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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-04 02:43:59 -0800 |
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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Der Trinker - Roman - -Author: Katarina Botsky - -Release Date: August 2, 2020 [EBook #62825] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TRINKER *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library.) - - - - - - - - - - Katarina Botsky - - Der Trinker - - Roman - - - [Illustration] - - - Albert Langen, München - - - =Copyright 1911 by Albert Langen, Munich= - - - - -Erstes Kapitel - - -Es war ein Frühlingsnachmittag voll Melancholie und Windesraunen, so recht -geeignet für trübe Gedanken. Die Hände auf dem Rücken, die Mütze im Nacken, -lehnte _John_ an einem Lastwagen auf dem stattlichen Hofe seines Vaters, -dem verworrenen Liede des Windes lauschend. Sein schönes Gesicht war von -der Trunksucht aufgedunsen, sein schwarzes Haar dünn und halb ergraut, -obgleich er erst siebenundzwanzig Jahre wurde, seine hohe elegante Figur -verriet Schlaffheit und Hinfälligkeit. John sah wie ein verworfener junger -römischer Kaiser aus, der sich in die Tracht eines jungen Mannes von -heute gekleidet. Mit einem trüben Imperatorenlächeln auf seinem feisten, -bartlosen Gesicht wiegte er den Kopf hin und her nach einer inneren Melodie -und nach dem Rhythmus des Windes. Seine beiden jüngeren Brüder, Knaben von -dreizehn und vierzehn Jahren, standen am Fenster und beobachteten ihn. Der -ältere sagte: »Er wackelt schon wieder mit dem Kopf wie ein Mummelgreis.« - -»_Rodenberg!_« schrie John plötzlich, seine beiden schlaffen Hände wie ein -Schallrohr gebrauchend. - -Rodenberg, der alte Kutscher, streckte seinen rothaarigen Kopf aus der -dritten Etage des Ziegelspeichers heraus und fragte, was es gäbe. - -Alsbald brüllte John, daß es über den ganzen Hof schallte: »Wissen Sie, was -der Doktor gesagt hat, Rodenberg?! Meine Leber ist kaputt, hat er gesagt. -Ich hab's durch die Tür gehört.« - -»Glauben Se doch das nich!« tönte es von oben zurück, und bald klapperten -ein Paar Holzpantoffeln hurtig die letzte Treppe herunter, und gleich -darauf tauchte ein hünenhafter alter Germane mit einem langen, fuchsroten -Bart im Rahmen der nächsten Speichertür auf. »Was hat'r jesacht, der -Schafskopp?« fragte der Kutscher. - -»Kaputt, hat'r jesacht,« kicherte John, sich auf den Bauch tätschelnd. - -Rodenberg entblößte sein Pferdegebiß und lachte, daß es dröhnte. Dabei -hüpften die großen, kugelrunden Warzen, die wie Erbsen über sein geräumiges -Gesicht verstreut waren, munter hin und her. »Nei sowas! Nei sowas!« schrie -er, sich aufs Knie schlagend. »Wie will so'n Schafskopp das wissen?!« - -John lächelte so listig und so kindisch, wie einst vielleicht Caligula -gelächelt hatte. »Hier,« sagte er, dem Alten verstohlen eine Flasche -reichend, »holen Sie mir meine Mischung. Auf sowas muß man einen trinken. -Meinen Se nich auch?« - -Rodenberg meinte auch. Er war immer dabei, wenn es galt, Johns Mischung zu -holen, denn er liebte sie selbst leidenschaftlich. - -»Mama!« riefen die beiden Jungen am Fenster wie aus einem Munde, »jetzt -läßt er sich schon wieder von Rodenberg Schnaps holen.« - -»Mein Gott,« sagte eine larmoyante Frauenstimme im Nebenzimmer, »laß er -schon trinken! Jetzt ist ja doch schon alles gleich!« - -Der blondlockige jüngere der beiden Brüder sah wie ein eingebildeter Engel -aus, der ältere glich John. Der Engel öffnete seine roten Lippen und sagte, -während seine großen blauen Augen verträumt durchs Fenster blickten: »Wenn -er doch erst tot wäre!« - -»Pfui, Leo, wie kannst du nur, es ist doch immer dein Bruder!« verwies ihn -dieselbe larmoyante Stimme in traurigem Tone. - -»Ich muß ihn mir doch schon immer als Leiche vorstellen,« murmelte der -ältere Junge. - -Fast die ganze Familie _Zarnosky_ zeichnete sich durch Roheit und ein -ungewöhnliches Maß von Phantasie aus. Durch eine Phantasie, die nichts -als Unheil stiftete, da sie das Unglück hatte, einer rohen und dumpfen -Kaufmannsfamilie zu gehören, die nicht wußte, was sie mit ihr anfangen -sollte. Es gab Zarnoskys, die vom Morgen bis zum Abend, sich und andern zum -Verderben, die seltsamsten Lügen zur Welt brachten, weil ihre brachliegende -Phantasie, derer sie sich indessen kaum bewußt waren, sie unwiderstehlich -dazu trieb. Anstatt Bücher zu schreiben, verkauften sie Getreide; -allerdings weder aus Neigung noch aus Betätigungsdrang. Johns Großvater, -der Sohn eines reichen Bauern, hatte, um etwas Besseres zu sein als sein -Vater, den Handel mit Getreide begonnen, und nun setzten ihn seine Söhne -eben fort, weil ihnen das am bequemsten schien. Denn sie waren sehr faul -und gegen alle Neuerungen; sie wollten bleiben, was sie waren. Da ihnen das -Glück, trotz ihrer Trägheit, gewogen blieb, so meinten sie, daß Trägheit -zum Erfolge notwendig sei, saßen mit den Stiefeln knarrend in ihren -Kontoren, ließen die Daumen ihrer meistens gefalteten Hände umeinander -schwirren -- gewöhnlich unter mehr oder weniger märchenhaften Behauptungen -und Erzählungen -- und taten nie mehr, als durchaus notwendig war. Aber -es gab keinen Trinker in der ganzen Familie. Man wußte nicht, wie John zu -diesem Laster gekommen war, und zerbrach sich manchmal die Köpfe darüber. - -Ein Teil der Familie meinte, daß man ihm zu oft und zu viel zu trinken -gegeben, als er zart, fett und weich wie ein kleines Schwein mit einem -Gesichtchen wie vom Konditor in der Wiege lag und von allen angebetet -wurde. John schien schon damals beständig an Durst zu leiden; er konnte nie -genug zu trinken bekommen. Die halbe Familie Zarnosky stand oft in heller -Begeisterung um die Wiege, wenn das »Marzipanschweinchen«, halb entblößt, -mit einer großen Milchflasche im Arm, den Lutschpfropfen wie eine Zigarre -in seinem purpurroten kleinen Mundschlitz, sog und sog, bis die Flasche -leer war und dann, wie ein junger Löwe brüllend, nach mehr verlangte. - -John wollte trinken oder zerbrechen, zerreißen, zerstören; sein -Zerstörungsdrang war ebenso groß wie seine Trinkgier. Schon in der Wiege -verdarben seine kraftvollen kleinen Fäuste alles, was sie zu fassen -bekamen. Später nahm er die Uhren herunter, sah gierig in sie hinein -und zertrümmerte sie dann. Seinem ersten Schaukelpferde riß er schon -am Weihnachtsabend das Fell ab. »So sieht es gerade fein aus,« sagte er -befriedigt. Doch was war der Körper eines Schaukelpferdes gegen seinen -eignen, den er bald mit dem Eifer eines hungrigen Raubtieres zu zerstören -begann. Mit seinem ersten Taschenmesser brachte er sich lange, heftig -blutende Risse an beiden Armen bei. »Da seht!« Blut und Stolz auf dem -Gesicht, stellte er seine Wunden zur Bewunderung aus. John war vielleicht -wirklich dazu imstande, sich ein Auge auszureißen, »wenn es ihn ärgerte«. -Er stürzte sich mit Wollust in die schwersten Gefahren; denn seine -Phantasie berauschte sich am Anblick von Blut, Fetzen und Trümmern. - -Als er sechzehn Jahre alt war, spielte er mit Fünfzigpfundgewichten wie mit -Gummibällen. Sein Körper war so weiß wie der eines Mädchens, von der Stärke -und Elastizität eines Tigers. Lernen wollte er nichts wie alle Zarnoskys. -Anstatt zu lernen, ging er eiserne Zäune verbiegen, durchgehende Pferde -aufhalten, armen Leuten Holz kleinmachen, trinken und lügen. Ein Überschuß -an Kraft und Phantasie, brachliegend und ungezügelt, trieb ihn mit Gewalt -dem Verderben entgegen. - -Mit siebzehn kam er ins väterliche Geschäft, wie sein um ein Jahr älterer -Bruder _Eugen_. (Die Physiognomie dieses Zarnoskys war etwas hämisch -ausgefallen, und er stand vernünftigen Neuerungen nicht ganz feindlich -gegenüber.) Anstatt fleißig zu sein, ließ John die Daumen umeinander -schwirren und log im Kontor, daß es förmlich ein Vergnügen war, ihm -zuzuhören. Er log fast soviel als er trank, die ganze Welt, selbst seine -nächsten Angehörigen verleumdend, wenn er so recht beim Aufschneiden war. -Den Anlagen und dem Charakter nach war er einem seiner Onkel, der auch John -hieß und allgemein »der Märchenerzähler« genannt wurde, viel ähnlicher als -seinem eignen Vater. - -Es nützte nichts, daß man John sowohl mit neunzehn wie mit einundzwanzig in -eine Anstalt schickte, in der er von der Trunksucht geheilt werden sollte; -er verfiel seinem Laster immer wieder. Doch wollte er lieber sterben, als -noch ein drittes Mal in diese Anstalt gehen. Mit der Geschwindigkeit eines -Bergrutsches ging es nun moralisch und physisch mit ihm herab. Sein Umgang -wurden die Arbeiter seines Vaters, zum Lieblingsaufenthalt erwählte er sich -die Kneipe, in der sie einen Teil ihres Lohnes zu vertrinken pflegten. Er -sprach ihre Sprache und nahm ihre Sitten an. Man konnte ihn nicht länger -im Familienkreise ertragen. Er bekam eine kleine Wohnung im Hofgebäude und -eine Wärterin, die ihn gewöhnlich am Abend zu Bett bringen mußte. Er begann -an Krämpfen zu leiden, und Krankheit und Laster entstellten ihn nach und -nach bis zur Unkenntlichkeit. Einer Vogelscheuche ähnlich, die im Winde -schwankt, so schwankte er über den Hof, wenn er morgens nach der Kneipe -ging, wenn er abends von dort kam. Und er hatte den Gang eines jungen -Triumphators, als er sechzehn Jahre alt war. Es war wirklich schade um ihn. -Besser, er wäre nie geboren worden; denn weder sein Vater noch seine Mutter -gehörten zu denen, die ihn auf seinem abschüssigen Wege hätten aufhalten -können. Der Vater war viel zu ungebildet und zu träge dazu, und die Mutter, -eine schwächliche und überaus nervöse Pfarrerstochter, verstand nur, die -Hände zu falten und alles dem lieben Gott anheimzustellen. Sie brachte -noch mehr Phantasie in die Familie Zarnosky, dazu Melancholie und -Sentimentalität, die zusammen mit der Roheit ihres Mannes bei den Kindern -eine sonderbare Mischung ergaben. All der Überschuß in Johns Natur war viel -stärker als Vater und Mutter und sein eigner unerzogener Wille. John -folgte nur seiner Natur, John gehorchte nur dem Stärksten, wenn er seinen -Lebensweg herunterraste wie ein wütender Stier. - -Es war ein Frühlingsnachmittag voll Melancholie und Windesraunen, so recht -geeignet für trübe Gedanken. John lehnte noch immer an dem Lastwagen, -voller Sehnsucht auf Rodenberg wartend, der ihm den Schnaps besorgte. Mit -einem trüben Imperatorenlächeln auf seinem gelben, bartlosen Gesicht wiegte -er den Kopf hin und her nach einer inneren Melodie und nach dem Rhythmus -des Windes. Als er den Kutscher kommen sah, verließ er schwerfällig seinen -Platz und ging ihm voraus in den Pferdestall. Dort setzte er sich auf den -Futterkasten, die Augen wie ein Verschmachtender auf die Tür gerichtet. - -»Her, Rodenberg, her damit!« - -»Ich werd erst Licht machen, jung' Herr.« - -»Ach, geben Sie schon her! Ich kann nicht mehr warten!« Und er setzte die -volle Flasche an den Mund und leerte sie gleich bis zur Hälfte. - -Aus einem Winkel des Stalles kam jetzt ein niedliches Meckern. Dort stand -ein kleiner schwarzer Ziegenbock mit weißen Beinen und weißer Kehle, den -John für fünfzig Pfennige von einem Bauern gekauft hatte. Das Tierchen -wollte zu ihm, als es seine Stimme erkannt hatte. Rodenberg mußte es -losmachen. - -Wie der Wind stürzte es nun zu seinem Herrn, legte die Vorderhufe auf seine -Knie und sah ihm lieb und einfältig ins Gesicht. Von Rodenberg unterstützt, -zog John es auf den Schoß. »Mein trautster Junge,« sagte er zärtlich, das -Böckchen an sich drückend. - -In John war trotz aller Verkommenheit der Vater erwacht, ein sehr -zärtlicher, sehr fürsorglicher, verliebter junger Vater. Den Frauen -gegenüber war er zurückhaltend und jungenhaft geblieben. Er mied sie nicht -gerade, aber er suchte sie auch nicht; sie flößten ihm zuviel Scheu ein. -»Es geht ja auch ohne Weiber,« erzählte er Rodenberg. Und doch war trotz -seiner Verdorbenheit der Vater in ihm erwacht, er hatte sich mit Inbrunst -ein Söhnchen erkoren, und das war Peter, der kleine Ziegenbock. John hegte -Zuneigung zu allem, was Tier war, und Abneigung vor den meisten Menschen. -Man muß sehr hoch oder sehr tief stehen, um das zu empfinden. John stand -recht tief, und das Laster machte ihn scheu, darum waren ihm die Tiere -lieber als die Menschen. Er nannte ein Tier »mein Söhnchen«. Und der kleine -Ziegenbock hatte einen guten Pflegevater in ihm gefunden. John fütterte -ihn mit Leckerbissen, er machte ihm ein weiches Bettchen, er kämmte ihn, er -bürstete ihn und hielt ihn wie ein Kind auf dem Schoß. - -Rodenberg hatte die nächste von der Decke herabhängende alte Stallaterne -angezündet und brachte nun eine zweite Flasche zum Vorschein. »Prosit!« -sagte das Väterchen auf dem Futterkasten, und Herr und Kutscher taten einen -tiefen Zug, jeder aus seiner Flasche. »Se müssen auch mal absetzen, jung' -Herr,« bemerkte Rodenberg väterlich, da John dies zu vergessen schien. - -John hielt die geleerte Flasche gegen das Licht. Es war auch nicht ein -Tropfen mehr darin. John ließ die Unterlippe hängen und sah Rodenberg wie -ein bittendes Kind an. »Holen Sie mir mehr!« stotterte er. - -»Ich trau mir nich,« wandte der Kutscher ein, die hingehaltene Flasche aus -seiner nachfüllend. - -»Sie haben wohl Angst vor den beiden am Fenster, vor Paul und Leo, was?« - -»Na ja, die petzen doch immer jleich.« - -»Ich hasse sie,« stammelte John mit zuckendem Gesicht. »Ich hasse sie! -Weißt du, Rodenberg,« fuhr er fort, »sie würden sich freun, wenn ich stürbe --- morgen -- heute. Was dieser Leo für Augen hat! Hast du schon mal solch -gräßliche Augen gesehen, Rodenberg? Ich könnte sie ihm ausreißen, denn -sie jagen mich von überall fort. Ich soll machen, daß ich vom Erdboden -verschwinde. Ich soll krepieren. Gleich auf der Stelle.« Er weinte. - -»Regen Se sich nich auf, jung' Herr, regen Se sich doch man bloß nich -auf,« bat der Kutscher erschreckt. Aber John hub an, Schimpfworte und -Verwünschungen gegen seine Brüder auszustoßen, indem er unaufhörlich die -Fäuste ballte. Doch plötzlich packte ihn ein Krampfanfall, und er glitt -stöhnend mit seinem Ziegenbock zur Erde. - -Rodenberg kniete bei ihm nieder und hielt ihm wie gewöhnlich Arme und Beine -fest, während Peter seinem Herrn das Gesicht leckte. Die beiden jungen -Rappen, Johns Lieblinge, die allein im Stall standen, wandten unruhig die -Köpfe herum, und ihre großen schönen Augen schienen voll Tränen zu glänzen. -Unser Johnche, dachte Rodenberg, die Pferde anblickend, das wird wohl auch -bald jewesen sein. Als der Krampf vorüber war, hob er den ganz Erschöpften -auf und trug ihn, seufzend und stöhnend, denn er war noch ziemlich -schwer, in seine Wohnung. Peter folgte ernst und gravitätisch wie ein -Leidtragender. - -_Dore Kalnis_, Johns Wärterin, ein bewegliches Weibchen von -siebenundvierzig Jahren, empfing den Zug mit Scheltworten. »Sie sollten -sich was schämen, Rodenberg,« fuhr sie ihn zornig an, »natirlich haben Se -ihm wieder Schnaps jeholt! Aber ich werd's dem Herrn erzählen, der muß Sie -endlich an die Luft setzen.« - -»Krämpfe hat'r doch jehabt,« blubberte der Alte, John auf das Sofa bettend. -Dann trollte er sich mit einem bösen Blick und einem ganz betretenen »'n -Abend«. - -John lag mit geschlossenen Augen da und wackelte rhythmisch mit einer Hand. -»Wollen Se was, junger Herr?« fragte die Wärterin. - -»Peter,« flüsterte John. - -»Oa,« seufzte sie, »der is auch wieder da! Neineinei, is das hier 'ne -Wirtschaft! Lassen Se ihn doch man jetzt im Stall jehen, junger Herr, Sie -müssen doch jetzt ins Bett.« Dabei suchte sie den Bock nach dem Ausgang zu -drängen; aber John stieß ein zischendes »nein!« hervor, und Peter senkte -seinen schmalen Kopf und stieß mit seinen jungen Hörnern gegen Dores spitze -Knie. - -Das schlug dem Faß den Boden aus. Die Wärterin hielt den Angreifer fest und -verabreichte ihm eine Reihe wohlgezielter und gutsitzender Maulschellen. - -John drehte seine Augen mit Gewalt nach der Szene. »Dore,« flüsterte er -heiser, »wenn du nicht gleich mit Schlagen aufhörst, so verkürze ich dein -Leben.« - -Frau Kalnis lachte spöttisch auf, und dann sagte sie maliziös: »Wenn Se -mich duzen, junger Herr, dann sind Se doch wie jewehnlich betrunken.« - -Das Väterchen auf dem Sofa schien vor Zorn bersten zu wollen. Plötzlich -zerrte es die Uhr aus der Westentasche und warf sie nebst der schweren -Kette nach Dores dünnbehaartem Kopf. Aber die Wärterin machte nur einen -ironischen Knicks und fing das Ganze mit den Händen auf. »Was nun?« -fragte sie, ärgerlich lachend. Und dann in eine andre, gemütliche Tonart -übergehend: »Was wollen Herr Johnche zu Abendbrot essen?« - -Herr Johnche war besänftigt. Er faltete die Hände, ließ die Daumen -umeinander schwirren und sah nachdenklich zu der verräucherten Decke auf. -»Heringssalat,« entschied er hoheitsvoll. - -»Scheen,« nickte Dore mit einem giftigen Blick nach dem Ziegenbock. -Darauf schritt sie hurtig zum Fenster, öffnete es und rief: »Ama--lie ... -Ama--lie« ... Da keine Antwort erfolgte, bewaffnete sie sich mit einem -Teppichklopfer und schlug damit feierlich auf das Fensterblech. - -Im Vorderhause tat sich jetzt ein Fenster auf, und langsam kam ein -kugelrunder dunkler Frauenkopf zum Vorschein. »Wa--as wollen Se, Frau -Kalnis?« - -Dore bestellte den Heringssalat und außerdem belegtes Brot und -Bratkartoffeln. - -»Wa--as fir Jetränke?« rief Amalie durch den Frühlingswind. - -»Tee,« erwiderte Dore hurtig, obgleich John etwas andres sagte. - -»Scheen,« kam die langgezogene Erwiderung, und das Fenster wurde -phlegmatisch geschlossen. - -»Für den Tee muß ich danken,« brummte John, das Böckchen streichelnd und -seine Stiefel an der niedrigen Lehne des Sofas scheuernd. In seinem Zimmer -sah es recht wohnlich aus, obgleich es, seiner häufigen Zerstörungswut -wegen, nicht allzuviel enthielt. Der große Spiegel mit der Marmorplatte, -der zwischen den beiden Fenstern hing, wurde von John nur deshalb -respektiert, weil er von den Eltern seiner Mutter stammte. Alles, was von -den verstorbenen Großeltern mütterlicherseits stammte, war ihm heilig. -Merkwürdigerweise. Er begnügte sich damit, dem Spiegel mit der Faust zu -drohen, wenn er betrunken war, und an Großmutters riesengroßem, grünblauem -Plüschsofa wischte er sich dann höchstens die Stiefel ab. Dieses -altmodische Möbel stand vorn an der rechten Wand, vor sich einen runden -Tisch. =Vis-à -vis= an der linken Wand stand nichts als ein brauner -Kleiderschrank. Den Hintergrund füllte ein breites dunkles Bett und eine -Waschtoilette, die nur wie ein Kasten aussah. An den Fenstern hingen -rot- und weißgestreifte Vorhänge, und über dem Sofa hing eine überaus -altmodische farbige Landschaft, die ebenfalls von den respektierten -Großeltern stammte. Außerdem gab es nur noch einen Bettvorleger und ein -zerrissenes Papiertelephon im Zimmer. Dieses Wohn- und Schlafgemach war -mittelgroß und mittelhoch und lag zwischen dem der Wärterin und der Küche, -aus der es auf die Treppe ging. - -Dore machte sich daran, die Lampe anzuzünden, und deckte dann den Tisch mit -einer bunten Baumwolldecke. Als das Abendbrot gebracht wurde, nahm John den -Heringssalat an sich und sah Dore spitzbübisch an. »Jesägnete Mahlzeit,« -sagte sie fromm, ihm gegenüber Platz nehmend und leckrig nach dem -Heringssalat blickend. »Schweig!« entgegnete er gereizt auf ihren -freundlichen Wunsch. Sie nahm ihren Tee, ihre Kartoffeln und ein belegtes -Brot und ging gekränkt in ihr Zimmer. Dort machte sie Licht und setzte die -Brille auf. Um sich zu beruhigen und um den Heringssalat, den sie zu gern -aß, würdiger verschmerzen zu können, guckte sie rasch in eins ihrer vielen -Erbauungsbücher. Nachdem sie drei liebliche Strophen gelesen hatte, seufzte -sie wie eine Märtyrerin und ließ sich ergeben zu ihren Bratkartoffeln -nieder. - -Dore war wirklich fromm, und wenn sie log, geschah es nur unter geistigem -Vorbehalt. In ihren jungen Jahren war sie Wirtschafterin auf großen Gütern -gewesen. Tüchtigkeit und Heißblütigkeit waren damals ihre hervortretendsten -Eigenschaften. Mit vierzig besaßen ihre listigen kleinen Augen noch die -Kraft, einem ältlichen Gutsbesitzer den Kopf zu verdrehen. Er ließ sich von -seiner Frau scheiden und heiratete die unschöne brustkranke Wirtschafterin -mit den vielen Erbauungsbüchern und der liebevollen Vergangenheit. Aber -die Ehe währte kaum ein Jahr, denn die erwachsenen Kinder trieben die ihnen -verhaßte Stiefmutter bald aus dem Hause. Dore mußte wieder in Stellung -gehen, und das war hart für sie, denn der Husten plagte sie mehr und -mehr. Immerhin gelang es ihr, einen leichten Dienst zu finden -- bei den -reichsten Zarnoskys, als Pflegerin der kränklichen alten Großmutter. Dore -verstand es, sich bei Zarnoskys unentbehrlich zu machen, darum behielt man -sie auch nach dem Tode der Großmutter im Hause. Und eines Tages wurde dann -John ihr Pflegling, der immer ihr heimlicher Liebling gewesen. - -Dore fand, daß der Heringssalat doch schwer zu verschmerzen war. Sie guckte -schließlich durch die Tür, um zu sehen, wie weit John damit war. »Frau -Kalnis,« rief er versöhnlich, »es ist noch eine Menge Heringssalat für -Sie.« - -Die Wärterin machte ein dummes Gesicht, weil sie nicht wußte, ob sie ihm -trauen durfte. Aber ihre Leckrigkeit war groß. »Wollen Se mich auch nich -zum Narren machen?« fragte sie zuerst. - -John schwur, die Lippen prunzelnd, daß er nicht daran dächte. Dore rückte -an, wünschte noch einmal »jesägnete Mahlzeit« und setzte sich dann an den -Tisch. Sie trug ein kaffeebraunes, selbstgewebtes altmodisches Kleid mit -einem dunkelroten Samtstreifen um den Rock und kleinen Samtklappen an -den Ärmeln. Ihren vertrockneten Hals zierte ein selbstgehäkeltes weißes -Tüchlein. Über dem flachen Leibe hatte sie eine schwarze Schürze, die den -Rock sowohl zieren als schonen sollte. Frau Kalnis glich einer ältlichen, -glattgescheitelten Chinesin in europäischer Kleidung. Peter betrachtete sie -genau so aufmerksam wie sein Väterchen, aber man konnte seinen einfältigen -Augen nicht anmerken, ob er sie hübsch oder häßlich fand. - -»Na, hat'r geschmeckt?« fragte John mit unwiderstehlich verschmitzter -Miene, als die Wärterin die Schale auskratzte. - -»Wird nich schmecken?! Scheenes Essen,« entgegnete sie unter verschämtem -Lachen. - -Peter bekam das letzte Butterbrot und dann sollte er in den Stall. Frau -Kalnis ging hinaus, um Rodenberg zu rufen, der unten im Hause mit seiner -gichtkranken Frau und einer überaus frommen Schwester wohnte. Rodenberg -brachte Peter in den Stall, wenn er nicht betrunken war. Heute kam die -fromme Schwester statt seiner. Jette mußte feierlich versprechen, daß Peter -auch wirklich sein Abendbrot erhalten würde, dann erst durfte sie ihn am -Halsband nehmen. - -John war jedesmal sehr sanftmütig, wenn er sich wieder mit Dore vertragen -hatte. Er war dann wie ein Kind, das ungezogen gewesen und nun durch -besondere Artigkeit versöhnen will. Er ließ sich wie ein Lamm von ihr zu -Bett bringen und suchte sie dabei durch eine gefällige Unterhaltung zu -erfreuen. »Wir werden morjen ein reines Hemd anziehen,« sagte die Wärterin, -sobald sie ihren Pflegling bis auf dieses letzte Kleidungsstück entblößt -hatte. John machte ein liebliches Gesicht, obgleich er nicht gern ein -reines Hemd anzog. »Und wir werden wieder mal de Fieße waschen,« setzte sie -hitzig hinzu, als ihr Blick auf seine unsauberen Gehwerkzeuge fiel. John -lächelte wie ein Engel, obgleich er wasserscheu war. - -Er legte sich schwerfällig ins Bett, und Dore deckte ihn sorgfältig zu. -»Lesen Sie mir was vor, ich kann jetzt doch noch nicht schlafen,« sagte er -nervös, als sie ihn mit warmen Augen betrachtete. Er war immer schlaflos -und sehr erregt, wenn er Krämpfe gehabt hatte, und wenn sie stark gewesen, -stärker als diesmal, so ging er danach tagelang wie ein Gestörter umher. - -Die Wärterin eilte zu ihrem Bücherschatz, um eine passende Lektüre zu -suchen -- und kam sobald nicht wieder. Der Husten hatte sie gepackt -und schüttelte sie, wie eine kräftige Faust einen leichten Gegenstand -schüttelt. Nach einigen Minuten war der Anfall vorüber und Dore ganz -erschöpft. Sie saß noch eine Weile mit hängendem Kopfe und hängenden Armen -auf ihrem Stuhl und starrte stumpfsinnig zu Boden, dann stand sie auf: »Nun -komm ich, Herr Johnche. Wenn erst abjehust' is, dann is wieder gut,« sagte -sie resigniert. - -Und sie begann mit belegter, schwacher Stimme, die allmählich klarer und -kräftiger wurde: - - »Fest jemauert in der Erde - steht die Form aus Lehm jebrannt. - Heute muß die Glocke werden, - frisch, Jesellen, seid zur Hand ...« - -»Hör auf mit deiner dämlichen Glocke!« schrie John, die Geduld verlierend. -»Du weißt doch, daß ich die olle Glocke nicht mehr hören will.« - -»Scheen, dann her ich auf, dann les ich gar nich.« - -»Dorchen,« sagte schmeichelnd der Kranke und wies süß nach der Bibel hin, -der alten, vergilbten, die sie auch mitgebracht hatte. Da konnte sie nicht -widerstehen, da tat sie, wie ihr geheißen ward. Sie schlug die Offenbarung -des Johannes auf und las mit schöner Dorfschulbetonung: »Ich sah einen -neien Himmel und eine neie Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde -verjing und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilije Stadt, das -neie Jerusalem von Gott aus dem Himmel herabfahren, zubereitet als eine -jeschmickte Braut ihrem Manne.« - -»Noch einmal,« flüsterte John, und seine Phantasie arbeitete mächtig. - -Die Litauerin wiederholte und las dann weiter, es kam die Schilderung des -neuen Jerusalems. Und John sah bei ihren Worten das neue Jerusalem, die -Stadt der goldenen Gassen mit den Toren aus Perlen und den Mauern aus -Edelsteinen. »Blau, gelb, grün, rot ...« flüsterte er, »o Dore, alle -Regenbogenfarben! Alles aus Edelsteinen, aus Gold und Perlen!« Sie -war verstummt, und er fuhr fort, die Augen auf die verräucherte Decke -gerichtet. - -»Da ist ein Schloß, Dore, das wird mir gehören, wenn ich erst tot bin. Die -Mauern sind aus Amethyst und die Fenster aus Rubin. Und in allen Zimmern -sind Flaschen, Flaschen in allen Regenbogenfarben -- und ich darf aus allen -trinken. Das schmeckt, Dore, was in den Flaschen ist! Und man wird nie -davon betrunken, man kann ewig, ewig trinken!« - -Die Wärterin lachte und John sprach weiter: - -»Jeder Schluck aus den Flaschen ist wie mildes, knisterndes Feuer und -fließt wie flüssige Edelsteine in den Magen hinab. Dort sprudelt er weiter -und durchglüht den ganzen Magen. Was sag ich: den ganzen Magen? Nein, den -ganzen Körper. Und man wird durchsichtig wie eine helle Flamme, wenn -man aus den Flaschen getrunken hat, man gleicht dann einer hellen, -durchsichtigen Flamme ...« Er wandte den Blick von der verräucherten Decke -und sah die Wärterin spitzbübisch an. »Man könnte in dich hineinsehen, -Dore, wenn du aus den Flaschen getrunken hättest, dein ganzer Körper wäre -dann durchsichtig.« Er grinste wie ein Faun. »Ich möchte nicht in dich -hineinsehen, Dore!« - -»Sie missen nich anzieglich werden, junger Herr,« sagte Frau Kalnis -gekränkt, und nachdem sie eine Weile nach einer schärferen Entgegnung -gesucht hatte, setzte sie mit frommem Hohn hinzu: »Wer eine kranke Leber -hat, sieht innen immer noch schlechter aus, als einer, der se nich hat.« -Darauf las sie hurtig weiter und gelangte bald zu der Strophe: »Und der -Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es höret, der spreche: Komm! -Und wen dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des -Lebens umsonst.« - -»Halt, halt!« rief John erregt nach diesen Worten, »mich dürstet, mich -dürstet immer! Wohin soll man da kommen, Dore? Ich geh' gleich dahin.« - -»Na, nach's neie Jerusalem doch wohl,« meinte die Wärterin. Und dann -maliziös: »Aber Sie heren doch, junger Herr, daß da nichts als Wasser -anjeboten wird.« - -Der Trinker verzog das Gesicht. »Wasser -- brr ... Aber Wasser des Lebens, -Dore, das schmeckt vielleicht besser als die feinste Mischung, das stillt -vielleicht für immer den Durst.« - -»Kann sein! Aber wollen Se jetzt nich schlafen, Herr Johnche?« - -»Ich kann nicht.« - -»Na versuchen Sie's doch man erst.« - -»Nein ... Ich möchte wissen, wozu ich gepaßt hätte, wenn ich nicht immer -den Durst gehabt hätte?« - -»Das fragen Se mich immer, wenn Se einen jetrunken haben.« - -»Und Sie wissen nie eine Antwort darauf. Was ihr sagt, ist alles falsch.« - -»Wozu bekam ich den ewigen Durst? Ich möchte wissen, wozu ich ihn bekam?« -schrie er wild. - -»Das will ich wissen!?« brüllte er, und sein ganzes Gesicht zuckte. - -»Jetzt sollten Se zu schlafen versuchen, mein Lieberche, und nich so was -Unnitzes fragen.« - -»Zum Schlafen kommt schon noch Zeit genug,« stammelte John. »Ich möchte -wissen, ob ich denn bloß zum Saufen auf die Welt kam?« - -»Aber nei! Sie hätten doch e feiner Kaufmann werden können, oder auch e -studierter Herr, wie d'r Großvaterche.« - -»Sprich doch nicht dummes Zeug!« brummte er gereizt. »Du verstehst von gar -nichts! Keiner versteht was! Und alles ist so verdreht, so verdreht« ... - -Die Wärterin war zu der Überzeugung gelangt, daß John heute abend ein -Schlafpulver bekommen müsse. Sie holte das Tischchen herbei, das zur Nacht -an sein Bett gestellt wurde, und rührte ihm dann rasch ein Pulver ein. - -»Dies trinken Se man und dann werden Se schon schlafen, mein Lieberche.« - -Erst wollte er nach dem Glas stoßen, aber dann riß er es plötzlich an -sich und leerte es gierig. Er plumpste wie ein ermatteter Maikäfer auf den -Rücken, als das Schlafmittel zu wirken begann. Dore nahm die Brille ab und -betrachtete ihn mit einfältiger Miene. »Dummer Äsel,« brummte sie, »wärst -verninftig jewesen, hätt dir die janze Welt offen jestanden. Aber nu -- -was hast? Gar nuscht.« Da John die Augen geschlossen hatte, löschte sie -die Lampe aus und zündete dafür ein Nachtlämpchen an. Sie setzte ein paar -Flaschen Selterwasser auf sein Tischchen, die er im Laufe der Nacht zu -leeren pflegte, um das fortwährende innerliche Brennen zu lindern, und -verfügte sich dann in ihr Zimmer, um geräuschlos zu Bett zu gehen. - - - - -Zweites Kapitel - - -John stand vor dem Spiegel und legte seine Orden an. So nannte er die -blauen, an Bändchen hängenden, parfümierten Oblaten, mit denen er seine -Jacke zu schmücken pflegte, wenn er »zu Zarnoskys« ging. Er trug sie dann -seiner jüngeren Brüder wegen, die immer behaupteten, sie könnten seinen -Geruch nicht ertragen. John roch wirklich nicht schön, was auch weiter -nicht verwunderlich war, und seine Kleider verbreiteten die Luft der -Arbeiterkneipen. Aber er verschmähte es, sich mit Parfüm zu begießen, er -fand es männlicher und stilvoller, mit den blauen Oblaten auf der Jacke -zu gehen. Obgleich sie lange nicht die Wirkung ausübten, die ein starkes -Parfüm getan hätte. John war noch so kindisch. Mit strahlenden Augen war er -eines Morgens, die Oblaten auf der Brust, bei der Mutter erschienen: »Sieht -das nicht fein aus? Sieht das nicht jroßartig aus? Und nun werde ich auch -nicht mehr schlecht riechen. Nicht wahr, ich rieche jetzt fein? Paul, Leo, -rieche ich jetzt nicht fein?« Sie hatten es aus Mitleid bejaht, und die -Mutter hatte sogar behauptet, daß sie noch nie einen schlechten Geruch -an ihm bemerkt habe, Paul und Leo seien nicht klug. Das hatte den jungen -Alkoholiker bis zu Tränen gerührt. An diesem Tage trank er keinen Tropfen. - -Während sich John noch vor dem Spiegel bewunderte -- es war Sonntag: -Palmsonntag -- kam etwas trapp, trapp, trapp, wie auf kleinen -Jungenstiefeln, die Treppe herauf und hämmerte dann energisch an die -Küchentür. Das Väterchen stürzte hin, um dem Söhnchen zu öffnen. Peter trat -ein und schob seine kleine weiche Nase zur Begrüßung in Johns ausgestreckte -Hand. Peter wollte seinen Morgenzucker haben, und den erhielt er auch -reichlich. John hätte seine Uhr verkauft, um Peter mit Zucker füttern zu -können. - -Der Ziegenbock mußte auf dem Hof bleiben, als John ins Vorderhaus zu seinen -Eltern ging. Er bedeutete ihm, auf dem Hof herumzuspringen, solange »Papa« -auf Besuch war. - -Papa setzte sich im elterlichen Eßzimmer an den warmen Ofen, verschämt -»guten Morgen« stotternd. Paul und Leo verzogen sich rasch nach seinem -Eintritt, und Eugen begrüßte ihn mit den spöttischen Worten: »Na, wieder -mal betrunken gewesen, alter Ziegenbockvater?« - -»Betrunken gewesen? Wer? Ich doch nicht?« stotterte der Trinker. Er hatte -die Hände gefaltet und ließ die Daumen langsam umeinanderlaufen, indem er -auf die Mutter blickte, die mit einer Handarbeit am Fenster saß. - -»Ach John,« sagte sie traurig, »kannst du es denn gar nicht lassen?« - -»Nein,« platzte er naiv heraus. - -Sie seufzte und verstummte. - -»Was gibt's zu Mittag?« fragte er verlegen in die Stille hinein. John war -ein Feinschmecker und hielt sich gern in der Küche auf. Dort, bei Amalie, -war ihm auch viel wohler als bei Vater und Mutter. »Muß mal sehen, was -gekocht wird,« sagte er, sich wieder erhebend, da niemand auf seine Frage -antworten wollte. - -In der Küche stand eine Kiste, die der Faktor zur Bahn tragen sollte. -Auf dem Deckel lagen dreißig Pfennige Trinkgeld für ihn. John vergaß das -Mittagessen und blickte wie gebannt auf das Geld. Sein Portemonnaie war -leer; denn der Vater gab ihm immer weniger und weniger Taschengeld, um ihm -das viele Kneipenlaufen unmöglich zu machen. (Das Resultat davon war, -daß John auf Kredit trank und die Faktore anpumpte.) Die dreißig Pfennige -lockten ihn, wie den Igel das Blut. »Wissen Sie was, Amalie,« sagte er zu -der kugelrunden ältlichen Köchin, »das da kann ich selbst verdienen! Die -Kiste trag ich noch allemal!« Damit nahm er sie auf und wandte sich nach -dem Ausgang. - -»Sie werden doch nich!« rief Amalie. »Der Friedrich wird doch jleich -kommen. Aber, junger Herr, das schickt sich doch nich fir Sie. Wenn das der -Herr sieht!?« - -»Aber ich schlepp' sie doch bloß so lange, bis ich einen Jungen treffe, der -sie mir für fünf Pfennige trägt.« - -»Lassen Se ihr stehen, ich jeb Ihnen dreißig Pfennige,« sagte Amalie -zärtlich. - -»Geben Sie her,« brummte John, »dann sind es sechzig.« -- »Her damit!« -beharrte er mit dem Eigensinn des Alkoholikers, da die Köchin unter diesen -Umständen nicht mit dem Gelde herausrücken wollte. - -Es blieb ihr schließlich nichts andres übrig, als ihm den Willen zu -tun. Sie öffnete zwei Knöpfe ihrer karierten Taille und zog ein rot- und -braungestreiftes Beutelchen hervor, das von der Wärme ihres gewaltigen -Busens Zeugnis ablegen konnte. »Na machen wir uns auf die Socken,« sagte -John kurz, als er das Geld hatte. »Ist mir ein Kinderspiel, diese Kiste zu -tragen.« - -Die Köchin wollte es bestreiten, und das reizte John, weil es seinen Stolz -verletzte. Nun ging er mit der Kiste, kostete es, was es wollte. Einen -flotten Gang erzwingend eilte er nach der Tür. - -»Adieu, Amalie.« - -Die Dicke sah ihm sorgenvoll nach. »Kommen Se gut nach Hause, junger Herr.« - -Das Zarnoskysche Haus stand =vis-à -vis= einer Querstraße, die sich in -langer enger Windung vor ihm auftat. Die Straße hieß Grätengasse. Eugen -stand gerade am Fenster, als John mit der Kiste aus dem Hause trat und -nach der Grätengasse steuerte. »Was soll das heißen?« rief er, das Fenster -aufreißend. »Holla! John! Du kommst sofort zurück!« - -Der Angerufene drehte ihm sein gelbes Gesicht zu und schnitt ihm eine tolle -Grimasse, dann trollte er weiter. - -Eugen knickte vor Lachen zusammen. Johns Anblick war überwältigend komisch -gewesen, so tragisch er im Grunde auch war. Und nun schwankte er auch schon -die Grätengasse hinunter, er hüpfte und torkelte, die Kiste unterm Arm, -von rechts nach links. »Mutter, Paul, Leo!« rief Eugen in das nach hinten -gelegene Eßzimmer hinein. »Kommt doch bloß mal her!« - -Frau Zarnosky war entsetzt, als sie John in dem Kistenträger erkannte. -Eugen sollte ihn sofort zurückholen, weil sie fürchtete, daß John hinfallen -könne. Aber Eugen machte Einwendungen: er werde ihm nicht gehorchen und -Streit anfangen, er werde auch nicht gleich hinfallen. Der Faktor könne ihm -ja nachlaufen. - -Aber der war noch immer nicht da, Amalie versicherte indessen, daß er nun -gleich kommen müsse. Alle stellten sich ans Fenster und blickten gespannt -in die Grätengasse, die beiden Jungen voll heftigster Lachlust. -Plötzlich prusteten sie los; denn John hatte sich umgedreht und die Zunge -herausgehängt. - -In der Grätengasse standen viele alte Speicher. Einer von ihnen hatte an -der Front eine steinerne Ruhebank. Als John diese Bank erreicht hatte, -stellte er die Kiste herauf, setzte sich pustend daneben und faltete -ergeben die Hände. So traf ihn Onkel John, der des Weges daherkam, um -irgendwo Märchen erzählen zu gehen. - -»Was tust du da? Was hast du da für eine Kiste?« fragte er mit heftig -angeregter Phantasie. - -Der Neffe tat verschämt. »Der Vater braucht Geld. Ich muß unser Silberzeug -verkaufen gehen. Eugen tut es nicht,« erwiderte er so gedrückt als er -konnte. - -Onkel John kicherte wild in sich hinein. »Armer Junge,« sagte er bedauernd, -und als habe er durchaus nichts Merkwürdiges gehört, »die Kiste ist wohl -sehr schwer?« - -»Ja,« hauchte der Neffe mit schwermütigem Augenaufschlag. - -Der Onkel pustete stark, um nicht lachen zu müssen, dann sagte er: »Deine -Eltern tun unrecht, wenn sie dich bei deinem Gesundheitszustand mit einer -solchen Kiste schicken. Indessen soll man Vater und Mutter ehren. Doch« -- -Onkel John weitete furchtbar die Augen -- »wenn sie dich noch einmal mit -einem solchen Monstrum heraushetzen ... heraushetzen,« wiederholte er mit -erhobener Stimme, »dann kommst du zu mir, und das Weitere wird sich dann -schon finden.« - -Der Trinker nickte ganz ergriffen. »Gib doch was, damit ich sie mir -wenigstens tragen lassen kann,« stammelte er, die Hand ausstreckend, in -kläglichem Tone. - -»Hast du denn gar kein Geld?« fragte Onkel John, bis zu Tränen gerührt. - -Der Neffe kehrte hurtig die leeren Hosentaschen heraus. »Und sie lassen -mich nächstens verhungern,« brummte er, dem Himmel ein Paar feuchte -Pudelaugen zeigend. - -Onkel Johns Phantasie schwoll mächtig an. Die Eindrücke arbeiteten so -gewaltig in ihm, daß er einen Augenblick ganz sprachlos blieb. Und wenn er -auch genau wußte, daß sein Neffe ihn aufs albernste belog, gelang es ihm, -bei seiner Einbildungskraft, doch ganz vortrefflich, sich die Unwahrheit -als Wahrheit vorzustellen. Sein fuchsgelber Schnurrbart zitterte, denn er -befand sich in angenehmster Aufregung, und seine grellblauen Lügneraugen -glitzerten wie Katzenaugen im Dunkeln. »Zunächst,« sagte er, hoheitsvoll -das Portemonnaie ziehend, »zunächst sind hier fünf Mark, damit du nicht -ganz ohne Pfennig herumläufst -- mein armer Junge.« - -John nahm dankend die gereichten zwei Mark. Er wußte, daß es immer nur zwei -Mark waren, wenn Onkel John fünf Mark sagte. - -»Und nun gehe ich zu deinen Eltern,« fuhr dieser fort, »um für dich das -Notwendigste anzuordnen. Schlimmstenfalls« -- er rollte die Augen -- »wird -die Polizei meinen Worten Nachdruck verleihen. -- Holla!« rief er dem -Faktor entgegen, der der Kiste wegen gelaufen kam, »tragen Sie das da! Ich -übernehme die Verantwortung, verstanden?« - -John lehnte es ab, den Onkel zu begleiten, weil er ein unreines Gewissen -hatte. Der Onkel ging auch lieber allein, um je nach Empfang mit seinen -Märchen herauszurücken. Es war ein hellgrauer Sonntagvormittag, und die -Grätengasse lag still und leer und sauber da. Onkel John eilte wie mit -Flügeln am Mantel davon, während sein Neffe auf der Steinbank sitzen blieb, -die Daumen umeinander drehte und sich seine Mischung wünschte. - -»Guten Tag, meine Lieben,« sagte der alte Fuchs mit wärmster Innigkeit, -als er bei Zarnoskys ins Eßzimmer trat. Paul und Leo reichten ihm die Hand, -seine Schwägerin unterließ es, Eugen und Herr Zarnosky brummten etwas, -Onkel Chlodwig war nicht da. - -»John sitzt am Traumannschen Speicher und weint,« hub der gute Onkel an. -»Die Kiste war doch wirklich zu schwer für ihn.« - -»Wer hat ihm befohlen, mit der Kiste zu gehen?!« sagte ärgerlich der Vater. - -»Das wollen wir nicht untersuchen,« versetzte Onkel John sanft und -schlicht. »Apropos (»Jetzt geht's Schwindeln los,« flüsterte Paul hinter -Eugens Rücken) was ich sagen wollte« -- er hob die eine Fußspitze ein wenig -in die Höhe und besah sich versunken den Stiefel -- »ja, richtig; es -gehen über dich merkwürdige Gerüchte in der Stadt herum, ganz merkwürdige -Gerüchte, mein lieber Richard.« - -»Phantasiere doch nicht immer!« unterbrach ihn sein Bruder in wegwerfendem -Tone. Richard Zarnosky log nicht mehr als andere Kaufleute, und seine -Phantasie hielt sich in bürgerlichen Grenzen. - -»Du solltest -- du solltest nicht so zu mir sprechen -- in -- in einer Lage -wie der deinigen, mein lieber Richard.« - -»In was für einer Lage bin ich denn, mein lieber John?« - -»In keiner angenehmen, sollte ich meinen. Es gehen Gerüchte in der Stadt, -daß« -- -- - -»Daß?« - -»Daß es mit dir schief stände, mein lieber Richard.« - -»Wer sagt das?« fragte Herr Zarnosky amüsiert. - -Onkel John entblödete sich nicht, eine Reihe von Namen zu nennen, wobei -er ab und zu die Augen schloß, als ob ihm angst und bange würde. »O Gott!« -rief er plötzlich. »Richard, Richard, bring nur nicht Schande über deine -angesehene Familie, über mich und meine unschuldige Tochter, über unsern -armen Bruder Chlodwig!« - -»Erster Akt, erste Szene,« sagte Eugen lachend. - -Herr Zarnosky tippte mit einer nicht mißzuverstehenden Gebärde an seine -Stirn, indem er den Bruder bedeutungsvoll anblickte. Aber Onkel John -übersah die Beleidigung, weil er noch lange nicht fertig war. Sich seinem -ältesten Neffen zuwendend sagte er: »Mein lieber Eugen, du solltest dich -schämen, deinen alten Onkel zu hänseln. Aber ich weiß ja, du ehrst auch -nicht Vater und Mutter. Du schämst dich, in ihrem Interesse zu handeln. Du -schämst dich, Schritte zu tun, die ihre mißliche Lage verbessern könnten.« - -»Nu wird's Tag,« brummte Eugen belustigt. - -Herr Zarnosky öffnete die Tür und sagte gelassen: »Mein lieber John, hier -hat der Zimmermann das Loch gelassen.« - -Der Märchenerzähler fauchte wie ein schwergereizter Kater, seine grellen -Augen rollten hin und her. »Richard,« brachte er angestrengt heraus, »ich -kündige dir hiermit ein für allemal meinen Speicher.« - -»Schön,« erwiderte Herr Zarnosky, »mir ist dein ew'ges Künd'gen auch über. -Es gibt mehr Speicher in unserer Gegend.« - -»Geh nur hin!« krähte Onkel John. »Es dürfte dir keiner so passen wie -meiner.« - -»Und wenn auch! Schlimmstenfalls behelfen wir uns eine Weile mit einem. Wir -räumen zum ersten Juli, du kannst dich darauf verlassen.« - -Das kam dem Märchenerzähler weder erwartet noch erwünscht. Wer weiß, ob ihm -ein andrer die hohe Speichermiete zahlen würde, die ihm sein Bruder zahlte, -ganz abgesehen von allerhand Vorteilen, die er daraus zu ziehen verstand, -daß sein Speicher dem Bruder so sehr gut paßte. (Onkel John zog es schon -lange vor, den Speicher zu vermieten, anstatt ihn selbst zu benutzen, weil -er zuviel mit Prozessen zu tun hatte. An denen gewöhnlich seine Märchen -schuld waren.) »Richard,« flüsterte er, das Gesicht in schelmische Falten -ziehend und aufs versöhnlichste loskichernd, »du kannst nicht Scherz von -Ernst unterscheiden. Das war doch bloß Spaß mit der Kündigung. Benutzt ihn -in Gottes Namen weiter. Mir genügt der Schuppen.« - -»Bis zum ersten Juli und nicht länger,« versetzte Herr Zarnosky schroff. - -»Es ist nicht recht, daß du dem Bruder den Verdienst nehmen willst, um ihn -vor einen Fremden zu werfen,« predigte Onkel John in salbungsvollem Tone; -aber seine Augen funkelten böse. »Unser Bruder Chlodwig wird es auch nicht -wollen,« setzte er theatralisch hinzu. - -»Dein ew'ges Künd'gen paßt uns schon längst nicht mehr!« schrie Herr -Zarnosky, die Geduld verlierend. »Und es paßt uns auch nicht, daß du deine -fünfzig Puten tagtäglich von unserem Getreide mästest!« - -»Erstens sind es nur vierzig,« stotterte Onkel John, »und zweitens haben -sie noch nie in ihrem Leben auch nur ein Körnchen von deinem Getreide -bekommen. Und außerdem sind nur noch sechs am Leben.« - -Alle lachten. Von vierzig auf sechs war selbst für Onkel John ein kühner -Sprung. - -»Wißt ihr denn nichts von dem Unglück, das vergangenen Montag bei uns -passierte? Nein, ihr wißt wohl noch nichts?!« rief nun der Märchenerzähler, -froh wie ein Kind über den guten Einfall, der ihm gekommen, und über die -versöhnliche Stimmung, die sich anzubahnen schien. »Richard, Anna, Eugen, -Kinder, laßt euch erzählen, was vergangenen Montag bei uns passierte. Da -fuhr mir doch ein Wagen mit durchgehenden Pferden in meine jungen Putchen -hinein. Die Hälfte wurde totgefahren, die Hälfte kreuzlahm getreten. Dem -Truthahn Fritz, meinem Liebling -- ihr kennt ihn ja -- dem armen Tier war -das linke Beinchen gebrochen. Ich habe ihn dann selbst geschlachtet ...« - -»Aber Onkel!« platzte Paul lachend heraus. »Den Fritz habe ich doch noch -gestern nachmittag gefüttert.« - -Onkel John zuckte zusammen wie jemand, den unerwartet ein Insekt gestochen. -»Paul,« begann er eindringlich, die lachenden Zuhörer mit hoheitsvollen -Blicken messend, »besinne dich recht, mein Junge! Du hast -- gestern -nachmittag -- den Fritz gefüttert? War es nicht vor acht Tagen?« - -»Gestern war es.« - -Onkel John blickte auf Paul wie auf einen armen Schwachsinnigen, dann -wandte er sich seiner Schwägerin zu. »Liebe Anna, ich habe es Ihnen -- ich -habe es euch allen noch immer verbergen wollen, was ich seit einem halben -Jahre an Paul beobachte. Der arme Junge -- aus unsrer Familie hat er das -nicht -- das arme Kind weiß nämlich nie, wann sich ein Ereignis zugetragen, -ob es gestern, vorgestern oder sonstwann war. Er verliert das Gedächtnis. -Ist euch das noch nie aufgefallen?« - -»Nein, du alter Schwindler,« sagte Herr Zarnosky mit Nachdruck. - -»Alter Schwindler?« sprühte der Märchenerzähler, seinen Speicher -vergessend. »Statt mir zu danken, daß ich dich auf eine Krankheit deines -Kindes aufmerksam mache, beleidigst du mich? Du bist mir ein netter Vater! -Den einen lassen sie verlumpen, den andern verblöden!« - -Herr Zarnosky ging ruhig zur Tür und öffnete sie ein zweites Mal. »Soll -ich vielleicht den Faktor rufen, damit er dir den Ausgang zeigt?« fragte er -grob. - -»Ich gehe,« schnaubte Onkel John, »und ich komme nicht eher wieder, als bis -ihr mich auf Knien und Ellbogen darum bitten werdet.« - -Es erfolgte ein Gelächter, in das nur Paul und Frau Zarnosky nicht -einstimmten. Paul machte ein ängstliches, beinahe verstörtes Gesicht. Frau -Zarnosky erhob sich erregt und sagte: »Onkel John, wenn Sie jetzt hingehen -und etwa in der Stadt erzählen, daß Paul anfängt, schwachsinnig zu werden, -so werde ich Sie nie mehr in meinem Hause dulden.« - -Der gute Schwager verklärte sich. »Aha,« sagte er, »diese Tatsache ist -Ihnen also doch nicht entgangen?! Aus unsrer Familie hat er das jedenfalls -nicht ...« Dabei schlüpfte er aalgeschwind nach der Tür, um sich von dort -mit einer spöttischen Verbeugung zu empfehlen. Die angenommene Kündigung -hatte er total vergessen. - -Richard Zarnosky zuckte nur die Achseln, als sein angenehmer Bruder -hinausschlüpfte. Die ganze Familie war an derartige Auftritte mit Onkel -John gewöhnt. Frau Zarnosky war meist die einzige, die sich dabei aufregte. - -Paul ging auf den Hof, um über das nachzudenken, was der Onkel von ihm -behauptet hatte. Da er die Sensibilität seiner Mutter und eine große -Phantasie besaß, so hatte ihn die seltsame Behauptung in Unruhe und Angst -versetzt. - -»War es nicht gestern vor drei Wochen, daß Vater die beiden Rappen kaufte?« -fragte er Rodenberg. - -»Ja, das is nu all drei Wochen her,« erwiderte der Kutscher. - -»Am ersten wurden sie beschlagen, nicht wahr?« - -Rodenberg kratzte sich den Kopf. »Kann sind. Ich weiß nich mehr jenau,« und -er trollte sich. - -Paul setzte sich auf eine Wagendeichsel und versank in angestrengtes -Grübeln; er stellte die schwierigsten Daten in seinem Kopfe fest. Eine -der vielen Speicherkatzen sprang ihm auf den Schoß und rieb sich -schmeichlerisch an seiner Jacke. Der Junge wollte sie vertreiben, weil ihn -das beim Nachdenken störte; aber die Katze klammerte sich fest, freundlich -schnurrend und vergnügt mit dem Schwanze wippend. Paul streichelte sie mit -abwesender Miene, bis ihm der wippende schwarze Katzenschwanz plötzlich -zwischen die Lippen geriet. Da sprang er auf und ließ das Tier fallen, die -klebengebliebenen Haare ärgerlich vom Munde wischend. - -»Was ist los?« fragte Onkel Chlodwig hinter ihm. - -»Ach nichts. Ich bekam Katzenhaare in den Mund,« erzählte der Junge. - -Chlodwig Zarnosky (eine Art Kompagnon seines Bruders Richard) war ein -kleiner, gelblicher Junggeselle mit großen Ohren und großen weißen Händen. -(Außerdem gab es noch einen vierten Zarnosky, den die Brüder seiner -»eigentümlichen Anlagen« wegen nach Amerika verpflanzt hatten.) -»Katzenhaare!« rief Onkel Chlodwig, die großen weißen Hände mit gespieltem -Entsetzen zusammenschlagend. »Paul, Junge, du hast doch wohl keins -hinuntergeschluckt?« - -»Ich weiß nicht,« sagte Paul verwirrt. - -»Kind, dann müßtest du ja sterben,« flüsterte Chlodwig mit großen -geheimnisvollen Augen. Und nun ging seine Phantasie mit ihm durch. -Er sprach dem schon erschreckten Jungen von einem schweren Tode, den -heruntergeschluckte Katzenhaare öfters zur Folge hätten. Er schilderte -dessen Qualen so genau, als habe er sie schon einmal durchgemacht. Paul -lächelte gezwungen. Schwachsinn und Tod, das waren ja nette Aussichten. -»Onkelchen, du schneidest auf,« sagte er mit unsicherer Stimme. - -Für gewöhnlich gab es keinen liebevolleren Onkel, als den kleinen Chlodwig, -den jüngsten der vier Zarnoskys. War er es einmal nicht, dann lag das -nur an seiner großen Phantasie. Sobald er merkte, daß er seinen Neffen -erschreckt hatte, brach er in lautes Lachen aus. »Paulemännchen,« rief er, -»was bist du für ein gläubiger Thomas?! Komm, jetzt trinken wir zusammen -Rotwein, das ist das beste Mittel gegen Ängstlichkeit und Katzenhaare!« - - * * * * * - -John hockte noch immer mit gefalteten Händen auf der Steinbank in der -Grätengasse. Aber er dachte nicht mehr an seine Mischung, er hatte sich -angelehnt und lauschte den lieblichen dünnen Tönen, die aus einem kleinen -stillen Hause kamen. Dort blies ein Pfeifer zu seiner Sonntagserbauung: - - Nachtigall, Nachtigall, - wie sangst du so schön, - sangst du so schön ... - -Es war ein Herbstlied, aber es brachte John seinen ganzen Frühling zurück. -Seine Kindheit erhob sich bei dieser halbvergessenen Melodie aus ihrem -Grabe und zog licht und herrlich an ihm vorüber. »Das warst du einmal,« -klang es in ihm. »Warst du einmal,« schien die Pfeife zu wiederholen. -Die Erinnerung nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm vergessene Wege -zu vergessenen Herrlichkeiten. John war aufs neue geboren. Der einsame -Lauscher in der Grätengasse war eine leergewordene Hülle. - -Da brach der Pfeifer plötzlich ab -- und die auferstandene schöne Zeit -sank langsam ins Grab zurück. Die Hülle auf der Steinbank bekam wieder eine -Seele. Der Trinker schlug langsam die Augen auf. Wo war alles geblieben? -Ein trauriges Grinsen verzerrte sein Gesicht, als sein suchender Blick auf -die blauen Oblaten auf seiner Jacke fiel. Das war er jetzt! Und das war -kein Traum; es war nicht zu vertreibende Wirklichkeit. Er riß die Oblaten -ab und schleuderte sie wild auf die Straße. Aber dann erhob er sich bald -und suchte sie wieder auf. Er konnte sie heute nicht entbehren. Beschmutzt -waren sie seiner auch noch würdiger. - -Die Leute kamen aus der Kirche. Die Grätengasse belebte sich. John setzte -sein Imperatorenlächeln auf und machte sich auf den Heimweg. - -»Guten Tag, Herr Zarnosky.« - -»Diener, Herr Zarnosky.« - -John erwiderte die Grüße, indem er jedesmal zwei Finger nachlässig an die -Mütze hob. Als er einen toten Sperling auf der Erde liegen sah, hob er ihn -auf und betrachtete ihn. Das Tierchen war so jung, so niedlich und noch -ganz warm. Ein Gruß vom Tode, dachte der Trinker, und seine Hand bebte, und -seine Orden bebten. »Ich komme bald,« schien eine Stimme zu flüstern. - -»Bald?« fragte seine Angst. - -Der Osterwind raunte eine tonlose Antwort. - -»Ich will nicht!« schrie es gewaltig in John, denn ihm war, als habe er -soeben sein Todesurteil vernommen. Und er hob den Arm und schleuderte den -Sperling über den nächsten Zaun. Er wollte nichts vom Tode wissen, nichts -mit ihm zu tun haben; er amüsierte sich höchstens über ihn. Sein Leben -konnte hundert Jahre währen. Doch die Angst sprach anders in ihm, und ihm -war, als stände der Tod schon irgendwo hinter einem Mauervorsprung -der Grätengasse, seinen knöchernen Arm ausstreckend, um ihn für immer -aufzuhalten. Er torkelte auf den Fahrdamm, um den Mauervorsprüngen -auszuweichen; er trabte nach Hause und setzte sich neben die lebenswarme, -liebevolle dicke Amalie. Aber die Köchin wurde bald ins Eßzimmer gerufen -und kehrte mit der unangenehmen Botschaft zurück, daß ihn der Vater zu -sprechen wünsche. John machte ein betretenes Gesicht und schlich wie ein -armer Sünder hinein. - -»Wer hat dich geheißen, mit der Kiste zu gehen?« fragte ärgerlich der -Vater. - -»Es hat mir Spaß gemacht,« stotterte John. - -»Unterlaß diese Späße in Zukunft, hast du verstanden?« - -»Ja,« sagte John wie ein artiges Kind. - -Herr Zarnosky schneuzte sich, um eine freundlichere Miene zu verbergen. -»Was hast du mit Onkel John gesprochen?« fragte er dann. - -»Ich -- ich weiß nicht mehr.« John lachte blöde. - -»Du weißt nicht mehr? Dann hast du wieder geschwindelt! Ich will wissen, -was du zu ihm gesagt hast?« - -»Guten Tag hab ich gesagt -- und -- und in der Kiste wären Patronen.« - -Der Vater versetzte ihm gereizt eine Ohrfeige, die mit stiller Tücke -hingenommen wurde. - -»Wie kannst du nur?!« rief Frau Zarnosky in vorwurfsvollem, klagendem Tone. -»Wie kann man nur einen erwachsenen, schwerkranken Menschen schlagen?!« - -»Schwerkrank?