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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-04 02:10:55 -0800 |
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Auflage - - - Motto: »Die grosse Überwinderin aller Vorurteile ist nicht die - Humanität, sondern die Wissenschaft.« - - Berlin und Leipzig - Verlag von Hermann Seemann Nachfolger G. m. b. H. - - Großstadt-Dokumente - Band 3. Herausgegeben von Hans Ostwald - - - - - Vorwort. - - - Als ich von =Hans Ostwald= aufgefordert wurde, für die - von ihm herausgegebenen Großstadtdokumente den Band zu - bearbeiten, welcher das Leben der Homosexuellen in Berlin - behandeln sollte, glaubte ich mich diesem Wunsche nicht entziehen - zu dürfen. - - Wenn ich auch das Ergebnis meiner Untersuchungen - auf dem Gebiete der Homosexualität bisher nur in wissenschaftlichen - Fachorganen, besonders in den Jahrbüchern für - sexuelle Zwischenstufen, publiziert hatte, so war ich mir doch - lange darüber klar, daß die Kenntnis eines Gegenstandes, der - mit den Interessen so vieler Familien aller Stände verknüpft - ist, nicht dauernd auf den engen Bezirk der Fachkollegen - oder auch nur der akademischen Kreise beschränkt bleiben - würde und könnte. - - Dies zugegeben, leuchtet es gewiß ein, daß die - populär-wissenschaftliche Darstellung in einer so diffizilen - Frage am geeignetsten von Seiten derjenigen erfolgen sollte, - die sich vermöge ausgedehnter wissenschaftlicher Forschungen - und Erfahrungen und auf Grund unmittelbarer Anschauung - die erforderliche Qualifikation und Kompetenz erworben haben. - - Ich war in der folgenden Arbeit bemüht, ein recht naturgetreues - und möglichst vollständiges Spiegelbild von Berlins - „drittem Geschlecht“, wie man es vielfach, wenn auch nicht - gerade sehr treffend bezeichnet hat, zu geben. Ich war bestrebt, - -- ohne Schönfärberei, aber auch ohne Schwarzmalerei -- - alles streng wahrheitsgemäß unter Vermeidung näherer - Ortsbezeichnungen so zu schildern, wie ich es zum größten - Teil selbst wahrgenommen, zum kleinen Teil von zuverlässigen - Gewährsmännern erfahren habe, denen an dieser Stelle für - das mir erwiesene Vertrauen zu danken, ich als angenehme - Pflicht empfinde. - - Manchem wird sich hier innerhalb der ihm bekannten - Welt eine neue Welt auftun, deren Ausdehnung und deren - Gebräuche ihn mit Erstaunen erfüllen werden. - - Man hat gelegentlich die Befürchtung ausgesprochen, es - könnte durch populäre Schriften für die Homosexualität selbst - „Propaganda“ gemacht werden. So sehr eine gerechte Beurteilung - der Homosexuellen angestrebt werden muß, so - wenig wäre dieses zu billigen. Die Gefahr liegt aber nicht - vor. Die Vorzüge der normalsexuellen Liebe, wie sie -- - um nur von vielen einen zu nennen -- vor allem im Glücke - der Familie zum Ausdruck gelangen, sind denn doch so - gewaltige, die Nachteile, die aus der homosexuellen Anlage - erwachsen, so außerordentliche, daß, wenn ein Wechsel der - Triebrichtung möglich wäre, er gewiß für die Homosexuellen, - nicht aber für die Normalsexuellen in Betracht kommen würde. - - Tatsächlich hat aber die wissenschaftliche Beobachtung - in Übereinstimmung mit der Selbsterfahrung sehr zahlreicher - Personen gelehrt, daß ein derartiger Umschwung - nicht möglich ist, da nichts dem Charakter und Wesen eines - Menschen so adäquat und fest angepaßt ist, wie die nach - Ergänzung der eigenen Individualität zielende Richtung - des Liebes- und Geschlechtstriebes. - - Ob und inwieweit die Handlungen der Homosexuellen - unter den Begriff von Schuld und Verbrechen fallen, ob - und inwieweit ihre Strafverfolgung zweckmäßig oder notwendig - erscheint, inwieweit diese überhaupt möglich ist -- - diesen Schluß möge am Ende meines Berichtes der Leser - seinerseits ziehen. - - =Charlottenburg=, den 1. Dezember 1904. - - _Dr._ =Magnus Hirschfeld=. - - - - -Berlins Drittes Geschlecht - - -Wer das Riesengemälde einer Weltstadt, wie Berlin nicht an der -Oberfläche haftend, sondern in die Tiefe dringend erfassen will, darf -nicht den homosexuellen Einschlag übersehen, welcher die Färbung des -Bildes im einzelnen und den Charakter des Ganzen wesentlich beeinflußt. - -Es ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, daß in Berlin mehr Homosexuelle -geboren werden, wie in der Kleinstadt oder auf dem Lande, doch liegt -die Vermutung nahe, daß bewußt ober unbewußt diejenigen, welche von -der Mehrzahl in nicht erwünschter Form abweichen, dorthin streben, -wo sie in der Fülle und dem Wechsel der Gestalten unauffälliger und -daher unbehelligter leben können. Das ist ja gerade das Anziehende -und Merkwürdige einer Millionenstadt, daß das Individuum nicht der -Kontrolle der Nachbarschaften unterliegt, wie in den kleinen Orten, in -denen sich im engen Kreise die Sinne und der Sinn verengern. Während -dort leicht verfolgt werden kann und eifrig verfolgt wird, wann, wo -und mit wem der Nächste gegessen und getrunken hat, spazieren und zu -Bett gegangen ist, wissen in Berlin die Leute oft im Vorderhause nicht, -wer im Hinterhause wohnt, geschweige denn, was die Insassen treiben. -Gibt es hier doch Häuser, die an hundert Parteien, an tausend Menschen -beherbergen. - -Was sich in der Großstadt dem Nichtkenner verbirgt, tritt, weil es sich -ungezwungener gibt, dem Kenner um so leichter entgegen. - - -Wer gut unterrichtet ist, bemerkt auf den Straßen, in den Lokalen -Berlins bald nicht nur Männer und Frauen im landläufigen Sinn, sondern -vielfach auch Personen, die von diesen in ihrem Benehmen, oft sogar -in ihrem Äußeren verschieden sind, so daß man geradezu neben dem -männlichen und weiblichen von einem dritten Geschlecht gesprochen hat. - -Ich finde diesen Ausdruck, der schon im alten Rom gebräuchlich war, -nicht gerade glücklich, aber immerhin besser, als das jetzt so viel -angewandte Wort homosexuell (gleichgeschlechtlich), weil dieses der -weit verbreiteten Anschauung Nahrung gibt, es müßten, wenn irgendwo -mehrere Homosexuelle zusammen sind, sexuelle Akte vorgenommen oder -doch wenigstens beabsichtigt werden, was den Tatsachen in keiner Weise -entspricht. - -Man möge, wenn in den folgenden Schilderungen von Homosexuellen die -Rede ist, nicht an geschlechtliche Handlungen irgend welcher Art -denken. Kommen diese vor, so entziehen sie sich nicht nur wegen ihrer -Strafbarkeit, sondern vor allem wegen des natürlichen Scham- und -Sittlichkeitsgefühls, welches bei den Homosexuellen ebenso ausgeprägt -ist wie bei den Normalsexuellen, der Beobachtung, keineswegs sind -sie das Hauptsächliche, sie fehlen sogar häufig. Das Wesentliche -ist das Wesen des Uraniers -- so wollen wir in dieser Schrift den -homosexuell Empfindenden mit Ulrichs nennen -- sein Verhalten -gegenüber dem männlichen und weiblichen Geschlecht sind die aus seiner -Naturbeschaffenheit sich ergebenden Sympathieen und Antipathieen. - -Aber selbst für den, der viele typische Eigenschaften urnischer -Menschen kennt, bleiben doch sehr viele verborgen, sei es, weil ihnen, -was nicht selten vorkommt, tatsächlich bemerkbare Anzeichen fehlen, -sei es, weil sie ihre Lebenskomödie, die oft mehr eine Lebenstragödie -ist, mit großem Geschick spielen, indem sie sich den Normalen in allen -Gewohnheiten anpassen und ihre Neigungen wohlweislich zu verheimlichen -wissen. Die meisten legen viel Wert darauf, daß „man ihnen nichts -anmerkt“. Ich kenne in Berlin Homosexuelle, auch solche, die durchaus -nicht enthaltsam sind, welche Jahre, Jahrzehnte, ja ihr ganzes Leben -lang ihre Umgebung über ihre Natur täuschten; besonders verbreitet -ist es auch, wenn den Kameraden über Liebesabenteuer berichtet wird, -ähnlich manchen Übersetzern antiker Schriftsteller, die männliche -Person in eine weibliche umzuwandeln. - -Die örtlichen Verhältnisse Berlins erleichtern diese Umwandlung -ungemein. Wer im Osten wohnt, dort seine geschäftlichen und -verwandtschaftlichen Beziehungen hat, kann sich mit seinem Freunde -jahrelang im Süden treffen, ohne daß man in seiner Gegend etwas -davon weiß. Es gibt viele Berliner im Westen, die nie den Wedding -sahen, viele am Kreuzberg, die nie das Scheunenviertel betraten. Ich -behandelte lange eine alte Berlinerin, die die Witwe eines Musikers -war; sie hatten ein einziges Kind gehabt, einen Sohn, der nicht gut -tun wollte, früh hinter die Schule ging, Tage lang fortblieb und -vagabondierte. Die Eltern suchten ihn immer wieder, schließlich als -er 21 Jahre alt war, verloren sie die Geduld und ließen ihn laufen. -26 Jahre lang hatte die Mutter nichts mehr von ihrem Jungen gehört -und gesehen; sie hatte die Siebzig überschritten, ihr Mann war längst -gestorben, da tauchte er eines Tages wieder bei ihr auf, ein vorzeitig -gealterter 47jähriger Mann mit struppigem Vollbart, ein Pennbruder, -dessen „Organismus durch Alkohol vergiftet“ war; er wollte fragen, -ob sie nicht noch „von Vatern ein paar alte Kleider hätte“. Das -Eigenartige war, daß Mutter und Sohn in den 26 Jahren Berlin nie -verlassen hatten. In einer Kleinstadt würde ein solcher Fall nicht -möglich sein. - -Man sollte es kaum glauben, wie viele Personen in der preußischen -Hauptstadt, die als ein Muster der Ordnung gilt und es auch im -Vergleich mit anderen Weltstädten ist, leben, ohne daß die Behörden -von ihnen wissen. Ich habe mit Erstaunen wahrgenommen, wie lange sich -oft ausgewiesene Ausländer unbeanstandet in Berlin aufhalten, noch -mehr, wie Personen, die polizeilich gesucht werden, Monate und Jahre -unangemeldet hier verweilen, nicht etwa in entlegenen Stadtvierteln, -sondern häufig auf den Sammelplätzen des Verkehrs, wo man sie am -wenigsten vermutet. - -Wart Ihr schon einmal im Zimmer 361 auf dem Polizeipräsidium am -Alexanderplatz? Es ist eine der merkwürdigsten Stätten in dieser an -eindrucksvollen Örtlichkeiten gewiß nicht armen Stadt. Hoch über den -Dächern der Großstadt gelegen, befindet sich dieser Raum inmitten einer -Flucht von Zimmern, in denen alphabetisch geordnet zehn Millionen -Blätter aufgestapelt sind. Jedes Blatt bedeutet ein Menschenleben. -Die noch leben, liegen in blauen, die Verstorbenen ruhen in weißen -Pappkartons. Jedes Blatt enthält Namen, Geburtsort und Geburtstag -von jeder Person, die seit dem Jahre 1836 in einem Berliner Hause -eine Wohnung oder ein Zimmer inne hatte. Alle An- und Abmeldungen, -jeder Wechsel der Wohnungen wird sorgsam verzeichnet. Es gibt Bogen, -die dreißig Wohnungen und mehr enthalten, andere, auf denen nur eine -steht; es sind Personen darunter, die ihre Berliner Laufbahn in -einem Keller des Ostens begannen und im Tiergartenviertel endeten, -und andere, die anfangs vorn im ersten Stock wohnten und im Hof vier -Treppen ihre Tage beschlossen. Nach Zimmer 361 werden alle diejenigen -verwiesen, die in Berlin jemanden suchen. Von morgens 8 bis abends -7 Uhr wandern Hunderte und Hunderte, im Jahre viele Tausende die -hohen steinernen Treppen empor. Jede Auskunft kostet 25 Pfennig. Es -kommen nicht nur solche, die Geld zu fordern haben, Leute, für die ein -Mensch erst dann Wert bekommt, wenn er ihnen etwas schuldet, nein, so -mancher klimmt hinauf, der aus fernen Landen heimgekehrt ist und nun -nachforscht, ob und wo noch einer seiner Verwandten und Jugendgefährten -lebt. Die ersten Jahre schrieben sie einander noch, dann schlief der -Briefwechsel ein, und nun hat der Fremdling noch einmal die alte Heimat -aufgesucht. Bangen Herzens schreibt er den Namen und die letzte ihm -bekannte Wohnung seiner Mutter auf den Auskunftszettel -- sie ist lange -verstorben; er fragt nach Brüdern, Schwestern und Freunden, alle, alles -dahin, und tief bekümmert wandert der Vereinsamte die schmalen Treppen -wieder hinunter. Wie viele erkundigen sich da oben vergebens, Eltern, -die verlorene Söhne suchen, Schwestern, die nach ihren Brüdern fragen, -und Mädchen, die nach dem Vater des Kindes forschen, dessen Zukunft -in ihrem Schoße ruht. „Ist nicht gemeldet“, „unbekannt verzogen,“ -„ausgewandert“, „verstorben,“ meldet der stets gleichmütige Beamte, -wenn er nach einer halben Stunde wiederkehrt und die Wartenden aufruft, -welche still, ernst und verzagt, nur selten frohen Mutes herabsteigen, -um wieder unterzutauchen in das Häuser- und Menschenmeer des gewaltigen -Berlin. - -Die Leichtigkeit, in einer Stadt von 2½ Millionen Einwohnern unsichtbar -zu versinken, unterstützt sehr jene Spaltung der Persönlichkeit, -wie sie auf sexuellem Gebiete so häufig vorkommt. Der Berufsmensch -und der Geschlechtsmensch, der Tag- und Nachtmensch sind oft zwei -grundverschiedene Persönlichkeiten in einem Körper, der eine stolz -und ehrbar, sehr vornehm und gewissenhaft, der andere von allem das -Gegenteil. Das gilt für Homosexuelle ebenso wie für Normalsexuelle. Ich -kannte einen urnischen Rechtsanwalt, der, wenn er abends sein Bureau im -Potsdamer Viertel oder eine Gesellschaft seiner Kreise verlassen hatte, -seine Stammkneipe im südlichen Teil der Friedrichstadt aufsuchte, eine -Kaschemme, in der er mit dem Revolverheini, dem Schlächterherrmann, -dem Amerikafranzl, dem tollen Hunde und anderen Berliner Apachen die -halben Nächte spielend, trinkend und lärmend verbrachte. Die rohe Natur -dieser Verbrecher schien auf ihn eine unwiderstehliche Anziehungskraft -auszuüben. Noch weiter ging ein anderer, ein früherer Offizier, der -einer der ersten Familien des Landes angehört. Dieser vertauschte zwei- -bis dreimal die Woche abends den Frack mit einer alten Joppe, den -Zylinder mit einer Schiebermütze, den hohen Kragen mit einem bunten -Halstuch, zog sich den Sweater, Schiffer- oder Manchesterhosen und -Kommißstiefel an und trieb sich etliche Stunden in den Destillen des -Scheunenviertels umher, deren Insassen ihn für Ihresgleichen hielten. -Um vier Uhr früh fand er sich im Hammelstall, einer vielbesuchten -Arbeitslosenkneipe unweit des Bahnhofs Friedrichstraße, zum -„Kaffeestamm“ ein, nahm sein Frühstück für zehn Pfennig mit den -ärmsten Vagabonden, um nach einigen Stunden Schlaf wieder zum Leben -eines untadeligen Kavaliers zu erwachen. - -Auch eine homosexuelle Dame ist mir erinnerlich, die in einem ganz -ähnlichen Doppelleben oft als Köchin die Tanzlokale von Dienstboten -besuchte, in deren Mitte sie sich außerordentlich wohl fühlte. - -Besonders merkwürdig ist diese Halbierung oder -- wenn man will -- -Verdoppelung der Persönlichkeit in denjenigen Fällen, wo sie zugleich -mit einer Spaltung in zwei Geschlechter verbunden ist. - -Ich besitze die Photographie eines Mannes in eleganter Damentoilette, -der jahrelang unter den Weibern der Pariser Halbwelt eine Rolle -spielte, bis durch einen Zufall ans Licht kam, daß „sie“ in -Wirklichkeit ein Mann und zwar nicht einmal ein homosexueller Mann war. -Auch in Berlin sind wiederholt Männer aufgegriffen, die der weiblichen -Prostitution oblagen. Mehr als eine Frau ist mir in Berlin bekannt, die -zu Hause vollkommen als Mann lebt. Eine der ersten, die ich sah, war -mir während einer Feier in der Philharmonie durch ihre tiefe Stimme und -ihre männlichen Bewegungen aufgefallen. Ich machte ihre Bekanntschaft -und bat, sie besuchen zu dürfen. Als ich am folgenden Sonntagnachmittag -in der Dämmerstunde an ihrer Tür klingelte, öffnete mir ein junger -Mann, der von einem Hunde umsprungen wurde, die dampfende Zigarre in -der Hand hielt und nach meinem Begehr fragte. „Ich wünsche, Fräulein -X. zu sprechen, bringen Sie ihr, bitte, meine Karte.“ „Treten Sie nur -näher,“ erwiderte lachend der junge Bursche, „ich bin es ja selbst.“ -Ich erfuhr, daß das Mädchen in ihrer Häuslichkeit vollkommen als Mann -lebte; es war eine wackere Person, die den Kampf mit dem Leben tapfer -aufgenommen, manche Heirat, durch die sie „gut versorgt“ worden wäre, -abgelehnt hatte, weil sie „keinen Mann betrügen“ wollte. - -Die Spaltung der Persönlichkeit kann so weit gehen, daß der Tagesmensch -sich über die Lebensführung seines nächtlichen Ichs sittlich entrüstet -und heftig dagegen eifert. Es ist nicht immer bloße Heuchelei gewesen, -wenn jemand, der sich in den schärfsten Ausdrücken gegen die -Homosexualität wandte, eines Tages mit dem § 175 R.-Str.-G.-B. in -Konflikt geriet. - -Wenn übrigens auch in Berlin trotz der verhältnismäßigen Bequemlichkeit -und Sicherheit sexuellen Verkehrs eine große Anzahl Uranier enthaltsam -leben -- was zweifellos der Fall ist --, so geschieht dies weniger -aus Angst, als weil ihre sonstige Charakterveranlagung sie zur -Enthaltsamkeit führt und ihnen dieselbe ermöglicht. Viele dieser -Homosexuellen leben als Junggesellen völlig einsam; manche bringen -durch intensive geistige Beschäftigung ihren Sexualtrieb zum Schweigen, -einige gelten als Sonderlinge, haben auch in der Tat häufig etwas -Schrullenhaftes, Altjüngferliches, andere entwickeln einen großen -Sammeleifer, der sich nicht selten auf Gegenstände erstreckt, die -mit ihrer Neigung in einem gewissen Zusammenhang stehen; so weiß -ich von einem urnischen Prinzen in Berlin, welcher mit einer wahren -Leidenschaft Soldaten-Darstellungen aller Zeiten und Länder sammelte. -Wieder andere suchen und finden eine Ablenkung und Befriedigung ihres -sexuellen Triebes darin, daß sie Stätten aufsuchen, Schwimmbäder, -Turnhallen, Sportplätze, wo sie Gelegenheit haben, sich am Anblick -ihnen sympathischer Gestalten zu erfreuen, oder aber sie schließen sich -aus denselben Grunde Vereinen an. Namentlich in den eingeschlechtlichen -Vereinen Berlins, wie den Turnvereinen und den Vereinen christlicher -junger Männer, ebenso auch in den Frauenklubs und Frauenvereinen -- -vom Dienstboten- bis zum Stimmrechtsverein -- sind urnische Mitglieder -nichts Seltenes, oft ist sogar das urnische Element die treibende Kraft -des Vereins. Vielfach sind sich die Betreffenden ihrer Urningsnatur -gar nicht oder nur wenig bewußt und werden erst aufmerksam, wenn ein -dritter, meist mehr im Scherz als im Ernst, Bemerkungen macht, wie. -„Du benimmst Dich ja wie ein warmer Bruder.