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-Project Gutenberg's Berlins Drittes Geschlecht, by Magnus Hirschfeld
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Berlins Drittes Geschlecht
-
-Author: Magnus Hirschfeld
-
-Release Date: July 27, 2020 [EBook #62772]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BERLINS DRITTES GESCHLECHT ***
-
-
-
-
-Produced by Delphine Lettau, Mark Akrigg and the online
-Distributed Proofreaders Canada team at
-http://www.pgdpcanada.net
-
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-
-Berlins Drittes Geschlecht
-
-von
-
-Dr. Magnus Hirschfeld
-
-7. Auflage
-
-
- Motto: »Die grosse Überwinderin aller Vorurteile ist nicht die
- Humanität, sondern die Wissenschaft.«
-
- Berlin und Leipzig
- Verlag von Hermann Seemann Nachfolger G. m. b. H.
-
- Großstadt-Dokumente
- Band 3. Herausgegeben von Hans Ostwald
-
-
-
-
- Vorwort.
-
-
- Als ich von =Hans Ostwald= aufgefordert wurde, für die
- von ihm herausgegebenen Großstadtdokumente den Band zu
- bearbeiten, welcher das Leben der Homosexuellen in Berlin
- behandeln sollte, glaubte ich mich diesem Wunsche nicht entziehen
- zu dürfen.
-
- Wenn ich auch das Ergebnis meiner Untersuchungen
- auf dem Gebiete der Homosexualität bisher nur in wissenschaftlichen
- Fachorganen, besonders in den Jahrbüchern für
- sexuelle Zwischenstufen, publiziert hatte, so war ich mir doch
- lange darüber klar, daß die Kenntnis eines Gegenstandes, der
- mit den Interessen so vieler Familien aller Stände verknüpft
- ist, nicht dauernd auf den engen Bezirk der Fachkollegen
- oder auch nur der akademischen Kreise beschränkt bleiben
- würde und könnte.
-
- Dies zugegeben, leuchtet es gewiß ein, daß die
- populär-wissenschaftliche Darstellung in einer so diffizilen
- Frage am geeignetsten von Seiten derjenigen erfolgen sollte,
- die sich vermöge ausgedehnter wissenschaftlicher Forschungen
- und Erfahrungen und auf Grund unmittelbarer Anschauung
- die erforderliche Qualifikation und Kompetenz erworben haben.
-
- Ich war in der folgenden Arbeit bemüht, ein recht naturgetreues
- und möglichst vollständiges Spiegelbild von Berlins
- „drittem Geschlecht“, wie man es vielfach, wenn auch nicht
- gerade sehr treffend bezeichnet hat, zu geben. Ich war bestrebt,
- -- ohne Schönfärberei, aber auch ohne Schwarzmalerei --
- alles streng wahrheitsgemäß unter Vermeidung näherer
- Ortsbezeichnungen so zu schildern, wie ich es zum größten
- Teil selbst wahrgenommen, zum kleinen Teil von zuverlässigen
- Gewährsmännern erfahren habe, denen an dieser Stelle für
- das mir erwiesene Vertrauen zu danken, ich als angenehme
- Pflicht empfinde.
-
- Manchem wird sich hier innerhalb der ihm bekannten
- Welt eine neue Welt auftun, deren Ausdehnung und deren
- Gebräuche ihn mit Erstaunen erfüllen werden.
-
- Man hat gelegentlich die Befürchtung ausgesprochen, es
- könnte durch populäre Schriften für die Homosexualität selbst
- „Propaganda“ gemacht werden. So sehr eine gerechte Beurteilung
- der Homosexuellen angestrebt werden muß, so
- wenig wäre dieses zu billigen. Die Gefahr liegt aber nicht
- vor. Die Vorzüge der normalsexuellen Liebe, wie sie --
- um nur von vielen einen zu nennen -- vor allem im Glücke
- der Familie zum Ausdruck gelangen, sind denn doch so
- gewaltige, die Nachteile, die aus der homosexuellen Anlage
- erwachsen, so außerordentliche, daß, wenn ein Wechsel der
- Triebrichtung möglich wäre, er gewiß für die Homosexuellen,
- nicht aber für die Normalsexuellen in Betracht kommen würde.
-
- Tatsächlich hat aber die wissenschaftliche Beobachtung
- in Übereinstimmung mit der Selbsterfahrung sehr zahlreicher
- Personen gelehrt, daß ein derartiger Umschwung
- nicht möglich ist, da nichts dem Charakter und Wesen eines
- Menschen so adäquat und fest angepaßt ist, wie die nach
- Ergänzung der eigenen Individualität zielende Richtung
- des Liebes- und Geschlechtstriebes.
-
- Ob und inwieweit die Handlungen der Homosexuellen
- unter den Begriff von Schuld und Verbrechen fallen, ob
- und inwieweit ihre Strafverfolgung zweckmäßig oder notwendig
- erscheint, inwieweit diese überhaupt möglich ist --
- diesen Schluß möge am Ende meines Berichtes der Leser
- seinerseits ziehen.
-
- =Charlottenburg=, den 1. Dezember 1904.
-
- _Dr._ =Magnus Hirschfeld=.
-
-
-
-
-Berlins Drittes Geschlecht
-
-
-Wer das Riesengemälde einer Weltstadt, wie Berlin nicht an der
-Oberfläche haftend, sondern in die Tiefe dringend erfassen will, darf
-nicht den homosexuellen Einschlag übersehen, welcher die Färbung des
-Bildes im einzelnen und den Charakter des Ganzen wesentlich beeinflußt.
-
-Es ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, daß in Berlin mehr Homosexuelle
-geboren werden, wie in der Kleinstadt oder auf dem Lande, doch liegt
-die Vermutung nahe, daß bewußt ober unbewußt diejenigen, welche von
-der Mehrzahl in nicht erwünschter Form abweichen, dorthin streben,
-wo sie in der Fülle und dem Wechsel der Gestalten unauffälliger und
-daher unbehelligter leben können. Das ist ja gerade das Anziehende
-und Merkwürdige einer Millionenstadt, daß das Individuum nicht der
-Kontrolle der Nachbarschaften unterliegt, wie in den kleinen Orten, in
-denen sich im engen Kreise die Sinne und der Sinn verengern. Während
-dort leicht verfolgt werden kann und eifrig verfolgt wird, wann, wo
-und mit wem der Nächste gegessen und getrunken hat, spazieren und zu
-Bett gegangen ist, wissen in Berlin die Leute oft im Vorderhause nicht,
-wer im Hinterhause wohnt, geschweige denn, was die Insassen treiben.
-Gibt es hier doch Häuser, die an hundert Parteien, an tausend Menschen
-beherbergen.
-
-Was sich in der Großstadt dem Nichtkenner verbirgt, tritt, weil es sich
-ungezwungener gibt, dem Kenner um so leichter entgegen.
-
-
-Wer gut unterrichtet ist, bemerkt auf den Straßen, in den Lokalen
-Berlins bald nicht nur Männer und Frauen im landläufigen Sinn, sondern
-vielfach auch Personen, die von diesen in ihrem Benehmen, oft sogar
-in ihrem Äußeren verschieden sind, so daß man geradezu neben dem
-männlichen und weiblichen von einem dritten Geschlecht gesprochen hat.
-
-Ich finde diesen Ausdruck, der schon im alten Rom gebräuchlich war,
-nicht gerade glücklich, aber immerhin besser, als das jetzt so viel
-angewandte Wort homosexuell (gleichgeschlechtlich), weil dieses der
-weit verbreiteten Anschauung Nahrung gibt, es müßten, wenn irgendwo
-mehrere Homosexuelle zusammen sind, sexuelle Akte vorgenommen oder
-doch wenigstens beabsichtigt werden, was den Tatsachen in keiner Weise
-entspricht.
-
-Man möge, wenn in den folgenden Schilderungen von Homosexuellen die
-Rede ist, nicht an geschlechtliche Handlungen irgend welcher Art
-denken. Kommen diese vor, so entziehen sie sich nicht nur wegen ihrer
-Strafbarkeit, sondern vor allem wegen des natürlichen Scham- und
-Sittlichkeitsgefühls, welches bei den Homosexuellen ebenso ausgeprägt
-ist wie bei den Normalsexuellen, der Beobachtung, keineswegs sind
-sie das Hauptsächliche, sie fehlen sogar häufig. Das Wesentliche
-ist das Wesen des Uraniers -- so wollen wir in dieser Schrift den
-homosexuell Empfindenden mit Ulrichs nennen -- sein Verhalten
-gegenüber dem männlichen und weiblichen Geschlecht sind die aus seiner
-Naturbeschaffenheit sich ergebenden Sympathieen und Antipathieen.
-
-Aber selbst für den, der viele typische Eigenschaften urnischer
-Menschen kennt, bleiben doch sehr viele verborgen, sei es, weil ihnen,
-was nicht selten vorkommt, tatsächlich bemerkbare Anzeichen fehlen,
-sei es, weil sie ihre Lebenskomödie, die oft mehr eine Lebenstragödie
-ist, mit großem Geschick spielen, indem sie sich den Normalen in allen
-Gewohnheiten anpassen und ihre Neigungen wohlweislich zu verheimlichen
-wissen. Die meisten legen viel Wert darauf, daß „man ihnen nichts
-anmerkt“. Ich kenne in Berlin Homosexuelle, auch solche, die durchaus
-nicht enthaltsam sind, welche Jahre, Jahrzehnte, ja ihr ganzes Leben
-lang ihre Umgebung über ihre Natur täuschten; besonders verbreitet
-ist es auch, wenn den Kameraden über Liebesabenteuer berichtet wird,
-ähnlich manchen Übersetzern antiker Schriftsteller, die männliche
-Person in eine weibliche umzuwandeln.
-
-Die örtlichen Verhältnisse Berlins erleichtern diese Umwandlung
-ungemein. Wer im Osten wohnt, dort seine geschäftlichen und
-verwandtschaftlichen Beziehungen hat, kann sich mit seinem Freunde
-jahrelang im Süden treffen, ohne daß man in seiner Gegend etwas
-davon weiß. Es gibt viele Berliner im Westen, die nie den Wedding
-sahen, viele am Kreuzberg, die nie das Scheunenviertel betraten. Ich
-behandelte lange eine alte Berlinerin, die die Witwe eines Musikers
-war; sie hatten ein einziges Kind gehabt, einen Sohn, der nicht gut
-tun wollte, früh hinter die Schule ging, Tage lang fortblieb und
-vagabondierte. Die Eltern suchten ihn immer wieder, schließlich als
-er 21 Jahre alt war, verloren sie die Geduld und ließen ihn laufen.
-26 Jahre lang hatte die Mutter nichts mehr von ihrem Jungen gehört
-und gesehen; sie hatte die Siebzig überschritten, ihr Mann war längst
-gestorben, da tauchte er eines Tages wieder bei ihr auf, ein vorzeitig
-gealterter 47jähriger Mann mit struppigem Vollbart, ein Pennbruder,
-dessen „Organismus durch Alkohol vergiftet“ war; er wollte fragen,
-ob sie nicht noch „von Vatern ein paar alte Kleider hätte“. Das
-Eigenartige war, daß Mutter und Sohn in den 26 Jahren Berlin nie
-verlassen hatten. In einer Kleinstadt würde ein solcher Fall nicht
-möglich sein.
-
-Man sollte es kaum glauben, wie viele Personen in der preußischen
-Hauptstadt, die als ein Muster der Ordnung gilt und es auch im
-Vergleich mit anderen Weltstädten ist, leben, ohne daß die Behörden
-von ihnen wissen. Ich habe mit Erstaunen wahrgenommen, wie lange sich
-oft ausgewiesene Ausländer unbeanstandet in Berlin aufhalten, noch
-mehr, wie Personen, die polizeilich gesucht werden, Monate und Jahre
-unangemeldet hier verweilen, nicht etwa in entlegenen Stadtvierteln,
-sondern häufig auf den Sammelplätzen des Verkehrs, wo man sie am
-wenigsten vermutet.
-
-Wart Ihr schon einmal im Zimmer 361 auf dem Polizeipräsidium am
-Alexanderplatz? Es ist eine der merkwürdigsten Stätten in dieser an
-eindrucksvollen Örtlichkeiten gewiß nicht armen Stadt. Hoch über den
-Dächern der Großstadt gelegen, befindet sich dieser Raum inmitten einer
-Flucht von Zimmern, in denen alphabetisch geordnet zehn Millionen
-Blätter aufgestapelt sind. Jedes Blatt bedeutet ein Menschenleben.
-Die noch leben, liegen in blauen, die Verstorbenen ruhen in weißen
-Pappkartons. Jedes Blatt enthält Namen, Geburtsort und Geburtstag
-von jeder Person, die seit dem Jahre 1836 in einem Berliner Hause
-eine Wohnung oder ein Zimmer inne hatte. Alle An- und Abmeldungen,
-jeder Wechsel der Wohnungen wird sorgsam verzeichnet. Es gibt Bogen,
-die dreißig Wohnungen und mehr enthalten, andere, auf denen nur eine
-steht; es sind Personen darunter, die ihre Berliner Laufbahn in
-einem Keller des Ostens begannen und im Tiergartenviertel endeten,
-und andere, die anfangs vorn im ersten Stock wohnten und im Hof vier
-Treppen ihre Tage beschlossen. Nach Zimmer 361 werden alle diejenigen
-verwiesen, die in Berlin jemanden suchen. Von morgens 8 bis abends
-7 Uhr wandern Hunderte und Hunderte, im Jahre viele Tausende die
-hohen steinernen Treppen empor. Jede Auskunft kostet 25 Pfennig. Es
-kommen nicht nur solche, die Geld zu fordern haben, Leute, für die ein
-Mensch erst dann Wert bekommt, wenn er ihnen etwas schuldet, nein, so
-mancher klimmt hinauf, der aus fernen Landen heimgekehrt ist und nun
-nachforscht, ob und wo noch einer seiner Verwandten und Jugendgefährten
-lebt. Die ersten Jahre schrieben sie einander noch, dann schlief der
-Briefwechsel ein, und nun hat der Fremdling noch einmal die alte Heimat
-aufgesucht. Bangen Herzens schreibt er den Namen und die letzte ihm
-bekannte Wohnung seiner Mutter auf den Auskunftszettel -- sie ist lange
-verstorben; er fragt nach Brüdern, Schwestern und Freunden, alle, alles
-dahin, und tief bekümmert wandert der Vereinsamte die schmalen Treppen
-wieder hinunter. Wie viele erkundigen sich da oben vergebens, Eltern,
-die verlorene Söhne suchen, Schwestern, die nach ihren Brüdern fragen,
-und Mädchen, die nach dem Vater des Kindes forschen, dessen Zukunft
-in ihrem Schoße ruht. „Ist nicht gemeldet“, „unbekannt verzogen,“
-„ausgewandert“, „verstorben,“ meldet der stets gleichmütige Beamte,
-wenn er nach einer halben Stunde wiederkehrt und die Wartenden aufruft,
-welche still, ernst und verzagt, nur selten frohen Mutes herabsteigen,
-um wieder unterzutauchen in das Häuser- und Menschenmeer des gewaltigen
-Berlin.
-
-Die Leichtigkeit, in einer Stadt von 2½ Millionen Einwohnern unsichtbar
-zu versinken, unterstützt sehr jene Spaltung der Persönlichkeit,
-wie sie auf sexuellem Gebiete so häufig vorkommt. Der Berufsmensch
-und der Geschlechtsmensch, der Tag- und Nachtmensch sind oft zwei
-grundverschiedene Persönlichkeiten in einem Körper, der eine stolz
-und ehrbar, sehr vornehm und gewissenhaft, der andere von allem das
-Gegenteil. Das gilt für Homosexuelle ebenso wie für Normalsexuelle. Ich
-kannte einen urnischen Rechtsanwalt, der, wenn er abends sein Bureau im
-Potsdamer Viertel oder eine Gesellschaft seiner Kreise verlassen hatte,
-seine Stammkneipe im südlichen Teil der Friedrichstadt aufsuchte, eine
-Kaschemme, in der er mit dem Revolverheini, dem Schlächterherrmann,
-dem Amerikafranzl, dem tollen Hunde und anderen Berliner Apachen die
-halben Nächte spielend, trinkend und lärmend verbrachte. Die rohe Natur
-dieser Verbrecher schien auf ihn eine unwiderstehliche Anziehungskraft
-auszuüben. Noch weiter ging ein anderer, ein früherer Offizier, der
-einer der ersten Familien des Landes angehört. Dieser vertauschte zwei-
-bis dreimal die Woche abends den Frack mit einer alten Joppe, den
-Zylinder mit einer Schiebermütze, den hohen Kragen mit einem bunten
-Halstuch, zog sich den Sweater, Schiffer- oder Manchesterhosen und
-Kommißstiefel an und trieb sich etliche Stunden in den Destillen des
-Scheunenviertels umher, deren Insassen ihn für Ihresgleichen hielten.
-Um vier Uhr früh fand er sich im Hammelstall, einer vielbesuchten
-Arbeitslosenkneipe unweit des Bahnhofs Friedrichstraße, zum
-„Kaffeestamm“ ein, nahm sein Frühstück für zehn Pfennig mit den
-ärmsten Vagabonden, um nach einigen Stunden Schlaf wieder zum Leben
-eines untadeligen Kavaliers zu erwachen.
-
-Auch eine homosexuelle Dame ist mir erinnerlich, die in einem ganz
-ähnlichen Doppelleben oft als Köchin die Tanzlokale von Dienstboten
-besuchte, in deren Mitte sie sich außerordentlich wohl fühlte.
-
-Besonders merkwürdig ist diese Halbierung oder -- wenn man will --
-Verdoppelung der Persönlichkeit in denjenigen Fällen, wo sie zugleich
-mit einer Spaltung in zwei Geschlechter verbunden ist.
-
-Ich besitze die Photographie eines Mannes in eleganter Damentoilette,
-der jahrelang unter den Weibern der Pariser Halbwelt eine Rolle
-spielte, bis durch einen Zufall ans Licht kam, daß „sie“ in
-Wirklichkeit ein Mann und zwar nicht einmal ein homosexueller Mann war.
-Auch in Berlin sind wiederholt Männer aufgegriffen, die der weiblichen
-Prostitution oblagen. Mehr als eine Frau ist mir in Berlin bekannt, die
-zu Hause vollkommen als Mann lebt. Eine der ersten, die ich sah, war
-mir während einer Feier in der Philharmonie durch ihre tiefe Stimme und
-ihre männlichen Bewegungen aufgefallen. Ich machte ihre Bekanntschaft
-und bat, sie besuchen zu dürfen. Als ich am folgenden Sonntagnachmittag
-in der Dämmerstunde an ihrer Tür klingelte, öffnete mir ein junger
-Mann, der von einem Hunde umsprungen wurde, die dampfende Zigarre in
-der Hand hielt und nach meinem Begehr fragte. „Ich wünsche, Fräulein
-X. zu sprechen, bringen Sie ihr, bitte, meine Karte.“ „Treten Sie nur
-näher,“ erwiderte lachend der junge Bursche, „ich bin es ja selbst.“
-Ich erfuhr, daß das Mädchen in ihrer Häuslichkeit vollkommen als Mann
-lebte; es war eine wackere Person, die den Kampf mit dem Leben tapfer
-aufgenommen, manche Heirat, durch die sie „gut versorgt“ worden wäre,
-abgelehnt hatte, weil sie „keinen Mann betrügen“ wollte.
-
-Die Spaltung der Persönlichkeit kann so weit gehen, daß der Tagesmensch
-sich über die Lebensführung seines nächtlichen Ichs sittlich entrüstet
-und heftig dagegen eifert. Es ist nicht immer bloße Heuchelei gewesen,
-wenn jemand, der sich in den schärfsten Ausdrücken gegen die
-Homosexualität wandte, eines Tages mit dem § 175 R.-Str.-G.-B. in
-Konflikt geriet.
-
-Wenn übrigens auch in Berlin trotz der verhältnismäßigen Bequemlichkeit
-und Sicherheit sexuellen Verkehrs eine große Anzahl Uranier enthaltsam
-leben -- was zweifellos der Fall ist --, so geschieht dies weniger
-aus Angst, als weil ihre sonstige Charakterveranlagung sie zur
-Enthaltsamkeit führt und ihnen dieselbe ermöglicht. Viele dieser
-Homosexuellen leben als Junggesellen völlig einsam; manche bringen
-durch intensive geistige Beschäftigung ihren Sexualtrieb zum Schweigen,
-einige gelten als Sonderlinge, haben auch in der Tat häufig etwas
-Schrullenhaftes, Altjüngferliches, andere entwickeln einen großen
-Sammeleifer, der sich nicht selten auf Gegenstände erstreckt, die
-mit ihrer Neigung in einem gewissen Zusammenhang stehen; so weiß
-ich von einem urnischen Prinzen in Berlin, welcher mit einer wahren
-Leidenschaft Soldaten-Darstellungen aller Zeiten und Länder sammelte.