« wiederholte John entsetzt, die Ohrfeige vergessend. - -Wenn Frau Zarnosky eine Roheit ihres Mannes rügen oder gutmachen wollte, -hatte sie häufig das Pech, nicht minder roh oder wenigstens sehr taktlos -zu sein -- ohne sich ihres Fehlers immer bewußt zu werden; denn sie war ein -wenig denkträge und hielt sich auch für die Vollkommenheit selbst. Johns -angstvolle Frage blieb unbeantwortet, weil die Eltern ins Streiten geraten -waren, ob der Vater einen erwachsenen Sohn schlagen dürfe oder nicht. - -John dachte mit Sehnsucht an Amalie. Die machte ihm keine Vorwürfe, die -schalt ihn weder aus, noch erschreckte sie ihn. Die schenkte ihm Geld, -wenn er Durst hatte, und tröstete ihn, wenn er traurig war. Die hatte -sogar seinen Peter ins Herz geschlossen. Zwar die Mutter war auch gut; aber -Amalie war doch noch besser. Still drückte er sich hinaus. - -»Herr Johnche trautstes,« sagte die Köchin innig, »haben se inne Stub -wiedermal auf Ihnen jepucht?« - -Der Trinker schlug mit der Hand. »Die müssen doch immer was haben!« - -Er ließ sich auf die Küchenbank fallen, daß es krachte. »Bin müde,« sagte -er düster. - -»Hätten Se der Kiste doch bloß stehen lassen, junger Herr!« - -»Glauben Sie wirklich an Gott?« fragte John, ins Herdfeuer starrend. - -Die Köchin machte ein dummes Gesicht, weil sie nicht gleich wußte, was sie -auf diese unerwartete Frage antworten sollte. - -»Ob Sie wirklich an Gott glauben?« wiederholte der Trinker. - -»Na jewiß. Natirlich. Ich werd nich?! Wieso fragen Se, Herr Johnche?« - -»Fiel mir so ein.« - -»Glauben Se man auch,« predigte Amalie, »dann werden Se auch wieder jesund -werden. Bloß nich zuviel trinken!« - -John schien voller Angst einer andern Stimme zu lauschen. »Hörten Sie -nicht?« fragte er plötzlich. - -»Wa--as? Wa--as?« - -»Vorher sagte es der Wind. Jetzt sagte es das Feuer.« - -»Die können doch nichts sagen.« - -»›Ich komme bald,‹ sagte es eben.« - -»Ich hab nichts nich jehert.« - -»Der Tod will kommen,« flüsterte John mit großen angstvollen Kinderaugen. - -»Haben Se man keine Angst!« tröstete die Köchin. »Sie können noch Ihre -ganze Familie iberleben. Sie allemal!« Dann öffnete sie die Bratofentür und -sagte: »Kommen Se man sehn, junger Herr, wie fein se braten.« - -Zwölf Täubchen lagen in Reih und Glied in der Bratpfanne, zwölf angenehm -duftende, kleine braune Körperchen, die Amalie mit Stolz und Schweiß auf -der Nase vorwies. Johns Miene erheiterte sich beim Anblick der Tierchen. -Er ergriff eine Gabel und prüfte, ob sie schon weich waren. Da es sich so -verhielt, riß er der größten ein Beinchen aus, blies ein wenig herauf und -benagte es dann mit der Miene eines Menschen, der hat, was er braucht. Die -Köchin hatte die fetten Hände überm Bauch gefaltet und sah ihm wohlgefällig -zu. - -»Schmeckt gut?« fragte sie. - -»Ja,« sagte er. - -»Vielbeliebt und anjenehm zu heren.« - - - - -Drittes Kapitel - - -Auf dem Zarnoskyschen Hof stand ein uralter Birnbaum. Sein Stamm war so -stark wie vier feiste Mönche zusammen, und seine mächtige Krone bildete -eine Art chinesisches Dach über einem großen Teil des Hofes. Um den Stamm -lief ein Tisch und um den Tisch eine Bank; beide wurden viel zum Sitzen -benutzt, der Tisch noch mehr als die Bank. - -Wieder ging ein Frühlingstag zu Ende. John saß unter dem Birnbaum auf dem -Tisch, die Füße auf der Bank, und starrte nachdenklich und versunken in die -Abendsonne. Sie schwebte über einem sehr alten rosa Häuschen, das mit dem -Giebel an den Hof stieß. Dieser Giebel hatte nur ein einziges Fenster und -sonst nichts als seine rosa Farbe. John war froh. Er hatte beschlossen, -noch ein drittes Mal in die Heilanstalt für Trinker zu gehen, und dieses -dritte und letzte Mal sollte ihn für immer kurieren; denn: er wollte -hinterher nie mehr einen Tropfen Alkohol über seine Lippen bringen, das -hatte er sich mit den heiligsten Eiden zugeschworen. Und darum hoffte er -nun, eines Tages wieder gesund, stark und schön zu sein, er hoffte, einst -wieder zu den glücklichsten Menschenkindern der Welt zu gehören. (Mit -siebenundzwanzig Jahren hofft man noch leicht, hält man das Wunderbarste -für möglich.) Bald nach Ostern wollte er seinen Entschluß kundtun und zur -Ausführung bringen. Peter sollte ihn in die Anstalt begleiten. - -Der Ziegenbock sprang vor seinem Herrn herum und tanzte auf den -Hinterbeinen. Plötzlich öffnete er seine kleine schwarze Schnauze, zeigte -eine dicke rosa Zunge und schrie aufgeregt: »Mämämämä« ... - -»Ich bin deine Mama,« sagte John zärtlich, »deine Mama und auch dein Papa.« - -Das Giebelfenster des rosa Häuschens sprang klirrend auf, und ein brauner -Christuskopf lugte heraus. »John,« rief er, »soll ich auf den Hof kommen?« - -»Ja, komm!« sagte der Trinker. - -Der Mensch mit dem Christuskopf war der Bruder von Onkel Johns Frau, -achtunddreißig Jahre alt und schwachsinnig. Sein verstorbener Vater war -Superintendent gewesen, und darum bildete er, Johannes, sich ein, zum -mindesten Pfarrer zu sein. Die Verwandten unterstützten seine Torheit, -indem sie ihn »Pfarrer« nannten. Sie sagten Pfarrer, anstatt Johannes, sie -gebrauchten den Titel wie einen Vornamen. Johannes hatte noch einen Bruder, -der weit schwachsinniger war als er selbst. Die beiden Brüder lebten ganz -allein mit einer mürrischen Haushälterin in dem alten rosa Häuschen, das -ihr Eigentum war. Und sie lebten dort in ziemlicher Dürftigkeit, trotz -guter Vermögensverhältnisse; denn Onkel John verwaltete ihre Zinsen, und -zwar mehr zu Nutz und Frommen seines Geflügelhofes, als zu dem seiner -einfältigen Schwager. - -»Friede sei mit dir!« sagte Johannes würdevoll, als er John die Hand -reichte. - -»Und der Stock regiere dich!« witzelte dieser wie gewöhnlich, trotz der -abwehrenden Geste des frommen Idioten. - -»Hast nich ein Stummelchen? Hast nich, hast nich?« fragte Johannes, -sich fröstelnd die hageren Hände reibend. Er trug wie John eine dunkle -Sportmütze, die sich auf seinem lockigen Christuskopf seltsam genug -ausnahm. Um den Hals hatte er ein schwarzes Halstuch geschlungen. Sein -blauer Anzug war fleckig und abgetragen, die Jacke zu weit, die Hose zu -kurz; denn beides hatte einst Onkel John gehört, der stärker und kleiner -war. - -»Kein Stummelchen?« sagte Johannes, traurig den Kopf senkend, als John die -Frage verneinte. Und wie er so die Mütze abnahm, um sie mit ergebungsvoller -Miene ein wenig abzustäuben, da glich er ganz Christus, und John, der -ebenfalls die Mütze abgenommen hatte und voll Mitleid von seinem Platz auf -ihn herabsah, konnte wohl Pontius Pilatus vorstellen: Christus vor Pontius -Pilatus. - -»Stummelchen habe ich keine,« wiederholte der Trinker, »aber eine Zigarre -habe ich heute für dich.« - -Johannes rauchte für sein Leben gern. Er ließ einen Zigarrenstummel nicht -früher aus dem Munde, als bis er ihm Bart und Lippen versengte. Man machte -ihm jedesmal eine große Freude, wenn man ihm eine ganze Zigarre schenkte; -denn für gewöhnlich mußte er sich mit den Stummeln begnügen, die Johns -Vater (der einzige Raucher unter den Zarnoskys) für ihn aufhob. Er selbst -konnte sich keine Zigarren kaufen, da er kein Taschengeld bekam. Sein und -seines Bruders Taschengeld verwaltete die Haushälterin, und zwar mehr zu -Nutz und Frommen ihres Sparkassenbuches, als zu dem ihrer schwachsinnigen -Pflegebefohlenen. Zuweilen schenkte ihnen die Schwester Zigarren und -Delikatessen; aber nur Johannes rauchte, und die Delikatessen aß die -Haushälterin auf. - -Johannes begann vor Wonne zu stammeln, als John ihm eine schöne lange -Zigarre unter die Nase hielt. »Riech mal,« sagte der Trinker. Dann lehnte -er sich zurück: »Und nun fang sie auf.« - -Der Schwachsinnige hob die Hände, die Zigarre erwartend. Aber John narrte -ihn immer wieder, indem er nur so tat, als ob er werfen wolle. Schließlich -forderte er den Idioten auf, Gott zu lästern, oder er bekäme sie nicht. -John hatte nämlich herausbekommen, daß man Johannes wohl zu diesem und -jenem verleiten konnte, aber nicht dazu, Gott zu lästern. »Ein Pfarrer darf -das nicht,« entgegnete er dann stets. - -Das entgegnete er auch diesmal; doch John ließ es nicht gelten. Er zog eine -Schachtel Streichhölzer aus der Tasche und drohte, die Zigarre selbst zu -rauchen, wenn Pfarrer es nicht gleich täte. »Liebes gutes Johnche,« flehte -der Unglückliche, »gib, gib! Darf ich nich. Darf ich nich.« - -Der Trinker biß die Spitze von der Zigarre ab, indem er Johannes wie ein -Folterknecht angrinste. »Na, wird's bald?« fragte er zwischen den Zähnen. - -Die Abendsonne legte einen roten Heiligenschein um den lockigen -Christuskopf des Idioten. Er stand da, die Hände um die Mütze gefaltet, -die Augen wie ein Verschmachtender auf die Zigarre gerichtet. Seine Lippen -bewegten sich; aber es kam kein Ton. Er hatte schon tagelang nichts zu -rauchen gehabt, und eine ganze Zigarre hatte er schon seit Wochen nicht -sein eigen genannt; er zitterte vor Gier nach dem so lange entbehrten -Genuß. Dieser Zigarre gegenüber unterlag er der Versuchung, das fühlte er. -»Johnche,« flüsterte er mit versagender Stimme, »hab schon was jesacht. -Hast bloß nich jehört, hast bloß nich jehört.« - -»Das ist nichts. Das gilt nicht,« grinste der Trinker. - -Pfarrer bebte wie Espenlaub, und seine Zähne schlugen leise klirrend -zusammen. »Er -- er -- ist, ist -- ein Esel!« stieß er plötzlich ganz -kreidebleich hervor, als John schon dabei war, ein Streichholz zu -entzünden, und fast schreiend setzte er hinzu: »Aber nur ein ganz kleiner, -nur ein ganz kleiner!« - -John wollte lachen und konnte nicht. »Das war noch nichts Rechtes,« sagte -er beinahe verlegen, »aber für diesmal wollen wir es gelten lassen. Hier!« - -Johannes pflanzte die Zigarre glückselig in den Mund. John gab ihm Feuer. - -Obgleich dieser mit den beiden Schwachsinnigen gern allerhand seltsame und -boshafte Experimente vornahm, tat er doch mehr für sie als ihre nächsten -Anverwandten. Wenn sie sich bei ihm über die Haushälterin beklagten, ging -er auf der Stelle hin und stellte sie unter den heftigsten Drohungen zur -Rede. Die sonst sehr unerschrockene Person hatte einen gewaltigen Respekt -vor John, ja, sie zitterte förmlich vor ihm, da sie ihn zu allem fähig -hielt. Zweimal in jeder Woche ging er im rosa Häuschen das Essen kosten. -War es nicht gut, dann bekam die Haushälterin die Drohung zu hören, daß er -sie wegen Veruntreuung und Diebstahl anzeigen werde. Johannes und Markus -bewunderten Johns Mut aufs tiefste; er war ihr Held, ihr Ideal. Und da er -sie, die ewig Hungrigen, oft satt machte, darum liebten sie ihn wie einen -Vater und nahmen seine Neckereien und Quälereien so ruhig und ergeben hin, -wie der Türke die Schicksalsschläge. - -Die Abendsonne glitt langsam am glasblauen Himmel herab, glutrot und groß. -Johannes hatte sich neben John auf den Tisch gesetzt und dampfte wie ein -Pascha. Er wäre jetzt der glücklichste Mensch der Welt gewesen, wenn er -nicht die Gotteslästerung hinter sich gehabt hätte. »Johnche,« fragte er -leise, »meinst, er hat jehört? Meinst? Meinst?« - -»Was wird er nich jehört haben?!« entgegnete dieser. »Der hört doch alles!« - -»Johnche, du lachst ...?« - -»Na, vielleicht hat'r auch nich jehört. Vielleicht schlief'r auch schon. Is -doch'n alter Mann.« - -»Hast recht! Hast recht!« sagte aufatmend der Idiot. - -Sie starrten beide nach den roten Abendwolken, die ganz seltsame, -phantastische Formen hatten. Springenden Pferden mit Hörnern und Krallen -ähnlich, wandelten sie langsam durchs Himmelsblau. - -»Möchtest du da reiten?« fragte John mit einer Kopfbewegung nach oben. - -»Jefährlich, jefährlich,« meinte Johannes. - -»Wenn es aber ins Paradies ginge, Pfarrer?« - -In die Augen des Schwachsinnigen kam ein sehnsüchtiger Ausdruck. »Ins -Paradies?« wiederholte er verträumt. »Ach ja, Johnche, da möcht' ich jleich -hin.« - -»Ei, wenn es da nichts zu rauchen gibt?« - -Johannes kicherte blöde los. »Wird schon, wird schon,« meinte er, »da -jibt's doch alles umsonst. Zigarren -- Bratäpfel -- Glacéhandschuhe ...« - -»Weißt du was?« sagte der Trinker, die Frühlingsluft schlürfend. »Ich werde -wieder gesund werden. Ich geh nach Ostern in eine Anstalt und komm gesund -zurück.« - -Pfarrer sah ihn ehrfurchtsvoll an. »Ja? Ja?« Und dann ließ er nachdenklich -den Kopf hängen, hüllte sich in Rauchwolken und schwieg. - -Nachdem er geraume Zeit still vor sich hingebrütet hatte, bat er John -verlegen und zaghaft, ihn doch in diese Anstalt mitzunehmen. - -»Wieso?« fragte John. - -Der Schwachsinnige errötete wie ein junges Mädchen und wollte nicht mit dem -Grunde herausrücken. Endlich kam es halb gestammelt, halb geflüstert: Er -möchte auch gern gesund werden: klug werden. »Nich mehr Idiot, nich mehr -Idiot!« rief er klagend. Darauf senkte er das erblaßte Gesicht wie jemand, -der die Wirkung seiner Worte nicht abzuwarten wagt. - -Schweigen. - -»Das geht nicht,« sagte John kurz. »Oder -- du müßtest sterben. Die Toten -sind alle klug.« - -»Sterben?« stotterte Johannes erschreckt und enttäuscht. »Neinein! Lieber -nich, lieber nich! Noch e bißche warten, noch e bißche warten!« - -John lachte kurz auf. Und seine Lippen brannten rot in der sinkenden Sonne. -Er legte den Kopf auf eine Seite und begann leise zu pfeifen. Es klang, als -ob ein Vogel lockte. Es klang nach Frühlingslust und Lebensgier. Es war ein -Lied von der einzigen Wonne -- zu leben. - - - - -Viertes Kapitel - - -Die beiden Ausreißer sahen sich an und lachten. Es war nicht leicht -gewesen, die Reise zu unternehmen, da sie im geheimen vor sich gehen mußte; -denn man hätte John, krank wie er war, nie gestattet, mit Johannes einen -Ausflug zu unternehmen. Nun freuten sich beide, daß alles so wohl gelungen, -und daß sie nun da waren, wo sie hingewollt. Obgleich die Fahrt nur eine -Stunde gedauert hatte, fühlte sich John doch sehr angegriffen, als er -mit seinem Gefährten aus dem Zug stieg. Hinter dem ersten Zaun mußte ihm -Johannes die große Flasche Kognak reichen, die sie mitgenommen hatten, und -nun goß er Kognak wie Wasser in sich hinein. Darauf lachte er wieder über -das ganze Gesicht, und Johannes wieherte aus vollem Halse, weil er das für -schicklich hielt, wenn sein Ideal fröhlich war. John faßte ihn unter und -schritt würdevoll mit ihm weiter. Sie waren ein seltsames, auffallendes -Paar. Der Trinker hatte sich in der Eile mit einem alten hellgelben -Winterüberzieher bekleidet, der übermäßig kurz war und stark nach -Naphthalin roch. Sein dicker Schädel schien die Kopfbedeckung sprengen zu -wollen. Das kleine, steife, schwarze Hütchen saß da, als müsse es jeden -Augenblick herunterhüpfen oder bersten. Pfarrers lange, hagere Figur zierte -ein großkarierter alter Reisemantel von Onkel John. Auf dem Kopf trug er -die unvermeidliche Sportmütze, da er keinen Hut besaß. Halb Engländer, halb -Christus schleppte er eine umfangreiche Reisetasche, die die Kognakflasche -und eine Menge Mundvorrat enthielt -- für den Amalie im geheimen gesorgt -hatte. - -Der Apriltag war so warm und golden wie ein Maientag. Es schien nicht -Ostern, es schien Pfingsten zu sein; die Natur war so weit, wie sonst nur -im Mai. Die Obstbäume blühten schon hier und dort, und die Butterblumen -glänzten überall wie kleine Sonnen im Gras. Das junge Birkenlaub glich -flachen, goldgrünen Blüten, die ein leise wehender Wind in fortwährendem -Zittern erhielt. Das sah nun aus, als hingen zahllose, lautlos schwingende -Glöckchen an den Birkenzweigen. John und Johannes schritten durch eine -Allee solcher Glöckchenbäume. Niemand begegnete ihnen. Hier und dort -blickten bunte Strandvillen über nahe und ferne grüne Hecken. Johannes -hatte in seiner Brusttasche ein Paar weiße Glacéhandschuhe, die er für sein -Leben gern aufgezogen hätte; aber John erlaubte es ihm nicht. Die beiden -schwachsinnigen Brüder schwärmten einträchtig für weiße Glacéhandschuhe -- -und Bratäpfel, besonders aber für weiße Glacéhandschuhe. Die ihnen jetzt -niemand mehr schenken wollte. Als der Vater noch lebte, hatten sie solche -Handschuhe zu Dutzenden bekommen; aber jetzt -- --! Immer wieder mußten sie -alte Paare mit Benzin reinigen, wenn sie das sehnsüchtige Verlangen hatten, -sich irgendwo mit weißen Glacéhandschuhen zu zeigen. - -Die Allee endete auf der Düne, von der eine uralte Treppe aus breiten -Steinen und mit wackligem Holzgeländer durch eine lange, winklige, -baumreiche Schlucht zum Strand hinabführte. - -»Steigen wir 'runter?« fragte John. - -»Jefährlich, jefährlich,« meinte Johannes. - -Sie standen Arm in Arm und blickten mit Scheu und Bewunderung über die -halbdunkle Schlucht hinweg auf die weite, weite, blaue See. - -»Große bunte Käfer, schöne bunte Käfer,« sagte Johannes, mit vergnügtem -Lachen auf die Osterausflügler zeigend, die bienenemsig am Ausgang der -Schlucht auf der Mole herumkrabbelten. - -»Erst essen wir etwas und dann steigen wir auch herunter,« sagte John und -setzte sich auf die nächste Bank. - -Pfarrer folgte ihm mit verklärter Miene. »Essen« war und blieb doch das -Schönste für ihn. Seine langen, hageren Hände sofort in die Tasche grabend, -brachte er Päckchen auf Päckchen zum Vorschein. Der Trinker griff zuerst -nach der Kognakflasche und tat aufs neue einen langen, tiefen Zug. Johannes -entkapselte für sich einen Zitronensprudel, zu dem er eine Serie harter -Eier genoß. John hatte wenig Appetit, da das Mittagessen noch nicht weit -zurücklag. Bei Johannes machte das nichts aus; der konnte schon wieder -wie ein Drescher einpacken. Er stieß ein unwilliges Knurren aus, als John -»genug!« ausrief. Was war ihm Schlucht, was war ihm See, wenn neben ihm -eine Tasche mit den schönsten Eßwaren stand. - -Arm in Arm, langsam und ängstlich wie der Lahme mit dem Blinden, begann das -Paar den Abstieg. Auf der halben Treppe mußten sie schon rasten, weil John -die Luft ausging. Mit bläulichem Gesicht sank er auf die Stufen nieder, -und Johannes mußte ihm wieder die Kognakflasche reichen. »Da haben wir den -Salat,« sagte John, melancholisch ins Grüne spuckend. Der Schwachsinnige -nahm ein paar Stufen tiefer Platz und zog sich heimlich einen weißen -Handschuh auf. Jeden Augenblick konnten Leute die Treppe herauf- oder -herunterkommen, Leute mit neugierigen Augen -- ohne weiße Glacéhandschuhe. -Pfarrer wollte ein bißchen »feiner Mann« spielen. Es dauerte auch nicht -lange, so kamen zwei junge Mädchen die Treppe heruntergekichert. Helle -Kleider, flatterndes Haar. »Scheene Kinder,« schmunzelte Pfarrer, die weiße -Hand wie einen Fächer bewegend. John fuhr fort, ins Grüne zu starren. Was -gingen ihn diese Mädchen an?! Ja, wenn Peter gekommen wäre -- --! Es tat -ihm sehr leid, daß »der Junge« zu Hause sein mußte. Die Mädchen girrten -wie Tauben, als sie an dem seltsamen Paar vorübersprangen. Gleich danach -platzten sie los. Ihr Lachen rieselte die Schlucht herauf und herunter, und -das Echo gab es verhaltener wieder. - -Und die Vögel sangen, und die Wellen riefen, und es duftete das Laub. Es -war ein Frühlingstag, wie es nicht viele gibt; die Welt war so schön wie -ein Traum. Selbst Johannes empfand das. Unwillkürlich nahm er die Mütze ab -und saß barhäuptig da, als sei er der Natur diese Ehrfurcht schuldig. - -Nach einer halben Stunde waren sie unten und schritten Arm in Arm bis -zum Ende der Mole, wo es ganz menschenleer war, und nur die Wogen, gleich -wilden Pferden, mit lautem Geschrei und hochflatternden weißen Mähnen -dahergestürmt kamen. Die Mole war schmal und kroch wie eine graue Schlange -am Fuß der steilen, beinahe ockerfarbenen Dünenwand entlang, von der hier -und da der gelbe Sand, leise klirrend, herunterrieselte. Auf der Höhe -standen große Bäume, und einer von ihnen neigte sich weit über die Düne, -als müsse er herunterschauen oder als sei er im Begriff herabzustürzen. Der -Himmel war afrikanisch blau über dem leuchtenden Gelb der steilen Sandwand. - -John war, als fahre die Mole unter ihm davon, als sie stehen geblieben -waren und auf das Wasser blickten; sich auf Johannes stützend, schloß er -erschreckt die Augen. Nun fuhr er mit; die Mole und die ganze Welt schien -langsam mit ihnen davonzufahren. John hielt sich an Johannes, wie der -Schiffbrüchige am Mast, und auf einmal glitt er lautlos zu Boden. Ein -Schwindelanfall, der nur langsam vorüberging. »Ich bin schläfrig,« sagte er -schließlich auf Pfarrers angstvolles Fragen mit seiner gewöhnlichen Stimme, -und er streckte sich aus und ließ die Sonne auf seinen gelben Wintermantel -brennen. - -Der Schwachsinnige strich ratlos seinen Christusbart, er blickte scheu auf -das große Wasser, dem er nun ganz allein gegenüberstand; am liebsten -wäre er nach Hause gelaufen. Nach einer Weile hockte er sich neben seinem -bereits schnarchenden Freunde nieder, der See den Rücken zudrehend, und sah -unentwegt auf die Reisetasche: ihr Anblick war ihm eine Oase in der Wüste. -Den Handschuh hatte er längst wieder abziehen müssen. John hatte ihm vor -allen Leuten mit einer Backpfeife gedroht, wenn er es nicht auf der Stelle -täte. Es war ihm nichts anders übrig geblieben, als zu gehorchen. - -Pfarrers Phantasie sah auf der Tasche einen Mädchenkopf mit großen, -lachenden Augen. Pfarrer hatte sich wieder einmal verliebt. Das eine der -beiden Mädchen, die auf der Treppe an ihm vorübergesprungen, hatte es ihm -angetan. Und nun glaubte er, sie immer wieder kichern zu hören; es war aber -nur der Sand, der so klirrend von der Düne rieselte. - -Es rieselte ... es rieselte, und die Wogen warfen sich mit eintönigem -Geschrei gegen die Mole. Pfarrer legte das Gesicht auf die Reisetasche, da, -wo er sich den Mädchenkopf dachte, und brummelte sich in den Schlaf. - -Die Wellenpferde kamen laut herangejagt, sprangen an der Mole hoch und -brachen fauchend zusammen; neue kamen, sprangen an der Mole hoch und -brachen fauchend zusammen; neue kamen ... und die Sonne sah ihnen strahlend -zu und segelte majestätisch ihren Weg. - -Es war gegen halb sechs, als John endlich aufwachte. »Dore! Kaffee! -Kaffee!« brummte er. - -»Kaffee! Kaffee!« echote der Idiot. - -John sah sich betreten um. »Pfarrer,« stotterte er, sich die Augen reibend, -»was ist das hier?« - -»Ostsee! Ostsee! Ostsee!« - -Der Kranke verzog das Gesicht. »Ich säße jetzt lieber zu Hause,« sagte er -mißmutig. - -»Ich auch! Ich auch!« sagte Johannes. - -»Da hinauf komm' ich heut' nicht mehr,« murmelte John, auf die Düne -zeigend. - -Johannes verfärbte sich. »Bleib nich! Bleib nich!« rief er entsetzt. -»Graurig hier! Graurig hier im Dunkeln!« - -»Ich werde schon Mittel und Wege finden, daß wir vor acht auf dem Bahnhof -sind,« versetzte der Trinker mit seinem Imperatorenlächeln. - -Und der Schwachsinnige vertraute seinem Ideal. »Is gut! Is gut!« sagte er -beruhigt. - -John versuchte nun fröhlich zu sein; aber es wollte ihm nicht recht -gelingen, und je näher der Abend kam, desto stiller wurden sie alle beide. -Johannes begann wieder zu essen; doch diesmal ohne Genuß: die große Nähe -des weiten, lärmenden Wassers bedrückte zu sehr sein Gemüt. Und John -bedrückten Todesgedanken. Er kam sich vor wie ein Sterbender, der sich noch -einmal in die Sonne gesetzt, der das Meer und die Sonne noch einmal sehen -wollte, um von ihnen Abschied zu nehmen. Das Gebrüll der Wogen hatte -seine Fröhlichkeit verloren. Sie klagten jetzt immer lauter und lauter -und hohler: eine tragische Musik. John lehnte sich schwer an die kalte -Dünenwand mit dem rieselnden Sande. Er hatte einen Ton im Ohr, der aus der -Ferne zu kommen schien, aus einer Ferne, die nicht auf Erden war. Der Tod -schlug mit der Sichel an. »Ich komme bald!« klang's aus der Ferne. - -»Ich verreise nächstens,« sagte John plötzlich. - -»Weiß! Weiß!« murmelte Johannes. - -»Nicht in die Anstalt,« sagte der Trinker. - -Der Schwachsinnige wieherte geheimnisvoll, so, als wisse er über alles -Bescheid. - -»Weißt du, zu wem?« fragte John. - -»Zu wem? Zu wem?« stotterte Johannes. - -»Zum Tode -- Pfarrer.« - -Der Idiot lachte verblüfft und ängstlich. »Ach ja --?!« sagte er mit -ungläubiger Miene. Und dann halb scherzhaft, halb wißbegierig: »Hat er -einen Garten? Einen Garten?« - -»Einen großen,« erwiderte John, »mit einer hohen, blutroten Mauer herum.« - -Ȁpfel? Äpfel im Garten?« - -»Nee! Mohnblumen, nichts als Mohnblumen.« - -»Was tust mit Mohnblumen?!« sagte Johannes in wegwerfendem Tone. - -»Du riechst sie,« murmelte John, »und dann vergißt du das Leben: alles, was -dich geplagt hat.« - -»Will nich verjessen! Will nich!« brummte Johannes trotzig. - -»Aber eine Zigarre würdest du wollen, was?« - -»Ja,« sagte der Schwachsinnige, treuherzig wie ein Kind. - -Er bekam eine und sog wie ein Rasender an dem dicken, etwas feucht -gewordenen Stengel, ohne ihn in ordentliches Glimmen zu bekommen. John -lachte über Pfarrers verzweifelte Anstrengungen, aber seine Augen sahen -nach Tränen aus; denn seine Schmerzen meldeten sich, und es begann ihn auch -zu frieren, da die Sonne hinter großen Wolken verschwunden war. Die Wolken -waren, kaum bemerkt, herangezogen und standen nun wie Elefanten am Himmel, -See und Land beschattend und die Mole mit den beiden traurigen Träumern. - -»Warum ließen sie mich zum Säufer werden?« stieß John nach langem Schweigen -zwischen den Zähnen hervor. - -Der Schwachsinnige wieherte kläglich. - -»Warum ließen sie es zu?« wiederholte John fast schreiend in -herzzerreißendem Tone. - -»Iß! Iß!« stammelte Johannes in ratloser Bestürzung. - -Die Elefanten schickten einen kurzen, klingenden Hagelgruß herunter, auf -den ein harter, rascher Regen folgte. Die Tropfen tanzten zischend über die -Frühlingssee und klapperten rhythmisch auf der Mole. Dann wurde es wieder -still. Die Sonne schob ihr gelbes Kinn um die Ecke einer Wolke, und ein -Regenbogen flammte groß und strahlend am dunkeln Himmel auf. Das war das -Finale des kurzen Konzertes. - -Auf John und Johannes wirkte der Regenbogen wie Regimentsmusik. Sie reckten -sich die Hälse nach ihm aus und machten frohe Augen und schüttelten lachend -den Regen ab, dem sie ganz regungslos standgehalten. »Es ist Zeit, daß wir -aufbrechen,« sagte John nach einem tüchtigen Schluck aus der Kognakflasche, -und nun mußte Johannes die Tasche nehmen, und dann ging es zu seinem -Erstaunen von der Mole herunter, immer weiter in die Fremde hinein. Es -war nicht leicht, durch den nassen Sand zu wandern, über diesen schmalen -Strand, den von der Düne gestürzte Bäume und große Steinblöcke versperrten. -Johannes wurde immer kleinlauter; John lachte, obgleich ihm die -Schweißtropfen auf der Stirn standen. Doch der Schwachsinnige vertraute -auch jetzt seinem Ideal. Er fragte nicht einmal: Wohin gehen wir -eigentlich? Gehen wir hier zur Bahn? Er trabte schweigend mit, die tote -Zigarre im Munde. - -So ging's bis zur nächsten Ecke der Dünenwand, hinter der zu Pfarrers -Freude die Bodenerhebung sich senkte. Man hatte die Düne auf dieser Stelle -bis zu einer sanft ansteigenden schiefen Ebene erniedrigt, eine Ebene, -die die Fischerkinder dazu benutzten, um darauf in Purzelbäumen zur See -herunterzuschnellen. - -Drei Jungen waren eben dabei, auf diese Art den Abstieg zu machen, als -John und Johannes, fremdartig wie die Weisen aus dem Morgenlande, auf der -Bildfläche erschienen. »Ziert euch nicht!« rief der Trinker. »Immer runter -was die Büxen halten!« - -Sechs braune Beine schnellten hurtig durch die Luft, und bald standen -drei sommersprossige, weißblonde Bengels in blauen Hosen auf dem Strande. -»Jungens, habt ihr nicht einen Handwagen?« fragte John leutselig. - -Es kam heraus, daß die Eltern von Tiburzigs Franz einen hatten, einen ganz -neuen, auf dem ein Mensch bequem sitzen konnte. Tiburzigs Franz versprach, -ihn zu holen, und für fünfzig Pfennige wollten die Jungen das Paar in die -Höhe fahren. - -Johannes zog es vor, zu Fuß zu gehen, und nur John stieg in die -Kutsche, stolz und gelassen wie ein Triumphator. Ein Dutzend schmutziger -Fischerkinder schrien hopsend »huhraaah«, als die Fahrt losging. John -lächelte huldvoll nach allen Seiten, und manchmal sah er nach der -Regenbogenbrücke auf, und manchmal sah er nach dem Meer zurück. Die -Wogen schwankten bacchantisch ihren Weg; sie schwankten, hoch und voll, -schwarzgrün und gläsern, mit weißem Schaum und roten Flecken unter dem -breiten Lächeln der sinkenden Sonne dem stillen Strand entgegen. - -Und das Grün der Gärten schimmerte wie Smaragd nach dem Osterregen, und -der Flieder duftete schon vor dem Blühen. Es war ein Frühlingsabend, wie es -nicht viele gibt; die Welt war so schön wie ein Traum. - - - - -Fünftes Kapitel - - -Peter war verschwunden. Am zweiten Osterfeiertag, als John und Johannes -an der See waren. Das war ein Herzeleid für John. Er schickte immer wieder -Leute auf die Suche nach ihm aus, er annoncierte seinen Verlust immer -wieder in den Zeitungen; es nützte alles nichts: Peter blieb verschwunden. -Und die Frühlingstage kamen und gingen, und John dachte nicht mehr daran, -in die Anstalt zu gehen; er dachte nur an seinen verlorenen Liebling. Er -betrauerte ihn wie einen Sohn, er fand nicht Ruh bei Tag und Nacht, wenn er -sich das Tier in schlechten Händen vorstellte. Seine Liebe zu Peter wuchs -ins Grenzenlose, ins Abnorme. Und er trank vom Morgen bis zum Abend, um -seinen Kummer zu betäuben. - -Doch eines Morgens erwachte er mit heiterer Miene. Sein Gesicht war ganz -naß von Tränen; aber seine Augen strahlten. Noch vor dem Aufstehen -schickte er nach Johannes, weil er ihm etwas sehr Schönes und Merkwürdiges -mitzuteilen habe. - -Der Schwachsinnige trat mit weißen Glacéhandschuhen an und war so neugierig -wie hungrig. Doch beim Anblick von Johns Frühstück verließ ihn die Neugier -und nur der Hunger blieb; er vermochte kein Auge von dem besetzten Tablett -zu lassen. John sah ein, daß Johannes nicht imstande sein würde »das -Wunderbare« zu würdigen, ehe er nicht gefrühstückt hatte. Rasch auf das -Tablett zeigend, hieß er ihn essen, so schnell er konnte. - -Der Schwachsinnige griff zu, als habe er schon tagelang fasten müssen. John -heftete die verschwimmenden Augen auf die verräucherte Decke und wartete, -die wachsgelben Hände wie zu einem Dankgebet auf der Decke gefaltet, bis -Johannes mit dem Frühstück fertig war. Dann hub er an: - -»Mir träumte, daß wir beide auf den Kirchhof gingen. (Johannes nickte -beifällig. Auf den Kirchhof ging er gern. Ohne daß John es merkte, hob er -mit angefeuchteten Fingerspitzen Krümel auf, um sie heimlich in den Mund zu -stecken.) Ein herrlicher Traum!« flüsterte der Trinker. »Der ganze Kirchhof -war bunt von Blumen -- und wir suchten Peters Grab. Er sollte dort begraben -sein. Und als wir zu dem Winkel kamen, wo jetzt die vielen Vergißmeinnicht -blühen, da stand er plötzlich vor uns. Viel größer als früher und so schön, -so schön! Sein Fell strahlte wie schwarzes Metall, und seine Augen waren -wie kleine blaue Monde, und am Halse trug er eine große Passionsblume. Wir -hatten Angst, ihn anzufassen; aber da kam er auch schon auf mich zu und auf -einmal -- auf einmal sagte er: ›Vater!‹« - -Johannes wieherte ganz verdutzt. »Wirklich wahr? Wirklich wahr?« fragte er -ungläubig. - -»Er sagte Vater -- ich höre es noch. Und dann sagte er, es gehe ihm gut; er -sei nun tot und habe alle Quälereien hinter sich. Und ich soll mich nicht -mehr um ihn grämen.« - -Johannes blickte John ratlos an. Verlegen seinen Christusbart streichend, -bemühte er sich schweigend mit der Zunge nach einem Krümel in einem hohlen -Zahn: er sah recht einfältig dabei aus. »Jehn wir heut spazieren?« fragte -er demütig. - -»Ja,« sagte John, die Augen wieder nach oben richtend, »wir gehen heute auf -den Kirchhof. Nach dem Vergißmeinnichtwinkel. Vielleicht erscheint er uns -dann noch einmal -- noch einmal ...« Es sprach eine solche Sehnsucht aus -diesen beiden Worten, daß selbst Johannes ergriffen war. -- - -Aber der Winkel blieb leer. Kein Peter kam, so sehr ihn John auch rief. Da -ließ er sich auf eine Bank fallen und weinte wie ein Kind. Und es war ein -so lieblicher Maiennachmittag. Auferstehung, Auferstehung glänzten Blätter -und Blumen, und die Vögel, die über den Kirchhof flogen und auf den Bäumen -saßen, erzählten zwitschernd und singend von der Süße des Lebens. - -Nicht weit von dem traurigen Paar saß ein kleiner, buckliger Mann. Er -saß auf einem Holzgestell vor einem Kreuz, dessen Inschrift er frisch -bronzierte. Er pfiff langsam und selbstgefällig ein Kirchenlied, wobei er -seinen runden schwarzen Kopf wie eine Kugel zwischen den hohen Schultern -hin- und herrollte. - -»Hör' schon auf!« brüllte John, als das fromme Lied kein Ende nahm. - -»Na nu', Gott geb! Man wird doch wohl noch pfeifen dürfen!« brummte der -Bucklige, und dann brummte er noch einiges, was unverständlich blieb, und -dann versank er in tückisches Schweigen. Doch von Zeit zu Zeit spie er -heftig auf die Erde, wodurch er John seine Verachtung ausdrücken wollte. - -Das reizte den Trinker und zog ihn von seinem Kummer ab. Er begann, dem -Buckligen Prügel anzubieten, wie er es in früheren Jahren so rasch zu tun -pflegte. Er prahlte mit Kräften, die er schon lange verloren. Er stärkte -sich mit Kognak und wischte sich ärgerlich die Tränen vom Gesicht. - -Warum heulte er denn noch immer? Peter ging es doch gut, und er hatte ihn -doch selbst gebeten, sich nicht länger um ihn zu grämen. Es war allerdings -entsetzlich schwer, das Tier zu entbehren -- (große Tränen kamen aufs neue) --- aber die Hauptsache war doch, daß es ihm gut ging. Und es ging ihm gut. -Peter hatte es ja selbst gesagt. - -Nun standen sie auf, um nach Hause zu gehen. Peter konnte wohl doch -nicht erscheinen. Als sie an dem Buckligen vorüberkamen, gab John dem -Holzgestell, auf dem er saß, einen heimlichen Stoß, und der kleine Mann -kollerte zeternd herunter. Das erheiterte John und stimmte ihn versöhnlich. -»Wie kam das nur?« fragte er, sich unschuldig stellend. Und dann setzte er -sein Imperatorenlächeln auf und sagte mit herablassender Herzlichkeit: »Na -lassen Se sich mal ordentlich abstäuben.« Nachdem er es mit aller Sorgfalt -getan hatte, verließ er mit Johannes den Kirchhof. - -Am alten, grauen, zweistöckigen Offizierkasino blieben sie stehen und -lauschten. Innen erklang eine elegische Musik. Im zweiten Stock standen -einige Fenster offen, und aus dem einen ergoß sich plötzlich der feuerrote -Vorhang wie ein breiter Blutstrom. - -»Sieh,« flüsterte John, »eben dacht ich, wie rot Peters Blut wohl gewesen -sein mag. Da kam der Vorhang heraus.« - -Johannes wollte weitergehen, aber John stand und starrte wie gebannt auf -den roten Strom. »Mir ist ganz sonderbar,« sagte er, »mir ist, als gehöre -ich gar nicht mehr zu euch, als bin ich schon von einer andern Welt ... -Weißt du, Pfarrer, ich seh' und höre nicht mehr wie früher; ich seh' und -höre andre Dinge als ihr. Und was ich weiß, das wißt ihr nicht, und ich -vermag es euch auch nicht zu sagen.« - -»So? So?« stotterte der Schwachsinnige. - -Und John fuhr fort, nach oben zu starren, grelles Sonnenlicht auf dem -fahlen Gesicht. Aber da wurde der Vorhang hereingezogen, und die Musik -verstummte. »Geh'n wir!« sagte er nun in alltäglichem Tone. - -Die Straße war breit und alt und auf der einen Seite mit großen -Kastanienbäumen besetzt. An einem Gartenzaun hüpfte ein junger Spatz -herum, der noch nicht fliegen konnte und jämmerlich piepste. »Hände weg!« -herrschte John die beiden Jungen an, die um den Vogel herumsprangen, und -er bückte sich und fing ihn ein. »Den zieh ich auf, bis er fliegen kann,« -sagte er, voller Freude über die unerwartete Aufgabe. - -Frau Kalnis stellte er den Spatz als Peters Brüderchen vor. Doch dann -entdeckte er, daß das Brüderchen ein Schwesterchen war. Er gab ihm einen -Kuß und taufte es Mimi. Mimi sollte gleich zu essen haben. John wußte, -wie man junge Vögel fütterte. Aber er fühlte sich so schwach nach dem -Spaziergang, daß er sich hinlegen mußte. Dore fütterte Mimi unter großem -Wortschwall mit angefeuchteten Kuchenkrümeln. John meinte, wenn Dore einmal -stürbe, würde es wohl notwendig sein, ihr Mundwerk noch extra mit einem -Waschholz totzuschlagen, wenn man es still kriegen wollte. Dann lag er ganz -apathisch da, den Vogel auf der Hand, schwermütig an Peter denkend. - -Mimi senkte den Kopf ins Federmäntelchen und schlief ein. Ihr Figürchen -hockte wie ein kleiner grauer Pompon auf Johns Hand. Es dauerte indessen -nicht lange, so wurde sie wieder munter und begann, sich mit dem kleinen -Schnabel die kleine Brust zu kratzen. »Flöhchen hat du auch?« sagte John -entzückt, an Peter denkend. Er wollte ihr beim Kratzen helfen, doch Mimi -mochte es nicht; John war ein Herr und sie ein Fräulein. - -Gegen Abend zeigte Mimi durch eifriges Schnabelaufsperren an, daß sie schon -wieder Hunger habe. Der Trinker erhob sich willfährig wie ein junger -Vater, der ein hungriges Baby zu füttern hat. »Kuchen mit Milch tut's nicht -allein,« dachte er, »ein bißchen frischer Braten ist ihr notwendiger.« -Eifrig machte er sich ans Fliegenfangen, und es gelang ihm auch, ein halbes -Dutzend Fliegen zu erwischen. Mimi aß sie alle auf, indem sie nach Johns -Dafürhalten vor Vergnügen schmatzte. - -Und nun galt es, ihr ein hübsches weiches Nest zu machen. Es sollte ein -Nest sein, das dem Spätzlein die Illusion zu geben vermochte, es schliefe -unter einem schönen Blätterdach. John formte zuerst das Nest aus einem -weichen, grünen Tuch, in einem friedlichen Winkel seines Zimmers, und -dann umzingelte er Dores Fächerpalme mit der Schere, um das Blätterdach zu -ergattern. Die Fächerpalme war Dores elegantestes Möbelstück, sie liebte -und pflegte sie wie ein Kind; niemand durfte sie berühren. Dessenungeachtet -gelang es John, ihr ein herrliches Blatt abzuknipsen, das er dann gleich -einem Schirm über Mimis Ruhestätte befestigte. Dore raste, als sie die Tat -entdeckte, Dore ärgerte sich die halbe Nacht darüber. Aber Mimi schlief gut -unter ihrem grünen Thronhimmel. - -Auch John schlief gut in dieser Nacht. Er träumte nicht wie gewöhnlich, daß -ihm der Tod in der Ferne eine traurige und eintönige Musik vorspiele, oder -daß ihn dunkle Männer schon hinaustragen wollten; er träumte von Mimi, von -Fliegenbraten und Vergißmeinnicht. Doch einmal träumte er auch, daß Mimi -in einem Winkel totgetreten läge. Da fuhr er auf -- und freute sich, -erwachend, daß es nur Trug gewesen. - -Als Dore früh am Morgen ihre Tür öffnete, sah sie John im Hemd auf der -Diele liegen und den Vogel füttern. »Sie hatte schon Hunger,« flüsterte er, -seinen Spatz mit zärtlichen Blicken betrachtend. - -»Sie werden sich aber erkälten,« wandte Dore ein. - -»Was tut's,« murmelte er, ganz hingerissen von der Lieblichkeit des kleinen -Vogels. - -Mimi begann, auf der Diele herumzuhüpfen und zierliche Flugversuche zu -unternehmen. John stieg wieder ins Bett und sah ihr herzinnig zu. Sie -hüpfte herum, sie flatterte ein bißchen, und manchmal stieß sie niedliche -Tönchen aus. »Hörten Sie, Frau Kalnis?« fragte John jedesmal entzückt, wenn -Mimi einen kleinen Zwitscher tat. - -Draußen musizierten die Vögel auf dem Birnbaum, was sie konnten, jeder -auf seine Art. Mimi übte sich im Fliegen und ließ, antwortend, ihr -feines Stimmchen ertönen. Dore ging geschäftig hin und her, ihr Zimmer -reinmachend. John schloß die Augen, um besser lauschen zu können, und -schlummerte dabei gegen seinen Willen ein. Als er sie wieder öffnete, war -alles still im Zimmer; von Mimi nichts zu hören, nichts zu sehen. »Frau -Kalnis,« rief er ängstlich, »seh'n Sie doch mal nach, wo der Vogel ist! Ich -war eingeschlafen.« - -Dore erschrak, denn sie hatte den Vogel über ihrer Arbeit ganz vergessen. -Als sie suchend umherblickte, sah sie ihn still und steif auf ihrer -Schwelle liegen. »Herrgott, den werd' ich wohl betreten haben!« rief sie -bestürzt. - -»Aber doch nicht sehr?« schrie John, an seinen Traum denkend. - -»Er ist tot,« flüsterte Dore, aufrichtig betrübt. - -John sprang aus dem Bett und packte sie erregt an den Schultern. Dore -wollte den Spatz, erschreckt, durchs Fenster werfen, aber John riß ihn an -sich und ging mit ihm ins Bett. Dort hielt er Mimi, so still er konnte, auf -seiner zittrigen Trinkerhand, und seine Tränen fielen dicht und warm neben -den sterbenden Vogel. Mimis kleiner Schnabel stand weit offen, und aus dem -Halse quoll Blut. Das eine Auge hing wie ein kleiner, bläulicher Globus -ganz und gar aus dem Kopf heraus. Das Körperchen zuckte noch ein paarmal, -und dann streckte es sich langsam aus: Mimi war tot. Draußen zwitscherten -die Vögel, was sie konnten; aber kein feines, dünnes Stimmchen gab mehr -Antwort im Zimmer. - -John begrub seinen Vogel eigenhändig in einem schönen Kästchen unter dem -Birnbaum. Er tat es selbst, damit es so gut wie möglich geschah. Und ihm -war, als begrabe er in dem Kästchen seine allerletzte Freude auf Erden, als -sei nun alles, auch alles für ihn zu Ende. Die Sonne schien so schön, und -der Birnbaum regnete weiße Blüten -- alles für andere, für ihn nichts mehr; -keine Schönheit und keine Freude: seine Zeit war abgelaufen. Mit hängendem -Kopf humpelte er in seine Wohnung und legte sich schweigend ins Bett. - -Dore kam leise mit der Bibel zu ihm herein. Ohne zu fragen, begann sie mit -gedämpfter Stimme sein Lieblingskapitel: das Hohe Lied. John schwieg, das -Gesicht nach der Wand gedreht. Aber als Dore den Vers gelesen hatte: - -Ich bin hinab in den Nußgarten gegangen, zu schauen die Sträuchlein am -Bach, zu schauen, ob der Weinstock grünete, ob die Granatäpfel blüheten ... -da sagte er: »Wie schön ist das nur! Das lies mir vor, wenn ich sterbe.« - -»Sie werden ja nich sterben.« - -»Dumme Trine.« - -»Aber Herr Johnche ...« - -»Schweig!« - - - - -Sechstes Kapitel - - -Heute war Onkel Johns Geburtstag, und darum hatte er seine Sportmütze mit -einer kurzen Pfauenfeder geschmückt. Die Mütze auf einem Ohr, ging er mit -strahlender Miene in seinen großen Blumengarten, hinter dem Hause. Neben -ihm trippelte ein Tier, das weder ein Hund noch eine Katze war, sondern ein -gewaltiger, goldroter Hahn, den Onkel John »Kakao« nannte, weil der Hahn -dieses Wort so schön sagen konnte. Heute hingen tonnengroße Lampions an den -Akazien und Fliederbäumen des Gartens, und die Wege waren frisch mit Kies -bestreut. In dem kleinen, künstlichen Teich, den ein Kranz von großen rosa -Muscheln umschloß, schwammen ganz wunderliche, dunkle Fische herum, die -sich Onkel John für schweres Geld selbst zum Geburtstag geschenkt hatte. -Und ihre großen, hervortretenden Augen beglückten ihn. Er hob Kakao in die -Höhe, damit er sie auch bewundern konnte. Aber Kakao interessierte sich nur -für sein Spiegelbild, mit gesträubten Federn darauf losstrebend. »Dummer -Junge,« sagte der Onkel, ihn mit einem zärtlichen Klaps zur Erde -setzend. Die beiden Johns, der ältere wie der junge, hatten nebst andern -Eigentümlichkeiten auch die gemeinsam, daß sie den Tieren freundlicher -gesinnt waren als den Menschen, daß sie die Tiere liebten, wie die Bibel -befiehlt, den Nächsten zu lieben, und daß sie die Menschen gern wie Tiere -behandelten. - -Hinter dem Blumengarten lag der Obst- und Nußgarten, in dem dumpf und emsig -ein Bienenvolk brauste. Manchmal kam von dort ein Bienchen zu Onkel John -geflogen und kroch zutraulich auf ihm herum. Die Bienen taten ihm nichts; -sie kannten ihn. Gleich einem glücklichen König stolzierte er in seiner -Blumenwildnis herum. Die Moosrosen, seine Lieblinge, hatten Knospen -getrieben, die Asphodelos, die goldnen, grüßten ihn mit ihren schönen -Häuptern, wohin er seine Blicke auch wandte. Es war ein Blühen überall, -umflattert von bunten Schmetterlingen. Onkel John liebte seinen Garten wie -eine schöne Frau. Seine Gattin war ihm nie, was ihm sein Garten im Frühling -war. - -»Willkommen, mein Prinz!« rief er heiter, als sein Lieblingsneffe -dahergestolpert kam. - -John torkelte ihm gerührt in die Arme und küßte ihn, gratulierend, auf den -fuchsgelben Schnurrbart. Dann ging er gleich zu den wunderlichen Fischen, -die ziemlich matt in ihrem hellen Wasser standen. - -»Rat' mal, was sie gekostet haben!« sagte der Onkel und blies die Backen -auf. - -Der Neffe meinte: »Hundert Mark.« - -»Was, hundert Mark?« Der Onkel rollte die grellblauen Augen. »Sag -dreihundert und du hast es getroffen.« - -Hundertfünfzig also, dachte John, aber er sprach es nicht aus. Nun -seinerseits die Augen rollend, flüsterte er: »Dreihundert? Donnerwetter -noch mal!« - -Das gefiel dem Onkel, das schmeichelte seinem Protzentum. Er zog das -Portemonnaie aus der Tasche und schenkte dem Neffen wie einem Bedienten -zehn Mark, damit er den Tag auf seine Art feiern könne. John kicherte und -bedankte sich. Für die zehn Mark wollte er zwei Flaschen Kognak kaufen: -zwei Flaschen Lethe gegen seinen Kummer -- und seine Schmerzen. Von -denen er niemals sprach, über die er niemals klagte: er trug sein -selbstverschuldetes Leiden mit stolzem Schweigen; kein Mensch, außer dem -Arzt, ahnte, wie groß die Qualen waren, die ihm sein zerrütteter Körper -bereitete. Der Onkel holte ihm einen Stuhl an den Teich, weil er sah, mit -welcher Mühe er sich aufrecht erhielt. Kakao stand gelangweilt umher. »Er -sehnt sich nach seinen Damen,« sagte schmunzelnd der alte John. Nach einer -Weile zog er mit dem Hahn ab, weil er »dem Tier sein Vergnügen gönnte«, wie -er sich ausdrückte. - -John stand schwerfällig auf und nahm eins der schönsten Lampions herunter, -eine feuerrote Tonne, auf der Kraniche nach dem Mond schwebten. Er -versteckte es hinter einem Baum im Gras, um es später mitzunehmen, wenn es -sich unbemerkt machen ließ. - -Wie strahlend herrlich war der Garten! Welche Fülle von Blumen und -Schmetterlingen! John sah sich seufzend um und sank dann wieder auf den -Stuhl zurück, die Arme auf die Lehne drückend und den Kopf melancholisch -darüberhängend. In seinen Ohren tönte der Vers aus dem Hohen Lied, den er -so sehr liebte: - - Ich bin hinab in den Nußgarten gegangen, - zu schauen die Sträuchlein am Bach, - zu schauen, ob der Weinstock grünete, - ob die Granatäpfel blüheten ... - -Voll Neid dachte er an die, die sich am Nachmittag im Garten vergnügen -würden. Das waren seine Eltern, seine Brüder, alle übrigen Verwandten und -noch viele, viele Leute, -- nur er nicht, nur er nicht. Sein Kopf sank noch -mehr gegen den Wasserspiegel, und eine Träne rann über sein gelbes Gesicht -zu den wunderlichen Fischen herab. - -Herrlich würde es sein im Garten -- gegen Abend, wenn der Mond erst schien -und all die bunten Lampions leuchteten. Lachende Leute würden am Teich -sitzen und roten und gelben Wein trinken, Leute, die weder Kummer noch -Schmerzen hatten und vor sich ein schönes, langes Leben sahen. Das -Mondlicht würde auf ihren fröhlichen, roten Gesichtern glänzen und auf den -Weingläsern in ihren Händen. Sie würden anstoßen und scherzen und lachen -und singen ... - -Und er? Und er? Er lag dann im Bett und lauschte voll Grauen auf die -eintönige Musik in seinen Ohren, diese Musik, die immer schauerlicher, -immer todestrauriger wurde. Dann die Schmerzen -- und die Träume, die -schrecklichen Träume ... - -Und das alles, das alles durch eigne Schuld, durch eigne Schuld; er durfte -sich nicht beklagen, er durfte niemand dafür verantwortlich machen. - -Onkel John war unbemerkt zurückgekommen und stand nun laut lachend da. -»Was, wir blasen Trübsal? Heut', an meinem Geburtstag? Noch schöner!« - -John machte seine Miene steif und seine Stimme hart. »Fällt mir nicht ein,« -brummte er. »Ich seh mir bloß die Biester aus nächster Nähe an.« Und dann -lehnte er sich zurück und erzählte dem Onkel, daß Frau Kalnis mitunter in -seinen Nußgarten gehe, um dort heimlich junge Sträuchlein auszureißen, die -sie dann verkaufe. - -Ein verblüffender Junge, dachte der Onkel entzückt, den Neffen mit -Hochachtung betrachtend. »Diese Person!« schmetterte er los, sich das -Lachen verbeißend. »Na warte! Die kauf ich mir!« - -Johns Gesicht war plötzlich noch fahler geworden. »Hörst du das auch?« -flüsterte er, in halb entsetztem, halb seligem Lauschen. - -»Ich höre nichts,« sagte der Onkel; aber seine Miene widersprach seinen -Worten, und seine verlogenen Augen suchten den Boden. - -»Da wieder!« schrie John. - -»Da wieder! Von dort! Jetzt noch lauter!« - -»Laut, lauter, am lautesten!« rief der Onkel, schallend in die Hände -klatschend. »Was ist dir, mein Sohn?« fragte er neckisch. »Hast du -Halluzinationen? Bist du meschugge geworden? Aber setz dich doch bloß. Ich -lasse Wein bringen. Warte!« - -Aber John riß sich los und stürzte fort. Er eilte, so rasch er konnte, nach -dem Hintergarten. Der Onkel folgte ihm mit steinerner Miene. Mochte kommen, -was wollte, er war zu jeder Lüge bereit. - -Mit einer Kraft, die ihm niemand mehr zugetraut hätte, riß John die -verhakte Tür nach dem Hintergarten auf. Seine Augen fuhren wie Blitze durch -den ganzen Garten und blieben rechts an einem Häuschen hängen. Das Häuschen -hatte er noch nie gesehen. - -»Hab mir da einen Stall bauen lassen. Für meine Ziegen,« sagte nachlässig -der Onkel. - -»Seit wann hast du Ziegen?« stammelte John, bis zum Wahnsinn enttäuscht. - -»Seit Monaten schon.« - -»Warum sagtest du denn, du hörtest nichts? Warum sagtest du denn das? Du?« - -»Was ist das für ein Ton? Was -- was erlaubst du dir?« schnaubte der Onkel, -eine neue Maske auf dem falschen Gesicht. - -»Mämämämä ...« tönte es aus dem Stall. - -»Das ist Peter!« schrie John, nach dem Stall stürzend. Der Stall war -verschlossen; aber sein leichtes Türchen gab unter einem wilden Fußtritt -nach -- und wie ein Rasender stürzte ein schwarzundweißer Ziegenbock heraus -und auf seinen richtigen Herrn zu. - -»Mein Junge!« stammelte John, ihn ganz außer sich an sich drückend. - -Der Onkel stand mit angestrengter Heiterkeit daneben. »Na, ist mir die -Überraschung gelungen?« fragte er frech. - -John sah ihn mit rollenden Augen an. Er trat, die Faust hebend, auf ihn zu --- doch da verließen ihn seine Kräfte, und er mußte sich am Zaun halten. - -Peter versuchte, seinem Herrn die Glatze zu lecken, und eine schöne -weiße Ziege, seine junge Frau, stand neugierig neben ihm. Der Gärtner -kam herbeigeeilt und fragte, was geschehen sei. »Ach nichts,« sagte Herr -Zarnosky ganz ruhig, »mein Neffe behauptet, daß es sein Bock sei.« - -»Das kann ja stimmen,« erwiderte der Gärtner, »wechjelaufen is er doch von -irjendwo.« - -»Ich muß einen Bock anschaffen. Zerline hat sich an den Gefährten gewöhnt,« -sagte Herr Zarnosky mit Gemüt. - -John stieß die Hände des Onkels zurück, als dieser ihm ein Glas Wein -hinhielt. Aber als er ihm das Lampion brachte, dessen Verschwinden dem -alten Fuchs nicht entgangen war, da lächelte er wie ein Kind und nahm es -hastig an sich. Der Onkel schickte ihn in seinem Wagen nach Hause, und der -Gärtner ging mit Peter hinterher. - -Frau Kalnis mußte das Lampion an die verräucherte Decke hängen, und abends, -als John im Bett lag, mußte sie es erleuchten. Der Trinker war im siebenten -Himmel mit seinem Peter, seinem eigenartigen Beleuchtungskörper und den -geschenkten zehn Mark, für die er »herrlichen« Kognak kaufen wollte. -Beneiden tat er jetzt niemand, weder die Gäste im Garten des Onkels, noch -sonst wen. Er hielt die weiche Nase seines Peters, der auf dem Bettvorleger -lag, in der Hand, und die Augen hielt er entzückt auf die glühende -Papiertonne gerichtet: auf die Kraniche, die nach dem Mond schwebten, -während er auf das lauschte, was Dore ihm vorlas. Sie las ein Märchen von -Andersen: Die Schneekönigin. - -Das Märchen schließt mit den Worten: - - Rosen, die blühen und verwehen, - wir werden das Christkind sehen. - - - - -Siebentes Kapitel - - -John hatte seinen herrlichen Kognak bis auf den letzten Tropfen genossen, -und nun wollte er alles tun, um wieder gesund zu werden. Daß Peter wieder -bei ihm war, flößte ihm neuen Lebensmut ein. Mit ihm zusammen sollte es nun -auch wirklich in die Heilanstalt gehen. - -Die Mutter begann zu weinen, als er ihr eines Morgens, stotternd und -stammelnd, von seiner Absicht sprach. »Siehst du, siehst du,« sagte sie, -»jetzt kommst du endlich zur Vernunft. Wie du dich gründlich ruiniert -hast.« - -»Meinst du, ich kann nicht mehr gesund werden?« fragte John mit -schwankender Stimme. - -»Was wirst du nicht wieder gesund werden können?!« versetzte sie etwas -gewaltsam. »Wir müssen mit dem Doktor reden. Ich werde mit dem Doktor -reden, was der zu deinem Plan meint.« - -»Was warst du für ein gesundes Kind!« fuhr sie in vorwurfsvollem Tone fort. -»Wie haben sie mich um dich beneidet! Du wogst neun Pfund, als du geboren -warst.« - -Diese Tatsache war John nicht neu, denn die Mutter erzählte sie mit -Vorliebe. Doch selbst heute versäumte er nicht zu fragen, was er danach -immer fragte: »Hatte ich auch schon Haare auf dem Kopf, als ich geboren -war?« - -Frau Zarnosky dachte siebenundzwanzig Jahre zurück, und ein naives Lächeln -trat langsam auf ihr verweintes, immer etwas ängstlich blickendes Gesicht, -dessen einstige Anmut die Jahre vergewöhnlicht hatten. »Ob du Haare -hattest!« sagte sie stolz. »Dein ganzes Köpfchen war mit langen schwarzen -Haaren bedeckt. Und die waren wie Seide. Und sie hatten dir einen Scheitel -gemacht, als sie dich zu mir brachten. Einen Scheitel ...« - -John lachte unter Kopfschütteln, so wie ein Mensch lacht, wenn er etwas -höchst erstaunlich findet. Und doch kannte er die Geschichte von seinem -ersten Scheitel schon über zwanzig Jahre. Er wie seine Mutter hatten -die glückliche Gemütsanlage, daß sie sich mit solchen und ähnlichen -Nichtigkeiten über den Ernst einer Situation hinwegtäuschen konnten. Sie -waren wie Kinder: die vor Dunkelm die Augen schließen und am Rande des -Abgrunds ahnungslos mit Blumen spielen. Und sie waren auch so leicht wie -Kinder zu trösten. - -»Wie ist es, hast du Schmerzen?« fragte Frau Zarnosky, noch ganz verträumt. - -»Nur selten,« log John. - -»Na siehst du!« sagte die Mutter beruhigt. »Dann ist es also nicht so -schlimm. -- Du bist ja jung,« setzte sie hinzu. »In deinem Alter --! -Herrgott, da kann sich auch noch alles bessern! Ich werde gleich morgen mit -dem Doktor reden, was er dazu meint.« - -»Und wenn er sagt, ich soll nicht?