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-Project Gutenberg's Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3), by Richard Dehmel
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-this ebook.
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-
-Title: Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3)
-
-Author: Richard Dehmel
-
-Release Date: July 16, 2020 [EBook #62673]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESAMMELTE WERKE IN DREI ***
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-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
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- Der vorliegende Text wurde anhand der 1913 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
- altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
- unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.
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- Das Inhaltsverzeichnis (‚Übersicht‘) wurde vom Bearbeiter an den
- Anfang des Buches verschoben.
-
- Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
- Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen
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- kleinere Schrift: _Unterstriche_ (für Regieanweisungen)
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- Antiqua: ~Tilden~
-
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-[Illustration]
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-
- Richard Dehmel
-
- Gesammelte Werke
-
- in drei Bänden
-
- Dritter Band
-
- S. Fischer, Verlag, Berlin
-
-
-
-
- 22. bis 24. Tausend
-
- Alle Rechte vorbehalten, auch das der Übersetzung
- Copyright 1913 by S. Fischer Verlag A.-G., Berlin
-
-
-
-
-Übersicht
-
-
-(Die mit * bezeichneten Stücke sind neu aufgenommen)
-
- Seite
-
- Lebensblätter
-
- Die Rute 7
-
- Der Werwolf 24
-
- Der Menschenkenner und sein Gleichgewicht 36
-
- Das Gesicht 45
-
- *Das hölzerne Bein 52
-
- Die gelbe Katze 60
-
- Die Gottesnacht 67
-
-
- Betrachtungen
-
- Kunst und Volk 101
-
- *Nationale Kulturpolitik 111
-
- Kunst und Persönlichkeit 117
-
- *Das Buch und der Leser 126
-
- *Philosophische und poetische Weltanschauung 133
-
- *Der Olympier Goethe 137
-
- *Grabrede auf Liliencron 141
-
- Naivität und Genie 144
-
- Kultur und Rasse 168
-
-
- Schauspiele
-
- Die Menschenfreunde 193
-
- *Michel Michael 269
-
-
-
-
- Lebensblätter
-
- Novellen in Prosa
-
- Auswahl
-
-
-
-
-Die Rute
-
-Eine bedenkliche Geschichte
-
-
-Er mußte selber lachen. Wenn ihn einer so sähe: jetzt, mitten in der
-Julihitze, die Ofentür aufschraubend. Und nun hinein mit der Rute
-in das offene Loch! Er bückte sich noch tiefer und freute sich, wie
-die harten Birkenreiser die dünne Schicht Asche zerritzten. Die war
-noch vom Winter her; das kühle Ockergelb der sanften Fläche tat ihm
-ordentlich wohl. Da lieg du!
-
-Er machte langsam wieder zu. Ja, das fehlte noch grade: dieser Popanz
-im Hause. „Gott sieht, Gott hört, Gott straft“ -- er richtete sich auf
--- das hatte er glücklich abgeschafft; nun sollte wohl die Rute hinterm
-Spiegel Jehovah spielen.
-
-Diese Mütter! eine wie die andere. Es mußte doch noch immer etwas
-unbewußte Judenseele in ihr stecken: du sollst, mein Kind, weil deine
-Eltern das so wollen. Na warte, Schatz!
-
-Er setzte sich an seine Arbeit zurück. Ein unverschämter Sonnenstrahl
-stach blendend von der Wand her über den Schreibtisch weg; grade von
-dem Bild der Beiden her. Er rückte zur Seite und ließ den Eindruck
-auf sich wirken. Hm: ruppig genug sah sein Töchterchen aus, da unter
-der grellen Glasplatte auf der schwülen Kupfertapete: so den Finger
-im Mäulchen, neben der mild zuredenden Mutter. Köstlich, dieser
-eigensinnige Moment.
-
-Und nun sollten dem heißen Herzchen diese Momente wohl mit der Rute
-ausgetrieben werden: ein artig Kindchen, eine Puppe aus ihr werden.
-Heilige Mutterliebe!
-
-Als ob sie nicht Zeit genug hätte, die Einsicht der Kleinen zu üben!
-den ganzen Tag über! während Er sich um das bißchen Leben placken
-mußte. Und sie hatte doch zur Genüge an sich selbst erlebt, und auch
-an ihm, daß nur die Einsicht, die wirklich bewußte Selbstanschauung,
-den Menschen ein bißchen menschlicher macht. Aber natürlich: „Kinder,
-die wissen nichts von sich“ -- und da ist es für die liebe Mutter viel
-bequemer, sie mit der Rute zu traktieren. Als wenn Eltern wüßten, was
-solch Kind für seine Zukunft darf und nicht darf.
-
-Ja, das würde wohl nun wieder einen zähen Kampf der Seelen geben. Wie
-sie neulich reizend fein gelächelt hatte, als sein polnischer Freund
-ihn im Scherz den Hahnrei seines Bewußtseins nannte. Ja, das war Wasser
-auf die Mühle ihrer weiblichen Unwillkürlichkeit.
-
-Er mußte wieder lachen. +Das+ Gesicht: wenn sie nun im Oktober zum
-ersten Mal wieder heizen würde und ihr dann die Rute aus dem gelben
-Loch entgegenstarrte, die langvermißte. Vielleicht grade an seinem
-Geburtstag. Wie sie sich dann nach ihm umdrehn würde, mit ihren goldnen
-Augen, ihren dunkeln, da beim Ofen knieend. Und das rechte Auge, ihr
-Wesensauge, würde groß und ruhig von Verständnis leuchten, und von
-Einverständnis; aber in dem kleineren, linken, dem Gattungsauge, durch
-die Wimperschatten des zu schwachen Lides, würde dieser frauenhafte
-Vorwurf zittern, daß sein vorbedachtes Schweigen sie wohl habe
-beschämen sollen. Still um ihre schmalen Lippen würde ein neuer Wille
-dämmern, bis in die zärtlichen Mundwinkel hin; und dann würde er zu ihr
-treten und sie küssen wie damals, als sie sich noch lieben mußten, als
-sie noch nicht Freunde waren.
-
-Er stand auf. Blos fünf kleine Schritte bis zum Ofen. Wie das schmale
-Zimmer ihn getäuscht hatte! Oder das lange Mittelfeld des persischen
-Teppichs? -- Er sah die wunderlichen Ranken des bunten Bortenmusters in
-der Mittagssonne glühen. Er fühlte die Freude wieder, wie sie ihm zum
-vorigen Geburtstag das schöne alte Ding von ihrem Spargeld geschenkt
-hatte. Er sah hinüber auf sein Arbeitsfleckchen und lächelte.
-
-Aber grausig öde war sie wirklich, diese ewige juristische
-Begriffsstoppelei! Noch dazu jetzt, mitten im blühenden Sommer.
-
-Er trat ans Fenster und sah das dunkelblanke Blättergrün der magern
-Pappel drüben vor der grauen Straßenfront im heißen Himmelslicht
-blitzen; wie allein sie stand, so mitten in der Großstadt. Die
-Kupfertapete des Zimmers kam ihm immer schwüler vor. Ja, er mußte mal
-wieder hinaus in den Wald! zum Vater Förster! Richtig: morgen, zu
-Mutters Geburtstag! Den hätt er beinah wieder vergessen.
-
-Gott ja, das Elternhaus --: am Eichenhain, am Pappelbach, rings weit
-am Waldrand hin das freie Feld, die hellen Wiesen, und fern am andern
-Horizont die kleine Ackerbürgerstadt mit dem kümmerlichen alten
-Kirchturm, dem gelbgetünchten Schulhaus --: Kindheit.
-
-Er setzte sich. Der Alte, der natürlich würde wieder tun wie Rübezahl:
-als ob der unverhoffte Eintritt seines Ältesten ihm höchstens seinen
-grimmigen Bart verwirren könne. Blos die stahlblauen Augen würden
-plötzlich etwas dunkler schimmern unter den silbrigen Brauen,
-die kleinen scharfen Pupillen eine Sekunde lang größer sein, die
-Backenfurchen um die mächtige Nase ein bißchen tiefer werden: „Na,
-Junge?“
-
-Er hatte doch wahrhaftig noch immer etwas wie Gewissensangst vor
-diesem wetterroten Gesicht mit dem dichten, fast schon weißen Bart
-und Kopfhaar, dieser Hakennase und dem strengen, forschenden Blick,
-der zuweilen doch so herzlustig blitzen konnte. So hatte er als Kind
-sich immer den lieben Gott gedacht; geträumt. Damals wohl aber noch
-dunkelbärtig.
-
-Die dicken Falten um die Nasenwurzel, ja und die schroff geschwungene
-Stirn, die hatte er vom Vater; nur die Augen, die waren wohl mehr nach
-der Mutter geschnitten, auch mehr grau als blau, mehr Stimmung als
-Wille. „Du bist wohl wunderlich, Jung?“ das war von je ihr herbster
-Tadel gewesen; sie verstand jeden Menschen mit ihrer Nachsicht. Du
-liebes Mutterherz: morgen! --
-
-O, wie würde ihre ganze schlanke Gestalt von warmer Liebe zittern,
-von fast ängstlicher Freude, bis hinauf ins wellenkrause Schläfenhaar,
-die grauen Augen, die vielen Runzeln der feinen Züge, all die kleinen
-Sorgenfältchen um den hagern Mund, die Runen der Mutterschaft. Ja, sie
-war immer noch schön, die alte Mutter; aber ihr Schönstes doch die
-gütigen Lippen, so umstrahlt von Runzel an Runzel. Das war ihm immer
-wie der Ausdruck ihres ganzen zärtlichen Lebens; als zuckte in diesen
-vielen Fältchen tiefrot ihr verschwiegenes Herz, wie um den feinen
-Purpursaum am Stempelkrönchen der Narzissenblüte der keusche Geruch der
-gelblichen Narbenfalten.
-
-Denn Narzissen, ja, das waren ihre Lieblingsblumen. O, wie sie die zu
-pflanzen wußte! Nur einzeln durften sie stehen, hin und wieder, die
-reinen, weißen, ruhigen Sterne über dem grünen Gartenrasen, daß die
-zarte bräunliche Kelchblatthülle oben um den schlanken Stengel deutlich
-sichtbar war an jeder, wie ein langer dänischer Handschuh um den Arm
-einer adligen Dame. Ja, sie verstand die ganze Welt.
-
-Und morgen würde er sie küssen, und sie würde ihren wunderlichen Jungen
-auch verstehen, wenn er dann allein hinaus ins Freie ginge, irgendwo
-an eine Wald-Ecke hin, wo der schattenschaukelnde Wind durch ein
-Lupinenfeld herüberstriche. Wie er ihn schon roch, den süßen Geruch
-der tausend goldgelben Blütenkerzen, so am Rand des sammtgrüngrauen
-Fingerblättermeeres liegend, mit der heißblauen Himmelsglocke drüber;
--- warum war er blos Jurist geworden?!
-
-Dieser Dummejungentick. Blos um dem Alten zu zeigen, daß er seine
-paar Groschen nicht nötig habe, auch zum teuersten Studium nicht. Und
-nun -- nun war er Rechtsanwalt: Er mit seinem Achselzucken über alles
-sogenannte Recht. Er würde doch noch Schriftsteller werden. Hol der
-Teufel die Kundschaft!
-
-Aber Weib und Kind? Und dann würde der Alte von neuem über verrückte
-Projekte reden und die Mutter wieder Gram auf ihre alten Tage haben;
-sie sah ihn ohnehin schon immer mit der stillen Scheu des Mitgefühls
-bei seinen Besuchen an.
-
-Nun, morgen würde er die Kleine mitnehmen. Sie war jetzt Mensch genug,
-ihn zu begleiten; und dann würde eitel Innigkeit und Einigkeit im
-Forsthaus herrschen, wie neulich zu Ostern, als seine Frau ihn mit
-der Kleinen begleitet hatte. Dann würden die Eltern sich mehr als
-Großeltern fühlen und an den Sohn nicht soviel Fragen stellen, soviel
-verfängliche Lebensfragen.
-
-Er erhob sich und öffnete die Tür. „Recha!“ rief er über den Flur. Dann
-setzte er sich zurück an den Schreibtisch und nahm ein Aktenstück zur
-Hand.
-
-„Erich?“ trat sie fragend ein, die Finger auf der Klinke lassend.
-
-Er blickte auf. „Wo ist die Kleine?“
-
-„Spielen gegangen; sie muß bald wiederkommen.“ Sie drückte die Klinke
-fest; es klang, als ob sie etwas von ihm wollte.
-
-Er schob sich wieder vor den Aktenstoß. Wie schön es ihm noch immer
-war, dies edelsemitische Nasenprofil, zu dem die braune Flechtenkrone
-um die Stirn so königlich paßte, daß die kleine Gestalt dadurch größer
-schien. Er liebte sie +doch+ wohl noch. Also Vorsicht! Jetzt trat
-sie hinter seinen Stuhl.
-
-„Du! Erich!“
-
-„Hm?“
-
-„Ich muß dir etwas sagen. Ich habe gestern eine Rute gekauft.“
-
-„So?“
-
-„Ja. Es ging nicht mehr anders. Wirklich: sie wird mir gar zu unnütz.“
-
-„Detta oder die Rute?“
-
-„Nein du, wirklich, es ist mir ernst.“
-
-„Mir auch!“ Er drehte sich um nach ihr. „Übrigens möchte ich morgen zu
-den Eltern fahren und die Kleine mal allein mitnehmen; mach mir, bitte,
-den Rucksack zurecht.“ Sie nickte. „Aber bitte, nur das Nötigste; auf
-zwei Tage blos.“ Sie nickte wieder. „Und -- na aber, was hast du denn?“
-Sie kämpfte mit Tränen.
-
-„Erich!“ Sie bezwang sich. Nur das linke Auge kämpfte noch. Er zog sie
-an sich.
-
-„Sieh mal, Herze, verzeih! Aber wirklich: was sollt ich wohl erwidern?
-Du kennst doch meine Ansicht! Kinder sind doch keine jungen Affen;
-wenigstens dann nicht mehr, wenn die beliebte Prügeldressur beginnen
-soll. Du nennst die Detta bockig, und wer weiß was alles, weil --: blos
-weil sie jetzt im dritten Jahr ist. Wenn sie im zwanzigsten sein wird,
-wirst du das Charakter an ihr nennen.“
-
-„Aber --“
-
-„Nein; genug jetzt, bitte. Ich wäre heute auch was Bessers, hätte mich
-der Hundekantschu meines Alten nicht immer eigensinniger gemacht. Bring
-ihr Pflichtgefühle bei, soviel du willst; aber nicht mit Schlägen,
-muß ich bitten.“ Er wies auf seinen Bücherschrank: „Da! lies was über
-Suggestion! Du hast doch deinen bewußten Willen.“ Um ihre Mundwinkel
-huschte etwas wie ein feines Lächeln. Aha! sie dachte an den Hahnrei
-des Bewußtseins; dieser verdammte Pole! -- „Die Rute jedenfalls verbitt
-ich mir.“ Beinahe hätte er nach dem Ofen gezeigt.
-
-„Du scheinst auf meinen bewußten Willen grade nicht viel Wert zu legen.“
-
-Er ließ sie los. „Schockschwerenot! nun werde gar noch empfindlich!“
-
-„Nun, nun“ -- begütigte sie sogleich; und wieder dies huschende Lächeln.
-
-„Na, was lachst du denn in einem fort!“
-
-„Ich?“ Sie sah ihn groß und ruhig an.
-
-Da flog die Tür auf. „Hater! ich habe beide Hände voll Sonne!“ kam das
-Ungestümchen hereingewirbelt. Wie ihr die blonden Lockenfäden um die
-heißdunkeln Augen hingen! und um das merkwürdige Trotznäschen! „Sieh
-mal, Mutter!“ öffnete sie die Fäustchen.
-
-„Willst du morgen mit Hater zu Ovater fahren?“ fragte die Mutter.
-
-„Nein!“ fuhr das Näschen in die Höh.
-
-„Aber Ovater wird sich so freuen, und die liebe Omama!“
-
-„Großmutter!“ betonte er.
-
-„Nein!“ stampfte das Beinchen.
-
-„Na, dann bleib nur hier“ -- er nahm sacht ihre Händchen und strich
-langsam jeden Finger gerade. „Dann wird Vater ganz allein die große
-schwarze Juno bellen hören -- wau-wau-wau“ -- er fixierte sie --
-„und die bunten Tuckehühnchen spielen sehen“ -- er ließ die Händchen
-plötzlich frei -- „tuck-tuck-tuck, ücke-rü-üh! -- Und --“
-
-„Große Muhkuh! Detta +doch+ mit!“ hob sie hüpfend die Ärmchen aus
-einander. „Tuck-tuck-tuck, sehr lieb“ -- jubilierte sie und umschlang
-die Kniee der Mutter.
-
-Die nickte ihm zu, verständniswillig. Blos: schon wieder dies unbewußte
-Mundwinkelzucken! --
-
- *
-
-Der schwerfällige Post-Omnibus rumpelte aber wirklich etwas sehr
-vorsintflutlich. Und die holprige Landstraße hätte auch wohl längst
-eine neue Schüttung vertragen können. So konnte man ja seekrank werden
-auf den zersessenen Sprungfedern.
-
-Er reckte sich und wollte den Hut aus der Stirn schieben. Aber die
-heiße Vormittagssonne stach grad an dem schlafenden Kutscher vorbei
-prall in den offenen Vordersitz; das Braunrot des verschossenen
-Polsterplüsches schweelte schon beinah wie versengt. „Schweiß und
-Staub -- Schweiß und Staub“ -- hörte er die beiden Gäule ihren
-gewohnten Klappertrab traben. Die jungen Rüstern an der sandigen
-Straßenkante sahen aus, als bedürften sie vor Hitze selbst des
-Schattens.
-
-„Hater“ -- und sinnend zeigte die Kleine auf den nickenden Fuhrmann vor
-sich -- „ßpielt die Feitße mit dem Wind?“ Die Peitsche wippte in der
-Hand des Schlafenden im Takt der Gäule hin und her; die Zügel in der
-andern Hand mußten wohl die Bewegung vermitteln.
-
-„Nein, mein Kind, der Wind ist weggegangen von der Peitsche.“
-
-„Wo ist denn der Wind?“
-
-„Schlafen gegangen.“
-
-„-- ßlafen gangen?“
-
-„Ja“ --
-
-„Wo ßläft er denn?“ Herrgott, dies ewige Gefrage!
-
-„Er schläft!“ Sie war doch wirklich ein unglaublicher Quirl.
-
-„Er ßläft?“
-
-„Ja!“
-
-„Wo denn?“
-
-„Auf den Wolken.“
-
-„Wolken?“ fragte sie zögernder.
-
-„Ja“ -- sagte er kleinlaut und blickte weg; kein einziges Wölkchen
-stand am Himmel.
-
-„Wo denn aber?“ fragte sie ebenso kleinlaut.
-
-Er schwieg.
-
-Wie sie ihn schon in der Eisenbahn mit ihrer Neugier fortwährend
-gepeinigt hatte! Na, Gott sei Dank: jetzt schien sie auch mit
-einzuschlafen. „Schwarzer, Brauner“ -- „Schwarzer, Brauner“ -- hörte er
-wieder den Trott der Gäule. Jetzt war sie schon im Nicken. Die Peitsche
-hatte sie wohl eingewiegt.
-
-Er dachte an gestern. Es mochte doch wohl nicht ganz leicht sein,
-sie immer und immer um sich zu haben. Wie seine Mutter wohl mit ihr
-auskommen würde? „Du wunderlicher Jung’!“
-
-Eigentlich könnte er den Sonnenschirm aufspannen, den ihm Recha
-gestern als Geburtstagsgeschenk schon in Bereitschaft gehalten hatte;
-in manchem war sie doch sehr vorbedacht. Er langte nach dem sorgsam
-eingehüllten Ding. Aber der Staub, der würde es unsauber machen. Es
-war doch schließlich ein Geschenk für die Mutter! Das nimmt man doch
-nicht in Gebrauch vorher. Ach Torheit: kindische Rührgefühle! Nein,
-Ehrfurcht: der Geburtstag der Mutter! --
-
-Ob seine Geschwister das heute wohl auch so fühlten? verstreut in der
-Fremde, geboren aus Einem Schooß, der heute vor Jahren und Jahrzehnten
-in andrer Fremde geboren worden. Schooß aus Schooß -- er blickte sein
-Kind an --: und Schößling neben Schößling. Er sah die nahen jungen
-Bäumchen an der Straßenkante vorüberschwinden, jedes ewig den andern
-fern. Er sah sie in der Ferne der Alleeflucht eng zusammenrücken, immer
-enger; sie führten in die Heimat -- von ihr her -- fort, fort von ihr
--- o Elternhaus! --
-
-Ja, so von ferne, jetzt: wie dehnte sich sein Herz den alten Eltern
-entgegen! Und dann, wie hob’s ihm die Arme hoch, hin um ihren Hals,
-im ersten Augenblick des Wiedersehens; immer noch. Dann war er ganz
-ihr Kind, ihr Blut, Leben von ihrem Leben, hingegeben, unbewußt, wie
-ans Herz der Natur. Er sah sich schon kopfbückend in die kleine Stube
-treten, durch die niedrige Tür, sah Lindenzweige an die Fensterscheiben
-tippen, sah die zwei blanken Schränke aus Birkenholz, die Gewehre und
-Rehgehörne, das wohlig grüne Schattenlicht.
-
-Doch dann -- dann trat auch schon das andre Leben mit ihm ein und
-zwischen sie: das mit den Zweckfragen, die der Mensch sich stellt, der
-Mensch im Gegensatz zur Natur und also auch zum Mitgeschöpf, zu jedem
-Allernächsten grade: das Leben des umgestaltenden Geistes, der bewußt
-gewordene Wille zur Zukunft, der ewige Kampf um neue Kultur.
-
-Dann war er nicht mehr Kind, sie nicht mehr Eltern; dann war er ein
-Junger, sie noch die Alten. Dann war die liebe Muttersprache -- o
-heiliges Wort dem Fühlenden -- kein Verständigungswerkzeug mehr:
-dasselbe wohlgemeinte Wort, es hatte ihnen anderen Sinn als ihm,
-so sehr er in kindlicher Scheu sich mühte, den steten Zwiespalt zu
-verhehlen. Dann war die schattenkühle stille Stube schon manchmal recht
-schwül und drückend gewesen.
-
-Ob ihm das wohl mit seinem Kinde auch einmal so gehen würde? --
-Fernliebe?! -- Entzückend, wie sie da ahnungslos schlief, im Schatten
-des schlafenden Kutschers; und heute würde sicherlich +sie+
-jedweden Zwiespalt überbrücken. Einst aber? -- Ach was! wenns
-+ihr+ mal paßte, seinethalben mochte sie Seiltänzerin werden!
-
-Er sah die Zügelleinen in der Hand des Fahrenden schaukelnd auf den
-Schenkeln der trabenden Klepper hüpfen. Auf ihren Rücken, um die
-schwitzenden Flanken, tanzte das Sonnenlicht hin und her, in großen
-spiegelblanken Flecken; es war doch unerträglich heiß. Die drei
-Messingringe aus den Kumten wippten blitzend auf und nieder mit dem
-Schulterriemzeug -- auf und nieder -- in Schweiß und Staub; -- er sah
-nach der Uhr. Halbzwölf erst; noch eine Stunde so.
-
-Er horchte wieder auf den Takt der Hufe: Schwarzer, Brauner -- auf
-und nieder -- auf und nieder, Schweiß und Staub. Ah, jetzt: vorn vor
-den müden Pferdehälsen kam wenigstens das Dorf schon hoch, wo immer
-angehalten wurde. Da gab es was zu trinken. Und zu rauchen. Zigarren
-vergessen! Er gähnte und lehnte sich zurück; noch fünf Minuten.
-
-Das Geschaukel der Pferdeschenkel wurde immer sonderbarer; förmlich
-arabeskenhaft schwankten die Spiegelwellen der Flanken. Er schloß halb
-die Augen; das tat ihm wohl. Wie er alldas bewußt genoß! -- Am Kumt
-die Ringe zuckten glitzernd auf und nieder zu ihm her, wie drei große
-blendende Sterne; auf und nieder -- Schwarzer, Brauner -- Schwarzer,
-Brauner, Weiß und Staub.
-
-Er schloß die Augen etwas fester. Die Sterne blitzten immer weißer. Auf
-und nieder; weiß und taub.
-
-Nein, das war wohl nicht das rechte Wort; es war wohl Gelb. Ja, Gelb.
-Süßer gelber Lupinengeruch; so wohlig kühl. Es mußte wohl ein Feld wo
-sein; Lupinenfeld. Das hatte er wohl übersehen vorhin.
-
-Nein, es war wohl doch nicht gelb. Denn es waren ja Narzissen. Ja,
-Narzissen. Nein, er träumte wohl; nein, nicht! Denn es waren ja drei
-große, deutliche Narzissensterne -- blendend weiß -- nein fünf -- nein
-sieben; sieben weiße Strahlenblüten.
-
-Sieben nickende Narzissen; mit purpurgoldnem Krönchen jede. Sieben
-schlanke Edeldamen, mit wellenkrausen Schläfenhaaren. O, wie schön!
-Jede mit so grauen Augen; Mutteraugen. Jede hatte um die zarten Arme
-lange dänische Handschuh’ an; gelbe.
-
-Und verbeugten sich vor ihm, eine nach der andern, mit den weißen
-Strahlenhüten. Jede bis zur siebenten. Die hielt einen Spiegel; hatte
-dunkle Augen, dunkelbraune.
-
-Trat die erste vor; sagte ihm ein Wort. Und das war ihr Name, und den
-hatte er schon gehört; nur besinnen konnt er sich nicht drauf. Sagte
-auch die zweite ihren Namen; auch die dritte. Schlossen alle mit der
-Silbe „sinn“, nein „sein“ -- Sinn, Sein -- auch die vierte, fünfte,
-sechste; und die purpurgoldnen Krönchen nickten. Nur die siebente war
-stumm; war blaß; hielt ihm nur den Spiegel hin. Der war blind. Und sie
-schüttelte den Kopf; und ihr linkes Auge blickte traurig.
-
-Nein, das war doch gar zu lustig: wie ihr Purpurkrönchen wackelte. Denn
-das war ja gar kein Krönchen: war ein dicker roter Hahnenkamm, wippte
-in der Sonne. War ein ganzer Hahnenkopf -- dicker bunter Hahnenhals --
-der blähte sich. Schlug mit beiden Flügeln funkelnd durch die Luft --
-rief ganz laut und deutlich: ücke-rüh-ü-üh! --
-
-Er riß die Augen auf. Wahrhaftig: eben stieß der Omnibus mit härterem
-Gerumpel auf die ersten Pflastersteine der Dorfstraße, und drüben auf
-dem einen Hofzaun reckte sich der Hahn und krähte zum zweiten Mal. Der
-alte Fuhrknecht hob das Stoppelkinn: „jüh, Rackers!“ mit den Zügeln auf
-die schweißbeglänzten Pferdeschenkel klatschend. Auch die Kleine wurde
-langsam munter.
-
-Was der Traum wohl zu bedeuten hatte? Ach, bedeuten: Unsinn! Aber wie
-er wohl entstanden war?
-
-Sollte --: Hahnrei des Bewußtseins? -- Hm...
-
-Das Wort des Polen war ihm doch wohl tiefer gegangen, als er damals
-dachte.
-
- *
-
-Die Abendsonne schien sich heute förmlich zu krümmen, wie vor Durst.
-Immer dicker wurde der kupferrote Ball, da hinter den Wasserdünsten
-des sumpfigen Sees am Horizont. Grade zwischen den zwei dicksten alten
-Pappelstämmen bei der kleinen Straßenbrücke drüben hing das dunkelrote
-Ungetüm im fernen Grau, dicht unter dem Zittersaum des schwarzgrünen
-Laubdaches.
-
-So groß und glanzlos hatte er sie niemals sinken sehen. Nur die breiten
-drei Brechungskeile, mit denen sie Wasser zog, wie die Leute hier
-sagten, standen stromhell wie aus Goldtopas geschliffen unter der
-purpurnen Kugel, zeigend daß sie noch Licht gab. Der Mittelkeil war nur
-ganz kurz noch; wie ein mächtiger Strahlensockel. Vor dem schwellenden
-Gelb der Seitenschrägen hoben sich die beiden Pappelstämme tiefschwarz
-ab mit ihren Borkenrändern. Das Laubdach wurde immer dunkelgrüner.
-
-„Wird morgen wieder schwere Hitze geben“, sagte der Alte und trat aus
-der Haustür zu ihm an den Gartenzaun. „Meine ganzen jungen Kiefern
-werden noch vertrocknen; schlimmes Jahr!“ Er zeigte mit der Pfeife
-in das Astwerk der Akazienkrone über ihnen: „Läßt schon Blätter
-fallen.“ Der Tabaksrauch berührte wirbelnd grade eine der verwelkten
-Blütentrauben.
-
-„Hast du neue Bienenstöcke, Vater?“
-
-„Einen blos“ -- erwiderte der Alte und setzte sich auf die Bank
-am Zaun. Nun wies er schmunzelnd auf die Kleine, die an der hohen
-Haustürschwelle neben „Lotte Goldsnut“ hockte. Die Teckelhündin lag,
-platt alle Viere von sich, wie tot im warmen Sande, und die Kleine war
-eifrig bestrebt, zwischen die vier Zehen der krummen Vorderpfoten immer
-drei der abgefallenen Akazienblätter festzuklemmen. Immer wenn sie
-fertig war mit einer Pfote, streifte sich die Dachsmadam mit der andern
-die Blätter wieder ab, und das Spiel begann mit Ernst von neuem. Was
-die Recha nur wollte! die Kleine war ja unglaublich artig.
-
-Jetzt trat die Mutter aus der Tür, in jedem Arm behutsam eine flache
-Satte voll Dickmilch tragend. Er sprang ihr zur Hand. Wie sich all
-ihre Runzeln freuten, bis in die liebreichen Augen hinein, als er die
-eine Schüssel ihr abnahm und sie auf den Gartentisch setzte; richtige
-Geburtstagsaugen! Und zugleich wars wohl auch die Freude, wie ihrem
-Ältesten nachher die kühle Labung schmecken würde, so mit Streuzucker
-drüber und Schwarzbrotkrümeln. Wie die fette Sahne nach dem Eiskeller
-duftete! Orndtlich winterlich sah die weiche Pelzschicht aus.
-
-„Na, Alterchen?“ ließ sich Mutter hören, Vaters Schneehaar
-glattstreichend -- „soll ich +hier+ decken oder unter der Linde?“
-
-„Lieber hier, Mutting,“ kam er dem Alten zuvor; „hier sieht man die
-Abendsonne so schön.“ Die rote Scheibe stieß jetzt grade auf den
-Horizont der Landschaft; der Strahlenfächer war verschwunden.
-
-Der Alte griff sich in den Bart. Sicherlich knurrte er im stillen
-wieder: „Sentimentaler Krempel!“ Das war ein Lieblingstrumpf von ihm.
-
-„Die Lindenblüte riecht auch zu stark“, meinte mit rascher Abwehr die
-Mutter; „Abends manchmal ganz betäubend.“ Dann beugte sie sich zu der
-Kleinen nieder: „na, mein Lämmechen?“ strich ihr die Locken sanft aus
-der Stirn, sorglich nach dem Alten blickend, und ging wieder ins Haus.
-Lotte Goldsnut erhob sich.
-
-„Hat ’ne zarte Nase, unser Muttel“, brummte der Alte und griff
-gemächlich an sein eigenes Vorgebirge, eine dicke Wolke von sich
-paffend; „krigt’s schon mit den Nerven.“
-
-„Ovater“ -- kam auf einmal die Kleine hinter der Teckelhündin
-herangependelt -- „bist du der Weihnachtsmann?“
-
-„Woll, mein Mäuschen!“ und er nickte belustigt. Tief nachdenklich sah
-sie ein Weilchen auf die eine Schüssel hin, durch deren dunkelgrüne
-Glaswand der weiße Inhalt schimmerte. Dann ging sie wieder an die
-Schwelle, wo die verblichenen Akazienblätter auf dem sandigen Boden
-lagen.
-
-„Muß doch mal im Hofe nachsehn“ -- sagte der Alte und stand auf -- „ob
-die Juno etwa los ist; das Schindluder hat mir neulich einen von den
-jungen Hähnen abgewürgt.“ Er reckte sich. „Kann das Volk auch gleich in
-den Stall bringen.“ Er schritt ins Haus. Lotte Goldsnut wackelte ihm
-nach.
-
-Die Sonnenkugel war jetzt nur noch mit dem oberen Drittel sichtbar,
-wie das rote nackte Augenschild eines riesigen Birkhahns. Nun wurde
-sie verdunkelt, fast verdeckt, von dem strotzenden Euter der grauen
-Leitkuh, die eben mit der Heerde drüben von der nahen Weide kam. Um
-die schweren Bäuche stieg der Staub der Landstraße auf. Der lahme
-Spittelhirt des Städtchens hinkte barfuß hinterdrein. Durch das
-hohlere Getön der Brückenbohlen klang die Kupferglocke am Hals der
-Vorderkuh. Zum Brüllen war die Heerde wohl zu satt. Die Mäuler kauten
-noch.
-
-Nun war die Sonne blos noch ein fasriger Rand, wie ein glühender
-Wimpernbogen; das machten wohl die Binsen und das Röhricht in der
-Ferne. Man konnte fast mit den Augen verfolgen, wie sie Strich für
-Strich untertauchte. Er warf die ausgegangene Zigarre weg und stützte
-sich fester auf den Zaun. Jetzt verglomm der letzte Strich, grade
-oberhalb der einen Pappelsohle, wie hineingeschrumpft. Es wurde
-plötzlich etwas heller. Die fahle Dunstwand schien sich abzukühlen.
-Das dumpfe Rotgrau lockerte sich zart ins Grünliche. Durch die stummen
-Pappeln, von Haupt zu Haupt das Fließ entlang, wagte sich ein Lüftchen;
-noch beklommen. Jetzt: die trägen Blätter fingen an zu munkeln.
-
-Er fuhr auf: eine verspätete Biene, von der Linde her, vorbei zu
-Korbe. Ob sein Vater die Feierstunde der Natur auch so ins Einzelne
-mitfühlte? Mit so sinnlicher Andacht? Nein. Das war wohl Neugehirn.
-Neue Sinnlichkeit. Auch neue Wissenschaft.
-
-Aber doch: er hatte ihn einmal sagen hören: „Der Kiefernhochwald, aber
-Schnee muß liegen, das ist meine Kirche!“ Aber eben: Kirche: Unnatur!
--- Da, da drüben die Pappelblätter, oben an der höchsten Spitze, wie
-sie schwärzlich im blassen Luftblau hingen, jeder Rand von einem
-zarten, zitternden Flimmerschein umwirkt: wars nicht tief feierlich
-zu wissen, daß sich da jetzt von unten her die letzten scheidenden
-Sonnenstrahlen durch den Atemduft des warmen Laubes in der Abendkühle
-goldhell brachen.
-
-„Hater --“ fragte plötzlich die Kleine und schob sich bedächtig auf
-die Bank, ihr Schürzchen von sich haltend, das sie mit Akazienblättern
-vollgesammelt hatte -- „sind die Bäume müde, Vater?“ Ihre Augen
-blickten, weit und träumerisch geöffnet, über den Tisch weg nach den
-Pappeln. „Wie die Menßen ’tehn sie da.“
-
-Er mußte nicken; wortlos. Wie die Menschen! O Kindermund.
-
-Das mußte er der Mutter sagen; das war ein Wort aus +ihrem+ Geist.
-Die Kleine saß immer noch träumerisch; leise trat er in den Hausflur.
-Und auch den Narzissentraum ihr sagen! Ja, und dem Alten helfen seine
-Hähne einsperren; das nahm er immer sehr hoch auf.
-
-Die Küche war offen. Die Mutter stand am Herd, eben einen Eierkuchen in
-der zischenden Pfanne wendend. Nein, das war nicht die rechte Stimmung;
-lieber morgen Vormittag im Garten. „Ah --“ sog er unwillkürlich den
-Geruch des brutzelnden Gebäckes ein.
-
-„Mein großer Junge!“ lachte sie und griff ihm liebkosend durch den
-Kinnbart. „Hast wohl schönen Hunger von dem langen Spaziergang?“
-
-„Wo die Juno blos stecken mag!“ wetterte der Alte, aus dem Hühnerhof
-in die Küche tretend; mit dem Helfen wars also auch nix. „Fängt auf
-ihre alten Tage zu jagen an; muß ihr mal ’ne Ladung Schrot aufsengen,
-Kantschu scheint nicht mehr zu ziehen.“ Er war ganz rot vor Ärger; wie
-seine Hähne. „Hast du sie nicht bemerkt Nachmittag?“
-
-„Nein, Vater.“
-
-„Konnt mirs denken“, ging das Sticheln los; „liegst ja immer gleich im
-Grase fest.“ Schwerenot, was ihn das wohl anging!
-
-„Fertig, Kinderchen“ -- rief die Mutter und nahm das Gedeck zur Hand,
-ihm die Teller reichend.
-
-Gottseidank! atmete er auf, wieder hinaus ins Freie tretend; der Alte
-hinterdrein mit den Eierkuchen. Aber was war das? das war ja ’ne nette
-Bescherung! Auf dem Gartentisch, mitten drauf, saß sein Töchterlein,
-eifrig bestrebt, die sandigen Akazienblätter in verschiedenen schönen
-Kringeln auf dem weißen Sahnenpelz der dicken Milch zurechtzulegen;
-eben wollte sie die zweite Satte in Angriff nehmen.
-
-„I du Balg!“ Er besann sich; nur keinen Wutausbruch! Weswegen auch?
-eigentlich wars doch zum Lachen! Er nahm sich zusammen und sprach mit
-Nachdruck: „Das war aber unartig von dir!“
-
-Sie sah ihn groß von der Seite an. „Das war darnicht una’tig von mir!“
-
-„Kiek!“ machte der Alte in der Haustür, und der Kobold stach aus den
-stahlblauen Augen.
-
-Wollte er ihn vielleicht gar foppen? Na warte! Er stellte die Teller
-hin. „Komm mal runter!“ sprach er und trat vor sein Kind.
-
-„Nein!“ stemmte sie die Arme auf. I zum Donner, da sollte doch gleich --
-
-„Kiek!“ kams abermals von der Haustür her; „Respekt scheint sie nicht
-viel zu haben.“
-
-„Braucht sie auch nicht! Verlange ich nicht! Ich schlage meine Kinder
-nicht!“ Verdammt: wie war das aus ihm herausgeplatzt? Hätt er das Balg
-blos nicht mitgebracht!
-
-„Nna“, knurrte der Alte mit Seelenruhe: „die Köter fressen ja dicke
-Milch auch ganz gern. Komm, Lotte“ -- pfiff er der Dachshündin, die
-sich eben durch den Zaun schlängelte. Was war der Jöhre blos aus einmal
-so hinterrücks in den Kopf gekrochen?!
-
-„Komm mal her, mein Schäfchen,“ legte sich jetzt die Mutter ins Mittel
-und lächelte. Der Alte streichelte die Hündin, die bereits in der
-fetten Sahne schleckte. „Komm, mein Schäfchen; komm her zu mir.“
-
-„Will aber nich!“ bockte sie erst recht, die Finger um den Tischrand
-klammernd. Jetzt riß ihm aber bald die Geduld!
-
-„Na, Herzchen,“ lockte die Mutter wieder: „wirst doch nicht wieder
-wunderlich sein?“
-
-Ah: am Nachmittag also +auch+ schon?! Was sollte der Alte denn von
-ihm denken!
-
-„Vater haut nich“ -- stemmte sie sich noch fester.
-
-Teufel, das war denn doch zu bunt! „Willst du jetzt gleich
-herunterkommen?!“
-
-„Nein!“
-
-„Detta?!“
-
-„Nein!“
-
-Wie sie festhielt! Warte, Kröte! Strampelst noch? Und mit den Beinen
-stoßen? -- „+Laß+, Mutter! +laß+ mich!“ schrie er wütend. Und
-wie das blanke Fleisch sich wand! Wie’s klatschte! Wie die Hand ihm
-brannte! Wie der Racker brüllte! Warte, Satan! --
-
-„Na, na! so grob gleich?“ hörte er plötzlich den Alten; wie aus einem
-Nebel her.
-
-„Kanalje!“ keuchte er -- „marsch!“ und besann sich. Ganz knallrot, ja,
-war das Fleisch gewesen; knallrot wie ein Hahnenkamm. Und -- Hahnrei
-des Bewußtseins! schoß ihm das Blut in die Schläfen; verdammt ja, wie
-eine Ohrfeige.
-
-Hatte sie’s verdient? fragte etwas in ihm. Sie stand muckstill, mit den
-Tränen kämpfend. Was würde Recha sagen? Er schämte sich.
-
-„Hab sie Nachmittag auch schon mal striegeln müssen,“ kams wieder von
-der Haustür her. Kreuzdonner -- „Na, entschuldige nur! Blos mit der
-Rute ein bißchen auf die Finger.“
-
-So --: +deswegen+ also „Weihnachtsmann“?! und +darum+ war sie
-vorhin so sonderbar artig?! -- Er konnte nicht anders, er mußte lachen.
-Und auf einmal lachten sie alle zusammen.
-
-
-
-
-Der Werwolf
-
-Erzählung
-
-
-An einem sehr nebligen Oktober-Abend sprach sich in dem entlegensten
-Vorort einer norddeutschen großen Handelsstadt die unheimliche Kunde
-herum, der Apotheker des Ortes sei auf der Eisenbahn während der
-Rückfahrt aus der Stadt von einem Raubmörder erschossen worden.
-Es war das ungefähr um dieselbe Zeit, als in einem Vorort der
-deutschen Reichshauptstadt Berlin ein aus dem Zuchthaus entlassener
-Schustergeselle die ganze zeitunglesende Menschheit zu unvergeßlichem
-Gelächter bewegte, indem er kraft einer abgetragenen preußischen
-Offiziersuniform nebst dazu passender Körperhaltung den versammelten
-Magistratspersonen die hirnberückende Vorstellung eingab -- oder,
-wie die gebildeten Deutschen sich damals ausdrückten, suggerierte
--- er solle auf allerhöchsteignen Befehl Seiner Majestät des
-Kaisers den obrigkeitlichen Geldschrank ausräumen. Auch in jener
-norddeutschen Villenkolonie war über den musterhaften Gaunerstreich
-dieses sogenannten Hauptmanns von Köpenick, bei aller damals üblichen
-Ehrfurcht vor der Würde und Weisheit der Staatsvertreter, noch
-am Tage des Mordes reichlich gelacht worden; nun aber geriet die
-Einwohnerschaft, die größtenteils aus begüterten Kaufleuten und
-gutgestellten Beamten bestand, in eine zunehmende Ernsthaftigkeit.
-Fast alle mußten sie täglich zur Stadt fahren, um ihren Geschäften
-nachzugehen; jeder von ihnen sagte sich also, es hätte ihm nach
-erfüllter Berufspflicht, während er als gebildeter Bürger eines
-gesitteten Staatswesens auf dem besteuerten Bahnwagenpolster
-in den wohlverdienten Genuß einer Zeitung oder eines kleinen
-Schlummers versunken saß, genau desgleichen ergehen können wie
-dem bemitleidenswerten Apotheker, ja es könnte vielleicht sogar
-noch geschehen. Denn der Gemordete wurde begraben, ohne daß von
-dem Raubmörder auch nur die geringste Spur entdeckt war; und
-wochenlang setzten die städtischen Waffenhändler erstaunliche
-Mengen von Taschenrevolvern, Stockdegen, Schlagringen und andern
-Verteidigungswerkzeugen an die erregte Bevölkerung der sämtlichen
-umliegenden Ortschaften ab, während zugleich bei der Bahnverwaltung die
-verschiedensten dringlichen Sicherheitsvorschläge zum Umbau des ganzen
-Wagenparks einliefen, und bei der Polizeidirektion die mannigfachsten
-Verdachtsanzeigen, die immer weniger zur Ergreifung des Mörders und
-immer mehr zur Erregung der Bürgerschaft beitrugen.
-
-Es ließ sich einstweilen nur ermitteln, daß auf der Böschung der
-Vorortbahn unweit der letzten Haltestelle ein alter Kavallerie-Revolver
-mit zwei abgeschossenen, zwei noch geladenen und zwei ungeladenen
-Patronenkammern die Mordtat sowohl wie die Flucht des Täters
-hinlänglich bezeichnete; auch fanden die Untersuchungsbeamten
-in nächster Nähe des Mordwerkzeuges die goldene Uhr und Kette
-des Apothekers, und in dem Bahnwagen hatte bei dem Gemordeten
-seine entleerte Banknotentasche blutbefleckt auf dem Polster
-gelegen. Augenscheinlich also war der Verbrecher nach der planvoll
-durchgeführten Beraubung während der Fahrt aus dem Wagen gesprungen,
-hatte die Tür wieder zugeschlagen, den Revolver im Sprunge fallen
-gelassen und dabei in der Hast auch die Uhr verloren; oder er
-hatte Uhr wie Revolver, um sich nicht später dadurch zu verraten,
-absichtlich sofort aus der Hand geworfen. Eine Fußspur war aus dem
-Graswuchs der Böschung nirgends zu erkennen gewesen, und in dem
-dichten Nebel konnte der Täter sehr leicht noch an demselben Abend
-nach dem Hafen der Handelsstadt auf offener Straße entkommen sein,
-hatte sich erst wohl unterwegs an irgend einem Feldteich gesäubert
-und war dann vermutlich mit falschen Papieren auf einem der vielen
-Auslandschiffe als Kohlenschipper oder dergleichen schon nächster Tage
-in See gegangen. Die meisten Umwohner wollten freilich aus allerlei
-Meldungen entnehmen, er streife noch heimlich im Lande herum; und
-da der massenhafte Vertrieb von Taschenwaffen jeder Art natürlich
-etliche freche Burschen zu neuen Gewalttaten anreizte, so schob sie
-der allgemeine Argwohn immer wieder auf den entschlüpften Raubmörder,
-obgleich diese ungeübten Gelegenheitsräuber stets bald der Polizei
-in die Hände fielen. Im übrigen blieben alle Nachforschungen, auch
-Zeitungsaufrufe und Säulenanschläge, ob irgendwer im deutschen Reich
-einen alten Kavallerie-Revolver kürzlich an irgendwen verkauft habe,
-trotz ausgesetzter Belohnung erfolglos; man mußte leider den Schluß
-ziehen, daß der Verbrecher die Waffe wohl schon in seiner militärischen
-Dienstzeit irgendwie beiseite gebracht und für seine spätere Laufbahn
-aufbewahrt hatte.
-
-Was die Bevölkerung ganz besonders erregte, war der sehr viel
-Gesprächsstoff bietende Umstand, daß der erschossene Apotheker,
-trotzdem ihm der eine Schuß die Schläfe durchbohrt, der andre die
-Schädeldecke zerschlagen hatte, noch lebend, wenn auch bereits
-bewußtlos in dem Bahnwagen aufgefunden ward. Die ärztliche Leichenschau
-ergab, daß die Bewußtlosigkeit wahrscheinlich erst einige Minuten
-nach der Verwundung unter heftigen Schmerzen eingetreten war; und
-jedermann suchte sich nun zu vergegenwärtigen, was für Gedanken dem
-Unglückseligen in seinen letzten Augenblicken durch das zerfetzte
-Gehirn gestürmt sein mochten. Dies umso angelegentlicher, als der
-Entseelte bei Lebzeiten in der Ausübung seines Berufes fast jedem
-einzigen Ortsinsassen mehr oder minder nahe gekommen und auch
-als Persönlichkeit weit beliebt war: ein sanfter, schmiegsamer,
-schlanker Herr mit einem blonden Christuskopf und -- was bei seiner
-Aufgeklärtheit manchem verwunderlich erschien -- von förmlich
-gottgläubiger Frömmigkeit. So legten denn alle Nachdenklichen sich
-selbst und Andern die Frage vor, wie wohl das Gottvertrauen des
-Apothekers die letzte kurze Bewußtseinsfrist nach dieser gräßlichen
-Lebenserfahrung innerst bestanden haben möge, zumal da bekannt geworden
-war, daß die Witwe beim ersten Anblick des Toten nur die verzweifelten
-Worte herausgebracht hatte: „es gibt keinen Gott, es gibt keinen
-Gott!“ Auch daß sie den ziemlich hohen Betrag von 150000 Mark, auf
-den der knapp vierzigjährige Mann erst unlängst sein Leben versichert
-hatte, und welchen ihr die Versicherungsgesellschaft unverzüglich
-überwies, mit keinerlei Regung des Trostes entgegennahm, sondern
-vor Schluchzen kaum zu quittieren vermochte, gab der gemütvollen
-Bürgerschaft zu vielen teilnehmenden Reden Anlaß. Das menschliche
-Mitgefühl der Bevölkerung erstreckte sich so weit in die Runde, daß der
-Friedhofsgärtner nach der Beerdigung reichliche vierzehn Tage brauchte,
-um die Gräber und Beete wieder zurecht zu machen, die unter dem nicht
-zu hemmenden Andrang von Leidtragenden jeden Alters und Standes,
-einheimischen und auswärtigen, zertreten oder zerrauft worden waren.
-Und noch mehrere Wochen nach dem Ereignis konnte man in der ganzen
-Gegend keiner gebildeten Unterhaltung beiwohnen, die nicht schließlich
-zu der Erörterung führte, ob dem verewigten Apotheker, falls es ein
-Fortleben über das Grab hinaus gäbe, die Nichtentdeckung seines
-irdischen Mörders als ein völlig sachgemäßes Verfahren der himmlischen
-Gerechtigkeit einleuchten würde.
-
-Da geschah es an einem schönen Nachmittag, daß ein Gemüsehändler
-des Ortes, der seine Mistbeete für den Winter herrichtete, durch
-eine Gartenhecke hindurch ein sonderbares Gespräch mit anhörte, das
-zwischen dem Eigentümer des Nachbarhäuschens und dessen einzigem
-Freunde stattfand. Dieser Nachbar war allen Leuten ein Rätsel. Als
-früherer Eisenbahnschaffner hatte er infolge einer Zugentgleisung eine
-leichte Kopfverletzung erlitten, von der ihm, wenn sein Gebaren nicht
-trog, eine dauernde Geistesstörung verblieben war, zwar keine richtig
-irrsinnige, aber die ihn nach Meinung der Ärzte doch dienstunfähig
-erscheinen ließ; und so hatte er vor Gericht erlangt, daß ihm die
-Bahnverwaltung den Abschied nebst angemessenem Sühnegeld und -- bis
-sein Geist vielleicht wieder dienstfähig würde -- auch Ruhegehalt
-bewilligen mußte. Nun tat er von Morgens bis Abends nichts weiter,
-als daß er vor seinem dürftigen Häuschen, für dessen Erwerbung das
-Sühnegeld draufgegangen war, in verbiesterter Weise hin und her
-schritt. Zu jeder Tages- und Jahreszeit, bei schlechter wie guter
-Witterung, marschierte er da in dem schmalen Raum zwischen Hauswand
-und Straßenhecke wie ein Wolf im Käfig auf und ab, mit verwildertem
-buschigem rotbraunem Bart, beide Fäuste in die Taschen vergraben,
-die Mütze tief ins Gesicht gedrückt und scheu die Vorübergehenden
-musternd, manchmal mit mißtrauisch zugekniffenen, manchmal mit
-feindselig aufgerissenen Augen; sodaß die Leute im Ort schließlich
-sagten, wenn er nicht wirklich geisteskrank sei, müsse er es bei
-dieser Art Übung allmählich bis zur Vollkommenheit lernen. Außer zu
-seinen Mahlzeiten und sonstigen häuslichen Geschäften, die seine Frau
-nicht für ihn verrichten konnte, wies sein öffentlicher Lebenswandel
-nur dann eine Unterbrechung auf, wenn in der Nachbarschaft irgend ein
-Todesfall vorkam oder auch blos zu erwarten stand. Dann verschwand
-er sofort aus dem Straßengärtchen, schloß sich Tagelang in seine
-Schlafkammer ein oder trollte während der Leichenzeit, wie ein von
-bösen Geistern Verfolgter, in den dichten Haidegehölzen herum, die an
-den Friedhof angrenzten. Deswegen hatte ein Lehrer der Ortsschule, der
-sich in seinen Mußestunden mit Abhandlungen über Gespenstersagen und
-Schauermärchen beschäftigte, einmal am Biertisch im Scherz geäußert,
-der rätselhafte rotbärtige Kerl werde sich noch als Werwolf entpuppen;
-und dieses hingeworfene Wort war als Spitzname an ihm hängen geblieben
-und dermaßen gang und gäbe geworden, daß kein Kind sich allein in die
-Haide wagte, aus Furcht, vielleicht von dem wilden Mann überfallen und
-abgewürgt zu werden.
-
-Ob der Werwolf selbst merkte oder ahnte, was über ihn gemunkelt
-wurde, das wußte wohl nicht einmal seine Frau; denn zu Gesprächen
-neigte er nicht, sondern gab auf Anreden entweder garnichts oder
-höchstens ein unwirsches Knurren zurück. Nur ein kleiner krötiger
-buckliger Flickschneider, mit dem sich sonst niemand recht einlassen
-mochte, hatte sich an ihn angenistet und verstand ihm zuweilen
-ein paar Worte oder gar ein Schmunzeln abzugewinnen. Das passierte
-allerdings selten genug, und blos an besonders schönen Tagen; denn
-des Flickschneiders elenden Knochenbau flog beim leichtesten Lüftchen
-das Zipperlein an, und außerdem war er so schwach auf den Beinen, daß
-er dem unermüdlichen Werwolf kaum ein halbes Stündchen lang Schritt
-halten konnte. Geschah es aber, dann schien sich dieser voll tiefen
-Behagens daran zu weiden, wie das kleine klägliche Klümpchen Unglück
-mit seinem bartlosen Unkengesicht und seiner keuchenden Kläfferstimme
-da neben ihm hin und her hampelte, und wie die Leute das seltsame
-Freundespaar verstohlen von ferne besichtigten. An einem solchen
-schönen Nachmittag also -- es war ein ungewöhnlich milder November --
-vernahm der erwähnte Gemüsehändler, hinter der Gartenhecke knieend,
-wie der Flickschneider plötzlich den Werwolf fragte, ob er nicht
-früher, vor seinem Eisenbahndienst, Sergeant oder so’was gewesen
-sei. Und als der mißtrauisch antwortete, er könne sich nicht mehr an
-alles erinnern, zog der Andre ein Zeitungsblatt aus dem Rock, das den
-berüchtigten Kavallerie-Revolver in größengetreuer Abbildung zeigte,
-und fragte mit pfiffiger Miene weiter, ob er sich hieran vielleicht
-erinnern könne; worauf der Werwolf erst wie entgeistert stillstand,
-dann in ein schreckliches Toben und Schluchzen ausbrach und den Krüppel
-wahrscheinlich entzweigemacht hätte, wäre nicht die Frau aus dem
-Hause dazwischengestürzt und auch der Gemüsehändler zu Hilfe geeilt.
-Natürlich meldete dieser den Vorgang ohne Aufschub der Polizei, und am
-andern Morgen wurde der Unhold von zwei Gendarmen zur Stadt befördert
-und ins Untersuchungsgefängnis gesteckt.
-
-Beim Verhör erklärte zunächst der Flickschneider mit untertänigstem
-Selbstgefühl, daß er sich feierlich dagegen verwahren müsse, als Freund
-des Verhafteten zu gelten. Er sei ein unbescholtener Staatsbürger und
-habe sich mit dem verdächtigen Menschen lediglich deshalb abgegeben,
-um heimlich dabei herauszustudieren, ob derselbe in Wirklichkeit
-verrückt sei oder blos immerfort so tue. Die verfängliche Frage nach
-dem Revolver habe er eigentlich nur gestellt, weil einem solchen
-heimtückischen Müßiggänger doch alles zuzutrauen sei. Er wolle
-keineswegs die Behauptung aufstellen, daß der Werwolf den Apotheker
-umgebracht habe; es bleibe ja immerhin die Möglichkeit, daß derselbe
-den greulichen Wutanfall aus reinem Ärger über die Frage gekrigt
-oder auch blos geheuchelt habe. Aber er möchte doch nicht verfehlen,
-die Aufmerksamkeit der hohen Behörde auf den bedenklichen Umstand
-hinzulenken, daß der Verhaftete am Tage des Mordes schon seit dem
-Mittag verschwunden gewesen und erst wieder am Tage nach dem Begräbnis
-vor seiner Haustür erschienen sei. Wenn sich also derselbe nach alledem
-vor dem hohen Gerichtshof als schuldig erweisen sollte, so möchte er
--- und bei diesen Worten blies sich des Flickschneiders Busenwölbung
-wie ein Truthahn vor dem ebenfalls verhörten Gemüsehändler auf -- ganz
-ergebenst befürworten, daß er allein den vollen Anspruch auf die für
-die Entdeckung des Mörders ausgesetzte Belohnung erheben dürfe. Der
-Beschuldigte saß währenddem mit gänzlich verstocktem Gesichtsausdruck
-da; nur als sein Verschwinden zur Rede kam, geriet er in merkliche
-Unruhe, und sein zusammengebissener Mund schien wieder mit inneren
-Tränen zu kämpfen. Doch bewirkte seine Vernehmung nichts weiter, als
-daß er hartnäckig leugnete oder zumeist blos den Kopf schüttelte,
-beständig die Augenbrauen runzelnd, wie wenn er die Sache nicht recht
-begriffe. Und da seine Frau nur in einem fort aussagte, sie könne
-sich hoch und teuer verschwören, daß sie nie einen solchen oder
-andern Revolver an ihrem Mann beobachtet habe, so mußte das lebhafte
-Rechtsbedürfnis der aufs stärkste gespannten Zeitungsleser einstweilen
-damit zufrieden sein, sich in neue entrüstete Leitartikel über die
-öffentliche Unsicherheit im allgemeinen, wie über den unheimlichen
-Werwolf und sein jahrelang freies Herumgerenne im besonderen zu
-vertiefen.
-
-Indessen ergab der Fortgang der Nachforschungen, daß der Beschuldigte
-um die Zeit, als Revolver des vielgenannten Systems in der Armee
-geführt wurden, tatsächlich Sergeant gewesen war, und zwar bei der
-reitenden Artillerie; auch daß er sich wirklich zur Stunde des Mordes
-nicht in seiner Behausung befunden hatte. Vor allem aber gelang es
-dem Flickschneider, der inzwischen zusehends in der Achtung der
-teilnahmvollen Bürgerschaft stieg und von Tag zu Tag mehr Zuspruch
-gewann, durch eifrige Umfragen festzustellen, daß die Frau des
-Verhafteten schon seit Jahren bei sämtlichen Krämern und Händlern des
-Ortes, bei Schlachtern, Bäckern und Handwerksleuten, beträchtliche
-kleine Schulden gemacht und ihren Mann für sein lumpiges Ruhegehalt
-und seine schuftige Faullenzerei -- das waren ihre eigenen Worte --
-einmal laut vor den Nachbarn ausgeschimpft hatte; und außerdem war sie
-am Tag vor dem Raubmord in der Familie des Apothekers beim Aufscheuern
-mitbeschäftigt gewesen, sodaß sie von dessen Bahnfahrt zur Stadt wohl
-irgend etwas vorausgehört und dem Werwolf hinterbracht haben konnte. Es
-zweifelte demnach niemand mehr, daß dieser sein kärgliches Gnadenbrot,
-sei es mit, sei es ohne Wissen der Frau, durch den blutigen Handstreich
-hatte aufbessern wollen und die geraubten Banknoten noch irgendwo
-verborgen hielt; geteilter Meinung war man einzig darüber, ob er den
-ruchlosen Entschluß aus echtem Irrsinn gefaßt haben mochte oder immer
-nur wieder in der Berechnung, daß sich bei standhaft geheuchelter
-Geistesstörung jede Schandtat ungestraft ausführen lasse.
-
-Zur großen Befriedigung sämtlicher Wohlgesinnten schien durch die
-nächste Gerichtsverhandlung, die eine öffentliche war, die letztbesagte
-Meinung bestätigt zu werden; denn als dem Verhafteten all jene
-Einzelheiten seiner verdächtigen Lebensführung der Reihe nach
-vorgehalten wurden, war deutlich zu sehn, wie der handfeste Mann aus
-seiner gewohnten Halsstarrigkeit allmählich gleichsam herausstrauchelte
-und schließlich einen hilflosen Blick auf den freundlich lächelnden
-Staatsanwalt warf. Und als dieser den Blick -- was in damaliger Zeit
-ganz erstaunlich an einem Staatsanwalt war -- ohne Strenge erwiderte,
-vielmehr den erschütterten Angeklagten mit herzgewinnender Stimme
-fragte, ob er nicht endlich sein Gewissen erleichtern und durch ein
-mutiges Geständnis vor Gott und den Menschen reinigen wolle, da
-übermannte den Werwolf ein solches Weinen, daß die meisten Damen im
-Zuschauerraum, sogar auch die Witwe des Apothekers, nicht anders
-konnten und laut mitweinten. Das alles aber machte ihn dermaßen wirr,
-daß er vor fassungslosem Stammeln kein klares Wort zu entgegnen wußte,
-sondern nur krampfhaft, während die Tränen ihm in den zitternden
-Bart niederrollten, bald Ja und bald Nein aus der Kehle würgte,
-bald mit zerknirschten Geberden nickte, bald widerspenstig den Kopf
-schüttelte. Mehr war aus ihm nicht herauszubringen; und also mußte
-er, bis sein Gewissen zum vollen Geständnis gereift sein würde, oder
-bis andere sichere Anzeichen für seine Schuld zutage kämen, in die
-Untersuchungshaft zurückgeführt werden.
-
-Während sich nun die Bevölkerung zwar im Grunde bereits beruhigt
-fühlte, aber sich umso gründlicher der immer noch schwebenden
-Sorge annahm, ob der Gerichtshof den Verbrecher füglich zum Tode
-verurteilen dürfe oder blos lebenslänglich ins Irrenhaus sperren,
-ward der sittlichen Spannung der Gemüter durch zwei fast unglaublich
-widerspruchsvolle, jedoch polizeilich verbürgte Zeitungsberichte ein
-wahrhaft erschreckliches Ziel gesetzt. Der erste Bericht verkündigte
-nämlich, daß sich der Werwolf frühmorgens nach jener Verhandlung an
-einem abgerissenen Hemdärmelstreifen in seiner Haftzelle erhängt und
-auf die Kalkwand der Zelle die Worte gekritzelt hatte: „Ich kann nicht
-mehr. Ich weiß nicht mehr. Gerechter Himmel, es gibt einen Gott.“
-Wohingegen der zweite Bericht besagte, daß der Staatsanwalt am selben
-Vormittag von dem Anwalt der Apothekerswitwe einen langen Eilbrief
-empfangen hatte, demzufolge der Werwolf nicht der Mörder, sondern
-ihr Gatte ein Selbstmörder war. Und zwar wußte die schwergeprüfte
-Dame dies schon seit dem ersten Anblick der Leiche, da ihr zugleich
-von den Untersuchungsbeamten der Kavallerie-Revolver gezeigt und
-von ihr als Eigentum des Toten, aus seinem -- wie man es damals
-nannte -- freiwilligen Militärjahr her, an einem Rostfleck erkannt
-worden war. Um indessen -- so legte ihr Anwalt dar -- den guten
-Ruf des Dahingegangenen, sowohl den moralischen wie besonders den
-christlichen, ihrer ehelichen Pflicht gemäß nach Kräften aufrecht
-zu erhalten, habe sie voller Selbstverleugnung so lange wie möglich
-zu schweigen versucht und deshalb auch die Versicherungssumme ohne
-Widerspruch hingenommen, zumal ihr Anrecht nach dem Vertragswortlaut
-als unanfechtbar gelten könne. Da aber nunmehr ein Unschuldiger für
-die blutige Tat scheine büßen zu sollen, und da inzwischen auch durch
-die Versicherungsgesellschaft bedauerlicherweise ermittelt worden,
-daß der Dahingegangene sein Vermögen in Börsenspekulationen verspielt
-und demnach vermutlich die Ermordung nur zu dem Zweck veranstaltet
-habe, seine Familie vor dem Bankrott zu retten, so glaube Klientin die
-traurige Wahrheit nicht länger unterdrücken zu dürfen. Dieselbe gebe
-der Hoffnung Raum, daß, möge ihr Gatte auch schwer gefehlt haben, das
-allgemein menschliche Mitgefühl doch seinen furchtbaren Opfertod als
-genügende Sühne anerkennen und nicht noch seine Namenserben denselben
-entgelten lassen werde. Welcher Hoffnung dann in der Tat sowohl
-der freundliche Staatsanwalt wie die gemütvolle Bürgerschaft aufs
-offenherzigste entsprach, besonders als man noch erfuhr, daß sich die
-wohlgesinnte Witwe mit der Versicherungsgesellschaft gütlich geeinigt
-und ein Drittel der empfangenen Summe in aller Stille zurückgezahlt
-hatte.
-
-Für den erhängten Werwolf freilich war ihr Bekenntnis leider Gottes
-einige Poststunden zu spät gekommen. Aber zum Glück war vorauszusehen,
-daß sich die Witwen der beiden Selbstmörder, da die zweite die erste
-gerechterweise auf Entschädigung verklagen konnte, im stillen ebenfalls
-gütlich einigen mußten. Auch blieb ja immerhin unentschieden, ob sich
-der Werwolf nicht doch vielleicht, als er an jenem Tag seine Wohnung
-verließ, mit der sträflichen Absicht getragen hatte, den Andern
-meuchlings auszurauben; und jedenfalls ließ sich gewissermaßen eine
-Art höherer Gerechtigkeit in dem sonst peinlichen Umstand entdecken,
-daß dieser auf Staatskosten lebende Heuchler, dessen schlechtes
-Gewissen ihm nicht einmal den ruhigen Genuß seiner Rente erlaubte,
-sich kurzerhand selbst gerichtet hatte. Viel erschrecklicher war
-dem gebildeten Teil der überraschten Bevölkerung die ungeheure
-Verstellungskraft, die den sanften gottgläubigen Apotheker bis zur
-letzten Minute befähigt hatte, den Schein des Raubmordes herzustellen
-und Revolver nebst Uhr noch im Todeskampf aus dem Bahnwagenfenster
-herauszuschleudern. Doch am allerbedenklichsten war die Ungewißheit und
-bot jedem gründlichen Zeitungsleser noch auf lange Zeit reichlichen
-Gesprächsstoff, ob der Werwolf nun doch zuguterletzt, laut seiner
-rätselhaften Wandinschrift, in wirklichen Irrsinn verfallen sei und
-sich, dem freundlichen Staatsanwalt folgend, für den Mörder gehalten
-habe. Den Feinden der bürgerlichen Ordnung natürlich erschien das als
-ausgemachte Gewißheit; ja, ein ruchloser Schriftsteller jener Zeit
-nannte es gradezu einen Staatsfall und ein fast noch musterhafteres
-Beispiel von hirnberückender Eingebung -- oder, wie die gebildeten
-Deutschen sich damals ausdrückten, Suggestion -- als das des berühmten
-Hauptmanns von Köpenick.
-
-
-
-
-Der Menschenkenner und sein Gleichgewicht
-
-Novelle aus dem Innern eines Misanthropen
-
-
-Jan Goderath war sein Name; und er war stolz auf den Namen. Er
-hatte ihn wieder zu Ehren gebracht, als kein Mensch mehr dem alten
-Handelshaus traute. Und nun ging er hier durch die fremde Stadt, die
-ihn plötzlich an jene Leidenszeit mahnte, und konnte sich seinen
-Trübsinn nicht deuten; die ganze Stadt schien in Trauer versunken.
-
-Freilich: ein Volksmann war gestorben: ein ehrlicher Mann, selbst
-seine Feinde mußten das zugeben. Und standhaft war er gestorben,
-nach qualvoller Kehlkopfkrankheit, vor der Zeit: ein Opfer seiner
-Beredsamkeit. Aber was ging denn +ihn+, den reichen Weltmann Jan
-Goderath, den unabhängigen Handelsherrn, der ausgediente Volksfreund
-an! und noch dazu ein Italiäner! Dies Volk war ihm doch eigentlich
-ein Greuel. Was hatte er mit einem Narren gemein, den seine Schmerzen
-begeistert hatten, wie andere Narren auch! Wie konnten ihn, den
-Menschenkenner aus Hamburg, die Trauermienen des Pöbels in dieser
-fremden Stadt ergreifen?
-
-Und erst dies Genua selbst, ~la superba~, wie diese Söhnchen
-glorreicher Väter ihr Marmornest noch immer nannten: was war in die
-bankrotten Wichte auf einmal für ein Geist gefahren? Er besah sich die
-Vorübergehenden; das stechende Vormittagslicht behagte ihm plötzlich.
-War das dieselbe träge, schamlos geschwätzige Menge, die ihn noch
-gestern verdrossen hatte? Alle gingen sie schleichend wie sonst,
-fast noch schleichender, ohne ihr zweckloses Gliedergefuchtel, und
-Keiner kam ihm träge vor. Der enge Corso wimmelte wie immer dicht von
-Menschenköpfen, durch die sich nur selten ein Fuhrwerk schob; aber
-die Kutscher schrieen heut nicht, jede Stimme klang verhalten, wie
-durch die grauen Paläste gedämpft, und die Gesichter schienen sich den
-stolzen Mauern anzupassen, die düster in den blauen Himmel grenzten.
-Selbst wenn ein schönes Weib vorüberkam, lief ihr kein hündischer Blick
-aus lüstern schwarzen Augen nach; in allen diesen Augen glomm ein
-traumhafter Ernst -- was war das nur?!
-
-Schon unten am Hafen war ihm aufgefallen, daß heut die Arbeit ohne Lärm
-und Flüche und Gelächter vor sich ging; sogar die Maultiertreiber in
-den Steinbrüchen schlugen weniger roh auf ihr bepacktes Viehzeug los.
-Doch das, nun ja, das waren Arbeitsleute; denen mochte der gestorbene
-Gleichheitsmensch wohl wirklich etwas bedeutet haben. Aber hier,
-im Innern der Stadt, was hatten diese flunkernden Kaufleute, diese
-Tagediebe und Weiberknechte, mit dem Mann des Volkes zu tun! Und was
-erst all die Fremden hier! Was gab dem dürren Franzosen dort, mit
-der Orangenblüte im Knopfloch, solchen feierlichen Ausdruck, daß die
-beiden Säulen des alten Portals, vor dem er zufällig wartete, wie sein
-natürlicher Rahmen wirkten, trotz seines modischen Reisehutes. Tat das
-der Tod?
-
-Nein; dazu war dies Volk von Beichtkindern zu leichtherzig. Erst
-vorige Woche hatte er in Pisa einen hohen, weit beliebten Beamten
-zu Grabe bringen sehen: die ganze Stadt war auf den Beinen gewesen,
-sämtliche Glocken läuteten, acht Barfüßermönche trugen den Katafalk,
-all ihre Ordensbrüder schritten voraus und goldverbrämte violette
-Priester, dazwischen Jungfraun in weißen Kleidern und Kinder mit grünen
-Kränzen im Haar, alle mit großen brennenden Kerzen, Chorknaben sangen
-Litaneien, zwei Väter Jesu führten die gebrochene Witwe, die Frauen
-des Gefolges weinten laut -- und eine Stunde später war von dem ganzen
-Straßenschauspiel auch nicht ein Hauch mehr zu spüren gewesen. Und die
-Pisaner standen doch im Ruf der Gründlichkeit, er selber hatte sich
-bei ihnen wohlgefühlt, es mußte da wohl vor Jahrhunderten germanisches
-Erobererblut in die Bevölkerung gedrungen sein.
-
-Und heut nun, hier in Genua, wo jedes wälsche Unkraut sich sonst
-brüstete, schon seit dem frühen Morgen diese Stille. Ihm war, als
-ginge er in einem Strom von Wallfahrern. Was hatte all die Menschen
-so seltsam in sich gekehrt? Der tote Volksmensch war doch nicht
-einmal mit Pomp bestattet worden. Kein Mönch noch Priester war dem
-schmucklosen Holzsarg vorausgezogen; sechs barhäuptige Arbeiter hatten
-ihn getragen, keine Träne war geflossen, und keine Glocke läutete.
-Oder wars etwa grade Das? War dieser ungewohnte stumme Eindruck den
-Schwätzern auf die Seelen gefallen? Dieser farblose Eindruck: der Zug
-der hundert schwarzgekleideten Männer, wie sie paarweis, alle mit
-bloßen Köpfen, die Hüte in der Faust, finster und wortlos hinter der
-Bahre hergeschritten waren, unter dem schwülblauen Himmel. Selbst einen
-Offizier der Kriegsmarine hatte er da die Mütze lüften sehn.
-
-Und hatte nicht er selber, Jan Goderath, sich da sagen müssen, daß
-es doch Ahnen dieser Männer waren, die hier die schlichte Straße von
-Palästen, mit dieser strengen Wucht der Außenwände, dieser ruhigen
-Kühnheit innen, einst hatten bauen können! Er trat hinein in eines
-der machtvollen Treppenhäuser. Wenn jetzt durch diesen Säulenhof,
-in dem die starre Hitze brütete, ein Mann im Arbeitskittel käme, er
-würde den Hut vor ihm abnehmen. Was war ihm nur?! Ihn konnte doch der
-Eindruck von ein paar Dutzend Leidtragenden nicht aus dem Gleichgewicht
-bringen! +Die+ Zeit lag doch wohl hinter ihm; er war doch über die
-Dreißig hinaus. Gewiß: der Eindruck war schön gewesen, schön und ernst,
-vielleicht auch edel. Das brauchte ihn doch aber nicht in seiner Ruhe
-zu stören; er hatte sie sich schwer genug verdient. Was ging denn ihn
-das wälsche Elend an! dem war ja doch nicht zu steuern. Was ging ihn
-überhaupt das Leid der Menschen an? Als ob es ohne Leid Glück geben
-könnte. Das blieb doch in alle Ewigkeit so.
-
-Er trat wieder auf die Straße. Und wieder fühlte er aus allen Augen
-das stille Flimmern auf sich wirken. Oder störte ihn etwa nur das
-Licht, das von dem heißen Marmorpflaster prallte? Er ging hinüber
-in den schmalen Schattenstreifen; es war, als ginge er durch ein
-Gespinnst, das all die dunkeln Köpfe verband. Und keiner sah doch
-traurig aus. Es schwebte nur wie eine Andacht zwischen ihnen; als
-horchten sie auf etwas Fernes, Klares. Das konnte doch der Tod nicht
-machen? Das konnte doch nicht Ehrfurcht sein? Was galt denn dort dem
-Fuchsgesicht, was dort den beiden Professoren der Gestorbene mit seinem
-unklaren Zukunftstraum! Was war das für ein Zwangsgefühl, das diese
-ganze Stadt erfüllte? und ihn mit! Er war doch schon ganz anderer
-Stimmungen Herr geworden, die ihn viel näher betroffen hatten: damals,
-als sich sein Bruder vergiftete -- der hatte auch so rührende Augen wie
-diese braunen Halunken hier. Ja, damals war ihm der Vater am Herzschlag
-gestorben, und Er allein hatte alles gerettet.
-
-Er bog in den Platz vor dem Postgebäude; hier staute sich die
-Menschenmasse. Die Stimmung war noch seltsamer hier. Die grelle
-Hitze machte alle Mienen noch gespannter; bis unter die Arkaden des
-Gebäudes schien diese hohe Spannung zu schweben. Selbst der verkleidete
-Messerhändler, dem sonst sein kriechendes Lächeln so feil wie seine
-Dolche war, ging heut in seinem blaugestickten Dalmatinermantel wie
-ein verbannter Fürst umher. Man hörte kaum ein deutliches Wort. Jeder
-schien sich, wenn er sprach, auf etwas Anderes zu besinnen, etwas
-Vergessenes, Heimliches. Was war das nur? Hier all die Müßiggänger
-hatten doch den Toten nicht geliebt! Und Er, Jan Goderath senior:
-Liebe -- fast hätte er laut losgelacht -- mit +dem+ Gefühl war er
-doch gründlich fertig! das hatte sein Bruder ihm abgewöhnt. Er atmete
-schwer auf; was lag ihm an dem kehlkopfkranken Zukunftsapostel! was an
-dem ganzen Gemurmel hier! Wenn er die Augen etwas schlösse, würde die
-Stimmung vorüber sein. Nein, selbstverständlich: nur noch beklemmender
-kam sie dadurch zu Gefühl: ihm war, als stünde er in seiner Vaterstadt,
-verloren wie ein Blinder, inmitten einer großen Kirchgängerschaar. Er
-mochte das nicht länger ausstehn. Ein Glück, daß ihn der deutsche Maler
-erwartete! Das Brustbild sollte heut fertig werden; so beim Modellstehn
-würde er sein Gleichgewicht schon wiederfinden. Er nahm die Richtung in
-die obere Stadt.
-
-Denn ja, das Gleichgewicht: das war das Höchste: die starke Vernunft.
-Die hatte ihn gemäßigt damals, in seinem Wutanfall, als er fast seinen
-Bruder erschlagen hätte, den toten Schuft, der ihn mit zum Betrüger
-machen wollte, der Lüderjan! Ja, er war stärker als seine Liebe; er
-hatte die Probe bestanden. Wie kam er nur darauf, heut sein Gefühl zu
-befragen? War etwa das Gefühl zu schwach gewesen, wenn die Vernunft so
-stark war damals? Das war doch dann kein Gleichgewicht! sonst wäre doch
-Eintracht in seiner Seele. Ein Jahr lang war er nun gereist und glaubte
-alles verwunden zu haben, und ein paar hundert flüsternde Menschen
-konnten ihn aus der Fassung bringen? eine Heerde, die sich selbst nicht
-begriff! Er fuhr sich heftig über die Stirn. Nun: dank der Kunst --
-er mußte lächeln -- jetzt war er bald heraus aus dem Geräusch. Hier
-schlichen nur noch Vereinzelte; wie bloße Schatten sahen sie aus; es
-schien sie alle etwas nach unten zu rufen.
-
-Er stieg die breite Treppenstraße zu dem oberen Corso hinauf. Er spürte
-die Apenninenluft schon, trotz der sengenden Sonne. Es war doch ein
-Wunderwerk von Stadt, schier ebenbürtig der reichen Natur. Welche
-ungeheure Arbeit sprach allein aus den Grundmauern, auf denen sie
-rings die Bergterrassen emporklomm, aus den Hunderten von steinernen
-Stufen hier, den Quadern der Umwallung dort im Zickzack um den Corso,
-aus all den Brücken über die Felsenspalten, und oben aus dem Zug der
-Festungsblockwerke, der altersgrau den kahlen Höhenkamm krönte: Das war
-Alles Menschenwerk! -- Ihm fiel die Inschrift ein, die er heut Morgen
-am Hafen unten gelesen hatte, an dem Palaste, den einst das genuesische
-Volk dem greisen Doria schenkte: „~ut, maximo labore jam fesso corde,
-otio digno quiesceret~.“ Er übersetzte sich das schlechte Latein:
-„damit er, nun sein Herz von der gewaltigen Arbeit ermüdet ist, in
-würdiger Muße ausruhen könne.“ Ein Schauer überlief ihn: hier rings auf
-all den Bergabhängen, die ihn im Halbkreis umarmten, ragte die Arbeit
-von Hunderttausenden.
-
-Er wandte sich und sah hinunter auf die Stadt. Wie sich da Hohes und
-Niederes einte -- Paläste und Straßenfluchten, die flachen Dächer und
-die Türme, Gärten und riesige Wohnhäusermassen -- im wogenden Weißglanz
-des Mittags. Dort lag die Villa Negro, mit ihrem Park von Lorbeern
-und Myrten, Zypressen, Palmen, Zitronenbäumen, mit allen Blumen des
-Orients und jedem Laubholz des Nordens -- so lieblich hatte sie ihm nie
-gedeucht. Er glaubte das Geplätscher ihrer Springbrunnen, die kleinen
-Wasserstürze der Grotten zu vernehmen, und ihr zu Füßen das Gewirr der
-Gassenschluchten, in Zirkellinien um sie her, dies Spinnennetz, dem er
-soeben entronnen war. Wie sich das nun zusammenschloß, Altes und Neues,
-unter der glutblauen Himmelsglocke! Jeder dunkle Fleck, selbst die
-verwitterten Kirchenkuppeln, schien ihm verklärt, bis ins Gewimmel des
-Hafens hinab. Wie Alles zu ihm herzustreben schien, tief her, fern her:
-die Menschheit unten, Leuchtturm und Schiffe, das silberweiße blendende
-Meer -- er mußte die Augen schließen.
-
-Ein heulender Pfiff riß sie ihm auf. Im Tal zur Linken kam ein Bahnzug
-aus dem Tunnel herausgedampft, der hier im Bogen unter der Stadt
-herumlief; er schätzte, daß er grad drüber stand. Wenn jetzt die Erde
-sich öffnete, würde er in den Schienenschacht stürzen, die Mauern des
-Corsos über ihn her. Auch +un+sichtbar die Arbeit von Tausenden!
-Vielleicht mit von den Männern, die heute den Toten getragen hatten.
-Wenn nun die Männer ihr Werk zerstören wollten? Was hinderte die
-Tausende? -- Ein paar Dutzend Fäßchen Dynamit, planvoll den Tunnel
-entlang verteilt, würden die Stadt in den Hafen schleudern, samt
-Festung, Zuchthaus, Irrenhaus. Er hörte die wankenden Felsen schon
-donnern, die See auftosen und Orkane heulen. Die Dächer der Paläste
-bäumten sich, Kirchtürme flogen durch die Luft, die Kuppeln platzten,
-und die Gärten tanzten. In brandgelben Kurven schossen Marmorstatuen
-ins kochende Meer, Gemäldegalerieen flammten auf, Schiffstrümmer,
-Bibliotheken. Durch den verfinsterten Himmel, durch Qualm und Feuer
-und Wolken von Schutt, scholl das Geschrei zerberstender Bürgerbäuche;
-und oben über dem Rachegericht, auf den umrauchten Höhen des Apennins,
-standen die Tausende, mit heißen Augen der Märtyrer denkend, die sich
-da mitgeopfert hatten -- standen zu neuer Zukunft bereit.
-
-Er wischte sich den Schweiß von den Backen. Was war ihm nur! Sah er
-bei hellem Tag schon Gespenster, wie die Dorfschäfer hinter Hamburg?
-Was war das für ein Zwangsgefühl? Die Männer unten hatten doch nicht
-drohend ausgesehen; eher bittend; als ob sie etwas zu erringen suchten.
-Was hatte Er damit zu tun! er reckte sich. Ja, diese seltsam suchenden
-Augen; er nickte und schritt weiter, jetzt war er bald am Ziel.
-Merkwürdig: auch der Maler hatte manchmal diese Augen: halb bettelnd,
-halb fordernd, der arme Teufel. Nur daß sie grau waren, nordseegrau,
-wie seine eigenen Augen grau; und doch wie Hundeaugen. Ja: wie ein
-Schweißhund vor der Jagd: heißhungrig, scheu. Und diese schräge
-Verbrecherstirn! der filzbraune Spitzbart! die kurzen Beine! Der
-Mensch war ihm doch eigentlich widerlich. Der paßte unter dies wälsche
-Gesindel: halb Lazzarone, halb Genie.
-
-Warum hatte er ihn blos ausgesucht? warum sich von ihm malen lassen?
-von diesem Schächer der Kunst! Wie er ihn immer anstarrte: als wollt
-er die Seele ihm aus dem Leibe pinseln -- und dann wars nichts als
-Stückwerk. Was hatte ihn hingeführt zu dem Menschen?! Etwa daß er
-aus Hamburg war? aus seiner Vaterstadt? -- Pah: Heimweh! lächerlich!
-Kinderkrankheit! -- Oder daß er mit seinem Bruder befreundet gewesen?
-Nun, das vielleicht; er wollte sich wohl absichtlich prüfen. Denn vor
-zwei Jahren hatten sie Drei da oben hinter Hamburg gestanden, auf den
-Elbhöhen draußen, bei Sonnenuntergang, die Aussicht über den Strom zu
-Füßen. Der strömte so breit, als wenn das Meer schon anfinge dort.
-Und der Maler hatte sich abgewandt, die rauchenden Dörfer jenseits
-anstarrend, die in der Abendglut zu brennen schienen; denn Er, er
-machte in Bruderliebe, Jan Goderath senior Nachfolger -- er hatte dem
-Schwächling noch einmal geglaubt, sie waren ja doch Ein Fleisch und
-Blut -- zwei Tage bevor er es kennen lernte, verachten lernte, dies
-Fleisch und Blut, die ganze menschliche Sippschaft. Was ging ihn jetzt
-der Mensch noch an! Der hatte wohl gar um alles gewußt, vielleicht die
-Wechsel gar fälschen helfen. Nun: morgen würde er weiterreisen, ob nun
-das Bild heut fertig wurde oder nicht.
-
-So trat er in das Haus hinein. Hier war es kühl, die steinerne Stiege
-frisch gespült; jetzt würde er gleich Ruhe haben. Wenn +der+
-Mensch ahnen könnte, wie ihn der Pöbel entzwei gemacht hatte. Ja:
-Gleichgewicht! die Eintracht zwischen Vernunft und Gefühl, wie zwischen
-zwei gleich starken Herrschern: wenn Das zu malen wäre, wenn es das
-gäbe, in einem einzigen Menschengesicht, in Einer Seele von Mann auf
-Erden: +der+ sollte sein Freund sein! -- Da stand der Spitzbart
-schon in der Türe; Bedientenseele! -- Und der also duzte ihn -- dem gab
-er die Hand -- -- sie gingen vor die Staffelei. Er trocknete sich die
-Stirn. „Hast du das Kinn nicht zu massig gezeichnet? Ich sehe ja aus
-wie Bonaparte vor Moskau.“ Der Spitzbart, grinsend: „Mit dem hast du
-auch manchmal Ähnlichkeit.“ Ach so! das sollte ihm wohl schmeicheln.
-„Ich habe mit Niemandem Ähnlichkeit; der korsische Dickbauch ist nicht
-mein Mann.“ Der Andre, kleinlaut: „Das Kinn ist gut. Laß nur die Augen
-erst fertig sein; es liegt tatsächlich nur an den Augen.“ -- „So? Nun,
-dann kann man wohl anfangen.“ -- „Ja.“
-
-Er stieg auf das Trittbrett und lehnte sich an das Pfostengerüst. Der
-dürftige Raum war drückend warm. Vom Apennin her tönte ein Hornsignal.
-Sie sahen sich schweigend in die Augen; nur das Geräusch des Malens
-war noch hörbar. Wie ihn der Mensch wieder anstarrte jetzt! Wie er
-sich quälte für sein bißchen Brot! So quälten Hunderttausende sich! --
-Hatte er etwa Mitleid mit ihm? der Reiche mit dem Armen? Er, Goderath
-Nachfolger -- lächerlich! -- Er hatte doch damals kein Mitleid gehabt,
-mit seinem eigenen Bruder nicht, als der um Geld nach Amerika bettelte.
-Nun gar mit diesem wildfremden Stümper? -- „Habt ihr euch eigentlich
-lieb gehabt?“ hörte er plötzlich wie fernher fragen. Was fiel dem
-Menschen da drüben denn ein! „Ich spei auf die Liebe!“ er schrie es
-fast. Warum denn nur? fragte etwas in ihm. -- „Entschuldige!“ hörte er.
-Schweigen.
-
-Und wieder starrten die Augen ihn an. Und wieder starrten sie
-nordseegrau. Und in dem Grau war etwas Flackerndes. Was war das nur?
-Das war ja unheimlich. Das war ja viele Meilen fern; wie ein Gespinnst
-zwischen ihnen, ein flimmernder Strom, und jenseits brennende Dörfer.
-Und über den Strom her kamen Tausende, barhäuptig, paarweis, auf ihn
-zu: die trugen einen Toten. Und starrten ihn an mit Menschenaugen,
-heißhungrig, scheu, halb bettelnd, halb fordernd. Als wäre etwas in
-ihm, das sie suchten: etwas Vergessenes, Fernes, Klares. Und plötzlich
-strahlte es auf in ihm, und strömte über, hin zu ihnen: ein Licht, ein
-Meer, ein Nebelglanz. „Was +ist+ dir, Mensch?“ rief eine Stimme
--- er wankte, taumelte, verlor das Gleichgewicht. Und heiße Tränen
-machten ihn blind, und blindlings wankte er in zwei Arme, und küßte den
-Bart, der ihm soeben noch widerlich erschienen war; küßte ihn weinend
-wie ein Kind, und lachte, und ermannte sich. O, das war mehr als
-Vernunft und Gefühl! Das war +doch+ Liebe, nicht Mitleid, nein!
-Das war die Liebe, leidlos ob Fleisch und Blut! die Eintracht und das
-Gleichgewicht! Das war die Alles beseelende Liebe.
-
-Die Kniee zitterten ihm, er mußte sich setzen. Er fühlte den kranken
-Volksmann sterben, der Zukunft zu Liebe, vor der Zeit; er fühlte die
-Sehnsucht der Tausende leben, wie Brüder zu werden, der Freiheit zu
-Liebe; er fühlte die Opfer der Arbeit alle, dem Leben Aller, Aller
-zu Liebe. Und Er? er hatte die Menschen verachtet; er, Goderath, der
-Menschenkenner! -- Er reichte dem Maler die Hände hin: „Ich hab mich
-versündigt an meinem Bruder“...
-
-
-
-
-Das Gesicht
-
-Eine halbe Stunde Seelenleben
-
-
-Er saß und konnte nicht los aus diesem lastenden Bann. Immer wieder
-sank der über ihn, wie ein magnetischer Ring um die Stirn, und lähmte
-seine Hand. Seit Wochen nun schon: seitdem er wieder gesund war. Immer,
-wenn er malen wollte. Immer die eine, große, unerfüllte Lust: das Ziel
-der hundert frohen Mühen und Entwürfe: das Bild, das Bild: ihr Gesicht!
--- was er auch Neues vornehmen mochte.
-
-Er hörte sie im Nebenraum hantieren, durch den Teppich hindurch. So
-verhalten klang es, so fremd. Und die Brandflecken auf dem Teppich:
-wie sie ihn quälend erinnerten! -- Er fühlte seine starken Schultern
-zucken, ohne daß ers wehren konnte. Er sah müde und verächtlich in die
-Landschaft auf der Staffelei, und warf den Pinsel weg, und sah scheu
-nach der Wand drüben, nach dem Menschenbild da.
-
-Da hing es und wartete, das letzte von den vielen; das sie noch
-gerettet hatte aus dem Brande, im letzten Augenblick, aus den
-fliegenden Flammen. Es war wie ein Alb: diese ungelöste Aufgabe, dies
-Gesicht.
-
-O gewiß, es war ja fertig: +war+ ja ein Bild: ein Bild, wie nur
-Er es malen konnte: dies Weib da, mit der Narzisse in den streng
-gefalteten Händen. Sie duftete fast, die vorgebeugte, makellose,
-leuchtende Blüte, mit dem purpurgelben Krönchen auf dem weißen Stern;
-die berauschende Blüte vor den jungen, nackten, vollen Brüsten. Und
-darüber ihr stumm gewährender Mund. Und darüber die blauen drohenden
-Augen, groß und dunkel ins Weite gerichtet. Und darüber all ihre
-Haarglut, schwer und goldrot wie Kupfergold, schwarzgrün umschattet
-vom dichten Laubwerk des alten wilden Myrtenbaumes, mit den kleinen,
-schimmerweiß schwellenden Knospen. Ja, seine Freunde hatten gescholten,
-daß er’s der Welt nicht zeigen wollte; damals.
-
-Aber das war es ja: auch jetzt nicht! Und nie, niemals, bis er das Eine
-gefunden, das noch drin fehlte, Ihm nur sichtbar: das nur Er vermißte
-in diesen Bildern: das letzte Rätsel ihres Gesichtes: Das, warum er sie
-liebte.
-
-O, und nun wars unmöglich: war es zerstört, dies stille lebendige
-Rätsel: von den Flammen gefressen das Geheimnis ihrer Züge, von Narben
-zerrissen dieser stolze Hals, diese schmiegsamen Lippen -- und um
-seinetwillen! -- Und er hatte doch gewußt, mit seiner ganzen Kraft
-gewußt, daß es endlich ihm glücken würde, daß er’s ihr ablauschen
-würde und auf die Leinwand zwingen, dies lockende Wunder. Nicht aus
-den Augen; nicht aus den Mundwinkeln. Da saß es nicht; in keiner
-Einzelheit. Auch in der Stimmung nicht; das hatte er alles versucht
-und getroffen. Es war ein Ausdruck, ein Ausdruck! und er war ihm so
-nahe gewesen: in seinem letzten Bilde, dem an der Wand da drüben, dem
-einzigen übrig gebliebenen. Und jetzt, jetzt --? er preßte die Finger
-ineinander; er hätte sie blutig drücken mögen.
-
-Und all das, weil er sie liebte; grade weil. Und weil er so stark war.