“ - -Vor einiger Zeit suchte mich einmal ein Mitglied eines spiritistischen -Vereins auf, um sich zu vergewissern, ob er homosexuell sei; ein -Vereinsbruder habe ihm bei einem Streite zugerufen: „Schweig, Du -Zwitter.“ Dieser stark feminine und offenbar recht nervöse Jüngling -berichtete mir, daß er im gewöhnlichen Leben weder zum Weibe, noch zum -Manne sinnliche Regungen verspüre, nur wenn er in den Trance-Zustand -verfiele, was leicht der Fall sei, fühle er sich als eine Indierin und -empfände als solche eine starke Liebe zu einem seiner Vereinsbrüder. - -Trotzdem sich die Urninge in ihren Vereinen meist gut zu beherrschen -wissen, kommt es doch hie und da zum „Skandal“, namentlich wenn sich -unter der Wirkung leichter Alkoholmengen die Zügel lockern, welche sie -ihrer wahren Natur sonst anzulegen wissen. Ich will ein in mehr als -einer Hinsicht lehrreiches Beispiel anführen. - -Vor etwa zehn Jahren veranstaltete ein Missionar in einem religiösen -Zwecken dienenden Hause große Versammlungen und Feiern, die sich -eines ungewöhnlich regen Zuspruches erfreuten. „Das gewinnende, -liebenswürdige Wesen dieses Mannes zog wie ein Magnet.“ Er war eine -Persönlichkeit von angenehmstem Äußern, Mitte der Dreißig, sehr begabt -und ein trefflicher Redner. „Er brauchte nur zu bitten, und die Gaben -flossen in Massen; überall war er maßgebend, geliebt und verehrt, -besonders bei den Frauen.“ Man fand nicht Worte genug über seine -Herzensgüte; er selber berichtete in den Versammlungen häufig, wie er -in den Gefängnissen so oft und gern Trost spendete, wie er nachts junge -Menschen in den Anlagen ohne alle Mittel gefunden, sie mit nach Hause -genommen und bei sich beherbergt habe. Er hatte dabei ein im Grunde -fröhliches Gemüt. Wer ihn auf den sommerlichen Ausflügen des Vereins -beobachtete, wie er mit seinen Schülern Kampfspiele veranstaltete, -mit ihnen rang und ausgelassen tollte, freute sich ohne Argwohn der -anscheinend so harmlosen Freudigkeit des unermüdlichen Gottesstreiters. -Eines Tages aber bemächtigte sich tiefe Betrübnis und große Entrüstung -des frommen Vereins. Herr W. war wegen unsittlicher Handlungen mit -jungen Männern verhaftet worden. Bei der Gerichtsverhandlung bekundeten -zwölf Jünglinge, daß W. sie unzüchtig berührt habe, sogar hinter der -Kanzel, an der Orgel und in der Sakristei habe er solches getan und -jedesmal hinterher mit ihnen gebetet. Er wurde zu einer schweren -Freiheitsstrafe verurteilt. - -Ich verdanke diesen Bericht einem sehr ehrenwerten Uranier, der -demselben christlichen Verein angehörte. „Nie hätte ich,“ so schreibt -er mir, „geglaubt, daß dieser geehrte Herr so jäh aus seiner Höhe -stürzen könnte, daß meine inneren Empfindungen, die ich in harten -Kämpfen unterdrückte, um deren Überwältigung willen ich jene fromme -Gesellschaft aufgesucht hatte, so denen ihres Leiters glichen. Als -sich das geschilderte Trauerspiel zutrug, dachte ich in Demut: „Herr, -sei mir Sünder gnädig“, und bin mit vielen anderen aus dem schwer -geschädigten Verein geschieden.“ - -Vielfach widmet sich der homosexuelle Platoniker nicht sowohl einer -Vereinigung, als vielmehr einer einzigen Person, an der er Gefallen -gefunden hat. Wie viele dieser Männer lassen nicht ihre Schützlinge -ausbilden, studieren, nehmen sie auf Reisen mit, setzen ihnen Renten -aus, adoptieren sie, bedenken sie in ihrem Testament, bemühen sich um -sie in intensivster Weise, ohne daß es je zu einem Kusse kommt, ja, -ohne daß sich die Betreffenden der sexuellen Grundlage ihrer Neigung -bewußt werden, wiewohl sie die Briefe ihrer Freunde nicht weniger -sehnsüchtig erwarten, nicht minder begierig lesen, wie ein Bräutigam -die seiner Braut. Und noch seltener ist sich der Empfangende in solchen -Verhältnissen über die wahre Natur seines „väterlichen“ Freundes -klar. Wohl ist er und seine Familie über „das gute Herz“ ihres besten -Freundes des Lobes voll, das hindert aber den jungen Mann nicht, -gelegentlich recht weidlich über die Homosexuellen zu schelten, ohne zu -ahnen, wie schwer er jenen trifft, den er gewiß am wenigsten verletzen -möchte. - -Ich will hier ein Gedicht eines Berliner Urnings an seinen Freund -zur Kenntnis bringen, das recht anschaulich zeigt, wie schwer die -unmerklich in einander übergehenden Grenzen zwischen den geistigen, -seelischen und körperlichen Äußerungen des in Form und Stärke, nicht -aber in seinem Wesen verschiedenartigen Gefühls zu ziehen sind. Es -lautet: - - „Ihm in die tiefen, treuen Augen sehen, - Mit ihm vereint an meinem Fenster stehen, - Zu lehnen mein Gesicht an seine Wange, - Ganz still, recht fest und lange, lange, - Ist das nicht Glück genug -- - - Ihm sanft die Hände zu berühren, - Den Atem seiner Brust zu spüren, - Mit meinem Haupt an seinem Herzen liegen - Und meinen Mund an seine Lippen schmiegen, - Das ist doch Glück genug -- - - Zu schauen, wenn er lacht und froh sich regt, - Zu merken, wenn er ernst und tief bewegt, - Zu sehen, wie in allem, was er treibt, - Er stets sich gleich an Kraft und Schönheit bleibt, - Ist das nicht Glück genug -- - - Die Ansicht mit ihm auszutauschen, - Dem Wohllaut seiner Stimme lauschen, - Sein Leben schöner zu gestalten, - Wenn Leid ihn quält, treu zu ihm halten, - Das ist doch Glück genug -- - - Ihm sagen können, daß er mir das Höchste, - Von ihm vernehmen, daß ich ihm der Nächste, - Ihm schildern dürfen, wie sehr ich ihn liebe, - Den Wunsch zu hören, daß sein Freund ich bliebe, - Das ist doch Glück genug -- - - O, wenn ich es doch nie erlebte, - Daß ich noch mehr an Glück erstrebte, - Als mir so reichlich ist beschieden, - Dann hätten er und ich den Frieden - Und beide Glück genug.“ - -Auch der folgende ausführliche Bericht eines keuschen Uraniers über -das erste Erwachen seiner Liebe -- er rührt von einem mir bekannten -Studenten her, der sich noch nie sexuell betätigt hat -- bestätigt -den Satz, daß sich der homosexuelle Trieb wohl in seiner Richtung -und Bedeutung, nicht aber in seiner Naturwüchsigkeit von der -normalsexuellen Liebe unterscheidet. - - „Ich bin in dem „Sündenbabel“ Berlin aufgewachsen, habe mit - vielen gleichalterigen Kameraden eine öffentliche Schule - besucht, bin sogar in einer Pension gewesen, wo es sicher - nicht sehr zart herging, und habe mir trotzdem gerade in - sexueller Beziehung merkwürdig lange meine Kindlichkeit - bewahrt. Ich habe nie, wie andere Kinder, Vergnügen daran - gefunden, darüber zu reden und zu grübeln, „woher die - Kinder kommen“, ich hatte sogar eine merkwürdige Scheu, - deren Ursachen mir noch jetzt unerklärlich sind, über - solche Dinge reden zu hören. So galt ich noch mit 15 - Jahren, und zwar mit Recht, unter meinen Kameraden für - „unschuldig“; an den Klapperstorch glaubte ich ja nicht - gerade mehr, aber ich hatte keine Ahnung von dem Wesen - des Unterschiedes der Geschlechter und von irgend welchen - sexuellen Beziehungen. Natürlich verstand ich auch nichts - von den bekannten Witzen, die über dieses Thema gemacht - wurden, was am meisten dazu beitrug, den Ruf meiner - „Unschuld“ zu verbreiten. - - - In dieser Zeit, ich war 17 Jahre, faßte ich eine - eigenartige Zuneigung zu einem meiner Mitschüler, dem - Primus der Klasse; ich war nicht so befreundet mit ihm, - wie mit meinen speziellen Schulfreunden, und doch hatte - ich immer eine ganz besondere Freude daran, einmal mich - länger mit ihm zu unterhalten, auf dem Schulhofe mit ihm - zusammen zu gehen, oder gar einmal in der Stunde neben ihm - zu sitzen. Gerade dies erreichte ich zu meinem Schmerz nur - sehr selten, fast immer saß ich dritter, also noch ein - anderer zwischen uns, und ich mußte mich begnügen, ihn so - oft wie möglich anzusehen, wobei ich mir Mühe gab, das von - ihm nicht bemerken zu lassen. Überhaupt nahm ich mich aufs - äußerste in acht, daß niemand meine Beziehungen zu ihm, die - übrigens völlig einseitig waren und blieben, bemerkte; ich - wußte es damals nicht und weiß mir auch jetzt noch keinen - rechten Grund dafür anzugeben, warum ich meine Zuneigung - jedem Menschen gegenüber und besonders vor dem Geliebten - selbst geheim hielt. Ich hatte wahrscheinlich das richtige - Gefühl, doch nicht verstanden zu werden, und außerdem war - ich mir meines Zustandes selbst nur ganz dunkel bewußt, - ich hätte wohl gar nicht aussprechen und in Worte fassen - können, was ich da eigentlich dachte und fühlte. Und doch - war es so herrlich schön, sich vorzustellen, wenn wir - beide so recht sehr befreundet wären, immer zusammen sein - könnten, die Schularbeiten gemeinsam machten und uns nie zu - trennen brauchten. Und wenn ich dann abends im Bett lag, - malte ich mir alle möglichen Ereignisse aus, die eintreten - müßten, damit wir recht eng befreundet werden könnten; da - konnte doch z. B. sein Haus abbrennen, dann würde er keine - Wohnung haben, und ich würde ihn auffordern, bei uns zu - wohnen; und dann würde er sogar bei mir im Bett schlafen, - so daß ich ihn so recht fest umarmen und an mich drücken - könnte, um ihm zu zeigen, wie lieb ich ihn habe. - - Wohlgemerkt: Diese Gedanken kamen mir und erfüllten mich - mit größter Seligkeit, ohne daß ich eine Ahnung hatte von - den sexuellen Beziehungen der Geschlechter. Mein Gemüt - war vollständig rein, unverdorben durch unsaubere und - schmutzige Geschichten, wie sie andere Großstadtkinder oft - allzu früh zu hören bekommen, meine Phantasie war nicht - erregt durch derartige Dinge. Und dennoch kamen mir diese - „unsittlichen, unzüchtigen“ Vorstellungen? Nein, es lag - nicht das geringste Unsittliche in diesen Gedanken, konnte - gar nicht darin liegen, und diese Tatsachen, die ich an - mir selbst erlebt habe, die ich gefühlt und gedacht habe - mit meinem innersten Herzen, sind mir der sicherste und - unumstößlichste Beweis dafür, daß in der Homosexualität an - sich keine Spur von dem enthalten ist, was Unwissenheit - und Unkenntnis hineinlegen wollen. Es sei denn, daß man das - Geschlechtliche überhaupt als etwas Unsittliches ansieht, - daß man die natürliche Weltordnung anzutasten versucht, - indem man das Heiligste im Menschenleben in den Schmutz - zieht, dann kann man die gleichgeschlechtliche Liebe - gleich mit verdammen. -- Jetzt weiß ich, daß das, was sich - damals in mir abspielte, nichts anderes war, als das erste - Erwachen der Liebe in einem noch kindlichen Gemüt, das - nicht wußte, was in ihm vorging, und doch von dieser neuen - Herrlichkeit gänzlich erfüllt war. - - Und wie hier beim ersten Male der Gegenstand meiner - Liebe ein männliches Wesen war, so ist es bei mir bisher - geblieben. Wenn andere „normale“ Männer auf der Straße ein - hübsches Mädchen sehen, so blicken Sie sich unwillkürlich - danach um; mir ergeht es genau so mit schönen Jünglingen, - denen ich ebenso unwillkürlich nachsehe. Trete ich in eine - Gesellschaft, komme ich auf einen Ball &c., so geschieht es - oft, daß mir ganz unbewußt irgend einer der jungen Leute, - den ich nicht kenne, auffällt, und ich ertappe mich nachher - dabei, daß ich fortwährend darauf geachtet habe, was der - Betreffende tut, mit wem er tanzt &c. &c. - - Jene erste Liebe wurde nach einiger Zeit abgelöst durch - eine andere größere Leidenschaft, die mich zu einem anderen - Mitschüler ergriff, der zwar ein ganzes Jahr älter war - als ich, aber in einer tieferen Klasse saß. Ich kann mich - darauf besinnen, wie ganz allmählich die ersten Zeichen - dieser Liebe bei mir auftauchten, wie ich jede mögliche - Gelegenheit benutzte, mit ihm zusammen zu sein: auf dem - Schulhofe, auf der Straße, bei den Turnspielen u. s. w. - Und dabei war es noch besonders schwierig, diesen Verkehr - reger werden zu lassen; nicht nur, daß er in einer anderen - Klasse war, sondern es gab auch eigentlich gar keine - gemeinsamen Interessen zwischen uns, wir hatten keine - gemeinsamen Freunde, und er war gerade im Kreise meiner - nächsten Freunde besonders unbeliebt. Um so auffälliger - mußte es sein, wenn ich mich mit ihm näher befreundete, und - ich suchte die verschiedensten Vorwände, diese Annäherung - zu erklären, nicht nur vor anderen, sondern besonders vor - mir selbst, der ich noch immer nicht ahnte, was in mir - vorging. Aber gerade in dieser Zeit, ich war 18 Jahre, - ging mir das Licht über die wahre Bedeutung der Sache auf, - in dieser Zeit, wo ich regelrechte Fensterpromenaden vor - seinem Hause machte, die Zeit abpaßte, wann er herauskam, - um ihm zufällig zu begegnen, und an nichts anderes dachte - als an ihn. Ja, ich wußte bald, ich ihn wirklich und - regelrecht liebte, aber es ihm zu sagen, dazu hatte ich - nicht den Mut, ja, ich gab mir sogar noch lange Zeit Mühe, - es ihn nicht einmal merken zu lassen. Unser Verkehr wurde - aber reger, obgleich ich wußte, daß er sich nicht allzu - viel aus mir machte; ich benutzte jede Gelegenheit, unsere - Beziehungen enger und freundschaftlicher zu gestalten, was - auch äußerlich gelang, ohne daß es jedoch trotz größter - Anstrengung meinerseits zu einer wirklichen Freundschaft - kam. Es lag überhaupt in K.'s Wesen, daß er keine Freunde - besaß, und so hatte ich in dieser Zeit eigentlich nur - einmal Gelegenheit, die Qualen der Eifersucht kennen zu - lernen; doch gerade diese Eifersuchtsanwandlung, die mir - ordentlich zu schaffen machte, brachte mir gleichzeitig - volle Gewißheit über meine homosexuelle Liebe. Schließlich - wurde das Gefühl, das mich zu ihm hinzog, so übermächtig, - und ich wurde der Heuchelei vor ihm und vor mir selbst so - müde, daß ich ihm eines Abends, als wir in seinem Zimmer - zusammen arbeiteten, um den Hals fiel, ihn mit Küssen - überschüttete und ihm alles beichtete. Er nahm diesen - Ausbruch etwas verwundert, aber doch ganz ruhig hin, - jedenfalls ohne zu begreifen, um was es sich eigentlich - handelte. - - Die nun folgenden Wochen waren die bisher schönsten meines - Lebens, fast jeden Abend waren wir zusammen, ich half ihm - bei allen seinen Schularbeiten, und wenn wir damit fertig - waren, saßen wir eng aneinander geschmiegt und sprachen - über alles und nichts. Doch es waren leider nur wenige - Wochen; denn genau zur selben Zeit stellte sich auch bei - meinem K. die Liebe ein -- aber nicht zu mir, sondern zu - einem kleinen Mädchen. Und wenn ich jetzt nachmittags zu - ihm kam, dann hatte er mir von nichts anderem zu erzählen, - als von =ihr=, und auf dem Schulwege sprach er mit mir - von =ihr=, und abends ging ich mit ihm fort dahin, wo er - =sie= treffen wollte, und wartete, bis sie kam, sprach - ein paar Worte mit ihr, ging ein paar Schritte mit und - verabschiedete mich dann, um die beiden allein zu lassen -- - ich war ja überflüssig. Ich kann nicht gerade sagen, daß - ich auch hier eifersüchtig war, im Gegenteil: es floß wohl - auch ein Teil meiner Liebe zu K. auf seine Freundin über, - da =sie= es ja war, die ihn glücklich machte. Aber das Herz - blutete mir doch, wenn er mir z. B. seine Tagebücher gab, - in denen nur von =ihr= stand, was sie tat und sagte und - dachte, und wo ich kaum mal mit einem Worte erwähnt wurde. - Am meisten jedoch schmerzte mich, daß er sich energisch - weigerte, meine Küsse und Zärtlichkeiten weiter zu dulden; - denn gerade weil ich ihm klar gemacht hatte, daß meine - Empfindungen zu ihm wahre Liebe seien, weil ich ihn mit - allen Mitteln, die mir damals zu Gebote standen, überzeugt - hatte, daß meine Liebe zu ihm etwas Berechtigtes sei, wie - die zwischen Mann und Weib, gerade darum behauptete er, - =ihr= untreu zu werden, wenn er sich noch ferner von =mir= - küssen ließe. „Freunde können wir ja bleiben“, sagte er, - „denn ich habe dich ganz gern, aber nicht anders wie andere - Freunde wollen wir sein.“ - - Und so blieben wir Freunde noch zwei Jahre lang, und ich - schmeichle mir, wenigstens in der ersten Zeit einen recht - guten Einfluß auf ihn ausgeübt zu haben; nicht nur, daß - ich ihm bei seinen Arbeiten half, sondern ich versuchte - auch, ihm etwas höhere Interessen beizubringen, als er - sie leider besaß, ihn zu veranlassen, sich auch mit - wissenschaftlichen, politischen &c. Fragen zu beschäftigen, - auf die ihn die Erziehung, die er gehabt hatte, das Milieu, - in dem er lebte, und seine eigene Interesselosigkeit bisher - nicht hingewiesen hatten. Meine Liebe zu ihm blieb lange - Zeit mit unverminderter Stärke bestehen, und noch heute bin - ich von dieser Leidenschaft nicht ganz geheilt. - - Im Laufe dieser Jahre bin ich allmählich auf meine - Veranlagung aufmerksam geworden, zuerst wohl nach der - negativen Seite hin. Wenn meine Mitschüler allmählich - anfingen, von ihren Liebsten zu erzählen, deren Namen in - die Schulbänke einzukratzen, bei jeder Gelegenheit ihnen - Ansichtskarten zu schreiben, so dachte ich zunächst, - besonders da ich immer einer der Jüngsten in der Klasse - war, das würde mit der Zeit bei mir auch noch kommen. - Und dabei ahnte ich nicht, daß die Zuneigung zu meinem - K. nichts anderes als wirkliche, wahrhaftige Liebe war, - stärker vielleicht und tiefer, als sie die meisten anderen - zu ihren Mädels empfanden. Erst durch einige Analogieen, - die mir zufällig auffielen, kam nur eine Ahnung des wahren - Sachverhalts. Wie jeder richtig Verliebte machte ich meine - Fensterpromenaden, ging täglich, so oft wie möglich, und - wenn es die größten Umwege kostete, an =seinem= Hause - vorbei und war glücklich, wenn =er= mal am Fenster stand. - So dämmerte es in mir auf, und nun einmal aufmerksam - geworden, unwillkürlich weitere Anhaltspunkte suchend, kam - ich bald zur Klarheit über mich. Ich entsinne mich z. B. - noch genau, welch tiefen Eindruck es auf mich machte, als - meine Mutter einmal scherzend zu mir sagte: „Paul, Paul, - wer immer so allein spazieren geht, der ist verliebt“; - ich hatte ja tatsächlich meinen Bruder nur darum nicht - mitnehmen wollen, um, wenn ich =ihn= treffen sollte, allein - mit ihm zu sein.