« fragte John mit nervösem Lachen. - -Frau Zarnosky fuhr sich erschreckt über ihr dünnes, glatt gescheiteltes -Haar. »Dann wird er etwas andres wissen,« beruhigte sie sich und ihn. - -Johns Miene wurde heller und heller. »Hast du nicht ein bißchen Kaviar?« -fragte er verschämt. - -»Wenn du nur noch immer Appetit hast,« sagte die Mutter und lächelte, »dann -ist noch alles nicht so schlimm.« - -»Wo wird es auch schlimm sein!« brummte der Trinker. - -Aber der Arzt war anderer Meinung. »Nicht daran zu denken!« sagte er sehr -ernst, als ihm Frau Zarnosky Johns Entschluß mitteilte. Sie starrte ihn -an, als rede er dummes Zeug, denn sie hatte sich bereits den schönsten -Hoffnungen hingegeben und schon dieses und jenes für die Reise vorbereitet. -»Bei seinem Zustand? Nicht daran zu denken!« wiederholte der Arzt. - -Frau Zarnosky verlor gleich alle Selbstbeherrschung. »Muß er denn sterben, -Herr Doktor?« weinte sie laut heraus, obgleich sie sich hätte denken -können, daß John an der Tür lauschte. - -»Nur ein Wunder könnte ihn retten,« sagte leise der Arzt. - -In den Ohren des Lauschenden erhob sich ein Brausen, das alle Geräusche -um ihn verschlang. Er vernahm nicht mehr, was der Arzt und die Mutter noch -weiter sprachen, einem Betrunkenen gleich taumelte er hinaus auf den Hof -und begab sich in seine Wohnung. Dort warf er sich auf das Sofa, drehte -sich nach der Wand und blieb so regungslos bis zum Abend. Kein Bitten, kein -Klagen, kein Trost und keine Vorwürfe vermochten ihm ein Wort zu entlocken. -Der Wasserfall, der in seinen Ohren zu brausen schien, ließ keinen Laut -zu ihm dringen, und die Verzweiflung, die ihn gepackt hatte, lähmte seinen -Körper und seinen Willen. Schließlich ließ man Peter zu ihm herein, der -kläglich meckerte, weil man ihn tagüber zu füttern vergessen. Mit einem -kecken Satz sprang das Tier auf den Tisch, mitten unter die Teller, einen -zertretend, einen herunterwerfend, und machte sich an Johns Abendbrot. Da -wandte sein Herr zum erstenmal den Kopf um. »Peter,« flüsterte er, »haben -sie dir nichts zu essen gegeben?« - -»Mämämämä ...« erwiderte klagend der Bock. - -Sie werden ihn hungern lassen und werden ihn schlagen und fortgeben, wenn -ich erst tot bin, dachte John entsetzt, und seine Willenskraft kehrte -langsam zurück, und das Brausen in seinen Ohren schien schwächer zu -werden. In seinem Kopfe reifte hastig ein Entschluß -- der ihm ganz seltsam -erschien, wie er das lebensvolle Tier so vor sich auf dem Tisch sah. - -Peter sollte getötet werden, ehe sein Herr starb. John wollte eigenhändig -diesem kräftigen jungen Leben ein Ende machen. - -Sein Vorhaben entsetzte ihn beim Anblick des gierig fressenden Tieres. Wer -gab uns die Erlaubnis, fragte er sich, mit dem Leben dieser Geschöpfe zu -verfahren, wie es uns beliebt? Was ist der Mensch für eine Bestie! Aber -Peter mußte sterben, wenn sein Herr einen ruhigen Tod haben sollte. Das -Todesurteil war unwiderruflich gefällt. Zum Wohl des einen wie des andern. - -»Junge,« flüsterte John, »sieh mich mal an!« - -Der Bock hob den Kopf und sah seinem Herrn dumm und lieb ins Gesicht. - -»Wenn du wüßtest, was über dich beschlossen ist!« dachte John. - -Der Bock war mit dem Abendbrot fertig und sprang zu seinem Herrn aufs Sofa. -Dore wagte heute nicht zu schelten. »Wollen Se nich auch was essen? Soll -ich nich noch was holen?« fragte sie. - -John sah sie an und wies stumm nach der Tür. Da ging sie leise hinaus. - -Es wurde ganz still im Zimmer; Peter schlief ein, und sein Herr blickte -regungslos durch das Fenster. Der Himmel war abendblau und doch noch hell. -Die Sichel des Neumonds schwebte gleich einem silbernen Schmuckstück mit -erikafarbenem Schimmer über dem Hof, auf dem ein paar Arbeitspferde des -Ausspannens harrten, große, braune Pferde mit schönen, glasklaren Augen. -Eine Menge Schwalben kreiste mit langen, süßen Schreien in der Luft; -manchmal so tief, daß sie fast die hohen Köpfe der Pferde streiften. Aber -die Pferde verharrten in majestätischer Ruhe, die großen klaren Augen -friedlich geradeaus gerichtet. Das mußt du alles verlassen, dachte John, -vielleicht, wenn der Mond rund geworden -- ist das Trauerspiel schon aus. -Er schauderte. - -Gab es einen Gott und ein ewiges Leben? Unnütze Frage! Die Toten konnten -keine Antwort geben und die Lebendigen nur darüber fabeln. Beides: Gott und -ewiges Leben, das waren doch wohl nur Märchen -- die schönsten Märchen, die -die Menschheit sich erfunden. Zum Trost erfunden. - -Märchen zum Trost! War das nicht zum Lachen und zum Weinen?! Und da wurden -hohe Häuser gebaut und Lieder gesungen, um dieser Märchen willen, für -diesen eingebildeten König, der nur schweigen konnte. - -»Wenn du existierst, dann rufe!« flüsterte John, auf das Sofa schlagend. -»Ich will's hören. Ich hab's nötig.« - --- -- -- --? - --- -- -- --? - -Seine Hand erhob sich noch einmal; aber nicht mehr beschwörend: -resignierend. Er seufzte. - -»Die Macht des Todes kann niemand bezweifeln,« sagte er darauf laut. »Wenn -Gott existiert, dann ist er ein Krüppel, denn er kann nicht sprechen; dann -ist er unglücklich, denn er kann nicht helfen ... Der Tod -- das ist ein -andrer Kerl!« - -Und ihm war, als sähe er den Tod auf sich zukommen, aus dem Dunkel einer -Abendwolke, ähnlich einem Mann mit einem Lasso, der bereit ist, die -Schlinge zu werfen. John schloß angstvoll die Augen und duckte sich auf -dem Sofa zusammen. Es war aber nicht der Tod, der über ihn kam, der Schlaf -übermannte ihn plötzlich. - -Und ihm träumte: er stände lauschend auf einem weiten, dunkeln Feld, auf -dem es nichts gab, was ihm zur Deckung dienen konnte -- wenn der Tod kam. -Denn der sollte kommen, der würde kommen, das fühlte John mit einer Angst, -die ihm Tigerstärke gab. Eine unwiderstehliche Gewalt hatte ihn in das Feld -des Todes getrieben, und nun stand er und wartete auf ihn mit angestrengtem -Gehör und schreckensweiten Augen. In der Ferne erklang eine schauerliche -Musik -- die Musik seiner Nächte --, die ihm das Herz mit Angst und Grauen -zu zerreißen drohte. Und plötzlich begann die Erde zu dröhnen von einem -riesigen Gespann, das windgeschwinde herangebraust kam. Der Wagen war aus -Erz, und aus Erz waren die hohen Räder und aus Erz die Füße der dunkeln -Pferde. Und auf dem Wagen stand der Tod mit einer eisernen Sichel in der -Hand, eine Flöte am Munde. Und die Räder und die Füße der Pferde waren rot -vom Blut der Zerstampften und Überfahrnen, und die Sichel war rot vom Blut -der Gemähten. - -John sprang mit einem lauten Angstschrei auf den Rücken der Pferde und sah -dem Tod ins Gesicht, nach einem Schimpfwort suchend, das all sein Entsetzen -und seinen Abscheu zusammenfaßte. Der Knochenmann grinste und hob elegant -die Sichel. Wie ein Balletmeister, dachte John, ihm in den Arm fallend und -mit ihm ringend. - -Wo der Tod hingriff, brannte es los wie Feuer, und brachen die Knochen -wie dürre Halme. Ein Flammen und Splittern! John raffte seine letzte Kraft -zusammen und brach seinem Gegner den Arm mit der Sichel ab. Dabei erwachte -er. - -»Ich verbrenne! Wasser! Wasser!« stöhnte er, nach Luft ringend. Peter -meckerte kläglich. - -Dore stand schon mit Selterwasser da und gab ihm zu trinken. John zeigte -ihr stumm, was er in der Hand hielt. »Sein Arm,« flüsterte er, noch -immer nach Luft ringend. »Ich hab ihn besiegt. Er wird so bald nicht -wiederkommen.« - -»Das is doch ein Stick Horn vom Ziegenbock,« murmelte die Wärterin mit -schadenfrohem Lächeln. Aber John begriff nicht, was sie sagte. - - - - -Achtes Kapitel - - -Frau Kalnis setzte die Brille auf ihr schlaues, gelbes Chinesinnengesicht -und öffnete mit zitternden Händen den großen, blauen Brief, den ihr der -Briefträger soeben gebracht hatte. Die Buchstaben verneigten sich vor ihren -Augen, tanzten spöttisch hin und her und wollten sich durchaus nicht fangen -lassen. Es währte geraume Zeit, bis sie des Inhalts habhaft wurde. - -»Herrjeses!« schrie sie da. »Hat ein Mensch schon mal sowas erläbt?! -Neineinei! Ich zieh! Ich zieh!« Wie von der Tarantel gestochen, stürzte -sie mit dem Brief in Johns Zimmer, um ihn zur Rede zu stellen. John lag mit -gefalteten Händen auf dem Sofa. - -»Herrr!« brach sie los, mit »Rs« wie Trommelwirbel. »Wer kann mir das -einjebrockt haben als Sie?! Wer kann mir das sonst schreiben als Ihr -verdrähter Onkel?! Ich kenn seine Handschrift. Da schreibt er: Man -beobachtet mich. Und ich soll meine langen Finger doch im Zaum halten, -sonst krieg ich's mit der Polizei zu tun ... Gott, das muß ich mir, mir -sagen lassen! Für nuscht, für rein gar nuscht! Ich zieh! Ich bleib nich -unter solche Menschen! Ich ...« Hier verlor sich ihre Rede in einem -heftigen Hustenausbruch. - -John versuchte eine scheinheilige Miene zu machen, aber er war viel zu -kindisch, um über Dores Zorn nicht lachen zu müssen. Bald kicherte er wie -ein dummer Junge. - -»Sie Hottentott!« stöhnte Dore. »Ich laß Sie im Stich! Ich werf Ihnen -hin! Wer bleibt bei einem Menschen wie Sie?! Was möjen Se doch bloß wieder -aufjebracht haben?!« - -»Zügle dich,« sagte John vornehm und mit einem sehr spitzen »Ü«. - -»Ziejiln Sie sich man lieber!« brauste Dore auf. - -Ȇbrigens,« sagte John, das Sofakissen betrachtend, »möchte ich wissen, -weshalb ich Ihnen das gerade eingebrockt haben soll?« - -»Kein andrer,« knurrte sie. - -»Verklagen Sie doch Onkel John, wenn Sie meinen, daß er den Brief -geschrieben hat.« - -»Ich? D'n Onkel John verklagen?« Dore lachte grimmig. »Eher nähm ich meine -sieben Sachen und mach mir auf die Sohlen. Nei! Mit dem bind ich nich an! -Der kann e unschuldjen Menschen durch seine Märchen ins Zuchthaus bringen.« - -»Wissen Sie was?« flüsterte der gute Neffe. »Er hat doch ein -durchgegang'nes Reitpferd eingefangen und dann vor Gericht geschworen, daß -es seins ist.« - -»Nanana!« - -»Wahrhaftig Gott!« - -»Eins, was wahr ist,« sagte Dore feierlich, »daß es mit dem noch mal ein -schlechtes Ende nimmt, das steht fest. Sie und d'r Onkel, ihr wißt ja gar -nicht, was ihr anjeben sollt? Wozu ihr auf der Welt da seid?!« - -»Weißt du vielleicht, wozu du da bist?« näselte er. - -»Na, jewiß weiß ich.« - -»Das bild'st du dir ein!« - -Dore schlug nur stumm mit der Hand, denn der Husten überfiel sie aufs neue. -»Was muß e Mensch sich ärjern,« hub sie dann wieder an. »Solche Jemeinheit! -Mir zittert alles! Aber der liebe Gott wird ihn schon finden! Der wird ihn -schon strafen!« - -»Was weißt du von Gott?« sagte John spöttisch. - -»Daß er Sie und Ihren Onkel strafen wird,« entgegnete sie wild. - -»Dann ist dein Gott ein Teufel!« rief er, gereizt werdend, denn er dachte: -bin ich nicht schon elend genug?! - -»Mein Gott ist ein Teifel?« wiederholte Dore entsetzt. »Daß Ihnen nich der -Blitz erschlächt!« - -John lachte. »Er kann nicht blitzen. Er ist doch nur ein Märchen.« -- -»Gott,« sagte er und sah zur Decke auf, »das sollte etwas sein, wie -Blumenduft, wie Harfenspiel und Sonne; nichts als Süße und Herrlichkeit. -Strafe und Gott? Blitz und Gott? Das sollte nicht zusammenpassen.« - -Er schloß die Augen und sein ganzes Gesicht arbeitete. »An Gott denken,« -stammelte er, »das sollte sein, wie an silberne Quellen denken in tiefen -grünen Märchenwäldern, wie an frische Wiesen denken, neben rauschenden -blauen Strömen, das sollte sein, wie ein Versinken in etwas himmlisch -Weiches und Beruh'gendes.« - -»Bring mir Papier und Bleistift,« sagte er dann barsch und verlegen, »ich -habe zu schreiben.« - -»Sie wollen schreiben?« fragte Dore, die Augen noch weiter aufreißend. »Das -haben Se ja noch nie jetan.« - -»Das Personal hat seine Meinung für sich zu behalten.« - -»Sie werden d's Schreiben verlernt haben.« - -Nun lag Papier und Bleistift vor ihm, und John machte ein dummes Gesicht, -weil er nicht wußte, wie er anfangen sollte. - -»Was wollen Se doch bloß schreiben, mein Lieberche?« fragte Dore, immer -neugieriger werdend. - -Der Trinker rieb sich mit wichtiger Miene das Kinn und schwieg. »Wie -schreibt man Dienstag?« fragte er dann. »Mit langem oder rundem S?« - -Frau Kalnis entschied sich mit Energie für das runde. - -»Etwas scheinst du ja jelernt zu haben,« bemerkte John herablassend. - -Dore fühlte sich geschmeichelt. »Etwas?« wiederholte sie. »O! ich hab -scheen jelernt. Ich war immer die Erste in meine Klass'.« - -John war müde, als er Dienstag und das Datum geschrieben hatte. »Schwer!« -sagte er mit dem Kopfe wackelnd und sich einen Kognak eingießend. - -»Ja,« sagte Dore, »d's Schreiberhandwerk is nich so ohne ... Was haben Se -doch bloß zu schreiben, Herr Johnche?« - -Der Gefragte machte ein verschmitztes Gesicht, indem er die Wärterin leise -pfeifend angrinste. Er brannte darauf, das Geheimnis mitzuteilen; aber -wiederum war es auch hübsch, die neugierige Dore zappeln zu lassen. »Holen -Sie erst das Frühstück,« gebot er gravitätisch. - -Frau Kalnis war von Natur so neugierig, wie die Nachtigall es sein soll. -Das Frühstück stand in fünf Minuten auf dem Tisch. »Nu?« fragte sie -gespannt, den linken Arm in die Seite gestemmt. - -»Erst essen,« grinste John. - -Dore errötete vor Ärger und Enttäuschung. »Sie sind mir erst e Koboldche,« -sagte sie vorwurfsvoll. - -»Ich bin Ihnen erst e Koboldche,« spöttelte er. - -Die Litauerin wurde noch röter und ging stracks in ihr Zimmer, die Tür -hinter sich zuknallend. - -Nach einer Stunde bekam sie das große Geheimnis zu wissen. John -beabsichtigte, ein Schriftstück zu verfassen, in dem er die ganze Welt -vor dem Trinken warnte. All seine Qualen wollte er darin schildern und all -seine Todesangst. »Wer das lesen wird,« sagte er, »der wird nie, nie mehr -zuviel trinken, das kannst du mir glauben, Dore. In allen Zeitungen soll es -stehen, auch in den kleinsten.« - -»Das is mal scheen,« sagte Frau Kalnis, bis zu Tränen gerührt, »Sie werden -auch noch im Himmel kommen.« - -»Will ich gar nicht,« brummte er. »Hier will ich bleiben und gesund werden. -Und was ich zu schreiben beabsichtige, das soll hier, rot gedruckt, über -dem Sofa hängen.« Er klatschte mit der Hand auf die Wand. »Du sollst mal -sehen, Dore, wie mir das gut tun wird, wenn ich das so tagtäglich vor Augen -haben werde. Das wird mir schon das Trinken abgewöhnen.« - -»Vel--leicht« ... zerrte sie unter krampfhaftem Gähnen heraus. - -»Aber für heute wollen wir es genug sein lassen,« sagte er dann, das Papier -mit dem schief und zittrig geschriebenen Datum von sich schiebend. »Sowas -will erst ordentlich überlegt sein.« - -»O -- ja!« erwiderte Dore, langsam mit dem Kopfe nickend, und warf sich -einen geheimnisvollen Blick im Spiegel zu. - - - - -Neuntes Kapitel - - -Die Fenster des Eßzimmers standen offen, und der Regen trommelte eintönig -auf den Blechen. Die vielen Blumentöpfe, die Frau Zarnosky auf der Veranda -stehen hatte, erweckten im Zimmer den Glauben, daß draußen ein schöner -Garten sei. John hockte fröstelnd am kalten Ofen, drehte die Daumen -umeinander und ließ keinen Blick von der halbvollen Flasche Kognak, die auf -dem Büffet stand. Außer ihm war niemand in der Wohnung als Amalie, die in -der Küche saß und Kartoffeln schälte. Frau Zarnosky war aus, und die Jungen -waren in der Schule. John drehte die Daumen umeinander, wie gebannt auf -die Flasche starrend. Was für eine Seligkeit müßte es sein, dachte er, jene -Flasche auf einen Zug leeren zu dürfen! - -Alles, was er an Spirituosen besaß, stand jetzt in Dores Schrank; so -hatte er es haben wollen. Frau Kalnis hatte ihm schwören müssen, fest und -unerbittlich zu bleiben, wenn er mehr Alkohol von ihr verlangte, als er -sich selbst zum langsamen Abgewöhnen zudiktiert hatte. Den Schlüssel zum -Schrank mußte sie entweder bei sich tragen oder so verwahren, daß er -ihn nie entdecken konnte. Auch sein Taschengeld wanderte jetzt in jenen -Schrank, und Dore sollte das Ganze behalten dürfen, wenn es ihr gelang, -ihrem Herrn das Trinken abzugewöhnen. - -Es war ein stiller, kühler Sommertag. Der Regen klopfte eintönig auf den -Blechen, und langsam und feierlich begannen die Glocken der nahen Kirche zu -läuten. »Trink, trink ...« sagte der Regen. »Nein -- nein ...« sagten -die Glocken. John glaubte, den größten Durst seines Lebens zu verspüren. -Langsam erhob er sich. - -Doch dann ging er zur Verandatür, um angestrengt hinauszustarren. Aber er -sah kaum, was vor ihm lag, er sah immer nur die Flasche; sie schien überall -zu stehen, wohin er auch blickte. - -Das war eine Versuchung, wie sie schlimmer nicht auszudenken war. Wenn -er nicht unterliegen wollte, so mußte er sich schleunigst aus dem Staube -machen, fliehen. Doch er floh nicht. Ja, er blickte sich um und lächelte -die Flasche an, wie ein krankes Kind. - -Ach, es war ja schon einerlei, ob er jenen Kognak austrank oder nicht, -sterben mußte er ja doch. Mit einem Satz war er am Büffet und riß die -Flasche an sich. - -»Nein -- nein ...« sagten die Glocken. Sie klangen so furchtbar ernst, so -düster warnend. John merkte, daß sie zu einem Begräbnis läuteten und setzte -die Flasche wieder hin. - -Er wollte nicht sterben -- nein, nein! -- -- Wie der Kognak glänzte! -- -- -Nur einen Schluck ... - -»Trink, trink ...« sagte der Regen. - -Die Flasche glich einem Magnet, der seine Hand unwiderstehlich an sich zog. -Ehe er sich's versah, hatte er sie schon wieder in der Hand. - -»Nein -- nein ...« sagten die Glocken. - -»Still!« brummte John. »Ich will doch bloß mal riechen.« Mit zitternden -Händen bemühte er sich, die Flasche zu entkorken, nicht merkend, daß jemand -ins Zimmer trat. - -»John, was machst du da?« rief lachend Onkel Chlodwig. - -Der Ertappte zuckte heftig zusammen. »Nichts,« stammelte er in nervöser -Bestürzung. »Ich zähl' nur die Gläser -- ob alle da sind. Hier wird jetzt -so viel gestohlen. Amalie will ja nächstens heiraten.« - -»Amalie will heiraten?« kicherte der Onkel. »Wen denn?« - -»Einen -- einen Bierkutscher.« - -»Amalie!« rief Onkel Chlodwig, die Tür nach dem Korridor öffnend. »Sie -wollen einen Bierkutscher heiraten? Das nenn ich mir eine treffende Wahl.« - -»Was? E Bierkutscher soll ich heiraten?« brummte es in der Küche. »Lieber -Ihnen, Herr Zarnosky,« grunzte die Köchin. - -Der kleine Junggeselle klatschte vor Vergnügen laut in die Hände. »Da täten -Sie recht!« rief er heiter. Dann ging er zum Büffet und goß sich einen -Kognak ein. »Du willst wohl keinen, John?« fragte er mit zwinkernden Augen. - -»Nein, danke,« sagte dieser fromm. Bei dem Schreck war seine Gier -verflogen. - -»Da tust du recht,« lobte Onkel Chlodwig und zog seinen Schnurrbart zur -Säuberung durch die Lippen, um dann erst das Taschentuch zu benutzen. - -Es regnete nicht mehr, und die Sonne schimmerte schon gelb durchs Gewölk. -John ging auf den Hof, um nach Peter zu sehen. Der Ziegenbock kniete wie -ein Götzenbild am Rande des Torwegs, als habe er den Eingang zu bewachen. -Seine Miene war die eines alten Philosophen, der über rätselhafte Dinge -nachdenkt. Als er John erblickte, erhob er sich gelassen und kam mit Würde -auf ihn zu. Mit derselben Würde nahm er die drei violetten Orden aus seines -Herrn Knopfloch zu sich. - -»Schmeckt's?« fragte dieser. - -Peter nickte fortwährend gemessen mit dem Kopf, was er immer tat, wenn -er etwas zu sich nahm. Seine Kiefer bewegten sich dabei wie Mahlhölzer -gegeneinander. »Er setzt das Mühlchen in Bewegung,« sagten Paul und Leo, -wenn Peter zu fressen begann. -- -- - -Gegen Abend ging Frau Kalnis, ausnahmsweise, zu einer Verwandten, die -Geburtstag hatte. John begann Andersens Märchen zu lesen, weil er nicht -beständig an die halbe Flasche Kognak denken wollte; aber er konnte sie -durchaus nicht vergessen. Seine Augen versagten auch bald den Dienst, und -die immer größer werdende Unruhe in seinem ganzen Körper machte ihm das -Sitzen unerträglich. Er stand auf und nahm Baldriantropfen. - -Um sieben brachte Amalie das Abendbrot. Sie sah sehr ärgerlich aus, denn -man hatte sie den ganzen Tag mit ihrer Heirat aufgezogen. Mit dieser -Heirat, von der sie doch nichts wußte. - -»Warum machen Sie ein so böses Gesicht?« fragte John sofort. - -»Ach,« brummte sie, »der Onkel Chlodwig läßt mich heite gar nich -zufrieden.« - -»Heiraten Sie ihn doch, Amalie.« - -»Ach, heren Se schon auf mit das Ganze!« - -»Aber der Onkel Chlodwig schwärmt Ihnen an! Sie können mir's glauben, -Amalie! Wahrhaftig Gott!« - -Die Köchin verzog ihren dicken Mund zu einem breiten, halbverschämten, -schweigenden Grinsen. Ihre steifen Wangenhügel, die so ruppig waren wie -ein Hahnenkamm, glühten um die Wette mit ihrer Nase, die einer feurigen -Kräuterbirne nicht unähnlich sah. Amalie war eine Freundin von Bier und -Schnäpsen, und gegen Abend konnte man ihr diese Freundschaft nur zu sehr -vom Gesicht ablesen. »Sie knirbelt kräftig,« pflegte John zu sagen. - -»Na, wie ist's?« fragte er, durch ihr Schweigen gereizt. »Wollen Se meine -Tante werden oder nich?« - -»Uzen Se mir auch noch?« - -»Ich denk' gar nicht dran! Onkel Chlodwig geht schon lange mit der Absicht -um, Ihnen zur linken Hand zu heiraten.« - -Amalies dicker Mund weitete sich noch einmal, und dann verschwand sie mit -einer großen, ganz neuen Hoffnung im Herzen. - -Das Abendbrot wollte John nicht schmecken; ihm war noch schlechter als -gewöhnlich. Die eine Flasche Bier, die vor ihm stand, reizte ihn so lange -mit ihrer Kümmerlichkeit, bis er sie wütend vom Tisch stieß. John fühlte -sich plötzlich so furchtbar unglücklich, daß er sich am liebsten das Leben -genommen hätte. Sein ganzes Wesen verzehrte sich in Sehnsucht nach Alkohol: -nach jener halben Flasche Kognak. Er konnte sich nicht länger beherrschen -und er wollte es auch nicht. Nicht länger zögernd, eilte er zu Dores -Schrank, in dem seine Flaschen standen. Er bearbeitete die verschlossene -Tür mit Fußtritten, um zu seinem Eigentum zu gelangen; aber das alte Möbel -war aus gutem Holz, es widerstand allen Stößen. Auch das Schloß widerstand, -als er es mit dem Taschenmesser aufzubrechen versuchte. Nun zerfetzte er -vor Wut Dores Fächerpalme, ihr Stuhlkissen, ihre Nachtmütze. Aber als -ihm das grüne Staubtuch in die Hände fiel, aus dem er einst für Mimi ein -Nestchen gemacht hatte, da ließ er den Kopf hängen und weinte. - -Er weinte über sein verfehltes Leben, das ihm ebenso zerfetzt schien wie -die Fächerpalme. Wie anders hätte er jetzt dastehen können! Er bereute, er -bereute ... Zu spät! Nun war nichts mehr zu ändern. - -Ach, er fühlte sich so unsagbar verlassen, so kalt dem Tode preisgegeben. -Rodenberg war sein einziger wahrer Freund. Durfte er sich überhaupt noch zu -den Lebenden rechnen? Er fühlte sich schon so fern von allem, was lebte und -lachte und genoß. Der Tod war seine einzige Aussicht. - -Nur jene halbe Flasche Kognak wollte er noch leeren. - -Der Glanz der Abendsonne war ihm aufs tiefste zuwider. Er stach ihm so -mitleidslos in die Augen. John stieß eine Verwünschung aus und drohte mit -der Faust nach der Sonne. Er trocknete sich mit dem Staubtuch die Augen und -beroch es dann von allen Seiten wie ein armer, hungriger Hund. - -Es roch nicht nach Mimi, es roch nach Petroleum. Trotzdem stopfte er es -in die Tasche, um es öfters ansehen zu können. Mimi war doch eine hübsche -Erinnerung, trotz ihres schrecklichen Todes. - -Und nun ging er sich den Kognak holen; er hielt es nicht mehr aus ohne -Alkohol, er hielt es einfach nicht mehr aus. Seine Mütze war nicht zu -finden. Er setzte den kleinen, steifen Hut auf, den er auf jenem Ausflug -mit Johannes getragen. - -Die Hand auf die linke Seite gepreßt, arbeitete er sich langsam und atemlos -die Treppe herunter. In seinen Ohren war ein dumpfes Sausen, und sein Herz -schien sehr weit und ganz still. Die Treppe war immer ein Kunststück für -ihn. Bis zu seiner Haustür hatte er die feste Absicht, in die elterliche -Wohnung zu gehen, um sich den Kognak zu holen; aber an der Tür besann er -sich anders. Er wollte doch lieber in die Kneipe gehen und sich dort -etwas geben lassen, als etwa im Eßzimmer Paul und Leo antreffen, die ihn -vielleicht daran hindern würden, die Flasche zu nehmen. Und sicherlich -würden sie ihre Bemerkungen machen, ihn verspotten. Nein, nein, er ging -lieber in die Kneipe. - -Sein Herz arbeitete jetzt wie wild nach der Treppe, es zitterte und sprang -in seiner Brust, daß ihm vor Angst der Schweiß ausbrach. Öfters stehen -bleibend, um Atem zu schöpfen, begab er sich über den Hof nach der kleinen -Kontortür im Torweg und öffnete sie. »Vater!« rief er herein, »gib mir doch -etwas Geld, ich will zum Barbier gehen.« - -»Jetzt abends noch?« brummte Herr Zarnosky. - -»Komm herein, Kronensohn!« rief Onkel John, der dasaß und Märchen erzählte. -»Wir wollen mal sehen, was dein Bart für eine Farbe hat.« - -John trat ein und wiederholte seine Bitte. Herr Zarnosky knurrte, daß der -Gang zum Barbier eine Finte sei. Er kenne das. Johns Barbier hieße Suttkus. -Der Märchenerzähler hatte schon das Portemonnaie in der Hand; aber dann -steckte er es rasch wieder ein. Es war ihm noch rechtzeitig eingefallen, -daß sein lieblicher Neffe in einer Kneipe erzählt haben sollte, daß er, -der Onkel, ein Reitpferd eingefangen und dann geschworen habe, daß es seins -sei. Und es war doch nur ein weggelaufener Ziegenbock gewesen, dem er um -Zerlines willen freundliche Aufnahme gewährt hatte, weil er doch nicht -wissen konnte, wem er gehörte. Tiere sind sich ähnlich, hatte Onkel John -gedacht, und es war seiner Phantasie bald gelungen, aus dem Bekannten -einen Fremdling zu machen. Ganz im tiefsten hatte er auch noch gedacht: Er -schenkt ihn mir ja sowieso, ehe er stirbt. - -»Der Vater hat hier zu entscheiden,« bemerkte er würdevoll, nachdem er -das Portemonnaie wieder eingesteckt hatte. Und dann mit selbstgefälliger -Anzüglichkeit: »Man muß sich auch hüten, seine Wohltaten an Leute zu -verschwenden, die es einem mit Undank lohnen.« Darauf mußte er lachen, weil -er diesem seiner Neffen nun einmal nicht böse sein konnte. - -»Junge, halt' die Ohren stramm!« rief Onkel Chlodwig vergnügt, indem er -eine Bewegung mit den Armen machte, als wolle er John, wie einst als Kind, -an den Ohren in die Höhe heben. - -Der Trinker ging schweigend hinaus und warf schmetternd die Tür zu. Und -die Brüder lachten und ließen ihn ruhig gehen. In ihren Köpfen war die -Finsternis der Unbildung und der Gedankenlosigkeit. - -John begab sich stracks in den nächsten Gewürzladen und ließ sich einen -Kognak geben. Und noch einen, und immer wieder noch einen. Nach einer Weile -wurde der Verkäufer in die Bierstube gerufen und ließ ihn im Laden allein. -John stand vor der Tombank und lächelte dumm. Seine Stimmung begann sich -zu heben. Er fühlte sich wohl in dieser Atmosphäre voll von Käse- und -Biergeruch, in dieser sauren Luft, die so wertlos war wie er selbst. Hier -wäre er gern für immer geblieben. - -Der Laden war nicht groß. Ein gemütlicher, alter Laden mit ausgetretenen -Dielen und kleinem Schaufenster. Unter der niedrigen, rauchgeschwärzten -Decke brauste ein Heer von Fliegen. Fette Brummer segelten gemächlich über -die drei Käseglocken des düsteren Repositoriums. Auf der klebrigen Tombank -stand in einsamer Schönheit eine Flasche Rum. - -John studierte aus der Ferne die Etikette: Jamaika-Rum. Er trat einen -Schritt näher: Jamaika-Rum. Noch näher: Jamaika-Rum. Dann verwirrten sich -seine Gedanken; er glaubte, wieder, wie am Vormittag, zu Hause vor dem -Büffet zu stehen, und nahm die Flasche in die Hand. - -Läuteten nicht die Glocken? Ihm war so. Er stellte die Flasche wieder hin. - -Das Summen der Fliegen klang ihm jetzt wie fernes Meeresbrausen, und -der Fußboden schien sich langsam hinter ihm in die Höhe zu heben. John -klammerte sich an die Tombank. Nun schien sich auch die Flasche in -Bewegung zu setzen, schien langsam davongleiten zu wollen. Da packte er -das lockende, glitzernde Ding voller Angst mit beiden Händen und stolperte -damit nach der Tür. - -»Möchten Sie wohl die Flasche zurückgeben?!« erscholl eine grobe Stimme -aus dem Gang zur Bierstube, und ein großer, stiernackiger Handwerker, -ein geschworener Feind der Familie Zarnosky, der John heimlich beobachtet -hatte, sprang vor und zischte: »Schämen Sie sich nicht?! Ich werd' Sie -anzeigen!« - -John ließ die Flasche fallen und sank vor Schreck halb in die Knie. Und -der wütende Tischler riß ihn in die Höhe und hielt ihn fest. »Wer holt den -Schutzmann?« brüllte er. - -»Machen Sie keinen Unsinn!« flüsterte der herbeieilende junge Mann. »Er -hätte sie schon bezahlt. Oder wir hätten die Rechnung geschickt. Ein guter -Kunde ...« - -»Ein Dieb!« schmetterte der Sargtischler. »Schutzmann! Schutzmann!« - -John begriff nicht ganz, was um ihn vorging; aber das Festgehaltenwerden -unter Rufen nach dem Schutzmann flößte ihm ein solches Entsetzen ein, daß -er sich wie ein Rasender losriß und davonstürzte. - -Mit dem schrecklichen Gedanken, er müsse sich jetzt etwas Entsetzlichem -wegen das Leben nehmen, rannte er die Straße herunter. Sie war nicht lang -und lag am Ende der Stadt. Bald stand der arme Dieb am Rande des tiefen -Teiches, zu dem er ganz instinktiv geeilt war. Jenseits des Wassers war ein -dunkles Wäldchen, in dem sehr laut die Nachtigallen sangen. Auch über dem -Kopf des Verzweifelten flöteten die Vögel in den Zweigen der Kastanien, mit -denen der Weg zu beiden Seiten besetzt war. Hinter seinem Rücken flammte -die Abendsonne in ihrer ganzen Glorie. Sie thronte gleich einer mächtigen -Feuerkugel dicht über dem langen, flachen Dach eines alten, hölzernen -Getreideschuppens, der wie ein riesengroßer schwarzer Sarg auf grünem -Wiesenlande stand, unter einem rostgelben Himmel. Doch John sah in das -glitzernde Wasser und beriet sich flüsternd mit seinem Schicksal. - -»Muß ich? Muß ich?« fragte er, voller Angst an seine Eltern denkend. - -»Aber sofort!« schien der Tischler zu rufen. - -John sah sich furchtsam um; aber es war niemand außer ihm auf dem Wege. -Er setzte sich auf die Erde, weil er vor Müdigkeit nicht länger zu stehen -vermochte, und sein Denken wurde allmählich klarer. - -»Was hab' ich denn getan?« stammelte er wie ein Kind. »Ich hab' doch nichts -getan. Ich hatte sie auf einmal in der Hand, ich weiß nicht wie. Ich hätte -sie doch bezahlt.« - -Der Tischler hatte ihm das eingebrockt -- dieser gehässige, heimtückische -Kerl. John wußte: der Tischler ging jetzt von Haus zu Haus und erzählte. - -Es bohrte ein Wort in seinem Kopf, dessen Klang und Bedeutung er auf dem -ganzen Weg gesucht hatte. Nun war es da; es hieß: Schande. - -»Schande,« flüsterte er, »Schande,« wiederholte er laut, und schon wurde -es ihm zur Gewißheit, daß das etwas war, was ihm nicht mehr viel anhaben -konnte. Seine Rolle auf Erden ging zu Ende. Was tat ihm noch Schande? - -Aber seine Familie, seine Familie und die Leute -- -- --? - -Seine Angehörigen sollten sich damit abfinden -- sie durften ja leben, -während er -- -- - -Ja, was tat ihm noch Schande? Ihm? Er kicherte mit zuckendem Munde. Und auf -einmal warf er sich vornüber und krallte die Hände in die warme Erde. - -Er wollte alle Schande der Welt tragen -- wenn er nur leben durfte! Er -liebte das Leben trotz allem und allem, trotz seiner Schmerzen, trotz -seiner qualvollen Nächte. Er wollte alle Schande der Welt tragen -- nur -nicht sterben! - -Die Frösche quakten, und die Vögel flöteten, und ein Wagen kam gefahren. -John richtete sich langsam auf; er wollte nach Hause. Es war nicht -notwendig, daß er dem Schicksal vorgriff: das Ende des Trauerspiels kam -schon von selbst. Und alles Auflehnen war vergebens. - -Der sich nähernde Wagen, ein gewöhnlicher Einspänner, hielt an, als John -dem Kutscher ein herrisches »Halt!« zurief. »Helfen Sie mir herauf,« befahl -er ihm. »Ich will in die Stadt.« - -»Ach, Sie sind es, Herr Zarnosky,« sagte der Kutscher. - -»Hab' jefischt,« bemerkte John sehr hochmütig. - -»Und wo haben Sie Ihre Angel?« - -»Fortgeworfen. Kann mir eine neue kaufen.« - -Kurz vor der Stadt, da, wo es in das dunkle Glaciswäldchen hineinging, sah -man jetzt hurtig Liebespaare verschwinden. Der Kutscher schnalzte mit der -Zunge und machte seine Bemerkungen. John saß ganz still da und wunderte -sich. Er wunderte sich, daß es noch immer Liebespaare gab, daß die Welt -noch immer so war wie damals, als er mit seiner ersten und einzigen Flamme, -einer jungen Putzmacherin, dort spazieren ging -- vor hundert Jahren. So -lange schien ihm das wenigstens her. Wie ein Greis sah er den Paaren nach -und drehte verwundert die Daumen umeinander. - -Er hätte den gewöhnlichsten Kognak der hübschesten Putzmacherin vorgezogen. - -Am alten Stadttor leuchtete eine Gasflamme wie ein grüner Stern durch die -helle, rote Dämmerung. Als der Wagen durch das Tor rollte, begann John -vor Angst zu frieren. Beim Auftauchen eines Schutzmannes zuckte er heftig -zusammen. Der Mann grüßte freundlich und ging vorüber. - -Nun überkam ihn ein wilder Trotz. Erstens hatte er nichts begangen, und -selbst wenn er etwas begangen hatte, so war ihm das ganz gleichgültig. -Mochte man ihn anzeigen. Ihm war schon alles gleich. Nur um die Mutter tat -es ihm leid. Um die tat es ihm leid, um die andern nicht ... Seine Zähne -schlugen zusammen, als sich der Wagen dem väterlichen Hause näherte. - -Rodenberg stand, nach ihm ausspähend, am Torweg und half ihm vom Wagen -herunter. »Geben Sie ihm was,« sagte John, nachlässig über die Schulter -zeigend. Der Kutscher nahm seinen Herrn unter den Arm, weil dieser allein -nicht zu gehen vermochte. »Was machen Sie für ein Gesicht?« fragte ihn -John. »Lachen Sie doch, Rodenberg! Ich hab keine Angst! Für was soll ich -auch Angst haben?« - -»Der Beese war hier,« erzählte der Kutscher, »und nu is der Herr -fuchswild.« - -»Pah!« sagte John. »Was ich mir daraus mach!« - -»Er sitzt oben und wartet auf Ihnen.« - -»Der Vater?« - -Rodenberg nickte. - -John wurde kreidebleich. Er versuchte zu lachen; doch plötzlich bekam er -einen Krampfanfall. Rodenberg schleppte ihn in seine Wohnung hinauf. - -Herr Zarnosky saß mit der Reitpeitsche in der Hand. Sein sonst so frisches, -großzügiges Gesicht war blaß, und seine Zähne bearbeiteten unablässig die -starken Lippen. Als die Tür geöffnet wurde, stand er auf. - -»So betrunken?« fragte er den Kutscher. - -»Krank,« sagte Rodenberg rauh, indem er seinen jungen Herrn mit liebevoller -Ungeschicklichkeit aufs Bett trug. - -Herr Zarnosky setzte sich wieder aufs Sofa und räusperte sich erregt. Frau -Kalnis kam in diesem Augenblick nach Hause, wie eine erschreckte Fledermaus -ins Zimmer schwirrend, und schlug stumm die Hände zusammen. - -»Herr Zarnosky trautstes, was is los? Was is jeschähn? Ich will man bloß -rasch d'e Umnahme abnähmen ...« sie huschte in ihr Zimmer. »Herrjeh, -herrjeh, mein Palmbaum! Und d's Kissen! Jerechster Vater, was is hier -jeschähn? Nu hatte er sich doch schon einije Tage so scheen jehalten.« - -Herr Zarnosky räusperte sich schweigend weiter. Rodenberg schlich still -hinaus, weil er meinte, daß John in Dores Gegenwart keine Prügel bekommen -werde. Frau Kalnis kam mit einer Decke angeflogen, die sie mit zitternden -Händen über den unbedeckten Tisch warf. Dann ging sie zu John. »Wasser,« -murmelte er leise. - -Herr Zarnosky trat mit der Reitpeitsche ans Bett. »Besinne dich,« sagte er -heiser, »was hast du heute abend getan?« - -»Nichts,« stammelte John angstvoll, »nichts.« - -»Da geht doch dieser Lümmel hin und stiehlt!« stieß der Vater erbittert -hervor, und die Reitpeitsche sauste nieder. - -Ehe sich's der Alte versah, war der Junge plötzlich aufgesprungen und hatte -ihn an der Kehle gepackt. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn Rodenberg -- -durch Dore und den Lärm herbeigerufen -- sich nicht des Wütenden bemächtigt -hätte. Er schaffte ihn wieder ins Bett und beruhigte ihn, so gut er konnte. -Herr Zarnosky rang keuchend nach Atem. So träge und ruhig er für gewöhnlich -war, so wild und zügellos konnte er im Zorn werden. - -»Warte!« knirschte er, sobald er sich von seinem Schreck erholt hatte. »Du -wirst dich an mir vergreifen? An deinem Vater?« Und nun begann er John erst -recht zu züchtigen. - -Doch die meisten Schläge bekam Rodenberg, der sich mit ausgebreiteten Armen -über seinen Liebling legte, und der nicht von ihm wich, so wütend es ihm -auch befohlen wurde. Zu sagen wagte er nichts, ja, er wagte nicht einmal zu -stöhnen. Die Zähne zusammenbeißend hielt er tapfer stand, bis sein Herr mit -Schlagen aufhörte. - -Als Herr Zarnosky ohne ein Wort gegangen war, richtete sich der Kutscher -auf und sah Dore an, und dieser Blick war die einzige Kritik, die er sich -über seinen Herrn erlaubte. - -Dore probierte, ob sie noch sprechen konnte. »Gott! -- nei! -- pfui ...« -Das war anfänglich alles, was sie herausbekam. Sie schüttelte den Kopf -und schlug stumm mit der Hand, und dann sagte sie: Das sei von jeher die -Zarnoskysche Erziehungsmethode gewesen. - -John lag ganz still da, und seine langen Wimpern drückten sich so tief -in die Wangen, als ob sie sich nie mehr heben wollten. Doch mit der Zeit -begann er aufgeregt zu flüstern, Schreie auszustoßen und mit den Armen zu -fuchteln. Frau Zarnosky kam heraufgestürzt und setzte sich weinend an sein -Bett. Sie nannte ihn bei seinem Kindheitsnamen, sie glättete sein Kissen, -sie streichelte ihn. Wohl eine Stunde saß sie an seinem Bett und weinte; -aber ihr Weinen, dieses monotone Weinen, vermehrte nur seine Unruhe. -»Nicht, nicht,« flüsterte er von Zeit zu Zeit. Doch Frau Zarnosky ließ sich -nicht stören; sie war es nicht gewohnt, ihren Gefühlen Zwang anzutun, und -sie wäre empört gewesen, wenn ihr jemand diese Tränen zum Vorwurf gemacht -hätte. - -John schlief ein und ging im Traum unzählige Male in den Laden und wurde -dort unzählige Male von Schutzleuten umringt, weil er jedesmal eine Flasche -mitgenommen haben sollte. Doch es gelang ihm immer noch zu entkommen. Und -einmal stellte es sich heraus, daß er die Flasche bereits bezahlt hatte. -Die Schutzleute verneigten sich vor ihm, und er schritt stolz wie ein -Triumphator davon --: um an der Tür auf den Tischler zu prallen, der -ihm, »Dieb!« brüllend, eine ungeheure Flasche aus der Tasche zog. Die -Schutzleute packten ihn, soviel Rodenberg auch für ihn bat; aber er riß -sich los und stürzte sich, von seinem Vater verfolgt, in ein großes, -schwarzes Wasser. Das schlug dumpf über ihm zusammen, sein Herz setzte aus, -und dann sank er ohne Ende in die Tiefe. - - - - -Zehntes Kapitel - - -Der Zarnoskysche Landauer rollte lautlos die gerade, sonnige Chaussee -entlang, die nach einem Gasthaus im Walde führte. Die neuen Rappen waren -angespannt, und Rodenberg ließ sie mit stolzer Miene dahinbrausen. Sein -langer, roter Bart glänzte in der Sonne wie ein Feuerchen auf seinem engen, -schwarzen Mantel. John saß neben Dore auf dem Rücksitz des Wagens gegenüber -seinen Eltern, zwischen denen sein Bruder Paul einen bescheidenen Platz -einnahm. Diese Ausfahrt nach dem Walde war Johns sehnlichster Wunsch -gewesen, und sein Vater erfüllte ihm seit einer Woche jeden Wunsch, weil es -ihn noch immer reute, daß er sich dem Kranken gegenüber im Zorn vergessen -hatte. Zudem war John auch sein Liebling, trotz allem und allem. - -Nun blickte er stumm und schläfrig, den Strohhut ins Gesicht gezogen, auf -die grünen Felder, die wie stille Seen zu beiden Seiten der Chaussee lagen. -Frau Kalnis interessierte sich für die Häuschen hier und dort, Paul für die -Windmühlen. Herr und Frau Zarnosky interessierten sich für ihre Mittagsruh, -indem sie die Augen geschlossen hielten und schwiegen. Halbnackte -Landkinder warfen Kornblumensträuße in den Wagen und liefen dann mit offnen -Mäulern und ausgestreckten Händen nebenher, auf die Bezahlung erpicht. Es -machte John Spaß, sie recht lange darauf warten zu lassen. »Wie heißt ihr? -Wie alt seid ihr?« fragte er zunächst. Erst als seine Fragen beantwortet -waren, ließ er langsam Pfennige regnen. - -Ein freundliches Dörfchen mit vielen Storchnestern auf den Dächern und -vielen bunten Blumen in den Gärten glitt rasch vorüber. Dahinter kreuzte -die Chaussee eine Bahnstrecke. Dann kamen wieder Wiesen und Felder und -Roßgärten mit weidendem Vieh. Und schließlich kam der Wald, der alte -Tannenwald, nach dem sich John so sehr gesehnt hatte. »Ah!« machte er -lächelnd, als der Wagen aus der grellen Helle in den Schatten der Bäume -rollte. - -»Wie es duftet!« murmelte Herr Zarnosky, die Augen öffnend. - -»Nicht wahr?« sagten die Söhne wie aus einem Munde. - -»Aber die vielen Bremsen!« seufzte Frau Zarnosky, an die Pferde denkend. - -Nach einer halben Stunde hielt der Wagen vor dem Waldgasthaus. Hier war die -Chaussee zu Ende und ein tiefer Sandweg begann. Das Gasthaus lag breit -und weiß am Wege mit grünen Fensterladen und zwei Storchnestern auf dem -bemoosten Schindeldach; es sah ehrbar und freundlich aus. Der hagere Wirt -stand vor der Tür und hieß die Herrschaften etwas still willkommen. - -Hinter dem Hause streckte sich ein langer, verwilderter Garten mit zwei -Holzkolonnaden und einem großen Grasplatz, auf dem ein paar Turngeräte -standen. Die Familie Zarnosky setzte sich in eine Tannenlaube am Rande des -grünen Platzes. John lehnte sich an, faltete die Hände, ließ die Daumen -umeinander laufen und lächelte krank und müde. Ein alter, krummbeiniger -Kellner erschien und säuberte gewissenhaft den Tisch. - -»Es riecht schon nach Heu,« sagte Herr Zarnosky, mit der Nase schnuppernd. - -»Und irgendwo müssen Linden blühen,« stotterte John. - -»Wenn der Kaffee hier nur nicht so gräßlich wäre,« versetzte Frau Zarnosky -in unwirschem Ton. - -»Du darfst ja nur eine kleine Tasse trinken,« erwiderte ihr Gatte. - -»Ist mir auch noch zu viel,« nörgelte sie. - -Herr Zarnosky bestellte Bier, Selterwasser, Kaffee und Kuchen. Der alte, -krummbeinige Kellner dienerte und verschwand. Bald kam das Bestellte und -wurde genossen. Frau Zarnosky und Paul nippten nur ein wenig an ihrem -Kaffee, und Dore nahm sich dann der beiden Tassen an, nachdem sie die -eigene mit Vergnügen geleert hatte. An Sonntagen war das Waldgasthaus immer -sehr besucht, heute am Alltag war es leer. Mit der Zeit fanden sich noch -drei andere Familien ein, die auch mit eigenem Fuhrwerk kamen. Mehr Besuch -erschien nicht. Der hagere Wirt ging an den leeren Tischen vorüber und rieb -sich mit abwesender Miene die Hände. Paul beobachtete ihn durch die Tannen. - -»Der macht nicht mehr lange,« sagte er plötzlich. - -»Wer?« fragte John erschreckt. - -»Der Wirt,« brummte der Junge. - -»Gehen wir in den Wald?« fragte der Vater, sich im Kreise umblickend. - -»Ich bleibe hier,« sagte John. »Aber ihr andern könnt ja gehen. Auch Frau -Kalnis.« - -»Ich bleib' bei Ihnen, Herr Johnche,« versetzte Dore beflissen. - -»Dann bleiben wir doch schon alle hier,« entschied der Vater. - -Paul sprang auf, um zu den Turngeräten zu gehen, weil ihm das ewige -Sitzen unerträglich wurde. Und dann war ihm auch, als säße der Tod in -der Tannenlaube und als ginge der Tod durch die Gänge des Gartens. Paul -wünschte häufig, daß John bald stürbe. Er empfand keine Liebe für diesen -Bruder, der, so weit er zurückdenken konnte, schon immer als Taugenichts -galt. Pauls Gefühle für John schwankten zwischen Abneigung und -verächtlichem Mitleid. Ebenso erging es Leo. Die beiden Jungen hatten -nichts Böses begangen, als er auch sie überall zu verleumden begann. Das -verziehen sie ihm nie, hart wie Kinder sind, und sie verziehen ihm auch nie -sein herabgekommenes Äußere. Sie mieden ihn jetzt wie einen Aussätzigen, -sie sahen fremd über ihn hinweg, wo sie ihn trafen. Und das kränkte John, -da er sie im Grunde sehr lieb hatte, das reizte ihn zu Roheiten ihnen -gegenüber und zu immer neuen Verleumdungen über sie. - -Paul rannte auf dem Schwebebaum hin und her, zur Aufbesserung seiner -Stimmung wie eine Dampfmaschine pustend. Er versuchte an dieses und jenes -zu denken; aber John beherrschte seine Gedanken. - -Wie einem Todkranken wohl zumute war? - -Paul schielte eine Weile nach dem gelben Gesicht in der Tannenlaube und -blickte dann rasch nach der strahlenden Sonne. Jetzt glaubte er zu wissen, -wie einem Todkranken zumute war; aber aussprechen hätte er es nicht können. -Und er konnte auch seine gedrückte Stimmung nicht loswerden, obgleich er so -tat, als sei er vergnügt, indem er auf dem Schwebebaum hin und her sprang, -bald mit den Armen, bald mit der Mütze schlenkernd. - -»Seht bloß Paul an!« murmelte John, der sich schlechter und schlechter -fühlte, mit zuckenden Lippen. - -»Der Junge ist vergnügt,« schmunzelte der Vater. - -»Er ist gräßlich,« dachte John, die Zähne zusammenbeißend. - -Die Mutter ahnte, was in John vorging. »Paul!« rief sie mit scharfer -Stimme, »benimm dich vernünftig! -- Denkt der Bengel denn gar nicht an -seinen Bruder?!« - -John zuckte zusammen. »Warum soll er an mich denken?« fragte er rauh. - -Frau Zarnosky machte ein wehleidiges Gesicht. »Laß nur gut sein,« sagte sie -tröstend, »es kommt auf den, auch auf jenen; es kommt auf jeden einmal. Du -kannst auch noch gesund werden.« - -John hätte am liebsten losgeheult. »Ich möchte hier gern ein bißchen allein -sitzen,« stieß er hastig hervor, als er seiner Stimme die nötige Festigkeit -zutraute. - -»Wird das gehen?« fragte die Mutter besorgt. »Soll Frau Kalnis nicht -wenigstens bei dir bleiben?« - -»Ich will sie nicht sehen!« brach er los. »Ich bin kein kleines Kind! Ich -kann allein sitzen! Ihr ärgert mich bloß!« - -»Wir ärgern dich?« - -»Ja!!!« - -»Man darf es ihm nicht übel nehmen,« sagte die Mutter, »er ist so furchtbar -nervös.« - -John winkte nur stumm mit der Hand, sie möchten verschwinden, und diese -Geste hatte etwas so Verzweifeltes und so Zwingendes, daß sich die Eltern -denn auch ziemlich rasch mit Paul und Frau Kalnis auf den Weg machten. -Aber Dore wurde nach wenigen Schritten auf einem versteckten Platz -zurückgelassen, damit sie auf John, ungesehen, achtgäbe. - -Paul sprang seinen Eltern, aufatmend, voraus. Er meinte, es müsse heller -werden, sobald er John und den Garten hinter sich hatte. Anfangs schien's -ihm auch so; aber dann mußte er immer wieder an ihn denken und sich -vorstellen, wie er so allein in der Tannenlaube saß. Dazu bewölkte sich der -Himmel, und ein kaum wahrnehmbarer Wind zog mit geisterhaftem Seufzen durch -die Tannenkronen. Ein Waldvogel stieß eine Reihe schmerzlicher Töne aus und -wiederholte sie dann immer aufs neue. - -»Ich könnte weinen,« sagte die Mutter, als eine Krähe krächzend über den -Wald flog. Der Vater schwieg mit gleichmütiger Miene. - -»Wir wollen lieber umkehren und nach Hause fahren,« stieß Paul leise -hervor, doch die Eltern gaben keine Antwort und gingen wie im Traume -weiter. - -Der Junge blieb hinter ihnen zurück und sah sich mit großen Augen um. - -Wie die Bäume standen und starrten! Wie sein Herz klopfte! Wie die Stille -im Walde sauste! Oder war es das Blut in seinem Kopf? Er steckte die Finger -in die Ohren; aber da wurde das unheimliche Sausen noch stärker. Er reckte -sich mit einem zitternden Seufzer und spuckte beklommen auf den Weg. - -»Wenn ein Ast sich vom Stamm lösen will,« ging es plötzlich durch seinen -Kopf, »dann merkt es der ganze Baum.« - -Und der Wald stand da wie erstarrt, wie versteint, und alle Bäume schienen -feindlich und erwartungsvoll auf ihn zu blicken. Paul stieß einen langen, -hellen Ton aus, um den Bann zu brechen, der wie über ihm auch über dem Wald -zu liegen schien. - -Und er erschrak. Denn ein Echo gab den Ton so seltsam wieder; er kam als -ein Klagelaut durch die Stille zurück. - -Paul graute es plötzlich. Er sprang seinen Eltern nach, um ihrem traurigen -Wandern ein Ende zu machen. Die Mutter war bei seinem Ton erschrocken -stehen geblieben und sah sich um. »Wollen wir nicht umkehren?« rief er ihr -mit forcierter Munterkeit zu. »Kehren wir doch lieber um! Hier ist es ja so -langweilig!« - -»Ja, wir wollen umkehren,« versetzte sie mit Hast und Bestimmtheit. Sie -schien den Sinn dieses Wortes erst diesmal zu fassen. »Komm!« sagte sie -rasch zu ihrem Mann. - -»Schon umkehren?« brummte er. »Nanu?« - -»Hier ist es gräßlich,« murmelte sie. »Man geht ja hier wie in die -Verbannung. -- Wer weiß, was ihm noch im Garten passiert?!« - -»Was kann ihm da passieren?!« erwiderte er spöttisch, obgleich er ebenso -gern umkehrte wie sie und der Junge. - -Paul machte mehrmals den Weg, den seine Eltern nur einmal machten, weil -er wie ein junger Hund immer hin und zurück lief. Als sie schon bald am -Gasthaus waren, kam er ihnen mit rotem Gesicht entgegengestürzt: »Vater, -Mutter, John sitzt bei den Kutschern und spielt Karten! Wir müssen durch -die Seitentür gehen.« - -Herr Zarnosky wollte sofort hineilen, um John vom Kutschertisch -fortzuholen, doch seine Frau stellte sich ihm in den Weg, aus Furcht -vor einem Skandal. Sie überredete ihn so lange, bis er ihnen durch die -Seitentür folgte; aber er war so wütend, daß er fast keine Antwort gab. - -Frau Kalnis saß friedlich auf ihrem Platz, John noch immer in der -Tannenlaube wähnend. - -»Er sitzt bei den Kutschern!« herrschte Herr Zarnosky sie an. - -Die Augen aufreißend, schlug sie die Hände zusammen. »Bei die Kuhtschers?« -wiederholte sie erbleichend. - -Der Kellner kam und fragte, ob etwas gefällig sei. Frau Zarnosky hatte -einen Einfall. »Es gibt ja Krebse,« sagte sie rasch. Und leise zu ihrem -Mann: »Bestell welche! Dann wird er bald hier sein.« - -John hatte seine Eltern nicht so rasch zurück erwartet, sonst wäre er -beizeiten auf seinem Platz gewesen. Und nun wagte er sich nicht in die -Tannenlaube, aus Angst vor dem Vater. Als Frau Kalnis ihn in den Garten -bitten kam, wurde er aus Angst frech: er käme nicht, er amüsiere sich hier -besser. Als sie für Rodenberg zwei Krebse brachte, die John leckrig machen -sollten, riß er den Teller an sich und zeigte den wiehernden Kutschern, -unter unfeinen Redensarten, wie man Krebse äße. Die Kraft dazu holte er -sich fleißig aus Rodenbergs Seidel, das Braunbier mit Rum enthielt. Der -alte Kutscher redete ihm zu, mit Frau Kalnis zu gehen; aber John rührte -sich nicht. Hier sei es gemütlich. Hier ärgere ihn niemand. Er sei hier -unter ehrlichen Menschen. - -Der Kutschertisch stand dem Gasthaus gegenüber, jenseits der sandigen -Landstraße neben einer alten Eiche. An ihrem bemoosten Stamm hing eine -hölzerne Tafel mit Worten, die schon lange nicht mehr zu lesen waren; aber -man wußte, daß sie den Heldenmut eines im Kriege gefallenen Brüderpaares -priesen. Frau Kalnis ließ ihren schwarzen Rock wieder im Sande schleppen, -als sie den Kutschertisch verließ, aus Furcht, John könne ihr etwas -Häßliches nachrufen, wenn sie ihn aufzuheben wagte. Ihre Backen glühten, -und der Veilchenhut saß schief aus ihrem dünnbehaarten Kopf. - -Sobald John mit den Krebsen fertig war, griff er wieder nach den Karten. -Rodenberg stand auf und machte sich an den Pferden zu schaffen, in der -Hoffnung, daß John dann gehen werde. Vergebens. Herr Zarnosky junior -bot den fremden Kutschern jetzt Brüderschaft an, und wenn er eine Karte -ausspielte, so knallte er sie wie die andern mit der Faust auf den Tisch. -Die Kutscher hatten die Röcke ausgezogen und saßen in Hemdsärmeln da. -Der Kopf des einen war wie eingeschroben in einen mächtigen, feuerroten -Fleischwulst, der rings um seinen Hals lief. John mußte immer wieder auf -diese rote, faltenschlagende Masse starren. Schließlich bat er den Kutscher -um die Erlaubnis, sie betasten zu dürfen. Der Mann hatte nichts dagegen und -ließ es gutmütig geschehen. In den Zweigen der Eiche hub ein Vögelchen zu -zwitschern an: »Züzüzüzüühe« ... Die Kutscher achteten nicht darauf; -aber John legte den Kopf auf die Seite, machte ein liebliches Gesicht und -erwiderte: »Zekü, zekü, zekü« ... Und die Poesie des einsamen Platzes an -der Waldstraße überwältigte ihn plötzlich so, daß er erblaßte. - -Frau Kalnis kam abermals durch den Sand gestiefelt, um Rodenberg zu -bestellen, daß er sofort an der Seitentür vorzufahren habe. John erhob sich -wie im Traum. »Schon? Schon nach Hause?« stammelte er erschreckt. - -Als die Familie aus dem Garten trat, sah sie ihn wie einen armen Sünder, -der sich nicht zu nähern wagt, mit hängendem Kopf am Zaune stehen. Die -Mutter war sofort gerührt. Sie eilte zu ihm hin und führte ihn unter -sanften Vorwürfen zum Wagen. Der Vater blickte ihn flüchtig an: »Wir -sprechen uns später,« sagte er hart und kurz. - -Der Wind schien eingeschlafen zu sein, und der Himmel war klar geworden. -Er hing gleich einer riesengroßen, blauen Glasglocke überm Walde. Die Bäume -standen hoch und still, und das taktmäßige Trappeln der Rappen zog wie -Musik durch den schweigenden Forst. John atmete laut und hastig. Sein Kopf -sank beim Fahren bald nach rechts, bald nach links. Der Vater erhob sich -und wies ihm kurz seinen Platz an, weil er sich dort besser anlehnen -konnte. Diese Fürsorge rührte den armen Sünder bis zu Tränen. Sich -schneuzend begann er nachzudenken, wodurch er sich der erwiesenen Güte -würdig zeigen konnte. Er sah mit abbittender Miene vom Vater zur Mutter, -und das Denken fiel ihm furchtbar sauer, weil Rodenbergs Mischung bei ihm -zu wirken begann. Plötzlich griff er mit aufleuchtenden Augen in die Tasche -und zog zwei sandige, bleierne Teelöffel heraus, die er mit triumphierender -Miene im Kreise herumzeigte. »Für Frau Rodenberg,« sagte er mit Augen, die -um Beifall baten. - -»Die hat er aus dem Gasthaus mitgenommen,« rief Paul erblassend. - -»Aber dort gefunden,« schmunzelte stolz der Betrunkene. - -Der Vater riß ihm die Löffel aus der Hand und warf sie aus dem Wagen. »Wir -sprechen uns schon zu Hause,« sagte er wieder. - -John ließ die Unterlippe hängen wie ein arg enttäuschtes Kind, das -weinen will. »Sie trieben sich doch unterm Kutschertisch im Sande herum,« -stotterte er. - -Paul hob die Augen zum Himmel auf. »Er gehört ganz einfach in eine -Anstalt,« murmelte er, den Kopf schüttelnd. - -»Ja, du!« blubberte John gekränkt. - -»Wenn es die Kutscher nun gesehen haben?« jammerte Frau Zarnosky. - -»Nichts jesehn,« stammelte John. »Und sie sind doch nur für Frau -Rodenberg.