-Ob es wohl Strafen gab? Strafen der Kraft? aus sich selbst? -- Hatte er
-+deshalb+ den Fuß gebrochen? --
-
-Ob Liebe Sünde war? Nicht überhaupt, aber für Ihn: Sünde gegen die
-Kunst! Übermannung! -- Denn es war ja nicht gleich so gewesen; was ging
-ihn ihre Seele an. Aber allmählich -- o aber das wars ja: das Heilige,
-auch für den Künstler: Das, was ihm die Augen geöffnet hatte: das
-Allerheiligste der Form: die bannende Seele, die Gegenseitigkeit alles
-Lebendigen!
-
-Und so wars denn geworden: das Modell zum Weibe, der Leib zum Wesen,
-und immer gegenseitiger dem Künstler ihre Schönheit, und immer
-gegenseitiger dem Menschen ihr Geschlecht. Nein, er wollte es nicht.
-Nur mit den Augen wollt er sie haben: +ihre+ Augen, die nachtblau
-dunklen, schwimmenden Blumen, ihr klares waldseestilles Gesicht --
-Alles! -- Und doch: wie er sie dann erkannte, diese Gestalt, Blick
-für Blick, und Ahnung um Ahnung sicherer wurde, fester im Bilde, und
-alles sich ihr entgegenspannte in seinen Sinnen, und ihre Innigkeit mit
-seiner Sehnsucht wuchs: es war ja Natur, Natur! war das Ohnmacht?
-
-Jener Augenblick, nach jenem letzten Bilde, als er sie am Handgelenk
-heranriß, noch zitternd vor schaffendem Entzücken, und ihr den neuen
-Ausdruck zeigte, der sie fast enträtselte: diese verlangende Keuschheit
--- und dann sie ansah, heiß und durstig, das Eine Letzte suchend,
-daß sie’s nicht aushielt länger und an ihm niederwankte, so warm und
-schwer, und er an ihr: o Versunkenheit! -- Und dann, dann: es war zu
-hart, zu widersinnig hart vom Schicksal: wie er sie hochgerissen hatte
-mit tollen Armen, schreiend vor Lust und doppeltem Glücksgefühl, und
-mit ihr über den Schemel sprang: dieser tückische Knöchelbruch -- über
-den er damals noch lachen konnte -- in seiner schwelgenden Liebe --
-damals.
-
-Er lauschte. Was sie wohl dachte jetzt. An +ihn+ nur. Das fühlte
-er. Das war das Schwere; der magnetische Ring.
-
-Wie still sie wieder saß. Daß er sie nur nicht merken möchte, da in der
-kleinen Kammer, hinter dem Teppich; nichts rührte sich; so wars nun
-Tag für Tag. Und Abends die Angst, die heimliche Angst, mit der sie
-sich im Dunkeln hielt, im Halblicht, oder ihr Gesicht verhüllte, daß er
-es nur nicht sehen möchte; daß er sie nur vergessen möchte, ihre tote
-Schönheit, das Bild ihrer Seele, diese quälende Unmöglichkeit. Ja, die
-Angst in der Luft, das wars; das machte ihn zunichte, diese Art Liebe.
-
-Ja, und +war+ denn das noch Liebe? dieser lähmende Zwang! War
-nicht alles blos Erinnerung?!
-
-Nicht einmal Nachts: nicht anrühren konnt er sie mehr, ohne daß es
-wieder vor ihm stand, das ganze furchtbar rote Schauspiel, und ihm
-heiß und kalt die Sinne benahm. Wie sie ihn geweckt, ihn herausgehoben
-hatte mit seinem kranken, dick verschienten Fuß aus dem qualmenden
-Bett, hinter ihr her schon die leckenden Flammen, durch die Tür und
-hinab die zwölf dunkeln Treppenstufen -- o, sie war stark, fast so
-stark wie er! -- und dann zurückgestürzt war und sich nicht halten
-ließ, wieder hinauf, um das Bild noch zu retten, das eine wenigstens,
-hinein in das glühende Viereck oben, mit den langen offenen Flechten,
-die im Feuerschein flossen wie rollende Wellen -- dies Flimmern! --
-Und auf einmal der Schrei, dieser schrille zerreißende Schrei, und
-das polternde Bild, herunter zu ihm; und oben +sie+, groß, in
-entsetzlicher Pracht, mit den greifenden Armen, die roten Haare zu
-bläulichen Funken zerflatternd, eine sprühende Glorie! züngelnde Flügel
-um den keuchenden Busen! und die grauenhaft flackernden Augen! -- Und
-Er, hilflos da unten sich krümmend! Und noch Einmal der Schrei, der
-heiße, tierische Schrei! und sein eigener Schrei: wie sie wieder sich
-dreht, eine brennende Garbe, noch Einmal hinein -- daß ihn die Sinne
-verlassen -- bis die Leute ihn wecken und sie neben ihm liegt, in den
-Teppich gewickelt, nach dem sie zurückgerannt in letzter gräßlicher
-Besonnenheit, um den lodernden Schmerz zu ersticken, das tapfere starke
-Geschöpf -- seine Retterin! --
-
-Ob sich das wohl malen ließe: feurige Flügel? Nein, Narrheit; so
-wenig wie der Sonnenstrahl, der da auf der Palette blitzte. Ach, das
-Sonnenlicht! Wie ihr Haar drin schillerte früher, so glatt und wogend;
-ob es wohl wiederwachsen würde? -- Aber was nützte das! Ihr Gesicht,
-+das+ war das Unersetzliche! die Erinnerung, die ihn zu ihr zog --
-nein: von ihr stieß.
-
-Er stierte zu Boden. Wenn sie doch gestorben wäre; wirklich gestorben,
-nicht blos in ihm. Dann würde er zu ihr beten können, sein ganzes Leben
-lang; ruhig, traurig, wie als Kind zur Jungfrau Maria. Nein, Maria
-Magdalena wars immer gewesen; die hatte er immer im stillen gemeint,
-seitdem er sich heimlich die Bibel gekauft, wenn er zur Strafe hinknien
-und beten mußte. Magdalena, die liebreiche Sünderin.
-
-Ach, was sollte dies Grübeln. Sie lebte ja, lebte und liebte ihn;
-und war gesund, gesund wie Er. O, das schöne, blühende Wort! O, ihre
-quälende Häßlichkeit! ihre mahnende Nähe! die Lust und der Abscheu!
-Ohnmacht! --
-
-Er sah wieder auf; nach dem Teppich, nach dem Narzissenbild. Wenn er’s
-verkaufen würde. Ob er dann vielleicht Ruhe hätte. Wozu auch diese
-Versessenheit, ohne Sinn und Verstand, auf das eine einzige bißchen
-Seele. Wozu denn überhaupt der ganze pedantische Tiefsinn. Warum
-wars ihm nicht genug an dem farbigen Witz, wie den Andern; an der
-Lichtflunkerei, über die er sonst spottete. Es war doch so einfach: was
-Neues probieren! -- Aber +sie+, sie blieb ja. Und wenn er das Bild
-in Stücke zerschnitte, die Erinnerung blieb, solange sie selbst blieb;
-und mit ihr der Zwang. Und +die+ Erinnerung ließ sich nicht malen.
-
-Freiheit! -- Ja --: das war das Ungesunde: das war unsittlich: diese
-widernatürliche dumpfe Gemeinschaft! Knechtschaft! Leibeigenschaft!
-
-Er starrte auf die Palette; ein Wolkenschatten wischte den Lichtstrahl
-aus. Wenn er ihr Schminke gäbe? -- Ihn ekelte! -- Und die Form bliebe
-ja dennoch zerstört, die Seele im Gesicht. Und ihre Scham! ihr Stolz!
-Dann würde sie gehen! --
-
-Aber das wollte er doch? -- Dann das Bild auf die Ausstellung; weg
-damit! Eine Reise; Gletschersonne! Ein, zwei Jahre würde es schon
-reichen, das Geld für das Bild und der Rest seiner Erbschaft; er würde
-blos arbeiten. Und er hatte ja genug gelernt an ihr! Er wollt es den
-Andern schon zeigen, warum er so lange im Stillen gesessen.
-
-Und sie? -- Sie war ja klug genug, die Professorstochter. Sie könnte ja
-Unterricht geben, oder Buchhalterin werden; oder er würde ihr selber
-was schicken. Nein, schändlich: das würde sie nicht nehmen. Und --: und
-wenn nun die Leute sie nicht wollten? mit ihrem entstellten Gesicht?!
-
-O, dies Gewissen! Warum hatte er dies Gewissen! -- Ja, für die Kunst,
-da war’s gut. Aber fürs Leben? fürs Leben brauchte man doch kein
-Gewissen! -- Nicht weil er sie verführt hatte; nein! eher sie ihn.
-Oder weil sie von den Ihren geächtet war? eine Verstoßene?! und um
-seinetwillen! -- Nein: das war ja aus ihr selbst so gekommen. Warum
-war sie denn wiedergekommen, noch eh er von Liebe was ahnte; und immer
-wieder, bis sie bleiben mußte. Das war ihr Verhängnis! Ja, ihr eignes
-Verhängnis: ihr Wille!
-
-Weil sein Ernst sie lockte; was die Eltern auch sagen mochten. Weil
-sie +seinen+ reinen Willen fühlte. Aber: aber war er denn rein?
--- Ja! bis er ihn verlor, in jenem Augenblick, den Willen zur Form.
-Nein, schon vorher: bis er die Seele sah. Aber das war ja die Form,
-die bannende Seele; was er gesucht hatte, was sie gespürt hatte, warum
-sie ihm vertraute, ihm, dem Künstler. Nein, auch dem Menschen! dem
-Menschen, der über sich stand, über Sich und Natur, über Seele und
-Leben, kraft seines formbeherrschenden Geistes! -- Und doch nicht! Wars
-doch dieselbe Natur, die selben Sinne, der selbe Geist: die Kraft des
-Künstlers, des Menschen.
-
-Ja: da hing’s: jener Augenblick, jenes Bild: seine Kunst, sein Leben:
-sein Wille, ihr Wille: das war alles das Selbe, das folternde, drohende
-Selbe! Denn sein Leben, ja, das war er ihr schuldig: ihr, seiner
-Retterin! Sein Leben, seine Kunst, seine Seele; seinen ganzen Beruf und
-Zweck in der Welt.
-
-Er fuhr zusammen: ein neuer Wolkenschatten schlich durch die Stille.
-Er preßte die Augen zu. Er wollt es schon garnicht mehr sehen, das
-fordernde drohende Bild; er haßte es schon. Er drückte die Fäuste in
-die Augen; daß sie flimmerten. Er sah es nur mächtiger, in sprühendem
-Glanz; und sah sie, sie, wie sie +jetzt+ war, mit dem starren
-gestaltlosen Mund, mit dem haarlosen Kopf, mit den Narben um Wangen und
-Kinn, dem blanken, striemenroten Hals. Er stöhnte laut auf, daß ihn
-graute: vor der hohlen, einsamen Stimme.
-
-Da: das war doch nicht +seine+ Stimme? Zagend, suchend kam es
-durch den großen Raum: „riefest du?“ weich und schwer, wie der Teppich,
-den er schwanken hörte.
-
-Er sah nicht auf. Er fühlte, wie sie fragend stand. Nur nicht jetzt ihr
-Gesicht! Er wollte sprechen. Da kam sie.
-
-Er wollte den Kopf schütteln; aber ihre Hand auf seiner Schulter,
-ihr Warten! Es war nicht möglich, es zwang ihn hoch. Er mußte sie
-ansehn, ansehn: das graue Morgenkleid hinauf: ihren Hals! -- und -- --
-Rot! und ein brausendes Schwarz! Seele! der Blick! ihr Gesicht! das
-war Übergewalt --: da stand sie, hoch, starr, erhebend: „Ich werde
-+gehen+“ -- und wollte sich wenden.
-
-Und Er -- sah sie an -- an -- und seine Augen wurden immer weiter, daß
-sie nicht loskonnte -- immer sehender -- und seine Finger tasteten
-und griffen: es zu fassen, zu halten: das Unerkannte, Letzte, Eine:
-das heilige Wunder: Das, was ihn zu ihr in die Kniee riß, warum er
-sie umklammerte -- weinend -- „Offenbarung“ stammelnd --: ihre große
-Sittlichkeit! die Schönheit ihrer Erschütterung!
-
-Und nun: weich -- weich, schwer und leise -- sank auch sie herab an
-ihm: Knie an Knie, kinderfromm, anders wie damals. Und er küßte die
-gestaltlosen Lippen, und schlang die Hände um den haarlosen Kopf, und
-hielt sie von sich, schauend, schauend --: Nein, das lag nicht in den
-Augen, nicht in den Mundwinkeln, in keiner Einzelheit: Das würde ihn
-zur Andacht zwingen, und wenn sie ganz verschleiert vor ihm läge: diese
-herrliche Hoheit, diese selige, siegende Demut.
-
-Und er mußte es sagen, lachend, das Überflüssige: „ich liebe dich.“
-
-Und als sie sich erhoben von den Knieen, in ihrer Klarheit, und der
-breite Sonnenstrahl auf der Palette blitzte, nach der Wand hinüber,
-nach dem Myrtenbilde: da stieg es vor ihm auf, neu und mächtig: „Weißt
-du, wie ich dich malen werde? -- Sturm und Nacht -- Fackelbrand -- nur
-Auge und Bewegung --: Magdalena, beglückt den Gekreuzigten tragend!“
-
-„Vom Kreuz wegtragend“ -- sprach ihre Seele.
-
-
-
-
-Das hölzerne Bein
-
-Humoreske
-
-
-An einem sehr warmen Frühlingsabend saßen in einem japanischen Hotel
-vier europäische Gäste beisammen: ein Konsul mit seiner jungen Gattin,
-ein ihm vom Klub her befreundeter Baron, und ein zu Studienzwecken
-hergereister Doktor der Naturwissenschaften, der sich über diese
-Freundschaft allerlei stille Gedanken machte und daher laut über etwas
-Anderes sprach.
-
-„Mein verehrter Herr Doktor,“ entgegnete nun der Baron und schlug mit
-seinem Stock an sein rechtes Bein, so daß es einen harten Klang von
-sich gab, „ich möchte Ihre Philosophie, mit der Sie uns soeben erbaut
-haben, nicht auf die Feuerprobe stellen. Den Lohn, den die edle Tat in
-sich selbst tragen soll, den trägt doch wohl höchstens der Täter in
-sich selbst. Und wenn er sich keines Spiegels bedient: woraus sieht er,
-daß seine Tat edel war? Vielleicht war sie eitel Narretei. Der Spiegel
-aber mag noch so heimlich hängen, er bedeutet immer das Auge der Welt.“
-
-Der Angeredete blickte absichtsvoll unter den Sonnenschirm seiner
-Nachbarin und fragte angelegentlichst: „Sind Sie auch so unfrei,
-gnädige Frau? Brauchen Sie immer ein fremdes Auge, um selbst zu fühlen,
-wie schön Sie sind?“
-
-Die junge Frau errötete langsam, während der Baron sein
-schwarzgerändertes Einglas unter seine sandelholzrote Braue klemmte und
-mit seinen onyxschwarzen Pupillen schamlos auf ihren Gatten starrte,
-der statt ihrer lachend erwiderte: „Aber Doktor, Sie sind ja der reine
-Buddhist. Es wird Zeit, daß Sie nach Europa zurückgehn. Wenn Sie erst
-glücklicher Ehemann sind, werden Sie anders über die Damen denken.“
-
-Der junge Naturforscher sagte „Nie!“ mit einer beteuernden
-Handbewegung. Die schöne Frau ließ ein schüchternes „Bravo“ hören.
-
-Der Baron klopfte wieder an sein Bein, hob die juwelengeschmückte
-Linke, tupfte an seinen schwarzgefärbten, amerikanisch gestutzten
-Schnurrbart, um ein Gähnen zu unterdrücken, betastete noch sein rotes
-Haupthaar und versetzte kameradschaftlich: „Lieber Konsul, wozu den
-Doktor bekehren. Lassen wir ihm seine Lebensweisheit; wir sind beide
-wenig älter als er. Vielleicht ist sein männliches Selbstgefühl die
-naturnotwendige Vorbedingung zur Verübung edler Taten; ebenso wie
-das weibliche zur Begehung einer glücklichen Ehe. Ganz im Ernst,
-meine Gnädigste!“ Er zeigte seine weißen Zähne, die zu blank und zu
-regelmäßig waren, als daß sie hätten echt sein können.
-
-Die Dame äußerte unbefangen: „Sie sind ein schlimmer Schmeichler, mein
-Freund“ -- konnte aber doch nicht verhindern, daß ihr wieder eine
-Röte aufstieg. Ihr Gatte gab dem Baron sein Lächeln zurück: „Es kommt
-immer drauf an, wer den Spiegel hält!“ Und der junge Gelehrte sprach
-mit Selbstüberwindung: „Auch sind wir ja nicht hierhergekommen, um
-moralische Disputationen zu pflegen. Der Buddha dort drüben belächelt
-uns +alle+.“
-
-Die vier so zusammen Plaudernden saßen auf der freien Terrasse des erst
-vor kurzem gebauten Hotels; es lag in der Nähe des Tempeldörfchens
-Mijama. Andere Gruppen von Reisenden saßen an den Nebentischen, unter
-den großen bunten Papierschirmen, die man noch immer aufgespannt hielt,
-obgleich die Sonne schon hinter den Bergen war. Vor der Terrasse
-standen in weitem Bogen die leeren Rikscha-Wägelchen, zwischen deren
-zwei Rädern die halbnackten Kulis lagen, als ob sie am Boden Kühlung
-suchten vor dem ungewöhnlich schwülen Aprilabend.
-
-Man war von Kioto herkarriolt, um das Fest der Kirschblüte anzusehen,
-das am nächsten Tage hier stattfinden sollte, und zugleich den
-berühmten Daibutsu zu betrachten, eine riesige alte Buddha-Statue aus
-ehemals vergoldeter Bronce, die auf dem Tempelhügel des Dörfchens
-ragte. Über der Waldung von blühenden Kirschbaumhainen, die sich rings
-um den heiligen Ort hochbauschte, thronte der göttliche Koloß an dem
-bleigrauen Horizont wie aus einem schimmernden Wolkenkissen.
-
-„Vorzüglich gelegenes Hotel“, bemerkte der Konsul mit Kennermiene;
-„wird sicher bald in Mode kommen.“
-
-„Auch für Staffage ist schon gesorgt“, warf der Baron nachlässig hin
-und wies auf eine Schaar einheimische Pilger, die mit ihren großen
-Strohtellerhüten und schilfgeflochtenen Wettermänteln hinter den
-Rikschas kauerten; augenscheinlich durften sie dort übernachten.
-
-Der Konsul lachte weltkundig, während der Doktor nicht umhin konnte,
-seine Nachbarin stirnrunzelnd anzuschauen. Er hatte den Ausflug
-vorgeschlagen, hoffte endlich diesem holden Geschöpf, das für den
-spaßhaft lauten Gatten offenbar viel zu zartfühlend war, im Freien
-etwas vertrauter zu werden, und nun ließ der Baron mit seiner
-Spitzfindigkeit keinen herzlichen Ton aufkommen.
-
-Sie schob jetzt ihren Schirm beiseite, und er wollte ihr behilflich
-sein. Aber der Baron hatte schon einem Diener gewinkt, und der
-klappte hurtig das bunte Ding zusammen, ehe ein Andrer den Arm danach
-ausstrecken konnte. „Die Luft ist so drückend,“ erklärte sie, „wie
-unter einer Taucherglocke. Hoffentlich gibt es kein Gewitter morgen.“
-
-„Gnädige lieben doch sonst den Aufruhr der Elemente“, sagte der Baron
-mit starren Pupillen. Sie schien etwas entgegnen zu wollen, blickte
-aber unsicher weg, errötete wieder und erhob sich. Der Doktor,
-ebenfalls aufstehend, suchte nach einem Beruhigungswort, brachte aber
-zu seiner Verwunderung nur heraus: „Vielleicht liegt ein Erdbeben in
-der Luft.“
-
-Während der Konsul ihn lachend belehrte, daß Erdbeben in dieser
-Jahreszeit, was er natürlich selbst schon wußte, so selten seien wie
-glückliche Ehen, machte auch der Baron Anstalten, sich aus seinem
-Korbstuhl zu erheben. Das geschah, indem er zuerst sein rechtes Bein
-in einen rechten Winkel rückte, dann das linke dicht daneben setzte,
-den schwarzen Stock fest auf den Boden stemmte und mit einem Ruck sich
-emporschnellte; dabei zuckte flüchtig ein verbissener Schmerz durch
-sein schönes bleiches Gesicht, aber zugleich verzog er die knappen,
-himbeerrot geschminkten Lippen zu einem überlegenen Lächeln, das
-gleichsam Leidlosigkeit atmete.
-
-Es war auffällig, wie er durch dies Lächeln dem großen Buddha ähnelte,
-der über der ganzen Landschaft thronte. Auch hatte der Doktor verlauten
-hören, die Mutter des sonderbaren Herrn sei ein vornehmes Hindufräulein
-gewesen, eine Radschah-Tochter oder dergleichen. Doch wurde ihm dadurch
-nicht eben klarer, was diesen Krüppel so anziehend machte, der seine
-notgedrungene Künstlichkeit noch künstlicher aufzustutzen beliebte.
-Man wußte nicht recht, ob nur sein eines Bein oder beide nachgemacht
-waren; er bewegte sie gleicherweise wie ein paar feine Ersatzstücke.
-Und da er die rechte Hand stets behandschuht trug, selbst beim Essen
-und Billardspielen, mußte wohl irgend etwas auch daran nicht natürlich
-beschaffen sein.
-
-Es liefen allerlei Gerüchte um, woher er so verunstaltet wäre. Manche
-erzählten, er habe als Jüngling ein auf der Straße spielendes Kind vor
-einem durchgegangenen Pferd gerettet und sei dabei selbst überfahren
-worden; vielleicht deshalb vorhin sein leiser Spott über den Lohn
-der edlen Tat. Andere sprachen von einer Tigerjagd und einem wütend
-gewordenen Elefanten. Seine Freunde scherzten wie er selber über diese
-wilden Geschichten, und der Konsul hatte einmal, wenn auch nicht in
-seiner Gegenwart, die schnurrige Frage aufgeworfen, was für echte
-Glieder wohl an ihm blieben, wenn er abends ins Bett stiege.
-
-Zur Zeit trug er wiegesagt tiefrotes Haar und einen kurzen schwarzen
-Schnurrbart; vor etwa einem halben Jahr, als der Doktor ihn kennen
-lernte, hatte er die Farben umgekehrt getragen. Man munkelte, daß
-er sich wie ein Perser den Schädel kahl rasieren ließe und zwölf
-verschiedene Perücken benutzte, vom harten Gelbrot bis zum weichsten
-Schwarzrot, für jeden Monat eine andre. Sicher echt war, außer seinen
-Juwelen, nur der steinige Glanz seiner schwarzen Augen, der jedes
-Mitleid weit von sich wies, und der metallische Klang seiner Stimme,
-der an die schwere Verhaltenheit des deutschen Waldhorns erinnerte.
-
-„Der Buddha macht schon Nachttoilette“, sagte er plötzlich zu der Frau
-Konsul, nach dem Koloß am Horizont hindeutend. Der hockte auf seiner
-weißen Blütenwolke, wie mit einem golddurchwirkten dunklen Florhemd
-angetan, und sein verwittert lächelndes Antlitz schien von himmlischen
-Ahnungen umschimmert. „Wir wollen auch bald zur Ruhe gehn“, antwortete
-die schöne Frau, nur halb einen Seufzer unterdrückend, der den Doktor
-ebenso sehr entzückte, wie der Witz des Barons ihn verdroß.
-
-Sie traten in die Hotelhalle und begaben sich an den Fahrstuhl, der
-sie ins erste Stockwerk befördern sollte. Der Baron mit der Dame nahm
-den Vortritt; vier hatten nicht Platz in dem schmalen Kasten. Als der
-Doktor neben dem Konsul nachfuhr, bemerkte dieser mit seinem üblichen
-Lachen: „Famoser Knabe, der Herr von Hinkebein! Gewöhnt meiner Frau die
-Romantik ab!“
-
-Oben stand der Baron bereits im Begriff, sich von ihr zu verabschieden;
-in dem elektrischen Licht des Korridors sahen seine Augen noch
-verhärteter aus, und die ihren noch schmelzender. „Gute Nacht! Auf
-schönes Wiedersehn!“ sagte er mit der verhaltenen Stimme und zog ihre
-Hand an seine Lippen; sie nickte, wie schon halb im Traum.
-
-Der Doktor wollte auch etwas Zartes sagen; aber der Baron kam ihm
-wieder dazwischen. „Gute Nacht, Doktor!“ intonierte er schärfer, ihm
-die behandschuhte Rechte hinstreckend; „und träumen Sie von edlen
-Taten!“ Der junge Gelehrte konnte nur spöttisch erwidern: „Leider bin
-ich kein Joseph, Baron!“ Und unter dem Lachen des Konsuls suchte er,
-etwas verstimmt, sein Zimmer auf.
-
-Mitten in der Nacht erwachte er schreckhaft, trotzdem er sonst ein
-gesunder Schläfer war. Ihm hatte geträumt, die schöne Frau habe von
-fern um Hilfe gerufen, sodaß er aus dem Bett springen wollte; aber am
-Fußende stand der Baron und hielt ihn an beiden Beinen gepackt, um sie
-ihm aus dem Leibe zu ziehen.
-
-Während er noch darüber nachsann und seine Glieder erleichtert dehnte,
-fühlte er unversehens ein Schwanken, als läge er in einer Kajüte. Er
-hielt es noch immer für Traumnachwirkung, aber da knackte und knarrte
-es in den Wänden, als wollte das Haus aus den Fugen gehen, und zugleich
-kam von der Terrasse her ein verworrenes Geschrei vieler Stimmen, sodaß
-er nun wirklich vom Bett aufsprang.
-
-Also doch ein Erdbeben! dachte er mit einer gewissen Genugtuung, indem
-er die Beleuchtung andrehte. Er hatte noch keinem beigewohnt und war
-jetzt einigermaßen erstaunt, daß er von seinem Schreck nichts mehr
-spürte, auch nichts von der fiebrigen Unruhe, die nach den meisten
-Beschreibungen mit einem solchen Erlebnis verbunden sein sollte.
-Freilich wußte er, daß bei Neulingen die Angst am gelindesten auftreten
-sollte, und daß das Hotel bebensicher gebaut war; aber immerhin, er
-konnte zufrieden sein mit seinem wissenschaftlich gestählten Gemüt.
-
-Er warf sich rasch in die Kleider, nahm seine Reisetasche und eilte die
-nächste Treppe hinab; sämtliche Korridore waren erleuchtet, und in den
-Dielen knackte es wieder. Die Terrasse lag jetzt menschenleer; aber im
-Halbdunkel bei den Rikschas schob sich ein zappliges Getümmel, Gäste
-und Kulis durcheinander. Nur die Pilger knieten oder kauerten abseits,
-laut ihre Rosenkränze abbetend und nach dem Buddha hinüberstarrend,
-dessen lächelndes Antlitz wie trunken glühte. In dem Tempeldorf schien
-ein Brand ausgebrochen; eine riesige rauchige Flammengarbe stand
-hellrot über den Kirschblütenwipfeln, und dumpfe Gongtöne dröhnten her.
-
-Unberührt von alldem saß bei dem vordersten Wagen, nur mit Hut und
-Hemdchen bekleidet, ein kleines amerikanisches Mädchen, das mehrmals
-die Hand auf die Erde legte, als ob es etwas fühlen wollte. „~Doesn’t
-move~“, rief es schließlich enttäuscht seiner aufgeregten Mutter
-zu, die sich mit einem Kuli zankte. Dem Doktor fiel ein, daß er in der
-Eile seine Uhr oben hatte liegen lassen; zugleich aber schüttelte ihn
-ein Erdstoß, von dem die ganze Terrasse wankte, und durch die Hausmauer
-fuhr ein knirschender Riß.
-
-Er stand noch prüfend und überlegend, ob er trotzdem zurücklaufen
-sollte, als zwischen mehreren flüchtenden Gästen der Konsul aus der
-Halle gerannt kam und ihn mit verstörtem Lachen begrüßte. Dem Doktor
-fiel ein, daß er in der Eile auch noch garnicht an die Andern gedacht,
-sie auch nirgends gesehen hatte, und aufgebracht schrie er den
-Lachenden an: „Aber wo ist denn Ihre Frau?!“
-
-„Ja! Wo?“ schrie dieser, noch sinnloser lachend. „Ich habe genug an ihr
-Zimmer geklopft, und da sie keine Antwort gab, meint’ich natürlich, sie
-sei schon unten.“
-
-„Also zurück!“ schrie der Doktor nun, warf seine Reisetasche weg
-und stürmte zur Treppe, wieder hinauf. Die Vorstellung, daß dies
-entzückende Weib, das sich gestern Abend in rührender Müdigkeit kaum
-noch aufrecht zu halten vermochte, vielleicht von einem plumpen Stück
-Wand im Schlaf verstümmelt werden könnte, empörte ihn gegen den lauen
-Gatten und gab seinen Schritten wilde Flügel. Atemlos stand er vor
-ihrem verriegelten Zimmer, klopfte, horchte -- und klopfte stärker;
-eine tolle Freude durchzuckte ihn, daß sie den Konsul ausgesperrt hatte.
-
-Jetzt kam auch der herangekeucht, und sie klopften Beide an der Tür,
-horchten, klopften und trommelten -- horchten nochmals: nichts rührte
-sich drinnen. Auf einmal ruckte, krachte es allenthalben, und sie
-hörten einen erstickten Angstruf. Der Doktor packte taumelnd den
-Türgriff, der Konsul desgleichen: das Schloß sprang auf. Es war also
-garnicht verriegelt gewesen; doch Bett und Zimmer waren -- leer.
-
-Sie starrten einander verdutzt ins Gesicht, da kam eine neue Stoßwelle
-nach, und wieder ein unterdrückter Angstschrei. Kein Zweifel, das
-war +ihre+ Stimme; nur kam sie von jenseits des Korridors. In
-diesem Augenblick fühlte der Doktor, wie sich vor Schreck seine Haare
-sträubten: er sah die Gesichtshaut des Konsuls lakenweiß werden,
-während er selbst bis über die Schlafen wie ein Junge errötete: die
-Stimme kam aus dem Zimmer des Barons.
-
-Der Konsul machte eine Grimasse, blickte plötzlich wie ein Rasender
-um sich und stürzte nach dessen Tür hinüber; es schien, er wollte sie
-einschlagen. Aber sie öffnete sich bereits, und er prallte mit offenem
-Munde zurück. Auf der Schwelle erschien der Baron, prangend in seinem
-vollen Schmuck, blos das rechte Bein fehlte in der Hose; hinter ihm
-stand die schöne Frau, in ihrem langen Nachtgewand, die Augen von
-reinstem Mitleid verklärt, und hielt mit zärtlichem Entsetzen zwischen
-den aufgelösten Flechten sein Holzbein an ihrem verhüllten Busen.
-
-Kerzengrad auf den Krückstock gestützt, trat er in den Korridor, ohne
-mit einer Miene zu zucken. „Es wimmelt ja heute von edlen Taten!“ sagte
-er und begann zu lächeln; „die Gnädige wollte mich auch schon retten.“
-
-So sprechend reichte er mit starren Pupillen, während sie in
-schwärmerischer Verschämtheit das Bein mit ihrem Haar zudeckte, dem
-endlich wieder lachenden Konsul seine juwelenblitzende Linke. Und der
-Doktor sah im Hintergrund durch das weitgeöffnete Zimmerfenster den
-feuertrunken lächelnden Buddha über der Blütenwolke thronen.
-
-
-
-
-Die gelbe Katze
-
-Burleske
-
-
-Nichts wirkt bestimmender als das Unbestimmte. Mit dieser Nutzanwendung
-pflegte mein Bruder Ernst mir seine Erlebnisse zu berichten. Jetzt ist
-er tot. Kurz vor seinem Ende schrieb er mir Folgendes.
-
-Wenn die Frau, für die ich meine eigne verlassen wollte, mit mir von
-ihrem Manne sprach, kam sie mir immer häßlich vor. Ihre bräunliche
-Haut wurde dann gelblich, das wilde Haar schien schwarzer und tiefer
-in die Stirn gewachsen, der Pechglanz ihrer Augen wurde siechend und
-der Ausdruck des schwungvollen Mundes hilflos. Ich nannte das ihr
-Dienstmädchengesicht; aber es war mir unerklärlich.
-
-Sie beherrschte den Mann; aber das konnte sie doch nicht mehr fesseln.
-Sein Körper war ihr unerträglich geworden, sein spöttischer Witz nicht
-minder. Seine Rachsucht fürchtete sie nicht, und seine Gutmütigkeit
-verachtete sie. Für Freiheit schwärmte sie wie eine russische Fürstin.
-Warum also blieb sie noch bei ihm? --
-
-Freilich hatte sie ein Kind von ihm. Aber das faßte sie nicht gern an,
-trotzdem sie es sehr lieb zu haben glaubte. Mit meinem Töchterchen
-spielte sie lieber und sehnte sich nach einem Sohn von mir.
-
-Auch auf sein Geld war sie nicht angewiesen; er hätte ihr das ihre
-nicht vorenthalten, er war ein Ehrenmann. Daß er mich im Duell
-erschießen könnte, befürchtete sie ebenso wenig; ich hätte ihm zu Ehren
-mein Leben nicht aufs Spiel gesetzt -- (hier log mein Bruder Ernst) --
-und ihr zu Liebe brauchte ich’s nicht, mein Dasein war ihr werter als
-das Urteil der Leute.
-
-„Ist es, weil du dich vor deinen Eltern schämst?“ fragte ich sie eines
-Tages, während wir auf einem Ausflug waren.
-
-„Ja, vielleicht“ -- sie lächelte kindlich; ihre tausend Sommersprossen
-schillerten. Dann machte sie ihr Schlangengesicht, als wollte sie das
-Wort verschlucken; und gleich drauf lachte sie wie eine Bachantin.
-
-Wir gingen durch mein Lieblingsdorf, ein Krondorf aus der Zeit des
-großen Friedrich. Es war an einem Karfreitag. Zu Ostern wollte sie in
-ihre Heimat reisen; der Frühling am Rhein war ihr das Paradies. Wenn
-sie davon sprach, erschien sie mir wie die leibhaftige Jungfrau Maria;
-ihre nachtbraunen Augen verklärten sich.
-
-Die Kastanienknospen standen schon ganz dick und grün; manche machten
-schon die Finger auf. Die Ahornblüten glänzten goldgelb durch den
-blauen Abend. „Daraus mach ich mir ein Feeenszepter“, sagte sie, „wenn
-ich mit meinem Vater durch die Berge reite.“
-
-Ich sah sie an -- „Es gibt auch böse Feeen, du“ -- und wollte sie
-küssen. Zwischen ihre schwarzen Brauen trat ein queres zuckendes
-Fältchen; wie immer, wenn sie sich mir überlegen fühlte. Die üppige
-Nase zuckte mit. Ich küßte nicht.
-
-Plötzlich wurden ihre Pupillen lüstern groß. „Sieh, wie unheimlich!“
-flüsterte sie und zeigte über die Straße. Alle ihre Sommersprossen,
-selbst auf den Lippen, schienen verschwunden. Der schwellende Mund
-wurde dunkler. Das war ihr Hexengesicht; das sechste, das ich an ihr
-unterschied.
-
-Ich ging mit ihr hinüber. Auf einem künstlichen Hügel stand ein
-seltsames Häuschen hinter dem Zaun. Es war stets unbewohnt, ich kannte
-es schon. In der hellen Dämmerung sah es noch spukhafter aus.
-
-Zwei riesige Platanen streckten ihre noch kahlen Äste wie
-Leichenknochen über das flache Dach. Die Wände waren fahl und fleckig.
-Links wiegte ein verkrümmter Lebensbaum sein finstres Laub. Mitten
-aus der Vorderwand schob sich ein rundes Spitztürmchen vor, das an
-chinesische Hüte erinnerte; die Tür war verschlossen. Um die kleinen
-Bogenfenster krochen Borten aus gotischem Schnörkelwerk; die Scheiben
-waren so schwarz wie die Pupillen meiner Begleiterin. Zwischen der
-rechten Ecke des Hauses und dem Stamm der einen Platane ging die
-gelbrote Sonne unter.
-
-„Hier möcht ich manchmal wohnen“, sagte die schöne Frau. In diesem
-Augenblick kam langsam über den Hügelrücken, grade wie aus der Sonne
-heraus, eine große gelbrote Katze und setzte sich vor die verschlossene
-Tür.
-
-Das Bild verstimmte mich, so tief voll Stimmung es war. Die
-schwarzbraunen Augen des Viehes erinnerten mich unbestimmt an
-eine Kindesmörderin aus einem Wachsfigurenkabinett. Die Sonne war
-verschwunden; das Fell sah nun noch gelber aus, fast seidig. Sie
-starrte blinzelnd herunter auf uns; mich fröstelte. Ich klatschte in
-die Hände; sie lief weg.
-
-Die schöne Frau war zusammengefahren und sah mich etwas unwillig an.
-„Ich liebe Hauskatzen nicht“, sagte ich rauh. Sie nickte stumm und
-nahm hingebend meinen Arm. Wir wandten uns zur Heimkehr, aber der böse
-Eindruck verließ mich nicht. Je zärtlicher sie mit mir sprach, umso
-verstimmter wurde ich. Ich schob es auf den Karfreitag. Immerfort durch
-unser Geflüster hörte ich Jesu Trostwort an den gekreuzigten Mörder:
-Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.
-
-Fast verlegen küßte ich sie zum Abschied, und sagte lachend: „Auf
-Wiedersehen, Magdalena.“ Sie machte ihr Jungfraungesicht.
-
-Die Nacht drauf träumte mir -- (mein Bruder Ernst hielt nämlich Träume
-ebenfalls für Erlebnisse) -- ich sähe aus dem Fenster und schräg mir
-gegenüber stünde das seltsame Häuschen. In den schwarzen Scheiben
-glomm das Sternlicht. Plötzlich wurden sie blendend hell. Das ganze
-Haus stand erleuchtet bis in den löchrigen Schornstein hinauf. Fenster
-und Türflügel klappten auf; und aus Allem, was offen war, Luken und
-Löchern, vom Dach herab und von den Wänden, sprangen unzählige schwarze
-Katzen und stoben lautlos in die vier Winde. Zuletzt kam langsam eine
-große rötlich-gelbe aus der Tür, starrte blinzelnd nach mir her, und
-verlor sich gleichfalls in die Finsternis. Dann schloß das Haus sich
-ebenso lautlos und war mit Einem Schlag wieder dunkel.
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-Der Morgen kam. Ich saß mit meiner Frau beim Kaffee; wir besprachen
-unsre Trennung. „Wenn du mit Bestimmtheit fühlst“, sagte sie mit ihrer
-treuen Stimme, „daß die Andre für dein Glück geschaffener ist als ich,
-darf ich dich nicht halten“ -- da ging die Flurglocke.
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-Das Dienstmädchen meldete, ein fremdes Fräulein wünsche mich zu
-sprechen; ich ging ins Nebenzimmer. Eine große junge Dame trat mir
-entgegen; ich erschrak. Sie war ganz in gelbrote Seide gekleidet, ihr
-schwarzes Haar bedeckte ein Strohhut mit einem Zweig von künstlichen
-Ahornblüten; sie hatte alle Züge der schönen Frau, nur nicht so
-sarazenisch, gleichsam zahmer. Ich stand sprachlos.
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-War sie’s doch vielleicht? Nein! Gestern war sie verreist. Und jeder
-Gesichtszug war mir doch fremd. Und eine Schwester hatte sie nicht.
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-Die Dame lächelte kindlich; ihre tausend Sommersprossen schillerten.
-„Sie kennen mich wohl nicht“, fragte sie leise; ich verneinte
-beklommen. „Ich bin die gelbe Katze“, sagte sie schnurrig; mich
-fröstelte. Dann fiel mir ein: vielleicht ein Vexierscherz der schönen
-Frau -- sie hatte Bekanntschaft in Bühnenkreisen. Die Dame blinzelte,
-und zwischen ihre Brauen trat ein queres Fältchen; „ich soll Sie
-abholen“, flüsterte sie.
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-Aus ihren Augen sah ein schlangenhafter Glanz, der mich bestrickte.
-Gleich? fragte ich. „Gleich!“ Wir gingen.
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-Wir gingen schweigsam die Treppen hinunter; vor der Tür stand ein
-Wagen. Wir fuhren durch zahllose Straßen, ebenso schweigsam; sie schien
-mich garnicht zu beachten. Die Straßen wurden enger, die Häuser immer
-höher, die Gegend mir unbekannt. Einmal nickte sie flüchtig; da sah ich
-eine schwarze Katze durch einen Torweg haschen. Einmal strich sie sich
-ihr wirres Haar mit ihrem gelben Handschuh glatt. Endlich hielt der
-Wagen; ich folgte ihr willenlos.
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-Wir gingen durch einen dumpfigen Hof, dann mehrere eiserne Stiegen
-empor, und durch viele halbdunkle Gänge. Ein wahres Labyrinth von
-Haus; die Luft roch modrig. Vor einer pechschwarzen Flurtür machte sie
-Halt und drückte auf etwas Unsichtbares. Die Tür sprang auf, ich stand
-geblendet. Eine stechende Lichtpracht schlug mir entgegen, wie von
-tausend Kronleuchtern her.
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-Als ich zu mir kam, stand ich in einem Saal, der unabsehbar schien;
-vor mir, hinter mir, nach allen Seiten Spiegelwände. Und mitten durch
-den Saal, der Länge nach, von allen Seiten widergespiegelt, stand eine
-endlose Reihe von lautlos sich drehenden schwarzgekleideten Damen und
-lautlos hopsenden mausegrauen Herren, wie nach dem Rhythmus einer
-übersinnlichen Tanzmusik.
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-Keine der Damen -- (hieraus entnahm ich, daß mein Bruder Ernst noch
-immer träumte) -- hatte blos Einen Herrn, die meisten zwei, manche
-auch drei; einige schienen ein Dutzend zu haben, falls mich die
-Spiegel nicht täuschten. Alle trugen sie, so lustbar sie sich drehten,
-einen sonderbar hilflosen Trübsinn zur Schau, fast wie Automaten; die
-mittelste hielt ein weinendes Kind im Arm.
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-Immer wenn sich eine der Damen dem einen ihrer Herren etwas tiefer
-hinbog, tat dieser einen besonders hohen Hops, sodaß die mausegrauen
-Frackschöße, die sonst bis auf den Boden schlappten, die Luft
-durchschwänzelten. Dann warfen ihm die andern Herren, zumal die dicken,
-wütende Blicke zu; aber die Dame lächelte kindlich, dann wurden selbst
-die dicksten wieder sanft.
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-Mir fing an schwindlig zu werden; ich sah mich um nach meiner gelben
-Führerin. Ein Schauder beschlich mich: alle ihre Sommersprossen waren
-verschwunden. Die Pupillen hexenhaft groß, stand sie wie die Fürstin
-dieses Tanzspiels da und schüttelte die bachantischen Locken. Ihr Haar
-war aufgegangen, der Strohhut lag am Boden. In der Rechten hatte sie
-den falschen Ahornblütenzweig und schwang ihn wie ein Szepter. Das
-Gesicht war dunkelbraun, die schwungvolle Nase schien verbogen. Sie
-nickte mir zu.
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-In diesem Augenblick sprang hinter ihr die Spiegeltür von neuem
-auf; und stumm herein, in mausegrauem Frack, die Schöße zwischen
-den Fingerspitzen, grad auf mich los, kam der Gatte der schönen
-Frau gehopst. Ich wollte schon laut herauslachen, da seh ich in
-der Spiegeltür, die langsam wieder zugeht, entsetzt mich selbst im
-mausegrauen Frack, und plötzlich fang ich auch mit zu hopsen an.
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-Ich ringe verzweifelt nach Stillstand. Ich werfe der schönen Frau
-die ernstesten Blicke zu. Vergebens. Je tiefer sie mir in die Augen
-blinzelt, umso höher hopse ich.
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-Ich suche dem Gatten näher zu kommen. Ich will ihn aufreizen, mich zu
-packen. Er sieht mich spöttisch an und hopst.
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-Ich will ihm beweisen -- ich hopse. Ich will ihm zeigen -- er hopst.
-Ich will ihn zu Boden schlagen -- wir hopsen.
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-Ich will der schönen Frau zu Füßen stürzen. Ich will sie beschwören,
-gnädig zu sein. Ich will und will, und kann es nicht --: ihre braune
-Haut wird häßlich gelb, ihr Haar scheint mähnenhaft gesträubt und
-tiefer in die Stirn gewachsen, ihr Blick wird stechend, der Ausdruck
-des üppigen Mundes hilflos: sie hat ihr Dienstmädchengesicht.
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-Ich schreie schmerzhaft auf -- und bin wach.
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-Neben mir am Bett stand meine Frau mit unserm Töchterchen und strich
-mir durchs Haar. „Vater“, sagte die Kleine bedächtig: „du hast so
-furchtbar komisch im Schlaf ausgesehn.“ Ich küßte beiden die Hände.
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-Seit diesem Morgen -- so schloß mein Bruder Ernst sein seltsames
-Schreiben -- ist mir die gelbe Katze nicht mehr gefährlich. Bald darauf
-starb er in einem Duell; er hatte der Dame Lebwohl sagen wollen, und
-die Wände hatten Ohren gehabt. Er starb durch die zitternde Hand des
-Herrn Gemahls; er, der vortreffliche Schütze. Nichts wirkt bestimmender
-als das Unbestimmte.
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-Die Gottesnacht
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-Ein Erlebnis in Träumen
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-Erster Traum
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-Ich spürte, ich würde gleich einschlafen. Und ich wünschte es sehr nach
-den tristen Gedanken, die wegen der abends empfangenen Todesnachricht
-seit Stunden in mir rumorten. Ich sann noch über den Eigensinn
-nach, mit dem sich die junge Selbstmörderin die langsamste Todesart
-ausgesucht hatte; doch ich war schon erlöst von dem Sinn in den
-Worten, die durch mein müdes Gehirn schossen. Ich hörte beseligt den
-Drosselgesang, der aus dem Wort Erdrosselung klang, und wunderte mich
-über die Bilder, die sich aus jedem Satzglied entpuppten. Da stand sie
-auf einmal deutlich vor mir: die rätselhafte Gliederpuppe.
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-Wie war sie nur in mein Zimmer gekommen? Da stand sie zwischen Tür und
-Schrank mit ihrem wachsbleichen Gesicht wie eine Auferstandene. Die
-großen gläsernen goldbraunen Augen starrten mir so bekannt ins Herz,
-als hätten sie schon in früher Kindheit über meinen Spielen gewacht.
-Und ein Schmelz war darin, als ob sie lebten; als ob sie mich liebten;
-fast mütterlich. Aber natürlich, das schien nur so; ich mußte mich
-nur recht erinnern. Denn ja, meine Mutter hatte sie ja meinen Kindern
-zu Weihnachten geschenkt, diese lebensgroße Gliederpuppe; und das
-Lächeln um die schmalen Lippen blieb immerfort so unbeweglich, wie
-die Falten des steifen brokatenen Mantels um ihre sanftgeschwungenen
-Achseln. Ja, sie war tot; tot wie die schönen phantastischen Blumen
-dieses alten indischen Tempelmantels, der sie bis zu den Füßen hinab
-verhüllte. Zwischen solchen Blumen spielte ich einst und pflückte einen
-Strauß davon; für ihre bleichen gefalteten Finger. Damals hatte ich
-sie noch angebetet. Denn sie thronte auf einem vergoldetem mit Rubinen
-und Perlen geschmückten Altar und war die Göttin der Barmherzigkeit;
-das war wohl viele hundert Jahre her. Warum sah sie mir nun so starr
-ins Herz, als ob ich sie getötet hätte? Sie hatte sich doch selbst
-entleibt! Ich träumte wohl?
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-Nein, sie hielt ja noch immer die Finger gefaltet und stand groß
-zwischen Tür und Schrank. Wenn ich nun mit ihr betete, ob sie sich dann
-vielleicht rühren würde? Denn sie war doch früher beweglich gewesen;
-wenn ich an ihre Gelenke rührte, dann klirrten noch die zersprungenen
-Drähte, bis in den hohlen Brustkorb hinein. Ich seufzte auf, da
-klirrten sie wieder; und ihre Arme zuckten ein wenig. Ob sie mich
-niemals mehr anrühren würde? mich immer blos so unverwandt ansehn? Ich
-spürte ein Stechen in meiner Brust, als ob aus den Drähten elektrische
-Funken herzuckten. Ich hörte wieder das leise Klirren; oder klang noch
-immer der Drosselgesang? Ich wollte beschwörend die Hände ausstrecken,
-aber das Stechen in meiner Brust drang mir bis in die Fingerspitzen.
-Ich wollte wegblicken -- da blickt sie mir nach.
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-Ich träume ja nur! will ich mir einreden; aber sie blickt auf meine
-Hände. Auf den Rubinring an meiner Linken; der beginnt zu glühn wie
-ein Altarlämpchen. Auf den Trauring an meiner Rechten; der beginnt
-zu glänzen wie Tränenperlen. Und auf den Ring, den mein Vater mir
-schenkte, als ich noch keinem Weibe gehörte. Warum quälst du mich,
-Mutter? will ich stöhnen; aber ihr Blick verschließt mir den Mund. Ich
-will mich aufrichten; ich liege gebannt.
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-Ihre Augen beginnen zärtlich zu leuchten, und der Glanz der Ringe
-wird funkelnder. Ihre Augen funkeln begehrlich mit; der Glanz der
-Ringe erlischt auf einmal. Das sind nicht meiner Mutter Augen! meine
-Mutter blickt sanft, meine Mutter ist fromm! Das sind auch nicht mehr
-die goldklaren Augen, die ich einst angebetet habe, weil die Mutter
-meiner Kinder so blickt. Diese Augen sind schwarz, nein dunkelgrau,
-und kennen nicht Treue noch Gottesfurcht; es sind die Augen der
-Selbstmörderin. Warum hast du dich aber töten müssen? will ich sie
-fragen und höre entsetzt: du hast es doch gewollt, mein Geliebter! --
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-Ich will es leugnen und sehe ihr Lächeln. Vielleicht hat sie garnicht
-die Worte gesprochen. Oder vielleicht verstand ich den Sinn nicht;
-sie sprach von jeher so doppelsinnig. Doch sie läßt den Kopf so
-sonderbar hängen. Ach ja: ich wollte sie ja erdrosseln. Ich höre wieder
-den Drosselgesang; aus dem Wald meiner Heimat kommt er her. Gleich
-wird mein Vater zwischen den Bäumen erscheinen. Nein, es ist ferner
-Flötenklang. Nein, eine Geige jubelt bang. So hat mein toter Freund
-einst gespielt, als wir noch kindisch durchs Haidekraut liefen und
-hinter den Birken die Waldfee suchten. Ach, ein König der Geiger wollte
-er werden, und kommt jetzt gramvoll dahergeschritten im Gefolge der
-Königin. Am Waldrand macht der Jagdzug Halt; und wir beugen alle das
-Knie vor ihr.
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-Warum blickt sie uns so prüfend an mit ihren silbergrauen Augen? Das
-ist mein Freund nicht, das bin ich selbst -- und die Königin Elisabeth
-winkt mir. Erhebe dich, Shakespear! flüstert sie; und ich fühle, wie
-wir uns aufrichten. Er trägt noch die schwarze Scholarentracht, worin
-er der Schule entlaufen ist, und einen verrückten alten Brokathut mit
-gelben Papageienflügeln. Denn ich weiß, wir müssen uns wahnsinnig
-stellen vor der treulosen Königin. Denn sie hat ihn begehrlich
-angeblickt, als ich gestern „Venus und Adonis“ beim Bankett der
-Jagdgäste deklamierte; er aber liebt ihre Kammerdame, die Augen wie
-eine Göttin hat, wie eine Waldfee, wie ein Reh. Das äugt in Todesangst
-durch die Büsche, und ich stehe und stiere es an wie ein Bluthund. O,
-wie gut wir uns wahnsinnig stellen können, wenn wir nichts als eine
-Göttin lieben und solchen verrückten Hut aufhaben! Und nun ahnt sie,
-wieso er Schauspieler wurde und den armen Hamlet gedichtet hat; und
-wir schwenken den Hut vor der treulosen Königin, und sie lächelt in
-Barmherzigkeit.
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-Sie lächelt immer barmherziger; es dringt uns stechend durch Brust und
-Gehirn. Ich will ihr den Hut vor die Füße werfen, und tue es, und stehe
-erstarrt: der Hut hat schwarze Drosselflügel und fliegt zurück auf
-meinen Kopf. Ihr Lächeln wird so grausam barmherzig, daß ich sie dafür
-umbringen möchte. Du hast es ja schon getan, mein Geliebter! raunt
-sie mir unbeweglich zu. Es ist nicht wahr! will ich aufstöhnen; doch
-sie läßt den Kopf so sonderbar hängen. Ist das die englische Königin
-noch, oder blos die indische Gliederpuppe? Wenn sie noch lange da bei
-der Tür steht, wird sie mich wirklich wahnsinnig machen. Warum quält
-sie den armen Hamlet so? sie ist doch seine leibliche Mutter! Sie hat
-doch Augen wie eine Gottheit und blickt mir stechend in mein Gehirn. Ob
-Gott überhaupt nur ein grausames Weib ist? in steter Verpuppung?! die
-Allmutter! -- Aber sie hat ja zersprungene Drähte und läßt den Kopf so
-sonderbar hängen! -- Ich glaube nicht mehr an Gottheiten! knirscht mein
-erstarrter Mund ihr entgegen. Und mit ungeheurem Triumphgefühl weiß
-meine Seele: ich träume nur! --
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-Wenn nur die Drähte nicht immerfort klirrten! das ist doch wirklich
-verwunderlich. Sie klirren lauter, und immer lauter; so laut wie die
-kleine alte Orgel in der Kirche meiner Vaterstadt. Ich lese die goldene
-Jahreszahl 1693 auf dem schwarzlackierten Täfelchen zwischen den elf
-Apostelbildern. Denn der treulose Judas fehlt natürlich; das habe ich
-schon als Kind begriffen. „Salvator Mundi“ steht unter dem zwölften
-Bild, auf klarem, himmelblauem Grund; und neben der eisenbeschlagenen
-Tür thront lächelnd die Mutter mit dem Kinde. Ich höre die Orgel ihr
-Lob anstimmen und weine vor Weihnachtsseligkeit. Die silbernen Fransen
-der Altardecke schwimmen in meinen perlenden Tränen. Ich spiele mit
-diesen schönen Perlen, und lächelnd sieht mir die Mutter zu. Ich bin
-wieder Kind auf ihrem Schooß, und wundre mich nun garnicht mehr. Ich
-bin blos im stillen ein bißchen erstaunt: der Apostel Thomas hat drei
-Hände. Zwei kleinere, die sind wohlgepflegt; aber aus seinem braunroten
-Mantel langt eine dritte, große, aussätzige. Die umklammert ein Buch
-und ist mir entsetzlich. Ich darf mich aber kein bißchen rühren, sonst
-würde sie nach mir herlangen. Ich starre das Buch an: ob Bücher krank
-werden können --
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-und atme plötzlich erleichtert auf: ich erkenne, es ist ja gar keine
-Hand: es ist nur eine Falte des Mantels, die über das Buch geschoben
-liegt. Ich möchte sie wegtun, ich darf aber nicht; sonst kommt der
-Küster und schlägt mir das Buch um die Ohren. Sie dröhnen mir schon;
-er schlägt immer dröhnender. Er schlägt mich wohl mit Glockenschlägen?
-Sie schallen mir donnernd ins Gehirn. Nein, Blitze schlagen wohl um
-mich ein; o Himmel, Hilfe, sie werden mich treffen! Ich will mich
-verstecken; o Mutter, wo bist du?! Ein blendender Strahl schließt
-mir die Augen; ich bin getroffen; der Strahl zerreißt mich. Ein
-unabsehbarer Farbenstrudel spritzt himmelansprühend aus meinem Kopf.
-Ich schreie vor Wonne: mein herrlich Gehirn! Und eine Stimme erwidert
-von oben: es ist bis über die Sterne gespritzt. Ich will ihm nach: o
-himmlisches Licht! Es scheint mir ins Auge; ich erwache.
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-Auf meinem Nachttisch brannte die Kerze noch, bei der ich, um meine
-Gedanken zu stillen, in Shakespears Sonetten geblättert hatte; und an
-der Wand zwischen Tür und Schrank blitzte der Rand des Spiegelglases
-über dem Bildnis meiner Mutter. Ich schlug das Buch zu und löschte die
-Kerze.
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- Ich möchte keiner Flamme bekennen,
- was für Blicke in uns Menschen brennen.
- Kein Spiegel wird uns je klar machen,
- welche Augen in unserm Schlaf erwachen.
- Zwischen dunkeln Wänden ahn’ich mit Beben,
- wieviel Geister hinter jedem Geist leben.
- Denen kann ich nichts vorscheinen;
- denen wird mich das Licht einst einen,
- wo wir Alle in Schweigen schweben,
- Alle im Reinen ...
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-Zweiter Traum
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-Wir gingen die Wurzeltreppe des Hügels hinab, zehn zwölf Mann; oben
-lag die Försterei in tiefem Schnee. Die klare Kälte machte alle stumm;
-der Schnee verschluckte das Geräusch der Schritte. Die Teckel hielten
-sich, vor Frost humpelnd, sorgsam hinter uns im festgetretenen Wege. In
-dem rauhen Reif der Birkenreiser fingerte die Morgensonne; die starren
-Nadelbärte der Kiefernschonung sträubten sich aus ihren weißen Pelzen.
-Es sollte ein Dachs gegraben werden. Ich weiß nicht, wieso dabei schon
-wieder: mir kam der liebe Gott in Sinn.
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-Die Hunde gaben plötzlich Laut; Rädergeklapper kam. Um die Ecke aus
-einem Schleifweg bog die alte Semmelfrau vom Dorf drüben her, auf ihrem
-Köterkarren hockend; ein schußscheuer Jagdhund zog ihn, der einem
-Nachbarförster aus der Art geschlagen war. Unsre Teckel, keifend,
-auf ihn los. Der Hochbeinige weiß nicht, was er dazu sagen soll;
-den Schwanz eingeklemmt, setzt er sich in Trab. Die Kleinen blaffen
-lustiger. Er begreift; und hussa, alle Schwänze hoch, stiebt die wilde
-Jagd, schneeumspritzt, bellend und belfernd den Weg hinunter, die
-falsche Richtung für die gute alte Frau, die schimpfend und jammernd
-auf dem stuckernden Wagen sitzt, mit beiden Armen ihre Semmelkiepe
-umklammernd. Wir, lachend, hinterdrein mit langen Sätzen; am Bahndamm
-unten holen wir sie endlich ein. Die Teckel drücken sich beschämt zu
-ihren Herren; wir lohnen die Alte ab. Und ich denke wieder an den
-lieben Gott.
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-Schwitzend schreiten wir weiter. Der Schnee fängt an zu blenden und den
-Augen weh zu tun; die Bahnschienen flimmern. Von der andern Seite her
-taucht funkelnd ein Flintenlauf über den Damm, eine wohlbekannte Mütze
-aus Otterfell. „Der Nachbarförster“, sagt jemand scheu; Einer wird
-bleich wie der Schnee. Jetzt steht der Alte oben, straff, im grünen
-Galastaat, die nackte rote Faust auf der Krone des Hirschfängers. Sein
-grauer Kinnbart perlt von Eis, die große Hakennase wirft einen Schatten
-über die Backenfurchen bis zum Ohr; suchend brennen seine stahlblauen
-Augen. „Komm her!“ ruft er heiser. Der Bleichgewordene gehorcht. Nun
-stehn sie mitten auf dem Damm, im stechenden Licht. „Zieh den Handschuh
-ab!“ hör ich mit Grauen, fühlend, wie sich der Alte beherrscht. „Wo
-hast du den Ring?“ fragt er drohend. Keine Antwort. Der Alte zittert.
-Seine Finger spannen sich um den Hirschfängergriff. Ein Ruck: die
-Schneide blitzt. Bis zur Hälfte; hohnlachend stößt er sie zurück. Mit
-unsäglicher Verachtung speit er in den Schnee, zum Gehn gewendet.
-„Vater!“ schreie ich auf, in die Kniee stürzend. Er geht.
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-Ein Krampf schüttelt mich. Meine starren Augäpfel sehen mich zucken; in
-weiter Ferne. Sausend peitschen schwere spitze Büschel, Kiefernzacken,
-gegen meine Stirne. Sie verwandeln sich. Stecheichenzweige rauschen
-um mich her; ich sehe, wie die roten Beeren lange Kurven durch mein
-graues Atemnetz reißen. Aber eine weiche Hand legt mir immer wieder,
-schmeichelnd, ihre Finger durch die Haare. Die gepreßten Zähne
-lösen sich; ich glaube, ich werde ein Anderer. Der liegt zu ihren
-Füßen, den Kopf in ihren Schooß gedrückt. „Lebst du denn noch?“
-fragt er verwundert. Sie läßt sich in den Lehnstuhl gleiten; das
-ferne Rot des Frühlingsabends vergoldet ihre hellbraunen Flechten.
-Neben ihr, auf meinem Schreibtisch, steht ein zartes venezianisches
-Kelchglas, purpurzart, ein Lilienkelch, golddurchrieselt, und ein
-meergrün schillerndes Schlänglein ringelt sich darum empor. Ein
-Stecheichenblatt starrt aus dem Kelch, und eine wachsbleiche Hyazinthe.
-Die hat sie mir eben gebracht; die üppige Blüte berauscht mich.
-
-„Gieb mir den Ring!“ schmeichelt sie. „Ich kann nicht“, fleht er
-mühsam; und ich höre ihn mit beklommener Stimme die Geschichte
-des Ringes erzählen. Den hat der Urgroßvater seines Vaters, der
-Husarenwachtmeister, nach der Schlacht bei Torgau, für seine Tapferkeit
-und lange Treue, aus des alten Ziethens eigner Hand empfangen;
-vielleicht sogar vom großen Friedrich selbst. Er betrachtet das
-eingepreßte Eisenbild des Königs in dem dünnen goldenen Reifen: „und
-immer der Älteste erbt ihn.“ Ich höre seine Worte wie im Traum; es ist,
-als ob ich sie in einem Buche lese. „Gieb mir den Ring!“ schmeichelt
-sie. Er kämpft mit sich. „Hast du Gewissensbisse?“ flüstert sie; „Du
---?“
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-Was! Will sie mich verspotten? Ich presse drohend meine Zähne an die
-Knöchel ihrer Hand. Sie nimmt sie lächelnd vom Knie, hält mir die
-Hyazinthe an die Lippen. Ich schlürfe den Geruch und erinnere mich; „du
-hast ihn ja schon“, entgegne ich und blicke auf ihre Finger nieder.
-„Den andern noch“, schmeichelt sie; „den Ring der +Andren+!“ Ihre
-grauen Augen werden immer bestrickender.
-
-Ich fühle ein heftiges Zittern; am liebsten möcht ich sie wieder
-erwürgen. Dann könnte ich wieder der Andren treu sein, die meine
-Kinder geboren hat. Meine Blicke heften sich herzverwirrt auf den
-Rubin an meiner Linken; er perlt wie Blut aus einer frischen Wunde.
-„Gewissen ist der Spuk des toten Gottes“, spricht sie auf einmal meine
-Gedanken aus, mir ins Ohr. Ich weiß nicht, ob sie es höhnisch meint.
-Ich wills ihr erklären; sie erhebt sich. „Du bist zu gut,“ haucht sie
-gespenstisch -- „nur gute Menschen haben ein schlechtes Gewissen; --
-ich hatte nie eins“ -- und streift mir den Ring ab. Ich will es ihr
-wehren; sie entschwebt. Ich will ihr nachstürzen, vergebens; meine
-Kniee winden sich gebannt am Boden. Ich suche das Wort, das mich frei
-macht.
-
-Ich stammle Verse, lange flehende Zeilen; sie verliert sich immer
-ferner in die Nacht. Ich sehe sie geisterbleich verschwinden; nur der
-Rubin glüht noch wie Blut im Mondlicht. Nein, wie ein Wundmal; der tote
-Freund! mit seiner Geige schwebt er herbei. Zu meinen Versen beginnt er
-zu spielen: ferne flehende Töne: von einer Seele, die ihm untreu ward.
-Die runde Wunde seiner Stirne tut sich auf; Blutstropfen perlen aus der
-kleinen Öffnung, bei jedem Bogenstrich, die bleiche Schläfe nieder,
-in den Schnee. Immer näher schwebt die rote Spur; die geschlossenen
-Augenlider zucken, bleicher als sein Sterbehemd, und ich suche das
-Wort, das Wort -- in unsrer Kindheit wußten wir’s.
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-Er schlägt die Augen auf, der Geigenbogen stockt, ein Schrecken schlägt
-mich: das sind nicht seine Augen! das ist die „Andre“! -- Meine Blicke
-erlahmen, mein Mund versagt; meine Finger krümmen sich, ihr Gewand zu
-betasten -- hilf mir! das Wort! -- Sie weist auf meinen starren Körper:
-lange Ketten Verse, wie Spruchbänder, umschnüren meine gezerrte Kehle.
-Ich lese und lese, mir graut:
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- Schwere Ringe ... wirb ... ich werbe ...
- leere Schlinge ... deine Meinung --
- dunkle Kammer ... uralt Erbe ...
- Irrtum ... Jammer ... wird Erscheinung --
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-Wer sprengt die Ketten?! Die Tür springt auf. Lichtschein wie
-Nadelstiche prallt mir entgegen. Auf der Schwelle steht meine Mutter;
-mit unsäglichem Kummer blickt sie mich an. Meine Arme mühn sich nach
-ihr; vergebens. „Sünde an der Mutter deiner Kinder?!“ ringt es sich
-von ihren Lippen. Mutter! will ich sie anflehn; sie wehrt mir. „Das
-ist Sünde an Gott!“ flüstert sie weiter. +Gott+! ringt sich’s von
-+meinen+ Lippen, laut, das Wort... ich bin wach.
-
-Durch die dunkle Stube lag ein schmaler Streifen Mondlicht grell bis
-auf mein Bett; er zuckte. Ich sah zum Fenster; da war kein Spalt. Ich
-wandte den Blick ab; der Streifen glitt mit. Ich weiß nicht, was für
-ein Licht so zuckte.
-
- Wenn dich zwischen Schlaf und Schlaf
- um Mitternacht
- dein rasend klopfendes Herz
- aus deinen Träumen jagt
- -- furchtsam stockt dein Atem --
- und sich durch dein finstres Zimmer
- weiße Schatten vor dir flüchten:
- kennst du dieses Grauen? --
- Wenn dann aus dem toten Raum
- mit starren Augen
- ein geliebtes Gesicht
- lautlos dir entgegenscheint
- und leben möchte:
- kennst du dieses Grauen? --
- Mit eignen Händen
- willst du nach dir greifen
- und dich erwürgen
- für eine Schuld ...
-
-
-Dritter Traum
-
-Ich habe sie doch vielleicht umgebracht. Warum sollte es auch unmöglich
-sein? Ich habe doch einst sogar ein Kind umgebracht, ein kleines,
-hübsches, unschuldiges Kind. Und damals glaubte ich doch sogar noch
-an Gott, an die Hölle und ans Jüngste Gericht. Damals war ich ein
-schwedischer Kürassier, bei den sakrischen deutschen Protestanten, und
-wir brandschatzten ein katholisches Pfarrdorf. Ah, ich fühle wieder
-die himmlische Mordlust, wie sich die Bauernweiber wehrten, die wir
-ins Spinnhaus eingesperrt hatten. Und da spießte ich einfach der
-Ungeberdigsten das schreiende Kind aus den Armen weg und schmiß es im
-Bogen in den Dorfteich. Ich sehe noch deutlich die kleine Hand, die aus
-dem sumpfigen Wasser herausstak, als wir nachher von den Weibern kamen;
-ganz mit geronnenem Blut bedeckt, so stak sie zwischen den Binsen
-heraus, wie eine dicke rote Tulpe. Ich habe aber kein Grauen davor; es
-weiß ja keiner mehr, daß ich es tat. Ich darf mich nur nicht selber
-verraten, wenn sie mich doch vielleicht vor Gericht stellen.
-
-Wenn ich mich blos erinnern könnte, welche von Beiden ich umgebracht
-habe. Doch nicht die Mutter meiner Kinder? Die hat mir ja immer
-alles verziehen. Aber die Andre hat sich ja selbst umgebracht; deren
-Hand kann doch nicht gegen mich zeugen. Jedenfalls muß ich zu der
-Beerdigung gehen; sonst könnten die Leute Verdacht auf mich werfen.
-Und ich muß ihr einen Strauß auf den Sarg legen, einen großen schweren
-Tulpenstrauß, damit sie die Hand nicht herausstecken kann. Aber weiße
-Tulpen müssen es sein; die roten riechen auf einmal so stark, es ist
-der reine Leichengeruch. Warum sieht mich der Blumenhändler so an? mit
-richtigen Totengräberaugen! -- Ich will auch weiße Tulpen nicht! die
-sehen noch leichenhafter aus! -- Er lacht; ich verlasse eilig den Laden.
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-Auf der Straße ist so bleiches Licht, wie ich noch niemals erlebt habe.
-Ich kann mich kaum schleppen in diesem Licht, so weltschwer hängt es
-um meinen Kopf. Es geht auch kein Mensch auf der bleichen Straße, und
-die Häuser sind wie aus Schatten gebaut. Wenn ich nicht wüßte, wo ich
-bin, könnte ich an ein Geisterland glauben. Aber es macht mich schwach,
-dieses Licht; es ist, als ob es mich auspressen möchte. Und ich will
-und will mich nicht schwach machen lassen; keine Seele der Welt darf in
-meine Seele. Dann muß ich mich aber bei Kräften halten, mein Körper ist
-schon wie ausgehöhlt. Ach ja, ich werde wohl Hunger haben; ich habe ja
-heute noch nichts gegessen.
-
-Ich mache ein harmloses Gesicht und trete in einen Schlachterladen. Die
-Schlachtersfrau blickt mich fragend an -- ganz still und fragend -- was
-blickt sie nur! -- „Geben Sie mir dies kleine Stück Fleischwurst!“ sage
-ich langsam mit ruhiger Stimme, als ob ich gar keinen Hunger hätte. Sie
-blickt mich wieder wortlos an und legt das Stück Wurst auf ein weißes
-Papier, reicht es mir über den Ladentisch. Ich will es nehmen und kann
-mich nicht rühren: ich erkenne auf einmal, es ist keine Wurst: es ist
-eine kleine Kinderhand, ganz mit geronnenem Blut überzogen. Ich starre
-der Frau verstört in die Augen: es sind die Augen des Bauernweibes, dem
-ich vor Zeiten Gewalt antat. Ich fasse mich endlich und tappe hinaus;
-hinter mir her tönt ein dumpfes Lachen.
-
-Ich tappe mich wie durch Nebel weiter und komme an eine
-Frühstückshalle. Da sitzen wohl hundert essende Menschen hinter der
-großen Fensterscheibe; da wird mich wohl keiner beobachten. Ich setze
-mich ganz in den Schatten hinten und bestelle irgend ein rasches
-Gericht. Es ist so laut in dem halbdunkeln Raum, daß ich kaum meine
-eignen Worte verstehe. Das Schenkmädchen bringt mir frischen Hummer und
-wünscht mir freundlich guten Appetit. Es freut mich auch wirklich, wie
-gut er riecht; aber was steht sie und wartet noch! Ich darf mir aber
-nichts anmerken lassen; vielleicht will sie blos ihr Geld bald haben.
-Ich bezahle; sie bleibt noch immer stehen. Es wird mir schwer, sie
-nicht anzuschreien; aber ich nicke ihr ruhig zu und greife rasch nach
-dem Hummerteller. Ich will mir sacht eine Schere abbrechen; aber was
-ist das, was ist das nur?! Ich fühle mich bis in die Lippen erbleichen:
-es ist eine kleine rote Hand, und ein Leichengeruch schlägt mir
-entgegen. Und alle Menschen blicken mich an, wohl hundert menschliche
-Augenpaare blicken mich unabwendbar an. Und alle sitzen so still wie
-Geister; kein Laut ist mehr in dem halbdunkeln Raum. Ich taste mich
-mühsam zur Tür und ins Freie; ein brausendes Lachen schallt mir nach.
-
-Wo kann ich nur etwas zu essen bekommen! Wenn ich noch lange so
-schweigsam herumgehe, werde ich ohnmächtig vor Hunger. Es ist nicht,
-weil mein Geheimnis mich würgt; nur, es stachelt mich immer stärker,
-mir die herrlichsten Speisen auszumalen. Halt, ich werde mal wieder
-den Maler besuchen, der immer so köstliche Späße macht; der wird mich
-auf andre Gedanken bringen. Ich sehe, er malt an einem Fruchtstück;
-eine große goldgelbe Ananas steht auf der malachitgrünen Schüssel, ein
-paar rote Tomaten liegen daneben. „Darf ich mir eine Tomate nehmen?“
-frage ich ihn ganz unbefangen; „Tomaten sind mein Leibgericht.“ Er
-malt schweigend weiter; was schweigt er nur? -- „Machen Sie doch
-nicht solche Späße!“ stammle ich plötzlich und sehe entsetzt: er
-malt eine rote Kinderhand. „Lachen Sie nicht!“ beherrsche ich mich;
-„Tomaten sind wirklich mein Leibgericht!“ -- Er lacht aber garnicht, er
-lächelt nur -- er blickt mir nur sonderbar in die Augen und sagt mit
-teilnahmvoller Stimme: „Sie haben sich wohl in der Tür geirrt, die Tür
-zum Gerichtssaal ist nebenan.“
-
-Ich bin einen Augenblick wie im Traum; ich fühle nur wieder wie durch
-Nebel, daß der Maler sanft den Arm um mich legt und meine tappenden
-Schritte leitet und die Tür des Saales hinter mir schließt. Ich möchte
-aufwachen aus diesem Traum; ich glaube mich doch genau zu erinnern, daß
-ich in Wirklichkeit Niemand umgebracht habe, weder die Eine noch die
-Andre; aber ist das auch wirklich die Wirklichkeit? Ich bin ja schon
-öfters im Traum erwacht, und dann wars trotzdem nur wieder geträumt.
-Ich will mich lieber zusammennehmen, daß ich nichts von meinem
-Geheimnis verrate; mit keinem Wörtchen, mit keiner Miene. Ich sehe mir
-meine Richter an.
-
-Ob ich vor einem Vehmgericht stehe? Regungslos sitzen sie mir
-gegenüber, elf schwarzvermummte stille Gestalten, mit Augenlöchern
-in den Kapuzen. Es funkeln aber nicht Augen darin; es schauen mich
-aus den schwarzen Masken nur lauter noch schwärzere Löcher an. Ob es
-vielleicht lauter Schatten sind, die in den hohlen Gewändern sitzen?
-Ob es vielleicht doch Geister gibt? Denn in der Mitte sitzt Einer
-ohne Maske, mit geschlossenen Augen wie ein Toter, mit silberweißem
-Haupthaar und Bart, und mit ewig gebieterischer Stirn; vor dieser
-Stirn hat mir oftmals gebangt. Ich weiß nicht, ists meines Vaters
-Stirn? Ich weiß nicht, ists eines Gottes Stirn? Wenn lauter Geister
-da vor mir sind, muß dann nicht auch ein Obergeist sein?! Könnte ich
-nur seine Augen sehn! Vielleicht sind es doch meines Vaters Augen;
-meines Vaters herrliche stahlblaue Augen, die mich oftmals so hart und
-zornig anstrahlten, und doch so glutweich im hellsten Zorn, und dann so
-spöttisch verzeihungswarm. Aber er sitzt da so starr und kalt jetzt,
-als werde er die geschlossenen Augen nie wieder zu seinem Sohn hin
-öffnen; es sei denn, ich öffne ihm mein Gewissen. Sie sitzen alle so
-starr und kalt, als wollten sie ewig darauf warten. Ich fühle, ich muß
-wohl endlich sprechen.
-
-Meine Herren Richter! beginne ich unverzagt: ich habe wirklich ein
-reines Gewissen. Denn gesetzt auch, ich hätte sie umgebracht, so hatten
-doch beide sich selbst umgebracht. Denn die Eine, die wirklich sich
-selbst umgebracht hat, die hat sich auch selbst dazu gebracht. Denn da
-sie kein Gewissen gehabt hat, so hat sie mir mein Gewissen genommen und
-hat es dann nicht ertragen können. Denn die Andre, der mein Gewissen
-gehörte, und die mir drum immer alles verzieh -- denn sonst hätte ich
-mir’s nicht wegnehmen lassen --: die hat das nicht länger verzeihen
-können. Denn da ich kein Gewissen mehr hatte, und wenn sie deswegen
--- was ich nicht weiß -- vor Gram zu Grunde gegangen ist, so ist auch
-sie im Grunde von selbst und an sich selbst zu Grunde gegangen. Denn
-wenn ich es auch gewollt haben sollte, so hat es, meine Herren Richter,
-doch im Grunde ein Anderer gewollt. Denn wenn ich jetzt hier vor Ihnen
-stehe -- und wenn, wie ich sehe, mein Vater jetzt Gott ist -- so bin
-ich im Grunde der Sohn meines Vaters, und mein Wille ist Gottes Wille
-gewesen. Wenn also ich, meine Herren Richter -- nein, nicht ich, wenn
-ich Gottes Sohn bin --: wenn also Gott, meine Herren Richter, Eine
-von Beiden umgebracht hat -- nein, die Andre -- nein, Beide -- nein,
-+alle+ Andern -- --
-
-Ich stocke plötzlich und kann nur noch stottern; ich merke, ich habe
-mich verwirrt. Ich suche im Blick meiner Richter zu lesen und sehe nur
-lauter schwarze Löcher. Ich blicke hilflos den Einen an, der herrlich
-in ihrer Mitte sitzt, und erbange vor seiner klaren Stirn; mich befällt
-auf einmal dumpf ein Erinnern, als ob ich seit unvordenklichen Zeiten
-unzählige Seelen umgebracht habe. Und da endlich tut Gott mir die
-Augen auf: meines Vaters strahlende blaue Augen tut er aus ewiger
-Ruhe auf und fragt meine Seele: „bekennst du dich schuldig?“ -- Ich
-höre mein Herz in seiner Stimme und sehe mein Leben in seinen Augen.
-Ich weiß, ich brauche nur +Nein+ zu sagen, dann bin ich auf ewig
-freigesprochen. Ich fühle das Nein schon auf den Lippen; ich brauche
-nur den Mund aufzutun, dann bin ich von all der Mühsal erlöst. Und ich
-tue ihn auf und -- sage „ja“.
-
-Ein Schrecken befällt mich wie ein Schlag. Ich fühle betäubt mein
-Bewußtsein schwinden; mir ist, ich stürze endlos hinab, durch dunkle,
-bodenlose Räume. Oder stürze ich endlos empor? Ich höre von oben her
-singende Stimmen; sind’s Menschenstimmen? sind’s Geisterstimmen?
-Sie singen mich wieder zur Besinnung -- von fern her singen zwei
-Frauenstimmen --: Von wannen, von wannen? -- von wannen dein Träumen!
--- befreie dich, Seele -- von Zeiten, von Räumen! -- sie verklingen.
-Ich schlage mühsam die Augen auf; ich sehe mich durch ein Bogentor
-schreiten.
-
-Es ist noch immer so weltschweres Licht, wie ich noch niemals erlebt
-habe; ein totengelbes Abendlicht. Nur vor mir her, da schreitet ein
-Mann in richterlichem schwarzem Talar, auf dessen Schritte ich horchen
-muß, dann wird das schwere Licht mir leichter. Sie tönen mir seltsam
-vertraut, diese Schritte; ich muß sie schon öfters vernommen haben und
-ihnen so Schritt für Schritt gefolgt sein, wie ich jetzt ihnen Schritt
-zu halten suche unter der dröhnenden Bogenhalle. Ist es mein Vater?
-mein Herz sagt nein. Und da höre ich hinter mir noch solche Schritte;
-nur ungewissere, haltlosere. Ich wende mich und stehe erstaunt; und
-auch der Mann vor mir wendet sich. Ich sehe, hinter mir geht der
-Jüngling, der ich vor Jahren gewesen bin; ich sehe, vor mir steht der
-Mann, der ich in Zukunft sein werde. Er winkt mir kurz, und es weht
-sein Talar, und wir schreiten im Gleichschritt zum Tor hinaus. Und es
-weht sein Talar, und mit lautlosem Schritt schreitet der Mann aus sich
-selbst heraus und entschwindet meinem gebannten Blick. Denn mein Blick
-hängt an einem väterlichen, ewig gebieterischen Greis, der an Stelle
-Jenes verblieben ist, und der mir weiterzufolgen winkt. So kommen wir
-an ein Hafenwasser.
-
-Wohl unabsehbar dehnt sich das Wasser unter dem totengelben Himmel.
-Viele große Schiffe lagern darauf, mit hohen reichbewimpelten Masten;
-aber das Gelbe lastet so nachtschwer, daß keine Farben mehr dämmern
-können. Alles, die Schiffe, die Wimpel, das Wasser, scheint alles so
-schwarz aus Schatten geschaffen wie der Talar meines greisen Führers;
-nur sein weißes Haar schimmert silbern im Zwielicht. Was sind das
-für Schiffe? frage ich zweifelnd. „Wirkliche Schiffe“ -- entgegnet
-er tonlos und weist auf ein Dock am westlichen Himmel. Kein Laut von
-Arbeit kommt aus den Werften her; der ganze Hafen scheint ausgestorben.
-Die schwarzen Stützpfosten um die Hellingen ragen starr am Horizont
-entlang wie ein auferstandener kahler Hain von ursintflutlichen
-Riesenstauden. Nur aus dem westlichen Saum des Haines taucht
-klumpenhaft etwas Graues hoch und regt sich in der schweren Stille; es
-regt sich wie das felsengraue, urschwere Haupt eines Elefanten. Ists
-eines spukhaften Götzen Haupt? ists eines Gottes heiliger Scheitel?
-Mein Führer aber winkt mir zu schauen.
-
-Und was wie ein Haupt war, beginnt zu erglänzen, und entsteigt dem
-schwarz aufstarrenden Hain, und ist ein großer glanzvoller Mond. Er
-glänzt nicht so fahl wie ein nächtlicher Mond, er glänzt nicht so
-grell wie die tägliche Sonne; er glänzt wie ein Tautropfen in der
-Frühe, und alle Farben klären sich auf. Und nun wendet mein Führer sein
-greises Antlitz blauäugig nach dem östlichen Himmel, und mit langsam
-gebieterischer Hand entwinkt er der verklärten Nacht einen zweiten
-solchen glanzvollen Mond. „Wisse, du sollst an Geistermacht glauben“
--- haucht er mir in mein schauerndes Herz und entschwebt dem einen der
-Monde zu. Bin ich erblindet von seinem Anhauch? ich sehe auf einmal nur
-lauter Licht. Ich fühle nur blindlings ein leuchtendes Schweben ins
-grenzenlose Blaue hinein. Ich ahne dunkel, ich selbst bin der Greis; er
-ist wohl dem andern Mond zugeschwebt? Ich schwebe mit ausgebreiteten
-Armen und raumentrückten Augen gleich ihm.
-
-Das Leuchten wird immer feuriger; ich atme entzückt die zarte Glut. Ich
-höre von oben her singende Stimmen, zweistimmig aus unsichtbarer Ferne.
-Sind’s wieder die Seelen der Geistinnen beide? erwarten sie mich auf
-den strahlenden Monden? Sie singen mich weiter und weiter hinauf: Ins
-Weite, Seele -- von wannen dein Träumen! -- erwache ins Freie -- von
-Zeiten, von Räumen! -- sie nahen mir. Sie nahen wie schüchterne Lüfte
-so lind; sie küssen mir meine entbreiteten Hände. In meinen Handflächen
-ruhn ihre Lippen, mein Herzblut strömt ihren Küssen zu. Sie küssen
-immer herzinniger, und andere Geistinnen singen von oben. Wollen Sie
-mir mein Leben ausküssen? „befreie dich, Seele“, singen sie. Leben sie
-nur, wenn Ich sie belebe? „erwache, Seele“, verklingen sie. Ich raffe
-all meine Herzkraft zusammen; ein leeres Grausen stöhnt aus mir auf.
-Ich will mich den tötlichen Küssen entwinden; wie ein Gekreuzigter
-schwebe ich machtlos. Ich krümme mit letzter Gewalt meine Finger, und
-während ein herzzerreißender Klageschrei mir die glanzgebadeten Augen
-aufreißt, höre ich, daß es mein eigener Schrei ist, von dem ich unter
-Tränen erwacht bin.
-
-Ich lag wirklich wie ein Gekreuzigter da, mit ausgebreiteten Armen
-im Dunkeln, die Handflächen über den Bettrand gestreckt, rechts und
-links in die schwarze Luft. Ich schob meine halb erstarrten Glieder
-langsam in eine andere Lage und machte die Augen wieder zu; die ruhige
-Finsternis tat mir wohl nach der tollen Seelenfeuersbrunst. Ich nahm
-mir vor: wenn ich wieder so träumte, sofort an meinen Körper zu denken.
-
- Befreie dich, Seele,
- von Zeiten, von Räumen,
- erwache ins Weite,
- von wannen dein Träumen;
- von wannen, von wannen? --
- Von Räumen, von Zeiten,
- die ewig bleiben,
- erwache, Seele,
- du kannst sie vertreiben,
- von dannen, von dannen,
- ins Weite all dein Träumen bannen! --
-
-
-Vierter Traum
-
-Aber ich muß doch zu ihrer Beerdigung gehen. Oder wenigstens ihre
-Gräber besuchen. Denn beerdigt sind sie wohl nun schon lange; ich war
-ja bei ihrer Feuerbestattung. Könnte ich nur die richtige Grabkammer
-finden! ich muß mich hier unten verlaufen haben. Wo mag das
-Urnengewölbe denn sein! hier sind ja nur lauter Schädelkammern. Und
-die Gänge dazwischen so schlecht beleuchtet, daß man jeden Sinn für
-Richtung verliert. Wenn ich zurück auf den oberen Friedhof komme, werde
-ich den Verwaltungsrat anregen, bessere Wegweiser einzurichten. Aber
-wie komme ich endlich hinauf! Ich erinnere mich, gelesen zu haben, es
-sollen schon Leute umgekommen sein in diesen verwirrenden Katakomben.
-
-Woher nur das Licht in den Schädelkammern kommt? Es ist nicht
-elektrisch angelegt; es wird wohl eine Art Oberlicht sein. Darum
-flimmern wohl auch die Gänge dazwischen so unterirdisch dumpf und trüb.
-Ich werde jetzt nicht mehr nach rechts noch links blicken, sondern
-immer den Gang gradaus verfolgen, nach der sonderbar hellen Öffnung da
-vorn. Sie steht wie ein weißes Rechteck im Düstern; da muß eine Tür ins
-Freie sein. Sie scheint auch allmählich noch heller zu werden; beinahe
-blendet sie mich schon. Das Weiße kann aber kein Luftweiß sein; es
-steht wie aus Stein so unbewegt. Es grenzt sich so grell ab, ich muß
-meine Augen schließen. Ich gehe aber doch grad drauflos; ich spüre, wie
-ich hindurchschreite. Es atmet sich auf einmal viel leichter; es muß
-also doch eine Luftöffnung sein. Ich schlage die Augen auf und sehe:
-hoch über mir blaut der freie Himmel.
-
-Ich seh es und seh es: hoch über mir -- und über vier hohen weißblanken
-Mauern, die senkrecht um mich emporsteigen. Soll ich denn wirklich
-nie wieder herausfinden aus diesem sinnlosen Labyrinth? Ich will aber
-nicht die Fassung verlieren. Ich weiß ja seit lange aus Erfahrung:
-ich muß nur an meinen Körper denken, dann kommt auch die Seele wieder
-zu Sinnen. Ich werde mir also den Raum erst betrachten, ob er nicht
-doch eine Auffahrt hat. Er hat vier glatte kristallblanke Wände, aus
-lauter quadratischen Feldern gebildet. In der Mitte jedes Feldes ein
-Goldstern, entzückend in den Kristall eingeschliffen; aber nirgends
-ein Halt, um hinaufzukommen. Es ist ein weiter leerer Saal; es scheint
-nichts als eine Art Luftschacht zu sein. Aber sieh, er hat ja noch eine
-Tür: grad gegenüber der andern Tür, durch die ich hereingekommen bin.
-Und da ist ja ein Handgriff an der Kante, in den eine Schnur aus den
-Gängen her mündet; das soll gewiß eine Richtschnur sein. Ich fasse die
-Schnur, um weiterzugehen, mit einem letzten Blick zurück.
-
-Aber was +ist+ das? bin ich denn wirklich von Sinnen? Auch an
-der andern Tür drüben ist solch ein Handgriff, in den eine solche
-Richtschnur mündet. Die muß ich vorhin in den halbdunkeln Gängen beim
-Suchen übersehen haben. Aber die Türen sind völlig gleichgeformt, und
-ich habe mich in dem leeren Saal fortwährend um mich selbst gedreht;
-durch welche Tür bin ich nun gekommen? -- Ich betaste die Schnur und
-betaste mich selbst; es ist alles vollkommen körperlich. Ich kann also
-ruhig weitergehn; wenn ich vorsichtig suche, wird sich schon zeigen, ob
-es die richtige Richtung ist. Ich taste mich immer die Schnur entlang,
-von Zeit zu Zeit einen Handgriff streifend; ich komme wieder an lauter
-Schädelkammern. Hier sieht das Licht aber bleicher aus; und der Gang
-scheint allmählich tiefer zu sinken. Dies Licht kann nicht von oben her
-kommen; es scheint aus dem Erdinnern aufgefangen. Die Schädel gleißen
-alle so weißblank wie die Kristallquadrate des leeren Saales vorhin,
-und doch ist ringsherum tiefer Schatten. Und in all diesen Schädeln
-haben einst Welten gespukt -- mit Goldsternen drin und blauen Himmeln
--- und vielleicht auch mit einem ewigen Gott; ich fühle eine irrsinnige
-Lust, in diesen Schädeln nach Gott zu suchen. Ich lasse aber die Schnur
-nicht los; ich will nicht wieder die Richtung verlieren.
-
-Jetzt kommen auch Kammern mit Tierschädeln; sie schimmern ebenso
-erdinnerlich. Was regt sich da auf einmal im Schatten? Ist es denn
-möglich, mein alter Getreuer?! Komm her, mein Teckel, was suchst du
-denn! Was blickst du mich so innerlich an? Jawohl, ich habe dich
-umgebracht; aber was hast du auch immer geknurrt, wenn die tote Dame
-mich küssen wollte! Da hab ich dich doch vergiften müssen! -- Er blickt
-mich nur immer seelenvoll an, mit demselben Blick noch, den er mir
-zuwarf, als er im Todeskampf vor mir lag; ganz ohne Vorwurf, ganz treu
-ergeben. Aber was will er denn noch, er lebt doch noch! Er will mich
-wohl in die Kammern locken? Ich nehme die Richtschnur fester zur Hand
-und erinnere mich an meinen Körper; ich werde einfach weiterschreiten,
-der Hund ist gewiß nichts als ein Spuk.
-
-Nein, er folgt mir; ich höre ihn hinter mir. Ich bleibe stehen; da
-steht er auch still. Ich drehe mich um; da legt er sich. Ich locke
-ihn nochmals; er rührt sich nicht. Er blickt mich nur immer inständig
-an mit seinen unendlich treuen Augen; und, kaum beginne ich wieder
-zu schreiten, folgt er mir wieder Schritt für Schritt. Ich höre
-seine leisen Zehen; ich spüre, wie sein Blick an mir hängt. Ganz
-ohne Rachsucht, ganz voller Liebe; als ob der liebe Gott mir folgt.
-Wie dieser Gottblick mich hinterrücks martert! Wenn er noch lange so
-anhänglich bleibt, bringe ich ihn zum zweiten Mal um! Aber ich darf
-doch die Richtschnur nicht loslassen; ich komme sonst schließlich
-selbst noch um, in diesem wahnwitzigen Labyrinth. Halt: schimmert da
-vorn nicht wieder ein Lichtloch? das ist wohl endlich die Urnenhalle.
-Jawohl, das Viereck wird immer heller; und die Schnur scheint grad
-draufhin zu leiten. Wenn ich nur rascher vorwärts käme; wie Grabeslast
-ist der Blick hinter mir! Ich zwinge meine Füße zu rennen. Ich keuche
-der leuchtenden Halle entgegen. Ich achte nicht den Schmerz meiner
-Augen. Ich taumle fast in dem blendenden Viereck; hindurch! und pralle
-entsetzt zurück: ich stehe abermals in dem Kristallsaal, den offenen
-Himmel über mir --: ich bin im Kreise herumgeirrt.
