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-The Project Gutenberg EBook of Der Trinker, by Katarina Botsky
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Der Trinker
- Roman
-
-Author: Katarina Botsky
-
-Release Date: August 2, 2020 [EBook #62825]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TRINKER ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net (This book was produced from images
-made available by the HathiTrust Digital Library.)
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- Katarina Botsky
-
- Der Trinker
-
- Roman
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- [Illustration]
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-
- Albert Langen, München
-
-
- =Copyright 1911 by Albert Langen, Munich=
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-Erstes Kapitel
-
-
-Es war ein Frühlingsnachmittag voll Melancholie und Windesraunen, so recht
-geeignet für trübe Gedanken. Die Hände auf dem Rücken, die Mütze im Nacken,
-lehnte _John_ an einem Lastwagen auf dem stattlichen Hofe seines Vaters,
-dem verworrenen Liede des Windes lauschend. Sein schönes Gesicht war von
-der Trunksucht aufgedunsen, sein schwarzes Haar dünn und halb ergraut,
-obgleich er erst siebenundzwanzig Jahre wurde, seine hohe elegante Figur
-verriet Schlaffheit und Hinfälligkeit. John sah wie ein verworfener junger
-römischer Kaiser aus, der sich in die Tracht eines jungen Mannes von
-heute gekleidet. Mit einem trüben Imperatorenlächeln auf seinem feisten,
-bartlosen Gesicht wiegte er den Kopf hin und her nach einer inneren Melodie
-und nach dem Rhythmus des Windes. Seine beiden jüngeren Brüder, Knaben von
-dreizehn und vierzehn Jahren, standen am Fenster und beobachteten ihn. Der
-ältere sagte: »Er wackelt schon wieder mit dem Kopf wie ein Mummelgreis.«
-
-»_Rodenberg!_« schrie John plötzlich, seine beiden schlaffen Hände wie ein
-Schallrohr gebrauchend.
-
-Rodenberg, der alte Kutscher, streckte seinen rothaarigen Kopf aus der
-dritten Etage des Ziegelspeichers heraus und fragte, was es gäbe.
-
-Alsbald brüllte John, daß es über den ganzen Hof schallte: »Wissen Sie, was
-der Doktor gesagt hat, Rodenberg?! Meine Leber ist kaputt, hat er gesagt.
-Ich hab's durch die Tür gehört.«
-
-»Glauben Se doch das nich!« tönte es von oben zurück, und bald klapperten
-ein Paar Holzpantoffeln hurtig die letzte Treppe herunter, und gleich
-darauf tauchte ein hünenhafter alter Germane mit einem langen, fuchsroten
-Bart im Rahmen der nächsten Speichertür auf. »Was hat'r jesacht, der
-Schafskopp?« fragte der Kutscher.
-
-»Kaputt, hat'r jesacht,« kicherte John, sich auf den Bauch tätschelnd.
-
-Rodenberg entblößte sein Pferdegebiß und lachte, daß es dröhnte. Dabei
-hüpften die großen, kugelrunden Warzen, die wie Erbsen über sein geräumiges
-Gesicht verstreut waren, munter hin und her. »Nei sowas! Nei sowas!« schrie
-er, sich aufs Knie schlagend. »Wie will so'n Schafskopp das wissen?!«
-
-John lächelte so listig und so kindisch, wie einst vielleicht Caligula
-gelächelt hatte. »Hier,« sagte er, dem Alten verstohlen eine Flasche
-reichend, »holen Sie mir meine Mischung. Auf sowas muß man einen trinken.
-Meinen Se nich auch?«
-
-Rodenberg meinte auch. Er war immer dabei, wenn es galt, Johns Mischung zu
-holen, denn er liebte sie selbst leidenschaftlich.
-
-»Mama!« riefen die beiden Jungen am Fenster wie aus einem Munde, »jetzt
-läßt er sich schon wieder von Rodenberg Schnaps holen.«
-
-»Mein Gott,« sagte eine larmoyante Frauenstimme im Nebenzimmer, »laß er
-schon trinken! Jetzt ist ja doch schon alles gleich!«
-
-Der blondlockige jüngere der beiden Brüder sah wie ein eingebildeter Engel
-aus, der ältere glich John. Der Engel öffnete seine roten Lippen und sagte,
-während seine großen blauen Augen verträumt durchs Fenster blickten: »Wenn
-er doch erst tot wäre!«
-
-»Pfui, Leo, wie kannst du nur, es ist doch immer dein Bruder!« verwies ihn
-dieselbe larmoyante Stimme in traurigem Tone.
-
-»Ich muß ihn mir doch schon immer als Leiche vorstellen,« murmelte der
-ältere Junge.
-
-Fast die ganze Familie _Zarnosky_ zeichnete sich durch Roheit und ein
-ungewöhnliches Maß von Phantasie aus. Durch eine Phantasie, die nichts
-als Unheil stiftete, da sie das Unglück hatte, einer rohen und dumpfen
-Kaufmannsfamilie zu gehören, die nicht wußte, was sie mit ihr anfangen
-sollte. Es gab Zarnoskys, die vom Morgen bis zum Abend, sich und andern zum
-Verderben, die seltsamsten Lügen zur Welt brachten, weil ihre brachliegende
-Phantasie, derer sie sich indessen kaum bewußt waren, sie unwiderstehlich
-dazu trieb. Anstatt Bücher zu schreiben, verkauften sie Getreide;
-allerdings weder aus Neigung noch aus Betätigungsdrang. Johns Großvater,
-der Sohn eines reichen Bauern, hatte, um etwas Besseres zu sein als sein
-Vater, den Handel mit Getreide begonnen, und nun setzten ihn seine Söhne
-eben fort, weil ihnen das am bequemsten schien. Denn sie waren sehr faul
-und gegen alle Neuerungen; sie wollten bleiben, was sie waren. Da ihnen das
-Glück, trotz ihrer Trägheit, gewogen blieb, so meinten sie, daß Trägheit
-zum Erfolge notwendig sei, saßen mit den Stiefeln knarrend in ihren
-Kontoren, ließen die Daumen ihrer meistens gefalteten Hände umeinander
-schwirren -- gewöhnlich unter mehr oder weniger märchenhaften Behauptungen
-und Erzählungen -- und taten nie mehr, als durchaus notwendig war. Aber
-es gab keinen Trinker in der ganzen Familie. Man wußte nicht, wie John zu
-diesem Laster gekommen war, und zerbrach sich manchmal die Köpfe darüber.
-
-Ein Teil der Familie meinte, daß man ihm zu oft und zu viel zu trinken
-gegeben, als er zart, fett und weich wie ein kleines Schwein mit einem
-Gesichtchen wie vom Konditor in der Wiege lag und von allen angebetet
-wurde. John schien schon damals beständig an Durst zu leiden; er konnte nie
-genug zu trinken bekommen. Die halbe Familie Zarnosky stand oft in heller
-Begeisterung um die Wiege, wenn das »Marzipanschweinchen«, halb entblößt,
-mit einer großen Milchflasche im Arm, den Lutschpfropfen wie eine Zigarre
-in seinem purpurroten kleinen Mundschlitz, sog und sog, bis die Flasche
-leer war und dann, wie ein junger Löwe brüllend, nach mehr verlangte.
-
-John wollte trinken oder zerbrechen, zerreißen, zerstören; sein
-Zerstörungsdrang war ebenso groß wie seine Trinkgier. Schon in der Wiege
-verdarben seine kraftvollen kleinen Fäuste alles, was sie zu fassen
-bekamen. Später nahm er die Uhren herunter, sah gierig in sie hinein
-und zertrümmerte sie dann. Seinem ersten Schaukelpferde riß er schon
-am Weihnachtsabend das Fell ab. »So sieht es gerade fein aus,« sagte er
-befriedigt. Doch was war der Körper eines Schaukelpferdes gegen seinen
-eignen, den er bald mit dem Eifer eines hungrigen Raubtieres zu zerstören
-begann. Mit seinem ersten Taschenmesser brachte er sich lange, heftig
-blutende Risse an beiden Armen bei. »Da seht!« Blut und Stolz auf dem
-Gesicht, stellte er seine Wunden zur Bewunderung aus. John war vielleicht
-wirklich dazu imstande, sich ein Auge auszureißen, »wenn es ihn ärgerte«.
-Er stürzte sich mit Wollust in die schwersten Gefahren; denn seine
-Phantasie berauschte sich am Anblick von Blut, Fetzen und Trümmern.
-
-Als er sechzehn Jahre alt war, spielte er mit Fünfzigpfundgewichten wie mit
-Gummibällen. Sein Körper war so weiß wie der eines Mädchens, von der Stärke
-und Elastizität eines Tigers. Lernen wollte er nichts wie alle Zarnoskys.
-Anstatt zu lernen, ging er eiserne Zäune verbiegen, durchgehende Pferde
-aufhalten, armen Leuten Holz kleinmachen, trinken und lügen. Ein Überschuß
-an Kraft und Phantasie, brachliegend und ungezügelt, trieb ihn mit Gewalt
-dem Verderben entgegen.
-
-Mit siebzehn kam er ins väterliche Geschäft, wie sein um ein Jahr älterer
-Bruder _Eugen_. (Die Physiognomie dieses Zarnoskys war etwas hämisch
-ausgefallen, und er stand vernünftigen Neuerungen nicht ganz feindlich
-gegenüber.) Anstatt fleißig zu sein, ließ John die Daumen umeinander
-schwirren und log im Kontor, daß es förmlich ein Vergnügen war, ihm
-zuzuhören. Er log fast soviel als er trank, die ganze Welt, selbst seine
-nächsten Angehörigen verleumdend, wenn er so recht beim Aufschneiden war.
-Den Anlagen und dem Charakter nach war er einem seiner Onkel, der auch John
-hieß und allgemein »der Märchenerzähler« genannt wurde, viel ähnlicher als
-seinem eignen Vater.
-
-Es nützte nichts, daß man John sowohl mit neunzehn wie mit einundzwanzig in
-eine Anstalt schickte, in der er von der Trunksucht geheilt werden sollte;
-er verfiel seinem Laster immer wieder. Doch wollte er lieber sterben, als
-noch ein drittes Mal in diese Anstalt gehen. Mit der Geschwindigkeit eines
-Bergrutsches ging es nun moralisch und physisch mit ihm herab. Sein Umgang
-wurden die Arbeiter seines Vaters, zum Lieblingsaufenthalt erwählte er sich
-die Kneipe, in der sie einen Teil ihres Lohnes zu vertrinken pflegten. Er
-sprach ihre Sprache und nahm ihre Sitten an. Man konnte ihn nicht länger
-im Familienkreise ertragen. Er bekam eine kleine Wohnung im Hofgebäude und
-eine Wärterin, die ihn gewöhnlich am Abend zu Bett bringen mußte. Er begann
-an Krämpfen zu leiden, und Krankheit und Laster entstellten ihn nach und
-nach bis zur Unkenntlichkeit. Einer Vogelscheuche ähnlich, die im Winde
-schwankt, so schwankte er über den Hof, wenn er morgens nach der Kneipe
-ging, wenn er abends von dort kam. Und er hatte den Gang eines jungen
-Triumphators, als er sechzehn Jahre alt war. Es war wirklich schade um ihn.