« - -Er begriff die Menschen nicht mehr, und sie gefielen ihm ganz und gar -nicht. Das Leben war eine einzige sonderbare Scheußlichkeit. Und er hatte -nichts als Feinde. - -Paul hatte sich vorgebeugt und hielt sich das Taschentuch vor die Nase, -weil er Johns Alkoholatmosphäre nicht anders ertragen konnte. Von Zeit zu -Zeit stieß er indigniert die Luft aus. John beobachtete ihn mit wachsendem -Grimm; aber die Stille im Wald zügelte ihn gegen seinen Willen. Frau Kalnis -begann schüchtern und wenig erwünscht von der Schönheit des Sommertages zu -sprechen und von der Schönheit der hohen Tannen. Niemand erwiderte etwas. -Sie verstummte. - -Der Wald wich zurück, und die Felder begannen. Paul entfaltete das -Taschentuch und fächelte sich seufzend und pustend frische Luft zu. John -ließ ihn schweigend gewähren; doch seine Augen weiteten sich vor Wut, seine -Hände zuckten krampfhaft hin und her, und auf einmal, noch ehe der Vater -es hindern konnte, versetzte er seinem Bruder einen heftigen Schlag in den -Rücken. - -Frau Zarnosky, die mit geschlossenen Augen dagesessen hatte, schrie laut -los, als Paul plötzlich auf ihren Schoß kippte. Die Kalnis schlug die Hände -zusammen und klagte es stürmisch ihrem »jerechsten Vater«. John verteidigte -sich mit heftigen Worten. Der plötzliche Tumult im Wagen war so groß, daß -die Rappen ängstlich die Ohren spitzten und dann ein Tempo begannen, dem -der erschreckte und angetrunkene Rodenberg nicht gewachsen war. - -»Die Pferde gehen durch,« flüsterte Paul, der es zuerst bemerkte. - -»Was? Was?« wiederholte entsetzt die Mutter, und nun verfiel sie in -ein angstvolles Weinen und Jammern, das die jagenden Pferde noch mehr -erschreckte. - -Dampfend und zischend brauste von links ein Zug daher. Wie das Unheil -selbst, so glitt er in großem Bogen unaufhaltsam der Chaussee entgegen, -die er vor dem Dörfchen zu kreuzen hatte. Und die Pferde ließen sich nicht -zügeln, obgleich Rodenberg, den das Entsetzen rasch ernüchterte, seine -ganze Kraft aufbot; sie jagten jetzt dahin, als wollten sie mit dem Zug um -die Wette laufen. Die Mutter hielt Paul mit geschlossenen Augen umschlungen -und merkte nicht, daß John angstvoll und zärtlich ihre Hand zu fassen -suchte. »Ruhe, nur Ruhe!« sagte Herr Zarnosky, der sich erhoben hatte und -nach Hilfe umherspähte. Paul hörte schon in seiner Phantasie das Krachen, -das erfolgen mußte, wenn der Zug über Wagen und Pferde ging, und vor -diesem Krachen graute ihm fast am meisten. Gleichzeitig dachte er mit -der Lebensfülle der Jugend: ich kann nicht sterben -- und die andern auch -nicht; es wird nichts passieren. - -John lehnte sich wieder zurück und schloß mit ergebener Miene die Augen: -seine Angst war plötzlich verflogen. Er dachte: nun brauchst du nicht -allein durch die dunkle Pforte zu gehen; nun geht ihr alle zusammen. Er -sagte sich gar nicht, daß er an dem, was vorging, schuld war. Ihn quälte -nur eins: daß er Peter in der Welt zurücklassen mußte. - -Seine Todesergebenheit ging in Ekstase über: es dünkte ihn schön, an diesem -wundervollen Sommernachmittag mit Vater und Mutter zu sterben. Ja, ihm war, -als flögen sie schon alle zusammen durch den Himmelsraum, einem gewaltigen -Ereignis -- Gott entgegen. Er hörte bereits eine seltsame Musik, die ihn -schon aus dem Jenseits dünkte. Wie aus der Ferne vernahm er Dores leises -Beten, und er faltete die Hände, um ihr nachzutun, aber er konnte sich auf -das, was er sagen wollte, auf das »Vaterunser« gar nicht besinnen. - -»Festgemauert in der Erde ...« Nein, das war kein Gebet. Doch da ihm nichts -Besseres einfiel, ließ er ruhig noch ein paar Reihen des Gedichtes folgen, -weil er plötzlich fühlte, daß es auf die Worte nicht ankam, daß die -Empfindung, die zum Beten treibt, das Wichtigste ist. - -Nun ging er nicht allein in das große ungewisse Land, nicht ohne Schutz, -nicht ohne Verteidiger: Vater und Mutter kamen mit -- wie beruhigend das -war. Und wie seltsam es war, daß er nun bald wissen würde, was hinter dem -Tode kam. - -Vor der herabgelassenen Barriere scheuten die Rappen zurück und -bäumten wild in die Höhe. »Haltet sie!« schrie Herr Zarnosky ein paar -herbeieilenden Männern zu; denn nun wollten die Tiere nach der Seite, um -durch den Graben ins Feld zu jagen oder auch auf die Schienen, und der Zug -tauchte hinter dem nächsten Gehöft auf. »Haltet sie!« schrie Herr Zarnosky -noch einmal, weiß wie der Tod im Gesicht, und alle standen jetzt im -Wagen, bereit, im letzten Augenblick herauszuspringen. Aber es gelang den -kräftigen Männern, die Pferde zum Stehen zu bringen. - - - - -Elftes Kapitel - - -Unförmige Wolken zogen wie seltsame Tiere durchs Himmelsblau. Es war Nacht, -und die Mondsichel lugte gleich einem gelben, schielenden Auge über die -Wolkentiere herüber. »Er scheint; aber ich kann ihn hier nicht sehen,« -murmelte John, der im Nachthemd am Fenster saß und Selterwasser trank. Sein -Wohn- und Schlafzimmer war jetzt der Saal in der elterlichen Wohnung, weil -er die Treppe zu seiner eignen nicht mehr hinaufsteigen konnte, und dann -war es auch oben zu heiß für ihn geworden. - -Im Saal war fast alles rot. Tapete, Türen, Vorhänge, der Samtüberzug der -Möbel, die Teppiche, alles war rot. Rote Stoffe deckten auch den schwarzen -Flügel und den dunkeln Tisch. Auf den großen, düsteren Ölgemälden, die -allerdings goldene Rahmen hatten, war die rote Farbe die vorherrschende. -Das war Zarnoskyscher Geschmack. Dann gab es noch zwei vergoldete, weiße -Vasen im Saal, die mit roten Blumen gefüllt auf schwarzen Ständern standen, -es gab da noch einen dunkel gerahmten großen Spiegel und einen alten -Messingkronleuchter in roter Musselinhülle. - -Neben dem roten Sofa stand jetzt Johns Bett, sein niedriges, breites, -dunkles Bett, das in Form und Farbe ganz gut in den Saal hineinpaßte. John -graute es in der Nacht beim Anblick der vielen roten Sessel, die so still -und leer um den Tisch und an den Wänden standen, und am meisten graute ihm -dann vor den geflügelten schwarzen Drachen, die die Tischplatte trugen. Er -sah die Drachen im Traum auf seinem Deckbett kauern und ihn bedrohen, oder -er hörte sie, nach ihm suchend, durchs Zimmer schwirren, während er sich -in wilder Angst hinter einem Sessel zu verbergen suchte. Wachte er auf, so -glaubte er ihre großen, schrägen Augen böse und lauernd auf sich gerichtet -zu sehen. Der Tisch war eine Qual mehr für seine Nächte; aber das verriet -er niemand, dazu war er viel zu stolz. - -Der Saal hatte drei dicht verhängte Fenster mit purpurnen Übergardinen. -John thronte auf einem roten Sessel an dem Fenster, das sich seinem Bett -zunächst befand, vor sich ein Tischchen mit Selterwasser besetzt. Er hatte -die Gardine ein wenig zur Seite geschoben und blickte mit traurigen Augen -bald nach dem Himmel, bald in die totenstille Grätengasse. Von Zeit zu Zeit -beugte er sich vor und lauschte angestrengt nach der letzten Saaltür hin, -die in das Schlafzimmer seiner jüngeren Brüder führte. Dort wurde noch -geflüstert und halblaut gelacht. Auf seine Kosten, dünkte es John. Wenn er -seinen Namen zu verstehen glaubte, machte er jedesmal eine Bewegung mit dem -Kopf, als ob er ein Insekt verscheuchen müsse. - -Das Licht des Mondes erhellte die linke Seite der Grätengasse mit einer -matten, geisterhaften Helle. Die alte, enge Straße, in der nur noch wenige -Laternen brannten, mündete gleich einem Rohr auf einen breiten, tiefen -Strom, in den schon manch Betrunkener in dunkler Nacht hineingetorkelt -war. Johns Züge belebten sich, als ein einsamer Wanderer vor dem Fenster -auftauchte und über die Straße nach der Grätengasse ging. Den Sargtischler -erkennend, zog er sich hinter die Gardine zurück, um seinen Todfeind -ungesehen zu beobachten. Der Tischler blieb auf der gegenüberliegenden -linken Ecke neben der Laterne stehen und grinste höhnisch zu Johns Fenster -herüber. Die wenigsten wußten, warum er die Familie Zarnosky so haßte, und -die Zarnoskys wußten es selbst nicht; außer Onkel John: der Märchenerzähler -und Verleumder wußte es. - -Nach einer Weile löste sich der Tischler von dem Laternenpfahl und ging -torkelnd die Straße herunter. Jetzt erst bemerkte John, daß er stark -betrunken war und sich nur mit Mühe aufrecht erhielt. Am nächsten -Laternenpfahl sah er ihn wieder stehen bleiben und mit der Faust -herüberdrohen. John lachte; aber seine Zähne schlugen vor Begier zusammen, -wenn er sich vorstellte, er besäße noch seine alte Kraft und könne jetzt -hinlaufen, um den Kerl durchzubläuen. - -Die linke Seite der Grätengasse hatte noch immer ihre geisterhafte -Mondbeleuchtung, doch schon trieben große Wolken heran, um den blanken -Halbmond zu verschlingen. Der Tischler war weitergetorkelt und bei seinem -Häuschen angelangt, ohne es zu bemerken, wie es schien. John sah, wie er -ohne zu zögern daran vorbeischwankte. Zwei Häuser weiter drehte er um und -ging auf die andere Seite der Straße, und dann ging er wieder vorwärts. -Darauf wurde es recht dunkel, denn nun hatten die Wolkentiere den Mond -verschlungen. - -Als der Mond wieder hervorbrach, war von dem Tischler nichts mehr zu sehen. -Die Grätengasse lag starr und still wie eine Leiche da, und die Laternen -hielten die Totenwacht. John nahm an, daß der Betrunkene entweder nach -Hause gefunden hatte, oder daß er seinen Rausch in irgendeinem offenen -Torweg ausschlief. Daß er verunglückt sein könne, hielt er kaum für -möglich. - -Das Starren in die leere Straße hatte ihn müde gemacht, er stand auf und -legte sich ins Bett. Aber der Schlaf wollte trotzdem nicht kommen. Immer -wieder mußte er an den schönen Nachmittag denken, als er zusammen mit Vater -und Mutter zu sterben glaubte. Nun sollte er wieder allein in das große -ungewisse Land. Und er wollte nicht, es graute ihm zu sehr davor. Alle -sollten ihn begleiten, seine ganze Familie. - -Und das war doch nicht möglich ... - -Gegen Morgen erwachte er nach einem schönen Traum und ganz ohne die -traurige Musik, die stets beim Erwachen in seinen Ohren zu klingen pflegte. -Ihm hatte geträumt, er küsse große, weiche, violette Blumen, und das war -so angenehm gewesen, so schön, so beruhigend. Ihm war so wohl gewesen im -Traum, und auch noch viel besser war ihm als sonst. Er sehnte sich jetzt -nur nach Blumen, nach vielen weichen, kühlen Blumen, in die er sein Gesicht -hineinbetten konnte wie in seinem Traum. - -Um sieben klopfte es. Frau Kalnis brachte einen Rosenstrauß, den Onkel John -geschickt hatte. - -Wunder über Wunder, dachte John entzückt, und wie ein Rausch überkam ihn -die Hoffnung, er könne vielleicht doch noch gesund werden. - -Da er sich so wohl fühlte, stand er bald auf, um sich auf die Veranda zu -setzen. Als er heraustrat, wurde er sofort von Peter entdeckt, der schon -Turnübungen auf den Rollwagen vollführte. Fröhlich meckernd kam das Tier -dahergestürmt, warf die Vorderbeine hoch in die Luft und fiel seinem Herrn -buchstäblich in die Arme. - -»Herr Johnche!« rief Rodenberg vom Pferdestall her. »Se sollen mal jleich -was Neies heren kommen!« - -Johns Herz begann vor Neugier zu klopfen. Vielleicht kommt noch mehr Gutes, -dachte er. Peter am Halsband nehmend, humpelte er so schnell er konnte über -den Hof. »Na?« fragte er den strahlenden Kutscher. - -»Der Beese is diese Nacht besoffen im Wasser jefallen und ertrunken.« - -»Das ist gut! Das ist gut!« rief John mit triumphierender Miene und den -zuckenden Bewegungen eines Hampelmannes. - -»Ich frei mir ja auch,« sagte Rodenberg bieder. - -»Ich hab' ja zugesehen, wie er in der Nacht durch die Grätengasse nach dem -Wasser ging,« stammelte John, den die Neuigkeit förmlich elektrisierte. »Er -war mächtig im Tran. Und alle Augenblicke ist er stehen geblieben und hat -nach unserm Hause gedroht.« - -»Die Wichse, die uns der Schuft damals beide einjetragen hat, was?« fragte -Rodenberg mit zwinkernden Augen. - -John lachte bereitwillig mit. Wie ein Rausch war aufs neue die Hoffnung -über ihn gekommen, er könne -- wenn so viel Unerwartetes geschehen konnte --- auch noch gesund werden. - -Aber als er wieder auf der Veranda saß, da wußte er plötzlich nicht mehr, -ob das, was er soeben gehört zu haben glaubte, Traum oder Wirklichkeit -gewesen war, und ihm wurde ganz sonderbar und schwindlig. Die Wirklichkeit -schien sich langsam von ihm zu entfernen, alle Geräusche wurden leiser, -alle Farben matter, und er wurde immer schläfriger, je weiter alles von -ihm fortwich. Mit einem angstvollen Lachen griff er nach Peter, der wie ein -treuer Hund an seiner Seite stand. - -Alles geht von dir, dachte John, aber der verläßt dich nicht. - -Wie warm Peter war. Und wie voll von klopfendem Leben. Und das wollte er -töten?! - -Das Tier sah seinem Herrn vertrauensvoll ins Gesicht. John wandte den Blick -zur Seite und reichte ihm allen Zucker, den er bei sich hatte. Dann stand -er auf. »Wir müssen frisches Öl auf die Lampe gießen,« murmelte er, »sonst -geht sie aus.« Er schob Peter auf den Hof und begab sich hinein zu der -großen Flasche, aus der er tagtäglich Beruhigung und Kräfte bezog. - -Seit jenem häßlichen Abend im Gewürzladen erinnerte John diese Flasche -immer wieder an den Ölkrug der biblischen Witwe, denn sie wurde wie einst -dieser niemals leer. John konnte aus der Flasche trinken, soviel er -wollte; unsichtbare Hände füllten sie immer aufs neue voll. Aber der Kognak -schmeckte ihm nur noch selten wie früher, und er vertrug auch nicht mehr -viel. Er trank jetzt weniger zum Vergnügen, er trank, um existieren zu -können, um nicht vor Schwäche, Unruhe und Schmerzen zu vergehen. - -Im Saal war es angenehm kühl nach der Hitze draußen. Frau Kalnis saß -strickend und hustend an einem der Fenster und sagte kein Wort, als John -ein Wasserglas bis zur Hälfte mit Kognak füllte, das er dann, in seinen -Sessel gelehnt, langsam leerte. Sein Gedächtnis kehrte zurück. »Wissen Sie -das Neuste?« fragte er Dore. - -»Daß der Tischler ins Wasser jefallen is? Ja, das weiß ich.« - -»Na, was sagen Sie dazu?« - -»Is gut. An dem war nichts dran. Die Frau wird froh sein.« - -»Er ist ins Wasser gefallen, weil ich es wünschte,« prahlte der Trinker. - -»Stuß!« murmelte Dore. - -»Hier hab' ich in der Nacht gesessen und zugesehen, wie er nach dem Wasser -torkelte. Und da hab' ich gewünscht, was ich konnte, er möchte reinfliegen --- und da is'r reingeflogen.« - -»Pfui! Dann sind Se ja e Mörder!« krähte Dore. - -»Stuß!« echote John. - -Nun hatte er wieder Kraft und Unternehmungsgeist, die Schläfrigkeit war -gewichen. Die Neuigkeit von heute morgen hatte ihn sensationslüstern -gemacht, neugierig spähte er durch die Gardine die Grätengasse herunter -nach dem kleinen, braunen Häuschen, das dem Tischler gehörte. Und je länger -er nach dem Häuschen blickte, desto mehr verlangte es ihn, hinzugehen und -die Leiche zu sehen. Er liebte es, Leichen zu betrachten, er konnte sich -nicht satt sehen an ihren stillen Gesichtern; das Geheimnisvolle in der -Ruhe des Totenantlitzes zog ihn immer aufs neue an. Er gab seiner -Mutter nur kurze Antworten, als sie sich liebevoll nach seinem Befinden -erkundigte; er wollte fort und sobald wie möglich. Kaum hatte man ihn nach -dem Frühstück allein gelassen, so stand er auf und verließ den Saal, um -seiner Sehnsucht zu folgen. - -Auf der Grätengasse lag das Sonnenlicht so schwer wie ein Alp. Die Straße -war wenig belebt, und die meisten Fenster waren verhängt, was den Häusern -ein blindes, totes, abweisendes Aussehen gab. Auf einem Hof spielte eine -verstimmte Leier eine unschöne Melodie. Die Töne zogen rauh und schrill -durch die stille, trockne Luft. Von Zeit zu Zeit sprang die Melodie wie -toll vor Hitze in die Höhe, um dann jedesmal mit einem häßlichen Schnarren -zu enden. John biß die Zähne zusammen, denn er konnte keine Musik hören, -ohne nicht weinen zu müssen. Es fror ihn bald vor Unbehagen, trotz der -Hitze, und die Musik erpreßte ihm Schweißtropfen. Er hatte schon Lust -umzukehren; aber das kleine braune Haus lockte ihn unwiderstehlich. - -Auch dort waren alle Fenster verhängt, so daß von außen nichts zu erspähen -war. Scheu wie ein Dieb trat John in den Flur und sah durch das kleine -Fenster in der Stubentür. Es war von innen mit einem roten Gardinchen -verhüllt, durch dessen gehäkelte Spitze man bequem hindurchblicken konnte. -John sah die Frau des Tischlers still und vergrämt an einem Tisch sitzen -und nähen. Auf dem Fußboden kauerte ihre schwachsinnige kleine Tochter und -spielte, unaufhörlich die Lippen bewegend und die Zähne fletschend, mit -einer zerrissenen Puppe. Das Bild war unschön und traurig -- und von einer -Leiche war nichts zu sehen. Entweder befand sie sich in der Hinterstube, -oder sie war auch gar nicht im Hause. John wandte sich hastig ab und -verließ rasch den Flur. - -Vor der Haustür blieb er wieder stehen und starrte, gegen seinen Willen -gefesselt, auf das große, schmutzige Schild des Verunglückten. - -Solch einen Holzsarg wie da auf dem Schild bekam er nicht, er bekam -natürlich einen schönen, weißen Zinksarg, -- und der wurde über ihm -verlötet, so daß er nicht mehr heraus konnte. - -Er wollte nicht verlötet werden. Er wollte lieber so, wie er ging und -stand, zur Hölle fahren, als verlötet werden. - -Was dachte er immer ans Sterben?! Er konnte ja auch noch gesund werden. - -Die Hitze verursachte ihm Schwindel und Herzklopfen, es wurde ihm bald -heiß, bald kalt. Dazu schossen noch immer die schrillen Leiertöne wie -Raketen durch die Luft, und es roch nach qualmendem Pech, das in einiger -Entfernung auf der Straße gekocht wurde. John wurde es so übel und so -wirr im Kopf; er wußte nicht mehr, wo er war. Die gellenden Töne schienen -schadenfroh gegen ihn anzuspringen, schienen ihn umwerfen zu wollen. Es sah -aus, als wolle er tanzen, so drehte er sich plötzlich um sich selbst. - -»Solch eine Frechheit,« stammelte er. »Ich ...,« er griff in die Luft und -fiel besinnungslos zur Erde. - - - - -Zwölftes Kapitel - - -Es brannte eine Lampe im Saal, und Johannes saß bei John am Bett und -unterhielt sich mit ihm in ängstlichem Flüsterton; denn draußen zog ein -schweres Gewitter herauf. Es war drei Tage her, daß man John bewußtlos in -der Grätengasse fand. Seitdem lag er fest zu Bett. - -»So schwarz, schwarz ist der Himmel,« wisperte Johannes, sich schüttelnd. - -Wenn die Welt doch untergehen möchte, dachte der Kranke, wenn die Erde sich -doch auftun möchte und uns alle miteinander verschlingen! - -»So schwarz wie Onkel Chlodwigs Sofa,« setzte Johannes hinzu. - -»Ja,« sagte John, »und dahinter steht vielleicht noch glänzend die Sonne. -Zu denken!« - -Der Idiot knackte verlegen mit seinen mageren Fingern. »Hab Angst, hab -Angst,« stammelte er. - -John blickte starr vor sich hin. »Erst alles schwarz,« murmelte er, »alles -trüb und dunkel. Aber dahinter kommt vielleicht die Sonne -- die nie -mehr untergeht.« Plötzlich fuhr er heftig in die Höhe. »Hörst du, wie es -bröckelt?« flüsterte er erregt. »Sie machen mich entzwei, ohne daß sie mich -anrühren, ohne die Hände zu bewegen.« - -»Wer? Wer?« - -»Dort!« John zeigte nach der Tür, die in das Zimmer seiner Brüder führte, -und dann nach der Tür zum Eßzimmer. »Dort und überall!« stöhnte er. - -Und nach einer Pause: »Sie wünschen mir den Tod, damit ich sie nicht länger -geniere. Sie füllen mir immer wieder die Flasche voll, damit ich mich -nur rasch totsaufe. Aber ich nehm' welche mit, ich geh' nicht allein. -- -Hier ...,« er zog mit zitternden Händen unter dem Laken ein Päckchen hervor -und zeigte es Johannes. »Schlafpulver, die ich nicht genommen habe, die -ich für andre aufsparte. Ja ...« und er lachte wie ein Blöder, und der -Schwachsinnige lachte mit. - -Die ins Entree führende Saaltür wurde ungeschickt aufgerissen, und Markus, -Johannes' Bruder, stürmte aufgeregt herein. »Tante Anna, Tante Anna, ein -Küßchen, bloß ein Küßchen!« rief er mit schmelzender Stimme, indem er sich -verschämt das eine Auge mit der Hand verdeckte. - -»Idiot!« knurrte Johannes, der sich gegen Markus die Klugheit selbst dünkte -und diesen immerfort schalt und berief, wenn ein Dritter zugegen war, aus -Furcht, man könne ihn sonst für ebenso einfältig halten wie seinen Bruder. -»Scher dich raus!« herrschte er ihn an. - -Der baumlange Markus prallte einen Schritt zurück; denn obgleich er eine -ungeheure Kraft besaß, hatte er doch ziemlich viel Respekt vor seinem -älteren und klügeren Bruder. »Johnche erlaubst, Tante Anna, Tante Anna -sprechen?« fragte er bescheiden, den unförmigen Kopf auf eine Seite gelegt. - -»Das muß ich mir erst eine Stunde überlegen,« scherzte John. - -Markus verzehrte sich fast in Liebe zu Tante Zarnosky. Dieser -heimtückische, wenig folgsame Idiot wurde unter ihren Blicken ein sanftes, -aufs Wort gehorchendes Kind. Für Frau Zarnosky hätte Markus sich kreuzigen -lassen. Er stieß einen Freudenschrei aus, als seine Angebetete in den -Saal trat. »Tante Anna, Tante Anna,« schrie er erregt, »neue Stiefel, neue -Stiefel!« Und dabei hob er den einen Fuß, um die neuen Stiefel zu zeigen, -so hoch in die Höhe, daß er beinahe das Gleichgewicht verlor. - -Frau Zarnosky lud ihn ein, zu Paul und Leo ins Eßzimmer zu gehen, da sein -lautes Wesen den Kranken angriff. Markus drehte sich indessen so lange -seufzend an der Tür herum, bis sie ihm vorausging. - -Johannes sah seinem Bruder mit rollenden Augen nach. »Idiot, Idiot!« -schimpfte er, ganz rot im Gesicht. - -»Und dieser Idiot,« sagte John bedeutungsvoll, »wird deine ganze -Gesellschaft sein, wenn ich erst tot sein werde.« - -Johannes verstand das nicht; aber es ängstigte ihn trotzdem. »Willst -wirklich sterben?« fragte er leise. - -Der Kranke seufzte. »Es wird mir nichts anders übrig bleiben,« entgegnete -er. - -»Johnche,« wisperte Pfarrer, »wenn's nich sehr weh tut, komm ich auch.« - -John verzog das Gesicht. »Soll ich dir meine Pistole geben?« fragte er -freundlich. - -»Neinei! Spaß jemacht! Spaß jemacht!« stammelte Johannes erschreckt. - -»Tut ja nicht weh,« scherzte John. »Ein Knall -- und du bist weg und gleich -im Himmel, wo es Zigarren und Bratäpfel und Glacéhandschuhe haufenweis -gibt.« - -Der Schwachsinnige senkte bestürzt den Kopf. »Im Sommer ...,« begann er auf -einmal, und dann stockte er ratlos. - -»Was ist im Sommer?« fragte John. - -»So schön! So schön!« - -»Und da möchtest du nicht weg! Was?« - -»Nein,« flüsterte Johannes. - -»Aber wenn ich nun sterbe,« fuhr John mit erzwungener Ruhe fort, »kann -morgen, kann übermorgen sein, dann wirst du es schlecht haben. Für die -andern bist du doch nur ›der Idiot‹. Wer wird sich mit dir unterhalten? -Und eure Marie, die wird für euch noch miserabler kochen als jetzt, wenn -ich nicht mehr schmecken kommen werde. Sie wird euch hungern und frieren -lassen ...« - -»Neineinei!« winselte Johannes. »Wirklich wahr? Wirklich wahr?« jammerte -er. - -»Gewiß,« entgegnete John. Aber dann tat ihm der arme, bestürzte Bursche -leid. »Na,« sagte er, sich zu einem Lachen zwingend, »vielleicht gibt es -auch noch einen andern Ausweg, als -- ich will mal nachdenken, was ich noch -für euch beide tun kann.« - -»Ach ja! --« sagte Johannes, und seine ganze Todesangst und seine ganze -Lebensgier war in dem Zittern seiner Stimme. - -»Nun geh!« flüsterte John. »Ich bin müde, ich will schlafen. Das Gewitter -kommt noch nicht so rasch.« - -»Und du wirst? Wirst ...?« - -»Ja, ja ...« - -Als der Schwachsinnige gegangen war, schloß John die Augen und weinte. - -Auch der wollte nicht sterben. Selbst so ein hilfloser, von allen -verspotteter, armer Idiot hing am Leben -- -- es war so schön im Sommer ... - -Und seiner Familie wünschte er den Tod. Und Peter wollte er erschießen. -Nein! Nein! Mochte Onkel John Peter nehmen. Mochte alles leben, was da -leben durfte. Es war so schön im Sommer ... - - - - -Dreizehntes Kapitel - - -Der Vater kam und saß an seinem Bett, Onkel John kam, Onkel Chlodwig, auch -Eugen saß oft bei ihm. Die Mutter war vom Morgen bis zum Abend um ihn, und -der Arzt erschien jeden Tag. Paul und Leo betraten den Saal nur selten. Auf -ihre Fragen nach seinem Befinden erhielten sie auch nur selten eine Antwort -von John, und doch war er auf ihre Besuche am stolzesten. Meistens lag er -ganz ruhig da, und die Fliegen umsummten seinen Mund. - -Einmal, während niemand bei ihm war, ergriff ihn entsetzliche Todesangst. -Sich wild aufrichtend, umklammerte er krampfhaft den Bettstollen und rief: -»Ich geh' nicht fort, eh' ich nicht weiß, wohin es geht!« Frau Zarnosky -hörte es bis auf der Veranda; aber sie vermochte sich vor Schreck und -Entsetzen nicht von der Stelle zu rühren. Sie schickte Onkel Chlodwig zu -ihm, und dann schickte sie zum Pfarrer, damit er John von Gott und dem -ewigen Leben spräche. - -Die Nachmittagssonne strömte ihren Glanz durch die purpurnen -Fenstervorhänge, als der Geistliche, hoch und würdevoll, in den Saal trat. -Er war der Sohn eines Bauern und trat auch in Krankenstuben nicht leise -auf. Als er durch den stärksten der roten Lichtströme ging, flammte -sein rötlichbrauner Vollbart wie Zunder auf, und sein starkknochiges, -fanatisches Gesicht schien in diesem feurigen Rahmen zu übermenschlichen -Dimensionen anzuschwellen. Er war großartig anzusehen, wie er so durch den -Glanz schritt mit der Zuversicht seines Dünkels und seines Glaubens. Er -fixierte John so lange, bis dieser verlegen die Augen niederschlug. »Wie -geht's, mein lieber Konfirmand?« fragte er liebevoll und pathetisch, -während sein Bart erlosch und sein Gesicht zusammenschrumpfte. - -John schob seine zitternde Trinkerhand mit Anstrengung in die ausgestreckte -feste Rechte des Pfarrers, murmelnd, daß es ihm schlecht ginge. - -»Wir haben den lieben Herrgott und unsern Herrn Christus vergessen, nicht -wahr?« fragte der Geistliche in eindringlichem Flüsterton. - -»Ja,« stotterte der Trinker mit einem kindischen und albernen Lachen. - -»Wir haben vergessen, was wir vor dem Altar gelobten, nicht wahr, mein -lieber John?« - -»Ja.« - -»Und wir sind böse und gottlos gewesen?« - -»Ja.« - -»Und wir bereuen jetzt, ist es nicht so?« - -»Ja.« -- John war bereit, zu allem »ja« zu sagen, was der Pfarrer ihn -fragte. Es ging eine faszinierende Macht von diesem Bauernsohn aus, der er -in seiner Schwachheit nicht gewachsen war. Vergebens suchte er seine Blicke -aus denen des Fragenden zu reißen; er zog sie immer wieder an sich. John -lag wie gefesselt da, und seine Seele kämpfte erfolglos gegen den Starken -an seinem Bett. - -»Ist Ihre Reue auch aufrichtig? Fühlen Sie aufrichtige Reue?« fuhr der -Geistliche noch eindringlicher fort. - -»Große Angst,« stammelte der Kranke. - -»Wir wollen beten!« -- Das klang wie ein gedämpfter Posaunenstoß, wie der -selbstbewußte Ruf eines bevorzugten Vasallen um Audienz bei seinem Herrn. -John schloß ermüdet die Augen und ließ ihn reden, was er wollte. Er hörte -kaum zu; aber seine Verzweiflung wurde doch stiller unter dem warmen Strom -von Glauben und Zuversicht, der sich mit den Worten des Betenden über ihn -ergoß. - -»Hören Sie auch zu?« fragte plötzlich der Pfarrer. - -»Ja,« sagte John leise. - -»Beten Sie auch mit?« - -»Ja.« - -»Wird Ihnen leichter ums Herz?« - -»Ja.« - -»Und Sie bereuen? Voll Vertrauen auf einen barmherzigen und gnädigen Gott?« - -»Ja.« - -»Der Glaube kann Berge versetzen!« rief der Pfarrer, daß es dröhnte. Und -dann leiser: »Wenn Sie von ganzem Herzen bereuen, dann wird der Herr Ihre -Sünden auslöschen, und Sie werden eingehen zur ewigen Seligkeit.« - -»Zur ewigen Seligkeit?« flüsterte ungläubig der Trinker. - -»Ja! Zu den Asphodill- und Lilien-Fluren, zu den Scharen der Seligen mit -den goldenen Harfen.« Die Augen des Sprechers leuchteten verzückt. - -»Asphodill- und Lilien-Fluren?« wiederholte John wie ein Kind. »Und darüber -ein Osterhimmel, nicht wahr?« - -»Nein! Gott darüber!« sagte laut und feierlich der Geistliche. - -John zuckte in plötzlicher Ergriffenheit zusammen, und der Pfarrer erhob -sich. - -»Der Herr lasse sein Antlitz über dir leuchten und schenke dir seinen -Frieden!« murmelte er voller Inbrunst, die große, feste Hand segnend über -den Todgeweihten gereckt. Und dann ging er mit festen Schritten von dannen, -umflossen von der Pracht seines Dünkels und der Zuversicht seines Glaubens. -Frau Kalnis öffnete ihm, demütig wie ein Hund, die Tür. Als er ihr die Hand -hinstreckte, durchfuhr sie diese Herablassung wie ein Blitzstrahl. - -John dachte an die Asphodill- und Lilien-Fluren; seine Phantasie -schuf Bilder auf Bilder. O ja, er hatte schon Lust, nach jenen Fluren -auszuwandern, nur glaubte er nicht, daß sie existierten. All das waren -schöne Märchen für Kinder und Schwachsinnige. - -»Na, wie ist Ihnen jetzt?« fragte Frau Kalnis, noch ganz heiß von dem -Händedruck. - -John machte mit Gewalt ein verschmitztes Gesicht. »Wissen Sie was,« -entgegnete er, »der Mövius hat direkte Telephonverbindung mit dem lieben -Gott.« - -»Oa!« rief sie enttäuscht. »Is das alles, was d'r Mann bei Ihnen -ausjerichtet hat?« - -»Ich bin schon angemeldet auf den Asphodill- und Lilien-Fluren,« spöttelte -er weiter, »und eine goldne Harfe ist auch schon für mich bestellt. Bei -Petrus und Kompanie. Aber nobbel, sag ich dir!« - -»Schämen Sie sich!« schalt die Wärterin. »Sie verdienen nich, im Himmel zu -kommen! Sie werden auch nich!« - -»Ich will auch gar nicht,« brummte er, »ich will hier bleiben und gesund -werden. Es ist mir noch lange nicht genug!« - -»Noch nich jenuch jetrunken, was?« - -»Alles noch nicht genug,« murmelte John, unnatürlich die Augen aufreißend. - -»Wenn der Mövius mein Vater gewesen wäre,« sagte er nach einer Weile, »dann -würde ich jetzt nicht hier liegen; dann wäre schon was aus mir geworden.« - -»Sie beleidjen Ihren Vaterche!« zeterte Dore. »Hat er nich alles für Sie -jetan, was sein muß und sein kann?!« - -»Er hat es nicht verstanden,« murmelte John. - -»Was sagt er?« fragte Frau Zarnosky, mit geröteten Augen ins Zimmer -tretend. - -»Er phantasiert e bißche,« half sich die Wärterin. - -Frau Zarnosky ließ sich am Krankenbett nieder und ergriff still und mit den -Tränen kämpfend ihres Sohnes Hand. »Heul doch nicht immer!« hätte John am -liebsten gerufen; aber er wollte die Mutter nicht kränken und auch nicht -zeigen, daß ihm ihre Tränen eine Qual waren. Er schloß die Augen und tat, -als wolle er schlafen. - -Als sie ihn eingeschlafen glaubten, ließ Frau Zarnosky ihren Tränen freien -Lauf und sagte flüsternd zu Dore: »Lange wird es nicht mehr dauern.« - -»Neinei,« entgegnete diese. - -»Ich darf mir wohl keine Vorwürfe machen,« fuhr die Mutter fort. »Ich hab' -wohl für ihn getan, was in meinen Kräften stand.« - -»Das haben Se,« bestätigte die Wärterin. - -John tat sich Gewalt an, um sein Wachsein zu verbergen; aber es wollte ihm -nicht gelingen: sein Herz zersprang vor Zorn und Angst. »Ihr könnt mir alle -gestohlen bleiben!« stieß er verzweifelt hervor. - -Frau Zarnosky sprang bestürzt auf. »Aber lieber Junge -- --« stotterte sie. - -Dore beruhigte Mutter und Sohn. Sie gab John Medizin ein und glättete seine -Kissen, wobei ihr Mundwerk auch nicht einen Augenblick stillstand. Trotzdem -überhörte sie nicht das schüchterne Klopfen an der Tür. »Das is der -Pfarrerche,« sagte sie, resolut »herein« rufend. - -Und es war der Pfarrerche. »Wie geht's? Wie geht's?« fragte er, unter -Verbeugungen näher tretend. - -»Besser natürlich,« erwiderte Frau Zarnosky, und ihre weinerliche Stimme -stand in lächerlichstem Gegensatz zu ihren Worten. John hätte aus der Haut -fahren mögen. - -Johannes schlingerte sich unter verlegenem Händereiben bis zum Bett, setzte -sich auf die Kante des Stuhls, den Frau Zarnosky verlassen hatte, und -machte hungrige Augen. »Schon Abendbrot, Abendbrot jejessen?« fragte er -verschämt im Kreise herum. - -»Gib ihm doch was!« sagte John rasch zu seiner Mutter. - -»Sie sind immer bei App'tit, Herr Pfarrerche liebes, nich wahr?« -schmunzelte Dore. - -Johannes sah sie unwillig an. »Wirst jefracht? Wirst jefracht?« versetzte -er indigniert. - -Er bekam ein großes Schinkenbrot, das er mit stummer Wollust ergriff. -Seine langen, nicht ganz sauberen Finger umklammerten es fest und zärtlich. -»Schön, schön ... Danke, danke!« stammelte er mit halbgeschlossenen Augen. - -»Na, Pfarrer, wie ist's mit dem Himmel?« fragte ihn John ganz leise. - -Der Schwachsinnige lächelte leer und ängstlich. »Noch e bißche warten; -nächstes Jahr, nächstes Jahr.« - -»Na, ich weiß was,« fuhr John ebenso leise fort, »Frau Kalnis soll zu euch -ziehen, wenn ich tot bin.« - -Johannes warf Dore ganz von untenauf einen unbeschreiblichen Blick zu. -»Meinst, meinst?« entgegnete er ziemlich zerstreut, denn das Schinkenbrot -nahm seinen ganzen Menschen in Anspruch. - -»Ich möchte mit dir tauschen,« flüsterte John, die Augen schließend. - -Und er öffnete sie nicht mehr an diesem Abend. Doch im Geiste sah er sein -ganzes Leben an sich vorüberziehen: Sommer und Winter, Lenze und Herbste; -eine lange Kette von Tagen, die einst gewesen. Dabei wurde er schläfrig und -schlief ein. Und seine Träume waren nicht schrecklich, wie in den meisten -Nächten; sie hatten etwas Stilles, Wehmütiges und Fernes, und manchmal -waren sie auch schön. Einmal ging er im Traum über die Asphodill- und -Lilien-Fluren, auf denen weiße Schafe im Sonnenschein grasten und ein -Hirte auf einer Schalmei ein weltfremdes Lied ertönen ließ. John hörte ganz -deutlich eine wunderbare Melodie, die ihn so packte, daß er erwachte; aber -er öffnete nicht die Augen und schlief bald wieder ein. - -Nun flog er durch die Nacht unter lauter Schattengebilden; selbst ein -Schatten: das Leben lag hinter ihm. Und das gab ihm ein Gefühl, als sei -eine Tür hinter ihm zugefallen, die sich nie mehr öffnen würde, soviel er -auch bitten, flehen und schreien würde. Doch diese Empfindung erweckte -nur ein ganz mattes, unklares Entsetzen in ihm. Er flog über meilenweite -Schneefelder, auf denen sich dunkle Ungeheuer wanden, tief, tief unter ihm. -»Wir können dir nichts mehr tun,« klang es zu ihm herauf, »denn du bist -ja schon tot.« Peter (den er erschossen zu haben glaubte) kam ihm -entgegengestürmt und begrüßte ihn mit lautloser, schattenhafter Freude. -Sobald er ihn fassen wollte, zerfloß das Tier, um sich dann wieder zu -einem nebelhaften Gebilde zusammenzusetzen. John bereute bitter, daß er ihn -getötet hatte. Das kümmerlichste Leben, dachte er, ist tausendmal besser -als tot sein. - -Es wurde sehr früh Tag im Saal, weil das mittelste der Fenster auf seinen -Wunsch unverhängt geblieben war: er wollte doch das Licht genießen, solange -er noch konnte. Und nun kam schon früh die Sonne zu ihm herein und weckte -ihn ganz leise auf. Die Augen öffnend, sah er sich ratlos um: war er denn -nicht gestorben? Ihm wurde so feierlich zumute in dem totenstillen, hellen -Raum, er mußte plötzlich die Hände falten, und obgleich er nicht betete, -war seine Stimmung so fromm wie ein Gebet. - -Kam er von Gott, dieser feierliche Frieden, den er plötzlich empfand? -War es Gott, der die Verzweiflung von ihm genommen? Der ihn ohne Worte -tröstete? - -Vielleicht ... vielleicht ... Wenn es einen Gott gab! - -Wie hatte der Pfarrer doch schon gesagt: »Der Herr lasse sein Antlitz über -dir leuchten und schenke dir seinen Frieden.« - -Vielleicht kam er von Gott. - -Die Sonne, die durchs Fenster schien, dünkte ihn schon eine andere Sonne, -und alles dünkte ihn schon so anders als gestern. Ihm war, als sähe er auf -das Leben wie von einem Berg zurück, den er im Traum erstiegen hatte -- -und nun wollte er nichts mehr von ihm, auf einmal hatte er genug, war -lebenssatt und todesbereit. Und sie war nicht ohne Wollust, diese Hingabe -an den Tod, sie war ein ungeahnter Genuß, ein so großer, daß er Mitleid zu -fühlen begann für alle, die zurückbleiben mußten und noch weite Strecken -auf den gefährlichen, staubigen Wegen des Lebens zu wandern hatten. - -Und jetzt war er überzeugt, daß er den Weg gegangen, den sein Schicksal, -das heißt seine Anlagen ihm bestimmten, daß es kaum in seiner Macht -gelegen, einen andern zu gehen, und daß er darum eher zu beklagen als zu -verdammen war. Weder er noch seine Eltern trugen schwere Schuld an seinem -Los, weder sie noch er waren im Grunde dafür verantwortlich zu machen. -Seine Anlagen waren ihm zum Verderben geworden, das war es! Und seine -Anlagen waren eine Laune der Natur, für die niemand verantwortlich war, -auch nicht Vater und Mutter, und sie waren stärker gewesen als sie alle -zusammen. Laune der Natur war Gutes wie Böses, und das mußte hingenommen -werden wie Sonne und Regen, wie Stille und Sturm -- denn wer konnte die -Natur zur Verantwortung ziehen? Nach Willkür brausten die Winde, nach -Willkür traf der Blitz, es gab keinen Herrscher über den Launen der Natur. -Aber vielleicht, vielleicht gab es doch etwas Liebes und Gutes im All: -einen Gott, nicht zum Herrschen, zum Trösten da. - -Der Morgen rückte vor. Die Sonne wurde von grauen Wolken bedeckt; Regen -fiel. Ein trauriger Wind zog leise klagend an den Fenstern vorüber. Dore -saß jetzt am Krankenbett, strickend lauschte sie dem Wind und dem seltsamen -Schnarchen des Kranken; in ihren Augen war eine dumpfe Angst vor der -Zukunft. Plötzlich erwachte John und sah sie an -- und verstand. »Du ziehst -zu den Idioten, wenn ich tot bin,« flüsterte er. »Du kannst dir ja ein -Mädchen halten. Der Vater wird dir ein Drittel meines Erbteils geben.« - -»Aber Herr Johnche trautstes ...« - -»Ruf ihn! Er soll es mir versprechen.« - -Die Wärterin mußte gehorchen, und Herr Zarnosky kam, den Kamm in der Hand, -herbeigestürzt. Er versprach alles, was John wollte, sich in der Bestürzung -mechanisch weiterkämmend. Hustend und sich räuspernd, um seinen Schmerz und -seine Rührung zu verbergen, starrte er dem Sohn wie gebannt ins Gesicht. -»Möchtest du nicht was trinken?« fragte er einmal über das andere. - -John schüttelte mit einem fremden Lächeln den Kopf. - -»Champagner, wie?« - -»Ich kann nicht mehr.« - -»Na, es wird schon alles wieder besser werden,« sagte Herr Zarnosky mit -rauher Stimme, und in diesem Augenblick hätte er alle seine andern Kinder -hingegeben, wenn er John dafür zurückbekommen hätte, wie er vor zehn Jahren -war. Sein Gewissen regte sich zum ersten Male laut und heftig diesem Ende -gegenüber, er fühlte sich nicht mehr frei von aller Schuld beim Anblick -seines sterbenden Sohnes. Und obgleich er sich sagte, daß vielleicht auch -ein Stärkerer als er John gegenüber versagt hätte, so schien ihm nun doch -nicht genug, was er um ihn getan hatte. »Nicht genug, nicht genug ...« das -erhob sich wie ein Klingen in seinen Ohren, das nicht mehr enden wollte. -»Hab' ich dich nicht immer gewarnt?« stieß er wie zu seiner Verteidigung -unsicher hervor. - -»Besser werden,« murmelte John, die Augen schließend. - -Herr Zarnosky streckte die Hand aus und fuhr ihm mit ungeschickter, -verzweifelter Zärtlichkeit über das Gesicht, dann drehte er sich wortlos um -und ging, die Zähne zusammenbeißend, hinaus. - -Abends gegen zehn verlangte John mit klaren Augen Champagner, und Dore -beeilte sich, ihm das Gewünschte zu holen. Während des Trinkens riß er sich -immer wieder am Halse, weil ihm das Schlucken sonderbar schwer fiel. »Will -nicht mehr rutschen,« sagte er mit einer traurigen Grimasse. Dann legte -er sich zurück, faltete die Hände und ließ wie in alten Tagen die Daumen -umeinander laufen. Frau Kalnis holte ihr Strickzeug und setzte sich zu ihm -ans Bett. - -»Dore,« sagte er plötzlich, »war das alles: geboren werden, saufen und nun -sterben?« - -»Wie meinen Se, Herr Johnche?« - -»Ich meine, ob das alles war, was ich erleben sollte?« - -»Na--e ...« und mehr wußte sie nicht. - -»Dann war mein ganzes Leben fünf Pfennige wert!« stieß John zwischen den -Zähnen hervor. - -»Aber vielleicht kommt doch noch etwas,« murmelte er dann. »Etwas muß doch -noch kommen, es war doch noch so gar nichts, so gar nichts -- -- Vielleicht -ist der Tod eine angenehme Überraschung,« setzte er mit Humor hinzu. Darauf -sah er starr vor sich hin und sagte: »Vielleicht ist der Tod das einzige -große Erlebnis im Leben der meisten Menschen.« - -»Denken Sie auch an Gott?« fragte Frau Kalnis. - -John hatte die Augen geschlossen und schwieg. - -»Hörst du? Ach, hörst du?« murmelte er nach einer Weile. - -»Ich her nichts,« entgegnete die Wärterin. - -»Musik!« flüsterte er. »So traurig und so schön! Wie von vielen Wassern --- -- Wie von großen Wäldern -- -- Wie von Stürmen -- -- So schwer und so -tief und so traurig schön!« Nach diesen Worten öffnete er rasch die Augen -und sagte wie in einer plötzlichen Erleuchtung: »Weißt du, wozu ich gepaßt -hätte, Dore?« - -»Na?« - -»Ich hätte Musik machen können.« - -»Jewiß,« bestätigte die Wärterin, »was konnten Se doch bloß scheen d'n -Flohwalzer spielen.« - -John kicherte nervös vor sich hin; ein Kichern das wie ein Schluchzen -klang. »Du hast es getroffen,« flüsterte er, »auf d'n Flohwalzer kommt es -an.« Dann seufzte er tief und schloß die Augen. - -Die Wärterin ließ ihr Strickzeug in den Schoß sinken und sah ihn an. Und -es kam ihr vor, als verändere sich sein Gesicht, während sie ihn unverwandt -anblickte. Sie saß wohl eine halbe Stunde so, das Strickzeug im Schoß. »Er -jefällt mir gar nich,« murmelte sie, als Frau Zarnosky ans Krankenbett kam. - -»Er schläft doch so schön,« sagte die Mutter. - -Und die beiden Frauen standen und blickten stumm auf den Schläfer. -Sie glaubten eine Ewigkeit so zu stehen, wie von unsichtbaren Mächten -festgehalten. Draußen plätscherte der Regen, draußen war das Leben. Und im -Zimmer war der Tod, das fühlten sie nun alle beide. John lag ganz still. -Doch plötzlich wurde er unruhig: und während ein krampfhaftes Zucken durch -seinen ganzen Körper lief und sein Gesicht sich verzerrte, schlug er die -Augen auf und suchte mit großen, angstvollen Blicken die Mutter; er schien -etwas sagen, etwas rufen zu wollen. Frau Zarnosky beugte sich tief zu ihm -herab; aber er sagte nichts, konnte nichts mehr sagen. Sein Kopf sank -ein wenig zur Seite, die Lider schlossen sich zur Hälfte über den glasig -werdenden Augen -- ein Röcheln, ein Ausstrecken, der Gesichtsausdruck wurde -friedlicher -- starr: John war tot. - - - - -Deutsche Romane und Erzählungen - - -Lily Braun, Memoiren einer Sozialistin, Roman - -    Geheftet 6 Mark, gebunden 7 Mark 50 Pf., in Halbfranz 9 Mark - - -Alexander Castel, Der seltsame Kampf, Drei Novellen - -    Geheftet 3 Mark 50 Pf., in Pappband 5 Mark, in Halbfranz 6 Mark 50 Pf. - - -Max Dauthendey, Lingam, Asiatische Novellen - -    Geh. 2 Mark 50 Pf., geb. 3 Mark 50 Pf., in Halbfranz 5 Mark 50 Pf. - - -Hermann Gottschalk, Gerhard Frickeborns Freiheit, Roman - -    Geheftet 5 Mark 50 Pf., gebunden 7 Mark, in Halbfranz 8 Mark 50 Pf. - - -Otto Gysae, Die Schwestern Hellwege, Roman - -    Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark - -  Edele Prangen, Roman - -    Geh. 3 Mark 50 Pf., geb. 4 Mark 50 Pf. - -  Die silberne Tänzerin, Roman - -    Geheftet 3 Mark 50 Pf., gebunden 4 Mark 50 Pf., in Leder 6 Mark 50 Pf. - - -Max Halbe, Der Ring des Lebens, Novellen - -    Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark, in Halbfranz 6 Mark - - -Karl Borromäus Heinrich, Karl Asenkofer, Roman - -    Geheftet 3 Mark 50 Pf., gebunden 5 Mark, in Halbfranz 6 Mark 50 Pf. - -  Karl Asenkofers Flucht und Zuflucht, Roman - -    Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark, in Halbfranz 6 Mark - -  Menschen von Gottes Gnaden, Roman - -    Geheftet 3 Mark, in Pappband 4 Mark, in Halbfranz 6 Mark - - -Hermann Hesse, Gertrud, Roman - -    Geheftet 4 Mark, in Pappband 5 Mark 50 Pf., in Halbfranz 7 Mark - - -Korfiz Holm, Thomas Kerkhoven, Roman - -    Geh. 5 M., geb. 6 M. - - -Richard Huldschiner, Die Nachtmahr, Roman - -    Geheftet 3 Mark 50 Pf., in Pappband 5 Mark, in Halbfranz 6 Mark 50 Pf. - - -Adolf Köster, Die zehn Schornsteine, Erzählungen - -    Geheftet 3 Mark 50 Pf., gebunden 5 Mark, in Halbfranz 6 Mark 50 Pf. - - -Gustav Meyrink, Wachsfigurenkabinett, Sonderbare Geschichten - -    Geheftet 4 Mark, in Halbfranz gebunden 6 Mark - -  Orchideen, Sonderbare Geschichten - -    Geh. 2 M., geb. 3 M. - - -Otto Soyka, Der Fremdling, Roman - -    Geheftet 3 Mark, in Pappband 4 Mark, in Halbfranz 6 Mark - - -Ludwig Thoma, Andreas Vöst, Bauernroman - -    Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark, in Leder 6 Mark - -  Kleinstadtgeschichten - -    Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark, in Leder 6 Mark - - -Albert Langen Verlag in München - - -Druck von Hesse & Becker in Leipzig - -Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik, Niefern bei Pforzheim - -Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Der Schmutztitel wurde entfernt. - -Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. - -Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen, - - Seite 80: - "erikafarbenen" geändert in "erikafarbenem" - (mit erikafarbenem Schimmer über dem Hof) - - Seite 92: - "sie" geändert in "Sie" - (Da täten Sie recht!) - - Seite 95: - "uud" geändert in "und" - (ließ er den Kopf hängen und weinte) ] - - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Trinker, by Katarina Botsky - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TRINKER *** - -***** This file should be named 62825-0.txt or 62825-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/8/2/62825/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Der Trinker - Roman - -Author: Katarina Botsky - -Release Date: August 2, 2020 [EBook #62825] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TRINKER *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library.) - - - - - - -</pre> - - - - - -<p class="pb ce mt2 fsxl">Katarina Botsky</p> - -<h1>Der Trinker</h1> - -<p class="ce fsxl">Roman</p> - -<p class="ce mt4"><img src="images/emblem.jpg" alt="" /></p> - -<p class="ce mt2">Albert Langen, München</p> - - -<p class="ce"><i>Copyright 1911 by Albert Langen, Munich</i></p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a> -Erstes Kapitel</h2> - - -<p class="in0"><b>E</b>s war ein Frühlingsnachmittag voll Melancholie -und Windesraunen, so recht geeignet -für trübe Gedanken. Die Hände auf dem -Rücken, die Mütze im Nacken, lehnte <em class="ge">John</em> an einem -Lastwagen auf dem stattlichen Hofe seines Vaters, -dem verworrenen Liede des Windes lauschend. Sein -schönes Gesicht war von der Trunksucht aufgedunsen, -sein schwarzes Haar dünn und halb ergraut, obgleich -er erst siebenundzwanzig Jahre wurde, seine hohe -elegante Figur verriet Schlaffheit und Hinfälligkeit. -John sah wie ein verworfener junger römischer Kaiser -aus, der sich in die Tracht eines jungen Mannes -von heute gekleidet. Mit einem trüben Imperatorenlächeln -auf seinem feisten, bartlosen Gesicht wiegte er -den Kopf hin und her nach einer inneren Melodie -und nach dem Rhythmus des Windes. Seine beiden -jüngeren Brüder, Knaben von dreizehn und vierzehn -Jahren, standen am Fenster und beobachteten ihn. -Der ältere sagte: »Er wackelt schon wieder mit dem -Kopf wie ein Mummelgreis.«</p> - -<p>»<em class="ge">Rodenberg!</em>« schrie John plötzlich, seine beiden -schlaffen Hände wie ein Schallrohr gebrauchend.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a> -Rodenberg, der alte Kutscher, streckte seinen rothaarigen -Kopf aus der dritten Etage des Ziegelspeichers -heraus und fragte, was es gäbe.</p> - -<p>Alsbald brüllte John, daß es über den ganzen -Hof schallte: »Wissen Sie, was der Doktor gesagt -hat, Rodenberg?! Meine Leber ist kaputt, hat er gesagt. -Ich hab's durch die Tür gehört.«</p> - -<p>»Glauben Se doch das nich!« tönte es von oben -zurück, und bald klapperten ein Paar Holzpantoffeln -hurtig die letzte Treppe herunter, und gleich darauf -tauchte ein hünenhafter alter Germane mit einem -langen, fuchsroten Bart im Rahmen der nächsten -Speichertür auf. »Was hat'r jesacht, der Schafskopp?« -fragte der Kutscher.</p> - -<p>»Kaputt, hat'r jesacht,« kicherte John, sich auf -den Bauch tätschelnd.</p> - -<p>Rodenberg entblößte sein Pferdegebiß und lachte, -daß es dröhnte. Dabei hüpften die großen, kugelrunden -Warzen, die wie Erbsen über sein geräumiges -Gesicht verstreut waren, munter hin und her. »Nei -sowas! Nei sowas!« schrie er, sich aufs Knie schlagend. -»Wie will so'n Schafskopp das wissen?!«</p> - -<p>John lächelte so listig und so kindisch, wie einst -vielleicht Caligula gelächelt hatte. »Hier,« sagte er, -dem Alten verstohlen eine Flasche reichend, »holen -Sie mir meine Mischung. Auf sowas muß man einen -trinken. Meinen Se nich auch?«</p> - -<p>Rodenberg meinte auch. Er war immer dabei, -wenn es galt, Johns Mischung zu holen, denn er -liebte sie selbst leidenschaftlich.</p> - -<p>»Mama!« riefen die beiden Jungen am Fenster -<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a> -wie aus einem Munde, »jetzt läßt er sich schon wieder -von Rodenberg Schnaps holen.«</p> - -<p>»Mein Gott,« sagte eine larmoyante Frauenstimme -im Nebenzimmer, »laß er schon trinken! -Jetzt ist ja doch schon alles gleich!«</p> - -<p>Der blondlockige jüngere der beiden Brüder sah -wie ein eingebildeter Engel aus, der ältere glich -John. Der Engel öffnete seine roten Lippen und sagte, -während seine großen blauen Augen verträumt durchs -Fenster blickten: »Wenn er doch erst tot wäre!«</p> - -<p>»Pfui, Leo, wie kannst du nur, es ist doch immer -dein Bruder!« verwies ihn dieselbe larmoyante Stimme -in traurigem Tone.</p> - -<p>»Ich muß ihn mir doch schon immer als Leiche -vorstellen,« murmelte der ältere Junge.</p> - -<p>Fast die ganze Familie <em class="ge">Zarnosky</em> zeichnete sich -durch Roheit und ein ungewöhnliches Maß von -Phantasie aus. Durch eine Phantasie, die nichts als -Unheil stiftete, da sie das Unglück hatte, einer rohen -und dumpfen Kaufmannsfamilie zu gehören, die nicht -wußte, was sie mit ihr anfangen sollte. Es gab -Zarnoskys, die vom Morgen bis zum Abend, sich -und andern zum Verderben, die seltsamsten Lügen -zur Welt brachten, weil ihre brachliegende Phantasie, -derer sie sich indessen kaum bewußt waren, sie unwiderstehlich -dazu trieb. Anstatt Bücher zu schreiben, -verkauften sie Getreide; allerdings weder aus Neigung -noch aus Betätigungsdrang. Johns Großvater, der -Sohn eines reichen Bauern, hatte, um etwas Besseres -zu sein als sein Vater, den Handel mit Getreide -begonnen, und nun setzten ihn seine Söhne eben fort, -<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a> -weil ihnen das am bequemsten schien. Denn sie waren -sehr faul und gegen alle Neuerungen; sie wollten -bleiben, was sie waren. Da ihnen das Glück, trotz -ihrer Trägheit, gewogen blieb, so meinten sie, daß -Trägheit zum Erfolge notwendig sei, saßen mit den -Stiefeln knarrend in ihren Kontoren, ließen die -Daumen ihrer meistens gefalteten Hände umeinander -schwirren – gewöhnlich unter mehr oder weniger -märchenhaften Behauptungen und Erzählungen – -und taten nie mehr, als durchaus notwendig war. -Aber es gab keinen Trinker in der ganzen Familie. -Man wußte nicht, wie John zu diesem Laster gekommen -war, und zerbrach sich manchmal die Köpfe -darüber.</p> - -<p>Ein Teil der Familie meinte, daß man ihm zu -oft und zu viel zu trinken gegeben, als er zart, fett -und weich wie ein kleines Schwein mit einem Gesichtchen -wie vom Konditor in der Wiege lag und -von allen angebetet wurde. John schien schon damals -beständig an Durst zu leiden; er konnte nie -genug zu trinken bekommen. Die halbe Familie Zarnosky -stand oft in heller Begeisterung um die Wiege, -wenn das »Marzipanschweinchen«, halb entblößt, mit -einer großen Milchflasche im Arm, den Lutschpfropfen -wie eine Zigarre in seinem purpurroten kleinen Mundschlitz, -sog und sog, bis die Flasche leer war und -dann, wie ein junger Löwe brüllend, nach mehr verlangte.</p> - -<p>John wollte trinken oder zerbrechen, zerreißen, -zerstören; sein Zerstörungsdrang war ebenso groß -wie seine Trinkgier. Schon in der Wiege verdarben -<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a> -seine kraftvollen kleinen Fäuste alles, was sie zu -fassen bekamen. Später nahm er die Uhren herunter, -sah gierig in sie hinein und zertrümmerte sie dann. -Seinem ersten Schaukelpferde riß er schon am Weihnachtsabend -das Fell ab. »So sieht es gerade fein -aus,« sagte er befriedigt. Doch was war der Körper -eines Schaukelpferdes gegen seinen eignen, den er -bald mit dem Eifer eines hungrigen Raubtieres zu -zerstören begann. Mit seinem ersten Taschenmesser -brachte er sich lange, heftig blutende Risse an beiden -Armen bei. »Da seht!« Blut und Stolz auf dem -Gesicht, stellte er seine Wunden zur Bewunderung -aus. John war vielleicht wirklich dazu imstande, sich -ein Auge auszureißen, »wenn es ihn ärgerte«. Er -stürzte sich mit Wollust in die schwersten Gefahren; -denn seine Phantasie berauschte sich am Anblick von -Blut, Fetzen und Trümmern.</p> - -<p>Als er sechzehn Jahre alt war, spielte er mit -Fünfzigpfundgewichten wie mit Gummibällen. Sein -Körper war so weiß wie der eines Mädchens, von -der Stärke und Elastizität eines Tigers. Lernen -wollte er nichts wie alle Zarnoskys. Anstatt zu -lernen, ging er eiserne Zäune verbiegen, durchgehende -Pferde aufhalten, armen Leuten Holz kleinmachen, -trinken und lügen. Ein Überschuß an Kraft und -Phantasie, brachliegend und ungezügelt, trieb ihn mit -Gewalt dem Verderben entgegen.</p> - -<p>Mit siebzehn kam er ins väterliche Geschäft, wie -sein um ein Jahr älterer Bruder <em class="ge">Eugen</em>. (Die -Physiognomie dieses Zarnoskys war etwas hämisch -ausgefallen, und er stand vernünftigen Neuerungen -<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a> -nicht ganz feindlich gegenüber.) Anstatt fleißig zu -sein, ließ John die Daumen umeinander schwirren -und log im Kontor, daß es förmlich ein Vergnügen -war, ihm zuzuhören. Er log fast soviel als er trank, -die ganze Welt, selbst seine nächsten Angehörigen -verleumdend, wenn er so recht beim Aufschneiden war. -Den Anlagen und dem Charakter nach war er einem -seiner Onkel, der auch John hieß und allgemein »der -Märchenerzähler« genannt wurde, viel ähnlicher als -seinem eignen Vater.