-
-Und was stöhnt da, was rührt sich neben mir? Durch die Tür kommt der
-Teckel mir nachgeschlichen! Ich sehe jetzt deutlich, es ist nur ein
-Schatten; ein Schatten mit gottergebenen Augen. Ich stürze in rasendem
-Haß auf ihn los; ich werde den Spuk nun endlich zerreißen! Mit beiden
-Händen packe ich ihn, am Genick, am Kreuz, und zerre und zerre. Er
-windet sich unter meinem Griff; wie Kautschuk spannt er sich hin und
-her. Ich spüre verzweifelt, wie er mich lähmt: wie er nachgiebig meine
-Arme entmannt. Ich fühle bis innerst in Leib und Seele: wenn ich dies
-Gespenst nicht bewältigen kann, bin ich machtlos für Zeit und Ewigkeit.
-Ich spanne all meine Nervenkraft an; und wenn mir Gehirn und Adern
-zerbersten! Und ein Ruck, ein leises ersterbendes Winseln: o Wonne,
-ich habe den Schemen zerrissen! Mit einem letzten hingebenden Blick
-zerfließt er in die leere Luft.
-
-Ich stehe und zittre am ganzen Körper, vor Glück und Ermattung und
-neuer Verzweiflung. Ich starre hinauf in den blauen Himmel: ist
-kein Entrinnen aus diesem kristallenen Grab? -- Ich betaste meine
-erschöpften Glieder -- warum muß ich nur immer an meinen Körper
-denken! -- Es ist doch garnicht mehr nötig jetzt; wer hat mir das
-eigentlich eingeredet? -- Wie schön könnt ich schlafen in diesem
-lautlosen Schacht. Ich bin so müde, ich höre mein Seelenspiel klingen.
-Es rauschen wohl Flügel oben im Blauen? Nein, ich glaube nicht; es
-ist nichts zu sehen. Doch: eine weiße Feder schwebt nieder. Wie eine
-Schneeflocke kommt sie gewirbelt. Noch eine, noch eine, Flaum auf
-Flaum; grad in die Mitte des Saals herab. Immer mehr, immer mehr, weiße
-Flaumfederflocken; der ganze Boden liegt schon bedeckt. Ich muß zurück
-an die Wandfläche treten; es ist schon ein Hügel, es wird ein Berg. O
-Seligkeit, das ist ja die Rettung: der Berg wächst immer höher hinauf!
-Schon steht er fast so hoch wie der Schachtrand, und immer dichter
-häuft sich das Flockengewimmel. Ich springe mit beiden Füßen hinein;
-ich versinke in dem bettweichen Schwall. Aber er ballt sich unter mir;
-ich stampfe und stampfe, und es glückt. Ich stampfe mich höher und
-höher hinan; es ist, als federn mich Bälle empor. Ich kann kaum sehen,
-so stiebt es um mich; und brennender Schweiß verschließt mir die Augen.
-
-Da: ein frischer Lufthauch kühlt mir die Stirn: ich fühle entzückt,
-ich bin oben, oben! Meine Augen wagen wieder zu blinzeln, durch die
-feuchten, flaumverschleierten Wimpern. Kein Federchen stiebt mehr,
-der Himmel blaut; es ist eine überirdische Stille. Ich stehe auf
-steilem, schwankendem Gipfel; tief unter mir klafft der weiße Abgrund
-des labyrinthischen Schachtes herauf. O Seele, Seele, wie komm ich
-hinüber?! Sieh: rings um den Schacht, wie ein Garten Eden, liegt der
-blühende frühlingsgrüne Friedhof! -- Und die Seele erklingt: Ich
-seh es, o Geist! Ich seh es durch Tränen, o göttlicher Geist, durch
-regenbogenfarbene Tränen! Ja, dein Gipfel schwankt, und ein Wind kommt
-gebraust, und du Schwankender weinst und ich breite die Arme: wenn du
-jetzt, o Gottgeist, mich Seele erhörst, will ich deiner Kraft trauen
-ewiglich! --
-
-Horch: braust nicht der Wind beflügelnd, o Seele? und der Gipfel löst
-sich und schwebt und wird Wolke! Sieh, mit beiden Armen umspanne ich
-sie und schwebe über den Abgrund dahin. O, wie weich sichs fliegt in
-dem leichten Flaum: ich fühle nicht Höhen, nicht Tiefen mehr. Ich fühle
-nur, wie mich die Windwolke schaukelt und mir süß alle Kräfte stachelt
-und kitzelt. Will sie mir etwa mein Leben wegschaukeln? Dann wisse,
-Seele: mein Körper lacht! Ich kann sie loslassen, wenn ich will; ich
-bin ja befiedert über und über! Ich kann mit dir fliegen, wohin ich
-will; ich brauche ja nur den Flaum wegzublasen! Ich blase und blase;
-was ist denn das? ich blase mir ja in die eigne Nase! Ich mache wohl
-selbst den Wind, der so kitzelt? Ich niese, ich lache -- lache --
-erwache.
-
-Ich lag noch immer im dunkeln Bett, und ich hielt mein Kopfkissen in
-den Armen. Ich fühlte, daß eine kleine Feder aus dem zerknüllten Kissen
-herausstak; sie berührte noch meine Nasenspitze. Ich entfernte die
-Feder und legte das Kissen glatt; ein Stündchen hoffte ich doch noch zu
-schlafen. Der Morgen schien zwar bereits zu grauen; aber ich war noch
-müde genug.
-
- Wenn über unsern tiefsten Verzweiflungen,
- wo wir vor lauter geöffneten Not-Türen
- nicht aus noch ein zu finden wissen,
- stets eines Gottes Blick wachte --
- Wenn unter unsern höchsten Entzückungen,
- wo wir verstummend vor Triumph
- mit zitterndem Fußtritt
- jede Gefahr zerstampft zu haben meinen,
- stets eines Gottes Ohr weilte --
- Wenn zwischen unsern erhabensten Gleichgiltigkeiten,
- wo wir mit Adlerruhe
- alle Verfolgung
- Todes wie Lebens
- in leere Luft verflogen wähnen,
- stets eines Gottes herzliche Teilnahme schwebte --
- ich glaube, er würde vor Lachen sterben ...
-
-
-Fünfter Traum
-
-Ja, meine Verfolger, ich lache euer! Denn ich kann fliegen, wenn ich
-will; ich kann aus eigener Willenskraft fliegen! Sie rasen hinter mir
-her wie gehetzt, eine Meute tobsüchtiger Jäger und Hunde. Aber hier,
-ich spanne nur meinen Mantel, dann bin ich ihrem Wahnsinn entrückt.
-Schon schwebe ich über den Eichenwipfeln und lache Halalî auf sie
-nieder. Ich höre sie brüllen: du Mörder, Mörder! und würden mich alle
-doch selbst gern morden. Nackt sind sie auf die Jagd ausgezogen,
-aber dennoch war ich schneller als sie. Wie sie rachekeuchend mir
-nachstarren, durch die kahlen Eichen die fahlen Gesichter, während
-ich höher und höher entschwinde! Halalî Hallelûja lache ich nieder
-und werfe ihnen Handgrüße zu: Ja, ihr seid auferstanden zum jüngsten
-Gericht, ich aber fliege ins ewige Leben! --
-
-Wie sie kleiner und kleiner schrumpfen, die schreckbefallenen bleichen
-Leiber: wie Würmer wimmeln sie durcheinander zwischen dem welkbraunen
-Laubwerk unten, wie ausgegrabene Engerlinge. Ich lasse breit meinen
-Mantel fallen, um ihre klägliche Blöße zu decken. Schwer schwebt er
-hinab, denn ich schwebe hinan; mit schwimmenden Armen zerteil ich
-die Wolken. Was glänzt da her aus dem stahlblauen Äther? ist es ein
-unbekannter Stern? -- Halalî Hallelûja jauchzt mein erkennendes Herz:
-es ist eine weltbestrahlende Stirn! Sei mir gegrüßt, pfadkundiger
-Wildrer, du Jagdherr der Frevler, Shakespear, Erhabener! -- Er schlägt
-die entschlafenen Augen nicht auf; traumselig lächelt sein Geisthaupt
-nur und grüßt mich stumm und bestrahlt meine Bahn. Es grüßen noch
-manche entschlafene Geister mit sternengleich aufstrahlenden Stirnen
-und beleuchten meine erhabene Bahn. Es grüßen Rembrandt und Lionardo,
-und Dante und Goethe, Beethoven, Bach. Es grüßt auch mein Vater und
-meine Mutter; und fern strahlt ein dornenkranztragendes Haupt.
-
-Wo hab ich dies rührende Haupt schon gesehen? dies schmerzverklärend
-verzeihende Antlitz? in meiner Kindheit war es wohl. Ich möchte
-vorüber an diesem Antlitz jetzt; aber dahinter ist alles schwarz. Ich
-möchte dennoch vorüberschweben; aber es zieht mich näher und näher.
-Es zieht mich mit seinem Dornenkranz an, der noch heller strahlt als
-die träumende Stirn. Er strahlt wie ein großes verzweigtes Nest; das
-Gezweig wächst immer größer ins Weite. Ich möchte dies wachsende
-Lichtnest umkreisen; aber es weitet sich kreisend um mich. Es wirbelt
-mich hoch wie einen Funken ins schwarze Unermeßliche. Ich blicke hinab,
-ich will’s überschauen: ich sehe ein unermeßliches Helles. Ich sehe ein
-grenzenlos schwebendes Lichtreich: ein tiefes, ringshin ruhendes Nest
-von unzähligen kreisenden Sternenreihen, endlos verzweigt durch den
-schwarzen Raum. Mich weht ein Grausen an, ich erkenne: ich bin in einer
-anderen Welt.
-
-Das Grausen weht inniger, es beseligt; ich fühle, es will mich zur
-Ruhe wehen. Es weht mich hinab auf das träumende Haupt; wer bist du,
-wer bist du, entschlafener Geist, auf dessen Haupt mich ein Lichtreich
-wiegt? -- Ich lasse mich willig niederbewegen zu dem leuchtenden
-Scheitelpunkt in der Mitte; ich sinke mit heller Heimatswonne immer
-tiefer hinein in das weltweite Nest. Und was wie ein Punkt schien, ist
-eine Wölbung, eine milchweiß gestirnte unendliche Kuppel, auf deren
-Scheitelfläche der Nestkranz ruht. Ich staune hinab in den traumstillen
-Kuppelraum, hinab durch das schimmernde Scheitelgewölbe: das ist wohl
-Das, du erhabenes Haupt, was wir auf Erden die Milchstraße nannten?
-Ja, ich sehe sie kreisen in deinem Innern, die Sterne, die Sonnen
-und jene Erde, wie Blutzellkörperchen deiner Adern, du strahlendes,
-dornenkranztragendes Haupt! Wie sie zittern, die kleinen Seelchen alle,
-die sich Welten dünken in ihrem Dunstkreis: ich sehe sie deutlich
-erbeben im Nebel, vor Deiner weltbegrenzenden Stirn. Und sind meinem
-Blick doch alle so fern, so grenzenlos fern wie jener Erdball, dem ich
-durch Wolken entronnen bin in diese verklärte andere Welt. Die Augen
-fallen mir zu vor Bangen: wer bist du, wer bist du, verklärender Geist?
---
-
-Ein silberhell klingendes Lachen weckt mich; hab ich’s geträumt oder
-leben hier Menschen? Nein, eine Lichtgestalt weilt vor mir; ich
-schnelle auf, eine Geistin umschwebt mich. Hab ich sie schon auf Erden
-gekannt? Ihre Augen ermuntern mein Herz so vertraut, als hätten sie
-schon in früher Kindheit über meinen Spielen gewacht. Ihr Blick ist so
-innig silbergrau, nein lichtschwarz, nein tief von Herzen goldklar,
-ganz silber-und-gold-herzinnig klar; ist es die Göttin Barmherzigkeit?
--- Sie lächelt, sie läßt den Kopf etwas hängen; o süße Schelmin
-Barmherzigkeit! Sie nickt mir nochmals von Herzen zu; ich lausche, ich
-höre ihr Seelenspiel klingen.
-
- Die Erde schläft in Nebelschleierschein;
- doch kann ihr Atem nicht ihr Leid verdecken.
- Ihr träumt, sie würde wach viel freier sein;
- es ist wohl Zeit, daß wir sie wecken?!
-
-Ich starre hinab, mir bangt aufs neue. Nein, steht mein Blick, laß die
-Erdseele ruhn! sie ist voll Rachsucht, sie will nur morden; laß uns den
-Geist dieses Lichtreiches wecken! -- Die Geistin lächelt; weshalb nur
-wieder? aber ihr Lächeln ermutigt mich. Laß uns ihn wecken! verlangt
-mein Blick; Ihn, dessen Haupt diese andre Welt trägt, doch unter dessen
-träumender Stirn jene Erde uns noch immer bannt! Laß seine Augensterne
-erst leuchten, das wird uns erheben aus diesem Bann! --
-
-Sie lächelt und nickt, ist nickend verschwunden; ich greife verdutzt
-in leeren Glanz. Ich schwebe wieder allein in den Weiten; nur
-ihr silberhelles Gelächter klingt noch. Nein, auch ihr Blick ist
-zurückgeblieben; wie ein goldenes Sternchen schwebt er vor mir,
-inmitten des silberweiß kreisenden Nestes. Oder nein, es ist ja ein
-Doppelsternchen! Ja, ein goldklar flimmerndes Zwillingssternchen!
-ein kleines wirbelndes Sternseelenpärchen! zwei kleine glitzernde
-Seelensternzellchen, die in eins zusammenzusprießen streben. Ich greife
-danach, ich schrecke zurück: das eine spiegelt deutlich mein Bild. Ich
-seh mich hinauf in den Nestkranz greifen, in das kreisende Spiel des
-Sternengezweiges; -- und spielt nicht im andern das Bild der Geistin?
--- Nein, schon sind beide zusammengesprossen; ich weiß nicht, spielt
-da +mein+ oder +ihr+ Bild? Es spielt mit den kreisenden
-Neststernbällen, mit unzähligen, reihenweis wirbelnden, unendlich
-zellkleinen Zweigsternbällchen; und in jedem Zellstern spielt wieder
-solch Bildchen. Ich will es fassen; ich greife ins Unfaßbare. Ich
-merke, es schwebt weit über mir, unermeßlich weit, und sprießt weiter
-im Schweben, immer weiter in wirbelnden Sternbilderspielen; es scheint
-nur so klein, weil’s so grenzenlos fern ist. Es wirbelt mich hoch,
-schon entwirbelt’s dem Nestkranz; und sprießt immer wirbelnder über mir
-fort, und ein silberhelles Gelächter umstürmt mich.
-
-Ich muß mitlachen, ich blicke hinab; ganz zusammengeschnurrt in
-schwarzer Tiefe schwebt das weltweite Dornennest unter mir, nur
-wie ein flaches Korbflechtwerk noch, eine tellerförmige milchweiße
-Scheibe, auf der sich ein riesenhaft sprudelnder, goldklar von
-Sternzellen strudelnder, fort und fort wachsender Kreisel dreht.
-Er schleudert mich mit im sausenden Umschwung, immer höher den
-schwellenden Rand hinan; ich kann kaum noch das winzige Urzellbild
-ahnen, das in der Kreiselspitze da unten mit andern solchen
-Urbildern Ball spielt. Ich ahne nur, wie sich aus jedem Bildstrahl,
-den es hochsprudelt in den silbrigen Nebel, eine neue Schaar
-Goldstrahlenbilder entpuppt, aus jedem Weltsternchen eine Sternenwelt,
-immer riesenhafter emporgegliedert, ein unendlicher Springbrunn von
-Lichtpuppengliedern, und jedes Glied schon ein ganzes Wesen, ein
-ganzes Weltpuppengliederspiel, das andere spielende Weltgliederpuppen
-nach allen Seiten entspringen läßt. Ich möchte eins dieser Wesen
-betrachten; ich schwebe so nahe an seiner Seite, ich kann seinen
-Atemkreis brausen fühlen. Ich möchte erkennen, ob’s Mann ist, ob Weib;
-aber es dehnt seinen riesigen Lichtnebelkörper, den Sterne um Sterne
-wie Flugsaat durchwirbeln, so stürmisch ins Unermeßliche, daß ich
-wieder nichts weiter wahrnehmen kann als ein seelenvoll brausendes
-Gelächter. Und wieder muß ich voll Bangen mitlachen, denn in all meinem
-Bangen ahne ich jetzt: vielleicht ist dies unabsehbare Glanzspiel,
-dieser ganze erhabene Sternpuppenkreisel auch wieder nur ein kleines
-Glied, vielleicht nur die unterste Zehenspitze von einer noch größeren
-Spielgestalt, die wieder noch größere ausspielen kann -- o laß dich
-erkennen, erhabenstes Wesen! --
-
-Ich starre hinauf zu dem äußersten Lichtsaum: könnt ich nur Einmal
-ein einziges Leuchten seiner Augensterne aufschimmern sehn! Ich mühe
-mich, jäher emporzukreisen, dem Bannkreis des Strudels noch näher zu
-steuern; mir ist, ich tu’s schon seit Ewigkeiten. Ich blicke zurück auf
-meine Flugbahn; das Sternennest unten ist garnicht mehr sichtbar, es
-scheint nur die allerunterste Spitze dieses schwebenden Weltenkreisels
-zu sein. Mir wird so hinschwindend seelenweit, ich kann kaum mehr
-meine Bewegungen fühlen. Ich kann in dem wachsenden Lichtseelennebel
-auch nichts mehr von meinem Körper sehen; ich bin wohl selbst eine
-Lichtwelt geworden. O könnt ich nur endlich das Augenlicht sehen, dem
-all diese seligen Weltspielpuppen aus ihren Kreisen entgegenlachen!
--- Ich muß auf einmal auch selig lachen: ich sehe urplötzlich im
-Innern des Kreisels, rings unter mir, überallher aus den Nebeln, ganze
-Schwärme von Augenlichtern aufschimmern: alle die hohen entschlafenen
-Geister, die meine Bahn einst beleuchtet haben, sie erwachen aus
-ihren träumenden Tiefen und folgen mir höher mit lachenden Blicken.
-Es erwachen und lachen Rembrandt und Shakespear, Cervantes und Swift,
-Aristophanes, Nietzsche. Es lacht auch mein Vater, auch unsre Mütter,
-und jenes dornenumspielte Haupt. Ich will es begrüßen, mein Gruß
-erstarrt: aus seinem Blick lacht die Göttin Barmherzigkeit. Ich starre
-hinab von Blick zu Blick: in allen den schwärmenden Augensternen,
-selbst in Euern Gestirnen, Nietzsche, Rabelais, Shakespear, ihr
-wildesten Schwärmer, ihr Freunde der Frevler, spielt das Bild der
-Göttin Barmherzigkeit. Mir schwindelt; ich muß wieder aufwärts
-blicken! O erwache auch Du, erhabenstes Wesen, erwache aus deiner
-Gleichgiltigkeit! Erhebe mich endlich zu +Deinem+ Blick! Entreiß
-mich all diesen wachsamen Augen: sie mahnen noch immer an jene Erde,
-die doch seit Ewigkeiten dahin ist! Entpuppe dich endlich: wer bist du,
-Du --
-
-Ich horche erschrocken: was lacht da „Du!“? Und ein Echo lacht
-stürmisch abermals „Du!“ Will das erhabenste Wesen mich höhnen? O, nur
-höher! mir bangt nicht mehr! nur zu! -- Ich steure noch jäher hinein
-in den Kreisel, ich lache stürmisch mit „Du, du, du!“ Ich lasse mich
-ganz in den Lachstrudel reißen: vielleicht kann selbst das erhabenste
-Wesen mich nur in seinem Innern erhören, da in der innersten Achse
-da! -- Ja, ich höre, nun lacht es „Da, da, da“ --: und siehe, das
-ganze Weltpuppenspiel beginnt zu nicken, wild, fern und nah. Und
-immer wilder, mir stockt das Herz: will es mich aus dem Gleichgewicht
-nicken? Nein, in ganz gleichwilden Weltkreisen nickt es, kreisunter
-kreisüber mir -- da, da, da -- mit sternklar barmherzigen Geisteraugen
--- und lacht ganz gleichgiltig „Ha-ha-hah.“ Es will mich gewiß nur in
-Sicherheit lachen; ja, die Achse des Kreisels ist schon ganz nah. Ob
-sich’s da endlich entpuppen wird? Ja! All die Geister da lachen „Ja“
-und nicken. Aber was +ist+ das? Ah --: die Achse! -- Sie dreht
-uns immer noch höher! aber mir stockt das Herz immer jäher: verliert
-sie nicht doch jetzt das Gleichgewicht? -- Nein, sie verdreht wohl ihr
-Seelenlicht? Hahahah, sie verdreht uns die Übersicht! Sie beginnt zu
-wackeln! o all ihr Geister: das erhabenste Wesen scheint kopfstehn zu
-wollen! --
-
-Ich höre entsetzt: Alles lacht wieder „Ja!“ -- Ha-ha-halt!
-Barmherzigkeit! Wenn wir fallen: wir fallen ins Bodenlose da! -- Da,
-was seh ich: allmächtiger Himmel, ja: es steht ja schon kopf! --
-es entpuppt sich! -- Ah -- --: himmelhoch über mir steht etwas da:
-mittenauf aus den wackelnden Seelenwelten steht die Kreiselkrone in
-Gloria -- und ist eine -- was? -- eine Sohle?? -- ja: eine riesige
-wacklige Weltseelensohle, von unzähligen Zehenspitzen umzappelt.
-Ich erkenne, sie will uns +noch+ höher zappeln: sie beschirmt
-unsre Welt wie ein maßloser Fallhut: wir zappeln in einer ungeheuren,
-allweltenhütenden Urweltpuppe, die auf ihrer Hutspitze bodenlos
-kopfsteht, und deren Bauch sich vor Lachen schüttelt. Er schüttelt uns
-mit, immer mit, hahahah! Macht Halt, ihr Geister, sonst platzt er!
-Da --: er platzt -- ich muß mich vor Lachen umdrehn. Hahahah, all die
-Weltgeister drehn sich +mit+ um! Hahahah, sie verdrehn mir Hören
-und Sehen! Hahahah, das erhabenste Wesen rächt sich! Hahahah, es läßt
-mich vor Lachen sterben -- mir gehn alle Augen über, nein auf! -- ja
-auf! endlich auf! -- Was? -- bin ich denn wach? --
-
-Ja, ich saß mit offenen Augen im Bett; und mittenher durch mein
-halbdunkles Zimmer langte ein goldheller Morgenstrahl, voll
-unzähliger wirbelnder Sonnenstäubchen. Es war also doch ein Spalt in
-dem Fenstervorhang. Ich stand auf, machte vollends hell und besann
-mich; dann warf ich die abends empfangene Todesnachricht aus meinem
-Shakespear in den Papierkorb. Ich wußte nicht: sollte ich wie ein Kind
-ein dankbares Morgengebet verrichten? oder Gott, Welt und Leben zum
-Teufel wünschen? Ich weiß es noch heut nicht, du himmlischer Quälgeist,
-o allbarmherzige Phantasie!
-
- Wer bist du? „Wer du willst!“
- Wo wohnst du? „Wo du’s fühlst!“
- Lebst wohl im Lichtstrahl still?
- „Wohl auch im Staubgewühl!
- Bürst mein Hütlein,
- klopf dein Kittlein,
- so kannst du merken, wer ich bin,
- wieviel goldne Wunderwelten in uns glühn!“
-
-
-
-
- Betrachtungen
-
- über Kunst, Gott und die Welt
-
- Auswahl
-
-
-
-
-Kunst und Volk
-
-Neun Selbstverständlichkeiten, die aber doch der Erklärung bedürfen
-
-1. +Die Kunst besteht in den Kunstwerken, die nicht fürs Volk
-geschaffen sind, sondern für Gott und die Welt, für die Seele der
-Menschheit oder auch der Blumen auf dem Felde, für Alle und Keinen,
-fürs ewige Leben oder für sonst eine grenzenlose Größe.+
-
-Das soll heißen:
-
-Es werden sehr viele Kunstwerke gemacht, aber recht wenige machen die
-Kunst aus. Kein Kunstwerk mehrt den Kunstbestand, durch das der Urheber
-irgend ein begrenztes Volk zu irgend einer bestimmten Zeit für irgend
-ein bekanntes Ziel ausbilden will oder wollte. Die Volksbeglücker, die
-Volksveredler, die Volkserzieher und -verzieher mögen ein solches Werk
-mit Fug und Recht zu ihrer Zeit den Leuten anpreisen; aber sobald jenes
-Ziel erreicht oder aber als irrig erkannt ist, verfällt solch Werk der
-Vergessenheit oder bestenfalls der Kunstgeschichte, ist überflüssig
-und leer geworden, hat keinen belebenden Inhalt mehr. Freilich befaßt
-sich alle Kunst mit dem umgebenden Volks- und Zeitgeist als einem Teil
-ihres Stoffbestandes; aber nicht Das ist ihr Lebensbestand, sie geht
-nur aus von dieser Umgebung, und ihr Ziel schwebt grade im Unfaßbaren.
-Beständiges Leben enthält nur +die+ Kunst, die jederzeit und
-immerfort hinaus ins Unbekannte weist, wie die Blumen blühen ins Blaue
-hinein. Und solche Kunst schafft nur der Künstler, der fürs Volk ein
-ewiges Rätsel bleibt. Er kennt nur Eine Bestimmung des Schaffenden:
-die Gesetzgebung für das Unbestimmte. Er sieht nur Eine Grenze des
-Schaffens: die Formlegung für das Unbegrenzte. Denn er ahnt nur Ein
-Ziel der menschlichen Bildung: die Gestaltung eines vollkommenen Wesens.
-
-2. +Der Kunst gegenüber gibt es nur zwei Arten Volk: das
-menschenwürdige und das hundsgemeine.+
-
-Das heißt:
-
-Vollkommene Kunst wirkt nicht auf Jedermann als vollkommen, sondern
-höchstens auf solche Seelen, die selbst den Trieb zur Vollkommenheit
-haben und fremde Seelenkraft mitfühlen können. Hierzu aber verhilft
-kein besonderer Bildungsgrad, kein Wohlstand oder sonstiger Vorrang,
-der einzelnen Ständen und Klassen des Volkes -- je nach dem Lauf der
-Zeiten -- vergönnt ist, mag auch durch alldas die Freiheit und Freude
-des menschlichen Mitgefühls leichter erblühen. Dies Mitgefühl eignet
-vollkommen nur solchen Seelen, denen das menschliche Dasein unendlich
-mehr ist als eine Laufbahn zum Wohlbefinden, zum Vornehmtun oder
-Neunmalklugsein, nämlich ein steter gründlicher Antrieb zur Steigerung
-aller schaffenden Kräfte, ob für, ob gegen, ob durch einander. Das
-sind die menschenwürdigen Seelen, die auch die Kunst von Grund auf
-zu würdigen wissen. Sie pflanzen den Willen zur Menschheit fort,
-sie bilden in Wahrheit den Volksgeist und Zeitgeist und begeistern
-allmählich sogar die Halbwilligen; sie sind in jeder Volksschicht
-zu finden, wenn auch am meisten wahrscheinlich in jenen Schichten,
-die am eifrigsten für die Zukunft kämpfen. Wo sich der Sinn auf
-Vollkommenes richtet, ist „Volk“ stets nur der Inbegriff der menschlich
-strebsamsten Volksgenossen, d. h. ein Unterbegriff der Menschheit;
-wer ein vollkommener Mensch sein könnte, der wäre natürlich auch im
-Besitz von jeder Vollkommenheit seines Volkes. Der Rest aber, der ewig
-rückständige, der wohlbestallte wie übelbestellte, der Bildungspöbel
-wie rohe Mob: je nun, der hält sich an die Art Kunst, die das Volk
-übers menschliche Dasein täuscht, mehr oder weniger hundsgemein. Doch
-ist auch diese Art Volk und Kunst im geistigen Haushalt der Menschheit
-vonnöten, denn eben ihr Widerstand reizt die andere Art zur beständigen
-Steigerung ihres Willens.
-
-3. +Keine Art Volk schafft jemals Kunst; jede Art Volk reizt die
-Künstler zum Schaffen.+
-
-Das will besagen:
-
-Die Kunst, soweit sie nicht Handwerk und Machwerk ist, stellt eine
-unwillkürliche, unerklärliche Einsicht ins Leben vor, die stets nur
-Wenigen innewohnt und sich nur durch eigentümlich geheimnisvolle, zwar
-den Sinnen vollkommen deutliche, doch dem Sinn vielfältig deutsame
-Bilder Anderen mitzuteilen vermag. Auch was man gewöhnlich Volkskunst
-nennt, ist niemals durch die gemeinsame Macht irgend eines Volkswillens
-entstanden, sondern immer ursprünglich von Einzelnen aus reinem
-Eigensinn ersonnen und dann erst zu Gemeingut geworden. Aus einem
-natürlichen Mitteilungstrieb, der schon im Licht der Gestirne waltet,
-gibt der Einzelne sein einsames Sinnbild dem willigsten Empfängerkreis
-hin, oder dem mächtigsten Abnehmerkreis; der gibt es weiter und
-immer weiter, und dadurch schleifen sich unter Umständen -- zumal
-bei mündlicher Weitergabe -- die eigensinnigsten Züge des Bildes ins
-Allgemeinverständliche ab. In den kleinen Volksgemeinden der Urzeit
-besorgten wohl meist die Priesterkasten und Herrengeschlechter die
-erste Verbreitung; nachher vermittelten fahrende Leute zwischen der
-Künstlerschaft und dem Volk, oder die Künstlerschaft wurde Beruf und
-ging also selbst auf die Fahrt nach Brot. So zog einst der Barde mit
-seinen Heldengesängen von Herrenhof zu Herrenhof, der Troubadour mit
-seinen Balladen von Ritterschloß zu Ritterschloß; und allerlei anderes
-fahrendes Volk machte die vornehmen Gebilde fürs seßhafte schlichte
-Volk zurecht, und aus der erhabenen Heldensage wurde ein Volkslied,
-ein Bänkelsang. So sind auch die Märchen der Urgroßmütter nicht von
-den Urgroßmüttern erfunden; sondern die alten Göttersagen, Naturmythen
-und Geistergeschichten einer von Priestern gelenkten Kultur sind
-später von sinnigen Landstreichern, entlaufenen Mönchen, Scholaren und
-Schreibern, für das Verständnis der Spinnstuben-Insassen verweltlicht
-und vereinfacht worden, auch wohl versimpelt und verballhornt. So ist
-auch die sogenannte Bauernkunst, wie sie in Hausrat und Volkstracht
-sich fristet, nirgends dem Heimatboden entsprungen, ist aus höfischen
-oder städtischen Kreisen von reichen Dörflern aufs Land verpflanzt,
-und da erstarrt sie durch Handwerksbrauch zu wunderlich verwucherten
-Formen, bis wieder eine neue Stadtkunst kräftig und reif genug geworden
-ist, die entartete alte zu verdrängen. So ging auch die Kunst der
-wilden Völker seit jeher den Ermächtigungsweg über den Festplatz
-des Zauberpriesters, das Zelt des Häuptlings oder der Obmänner, um
-in alle Hütten des Stammes zu dringen. Denn der Künstler, der kein
-Strumpfwirker ist, will sein Werk nicht im Engen verkommen lassen; er
-will wie das Leben ins Leben wirken, ins unendlich weite belebende
-Leben, und heute wendet sich seine Kunst nur deshalb gleich ans
-breitere Volk, weil es mächtiger als die Machthaber dem schaffenden
-Willen des Lebens dient.
-
-4. +Das Volk versteht nichts von der Kunst; das ist auch nicht nötig
-zum Kunstgenuß.+
-
-Das besagt:
-
-Es gibt überall nur Wenige, die vollkommen fähig zum Kunstgenuß
-sind; die volle Genußkraft ist ebenso selten wie die vollkommene
-Schaffenskraft. Aber auch diese Wenigen, Jeder für sich allein
-genommen, verstehen nur wenig von den vielfältigen Reizen, die das
-geheimnisvolle Leben in dem bewunderten Werk bewirken. Selbst von den
-Handwerksgriffen des Künstlers versteht zuweilen sogar der Künstler
-nicht jeden einzelnen Wirkungswert, geschweige den ganzen Zusammenhang;
-und mancher nüchterne Kunstgelehrte sieht da schärfer als der
-scharfsinnigste Meister. Nur sind die äußerst klugen Leute, die blos
-mit Verstand zu genießen verstehen, gewöhnlich die innerst seelendummen
-und begreifen oft weniger als ein Nigger von der begeisternden
-Gefühlswelt, die hinter den sinnlichen Reizen des Kunstwerkes lebt.
-Diese Kunstverständigen zwar entscheiden, ob ein Werk den besten
-Kennern des Handwerks auf absehbare Zeit zu genügen vermag, und
-schätzen seinen Sachwert ein; aber unabsehbar ist das Leben, und
-ein vollkommenes Kunstwerk enthält die Lebenshinterlassenschaft
-von hunderttausend Millionen anderer Werke und das unschätzbare
-Vorvermächtnis für aber-und-abermals andre Millionen. Ein solches Werk
-kann Jahrhunderte lang -- nach den Maßstäben aller Sachverständigen,
-nach dem Urteil der Künstler wie Kunstgelehrten, nach der Meinung der
-eignen wie fremder Volksart -- ein wertloses totes Unding sein: und
-auf einmal ist es nur scheintot gewesen und belebt tausend Geister zu
-neuem Gefühl, zu neuem Schaffen und neuem Genuß. Vor der unbekannten
-seelischen Macht, der das vollkommene Kunstwerk entstammt, ist eben
-auch der Kenner „nur Volk“. Über diese beständige Machtvollkommenheit,
-diesen eigensten Lebenswert der Kunst, entscheidet keinerlei
-Kunstverstand, auch kein Kunstgeschmack und kein Kunstgefühl, weder des
-Einzelnen noch einer Volksmasse; denn es gibt und gab kein einziges
-Kunstwerk, an dem der Verstand nicht zu mäkeln fände, und Geschmack
-und Gefühl sind unbeständig, ob aus Verstand oder Unverstand. Über
-den Lebenswert der Kunst entscheidet stets nur das Leben selbst,
-das wandelbare Leben der Menschheit, wandelbar von Volk zu Volk, ob
-durch Zufall, Notwendigkeit oder Gott-weiß-was, doch beständig zum
-Weiterleben gewillt. Mit dem Genuß aber hat das wenig zu tun; den
-rohesten Kerl kann das scheußlichste Machwerk unvergleichlich stärker
-und inniger freuen, als die reinste Schönheit den feinsten Kenner. Wer
-Anderes lehrt, ist ein Faselhans, ob nun ein Schwarmgeist oder ein
-Nüchterling.
-
-5. +Der Kunstgenuß jeder Art Volkes besteht in der Begeisterung durch
-das Unbegreifliche, in der Ehrfurcht vor dem Unerforschlichen, in der
-Lust und Liebe zum Abenteuerlichen: in Glauben, Traum und Übermut.+
-
-Das bedeutet:
-
-Wie das Wesen des Kunstschaffens unerklärlich ist, so auch das Wesen
-des Kunstgenießens; erklärlich ist nur der bewirkte Zustand. Er ist,
-und sei er noch so vergeistigt, ein Zustand der sinnlich befriedigten
-Liebe, im weitesten und engsten Sinn, in der höchsten, tiefsten,
-flachsten Bedeutung: Liebe, Verliebtheit, Liebhaberei. Er gibt also
-nicht die geringste Gewähr für den Wertbestand des geliebten Dinges,
-für Schönheit, Naturwahrheit und dergleichen. Wie dem liebenden
-Jüngling ein Gesicht, das er gestern noch für abschreckend hielt, heute
-ein Ausbund aller Liebreize ist, ihm vielleicht sein ganzes Leben lang
-sein wird, vielleicht auch nur für etliche Wochen, so liebt und lebt
-auch der Kunstliebhaber; und nun erst gar ein Gemisch von Volk! Sogar
-das griechische Volk war kein Kunstvolk, wie manche Leute es gerne
-träumen; denn ein griechisches Volk hat es nie gegeben, es gab nur
-einige Stadtgemeinden mit wenigen, sehr machtvollen, kunstliebenden
-Patrizierfamilien und einem Haufen machtsüchtiger, vergnügungslustiger
-Spießbürger nebst einer bäurischen Sklavenheerde. Aber die Lust und
-Liebe zur Kunst ist selbst ein gewaltiger Lebenswert: sie legt den
-geliebten Dingen Vollkommenheit bei, auch wenn sie noch unvollkommen
-sind, und hebt alle Kräfte der liebenden Seele, auch wenn es nur
-schwache Kräfte sind. Das gilt für Männlein wie für Weiblein; denn
-in den höchsten Bezirken der Liebe hört der Geschlechtsunterschied
-glücklich auf. Sie treibt den Geist in einen Traum, der ihm die
-stärksten Sehnsüchte seines Lebens durch das angebetete Bild erfüllt
-zeigt; und je weniger Wissen den Geist beschwert, je weniger Kenntnis
-von Kunstmaßstäben, umso leichter glaubt er seinem Traum. Dann braucht
-er keine Erklärungen mehr: dann wird ihm das Unbegreifliche klar,
-daß er Eins ist mit dem einsamen Künstler: dann erlebt er wie dieser
-das Grenzenlose, ist mit ihm die Blume auf dem Felde, mit ihm der
-Held seiner Abenteuer, mit ihm ein ganzes mächtiges Volk und jauchzt
-im Stillen vor Übermut. Und wenn er aufwacht aus diesem Traum, der
-ihm das Winzigste riesengroß, das Furchtbarste herrlich und lieblich
-machte, dann verehrt er die unerforschliche Kraft, die frei mit den
-eigenen Grenzen spielt; und seine Abenteuerlust, die einen Augenblick
-staunend gestillt war, gibt sich ermutigt dem unstillbaren, wandelbaren
-Leben hin. Ein ganzes Volk aber, das so träumt und nur kraft höchster
-Kunst so träumt, das ist ein -- schöner Zukunftstraum.
-
-6. +Die höchste Kunst wirkt nicht unmittelbar, sondern mittelbar als
-Sage ins Volk.+
-
-Nämlich:
-
-Nicht blos die Kunst der vorgeschichtlichen oder späterer
-ungeschichtlicher Zeiten, wie sie uns in heroischen Fabeln, humanen
-Idyllen, religiösen Parabeln vom „Volksmund“ überliefert ist, sondern
-auch alle geschichtliche Kunst, die ein vollkommenes Sinnbild
-sinnlichen Lebens und zugleich des höchsten geistigen ist, dringt ins
-ganze Volk nur durch Hörensagen und lebt nur durch freie Erinnerung
-fort; auch der Buchdruck hat daran nichts geändert. Wer liest heute
-noch Cervantes und Swift, wie sie vollständig im Buche stehen, oder
-gar Dante und Homer? Ein zählbares Häuflein Gebildeter; und viele von
-ihnen nur aus Zwang. Wer sieht heute noch ein Bildwerk von Phidias oder
-hört die zärtliche Sappho singen? Wer hat die Pyramiden besucht, wer
-den Petersdom, wer den Park von Versailles? Wer kennt wirklich Lionardo
-vollkommen, wer Goethe, wer Mozart und Gluck, wer Bach? -- Aber man
-spreche von Gullivers Reisen, von Don Quijote, Don Juan, Helena, Faust,
-man nenne die Namen Prometheus und Orpheus, Michelangelo, Shakespear,
-Rembrandt, Beethoven: und ein Schauer gläubiger Einbildungskraft
-wird auch den Geist des geistig Armen mit Bildern schicksalreichsten
-Lebens, Gestalten vollkommener Menschlichkeit füllen. Unter hundert
-Kunstkennern sind nicht zwei in der Deutung von Dantes Beatrice,
-der Erklärung von Shakespears Hamlet einig, aber jeder einzige fühlt
-sich im Klaren, sobald er im Leben sagen hört: jenes Mädchen scheint
-eine Beatrice, dieser junge Mann ist der reine Hamlet. Das eben ist
-das Kennzeichen höchster Kunst, daß sie Keinem ganz begreiflich wird,
-daß der Eine dies, der Andere jenes als ihr bedeutsamstes Merkmal
-herausgreift, daß sie die unbegrenzte Macht hat, über die eigene
-Bildwirkung weg durch fremde Vermittelung weiterzuwirken, bis sich
-aus all den begeisterten Meinungen ein allgemeines Erinnerungsbild
-formt, oft nur ein Teilchen des Ursprungsbildes, aus dem der Volksgeist
-aber das Ganze -- und mehr als das -- zu begreifen glaubt. So genügt
-dem Liebenden eine Locke, um ihm die ganze Gestalt der Geliebten,
-den Duft ihres Haars, ihren Blick, ihr Lächeln, ihre ganze Seele
-heraufzubeschwören; ja, es genügt ihr bloßer Name.
-
-7. +Nie ist Kunst volkstümlich von Anbeginn; sie wird es kraft ihrer
-ursprünglichen, neubelebenden Freiheitslust, und sie bleibt es kraft
-ihrer notwendigen, althergebrachten Ordnungsliebe.+
-
-Denn:
-
-Volkstümlichkeit ist das Endergebnis einer langen freiwilligen
-Gewöhnung aller einzelnen Volksmitglieder, oder doch der meisten und
-menschlich besten, unter Anleitung der geistig regsten. Man will sich
-aber an nichts erst gewöhnen, was von Hause aus schon gewöhnlich ist;
-und man gewöhnt sich auch an nichts, was durchaus blos ungewöhnlich
-sein will. Nur solche Kunst wird und bleibt volkstümlich, die den
-Willen zum geistigen Miterleben, diesen allgemeinsten menschlichen
-Willen, gleichermaßen bewegt und beruhigt, löst und fesselt,
-antreibt und bändigt. Sie muß Reize enthalten, die immer wieder
-das schrankenlose Naturgefühl selbst des Eigensinnigsten erregen;
-und sie muß andere Reize enthalten, die immerfort die beschränkte
-Kulturvernunft auch des Freimütigsten beschwichtigen. Sie muß alle
-diese zwiefachen Reize in einer so einfachen Form vereinen, daß sie
-zwingend wirkt wie ein neues Gesetz, zu dem die alten hingedrängt
-haben; und es macht das innerste Schicksal des Künstlers aus, ob
-er die äußere Geschicklichkeit hat, sich mit seiner ursprünglichen
-Schaffenskraft in die Beschaffenheit der Welt, die notwendige Ordnung
-der Kräfte, zu fügen. Dann ist sein Werk ein vollkommenes: ein Sinnbild
-des ziellos schaffenden Lebens, ein Abbild des freiesten Willens
-zum Dasein, ein Vorbild der willigsten Schickung ins Ewige. Solche
-Kunst mag man anfangs für willkürlich halten, mag sie mißachten und
-mißdeuten, verlästern oder verlobhudeln: grade Das wird die Neugier der
-Menge reizen, grade Das selbst die ältesten Schlafmützen wecken, und
-endlich nimmt auch der Gleichgiltige die ernste Giltigkeit ihres Wesens
-hinter dem scheinbaren Gaukelwerk wahr. Dagegen die Kunst, die nach
-Volksgunst fahndet, indem sie sich in das Maskengewand volkstümlich
-gewordener Ahnenkunst kleidet: sie mag von den vornehmsten Autoritäten,
-von Obrigkeit, Schule und Zeitungen, mit aller Gewalt „populär“ gemacht
-werden, eine Zeit lang „ungeheuer beliebt“ sein, schließlich wird sie
-als eitel Blendwerk erkannt und dient bestenfalls zur Vermittelung
-einiger Kunstkenntnis ans Volk.
-
-8. +Alle Kunst, die nicht volkstümlich wird, ist Unkunst, Tand und
-Spreu im Wind.+
-
-Das ist so zu verstehen:
-
-Kein Kunstwerk, und sei es noch so schlecht, ist von Anfang an ohne
-Lebenswert; es finden sich immer die vielen Dummen und manchmal auch
-nicht wenige Kluge, die ein schlechtes Werk für gut genug halten, die
-Langeweile auszufüllen. Erst allmählich merkt man, was Unkunst ist.
-Jeder Einzelne weiß das aus eigner Erfahrung, und die Erfahrungen der
-Völker wachsen noch viel allmählicher, dafür freilich auch dauerhafter.
-Es lassen sich mancherlei Kunstwerke herzählen, die Jahrhunderte lang
-im Volk wie bei Kennern die höchste Wertschätzung besaßen und heute
-für mittelmäßig gelten, vielleicht immer tiefer an Wert sinken werden,
-vielleicht auch wieder zum höchsten steigen. Eine vollkommene Gewähr
-für die Richtigkeit eines Kunstwerkes bietet allein der Tatbestand, daß
-es als Stoffding untergegangen ist, ohne in irgend einer Form -- in
-Sage, Denkmal, anderen Werken -- als seelisches Wesen weiterzuwirken.
-Das mag sich von den besten Kennern für die ungeheure Mehrzahl der
-Kunstdinge mit aller Gewißheit voraussagen lassen; aber die Kenner
-vollstrecken ihr Urteil nicht. Nur die Menschheit selbst ist das
-Jüngste Gericht und sondert langsam die Spreu vom Weizen; und das
-Volkstum ist das große Sieb, durch das sie ihre Lebensfrucht worfelt.
-Da werden auch viele Dinge durchfallen, die vielen Kennern Kleinodien
-waren; und der ordinärste Hintertreppenroman wird dann nicht tiefer
-im Kehricht liegen als manche exquisite Salonnovelle. Dann wird der
-namenlose Dichter, der dem Volk den Aberwitz der Romantik durch das
-Bild des „geschundenen Raubritters“ zeigte, in der menschlichen
-Sprache lebendiger leben als mancher romantische Schulpoet mit
-literarhistorischem Ruhm. Über die Geistesgebilde der Machtvollsten
-aber lebt noch ihr eigenes Bildnis hinaus. Es werden Zeiten kommen,
-wo unsre Kultur begrabener als die ägyptische daliegt; dann wird
-vielleicht kein Buch von heute, kein Notenblatt mehr in Ansehen stehn,
-aber das Seelenbild Dante, das Paradiese und Höllen umarmt, der Geist
-Beethoven, den die Verzweiflung zum Freudenschrei trieb, wird dann der
-Menschheit noch ebenso heilig sein wie Orpheus oder Prometheus.
-
-9. +Die Kunst geht ihren eigenen Weg; wohl ihr, wenn das Volk ihr zu
-folgen vermag.+
-
-Das ist so selbstverständlich --
-
-daß es selbst für die eingebildetsten Dickköpfe nicht der Erklärung
-bedürfen würde, wenn nicht manche Künstler von Zukunftswert einen
-wohlfeilen Afterstolz darein setzten, bei Lebzeiten nicht ins Volk zu
-dringen. Angewidert vom Afterruhm meinen sie, ihr Selbstgefühl sei die
-ganze Welt, die Menschheit ein Märchen der Volksverführer. Wie lange
-wird dieser Irrsinn dauern? Bis sie der Welt zum Opfer gefallen und dem
-Volk wie der Menschheit ein Leichenschmaus sind! Denn wir leben alle
-nicht für uns selbst, mag es auch manchem Scheinweltweisen bei seiner
-Schreibtischlampe so scheinen; selbst der selbstsüchtigste Geizhals muß
-ins Grab und hat seine Schätze für Erben gesammelt.
-
-
-Nationale Kulturpolitik
-
-Eine fragwürdige Angelegenheit
-
-Die Möglichkeit einer Kulturpolitik wird wohl niemand in Abrede
-stellen. Man pflegt sich nur darüber zu streiten, ob die sogenannte
-wahre Kultur -- wie die philosophastrischen Schlagwörter lauten --
-„bewußt“ oder „unbewußt“ zustande komme, besser gesagt: absichtlich
-oder unwillkürlich. Aber es gibt keine geistige Tätigkeit, die nicht
-zugleich aus unwillkürlichem Antrieb und mit absichtlicher Zwecksetzung
-vor sich geht. Politik ohne bewußte Absicht ist ein Widerspruch
-in sich selbst; und die Geschichte der Völker und Staaten zeigt,
-daß Kulturpolitik zu allen Zeiten und in allen Ländern getrieben
-wurde. Man braucht nur Namen wie Perikles und die Medici, Augustus
-und Louis XIV, William Cecil und Friedrich den Großen zu nennen,
-und wir erinnern uns an Epochen planvollster Zusammenfassung der
-produktiven Einzelkräfte um der organischen Volksbildung willen, auf
-kleineren wie größeren wie ganz großen Staatsgebieten. Und nicht blos
-persönliche Oberhäupter, auch regierende Körperschaften haben solche
-Politik getrieben; Beweis die Republik Venedig, die Niederlande, die
-Hansestädte. Allerdings waren diese Körperschaften noch durchweg
-Aristokratieen und beherrschten nur kleine Volksgebilde; auch die
-sogenannten Demokratieen der altgriechischen Stadtgemeinden hatten
-tatsächlich patrizischen oder sonstwie oligarchischen Zuschnitt. Es
-fehlt daher an historischen Parallelen zu den Herrschaftsformen der
-Gegenwart, die in den großen Staaten Europas aus alten aristokratischen
-und neuen demokratischen Machtzuständen unklar gemischt sind.
-Das aber ist ausschlaggebend für die Entscheidung der Frage, ob
-sich heute die Kristallisation der nationalen Kulturtendenzen
-erfolgreich beschleunigen läßt oder nicht. Denn erstens muß die
-Nation schon reif sein für solche höchst raffinierte Politik, sonst
-tut der naive Volksgeist nicht mit oder wird in Grund und Boden
-verdorben; und zweitens ist Politik nur erfolgreich durch eine starke
-Machthaberschaft, wie immer geartet diese sei. An sich ist freilich
-die Unklarheit der Machtverhältnisse kein Grund, daß es nicht Zeit
-zur Klärung sein könnte; kein Mensch weiß im voraus, wie reif ein
-Volk ist. Also braucht man sich blos noch den Kopf zu zerbrechen, ob
-die verschiedenen mächtigen Leute, die sich heute als Volksvertreter
-fühlen, hinlänglich einig darüber sind, +woraufhin+ kultiviert
-werden soll.
-
-Kulturpolitik irgend welcher Art wird ja allenthalben genug
-getrieben, in Deutschland eher zu viel als zu wenig. Potentaten,
-Finanzbarone, Minister, Parlamente, Parteien und Kongresse, Demagogen
-beiderlei Geschlechts, Universitätsprofessoren und Volksschullehrer,
-Literatenkliquen und Zeitungsredaktionen, alle schwingen das Wort
-„Kultur“ im Munde und greifen sogar in die Tasche dafür, teils in
-die eigene, teils in fremde, und natürlich immer für „wahre“ Kultur.
-Aber mit welcher Sorte wahrer Kultur man das +ganze Volk+ zu
-beglücken gedenkt, davon ist wohlweislich nie die Rede; sie könnte
-doch gar zu leicht unwahr tönen. Trotzdem ist einzig dies der Rede
-wert. Nationale Kultur bleibt ja leere Phrase, wenn sie nicht ein
-humanes Programm bedeutet: bestimmte Veredlungswerte der Menschheit,
-die das Volk selbstbewußt in sich ausbilden soll. Allgemeine Bildung
-ist nur ein Ziel für hochbegabte Persönlichkeiten; im Durchschnitt
-des Volkes läuft sie leider auf allgemeine +Ver+bildung hinaus.
-Gar eine schöngeistige Bildungspflege ist fürs gesamte Volk ein
-Unding, war stets nur gewissen bevorrechteten Gesellschaftsklassen
-wirklich erreichbar, deren leibliche Wirtschaftsbedürfnisse von
-anderen Klassen besorgt wurden. Alle organische Kulturpolitik muß
-zunächst natürlich darauf bedacht sein, besonders leistungsfähige
-Berufsstände zu begünstigen, an die sich die übrigen angliedern
-können, je nach den hauptsächlichen Volksanlagen und den zeitlichen
-wie örtlichen Entwickelungsbedingungen. Selbst in den kleinsten
-Gemeinwesen hat die Kultur nie von Anfang an harmonische Tendenz
-gehabt, war überall um spezifische Interessengruppen konsolidiert:
-agrarische oder kommerzielle, militärische oder juridische, religiöse
-oder philosophische, erotische oder soziologische, je nachdem die
-Oberschicht mehr sensuell oder mehr intellektuell begabt war, mehr
-energisch oder mehr spekulativ. Für all das lassen sich reinliche
-Beispiele bei räumlich beschränkten Kulturen finden, von dem
-spartanischen Kriegerstaat bis hin zum Friedensreich der Inka, von den
-indischen Weisheitsfürstentümern bis zu den Minnehöfen der Provence.
-
-Heute aber, in unseren großen Staaten mit ihren vielerlei
-Machthabergruppen, wo herrscht da wahre Einmütigkeit über solche
-Meistbegünstigung? Wie kann eine Harmonie der Interessen entstehen,
-wenn fast jeder Stand nur +die+ Politik verfolgt, sich möglichst
-„notleidend“ zu stellen! In Deutschland wird man sich höchstens
-vielleicht auf das Zugeständnis einigen: wir scheinen eine
-+industrielle+ Kultur ziemlich hohen Ranges zu schaffen. Aber die
-Folgerung lautet dann meistens: folglich braucht sie nicht mehr
-begünstigt zu werden. Und gewisse Idealisten zetern sofort: das ist
-ja „blos materielle“ Kultur, ist also „überhaupt keine“, ist „nichts
-als“ Zivilisation! Nun, ich bin selber ein Idealist, allerdings keiner
-mit fixen Ideen, und eine Grenze zwischen jenen beiden Begriffen läßt
-sich meines Erachtens durchaus nicht fixieren. Eine Industrie von
-materiellem Höchstwert ist notwendigerweise zugleich ideell, oder zum
-mindesten intellektuell, nämlich angewandte Naturwissenschaft; da ist
-also schon ein Punkt aufgedeckt, wo Zivilisation in Kultur übergeht.
-Die Industrie ist ferner genötigt, sich wegen ihrer technischen
-Qualitäten ästhetische Werte anzuzüchten; und die teilen sich dann
-natürlich dem Volk mit, das ihre Produkte herstellen, vertreiben und
-verbrauchen hilft. Und daß durch ein gründliches Industrie-System auch
-allerlei sonstige Disziplin, ökonomische, juristische, hygienische,
-moralische, in der Volksmasse ausgebildet wird, ist ohne weiteres
-selbstverständlich; Bernard Shaw hat darüber im letzten Akt seiner
-Komödie „Major Barbara“ sehr räsonnabel phantasiert.
-
-Bleibt somit lediglich auszuprobieren, ob in der Tat unsre Industrie
--- in Arbeitgebern wie Arbeitnehmern -- schon so starke Kulturpotenzen
-umspannt, daß sie die übrigen Machthabergruppen von ihrem Vorzugsrecht
-überzeugt, z. B. die Herren Agrarier und den nicht minder herrlichen
-Klerus. Sobald die geistig bedeutendsten Machtgruppen eine dauernde
-Hebung ihrer Wohlfahrt, sei es direkt oder indirekt, von einer
-materiellen Tendenz erwarten, schlägt diese bereits ins Ideelle um,
-in eine sozialpolitische Sympathie aller Stände, die sich bis zu
-religiöser Ekstase und poetischem Enthusiasmus steigern kann; siehe
-die Zeit der Kreuzzüge, die aus agrarischen Interessen emporkam.
-Dergleichen geht meist viel rascher vor sich, als die fixen Idealisten
-glauben; aber ehe es wieder möglich wird, müssen freilich erst die
-führenden Geister der einzelnen Berufskreise mehr Fühlung miteinander
-erlangen, als zur Zeit bei uns vorhanden ist, mehr Achtsamkeit und
-mehr Verständnis für die gegenseitigen Ergänzungswerte. Inzwischen
-hat jedermann im Volk, erst recht aber jeder leitende Mann, das Eine
-zu tun, das immer nottut: seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit.
-Bildung predigen kann der nichtsnutzigste Nörgler; gute Lehren sind
-gut, gute Vorbilder besser. +Im eignen Beruf etwas Tüchtiges leisten
-und fremde Tüchtigkeit anerkennen+, das ist schließlich die beste
-Kulturpolitik. Kurz: möglichst wenig davon reden im Allgemeinen,
-möglichst viel im Besonderen dazu tun! In diesem Sinne könnte die
-Großmacht „Presse“ aufs besonderste vorbildlich wirken; notabene wenn
-sie endlich wollte.
-
-Statt dessen wird geschwatzt und geschwatzt, und das hält man womöglich
-noch für ein Zeichen allgemeinen geistigen Fortschritts. Wenn jemand
-alldas lesen müßte, was bei uns über Bildung und Bildungszwecke,
-Kultur und Kulturprobleme geschrieben wird: ob er dann nicht reif
-fürs Irrenhaus würde? Wir sind besessen vom Fortbildungsdrehwurm,
-deshalb besitzen wir keine ruhige Bildung. Ich habe einmal einen Jungen
-gekannt, der so viel übers Leimrutenstellen nachdachte, daß er nie
-dazu kam, einen Vogel zu fangen. Und ich kenne viele erwachsene Leute,
-nicht etwa blos Privatdozenten, die lange Vorträge über Schönheit und
-Freiheit halten und weder verstehen eine Blume zu pflücken noch sie
-in ein Knopfloch zu stecken. Wenn so ein Schöngeist dann plötzlich
-errötet über seine Ungeschicktheit, dann ist vielleicht noch Hoffnung
-vorhanden, daß er endlich aufhört, für Bildung zu schwärmen, und
-wirklich anfängt, sich zu bilden. Darum war es ein Zeichen heilsamer
-Reue, daß unlängst unter den vielen Rundfragen, mit denen jeder
-irgendworin Gebildete von unsern Zeitungen und Zeitschriften aus
-vorzüglicher Hochachtung überschwemmt wird, plötzlich auch die Frage
-auftauchte, ob wir nicht heute „an einer Überwertung der Bildungsfragen
-kranken“. Ich weiß freilich nicht, ob der Verfasser dieser
-Überbildungsfrage über ihren Stil errötet ist; über ihre Motive aber
-sollten wir allesamt erröten.
-
-Was ist Bildung? Nur die Unbildung fragt so. Der Gebildete redet
-nicht darüber, er hat allemal Besseres zu tun; gebildet ist,
-wer vorbildlich wirkt durch irgendeine Tüchtigkeit. Unsre Zeit
-ist nicht so untüchtig, an „Überwertung“ der Bildungsfragen zu
-„kranken“; ich glaube sogar, daß jeder wertvolle Mensch über solche
-Doktorfragen die Achseln zuckt. Aber worunter wir allerdings leiden,
-und grade die Tüchtigsten am meisten, das ist die Überschätzung der
-Bildungs+mittel+, der praktischen wie der ideellen; das Werkzeug
-steht höher im Wert als das Werk! -- Wir bauen großartige Fabriken,
-die kleinliche Fabrikate erzeugen. Wir erfinden hochfliegende
-Verkehrsmaschinen, die den Verkehr immer flacher, weil flüchtiger
-machen. Wir konstruieren geistreiche Schwebebrücken, Bahnhofshallen
-und Kabelanlagen, die keiner andern Güterbeförderung als nur der
-leiblichen Wohlfahrt dienen. Wir überspinnen unsre Städte und Dörfer
-mit baumwuchsverstümmelnden Drahtnetzen, die unser Alltagsgeschwätz
-so bequem verbreiten, daß es selbst dem Geduldigsten unbequem wird.
-Wir pflegen ästhetische Techniken und intellektuelle Methoden, deren
-absonderliche Feinsinnigkeit die Wirkung der Künste wie Wissenschaften
-auf unsre ganze Gesinnung vereitelt. Wir organisieren einen
-Religionsunterricht, der so überaus vernünftig ist, daß die ehrwürdigen
-Worte des Glaubens zum Gespött der Kinder werden. Wir entwickeln
-tiefdurchdachte Erziehungssysteme, die prinzipiell auf Zöglinge von
-oberflächlichster Durchschnittlichkeit des Denkens und Fühlens angelegt
-sind. Wir betreiben eine Politik, die vor lauter Interessendiplomatie
-das solidarste Intresse der Nation, das soziale Vertrauen, in den
-Wind schlägt. Wir gründen sehr sittliche Einrichtungen zum Schutz der
-menschlichen Arbeitskräfte, und das Vollkommenste, was mit all dem
-Aufwand für Volk und Menschheit geschaffen wird, sind Instrumente der
-Zerstörung: Kanonen, Kriegsschiffe und dergleichen.
-
-Wie dieser Wahnwitz kuriert werden kann? Weder durch Lehranstalten noch
-durch Kasernen noch durch die sogenannte Schule des Lebens, durch kein
-Hilfsmittel von außen her. Autosuggestionstherapie nennt es heute die
-innere Medizin; auf gut Deutsch heißt es immer noch Selbstzucht, soll
-den Geist vom Narrsinn der Selbstsucht befreien und kann von den werten
-Lehrmeistern, Eltern und andern Vorgesetzten nur durchs eigne Beispiel
-erläutert werden. Das Wort „Bildungszweck“ ist dabei überflüssig, denn
-hier deckt sich das Mittel mit dem Zweck. Aber freilich: man lernt dies
-Mittel erst anwenden, wenn der Geist schon -- von selbst zu genesen
-beginnt.
-
-
-Kunst und Persönlichkeit
-
-Perspektiven ins Unpersönliche
-
-Wir leben seit der Betriebsamkeit der Lokomotive und des elektrischen
-Drahtes in einer Wiedergeburt der Künste, die der humanen Tendenz
-nach tiefer zu wirken und weiter um sich zu greifen bemüht ist, als
-irgend eine der früheren Renaissancen; nicht blos bemüht, auch berufen.
-Die moderne Kultur ist international geworden, und als gebildete
-Menschheit sieht man nicht mehr eine kleine Klasse von Bevorrechteten
-an, wie einst in Indien und Attika oder in den Adelsländchen und
-Patrizierrepubliken der Reformationszeit, sondern insgesamt all die
-Nationen, in denen die Leibeigenschaft für unrecht gilt. Aus einem
-so viel weitern Intressenkreis nimmt der Künstler unsrer Zeit seinen
-Rohstoff und hat für die Verarbeitung den soviel weiteren Kreis von
-Intressenten. Tiefer als jemals fühlt sich das moderne Individuum im
-Gegensatz zur breiten Masse, die immer mächtiger wird, die freier
-als jemals konkurrierende Individuen aus sich emporwerfen kann. Um
-soviel tiefer, mächtiger und freier muß jede Persönlichkeit, die sich
-zur Geltung bringen will, auch ihre wesentlichen Eigentümlichkeiten
-zum Ausdruck bringen. Sie muß, sie kann nicht anders; das ist das
-Schöpferische, das Gesunde, Urnatürliche, auch wenn es sich an
-einer Szene aus dem Krankenhaus oder an den verdrehten Gesten einer
-Salonpuppe ausläßt.
-
-Und denselben Eigenwillen bekundet, oft bis zum verrannten Eigensinn,
-einstweilen auch noch unser Kunsturteil, d. h. die Einsicht in die
-Ursachen der jeweils empfundenen Wirkung. Denn zu diesen Ursachen
-gehört zunächst der persönliche Geschmack des Genießenden, der sich
-aus allerlei Temperamentsqualitäten zusammensetzt, die mit dem
-Gefühl für den bleibenden Kunstwert nichts oder wenig zu tun haben.
-Insofern freilich wird +kein+ Kunsturteil seinen laienhaft
-subjektiven Charakter verleugnen können; selbst der Künstler dem
-Kunstgenossen gegenüber wird immer darin befangen bleiben. Aber aus
-dieser natürlichen Befangenheit grade entspringt das Gefühl der
-Unbefangenheit. Wer sich ganz dagegen sperren wollte, würde überhaupt
-nicht zum Genuß gelangen; und das hieße dem Künstler, solange er
-lebt, der Dienste schlechtesten erweisen. Eben das instinktive
-Geschmacksurteil, sobald es nur offen als solches bekannt wird, ist dem
-Künstler mindestens ebenso wertvoll wie das sogenannte rein kritische,
-das in Wahrheit niemals rein sein +kann+. Denn es wird ihn am
-klarsten über die Wirkung seiner persönlichsten Ausdrucksmittel auf
-fremde Naturen unterrichten, sei es durch Zustimmung, sei es durch
-Widerspruch; wird also seine Eigenart schärfen und seine Schaffenslust
-kräftigen. Reine Objektivität des Urteils ist ja nichts als Bewußtsein
-der letzten Grenzen zwischen den Eindrücken von Außen her und ihrer
-Verarbeitung von Uns aus, also ein idealer Begriff wie Schönheit,
-Wahrheit, Vollkommenheit, ebenso relativ und variabel. Denn wirklich
-erkennen und begründen lassen sich diese Grenzen erst, wenn und nachdem
-wir den fraglichen Eindruck subjektiv empfunden haben.
-
-Es gibt nun freilich merkwürdige Leute, die zu keiner Zeit zufrieden
-sind, und heutzutage besonders viele, denn seit Lasalle ist
-Unzufriedenheit bekanntlich eine Tugend. Seit Nietzsche aber darf man
-zum Glück gegen die bekannten Tugenden mißtrauisch sein; und wenn sich
-der weise Zarathustra nicht gar so tief in seine Höhle verkrochen
-hätte, würde ihn wohl allmählich nicht blos das „erbärmliche Behagen“,
-sondern mehr noch das viel erbärmlichere Unbehagen gewisser Idealisten
-geekelt haben. In der Tat: merkwürdige Leute das! Da gibt es welche,
-die jammern über Gott und die Welt; und wenn nun Einer sich untersteht,
-ihren Jammer schön in Verse zu bringen, dann fallen sie eilends über
-ihn her und schimpfen ihn einen Entarteten. Da gibt es Andre, die
-haben fortwährend eine laute Sehnsucht nach der inneren Ruhe; wenn
-aber einmal Einer auftritt, der sich diese Ruhe errungen hat, dann
-finden sie ihn fad und müd und werfen ihm noch Steine in seinen stillen
-Hafen. Wieder Andre regen sich drüber auf, daß die Eigentümlichen gar
-so unverständlich seien; gibt dann ein solcher Sonderling auch mal
-was Gemeinverständliches von sich, schelten sie ihn einen geistigen
-Schwindler. Und nochmals Andre lassen sich den Unverstand der Menge
-verdrießen, weil sie neugierig mit den Wenigen laufen, die den Vielen
-nicht gleich offne Briefe sind; läuft aber Einem dieser Wenigen dann
-auch sein Volk bei Zeiten zu, so ist er natürlich ein Überläufer. Und
-so weiter: was so alles zum Vorschein kommt, wenn sich die Leute, die
-das liebe „man“ ausmachen, mit einem Manne abzufinden haben.
-
-Indessen diese merkwürdigen Leute haben trotzalledem nie ganz Unrecht:
-mit der bloßen Selbstherrlichkeit kann kein Mensch etwas Großes
-fordern, nicht einmal ein Staat oder Volk. Jede Wiedergeburt der Künste
-beginnt mit krampfhaften Wachstumsregungen, deren Eigenleben die neue
-wie alte Kultur von Natur aus gefährden würde, wenn nicht irgend ein
-gemeinschaftliches Lebensbedürfnis sie zugleich doch bändigte. Auch
-die Renaissance vor 500 Jahren hat ihre Kulturmacht und Stilvollendung
-nur durch den weitverzweigten Zusammenhang der lokalen Schulen und
-Meister erlangt, der erst zerfiel, als sie reif genug war für den
-universelleren Barockstil und für so umfassende Einzelgeister wie
-Michelangelo, Shakespear, Bach; und Hellas ist gleichfalls erst
-durch den Verkehr mit Asien und Ägypten gewachsen. Dies Bedürfnis
-schöpferischer Kräfte, einander möglichst zu durchdringen, ist auch
-jetzt wieder mächtig in der Kunst, eben weil wieder selbstbewußt genug
-geschaffen wird, daß die Eigenart des Einzelnen nichts mehr daraus
-zu befürchten braucht. Kunst wie Dichtung dürfen wieder dran denken,
-sich dem Volk in ihrem allgemein menschlichen Lebenswert bemerkbar
-zu machen, nicht nur den eigenwillig persönlichen und nationalen
-Geschmackswerten nach. Denn es gibt eine Art der Kunstwirkung,
-die über jegliche Grenze selbstsüchtigen Schaffens und also auch
-Genießens hinausgeht, die überhaupt erst die höchste Kunstwirkung
-ist, und deren Mächtigkeit bei dem einzelnen Kunstwerk den Grad
-der bleibenden Schätzung bestimmt: das ist das befreiende Gefühl
-der Selbstvergessenheit, dasselbe Gefühl, das auch den Künstler im
-schöpferisch entrückten Augenblick packt, also die Wirkung grade der
-+Un+persönlichkeit.
-
-Dies scheint nun fast im Widerspruch zu aller so erbittert
-verteidigten Eigentümlichkeit des Künstlers zu stehen und jede
-Schätzung persönlichen Willens in Form wie Stoffwahl auszuschließen.
-Aber wie allenthalben im Leben bedingen auch hier die Gegensätze
-gegenseitig ihr Dasein. Ein Kunstwerk, das sich nicht vor andern
-durch irgendwelche Besonderheit auszeichnet, kann uns auch
-selbstverständlich nicht zu besonderer Beachtung reizen. Aber was uns
-diesem Anreiz erst nachzugeben drängt und zwingt, das eben ist jenes
-Unpersönlichkeitsbedürfnis, das uns hinter der fremden Besonderheit
-etwas uns Allen Teilhaftiges vermuten läßt, jenes unwillkürliche
-Allgemeingefühl, das uns mit jeder Kreatur, mit jedem Tier und Baum
-und Stein verbindet, das uns an jedem irdischen wie überirdischen
-Gegenstand nach immer neuen Eigenschaften, d. h. Beziehungen zu uns
-selbst, suchen läßt, das eigentlich Schöpferische, Unerschöpfliche,
-ob wir’s nun Leben oder Natur, Gott oder Weltgeist, Allseele oder
-Seele der Menschheit, Ur-Ich oder sonstwie nennen mögen --: wir wenden
-uns enttäuscht ab von dem Kunstwerk, sobald wir jene Vermutung des
-Allgemeinen hinter dem Besonderen nicht darin bestätigt finden. Und
-auch im Künstler selbst ist es so: erst dieses Allgemeine, Unfaßbare,
-Grenzenlose, wie es sich im Prisma seines persönlich beschränkten
-Bewußtseins bricht, sei es durch sinnliche oder durch geistige oder
-durch Gemüts-Wahrnehmung -- gleichsam die drei Flächen dieses Prismas
---: erst Das erzeugt den persönlichen Stil mit all seinen Zu- und
-Unzulänglichkeiten, und einzig deswegen fühlt sich der Künstler niemals
-vollkommen selbstbefriedigt durch irgend eins seiner fertigen Werke.
-
-Demgemäß ist es auch ganz verkehrt, wenn eine supermoderne Ästhetik
-sich dagegen auflehnen will, nach allgemeinen Maßstäben für
-künstlerischen Wert und Unwert zu suchen. Die kritische Methode, wie
-Lessing und Schiller sie für Deutschland begründet haben, nämlich
-die klar begrenzte Feststellung gewisser höchster Wertbegriffe auf
-Grund stets wiederkehrender Gefühlserfahrungen bei allen stärksten
-Kunstgenüssen, ist etwas, dessen sich die Menschheit niemals wird
-entschlagen können. Wenn eine neuere Ästhetik dies zu ersetzen,
-nicht etwa blos zu ergänzen hofft, dadurch daß sie das Kunstwerk
-rein beschreibend als eigen reizvolle Erscheinung, womöglich gar
-als pathologische, bis ins Feinste zergliedern will, so ist sie
-schlechterdings in einer fortwährenden Selbsttäuschung befangen. Denn
-damit legt sie nicht das Geringste über die Kunstwirkung als solche
-dar, setzt vielmehr jene normative Methode im stillen immerfort voraus,
-indem sie eben nachprüferisch nur solche Werke untersucht, die nach
-Maßgabe irgendwelcher Allgemeingefühle schon als irgendwie wertvoll
-anerkannt sind. Daß solche allgemeinen Maßstäbe immer auf allerlei
-Querstriche von anderem Standpunkt aus stoßen werden, liegt nicht
-an einem Fehler der Methode, sondern ist im Wesen der Kunstwirkung
-einerseits, des menschlichen Verstandes anderseits begründet; denn
-jenes letzte unpersönliche Grundgefühl, auf dem der Kunstgenuß beruht,
-reicht eben immer weit hinaus über die Grenzen klarer Wahrnehmung, und
-von dieser ist ja unser Verstand obendrein nur ein Bestandteil. Daher
-ist der Künstler auch stets der Meinung, daß sein Werk am wirksamsten
-durch sich selbst spricht. Nicht blos am unwiderleglichsten, sondern
-sogar am gründlichsten; denn schließlich sind ja in dem Gefühl,
-das durch die Einwirkung des Kunstwerks -- ob für oder wider -- in
-uns erregt wird, alle Gedanken schon mit enthalten, die man sich
-+über+ die Wirkung machen kann. So ist es nun einmal von Natur:
-das Gefühl erstreckt sich ins Grenzenlose, der Verstand ist stets auf
-Standpunkte beschränkt.
-
-Um jenes entrückenden Grundgefühls so gründlich wie möglich teilhaftig
-zu werden, muß man sich also immer wieder an die Kunstform selbst
-halten, nicht etwa an die Erinnerung blos; und wer es unter dem Bann
-seiner Eigenart hinter der fremden Art des Künstlers nicht von selbst
-zu erlangen vermag, dem wird es kein Verstand der Kunstverständigen
-jemals zu Gemüte führen. Denn alle Kunstwirkung läuft schließlich
-auf das Wunder der +Liebe+ hinaus, das sich begrifflich nur
-umschreiben läßt als Ausgleichung des Widerspruches zwischen Ichgefühl
-und Allgefühl, Selbstbewußtsein und Selbstvergessenheit. Ja, man kann
-gradezu sagen: je mächtiger ein Kunstwerk in uns dieses allumfassende
-Gefühl erregt, umso ausdrücklicher darf und muß sich -- schon um
-des technischen Gleichgewichts willen -- auch die persönliche Art
-des Künstlers zeigen, während sich ohne jenes Unpersönliche die
-menschliche Selbstentblößung der Schaffenden, diese völlig grundlose
-Offenherzigkeit in seelischen oder leiblichen Dingen, die jedem
-ursprünglichen Kunstwerk eignet, nur als die mehr oder weniger
-unverschämte Aufdringlichkeit von Marktschreiern auswiese.
-
-Es hat schon manchen Sittenprediger, auch manchen Schöngeist kopfscheu
-gemacht, daß oft grade Kunstwerke, die am stärksten auf Umfassung der
-Lebensgewalten, auf Beherrschung der Naturkräfte ausgehn, obenhin
-fast den Eindruck machen, als handle sichs um Verherrlichung brutaler
-persönlicher Instinkte. Das wäre freilich das Gegenteil von einer
-Kunst der Naturbeherrschung. Aber man wird nicht leugnen können:
-wo geherrscht werden soll, muß etwas da sein, das der Beherrschung
-wert und bedürftig ist. Der lenkende Geist ohne starke Triebe, wäre
-ein Reiter ohne Pferd; wie hinwider selbst das edelste Vollblut
-nichtsnutzig wird und niederträchtig, wenn nicht ein ebenbürtiger Herr
-es mit Geschick zu bändigen weiß. Als oberste Aufgabe der Menschheit
-wird auch dem Künstler ewig vorschweben: die Erringung jenes geistigen
-Allgemeingefühls, das den vom Schicksal getriebenen Einzelmenschen
-über sein Schicksal erhaben macht, über inneres wie äußeres Schicksal.
-Jede Überschätzung der Persönlichkeit ist also gleichbedeutend
-mit Unterschätzung ihrer höchsten Schaffenskraft, wie auch des
-Kunstschaffens überhaupt.
-
-Und demzufolge: je stärker sich in einer Zeit dies
-Unpersönlichkeitsbedürfnis regt, ob nun als soziale oder erotische oder
-sonstwie altruistische Hingebung, umso mehr wächst auch die Lust der
-Schaffenden, sich über die technischen Spezialitäten, die wiegesagt
-immer blos der Ausdruck des beschränkten Selbstbewußtseins sind,
-hinauszuheben zu überschauenden Zeit- und Welt- und Lebens-Sinnbildern,
-nicht mehr nur der sinnlichen Anschauung zu dienen durch eigentümlich
-stimmungsvolle „Naturausschnitte“ und „Seelenzustände“, die selbst den
-Eingeweihten anmuten wie Tempelwände voll Hieroglyphen, sondern wieder
-einmal Pyramiden zu bauen, von denen aus Jeder, der notabene die Mühe
-des Ersteigens nicht scheut, beseligt in den freien Himmel und über
-weites Land schauen kann. Ich will mit dieser bildlichen Floskel nicht
-etwa einer bodenlosen Himmelstürmerei das Wort reden, die sich auf
-Erden nicht zurecht zu finden weiß. Im Gegenteil: es ist ein Zeichen
-der Unreife, wenn man noch glaubt, den Himmel erst erobern zu müssen.
-Wir sind ja jeden Augenblick -- ich meine das ganz wirklich und wahr --
-mitten in allen Himmeln drin; die Erde ist im Unendlichen genau so hoch
-oder tief zuhause, wie etwa die Sonne oder ein anderer Stern.
-
-Das +wissen+ freilich heute schon Viele; aber +fühlen+,
-als etwas Selbstverständliches mitfühlen, mit Fleisch und Blut
-und allen Nerven, tun es erst recht Wenige. Und grade dieses
-selbstverständliche, genau so irdische wie überirdische Allgefühl,
-das jede andere Lebensempfindung, jede Einzelwahrnehmung, jeden
-Gedanken des Schaffenden stützt und trägt, das eben ist die magische
-Basis, auf der sich die großen Werke der Kunst, die im bildsamsten
-Sinne vorbildlichen, immer wieder aufbauen. Das hat nichts zu tun mit
-dem Idealismus gewisser humaner Tendenzpoeten, der nur temporärer
-Kritizismus und meistens ein sehr barbarischer ist. Der künstlerisch
-bestrebte Dichter benutzt die humanen Ideen seines Zeitalters nur, um
-seine Gefühlskraft daran zu erproben, nämlich als seelische Dissonanzen
-zwischen Menschheit und Gottnatur, die er harmonisch zu lösen hat. Er
-kann und will nichts weiter tun als eine bildliche Fühlung zum Leben
-schaffen, die alle kritischen Widersprüche gegen die Schönheit und
-Herrlichkeit des ganzen Daseins ganz und gar ausschließt, also auch
-alle speziellen Tendenzen. Das ist der Idealismus des +Künstlers+;
-und der liegt jeglichem echten Kunstwerk zugrunde, auch wenn sein
-Rohstoff dem oberflächlichen Blick häßlich oder schrecklich erscheint.
-Wer sich dann durch dies bildliche Werk in der Tat vollkommen
-befriedigt fühlt, den hindert freilich nichts und niemand, darin nach
-einem besonderen Richtziel für seine eigne Gefühlswelt zu fahnden. Und
-in diesem Sinne -- doch nur in diesem -- kann allerdings +jede+
-Kunstgestalt, vom ganzen Opus bis zur geringsten Teilfigur, als
-+Vor+bild der Lebensführung aufgefaßt werden, selbst wider
-Absicht und Meinung des Schöpfers; Falstaff genau so gut wie Achilleus.
-
-Wenn das erst wieder vollkommen begriffen ist, von den Genießenden
-wie Schaffenden, dann wird auch der Schauer vor dem Unergründlichen,
-den jede gründliche Beschäftigung mit fremder Geistesarbeit in uns
-weckt, die Kunstwelt wieder allgemein durchdringen; dann wird sich dies
-Gefühl, als eine neue Ehrfurcht vor der ewigen Schöpferkraft, auch
-bald durch die Alltagswelt verbreiten, und dann wird diese Welt wohl
-endlich merken, daß sich wieder eine +religiöse+, auf deutsch
-+allverbindliche+ Kunst bei uns anbahnt. Die braucht nicht wie
-ein Sturm daherzufahren; auch im Säuseln des Windes kann man Erhabenes
-hören. Dürers Gottvater auf dem Regenbogen über den sieben Leuchtern
-und dem knieenden Johannes enthüllt in seinen bescheidenen Formgrenzen
-die Allmacht ebenso strahlend, wie Michelangelos Apotheose der
-geschlechtlichen Zuchtwahl, die den Himmel der Sixtinischen Kapelle zu
-sprengen droht und in dem heilandsherrlichen Menschenpaar des Jüngsten
-Gerichtes gipfelt. Der ehemalige Sinn dieser Bilder mag heute schon
-halber Unsinn sein; aber ihr Geist wird weiterwirken, solange die
-Sterne uns unerreichbar sind.
-
-Es ist dem eindringlichen Kunstgefühl auch völlig gleich und einerlei,
-ob jenes Tiefste und Höchste ihm durch naturale Anschauungsfreude
-oder symbolische Vorstellungslust vermittelt wird; das Eine ist so
-mittelbar und unmittelbar wie das Andre. Der formgewaltige Phantast
-zeigt im Symbol Natürliches, der Realist in der Natur Symbolisches.
-Die rhythmische Flut des Sonnenlichtes, die durch den scheinbar
-wüsten Tanzknäuel der Rubensschen Kirmeßbauern braust, erhebt den
-andächtig Schauenden in eine nicht minder unendliche Seligkeit, wie der
-entschwebende Puttenreigen in dem Dämmerungsglanz und Fackelschimmer
-von Watteaus Abfahrt nach Cythere. Und das will doch wohl der
-machtvolle Künstler: als ein Seher des allmächtigen Lebens betrachtet
-werden, nicht als Spezialartist einer Technik. Es gibt eben auch in der
-Kunstgeschichte Apokalyptiker und Evangelisten, und Mancher ist gar
-Beides zugleich. Wer sich bei einer künftigen Menschheit kanonisches
-Ansehn erringen wird, das zu entscheiden geht freilich zu allen Zeiten
-über die zeitgenössische Urteilskraft. Eins aber ist sicher: die
-Eigenart tut’s nicht. Denn nur das Eine bleibt übrig von uns, wenn
-selbst unsre Werke längst verwest sind: Das, was den Andern Vorbild
-ward für ihre stete Fühlung zur Welt: die Tat unsrer Liebe.
-
-
-Das Buch und der Leser
-
-Eine Untersuchung des Verständnisses
-
-Bücher sind wie spiritistische Medien; wer sie nicht richtig zu fragen
-versteht, dem antworten sie falsch oder garnicht, und die meisten Leute
-halten deswegen den ganzen Spiritismus für Schwindel, bestenfalls für
-Selbsttäuschung. Jener afrikanische Wilde, der einen Missionar aus der
-Bibel vorlesen hörte, sich dann das Buch an die Ohren hielt und es
-ungläubig wegwarf, weil es ihm nichts sagte: der steckt noch in jedem
-gebildetsten Leser.
-
-Ich will zum Beweis ein Erlebnis erzählen. Als ich Hofmannsthals
-„Ödipus und die Sphinx“ das erste Mal las oder lesen wollte, kam ich
-nicht über den ersten Aufzug hinweg. Diktion und Rhythmus stachen
-auffallend von seinen früheren Dichtungen ab, erinnerten mich hin und
-wieder an Dauthendeys schwungvolle Üppigkeit, hin und wieder an die
-drangvolle Knappheit meiner eigenen Verstechnik, dazwischen doch immer
-an Hofmannsthals einstige haltungsvolle Gewundenheit, und das empfand
-ich als ein so tolles Stilgemengsel, daß ich mich einer heftigen,
-mehrfach wiederkehrenden Zwerchfellerschütterung schlechterdings nicht
-erwehren konnte; ich legte schließlich das Buch beiseite, weil ich
-mich einigermaßen schämte, einen ernsthaften Dichter auszulachen.
-Bald nachher traf ich mit ihm zusammen, in einem Kreis erfahrener
-Kunstfreunde, und gestand ihm meine Verlegenheit gegenüber seiner
-neuesten Dichtung. Er war daraufhin so liebenswürdig, uns die zweite
-Hälfte des ersten Aufzugs, die ich als besonders unharmonisch empfunden
-hatte, vorzulesen. Und merkwürdig: trotzdem Hofmannsthal mit seiner
-etwas brüchigen Stimme kein bestechender Vorleser ist, auf einmal
-hörte ich den harmonischen Grundakkord. Ich habe später die Dichtung
-nochmals, und diesmal vollständig, gelesen und verspürte nichts
-mehr von jener Mißwirkung. Ich merkte, daß ich beim ersten Mal mit
-allzu dramatischem Gehör auf die momentan metrischen Dissonanzen der
-sensuellen Affekte geachtet und so die lyrisch perpetuelle Rhythmik
-der sentimentellen Motive überhört hatte. Nun, wenn das einem Fachmann
-passieren kann, wie mag sich dann erst der unzünftige Leser gegen
-manches Buch benehmen, in dem ein neuer Geist rumort?
-
-Absichtlich spreche ich darüber mit fachmännischer Gemütsruhe; denn
-mit der menschlichen Leidenschaft, die auch Künstler gegen einander
-einnimmt, hat der Unverstand des Lesers zunächst nichts zu tun.
-Ein Buch zu lesen, ist allererst eine bare Verstandestätigkeit,
-gleichviel ob wir ein dichterisches oder wissenschaftliches oder
-sonstwie schriftstellerisches Werk in uns aufnehmen. Immer handelt
-sichs vorbedinglich um das Verständnis der Fachsprache, und hierfür
-bringt der einschlägige Handwerksmann doch mehr Geschultheit mit als
-andre Leute. Wer das A-B-C noch nicht zu lesen versteht, dem ist ein
-Fibelvers nicht verständlicher als eine mathematische Formel; doch je
-mehr er es verstehen lernt, desto umfänglicher wird das A-B-C, desto
-umständlicher die Verstandesarbeit. Denn wie geht jeder Leser zu Werke?
-Sein mehr oder minder bewußter Verstand, je nach dem Grad eben seiner
-Schulung, übersetzt gewohnheitsgemäß den optischen Eindruck der
-Schriftzeichen in akustische Ausdrucksmittel, diese wiederum teils in
-Gehörswahrnehmungen, teils in Gesichts- und andere Tastvorstellungen,
-diese aus der blos sinnlichen Einzelempfindung in vernünftige
-Gefühlszusammenhänge, und dann erst entsteht die rätselhafte
-Gemütsbewegung, die den ganzen angesammelten Schwarm von dreifach
-zwiespältigen Gedankenbeziehungen zu geistiger Bedeutung vereint und
-uns mit ungewohnter Leidenschaft für oder wider den fremden Geist
-erfüllt. Noch verwickelter wird der Vorgang dadurch, daß er von Satz zu
-Satz neu einsetzt und doch die Erinnerungsbilder der Vordersätze immer
-mit veranschlagen muß; so befindet sich der Leser fortwährend in einem
-Wirbelwind kalter Verstandesluft, der unwillkürliche Gefühlsgluten
-anfacht.
-
-Auch dem wissenschaftlichen Leser ergeht es so, wenn er sich über den
-Wahrheitswert irgend einer Schlußfolgerung entscheidet; immer springt
-schließlich ein Gemütsfunke aus der Reibung der Verstandeskräfte.
-Nein, wird man einwenden: in der Wissenschaft sind die Gefühle
-Nebenumstände, in der Dichtung dagegen der Hauptbestand. Aber ist dem
-wirklich so? Gipfelt die geistige Schönheit nicht ebenso hoch über
-jeder Gefühlserregung wie die Wahrheit und die Gerechtigkeit? Und
-wurzeln nicht alle drei dennoch tief in Gründen des Gemütslebens?
-Ja, es kommt überall gleichermaßen auf Erkenntnis seelischen Lebens
-an; nur die Erkennungszeichen stehn in verschiednem Verhältnis der
-sinnlichen und vernünftigen Darstellungsmittel. Welche Vorarbeit
-muß der Verstand schon leisten, um sich blos erst in das besondre
-Verhältnis der originalen zu den traditionellen Bestandteilen eines
-Sprachwerks hineinzuversetzen! In der sogenannten reinen Wissenschaft
-ist dies Verhältnis am leichtesten zu erhorchen, weil deren lautliche
-Darstellungsmittel überwiegend auf generelle Logik hin abgestimmt
-sind, sodaß die individuelle Intuition des Verfassers dem Leser sehr
-deutlich ins Gefühl schlägt, wenn auch nur dem genügend geschulten
-Leser. Aber bereits die populäre Wissenschaft ist in ihrer formalen
-Technik so mit persönlich sensuellen und sentimentellen Elementen
-durchsetzt, daß sich die intellektuellen Faktoren kaum noch scharf
-davon sondern lassen. Und je mehr sich die rednerische Darstellung der
-eigentlich dichterischen nähert, um so schwieriger wird die Sonderung
-wie die Zusammenfassung der Lautbilder, und der Leser läuft immerfort
-Gefahr, daß der Funke der Erkenntnis zu früh aufflammt und in dem
-Schwarm der Gefühle entweder erlischt oder aber Brandschaden stiftet,
-wie bei mir in Ansehung Hofmannsthals.
-
-Denn gerade die Technik der reinsten Dichtung, die Verskunst, nein
-die lyrische Verskunst, denn auch Epos und Drama fußen auf lyrischer
-Rhythmik: grade die verflicht allgemeinste Denkbegriffe der Sprache
-so eng mit eigentümlichsten Empfindungsbegriffen, daß man nirgends
-unmittelbar den Vorstellungswert, geschweige den Erregungswert der
-Lautwahrnehmungen abschätzen kann, sondern nur durch vielfältigste
-Rückschlüsse. Man vergleicht zwar die Lyrik gern mit der Musik, weil
-auch die nur indirekt durch Gefühlserregungen zur Erkenntnis geistiger
-Lebensverhältnisse führt; aber der lyrische Divinationsprozeß ist
-noch um vieles indirekter. Nur zu Anfang geht die Verstandesarbeit in
-annähernd ähnlicher Weise vor sich: ob ich ein Notenblatt lese oder
-einen poetischen Text, ich übersetze einen äußerlichen Gesichtseindruck
-in einen innerlichen Gehörsreiz, wenngleich es schon einen Unterschied
-macht, ob ich mir einen gesprochenen Laut oder einen gesungenen Klang
-vorstelle, oder gar einen klaren Instrumentalton. Dann jedoch wird
-der Unterschied klaffend: das Klangbild der Tonsprache übersetzen wir
-unmittelbar in eine Vorstellung von Gefühlszusammenhängen, das Lautbild
-der Wortsprache großenteils erst auf dem Umwege über mannigfache
-Gesichts- und Tastempfindungen nebst allerlei Hilfsbegriffsgedanken,
-nur zum kleineren Teil direkt akustisch. Und dabei meint jeder
-Leser einer Dichtung, er sei genügend vorgebildet durch seine
-gewohnte Sprachkennerschaft, und traut sich in seinem lieben Gemüt
-ein unfehlbares Gesamtverständnis zu, wo doch schon die einzelnen
-Darstellungsmittel x-mal mittelbarer wirken als bei jeder anderen Kunst
-und durch eine viel ungewohntere Sinnbilderfülle die schließliche
-Erkenntnis vermitteln als bei irgend einer Wissenschaft.
-
-Wieviel Fallgruben für das Verständnis öffnen sich schon bei der ersten
-Erweckung der scheintoten Schriftzeichen zu lebendigen Lautbildern! Es
-ist nicht gleichgiltig, mit welcher Stimme, ja nur mit welchem Zeitmaß
-der Stimme, man sich einen Vers oder gar ein Buch Verse im stillen laut
-vorgelesen denkt. Unwillkürlich legen wir da zunächst unsre eigene
-Stimme unter; aber der Dichter meint Seine Stimme, oder vielmehr
-die verschiedenen Stimmen seiner imaginären Personen, denn auch das
-Ich des Lyrikers ist wechselnde Phantasiefigur, vielleicht noch
-wechselnder als die Charaktermasken, die der Dramatiker seiner Seele
-vorheftet. Keine Orthographie und Interpunktion reicht aus, um auch
-nur die gewichtigsten Betonungsverhältnisse zwischen den Satzgliedern
-einer einzigen Strophe unzweideutig durchs Auge ins Ohr zu bugsieren.
-Was wird nicht alles versucht, um das flüchtige Auge ruhsamer an
-das Schriftwort zu fesseln und so das Ohr des Lesers aufmerksamer
-für die Bewegtheit der Sprache zu stimmen. Der eine Dichter
-ordnet die Zeilen nach der Mittelaxe des Druckspiegels, um seine
-irreguläre Rhythmik durch den Kontrast der optischen Symmetrie noch
-sinnfälliger hervorzuheben; der andre markiert seine reguläre Metrik,
-um die akustische Harmonie seiner rhythmodynamischen Dissonanzen
-vonvornherein außer Zweifel zu stellen. Manch einer kann sich garnicht
-genugtun mit Gedankenstrichen, Stimmungspunkten, Ausrufzeichen und
-+Sperrfingerzeigen+, und möchte womöglich auch noch die Beiwörter
-mit Großen Anfangsbuchstaben schreiben; einige andre schreiben
-fast alles klein und würden am liebsten gar keine interpunktionen
-setzen damit der leser noch länger zwischen den zeilen rätselt
-und ein möglichst eindringlicher hörer wird. Hilft uns aber alles
-nichts; wir bleiben doch immer auf den Glücksfall des uns annähernd
-gleichgestimmten Gehörs angewiesen, so sehr wir mit ganzem Gemüt
-danach trachten, jede Menschenseele in unsern Bannkreis zu zwingen.