“ - -„Feste Verhältnisse“ homosexueller Männer und Frauen, oft von sehr -langer Dauer, sind in Berlin etwas ganz außerordentlich Häufiges. - -Man muß an vielen Beispielen wahrgenommen haben, mit welcher Innigkeit -in solchen Bündnissen häufig der eine an dem anderen hängt, wie sie -für einander sorgen und sich nach einander sehnen, wie sich der -Liebende in die ihm oft so fern liegenden Interessen des Freundes -hineinversetzt, der Gelehrte in die des Arbeiters, der Künstler in -die des Unteroffiziers, man muß gesehen haben, welche seelischen und -körperlichen Qualen diese Menschen nicht selten infolge Eifersucht -erleiden, wie ihre Liebe alles überdauert und alles überwindet, um -allmählich inne zu werden, daß kein „Fall widernatürlicher Unzucht“ -vorliegt, sondern ein Teil jener großen Empfindung, die nach der -Ansicht vieler dem Menschendasein erst Wert und Weihe giebt. - -Ich behandelte einst eine adelige Dame, die seit einer Reihe von Jahren -mit einer Freundin zusammen lebte, an einem schweren Nervenleiden. -Weder vorher noch nachher habe ich in meiner Krankenpraxis ein so -liebevolles Aufgehen eines Gesunden in einen Kranken gesehen, wie -in diesem Fall, weder unter Ehegatten, noch selbst bei Müttern, die -sich um ihre Kinder bangten. Die gesunde Freundin war keine angenehme -Mitbürgerin, sie hatte viel Rücksichtsloses und Eigenwilliges, wer aber -diese wahrhaft ergreifende Liebe und Sorgfalt sah, dieses unablässige -Bemühen bei Tage und bei Nacht, hielt ihr um dieses starken und -schönen Gefühls willen vieles zu gute. Sie war mit ihrer Freundin -tatsächlich wie verwachsen, berührte man ein schmerzhaftes Glied der -Kranken, so zuckte sie reflektorisch zusammen, jedes Unbehagen der -Leidenden spiegelte sich in ihrem Gesicht wider, mangelhafter Schlaf -und schlechter Appetit übertrugen sich auf die gesunde Freundin. Der -Fall war übrigens auch dadurch bemerkenswert, daß auch das Personal -der Patientin, sowohl die Krankenschwester, wie das Dienstmädchen, -einwandfrei urnisch waren. - -Unweit diesem Paare lebte ein anderes. Er war Referendar, sein etwa -18jähriger Freund Damenschneider. Dieser war so feminin, daß ich dem -Referendar einmal bemerkte, so gut wie in dieses Neunzehntel-Weib -hätte er sich doch auch in ein ganzes Weib verlieben können. Unter -anderem war seine Stimme so weiblich, daß, wenn er telephonisch nach -mir verlangte, was im Interesse seines Freundes einige Male vorkam, -mein Sekretär stets meldete. „Eine Dame wünscht sie zu sprechen.“ -Beide lebten in großer Harmonie, tags ging jeder seinem Berufe nach, -der eine auf das Gericht, der andere in die Schneiderwerkstatt. Als -der Referendar Berlin verließ, nahm er den Freund mit sich. Dieser -hatte zuvor seinen Vater, einen biederen Berliner Handwerker, um -eine aufklärende Unterredung gebeten, bei der, wie er mir schamhaft -erzählte, das Zimmer verdunkelt werden mußte. Der Vater war garnicht -verwundert, er habe schon längst ähnliches vermutet, und erklärte sich -mit allem einverstanden. - -Der kleine Damenschneider hatte einen Arbeitskollegen, der nicht -minder mädchenhaft war, wie er selbst. Ihr Beruf ist mehr wie irgend -ein anderer in Berlin von urnischen Elementen durchsetzt. Dieser -Kollege verliebte sich in den Bruder des Referendars, einen Ingenieur, -der kurz vorher wegen unglücklicher Liebe zu einem Studenten einen -ernsthaften Selbstmordversuch unternommen hatte. Als er schwer -verletzt im Krankenhause lag, hatten sich die beiden gleichveranlagten -Brüder, die bis dahin nichts von einander wußten, zu erkennen gegeben. -Allmählich entwickelte sich nun zwischen dem Ingenieur und dem anderen -Damenschneider ein zweites Liebesbündnis, und es entbehrte nicht einer -gewissen Drolligkeit, wenn die beiden schön und stark gewachsenen -Brüder mit ihren Schneiderlein Willi und Hans -- nicht viel anders -wie andere mit ihren Putzmacherinnen -- am Sonntag den Grunewald -durchstreiften. - -Daß sich die Eltern mit der urnischen Natur, ja sogar mit dem -homosexuellen Leben ihrer Kinder abfinden, ist in Berlin durchaus -nichts Seltenes. - -Vor kurzem wohnte ich auf einem Berliner Vorortkirchhof der Beerdigung -eines alten Arztes bei. Am offenen Grabe standen der einzige Sohn -des Verstorbenen, zur Rechten die bejahrte Mutter, an der andern -Seite der zwanzigjährige Freund, alle drei in tiefster Trauer. Als -der Vater, bereits über 70 Jahre alt, vom Uranismus seines Sohnes -hörte, war er der Verzweiflung nahe, er suchte mehrere Irrenärzte -auf, die ihm mancherlei raten, aber nicht helfen konnten. Dann -vertiefte er sich selbst in die Litteratur über den Gegenstand und -erkannte mehr und mehr, daß sein Sohn, den er über alles liebte, von -Geburt an homosexuell gewesen war. Bei seiner Niederlassung hatte er -nichts dagegen, daß er den Freund zu sich nahm, ja die guten Eltern -übertrugen ihre volle Liebe auf den jungen Mann, der aus einfachstem -Stande hervorgegangen war. Beide hatten auf einander sichtlich einen -guten Einfluß; während sie einzeln nur schwer imstande gewesen wären, -vorwärts zu kommen, gelang es ihnen zu zweit vortrefflich, indem -das Wissen und die Liebenswürdigkeit des einen in der Energie und -Sparsamkeit des anderen ihre Ergänzung fanden. - -Auf dem Sterbelager nahm der alte Doktor von seiner Frau und seinen -„beiden Jungen“ Abschied und der Anblick dieser drei Menschenkinder, -wie sie unter den Klängen des Mendelsohnschen Liedes: „Es ist bestimmt -in Gottes Rat“ ihre Tränen und Trauer vereinigten, griff ungleich -tiefer in die Seele, als die Rede des jungen Pfarrers, der in schrillem -Tonfall die Taten des ihm gänzlich unbekannten Toten pries. - -Nicht vereinzelt kommt es in Berlin vor, daß urnische Junggesellen -sich bei den Familien ihrer Freunde einmieten und dort wie Angehörige -des Hauses angesehen werden. Es gibt Mütter, selbst wissende, die -oft in überschwänglicher Weise das Glück preisen, daß ihr Sohn einen -so großartigen Freund, ihre Tochter eine so ausgezeichnete Freundin -gefunden; diese Freundschaft sei ihnen viel lieber, als wenn sich -ihr Sohn mit Mädchen herumtreibe, ihre Tochter sich von Männern den -Hof machen ließe. Verstieg sich doch einmal eine Mutter, die mich -wegen eines geschlechtlich infizierten Sohnes aufsuchte, zu dem -merkwürdigen Ausspruch: „Ich wünschte, mein zweiter Sohn wäre auch -homosexuell.“ Manchmal liebt der Freund den Sohn des Hauses und wird -von der Tochter geliebt, wie überhaupt zwischen den verschiedenen -normalsexuellen und homosexuellen Personen desselben Kreises hie und -da ganz sonderbare Verwicklungen vorkommen. Für den Psychologen und -Schriftsteller, welcher das urnische Moment in den Beziehungen der -Menschen untereinander zu erkennen weiß, erweitern sich dadurch die der -Beachtung und Darstellung würdigen Konflikte in ungeahnter Weise. - -Ich kannte in Berlin einen Uranier, der die Schwester eines Jünglings -heiratete, nur um mit dem Bruder oft und unauffällig zusammen sein -zu können. Die Ehe, welche in Wirklichkeit keine war, ging nach -einigen Jahren auseinander, nachdem der normalsexuelle Bruder seinen -Schwager -- nicht etwa im Bösen, sondern im Guten -- um sein ganzes -beträchtliches Vermögen gebracht hatte. - -Ein anderer Homosexueller liebte einen Mann, welcher mit einem Mädchen -ein inniges Liebesverhältnis anknüpfte. Der Urning war auf das Mädchen -sehr eifersüchtig, und auch diese war auf den Freund, der ihren -Geliebten so viel in Anspruch nahm, nicht gut zu sprechen. Der Mann -aber hielt auch dem Mädchen nicht die Treue und bereitete ihr ebenso -wie dem Freunde durch seine leichtsinnigen Streiche vielen Kummer. -Beide kannten sich nicht persönlich. Eines Morgens aber kam das -Mädchen zu dem Urning, um ihm mitzuteilen, daß dem Freunde während -der Nacht ein schwerer Unfall zugestoßen sei. Die gemeinsame Sorge -machte sie allmählich zu Freunden. Da entzweite sich der Mann und sein -Mädchen, sie war bitterböse und schien unversöhnlich, er aber hielt es -vor Sehnsucht nicht aus, es trieb ihn immer wieder zu ihr, sie aber -wies ihm die Türe. Schließlich wandte er sich hilfeflehend an seinen -urnischen Freund, und dieser, der sich schon im stillen gefreut hatte, -daß das so quälende Liebesverhältnis zu Ende sei, ging zu dem Mädchen -und versöhnte beide. - -Solche und ähnliche Falle könnte ich aus der lebendigen Quelle des -Berliner Lebens in großer Zahl berichten -- doch wir wollen jetzt -von dem Leben und Leiden einzelner Urninge zu dem Leben und Treiben -urnischer Gruppen übergehen. - -Denn wenn auch viele Uranier in selbstgewählter Einsamkeit leben, die -nirgends so erreichbar ist, wie in weltstädtischer Menschenfülle, -andere wiederum sich ausschließlich einer einzigen Person widmen, -so ist doch die Zahl derer nicht minder groß, welche mit anderen -homosexuellen Personen und Kreisen Fühlung suchen, und auch hier bietet -sich in Berlin überreichliche Gelegenheit. - -Es ist recht bedauerlich, daß sich manche Urninge, die durch ihr -Wesen und Wissen jedem Kreise zur Ehre gereichen würden, schließlich -in normalen Gesellschaften überhaupt nicht mehr wohl fühlen. Die -erheuchelten Komplimente und Interessen, die ihnen besonders häufig -zuerteilten Damentoaste werden ihnen immer peinlicher, und wenn sie -einmal die Geselligkeit kennen gelernt haben, in der sie sich frei -geben können und Verständnis finden, ziehen sie sich aus andern Kreisen -mehr und mehr zurück. - -Daß gesellige Leben der Urninge untereinander pulsiert in Berlin -in mannigfacher Gestaltung, sowohl in geschlossenen, als auch in -allgemein zugänglichen Zirkeln ungemein lebhaft. Größere und kleinere -Gesellschaften von Homosexuellen für Homosexuelle sind zu jeder -Jahreszeit, namentlich aber im Winter, an der Tagesordnung. - -Vielfach beschränken sich dieselben auf eine bestimmte soziale Schicht, -auf gewisse Stände und Klassen, doch werden die Grenzen schon um der -Freunde willen bei weitem nicht so streng innegehalten, wie dies bei -Normalsexuellen üblich ist. Mancher Urning würde nichts so übel nehmen, -als wenn man seinem Freunde, und sei er noch so einfachen Herkommens, -die gesellschaftliche Ebenbürtigkeit absprechen würde. - -Ich werde in Anerkennung meiner Arbeit für die Befreiung der -Homosexuellen oft ersucht, Gesellschaften gleichsam als Ehrengast -beizuwohnen, und wenn ich auch nur einen kleinen Teil dieser -Aufforderungen annehme, so haben sie mir doch einen genügenden Einblick -in das gesellige Leben der Berliner Urninge verschafft. - -Einmal war ich in besagter Eigenschaft auf einer Gesellschaft -unter lauter homosexuellen Prinzen, Grafen und Baronen. Außer der -Dienerschaft, die nicht nur in Bezug auf die Zahl, sondern auch in -Hinsicht auf ihr Äußeres besonders sorgfältig ausgewählt schien, -unterschied sich die Gesellschaft in ihrem Eindruck wohl kaum von -Herrengesellschaften derselben Schicht. Während man an kleinen -Tischen sehr opulent speiste, unterhielt man sich anfangs lebhaft -über die letzten Aufführungen Wagnerscher Werke, für welche fast alle -gebildeten Urninge eine auffallend starke Sympathie hegen. Dann -sprach man von Reisen und Literatur, fast gar nicht über Politik, um -allmählich zum Hofklatsch überzugehen. Sehr eingehend verweilte man -beim letzten Hofball, auf dem das Erscheinen des jungen Herzogs von -X. viele Urningherzen hatte höher schlagen lassen, man schwärmte von -seiner blauen Uniform, von seiner bestrickenden Liebenswürdigkeit -und berichtete, wie man es erreicht hätte, seiner königlichen Hoheit -vorgestellt zu werden. Dann erzählte man sich Anekdoten über abwesende -Urninge der Hofgesellschaft, von denen mir eine, die besonders herzhaft -belacht wurde, im Gedächtnis geblieben ist. Ein Fürst war kurz zuvor -bei einem homosexuellen Magnaten, von dessen urnischer Natur er so -wenig eine Ahnung hatte, wie von der anderer Herren seiner Umgebung, -zur Jagd geladen. Der hohe Gast war des Morgens unerwartet früh -aufgestanden, um sich im Schloßgarten zu ergehen. Als er den Korridor -kreuzte, erblickte er seinen Gastgeber, der zu so zeitiger Stunde nicht -auf diese Begegnung vorbereitet war, in einem höchst sonderbaren Anzuge -oder besser Aufzuge; der allseitig sehr abgerundete Gutsherr trug eine -rotsammtene, mit Blumen und Spitzen reichbesetzte Matinée. Der Anblick -dieser Gewandung war so komisch, daß der fürstliche Besucher in einen -förmlichen Lachkrampf verfiel. - -Eine andere Gesellschaft, der ich beiwohnte, fand in den Sälen eines -der vornehmsten Berliner Hotels statt. Ein wohlhabender Uranier feierte -sein Namensfest. Es waren mit geringer Ausnahme nur Freundespaare -zugegen, von denen die meisten schon seit Jahren zusammenlebten; jeder -führte sein „Verhältnis“ zu Tisch. Dem Festmahl ging im Nebensaal auf -einer aufgeschlagenen Bühne eine Theatervorstellung voraus, bei der -ausschließlich Homosexuelle mitwirkten. Nach einigen Soloscherzen trug -der Gastgeber vortrefflich in Maske und Spiel eine Szene als Falstaff -aus den Lustigen Weibern von Windsor vor, dann gab man Nestroys Wiener -Posse: „Eine Vorlesung bei der Hausmeisterin“. Alle weiblichen Rollen, -an denen es in diesem Stücke nicht fehlt, lagen in den Händen femininer -Urninge, namentlich erregte ein bekannter Baron in der Titelrolle durch -seine natürliche Darstellungsweise stürmische Heiterkeit. Nach dem -Diner folgte Tanz, und trotzdem die Weine reichlich flossen, geschah -nichts Indezentes. Da einige Gäste in Damentoilette waren, machte -man sich den harmlosen Spaß, Urningen, die sich besonders männlich -vorkamen, weibliche Kleidungsstücke, wie Hüte und Shawls anzulegen; -manche machten gute Miene zum bösen Spiel, andere aber wurden recht -verdrießlich, denn man findet Urninge, denen alles, was zum Weibe -gehört, so wenig zusagt, daß ihnen der Gedanke, selbst Weibliches an -sich zu haben, unerträglich ist. - -Auch in minder bemittelten Urningskreisen sind Gesellschaften in -Berlin sehr beliebt und verbreitet. Ich greife auch hier ein Beispiel -ans der Erinnerung heraus. Ein mit Glücksgütern nicht sehr gesegneter -Homosexueller beging seinen Geburtstag. In einer kleinen Vorortskneipe -hatten sich die Geladenen, darunter seine zwei normalsexuellen -Brüder, eingefunden. Man tat sich an Bockwürsten, Kartoffelsalat und -Schweizerkäse gütlich, während der Sohn des Wirtes die Gassenhauer -des Tages auf dem Klaviere zum besten gab. Dann trat „Schwanhilde“, -auch „Herr Schwan geborene Hilde“ genannt, ein bekannter Berliner -Urning, auf. Er stellte eine Berliner Köchin, welche zum Theater -gehen wollte, dar und wirkte besonders belustigend, als er zum Schluß -die Barfußtänzerin Isadora Duncan parodierte. Ein Damenimitator -niedrigster Gattung, der zufällig im Vorraum der Wirtschaft saß, wurde -gebeten, sein Repertoire vorzutragen. Dazwischen trat ein echter Mann -auf, ein Kohlenträger vom Landwehrkanal, ein „schwerer Junge“, mit -tätowierten Armen, glattangelegtem Scheitel, gestricketem Sweater und -jener eigentümlichen Mischung von Plumpheit und Grazie, wie sie den -Arbeitern dieser Gattung eigen zu sein pflegt. Er sang eine große Reihe -nicht eben dezenter Lieder im Berliner Volkston, ohne eine Spur von -Stimme, mit vielen Sprachfehlern, jeden Satz unterstützt von grotesken -Bewegungen, denen zwischen den Versen Drehungen des Körpers folgten, -alles in seiner Ungeschicklichkeit so zusammenpassend, daß es nicht -ohne Wirksamkeit war. Allmählich rückte man Tische und Stühle bei -Seite und ging zum Tanze über, bei dem sich eine Episode von schwer -wiederzugebender Situationskomik ereignete. Als man mitten im Tanzen -war, trat plötzlich -- die Polizeistunde war längst überschritten --- ein Schutzmann mit strenger Amtsmiene ein. Nur einen Augenblick -stockte die fröhliche Stimmung, dann faßte einer der Anwesenden -- ein -urnischer Musiker -- den Schutzmann rasch entschlossen um die Taille -und walzte mit ihm los. Dieser war so verblüfft, daß er kaum Widerstand -entgegensetzte, eifrig mittanzte und sich bald mit dem Wirtssohn und -dem Kohlenträger in die Rolle des begehrtesten und aufgefordertsten -Tänzers teilte. - -Es gibt natürlich auch viele urnische Gesellschaften, die einen -ungleich ernsteren Charakter tragen. So sammelte ein alter Berliner -Privatgelehrter jeden Winter mehrere Male einen kleinen Kreis um sich -in seinem künstlerisch ausgestatteten Heim. Es waren meist zehn bis -zwölf Herren aus akademischen Ständen zugegen, von denen nur zwei -bis drei nicht homosexuell waren. Der Alte, welcher seine Gäste mit -schweren Südweinen, Austern, Hummern und ähnlichen Leckerbissen -bewirtete, hatte noch Alexander v. Humboldt und Iffland gekannt, -war mit Hermann Hendrichs und Karl Ulrichs befreundet gewesen und -schien unerschöpflich in der Wiedergabe seiner Erinnerungen. Die -Gespräche berührten fast ausschließlich das homosexuelle Problem. Da -debattierte ein jüngerer katholischer Geistlicher mit einem schon -ergrauten evangelischen Pfarrer über Uranismus und Christentum; -mehrere Philologen stritten sich über Shakespeares Sonette, während -die Juristen und Mediziner die Frage erörterten, inwieweit sich -der § 51 des R.-St.-G.