-Besser, er wäre nie geboren worden; denn weder sein Vater noch seine Mutter
-gehörten zu denen, die ihn auf seinem abschüssigen Wege hätten aufhalten
-können. Der Vater war viel zu ungebildet und zu träge dazu, und die Mutter,
-eine schwächliche und überaus nervöse Pfarrerstochter, verstand nur, die
-Hände zu falten und alles dem lieben Gott anheimzustellen. Sie brachte
-noch mehr Phantasie in die Familie Zarnosky, dazu Melancholie und
-Sentimentalität, die zusammen mit der Roheit ihres Mannes bei den Kindern
-eine sonderbare Mischung ergaben. All der Überschuß in Johns Natur war viel
-stärker als Vater und Mutter und sein eigner unerzogener Wille. John
-folgte nur seiner Natur, John gehorchte nur dem Stärksten, wenn er seinen
-Lebensweg herunterraste wie ein wütender Stier.
-
-Es war ein Frühlingsnachmittag voll Melancholie und Windesraunen, so recht
-geeignet für trübe Gedanken. John lehnte noch immer an dem Lastwagen,
-voller Sehnsucht auf Rodenberg wartend, der ihm den Schnaps besorgte. Mit
-einem trüben Imperatorenlächeln auf seinem gelben, bartlosen Gesicht wiegte
-er den Kopf hin und her nach einer inneren Melodie und nach dem Rhythmus
-des Windes. Als er den Kutscher kommen sah, verließ er schwerfällig seinen
-Platz und ging ihm voraus in den Pferdestall. Dort setzte er sich auf den
-Futterkasten, die Augen wie ein Verschmachtender auf die Tür gerichtet.
-
-»Her, Rodenberg, her damit!«
-
-»Ich werd erst Licht machen, jung' Herr.«
-
-»Ach, geben Sie schon her! Ich kann nicht mehr warten!« Und er setzte die
-volle Flasche an den Mund und leerte sie gleich bis zur Hälfte.
-
-Aus einem Winkel des Stalles kam jetzt ein niedliches Meckern. Dort stand
-ein kleiner schwarzer Ziegenbock mit weißen Beinen und weißer Kehle, den
-John für fünfzig Pfennige von einem Bauern gekauft hatte. Das Tierchen
-wollte zu ihm, als es seine Stimme erkannt hatte. Rodenberg mußte es
-losmachen.
-
-Wie der Wind stürzte es nun zu seinem Herrn, legte die Vorderhufe auf seine
-Knie und sah ihm lieb und einfältig ins Gesicht. Von Rodenberg unterstützt,
-zog John es auf den Schoß. »Mein trautster Junge,« sagte er zärtlich, das
-Böckchen an sich drückend.
-
-In John war trotz aller Verkommenheit der Vater erwacht, ein sehr
-zärtlicher, sehr fürsorglicher, verliebter junger Vater. Den Frauen
-gegenüber war er zurückhaltend und jungenhaft geblieben. Er mied sie nicht
-gerade, aber er suchte sie auch nicht; sie flößten ihm zuviel Scheu ein.
-»Es geht ja auch ohne Weiber,« erzählte er Rodenberg. Und doch war trotz
-seiner Verdorbenheit der Vater in ihm erwacht, er hatte sich mit Inbrunst
-ein Söhnchen erkoren, und das war Peter, der kleine Ziegenbock. John hegte
-Zuneigung zu allem, was Tier war, und Abneigung vor den meisten Menschen.
-Man muß sehr hoch oder sehr tief stehen, um das zu empfinden. John stand
-recht tief, und das Laster machte ihn scheu, darum waren ihm die Tiere
-lieber als die Menschen. Er nannte ein Tier »mein Söhnchen«. Und der kleine
-Ziegenbock hatte einen guten Pflegevater in ihm gefunden. John fütterte
-ihn mit Leckerbissen, er machte ihm ein weiches Bettchen, er kämmte ihn, er
-bürstete ihn und hielt ihn wie ein Kind auf dem Schoß.
-
-Rodenberg hatte die nächste von der Decke herabhängende alte Stallaterne
-angezündet und brachte nun eine zweite Flasche zum Vorschein. »Prosit!«
-sagte das Väterchen auf dem Futterkasten, und Herr und Kutscher taten einen
-tiefen Zug, jeder aus seiner Flasche. »Se müssen auch mal absetzen, jung'
-Herr,« bemerkte Rodenberg väterlich, da John dies zu vergessen schien.
-
-John hielt die geleerte Flasche gegen das Licht. Es war auch nicht ein
-Tropfen mehr darin. John ließ die Unterlippe hängen und sah Rodenberg wie
-ein bittendes Kind an. »Holen Sie mir mehr!« stotterte er.
-
-»Ich trau mir nich,« wandte der Kutscher ein, die hingehaltene Flasche aus
-seiner nachfüllend.
-
-»Sie haben wohl Angst vor den beiden am Fenster, vor Paul und Leo, was?«
-
-»Na ja, die petzen doch immer jleich.«
-
-»Ich hasse sie,« stammelte John mit zuckendem Gesicht. »Ich hasse sie!
-Weißt du, Rodenberg,« fuhr er fort, »sie würden sich freun, wenn ich stürbe
--- morgen -- heute. Was dieser Leo für Augen hat! Hast du schon mal solch
-gräßliche Augen gesehen, Rodenberg? Ich könnte sie ihm ausreißen, denn
-sie jagen mich von überall fort. Ich soll machen, daß ich vom Erdboden
-verschwinde. Ich soll krepieren. Gleich auf der Stelle.« Er weinte.
-
-»Regen Se sich nich auf, jung' Herr, regen Se sich doch man bloß nich
-auf,« bat der Kutscher erschreckt. Aber John hub an, Schimpfworte und
-Verwünschungen gegen seine Brüder auszustoßen, indem er unaufhörlich die
-Fäuste ballte. Doch plötzlich packte ihn ein Krampfanfall, und er glitt
-stöhnend mit seinem Ziegenbock zur Erde.
-
-Rodenberg kniete bei ihm nieder und hielt ihm wie gewöhnlich Arme und Beine
-fest, während Peter seinem Herrn das Gesicht leckte. Die beiden jungen
-Rappen, Johns Lieblinge, die allein im Stall standen, wandten unruhig die
-Köpfe herum, und ihre großen schönen Augen schienen voll Tränen zu glänzen.
-Unser Johnche, dachte Rodenberg, die Pferde anblickend, das wird wohl auch
-bald jewesen sein. Als der Krampf vorüber war, hob er den ganz Erschöpften
-auf und trug ihn, seufzend und stöhnend, denn er war noch ziemlich
-schwer, in seine Wohnung. Peter folgte ernst und gravitätisch wie ein
-Leidtragender.
-
-_Dore Kalnis_, Johns Wärterin, ein bewegliches Weibchen von
-siebenundvierzig Jahren, empfing den Zug mit Scheltworten. »Sie sollten
-sich was schämen, Rodenberg,« fuhr sie ihn zornig an, »natirlich haben Se
-ihm wieder Schnaps jeholt! Aber ich werd's dem Herrn erzählen, der muß Sie
-endlich an die Luft setzen.«
-
-»Krämpfe hat'r doch jehabt,« blubberte der Alte, John auf das Sofa bettend.
-Dann trollte er sich mit einem bösen Blick und einem ganz betretenen »'n
-Abend«.
-
-John lag mit geschlossenen Augen da und wackelte rhythmisch mit einer Hand.
-»Wollen Se was, junger Herr?« fragte die Wärterin.
-
-»Peter,« flüsterte John.
-
-»Oa,« seufzte sie, »der is auch wieder da! Neineinei, is das hier 'ne
-Wirtschaft! Lassen Se ihn doch man jetzt im Stall jehen, junger Herr, Sie
-müssen doch jetzt ins Bett.« Dabei suchte sie den Bock nach dem Ausgang zu
-drängen; aber John stieß ein zischendes »nein!« hervor, und Peter senkte
-seinen schmalen Kopf und stieß mit seinen jungen Hörnern gegen Dores spitze
-Knie.
-
-Das schlug dem Faß den Boden aus. Die Wärterin hielt den Angreifer fest und
-verabreichte ihm eine Reihe wohlgezielter und gutsitzender Maulschellen.
-
-John drehte seine Augen mit Gewalt nach der Szene. »Dore,« flüsterte er
-heiser, »wenn du nicht gleich mit Schlagen aufhörst, so verkürze ich dein
-Leben.«
-
-Frau Kalnis lachte spöttisch auf, und dann sagte sie maliziös: »Wenn Se
-mich duzen, junger Herr, dann sind Se doch wie jewehnlich betrunken.«
-
-Das Väterchen auf dem Sofa schien vor Zorn bersten zu wollen. Plötzlich
-zerrte es die Uhr aus der Westentasche und warf sie nebst der schweren
-Kette nach Dores dünnbehaartem Kopf. Aber die Wärterin machte nur einen
-ironischen Knicks und fing das Ganze mit den Händen auf. »Was nun?«
-fragte sie, ärgerlich lachend. Und dann in eine andre, gemütliche Tonart
-übergehend: »Was wollen Herr Johnche zu Abendbrot essen?«
-
-Herr Johnche war besänftigt. Er faltete die Hände, ließ die Daumen
-umeinander schwirren und sah nachdenklich zu der verräucherten Decke auf.
-»Heringssalat,« entschied er hoheitsvoll.
-
-»Scheen,« nickte Dore mit einem giftigen Blick nach dem Ziegenbock.
-Darauf schritt sie hurtig zum Fenster, öffnete es und rief: »Ama--lie ...
-Ama--lie« ... Da keine Antwort erfolgte, bewaffnete sie sich mit einem
-Teppichklopfer und schlug damit feierlich auf das Fensterblech.
-
-Im Vorderhause tat sich jetzt ein Fenster auf, und langsam kam ein
-kugelrunder dunkler Frauenkopf zum Vorschein. »Wa--as wollen Se, Frau
-Kalnis?«
-
-Dore bestellte den Heringssalat und außerdem belegtes Brot und
-Bratkartoffeln.
-
-»Wa--as fir Jetränke?« rief Amalie durch den Frühlingswind.
-
-»Tee,« erwiderte Dore hurtig, obgleich John etwas andres sagte.
-
-»Scheen,« kam die langgezogene Erwiderung, und das Fenster wurde
-phlegmatisch geschlossen.
-
-»Für den Tee muß ich danken,« brummte John, das Böckchen streichelnd und
-seine Stiefel an der niedrigen Lehne des Sofas scheuernd. In seinem Zimmer
-sah es recht wohnlich aus, obgleich es, seiner häufigen Zerstörungswut
-wegen, nicht allzuviel enthielt. Der große Spiegel mit der Marmorplatte,
-der zwischen den beiden Fenstern hing, wurde von John nur deshalb
-respektiert, weil er von den Eltern seiner Mutter stammte. Alles, was von
-den verstorbenen Großeltern mütterlicherseits stammte, war ihm heilig.