-Muß schließlich noch der Herr Buchverleger, Buchdrucker und Buchbinder
-helfen, durch ungewöhnlich gutes Papier, außerordentlich schöne Lettern
-und sonstige „selten gediegene“ Ausstattung den Gewohnheitsleser zu
-verlocken, daß er sich ausnahmsweise andachtsvoll mit unserm wertvollen
-Werk befasse.
-
-Aber ach: je mehr das Buch selbst Kunstwert erlangt, je mehr es durch
-äußeren Augenreiz den Leser sinnig und willig stimmt, umso mehr gerade
-verführt es ihn, ein Leser des stillen Wortes zu bleiben, statt ein
-Hörer des lauten Satzes zu werden, und umso mehr zugleich verführt
-es die Dichtkunst zur inneren Augendienerei. Der Dichter ist ja auch
-selber Leser; und je mehr ihn die Buchdruckerpresse gewöhnt hat,
-als Leser statt als Hörer zu dichten, umso stumpfer hat sich die
-Wahrnehmungskraft für die Gehörsreize der Sprache verflacht, umso
-schärfer haben sich die Darstellungsmittel auf Gesichtsvorstellungen
-zugespitzt, d. h. umso schwatzhafter ist die Dichtung geworden.
-Sehr selten wird jetzt noch ein Lied erfunden, das seine organische
-Melodie so einfach vernehmlich in sich trägt, wie die Muschel in
-ihren Windungen summt. Viele Gedichte unsrer echtesten Dichter sind
-schon dermaßen überladen mit pittoreskem Brimborium, daß sie an
-Feuilleton-Prosa streifen. Oder wo doch noch mit Klanganspielungen
-unmittelbar aufs Gefühl gezielt wird, da paukt man meist so faustdick
-drauflos, als solle die Predigt Johannis des Täufers vor den
-taubstummen Steinen Ereignis werden. Und wer die beiden extremen
-Elemente gar noch ins Gleichgewicht setzen will, der verübt ein solches
-Panoptikumkonzert hypersymbolischer Metaphern, daß die verzwicktesten
-Rätsel der Turandot wahre Kinderspiele dagegen sind. Alldas bereichert
-natürlich ungeheuer die sinnlichen Wirkungsmittel der Dichtkunst, blos
-leider auf Kosten der geistigen Wirkung. Denn je empfindlicher die
-Umwege vom Verständnis der einzelnen Sinnbilder zur Erkenntnis des
-ganzen Bildsinnes auffallen, desto zerstückelter, also unvollkommener
-tritt die Gemütsbewegung ein, die den lebendigen Bildungswert des
-schönen Phantasiephänomens erst wirklich fortpflanzt von Geist zu
-Geist. Und es bleibt ewig ein dürftiger Trost, daß noch niemals ein
-Mensch den andern durchaus vollkommen begriffen hat.
-
-Welcher Dichter blickt nicht zuweilen mit Grauen und Abscheu auf seine
-eigenen Bücher, diese Mumien seiner Phantasie, denen immer erst eine
-fremde Seele den Auferstehungsodem einblasen muß, und die doch stets
-vom gespenstischen Dunst des stummen Sarges umschleiert bleiben. Ja,
-könnten wir jedem, der uns hören will, wenigstens selber das Buch
-vorlesen! Dann würde wohl mancher dasselbe Wunder erleben, das meine
-Taubheit vor Hofmannsthal linderte. Denn in der körperlich warmen
-Menschenstimme beben von Anfang an alle Zauberkräfte der schöpferischen
-Seele in eins, alle die heimlichen Verwandlungskünste und redlichen
-Naturanwandlungen, die sich der Leser erst nach und nach zwischen den
-Zeilen zusammendeuten muß. Einst, als die Dichter noch fahrende Sänger
-waren, gehörte es mit zu ihrem Beruf, den Menschen das Wort recht
-vernehmlich zu machen; und es ist keine Imitation einer reproduktiven
-Virtuosenmode, sondern Symptom einer produktiven Epoche, daß auch heute
-wieder die Künstler des Wortes selber als Vortragskünstler auftreten.
-Freilich, es ist ziemlich zeitraubend, verstockte Ohren zu erweichen;
-und in unsrer Zeit der Arbeitsteilung wird es dem Dichter womöglich
-übelgenommen, wenn er als Anwalt des mündlichen Mitteilungstriebes
-ein paar Gedichtbücher weniger schreibt. Aber ob er der Mit- und
-Nachwelt dann wirklich etwas vorenthält? Was einer an Schöpferkraft
-in sich hat, das setzt er allemal in die Welt, ob nun durch hundert
-Pfropfreiser oder zehn Wurzelschößlinge. Die paar kurzen Lieder, die
-uns die fahrenden Leute der Vorzeit hinterlassen haben, sind sicherlich
-unsterblicher, als die tausend bandwurmlangen Prosa-Romane, mit denen
-unsre Schreibtischhocker jahraus jahrein die Welt beglücken. Und
-vielleicht genest der gebildete Europäer dermaleinst von der närrischen
-Lesewut, die seine Augen immer gieriger, seinen Verstand immer
-spitzfindiger, seinen Geist immer kurzsichtiger und sein Gemüt immer
-schwerhöriger gemacht hat.
-
-Das Buch wird drum doch seinen Wunderwert als spiritistisches Medium
-behalten und dann sogar erst recht offenbaren. Auch jener afrikanische
-Wilde hat die Bibel ja schließlich vors Auge genommen; aber er würde es
-niemals gelernt haben, hätte sein christlicher Mitmensch ihm das Wort
-Gottes nicht immer wieder durchs Ohr zu Gemüte geführt.
-
-
-Philosophische und poetische Weltanschauung
-
-Ansprache im Monistenbund
-
-Werte Zuhörer! Der Vorstand Ihres Vereins hat mich ersucht, die
-heutige Vorlesung meiner Dichtungen mit einer kurzen Darlegung meiner
-Weltanschauung einzuleiten, indem er mir zugleich erklärte, ich sei ein
-besonders origineller Repräsentant des „esoterischen Monismus“. Ich
-habe den Wunsch des Vorstandes abgelehnt, kann auch die schmeichelhafte
-Liebeserklärung nur mit Glaßeehandschuhen annehmen, und möchte Sie
-eindringlichst davor warnen, aus den Werken lebender Dichter und
-überhaupt zeitgenössischer Künstler das herausfinden zu wollen, was
-man heute unter Weltanschauung versteht, nämlich einen begrifflichen
-Leitfaden, mit dem sich der zweiflerische, aber glaubensbedürftige
-Verstand im Labyrinth der Ursachen und Wirkungen einigermaßen zu
-orientieren sucht.
-
-Der Künstler denkt nicht in Verstandesbegriffen, wenn er bei seiner
-Arbeit ist; er denkt in Gefühlsvorstellungen. Er will nicht erst
-zum Glauben gelangen, sondern er geht vom Glauben aus. Er glaubt an
-alles, was da ist in der Welt; er glaubt auch an die verschiedenen
-Weltanschauungen, die in seiner Zeit miteinander kämpfen. Ich habe
-einmal einem Politiker, einem Konservativen echten Schlages, der mich
-fragte, was ich nun eigentlich sei, Sozialdemokrat oder Anarchist,
-nationalsozial oder liberal -- dem habe ich geantwortet: „unter anderm
-auch konservativ!“ Und so könnte ich auch Ihnen sagen: ich bin unter
-anderm auch Monist, d. h. unter Umständen auch Dualist, oder Trialist
-oder Milliardist, oder sagen wir mal Polymonist.
-
-Der Künstler umfaßt alle Welt mit Liebe. Selbst was er persönlich haßt
-und verachtet im Leben: sobald es ihn reizt, es in Kunst umzusetzen,
-ergreift ihn unwillkürlich die Liebe zur Sache. Es kann also jeder
-Genießer aus jedem Kunstwerk die Philosophie, Moral, Religion
-herausdeuten, die grade ihm die liebste ist. Das schließt schon
-aus, daß der Dichter als Dichter eine originelle Philosophie oder
-Theosophie darbieten kann; denn die ist immer unduldsam gegen anders
-gesinnte Originale, also im ernstesten Sinne unliebenswürdig. Er kann
-bestenfalls ein Echo sein all der weltbedeutenden Ideen, um die in
-seiner Zeit gekämpft wird.
-
-Sehen wir uns einmal den Dichter an, der heute in Deutschland
-vorzugsweise als Weltanschauungsdichter gerühmt wird: Goethe. Wir
-finden keine solche Idee bei ihm, die wir nicht auch bei anderen
-Wortführern seiner Zeit und Vorzeit finden können, bei den Humboldt,
-Schlegel, Schleiermacher, Schelling, Kant, Lamarck, Spinoza usw.; und
-wir finden viele Ideen bei ihm, die einander durchaus widerstreiten.
-Nur weil er sie bei der Aneignung mit stärkerer Leidenschaft erfaßte,
-mit tieferer Liebe und höherem Glauben im Augenblick der Wortschöpfung,
-nur deshalb gilt er uns als der typische Repräsentant seiner
-Zeitgenossen; und nur weil wir die verschiednen Ideen, denen jene
-Männer ihr Lebenlang getrennt und einzeln nachhingen, in diesem Einen
-zusammengefaßt sehn, nur deshalb entnehmen wir daraus ein gemeinsames
-Gedankenband, die sogenannte einheitliche Weltanschauung jener sehr
-mannigfach denkerischen Zeit.
-
-Denn eine einheitliche Weltanschauung hat es in Wirklichkeit niemals
-gegeben, zu keiner Zeit und in keinem Volke; es gibt auch heute keine
-zwei Menschen, die unter „Monismus“ genau dasselbe verstehen. Nur wenn
-wir zurückblicken auf vergangene Zeiten, dünkt uns diese oder jene
-Gedankenverbindung die sieghaft überwiegende. Aber wenn sich die bei
-einigen Dichtern, wie z. B. auch bei Dante, Äschylos, Kalidasa, Rumi,
-Litaipe mit besonders originellem Pathos ausspricht, dann wollen wir
-doch ja beachten, daß die Originalität nicht in den Gedanken steckt,
-sondern eben in dem Pathos, in dem mächtigen Aufruhr der Gefühle, der
-mit den Gedanken sein bildhaftes Spiel treibt.
-
-Nehmen wir sogar einmal an, es könnte ein Allerweltsgenie geben,
-in dessen Schädel ein gleichermaßen origineller Philosoph und Poet
-beisammen hausten. Ich meine nicht jene Zwitterbegabung, bei der
-(wie z. B. in Nietzsche und Schiller) ein starkes Talent der einen
-Gattung mit einem schwächern der andren verkoppelt ist; sondern eben
-ein pures Genie, in dem beide Talente gleich kräftig wären. Wie ja
-manche Leute behaupten, daß Shakespear und Bacon in der Tat dieselbe
-Person gewesen seien; worüber freilich jeder lächeln wird, der Bacons
-Novum Organon und Shakespears Dramen gründlich kennt. Aber nehmen
-wir an, sie waren wirklich ein und dasselbe Wundertier: ja, dann hat
-eben dieses Wundertier, um seine originelle Philosophie, seine neue
-Gedankenwelt darzustellen, seine drei philosophischen Werke geschrieben
---: in seinen poetischen Werken dagegen, das wird wohl selbst der
-abstrakteste Kommentator zugeben, da kam es ihm eben auf Poesie an,
-also durchaus nicht auf eine Gedankenwelt, sondern auf eine Welt von
-Gefühlsgestalten, in der die Gedanken nur dazu dienen, sich gegenseitig
-ins Bockshorn zu jagen, oder (tragisch betrachtet) einander den Hals
-umzudrehen.
-
-Man braucht drum noch lange nicht zu folgern, der Dichter sei nur ein
-Rohr im Winde, jedem phantastischen Stimmungshauch unterworfen, und
-daher fürs wirkliche Menschenleben eigentlich unzurechnungsfähig.
-Wenn dem so wäre, dann bliebe wohl alle Dichtung außer Rechnung
-fürs Leben der Menschheit; und das bleibt sie doch keineswegs. Der
-Dichter hat freilich keine Gedankenkette, an der er sich selbst und
-andere Leute auf dem wilden Weltmeer verankern kann; aber er trägt
-einen Gefühlskompaß in sich, der ihm und andern die Richtung weist,
-wo in der Windrose der Augenblicksleidenschaften seine stärksten
-und liebsten Empfindungen zum dauernden Pol zusammenschießen, zum
-sichern Gesichtspunkt gegenüber der Welt. Das sittliche Wort dafür ist
-Selbstzucht.
-
-+Das+ ist der ideale Punkt, dem jeder Künstler in seinen Gebilden
-zustrebt, und zu dem er schließlich auch die hinbildet, die er
-bezaubert durch dies Streben, durch diese liebreiche Anziehungskraft.
-Das ist es auch, was Goethe meinte, als er seinen Prometheus sagen
-ließ: „Hier sitz ich, forme +Menschen+! ein Geschlecht, das +mir
-gleich+ sei!“ Und nach diesem weltumformenden Lebenszweck, ob er
-nun göttlich oder übermenschlich oder allgemein-menschlich genannt
-wird, mögen alle die unter meinen Hörern, denen der sogenannte rein
-künstlerische Genuß keine genügende Belohnung für die Anstrengung des
-Zuhörens ist, auch in meinen Dichtungen fahnden.
-
-
-Der Olympier Goethe
-
-Ein Protest
-
-Eine öffentliche Gesellschaft von allerlei strebsamen Bürgersleuten
-hatte mich einmal eingeladen, Gedichte von Goethe zu deklamieren. Seit
-langer Zeit zum ersten Mal wieder las ich nun seine lyrischen Werke von
-A bis Z und der Reihe nach durch, um die heute noch lebensvollsten,
-menschlich wirksamsten Gedichte für den Vortrag auszuwählen, also
-absehend von artistischer und literarhistorischer Feinschmeckerei, und
-da erlebte ich eine Überraschung. Ich fand einen wesentlich anderen
-Goethe, als ich ihn in der Vorstellung trug, und als er wahrscheinlich
-vielen Deutschen von der Schulbank her vorschweben wird.
-
-Das Bild des weisen Herrn Geheimrats, des harmonischen Olympiers, das
-der pädagogische Biedersinn unsrer meisten Literaturprofessoren von
-ihm hergerichtet hat, versank vor mir in einem chaotischen Nebelbrodem
-von Schmerzen, Leidenschaften und Zweifeln, aus denen nicht ein
-olympischer, sondern -- um im antiken Gleichnis zu bleiben -- ein
-titanischer Genius einen Kosmos herauszuläutern sucht; oder im Geist
-unserer Zeit geredet, nicht der Wille eines Ober-Regierungsrates,
-sondern etwa eines Mienen-Ingenieurs, der sich hinabarbeitet in die
-Wetterschächte grauenvoller Naturgewalten, hinab zu den unterirdischen
-„Müttern“, um ihre Kräfte heraufzufördern an das verklärende Tageslicht
-des väterlichen Heimatbodens, zu den „Gefilden hoher Ahnen.“ Also
-eine fortwährende Klärungsarbeit der Seele, keine jemals vollkommen
-erreichte oder gar von Hause aus mitgebrachte sogenannte Abgeklärtheit.
-
-Was jene oberflächliche Meinung über den Vielumfassenden aufkommen
-ließ, das war sein allzeit schlagfertiger Verstand, der auch das
-Alltäglichste in Beziehung zur allgemeinen Wohlfahrt zu setzen wußte,
-seine gesellige Vernunft, die im Leben die Maske des Gleichmuts vor
-die einsam grübelnde Seele nahm und in der Kunst das ernste Spiel mit
-heiteren Tändeleien mischte. Das aber hat nicht den großen Dichter
-gemacht, der alles Menschliche in uns aufschürt und in ein Göttliches
-umzuschmelzen strebt; ja, es ist fraglich, ob man nicht einst über
-den artigen und verständigen Goethe, der für jede Gelegenheit ein
-gescheites Sprüchlein oder zierliches Reimlein in Bereitschaft hatte,
-ziemlich achselzuckend urteilen wird, sobald wir nämlich endlich einmal
-der neunmalklugen Redseligkeit unsrer Dreiviertelsbildung entwachsen
-sind.
-
-Er verstand freilich auch das kleine Veilchen mit allen Würzelchen
-zu erfassen, und manchmal tut er gar wie der Schmetterling, der
-unbekümmert von Blume zu Blume gaukelt; aber wo sich sein ganzes
-Inneres auftut, da quillt die bodenlose Verzweiflung hoch, die mit dem
-Leben +nicht+ fertig werden kann. Da entstehen die schwankenden
-Gestalten alle, durch die er sich die dämonische Qual der „zwei Seelen
-ach in der Brust“ immer wieder vom Herzen zu schaffen sucht, die
-Werther, Clavigo, Weislingen, Egmont, Tasso, Orest, Wilhelm Meister
-und Eduard; da entsteht Faust mit seinem Schatten Mephisto, und da
-auch entstehen als die unmittelbarsten Zeugnisse dieser furchtbaren
-Zwiespältigkeit seine ergreifendsten Gedichte. Denn, wie er selber es
-ausgesprochen hat:
-
- Alles geben die Götter, die unendlichen,
- ihren Lieblingen ganz:
- alle Freuden, die unendlichen,
- alle Schmerzen, die unendlichen, ganz! --
-
-Erst wenn man sich das zu Gemüte führt, erst dann lernt man auch die
-gewaltige Kunst in diesen Gedichten ganz würdigen, die bindende Kraft,
-die den wirbelnden Stoff einer so widerspruchsvollen Gefühlswelt so
-knapp zusammenzuordnen vermochte. Es ist manchmal, als müßte all diese
-Wortschönheit sich selbst von innen heraus zersprengen, wenn man nur
-erst die erschütternde Fülle ihres geheimsten Sinnes begriffen hat,
-so z. B. den grausigen Todesschauder in Mignons scheinbar seliger
-Sehnsucht nach dem „Land, wo die Zitronen blühn“ (letzte Strophe)
--- oder den wilden Galgenhumor in dem lehrhaft tuenden Trinklied
-„~Vanitatum Vanitas~“; wer ein solches Gedicht noch mit fast 60
-Jahren schreibt, der ist weit entfernt vom olympischen Ruhekissen.
-
-Kurz gesagt: es heißt Goethe +verkleinern+, wenn man ihn als
-Olympier anspricht. Soweit er wirklich olympische Anlagen hatte, war
-er weder ein Zeus noch ein Apoll; dazu mangelte ihm vor allem andern
-die unerschütterliche Hartherzigkeit dieser antiken Ideale. Nicht
-einmal ein Dionysos war er in seinen unbekümmerten Stimmungsstunden,
-sondern höchstens ein Ganymed oder Hermes, ein Spender der Anmut und
-Lebensklugheit, und mehr im römischen als im griechischen Sinne, wie er
-selbst einmal zu Herrn Eckermann sagte.
-
-Aber wodurch er uns groß erscheint, so groß, daß wir ihn mehr bewundern
-oder doch sicherlich mehr lieben als seine vielfachen Vorbilder,
-das sind nicht diese Eigenschaften. Das ist sein ruhelos ringendes
-Doppelwesen, kraft dessen er selber ein Vorbild wurde, ein Vorbild
-für jede Übergangszeit, d. h. für jede ursprüngliche, neue Werte
-entdeckende Zeit: seine unerschöpfliche „Werdelust“, die sich mit
-prometheischer Inbrunst und paracelsischer Phantasie in alle leidvollen
-Anfangsgründe einer neu aufstrebenden Menschheit versenkte, weil sie
-herstammte aus dem Überdruß einer vollkommen vollendeten, abgetanen
-Freudenzeit.
-
-Das altersmüde Rokoko hatte mit letzter mildester Grazie seine
-Jugendtage umspielt; und nun sucht er sein ganzes Leben lang einen
-Abglanz dieser verrauschten Schönheit über den brodelnden Aufbegehr der
-jungen Zukunft auszubreiten. Sie war ihm kein spielerischer Selbstzweck
-mehr, diese Klangschönheit seiner stärksten Gedichte; sie war eine
-zuchtvolle Notwendigkeit, um der verwirrend neuen Gefühlsgewalten
-überhaupt Herr werden zu können.
-
-Und das auch wars, was ihn zur Antike zog, obwohl es ihm damals schon
-und mehr noch heute von manchem ehrlichen Deutschtümler nicht ohne
-Grund verdacht ward und wird. Auch die Griechen hatten die Schönheit
-+nötig+; ihre ganze höchste Kunst und Dichtung, bis zu den alten
-Mythen zurück, ist fort und fort auf das Eine bedacht, die dämonischen
-Kräfte zu bändigen, die im Blut dieses seltsamen Volkes spukten, die
-lapithischen und kentaurischen, mänadischen und hekatischen Triebe,
-die von Natur aus in ihnen staken und mit barbarischer Brutalität die
-mühsam errungene Kultur immer wieder gefährdeten.
-
-Keiner aber der vielen Gräkomanen, die seit Winckelmann Deutschland
-überschwemmten, hat mit so schmerzlicher Klarheit wie Goethe erkannt,
-daß jede Heraufführung neuer Kultur, weil sie alte Kultur untergraben
-muß, zugleich auch wieder und immer wieder barbarische Instinkte mit
-aufrührt, und daß grade der deutsche Volkscharakter zu dieser rohen
-Kehrseite der menschlichen Entwicklungskraft neigt.
-
-Es ist sein höchster und reinster Ruhm, daß er unablässig gegen diese
-Gefahr, die auch in seinem Charakter lauerte, seinen besten Kunstwillen
-aufgeboten hat, nicht wie ein ausgelernter Altmeister blos, dem die
-mancherlei Spiegelfechtereien der poetischen Technik glatt von der
-Hand gehen, sondern als ein steter Lehrling des Lebens, in oft sehr
-verzweifelter, manchmal vergeblicher, immer aber „strebend bemühter“
-und eben dadurch „erlösender“, für uns alle vorbildlicher Notwehr.
-
-Und deshalb wollen wir ihn nicht länger auf den hinfälligen
-Götzenthron verstorbener sorgloser Götter setzen, sondern uns der
-Grabschrift erinnern, die er selbst sich geschrieben hat:
-
- Denn ich bin ein Mensch gewesen,
- und das heißt ein Kämpfer sein.
-
-
-Grabrede auf Liliencron
-
-22. Juli 1909
-
-Liebe Freunde und ihr Mitfühlenden alle! Wir müssen nun Abschied nehmen
-von diesem Toten, dessen Leben uns unsäglich beglückt hat. Es würde
-nicht in seinem Geist sein, hier viele Worte darüber zu machen, was
-wir an ihm verloren haben. Es würde erst recht nicht in seinem Geist
-sein, hier unsern Schmerz in die Welt zu rufen und einander das Herz
-noch schwerer zu machen. Wenn er jetzt unter uns treten könnte, er
-würde sagen: „Kopf hoch, Leute!“ Er würde es sagen, laut oder leise,
-mit seinem hellen trotzigen Lachen oder mit stillem gütigen Lächeln.
-Wir Wenigen, die ihm die Nächsten waren, und die wir es anfangs
-kaum fassen konnten, als er so jäh uns entrissen wurde, Er, dessen
-Jugendkraft unverwüstlich schien, plötzlich vernichtet durch einen
-Hauch, durch nichts als einen tückischen Windhauch -- nein, wir können
-es immer noch nicht fassen. Aber nicht wir Nächsten allein stehen
-hier um die Grube versammelt, in die seine sichtbare Gestalt jetzt
-versenkt wird; wir stehen hier mitten in einer Gemeinde, die weit
-über diesen Friedhof hinausreicht, grenzenlos weit ins Leben hinaus,
-vereint durch sein unsichtbares Bild, das uns der Tod nicht entreißen
-kann. An solchem Grab wollen wir nicht trauern, wir wollen unsre Herzen
-erheben! Wenn wir weinen müssen, ist es nicht blos aus Schmerz; es
-ist aus überströmender Dankbarkeit, daß wir so Unendliches mitfühlen
-können. Des Dichters unvergängliches Werk, des Menschen unvergeßliches
-Wesen: ich weiß nicht, wodurch er uns mehr erhebt. Er war einer von den
-herrlich Gefügten, deren Leben und Dichten gleich kühn emporsteigt aus
-ihrer unverbrüchlichen Seele, so vollkommen gleich in freier Schwebe
-wie der herrliche doppelte Regenbogen, der sich gestern, nachdem wir
-in seinem Hause den Sarg über ihm geschlossen hatten, über den ganzen
-Himmel Hamburgs spannte, eine überirdische Ehrenpforte. Der Freiherr
-von Poggfred, so steht er vor uns, hoch über allem Standes- und
-Sittenzwang, aber treu jeder selbstgewählten Pflicht bis tiefst hinab
-ins Selbstlose, in das wir Alle verkettet sind. Helm und Degen liegen
-auf seinem Sarg; so hat ers verdient, der alte Soldat, der mit Leib
-wie Seele für uns gekämpft hat, für uns Deutsche und für uns Menschen.
-Helm und Degen wird er nun immer tragen, und einen unverwelklichen
-Blumenkranz, wenn er im Geist vor uns aufersteht, nicht mehr nun
-der alte Soldat, sondern der immer junge Held, der uns entzückt von
-Kampfplatz zu Kampfplatz führt wie zu einem hinreißenden Tanz. Denn
-so ist er in Wahrheit durchs Dasein getanzt, noch bis zu seiner
-letzten Reise, die er mit Weib und Kind unternahm, um den liebsten
-Menschen, die er hatte, seine geliebten Schlachtfelder zu zeigen.
-Dort hat ihn der feindliche Lufthauch getroffen, der die tödliche
-Entzündung entfachte; und dann ist er dem Wink des Todes gefolgt, wie
-er den Winken des Lebens zu folgen pflegte, rasch dahin, ohne langes
-Gefackel. Ganz geschlossen ist das Spiel seines Lebens, wunderbar ganz
-in sich geschlossen, trotz aller Kreuz-und-Querzügigkeit; vollkommen
-vollendet auch noch sein letztes Gedichtbuch, auf das er den Titel
-„Gute Nacht“ gesetzt hat, als ob er den Schlaf schon nahen fühlte,
-auf den er gefaßt war wie Wenige, ohne Furcht vor der ewigen Nacht,
-ohne Hoffnung auf einen jüngsten Tag, sondern mit reiner ruhiger
-Ehrfurcht vor der unerfaßlich unerschöpflichen Macht, die uns leben
-und sterben läßt. Nein, er war nicht blos der kindhafte Spielmann,
-nicht der harmlose Junker Übermut, der liebenswürdig leichtsinnige, für
-den ihn Viele gehalten haben, die sich nur an der bunten Oberfläche
-seiner reichen Einbildungskraft vergnügten, oder die sich ärgerten
-an der allzeit offenen, zum Geben wie Nehmen offenen Hand des armen
-Schuldenmachers der Wirklichkeit. Er war auch der Mann der schweren
-Stunden, der einsamen Fragen und Gedanken, der auf Jesus mit den
-Worten wies: „Nach Innen sah ich seine Schmerzen weinen.“ Er hat
-nur deshalb das menschliche Leben in ein launisches Spiel der Natur
-umgedichtet, weil er den furchtbaren Ernst unsres Lebens aus innerster
-Erfahrung begriff, weil er sich frei davon machen wollte, frei von
-der grausigen Notwendigkeit und notwendigen Grausamkeit, vor der
-sein empfindliches Gewissen immerfort in Entsetzen geriet. Er hat
-sich ja nicht als Jüngling zum Dichter geschult, sondern als Mann
-erst, der vom Schicksal geprüft war, der auf Schlachtfeldern und in
-fremden Ländern die Menschen hatte ringen sehen. Das ist das Wunder
-an seinem gereiften Geist, daß beides innigst in ihm vereint blieb:
-der trotzige Jüngling, der unbedenkliche, und der gütige Mann, der
-nachdenkliche. Daher sein starkes, herzbefreiendes Lachen, das niemals
-zerrissen geklungen hat, und zu dem sein feines huschendes Lächeln
-wie ein gedämpftes Echo stimmte. Daher das herzgewinnende Plaudern
-des mitteilsamen Menschenfreundes, aber zugleich auch der lauschend
-verschleierte Blick des tief verschwiegenen Menschenkenners. Daher
-der edelmütige Zauber seiner ganzen Haltung und Zurückhaltung, diese
-seltsame Liebenswürdigkeit, der niemand sich entziehen konnte, diese
-unwillkürliche Umgänglichkeit, selbst wo er haßte oder verachtete,
-diese wohlbedachte Leutseligkeit, der nur seine nächsten Freunde
-anmerkten, wieviel zarte und harte Menschenscheu sich darunter in
-einsamer Tiefe verbarg. Und daher auch die Zauberkraft des Dichters,
-durch die er selbst seine trübsten und leidvollsten Einsamkeiten in
-helle Lust für uns Alle verwandelt hat, dieser große Unverkümmerte,
-der uns nun mit seiner verklärten Stirn auch über den Abschiedsschmerz
-noch hinweghilft, auf seinem Regenbogen dahintanzend über dem irdischen
-Getümmel. Habe Dank, du wundervolle Seele! Ich höre deine eigenen
-Worte: „Der Himmel lächelt seinem Sonntagskinde.“ Ruhe nun aus vom
-Menschenelend, du tapferes, mildes, adliges Herz! --
-
-
-Naivität und Genie
-
-Spiritistischer Dialog
-
-„Das ist naiv“... Wenn wir das hören, wissen wir nicht ohne weiteres,
-soll das ein Lob, ein Tadel oder einfach eine Aussage sein. Besonders
-Künstlern passiert das oft; da ist irgend etwas in ihren Werken, das
-hält der eine Betrachter für „recht naiv“, der andre für „vollkommen
-naiv“, wieder ein andrer für „gar zu naiv“, und ein abermals andrer
-für „nicht naiv genug“. Wenn man dann jeden von ihnen fragt, was er
-mit diesem beliebten Fremdwort eigentlich habe sagen wollen, erhält
-man regelmäßig eine Belehrung über das unbewußte Gemüt. Und wenn man
-hierauf zaghaft bemerkt, daß nach menschlichem Wissen noch kein Gemüt
-in bewußtlosem Zustand ein Kunstwerk verfertigt habe, auch daß sich
-über das Unbewußte füglich doch wohl nichts wissen lasse, dann wird
-man mit neuen Fremdwörtern heimgeschickt. Vornehmlich die Wörter
-„Instinkt“ und „Genie“ spielen da eine kräftige Rolle; und wenn der
-Deutsche mit wuchtigster Schlagkraft auf die Tiefe seines Gemüts
-pochen will, dann spricht er das Wort „Naturgenie“ aus. Bleibt dem
-Instinkt des erschütterten, teils ganz naiven, teils mehr als naiven,
-teils nicht ganz naiven Fragestellers anheimgestellt, ob er sich für
-ein schlechtweg natürliches oder ein etwas übernatürliches oder ein
-ziemlich unnatürliches Naturgenie ästimieren soll. Denn sein bißchen
-Talent steht ja außer Zweifel; nur scheint es ein wenig zu kultiviert,
-sonst würden jene wohlmeinenden Leute doch wohl nicht um seine
-Natürlichkeit hadern.
-
-Merkwürdigerweise kann aber kein Künstler umhin, sein Talent nach
-Kräften zu kultivieren; und manches Genie, das mancher Kunstfreund für
-nicht ganz stark genug erklärt, weil es leider nicht naiv genug sei,
-ist manchem ebenso klugen Gönner blos leider nicht kultiviert genug.
-Also kam ich eines Tages auf die Vermutung, daß jenes rätselhafte
-Fremdwort wohl etwas Andres besagen müsse als den sogenannten genialen
-Instinkt, diesen angeblich unbewußten Naturtrieb, der doch so sonderbar
-selbstbewußt auftritt, so eigensinnig in sich befangen; und ich suchte
-mir auf gut Deutsch zu sagen, was denn „naiv“ klipp und klar bedeute.
-
-Da fiel mir zunächst ein: unbefangen. Dann: unwillkürlich, triebhaft,
-ursprünglich, urwüchsig, freimütig, unverstellt, ungezwungen. Dann
-ungekünstelt, ungelehrt, unberechnet, unverdorben, unschuldig,
-treuherzig, harmlos, bieder, gesund, frisch, lauter, wahrhaftig,
-schlicht, gemeinverständlich, einfach, einfältig; aber da kam ich
-schon in die Brüche. Einfältig: das konnte ganz nach Belieben „tumb“
-im guten altdeutschen Sinne oder „dumm“ im neudeutschen schlechten
-bedeuten, konnte kindisch sowohl wie kindlich heißen, unvernünftig
-wie unvernünftelt. Und freimütig, unverstellt, wahrhaftig: kann das
-nicht unverschämt und frech, ungeschlacht, grob und plump erscheinen?
-Unwillkürlich: ist das nicht unter Umständen richtiger unfreiwillig
-zu nennen, in einem recht lächerlichen Sinne? Unberechnet richtiger
-unüberlegt, unbesonnen, unbedacht, unverständig? Hat nicht jegliches
-Tun etwas Triebhaftes, auch die durchtriebenste Künstelei?! Wird nicht
-gemeinverständlich und schlicht genannt, was oft schlechterdings nur
-gemeinplätzig ist! Kann das Ungekünstelte nicht das Kunstlose sein,
-und das Kunstlose das Unkünstlerische! Und der Unverbildete: ist er
-nicht meistens -- oder der Biedermann wohl stets -- auch ungebildet,
-ungesittet, ungeschickt, unfein, täppisch, verlegen, also durchaus
-nicht ungezwungen, sondern eher verbohrt, beschränkt, befangen! etwa
-was die Franzosen ~bête~ titulieren.
-
-Das alles also, sagte ich mir, kann hinter dem Naiven stecken. Ich war
-ausgegangen von unbefangen und war bei befangen angelangt; das grenzte
-doch arg ans bewußte Unbewußte. Ich war naiv genug gewesen, meinen
-gesunden Menschenverstand zu befragen, und war anscheinend auch noch
-naiv genug, mich nun von ihm genarrt zu fühlen; ich kam mir ein bißchen
-als deutscher Michel vor. Natürlich begann mein Instinkt nun erst recht
-nach der Erkenntnis zu begehren, bis zu welchem Grad ein Genie sich
-erlauben darf, naiv zu sein oder aber zu bleiben; denn es könnte ihm ja
-der Kulturberuf obliegen, oder vielleicht sogar der Naturberuf, sich
-selber gewisse Naivitäten um des menschlichen Selbstbewußtseins willen
-vernünftigerweise abzugewöhnen. Und da ich mich trotzdem, wie gesagt,
-von meiner bewußten Vernunft genasführt fühlte, so mußte ich wohl oder
-übel nun doch versuchen, das Unbewußte zu Rate zu ziehen.
-
-Also beschloß ich, auf spiritistischem Wege ein von der kultivierten
-Menschheit offiziell als naiv anerkanntes Genie aus der Geisterwelt
-herbei zu zitieren, sei es nun aus der Unterwelt oder aus einer
-Überwelt. Am liebsten hätte ich selbstverständlich den Vater Homer
-heraufbeschworen; aber der war schon so lange tot, daß womöglich auch
-sein Geist nicht mehr lebte oder sich schon in irgendeine unerreichbare
-Welt verflüchtigt hatte. Wer blieb da übrig als der Altmeister Goethe,
-der von sämtlichen deutschen Professoren als das Non-plus-ultra
-moderner Naivität wie klassischer Kultur deklariert war, überhaupt als
-ein Muster an Harmonie; bei Shakespear war die schon zweifelhaft. Also
-ließ ich mir den Geist Goethe kommen.
-
-Es ist das bei weitem nicht so schwierig, wie man gemeinhin zu meinen
-geneigt ist. Man braucht nur ein gewisses Wissen von einem solchen
-Geist zu besitzen, wenigstens dem Namen nach, dann ist man bereits
-besessen von ihm; man braucht dann dies Wissen nur zu vergessen,
-d. h. das Bewußtsein dieses Wissens, sodaß nur das Unterbewußtsein
-noch weiß, von welchem geistigen Überbewußtsein man selbstvergessen
-besessen ist, und dann läßt man sozusagen im Schlaf diesen überbewußten
-Geist aus sich reden, der dadurch natürlich vollkommen erwacht. Die
-Wissenschaft nennt das Somnambulismus oder autosuggestive Hypnose und
-läßt es gewöhnlich durch ein Medium hysterischen Charakters besorgen.
-Das ist aber erstens sehr umständlich, denn man muß dem Medium immer
-erst die zweckentsprechende Suggestion zur Autosuggestion beibringen;
-zweitens auch sehr unzuverlässig, denn das Medium -- naiv wie es ist --
-verwechselt leicht sein hysterisches Unterbewußtsein mit dem genialen
-Überbewußtsein und schwindelt dann dummes Zeug zusammen; drittens auch
-noch recht kostspielig, von wegen der Nervenheilanstalten. Man kommt
-bequemer, besser und billiger weg, wenn man sich selber auf einige Zeit
-seines Selbstbewußtseins im Geiste entäußert; nötigenfalls durch etwas
-Weingeist. Man darf dabei nur nicht unterlassen, die Autosuggestion
-darauf einzurichten, daß man sich an die Äußerungen seiner geistvollen
-Selbstentäußerung nachträglich noch zu erinnern vermag.
-
-Das tat ich denn auch und merkte alsbald, wie sich Goethens Geist auf
-mich niederließ. Oder vielmehr: zu mir herabließ. Denn er schwebte vor
-mir in einem solennen, bis an die Kravatte zugeknöpften, goldgestickten
-Ministerfrack, mit einem großen Stern auf der Brust, und ließ ein
-höchst unwirsches Räuspern vernehmen. Ich, tief benommen, räuspre mich
-gleichfalls. Darauf +Er+, mit gänzlich lautloser Stimme: Ich bin
-zur Stelle, was wünschen Sie?
-
-+Ich+, mit ganz ebenso lautloser Stimme: Euer Excellenz wollen
-gütigst verzeihen, daß ich mir so im Geist unterstehe, Ihre erhabene
-Ruhe zu stören. Aber es handelt sich um die Entscheidung einer
-ungemein bedeutenden Frage, nämlich ob die geniale Natur eine im Sinne
-Euer Excellenz wie der übrigen Wirklichen Geheimen Räte der ewig
-bildungsbeflissenen Menschheit harmonische Kultur zu erlangen vermag,
-sobald sie nur ihren produktiven Instinkt, speziell das poetische
-Talent, völlig naiv gewähren läßt.
-
-+Er+, merklich seinen Unmut bezähmend: Da müssen Sie unsern höchst
-schätzbaren Freund, den Herrn Hofrat Professor v. Schiller befragen.
-
-+Ich+: Euer Excellenz wollen gütigst glauben, daß ich des
-Herrn v. Schiller unsterbliche Werke, insbesondere seinen berühmten
-Traktat über naive und sentimentalische Dichtung, mit meinen bewußten
-Geisteskräften fast ebenso sorgfältig durchstudiert habe wie Euer
-Excellenz eigene Schriften. Allein ich hoffe mir unbewußt eine
-klarere Aufklärung zu erwirken, als ich aus diesen Erzeugnissen eines
-weiland vernünftigen Seelenlebens zeitweilig zu gewinnen vermochte.
-Denn es werden in gegenwärtiger Zeit, was Euer Excellenz verewigtem
-Geist vermutlich nicht bewußt sein wird, die Begriffe „naiv“ und
-„sentimental“ nicht mehr so gegensätzlich empfunden, wie Herr Professor
-Schiller sie nahm. Vielmehr erscheint den Geistern von heute diese
-heftige Gegeneinanderstellung als triebhafter Ausdruck einer Zeit,
-die ungleich gefühlvoller war als die jetzige und deshalb auf eine
-heilsame Selbstzucht wider ihre Empfindsamkeit überaus scharf bedacht
-sein mußte. Jetzt ist als Gegensatz zum Naiven eher das Raffinierte
-verrufen, das Problematische, Mystische, Kapriziöse, Preziöse, Bizarre,
-Ironische; und wo der Herr Hofrat v. Schiller beinahe geneigt war,
-das Graziöse für das Naive zu nehmen, wird heute von manchem höchst
-trefflichen Volkserzieher das Brutale an dessen Statt geschätzt.
-
-+Er+, etwas weniger an sich haltend: Es scheint, die
-Begriffsverwirrung in Deutschland ist bis zur trübesten Gärung
-gediehen.
-
-+Ich+: In der Tat befinden sich seit Jahrzehnten alle Begriffe in
-solcher Gärung, daß gemäß den natürlichen Bildungsgesetzen wohl endlich
-die Klärung eintreten wird. Euer Excellenz dürfen überzeugt sein, daß
-dieser gedeihliche Prozeß, der nach Meinung der vorgeschrittensten
-Geister von Excellenz selber inauguriert ist, zugleich auch den
-unterbewußten Beweggrund meines überbewußten Anliegens bildet. Es kann
-sich wohl Niemand mehr verhehlen, daß Herrn v. Schillers gestrenge
-Begriffsscheidung, so sehr sie auf wirklichen Unterschieden zwischen
-gewissen Kunstwerken ruht, ihre ausschließende Geltung einbüßt,
-sobald sie auf die volle Natur eines ganzen Künstlers bezogen wird.
-Wie Excellenz selbst schon in den Gesprächen mit dem jungen Herrn
-Eckermann bemerkten, daß keinerlei sentimentale Dichtung irgendwelchen
-Bestand haben kann, die nicht aus einem naiven Gefühlsgrund gleichsam
-hervorgewachsen ist, so dürfte auch kein im Sinne Schillers naiver
-Dichter zu finden sein, der ohne sentimentalische Mitgift ein
-menschliches Herz zu erobern vermöchte. Weswegen denn Schillers
-sentimentalstes Gedicht -- „seid umschlungen, Millionen“ -- heute für
-sein naivstes gilt, manchem Kenner sogar für allzu naiv. Und daß bei
-Homer die Pferde weinen, gar aus Trauer um den Tod eines Menschen, das
-ist eine solche Naivität, wie kein moderner Poet verlautbaren dürfte,
-ohne von sämtlichen Rezensenten als ein lächerlich hypersentimentaler
-Naturverfälscher gebrandmarkt zu werden.
-
-+Er+, immer mehr aus seiner Zurückhaltung tretend: Also erfrecht
-der gemeine Verstand sich bereits, den griechischen Edelmut zu
-bekritteln?
-
-+Ich+: Der kritische Disput um die Griechen ist allerdings im
-letzten Jahrhundert dermaßen gemeinverständlich geworden, daß ihre
-überaus edle Gemütsart nun den weitesten Kreisen zur Kenntnis liegt
-und mehr denn jemals gepriesen wird. Aber zugleich ist bekannt
-geworden, daß die Antike zu keiner Zeit so idealiter naiv war, wie
-Herr Professor Schiller noch mutmaßen durfte, daß insbesondere neben
-Homer der Dichter Archilochos gleich hochgeschätzt war, den man nach
-aller Forschung durchaus für einen Sentimentaliker ansprechen muß,
-einen elegischen Ironiker vom dämonischen Schlage des Lords Byron,
-des erlauchten Freundes Euer Excellenz. Auch hat sich bestätigt,
-was Excellenz ahnten, daß nämlich der Dichter, der die Balladen der
-prähomerischen Tradition in die zwei großen Epen organisierte, kein
-plötzlich emporgeschossener Sprößling eines kindlich urwüchsigen
-Zeitalters war, sondern der langsam gereifte Früchtling einer freilich
-noch patriarchalen, aber schon äußerst regulierten Kultur. Und
-wer den Homer einmal daraufhin lesen will, wie deutlich in seinem
-epischen Kosmos menschliche Ordnung und göttliche Willkür allenthalben
-kontrastiert sind, der wird auch bei diesem beschaulichen Ahnherrn
-ein gut Teil Ironie entdecken und denselben merkwürdigen Hintersinn
-gegen eine verblühte Naturreligion zu Gunsten neu keimender Humanität,
-der einige Jahrhunderte später in den Tragödien des Äschylos mit
-sentimentalster Leidenschaft auftrotzt. Ist das nun blos naiver
-Instinkt, oder ist es intelligente Tendenz? Spricht nicht aus allen
-Konflikten der Griechen ein problematischer Aufklärungskampf um
-Freiheit und Gerechtigkeit, der sich schließlich bei Euripides zum
-raffiniertesten Pathos zuspitzt und zugleich bei Aristophanes zur
-kapriziösesten Persifflage?
-
-+Er+, sichtlich zur Erwägung geneigt: Im Ernst eine ungemeine
-Frage. Und da denn alles Ungemeine auch allgemeine Bedeutung hat,
-verlohnt sich wohl eine ernste Betrachtung.
-
-+Ich+: Haben Euer Excellenz annehmen können, ich wollte mir zum
-Spaß unterstehen, Ihren verewigten Geist zu zitieren?
-
-+Er+, mit gelassener Laune lächelnd: Ich habe den Mephisto
-geschrieben --
-
-+Ich+: Und wenn ich Excellenz recht verstehe, haben Sie dennoch
-auch den Faust schreiben können, samt Gretchen und dem Famulus Wagner,
-und die Einen so naiv wie die Andern --
-
-+Er+, von unendlicher Heiterkeit leuchtend: Wie bereits unser
-höchst vortrefflicher Schiller zu seiner naivsten Verwunderung wahrnahm.
-
-+Ich+: Aber was ist alsdann das Naive, wenn es weder das
-Sentimentalische noch auch das Problematische ausschließt? Und wie
-verträgt sich das Raffinierte damit?
-
-+Er+, von erhabenstem Wohlwollen strahlend: Wie sich Alles in der
-Natur verträgt, was mit reinem Willen ein Ganzes fördert. Wie denn auch
-Einfalt gern die Berechnung heranzieht, sobald sich der natürliche
-Sinn in Hinsicht auf sein Gesamtbefinden nur irgend Vorteil davon
-verspricht, ob das der kultivierte Geist nun Bauernschlauheit oder
-Indianerlist schilt. Und wenn in objektivem Betracht das Naive das
-durchaus Klare ist, in subjektivem das Lautere, wie sollte es dann mit
-dem Raffinierten, das doch auf deutsch sowohl das Geläuterte wie auch
-das Abgeklärte heißt, nicht rein und willig zusammenwirken!
-
-+Ich+: Inzwischen hat freilich das Raffinierte einen übeln
-Nebensinn angenommen und heißt jetzt eher das Abgefeimte,
-Durchtriebene, Geriebene.
-
-+Er+, mit erheblicher Ungeduld: So mag es denn auch noch
-ausgefeimt heißen, sofern es nur nicht betrüglich ist.
-
-+Ich+: Doch scheint mir dies alles zwar unzweideutig das Naive
-der Natur zu bezeichnen, aber noch nicht das Naive der Kunst; während
-doch die geniale Natur, wenn anders mein unterbewußter Verstand meine
-überbewußte Vernunft nicht betrügt, Beides in sich vereinigen und
-irgendwodurch bemessen muß, um harmonisch und kulturell zu wirken. Denn
-etwa zu sagen, daß jeder Künstler auf seine besondere Art naiv sei, das
-würde doch fast schon nichtssagend sein.
-
-+Er+, den obersten Knopf seines Frackes lüftend: Da dürfte denn
-wohl das Problema stecken. Indessen war es nie meine Art, mich mit
-abstrakten Spekulationen um widerspruchsvolle Begriffe zu plagen;
-wir wollen lieber ein Beispiel betrachten, das auf das Naive ein
-zwiefaches Licht wirft. Es ist da unlängst in der Geisterwelt ein Herr
-Professor Nietzsche erschienen, der mir mit überaus gütigem Eifer eine
-Aufmerksamkeit erweisen wollte, indem er zuvörderst auf die Autoren
-des Neuen Testamentes schmähte, dann über Martin Luther herzog und
-zuletzt auch meinen Freund Schiller angriff, und dies in einem höchst
-würdigen Stil, der sich teils an dem Evangelisten Johannes, teils an
-dem Apokalyptiker, mehr noch vielleicht am Apostel Paulus, doch zumeist
-an Luther gebildet hatte, und mit einem äußerst gewaltigen Pathos, das
-mich stark an den jüngeren Schiller gemahnte. Das, mein werter Herr
-Doktor, sehen Sie wohl: das war in beidem Betracht naiv, von Natur aus
-wie auch von Kunst wegen, und war zugleich doch raffiniert.
-
-+Ich+: Wenn es nicht etwa allzu naiv war. Denn es dünkt mich eine
-Art Selbstbetrug, war also vielleicht nicht genug raffiniert.
-
-+Er+, die rechte Hand in den Busen steckend: Ich sehe, Herr
-Doktor, mein werter Freund Nietzsche hat mich außerdem auch noch
-vortrefflich berichtet, indem er mir von der Eindringlichkeit gewisser
-neuester Dichter sprach. Indessen muß wohl alles Naive in einer Art
-Selbstbetrug beruhen, ohne welche der Anschein entstehen würde, als
-wolle der welterfahrene Künstler mit seiner Einbildung +Andre+
-betrügen. Wie denn auch schon dem kindlichen Spiel eine Lust zur
-Verstellung innewohnt, die jeder Erwachsene leicht durchschaut, doch
-welche ihn umso reizender anmutet, je inniger sich die kindliche Seele
-über diese ihre Schauspielerei in eine artige Täuschung wiegt. Nur ist
-freilich das Reizende nicht das Bedeutende.
-
-+Ich+: So müßte denn wohl das höchste Genie, insofern es die
-klarste Erfahrung bedeutet, über solchen naiven Selbstbetrug in
-jedem Betracht erhaben sein, ob nun geläutert durch Kultur, ob aus
-natürlicher Lauterkeit.
-
-+Er+, mit entschiedener Ablehnung: Ich weiß von keinem höchsten
-Genie! Ich weiß nur von einigen würdigen Geistern, die jeder in
-seiner Art sich bestrebten, irgend ein Hohes heranzubilden. Wer aber
-vollkommen erhaben wäre, der dürfte sich wohl erst recht so gefallen,
-wie die Natur ihn gebildet hat, und sogar auch seine Verblendungen mit
-ähnlichem Gleichmut in Vogelschau nehmen wie Napoleon auf St. Helena.
-
-+Ich+: Doch ist mir an Kunstwerken aufgefallen, daß gerade die
-bedeutendsten Künstler diese Art Selbstanschauung nicht pflegten,
-vielmehr nach einer freien Klarheit über das menschliche Innere
-strebten, die den blinden Trieb der naiven Natur zum mindesten
-einschränkt, wenn nicht ausschließt.
-
-+Er+, mit gemessener Zustimmung: Es könnte sein, daß der blinde
-Naturtrieb durch Künstlergeist sehend werden möchte.
-
-+Ich+: Jedenfalls kann alsdann das Naive nicht den Wert der
-genialen Natur ausmachen. Sonst müßte, scheint mir, ein Burns einen
-Byron, ein Claudius einen Goethe aufwiegen.
-
-+Er+, die Hand aus dem Busen nehmend: Ich muß bitten, mein sehr
-werter Herr Dehmel, das Persönliche aus dem Spiel zu lassen.
-
-+Ich+: Doch wird ein erhabener Geist mir nicht wehren, nur des
-Beispiels halber noch zu bemerken, daß auch bei den anderen hohen
-Persönlichkeiten der vornehmsten Kulturnationen -- bei Sophokles
-wie bei Kalidasa, bei Dante wie Calderon, Shakespear wie Rabelais,
-Cervantes wie Swift, Lionardo wie Dürer, Michelangelo wie Rubens wie
-Rembrandt, Palestrina wie Bach wie Mozart wie Beethoven -- das Naive
-überall höchstens die Rolle des rührigen Mägdleins im Königsschloß
-spielt, wo nicht blos des handlichen Prügelknaben, und meistens zu gar
-keinem Vorschein tritt; wohingegen es sich bei vielen sehr reizenden,
-jedoch nicht eben bedeutenden Künstlern mit breitestem Behagen ergeht
-und oft ihr ganzes Gedinge beherrscht. Allein den einzigen Vater Homer
-nennt man immer wieder als Gegenbeispiel, indessen wohl lediglich aus
-dem Grunde, weil die patriarchalen Kulturprobleme, um die sich die
-naiven Konflikte seiner merkwürdig sinnreichen Helden drehen, der
-heutigen Menschheit nichts mehr bedeuten und deshalb gern übersehen
-werden. Es müßte auch, deucht mir, um die Menschheit unglaublich
-widersinnig bestellt sein, wenn grade die stärksten Künstlerseelen, die
-doch von dem ewig währenden Kampf zwischen Menschenvernunft und blindem
-Naturtrieb am allerheftigsten mitbewegt werden, ihre Kraft an ein
-kindlich einfältiges Spiel der trüglichen Sinne verschwenden sollten,
-anstatt mit männlichem Eigenwillen einen redlichen Ausgleich jener
-Zwiespältigkeit wenigstens zeitweilig zu erwirken. Oder denkt ein hoher
-Geist anders darüber?
-
-+Er+, das zweite Knopfloch des Frackes öffnend: Sie sind sich
-offenbar nicht bewußt, daß aller zeitweilige Wert eines Kunstwerkes
-dessen dauernde Fortwirkung nicht erklärt, daß folglich nach
-vernünftiger Schätzung sein löblicher Inhalt an Kultur dem natürlichen
-Gehalt wohl beigeordnet, jedoch nicht übergeordnet werden kann.
-
-+Ich+: Ich befinde mich allerdings zur Zeit in einer Art
-unbewußtem Zustand; und ich weiß nicht, ist es unterbewußte oder
-überbewußte Sinnentäuschung, daß ein deutscher Klassiker hier so
-romantisch redet?!
-
-+Er+, befremdet: Was für ein Klassiker?
-
-+Ich+: Dessen Geist mir soeben erst gebot, das Persönliche aus dem
-Spiele zu lassen; wohl weil es das vollauf Natürliche ist.
-
-+Er+, aufs höchste erstaunt: Ich ein Klassiker??
-
-+Ich+: Von der ganzen Nation heute so genannt! Sollte das in der
-Geisterwelt unbekannt sein?
-
-+Er+, mit Mühe seinen Verdruß beherrschend: Da habe ich nun den
-deutschen Barbaren zeit meines Lebens ins Ohr geblasen, daß klassische
-Nationalautoren in Deutschland ein Ding der Unmöglichkeit sind, solange
-sich dieses unglückselig zerstreute und zerfahrene Volk nicht in
-allen Stücken zu einer soliden nationalen Kultur gesammelt hat; habe
-wieder und wieder nachgewiesen, daß inzwischen das originale Talent
-nur auf internationaler Basis eine sichere Haltung gewinnen könne, daß
-überhaupt die Epoche der Weltliteratur die einzige übrige Möglichkeit
-für eine glückliche Bildung sei. Und nun kommt diese widerspruchsvolle
-Horde literarischer Sanskülotten, die mich ehemals an den Schandpfahl
-wünschte, und will mich zu ihrem Klassiker stempeln! Als ob durch
-solchen armseligen Selbstbetrug nur irgend ein Wahres gefördert würde!
-
-+Ich+: Das ist freilich naiv; doch hat sich Deutschland --
-
-+Er+, ohne Achtsamkeit weiterwetternd: Da habe ich mich von Jugend
-auf durch tausend ungereimte Begriffe und widrig abstrakte Meditationen
-zu einiger Klarheit hindurchplagen müssen; und statt wahrhafte
-Anerkennung zu finden, muß ich hier die reizende Botschaft vernehmen,
-daß ich eitler Prahlhansigkeit zum Deckschild diene! Das ist äußerst
-unerfreulich, Herr Doktor!
-
-+Ich+: Euer Excellenz haben zwar vorhin beliebt, ein Gegenteiliges
-auszusprechen; indessen könnte das Widerspruchsvolle, obwohl es gewiß
-nicht das Wahre ist, doch grade das eigentlich Wahrhafte sein.
-
-+Er+, merklich betroffen: Wie meinen Sie das?
-
-+Ich+: Wenn Excellenz sich nicht leider verbeten hätten, Ihr
-Persönliches zu berühren --
-
-+Er+, an dem untersten Frackknopf nestelnd: Es hat mich von jeher
-nur wohl berührt, wenn mir Jemand gehörig die Wahrheit sagte; das will
-heißen, mit dem gehörigen Anstand.
-
-+Ich+: Nun, der Name Goethe gilt eben heute als Inbegriff
-deutschen Strebens nach Bildung, nach innerer Sammlung zu äußerer
-Einheit, nach einer persönlichen Harmonie mit dem sozialen
-Kulturinstinkt.
-
-+Er+, mit vollständig aufgeknöpftem Frack: Man rede mir nur nicht
-von Harmonie, bevor man nicht alle Dissonanzen vernommen und begriffen
-hat!
-
-+Ich+: Man hat sie alle so fleißig begriffen, daß heute im neuen
-Deutschen Reich kein Skribifax zu finden sein dürfte, der seinen
-absurdesten Feuilletonwitz wie seine banalste Kathederweisheit nicht
-mit irgend einem beiläufigen Satz aus Goethes widerspruchsvollen
-Schriften belegt und sich feierlich auf das Genie beruft.
-
-+Er+, mit einer Miene leidvoller Dumpfheit: So hat man mich eben
-schlecht begriffen.
-
-+Ich+: Oder vielleicht nur gar zu gut, nämlich ein wenig zu naiv.
-
-+Er+, erleichtert, mit einem belustigten Lächeln: Sie scheinen mir
-recht raffiniert, mein wertester Freund.
-
-+Ich+: Oh, mein teuerster Gönner, auch ich bin ein Deutscher.
-Denn inzwischen hat sich unser Volk immerhin doch auf einen gewissen
-Grad politischer Einheit zusammengerafft; und wenn dennoch seine
-soziale Kultur so zerstückelt wie jemals geblieben ist, so blickt drum
-jeder Gebildete, und mehr noch der Bildungsbedürftige, mit naivster
-Ehrfurcht auf eine Persönlichkeit, die -- ob sie im Einzelnen noch so
-triebhaft von natürlichen Dissonanzen bewegt war -- doch im Ganzen
-als ein beharrliches Vorbild für den nicht minder natürlichen Trieb
-nach harmonischer Kultur vor der Welt steht. Das aber, scheint mir,
-ist eben die Wirkung, die von jedem erhabenen Künstler ausgeht und
-allen erhebenden Kunstwerken beiwohnt. Mag der Bildungsstand, den
-sie enthalten, ein überall zeitlich bedingter sein, so ist doch der
-ewige Ausbildungstrieb, der diesen Inhalt zusammenhält, ein unbedingt
-Natürliches, ein allgemein menschlich Notwendiges, von innerstem Grund
-aus Wirksames, über Zeit und Volk hinaus Wertvolles. Und ein solcher
-Wert, so mysteriös und problematisch er immer ist, wird denn doch
-wohl selbst dem löblichst naiven Spieltriebe überzuordnen sein, der
-sich an seinem jeweiligen Zustand trüglich-vergnüglich genügen läßt.
-Was den Zeitgenossen wie bloßes Stückwerk eines widerspruchsvollen
-Geistes deuchte, wird der strebsamen Nachwelt den vollen Gehalt einer
-wahrhaftigen Seele bedeuten, zumal da noch niemals eine Nation ihre
-jeweils erreichte eigne Kultur für vollkommen harmonisch befunden hat
-und wohl auch niemals befinden wird, so wenig wie der einzelne Mensch,
-am wenigsten aber der geniale. Sollte das nicht, so wahrhaft menschlich
-es ist, doch vielleicht auch ein göttlich Wahres sein?
-
-+Er+, mit hellstem Lächeln: So sei es denn! -- Nur gebe man auch
-dem Teufel sein Recht; und der war von jeher ein dummer Teufel.
-
-+Ich+: In welchem Sinne soll ich das nehmen?
-
-+Er+, schalkhaft nickend: In keinem Sinne! Wohl aber in einem
-gewissen Verstande, der sich verteufelt betriebsam zeigt und den
-edelsten Bildungstrieb ausarten macht, sofern er nicht im Naiven
-wurzelt. Man hüte sich vor der Reflexion, die den Wurzelboden zerwühlt
-wie ein Maulwurf!
-
-+Ich+: So sollte es wirklich das Nachdenken sein, wodurch das
-ursprüngliche Gefühl, das jeden Künstler zum Werke treibt, zuweilen so
-unhold befangen wird, daß ein Unwirksames daraus entsteht?
-
-+Er+, immer noch schalkhaft: So +könnte+ es sein.
-
-+Ich+: Indessen ist mir von einem Dichter, der heute für den
-naivsten gilt, weil erst Wenige seine originellere, höchst ironische
-Bedeutung hinlänglich schätzen, von meinem Freunde dem Freiherrn von
-Liliencron, zu öfteren Malen anvertraut worden, daß er gründlichst über
-sein Dichten nachdenkt. Ja, ich weiß von einem seiner Gedichte, worin
-das gewiß recht naive Gefühl einer starken Betrunkenheit dargestellt
-ist, daß er es sieben Jahre lang in Gedanken herumgetragen hat, bevor
-es ihm reif zur Abfassung war.
-
-+Er+, ernsthaft: Dergleichen geschah auch mir oft genug, und
-wird wohl jedem Dichter geschehen. Nur verkenne man nicht, daß es
-Zweierlei ist, über Gefühle nachzudenken oder über die Darstellung von
-Gefühlen! Das Eine ist die Reflexion des ästhetisierenden Philosophen,
-das Andre die technische Logik des Künstlers. Die mag und soll er nach
-Kräften üben; nur behüte ihn eine fromme Scheu, jene Kraft holdseliger
-Dumpfheit zu stören, womit sich die Seele den Sinnen hingibt, und
-wodurch zuweilen ein klares Gebilde so rasch aus dem willigen Geiste
-hervorspringt wie die Pallas aus dem Haupte des Zeus. Er verharre
-in seinem bewußtlosen Drange, bis sich das klügelnde Bewußtsein dem
-sinnreichen Willen unterwirft.
-
-+Ich+: Also sollte wirklich der Dichter des Faust, des Tasso
-und der Iphigenie, des Werthers und des Wilhelm Meisters, von den
-Wahlverwandtschaften nicht zu reden, nie über Wesen und Art der
-Gefühle, ihren Wert und Unwert nachgedacht haben? Und wo hängt die Wage
-zwischen Sinn und Verstand, zwischen Klugheit und Klügelei, zwischen
-künstlerischer und menschlicher Weisheit, zwischen Geist und Vernunft,
-zwischen Dichtung und Wahrheit?
-
-+Er+, scheu, wie vor sich selbst erschauernd: +Bei den
-Müttern!+ --
-
-+Ich+: +Noch aber ragen leuchtend in den Äther die Marmorhäupter
-der verklärten Väter!+ --
-
-+Er+, frostig wehrend: Dies Licht ist kalt.
-
-+Ich+: Und sollte allein die dunkle Wärme dem Wachstum des Geistes
-gedeihlich sein?
-
-+Er+, das unterste Knopfloch wieder schließend: Doch wird kein
-Geist die Grenze entdecken, wo Licht und Dunkel einander durchdringen.
-
-+Ich+: Sollte nicht eben des Künstlers Geist diese Grenze wieder
-und wieder entdecken? Sollte jenes geisterhaft kalte Licht, das wie
-ein unfaßbarer Eishauch jedem bedeutenden Kunstwerk entstrahlt, nicht
-grade das Offenbarende sein, das den dumpfen Stoff erst zum klaren
-Gebilde, die drangvolle Glut erst zur schaffenden Wärme läutert?
-Und mag immerhin das Unbewußte der unergründliche Mutterboden aller
-schöpferischen Fülle sein, was tut das über den Künstler dar, über
-Art und Wert seiner Fähigkeit? Entspringt nicht jegliches menschliche
-Schaffen, ja die alltäglich gewöhnlichste Arbeit, aus solchem
-geheimnisvollen Antrieb, trotz allem ästhetischen Abergeschwätz?!
-Klopft doch sogar der geringste Schuster das Leder mit einer
-bewußtlosen Kraft; nur wird eben ein schlechter Schuh daraus, sobald er
-es nicht zugleich recht bewußt über den passenden Leisten schlägt.
-
-+Er+, mit gleichgiltigem Achselzucken: Es würde wohl auch kein
-guter Schuh werden, wenn der schlechte Schuster bewußter drauflos
-schlüge.
-
-+Ich+: Wenn er besser Bescheid ums Zuschlagen wüßte, wäre er dann
-nicht ein besserer Schuster?! Und um wieviel mehr erst der sinnreiche
-Künstler, der unzählige einzelne Schlagfertigkeiten auf ein bedeutendes
-Ganzes veranschlagt! Mag er durch Übung so sicher geworden sein, daß
-er in rascher Entschiedenheit kaum noch um all seine Kunstgriffe
-weiß; aber was lenkte ihn bei der Übung, was sichert seinem Griff
-die Bestimmtheit, wenn nicht der herrschende Gedanke, der all die
-beliebigen Bildgefühle auf irgend ein sinnvoll Notwendiges richtet!
-Liegt da nicht einfach die Folgerung nahe, daß sich jeder Künstler
-und sonstige Schöpfer vor andern Menschen nur dadurch auszeichnet, in
-welcher Art und in welchem Umfang das bisher Unbewußte bei ihm bewußt
-wird! Warum gelingt keinem unreifen Künstler ein Werk von wahrhaft
-voller Bedeutung, wohl aber manchem Wunderkind manch allerliebstes
-reizendes Ding von wirklicher Vollkommenheit? Ich glaube, weil sein
-Geist noch nicht ausgebildet, sein Gemüt aber schon durch geistige
-Erbschaft für klare Gefühle vorgebildet ist. Da mag ihm denn in
-holdseliger Dumpfheit auch wohl einmal etwas Sinniges glücken, das er
-höchst naiv seinem eigensten, blos sogenannten Mutterwitz zuschreibt;
-ist aber in Wahrheit Väterweisheit, tiefst raffiniert im Liebeskampf
-mit der gern empfänglichen Mutter Natur.
-
-+Er+, halb gelangweilt, halb gereizt: In diesem Verstande könnte
-es hingehen. Nur erspare alsdann die brave Vernunft sich erst recht
-die überflüssige Mühe, dem Gemüt in sein Tiefstes dreinzureden! Mag
-der Gedanke sich hinter das Sinnliche stecken, damit jedes scheinhaft
-Einzelne planvoll aufs ganze Wesen deutet; aber er macht sich
-unerträglich, sobald er die Gefühle belästigt, die dieses Ganze tragen
-und halten.
-
-+Ich+: Doch scheint es mir schwach um Gefühle bestellt, die keinen
-starken Gedanken aushalten. Bei Shakespear strotzt selbst der Narr von
-Gedanken.
-
-+Er+, ganz gereizt: In der Tat, er strotzt! Das dürfte denn wohl
-das Närrische sein!
-
-+Ich+: Und der weise Hamlet, der doch nur halb ein Narr ist?
-hängt nicht sein ganzes Gefühl von Gedanken ab? Ja, ich getraue mich
-nachzuweisen, daß das gesamte Kunstwerk „Hamlet“ auf einem bestimmten
-Gedankengrund steht, um den der Dichter gewußt haben muß.
-
-+Er+, stutzig: Da wäre ich aber wahrlich gespannt. Sie sind
-überaus eigensinnig, Herr Doktor!
-
-+Ich+: Nur in Euer Excellenz eigenem Sinne. Denn wie Excellenz
-selbst einmal kommentierten, wollte Shakespear hier eine Seele
-schildern, die eine große notwendige Tat pflichtbewußt auf sich nehmen
-will, ohne der Tat gewachsen zu sein; kurz, einen edelmütigen Menschen,
-der nur leider Gottes durchaus kein Held ist. Nun liegt es jedoch, wie
-Excellenz gleichfalls und mehr als einmal dargelegt haben, nicht im
-Wesen des bedeutenden Dichters, ein lediglich Negatives zu zeigen; wenn
-sich also das Positive hier nicht in dem sogenannten Helden des Dramas
-findet, muß man es wohl in dem Drama selbst, d. h. in dem Ausgleich
-der andern Personen mit dem unheldischen Helden suchen. Und in der
-Tat sehen wir jeden Charakter, der neben Hamlet die Handlung fördert,
-auf diese Ergänzung hin angelegt: zu Anfang den Geist des heldischen
-Vaters, zum Schluß den lebendigen Helden Fortinbras, in der Mitte den
-verbrecherischen Dreiviertelshelden Claudius, den echten Mann Horatio,
-das unreife Übermännlein Laertes, und als den Nullpunkt für diese
-ganze Skala positiver Energie den wohlweisen Schwächling Polonius,
-gegen welchen selbst der passive Hamlet zu einem gewissen Grade aktiv
-wirkt. Da muß sich denn wohl der Gedanke aufdrängen, der Dichter habe
-in dieser Tragödie das dem vornehmen Sinn seiner Zeit gemäße Problem
-der heroischen Tendenz vom Grunde aus behandeln wollen, nach Art wie
-Abart, Wert wie Unwert, zumal wenn wir auch seine anderen Werke auf
-solche seinen Zeitgenossen erbauliche Grundgedanken gestellt sehen, auf
-die Probleme des Aristokratismus, Nationalismus und Humanismus, von den
-psychologischen ganz zu schweigen. Nur war er freilich raffinierter
-Künstler genug, uns derlei interessante Tendenzen nicht mit solchem
-naiven Pathos ins urteilslose Gemüt zu schleudern, wie dem populären
-Genie unsers Schillers beliebte; sondern als feinerer Menschenkenner
--- sehr oft bis zum Cynismus fein -- blieb er sich überall bewußt,
-daß diese geistigen Rätselfragen die Seele umso nachhaltiger fesseln,
-je unlöslicher sie dem Verstande scheinen, verfädelt unter ein buntes
-Gewebe von dunkeln und hellen, dumpfen und klaren Gefühls- und
-Sinnestäuschungen. Mag es schon halbwegs echte Verrücktheit sein, wenn
-man wie Hamlet Wahnsinn heuchelt, so wäre es sicherlich ganzer Irrsinn,
-wollten wir drum auch dem Dichter zutrauen, er habe sich ebenso selbst
-betrogen und nicht vielmehr genau gewußt, warum er uns über diesen
-Zustand seines problematischen Prinzen in deutungsvollem Dunkel läßt.
-Sollte er das nicht einfach gewollt haben, um uns recht sinnfällig
-anzudeuten, wie durch einen launenhaft unklaren Willen selbst die
-klarste Vernunft der edelsten Seele in grausige Unvernunft zu entarten
-droht?!
-
-+Er+, wieder die Hand in den Busen steckend: Ich sehe, mein
-Freund, Sie verstehen es, eine Sache von vielen Seiten zu nehmen. Und
-freilich tut es, wie im Leben, so auch in der Kunst unter Umständen
-gut, wenn man Andere über sein Innerstes täuscht. Doch was einem Geist
-wie Shakespear bewußt war, ohne daß es ihm Schaden tat, könnte minder
-kräftige Geister behindern, ihre Gefühle wirksam von sich zu geben.
-
-+Ich+: Es wäre wohl kein sehr schlimmer Schaden, wenigstens nicht
-für andere Leute, wenn solche Geister ihre Gefühle ganz und gar für
-sich behielten.
-
-+Er+, mit ergetztestem Behagen: Das war äußerst naiv geurteilt,
-mein Teurer!
-
-+Ich+: Wenn man sieht, wie sogar der simple Homer gegen den naiv
-brutalen Achilleus den raffiniert dolosen Odysseus ausspielt, wie er
-diesen Kontrast zwischen Intelligenz und Instinkt noch mit allerlei
-Parallelpersonen durch beide Epen hindurch unterstreicht, vom rasenden
-Ajax und weisen Nestor bis zum ochsenhaft rohen Polyphem und hündisch
-verschlagenen Thersites, von den tolldreisten Lustweibern Helena und
-Circe bis zu den sittig klugen Frauen Andromache und Penelope: kann
-da irgend ein geistvoller Kopf noch glauben, das sei alles blos aus
-bewußtlosem Drange so auf gut Glück zusammengedichtet?
-
-+Er+, sichtlich des trockenen Tones satt: ~Credo quia absurdum
-est.~
-
-+Ich+: In der Tat, dieses mystische Mäntelchen um den Busen
-des gottbegnadeten Sängers rührt wohl noch aus den dunkeln Zeiten
-her, wo sich der Dichter in Einer Person mit dem Priester oder König
-zusammenbefand. Da mußte der Volksredner, der er war, wohl ~nolens
-volens~ darauf bedacht sein, die Menge durch einiges Zauberwesen in
-ein dumpfes Staunen vor seiner Kunst zu versetzen; war wohl auch selber
-noch dumpf genug, sich abergläubisch darob zu bewundern.
-
-+Er+, den Stern auf seiner Brust zart berührend: Wie denn auch
-dieser Orden, Freund, nur eitel Tand und Blendwerk ist, und bedeutet
-doch ein höchst Würdiges. Ein barbarischer Putz aus rohester Zeit her,
-und hängt nun als Mahnzeichen zuchtvollen Strebens auf dem Gewande der
-feinsten Gesittung.
-
-+Ich+: Und wenn denn die löblich gläubige Menschheit nicht ohne
-etlichen Hokuspokus auf ihrer Würde bestehen kann, warum dann die
-seelische Dumpfheit vergöttern, warum nicht die geistige Erleuchtung?
-Als ob unser hochbestrebtes Bewußtsein nicht zum mindesten ebenso
-rätselhaft, geheimnisvoll und wunderbar wäre, wie das tiefste
-drangvollste Unbewußte, das uns mit jedem Kohlkopf gemein ist! Als ob
-nicht dieses erst durch jenes in seiner besonderen Fülle erfaßt, ins
-Eigentümliche durchgebildet, ins allgemein Wertvolle ausgestaltet, ins
-menschlich Bedeutsame umgeformt würde! Was hat denn dem Menschen seine
-Bedeutung vor Tier und Pflanze und Stein erschlossen, wenn nicht die
-Entwickelung des Bewußtseins, mag sich das nun Vernunft oder Geist,
-Verstand oder Sinn, Gedanke, Witz, Intellekt, Idee, Reflexion oder
-Logik taufen! Und zeigt nicht die ganze mannigfache Formenfolge der
-Lebewesen ein +stetes Stufenstreben der Geisteskraft, sich immer
-wahrnehmbarer auszugestalten+?!
-
-+Er+, bedächtig den untersten Frackknopf drehend: So meinen Sie
-denn, der naive Impuls sei nur etwa der Pulverkraft vergleichbar, die
-hinter einem Feuerwerk steckt?
-
-+Ich+: Allerdings, ohne Pulver kein Feuerwerk; aber in
-unverständiger Hand verpufft das Pulver und blendet blos.
-
-+Er+, in Gedanken den Knopf abdrehend: Hm -- unter solcher
-Beleuchtung betrachtet, läuft freilich das löbliche Gerede über den
-dunkeln Drang des Künstlers am Ende auf den Gemeinplatz hinaus, daß
-eine Schöpferkraft dasein muß, wenn eine Schöpfung werden soll.
-
-+Ich+: Auch scheint mir dieser dunkle Drang, wenn anders mich
-die Erfahrungen aus meinem bewußten Dasein nicht täuschen, in seinem
-jeweiligen Denkzustand durchaus nicht so holdselig zu sein, wie er
-sich später in unserm Gedächtnis ausnimmt, das jeden vergangenen
-Zustand geistig verklärt; sonst würde der Künstler wohl kaum geneigt
-sein, sich diese Dumpfheit jedesmal so rasch wie möglich vom Halse zu
-schaffen. Ich wenigstens fühle mich in der Regel durch solche holde
-Gedankendrangsal so unausstehlich bedrückt und befangen, wie der
-Homunkulus in der Retorte oder Helena im Hochzeitsgewand.
-
-+Er+, wieder vollständig aufgeknöpft, steckt lächelnd den Knopf
-in die Westentasche: Es freut mich, Teuerster, wie Sie das sagen, mit
-solchem holden Eigensinn. Indessen ist mir doch aufgefallen, daß Sie
-fortwährend in überaus freundlicher, jedoch nicht eben ganz glücklicher
-Weise bei unserm Gespräch darauf bedacht sind, nach Art meiner späteren
-Schriften zu sprechen; und es war mir von jeher das höchste Vergnügen,
-wenn sich ein eigenwilliger Geist auch einer eigenen Sprache bediente.
-
-+Ich+: Und darf ich dann fragen: Heinrich v. Kleist??
-
-+Er+, augenblicks heftigst die Stirn runzelnd: Ich sprach vom
-+beherrschten+ Eigenwillen!
-
-+Ich+: Sein Leben mag haltlos gewesen sein; aber wohl nur, weil er
-alle Kraft an die Selbstbeherrschung als Künstler setzte.
-
-+Er+, voller Zorn auf den Fußboden stampfend: Dieser junge Mann
-war unbedenklich genug, sich dem Dämon in die Arme zu werfen, dem ich
-selber zeitlebens behutsam auswich!
-
-+Ich+: Das hat der Lord Byron auch getan! und Goethe hat ihn dafür
-bewundert!
-
-+Er+, herrisch auf meine Tischplatte klopfend: In Byron wars
-Kraft, ihn riß Heldenmut fort; der Andre erlag seinem mystischen Drang
-wie ein ungesund schwächliches Frauenzimmer.
-
-+Ich+: Er hat uns als Dichter Helden enthüllt, an die keine
-Heldentat Byrons heranreicht.
-
-+Er+, mit noch stärkeren Klopftönen: Er hätte euch wohl noch mehr
-enthüllt, wenn man ihm Mannszucht hätte eintreiben können. Er hatte das
-Zeug zu einem Shakespear, wenn er kein Hamlet gewesen wäre. Er strebte
-nur heldisch, sobald man sein Selbstbewußtsein mit härtestem Stachel
-zum Trotz aufreizte; er war nicht über sein Schicksal erhaben.
-
-+Ich+: Er war es immerhin bis zu dem Grade, daß er das alles im
-Prinzen von Homburg mit klarster Erkenntnis dargestellt hat.
-
-+Er+, immer noch mit umwölkter Stirn: Und da hatte der Dämon sich
-erschöpft! --
-
-+Ich+: So wäre denn dieser bedeutende Künstler seinen Instinkten
-allzu naiv gefolgt?!
-
-+Er+, mit verteufelter Anerkennung: Sie sind wirklich gründlichst
-raffiniert, werter Freund!
-
-+Ich+: Ich bin in der Tat über derlei Dämonen ein wenig durch
-eigne Erfahrung gewitzigt. Ich wurde in meinen unreifen Jahren von
-allerlei krampfhaftem Spuk heimgesucht, wie man das fast jedem
-kraftvollen Geist mit biederem Gruseln als krankhaft nachsagt, und wie
-ja auch Sie, verehrtester Genius, mehrfach von sich selbst berichtet
-haben. Ich entdeckte jedoch, daß sich diese Visionen, Somnambulismen
-und Katalepsieen immer nur einzustellen pflegten, wenn meine Vernunft
-nicht bei vollen Kräften war, infolge von Geldnöten, Katzenjammer,
-Liebesgram und dergleichen mehr, oder weil ich als naiver Fant
-meine poetische Phantasie leider oft zu holdselig faullenzen ließ;
-also gleichsam wie mahnhaft anpochende Boten aus einer ratlosen
-Unterwelt, die über ihr Bestes bewußt werden wollte. Ich habe mir dann
-durch Selbstbeobachtung, Willensgewöhnung und Kunstausübung all das
-gespenstisch aufdringliche Wesen nach und nach vom Leibe geschafft,
-ohne jede medizinische Quacksalberei; und jetzt besuchen mich solche
-Klopfgeister nur noch, wenn ich sie eigens herbeizitiere.
-
-+Er+, aufgeräumt: Zu Befehl, Euer Liebden; ich danke für die lange
-Audienz.
-
-+Ich+: Während ich aber in jenen Jahren ein dumpf verdüsterter
-Jüngling war, dessen Haar sich dunkler und dunkler färbte, und der
-zumeist nichts weiter tat als sich und Andre gefühlvoll betrügen, seine
-Geliebte obenan, bin ich nun, wo ich grau zu werden beginne, wieder so
-emsig und wohlgemut wie in meiner hellblondlockigen Kindheit.
-
-+Er+, wunderlich durch mein Zimmer blickend: Da mache ich Ihrer
-jetzo Frau Liebsten mein allerartigstes Kompliment.
-
-+Ich+: Ich habe durchaus nicht im Spaß gesprochen!
-
-+Er+, von reinster Beschaulichkeit verklärt: Auch ich nicht,
-Verehrter; ganz und gar nicht. Es muß wohl ein jeder kräftige Künstler
-zu einer zweiten Naivität erwachsen, die sich zu seiner ersten
-verhält wie das aufmerksam hingebungsvolle Weib zur unbequemlich
-kopfscheuen Jungfrau. Wie nun freilich die gewöhnliche Frau nie von
-ihrer beschränkten Eitelkeit läßt, so verharren auch die meisten
-Künstler bei ihrer ersten Naivität und verflachen in eine triviale
-Manier. Noch um vieles halsstarriger aber benimmt sich die dämonisch
-okkupierte Natur, die denn auch besser dem Helden ansteht, dem
-Abenteurer und Volksführer, dem politischen oder religiösen Redner,
-als dem künstlerisch aufwärts strebenden Dichter, dem freien Eroberer
-des Lebens, der dem Wandel der Welt wie der eigenen Seele unbefangen
-willfahren muß, mit einer überlegenen Ruhe. Da wird denn natürlich, um
-diese Ruhe bis ins drangvolle Innerste auszudehnen, auch die Vernunft
-je tiefer je stärker manch tüchtiges Wort mit dreinreden müssen; und
-wenn da dem männlich ringenden Geiste noch ein vernünftiges Weib
-beispringt und ihm gleichsam als ein artiges Vorbild willfähriger
-Herrschaft zu dienen weiß, da darf man ihm wohl im Ernst gratulieren.
-
-+Ich+: Und er darf sich mit heiterem Dank bewußt sein, daß dieser
-Glückwunsch ins Centrum des Lebens trifft, und somit auch unseres
-Kunstgespräches.
-
-+Er+, immer verklärter um sich blickend: Wir sprechen wohl einst
-noch gewisser darüber --
-
-+Ich+: Doch ist uns schon jetzt zu Bewußtsein gekommen, daß zwar
-das naive Gemüt die Axe ist, an die auch die genialste Natur mit
-allen Trieben gebunden bleibt, und deren einer Pol ins Dämonische,
-der andre ins Triviale verläuft; daß aber +die geistige Reflexion
-die formbestimmende Triebkraft+ ist und umso harmonischer auf die
-Kulturwelt einwirkt, je energischer der gestaltende Sinn das Tiefste
-der Persönlichkeit auf ein centrales Gleichgewicht ordnet --
-
-+Er+, geisterhaft in die Höhe wachsend: Und rings um ihn kreisen
-die Himmelsbilder und die Planetensysteme des Äthers samt allen Meeren
-und Inseln des Erdballs --
-
-+Ich+: Und die Menschheit wird endlich jeglichen Genius so
-natürlich dankbar entgegennehmen, wie er aus voller Natur sich gibt,
-auch wenn er nicht erst ein Alter wie Goethe erreicht, sondern jung wie
-Kleist zu den Vätern dahinmuß --
-
-+Er+, spukhaft aus weiter Ferne lachend: Sie sind in der Tat
-höchst naiv, lieber Dehmel --
-
-Und mit diesen Worten versetzte er mir einen väterlich derben
-Nasenstüber, der mich aus meiner hypnotischen Situation in jenen
-bewußteren Zustand zurückbugsierte, worin die Dichter zu arbeiten
-pflegen. Seitdem aber bin ich von allen Skrupeln über das wahrhaft
-Naive kuriert.
-
-
-Kultur und Rasse
-
-Ein Gespräch zwischen Künstlern
-
-Ein deutscher Dichter und ein jüdischer Maler waren einander in
-Verehrung zugetan, trotz oder wegen ihrer sehr verschiedenen Begabung.
-Den Maler reizten simple Motive, die er mit räumlich packender Rhythmik
-in verwickeltem Lichtspiel zu zeigen verstand; der Dichter ließ sich
-umgekehrt meistens von komplizierten Impulsen anregen, die er bei
-rhythmisch lebhaftestem Tempo in unvermutet einfachen Zusammenklang
-zu setzen wußte. Gemeinsam war ihnen also nur, was allen vollkommenen
-Künstlern gemeinsam ist: ein stark beweglicher Scharfsinn bei
-gründlicher Gemütsruhe. Das gab dem persönlichen Charakter des Juden
-eine sprunghafte Schlagfertigkeit, die sich mit Vorliebe hinter der
-Maske berlinischer Fopperei versteckte; an dem Deutschen dagegen prägte
-es sich in einer hartnäckigen Spannkraft aus, die sich nach Art des
-märkischen Landvolkes gern etwas nückeboldig stellte.
-
-Als Leute, deren Zeit kostbar war, sahen sie einander nur selten;
-aber jeder verfolgte des Andern Arbeiten mit angelegentlicher
-Aufmerksamkeit. Nun hatte der Maler ein Bild ausgestellt, dessen
-dramatisches Pathos beträchtlich von seiner sonst mehr lyrischen Verve
-abstach und infolgedessen viel Kopfschütteln erregte; da konnte der
-Dichter nicht unterlassen, ihn doch einmal wieder zu besuchen, um
-ihm für diesen neuen Beweis seiner rastlosen Entwicklungskraft ein
-respektvolles Kompliment zu sagen.
-
-Das Gemälde zeigte ein nacktes Weib von mänadischer Gelenkigkeit,
-wie es sich auf verwühltem Lager über einem stiernackigen,
-wollustgeschwächten Kerl hochreckt, in der Rechten irgend etwas
-Blankes wie eine sieghafte Waffe hebend, bis zu den Hüften vom
-Zwielicht des Morgens und einer Kerzenflamme beglänzt, während sich
-der schlaftrunkene Mann an ihrem Schooß im Halbschatten wälzt. So
-nahm sich die Geberde des Weibes wie ein geschmeidiger Hohn auf
-die rohe Kraft aus, wie ein Sieg wachsamer Geistesgegenwart über
-plump verschlafene Sinnlichkeit, ein fleischgewordener Triumph der
-raffinierten Intelligenz über den brutalen Instinkt, mit einfachster
-Wucht in feinste Beleuchtung gerückt. Der Maler hatte das große Werk
-„Judith und Holofernes“ getauft, obwohl es lediglich durch die Idee
-auf die biblische Legende zurückwies. Kein orientalischer Teppich
-verliebreizte das Lager, und die Mänade konnte nach ihrem Typus
-irgendeine zigeunernde russische Fürstin oder deutsche Prinzessin sein,
-der Mann ein x-beliebiger braver Zirkusathlet. Der deutsche Dichter
-wollte jedoch von diesem Gesichtspunkt nichts merken lassen, sondern
-sprach vor allem seine Bewunderung über die schwungvolle Raumwirkung
-aus; worauf sich folgende Unterhaltung entspann.
-
-+Der Jüdische Maler+: Na ja, sehr schön. Aber nicht wahr, die
-Hauptsache ist doch: das Ding hat Rasse von oben bis unten!
-
-+Der Deutsche Dichter+: Wenn Sie also doch davon sprechen wollen,
-dann muß ich Ihnen offen gestehen, ich sehe eher etwas allgemein
-Menschliches.
-
-D. J. M. Sie sind wohl allgemein übergeschnappt? So’was kann doch blos
-einer, der Jude ist, machen!
-
-D. D. D. In der Tat blos Einer, nämlich Sie.
-
-D. J. M. Na ja, weil ich eben noch Vollblut bin; die Andern sind
-meistenteils schon alle so ins allgemein Menschliche vermanscht.
-
-D. D. D. Ich glaube nicht mehr an das Rassendogma; wenigstens nicht,
-soweit es seelische Werte und geistige Leistungen begründen soll. Bei
-den künstlichen Tierrassen ist das von selbst ausgeschlossen, denn die
-züchtet ja erst der menschliche Geist. Aber auch die natürliche Rasse
-kann höchstens für körperbauliche Eigenschaften eine Grundbedingung
-sein, eine neben mancherlei andern; vielleicht aber gar keine
-Grundbedingung, sondern immer nur ein Endergebnis aus langen seelischen
-Sonderbestrebungen einer Gemeinschaft beliebiger Einzelkörper gegen
-die gefährliche Umwelt, eine Art Schutzmarke auf Gegenseitigkeit,
-die dann wieder neue Arten herbeiführen kann, durch neue Anlässe zur
-Gemeinschaftsbildung. Wie soll denn durch Rasse, dies allerallgemeinste
-Merkmal oberflächlicher Unterscheidung, die künstlerische Begabung
-erklärt werden, die allereigentümlichste Sonderlichkeit, die nur von
-den gründlichsten Kennern geistiger Werte vollkommen erkannt und
-gewürdigt wird, gleichviel von welchem Rassekörper!
-
-D. J. M. Sie haben sich da ’ne lange Strippe von Geist und Seele
-zusammengedreht. Aber ich will Ihnen mal was sagen, ganz einfach, ohne
-Textilapparat: Dumm muß der Künstler sein, dumm und geil! und das kann
-blos ein Rassekerl! Ich meine, so richtig dumm und geil; ~cum grano
-salis~, wissen Sie.
-
-D. D. D. Und wahnsinnig! Gleichfalls ~cum grano salis~.
-
-D. J. M. Und ein Frechdachs! Sie wollen mich wohl uzen, Verehrter?
-
-D. D. D. Ich wollte Ihrer gesalzenen Weisheit blos einen
-rassepsychologischen Wink geben, aus welchem Pökelfaß sie stammt. Dumm,
-geil und verrückt -- das ist der Künstler, wie er heute bei allen
-Professoren der höheren Zoologie im Buch steht.
-
-D. J. M. Na, ich meinte natürlich nur: während er Kunst macht! Im Leben
-kann er der klügste Geschäftsmann und bravste Familienvater sein; je
-klüger und braver, umso besser für ihn.
-
-D. D. D. Also während er Kunst macht, soll er gewissermaßen seine
-besseren menschlichen Qualitäten an den Nagel der Theoretik hängen. Ich
-fürchte nur, daß er dann zugleich seine besseren Rassequalitäten mit
-weghängt.
-
-D. J. M. Nanu, so plötzlich? Sie haben doch eben ganz deutlich gesagt,
-Sie glauben an solche Qualitäten nicht!
-
-D. D. D. Ich nicht; aber Rassetheoretiker glauben, daß Familiensinn und
-Lebensklugheit die besonderen jüdischen Tugenden sind.
-
-D. J. M. Ja natürlich! Was blieb uns denn auch weiter übrig, solange
-wir im Ghetto hockten --
-
-D. D. D. und nachdem in aller Herren Ländern aus einigen tollkühnen
-Nomadenstämmen, die wahrscheinlich auch bereits nur zur Hälfte echte
-Semiten gewesen sind, allmählich eine brave Sippschaft von allerlei
-Krethi und Plethi geworden war.
-
-D. J. M. Also Karnickel- und Hasen-Hecke. Na ja, das stimmt, da haben
-die Antisemiten ganz Recht: das ist heute genau solche jüdische
-Spezialität, wie’s auch deutsches Vettermichelpack gibt. Aber was
-hat das speziell mit Kunst zu tun? Die verdolmetscht doch eben das
-Generelle! Da entpuppt sich das ursemitisch Rassige wieder.
-
-D. D. D. Merkwürdig nur, daß das alte Volk Israel, solange sein
-Hauptstamm wirklich noch reinrassig war, d. h. längstens bis etwa zur
-Zeit Samuelis, fast gar keine Kunst hervorgebracht hat; die spärlichen
-religiösen Psalmen, die vielleicht in die Zeit vor David zurückreichen,
-sind doch wohl erst embryonische Dichtkunst.
-
-D. J. M. Nebbich! Das war ihnen doch verboten! Siehe Moses: Ihr sollt
-euch kein Bildnis noch Gleichnis machen.
-
-D. D. D. Mir deucht, in einem kunstfähigen Volk hätte solch Verbot
-garnicht erst laut werden können. Was meinen Sie wohl, was die Griechen
-gesagt hätten, wäre Solon ihnen mit so’was gekommen! Das haben sich
-nicht mal die Deutschen bieten lassen, die doch, solange sie reine
-Germanen waren, gleichfalls kein nennenswertes Kunstvolk gewesen sind;
-und dasselbe gilt von den alten Römern. Überhaupt: betrachten Sie’s
-mal historisch! Die sogenannte reine Kunst entsteht überall erst in
-Mischvölkern, also wo mehrere Rassen einander kreuzen und -- mag man
-das nun einen günstigen Zufall oder „Ergänzung passender Anlagen“
-nennen -- eine neue zu bilden beginnen. Da tritt dann die Kunst
-gleichsam vorbildnerisch auf, aus Verlangen nach neuem Menschentum.
-
-D. J. M. Meschugge ist Trumpf! Oder sind Sie wirklich verrückt?
-
-D. D. D. Ja, ich will wirklich einmal so verrückt sein, die physische
-Rasse als Element für psychische Phänomene gelten zu lassen. Dann
-wüßte ich nicht, wodurch aus so einfacher Ursache ein so mannigfach
-lebensvolles Ding, wie es jedes starke Kunstwerk doch ist, auf
-natürliche Weise entspringen sollte, es müßten denn +mehrere+
-solche Elemente in dem Künstler verbunden sein. Der machtvollste
-Künstler wäre dann der, in dessen Familie sich nach und nach alle
-Kulturrassen abgelagert hätten. Aber Sie sehn mich ja weiß-Gott an, als
-ob Sie mich für irrsinnig hielten.