-B., welcher von dem Ausschluß der freien -Willensbestimmung handelt, schon jetzt zu Gunsten der Homosexuellen -verwenden ließe. - -Den ernstesten Charakter unter den Gesellschaften der Berliner Urninge -tragen die am Weihnachtsheiligabend veranstalteten Zusammenkünfte. Mehr -als an jedem anderen Tage fühlt an diesem Feste des Familienglücks der -urnische Junggeselle sein einsames Los. Viele würden den Abend noch -trauriger verleben, wenn unter den wohlhabenden Homosexuellen nicht -stets einer oder der andere wäre, der die Heim- und Heimatlosen um sich -sammelte. - -Ich greife auch hier ein Bild aus der Großstadt heraus. - -Schon am Tage vor dem Fest hatte der Hausherr den Weihnachtsbaum, eine -große Silbertanne, selbst geschmückt; alles Bunte wurde vermieden, -zwischen den weißen Wachskerzen sind Silberguirlanden, Eiszapfen, -Schneeflocken, Glaskugeln und Engelhaar, das sich wie Spinngewebe von -Ast zu Ast zieht, geschmackvoll angebracht, und hoch am Wipfel ist ein -großer Silberstern befestigt, auf dem ein Posaunenengel im lichten -Tüllgewand „Friede den Menschen auf Erden“ verkündigt. Dann wurden -die kleinen Geschenke fein säuberlich in Seidenpapier geschlagen und -um den Baum herumgelegt, für jeden etwas: ein Kalender, ein Buch, ein -kleiner Schmuckgegenstand, wohl gar ein Kettenring, ein Taschenspiegel, -eine Schnurrbartbinde. In der Frühe des Vierundzwanzigsten hat der -Hausherr das große Tischtuch von feinstem Leinen aus dem Schranke -hervorgeholt, mit dem Diener die Tafel gedeckt, das Silber verteilt, -die Servietten gefaltet, mächtige Obstschalen gefüllt, jeden Teller mit -einem Blumensträußchen versehen und vor den Kristallgläsern zierliche -Tischkarten gelegt. Dabei kommt man manchmal bei diesem ober jenem -der Eingeladenen in nicht geringe Verlegenheit, wenn man sich seines -wirklichen Namens nicht entsinnen kann. Man hat ihn das ganze Jahr mit -einem weiblichen Spitznamen angeredet, von dem man aber an diesem Abend -gern Abstand nehmen möchte. - -Noch eine zweite Tafel wird im Korridor gedeckt, dort sollen die -Kinder und das Dienstpersonal ihr Weihnachtsmahl einnehmen -- jawohl -die Kinder -- ein seltener Anblick im Urningsheim. Man hat nämlich -zur Bescheerung die zwei Kleinen der Waschfrau und die drei Enkel -des Portiers geladen. Es wird Wert darauf gelegt, daß am Nebentisch -dieselben Gerichte wie an der Haupttafel genossen werden und daß auch -hier alles recht feierlich aussieht. - -Der Beginn ist erst auf 8 Uhr festgesetzt, da einige vorher in einem -verwandten oder befreundeten Hause der Bescheerung angewohnt haben, ehe -sie in den Kreis ihrer Freunde kommen. Endlich, als alle eingetroffen, -verschwindet der Hausherr in den bis dahin verschlossenen Salon, zündet -die Kerzen an, wirft noch einen Blick auf die Geschenke und ruft -zunächst die Kinder und jenen Gast herein, der ihre Weihnachtslieder -am Klavier begleiten soll. Nun werden die Doppeltüren geöffnet, und -hell tönen die Kindergesänge von der stillen, heiligen Nacht und der -seligen, fröhlichen Weihnachtszeit. - -Tiefer Ernst liegt auch auf allen Zügen, in manchem Auge blinkt -eine Träne, selbst die „lange Emilie“, der sonst immer lustige -Damenkonfektionär, kann seine Rührung nicht bemeistern. Weit, weit -zurück ziehen die Gedanken der Uranier in jene Zeiten, in denen ihnen -dieser Tag auch ein Familienfest war, als noch nichts gemahnte, daß -ihr Geschick sich so ganz anders gestalten würde, wie das der längst -verheirateten Geschwister; erst ganz allmählich öffnete sich die -Kluft, die sie von den Ihren trennte, dann kamen die langen Jahre, wo -sie diesen Abend friedlos und freudlos im Restaurant oder bei „einem -guten Buch“ im „möblierten Zimmer“ verbrachten. Manche gedenken -ihrer zerstörten Hoffnungen, was hätten sie leisten können, wenn sich -nicht alte Vorurteile ihrer Laufbahn hindernd in den Weg gestellt -hätten, und andere in angesehenen Stellungen gedenken der schwer auf -ihnen lastenden Lebenslüge! Viele gedenken der Eltern, die tot oder für -die sie tot sind, und alle in inniger Wehmut des Weibes, das sie über -alles liebte und das sie über alles liebten -- ihrer Mutter. - -Jetzt sind die Kinderstimmen verklungen, man reicht sich die kleinen -Gaben, beschenkt besonders reichlich die Kinder und die Dienstboten -und setzt sich zu Tisch. Die Tafelgespräche sind nicht so fröhlich wie -sonst; man spricht von dem guten X., der letztes Jahr noch am heiligen -Abend teilnahm, und den nun auch schon die Erde deckt. - -Langsam läßt die Spannung nach, der Ton wird etwas heiterer, aber -der ernste Unterton bleibt, und über dem ganzen Abend ruht ein Hauch -weltschmerzlicher Sentimentalität. - -„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden! Wann -endlich“ -- so schrieb mir vor einigen Jahren ein Homosexueller am -Weihnachtsheiligabend -- „Wann endlich wird man erkennen, daß auch zu -uns der Erlöser kam, daß auch wir nicht ausgeschlossen sein sollten von -seiner gütigen, edlen, barmherzigen, allumfassenden Liebe?“ - -Es war in der Frühe des letzten Weihnachtsmorgens, als ich zu einem -urnischen Studenten im Westen Berlins gerufen wurde, von dem es hieß, -daß er in der Nacht einen Tobsuchtsanfall gehabt hätte. - -Als ich zu ihm kam, bot sich mir ein furchtbarer Anblick; das ganze -Zimmer war erfüllt von Scherben und Möbelstücken, zerrissenen Tüchern, -Büchern und Papieren, alles mit Blut, Tinte und Petroleum vermischt. -Vor dem Bette befand sich eine große Blutlache, und auf der Bettstatt -lag ein junger Mann mit wachsbleichem Gesicht, aus dem seltsam -tiefe, flammende Augen hervorleuchteten, schwarze Strähnen umgaben -die feingeschnittenen, regelmäßigen Züge. Um Stirn und Arme waren -blutdurchtränkte Lappen geschlungen. - -Er hatte sich wegen seines Uranismus mit seinem strengen Vater, -einem angesehenen Bürger Berlins, überworfen, keiner gewann es über -sich, dem andern gute Worte zu geben, und nun war er am Heiligabend, -dem ersten, den er fern von der Familie verlebte, herumgeirrt durch -die menschenleeren Straßen der Millionenstadt. Von der Gegenseite -der Straße hatte er, in einem dunklen Gange sich herumdrückend, die -glänzenden Lichter in der Wohnung der Eltern gesehen, das Lachen -der jüngeren Geschwister war an sein Ohr gedrungen, und für einige -Augenblicke schaute er die Umrisse der Mutter, die während des -Kinderjubels sinnend ihre Stirn an die Fensterscheiben lehnte. - -Als sie oben die Lichter löschten, war er in die nächste Budike -gegangen, hatte an einem abgelegenen Ecktisch ein Schnapsglas nach dem -andern geleert, in einer zweiten und dritten Destille das Gleiche getan -und in verödeten Kaffeehäusern für schwarzen Kaffee mit Kirsch sein -letztes Geld verausgabt. - -Nachdem er dann in der kalten Winternacht heimgekehrt und die vier -Treppen im Hofe heraufgewankt war, hatte sich seiner ein ungeheurer -Erregungszustand bemächtigt. Er hatte alles zertrümmert und die -brennende Lampe zerschlagen in der Erwartung, daß er sich an -geöffneten Pulsadern verbluten würde. Ein von den Wirtsleuten eilends -herbeigerufener Arzt hatte durch die Türspalte gelugt und rasch ein -Attest zur Überführung in die Irrenabteilung der Charité geschrieben. - -Ein Freund des Kranken holte mich zu ihm; ich wusch und verband ihm -an jenem Weihnachtsvormittag eine Wunde nach der andern; er klagte -nicht und sprach kein Wort, aber die flammenden Augen sprachen und -die blassen Lippen sprachen und jede einzelne Wunde sprach von seinem -tiefen Leide und der hohen, heiligen Aufgabe derer, die an dem -Befreiungswerke der Uranier arbeiten. -- - -Neben den Privatgesellschaften, Diners, Soupers, Kaffees, 5 Uhr Thees, -Picknicks, Hausbällen und Sommerfesten, die die Berliner Homosexuellen -in nicht geringer Menge veranstalten, sind die Jours fixes zu erwähnen, -von denen jeden Winter einige von Urningen und Uranierinnen für ihre -Freunde und Freundinnen eingerichtet werden. - -Sehr bekannt war jahrelang der Sonntag-Nachmittags-Empfang bei einem -urnischen Kammerherrn, auf dem viele Personen von Rang und Stand -erschienen. Die leibliche Bewirtung besteht hier meist in Tee und -Gebäck, die geistige in musikalischen Darbietungen. Letzten Winter -war es besonders der _Jour_ fixe eines urnischen Künstlers, der -sich großer Beliebtheit erfreute. Der überaus gastfreundliche Wirt -empfing seine Gäste, unter denen sich viele homosexuelle Ausländer, -namentlich aus den russischen Ostseeprovinzen und den skandinavischen -Ländern, sowie auch oft homosexuelle Damen befanden, in einer Art -Zwischenstufengewand, einem Mittelding zwischen Prinzeßrobe und -Amtsrobe. Die Musikvorträge, zumal die Gesänge des Hausherrn in -Baryton und Alt und das Klavierspiel eines dänischen Pianisten -standen künstlerisch auf der Höhe. Man sah dort regelmäßig einen -österreichischen Studenten der Chemie, der stets schweigsam und ernst -dasaß, sich aber sichtlich unter Seinesgleichen wohl fühlte, da er -immer wiederkam. Im Frühjahr, als die Zusammenkünfte zu Ende waren -und der Russe Berlin verließ, ging jener Student eines Abends in eine -Urningskneipe und ließ sich vom Klavierspieler Koschats „Verlassen“ -spielen; als die melancholische Weise erklang, nahm er unbemerkt -ein Stückchen Cyankali, das ihn in wenigen Sekunden leblos zu Boden -streckte. „Selbstmord aus unbekannten Gründen“ verzeichnete der -Polizeibericht, in Wirklichkeit der Selbstmord eines Homosexuellen, wie -er sich in Berlin nur allzu oft ereignet. - -Nicht immer ist die Homosexualität die direkte Ursache, aber fast -stets ist der indirekte Zusammenhang zwischen der Homosexualität -und dem gewaltsamen Ende leicht nachweisbar. Da ist ein urnischer -Offizier, im Kadettenkorps erzogen, mit Leib und Seele Soldat, er -hatte sich außerdienstlich eine homosexuelle Handlung zu Schulden -kommen lasten, sie wurde lautbar, und ein schlichter Abschied war die -Folge. Er hat nichts anderes gelernt, als sein Kriegshandwerk, nun -sucht er kaufmännische Stellungen, sucht, findet und verliert eine -nach der andern, die Familie will nichts mehr von ihm wissen, er steht -allein, verliert jeden Halt, sinkt immer tiefer, greift zum Alkohol, -zum Morphium und endlich zur erlösenden Waffe. So kenne ich viele -Tragödien; erst vor wenigen Wochen endete ein früherer Leutnant auf -diese Weise. „Ursache: Schulden“, schrieben die Zeitungen; jawohl, -Schulden, aber die Grundursache lag tiefer, es war der Verlauf, wie -ich ihn soeben schilderte; -- an der Homosexualität war er zu Grunde -gegangen. - -Vor einigen Tagen nahm ich einem homosexuellen Lehrer, der mich -aufsuchte, ein Fläschchen Blausäure fort. Er hatte keine strafbare -Handlung begangen, sich nie gleichgeschlechtlich betätigt; er war -eben erst in den Schuldienst getreten, als dem Direktor ein anonymes -Schreiben zugegangen war, der neue Lehrer sei ein Päderast; der Chef -ließ ihn kommen, und auf Befragen gab er zu, homosexuell veranlagt -zu sein. Man gab ihm den wohlmeinenden Rat, auf seine Entlassung -anzutragen, er tat es, fand aber nicht den Mut, es seiner alten Mutter -zu sagen, die gedarbt hatte, damit er Lehrer werden könne. Nun irrte -auch er nach Stellung umher in dem großen Berlin, in dem es so viele -Stellen, aber so viel mehr Stellenlose gibt. - -Es sind gewiß mehr als zwanzig Homosexuelle, die ich im Laufe der -letzten acht Jahre vor dem Selbstmord bewahren konnte; ob ich ihnen -einen guten Dienst erwies, ich weiß es nicht, und doch erfüllt es mich -mit stiller Freude, daß ich ihnen das Leben und sie dem Leben erhalten -konnte. -- - -Einen den geschilderten Jourfixen ähnlichen, wenn auch schon mehr -vereinsartigen Charakter tragen die regelmäßigen Zusammenkünfte, -wie sie von Homosexuellen an bestimmten Abenden in bestimmten -Lokalen veranstaltet werden; auch hier ist es gewöhnlich eine -Person, um die sich die anderen gruppieren, nur bewirtet sich -jeder aus eigenen Mitteln. Vielbesucht war lange Jahre der Klub -„Lohengrin“, welcher sich um einen unter dem Namen „Die Königin“ -bekannten Weinhändler zusammenfand. Während hier die Unterhaltung -in musikalischen und deklamatorischen Darbietungen bestand, tragen -manche dieser Vereinigungen, wie die „Gemeinschaft der Eigenen“, die -„Platen-Gemeinschaft“, einen mehr literarischen Charakter. Auch ein -Kabaret, das von Urningen geleitet und hauptsächlich von diesen besucht -wird, gibt es in Berlin. - -Auf allen diesen Veranstaltungen tritt die eigentliche Sexualität -genau so zurück wie in den entsprechenden normalsexuellen Kreisen. -Das Bindemittel ist lediglich das aus der Gemeinsamkeit der -Lebensschicksale sich ergebende Gefühl der Zusammengehörigkeit. - -Haben alle die genannten Gesellschaften einen mehr geschlossenen -Charakter, so ist die Zahl derer, die allgemein zugänglich sind, noch -viel bedeutender. Daß manche Restaurationen, Hotels, Pensionate, -Badeanstalten, Vergnügungslokale, trotzdem sie jedermann offen -stehen, fast ausschließlich von Urningen besucht werden, wird weniger -merkwürdig erscheinen, wenn man bedenkt, daß viel weniger scharf -gekennzeichnete Gruppen in Berlin ihre Lokale haben, die fast ganz von -ihnen existieren; so gibt es Restaurationen, in denen nur Studenten, -nur Schauspieler, nur Artisten verkehren, andere, die nur von Beamten, -nur von Kaufleuten bestimmter Waren, von Liebhabern bestimmter -Spiele und Sports leben, wieder andere, die nur von Buchmachern, -Falschspielern oder irgend einer Verbrecherkategorie besucht werden. - -Man kann Lokalitäten unterscheiden, die von Urningen bevorzugt, aber -auch von anderen Personen aufgesucht werden, und solche, die lediglich -von jenen frequentiert sind. Zu ersteren gehört ein sehr großes -Münchener Bierrestaurant der Friedrichstadt, in dem seit Jahren zu -bestimmten Stunden stets an hundert Homosexuelle und mehr zu finden -sind. Auch in bestimmte Kaffeehäuser ziehen sich die Urninge mit -Vorliebe hin, wobei alle paar Jahre ein Wechsel zu beobachten ist; oft -sind es Lokale, wo der Wirt oder ein Kellner selbst urnisch sind, meist -werden bestimmte Abteilungen der Wirtschaften besonders bevorzugt. Die -urnischen Damen treffen sich vielfach in Konditoreien; so befindet sich -im Norden der Stadt eine, die täglich zwischen 4 und 6 Uhr nachmittags -von urnischen Israelitinnen zahlreich besucht wird, welche hier Kaffee -trinken, plaudern, Zeitungen lesen, Skat und mit Vorliebe Schach -spielen. - -Im Sommer sind es stets gewisse Gartenlokale, in denen sich die Urninge -in großer Zahl einfinden, während sie andere, wenigstens in Gruppen, -meiden. In einigen dieser Konzertgärten macht sich neben der weiblichen -auch die männliche Prostitution bemerkbar. - -In einem der vornehmsten Berliner Konzertlokale war vor einigen Sommern -das Treiben der Homosexuellen so arg geworden, daß Kriminalbeamte -hinbeordert wurden, um dem rücksichtslosen Gebahren, das nicht schwer -genug gerügt werden kann, ein Ende zu bereiten. - -Es muß der Berliner Polizei zu ihrem Lobe nachgesagt werden, daß -_agents provocateurs_ bei ihr außerordentlich selten sind. Es wäre -den Beamten gewiß leicht, Homosexuelle herauszufinden, indem sie sich -selbst als homosexuell gerierten; es soll dies in früheren Zeiten auch -vorgekommen sein; mir ist nur ein Fall bekannt, und zwar spielte sich -dieser in dem erwähnten Konzertlokal ab, in dem ein Urning den ihn -beobachtenden Kriminalbeamten für Seinesgleichen hielt, glaubte, daß -ihm Avancen gemacht würden, und keinen kleinen Schreck bekam, als er -auf seine zärtliche Berührung hin arretiert, zur Wache gebracht und -später dann auch wegen „tätlicher Beleidigung“ verurteilt wurde. - -Neben diesen Lokalen gibt es in Berlin eine ganze Anzahl, die ganz -ausschließlich von Urningen besucht werden. Ihre Zahl genau anzugeben, -ist sehr schwierig. Medizinalrat =Näcke=[1] dürfte wohl recht haben, -wenn er annimmt, daß in Berlin mehr als zwanzig Urningskneipen -vorhanden sind. Immer wieder höre ich gelegentlich in meiner Praxis -urnische Restaurationen erwähnen, die mir bis dahin unbekannt waren. -Jede dieser Wirtschaften hat noch ein besonderes Gepräge; in der -einen halten sich mehr ältere, in einer anderen mehr jüngere, wieder -in einer anderen ältere und jüngere Leute auf. Fast alle sind gut -besucht, an Sonnabenden und Sonntagen meist überfüllt. Wirte, Kellner, -Klavierspieler, Coupletsänger sind fast ausnahmslos selbst homosexuell. - -Man hat Homosexuelle aus der Provinz, die sich zum ersten Male in -solchen Lokalen aufhielten, in tiefer seelischer Erschütterung weinen -sehen. - -In allen diesen Kneipen geht es durchaus anständig zu; hie und -da werden sie von der Kriminalpolizei oder deren Geheimagenten -kontrolliert, doch hat sich fast nie eine Veranlassung zum -polizeilichen Einschreiten ergeben. - -Rudolf Presber hat kürzlich in einem Feuilletonartikel unter dem -Titel: „Weltstadttypen“ eine anschauliche Schilderung einer solchen -Urningskneipe entworfen. Er schreibt: - -„Die letzte Station dieser interessanten Nachtfahrt machten wir in -einem feineren Restaurant. Hier führen keine ausgetretenen klitschigen -Stufen hinunter, sondern sauber gescheuerte Treppen hinauf. Bessere -Gegend und ein besseres Haus. Die Ausstattung der Räume behaglich, -nicht ohne Wärme. Bilder an den Wänden in goldenen Rahmen. Statt -des gräflichen Orchestrions, das kaum in einer der früher gesehenen -Kneipen fehlte, neben riesigem Notenpack ein anständiges Klavier. Und -davor ein ganz erträglicher Spieler und daneben ein hagerer Jüngling -mit sprossendem Bart, mit weibischen Bewegungen und einem gequält -süßen Lächeln, einen breitrandigen Frauenhut mit wehendem Schleier -auf dem pomadisierten Kopf. Der Jüngling singt -- Sopran.... Die -beiden Stuben gut mit Gästen gefüllt. Kein schlechtes Publikum, so -scheint's. Keiner spuckt auf die Dielen, keiner hat einen Zahnstocher -zwischen den Zähnen, keiner säubert sich die Ohren oder kratzt sich -die Beine, wie wir's den ganzen Abend über schaudernd genossen. Ein -paar würdige alte Herren, ein paar ausrasierte Sportstypen, ein paar -Künstler mit gebrannten und gelegten Locken. Dem Harmlosen mag hier -zunächst wenig auffallen. Vielleicht nimmt's ihn nur Wunder, daß -auch der zweite Sänger -- Sopran singt. Vielleicht erstaunt er, daß -in keiner der gutgefüllten Stuben ein weibliches Wesen zu sehen ist -... Man trinkt mäßig an sauber gedeckten Tischen. Kein unanständiges -Wort wird gesprochen, und die Lieder, die gesungen werden, haben -keine zotigen Pointen. Eher scheint das Sentimentale dieser andächtig -lauschenden Versammlung zuzusagen. Und als einer der Sopransänger, sich -in den Hüften wiegend, als schlenkere er niederfließende rauschende -Frauenröcke, ein gar schmelzendes Liedchen beendigt, wendet sich ein -an unserem Tisch sitzender, vornehm aussehender Greis an einen von -uns, tippt ihn mit ganz leichter Vertraulichkeit auf den Arm und fragt -bescheiden, aber mit seltsam leuchtenden Augen: „Gefällt's Ihnen bei -uns?