-Merkwürdigerweise. Er begnügte sich damit, dem Spiegel mit der Faust zu
-drohen, wenn er betrunken war, und an Großmutters riesengroßem, grünblauem
-Plüschsofa wischte er sich dann höchstens die Stiefel ab. Dieses
-altmodische Möbel stand vorn an der rechten Wand, vor sich einen runden
-Tisch. =Vis-à-vis= an der linken Wand stand nichts als ein brauner
-Kleiderschrank. Den Hintergrund füllte ein breites dunkles Bett und eine
-Waschtoilette, die nur wie ein Kasten aussah. An den Fenstern hingen
-rot- und weißgestreifte Vorhänge, und über dem Sofa hing eine überaus
-altmodische farbige Landschaft, die ebenfalls von den respektierten
-Großeltern stammte. Außerdem gab es nur noch einen Bettvorleger und ein
-zerrissenes Papiertelephon im Zimmer. Dieses Wohn- und Schlafgemach war
-mittelgroß und mittelhoch und lag zwischen dem der Wärterin und der Küche,
-aus der es auf die Treppe ging.
-
-Dore machte sich daran, die Lampe anzuzünden, und deckte dann den Tisch mit
-einer bunten Baumwolldecke. Als das Abendbrot gebracht wurde, nahm John den
-Heringssalat an sich und sah Dore spitzbübisch an. »Jesägnete Mahlzeit,«
-sagte sie fromm, ihm gegenüber Platz nehmend und leckrig nach dem
-Heringssalat blickend. »Schweig!« entgegnete er gereizt auf ihren
-freundlichen Wunsch. Sie nahm ihren Tee, ihre Kartoffeln und ein belegtes
-Brot und ging gekränkt in ihr Zimmer. Dort machte sie Licht und setzte die
-Brille auf. Um sich zu beruhigen und um den Heringssalat, den sie zu gern
-aß, würdiger verschmerzen zu können, guckte sie rasch in eins ihrer vielen
-Erbauungsbücher. Nachdem sie drei liebliche Strophen gelesen hatte, seufzte
-sie wie eine Märtyrerin und ließ sich ergeben zu ihren Bratkartoffeln
-nieder.
-
-Dore war wirklich fromm, und wenn sie log, geschah es nur unter geistigem
-Vorbehalt. In ihren jungen Jahren war sie Wirtschafterin auf großen Gütern
-gewesen. Tüchtigkeit und Heißblütigkeit waren damals ihre hervortretendsten
-Eigenschaften. Mit vierzig besaßen ihre listigen kleinen Augen noch die
-Kraft, einem ältlichen Gutsbesitzer den Kopf zu verdrehen. Er ließ sich von
-seiner Frau scheiden und heiratete die unschöne brustkranke Wirtschafterin
-mit den vielen Erbauungsbüchern und der liebevollen Vergangenheit. Aber
-die Ehe währte kaum ein Jahr, denn die erwachsenen Kinder trieben die ihnen
-verhaßte Stiefmutter bald aus dem Hause. Dore mußte wieder in Stellung
-gehen, und das war hart für sie, denn der Husten plagte sie mehr und
-mehr. Immerhin gelang es ihr, einen leichten Dienst zu finden -- bei den
-reichsten Zarnoskys, als Pflegerin der kränklichen alten Großmutter. Dore
-verstand es, sich bei Zarnoskys unentbehrlich zu machen, darum behielt man
-sie auch nach dem Tode der Großmutter im Hause. Und eines Tages wurde dann
-John ihr Pflegling, der immer ihr heimlicher Liebling gewesen.
-
-Dore fand, daß der Heringssalat doch schwer zu verschmerzen war. Sie guckte
-schließlich durch die Tür, um zu sehen, wie weit John damit war. »Frau
-Kalnis,« rief er versöhnlich, »es ist noch eine Menge Heringssalat für
-Sie.«
-
-Die Wärterin machte ein dummes Gesicht, weil sie nicht wußte, ob sie ihm
-trauen durfte. Aber ihre Leckrigkeit war groß. »Wollen Se mich auch nich
-zum Narren machen?« fragte sie zuerst.
-
-John schwur, die Lippen prunzelnd, daß er nicht daran dächte. Dore rückte
-an, wünschte noch einmal »jesägnete Mahlzeit« und setzte sich dann an den
-Tisch. Sie trug ein kaffeebraunes, selbstgewebtes altmodisches Kleid mit
-einem dunkelroten Samtstreifen um den Rock und kleinen Samtklappen an
-den Ärmeln. Ihren vertrockneten Hals zierte ein selbstgehäkeltes weißes
-Tüchlein. Über dem flachen Leibe hatte sie eine schwarze Schürze, die den
-Rock sowohl zieren als schonen sollte. Frau Kalnis glich einer ältlichen,
-glattgescheitelten Chinesin in europäischer Kleidung. Peter betrachtete sie
-genau so aufmerksam wie sein Väterchen, aber man konnte seinen einfältigen
-Augen nicht anmerken, ob er sie hübsch oder häßlich fand.
-
-»Na, hat'r geschmeckt?« fragte John mit unwiderstehlich verschmitzter
-Miene, als die Wärterin die Schale auskratzte.
-
-»Wird nich schmecken?! Scheenes Essen,« entgegnete sie unter verschämtem
-Lachen.
-
-Peter bekam das letzte Butterbrot und dann sollte er in den Stall. Frau
-Kalnis ging hinaus, um Rodenberg zu rufen, der unten im Hause mit seiner
-gichtkranken Frau und einer überaus frommen Schwester wohnte. Rodenberg
-brachte Peter in den Stall, wenn er nicht betrunken war. Heute kam die
-fromme Schwester statt seiner. Jette mußte feierlich versprechen, daß Peter
-auch wirklich sein Abendbrot erhalten würde, dann erst durfte sie ihn am
-Halsband nehmen.
-
-John war jedesmal sehr sanftmütig, wenn er sich wieder mit Dore vertragen
-hatte. Er war dann wie ein Kind, das ungezogen gewesen und nun durch
-besondere Artigkeit versöhnen will. Er ließ sich wie ein Lamm von ihr zu
-Bett bringen und suchte sie dabei durch eine gefällige Unterhaltung zu
-erfreuen. »Wir werden morjen ein reines Hemd anziehen,« sagte die Wärterin,
-sobald sie ihren Pflegling bis auf dieses letzte Kleidungsstück entblößt
-hatte. John machte ein liebliches Gesicht, obgleich er nicht gern ein
-reines Hemd anzog. »Und wir werden wieder mal de Fieße waschen,« setzte sie
-hitzig hinzu, als ihr Blick auf seine unsauberen Gehwerkzeuge fiel. John
-lächelte wie ein Engel, obgleich er wasserscheu war.
-
-Er legte sich schwerfällig ins Bett, und Dore deckte ihn sorgfältig zu.
-»Lesen Sie mir was vor, ich kann jetzt doch noch nicht schlafen,« sagte er
-nervös, als sie ihn mit warmen Augen betrachtete. Er war immer schlaflos
-und sehr erregt, wenn er Krämpfe gehabt hatte, und wenn sie stark gewesen,
-stärker als diesmal, so ging er danach tagelang wie ein Gestörter umher.
-
-Die Wärterin eilte zu ihrem Bücherschatz, um eine passende Lektüre zu
-suchen -- und kam sobald nicht wieder. Der Husten hatte sie gepackt
-und schüttelte sie, wie eine kräftige Faust einen leichten Gegenstand
-schüttelt. Nach einigen Minuten war der Anfall vorüber und Dore ganz
-erschöpft. Sie saß noch eine Weile mit hängendem Kopfe und hängenden Armen
-auf ihrem Stuhl und starrte stumpfsinnig zu Boden, dann stand sie auf: »Nun
-komm ich, Herr Johnche. Wenn erst abjehust' is, dann is wieder gut,« sagte
-sie resigniert.
-
-Und sie begann mit belegter, schwacher Stimme, die allmählich klarer und
-kräftiger wurde:
-
- »Fest jemauert in der Erde
- steht die Form aus Lehm jebrannt.
- Heute muß die Glocke werden,
- frisch, Jesellen, seid zur Hand ...«
-
-»Hör auf mit deiner dämlichen Glocke!« schrie John, die Geduld verlierend.
-»Du weißt doch, daß ich die olle Glocke nicht mehr hören will.«
-
-»Scheen, dann her ich auf, dann les ich gar nich.«
-
-»Dorchen,« sagte schmeichelnd der Kranke und wies süß nach der Bibel hin,
-der alten, vergilbten, die sie auch mitgebracht hatte. Da konnte sie nicht
-widerstehen, da tat sie, wie ihr geheißen ward. Sie schlug die Offenbarung
-des Johannes auf und las mit schöner Dorfschulbetonung: »Ich sah einen
-neien Himmel und eine neie Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde
-verjing und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilije Stadt, das
-neie Jerusalem von Gott aus dem Himmel herabfahren, zubereitet als eine
-jeschmickte Braut ihrem Manne.«
-
-»Noch einmal,« flüsterte John, und seine Phantasie arbeitete mächtig.
-
-Die Litauerin wiederholte und las dann weiter, es kam die Schilderung des
-neuen Jerusalems. Und John sah bei ihren Worten das neue Jerusalem, die
-Stadt der goldenen Gassen mit den Toren aus Perlen und den Mauern aus
-Edelsteinen. »Blau, gelb, grün, rot ...« flüsterte er, »o Dore, alle
-Regenbogenfarben! Alles aus Edelsteinen, aus Gold und Perlen!« Sie
-war verstummt, und er fuhr fort, die Augen auf die verräucherte Decke
-gerichtet.
-
-»Da ist ein Schloß, Dore, das wird mir gehören, wenn ich erst tot bin. Die
-Mauern sind aus Amethyst und die Fenster aus Rubin. Und in allen Zimmern
-sind Flaschen, Flaschen in allen Regenbogenfarben -- und ich darf aus allen
-trinken. Das schmeckt, Dore, was in den Flaschen ist! Und man wird nie
-davon betrunken, man kann ewig, ewig trinken!«
-
-Die Wärterin lachte und John sprach weiter:
-
-»Jeder Schluck aus den Flaschen ist wie mildes, knisterndes Feuer und
-fließt wie flüssige Edelsteine in den Magen hinab. Dort sprudelt er weiter
-und durchglüht den ganzen Magen. Was sag ich: den ganzen Magen? Nein, den
-ganzen Körper. Und man wird durchsichtig wie eine helle Flamme, wenn
-man aus den Flaschen getrunken hat, man gleicht dann einer hellen,
-durchsichtigen Flamme ...« Er wandte den Blick von der verräucherten Decke
-und sah die Wärterin spitzbübisch an. »Man könnte in dich hineinsehen,
-Dore, wenn du aus den Flaschen getrunken hättest, dein ganzer Körper wäre
-dann durchsichtig.« Er grinste wie ein Faun. »Ich möchte nicht in dich
-hineinsehen, Dore!«
-
-»Sie missen nich anzieglich werden, junger Herr,« sagte Frau Kalnis
-gekränkt, und nachdem sie eine Weile nach einer schärferen Entgegnung
-gesucht hatte, setzte sie mit frommem Hohn hinzu: »Wer eine kranke Leber
-hat, sieht innen immer noch schlechter aus, als einer, der se nich hat.«
-Darauf las sie hurtig weiter und gelangte bald zu der Strophe: »Und der
-Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es höret, der spreche: Komm!