-
-D. J. M. Nein, dichten Sie nur ruhig so weiter! Ich habe mir blos Ihr
-Gesicht angesehn. Ich werde mal fix ’ne Skizze von machen; Sie sehn
-ganz apart aus, wenn Sie so dichten. Und das mit der Rassenablagerung,
-das kann ja auf Ihr Gesicht ganz gut stimmen.
-
-D. D. D. Ahah, Sie meinen, ich rede ~pro domo~?
-
-D. J. M. Na, ich habe neulich mal wo gelesen, Sie sollen ja so’ne Art
-Slawe sein, aus Wendisch-Buchholz oder so her.
-
-D. D. D. Da könnte ich Ihnen nun leicht beweisen, daß ich ein
-waschechter Deutscher bin, bis ins 17. Jahrhundert zurück. Meine
-väterlichen Vorfahren waren niederschlesische Handwerker, ein paar
-Schmiede, ein Zimmermeister, ein Seiler, ein Tierarzt und ein Laborant;
-meine mütterlichen teils märkische Bauern, teils thüringische Beamten
-und Fabrikanten, mit einem rheinischen Nebenzweig. Die Familiennamen
-haben in allen Linien den sogenannten reinen Klang: außer meinem eignen
-deutschdämligen Namen noch Fließschmidt, Hillmann, Weidner, Zahn,
-Oehme, Eule und Eyle. Nur in dritter Linie, von Vaters Seite, kommt
-der slawisch klingende Name Tschorsch vor; doch ist er wahrscheinlich
-aus deutschem Georg oder Jörge vertschechisiert, oder vielleicht aus
-französischem George verdeutscht. Ich könnte mich also vor jedem
-Teutobold mindestens ebenso gut als Germanen aufspielen, wie man
-Luthers böhmakisches Gesicht oder Bismarcks wendischen Rundschädel ins
-Germanische umdichten will; bin aber trotzdem überzeugt, daß ich -- wie
-mehr oder weniger jeder Deutsche seit der Völkerwanderung -- nicht blos
-slawisches und keltisches, sondern wahrscheinlich auch romanisches und
-vielleicht sogar mongolisches Blut in meinen werten Adern beherberge.
-
-D. J. M. Da säße ich also da „mit’s Talent“, als so’n kümmerliches
-semitisches Inzuchtgewächs.
-
-D. D. D. Ja, wenn Sie wirklich ein echter Hebräer wären?
-
-D. J. M. Na, hören Sie mal, erlauben Sie mal, ich soll Sie wohl wegen
-Verleumdung verklagen?! Wollen Sie etwa meine leiblichen Urgroßmütter
-für lauter Herodiäser erklären?
-
-D. D. D. Oh, zwei bis dreie genügen wohl schon; und wenn ihre Gatten
-Herodesse waren, werden Sie’s ihnen wohl nicht verdenken.
-
-D. J. M. Na, Spaß beiseite! Ihr Schädel wirkt propper; Sie sitzen
-faktisch briljant Modell. Sitzen Sie jetzt mal ein bißchen stille! Sehn
-Sie sich mal derweil meine Augenbrauen und Nasenwurzel und Stirnbogen
-an! Sehn Sie: so’was, das gibts nicht bei allgemeinem Menschmansch, das
-ist ganz apartes Rasseprodukt.
-
-D. D. D. Mag schon sein; die Oberstirn scheint mir vlämische Rasse, die
-Augenknochen spanische. Ihre Familie ist ja wohl zum Teil aus Spanien
-über Holland gekommen; und der belgische Architekt Van de Velde hat
-einen ganz ähnlichen Gesichtsschnitt, obgleich er wahrhaftig kein Jude
-ist.
-
-D. J. M. Nein, wahrhaftig nicht. Aber apart ist er auch. Faktisch ’n
-ganz famoses Kerlchen; rassig bis in die Fingerspitzen. Wer weiß,
-vielleicht ist er +doch+ ’n Jude!
-
-D. D. D. Sagen Sie mal, Sie Rassemensch: Sie haben doch englische
-Vollblutpferde gemalt. Halten Sie die etwa nicht für rassig?
-
-D. J. M. Na, und ob! Ach so, Sie möchten mich wieder döppen?! Na
-aber, das hab ich doch gleich blos gemeint: da hat sich eben die
-angelsächsische mit arabisch-türkischer Zucht gekreuzt und schließlich
-’ne neue Rasse gebildet. Aber sein Sie mal jetzt ’ne Sekunde lang
-stille; mir stimmt was nicht an Ihrer Stirn. Einen Moment blos, ich
-werds gleich haben. Faktisch ’ne ganz verflixte Stirne; von vorne
-breit wie’n heraldischer Bulle, und im Profil schlank retour wie’n
-Lämmergeier -- Sie wollen gewiß auch ’ne neue Rasse gründen! -- Bitte,
-blos’n Moment noch, dann bin ich so weit! -- So: jetzt los auf die
-Weltgeschichte! Dichten Sie bitte ungeniert weiter!
-
-D. D. D. Also -- Tatsache ist doch Folgendes: Ob nun im alten Ägypten
-und Hellas, oder im mittelalterlichen China und Indien, oder im
-späteren Japan und Persien, oder in der europäischen Renaissance --
-eingerechnet die Vorstufen, byzantinische wie maurische, romanische wie
-gotische -- überall sind die kurzen Epochen höchster künstlerischer
-Kultur erst dann reinlich hervorgetreten, wenn sich durch Kriegs-
-oder Handelszüge verschiedene Volksstämme oder Nationen innig
-miteinander befaßt und neue Staats- oder Standesformen, Herrschafts-
-oder Gesellschaftsklassen durch Mischheiraten angebahnt hatten. Sogar
-bei den verschollenen amerikanischen Kulturen ist von der Forschung
-festgestellt, daß die großen Tempel der Azteken und Inka erst nach
-langwierigen Eroberungskämpfen zwischen diversen indianischen Rassen
-entstanden. Und heute, wo sich in Nordamerika aus dem allgemeinen
-Menschmansch, wie Sie zu sagen belieben, eine neue weiße Rasse langsam
-herausschält: erst heute zeigen sich dort auch die Anfänge einer
-spezifischen Yankeekunst, recht respektabel bereits in der Poesie und
-in der profanen Architektur, passabel auch in der Malerei. Nun aber
-gar das moderne Europa! Woher denn auf einmal seit etwa 50 Jahren
-die Hochflut aller möglichen neuen oder doch neu-sein-wollenden
-Kunstrichtungen, von Skandinavien und Rußland bis Frankreich und
-Spanien?! Sollte es blos ein Zufall sein, was auch hier wieder
-unverkennbar vorausging: die Durcheinanderwürfelung aller Nationen
-durch die Napoleonischen Kriege, die Entfesselung internationaler
-Tendenzen durch Handel, Industrie und Technik, die enorme Steigerung
-des Völkerverkehrs durch die Eisenbahnen und andre Transportreformen,
-und zu alledem noch als wahrer Rassenextrakt eine Fülle nie dagewesener
-Mischungsversuche durch die Emanzipation der Juden!
-
-D. J. M. Sieht ja ungeheuer verführerisch aus, Ihre Destille von
-Menschenblut. Aber wissen Sie: Kunstrichtungen, unter uns gesagt,
-das sind doch wohl eigentlich immer die Künstler. Na, und +die+
-Künstler, die Richtung machen, das sind eben die paar urigen Kerls,
-die sozusagen noch koscheres Blut genug haben. Sehn Sie sich doch
-mal selber im Spiegel! Haben ’ne richtige deutsche „Schusterneese“.
-Brauchen mir garkeine Flappe zu machen; Goethe hatte auch solchen
-Zinken.
-
-D. D. D. Und hatte außerdem Augen und Lippen, wie man sie sonst nur an
-italiänischen Frauen sieht.
-
-D. J. M. Sie, sagen Sie das blos nicht zu laut! Sonst steigen Ihnen die
-Deutschen aufs Dach.
-
-D. D. D. Wie kommt es denn aber, daß die Deutschen, solange sie
-„sozusagen noch koscheres Blut genug“ hatten, also längstens bis etwa
-zur Zeit Karls des Großen, keinen einzigen namhaften Dichter gezeitigt
-haben, von anderen Künsten garnicht zu reden! Wo doch die Griechen
-schon vor der geschichtlichen Zeit mit Amphion, Eumolpos und Musäos,
-Orpheus, Homer und Hesiod paradieren. Sind das auch nur fingierte
-Namen, so beweisen sie doch das Volksbedürfnis nach vorbildlichen
-Kulturpersonen; nämlich die Griechen hatten sich damals schon mit
-allerhand fremdem Volk gemischt, von Illyrien bis Asien und Ägypten.
-Und wie kommt es, daß all die winzigen Rassen, die wir heute noch
-wirklich rein nennen dürfen, entweder weil sie von Hause aus keine
-Anlage zur Vermischung hatten, vielleicht auch blos keine Gelegenheit,
-oder weil sie erstarrte Mischrassen sind, also die sogenannten wilden
-Völker -- vom Pescheräh bis zum Eskimo, vom Australneger bis zum
-kapländischen Buschmann, vom indischen Paria bis zum Sioux-Indianer --
-gar kein Kulturgenie im Leibe haben, geschweige hohe Kunstbegabung?
-
-D. J. M. Na, Sie! das liegt doch klar auf der Hand. Wo alles die reine
-Unzucht ist, kann keine reine Zucht draus werden. Natürlich muß mal
-erst Mischung kommen, damit sich die bessere Rasse selbst auskennen
-lernt --
-
-D. D. D. und dann dieselbe reine Unzucht weiter treibt?
-
-D. J. M. Nein, Sie müssen mich nicht für’n Bählamm halten. Natürlich
-kapert sie dann allmählich auch die besseren Elemente der andern Rasse.
-
-D. D. D. Sehr richtig! Was ich vorhin schon sagte.
-
-D. J. M. Nanu? Das ist doch nichts allgemein Menschliches! Allgemein
-menschlich ist leider Gottes, daß sich auch schlechte Elemente mit
-einmischen.
-
-D. D. D. Das würde ich lieber allgemein hündisch nennen.
-
-D. J. M. Auch recht! Meinethalben! Sie müssen’s ja wissen. Sie sind ja
-wohl auf Erotik geaicht.
-
-D. D. D. Ja; von den Rasseschweinen nämlich. Eigentlich kommt mirs auf
-bessere Leser an.
-
-D. J. M. Na, sein Sie nur friedlich! Ich meinte ja grade: wenn der
-viehische Kuddelmuddel zu doll wird, dann gibts eben so’n paar bessere
-Menschen, wie die richtigen Künstler doch wohl sind, und in denen muckt
-was dagegen „uff“. Was muckt denn da uff, Sie Mann mit’s Talent? Doch
-wohl das Tröpfchen stärkere Rasse, das Sie noch irgendwo im Gemächte
-haben! Das nenne ich Reaktion der Persönlichkeit +gegen+ das
-allgemein Menschliche! Da zeigt sich eben die reine Natur!
-
-D. D. D. Schön; immerhin sind wir schon einig darüber, daß man mehrere
-Rassen im Blut haben muß, damit sich eine davon als die stärkere fühlen
-und mit ihrer „reinen Natur“ hervortun kann. Aber nun bitte, sagen
-Sie mal: es ist doch eine sehr seltsame „Reaktion“, daß z. B. Sie
-enragierter Jude die norddeutsche Landschaft samt ihrem Volksschlag,
-von Hamburg bis hinter Amsterdam, mit solcher natürlichen Kraft gemalt
-haben, wie bis jetzt noch kein holsteinscher oder friesischer Künstler.
-Warum hat denn Ihre Persönlichkeit, will sagen Ihre reine Natur, nicht
-lieber semitisch reagiert? Und warum hat z. B. der Holländer Rembrandt
-so wenig germanisch reagiert, daß er seine Motive und Modelle mit
-Vorliebe aus dem Judenviertel nahm?
-
-D. J. M. Ja wissen Sie, wenn ich ehrlich sein soll: das hab ich mich
-auch schon manchmal gefragt. Auch warum ich blos blonde Weiber liebe.
-
-D. D. D. Das ist nicht so sonderbar, wie es scheint; grade die
-sogenannten Kulturrassen sind seit jeher auf Weiberraub ausgegangen,
-offenbar weil eben nur durch Blutmischung Kultur entwickelt und
-fortgepflanzt werden kann. Übrigens ist Ihre Judith doch dunkelhaarig,
-wenn auch keineswegs von semitischem Typ.
-
-D. J. M. Na, solch Biest, das soll man doch eben nicht lieben! das kann
-man meinthalben vor Haß bewundern!
-
-D. D. D. Ja, und sehn Sie, mir gehts grade umgekehrt: Ich stamme aus
-durchweg blauäugigen und überwiegend blonden Familien und liebe die
-dunkeln jüdischen Frauen. Ich finde bei keiner andern Art Weib so viel
-hellen Geist mit seelischer Glut verbunden. Es gibt ja freilich auch
-da böse Kreuzottern und allerhand gute Gänse und Schäflein; aber die
-besseren sind doch geborene Heldinnen, Richterinnen und Priesterinnen,
-um nicht zu sagen Göttinnen.
-
-D. J. M. Sie, jetzt schwärmen Sie aber, weiß der Herrgott, wie’n
-erotischer Muselmann!
-
-D. D. D. Oder vielleicht, von christlichem Standpunkt betrachtet,
-wie ein heroischer Jesuit -- blos daß ich keine himmlische Jungfrau,
-sondern möglichst viel irdische Musterweiber züchten möchte. Und da
-dürfte ein bißchen Menschenliebe doch vielleicht etwas fruchtbarer sein
-als der beliebte Rasseninstinkt, der sich meistens doch recht zuchtlos
-geberdet und in der Regel nur als Vorwand dient, um den gemeinen
-Menschlichkeiten des Hasses und Neides nach Willkür zu frönen.
-
-D. J. M. Nun, bei Licht besehn, wird wohl jeder Künstler auf +die+
-Art Modelle versessen sein, die seinen Instinkt am kräftigsten auf sein
-Talent hindirigiert, also aufs rein Persönliche.
-
-D. D. D. Und seine Phantasie aufs allgemein Menschliche; um nicht zu
-sagen Göttliche.
-
-D. J. M. Ach was, Phantasie ist doch keine Kunst! Phantasie ist immer
-blos Notbehelf.
-
-D. D. D. Sie wollen wohl sagen: +noch+ keine Kunst, und auch
-blos immer ein Notbehelf! wie +jeder+ naturelle Impuls bloßer
-Notbehelf zur Kunstschöpfung ist, z. B. auch der Rasseninstinkt.
-Kunst ist eben nur als Kulturprodukt schätzbar; und als solches will
-sie uns seelische Reize, die von Natur stets sehr mannichfaltig und
-herz-und-sinneverwirrend sind, in geistig beherrschter Einheit zeigen.
-
-D. J. M. Na ja, das ist ja wohl selbstverständlich. Aber sein Sie mal
-wieder ’n Moment lang stille; Sie nickköppen immer, wenn Sie reden.
-Ihre Nase ist doch nicht ganz so einfach, wie sie von vorne besehen
-aussieht. Von links, das ist ja freilich wahr, ists ’ne richtige
-brave Schusterneese; aber von rechts, da könnte sie ebensogut einen
-spanischen Torero zieren, oder ’nen polnischen Insurgenten, oder sonst
-so’was Mannichfaltiges ..... So, bitte: phantasieren Sie weiter!
-
-D. D. D. Mit der Nase, das wird wohl daran liegen, daß sie nicht mehr
-ihre natürliche Form hat; sie ist mir mehrmals in meiner Studentenzeit
-auf der Mensur zerhauen worden. Aber das soll ja wohl ebenfalls ein
-germanisches Rassemerkmal sein.
-
-D. J. M. Sie, nun ulken Sie mal gefälligst nicht! Ich bin wirklich
-gespannt, ob Sie leugnen wollen, daß jedes Volk einen eignen Stil
-produziert; und den machen doch wohl die einzelnen Künstler, wenn
-auch jeder daneben noch seine aparte persönliche Manier kultiviert.
-Übrigens, unter uns gesagt, imponiert mir die primitive Kultur von
-irgend so’nem Kaffernstamm verhältnismäßig millionenmal mehr als unser
-europäischer Knaatsch; so’n Maori oder Botokude hat im kleinen Finger
-mehr Stilgefühl, als der ganze Michelangelo mitsamt der Sixtinischen
-Kapelle.
-
-D. D. D. Verhältnismäßig ist das auch meine Meinung; nur taxiere ich,
-scheint’s, die Verhältnisse anders. Zunächst ist Volk und Rasse doch
-wohl Zweierlei. Jene Volkshorden, die noch reinrassig sind, haben’s
-leicht, einen reinen Stil zu bewahren, nicht wegen ihrer reinen Rasse,
-sondern bei ihren beschränkten Bedürfnissen, und weil wiegesagt in
-rein bleibenden Rassen die Nötigung zur Entwickelung ausbleibt.
-Lassen Sie solch ein simples Völkchen mit irgend einer Kulturnation
-in nähere Berührung kommen: was geschieht? Sofort entsagt es seinem
-natürlichen Stilgefühl und behängt sich mit importiertem Tand, genau
-wie der Bauer bei uns mit Stadtkram. Warum denn, trotz allem reinen
-Instinkt? Doch wohl nur aus der dumpfen Empfindung heraus, daß ihm
-da, im großen Ganzen genommen, etwas wesentlich Wertvolleres zuteil
-wird; blos vermag seine Unbildung nicht zu erkennen, daß es an ihm ein
-wertloses Einzelnes wird, zu seinem Wesen Unpassendes. Sehr Ähnliches
-aber vollzieht sich auch in den gebildeten Schichten der großen Völker,
-die wiegesagt durch Rassenmischung und andre natürliche Nötigungen in
-einer fortwährenden Entwickelung ihrer kulturellen Bedürfnisse leben.
-Da wird grade selbst das genialste Talent, weil es den geistigen Bedarf
-seiner Zeit bis in alle Seelengründe begreift, immerfort zwischen
-überlieferten und erst entstehenden Formtrieben pendeln, wird also wohl
-niemals im einzelnen Werk ein ganz vollkommenes Gleichgewicht zwischen
-traditionellem Stil und individueller Manier herstellen. Was soll uns
-da noch der Aberglaube, daß irgend ein besonderer Volksgeist diese fort
-und fort wechselnden Stile erzeugt, oder gar eine Extra-Rassenseele?
-Grade die Ornamentik der wilden Rassen zeigt ja sogar in getrennten
-Erdteilen eine oft auch Kenner täuschende Gleichförmigkeit; und die
-Stile der Kulturnationen sind nirgends blos in Einem Land, sondern
-jedesmal zu gleicher Zeit bei mehreren Völkern Brauch gewesen. Daraus
-folgt einerseits: Stil entsteht aus einem allgemein menschlichen
-Anpassungstrieb an bestimmte neue Lebensbedingungen, der sich am
-schnellsten, stärksten und deutlichsten eben immer in den Künstlern
-regt. Und andrerseits, mein verehrter Mitmensch: die stilistische
-Mißgeburt eines Michelangelo ist millionenmal wertvoller für die
-künftige Menschheit, d. h. geistvoller, seelenvoller, formvoller, als
-selbst die vollkommenste Tätowierung eines melanesischen Malermeisters.
-
-D. J. M. Na ja selbstverständlich; alles was recht ist. Aber sagen Sie
-mal: hab ich Ihnen schon mal meine kleine Sammlung Nanking-Porzellan
-gezeigt?
-
-D. D. D. Ja; es sind kostbare Stücke darunter.
-
-D. J. M. Wunder! Hat auch ein kostbar Stück Geld gekostet. Aber was ich
-eigentlich sagen wollte: kennen Sie auch alte Delfter Fayencen?
-
-D. D. D. Einigermaßen; und nun soll ich wohl eingestehen, der Holländer
-hab’s dem Chinesen nachmachen wollen und wegen seiner Rasse nicht
-fertig gekrigt?
-
-D. J. M. Ach was, Blech! Fayence ist natürlich kein Porzellan. Aber daß
-er bei der Nachmacherei ganz was Anderes aus den Mustern gemacht hat,
-was in seiner Art ebenso kostbar ist, und daß nachher, als die Delfter
-Muster dann in Japan weiter nachgemacht wurden, ditto was Anderes draus
-geworden ist -- was sagen Sie +dazu+, Sie deutscher Dichter?!
-
-D. D. D. Darauf könnte ich erstens erwidern, daß es japanische
-Ornamente genug gibt, die man für holländische oder chinesische
-ansprechen würde, wenn man ihren örtlichen Ursprung nicht wüßte oder
-aus Nebenumständen erriete. Wie man z. B. auch das Buch Ruth, wenn
-es nicht in der Bibel stünde und hebräische Nomenklatur an sich
-trüge, für ein wahres Schatzkästlein altdeutscher Treuherzigkeit,
-Rechtschaffenheit und Innigkeit ausgeben dürfte. Und der im Schädelbau
-sehr germanische Schiller könnte nach seinem gesamten Sprachbau viel
-eher ein Landsmann von Racine, Rousseau und Victor Hugo sein, als
-von Hans Sachs, Grimmelshausen und Heinrich v. Kleist. Überhaupt:
-wenn man ohne Vorurteil nachprüft, beruht die ganze Beweismethode
-der rassendogmatischen Kunstgeschichte auf dem bekannten Fehlschluß
-~post propter~, oder sogar blos auf Tautologie. Eine konstant
-gewordene Verbindung gewisser Eigenschaften benamst man „Rasse“, und
-im Handumdrehn wird dann die Benamsung zur innersten Ursache dieser
-Konstanz und womöglich auch noch der Eigenschaften; also etwa wie nach
-Onkel Bräsig die große Armut der kleinen Leute von der großen Povertee
-herkommt.
-
-D. J. M. Dadurch wird aber die Konstanz doch bestätigt, die Tatsache
-des Rassencharakters. Freilich gibts überall Ausnahmen; die beweisen
-aber bekanntlich die Regel.
-
-D. D. D. Wenn sie nicht etwa auf anderweite, minder bekannte Regeln
-hinweisen! -- Und deswegen möchte ich zweitens einwenden: weil Fayence
-„natürlich kein Porzellan“ ist, und weil der menschliche Kunstsinn aus
-zweierlei Stoff natürlich auch zweierlei Formen entwickelt, deswegen
-hat sich den Delfter Töpfermeistern trotz ihrer asiatischen Vorbilder
-schließlich von selbst ein neuer Stil aufgedrängt. Aber nicht blos
-deswegen allein, sondern jetzt will ich drittens gern zugeben: wenn ich
-auch nicht an einen beständigen Volksgeist auf Grund einer Rassenseele
-glaube, so doch an bestimmte zeitweilige Volksbedürfnisse, die sich
-auf die verschiedensten Ursachen, ideelle wie materielle, zurückführen
-lassen, z. B. moralische, religiöse, politische, ökonomische,
-klimatische, territoriale. Es wird noch viel zu wenig beachtet, und
-selbst Taine hat es nicht bis zu Ende gedacht, was Himmel und Erde,
-Luft und Licht, Landschaft und Witterung, Arbeit und Müßiggang,
-Reichtum und Armut, Freiheit und Knechtschaft aus der Menschenseele
-machen. Man verpflanze ein paar Millionen Britten nach Spanien und
-pferche sie in die katholische Kirche, und in 100 Jahren schon wird ihr
-Rassecharakter bis zur Unkenntlichkeit verwandelt sein; die Assyrer,
-Babylonier und Römer haben ja diese Art Politik an den Juden recht
-gründlich praktiziert. Aber auch im Gebiet seiner Heimat verändert der
-Mensch fortwährend den Erdboden, und der Boden rückwirkend ihn; wo
-einst Urwald war, ist heut Gartenland, oder wo Gärten waren, Wüste.
-Das geht freilich beträchtlich langsamer vor sich, als die seltene
-plötzliche Volksübersiedlung in ein ganz neues Wohngebiet; und da auf
-beständigem Heimatsboden auch die kulturelle Tradition beständiger
-bleibt, daher scheint das jeweilige Volksbedürfnis den Zeitgenossen
-so wunderbar urwüchsig, als stamme es von einem besondern, durchs
-Blut vererbten Rasseninstinkt. So mag denn mancher Stil in der Tat,
-obgleich auch er nur dem menschlichen Anpassungstrieb einiger weniger
-Künstler entsprang, einem alten Volksbedürfnis entsprechen. Ich sage
-absichtlich: mancher Stil, d. h. durchaus nicht all und jeder, der
-nachträglich eine populäre oder nationale Geltung erlangt. Denn in dem
-Kunstbedarf der Kulturnationen sind zwei sehr verschiedene Arten Kunst
-begehrt; da ist einerseits die große Masse -- aber ich glaube, ich
-langweile Sie!
-
-D. J. M. O bitte, wieso denn! Ich male ja. Und Ihr Mund sieht allemal
-sehr forsch aus, wenn Sie sich so für die Menschheit aufregen. Sie
-sollen mal sehn, Ihr Porträt wird gut.
-
-D. D. D. Also einerseits, wollte ich sagen, die große Masse der
-allgemeinen Gebrauchsgegenstände, vom kleinsten Topf bis zum ganzen
-Wohnhaus: deren Formung unterliegt in der Tat mit ziemlicher
-Dauerhaftigkeit der populären Tradition. Und weil hier die Form ganz
-überwiegend von körperlichen Bedürfnissen abhängt, so mag dabei auch
-die physische Rasse einigermaßen merklich mitwirken, wenigstens in
-reinrassigen Völkern, oder wo vielleicht eine ältere Mischrasse noch
-die Oberhand hat über jüngeres Mischvolk, wie z. B. in Rußland und
-in Teilen von China. Ich freilich möchte auch das bezweifeln; denn
-wenn wirklich irgend eine Art Formtrieb auf spezifischem Rassetalent
-beruhte, dann wäre völlig unbegreiflich, wieso dieser Trieb in manchem
-Volk abstirbt, trotzdem die Rasse im Volke noch fortlebt. Wie kurzlebig
-war die Kultur der Hellenen, und doch gibt es heute noch griechische
-Bauern genug, deren Körperbau ganz den antiken Typ hat!
-
-D. J. M. Blos leider mit türkischem Blut verkleistert! Und schließlich
-wird Jeder mal altersschwach.
-
-D. D. D. Das sagt man ja freilich auch Völkern nach, und es würde
-vielleicht sogar ganz vernünftig sein, wenn wirklich jeder Grieche von
-heute schon als Greis aus dem Mutterleib käme. Aber dem Rassenelement
-soll doch seelische Urkraft innewohnen; und seit wann werden Urkräfte
-altersschwach? Der Kunsttrieb in einem Tizian ist erst zugleich mit
-ihm selber gestorben! Er hat mit 99 Jahren gewiß nicht mehr wie als
-Jüngling gemalt, aber gemalt hat er bis zuletzt.
-
-D. J. M. Ja gewiß! Sehn Sie wohl! Was hab ich gesagt? Der war eben
-nicht vermuselmanscht!
-
-D. D. D. Na, wer weiß! Venedig lag nicht so weit von den Harems. Und er
-soll ja, unter uns gesagt, ein halb Dutzend Gattinnen totgeliebt haben;
-mehr dürfte wohl auch kein Türke leisten! -- Doch Spaß beiseite, und
-Schutt auf die Griechen! Aber die Araber und die Perser, die noch bis
-in die Renaissance hinein selbständige Kulturformen schufen und sich
-seitdem nicht mehr so reichlich wie früher mit anderen Rassen gekreuzt
-haben, sind heute gleichfalls barbarisiert. +Es sind wirtschaftlich
-verlotterte Völker, infolge der Unzulänglichkeit ihrer humanen Ideale,
-denn die rächt sich stets auch sozialpolitisch.+ Solche Völker
-vermögen dann nicht einmal in den gewöhnlichsten Kunstgewerben ihre
-stilistische Tradition auf alter Höhe zu erhalten, geschweige daß sie
-die andre Art Kunst, die aus rein seelischen Bedürfnissen stammt,
-noch irgendwie schöpferisch betreiben. Und nun die Hauptsache: diese
-andre Art Kunst weist wiederum zwei durchaus verschiedene, zwar
-sinnlich vielfach verbundene, aber geistig ganz gesonderte Spielarten
-auf: die der Unterhaltung und die der Erhebung. Mag sein, daß die
-+unterhaltenden+ Künste, die ja die eigentlich populären sind,
-noch Rückschlüsse auf die Rasse erlauben, zwar kaum des Künstlers,
-doch vielleicht seiner Kundschaft. Denn auch diese Künste wurzeln
-noch halb im Gewerbe, vom Volkslied der alten Bänkelsänger bis zum
-modernen Familienroman, vom Nationaltanz bis zur Salon-Akrobatik,
-vom Rüpelspiel bis zum ehrsamen Rührstück, vom ungeschlachten
-Jahrmarktsbild bis zum allerleckersten Eßzimmer-Stillleben. Sie hängen
-direkt vom Bedürfnis des Alltags ab, sie betreiben den Zeitvertreib
-als Geschäft, sie behandeln das sinnliche Leben als Selbstzweck, sie
-müssen gemeinverständlich sein, sie zielen mit einfachsten geistigen
-Reizen auf körperliche Erregungen, auf Augenweide und Ohrenschmaus,
-auf Zwerchfell- und Tränendrüsenkitzel, auf Herz- und Nieren- und
-Rückenmarksgruseln; also wird ihre Form wohl auch zum Teil von
-denselben Naturkräften mitbestimmt, die dem menschlichen Körper den
-groben Stempel einer beständigen Rasse aufdrücken.
-
-D. J. M. Na, was Andres hab ich doch niemals behauptet!
-
-D. D. D. Nun aber die freieren, reineren Künste, die ich vorhin die
-+erhebenden+ nannte, weil sie höher hinauswollen als das sinnliche
-Dasein: was hat der Volkskörper damit zu schaffen? Er dient ihnen
-höchstens als Mittel zum Zweck; hier herrscht ganz und gar nur die
-Schöpfermacht der begeisterten und begeisternden Seele. Diese Künstler
-bewerben sich nicht um Volksgunst, sie betreiben das innere Wachstum
-der Menschheit. Da will der Geist die Nerven des Leibes nicht blos
-mit flüchtigen Reizen liebkosen, sondern innigst mit seinem Liebreiz
-befruchten, bis in die feinsten Gehirnzellenfasern, die kein Vivisektor
-je auskennen wird, weil immer noch welche nachwachsen werden. Da
-empfängt die Form kaum noch indirekt von der populären Tradition ihren
-Stil; denn das durch und durch Maßgebende ist da eben die befreiende
-Leidenschaft, die neues Menschentum schaffen will, dieselbe göttliche
-Leidenschaft, aus der auch die religiösen Visionen, die sozialen und
-nationalen Phantome, kurz alle Ideale entspringen. Sie tritt immer
-zuerst nur im Einzelgeist auf, ist nie und nirgends dem Volk gleich
-willkommen, muß überall erst im Kampf mit der Welt ihre rätselhafte
-Kraft erweisen, die an jedem Widerstand wächst und reift. Ja, sie
-stammt sogar aus dem Widerstand: aus dem Zwiespalt zwischen Mensch und
-Natur, den die Kultur überbrücken möchte, und der sich im schaffenden
-Einzelgeist als Konflikt mit den Masseninstinkten auftut. Oder meinen
-Sie etwa, daß Ihre Judith, an der Sie sich Jahrelang abgequält haben,
-sofort begeisterten Zuspruch fände, wenn Ihr verehrliches Publikum aus
-lauter koscheren Juden bestünde?
-
-D. J. M. Gott der Gerechte! Dann doch schon lieber aus lauter
-gemischten ollen Hellenen.
-
-D. D. D. Ja, die hättens Ihnen erst recht gesteckt; den Phidias
-wenigstens haben sie wegen Gottlosigkeit aus Athen weggegrault, und
-der Äschylos wurde so kujoniert, daß er ebenfalls ausgewandert ist.
-Die deutschen Schulmeister sind zwar der gütigen Meinung, daß jeder
-Spießbürger von Athen ein Zeitgenosse des Perikles war und begeistert
-in die Tragödie ging; er ging aber hin, weil’s Staatspflicht war,
-weil ihm das Eintrittsgeld ausgezahlt wurde, weil er den berühmten
-Obolus krigte, durch den ein paar raffinierte Patrizier die primitive
-Kirmeßbühne zur sozialpolitischen Anstalt entwickelten. Begeistert
-war man vielleicht für den Chortanz, für die bachantische Satyrposse,
-für die religiösen Prozessionen, und was sonst noch an festlichem
-Schaugepränge mit dem Drama seit Alters zusammenhing. Begeistert war
-man für alle Gymnastik, wie mans heute für Zirkus und Variété ist,
-oder in Spanien fürs Stiergefecht. Das Volk begeistert sich immer blos
-für ~panis et circenses~ von selbst; das war im antiken Athen und
-Rom ganz wie im modernen Paris und Madrid. Die Plebs will sich einfach
-delektieren; zwar möglichst variabel, doch immer simpel. Das Erhabene,
-wenn es nicht altersgrau war, beschmiß der athenische Bildungspöbel
-mit genau solchem kritischen Schnodderwitz, wie heute der berlinische;
-Beweis die Aristophanische Posse, die diesen Witz mit genialer
-Selbstironie in die poetische Sphäre erhob. Die Kunst des geläuterten
-Menschengeistes, die sich aus instinktiven Konflikten zu ästhetischen
-Harmonieen hinaufringt, liegt ursprünglich stets nur im Bedürfnis
-komplizierter Persönlichkeiten, schon dem Wesen der Motive nach; sie
-wird überall erst durch die Liebhaber dem Volksgeschmack allmählich
-vermittelt, und mit gründlichem Erfolg nur dann, wenn die Vermittler
-zur herrschenden Klasse gehören oder sonstwie in Amt und Würden
-sitzen, z. B. auf dem Schulmeisterthron. An Ihrer Judith hat sichs ja
-deutlich gezeigt; wer sieht denn da heute das geistige Pathos hinter
-der sinnlichen Attitüde? Selbst der gebildete Durchschnittskenner hat
-einstweilen noch keine leise Ahnung von dem allgemein menschlichen Wert
-dieser Geste; er besieht sich den naturalistischen Akt.
-
-D. J. M. Ist mir ja ungemein schmeichelhaft alles; aber eigentlich
-muß ich ehrlich bekennen, ich hatte selber noch keine Ahnung davon.
-Ich denke beim Malen an nichts Allgemeines, ich will immer was ganz
-Besonderes machen. Sie sehn doch, ich zeichne hier Ihre Visage, und Sie
-reden das Blaue vom Himmel herunter. Kommt mir ja alles sehr gottvoll
-vor, und mein sogenannter Menschengeist denkt sich ja auch allerlei
-dabei; aber bilden Sie sich nun faktisch ein, davon soll was auf Ihr
-Porträt abfärben? Ich sage Ihnen, +die+ Sorte Geist hat mir noch
-keinen Bleistiftstrich machen helfen!
-
-D. D. D. Sie scheinen das sehr genau zu wissen. Aber Ihre Kohlenskizze
-da würde doch vielleicht etwas anders ausfallen, wenn ich hier stumm
-wie ein Fakir säße oder tragische Verse deklamierte.
-
-D. J. M. Alles was recht ist: Sie döppen mich wirklich gut.
-
-D. D. D. Man weiß nämlich nachträglich nie so genau, was man bei jedem
-Bleistiftstrich denkt. Ich habe Sie übrigens im Verdacht, Sie legen’s
-drauf an, sich döppen zu lassen; dann wäre also +Ich+ der Gedöppte.
-
-D. J. M. Ja, eigentlich gehts ja auf keine Kuhhaut, was einem beim
-Malen so durch den Grips geht. Ich hab’s auch wahrhaftig schon immer
-gesagt: ich pfeiff aufs Geschäft, ich bin Idealist!
-
-D. D. D. Das ist wohl schließlich jeder Künstler, und sogar jeder
-echte Kunsthandwerker, auch wenn er nicht so laut pfeifen kann. Und
-das allein schon beweist zur Genüge, wie wenig im Grunde das Talent
-mit einer bestimmten Rasse zu tun hat. Der Rasseninstinkt, wenn er
-ehrlich ist, hat ja nicht das mindeste Interesse an irgend einem
-Ideal, das über die Reinrassigkeit hinausgeht; das ist ihm ja gradezu
-gefährlich. Selbst schon das nationale Ideal, das sich vielleicht noch
-am ehesten auf primitive Instinkte stützt, muß seinem politischen
-Wesen nach von Hause aus darauf bedacht sein, sich mit +mehreren+
-Rassen abzufinden; denn es gibt kein einziges Staatsgebilde, dessen
-Volkskörper nicht aus wenigstens zwei verschiedenen Stammvölkern
-aufgebaut ist, aus Eroberern und Unterworfenen. Und nun gar die
-humaneren Ideale; die entstehen doch eben aus der Sehnsucht, uns
-über die rohen Zwangsgewalten der Naturinstinkte hinwegzusetzen,
-und diese Sehnsucht stak schon im simpelsten Schnörkel, mit dem
-der Urmensch an seinem Beilgriff oder am Rand seines Trinkgefäßes
-den Zweck der Notdurft verkleidete. Wenn man also unsern höchsten
-Kulturprodukten wirklich noch Rassenelemente als Formkräfte unterlegen
-wollte, dann könnten es immer nur Mischungsverhältnisse sein, die
-grade den harmonischen Stil in die originale Manier hineinbrächten.
-Denn nur aus vielfachen Blutmischungen ließe sich allenfalls die
-Zeugung jener komplizierten Temperamente erklären, die überhaupt das
-Bedürfnis empfinden, die Dissonanzen, Kontraste und Konflikte ihres
-persönlichen Seelenlebens um der Menschheit willen zu harmonisieren.
-Das gilt sogar von dem populärsten, dem ökonomischen Idealismus,
-den man heute speziell den sozialen nennt; auch dessen Formen und
-Reformen sind ursprünglich immer nur Hirngespinnste von einigen
-wenigen Menschenfreunden, die das Volk bekanntlich zu kreuzigen
-pflegt, bevor es sie vergöttern lernt. Und wer hat denn die nationale
-Idee, die von Bismarcks Gnaden realisiert und dann von seinen
-Kreaturen zur patriotischen Phrase verpöbelt wurde, dem deutschen
-Michel eingetrichtert? Etliche edle Brauseköpfe des europäischen
-Völkerfrühlings, ein paar Poeten, Philosophen und Legislatoren, durch
-den Tyrannen Bonaparte zu glühender Freiheitsliebe erregt, die von
-den hohen Obrigkeiten so rasch wie möglich abgekühlt wurde, während
-der sogenannte Volksgeist von selber kalte Füße krigte! Lesen Sie nur
-nach, wie die Kleist und Arndt, die Fichte und Schleiermacher, die Jahn
-und Görres ihre Hoffnungen auf Deutschland zu Grabe trugen, wie die
-Scharnhorst und Gneisenau Undank ernteten, wie selbst der Freiherr vom
-Stein und Blücher um den Sinn ihrer Taten betrogen wurden! Oder wenn
-Sie noch mehr Beweise wünschen --
-
-D. J. M. Nein, Gott soll schützen, ich schwitze schon! -- Und
-überhaupt: ich bin nämlich fertig. Die Skizze ist wirklich gut
-geworden. Wenn Sie erlauben, möcht ich jetzt einpacken.
-
-D. D. D. Na, darf man sie denn nicht erst mal sehen?
-
-D. J. M. Ja, wenn sie fertig ist, wissen Sie! Ich wollte blos sagen:
-für heut bin ich fertig. Wenn Sie wieder mal herkommen, mach ich sie
-weiter. Sie ist wirklich nicht schlecht; Sie können mirs glauben! --
-Na, wenns sein muß: bitte, treten Sie näher! --
-
-D. D. D..... Da scheint unsre Disputation aber doch etwas heftig
-abgefärbt zu haben. Ich sehe ja aus wie’n Federvieh, das Ihr Teckel
-zwischen den Zähnen gehabt hat. Aber ich sag’s ja: schließlich bin
-+Ich+ der Gedöppte.
-
-D. J. M. Ja, nicht wahr? da merkt selbst ’n Kaffer die Rassenmischung!
--- Man kann’s auch von weiter weg besehn. „Is ’ne Nummer“, wie sie im
-Zirkus sagen; der reine „Kraftmélange-Akt“!
-
-D. D. D. Mir deucht aber: mehr Mélange als Kraft. Sie wollen’s wohl in
-den Papierkorb packen?
-
-D. J. M. Was? Wieso denn? Sie sind wohl nicht von hier, mein Herr?! Das
-verkauf ich an irgend ein Museum! Sie sollen mal sehn, Sie deutscher
-Dichter: wenn Sie erst in der Nationalgalerie hängen!
-
-D. D. D. Nein, im Ernst: die Skizze scheint mir wirklich mißglückt. Sie
-haben zuviel an mein Geschwätz gedacht.
-
-D. J. M. Ach ja richtig, Sie sind ja nicht fürs Nationale. Und nun
-denken Sie einfach, ich mache Spaß, weil Sie meinen, ich sei ein
-Franzosenschüler!
-
-D. D. D. So einfach pflege ich nicht zu denken.
-
-D. J. M. Na, oder ein allgemein menschlicher Jude! Ich habe doch
-ziemlich deutlich gehört, daß Sie aufs Nationale pfeifen.
-
-D. D. D. Da haben Sie ziemlich vorbeigehört.
-
-D. J. M. Nanu? Sie haben doch deutlich gesagt --
-
-D. D. D. daß die Nation keine Kunst erzeugt. Damit ist doch aber
-durchaus nicht geleugnet, daß die Kunst nationalen Charakter annehmen
-kann. Selbst der weiseste Künstler bleibt der Narr seines Mitgefühls.
-
-D. J. M. +Die+ Logik ist mir etwas zu kringlig.
-
-D. D. D. Nun, es ist doch dieselbe Leidenschaft, dieselbe
-schöpferische Begierde, derselbe göttliche Sinn oder Wahnsinn, woher
-die Menschennatur kulturelle Ideen und die Volksmasse nationale
-Tendenzen empfängt, überhaupt alle irgendwie universalen Illusionen und
-Phantasmen. Es ist immer wieder die ewig gleiche, Ungleiches einende
-Einbildungskraft, die auch im Kunstwerk dem Einzelwesen harmonischen
-Allgemeinwert verleiht; nur die Intressensphären liegen verschieden.
-Warum sollten sich die aber nicht berühren können und unter Umständen
-miteinander verbinden? Vielleicht ist sogar zu gewissen Zeiten die
-eine der andern Nothelferin. Wenigstens zeigt die Geschichte der
-Menschheit, daß immer, wenn in den rührigsten Völkern neue humane
-Ideale entstehen, daß dann zugleich auch die nationalen am ungestümsten
-aufbegehren; womit ich natürlich nicht sagen will, daß das nun ewig so
-bleiben muß.
-
-D. J. M. Und da denken Sie also, die beiden Aale verwickeln sich so mit
-den Schwänzen zusammen, daß der Mensch die göttliche Sehnsucht krigt,
-einen einzigen Aal draus zu phantasieren?
-
-D. D. D. Nein, so verwickelt denken wahrscheinlich blos Bandwürmer.
-
-D. J. M. Na, wovon krigt man denn aber den dollen Gieper auf so’was
-allgemein Göttliches? Irgendwovon muß der doch kommen!
-
-D. D. D. Ja, da müßten Sie mir schon wirklich erlauben „das Blaue vom
-Himmel herunter zu reden“. Von der Rasse kann doch wohl lediglich der
-Gieper auf allgemein Tierisches kommen; und von irgend sonstwelchen
-Formationen der irdischen Materie, ob’s nun klimatische Ortsumstände
-oder soziale Zeitumstände sind, werden Sie diese ewige Sehnsucht
-nach harmonischer Umformung der Natur erst recht nicht hinreichend
-ableiten können. Wenn sich die überhaupt noch logisch ergründen und
-mechanisch begreifen läßt, dann müssen wir schon den mystischen
-Äther der Herren Physiker psychisch ausdeuten: unsre Abstammung von
-der Sonnenmaterie, die rhythmodynamische Struktur der kosmischen
-Centralsysteme, die sogenannte Harmonie der Sphären, den Einfluß
-der schwingenden Sternenwelten auf unser eigenes kleines Gestirn,
-all die bewegten siderischen und planetarischen Konstellationen,
-die bis in den Erdball hinein vibrieren und sich als wechselnde
-Innervationspotenzen, als beseelende und begeisternde Kräfte, den
-Erdbewohnern einverleiben. Oder halten Sie’s etwa für Aberglauben,
-daß immer, wenn sich die Menschenwelt zu erhabenen Kraftanstrengungen
-aufrafft, zu Völkerwanderungen, Staatsumwälzungen, Befreiungskriegen,
-Entdeckungsfahrten, Glaubenskämpfen und andern Kulturekstasen, daß dann
-immer zugleich auch in der Naturwelt gewaltige Katastrophen ausbrechen,
-Erdbeben, Springfluten, Wirbelstürme, Heuschreckenschwärme, mikrobische
-Epidemieen, vulkanische Eruptionen und dergleichen, begleitet von
-seltsamen Himmelserscheinungen, ungewöhnlichen Meteoren, Kometen,
-Nordlichtern, Sonnenfinsternissen?!
-
-D. J. M. Da’s faktisch so ist, wird’s wohl so sein. Es rumort ja auch
-jetzt wieder allenthalben.
-
-D. D. D. Und also wird sich wohl auch kein Künstler, selbst wenn er’s
-mit stärkstem Eigensinn wollte, den jeweils zeitbewegenden Kräften,
-die sich als Ideale äußern, entziehen oder verschließen können. Und
-wenn in unserer ebenso stark nationalen wie internationalen Epoche
-ein schöpferischer Geist auf dem norddeutschen Weltteil mit seiner
-reichsdeutschen Staatsbürgerhand allgemein-menschliche Werte malt, und
-zwar aus rein malerischer Lust zur Sache: dann ist er nicht blos ein
-wertvoller Maler, sondern zugleich, auch wenn er ein Jude ist und in
-Paris auf die Schule ging, einer der reinsten deutschen Künstler, die
-sich je in der Nationalgalerie aufhängen ließen.
-
-+Der Jüdische Maler+: Na sehn Sie, das freut mich! Und offen
-gesagt: das hab ich von Ihnen blos hören wollen!
-
-+Der Deutsche Dichter+: Oh meine Ahnung! Ich Michel! Sie Schurke!
--- Das soll wohl heißen, der Mohr kann gehen?!
-
-+Der Maler+: Blos, er muß versprechen wiederzukommen! Und das
-nächste Mal, da mal’ich ihn +besser+.
-
-+Der Dichter+: Und ich singe ein Loblied aufs Rassige...
-
-
-
-
-Die Menschenfreunde
-
-Drama in drei Akten
-
-Zweite Ausgabe
-
-Copyright 1917 +S. Fischer+, Verlag.
-
-
-
-
-Personen:
-
-
- +Christian Wach+, ein Multimillionär.
- +Justus Wach+, sein Vetter, Kriminalkommissar.
- +Die alte Anne+, Wirtschafterin bei Christian.
- +Ein Geheimer Sanitätsrat.+
- +Ein Oberbürgermeister.+
- +Ein Oberregierungsrat.+
- +Ein Regierungspräsident.+
- +Ein Minister.+
-
- +Alle+ männlichen Personen treten in schwarzem Gehrock auf,
- die Wirtschafterin in schwarz-und-weißer Schwesterntracht. Der
- Dialog hat +langsames Tempo+.
-
-
-Zeit:
-
-Sommer, Herbst, Winter 1913, alle drei Akte vormittags.
-
-
-Ort:
-
-Empfangszimmer bei Christian Wach.
-
- Sehr einfach ausgestattet, fast dürftig, mit altmodischen
- Möbeln. Nirgends Spiegel noch Bilder; nur in der Mitte der
- Hintergrundswand, über einem halbhohen Bücherbord, hängt das
- Porträt einer älteren Dame mit hageren Zügen und auffälligen
- Augen, lebensgroße verblaßte Photographie. Links im Hintergrund
- Eingangstür, vorn ein schlichter Kamin mit Standuhr. In der
- Seitenwand rechts ein Fenster mit verschossenen Vorhängen; daneben
- ein Lehnstuhl aus dunklem Korbgeflecht und ein kleiner Lesetisch.
- In der Mitte des Zimmers ein größerer runder Tisch mit drei Stühlen
- aus dunklem Holz. Rechts und links immer vom Zuschauer aus.
-
-
-
-
-Erster Akt
-
-
-+Christian Wach+
-
- (sitzt lesend am Fenster, von der Vormittagssonne beglänzt)
-
--- -- Also auch der Galneggy hat seine Milliarde mit Menschenschinderei
-erworben -- eh er Millionen verschenken konnte -- (_nickt vor sich hin
-und klappt das Buch zu_) -- schauerlich! -- --
-
-+Die alte Anne+
-
- (tritt ins Zimmer, einen hellroten Rosenstrauß in der einen Hand,
- in der andern eine weiße Serviette und schlichte blaue Glasvase)
-
-So, Herr Christian, wenn Sie auch schelten, ich gratuliere zum
-fünfzigsten Geburtstag. Kostet nur dreißig Penning bitte; der ganze
-Markt war voll Bauernrosen, ich konnt der Sommerfreude nit widerstehn,
-und dem erquickenden Geruch. (_Sie legt die Serviette auf den
-Tisch, setzt die Vase mit dem Strauß darauf._) Nun machen Sie mal
-ein helles Gesicht, wie sich’s gehört zu den schönen Blumen und dem
-Geburtstagssonnenschein!
-
-+Christian+
-
- (ist aufgestanden und hat das Buch in den Wandbord gestellt)
-
-Ich danke dir, Anne, du meinst es gut; aber du weißt, mich peinigt
-solche Verschwendung. Für die dreißig Pfennige hättest du besser einem
-Bettelkind etwas zu essen gekauft.
-
-+Anne+
-
-Ja, das hätt sich wohl mehr gefreut als Sie. Ach, Herr Christian, geb
-Ihnen Gott ein bißchen Kindersinn zurück! Dann würden Sie bald auch
-wieder gesund werden.
-
-+Christian+
-
- (unruhig hin und her, Kopf gesenkt, Hände auf dem Rücken, in der
- Erregtheit zuweilen stotternd, aber stets mit Zurückhaltung)
-
-Lala-laß das Gerede, ich bin nicht krank; ich spüre blos, daß ich alt
-werde.
-
-+Anne+
-
-Weil Sie nicht auf mich hören, Sie junger Mann. Mich drücken meine
-Jahre nicht; und könnt doch fast Ihre Mutter sein, mit meinen beinah
-sechsundsechzig. Nehmen Sie sich ein Kind ins Haus, wenn Sie durchaus
-keine Frau nehmen wollen!
-
-+Christian+
-
-Bist doch auch ledig geblieben, alte Anne.
-
-+Anne+
-
-Ich -- was wissen denn Sie davon? Blos daß mich leider keiner heiraten
-wollt, mit meinem Huckepack auf’m Rücken; da hab ich halt Kinder und
-Kranke gepflegt.
-
-+Christian+
-
-Dein Rücken ist nicht viel krummer als meiner. Was siehst du mich
-wieder so auffällig an?!
-
-+Anne+
-
-Ja, nehm Ihnen Gott Ihren Huckepack von der +Seele+ --
-
-+Christian+
-
- (heftig)
-
-Lala-laß mich in Ruhe mit deinem Gott! (_sich bezwingend_) sein Reich
-ist nicht von dieser Welt. -- (_Nach dem Porträt hinüberdeutend_) Geh,
-stell den Strauß da auf den Sims.
-
-+Anne+
-
-Was! meine Rosen da unter das Bild?
-
-+Christian+
-
-Geh, tu mir die Liebe, ich bitte dich.
-
-+Anne+
-
-Neun Jahre liegt sie nun unter der Erde, und immer noch spukt sie Ihnen
-im Hirn, als hätten Sie Angst vor ihrem geizigen Blick. Das ist ja
-Narrheit, Herr Christian!
-
-+Christian+
-
-Nein, das ist Dankbarkeit, Anne, versteh doch! Du weißt, ich habe seit
-Tante Brigittens T-Tod über das menschliche Elend nachdenken lernen;
-und wenn ich nun die v-vielen Millionen, die sie mir hinterlassen hat,
-nicht grade in ihrem sparsamen Sinne verwende.
-
-+Anne+
-
-Gott sei Dank --
-
-+Christian+
-
-dann muß ich ihr doch tatsächlich im stillen gewissermaßen Abbitte
-leisten; sozusagen als ihr Scha-Schuldiger, wie’s im Vahaha-haterunser
-heißt.
-
-+Anne+
-
-Spotten Sie nicht, Herr Christian! Und meinen Rosenstrauß stell ich
-+nicht+ da hinüber. Hab ihn auch garnit blos Ihnen zulieb gekauft.
-Wenn nachher die Herrn gratulieren kommen
-
-+Christian+
-
-Was soll das heißen! ich hab dir ausdrücklich gesagt, daß du niemand
-vorlassen sollst!
-
-+Anne+
-
-Doch nur die Herren von der Regierung; die kann man doch nit vor den
-Kopf stoßen. Und dann muß es hier doch ein bißchen freundlich aussehn.
-Auch ein Fläschchen Tokayer hab ich noch mitgebracht; man muß doch ein
-Gläschen Wein anbieten.
-
-+Christian+
-
- (mit dem Fuß aufstampfend)
-
-Du wirst mich w-wirklich noch krank machen, Anne! Du trägst die
-Faffa-Falasche zum Krämer zurück! (_Da Anne Miene zum Widerspruch
-macht_) Du trägst sie zurück! ich will’s, sag ich dir!
-
-+Anne+
-
-Wenn ich Sie damit beruhigen kann --?
-
-+Christian+
-
- (wieder durchs Zimmer wandernd)
-
-Wenn ich mir selber keinen W-Wein spendiere, bin ich dem Bürgermeister
-auch keinen schuldig! -- Kannst die Flasche aber für +Dich+
-dabehalten. Hast wenig genug vom Leben bei mir.
-
-+Anne+
-
-Ihr gutes Herz in Ehren, Herr Christian; ich hab noch nichts entbehrt
-bei Ihnen. Aber trotz all Ihrer Wohltätigkeit: manchmal scheint’s fast,
-die selige Tante hat Ihnen auch was von ihrem Geiz vererbt.
-
-+Christian+
-
-Scheint’s fast? Ha-hat sie? Was scheint dir denn sonst noch?
-
-+Anne+
-
-Wenn ich denk, wie Sie früher mitteilsam waren! Der Herr Sanitätsrat
-ist auch der Meinung: wenn Sie ab und zu ein Gläschen sich gönnen
-wollten, das würd Sie wieder umgänglich machen. (_Auf die Bibliothek
-weisend_) Ihre Bücher machen Sie blos immer menschenscheuer; Sie
-sprechen ja manchmal Tagelang kein überflüssiges Wörtchen mehr.
-
-+Christian+
-
-Also meine einzige Freude gönnst du mir nicht; die l-letzte, die ich
-mir noch erlaube!
-
-+Anne+
-
-Aber nein, wie Sie reden -- ich mein doch blos: Sie holen sich
-+keine+ Freude draus. Über Büchern läßt man den Kopf hängen; man
-holt sich blos seine eignen Grillen draus.
-
-+Christian+
-
- (wieder aufstampfend)
-
-Schweig! -- Schweig, sag’ ich dir, ich hab genug! -- Ich hab mir das
-l-l-längst schon selber gesagt; ich werde morgen die Bücher verkaufen.
-
-+Anne+
-
-Aber liebster bester Herr Christian!
-
-+Christian+
-
-Ich +werd’s+, sag ich dir!
-
-+Anne+
-
-Jaja doch, gewiß doch. Aber bitte, lieber Herr Christian, quälen
-Sie nicht mich dumme Person; nehmen Sie mir zuliebe Ruh an! Kommen
-Sie, setzen Sie sich in den Lehnstuhl; rennen Sie nicht so herum
-immerfort. Glauben Sie mir, ich kenn Ihre Nerven; wozu war ich denn
-Krankenschwester.
-
-+Christian+
-
-Du sollst mich nicht so a-ansehn, Anne!
-
-+Anne+
-
-Kommen Sie, sein Sie nit so verbiestert -- der Herr Sanitätsrat hält’s
-auch nit für gut -- (_nötigt ihn währenddem in den Korbstuhl_).
-So, jetzt hole ich Ihnen ein Buch -- (_draußen elektrisches
-Klingelzeichen_). O schad, da sind die Herren wohl schon -- nehmen Sie
-Ruh an, Herr Christian -- (_ab nach links_) --
-
-+Christian+
-
- (allein)
-
--- -- Schauerliche Komödie -- --
-
-+Anne+
-
- (läßt zwei Herren eintreten)
-
-Bitte, Herr Oberbürgermeister -- bitte, Herr Oberregierungsrat --
-(_dann wieder ab._)
-
-+Christian Wach+
-
- (hat sich erhoben, weist auf die Stühle am Mitteltisch)
-
-Willkommen, meine Herren, nehmen Sie Platz; was verschafft mir die
-ungewöhnliche Ehre?
-
-+Bürgermeister+
-
- (stehen bleibend)
-
-Die Ehre liegt ganz auf unserer Seite, verehrter Herr Kommerzienrat.
-
-+Regierungsrat+
-
- (ebenso)
-
-Heute tatsächlich auf unsrer Seite; tatsächlich, Herr Kommerzienrat.
-
-+Bürgermeister+
-
-Ich habe den angenehmen Auftrag, Ihnen im Namen der Bürgerschaft
-und der übergeordneten Ratspersonen die ergebensten aufrichtigsten
-Glückwünsche zu Ihrem fünfzigsten Jahrestag auszusprechen. In der
-festen Hoffnung, daß es Ihnen, hochzuverehrender Herr Kommerzienrat,
-noch Jahrzehnte lang beschieden sein werde, Ihre gemeinnützige
-Gesinnung mit unverminderter Kraft zu betätigen, und um die
-Dankbarkeit öffentlich kundzutun, mit der wir zu dem selbstlosen
-Menschenfreund aufblicken (_Christian Wach zuckt merklich zusammen,
-stützt sich auf die Stuhllehne rechts des Tisches_) -- zu dem Stifter
-sovieler Wohlfahrts- und Bildungs-Anstalten --: haben wir einstimmig
-beschlossen, Sie am heutigen Tage zum Ehrenbürger unserer Haupt-
-und Residenzstadt zu ernennen. In Rücksicht aber auf Ihre bekannte
-Abneigung gegen persönliche Celebrationen, glaubten wir Abstand nehmen
-zu sollen von den üblichen Förmlichkeiten, und ich erlaube mir deshalb,
-die Ernennungsurkunde hiermit in denkbar einfachster Form zu Ihren
-Händen gelangen zu lassen. (_Er überreicht ihm eine Rolle und schüttelt
-ihm gewichtig die Rechte._)
-
-+Regierungsrat+
-
-Im Namen nicht nur der Regierungsorgane, sondern auch Seiner
-Königlichen Hoheit des Großherzogs, darf ich Sie, Herr Kommerzienrat,
-als Erster zu dieser Ernennung beglückwünschen. Seine Königliche Hoheit
-haben zugleich geruht, Ihnen in Anerkennung Ihrer Verdienste um das
-allgemeine Wohl den Kronenorden der obersten Klasse mit der Kette zu
-verleihen. Sie wissen, wieviel Aufmerksamkeit unser gnädiger Herr den
-sozialen Bestrebungen widmet, und daß es mehr als eine Förmlichkeit
-ist, wenn jemand in unserem Staatswesen einen solchen Ansporn zu
-weiterer Betätigung seiner Menschenfreundlichkeit empfängt. (_Er
-überreicht ihm ein Kästchen und verneigt sich._)
-
-+Christian Wach+
-
-Meine Herren, ich danke untertänigst. Ich fühle mich in Wahrheit
-beschämt und b-bitte es als einen Beweis meiner Ergriffenheit
-anzusehen, wenn ich diese hu-hu-huldvollen Ehrenzeichen vor dem Bilde
-derjenigen Person niederlege, auf deren wirtschaftliche Tüchtigkeit
-ich meine sogenannten Verdienste zurückführen muß -- (_er legt beides
-auf den Bücherbord unter das Porträt_). M-M-Menschenfreunde sind wir
-wohl alle nur, soweit es unsre Selbstsucht zuläßt; und was bedeutet
-ein bißchen Wohltäterei in der ungeheuren W-Wüste des menschlichen
-Elends! Sie hat höchstens den Wert eines Grashälmchens, an das sich die
-Hoffnung klammern kann, daß +mehr+ Haha-Halme nachwachsen werden.
-
-+Regierungsrat+
-
-Also ein vorbildlicher Wert, der immer weiter und höher zunehmen kann,
-und somit der höchsten Beachtung aller Strebsamen würdig.
-
-+Christian Wach+
-
- (sich wieder auf die Stuhllehne stützend)
-
-Ich verstehe, Herr Oberregierungsrat -- und das wird mir ein Ansporn,
-wie Sie gütigst sagten, zu weiterer Betä-tä-tätigung sein; obgleich
-die unverminderte Kraft, von der Sie, Herr Oberbürgermeister, mit
-Ihrer bekannten Freundlichkeit sprachen, leider an die selbstsüchtigen
-Schranken meiner angegriffenen N-N-Nerven gebunden ist. Bitte, wollen
-wir uns nicht setzen?
-
-+Bürgermeister+
-
-In Rücksicht auf Ihre werte Gesundheit möchte ich meinerseits
-vorziehen, mich jetzt ergebenst zu empfehlen; nicht ohne dem herzlichen
-Wunsche Ausdruck zu geben, daß es Ihnen bald wieder vergönnt sein
-möge, an den geselligen Freuden Ihrer Mitbürger einigermaßen
-teilzunehmen. Ich habe im Anschluß an die Sitzung, in der wir Ihre
-Ehrung beschlossen, die Gelegenheit wahrgenommen, einen neuen Verein
-zu gründen, der alle wohlgesinnten Elemente unserer strebsamen
-Landeshauptstadt allmählich konsolidieren soll: die Gesellschaft der
-Menschenfreunde! Ich gebe mich der Hoffnung hin, auch Sie, verehrter
-Herr Ehrenbürger, demnächst als Mitglied begrüßen zu dürfen.
-
-+Christian Wach+
-
-Außerordentlich schmeichelhaft. Aber verzeihen Herr Oberbürgermeister:
-meine N-Nerven erlauben mir wirklich nicht, an solchen
-m-menschenfreundlichen Sitzungen mit der nötigen Ausdauer teilzunehmen.
-
-+Bürgermeister+
-
-Nun, wenn auch nicht im Augenblick, es wird uns jederzeit aufrichtig
-freuen, einen so würdigen Mitbürger in unserem Bunde willkommen zu
-heißen. Und deshalb bleibt es mein inniger Wunsch, der allseits
-mitempfunden wird, Ihre baldige Wiederherstellung im engeren Kreise
-feiern zu können. (_Er schüttelt ihm abermals die Hand._)
-
-+Regierungsrat+
-
-Ich schließe mich diesem Wunsche an, unbeschadet der hohen Achtung, die
-Ihre stoischen Lebensgrundsätze jedem eifrigen Staatsbürger abnötigen.
-(_Er verneigt sich._)
-
-+Christian Wach+
-
- (die Herren zur Tür geleitend)
-
-Ich danke ebenso aufrichtig, meine Herren, und wiederhole die
-ehrer-b-bietige Bitte, auch bei den zuständigen Stellen meinen Dank
-auszurichten. Ich werde wiegesagt bestrebt sein, mich in der „allseits“
-gewünschten Weise nach wie vor zu betä-hä-hä-hätigen. (_Er verneigt
-sich gleichfalls und schließt die Tür hinter ihnen, setzt sich dann
-matt an den Mitteltisch_) -- -- Grauenhaft -- -- (_Er nickt vor sich
-hin, blickt zu dem Porträt empor_) Du rächst dich gut -- -- (_Es
-klopft, er schrickt auf_) --
-
-+Die alte Anne+
-
- (behutsam näher tretend)
-
-Es ist +noch+ jemand draußen, Herr Christian.
-
-+Christian+
-
-Was soll das! Untersteh dich nicht --
-
-+Anne+
-
- (verhalten)
-
-Der Herr Justus! Er wollt sich nicht abweisen lassen.
-
-+Christian+
-
-Was! Vetter Justus? der Leu-te-tenant?
-
-+Anne+
-
- (wie vorher)
-
-Ja. Das heißt: er ist doch jetzt Polizeikommissar -- (_sie drehn sich
-beide prall um, da die Tür aufgeht_) --
-
-+Justus Wach+
-
- (tritt gelassen ein, mit einer Aktenmappe unterm Arm)
-
-Du mußt mir schon einmal erlauben --
-
-+Christian Wach+
-
- (während Anne beklommen hinausgeht und die noch offene Tür wieder
- schließt)
-
-Du bist mir natürlich durchaus willkommen --
-
-+Justus+
-
- (lächelnd)
-
-So? -- Ich erhebe nicht den Anspruch.
-
-+Christian+
-
-Nun, dann ist deine Aufrichtigkeit mir willkommen. Offne Arme kannst
-du wohl nicht erwarten, nachdem du damals unsern Verkehr, unser
-verwandtschaftliches Band, um Geldes willen zerschnitten hast.
-
-+Justus+
-
-Meinst du? -- Aber du erlaubst wohl, daß ich mich setze. (_Er nimmt
-Platz auf dem linken Stuhl, legt die Mappe auf den Tisch._)
-
-+Christian+
-
-Aber natürlich; b-bitte höflichst. (_Sich gleichfalls setzend_) Fühle
-mich heute auch etwas matt; ein außerordentlich warmer Tag.
-
-+Justus+
-
-Und obendrein deine Ehrenlast. Alle Zeitungen sind ja wieder des Lobes
-voll. Wird dir allmählich wohl doch etwas drückend?
-
-+Christian+
-
-Darf ich lieber fragen, w-was dich zu mir führt?
-
-+Justus+
-
-O, traust du mir also garnicht zu, daß ich blos die uneigennützige
-Absicht habe, dir auch mal wieder zu gratulieren, dem musterhaften
-Menschenfreund, der mich Schuldenmacher dazu gebracht hat, den
-schrecklichen bunten Rock auszuziehen und ein nützlicher Mitmensch
-in Schwarzgrau zu werden? -- (_Seine Hand auf die Mappe legend_)
-Wirklich, ich habe jetzt allen Grund, der rühmlichen Betätigung deiner
-Nächstenliebe dankbar zu sein.
-
-+Christian+
-
-Bitte, laß das; mir sind diese Phrasen peinlich.
-
-+Justus+
-
-Mein Lieber, ich kenne deine Art Ehrgeiz. Du hast schon als Schuljunge
-Äpfel gestohlen, obgleich du dir aus Äpfeln nichts machtest, blos um
-uns Freunde damit zu begönnern und dich an deiner Großmut zu weiden;
-vielleicht auch an deiner Kühnheit und Schlauheit, denn erwischen
-ließest du dich ja nie. Ich habe dich schon damals durchschaut.
-
-+Christian+
-
-So? -- Meinst du? (_Lächelnd_) Nun, vielleicht hast du Recht. Aber
-inzwischen wirst du wohl +auch+ ein A-A-Andrer geworden sein.
-
-+Justus+
-
-Ja, seit neun Jahren ungefähr; dank deiner Betätigung wiegesagt.
-
-+Christian+
-
-Und hast du dich wirklich nun ausgesöhnt mit deinem b-bürgerlichen
-Beruf?
-
-+Justus+
-
- (legt lächelnd wieder die Hand auf die Mappe)
-
-Ja, seit einem Monat etwa vollkommen. Und einigermaßen auch früher
-schon. Was blieb mir schließlich denn andres übrig; Schulden konnt ich
-doch keine mehr machen, nachdem du die ganze Erbschaft mir weggefischt
-hattest, kurz bevor ich zum Hauptmann aufrücken sollte.
-
-+Christian+
-
-Nun, ich habe a-auch nicht das werden können, wonach ich als Jüngling
-Verlangen trug; Geld hatte ich ja von Hause aus noch weniger zu
-erwarten als du. (_Auf seine Bücher hinüberweisend_) Du weißt sehr
-gut, wie ich drauf brannte, die Sta-taatswissenschaften zu studieren,
-Sozialpolitik, Nationalökonomie, und es sogar ein paar Semester lang
-durchhielt; bis Tante Brigittens harter Kopf mich zwang, mir als
-B-Bankbeamter mein Brot zu verdienen.
-
-+Justus+
-
-Ja, du warst ihrer Begönnerung würdig. Ich hab ihr die Faust unters
-Kinn gehalten, als sie ihren Mann zu Tode gepeinigt hatte und ihn dann
-einscharren ließ wie einen Bettler, den reichsten Grubenbesitzer des
-Landes; du zogst es vor, ihr die Krallen zu streicheln.
-
-+Christian+
-
-Sie hat sich selbst noch viel mehr gepeinigt; du solltest nicht über
-Handlungen urteilen, für die dir jedes M-Mitgefühl mangelt. Und
-notabene: auf ihr Testament konntest du doch im Ernst wohl nicht
-rechnen, nach deiner Gleichgiltigkeit -- ge-l-linde gesagt -- bei ihrem
-lalala-langen Krankenlager.
-
-+Justus+
-
-Nein, zum Erbschleicher war ich mir allerdings zu schade. Seit wann
-stotterst du übrigens?
-
-+Christian+
-
- (ist vom Stuhl aufgefahren)
-
-Ich ver-b-bitte mir deine Brutalitäten! -- (_Sich bezwingend_) Denkst
-du, es war mir ein Vergnügen, die Launen der alten ge-l-lähmten Person
-zu ertragen? ihre Heftigkeit, ihre Wutanfälle? dreizehn Jahre lang, Tag
-für Tag!
-
-+Justus+
-
- (lächelnd)
-
-Nein, das denke ich keineswegs -- bei deiner Art Menschenfreundlichkeit.
-
-+Christian+
-
- (fängt wieder an durchs Zimmer zu wandern)
-
-Und deine Schulden hätt ich dir gern bezahlt, wärst du damit zufrieden
-gewesen, statt mir Millionen abpressen zu wollen, für die ich b-bessere
-Anwendung wußte. Bin auch jetzt noch bereit dazu, falls du nicht
-blos gekommen bist, um mir aufs B-Butterbrot zu streichen, daß du
-dich selber seit einem Monat von deinen Gläubigern befreit hast;
-(_lächelnd_) das wolltest du doch wohl andeuten.
-
-+Justus+
-
-Nein. Aber ich danke für Gnadenbrocken von deinem Butterbrot, werter
-Vetter.
-
-+Christian+
-
-Ja, wozu reibst du dich dann an mir? Und worauf bist du eigentlich
-neidisch? -- Was ha-habe ich denn von all meinem Reichtum? Hat er
-mich etwa davor bewahrt, v-vorzeitig graue Haare zu kriegen? Ich lebe
-wie ein Mönch in der Wüste, und trotzdem ist mein M-Magen krank,
-meine Milz beklommen, mein H-Herzschlag verhaspelt, meine Nerven von
-Schlaflosigkeit zerrüttet --
-
-+Justus+
-
-Dein Gehirn von Gewissensbissen zerfressen --
-
-+Christian+
-
-Deinetwegen? -- (_Stehen bleibend_) Du dauerst mich --
-
-+Justus+
-
- (steht nun gleichfalls auf, tritt dicht an Christian heran)
-
-Solltest du nie befürchtet haben, daß ein gewisser +Brief+
-entdeckt werden könnte? --
-
-+Christian+
-
- (weicht unwillkürlich etwas zurück -- dann spottkalt)
-
-Ah, Herr Polizeikommissar --
-
-+Justus+
-
-In der Tat -- das ist mein Beruf -- mit dem ich mich jetzt vollkommen
-ausgesöhnt habe -- seit einem Monat wiegesagt, als ich in einer
-auswärtigen Chemikalienfabrik -- (_er unterbricht sich, greift nach
-der Mappe_) -- aber wollen wir uns nicht wieder setzen? an diesem
-„außerordentlich warmen Tag“? -- (_er nimmt Platz, während Christian
-stehen bleibt und sich fest auf eine Stuhllehne stützt, die er bei dem
-Wort „Chemikalienfabrik“ umklammert hat_) -- also als ich in einer
-Chemikalienfabrik einen ungetreuen Buchhalter festnehmen sollte und
-bei Durchsicht der Bureaupapiere zufällig einen Geschäftsbrief fand,
-worin ein gewisser Christian Wach, laut seiner aufgedruckten Adresse
-angeblich Apothekenbesitzer, eine Partie Medikamente bestellt hat,
-darunter auch einige heftige Gifte, etwa fünf Wochen vor dem Tode
-(_auf das Porträt weisend_) seiner teuren Erbtante Brigitte. (_Wieder
-die Hand auf die Mappe legend_) Hier hab ich das menschenfreundliche
-Schriftstück.
-
-+Christian+
-
- (lächelnd)
-
-Sehr verbunden für dieses Geburtstagsvergnügen, auf das du dich also
-vier Wochen lang in aller Stille prä-pa-pariert hast.
-
-+Justus+
-
-Ja, zufällig ungefähr ebenso lange, wie du dich vor genau neun Jahren
-auf +Dein+ Geburtstagsvergnügen „präpapariert“ hast.
-
-+Christian+
-
-Ja, es gibt spaßhafte Zufälle -- (_es klopft_) --
-
-+Die alte Anne+
-
- (tritt ein und meldet)
-
-Der Herr Geheime Sanitätsrat --
-
-+Sanitätsrat+
-
- (ihr ohne Umstände folgend)
-
-Ja, Ihrem alten Hausfreund dürfen Sie nicht verwehren, Ihnen heute
-die Glückshand zu schütteln, verehrter Ehrenbürger und Ritter vom
-Kronenorden! -- (_Überrascht_) Aber was seh ich? ist’s möglich? Herr
-Justus! -- Pardon, Herr Leutnant, die alte Gewohnheit. Haben sich also
-zur Feier des Tages endlich ausgesöhnt mit dem reichen Herrn Vetter?
-
- (Anne blickt forschend von einem zum andern.)
-
-+Justus+
-
- (ist aufgestanden, immer eine Hand auf der Mappe)
-
-Schon möglich, Herr Geheimrat; zur Feier des Tages.
-
-+Sanitätsrat+
-
- (ihm die Rechte schüttelnd)
-
-Na, das freut mich, freut mich; edel sei der Mensch! Haben schließlich
-doch wohl Respekt gekrigt (_mit Verneigung zu Christian hin_) vor der
-segensreichen Betätigung.
-
-+Christian+
-
- (aufstampfend)
-
-Kommen Sie auch noch angequäkt mit dieser verfluchten (_absichtlich_)
-Be-täterä-tätigung? Das ist ja wirklich zum Krämpfekriegen! Wie kann
-ein Mensch mit etwas Geschmack dies Schandwort auf die Zunge nehmen!
-diesen A-Anschmierer-Ausdruck für alles Getue, das den Namen Tat nicht
-verdient!
-
-+Sanitätsrat+
-
-Aber mein lieber Kommerzienrat, was haben Sie denn, was erregen Sie
-sich? Denken Sie bitte an Ihre Nerven! Kommen Sie, setzen wir uns
-gemütlich, und geben Sie mir mal endlich die Hand! (_Es geschieht, und
-auch Justus setzt sich._) So -- ja aber, Sie zittern ja, als ständen
-Sie im Staatsexamen. Und was ist denn los mit Ihren Pupillen? Da muß
-ich doch gleich mal Reflexprobe machen. Schwester Anne, holen Sie mal
-einen Spiegel.
-
-+Anne+
-
- (hat inzwischen die Vase mit dem Rosenstrauß unter das Porträt
- gestellt)
-
-Aber nein, Herr Geheimrat wissen doch: der Herr Kommerzienrat will
-keine Spiegel um sich.
-
-+Sanitätsrat+
-
- (sich an die Stirn tippend)
-
-Ja so -- jawohl -- Moralpsychose; ~hypochondria stoica~ sozusagen.
-Na, werde mal morgen genauer vorsprechen, bringe dann meine Lupe mit;
-die wird Ihrem strengen Gewissen nicht wehtun, Sie geschworener Feind
-aller Eitelkeit! -- Was sagen Sie denn zu der neuen Gesellschaft, die
-der Bürgermeister zusammentrommelt? Mich hat er natürlich auch breit
-geschlagen; na, ein bißchen Menschenfreund ist ja Jeder.
-
-+Christian+
-
-Ich meinesteils bin nicht für Trommelreklame.
-
-+Sanitätsrat+
-
-Ja, Sie können sich’s leisten, drauf zu pfeifen. (_Aufstehend_) Dann
-also bis morgen, werter Freund; muß jetzt weiter zu meinen andern
-Patienten. Bitte Platz zu behalten, Herr Leutnant; wünsche allerseits
-Frieden auf Erden -- (_winkt heiter mit beiden Händen Abschied, und
-Anne begleitet ihn hinaus, während die Vettern sitzen bleiben, Justus
-links am Tisch, Christian rechts_) -- --
-
-+Justus+
-
-Du scheinst dein Gesicht nicht gern zu betrachten --
-
-+Christian+
-
- (die Arme verschränkend)
-
-Ich habe in der Tat Bessers zu tun.
-
-+Justus+
-
-Du kannst ja niemand mehr grad in die Augen sehn.
-
-+Christian+
-
-Glaubst du, Herr Untersuchungsbeamter? (_Er fixiert ihn, bis Justus
-beiseite blickt_) -- -- Durchschaust du die Menschen immer so?
-
-+Justus+
-
-Ja, deine Selbstbeherrschungskunst -- man könnte auch sagen:
-Verstellungskunst -- war von jeher bewundernswert.
-
-+Christian+
-
-Und einer besseren Sache würdig.
-
-+Justus+
-
-Der Spott wird dir bald vergehn, teurer Vetter.
-
-+Christian+
-
-Es scheint, du legst enormen Wert auf dein pa-papierenes Dokument. Das
-hältst du wohl für einen Indicienbeweis?
-
-+Justus+
-
-Nein, das allein würde nur beinahe genügen. Aber (_auf seine Mappe
-tippend_) ich habe hier noch ein andres Papier; nämlich deinen
-Empfangsschein, Herr Apotheker, über die eingetroffene Giftsendung --
-
-+Christian+
-
-Du hast dich tatsächlich gut präpariert --
-
-+Justus+
-
-Es freut mich, daß du nicht länger heuchelst. Du darfst die Maske
-ungeniert lüften.
-
-+Christian+
-
- (immer sehr gemessen)
-
-Du freust dich etwas vorschnell, mein Lieber. Du scheinst meine
-„Schlauheit“ trotz aller Anerkennung noch immer für recht kindlich zu
-halten. Vor neun Jahren, werter Herr M-Menschenkenner, war ich wohl
-doch nicht mehr Schulbub genug, mich dem Spiel des Zufalls so plump
-auszusetzen, wenn ich kein reines Gewissen hatte.
-
-+Justus+
-
-O, das Spiel des Zufalls ist allemal plump. Damals konntest du ja
-nicht ahnen, also auch noch nicht damit rechnen, daß dein Edelmut
-mich veranlassen würde, (_spitzig_) Detektivoffizier zu werden,
-geschweige (_an seine Mappe tippend_) daß dies für jeden andern Finder
-unscheinbare Wertpapier gerade mir in die Hand fallen könnte. Nur Das
-trieb dein feines Spiel in den Plumpsack der sogenannten Schicksalshand.
-
-+Christian+
-
-Nenn’s lieber gleich den Finger Gottes, dann kommst du dir noch
-wichtiger vor. Hähähä-hältst du mich im Ernst für so närrisch, daß
-ich mir solche Tat auf die Seele geladen hätte, blos um die Millionen
-unsrer alten Tante etwas früher unter die Leute zu streuen? Denn ihr
-Testament lag ja schon da für mich.
-
-+Justus+
-
-Blos: sie hätte es doch vielleicht ändern können. Und am Krankenbett
-warten, wer weiß wie lange, vielleicht nochmals „dreizehn Jahre lang“,
-ist in der Tat kein vergnügliches Geschäft, selbst für die edelsten
-Wohltäter nicht. Tante Brigitte war damals nur fünf Jahre älter, als du
-heute geworden bist, und hatte trotz ihrer Lähmung recht zähe Nerven.
-
-+Christian+
-
-Und deshalb soll ich so sinnlos gewesen sein, so sinnlos und so ruchlos
-zugleich, mir einen M-Mord aufs Gewissen zu wälzen? Und das, denkst du,
-wird dir irgendwer glauben?
-
-+Justus+
-
-O, das Gewissen beißt immer erst nachträglich; deine Frage klang
-ziemlich wund. Auch glauben die Schwurgerichte gern, daß ein
-Bankbeamter sich nicht ohne Zweck falsche Briefbogen drucken läßt und
-Apothekerwaaren bestellt.
-
-+Christian+
-
-Du hast dich wohl nie mit -- Selbstmordgedanken getragen?
-
-+Justus+
-
- (scharf)
-
-+Vor+ meiner Enterbung +nicht+, lieber Vetter! -- Übrigens
-kannst du dir deine verblüffenden Fragen für die Gerichtsverhandlung
-aufsparen; für das Zeugenverhör zum Beispiel.
-
-+Christian+
-
-Du denkst dir also, ich habe es fertig gebracht, den Sanitätsrat
-sowohl wie die alte Anne über die Todesursache zu täuschen, meinem
-Opfer kaltblütig die Augen zuzudrücken, die L-Leiche hohnlächelnd
-einzusargen, und dann hier in dem Haus, wo sie aufgebahrt lag, mich
-triumphierend festzusetzen -- (_er steht auf, mit Erregtheit um sich
-weisend_) hier! sieh dich um! zwischen diesen öden Wänden, wo sie einst
-geatmet hat! hier seit neun Jahren es auszuhalten! immer von ihren
-Möbeln umgeben! immer ihr B-Bild vor meinem Blick! ihre Pflegerin mir
-zur Seite, eigens dabehalten zur steten Erinnrung! -- Das, meinst du,
-habe ich auf mich genommen, ich maskierter Schurke, um einer Erbschaft
-willen, von der ich mir keinen Genuß vergönne, keine Annehmlichkeit,
-nicht die kleinste Erholung, blos Nahrung für meinen Großmutsdünkel!
--- Du traust mir wirklich merkwürdige Kunststücke zu. (_Er ist hinter
-seinen Stuhl getreten und stützt sich wieder auf die Lehne._)
-
-+Justus+
-
-Ja, die Verbrecher halten sich gern für Helden, die ihrer Tat überlegen
-sind, und liebäugeln mit dem Erinnerungswurm. Manche brüsten sich so
-lange im stillen, bis sie sich schließlich laut verraten; fromme Leute
-nennen das Gottes Stimme. (_Merkend, daß Christian nach dem Porträt
-starrt_) Du redest wohl +öfters+ mit dem Bild da? --
-
-+Christian+
-
-Du stellst starke Ansprüche an meine Geduld.
-
-+Justus+
-
-Das beruht wohl auf Gegenseitigkeit. Immerhin scheinst du so geneigt
-zum Verhandeln, daß du darüber das Stottern verlernt hast.
-
-+Christian+
-
- (lächelnd)
-
-Nun, vielleicht war auch das nur Maske; man lernt dabei seine Zunge
-hüten. -- Wie hoch taxierst du denn deine Entdeckung? --
-
-+Justus+
-
- (lächelt ebenso)
-
-Möchtest du nicht etwas deutlicher fragen? --
-
-+Christian+
-
-Nun, mein gesamter Vermögensrest beträgt noch etwa zwanzig Millionen,
-nach Abzug der Reservedepots für meine letzten Stiftungen. Um mir
-die Plackerei vom Ha-Halse zu halten, die du als A-A-A-Amtsperson
-(_er stampft auf, dann wieder gemessen_) mit dem Plunder da anzetteln
-könntest, und um meine innerste Menschlichkeit nicht vor dem Pöbel
-entblößen zu müssen, biete ich dir den vierten Teil; das sind also rund
-zwei Millionen mehr, als du mir damals abverlangtest.
-
-+Justus+
-
-Deine Menschlichkeit ist seitdem -- beträchtlich großmütiger geworden;
-ich erkenne das an, obgleich ich’s erwartet habe. Aber du mußt mir
-schon erlauben, deine bekannte Opferwilligkeit
-
-+Christian+
-
-Gut, ich lege noch eine Million zu. Sechs Millionen -- das ist mein
-letztes Wort! --
-
-+Justus+
-
-Du hast mich mißverstanden, mein Teurer; du mußt nicht denken, ich sei
-deinesgleichen, weil ich jetzt im schwarzen Rock vor dir sitze. Du
-hast mich aus meiner Bahn gestoßen, du opferwilliger Ehrenbürger! Du
-erntest den Lohn deiner Heldentaten, wenn ich dir nun dazu verhelfe,
-in der Sträflingsjacke vor mir zu stehn! Jawohl, edler Vetter:
-Gerechtigkeit will ich! die Welt von deinesgleichen säubern! das ist
-+meine+ Art Menschenfreundlichkeit!
-
-+Christian+
-
-Deine Gerechtigkeit braucht sich nicht zu ereifern; ich begreife, daß
-du dich rächen willst.
-
-+Justus+
-
-Sehr scharfsinnig, dein Begriffsvermögen.
-
-+Christian+
-
-Willst du mich trotzdem noch ruhig anhören? Nur eine kleine Weile noch?
-
-+Justus+
-
-Bitte; ich habe warten gelernt. Außerdem zappelst du sehr ergötzlich im
-Netz.
-
-+Christian+
-
-Ich könnte sagen, mein Anerbieten sei nur eine Maske gewesen, um
-dein Pflichtgefühl auf die Probe zu stellen. Aber gesetzt, ich hätte
-w-wirklich die ungewöhnliche Tat vollbracht, deren du mich für fähig
-hältst: ich hätte eine bejahrte Person, die nichts mehr konnte als sich
-und andere quälen, mit ihrer Krankheit, mit ihrer Ha-Hartherzigkeit,
-mit ihrer hähähä-hämischen Habgier (_er ballt die Fäuste, dann wieder
-ruhig_) -- die hätte ich aus dem Wege geräumt nach jahrelangem
-Gewissenskampf -- hä-hätte dann wie ein Asket versucht, meine heimliche
-Gewalttat zu sühnen -- hätte sie hier in meiner Einsamkeit, in der
-Nacht meines Schweigens schwerer gebüßt, als sich’s ein Schuldloser
-träumen läßt, -- hätte immer weiter diese Erblast geschleppt, die ich
-nur für ein Hirngespinnst verwalte -- für eine M-Menschheit, die ich
-zu spät durchschaute, die nichts ist als ein marternder Schemen --:
-verlangst du +noch+ mehr Gerechtigkeit?
-
-+Justus+
-
-Du vergißt, ich bin nicht mehr Leutnant genug, um deiner heroischen
-Märtyrer-Pose einiges Verständnis zu widmen.
-
-+Christian+
-
-Aber vielleicht verstehst du, daß ich inzwischen manches anders ansehen
-lernte. Vielleicht war mein Abscheu gegen dein früheres Handwerk --
-deinen Beruf, wenn du das lieber hörst -- nur Verbohrtheit eines
-B-Büchermenschen. Vielleicht ist mir die Erkenntnis gekommen, daß auch
-Nächstenliebe zur Hartherzigkeit führt, wenn sie die Allernächsten
-vergißt über ihrem fernen Ziel. Ich bin dein Schuldner, ich weiß es
-lange; deshalb empört mich deine Beschuldigung nicht. Und deshalb --
-nur deshalb, Justus! hörst du? -- wiederhole ich mein Anerbieten.
-
-+Justus+
-
-Zu spät, Euer Gnaden; einen Monat zu spät.
-
-+Christian+
-
-Du irrst. Ich habe schon letzte Weihnacht -- denn dies (_auf sein Herz
-deutend_) W-Wrack wird nicht lange mehr Stand halten -- mein Testament
-beim Notar hinterlegt; darin stehst du mit dem Betrag verzeichnet, den
-du einst von mir gefordert hast. Ich biete dir jetzt das Doppelte, weil
-ich dir mehr verdarb, als ich ahnte.
-
-+Justus+
-
- (auf seine Mappe schlagend)
-
-Zum Teufel, +alles+ verdarbst du mir! Willst du mich +jetzt+
-noch mit Großmut beschwindeln? Dein Testament, wenn’s wahr ist, ist
-mir ein Wisch! Ein Verbrecher wie du hat sein Erbrecht verwirkt! Kein
-Pfennig von deinem Mammon gehört dir! Wo nimmst du die Stirn her, mich
-beschwatzen zu wollen; du verrätst dich ja selber mit jedem Wort!
-
-+Christian+
-
- (tritt ihm langsam näher)
-
-Ah -- du hoffst auf den ganzen Rest meiner Erbschaft. Verrechne
-dich nicht; nimm Vernunft an, Justus! Vergiß nicht, ich sprach nur
-bedingungsweise! Es hat sich schon m-mancher die Hand verstaucht, der
-zu sehr auf die Gerechtigkeit pochte.
-
-+Justus+
-
-Ich poche nur auf die Mappe hier. (_Er nimmt sie unter den Arm und
-steht auf._)
-
-+Christian+
-
-Du kannst dir also garnicht die Möglichkeit denken, daß ich jene
-Giftsendung für mich selbst kommen ließ? daß ich mich wand vor Scham
-und Verzweiflung unter den frevelhaften Wünschen, die ich -- jawohl,
-ich bekenn es dir -- unablässig in mir w-wuchern fühlte am Krankenbett
-meiner Quälerin?
-
-+Justus+
-
-Eine Möglichkeit zieht die andere nach.
-
-+Christian+
-
-Und wenn nun die Zeugen für +mich+ aussagen? -- Willst du nicht
-wenigstens die Anne erst hören?
-
-+Justus+
-
-Der kannst du viel vorgemunkelt haben. Aber wenn dir’s Vergnügen macht,
-dich in ihrem Beisein verhaften zu lassen --
-
-+Christian+
-
- (nähert sich der Tür)
-
-Ich tu’s um Deinetwillen, Justus --
-
-+Justus+
-
-Ich warne nur vor Fluchtversuch! Das Haus ist auf beiden Seiten
-umstellt --
-
-+Christian+
-
- (ruft zur Tür hinaus)
-
-Anne -- (_tritt dann neben den Bücherbord, lehnt sich an und
-verschränkt die Arme_) --
-
-+Anne+
-
- (kommt, macht die Tür zu, beklommen)
-
-Was ist, Herr Christian?
-
-+Justus+
-
-Der Herr Kommerzienrat will verreisen.
-
-+Christian+
-
-Ich bitte dich nochmals: nimm Vernunft an.
-
-+Anne+
-
- (beide Hände hebend)
-
-Oh, Herr Justus, wie schauen Sie drein! -- (_Ihm näher tretend_) Ich
-beschwör Sie, was wollen Sie tun! -- (_Von ihm wegweichend_) Einen
-Blutsverwandten ins Elend stoßen?
-
-+Justus+
-
-Ah, Sie wissen, worum es sich handelt?!
-
-+Anne+
-
- (noch weiter wegtretend, bis vor den Tisch)
-
-Ich? was soll ich wissen? ich seh nur Ihr Auge drohn. Ich kenn Sie ja
-beide von Jugend auf. Ich weiß nur, was ich als Kind gelernt hab: Mein
-ist die Rache, spricht der Herr!
-
-+Justus+
-
-Verzeihung, Schwester Anne, +der+ Herr ist mir +fremd+. Und
-dem grauen Sünder da wohl erst recht. Mein Herr ist der Staat! mit
-seinen Gesetzen!
-
-+Anne+
-
-Einen Leidenden wollen Sie quälen? Spüren Sie’s nicht, wie er bebt bis
-ins Herz?!
-
-+Christian+
-
-Laß gut sein, Anne; es ist genug. Zum letzten Mal, Vetter: ich biet dir
-die Hand.
-
-+Justus+
-
-Ich verbitte mir deine -- bestechenden Gesten!
-
-+Christian+
-
- (sich reckend)
-
-Nun, dann Kampf! Hüt dich! Ich bin bereit.
-
-+Justus+
-
-Sehr gnädig. Im Namen des Gesetzes: ich verhafte dich, Christian Wach.
-(_Die Tür öffnend_) Wenn’s gefällig, du hast den Vortritt -- (_sie
-schreiten beide langsam hinaus_) -- --
-
-+Anne+
-
- (die Hände faltend, leise)
-
-Herr, erbarme dich seiner Seele -- --
-
- (Vorhang)
-
-
-
-
-Zweiter Akt
-
-
-+Christian Wach+
-
- (an die Stuhllehne rechts des Tisches gestützt, zu dem Porträt
- hinaufstarrend)
-
--- -- Jawohl, du hast dich in mir verrechnet -- von jeher, du Vampyr
--- du zwingst mich nicht. (_Sich die Hand auf den Kopf legend, schwer
-lächelnd_) Hier diesen Geheimschrank öffnet keiner; jetzt weiß ich’s
-endlich, kein Mensch bezwingt mich. (_Es klopft an die Tür, und Anne
-tritt ein, bringt einen bunten Asternstrauß_) -- -- Also soll’s wieder
-losgehn mit der Verschwendung, du unverbesserliche Person?