“ - -„Keine Übeltäter hier, keine Verbrecher an der Person, keine -Verbrecher am Eigentum. Unglückliche, Entrechtete, die den Fluch eines -geheimnisvollen Rätsels der Natur durch ihr einsames Leben schleppen. -Menschen, die sich im Kampf des Tages ihre geachtete Stellung erobert -haben. Redlich arbeitende, deren Ehrenhaftigkeit niemand anzweifelt, -deren Wort und Name seine gute Geltung hat; und die sich doch unter -dem Druck eines mittelalterlich grausamen Gesetzesparagraphen scheu -und heimlich zusammenfinden müssen, fern von den normalen Glücklichen -ihre stets vom Gesetz, von der Verachtung, von der Erpressertücke -gefährdeten unbesiegbaren Triebe den Gleichfühlenden einzugestehen. - -Im gefunden Herzen ehrliches Mitleid mit diesen Kranken, die eine -letzte mittelalterliche Unvernunft den Verbrechern gleichstellt, -treten wir hinaus auf die stille Straße. Wolkenlos spannt sich der -Sternenhimmel der Julinacht über den mondbeglänzten Dächern. Mit -dem riesigen Schlüsselbund rasselnd, schleicht ein Nachtwächter an -den lichtlosen Häusern entlang. In einem Torbogen drückt sich ein -Liebespaar inbrünstig die Hände. Fern und ferner klingt der Sopran....“ - -So Presber. -- Eine andere Urningskneipe, die wir betreten, besteht aus -vier ziemlich großen Zimmern. Es ist schwer Platz zu finden. Im zweiten -und vierten Raum stehen Klaviere, in dem einen trägt „die Engeln“ die -neuesten Lieder vor, in dem andern wird getanzt, nicht Mann und Weib, -sondern Mann und Mann. Sie tanzen mit sichtlicher Hingebung; der -weibliche Teil schmiegt sich schmachtend dem männlichen Partner an; -die schlechte Musik materialisiert sich förmlich in ihnen; wenn der -Klavierspieler abbricht, scheint es, als ob sie aus melodientrunkener -Tonseligkeit zu rauher Wirklichkeit erwachen. - -Besonders eigenartig sind die Kaffeegesellschaften, wie sie nicht -selten in diesen Lokalen stattfinden. Der Wirt, der Coupletsänger -oder irgend ein Stammgast feiern ihren Geburtstag und haben diesem -Fest zu Ehren ihre „Freundinnen“ zu sich gebeten. Zur festgesetzten -Nachmittagsstunde erscheinen die Gäste, meist Urninge des Handwerker- -und Arbeiterstandes. Jeder überreicht dem Geburtstagskinde ein -Angebinde, eine selbstgefertigte Handarbeit, eine Probe eigener -Kochkunst, ein paar künstliche oder natürliche Blumen. Die Begrüßungen -sind sehr lebhaft, zierliche Knixe und Verbeugungen, denen sittsame -Freundschaftsküsse auf die Wange folgen. Wie sie sich dann drehen und -zieren, sich Schmeicheleien sagen, das Herausziehen der Hutnadel, das -Aufraffen des Rockes, das Zurechtziehen der Taille, das Hinlegen der -nicht vorhandenen Schleppe markieren, sich dann endlich mit den Worten: -„Haben Sie schon gehört, meine Teure“ niederlassen, alles das ist -von schwer zu schildernder Drolligkeit. Einzelne „Honoratioren“, wie -die „Baronin“, die „Direktorin“, die „_Chambre separée_'sche“ werden -besonders freudig und respektvoll begrüßt, die Zuspätkommenden mit -launigen Scheltworten empfangen. Eine Stunde später, als man „geladen“, -sitzt alles bei Tisch und während sich nun ein Schnattern und Plappern, -ein Lachen, Juchzen und Kreischen in so verwirrendem Durcheinander -erhebt, daß einem männlichen Gaste angst und bange werden kann, -verschwinden mit erstaunlicher Geschwindigkeit Berge von Kuchen und -Ströme von Kaffee. Nachdem den Sprech- und Kauwerkzeugen einigermaßen -genüge geschehen, werden die mitgebrachten Handarbeiten hervorgeholt, -man häkelt, strickt, stickt und näht, zugleich aber tragen die -künstlerischen Kräfte, welche in Urningsgesellschaften selten fehlen, -mit Gesängen, Deklamationen und Vorträgen zur Unterhaltung bei. -Ihren Höhepunkt aber erreicht die Stimmung, wenn das Geburtstagskind -unter lautem Beifall aller von einem der Gäste graziös zum Flügel -geleitet wird und in wohllautendem Alt mit ebenso viel Sehnsucht, als -Unwahrscheinlichkeit sein Lieblingslied: „Ach, wenn ich doch ein Räuber -wär'“ zum Besten gibt. Kein Mißklang trübt das harmlose Treiben weniger -flüchtiger Stunden, bis die Abendbrotzeit die muntere Schar wieder in -alle Winde verscheucht. - -Wer zum erstenmale den Gesprächen in diesen Kneipen lauscht, wird -erstaunt sein über die große Zahl weiblicher, oft sehr absonderlicher -Namen, die an sein Ohr dringen. Bald wird er gewahr, daß es sich um -Spitznamen handelt, welche die Gäste sich untereinander beilegen. Die -Gründe dieser verbreiteten Sitte sind verschiedene; einmal verschweigen -die meisten Personen, die sich hier einfinden, begreiflicherweise -ihre wahren Namen, so daß die anderen, im Bedürfnis, sich über sie zu -unterhalten, zu selbstgewählten Bezeichnungen greifen, außerdem fühlt -man instinktiv, daß die Anrede „Herr so und so“ bei vielen, =keineswegs -bei allen=, in so starkem Gegensatz zu ihrem femininen Wesen steht, und -endlich bietet sich in der Wahl dieser Necknamen eine gute Gelegenheit, -den ja auch gerade im Berliner tief wurzelnden Drang nach Scherz und -Humor zu befriedigen. In vielen, namentlich virileren Urningskreisen -ist der Gebrauch derartiger weiblicher Spitznamen übrigens verpönt. - -Viele dieser Namen sind lediglich weibliche Umgestaltungen der -entsprechenden männlichen Vornamen; so wird aus Paul Paula, aus Fritz -Frieda, aus Erich Erika, aus Georg Georgette, aus Theodor Dorchen oder -Thea, aus Otto Ottilie oder auch Otéro. In einem Berliner Urningsliede, -in welchem geschildert wird, wie eine Mutter auf die Nachricht, ihr -Sohn sei „pervers“, in großer Besorgnis zu ihm eilt, und dieser sie -beruhigt, indem er ihr als Zeugnis seiner Normalität die an ihn -gerichteten Liebesbriefe vorzeigt, welche die Unterschrift „Luise“ -tragen, heißt es am Schlusse: - - „Beim Abschiedskuß an meiner Tür, - Da dachte ich dann still bei mir: - Wie gut, liebe Mutter, daß Du nicht weißt, - Daß meine Luise -- Ludwig heißt.“ - -Oft sind diese weiblichen Namen noch mit Unterscheidungszusätzen -verbunden; so gibt es eine Näsenjuste, eine Schmalzjuste, eine -Klammerjuste, Klamottenjuste, Handschuhjuste und Blumenjuste, eine -Lange-Anna, Ballhausanna und Blaueplüschanna, eine Hundelotte und eine -Quietschlotte, eine Spitzenkaroline und eine Umsturzkaroline (weil -er durch seine lebhaften Armbewegungen jeden Abend mindestens ein -Glas Bier „umstürzen“ soll), eine Butterriecke, eine Käseklara, eine -Lausepaula, eine Harfenjule und eine Totenkopfmarie. - -Viele Urninge erhalten altdeutsche Beinamen, wie Hildegarde, Kunigunde, -Thusnelda, Schwanhilde und Adelheid, oder klangvolle Adelsnamen, wie -Wally von Trauten, Berta von Brunneck, Asta von Schönermark oder noch -hochtönendere; so findet man in diesen Kneipen neben der Markgräfin, -der Landgräfin, der Burggräfin und der Kurfürstin (weil sie in der -Markgrafen-, Landgrafen-, Burggrafen- und Kurfürstenstraße wohnen) -die Marquise de la place d'Alexandre (wohnt am Alexanderplatz), die -Herzogin von Aschaffenburg, die Herzogin d'Angoulème, die Großfürstin -Olga, die Königin Natalie, die Carmen Sylva, die Kaffeekönigin, die -Polenkönigin, die Oberstallmeisterin, die Excellenzfrau, die Kaiserin -Messalina und die Kaiserin Katharina. - -Manche führen ihre Namen von ihrem Beruf; so wird ein urnischer -Ballettänzer „Jettchen Hebezeh“, ein Damenschneider „Jenny Fischbein“ -und ein Damenkomiker „Pokahuntas, die hinterindische Nachtigall“ -genannt. - -Ich bemerke, daß sämtliche hier angeführten Spitznamen von zwei -Gewährsmännern innerhalb kurzer Zeit in einem einzigen Berliner -Urningslokal gesammelt wurden. Von Beinamen, die der Zoologie -entstammten, fanden sie unter anderen: die „Schweizerkuh“, das -„Meerschweinchen“, „die Gipskatze“ (weil er sich stark pudert), „die -Krückente“, „die Ententrittsche“ (weil er beim Gehen „watschelt“), -„die schwarze Henne“, „die Nebelkrähe“, „die Spitzmaus“, „die -Brillenschlange“ und „die Kreuzspinne“; von botanischen Bezeichnungen: -„das Blauveilchen“, „das Apfelröschen“, „das Resedaköpfchen“, „Paprika“ -(auch „Papp-Rieka“ genannt), „die Rosine“ und „die Weintraube“ (weil er -so leicht gerührt ist). - -Mit großer Vorliebe wird den Titeln oder hervorstechenden Eigenschaften -ein „in“ oder „sche“ oft in sehr origineller Weise angehängt; der -Direktor wird zur „Direktorin“, der Geheimrat zur „Geheimrätin“, ein -Rechtsanwalt heißt „die Anwaltsche“, ein vornehmer Urning, der mit -seinen Freunden häufig im Chambre separée speisen soll, heißt „die -Chambreseparéesche“, ein anderer, der viel das Sonnenbad besucht, „die -Lichtluftbadsche“, während ein Klavierspieler „die Klaviersche“, einer -der sich stark schminkt „die Zinnobersche“ und ein Elektrotechniker -kurzweg „die Elektrische“ genannt wird. - -Eine Gruppe für sich bilden die „Soldatentanten“, welche vielfach -ihre Spitznamen nach denjenigen Truppenteilen bekommen, für die sie -sich besonders interessieren; so gibt es eine „Ulanenjuste“, eine -„Dragonerbraut“, eine „Kürassieranna“, eine „Kanoniersche“, ja sogar -eine „Schießschulsche“, der seinen Namen davon führt, weil er mit -Vorliebe die Wirtschaften in der Umgegend der Schießschule aufsucht. - -Von anderen Berliner Spitznamen, die weniger leicht zu rubrizieren -sind, erwähne ich noch: „Minehaha, das lächelnde Wasser“, „Rebekka, die -Mutter der Kompagnie“, „Anita mit dem Giftzahn“, „Cleo die Marode“, -„Traudchen Hundgeburt“, „Die heilige Beryllis“, „Die Genossin meiner -Schmach“, „die freie Schweizerin“, die „gute Partie“, „die hohe Frau“, -„die Rollmopstante“, „Susanne in der Wanne“, „die weiße Wand“ (pudert -sich stark), „Rotundelein“, „Locusblume“, (Namen zweier Urninge, denen -man nachsagt, daß sie öfter, als notwendig, die Bedürfnisanstalten -aufsuchen), „das Waldmensch“, „die Mutter Wolffen“, „Violetta“, -„Aurora“, „Melitta“, „Rosaura“, „Kassandra“, „Goulasch“, „die Ahnfrau“, -„die Grabesbraut“, „der Abendstern“ und „die Morgenstunde“, weil er -Gold im Munde, nämlich mit Goldplomben versehene Zähne hat. - -Auch die Uranierinnen führen in ihren Kreisen, besonders auch in ihren -Lokalen, deren es ebenfalls eine Reihe gibt, analoge Namen. Nur findet -man bei ihnen im Gegensatz zu den Männern meist einfache Vornamen, -selten Beinamen, die sich auf irgend eine besondere Eigenschaft ihrer -Trägerin beziehen; bevorzugt werden einsilbige Namen, wie Fritz, Heinz, -Max, Franz, namentlich Hans; doch findet man auch solche, die Arthur, -Edmund, Theo, Oskar, Roderich, Rudolf genannt werden. - -Merkwürdig viele Namen von Uranierinnen sind der Geschichte und -Litteratur entnommen; ich nenne von Berlinerinnen: Napoleon, Nero, -Cäsar, Heliogabal, Caligula, Antinous, Gregor, Carlos, Posa, Mortimer, -Götz, Tasso, Egmont, Armin, Teja, Blücher, Ofterdingen, Karl Moor, -Franz Lerse, Jörn Uhl, Don Juan, Puck und Hiddigeigei. - -Weniger schöne Spitznamen weiblicher Urninge sind Bubi, Rollmops, -Kümmelfritze und Schinkenemil. - -Besondere Berücksichtigung verdienen unter den Berliner Urningslokalen -die „Soldatenkneipen“, welche, meist in der Nähe der Kasernen gelegen, -in den Stunden vom Feierabend bis zum Zapfenstreich am besuchtesten -sind. Um diese Zeit sieht man in diesen Wirtschaften meist gegen 50 -Soldaten, darunter auch Unteroffiziere, die hingekommen sind, um sich -einen Homosexuellen zu suchen, der sie freihält, und selten kehrt -jemand in die Kaserne zurück, ohne das Gewünschte gefunden zu haben. -Diese Lokale sind meist von kurzem Bestand. Fast immer werden sie dem -Militär nach kurzer Zeit durch Regimentsbefehl verboten, nachdem irgend -ein Unbekannter, gewöhnlich aus Brotneid oder Rachsucht, „gepfiffen“ -hat. Es tun sich dann stets bald wieder ein oder zwei, auch mehrere -ähnliche Lokale in derselben Gegend auf. Erst vor kurzem flog wieder -im Südwesten der Stadt eine typische Soldatenkneipe auf, die „zur -Katzenmutter“ genannt wurde; ich weiß nicht, ob der sonderbare Name -von der alten Wirtin herrührte, in deren schleichendem Gang und -rundem, schnurrbartgeziertem Gesicht etwas unverkennbar Katzenartiges -lag, oder von den Katern und Katzen, die zwischen Tischen und Stühlen -herumsprangen und deren Bildnisse die Wände des seltsamen Lokals -schmückten. - -Würde ein Normalsexueller derartige Lokale betreten, er würde sich -vielleicht wundern, daß dort so viele fein gekleidete Herren mit -Soldaten sitzen, im übrigen aber wohl kaum jemals etwas Anstößiges -finden. Die hier bei Bockwurst mit Salat und Bier geschlossenen -Freundschaften zwischen Homosexuellen und Soldaten halten oft über die -ganze Dienstzeit, nicht selten darüber hinaus vor. So mancher Urning -erhält, wenn der Soldat schon längst als verheirateter Bauer fern -von seiner geliebten Garnison Berlin in heimatlichen Gauen das Land -bestellt, „Frischgeschlachtetes“ als Zeichen freundlichen Gedenkens. -Es kommt sogar vor, daß sich diese Verhältnisse auf die nachfolgenden -Brüder übertragen; so kenne ich einen Fall, wo ein Homosexueller nach -einander mit drei Brüdern verkehrte, die bei den Kürassieren standen. - - -Gewöhnlich kommt der Soldat, wenn der Dienst zu Ende, in die Wohnung -seines Freundes, der ihm bereits sein Lieblingsessen eigenhändig -gekocht hat, dessen gewaltige Mengen hastig verschlungen werden. Dann -nimmt der junge Krieger in gesundheitsstrotzender Breite auf dem Sofa -Platz, während der Urning, bescheiden auf einem Stuhle sitzend, ihm die -mitgebrachte zerrissene Wäsche flickt oder die Weihnachtspantoffeln -stickt, mit denen jener eigentlich überrascht werden sollte, die aber -zu verheimlichen, die Beherrschungskraft des glücklichen Liebhabers um -ein Beträchtliches übersteigt. - - -Währenddem werden alle die kleinen Einzelheiten des königlichen -Dienstes besprochen; was der „Alte“ (Hauptmann) beim Apell gesagt hat, -was morgen für Dienst ist, wann man auf Wache muß und ob man ihn nicht -am nächsten Tage irgendwo vorbeimarschieren sehen könnte. Schließlich -geleitet man ihn bis in die Nähe der Kaserne, nicht ohne vorher die -Feldflasche mit Rotspohn gefüllt und die Butterstullen eingepackt zu -haben. - -Am Parademorgen aber steht der Urning in der Belle-Alliancestraße an -der verabredeten Stelle schon ganz früh, um ja noch in der ersten Reihe -Platz zu bekommen. Hoffentlich ist sein Soldat Flügelmann, daß man ihn -auch ganz genau sieht. Und nachher wird ausgeharrt, bis er zurückkommt, -und abends hat er dann Urlaub, dann geht es zu „Buschen“ in den Cirkus, -nachdem er zuvor die 50 Pfennige, die er an diesem Tage als Extrasold -erhielt, in die bei seinem Freunde stationierte Sparbüchse versenkt hat. - -Ein noch größerer Feiertag aber ist das -„Kaisersgeburtstagskompagnievergnügen“. Da geht der Homosexuelle als -„Cousin“ mit seinem Freunde hin. In rührender Glückseligkeit tanzt er -mit dem Mädchen, mit welchem gerade zuvor sein Soldat getanzt hat, er -hat keine Ahnung, wie sie aussieht, denn er hat nur auf ihn gesehen -und während er das Mädchen umfaßt hielt, nur an ihn gedacht. Womöglich -spricht auch der Hauptmann mit ihm als Cousin seines Gefreiten oder -Unteroffiziers. Es kann sich aber auch ereignen, daß der Homosexuelle -zu seinem Leidwesen diesem Festtage fern bleiben muß, wenn er nämlich -einige Tage zuvor mit einem der anwesenden Offiziere irgendwo an -demselben Diner teilgenommen hat. - -Die Gründe, welche den Soldaten zum Verkehr mit Homosexuellen -veranlassen, liegen nahe; es ist einmal der Wunsch, sich das Leben -in der Großstadt etwas komfortabler zu gestalten, besseres Essen, -mehr Getränke, Zigarren und Vergnügungen (Tanzboden, Theater &c.) zu -haben; dazu kommt, daß er -- der oft sehr bildungsbedürftige Landwirt, -Handwerker oder Arbeiter -- im Verkehr mit dem Homosexuellen geistig -zu profitieren hofft, dieser gibt ihm gute Bücher, spricht mit ihm -über die Zeitereignisse, geht mit ihm ins Museum, zeigt ihm, was sich -schickt und was er nicht tun soll; das oft drollige, komische Wesen -des Urnings trägt auch zu seiner Erheiterung bei; wenn sein Freund -ihm abends Couplets vorsingt oder ihm gar, mit dem Lampenschirm als -Kapotte und einer Schürze weiblich zurecht gestutzt, etwas vortanzt, -amüsiert er sich in seiner Naivität über alle Maßen. Weitere Momente -sind der Mangel an Geld oder an Mädchen, die dem Soldaten nichts -kosten, die Furcht vor den beim Militär sehr übel accreditierten -Geschlechtskrankheiten und die gute Absicht, der daheim bleibenden -Braut treu zu bleiben, der man beim Abschied die Treue geschworen und -die in jedem „Schreibebrief“ ängstlich an diesen Schwur gemahnt. - -In der Nähe der geschilderten Kneipen befindet sich vielfach auch -der „militärische Strich“, auf dem die