-Und wen dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des
-Lebens umsonst.«
-
-»Halt, halt!« rief John erregt nach diesen Worten, »mich dürstet, mich
-dürstet immer! Wohin soll man da kommen, Dore? Ich geh' gleich dahin.«
-
-»Na, nach's neie Jerusalem doch wohl,« meinte die Wärterin. Und dann
-maliziös: »Aber Sie heren doch, junger Herr, daß da nichts als Wasser
-anjeboten wird.«
-
-Der Trinker verzog das Gesicht. »Wasser -- brr ... Aber Wasser des Lebens,
-Dore, das schmeckt vielleicht besser als die feinste Mischung, das stillt
-vielleicht für immer den Durst.«
-
-»Kann sein! Aber wollen Se jetzt nich schlafen, Herr Johnche?«
-
-»Ich kann nicht.«
-
-»Na versuchen Sie's doch man erst.«
-
-»Nein ... Ich möchte wissen, wozu ich gepaßt hätte, wenn ich nicht immer
-den Durst gehabt hätte?«
-
-»Das fragen Se mich immer, wenn Se einen jetrunken haben.«
-
-»Und Sie wissen nie eine Antwort darauf. Was ihr sagt, ist alles falsch.«
-
-»Wozu bekam ich den ewigen Durst? Ich möchte wissen, wozu ich ihn bekam?«
-schrie er wild.
-
-»Das will ich wissen!?« brüllte er, und sein ganzes Gesicht zuckte.
-
-»Jetzt sollten Se zu schlafen versuchen, mein Lieberche, und nich so was
-Unnitzes fragen.«
-
-»Zum Schlafen kommt schon noch Zeit genug,« stammelte John. »Ich möchte
-wissen, ob ich denn bloß zum Saufen auf die Welt kam?«
-
-»Aber nei! Sie hätten doch e feiner Kaufmann werden können, oder auch e
-studierter Herr, wie d'r Großvaterche.«
-
-»Sprich doch nicht dummes Zeug!« brummte er gereizt. »Du verstehst von gar
-nichts! Keiner versteht was! Und alles ist so verdreht, so verdreht« ...
-
-Die Wärterin war zu der Überzeugung gelangt, daß John heute abend ein
-Schlafpulver bekommen müsse. Sie holte das Tischchen herbei, das zur Nacht
-an sein Bett gestellt wurde, und rührte ihm dann rasch ein Pulver ein.
-
-»Dies trinken Se man und dann werden Se schon schlafen, mein Lieberche.«
-
-Erst wollte er nach dem Glas stoßen, aber dann riß er es plötzlich an
-sich und leerte es gierig. Er plumpste wie ein ermatteter Maikäfer auf den
-Rücken, als das Schlafmittel zu wirken begann. Dore nahm die Brille ab und
-betrachtete ihn mit einfältiger Miene. »Dummer Äsel,« brummte sie, »wärst
-verninftig jewesen, hätt dir die janze Welt offen jestanden. Aber nu --
-was hast? Gar nuscht.« Da John die Augen geschlossen hatte, löschte sie
-die Lampe aus und zündete dafür ein Nachtlämpchen an. Sie setzte ein paar
-Flaschen Selterwasser auf sein Tischchen, die er im Laufe der Nacht zu
-leeren pflegte, um das fortwährende innerliche Brennen zu lindern, und
-verfügte sich dann in ihr Zimmer, um geräuschlos zu Bett zu gehen.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel
-
-
-John stand vor dem Spiegel und legte seine Orden an. So nannte er die
-blauen, an Bändchen hängenden, parfümierten Oblaten, mit denen er seine
-Jacke zu schmücken pflegte, wenn er »zu Zarnoskys« ging. Er trug sie dann
-seiner jüngeren Brüder wegen, die immer behaupteten, sie könnten seinen
-Geruch nicht ertragen. John roch wirklich nicht schön, was auch weiter
-nicht verwunderlich war, und seine Kleider verbreiteten die Luft der
-Arbeiterkneipen. Aber er verschmähte es, sich mit Parfüm zu begießen, er
-fand es männlicher und stilvoller, mit den blauen Oblaten auf der Jacke
-zu gehen. Obgleich sie lange nicht die Wirkung ausübten, die ein starkes
-Parfüm getan hätte. John war noch so kindisch. Mit strahlenden Augen war er
-eines Morgens, die Oblaten auf der Brust, bei der Mutter erschienen: »Sieht
-das nicht fein aus? Sieht das nicht jroßartig aus? Und nun werde ich auch
-nicht mehr schlecht riechen. Nicht wahr, ich rieche jetzt fein? Paul, Leo,
-rieche ich jetzt nicht fein?« Sie hatten es aus Mitleid bejaht, und die
-Mutter hatte sogar behauptet, daß sie noch nie einen schlechten Geruch
-an ihm bemerkt habe, Paul und Leo seien nicht klug. Das hatte den jungen
-Alkoholiker bis zu Tränen gerührt. An diesem Tage trank er keinen Tropfen.
-
-Während sich John noch vor dem Spiegel bewunderte -- es war Sonntag:
-Palmsonntag -- kam etwas trapp, trapp, trapp, wie auf kleinen
-Jungenstiefeln, die Treppe herauf und hämmerte dann energisch an die
-Küchentür. Das Väterchen stürzte hin, um dem Söhnchen zu öffnen. Peter trat
-ein und schob seine kleine weiche Nase zur Begrüßung in Johns ausgestreckte
-Hand. Peter wollte seinen Morgenzucker haben, und den erhielt er auch
-reichlich. John hätte seine Uhr verkauft, um Peter mit Zucker füttern zu
-können.
-
-Der Ziegenbock mußte auf dem Hof bleiben, als John ins Vorderhaus zu seinen
-Eltern ging. Er bedeutete ihm, auf dem Hof herumzuspringen, solange »Papa«
-auf Besuch war.
-
-Papa setzte sich im elterlichen Eßzimmer an den warmen Ofen, verschämt
-»guten Morgen« stotternd. Paul und Leo verzogen sich rasch nach seinem
-Eintritt, und Eugen begrüßte ihn mit den spöttischen Worten: »Na, wieder
-mal betrunken gewesen, alter Ziegenbockvater?«
-
-»Betrunken gewesen? Wer? Ich doch nicht?« stotterte der Trinker. Er hatte
-die Hände gefaltet und ließ die Daumen langsam umeinanderlaufen, indem er
-auf die Mutter blickte, die mit einer Handarbeit am Fenster saß.
-
-»Ach John,« sagte sie traurig, »kannst du es denn gar nicht lassen?«
-
-»Nein,« platzte er naiv heraus.
-
-Sie seufzte und verstummte.
-
-»Was gibt's zu Mittag?« fragte er verlegen in die Stille hinein. John war
-ein Feinschmecker und hielt sich gern in der Küche auf. Dort, bei Amalie,
-war ihm auch viel wohler als bei Vater und Mutter. »Muß mal sehen, was
-gekocht wird,« sagte er, sich wieder erhebend, da niemand auf seine Frage
-antworten wollte.
-
-In der Küche stand eine Kiste, die der Faktor zur Bahn tragen sollte.
-Auf dem Deckel lagen dreißig Pfennige Trinkgeld für ihn. John vergaß das
-Mittagessen und blickte wie gebannt auf das Geld. Sein Portemonnaie war
-leer; denn der Vater gab ihm immer weniger und weniger Taschengeld, um ihm
-das viele Kneipenlaufen unmöglich zu machen. (Das Resultat davon war,
-daß John auf Kredit trank und die Faktore anpumpte.) Die dreißig Pfennige
-lockten ihn, wie den Igel das Blut. »Wissen Sie was, Amalie,« sagte er zu
-der kugelrunden ältlichen Köchin, »das da kann ich selbst verdienen! Die
-Kiste trag ich noch allemal!« Damit nahm er sie auf und wandte sich nach
-dem Ausgang.
-
-»Sie werden doch nich!« rief Amalie. »Der Friedrich wird doch jleich
-kommen. Aber, junger Herr, das schickt sich doch nich fir Sie. Wenn das der
-Herr sieht!?«
-
-»Aber ich schlepp' sie doch bloß so lange, bis ich einen Jungen treffe, der
-sie mir für fünf Pfennige trägt.«
-
-»Lassen Se ihr stehen, ich jeb Ihnen dreißig Pfennige,« sagte Amalie
-zärtlich.
-
-»Geben Sie her,« brummte John, »dann sind es sechzig.« -- »Her damit!«
-beharrte er mit dem Eigensinn des Alkoholikers, da die Köchin unter diesen
-Umständen nicht mit dem Gelde herausrücken wollte.
-
-Es blieb ihr schließlich nichts andres übrig, als ihm den Willen zu
-tun. Sie öffnete zwei Knöpfe ihrer karierten Taille und zog ein rot- und
-braungestreiftes Beutelchen hervor, das von der Wärme ihres gewaltigen
-Busens Zeugnis ablegen konnte. »Na machen wir uns auf die Socken,« sagte
-John kurz, als er das Geld hatte. »Ist mir ein Kinderspiel, diese Kiste zu
-tragen.«
-
-Die Köchin wollte es bestreiten, und das reizte John, weil es seinen Stolz
-verletzte. Nun ging er mit der Kiste, kostete es, was es wollte. Einen
-flotten Gang erzwingend eilte er nach der Tür.
-
-»Adieu, Amalie.«
-
-Die Dicke sah ihm sorgenvoll nach. »Kommen Se gut nach Hause, junger Herr.«
-
-Das Zarnoskysche Haus stand =vis-à-vis= einer Querstraße, die sich in
-langer enger Windung vor ihm auftat. Die Straße hieß Grätengasse. Eugen
-stand gerade am Fenster, als John mit der Kiste aus dem Hause trat und
-nach der Grätengasse steuerte. »Was soll das heißen?« rief er, das Fenster
-aufreißend. »Holla! John! Du kommst sofort zurück!«
-
-Der Angerufene drehte ihm sein gelbes Gesicht zu und schnitt ihm eine tolle
-Grimasse, dann trollte er weiter.
-
-Eugen knickte vor Lachen zusammen. Johns Anblick war überwältigend komisch
-gewesen, so tragisch er im Grunde auch war. Und nun schwankte er auch schon
-die Grätengasse hinunter, er hüpfte und torkelte, die Kiste unterm Arm,
-von rechts nach links. »Mutter, Paul, Leo!« rief Eugen in das nach hinten
-gelegene Eßzimmer hinein. »Kommt doch bloß mal her!«
-
-Frau Zarnosky war entsetzt, als sie John in dem Kistenträger erkannte.
-Eugen sollte ihn sofort zurückholen, weil sie fürchtete, daß John hinfallen
-könne. Aber Eugen machte Einwendungen: er werde ihm nicht gehorchen und
-Streit anfangen, er werde auch nicht gleich hinfallen. Der Faktor könne ihm
-ja nachlaufen.
-
-Aber der war noch immer nicht da, Amalie versicherte indessen, daß er nun
-gleich kommen müsse. Alle stellten sich ans Fenster und blickten gespannt
-in die Grätengasse, die beiden Jungen voll heftigster Lachlust.