-
-+Anne+
-
- (die Vase mit dem Strauß auf den Tisch stellend)
-
-Ja, das hab ich mir gestern Abend schon vorgenommen, als Sie heimkamen
-aus der -- der --
-
-+Christian+
-
-Untersuchungshaft meinst du; sag’s nur getrost.
-
-+Anne+
-
-Nein, solch häßlich Wort, das paßt heut nit; aus der Prüfungszeit wollt
-ich sagen.
-
-+Christian+
-
-Und siehst mich dabei schon wieder an, als müßt ich dem Himmel dafür
-auf den Knieen danken.
-
-+Anne+
-
-War’s nicht auch eine Segenszeit? Als Sie hinein mußten, blühten die
-Rosen; mögen die Herbstblumen noch mehr Segen bringen!
-
-+Christian+
-
-Du sollst mich nicht so ansehn, Anne. (_Sich an den Tisch setzend, wie
-erschöpft_) Aber lieb ist dein Strauß; und diesmal ohne Dornen.
-
-+Anne+
-
-Geb’s Gott, Herr Christian, geb’s Gott! Aber Sie schauen nit dornlos
-drein; Sie müssen jetzt wieder zu Kräften kommen. Gelt, ich darf Ihnen
-etwas Stärkendes bringen; ein Gläschen Wein! das macht Appetit!
-
-+Christian+
-
-Wein --? Kein Tropfen kommt mir ins Haus!
-
-+Anne+
-
-Nur ein Gläschen Tokayer; ich hab die Flasch noch.
-
-+Christian+
-
-So -- also für mich -- -- (_nimmt plötzlich ihre Hand_) o Anne, Anne
-(_und preßt seine Stirn hinein_) --
-
-+Anne+
-
-Ja, sollt ich denn schwelgen, während Sie fasten mußten? (_Behutsam
-über sein Haar streichend_) Sie müssen Ihr Herz erleichtern, Herr
-Christian.
-
-+Christian+
-
- (schiebt sie sanft weg, steht auf)
-
-Nein, mach mich nicht weich; es war nur ein Augenblick. Nichts wird an
-meinem Leben geändert! Wenn du dir etwa einbildest, die Haft habe mich
-mürbe gemacht --
-
-+Anne+
-
-O hätt sie nur! -- Nein, ich bild mir nix ein.
-
-+Christian+
-
-Sie hat mich im Gegenteil ruhig gemacht -- (_er wendet sich ab, geht
-nach dem Fenster_) innerst ruhig; das mußt du doch merken (_läßt sich
-in den Korbstuhl nieder_) --
-
-+Anne+
-
- (ihm folgend)
-
-Das würd’ mich ja freuen, innerst freuen --
-
-+Christian+
-
-Warum hast du denn so geweint im Gerichtssaal, als ich das Geständnis
-ablegte, ich wollte (_an das Porträt weisend_) die da wirklich
-vergiften, wenn mich das Schicksal -- du weißt, der Schlaganfall, der
-sie in ihrer Erregtheit hinraffte -- nicht gnädig davor bewahrt hätte?
-
-+Anne+
-
-Ja, wie sollt ich denn da nit weinen, als Sie das so gewaltig
-aussagten, mit solchem Entsetzen vor sich selber! Sogar von den Herren
-Geschwornen und Richtern schneuzten sich welche vor großer Rührung.
-Und ich hab doch alles einst miterlebt; ich kenn doch Ihr Herz, Herr
-Christian!
-
-+Christian+
-
- (abermals aufstehend)
-
-Nun, der Sanitätsrat war garnicht gerührt; der hat einfach den
-Schlaganfall bezeugt.
-
-+Anne+
-
- (ihm wieder durchs Zimmer folgend)
-
-Ja freilich, natürlich; das tat ich ja auch!
-
-+Christian+
-
-Und konntest vor Schluchzen nicht weiter reden. (_Plötzlich sich
-umdrehend, Auge in Auge_) Du glaubst wohl nicht, daß es ein
-Schlaganfall war?
-
-+Anne+
-
- (zurückweichend)
-
-O -- wie fragen Sie frevelhaft! -- Was ich beschworen hab, glaube ich
-auch. Und was ich außerdem glaube, o möchten Sie’s fühlen --: wir sind
-allesamt Werkzeuge Gottes -- der eine so, der andre so --
-
-+Christian+
-
- (ist an den Kamin getreten)
-
-Mich friert, Anne; im Gefängnis war’s wärmer. Von morgen an bitte mußt
-du heizen.
-
-+Anne+
-
-Aber ich kann doch natürlich gleich!
-
-+Christian+
-
-Nein, ich sagte: von morgen an. (_Sich wieder an den Mitteltisch
-setzend_) Ich bekomme Besuch heut, für den ich Kälte brauche.
-
-+Anne+
-
-Aber gelt, doch ein Gläschen Tokayer! Wirklich, Herr Christian, es wird
-Ihnen gut tun.
-
-+Christian+
-
-Ich bitte dich ernstlich, mach mich nicht wild! W-Wein macht
-schwatzhaft, ich hasse das! -- Aber damit du deinen Willen krigst:
-Vetter Justus hat mich gestern nach der Freisprechung fragen lassen,
-ob er heute Vormittag herkommen dürfe -- dann kannst du deine Flasche
-kredenzen.
-
-+Anne+
-
-O welche Fügung -- sehn Sie, auch dem hat Ihre Prüfungsstunde das
-Herz gerührt! -- O, und ich hab’s ja noch garnit bestellt: der Herr
-Regierungspräsident, der hat sich auch vorhin anmelden lassen. Sehn
-Sie, wie alle Menschen sich beugen, wenn sie den Finger Gottes spüren!
-
-+Christian+
-
-Du beurteilst die Menschen nach Dir, gute Anne. Sie kriechen zu
-Kreuz vor meinem +Geld+; und sind gerührt davon, wie’s mich
-+drückt+.
-
-+Anne+
-
-Nein, nein, das sagt nur Ihr Groll auf Herrn Justus. Man hat Sie doch
-einstimmig freigesprochen.
-
-+Christian+
-
-Ja, weil man keine Beweise hatte. Weil man auf Staatsunkosten mal
-gnädig sein konnte. Weil man dem berühmten Menschenfreund zeigen
-wollte: wir kennen zwar jetzt deine giftige Seele, aber wir sind keine
-Unmenschen deinesgleichen, wir zahlen dir deine Wohltaten heim. Ein
-Geächteter bin ich ihnen! Meinst du, ich habe das nicht gemerkt?
-
-+Anne+
-
-O, wenn Sie nicht alles so schwarz ansehn möchten! Die Menschen sind
-lieber gut als schlecht; will jeder nur abwälzen, was ihn drückt.
-
-+Christian+
-
-Mein +Geld+ drückt mich; begreifst du das nicht? -- Übrigens:
-vorgestern ist da eine Witwe wegen Diebstahls verurteilt worden, die
-kleine Kinder zu Hause hat. Du wirst dir ihre Adresse verschaffen, und
-wenn sie aus dem Gefängnis kommt, richtest du ihr einen Laden ein;
-irgend ein Geschäft, das ihr paßt. Inzwischen nimm dich der Kinder an,
-daß man sie nicht ins Armenhaus sperrt.
-
-+Anne+
-
-Gern, Herr Christian! O, wie gut Sie
-
-+Christian+
-
-Schwatz nicht, Anne; die Frau scheint mir tüchtig! Sie hat den
-Diebstahl ziemlich fein eingefädelt, erzählte mir mein Rechtsanwalt. Es
-macht mir Spaß, ihr Vertrauen zu schenken.
-
-+Anne+
-
- (sich zu ihm neigend)
-
-Warum verhehlen Sie Ihr Herz? Warum schenken Sie nicht auch mir
-Vertrauen?
-
-+Christian+
-
- (abermals aufstehend)
-
-Ich kann mich noch garnicht wieder hier eingewöhnen; bitte, hilf
-mir den Lehnstuhl herüber setzen. -- (_Während sie den Stuhl an den
-Mitteltisch tragen_) Es scheint, du bist jetzt stärker als ich. --
-(_Platz anweisend_) Nein hierhin, den Rücken gegen die Wand; ich mag
-das Bild heut nicht immerfort sehn.
-
-+Anne+
-
- (den überschüssigen Holzstuhl ans Fenster stellend)
-
-Ja, das hätt längst schon hinaus gemußt. Darf ich’s nicht endlich
-weghängen jetzt?
-
-+Christian+
-
-Was soll das wieder! l-laß dies Gepurre! Ich weiß besser, was ich ihr
-schuldig bin. (_Sich setzend_) Wenn sie auch unleidlich war, das ist
-vorbei. Daß du’s ihr immer noch nachträgst, ich versteh nicht, wie sich
-das mit deinem Christentum reimt; du hast sie doch früher bemitleidet.
-
-+Anne+
-
-Die Toten haben das nicht mehr nötig; mir ist nur um die Lebendigen
-bang.
-
-+Christian+
-
-Du sollst mich nicht so ansehn, Anne! -- Wahrhaftig, manchmal machst
-du Augen, grad wie die Tante in ihrer Sterbestunde; so merkwürdig in
-die Ferne fragend. -- (_Wiederum aufstehend_) Ich will mich doch lieber
-dorthin setzen; sonst denkst du wohl wirklich, ich fürcht mich vor ihr.
-(_Er schiebt den Lehnstuhl rechts neben den Tisch, Anne stellt einen
-andern Stuhl nach hinten._) Nicht wahr, das hast du doch eben gedacht?
-
-+Anne+
-
-Ich glaub an keine Gespenstermärchen. Es hat sich jeder genug vor sich
-selber zu fürchten --
-
-+Christian+
-
- (sich setzend)
-
-Ja, du hast Recht: Gespenstermärchen -- --
-
-+Anne+
-
-Nun fangen Sie wieder zu grübeln an. Ach, wenn Sie doch dahinter kämen,
-daß +alle+ Selbstbespiegelung eitel ist, nit blos im Spiegel an
-der Wand.
-
-+Christian+
-
-Laß, Anne; das verstehst du nicht. Ich muß mich erst wieder zurecht
-finden hier.
-
-+Anne+
-
-Ich fühl doch aber, wie Ihnen das schwer fällt; und möcht die Last doch
-tragen helfen.
-
-+Christian+
-
-Nein, geh jetzt; ich muß das allein überlegen. Ich habe schon selbst
-daran gedacht, du warst vielleicht die rechte Person, mir den Rest des
-Vermögens ver-p-pulvern zu helfen; ich werde das nächstens mit dir
-besprechen.
-
-+Anne+
-
-O, nicht das Geld, Herr Christian; fassen Sie doch Vertrauen zu mir!
-Erleichtern Sie Ihre bedrückte Seele! Wie eine Mutter bitt ich zu Gott
-darum; das wird Sie auch wieder gesund machen.
-
-+Christian+
-
- (aufstampfend)
-
-Ich sag dir, l-laß das -- geh -- bring mich nicht auf! -- (_Ruhiger_)
-Stell die Flasche für den Justus bereit; aber bring sie erst, wenn
-ich’s dir sage! -- (_Während Anne langsam zur Tür geht_) Und ich dank
-dir für deinen Asternstrauß; ich dank dir für alles, alles -- hörst du?
-(_Da Anne an der Türschwelle zögert_) Nun, laß gut sein, geh jetzt; was
-stehst du noch --
-
-+Anne+
-
- (mit feierlichem Ausdruck, gedämpft)
-
-Und nähmest du Flügel der Morgenröte und flüchtetest übers äußerste
-Meer, so würde dich meine Hand doch erreichen, spricht der Herr, dein
-+Erbarmer+ -- (_sie geht hinaus_) -- --
-
-+Christian+
-
- (sich erhebend, mit abwehrender Handbewegung)
-
-Gespenstermärchen -- -- (_Er nimmt den Strauß und stellt ihn unter
-das Bild._) Ihr zwingt mich nicht -- ihr kennt mich nicht -- niemand!
--- (_Draußen elektrisches Klingelzeichen; er gibt sich Haltung, tritt
-neben den Lehnstuhl. Dann geht die Tür auf, und es erscheinen: der
-Regierungspräsident und der Oberbürgermeister_) -- --
-
-+Präsident+
-
- (nach gegenseitiger leichter Verbeugung)
-
-Verzeihung, wenn ich stören sollte, und bitte doch Platz zu behalten,
-Herr Rat; Sie werden sich leider noch etwas erschöpft fühlen.
-
-+Christian Wach+
-
-Nicht sonderlich, Herr Regierungspräsident; ich müßte lügen, wenn ich
-Ja sagen wollte. In unsern Gefängnissen lebt sich’s bequemer, als es
-mancher bei sich zu Hause hat.
-
-+Präsident+
-
- (lächelnd)
-
-Ich möchte es lieber doch nicht versuchen. Aber um zur Sache zu
-kommen: ich stehe vor Ihnen auf Befehl Seiner Königlichen Hoheit
-unsers gnädigsten Herrn, zugleich im Auftrag des Ministeriums, um
-Ihnen unverzüglich Ihre Ernennung zum +Geheimen+ Kommerzienrat
-anzuzeigen. Die Regierung will damit ausdrücken und vor der
-Öffentlichkeit bekunden: erstens ihre Teilnahme an dem glücklichen
-Ausgang eines Prozesses, der soviel peinliches Aufsehn erregt hat,
-zweitens ihr unverkürztes Vertrauen in den gemeinnützigen Charakter
-eines Mannes, der für die Sache der Wahrheit und Gerechtigkeit seinen
-persönlichen Ruf gewagt hat. Nach der erschütternden Seelenbeichte, die
-Sie vor dem Gerichtshof abgelegt haben, soll Ihnen diese Anerkennung
-eine dauernde Aufrichtung geben (_er verbeugt sich mit Gemessenheit_) --
-
-+Christian Wach+
-
- (lächelnd)
-
-Sie soll mir wohl auch, Herr Präsident, eine dauernde Richtung geben.
-Ich danke Ihnen ehrerbietigst und bitte diesen (_sich verneigend_)
-untertänigen Dank auch höheren Ortes zu vermelden, erstens für die
-Teilnahme, zweitens für das -- „unverkürzte Vertrauen“. Ich werde mich,
-soweit es noch in meinen kurzen Kräften steht, dieses Vertrauens würdig
-zu machen versuchen.
-
-+Bürgermeister+
-
-Davon ist jedermann überzeugt, Herr Geheimrat. Ich habe mich nicht
-blos mit eingefunden, um Ihnen zu der neuen Würde meinen Glückwunsch
-darzubringen (_er verbeugt sich gleichfalls gemessen_) -- ich komme
-zuvörderst in Vertretung des Ausschusses der Bürgerschaft, sodann noch
-besonders als erster Vorsitzender der Gesellschaft der Menschenfreunde,
-um Ihnen das allgemeine Bedauern über diese Anklage auszusprechen,
-die zwar amtlich genügend begründet war, aber deren augenscheinliche
-Unhaltbarkeit schließlich sogar der Herr Staatsanwalt zugab. Sie dürfen
-davon durchdrungen sein, daß niemand in den maßgebenden Kreisen bei
-Ihrer stets betätigten Menschenliebe einen anderen Ausgang erwartet
-hatte, und daß die Untersuchung der Leichenreste Ihrer verewigten Frau
-Tante lediglich als Formalität, wie sie die Rechtspflege unvermeidlich
-erfordert, vorgenommen werden mußte. Es stand wohl jedem von vornherein
-fest, wenigstens jedem Wohlgesinnten, daß das Gift nicht mehr entdeckt
-werden konnte -- das heißt, ich wollte natürlich sagen: überhaupt nicht
-entdeckt werden konnte
-
-+Präsident+
-
- (sehr rasch)
-
-Überhaupt natürlich --
-
-+Christian Wach+
-
- (sehr langsam)
-
-Überhaupt -- -- Ich danke verbindlichst, Herr Oberbürgermeister. Darf
-ich nicht bitten, Platz zu nehmen?
-
-+Präsident+
-
-Es tut mir außerordentlich leid, aber meine Zeit ist heute gemessen.
-(_Sich verbeugend_) Ich empfehle mich, Herr Geheimer Rat.
-
-+Christian Wach+
-
- (ebenso)
-
-Ich empfehle mich, Herr Präsident.
-
-+Präsident+
-
-Begleiten Sie mich, Herr Oberbürgermeister?
-
-+Bürgermeister+
-
-Ich habe noch eine Kleinigkeit mit dem Herrn Geheimrat zu erörtern.
-
-+Präsident+
-
-Also auf Wiedersehn, meine Herrn -- (_er verbeugt sich nochmals, geht
-ab_) -- --
-
-+Bürgermeister+
-
-Ich möchte mich nur in aller Kürze -- doch ich bitte zunächst um
-Entschuldigung: Sie werden sich hoffentlich nicht verletzt gefühlt
-haben, weil ich vorhin ein wenig im Ausdruck fehlgriff --
-
-+Christian Wach+
-
- (lächelnd)
-
-O, wie dürfte ich mich verletzt fühlen -- nach allem, was geschehen ist
--- da Sie es doch so aufrichtig meinten --
-
-+Bürgermeister+
-
-Ja, dessen dürfen Sie sich versichert halten; aufrichtig, verehrter
-Herr Geheimrat! Und deshalb -- (_da Christian Wach auf die Stühle
-weist_) nein danke, ich will mich wiegesagt nur in aller Kürze
-erkundigen --: Wenn es Ihnen etwa erwünscht sein sollte, daß Ihr
-mißliebiger Verwandter, der zwar in amtlicher Eigenschaft, aber
-offensichtlich nur aus Feindseligkeit gegen Sie vorgegangen ist, aus
-seinem Amte entfernt werde, dann will ich Ihnen diese Genugtuung gern
-bei dem Herrn Polizeidirektor erwirken.
-
-+Christian Wach+
-
-Sehr freundlich, Herr Oberbürgermeister. Aber ich bitte Sie „sich
-versichert zu halten“: mein Vetter handelte nur aus dem Pflichtgefühl,
-das eine Eigentümlichkeit unsrer (_lächelnd_) etwas starrköpfigen
-Familie ist.
-
-+Bürgermeister+
-
-Nun, ich meinte blos: wenn sein Aufenthalt hier, in unserer traulichen
-Residenzstadt, Ihnen jetzt vielleicht unliebsam aufstoßen sollte: eine
-zeitweilige Strafversetzung würde ihm ohnehin wohl gebühren für seinen
-fruchtlosen Übereifer.
-
-+Christian Wach+
-
- (lächelnd)
-
-Also hätte er doch vielleicht fruchten können? -- Nein, im Ernst,
-ich bitte sogar inständig, meinem Vetter jegliche Gunst zuzuwenden,
-die seine Vorgesetzten ihm zollen würden, wenn er nicht zufällig
-+mich+ beamtseifert hätte. Es wäre mir wirklich sehr unliebsam,
-wenn man ihn grade mir zuliebe für eine Verdächtigung strafen wollte,
-die sein Beruf ihm aufnötigte, und die anfangs -- nicht wahr, ich irre
-wohl nicht -- auch andern eifrigen Amtspersonen und Menschenfreunden
-begründet erschien. Er ist gestraft genug durch den Mißerfolg; nicht zu
-reden von dem Erbschaftsverlust, den er einst durch mich erlitten hat,
-wenn auch nur wegen seines eigenen Starrsinns.
-
-+Bürgermeister+
-
-Ich bewundre die Selbstlosigkeit, Herr Geheimrat, mit der Sie nach
-dieser herben Erprobung Ihrer mitmenschlichen Gefühle die Angelegenheit
-ins Auge fassen. Und ich darf mich also der Hoffnung hingeben, Sie
-werden auch unserm Gemeinwesen gegenüber Ihre rühmlichst bekannte
-Gesinnung nach wie vor betätigen?
-
-+Christian Wach+
-
-In der Tat, ich werde nach Kräften versuchen, mich auch fernerhin zu
-betä-hähähätigen -- (_sich an die Kehle fassend_) Verzeihung, mein
-Nervenübel meldet sich wieder. -- Aber wollen wir uns nicht doch lieber
-setzen? Vielleicht ein Gläschen Wein gefällig? Denn Sie lieben doch die
-geselligen Freuden.
-
-+Bürgermeister+
-
-O danke, danke, bedaure aufrichtig; muß mich heute leider besonders
-beeilen. Aufrichtig, verehrter Herr Geheimrat! -- Also wiegesagt, um
-mich kurz zu fassen: ich wünsche allseitige Wiederherstellung unseres
-guten Einvernehmens und Ihrer so wertvollen Gesundheit. (_Er verbeugt
-sich würdevollst._)
-
-+Christian Wach+
-
-Ich werde wiegesagt bestrebt sein -- (_er verbeugt sich etwas weniger
-und läßt den Bürgermeister hinausgehn, ohne ihm das Geleit zu geben;
-sinkt dann in den Lehnstuhl und nickt vor sich hin_) -- -- „Aufrichtig,
-verehrter Herr Geheimrat“ -- -- (_es klopft, die alte Anne erscheint_)
---
-
-+Anne+
-
-Kann der Herr Justus jetzt eintreten?
-
-+Christian+
-
-Natürlich. Weshalb fragst du erst?
-
-+Anne+
-
-Soll ich den Wein gleich mitbringen?
-
-+Christian+
-
-Du sollst tun bitte, was ich dir sagte. Ich werde schon rufen, wenn’s
-an der Zeit ist. (_Anne geht -- Justus erscheint; tritt zögernd näher,
-bleibt halbwegs stehen_) -- -- Nun? diesmal ohne Aktenmappe? -- Sehr
-liebenswürdig; bitte setz dich. (_Während Justus an den Tisch tritt_)
-Willst dich wohl teilnehmend erkundigen, wie mir der Spaß bekommen ist?
-
-+Justus+
-
-Ich muß deinen Spott leider hinnehmen, Vetter; oder vielmehr, ich nehme
-ihn gern hin. Ich habe das ehrliche Bedürfnis, dich um Verzeihung zu
-bitten für die Kränkung, die ich dir leider antat in meinem blinden
-Haß. Die alte Anne hatte ganz Recht: schließlich sind wir doch
-Blutsverwandte.
-
-+Christian+
-
-Ich habe schon soviel Ehrlichkeit heut genossen, daß ich dir auch die
-deine verzeihe. Also nochmals: nimm endlich Platz.
-
-+Justus+
-
- (setzt sich links des Tisches)
-
-Ich begreife deine mißtrauische Laune. Aber sie kann mich nicht
-hindern, dir zu bekennen, daß sich meine Meinung über deinen Charakter
-von innerstem Grund aus geändert hat. Du hast mich entwaffnet -- ganz
-und gar -- bis unter die nackte Haut sozusagen -- sodaß ich mich vor
-mir selber schämte --
-
-+Christian+
-
-Armer Vetter, wie stockend du redest; du hast dich wieder mal gut
-präpariert. Beruhige dich: ich werde dir’s nicht vergessen, wenn ich
-nächstens mein Testament neu verfasse. Oder brauchst du gleich einen
-Vorschuß drauf?
-
-+Justus+
-
-Ich muß mir’s gefallen lassen, wenn du mich demütigst; aber du brauchst
-es nicht noch mehr zu tun, als ich es wahrlich selbst schon tat. Es
-ist mir nicht leicht geworden, Christian, mich dermaßen zu überwinden,
-daß ich einem Menschen Abbitte leiste, den ich glaubte verachten zu
-dürfen. Ich hab’s mir natürlich überlegt, und weiß alles, was du mir
-einwenden kannst; aber mir deucht, auch du könntest wissen, nach meinem
-ganzen Verhalten bei dieser Erbschaftsgeschichte, daß ich es nicht aus
-Berechnung tue.
-
-+Christian+
-
-Nein, du bist ja Justus, auf deutsch der Gerechte. Nun, es freut
-mich ehrlich, wenn du erkannt hast, daß die Rachsucht ein schlechtes
-Geschäft ist; man verrechnet sich leicht, wenn man gar zu eifrig ist.
-
-+Justus+
-
-Ich gebe zu, ich wollte mich rächen. Aber ich glaube, ein Mensch wie du
-wird es menschlich verstehen können, daß ich mich einigermaßen gereizt
-dazu fühlte. Und jedenfalls: ich bereue es jetzt.
-
-+Christian+
-
-Ja, das Lebensgeschäft macht uns alle mürbe, selbst den schneidigsten
-Rechenmeister.
-
-+Justus+
-
-Du legst mir wirklich falsche Beweggründe unter.
-
-+Christian+
-
-O, jeder rechnet auf seine Weise, auch wer die Erbschleicher glaubt
-„verachten zu dürfen“. Du stößt wohl jetzt auf allerlei Schwierigkeiten
-in deiner amtlichen Regeldetri?
-
-+Justus+
-
-Es schmerzt mich um Deinetwillen, Christian, daß du dich boshafter
-stellst, als du bist. Oder fühlst du mir’s in der Tat nicht an, daß
-auch ich aus reiner Wahrheitsliebe meine menschliche Schwachheit
-bekenne? Ich +kann+ dich nicht für so fühllos halten; jetzt nicht
-mehr, du hast mich überwältigt. Dein letztes Bekenntnis vor Gericht hat
-mich ergriffen wie noch nichts im Leben.
-
-+Christian+
-
-Aber dann gönne mir doch den reinen Triumph, den meine
-Selbstbeherrschungskunst -- „man könnte auch sagen: Verstellungskunst“
--- über deine Schwachheit errungen hat. Nicht wahr, auf diesen
-ehrlichen Kunstgriff war deine Menschenkenntnis nicht vorbereitet?
-Ja ja, lieber Vetter, sie ist nicht so einfach, die Algebra der
-Verbrecherseele.
-
-+Justus+
-
-Du wirst mich nicht irre machen mit deinen Scherzen. Ich werde nicht
-aufstehn von diesem Stuhl, bis du mir die Hand zur Verzeihung reichst,
-meinethalben auf Nimmerwiedersehn. Ich traue dir nicht die kleinliche
-Rachsucht zu, daß du die einzige Genugtuung ablehnen wirst, die ich dir
-in meiner erbärmlichen Lage, der Besiegte dem Sieger, noch bieten kann.
-
-+Christian+
-
-O, du kannst noch allerlei von mir lernen, sogar im
-Satisfaktions-Comment. Ich gebe dir zum Beispiel den guten Rat, deine
-Rache nicht auf die lange Bank zu schieben; es ist dir schon einmal
-schlecht bekommen. Hättest du im Sommer nicht vier Wochen gewartet,
-um mir die scherzhafte Überraschung zu meinem Geburtstag zu bereiten:
-wer weiß, ob du jetzt der Besiegte wärest. Einem simpeln Kommerzienrat
-hätte man eher die Maske des Menschenfreunds abgerissen, als einem
-Ehrenbürger und Kronordensritter; die Behörden konnten es doch nicht
-wünschen, durch meine Verurteilung mit-ba-blamiert zu werden. Also
-lieber Justus, ich rate dir nochmals, deine geheimpolizeilichen
-Gerechtigkeitspläne nicht aus gar zu langer Hand weiter zu spinnen; du
-verwickelst dich sonst im eigenen Netz.
-
-+Justus+
-
- (aufstehend)
-
-Wenn du mich durchaus wegjagen willst: nun gut, du kannst es, dann sind
-wir quitt! Dann bist du +nicht+ der hochherzige Dulder, vor dem
-ich mich endlich beugen wollte! Dann bist du wirklich vom Fluch des
-Reichtums so bis ins Mark zuschanden gequält, daß du überall nur noch
-Schmarotzer witterst!
-
-+Christian+
-
-Dann bin ich der ehrlose Knecht meines Geldes, der nicht geduldig zum
-Pranger geschleift sein wollte! (_Gleichfalls aufstehend_) Dann bin ich
-der verworfene Heuchler, der nicht die gnädige Hand drücken will, die
-ihn dem Schandmaul des Pöbels p-preisgab! Dann bin ich der Schurke, der
-argwöhnische, der aus all die w-wohlfeilen Worte höhnt, womit wir unsre
-Untat beschönigen! Dann -- ah: (_taumelnd_) hahahalt mich, Justus: das
-Herz!
-
-+Justus+
-
- (ihm beispringend)
-
-Verdammt ja, was ist --?
-
-+Christian+
-
-Laß -- es geht schon vorüber. -- (_Sich setzend_) Es war
-nur ein kleines Erinnerungszeichen -- (_lächelnd_) an meine
-Selbstbeherrschung, weißt du. Laß dich’s nicht kümmern, setz
-dich wieder. -- (_Da Justus zögert_) Was äffst du uns beide mit
-Großmutsgrimassen. Du mußt doch merken, wie gern ich mich aussprechen
-möchte; du bist doch sonst ein witziger Mensch. Also setz dich; hier
-hast du meine Hand.
-
-+Justus+
-
-Ich dank dir -- (_gibt ihm die Rechte_)
-
-+Christian+
-
- (ihn fixierend)
-
-Ich +trau+ dir! -- Nun? Was zuckst du zurück? --
-
-+Justus+
-
-Du bist mir unheimlich, Christian --
-
-+Christian+
-
-Hahaherrlich! Siehst du, wie ich mich freue! das war doch endlich ein
-ehrliches Wort! -- Aber im Ernst: hast du wirklich nicht gemerkt, wie
-ich brenne auf eine Aussprache, eine wirklich vertrauliche Aussprache,
-nach meiner unfreiwilligen Einsamkeit? Mit der alten Anne, so redlich
-sie ist, kann man doch blos das Einfachste reden; und andre Freunde hab
-ich ja nicht. -- (_Es klopft, und Anne tritt mit dem Sanitätsrat ein_)
--- Ah, lieber Geheimrat, alter Freund, nett daß Sie auch auf den Busch
-klopfen kommen; ich fühle mich recht behaglich heute (_er weist auf die
-Stühle neben sich_).
-
-+Sanitätsrat+
-
- (hinter dem Tisch Platz nehmend)
-
-Kann mir’s denken, verehrtester Herr Kollege von der finanziellen
-Fakultät; traf eben den Bürgermeister, gratuliere -- (_sich
-verneigend_) zu der neuen Würde und Würdigung. Ist ja ein wahrer
-Triumph der Gerechtigkeit; schade, daß Sie keine Zeitungen lesen.
-Die ganze Presse singt Ihnen Hosianna; selbst die Sozi blasen ins
-Jubelhorn. (_Zu Justus, der stehen geblieben ist_) Ich genier Sie doch
-nicht, Herr (_gedehnt_) Polizeikommissar --?
-
-+Justus+
-
-Keineswegs, Herr Geheimer Sanitätsrat; ich wollte mich ohnehin
-empfehlen. Ich kam nur her, um meinem Vetter die gebührende Abbitte zu
-leisten.
-
-+Christian+
-
-Nein, Justus, das darfst du mir jetzt nicht antun; ich muß dich
-tatsächlich noch etwas fragen.
-
-+Sanitätsrat+
-
-Dann nichts für ungut, Herr Leutnant, Sie kennen mich ja; (_ihm mit
-komischer Würde die Hand hinstreckend_) es irrt der Mensch, solang es
-geht --
-
-+Christian+
-
-Also bitte, im Ernst: Versöhnungsfeier -- (_Justus gibt lässig dem
-Sanitätsrat die Hand und setzt sich wieder links des Tisches_). Bitte,
-Anne, du weißt ja (_sie nickt, geht hinaus_) -- ich danke dir, Justus.
-
-+Sanitätsrat+
-
-Aber Sie haben’s zu kalt hier im Zimmer; für Ihren Körper ist Kälte
-jetzt Gift! (_Christian zuckt ein wenig zusammen._) Ah Pardon, das
-verflixte Prozeßwort; man wird es garnicht mehr los aus den Ohren, alle
-Zeitungen wimmeln von Vergiftungs-Wortspielen. Für einen Medizinmann
-recht amüsant; ich darf doch ruhig davon reden?
-
-+Christian+
-
-O bitte -- (_lächelnd_) seh ich denn unruhig aus?
-
-+Sanitätsrat+
-
-Na, Verehrter, nur keine Fisimatenten; Ihre Ruhe ist mir nicht ganz
-geheuer. (_Inzwischen ist Anne zurückgekommen, setzt eine Platte mit
-Gläsern und Weinflasche auf den Tisch._)
-
-+Christian+
-
-Nun, dann wollen wir heizen, meine Herrn. Bitte, Anne, schänk ein
-
-+Sanitätsrat und Justus+
-
-Nein danke -- danke -- (_strecken gleichzeitig rasch die Hand zur
-Abwehr_) --
-
-+Christian+
-
-So enthaltsam auf einmal? Nun, Anne, dann mir nur. (_Lächelnd_) Es ist
-wirklich kein Gift drin, meine Herrn.
-
-+Sanitätsrat+
-
-Aber Bester, empfindlich --? Na, Schwester Anne, dann sein Sie mal auch
-zu mir barmherzig (_er läßt sich gleichfalls einschänken_) --
-
-+Christian+
-
-Justus --?
-
-+Justus+
-
-Ich bin’s zwar nicht mehr gewohnt vormittags. Aber --
-
-+Anne+
-
- (nachdem sie auch ihm eingeschänkt)
-
-Ist gern geschehen, Herr Justus.
-
-+Sanitätsrat+
-
- (während Anne hinausgeht)
-
-Also dann, mein teuerster Herr Patient: wie gesagt, es lebe die
-Herzensbewegung! -- (_Sie stoßen gemessen an und trinken_) -- Denn wie
-gesagt: Ihre Ruhe gefällt mir nicht, kommt mir nach all dem Traraa
-etwas unheimlich vor. Hatte eigentlich von der vertrackten Affäre eine
-Art Nervenbelebung für Sie erwartet. Drückt Sie vielleicht ein geheimer
-Schmerz? Das heißt, verstehen Sie recht, ich meine: irgend ein Groll,
-ein verbissener Kummer? Nur nichts in sich fressen, Verehrter! Trinken
-Sie öfters ein Gläschen Champagner und sprechen Sie sich mit jemand
-aus, wenn die Geschichte Sie immer noch wurmt.
-
-+Christian+
-
-Ha-hörst du’s, Justus: ich soll mich gesund beichten! Vor Gericht, das
-genügte noch nicht! Also klopf mir mal gründlich aufs Gewissen!
-
-+Sanitätsrat+
-
-Spotten Sie nur, das ist gut gegen Blutstockung; der Herr Vetter wird’s
-Ihnen nicht verargen. Wir müssen uns hüten, Verehrter, vor Apoplexie!
-Und bei Neurosen, so rätselhaft wie die Ihre, kann Herzenserleichterung
-Wunder tun. War mir schon im Prozeß höchst intressant, daß Sie
-plötzlich nicht mehr zu stottern brauchten. Also nochmals: nur keine
-Mördergrube!
-
-+Christian+
-
- (Justus zutrinkend)
-
-Haha-Heil dir also, du Wundertäter! -- Aber, mein lieber Geheimrat,
-was reizt Sie blos, daß Sie mich durchaus gesund machen wollen? Meine
-Krankheit ist doch viel intressanter.
-
-+Sanitätsrat+
-
-Na, erlauben Sie, Bester, bedenken Sie: ich bin doch immerhin
-Vorstandsmitglied der Gesellschaft der Menschenfreunde! Jahresbeitrag
-fufzig M, ungerechnet die Liebesmähler! -- (_Er trinkt aus und steht
-eilfertig auf_) Also wohl bekomm’s, meine Herrn; mehr als guten
-Rat kann ich leider nicht geben -- (_verbeugt sich lächelnd, geht
-händereibend ab_) -- --
-
-+Christian+
-
-Nun, so nachdenklich, Herr Gewissensrat? Trink doch, du sollst mich
-doch animieren!
-
-+Justus+
-
-Auf den neuen Charakter denn, Herr Geheimrat -- (_blickt ihn forschend
-an und trinkt aus_) --
-
-+Christian+
-
- (ihm das Glas wieder füllend)
-
-in der alten Mördergrube, nicht wahr? -- Du dachtest wohl wirklich im
-ersten Augenblick, ich wollte uns alle zusammen vergiften?
-
-+Justus+
-
-Offen gesagt, Vetter, ich würde dir dankbar sein, wenn du einen andern
-Ton zu mir anschlagen könntest. Ich bin vielleicht doch nicht „witzig“
-genug, um über derlei Scherze zu lachen.
-
-+Christian+
-
-Und wenn’s nun keine Scherze wären? Wenn ich nun doch vielleicht
-gemordet hätte, noch viel planmäßiger, als du dachtest? Wenn (_nach
-dem Porträt weisend_) der Schlaganfall meines Opfers kein Zufall war,
-sondern von mir herbeigeführt, um auf alle Fälle sicher zu gehn? Bist
-du noch garnicht auf den Einfall gekommen, daß man Wutanfälle künstlich
-bewirken kann?
-
-+Justus+
-
-Es scheint, du gefällst dir in der Rolle des skrupellosen Übermenschen.
-Du solltest mit solchen Gedanken nicht spielen in deinem überreizten
-Zustand. Du kannst dich doch unmöglich wohl dabei fühlen.
-
-+Christian+
-
-Meinst du, die menschenfreundlichen Milliardäre, die in Amerika Kirchen
-und Schulen stiften und Krankenhäuser und Volksküchen, die zögen ihre
-Gefühle zu Rate, wenn sie mit ihren Börsenmanövern andere Menschen zu
-Grunde richten? Oder um ein Beispiel zu wählen, das deinem Opfersinn
-näher liegt: hat sich etwa der General Bonaparte, oder irgend ein
-andrer Schlachtenlenker, jemals mit Gewissensskrupeln über M-Massenmord
-abgegeben? Und doch bewundert ihn die christliche Menschheit; genau wie
-den großen Kaiser Karl, der zum höheren Ruhm seines Hahaha-Heilands ein
-ganzes Heer Heiden abschlachtete, oder den edlen Bürger Robespierre,
-der zu Ehren der Freiheit Tausende Mitbürger in den Kerker und aufs
-Schaffott spedierte. Ja, die menschliche Bestie ist sehr beflissen,
-heilige Zwecke zu erfinden, unter deren Nimbus sie sich austoben kann.
-(_Sein Glas hebend_) Trink, lieber Justus, und lerne l-lachen! --
-
-+Justus+
-
- (während Christian trinkt und sich hastig das Glas wieder füllt)
-
-Du könntest dich auch auf Nero berufen, an dessen irrsinnigen
-Greueltaten sich der Pöbel im Kino noch heute entzückt. Trotzdem hält
-jeder anständige Mensch solchen großspurigen Bösewicht im Grunde für
-einen armen Teufel, der in die Besserungsanstalt gehörte.
-
-+Christian+
-
- (auflachend)
-
-Hahahimmlisch! du bist ja ungemein witzig! Wahrhaftig,
-das Alleranständigste wäre, wir gingen +alle+ in die
-Besserungsanstalt; es ist für Hans Jedermann immer noch leichter,
-ein Engel in Menschengestalt zu werden als ein Teufel von
-Übermenschengröße. Aber du trinkst ja garnicht, du M-Menschheitsretter;
-zum Wohl, mein gütiger Beichtvater! (_Er trinkt mit sichtlicher
-Erregtheit._)
-
-+Justus+
-
- (nur kurz Bescheid tuend)
-
-Zum Wohl -- wenn dich die Beichte nicht reut. Vielleicht ist es dir in
-Wahrheit lieber, dich nicht weiter auszusprechen.
-
-+Christian+
-
-Was weißt du von meiner Wahrheit, Mensch! (_Sich mäßigend, starr vor
-sich hin_) Was weiß ich schließlich selber davon.
-
-+Justus+
-
-Beruhige dich; ich will sie nicht wissen.
-
-+Christian+
-
-Wer kann denn die Wahrheit über sich sagen? Das Wahre ist immer nur,
-was man tut!
-
-+Justus+
-
-Ich will auch von deinen Taten nichts wissen. Ich bin durchaus nicht
-darauf versessen, mich in dein Vertrauen zu drängen.
-
-+Christian+
-
- (lächelnd)
-
-Aber du bleibst mit Vergnügen sitzen, weil meine Worte dein M-Mißtrauen
-ködern. Vergiß nicht, es sind blos -- „Gedankenspiele“. (_Er trinkt
-wieder mit merklicher Hast._)
-
-+Justus+
-
-Ich bin geblieben, Christian, weil du mich etwas fragen wolltest.
-Wenn’s dir leid geworden ist, gehe ich gern.
-
-+Christian+
-
-Aber nein, das wirst du mir doch nicht antun, du reuevoller
-Blutsverwandter! Du mußt doch anstandshalber ein bißchen Mitleid
-haben mit meinem „überreizten Zustand“! Natürlich will ich dich etwas
-fragen, sehr viel sogar, du wirst dich wundern! Du mußt doch auch von
-Berufswegen einigen Anteil daran nehmen, wie der verfolgten Unschuld
-zumute ist! Nicht wahr, lieber Vetter, das mußt du doch?
-
-+Justus+
-
-Also --?
-
-+Christian+
-
-Du scheinst es ja garnicht erwarten zu können -- (_er will wieder
-trinken, beherrscht sich aber_). Also: gesetzt zum Beispiel den Fall,
-dir kämen jetzt, nachdem sich dein Urteil über meinen Charakter
-geändert hat -- von Grund aus geändert hat, wie du sagtest, -- da
-käme dir nun ein D-Dokument in die Hand, womit du dem ho-hohohohen
-Gerichtshof den vollen Beweis erbringen könntest, daß ich mich in der
-Tat vor Jahren als Unmensch (_absichtlich_) betäterätätigt habe: was
-würdest du da tun, lieber Justus?
-
-+Justus+
-
-Du wirst doch nicht im Ernst erwarten, daß ich auf solche wahnwitzige
-Frage eine vernünftige Antwort geben soll.
-
-+Christian+
-
-Du meinst, ich würde jetzt nicht mehr ins Zuchthaus, sondern ins
-Irrenhaus gehören? Sehr freundlich, aber das scheint mir falsch; ich
-halte meine Vernunft für recht klar. Doch gesetzt, ich war wirklich so
-irrsinnig, aus allgemeiner M-Menschenliebe einen einzelnen Menschen
-zu morden, dann ist doch Irrsinn noch kein triftiger Grund, einen
-M-Mörder freizusprechen. Das wäre wohl höchstens dann vernünftig, wenn
-+alle+ Irren Mörder wären. Du bist doch jedenfalls der Ansicht,
-mindestens doch von Amtswegen, daß man verbrecherische Gelüste aus der
-Menschheit ausrotten müsse, und daß sich das nur durchsetzen läßt,
-wenn man die Verbrecher bestraft. Warum also einen M-Mörder schonen,
-der zufällig auch noch irrsinnig ist; den müßte man doch erst recht
-bestrafen, damit sich nicht etwa andre Irre ein reizendes Beispiel
-an ihm nehmen. Ja, wär’s noch ein Mammama-Massenmörder, vor dem sich
-die vernünftige Menschheit mit Staunen und Grauen verkriechen könnte!
-Aber ein ganz gewöhnlicher Gelegenheitsmörder: wozu denn den unter die
-Glasglocke setzen? -- Ich glaube, du wirst mir zugeben müssen, daß
-meine überreizten Gedankenspiele ziemlich folgerichtig sind.
-
-+Justus+
-
-Unheimlich richtig -- wie ich gleichfalls schon sagte.
-
-+Christian+
-
- (lächelnd)
-
-Ja, es ist schwer, sich verstehen zu lernen. (_Das Glas hebend_) Zum
-Wohl! so trink doch endlich aus!
-
-+Justus+
-
- (sein Glas mit der Hand bedeckend)
-
-Nein, danke; keinen Tropfen mehr.
-
-+Christian+
-
-Du fürchtest wohl, du lernst mich zu gut verstehen? -- (_Das Glas
-hinsetzend, ohne getrunken zu haben_) Soll ich dich lieber nicht weiter
-fragen?
-
-+Justus+
-
- (lächelnd)
-
-Ich fürchte, du wirst es nicht lassen können.
-
-+Christian+
-
-Sehr wahr! Du fängst wirklich an zu verstehen! -- Also gesetzt, du
-fändest irgend ein Schriftstück, das mein Verbrechen unwiderleglich
-bewiese -- zum Beispiel ein Tagebuch von mir, das ich damals
-geschrieben hätte -- in das ich alles verzeichnet hätte, was mich
-zu der Untat verführte -- in dem ich mir Rechenschaft ablegte, über
-meine Gedanken und Gefühle, vor der Tat und nach der Tat -- wie ich
-mit meinem Gewissen kämpfte, jahraus jahrein, von W-Woche zu Woche --
-wie ich mich prüfte und mich quälte mit meiner scha-hauderhaft klaren
-Vernunft -- wie ich l-langsam die Feigheit überwand, die in unsern
-sittlichen Grundsätzen nistet -- wie ich in allen Gründen und Abgründen
-meiner Seele herumstocherte, um die Gewürme der Angst und Reue, des
-E-Ekels und Dünkels zu zerquetschen -- (_er hat sich krampfig ans Herz
-gegriffen_) --: würdest du jetzt noch w-willens sein, mich auf Grund
-eines solchen Bekenntnisses öffentlich zu brandmarken? --
-
-+Justus+
-
-Aber lieber Christian, nimm’s nicht übel, verzeih mir meine Offenheit:
-das sind ja leere Hirngespinnste. Solch Tagebuch ist doch nicht
-vorhanden, also kann ich es auch nicht finden, also auch zu der Frage
-nicht Stellung nehmen.
-
-+Christian+
-
-Du meinst, weil du’s nicht gefunden hast bei deiner amtlichen
-Haussuchung hier? (_Lächelnd_) Hast wohl gründlichst an den Wänden
-geklopft? zum Beispiel (_nach dem Porträt weisend_) hinter dem Erbstück
-da! -- Nun, vielleicht gibt es doch Verstecke, die selbst einem
-Detektivoffizier ein Buch mit sieben Siegeln sind.
-
-+Justus+
-
- (lachend)
-
-Da kann ich dich gründlichst beruhigen! In der alten Bude, die wir
-von Kindheit an kennen, ist mir kein Blättchen verborgen geblieben,
-geschweige ein ganzes Tagebuch.
-
-+Christian+
-
-Nun, die Mühe hättest du sparen können. Es wäre doch +gar+ zu
-gewöhnlich gewesen, ein solches Beweisstück hier aufzubewahren, wo
-jeder Schnüffler es finden konnte; für einen so harmlosen Bösewicht
-wirst du mich jetzt wohl nicht mehr halten. Aber gesetzt, ich hätte
-es anderswo, an ganz sicherer Stelle, hinterlegt, unter unantastbarem
-Siegel -- zum Beispiel bei irgend einem Notar, oder in der Stahlkammer
-einer Bank, etwa als Anhang zu meinem T-Testament, das erst nach
-meinem seligen Tod gerichtlich geöffnet werden darf --: gesetzt, ich
-hätte meine Erben, zum Beispiel einen gewissen Justus, oder vielleicht
-auch die alte Anne, mit der Erlaubnis betrauen wollen, die Menschheit
-darüber aufzuklären, welch Scheusal dieser M-Menschenfreund war --
-mit welcher kaltblütigen Hihihi-Hinterlist er ein gebrechliches Weib
-umgarnte, wie er ihre Krankheit mit langsamen Reizmitteln nährte,
-ihren zügellos gewordenen Jähzorn bis zur Selbstzerrüttung aufpäppelte
--- wie er ihr schließlich seinen M-Mordplan enthüllte, daß sie vor
-ohn-m-m-mächtiger Wut
-
-+Justus+
-
- (brüsk aufstehend und sich reckend)
-
-Genug! jetzt hab ich genug gehört! -- Ich bedauere meine
-Gutgläubigkeit, ich speie auf deinen frechen Hohn. Du denkst, du bist
-jetzt sicher vor mir; du wirst dich irren, du kennst mich noch nicht!
-Ich werde nicht ruhen, bis du entlarvt bist; keinen Schritt mehr sollst
-du im Leben tun, hinter dem du nicht meine Augen spürst! Bei Tag und
-Nacht, ich werde dir nah sein: dein Doppelgänger, dein Alb, dein
-Gespenst --
-
-+Christian+
-
- (hat sich gleichfalls erhoben, ihm fiebrig in die Augen starrend)
-
-Du wirst mir „von Grund aus“ willkommen sein. Du wirst mir das höchste
-Vergnügen bereiten, nach dem ich im Leben getrachtet habe. Du wirst
-mir tagtäglich den vollen Genuß meiner M-Menschenwürde verschaffen!
-Du wirst mir der Hund sein, der bis zum Irrsinn nach meiner
-Gewissenspfeife tanzt! Du wirst
-
-+Justus+
-
-Ich werde dein Spiegel sein! Du bist ja der bodenloseste Teufel, der
-sich jemals vor sich selber versteckt hat! Ich werde dir endlich einmal
-zeigen
-
-+Christian+
-
-dein wahres Antlitz! nicht wahr? ha-ha-hah! -- Ist +das+ deine
-Reue, du „anständiger Mensch“?! +Kenn+ ich dich jetzt, du
-ehrlicher Vetter?! Ich kann dir noch mehr Verbrechen vorlügen, um
-dein M-Mitgefühl zu befriedigen! Ich sollte wohl gleich vor Rührung
-zerschmelzen ob deiner edlen „Gutgläubigkeit“? Hahahimmlisch, du
-entlarvter Engel, du Cherub der Gerechtigkeit! Hab ich dir „endlich
-einmal“ ins Herz geleuchtet? in die M-Mördergrube -- hha-ha-ha -- ah --
-(_sein Gelächter schlägt um in einen Wehlaut, er greift in die Luft und
-bricht zusammen_) --
-
-+Justus+
-
- (beugt sich über den Tisch vor, mit beiden Fäusten aufgestemmt,
- betrachtet kalt den Ohnmächtigen)
-
--- Diesmal scheint’s echt; -- du traust dir zuviel zu, Bursche. -- (_Er
-geht langsam zur Tür, öffnet, ruft_) Schwester Anne! -- (_Er zieht
-seine Taschenuhr, überlegt_) --
-
-+Anne+
-
-Was ist? (_Erschreckend_) Um Gottes willen -- (_sie eilt an den
-Lehnstuhl, nimmt Christians Kopf in den Arm, lockert ihm Kragen und
-Halsbinde_)
-
-+Justus+
-
- (an der Tür bleibend)
-
-Dem Herrn ist der Wein wohl zu stark gewesen; ich werde den Sanitätsrat
-holen. Und den Notar; wie heißt er doch gleich?
-
-+Anne+
-
-Welcher Notar? Ich weiß ihn nicht. Der Herr sagt mir nichts von seinen
-Geschäften.
-
-+Justus+
-
-Nun, dann nachher; auf bald, Schwester Anne. Wir müssen dem Herrn jetzt
-ein bißchen beistehn; wir wollen nachher darüber sprechen.
-
-+Anne+
-
-Gewiß, Herr Justus, das wollen wir.
-
-+Justus+
-
-Also auf bald!
-
-+Anne+
-
-Auf bald, Herr Justus. -- (_Nachdem Justus gegangen ist, leise_) Vater,
-hilf deinen schwachen Kindern -- --
-
- (Vorhang)
-
-
-
-
-Dritter Akt
-
-
-+Christian Wach+
-
- (sitzt im Lehnstuhl hinter dem Mitteltisch, den Unterkörper in
- schwarze Decken gehüllt. Vor ihm liegen Geschäftspapiere, in denen
- er blättert und Zahlen nachrechnet, in der linken Hand einen
- Bleistift haltend. Man sieht, sein rechter Arm ist gelähmt, hängt
- in einer schwarzen Binde. Seine Stimme klingt untergraben.)
-
--- -- Also noch knappe neun Millionen -- (_den Bleistift hinlegend_)
-es geht zu Ende, Christian Wach. -- (_Sich mühsam nach dem Porträt
-umwendend_) Deine Schatzgrube ist bald leer, alter Drachen! -- (_Hand
-aufs Herz legend, schwer vor sich hin_) Und die Mördergrube wird immer
-voller -- --
-
-+Die alte Anne+
-
- (tritt in die Tür, ein winziges, aber sorgsam geschmücktes
- Weihnachtsbäumchen auftragend)
-
-So, Herr Christian, damit Sie doch merken, daß uns heute der Heiland
-geboren ist -- (_vor ihn hintretend_) der Erlöser, lieber Herr
-Christian! -- (_Das Bäumchen auf den Tisch stellend_) Gelt, ich darf es
-heut Abend uns anzünden; zu Heilig-Abend ist das keine Verschwendung.
-
-+Christian+
-
-Das hast du doch früher nicht getan. (_Lächelnd_) Du denkst wohl, jetzt
-bin ich hilflos genug, daß du mir neue Lichter aufstecken kannst?
-
-+Anne+
-
-Ja, ich hätt mir schon eher ein Herz fassen solln. Wir sind allesamt
-hilflos genug.
-
-+Christian+
-
-Besonders wenn wir’s uns einreden lassen. Ich halte mich lieber an das
-Sprichwort: hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Das ist auch für die
-Gottlosen brauchbar.
-
-+Anne+
-
-Es gibt noch ein ander Sprichwort, Herr Christian: Gott verläßt die
-Seinen nicht. Und mancher ist sein, der’s nicht wahr haben will.
-
-+Christian+
-
-Wenn ich nicht wüßte, wie gut du’s meinst, könnt ich glauben, du dankst
-deinem Gott im stillen, daß er mich damals nach meiner Freisprechung
-(_auf seinen rechten Arm deutend_) mit dem Schlaganfall begnadet hat.
-
-+Anne+
-
-Seine Wege sind nicht die unsern.
-
-+Christian+
-
-Schon recht, schon recht; ich kenn deine Standreden. (_Auf den Stuhl
-zu seiner Linken weisend_) Komm, setz dich lieber, ich muß dir was
-sagen. Aber stell erst das Bäumchen einstweilen beiseite, sonst vergeht
-mir bis Abend die Freude daran. (_Während Anne es auf den Bücherbord
-trägt_) Ich habe gestern mit dem Notar mein Testament ins Reine
-gebracht (_er berührt die Papiere, schüttelt sich unwillkürlich_)
--- aber leg noch bitte etwas Holz aufs Feuer. Und wenn nachher der
-Minister kommt, legst du nochmals ein bißchen nach. Hat er nicht
-m-melden lassen, worum sich’s handelt?
-
-+Anne+
-
- (ein paar Scheite in den Kamin legend)
-
-Es wird halt wegen der neuen Stiftung sein; die Grundsteinlegung der
-Radioklinik.
-
-+Christian+
-
-Nein, das hab ich mir schon verbeten, daß sie auf meinen Namen getauft
-wird. Also komm jetzt, wir wollen uns aussprechen.
-
-+Anne+
-
- (sich setzend, ihm in die Augen blickend)
-
-Ja, wenn Sie das wollten, Herr Christian --
-
-+Christian+
-
-Willst du mich wieder aufregen, Anne? Das kannst du dem Justus
-überlassen! -- Er hat sich wohl jetzt mit dir verschworen, meine werte
-S-Seele zu retten? Seitdem er hier mit im Hause wohnt, wird er von Tag
-zu Tag christlicher.
-
-+Anne+
-
-Auch der Herr Justus meint’s gut auf seine Weise.
-
-+Christian+
-
-Gewiß, versteht sich; und ich lohn’s ihm auf meine. Das eben will ich
-mit dir besprechen.
-
-+Anne+
-
-Wenn Sie’s aber doch aufregt! grad immer das! Immer wieder diese
-unselige Erbschaft, diese Sorge um den morgigen Tag. Und grad zum
-Christfest; es hat doch Zeit.
-
-+Christian+
-
-Nein, Anne, mit meiner Zeit ist’s bald aus; kannst ruhig darüber reden
-mit mir. Meinst du, ich fürchte mich vor dem T-Tod? Was tut’s denn, ein
-bißchen früher zu sterben, als es ohne die Sorge vielleicht geschähe.
-Was heißt denn sterben? +keine+ Sorgen mehr haben! Kann man sich
-davor fürchten im Leben? Kann man das überhaupt begreifen? Ich kann
-meinen Tod mir nicht vorstellen.
-
-+Anne+
-
-Ja: sie +will+ nit sterben, die ewige Seel --
-
-+Christian+
-
-Kommst du schon wieder mit deiner Gottesfurcht? Versteh doch, ich habe
-andere Sorgen!
-
-+Anne+
-
- (seine Linke streichelnd)
-
-Nicht Furcht, nicht Furcht: Gott will Vertrauen. Furchtbar ist blos die
-menschliche Selbstsucht.
-
-+Christian+
-
- (lächelnd)
-
-Dann sei also selbstlos und hör mir zu. (_Ein Schriftstück aus den
-Papieren nehmend_) Hier ist mein Vermögen drin verzeichnet. Es sind,
-nach Abzug aller Unterhaltsgelder für die bestehenden Stiftungen, noch
-etwa neun Millionen Mark. Davon habe ich drei dem Justus vermacht; den
-Rest, wenn du nichts dagegen hast, Dir.
-
-+Anne+
-
-Aber --
-
-+Christian+
-
-Laß mich erst ausreden, bitte. Du kannst damit machen, was du willst;
-kannst den Plunder verschenken, an wen du willst, meinethalben an den
-verkommensten Strolch. Nur die eine Bedingung ist dir gestellt: keinen
-Pfennig mehr darfst du für irgend eine dieser öffentlichen A-Anstalten
-stiften, die unter der Maske des Samariterdienstes eine Gesellschaft
-von Pharisäern züchten. Denn daß du’s nur weißt, liebe alte Anne:
-ich will dich nicht in Versuchung führen, ob deine Barmherzigkeit
-+auch+ am Ende in die allgemeine Herzlosigkeit umschlägt, die sich
-M-Menschenfreundlichkeit nennt. Selbst das größte Gefühl wird klein,
-wenn es sich aufputzt mit großen Begriffen; ein bißchen Güte von Mensch
-zu Mensch ist besser als alle Liebe zur Menschheit.
-
-+Anne+
-
-Das sagen Sie blos wieder, um sich zu quälen. Der gute Wille ist
-allzeit heilig.
-
-+Christian+
-
-Wenn du also einverstanden bist, dann liegt es auch in deiner Hand,
-das Vermächtnis an Justus größer zu machen. Ich möchte mit ihm nicht
-darüber sprechen, und ich bitte auch dich inständig, es nicht vor
-meinem T-Tode zu tun; er denkt sonst, ich wolle ihn bestechen, und
-das würde die Versöhnung erschweren, die ich noch von ihm zu erlangen
-hoffe. Also nicht wahr, du schweigst darüber!
-
-+Anne+
-
-Ja gewiß, Herr Christian, gern.
-
-+Christian+
-
-Du kannst dir ja immer überlegen, ob es vielleicht ein christliches
-Werk ist, ihm mehr als die drei Millionen zu geben, die er vor Jahren
-von mir verlangt hat; meinethalben das Doppelte.
-
-+Anne+
-
-Was ist da groß zu überlegen? Was braucht ein einzelner Mensch soviel
-Geld? Es lädt ihm blos Ängste auf die Seele. Sie, Herr Christian,
-hätten’s auch leichter gehabt, wär nit die große Erbschaft gewesen.
-
-+Christian+
-
- (lächelnd)
-
-Du fühlst dich wohl nicht als „einzelner Mensch“?
-
-+Anne+
-
- (lachend)
-
-O, ich leichte Person! bei mir bleibt’s nit lang! Hier in der Näh gibts
-’ne ganze Straße, da konnt man in einer Nacht die Millionen los werden,
-damit das geschminkte Elend mal ein rechtschaffen Christfest feiern
-kann.
-
-+Christian+
-
-Du hast’s ja gut vor; gib nur Acht, daß dir die Lichter nicht den Baum
-verbrennen. Glaub mir: was der Mensch auch tun mag aus Mitleid, es ist
-nie genug und immer zuviel. Du wirst vielleicht noch zufrieden sein,
-daß du dem Justus die Sorge aufpacken kannst, wie man das Geld am
-besten los wird.
-
-+Anne+
-
-Davor ist mir nit bang, dafür sorgt unser Herrgott; ist eitel Dunst
-um jegliche Guttat, die seine Welt verbessern will. Einfach wohltun,
-soviel man kann, aus +Freud+ am Wohltun, mehr kann man nit. Was
-würd denn der stolze Herr Justus sagen, wollt ich vor ihn hintreten und
-ihm was schenken? Nein, das geht nit; dem kann ich das nicht antun.
-
-+Christian+
-
- (langsam nach ihrer Hand tastend)
-
-Verzeih mir, Anne -- ich hab dich zu spät erkannt -- --
-
-+Anne+
-
-Und wenn’s noch Zeit wär, Herr Christian -- die andere Sorge auch los
-zu werden --?
-
-+Christian+
-
- (sich aufraffend, rauh)
-
-Was soll das! Laß das! Ich sagte: zu spät!
-
-+Anne+
-
- (seine Linke mit beiden Händen ergreifend)
-
-Ich hab geschwiegen so viele Jahr lang, ich werd schweigen darüber bis
-ans Grab: sprechen Sie aus, was Ihnen das Herz abdrückt!
-
-+Christian+
-
-Sei vernünftig, Anne, reg mich nicht auf! (_Lächelnd_) Du weißt, das
-verträgt der Geheimrat nicht.
-
-+Anne+
-
-Ich bitt Sie, Herr Christian, liebster Herr: spotten Sie nicht, ich
-fleh Sie an! (_Zu ihm hinknieend_) Ich hab noch nie vor einem Menschen
-gekniet -- ich beschwör Sie bei Ihrer Qual -- (_mit beiden Händen nach
-dem Porträt weisend_) bei den Augen, die Sie verfolgen --: nehmen Sie
-nicht das Geheimnis mit hinüber!
-
-+Christian+
-
-Steh auf! du beschämst mich! Ich d-dulde das nicht! Der Justus hat dich
-ganz wirr gemacht! Steh auf, sag ich dir, du machst mich zuschanden!
-Willst du mir +noch+ einen Schlaganfall einjagen?
-
-+Anne+
-
-Ich will Ihrer armen Seele beistehn! Die macht’s ja nur, daß der Körper
-büßt!
-
-+Christian+
-
- (wild seine Linke gen Himmel spreizend)
-
-Ist denn selbst die Barmherzigkeit eine Furie?! -- (_Die Hand auf
-Annens Kopf senkend, sanft_) Was weißt du von meiner Buße, du Engel.
-Steh auf, du überhebst dich vor Demut. (_Die Hand an seine Stirn
-legend_) In dies Geheimfach dringt nur der Tod. (_Draußen elektrisches
-Klingelzeichen, während Anne sich erhebt_) -- Geh, öffne; (_matt ihre
-Hand ergreifend_) du hast mir wohlgetan --
-
-+Anne+
-
- (küßt seine Stirn, dann mit traumhaftem Ausdruck)
-
-Denn uns ist heute der Heiland erschienen -- (_legt beglückt ihre Hände
-vor die Brust und geht so leise nickend hinaus_) -- --
-
-+Christian+
-
- (wendet sich langsam nach dem Porträt um)
-
-Verfolgst du mich wirklich noch?! -- (_Wendet sich langsam zurück,
-schließt die Augen; dann mit verklärtem Gesicht_) Bald nicht mehr -- --
-(_Die Tür geht auf, Anne läßt den Minister und den Oberbürgermeister
-eintreten_) --
-
-+Der Minister+
-
- (mit einer Verbeugung, der sich der Bürgermeister anschließt,
- während Anne Holz in den Kamin legt)
-
-Guten Tag, Herr Geheimer Rat; es tut mir leid, Sie stören zu müssen.
-
-+Christian Wach+
-
-Nicht im geringsten, Euer Excellenz. Wollen Sie nur entschuldigen, daß
-mein Zustand mir nicht erlaubt, den Herren geziemend entgegenzukommen.
-Darf ich bitten, Platz zu nehmen.
-
-+Minister+
-
- (während Anne hinausgeht)
-
-Die Ehrerbietung erfordert zunächst, meinen Auftrag stehend zu
-erstatten. Auf Befehl Seiner Königlichen Hoheit, unsers gnädigsten
-Landesherrn, habe ich Ihnen, Herr Geheimer Rat, die persönliche
-Eröffnung zu machen: So sehr die Gesinnung zu würdigen ist, aus der Sie
-Ihre Namensverknüpfung mit dem von Ihnen gestifteten radioklinischen
-Institut ablehnen, kann doch des guten Beispiels wegen ein solches
-Geschenk nicht angenommen werden, ohne es durch ein rühmliches Zeichen
-der allgemeinen Erkenntlichkeit zu erwidern. Seine Königliche Hoheit
-haben daher geruht, in der Annahme, daß es Ihnen eine Weihnachtsfreude
-bereiten wird, Sie in den Adelsstand zu erheben; die Urkunde folgt
-heute Nachmittag. (_Sich auf den Stuhl links des Tisches setzend, mit
-lächelnder Unamtlichkeit_) Ich erlaube mir, Herr von Wach, Ihnen ohne
-Phrase zu sagen, daß ich Ihren Dank richtig ausrichten werde.
-
-+Christian von Wach+
-
-Es liegt meinem Selbstgefühl fern, Excellenz, mich gegen ein gütiges
-Wort zu wehren -- (_sie reichen einander unwillkürlich die Hand_).
-
-+Der Bürgermeister+
-
- (ist stehen geblieben, räuspert sich)
-
-Ich bin nicht blos erschienen, Herr Geheimrat von Wach, um Ihnen
-meinen aufrichtigen Glückwunsch zu der soeben vernommenen hohen
-Auszeichnung darzubringen; ich stehe hier zugleich in Vertretung der
-behördlichen Körperschaften unserer Haupt- und Residenzstadt, die
-auf mein sachliches Betreiben, trotz der persönlichen Widerstände
-gewisser starrköpfiger Mitbürger, den weitherzigen Beschluß gefaßt
-haben, zur dauernden Erinnerung an die gemeinnützige Betätigung Ihrer
-unentwegten Menschenliebe ein bedeutsames Merkmal zu errichten, sowohl
-um Ihnen selbst im Gedächtnis künftiger Zeiten und Geschlechter
-Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, als auch um andere Menschenfreunde
-zu gleicher Betätigung anzuleiten. In diesem überpersönlichen Sinne,
-hochzuverehrender Herr Geheimrat, soll Ihr in Öl gemaltes Porträt,
-und zwar von der Hand des bewährten Direktors unserer Kunstakademie,
-in unserem Rathause aufgehängt werden; und in Rücksicht auf Ihre so
-werte Gesundheit, deren baldige Wiederherstellung jeder Wohlgesinnte
-wünschen muß, bitte ich Sie, ihm mitzuteilen, zu welchen Stunden Sie
-ihm in der Festwoche die leider aus künstlerischen Gründen unumgänglich
-erforderlichen Modellsitzungen gewähren wollen.
-
-+Christian von Wach+
-
-Sie dürfen überzeugt sein, Herr Oberbürgermeister, daß ich Ihren
-„weitherzigen Beschluß“ im vollen Umfang zu schätzen weiß, sowohl die
-überpersönliche Gerechtigkeit wie die persönlichen Widerstände. Ich
-meinesteils würde zwar am liebsten ebenso starrköpfigen Widerstand
-leisten; aber da ich nicht mehr kräftig genug zu dieser (_absichtlich_)
-Betäterätätigung bin, so bitte ich dem Herrn Akademiedirektor mit einem
-verbindlichen Gruß zu bestellen, daß er seine Staffelei wohl bald vor
-meiner L-Leiche wird aufschlagen können.
-
-+Bürgermeister+
-
-Ich hoffe, verehrter Herr Geheimrat, Sie werden damit nicht sagen wollen
-
-+Christian von Wach+
-
- (erregt)
-
-Ich will damit sagen, verehrter Herr Ober-b-bürgermeister, daß ich
-nach meinem Tod nicht verhindern kann, der M-Menschheit in Öl serviert
-zu werden; zu meinen L-Lebzeiten bin ich lalala-leider -- (_sich
-zusammennehmend_) für +diese+ „sachliche“ Behandlung meiner
-nebensächlichen Person nicht ganz menschenfreundlich genug.
-
-+Bürgermeister+
-
- (sich in die Brust werfend)
-
-Ich hätte es kaum für möglich gehalten, daß eine so wohlerwogene Ehrung
-auf solche Verkennung stoßen würde. Zu meinem tiefsten Bedauern bleibt
-mir nur übrig, dies der Bürgerschaft zur Kenntnis zu bringen; und
-wenn ich mich jetzt hier verabschieden muß, so geschieht es mit dem
-Bewußtsein, mit dem erhebenden Bewußtsein, daß ich des Beifalls der
-weitesten Kreise in diesem Falle gewiß sein darf. Ich empfehle mich
-Euer Excellenz -- (_der Minister steht auf_) oder falls Sie mich zu
-begleiten gedenken
-
-+Christian von Wach+
-
-Darf ich wohl bitten, Excellenz, noch einen Augenblick zu verweilen?
-
-+Minister+
-
-Gern, Herr Geheimrat. Verzeihung, Herr Oberbürgermeister.
-
-+Bürgermeister+
-
-So empfehle ich mich denn wiegesagt -- (_man verbeugt sich gemessen --
-er geht gewichtig ab_) -- --
-
-+Minister+
-
- (indem er sich wieder setzt)
-
-Ich bin zu jeder Vermittlung bereit.
-
-+Christian von Wach+
-
-Es tut keine mehr not, (_lächelnd_) ich bin erledigt. (_Ernsthaft_) Ich
-wollte nur fragen, Excellenz: würden Sie wohl einem Sterbenden eine
-unumwundene Antwort geben?
-
-+Minister+
-
-Soweit das menschenmöglich ist --
-
-+Christian von Wach+
-
-Warum häuft man Ehren auf eine Person, die man doch für schändlich
-hält? Warum p-peinigt man mich mit Gnadenmienen, hinter denen der
-Abscheu grinst?
-
-+Minister+
-
-Die Ehre gilt niemals der Person, stets nur der Sache, der man dient.
-(_Lächelnd_) Das entschuldigt auch die Person, die uns soeben verlassen
-hat.
-
-+Christian von Wach+
-
-Also wir sind alle dazu verdammt, einander Böses zu tun im Kampf um das
-Gute?!
-
-+Minister+
-
-Wenn’s die Sache verlangt -- jeder Sieg kostet Opfer --
-
-+Christian von Wach+
-
-Wo bleibt dann die Grenze zwischen Tat und Untat, Heldentum und
-Verbrechertum? Was berechtigt uns, Andre zu opfern?
-
-+Minister+
-
- (diskret ihm huldigend)
-
-Wohl was uns verpflichtet, uns selbst zu opfern. (_Aufstehend_) Wem es
-die innere Stimme sagt, der fragt wohl nicht nach dem Urteil der Welt.
-
-+Christian von Wach+
-
-Ich danke Euer Excellenz.
-
-+Minister+
-
- (ihm die Hand hinstreckend)
-
-Ich wünsche Ihnen ein frohes Fest!
-
-+Christian von Wach+
-
-Ihnen noch viele, Excellenz! -- -- (_Minister ab, an der Tür sich
-nochmals verneigend; Christian erwidert den Gruß, schließt dann die
-Augen und raunt vor sich hin_) Wem es die innere Stimme sagt --? --
-(_Es klopft, und Justus Wach tritt ein_) -- -- Nun, Justus, mein
-Spiegel, bist du schön blank heut?
-
-+Justus+
-
- (sich rechts des Tisches setzend)
-
-Macht es dir wirklich noch immer Vergnügen, mir das unbedachte Wort
-nachzutragen, das ich damals in der Erregtheit hinwarf?
-
-+Christian+
-
-Wie sollte es nicht? Du bist doch noch immer bestrebt, mir mein wahres
-Gesicht zu zeigen. Das macht mir wirklich ein ungemeines Vergnügen;
-das einzige, das mir die Welt noch bietet. Ich bin dir auch wirklich
-dankbar dafür.
-
-+Justus+
-
-Also dazu hast du mich in dein Haus gelockt: dem Herrn Geheimrat als
-Hofnarr zu dienen. Und ich war einfältig genug, mir von der guten Anne
-aufschwatzen zu lassen, es sei dir ernstlich um eine Versöhnung zu tun.
-
-+Christian+
-
-Außerordentlich rührend bei deinem Beruf, dies Selbstbekenntnis deiner
-Einfalt. Seit wann bist du denn so versöhnlich gestimmt?
-
-+Justus+
-
-Du weißt sehr gut, daß es mich reut, deinen Schlaganfall veranlaßt zu
-haben; wenn es auch ohne Absicht geschah.
-
-+Christian+
-
-Ja, das hast du mir schon mehrmals gesagt. Aber nicht wahr: mein
-Tagebuch, das hast du noch immer nicht aufgespürt --
-
-+Justus+
-
-Hältst du es denn in der Tat für möglich, ich hätte bei einiger
-Überlegung nur eine Minute lang geglaubt, daß ein solches Geständnis
-vorhanden sei? Wenn du es je geschrieben hättest, wär es doch längst
-von dir vernichtet.
-
-+Christian+
-
- (wie zufällig die Hand auf seine Papiere legend)
-
-Und wenn es nun doch noch irgendwo läge?
-
-+Justus+
-
-Ich lasse mich nicht mehr zum Narren halten!
-
-+Christian+
-
-Wenn es mir nun eine Wollust wäre, mit der Entdeckungsgefahr zu
-spielen? Wenn mich immerfort die L-Lust stachelte, die unersättlich
-marternde Lust, mein Geheimnis der Welt ins Gesicht zu schreien? und
-dabei die W-Wonne der Selbstbeherrschung, der Welt nicht den Gefallen
-zu tun! mich nicht knechten zu lassen von dieser B-Beichtsucht! diesem
-schamlosen Mitteilungstrieb, der uns alle zu armen Sündern macht! --
-Hast du dir das noch nie überlegt? --
-
-+Justus+
-
-Wenn du mich etwa nötigen willst, Weihnachten anderswo zu feiern, dann
-bitte sage es mir doch offen! Die Anspielungen auf meinen Beruf werden
-mir nachgerade lästig.
-
-+Christian+
-
-Du kannst dir also garnicht denken, daß ein M-Mörder ein ehrlicher
-Mensch sein kann?
-
-+Justus+
-
-Ich denke mir, daß du durch deinen Reichtum, weil du keine andre
-Beschäftigung hattest, zum Grillenfänger geworden bist. Nun tüftelst
-du dir aus allerlei Zufällen ein neunmalkluges Verbrechen zusammen,
-blos um dir nicht einzugestehen, daß dir glücklicherweise der Mut dazu
-fehlte.
-
-+Christian+
-
-Deine Menschenkenntnis ist fast so gründlich wie deine gute Meinung
-von mir. In der Tat, Vetter: es ist tief beschämend, so als elender
-Mitmensch dazusitzen, wo man Teufel und Engel zugleich sein wollte.
-
-+Justus+
-
-Nun, die Märtyrer-Rolle hat auch ihre Glorie. Sonst hättest du wohl die
-Selbstquälerei nicht so lange ausgehalten.
-
-+Christian+
-
-Und wenn ich nun all die Jahre lang gegen die Versuchung angekämpft
-hätte, diese Qual mit eigner Hand abzu-b-brechen? (_Krampfhaft die Hand
-aufs Herz drückend_) Wenn’s mir nun zu erbärmlich gewesen wäre, so vor
-mir selbst in die B-Binsen zu gehn? Wenn ich lieber die Buße ertragen
-hätte, vor jedem unbe-bedachten Wörtchen zu beben, als diese B-Babbala
--- (_sich bezwingend, da Justus ihm Hilfe leisten will_) laß -- ich
-danke -- -- ich wollte sagen: Blamage des Selbstmords.
-
-+Justus+
-
-Ich muß es wohl aufgeben, Christian, dein Gewissen zu beruhigen.
-
-+Christian+
-
- (lächelnd)
-
-Ja, wir haben +beide+ unsern Beruf verfehlt; du als Mitmensch, und
-ich als Unmensch.
-
-+Justus+
-
-Ich will dich wahrhaftig nicht aufregen, aber du zwingst mich ja dazu.
-Warum bringst du das Unrecht, das ich dir antat, trotz meiner Abbitte
-immer wieder zur Sprache?
-
-+Christian+
-
-Vielleicht weil es mein „Gewissen beruhigt“, deine Gerechtigkeit wanken
-zu sehen. Wenn du sicher wüßtest, ich hatte gemordet, würdest du dann
-wohl noch geneigt sein, mir die Hand zur Versöhnung zu bieten? --
-
-+Justus+
-
-Es gibt doch Morde, die sogar das Gericht verzeiht.
-
-+Christian+
-
-In der Tat; du bist sehr entgegenkommend. Und die M-Massenmorde
-fürs Vaterland, daß heißt für Thron und Altar und Kapital, oder für
-Freiheit, Gleichheit, L-Lüderlichkeit oder sonstige große Rosinen: die
-verherrlicht sogar die W-Weltgeschichte. Blos, das sind alles Morde aus
-Leidenschaft, aus Eifersucht, Rachsucht, Ehrgefühl, Pflichtgefühl; die
-freilich entschuldigt man edelmütig.
-
-+Justus+
-
-Nun, wenn auch nicht grade vor Gericht, aber unter vier Augen
-betrachtet, ist wohl auch deine Art Menschenliebe eine entschuldbare
-Leidenschaft.
-
-+Christian+
-
- (lächelnd)
-
-Aber Justus, ich werde irre an dir! Sollte ich endlich dein Herz
-erweicht haben?
-
-+Justus+
-
- (schroff)
-
-Wenn du mir keinen Glauben schenkst, beweisen läßt sich dergleichen
-nicht.
-
-+Christian+
-
- (die Hand auf seine Papiere legend)
-
-Wer weiß; ich könnte mich doch vielleicht „unter vier Augen“
-überzeugen, wie weit du mein Vertrauen ehrst.
-
-+Justus+
-
-So? Könntest du das?
-
-+Christian+
-
-Wenn ich wüßte, Justus, wie weit du dir selber trauen darfst? (_Da
-Justus Miene macht aufzufahren_) Bitte bleib sitzen, ich will dich
-nicht kränken. An deinen guten Willen glaube ich gern. Ich wollte dich
-sogar zum Christfest um einen kleinen L-Liebesdienst bitten.
-
-+Justus+
-
-Wenn es dir wirklich ernst darum ist --?
-
-+Christian+
-
- (nimmt aus seinen Papieren ein mit fünf roten Siegeln
- verschlossenes Heft)
-
-Ich habe gestern mein Testament neu verfaßt; ich wollte dich bitten,
-hier das alte -- (_draußen elektrisches Klingelzeichen_) ah, der
-Sanitätsrat; nun, dann nachher. -- (_Das Heft wieder unter die
-Schriftstücke schiebend_) Ich bin sein besuchtester Patient, seitdem er
-mich nicht mehr retten kann. (_Anne läßt den Sanitätsrat eintreten_) --
-Willkommen, mein werter L-Lebensretter!
-
-+Sanitätsrat+
-
- (während Anne an den Kamin geht und wieder Holz aufs Feuer legt)
-
-Danke, danke, mein teuerster Todeskandidat. (_Zu Justus, der
-aufgestanden ist_) Aber bitte doch Platz zu behalten. (_Sich
-gleichfalls setzend, links des Tisches_) Und bitte mich nicht
-mißzuverstehen. Todeskandidaten sind wir ja alle; Sie können mich noch
-gut überleben! -- (_Christians linkes Handgelenk nehmend, sich nach
-Anne umdrehend_) Gelt, Schwester: der reine Methusalems-Puls! Sie
-messen den Blutdruck doch noch regelmäßig?
-
-+Anne+
-
-Gewiß, Herr Geheimrat; er ist etwas niedriger.
-
-+Sanitätsrat+
-
- (während Anne hinausgeht)
-
-Natürlich! Blos Aufregung vermeiden! Bei Ihrer zähen Konstitution:
-wir werden schon wieder Lebensmut fassen! In der letzten Sitzung der
-Menschenfreunde hat man sogar darauf gewettet, Sie würden doch noch
-Mitglied werden.
-
-+Christian+
-
-Sehr gütig; aber einstweilen scheint mir, der ehrlichste Menschenfreund
-ist der T-Tod.
-
-+Sanitätsrat+
-
-Ja, der Mensch bleibt ewig ein Grillenfänger.
-
-+Christian+
-
-Haha-hörst du’s, Vetter? Jetzt muß ich’s wohl glauben.
-
-+Justus+
-
- (lachend)
-
-Die Diagnose stellt dir Jeder!
-
-+Sanitätsrat+
-
-„Jeder Wohlgesinnte!“ sagt der Herr Bürgermeister. (_Zu Christian_)
-Aber was hat denn der Biedermann? Begegnete mir bei der neuen Klinik
-und machte ein Gesicht wie ein Truthahn, als ich Ihren Namen nannte.
-
-+Christian+
-
-Ist Ihnen vielleicht auch der Akademie-D-Direktor bei der neuen Klinik
-begegnet?
-
-+Sanitätsrat+
-
-Aber Verehrtester, ruhig Blut! Sie werden sich doch nicht einbilden,
-ich hätte den Kitsch mit ausgeheckt?
-
-+Christian+
-
-Nein; aber jeder P-Pinsel bildet sich ein, er dürfe mich mit
-Berühmtheit beschmaddern, weil ich das selber schon reichlich besorgt
-habe.
-
-+Sanitätsrat+
-
-Ja, der Mensch ist von Natur größenwahnsinnig. Aber wiegesagt: nur
-nichts tragisch nehmen! (_Zu Justus_) Nicht wahr, Herr Leutnant, Sie
-werden das Ihre tun, uns die Grillen vertreiben zu helfen.
-
-+Justus+
-
-Ja selbstverständlich! nach Kräften! mein Möglichstes!
-
-+Sanitätsrat+
-
- (aufstehend)
-
-Also dann: gesundes Fest allerseits! Und nicht wahr: wenn das Herzchen
-doch wieder muckt: sind ja nur drei Schritte zu mir hinüber.
-
-+Christian+
-
- (lächelnd, die Hand ins Leere schwenkend)
-
-Mancher geht auch ohne Schritte hinüber --
-
-+Sanitätsrat+
-
-Ohoh! solche Witze darf +ich+ blos machen. (_Beiden Herren
-die Hand schüttelnd_) Na wiegesagt: gesegnete Mahlzeit -- (_geht
-händereibend eilends ab_) -- --
-
-+Christian+
-
-Es scheint, die M-Menschenfreunde wollen mich jetzt zum eingebildeten
-Kranken stempeln.
-
-+Justus+
-
-Das könnte dir doch nur angenehm sein.
-
-+Christian+
-
-Und wenn es mir nun -- entsetzlich wäre?
-
-+Justus+
-
-Über diese Annahme darf ich wohl lächeln.
-
-+Christian+
-
-Wenn ich dir aber nun eingestände, wie es mich manchmal ekelt und reut,
-daß ich mich nicht verurteilen ließ? wie es mich damals b-bohrend
-drängte, öffentlich für die Tat einzutreten, zu der mir, wie du jetzt
-gütigst meinst, g-glücklicherweise der Mut gefehlt hat?
-
-+Justus+
-
-Dann müßtest du mir schon erlauben, auch +diese+ Einbildung zu
-belächeln.
-
-+Christian+
-
-Auch wenn ich w-wirklich gemordet hätte?
-
-+Justus+
-
-Dann doch erst recht, bei deiner Gemütsart.
-
-+Christian+
-
-Bei meiner Feigheit, willst du wohl sagen.
-
-+Justus+
-
-Nein, in diesem Falle: bei deiner Verstocktheit.
-
-+Christian+
-
-Sehr schmeichelhaft, daß du die für so stark hältst. Aber die Reue
-kann ebenso stark sein, selbst im verstocktesten Missetäter. Dein
-bewunderter Bonaparte zum Beispiel: Haha-Hunderttausende hat er
-skrupellos auf seinen Schlachtfeldern umgebracht, aber der eine Duc
-d’Enghien, den er hi-hinterlistig hinrichten ließ, der wurmte ihn noch
-auf Sankt-Helena, trotz aller staatsklugen Entschuldigungsgründe. Die
-Vernunft mag noch so zielbewußt über das Gewissen hinwegschreiten, das
-Gemüt l-läßt sich nicht hintergehen.
-
-+Justus+
-
-Nun, du merkst wohl, ich sprach dir blos zu Munde. Da es dir Spaß
-macht, dich selbst zu narren, will ich kein Spielverderber sein.
-
-+Christian+
-
-Also du hältst mich nicht für verstockt?
-
-+Justus+
-
-Sonst hättest du doch wohl kaum die Absicht, grade mir einen
-Liebesdienst anzuvertrauen.
-
-+Christian+
-
- (lächelnd)
-
-Sehr freundlich, daß du mich erinnerst. (_Das versiegelte Heft wieder
-vorholend_) Aber darf ich dich erst noch bitten, mir mit deiner
-m-möglichsten Offenheit eine Frage zu beantworten?
-
-+Justus+
-
-Und --?
-
-+Christian+
-
-Gesetzt, ich hä-hätte den Mut gehabt, den du mir ehrlicherweise
-absprichst, -- gesetzt, ich hätte t-trotzdem die Reue, die du mir
-anstandshalber nicht zutraust, -- (_schwer die Hand auf das Heft
-legend_) gesetzt, ich würde es dir +beweisen+ -- unter vier Augen,
-lieber Vetter -- nicht vor Zeugen, Herr Ki-Kriminalkommissar --: wärest
-du dann noch bereit zu dem Liebesdienst?
-
-+Justus+
-
-Wie kann ich das wissen -- ohne Beweis --
-
-+Christian+
-
-Ist mein Anblick dir nicht Beweis genug?! --
-
-+Justus+
-
-Ich muß wohl verstummen, wenn du so fragst.
-
-+Christian+
-
-Du meinst, ein Verbrecher verdient kein Vertrauen?
-
-+Justus+
-
-Wenn er bereut, vertraut ihm sogar der Richter.
-
-+Christian+
-
-Und wenn dich nun ein solcher Verbrecher, dem die Reue aus jeder
-Grimasse stiert, den sie t-tausendfältig härter gestraft hat, als
-irgend ein Richter strafen kann -- wenn dich der nun unter vier Augen
-bäte: (_wieder die Hand auf das Heft legend_) hier ist mein Geständnis,
-vernichte es! du hältst meine Seele in der Hand! du kannst sie aus der
-Verzweiflung retten! du siehst, es foltert mich stückweis zu T-Tode,
-daß ich ein einzig Mal unmenschlich war! du gibst mir den Glauben ans
-L-Leben zurück, ans Ewige Leben, an Gott und die Menschheit, +wenn du
-m-menschlicher handelst als ich+ --
-
-+Justus+
-
- (die Hand nach dem Heft ausstreckend)
-
-Ich soll es also -- ins Feuer werfen --
-
-+Christian+
-
- (überläßt es ihm lächelnd)
-
-Ja, Justus -- zum Christfest wiegesagt -- --
-
-+Justus+
-
- (steht auf, macht einige Schritte nach dem Kamin hin, wendet sich
- plötzlich ruckhaft um)
-
-Und du denkst, so lasse ich mich begimpeln? Du bildest dir ein, ich
-durchschau nicht dein Lächeln? Du glaubst, du kannst mich (_nach dem
-Porträt weisend_) beschwatzen wie +die+ da und dann mich auslachen
-wie noch nie? Du Narr, der Andre zu narren meint! -- (_Den Umschlag von
-den Heftblättern reißend und ihn vor Christians Füße schleudernd_)
-Hier: +so+ behandle ich dein Geständnis! kraft meines Amtes, du
-Auswurf der Menschheit! -- (_Hastig die Blätter musternd_) Was? -- wa
--- (_steht in sprachloser Verblüfftheit da_) --
-
-+Christian+
-
-Nun? Was sagt dir das leere Papier? --
-
-+Justus+
-
- (die Blätter zerfetzend und wegschmeißend)
-
-Ah, du Jammergestalt, du schandschnäuzige! (_Mit geballten Fäusten auf
-Christian los_) Du bist ja die raffinierteste Viper, die je den Erdball
-begeifert hat! (_Vor Christians Blick zurückzuckend_) Wenn mir nicht
-graute, dich anzurühren, ich schlüg dir die Zähne aus dem Giftmaul!
-(_Die Fäuste in die Hüften stemmend_) Ist denn kein Funken Scham in
-dir, so mein heiligstes Pflichtgefühl zu verhöhnen?
-
-+Christian+
-
- (endlich gell loslachend)
-
-Ha-ha-ha-hei -- dein hei -- hahahei -- (_plötzlich krampfhaft nach Luft
-ringend, lallend_) heili -- ha-heili -- ha-hilf -- hilf!
-
-+Justus+
-
-Dir --?
-
-+Christian+
-
- (röchelnd)
-
-+Hilf+, Justus! ich dank dir’s! ich sterbe! ich fühl’s!
-
-+Justus+
-
-Dann stirb, Giftmischer!
-
-+Christian+
-
- (mit brechender Stimme, unsäglich lächelnd)
-
-Hab Dank, du -- M-Mörder! (_er sinkt zusammen_) --
-
-+Justus+
-
- (sich an die Brust fassend)
-
-Ich --? -- (_Hart, mit abwälzender Handbewegung_) Lächerlich! -- (_Er
-geht erhobenen Hauptes zur Tür; öffnet, ruft_) Anne! Schwester Anne! --
-(_Sie kommt, er zeigt auf Christian_) Sehen Sie nach, ob noch zu helfen
-ist; ich möchte den Arzt nicht unnütz bemühen.
-
-+Anne+
-
- (auf die Papierfetzen deutend)
-
-Was ist geschehen? War +das+ die Versöhnung?
-
-+Justus+
-
-Rasch! helfen Sie lieber! Mir scheint, er regt sich --
-
-+Anne+
-
- (rechts des Tisches sich über Christian beugend, während Justus
- sich links auf die Stuhllehne stützt)
-
-Das Herz, das klopft noch -- --
-
-+Christian+
-
- (traumhaft)
-
-Anne, bist +Du’s+ --?
-
-+Anne+
-
-Ja, Herr Christian, ich; -- nur still -- nur nit bang --
-
-+Christian+
-
-Sie sollen mich nicht so ansehn alle!
-
-+Anne+
-
-Nein, Herr Christian, niemand -- nur ich! -- (_Sich aufrichtend, mit
-unabweisbarer Frage_) Herr Justus --?
-
-+Justus+
-
- (von ihrem Blick bezwungen)
-
-Ja, dann ist’s meine Pflicht, den Arzt zu rufen -- (_geht gesenkten
-Hauptes hinaus_) -- --
-
-+Christian+
-
-Sind wir allein, Anne?
-
-+Anne+
-
-Ganz allein -- (_sie legt ihren Arm um seine Schultern_) --
-
-+Christian+
-
-Ich seh noch immer die Augen alle -- -- nicht M-Menschenaugen --
-
-+Anne+
-
-Engelaugen -- --
-
-+Christian+
-
-Sie wollen alle, ich soll es s-sagen -- -- nur einmal sagen --
-
-+Anne+
-
-Dann ist’s gesühnt -- --
-
-+Christian+
-
-Ich -- hörst du, Anne?
-
-+Anne+
-
-+Gott+ will es hören -- --
-
-+Christian+
-
-Ich -- hilf doch, Anne!
-
-+Anne+
-
-Nur Gott kann helfen -- --
-
-+Christian+
-
-Ich -- ich -- haha-habe -- -- (_jäh sich aufbäumend, schreiend_)
-+Nein+, Gott -- (_sich ans Herz greifend, selig lächelnd_) ich
-nicht! -- (_er stürzt mit dem Gesicht auf den Tisch_) -- --
-
-+Anne+
-
- (faßt ihn bang bei der Schulter)
-
-Herr Christian -- lieber Herr Christian -- -- (_neigt ihr Ohr an seine
-linke Seite, kniet dann ehrfürchtig neben ihm nieder, faltet die Hände
-zu stillem Gebet_) -- --
-
-+Justus+
-
- (öffnet horchend die Tür, läßt sie offen, tritt leise ein, nähert
- sich verhalten dem Tisch, wartet bis Anne sich erhebt; dann mit
- heiser drängender Stimme)
-
-Hat er gebeichtet? was hat er gesagt? -- (_Da Anne zurückweicht, barsch
-auf sie los_) Was hat er gesagt? ich treib Sie zum Zeugeneid!
-
-+Anne+
-
- (noch einen Schritt zurücktretend, hoheitsvoll nach der Tür weisend)
-
-Gehen Sie endlich, Sie armer Mensch! -- (_Justus, langsam sich an die
-Brust fassend, starrt auf den Toten_) --
-
- (Vorhang)
-
-
-
-
-Michel Michael
-
-Komödie in Versen
-
-Zweite Ausgabe
-
-
-
-
-Personen:
-
-
- +Michel Michael+, ein deutscher Bergarbeiter.
- +Lise Lied+, sein Mündel.
- +Die Frau Venus.+
- +Tyll Eulenspiegel.+
- +Der getreue Eckart.+
- +Der Kaiser Rotbart.+
- +Der rote Karl+, ein Sozialdemokrat.