Soldaten einzeln oder in -Paaren gehend Annäherung an Homosexuelle suchen. Ich will hier auf -eine wichtige Erscheinung hinweisen, auf die mich ein weit gereister -Homosexueller aufmerksam machte, und deren Richtigkeit mir auf Befragen -seitdem von zuverlässigen Gewährsmännern übereinstimmend bestätigt -wurde. Die „Soldatenprostitution“ ist in einem Lande um so stärker, je -mehr die Gesetze die Homosexualität verfolgen. Offenbar hängt diese -Tatsache damit zusammen, daß man in Ländern mit Urningsparagraphen von -den Soldaten am wenigsten Erpressungen und andere Unannehmlichkeiten zu -fürchten hat. - -Außer in London, wo sich in den belebtesten Parks und Straßen -vom Spätnachmittag bis nach Mitternacht zahlreiche Soldaten in -unverkennbarer Weise feilbieten, fand unser Gewährsmann in keiner -Weltstadt jeden Abend solche Auswahl an Soldaten verschiedener -Waffengattungen, wie in Berlin. Es gibt etwa ein halbes Dutzend -Stellen, auf denen die Soldaten nach Einbruch der Dämmerung in -bestimmter Absicht auf- und abgehen. Wie die Lokale, wechseln auch die -„Striche“ ziemlich häufig, so ist erst neuerdings ein vielbegangener -Weg, das Planufer, den Soldaten verboten worden. - -Sehr verbreitet ist die Soldatenprostitution namentlich in den -skandinavischen Hauptstädten; in Stockholm läßt man seit einigen -Jahren sogar eigene Militärpatrouillen auf Soldaten fahnden, die -zu dem erwähnten Zwecke „herumstreichen“, doch hat dies, wie unser -Gewährsmann, der lange in der schwedischen Hauptstadt lebte, -versichert, nichts geholfen. - -In Helsingfors, der Hauptstadt Finlands, einem Orte von etwa 80.000 -Einwohnern, ist die militärische Prostitution ganz besonders stark -hervortretend. Etwas geringer ist sie in Petersburg, wo auf einem -vom Centrum der Stadt weit entfernten Platz besonders Matrosen -Bekanntschaften mit Homosexuellen suchen. - -Unser Gewährsmann vergleicht mit diesen Städten Paris, wo er „in -18 Monaten nur Rudimente eines militärischen Strichs“ nachweisen -konnte, sowie die einschlägigen Verhältnisse in Amsterdam, Brüssel, -Rom, Mailand, Neapel und Florenz (Städte ohne Urningsparagraphen) -und gelangt zu dem Schlusse, „daß in allen europäischen Ländern mit -strengen Strafbestimmungen gegen den homosexuellen Verkehr die Hingabe -von Soldaten in einer Weise auftritt, die man nicht für möglich halten -sollte, wenn man es nicht mit eigenen Augen beobachtet hat, während man -in Ländern ohne Urningsparagraphen fast nichts von dieser Erscheinung -bemerkt“. - -Die gebräuchliche Bezeichnung „Soldatenprostitution“ entspricht -übrigens dem sonstigen Begriff der Prostitution nicht, da es sich ja -bei den Soldaten keineswegs „um eine berufs- oder gewerbsmäßige Hingabe -des Körpers“ handelt. Ich möchte hier der weitverbreiteten Ansicht -entgegentreten, als ob dem Verkehr zwischen Soldaten und Homosexuellen -gewöhnlich Akte zu Grunde liegen, die an und für sich strafbar sind. -Kommt es zu geschlechtlichen Handlungen, was durchaus nicht immer der -Fall ist, so bestehen diese fast stets in Erregungen durch Umarmen, -Aneinanderpressen und Berühren der Körperteile, wie dies überhaupt -bei homosexueller Betätigung die Regel ist. Die Vorstellung, der -homosexuelle, namentlich auch der weiblicher geartete, sei Päderast in -des Wortes üblichem Sinn, ist eine vollkommen irrtümliche. In meiner -Praxis ereignete sich kürzlich eine Episode, die mir zeigte, wie stark -auch noch in Berlin diese Meinung vorherrscht. Bald nachdem in den -Zeitungen infolge der von mir unternommenen statistischen Umfrage über -die Zahl der Urninge viel von Homosexualität die Rede war, suchte -mich ein biederer Schlächtermeister aus dem Osten auf, ein völlig -normaler Familienvater, welcher sich allen Ernstes mit folgenden Worten -einführte: „Ich habe seit einigen Wochen ein so starkes Jucken in der -Nähe des Afters und wollte Sie daher bitten, einmal nachzusehen, ob ich -homosexuell veranlagt bin.“ - -Die Seltenheit eigentlich päderastischer Akte ändert aber nichts an -der Grausamkeit und Ungerechtigkeit der betreffenden Strafbestimmung, -da das gesellschaftlich Vernichtende bereits die Voruntersuchung ist -und das Gericht -- wenn bestraft wird, auch ganz mit Recht -- sich -nicht so streng an die bestimmte Art der Betätigung hält. Im übrigen -wiederhole ich, daß das rein sexuelle Moment im Leben und der Liebe des -Homosexuellen keine größere Rolle spielt, wie im nichturnischen Leben; -ich würde diese Frage ihres intimen und privaten Charakters wegen -überhaupt nicht in den Kreis meiner Betrachtungen gezogen haben, wenn -sie nicht von den Verfechtern einer falschen Moral immer wieder als -Hauptsache in den Vordergrund gezerrt würde. -- - -Es gibt noch einen zweiten Stand, der in Berlin seit langer Zeit mit -den Urningen vielfache Beziehungen unterhält; das sind die Athleten. -Die zahlreichen Athleten-Vereine der Hauptstadt setzen sich zumeist aus -unverheirateten Arbeitern zwischen dem 18. und 25. Lebensjahr zusammen; -größtenteils sind es Schlosser, Schmiede oder sonstige Eisenarbeiter. -Bei diesen Leuten gilt Kraft, Gefahr und Kühnheit alles. In ihren Augen -ist „der Kampf zwischen Rußland und Japan überhaupt kein Kampf, weil so -viel geschossen und so wenig gerungen, gestochen und geboxt wird“. - -Wir betreten einen Athletenklub, welcher mit Homosexuellen im -Zusammenhange steht. Im Nebenzimmer einer kleinen Gastwirtschaft wird -„gearbeitet“. Der kleine Raum ist von Öl-, Metall- und Schweißgeruch -erfüllt, jener eigentümlichen Ausdünstung, wie sie den Körpern der -Eisenarbeiter zu entströmen pflegt. Auf dem Boden liegen Eisenstangen, -Hanteln, Gewichte von 100 und mehr Pfund, daneben eine Matratze, auf -der gerungen wird. Acht bis zehn kraftstrotzende Athleten sind zugegen, -teils in schwarzem Tricot, teils mit entblößtem Oberkörper, Brust und -Arme tätowiert. - -An der Fensterseite des Zimmers steht ein langer, schmaler Tisch, -von Bänken umgeben, auf denen eine Anzahl Herren sitzen, deren -vornehme Züge und Anzüge mit denen der starken Männer seltsam -kontrastieren. Oben am Tisch sitzt die Präsidentin oder Protektorin des -Athletenklubs, ein Damenschneider, auf den das Wort Martials zutrifft, -„daß er mit einer kleinen Ausnahme alles von seiner Mutter hat“. -Kein Uneingeweihter würde in ihm ein Mitglied des Athletenklubs -- -geschweige denn dessen Präsidentin vermuten. - -Auf dem Tisch befindet sich eine Sparbüchse, in welche die Gäste ihr -Scherflein zur Deckung der Unkosten, Anschaffung von Gewichten und -Matratzen tun. Außerdem berichtigen sie die Zechen ihrer Athleten, die -vor und während der Arbeit in Selter, Limonade und Zigaretten, nach dem -Gewichteheben und Ringen in Bier und Abendbrot bestehen. - -Die urnischen Freunde sorgen, daß fleißig geübt wird, die plastische -Schönheit der Bewegungen, das Spiel der Muskeln wird von den -sachverständigen Gönnern eifrig verfolgt, jeder „Gang“ auf das -lebhafteste kritisiert. - -Manche Homosexuelle verbinden sich mit den Athleten besonders -auch deshalb, um, wenn sie irgendwie belästigt oder infolge des -unglücklichen § 175 erpreßt werden, handfeste, unerschrockene Männer -zur Verfügung zu haben, auf deren Schutz und „tatkräftige“ Freundschaft -sie sicher bauen können. - -Von einigen Wirten urnischer Lokale, aber durchaus nicht von diesen -allein, werden namentlich im Winterhalbjahr große Urningsbälle -veranstaltet, die in ihrer Art und Ausdehnung eine Spezialität von -Berlin sind. Hervorragenden Fremden, namentlich Ausländern, die in der -jüngsten der europäischen Weltstädte etwas ganz Besonderes zu sehen -wünschen, werden sie von höheren Beamten als eine der interessantesten -Sehenswürdigkeiten gezeigt. Sie sind auch bereits wiederholt -beschrieben, so neuerdings von Oskar Méténier in „_Vertus et Vices -allemands, les Berlinois chez eux_“.[2] In der Hochsaison von Oktober -bis Ostern finden diese Bälle in der Woche mehrmals, oft sogar mehrere -an einem Abend statt. Trotzdem das Eintrittsgeld selten weniger als -1,50 M. beträgt, sind diese Veranstaltungen meist gut besucht. Fast -stets sind mehrere Geheimpolizisten zugegen, die acht geben, daß nichts -Ungeziemendes vorkommt; soweit ich unterrichtet bin, lag aber noch nie -ein Anlaß vor, einzuschreiten. Die Veranstalter haben Ordre, möglichst -nur Personen einzulassen, die ihnen als homosexuell bekannt sind. - -Einige der Bälle erfreuen sich eines besonderen Renommées, vor allem -der kurz nach Neujahr veranstaltete, auf dem die neuen, vielfach -selbst gefertigten Toiletten vorgeführt werden. Als ich diesen Ball -im letzten Jahr mit einigen ärztlichen Kollegen besuchte, waren -gegen 800 Personen zugegen. Gegen 10 Uhr abends sind die großen Säle -noch fast menschenleer. Erst nach 11 Uhr beginnen sich die Räume zu -füllen. Viele Besucher sind im Gesellschafts- oder Straßen-Anzug, -sehr viele aber auch kostümiert. Einige erscheinen dicht maskiert in -undurchdringlichen Dominos, sie kommen und gehen, ohne daß jemand ahnt, -wer sie gewesen sind; andere lüften die Larve um Mitternacht, ein -Teil kommt in Phantasiegewändern, ein großer Teil in Damenkleidern, -manche in einfachen, andere in sehr kostbaren Toiletten. Ich sah einen -Südamerikaner in einer Pariser Robe, deren Preis über 2000 Frcs. -betragen sollte. - -Nicht wenige wirken in ihrem Aussehen und ihren Bewegungen so weiblich, -daß es selbst Kennern schwer fällt, den Mann zu erkennen. Ich erinnere -mich, daß ich auf einem dieser Bälle mit einem auf diesem Gebiet sehr -erfahrenen Kriminalwachtmeister ein Dienstmädchen beobachtete, von dem -der Beamte fest überzeugt war, daß sie ein richtiges Weib sein müsse, -auch ich hatte nur geringe Zweifel, um in der Unterhaltung mit ihr aber -doch wahrzunehmen, daß sie „ein Mann“ war. Wirkliche Weiber sind auf -diesen Bällen nur ganz spärlich vorhanden, nur dann und wann bringt -ein Uranier seine Wirtin, eine Freundin oder -- seine Ehefrau mit. Man -verfährt im allgemeinen bei den Urningen nicht so streng wie auf den -analogen Urnindenbällen, auf denen jedem „echten Mann“ strengstens der -Zutritt versagt ist. Am geschmacklosesten und abstoßendsten wirken -auf den Bällen der Homosexuellen die ebenfalls nicht vereinzelten -Herren, die trotz eines stattlichen Schnurrbartes oder gar Vollbartes -„als Weib“ kommen. Die schönsten Kostüme werden auf ein Zeichen, des -Einberufers mit donnerndem Tusch empfangen und von diesem selbst -durch den Saal geleitet. Zwischen 12 und 1 Uhr erreicht der Besuch -gewöhnlich seinen Höhepunkt. Gegen 2 Uhr findet die Kaffeepause -- -die Haupteinnahmequelle des Saalinhabers -- statt. In wenigen Minuten -sind lange Tafeln aufgeschlagen und gedeckt, an denen mehrere hundert -Personen Platz nehmen; einige humoristische Gesangsvorträge und Tänze -anwesender „Damenimitatoren“ würzen die Unterhaltung, dann setzt sich -das fröhliche Treiben bis zum frühen Morgen fort. - -In einem der großen Säle, in welchem die Urninge ihre Bälle -veranstalten, findet auch fast jede Woche ein analoger Ballabend für -Uranierinnen statt, von denen sich ein großer Teil in Herrenkostüm -einfindet. Die meisten homosexuellen Frauen auf einem Fleck kann man -alljährlich auf einem von einer Berliner Dame arrangierten Kostümfest -sehen. Das Fest ist nicht öffentlich, sondern gewöhnlich nur denjenigen -zugänglich, die einer der Komiteedamen bekannt sind. Eine Teilnehmerin -entwirft mir folgende anschauliche Schilderung: „An einem schönen -Winterabend fahren von 8 Uhr ab vor einem der ersten Berliner Hotels -Wagen auf Wagen vor, denen Damen und Herren in Kostümen aller Länder -und Zeiten entsteigen. Hier sieht man einen flotten Couleurstudenten -mit mächtigen Renommierschmissen ankommen, dort hilft ein schlanker -Rokokoherr seiner Dame galant aus der Equipage. Immer dichter füllen -sich die strahlend erleuchteten weiten Räume; jetzt tritt ein dicker -Kapuziner ein, vor dem sich ehrfurchtsvoll Zigeuner, Pierrots, -Matrosen, Klowns, Bäcker, Landsknechte, schmucke Offiziere, Herren und -Damen im Reitanzug, Buren, Japaner und zierliche Geishas neigen. Eine -glutäugige Carmen setzt einen Jockey in Brand, ein feuriger Italiener -schließt mit einem Schneemann innige Freundschaft. Die in buntesten -Farben schillernde fröhliche Schar bietet ein höchst eigenartiges -anziehendes Bild. Zuerst stärken sich die Festteilnehmerinnen an -blumengeschmückten Tafeln. Die Leiterin in flotter Sammetjoppe heißt -in kurzer kerniger Rede die Gäste willkommen. Dann werden die Tische -fortgeräumt. Die „Donauwellen“ erklingen, und begleitet von fröhlichen -Tanzweisen, schwingen sich die Paare die Nacht hindurch im Kreise. -Aus den Nebensälen hört man helles Lachen, Klingen der Gläser und -munteres Singen, nirgends aber -- wohin man sieht -- werden die Grenzen -eines Kostümfestes vornehmer Art überschritten. Kein Mißton trübt -die allgemeine Freude, bis die letzten Teilnehmerinnen beim matten -Dämmerlicht des kalten Februarmorgens den Ort verlassen, an dem sie -sich unter Mitempfindenden wenige Stunden als das träumen durften, -was sie innerlich sind. Wem es je vergönnt war, schließt Frl. R. -ihren Bericht, ein derartiges Fest mitzumachen, wird aus ehrlicher -Überzeugung sein Leben lang für die ungerecht verleumdeten Uranierinnen -eintreten, denn er wird sich darüber klar geworden sein, daß es überall -gute und schlechte Menschen gibt, daß die homosexuelle Naturveranlagung -aber ebensowenig wie die heterosexuelle von vornherein einen Menschen -zum Guten oder Bösen stempelt.“ - -Nicht weniger wie die Bälle, sind auch die „Herrenabende“ besucht, -theaterartige Veranstaltungen, welche von Zeit zu Zeit von Urningen für -Urninge gegeben werden. Gewöhnlich sind sämtliche auftretenden Künstler -„Zwischenstufen“; besonders beliebt ist es, berühmte Literaturwerke -homosexuell zu parodieren, und es erregt nicht geringe Heiterkeit, -wenn die Engeln als Marthe Schwertlein, die Harfenjule als Salome oder -gar Schwanhilde, als Maria Stuart, Königin Elisabeth und Amme in einer -Person auftritt. - -Außer den Restaurants gibt es in Berlin auch Hotels, Pensionate und -Badeanstalten, die fast ausschließlich von Homosexuellen besucht -werden; dagegen habe ich ein von Pastor Philipps neuerdings, wie -bereits früher, erwähntes Berliner Gemeinschaftshaus der Homosexuellen -bisher nicht ermitteln können. - -Die Homosexualität in Badeanstalten ist in Berlin bei weitem nicht so -verbreitet, wie in anderen Großstädten, namentlich in St. Petersburg -und Wien. In der österreichischen Hauptstadt befindet sich ein Bad, das -durch den ganz außerordentlich starken Zusammenfluß von Homosexuellen -an bestimmten Tagen, zu gewissen Stunden einzig dastehen dürfte. In -Berlin weiß ich von vier mittelgroßen Badeanstalten, die nur von -homosexueller Kundschaft leben. Auch einige Schwimmbassins sind zu -bestimmten Tageszeiten Treffpunkte der Homosexuellen. - -Vielfach sind in diesen Anstalten, ebenso wie in den Restaurationen -und Hotels, der Besitzer oder ein Angestellter homosexuell. Dieselben -sind ursprünglich meist nicht in der Absicht gegründet, urnische -Bekanntschaften zu vermitteln oder gar der Unzucht Vorschub zu leisten -(im Sinne des § 180 R.-St.-G.-B.), vielmehr hat es sich allmählich -herumgesprochen, daß der Eigentümer oder der Oberkellner oder ein -Masseur „so“ ist, worauf sich dann viele Urninge dorthin ziehen, weil -sie sich dort ungenierter fühlen. - -Die Besitzer sind sich oft gewiß nicht darüber klar, daß sie dabei -Gefahr laufen, mit dem Kuppeleiparagraphen des Strafgesetzbuches in -Konflikt zu geraten. Vor kurzem erregte ein Prozeß wegen homosexueller -Kuppelei ziemliches Aufsehen, der gegen einen alten Uranier -angestrengt wurde, welcher mit einem Freunde im Westen der Stadt ein -Pensions-Hotel führte, das überwiegend von homosexuellen Damen und -Herren aufgesucht wurde. Trotzdem die Angeklagten -- meines Erachtens -nicht mit Unrecht -- darauf hinwiesen, daß sie keine höheren Preise -forderten und erhielten, wie sie in ähnlichen Etablissements üblich -sind, ferner, daß sie sich nicht befugt hielten, zu kontrollieren, was -ihre Gäste, zu denen ein vielgenannter Reichstagsabgeordneter gehörte, -auf ihren Zimmern mit ihren Besuchern täten, wurden beide zu einer -Gefängnisstrafe von einem Monat verurteilt. - -Einer wieviel größeren Gefahr setzen sich die Hotelwirte aus, bei -denen sich für wenige Stunden die männlichen Prostituierten mit ihren -Herren einfinden, sowie die urnischen Absteigequartiere, deren es -in Berlin eine ganze Anzahl geben soll. Diese Quartiere sind eine -unmittelbare Folge der durch den § 175 geschaffenen Verhältnisse. Sie -werden besonders von Uraniern vornehmer Gesellschaftskreise, auch viel -von uranischen Offizieren auswärtiger Garnisonen benutzt, die sich aus -wohlbegründeter Furcht, Erpressern, Verbrechern oder Verrätern in die -Hände zu fallen, an diese Vertrauenspersonen wenden, die ihnen etwas -„ganz Sicheres“ besorgen sollen. - -In Brüssel wurde in diesem Sommer ein Schuhmacher mit seiner Frau -verhaftet, bei dem man zahlreiche Albums mit Photographieen vorfand, -die den Nachfragenden zur Auswahl vorgelegt wurden. Ähnliches kommt -auch in Berlin vor. Wie mir verbürgt mitgeteilt wurde, gibt es -Vermittler, bei denen sich Herren mündlich und schriftlich, ja sogar -telegraphisch Personen unter Angabe aller möglichen fetischistischen -Liebhabereien bestellen, einen Kürassier mit weißen Hosen und hohen -Stiefeln, Männer in Frauen- und Frauen in Männerkleidern, einen -Bierkutscher, einen Steinträger in Arbeitsanzug, ja sogar einen -Schornsteinfeger. Fast alle finden dann zu der bestimmten Stunde -das Erbetene vor. Auch für urnische Damen existieren ähnliche -Vermittelungslokale. - -Unbewußt leistet auch die Berliner Tagespresse den Urningen -umfangreiche Mittlerdienste. In manchen Blättern findet man fast -täglich mehrere Inserate, die homosexuellen Zwecken dienen, wie „junge -Frau sucht Freundin“, „junger Mann sucht Freund“. Ich gebe hier einige -Beispiele derartiger Annoncen wieder, die innerhalb kurzer Zeit -Berliner Zeitungen verschiedenster Parteirichtung entnommen wurden. - -Wie mir mehrfach versichert wurde, werden diese Inserate von denen, für -die sie berechnet sind, sehr wohl verstanden. - - =Älterer Herr=, kein Damenfreund, sucht Bekanntschaft mit - Gleichgesinnten. Zuschr. erb. unt. _=S.O.