-Wieder andere suchen und finden eine Ablenkung und Befriedigung ihres
-sexuellen Triebes darin, daß sie Stätten aufsuchen, Schwimmbäder,
-Turnhallen, Sportplätze, wo sie Gelegenheit haben, sich am Anblick
-ihnen sympathischer Gestalten zu erfreuen, oder aber sie schließen sich
-aus denselben Grunde Vereinen an. Namentlich in den eingeschlechtlichen
-Vereinen Berlins, wie den Turnvereinen und den Vereinen christlicher
-junger Männer, ebenso auch in den Frauenklubs und Frauenvereinen --
-vom Dienstboten- bis zum Stimmrechtsverein -- sind urnische Mitglieder
-nichts Seltenes, oft ist sogar das urnische Element die treibende Kraft
-des Vereins. Vielfach sind sich die Betreffenden ihrer Urningsnatur
-gar nicht oder nur wenig bewußt und werden erst aufmerksam, wenn ein
-dritter, meist mehr im Scherz als im Ernst, Bemerkungen macht, wie.
-„Du benimmst Dich ja wie ein warmer Bruder.“
-
-Vor einiger Zeit suchte mich einmal ein Mitglied eines spiritistischen
-Vereins auf, um sich zu vergewissern, ob er homosexuell sei; ein
-Vereinsbruder habe ihm bei einem Streite zugerufen: „Schweig, Du
-Zwitter.“ Dieser stark feminine und offenbar recht nervöse Jüngling
-berichtete mir, daß er im gewöhnlichen Leben weder zum Weibe, noch zum
-Manne sinnliche Regungen verspüre, nur wenn er in den Trance-Zustand
-verfiele, was leicht der Fall sei, fühle er sich als eine Indierin und
-empfände als solche eine starke Liebe zu einem seiner Vereinsbrüder.
-
-Trotzdem sich die Urninge in ihren Vereinen meist gut zu beherrschen
-wissen, kommt es doch hie und da zum „Skandal“, namentlich wenn sich
-unter der Wirkung leichter Alkoholmengen die Zügel lockern, welche sie
-ihrer wahren Natur sonst anzulegen wissen. Ich will ein in mehr als
-einer Hinsicht lehrreiches Beispiel anführen.
-
-Vor etwa zehn Jahren veranstaltete ein Missionar in einem religiösen
-Zwecken dienenden Hause große Versammlungen und Feiern, die sich
-eines ungewöhnlich regen Zuspruches erfreuten. „Das gewinnende,
-liebenswürdige Wesen dieses Mannes zog wie ein Magnet.“ Er war eine
-Persönlichkeit von angenehmstem Äußern, Mitte der Dreißig, sehr begabt
-und ein trefflicher Redner. „Er brauchte nur zu bitten, und die Gaben
-flossen in Massen; überall war er maßgebend, geliebt und verehrt,
-besonders bei den Frauen.“ Man fand nicht Worte genug über seine
-Herzensgüte; er selber berichtete in den Versammlungen häufig, wie er
-in den Gefängnissen so oft und gern Trost spendete, wie er nachts junge
-Menschen in den Anlagen ohne alle Mittel gefunden, sie mit nach Hause
-genommen und bei sich beherbergt habe. Er hatte dabei ein im Grunde
-fröhliches Gemüt. Wer ihn auf den sommerlichen Ausflügen des Vereins
-beobachtete, wie er mit seinen Schülern Kampfspiele veranstaltete,
-mit ihnen rang und ausgelassen tollte, freute sich ohne Argwohn der
-anscheinend so harmlosen Freudigkeit des unermüdlichen Gottesstreiters.
-Eines Tages aber bemächtigte sich tiefe Betrübnis und große Entrüstung
-des frommen Vereins. Herr W. war wegen unsittlicher Handlungen mit
-jungen Männern verhaftet worden. Bei der Gerichtsverhandlung bekundeten
-zwölf Jünglinge, daß W. sie unzüchtig berührt habe, sogar hinter der
-Kanzel, an der Orgel und in der Sakristei habe er solches getan und
-jedesmal hinterher mit ihnen gebetet. Er wurde zu einer schweren
-Freiheitsstrafe verurteilt.
-
-Ich verdanke diesen Bericht einem sehr ehrenwerten Uranier, der
-demselben christlichen Verein angehörte. „Nie hätte ich,“ so schreibt
-er mir, „geglaubt, daß dieser geehrte Herr so jäh aus seiner Höhe
-stürzen könnte, daß meine inneren Empfindungen, die ich in harten
-Kämpfen unterdrückte, um deren Überwältigung willen ich jene fromme
-Gesellschaft aufgesucht hatte, so denen ihres Leiters glichen. Als
-sich das geschilderte Trauerspiel zutrug, dachte ich in Demut: „Herr,
-sei mir Sünder gnädig“, und bin mit vielen anderen aus dem schwer
-geschädigten Verein geschieden.“
-
-Vielfach widmet sich der homosexuelle Platoniker nicht sowohl einer
-Vereinigung, als vielmehr einer einzigen Person, an der er Gefallen
-gefunden hat. Wie viele dieser Männer lassen nicht ihre Schützlinge
-ausbilden, studieren, nehmen sie auf Reisen mit, setzen ihnen Renten
-aus, adoptieren sie, bedenken sie in ihrem Testament, bemühen sich um
-sie in intensivster Weise, ohne daß es je zu einem Kusse kommt, ja,
-ohne daß sich die Betreffenden der sexuellen Grundlage ihrer Neigung
-bewußt werden, wiewohl sie die Briefe ihrer Freunde nicht weniger
-sehnsüchtig erwarten, nicht minder begierig lesen, wie ein Bräutigam
-die seiner Braut. Und noch seltener ist sich der Empfangende in solchen
-Verhältnissen über die wahre Natur seines „väterlichen“ Freundes
-klar. Wohl ist er und seine Familie über „das gute Herz“ ihres besten
-Freundes des Lobes voll, das hindert aber den jungen Mann nicht,
-gelegentlich recht weidlich über die Homosexuellen zu schelten, ohne zu
-ahnen, wie schwer er jenen trifft, den er gewiß am wenigsten verletzen
-möchte.
-
-Ich will hier ein Gedicht eines Berliner Urnings an seinen Freund
-zur Kenntnis bringen, das recht anschaulich zeigt, wie schwer die
-unmerklich in einander übergehenden Grenzen zwischen den geistigen,
-seelischen und körperlichen Äußerungen des in Form und Stärke, nicht
-aber in seinem Wesen verschiedenartigen Gefühls zu ziehen sind. Es
-lautet:
-
- „Ihm in die tiefen, treuen Augen sehen,
- Mit ihm vereint an meinem Fenster stehen,
- Zu lehnen mein Gesicht an seine Wange,
- Ganz still, recht fest und lange, lange,
- Ist das nicht Glück genug --
-
- Ihm sanft die Hände zu berühren,
- Den Atem seiner Brust zu spüren,
- Mit meinem Haupt an seinem Herzen liegen
- Und meinen Mund an seine Lippen schmiegen,
- Das ist doch Glück genug --
-
- Zu schauen, wenn er lacht und froh sich regt,
- Zu merken, wenn er ernst und tief bewegt,
- Zu sehen, wie in allem, was er treibt,
- Er stets sich gleich an Kraft und Schönheit bleibt,
- Ist das nicht Glück genug --
-
- Die Ansicht mit ihm auszutauschen,
- Dem Wohllaut seiner Stimme lauschen,
- Sein Leben schöner zu gestalten,
- Wenn Leid ihn quält, treu zu ihm halten,
- Das ist doch Glück genug --
-
- Ihm sagen können, daß er mir das Höchste,
- Von ihm vernehmen, daß ich ihm der Nächste,
- Ihm schildern dürfen, wie sehr ich ihn liebe,
- Den Wunsch zu hören, daß sein Freund ich bliebe,
- Das ist doch Glück genug --
-
- O, wenn ich es doch nie erlebte,
- Daß ich noch mehr an Glück erstrebte,
- Als mir so reichlich ist beschieden,
- Dann hätten er und ich den Frieden
- Und beide Glück genug.“
-
-Auch der folgende ausführliche Bericht eines keuschen Uraniers über
-das erste Erwachen seiner Liebe -- er rührt von einem mir bekannten
-Studenten her, der sich noch nie sexuell betätigt hat -- bestätigt
-den Satz, daß sich der homosexuelle Trieb wohl in seiner Richtung
-und Bedeutung, nicht aber in seiner Naturwüchsigkeit von der
-normalsexuellen Liebe unterscheidet.
-
- „Ich bin in dem „Sündenbabel“ Berlin aufgewachsen, habe mit
- vielen gleichalterigen Kameraden eine öffentliche Schule
- besucht, bin sogar in einer Pension gewesen, wo es sicher
- nicht sehr zart herging, und habe mir trotzdem gerade in
- sexueller Beziehung merkwürdig lange meine Kindlichkeit
- bewahrt. Ich habe nie, wie andere Kinder, Vergnügen daran
- gefunden, darüber zu reden und zu grübeln, „woher die
- Kinder kommen“, ich hatte sogar eine merkwürdige Scheu,
- deren Ursachen mir noch jetzt unerklärlich sind, über
- solche Dinge reden zu hören. So galt ich noch mit 15
- Jahren, und zwar mit Recht, unter meinen Kameraden für
- „unschuldig“; an den Klapperstorch glaubte ich ja nicht
- gerade mehr, aber ich hatte keine Ahnung von dem Wesen
- des Unterschiedes der Geschlechter und von irgend welchen
- sexuellen Beziehungen. Natürlich verstand ich auch nichts
- von den bekannten Witzen, die über dieses Thema gemacht
- wurden, was am meisten dazu beitrug, den Ruf meiner
- „Unschuld“ zu verbreiten.
-
-
- In dieser Zeit, ich war 17 Jahre, faßte ich eine
- eigenartige Zuneigung zu einem meiner Mitschüler, dem
- Primus der Klasse; ich war nicht so befreundet mit ihm,
- wie mit meinen speziellen Schulfreunden, und doch hatte
- ich immer eine ganz besondere Freude daran, einmal mich
- länger mit ihm zu unterhalten, auf dem Schulhofe mit ihm
- zusammen zu gehen, oder gar einmal in der Stunde neben ihm
- zu sitzen. Gerade dies erreichte ich zu meinem Schmerz nur
- sehr selten, fast immer saß ich dritter, also noch ein
- anderer zwischen uns, und ich mußte mich begnügen, ihn so
- oft wie möglich anzusehen, wobei ich mir Mühe gab, das von
- ihm nicht bemerken zu lassen. Überhaupt nahm ich mich aufs
- äußerste in acht, daß niemand meine Beziehungen zu ihm, die
- übrigens völlig einseitig waren und blieben, bemerkte; ich
- wußte es damals nicht und weiß mir auch jetzt noch keinen
- rechten Grund dafür anzugeben, warum ich meine Zuneigung
- jedem Menschen gegenüber und besonders vor dem Geliebten
- selbst geheim hielt. Ich hatte wahrscheinlich das richtige
- Gefühl, doch nicht verstanden zu werden, und außerdem war
- ich mir meines Zustandes selbst nur ganz dunkel bewußt,
- ich hätte wohl gar nicht aussprechen und in Worte fassen
- können, was ich da eigentlich dachte und fühlte. Und doch
- war es so herrlich schön, sich vorzustellen, wenn wir
- beide so recht sehr befreundet wären, immer zusammen sein
- könnten, die Schularbeiten gemeinsam machten und uns nie zu
- trennen brauchten. Und wenn ich dann abends im Bett lag,
- malte ich mir alle möglichen Ereignisse aus, die eintreten
- müßten, damit wir recht eng befreundet werden könnten; da
- konnte doch z. B. sein Haus abbrennen, dann würde er keine
- Wohnung haben, und ich würde ihn auffordern, bei uns zu
- wohnen; und dann würde er sogar bei mir im Bett schlafen,
- so daß ich ihn so recht fest umarmen und an mich drücken
- könnte, um ihm zu zeigen, wie lieb ich ihn habe.
-
- Wohlgemerkt: Diese Gedanken kamen mir und erfüllten mich
- mit größter Seligkeit, ohne daß ich eine Ahnung hatte von
- den sexuellen Beziehungen der Geschlechter. Mein Gemüt
- war vollständig rein, unverdorben durch unsaubere und
- schmutzige Geschichten, wie sie andere Großstadtkinder oft
- allzu früh zu hören bekommen, meine Phantasie war nicht
- erregt durch derartige Dinge. Und dennoch kamen mir diese
- „unsittlichen, unzüchtigen“ Vorstellungen? Nein, es lag
- nicht das geringste Unsittliche in diesen Gedanken, konnte
- gar nicht darin liegen, und diese Tatsachen, die ich an
- mir selbst erlebt habe, die ich gefühlt und gedacht habe
- mit meinem innersten Herzen, sind mir der sicherste und
- unumstößlichste Beweis dafür, daß in der Homosexualität an
- sich keine Spur von dem enthalten ist, was Unwissenheit
- und Unkenntnis hineinlegen wollen. Es sei denn, daß man das
- Geschlechtliche überhaupt als etwas Unsittliches ansieht,
- daß man die natürliche Weltordnung anzutasten versucht,
- indem man das Heiligste im Menschenleben in den Schmutz
- zieht, dann kann man die gleichgeschlechtliche Liebe
- gleich mit verdammen. -- Jetzt weiß ich, daß das, was sich
- damals in mir abspielte, nichts anderes war, als das erste
- Erwachen der Liebe in einem noch kindlichen Gemüt, das
- nicht wußte, was in ihm vorging, und doch von dieser neuen
- Herrlichkeit gänzlich erfüllt war.
-
- Und wie hier beim ersten Male der Gegenstand meiner
- Liebe ein männliches Wesen war, so ist es bei mir bisher
- geblieben. Wenn andere „normale“ Männer auf der Straße ein
- hübsches Mädchen sehen, so blicken Sie sich unwillkürlich
- danach um; mir ergeht es genau so mit schönen Jünglingen,
- denen ich ebenso unwillkürlich nachsehe. Trete ich in eine
- Gesellschaft, komme ich auf einen Ball &c., so geschieht es
- oft, daß mir ganz unbewußt irgend einer der jungen Leute,
- den ich nicht kenne, auffällt, und ich ertappe mich nachher
- dabei, daß ich fortwährend darauf geachtet habe, was der
- Betreffende tut, mit wem er tanzt &c. &c.
-
- Jene erste Liebe wurde nach einiger Zeit abgelöst durch
- eine andere größere Leidenschaft, die mich zu einem anderen
- Mitschüler ergriff, der zwar ein ganzes Jahr älter war
- als ich, aber in einer tieferen Klasse saß. Ich kann mich
- darauf besinnen, wie ganz allmählich die ersten Zeichen
- dieser Liebe bei mir auftauchten, wie ich jede mögliche
- Gelegenheit benutzte, mit ihm zusammen zu sein: auf dem
- Schulhofe, auf der Straße, bei den Turnspielen u. s. w.
- Und dabei war es noch besonders schwierig, diesen Verkehr
- reger werden zu lassen; nicht nur, daß er in einer anderen
- Klasse war, sondern es gab auch eigentlich gar keine
- gemeinsamen Interessen zwischen uns, wir hatten keine
- gemeinsamen Freunde, und er war gerade im Kreise meiner
- nächsten Freunde besonders unbeliebt. Um so auffälliger
- mußte es sein, wenn ich mich mit ihm näher befreundete, und
- ich suchte die verschiedensten Vorwände, diese Annäherung
- zu erklären, nicht nur vor anderen, sondern besonders vor
- mir selbst, der ich noch immer nicht ahnte, was in mir
- vorging. Aber gerade in dieser Zeit, ich war 18 Jahre,
- ging mir das Licht über die wahre Bedeutung der Sache auf,
- in dieser Zeit, wo ich regelrechte Fensterpromenaden vor
- seinem Hause machte, die Zeit abpaßte, wann er herauskam,
- um ihm zufällig zu begegnen, und an nichts anderes dachte
- als an ihn. Ja, ich wußte bald, ich ihn wirklich und
- regelrecht liebte, aber es ihm zu sagen, dazu hatte ich
- nicht den Mut, ja, ich gab mir sogar noch lange Zeit Mühe,
- es ihn nicht einmal merken zu lassen. Unser Verkehr wurde
- aber reger, obgleich ich wußte, daß er sich nicht allzu
- viel aus mir machte; ich benutzte jede Gelegenheit, unsere
- Beziehungen enger und freundschaftlicher zu gestalten, was
- auch äußerlich gelang, ohne daß es jedoch trotz größter
- Anstrengung meinerseits zu einer wirklichen Freundschaft
- kam. Es lag überhaupt in K.'s Wesen, daß er keine Freunde
- besaß, und so hatte ich in dieser Zeit eigentlich nur
- einmal Gelegenheit, die Qualen der Eifersucht kennen zu
- lernen; doch gerade diese Eifersuchtsanwandlung, die mir
- ordentlich zu schaffen machte, brachte mir gleichzeitig
- volle Gewißheit über meine homosexuelle Liebe. Schließlich
- wurde das Gefühl, das mich zu ihm hinzog, so übermächtig,
- und ich wurde der Heuchelei vor ihm und vor mir selbst so
- müde, daß ich ihm eines Abends, als wir in seinem Zimmer
- zusammen arbeiteten, um den Hals fiel, ihn mit Küssen
- überschüttete und ihm alles beichtete. Er nahm diesen
- Ausbruch etwas verwundert, aber doch ganz ruhig hin,
- jedenfalls ohne zu begreifen, um was es sich eigentlich
- handelte.
-
- Die nun folgenden Wochen waren die bisher schönsten meines
- Lebens, fast jeden Abend waren wir zusammen, ich half ihm
- bei allen seinen Schularbeiten, und wenn wir damit fertig
- waren, saßen wir eng aneinander geschmiegt und sprachen
- über alles und nichts. Doch es waren leider nur wenige
- Wochen; denn genau zur selben Zeit stellte sich auch bei
- meinem K. die Liebe ein -- aber nicht zu mir, sondern zu
- einem kleinen Mädchen. Und wenn ich jetzt nachmittags zu
- ihm kam, dann hatte er mir von nichts anderem zu erzählen,
- als von =ihr=, und auf dem Schulwege sprach er mit mir
- von =ihr=, und abends ging ich mit ihm fort dahin, wo er
- =sie= treffen wollte, und wartete, bis sie kam, sprach
- ein paar Worte mit ihr, ging ein paar Schritte mit und
- verabschiedete mich dann, um die beiden allein zu lassen --
- ich war ja überflüssig. Ich kann nicht gerade sagen, daß
- ich auch hier eifersüchtig war, im Gegenteil: es floß wohl
- auch ein Teil meiner Liebe zu K. auf seine Freundin über,
- da =sie= es ja war, die ihn glücklich machte. Aber das Herz
- blutete mir doch, wenn er mir z. B. seine Tagebücher gab,
- in denen nur von =ihr= stand, was sie tat und sagte und
- dachte, und wo ich kaum mal mit einem Worte erwähnt wurde.
- Am meisten jedoch schmerzte mich, daß er sich energisch
- weigerte, meine Küsse und Zärtlichkeiten weiter zu dulden;
- denn gerade weil ich ihm klar gemacht hatte, daß meine
- Empfindungen zu ihm wahre Liebe seien, weil ich ihn mit
- allen Mitteln, die mir damals zu Gebote standen, überzeugt
- hatte, daß meine Liebe zu ihm etwas Berechtigtes sei, wie
- die zwischen Mann und Weib, gerade darum behauptete er,
- =ihr= untreu zu werden, wenn er sich noch ferner von =mir=
- küssen ließe. „Freunde können wir ja bleiben“, sagte er,
- „denn ich habe dich ganz gern, aber nicht anders wie andere
- Freunde wollen wir sein.“
-
- Und so blieben wir Freunde noch zwei Jahre lang, und ich
- schmeichle mir, wenigstens in der ersten Zeit einen recht
- guten Einfluß auf ihn ausgeübt zu haben; nicht nur, daß
- ich ihm bei seinen Arbeiten half, sondern ich versuchte
- auch, ihm etwas höhere Interessen beizubringen, als er
- sie leider besaß, ihn zu veranlassen, sich auch mit
- wissenschaftlichen, politischen &c. Fragen zu beschäftigen,
- auf die ihn die Erziehung, die er gehabt hatte, das Milieu,
- in dem er lebte, und seine eigene Interesselosigkeit bisher
- nicht hingewiesen hatten. Meine Liebe zu ihm blieb lange
- Zeit mit unverminderter Stärke bestehen, und noch heute bin
- ich von dieser Leidenschaft nicht ganz geheilt.
-
- Im Laufe dieser Jahre bin ich allmählich auf meine
- Veranlagung aufmerksam geworden, zuerst wohl nach der
- negativen Seite hin. Wenn meine Mitschüler allmählich
- anfingen, von ihren Liebsten zu erzählen, deren Namen in
- die Schulbänke einzukratzen, bei jeder Gelegenheit ihnen
- Ansichtskarten zu schreiben, so dachte ich zunächst,
- besonders da ich immer einer der Jüngsten in der Klasse
- war, das würde mit der Zeit bei mir auch noch kommen.
- Und dabei ahnte ich nicht, daß die Zuneigung zu meinem
- K. nichts anderes als wirkliche, wahrhaftige Liebe war,
- stärker vielleicht und tiefer, als sie die meisten anderen
- zu ihren Mädels empfanden. Erst durch einige Analogieen,
- die mir zufällig auffielen, kam nur eine Ahnung des wahren
- Sachverhalts. Wie jeder richtig Verliebte machte ich meine
- Fensterpromenaden, ging täglich, so oft wie möglich, und
- wenn es die größten Umwege kostete, an =seinem= Hause
- vorbei und war glücklich, wenn =er= mal am Fenster stand.