</p> - -<p>Es nützte nichts, daß man John sowohl mit -neunzehn wie mit einundzwanzig in eine Anstalt -schickte, in der er von der Trunksucht geheilt werden -sollte; er verfiel seinem Laster immer wieder. Doch -wollte er lieber sterben, als noch ein drittes Mal in -diese Anstalt gehen. Mit der Geschwindigkeit eines -Bergrutsches ging es nun moralisch und physisch -mit ihm herab. Sein Umgang wurden die Arbeiter -seines Vaters, zum Lieblingsaufenthalt erwählte er -sich die Kneipe, in der sie einen Teil ihres Lohnes -zu vertrinken pflegten. Er sprach ihre Sprache und -nahm ihre Sitten an. Man konnte ihn nicht länger -im Familienkreise ertragen. Er bekam eine kleine -Wohnung im Hofgebäude und eine Wärterin, die -ihn gewöhnlich am Abend zu Bett bringen mußte. -Er begann an Krämpfen zu leiden, und Krankheit -und Laster entstellten ihn nach und nach bis zur Unkenntlichkeit. -Einer Vogelscheuche ähnlich, die im -Winde schwankt, so schwankte er über den Hof, wenn -er morgens nach der Kneipe ging, wenn er abends -von dort kam. Und er hatte den Gang eines jungen -<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a> -Triumphators, als er sechzehn Jahre alt war. Es -war wirklich schade um ihn. Besser, er wäre nie geboren -worden; denn weder sein Vater noch seine -Mutter gehörten zu denen, die ihn auf seinem abschüssigen -Wege hätten aufhalten können. Der Vater -war viel zu ungebildet und zu träge dazu, und die -Mutter, eine schwächliche und überaus nervöse Pfarrerstochter, -verstand nur, die Hände zu falten und -alles dem lieben Gott anheimzustellen. Sie brachte -noch mehr Phantasie in die Familie Zarnosky, dazu -Melancholie und Sentimentalität, die zusammen mit -der Roheit ihres Mannes bei den Kindern eine -sonderbare Mischung ergaben. All der Überschuß in -Johns Natur war viel stärker als Vater und Mutter -und sein eigner unerzogener Wille. John folgte nur -seiner Natur, John gehorchte nur dem Stärksten, -wenn er seinen Lebensweg herunterraste wie ein -wütender Stier.</p> - -<p>Es war ein Frühlingsnachmittag voll Melancholie -und Windesraunen, so recht geeignet für trübe -Gedanken. John lehnte noch immer an dem Lastwagen, -voller Sehnsucht auf Rodenberg wartend, der -ihm den Schnaps besorgte. Mit einem trüben Imperatorenlächeln -auf seinem gelben, bartlosen Gesicht -wiegte er den Kopf hin und her nach einer inneren -Melodie und nach dem Rhythmus des Windes. Als -er den Kutscher kommen sah, verließ er schwerfällig -seinen Platz und ging ihm voraus in den Pferdestall. -Dort setzte er sich auf den Futterkasten, die Augen -wie ein Verschmachtender auf die Tür gerichtet.</p> - -<p>»Her, Rodenberg, her damit!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a> -»Ich werd erst Licht machen, jung' Herr.«</p> - -<p>»Ach, geben Sie schon her! Ich kann nicht -mehr warten!« Und er setzte die volle Flasche an -den Mund und leerte sie gleich bis zur Hälfte.</p> - -<p>Aus einem Winkel des Stalles kam jetzt ein -niedliches Meckern. Dort stand ein kleiner schwarzer -Ziegenbock mit weißen Beinen und weißer Kehle, -den John für fünfzig Pfennige von einem Bauern -gekauft hatte. Das Tierchen wollte zu ihm, als es -seine Stimme erkannt hatte. Rodenberg mußte es -losmachen.</p> - -<p>Wie der Wind stürzte es nun zu seinem Herrn, -legte die Vorderhufe auf seine Knie und sah ihm -lieb und einfältig ins Gesicht. Von Rodenberg unterstützt, -zog John es auf den Schoß. »Mein trautster -Junge,« sagte er zärtlich, das Böckchen an sich drückend.</p> - -<p>In John war trotz aller Verkommenheit der -Vater erwacht, ein sehr zärtlicher, sehr fürsorglicher, -verliebter junger Vater. Den Frauen gegenüber war -er zurückhaltend und jungenhaft geblieben. Er mied -sie nicht gerade, aber er suchte sie auch nicht; sie -flößten ihm zuviel Scheu ein. »Es geht ja auch -ohne Weiber,« erzählte er Rodenberg. Und doch war -trotz seiner Verdorbenheit der Vater in ihm erwacht, -er hatte sich mit Inbrunst ein Söhnchen erkoren, und -das war Peter, der kleine Ziegenbock. John hegte -Zuneigung zu allem, was Tier war, und Abneigung -vor den meisten Menschen. Man muß sehr hoch oder -sehr tief stehen, um das zu empfinden. John stand -recht tief, und das Laster machte ihn scheu, darum -waren ihm die Tiere lieber als die Menschen. Er -<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -nannte ein Tier »mein Söhnchen«. Und der kleine -Ziegenbock hatte einen guten Pflegevater in ihm gefunden. -John fütterte ihn mit Leckerbissen, er machte -ihm ein weiches Bettchen, er kämmte ihn, er bürstete -ihn und hielt ihn wie ein Kind auf dem Schoß.</p> - -<p>Rodenberg hatte die nächste von der Decke herabhängende -alte Stallaterne angezündet und brachte -nun eine zweite Flasche zum Vorschein. »Prosit!« -sagte das Väterchen auf dem Futterkasten, und Herr -und Kutscher taten einen tiefen Zug, jeder aus seiner -Flasche. »Se müssen auch mal absetzen, jung' Herr,« -bemerkte Rodenberg väterlich, da John dies zu vergessen -schien.</p> - -<p>John hielt die geleerte Flasche gegen das Licht. -Es war auch nicht ein Tropfen mehr darin. John -ließ die Unterlippe hängen und sah Rodenberg wie ein -bittendes Kind an. »Holen Sie mir mehr!« stotterte er.</p> - -<p>»Ich trau mir nich,« wandte der Kutscher ein, -die hingehaltene Flasche aus seiner nachfüllend.</p> - -<p>»Sie haben wohl Angst vor den beiden am -Fenster, vor Paul und Leo, was?«</p> - -<p>»Na ja, die petzen doch immer jleich.«</p> - -<p>»Ich hasse sie,« stammelte John mit zuckendem -Gesicht. »Ich hasse sie! Weißt du, Rodenberg,« fuhr -er fort, »sie würden sich freun, wenn ich stürbe – -morgen – heute. Was dieser Leo für Augen hat! -Hast du schon mal solch gräßliche Augen gesehen, -Rodenberg? Ich könnte sie ihm ausreißen, denn sie -jagen mich von überall fort. Ich soll machen, daß -ich vom Erdboden verschwinde. Ich soll krepieren. -Gleich auf der Stelle.« Er weinte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a> -»Regen Se sich nich auf, jung' Herr, regen Se -sich doch man bloß nich auf,« bat der Kutscher erschreckt. -Aber John hub an, Schimpfworte und Verwünschungen -gegen seine Brüder auszustoßen, indem -er unaufhörlich die Fäuste ballte. Doch plötzlich packte -ihn ein Krampfanfall, und er glitt stöhnend mit seinem -Ziegenbock zur Erde.</p> - -<p>Rodenberg kniete bei ihm nieder und hielt ihm -wie gewöhnlich Arme und Beine fest, während Peter -seinem Herrn das Gesicht leckte. Die beiden jungen -Rappen, Johns Lieblinge, die allein im Stall standen, -wandten unruhig die Köpfe herum, und ihre großen -schönen Augen schienen voll Tränen zu glänzen. Unser -Johnche, dachte Rodenberg, die Pferde anblickend, -das wird wohl auch bald jewesen sein. Als der -Krampf vorüber war, hob er den ganz Erschöpften -auf und trug ihn, seufzend und stöhnend, denn er war -noch ziemlich schwer, in seine Wohnung. Peter folgte -ernst und gravitätisch wie ein Leidtragender.</p> - -<p><em class="ge">Dore Kalnis</em>, Johns Wärterin, ein bewegliches -Weibchen von siebenundvierzig Jahren, empfing den -Zug mit Scheltworten. »Sie sollten sich was schämen, -Rodenberg,« fuhr sie ihn zornig an, »natirlich haben -Se ihm wieder Schnaps jeholt! Aber ich werd's -dem Herrn erzählen, der muß Sie endlich an die -Luft setzen.«</p> - -<p>»Krämpfe hat'r doch jehabt,« blubberte der Alte, -John auf das Sofa bettend. Dann trollte er sich -mit einem bösen Blick und einem ganz betretenen -»'n Abend«.</p> - -<p>John lag mit geschlossenen Augen da und wackelte -<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -rhythmisch mit einer Hand. »Wollen Se was, junger -Herr?« fragte die Wärterin.</p> - -<p>»Peter,« flüsterte John.</p> - -<p>»Oa,« seufzte sie, »der is auch wieder da! -Neineinei, is das hier 'ne Wirtschaft! Lassen Se -ihn doch man jetzt im Stall jehen, junger Herr, Sie -müssen doch jetzt ins Bett.« Dabei suchte sie den -Bock nach dem Ausgang zu drängen; aber John stieß -ein zischendes »nein!« hervor, und Peter senkte seinen -schmalen Kopf und stieß mit seinen jungen Hörnern -gegen Dores spitze Knie.</p> - -<p>Das schlug dem Faß den Boden aus. Die -Wärterin hielt den Angreifer fest und verabreichte -ihm eine Reihe wohlgezielter und gutsitzender Maulschellen.</p> - -<p>John drehte seine Augen mit Gewalt nach der -Szene. »Dore,« flüsterte er heiser, »wenn du nicht -gleich mit Schlagen aufhörst, so verkürze ich dein -Leben.«</p> - -<p>Frau Kalnis lachte spöttisch auf, und dann sagte -sie maliziös: »Wenn Se mich duzen, junger Herr, -dann sind Se doch wie jewehnlich betrunken.«</p> - -<p>Das Väterchen auf dem Sofa schien vor Zorn -bersten zu wollen. Plötzlich zerrte es die Uhr aus -der Westentasche und warf sie nebst der schweren -Kette nach Dores dünnbehaartem Kopf. Aber die -Wärterin machte nur einen ironischen Knicks und -fing das Ganze mit den Händen auf. »Was nun?« -fragte sie, ärgerlich lachend. Und dann in eine andre, -gemütliche Tonart übergehend: »Was wollen Herr -Johnche zu Abendbrot essen?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -Herr Johnche war besänftigt. Er faltete die -Hände, ließ die Daumen umeinander schwirren und -sah nachdenklich zu der verräucherten Decke auf. -»Heringssalat,« entschied er hoheitsvoll.</p> - -<p>»Scheen,« nickte Dore mit einem giftigen Blick -nach dem Ziegenbock. Darauf schritt sie hurtig zum -Fenster, öffnete es und rief: »Ama–lie ... Ama–lie« ... -Da keine Antwort erfolgte, bewaffnete sie sich mit -einem Teppichklopfer und schlug damit feierlich auf -das Fensterblech.</p> - -<p>Im Vorderhause tat sich jetzt ein Fenster auf, -und langsam kam ein kugelrunder dunkler Frauenkopf -zum Vorschein. »Wa–as wollen Se, Frau Kalnis?«</p> - -<p>Dore bestellte den Heringssalat und außerdem -belegtes Brot und Bratkartoffeln.</p> - -<p>»Wa–as fir Jetränke?« rief Amalie durch den -Frühlingswind.</p> - -<p>»Tee,« erwiderte Dore hurtig, obgleich John -etwas andres sagte.</p> - -<p>»Scheen,« kam die langgezogene Erwiderung, -und das Fenster wurde phlegmatisch geschlossen.</p> - -<p>»Für den Tee muß ich danken,« brummte John, -das Böckchen streichelnd und seine Stiefel an der -niedrigen Lehne des Sofas scheuernd. In seinem -Zimmer sah es recht wohnlich aus, obgleich es, seiner -häufigen Zerstörungswut wegen, nicht allzuviel enthielt. -Der große Spiegel mit der Marmorplatte, der -zwischen den beiden Fenstern hing, wurde von John -nur deshalb respektiert, weil er von den Eltern seiner -Mutter stammte. Alles, was von den verstorbenen -Großeltern mütterlicherseits stammte, war ihm heilig. -<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -Merkwürdigerweise. Er begnügte sich damit, dem -Spiegel mit der Faust zu drohen, wenn er betrunken -war, und an Großmutters riesengroßem, grünblauem -Plüschsofa wischte er sich dann höchstens die Stiefel -ab. Dieses altmodische Möbel stand vorn an der -rechten Wand, vor sich einen runden Tisch. <i>Vis-à-vis</i> -an der linken Wand stand nichts als ein brauner -Kleiderschrank. Den Hintergrund füllte ein breites -dunkles Bett und eine Waschtoilette, die nur wie -ein Kasten aussah. An den Fenstern hingen rot- und -weißgestreifte Vorhänge, und über dem Sofa hing -eine überaus altmodische farbige Landschaft, die ebenfalls -von den respektierten Großeltern stammte. Außerdem -gab es nur noch einen Bettvorleger und ein -zerrissenes Papiertelephon im Zimmer. Dieses Wohn- -und Schlafgemach war mittelgroß und mittelhoch -und lag zwischen dem der Wärterin und der Küche, -aus der es auf die Treppe ging.</p> - -<p>Dore machte sich daran, die Lampe anzuzünden, -und deckte dann den Tisch mit einer bunten Baumwolldecke. -Als das Abendbrot gebracht wurde, nahm -John den Heringssalat an sich und sah Dore spitzbübisch -an. »Jesägnete Mahlzeit,« sagte sie fromm, -ihm gegenüber Platz nehmend und leckrig nach dem -Heringssalat blickend. »Schweig!« entgegnete er gereizt -auf ihren freundlichen Wunsch. Sie nahm -ihren Tee, ihre Kartoffeln und ein belegtes Brot -und ging gekränkt in ihr Zimmer. Dort machte sie -Licht und setzte die Brille auf. Um sich zu beruhigen -und um den Heringssalat, den sie zu gern aß, -würdiger verschmerzen zu können, guckte sie rasch in -<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -eins ihrer vielen Erbauungsbücher. Nachdem sie -drei liebliche Strophen gelesen hatte, seufzte sie wie -eine Märtyrerin und ließ sich ergeben zu ihren Bratkartoffeln -nieder.</p> - -<p>Dore war wirklich fromm, und wenn sie log, -geschah es nur unter geistigem Vorbehalt. In ihren -jungen Jahren war sie Wirtschafterin auf großen -Gütern gewesen. Tüchtigkeit und Heißblütigkeit waren -damals ihre hervortretendsten Eigenschaften. Mit -vierzig besaßen ihre listigen kleinen Augen noch die -Kraft, einem ältlichen Gutsbesitzer den Kopf zu verdrehen. -Er ließ sich von seiner Frau scheiden und -heiratete die unschöne brustkranke Wirtschafterin mit -den vielen Erbauungsbüchern und der liebevollen -Vergangenheit. Aber die Ehe währte kaum ein Jahr, -denn die erwachsenen Kinder trieben die ihnen verhaßte -Stiefmutter bald aus dem Hause. Dore mußte -wieder in Stellung gehen, und das war hart für sie, -denn der Husten plagte sie mehr und mehr. Immerhin -gelang es ihr, einen leichten Dienst zu finden – -bei den reichsten Zarnoskys, als Pflegerin der kränklichen -alten Großmutter. Dore verstand es, sich bei -Zarnoskys unentbehrlich zu machen, darum behielt -man sie auch nach dem Tode der Großmutter im -Hause. Und eines Tages wurde dann John ihr -Pflegling, der immer ihr heimlicher Liebling gewesen.</p> - -<p>Dore fand, daß der Heringssalat doch schwer zu -verschmerzen war. Sie guckte schließlich durch die -Tür, um zu sehen, wie weit John damit war. »Frau -Kalnis,« rief er versöhnlich, »es ist noch eine Menge -Heringssalat für Sie.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -Die Wärterin machte ein dummes Gesicht, weil -sie nicht wußte, ob sie ihm trauen durfte. Aber ihre -Leckrigkeit war groß. »Wollen Se mich auch nich -zum Narren machen?« fragte sie zuerst.</p> - -<p>John schwur, die Lippen prunzelnd, daß er nicht -daran dächte. Dore rückte an, wünschte noch einmal -»jesägnete Mahlzeit« und setzte sich dann an den -Tisch. Sie trug ein kaffeebraunes, selbstgewebtes altmodisches -Kleid mit einem dunkelroten Samtstreifen -um den Rock und kleinen Samtklappen an den Ärmeln. -Ihren vertrockneten Hals zierte ein selbstgehäkeltes -weißes Tüchlein. Über dem flachen Leibe hatte sie eine -schwarze Schürze, die den Rock sowohl zieren als -schonen sollte. Frau Kalnis glich einer ältlichen, glattgescheitelten -Chinesin in europäischer Kleidung. Peter -betrachtete sie genau so aufmerksam wie sein Väterchen, -aber man konnte seinen einfältigen Augen nicht -anmerken, ob er sie hübsch oder häßlich fand.</p> - -<p>»Na, hat'r geschmeckt?« fragte John mit unwiderstehlich -verschmitzter Miene, als die Wärterin -die Schale auskratzte.</p> - -<p>»Wird nich schmecken?! Scheenes Essen,« entgegnete -sie unter verschämtem Lachen.</p> - -<p>Peter bekam das letzte Butterbrot und dann -sollte er in den Stall. Frau Kalnis ging hinaus, -um Rodenberg zu rufen, der unten im Hause mit -seiner gichtkranken Frau und einer überaus frommen -Schwester wohnte. Rodenberg brachte Peter in den -Stall, wenn er nicht betrunken war. Heute kam die -fromme Schwester statt seiner. Jette mußte feierlich -versprechen, daß Peter auch wirklich sein Abendbrot -<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -erhalten würde, dann erst durfte sie ihn am Halsband -nehmen.</p> - -<p>John war jedesmal sehr sanftmütig, wenn er -sich wieder mit Dore vertragen hatte. Er war dann -wie ein Kind, das ungezogen gewesen und nun durch -besondere Artigkeit versöhnen will. Er ließ sich wie -ein Lamm von ihr zu Bett bringen und suchte sie -dabei durch eine gefällige Unterhaltung zu erfreuen. -»Wir werden morjen ein reines Hemd anziehen,« -sagte die Wärterin, sobald sie ihren Pflegling bis -auf dieses letzte Kleidungsstück entblößt hatte. John -machte ein liebliches Gesicht, obgleich er nicht gern -ein reines Hemd anzog. »Und wir werden wieder -mal de Fieße waschen,« setzte sie hitzig hinzu, als -ihr Blick auf seine unsauberen Gehwerkzeuge fiel. John -lächelte wie ein Engel, obgleich er wasserscheu war.</p> - -<p>Er legte sich schwerfällig ins Bett, und Dore -deckte ihn sorgfältig zu. »Lesen Sie mir was vor, -ich kann jetzt doch noch nicht schlafen,« sagte er -nervös, als sie ihn mit warmen Augen betrachtete. -Er war immer schlaflos und sehr erregt, wenn er -Krämpfe gehabt hatte, und wenn sie stark gewesen, -stärker als diesmal, so ging er danach tagelang wie -ein Gestörter umher.</p> - -<p>Die Wärterin eilte zu ihrem Bücherschatz, um -eine passende Lektüre zu suchen – und kam sobald -nicht wieder. Der Husten hatte sie gepackt und -schüttelte sie, wie eine kräftige Faust einen leichten -Gegenstand schüttelt. Nach einigen Minuten war -der Anfall vorüber und Dore ganz erschöpft. Sie -saß noch eine Weile mit hängendem Kopfe und -<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -hängenden Armen auf ihrem Stuhl und starrte stumpfsinnig -zu Boden, dann stand sie auf: »Nun komm -ich, Herr Johnche. Wenn erst abjehust' is, dann is -wieder gut,« sagte sie resigniert.</p> - -<p>Und sie begann mit belegter, schwacher Stimme, -die allmählich klarer und kräftiger wurde:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Fest jemauert in der Erde</td></tr> - <tr><td class="tdl">steht die Form aus Lehm jebrannt.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Heute muß die Glocke werden,</td></tr> - <tr><td class="tdl">frisch, Jesellen, seid zur Hand ...«</td></tr> -</table> - -<p>»Hör auf mit deiner dämlichen Glocke!« schrie -John, die Geduld verlierend. »Du weißt doch, daß -ich die olle Glocke nicht mehr hören will.«</p> - -<p>»Scheen, dann her ich auf, dann les ich gar nich.«</p> - -<p>»Dorchen,« sagte schmeichelnd der Kranke und -wies süß nach der Bibel hin, der alten, vergilbten, -die sie auch mitgebracht hatte. Da konnte sie nicht -widerstehen, da tat sie, wie ihr geheißen ward. Sie -schlug die Offenbarung des Johannes auf und las -mit schöner Dorfschulbetonung: »Ich sah einen neien -Himmel und eine neie Erde. Denn der erste Himmel -und die erste Erde verjing und das Meer ist nicht -mehr. Und ich sah die heilije Stadt, das neie Jerusalem -von Gott aus dem Himmel herabfahren, zubereitet -als eine jeschmickte Braut ihrem Manne.«</p> - -<p>»Noch einmal,« flüsterte John, und seine Phantasie -arbeitete mächtig.</p> - -<p>Die Litauerin wiederholte und las dann weiter, -es kam die Schilderung des neuen Jerusalems. Und -John sah bei ihren Worten das neue Jerusalem, die -<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -Stadt der goldenen Gassen mit den Toren aus Perlen -und den Mauern aus Edelsteinen. »Blau, gelb, grün, -rot ...« flüsterte er, »o Dore, alle Regenbogenfarben! -Alles aus Edelsteinen, aus Gold und Perlen!« Sie -war verstummt, und er fuhr fort, die Augen auf die -verräucherte Decke gerichtet.</p> - -<p>»Da ist ein Schloß, Dore, das wird mir gehören, -wenn ich erst tot bin. Die Mauern sind aus -Amethyst und die Fenster aus Rubin. Und in allen -Zimmern sind Flaschen, Flaschen in allen Regenbogenfarben -– und ich darf aus allen trinken. Das schmeckt, -Dore, was in den Flaschen ist! Und man wird nie -davon betrunken, man kann ewig, ewig trinken!«</p> - -<p>Die Wärterin lachte und John sprach weiter:</p> - -<p>»Jeder Schluck aus den Flaschen ist wie mildes, -knisterndes Feuer und fließt wie flüssige Edelsteine -in den Magen hinab. Dort sprudelt er weiter und -durchglüht den ganzen Magen. Was sag ich: den -ganzen Magen? Nein, den ganzen Körper. Und man -wird durchsichtig wie eine helle Flamme, wenn man -aus den Flaschen getrunken hat, man gleicht dann -einer hellen, durchsichtigen Flamme ...« Er wandte -den Blick von der verräucherten Decke und sah die -Wärterin spitzbübisch an. »Man könnte in dich hineinsehen, -Dore, wenn du aus den Flaschen getrunken -hättest, dein ganzer Körper wäre dann durchsichtig.« -Er grinste wie ein Faun. »Ich möchte nicht in dich -hineinsehen, Dore!«</p> - -<p>»Sie missen nich anzieglich werden, junger Herr,« -sagte Frau Kalnis gekränkt, und nachdem sie eine -Weile nach einer schärferen Entgegnung gesucht hatte, -<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -setzte sie mit frommem Hohn hinzu: »Wer eine kranke -Leber hat, sieht innen immer noch schlechter aus, als -einer, der se nich hat.« Darauf las sie hurtig weiter -und gelangte bald zu der Strophe: »Und der Geist -und die Braut sprechen: Komm! Und wer es höret, -der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme, und -wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.«</p> - -<p>»Halt, halt!« rief John erregt nach diesen Worten, -»mich dürstet, mich dürstet immer! Wohin soll man -da kommen, Dore? Ich geh' gleich dahin.«</p> - -<p>»Na, nach's neie Jerusalem doch wohl,« meinte die -Wärterin. Und dann maliziös: »Aber Sie heren doch, -junger Herr, daß da nichts als Wasser anjeboten wird.«</p> - -<p>Der Trinker verzog das Gesicht. »Wasser – brr ... -Aber Wasser des Lebens, Dore, das schmeckt vielleicht -besser als die feinste Mischung, das stillt vielleicht -für immer den Durst.«</p> - -<p>»Kann sein! Aber wollen Se jetzt nich schlafen, -Herr Johnche?«</p> - -<p>»Ich kann nicht.«</p> - -<p>»Na versuchen Sie's doch man erst.«</p> - -<p>»Nein ... Ich möchte wissen, wozu ich gepaßt -hätte, wenn ich nicht immer den Durst gehabt hätte?«</p> - -<p>»Das fragen Se mich immer, wenn Se einen -jetrunken haben.«</p> - -<p>»Und Sie wissen nie eine Antwort darauf. Was -ihr sagt, ist alles falsch.«</p> - -<p>»Wozu bekam ich den ewigen Durst? Ich möchte -wissen, wozu ich ihn bekam?« schrie er wild.</p> - -<p>»Das will ich wissen!?« brüllte er, und sein -ganzes Gesicht zuckte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -»Jetzt sollten Se zu schlafen versuchen, mein -Lieberche, und nich so was Unnitzes fragen.«</p> - -<p>»Zum Schlafen kommt schon noch Zeit genug,« -stammelte John. »Ich möchte wissen, ob ich denn bloß -zum Saufen auf die Welt kam?«</p> - -<p>»Aber nei! Sie hätten doch e feiner Kaufmann -werden können, oder auch e studierter Herr, -wie d'r Großvaterche.«</p> - -<p>»Sprich doch nicht dummes Zeug!« brummte er -gereizt. »Du verstehst von gar nichts! Keiner versteht -was! Und alles ist so verdreht, so verdreht« ...</p> - -<p>Die Wärterin war zu der Überzeugung gelangt, daß -John heute abend ein Schlafpulver bekommen müsse. Sie -holte das Tischchen herbei, das zur Nacht an sein Bett -gestellt wurde, und rührte ihm dann rasch ein Pulver ein.</p> - -<p>»Dies trinken Se man und dann werden Se -schon schlafen, mein Lieberche.«</p> - -<p>Erst wollte er nach dem Glas stoßen, aber dann -riß er es plötzlich an sich und leerte es gierig. Er -plumpste wie ein ermatteter Maikäfer auf den Rücken, -als das Schlafmittel zu wirken begann. Dore nahm -die Brille ab und betrachtete ihn mit einfältiger Miene. -»Dummer Äsel,« brummte sie, »wärst verninftig jewesen, -hätt dir die janze Welt offen jestanden. Aber -nu – was hast? Gar nuscht.« Da John die Augen -geschlossen hatte, löschte sie die Lampe aus und zündete -dafür ein Nachtlämpchen an. Sie setzte ein paar -Flaschen Selterwasser auf sein Tischchen, die er im -Laufe der Nacht zu leeren pflegte, um das fortwährende -innerliche Brennen zu lindern, und verfügte sich -dann in ihr Zimmer, um geräuschlos zu Bett zu gehen.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -Zweites Kapitel</h2> - - -<p class="in0"><b>J</b>ohn stand vor dem Spiegel und legte seine -Orden an. So nannte er die blauen, an -Bändchen hängenden, parfümierten Oblaten, -mit denen er seine Jacke zu schmücken pflegte, wenn -er »zu Zarnoskys« ging. Er trug sie dann seiner -jüngeren Brüder wegen, die immer behaupteten, sie -könnten seinen Geruch nicht ertragen. John roch -wirklich nicht schön, was auch weiter nicht verwunderlich -war, und seine Kleider verbreiteten die Luft der -Arbeiterkneipen. Aber er verschmähte es, sich mit Parfüm -zu begießen, er fand es männlicher und stilvoller, -mit den blauen Oblaten auf der Jacke zu -gehen. Obgleich sie lange nicht die Wirkung ausübten, -die ein starkes Parfüm getan hätte. John war noch so -kindisch. Mit strahlenden Augen war er eines Morgens, -die Oblaten auf der Brust, bei der Mutter erschienen: -»Sieht das nicht fein aus? Sieht das nicht -jroßartig aus? Und nun werde ich auch nicht mehr -schlecht riechen. Nicht wahr, ich rieche jetzt fein? -Paul, Leo, rieche ich jetzt nicht fein?« Sie hatten -es aus Mitleid bejaht, und die Mutter hatte sogar -behauptet, daß sie noch nie einen schlechten Geruch -<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -an ihm bemerkt habe, Paul und Leo seien nicht klug. -Das hatte den jungen Alkoholiker bis zu Tränen gerührt. -An diesem Tage trank er keinen Tropfen.</p> - -<p>Während sich John noch vor dem Spiegel bewunderte -– es war Sonntag: Palmsonntag – kam -etwas trapp, trapp, trapp, wie auf kleinen Jungenstiefeln, -die Treppe herauf und hämmerte dann energisch -an die Küchentür. Das Väterchen stürzte hin, um -dem Söhnchen zu öffnen. Peter trat ein und schob -seine kleine weiche Nase zur Begrüßung in Johns -ausgestreckte Hand. Peter wollte seinen Morgenzucker -haben, und den erhielt er auch reichlich. John hätte -seine Uhr verkauft, um Peter mit Zucker füttern zu -können.</p> - -<p>Der Ziegenbock mußte auf dem Hof bleiben, -als John ins Vorderhaus zu seinen Eltern ging. Er -bedeutete ihm, auf dem Hof herumzuspringen, solange -»Papa« auf Besuch war.</p> - -<p>Papa setzte sich im elterlichen Eßzimmer an den -warmen Ofen, verschämt »guten Morgen« stotternd. -Paul und Leo verzogen sich rasch nach seinem Eintritt, -und Eugen begrüßte ihn mit den spöttischen -Worten: »Na, wieder mal betrunken gewesen, alter -Ziegenbockvater?«</p> - -<p>»Betrunken gewesen? Wer? Ich doch nicht?« -stotterte der Trinker. Er hatte die Hände gefaltet -und ließ die Daumen langsam umeinanderlaufen, -indem er auf die Mutter blickte, die mit einer Handarbeit -am Fenster saß.</p> - -<p>»Ach John,« sagte sie traurig, »kannst du es -denn gar nicht lassen?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -»Nein,« platzte er naiv heraus.</p> - -<p>Sie seufzte und verstummte.</p> - -<p>»Was gibt's zu Mittag?« fragte er verlegen in -die Stille hinein. John war ein Feinschmecker und -hielt sich gern in der Küche auf. Dort, bei Amalie, -war ihm auch viel wohler als bei Vater und Mutter. -»Muß mal sehen, was gekocht wird,« sagte er, sich -wieder erhebend, da niemand auf seine Frage antworten -wollte.</p> - -<p>In der Küche stand eine Kiste, die der Faktor -zur Bahn tragen sollte. Auf dem Deckel lagen dreißig -Pfennige Trinkgeld für ihn. John vergaß das Mittagessen -und blickte wie gebannt auf das Geld. Sein -Portemonnaie war leer; denn der Vater gab ihm -immer weniger und weniger Taschengeld, um ihm -das viele Kneipenlaufen unmöglich zu machen. (Das -Resultat davon war, daß John auf Kredit trank und -die Faktore anpumpte.) Die dreißig Pfennige lockten -ihn, wie den Igel das Blut. »Wissen Sie was, -Amalie,« sagte er zu der kugelrunden ältlichen Köchin, -»das da kann ich selbst verdienen! Die Kiste trag -ich noch allemal!« Damit nahm er sie auf und wandte -sich nach dem Ausgang.</p> - -<p>»Sie werden doch nich!« rief Amalie. »Der -Friedrich wird doch jleich kommen. Aber, junger -Herr, das schickt sich doch nich fir Sie. Wenn das -der Herr sieht!?«</p> - -<p>»Aber ich schlepp' sie doch bloß so lange, bis ich -einen Jungen treffe, der sie mir für fünf Pfennige trägt.«</p> - -<p>»Lassen Se ihr stehen, ich jeb Ihnen dreißig -Pfennige,« sagte Amalie zärtlich.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> -»Geben Sie her,« brummte John, »dann sind -es sechzig.« – »Her damit!« beharrte er mit dem -Eigensinn des Alkoholikers, da die Köchin unter diesen -Umständen nicht mit dem Gelde herausrücken wollte.</p> - -<p>Es blieb ihr schließlich nichts andres übrig, als -ihm den Willen zu tun. Sie öffnete zwei Knöpfe -ihrer karierten Taille und zog ein rot- und braungestreiftes -Beutelchen hervor, das von der Wärme -ihres gewaltigen Busens Zeugnis ablegen konnte. -»Na machen wir uns auf die Socken,« sagte John -kurz, als er das Geld hatte. »Ist mir ein Kinderspiel, -diese Kiste zu tragen.«</p> - -<p>Die Köchin wollte es bestreiten, und das reizte -John, weil es seinen Stolz verletzte. Nun ging er -mit der Kiste, kostete es, was es wollte. Einen flotten -Gang erzwingend eilte er nach der Tür.</p> - -<p>»Adieu, Amalie.«</p> - -<p>Die Dicke sah ihm sorgenvoll nach. »Kommen -Se gut nach Hause, junger Herr.«</p> - -<p>Das Zarnoskysche Haus stand <i>vis-à-vis</i> einer -Querstraße, die sich in langer enger Windung vor -ihm auftat. Die Straße hieß Grätengasse. Eugen -stand gerade am Fenster, als John mit der Kiste -aus dem Hause trat und nach der Grätengasse steuerte. -»Was soll das heißen?« rief er, das Fenster aufreißend. -»Holla! John! Du kommst sofort zurück!«</p> - -<p>Der Angerufene drehte ihm sein gelbes Gesicht -zu und schnitt ihm eine tolle Grimasse, dann trollte -er weiter.</p> - -<p>Eugen knickte vor Lachen zusammen. Johns Anblick -war überwältigend komisch gewesen, so tragisch -<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -er im Grunde auch war. Und nun schwankte er auch -schon die Grätengasse hinunter, er hüpfte und torkelte, -die Kiste unterm Arm, von rechts nach links. -»Mutter, Paul, Leo!« rief Eugen in das nach hinten -gelegene Eßzimmer hinein. »Kommt doch bloß mal her!«</p> - -<p>Frau Zarnosky war entsetzt, als sie John in dem -Kistenträger erkannte. Eugen sollte ihn sofort zurückholen, -weil sie fürchtete, daß John hinfallen könne. -Aber Eugen machte Einwendungen: er werde ihm -nicht gehorchen und Streit anfangen, er werde auch -nicht gleich hinfallen. Der Faktor könne ihm ja nachlaufen.</p> - -<p>Aber der war noch immer nicht da, Amalie versicherte -indessen, daß er nun gleich kommen müsse. -Alle stellten sich ans Fenster und blickten gespannt in -die Grätengasse, die beiden Jungen voll heftigster -Lachlust. Plötzlich prusteten sie los; denn John hatte -sich umgedreht und die Zunge herausgehängt.</p> - -<p>In der Grätengasse standen viele alte Speicher. -Einer von ihnen hatte an der Front eine steinerne -Ruhebank. Als John diese Bank erreicht hatte, stellte -er die Kiste herauf, setzte sich pustend daneben und -faltete ergeben die Hände. So traf ihn Onkel John, -der des Weges daherkam, um irgendwo Märchen erzählen -zu gehen.</p> - -<p>»Was tust du da? Was hast du da für eine -Kiste?« fragte er mit heftig angeregter Phantasie.</p> - -<p>Der Neffe tat verschämt. »Der Vater braucht -Geld. Ich muß unser Silberzeug verkaufen gehen. -Eugen tut es nicht,« erwiderte er so gedrückt als er -konnte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -Onkel John kicherte wild in sich hinein. »Armer -Junge,« sagte er bedauernd, und als habe er durchaus -nichts Merkwürdiges gehört, »die Kiste ist wohl -sehr schwer?«</p> - -<p>»Ja,« hauchte der Neffe mit schwermütigem -Augenaufschlag.</p> - -<p>Der Onkel pustete stark, um nicht lachen zu -müssen, dann sagte er: »Deine Eltern tun unrecht, -wenn sie dich bei deinem Gesundheitszustand mit -einer solchen Kiste schicken. Indessen soll man Vater -und Mutter ehren. Doch« – Onkel John weitete -furchtbar die Augen – »wenn sie dich noch einmal -mit einem solchen Monstrum heraushetzen ... heraushetzen,« -wiederholte er mit erhobener Stimme, »dann -kommst du zu mir, und das Weitere wird sich dann -schon finden.«</p> - -<p>Der Trinker nickte ganz ergriffen. »Gib doch -was, damit ich sie mir wenigstens tragen lassen kann,« -stammelte er, die Hand ausstreckend, in kläglichem Tone.</p> - -<p>»Hast du denn gar kein Geld?« fragte Onkel -John, bis zu Tränen gerührt.</p> - -<p>Der Neffe kehrte hurtig die leeren Hosentaschen -heraus. »Und sie lassen mich nächstens verhungern,« -brummte er, dem Himmel ein Paar feuchte Pudelaugen -zeigend.</p> - -<p>Onkel Johns Phantasie schwoll mächtig an. Die -Eindrücke arbeiteten so gewaltig in ihm, daß er einen -Augenblick ganz sprachlos blieb. Und wenn er auch -genau wußte, daß sein Neffe ihn aufs albernste belog, -gelang es ihm, bei seiner Einbildungskraft, doch -ganz vortrefflich, sich die Unwahrheit als Wahrheit -<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -vorzustellen. Sein fuchsgelber Schnurrbart zitterte, -denn er befand sich in angenehmster Aufregung, und -seine grellblauen Lügneraugen glitzerten wie Katzenaugen -im Dunkeln. »Zunächst,« sagte er, hoheitsvoll -das Portemonnaie ziehend, »zunächst sind hier fünf -Mark, damit du nicht ganz ohne Pfennig herumläufst -– mein armer Junge.«</p> - -<p>John nahm dankend die gereichten zwei Mark. -Er wußte, daß es immer nur zwei Mark waren, -wenn Onkel John fünf Mark sagte.</p> - -<p>»Und nun gehe ich zu deinen Eltern,« fuhr dieser -fort, »um für dich das Notwendigste anzuordnen. -Schlimmstenfalls« – er rollte die Augen – »wird -die Polizei meinen Worten Nachdruck verleihen. – -Holla!« rief er dem Faktor entgegen, der der Kiste -wegen gelaufen kam, »tragen Sie das da! Ich übernehme -die Verantwortung, verstanden?«</p> - -<p>John lehnte es ab, den Onkel zu begleiten, weil -er ein unreines Gewissen hatte. Der Onkel ging -auch lieber allein, um je nach Empfang mit seinen -Märchen herauszurücken. Es war ein hellgrauer -Sonntagvormittag, und die Grätengasse lag still und -leer und sauber da. Onkel John eilte wie mit Flügeln -am Mantel davon, während sein Neffe auf der Steinbank -sitzen blieb, die Daumen umeinander drehte und -sich seine Mischung wünschte.</p> - -<p>»Guten Tag, meine Lieben,« sagte der alte Fuchs -mit wärmster Innigkeit, als er bei Zarnoskys ins -Eßzimmer trat. Paul und Leo reichten ihm die Hand, -seine Schwägerin unterließ es, Eugen und Herr Zarnosky -brummten etwas, Onkel Chlodwig war nicht da.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a> -»John sitzt am Traumannschen Speicher und -weint,« hub der gute Onkel an. »Die Kiste war -doch wirklich zu schwer für ihn.«</p> - -<p>»Wer hat ihm befohlen, mit der Kiste zu gehen?!« -sagte ärgerlich der Vater.</p> - -<p>»Das wollen wir nicht untersuchen,« versetzte -Onkel John sanft und schlicht. »Apropos (»Jetzt -geht's Schwindeln los,« flüsterte Paul hinter Eugens -Rücken) was ich sagen wollte« – er hob die eine -Fußspitze ein wenig in die Höhe und besah sich versunken -den Stiefel – »ja, richtig; es gehen über -dich merkwürdige Gerüchte in der Stadt herum, ganz -merkwürdige Gerüchte, mein lieber Richard.«</p> - -<p>»Phantasiere doch nicht immer!« unterbrach ihn -sein Bruder in wegwerfendem Tone. Richard Zarnosky -log nicht mehr als andere Kaufleute, und -seine Phantasie hielt sich in bürgerlichen Grenzen.</p> - -<p>»Du solltest – du solltest nicht so zu mir -sprechen – in – in einer Lage wie der deinigen, -mein lieber Richard.«</p> - -<p>»In was für einer Lage bin ich denn, mein -lieber John?«</p> - -<p>»In keiner angenehmen, sollte ich meinen. Es -gehen Gerüchte in der Stadt, daß« – –</p> - -<p>»Daß?«</p> - -<p>»Daß es mit dir schief stände, mein lieber Richard.«</p> - -<p>»Wer sagt das?« fragte Herr Zarnosky amüsiert.</p> - -<p>Onkel John entblödete sich nicht, eine Reihe von -Namen zu nennen, wobei er ab und zu die Augen -schloß, als ob ihm angst und bange würde. »O -Gott!« rief er plötzlich. »Richard, Richard, bring nur -<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -nicht Schande über deine angesehene Familie, über -mich und meine unschuldige Tochter, über unsern -armen Bruder Chlodwig!«</p> - -<p>»Erster Akt, erste Szene,« sagte Eugen lachend.</p> - -<p>Herr Zarnosky tippte mit einer nicht mißzuverstehenden -Gebärde an seine Stirn, indem er den -Bruder bedeutungsvoll anblickte. Aber Onkel John -übersah die Beleidigung, weil er noch lange nicht -fertig war. Sich seinem ältesten Neffen zuwendend -sagte er: »Mein lieber Eugen, du solltest dich schämen, -deinen alten Onkel zu hänseln. Aber ich weiß ja, -du ehrst auch nicht Vater und Mutter. Du schämst -dich, in ihrem Interesse zu handeln. Du schämst -dich, Schritte zu tun, die ihre mißliche Lage verbessern -könnten.«</p> - -<p>»Nu wird's Tag,« brummte Eugen belustigt.</p> - -<p>Herr Zarnosky öffnete die Tür und sagte gelassen: -»Mein lieber John, hier hat der Zimmermann -das Loch gelassen.«</p> - -<p>Der Märchenerzähler fauchte wie ein schwergereizter -Kater, seine grellen Augen rollten hin und -her. »Richard,« brachte er angestrengt heraus, »ich -kündige dir hiermit ein für allemal meinen Speicher.«</p> - -<p>»Schön,« erwiderte Herr Zarnosky, »mir ist -dein ew'ges Künd'gen auch über. Es gibt mehr -Speicher in unserer Gegend.«</p> - -<p>»Geh nur hin!« krähte Onkel John. »Es dürfte -dir keiner so passen wie meiner.«</p> - -<p>»Und wenn auch! Schlimmstenfalls behelfen -wir uns eine Weile mit einem. Wir räumen zum -ersten Juli, du kannst dich darauf verlassen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a> -Das kam dem Märchenerzähler weder erwartet -noch erwünscht. Wer weiß, ob ihm ein andrer die -hohe Speichermiete zahlen würde, die ihm sein Bruder -zahlte, ganz abgesehen von allerhand Vorteilen, die -er daraus zu ziehen verstand, daß sein Speicher dem -Bruder so sehr gut paßte. (Onkel John zog es schon -lange vor, den Speicher zu vermieten, anstatt ihn -selbst zu benutzen, weil er zuviel mit Prozessen zu -tun hatte. An denen gewöhnlich seine Märchen schuld -waren.) »Richard,« flüsterte er, das Gesicht in schelmische -Falten ziehend und aufs versöhnlichste loskichernd, -»du kannst nicht Scherz von Ernst unterscheiden. -Das war doch bloß Spaß mit der Kündigung. -Benutzt ihn in Gottes Namen weiter. Mir -genügt der Schuppen.«</p> - -<p>»Bis zum ersten Juli und nicht länger,« versetzte -Herr Zarnosky schroff.</p> - -<p>»Es ist nicht recht, daß du dem Bruder den -Verdienst nehmen willst, um ihn vor einen Fremden -zu werfen,« predigte Onkel John in salbungsvollem -Tone; aber seine Augen funkelten böse. »Unser Bruder -Chlodwig wird es auch nicht wollen,« setzte er theatralisch -hinzu.</p> - -<p>»Dein ew'ges Künd'gen paßt uns schon längst -nicht mehr!« schrie Herr Zarnosky, die Geduld verlierend. -»Und es paßt uns auch nicht, daß du deine -fünfzig Puten tagtäglich von unserem Getreide mästest!«</p> - -<p>»Erstens sind es nur vierzig,« stotterte Onkel -John, »und zweitens haben sie noch nie in ihrem -Leben auch nur ein Körnchen von deinem Getreide bekommen. -Und außerdem sind nur noch sechs am Leben.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -Alle lachten. Von vierzig auf sechs war selbst -für Onkel John ein kühner Sprung.</p> - -<p>»Wißt ihr denn nichts von dem Unglück, das -vergangenen Montag bei uns passierte? Nein, ihr -wißt wohl noch nichts?!« rief nun der Märchenerzähler, -froh wie ein Kind über den guten Einfall, -der ihm gekommen, und über die versöhnliche Stimmung, -die sich anzubahnen schien. »Richard, Anna, -Eugen, Kinder, laßt euch erzählen, was vergangenen -Montag bei uns passierte. Da fuhr mir doch ein -Wagen mit durchgehenden Pferden in meine jungen -Putchen hinein. Die Hälfte wurde totgefahren, die -Hälfte kreuzlahm getreten. Dem Truthahn Fritz, -meinem Liebling – ihr kennt ihn ja – dem armen -Tier war das linke Beinchen gebrochen. Ich habe -ihn dann selbst geschlachtet ...«</p> - -<p>»Aber Onkel!« platzte Paul lachend heraus. »Den -Fritz habe ich doch noch gestern nachmittag gefüttert.«</p> - -<p>Onkel John zuckte zusammen wie jemand, den -unerwartet ein Insekt gestochen. »Paul,« begann er -eindringlich, die lachenden Zuhörer mit hoheitsvollen -Blicken messend, »besinne dich recht, mein Junge! -Du hast – gestern nachmittag – den Fritz gefüttert? -War es nicht vor acht Tagen?«</p> - -<p>»Gestern war es.«</p> - -<p>Onkel John blickte auf Paul wie auf einen -armen Schwachsinnigen, dann wandte er sich seiner -Schwägerin zu. »Liebe Anna, ich habe es Ihnen – -ich habe es euch allen noch immer verbergen wollen, -was ich seit einem halben Jahre an Paul beobachte. -Der arme Junge – aus unsrer Familie hat er das -<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -nicht – das arme Kind weiß nämlich nie, wann sich -ein Ereignis zugetragen, ob es gestern, vorgestern -oder sonstwann war. Er verliert das Gedächtnis. -Ist euch das noch nie aufgefallen?«</p> - -<p>»Nein, du alter Schwindler,« sagte Herr Zarnosky -mit Nachdruck.</p> - -<p>»Alter Schwindler?« sprühte der Märchenerzähler, -seinen Speicher vergessend. »Statt mir zu danken, -daß ich dich auf eine Krankheit deines Kindes aufmerksam -mache, beleidigst du mich? Du bist mir ein -netter Vater! Den einen lassen sie verlumpen, den -andern verblöden!«</p> - -<p>Herr Zarnosky ging ruhig zur Tür und öffnete -sie ein zweites Mal. »Soll ich vielleicht den Faktor -rufen, damit er dir den Ausgang zeigt?« fragte -er grob.</p> - -<p>»Ich gehe,« schnaubte Onkel John, »und ich -komme nicht eher wieder, als bis ihr mich auf Knien -und Ellbogen darum bitten werdet.«</p> - -<p>Es erfolgte ein Gelächter, in das nur Paul -und Frau Zarnosky nicht einstimmten. Paul machte -ein ängstliches, beinahe verstörtes Gesicht. Frau Zarnosky -erhob sich erregt und sagte: »Onkel John, -wenn Sie jetzt hingehen und etwa in der Stadt erzählen, -daß Paul anfängt, schwachsinnig zu werden, -so werde ich Sie nie mehr in meinem Hause dulden.«</p> - -<p>Der gute Schwager verklärte sich. »Aha,« sagte -er, »diese Tatsache ist Ihnen also doch nicht entgangen?! -Aus unsrer Familie hat er das jedenfalls -nicht ...« Dabei schlüpfte er aalgeschwind nach der -Tür, um sich von dort mit einer spöttischen Verbeugung -<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -zu empfehlen. Die angenommene Kündigung -hatte er total vergessen.</p> - -<p>Richard Zarnosky zuckte nur die Achseln, als -sein angenehmer Bruder hinausschlüpfte. Die ganze -Familie war an derartige Auftritte mit Onkel John -gewöhnt. Frau Zarnosky war meist die einzige, die -sich dabei aufregte.</p> - -<p>Paul ging auf den Hof, um über das nachzudenken, -was der Onkel von ihm behauptet hatte. Da -er die Sensibilität seiner Mutter und eine große -Phantasie besaß, so hatte ihn die seltsame Behauptung -in Unruhe und Angst versetzt.</p> - -<p>»War es nicht gestern vor drei Wochen, daß -Vater die beiden Rappen kaufte?« fragte er Rodenberg.</p> - -<p>»Ja, das is nu all drei Wochen her,« erwiderte -der Kutscher.</p> - -<p>»Am ersten wurden sie beschlagen, nicht wahr?«</p> - -<p>Rodenberg kratzte sich den Kopf. »Kann sind. -Ich weiß nich mehr jenau,« und er trollte sich.</p> - -<p>Paul setzte sich auf eine Wagendeichsel und versank -in angestrengtes Grübeln; er stellte die schwierigsten -Daten in seinem Kopfe fest. Eine der vielen -Speicherkatzen sprang ihm auf den Schoß und rieb -sich schmeichlerisch an seiner Jacke. Der Junge wollte -sie vertreiben, weil ihn das beim Nachdenken störte; -aber die Katze klammerte sich fest, freundlich schnurrend -und vergnügt mit dem Schwanze wippend. Paul -streichelte sie mit abwesender Miene, bis ihm der -wippende schwarze Katzenschwanz plötzlich zwischen -die Lippen geriet. Da sprang er auf und ließ das -<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -Tier fallen, die klebengebliebenen Haare ärgerlich -vom Munde wischend.</p> - -<p>»Was ist los?« fragte Onkel Chlodwig hinter ihm.</p> - -<p>»Ach nichts. Ich bekam Katzenhaare in den -Mund,« erzählte der Junge.</p> - -<p>Chlodwig Zarnosky (eine Art Kompagnon seines -Bruders Richard) war ein kleiner, gelblicher Junggeselle -mit großen Ohren und großen weißen Händen. -(Außerdem gab es noch einen vierten Zarnosky, den -die Brüder seiner »eigentümlichen Anlagen« wegen -nach Amerika verpflanzt hatten.) »Katzenhaare!« rief -Onkel Chlodwig, die großen weißen Hände mit gespieltem -Entsetzen zusammenschlagend. »Paul, Junge, -du hast doch wohl keins hinuntergeschluckt?«</p> - -<p>»Ich weiß nicht,« sagte Paul verwirrt.</p> - -<p>»Kind, dann müßtest du ja sterben,« flüsterte -Chlodwig mit großen geheimnisvollen Augen. Und -nun ging seine Phantasie mit ihm durch. Er sprach -dem schon erschreckten Jungen von einem schweren -Tode, den heruntergeschluckte Katzenhaare öfters zur -Folge hätten. Er schilderte dessen Qualen so genau, -als habe er sie schon einmal durchgemacht. Paul -lächelte gezwungen. Schwachsinn und Tod, das -waren ja nette Aussichten. »Onkelchen, du schneidest -auf,« sagte er mit unsicherer Stimme.</p> - -<p>Für gewöhnlich gab es keinen liebevolleren Onkel, -als den kleinen Chlodwig, den jüngsten der vier Zarnoskys. -War er es einmal nicht, dann lag das nur -an seiner großen Phantasie. Sobald er merkte, daß -er seinen Neffen erschreckt hatte, brach er in lautes -Lachen aus. »Paulemännchen,« rief er, »was bist du -<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -für ein gläubiger Thomas?! Komm, jetzt trinken -wir zusammen Rotwein, das ist das beste Mittel -gegen Ängstlichkeit und Katzenhaare!«</p> - -<hr /> - -<p>John hockte noch immer mit gefalteten Händen -auf der Steinbank in der Grätengasse. Aber er dachte -nicht mehr an seine Mischung, er hatte sich angelehnt -und lauschte den lieblichen dünnen Tönen, die aus -einem kleinen stillen Hause kamen. Dort blies ein -Pfeifer zu seiner Sonntagserbauung:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">Nachtigall, Nachtigall,</td></tr> - <tr><td class="tdl">wie sangst du so schön,</td></tr> - <tr><td class="tdl">sangst du so schön ...</td></tr> -</table> - -<p>Es war ein Herbstlied, aber es brachte John -seinen ganzen Frühling zurück. Seine Kindheit erhob -sich bei dieser halbvergessenen Melodie aus ihrem -Grabe und zog licht und herrlich an ihm vorüber. -»Das warst du einmal,« klang es in ihm. »Warst -du einmal,« schien die Pfeife zu wiederholen. Die -Erinnerung nahm ihn bei der Hand und ging mit -ihm vergessene Wege zu vergessenen Herrlichkeiten. -John war aufs neue geboren. Der einsame Lauscher -in der Grätengasse war eine leergewordene Hülle.</p> - -<p>Da brach der Pfeifer plötzlich ab – und die -auferstandene schöne Zeit sank langsam ins Grab -zurück. Die Hülle auf der Steinbank bekam wieder -eine Seele. Der Trinker schlug langsam die Augen -auf. Wo war alles geblieben? Ein trauriges Grinsen -verzerrte sein Gesicht, als sein suchender Blick auf -die blauen Oblaten auf seiner Jacke fiel. Das war -<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -er jetzt! Und das war kein Traum; es war nicht zu -vertreibende Wirklichkeit. Er riß die Oblaten ab -und schleuderte sie wild auf die Straße. Aber dann -erhob er sich bald und suchte sie wieder auf. Er -konnte sie heute nicht entbehren. Beschmutzt waren -sie seiner auch noch würdiger.</p> - -<p>Die Leute kamen aus der Kirche. Die Grätengasse -belebte sich. John setzte sein Imperatorenlächeln -auf und machte sich auf den Heimweg.</p> - -<p>»Guten Tag, Herr Zarnosky.«</p> - -<p>»Diener, Herr Zarnosky.«</p> - -<p>John erwiderte die Grüße, indem er jedesmal -zwei Finger nachlässig an die Mütze hob. Als er -einen toten Sperling auf der Erde liegen sah, hob -er ihn auf und betrachtete ihn. Das Tierchen war -so jung, so niedlich und noch ganz warm. Ein Gruß -vom Tode, dachte der Trinker, und seine Hand bebte, -und seine Orden bebten. »Ich komme bald,« schien -eine Stimme zu flüstern.</p> - -<p>»Bald?« fragte seine Angst.</p> - -<p>Der Osterwind raunte eine tonlose Antwort.</p> - -<p>»Ich will nicht!« schrie es gewaltig in John, -denn ihm war, als habe er soeben sein Todesurteil -vernommen. Und er hob den Arm und schleuderte -den Sperling über den nächsten Zaun. Er wollte -nichts vom Tode wissen, nichts mit ihm zu tun haben; -er amüsierte sich höchstens über ihn. Sein Leben -konnte hundert Jahre währen. Doch die Angst sprach -anders in ihm, und ihm war, als stände der Tod -schon irgendwo hinter einem Mauervorsprung der -Grätengasse, seinen knöchernen Arm ausstreckend, um -<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -ihn für immer aufzuhalten. Er torkelte auf den -Fahrdamm, um den Mauervorsprüngen auszuweichen; -er trabte nach Hause und setzte sich neben die lebenswarme, -liebevolle dicke Amalie. Aber die Köchin -wurde bald ins Eßzimmer gerufen und kehrte mit der -unangenehmen Botschaft zurück, daß ihn der Vater -zu sprechen wünsche. John machte ein betretenes Gesicht -und schlich wie ein armer Sünder hinein.</p> - -<p>»Wer hat dich geheißen, mit der Kiste zu gehen?« -fragte ärgerlich der Vater.</p> - -<p>»Es hat mir Spaß gemacht,« stotterte John.</p> - -<p>»Unterlaß diese Späße in Zukunft, hast du verstanden?«</p> - -<p>»Ja,« sagte John wie ein artiges Kind.</p> - -<p>Herr Zarnosky schneuzte sich, um eine freundlichere -Miene zu verbergen. »Was hast du mit -Onkel John gesprochen?« fragte er dann.</p> - -<p>»Ich – ich weiß nicht mehr.« John lachte blöde.</p> - -<p>»Du weißt nicht mehr? Dann hast du wieder geschwindelt! -Ich will wissen, was du zu ihm gesagt hast?«</p> - -<p>»Guten Tag hab ich gesagt – und – und in -der Kiste wären Patronen.«</p> - -<p>Der Vater versetzte ihm gereizt eine Ohrfeige, -die mit stiller Tücke hingenommen wurde.</p> - -<p>»Wie kannst du nur?!« rief Frau Zarnosky in -vorwurfsvollem, klagendem Tone. »Wie kann man nur -einen erwachsenen, schwerkranken Menschen schlagen?!«</p> - -<p>»Schwerkrank?« wiederholte John entsetzt, die -Ohrfeige vergessend.</p> - -<p>Wenn Frau Zarnosky eine Roheit ihres Mannes -rügen oder gutmachen wollte, hatte sie häufig das -<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a> -Pech, nicht minder roh oder wenigstens sehr taktlos -zu sein – ohne sich ihres Fehlers immer bewußt zu -werden; denn sie war ein wenig denkträge und hielt -sich auch für die Vollkommenheit selbst. Johns angstvolle -Frage blieb unbeantwortet, weil die Eltern ins -Streiten geraten waren, ob der Vater einen erwachsenen -Sohn schlagen dürfe oder nicht.</p> - -<p>John dachte mit Sehnsucht an Amalie. Die -machte ihm keine Vorwürfe, die schalt ihn weder -aus, noch erschreckte sie ihn. Die schenkte ihm Geld, -wenn er Durst hatte, und tröstete ihn, wenn er -traurig war. Die hatte sogar seinen Peter ins Herz -geschlossen. Zwar die Mutter war auch gut; aber -Amalie war doch noch besser. Still drückte er sich hinaus.</p> - -<p>»Herr Johnche trautstes,« sagte die Köchin innig, -»haben se inne Stub wiedermal auf Ihnen jepucht?«</p> - -<p>Der Trinker schlug mit der Hand. »Die müssen -doch immer was haben!«</p> - -<p>Er ließ sich auf die Küchenbank fallen, daß es -krachte. »Bin müde,« sagte er düster.</p> - -<p>»Hätten Se der Kiste doch bloß stehen lassen, -junger Herr!«</p> - -<p>»Glauben Sie wirklich an Gott?« fragte John, -ins Herdfeuer starrend.</p> - -<p>Die Köchin machte ein dummes Gesicht, weil sie -nicht gleich wußte, was sie auf diese unerwartete -Frage antworten sollte.</p> - -<p>»Ob Sie wirklich an Gott glauben?« wiederholte -der Trinker.</p> - -<p>»Na jewiß. Natirlich. Ich werd nich?! Wieso -fragen Se, Herr Johnche?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -»Fiel mir so ein.«</p> - -<p>»Glauben Se man auch,« predigte Amalie, -»dann werden Se auch wieder jesund werden. Bloß -nich zuviel trinken!«</p> - -<p>John schien voller Angst einer andern Stimme -zu lauschen. »Hörten Sie nicht?« fragte er plötzlich.</p> - -<p>»Wa–as? Wa–as?«</p> - -<p>»Vorher sagte es der Wind. Jetzt sagte es das -Feuer.«</p> - -<p>»Die können doch nichts sagen.«</p> - -<p>»›Ich komme bald,‹ sagte es eben.«</p> - -<p>»Ich hab nichts nich jehert.«</p> - -<p>»Der Tod will kommen,« flüsterte John mit großen -angstvollen Kinderaugen.</p> - -<p>»Haben Se man keine Angst!« tröstete die Köchin. -»Sie können noch Ihre ganze Familie iberleben. Sie -allemal!« Dann öffnete sie die Bratofentür und sagte: -»Kommen Se man sehn, junger Herr, wie fein se braten.«</p> - -<p>Zwölf Täubchen lagen in Reih und Glied in -der Bratpfanne, zwölf angenehm duftende, kleine -braune Körperchen, die Amalie mit Stolz und Schweiß -auf der Nase vorwies. Johns Miene erheiterte sich beim -Anblick der Tierchen. Er ergriff eine Gabel und prüfte, -ob sie schon weich waren. Da es sich so verhielt, riß er -der größten ein Beinchen aus, blies ein wenig herauf -und benagte es dann mit der Miene eines Menschen, der -hat, was er braucht. Die Köchin hatte die fetten Hände -überm Bauch gefaltet und sah ihm wohlgefällig zu.</p> - -<p>»Schmeckt gut?« fragte sie.</p> - -<p>»Ja,« sagte er.</p> - -<p>»Vielbeliebt und anjenehm zu heren.«</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -Drittes Kapitel</h2> - - -<p class="in0"><b>A</b>uf dem Zarnoskyschen Hof stand ein uralter -Birnbaum. Sein Stamm war so stark wie -vier feiste Mönche zusammen, und seine -mächtige Krone bildete eine Art chinesisches Dach über -einem großen Teil des Hofes. Um den Stamm lief -ein Tisch und um den Tisch eine Bank; beide wurden -viel zum Sitzen benutzt, der Tisch noch mehr als die -Bank.</p> - -<p>Wieder ging ein Frühlingstag zu Ende. John -saß unter dem Birnbaum auf dem Tisch, die Füße -auf der Bank, und starrte nachdenklich und versunken -in die Abendsonne. Sie schwebte über einem sehr -alten rosa Häuschen, das mit dem Giebel an den -Hof stieß. Dieser Giebel hatte nur ein einziges -Fenster und sonst nichts als seine rosa Farbe. John -war froh. Er hatte beschlossen, noch ein drittes Mal -in die Heilanstalt für Trinker zu gehen, und dieses -dritte und letzte Mal sollte ihn für immer kurieren; -denn: er wollte hinterher nie mehr einen Tropfen -Alkohol über seine Lippen bringen, das hatte er sich -mit den heiligsten Eiden zugeschworen. Und darum -hoffte er nun, eines Tages wieder gesund, stark und -<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -schön zu sein, er hoffte, einst wieder zu den glücklichsten -Menschenkindern der Welt zu gehören. (Mit -siebenundzwanzig Jahren hofft man noch leicht, hält -man das Wunderbarste für möglich.) Bald nach -Ostern wollte er seinen Entschluß kundtun und zur -Ausführung bringen. Peter sollte ihn in die Anstalt -begleiten.</p> - -<p>Der Ziegenbock sprang vor seinem Herrn herum -und tanzte auf den Hinterbeinen. Plötzlich öffnete -er seine kleine schwarze Schnauze, zeigte eine dicke -rosa Zunge und schrie aufgeregt: »Mämämämä« ...