=_ 2099 an die - Exped. d. Bl. - - * * * * * - - =Älterer= Junggeselle wünscht gleichgesinnten „Anschluß“, - Morgenpost Bülowstraße. - - * * * * * - - =Herr=, 23, sucht Freund. Zuschriften unter „Sokrates“ an - Hauptexpedition Kochstraße erbeten. - - * * * * * - - Junggeselle, gut. Ges., sucht freundschaftl. Verkehr m. - led. gleichges. Herrn in ält. Jahr. Off. =_A. B._= 11 - Postamt 76. - - * * * * * - - =Jung. geb. Mann, 29 Jahr, sucht freundschaftl. Verkehr m. - energisch herrischem, gut situiertem Herrn. Briefe erb. - unt. _T. L. W._ Expedit. d. Blattes.= - -Wir haben bereits wiederholt die männliche Prostitution erwähnen müssen -und dürfen diese gewiß beklagenswerte Erscheinung nicht übergehen, -wenn wir eine einigermaßen vollständige Schilderung der vielseitigen -Gestaltungsformen geben wollen, in denen uns das urnische Leben Berlins -entgegentritt. - - =Fräulein=, anständ., 24 Jahre, sucht hübsches Fräulein als - Freundin. Offerten unt. Nr. 3654 an die Exped. erbeten. - - * * * * * - - =Dame=, 36, wünscht freundschaftlichen Verkehr. Postamt 16, - „Plato“. - - * * * * * - - =Herzensfreundin=, nette, sucht geistvolle, lebenslustige - Dame, 23. Psyche, Postamt 69. - - * * * * * - - =Suche gebild. Freundin, Anfang 30, am liebsten Blondine. - Off. u. _H. R._ 1622 Exp. d. Bl.= - - * * * * * - - =Schneiderin=, 22, wünscht „Freundin“, Postamt 33. - -Wie jede Großstadt, hat auch Berlin neben der weiblichen eine männliche -Prostitution. Beide sind eng verwandt durch Abstammung, Wesen, -Ursachen und Folgen. Hier wie dort kommen stets zwei Gründe zusammen, -von denen bald der eine, bald der andere den Ausschlag gibt: innere -Anlagen und äußere Verhältnisse. In denjenigen, die der Prostitution -anheimfallen, ruhen von Jugend an bestimmte Eigentümlichkeiten, unter -welchen ein mit dem Hang zur Bequemlichkeit verbundener Drang zum -Wohlleben am deutlichsten hervortritt. Sind bei diesen Eigenschaften -die äußeren Verhältnisse günstig, sind namentlich die Eltern vermögend, -so verfallen die jungen Leute nicht der Prostitution; tritt aber -häusliches Elend hinzu, kümmerlicher Lebensunterhalt, Arbeits- und -Stellungslosigkeit, Mangel an Unterkommen und womöglich die größte -aller Sorgen, der Hunger, dann halten wohl von Natur aus stabile, in -sich gefestigte Charaktere stand, die labilen aber suchen die nie -fehlende Versuchung, sie erliegen und verkaufen sich, trotz der Tränen -der Mutter. - -Es gibt Menschenfreunde, die die Besserung von der Freiheit des Willens -und andere, die sie vom Zwang der Verhältnisse erwarten; nach Erziehung -und Religion verlangen die einen, nach dem Zukunftsstaat die anderen. -Beide sind zu optimistisch. Wer helfen will, muß innen und außen -ansetzen, die Verhältnisse zu bessern trachten, daß kein Mädchen und -kein Jüngling es nötig hat sich zu verkaufen, und die Personen bessern -unter besonderer Rücksicht der Vererbungsgesetze, daß niemand die -Neigung verspürt, sich als Ware feilzubieten. - -Ihr sagt, das ist nicht zu erreichen, ich aber meine, nur was man -aufgibt, ist verloren. - -Das Arbeitsfeld der Prostitution ist die Straße; bestimmte Gegenden und -Plätze, die sogenannten „Striche“. Ein Homosexueller zeigte mir einmal -einen Plan von Berlin, auf dem er diese mit blauen „Strichen“ versehen -hatte; die Zahl der so bezeichneten Stellen war keine geringe. - -Seit alters spielt auf diesem Gebiete der Tiergarten in einigen seiner -Partieen eine besondere Rolle. Es gibt wohl keinen zweiten Wald, der so -mit Menschenschicksalen verwoben ist, wie dieser über 1000 Morgen große -Park. - -Nicht seine landschaftlichen Schönheiten, nicht der künstlerische -Schmuck, der Menschen Leben, Lieben und Leiden verleihen ihm seine -Bedeutung. Vom frühen Morgen, wenn die Begüterten auf den Reitwegen -ihr Herz entfetten, bis zum Mittag, wenn der Kaiser seine Spazierfahrt -unternimmt, vom Frühnachmittag, wenn im Parke tausend Kinder spielen, -bis zum Spätnachmittag, wenn sich das Bürgertum ergeht, hat jeder -Weg zu jeder Jahreszeit und jeder Stunde sein eigenes Gepräge. Hätte -Emile Zola in Berlin gelebt, ich zweifle nicht, daß er diesen Forst -durchforscht und von dem, was er wahrgenommen, ein Werk von der Wucht -Germinals geschaffen hätte. - -Wenn es aber Abend wird und sich anderen Welten die Sonne neigt, mischt -sich mit dem Hauch der Dämmerung ein Hauch, der suchend und sehnend -aufsteigt aus Millionen irdischer Wesen, ein Teil des Welt=geistes=, -den manche den Geist der Unzucht nennen, und der doch in Wahrheit nur -ein Bruchstück der großen gewaltigen Triebkraft ist, die, so hoch wie -Nichts und so niedrig wie Nichts, unablässig gestaltet, waltet, bildet -und formt. - -Überall treffen sich an den Kreuzwegen des Tiergartens verabredete -Paare, man sieht, wie sie sich entgegeneilen, sich freudig begrüßen und -aneinander geschmiegt im Gespräch der Zukunft entgegenschreiten, man -steht sie sich auf noch freien Bänken niederlassen und schweigend sich -umarmen und neben der hohen, der unveräußerlichen geht die niedere, -käufliche Liebe einher. - -Auf drei weit auseinander gelegenen Wegen halten sich Weiber, -auf zweien Männer feil. Während in der Stadt die weibliche und -männliche Prostitution durcheinander flutet, hat hier jede ihren -„Strich“ für sich, von den männlichen ist der eine allabendlich -fast nur von Kavalleristen erfüllt, deren Säbel in der Finsterniß -seltsam aufblitzen, während der andere, eine ziemlich lange Strecke, -größtenteils von den verwegenen Burschen eingenommen wird, die sich -im Berliner Volkston mit Vorliebe selbst „keß und jemeene“ nennen. -Hier ist eine jener alten halbrunden Tiergartenbänke, auf der in den -Stunden vor Mitternacht an dreißig Prostituierte und Obdachlose dicht -nebeneinander sitzen, manche sind fest eingeschlafen, andere johlen und -kreischen. Sie nennen diese Bank die „Kunstausstellung.“ Dann und wann -kommt ein Mann, steckt ein Wachsstreichholz an und leuchtet die Reihe -ab. - -Nicht selten tönt in das Juchzen der Jungen ein greller Schrei, der -Hilferuf eines im Walde Beraubten oder Gemißhandelten, oder ein kurzer -Knall schallt in die von den entfernten Zelten in vereinzelten Stößen -herüberdringende Musik -- er kündet von einem, der sein Leben verneinte. - -Und wer Originale sucht, von denen sehr zu Unrecht behauptet wird, sie -seien in der Großstadt ausgestorben, im Tiergarten sind sie reichlich -zu finden. Seht Ihr die Alte dort mit den vier Hunden am Neuen See? -Seit vierzig Jahren macht sie mit kurzer Sommerunterbrechung zu -derselben Stunde denselben Spaziergang, nie von Menschen begleitet, von -jener Zeit ab, da ihr am Hochzeitstage zwischen der standesamtlichen -und kirchlichen Trauung der Mann am Blutsturz verschied; seht Ihr -dort die ausgedörrte, gekrümmte Gestalt im struppigen Graubart? Das -ist ein russischer Baron, der erspäht sich abends eine einsame Bank, -dort läßt er sich nieder und schreit „rab, rab, rab“, ähnlich wie ein -Rabe krächzt; aus unsichtbaren Wegen tauchen auf diesen Lockruf einige -„kesse Schieber“ hervor, es sind seine Freunde, unter denen er die -„Platten“, gewöhnlich drei bis fünf Mark, verteilt, die ihm von seinem -Tageszins geblieben sind. - -Die männlichen Prostituierten zerfallen in zwei Gruppen, in solche, -die normalgeschlechtlich und in solche, die „echt“, d. h. selbst -homosexuell sind. Letztere sind zum Teil stark feminin, und einige -gehen auch gelegentlich in Weiberkleidern aus, was jedoch in den -Kreisen der weiblichen Prostituierten übel vermerkt wird. Es ist dies -zwischen beiden fast der einzige _casus belli_, denn die Erfahrung -hat sie gelehrt, daß sie ohne diese Vorspiegelung falscher Tatsachen -einander nicht die Kundschaft fortnehmen. Eine ziemlich gebildete -Prostituierte, die ich einmal nach einer Erklärung des guten -Einvernehmens zwischen den weiblichen und männlichen Prostituierten -fragte, antwortete mir: „Wir wissen doch, daß jeder „Freier“ nach -seiner Façon selig werden will.“ - -Unter den Berliner Prostituierten kommen vielfach eigentümliche -Paarungen vor. So tun sich normale männliche Prostituierte, die -sogenannten Pupenluden, nicht selten mit normalen weiblichen -Prostituierten zu gemeinsamer „Arbeit“ zusammen, auch von zwei -Geschwisterpaaren ist mir berichtet, von denen sowohl die Schwester -wie der Bruder diesem erniedrigenden Gewerbe obliegen; sehr häufig -leben zwei weibliche und nicht selten auch zwei männliche Prostituierte -zusammen, und endlich kommt es auch vor, daß sich homosexuelle -weibliche Prostituierte mit homosexuellen männlichen Prostituierten -als Zuhältern verbinden, die sie für weniger brutal halten, als ihre -heterosexuellen Kollegen. - -Bekannt ist es, daß es unter den weiblichen Prostituierten eine große -Anzahl homosexueller gibt, man schätzt sie auf 20%. Mancher wundert -sich über diesen scheinbaren Widerspruch in sich, da doch das käufliche -Dirnentum vor allem der sexuellen Befriedigung des Mannes dient. -Vielfach meint man, es liege hier eine Übersättigung vor, das ist aber -in Wirklichkeit nicht der Fall, denn es läßt sich nachweisen, daß -diese Mädchen gewöhnlich schon homosexuell empfanden, ehe sie sich der -Prostitution ergaben, und es beweist die Tatsache ihrer Homosexualität -eigentlich nur, daß sie den Verkauf ihres Körpers lediglich als ein -Geschäft betrachten, dem sie mit kühler Berechnung gegenüberstehen. - -Merkwürdig ist das Verhältnis der sich liebenden Prostituierten -untereinander. Bis in diese Kreise ist das System der doppelten Moral -gedrungen. Denn während der männliche, aktive Teil, der „Vater“ -sich frei fühlt und sich auch außerhalb seines gemeinschaftlichen -Schlafgemachs weiblichen Verkehr gestattet, verlangt er von der -weiblich passiven Partnerin in Bezug auf homosexuellen Umgang die -vollkommenste Treue. Bei entdecktem Treubruch setzt sich sein -Verhältnis den schwersten Mißhandlungen aus, es kommt sogar vor, -daß der männliche Teil dem weiblichen während der Zeit ihres -Liebesbündnisses verbietet, ihrem Gewerbe nachzugehen. - -Die weibliche Straßenprostitution Berlins unterhält auch vielfach -Beziehungen mit urnischen Frauen besserer Gesellschaftskreise, ja -sie scheut sich nicht, Frauen, die ihr homosexuell erscheinen, auf -der Straße Anerbietungen zu machen. Dabei ist zu bemerken, daß die -Preise für Frauen durchgängig geringere sind, ja, daß in vielen Fällen -jede Bezahlung abgewiesen wird. Mir berichtete eine junge Dame, die -allerdings einen sehr homosexuellen Eindruck macht, daß ihr auf der -Straße Prostituierte Angebote von 20 Mark und mehr gemacht hätten. - -Sowohl die weibliche, wie die männliche Prostitution bedrohen durch ihr -böses Beispiel nicht nur die öffentliche Sittlichkeit, nicht nur die -öffentliche Gesundheit -- denn es ist durchaus nicht selten, daß auch -durch männliche Prostituierte ansteckende Krankheiten von der Skabies -(Krätze) bis zur Syphilis übertragen werden -- sondern auch in hohem -Maße die öffentliche Sicherheit. - -Prostitution und Verbrechertum gehen Hand in Hand; Diebstähle -und Einbrüche, Erpressungen und Nötigungen, Fälschungen und -Unterschlagungen, Gewalttätigkeiten jeder Art, kurz alle möglichen -Verbrechen wider die Person und das Eigentum sind bei dem größten -Teile der männlichen Prostituierten an der Tagesordnung, und -besonders gefährlich ist es, daß diese Delikte von den verängstigten -Homosexuellen in den meisten Fällen nicht zur Anzeige gebracht werden. - -Verfallen in Berlin unter einer uranischen Bevölkerung von 50000 -Seelen -- diese Zahl ist sicherlich nicht zu hoch gegriffen -- im Jahr -durchschnittlich 20 „dem Arm der Gerechtigkeit“, so fällt mindestens -die hundertfache Zahl, nämlich 2000 im Jahr, den Erpressern in die -Arme, welche, wie die Berliner Kriminalpolizei gewiß gern bestätigen -wird, aus der Ausbeutung der homosexuellen Natur einen weitverbreiteten -und recht einträglichen Spezialberuf gebildet haben. - -Die engen Beziehungen zwischen den Prostituierten und Verbrechern -gehen auch daraus hervor, daß beide sich desselben Jargons -- der -Verbrechersprache bedienen. Suchen sich „die Strichjungen“ ihre Opfer, -so nennen sie das „sie gehen auf die Krampftour“, das Erpressen selbst -in seinen verschiedenen Abstufungen nennen sie: „abkochen“, „brennen“, -„hochnehmen“, „prellen“, „neppen“, „abbürsten“, „rupfen“ und „klemmen“; -es sei hier übrigens bemerkt, daß es in Berlin auch Verbrecher gibt, -die das Rupfen der männlichen Prostituierten als Spezialität betreiben, -indem sie diese mit Anzeige wegen Päderastie oder Erpressung bedrohen. -Die „schwule Bande“ teilen sie nach ihrer Zahlungsfähigkeit in „Tölen“, -„Stubben“ und „Kavaliere“, das erbeutete Geld nennen sie „Asche“, -„Draht“, „Dittchen“, „Kies“, „Klamotten“, „Mesumme“, „Meschinne“, -„Monnaie“, „Moos“, „Pfund“, „Platten“, „Pulver“, „Zaster“, „Zimmt“, das -Goldgeld: „stumme Monarchen“, Geld haben heißt „in Form sein“, keins -haben „tot sein“, kommt ihnen etwas in die Quere, so sagen sie „die -Tour sei ihnen vermasselt“, fortlaufen heißt „türmen“, sterben „kapores -gehen“, werden sie von den „Greifern“, d. h. den Kriminalbeamten -oder den Blauen -- das sind die Schutzleute, abgefaßt, so nennen -sie das „hochgehen“, „auffliegen“, „alle werden“, „krachen gehen“ -oder „verschütt gehen“. Dann kommen sie erst auf die „Polente“, das -Polizeibureau, darauf ins „Kittchen“, das Untersuchungsgefängnis, um -dann, wie sie sich euphemistisch ausdrücken, in einen „Berliner Vorort“ -zu ziehen, darunter verstehen sie Tegel, Plötzensee und Rummelsburg, -die Sitze der Strafgefängnisse und des Arbeitshauses. Nur sehr selten -verlassen sie diese gebessert: Wohlhabende Urninge geben sich oft große -Mühe, Prostituierte von der Straße zu retten, doch gelingt auch dieses -nur in sehr vereinzelten Fällen. Viele „zehren“, wenn sie älter werden, -„von Erinnerungen“, indem sie ihnen als homosexuell bekannte Personen, -die ihren Standort kreuzen, um kleine Geldbeträge „anbohren“, was sie -als „Zinseneinholen“ oder „tirachen“ bezeichnen. - -Gewöhnlich hat diese gefährliche Menschenklasse einen guten Blick -dafür, wer homosexuell veranlagt ist, doch kommt es auch sehr häufig -vor, daß sie völlig normalsexuelle Personen bedrohen und beschuldigen. -Ich gebe als Beispiel einen Fall, wie ich ihn vor einiger Zeit in -folgendem Schreiben geschildert erhielt: - - „Im vorigen Herbst traf ich auf der Durchreise nach dem - Süden mit dem Abendzuge in Berlin ein und nahm für eine - Nacht Quartier in der Nähe des Zentralbahnhofes, um am - andern Morgen weiter zu reisen. Den milden freundlichen - Abend wollte ich zu einem Spaziergange benutzen. - - Beim Verlassen der Passage sah ich eine Anzahl junger - Burschen zusammenstehen, von denen der eine, etwa 20 Jahre - alt, ein Schnupftuch laut wimmernd an die Backe preßte. - Unwillkührlich faßte ich ihn deshalb schärfer ins Auge, - als man es sonst tut, drehte mich auch noch einmal in - meinem Mitleid nach ihm um, als ich in die Mittelallee der - Linden einbog, um auf das Brandenburger Tor zuzugehen, in - der Absicht, das mir bis dahin unbekannte Bismarckdenkmal - noch flüchtig zu besichtigen. Nach kurzer Zeit sah ich - denselben jungen Mann, nunmehr allein, das Tuch noch - immer an die Backe gepreßt, mir vorausgehen und dann an - einer Litfaßsäule in der Nahe des Tores stehen bleiben. - Ich dachte mir nichts besonderes dabei und ging weiter. - Da trat er an mich heran und bat um ein Almosen, indem er - mir mit verschleierter, winselnder Stimme und flehentlich - bittend, ich solle ihn nicht der Polizei verraten, einen - langen Roman vortrug: er sei aus dem Osten, der Bromberger - Gegend, hergekommen, habe keine Arbeit gefunden, sei - jetzt ganz mittellos und habe seine Effekten für 16 - Mark versetzt; sobald er soviel zusammenhabe, um diese - einlösen zu können, wolle er in die Heimat zurück. Wir - waren inzwischen an die Bedürfnisanstalt, rechts vor dem - Tore, gekommen; ich gab ihm 50 Pfennige mit dem Bemerken, - er solle sich durch Arbeit so viel verdienen, um seine - Effekten auslösen zu können, ich sei hier selber fremd und - nur auf der Durchreise; jetzt solle er seiner Wege gehen. - Ich trat dann in die Anstalt ein und hörte wohl, daß hinter - mir noch jemand eintrat, achtete aber nicht weiter darauf. - Als ich mich nun auf der anderen Seite entfernen wollte, - um den Weg nach dem Bismarckdenkmal einzuschlagen, sah ich - meinen Burschen grinsend und ohne Tuch mir den Weg verlegen - mit den Worten: „Wenn Sie mir jetzt nicht 16 Mark geben, - zeige ich Sie an, dann kommen Sie ins Loch.“ Zugleich - sagte er zu meinem namenlosen Erstaunen: „Ick zeige Ihnen - an, Sie Hallunke, wat Sie in Ihrer Wollüstigkeit mit - mir gemacht haben. Zahlen Sie 16 Mark, oder ick schrei, - det janz Berlin zusammenläuft.