- So dämmerte es in mir auf, und nun einmal aufmerksam
- geworden, unwillkürlich weitere Anhaltspunkte suchend, kam
- ich bald zur Klarheit über mich. Ich entsinne mich z. B.
- noch genau, welch tiefen Eindruck es auf mich machte, als
- meine Mutter einmal scherzend zu mir sagte: „Paul, Paul,
- wer immer so allein spazieren geht, der ist verliebt“;
- ich hatte ja tatsächlich meinen Bruder nur darum nicht
- mitnehmen wollen, um, wenn ich =ihn= treffen sollte, allein
- mit ihm zu sein.“
-
-„Feste Verhältnisse“ homosexueller Männer und Frauen, oft von sehr
-langer Dauer, sind in Berlin etwas ganz außerordentlich Häufiges.
-
-Man muß an vielen Beispielen wahrgenommen haben, mit welcher Innigkeit
-in solchen Bündnissen häufig der eine an dem anderen hängt, wie sie
-für einander sorgen und sich nach einander sehnen, wie sich der
-Liebende in die ihm oft so fern liegenden Interessen des Freundes
-hineinversetzt, der Gelehrte in die des Arbeiters, der Künstler in
-die des Unteroffiziers, man muß gesehen haben, welche seelischen und
-körperlichen Qualen diese Menschen nicht selten infolge Eifersucht
-erleiden, wie ihre Liebe alles überdauert und alles überwindet, um
-allmählich inne zu werden, daß kein „Fall widernatürlicher Unzucht“
-vorliegt, sondern ein Teil jener großen Empfindung, die nach der
-Ansicht vieler dem Menschendasein erst Wert und Weihe giebt.
-
-Ich behandelte einst eine adelige Dame, die seit einer Reihe von Jahren
-mit einer Freundin zusammen lebte, an einem schweren Nervenleiden.
-Weder vorher noch nachher habe ich in meiner Krankenpraxis ein so
-liebevolles Aufgehen eines Gesunden in einen Kranken gesehen, wie
-in diesem Fall, weder unter Ehegatten, noch selbst bei Müttern, die
-sich um ihre Kinder bangten. Die gesunde Freundin war keine angenehme
-Mitbürgerin, sie hatte viel Rücksichtsloses und Eigenwilliges, wer aber
-diese wahrhaft ergreifende Liebe und Sorgfalt sah, dieses unablässige
-Bemühen bei Tage und bei Nacht, hielt ihr um dieses starken und
-schönen Gefühls willen vieles zu gute. Sie war mit ihrer Freundin
-tatsächlich wie verwachsen, berührte man ein schmerzhaftes Glied der
-Kranken, so zuckte sie reflektorisch zusammen, jedes Unbehagen der
-Leidenden spiegelte sich in ihrem Gesicht wider, mangelhafter Schlaf
-und schlechter Appetit übertrugen sich auf die gesunde Freundin. Der
-Fall war übrigens auch dadurch bemerkenswert, daß auch das Personal
-der Patientin, sowohl die Krankenschwester, wie das Dienstmädchen,
-einwandfrei urnisch waren.
-
-Unweit diesem Paare lebte ein anderes. Er war Referendar, sein etwa
-18jähriger Freund Damenschneider. Dieser war so feminin, daß ich dem
-Referendar einmal bemerkte, so gut wie in dieses Neunzehntel-Weib
-hätte er sich doch auch in ein ganzes Weib verlieben können. Unter
-anderem war seine Stimme so weiblich, daß, wenn er telephonisch nach
-mir verlangte, was im Interesse seines Freundes einige Male vorkam,
-mein Sekretär stets meldete. „Eine Dame wünscht sie zu sprechen.“
-Beide lebten in großer Harmonie, tags ging jeder seinem Berufe nach,
-der eine auf das Gericht, der andere in die Schneiderwerkstatt. Als
-der Referendar Berlin verließ, nahm er den Freund mit sich. Dieser
-hatte zuvor seinen Vater, einen biederen Berliner Handwerker, um
-eine aufklärende Unterredung gebeten, bei der, wie er mir schamhaft
-erzählte, das Zimmer verdunkelt werden mußte. Der Vater war garnicht
-verwundert, er habe schon längst ähnliches vermutet, und erklärte sich
-mit allem einverstanden.
-
-Der kleine Damenschneider hatte einen Arbeitskollegen, der nicht
-minder mädchenhaft war, wie er selbst. Ihr Beruf ist mehr wie irgend
-ein anderer in Berlin von urnischen Elementen durchsetzt. Dieser
-Kollege verliebte sich in den Bruder des Referendars, einen Ingenieur,
-der kurz vorher wegen unglücklicher Liebe zu einem Studenten einen
-ernsthaften Selbstmordversuch unternommen hatte. Als er schwer
-verletzt im Krankenhause lag, hatten sich die beiden gleichveranlagten
-Brüder, die bis dahin nichts von einander wußten, zu erkennen gegeben.
-Allmählich entwickelte sich nun zwischen dem Ingenieur und dem anderen
-Damenschneider ein zweites Liebesbündnis, und es entbehrte nicht einer
-gewissen Drolligkeit, wenn die beiden schön und stark gewachsenen
-Brüder mit ihren Schneiderlein Willi und Hans -- nicht viel anders
-wie andere mit ihren Putzmacherinnen -- am Sonntag den Grunewald
-durchstreiften.
-
-Daß sich die Eltern mit der urnischen Natur, ja sogar mit dem
-homosexuellen Leben ihrer Kinder abfinden, ist in Berlin durchaus
-nichts Seltenes.
-
-Vor kurzem wohnte ich auf einem Berliner Vorortkirchhof der Beerdigung
-eines alten Arztes bei. Am offenen Grabe standen der einzige Sohn
-des Verstorbenen, zur Rechten die bejahrte Mutter, an der andern
-Seite der zwanzigjährige Freund, alle drei in tiefster Trauer. Als
-der Vater, bereits über 70 Jahre alt, vom Uranismus seines Sohnes
-hörte, war er der Verzweiflung nahe, er suchte mehrere Irrenärzte
-auf, die ihm mancherlei raten, aber nicht helfen konnten. Dann
-vertiefte er sich selbst in die Litteratur über den Gegenstand und
-erkannte mehr und mehr, daß sein Sohn, den er über alles liebte, von
-Geburt an homosexuell gewesen war. Bei seiner Niederlassung hatte er
-nichts dagegen, daß er den Freund zu sich nahm, ja die guten Eltern
-übertrugen ihre volle Liebe auf den jungen Mann, der aus einfachstem
-Stande hervorgegangen war. Beide hatten auf einander sichtlich einen
-guten Einfluß; während sie einzeln nur schwer imstande gewesen wären,
-vorwärts zu kommen, gelang es ihnen zu zweit vortrefflich, indem
-das Wissen und die Liebenswürdigkeit des einen in der Energie und
-Sparsamkeit des anderen ihre Ergänzung fanden.
-
-Auf dem Sterbelager nahm der alte Doktor von seiner Frau und seinen
-„beiden Jungen“ Abschied und der Anblick dieser drei Menschenkinder,
-wie sie unter den Klängen des Mendelsohnschen Liedes: „Es ist bestimmt
-in Gottes Rat“ ihre Tränen und Trauer vereinigten, griff ungleich
-tiefer in die Seele, als die Rede des jungen Pfarrers, der in schrillem
-Tonfall die Taten des ihm gänzlich unbekannten Toten pries.
-
-Nicht vereinzelt kommt es in Berlin vor, daß urnische Junggesellen
-sich bei den Familien ihrer Freunde einmieten und dort wie Angehörige
-des Hauses angesehen werden. Es gibt Mütter, selbst wissende, die
-oft in überschwänglicher Weise das Glück preisen, daß ihr Sohn einen
-so großartigen Freund, ihre Tochter eine so ausgezeichnete Freundin
-gefunden; diese Freundschaft sei ihnen viel lieber, als wenn sich
-ihr Sohn mit Mädchen herumtreibe, ihre Tochter sich von Männern den
-Hof machen ließe. Verstieg sich doch einmal eine Mutter, die mich
-wegen eines geschlechtlich infizierten Sohnes aufsuchte, zu dem
-merkwürdigen Ausspruch: „Ich wünschte, mein zweiter Sohn wäre auch
-homosexuell.“ Manchmal liebt der Freund den Sohn des Hauses und wird
-von der Tochter geliebt, wie überhaupt zwischen den verschiedenen
-normalsexuellen und homosexuellen Personen desselben Kreises hie und
-da ganz sonderbare Verwicklungen vorkommen. Für den Psychologen und
-Schriftsteller, welcher das urnische Moment in den Beziehungen der
-Menschen untereinander zu erkennen weiß, erweitern sich dadurch die der
-Beachtung und Darstellung würdigen Konflikte in ungeahnter Weise.
-
-Ich kannte in Berlin einen Uranier, der die Schwester eines Jünglings
-heiratete, nur um mit dem Bruder oft und unauffällig zusammen sein
-zu können. Die Ehe, welche in Wirklichkeit keine war, ging nach
-einigen Jahren auseinander, nachdem der normalsexuelle Bruder seinen
-Schwager -- nicht etwa im Bösen, sondern im Guten -- um sein ganzes
-beträchtliches Vermögen gebracht hatte.
-
-Ein anderer Homosexueller liebte einen Mann, welcher mit einem Mädchen
-ein inniges Liebesverhältnis anknüpfte. Der Urning war auf das Mädchen
-sehr eifersüchtig, und auch diese war auf den Freund, der ihren
-Geliebten so viel in Anspruch nahm, nicht gut zu sprechen. Der Mann
-aber hielt auch dem Mädchen nicht die Treue und bereitete ihr ebenso
-wie dem Freunde durch seine leichtsinnigen Streiche vielen Kummer.
-Beide kannten sich nicht persönlich. Eines Morgens aber kam das
-Mädchen zu dem Urning, um ihm mitzuteilen, daß dem Freunde während
-der Nacht ein schwerer Unfall zugestoßen sei. Die gemeinsame Sorge
-machte sie allmählich zu Freunden. Da entzweite sich der Mann und sein
-Mädchen, sie war bitterböse und schien unversöhnlich, er aber hielt es
-vor Sehnsucht nicht aus, es trieb ihn immer wieder zu ihr, sie aber
-wies ihm die Türe. Schließlich wandte er sich hilfeflehend an seinen
-urnischen Freund, und dieser, der sich schon im stillen gefreut hatte,
-daß das so quälende Liebesverhältnis zu Ende sei, ging zu dem Mädchen
-und versöhnte beide.
-
-Solche und ähnliche Falle könnte ich aus der lebendigen Quelle des
-Berliner Lebens in großer Zahl berichten -- doch wir wollen jetzt
-von dem Leben und Leiden einzelner Urninge zu dem Leben und Treiben
-urnischer Gruppen übergehen.
-
-Denn wenn auch viele Uranier in selbstgewählter Einsamkeit leben, die
-nirgends so erreichbar ist, wie in weltstädtischer Menschenfülle,
-andere wiederum sich ausschließlich einer einzigen Person widmen,
-so ist doch die Zahl derer nicht minder groß, welche mit anderen
-homosexuellen Personen und Kreisen Fühlung suchen, und auch hier bietet
-sich in Berlin überreichliche Gelegenheit.
-
-Es ist recht bedauerlich, daß sich manche Urninge, die durch ihr
-Wesen und Wissen jedem Kreise zur Ehre gereichen würden, schließlich
-in normalen Gesellschaften überhaupt nicht mehr wohl fühlen. Die
-erheuchelten Komplimente und Interessen, die ihnen besonders häufig
-zuerteilten Damentoaste werden ihnen immer peinlicher, und wenn sie
-einmal die Geselligkeit kennen gelernt haben, in der sie sich frei
-geben können und Verständnis finden, ziehen sie sich aus andern Kreisen
-mehr und mehr zurück.
-
-Daß gesellige Leben der Urninge untereinander pulsiert in Berlin
-in mannigfacher Gestaltung, sowohl in geschlossenen, als auch in
-allgemein zugänglichen Zirkeln ungemein lebhaft. Größere und kleinere
-Gesellschaften von Homosexuellen für Homosexuelle sind zu jeder
-Jahreszeit, namentlich aber im Winter, an der Tagesordnung.
-
-Vielfach beschränken sich dieselben auf eine bestimmte soziale Schicht,
-auf gewisse Stände und Klassen, doch werden die Grenzen schon um der
-Freunde willen bei weitem nicht so streng innegehalten, wie dies bei
-Normalsexuellen üblich ist. Mancher Urning würde nichts so übel nehmen,
-als wenn man seinem Freunde, und sei er noch so einfachen Herkommens,
-die gesellschaftliche Ebenbürtigkeit absprechen würde.
-
-Ich werde in Anerkennung meiner Arbeit für die Befreiung der
-Homosexuellen oft ersucht, Gesellschaften gleichsam als Ehrengast
-beizuwohnen, und wenn ich auch nur einen kleinen Teil dieser
-Aufforderungen annehme, so haben sie mir doch einen genügenden Einblick
-in das gesellige Leben der Berliner Urninge verschafft.
-
-Einmal war ich in besagter Eigenschaft auf einer Gesellschaft
-unter lauter homosexuellen Prinzen, Grafen und Baronen. Außer der
-Dienerschaft, die nicht nur in Bezug auf die Zahl, sondern auch in
-Hinsicht auf ihr Äußeres besonders sorgfältig ausgewählt schien,
-unterschied sich die Gesellschaft in ihrem Eindruck wohl kaum von
-Herrengesellschaften derselben Schicht. Während man an kleinen
-Tischen sehr opulent speiste, unterhielt man sich anfangs lebhaft
-über die letzten Aufführungen Wagnerscher Werke, für welche fast alle
-gebildeten Urninge eine auffallend starke Sympathie hegen. Dann
-sprach man von Reisen und Literatur, fast gar nicht über Politik, um
-allmählich zum Hofklatsch überzugehen. Sehr eingehend verweilte man
-beim letzten Hofball, auf dem das Erscheinen des jungen Herzogs von
-X. viele Urningherzen hatte höher schlagen lassen, man schwärmte von
-seiner blauen Uniform, von seiner bestrickenden Liebenswürdigkeit
-und berichtete, wie man es erreicht hätte, seiner königlichen Hoheit
-vorgestellt zu werden. Dann erzählte man sich Anekdoten über abwesende
-Urninge der Hofgesellschaft, von denen mir eine, die besonders herzhaft
-belacht wurde, im Gedächtnis geblieben ist. Ein Fürst war kurz zuvor
-bei einem homosexuellen Magnaten, von dessen urnischer Natur er so
-wenig eine Ahnung hatte, wie von der anderer Herren seiner Umgebung,
-zur Jagd geladen. Der hohe Gast war des Morgens unerwartet früh
-aufgestanden, um sich im Schloßgarten zu ergehen. Als er den Korridor
-kreuzte, erblickte er seinen Gastgeber, der zu so zeitiger Stunde nicht
-auf diese Begegnung vorbereitet war, in einem höchst sonderbaren Anzuge
-oder besser Aufzuge; der allseitig sehr abgerundete Gutsherr trug eine
-rotsammtene, mit Blumen und Spitzen reichbesetzte Matinée. Der Anblick
-dieser Gewandung war so komisch, daß der fürstliche Besucher in einen
-förmlichen Lachkrampf verfiel.
-
-Eine andere Gesellschaft, der ich beiwohnte, fand in den Sälen eines
-der vornehmsten Berliner Hotels statt. Ein wohlhabender Uranier feierte
-sein Namensfest. Es waren mit geringer Ausnahme nur Freundespaare
-zugegen, von denen die meisten schon seit Jahren zusammenlebten; jeder
-führte sein „Verhältnis“ zu Tisch. Dem Festmahl ging im Nebensaal auf
-einer aufgeschlagenen Bühne eine Theatervorstellung voraus, bei der
-ausschließlich Homosexuelle mitwirkten. Nach einigen Soloscherzen trug
-der Gastgeber vortrefflich in Maske und Spiel eine Szene als Falstaff
-aus den Lustigen Weibern von Windsor vor, dann gab man Nestroys Wiener
-Posse: „Eine Vorlesung bei der Hausmeisterin“. Alle weiblichen Rollen,
-an denen es in diesem Stücke nicht fehlt, lagen in den Händen femininer
-Urninge, namentlich erregte ein bekannter Baron in der Titelrolle durch
-seine natürliche Darstellungsweise stürmische Heiterkeit. Nach dem
-Diner folgte Tanz, und trotzdem die Weine reichlich flossen, geschah
-nichts Indezentes. Da einige Gäste in Damentoilette waren, machte
-man sich den harmlosen Spaß, Urningen, die sich besonders männlich
-vorkamen, weibliche Kleidungsstücke, wie Hüte und Shawls anzulegen;
-manche machten gute Miene zum bösen Spiel, andere aber wurden recht
-verdrießlich, denn man findet Urninge, denen alles, was zum Weibe
-gehört, so wenig zusagt, daß ihnen der Gedanke, selbst Weibliches an
-sich zu haben, unerträglich ist.
-
-Auch in minder bemittelten Urningskreisen sind Gesellschaften in
-Berlin sehr beliebt und verbreitet. Ich greife auch hier ein Beispiel
-ans der Erinnerung heraus. Ein mit Glücksgütern nicht sehr gesegneter
-Homosexueller beging seinen Geburtstag. In einer kleinen Vorortskneipe
-hatten sich die Geladenen, darunter seine zwei normalsexuellen
-Brüder, eingefunden. Man tat sich an Bockwürsten, Kartoffelsalat und
-Schweizerkäse gütlich, während der Sohn des Wirtes die Gassenhauer
-des Tages auf dem Klaviere zum besten gab. Dann trat „Schwanhilde“,
-auch „Herr Schwan geborene Hilde“ genannt, ein bekannter Berliner
-Urning, auf. Er stellte eine Berliner Köchin, welche zum Theater
-gehen wollte, dar und wirkte besonders belustigend, als er zum Schluß
-die Barfußtänzerin Isadora Duncan parodierte. Ein Damenimitator
-niedrigster Gattung, der zufällig im Vorraum der Wirtschaft saß, wurde
-gebeten, sein Repertoire vorzutragen. Dazwischen trat ein echter Mann
-auf, ein Kohlenträger vom Landwehrkanal, ein „schwerer Junge“, mit
-tätowierten Armen, glattangelegtem Scheitel, gestricketem Sweater und
-jener eigentümlichen Mischung von Plumpheit und Grazie, wie sie den
-Arbeitern dieser Gattung eigen zu sein pflegt. Er sang eine große Reihe
-nicht eben dezenter Lieder im Berliner Volkston, ohne eine Spur von
-Stimme, mit vielen Sprachfehlern, jeden Satz unterstützt von grotesken
-Bewegungen, denen zwischen den Versen Drehungen des Körpers folgten,
-alles in seiner Ungeschicklichkeit so zusammenpassend, daß es nicht
-ohne Wirksamkeit war. Allmählich rückte man Tische und Stühle bei
-Seite und ging zum Tanze über, bei dem sich eine Episode von schwer
-wiederzugebender Situationskomik ereignete. Als man mitten im Tanzen
-war, trat plötzlich -- die Polizeistunde war längst überschritten
--- ein Schutzmann mit strenger Amtsmiene ein. Nur einen Augenblick
-stockte die fröhliche Stimmung, dann faßte einer der Anwesenden -- ein
-urnischer Musiker -- den Schutzmann rasch entschlossen um die Taille
-und walzte mit ihm los. Dieser war so verblüfft, daß er kaum Widerstand
-entgegensetzte, eifrig mittanzte und sich bald mit dem Wirtssohn und
-dem Kohlenträger in die Rolle des begehrtesten und aufgefordertsten
-Tänzers teilte.
-
-Es gibt natürlich auch viele urnische Gesellschaften, die einen
-ungleich ernsteren Charakter tragen. So sammelte ein alter Berliner
-Privatgelehrter jeden Winter mehrere Male einen kleinen Kreis um sich
-in seinem künstlerisch ausgestatteten Heim. Es waren meist zehn bis
-zwölf Herren aus akademischen Ständen zugegen, von denen nur zwei
-bis drei nicht homosexuell waren. Der Alte, welcher seine Gäste mit
-schweren Südweinen, Austern, Hummern und ähnlichen Leckerbissen
-bewirtete, hatte noch Alexander v. Humboldt und Iffland gekannt,
-war mit Hermann Hendrichs und Karl Ulrichs befreundet gewesen und
-schien unerschöpflich in der Wiedergabe seiner Erinnerungen. Die
-Gespräche berührten fast ausschließlich das homosexuelle Problem. Da
-debattierte ein jüngerer katholischer Geistlicher mit einem schon
-ergrauten evangelischen Pfarrer über Uranismus und Christentum;
-mehrere Philologen stritten sich über Shakespeares Sonette, während
-die Juristen und Mediziner die Frage erörterten, inwieweit sich
-der § 51 des R.-St.-G.-B., welcher von dem Ausschluß der freien
-Willensbestimmung handelt, schon jetzt zu Gunsten der Homosexuellen
-verwenden ließe.