</p> - -<p>»Ich bin deine Mama,« sagte John zärtlich, -»deine Mama und auch dein Papa.«</p> - -<p>Das Giebelfenster des rosa Häuschens sprang -klirrend auf, und ein brauner Christuskopf lugte heraus. -»John,« rief er, »soll ich auf den Hof kommen?«</p> - -<p>»Ja, komm!« sagte der Trinker.</p> - -<p>Der Mensch mit dem Christuskopf war der -Bruder von Onkel Johns Frau, achtunddreißig Jahre -alt und schwachsinnig. Sein verstorbener Vater war -Superintendent gewesen, und darum bildete er, Johannes, -sich ein, zum mindesten Pfarrer zu sein. Die -Verwandten unterstützten seine Torheit, indem sie -ihn »Pfarrer« nannten. Sie sagten Pfarrer, anstatt -Johannes, sie gebrauchten den Titel wie einen Vornamen. -Johannes hatte noch einen Bruder, der weit -schwachsinniger war als er selbst. Die beiden Brüder -lebten ganz allein mit einer mürrischen Haushälterin -in dem alten rosa Häuschen, das ihr Eigentum war. -Und sie lebten dort in ziemlicher Dürftigkeit, trotz -guter Vermögensverhältnisse; denn Onkel John verwaltete -<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -ihre Zinsen, und zwar mehr zu Nutz und -Frommen seines Geflügelhofes, als zu dem seiner -einfältigen Schwager.</p> - -<p>»Friede sei mit dir!« sagte Johannes würdevoll, -als er John die Hand reichte.</p> - -<p>»Und der Stock regiere dich!« witzelte dieser wie -gewöhnlich, trotz der abwehrenden Geste des frommen -Idioten.</p> - -<p>»Hast nich ein Stummelchen? Hast nich, hast -nich?« fragte Johannes, sich fröstelnd die hageren -Hände reibend. Er trug wie John eine dunkle Sportmütze, -die sich auf seinem lockigen Christuskopf seltsam -genug ausnahm. Um den Hals hatte er ein -schwarzes Halstuch geschlungen. Sein blauer Anzug -war fleckig und abgetragen, die Jacke zu weit, die -Hose zu kurz; denn beides hatte einst Onkel John -gehört, der stärker und kleiner war.</p> - -<p>»Kein Stummelchen?« sagte Johannes, traurig -den Kopf senkend, als John die Frage verneinte. -Und wie er so die Mütze abnahm, um sie mit ergebungsvoller -Miene ein wenig abzustäuben, da glich -er ganz Christus, und John, der ebenfalls die Mütze -abgenommen hatte und voll Mitleid von seinem -Platz auf ihn herabsah, konnte wohl Pontius Pilatus -vorstellen: Christus vor Pontius Pilatus.</p> - -<p>»Stummelchen habe ich keine,« wiederholte der -Trinker, »aber eine Zigarre habe ich heute für dich.«</p> - -<p>Johannes rauchte für sein Leben gern. Er ließ -einen Zigarrenstummel nicht früher aus dem Munde, -als bis er ihm Bart und Lippen versengte. Man -machte ihm jedesmal eine große Freude, wenn man -<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -ihm eine ganze Zigarre schenkte; denn für gewöhnlich -mußte er sich mit den Stummeln begnügen, die Johns -Vater (der einzige Raucher unter den Zarnoskys) -für ihn aufhob. Er selbst konnte sich keine Zigarren -kaufen, da er kein Taschengeld bekam. Sein und -seines Bruders Taschengeld verwaltete die Haushälterin, -und zwar mehr zu Nutz und Frommen ihres -Sparkassenbuches, als zu dem ihrer schwachsinnigen -Pflegebefohlenen. Zuweilen schenkte ihnen die Schwester -Zigarren und Delikatessen; aber nur Johannes rauchte, -und die Delikatessen aß die Haushälterin auf.</p> - -<p>Johannes begann vor Wonne zu stammeln, als -John ihm eine schöne lange Zigarre unter die Nase -hielt. »Riech mal,« sagte der Trinker. Dann lehnte -er sich zurück: »Und nun fang sie auf.«</p> - -<p>Der Schwachsinnige hob die Hände, die Zigarre -erwartend. Aber John narrte ihn immer wieder, -indem er nur so tat, als ob er werfen wolle. Schließlich -forderte er den Idioten auf, Gott zu lästern, -oder er bekäme sie nicht. John hatte nämlich herausbekommen, -daß man Johannes wohl zu diesem und -jenem verleiten konnte, aber nicht dazu, Gott zu -lästern. »Ein Pfarrer darf das nicht,« entgegnete er -dann stets.</p> - -<p>Das entgegnete er auch diesmal; doch John -ließ es nicht gelten. Er zog eine Schachtel Streichhölzer -aus der Tasche und drohte, die Zigarre selbst -zu rauchen, wenn Pfarrer es nicht gleich täte. »Liebes -gutes Johnche,« flehte der Unglückliche, »gib, gib! -Darf ich nich. Darf ich nich.«</p> - -<p>Der Trinker biß die Spitze von der Zigarre ab, -<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -indem er Johannes wie ein Folterknecht angrinste. -»Na, wird's bald?« fragte er zwischen den Zähnen.</p> - -<p>Die Abendsonne legte einen roten Heiligenschein -um den lockigen Christuskopf des Idioten. Er stand -da, die Hände um die Mütze gefaltet, die Augen wie -ein Verschmachtender auf die Zigarre gerichtet. Seine -Lippen bewegten sich; aber es kam kein Ton. Er -hatte schon tagelang nichts zu rauchen gehabt, und -eine ganze Zigarre hatte er schon seit Wochen nicht -sein eigen genannt; er zitterte vor Gier nach dem -so lange entbehrten Genuß. Dieser Zigarre gegenüber -unterlag er der Versuchung, das fühlte er. -»Johnche,« flüsterte er mit versagender Stimme, -»hab schon was jesacht. Hast bloß nich jehört, hast -bloß nich jehört.«</p> - -<p>»Das ist nichts. Das gilt nicht,« grinste der -Trinker.</p> - -<p>Pfarrer bebte wie Espenlaub, und seine Zähne -schlugen leise klirrend zusammen. »Er – er – ist, ist – -ein Esel!« stieß er plötzlich ganz kreidebleich hervor, -als John schon dabei war, ein Streichholz zu entzünden, -und fast schreiend setzte er hinzu: »Aber nur -ein ganz kleiner, nur ein ganz kleiner!«</p> - -<p>John wollte lachen und konnte nicht. »Das war -noch nichts Rechtes,« sagte er beinahe verlegen, »aber -für diesmal wollen wir es gelten lassen. Hier!«</p> - -<p>Johannes pflanzte die Zigarre glückselig in den -Mund. John gab ihm Feuer.</p> - -<p>Obgleich dieser mit den beiden Schwachsinnigen -gern allerhand seltsame und boshafte Experimente -vornahm, tat er doch mehr für sie als ihre nächsten -<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -Anverwandten. Wenn sie sich bei ihm über die Haushälterin -beklagten, ging er auf der Stelle hin und -stellte sie unter den heftigsten Drohungen zur Rede. -Die sonst sehr unerschrockene Person hatte einen gewaltigen -Respekt vor John, ja, sie zitterte förmlich -vor ihm, da sie ihn zu allem fähig hielt. Zweimal -in jeder Woche ging er im rosa Häuschen das Essen -kosten. War es nicht gut, dann bekam die Haushälterin -die Drohung zu hören, daß er sie wegen -Veruntreuung und Diebstahl anzeigen werde. Johannes -und Markus bewunderten Johns Mut aufs tiefste; -er war ihr Held, ihr Ideal. Und da er sie, die ewig -Hungrigen, oft satt machte, darum liebten sie ihn -wie einen Vater und nahmen seine Neckereien und -Quälereien so ruhig und ergeben hin, wie der Türke -die Schicksalsschläge.</p> - -<p>Die Abendsonne glitt langsam am glasblauen -Himmel herab, glutrot und groß. Johannes hatte -sich neben John auf den Tisch gesetzt und dampfte -wie ein Pascha. Er wäre jetzt der glücklichste Mensch -der Welt gewesen, wenn er nicht die Gotteslästerung -hinter sich gehabt hätte. »Johnche,« fragte er leise, -»meinst, er hat jehört? Meinst? Meinst?«</p> - -<p>»Was wird er nich jehört haben?!« entgegnete -dieser. »Der hört doch alles!«</p> - -<p>»Johnche, du lachst ...?«</p> - -<p>»Na, vielleicht hat'r auch nich jehört. Vielleicht -schlief'r auch schon. Is doch'n alter Mann.«</p> - -<p>»Hast recht! Hast recht!« sagte aufatmend der Idiot.</p> - -<p>Sie starrten beide nach den roten Abendwolken, -die ganz seltsame, phantastische Formen hatten. Springenden -<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -Pferden mit Hörnern und Krallen ähnlich, -wandelten sie langsam durchs Himmelsblau.</p> - -<p>»Möchtest du da reiten?« fragte John mit einer -Kopfbewegung nach oben.</p> - -<p>»Jefährlich, jefährlich,« meinte Johannes.</p> - -<p>»Wenn es aber ins Paradies ginge, Pfarrer?«</p> - -<p>In die Augen des Schwachsinnigen kam ein -sehnsüchtiger Ausdruck. »Ins Paradies?« wiederholte -er verträumt. »Ach ja, Johnche, da möcht' ich jleich hin.«</p> - -<p>»Ei, wenn es da nichts zu rauchen gibt?«</p> - -<p>Johannes kicherte blöde los. »Wird schon, wird -schon,« meinte er, »da jibt's doch alles umsonst. -Zigarren – Bratäpfel – Glacéhandschuhe ...«</p> - -<p>»Weißt du was?« sagte der Trinker, die Frühlingsluft -schlürfend. »Ich werde wieder gesund werden. -Ich geh nach Ostern in eine Anstalt und komm gesund -zurück.«</p> - -<p>Pfarrer sah ihn ehrfurchtsvoll an. »Ja? Ja?« -Und dann ließ er nachdenklich den Kopf hängen, -hüllte sich in Rauchwolken und schwieg.</p> - -<p>Nachdem er geraume Zeit still vor sich hingebrütet -hatte, bat er John verlegen und zaghaft, ihn doch -in diese Anstalt mitzunehmen.</p> - -<p>»Wieso?« fragte John.</p> - -<p>Der Schwachsinnige errötete wie ein junges -Mädchen und wollte nicht mit dem Grunde herausrücken. -Endlich kam es halb gestammelt, halb geflüstert: -Er möchte auch gern gesund werden: klug werden. -»Nich mehr Idiot, nich mehr Idiot!« rief er klagend. -Darauf senkte er das erblaßte Gesicht wie jemand, der -die Wirkung seiner Worte nicht abzuwarten wagt.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -Schweigen.</p> - -<p>»Das geht nicht,« sagte John kurz. »Oder – -du müßtest sterben. Die Toten sind alle klug.«</p> - -<p>»Sterben?« stotterte Johannes erschreckt und -enttäuscht. »Neinein! Lieber nich, lieber nich! Noch -e bißche warten, noch e bißche warten!«</p> - -<p>John lachte kurz auf. Und seine Lippen brannten -rot in der sinkenden Sonne. Er legte den Kopf auf -eine Seite und begann leise zu pfeifen. Es klang, -als ob ein Vogel lockte. Es klang nach Frühlingslust -und Lebensgier. Es war ein Lied von der einzigen -Wonne – zu leben.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -Viertes Kapitel</h2> - - -<p class="in0"><b>D</b>ie beiden Ausreißer sahen sich an und -lachten. Es war nicht leicht gewesen, die -Reise zu unternehmen, da sie im geheimen -vor sich gehen mußte; denn man hätte John, krank -wie er war, nie gestattet, mit Johannes einen Ausflug -zu unternehmen. Nun freuten sich beide, daß -alles so wohl gelungen, und daß sie nun da waren, -wo sie hingewollt. Obgleich die Fahrt nur eine -Stunde gedauert hatte, fühlte sich John doch sehr -angegriffen, als er mit seinem Gefährten aus dem -Zug stieg. Hinter dem ersten Zaun mußte ihm -Johannes die große Flasche Kognak reichen, die sie -mitgenommen hatten, und nun goß er Kognak wie -Wasser in sich hinein. Darauf lachte er wieder über -das ganze Gesicht, und Johannes wieherte aus vollem -Halse, weil er das für schicklich hielt, wenn sein -Ideal fröhlich war. John faßte ihn unter und schritt -würdevoll mit ihm weiter. Sie waren ein seltsames, -auffallendes Paar. Der Trinker hatte sich in der -Eile mit einem alten hellgelben Winterüberzieher bekleidet, -der übermäßig kurz war und stark nach Naphthalin -roch. Sein dicker Schädel schien die Kopfbedeckung -<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -sprengen zu wollen. Das kleine, steife, -schwarze Hütchen saß da, als müsse es jeden Augenblick -herunterhüpfen oder bersten. Pfarrers lange, -hagere Figur zierte ein großkarierter alter Reisemantel -von Onkel John. Auf dem Kopf trug er -die unvermeidliche Sportmütze, da er keinen Hut -besaß. Halb Engländer, halb Christus schleppte er -eine umfangreiche Reisetasche, die die Kognakflasche -und eine Menge Mundvorrat enthielt – für den -Amalie im geheimen gesorgt hatte.</p> - -<p>Der Apriltag war so warm und golden wie ein -Maientag. Es schien nicht Ostern, es schien Pfingsten -zu sein; die Natur war so weit, wie sonst nur im -Mai. Die Obstbäume blühten schon hier und dort, -und die Butterblumen glänzten überall wie kleine -Sonnen im Gras. Das junge Birkenlaub glich -flachen, goldgrünen Blüten, die ein leise wehender -Wind in fortwährendem Zittern erhielt. Das sah -nun aus, als hingen zahllose, lautlos schwingende -Glöckchen an den Birkenzweigen. John und Johannes -schritten durch eine Allee solcher Glöckchenbäume. -Niemand begegnete ihnen. Hier und dort blickten -bunte Strandvillen über nahe und ferne grüne Hecken. -Johannes hatte in seiner Brusttasche ein Paar weiße -Glacéhandschuhe, die er für sein Leben gern aufgezogen -hätte; aber John erlaubte es ihm nicht. Die -beiden schwachsinnigen Brüder schwärmten einträchtig -für weiße Glacéhandschuhe – und Bratäpfel, besonders -aber für weiße Glacéhandschuhe. Die ihnen jetzt -niemand mehr schenken wollte. Als der Vater noch -lebte, hatten sie solche Handschuhe zu Dutzenden bekommen; -<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -aber jetzt – –! Immer wieder mußten sie -alte Paare mit Benzin reinigen, wenn sie das -sehnsüchtige Verlangen hatten, sich irgendwo mit -weißen Glacéhandschuhen zu zeigen.</p> - -<p>Die Allee endete auf der Düne, von der eine -uralte Treppe aus breiten Steinen und mit wackligem -Holzgeländer durch eine lange, winklige, baumreiche -Schlucht zum Strand hinabführte.</p> - -<p>»Steigen wir 'runter?« fragte John.</p> - -<p>»Jefährlich, jefährlich,« meinte Johannes.</p> - -<p>Sie standen Arm in Arm und blickten mit Scheu -und Bewunderung über die halbdunkle Schlucht hinweg -auf die weite, weite, blaue See.</p> - -<p>»Große bunte Käfer, schöne bunte Käfer,« sagte -Johannes, mit vergnügtem Lachen auf die Osterausflügler -zeigend, die bienenemsig am Ausgang der -Schlucht auf der Mole herumkrabbelten.</p> - -<p>»Erst essen wir etwas und dann steigen wir -auch herunter,« sagte John und setzte sich auf die -nächste Bank.</p> - -<p>Pfarrer folgte ihm mit verklärter Miene. »Essen« -war und blieb doch das Schönste für ihn. Seine -langen, hageren Hände sofort in die Tasche grabend, -brachte er Päckchen auf Päckchen zum Vorschein. Der -Trinker griff zuerst nach der Kognakflasche und tat -aufs neue einen langen, tiefen Zug. Johannes entkapselte -für sich einen Zitronensprudel, zu dem er eine -Serie harter Eier genoß. John hatte wenig Appetit, -da das Mittagessen noch nicht weit zurücklag. Bei -Johannes machte das nichts aus; der konnte schon -wieder wie ein Drescher einpacken. Er stieß ein unwilliges -<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -Knurren aus, als John »genug!« ausrief. -Was war ihm Schlucht, was war ihm See, wenn -neben ihm eine Tasche mit den schönsten Eßwaren stand.</p> - -<p>Arm in Arm, langsam und ängstlich wie der -Lahme mit dem Blinden, begann das Paar den Abstieg. -Auf der halben Treppe mußten sie schon rasten, -weil John die Luft ausging. Mit bläulichem Gesicht -sank er auf die Stufen nieder, und Johannes mußte -ihm wieder die Kognakflasche reichen. »Da haben -wir den Salat,« sagte John, melancholisch ins Grüne -spuckend. Der Schwachsinnige nahm ein paar Stufen -tiefer Platz und zog sich heimlich einen weißen Handschuh -auf. Jeden Augenblick konnten Leute die Treppe -herauf- oder herunterkommen, Leute mit neugierigen -Augen – ohne weiße Glacéhandschuhe. Pfarrer -wollte ein bißchen »feiner Mann« spielen. Es dauerte -auch nicht lange, so kamen zwei junge Mädchen die -Treppe heruntergekichert. Helle Kleider, flatterndes -Haar. »Scheene Kinder,« schmunzelte Pfarrer, die -weiße Hand wie einen Fächer bewegend. John fuhr -fort, ins Grüne zu starren. Was gingen ihn diese -Mädchen an?! Ja, wenn Peter gekommen wäre – –! -Es tat ihm sehr leid, daß »der Junge« zu Hause -sein mußte. Die Mädchen girrten wie Tauben, als -sie an dem seltsamen Paar vorübersprangen. Gleich -danach platzten sie los. Ihr Lachen rieselte die Schlucht -herauf und herunter, und das Echo gab es verhaltener -wieder.</p> - -<p>Und die Vögel sangen, und die Wellen riefen, -und es duftete das Laub. Es war ein Frühlingstag, -wie es nicht viele gibt; die Welt war so schön wie -<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a> -ein Traum. Selbst Johannes empfand das. Unwillkürlich -nahm er die Mütze ab und saß barhäuptig -da, als sei er der Natur diese Ehrfurcht schuldig.</p> - -<p>Nach einer halben Stunde waren sie unten und -schritten Arm in Arm bis zum Ende der Mole, wo -es ganz menschenleer war, und nur die Wogen, gleich -wilden Pferden, mit lautem Geschrei und hochflatternden -weißen Mähnen dahergestürmt kamen. -Die Mole war schmal und kroch wie eine graue -Schlange am Fuß der steilen, beinahe ockerfarbenen -Dünenwand entlang, von der hier und da der gelbe -Sand, leise klirrend, herunterrieselte. Auf der Höhe -standen große Bäume, und einer von ihnen neigte -sich weit über die Düne, als müsse er herunterschauen -oder als sei er im Begriff herabzustürzen. Der -Himmel war afrikanisch blau über dem leuchtenden -Gelb der steilen Sandwand.</p> - -<p>John war, als fahre die Mole unter ihm davon, -als sie stehen geblieben waren und auf das Wasser -blickten; sich auf Johannes stützend, schloß er erschreckt -die Augen. Nun fuhr er mit; die Mole und die -ganze Welt schien langsam mit ihnen davonzufahren. -John hielt sich an Johannes, wie der Schiffbrüchige -am Mast, und auf einmal glitt er lautlos zu Boden. -Ein Schwindelanfall, der nur langsam vorüberging. -»Ich bin schläfrig,« sagte er schließlich auf Pfarrers -angstvolles Fragen mit seiner gewöhnlichen Stimme, -und er streckte sich aus und ließ die Sonne auf -seinen gelben Wintermantel brennen.</p> - -<p>Der Schwachsinnige strich ratlos seinen Christusbart, -er blickte scheu auf das große Wasser, dem er -<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -nun ganz allein gegenüberstand; am liebsten wäre er -nach Hause gelaufen. Nach einer Weile hockte er -sich neben seinem bereits schnarchenden Freunde nieder, -der See den Rücken zudrehend, und sah unentwegt -auf die Reisetasche: ihr Anblick war ihm eine Oase -in der Wüste. Den Handschuh hatte er längst wieder -abziehen müssen. John hatte ihm vor allen Leuten -mit einer Backpfeife gedroht, wenn er es nicht auf -der Stelle täte. Es war ihm nichts anders übrig -geblieben, als zu gehorchen.</p> - -<p>Pfarrers Phantasie sah auf der Tasche einen -Mädchenkopf mit großen, lachenden Augen. Pfarrer -hatte sich wieder einmal verliebt. Das eine der beiden -Mädchen, die auf der Treppe an ihm vorübergesprungen, -hatte es ihm angetan. Und nun glaubte -er, sie immer wieder kichern zu hören; es war aber -nur der Sand, der so klirrend von der Düne rieselte.</p> - -<p>Es rieselte ... es rieselte, und die Wogen warfen -sich mit eintönigem Geschrei gegen die Mole. Pfarrer -legte das Gesicht auf die Reisetasche, da, wo er sich den -Mädchenkopf dachte, und brummelte sich in den Schlaf.</p> - -<p>Die Wellenpferde kamen laut herangejagt, sprangen -an der Mole hoch und brachen fauchend zusammen; -neue kamen, sprangen an der Mole hoch und brachen -fauchend zusammen; neue kamen ... und die Sonne sah -ihnen strahlend zu und segelte majestätisch ihren Weg.</p> - -<p>Es war gegen halb sechs, als John endlich -aufwachte. »Dore! Kaffee! Kaffee!« brummte er.</p> - -<p>»Kaffee! Kaffee!« echote der Idiot.</p> - -<p>John sah sich betreten um. »Pfarrer,« stotterte -er, sich die Augen reibend, »was ist das hier?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -»Ostsee! Ostsee! Ostsee!«</p> - -<p>Der Kranke verzog das Gesicht. »Ich säße jetzt -lieber zu Hause,« sagte er mißmutig.</p> - -<p>»Ich auch! Ich auch!« sagte Johannes.</p> - -<p>»Da hinauf komm' ich heut' nicht mehr,« murmelte -John, auf die Düne zeigend.</p> - -<p>Johannes verfärbte sich. »Bleib nich! Bleib -nich!« rief er entsetzt. »Graurig hier! Graurig hier -im Dunkeln!«</p> - -<p>»Ich werde schon Mittel und Wege finden, daß -wir vor acht auf dem Bahnhof sind,« versetzte der -Trinker mit seinem Imperatorenlächeln.</p> - -<p>Und der Schwachsinnige vertraute seinem Ideal. -»Is gut! Is gut!« sagte er beruhigt.</p> - -<p>John versuchte nun fröhlich zu sein; aber es -wollte ihm nicht recht gelingen, und je näher der -Abend kam, desto stiller wurden sie alle beide. Johannes -begann wieder zu essen; doch diesmal ohne Genuß: -die große Nähe des weiten, lärmenden Wassers bedrückte -zu sehr sein Gemüt. Und John bedrückten -Todesgedanken. Er kam sich vor wie ein Sterbender, -der sich noch einmal in die Sonne gesetzt, der das -Meer und die Sonne noch einmal sehen wollte, um -von ihnen Abschied zu nehmen. Das Gebrüll der -Wogen hatte seine Fröhlichkeit verloren. Sie klagten -jetzt immer lauter und lauter und hohler: eine tragische -Musik. John lehnte sich schwer an die kalte Dünenwand -mit dem rieselnden Sande. Er hatte einen Ton -im Ohr, der aus der Ferne zu kommen schien, aus einer -Ferne, die nicht auf Erden war. Der Tod schlug mit -der Sichel an. »Ich komme bald!« klang's aus der Ferne.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -»Ich verreise nächstens,« sagte John plötzlich.</p> - -<p>»Weiß! Weiß!« murmelte Johannes.</p> - -<p>»Nicht in die Anstalt,« sagte der Trinker.</p> - -<p>Der Schwachsinnige wieherte geheimnisvoll, so, -als wisse er über alles Bescheid.</p> - -<p>»Weißt du, zu wem?« fragte John.</p> - -<p>»Zu wem? Zu wem?« stotterte Johannes.</p> - -<p>»Zum Tode – Pfarrer.«</p> - -<p>Der Idiot lachte verblüfft und ängstlich. »Ach -ja –?!« sagte er mit ungläubiger Miene. Und dann -halb scherzhaft, halb wißbegierig: »Hat er einen -Garten? Einen Garten?«</p> - -<p>»Einen großen,« erwiderte John, »mit einer -hohen, blutroten Mauer herum.«</p> - -<p>»Äpfel? Äpfel im Garten?«</p> - -<p>»Nee! Mohnblumen, nichts als Mohnblumen.«</p> - -<p>»Was tust mit Mohnblumen?!« sagte Johannes -in wegwerfendem Tone.</p> - -<p>»Du riechst sie,« murmelte John, »und dann -vergißt du das Leben: alles, was dich geplagt hat.«</p> - -<p>»Will nich verjessen! Will nich!« brummte -Johannes trotzig.</p> - -<p>»Aber eine Zigarre würdest du wollen, was?«</p> - -<p>»Ja,« sagte der Schwachsinnige, treuherzig wie -ein Kind.</p> - -<p>Er bekam eine und sog wie ein Rasender an -dem dicken, etwas feucht gewordenen Stengel, ohne -ihn in ordentliches Glimmen zu bekommen. John -lachte über Pfarrers verzweifelte Anstrengungen, aber -seine Augen sahen nach Tränen aus; denn seine -Schmerzen meldeten sich, und es begann ihn auch zu -<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -frieren, da die Sonne hinter großen Wolken verschwunden -war. Die Wolken waren, kaum bemerkt, -herangezogen und standen nun wie Elefanten am -Himmel, See und Land beschattend und die Mole -mit den beiden traurigen Träumern.</p> - -<p>»Warum ließen sie mich zum Säufer werden?« -stieß John nach langem Schweigen zwischen den -Zähnen hervor.</p> - -<p>Der Schwachsinnige wieherte kläglich.</p> - -<p>»Warum ließen sie es zu?« wiederholte John -fast schreiend in herzzerreißendem Tone.</p> - -<p>»Iß! Iß!« stammelte Johannes in ratloser Bestürzung.</p> - -<p>Die Elefanten schickten einen kurzen, klingenden -Hagelgruß herunter, auf den ein harter, rascher Regen -folgte. Die Tropfen tanzten zischend über die Frühlingssee -und klapperten rhythmisch auf der Mole. -Dann wurde es wieder still. Die Sonne schob ihr -gelbes Kinn um die Ecke einer Wolke, und ein -Regenbogen flammte groß und strahlend am dunkeln -Himmel auf. Das war das Finale des kurzen Konzertes.</p> - -<p>Auf John und Johannes wirkte der Regenbogen -wie Regimentsmusik. Sie reckten sich die Hälse nach -ihm aus und machten frohe Augen und schüttelten -lachend den Regen ab, dem sie ganz regungslos standgehalten. -»Es ist Zeit, daß wir aufbrechen,« sagte -John nach einem tüchtigen Schluck aus der Kognakflasche, -und nun mußte Johannes die Tasche nehmen, und -dann ging es zu seinem Erstaunen von der Mole -herunter, immer weiter in die Fremde hinein. Es -war nicht leicht, durch den nassen Sand zu wandern, -<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -über diesen schmalen Strand, den von der Düne -gestürzte Bäume und große Steinblöcke versperrten. -Johannes wurde immer kleinlauter; John lachte, obgleich -ihm die Schweißtropfen auf der Stirn standen. -Doch der Schwachsinnige vertraute auch jetzt seinem -Ideal. Er fragte nicht einmal: Wohin gehen wir -eigentlich? Gehen wir hier zur Bahn? Er trabte -schweigend mit, die tote Zigarre im Munde.</p> - -<p>So ging's bis zur nächsten Ecke der Dünenwand, -hinter der zu Pfarrers Freude die Bodenerhebung -sich senkte. Man hatte die Düne auf dieser -Stelle bis zu einer sanft ansteigenden schiefen Ebene -erniedrigt, eine Ebene, die die Fischerkinder dazu -benutzten, um darauf in Purzelbäumen zur See -herunterzuschnellen.</p> - -<p>Drei Jungen waren eben dabei, auf diese Art -den Abstieg zu machen, als John und Johannes, -fremdartig wie die Weisen aus dem Morgenlande, -auf der Bildfläche erschienen. »Ziert euch nicht!« rief -der Trinker. »Immer runter was die Büxen halten!«</p> - -<p>Sechs braune Beine schnellten hurtig durch die -Luft, und bald standen drei sommersprossige, weißblonde -Bengels in blauen Hosen auf dem Strande. -»Jungens, habt ihr nicht einen Handwagen?« fragte -John leutselig.</p> - -<p>Es kam heraus, daß die Eltern von Tiburzigs -Franz einen hatten, einen ganz neuen, auf dem ein -Mensch bequem sitzen konnte. Tiburzigs Franz versprach, -ihn zu holen, und für fünfzig Pfennige -wollten die Jungen das Paar in die Höhe fahren.</p> - -<p>Johannes zog es vor, zu Fuß zu gehen, und -<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -nur John stieg in die Kutsche, stolz und gelassen -wie ein Triumphator. Ein Dutzend schmutziger Fischerkinder -schrien hopsend »huhraaah«, als die Fahrt -losging. John lächelte huldvoll nach allen Seiten, -und manchmal sah er nach der Regenbogenbrücke -auf, und manchmal sah er nach dem Meer zurück. -Die Wogen schwankten bacchantisch ihren Weg; sie -schwankten, hoch und voll, schwarzgrün und gläsern, -mit weißem Schaum und roten Flecken unter dem -breiten Lächeln der sinkenden Sonne dem stillen -Strand entgegen.</p> - -<p>Und das Grün der Gärten schimmerte wie -Smaragd nach dem Osterregen, und der Flieder -duftete schon vor dem Blühen. Es war ein Frühlingsabend, -wie es nicht viele gibt; die Welt war -so schön wie ein Traum.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -Fünftes Kapitel</h2> - - -<p class="in0"><b>P</b>eter war verschwunden. Am zweiten Osterfeiertag, -als John und Johannes an der -See waren. Das war ein Herzeleid für -John. Er schickte immer wieder Leute auf die Suche -nach ihm aus, er annoncierte seinen Verlust immer -wieder in den Zeitungen; es nützte alles nichts: -Peter blieb verschwunden. Und die Frühlingstage -kamen und gingen, und John dachte nicht mehr -daran, in die Anstalt zu gehen; er dachte nur an -seinen verlorenen Liebling. Er betrauerte ihn wie -einen Sohn, er fand nicht Ruh bei Tag und Nacht, -wenn er sich das Tier in schlechten Händen vorstellte. -Seine Liebe zu Peter wuchs ins Grenzenlose, ins -Abnorme. Und er trank vom Morgen bis zum Abend, -um seinen Kummer zu betäuben.</p> - -<p>Doch eines Morgens erwachte er mit heiterer -Miene. Sein Gesicht war ganz naß von Tränen; -aber seine Augen strahlten. Noch vor dem Aufstehen -schickte er nach Johannes, weil er ihm etwas sehr -Schönes und Merkwürdiges mitzuteilen habe.</p> - -<p>Der Schwachsinnige trat mit weißen Glacéhandschuhen -an und war so neugierig wie hungrig. -<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -Doch beim Anblick von Johns Frühstück verließ ihn -die Neugier und nur der Hunger blieb; er vermochte -kein Auge von dem besetzten Tablett zu lassen. John -sah ein, daß Johannes nicht imstande sein würde -»das Wunderbare« zu würdigen, ehe er nicht gefrühstückt -hatte. Rasch auf das Tablett zeigend, hieß -er ihn essen, so schnell er konnte.</p> - -<p>Der Schwachsinnige griff zu, als habe er schon -tagelang fasten müssen. John heftete die verschwimmenden -Augen auf die verräucherte Decke und wartete, -die wachsgelben Hände wie zu einem Dankgebet auf -der Decke gefaltet, bis Johannes mit dem Frühstück -fertig war. Dann hub er an:</p> - -<p>»Mir träumte, daß wir beide auf den Kirchhof -gingen. (Johannes nickte beifällig. Auf den Kirchhof -ging er gern. Ohne daß John es merkte, hob -er mit angefeuchteten Fingerspitzen Krümel auf, um -sie heimlich in den Mund zu stecken.) Ein herrlicher -Traum!« flüsterte der Trinker. »Der ganze Kirchhof -war bunt von Blumen – und wir suchten Peters -Grab. Er sollte dort begraben sein. Und als wir -zu dem Winkel kamen, wo jetzt die vielen Vergißmeinnicht -blühen, da stand er plötzlich vor uns. Viel -größer als früher und so schön, so schön! Sein Fell -strahlte wie schwarzes Metall, und seine Augen waren -wie kleine blaue Monde, und am Halse trug er eine -große Passionsblume. Wir hatten Angst, ihn anzufassen; -aber da kam er auch schon auf mich zu und -auf einmal – auf einmal sagte er: ›Vater!‹«</p> - -<p>Johannes wieherte ganz verdutzt. »Wirklich -wahr? Wirklich wahr?« fragte er ungläubig.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -»Er sagte Vater – ich höre es noch. Und dann -sagte er, es gehe ihm gut; er sei nun tot und habe -alle Quälereien hinter sich. Und ich soll mich nicht -mehr um ihn grämen.«</p> - -<p>Johannes blickte John ratlos an. Verlegen seinen -Christusbart streichend, bemühte er sich schweigend -mit der Zunge nach einem Krümel in einem hohlen -Zahn: er sah recht einfältig dabei aus. »Jehn wir -heut spazieren?« fragte er demütig.</p> - -<p>»Ja,« sagte John, die Augen wieder nach oben -richtend, »wir gehen heute auf den Kirchhof. Nach -dem Vergißmeinnichtwinkel. Vielleicht erscheint er -uns dann noch einmal – noch einmal ...« Es sprach -eine solche Sehnsucht aus diesen beiden Worten, daß -selbst Johannes ergriffen war. –</p> - -<p>Aber der Winkel blieb leer. Kein Peter kam, -so sehr ihn John auch rief. Da ließ er sich auf eine -Bank fallen und weinte wie ein Kind. Und es war -ein so lieblicher Maiennachmittag. Auferstehung, Auferstehung -glänzten Blätter und Blumen, und die -Vögel, die über den Kirchhof flogen und auf den -Bäumen saßen, erzählten zwitschernd und singend -von der Süße des Lebens.</p> - -<p>Nicht weit von dem traurigen Paar saß ein -kleiner, buckliger Mann. Er saß auf einem Holzgestell -vor einem Kreuz, dessen Inschrift er frisch -bronzierte. Er pfiff langsam und selbstgefällig ein Kirchenlied, -wobei er seinen runden schwarzen Kopf wie eine -Kugel zwischen den hohen Schultern hin- und herrollte.</p> - -<p>»Hör' schon auf!« brüllte John, als das fromme -Lied kein Ende nahm.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -»Na nu', Gott geb! Man wird doch wohl noch -pfeifen dürfen!« brummte der Bucklige, und dann -brummte er noch einiges, was unverständlich blieb, -und dann versank er in tückisches Schweigen. Doch -von Zeit zu Zeit spie er heftig auf die Erde, wodurch -er John seine Verachtung ausdrücken wollte.</p> - -<p>Das reizte den Trinker und zog ihn von seinem -Kummer ab. Er begann, dem Buckligen Prügel anzubieten, -wie er es in früheren Jahren so rasch zu -tun pflegte. Er prahlte mit Kräften, die er schon -lange verloren. Er stärkte sich mit Kognak und -wischte sich ärgerlich die Tränen vom Gesicht.</p> - -<p>Warum heulte er denn noch immer? Peter ging -es doch gut, und er hatte ihn doch selbst gebeten, -sich nicht länger um ihn zu grämen. Es war allerdings -entsetzlich schwer, das Tier zu entbehren – -(große Tränen kamen aufs neue) – aber die Hauptsache -war doch, daß es ihm gut ging. Und es ging -ihm gut. Peter hatte es ja selbst gesagt.</p> - -<p>Nun standen sie auf, um nach Hause zu gehen. -Peter konnte wohl doch nicht erscheinen. Als sie an -dem Buckligen vorüberkamen, gab John dem Holzgestell, -auf dem er saß, einen heimlichen Stoß, und -der kleine Mann kollerte zeternd herunter. Das erheiterte -John und stimmte ihn versöhnlich. »Wie -kam das nur?« fragte er, sich unschuldig stellend. -Und dann setzte er sein Imperatorenlächeln auf und -sagte mit herablassender Herzlichkeit: »Na lassen Se -sich mal ordentlich abstäuben.« Nachdem er es mit -aller Sorgfalt getan hatte, verließ er mit Johannes -den Kirchhof.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -Am alten, grauen, zweistöckigen Offizierkasino -blieben sie stehen und lauschten. Innen erklang eine -elegische Musik. Im zweiten Stock standen einige -Fenster offen, und aus dem einen ergoß sich plötzlich -der feuerrote Vorhang wie ein breiter Blutstrom.</p> - -<p>»Sieh,« flüsterte John, »eben dacht ich, wie rot -Peters Blut wohl gewesen sein mag. Da kam der -Vorhang heraus.«</p> - -<p>Johannes wollte weitergehen, aber John stand -und starrte wie gebannt auf den roten Strom. »Mir -ist ganz sonderbar,« sagte er, »mir ist, als gehöre -ich gar nicht mehr zu euch, als bin ich schon von -einer andern Welt ... Weißt du, Pfarrer, ich seh' -und höre nicht mehr wie früher; ich seh' und höre -andre Dinge als ihr. Und was ich weiß, das wißt -ihr nicht, und ich vermag es euch auch nicht zu sagen.«</p> - -<p>»So? So?« stotterte der Schwachsinnige.</p> - -<p>Und John fuhr fort, nach oben zu starren, grelles -Sonnenlicht auf dem fahlen Gesicht. Aber da wurde -der Vorhang hereingezogen, und die Musik verstummte. -»Geh'n wir!« sagte er nun in alltäglichem Tone.</p> - -<p>Die Straße war breit und alt und auf der einen -Seite mit großen Kastanienbäumen besetzt. An einem -Gartenzaun hüpfte ein junger Spatz herum, der -noch nicht fliegen konnte und jämmerlich piepste. -»Hände weg!« herrschte John die beiden Jungen an, -die um den Vogel herumsprangen, und er bückte sich -und fing ihn ein. »Den zieh ich auf, bis er fliegen kann,« -sagte er, voller Freude über die unerwartete Aufgabe.</p> - -<p>Frau Kalnis stellte er den Spatz als Peters -Brüderchen vor. Doch dann entdeckte er, daß das -<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -Brüderchen ein Schwesterchen war. Er gab ihm -einen Kuß und taufte es Mimi. Mimi sollte gleich -zu essen haben. John wußte, wie man junge Vögel -fütterte. Aber er fühlte sich so schwach nach dem -Spaziergang, daß er sich hinlegen mußte. Dore -fütterte Mimi unter großem Wortschwall mit angefeuchteten -Kuchenkrümeln. John meinte, wenn -Dore einmal stürbe, würde es wohl notwendig sein, -ihr Mundwerk noch extra mit einem Waschholz totzuschlagen, -wenn man es still kriegen wollte. Dann -lag er ganz apathisch da, den Vogel auf der Hand, -schwermütig an Peter denkend.</p> - -<p>Mimi senkte den Kopf ins Federmäntelchen und -schlief ein. Ihr Figürchen hockte wie ein kleiner -grauer Pompon auf Johns Hand. Es dauerte indessen -nicht lange, so wurde sie wieder munter und -begann, sich mit dem kleinen Schnabel die kleine -Brust zu kratzen. »Flöhchen hat du auch?« sagte -John entzückt, an Peter denkend. Er wollte ihr beim -Kratzen helfen, doch Mimi mochte es nicht; John -war ein Herr und sie ein Fräulein.</p> - -<p>Gegen Abend zeigte Mimi durch eifriges Schnabelaufsperren -an, daß sie schon wieder Hunger habe. -Der Trinker erhob sich willfährig wie ein junger -Vater, der ein hungriges Baby zu füttern hat. -»Kuchen mit Milch tut's nicht allein,« dachte er, »ein -bißchen frischer Braten ist ihr notwendiger.« Eifrig -machte er sich ans Fliegenfangen, und es gelang ihm -auch, ein halbes Dutzend Fliegen zu erwischen. Mimi -aß sie alle auf, indem sie nach Johns Dafürhalten -vor Vergnügen schmatzte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -Und nun galt es, ihr ein hübsches weiches Nest -zu machen. Es sollte ein Nest sein, das dem Spätzlein -die Illusion zu geben vermochte, es schliefe unter -einem schönen Blätterdach. John formte zuerst das -Nest aus einem weichen, grünen Tuch, in einem friedlichen -Winkel seines Zimmers, und dann umzingelte -er Dores Fächerpalme mit der Schere, um das Blätterdach -zu ergattern. Die Fächerpalme war Dores elegantestes -Möbelstück, sie liebte und pflegte sie wie ein -Kind; niemand durfte sie berühren. Dessenungeachtet -gelang es John, ihr ein herrliches Blatt abzuknipsen, -das er dann gleich einem Schirm über Mimis Ruhestätte -befestigte. Dore raste, als sie die Tat entdeckte, -Dore ärgerte sich die halbe Nacht darüber. Aber -Mimi schlief gut unter ihrem grünen Thronhimmel.</p> - -<p>Auch John schlief gut in dieser Nacht. Er träumte -nicht wie gewöhnlich, daß ihm der Tod in der Ferne -eine traurige und eintönige Musik vorspiele, oder daß -ihn dunkle Männer schon hinaustragen wollten; er -träumte von Mimi, von Fliegenbraten und Vergißmeinnicht. -Doch einmal träumte er auch, daß Mimi -in einem Winkel totgetreten läge. Da fuhr er auf – -und freute sich, erwachend, daß es nur Trug gewesen.</p> - -<p>Als Dore früh am Morgen ihre Tür öffnete, -sah sie John im Hemd auf der Diele liegen und -den Vogel füttern. »Sie hatte schon Hunger,« flüsterte -er, seinen Spatz mit zärtlichen Blicken betrachtend.</p> - -<p>»Sie werden sich aber erkälten,« wandte Dore ein.</p> - -<p>»Was tut's,« murmelte er, ganz hingerissen von -der Lieblichkeit des kleinen Vogels.</p> - -<p>Mimi begann, auf der Diele herumzuhüpfen und -<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -zierliche Flugversuche zu unternehmen. John stieg -wieder ins Bett und sah ihr herzinnig zu. Sie hüpfte -herum, sie flatterte ein bißchen, und manchmal stieß -sie niedliche Tönchen aus. »Hörten Sie, Frau Kalnis?« -fragte John jedesmal entzückt, wenn Mimi einen -kleinen Zwitscher tat.</p> - -<p>Draußen musizierten die Vögel auf dem Birnbaum, -was sie konnten, jeder auf seine Art. Mimi -übte sich im Fliegen und ließ, antwortend, ihr feines -Stimmchen ertönen. Dore ging geschäftig hin und -her, ihr Zimmer reinmachend. John schloß die Augen, -um besser lauschen zu können, und schlummerte dabei -gegen seinen Willen ein. Als er sie wieder öffnete, -war alles still im Zimmer; von Mimi nichts zu hören, -nichts zu sehen. »Frau Kalnis,« rief er ängstlich, -»seh'n Sie doch mal nach, wo der Vogel ist! Ich -war eingeschlafen.«</p> - -<p>Dore erschrak, denn sie hatte den Vogel über ihrer -Arbeit ganz vergessen. Als sie suchend umherblickte, sah -sie ihn still und steif auf ihrer Schwelle liegen. »Herrgott, -den werd' ich wohl betreten haben!« rief sie bestürzt.</p> - -<p>»Aber doch nicht sehr?« schrie John, an seinen -Traum denkend.</p> - -<p>»Er ist tot,« flüsterte Dore, aufrichtig betrübt.</p> - -<p>John sprang aus dem Bett und packte sie erregt -an den Schultern. Dore wollte den Spatz, erschreckt, -durchs Fenster werfen, aber John riß ihn an sich -und ging mit ihm ins Bett. Dort hielt er Mimi, so -still er konnte, auf seiner zittrigen Trinkerhand, und -seine Tränen fielen dicht und warm neben den sterbenden -Vogel. Mimis kleiner Schnabel stand weit -<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -offen, und aus dem Halse quoll Blut. Das eine Auge -hing wie ein kleiner, bläulicher Globus ganz und gar -aus dem Kopf heraus. Das Körperchen zuckte noch -ein paarmal, und dann streckte es sich langsam aus: -Mimi war tot. Draußen zwitscherten die Vögel, was -sie konnten; aber kein feines, dünnes Stimmchen gab -mehr Antwort im Zimmer.</p> - -<p>John begrub seinen Vogel eigenhändig in einem -schönen Kästchen unter dem Birnbaum. Er tat es selbst, -damit es so gut wie möglich geschah. Und ihm war, -als begrabe er in dem Kästchen seine allerletzte Freude -auf Erden, als sei nun alles, auch alles für ihn zu -Ende. Die Sonne schien so schön, und der Birnbaum -regnete weiße Blüten – alles für andere, für ihn -nichts mehr; keine Schönheit und keine Freude: seine -Zeit war abgelaufen. Mit hängendem Kopf humpelte -er in seine Wohnung und legte sich schweigend ins Bett.</p> - -<p>Dore kam leise mit der Bibel zu ihm herein. -Ohne zu fragen, begann sie mit gedämpfter Stimme -sein Lieblingskapitel: das Hohe Lied. John schwieg, -das Gesicht nach der Wand gedreht. Aber als Dore -den Vers gelesen hatte:</p> - -<p>Ich bin hinab in den Nußgarten gegangen, zu -schauen die Sträuchlein am Bach, zu schauen, ob der -Weinstock grünete, ob die Granatäpfel blüheten ... -da sagte er: »Wie schön ist das nur! Das lies mir -vor, wenn ich sterbe.«</p> - -<p>»Sie werden ja nich sterben.«</p> - -<p>»Dumme Trine.«</p> - -<p>»Aber Herr Johnche ...«</p> - -<p>»Schweig!«</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -Sechstes Kapitel</h2> - - -<p class="in0"><b>H</b>eute war Onkel Johns Geburtstag, und darum -hatte er seine Sportmütze mit einer kurzen -Pfauenfeder geschmückt. Die Mütze auf einem -Ohr, ging er mit strahlender Miene in seinen großen -Blumengarten, hinter dem Hause. Neben ihm trippelte -ein Tier, das weder ein Hund noch eine Katze war, -sondern ein gewaltiger, goldroter Hahn, den Onkel -John »Kakao« nannte, weil der Hahn dieses Wort -so schön sagen konnte. Heute hingen tonnengroße -Lampions an den Akazien und Fliederbäumen des -Gartens, und die Wege waren frisch mit Kies bestreut. -In dem kleinen, künstlichen Teich, den ein -Kranz von großen rosa Muscheln umschloß, schwammen -ganz wunderliche, dunkle Fische herum, die sich -Onkel John für schweres Geld selbst zum Geburtstag -geschenkt hatte. Und ihre großen, hervortretenden -Augen beglückten ihn. Er hob Kakao in die Höhe, -damit er sie auch bewundern konnte. Aber Kakao -interessierte sich nur für sein Spiegelbild, mit gesträubten -Federn darauf losstrebend. »Dummer Junge,« -sagte der Onkel, ihn mit einem zärtlichen Klaps zur -Erde setzend. Die beiden Johns, der ältere wie der -<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -junge, hatten nebst andern Eigentümlichkeiten auch -die gemeinsam, daß sie den Tieren freundlicher gesinnt -waren als den Menschen, daß sie die Tiere -liebten, wie die Bibel befiehlt, den Nächsten zu -lieben, und daß sie die Menschen gern wie Tiere -behandelten.</p> - -<p>Hinter dem Blumengarten lag der Obst- und -Nußgarten, in dem dumpf und emsig ein Bienenvolk -brauste. Manchmal kam von dort ein Bienchen zu -Onkel John geflogen und kroch zutraulich auf ihm -herum. Die Bienen taten ihm nichts; sie kannten -ihn. Gleich einem glücklichen König stolzierte er in -seiner Blumenwildnis herum. Die Moosrosen, seine -Lieblinge, hatten Knospen getrieben, die Asphodelos, -die goldnen, grüßten ihn mit ihren schönen Häuptern, -wohin er seine Blicke auch wandte. Es war ein -Blühen überall, umflattert von bunten Schmetterlingen. -Onkel John liebte seinen Garten wie eine -schöne Frau. Seine Gattin war ihm nie, was ihm -sein Garten im Frühling war.</p> - -<p>»Willkommen, mein Prinz!« rief er heiter, als -sein Lieblingsneffe dahergestolpert kam.</p> - -<p>John torkelte ihm gerührt in die Arme und -küßte ihn, gratulierend, auf den fuchsgelben Schnurrbart. -Dann ging er gleich zu den wunderlichen -Fischen, die ziemlich matt in ihrem hellen Wasser -standen.</p> - -<p>»Rat' mal, was sie gekostet haben!« sagte der -Onkel und blies die Backen auf.</p> - -<p>Der Neffe meinte: »Hundert Mark.«</p> - -<p>»Was, hundert Mark?« Der Onkel rollte die -<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -grellblauen Augen. »Sag dreihundert und du hast -es getroffen.«</p> - -<p>Hundertfünfzig also, dachte John, aber er sprach -es nicht aus. Nun seinerseits die Augen rollend, -flüsterte er: »Dreihundert? Donnerwetter noch mal!«</p> - -<p>Das gefiel dem Onkel, das schmeichelte seinem -Protzentum. Er zog das Portemonnaie aus der -Tasche und schenkte dem Neffen wie einem Bedienten -zehn Mark, damit er den Tag auf seine Art feiern -könne. John kicherte und bedankte sich. Für die zehn -Mark wollte er zwei Flaschen Kognak kaufen: zwei -Flaschen Lethe gegen seinen Kummer – und seine -Schmerzen. Von denen er niemals sprach, über die -er niemals klagte: er trug sein selbstverschuldetes -Leiden mit stolzem Schweigen; kein Mensch, außer -dem Arzt, ahnte, wie groß die Qualen waren, die -ihm sein zerrütteter Körper bereitete. Der Onkel -holte ihm einen Stuhl an den Teich, weil er sah, -mit welcher Mühe er sich aufrecht erhielt. Kakao -stand gelangweilt umher. »Er sehnt sich nach seinen -Damen,« sagte schmunzelnd der alte John. Nach -einer Weile zog er mit dem Hahn ab, weil er -»dem Tier sein Vergnügen gönnte«, wie er sich ausdrückte.</p> - -<p>John stand schwerfällig auf und nahm eins der -schönsten Lampions herunter, eine feuerrote Tonne, -auf der Kraniche nach dem Mond schwebten. Er -versteckte es hinter einem Baum im Gras, um es -später mitzunehmen, wenn es sich unbemerkt machen ließ.</p> - -<p>Wie strahlend herrlich war der Garten! Welche -Fülle von Blumen und Schmetterlingen! John sah -<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> -sich seufzend um und sank dann wieder auf den Stuhl -zurück, die Arme auf die Lehne drückend und den Kopf -melancholisch darüberhängend. In seinen Ohren tönte -der Vers aus dem Hohen Lied, den er so sehr liebte:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">Ich bin hinab in den Nußgarten gegangen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">zu schauen die Sträuchlein am Bach,</td></tr> - <tr><td class="tdl">zu schauen, ob der Weinstock grünete,</td></tr> - <tr><td class="tdl">ob die Granatäpfel blüheten ...</td></tr> -</table> - -<p>Voll Neid dachte er an die, die sich am Nachmittag -im Garten vergnügen würden. Das waren -seine Eltern, seine Brüder, alle übrigen Verwandten -und noch viele, viele Leute, – nur er nicht, nur er -nicht. Sein Kopf sank noch mehr gegen den Wasserspiegel, -und eine Träne rann über sein gelbes Gesicht -zu den wunderlichen Fischen herab.</p> - -<p>Herrlich würde es sein im Garten – gegen -Abend, wenn der Mond erst schien und all die bunten -Lampions leuchteten. Lachende Leute würden am -Teich sitzen und roten und gelben Wein trinken, -Leute, die weder Kummer noch Schmerzen hatten -und vor sich ein schönes, langes Leben sahen. Das -Mondlicht würde auf ihren fröhlichen, roten Gesichtern -glänzen und auf den Weingläsern in ihren -Händen. Sie würden anstoßen und scherzen und -lachen und singen ...</p> - -<p>Und er? Und er? Er lag dann im Bett und -lauschte voll Grauen auf die eintönige Musik in -seinen Ohren, diese Musik, die immer schauerlicher, -immer todestrauriger wurde. Dann die Schmerzen – -und die Träume, die schrecklichen Träume ...</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -Und das alles, das alles durch eigne Schuld, -durch eigne Schuld; er durfte sich nicht beklagen, er -durfte niemand dafür verantwortlich machen.</p> - -<p>Onkel John war unbemerkt zurückgekommen und -stand nun laut lachend da. »Was, wir blasen Trübsal? -Heut', an meinem Geburtstag? Noch schöner!«</p> - -<p>John machte seine Miene steif und seine Stimme -hart. »Fällt mir nicht ein,« brummte er. »Ich seh -mir bloß die Biester aus nächster Nähe an.« Und -dann lehnte er sich zurück und erzählte dem Onkel, -daß Frau Kalnis mitunter in seinen Nußgarten gehe, -um dort heimlich junge Sträuchlein auszureißen, die -sie dann verkaufe.</p> - -<p>Ein verblüffender Junge, dachte der Onkel entzückt, -den Neffen mit Hochachtung betrachtend. »Diese -Person!« schmetterte er los, sich das Lachen verbeißend. -»Na warte! Die kauf ich mir!«</p> - -<p>Johns Gesicht war plötzlich noch fahler geworden. -»Hörst du das auch?« flüsterte er, in halb entsetztem, -halb seligem Lauschen.</p> - -<p>»Ich höre nichts,« sagte der Onkel; aber seine -Miene widersprach seinen Worten, und seine verlogenen -Augen suchten den Boden.</p> - -<p>»Da wieder!« schrie John.</p> - -<p>»Da wieder! Von dort! Jetzt noch lauter!«</p> - -<p>»Laut, lauter, am lautesten!« rief der Onkel, -schallend in die Hände klatschend. »Was ist dir, -mein Sohn?« fragte er neckisch. »Hast du Halluzinationen? -Bist du meschugge geworden? Aber setz -dich doch bloß. Ich lasse Wein bringen. Warte!«</p> - -<p>Aber John riß sich los und stürzte fort. Er -<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -eilte, so rasch er konnte, nach dem Hintergarten. Der -Onkel folgte ihm mit steinerner Miene. Mochte -kommen, was wollte, er war zu jeder Lüge bereit.</p> - -<p>Mit einer Kraft, die ihm niemand mehr zugetraut -hätte, riß John die verhakte Tür nach dem -Hintergarten auf. Seine Augen fuhren wie Blitze -durch den ganzen Garten und blieben rechts an einem -Häuschen hängen. Das Häuschen hatte er noch nie -gesehen.</p> - -<p>»Hab mir da einen Stall bauen lassen. Für -meine Ziegen,« sagte nachlässig der Onkel.</p> - -<p>»Seit wann hast du Ziegen?« stammelte John, -bis zum Wahnsinn enttäuscht.</p> - -<p>»Seit Monaten schon.«</p> - -<p>»Warum sagtest du denn, du hörtest nichts? -Warum sagtest du denn das? Du?«</p> - -<p>»Was ist das für ein Ton? Was – was erlaubst -du dir?« schnaubte der Onkel, eine neue Maske -auf dem falschen Gesicht.</p> - -<p>»Mämämämä ...« tönte es aus dem Stall.</p> - -<p>»Das ist Peter!« schrie John, nach dem Stall -stürzend. Der Stall war verschlossen; aber sein -leichtes Türchen gab unter einem wilden Fußtritt -nach – und wie ein Rasender stürzte ein schwarzundweißer -Ziegenbock heraus und auf seinen richtigen -Herrn zu.</p> - -<p>»Mein Junge!« stammelte John, ihn ganz außer -sich an sich drückend.</p> - -<p>Der Onkel stand mit angestrengter Heiterkeit -daneben. »Na, ist mir die Überraschung gelungen?« -fragte er frech.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -John sah ihn mit rollenden Augen an. Er -trat, die Faust hebend, auf ihn zu – doch da verließen -ihn seine Kräfte, und er mußte sich am Zaun -halten.</p> - -<p>Peter versuchte, seinem Herrn die Glatze zu lecken, -und eine schöne weiße Ziege, seine junge Frau, stand -neugierig neben ihm. Der Gärtner kam herbeigeeilt -und fragte, was geschehen sei. »Ach nichts,« sagte -Herr Zarnosky ganz ruhig, »mein Neffe behauptet, -daß es sein Bock sei.«</p> - -<p>»Das kann ja stimmen,« erwiderte der Gärtner, -»wechjelaufen is er doch von irjendwo.«</p> - -<p>»Ich muß einen Bock anschaffen. Zerline hat -sich an den Gefährten gewöhnt,« sagte Herr Zarnosky -mit Gemüt.</p> - -<p>John stieß die Hände des Onkels zurück, als -dieser ihm ein Glas Wein hinhielt. Aber als er ihm -das Lampion brachte, dessen Verschwinden dem alten -Fuchs nicht entgangen war, da lächelte er wie ein -Kind und nahm es hastig an sich. Der Onkel schickte -ihn in seinem Wagen nach Hause, und der Gärtner -ging mit Peter hinterher.</p> - -<p>Frau Kalnis mußte das Lampion an die verräucherte -Decke hängen, und abends, als John im -Bett lag, mußte sie es erleuchten. Der Trinker war -im siebenten Himmel mit seinem Peter, seinem eigenartigen -Beleuchtungskörper und den geschenkten zehn -Mark, für die er »herrlichen« Kognak kaufen wollte. -Beneiden tat er jetzt niemand, weder die Gäste im -Garten des Onkels, noch sonst wen. Er hielt die -weiche Nase seines Peters, der auf dem Bettvorleger -<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -lag, in der Hand, und die Augen hielt er entzückt -auf die glühende Papiertonne gerichtet: auf die -Kraniche, die nach dem Mond schwebten, während -er auf das lauschte, was Dore ihm vorlas. Sie -las ein Märchen von Andersen: Die Schneekönigin.</p> - -<p>Das Märchen schließt mit den Worten:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">Rosen, die blühen und verwehen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">wir werden das Christkind sehen.</td></tr> -</table> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -Siebentes Kapitel</h2> - - -<p class="in0"><b>J</b>ohn hatte seinen herrlichen Kognak bis auf -den letzten Tropfen genossen, und nun wollte -er alles tun, um wieder gesund zu werden. -Daß Peter wieder bei ihm war, flößte ihm neuen -Lebensmut ein. Mit ihm zusammen sollte es nun -auch wirklich in die Heilanstalt gehen.</p> - -<p>Die Mutter begann zu weinen, als er ihr eines -Morgens, stotternd und stammelnd, von seiner Absicht -sprach. »Siehst du, siehst du,« sagte sie, »jetzt -kommst du endlich zur Vernunft. Wie du dich gründlich -ruiniert hast.«</p> - -<p>»Meinst du, ich kann nicht mehr gesund werden?« -fragte John mit schwankender Stimme.</p> - -<p>»Was wirst du nicht wieder gesund werden können?!« -versetzte sie etwas gewaltsam. »Wir müssen -mit dem Doktor reden. Ich werde mit dem Doktor -reden, was der zu deinem Plan meint.«</p> - -<p>»Was warst du für ein gesundes Kind!« fuhr -sie in vorwurfsvollem Tone fort. »Wie haben sie -mich um dich beneidet! Du wogst neun Pfund, als -du geboren warst.«</p> - -<p>Diese Tatsache war John nicht neu, denn die -Mutter erzählte sie mit Vorliebe. Doch selbst heute -<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -versäumte er nicht zu fragen, was er danach immer -fragte: »Hatte ich auch schon Haare auf dem Kopf, -als ich geboren war?«</p> - -<p>Frau Zarnosky dachte siebenundzwanzig Jahre -zurück, und ein naives Lächeln trat langsam auf ihr -verweintes, immer etwas ängstlich blickendes Gesicht, -dessen einstige Anmut die Jahre vergewöhnlicht hatten. -»Ob du Haare hattest!« sagte sie stolz. »Dein ganzes -Köpfchen war mit langen schwarzen Haaren bedeckt. -Und die waren wie Seide. Und sie hatten dir einen -Scheitel gemacht, als sie dich zu mir brachten. Einen -Scheitel ...«</p> - -<p>John lachte unter Kopfschütteln, so wie ein -Mensch lacht, wenn er etwas höchst erstaunlich findet. -Und doch kannte er die Geschichte von seinem ersten -Scheitel schon über zwanzig Jahre. Er wie seine -Mutter hatten die glückliche Gemütsanlage, daß sie -sich mit solchen und ähnlichen Nichtigkeiten über den -Ernst einer Situation hinwegtäuschen konnten. Sie -waren wie Kinder: die vor Dunkelm die Augen -schließen und am Rande des Abgrunds ahnungslos -mit Blumen spielen. Und sie waren auch so leicht -wie Kinder zu trösten.</p> - -<p>»Wie ist es, hast du Schmerzen?« fragte Frau -Zarnosky, noch ganz verträumt.</p> - -<p>»Nur selten,« log John.</p> - -<p>»Na siehst du!« sagte die Mutter beruhigt. »Dann -ist es also nicht so schlimm. – Du bist ja jung,« setzte -sie hinzu. »In deinem Alter –! Herrgott, da kann -sich auch noch alles bessern! Ich werde gleich morgen -mit dem Doktor reden, was er dazu meint.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -»Und wenn er sagt, ich soll nicht?« fragte John -mit nervösem Lachen.</p> - -<p>Frau Zarnosky fuhr sich erschreckt über ihr dünnes, -glatt gescheiteltes Haar. »Dann wird er etwas andres -wissen,« beruhigte sie sich und ihn.</p> - -<p>Johns Miene wurde heller und heller. »Hast -du nicht ein bißchen Kaviar?« fragte er verschämt.</p> - -<p>»Wenn du nur noch immer Appetit hast,« sagte -die Mutter und lächelte, »dann ist noch alles nicht -so schlimm.«</p> - -<p>»Wo wird es auch schlimm sein!« brummte der -Trinker.</p> - -<p>Aber der Arzt war anderer Meinung. »Nicht -daran zu denken!