-Plötzlich prusteten sie los; denn John hatte sich umgedreht und die Zunge
-herausgehängt.
-
-In der Grätengasse standen viele alte Speicher. Einer von ihnen hatte an
-der Front eine steinerne Ruhebank. Als John diese Bank erreicht hatte,
-stellte er die Kiste herauf, setzte sich pustend daneben und faltete
-ergeben die Hände. So traf ihn Onkel John, der des Weges daherkam, um
-irgendwo Märchen erzählen zu gehen.
-
-»Was tust du da? Was hast du da für eine Kiste?« fragte er mit heftig
-angeregter Phantasie.
-
-Der Neffe tat verschämt. »Der Vater braucht Geld. Ich muß unser Silberzeug
-verkaufen gehen. Eugen tut es nicht,« erwiderte er so gedrückt als er
-konnte.
-
-Onkel John kicherte wild in sich hinein. »Armer Junge,« sagte er bedauernd,
-und als habe er durchaus nichts Merkwürdiges gehört, »die Kiste ist wohl
-sehr schwer?«
-
-»Ja,« hauchte der Neffe mit schwermütigem Augenaufschlag.
-
-Der Onkel pustete stark, um nicht lachen zu müssen, dann sagte er: »Deine
-Eltern tun unrecht, wenn sie dich bei deinem Gesundheitszustand mit einer
-solchen Kiste schicken. Indessen soll man Vater und Mutter ehren. Doch« --
-Onkel John weitete furchtbar die Augen -- »wenn sie dich noch einmal mit
-einem solchen Monstrum heraushetzen ... heraushetzen,« wiederholte er mit
-erhobener Stimme, »dann kommst du zu mir, und das Weitere wird sich dann
-schon finden.«
-
-Der Trinker nickte ganz ergriffen. »Gib doch was, damit ich sie mir
-wenigstens tragen lassen kann,« stammelte er, die Hand ausstreckend, in
-kläglichem Tone.
-
-»Hast du denn gar kein Geld?« fragte Onkel John, bis zu Tränen gerührt.
-
-Der Neffe kehrte hurtig die leeren Hosentaschen heraus. »Und sie lassen
-mich nächstens verhungern,« brummte er, dem Himmel ein Paar feuchte
-Pudelaugen zeigend.
-
-Onkel Johns Phantasie schwoll mächtig an. Die Eindrücke arbeiteten so
-gewaltig in ihm, daß er einen Augenblick ganz sprachlos blieb. Und wenn er
-auch genau wußte, daß sein Neffe ihn aufs albernste belog, gelang es ihm,
-bei seiner Einbildungskraft, doch ganz vortrefflich, sich die Unwahrheit
-als Wahrheit vorzustellen. Sein fuchsgelber Schnurrbart zitterte, denn er
-befand sich in angenehmster Aufregung, und seine grellblauen Lügneraugen
-glitzerten wie Katzenaugen im Dunkeln. »Zunächst,« sagte er, hoheitsvoll
-das Portemonnaie ziehend, »zunächst sind hier fünf Mark, damit du nicht
-ganz ohne Pfennig herumläufst -- mein armer Junge.«
-
-John nahm dankend die gereichten zwei Mark. Er wußte, daß es immer nur zwei
-Mark waren, wenn Onkel John fünf Mark sagte.
-
-»Und nun gehe ich zu deinen Eltern,« fuhr dieser fort, »um für dich das
-Notwendigste anzuordnen. Schlimmstenfalls« -- er rollte die Augen -- »wird
-die Polizei meinen Worten Nachdruck verleihen. -- Holla!« rief er dem
-Faktor entgegen, der der Kiste wegen gelaufen kam, »tragen Sie das da! Ich
-übernehme die Verantwortung, verstanden?«
-
-John lehnte es ab, den Onkel zu begleiten, weil er ein unreines Gewissen
-hatte. Der Onkel ging auch lieber allein, um je nach Empfang mit seinen
-Märchen herauszurücken. Es war ein hellgrauer Sonntagvormittag, und die
-Grätengasse lag still und leer und sauber da. Onkel John eilte wie mit
-Flügeln am Mantel davon, während sein Neffe auf der Steinbank sitzen blieb,
-die Daumen umeinander drehte und sich seine Mischung wünschte.
-
-»Guten Tag, meine Lieben,« sagte der alte Fuchs mit wärmster Innigkeit,
-als er bei Zarnoskys ins Eßzimmer trat. Paul und Leo reichten ihm die Hand,
-seine Schwägerin unterließ es, Eugen und Herr Zarnosky brummten etwas,
-Onkel Chlodwig war nicht da.
-
-»John sitzt am Traumannschen Speicher und weint,« hub der gute Onkel an.
-»Die Kiste war doch wirklich zu schwer für ihn.«
-
-»Wer hat ihm befohlen, mit der Kiste zu gehen?!« sagte ärgerlich der Vater.
-
-»Das wollen wir nicht untersuchen,« versetzte Onkel John sanft und
-schlicht. »Apropos (»Jetzt geht's Schwindeln los,« flüsterte Paul hinter
-Eugens Rücken) was ich sagen wollte« -- er hob die eine Fußspitze ein wenig
-in die Höhe und besah sich versunken den Stiefel -- »ja, richtig; es
-gehen über dich merkwürdige Gerüchte in der Stadt herum, ganz merkwürdige
-Gerüchte, mein lieber Richard.«
-
-»Phantasiere doch nicht immer!« unterbrach ihn sein Bruder in wegwerfendem
-Tone. Richard Zarnosky log nicht mehr als andere Kaufleute, und seine
-Phantasie hielt sich in bürgerlichen Grenzen.
-
-»Du solltest -- du solltest nicht so zu mir sprechen -- in -- in einer Lage
-wie der deinigen, mein lieber Richard.«
-
-»In was für einer Lage bin ich denn, mein lieber John?«
-
-»In keiner angenehmen, sollte ich meinen. Es gehen Gerüchte in der Stadt,
-daß« -- --
-
-»Daß?«
-
-»Daß es mit dir schief stände, mein lieber Richard.«
-
-»Wer sagt das?« fragte Herr Zarnosky amüsiert.
-
-Onkel John entblödete sich nicht, eine Reihe von Namen zu nennen, wobei
-er ab und zu die Augen schloß, als ob ihm angst und bange würde. »O Gott!«
-rief er plötzlich. »Richard, Richard, bring nur nicht Schande über deine
-angesehene Familie, über mich und meine unschuldige Tochter, über unsern
-armen Bruder Chlodwig!«
-
-»Erster Akt, erste Szene,« sagte Eugen lachend.
-
-Herr Zarnosky tippte mit einer nicht mißzuverstehenden Gebärde an seine
-Stirn, indem er den Bruder bedeutungsvoll anblickte. Aber Onkel John
-übersah die Beleidigung, weil er noch lange nicht fertig war. Sich seinem
-ältesten Neffen zuwendend sagte er: »Mein lieber Eugen, du solltest dich
-schämen, deinen alten Onkel zu hänseln. Aber ich weiß ja, du ehrst auch
-nicht Vater und Mutter. Du schämst dich, in ihrem Interesse zu handeln. Du
-schämst dich, Schritte zu tun, die ihre mißliche Lage verbessern könnten.«
-
-»Nu wird's Tag,« brummte Eugen belustigt.
-
-Herr Zarnosky öffnete die Tür und sagte gelassen: »Mein lieber John, hier
-hat der Zimmermann das Loch gelassen.«
-
-Der Märchenerzähler fauchte wie ein schwergereizter Kater, seine grellen
-Augen rollten hin und her. »Richard,« brachte er angestrengt heraus, »ich
-kündige dir hiermit ein für allemal meinen Speicher.«
-
-»Schön,« erwiderte Herr Zarnosky, »mir ist dein ew'ges Künd'gen auch über.
-Es gibt mehr Speicher in unserer Gegend.«
-
-»Geh nur hin!« krähte Onkel John. »Es dürfte dir keiner so passen wie
-meiner.«
-
-»Und wenn auch! Schlimmstenfalls behelfen wir uns eine Weile mit einem. Wir
-räumen zum ersten Juli, du kannst dich darauf verlassen.«
-
-Das kam dem Märchenerzähler weder erwartet noch erwünscht. Wer weiß, ob ihm
-ein andrer die hohe Speichermiete zahlen würde, die ihm sein Bruder zahlte,
-ganz abgesehen von allerhand Vorteilen, die er daraus zu ziehen verstand,
-daß sein Speicher dem Bruder so sehr gut paßte. (Onkel John zog es schon
-lange vor, den Speicher zu vermieten, anstatt ihn selbst zu benutzen, weil
-er zuviel mit Prozessen zu tun hatte. An denen gewöhnlich seine Märchen
-schuld waren.) »Richard,« flüsterte er, das Gesicht in schelmische Falten
-ziehend und aufs versöhnlichste loskichernd, »du kannst nicht Scherz von
-Ernst unterscheiden. Das war doch bloß Spaß mit der Kündigung. Benutzt ihn
-in Gottes Namen weiter. Mir genügt der Schuppen.«
-
-»Bis zum ersten Juli und nicht länger,« versetzte Herr Zarnosky schroff.
-
-»Es ist nicht recht, daß du dem Bruder den Verdienst nehmen willst, um ihn
-vor einen Fremden zu werfen,« predigte Onkel John in salbungsvollem Tone;
-aber seine Augen funkelten böse. »Unser Bruder Chlodwig wird es auch nicht
-wollen,« setzte er theatralisch hinzu.
-
-»Dein ew'ges Künd'gen paßt uns schon längst nicht mehr!« schrie Herr
-Zarnosky, die Geduld verlierend. »Und es paßt uns auch nicht, daß du deine
-fünfzig Puten tagtäglich von unserem Getreide mästest!«
-
-»Erstens sind es nur vierzig,« stotterte Onkel John, »und zweitens haben
-sie noch nie in ihrem Leben auch nur ein Körnchen von deinem Getreide
-bekommen. Und außerdem sind nur noch sechs am Leben.«
-
-Alle lachten. Von vierzig auf sechs war selbst für Onkel John ein kühner
-Sprung.
-
-»Wißt ihr denn nichts von dem Unglück, das vergangenen Montag bei uns
-passierte? Nein, ihr wißt wohl noch nichts?!« rief nun der Märchenerzähler,
-froh wie ein Kind über den guten Einfall, der ihm gekommen, und über die
-versöhnliche Stimmung, die sich anzubahnen schien. »Richard, Anna, Eugen,
-Kinder, laßt euch erzählen, was vergangenen Montag bei uns passierte. Da
-fuhr mir doch ein Wagen mit durchgehenden Pferden in meine jungen Putchen
-hinein. Die Hälfte wurde totgefahren, die Hälfte kreuzlahm getreten. Dem
-Truthahn Fritz, meinem Liebling -- ihr kennt ihn ja -- dem armen Tier war
-das linke Beinchen gebrochen. Ich habe ihn dann selbst geschlachtet ...«
-
-»Aber Onkel!« platzte Paul lachend heraus. »Den Fritz habe ich doch noch
-gestern nachmittag gefüttert.«
-
-Onkel John zuckte zusammen wie jemand, den unerwartet ein Insekt gestochen.