-
-Den ernstesten Charakter unter den Gesellschaften der Berliner Urninge
-tragen die am Weihnachtsheiligabend veranstalteten Zusammenkünfte. Mehr
-als an jedem anderen Tage fühlt an diesem Feste des Familienglücks der
-urnische Junggeselle sein einsames Los. Viele würden den Abend noch
-trauriger verleben, wenn unter den wohlhabenden Homosexuellen nicht
-stets einer oder der andere wäre, der die Heim- und Heimatlosen um sich
-sammelte.
-
-Ich greife auch hier ein Bild aus der Großstadt heraus.
-
-Schon am Tage vor dem Fest hatte der Hausherr den Weihnachtsbaum, eine
-große Silbertanne, selbst geschmückt; alles Bunte wurde vermieden,
-zwischen den weißen Wachskerzen sind Silberguirlanden, Eiszapfen,
-Schneeflocken, Glaskugeln und Engelhaar, das sich wie Spinngewebe von
-Ast zu Ast zieht, geschmackvoll angebracht, und hoch am Wipfel ist ein
-großer Silberstern befestigt, auf dem ein Posaunenengel im lichten
-Tüllgewand „Friede den Menschen auf Erden“ verkündigt. Dann wurden
-die kleinen Geschenke fein säuberlich in Seidenpapier geschlagen und
-um den Baum herumgelegt, für jeden etwas: ein Kalender, ein Buch, ein
-kleiner Schmuckgegenstand, wohl gar ein Kettenring, ein Taschenspiegel,
-eine Schnurrbartbinde. In der Frühe des Vierundzwanzigsten hat der
-Hausherr das große Tischtuch von feinstem Leinen aus dem Schranke
-hervorgeholt, mit dem Diener die Tafel gedeckt, das Silber verteilt,
-die Servietten gefaltet, mächtige Obstschalen gefüllt, jeden Teller mit
-einem Blumensträußchen versehen und vor den Kristallgläsern zierliche
-Tischkarten gelegt. Dabei kommt man manchmal bei diesem ober jenem
-der Eingeladenen in nicht geringe Verlegenheit, wenn man sich seines
-wirklichen Namens nicht entsinnen kann. Man hat ihn das ganze Jahr mit
-einem weiblichen Spitznamen angeredet, von dem man aber an diesem Abend
-gern Abstand nehmen möchte.
-
-Noch eine zweite Tafel wird im Korridor gedeckt, dort sollen die
-Kinder und das Dienstpersonal ihr Weihnachtsmahl einnehmen -- jawohl
-die Kinder -- ein seltener Anblick im Urningsheim. Man hat nämlich
-zur Bescheerung die zwei Kleinen der Waschfrau und die drei Enkel
-des Portiers geladen. Es wird Wert darauf gelegt, daß am Nebentisch
-dieselben Gerichte wie an der Haupttafel genossen werden und daß auch
-hier alles recht feierlich aussieht.
-
-Der Beginn ist erst auf 8 Uhr festgesetzt, da einige vorher in einem
-verwandten oder befreundeten Hause der Bescheerung angewohnt haben, ehe
-sie in den Kreis ihrer Freunde kommen. Endlich, als alle eingetroffen,
-verschwindet der Hausherr in den bis dahin verschlossenen Salon, zündet
-die Kerzen an, wirft noch einen Blick auf die Geschenke und ruft
-zunächst die Kinder und jenen Gast herein, der ihre Weihnachtslieder
-am Klavier begleiten soll. Nun werden die Doppeltüren geöffnet, und
-hell tönen die Kindergesänge von der stillen, heiligen Nacht und der
-seligen, fröhlichen Weihnachtszeit.
-
-Tiefer Ernst liegt auch auf allen Zügen, in manchem Auge blinkt
-eine Träne, selbst die „lange Emilie“, der sonst immer lustige
-Damenkonfektionär, kann seine Rührung nicht bemeistern. Weit, weit
-zurück ziehen die Gedanken der Uranier in jene Zeiten, in denen ihnen
-dieser Tag auch ein Familienfest war, als noch nichts gemahnte, daß
-ihr Geschick sich so ganz anders gestalten würde, wie das der längst
-verheirateten Geschwister; erst ganz allmählich öffnete sich die
-Kluft, die sie von den Ihren trennte, dann kamen die langen Jahre, wo
-sie diesen Abend friedlos und freudlos im Restaurant oder bei „einem
-guten Buch“ im „möblierten Zimmer“ verbrachten. Manche gedenken
-ihrer zerstörten Hoffnungen, was hätten sie leisten können, wenn sich
-nicht alte Vorurteile ihrer Laufbahn hindernd in den Weg gestellt
-hätten, und andere in angesehenen Stellungen gedenken der schwer auf
-ihnen lastenden Lebenslüge! Viele gedenken der Eltern, die tot oder für
-die sie tot sind, und alle in inniger Wehmut des Weibes, das sie über
-alles liebte und das sie über alles liebten -- ihrer Mutter.
-
-Jetzt sind die Kinderstimmen verklungen, man reicht sich die kleinen
-Gaben, beschenkt besonders reichlich die Kinder und die Dienstboten
-und setzt sich zu Tisch. Die Tafelgespräche sind nicht so fröhlich wie
-sonst; man spricht von dem guten X., der letztes Jahr noch am heiligen
-Abend teilnahm, und den nun auch schon die Erde deckt.
-
-Langsam läßt die Spannung nach, der Ton wird etwas heiterer, aber
-der ernste Unterton bleibt, und über dem ganzen Abend ruht ein Hauch
-weltschmerzlicher Sentimentalität.
-
-„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden! Wann
-endlich“ -- so schrieb mir vor einigen Jahren ein Homosexueller am
-Weihnachtsheiligabend -- „Wann endlich wird man erkennen, daß auch zu
-uns der Erlöser kam, daß auch wir nicht ausgeschlossen sein sollten von
-seiner gütigen, edlen, barmherzigen, allumfassenden Liebe?“
-
-Es war in der Frühe des letzten Weihnachtsmorgens, als ich zu einem
-urnischen Studenten im Westen Berlins gerufen wurde, von dem es hieß,
-daß er in der Nacht einen Tobsuchtsanfall gehabt hätte.
-
-Als ich zu ihm kam, bot sich mir ein furchtbarer Anblick; das ganze
-Zimmer war erfüllt von Scherben und Möbelstücken, zerrissenen Tüchern,
-Büchern und Papieren, alles mit Blut, Tinte und Petroleum vermischt.
-Vor dem Bette befand sich eine große Blutlache, und auf der Bettstatt
-lag ein junger Mann mit wachsbleichem Gesicht, aus dem seltsam
-tiefe, flammende Augen hervorleuchteten, schwarze Strähnen umgaben
-die feingeschnittenen, regelmäßigen Züge. Um Stirn und Arme waren
-blutdurchtränkte Lappen geschlungen.
-
-Er hatte sich wegen seines Uranismus mit seinem strengen Vater,
-einem angesehenen Bürger Berlins, überworfen, keiner gewann es über
-sich, dem andern gute Worte zu geben, und nun war er am Heiligabend,
-dem ersten, den er fern von der Familie verlebte, herumgeirrt durch
-die menschenleeren Straßen der Millionenstadt. Von der Gegenseite
-der Straße hatte er, in einem dunklen Gange sich herumdrückend, die
-glänzenden Lichter in der Wohnung der Eltern gesehen, das Lachen
-der jüngeren Geschwister war an sein Ohr gedrungen, und für einige
-Augenblicke schaute er die Umrisse der Mutter, die während des
-Kinderjubels sinnend ihre Stirn an die Fensterscheiben lehnte.
-
-Als sie oben die Lichter löschten, war er in die nächste Budike
-gegangen, hatte an einem abgelegenen Ecktisch ein Schnapsglas nach dem
-andern geleert, in einer zweiten und dritten Destille das Gleiche getan
-und in verödeten Kaffeehäusern für schwarzen Kaffee mit Kirsch sein
-letztes Geld verausgabt.
-
-Nachdem er dann in der kalten Winternacht heimgekehrt und die vier
-Treppen im Hofe heraufgewankt war, hatte sich seiner ein ungeheurer
-Erregungszustand bemächtigt. Er hatte alles zertrümmert und die
-brennende Lampe zerschlagen in der Erwartung, daß er sich an
-geöffneten Pulsadern verbluten würde. Ein von den Wirtsleuten eilends
-herbeigerufener Arzt hatte durch die Türspalte gelugt und rasch ein
-Attest zur Überführung in die Irrenabteilung der Charité geschrieben.
-
-Ein Freund des Kranken holte mich zu ihm; ich wusch und verband ihm
-an jenem Weihnachtsvormittag eine Wunde nach der andern; er klagte
-nicht und sprach kein Wort, aber die flammenden Augen sprachen und
-die blassen Lippen sprachen und jede einzelne Wunde sprach von seinem
-tiefen Leide und der hohen, heiligen Aufgabe derer, die an dem
-Befreiungswerke der Uranier arbeiten. --
-
-Neben den Privatgesellschaften, Diners, Soupers, Kaffees, 5 Uhr Thees,
-Picknicks, Hausbällen und Sommerfesten, die die Berliner Homosexuellen
-in nicht geringer Menge veranstalten, sind die Jours fixes zu erwähnen,
-von denen jeden Winter einige von Urningen und Uranierinnen für ihre
-Freunde und Freundinnen eingerichtet werden.
-
-Sehr bekannt war jahrelang der Sonntag-Nachmittags-Empfang bei einem
-urnischen Kammerherrn, auf dem viele Personen von Rang und Stand
-erschienen. Die leibliche Bewirtung besteht hier meist in Tee und
-Gebäck, die geistige in musikalischen Darbietungen. Letzten Winter
-war es besonders der _Jour_ fixe eines urnischen Künstlers, der
-sich großer Beliebtheit erfreute. Der überaus gastfreundliche Wirt
-empfing seine Gäste, unter denen sich viele homosexuelle Ausländer,
-namentlich aus den russischen Ostseeprovinzen und den skandinavischen
-Ländern, sowie auch oft homosexuelle Damen befanden, in einer Art
-Zwischenstufengewand, einem Mittelding zwischen Prinzeßrobe und
-Amtsrobe. Die Musikvorträge, zumal die Gesänge des Hausherrn in
-Baryton und Alt und das Klavierspiel eines dänischen Pianisten
-standen künstlerisch auf der Höhe. Man sah dort regelmäßig einen
-österreichischen Studenten der Chemie, der stets schweigsam und ernst
-dasaß, sich aber sichtlich unter Seinesgleichen wohl fühlte, da er
-immer wiederkam. Im Frühjahr, als die Zusammenkünfte zu Ende waren
-und der Russe Berlin verließ, ging jener Student eines Abends in eine
-Urningskneipe und ließ sich vom Klavierspieler Koschats „Verlassen“
-spielen; als die melancholische Weise erklang, nahm er unbemerkt
-ein Stückchen Cyankali, das ihn in wenigen Sekunden leblos zu Boden
-streckte. „Selbstmord aus unbekannten Gründen“ verzeichnete der
-Polizeibericht, in Wirklichkeit der Selbstmord eines Homosexuellen, wie
-er sich in Berlin nur allzu oft ereignet.
-
-Nicht immer ist die Homosexualität die direkte Ursache, aber fast
-stets ist der indirekte Zusammenhang zwischen der Homosexualität
-und dem gewaltsamen Ende leicht nachweisbar. Da ist ein urnischer
-Offizier, im Kadettenkorps erzogen, mit Leib und Seele Soldat, er
-hatte sich außerdienstlich eine homosexuelle Handlung zu Schulden
-kommen lasten, sie wurde lautbar, und ein schlichter Abschied war die
-Folge. Er hat nichts anderes gelernt, als sein Kriegshandwerk, nun
-sucht er kaufmännische Stellungen, sucht, findet und verliert eine
-nach der andern, die Familie will nichts mehr von ihm wissen, er steht
-allein, verliert jeden Halt, sinkt immer tiefer, greift zum Alkohol,
-zum Morphium und endlich zur erlösenden Waffe. So kenne ich viele
-Tragödien; erst vor wenigen Wochen endete ein früherer Leutnant auf
-diese Weise. „Ursache: Schulden“, schrieben die Zeitungen; jawohl,
-Schulden, aber die Grundursache lag tiefer, es war der Verlauf, wie
-ich ihn soeben schilderte; -- an der Homosexualität war er zu Grunde
-gegangen.
-
-Vor einigen Tagen nahm ich einem homosexuellen Lehrer, der mich
-aufsuchte, ein Fläschchen Blausäure fort. Er hatte keine strafbare
-Handlung begangen, sich nie gleichgeschlechtlich betätigt; er war
-eben erst in den Schuldienst getreten, als dem Direktor ein anonymes
-Schreiben zugegangen war, der neue Lehrer sei ein Päderast; der Chef
-ließ ihn kommen, und auf Befragen gab er zu, homosexuell veranlagt
-zu sein. Man gab ihm den wohlmeinenden Rat, auf seine Entlassung
-anzutragen, er tat es, fand aber nicht den Mut, es seiner alten Mutter
-zu sagen, die gedarbt hatte, damit er Lehrer werden könne. Nun irrte
-auch er nach Stellung umher in dem großen Berlin, in dem es so viele
-Stellen, aber so viel mehr Stellenlose gibt.
-
-Es sind gewiß mehr als zwanzig Homosexuelle, die ich im Laufe der
-letzten acht Jahre vor dem Selbstmord bewahren konnte; ob ich ihnen
-einen guten Dienst erwies, ich weiß es nicht, und doch erfüllt es mich
-mit stiller Freude, daß ich ihnen das Leben und sie dem Leben erhalten
-konnte. --
-
-Einen den geschilderten Jourfixen ähnlichen, wenn auch schon mehr
-vereinsartigen Charakter tragen die regelmäßigen Zusammenkünfte,
-wie sie von Homosexuellen an bestimmten Abenden in bestimmten
-Lokalen veranstaltet werden; auch hier ist es gewöhnlich eine
-Person, um die sich die anderen gruppieren, nur bewirtet sich
-jeder aus eigenen Mitteln. Vielbesucht war lange Jahre der Klub
-„Lohengrin“, welcher sich um einen unter dem Namen „Die Königin“
-bekannten Weinhändler zusammenfand. Während hier die Unterhaltung
-in musikalischen und deklamatorischen Darbietungen bestand, tragen
-manche dieser Vereinigungen, wie die „Gemeinschaft der Eigenen“, die
-„Platen-Gemeinschaft“, einen mehr literarischen Charakter. Auch ein
-Kabaret, das von Urningen geleitet und hauptsächlich von diesen besucht
-wird, gibt es in Berlin.
-
-Auf allen diesen Veranstaltungen tritt die eigentliche Sexualität
-genau so zurück wie in den entsprechenden normalsexuellen Kreisen.
-Das Bindemittel ist lediglich das aus der Gemeinsamkeit der
-Lebensschicksale sich ergebende Gefühl der Zusammengehörigkeit.
-
-Haben alle die genannten Gesellschaften einen mehr geschlossenen
-Charakter, so ist die Zahl derer, die allgemein zugänglich sind, noch
-viel bedeutender. Daß manche Restaurationen, Hotels, Pensionate,
-Badeanstalten, Vergnügungslokale, trotzdem sie jedermann offen
-stehen, fast ausschließlich von Urningen besucht werden, wird weniger
-merkwürdig erscheinen, wenn man bedenkt, daß viel weniger scharf
-gekennzeichnete Gruppen in Berlin ihre Lokale haben, die fast ganz von
-ihnen existieren; so gibt es Restaurationen, in denen nur Studenten,
-nur Schauspieler, nur Artisten verkehren, andere, die nur von Beamten,
-nur von Kaufleuten bestimmter Waren, von Liebhabern bestimmter
-Spiele und Sports leben, wieder andere, die nur von Buchmachern,
-Falschspielern oder irgend einer Verbrecherkategorie besucht werden.
-
-Man kann Lokalitäten unterscheiden, die von Urningen bevorzugt, aber
-auch von anderen Personen aufgesucht werden, und solche, die lediglich
-von jenen frequentiert sind. Zu ersteren gehört ein sehr großes
-Münchener Bierrestaurant der Friedrichstadt, in dem seit Jahren zu
-bestimmten Stunden stets an hundert Homosexuelle und mehr zu finden
-sind. Auch in bestimmte Kaffeehäuser ziehen sich die Urninge mit
-Vorliebe hin, wobei alle paar Jahre ein Wechsel zu beobachten ist; oft
-sind es Lokale, wo der Wirt oder ein Kellner selbst urnisch sind, meist
-werden bestimmte Abteilungen der Wirtschaften besonders bevorzugt. Die
-urnischen Damen treffen sich vielfach in Konditoreien; so befindet sich
-im Norden der Stadt eine, die täglich zwischen 4 und 6 Uhr nachmittags
-von urnischen Israelitinnen zahlreich besucht wird, welche hier Kaffee
-trinken, plaudern, Zeitungen lesen, Skat und mit Vorliebe Schach
-spielen.
-
-Im Sommer sind es stets gewisse Gartenlokale, in denen sich die Urninge
-in großer Zahl einfinden, während sie andere, wenigstens in Gruppen,
-meiden. In einigen dieser Konzertgärten macht sich neben der weiblichen
-auch die männliche Prostitution bemerkbar.
-
-In einem der vornehmsten Berliner Konzertlokale war vor einigen Sommern
-das Treiben der Homosexuellen so arg geworden, daß Kriminalbeamte
-hinbeordert wurden, um dem rücksichtslosen Gebahren, das nicht schwer
-genug gerügt werden kann, ein Ende zu bereiten.
-
-Es muß der Berliner Polizei zu ihrem Lobe nachgesagt werden, daß
-_agents provocateurs_ bei ihr außerordentlich selten sind. Es wäre
-den Beamten gewiß leicht, Homosexuelle herauszufinden, indem sie sich
-selbst als homosexuell gerierten; es soll dies in früheren Zeiten auch
-vorgekommen sein; mir ist nur ein Fall bekannt, und zwar spielte sich
-dieser in dem erwähnten Konzertlokal ab, in dem ein Urning den ihn
-beobachtenden Kriminalbeamten für Seinesgleichen hielt, glaubte, daß
-ihm Avancen gemacht würden, und keinen kleinen Schreck bekam, als er
-auf seine zärtliche Berührung hin arretiert, zur Wache gebracht und
-später dann auch wegen „tätlicher Beleidigung“ verurteilt wurde.
-
-Neben diesen Lokalen gibt es in Berlin eine ganze Anzahl, die ganz
-ausschließlich von Urningen besucht werden. Ihre Zahl genau anzugeben,
-ist sehr schwierig. Medizinalrat =Näcke=[1] dürfte wohl recht haben,
-wenn er annimmt, daß in Berlin mehr als zwanzig Urningskneipen
-vorhanden sind. Immer wieder höre ich gelegentlich in meiner Praxis
-urnische Restaurationen erwähnen, die mir bis dahin unbekannt waren.
-Jede dieser Wirtschaften hat noch ein besonderes Gepräge; in der
-einen halten sich mehr ältere, in einer anderen mehr jüngere, wieder
-in einer anderen ältere und jüngere Leute auf. Fast alle sind gut
-besucht, an Sonnabenden und Sonntagen meist überfüllt. Wirte, Kellner,
-Klavierspieler, Coupletsänger sind fast ausnahmslos selbst homosexuell.
-
-Man hat Homosexuelle aus der Provinz, die sich zum ersten Male in
-solchen Lokalen aufhielten, in tiefer seelischer Erschütterung weinen
-sehen.
-
-In allen diesen Kneipen geht es durchaus anständig zu; hie und
-da werden sie von der Kriminalpolizei oder deren Geheimagenten
-kontrolliert, doch hat sich fast nie eine Veranlassung zum
-polizeilichen Einschreiten ergeben.
-
-Rudolf Presber hat kürzlich in einem Feuilletonartikel unter dem
-Titel: „Weltstadttypen“ eine anschauliche Schilderung einer solchen
-Urningskneipe entworfen. Er schreibt:
-
-„Die letzte Station dieser interessanten Nachtfahrt machten wir in
-einem feineren Restaurant. Hier führen keine ausgetretenen klitschigen
-Stufen hinunter, sondern sauber gescheuerte Treppen hinauf. Bessere
-Gegend und ein besseres Haus. Die Ausstattung der Räume behaglich,
-nicht ohne Wärme. Bilder an den Wänden in goldenen Rahmen. Statt
-des gräflichen Orchestrions, das kaum in einer der früher gesehenen
-Kneipen fehlte, neben riesigem Notenpack ein anständiges Klavier. Und
-davor ein ganz erträglicher Spieler und daneben ein hagerer Jüngling
-mit sprossendem Bart, mit weibischen Bewegungen und einem gequält
-süßen Lächeln, einen breitrandigen Frauenhut mit wehendem Schleier
-auf dem pomadisierten Kopf. Der Jüngling singt -- Sopran.... Die
-beiden Stuben gut mit Gästen gefüllt. Kein schlechtes Publikum, so
-scheint's. Keiner spuckt auf die Dielen, keiner hat einen Zahnstocher
-zwischen den Zähnen, keiner säubert sich die Ohren oder kratzt sich
-die Beine, wie wir's den ganzen Abend über schaudernd genossen. Ein
-paar würdige alte Herren, ein paar ausrasierte Sportstypen, ein paar
-Künstler mit gebrannten und gelegten Locken. Dem Harmlosen mag hier
-zunächst wenig auffallen. Vielleicht nimmt's ihn nur Wunder, daß
-auch der zweite Sänger -- Sopran singt. Vielleicht erstaunt er, daß
-in keiner der gutgefüllten Stuben ein weibliches Wesen zu sehen ist
-... Man trinkt mäßig an sauber gedeckten Tischen. Kein unanständiges
-Wort wird gesprochen, und die Lieder, die gesungen werden, haben
-keine zotigen Pointen. Eher scheint das Sentimentale dieser andächtig
-lauschenden Versammlung zuzusagen. Und als einer der Sopransänger, sich
-in den Hüften wiegend, als schlenkere er niederfließende rauschende
-Frauenröcke, ein gar schmelzendes Liedchen beendigt, wendet sich ein
-an unserem Tisch sitzender, vornehm aussehender Greis an einen von
-uns, tippt ihn mit ganz leichter Vertraulichkeit auf den Arm und fragt
-bescheiden, aber mit seltsam leuchtenden Augen: „Gefällt's Ihnen bei
-uns?“
-
-„Keine Übeltäter hier, keine Verbrecher an der Person, keine
-Verbrecher am Eigentum. Unglückliche, Entrechtete, die den Fluch eines
-geheimnisvollen Rätsels der Natur durch ihr einsames Leben schleppen.