« sagte er sehr ernst, als ihm Frau -Zarnosky Johns Entschluß mitteilte. Sie starrte ihn -an, als rede er dummes Zeug, denn sie hatte sich -bereits den schönsten Hoffnungen hingegeben und -schon dieses und jenes für die Reise vorbereitet. -»Bei seinem Zustand? Nicht daran zu denken!« -wiederholte der Arzt.</p> - -<p>Frau Zarnosky verlor gleich alle Selbstbeherrschung. -»Muß er denn sterben, Herr Doktor?« weinte -sie laut heraus, obgleich sie sich hätte denken können, -daß John an der Tür lauschte.</p> - -<p>»Nur ein Wunder könnte ihn retten,« sagte leise -der Arzt.</p> - -<p>In den Ohren des Lauschenden erhob sich ein -Brausen, das alle Geräusche um ihn verschlang. Er -vernahm nicht mehr, was der Arzt und die Mutter -noch weiter sprachen, einem Betrunkenen gleich -taumelte er hinaus auf den Hof und begab sich in -<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -seine Wohnung. Dort warf er sich auf das Sofa, -drehte sich nach der Wand und blieb so regungslos -bis zum Abend. Kein Bitten, kein Klagen, kein -Trost und keine Vorwürfe vermochten ihm ein Wort -zu entlocken. Der Wasserfall, der in seinen Ohren -zu brausen schien, ließ keinen Laut zu ihm dringen, -und die Verzweiflung, die ihn gepackt hatte, lähmte -seinen Körper und seinen Willen. Schließlich ließ -man Peter zu ihm herein, der kläglich meckerte, weil -man ihn tagüber zu füttern vergessen. Mit einem -kecken Satz sprang das Tier auf den Tisch, mitten -unter die Teller, einen zertretend, einen herunterwerfend, -und machte sich an Johns Abendbrot. Da -wandte sein Herr zum erstenmal den Kopf um. -»Peter,« flüsterte er, »haben sie dir nichts zu essen -gegeben?«</p> - -<p>»Mämämämä ...« erwiderte klagend der Bock.</p> - -<p>Sie werden ihn hungern lassen und werden ihn -schlagen und fortgeben, wenn ich erst tot bin, dachte -John entsetzt, und seine Willenskraft kehrte langsam -zurück, und das Brausen in seinen Ohren schien -schwächer zu werden. In seinem Kopfe reifte hastig -ein Entschluß – der ihm ganz seltsam erschien, wie -er das lebensvolle Tier so vor sich auf dem Tisch sah.</p> - -<p>Peter sollte getötet werden, ehe sein Herr starb. -John wollte eigenhändig diesem kräftigen jungen -Leben ein Ende machen.</p> - -<p>Sein Vorhaben entsetzte ihn beim Anblick des -gierig fressenden Tieres. Wer gab uns die Erlaubnis, -fragte er sich, mit dem Leben dieser Geschöpfe -zu verfahren, wie es uns beliebt? Was ist der -<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a> -Mensch für eine Bestie! Aber Peter mußte sterben, -wenn sein Herr einen ruhigen Tod haben sollte. Das -Todesurteil war unwiderruflich gefällt. Zum Wohl -des einen wie des andern.</p> - -<p>»Junge,« flüsterte John, »sieh mich mal an!«</p> - -<p>Der Bock hob den Kopf und sah seinem Herrn -dumm und lieb ins Gesicht.</p> - -<p>»Wenn du wüßtest, was über dich beschlossen -ist!« dachte John.</p> - -<p>Der Bock war mit dem Abendbrot fertig und -sprang zu seinem Herrn aufs Sofa. Dore wagte -heute nicht zu schelten. »Wollen Se nich auch was -essen? Soll ich nich noch was holen?« fragte sie.</p> - -<p>John sah sie an und wies stumm nach der Tür. -Da ging sie leise hinaus.</p> - -<p>Es wurde ganz still im Zimmer; Peter schlief -ein, und sein Herr blickte regungslos durch das -Fenster. Der Himmel war abendblau und doch noch -hell. Die Sichel des Neumonds schwebte gleich einem -silbernen Schmuckstück mit erikafarbenem Schimmer -über dem Hof, auf dem ein paar Arbeitspferde des -Ausspannens harrten, große, braune Pferde mit -schönen, glasklaren Augen. Eine Menge Schwalben -kreiste mit langen, süßen Schreien in der Luft; manchmal -so tief, daß sie fast die hohen Köpfe der Pferde -streiften. Aber die Pferde verharrten in majestätischer -Ruhe, die großen klaren Augen friedlich geradeaus -gerichtet. Das mußt du alles verlassen, dachte John, -vielleicht, wenn der Mond rund geworden – ist -das Trauerspiel schon aus. Er schauderte.</p> - -<p>Gab es einen Gott und ein ewiges Leben? -<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -Unnütze Frage! Die Toten konnten keine Antwort -geben und die Lebendigen nur darüber fabeln. Beides: -Gott und ewiges Leben, das waren doch wohl nur -Märchen – die schönsten Märchen, die die Menschheit -sich erfunden. Zum Trost erfunden.</p> - -<p>Märchen zum Trost! War das nicht zum Lachen -und zum Weinen?! Und da wurden hohe Häuser gebaut -und Lieder gesungen, um dieser Märchen willen, -für diesen eingebildeten König, der nur schweigen -konnte.</p> - -<p>»Wenn du existierst, dann rufe!« flüsterte John, -auf das Sofa schlagend. »Ich will's hören. Ich -hab's nötig.«</p> - -<p>– – – –?</p> - -<p>– – – –?</p> - -<p>Seine Hand erhob sich noch einmal; aber nicht -mehr beschwörend: resignierend. Er seufzte.</p> - -<p>»Die Macht des Todes kann niemand bezweifeln,« -sagte er darauf laut. »Wenn Gott existiert, dann -ist er ein Krüppel, denn er kann nicht sprechen; dann -ist er unglücklich, denn er kann nicht helfen ... Der -Tod – das ist ein andrer Kerl!«</p> - -<p>Und ihm war, als sähe er den Tod auf sich -zukommen, aus dem Dunkel einer Abendwolke, ähnlich -einem Mann mit einem Lasso, der bereit ist, die -Schlinge zu werfen. John schloß angstvoll die Augen -und duckte sich auf dem Sofa zusammen. Es war -aber nicht der Tod, der über ihn kam, der Schlaf -übermannte ihn plötzlich.</p> - -<p>Und ihm träumte: er stände lauschend auf einem -weiten, dunkeln Feld, auf dem es nichts gab, was -<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -ihm zur Deckung dienen konnte – wenn der Tod -kam. Denn der sollte kommen, der würde kommen, -das fühlte John mit einer Angst, die ihm Tigerstärke -gab. Eine unwiderstehliche Gewalt hatte ihn in das -Feld des Todes getrieben, und nun stand er und -wartete auf ihn mit angestrengtem Gehör und schreckensweiten -Augen. In der Ferne erklang eine schauerliche -Musik – die Musik seiner Nächte –, die ihm -das Herz mit Angst und Grauen zu zerreißen drohte. -Und plötzlich begann die Erde zu dröhnen von einem -riesigen Gespann, das windgeschwinde herangebraust -kam. Der Wagen war aus Erz, und aus Erz waren -die hohen Räder und aus Erz die Füße der dunkeln -Pferde. Und auf dem Wagen stand der Tod mit -einer eisernen Sichel in der Hand, eine Flöte am -Munde. Und die Räder und die Füße der Pferde -waren rot vom Blut der Zerstampften und Überfahrnen, -und die Sichel war rot vom Blut der Gemähten.</p> - -<p>John sprang mit einem lauten Angstschrei auf -den Rücken der Pferde und sah dem Tod ins Gesicht, -nach einem Schimpfwort suchend, das all sein -Entsetzen und seinen Abscheu zusammenfaßte. Der -Knochenmann grinste und hob elegant die Sichel. -Wie ein Balletmeister, dachte John, ihm in den Arm -fallend und mit ihm ringend.</p> - -<p>Wo der Tod hingriff, brannte es los wie Feuer, -und brachen die Knochen wie dürre Halme. Ein -Flammen und Splittern! John raffte seine letzte -Kraft zusammen und brach seinem Gegner den Arm -mit der Sichel ab. Dabei erwachte er.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -»Ich verbrenne! Wasser! Wasser!« stöhnte er, -nach Luft ringend. Peter meckerte kläglich.</p> - -<p>Dore stand schon mit Selterwasser da und gab -ihm zu trinken. John zeigte ihr stumm, was er in -der Hand hielt. »Sein Arm,« flüsterte er, noch immer -nach Luft ringend. »Ich hab ihn besiegt. Er wird -so bald nicht wiederkommen.«</p> - -<p>»Das is doch ein Stick Horn vom Ziegenbock,« -murmelte die Wärterin mit schadenfrohem Lächeln. -Aber John begriff nicht, was sie sagte.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -Achtes Kapitel</h2> - - -<p class="in0"><b>F</b>rau Kalnis setzte die Brille auf ihr schlaues, -gelbes Chinesinnengesicht und öffnete mit -zitternden Händen den großen, blauen Brief, -den ihr der Briefträger soeben gebracht hatte. Die -Buchstaben verneigten sich vor ihren Augen, tanzten -spöttisch hin und her und wollten sich durchaus nicht -fangen lassen. Es währte geraume Zeit, bis sie des -Inhalts habhaft wurde.</p> - -<p>»Herrjeses!« schrie sie da. »Hat ein Mensch schon -mal sowas erläbt?! Neineinei! Ich zieh! Ich zieh!« -Wie von der Tarantel gestochen, stürzte sie mit dem -Brief in Johns Zimmer, um ihn zur Rede zu stellen. -John lag mit gefalteten Händen auf dem Sofa.</p> - -<p>»Herrr!« brach sie los, mit »Rs« wie Trommelwirbel. -»Wer kann mir das einjebrockt haben als -Sie?! Wer kann mir das sonst schreiben als Ihr -verdrähter Onkel?! Ich kenn seine Handschrift. Da -schreibt er: Man beobachtet mich. Und ich soll meine -langen Finger doch im Zaum halten, sonst krieg ich's -mit der Polizei zu tun ... Gott, das muß ich mir, -mir sagen lassen! Für nuscht, für rein gar nuscht! -Ich zieh! Ich bleib nich unter solche Menschen! -<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -Ich ...« Hier verlor sich ihre Rede in einem heftigen -Hustenausbruch.</p> - -<p>John versuchte eine scheinheilige Miene zu machen, -aber er war viel zu kindisch, um über Dores Zorn -nicht lachen zu müssen. Bald kicherte er wie ein -dummer Junge.</p> - -<p>»Sie Hottentott!« stöhnte Dore. »Ich laß Sie -im Stich! Ich werf Ihnen hin! Wer bleibt bei -einem Menschen wie Sie?! Was möjen Se doch -bloß wieder aufjebracht haben?!«</p> - -<p>»Zügle dich,« sagte John vornehm und mit einem -sehr spitzen »Ü«.</p> - -<p>»Ziejiln Sie sich man lieber!« brauste Dore auf.</p> - -<p>»Übrigens,« sagte John, das Sofakissen betrachtend, -»möchte ich wissen, weshalb ich Ihnen das gerade -eingebrockt haben soll?«</p> - -<p>»Kein andrer,« knurrte sie.</p> - -<p>»Verklagen Sie doch Onkel John, wenn Sie -meinen, daß er den Brief geschrieben hat.«</p> - -<p>»Ich? D'n Onkel John verklagen?« Dore lachte -grimmig. »Eher nähm ich meine sieben Sachen und -mach mir auf die Sohlen. Nei! Mit dem bind ich -nich an! Der kann e unschuldjen Menschen durch -seine Märchen ins Zuchthaus bringen.«</p> - -<p>»Wissen Sie was?« flüsterte der gute Neffe. »Er -hat doch ein durchgegang'nes Reitpferd eingefangen -und dann vor Gericht geschworen, daß es seins ist.«</p> - -<p>»Nanana!«</p> - -<p>»Wahrhaftig Gott!«</p> - -<p>»Eins, was wahr ist,« sagte Dore feierlich, »daß -es mit dem noch mal ein schlechtes Ende nimmt, das -<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -steht fest. Sie und d'r Onkel, ihr wißt ja gar nicht, -was ihr anjeben sollt? Wozu ihr auf der Welt da seid?!«</p> - -<p>»Weißt du vielleicht, wozu du da bist?« näselte er.</p> - -<p>»Na, jewiß weiß ich.«</p> - -<p>»Das bild'st du dir ein!«</p> - -<p>Dore schlug nur stumm mit der Hand, denn der -Husten überfiel sie aufs neue. »Was muß e Mensch -sich ärjern,« hub sie dann wieder an. »Solche Jemeinheit! -Mir zittert alles! Aber der liebe Gott wird -ihn schon finden! Der wird ihn schon strafen!«</p> - -<p>»Was weißt du von Gott?« sagte John spöttisch.</p> - -<p>»Daß er Sie und Ihren Onkel strafen wird,« -entgegnete sie wild.</p> - -<p>»Dann ist dein Gott ein Teufel!« rief er, gereizt -werdend, denn er dachte: bin ich nicht schon -elend genug?!</p> - -<p>»Mein Gott ist ein Teifel?« wiederholte Dore -entsetzt. »Daß Ihnen nich der Blitz erschlächt!«</p> - -<p>John lachte. »Er kann nicht blitzen. Er ist -doch nur ein Märchen.« – »Gott,« sagte er und -sah zur Decke auf, »das sollte etwas sein, wie Blumenduft, -wie Harfenspiel und Sonne; nichts als Süße -und Herrlichkeit. Strafe und Gott? Blitz und Gott? -Das sollte nicht zusammenpassen.«</p> - -<p>Er schloß die Augen und sein ganzes Gesicht -arbeitete. »An Gott denken,« stammelte er, »das -sollte sein, wie an silberne Quellen denken in tiefen -grünen Märchenwäldern, wie an frische Wiesen -denken, neben rauschenden blauen Strömen, das sollte -sein, wie ein Versinken in etwas himmlisch Weiches -und Beruh'gendes.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -»Bring mir Papier und Bleistift,« sagte er -dann barsch und verlegen, »ich habe zu schreiben.«</p> - -<p>»Sie wollen schreiben?« fragte Dore, die Augen -noch weiter aufreißend. »Das haben Se ja noch -nie jetan.«</p> - -<p>»Das Personal hat seine Meinung für sich zu -behalten.«</p> - -<p>»Sie werden d's Schreiben verlernt haben.«</p> - -<p>Nun lag Papier und Bleistift vor ihm, und -John machte ein dummes Gesicht, weil er nicht wußte, -wie er anfangen sollte.</p> - -<p>»Was wollen Se doch bloß schreiben, mein -Lieberche?« fragte Dore, immer neugieriger werdend.</p> - -<p>Der Trinker rieb sich mit wichtiger Miene das -Kinn und schwieg. »Wie schreibt man Dienstag?« -fragte er dann. »Mit langem oder rundem S?«</p> - -<p>Frau Kalnis entschied sich mit Energie für das -runde.</p> - -<p>»Etwas scheinst du ja jelernt zu haben,« bemerkte -John herablassend.</p> - -<p>Dore fühlte sich geschmeichelt. »Etwas?« wiederholte -sie. »O! ich hab scheen jelernt. Ich war immer -die Erste in meine Klass'.«</p> - -<p>John war müde, als er Dienstag und das Datum -geschrieben hatte. »Schwer!« sagte er mit dem Kopfe -wackelnd und sich einen Kognak eingießend.</p> - -<p>»Ja,« sagte Dore, »d's Schreiberhandwerk is -nich so ohne ... Was haben Se doch bloß zu schreiben, -Herr Johnche?«</p> - -<p>Der Gefragte machte ein verschmitztes Gesicht, -indem er die Wärterin leise pfeifend angrinste. Er -<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a> -brannte darauf, das Geheimnis mitzuteilen; aber -wiederum war es auch hübsch, die neugierige Dore -zappeln zu lassen. »Holen Sie erst das Frühstück,« -gebot er gravitätisch.</p> - -<p>Frau Kalnis war von Natur so neugierig, wie -die Nachtigall es sein soll. Das Frühstück stand in -fünf Minuten auf dem Tisch. »Nu?« fragte sie gespannt, -den linken Arm in die Seite gestemmt.</p> - -<p>»Erst essen,« grinste John.</p> - -<p>Dore errötete vor Ärger und Enttäuschung. »Sie -sind mir erst e Koboldche,« sagte sie vorwurfsvoll.</p> - -<p>»Ich bin Ihnen erst e Koboldche,« spöttelte er.</p> - -<p>Die Litauerin wurde noch röter und ging stracks -in ihr Zimmer, die Tür hinter sich zuknallend.</p> - -<p>Nach einer Stunde bekam sie das große Geheimnis -zu wissen. John beabsichtigte, ein Schriftstück -zu verfassen, in dem er die ganze Welt vor dem -Trinken warnte. All seine Qualen wollte er darin -schildern und all seine Todesangst. »Wer das lesen -wird,« sagte er, »der wird nie, nie mehr zuviel -trinken, das kannst du mir glauben, Dore. In allen -Zeitungen soll es stehen, auch in den kleinsten.«</p> - -<p>»Das is mal scheen,« sagte Frau Kalnis, bis zu -Tränen gerührt, »Sie werden auch noch im Himmel -kommen.«</p> - -<p>»Will ich gar nicht,« brummte er. »Hier will -ich bleiben und gesund werden. Und was ich zu -schreiben beabsichtige, das soll hier, rot gedruckt, über -dem Sofa hängen.« Er klatschte mit der Hand auf -die Wand. »Du sollst mal sehen, Dore, wie mir das -gut tun wird, wenn ich das so tagtäglich vor Augen -<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a> -haben werde. Das wird mir schon das Trinken abgewöhnen.«</p> - -<p>»Vel–leicht« ... zerrte sie unter krampfhaftem -Gähnen heraus.</p> - -<p>»Aber für heute wollen wir es genug sein lassen,« -sagte er dann, das Papier mit dem schief und zittrig -geschriebenen Datum von sich schiebend. »Sowas -will erst ordentlich überlegt sein.«</p> - -<p>»O – ja!« erwiderte Dore, langsam mit dem -Kopfe nickend, und warf sich einen geheimnisvollen -Blick im Spiegel zu.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -Neuntes Kapitel</h2> - - -<p class="in0"><b>D</b>ie Fenster des Eßzimmers standen offen, -und der Regen trommelte eintönig auf -den Blechen. Die vielen Blumentöpfe, die -Frau Zarnosky auf der Veranda stehen hatte, erweckten -im Zimmer den Glauben, daß draußen ein -schöner Garten sei. John hockte fröstelnd am kalten -Ofen, drehte die Daumen umeinander und ließ keinen -Blick von der halbvollen Flasche Kognak, die auf -dem Büffet stand. Außer ihm war niemand in der -Wohnung als Amalie, die in der Küche saß und -Kartoffeln schälte. Frau Zarnosky war aus, und die -Jungen waren in der Schule. John drehte die -Daumen umeinander, wie gebannt auf die Flasche -starrend. Was für eine Seligkeit müßte es sein, dachte -er, jene Flasche auf einen Zug leeren zu dürfen!</p> - -<p>Alles, was er an Spirituosen besaß, stand jetzt -in Dores Schrank; so hatte er es haben wollen. -Frau Kalnis hatte ihm schwören müssen, fest und -unerbittlich zu bleiben, wenn er mehr Alkohol von -ihr verlangte, als er sich selbst zum langsamen Abgewöhnen -zudiktiert hatte. Den Schlüssel zum Schrank -mußte sie entweder bei sich tragen oder so verwahren, -<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -daß er ihn nie entdecken konnte. Auch sein Taschengeld -wanderte jetzt in jenen Schrank, und Dore -sollte das Ganze behalten dürfen, wenn es ihr gelang, -ihrem Herrn das Trinken abzugewöhnen.</p> - -<p>Es war ein stiller, kühler Sommertag. Der -Regen klopfte eintönig auf den Blechen, und langsam -und feierlich begannen die Glocken der nahen -Kirche zu läuten. »Trink, trink ...« sagte der Regen. -»Nein – nein ...« sagten die Glocken. John glaubte, -den größten Durst seines Lebens zu verspüren. Langsam -erhob er sich.</p> - -<p>Doch dann ging er zur Verandatür, um angestrengt -hinauszustarren. Aber er sah kaum, was -vor ihm lag, er sah immer nur die Flasche; sie schien -überall zu stehen, wohin er auch blickte.</p> - -<p>Das war eine Versuchung, wie sie schlimmer -nicht auszudenken war. Wenn er nicht unterliegen -wollte, so mußte er sich schleunigst aus dem Staube -machen, fliehen. Doch er floh nicht. Ja, er blickte -sich um und lächelte die Flasche an, wie ein krankes Kind.</p> - -<p>Ach, es war ja schon einerlei, ob er jenen Kognak -austrank oder nicht, sterben mußte er ja doch. Mit -einem Satz war er am Büffet und riß die Flasche -an sich.</p> - -<p>»Nein – nein ...« sagten die Glocken. Sie -klangen so furchtbar ernst, so düster warnend. John -merkte, daß sie zu einem Begräbnis läuteten und -setzte die Flasche wieder hin.</p> - -<p>Er wollte nicht sterben – nein, nein! – – -Wie der Kognak glänzte! – – Nur einen Schluck ...</p> - -<p>»Trink, trink ...« sagte der Regen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -Die Flasche glich einem Magnet, der seine Hand -unwiderstehlich an sich zog. Ehe er sich's versah, -hatte er sie schon wieder in der Hand.</p> - -<p>»Nein – nein ...« sagten die Glocken.</p> - -<p>»Still!« brummte John. »Ich will doch bloß mal -riechen.« Mit zitternden Händen bemühte er sich, -die Flasche zu entkorken, nicht merkend, daß jemand -ins Zimmer trat.</p> - -<p>»John, was machst du da?« rief lachend Onkel -Chlodwig.</p> - -<p>Der Ertappte zuckte heftig zusammen. »Nichts,« -stammelte er in nervöser Bestürzung. »Ich zähl' nur -die Gläser – ob alle da sind. Hier wird jetzt so -viel gestohlen. Amalie will ja nächstens heiraten.«</p> - -<p>»Amalie will heiraten?« kicherte der Onkel. -»Wen denn?«</p> - -<p>»Einen – einen Bierkutscher.«</p> - -<p>»Amalie!« rief Onkel Chlodwig, die Tür nach -dem Korridor öffnend. »Sie wollen einen Bierkutscher -heiraten? Das nenn ich mir eine treffende Wahl.«</p> - -<p>»Was? E Bierkutscher soll ich heiraten?« -brummte es in der Küche. »Lieber Ihnen, Herr Zarnosky,« -grunzte die Köchin.</p> - -<p>Der kleine Junggeselle klatschte vor Vergnügen -laut in die Hände. »Da täten Sie recht!« rief er -heiter. Dann ging er zum Büffet und goß sich einen -Kognak ein. »Du willst wohl keinen, John?« fragte -er mit zwinkernden Augen.</p> - -<p>»Nein, danke,« sagte dieser fromm. Bei dem -Schreck war seine Gier verflogen.</p> - -<p>»Da tust du recht,« lobte Onkel Chlodwig und -<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -zog seinen Schnurrbart zur Säuberung durch die -Lippen, um dann erst das Taschentuch zu benutzen.</p> - -<p>Es regnete nicht mehr, und die Sonne schimmerte -schon gelb durchs Gewölk. John ging auf den -Hof, um nach Peter zu sehen. Der Ziegenbock kniete -wie ein Götzenbild am Rande des Torwegs, als -habe er den Eingang zu bewachen. Seine Miene -war die eines alten Philosophen, der über rätselhafte -Dinge nachdenkt. Als er John erblickte, erhob er -sich gelassen und kam mit Würde auf ihn zu. Mit -derselben Würde nahm er die drei violetten Orden -aus seines Herrn Knopfloch zu sich.</p> - -<p>»Schmeckt's?« fragte dieser.</p> - -<p>Peter nickte fortwährend gemessen mit dem Kopf, -was er immer tat, wenn er etwas zu sich nahm. Seine -Kiefer bewegten sich dabei wie Mahlhölzer gegeneinander. -»Er setzt das Mühlchen in Bewegung,« -sagten Paul und Leo, wenn Peter zu fressen begann. – –</p> - -<p>Gegen Abend ging Frau Kalnis, ausnahmsweise, -zu einer Verwandten, die Geburtstag hatte. -John begann Andersens Märchen zu lesen, weil er -nicht beständig an die halbe Flasche Kognak denken -wollte; aber er konnte sie durchaus nicht vergessen. -Seine Augen versagten auch bald den Dienst, und -die immer größer werdende Unruhe in seinem ganzen -Körper machte ihm das Sitzen unerträglich. Er -stand auf und nahm Baldriantropfen.</p> - -<p>Um sieben brachte Amalie das Abendbrot. Sie -sah sehr ärgerlich aus, denn man hatte sie den ganzen -Tag mit ihrer Heirat aufgezogen. Mit dieser Heirat, -von der sie doch nichts wußte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -»Warum machen Sie ein so böses Gesicht?« -fragte John sofort.</p> - -<p>»Ach,« brummte sie, »der Onkel Chlodwig läßt -mich heite gar nich zufrieden.«</p> - -<p>»Heiraten Sie ihn doch, Amalie.«</p> - -<p>»Ach, heren Se schon auf mit das Ganze!«</p> - -<p>»Aber der Onkel Chlodwig schwärmt Ihnen an! -Sie können mir's glauben, Amalie! Wahrhaftig Gott!«</p> - -<p>Die Köchin verzog ihren dicken Mund zu einem -breiten, halbverschämten, schweigenden Grinsen. Ihre -steifen Wangenhügel, die so ruppig waren wie ein -Hahnenkamm, glühten um die Wette mit ihrer Nase, -die einer feurigen Kräuterbirne nicht unähnlich sah. -Amalie war eine Freundin von Bier und Schnäpsen, -und gegen Abend konnte man ihr diese Freundschaft -nur zu sehr vom Gesicht ablesen. »Sie knirbelt -kräftig,« pflegte John zu sagen.</p> - -<p>»Na, wie ist's?« fragte er, durch ihr Schweigen -gereizt. »Wollen Se meine Tante werden oder nich?«</p> - -<p>»Uzen Se mir auch noch?«</p> - -<p>»Ich denk' gar nicht dran! Onkel Chlodwig -geht schon lange mit der Absicht um, Ihnen zur -linken Hand zu heiraten.«</p> - -<p>Amalies dicker Mund weitete sich noch einmal, -und dann verschwand sie mit einer großen, ganz -neuen Hoffnung im Herzen.</p> - -<p>Das Abendbrot wollte John nicht schmecken; -ihm war noch schlechter als gewöhnlich. Die eine -Flasche Bier, die vor ihm stand, reizte ihn so lange -mit ihrer Kümmerlichkeit, bis er sie wütend vom -Tisch stieß. John fühlte sich plötzlich so furchtbar -<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -unglücklich, daß er sich am liebsten das Leben genommen -hätte. Sein ganzes Wesen verzehrte sich in -Sehnsucht nach Alkohol: nach jener halben Flasche -Kognak. Er konnte sich nicht länger beherrschen und -er wollte es auch nicht. Nicht länger zögernd, eilte -er zu Dores Schrank, in dem seine Flaschen standen. -Er bearbeitete die verschlossene Tür mit Fußtritten, -um zu seinem Eigentum zu gelangen; aber das alte -Möbel war aus gutem Holz, es widerstand allen -Stößen. Auch das Schloß widerstand, als er es mit -dem Taschenmesser aufzubrechen versuchte. Nun zerfetzte -er vor Wut Dores Fächerpalme, ihr Stuhlkissen, -ihre Nachtmütze. Aber als ihm das grüne -Staubtuch in die Hände fiel, aus dem er einst für -Mimi ein Nestchen gemacht hatte, da ließ er den -Kopf hängen und weinte.</p> - -<p>Er weinte über sein verfehltes Leben, das ihm -ebenso zerfetzt schien wie die Fächerpalme. Wie -anders hätte er jetzt dastehen können! Er bereute, er -bereute ... Zu spät! Nun war nichts mehr zu ändern.</p> - -<p>Ach, er fühlte sich so unsagbar verlassen, so kalt -dem Tode preisgegeben. Rodenberg war sein einziger -wahrer Freund. Durfte er sich überhaupt noch zu -den Lebenden rechnen? Er fühlte sich schon so fern -von allem, was lebte und lachte und genoß. Der -Tod war seine einzige Aussicht.</p> - -<p>Nur jene halbe Flasche Kognak wollte er noch -leeren.</p> - -<p>Der Glanz der Abendsonne war ihm aufs tiefste -zuwider. Er stach ihm so mitleidslos in die Augen. -John stieß eine Verwünschung aus und drohte mit -<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -der Faust nach der Sonne. Er trocknete sich mit dem -Staubtuch die Augen und beroch es dann von allen -Seiten wie ein armer, hungriger Hund.</p> - -<p>Es roch nicht nach Mimi, es roch nach Petroleum. -Trotzdem stopfte er es in die Tasche, um es öfters -ansehen zu können. Mimi war doch eine hübsche -Erinnerung, trotz ihres schrecklichen Todes.</p> - -<p>Und nun ging er sich den Kognak holen; er -hielt es nicht mehr aus ohne Alkohol, er hielt es -einfach nicht mehr aus. Seine Mütze war nicht zu -finden. Er setzte den kleinen, steifen Hut auf, den er -auf jenem Ausflug mit Johannes getragen.</p> - -<p>Die Hand auf die linke Seite gepreßt, arbeitete -er sich langsam und atemlos die Treppe herunter. -In seinen Ohren war ein dumpfes Sausen, und -sein Herz schien sehr weit und ganz still. Die Treppe -war immer ein Kunststück für ihn. Bis zu seiner -Haustür hatte er die feste Absicht, in die elterliche -Wohnung zu gehen, um sich den Kognak zu holen; -aber an der Tür besann er sich anders. Er wollte -doch lieber in die Kneipe gehen und sich dort etwas -geben lassen, als etwa im Eßzimmer Paul und Leo -antreffen, die ihn vielleicht daran hindern würden, -die Flasche zu nehmen. Und sicherlich würden sie -ihre Bemerkungen machen, ihn verspotten. Nein, -nein, er ging lieber in die Kneipe.</p> - -<p>Sein Herz arbeitete jetzt wie wild nach der -Treppe, es zitterte und sprang in seiner Brust, daß -ihm vor Angst der Schweiß ausbrach. Öfters stehen -bleibend, um Atem zu schöpfen, begab er sich über -den Hof nach der kleinen Kontortür im Torweg -<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -und öffnete sie. »Vater!« rief er herein, »gib mir -doch etwas Geld, ich will zum Barbier gehen.«</p> - -<p>»Jetzt abends noch?« brummte Herr Zarnosky.</p> - -<p>»Komm herein, Kronensohn!« rief Onkel John, -der dasaß und Märchen erzählte. »Wir wollen mal -sehen, was dein Bart für eine Farbe hat.«</p> - -<p>John trat ein und wiederholte seine Bitte. Herr -Zarnosky knurrte, daß der Gang zum Barbier eine -Finte sei. Er kenne das. Johns Barbier hieße -Suttkus. Der Märchenerzähler hatte schon das Portemonnaie -in der Hand; aber dann steckte er es rasch -wieder ein. Es war ihm noch rechtzeitig eingefallen, -daß sein lieblicher Neffe in einer Kneipe erzählt -haben sollte, daß er, der Onkel, ein Reitpferd eingefangen -und dann geschworen habe, daß es seins -sei. Und es war doch nur ein weggelaufener Ziegenbock -gewesen, dem er um Zerlines willen freundliche -Aufnahme gewährt hatte, weil er doch nicht wissen -konnte, wem er gehörte. Tiere sind sich ähnlich, hatte -Onkel John gedacht, und es war seiner Phantasie -bald gelungen, aus dem Bekannten einen Fremdling -zu machen. Ganz im tiefsten hatte er auch noch gedacht: -Er schenkt ihn mir ja sowieso, ehe er stirbt.</p> - -<p>»Der Vater hat hier zu entscheiden,« bemerkte -er würdevoll, nachdem er das Portemonnaie wieder -eingesteckt hatte. Und dann mit selbstgefälliger Anzüglichkeit: -»Man muß sich auch hüten, seine Wohltaten -an Leute zu verschwenden, die es einem mit -Undank lohnen.« Darauf mußte er lachen, weil er -diesem seiner Neffen nun einmal nicht böse sein -konnte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> -»Junge, halt' die Ohren stramm!« rief Onkel -Chlodwig vergnügt, indem er eine Bewegung mit -den Armen machte, als wolle er John, wie einst als -Kind, an den Ohren in die Höhe heben.</p> - -<p>Der Trinker ging schweigend hinaus und warf -schmetternd die Tür zu. Und die Brüder lachten und -ließen ihn ruhig gehen. In ihren Köpfen war die -Finsternis der Unbildung und der Gedankenlosigkeit.</p> - -<p>John begab sich stracks in den nächsten Gewürzladen -und ließ sich einen Kognak geben. Und noch -einen, und immer wieder noch einen. Nach einer -Weile wurde der Verkäufer in die Bierstube gerufen -und ließ ihn im Laden allein. John stand vor -der Tombank und lächelte dumm. Seine Stimmung -begann sich zu heben. Er fühlte sich wohl in dieser -Atmosphäre voll von Käse- und Biergeruch, in dieser -sauren Luft, die so wertlos war wie er selbst. Hier -wäre er gern für immer geblieben.</p> - -<p>Der Laden war nicht groß. Ein gemütlicher, -alter Laden mit ausgetretenen Dielen und kleinem -Schaufenster. Unter der niedrigen, rauchgeschwärzten -Decke brauste ein Heer von Fliegen. Fette Brummer -segelten gemächlich über die drei Käseglocken des -düsteren Repositoriums. Auf der klebrigen Tombank -stand in einsamer Schönheit eine Flasche Rum.</p> - -<p>John studierte aus der Ferne die Etikette: Jamaika-Rum. -Er trat einen Schritt näher: Jamaika-Rum. -Noch näher: Jamaika-Rum. Dann verwirrten -sich seine Gedanken; er glaubte, wieder, wie am -Vormittag, zu Hause vor dem Büffet zu stehen, und -nahm die Flasche in die Hand.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -Läuteten nicht die Glocken? Ihm war so. Er -stellte die Flasche wieder hin.</p> - -<p>Das Summen der Fliegen klang ihm jetzt wie -fernes Meeresbrausen, und der Fußboden schien sich -langsam hinter ihm in die Höhe zu heben. John -klammerte sich an die Tombank. Nun schien sich -auch die Flasche in Bewegung zu setzen, schien langsam -davongleiten zu wollen. Da packte er das lockende, -glitzernde Ding voller Angst mit beiden Händen und -stolperte damit nach der Tür.</p> - -<p>»Möchten Sie wohl die Flasche zurückgeben?!« -erscholl eine grobe Stimme aus dem Gang zur Bierstube, -und ein großer, stiernackiger Handwerker, ein -geschworener Feind der Familie Zarnosky, der John -heimlich beobachtet hatte, sprang vor und zischte: -»Schämen Sie sich nicht?! Ich werd' Sie anzeigen!«</p> - -<p>John ließ die Flasche fallen und sank vor Schreck -halb in die Knie. Und der wütende Tischler riß ihn -in die Höhe und hielt ihn fest. »Wer holt den -Schutzmann?« brüllte er.</p> - -<p>»Machen Sie keinen Unsinn!« flüsterte der herbeieilende -junge Mann. »Er hätte sie schon bezahlt. -Oder wir hätten die Rechnung geschickt. Ein guter -Kunde ...«</p> - -<p>»Ein Dieb!« schmetterte der Sargtischler. »Schutzmann! -Schutzmann!«</p> - -<p>John begriff nicht ganz, was um ihn vorging; -aber das Festgehaltenwerden unter Rufen nach dem -Schutzmann flößte ihm ein solches Entsetzen ein, daß -er sich wie ein Rasender losriß und davonstürzte.</p> - -<p>Mit dem schrecklichen Gedanken, er müsse sich -<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -jetzt etwas Entsetzlichem wegen das Leben nehmen, -rannte er die Straße herunter. Sie war nicht lang -und lag am Ende der Stadt. Bald stand der arme -Dieb am Rande des tiefen Teiches, zu dem er ganz -instinktiv geeilt war. Jenseits des Wassers war ein -dunkles Wäldchen, in dem sehr laut die Nachtigallen -sangen. Auch über dem Kopf des Verzweifelten -flöteten die Vögel in den Zweigen der Kastanien, -mit denen der Weg zu beiden Seiten besetzt war. -Hinter seinem Rücken flammte die Abendsonne in ihrer -ganzen Glorie. Sie thronte gleich einer mächtigen -Feuerkugel dicht über dem langen, flachen Dach eines -alten, hölzernen Getreideschuppens, der wie ein riesengroßer -schwarzer Sarg auf grünem Wiesenlande stand, -unter einem rostgelben Himmel. Doch John sah in -das glitzernde Wasser und beriet sich flüsternd mit -seinem Schicksal.</p> - -<p>»Muß ich? Muß ich?« fragte er, voller Angst -an seine Eltern denkend.</p> - -<p>»Aber sofort!« schien der Tischler zu rufen.</p> - -<p>John sah sich furchtsam um; aber es war niemand -außer ihm auf dem Wege. Er setzte sich auf -die Erde, weil er vor Müdigkeit nicht länger zu stehen -vermochte, und sein Denken wurde allmählich klarer.</p> - -<p>»Was hab' ich denn getan?« stammelte er wie -ein Kind. »Ich hab' doch nichts getan. Ich hatte -sie auf einmal in der Hand, ich weiß nicht wie. Ich -hätte sie doch bezahlt.«</p> - -<p>Der Tischler hatte ihm das eingebrockt – dieser -gehässige, heimtückische Kerl. John wußte: der Tischler -ging jetzt von Haus zu Haus und erzählte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> -Es bohrte ein Wort in seinem Kopf, dessen -Klang und Bedeutung er auf dem ganzen Weg -gesucht hatte. Nun war es da; es hieß: Schande.</p> - -<p>»Schande,« flüsterte er, »Schande,« wiederholte -er laut, und schon wurde es ihm zur Gewißheit, daß -das etwas war, was ihm nicht mehr viel anhaben -konnte. Seine Rolle auf Erden ging zu Ende. Was -tat ihm noch Schande?</p> - -<p>Aber seine Familie, seine Familie und die -Leute – – –?</p> - -<p>Seine Angehörigen sollten sich damit abfinden – -sie durften ja leben, während er – –</p> - -<p>Ja, was tat ihm noch Schande? Ihm? Er -kicherte mit zuckendem Munde. Und auf einmal warf -er sich vornüber und krallte die Hände in die warme -Erde.</p> - -<p>Er wollte alle Schande der Welt tragen – -wenn er nur leben durfte! Er liebte das Leben trotz -allem und allem, trotz seiner Schmerzen, trotz seiner -qualvollen Nächte. Er wollte alle Schande der Welt -tragen – nur nicht sterben!</p> - -<p>Die Frösche quakten, und die Vögel flöteten, -und ein Wagen kam gefahren. John richtete sich -langsam auf; er wollte nach Hause. Es war nicht -notwendig, daß er dem Schicksal vorgriff: das Ende -des Trauerspiels kam schon von selbst. Und alles -Auflehnen war vergebens.</p> - -<p>Der sich nähernde Wagen, ein gewöhnlicher -Einspänner, hielt an, als John dem Kutscher ein -herrisches »Halt!« zurief. »Helfen Sie mir herauf,« -befahl er ihm. »Ich will in die Stadt.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a> -»Ach, Sie sind es, Herr Zarnosky,« sagte der -Kutscher.</p> - -<p>»Hab' jefischt,« bemerkte John sehr hochmütig.</p> - -<p>»Und wo haben Sie Ihre Angel?«</p> - -<p>»Fortgeworfen. Kann mir eine neue kaufen.«</p> - -<p>Kurz vor der Stadt, da, wo es in das dunkle -Glaciswäldchen hineinging, sah man jetzt hurtig -Liebespaare verschwinden. Der Kutscher schnalzte -mit der Zunge und machte seine Bemerkungen. John -saß ganz still da und wunderte sich. Er wunderte -sich, daß es noch immer Liebespaare gab, daß die -Welt noch immer so war wie damals, als er mit -seiner ersten und einzigen Flamme, einer jungen Putzmacherin, -dort spazieren ging – vor hundert Jahren. -So lange schien ihm das wenigstens her. Wie ein -Greis sah er den Paaren nach und drehte verwundert -die Daumen umeinander.</p> - -<p>Er hätte den gewöhnlichsten Kognak der hübschesten -Putzmacherin vorgezogen.</p> - -<p>Am alten Stadttor leuchtete eine Gasflamme -wie ein grüner Stern durch die helle, rote Dämmerung. -Als der Wagen durch das Tor rollte, begann -John vor Angst zu frieren. Beim Auftauchen eines -Schutzmannes zuckte er heftig zusammen. Der Mann -grüßte freundlich und ging vorüber.</p> - -<p>Nun überkam ihn ein wilder Trotz. Erstens -hatte er nichts begangen, und selbst wenn er etwas -begangen hatte, so war ihm das ganz gleichgültig. -Mochte man ihn anzeigen. Ihm war schon alles -gleich. Nur um die Mutter tat es ihm leid. Um -die tat es ihm leid, um die andern nicht ... Seine -<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -Zähne schlugen zusammen, als sich der Wagen dem -väterlichen Hause näherte.</p> - -<p>Rodenberg stand, nach ihm ausspähend, am Torweg -und half ihm vom Wagen herunter. »Geben Sie -ihm was,« sagte John, nachlässig über die Schulter -zeigend. Der Kutscher nahm seinen Herrn unter den -Arm, weil dieser allein nicht zu gehen vermochte. -»Was machen Sie für ein Gesicht?« fragte ihn John. -»Lachen Sie doch, Rodenberg! Ich hab keine Angst! -Für was soll ich auch Angst haben?«</p> - -<p>»Der Beese war hier,« erzählte der Kutscher, -»und nu is der Herr fuchswild.«</p> - -<p>»Pah!« sagte John. »Was ich mir daraus mach!«</p> - -<p>»Er sitzt oben und wartet auf Ihnen.«</p> - -<p>»Der Vater?«</p> - -<p>Rodenberg nickte.</p> - -<p>John wurde kreidebleich. Er versuchte zu lachen; -doch plötzlich bekam er einen Krampfanfall. Rodenberg -schleppte ihn in seine Wohnung hinauf.</p> - -<p>Herr Zarnosky saß mit der Reitpeitsche in der -Hand. Sein sonst so frisches, großzügiges Gesicht -war blaß, und seine Zähne bearbeiteten unablässig -die starken Lippen. Als die Tür geöffnet wurde, stand -er auf.</p> - -<p>»So betrunken?« fragte er den Kutscher.</p> - -<p>»Krank,« sagte Rodenberg rauh, indem er seinen -jungen Herrn mit liebevoller Ungeschicklichkeit aufs -Bett trug.</p> - -<p>Herr Zarnosky setzte sich wieder aufs Sofa und -räusperte sich erregt. Frau Kalnis kam in diesem -Augenblick nach Hause, wie eine erschreckte Fledermaus -<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a> -ins Zimmer schwirrend, und schlug stumm die -Hände zusammen.</p> - -<p>»Herr Zarnosky trautstes, was is los? Was is -jeschähn? Ich will man bloß rasch d'e Umnahme abnähmen ...« -sie huschte in ihr Zimmer. »Herrjeh, -herrjeh, mein Palmbaum! Und d's Kissen! Jerechster -Vater, was is hier jeschähn? Nu hatte er sich doch -schon einije Tage so scheen jehalten.«</p> - -<p>Herr Zarnosky räusperte sich schweigend weiter. -Rodenberg schlich still hinaus, weil er meinte, daß -John in Dores Gegenwart keine Prügel bekommen -werde. Frau Kalnis kam mit einer Decke angeflogen, -die sie mit zitternden Händen über den unbedeckten -Tisch warf. Dann ging sie zu John. »Wasser,« -murmelte er leise.</p> - -<p>Herr Zarnosky trat mit der Reitpeitsche ans -Bett. »Besinne dich,« sagte er heiser, »was hast du -heute abend getan?«</p> - -<p>»Nichts,« stammelte John angstvoll, »nichts.«</p> - -<p>»Da geht doch dieser Lümmel hin und stiehlt!« -stieß der Vater erbittert hervor, und die Reitpeitsche -sauste nieder.</p> - -<p>Ehe sich's der Alte versah, war der Junge plötzlich -aufgesprungen und hatte ihn an der Kehle gepackt. -Wer weiß, was geschehen wäre, wenn Rodenberg – -durch Dore und den Lärm herbeigerufen – sich nicht -des Wütenden bemächtigt hätte. Er schaffte ihn wieder -ins Bett und beruhigte ihn, so gut er konnte. Herr -Zarnosky rang keuchend nach Atem. So träge und -ruhig er für gewöhnlich war, so wild und zügellos -konnte er im Zorn werden.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -»Warte!« knirschte er, sobald er sich von seinem -Schreck erholt hatte. »Du wirst dich an mir vergreifen? -An deinem Vater?« Und nun begann er John erst -recht zu züchtigen.</p> - -<p>Doch die meisten Schläge bekam Rodenberg, -der sich mit ausgebreiteten Armen über seinen Liebling -legte, und der nicht von ihm wich, so wütend -es ihm auch befohlen wurde. Zu sagen wagte er -nichts, ja, er wagte nicht einmal zu stöhnen. Die -Zähne zusammenbeißend hielt er tapfer stand, bis -sein Herr mit Schlagen aufhörte.</p> - -<p>Als Herr Zarnosky ohne ein Wort gegangen -war, richtete sich der Kutscher auf und sah Dore an, -und dieser Blick war die einzige Kritik, die er sich -über seinen Herrn erlaubte.</p> - -<p>Dore probierte, ob sie noch sprechen konnte. -»Gott! – nei! – pfui ...« Das war anfänglich -alles, was sie herausbekam. Sie schüttelte den Kopf -und schlug stumm mit der Hand, und dann sagte sie: -Das sei von jeher die Zarnoskysche Erziehungsmethode -gewesen.</p> - -<p>John lag ganz still da, und seine langen Wimpern -drückten sich so tief in die Wangen, als ob sie sich -nie mehr heben wollten. Doch mit der Zeit begann -er aufgeregt zu flüstern, Schreie auszustoßen und -mit den Armen zu fuchteln. Frau Zarnosky kam -heraufgestürzt und setzte sich weinend an sein Bett. -Sie nannte ihn bei seinem Kindheitsnamen, sie -glättete sein Kissen, sie streichelte ihn. Wohl eine -Stunde saß sie an seinem Bett und weinte; aber ihr -Weinen, dieses monotone Weinen, vermehrte nur -<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -seine Unruhe. »Nicht, nicht,« flüsterte er von Zeit -zu Zeit. Doch Frau Zarnosky ließ sich nicht stören; -sie war es nicht gewohnt, ihren Gefühlen Zwang -anzutun, und sie wäre empört gewesen, wenn ihr -jemand diese Tränen zum Vorwurf gemacht hätte.</p> - -<p>John schlief ein und ging im Traum unzählige -Male in den Laden und wurde dort unzählige Male -von Schutzleuten umringt, weil er jedesmal eine -Flasche mitgenommen haben sollte. Doch es gelang -ihm immer noch zu entkommen. Und einmal stellte -es sich heraus, daß er die Flasche bereits bezahlt -hatte. Die Schutzleute verneigten sich vor ihm, und -er schritt stolz wie ein Triumphator davon –: um -an der Tür auf den Tischler zu prallen, der ihm, -»Dieb!« brüllend, eine ungeheure Flasche aus der -Tasche zog. Die Schutzleute packten ihn, soviel Rodenberg -auch für ihn bat; aber er riß sich los und -stürzte sich, von seinem Vater verfolgt, in ein großes, -schwarzes Wasser. Das schlug dumpf über ihm zusammen, -sein Herz setzte aus, und dann sank er ohne -Ende in die Tiefe.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -Zehntes Kapitel</h2> - - -<p class="in0"><b>D</b>er Zarnoskysche Landauer rollte lautlos die -gerade, sonnige Chaussee entlang, die nach -einem Gasthaus im Walde führte. Die -neuen Rappen waren angespannt, und Rodenberg -ließ sie mit stolzer Miene dahinbrausen. Sein langer, -roter Bart glänzte in der Sonne wie ein Feuerchen -auf seinem engen, schwarzen Mantel. John saß neben -Dore auf dem Rücksitz des Wagens gegenüber seinen -Eltern, zwischen denen sein Bruder Paul einen bescheidenen -Platz einnahm. Diese Ausfahrt nach dem -Walde war Johns sehnlichster Wunsch gewesen, und -sein Vater erfüllte ihm seit einer Woche jeden Wunsch, -weil es ihn noch immer reute, daß er sich dem -Kranken gegenüber im Zorn vergessen hatte. Zudem -war John auch sein Liebling, trotz allem und allem.</p> - -<p>Nun blickte er stumm und schläfrig, den Strohhut -ins Gesicht gezogen, auf die grünen Felder, die -wie stille Seen zu beiden Seiten der Chaussee lagen. -Frau Kalnis interessierte sich für die Häuschen hier -und dort, Paul für die Windmühlen. Herr und -Frau Zarnosky interessierten sich für ihre Mittagsruh, -indem sie die Augen geschlossen hielten und -<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -schwiegen. Halbnackte Landkinder warfen Kornblumensträuße -in den Wagen und liefen dann mit offnen -Mäulern und ausgestreckten Händen nebenher, auf -die Bezahlung erpicht. Es machte John Spaß, sie -recht lange darauf warten zu lassen. »Wie heißt ihr? -Wie alt seid ihr?« fragte er zunächst. Erst als seine Fragen -beantwortet waren, ließ er langsam Pfennige regnen.</p> - -<p>Ein freundliches Dörfchen mit vielen Storchnestern -auf den Dächern und vielen bunten Blumen -in den Gärten glitt rasch vorüber. Dahinter kreuzte -die Chaussee eine Bahnstrecke. Dann kamen wieder -Wiesen und Felder und Roßgärten mit weidendem -Vieh. Und schließlich kam der Wald, der alte Tannenwald, -nach dem sich John so sehr gesehnt hatte. -»Ah!« machte er lächelnd, als der Wagen aus der -grellen Helle in den Schatten der Bäume rollte.</p> - -<p>»Wie es duftet!« murmelte Herr Zarnosky, die -Augen öffnend.</p> - -<p>»Nicht wahr?« sagten die Söhne wie aus einem -Munde.</p> - -<p>»Aber die vielen Bremsen!« seufzte Frau Zarnosky, -an die Pferde denkend.</p> - -<p>Nach einer halben Stunde hielt der Wagen vor -dem Waldgasthaus. Hier war die Chaussee zu Ende -und ein tiefer Sandweg begann. Das Gasthaus lag -breit und weiß am Wege mit grünen Fensterladen -und zwei Storchnestern auf dem bemoosten Schindeldach; -es sah ehrbar und freundlich aus. Der hagere -Wirt stand vor der Tür und hieß die Herrschaften -etwas still willkommen.</p> - -<p>Hinter dem Hause streckte sich ein langer, verwilderter -<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -Garten mit zwei Holzkolonnaden und einem -großen Grasplatz, auf dem ein paar Turngeräte -standen. Die Familie Zarnosky setzte sich in eine -Tannenlaube am Rande des grünen Platzes. John -lehnte sich an, faltete die Hände, ließ die Daumen -umeinander laufen und lächelte krank und müde. -Ein alter, krummbeiniger Kellner erschien und säuberte -gewissenhaft den Tisch.</p> - -<p>»Es riecht schon nach Heu,« sagte Herr Zarnosky, -mit der Nase schnuppernd.</p> - -<p>»Und irgendwo müssen Linden blühen,« stotterte -John.</p> - -<p>»Wenn der Kaffee hier nur nicht so gräßlich -wäre,« versetzte Frau Zarnosky in unwirschem Ton.</p> - -<p>»Du darfst ja nur eine kleine Tasse trinken,« -erwiderte ihr Gatte.</p> - -<p>»Ist mir auch noch zu viel,« nörgelte sie.</p> - -<p>Herr Zarnosky bestellte Bier, Selterwasser, Kaffee -und Kuchen. Der alte, krummbeinige Kellner dienerte -und verschwand. Bald kam das Bestellte und wurde -genossen. Frau Zarnosky und Paul nippten nur ein -wenig an ihrem Kaffee, und Dore nahm sich dann -der beiden Tassen an, nachdem sie die eigene mit -Vergnügen geleert hatte. An Sonntagen war das -Waldgasthaus immer sehr besucht, heute am Alltag -war es leer. Mit der Zeit fanden sich noch drei -andere Familien ein, die auch mit eigenem Fuhrwerk -kamen. Mehr Besuch erschien nicht. Der hagere -Wirt ging an den leeren Tischen vorüber und rieb -sich mit abwesender Miene die Hände. Paul beobachtete -ihn durch die Tannen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -»Der macht nicht mehr lange,« sagte er plötzlich.</p> - -<p>»Wer?« fragte John erschreckt.</p> - -<p>»Der Wirt,« brummte der Junge.</p> - -<p>»Gehen wir in den Wald?« fragte der Vater, -sich im Kreise umblickend.</p> - -<p>»Ich bleibe hier,« sagte John. »Aber ihr andern -könnt ja gehen. Auch Frau Kalnis.«</p> - -<p>»Ich bleib' bei Ihnen, Herr Johnche,« versetzte -Dore beflissen.</p> - -<p>»Dann bleiben wir doch schon alle hier,« entschied -der Vater.</p> - -<p>Paul sprang auf, um zu den Turngeräten zu -gehen, weil ihm das ewige Sitzen unerträglich wurde. -Und dann war ihm auch, als säße der Tod in der -Tannenlaube und als ginge der Tod durch die Gänge -des Gartens. Paul wünschte häufig, daß John bald -stürbe. Er empfand keine Liebe für diesen Bruder, -der, so weit er zurückdenken konnte, schon immer als -Taugenichts galt. Pauls Gefühle für John schwankten -zwischen Abneigung und verächtlichem Mitleid. Ebenso -erging es Leo. Die beiden Jungen hatten nichts -Böses begangen, als er auch sie überall zu verleumden -begann. Das verziehen sie ihm nie, hart wie Kinder -sind, und sie verziehen ihm auch nie sein herabgekommenes -Äußere. Sie mieden ihn jetzt wie einen -Aussätzigen, sie sahen fremd über ihn hinweg, wo sie -ihn trafen. Und das kränkte John, da er sie im -Grunde sehr lieb hatte, das reizte ihn zu Roheiten -ihnen gegenüber und zu immer neuen Verleumdungen -über sie.</p> - -<p>Paul rannte auf dem Schwebebaum hin und -<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -her, zur Aufbesserung seiner Stimmung wie eine -Dampfmaschine pustend. Er versuchte an dieses und -jenes zu denken; aber John beherrschte seine Gedanken.</p> - -<p>Wie einem Todkranken wohl zumute war?</p> - -<p>Paul schielte eine Weile nach dem gelben Gesicht -in der Tannenlaube und blickte dann rasch nach -der strahlenden Sonne. Jetzt glaubte er zu wissen, -wie einem Todkranken zumute war; aber aussprechen -hätte er es nicht können. Und er konnte auch seine -gedrückte Stimmung nicht loswerden, obgleich er so -tat, als sei er vergnügt, indem er auf dem Schwebebaum -hin und her sprang, bald mit den Armen, -bald mit der Mütze schlenkernd.</p> - -<p>»Seht bloß Paul an!« murmelte John, der sich -schlechter und schlechter fühlte, mit zuckenden Lippen.</p> - -<p>»Der Junge ist vergnügt,« schmunzelte der Vater.</p> - -<p>»Er ist gräßlich,« dachte John, die Zähne zusammenbeißend.</p> - -<p>Die Mutter ahnte, was in John vorging. »Paul!« -rief sie mit scharfer Stimme, »benimm dich vernünftig! -– Denkt der Bengel denn gar nicht an seinen -Bruder?!«</p> - -<p>John zuckte zusammen. »Warum soll er an mich -denken?« fragte er rauh.</p> - -<p>Frau Zarnosky machte ein wehleidiges Gesicht. -»Laß nur gut sein,« sagte sie tröstend, »es kommt -auf den, auch auf jenen; es kommt auf jeden einmal. -Du kannst auch noch gesund werden.«</p> - -<p>John hätte am liebsten losgeheult. »Ich möchte -hier gern ein bißchen allein sitzen,« stieß er hastig hervor, -als er seiner Stimme die nötige Festigkeit zutraute.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a> -»Wird das gehen?« fragte die Mutter besorgt. -»Soll Frau Kalnis nicht wenigstens bei dir bleiben?«</p> - -<p>»Ich will sie nicht sehen!« brach er los. »Ich -bin kein kleines Kind! Ich kann allein sitzen! Ihr -ärgert mich bloß!«</p> - -<p>»Wir ärgern dich?«</p> - -<p>»Ja!!!«</p> - -<p>»Man darf es ihm nicht übel nehmen,« sagte -die Mutter, »er ist so furchtbar nervös.«</p> - -<p>John winkte nur stumm mit der Hand, sie -möchten verschwinden, und diese Geste hatte etwas -so Verzweifeltes und so Zwingendes, daß sich die -Eltern denn auch ziemlich rasch mit Paul und Frau -Kalnis auf den Weg machten. Aber Dore wurde -nach wenigen Schritten auf einem versteckten Platz -zurückgelassen, damit sie auf John, ungesehen, achtgäbe.</p> - -<p>Paul sprang seinen Eltern, aufatmend, voraus. -Er meinte, es müsse heller werden, sobald er John -und den Garten hinter sich hatte. Anfangs schien's -ihm auch so; aber dann mußte er immer wieder an -ihn denken und sich vorstellen, wie er so allein in -der Tannenlaube saß. Dazu bewölkte sich der Himmel, -und ein kaum wahrnehmbarer Wind zog mit geisterhaftem -Seufzen durch die Tannenkronen. Ein Waldvogel -stieß eine Reihe schmerzlicher Töne aus und -wiederholte sie dann immer aufs neue.</p> - -<p>»Ich könnte weinen,« sagte die Mutter, als eine -Krähe krächzend über den Wald flog. Der Vater -schwieg mit gleichmütiger Miene.</p> - -<p>»Wir wollen lieber umkehren und nach Hause -fahren,« stieß Paul leise hervor, doch die Eltern -<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -gaben keine Antwort und gingen wie im Traume -weiter.</p> - -<p>Der Junge blieb hinter ihnen zurück und sah -sich mit großen Augen um.</p> - -<p>Wie die Bäume standen und starrten! Wie sein -Herz klopfte! Wie die Stille im Walde sauste! Oder -war es das Blut in seinem Kopf? Er steckte die -Finger in die Ohren; aber da wurde das unheimliche -Sausen noch stärker. Er reckte sich mit einem -zitternden Seufzer und spuckte beklommen auf den Weg.</p> - -<p>»Wenn ein Ast sich vom Stamm lösen will,« -ging es plötzlich durch seinen Kopf, »dann merkt es -der ganze Baum.«</p> - -<p>Und der Wald stand da wie erstarrt, wie versteint, -und alle Bäume schienen feindlich und erwartungsvoll -auf ihn zu blicken. Paul stieß einen -langen, hellen Ton aus, um den Bann zu brechen, -der wie über ihm auch über dem Wald zu liegen schien.</p> - -<p>Und er erschrak. Denn ein Echo gab den Ton -so seltsam wieder; er kam als ein Klagelaut durch -die Stille zurück.</p> - -<p>Paul graute es plötzlich. Er sprang seinen Eltern -nach, um ihrem traurigen Wandern ein Ende zu -machen. Die Mutter war bei seinem Ton erschrocken -stehen geblieben und sah sich um. »Wollen wir nicht -umkehren?« rief er ihr mit forcierter Munterkeit zu. -»Kehren wir doch lieber um! Hier ist es ja so langweilig!«</p> - -<p>»Ja, wir wollen umkehren,« versetzte sie mit -Hast und Bestimmtheit. Sie schien den Sinn dieses -Wortes erst diesmal zu fassen. »Komm!« sagte sie -rasch zu ihrem Mann.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a> -»Schon umkehren?« brummte er. »Nanu?«</p> - -<p>»Hier ist es gräßlich,« murmelte sie. »Man geht -ja hier wie in die Verbannung. – Wer weiß, was -ihm noch im Garten passiert?!«</p> - -<p>»Was kann ihm da passieren?!« erwiderte er -spöttisch, obgleich er ebenso gern umkehrte wie sie -und der Junge.</p> - -<p>Paul machte mehrmals den Weg, den seine -Eltern nur einmal machten, weil er wie ein junger -Hund immer hin und zurück lief. Als sie schon bald -am Gasthaus waren, kam er ihnen mit rotem Gesicht -entgegengestürzt: »Vater, Mutter, John sitzt bei -den Kutschern und spielt Karten! Wir müssen durch -die Seitentür gehen.«</p> - -<p>Herr Zarnosky wollte sofort hineilen, um John -vom Kutschertisch fortzuholen, doch seine Frau stellte -sich ihm in den Weg, aus Furcht vor einem Skandal. -Sie überredete ihn so lange, bis er ihnen durch die -Seitentür folgte; aber er war so wütend, daß er -fast keine Antwort gab.</p> - -<p>Frau Kalnis saß friedlich auf ihrem Platz, John -noch immer in der Tannenlaube wähnend.</p> - -<p>»Er sitzt bei den Kutschern!« herrschte Herr -Zarnosky sie an.</p> - -<p>Die Augen aufreißend, schlug sie die Hände zusammen. -»Bei die Kuhtschers?« wiederholte sie erbleichend.</p> - -<p>Der Kellner kam und fragte, ob etwas gefällig -sei. Frau Zarnosky hatte einen Einfall. »Es gibt -ja Krebse,« sagte sie rasch. Und leise zu ihrem -Mann: »Bestell welche! Dann wird er bald hier sein.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a> -John hatte seine Eltern nicht so rasch zurück -erwartet, sonst wäre er beizeiten auf seinem Platz -gewesen. Und nun wagte er sich nicht in die Tannenlaube, -aus Angst vor dem Vater. Als Frau Kalnis -ihn in den Garten bitten kam, wurde er aus Angst -frech: er käme nicht, er amüsiere sich hier besser. Als -sie für Rodenberg zwei Krebse brachte, die John -leckrig machen sollten, riß er den Teller an sich und -zeigte den wiehernden Kutschern, unter unfeinen -Redensarten, wie man Krebse äße. Die Kraft dazu -holte er sich fleißig aus Rodenbergs Seidel, das -Braunbier mit Rum enthielt. Der alte Kutscher -redete ihm zu, mit Frau Kalnis zu gehen; aber John -rührte sich nicht. Hier sei es gemütlich. Hier ärgere -ihn niemand. Er sei hier unter ehrlichen Menschen.</p> - -<p>Der Kutschertisch stand dem Gasthaus gegenüber, -jenseits der sandigen Landstraße neben einer -alten Eiche. An ihrem bemoosten Stamm hing eine -hölzerne Tafel mit Worten, die schon lange nicht -mehr zu lesen waren; aber man wußte, daß sie den -Heldenmut eines im Kriege gefallenen Brüderpaares -priesen. Frau Kalnis ließ ihren schwarzen Rock wieder -im Sande schleppen, als sie den Kutschertisch verließ, -aus Furcht, John könne ihr etwas Häßliches -nachrufen, wenn sie ihn aufzuheben wagte. Ihre -Backen glühten, und der Veilchenhut saß schief aus -ihrem dünnbehaarten Kopf.