- +Der schwarze Karl+, ein Ultramontaner.
- +Der Bergrat.+
- +Der Landrat.+
- +Der Bürgermeister.+
- +Die Frau Bürgermeisterin.+
- Ein Kaplan.
- Ein Pastor.
- Drei Maschinenheizer.
- Polizisten. Kobolde. Leute in Masken.
-
-
-Zeit und Ort:
-
-Eine Johannisnacht in einer mitteldeutschen Kreisstadt.
-
- (Rechts und links immer vom Zuschauer aus.)
-
-+Eulenspiegel als Vorredner+
-
- (von rechts kommend, in roter Gugeltracht mit Pritsche):
-
- Meine allergnädigsten Damen und sehr verehrlichen Herrn!
- Sie werden mirs wohl glauben: ich gefiele Ihnen gern.
- Aber mein Herr, der Dichter, hat mich leider ausersehn,
- Jedem eine Nase zu drehn.
- Wer weiß, vielleicht dreh ich ihm selber auch eine;
- indessen diese Nase hat -- lange Beine.
- Zunächst nämlich soll ich mich erfrechen,
- über den Gang der Handlung im Voraus mit Ihnen zu sprechen.
- Sie sehn’s schon an mir, und merken mit Gruseln: huh,
- hier gehts offenbar geheimnisvoll zu.
- Meine Maske hat weder Haut noch Haar,
- blos ein unverschämtes Allerweltsspiegellöcherpaar
-
- (er weist auf seine Augen)
-
- und einen Schlitz für diese meine Zunge
-
- (er streckt sie heraus) --
-
- und darunter, ganz im Dunkeln, hängt mein Herz und meine Lunge.
- Damit mach ich meistens nichts weiter als den Wind,
- in den meine Worte gesprochen sind.
- Denn mit Worten, da die Worte im Kopf entstehn,
- kann der Mensch zwar herrlich andern Menschen den Kopf verdrehn;
- aber da es in der Welt, die sich um uns dreht,
- dennoch nicht nach unserm Kopf zugeht,
- so verläuft der Gang der Handlung auf den 2 mal 5 Beinen
- der Hauptpersonen, ausschließlich der meinen.
- Ich bin also kein großschnäuziger Tugendschweinigel,
- sondern heiße Tyll -- mit Ypsilon bitte -- Eulenspiegel;
- das heißt, ich husche als närrischer Kauz durch die Welt,
- der sich und andre närrische Käuze mit seinem Doppelspiegel
- prellt --
-
- (er weist wieder auf seine Augen).
-
- Was für Nebenpersonen noch drin herumlaufen,
- das ist ein kaum zu zählender Haufen;
- denn zu den Nebenpersonen um jede Menschenseele herum
- gehört bekanntlich das ganze p. p. Publikum --
-
- (er verbeugt sich).
-
- Manche Person ist übrigens eigentlich keine;
- und zwei der Hauptpersonen sind im Grunde nur eine.
- Manche andre zählt mindestens fürn paar Schock;
- und die hauptpersönlichste natürlich steckt in Jedermanns Rock.
- Kurz, jegliche Seele tut alles, was sie kann;
- aha! es scheint, sie fangen schon an.
-
-+Vierstimmiger Gesang mit Lautenspiel+
-
- (hinterm Vorhang):
-
- Wir tragen alle ein Licht durch die Nacht,
- unter Tag.
-
-+Eulenspiegel+
-
- (horcht und spricht parodierend nach):
-
- Sie tragen alle ein Licht durch die Nacht.
-
-+Gesang+:
-
- Wir träumen von unerschöpflicher Pracht,
- über Tag.
-
-+Eulenspiegel+
-
- (wie vorher):
-
- Sie träumen von unerschöpflicher Pracht.
-
-+Gesang+:
-
- Wir helfen ein Werk tun, ist keins ihm gleich;
- Glückauf!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Sie helfen ein Werk tun, ist keins ihm gleich.
-
-+Gesang+:
-
- Wir machen das Erdreich zum Himmelreich;
- Glückauf!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Sie machen das Erdreich zum Himmelreich.
- Da verkriech ich mich schleunigst, ich armer Schuft;
- sonst sprengen sie mich am End in die Luft.
-
- (Er dreht eine Nase, wickelt sich in den Vorhang, und diesen mit
- wegziehend verschwindet er rechts).
-
-
-Erster Aufzug
-
- (+Bild+: Altes kleines Landhaus mit Obstgärtchen. Rechts Wald
- und Gartenzaun. Links hinten das Haus. Vorn entlang Landstraße.
- An der Hauswand links ein Wegweiser, dessen drei Arme folgende
- Aufschriften tragen: Zur Stadt, Zur Grube, Feldweg. Am Gartentisch
- sitzen +Michel Michael+, der +rote Karl+ und der
- +schwarze Karl+; daneben steht +Lise Lied+ mit der Laute,
- in hellgrünem Sommerkleid und weißer Schürze.)
-
-+Lise Lied+
-
- (singt bei offener Bühne weiter, während die Andern nur den
- Kehrreim mitsummen):
-
- Einst fiel alles Leben vom Himmel herab,
- über Tag.
- Wir Bergleute schürfen’s aus dem Grab,
- unter Tag.
- Wir fördern’s herauf, das tote Gestein;
- Glückauf!
- Wir machen’s wieder zu Sonnenschein;
- Glückauf!
-
- (Die Männer stoßen mit ihren großen Schnapsgläsern an und trinken
- sie leer).
-
-+Michel Michael+
-
- (in schwarzer Gamaschenhose und weißem Hemd mit offenem Halskragen):
-
- So, Lise, nun hol uns noch jedem so ein Glas;
- denn die Bergmannskehle
-
-+Lise+:
-
- Weiß schon: ist mehr trocken als naß.
- O Michel! --
-
-+Michel+:
-
- Blos heut mal so’n kleinen Seelenwärmer;
- morgen fließt wieder Milch und Sauerbrunn durch die Därmer.
- Man muß sich doch für das nächtliche Fest vorbereiten.
-
-+Lise+:
-
- Ja, und dann stöhnt ihr über die schweren Zeiten.
-
- (Sie geht mit den Gläsern und der Laute ins Haus.)
-
-+Der rote Karl+
-
- (trägt gewöhnlichen schwarzen Jackettanzug, schwarzen Schlapphut
- und rote Krawatte):
-
- Also willst du wirklich nachher aufs Johannisfest?
-
-+Michel+:
-
- Warum +nicht+?
-
-+Der rote Karl+:
-
- O blos: weil der Michel sonst sich zehnmal bitten läßt,
- eh er einmal kommt. Aber ja: der Herr Bergrat hat’s gewunschen,
- da ists freilich ratsam, sich untertänigst mitzubepunschen.
- Sicher wittert man’s da oben so gut wie ich:
- manche Stimme in der Knappschaft schwört auf dich.
- Hast ein eigen Haus, bist bald Vorhäuer, kannst Leute dingen,
- möchtest dich gewiß gar zum Steiger aufschwingen;
- wirst morgen für ’ne Stütze von Thron und Altar gelten,
- und der Bergrat
-
-+Michel+:
-
- Hör mal, roter Karl: den lass ich nicht schelten.
- Er meint’s leutselig mit uns Arbeitern allzumal.
- Er bezahlt auch heute Nacht wieder Musik und Saal.
-
-+Der rote Karl+:
-
- Sehr wahr! und in vier Wochen ist Reichstagswahl.
- Du Schäfersohn läßt dir leicht was vormusizieren.
-
-+Der schwarze Karl+
-
- (trägt gleichfalls schwarzen Jackettanzug, aber steifen Hut,
- schwarze Krawatte und eine auffällig große Hornbrille mit
- dunkelblauen Gläsern):
-
- Ja, ich meine auch: man muß sich doch wohl etwas salvieren.
- Ich sage nichts gegen den Regierungskandidaten,
- aber der Herr Bergrat privatim ist doch sozusagen ein Teufelsbraten.
- Nicht etwa weil er -- obzwar: auch das ist bedeutungsvoll --
- ’ne jüdische Urgroßmutter gehabt haben soll.
- Aber was man so im stillen von seinem Lebenswandel hört --
-
-+Der rote Karl+:
-
- Du, hörst du’s, Michel? der Schwarze ist christlich empört!
- Fraglos ist er einzig drum aus der Stadt gekommen,
- um hier dem Heil deiner armen Seele zu frommen.
-
- (Lise kommt mit den gefüllten Schnapsgläsern wieder.)
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- Hoffte allerdings, Sie, Herr Namensvetter, nicht anzutreffen.
-
-+Der rote Karl+
-
- (sein Glas nehmend):
-
- Ja, gottvoll, wie sich die Menschen äffen.
-
-+Der schwarze Karl+
-
- (ebenso):
-
- Nun, Gevatter Michael weiß, welche Tiere am lautesten kläffen.
-
-+Michel+
-
- (mit ihnen anstoßend):
-
- Holla! Frieden, ihr Karle! Gäste solln sich vertragen!
- Muß ich junger Kerl das euch beiden alten sagen?
- Hie Knappschaft! Glückauf! Jeder Knappe im Schacht
- nehm sich vor falschen Wettern in Acht!
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- Glückauf, Jungfer Lise! auf das schöne Lied vom Himmel.
-
-+Lise+
-
- (während die Männer trinken):
-
- O, das ist am schönsten +ohne+ euer Kümmelgebimmel.
-
-+Michel+:
-
- Sieh mal, roter Karl: deine Zukunftsrepublik,
- das ist doch auch ’ne Art Rattenfängermusik.
- Und sehn Sie, schwarzer Karl: Ihr Ewigkeitsparadies
- lockt wohl erst recht die liebe Maus zur Mies.
- Und derweil ihr Pfiffikusse so die Gegenwart vexiert,
- hat der dumme Michel sie längst sehre anderst kapiert.
- Denkt ihr, ich will blos drum heut aufs Maskenfest,
- weil der Bergrat da ein paar Sektproppen tanzen läßt?
- dann tät ich mich lieber mit euch hier draußen besaufen.
- Nein, ich will mein Haus an die Grubengesellschaft verkaufen
- und in die Stadt ziehn, werte Zeitgenossen!
-
-+Lise+:
-
- Michel, nein!
-
-+Michel+:
-
- Ja, Lise; das ist nun mal beschlossen.
-
- (Er langt ein paar Schriftstücke aus der Brusttasche.)
-
- Hier, ich hab schon alles mit dem Rechtsanwalt aufgesetzt,
- und der Bergrat ist kein Knicker; besonders jetzt,
- wo sie doch die Vorstadtzeche weiter austeufen wollen
- und Platz brauchen für den neuen Wetterstollen,
- da wird er heut Nacht bei’ner Buddel Wein
- gern zu sprechen sein
- und mir die werte Unterschrift geben.
- Potz Taler, Lise! sollst sehn, das wird ein Leben!
- Na, was machst du denn fürn Sechsdreiergesicht?
-
-+Lise+:
-
- Mir ist bang um dich, Michel. O bitte, tu’s nicht!
-
-+Michel+:
-
- Achgottedoch! daß dir’s Herzchen nur nicht bricht!
- Brennst doch sonst drauf, mit in die Stadt zu fluttschen.
-
-+Lise+:
-
- Aber für immer?
-
-+Michel+:
-
- Für immer tut kein Weibsbild muckschen.
-
- (Er nimmt ihre Hand.)
-
- Weißt du: wenn wir Abends hier manchmal so einsam sitzen
- und ich seh da drüben im Tal den großen Lichterknäul blitzen,
- die Bahnkörperlampen, die Schaufenster, die Straßenlaternen,
- wie sie wetteifern mit den Sternen,
- und was hinter den erleuchteten Scheiben
- all die tausend Menschenköpfe wohl sinnen und treiben,
- was für Strahlen hin-und-herzucken zwischen ihnen
- aus den wunderlichen Instrumenten, Apparaten, Maschinen,
- elektrischen Drähten -- (_er erhebt sich_)
- ich kann’s garnicht ganz sagen,
- wie das strahlt -- und mittendurch rollen funkelnd die Wagen,
- wodrin Hoch und Niedrig zusammen übers Pflaster jagen,
- zu Festsälen, Theatern, Bibliotheken, Klubs, Volkshallen,
- kann sich jedermann immer höher bilden mit Allen --
- ja, dann fühl ichs wild: da +bewegt+ sich die Welt!
- so wild, du, daß mirs manchmal die Stirnadern schwellt!
-
- (Er setzt sich und nimmt einen großen Schluck.)
-
-+Der rote Karl+:
-
- Ja, Fräulein Lise: Sie können’s noch nicht ermessen:
- in der Stadt, da erwacht der Mensch zu edlern Interessen.
-
- (Er nimmt gleichfalls einen großen Schluck.)
-
-+Der schwarze Karl+:
-
-Ja --! Nämlich auch die Kirchen nicht zu vergessen!
-
- (Er trinkt sein Glas leer.)
-
-+Michel+
-
- (auf die Schriftstücke hauend):
-
- Kurzum, ich will mehr, als mein väterlich Erbteil begaffen,
- ich will mir auf eigne Faust meinen Fußboden schaffen;
- +das+ ist mein Intresse! Jawohl! Wirst es auch noch kapieren;
- wirst vielleicht dereinst noch in seidnen Kleidern stolzieren,
- in Glaßeehandschuhen und Diamanten und ausländischen Spitzen,
- und an Einer Tafel mit dem Bergrat sitzen.
- Also Kopf hoch, Lise! maul nicht! du übertreibst es.
-
-+Lise+:
-
- O Michel, du bist ein Träumer -- und bleibst es.
-
-+Michel+:
-
- Hat noch niemand unter meinen Träumen gelitten.
-
- (Er trinkt Rest mit dem roten Karl.)
-
- Komm, bring uns lieber noch solchen lütten dritten
- und sing eins!
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- Darum allerdings möcht ich gleichfalls schön bitten.
- Das heißt, ums Singen mein’ich.
-
-+Lise+:
-
- Meinen Sie! ums Singen!
- O, euch sollt alle miteinander der Hörselberg verschlingen! --
-
- (Sie stampft mit dem Fuß auf und rennt ins Haus.)
-
-+Der rote Karl+:
-
- Hast sie doch wohl ein bißchen gar zu herrisch überrascht.
- Mich auch, muß ich sagen. Wer erst am Kapitalismus nascht --
-
-+Michel+
-
- (nochmals auf die Schriftstücke hauend):
-
- Ach was, Redensarten! Ich tue, was sich verintressiert.
- Ihr lauert blos immer und lamentiert.
-
- (Er steckt die Papiere wieder in die Tasche.)
-
-+Der rote Karl+:
-
- Michel, Michel --: jeder Knappe im Schacht
- nehm sich vor falschen Wettern in Acht!
-
-+Der schwarze Karl+:
-
-Deren gibts allerdings manche auch +über+ Tag.
-
-+Michel+:
-
- Ja, wenns eure Trinksprüche täten, dann ging’s Schlag auf Schlag.
- Schwerenot! ihr macht einem wirklich den Feiertag schwül;
- und dabei ists ein Abend, wie feucht Moos so schön kühl.
- Hee, Lise! Racker! gleich kommst du! auf der Stelle!
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- Ich hol sie --
-
- (er begibt sich durch die Gartenpforte vors Haus zur Tür) --
-
-+Lise+
-
- (mit einer sehr großen Schnapsflasche ihm entgegen):
-
- Da habt ihr eure Intressenquelle!
-
- (Sie drückt ihm die Flasche in den Arm.)
-
-+Der schwarze Karl+
-
- (heimlich, während der rote mit Michel gestikuliert):
-
- Pst, Jungfer Lise, im Vertrauen! ich mein’s wirklich gut.
- Wenn der Michel nun, und sein Sie froh, daß ers tut,
- in die Stadt zieht: dann drängen sie ihn so Schritt für Schritt,
- daß er in das Kränzchen zur heiligen Elisabeth tritt!
- und Sie, Jungfer Lise, natürlich mit!
- Es ist vergnüglich, und lohnt sich, wie jede Christenpflicht.
-
-+Lise+:
-
- Ja, wenn Sie Eins mir versprechen als Christ; sonst nicht.
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- Gern! Und?
-
-+Lise+:
-
- Daß er nicht in die Stadt zieht, Sie Kirchenlicht!
-
- (Sie macht ihm einen Knix und verschwindet.)
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- Verflixte Hexe! --
-
-+Michel+:
-
- Also wirklich, Roter: gib dich endlich zufrieden:
- die hohen Herrn, die dienen mir blos, um vorerst mein Eisen zu
- schmieden.
- Nachher -- -- Was! die ganze Flasche schickt sie uns her?
-
-+Der schwarze Karl+
-
- (die Flasche auf den Tisch stellend):
-
- Ja, die Jungfer scheint sehr entgegenkommend; sehr.
-
-+Michel+:
-
- Aha! sie will ihren Vormund mal wieder im stillen beschämen.
- Jetzt soll sie’s aber merken: ich kann mich bezähmen!
- Kein Schluck jetzt wird getrunken!
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- Hm --
-
-+Der rote Karl+:
-
- Nu ja --
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- Ja, im Grunde
- soll der Mensch sich beherrschen --
-
-+Der rote Karl+:
-
- Besonders mit dem Munde.
-
-+Michel+:
-
- Sie denkt gewiß, weil ich manchmal Händel anfange;
- und da ist ihr vor den fremden Stadtmenschen bange.
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- Oder vielleicht auch -- hm -- vor den Menschern.
-
-+Michel+:
-
- Wie?
- Ach so! Nein, Schwarzer: ich bin kein solches Vieh.
- Und sie kennt mich; wie Bruder und Schwester sich kennen.
-
-+Der rote Karl+:
-
- Könnt drum doch wohl so’n Fünkchen Eifersucht brennen.
- Woher hast du sie eigentlich so als Mündel genommen?
-
-+Michel+:
-
- Ja, woher? -- Aus fernem Süden wohl ist sie gekommen.
- Es war ein Abend wie heute. Da im Wald.
- Ich suchte Vogelnester, war so zwölf dreizehn Jahre alt,
- da hör ich auf einmal ein fremdländisch Lied erklingen;
- rein als wollt mich ein Bergquell tief aus der Erde durchdringen.
- Und wie ich mich leise im Moose näher stehle,
- sitzt da ein klein braun Mädel in einer Höhle,
- so klein noch, und barfuß, gewiß kaum sechs Jahr,
- einen Kranz wilde Efeuranken im Haar,
- und mit Augen, wie der Kuckuck fürwahr --
- ja, so saß sie unter dem Felsenhang
- und sang -- und sang -- --
- Konnte anfangs kein deutsches Wörtchen sagen,
- ließ sich nur ihren Namen, der hieß Lilith, abfragen,
- aber weil sie sang, wo sie ging und stand,
- haben wir sie Lise Lied genannt;
- bis sie schließlich ganz unsre Sprache angenommen
- und vergessen hat, woher sie gekommen.
- Und da mein Vater starb, eh daß sie großjährig war,
- bin eben Ich jetzt ihr Vormund; bis zum neuen Jahr.
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- Wird wahrscheinlich irgend ein verlaufen Zigeunerkind sein.
- Ward sie denn getauft?
-
-+Michel+:
-
- O! reichlich! mit Wasser und mit Wein.
-
-+Der rote Karl+:
-
- Da sollt man doch eigentlich eins drauf trinken.
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- Hm. Ist Alles Gottesgabe.
-
-+Michel+:
-
- Jawoll! pros’t Schinken:
- jetzt wird gefastet! und wenn ihr noch so druckst!
-
- (Leise:)
-
- Sie steht nämlich hinter der Gardine und luchst;
- ich kenn sie.
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- Scheint ja indertat recht schwesterlich aufzupassen.
-
-+Michel+:
-
- Je nun, ich muß sie doch im Haus schalten lassen;
- hütet auch heute Nacht wieder allein das Nest.
-
-+Der rote Karl+:
-
- So -- sie geht nicht mit aufs Johannisfest?
-
-+Michel+:
-
- Nein; sonst würd sie mir doch vielleicht das Geschäft verleiden.
-
-+Der rote Karl+:
-
- So, so --
-
-+Der schwarze Karl+
-
- (an der Flasche fingernd):
-
- jo, jo --
-
-+Der rote Karl+:
-
- Und wie willst denn Du dich verkleiden?
-
-+Michel+:
-
- Ich geh einfach in Vaters Schäferhut-und-rock
- und mit seinem langen Hirtenstock.
- Hat nun manch Jahr schon still in der Ecke gestanden,
- und strich früher wie’n Feldherrnstab hier herum in den Landen.
- Ja: kannst mirs glauben: gern zieh ich auch nicht heraus
- aus dem lieben alten Haus,
- wo ich von Kind auf jeden Holzpflock drin kenne.
- Aber wenn ich Morgen für Morgen zur Schicht auf die Zeche renne
- und ich denk mir, wir solln hier ewig so hocken,
- uns immer wieder denselben Alltagsbrei einbrocken --
- denn ihr, was wollt +ihr+ denn? blos lüstern aufmucken
- und euch dann untern öffentlichen Suppenlöffel ducken,
- zu dem schon jetzt alle Ja und Amen nicken,
- bis selbst die Bettelleute schließlich im Fett mitersticken --
- hrr, dann fühl ich’s heiß mir durch jede Pore toben:
- Luft!!! schenkt uns einen Krieg, ihr Herrn da oben!
-
- (Er greift nach der Flasche, gießt sich das Glas voll und trinkt.)
-
-+Der schwarze Karl+
-
- (sich bekreuzend):
-
-Josef-Maria, Krieg! Gevatter, das heißt Gott versuchen! Mit Verlaub --
-(_er gießt sich gleichfalls ein_) --
-
-+Der rote Karl+:
-
- Ja, erlaube, Michel: du hast leicht fluchen.
- Du bist noch jung, und kennst den Krieg nicht, und meinst voll
- Feuer,
- er sei ’ne Art Welteroberungsabenteuer.
- +Ist+ er auch; und tät heute die Sturmtrommel schlagen
- ich würd meine Knochen wieder mit auf die Schanze tragen;
- das steckt uns im Blut, uns Bestien. Ja, ’ne Wollust ist der Krieg,
- verhilft unsern Raubtiergelüsten zum Sieg;
- aber Glück, Michel, menschlich Glück schafft er keins.
-
-+Michel+:
-
- Papperlapapp, Karl; ist dein Glück etwa meins?
- Halt keine Volksreden, Roter! trink lieber eins!
-
- (Ihm einschänkend und dann mit Beiden anstoßend:)
-
- Glück, das ist ein Wort wie’ne Fliegenfalle;
- Glückauf! es lebe der Sirup für Alle!
-
- (Sie trinken.)
-
-+Lise+
-
- (tritt lachend aus der Tür an die Hausecke):
-
- Wohl bekomm’s! -- Ihr beherrscht euch aber lustig.
-
-+Michel+:
-
- O, du Kobold du! Seht ihr’s, da habt ihr’s, das wußt’ich.
-
-+Lise+
-
- (tritt an den Gartentisch und nimmt die Flasche):
-
- Will sie aber doch vor euch Selbstbeherrschern lieber verstecken.
- Gute Nacht, ihr Herrn! und laßt’s euch schön langsam schmecken!
-
- (Sie geht wieder ins Haus.)
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- Potz Kuckuck --
-
-+Der rote Karl+:
-
- Glaub mirs, Michel: du kennst die Kriegswut schlecht.
- Höchstens aus Notwehr ist sie ein Menschenrecht;
- das sollte man nicht als ein Glücksspiel verkündigen.
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- Nein, bei den heiligen Nothelfern allen: das heißt sich versündigen.
-
-+Der rote Karl+:
-
- Verspielst blos deine Kraft, wenn du immer so überschäumst
-
-+Michel+:
-
- und dabei den Zukunftsstaat versäumst --
-
-+Der rote Karl+:
-
- Auch die Gegenwart, Michel. Glaub mirs: du träumst! --
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- Das kommt, wenn man sich dem ewigen Heil verschließt
- und zuviel in den neuen Büchern liest.
-
- (Er nippt behutsam an seinem Glas.)
-
-+Michel+:
-
- O, auch in den alten. Ich könnt euch manche Historie sagen,
- wie sichs hier in Wahrheit einstmals hat zugetragen,
- als unsre Väter im Herzgau von allen deutschen Landen
- hier zwischen der Wartburg und dem Blocksberg ihr Seelenheil fanden,
- zwischen dem Kyffhäuser und dem Hörselberg.
- Damals ging’s Handeln noch nicht so überzwerch
- mit Flausen und Klauseln und Staatsrücksichten wie heute;
- damals +vermochten+ noch stracks die aufstrebsamen Leute,
- mit der Faust oder Stirn ihren Hochsinn durchzudrücken,
- sich selbst und allen Nachkommen zum Entzücken.
- O, ich sag euch: hier so lesen von den glorreichen Zeiten,
- und die Dämmrung beginnt aus den Schatten der Zweige zu gleiten,
- daß die Buchstaben flimmern auf den vergilbten Seiten:
- schier leibhaftig seh ich sie dann Gestalt annehmen
- und einherschreiten, die gewaltigen Schemen,
- die gewappneten Herren aus trutzigem Bauerngeschlechte,
- die frommen Einsiedler, die klugen Schalksknechte,
- mit ihren blinkenden Schwertern, Kruzifixen, Helmzierden, Drommeten,
- gleich als wollten sie da aus dem Wald zu mir treten
- und mit mir beten -- --
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- Was! Hier? Gestalten? hier unter diesen Bäumen?
- Nein, Gevatter Michael: es scheint wirklich, Sie träumen.
-
- (Er nippt wieder ein Schlückchen.)
-
-+Michel+:
-
- Na! dann seid ihr Beiden ja endlich einmal einig.
- Und könnt austrinken! Es wird dunkel, mein’ich.
-
-+Der rote Karl+:
-
- Ist freilich Mondschein. Erstes Viertel, wie du siehst.
- Aber wenn du meinst -- und dich unsre Gesellschaft verdrießt --
-
- (Er trinkt aus.)
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- Ja, dann wollen wir wahrlich keine Zeit verlieren.
-
- (Er trinkt ebenfalls aus.)
-
-+Michel+:
-
- Na, ich mein blos: ich muß mich doch zum Fest ausstaffieren.
-
-+Lise Lied+
-
- (singt im Innern des Hauses, durchs Dachfenster sichtbar):
-
- Willkommen, weißer Mond im Blauen,
- allein!
- Laß mich in Deine Heimat schauen,
- sei mein!
- Ich sitz im Dunkeln voll Geduld,
- du scheinst!
- O leuchte Jedem heim voll Huld,
- dereinst!
-
- (Sie schließt das Fenster.)
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- Meiner Seel! wenn sie singt, dann ist sie der reine Engel.
-
-+Der rote Karl+
-
- (aufstehend):
-
- Ja, und winkt uns heim mit dem Tulpenstengel.
-
- (Im Haus wird Licht angesteckt, hinterm Dachfenster.)
-
- Also, Michel, Glückauf; vielleicht siehst du mich noch um
- Mitternacht.
-
-+Michel+
-
- (gleichfalls aufstehend):
-
- Wie?
-
-+Der rote Karl+:
-
- Nu, es ist doch Maskenfreiheit angesagt
- und jeder wahlberechtigte Bürger nebst Familie eingeladen;
- da wirds ’nem alten Kriegsveteranen, denk ich, wohl auch nicht
- schaden.
-
-+Michel+:
-
- Siehst du, Roter: das ist wacker! Wahrhaftig, das freut mich.
-
-+Der rote Karl+:
-
- Trotz dem Bergrat? -- Na! ich will nicht hoffen, es reut dich.
-
- (Er schüttelt ihm die Hand und geht langsam links ab.)
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- Ich denk, ich komm auch.
-
-+Michel+:
-
- So.
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- Ja. Ich denk, es bringt Segen,
- unsre alte ehrwürdige Knappentracht wieder mal anzulegen.
-
-+Michel+:
-
- Schön; stolper nur niemand nicht übern Degen!
- Glückauf, Gevatter! --
-
- (Er winkt ihm Abschied und geht ins Haus; der schwarze Karl folgt
- verdutzt dem roten.)
-
-+Tyll Eulenspiegel+
-
- (kommt von rechts aus dem Wald geschlichen, steigt über den Zaun
- auf die Gartenbank und ruft gedämpft):
-
- Immer vorwärts, gnädiger Herr! die Luft ist jetzt rein.
- Nur das Jungfräulein wäscht sich im Kämmerlein.
-
- (Auch unten im Haus wird ein Fenster hell.)
-
-+Der Kaiser Rotbart+
-
- (tritt aus dem Wald, in goldner Rüstung, mit geschlossnem Visier,
- sodaß nur sein langer Bart sichtbar ist):
-
- Hüt dich, Schalk: sie hat Augen, hurtig wie Eidechsen.
-
-+Der getreue Eckart+
-
- (in schwarzer Kutte mit hohem Kreuzstab, die Kapuze tief ins
- Gesicht gezogen, sodaß nur sein weißer Bart hervorguckt):
-
- Und könnt dich leicht wie den braven Michael behexen.
-
-+Eulenspiegel+:
-
- O, der Michel, der ist gänzlich in sich selber versunken.
- Seht: er hat nicht mal sein Glas ausgetrunken.
-
-+Der Rotbart+
-
- (zu Eckart):
-
- Wie stellen wirs an, Getreuer, ihm zu erscheinen?
-
-+Eulenspiegel+
-
- (von der Bank springend):
-
- Hopp! wir erscheinen eben. Das genügt, sollt ich meinen.
-
-+Eckart+:
-
- Mir deucht, gnädiger Herr, der Schalk rät gut.
-
-+Eulenspiegel+
-
- (nach dem unteren Fenster deutend):
-
- Seht: er ist ganz behext von -- dem alten Schäferhut.
- Ach, er küßt ihn -- (_ahmt den Kuß ulkig nach_) --
-
-+Eckart+:
-
- Darüber soll man nicht lachen!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Nun, dann werd ich uns mal ernstlich bemerkbar machen.
-
- (Er klappt mit der Pritsche an die Scheibe und klingelt dazu mit
- einer Schelle, die am linken Zipfel seiner Gugelkappe hängt;
- dieser Zipfel ist so lang, daß Eulenspiegel die Schelle in die
- Gürteltasche stecken kann, damit sie nicht von selbst klingelt,
- sondern nur wenn er sie herausnimmt.)
-
-+Michel Michael+
-
- (tritt in Schäfertracht auf die Schwelle, in blauem Rock und grauem
- Mantel, eine brennende Kerze in der Hand, sodaß die Scheibe nun
- dunkel ist):
-
- Wer klopft so spät und dringlich an meinem Fenster?
- Wer sind die Herren --
-
-+Der Rotbart+
-
- (wie ein Standbild aufs Schwert gestemmt):
-
- Gestalten --
-
-+Eckart+:
-
- Gestalten --
-
-+Eulenspiegel+
-
- (_mit Verbeugung_): sozusagen Gespenster.
-
-+Michel+:
-
- Die Herren scheinen sehr spaßhaft gelaunt. Ich vermute,
- Sie wollen in die Stadt
-
-+Eulenspiegel+:
-
- mit dir auf die Maskenredute;
- wenn du uns den Weg zeigen willst. Denn merke dir:
- mit Gespenstern spricht man per Du und Ihr.
-
-+Eckart+:
-
- Wir kommen, Michel Michael, um dich aus deinem Unmut zu reißen;
- ich vom Hörselberg, der getreue Eckart geheißen.
-
-+Der Rotbart+:
-
- Ich habe bislang im Kyffhäuser meinen Rotbart beglotzt;
- nun hat mich dein Wagmut endlich heraufgetrotzt.
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Ich brauch mich, Vetter Michel, wohl nicht vorzustelln.
- Ich bin überallher und starb bekanntlich in Mölln.
-
- (Das Dachfenster wird plötzlich dunkel.)
-
- Weiß also nirgends mehr auf dieser Erde Bescheid,
- aber desto gründlicher in der Ewigkeit.
-
- (+Lise+ kommt die Flurtreppe herab, wie früher gekleidet, doch
- ohne Schürze; tritt unbemerkt hinter Michel.)
-
-+Eckart+:
-
- Willst du uns nun, hier wo sich die Wege verzweigen,
- die rechte Richtung durchs nächtliche Vaterland zeigen --
-
-+Der Rotbart+:
-
- so wollen wir’s lohnen und dir zum guten Gelingen
- deines gewagten Geschäftes beispringen --
-
-+Eulenspiegel+:
-
- zum Verkauf deines Hauses --
-
-+Michel+:
-
- Wie?? Ihr wißt??
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Daß der Herr Michael heute durchaus kein Träumer mehr ist.
-
-+Eckart+:
-
- Brauchst nicht starrstehn, als stünd hier der Antichrist;
- wir haben nur im Wald da vorhin ein wenig gelauscht.
-
-+Lise+:
-
- Michel, tu’s nicht! Stehst ja jetzt schon wie ausgetauscht!
-
-+Michel+:
-
- Was! du bist noch auf, Lise?
-
-+Lise+:
-
- Soll wohl mit dir um die Wette träumen?
- Ich muß doch noch euer Teufelsgeschirr da beiseite räumen.
-
- (Sie will an ihm vorbei in den Garten.)
-
-+Eulenspiegel+
-
- (ihr zuvorkommend):
-
- Auf Ihr Wohl, mein frommes Fräulein, den teuflischen Rest!
-
- (Er spritzt ihn hoch in die Luft und überreicht ihr die Gläser.)
-
- Dürfen wir hoffen, Sie wallfahrten auch mit aufs Fest?
-
-+Lise+:
-
- Danke. Hab keine Lust. (_Leise_) Ich bitt dich, Michel, tu’s nicht!
- Was sind das für Leute?
-
-+Eulenspiegel+
-
- (durch die hohle Hand):
-
- Lockspitzel fürs Jüngste Gericht!
-
-+Michel+
-
- (noch leiser):
-
- Sind wohl Grubenbesitzer aus dem Nachbarkreis.
- Sei friedlich, Lise!
-
-+Lise+
-
- (ihm den Leuchter abnehmend):
-
- Ist mancher friedloser, als er weiß -- --
-
- (Sie geht mit den Gläsern und dem Licht ins Haus; ein andres
- Fenster als vorher wird hell.)
-
-+Michel+:
-
- Entschuldigen die Herrn: sie kommt wenig unter Leute,
- mein Mündel. Und ist voller Unruh heute.
-
-+Der Rotbart+
-
- (nach links zeigend):
-
- Das dort unten, der Lichterhaufen, das ist wohl die Stadt?
-
-+Michel+:
-
- Ja, Herr. Nicht wahr: was das einen Andrang nach oben hat!
- Wie die Glanzpunkte einander immer übersteigen,
- überflügeln, und doch sich zusammentun zum Reigen;
- rein als möcht sich der Erdkreis da selber von Grund aus
- beschwingen,
- immer heller hinauf in den dunkeln Weltkreis zu dringen
-
-+Eulenspiegel+
-
- (pathetisch):
-
- und nachher kopfüber wieder herunter zu springen.
-
-+Michel+:
-
- Wie?
-
-+Eckart+:
-
- Der Eulenspiegel hat dir nur andeuten wollen --
-
-+Der Rotbart+:
-
- daß es nun wohl Zeit sei, uns langsam hinunter zu trollen.
-
-+Michel+:
-
- Ja so! Ja. (_Ins Haus rufend_) Lise! bring mir mal Vaters Stock,
- den langen! -- Ich hoffe, mein schlichter alter Rock
- paßt zu den Herren Gespenstern nicht schlecht amende?
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Vortrefflich, Vetter! Besonders (_leise_) zu meinem nagelneuen
- Hemde.
-
-+Lise+:
-
- Hier, Michel.
-
-+Michel+
-
- (den Stock nehmend):
-
- So! -- Jetzt, ihr Herrn, sollt ihr sehn,
- ob der Michel versteht, durchs nächtliche Deutschland zu gehn
- und bis Tagesanbruch sein festlich Geschäft zu vollbringen
- und auch ohne euern Beistand
-
-+Lise+:
-
- einen Rausch zu erringen.
-
-+Der Rotbart+:
-
- Ei, gestrenges Fräulein, im Rausch wird die Herzenslust rege.
- Gute Nacht! Ich gönn euch ein rauschend Herz allerwege.
-
- (Er verneigt sich und schreitet linkshin davon.)
-
-+Eulenspiegel+
-
- (ihm folgend):
-
- Ich schenk euch alles Rauschgold droben im Blauen.
-
-+Eckart+
-
- (ebenso):
-
- Ich wünsch euch, allen himmlischen Festrausch zu schauen.
-
-+Lise+
-
- (ihnen nachrufend):
-
- Und ich euch ein höllisches Morgengrauen! --
- Ach, Michel!
-
-+Michel+:
-
- Gute Nacht, du ewige Unruh du.
- Geh schön schlafen. Und schließ die Haustür hübsch zu.
- Wirst schon sehn, ich sorge für dich aufs väterlich beste;
- und übers Jahr kannst du auch mit auf solche Feste.
-
-+Lise+:
-
- Wirklich?
-
-+Michel+:
-
- Ja wirklich, du. Aber jetzt laß mich gehn;
- horch, man hört schon Musik herüberwehn --
-
- (eine ferne leise Walzermusik tönt bis zum Schluß des Aktes fort) --
-
- und die Herren da warten, es ist höchste Zeit.
- Also leg dich aufs Ohr und träum dir ein fein neu Kleid.
-
- (Indem er den Andern nacheilt):
-
- Und schick deine Mucken heim, du! da auf die Mondsichel,
- du dumme Lise -- (_er verschwindet_) --
-
-+Lise+
-
- (ihm mit beiden Händen einen Kuß nachwerfend):
-
- Du dummer Michel! --
-
- (Sie huscht ins Haus, löscht das Licht, kommt gleich darauf wieder,
- in einen langen schwarzen Schleier gehüllt, ein silbernes Diadem
- mit flimmerndem Stern auf dem Haar, einen langen silbernen Stab
- in der Hand, der oben wie eine Wünschelrute gespalten ist, und
- verschließt die vom Mond beglänzte Tür. Dann sich reckend:)
-
- O ja, ich schließ zu. Und den Schlüssel, (_ihn hebend_) den sollst
- du erst finden,
-
- (ihn ins Mieder steckend)
-
- wenn dir die Sinne vor Unruh um mich schwinden,
- du Väterlicher! -- Ja: berausch dich nur gut,
- du Lieber! Ich fühl’s, was dir braust im Blut.
- Ich folg dir, ich halt dich im Heimatland --
- O, er weiß noch, wie er sein Findelkind fand!
- wie’s ihn durchdrang, durchdrang, Herz, als er mich sah:
- wie ein Bergquell tief aus der Erde --
- (_in Gesang ausbrechend_) ja --:
- so saß ich unter dem Felsenhang --
-
- (linkshin davonschreitend, während der Vorhang sich schließt)
-
- und sang -- und sang -- --
-
- *
-
-+Eulenspiegel als Zwischenredner+
-
- (tritt aus dem Mittelspalt des Vorhangs, klingelt mit seinem
- Schellenzipfel):
-
- Meine Herrschaften, das Fest ist in vollem Schwung;
- selbstverständlich mit polizeilicher Genehmigung.
- Die ganze Stadt schwebt auf dem Gipfel der Seligkeit;
- einschließlich der beiderseitigen Geistlichkeit.
- Jeder darf sich also, ohne irgend eine Pflicht zu entheiligen,
- an der allgemeinen Begeisterung voll-und-ganz beteiligen.
- Das soll nicht etwa heißen, ich buhle um Ihre Gunst;
- sondern blos mein Herr, der Dichter, betreibt diese schändliche
- Kunst.
- Er betreibt sie leider mit höchst wohlgeziemenden Mitteln
-
- (das Gestampf einer Maschine wird hörbar)
-
- und ist fest überzeugt, Sie finden nichts dran zu kritteln;
- wie Sie hören, sogar mit Dampfkraft und Elektrizität,
- weils ohne diese Errungenschaften heut nicht mehr geht.
- Dennoch muß ich sagen
-
- (eine laut schnarrende Stimme hinterm Vorhang wird hörbar)
-
- -- na aber! das wird denn doch zu kräftig;
- ich bitte um Ruhe dadrinne! Hee! Sie begeistern sich zu heftig!
- Heda, Ruhe! oder ich ruf die Regie!
- Ich bin ein Gespenst, ich kann nicht so schrein wie Sie,
-
- (er schreit immer stärker)
-
- Sie rattern ja lauter als die Dynamomaschine;
- bitte schließen Sie gefälligst Ihre Phrasenterrine! --
- Sie! hören Sie nicht? jetzt habe Ich das Wort! --
- Er hört nicht. Er rattert ruhig fort.
- Ich fürchte, über solchen voll-und-ganzen Begeisterungston
- verfügt nur eine wirkliche neuhochdeutsche Regierungsperson;
- jeder andre Geist krigte davon den Schlucken.
- Da muß ich braves altdeutsches Gespenst mich wohl ducken
-
- (er tut es)
-
- und ehrerbietigst das Mundwerk der hohen Behörde enthüllen,
- damit Sie auch lernen, so begeistert zu brüllen.
-
- (Er schiebt geduckt den Vorhang linkshin auf und verkriecht sich im
- Vordergrund der Bühne.)
-
-
-Zweiter Aufzug
-
- (+Bild+: Eine Gartenwirtschaft mit elektrischen Ampeln,
- bunt voller Leute in Maskenkostümen, doch herrscht die schwarze
- Farbe vor. Im Hintergrund ein erleuchteter Tanzsaal. Rechts ein
- Laubengang mit Tischen und Stühlen, die grün und weiß gestrichen
- sind; auf dem vordersten Tisch ein weißes Tischtuch und ein Schild
- mit der Aufschrift „Reserviert!“ Links unter Bäumen ein langer
- Tisch, an dessen hinterem Ende der schnarrende +Landrat+
- steht, mit aufgedrehten Schnauzbartspitzen, in schwarzer Halbmaske,
- Frack und Domino. An den Seiten dieses Tisches sitzen der
- +Bergrat+ und der +Bürgermeister+, ähnlich maskiert, nur
- mit anderen Bärten, der Bergrat mit dunkelm spanischen Spitzbart,
- der Bürgermeister mit grauem Tintenwischer-Schnurrbart; dann die
- +Frau Bürgermeisterin+ und andre Damen in farbigen Masken,
- ein +Kaplan+ und ein +Pastor+ unmaskiert, der +schwarze
- Karl+ in Bergknappentracht mit Hornbrille, ihm gegenüber
- +Michel Michael+ ohne Maske, an der linken Ecke vorn. Die
- Honoratioren tragen Zylinderhüte; nur der Kaplan hat flachen
- Seidenhut. Hinter Michel stehen wie Wachtposten der +Kaiser
- Rotbart+ und der +getreue Eckart+, immer mit geschlossnem
- Visier und Kapuze; und +Eulenspiegel+ hat sich zu seinen
- Füßen unter die Tischplatte gehockt. In der Mitte der Bühne ein
- Lindenbaum, hinter dessen Stamm +Lise Lied+ verborgen steht;
- davor eine grün und weiß gestrichene grade Bank ohne Lehne.
- Ringsherum maskiertes Volk; darunter auch Kinder.)
-
-+Der Landrat+
-
- (immer lauter schnarrend, um das Gestampf der Maschine zu
- übertönen):
-
- Und demnach, da Sie merken -ä- bin zwar in Maske erschienen,
- aber -ä- unverkennbar: Ihr Landrat redet zu Ihnen --
- demnach, sag’ich, will ich hier -ä- in Ihrer festlichen Mitte,
- wo uns Alle nach guter, echter, alter Sitte
- sozusagen die brüderlichsten -äh- Gefühle beseelen,
- will ich, sag’ich, Jedem väterlichst anempfehlen,
- trotz allen, wie Schiller sagt, feindlichen Gewalten
- unentwegt unsre heiligsten Güter -ä- hochzuhalten.
- Und diese -ä- Gefühle -- Gefühle, sag’ich -- sollen uns auch
- geleiten,
- wenn wir in diesen unverzeihlich vaterlandslosen Zeiten
- demnächst, meine Herrn, wie Sie wissen, zur Wahlurne schreiten.
- Also, meine Herrn -äh- und Damen, wolln wir uns jetzt von den
- Stühlen
- zum Zeichen von unsern -ä- unsern -äh-
-
-+Eulenspiegel+
-
- (über den Tischrand weg):
-
- Hochgefühlen --
-
-+Der Landrat+:
-
- jawohl: von unsern vaterländischen Hochgefühlen --
- wollen wir uns, sag’ich, jetzt mit unsern Gläsern erheben:
- unser allverehrter Reichstagskandidat, der Herr Bergrat, er soll
- leben! hoch!
-
-+Chorgesang mit Musik+
-
- (während der Landrat dem Bergrat die Hand schüttelt und Alle
- anstoßen):
-
- Hoch soll er leben, hoch soll er leben, dreimal hoch!
-
- (Dann noch immer das Geräusch der Maschine.)
-
-+Der Landrat+:
-
- Himmelkreizrudiment! da +muß+ ja’s Trommelfell reißen!
-
- (Nach hinten schreiend:)
-
- Die Kerls, die Heizer, sollen die Tür zuschmeißen!
- Heda!!! Tür zu, sag’ ich! Sofort den Kesselraum schließen! --
-
- (Man hört eine eiserne Tür zuklappen; das stampfende Geräusch
- verstummt.)
-
- Bande! Frechheit! Da soll man nu Volksfest genießen.
- Unerhört! verstand kaum mein eigen Wort.
- Tun’s selbstredend extra, diese Sozi, uns hier zum Tort.
- Mußte schrein, daß mir jetzt noch’s Trommelfell klirrt.
-
-+Der Bergrat+:
-
- Ach bitte, Herr Bürgermeister, Sie sorgen wohl gütigst beim Wirt,
- daß uns die Lichtmaschine, bitte, nicht wieder stört.
-
-+Der Bürgermeister+:
-
- Mit Vergnügen, Herr Bergrat.
-
-+Der Landrat+:
-
- Ja! bin wirklich empört!
-
-+Der Bergrat+:
-
- Er soll den Heizern ein Achtel Pilsner auflegen.
-
-+Der Bürgermeister+:
-
- Gern, Herr Bergrat.
-
- (Er entfernt sich mit der Volksmenge nach dem Tanzsaal.)
-
-+Der Landrat+:
-
- Pros’t, Herr Corpsbruder! meinen volksfreundlichsten Segen!
-
- (Er trinkt dem Bergrat zu.)
-
- Diese Rasselbande! diese roten Radaugesellen!
-
-+Michel+
-
- (hat wieder Platz genommen, stampft seine Weinflasche auf den
- Tisch):
-
- Mit Verlaub! Indessen: von wegen den Trommelfellen --
-
-+Der Landrat+
-
- (etwas schwerhörig):
-
- Äh --?
-
-+Eulenspiegel+
-
- (unterm Tisch hervor):
-
- Trommelfellen --
-
-+Michel+:
-
- so im Kesselraum schuften, ist +auch+ kein Volksvergnügen.
-
-+Der Rotbart+:
-
- Volksvergnügen.
-
-+Eckart+:
-
- Volksvergnügen.
-
-+Der Bergrat+:
-
- Bravo, Michel!
-
-+Die Frau Bürgermeisterin+
-
- (auffällig bunt kostümiert, lorgnettierend):
-
- Entzückende Gruppe!
-
-+Der Landrat+:
-
- Gottvoll!
-
-+Michel+:
-
- Verfluchtige Lügen!!!
-
-+Eulenspiegel+ (_Fistel_) und +Eckart+ (_Baß_):
-
- Lügen! Lügen!
-
-
-+Der Rotbart+
-
- (Baryton):
-
- Man soll nicht meinen, ihr Leute, man könne den Michel betrügen.
-
-+Die Bürgermeisterin+
-
- (während die Andern lachen):
-
- Nein, wie reizend!
-
-+Der Landrat+:
-
- Köstlich!
-
-+Die Bürgermeisterin+:
-
- Wie echt gemacht! So natürlich!
- so romantisch! so richtig sagenfigürlich!
- nicht wahr, Herr Pastor?
-
-+Der Pastor+
-
- (in schwarzem Gehrock, zugeknöpft, wohlbeleibt):
-
- In der Tat, Frau Bürgermeisterin;
- ein Maskenscherz mit tiefem evangelischen Sinn.
-
-+Der Kaplan+
-
- (in schwarzer Sutane, noch beleibter):
-
- Man könnte, Herr Amtsbruder, eher wohl katholischen sagen.
-
-+Der Bergrat+:
-
- Also, meine Damen und Herrn, erlaub’ich mir vorzuschlagen,
- weil der biedre Zecher da Michel Michael heißt
- und offenbar erfüllt ist von wahrhaft volkstümlichem Geist:
- wir erteilen nachher dem deutschen Michel nebst Geisterbegleitung
- den Maskenpreis!
-
-+Alle+:
-
- Bravo!
-
-+Eulenspiegel+
-
- (aufstehend und klingelnd):
-
- Und setzen’s in die Zeitung!
-
-+Der Landrat+:
-
- Selbstredend!
-
-+Eulenspiegel+
-
- (sich vor ihm verbeugend und weiterklingelnd):
-
- Es lebe die hochwohlweisliche Volksfestleitung! --
-
- (Im Saal fängt gedämpfte Tanzmusik an.)
-
-+Michel+
-
- (ist gleichfalls aufgestanden):
-
- Herr Bergrat spaßen sehr gütig; ja; und ich danke auch sehr.
- Aber, wie Herr Bergrat wissen, kam ich eigentlich her,
- um mein Haus --
-
-+Der Rotbart und Eckart+:
-
- (während Lise Lied hinter dem Baum hervorschaut)
-
- Haus -- Haus --
-
-+Michel+:
-
- (die Vertragspapiere aus der Brusttasche holend)
-
- Hier -- ich bin so frei --
-
-+Der Bergrat+:
-
- Schon gut, lieber Michel; gewiß, kommt auch an die Reih.
- Jetzt muß ich erst tanzen gehn.
-
- (Zur Bürgermeisterin:)
-
- Gnädige Frau, darf ich bitten! --
-
- (Verschiedene Paare, auch der Landrat mit einer Dame, ab nach dem
- Saal.)
-
-+Michel+
-
- (die Papiere einsteckend und sich wieder setzend):
-
- Verdammte, verquere, katzenfreundliche Sitten!
-
- (Er stürzt ein Glas Wein hinunter.)
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Ja, Sitten!
-
-+Der Rotbart und Eckart+:
-
- Sitten! --
-
-+Der schwarze Karl+
-
- (hat bis dahin mit dem Kaplan getuschelt):
-
- Gratuliere, Freund Gevatter; scheinst hier recht wohlgelitten.
-
-+Michel+:
-
- Halt’s Maul!!!
-
-+Lise Lied+
-
- (ganz hervortretend, dicht verschleiert, mit verstellter Stimme):
-
- Michel Michael, laß dich zum ersten Mal warnen!
- schon beginnt der Stadtrausch deinen Geist zu umgarnen.
- Ich bin deine Glücksfee; bang von fern komm ich her,
- von den Sternen, durch die Nacht, übers gründunkle Meer,
- meinen Wünschelstab in bebender Hand,
- flüchtigen Fußes von Land zu Land,
- durch den Wald deiner Kindheit bin ich gegangen,
- in den Schooß der Berge trieb mich dein Glückverlangen,
- bis zum Hörselgrund tief, wo Frau Venus wacht
- und den feurigen Quell der Jugendträume entfacht --
- Michel Michael, jetzt durch meinen Mund
- tut dir die ewige Göttin kund:
- du sollst deiner lieben Heimat nicht untreu werden,
- damit du kein Flüchtling wirst auf Erden.
- Lebe wohl!
-
-+Der Rotbart+:
-
- Halt, Flüchtling!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Halt, edle Fee! Nicht so schnell!
-
- (Er läuft ihr nach; sie verschwinden im Hintergrund rechts.)
-
-+Der Rotbart+:
-
- Du scheinst wahrlich kein Flüchtling, Glücksvogel Michael!
-
-+Michel+:
-
- Ach was, Maskenschnack! Lachhaft! Lauter Alfanzerein!
- Hee, Bedienung!
-
- (Ein altdeutsch gekleideter Kellner erscheint und bringt auf seinen
- Wink eine neue Flasche.)
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- Wer mag’s wohl gewesen sein?
- Die Jungfer Lise?
-
-+Michel+:
-
- Schnack, sag’ich! Die liegt zu Hause im Bett!
- Verstanden?! -- Höchstens etwa, daß sie ’ne +Freundin+ hätt
- und läßt ihrem Vormund heimlich so’n kleinen Stupps aufschwenken;
- braucht drum Niemand nichts Schlechtes von ihr zu denken!
-
-+Eckart+:
-
- Michel Michael, hüt dich vor des Hörselbergs Ränken!
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- Ja, ich meine auch --
-
-+Michel+:
-
- wie??
-
-+Der schwarze Karl+:
-
- das heißt, natürlich nur so im Allgemeinen;
- die bösesten Weibsbilder sind, die die besten scheinen.
- So zum Beispiel der Bergrat und die Frau Bürgermeistern.
- Da hilft kein Vertuschen mehr, kein Verkleistern;
- rein schon öffentlich tut sie’s ja mit ihm treiben.
-
-+Michel+:
-
- Meinethalben! Man soll mir mit Stadtklatsch vom Halse bleiben!
-
-+Der Kaplan+:
-
- Wohlgesprochen, mein Sohn. Jedoch, in dem städtischen Sündenschwarm
- braucht der Mensch eines Schutzpatrons starken Arm;
- du hast ihn schon lange nicht mehr im Beichtstuhl erprobt.
- Wirst hoffentlich trotzdem, wenn nun die Wahlschlacht tobt,
- wissen den rechten Schild hochzuhalten.
-
-+Michel+
-
- (aufstehend):
-
- Zu Gnaden, Ehrwürden; ich lass den alten Gott walten.
- Obgleich ich, verzeihn Sie, in meinem einfältigen Sinn
- eigentlich mehr für die Protestanten bin.
-
-+Der Pastor+
-
- (gleichfalls aufstehend):
-
- Ein männliches Wort, lieber Freund! Und ich darf wohl hoffen,
- Sie wissen, auch unser Arm steht der christlichen Einfalt offen.
-
-+Michel+:
-
- Viel Ehre, Herr Pfarrer. Indeß, um Sie nicht zu vexieren:
- ich bin überhaupt fürs Protestieren.
- Wenn ich wählen +müßt+ zwischen Pastor und Kaplan,
- wär ich doch wohl lieber dem -- Stärkeren untertan.
-
- (Er verbeugt sich schwerfällig, dreht ihnen den Rücken und
- setzt sich ans andre Ende des Tisches; der +Rotbart+ und
- +Eckart+ folgen ihm, seine Flasche und sein Glas nachtragend.)
-
-+Der Pastor+
-
- (zum Kaplan, der ebenfalls aufgestanden ist):
-
- Hm. Wer +ist+ nun der Stärkere von uns Beiden?
-
-+Der Kaplan+
-
- (die Hände über den Bauch faltend):
-
- Ich schätze, Herr Collega, wir lassen’s vom Publiko entscheiden.
-
- (Die Tanzmusik im Saal hört auf.)
-
-+Eulenspiegel+
-
- (zurückkommend):
-
- Vetter Michel, ich habe den ganzen Stadtpark durch-und-durchgekuckt:
- deine Glücksfee scheint von der Hölle verschluckt.
-
-+Michel+:
-
- Glückauf!
-
-+Der Rotbart+:
-
- Wahr dich, Schalk! daß der Michel nicht Flammen spuckt! --
-
- (Währenddem kommt Maskengewühl aus dem Saal. Voran der
- +Bergrat+ und der +Landrat+, hinter ihnen her der Kellner
- mit Sektkübel und Würfelbecher, zu dem reservierten Tisch hin im
- Vordergrund rechts.)
-
-+Der Landrat+
-
- (sich mit dem Taschentuch fächelnd):
-
- Himmelkreiz! Doller Fez! Bewundre Sie. Ohne zu schmeicheln.
-
-+Der Bergrat+:
-
- Ja, man lernt allmählich die Volkstatze streicheln.
-
-+Der Landrat+:
-
- Na, ich danke!
-
-+Michel+
-
- (hat sich durch die Leute nach vorn gedrängt):
-
- Herr Bergrat -- wenn Sie jetzt -- ich will nicht behelligen --
- aber solche Unterschrift ist doch leicht zu bewerkstelligen --
- da Sie doch geneigt --
-
-+Der Bergrat+:
-
- Aber bester Michael,
- Sie benehmen sich wirklich etwas auffällig schnell.
- Hat doch Zeit bis morgen.
-
-+Michel+:
-
- Morgen muß ich arbeiten gehn!
-
-+Der Bergrat+
-
- (den Würfelbecher nehmend):
-
- Na, dann nachher! Jetzt bin ich beschäftigt, wie Sie sehn.
-
-+Michel+:
-
- Ich -- seh -- --
-
-+Lise Lied+
-
- (erscheint im Hintergrund):
-
- Michel Michael, ich warn dich zum zweiten Mal --
- horch: schon singen die Bergleut ein Spottlied im Saal --
-
-+Sprechgesang+
-
- (auch Kinderstimmen):
-
- Der deutsche Michel, der hat sich verlaufen;
- Glückauf!
- Er will sein Haus an die Stadtleut verkaufen;
- Glückauf!
-
-+Ein Zug maskierter Bergknappen+
-
- (kommt weitersingend aus dem Saal, geführt vom +roten Karl+,
- der als Militär-Invalide maskiert ist, und begleitet von Kindern in
- blaugrauen Koboldtrachten mit Zippelmützen und weißen Bärten):
-
- O Michel, die Stadt hat ein Herz von Stein,
- bald wirst du ein steinreiches Schindluder sein;
- Glückauf!
-
-+Lise Lied+:
-
- Drum, aus der Berge feurigem Herzensgrund,
- tut die Herrin der Zukunftsträume dir kund:
- Du sollst deine herzwarmen Augen heller aufmachen,
- dann wirst du zum goldensten Traum erwachen.
- Glückauf!
-
- (Sie verschwindet.)
-
-+Der rote Karl+
-
- (seine Mütze abziehend):
-
- Ein alter Kriegsveteran, der um ein Almosen bettelt --
-
-+Michel+:
-
- Ah, roter Karl! +Du+ hast das angezettelt?!
- Ich sag dir: hüt dich! ich kenn dich! scher dich um Deine Sachen!
- der Michel läßt sich von +niemand+ zum Popanz machen!
- Merk dirs! Sonst: hier: bei meines Vaters Stock --
-
- (Die Maschine stampft plötzlich wieder los)
-
-+Der Landrat+
-
- (den Würfelbecher aufstampfend und sich die Ohren zuhaltend):
-
- Kreizrudiment --
-
-+Der rote Karl+:
-
- man stopp --
-
-+Dumpfe Stimmen im Hintergrund+:
-
- man stopp! man stopp! man stopp!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Platz da, Michel!
-
-+Der rote Karl+:
-
- Platz! sonst gibts Flecke am Rock!
-
- (+Drei Maschinenheizer+, rußgeschwärzt, kommen mit
- geschulterten Schaufeln im Marschtritt nach vorn; Eulenspiegel
- klappt mit der Pritsche den Takt dazu.)
-
-+Der Oberheizer+:
-
- Stopp! -- (_Zum Bergrat_:) Euer Hochwohlgeboren haben die Gnade
- gehabt
- und uns mit einer Erfrischung
-
-+Der rote Karl+
-
- (_soufflierend_): kleinen Erfrischung
-
-+Der Oberheizer+:
-
- kleinen Erfrischung gelabt.
- Euer Hochwohlgeboren, wir danken Ihnen sehr
- und melden
-
-+Der rote Karl+
-
- (_wie vorher_): gehorsamst
-
-+Der Oberheizer+:
-
- gehorsamst: das Achtel ist bald leer.
- Euer Hochwohlgeboren wissen, die Nacht ist noch lang,
- und wir halten
-
-+Der rote Karl+:
-
- ergebenst
-
-+Der Oberheizer+:
-
- ergebenst die Beleuchtung in Gang.
- Euer Hochwohlgeboren, wir möchten
-
-+Der rote Karl+:
-
- mit unter
-
-+Der Oberheizer+:
-
- mit untertänigstem Respekt
-
-+Der rote Karl+:
-
- mal probieren
-
-+Alle drei Heizer+:
-
- mal probieren, ob auch Sekt uns schmeckt!!!
-
-+Der Landrat+
-
- (vor sich hin):
-
- Kreuzschwerebrett --
-
-+Der Bergrat+
-
- (aufstehend, räuspernd):
-
- Leute! Hört mal --
-
-+Eulenspiegel+
-
- (steigt hinten auf einen Stuhl und klingelt):
-
- Hört, hört!
-
-+Der Bergrat+:
-
- Ich bitte doch dringend, daß man den Geist des Festes nicht stört!
-
-+Eulenspiegel+
-
- (nochmals klingelnd):
-
- Ich schließe mich dringend dem verehrten Herrn Vorredner an
- und verordne somit strengstens, so geisterhaft ich kann,
- auf Geheiß Seiner Allerhöchstgeistigen Majestät
- des weiland Kaisers Rotbart, weil er hier auf Gebet
- des annoch deutschen Michels auferstanden steht
- im Zeitalter des Dampfes und der Elektrizität,
- und weils ohne diese Errungenschaften nicht geht
-
-+Eckart+
-
- (mit Grabesstimme):
-
- in euerm erleuchteten Jahrhundert --
-
-+Der Rotbart+
-
- (mit Donnerstimme):
-
- über das er sich ungeheuer wundert --
-
-+Eulenspiegel+:
-
- so verordnet er hiermit den Anstiftern der Beleuchtung
- zur weiteren nächtlichen Kesselraumbefeuchtung
- aus seiner johannisfestlichen Kellerei
- unter Aufsicht der hochwohlwürdigen Geisterpolizei
- einen Korb Henkell-trocken --
-
-+Die Heizer und Bergknappen+:
-
- Ha! Hurra! Bravo! Hei!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Wir werden unverzüglich die nötigen Amtsbefehle geben.
-
- (Er springt vom Stuhl und läuft nach dem Saal.)
-
-+Die Heizer und Bergknappen+
-
- (während Michel sich auf den leeren Stuhl setzt):
-
- Hurra! hoch! der deutsche Michel soll leben!
- leben! leben! und Kaiser Rotbart daneben! --
-
-+Der Landrat+
-
- (während die Heizer und Knappen mit dem roten Karl nach links
- abmarschieren):
-
- Schwerebrett, Herr Corpsbruder! war ja ’ne nette Bescherung.
- Na, pros’t! Immerhin sozusagen ’ne soziale Belehrung.
-
- (Sie stoßen an und trinken Rest; zugleich klappt wieder die eiserne
- Tür, und das Geräusch der Maschine hört auf.)
-
- Wird der Michelspaß nicht amende bedenklich?
-
-+Der Bergrat+:
-
- Unbesorgt. Der Mann ist absolut unverfänglich;
- hat sicher mit dem kleinen Putsch nichts zu tun.
- Etwas Dickkopf, aber sonst ein gemütliches Huhn;
- will mir blos partout sein bißchen Grundstück beibiegen.
- Ist auch preiswert; und wie die Chancen liegen,
- müßt ich ihn sowieso bald aus seiner Waldbude schassen.
- Wollt ihn blos noch ’ne Zeitlang zappeln lassen;
- Sie verstehn.
-
-+Der Landrat+:
-
- Vollkommen. Blos diese -ä- Geistergestalten,
- die uns da eben die noble -ä- Abfuhr aufknallten --
-
-+Der Bergrat+:
-
- Ja, sonderbarer Scherz.
-
-+Der Landrat+:
-
- Schon mehr Impertinenz.
-
-+Der Bergrat+
-
- (während die Tanzmusik wieder anfängt):
-
- Vermutlich Herren von der linksseitigen Konkurrenz;
- scheint mir ratsam, hier niemand zur Entlarvung zu zwingen: --
-
- (Sie stehen auf, um sich nach dem Saal zu begeben.)
-
-+Eulenspiegel+
-
- (vom Maschinenhaus zurückkommend):
-
- Gnädiger Herr, ich habe zu hinterbringen:
-
- (mit Trinkgeberde)
-
- der kaiserliche Geist beginnt schon ins Volk zu dringen.
- Held Michel, halt dich zum Hurraschrein bereit!
-
-+Michel+
-
- (steht brüsk auf, ein wenig schwankend, und steuert zu dem Bergrat
- hin):
-
- Um Verzeihung, Herr Rat -- in aller Bescheidenheit --
- aber es könnt sonst sein, Herr Rat, das Geschäft wird mir leid; --
- den Bittsteller machen, fällt mir von Hause aus schwer --
-
-+Der Rotbart und Eckart+
-
- (sind ihm nachgeschritten):
-
- schwer -- schwer --
-
-+Der Bergrat+:
-
- So! Seh einer! -- Na! Dann geben Sie mal her.
- Pardon, Herr Corpsbruder.
-
-+Der Landrat+:
-
- Bitte. (_Ab zum Saal._)
-
-+Michel+
-
- (die Vertragspapiere überreichend):
-
- Hier -- zu dienen, Herr Rat --
-
-+Lise Lied+
-
- (aus dem Laubengang tretend):
-
- Michel Michael, hör mich! Zum dritten Mal naht
-
-+Michel+:
-
- Ruhe!!!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Holla, die Glücksfee! Halt, Göttin, halt!
-
- (Er setzt ihr nach; sie verschwinden beide.)
-
-+Michel+:
-
- Verzeihung, Herr Bergrat; sie drängt sich mit Gewalt
-
-+Der Bergrat+:
-
- Wohl ein Schatz?
-
-+Michel+:
-
- Gott bewahre, Herr Bergrat; nein, keine Spur.
-
-+Der Bergrat+
-
- (sich wieder an den reservierten Tisch setzend):
-
- Wär doch keine Schande, Mann; delikate Figur! --
- Na, nehmen Sie Platz --
-
- (die Papiere aufmachend und seinen Füllfederhalter herauslangend)
-
- aber Eins, mein Lieber, schick ich voraus:
- Sie müssen nicht denken, Sie wären der Herr im Haus.
- Ihre Scholle ist uns auf alle Fälle verfallen.
-
-+Michel+:
-
- Wie??
-
-+Der Bergrat+:
-
- Nun: wenn wir den Luftschacht etwas mehr seitwärts verstallen
- und legen ’ne Schutthalde vor Ihre Tür,
- dann gibt kein Mensch mehr ’ne Schippe Kooks dafür.
-
-+Michel+:
-
- Ja, aber --
-
-+Der Rotbart und Eckart+
-
- (wieder hinter ihm Wache stehend):
-
- aber! -- aber! --
-
-+Der Bergrat+:
-
- Da gibt’s nichts zu abern leider.
- Im Übrigen bin ich kein Halsabschneider.
- Kellner, noch’n Glas! -- Wollte blos meinen Standpunkt
- klarmachen -- --
-
- (Den Vertrag durchsehend:)
-
- Nein -- aber -- Bester -- das ist ja rein zum Lachen:
- ich nannte Ihnen fünfzehntausend als unsern äußersten Preis,
- und hier stehn achtzehn?!
-
-+Michel+:
-
- Ja, Herr Bergrat, weil --: ich weiß nicht, ob der Herr
- Bergrat weiß:
- mein Großahn war Grobschmied -- und -- und --
-
-+Der Bergrat+
-
- (_während der Kellner das Glas bringt_): Na? Und?
-
-+Michel+:
-
- Es geht eine alte Sage von Mund zu Mund --:
-
-+Der Rotbart+:
-
- Des Michel Michaels Haus steht auf eisernem Grund --
-
-+Eckart+:
-
- könnte mancheiner Silber und Gold draus schlagen -- --
-
-+Michel+:
-
- Ja! -- Das heißt, Herr Rat, ich wollte damit nur sagen --
-
- (da der Bergrat ihm einschänkt)
-
- sehr gütig, Herr Rat --
-
-+Der Bergrat+:
-
- Na, Michel: viel ist nicht zu profitieren.
- Aber -- na gut: Lufthalber wollen wir’s mal riskieren.
- Also (_ihm zutrinkend_) Glückauf!
-
-+Michel+:
-
- Glückauf! (_er leert sein Glas._)
-
-+Der Bergrat+
-
- (_unterschreibt_): So. Abgemacht. Hier:
- nun Sie! Nein, hier: auf dem andern Papier.
-
-+Michel+
-
- (nachdem er das Duplikat unterschrieben hat):
-
- Uff. Heiß!
-
-+Der Bergrat+
-
- (hat das erste Schriftstück gefaltet und gibt es ihm zurück):
-
- So; bitte. Nun? sind Sie nun zufrieden?
-
-+Michel+
-
- (während jeder sein Schriftstück sorgfältig einsteckt):
-
- Hoh, Herr Bergrat, schon? Jetzt geht’s doch erst los, das Schmieden!
- das Glückschmieden mein’ ich. Hier die paar tausend Mark Geldeswert,
- die sind doch blos erst das erste Roheisen auf dem Herd;
- hoffe dereinst die Welt noch als Feinschmied untern Hammer zu
- kriegen.
-
-+Der Rotbart+:
-
- Michel Michael, laß nur das Feuer nicht verfliegen!
-
-+Eckart+:
-
- Ist schon manche Glut zu Asche zerstoben auf Erden.
-
-+Der Bergrat+
-
- (Michels Glas wieder füllend):
-
- Ja, ich rate auch, lieber Michel: nicht übermütig werden!
-
-+Michel+:
-
- Oh, Herr Rat -- das sind blos so Volksfestgeberden.
-
- (Sein Glas abermals leerend)
-
- Auf Ihr Wohl, Herr Rat! -- Ich muß schon den ganzen Abend denken:
- wie wir hier so sitzen auf den schönen Stühlen und Bänken,
- Hoch und Niedrig zusammen bei den guten Getränken,
- und fühlt sich jeder so recht mitbeglückt im Gewühl --
- das ist doch ein sehr erhebendes Gefühl!
- nicht wahr?
-
-+Der Bergrat+
-
- (aufstehend):
-
- Hm. Ja. Sehr erhebend. Ja. Aber jetzt --
-
-+Eulenspiegel+
-
- (kommt mit +Lise Lied+ Arm in Arm angetanzt):
-
- Hurra, Vetter Michel, hier kommt dein Glück angesetzt!
- Hat sich endlich von mir am Schlafittchen kriegen lassen.
-
- (Die Tanzmusik hört auf.)
-
-+Eckart+:
-
- Schalk, Schalk! des Michels Glück, das kann nur er selber fassen.
-
-+Michel+
-
- (seine Brusttasche befühlend):
-
- Ja, wahrhaftig! --
-
-+Lise Lied+:
-
- Michel --! --
-
-+Michel+
-
- (_unwillkürlich_): Lise --! -- (_Sich besinnend_) Ach
- nein; dumm Zeuch;
- was rührt dich, Michel?! -- (_Auffahrend_) Schockschwerenot, ihr:
- was kümmert’s +euch+?
- schert euch zum Teufel! (_setzt sich wieder und stiert ins Glas._)
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Ha! Hörst du’s, Göttin? Verschmäht!
- Das fordert Rache! Rache! (_Den Würfelbecher nehmend_:)
- Soll ich mit diesem Gerät,
- kraft meiner spiritistischen Wupptizität,
- hehre Fee, ihn zerschmettern? -- Nein? -- Ach! das ist bitter.
-
-+Der Bergrat+:
-
- O: eine Fee, die findet wohl zartere Ritter.
- Aber eine Glücksfee, die sollte sich eigentlich entschleiern;
- darf ich’s wagen?
-
-+Lise Lied+
-
- (während die Tanzpaare aus dem Saal kommen):
-
- Vielleicht, Herr Ritter -- doch müssen wir +ihn+ erst feiern,
- der da selig in seiner Selbstherrlichkeit thront
- und die Dienste der Geister mit eitel Nichtachtung lohnt.
- Versteht Ihr, Ritter?
-
-+Der Bergrat+:
-
- Stolze Fee, ich beuge in Demut das Knie (_er tut es_)
- und verstehe.
-
-+Die Bürgermeisterin+
-
- (_dazwischentretend_): Aber Bergrat, was treiben Sie!
- Man ist sehr erstaunt --
-
-+Der Bergrat+
-
- (_knieen bleibend_): Oh, gnädigste Frau, ich desgleichen!
- In der Johannisnacht
-
-+Eulenspiegel+:
-
- erlebt man Wunder und Zeichen!
-
-+Der Rotbart und Eckart+:
-
- Wunder und Zeichen!
-
-+Der Bergrat+:
-
- Eine holde Fee stieg die Himmelsleiter herab
-
-+Die Bürgermeisterin+:
-
- shocking!
-
-+Der Bergrat+
-
- (_sich erhebend_): und gebeut uns mit ihrem Zauberstab,
- damit wir die Geister der Vor- und Nachwelt versöhnen,
- den deutschen Michel zum Weltherrn von ihren Gnaden zu krönen.
-
-+Die Bürgermeisterin+:
-
- Empörend!
-
-+Der Landrat+:
-
- Gottvoll, Bergrat!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Hurra, Michel! Jetzt heißt es erscheinen!
- Kopf hoch, Brust raus!
-
-+Der Rotbart+:
-
- Stehst du auch fest auf den Beinen?
-
-+Michel+
-
- (aufstehend):
-
- Hoh! Ich? (_er stolpert_.)
-
-+Die Bürgermeisterin+:
-
- Huch!
-
-+Michel+
-
- (_brüllend_): Bombenfest, sollt ich meinen!!!
-
- (Er stellt sich breitbeinig vor die Bank in der Mitte, während der
- Rotbart und Eckart hinter sie treten.)
-
-+Der Bergrat+:
-
- Also -- vielwerte Gäste!
-
-+Etliche Bengel in Koboldtracht+:
-
- hurrra!
-
-+Der Bergrat+:
-
- und Zaungäste!
-
-+Die Kobolde+:
-
- hurrra!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- und Geister, bitte!
-
-+Der Bergrat+:
-
- Bitte!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Danke.
-
-+Der Bergrat+:
-
- Hier steht er --
-
-+Kobolde+:
-
- steht er --
-
-+Der Bergrat+:
-
- in unsrer beglückten Mitte --
-
-+Kobolde+:
-
- Mitte --
-
-+Eulenspiegel+:
-
- leibhaftig --
-
-+Kobolde+:
-
- leibhaftig --
-
-+Der Bergrat+:
-
- unter dem Lindenbaum --
-
-+Kobolde+:
-
- Lindenbaum --
-
-+Der Bergrat+:
-
- unser teurer deutscher Michel --
-
-+Kobolde+:
-
- hurrra --
-
-+Eulenspiegel+:
-
- es ist kein Traum!
-
-+Der Rotbart und Eckart+:
-
- Kein Traum.
-
-+Der Landrat+:
-
- Himmelkreizrudiment zum Donner! Silenzium jetzt!!!
- Ruhe, Bengels! sonst werdt ihr rausgesetzt!
-
- (Er nimmt einem der Kobolde seine Zippelmütze weg und treibt die
- Schreihälse nach hinten.)
-
- Weiter, Bergrat!
-
-+Der Bergrat+
-
- (Lisens Arm nehmend):
-
- Also -- bezaubert von dieser Himmelserscheinung
-
-+Die Bürgermeisterin+:
-
- unglaublich!
-
-+Der Landrat+:
-
- pßt --!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- und nach der offenbar völlig einstimmigen Meinung
-
-+Der Bergrat+:
-
- aller Freunde und Freundinnen der höheren Sphären
-
-+Lise Lied+:
-
- wollen wir ihn jetzt zum Beherrscher der -- Lüfte erklären!
-
-+Der Bergrat+:
-
- zum Alleinherrscher sämtlicher Zukunftsflugmaschinen!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Glücksgondeln, Traumschiffe und sonstiger Zeppelinen!
-
-+Der Bergrat+:
-
- Möge er immer flügger, lenkbarer
-
-+Eulenspiegel+:
-
- und bombenfester werden!
-
-+Lise Lied+:
-
- und selig enden als Luftschloßbesitzer auf Erden! --
-
-+Der Landrat+
-
- (die Zippelmütze schwenkend):
-
- Hurrra, deutscher Michel!
-
-+Alle durcheinander+
-
- (während Michel auf die Bank gehoben wird und ein Glas Wein in die
- Hand bekommt):
-
- Hurra! Hurra!
-
-+Michel+
-
- (an den Baumstamm gelehnt):
-
- Halt!!! Jetzt komm Ich an die Reih!
-
-+Der Bergrat+:
-
- Glückauf, Michel! (_trinkt ihm zu_.)
-
-+Michel+:
-
- Schön Dank, Herr Bergrat! (_trinkt_.) Ja! Schön Dank fürs
- Geschrei!
- Denn der Michel nämlich -- ja -- kann viel Spaß vertragen.
-
-+Der Landrat+:
-
- Bravo, Michel! (_trinkt ihm zu._)
-
-+Michel+
-
- (immer wieder Bescheid trinkend, worauf ihm unter Gelächter immer
- wieder das Glas gefüllt wird, bald mit weißem, bald mit rotem Wein):
-
- Schön Dank, Herr Landrat! -- Ja! -- Aber -- wollt ich sagen:
- kann auch Ernst machen! kann -- kann sich lange ducken --
-
-+Der Kaplan+:
-
- Wohl ihm, Michel!
-
-+Michel+:
-
- Schön Dank, Ehrwürden (_trinkt_) -- Kann seine dummen Mucken
- -- ja -- vor euch Stadtleuten -- ja -- auch sein Heimweh
- verschlucken --
-
-+Der Bürgermeister+:
-
- Hoch, Michel!
-
-+Michel+:
-
- Schön Dank, Herr Bürgermeister (_trinkt_) -- Ja --: kann sich
- recken --
- kann auf einmal -- ja: kann er -- seine Hand ausstrecken --
- kann vielleicht dereinst noch -- hupp -- die ganze Welt in die
- Tasche stecken --
-
-+Der Pastor+:
-
- Heil, Michel!
-
-+Michel+:
-
- Schön Dank, Herr Pfarrer (_trinkt_) -- Jawohl --: Luft -- Erde --
- hupp -- Meer --
- den ganzen Himmel -- hupp -- (_er fällt von der Bank herunter_)
-
-+Lise Lied+
-
- (wirft sich aufschreiend über ihn):
-
- Michel!!!
-
-+Eulenspiegel+
-
- (_sehr laut_): Kellner! den Eiskübel her! --
-
-+Der Bergrat+
-
- (während der Kellner Eiskübel und Tischtuch bringt):
-
- Aber teuerste Göttin, er hat sich ja nichts zerbrochen!
-
-+Der Landrat+
-
- (während man Michel auf die Bank setzt und an den Baum lehnt):
-
- Kein Bein! Der fällt einfach auf seine gesunden Knochen!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- aus der Zippel- der Zappel- der Zeppeline!
-
-+Der Bergrat+:
-
- Da! er macht eine ganz majestätische Miene!
-
-+Der Landrat+:
-
- Na, dann kann man ja endlich sozusagen die Krönung vollziehn!
-
- (Er setzt Micheln die Zippelmütze auf, sodaß die Troddel ihm über
- die Nase herabbaumelt.)
-
- Hoch lebe unser Michel!
-
-+Alle+:
-
- (während man ihm das Tischtuch wie einen Mantel umhängt)
-
- Hoch! Hoch! Hoch!
-
-+Eckart+
-
- (_ernst_): Der Himmel erhalte ihn!
-
-+Der Rotbart+:
-
- Er mache ihm jede Bank zum Throne --
-
-+Die Kobolde+:
-
- Throne --
-
-+Eulenspiegel+:
-
- jede deutsche Zippelmütze zur Siegeskrone --
-
-+Kobolde+:
-
- Siegeskrone --
-
-+Eckart+:
-
- jedes deutsche Stück Leinwand zum Hermelin --
-
-+Kobolde+:
-
- Hermelin --
-
-+Der Rotbart+:
-
- jeder deutsche Baum sei ein Baldachin --
-
-+Kobolde+:
-
- Baldachin --
-
-+Eulenspiegel+
-
- (während man Michel lang auf die Bank streckt und das Tischtuch
- über ihn breitet):
-
- für den allerhöchsten, allerstärksten, allerlängsten, allergrößten
-
-+Die Bürgermeisterin+
-
- (hinter dem Bergrat her, der die halb lachende halb schluchzende
- Lise nach rechts beiseite führt):
-
- Nein, Sie Wüstling, Sie sollen das arme Kind nicht trösten!
-
-+Der Landrat+:
-
- Pßßt!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- und allerreichsten unter den Potentaten
-
-+Michel+
-
- (halb erwachend):
-
- wie --?
-
-+Eulenspiegel+:
-
- still, Michel -- mit und ohne Staaten.
- Seht, hier ruht er --
-
-+Der Rotbart+:
-
- daheim im Weltgebrause; --
-
-+Eulenspiegel+:
-
- jetzt kann er selig --
-
-+Michel+
-
- (_wie vorher_): Lise --
-
-+Eulenspiegel+:
-
- ja, Michel --
-
-+Michel+:
-
- ich -- will -- nach Hause --
-
-+Eulenspiegel+:
-
- ja, Michel --
-
-+Eckart+:
-
- daheim im unendlichen Hafen --
-
-+Eulenspiegel+:
-
- zwischen Himmel und Erde und Hölle schlafen --
-
-+Der Rotbart+:
-
- jenseits von euern Zeiten und Räumen --
-
-+Eulenspiegel+
-
- (mit wild phantastischer Geste):
-
- und träumen --
-
-+Eckart+
-
- (ruhig, während der Vorhang sich schließt):
-
- träumen -- --
-
- *
-
-+Eulenspiegel als Zwischenredner+
-
- (von links kommend, anfangs mit verhaltener Stimme):
-
- Ssst --: er träumt! -- Eine Menschenseele im Traum
- ist ein schaurig Ding, ist ein Unding, ist verflochtner als ein Baum
- in alle Wurzelwirren und Wipfelwehen aus Staub und aus Licht,
- ist Feuer, Wasser, Luft, was sie will, und -- ists nicht:
- verschlafnes Tier, wacher Gott, urweltvoller Stern, hohler Ball,
- allmächtig bis zur Ohnmacht, spielt sich auf als All.
- Wahrlich: einen Menschen im Traum belauschen, das heißt
- mitspielen mit einem höllisch lebenslustigen Geist.
- Ich und wir andern längst verstorbenen Geistergestalten,
- wir würden uns gern solcher spukhaften Tätigkeit enthalten --
-
- (allmählich lauter)
-
- aber wir müssen uns, ach, noch immer zum Dienst der Menschheit
- hergeben;
- denn unser Herr, der Dichter, dieser Auchmensch, will davon leben.
- Dieser Teufel! Nicht genug, daß wir wirklich leibhaftig erschienen,
- er läßt uns sogar noch als Hirngespinste nun dienen;
- oh, wär ich ein Mensch, ich glaube, mir graute vor mir.
- Aber da ich ganz Geist bin, und jetzt ein Doppelgeist schier,
- so kann ich Sie nicht mit derlei Halbgottsgefühlen beglücken,
- sondern drehe ihnen -- den Gefühlen nämlich -- im Geiste den Rücken.
-
- (Er dreht sich mit hoch erhobenen Armen um und teilt mit beiden
- Händen den Vorhang.)
-
-
-
-
-Dritter Aufzug
-
-
- (+Bild+: Große Höhle aus Bergkristall in weiß-und-grüner
- Flackerbeleuchtung. Rechts und links durcheinandergetürmte
- Pfeiler. In der Mitte des Hintergrundes, auf einer phantastischen
- Pyramide, thront +Frau Venus+, ebenso vermummt wie Lise Lied;
- nur trägt sie lange weiße Glaßeehandschuhe, und ihr grünes Kleid
- ist aus funkelnder Seide, ihr schwarzer Schleier mit Diamanten
- besetzt. Zu Füßen des Throns, in Gesteinspalten, hocken schlafende
- +Kobolde+, wieder blaugrau mit Zippelmützen und weißen Bärten.
- Zu beiden Seiten des Throns zerklüftete Grotten, mit Schnüren aus
- Bruchkristallen verhängt, hinter denen ein rotgelb glühender Glanz
- bald aufwärts bald abwärts quillt und strudelt, sodaß sie wie
- feuriges Netzgeflecht aussehn; hin und wieder zieht rötlicher Rauch
- durch die Höhle.)
-
-+Eulenspiegel+
-
- (sofort, noch während der Vorhang sich öffnet, ins Knie sinkend):
-
- Verzeiht, Göttin Venus: ich weiß zwar, Ihr glaubt es kaum:
- aber wirklich, wir sind Beide jetzt nichts als Traum --
- also entschuldigt den frechen Possenreißerstreich!
-
-+Frau Venus+
-
- (zögernd):
-
- Wer dringt hier ein in mein heimlich Reich?
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Nur ein armer Schalk namens Tyll, aber abgesandt
-
-+(er erhebt sich)+
-
- von Euerm mächtigsten Nachbarn im ganzen deutschen Land,
- von des Kaiser Rotbarts verewigter Majestät,
- der voll Unruh, Schönste, hinab in den Hörselberg späht,
- denn auch ihn treibt des Michels Traumblick her.
-
-+Frau Venus+:
-
- So vermelde des hohen Herrn Begehr,
- der so mächtig ist, daß ein stiller schlaftrunkner Mann
- seinen ewig wachen Willen verunruhen kann.
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Oh, Frau Venus, Zaubrin, sehr gewaltig ist dein Bann,
- aber nimm in Gnaden die zarte Gewissensfrage hin:
- Traumschöpferin,
- warst du niemals von deinen Geschöpfen gebannt?
-
-+Frau Venus+:
-
- O Schalk! --
-
-+Eulenspiegel+:
-
- So erfahre: des Michels Seele ist unauslöschlich entbrannt
- von all und jeder Machtsehnsucht Himmels und der Erden,
- heute Nacht soll sein Hauptwunsch entschieden werden.
- Du hast eine Flamme in seinem Blut angefacht,
- die hat all sein junges Hirn in Rausch und Aufruhr gebracht;
- nun kennt er sich selbst kaum vor lauter hochfliegenden Brünsten.
- Drum, erlauchte Göttin, dank deinen Zauberkünsten,
- sind die andern unsterblichen Hauptpersonen,
- die seit Alters in seiner Geisterwelt wohnen,
- aus ihrer gottseligen Ruhe (_klappt mit der Pritsche_) jählings
- mitaufgeschreckt ----
- und als der stärkste von seinen Schutzgeistern streckt
- der Kyffhäuserherr die gepanzerte Faust dir entgegen:
- Wenn du ebenso mächtig bist wie verwegen,
- mögest du ehrlichen Wettstreit mit ihm pflegen
- um des Michel Michaels wahres Seelenheil.
- Desgleichen mit mir für mein bescheiden Teil;
- du wirst es nicht weigern, erlauben wir uns zu hoffen.
-
-+Frau Venus+:
-
- Mein Reich steht allen Geistern, starken und schwachen, offen.
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Ja, Gnädigste: offen wie ein Grab.
- Und dein zauberkräftiger Wünschelstab
- glänzt empor über deine dunkeln Schleierfalten
- wie ein Irrsternschweif nach zwei Seiten gespalten,
- indessen die Weltküglein an den beiden Spitzen
- gar nach jeglicher Windrichtung drehbar blitzen.
- Ich seh’s, Vielgewandte, trotz unsern verhüllten Mienen;
- denn auch ich verstehe, Herrin, zweeen Welten zu dienen.
-
-+Frau Venus+:
-
- So schwör ich bei diesem einen unlöslichen Ringe,
- kraft dessen mein Szepter die zwiegespaltene Schwinge
- der immer wieder sich verjüngenden Welt
- in der Schwebe hält:
- du nahst ungefährdet meinen vulkanischen Quellen.
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Und meine Begleitung?
-
-+Frau Venus+:
-
- Ist gefeit wie du vor den feuerbrünstigen Wellen.
-
-+Eulenspiegel+
-
- (tritt dem Thron etwas näher und klappt mit der Pritsche):
-
- Wohlan, edle Hexe! du siehst, wie stracks wir uns stellen.
-
- (Zugleich sind der +Rotbart+ von links und +Eckart+
- von rechts aus den Pfeilergängen getreten, Beide noch immer mit
- vermummten Gesichtern.)
-
-+Frau Venus+
-
- (auffahrend):
-
- Ah, Schalk! du verkündetest mir der Wettkämpen zwei!
- jetzt seid ihr drei? -- (_Wieder ruhig sich setzend_:)
- Nun, Eckart: du warst von jeher ein Schleichwegverfechter.
-
-+Eckart+:
-
- Ich war von jeher, Frau Venus, dein treuster Torwächter.
- Ich tue nichts wider dich, als am Eingang des Hörselbergs warnen;
- wer der Warnung trotzt, den magst du getrost umgarnen.
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Und selbst für Göttinnen bleibt’s doch ein Akt der Huldigung immer,
- wenn sich drei Mannsleute mühn um ein Frauenzimmer.
- Sieh da, du lächelst! dein ganzer Schleier lacht!
-
-+Frau Venus+:
-
- Vor Dir, Eulenspiegel, hat wohl mein Ernst keine Macht.
- Und auch den Rotbart wird schwerlich ein trauerndes Weibsbild
- rühren.
-
-+Der Rotbart+:
-
- Hoh, Huldin, wir hoffen noch innigst Eure Trauer zu spüren,
- wenn erst der Michel von uns Selbstbeherrschung annimmt.
- Inzwischen freilich sind wir herzlich wenig gestimmt,
- christliche Stufen zu Euerm heidnischen Thronsitz zu hobeln.
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Also kurz und gut: ich schlage vor, sein Seelenheil auszuknobeln.
-
- (Er holt den Würfelbecher aus der Tasche und schüttelt ihn.)
-
- Bester Wurf: Alles Eins! --
-
- (Er stülpt die Würfel auf einen Kristallblock.)
-
- Hier --: dreimal der nackte Spatz!
-
-+Frau Venus+:
-
- In der Tat: ein unwiderleglicher Satz.
- Gib her!
-
-+Eckart+:
-
- Halt, Hexe! leg erst den Zauberstab nieder!
-
-+Frau Venus+:
-
- Das versprach ich +nie+ wem.
-
-+Eckart+:
-
- Dann, Schalk, nimm den Becher wieder!
- Rasch! nimm ihn! rasch! --
- Die Unholdin wirft dir Pasch auf Pasch;
- so bliebe das Wettspiel in alle Ewigkeit gleich.
-
-+Frau Venus+:
-
- Ich hätt ihn heimzahlen können, den schnöden Gauklerstreich;
- aber, Tyll, des Michels Seele gilt mir zu viel
- für ein Würfelspiel!
- Ich sehe, Rotbart, zu meiner Freude: du nickst.
-
-+Der Rotbart+:
-
- Ich fühle, Feindin, wie ehrlich du um dich blickst.
-
-+Frau Venus+:
-
- So hört meinen rückhaltlosen Bescheid:
- der Michel Michael selber löse im Traum unsern Streit!
- Wenn du Herrscher in seinem dir zugeweihten Land,
- du Wächter an deinem ihm geheiligten Stand,
- du Landstreicher da aus vogelfreien Bezirken,
- wenn ihr vermögt seiner Sehnsucht ein habhaftes Ziel zu erwirken,
- das ihm wettmacht den einen einzigen unruhvollen Bann,
- den meine Inbrunst, die verwunschne, ihm antun kann:
- so sei er hinfort, in Zeit und Ewigkeit,
- von mir befreit! --
- Seid ihrs zufrieden?
-
-+Der Rotbart und Eulenspiegel+:
-
- Zufrieden! Zufrieden!
-
-+Eckart+:
-
- Nur unter der Sicherheit,
- daß dein Szepter, solange der Streit dich drängt,
- sein träumendes Haupt nicht berührt noch umkreist noch sonstwie
- lenkt.
-
-+Frau Venus+:
-
- +Die+ Sicherheit geb ich.
-
-+Eckart+:
-
- Dann ruf ihn! die Wette +hängt+.
-
-+Frau Venus+
-
- (berührt die Kobolde mit dem Szepter):
-
- Aufgewacht, Klopfgeister, aufgewacht!
- der Wunschquell sprudelt; öffnet den Schacht!
- Feuerfluß werde kristallene Flut!
- Erde, enthölle dein Himmelsblut!
- verschlinge das Trübe, beschwinge das Reine!
- Erscheine, Michael, erscheine! --
-
- (Die Kobolde haben die Kristallschnurgeflechte der rechten Grotte
- inzwischen geöffnet und eine ferne langsame Tanzmusik ertönt. Aus
- rötlichem Qualm auftauchend erscheint ein Zug schwarzgekleideter
- Gestalten. Voran +fünf Kaplane+, im Gänsemarsch mit
- Polkaschritt. Dann je +fünf Landräte und Bürgermeister+, die
- den schlafenden +Michel Michael+ auf seiner Bank einhertragen;
- er hat noch immer die Zippelmütze auf dem Kopf und ist mit dem
- Tischtuch an die Bank festgebunden, mit dickem Knoten auf der
- Brust, doch so, daß seine Arme frei sind. Hinterdrein +fünf
- Pastoren+, wieder im Polkaschritt. Jeder Kaplan, Landrat,
- Bürgermeister, Pastor ist den vier übrigen zum Verwechseln ähnlich,
- in den gleichen Kostümen und Masken wie früher.)