-Menschen, die sich im Kampf des Tages ihre geachtete Stellung erobert
-haben. Redlich arbeitende, deren Ehrenhaftigkeit niemand anzweifelt,
-deren Wort und Name seine gute Geltung hat; und die sich doch unter
-dem Druck eines mittelalterlich grausamen Gesetzesparagraphen scheu
-und heimlich zusammenfinden müssen, fern von den normalen Glücklichen
-ihre stets vom Gesetz, von der Verachtung, von der Erpressertücke
-gefährdeten unbesiegbaren Triebe den Gleichfühlenden einzugestehen.
-
-Im gefunden Herzen ehrliches Mitleid mit diesen Kranken, die eine
-letzte mittelalterliche Unvernunft den Verbrechern gleichstellt,
-treten wir hinaus auf die stille Straße. Wolkenlos spannt sich der
-Sternenhimmel der Julinacht über den mondbeglänzten Dächern. Mit
-dem riesigen Schlüsselbund rasselnd, schleicht ein Nachtwächter an
-den lichtlosen Häusern entlang. In einem Torbogen drückt sich ein
-Liebespaar inbrünstig die Hände. Fern und ferner klingt der Sopran....“
-
-So Presber. -- Eine andere Urningskneipe, die wir betreten, besteht aus
-vier ziemlich großen Zimmern. Es ist schwer Platz zu finden. Im zweiten
-und vierten Raum stehen Klaviere, in dem einen trägt „die Engeln“ die
-neuesten Lieder vor, in dem andern wird getanzt, nicht Mann und Weib,
-sondern Mann und Mann. Sie tanzen mit sichtlicher Hingebung; der
-weibliche Teil schmiegt sich schmachtend dem männlichen Partner an;
-die schlechte Musik materialisiert sich förmlich in ihnen; wenn der
-Klavierspieler abbricht, scheint es, als ob sie aus melodientrunkener
-Tonseligkeit zu rauher Wirklichkeit erwachen.
-
-Besonders eigenartig sind die Kaffeegesellschaften, wie sie nicht
-selten in diesen Lokalen stattfinden. Der Wirt, der Coupletsänger
-oder irgend ein Stammgast feiern ihren Geburtstag und haben diesem
-Fest zu Ehren ihre „Freundinnen“ zu sich gebeten. Zur festgesetzten
-Nachmittagsstunde erscheinen die Gäste, meist Urninge des Handwerker-
-und Arbeiterstandes. Jeder überreicht dem Geburtstagskinde ein
-Angebinde, eine selbstgefertigte Handarbeit, eine Probe eigener
-Kochkunst, ein paar künstliche oder natürliche Blumen. Die Begrüßungen
-sind sehr lebhaft, zierliche Knixe und Verbeugungen, denen sittsame
-Freundschaftsküsse auf die Wange folgen. Wie sie sich dann drehen und
-zieren, sich Schmeicheleien sagen, das Herausziehen der Hutnadel, das
-Aufraffen des Rockes, das Zurechtziehen der Taille, das Hinlegen der
-nicht vorhandenen Schleppe markieren, sich dann endlich mit den Worten:
-„Haben Sie schon gehört, meine Teure“ niederlassen, alles das ist
-von schwer zu schildernder Drolligkeit. Einzelne „Honoratioren“, wie
-die „Baronin“, die „Direktorin“, die „_Chambre separée_'sche“ werden
-besonders freudig und respektvoll begrüßt, die Zuspätkommenden mit
-launigen Scheltworten empfangen. Eine Stunde später, als man „geladen“,
-sitzt alles bei Tisch und während sich nun ein Schnattern und Plappern,
-ein Lachen, Juchzen und Kreischen in so verwirrendem Durcheinander
-erhebt, daß einem männlichen Gaste angst und bange werden kann,
-verschwinden mit erstaunlicher Geschwindigkeit Berge von Kuchen und
-Ströme von Kaffee. Nachdem den Sprech- und Kauwerkzeugen einigermaßen
-genüge geschehen, werden die mitgebrachten Handarbeiten hervorgeholt,
-man häkelt, strickt, stickt und näht, zugleich aber tragen die
-künstlerischen Kräfte, welche in Urningsgesellschaften selten fehlen,
-mit Gesängen, Deklamationen und Vorträgen zur Unterhaltung bei.
-Ihren Höhepunkt aber erreicht die Stimmung, wenn das Geburtstagskind
-unter lautem Beifall aller von einem der Gäste graziös zum Flügel
-geleitet wird und in wohllautendem Alt mit ebenso viel Sehnsucht, als
-Unwahrscheinlichkeit sein Lieblingslied: „Ach, wenn ich doch ein Räuber
-wär'“ zum Besten gibt. Kein Mißklang trübt das harmlose Treiben weniger
-flüchtiger Stunden, bis die Abendbrotzeit die muntere Schar wieder in
-alle Winde verscheucht.
-
-Wer zum erstenmale den Gesprächen in diesen Kneipen lauscht, wird
-erstaunt sein über die große Zahl weiblicher, oft sehr absonderlicher
-Namen, die an sein Ohr dringen. Bald wird er gewahr, daß es sich um
-Spitznamen handelt, welche die Gäste sich untereinander beilegen. Die
-Gründe dieser verbreiteten Sitte sind verschiedene; einmal verschweigen
-die meisten Personen, die sich hier einfinden, begreiflicherweise
-ihre wahren Namen, so daß die anderen, im Bedürfnis, sich über sie zu
-unterhalten, zu selbstgewählten Bezeichnungen greifen, außerdem fühlt
-man instinktiv, daß die Anrede „Herr so und so“ bei vielen, =keineswegs
-bei allen=, in so starkem Gegensatz zu ihrem femininen Wesen steht, und
-endlich bietet sich in der Wahl dieser Necknamen eine gute Gelegenheit,
-den ja auch gerade im Berliner tief wurzelnden Drang nach Scherz und
-Humor zu befriedigen. In vielen, namentlich virileren Urningskreisen
-ist der Gebrauch derartiger weiblicher Spitznamen übrigens verpönt.
-
-Viele dieser Namen sind lediglich weibliche Umgestaltungen der
-entsprechenden männlichen Vornamen; so wird aus Paul Paula, aus Fritz
-Frieda, aus Erich Erika, aus Georg Georgette, aus Theodor Dorchen oder
-Thea, aus Otto Ottilie oder auch Otéro. In einem Berliner Urningsliede,
-in welchem geschildert wird, wie eine Mutter auf die Nachricht, ihr
-Sohn sei „pervers“, in großer Besorgnis zu ihm eilt, und dieser sie
-beruhigt, indem er ihr als Zeugnis seiner Normalität die an ihn
-gerichteten Liebesbriefe vorzeigt, welche die Unterschrift „Luise“
-tragen, heißt es am Schlusse:
-
- „Beim Abschiedskuß an meiner Tür,
- Da dachte ich dann still bei mir:
- Wie gut, liebe Mutter, daß Du nicht weißt,
- Daß meine Luise -- Ludwig heißt.“
-
-Oft sind diese weiblichen Namen noch mit Unterscheidungszusätzen
-verbunden; so gibt es eine Näsenjuste, eine Schmalzjuste, eine
-Klammerjuste, Klamottenjuste, Handschuhjuste und Blumenjuste, eine
-Lange-Anna, Ballhausanna und Blaueplüschanna, eine Hundelotte und eine
-Quietschlotte, eine Spitzenkaroline und eine Umsturzkaroline (weil
-er durch seine lebhaften Armbewegungen jeden Abend mindestens ein
-Glas Bier „umstürzen“ soll), eine Butterriecke, eine Käseklara, eine
-Lausepaula, eine Harfenjule und eine Totenkopfmarie.
-
-Viele Urninge erhalten altdeutsche Beinamen, wie Hildegarde, Kunigunde,
-Thusnelda, Schwanhilde und Adelheid, oder klangvolle Adelsnamen, wie
-Wally von Trauten, Berta von Brunneck, Asta von Schönermark oder noch
-hochtönendere; so findet man in diesen Kneipen neben der Markgräfin,
-der Landgräfin, der Burggräfin und der Kurfürstin (weil sie in der
-Markgrafen-, Landgrafen-, Burggrafen- und Kurfürstenstraße wohnen)
-die Marquise de la place d'Alexandre (wohnt am Alexanderplatz), die
-Herzogin von Aschaffenburg, die Herzogin d'Angoulème, die Großfürstin
-Olga, die Königin Natalie, die Carmen Sylva, die Kaffeekönigin, die
-Polenkönigin, die Oberstallmeisterin, die Excellenzfrau, die Kaiserin
-Messalina und die Kaiserin Katharina.
-
-Manche führen ihre Namen von ihrem Beruf; so wird ein urnischer
-Ballettänzer „Jettchen Hebezeh“, ein Damenschneider „Jenny Fischbein“
-und ein Damenkomiker „Pokahuntas, die hinterindische Nachtigall“
-genannt.
-
-Ich bemerke, daß sämtliche hier angeführten Spitznamen von zwei
-Gewährsmännern innerhalb kurzer Zeit in einem einzigen Berliner
-Urningslokal gesammelt wurden. Von Beinamen, die der Zoologie
-entstammten, fanden sie unter anderen: die „Schweizerkuh“, das
-„Meerschweinchen“, „die Gipskatze“ (weil er sich stark pudert), „die
-Krückente“, „die Ententrittsche“ (weil er beim Gehen „watschelt“),
-„die schwarze Henne“, „die Nebelkrähe“, „die Spitzmaus“, „die
-Brillenschlange“ und „die Kreuzspinne“; von botanischen Bezeichnungen:
-„das Blauveilchen“, „das Apfelröschen“, „das Resedaköpfchen“, „Paprika“
-(auch „Papp-Rieka“ genannt), „die Rosine“ und „die Weintraube“ (weil er
-so leicht gerührt ist).
-
-Mit großer Vorliebe wird den Titeln oder hervorstechenden Eigenschaften
-ein „in“ oder „sche“ oft in sehr origineller Weise angehängt; der
-Direktor wird zur „Direktorin“, der Geheimrat zur „Geheimrätin“, ein
-Rechtsanwalt heißt „die Anwaltsche“, ein vornehmer Urning, der mit
-seinen Freunden häufig im Chambre separée speisen soll, heißt „die
-Chambreseparéesche“, ein anderer, der viel das Sonnenbad besucht, „die
-Lichtluftbadsche“, während ein Klavierspieler „die Klaviersche“, einer
-der sich stark schminkt „die Zinnobersche“ und ein Elektrotechniker
-kurzweg „die Elektrische“ genannt wird.
-
-Eine Gruppe für sich bilden die „Soldatentanten“, welche vielfach
-ihre Spitznamen nach denjenigen Truppenteilen bekommen, für die sie
-sich besonders interessieren; so gibt es eine „Ulanenjuste“, eine
-„Dragonerbraut“, eine „Kürassieranna“, eine „Kanoniersche“, ja sogar
-eine „Schießschulsche“, der seinen Namen davon führt, weil er mit
-Vorliebe die Wirtschaften in der Umgegend der Schießschule aufsucht.
-
-Von anderen Berliner Spitznamen, die weniger leicht zu rubrizieren
-sind, erwähne ich noch: „Minehaha, das lächelnde Wasser“, „Rebekka, die
-Mutter der Kompagnie“, „Anita mit dem Giftzahn“, „Cleo die Marode“,
-„Traudchen Hundgeburt“, „Die heilige Beryllis“, „Die Genossin meiner
-Schmach“, „die freie Schweizerin“, die „gute Partie“, „die hohe Frau“,
-„die Rollmopstante“, „Susanne in der Wanne“, „die weiße Wand“ (pudert
-sich stark), „Rotundelein“, „Locusblume“, (Namen zweier Urninge, denen
-man nachsagt, daß sie öfter, als notwendig, die Bedürfnisanstalten
-aufsuchen), „das Waldmensch“, „die Mutter Wolffen“, „Violetta“,
-„Aurora“, „Melitta“, „Rosaura“, „Kassandra“, „Goulasch“, „die Ahnfrau“,
-„die Grabesbraut“, „der Abendstern“ und „die Morgenstunde“, weil er
-Gold im Munde, nämlich mit Goldplomben versehene Zähne hat.
-
-Auch die Uranierinnen führen in ihren Kreisen, besonders auch in ihren
-Lokalen, deren es ebenfalls eine Reihe gibt, analoge Namen. Nur findet
-man bei ihnen im Gegensatz zu den Männern meist einfache Vornamen,
-selten Beinamen, die sich auf irgend eine besondere Eigenschaft ihrer
-Trägerin beziehen; bevorzugt werden einsilbige Namen, wie Fritz, Heinz,
-Max, Franz, namentlich Hans; doch findet man auch solche, die Arthur,
-Edmund, Theo, Oskar, Roderich, Rudolf genannt werden.
-
-Merkwürdig viele Namen von Uranierinnen sind der Geschichte und
-Litteratur entnommen; ich nenne von Berlinerinnen: Napoleon, Nero,
-Cäsar, Heliogabal, Caligula, Antinous, Gregor, Carlos, Posa, Mortimer,
-Götz, Tasso, Egmont, Armin, Teja, Blücher, Ofterdingen, Karl Moor,
-Franz Lerse, Jörn Uhl, Don Juan, Puck und Hiddigeigei.
-
-Weniger schöne Spitznamen weiblicher Urninge sind Bubi, Rollmops,
-Kümmelfritze und Schinkenemil.
-
-Besondere Berücksichtigung verdienen unter den Berliner Urningslokalen
-die „Soldatenkneipen“, welche, meist in der Nähe der Kasernen gelegen,
-in den Stunden vom Feierabend bis zum Zapfenstreich am besuchtesten
-sind. Um diese Zeit sieht man in diesen Wirtschaften meist gegen 50
-Soldaten, darunter auch Unteroffiziere, die hingekommen sind, um sich
-einen Homosexuellen zu suchen, der sie freihält, und selten kehrt
-jemand in die Kaserne zurück, ohne das Gewünschte gefunden zu haben.
-Diese Lokale sind meist von kurzem Bestand. Fast immer werden sie dem
-Militär nach kurzer Zeit durch Regimentsbefehl verboten, nachdem irgend
-ein Unbekannter, gewöhnlich aus Brotneid oder Rachsucht, „gepfiffen“
-hat. Es tun sich dann stets bald wieder ein oder zwei, auch mehrere
-ähnliche Lokale in derselben Gegend auf. Erst vor kurzem flog wieder
-im Südwesten der Stadt eine typische Soldatenkneipe auf, die „zur
-Katzenmutter“ genannt wurde; ich weiß nicht, ob der sonderbare Name
-von der alten Wirtin herrührte, in deren schleichendem Gang und
-rundem, schnurrbartgeziertem Gesicht etwas unverkennbar Katzenartiges
-lag, oder von den Katern und Katzen, die zwischen Tischen und Stühlen
-herumsprangen und deren Bildnisse die Wände des seltsamen Lokals
-schmückten.
-
-Würde ein Normalsexueller derartige Lokale betreten, er würde sich
-vielleicht wundern, daß dort so viele fein gekleidete Herren mit
-Soldaten sitzen, im übrigen aber wohl kaum jemals etwas Anstößiges
-finden. Die hier bei Bockwurst mit Salat und Bier geschlossenen
-Freundschaften zwischen Homosexuellen und Soldaten halten oft über die
-ganze Dienstzeit, nicht selten darüber hinaus vor. So mancher Urning
-erhält, wenn der Soldat schon längst als verheirateter Bauer fern
-von seiner geliebten Garnison Berlin in heimatlichen Gauen das Land
-bestellt, „Frischgeschlachtetes“ als Zeichen freundlichen Gedenkens.
-Es kommt sogar vor, daß sich diese Verhältnisse auf die nachfolgenden
-Brüder übertragen; so kenne ich einen Fall, wo ein Homosexueller nach
-einander mit drei Brüdern verkehrte, die bei den Kürassieren standen.
-
-
-Gewöhnlich kommt der Soldat, wenn der Dienst zu Ende, in die Wohnung
-seines Freundes, der ihm bereits sein Lieblingsessen eigenhändig
-gekocht hat, dessen gewaltige Mengen hastig verschlungen werden. Dann
-nimmt der junge Krieger in gesundheitsstrotzender Breite auf dem Sofa
-Platz, während der Urning, bescheiden auf einem Stuhle sitzend, ihm die
-mitgebrachte zerrissene Wäsche flickt oder die Weihnachtspantoffeln
-stickt, mit denen jener eigentlich überrascht werden sollte, die aber
-zu verheimlichen, die Beherrschungskraft des glücklichen Liebhabers um
-ein Beträchtliches übersteigt.
-
-
-Währenddem werden alle die kleinen Einzelheiten des königlichen
-Dienstes besprochen; was der „Alte“ (Hauptmann) beim Apell gesagt hat,
-was morgen für Dienst ist, wann man auf Wache muß und ob man ihn nicht
-am nächsten Tage irgendwo vorbeimarschieren sehen könnte. Schließlich
-geleitet man ihn bis in die Nähe der Kaserne, nicht ohne vorher die
-Feldflasche mit Rotspohn gefüllt und die Butterstullen eingepackt zu
-haben.
-
-Am Parademorgen aber steht der Urning in der Belle-Alliancestraße an
-der verabredeten Stelle schon ganz früh, um ja noch in der ersten Reihe
-Platz zu bekommen. Hoffentlich ist sein Soldat Flügelmann, daß man ihn
-auch ganz genau sieht. Und nachher wird ausgeharrt, bis er zurückkommt,
-und abends hat er dann Urlaub, dann geht es zu „Buschen“ in den Cirkus,
-nachdem er zuvor die 50 Pfennige, die er an diesem Tage als Extrasold
-erhielt, in die bei seinem Freunde stationierte Sparbüchse versenkt hat.
-
-Ein noch größerer Feiertag aber ist das
-„Kaisersgeburtstagskompagnievergnügen“. Da geht der Homosexuelle als
-„Cousin“ mit seinem Freunde hin. In rührender Glückseligkeit tanzt er
-mit dem Mädchen, mit welchem gerade zuvor sein Soldat getanzt hat, er
-hat keine Ahnung, wie sie aussieht, denn er hat nur auf ihn gesehen
-und während er das Mädchen umfaßt hielt, nur an ihn gedacht. Womöglich
-spricht auch der Hauptmann mit ihm als Cousin seines Gefreiten oder
-Unteroffiziers. Es kann sich aber auch ereignen, daß der Homosexuelle
-zu seinem Leidwesen diesem Festtage fern bleiben muß, wenn er nämlich
-einige Tage zuvor mit einem der anwesenden Offiziere irgendwo an
-demselben Diner teilgenommen hat.
-
-Die Gründe, welche den Soldaten zum Verkehr mit Homosexuellen
-veranlassen, liegen nahe; es ist einmal der Wunsch, sich das Leben
-in der Großstadt etwas komfortabler zu gestalten, besseres Essen,
-mehr Getränke, Zigarren und Vergnügungen (Tanzboden, Theater &c.) zu
-haben; dazu kommt, daß er -- der oft sehr bildungsbedürftige Landwirt,
-Handwerker oder Arbeiter -- im Verkehr mit dem Homosexuellen geistig
-zu profitieren hofft, dieser gibt ihm gute Bücher, spricht mit ihm
-über die Zeitereignisse, geht mit ihm ins Museum, zeigt ihm, was sich
-schickt und was er nicht tun soll; das oft drollige, komische Wesen
-des Urnings trägt auch zu seiner Erheiterung bei; wenn sein Freund
-ihm abends Couplets vorsingt oder ihm gar, mit dem Lampenschirm als
-Kapotte und einer Schürze weiblich zurecht gestutzt, etwas vortanzt,
-amüsiert er sich in seiner Naivität über alle Maßen. Weitere Momente
-sind der Mangel an Geld oder an Mädchen, die dem Soldaten nichts
-kosten, die Furcht vor den beim Militär sehr übel accreditierten
-Geschlechtskrankheiten und die gute Absicht, der daheim bleibenden
-Braut treu zu bleiben, der man beim Abschied die Treue geschworen und
-die in jedem „Schreibebrief“ ängstlich an diesen Schwur gemahnt.