-»Paul,« begann er eindringlich, die lachenden Zuhörer mit hoheitsvollen
-Blicken messend, »besinne dich recht, mein Junge! Du hast -- gestern
-nachmittag -- den Fritz gefüttert? War es nicht vor acht Tagen?«
-
-»Gestern war es.«
-
-Onkel John blickte auf Paul wie auf einen armen Schwachsinnigen, dann
-wandte er sich seiner Schwägerin zu. »Liebe Anna, ich habe es Ihnen -- ich
-habe es euch allen noch immer verbergen wollen, was ich seit einem halben
-Jahre an Paul beobachte. Der arme Junge -- aus unsrer Familie hat er das
-nicht -- das arme Kind weiß nämlich nie, wann sich ein Ereignis zugetragen,
-ob es gestern, vorgestern oder sonstwann war. Er verliert das Gedächtnis.
-Ist euch das noch nie aufgefallen?«
-
-»Nein, du alter Schwindler,« sagte Herr Zarnosky mit Nachdruck.
-
-»Alter Schwindler?« sprühte der Märchenerzähler, seinen Speicher
-vergessend. »Statt mir zu danken, daß ich dich auf eine Krankheit deines
-Kindes aufmerksam mache, beleidigst du mich? Du bist mir ein netter Vater!
-Den einen lassen sie verlumpen, den andern verblöden!«
-
-Herr Zarnosky ging ruhig zur Tür und öffnete sie ein zweites Mal. »Soll
-ich vielleicht den Faktor rufen, damit er dir den Ausgang zeigt?« fragte er
-grob.
-
-»Ich gehe,« schnaubte Onkel John, »und ich komme nicht eher wieder, als bis
-ihr mich auf Knien und Ellbogen darum bitten werdet.«
-
-Es erfolgte ein Gelächter, in das nur Paul und Frau Zarnosky nicht
-einstimmten. Paul machte ein ängstliches, beinahe verstörtes Gesicht. Frau
-Zarnosky erhob sich erregt und sagte: »Onkel John, wenn Sie jetzt hingehen
-und etwa in der Stadt erzählen, daß Paul anfängt, schwachsinnig zu werden,
-so werde ich Sie nie mehr in meinem Hause dulden.«
-
-Der gute Schwager verklärte sich. »Aha,« sagte er, »diese Tatsache ist
-Ihnen also doch nicht entgangen?! Aus unsrer Familie hat er das jedenfalls
-nicht ...« Dabei schlüpfte er aalgeschwind nach der Tür, um sich von dort
-mit einer spöttischen Verbeugung zu empfehlen. Die angenommene Kündigung
-hatte er total vergessen.
-
-Richard Zarnosky zuckte nur die Achseln, als sein angenehmer Bruder
-hinausschlüpfte. Die ganze Familie war an derartige Auftritte mit Onkel
-John gewöhnt. Frau Zarnosky war meist die einzige, die sich dabei aufregte.
-
-Paul ging auf den Hof, um über das nachzudenken, was der Onkel von ihm
-behauptet hatte. Da er die Sensibilität seiner Mutter und eine große
-Phantasie besaß, so hatte ihn die seltsame Behauptung in Unruhe und Angst
-versetzt.
-
-»War es nicht gestern vor drei Wochen, daß Vater die beiden Rappen kaufte?«
-fragte er Rodenberg.
-
-»Ja, das is nu all drei Wochen her,« erwiderte der Kutscher.
-
-»Am ersten wurden sie beschlagen, nicht wahr?«
-
-Rodenberg kratzte sich den Kopf. »Kann sind. Ich weiß nich mehr jenau,« und
-er trollte sich.
-
-Paul setzte sich auf eine Wagendeichsel und versank in angestrengtes
-Grübeln; er stellte die schwierigsten Daten in seinem Kopfe fest. Eine
-der vielen Speicherkatzen sprang ihm auf den Schoß und rieb sich
-schmeichlerisch an seiner Jacke. Der Junge wollte sie vertreiben, weil ihn
-das beim Nachdenken störte; aber die Katze klammerte sich fest, freundlich
-schnurrend und vergnügt mit dem Schwanze wippend. Paul streichelte sie mit
-abwesender Miene, bis ihm der wippende schwarze Katzenschwanz plötzlich
-zwischen die Lippen geriet. Da sprang er auf und ließ das Tier fallen, die
-klebengebliebenen Haare ärgerlich vom Munde wischend.
-
-»Was ist los?« fragte Onkel Chlodwig hinter ihm.
-
-»Ach nichts. Ich bekam Katzenhaare in den Mund,« erzählte der Junge.
-
-Chlodwig Zarnosky (eine Art Kompagnon seines Bruders Richard) war ein
-kleiner, gelblicher Junggeselle mit großen Ohren und großen weißen Händen.
-(Außerdem gab es noch einen vierten Zarnosky, den die Brüder seiner
-»eigentümlichen Anlagen« wegen nach Amerika verpflanzt hatten.)
-»Katzenhaare!« rief Onkel Chlodwig, die großen weißen Hände mit gespieltem
-Entsetzen zusammenschlagend. »Paul, Junge, du hast doch wohl keins
-hinuntergeschluckt?«
-
-»Ich weiß nicht,« sagte Paul verwirrt.
-
-»Kind, dann müßtest du ja sterben,« flüsterte Chlodwig mit großen
-geheimnisvollen Augen. Und nun ging seine Phantasie mit ihm durch.
-Er sprach dem schon erschreckten Jungen von einem schweren Tode, den
-heruntergeschluckte Katzenhaare öfters zur Folge hätten. Er schilderte
-dessen Qualen so genau, als habe er sie schon einmal durchgemacht. Paul
-lächelte gezwungen. Schwachsinn und Tod, das waren ja nette Aussichten.
-»Onkelchen, du schneidest auf,« sagte er mit unsicherer Stimme.
-
-Für gewöhnlich gab es keinen liebevolleren Onkel, als den kleinen Chlodwig,
-den jüngsten der vier Zarnoskys. War er es einmal nicht, dann lag das
-nur an seiner großen Phantasie. Sobald er merkte, daß er seinen Neffen
-erschreckt hatte, brach er in lautes Lachen aus. »Paulemännchen,« rief er,
-»was bist du für ein gläubiger Thomas?! Komm, jetzt trinken wir zusammen
-Rotwein, das ist das beste Mittel gegen Ängstlichkeit und Katzenhaare!«
-
- * * * * *
-
-John hockte noch immer mit gefalteten Händen auf der Steinbank in der
-Grätengasse. Aber er dachte nicht mehr an seine Mischung, er hatte sich
-angelehnt und lauschte den lieblichen dünnen Tönen, die aus einem kleinen
-stillen Hause kamen. Dort blies ein Pfeifer zu seiner Sonntagserbauung:
-
- Nachtigall, Nachtigall,
- wie sangst du so schön,
- sangst du so schön ...
-
-Es war ein Herbstlied, aber es brachte John seinen ganzen Frühling zurück.
-Seine Kindheit erhob sich bei dieser halbvergessenen Melodie aus ihrem
-Grabe und zog licht und herrlich an ihm vorüber. »Das warst du einmal,«
-klang es in ihm. »Warst du einmal,« schien die Pfeife zu wiederholen.
-Die Erinnerung nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm vergessene Wege
-zu vergessenen Herrlichkeiten. John war aufs neue geboren. Der einsame
-Lauscher in der Grätengasse war eine leergewordene Hülle.
-
-Da brach der Pfeifer plötzlich ab -- und die auferstandene schöne Zeit
-sank langsam ins Grab zurück. Die Hülle auf der Steinbank bekam wieder eine
-Seele. Der Trinker schlug langsam die Augen auf. Wo war alles geblieben?
-Ein trauriges Grinsen verzerrte sein Gesicht, als sein suchender Blick auf
-die blauen Oblaten auf seiner Jacke fiel. Das war er jetzt! Und das war
-kein Traum; es war nicht zu vertreibende Wirklichkeit. Er riß die Oblaten
-ab und schleuderte sie wild auf die Straße. Aber dann erhob er sich bald
-und suchte sie wieder auf. Er konnte sie heute nicht entbehren. Beschmutzt
-waren sie seiner auch noch würdiger.
-
-Die Leute kamen aus der Kirche. Die Grätengasse belebte sich. John setzte
-sein Imperatorenlächeln auf und machte sich auf den Heimweg.
-
-»Guten Tag, Herr Zarnosky.«
-
-»Diener, Herr Zarnosky.«
-
-John erwiderte die Grüße, indem er jedesmal zwei Finger nachlässig an die
-Mütze hob. Als er einen toten Sperling auf der Erde liegen sah, hob er ihn
-auf und betrachtete ihn. Das Tierchen war so jung, so niedlich und noch
-ganz warm. Ein Gruß vom Tode, dachte der Trinker, und seine Hand bebte, und
-seine Orden bebten. »Ich komme bald,« schien eine Stimme zu flüstern.
-
-»Bald?« fragte seine Angst.
-
-Der Osterwind raunte eine tonlose Antwort.
-
-»Ich will nicht!« schrie es gewaltig in John, denn ihm war, als habe er
-soeben sein Todesurteil vernommen. Und er hob den Arm und schleuderte den
-Sperling über den nächsten Zaun. Er wollte nichts vom Tode wissen, nichts
-mit ihm zu tun haben; er amüsierte sich höchstens über ihn. Sein Leben
-konnte hundert Jahre währen. Doch die Angst sprach anders in ihm, und ihm
-war, als stände der Tod schon irgendwo hinter einem Mauervorsprung
-der Grätengasse, seinen knöchernen Arm ausstreckend, um ihn für immer
-aufzuhalten. Er torkelte auf den Fahrdamm, um den Mauervorsprüngen
-auszuweichen; er trabte nach Hause und setzte sich neben die lebenswarme,
-liebevolle dicke Amalie. Aber die Köchin wurde bald ins Eßzimmer gerufen
-und kehrte mit der unangenehmen Botschaft zurück, daß ihn der Vater zu
-sprechen wünsche. John machte ein betretenes Gesicht und schlich wie ein
-armer Sünder hinein.
-
-»Wer hat dich geheißen, mit der Kiste zu gehen?« fragte ärgerlich der
-Vater.
-
-»Es hat mir Spaß gemacht,« stotterte John.
-
-»Unterlaß diese Späße in Zukunft, hast du verstanden?«
-
-»Ja,« sagte John wie ein artiges Kind.
-
-Herr Zarnosky schneuzte sich, um eine freundlichere Miene zu verbergen.
-»Was hast du mit Onkel John gesprochen?« fragte er dann.
-
-»Ich -- ich weiß nicht mehr.« John lachte blöde.
-
-»Du weißt nicht mehr? Dann hast du wieder geschwindelt! Ich will wissen,
-was du zu ihm gesagt hast?«
-
-»Guten Tag hab ich gesagt -- und -- und in der Kiste wären Patronen.«
-
-Der Vater versetzte ihm gereizt eine Ohrfeige, die mit stiller Tücke
-hingenommen wurde.