“ -- Ich bemerke, daß ich - 58 Jahre alt, längst mehrfacher Großvater bin und einer - höheren Beamtenklasse angehöre. Wenn nicht mein Ruf, so - stand doch die Fortsetzung meiner Reise auf dem Spiel, - wenn ich in eine, noch dazu so ekelhafte, Untersuchung - verwickelt wurde. Ich trat daher schnell an den Rand der - Charlottenburger Chaussee und winkte eine leere Droschke - heran, bis dahin immerfort von den unflätigen Reden des - Burschen verfolgt. Ehe noch die Droschke hielt, schrie der - Chanteur -- jetzt mit völlig veränderter Stimme --: „Solch' - alter Hund, warte nur, Du sollst brummen.“ Zugleich machte - er Miene, vor mir in die Droschke einzusteigen. Es blieben - bereits einige Passanten stehen, einen Schutzmann aber - konnte ich nicht entdecken. Da griff ich in die Tasche, - hielt ihm ein Zehnmarkstück hin und warf es aufs Pflaster, - so daß er ziemlich weit laufen mußte, um es aufzuheben. - Diesen Moment benutzte ich, sprang in die Droschke - und trieb den Kutscher zur Eile an, indem ich ihm den - Zentralbahnhof als Ziel angab. Auf die Frage des Kutschers - nach dem Zusammenhange der Dinge sagte ich ihm, der Mensch - sei offenbar betrunken gewesen und habe von mir Geld - verlangt, worauf dieser mir gutmütig entgegnete: „Ja, ja, - det is hier eene Jaljenbande. Sie hatten det Aas man den - Nickel nich jeben sollen.“ Er ahnte nicht, daß es zehn Mark - gewesen waren. Ich verzichtete nun auf das Bismarckdenkmal - und andere Sehenswürdigkeiten Berlins, legte mich ins - Bett, schlief garnicht, und fuhr in aller Frühe dem Süden - zu. Seitdem bin ich mehrfach in Berlin gewesen, habe mich - aber wohl gehütet, Jünglinge mit oder ohne Schnupftuch - an der Backe aus Mitleid ins Auge zu fassen. Mir ist es - nicht zweifelhaft, daß dieses ostentative Drücken des - Schnupftuches an die Backe ein Chanteurkniff war, um die - Aufmerksamkeit der Passanten zu erregen und unter diesen - sich alsdann eine geeignete Persönlichkeit für seine - Chantage auszusuchen, so einen Gutmütigen aus der Provinz, - wie ich einer war. -- - - Sicher ist es hohe Zeit -- so schließt der Berichterstatter - -- diesem Verbrechertum durch Aufhebung des § 175 ein Ende - zu bereiten.“ - -Ich greife noch einen zweiten typischen Fall heraus, über den die -Norddeutsche Allgemeine Zeitung vom 11. Nov. 1904 berichtet: - - th. Der 10. Strafkammer des Landgerichts I lag gestern - wieder ein Fall vor, in dem ein verkommener Mensch den - § 175 St. G. B. zu =Erpressungsversuchen= benutzt hat. - Der übel beleumundete Arbeiter Karl R. hat einen Herrn, - der im Leben nichts mit ihm zu tun gehabt hat, fort und - fort mit Briefen bombardiert, in denen unter Hinweisen - auf § 175 allerlei aus der Luft gegriffene Behauptungen - aufgestellt wurden und als Refrain der Versuch, Geld zu - erlangen, deutlich durchblickte. Der Adressat hat diese - Erpresserbriefe zunächst unberücksichtigt gelassen, da - er mit einer so schmutzigen Sache in gar keine Berührung - kommen wollte. Als aber durch diese Briefe fortgesetzt - Beunruhigung in seine Familie getragen wurde, erstattete er - Anzeige. Der Gerichtshof verurteilte den Angeklagten zu 3 - Jahren Gefängnis. - -Schließlich noch aus vielen einen dritten Fall, der ebenfalls in -mehr als einer Richtung bezeichnend ist. Ein Homosexueller war einem -Prostituierten in seine Wohnung gefolgt; dort angelangt, sagte der -letztere mit eisiger Ruhe: „Ich bin Staudenemil (Staude heißt Hemd), -ein bekannter Erpresser, gib Dein Portemonnaie.“ Nachdem er dieses -erhalten, zog er seinen Rock aus, streifte die Hemdsärmel hoch, so daß -die mit obscönen Tätowierungen bedeckten Unterarme sichtbar wurden, -schleppte dann den Homosexuellen am Kragen an das Fenster seiner im -vierten Stockwerk gelegenen Wohnung und drohte ihn herunterzustürzen, -wenn er nicht alle Wertgegenstände herausgäbe, die er bei sich führe. -Als er sich überzeugte, daß er nichts mehr hatte, fragte er ihn, -wieviel Geld er zur Rückfahrt brauche, „schenkte“ ihm für dieselbe 50 -Pfennig und „nun“ -- so fuhr er fort -- „kommst Du mit und saufst mit -mir Knallblech (Champagner), jetzt bist Du mein Gast.“ Wirklich ließ er -nicht locker, bis der Homosexuelle einen großen Teil dessen, was er von -ihm „geerbt“, mit ihm „verschmort“ hatte. - -Wie kommt es, daß diese gefährlichen Subjekte so selten angezeigt -werden? Der Homosexuelle und auch die meisten Normalsexuellen scheuen -den Skandal, sie wissen, daß, wenn sie eine Anzeige erstatten, der -Beschuldigte sofort teils aus Rache, teils zu seiner Rechtfertigung -eine Gegenanzeige auf Grund des § 175 erstattet, und wenn auch die -wohlunterrichtete Berliner Kriminalbehörde seit der einsichtsvollen -Amtsführung des verstorbenen verdienten Kriminaldirektors von -Meerscheidt-Hüllessem, dem die Urninge der Hauptstadt zu größtem Dank -verpflichtet sind, auf die Aussagen der Erpresser und Diebe, sowie -der Prostituierten im allgemeinen nichts gibt, so zeigen sich die -Staatsanwälte und Richter oft weit weniger orientiert. Es ereignet sich -oft genug, daß der Erpresser zwar bestraft, sein Opfer aber auch aufs -schwerste kompromittiert, benachteiligt, in seiner Stellung vernichtet -wird. Ich erinnere nur an den in Berlin abgeurteilten Chantagefall -Aßmann und Genossen, dessen Opfer der unglückliche Graf H., Großvetter -unseres Kaisers, war. Ja, ich habe Fälle erlebt, in denen die -Staatsanwaltschaft auf die Aussage derartiger Individuen die Anklage -erhoben hat. Ein Fall ist mir namentlich im Gedächtnis geblieben. - -Ein alter, homosexueller Herr hatte einen Mann, dessen Bild sich -im Berliner Verbrecheralbum befand, wegen Diebstahl angezeigt. Der -wiederholt vorbestrafte Dieb machte eine Gegenanzeige, er sei von -seinem Ankläger im Schlaf vergewaltigt worden. Unglaublicherweise -schenkte das Gericht dieser Angabe Glauben, vereidigte diesen Zeugen -und verurteilte den Homosexuellen, der bereits zweimal aus § 175 -vorbestraft war, zu einem Jahr Gefängnis. Ich war als Sachverständiger -geladen und werde es nie vergessen, wie der alte Mann -- ein Hüne -von Gestalt -- bei dem ihm völlig unerwarteten Urteilsspruch in -sich zusammensank, dann sich aufbäumte und mit entsetzlichem, -gellenden Aufschrei seinen Richtern das eine Wort. „Justizmörder“ -entgegenschleuderte. - -Gewiß sind dies Ausnahmefälle, gewiß haben es die Homosexuellen, wie -mir einmal ein hoher Staatsbeamter entgegenhielt und wie es ja auch -aus meinen Schilderungen hervorgeht, in Berlin „bereits ganz gut“. -Darin liegt ja aber ein Beweis mehr für die Unhaltbarkeit eines -Gesetzes, das, wie sich kürzlich ein Urning ausdrückte, „nicht die Tat, -sondern das Pech“ bestraft. Ich wies bereits darauf hin, daß, wenn -man den überaus diskreten Charakter der in Frage kommenden Handlungen -berücksichtigt und in Betracht zieht, daß die beiden Täter, ohne die -Rechte Dritter anzutasten, die Tat unter sich und an sich vornehmen, -nur ganz ungewöhnliche Nebenumstände in verschwindend seltenen -Ausnahmefällen ein Bekanntwerden ermöglichen können. - -Und trotzdem -- würden die Kriminalbehörden -- auf der von -Meerscheidt-Hüllessem eingerichteten „Berliner Päderastenliste“ stehen -mehrere tausend Namen -- gegen die Homosexuellen so vorgehen, wie sie -gegen wirkliche Verbrecher vorgehen, es würde sich in sehr kurzer -Zeit die völlig Undurchführbarkeit der bestehenden Strafbestimmungen -ergeben; dasselbe würde der Fall sein, wenn entsprechend der Kölner -Resolution der evangelischen Sittlichkeitsvereine, die „wirklich -krankhaft Geborenen“ unter den Homosexuellen in Heilanstalten -untergebracht werden würden. Ich betone, um keinen Irrtum aufkommen zu -lassen, hier nochmals, daß es sich bei den Forderungen zu Gunsten der -Homosexuellen lediglich um das handelt, =was erwachsene Personen in -freier Übereinstimmung unter einander vornehmen=; daß vor denen, die -Rechte Dritter verletzen, die sich an Minderjährigen vergreifen, die -Gewalt anwenden, daß vor den Sternbergen und Dippolden die Gesellschaft -geschützt werden muß, ist selbstverständlich. - -Vor einiger Zeit äußerte sich in einer Berliner Lehrerzeitung[3] -ein Lehrer, daß man in Anbetracht der wissenschaftlichen -Forschungsergebnisse sich wohl oder übel mit der Frage beschäftigen -müsse, wie die Homosexuellen „auf eine den Zwecken der Gesellschaft -fördersame Art“ in dieselbe einzureihen wären. - -Ist denn diese Frage nicht längst gelöst? - -Wo ist in Berlin ein Kunstfreund, der sich nicht an der -Darstellungskunst einer urnischen Tragödin, wo ein Musikfreund, der -sich nicht am Gesange eines urnischen Liedersängers erfreut hätte! - -Bist Du denn sicher, ob nicht der Koch, der Deine Speisen bereitet, -der Friseur, der Dich bedient, ob nicht der Damenschneider, der Deiner -Frau Kleider fertigt, und der Blumenhändler, der Deine Wohnung ziert, -urnisch empfinden? - -Vertiefe Dich in die Meisterwerke der Weltliteratur, durchmustere die -Helden der Geschichte, wandele in den Spuren großer einsamer Denker, -immer wirst Du von Zeit zu Zeit auf Homosexuelle stoßen, die Dir teuer -sind und die groß waren trotz -- manche behaupten sogar durch -- ihre -Sonderart. - -Ja weißt Du gewiß, ob unter denen, die Dir am nächsten stehen, die Du -am zärtlichsten liebst, am meisten verehrst, ob nicht unter Deinen -besten Freunden, Deinen Schwestern und Brüdern ein Urning ist? - -Kein Vater, keine Mutter kann sagen, ob nicht eines ihrer Kinder dem -urnischen Geschlechte angehören wird. - -Ich könnte auch hier viele Beispiele anführen, will mich jedoch auf -die Wiedergabe zweier Briefe beschränken, von denen der eine von einem -Vater, der andere von einer Mutter stammt. - -Von den 750 Direktoren und Lehrern höherer Lehranstalten, die im -Jahre 1904 neben 2800 deutschen Ärzten die Petition an den Reichstag -unterschrieben, welche die Aufhebung des Urningsparagraphen fordert, -schrieb ein Berliner Pädagoge, „daß er noch bis vor kurzem, unbekannt -mit der in Rede stehenden Materie, an die Notwendigkeit des § 175 -geglaubt hätte; erst nach dem Tode eines edlen, für das Schöne, Wahre -und Gute begeisterten Jünglings, dem die Entdeckung konträrsexueller -Neigungen den Revolver in die Hand drückte, -- seines Sohnes -- seien -ihm die Augen übergegangen und aufgegangen.“ „Ein schwergebeugter -Vater“, schließt er, „dankt dem wissenschaftlich-humanitären Komitee[4] -für sein menschenfreundliches Wirken.“ - -Und eine Mutter schreibt: - - Hochgeehrter Herr! - - In Anbetracht Ihrer Absicht, durch die Geburt und weiter - durch den § 175 des St. G. B. unglücklich gewordenen - Menschen helfen zu wollen, erlaube ich mir, folgende Fragen - an Sie zu richten, von deren Beantwortung das Wohl und Wehe - zweier Menschen abhängt: „Ist Hoffnung vorhanden, daß der - genannte Paragraph im Laufe dieses Winters im Reichstag - zur Lesung gelangt und glauben Sie an die Möglichkeit - der Aufhebung dieses Gesetzes? Ein mir sehr nahe - stehender Verwandter[5] gehört zu diesen Unglücklichen. - Er ist ein hochbegabter junger Mann, der sich durch - seinen rechtschaffenen, braven Charakter, durch seinen - sittenreinen Lebenswandel die Achtung seiner Mitbürger, - insbesondere seiner Kollegen und Vorgesetzten in hohem - Grade erworben hatte. Durch seine bedeutenden Kenntnisse - verschaffte er sich bald eine gesicherte, einträgliche - Stellung, bis sich ihm das Verhängnis nahte in Gestalt der - abscheulichsten Erpresser. Leider war er schwach genug, - einmal der Verführung zu folgen. Nachdem er Tausende - geopfert, und seine Gesundheit durch die fortwährende Angst - und Sorge vor Entdeckung untergraben war, mußte er alles - aufgeben, seine Heimat, Eltern und Existenz, um der Schande - zu entgehen. Nach vielen Versuchen, sich ohne Heimatsschein - in der Schweiz eine ähnliche Stellung zu erwerben wie - bisher, aber ohne Erfolg, faßte er den Gedanken, nach - Amerika auszuwandern. Dort wollte er sich durch eisernen - Fleiß und solidestes Leben einen neuen, bis dahin ihm fern - stehenden Beruf gründen und hat auch hierin schon Examina - bestanden. Aber durch viele Widerwärtigkeiten verliert er - den Mut und setzt seine größte Hoffnung auf die Aufhebung - des bewußten Paragraphen. Seinen Vater hat inzwischen der - Tod ereilt, ohne daß der einzige Sohn an sein Sterbelager - eilen konnte, und die Mutter steht allein mit ihrem großen - Herzeleid, mit der ewigen Sehnsucht nach ihrem braven - unglücklichen Kinde, und ist oft der Verzweiflung nahe. - Dieselbe würde Ihnen, hochgeehrter Herr, in unbegrenzter - Dankbarkeit verbunden sein, wenn Sie ihr Hoffnung auf die - Erfüllung dieses ihres größten Wunsches machen, oder in - irgend einer Weise Rat erteilen könnten.“ - -Dies der Brief einer Mutter. Wem kommen bei diesen und ähnlichen -Begebenheiten nicht Goethes Worte in den Sinn. „Opfer fallen hier, -weder Lamm noch Stier, aber Menschenopfer unerhört“. - - * * * * * - -Wir sind am Ende unserer Wanderung, und ich danke dem Leser, der mir -diese weite Strecke gefolgt ist, welche über so viele dunkle Abgründe -menschlichen Elends, wenn auch über manche Höhe führte. Ehe wir uns -trennen, laß mich Dir noch zwei Geschehnisse aus der Vergangenheit und -Gegenwart berichten und eine Frage daran knüpfen. - -Es war einmal ein Fürstbischof, Philipp, der residierte in der alten -Stadt Würzburg am Main. Es war in der Zeit von 1623-1631. In diesen -acht Jahren ließ der Bischof, wie uns die Chroniken rühmend berichten, -900 Hexen verbrennen. Er tat es im Namen des Christentums, im Namen der -Sittlichkeit, im Namen des Gesetzes und starb im Wahne, ein gutes Werk -vollbracht zu haben. - -Wir aber, die wir wissen, daß es niemals Hexen gab, werden noch heute -von tiefem Schauder erfaßt, gedenken wir dieser zu unrecht gerichteten -Frauen und Mütter. - -In unserer guten Stadt Berlin leben zwei geistliche Herren, von denen -der eine Philipps, der andere Runze heißt. Sie sagen, sie verkünden die -Lehren des verehrungswürdigsten Meisters, der da die Worte zum Volke -sprach: „Wer unter Euch frei von Schuld ist, der werfe den ersten Stein -auf sie.“ - -Wie ihre Vorgänger in den Lahmen Gezeichnete, in Geisteskranken -Besessene und in den Seuchen Strafen des Himmels sahen, so sehen sie -in den Homosexuellen Verbrecher und bezeichnen unseren Kampf für die -Homosexuellen als „ruchlose Schamlosigkeit“ (Kreissynode II Berlin vom -17. Mai 1904.) - -Sie wähnen ein ebenso gutes Werk zu tun, wie weiland Fürstbischof -Philipp, wenn sie schwere Freiheitsstrafen für die Homosexuellen -fordern. - -Nun prüfe, was ich Dir von den Berliner Urningen erzählte -- daß -alles der Wahrheit entspricht, dafür stehe ich ein -- erwäge es mit -Deinem Verstande und Deinem Herzen und entscheide, wo mehr Wahrheit, -mehr Liebe, mehr Recht, ob bei jenen Männern der Kirche, die sich -gewiß für sehr frei von Schuld halten, sonst würden sie schwerlich so -viel Steine auf die Homosexuellen werfen, oder auf Seiten derer, die -nicht wollen, daß sich die Opfer menschlichen Unverstandes noch hoher -häufen, die entsprechend den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung -und der Selbsterfahrung vieler tausend Personen wünschen, daß endlich -Verkennungen und Verfolgungen aufhören, an welche die Menschheit ganz -zweifellos einst mit ebenso tiefer Beschämung zurückdenken wird, wie an -die Hexenprozesse Philipp's, des streitbaren Bischofs von Franken. - - - - -FUSSNOTEN - - -[1] Näcke, P., _Dr._ Ein Besuch bei den Homosexuellen in Berlin; mit -Bemerkungen über Homosexualität. Archiv für Kriminalanthropologie und -Kriminalistik. Band XV. 1904. - -[2] In Paris 1904 bei Albin Michet erschienen. - -[3] Pädagogische Zeitung 33. Jahrgang Nr. 33, Berlin, 18. August 1904, -Leitartikel: Die Erziehung und das dritte Geschlecht von Paul Sommer. - -[4] Dieses 1897 begründete Komitee, Sitz Charlottenburg, Berlinerstraße -104, hat sich die Befreiung der Homosexuellen zur Aufgabe gesetzt. - -[5] Anmerk. Wie die Dame in einem zweiten Schreiben mitteilt, ist -dieser nahe Verwandte ihr Sohn. Von seinen Erpressern erhielt der Vater -als Hauptanstifter 2 Jahre 9 Monate, dessen zwanzigjähriger Sohn, der -„Freund“ des Geflüchteten, 1 Jahr 9 Monate Gefängnis. - - * * * * * - - -Band 1-10 der Großstadt-Dokumente behandeln folgende Themata: - - - =1. Dunkle Winkel in Berlin= - von Hans Ostwald. - - =2. Die Berliner Bohème= - von Julius Bab. - - =3. Berlins drittes Geschlecht= - von _Dr._ Magnus Hirschfeld. - - =4. Berliner Tanzlokale= - von Hans Ostwald. - - =5. Zuhältertum in Berlin= - von Hans Ostwald. - - =6. Sekten und Sektierer in Berlin= - von Eberhard Buchner. - - =7. Berliner Kaffeehäuser= - von Hans Ostwald. - - =8. Berliner Banken und Geldverkehr= - von Georg Bernhard. - - =9. Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung= - von Albert Weidner. - - =10. Berliner Sport= - von Arno Arndt. - -=Preis pro Band 1 Mark.= - - Von Hans Ostwald ist ferner in 2. Auflage erschienen - =Berliner Nachtbilder.= - -Zu beziehen durch alle Buchhandlungen. Verlag von Hermann Seemann -Nachfolger, Berlin SW., Tempelhofer Ufer 29. - - Alle Rechte vom Verleger vorbehalten. - Druck von J. Harrwitz Nachfolger, - G.m.b.H., Berlin SW., Friedrichstr. 16. - - - - - -End of Project Gutenberg's Berlins Drittes Geschlecht, by Magnus Hirschfeld - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BERLINS DRITTES GESCHLECHT *** - -***** This file should be named 62772-0.txt or 62772-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/7/7/62772/ - -Produced by Delphine Lettau, Mark Akrigg and the online -Distributed Proofreaders Canada team at -http://www.pgdpcanada.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit http://pglaf.org - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. -To donate, please visit: http://pglaf.org/donate - - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic -works. - -Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