-
-In der Nähe der geschilderten Kneipen befindet sich vielfach auch
-der „militärische Strich“, auf dem die Soldaten einzeln oder in
-Paaren gehend Annäherung an Homosexuelle suchen. Ich will hier auf
-eine wichtige Erscheinung hinweisen, auf die mich ein weit gereister
-Homosexueller aufmerksam machte, und deren Richtigkeit mir auf Befragen
-seitdem von zuverlässigen Gewährsmännern übereinstimmend bestätigt
-wurde. Die „Soldatenprostitution“ ist in einem Lande um so stärker, je
-mehr die Gesetze die Homosexualität verfolgen. Offenbar hängt diese
-Tatsache damit zusammen, daß man in Ländern mit Urningsparagraphen von
-den Soldaten am wenigsten Erpressungen und andere Unannehmlichkeiten zu
-fürchten hat.
-
-Außer in London, wo sich in den belebtesten Parks und Straßen
-vom Spätnachmittag bis nach Mitternacht zahlreiche Soldaten in
-unverkennbarer Weise feilbieten, fand unser Gewährsmann in keiner
-Weltstadt jeden Abend solche Auswahl an Soldaten verschiedener
-Waffengattungen, wie in Berlin. Es gibt etwa ein halbes Dutzend
-Stellen, auf denen die Soldaten nach Einbruch der Dämmerung in
-bestimmter Absicht auf- und abgehen. Wie die Lokale, wechseln auch die
-„Striche“ ziemlich häufig, so ist erst neuerdings ein vielbegangener
-Weg, das Planufer, den Soldaten verboten worden.
-
-Sehr verbreitet ist die Soldatenprostitution namentlich in den
-skandinavischen Hauptstädten; in Stockholm läßt man seit einigen
-Jahren sogar eigene Militärpatrouillen auf Soldaten fahnden, die
-zu dem erwähnten Zwecke „herumstreichen“, doch hat dies, wie unser
-Gewährsmann, der lange in der schwedischen Hauptstadt lebte,
-versichert, nichts geholfen.
-
-In Helsingfors, der Hauptstadt Finlands, einem Orte von etwa 80.000
-Einwohnern, ist die militärische Prostitution ganz besonders stark
-hervortretend. Etwas geringer ist sie in Petersburg, wo auf einem
-vom Centrum der Stadt weit entfernten Platz besonders Matrosen
-Bekanntschaften mit Homosexuellen suchen.
-
-Unser Gewährsmann vergleicht mit diesen Städten Paris, wo er „in
-18 Monaten nur Rudimente eines militärischen Strichs“ nachweisen
-konnte, sowie die einschlägigen Verhältnisse in Amsterdam, Brüssel,
-Rom, Mailand, Neapel und Florenz (Städte ohne Urningsparagraphen)
-und gelangt zu dem Schlusse, „daß in allen europäischen Ländern mit
-strengen Strafbestimmungen gegen den homosexuellen Verkehr die Hingabe
-von Soldaten in einer Weise auftritt, die man nicht für möglich halten
-sollte, wenn man es nicht mit eigenen Augen beobachtet hat, während man
-in Ländern ohne Urningsparagraphen fast nichts von dieser Erscheinung
-bemerkt“.
-
-Die gebräuchliche Bezeichnung „Soldatenprostitution“ entspricht
-übrigens dem sonstigen Begriff der Prostitution nicht, da es sich ja
-bei den Soldaten keineswegs „um eine berufs- oder gewerbsmäßige Hingabe
-des Körpers“ handelt. Ich möchte hier der weitverbreiteten Ansicht
-entgegentreten, als ob dem Verkehr zwischen Soldaten und Homosexuellen
-gewöhnlich Akte zu Grunde liegen, die an und für sich strafbar sind.
-Kommt es zu geschlechtlichen Handlungen, was durchaus nicht immer der
-Fall ist, so bestehen diese fast stets in Erregungen durch Umarmen,
-Aneinanderpressen und Berühren der Körperteile, wie dies überhaupt
-bei homosexueller Betätigung die Regel ist. Die Vorstellung, der
-homosexuelle, namentlich auch der weiblicher geartete, sei Päderast in
-des Wortes üblichem Sinn, ist eine vollkommen irrtümliche. In meiner
-Praxis ereignete sich kürzlich eine Episode, die mir zeigte, wie stark
-auch noch in Berlin diese Meinung vorherrscht. Bald nachdem in den
-Zeitungen infolge der von mir unternommenen statistischen Umfrage über
-die Zahl der Urninge viel von Homosexualität die Rede war, suchte
-mich ein biederer Schlächtermeister aus dem Osten auf, ein völlig
-normaler Familienvater, welcher sich allen Ernstes mit folgenden Worten
-einführte: „Ich habe seit einigen Wochen ein so starkes Jucken in der
-Nähe des Afters und wollte Sie daher bitten, einmal nachzusehen, ob ich
-homosexuell veranlagt bin.“
-
-Die Seltenheit eigentlich päderastischer Akte ändert aber nichts an
-der Grausamkeit und Ungerechtigkeit der betreffenden Strafbestimmung,
-da das gesellschaftlich Vernichtende bereits die Voruntersuchung ist
-und das Gericht -- wenn bestraft wird, auch ganz mit Recht -- sich
-nicht so streng an die bestimmte Art der Betätigung hält. Im übrigen
-wiederhole ich, daß das rein sexuelle Moment im Leben und der Liebe des
-Homosexuellen keine größere Rolle spielt, wie im nichturnischen Leben;
-ich würde diese Frage ihres intimen und privaten Charakters wegen
-überhaupt nicht in den Kreis meiner Betrachtungen gezogen haben, wenn
-sie nicht von den Verfechtern einer falschen Moral immer wieder als
-Hauptsache in den Vordergrund gezerrt würde. --
-
-Es gibt noch einen zweiten Stand, der in Berlin seit langer Zeit mit
-den Urningen vielfache Beziehungen unterhält; das sind die Athleten.
-Die zahlreichen Athleten-Vereine der Hauptstadt setzen sich zumeist aus
-unverheirateten Arbeitern zwischen dem 18. und 25. Lebensjahr zusammen;
-größtenteils sind es Schlosser, Schmiede oder sonstige Eisenarbeiter.
-Bei diesen Leuten gilt Kraft, Gefahr und Kühnheit alles. In ihren Augen
-ist „der Kampf zwischen Rußland und Japan überhaupt kein Kampf, weil so
-viel geschossen und so wenig gerungen, gestochen und geboxt wird“.
-
-Wir betreten einen Athletenklub, welcher mit Homosexuellen im
-Zusammenhange steht. Im Nebenzimmer einer kleinen Gastwirtschaft wird
-„gearbeitet“. Der kleine Raum ist von Öl-, Metall- und Schweißgeruch
-erfüllt, jener eigentümlichen Ausdünstung, wie sie den Körpern der
-Eisenarbeiter zu entströmen pflegt. Auf dem Boden liegen Eisenstangen,
-Hanteln, Gewichte von 100 und mehr Pfund, daneben eine Matratze, auf
-der gerungen wird. Acht bis zehn kraftstrotzende Athleten sind zugegen,
-teils in schwarzem Tricot, teils mit entblößtem Oberkörper, Brust und
-Arme tätowiert.
-
-An der Fensterseite des Zimmers steht ein langer, schmaler Tisch,
-von Bänken umgeben, auf denen eine Anzahl Herren sitzen, deren
-vornehme Züge und Anzüge mit denen der starken Männer seltsam
-kontrastieren. Oben am Tisch sitzt die Präsidentin oder Protektorin des
-Athletenklubs, ein Damenschneider, auf den das Wort Martials zutrifft,
-„daß er mit einer kleinen Ausnahme alles von seiner Mutter hat“.
-Kein Uneingeweihter würde in ihm ein Mitglied des Athletenklubs --
-geschweige denn dessen Präsidentin vermuten.
-
-Auf dem Tisch befindet sich eine Sparbüchse, in welche die Gäste ihr
-Scherflein zur Deckung der Unkosten, Anschaffung von Gewichten und
-Matratzen tun. Außerdem berichtigen sie die Zechen ihrer Athleten, die
-vor und während der Arbeit in Selter, Limonade und Zigaretten, nach dem
-Gewichteheben und Ringen in Bier und Abendbrot bestehen.
-
-Die urnischen Freunde sorgen, daß fleißig geübt wird, die plastische
-Schönheit der Bewegungen, das Spiel der Muskeln wird von den
-sachverständigen Gönnern eifrig verfolgt, jeder „Gang“ auf das
-lebhafteste kritisiert.
-
-Manche Homosexuelle verbinden sich mit den Athleten besonders
-auch deshalb, um, wenn sie irgendwie belästigt oder infolge des
-unglücklichen § 175 erpreßt werden, handfeste, unerschrockene Männer
-zur Verfügung zu haben, auf deren Schutz und „tatkräftige“ Freundschaft
-sie sicher bauen können.
-
-Von einigen Wirten urnischer Lokale, aber durchaus nicht von diesen
-allein, werden namentlich im Winterhalbjahr große Urningsbälle
-veranstaltet, die in ihrer Art und Ausdehnung eine Spezialität von
-Berlin sind. Hervorragenden Fremden, namentlich Ausländern, die in der
-jüngsten der europäischen Weltstädte etwas ganz Besonderes zu sehen
-wünschen, werden sie von höheren Beamten als eine der interessantesten
-Sehenswürdigkeiten gezeigt. Sie sind auch bereits wiederholt
-beschrieben, so neuerdings von Oskar Méténier in „_Vertus et Vices
-allemands, les Berlinois chez eux_“.[2] In der Hochsaison von Oktober
-bis Ostern finden diese Bälle in der Woche mehrmals, oft sogar mehrere
-an einem Abend statt. Trotzdem das Eintrittsgeld selten weniger als
-1,50 M. beträgt, sind diese Veranstaltungen meist gut besucht. Fast
-stets sind mehrere Geheimpolizisten zugegen, die acht geben, daß nichts
-Ungeziemendes vorkommt; soweit ich unterrichtet bin, lag aber noch nie
-ein Anlaß vor, einzuschreiten. Die Veranstalter haben Ordre, möglichst
-nur Personen einzulassen, die ihnen als homosexuell bekannt sind.
-
-Einige der Bälle erfreuen sich eines besonderen Renommées, vor allem
-der kurz nach Neujahr veranstaltete, auf dem die neuen, vielfach
-selbst gefertigten Toiletten vorgeführt werden. Als ich diesen Ball
-im letzten Jahr mit einigen ärztlichen Kollegen besuchte, waren
-gegen 800 Personen zugegen. Gegen 10 Uhr abends sind die großen Säle
-noch fast menschenleer. Erst nach 11 Uhr beginnen sich die Räume zu
-füllen. Viele Besucher sind im Gesellschafts- oder Straßen-Anzug,
-sehr viele aber auch kostümiert. Einige erscheinen dicht maskiert in
-undurchdringlichen Dominos, sie kommen und gehen, ohne daß jemand ahnt,
-wer sie gewesen sind; andere lüften die Larve um Mitternacht, ein
-Teil kommt in Phantasiegewändern, ein großer Teil in Damenkleidern,
-manche in einfachen, andere in sehr kostbaren Toiletten. Ich sah einen
-Südamerikaner in einer Pariser Robe, deren Preis über 2000 Frcs.
-betragen sollte.
-
-Nicht wenige wirken in ihrem Aussehen und ihren Bewegungen so weiblich,
-daß es selbst Kennern schwer fällt, den Mann zu erkennen. Ich erinnere
-mich, daß ich auf einem dieser Bälle mit einem auf diesem Gebiet sehr
-erfahrenen Kriminalwachtmeister ein Dienstmädchen beobachtete, von dem
-der Beamte fest überzeugt war, daß sie ein richtiges Weib sein müsse,
-auch ich hatte nur geringe Zweifel, um in der Unterhaltung mit ihr aber
-doch wahrzunehmen, daß sie „ein Mann“ war. Wirkliche Weiber sind auf
-diesen Bällen nur ganz spärlich vorhanden, nur dann und wann bringt
-ein Uranier seine Wirtin, eine Freundin oder -- seine Ehefrau mit. Man
-verfährt im allgemeinen bei den Urningen nicht so streng wie auf den
-analogen Urnindenbällen, auf denen jedem „echten Mann“ strengstens der
-Zutritt versagt ist. Am geschmacklosesten und abstoßendsten wirken
-auf den Bällen der Homosexuellen die ebenfalls nicht vereinzelten
-Herren, die trotz eines stattlichen Schnurrbartes oder gar Vollbartes
-„als Weib“ kommen. Die schönsten Kostüme werden auf ein Zeichen, des
-Einberufers mit donnerndem Tusch empfangen und von diesem selbst
-durch den Saal geleitet. Zwischen 12 und 1 Uhr erreicht der Besuch
-gewöhnlich seinen Höhepunkt. Gegen 2 Uhr findet die Kaffeepause --
-die Haupteinnahmequelle des Saalinhabers -- statt. In wenigen Minuten
-sind lange Tafeln aufgeschlagen und gedeckt, an denen mehrere hundert
-Personen Platz nehmen; einige humoristische Gesangsvorträge und Tänze
-anwesender „Damenimitatoren“ würzen die Unterhaltung, dann setzt sich
-das fröhliche Treiben bis zum frühen Morgen fort.
-
-In einem der großen Säle, in welchem die Urninge ihre Bälle
-veranstalten, findet auch fast jede Woche ein analoger Ballabend für
-Uranierinnen statt, von denen sich ein großer Teil in Herrenkostüm
-einfindet. Die meisten homosexuellen Frauen auf einem Fleck kann man
-alljährlich auf einem von einer Berliner Dame arrangierten Kostümfest
-sehen. Das Fest ist nicht öffentlich, sondern gewöhnlich nur denjenigen
-zugänglich, die einer der Komiteedamen bekannt sind. Eine Teilnehmerin
-entwirft mir folgende anschauliche Schilderung: „An einem schönen
-Winterabend fahren von 8 Uhr ab vor einem der ersten Berliner Hotels
-Wagen auf Wagen vor, denen Damen und Herren in Kostümen aller Länder
-und Zeiten entsteigen. Hier sieht man einen flotten Couleurstudenten
-mit mächtigen Renommierschmissen ankommen, dort hilft ein schlanker
-Rokokoherr seiner Dame galant aus der Equipage. Immer dichter füllen
-sich die strahlend erleuchteten weiten Räume; jetzt tritt ein dicker
-Kapuziner ein, vor dem sich ehrfurchtsvoll Zigeuner, Pierrots,
-Matrosen, Klowns, Bäcker, Landsknechte, schmucke Offiziere, Herren und
-Damen im Reitanzug, Buren, Japaner und zierliche Geishas neigen. Eine
-glutäugige Carmen setzt einen Jockey in Brand, ein feuriger Italiener
-schließt mit einem Schneemann innige Freundschaft. Die in buntesten
-Farben schillernde fröhliche Schar bietet ein höchst eigenartiges
-anziehendes Bild. Zuerst stärken sich die Festteilnehmerinnen an
-blumengeschmückten Tafeln. Die Leiterin in flotter Sammetjoppe heißt
-in kurzer kerniger Rede die Gäste willkommen. Dann werden die Tische
-fortgeräumt. Die „Donauwellen“ erklingen, und begleitet von fröhlichen
-Tanzweisen, schwingen sich die Paare die Nacht hindurch im Kreise.
-Aus den Nebensälen hört man helles Lachen, Klingen der Gläser und
-munteres Singen, nirgends aber -- wohin man sieht -- werden die Grenzen
-eines Kostümfestes vornehmer Art überschritten. Kein Mißton trübt
-die allgemeine Freude, bis die letzten Teilnehmerinnen beim matten
-Dämmerlicht des kalten Februarmorgens den Ort verlassen, an dem sie
-sich unter Mitempfindenden wenige Stunden als das träumen durften,
-was sie innerlich sind. Wem es je vergönnt war, schließt Frl. R.
-ihren Bericht, ein derartiges Fest mitzumachen, wird aus ehrlicher
-Überzeugung sein Leben lang für die ungerecht verleumdeten Uranierinnen
-eintreten, denn er wird sich darüber klar geworden sein, daß es überall
-gute und schlechte Menschen gibt, daß die homosexuelle Naturveranlagung
-aber ebensowenig wie die heterosexuelle von vornherein einen Menschen
-zum Guten oder Bösen stempelt.“
-
-Nicht weniger wie die Bälle, sind auch die „Herrenabende“ besucht,
-theaterartige Veranstaltungen, welche von Zeit zu Zeit von Urningen für
-Urninge gegeben werden. Gewöhnlich sind sämtliche auftretenden Künstler
-„Zwischenstufen“; besonders beliebt ist es, berühmte Literaturwerke
-homosexuell zu parodieren, und es erregt nicht geringe Heiterkeit,
-wenn die Engeln als Marthe Schwertlein, die Harfenjule als Salome oder
-gar Schwanhilde, als Maria Stuart, Königin Elisabeth und Amme in einer
-Person auftritt.
-
-Außer den Restaurants gibt es in Berlin auch Hotels, Pensionate und
-Badeanstalten, die fast ausschließlich von Homosexuellen besucht
-werden; dagegen habe ich ein von Pastor Philipps neuerdings, wie
-bereits früher, erwähntes Berliner Gemeinschaftshaus der Homosexuellen
-bisher nicht ermitteln können.
-
-Die Homosexualität in Badeanstalten ist in Berlin bei weitem nicht so
-verbreitet, wie in anderen Großstädten, namentlich in St. Petersburg
-und Wien. In der österreichischen Hauptstadt befindet sich ein Bad, das
-durch den ganz außerordentlich starken Zusammenfluß von Homosexuellen
-an bestimmten Tagen, zu gewissen Stunden einzig dastehen dürfte. In
-Berlin weiß ich von vier mittelgroßen Badeanstalten, die nur von
-homosexueller Kundschaft leben. Auch einige Schwimmbassins sind zu
-bestimmten Tageszeiten Treffpunkte der Homosexuellen.
-
-Vielfach sind in diesen Anstalten, ebenso wie in den Restaurationen
-und Hotels, der Besitzer oder ein Angestellter homosexuell. Dieselben
-sind ursprünglich meist nicht in der Absicht gegründet, urnische
-Bekanntschaften zu vermitteln oder gar der Unzucht Vorschub zu leisten
-(im Sinne des § 180 R.-St.-G.-B.), vielmehr hat es sich allmählich
-herumgesprochen, daß der Eigentümer oder der Oberkellner oder ein
-Masseur „so“ ist, worauf sich dann viele Urninge dorthin ziehen, weil
-sie sich dort ungenierter fühlen.
-
-Die Besitzer sind sich oft gewiß nicht darüber klar, daß sie dabei
-Gefahr laufen, mit dem Kuppeleiparagraphen des Strafgesetzbuches in
-Konflikt zu geraten. Vor kurzem erregte ein Prozeß wegen homosexueller
-Kuppelei ziemliches Aufsehen, der gegen einen alten Uranier
-angestrengt wurde, welcher mit einem Freunde im Westen der Stadt ein
-Pensions-Hotel führte, das überwiegend von homosexuellen Damen und
-Herren aufgesucht wurde. Trotzdem die Angeklagten -- meines Erachtens
-nicht mit Unrecht -- darauf hinwiesen, daß sie keine höheren Preise
-forderten und erhielten, wie sie in ähnlichen Etablissements üblich
-sind, ferner, daß sie sich nicht befugt hielten, zu kontrollieren, was
-ihre Gäste, zu denen ein vielgenannter Reichstagsabgeordneter gehörte,
-auf ihren Zimmern mit ihren Besuchern täten, wurden beide zu einer
-Gefängnisstrafe von einem Monat verurteilt.
-
-Einer wieviel größeren Gefahr setzen sich die Hotelwirte aus, bei
-denen sich für wenige Stunden die männlichen Prostituierten mit ihren
-Herren einfinden, sowie die urnischen Absteigequartiere, deren es
-in Berlin eine ganze Anzahl geben soll. Diese Quartiere sind eine
-unmittelbare Folge der durch den § 175 geschaffenen Verhältnisse. Sie
-werden besonders von Uraniern vornehmer Gesellschaftskreise, auch viel
-von uranischen Offizieren auswärtiger Garnisonen benutzt, die sich aus
-wohlbegründeter Furcht, Erpressern, Verbrechern oder Verrätern in die
-Hände zu fallen, an diese Vertrauenspersonen wenden, die ihnen etwas
-„ganz Sicheres“ besorgen sollen.
-
-In Brüssel wurde in diesem Sommer ein Schuhmacher mit seiner Frau
-verhaftet, bei dem man zahlreiche Albums mit Photographieen vorfand,
-die den Nachfragenden zur Auswahl vorgelegt wurden. Ähnliches kommt
-auch in Berlin vor. Wie mir verbürgt mitgeteilt wurde, gibt es
-Vermittler, bei denen sich Herren mündlich und schriftlich, ja sogar
-telegraphisch Personen unter Angabe aller möglichen fetischistischen
-Liebhabereien bestellen, einen Kürassier mit weißen Hosen und hohen
-Stiefeln, Männer in Frauen- und Frauen in Männerkleidern, einen
-Bierkutscher, einen Steinträger in Arbeitsanzug, ja sogar einen
-Schornsteinfeger. Fast alle finden dann zu der bestimmten Stunde
-das Erbetene vor. Auch für urnische Damen existieren ähnliche
-Vermittelungslokale.