-
-+Chor der Landräte und Bürgermeister+:
-
- Hier naht er, hier naht er,
- der Weltpotentater.
-
-+Chor der Kaplane und Pastoren+:
-
- Da liegt er im Wickel,
- das Hochmutskarnickel.
-
-+Die Landräte und Bürgermeister+:
-
- Du Großmaul! du Saufsack! du Raufbold! du Strolch!
-
-+Die Kaplane und Pastoren+:
-
- Jetzt kommt die Vergeltung, du Sündenmolch!
- Rache! --
-
- (Der Zug macht ruckhaft in vier Kolonnen Halt und stellt die
- Bank in der Mitte der Höhle nieder, Michels Füße dem Venusthron
- zugekehrt; zugleich wird die Grotte wieder verhängt, sodaß die
- Tanzmusik verstummt, und die Kobolde eilen auf ihre Sitze zurück.
- Michel liegt immerfort regungslos.)
-
-+Frau Venus+:
-
- Erhebt ihn!
-
-+Die Landräte+:
-
- Äh --?
-
-+Der Rotbart+:
-
- Erhebt ihn!!!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Ja ja! hier pariert man aufs Wort!
- Immer artig, werte Herrn! hübsch kusch und apport!
-
- (Halblaut:)
-
- Held Michel, hier braucht dich blos das geheimste Lüstchen zu
- jucken,
- und wir sind allesamt deine tiefst leibeignen Haiducken.
-
- (Die Amtspersonen haben inzwischen, unter schreckhaften Bücklingen,
- die Bank mit Michel hochgekippt, sodaß sein ganzer Körper verdeckt
- steht; so dem Venusthron zugewandt, an die aufgerichtete Bank
- gebunden, bleibt er stehen, bis sich der Vorhang schließt, und nur
- ab und zu wird Arm oder Hand von ihm sichtbar.)
-
-+Der Rotbart+:
-
- Hier schützt dich mein Schwert, es ist allzeit unbestechlich.
-
-+Eckart+:
-
- Hier stützt dich mein Kreuz, es ist unzerbrechlich.
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Hier nützt dir meine Pritsche, sie ist unüberwindlich;
- und deine Schlafmütze, sie ist unergründlich.
-
-+Michel+
-
- (immer mit schlafbefangener Stimme):
-
- Wo -- bin -- ich?
-
-+Frau Venus+:
-
- Im Reich deiner reinsten Kräfte.
- Hier siehst du im Glanz kristallklarer Säulenschäfte
- deine stärksten Schutzgeister tausendfältig sich spiegeln
- und dir ihre innerste Strahlenfülle entriegeln.
- Hier hast du für immer die Wahl zwischen ihnen und mir;
- hier bist du Alleinherr. (_Zu den Amtspersonen_:) Kniet nieder, ihr!
-
-+Die Kaplane+
-
- (gehorchend):
-
- Herr, erbarme!
-
-+Die Pastoren und Bürgermeister+
-
- (ebenso):
-
- dich unser!
-
-+Die Landräte+
-
- (aufmuckend):
-
- Himmelkreizrudiment!
-
-+Eulenspiegel+
-
- (sie einzeln rasch mit der Pritsche duckend):
-
- Nieder! nieder! nieder! nieder! nieder! Blitzelement!
-
-+Der Rotbart+
-
- (Michels Kopf mit dem Schwert berührend):
-
- Ich, Michel, kröne dein Haupt mit dem herrlichsten Mut,
- dem zu dir selbst; bewahre ihn gut!
-
-+Eckart+
-
- (desgleichen mit dem Kreuzstab):
-
- Ich, Michael, mit der heiligsten Macht,
- der über dich selbst; nimm sie wohl in Acht!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Ich verhalte mich selbstverständlich ergebenst stille,
- denn die Hauptsache bleibt: es geschehe dein Wille!
-
- (Ihm ins Ohr:)
-
- Wenn du willst, ist der ganze Weltrummel nichts als ’ne Flause.
-
-+Michel+:
-
- Ich -- will -- nach Hause!
-
-+Der Rotbart+:
-
- Hier +bist+ du’s!
-
-+Eckart+:
-
- Ewig!
-
-+Frau Venus+:
-
- Dies Haus kannst du nie verkaufen.
- Michel Michael, bald ist die Zeit abgelaufen,
- in der du den Raum der Geister heimlich erleuchtet siehst;
- wenn du willst, daß dein innerstes Heim sich erschließt,
- ich zeig dir’s!
-
-+Michel+:
-
- Wer -- bist -- du?
-
-+Frau Venus+
-
- (von feurigem Rauch verhüllt):
-
- Ich weiß nicht mehr.
- Wohl aus tiefem Süden kam ich einst her,
- wohl aus höchstem Norden: aus allen Zonen,
- wo Urvater Schmerz und Allmutter Wonne wohnen.
- Wohl der einsamen Glut seines Geistes bin ich entsprossen,
- wohl vom willigen Feuer ihrer Seele durchflossen
- in des Erdgrunds kreisenden Leib getropft,
- aus dem nun mein Himmelsblut flammt und flackert und drängt und
- klopft,
- aufbegehrlich durch deine, auch deine irdischen Adern hin --
-
-+Eckart+:
-
- Hüt dich, hüt dich, Michael, vor der Teufelin!
-
-+Die Kaplane+
-
- (_sich bekreuzend_): Teufelin!
-
-+Der Rotbart+:
-
- Schweigt, ihr Winsler!
-
-+Frau Venus+:
-
- Hab Dank! Ja, Gebieter, ich bin
- nur die Stimme, die aus dir selber lacht,
- wenn dein Mutwille hochlodert aus dem Kyffhäuserschacht.
- Ich, Eckart, brauche des Michels Haupt nicht mit wirren
- Machtsprüchen ewigen Heils zu kirren,
- nicht wie du, Freund Tyll, mit gleißenden Freiheitsblicken
- sein Hirn bestricken:
- ich rühre nur leise an sein Herz --
-
- (sie senkt ihren Stab auf Michels Brust)
-
- seht, wie er aufzuckt! -- Sag, Michel: +Ist’s+ Schmerz?
-
-+Michel+:
-
- Schmerz --
-
-+Frau Venus+:
-
- Ist’s Wonne?
-
-+Michel+:
-
- Wonne --
-
-+Frau Venus+:
-
- Ist’s Heimweh nach dem Licht?
-
-+Michel+:
-
- Licht!
-
-+Frau Venus+
-
- (ihren Stab wieder hebend):
-
- +Fühlst+ du nun des Blutes selige Unruhpflicht?
- Oder willst du leben -- sprich -- wie diese Machtstreber hier,
- ein Ruhestifter voll furchtsamer Gier?
-
-+Michel+
-
- (die Arme breitend):
-
- O Göttin! --
-
-+Die Pastoren+:
-
- Gnade!
-
-+Eulenspiegel+
-
- (_mit der Pritsche klappend_): Ruhe!
-
-+Die Bürgermeister+
-
- (während sich die Kaplane bekreuzen):
-
- Gnade, Göttin!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Ruhe!!!
-
-+Die Landräte+:
-
- Göttlichste Göttin!!
-
-+Frau Venus+:
-
- Ihr??
- Ihr meint eine Andre! Ihr meint die teuflische Fratze,
- die jene Diener des Heils da (_auf die Kaplane weisend_) mit plump
- geiler Tatze
- an die Wand euch malten; drum sitz ich im Trauerschleier.
- Aber auch euch treibt heimlich -- wißt es! -- mein mißgunstfreier
- Hauch, eure Ängste auszurasen
- und euren unreinen Atem irgendwie von euch zu blasen;
- drum habt ihr den Erdball zum Höllenkessel gemacht.
-
- (Die Kobolde mit dem Szepter streifend:)
-
- Auf, Klopfgeister! öffnet den Wetterschacht,
- durch den der Qualm ihrer Süchte zur Läuterung niederquillt!
- Jetzt, ihr Herrn, beseht, beseht euch das Ebenbild
- eurer knechtischen Notdurft und krampfhaften Mühseligkeit,
- eurer zielbewußten Wohlfahrtsbeflissenheit,
- eurer mammonstollen Stoffwechselpracherei,
- eurer jammervollen Naturgesetzschacherei,
- des zivilisierten Barbaren würdigste Konkubine:
- da steht eure Göttin: die Maschine! --
-
- (Die Kobolde haben währenddem das kristallene Flechtwerk der linken
- Grotte geöffnet, und schwarzgrauer Dampf ist herausgequollen.
- Nun wird ein feuriges Ofenloch sichtbar, neben dem der +rote
- Karl+ in seiner militärischen Maske zwischen maskierten
- +Bergleuten+ und rußschwarzen +Heizern+ hockt, und
- darüber eine Schwungradmaschine; zugleich hört man wieder das
- dumpfe Kolbengestampf, aber weniger laut als früher.)
-
-+Die Landräte+
-
- (sich die Ohren zuhaltend):
-
- Himmelkreizru --
-
-+Der rote Karl+
-
- (_tritt drohend vor_): man stopp!
-
-+Chor der Heizer und Bergleute+
-
- (_dumpf_): man stopp, man stopp, man stopp!
-
-+Der rote Karl+:
-
- Jetzt kommt die Vergeltung! los, Genossen! hopp hopp!
- Rache!
-
-+Die Heizer und Bergleute+
-
- (Schaufeln und Spitzhacken schwingend, bilden mit hoppsenden
- Tanzschritten einen Halbkreis um die Amtspersonen, die sich mit
- flehenden Geberden knierutschend um Michel zusammendrängen):
-
- Wir sind nicht mehr Menschen; wir dienen, wir dienen,
- lebend’ge Maschinen, den toten Maschinen.
- Jetzt wolln wir mal herrschen, mit Gewalt, mit Gewalt,
- wir armen Teufel in Menschengestalt.
- Rache!
-
-+Die Kaplane und Landräte+:
-
- Wir flehn ehrerbietigst um Gnade, um Gnade.
-
-+Die Pastoren und Bürgermeister+:
-
- Es wäre doch schade, jammerschade, jammerschade
-
-+Die Kaplane und Landräte+:
-
- um unsre christlich-germanische Staatskultur, Staatskultur.
-
-+Die Pastoren und Bürgermeister+:
-
- O Michel, o Michel, besinne dich nur! --
-
-+Eulenspiegel+
-
- (klopft laut mit dem Finger an die Rückseite von Michels Bank):
-
- Michel, hörst du??
-
-+Michel+:
-
- Ich höre.
-
-+Der Rotbart+:
-
- So verschließ dir einstweilen die Ohren!
-
-+Eckart+:
-
- Und verwechsle nicht Uns mit diesen vom Zeitgeist besessenen Toren!
-
-+Frau Venus+:
-
- Nein, hör sie nur betteln, die dich mit städtischer Hoffahrt
- benebeln,
- um hinterrücks deinen bäurischen Waghals zu knebeln;
- seht, ihr Kriecher, jetzt schlägt sie über die Schnur,
- die tückische Glut eurer Unnatur!
-
- (Eine grelle Flamme pufft aus dem Ofenloch; die Amtspersonen fahren
- entsetzt in die Höhe und taumeln geblendet durcheinander.)
-
- Sie macht alles so hell,
- sie macht alles so schnell,
- daß eure lichtscheuen Sinne sich dran verbrennen,
- bis ihr nichts mehr könnt als blindwütig hasten und rennen:
- nun, ich will euch erlösen, ihr armen Irrlichtschürer.
- Los, ihr Hetzteufel alle, packt eure Verführer!
-
-+Die Heizer und Bergleute+
-
- (hinter den flüchtenden Amtspersonen her):
-
- Hetz hetz, ins Feuer!
-
-+Die Kaplane und Landräte+:
-
- Erbarmen, Erbarmen!
-
-+Die Heizer und Bergleute+:
-
- Ihr Fettungeheuer!
-
-+Die Pastoren und Bürgermeister+:
-
- Wir Armen, wir Armen!
-
-+Die Heizer und Bergleute+
-
- (nehmen einen Landrat und einen Kaplan am Kragen, während die
- übrigen in den Pfeilergängen verschwinden):
-
- Ihr Schweinepriester, ihr Rindviehmagnaten,
- jetzt singt Halleluja, jetzt werdt ihr gebraten!
- marsch!
-
-+Der Kaplan+:
-
- O Sankt Michael, hilf uns!
-
-+Der Landrat+:
-
- Inhibieren Sie diesen Radau!
-
-+Der Kaplan+:
-
- O Sankt Eckart, bitt für uns bei der gnädigen Frau!
-
-+Eckart+:
-
- Fahr zur Hölle, Memme!
-
-+Der rote Karl+:
-
- Höllaluja! marsch, marsch!
-
-+Die Heizer+:
-
- Ins Feuer!
-
-+Der Kaplan+
-
- (_wird ins Ofenloch geschoben_): Au! au!! --
-
-+Der Landrat+:
-
- Sackerment -- (_plötzlich sich losreißend_) Herr Corpsbruder!!!
-
-+Der Bergrat+
-
- (kommt sofort durch das Flechtwerk der rechten Grotte gehopst,
- maskiert wie früher):
-
- -- wünschen? --
-
-+Der Landrat+
-
- (_während er wieder gepackt wird_): Na +Hilfe+, kreuzsackerment!
-
-+Der Bergrat+
-
- (nach der linken Grotte hinübergaloppierend):
-
- Bedaure! bin beschäftigt! im Dienst der Herrin! es brennt!
-
-+Die Bürgermeisterin+
-
- (kommt plötzlich aus der rechten Grotte ihm nachgaloppiert):
-
- Ach bitte, bitte, bitte! Na warte, ich werd dich schon kriegen!
-
-+Der rote Karl+:
-
- Jawollja! marsch marsch! immer ran, verehrliche Fliegen!
-
-+Die Heizer+
-
- (den Bergrat gleichfalls ins Feuer schiebend und die
- Bürgermeisterin hinterdrein):
-
- Immer rin, immer rin, immer rin ins Vergniegen! --
-
-+Der rote Karl+
-
- (zum Landrat):
-
- Marsch marsch! immer schneidig!
-
-+Der Landrat+:
-
- Na, wenn’s sein muß, dann los!
- Platz da -- (_er stürzt sich selbst in das Ofenloch_) --
-
-+Der rote Karl+:
-
- Allerhand Achtung!
-
-+Die Heizer und Bergleute+:
-
- So’n Schubbiak! so’n Gernegroß!
-
-+Der rote Karl+:
-
- Still, Genossen!
-
-+Die Bergleute+:
-
- Ohoh!
-
-+Der rote Karl+:
-
- Ich sag euch: der Kerl hatte Schneid für drei!
-
-+Die drei Heizer+:
-
- Hoh!!!
-
-+Eulenspiegel+
-
- (ihm mit der Pritsche auf die Schulter klopfend):
-
- Nimm dir’n Beispiel dran, Roter! jetzt kommst Du an die Reih!
-
-+Der rote Karl+:
-
- Wa --?
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Zu dienen, Herr Volksbefreier! jetzt +ist+ man so frei.
-
-+Der rote Karl+:
-
- Zu Hilfe, Genossen!
-
-+Die Heizer und Bergleute+:
-
- Hoh! ohoh!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- +Die+ Zeit ist vorbei!
-
-+Der Oberheizer+:
-
- Vorbei, du Schreihals! jetzt wird nicht mehr schwadroniert.
-
-+Der rote Karl+:
-
- Aber Kameraden!
-
-+Ein Bergmann+:
-
- Jawollja! hast uns lange genug kommandiert!
- Marsch ins Feuer!
-
-+Die ganze Bande+:
-
- Marsch marsch, du Freiheitsverräter!
- du Rädelsführer! du Erzschuft! du Hauptattentäter!
-
-+Der rote Karl+:
-
- Zu Hilfe, Michel!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Der läßt sich erst recht nicht drillen.
-
-+Der Rotbart+
-
- (mit besonders wuchtigem Tonfall):
-
- Hier ist Jeder nur Bruchstück von Seinem Willen.
-
-+Frau Venus+:
-
- Und sein Wille ist, ihr Schächer: ich soll euch ein bißchen läutern!
- euch Alle!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Nachher könnt ihr säuberlich weitermeutern --
-
-+Eckart+:
-
- und einer den andern mit reinem Gewissen regieren --
-
-+Eulenspiegel+:
-
- und euch gegenseitig immer reiner kuli-kultivieren.
- Was meinst +Du+, Michel?
-
-+Michel+
-
- (die Hand nach dem Feuerloch hebend):
-
- Marsch, marsch!
-
-+Frau Venus+:
-
- Hinein, ihr Teufel, hinweg!
- Klopfgeister, schließt den Sündenversteck!
- Erde, enthölle dein Himmelsblut!
- Feuerfluß werde kristallene Flut,
- beschwinge die Zeiten, durchdringe die Räume,
- bringe Klarheit ins Reich der Träume!
-
- (Der rote Karl wird inzwischen samt seinen Genossen von den
- Kobolden an das Ofenloch gedrängt, und das Flechtwerk der Grotte
- schließt sich hinter ihnen, auch die Kobolde mitverbergend;
- zugleich verstummt das Geräusch der Maschine.)
-
- Sag, Kyffhäuserherr, ist nun zur Genüge gestritten?
-
-+Der Rotbart+:
-
- Frag den Michel, edle Feindin! du kennst die Geistersitten.
-
-+Frau Venus+:
-
- Ja, du Herrlicher du, werd’s endlich inne:
- ich bin nur den Armsünderseelen die Teufelinne.
- Aus dem Samen, den ich Verschwenderin streue,
- keimt alles Künftige, alles Junge und Neue,
- jeder Traum von Schönheit und Kühnheit, von Freude und Ruhm,
- jeder Glaube an wahrhaftes Heiligtum.
- Wahrlich, Eckart, unser Wettstreit bleibt ewig gleich;
- denn dein wie mein ist das Erd- wie das Himmelreich.
- Also, Eulenspiegel, schür sie nur immer fort,
- die Hölle der Freiheit zwischen hier und dort!
- und sorge dafür, daß deine Schelle
- selbst in die verschlafensten Ohren gelle!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Zu Befehl, gnädige Frau!
-
- (Er hockt sich ans Fußende von Michels Bank.)
-
-+Frau Venus+:
-
- Ich nehm dich beim Wort auf der Stelle.
- Sprich, Michel: glaubst du an unsre Schutz- und Trutz-Einigkeit?
- und willst du ihr treu sein, treu sein in Lust und Leid?
-
-+Michel+:
-
- Lust -- und -- Leid!
-
-+Frau Venus+:
-
- Und willst du mir, was dein Mund so im Traum verspricht,
- auch beschwören von Augen- zu Augenlicht?
-
-+Michel+:
-
- Augenlicht!
-
-+Frau Venus+:
-
- O, erkenne mich erst, du! -- Weißt du nicht mehr:
- Fremd aus fernem Süden wohl kam ich einst her,
- so fremd, daß ein Schreck dein nordisches Blut durchlief,
- wie ein Bergquell wohl aus der Erde tief,
- eines Abends im Wald, war kaum sechs Jahr,
- einen Kranz wilde Efeuranken im Haar --
-
- (sie lüftet lächelnd ihren Schleier)
-
- und mit Augen, wie der Kuckuk fürwahr --
-
-+Michel+
-
- (jäh emporgreifend):
-
- Lise!! --
-
-+Frau Venus+:
-
- Ja, so saß ich unter dem Felsenhang
- und sang --
-
-+Michel+:
-
- und sang -- --
-
-+Frau Venus+
-
- (nickt und verhüllt sich wieder):
-
- Und nun siehst du mich hier, wie du wünschtest, in seidnen Kleidern
- sitzen,
- mit Glaßeehandschuhen und Diamanten und ausländischen Spitzen;
- und gilt dir doch alldas in Wahrheit nicht einen Niet
- gegen ein einziges kleines heimatliches Lied
- von Herzensgrund
- aus meinem Mund --
-
-+Michel+:
-
- deinem Mund --
-
-+Frau Venus+
-
- (sich erhebend):
-
- Hört’s, Geister, hört’s! schlingt den Zauberreigen!
-
- (Die Kobolde eilen von rechts wie links durch das Flechtwerk aus
- den Grotten herbei; eine leise Walzermusik beginnt von fern.)
-
- Raunt mein Gebet ihm ein in sein innigstes Eigen:
- in Fleisch und Blut,
- in Mark und Mut:
- Körperrausch werde Seelenglut!
-
- (Sie senkt ihr Szepter wieder auf Michels Brust, während der
- Rotbart mit dem Schwert und Eckart mit dem Kreuzstab sein Haupt
- berühren; zugleich beginnen die Kobolde ringelreih um die Bank zu
- schreiten, während Eulenspiegel am Fußende kauern bleibt.)
-
-+Frau Venus+:
-
- Michel Michael! Mehr kann kein menschlicher Geist erwerben
-
-+Die Kobolde+
-
- (_gedämpft_): Geist erwerben
-
-+Frau Venus+:
-
- als ein Haus, das er heiligt für seine Erben!
-
-+Die Kobolde+
-
- (_wie vorher_): seine Erben!
-
-+Frau Venus+:
-
- als einen Hof, wo er spielt mit Weib und Kind!
-
-+Die Kobolde+:
-
- Weib und Kind!
-
-+Eckart+:
-
- als einen Herd, an dem er Frieden findt!
-
-+Die Kobolde+:
-
- Frieden findt!
-
-+Der Rotbart+:
-
- eine Schwelle zum Himmel, wenn er den Kampf bestand
- für seine Muttererde, sein Vaterland!
-
-+Die Kobolde+
-
- (allmählich lauter):
-
- seine Muttererde, sein Vaterland.
-
-+Eulenspiegel+
-
- (alle zehn Finger hochspreizend):
-
- Dieser Traum der Menschheit, Michel, hat vielerlei Enden!
-
-+Die Kobolde+:
-
- vielerlei Enden!
-
-+Frau Venus+:
-
- laß dich nicht von Träumen, die eitel sind, blenden!
-
-+Die Kobolde+
-
- (_plötzlich niederknieend, Hände vors Gesicht_): blenden!
-
- (Die ferne Tanzmusik hört auf.)
-
-+Eckart+:
-
- Bei dem Gott, dem der Geist deiner Väter entsprang --
-
-+Der Rotbart+:
-
- bei deines Namens hellem Erzengelklang --
-
-+Eulenspiegel+
-
- (den Schellenzipfel gen Himmel hebend, doch noch nicht klingelnd):
-
- bei der dunkeln Macht, über die ich weine und lache --
-
-+Frau Venus+:
-
- erwache, Michael --
-
-+Die Kobolde und Eulenspiegel+
-
- (_aufspringend, Zippelmützen und Schellenzipfel schwenkend, während
- der Vorhang sich schließt_): erwache! -- --
-
- *
-
-+Eulenspiegel als Zwischenredner+
-
- (aus dem Mittelspalt des Vorhangs tretend, mit verlegenem
- Achselzucken):
-
- Er schläft immer noch. Was tun? -- (_Aufhorchend_) Jetzt schnarcht
- er sogar.
- Das ist höchst bedenklich; denn wir laufen alle miteinander Gefahr,
- noch geisterhafter von ihm geträumt zu werden,
- und das könnte doch vielleicht unsern leiblichen Zustand gefährden.
- Ich würde ihn wecken; aber wer weiß, was passiert,
- wenn er unversehens seine Zippelmütze verliert
- und ernstlich nachdenkt über dies nächtliche Abenteuer.
- Auch unserm Herrn Dichter übrigens scheint das durchaus nicht
- geheuer;
- ich glaube, er fragt sich lieber schon garnicht mehr,
- wer jetzt wirklich Herr ist, wir oder er.
-
- (Hinterm Vorhang beginnt leise Tanzmusik.)
-
- Aha! da läßt er gleich wieder den Fidelbogen schwingen;
- vermutlich, um den Gang der Handlung besser in Trab zu bringen.
- Seit wir dem Michel klarmachen mußten, was er im Grunde will,
- steht dem Herrn sein Wille ebenso gründlich still
- vor den unberechenbaren Folgen dieser Geisterstunde.
- Ich hör ihn bereits mit sperrangelweitem Munde
- um unsern Beistand gegen seinen schnarchenden Helden flehn;
- ja, so dreht sich der Weltlauf im Handumdrehn.
- Wenn nun der Michel träumen will bis zum Jüngsten Tage,
- was wird dann aus der ganzen tatsächlichen Lage?
- Sein Haus fällt der Grubengesellschaft in die Hände,
- und seine Glücksfee nimmt womöglich als alte Jungfer ein Ende;
- ich muß doch mal nachsehn, was sich da machen läßt.
-
- (Er steckt einen Augenblick den Kopf in den Vorhangspalt.)
-
- Halt! er schnarcht nicht mehr. Er liegt bombenfest;
- nicht einmal seine Krone ist verschoben,
- und man hat ihn inzwischen sogar auf den Thron gehoben.
- Da heißt’s doppelt Vorsicht. Ich warne nochmals Jeden vor Schaden;
- denn Sie wissen, er ist reichlich mit allerlei Sprengstoff geladen,
- und wie leicht kann der plötzlich ganz von selber loskrachen!
- Also werd ich ihm mal Platz für den Explosionsfall machen.
-
- (Er schiebt den Vorhang nach rechts beiseite.)
-
-
-
-
-Vierter Aufzug
-
-
- (+Bild+: wie beim zweiten Aufzug. Doch ist jetzt die Bank
- mit dem +angebundenen+ Michel quer auf zwei zusammengerückte
- Tische gesetzt, die rechts unter dem Laubengang stehn; und
- überhaupt sieht alles ziemlich verrattert aus. Hinter Michel, auf
- Stühlen zu ebner Erde, sitzen der +Rotbart+ und +Eckart+,
- ebenfalls schlafend; und an dem langen Tisch links schläft der
- +schwarze Karl+, mit einer leeren Flasche im Arm. Vorn,
- unten vor Michel, sitzt und wacht +Lise Lied+, noch immer
- als verschleierte Glücksfee; neben ihr steht der maskierte
- +Bergrat+, mit zwei Sektgläsern in der Hand. Die leise Musik
- im Saal dauert fort; man sieht, es wird eine Cotillontour getanzt,
- und ab und zu huscht ein Pärchen heraus in die Büsche.)
-
-+Eulenspiegel+
-
- (prallt mit dem Vorhang an den Bergrat, sodaß dieser die Sektgläser
- fallen läßt):
-
- Oh Pardon, Herr Rat!
-
-+Der Bergrat+:
-
- O zum Teufel, Sie Tr --
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Tr --?
-
-+Der Bergrat+:
-
- Sie -- Traumspuk mein’ ich!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Ah, danke höflichst, Sie Rr --
- Sie Raumspuk mein’ich -- und werde sofort das Glas neu erscheinen
- lassen;
- unterdeß dürften Scherben nicht schlecht zu dem Fräulein Glücksfee
- passen.
-
-+Der Bergrat+:
-
- Also +zwei+ Gläser, bitte.
-
-+Lise Lied+:
-
- Nein, danke! Nichts mehr! nicht einen Tropfen!
-
- (Halblaut zum Bergrat, etwas kokett):
-
- Ach, ich fühle mein Herz schon rasch genug klopfen.
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Also +eins+, Herr Glücksrat?
-
-+Der Bergrat+:
-
- Nein, danke gleichfalls! danke!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Also keins. Glückauf, Spuk! (_Ab nach dem Saal._)
-
-+Der Bergrat+
-
- (_Lisens Schleier fassend_): O diese schwarze Schranke,
- wann wird sie endlich von dem klopfenden Herzchen weichen?!
- O wüßt ich den Preis, spröde Fee, für dies Glück ohnegleichen!
-
-+Lise+:
-
- Nicht so stürmisch, Herr Ritter; Ihr werdet sogleich erschrecken.
- Ihr habt den Preis nämlich in der Tasche stecken.
- Ja ja! Und er ist nur ein Blatt Papier.
-
-+Der Bergrat+
-
- (seine Brieftasche herauslangend):
-
- Aber Herz, natürlich! Wie hoch soll der Check sein? Hier!
-
-+Lise+:
-
- Check? was ist das? -- Ach so! Hahahah! Nein, danke recht sehr;
- ich meinte -- (_zupft an dem Vertragspapier; -- plötzlich
- schreckhaft_) ogott! er hat sich gerührt!
-
-+Der Bergrat+
-
- (_den Vertrag rasch wieder einsteckend_): Was! Wer!
-
-+Lise+:
-
- Na, Er! Wenn er aufwacht! Ach bitte, Herr Bergrat: schnell:
- bringen Sie mich heim!
-
-+Der Bergrat+:
-
- Ja natürlich, Schatz! In welches Hotel?
-
-+Lise+:
-
- Hotel? Nein, nach Hause!
-
-+Der Bergrat+:
-
- Hause?
-
-+Lise+:
-
- Ja bitte! geschwind!
-
-+Der Bergrat+:
-
- Hm -- wer bist du denn?
-
-+Lise+:
-
- Ach, Herr Rat -- blos dem Michel sein Pflegekind.
-
- (Die Tanzmusik setzt ab.)
-
-+Der Bergrat+:
-
- Ach so --! Hahahah! -- Süßer Racker!
-
-+Lise+:
-
- Er darf mich hier nicht finden!
- Will ihn blos noch rasch von der Bank losbinden.
-
- (Sie tut es.)
-
-+Eulenspiegel+
-
- (erscheint im Hintergrund mit der noch immer maskierten
- Bürgermeisterin):
-
- Bitte +dort+, schöne Frau; Sie sehn, man will schon verschwinden.
-
-+Der Bergrat+
-
- (Lisens Arm nehmend):
-
- Also los!
-
-+Die Bürgermeisterin+
-
- (nach vorn eilend, während Eulenspiegel zurück in den Saal geht):
-
- ~Ah, monsieur~, Sie treiben’s ja rein schon zum Skandal!
-
-+Der Bergrat+:
-
- ~Oui, madame!~ drum verlass ich auch das Lokal.
- Ihr Diener!
-
-+Lise+:
-
- Empfehl mich, Madam!
-
-+Die Bürgermeisterin+
-
- (während die Beiden nach rechts verschwinden):
-
- Sie Dirne! Sie freches Stück!
- O, meine Nerven! -- O Theodor, komm zurück!!! --
-
- (Sie ist dabei auf den Stuhl gesunken, auf dem vorher Lise gesessen
- hat. Die Tanzmusik setzt wieder ein.)
-
-+Eulenspiegel+
-
- (erscheint mit dem etwas schwankenden Bürgermeister):
-
- Bitte +dort+, Herr Bürgermeister -- (_entfernt sich wieder_) --
-
-+Der Bürgermeister+
-
- (gleichfalls noch immer maskiert, mit einigen Cotillon-Orden am
- Domino):
-
- Aber Wally, was sollen die Leute denken!
- so mitten aus dem Cotillon abzuschwenken!
- ich bitt dich!
-
-+Die Bürgermeisterin+
-
- (_schluchzend_): Ach, Männe!
-
-+Der Bürgermeister+:
-
- Ach, laß das Getu!
-
-+Die Bürgermeisterin+:
-
- Was?! -- (_Kreischend_:) Pfui, du Flaps! du elender Fatzke du!
- Geh!!!
-
-+Der Bürgermeister+:
-
- Aber Frauchen!
-
-+Die Bürgermeisterin+:
-
- Geh, sag ich! oder ich schrei!!!
-
-+Der Bürgermeister+:
-
- Um Gottes willen -- (_er schlägt sich nach rechts in die Büsche_) --
-
-+Die Bürgermeisterin+
-
- (_schluchzend_): So’n Stiesel! Und riecht noch nach Bier dabei! --
-
-+Eulenspiegel+
-
- (erscheint im Hintergrund mit dem Kaplan):
-
- Bitte +dort+, Ehrwürden -- (_dann wieder ab in den Saal_) --
-
-+Der Kaplan+
-
- (auch schon ein bißchen schwankend, zur Bürgermeisterin):
-
- Ei, teuerstes Beichtkind, ei:
- so vereinsamt inmitten der Fröhlichkeit?
-
- (Er nimmt einen Stuhl und setzt sich dicht neben sie.)
-
-+Die Bürgermeisterin+:
-
- Ach, Ehrwürden, es gibt soviel Herzeleid!
-
-+Der Kaplan+
-
- (ihre Hand nehmend):
-
- Ei, ei --
-
-+Die Bürgermeisterin+:
-
- O fühlen Sie, wie ich zittre und bebe --
-
- (sie drückt seine Hand an ihren Busen, während Michel oben hinter
- ihnen erwacht und unbemerkt sich allmählich auf seiner Bank
- zurechtsetzt)
-
- Ach --
-
-+Der Kaplan+:
-
- Ach --
-
-+Die Bürgermeisterin+:
-
- O hätt ich etwas, wofür ich lebe!
- mir ist manchmal so schwach, so unbeschreiblich schwach!
-
-+Der Kaplan+:
-
- Ja, ich fühl es --
-
-+Die Bürgermeisterin+:
-
- Ach, wie das wohltut -- ach --
- wie das wonnig klang, als Sie sagten: Ei, ei --
-
-+Der Kaplan+
-
- (weiterfühlend):
-
- Ei, ei --
-
-+Die Bürgermeisterin+:
-
- Ach, mir wird auf einmal so anders, so frei!
- wie das himmlisch ist, so getröstet zu werden!
-
-+Der Kaplan+:
-
- Ja, da fühlt man das Paradies auf Erden --
-
-+Die Bürgermeisterin+:
-
- Ach -- wenn ich auch etwas abgehärmt scheine --
-
-+Der Kaplan+:
-
- O -- das sind ja gottgesegnete Beine --
-
-+Eulenspiegel+
-
- (erscheint im Hintergrund mit dem Pastor):
-
- Bitte +dort+, Herr Pastor --
-
-+Michel+
-
- (breit von oben herab zu dem Pärchen):
-
- +Ihr Schweine+ --
-
-+Die Bürgermeisterin+:
-
- Huch -- (_läuft nach rechts davon_) --
-
-+Der Kaplan+
-
- (ruhig aufstehend):
-
- Was! Er Säufer erfrecht sich, hier fromme Gespräche zu stören?
-
-+Michel+
-
- (über die Stühle vom Tisch niedersteigend):
-
- Platz da, Pfaff!
-
-+Der Rotbart und Eckart+
-
- (von Eulenspiegel wachgemacht, treten aus dem Laubengang):
-
- Platz! Platz!
-
-+Der Kaplan+
-
- (_vor Michel zurückprallend_): Ah! Er soll von mir hören!
- Wart, Bursch! (_Ab in den Saal mit dem Pastor zusammen, der im
- Hintergrund
- gewartet hat._)
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Nun, hehrer Helde? zurück aus dem Geisterland?
- wie steht’s?
-
-+Michel+
-
- (ganz mit +sich+ beschäftigt, schlägt nach der Troddel der
- Zippelmütze):
-
- Verdammtes Gebammel! (_und reißt sie sich vom Kopf._)
-
-+Eulenspiegel+:
-
- O aber! Solch Ehrenpfand,
- das schlägt man doch nicht!
-
-+Michel+
-
- (_die Mütze anstarrend_): Was ist das? was soll das? -- Hee:
- wer tat das, Schwarzer?!
-
-+Der schwarze Karl+
-
- (_von Michel gerüttelt_): Hilfe! mein Portepee!
- Josef-Maria -- (_ist aufstehend über seinen Degen gestolpert, fällt
- unter den
- Tisch und schläft weiter_) --
-
-+Michel+:
-
- Viehklumpen! -- Und Ich?? -- O Vieh, Vieh, Vieh!!!
-
- (Die Mütze zerfetzend und zu Boden schleudernd:)
-
- Schandlappen verfluchter! da lieg, du Infamie!
- O, ich Narr! ich Stadtnarr!!! (_Er faßt seinen Kopf mit beiden
- Händen; die Tanzmusik setzt wieder ab_) Halt, Michel, halt!
- besinn dich, Mensch! -- (_Er blickt scheu nach dem Rotbart und
- Eckart hinüber,
- tastet an seiner Brust herum, holt das Vertragspapier aus der
- Tasche, entfaltet es,
- starrt es kopfschüttelnd an._)
-
-+Eulenspiegel+
-
- (nimmt unterdessen Eckart beiseite):
-
- Excellenz --
-
- (und da dieser ihm rasch den Mund zuhält)
-
- ah, Pardon -- aber gehn wir nicht bald?
- wir könnten leicht den rechten Moment verpassen.
-
-+Der Rotbart+
-
- (ist zu ihnen getreten):
-
- Nein, wir dürfen den Mann +nicht+ in seinem Zorn verlassen.
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Wie’s beliebt, gnädiger Herr -- --
-
-+Michel+:
-
- Wo +ist+ er? Er soll mir heraus!
-
-+Der Rotbart+:
-
- +Wer+, Michel, wer?!
-
-+Michel+:
-
- Dem ich hier mein Haus
- vorhin verschrieb ohne Sinn und Verstand!
-
- (Er zerknautscht das Papier, will es wegwerfen, hält plötzlich inne
- und steckt’s in die Brusttasche.)
-
-+Eulenspiegel+:
-
- +Der+, Herr Vetter, ist leider inzwischen kurzerhand
- mit deiner Glücksfee durchgebrannt.
-
- (Die Tanzmusik setzt wieder ein.)
-
-
-+Michel+
-
- (nimmt seinen Hut und Stock von dem Tisch unter der Bank):
-
- Ihr Herren! Ich bin nur ein Mann in geringem Kleid
- und mit Ehrfurcht im Leibe; aber was ihr auch seid,
- ich schätz mich zu wert, euern Schabernack einzustecken!
- Ich bin kein Hanswurst für naseweise Gecken,
- und im Wirtshaus ist jedermann nichts als Zechkumpan!
-
- (Auf die zerrissene Mütze deutend:)
-
- Wer hat mir den Schimpf da angetan?!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Da mußt du +den+ dort fragen, Freund Grobian.
-
- (Er zeigt nach hinten, wo eben der maskierte +Landrat+
- erscheint, ganz mit Cotillon-Orden bepflastert, begleitet vom
- Kaplan und vom Pastor, alle drei den Hut auf dem Kopf und nicht
- mehr vollkommen fest auf den Beinen.)
-
-+Michel+
-
- (sich gleichfalls den Hut aufstülpend):
-
- Ahh, Herr!
-
-+Der Landrat+
-
- (sich mit dem Taschentuch fächelnd):
-
- Ä --: Ah --? was Ah?!
-
-+Michel+:
-
- Ich fordre Aufklärung, Herr!
-
-+Der Landrat+:
-
- Pahahäh! Ist ja gottvoll! -- Na also, Sie Aufklärererr:
- erst mal Hut ab, wenn Sie hier um was bitten!
-
-+Michel+:
-
- Mit Verlaub: mein Hut kehrt sich ganz nach Anderleuts Sitten!
-
-+Eulenspiegel+
-
- (_mit Fistelton_): ja Sitten!
-
-+Der Rotbart und Eckart+
-
- (_tief und schwer_): Sitten!
-
-+Der Landrat+:
-
- Himmelkreiz, Ruhe! -- Das ist ja -äh- unerhört!
-
-+Der Kaplan und der Pastor+:
-
- Unerhört! Unerhört!
-
-+Der Landrat+:
-
- Er besoffner Flegel, merk er sich: Wenn er das Fest weiterstört
-
-+Michel+
-
- (den Hut kurz lüftend):
-
- Um Verzeihung, Herr Landrat: Wer +ist+ hier besoffen?
- Ich für +mein+ Teil hab meinen Rausch ausgeschloffen.
-
-+Der Landrat+
-
- (immer heftiger fächelnd):
-
- Ruhe!!!
-
-+Michel+
-
- (_wie vorher_): Sehr gern, Herr Landrat. Nur bitt ich noch
- diese Nacht
- um Antwort: Wer hat mich besoffen +gemacht+?!
- Und im Übrigen bitte: hier leg ich hin,
- was ich etwa irgendwem dafür schuldig bin!
-
- (Er langt eine Handvoll Geld aus der Hosentasche und wirft sie dem
- Landrat vor die Füße.)
-
-+Der Landrat+
-
- (etwas zurückweichend):
-
- Aber das ist ja ein ganz -ä- ganz unglaubliches Vieh!
-
-+Der Kaplan+:
-
- Ja, ein Vieh!
-
-+Michel+:
-
- Ahh!!! (_hebt in heller Wut seinen Stock._)
-
-+Der Rotbart und Eckart+:
-
- Halt, Michel! Halt!
-
-+Michel+
-
- (_bezwingt sich_): Ja, wahrhaftig: für die,
- die Biester da, ist mein Stock zu gut.
- Aber eh ich ihn heimtrag, ihr Kröten-und-Unkenbrut,
- soll euch doch mal erst, und müßt ich den Hals drum wagen,
- eine Menschenstimme ans Trommelfell schlagen!
-
- (Der Landrat holt Notizbuch und Bleistift heraus.)
-
- Ja, notieren Sie’s nur! ich stell’s gerne auch noch unter Eid!
- O, mit welchem Brustkorb voll Feiertagsgläubigkeit
- kam ich heut auf dies Fest, dies Volksfest, her in die Stadt!
- Wie hatt ich mein einsames altes Waldnest satt!
- wie sah ich die Welt hier von neuen Lichtern leuchten,
- die mir alles Leben weiter und größer zu entfalten deuchten!
-
- (halb zum Rotbart und Eckart hingewendet:)
-
- wie war ich willens -- die Herren da sind mir Zeugen --
- jedem überlegnen Geist mich mit Kopf und Kragen zu beugen!
- wie glaubt ich, daß hier, wo Männer zum Wahlkampf rüsten,
- die rechten, aufrechten Vorbilder ragen müßten,
- einen Kerl wie mich zu vornehmer Art anzuleiten!
- Und was fand ich? (_Zornschluchzend_:) Lauter Gemeinheiten!
-
-+Eckart+
-
- (_dumpf_): Gemeinheiten.
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Na heul nicht, Michel!
-
-+Der Rotbart+:
-
- hast höhere Obrigkeiten!
-
-+Der Landrat+:
-
- Was?! Schwerebrett ja, was unterstehn Sie sich!
- Ich verbitt mir, meine Herrn da -- wer +sind+ Sie eigentlich?!
- wie +heißen+ Sie?! (_Inzwischen hat sich im Hintergrund ein Haufen
- maskierter
- Leute versammelt, darunter das Bürgermeisterpaar Arm in Arm, und ein
- lärmender
- Wirrwarr drängt gegen den Rücken des Landrats._)
-
-+Drei Bengelstimmen+
-
- (plärren aus dem Gedränge):
-
- (_weinerlich_) Fritze! (_dreist_) Peter Paul! (_ruppig_)
- Ludewich! --
-
-+Der Landrat+:
-
- Himmelkreizrudiment, Herr Kaplan, da soll man nicht fluchen?!
-
- (+Drei Kobolde+ kommen plötzlich zum Vorschein, der erste ohne
- Mütze und mit flennender Miene.)
-
-+Michel+ (_für sich_):
-
- Träum ich?
-
-+Der Landrat+:
-
- Verflixte Bengels, was habt ihr hier noch zu suchen!
- Ehrwürden hat euch doch extra vorhin zu Bett gejagt!
-
-+Der Pastor+:
-
- Ich auch, Herr Landrat!
-
-+Erster Kobold+
-
- (_weinerlich_): Ich will meine Mütze!
-
-+Der Landrat+:
-
- Waas?
-
-+Zweiter und dritter Kobold+:
-
- Mütze!
-
-+Erster+:
-
- Ja --! Mutter hat gesagt:
- Fritze, hat sie gesagt --
-
-+Zweiter und dritter+:
-
- Dusselfritze!
-
-+Erster+
-
- (+weinerlich+): Dusselfritze --
-
-+Zweiter+:
-
- erst gehst du und holst deine Zippelmütze!
-
-+Erster+:
-
- Zippelmütze --
-
-+Dritter+:
-
- Da liegt sie!
-
-+Der Landrat+
-
- (_verlegen sich wegdrehend_): Ä -- bitte, Herr Bürgermeister!
-
- (Er nimmt ihn beiseite, gestikuliert mit ihm.)
-
-+Erster Kobold+
-
- (hat die Mütze vom Boden genommen):
-
- Kaputt -- (_und läßt sie wieder fallen_) --
-
-+Michel+:
-
- Na heul nicht, Fritze. Kuckt, kleine Geister,
- was +hier+ liegt!
-
-+Die Kobolde+:
-
- Geld! richt’ges Geld!
-
-+Michel+:
-
- und’n ganzer Haufen!
- Da grappscht! da könnt ihr zehn neue für kaufen.
-
- (Während sie aufsammeln)
-
- Und sagt eurer Mutter: der deutsche Michel läßt grüßen,
- und die alte Schlafmütz, die hat er heut Nacht zerrissen.
- So; nu geht zu Bette!
-
-+Erster Kobold+:
-
- Dank schön.
-
-+Zweiter+:
-
- Hurrra!
-
-+Dritter+:
-
- der deutsche Michel soll leben!
-
-+Erster und zweiter+:
-
- leben! leben!
-
-+Eulenspiegel+
-
- (während die Kobolde verschwinden):
-
- So, Herr Vetter; nun könnten wir uns auch wohl ins Nest begeben!
-
- (Die Tanzmusik macht wieder Pause.)
-
-+Michel+:
-
- Wir? -- Ich hab meine Rechnung hier noch nicht klapp!
-
-+Der Landrat+:
-
- Ist geschenkt! Er kann jetzt abschwirren. Ab!
- Man kennt ihn!
-
-+Michel+:
-
- Man soll ihn noch mehr kennen lernen!
-
-+Der Pastor+:
-
- Ein Diener des Friedens rät Ihnen, sich zu entfernen,
- Herr Michael. Wahrlich, Sie mißbrauchen
-
-+Der Landrat+:
-
- Schon gut, Herr Pastor; den muß man anders anhauchen.
- Marsch nach Hause, Bursche! (_Michel zuckt auf._)
- Und sollt er sich weiter erfrechen,
- dann -- (_er gibt dem Bürgermeister ein Zeichen_) --
-
-+Der Bürgermeister+:
-
- Sofort, Herr Landrat! (_geht eilends ab._)
-
-+Michel+
-
- (den Hut lüftend):
-
- Herr Pastor, ich will den Herrn Bergrat
- sprechen;
- wo +ist+ er?
-
-+Der Landrat+:
-
- Er hat hier garnichts zu wollen!
-
-+Michel+:
-
- Wo +ist+ er?!
-
-+Der Landrat+
-
- (zurückweichend, etwas torkelnd):
-
- Kreuzschwerebrettnochmal, er soll sich nach Hause trollen!
- verstanden?!
-
-+Der Rotbart+:
-
- Michel Michael, halt deine Hand im Zaum!
-
-+Eckart+:
-
- Bleib deiner mächtig, Mann; alles Andre ist Traum.
-
-+Michel+:
-
- Wo ist der Bergrat?! Er wird mir Rede stehn;
- er versteht mit uns Volk menschlich umzugehn.
-
- (Die Tanzmusik setzt wieder ein.)
-
-+Der Landrat+:
-
- Meine Herren und Damen! ich rufe Sie sämtlich zu Zeugen:
- ich habe -ä- Alles getan, um Exzessen vorzubeugen.
- Hab ich, meine Herren?
-
-+Chor der Herren+:
-
- Jawohl, Herr Landrat! Alles!
-
-+Der Kaplan+:
-
- fast übergebührlich!
-
-+Der Landrat+:
-
- Meine Damen?
-
-+Chor der Damen+:
-
- Jawohl, Herr Landrat!
-
-+Die Bürgermeisterin+:
-
- schon beinah unnatürlich!
-
-+Der Landrat+:
-
- Demnach -ä- warn’ich den Delinquenten zum letzten Mal:
- derselbe hüte sich hierorts, in diesem -ä- städtischen Festlokal,
- vor Widerstand gegen die Staatsgewalt!
-
-+Michel+:
-
- Wie? -- Ich seh hier nur Leute in allerhand Maskengestalt.
-
-+Der Landrat+:
-
- Ruhe!!!
-
-+Der Kaplan+:
-
- Wenn Sie wünschen, Herr Landrat, bin ich im Amtskleid erbötig
-
-+Michel+:
-
- Ja: Euresgleichen hat keine Maske erst nötig!
-
-+Eine Dame+:
-
- Hihihi --
-
-+Einige Herren+:
-
- hähähä -- hahahah --
-
-+Der Kaplan+:
-
- Un-er-hört!!
-
-+Der Pastor+:
-
- Es scheint, Herr Collega, der Ärmste ist geistig gestört.
-
-+Der Landrat+:
-
- Ja! Sag er mal, Wertster: ihm brennt’s wohl im Kopp, das Stroh?!
-
-+Michel+:
-
- Darauf, Allerwertster, darauf antwort ich so -- --
-
- (er kehrt ihm den Rücken und schlägt sich aufs Hinterteil; die
- Tanzmusik bricht quietschend ab, und ein langer starker Baßton
- erfolgt) -- --
-
-+Die Herren+:
-
- Hă!!
-
-+Die Damen+:
-
- Ohh -- -- (_man fährt mit den Taschentüchern zur Nase und
- wendet sich ruckhaft von Michel weg._)
-
-+Der Landrat+:
-
- Aber das schreit ja zum Himmel mit dem Rüpel da!
- Ist denn kein Gummiknüppel da?!
- Herr Bürgermeister!!!
-
-+Der Bürgermeister+
-
- (_vom Hintergrund her_): Sofort, Herr Landrat!
-
-+Der Landrat+:
-
- Ja bitte, fix!!
- Platz da, meine Damen!
-
-+Der Bürgermeister+:
-
- Vorwärts, Leute! da steht der Taugenix.
-
- (+Drei Polizisten+ marschieren auf.)
-
-+Eulenspiegel+
-
- (mit der Pritsche klappend):
-
- Halt! Vorsicht! hier riecht’s nach Dynamit!
-
-+Der Landrat+:
-
- Ruhe!!! Vorwärts, Kerls! Losungswort: Moabit!
- Los!
-
-+Der Bürgermeister+:
-
- Los, Leute!
-
-+Michel+
-
- (mit beiden Händen seinen Stock aufstemmend):
-
- Halt!! Noch steh ich Gewehr bei Fuß;
- aber wer den Michel anrührt, den haut er zu Mus!
-
-+Der Landrat+:
-
- Also Achtung! Plempen raus! Hoch das Bein! Immer druff!
-
-+Die Polizisten+
-
- (blank ziehend und vorrückend):
-
- Immer druff! immer druff! immer druff --
-
-+Michel+:
-
- druff! knuff!!
-
- (rennt sie mit quergenommenem Stock übern Haufen.)
-
-+Die Damen+:
-
- Huch -- (_flüchten samt den Herren nach hinten; zugleich aber
- kommen +drei andre Polizisten+ von rechts aus dem Laubengang
- gestürzt, fallen Michel in den Rücken und nehmen ihn fest_) --
-
-+Die Polizisten+:
-
- Du Luder! du Mistvieh! du Aas! Lumpenhund!
- Uff, Kanalje! Uff jetzt! Na warte: wir drehn dir die Knochen schon
- rund!
-
- (Sie zerren Michel vom Boden und drücken ihn in die Kniee; zwei
- Mann halten seine Füße gepackt, je zwei seinen rechten und linken
- Arm.)
-
-+Der Landrat+
-
- (wieder nähertretend):
-
- Stillgestanden! -- So, Bursche: jetzt wird er wohl kirre sein.
- Legt ihm Handschellen an!
-
-+Michel+
-
- (_aufbrüllend_): Nein!!! Nein, schrei ich! Nein!
- Beim ewigen Gott: lieber hackt mir die Arme vom Rumpf!
-
-+Der Landrat+:
-
- Ruhe!!!
-
-+Michel+:
-
- Ich will Alles, was ich habe, mein Haus, Stiel und Stumpf,
- der Staatskasse schenken!
-
-+Der Landrat+:
-
- Schluß jetzt! (_Zu den Polizisten_) Tut eure Pflicht!
-
-+Der Rotbart+:
-
- +Halt+! Das wird nicht geschehen! +dem+ Mann da +nicht+!
-
-+Eckart+:
-
- Trage Jeder, der richtet, Scheu vor höherm Gericht!
-
-+Der Landrat+:
-
- Waas! -- Ja zum Teufel, da soll doch -- das ist ja wahrhaftigen Gott
- das reine Anarchistenkomplott!
- Herr Bürgermeister!!
-
-+Der Bürgermeister+:
-
- Herr Landrat? --
-
-+Eulenspiegel+
-
- (während die Beiden erregt zusammen tuscheln und der knieende
- Michel stumm mit den Polizisten ringt, zum Rotbart):
-
- Gnädiger Herr, ists erlaubt,
- die Narrheit loszulassen gegen ein närrisches Haupt?
-
-+Der Rotbart+:
-
- Tu, Schalk, was dein Witz und -- dein Herz dir erlaubt!
-
-+Eulenspiegel+:
-
-Dank, Herr -- (_er verneigt sich und eilt nach links davon_) --
-
-+Der Bürgermeister+
-
- (vor Michel und seine Häscher tretend):
-
- Halt, Leute! -- Arrestant Michel Michael,
- wir wollen Rücksicht nehmen auf Ihren submissen Gnaden-Apell
- und Sie einfach abführen lassen, ohne Verwendung von Handschellen,
- unter der Bedingung: Sie nennen Ihre Spießgesellen.
-
-+Michel+:
-
- Wie --?
-
-+Der Bürgermeister+
-
- (auf den Rotbart und Eckart hinüberweisend):
-
- Wer sind diese Herren, mit denen Sie sich nicht scheuten,
- unsre vaterländische Feststimmung unziemlich auszubeuten?
-
-+Michel+
-
- (immer noch knieend, stier vor sich hin):
-
- O Deutschland -- --
-
-+Der Landrat+:
-
- Na +wirds+ bald?!
-
-+Stimme des roten Karls+:
-
- man stopp!!!
-
-+Immer mehr Stimmen von draußen her+:
-
- man stopp! man stopp! man stopp!
-
- (Zugleich wird wieder das dumpfe Geräusch der stampfenden Maschine
- hörbar.)
-
-+Der Landrat+
-
- (sich die Ohren zuhaltend):
-
- Himmelkreizsackerment, tanzt denn heute der Deibel Galopp?!
-
- (Von links erscheinen +Eulenspiegel+, der +rote Karl+
- in seiner Militär-Uniform, jetzt aber mit Schlapphut und ohne
- Gesichtsmaske, und die maskierten +Bergknappen+; die meisten
- etwas angezecht, alle mit leeren Sektflaschen, die sie bedrohlich
- wie Keulen schwingen.)
-
-+Der rote Karl+
-
- (während Eulenspiegel mit der Pritsche den Takt dazu klopft):
-
- Stopp! Hie Knappschaft!
-
-+Die Bergknappen+:
-
- Knappschaft!
-
-+Der rote Karl+:
-
- Glückauf!
-
-+Die Bergknappen+:
-
- Glückauf!
-
-+Der rote Karl+:
-
- Jeder Knappe im Schacht
- nehm sich vor falschen Wettern in Acht!
- Licht aus!!! (_Er haut seine beiden Flaschen aneinander zu
- Scherben; sofort erlöschen die elektrischen Ampeln. In der
- Dunkelheit geben jetzt nur die Laternchen an den Tschackos der
- Bergknappen spärliches Licht. Man sieht, wie sich Michel von seinen
- Häschern losreißt, seinen Stock ergreift und um sich schlägt. Dazu
- Gerassel von Säbeln und zerschmissenen Flaschen, Geschrei der
- flüchtenden Damen und Herren, und Eulenspiegels Pritschengeknalle._)
-
-+Die Bergknappen+
-
- (durch den Tumult hin und her trottend):
-
- +Aus+ das Licht! +Aus+ das Licht!
- Irrwischfunken zünden nicht!
-
- (Michel stimmt ein):
-
- Sumpfgesindel! Unkenbrut!
- fang mal Feuer, faules Blut!
-
-+Der Rotbart+:
-
- Aber Michel! Kerl! du verbläust ja mein Schwert!
-
-+Michel+:
-
- Immer druff! Meines Vaters Stock ist zehn Schwerter wert!!!
-
-+Die Bergknappen+:
-
- Wert oder nicht, wert oder nicht,
- schlagt in Stücken, was zerbricht!
-
-+Michel+:
-
- Sind zerbrochen alle Klingen,
- kann man noch den Knüppel schwingen!
- Sieg!!!
-
- (Man sieht im Hintergrund durch den Saal die letzten fliehenden
- Amtspersonen mit flüchtig aufflammenden Zündhölzchen rennen.)
-
-+Die Bergknappen+:
-
- Sieg! Hurra, Sieg!!!
-
-+Der rote Karl+:
-
- Glückauf, Genossen!
-
-+Die Bergknappen+:
-
- Glückauf!!!
-
-+Eulenspiegel+
-
- (mit Schellengebimmel):
-
- Es lebe der ganze, allbeglückende Volksfestverlauf! --
- Nun, Held Michel, wie steht’s? vollständig heil und gesund?
- Laßt mal sehn! (_Die Bergknappen nehmen die Tschackos ab und
- beleuchten ihn mit den Grubenlichtern._)
-
-+Michel+:
-
- Mir fehlt blos ein guter Trunk zur Stund.
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Ih! -- Na, dann mal her den Rest von der Kesselbefeuchtung!
-
-+Michel+:
-
- Nein, Wasser!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Ah, Wasser!
-
-+Die Bergknappen+:
-
- Hahahah! Pros’t!
-
-+Eulenspiegel+
-
- (nochmals bimmelnd und nach draußen gewendet):
-
- Heeda! Beleuchtung!
- wo gibts hier Wasser?! Licht an!!! (_Die elektrischen Ampeln
- flammen zum Teil wieder auf; man sieht am Boden zerbrochene
- Flaschen, zertrampelte Zylinderhüte und zerrissene Maskenstücke
- liegen._)
-
-+Michel+:
-
- Aber erst sag ich Dank!
- Roter Karl, ich werd’s dir mein Lebenlang
- nicht vergessen! (_er schüttelt ihm die Hand._)
-
-+Der rote Karl+:
-
- Genossen, seht ihr?! was hab ich gesagt!
- jetzt ist er Unser! (_klopft ihm gnädig die Schulter._)
-
-+Die Bergknappen+:
-
- Hurrra!
-
-+Michel+
-
- (_zurücktretend_): Wie??
-
-+Der rote Karl+:
-
- Na, man unverzagt!
- Hurra schrein wir blos noch so aus alter Gewöhnung.
-
-+Michel+:
-
- So --: Das also ist eure Menschenbrüderversöhnung:
-
- (draußen klappt plötzlich die eiserne Tür zu, und das Geräusch der
- Maschine verstummt)
-
- einen Mann aus den Klauen der Überzahl glücklich rauszukloppen,
- um ihn dann in +euern+ Mehrheitsrachen zu stoppen --:
- die Sorte Brüderlichkeit, die ist mir zu gleich und frei!
-
- (+Ein Maschinenheizer+, unmaskiert, bringt ein Bierglas voll
- Wasser; Michel schiebt ihn unsanft beiseite.)
-
- Weg da! Bleibt mir vom Leibe mit eurer Nothelferei!
- die könnt ich besser bei der Bergratsgesellschaft finden.
-
-+Die Bergknappen+:
-
- Hoh! Frechheit! Haut ihn!
-
-+Michel+:
-
- Ja, haut ihn, den Plumpsackblinden!
- Ihr habt viel gelernt von denen, die euch schinden,
- aber eins, darin sind sie euch doch noch voran:
- sie sehn blanke Pfennige nicht für Goldstücke an,
- sie wissen Bescheid über ihre eigne erbärmliche Kleinheit --
-
- (zu Boden starrend, halb für sich:)
-
- O Menschheit, dein Erbteil heißt Gemeinheit! --
-
-+Die Bergknappen+
-
- (zumteil vom Leder ziehend):
-
- Was?! Lyncht ihn! spießt ihn! Du Scheißkerl! Schuft! Lausejunge!
-
-+Der Rotbart+
-
- (sein Schwert aus der Scheide reißend):
-
- Zurück!!!
-
-+Eckart+
-
- (einen großen Revolver aus der Kutte langend):
-
- Sonst ertönt hier eine noch lautere Zunge!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Und, meine Herren, Sektproppen knallen doch angenehmer.
- Auch läßt sich der Rest der Ladung viel sicherer und bequemer
- +ohne+ Bratspießgefuchtel fürs Allgemeinwohl verwenden,
- zumal da sich Spieße leicht umdrehn unter Geisterhänden.
-
-+Einige Bergknappen+:
-
- Hahahah!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Ja, die Welt ist seit Alters voll scharfer Plempen;
- und wie bald, wie bald kann das Häuflein Gemeinheitskämpen,
- das vor Unserm Gemeinsinn ausriß mit Hasenbeinen,
- verstärkt als Werwolfshaufen wieder erscheinen!
- Also, meine Herren, verzeihn Sie: ich möchte meinen --
-
-+Die Bergknappen+:
-
- Hm -- ja -- verdammt ja -- sehr wahr! -- Weg!! Kommt, Kinder! Weg!
- Nach Hause!!
-
-+Der rote Karl+:
-
- Still, Genossen!
-
-+Die Bergknappen+:
-
- Hoh! ohoh!
-
-+Der rote Karl+:
-
- Aber Schwerenotdonnerblech,
- so hört doch!
-
-+Die Bergknappen+
-
- (ihre Degen einsteckend und torkelbeinig nach links abziehend):
-
- Blech! marsch! halt die Schnauze! sonst gibts’n Tritt!
- komm unsern Sekt aussaufen! marsch! nach Hause! komm mit!
-
-+Der rote Karl+:
-
- Dann sauft, Viecher -- _(lauter)_ Michel, wir sind noch nicht
- quitt! -- --
-
- (Er schreitet langsam den Andern nach.)
-
-+Eulenspiegel+
-
- (da Michel mit seinem Stock am Boden herumbohrt):
-
- Nun, Gevatter Helde? du schaust ja so tiefsinnig nieder.
- Es scheint, deine Zippelmütze bezaubert dich wieder.
-
- (Indem er sie auflangt:)
-
- Sie ist zwar ein bißchen stark ramponiert;
- aber vielleicht hast du jemand, der sie dir repariert? --
- Bitte -- (_er überreicht sie ihm_) --
-
-+Michel+
-
- (in sich gekehrt):
-
- Ja --: zur Erinnrung an diese Geisternacht --
- und zum Zeichen: der Michel ist aufgewacht! --
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Ist er? --
-
-+Der Rotbart und Eckart+
-
- (während der Vorhang sich schließt):
-
- aufgewacht -- --
-
- *
-
-+Eulenspiegel als Zwischenredner+
-
- (von links kommend, klappt mit der Pritsche):
-
- Hochgesinnte Gönner! (_bimmelt mit der Schelle_) sinnige
- Gönnerinnen!
- der Akt der Rache kann jetzt beginnen.
- Sie suchen wahrscheinlich bereits mit dem Opernglase
- nach der wohlverdienten, gespenstisch langen Nase,
- die ich unserm Dichter untertänigst in Aussicht stellte.
- Jedoch ich frage Sie: +wäre+ er dann der Geprellte?
- Nein, diesen Kopfverdreher müssen wir noch verdrehter anfassen.
- Er hat sich ohnehin zu Anfang gewiß nicht träumen lassen,
- hier als Nachtmützenhüter für Michels Haushalt zu enden;
- ich bitte ihm also Ihren wärmsten staatsbürgerlichen Beifall zu
- spenden,
- das wird seinen Weltbürger-Größenwahn gründlich vernichten.
- Er wollte drum -- im Vertrauen gesagt -- garnicht weiterdichten,
- aber da kennt er die Traumweltgesetzgebung schlecht:
- unser Herr und Meister, jetzt ist er unser Knecht!
- Soll uns etwa, ihm zu Gefallen, der Weltgeist spurlos verschlingen
- und die deutsche Geheimpolizei immer mehr in Mißkredit bringen?
- Noch ahnt ja keine Seele, was wir in Wirklichkeit sind;
- an Geistererscheinungen glaubt doch kaum noch ein Kind.
- Vor allem sind wir -- auf den Ausgang der Handlung gespannt;
- denn es ist doch für den Fortbestand
- der christlich-germanischen Menschheit die unumgänglichste Pflicht,
- daß der Michel seine Lise krigt.
-
- (Hinterm Vorhang rhythmisches Händegeklatsch.)
-
- Da! man klatscht schon! -- Heiliger Pritschenschall,
- das klappt ja, als wär bereits Hochzeitsball.
-
-+Lise Lied+
-
- (singt hinterm Vorhang, und Eulenspiegel spricht horchend Zeile auf
- Zeile nach):
-
- Tapp tapp, wer kommt da querfeldein?
- Nur rasch, nur rasch, Herr Morgenschein,
- Trab Trab!
- Die Jungfer Tauduft putzt sich hier;
- sie schlägt den Schleier auf vor dir,
- klapp klapp!
-
-+Eulenspiegel+
-
- (nachdem er die letzte Zeile wiederholt hat):
-
- Sie schlägt vielleicht noch mehr auf, klapp;
- da geh ich diskreterweise ab.
-
- (Er verschwindet nach links, den Vorhang mit wegziehend.)
-
-
-
-
-Fünfter Aufzug
-
-
- (+Bild+: wie beim ersten Aufzug. Am Gartentisch sitzt
- +Lise+ mit dem noch immer maskierten +Bergrat+; Beide
- klatschen mit den Händen den Takt des Liedes. Sie hat den Schleier
- zurückgeschlagen, und ihr Wünschelstab steht an die Haustür
- gelehnt. Es ist noch erstes Morgengrauen; später wird der Himmel
- hinter den Bäumen heller und färbt sich schließlich mit goldner
- Röte.)
-
-+Lise+
-
- (singt weiter):
-
- Klapp klapp, sie lädt dich ein zum Tanz;
- nur hol erst deinen goldnen Kranz,
- Trab Trab!
- Wer zu ihr will, muß früh aufstehn;
- wer’s tut, dem patscht sie auf die Zehn,
- schwapp!
-
-+Der Bergrat+
-
- (ihre Hände fassend):
-
- Schwapp, gefangen! Jetzt fordr’ich Lösegeld.
-
-+Lise+:
-
- Das kann doch keiner zahlen, dem man die Hand festhält?
-
-+Der Bergrat+
-
- (sie freigebend):
-
- Ach, Fräulein Lise: wirklich: Sie machen mich rein zum Kind.
- Sie tun ja viel stachliger, als Sie sind.
-
-+Lise+:
-
- So? Wie bin ich denn?
-
-+Der Bergrat+:
-
- Sie sind so zum küssen nett,
- so wie Dornröschen in ihrem moosgrünen Bett,
- als endlich der Ritter kam und sie nannten sich Du --
-
-+Lise+:
-
- Halt, Herr Ritter: so spornstreichs gehts nur im Märchen zu.
-
-+Der Bergrat+:
-
- Aber ich bitte doch schon die ganze Nacht so heiß
- wie ein Glühwurm, Schatz!
-
-+Lise+:
-
- Herr Glühwurm, erst für den Schatz den Preis!
-
-+Der Bergrat+:
-
- Aber Kind, du liegst ja wie’n Füchslein danach auf der Lauer.
-
-+Lise+:
-
- Ja, Herr Fuchs; sonst bleiben die Trauben sauer.
-
-+Der Bergrat+:
-
- Liebes Fräulein Lise: hier, bitte, sehn Sie mein ehrlich Gesicht!
-
- (Er will sich die Maske abnehmen.)
-
-+Lise+
-
- (ihn nasenstübernd):
-
- Nein, lieber nicht.
- Ich finde die meisten Herren maskiert viel netter.
-
-+Der Bergrat+:
-
- Alle Wetter! --
- Ja aber, du Satansmädel:
- was spukt dir im Schädel!
- solch Grundstück ist doch kein Puppenlappen!
-
-+Lise+:
-
- Ja aber, Herr Satan, ich bin doch auch ein recht schmucker Happen.
-
-+Der Bergrat+:
-
- Und blos, weil der -- Vormund das Haus behalten soll?
-
-+Lise+:
-
- Was dachten +Sie+ denn?
-
-+Der Bergrat+:
-
- Mädel, mach mich nicht toll!
- Sag, wo hast du den Schlüssel?!
-
-+Lise+:
-
- Nein wahrhaftig, den haben die Raben;
- ich muß ihn im Stadtpark verloren haben.
-
-+Der Bergrat+:
-
- Liebes goldnes Mädel, ich hüll dich in Sammt und Seide!
-
-+Lise+:
-
- Lieber toller Herr Bergrat: bitte, drei Schritt vom Kleide!
- Sonst zieh ich gleich wieder den schwarzen Schleier vor
- und stopf mir moosgrüne Watte ins Ohr.
-
-+Der Bergrat+
-
- (das Vertragspapier aus der Brusttasche nehmend und entfaltend):
-
- Nun -- dann hier, Fräulein Lise. Der Fuchs ist zwar manchmal ein
- Dieb,
- aber immer ein Ritter.
-
-+Lise+:
-
- O, +das+ -- nein, ist +das+ aber lieb!
- Nein wirklich: das ist einfach lieb von Ihnen!
-
-+Der Bergrat+:
-
- Und die Trauben?
-
-+Lise+:
-
- Oh -- die werden vielleicht noch Rosinen.
- Hier schenk ich Ihnen meinen aller-aller-unsauersten Kuß.
-
- (Sie küßt ihm die Hand und springt rasch weg; steckt das
- Vertragspapier dann ins Mieder.)
-
-+Der Bergrat+:
-
- Das war aber ein sehr, sehr vormundhafter Genuß.
-
- (Auf ihr Mieder deutend):
-
- Darf ich nicht wenigstens beim Verschluß der Schatzkammer helfen?
-
-+Lise+:
-
- Nein, das dürfen vorläufig nur im Mondschein die Elfen.
-
-+Der Bergrat+:
-
- Ach, liebstes Fräulein Lise, sein Sie doch gut zu mir!
-
-+Lise+:
-
- Ach, liebstes Herrlein Bergrat --
-
-+Der Bergrat+:
-
- Racker, ich sage dir:
- mach mich nicht wild, ich hau dich!
-
-+Lise+:
-
- Erst kriegen! erst kriegen!
-
-+Der Bergrat+
-
- (ihr nachsetzend):
-
- Na wart du! ich werd dir die Hexenbeinchen schon biegen!
-
- (Zugleich erscheint von links +Michel Michael+; hinter ihm
- +Eulenspiegel+, der +Rotbart+ und +Eckart+. Lise
- sieht es und läßt sich vom Bergrat fangen.)
-
-+Michel+
-
- (kraß auflachend):
-
- Hahahah, ich -- heut lern ich noch blocksberghoch fliegen -- --
- (_Dumpf_) O Lise -- (_Zum Bergrat, wild:_) Weg jetzt!!! Marsch aus
- dem Garten, Sie --
-
-+Der Bergrat+
-
- (ihm ruhig nähertretend):
-
- Sie --?
-
-+Michel+:
-
- Scheren Sie sich! Hier bin +Ich+ Herr!!
-
-+Der Bergrat+:
-
- Wie --?
-
-+Michel+
-
- (zusammenzuckend, sich abwendend):
-
- Ja so! -- Verflucht ja --
-
-+Der Bergrat+:
-
- Ja -- jetzt bin +Ich+ es --
-
-+Lise+
-
- (_spöttisch, halblaut_): So --?
-
-+Der Bergrat+:
-
- Ach so; verdammt ja -- (_wendet sich gleichfalls ab_) --
-
-+Michel+
-
- (_reckt sich wieder_): Ich sag Ihnen, Mensch, sein Sie froh,
- daß mein Stock schon Arbeit gehabt hat heut Nacht!
- Aber nehmen Sie trotzdem, rat’ich, Ihr Corpus juris in Acht:
- bis zum Räumungstermin ist das Haus noch Mein!
- Also Marsch jetzt!!
-
-+Lise+:
-
- Aber Michel!
-
-+Michel+:
-
- Schweig jetzt! Pack dich hinein!
- Wo ist der Schlüssel?!
-
-+Lise+:
-
- Futsch.
-
-+Michel+:
-
- Quatsch nicht!!
-
-+Lise+:
-
- Verloren.
-
-+Michel+:
-
- Lüg nicht noch obendrein!!
-
-+Lise+:
-
- Wie werd ich denn das dem Herrn Vormund zu bieten wagen?
-
-+Michel+
-
- (an der Türklinke rüttelnd):
-
- Himmelkreuz -- (_will Lisens Stab zerschmeißen_) --
-
-+Lise+:
-
- Nicht, Michel! nicht meinen Glücksstab zerschlagen!
- o bitte, nicht wüst sein -- (_entwindet ihm den Stab_) --
-
-+Der Bergrat+
-
- (_den Hut lüftend_): Fräulein Lise, ich will jetzt gehn;
- aber ich hoffe
-
-+Michel+:
-
- auf Nimmerwiedersehn!!!
-
-+Der Bergrat+:
-
- Das dürfte wohl nicht von +Ihnen+ abhängen, denke ich.
-
-+Lise+
-
- (halblaut):
-
- Wer weiß, Herr Traubenräuber --
-
-+Der Bergrat+:
-
- Ah! -- Hüten Sie sich!
- Der Ritter Fuchs könnte leicht seine Zähne demaskieren.
-
-+Eulenspiegel+
-
- (kitzelt ihn hinterrücks mit dem Gugelzipfel am Ohr):
-
- Dürft ich bitten, Herr Ritter, das mal dort drüben zu probieren?!
-
- (Er weist höflichst zum Rotbart und Eckart hinüber, die sich nach
- rechts begeben haben.)
-
- Inzwischen, schönste Glücksfee, gratulier ich zum Luftschloßbefund;
- vielleicht, Herr Vetter, paßt mein Geheimschlüsselbund.
-
- (Sie machen vergebliche Versuche, die Tür aufzuschließen; Lise
- schneidet dem wütenden Michel Gesichter dabei.)
-
-+Der Bergrat+
-
- (hat seinen Spazierstock vom Gartentisch geholt, tritt nun sehr
- förmlich vor die beiden Vermummten):
-
- Die Herren wünschen? Und mit wem hab ich die Ehre?
-
-+Der Rotbart+
-
- (gedämpft, aber wuchtig):
-
- Wir wünschen, daß Niemand des Michel Michaels Hausstand versehre.
-
-+Der Bergrat+:
-
- Aber ich muß doch sehr bitten --
-
-+Eckart+:
-
- Wir wünschen zum zweiten,
- daß Niemand uns nötige, unverhüllt einzuschreiten.
- Hier bitte -- zur steten Erinnerung --
-
- (er überreicht ihm zwei Visitenkarten und hebt einen Augenblick die
- Kapuze) --
-
-+Der Bergrat+
-
- (jetzt gleichfalls die Stimme dämpfend und vollkommen seine Haltung
- ändernd):
-
- O bitte tausendmal um Entschuldigung! --
-
- (Mit tiefer Verbeugung, erst vorm Rotbart, dann etwas knapper auch
- vor Eckart):
-
- Hätten Hoheit ahnen lassen, oder Excellenz,
- dies bescheidne Volksfest werde Sie aus der Residenz
- an unsern aufblühenden Industrieplatz locken --
-
-+Der Rotbart+:
-
- Nein, wir wünschen wiegesagt +keine+ großen Glocken.
-
-+Der Bergrat+:
-
- Zu Befehl, Hoheit.
-
-+Eckart+:
-
- Und wünschen, daß aus dem Wetterschacht
- dieser spaßhaften Nacht
- keinerlei ernsthafte Schläge übertag entstehn;
- Sie lassen, Herr Bergrat, mir darüber Bericht zugehn!
-
-+Der Bergrat+:
-
- Zu dienen, Excellenz.
-
-+Eckart+:
-
- Dann auf glückhaftes Wiedersehn -- --
-
- (Er gibt dem Bergrat gemessen die Hand; dieser verneigt sich
- zweimal zum Abschied, zieht dann auch vor der Haustürgruppe den
- Hut, wofür Lise ihm eine Kußhand zuwirft, und verschwindet mit
- saurem Lächeln nach links.)
-
-+Eulenspiegel+
-
- (seinen Schlüsselbund einsteckend):
-
- Ja, Gevatter, es scheint, du mußt bis zum Räumungstermin
- in dein Luftschloß entweder durch den Rauchfang ziehn,
- oder du nimmst hier den Garten als Himmelbett.
-
-+Lise+:
-
- Oder
-
-+Michel+:
-
- Still, du Maulaff!
-
-+Lise+:
-
- Gern, Herr Vormund; mein Maul ist nämlich sehr nett.
-
- (Sie geht und setzt sich an den Gartentisch, während Michel dem
- Bergrat nachstarrt.)
-
-+Der Rotbart+
-
- (hat sich mit Eckart wieder dem Haus genähert):
-
- Oder, Michel, stimmt dich die +Stadt+ da so tief beschaulich?
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Sie deucht dir heute wohl ziemlich morgengraulich?
-
-+Eckart+
-
- (über den Garten zum Himmel hinweisend, eindringlich):
-
- Schau lieber dorthin, wo sich aus höhern Gründen
- reinere Lichter aufs neue entzünden!
-
-+Michel+:
-
- Ja, ihr Herren! Und Nein! Euch will ichs gerne verkünden.
- Ihr habt mir beigestanden in dieser Sommerwendnacht,
- und die hat mein Grünjungengetreide reifer gemacht.
- Ja, ich +sehe+ ein neues Frührot entbrennen;
- aber drum, grad drum will ich +nicht+ mehr ins Blaue rennen.
-
- (Sein zerknautschtes Vertragspapier einen Augenblick herauslangend):
-
- Ich will mich mit meiner papiernen Habe aufmachen
- und nicht ruhn, bis auch Andre aus ihrem Papiertraum erwachen.
- Ich werde uns erdwüchsig Volk zusammenraffen,
- wir werden uns jeder Haus und Hof wieder schaffen,
- Erde, auf der wir mit Lust arbeiten
- und unsern Kindern ein greifbar Stück Vaterland bereiten;
- bis in die Städte hinein wird Garten an Garten einst prangen,
- wird aller Schöpfergeist edleren Boden empfangen,
- Frucht gegen Frucht tauschen, Saat gegen Saat,
- Tat für Tat.
- Und will er +dazu+ sein Handlangervolk befrein,
- dann soll auch der rote Karl mir willkommen sein:
- jeder, der ankommt mit einer lichtfrohen Kraft,
- bis wir das ganze Erdreich erleuchten, wir Neubauernschaft!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- die den alten Dunst aus der Pfeife pafft!
-
-+Michel+:
-
- Wie??
-
-+Eulenspiegel+:
-
- O Vetter! dein Luftschloß wird immer -- hm -- allgemeiner.
- Du redst ja wie’n Buch von Hertzka oder Oppenheimer.
-
-+Lise+
-
- (vom Gartentisch her):
-
- Ja -- solch Mundwerk wie der Herr Vormund hat Keiner.
-
-+Der Rotbart+:
-
- Michel Michael! willst du plötzlich auf Andre bauen?
-
-+Eckart+:
-
- Wo blieb heut um Mitternacht dein Menschenvertrauen?
- Es war so zerfetzt wie dein Mützenflaus.
-
-+Michel+:
-
- O, ihr Herren, ihr kennt mich noch lange nicht aus!
- Hab ich nicht Euch, ihr Unbekannten, vertraut?
- Ich sag euch: Hundert Menschheiten stecken in jeder Haut! --
- Seht dort: noch deutet der Himmel erst schüchtern mit Funken an,
- daß da eine Sonne auflodern will und kann!
- Horcht hier: noch rührt sich kein Vogelruf im Wald:
- in einer Stunde schmettert alles und schallt!
- So wird, wenn +Einer+ erst wagt, Haupt und Herz zu erheben,
- dieser Eine viel Andre mitbeleben,
- bis Alle aufglühn zu immer hellerem Geist,
- wie’s im Liede heißt:
- Auf Erden ist immerfort jüngstes Gericht --
-
-+Lise+
-
- (singt halblaut, in derselben Melodie wie zu Anfang des Spiels):
-
- jüngstes Gericht --
- unter Tag.
-
-+Michel+:
-
- Aus Schutt wird Feuer, wird Wärme, wird Licht --
-
-+Lise+
-
- (etwas lauter):
-
- wird Wärme, wird Licht --
- über Tag.
-
-+Michel+:
-
- Weiter!!!
-
-+Lise+
-
- (mit immer vollerer Stimme):
-
- Wir schlagen aus jeglicher Schlacke noch Glut;
- Glückauf!
- Wir ruhn erst, wenn Gottes Tagwerk ruht;
- Glückauf! --
-
-+Michel+:
-
- +Ja+, Herren! --
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Ja, laß dir nur gründlich die Ohren vollsingen!
- Das wird dich auf immer gottvollere Sprünge bringen;
-
- (durch die hohle Hand)
-
- man opfert fürn Nachthäubchen schließlich den rosigsten Morgen.
-
-+Michel+:
-
- Dafür, Herr Haubenmatz, laß mich nur selber sorgen!
- Ich weiß jetzt mein Tag- und Nacht-Gebet,
- das keine Lichtmaschine mir mehr verdreht.
- So wird’s auch manch ander Manns- und Weibs-Herze wissen,
- das heut emporbegehrt aus den Zwielicht-Dämmernissen.
-
- (Nach der Stadt weisend):
-
- Und wenn da unten die Herrschaften etwa dagegenfackeln,
- dann solln schließlich +ihnen+ die Zippelmützen wackeln!
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Dann wirds wohl Zeit, edler Helde, dir endlich Lebwohl zu sagen;
- sonst gehts womöglich erst mal Uns an den Kragen.
-
-+Lise+:
-
- O, der Herr Vormund kann sich manchmal auch artig betragen.
-
-+Michel+
-
- (nach einer Drohgeberde zu ihr hinüber):
-
- Freilich wüßt ich gerne: wem bin ich zu Dank verpflichtet?
- Ihr Herren habt mich aus schwerer Schmach aufgerichtet.
-
-+Der Rotbart+:
-
- Dann mag deine Glücksfee dich weiter so dankbereit halten.
-
-+Eckart+:
-
- Schutzgeister +müssen+ geheimnisvoll walten.
-
- (Von rechts her ein Schnurr-und-Knattergeräusch.)
-
-+Eulenspiegel+:
-
- Auch lockt uns plötzlich ein Zaubermaschinenduft:
- unser Kraftwagen verdirbt deine Morgenluft.
- Also, hehre Fee, bitte segne den Schicksalslauf!
-
-+Lise+:
-
- Glückauf, ihr Geister!
-
-+Die Drei+
-
- (sind inzwischen nach rechts geschritten):
-
- Glückauf! Glückauf! Glückauf!
-
- (Sie verschwinden nacheinander im Wald.)
-
-+Stimme Eulenspiegels+:
-
- Ich wünsch dir, Michel, noch manche erbauliche Luftschloßbestrebung!
-
-+Stimme Eckarts+:
-
- Nur zerstör nicht den Himmel mit deiner Erdreichbelebung!
-
-+Stimme des Rotbarts+:
-
- Denn, Michel: das Erbgut der Menschheit heißt Erhebung! -- --
-
- (Nochmals das Kraftwagen-Geräusch.)
-
-+Michel+
-
- (ist an der Gartenpforte stehen geblieben, nähert sich nun dem
- Gartentisch):
-
- Na, du Grasaff?
-
-+Lise+:
-
- Na, Herr Vormund?
-
-+Michel+:
-
- Dir fällt wohl’s Stehn heute schwer?
-
-+Lise+:
-
- Nein, Herr Vormund -- (_erhebt sich_) --
-
-+Michel+:
-
- So -- (_Aufstampfend_) Schockwetter, laß das Gesperr,
- du dumme Lise! -- Was hast du dir denn gedacht
- mit deinem Gejachter, so in der Nacht?!
-
-+Lise+:
-
- Ich hab mir gedacht, so in der Nacht,
- ob der dumme Michel wohl endlich einmal aufwacht
- und alldas still mit nach Hause bringt,
- wovon die dumme Lise Lied immer singt.
- Und weil er so lange ist wer-weiß-wo geblieben,
- hab ich mir eben derweil ein bißchen die Zeit vertrieben.
-
-+Michel+:
-
- Mit solchem unstatthaften Patron!
-
-+Lise+:
-
- Ist doch eine ganz stattliche Mannsperson.
-
-+Michel+:
-
- Der -- getaufte Jud!
-
-+Lise+:
-
- Ist doch ein sehr altmächtig, erdstark, auserwählt Blut.
-
- (Mit bebender Frage:)
-
- Weißt du nicht mehr:
- ich kam ja auch wohl aus fernem Süden einst her --
-
-+Michel+
-
- (indem sein Stock ihm entfällt):
-
- Lise!!!
-
-+Lise+:
-
- Michel -- -- (_unsägliche Umarmung_) -- --
-
-+Michel+
-
- (_stammelnd_): O, du all mein einziges, ewiges Herzbegehr --
- O, wie lange hast du mich nach dir suchen lassen --
-
-+Lise+:
-
- O, wie lange konnt ichs selber nicht fassen --
-
-+Michel+:
-
- Und nun stehn wir, wie’s einst am Anfang war:
- im Garten Eden, das erste Menschenpaar.
- Du meine Welt, du liebe Unruh du!
-
-+Lise+:
-
- Du meine Heimat -- meine Ruh -- --
-
-+Michel+:
-
- Ach, Lise, ich hab so wundervoll heute von dir geträumt!
-
-+Lise+
-
- (sich halb aus seinen Armen lösend):
-
- Und hast beinahe dabei dein wirkliches Wunder versäumt.
-
- (Sie schreiten allmählich aus dem Garten vors Haus.)
-
- Aber vielleicht ist’s wahr, das Sprichwort --
-
-+Michel+:
-
- ach, sei kein Schaf --
-
-+Lise+
-
- (küßt ihn):
-
- ja: den Schafen gibt’s der Himmel im Schlaf.
- Weißt du, wo jetzt die Schwelle zu unserm Luftschloß steckt?
-
-+Michel+:
-
- Na sag’s mal!
-
-+Lise+
-
- (_auf ihre Brust tippend_): Hier!
-
-+Michel+:
-
- Ja, Herze! das hab ich eben entdeckt.
-
-+Lise+:
-
- Nein, wirklich!
-
-+Michel+:
-
- Wirklich?
-
-+Lise+
-
- (am mittelsten Miederknopf drehend):
-
- Ja, hier!
-
-+Michel+:
-
- Da? -- (_scheu_) in deinem Mieder?
-
-+Lise+:
-
- Ja --! Vielleicht findst du da -- auch den Schlüssel wieder.
- Such mal!
-
-+Michel+:
-
- Ach, Lise --
-
-+Lise+:
-
- Sieh mal, das macht man so --:
-
- (sie nimmt seine Finger und öffnet damit zwei Knöpfe) --
-
- Siehst du, da +ist+ er -- ganz warm --
-
- (sie drückt ihm den Schlüssel in die Hand)
-
-+Michel+
-
- (_an ihr niedersinkend_): O Lise! -- Oh! --
-
-+Lise+:
-
- Na, darum fällt man doch nicht gleich um in der Welt?!
-
- (Auf das Vertragspapier deuten, das zu Boden geflogen ist:)
-
- Sieh: das Beste hast du noch garnicht gesehn, du Held!
- Komm, steh auf! (_Sie bückt sich und gibt ihm das aufgeschlagene
- Papier._)
-
-+Michel+
-
- (_sich erhebend_): Was?! Wie?! Ja, wie hast denn +Du+ das erfuchst?!
-
-+Lise+:
-
- Ja, das hat der Grasaff dem Traubenfuchs abgeluchst.
-
-+Michel+:
-
- Du, Du --!
-
-+Lise+
-
- (_fast streng_): Nein, Michel; gut sein! (_küßt ihn_) --
-
-+Michel+:
-
- Du unbezahlbarer Racker!
-
-+Lise+:
-
- Nicht wahr: mein „Maul“ versteht sich aufs Gold-im-Munde-Gegacker?!
-
-+Michel+:
-
- Dann wolln wir aber das Teufelspapier gleich in tausend Stücke
- zerreißen
- und die Fetzen allen guten Geistern zuschmeißen!
-
- (Er tut es; sie klatscht in die Hände dazu.)
-
- Und meins hier auch! (_Er holt sein zerknautschtes Papier aus der
- Tasche und
- reißt die Zippelmütze dabei mir heraus._)
-
-+Lise+
-
- (nimmt sie vom Boden auf, während Michel das Papier zerreißt):
-
- Nanu, du: was ist denn daas?
-
-+Michel+:
-
- O -- das ist blos so’n kleiner Traumgeisterspaß --
-
-+Lise+:
-
- Na, dann schließ mal auf, du; ich werd sie dir flicken!
-
-+Michel+
-
- (den Schlüssel ans Türschloß setzend):
-
- In Unserm Haus, Du --
-
-+Lise+:
-
- Du --! nicht wieder gleich in die Kniee knicken!
-
-+Michel+
-
- (die Tür breit aufsperrend):
-
- Aber den Trauerschleier erst ab!
-
- (Er tritt von der Schwelle zurück zu ihr, nimmt ihr hastig Diadem
- und Schleier vom Haar, will beides auf die Erde werfen)
-
- Der soll heute Morgen für immer ins Grab!
-
-+Lise+:
-
- Aber der Stern, der muß in mein Kämmerlein!
-
- (Sie wirft lachend das Diadem in den Hausflur.)
-
- Und mein Glücksstab, Michel, hinterdrein!
-
- (Sie schleudert den Stab, den sie bis jetzt immer festhielt, in
- hohem Bogen durch die Tür; man hört ihn auf der Treppe poltern.)
-
- So! -- (_Sie hebt winkend die Zippelmütze --: läßt plötzlich
- schreckhaft den Arm wieder sinken, da Michel wie entgeistert
- zurückweicht, die eine Hand aufs Herz pressend, die andre vor die
- Stirn schlagend._)
- Aber +was+ denn, Michel?! Was träumt dir?!
-
-+Michel+:
-
- Nein --
- Nein! -- Sehr wirklich! -- Dieses Haus ist +nicht+ mein!
- Du sollst mich nicht zu Unehr mit deinem Gewinke verführen;
- lieber will ich nie wieder ein Glied von dir berühren!
- Ich habe mein Wort, du, meinen Handschlag dem Mann da verpfändet;
- das wird nicht durch Weiberfingerspiel umgewendet!
-
- (Auf die Papierfetzen weisend):
-
- Da, die Schrift da, die kann der Wind verwehn;
- hier das Wort in mir, das bleibt ewig stehn!
- Und will mich der Bergrat noch heute aufs Straßenpflaster jagen,
- ich werde gehn, und müßt ich den ganzen Kram drin zerschlagen!
- Das ist einfach meine verfluchte Pflicht,
- schlicht und richt;
- ich hab sie mir selber zuzuschreiben.
-
-+Lise+:
-
- Aber
-
-+Michel+:
-
- Nichts „aber“! Willst du ’nen Hundsfott beweiben??
- Und gesetzt selbst, wir wollten’s so hündisch treiben:
- ich sag dir: macht sich der Mensch mal gemein,
- die Welt wird noch x-mal gemeiner dann sein.
- Heute Nacht der Bergrat gab mirs sehr dürr zu kauen:
- die Grubengesellschaft hat Alles hier sowieso in den Klauen.
-
-+Lise+
-
- (für sich):
-
- O Fuchs --
-
-+Michel+
-
- (sich reckend):
-
- Also bleibts dabei: Neu Land wird beschafft,
- wo keine Maulwurfshand uns die Wurzeln wegrafft!
- wo wir Kraft haben dürfen wie unsre Erdschollen
- und Luft und Licht schöpfen, soviel wir wollen!
- Und gibt die Heimat kein solches Land mehr her,
-
- (wild und weh:)
-
- dann, Lise, dann tragen wir Deutschland übers Meer!
- Verstanden?!
-
-+Lise+:
-
- Dann, Michel, dann will ich nur beten,
- daß unsre Schutzgeister gnädigst dazwischentreten,
- du lieber, einziger, grenzenloser Mann!
- Denn wenn sie’s nichttun: (_beklommen_) wo soll denn dann
- unsre -- Hochzeitsfeier sein? und wann?
-
-+Michel+:
-
- Wann? -- Wann?? --
-
- (nimmt sie stürmisch auf beide Arme hoch)
-
-+Lise+:
-
- Nein, Michel, nicht!!!
-
-+Michel+:
-
- Nein?? --
-
- (macht grimmig Miene, sie niederzusetzen)
-
-+Lise+
-
- (_ihn bang umhalsend_): Ja, Michel, schnell -- --
-
- (Er trägt sie über den schwarzen Schleier hinweg ins Haus; auf
- seinem Rücken baumelt in ihrer Hand die zerrissene Zippelmütze.)
-
-+Eulenspiegel+
-
- (taucht aus dem Souffleurkasten auf, seinen Schellenzipfel
- schwingend):
-
-+Es lebe dein Stammhalter, Michel Michael!!!+
-
- (+Vorhang+)
-
-
- * * *
-
-
- *
- Druck der
- Spamerschen Buchdruckerei
- in Leipzig
- *
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3), by
-Richard Dehmel
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESAMMELTE WERKE IN DREI ***
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