-
-»Wie kannst du nur?!« rief Frau Zarnosky in vorwurfsvollem, klagendem Tone.
-»Wie kann man nur einen erwachsenen, schwerkranken Menschen schlagen?!«
-
-»Schwerkrank?« wiederholte John entsetzt, die Ohrfeige vergessend.
-
-Wenn Frau Zarnosky eine Roheit ihres Mannes rügen oder gutmachen wollte,
-hatte sie häufig das Pech, nicht minder roh oder wenigstens sehr taktlos
-zu sein -- ohne sich ihres Fehlers immer bewußt zu werden; denn sie war ein
-wenig denkträge und hielt sich auch für die Vollkommenheit selbst. Johns
-angstvolle Frage blieb unbeantwortet, weil die Eltern ins Streiten geraten
-waren, ob der Vater einen erwachsenen Sohn schlagen dürfe oder nicht.
-
-John dachte mit Sehnsucht an Amalie. Die machte ihm keine Vorwürfe, die
-schalt ihn weder aus, noch erschreckte sie ihn. Die schenkte ihm Geld,
-wenn er Durst hatte, und tröstete ihn, wenn er traurig war. Die hatte
-sogar seinen Peter ins Herz geschlossen. Zwar die Mutter war auch gut; aber
-Amalie war doch noch besser. Still drückte er sich hinaus.
-
-»Herr Johnche trautstes,« sagte die Köchin innig, »haben se inne Stub
-wiedermal auf Ihnen jepucht?«
-
-Der Trinker schlug mit der Hand. »Die müssen doch immer was haben!«
-
-Er ließ sich auf die Küchenbank fallen, daß es krachte. »Bin müde,« sagte
-er düster.
-
-»Hätten Se der Kiste doch bloß stehen lassen, junger Herr!«
-
-»Glauben Sie wirklich an Gott?« fragte John, ins Herdfeuer starrend.
-
-Die Köchin machte ein dummes Gesicht, weil sie nicht gleich wußte, was sie
-auf diese unerwartete Frage antworten sollte.
-
-»Ob Sie wirklich an Gott glauben?« wiederholte der Trinker.
-
-»Na jewiß. Natirlich. Ich werd nich?! Wieso fragen Se, Herr Johnche?«
-
-»Fiel mir so ein.«
-
-»Glauben Se man auch,« predigte Amalie, »dann werden Se auch wieder jesund
-werden. Bloß nich zuviel trinken!«
-
-John schien voller Angst einer andern Stimme zu lauschen. »Hörten Sie
-nicht?« fragte er plötzlich.
-
-»Wa--as? Wa--as?«
-
-»Vorher sagte es der Wind. Jetzt sagte es das Feuer.«
-
-»Die können doch nichts sagen.«
-
-»›Ich komme bald,‹ sagte es eben.«
-
-»Ich hab nichts nich jehert.«
-
-»Der Tod will kommen,« flüsterte John mit großen angstvollen Kinderaugen.
-
-»Haben Se man keine Angst!« tröstete die Köchin. »Sie können noch Ihre
-ganze Familie iberleben. Sie allemal!« Dann öffnete sie die Bratofentür und
-sagte: »Kommen Se man sehn, junger Herr, wie fein se braten.«
-
-Zwölf Täubchen lagen in Reih und Glied in der Bratpfanne, zwölf angenehm
-duftende, kleine braune Körperchen, die Amalie mit Stolz und Schweiß auf
-der Nase vorwies. Johns Miene erheiterte sich beim Anblick der Tierchen.
-Er ergriff eine Gabel und prüfte, ob sie schon weich waren. Da es sich so
-verhielt, riß er der größten ein Beinchen aus, blies ein wenig herauf und
-benagte es dann mit der Miene eines Menschen, der hat, was er braucht. Die
-Köchin hatte die fetten Hände überm Bauch gefaltet und sah ihm wohlgefällig
-zu.
-
-»Schmeckt gut?« fragte sie.
-
-»Ja,« sagte er.
-
-»Vielbeliebt und anjenehm zu heren.«
-
-
-
-
-Drittes Kapitel
-
-
-Auf dem Zarnoskyschen Hof stand ein uralter Birnbaum. Sein Stamm war so
-stark wie vier feiste Mönche zusammen, und seine mächtige Krone bildete
-eine Art chinesisches Dach über einem großen Teil des Hofes. Um den Stamm
-lief ein Tisch und um den Tisch eine Bank; beide wurden viel zum Sitzen
-benutzt, der Tisch noch mehr als die Bank.
-
-Wieder ging ein Frühlingstag zu Ende. John saß unter dem Birnbaum auf dem
-Tisch, die Füße auf der Bank, und starrte nachdenklich und versunken in die
-Abendsonne. Sie schwebte über einem sehr alten rosa Häuschen, das mit dem
-Giebel an den Hof stieß. Dieser Giebel hatte nur ein einziges Fenster und
-sonst nichts als seine rosa Farbe. John war froh. Er hatte beschlossen,
-noch ein drittes Mal in die Heilanstalt für Trinker zu gehen, und dieses
-dritte und letzte Mal sollte ihn für immer kurieren; denn: er wollte
-hinterher nie mehr einen Tropfen Alkohol über seine Lippen bringen, das
-hatte er sich mit den heiligsten Eiden zugeschworen. Und darum hoffte er
-nun, eines Tages wieder gesund, stark und schön zu sein, er hoffte, einst
-wieder zu den glücklichsten Menschenkindern der Welt zu gehören. (Mit
-siebenundzwanzig Jahren hofft man noch leicht, hält man das Wunderbarste
-für möglich.) Bald nach Ostern wollte er seinen Entschluß kundtun und zur
-Ausführung bringen. Peter sollte ihn in die Anstalt begleiten.
-
-Der Ziegenbock sprang vor seinem Herrn herum und tanzte auf den
-Hinterbeinen. Plötzlich öffnete er seine kleine schwarze Schnauze, zeigte
-eine dicke rosa Zunge und schrie aufgeregt: »Mämämämä« ...
-
-»Ich bin deine Mama,« sagte John zärtlich, »deine Mama und auch dein Papa.«
-
-Das Giebelfenster des rosa Häuschens sprang klirrend auf, und ein brauner
-Christuskopf lugte heraus. »John,« rief er, »soll ich auf den Hof kommen?«
-
-»Ja, komm!« sagte der Trinker.
-
-Der Mensch mit dem Christuskopf war der Bruder von Onkel Johns Frau,
-achtunddreißig Jahre alt und schwachsinnig. Sein verstorbener Vater war
-Superintendent gewesen, und darum bildete er, Johannes, sich ein, zum
-mindesten Pfarrer zu sein. Die Verwandten unterstützten seine Torheit,
-indem sie ihn »Pfarrer« nannten. Sie sagten Pfarrer, anstatt Johannes, sie
-gebrauchten den Titel wie einen Vornamen. Johannes hatte noch einen Bruder,
-der weit schwachsinniger war als er selbst. Die beiden Brüder lebten ganz
-allein mit einer mürrischen Haushälterin in dem alten rosa Häuschen, das
-ihr Eigentum war. Und sie lebten dort in ziemlicher Dürftigkeit, trotz
-guter Vermögensverhältnisse; denn Onkel John verwaltete ihre Zinsen, und
-zwar mehr zu Nutz und Frommen seines Geflügelhofes, als zu dem seiner
-einfältigen Schwager.
-
-»Friede sei mit dir!« sagte Johannes würdevoll, als er John die Hand
-reichte.
-
-»Und der Stock regiere dich!« witzelte dieser wie gewöhnlich, trotz der
-abwehrenden Geste des frommen Idioten.
-
-»Hast nich ein Stummelchen? Hast nich, hast nich?« fragte Johannes,
-sich fröstelnd die hageren Hände reibend. Er trug wie John eine dunkle
-Sportmütze, die sich auf seinem lockigen Christuskopf seltsam genug
-ausnahm. Um den Hals hatte er ein schwarzes Halstuch geschlungen. Sein
-blauer Anzug war fleckig und abgetragen, die Jacke zu weit, die Hose zu
-kurz; denn beides hatte einst Onkel John gehört, der stärker und kleiner
-war.
-
-»Kein Stummelchen?« sagte Johannes, traurig den Kopf senkend, als John die
-Frage verneinte. Und wie er so die Mütze abnahm, um sie mit ergebungsvoller
-Miene ein wenig abzustäuben, da glich er ganz Christus, und John, der
-ebenfalls die Mütze abgenommen hatte und voll Mitleid von seinem Platz auf
-ihn herabsah, konnte wohl Pontius Pilatus vorstellen: Christus vor Pontius
-Pilatus.
-
-»Stummelchen habe ich keine,« wiederholte der Trinker, »aber eine Zigarre
-habe ich heute für dich.«
-
-Johannes rauchte für sein Leben gern. Er ließ einen Zigarrenstummel nicht
-früher aus dem Munde, als bis er ihm Bart und Lippen versengte. Man machte
-ihm jedesmal eine große Freude, wenn man ihm eine ganze Zigarre schenkte;
-denn für gewöhnlich mußte er sich mit den Stummeln begnügen, die Johns
-Vater (der einzige Raucher unter den Zarnoskys) für ihn aufhob. Er selbst
-konnte sich keine Zigarren kaufen, da er kein Taschengeld bekam. Sein und
-seines Bruders Taschengeld verwaltete die Haushälterin, und zwar mehr zu
-Nutz und Frommen ihres Sparkassenbuches, als zu dem ihrer schwachsinnigen
-Pflegebefohlenen. Zuweilen schenkte ihnen die Schwester Zigarren und
-Delikatessen; aber nur Johannes rauchte, und die Delikatessen aß die
-Haushälterin auf.
-
-Johannes begann vor Wonne zu stammeln, als John ihm eine schöne lange
-Zigarre unter die Nase hielt. »Riech mal,« sagte der Trinker. Dann lehnte
-er sich zurück: »Und nun fang sie auf.«
-
-Der Schwachsinnige hob die Hände, die Zigarre erwartend. Aber John narrte
-ihn immer wieder, indem er nur so tat, als ob er werfen wolle. Schließlich
-forderte er den Idioten auf, Gott zu lästern, oder er bekäme sie nicht.
-John hatte nämlich herausbekommen, daß man Johannes wohl zu diesem und
-jenem verleiten konnte, aber nicht dazu, Gott zu lästern. »Ein Pfarrer darf
-das nicht,« entgegnete er dann stets.
-
-Das entgegnete er auch diesmal; doch John ließ es nicht gelten. Er zog eine
-Schachtel Streichhölzer aus der Tasche und drohte, die Zigarre selbst zu
-rauchen, wenn Pfarrer es nicht gleich täte. »Liebes gutes Johnche,« flehte
-der Unglückliche, »gib, gib! Darf ich nich. Darf ich nich.«
-
-Der Trinker biß die Spitze von der Zigarre ab, indem er Johannes wie ein
-Folterknecht angrinste. »Na, wird's bald?« fragte er zwischen den Zähnen.