-
-Unbewußt leistet auch die Berliner Tagespresse den Urningen
-umfangreiche Mittlerdienste. In manchen Blättern findet man fast
-täglich mehrere Inserate, die homosexuellen Zwecken dienen, wie „junge
-Frau sucht Freundin“, „junger Mann sucht Freund“. Ich gebe hier einige
-Beispiele derartiger Annoncen wieder, die innerhalb kurzer Zeit
-Berliner Zeitungen verschiedenster Parteirichtung entnommen wurden.
-
-Wie mir mehrfach versichert wurde, werden diese Inserate von denen, für
-die sie berechnet sind, sehr wohl verstanden.
-
- =Älterer Herr=, kein Damenfreund, sucht Bekanntschaft mit
- Gleichgesinnten. Zuschr. erb. unt. _=S.O.=_ 2099 an die
- Exped. d. Bl.
-
- * * * * *
-
- =Älterer= Junggeselle wünscht gleichgesinnten „Anschluß“,
- Morgenpost Bülowstraße.
-
- * * * * *
-
- =Herr=, 23, sucht Freund. Zuschriften unter „Sokrates“ an
- Hauptexpedition Kochstraße erbeten.
-
- * * * * *
-
- Junggeselle, gut. Ges., sucht freundschaftl. Verkehr m.
- led. gleichges. Herrn in ält. Jahr. Off. =_A. B._= 11
- Postamt 76.
-
- * * * * *
-
- =Jung. geb. Mann, 29 Jahr, sucht freundschaftl. Verkehr m.
- energisch herrischem, gut situiertem Herrn. Briefe erb.
- unt. _T. L. W._ Expedit. d. Blattes.=
-
-Wir haben bereits wiederholt die männliche Prostitution erwähnen müssen
-und dürfen diese gewiß beklagenswerte Erscheinung nicht übergehen,
-wenn wir eine einigermaßen vollständige Schilderung der vielseitigen
-Gestaltungsformen geben wollen, in denen uns das urnische Leben Berlins
-entgegentritt.
-
- =Fräulein=, anständ., 24 Jahre, sucht hübsches Fräulein als
- Freundin. Offerten unt. Nr. 3654 an die Exped. erbeten.
-
- * * * * *
-
- =Dame=, 36, wünscht freundschaftlichen Verkehr. Postamt 16,
- „Plato“.
-
- * * * * *
-
- =Herzensfreundin=, nette, sucht geistvolle, lebenslustige
- Dame, 23. Psyche, Postamt 69.
-
- * * * * *
-
- =Suche gebild. Freundin, Anfang 30, am liebsten Blondine.
- Off. u. _H. R._ 1622 Exp. d. Bl.=
-
- * * * * *
-
- =Schneiderin=, 22, wünscht „Freundin“, Postamt 33.
-
-Wie jede Großstadt, hat auch Berlin neben der weiblichen eine männliche
-Prostitution. Beide sind eng verwandt durch Abstammung, Wesen,
-Ursachen und Folgen. Hier wie dort kommen stets zwei Gründe zusammen,
-von denen bald der eine, bald der andere den Ausschlag gibt: innere
-Anlagen und äußere Verhältnisse. In denjenigen, die der Prostitution
-anheimfallen, ruhen von Jugend an bestimmte Eigentümlichkeiten, unter
-welchen ein mit dem Hang zur Bequemlichkeit verbundener Drang zum
-Wohlleben am deutlichsten hervortritt. Sind bei diesen Eigenschaften
-die äußeren Verhältnisse günstig, sind namentlich die Eltern vermögend,
-so verfallen die jungen Leute nicht der Prostitution; tritt aber
-häusliches Elend hinzu, kümmerlicher Lebensunterhalt, Arbeits- und
-Stellungslosigkeit, Mangel an Unterkommen und womöglich die größte
-aller Sorgen, der Hunger, dann halten wohl von Natur aus stabile, in
-sich gefestigte Charaktere stand, die labilen aber suchen die nie
-fehlende Versuchung, sie erliegen und verkaufen sich, trotz der Tränen
-der Mutter.
-
-Es gibt Menschenfreunde, die die Besserung von der Freiheit des Willens
-und andere, die sie vom Zwang der Verhältnisse erwarten; nach Erziehung
-und Religion verlangen die einen, nach dem Zukunftsstaat die anderen.
-Beide sind zu optimistisch. Wer helfen will, muß innen und außen
-ansetzen, die Verhältnisse zu bessern trachten, daß kein Mädchen und
-kein Jüngling es nötig hat sich zu verkaufen, und die Personen bessern
-unter besonderer Rücksicht der Vererbungsgesetze, daß niemand die
-Neigung verspürt, sich als Ware feilzubieten.
-
-Ihr sagt, das ist nicht zu erreichen, ich aber meine, nur was man
-aufgibt, ist verloren.
-
-Das Arbeitsfeld der Prostitution ist die Straße; bestimmte Gegenden und
-Plätze, die sogenannten „Striche“. Ein Homosexueller zeigte mir einmal
-einen Plan von Berlin, auf dem er diese mit blauen „Strichen“ versehen
-hatte; die Zahl der so bezeichneten Stellen war keine geringe.
-
-Seit alters spielt auf diesem Gebiete der Tiergarten in einigen seiner
-Partieen eine besondere Rolle. Es gibt wohl keinen zweiten Wald, der so
-mit Menschenschicksalen verwoben ist, wie dieser über 1000 Morgen große
-Park.
-
-Nicht seine landschaftlichen Schönheiten, nicht der künstlerische
-Schmuck, der Menschen Leben, Lieben und Leiden verleihen ihm seine
-Bedeutung. Vom frühen Morgen, wenn die Begüterten auf den Reitwegen
-ihr Herz entfetten, bis zum Mittag, wenn der Kaiser seine Spazierfahrt
-unternimmt, vom Frühnachmittag, wenn im Parke tausend Kinder spielen,
-bis zum Spätnachmittag, wenn sich das Bürgertum ergeht, hat jeder
-Weg zu jeder Jahreszeit und jeder Stunde sein eigenes Gepräge. Hätte
-Emile Zola in Berlin gelebt, ich zweifle nicht, daß er diesen Forst
-durchforscht und von dem, was er wahrgenommen, ein Werk von der Wucht
-Germinals geschaffen hätte.
-
-Wenn es aber Abend wird und sich anderen Welten die Sonne neigt, mischt
-sich mit dem Hauch der Dämmerung ein Hauch, der suchend und sehnend
-aufsteigt aus Millionen irdischer Wesen, ein Teil des Welt=geistes=,
-den manche den Geist der Unzucht nennen, und der doch in Wahrheit nur
-ein Bruchstück der großen gewaltigen Triebkraft ist, die, so hoch wie
-Nichts und so niedrig wie Nichts, unablässig gestaltet, waltet, bildet
-und formt.
-
-Überall treffen sich an den Kreuzwegen des Tiergartens verabredete
-Paare, man sieht, wie sie sich entgegeneilen, sich freudig begrüßen und
-aneinander geschmiegt im Gespräch der Zukunft entgegenschreiten, man
-steht sie sich auf noch freien Bänken niederlassen und schweigend sich
-umarmen und neben der hohen, der unveräußerlichen geht die niedere,
-käufliche Liebe einher.
-
-Auf drei weit auseinander gelegenen Wegen halten sich Weiber,
-auf zweien Männer feil. Während in der Stadt die weibliche und
-männliche Prostitution durcheinander flutet, hat hier jede ihren
-„Strich“ für sich, von den männlichen ist der eine allabendlich
-fast nur von Kavalleristen erfüllt, deren Säbel in der Finsterniß
-seltsam aufblitzen, während der andere, eine ziemlich lange Strecke,
-größtenteils von den verwegenen Burschen eingenommen wird, die sich
-im Berliner Volkston mit Vorliebe selbst „keß und jemeene“ nennen.
-Hier ist eine jener alten halbrunden Tiergartenbänke, auf der in den
-Stunden vor Mitternacht an dreißig Prostituierte und Obdachlose dicht
-nebeneinander sitzen, manche sind fest eingeschlafen, andere johlen und
-kreischen. Sie nennen diese Bank die „Kunstausstellung.“ Dann und wann
-kommt ein Mann, steckt ein Wachsstreichholz an und leuchtet die Reihe
-ab.
-
-Nicht selten tönt in das Juchzen der Jungen ein greller Schrei, der
-Hilferuf eines im Walde Beraubten oder Gemißhandelten, oder ein kurzer
-Knall schallt in die von den entfernten Zelten in vereinzelten Stößen
-herüberdringende Musik -- er kündet von einem, der sein Leben verneinte.
-
-Und wer Originale sucht, von denen sehr zu Unrecht behauptet wird, sie
-seien in der Großstadt ausgestorben, im Tiergarten sind sie reichlich
-zu finden. Seht Ihr die Alte dort mit den vier Hunden am Neuen See?
-Seit vierzig Jahren macht sie mit kurzer Sommerunterbrechung zu
-derselben Stunde denselben Spaziergang, nie von Menschen begleitet, von
-jener Zeit ab, da ihr am Hochzeitstage zwischen der standesamtlichen
-und kirchlichen Trauung der Mann am Blutsturz verschied; seht Ihr
-dort die ausgedörrte, gekrümmte Gestalt im struppigen Graubart? Das
-ist ein russischer Baron, der erspäht sich abends eine einsame Bank,
-dort läßt er sich nieder und schreit „rab, rab, rab“, ähnlich wie ein
-Rabe krächzt; aus unsichtbaren Wegen tauchen auf diesen Lockruf einige
-„kesse Schieber“ hervor, es sind seine Freunde, unter denen er die
-„Platten“, gewöhnlich drei bis fünf Mark, verteilt, die ihm von seinem
-Tageszins geblieben sind.
-
-Die männlichen Prostituierten zerfallen in zwei Gruppen, in solche,
-die normalgeschlechtlich und in solche, die „echt“, d. h. selbst
-homosexuell sind. Letztere sind zum Teil stark feminin, und einige
-gehen auch gelegentlich in Weiberkleidern aus, was jedoch in den
-Kreisen der weiblichen Prostituierten übel vermerkt wird. Es ist dies
-zwischen beiden fast der einzige _casus belli_, denn die Erfahrung
-hat sie gelehrt, daß sie ohne diese Vorspiegelung falscher Tatsachen
-einander nicht die Kundschaft fortnehmen. Eine ziemlich gebildete
-Prostituierte, die ich einmal nach einer Erklärung des guten
-Einvernehmens zwischen den weiblichen und männlichen Prostituierten
-fragte, antwortete mir: „Wir wissen doch, daß jeder „Freier“ nach
-seiner Façon selig werden will.“
-
-Unter den Berliner Prostituierten kommen vielfach eigentümliche
-Paarungen vor. So tun sich normale männliche Prostituierte, die
-sogenannten Pupenluden, nicht selten mit normalen weiblichen
-Prostituierten zu gemeinsamer „Arbeit“ zusammen, auch von zwei
-Geschwisterpaaren ist mir berichtet, von denen sowohl die Schwester
-wie der Bruder diesem erniedrigenden Gewerbe obliegen; sehr häufig
-leben zwei weibliche und nicht selten auch zwei männliche Prostituierte
-zusammen, und endlich kommt es auch vor, daß sich homosexuelle
-weibliche Prostituierte mit homosexuellen männlichen Prostituierten
-als Zuhältern verbinden, die sie für weniger brutal halten, als ihre
-heterosexuellen Kollegen.
-
-Bekannt ist es, daß es unter den weiblichen Prostituierten eine große
-Anzahl homosexueller gibt, man schätzt sie auf 20%. Mancher wundert
-sich über diesen scheinbaren Widerspruch in sich, da doch das käufliche
-Dirnentum vor allem der sexuellen Befriedigung des Mannes dient.
-Vielfach meint man, es liege hier eine Übersättigung vor, das ist aber
-in Wirklichkeit nicht der Fall, denn es läßt sich nachweisen, daß
-diese Mädchen gewöhnlich schon homosexuell empfanden, ehe sie sich der
-Prostitution ergaben, und es beweist die Tatsache ihrer Homosexualität
-eigentlich nur, daß sie den Verkauf ihres Körpers lediglich als ein
-Geschäft betrachten, dem sie mit kühler Berechnung gegenüberstehen.
-
-Merkwürdig ist das Verhältnis der sich liebenden Prostituierten
-untereinander. Bis in diese Kreise ist das System der doppelten Moral
-gedrungen. Denn während der männliche, aktive Teil, der „Vater“
-sich frei fühlt und sich auch außerhalb seines gemeinschaftlichen
-Schlafgemachs weiblichen Verkehr gestattet, verlangt er von der
-weiblich passiven Partnerin in Bezug auf homosexuellen Umgang die
-vollkommenste Treue. Bei entdecktem Treubruch setzt sich sein
-Verhältnis den schwersten Mißhandlungen aus, es kommt sogar vor,
-daß der männliche Teil dem weiblichen während der Zeit ihres
-Liebesbündnisses verbietet, ihrem Gewerbe nachzugehen.
-
-Die weibliche Straßenprostitution Berlins unterhält auch vielfach
-Beziehungen mit urnischen Frauen besserer Gesellschaftskreise, ja
-sie scheut sich nicht, Frauen, die ihr homosexuell erscheinen, auf
-der Straße Anerbietungen zu machen. Dabei ist zu bemerken, daß die
-Preise für Frauen durchgängig geringere sind, ja, daß in vielen Fällen
-jede Bezahlung abgewiesen wird. Mir berichtete eine junge Dame, die
-allerdings einen sehr homosexuellen Eindruck macht, daß ihr auf der
-Straße Prostituierte Angebote von 20 Mark und mehr gemacht hätten.
-
-Sowohl die weibliche, wie die männliche Prostitution bedrohen durch ihr
-böses Beispiel nicht nur die öffentliche Sittlichkeit, nicht nur die
-öffentliche Gesundheit -- denn es ist durchaus nicht selten, daß auch
-durch männliche Prostituierte ansteckende Krankheiten von der Skabies
-(Krätze) bis zur Syphilis übertragen werden -- sondern auch in hohem
-Maße die öffentliche Sicherheit.
-
-Prostitution und Verbrechertum gehen Hand in Hand; Diebstähle
-und Einbrüche, Erpressungen und Nötigungen, Fälschungen und
-Unterschlagungen, Gewalttätigkeiten jeder Art, kurz alle möglichen
-Verbrechen wider die Person und das Eigentum sind bei dem größten
-Teile der männlichen Prostituierten an der Tagesordnung, und
-besonders gefährlich ist es, daß diese Delikte von den verängstigten
-Homosexuellen in den meisten Fällen nicht zur Anzeige gebracht werden.
-
-Verfallen in Berlin unter einer uranischen Bevölkerung von 50000
-Seelen -- diese Zahl ist sicherlich nicht zu hoch gegriffen -- im Jahr
-durchschnittlich 20 „dem Arm der Gerechtigkeit“, so fällt mindestens
-die hundertfache Zahl, nämlich 2000 im Jahr, den Erpressern in die
-Arme, welche, wie die Berliner Kriminalpolizei gewiß gern bestätigen
-wird, aus der Ausbeutung der homosexuellen Natur einen weitverbreiteten
-und recht einträglichen Spezialberuf gebildet haben.
-
-Die engen Beziehungen zwischen den Prostituierten und Verbrechern
-gehen auch daraus hervor, daß beide sich desselben Jargons -- der
-Verbrechersprache bedienen. Suchen sich „die Strichjungen“ ihre Opfer,
-so nennen sie das „sie gehen auf die Krampftour“, das Erpressen selbst
-in seinen verschiedenen Abstufungen nennen sie: „abkochen“, „brennen“,
-„hochnehmen“, „prellen“, „neppen“, „abbürsten“, „rupfen“ und „klemmen“;
-es sei hier übrigens bemerkt, daß es in Berlin auch Verbrecher gibt,
-die das Rupfen der männlichen Prostituierten als Spezialität betreiben,
-indem sie diese mit Anzeige wegen Päderastie oder Erpressung bedrohen.
-Die „schwule Bande“ teilen sie nach ihrer Zahlungsfähigkeit in „Tölen“,
-„Stubben“ und „Kavaliere“, das erbeutete Geld nennen sie „Asche“,
-„Draht“, „Dittchen“, „Kies“, „Klamotten“, „Mesumme“, „Meschinne“,
-„Monnaie“, „Moos“, „Pfund“, „Platten“, „Pulver“, „Zaster“, „Zimmt“, das
-Goldgeld: „stumme Monarchen“, Geld haben heißt „in Form sein“, keins
-haben „tot sein“, kommt ihnen etwas in die Quere, so sagen sie „die
-Tour sei ihnen vermasselt“, fortlaufen heißt „türmen“, sterben „kapores
-gehen“, werden sie von den „Greifern“, d. h. den Kriminalbeamten
-oder den Blauen -- das sind die Schutzleute, abgefaßt, so nennen
-sie das „hochgehen“, „auffliegen“, „alle werden“, „krachen gehen“
-oder „verschütt gehen“. Dann kommen sie erst auf die „Polente“, das
-Polizeibureau, darauf ins „Kittchen“, das Untersuchungsgefängnis, um
-dann, wie sie sich euphemistisch ausdrücken, in einen „Berliner Vorort“
-zu ziehen, darunter verstehen sie Tegel, Plötzensee und Rummelsburg,
-die Sitze der Strafgefängnisse und des Arbeitshauses. Nur sehr selten
-verlassen sie diese gebessert: Wohlhabende Urninge geben sich oft große
-Mühe, Prostituierte von der Straße zu retten, doch gelingt auch dieses
-nur in sehr vereinzelten Fällen. Viele „zehren“, wenn sie älter werden,
-„von Erinnerungen“, indem sie ihnen als homosexuell bekannte Personen,
-die ihren Standort kreuzen, um kleine Geldbeträge „anbohren“, was sie
-als „Zinseneinholen“ oder „tirachen“ bezeichnen.
-
-Gewöhnlich hat diese gefährliche Menschenklasse einen guten Blick
-dafür, wer homosexuell veranlagt ist, doch kommt es auch sehr häufig
-vor, daß sie völlig normalsexuelle Personen bedrohen und beschuldigen.
-Ich gebe als Beispiel einen Fall, wie ich ihn vor einiger Zeit in
-folgendem Schreiben geschildert erhielt:
-
- „Im vorigen Herbst traf ich auf der Durchreise nach dem
- Süden mit dem Abendzuge in Berlin ein und nahm für eine
- Nacht Quartier in der Nähe des Zentralbahnhofes, um am
- andern Morgen weiter zu reisen. Den milden freundlichen
- Abend wollte ich zu einem Spaziergange benutzen.
-
- Beim Verlassen der Passage sah ich eine Anzahl junger
- Burschen zusammenstehen, von denen der eine, etwa 20 Jahre
- alt, ein Schnupftuch laut wimmernd an die Backe preßte.
- Unwillkührlich faßte ich ihn deshalb schärfer ins Auge,
- als man es sonst tut, drehte mich auch noch einmal in
- meinem Mitleid nach ihm um, als ich in die Mittelallee der
- Linden einbog, um auf das Brandenburger Tor zuzugehen, in
- der Absicht, das mir bis dahin unbekannte Bismarckdenkmal
- noch flüchtig zu besichtigen. Nach kurzer Zeit sah ich
- denselben jungen Mann, nunmehr allein, das Tuch noch
- immer an die Backe gepreßt, mir vorausgehen und dann an
- einer Litfaßsäule in der Nahe des Tores stehen bleiben.
- Ich dachte mir nichts besonderes dabei und ging weiter.
- Da trat er an mich heran und bat um ein Almosen, indem er
- mir mit verschleierter, winselnder Stimme und flehentlich
- bittend, ich solle ihn nicht der Polizei verraten, einen
- langen Roman vortrug: er sei aus dem Osten, der Bromberger
- Gegend, hergekommen, habe keine Arbeit gefunden, sei
- jetzt ganz mittellos und habe seine Effekten für 16
- Mark versetzt; sobald er soviel zusammenhabe, um diese
- einlösen zu können, wolle er in die Heimat zurück. Wir
- waren inzwischen an die Bedürfnisanstalt, rechts vor dem
- Tore, gekommen; ich gab ihm 50 Pfennige mit dem Bemerken,
- er solle sich durch Arbeit so viel verdienen, um seine
- Effekten auslösen zu können, ich sei hier selber fremd und
- nur auf der Durchreise; jetzt solle er seiner Wege gehen.
- Ich trat dann in die Anstalt ein und hörte wohl, daß hinter
- mir noch jemand eintrat, achtete aber nicht weiter darauf.