</p> - -<p>Sobald John mit den Krebsen fertig war, griff -er wieder nach den Karten. Rodenberg stand auf -und machte sich an den Pferden zu schaffen, in der -Hoffnung, daß John dann gehen werde. Vergebens. -<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -Herr Zarnosky junior bot den fremden Kutschern -jetzt Brüderschaft an, und wenn er eine Karte ausspielte, -so knallte er sie wie die andern mit der Faust -auf den Tisch. Die Kutscher hatten die Röcke ausgezogen -und saßen in Hemdsärmeln da. Der Kopf -des einen war wie eingeschroben in einen mächtigen, -feuerroten Fleischwulst, der rings um seinen Hals -lief. John mußte immer wieder auf diese rote, faltenschlagende -Masse starren. Schließlich bat er den -Kutscher um die Erlaubnis, sie betasten zu dürfen. -Der Mann hatte nichts dagegen und ließ es gutmütig -geschehen. In den Zweigen der Eiche hub -ein Vögelchen zu zwitschern an: »Züzüzüzüühe« ... -Die Kutscher achteten nicht darauf; aber John legte -den Kopf auf die Seite, machte ein liebliches Gesicht -und erwiderte: »Zekü, zekü, zekü« ... Und die -Poesie des einsamen Platzes an der Waldstraße überwältigte -ihn plötzlich so, daß er erblaßte.</p> - -<p>Frau Kalnis kam abermals durch den Sand -gestiefelt, um Rodenberg zu bestellen, daß er sofort -an der Seitentür vorzufahren habe. John erhob sich -wie im Traum. »Schon? Schon nach Hause?« -stammelte er erschreckt.</p> - -<p>Als die Familie aus dem Garten trat, sah sie -ihn wie einen armen Sünder, der sich nicht zu nähern -wagt, mit hängendem Kopf am Zaune stehen. Die -Mutter war sofort gerührt. Sie eilte zu ihm hin -und führte ihn unter sanften Vorwürfen zum Wagen. -Der Vater blickte ihn flüchtig an: »Wir sprechen -uns später,« sagte er hart und kurz.</p> - -<p>Der Wind schien eingeschlafen zu sein, und der -<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -Himmel war klar geworden. Er hing gleich einer -riesengroßen, blauen Glasglocke überm Walde. Die -Bäume standen hoch und still, und das taktmäßige -Trappeln der Rappen zog wie Musik durch den -schweigenden Forst. John atmete laut und hastig. -Sein Kopf sank beim Fahren bald nach rechts, bald -nach links. Der Vater erhob sich und wies ihm kurz -seinen Platz an, weil er sich dort besser anlehnen -konnte. Diese Fürsorge rührte den armen Sünder -bis zu Tränen. Sich schneuzend begann er nachzudenken, -wodurch er sich der erwiesenen Güte würdig -zeigen konnte. Er sah mit abbittender Miene vom -Vater zur Mutter, und das Denken fiel ihm furchtbar -sauer, weil Rodenbergs Mischung bei ihm zu -wirken begann. Plötzlich griff er mit aufleuchtenden -Augen in die Tasche und zog zwei sandige, bleierne -Teelöffel heraus, die er mit triumphierender Miene -im Kreise herumzeigte. »Für Frau Rodenberg,« sagte -er mit Augen, die um Beifall baten.</p> - -<p>»Die hat er aus dem Gasthaus mitgenommen,« -rief Paul erblassend.</p> - -<p>»Aber dort gefunden,« schmunzelte stolz der Betrunkene.</p> - -<p>Der Vater riß ihm die Löffel aus der Hand -und warf sie aus dem Wagen. »Wir sprechen uns -schon zu Hause,« sagte er wieder.</p> - -<p>John ließ die Unterlippe hängen wie ein arg -enttäuschtes Kind, das weinen will. »Sie trieben -sich doch unterm Kutschertisch im Sande herum,« -stotterte er.</p> - -<p>Paul hob die Augen zum Himmel auf. »Er -<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a> -gehört ganz einfach in eine Anstalt,« murmelte er, -den Kopf schüttelnd.</p> - -<p>»Ja, du!« blubberte John gekränkt.</p> - -<p>»Wenn es die Kutscher nun gesehen haben?« -jammerte Frau Zarnosky.</p> - -<p>»Nichts jesehn,« stammelte John. »Und sie sind -doch nur für Frau Rodenberg.«</p> - -<p>Er begriff die Menschen nicht mehr, und sie gefielen -ihm ganz und gar nicht. Das Leben war eine -einzige sonderbare Scheußlichkeit. Und er hatte nichts -als Feinde.</p> - -<p>Paul hatte sich vorgebeugt und hielt sich das -Taschentuch vor die Nase, weil er Johns Alkoholatmosphäre -nicht anders ertragen konnte. Von Zeit -zu Zeit stieß er indigniert die Luft aus. John beobachtete -ihn mit wachsendem Grimm; aber die Stille -im Wald zügelte ihn gegen seinen Willen. Frau -Kalnis begann schüchtern und wenig erwünscht von -der Schönheit des Sommertages zu sprechen und -von der Schönheit der hohen Tannen. Niemand erwiderte -etwas. Sie verstummte.</p> - -<p>Der Wald wich zurück, und die Felder begannen. -Paul entfaltete das Taschentuch und fächelte sich -seufzend und pustend frische Luft zu. John ließ ihn -schweigend gewähren; doch seine Augen weiteten sich -vor Wut, seine Hände zuckten krampfhaft hin und -her, und auf einmal, noch ehe der Vater es hindern -konnte, versetzte er seinem Bruder einen heftigen -Schlag in den Rücken.</p> - -<p>Frau Zarnosky, die mit geschlossenen Augen dagesessen -hatte, schrie laut los, als Paul plötzlich auf -<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a> -ihren Schoß kippte. Die Kalnis schlug die Hände -zusammen und klagte es stürmisch ihrem »jerechsten -Vater«. John verteidigte sich mit heftigen Worten. -Der plötzliche Tumult im Wagen war so groß, daß -die Rappen ängstlich die Ohren spitzten und dann -ein Tempo begannen, dem der erschreckte und angetrunkene -Rodenberg nicht gewachsen war.</p> - -<p>»Die Pferde gehen durch,« flüsterte Paul, der -es zuerst bemerkte.</p> - -<p>»Was? Was?« wiederholte entsetzt die Mutter, -und nun verfiel sie in ein angstvolles Weinen und -Jammern, das die jagenden Pferde noch mehr erschreckte.</p> - -<p>Dampfend und zischend brauste von links ein -Zug daher. Wie das Unheil selbst, so glitt er in -großem Bogen unaufhaltsam der Chaussee entgegen, -die er vor dem Dörfchen zu kreuzen hatte. Und die -Pferde ließen sich nicht zügeln, obgleich Rodenberg, -den das Entsetzen rasch ernüchterte, seine ganze Kraft -aufbot; sie jagten jetzt dahin, als wollten sie mit dem -Zug um die Wette laufen. Die Mutter hielt Paul -mit geschlossenen Augen umschlungen und merkte -nicht, daß John angstvoll und zärtlich ihre Hand -zu fassen suchte. »Ruhe, nur Ruhe!« sagte Herr -Zarnosky, der sich erhoben hatte und nach Hilfe umherspähte. -Paul hörte schon in seiner Phantasie das -Krachen, das erfolgen mußte, wenn der Zug über -Wagen und Pferde ging, und vor diesem Krachen -graute ihm fast am meisten. Gleichzeitig dachte er mit -der Lebensfülle der Jugend: ich kann nicht sterben – -und die andern auch nicht; es wird nichts passieren.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a> -John lehnte sich wieder zurück und schloß mit -ergebener Miene die Augen: seine Angst war plötzlich -verflogen. Er dachte: nun brauchst du nicht allein -durch die dunkle Pforte zu gehen; nun geht ihr alle -zusammen. Er sagte sich gar nicht, daß er an dem, -was vorging, schuld war. Ihn quälte nur eins: daß -er Peter in der Welt zurücklassen mußte.</p> - -<p>Seine Todesergebenheit ging in Ekstase über: -es dünkte ihn schön, an diesem wundervollen Sommernachmittag -mit Vater und Mutter zu sterben. Ja, -ihm war, als flögen sie schon alle zusammen durch -den Himmelsraum, einem gewaltigen Ereignis – -Gott entgegen. Er hörte bereits eine seltsame Musik, -die ihn schon aus dem Jenseits dünkte. Wie aus -der Ferne vernahm er Dores leises Beten, und er -faltete die Hände, um ihr nachzutun, aber er konnte -sich auf das, was er sagen wollte, auf das »Vaterunser« -gar nicht besinnen.</p> - -<p>»Festgemauert in der Erde ...« Nein, das war -kein Gebet. Doch da ihm nichts Besseres einfiel, ließ -er ruhig noch ein paar Reihen des Gedichtes folgen, -weil er plötzlich fühlte, daß es auf die Worte nicht -ankam, daß die Empfindung, die zum Beten treibt, -das Wichtigste ist.</p> - -<p>Nun ging er nicht allein in das große ungewisse -Land, nicht ohne Schutz, nicht ohne Verteidiger: -Vater und Mutter kamen mit – wie beruhigend das -war. Und wie seltsam es war, daß er nun bald -wissen würde, was hinter dem Tode kam.</p> - -<p>Vor der herabgelassenen Barriere scheuten die -Rappen zurück und bäumten wild in die Höhe. -<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a> -»Haltet sie!« schrie Herr Zarnosky ein paar herbeieilenden -Männern zu; denn nun wollten die Tiere -nach der Seite, um durch den Graben ins Feld zu -jagen oder auch auf die Schienen, und der Zug -tauchte hinter dem nächsten Gehöft auf. »Haltet -sie!« schrie Herr Zarnosky noch einmal, weiß wie der -Tod im Gesicht, und alle standen jetzt im Wagen, -bereit, im letzten Augenblick herauszuspringen. Aber -es gelang den kräftigen Männern, die Pferde zum -Stehen zu bringen.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a> -Elftes Kapitel</h2> - - -<p class="in0"><b>U</b>nförmige Wolken zogen wie seltsame Tiere -durchs Himmelsblau. Es war Nacht, und -die Mondsichel lugte gleich einem gelben, -schielenden Auge über die Wolkentiere herüber. »Er -scheint; aber ich kann ihn hier nicht sehen,« murmelte -John, der im Nachthemd am Fenster saß und Selterwasser -trank. Sein Wohn- und Schlafzimmer war -jetzt der Saal in der elterlichen Wohnung, weil er -die Treppe zu seiner eignen nicht mehr hinaufsteigen -konnte, und dann war es auch oben zu heiß für ihn -geworden.</p> - -<p>Im Saal war fast alles rot. Tapete, Türen, -Vorhänge, der Samtüberzug der Möbel, die Teppiche, -alles war rot. Rote Stoffe deckten auch den schwarzen -Flügel und den dunkeln Tisch. Auf den großen, -düsteren Ölgemälden, die allerdings goldene Rahmen -hatten, war die rote Farbe die vorherrschende. Das -war Zarnoskyscher Geschmack. Dann gab es noch -zwei vergoldete, weiße Vasen im Saal, die mit roten -Blumen gefüllt auf schwarzen Ständern standen, es -gab da noch einen dunkel gerahmten großen Spiegel und -einen alten Messingkronleuchter in roter Musselinhülle.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -Neben dem roten Sofa stand jetzt Johns Bett, -sein niedriges, breites, dunkles Bett, das in Form -und Farbe ganz gut in den Saal hineinpaßte. John -graute es in der Nacht beim Anblick der vielen roten -Sessel, die so still und leer um den Tisch und an -den Wänden standen, und am meisten graute ihm -dann vor den geflügelten schwarzen Drachen, die die -Tischplatte trugen. Er sah die Drachen im Traum -auf seinem Deckbett kauern und ihn bedrohen, oder -er hörte sie, nach ihm suchend, durchs Zimmer schwirren, -während er sich in wilder Angst hinter einem Sessel -zu verbergen suchte. Wachte er auf, so glaubte er -ihre großen, schrägen Augen böse und lauernd auf -sich gerichtet zu sehen. Der Tisch war eine Qual -mehr für seine Nächte; aber das verriet er niemand, -dazu war er viel zu stolz.</p> - -<p>Der Saal hatte drei dicht verhängte Fenster mit -purpurnen Übergardinen. John thronte auf einem -roten Sessel an dem Fenster, das sich seinem Bett -zunächst befand, vor sich ein Tischchen mit Selterwasser -besetzt. Er hatte die Gardine ein wenig zur -Seite geschoben und blickte mit traurigen Augen bald -nach dem Himmel, bald in die totenstille Grätengasse. -Von Zeit zu Zeit beugte er sich vor und lauschte -angestrengt nach der letzten Saaltür hin, die in das -Schlafzimmer seiner jüngeren Brüder führte. Dort -wurde noch geflüstert und halblaut gelacht. Auf seine -Kosten, dünkte es John. Wenn er seinen Namen zu -verstehen glaubte, machte er jedesmal eine Bewegung -mit dem Kopf, als ob er ein Insekt verscheuchen -müsse.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -Das Licht des Mondes erhellte die linke Seite -der Grätengasse mit einer matten, geisterhaften Helle. -Die alte, enge Straße, in der nur noch wenige -Laternen brannten, mündete gleich einem Rohr auf -einen breiten, tiefen Strom, in den schon manch Betrunkener -in dunkler Nacht hineingetorkelt war. Johns -Züge belebten sich, als ein einsamer Wanderer vor -dem Fenster auftauchte und über die Straße nach -der Grätengasse ging. Den Sargtischler erkennend, -zog er sich hinter die Gardine zurück, um seinen -Todfeind ungesehen zu beobachten. Der Tischler -blieb auf der gegenüberliegenden linken Ecke neben -der Laterne stehen und grinste höhnisch zu Johns -Fenster herüber. Die wenigsten wußten, warum er -die Familie Zarnosky so haßte, und die Zarnoskys -wußten es selbst nicht; außer Onkel John: der -Märchenerzähler und Verleumder wußte es.</p> - -<p>Nach einer Weile löste sich der Tischler von dem -Laternenpfahl und ging torkelnd die Straße herunter. -Jetzt erst bemerkte John, daß er stark betrunken war -und sich nur mit Mühe aufrecht erhielt. Am nächsten -Laternenpfahl sah er ihn wieder stehen bleiben und -mit der Faust herüberdrohen. John lachte; aber seine -Zähne schlugen vor Begier zusammen, wenn er sich -vorstellte, er besäße noch seine alte Kraft und könne -jetzt hinlaufen, um den Kerl durchzubläuen.</p> - -<p>Die linke Seite der Grätengasse hatte noch immer -ihre geisterhafte Mondbeleuchtung, doch schon trieben -große Wolken heran, um den blanken Halbmond zu -verschlingen. Der Tischler war weitergetorkelt und -bei seinem Häuschen angelangt, ohne es zu bemerken, -<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -wie es schien. John sah, wie er ohne zu zögern -daran vorbeischwankte. Zwei Häuser weiter drehte -er um und ging auf die andere Seite der Straße, -und dann ging er wieder vorwärts. Darauf wurde -es recht dunkel, denn nun hatten die Wolkentiere -den Mond verschlungen.</p> - -<p>Als der Mond wieder hervorbrach, war von -dem Tischler nichts mehr zu sehen. Die Grätengasse -lag starr und still wie eine Leiche da, und die Laternen -hielten die Totenwacht. John nahm an, daß der -Betrunkene entweder nach Hause gefunden hatte, -oder daß er seinen Rausch in irgendeinem offenen -Torweg ausschlief. Daß er verunglückt sein könne, -hielt er kaum für möglich.</p> - -<p>Das Starren in die leere Straße hatte ihn -müde gemacht, er stand auf und legte sich ins Bett. -Aber der Schlaf wollte trotzdem nicht kommen. Immer -wieder mußte er an den schönen Nachmittag denken, -als er zusammen mit Vater und Mutter zu sterben -glaubte. Nun sollte er wieder allein in das große -ungewisse Land. Und er wollte nicht, es graute ihm -zu sehr davor. Alle sollten ihn begleiten, seine ganze -Familie.</p> - -<p>Und das war doch nicht möglich ...</p> - -<p>Gegen Morgen erwachte er nach einem schönen -Traum und ganz ohne die traurige Musik, die stets -beim Erwachen in seinen Ohren zu klingen pflegte. -Ihm hatte geträumt, er küsse große, weiche, violette -Blumen, und das war so angenehm gewesen, so -schön, so beruhigend. Ihm war so wohl gewesen im -Traum, und auch noch viel besser war ihm als sonst. -<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -Er sehnte sich jetzt nur nach Blumen, nach vielen -weichen, kühlen Blumen, in die er sein Gesicht hineinbetten -konnte wie in seinem Traum.</p> - -<p>Um sieben klopfte es. Frau Kalnis brachte einen -Rosenstrauß, den Onkel John geschickt hatte.</p> - -<p>Wunder über Wunder, dachte John entzückt, -und wie ein Rausch überkam ihn die Hoffnung, er -könne vielleicht doch noch gesund werden.</p> - -<p>Da er sich so wohl fühlte, stand er bald auf, -um sich auf die Veranda zu setzen. Als er heraustrat, -wurde er sofort von Peter entdeckt, der schon -Turnübungen auf den Rollwagen vollführte. Fröhlich -meckernd kam das Tier dahergestürmt, warf die -Vorderbeine hoch in die Luft und fiel seinem Herrn -buchstäblich in die Arme.</p> - -<p>»Herr Johnche!« rief Rodenberg vom Pferdestall -her. »Se sollen mal jleich was Neies heren -kommen!«</p> - -<p>Johns Herz begann vor Neugier zu klopfen. -Vielleicht kommt noch mehr Gutes, dachte er. Peter -am Halsband nehmend, humpelte er so schnell er -konnte über den Hof. »Na?« fragte er den strahlenden -Kutscher.</p> - -<p>»Der Beese is diese Nacht besoffen im Wasser -jefallen und ertrunken.«</p> - -<p>»Das ist gut! Das ist gut!« rief John mit -triumphierender Miene und den zuckenden Bewegungen -eines Hampelmannes.</p> - -<p>»Ich frei mir ja auch,« sagte Rodenberg bieder.</p> - -<p>»Ich hab' ja zugesehen, wie er in der Nacht -durch die Grätengasse nach dem Wasser ging,« stammelte -<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a> -John, den die Neuigkeit förmlich elektrisierte. -»Er war mächtig im Tran. Und alle Augenblicke ist -er stehen geblieben und hat nach unserm Hause gedroht.«</p> - -<p>»Die Wichse, die uns der Schuft damals beide -einjetragen hat, was?« fragte Rodenberg mit zwinkernden -Augen.</p> - -<p>John lachte bereitwillig mit. Wie ein Rausch -war aufs neue die Hoffnung über ihn gekommen, -er könne – wenn so viel Unerwartetes geschehen -konnte – auch noch gesund werden.</p> - -<p>Aber als er wieder auf der Veranda saß, da -wußte er plötzlich nicht mehr, ob das, was er soeben -gehört zu haben glaubte, Traum oder Wirklichkeit -gewesen war, und ihm wurde ganz sonderbar und -schwindlig. Die Wirklichkeit schien sich langsam von -ihm zu entfernen, alle Geräusche wurden leiser, alle -Farben matter, und er wurde immer schläfriger, je -weiter alles von ihm fortwich. Mit einem angstvollen -Lachen griff er nach Peter, der wie ein treuer -Hund an seiner Seite stand.</p> - -<p>Alles geht von dir, dachte John, aber der verläßt -dich nicht.</p> - -<p>Wie warm Peter war. Und wie voll von -klopfendem Leben. Und das wollte er töten?!</p> - -<p>Das Tier sah seinem Herrn vertrauensvoll ins -Gesicht. John wandte den Blick zur Seite und reichte -ihm allen Zucker, den er bei sich hatte. Dann stand -er auf. »Wir müssen frisches Öl auf die Lampe -gießen,« murmelte er, »sonst geht sie aus.« Er schob -Peter auf den Hof und begab sich hinein zu der -<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> -großen Flasche, aus der er tagtäglich Beruhigung -und Kräfte bezog.</p> - -<p>Seit jenem häßlichen Abend im Gewürzladen -erinnerte John diese Flasche immer wieder an den -Ölkrug der biblischen Witwe, denn sie wurde wie -einst dieser niemals leer. John konnte aus der Flasche -trinken, soviel er wollte; unsichtbare Hände füllten sie -immer aufs neue voll. Aber der Kognak schmeckte -ihm nur noch selten wie früher, und er vertrug -auch nicht mehr viel. Er trank jetzt weniger zum -Vergnügen, er trank, um existieren zu können, um nicht -vor Schwäche, Unruhe und Schmerzen zu vergehen.</p> - -<p>Im Saal war es angenehm kühl nach der Hitze -draußen. Frau Kalnis saß strickend und hustend an -einem der Fenster und sagte kein Wort, als John -ein Wasserglas bis zur Hälfte mit Kognak füllte, -das er dann, in seinen Sessel gelehnt, langsam leerte. -Sein Gedächtnis kehrte zurück. »Wissen Sie das -Neuste?« fragte er Dore.</p> - -<p>»Daß der Tischler ins Wasser jefallen is? Ja, -das weiß ich.«</p> - -<p>»Na, was sagen Sie dazu?«</p> - -<p>»Is gut. An dem war nichts dran. Die Frau -wird froh sein.«</p> - -<p>»Er ist ins Wasser gefallen, weil ich es wünschte,« -prahlte der Trinker.</p> - -<p>»Stuß!« murmelte Dore.</p> - -<p>»Hier hab' ich in der Nacht gesessen und zugesehen, -wie er nach dem Wasser torkelte. Und da -hab' ich gewünscht, was ich konnte, er möchte reinfliegen -– und da is'r reingeflogen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a> -»Pfui! Dann sind Se ja e Mörder!« krähte Dore.</p> - -<p>»Stuß!« echote John.</p> - -<p>Nun hatte er wieder Kraft und Unternehmungsgeist, -die Schläfrigkeit war gewichen. Die Neuigkeit -von heute morgen hatte ihn sensationslüstern gemacht, -neugierig spähte er durch die Gardine die Grätengasse -herunter nach dem kleinen, braunen Häuschen, -das dem Tischler gehörte. Und je länger er nach -dem Häuschen blickte, desto mehr verlangte es ihn, -hinzugehen und die Leiche zu sehen. Er liebte es, -Leichen zu betrachten, er konnte sich nicht satt sehen -an ihren stillen Gesichtern; das Geheimnisvolle in -der Ruhe des Totenantlitzes zog ihn immer aufs -neue an. Er gab seiner Mutter nur kurze Antworten, -als sie sich liebevoll nach seinem Befinden erkundigte; -er wollte fort und sobald wie möglich. Kaum hatte -man ihn nach dem Frühstück allein gelassen, so stand -er auf und verließ den Saal, um seiner Sehnsucht -zu folgen.</p> - -<p>Auf der Grätengasse lag das Sonnenlicht so -schwer wie ein Alp. Die Straße war wenig belebt, -und die meisten Fenster waren verhängt, was den -Häusern ein blindes, totes, abweisendes Aussehen -gab. Auf einem Hof spielte eine verstimmte Leier -eine unschöne Melodie. Die Töne zogen rauh und -schrill durch die stille, trockne Luft. Von Zeit zu -Zeit sprang die Melodie wie toll vor Hitze in die -Höhe, um dann jedesmal mit einem häßlichen Schnarren -zu enden. John biß die Zähne zusammen, denn er -konnte keine Musik hören, ohne nicht weinen zu -müssen. Es fror ihn bald vor Unbehagen, trotz der -<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a> -Hitze, und die Musik erpreßte ihm Schweißtropfen. -Er hatte schon Lust umzukehren; aber das kleine -braune Haus lockte ihn unwiderstehlich.</p> - -<p>Auch dort waren alle Fenster verhängt, so daß -von außen nichts zu erspähen war. Scheu wie ein -Dieb trat John in den Flur und sah durch das -kleine Fenster in der Stubentür. Es war von innen -mit einem roten Gardinchen verhüllt, durch dessen -gehäkelte Spitze man bequem hindurchblicken konnte. -John sah die Frau des Tischlers still und vergrämt -an einem Tisch sitzen und nähen. Auf dem Fußboden -kauerte ihre schwachsinnige kleine Tochter und -spielte, unaufhörlich die Lippen bewegend und die -Zähne fletschend, mit einer zerrissenen Puppe. Das -Bild war unschön und traurig – und von einer Leiche -war nichts zu sehen. Entweder befand sie sich in der -Hinterstube, oder sie war auch gar nicht im Hause. -John wandte sich hastig ab und verließ rasch den Flur.</p> - -<p>Vor der Haustür blieb er wieder stehen und -starrte, gegen seinen Willen gefesselt, auf das große, -schmutzige Schild des Verunglückten.</p> - -<p>Solch einen Holzsarg wie da auf dem Schild -bekam er nicht, er bekam natürlich einen schönen, -weißen Zinksarg, – und der wurde über ihm verlötet, -so daß er nicht mehr heraus konnte.</p> - -<p>Er wollte nicht verlötet werden. Er wollte lieber -so, wie er ging und stand, zur Hölle fahren, als -verlötet werden.</p> - -<p>Was dachte er immer ans Sterben?! Er konnte -ja auch noch gesund werden.</p> - -<p>Die Hitze verursachte ihm Schwindel und Herzklopfen, -<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a> -es wurde ihm bald heiß, bald kalt. Dazu -schossen noch immer die schrillen Leiertöne wie Raketen -durch die Luft, und es roch nach qualmendem Pech, -das in einiger Entfernung auf der Straße gekocht -wurde. John wurde es so übel und so wirr im -Kopf; er wußte nicht mehr, wo er war. Die gellenden -Töne schienen schadenfroh gegen ihn anzuspringen, -schienen ihn umwerfen zu wollen. Es sah aus, als -wolle er tanzen, so drehte er sich plötzlich um sich selbst.</p> - -<p>»Solch eine Frechheit,« stammelte er. »Ich ...,« -er griff in die Luft und fiel besinnungslos zur Erde.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a> -Zwölftes Kapitel</h2> - - -<p class="in0"><b>E</b>s brannte eine Lampe im Saal, und Johannes -saß bei John am Bett und unterhielt sich -mit ihm in ängstlichem Flüsterton; denn -draußen zog ein schweres Gewitter herauf. Es war -drei Tage her, daß man John bewußtlos in der -Grätengasse fand. Seitdem lag er fest zu Bett.</p> - -<p>»So schwarz, schwarz ist der Himmel,« wisperte -Johannes, sich schüttelnd.</p> - -<p>Wenn die Welt doch untergehen möchte, dachte -der Kranke, wenn die Erde sich doch auftun möchte -und uns alle miteinander verschlingen!</p> - -<p>»So schwarz wie Onkel Chlodwigs Sofa,« setzte -Johannes hinzu.</p> - -<p>»Ja,« sagte John, »und dahinter steht vielleicht -noch glänzend die Sonne. Zu denken!«</p> - -<p>Der Idiot knackte verlegen mit seinen mageren -Fingern. »Hab Angst, hab Angst,« stammelte er.</p> - -<p>John blickte starr vor sich hin. »Erst alles schwarz,« -murmelte er, »alles trüb und dunkel. Aber dahinter -kommt vielleicht die Sonne – die nie mehr untergeht.« -Plötzlich fuhr er heftig in die Höhe. »Hörst -du, wie es bröckelt?« flüsterte er erregt. »Sie machen -<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a> -mich entzwei, ohne daß sie mich anrühren, ohne die -Hände zu bewegen.«</p> - -<p>»Wer? Wer?«</p> - -<p>»Dort!« John zeigte nach der Tür, die in das -Zimmer seiner Brüder führte, und dann nach der -Tür zum Eßzimmer. »Dort und überall!« stöhnte er.</p> - -<p>Und nach einer Pause: »Sie wünschen mir den -Tod, damit ich sie nicht länger geniere. Sie füllen -mir immer wieder die Flasche voll, damit ich mich -nur rasch totsaufe. Aber ich nehm' welche mit, ich -geh' nicht allein. – Hier ...,« er zog mit zitternden -Händen unter dem Laken ein Päckchen hervor und -zeigte es Johannes. »Schlafpulver, die ich nicht genommen -habe, die ich für andre aufsparte. Ja ...« -und er lachte wie ein Blöder, und der Schwachsinnige -lachte mit.</p> - -<p>Die ins Entree führende Saaltür wurde ungeschickt -aufgerissen, und Markus, Johannes' Bruder, -stürmte aufgeregt herein. »Tante Anna, Tante Anna, -ein Küßchen, bloß ein Küßchen!« rief er mit schmelzender -Stimme, indem er sich verschämt das eine -Auge mit der Hand verdeckte.</p> - -<p>»Idiot!« knurrte Johannes, der sich gegen Markus -die Klugheit selbst dünkte und diesen immerfort schalt -und berief, wenn ein Dritter zugegen war, aus -Furcht, man könne ihn sonst für ebenso einfältig -halten wie seinen Bruder. »Scher dich raus!« herrschte -er ihn an.</p> - -<p>Der baumlange Markus prallte einen Schritt -zurück; denn obgleich er eine ungeheure Kraft besaß, -hatte er doch ziemlich viel Respekt vor seinem älteren -<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a> -und klügeren Bruder. »Johnche erlaubst, Tante Anna, -Tante Anna sprechen?« fragte er bescheiden, den unförmigen -Kopf auf eine Seite gelegt.</p> - -<p>»Das muß ich mir erst eine Stunde überlegen,« -scherzte John.</p> - -<p>Markus verzehrte sich fast in Liebe zu Tante -Zarnosky. Dieser heimtückische, wenig folgsame Idiot -wurde unter ihren Blicken ein sanftes, aufs Wort -gehorchendes Kind. Für Frau Zarnosky hätte Markus -sich kreuzigen lassen. Er stieß einen Freudenschrei -aus, als seine Angebetete in den Saal trat. »Tante -Anna, Tante Anna,« schrie er erregt, »neue Stiefel, -neue Stiefel!« Und dabei hob er den einen Fuß, um -die neuen Stiefel zu zeigen, so hoch in die Höhe, -daß er beinahe das Gleichgewicht verlor.</p> - -<p>Frau Zarnosky lud ihn ein, zu Paul und Leo -ins Eßzimmer zu gehen, da sein lautes Wesen den -Kranken angriff. Markus drehte sich indessen so lange -seufzend an der Tür herum, bis sie ihm vorausging.</p> - -<p>Johannes sah seinem Bruder mit rollenden -Augen nach. »Idiot, Idiot!« schimpfte er, ganz rot -im Gesicht.</p> - -<p>»Und dieser Idiot,« sagte John bedeutungsvoll, -»wird deine ganze Gesellschaft sein, wenn ich erst tot -sein werde.«</p> - -<p>Johannes verstand das nicht; aber es ängstigte -ihn trotzdem. »Willst wirklich sterben?« fragte er leise.</p> - -<p>Der Kranke seufzte. »Es wird mir nichts anders -übrig bleiben,« entgegnete er.</p> - -<p>»Johnche,« wisperte Pfarrer, »wenn's nich sehr -weh tut, komm ich auch.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a> -John verzog das Gesicht. »Soll ich dir meine -Pistole geben?« fragte er freundlich.</p> - -<p>»Neinei! Spaß jemacht! Spaß jemacht!« stammelte -Johannes erschreckt.</p> - -<p>»Tut ja nicht weh,« scherzte John. »Ein Knall – -und du bist weg und gleich im Himmel, wo es Zigarren -und Bratäpfel und Glacéhandschuhe haufenweis -gibt.«</p> - -<p>Der Schwachsinnige senkte bestürzt den Kopf. -»Im Sommer ...,« begann er auf einmal, und dann -stockte er ratlos.</p> - -<p>»Was ist im Sommer?« fragte John.</p> - -<p>»So schön! So schön!«</p> - -<p>»Und da möchtest du nicht weg! Was?«</p> - -<p>»Nein,« flüsterte Johannes.</p> - -<p>»Aber wenn ich nun sterbe,« fuhr John mit erzwungener -Ruhe fort, »kann morgen, kann übermorgen -sein, dann wirst du es schlecht haben. Für -die andern bist du doch nur ›der Idiot‹. Wer wird -sich mit dir unterhalten? Und eure Marie, die wird -für euch noch miserabler kochen als jetzt, wenn ich -nicht mehr schmecken kommen werde. Sie wird euch -hungern und frieren lassen ...«</p> - -<p>»Neineinei!« winselte Johannes. »Wirklich wahr? -Wirklich wahr?« jammerte er.</p> - -<p>»Gewiß,« entgegnete John. Aber dann tat ihm -der arme, bestürzte Bursche leid. »Na,« sagte er, sich -zu einem Lachen zwingend, »vielleicht gibt es auch -noch einen andern Ausweg, als – ich will mal -nachdenken, was ich noch für euch beide tun kann.«</p> - -<p>»Ach ja! –« sagte Johannes, und seine ganze -<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a> -Todesangst und seine ganze Lebensgier war in dem -Zittern seiner Stimme.</p> - -<p>»Nun geh!« flüsterte John. »Ich bin müde, ich -will schlafen. Das Gewitter kommt noch nicht so -rasch.«</p> - -<p>»Und du wirst? Wirst ...?«</p> - -<p>»Ja, ja ...«</p> - -<p>Als der Schwachsinnige gegangen war, schloß -John die Augen und weinte.</p> - -<p>Auch der wollte nicht sterben. Selbst so ein -hilfloser, von allen verspotteter, armer Idiot hing -am Leben – – es war so schön im Sommer ...</p> - -<p>Und seiner Familie wünschte er den Tod. Und -Peter wollte er erschießen. Nein! Nein! Mochte -Onkel John Peter nehmen. Mochte alles leben, was -da leben durfte. Es war so schön im Sommer ...</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a> -Dreizehntes Kapitel</h2> - - -<p class="in0"><b>D</b>er Vater kam und saß an seinem Bett, -Onkel John kam, Onkel Chlodwig, auch -Eugen saß oft bei ihm. Die Mutter war -vom Morgen bis zum Abend um ihn, und der Arzt -erschien jeden Tag. Paul und Leo betraten den -Saal nur selten. Auf ihre Fragen nach seinem Befinden -erhielten sie auch nur selten eine Antwort von -John, und doch war er auf ihre Besuche am stolzesten. -Meistens lag er ganz ruhig da, und die Fliegen -umsummten seinen Mund.</p> - -<p>Einmal, während niemand bei ihm war, ergriff -ihn entsetzliche Todesangst. Sich wild aufrichtend, -umklammerte er krampfhaft den Bettstollen und rief: -»Ich geh' nicht fort, eh' ich nicht weiß, wohin es -geht!« Frau Zarnosky hörte es bis auf der Veranda; -aber sie vermochte sich vor Schreck und Entsetzen -nicht von der Stelle zu rühren. Sie schickte Onkel -Chlodwig zu ihm, und dann schickte sie zum Pfarrer, -damit er John von Gott und dem ewigen Leben -spräche.</p> - -<p>Die Nachmittagssonne strömte ihren Glanz durch -die purpurnen Fenstervorhänge, als der Geistliche, -<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a> -hoch und würdevoll, in den Saal trat. Er war der -Sohn eines Bauern und trat auch in Krankenstuben -nicht leise auf. Als er durch den stärksten der roten -Lichtströme ging, flammte sein rötlichbrauner Vollbart -wie Zunder auf, und sein starkknochiges, fanatisches -Gesicht schien in diesem feurigen Rahmen zu übermenschlichen -Dimensionen anzuschwellen. Er war -großartig anzusehen, wie er so durch den Glanz -schritt mit der Zuversicht seines Dünkels und seines -Glaubens. Er fixierte John so lange, bis dieser -verlegen die Augen niederschlug. »Wie geht's, mein -lieber Konfirmand?« fragte er liebevoll und pathetisch, -während sein Bart erlosch und sein Gesicht zusammenschrumpfte.</p> - -<p>John schob seine zitternde Trinkerhand mit Anstrengung -in die ausgestreckte feste Rechte des Pfarrers, -murmelnd, daß es ihm schlecht ginge.</p> - -<p>»Wir haben den lieben Herrgott und unsern -Herrn Christus vergessen, nicht wahr?« fragte der -Geistliche in eindringlichem Flüsterton.</p> - -<p>»Ja,« stotterte der Trinker mit einem kindischen -und albernen Lachen.</p> - -<p>»Wir haben vergessen, was wir vor dem Altar -gelobten, nicht wahr, mein lieber John?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Und wir sind böse und gottlos gewesen?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Und wir bereuen jetzt, ist es nicht so?«</p> - -<p>»Ja.« – John war bereit, zu allem »ja« zu -sagen, was der Pfarrer ihn fragte. Es ging eine -faszinierende Macht von diesem Bauernsohn aus, -<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a> -der er in seiner Schwachheit nicht gewachsen war. -Vergebens suchte er seine Blicke aus denen des -Fragenden zu reißen; er zog sie immer wieder an -sich. John lag wie gefesselt da, und seine Seele -kämpfte erfolglos gegen den Starken an seinem Bett.</p> - -<p>»Ist Ihre Reue auch aufrichtig? Fühlen Sie -aufrichtige Reue?« fuhr der Geistliche noch eindringlicher -fort.</p> - -<p>»Große Angst,« stammelte der Kranke.</p> - -<p>»Wir wollen beten!« – Das klang wie ein gedämpfter -Posaunenstoß, wie der selbstbewußte Ruf -eines bevorzugten Vasallen um Audienz bei seinem -Herrn. John schloß ermüdet die Augen und ließ ihn -reden, was er wollte. Er hörte kaum zu; aber seine -Verzweiflung wurde doch stiller unter dem warmen -Strom von Glauben und Zuversicht, der sich mit -den Worten des Betenden über ihn ergoß.</p> - -<p>»Hören Sie auch zu?« fragte plötzlich der Pfarrer.</p> - -<p>»Ja,« sagte John leise.</p> - -<p>»Beten Sie auch mit?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Wird Ihnen leichter ums Herz?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Und Sie bereuen? Voll Vertrauen auf einen -barmherzigen und gnädigen Gott?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Der Glaube kann Berge versetzen!« rief der -Pfarrer, daß es dröhnte. Und dann leiser: »Wenn -Sie von ganzem Herzen bereuen, dann wird der -Herr Ihre Sünden auslöschen, und Sie werden eingehen -zur ewigen Seligkeit.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a> -»Zur ewigen Seligkeit?« flüsterte ungläubig der -Trinker.</p> - -<p>»Ja! Zu den Asphodill- und Lilien-Fluren, zu -den Scharen der Seligen mit den goldenen Harfen.« -Die Augen des Sprechers leuchteten verzückt.</p> - -<p>»Asphodill- und Lilien-Fluren?« wiederholte -John wie ein Kind. »Und darüber ein Osterhimmel, -nicht wahr?«</p> - -<p>»Nein! Gott darüber!« sagte laut und feierlich -der Geistliche.</p> - -<p>John zuckte in plötzlicher Ergriffenheit zusammen, -und der Pfarrer erhob sich.</p> - -<p>»Der Herr lasse sein Antlitz über dir leuchten -und schenke dir seinen Frieden!« murmelte er voller -Inbrunst, die große, feste Hand segnend über den -Todgeweihten gereckt. Und dann ging er mit festen -Schritten von dannen, umflossen von der Pracht -seines Dünkels und der Zuversicht seines Glaubens. -Frau Kalnis öffnete ihm, demütig wie ein Hund, -die Tür. Als er ihr die Hand hinstreckte, durchfuhr -sie diese Herablassung wie ein Blitzstrahl.</p> - -<p>John dachte an die Asphodill- und Lilien-Fluren; -seine Phantasie schuf Bilder auf Bilder. O ja, er -hatte schon Lust, nach jenen Fluren auszuwandern, -nur glaubte er nicht, daß sie existierten. All das -waren schöne Märchen für Kinder und Schwachsinnige.</p> - -<p>»Na, wie ist Ihnen jetzt?« fragte Frau Kalnis, -noch ganz heiß von dem Händedruck.</p> - -<p>John machte mit Gewalt ein verschmitztes Gesicht. -»Wissen Sie was,« entgegnete er, »der Mövius -<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a> -hat direkte Telephonverbindung mit dem lieben -Gott.«</p> - -<p>»Oa!« rief sie enttäuscht. »Is das alles, was d'r -Mann bei Ihnen ausjerichtet hat?«</p> - -<p>»Ich bin schon angemeldet auf den Asphodill- und -Lilien-Fluren,« spöttelte er weiter, »und eine -goldne Harfe ist auch schon für mich bestellt. Bei -Petrus und Kompanie. Aber nobbel, sag ich dir!«</p> - -<p>»Schämen Sie sich!« schalt die Wärterin. »Sie -verdienen nich, im Himmel zu kommen! Sie werden -auch nich!«</p> - -<p>»Ich will auch gar nicht,« brummte er, »ich will -hier bleiben und gesund werden. Es ist mir noch -lange nicht genug!«</p> - -<p>»Noch nich jenuch jetrunken, was?«</p> - -<p>»Alles noch nicht genug,« murmelte John, unnatürlich -die Augen aufreißend.</p> - -<p>»Wenn der Mövius mein Vater gewesen wäre,« -sagte er nach einer Weile, »dann würde ich jetzt nicht -hier liegen; dann wäre schon was aus mir geworden.«</p> - -<p>»Sie beleidjen Ihren Vaterche!« zeterte Dore. -»Hat er nich alles für Sie jetan, was sein muß und -sein kann?!«</p> - -<p>»Er hat es nicht verstanden,« murmelte John.</p> - -<p>»Was sagt er?« fragte Frau Zarnosky, mit geröteten -Augen ins Zimmer tretend.</p> - -<p>»Er phantasiert e bißche,« half sich die Wärterin.</p> - -<p>Frau Zarnosky ließ sich am Krankenbett nieder -und ergriff still und mit den Tränen kämpfend ihres -Sohnes Hand. »Heul doch nicht immer!« hätte John -am liebsten gerufen; aber er wollte die Mutter nicht -<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a> -kränken und auch nicht zeigen, daß ihm ihre Tränen -eine Qual waren. Er schloß die Augen und tat, -als wolle er schlafen.</p> - -<p>Als sie ihn eingeschlafen glaubten, ließ Frau -Zarnosky ihren Tränen freien Lauf und sagte flüsternd -zu Dore: »Lange wird es nicht mehr dauern.«</p> - -<p>»Neinei,« entgegnete diese.</p> - -<p>»Ich darf mir wohl keine Vorwürfe machen,« -fuhr die Mutter fort. »Ich hab' wohl für ihn getan, -was in meinen Kräften stand.«</p> - -<p>»Das haben Se,« bestätigte die Wärterin.</p> - -<p>John tat sich Gewalt an, um sein Wachsein zu -verbergen; aber es wollte ihm nicht gelingen: sein -Herz zersprang vor Zorn und Angst. »Ihr könnt mir -alle gestohlen bleiben!« stieß er verzweifelt hervor.</p> - -<p>Frau Zarnosky sprang bestürzt auf. »Aber lieber -Junge – –« stotterte sie.</p> - -<p>Dore beruhigte Mutter und Sohn. Sie gab -John Medizin ein und glättete seine Kissen, wobei -ihr Mundwerk auch nicht einen Augenblick stillstand. -Trotzdem überhörte sie nicht das schüchterne Klopfen -an der Tür. »Das is der Pfarrerche,« sagte sie, -resolut »herein« rufend.</p> - -<p>Und es war der Pfarrerche. »Wie geht's? Wie -geht's?« fragte er, unter Verbeugungen näher tretend.</p> - -<p>»Besser natürlich,« erwiderte Frau Zarnosky, -und ihre weinerliche Stimme stand in lächerlichstem -Gegensatz zu ihren Worten. John hätte aus der -Haut fahren mögen.</p> - -<p>Johannes schlingerte sich unter verlegenem Händereiben -bis zum Bett, setzte sich auf die Kante des -<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a> -Stuhls, den Frau Zarnosky verlassen hatte, und -machte hungrige Augen. »Schon Abendbrot, Abendbrot -jejessen?« fragte er verschämt im Kreise herum.</p> - -<p>»Gib ihm doch was!« sagte John rasch zu seiner -Mutter.</p> - -<p>»Sie sind immer bei App'tit, Herr Pfarrerche -liebes, nich wahr?« schmunzelte Dore.</p> - -<p>Johannes sah sie unwillig an. »Wirst jefracht? -Wirst jefracht?« versetzte er indigniert.</p> - -<p>Er bekam ein großes Schinkenbrot, das er mit -stummer Wollust ergriff. Seine langen, nicht ganz -sauberen Finger umklammerten es fest und zärtlich. -»Schön, schön ... Danke, danke!« stammelte er mit -halbgeschlossenen Augen.</p> - -<p>»Na, Pfarrer, wie ist's mit dem Himmel?« fragte -ihn John ganz leise.</p> - -<p>Der Schwachsinnige lächelte leer und ängstlich. -»Noch e bißche warten; nächstes Jahr, nächstes Jahr.«</p> - -<p>»Na, ich weiß was,« fuhr John ebenso leise -fort, »Frau Kalnis soll zu euch ziehen, wenn ich -tot bin.«</p> - -<p>Johannes warf Dore ganz von untenauf einen -unbeschreiblichen Blick zu. »Meinst, meinst?« entgegnete -er ziemlich zerstreut, denn das Schinkenbrot -nahm seinen ganzen Menschen in Anspruch.</p> - -<p>»Ich möchte mit dir tauschen,« flüsterte John, -die Augen schließend.</p> - -<p>Und er öffnete sie nicht mehr an diesem Abend. -Doch im Geiste sah er sein ganzes Leben an sich -vorüberziehen: Sommer und Winter, Lenze und -Herbste; eine lange Kette von Tagen, die einst gewesen. -<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a> -Dabei wurde er schläfrig und schlief ein. -Und seine Träume waren nicht schrecklich, wie in den -meisten Nächten; sie hatten etwas Stilles, Wehmütiges -und Fernes, und manchmal waren sie auch schön. -Einmal ging er im Traum über die Asphodill- -und Lilien-Fluren, auf denen weiße Schafe im -Sonnenschein grasten und ein Hirte auf einer Schalmei -ein weltfremdes Lied ertönen ließ. John hörte ganz -deutlich eine wunderbare Melodie, die ihn so packte, -daß er erwachte; aber er öffnete nicht die Augen und -schlief bald wieder ein.</p> - -<p>Nun flog er durch die Nacht unter lauter Schattengebilden; -selbst ein Schatten: das Leben lag hinter -ihm. Und das gab ihm ein Gefühl, als sei eine Tür -hinter ihm zugefallen, die sich nie mehr öffnen würde, -soviel er auch bitten, flehen und schreien würde. -Doch diese Empfindung erweckte nur ein ganz mattes, -unklares Entsetzen in ihm. Er flog über meilenweite -Schneefelder, auf denen sich dunkle Ungeheuer wanden, -tief, tief unter ihm. »Wir können dir nichts mehr -tun,« klang es zu ihm herauf, »denn du bist ja schon -tot.« Peter (den er erschossen zu haben glaubte) -kam ihm entgegengestürmt und begrüßte ihn mit lautloser, -schattenhafter Freude. Sobald er ihn fassen -wollte, zerfloß das Tier, um sich dann wieder zu -einem nebelhaften Gebilde zusammenzusetzen. John -bereute bitter, daß er ihn getötet hatte. Das kümmerlichste -Leben, dachte er, ist tausendmal besser als -tot sein.</p> - -<p>Es wurde sehr früh Tag im Saal, weil das -mittelste der Fenster auf seinen Wunsch unverhängt -<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a> -geblieben war: er wollte doch das Licht genießen, -solange er noch konnte. Und nun kam schon früh -die Sonne zu ihm herein und weckte ihn ganz leise -auf. Die Augen öffnend, sah er sich ratlos um: war -er denn nicht gestorben? Ihm wurde so feierlich zumute -in dem totenstillen, hellen Raum, er mußte plötzlich -die Hände falten, und obgleich er nicht betete, -war seine Stimmung so fromm wie ein Gebet.</p> - -<p>Kam er von Gott, dieser feierliche Frieden, den -er plötzlich empfand? War es Gott, der die Verzweiflung -von ihm genommen? Der ihn ohne Worte -tröstete?</p> - -<p>Vielleicht ... vielleicht ... Wenn es einen Gott gab!</p> - -<p>Wie hatte der Pfarrer doch schon gesagt: »Der -Herr lasse sein Antlitz über dir leuchten und schenke -dir seinen Frieden.«</p> - -<p>Vielleicht kam er von Gott.</p> - -<p>Die Sonne, die durchs Fenster schien, dünkte -ihn schon eine andere Sonne, und alles dünkte ihn -schon so anders als gestern. Ihm war, als sähe er -auf das Leben wie von einem Berg zurück, den er -im Traum erstiegen hatte – und nun wollte er nichts -mehr von ihm, auf einmal hatte er genug, war lebenssatt -und todesbereit. Und sie war nicht ohne Wollust, -diese Hingabe an den Tod, sie war ein ungeahnter -Genuß, ein so großer, daß er Mitleid zu fühlen begann -für alle, die zurückbleiben mußten und noch -weite Strecken auf den gefährlichen, staubigen Wegen -des Lebens zu wandern hatten.</p> - -<p>Und jetzt war er überzeugt, daß er den Weg -gegangen, den sein Schicksal, das heißt seine Anlagen -<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a> -ihm bestimmten, daß es kaum in seiner Macht -gelegen, einen andern zu gehen, und daß er darum -eher zu beklagen als zu verdammen war. Weder -er noch seine Eltern trugen schwere Schuld an seinem -Los, weder sie noch er waren im Grunde dafür verantwortlich -zu machen. Seine Anlagen waren ihm -zum Verderben geworden, das war es! Und seine -Anlagen waren eine Laune der Natur, für die niemand -verantwortlich war, auch nicht Vater und Mutter, -und sie waren stärker gewesen als sie alle zusammen. -Laune der Natur war Gutes wie Böses, und das -mußte hingenommen werden wie Sonne und Regen, -wie Stille und Sturm – denn wer konnte die Natur -zur Verantwortung ziehen? Nach Willkür brausten -die Winde, nach Willkür traf der Blitz, es gab keinen -Herrscher über den Launen der Natur. Aber vielleicht, -vielleicht gab es doch etwas Liebes und Gutes -im All: einen Gott, nicht zum Herrschen, zum -Trösten da.</p> - -<p>Der Morgen rückte vor. Die Sonne wurde von -grauen Wolken bedeckt; Regen fiel. Ein trauriger -Wind zog leise klagend an den Fenstern vorüber. -Dore saß jetzt am Krankenbett, strickend lauschte sie -dem Wind und dem seltsamen Schnarchen des -Kranken; in ihren Augen war eine dumpfe Angst -vor der Zukunft. Plötzlich erwachte John und sah -sie an – und verstand. »Du ziehst zu den Idioten, -wenn ich tot bin,« flüsterte er. »Du kannst dir ja -ein Mädchen halten. Der Vater wird dir ein Drittel -meines Erbteils geben.«</p> - -<p>»Aber Herr Johnche trautstes ...«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a> -»Ruf ihn! Er soll es mir versprechen.«</p> - -<p>Die Wärterin mußte gehorchen, und Herr Zarnosky -kam, den Kamm in der Hand, herbeigestürzt. -Er versprach alles, was John wollte, sich in der Bestürzung -mechanisch weiterkämmend. Hustend und sich -räuspernd, um seinen Schmerz und seine Rührung -zu verbergen, starrte er dem Sohn wie gebannt ins -Gesicht. »Möchtest du nicht was trinken?« fragte er -einmal über das andere.</p> - -<p>John schüttelte mit einem fremden Lächeln den -Kopf.</p> - -<p>»Champagner, wie?«</p> - -<p>»Ich kann nicht mehr.«</p> - -<p>»Na, es wird schon alles wieder besser werden,« -sagte Herr Zarnosky mit rauher Stimme, und in -diesem Augenblick hätte er alle seine andern Kinder -hingegeben, wenn er John dafür zurückbekommen -hätte, wie er vor zehn Jahren war. Sein Gewissen -regte sich zum ersten Male laut und heftig diesem -Ende gegenüber, er fühlte sich nicht mehr frei von -aller Schuld beim Anblick seines sterbenden Sohnes. -Und obgleich er sich sagte, daß vielleicht auch ein -Stärkerer als er John gegenüber versagt hätte, so -schien ihm nun doch nicht genug, was er um ihn -getan hatte. »Nicht genug, nicht genug ...« das erhob -sich wie ein Klingen in seinen Ohren, das nicht -mehr enden wollte. »Hab' ich dich nicht immer gewarnt?« -stieß er wie zu seiner Verteidigung unsicher -hervor.</p> - -<p>»Besser werden,« murmelte John, die Augen -schließend.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a> -Herr Zarnosky streckte die Hand aus und fuhr -ihm mit ungeschickter, verzweifelter Zärtlichkeit über -das Gesicht, dann drehte er sich wortlos um und -ging, die Zähne zusammenbeißend, hinaus.</p> - -<p>Abends gegen zehn verlangte John mit klaren -Augen Champagner, und Dore beeilte sich, ihm das -Gewünschte zu holen. Während des Trinkens riß -er sich immer wieder am Halse, weil ihm das Schlucken -sonderbar schwer fiel. »Will nicht mehr rutschen,« -sagte er mit einer traurigen Grimasse. Dann legte -er sich zurück, faltete die Hände und ließ wie in -alten Tagen die Daumen umeinander laufen. Frau -Kalnis holte ihr Strickzeug und setzte sich zu ihm -ans Bett.</p> - -<p>»Dore,« sagte er plötzlich, »war das alles: geboren -werden, saufen und nun sterben?«</p> - -<p>»Wie meinen Se, Herr Johnche?«</p> - -<p>»Ich meine, ob das alles war, was ich erleben -sollte?«</p> - -<p>»Na–e ...« und mehr wußte sie nicht.</p> - -<p>»Dann war mein ganzes Leben fünf Pfennige -wert!« stieß John zwischen den Zähnen hervor.</p> - -<p>»Aber vielleicht kommt doch noch etwas,« murmelte -er dann. »Etwas muß doch noch kommen, es -war doch noch so gar nichts, so gar nichts – – -Vielleicht ist der Tod eine angenehme Überraschung,« -setzte er mit Humor hinzu. Darauf sah er starr vor -sich hin und sagte: »Vielleicht ist der Tod das einzige -große Erlebnis im Leben der meisten Menschen.«</p> - -<p>»Denken Sie auch an Gott?« fragte Frau Kalnis.</p> - -<p>John hatte die Augen geschlossen und schwieg.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a> -»Hörst du? Ach, hörst du?« murmelte er nach -einer Weile.</p> - -<p>»Ich her nichts,« entgegnete die Wärterin.</p> - -<p>»Musik!« flüsterte er. »So traurig und so schön! -Wie von vielen Wassern – – Wie von großen -Wäldern – – Wie von Stürmen – – So schwer -und so tief und so traurig schön!« Nach diesen -Worten öffnete er rasch die Augen und sagte wie -in einer plötzlichen Erleuchtung: »Weißt du, wozu -ich gepaßt hätte, Dore?«</p> - -<p>»Na?«</p> - -<p>»Ich hätte Musik machen können.«</p> - -<p>»Jewiß,« bestätigte die Wärterin, »was konnten -Se doch bloß scheen d'n Flohwalzer spielen.«</p> - -<p>John kicherte nervös vor sich hin; ein Kichern -das wie ein Schluchzen klang. »Du hast es getroffen,« -flüsterte er, »auf d'n Flohwalzer kommt es -an.« Dann seufzte er tief und schloß die Augen.</p> - -<p>Die Wärterin ließ ihr Strickzeug in den Schoß -sinken und sah ihn an. Und es kam ihr vor, als -verändere sich sein Gesicht, während sie ihn unverwandt -anblickte. Sie saß wohl eine halbe Stunde -so, das Strickzeug im Schoß. »Er jefällt mir gar -nich,« murmelte sie, als Frau Zarnosky ans Krankenbett -kam.</p> - -<p>»Er schläft doch so schön,« sagte die Mutter.</p> - -<p>Und die beiden Frauen standen und blickten -stumm auf den Schläfer. Sie glaubten eine Ewigkeit -so zu stehen, wie von unsichtbaren Mächten festgehalten. -Draußen plätscherte der Regen, draußen -war das Leben. Und im Zimmer war der Tod, das -<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a> -fühlten sie nun alle beide. John lag ganz still. Doch -plötzlich wurde er unruhig: und während ein krampfhaftes -Zucken durch seinen ganzen Körper lief und -sein Gesicht sich verzerrte, schlug er die Augen auf -und suchte mit großen, angstvollen Blicken die Mutter; -er schien etwas sagen, etwas rufen zu wollen. Frau -Zarnosky beugte sich tief zu ihm herab; aber er sagte -nichts, konnte nichts mehr sagen. Sein Kopf sank -ein wenig zur Seite, die Lider schlossen sich zur Hälfte -über den glasig werdenden Augen – ein Röcheln, -ein Ausstrecken, der Gesichtsausdruck wurde friedlicher -– starr: John war tot.</p> - -<hr /> - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a> -Deutsche Romane und Erzählungen</h2> - - -<p class="in0"><span class="fsl">Lily Braun</span>, Memoiren einer Sozialistin, Roman</p> - -<p class="si fss">Geheftet 6 Mark, gebunden 7 Mark 50 Pf., in Halbfranz 9 Mark</p> - - -<p class="in0"><span class="fsl">Alexander Castel</span>, Der seltsame Kampf, Drei Novellen</p> - -<p class="si fss">Geheftet 3 Mark 50 Pf., in Pappband 5 Mark, in Halbfranz 6 Mark 50 Pf.</p> - - -<p class="in0"><span class="fsl">Max Dauthendey</span>, Lingam, Asiatische Novellen</p> - -<p class="si fss">Geh. 2 Mark 50 Pf., geb. 3 Mark 50 Pf., in Halbfranz 5 Mark 50 Pf.</p> - - -<p class="in0"><span class="fsl">Hermann Gottschalk</span>, Gerhard Frickeborns Freiheit, Roman</p> - -<p class="si fss">Geheftet 5 Mark 50 Pf., gebunden 7 Mark, in Halbfranz 8 Mark 50 Pf.</p> - - -<p class="in0"><span class="fsl">Otto Gysae</span>, Die Schwestern Hellwege, Roman</p> - -<p class="si fss">Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark</p> - -<p class="in0 ml2">Edele Prangen, Roman</p> - -<p class="si fss">Geh. 3 Mark 50 Pf., geb. 4 Mark 50 Pf.</p> - -<p class="in0 ml2">Die silberne Tänzerin, Roman</p> - -<p class="si fss">Geheftet 3 Mark 50 Pf., gebunden 4 Mark 50 Pf., in Leder 6 Mark 50 Pf.</p> - - -<p class="in0"><span class="fsl">Max Halbe</span>, Der Ring des Lebens, Novellen</p> - -<p class="si fss">Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark, in Halbfranz 6 Mark</p> - - -<p class="in0"><span class="fsl">Karl Borromäus Heinrich</span>, Karl Asenkofer, Roman</p> - -<p class="si fss">Geheftet 3 Mark 50 Pf., gebunden 5 Mark, in Halbfranz 6 Mark 50 Pf.</p> - -<p class="in0 ml2">Karl Asenkofers Flucht und Zuflucht, Roman</p> - -<p class="si fss">Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark, in Halbfranz 6 Mark</p> - -<p class="in0 ml2">Menschen von Gottes Gnaden, Roman</p> - -<p class="si fss">Geheftet 3 Mark, in Pappband 4 Mark, in Halbfranz 6 Mark</p> - - -<p class="in0"><span class="fsl">Hermann Hesse</span>, Gertrud, Roman</p> - -<p class="si fss">Geheftet 4 Mark, in Pappband 5 Mark 50 Pf., in Halbfranz 7 Mark</p> - - -<p class="in0"><span class="fsl">Korfiz Holm</span>, Thomas Kerkhoven, Roman</p> - -<p class="si fss">Geh. 5 M., geb. 6 M.</p> - - -<p class="in0"><span class="fsl">Richard Huldschiner</span>, Die Nachtmahr, Roman</p> - -<p class="si fss">Geheftet 3 Mark 50 Pf., in Pappband 5 Mark, in Halbfranz 6 Mark 50 Pf.</p> - - -<p class="in0"><span class="fsl">Adolf Köster</span>, Die zehn Schornsteine, Erzählungen</p> - -<p class="si fss">Geheftet 3 Mark 50 Pf., gebunden 5 Mark, in Halbfranz 6 Mark 50 Pf.</p> - - -<p class="in0"><span class="fsl">Gustav Meyrink</span>, Wachsfigurenkabinett, Sonderbare Geschichten</p> - -<p class="si fss">Geheftet 4 Mark, in Halbfranz gebunden 6 Mark</p> - -<p class="in0 ml2">Orchideen, Sonderbare Geschichten</p> - -<p class="si fss">Geh. 2 M., geb. 3 M.</p> - - -<p class="in0"><span class="fsl">Otto Soyka</span>, Der Fremdling, Roman</p> - -<p class="si fss">Geheftet 3 Mark, in Pappband 4 Mark, in Halbfranz 6 Mark</p> - - -<p class="in0"><span class="fsl">Ludwig Thoma</span>, Andreas Vöst, Bauernroman</p> - -<p class="si fss">Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark, in Leder 6 Mark</p> - -<p class="in0 ml2">Kleinstadtgeschichten</p> - -<p class="si fss">Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark, in Leder 6 Mark</p> - - -<p class="ce mt2">Albert Langen Verlag in München</p> - - -<p class="ce fss">Druck von Hesse & Becker in Leipzig<br /> -Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik, Niefern bei Pforzheim<br /> -Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig</p> - -<hr /> - - - -<h2>Hinweise zur Transkription</h2> - - -<p class="in0">Der Schmutztitel wurde entfernt.</p> - -<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.</p> - -<p class="in0">Darstellung abweichender Schriftarten: <em class="ge">gesperrt</em>, <i>Antiqua</i>.</p> - -<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, -mit folgenden Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_080">80</a>:<br /> -"erikafarbenen" geändert in "erikafarbenem"<br /> -(mit erikafarbenem Schimmer über dem Hof)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_092">92</a>:<br /> -"sie" geändert in "Sie"<br /> -(Da täten Sie recht!)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_095">95</a>:<br /> -"uud" geändert in "und"<br /> -(ließ er den Kopf hängen und weinte)</p> - -<hr /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Trinker, by Katarina Botsky - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TRINKER *** - -***** This file should be named 62825-h.htm or 62825-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/8/2/62825/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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