- Als ich mich nun auf der anderen Seite entfernen wollte,
- um den Weg nach dem Bismarckdenkmal einzuschlagen, sah ich
- meinen Burschen grinsend und ohne Tuch mir den Weg verlegen
- mit den Worten: „Wenn Sie mir jetzt nicht 16 Mark geben,
- zeige ich Sie an, dann kommen Sie ins Loch.“ Zugleich
- sagte er zu meinem namenlosen Erstaunen: „Ick zeige Ihnen
- an, Sie Hallunke, wat Sie in Ihrer Wollüstigkeit mit
- mir gemacht haben. Zahlen Sie 16 Mark, oder ick schrei,
- det janz Berlin zusammenläuft.“ -- Ich bemerke, daß ich
- 58 Jahre alt, längst mehrfacher Großvater bin und einer
- höheren Beamtenklasse angehöre. Wenn nicht mein Ruf, so
- stand doch die Fortsetzung meiner Reise auf dem Spiel,
- wenn ich in eine, noch dazu so ekelhafte, Untersuchung
- verwickelt wurde. Ich trat daher schnell an den Rand der
- Charlottenburger Chaussee und winkte eine leere Droschke
- heran, bis dahin immerfort von den unflätigen Reden des
- Burschen verfolgt. Ehe noch die Droschke hielt, schrie der
- Chanteur -- jetzt mit völlig veränderter Stimme --: „Solch'
- alter Hund, warte nur, Du sollst brummen.“ Zugleich machte
- er Miene, vor mir in die Droschke einzusteigen. Es blieben
- bereits einige Passanten stehen, einen Schutzmann aber
- konnte ich nicht entdecken. Da griff ich in die Tasche,
- hielt ihm ein Zehnmarkstück hin und warf es aufs Pflaster,
- so daß er ziemlich weit laufen mußte, um es aufzuheben.
- Diesen Moment benutzte ich, sprang in die Droschke
- und trieb den Kutscher zur Eile an, indem ich ihm den
- Zentralbahnhof als Ziel angab. Auf die Frage des Kutschers
- nach dem Zusammenhange der Dinge sagte ich ihm, der Mensch
- sei offenbar betrunken gewesen und habe von mir Geld
- verlangt, worauf dieser mir gutmütig entgegnete: „Ja, ja,
- det is hier eene Jaljenbande. Sie hatten det Aas man den
- Nickel nich jeben sollen.“ Er ahnte nicht, daß es zehn Mark
- gewesen waren. Ich verzichtete nun auf das Bismarckdenkmal
- und andere Sehenswürdigkeiten Berlins, legte mich ins
- Bett, schlief garnicht, und fuhr in aller Frühe dem Süden
- zu. Seitdem bin ich mehrfach in Berlin gewesen, habe mich
- aber wohl gehütet, Jünglinge mit oder ohne Schnupftuch
- an der Backe aus Mitleid ins Auge zu fassen. Mir ist es
- nicht zweifelhaft, daß dieses ostentative Drücken des
- Schnupftuches an die Backe ein Chanteurkniff war, um die
- Aufmerksamkeit der Passanten zu erregen und unter diesen
- sich alsdann eine geeignete Persönlichkeit für seine
- Chantage auszusuchen, so einen Gutmütigen aus der Provinz,
- wie ich einer war. --
-
- Sicher ist es hohe Zeit -- so schließt der Berichterstatter
- -- diesem Verbrechertum durch Aufhebung des § 175 ein Ende
- zu bereiten.“
-
-Ich greife noch einen zweiten typischen Fall heraus, über den die
-Norddeutsche Allgemeine Zeitung vom 11. Nov. 1904 berichtet:
-
- th. Der 10. Strafkammer des Landgerichts I lag gestern
- wieder ein Fall vor, in dem ein verkommener Mensch den
- § 175 St. G. B. zu =Erpressungsversuchen= benutzt hat.
- Der übel beleumundete Arbeiter Karl R. hat einen Herrn,
- der im Leben nichts mit ihm zu tun gehabt hat, fort und
- fort mit Briefen bombardiert, in denen unter Hinweisen
- auf § 175 allerlei aus der Luft gegriffene Behauptungen
- aufgestellt wurden und als Refrain der Versuch, Geld zu
- erlangen, deutlich durchblickte. Der Adressat hat diese
- Erpresserbriefe zunächst unberücksichtigt gelassen, da
- er mit einer so schmutzigen Sache in gar keine Berührung
- kommen wollte. Als aber durch diese Briefe fortgesetzt
- Beunruhigung in seine Familie getragen wurde, erstattete er
- Anzeige. Der Gerichtshof verurteilte den Angeklagten zu 3
- Jahren Gefängnis.
-
-Schließlich noch aus vielen einen dritten Fall, der ebenfalls in
-mehr als einer Richtung bezeichnend ist. Ein Homosexueller war einem
-Prostituierten in seine Wohnung gefolgt; dort angelangt, sagte der
-letztere mit eisiger Ruhe: „Ich bin Staudenemil (Staude heißt Hemd),
-ein bekannter Erpresser, gib Dein Portemonnaie.“ Nachdem er dieses
-erhalten, zog er seinen Rock aus, streifte die Hemdsärmel hoch, so daß
-die mit obscönen Tätowierungen bedeckten Unterarme sichtbar wurden,
-schleppte dann den Homosexuellen am Kragen an das Fenster seiner im
-vierten Stockwerk gelegenen Wohnung und drohte ihn herunterzustürzen,
-wenn er nicht alle Wertgegenstände herausgäbe, die er bei sich führe.
-Als er sich überzeugte, daß er nichts mehr hatte, fragte er ihn,
-wieviel Geld er zur Rückfahrt brauche, „schenkte“ ihm für dieselbe 50
-Pfennig und „nun“ -- so fuhr er fort -- „kommst Du mit und saufst mit
-mir Knallblech (Champagner), jetzt bist Du mein Gast.“ Wirklich ließ er
-nicht locker, bis der Homosexuelle einen großen Teil dessen, was er von
-ihm „geerbt“, mit ihm „verschmort“ hatte.
-
-Wie kommt es, daß diese gefährlichen Subjekte so selten angezeigt
-werden? Der Homosexuelle und auch die meisten Normalsexuellen scheuen
-den Skandal, sie wissen, daß, wenn sie eine Anzeige erstatten, der
-Beschuldigte sofort teils aus Rache, teils zu seiner Rechtfertigung
-eine Gegenanzeige auf Grund des § 175 erstattet, und wenn auch die
-wohlunterrichtete Berliner Kriminalbehörde seit der einsichtsvollen
-Amtsführung des verstorbenen verdienten Kriminaldirektors von
-Meerscheidt-Hüllessem, dem die Urninge der Hauptstadt zu größtem Dank
-verpflichtet sind, auf die Aussagen der Erpresser und Diebe, sowie
-der Prostituierten im allgemeinen nichts gibt, so zeigen sich die
-Staatsanwälte und Richter oft weit weniger orientiert. Es ereignet sich
-oft genug, daß der Erpresser zwar bestraft, sein Opfer aber auch aufs
-schwerste kompromittiert, benachteiligt, in seiner Stellung vernichtet
-wird. Ich erinnere nur an den in Berlin abgeurteilten Chantagefall
-Aßmann und Genossen, dessen Opfer der unglückliche Graf H., Großvetter
-unseres Kaisers, war. Ja, ich habe Fälle erlebt, in denen die
-Staatsanwaltschaft auf die Aussage derartiger Individuen die Anklage
-erhoben hat. Ein Fall ist mir namentlich im Gedächtnis geblieben.
-
-Ein alter, homosexueller Herr hatte einen Mann, dessen Bild sich
-im Berliner Verbrecheralbum befand, wegen Diebstahl angezeigt. Der
-wiederholt vorbestrafte Dieb machte eine Gegenanzeige, er sei von
-seinem Ankläger im Schlaf vergewaltigt worden. Unglaublicherweise
-schenkte das Gericht dieser Angabe Glauben, vereidigte diesen Zeugen
-und verurteilte den Homosexuellen, der bereits zweimal aus § 175
-vorbestraft war, zu einem Jahr Gefängnis. Ich war als Sachverständiger
-geladen und werde es nie vergessen, wie der alte Mann -- ein Hüne
-von Gestalt -- bei dem ihm völlig unerwarteten Urteilsspruch in
-sich zusammensank, dann sich aufbäumte und mit entsetzlichem,
-gellenden Aufschrei seinen Richtern das eine Wort. „Justizmörder“
-entgegenschleuderte.
-
-Gewiß sind dies Ausnahmefälle, gewiß haben es die Homosexuellen, wie
-mir einmal ein hoher Staatsbeamter entgegenhielt und wie es ja auch
-aus meinen Schilderungen hervorgeht, in Berlin „bereits ganz gut“.
-Darin liegt ja aber ein Beweis mehr für die Unhaltbarkeit eines
-Gesetzes, das, wie sich kürzlich ein Urning ausdrückte, „nicht die Tat,
-sondern das Pech“ bestraft. Ich wies bereits darauf hin, daß, wenn
-man den überaus diskreten Charakter der in Frage kommenden Handlungen
-berücksichtigt und in Betracht zieht, daß die beiden Täter, ohne die
-Rechte Dritter anzutasten, die Tat unter sich und an sich vornehmen,
-nur ganz ungewöhnliche Nebenumstände in verschwindend seltenen
-Ausnahmefällen ein Bekanntwerden ermöglichen können.
-
-Und trotzdem -- würden die Kriminalbehörden -- auf der von
-Meerscheidt-Hüllessem eingerichteten „Berliner Päderastenliste“ stehen
-mehrere tausend Namen -- gegen die Homosexuellen so vorgehen, wie sie
-gegen wirkliche Verbrecher vorgehen, es würde sich in sehr kurzer
-Zeit die völlig Undurchführbarkeit der bestehenden Strafbestimmungen
-ergeben; dasselbe würde der Fall sein, wenn entsprechend der Kölner
-Resolution der evangelischen Sittlichkeitsvereine, die „wirklich
-krankhaft Geborenen“ unter den Homosexuellen in Heilanstalten
-untergebracht werden würden. Ich betone, um keinen Irrtum aufkommen zu
-lassen, hier nochmals, daß es sich bei den Forderungen zu Gunsten der
-Homosexuellen lediglich um das handelt, =was erwachsene Personen in
-freier Übereinstimmung unter einander vornehmen=; daß vor denen, die
-Rechte Dritter verletzen, die sich an Minderjährigen vergreifen, die
-Gewalt anwenden, daß vor den Sternbergen und Dippolden die Gesellschaft
-geschützt werden muß, ist selbstverständlich.
-
-Vor einiger Zeit äußerte sich in einer Berliner Lehrerzeitung[3]
-ein Lehrer, daß man in Anbetracht der wissenschaftlichen
-Forschungsergebnisse sich wohl oder übel mit der Frage beschäftigen
-müsse, wie die Homosexuellen „auf eine den Zwecken der Gesellschaft
-fördersame Art“ in dieselbe einzureihen wären.
-
-Ist denn diese Frage nicht längst gelöst?
-
-Wo ist in Berlin ein Kunstfreund, der sich nicht an der
-Darstellungskunst einer urnischen Tragödin, wo ein Musikfreund, der
-sich nicht am Gesange eines urnischen Liedersängers erfreut hätte!
-
-Bist Du denn sicher, ob nicht der Koch, der Deine Speisen bereitet,
-der Friseur, der Dich bedient, ob nicht der Damenschneider, der Deiner
-Frau Kleider fertigt, und der Blumenhändler, der Deine Wohnung ziert,
-urnisch empfinden?
-
-Vertiefe Dich in die Meisterwerke der Weltliteratur, durchmustere die
-Helden der Geschichte, wandele in den Spuren großer einsamer Denker,
-immer wirst Du von Zeit zu Zeit auf Homosexuelle stoßen, die Dir teuer
-sind und die groß waren trotz -- manche behaupten sogar durch -- ihre
-Sonderart.
-
-Ja weißt Du gewiß, ob unter denen, die Dir am nächsten stehen, die Du
-am zärtlichsten liebst, am meisten verehrst, ob nicht unter Deinen
-besten Freunden, Deinen Schwestern und Brüdern ein Urning ist?
-
-Kein Vater, keine Mutter kann sagen, ob nicht eines ihrer Kinder dem
-urnischen Geschlechte angehören wird.
-
-Ich könnte auch hier viele Beispiele anführen, will mich jedoch auf
-die Wiedergabe zweier Briefe beschränken, von denen der eine von einem
-Vater, der andere von einer Mutter stammt.
-
-Von den 750 Direktoren und Lehrern höherer Lehranstalten, die im
-Jahre 1904 neben 2800 deutschen Ärzten die Petition an den Reichstag
-unterschrieben, welche die Aufhebung des Urningsparagraphen fordert,
-schrieb ein Berliner Pädagoge, „daß er noch bis vor kurzem, unbekannt
-mit der in Rede stehenden Materie, an die Notwendigkeit des § 175
-geglaubt hätte; erst nach dem Tode eines edlen, für das Schöne, Wahre
-und Gute begeisterten Jünglings, dem die Entdeckung konträrsexueller
-Neigungen den Revolver in die Hand drückte, -- seines Sohnes -- seien
-ihm die Augen übergegangen und aufgegangen.“ „Ein schwergebeugter
-Vater“, schließt er, „dankt dem wissenschaftlich-humanitären Komitee[4]
-für sein menschenfreundliches Wirken.“
-
-Und eine Mutter schreibt:
-
- Hochgeehrter Herr!
-
- In Anbetracht Ihrer Absicht, durch die Geburt und weiter
- durch den § 175 des St. G. B. unglücklich gewordenen
- Menschen helfen zu wollen, erlaube ich mir, folgende Fragen
- an Sie zu richten, von deren Beantwortung das Wohl und Wehe
- zweier Menschen abhängt: „Ist Hoffnung vorhanden, daß der
- genannte Paragraph im Laufe dieses Winters im Reichstag
- zur Lesung gelangt und glauben Sie an die Möglichkeit
- der Aufhebung dieses Gesetzes? Ein mir sehr nahe
- stehender Verwandter[5] gehört zu diesen Unglücklichen.
- Er ist ein hochbegabter junger Mann, der sich durch
- seinen rechtschaffenen, braven Charakter, durch seinen
- sittenreinen Lebenswandel die Achtung seiner Mitbürger,
- insbesondere seiner Kollegen und Vorgesetzten in hohem
- Grade erworben hatte. Durch seine bedeutenden Kenntnisse
- verschaffte er sich bald eine gesicherte, einträgliche
- Stellung, bis sich ihm das Verhängnis nahte in Gestalt der
- abscheulichsten Erpresser. Leider war er schwach genug,
- einmal der Verführung zu folgen. Nachdem er Tausende
- geopfert, und seine Gesundheit durch die fortwährende Angst
- und Sorge vor Entdeckung untergraben war, mußte er alles
- aufgeben, seine Heimat, Eltern und Existenz, um der Schande
- zu entgehen. Nach vielen Versuchen, sich ohne Heimatsschein
- in der Schweiz eine ähnliche Stellung zu erwerben wie
- bisher, aber ohne Erfolg, faßte er den Gedanken, nach
- Amerika auszuwandern. Dort wollte er sich durch eisernen
- Fleiß und solidestes Leben einen neuen, bis dahin ihm fern
- stehenden Beruf gründen und hat auch hierin schon Examina
- bestanden. Aber durch viele Widerwärtigkeiten verliert er
- den Mut und setzt seine größte Hoffnung auf die Aufhebung
- des bewußten Paragraphen. Seinen Vater hat inzwischen der
- Tod ereilt, ohne daß der einzige Sohn an sein Sterbelager
- eilen konnte, und die Mutter steht allein mit ihrem großen
- Herzeleid, mit der ewigen Sehnsucht nach ihrem braven
- unglücklichen Kinde, und ist oft der Verzweiflung nahe.
- Dieselbe würde Ihnen, hochgeehrter Herr, in unbegrenzter
- Dankbarkeit verbunden sein, wenn Sie ihr Hoffnung auf die
- Erfüllung dieses ihres größten Wunsches machen, oder in
- irgend einer Weise Rat erteilen könnten.“
-
-Dies der Brief einer Mutter. Wem kommen bei diesen und ähnlichen
-Begebenheiten nicht Goethes Worte in den Sinn. „Opfer fallen hier,
-weder Lamm noch Stier, aber Menschenopfer unerhört“.
-
- * * * * *
-
-Wir sind am Ende unserer Wanderung, und ich danke dem Leser, der mir
-diese weite Strecke gefolgt ist, welche über so viele dunkle Abgründe
-menschlichen Elends, wenn auch über manche Höhe führte. Ehe wir uns
-trennen, laß mich Dir noch zwei Geschehnisse aus der Vergangenheit und
-Gegenwart berichten und eine Frage daran knüpfen.
-
-Es war einmal ein Fürstbischof, Philipp, der residierte in der alten
-Stadt Würzburg am Main. Es war in der Zeit von 1623-1631. In diesen
-acht Jahren ließ der Bischof, wie uns die Chroniken rühmend berichten,
-900 Hexen verbrennen. Er tat es im Namen des Christentums, im Namen der
-Sittlichkeit, im Namen des Gesetzes und starb im Wahne, ein gutes Werk
-vollbracht zu haben.
-
-Wir aber, die wir wissen, daß es niemals Hexen gab, werden noch heute
-von tiefem Schauder erfaßt, gedenken wir dieser zu unrecht gerichteten
-Frauen und Mütter.
-
-In unserer guten Stadt Berlin leben zwei geistliche Herren, von denen
-der eine Philipps, der andere Runze heißt. Sie sagen, sie verkünden die
-Lehren des verehrungswürdigsten Meisters, der da die Worte zum Volke
-sprach: „Wer unter Euch frei von Schuld ist, der werfe den ersten Stein
-auf sie.“
-
-Wie ihre Vorgänger in den Lahmen Gezeichnete, in Geisteskranken
-Besessene und in den Seuchen Strafen des Himmels sahen, so sehen sie
-in den Homosexuellen Verbrecher und bezeichnen unseren Kampf für die
-Homosexuellen als „ruchlose Schamlosigkeit“ (Kreissynode II Berlin vom
-17. Mai 1904.)
-
-Sie wähnen ein ebenso gutes Werk zu tun, wie weiland Fürstbischof
-Philipp, wenn sie schwere Freiheitsstrafen für die Homosexuellen
-fordern.
-
-Nun prüfe, was ich Dir von den Berliner Urningen erzählte -- daß
-alles der Wahrheit entspricht, dafür stehe ich ein -- erwäge es mit
-Deinem Verstande und Deinem Herzen und entscheide, wo mehr Wahrheit,
-mehr Liebe, mehr Recht, ob bei jenen Männern der Kirche, die sich
-gewiß für sehr frei von Schuld halten, sonst würden sie schwerlich so
-viel Steine auf die Homosexuellen werfen, oder auf Seiten derer, die
-nicht wollen, daß sich die Opfer menschlichen Unverstandes noch hoher
-häufen, die entsprechend den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung
-und der Selbsterfahrung vieler tausend Personen wünschen, daß endlich
-Verkennungen und Verfolgungen aufhören, an welche die Menschheit ganz
-zweifellos einst mit ebenso tiefer Beschämung zurückdenken wird, wie an
-die Hexenprozesse Philipp's, des streitbaren Bischofs von Franken.
-
-
-
-
-FUSSNOTEN
-
-
-[1] Näcke, P., _Dr._ Ein Besuch bei den Homosexuellen in Berlin; mit
-Bemerkungen über Homosexualität. Archiv für Kriminalanthropologie und
-Kriminalistik. Band XV. 1904.
-
-[2] In Paris 1904 bei Albin Michet erschienen.
-
-[3] Pädagogische Zeitung 33. Jahrgang Nr. 33, Berlin, 18. August 1904,
-Leitartikel: Die Erziehung und das dritte Geschlecht von Paul Sommer.
-
-[4] Dieses 1897 begründete Komitee, Sitz Charlottenburg, Berlinerstraße
-104, hat sich die Befreiung der Homosexuellen zur Aufgabe gesetzt.
-
-[5] Anmerk. Wie die Dame in einem zweiten Schreiben mitteilt, ist
-dieser nahe Verwandte ihr Sohn. Von seinen Erpressern erhielt der Vater
-als Hauptanstifter 2 Jahre 9 Monate, dessen zwanzigjähriger Sohn, der
-„Freund“ des Geflüchteten, 1 Jahr 9 Monate Gefängnis.
-
- * * * * *
-
-
-Band 1-10 der Großstadt-Dokumente behandeln folgende Themata:
-
-
- =1. Dunkle Winkel in Berlin=
- von Hans Ostwald.
-
- =2. Die Berliner Bohème=
- von Julius Bab.
-
- =3. Berlins drittes Geschlecht=
- von _Dr._ Magnus Hirschfeld.
-
- =4. Berliner Tanzlokale=
- von Hans Ostwald.
-
- =5. Zuhältertum in Berlin=
- von Hans Ostwald.
-
- =6. Sekten und Sektierer in Berlin=
- von Eberhard Buchner.
-
- =7. Berliner Kaffeehäuser=
- von Hans Ostwald.
-
- =8. Berliner Banken und Geldverkehr=
- von Georg Bernhard.
-
- =9. Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung=
- von Albert Weidner.
-
- =10. Berliner Sport=
- von Arno Arndt.
-
-=Preis pro Band 1 Mark.=
-
- Von Hans Ostwald ist ferner in 2. Auflage erschienen
- =Berliner Nachtbilder.=
-
-Zu beziehen durch alle Buchhandlungen. Verlag von Hermann Seemann
-Nachfolger, Berlin SW., Tempelhofer Ufer 29.
-
- Alle Rechte vom Verleger vorbehalten.
- Druck von J. Harrwitz Nachfolger,
- G.m.b.H., Berlin SW., Friedrichstr. 16.
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Berlins Drittes Geschlecht, by Magnus Hirschfeld
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BERLINS DRITTES GESCHLECHT ***
-
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-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
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-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
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-
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit http://pglaf.org
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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