-
-Die Abendsonne legte einen roten Heiligenschein um den lockigen
-Christuskopf des Idioten. Er stand da, die Hände um die Mütze gefaltet,
-die Augen wie ein Verschmachtender auf die Zigarre gerichtet. Seine Lippen
-bewegten sich; aber es kam kein Ton. Er hatte schon tagelang nichts zu
-rauchen gehabt, und eine ganze Zigarre hatte er schon seit Wochen nicht
-sein eigen genannt; er zitterte vor Gier nach dem so lange entbehrten
-Genuß. Dieser Zigarre gegenüber unterlag er der Versuchung, das fühlte er.
-»Johnche,« flüsterte er mit versagender Stimme, »hab schon was jesacht.
-Hast bloß nich jehört, hast bloß nich jehört.«
-
-»Das ist nichts. Das gilt nicht,« grinste der Trinker.
-
-Pfarrer bebte wie Espenlaub, und seine Zähne schlugen leise klirrend
-zusammen. »Er -- er -- ist, ist -- ein Esel!« stieß er plötzlich ganz
-kreidebleich hervor, als John schon dabei war, ein Streichholz zu
-entzünden, und fast schreiend setzte er hinzu: »Aber nur ein ganz kleiner,
-nur ein ganz kleiner!«
-
-John wollte lachen und konnte nicht. »Das war noch nichts Rechtes,« sagte
-er beinahe verlegen, »aber für diesmal wollen wir es gelten lassen. Hier!«
-
-Johannes pflanzte die Zigarre glückselig in den Mund. John gab ihm Feuer.
-
-Obgleich dieser mit den beiden Schwachsinnigen gern allerhand seltsame und
-boshafte Experimente vornahm, tat er doch mehr für sie als ihre nächsten
-Anverwandten. Wenn sie sich bei ihm über die Haushälterin beklagten, ging
-er auf der Stelle hin und stellte sie unter den heftigsten Drohungen zur
-Rede. Die sonst sehr unerschrockene Person hatte einen gewaltigen Respekt
-vor John, ja, sie zitterte förmlich vor ihm, da sie ihn zu allem fähig
-hielt. Zweimal in jeder Woche ging er im rosa Häuschen das Essen kosten.
-War es nicht gut, dann bekam die Haushälterin die Drohung zu hören, daß er
-sie wegen Veruntreuung und Diebstahl anzeigen werde. Johannes und Markus
-bewunderten Johns Mut aufs tiefste; er war ihr Held, ihr Ideal. Und da er
-sie, die ewig Hungrigen, oft satt machte, darum liebten sie ihn wie einen
-Vater und nahmen seine Neckereien und Quälereien so ruhig und ergeben hin,
-wie der Türke die Schicksalsschläge.
-
-Die Abendsonne glitt langsam am glasblauen Himmel herab, glutrot und groß.
-Johannes hatte sich neben John auf den Tisch gesetzt und dampfte wie ein
-Pascha. Er wäre jetzt der glücklichste Mensch der Welt gewesen, wenn er
-nicht die Gotteslästerung hinter sich gehabt hätte. »Johnche,« fragte er
-leise, »meinst, er hat jehört? Meinst? Meinst?«
-
-»Was wird er nich jehört haben?!« entgegnete dieser. »Der hört doch alles!«
-
-»Johnche, du lachst ...?«
-
-»Na, vielleicht hat'r auch nich jehört. Vielleicht schlief'r auch schon. Is
-doch'n alter Mann.«
-
-»Hast recht! Hast recht!« sagte aufatmend der Idiot.
-
-Sie starrten beide nach den roten Abendwolken, die ganz seltsame,
-phantastische Formen hatten. Springenden Pferden mit Hörnern und Krallen
-ähnlich, wandelten sie langsam durchs Himmelsblau.
-
-»Möchtest du da reiten?« fragte John mit einer Kopfbewegung nach oben.
-
-»Jefährlich, jefährlich,« meinte Johannes.
-
-»Wenn es aber ins Paradies ginge, Pfarrer?«
-
-In die Augen des Schwachsinnigen kam ein sehnsüchtiger Ausdruck. »Ins
-Paradies?« wiederholte er verträumt. »Ach ja, Johnche, da möcht' ich jleich
-hin.«
-
-»Ei, wenn es da nichts zu rauchen gibt?«
-
-Johannes kicherte blöde los. »Wird schon, wird schon,« meinte er, »da
-jibt's doch alles umsonst. Zigarren -- Bratäpfel -- Glacéhandschuhe ...«
-
-»Weißt du was?« sagte der Trinker, die Frühlingsluft schlürfend. »Ich werde
-wieder gesund werden. Ich geh nach Ostern in eine Anstalt und komm gesund
-zurück.«
-
-Pfarrer sah ihn ehrfurchtsvoll an. »Ja? Ja?« Und dann ließ er nachdenklich
-den Kopf hängen, hüllte sich in Rauchwolken und schwieg.
-
-Nachdem er geraume Zeit still vor sich hingebrütet hatte, bat er John
-verlegen und zaghaft, ihn doch in diese Anstalt mitzunehmen.
-
-»Wieso?« fragte John.
-
-Der Schwachsinnige errötete wie ein junges Mädchen und wollte nicht mit dem
-Grunde herausrücken. Endlich kam es halb gestammelt, halb geflüstert: Er
-möchte auch gern gesund werden: klug werden. »Nich mehr Idiot, nich mehr
-Idiot!« rief er klagend. Darauf senkte er das erblaßte Gesicht wie jemand,
-der die Wirkung seiner Worte nicht abzuwarten wagt.
-
-Schweigen.
-
-»Das geht nicht,« sagte John kurz. »Oder -- du müßtest sterben. Die Toten
-sind alle klug.«
-
-»Sterben?« stotterte Johannes erschreckt und enttäuscht. »Neinein! Lieber
-nich, lieber nich! Noch e bißche warten, noch e bißche warten!«
-
-John lachte kurz auf. Und seine Lippen brannten rot in der sinkenden Sonne.
-Er legte den Kopf auf eine Seite und begann leise zu pfeifen. Es klang, als
-ob ein Vogel lockte. Es klang nach Frühlingslust und Lebensgier. Es war ein
-Lied von der einzigen Wonne -- zu leben.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel
-
-
-Die beiden Ausreißer sahen sich an und lachten. Es war nicht leicht
-gewesen, die Reise zu unternehmen, da sie im geheimen vor sich gehen mußte;
-denn man hätte John, krank wie er war, nie gestattet, mit Johannes einen
-Ausflug zu unternehmen. Nun freuten sich beide, daß alles so wohl gelungen,
-und daß sie nun da waren, wo sie hingewollt. Obgleich die Fahrt nur eine
-Stunde gedauert hatte, fühlte sich John doch sehr angegriffen, als er
-mit seinem Gefährten aus dem Zug stieg. Hinter dem ersten Zaun mußte ihm
-Johannes die große Flasche Kognak reichen, die sie mitgenommen hatten, und
-nun goß er Kognak wie Wasser in sich hinein. Darauf lachte er wieder über
-das ganze Gesicht, und Johannes wieherte aus vollem Halse, weil er das für
-schicklich hielt, wenn sein Ideal fröhlich war. John faßte ihn unter und
-schritt würdevoll mit ihm weiter. Sie waren ein seltsames, auffallendes
-Paar. Der Trinker hatte sich in der Eile mit einem alten hellgelben
-Winterüberzieher bekleidet, der übermäßig kurz war und stark nach
-Naphthalin roch. Sein dicker Schädel schien die Kopfbedeckung sprengen zu
-wollen. Das kleine, steife, schwarze Hütchen saß da, als müsse es jeden
-Augenblick herunterhüpfen oder bersten. Pfarrers lange, hagere Figur zierte
-ein großkarierter alter Reisemantel von Onkel John. Auf dem Kopf trug er
-die unvermeidliche Sportmütze, da er keinen Hut besaß. Halb Engländer, halb
-Christus schleppte er eine umfangreiche Reisetasche, die die Kognakflasche
-und eine Menge Mundvorrat enthielt -- für den Amalie im geheimen gesorgt
-hatte.
-
-Der Apriltag war so warm und golden wie ein Maientag. Es schien nicht
-Ostern, es schien Pfingsten zu sein; die Natur war so weit, wie sonst nur
-im Mai. Die Obstbäume blühten schon hier und dort, und die Butterblumen
-glänzten überall wie kleine Sonnen im Gras. Das junge Birkenlaub glich
-flachen, goldgrünen Blüten, die ein leise wehender Wind in fortwährendem
-Zittern erhielt. Das sah nun aus, als hingen zahllose, lautlos schwingende
-Glöckchen an den Birkenzweigen. John und Johannes schritten durch eine
-Allee solcher Glöckchenbäume. Niemand begegnete ihnen. Hier und dort
-blickten bunte Strandvillen über nahe und ferne grüne Hecken. Johannes
-hatte in seiner Brusttasche ein Paar weiße Glacéhandschuhe, die er für sein
-Leben gern aufgezogen hätte; aber John erlaubte es ihm nicht. Die beiden
-schwachsinnigen Brüder schwärmten einträchtig für weiße Glacéhandschuhe --
-und Bratäpfel, besonders aber für weiße Glacéhandschuhe. Die ihnen jetzt
-niemand mehr schenken wollte. Als der Vater noch lebte, hatten sie solche
-Handschuhe zu Dutzenden bekommen; aber jetzt -- --! Immer wieder mußten sie
-alte Paare mit Benzin reinigen, wenn sie das sehnsüchtige Verlangen hatten,
-sich irgendwo mit weißen Glacéhandschuhen zu zeigen.
-
-Die Allee endete auf der Düne, von der eine uralte Treppe aus breiten
-Steinen und mit wackligem Holzgeländer durch eine lange, winklige,
-baumreiche Schlucht zum Strand hinabführte.
-
-»Steigen wir 'runter?« fragte John.
-
-»Jefährlich, jefährlich,« meinte Johannes.
-
-Sie standen Arm in Arm und blickten mit Scheu und Bewunderung über die
-halbdunkle Schlucht hinweg auf die weite, weite, blaue See.
-
-»Große bunte Käfer, schöne bunte Käfer,« sagte Johannes, mit vergnügtem
-Lachen auf die Osterausflügler zeigend, die bienenemsig am Ausgang der
-Schlucht auf der Mole herumkrabbelten.
-
-»Erst essen wir etwas und dann steigen wir auch herunter,« sagte John und
-setzte sich auf die nächste Bank.
-
-Pfarrer folgte ihm mit verklärter Miene. »Essen« war und blieb doch das
-Schönste für ihn. Seine langen, hageren Hände sofort in die Tasche grabend,
-brachte er Päckchen auf Päckchen zum Vorschein. Der Trinker griff zuerst
-nach der Kognakflasche und tat aufs neue einen langen, tiefen Zug. Johannes
-entkapselte für sich einen Zitronensprudel, zu dem er eine Serie harter
-Eier genoß. John hatte wenig Appetit, da das Mittagessen noch nicht weit
-zurücklag. Bei Johannes machte das nichts aus; der konnte schon wieder
-wie ein Drescher einpacken. Er stieß ein unwilliges Knurren aus, als John
-»genug!« ausrief. Was war ihm Schlucht, was war ihm See, wenn neben ihm
-eine Tasche mit den schönsten Eßwaren stand.
-
-Arm in Arm, langsam und ängstlich wie der Lahme mit dem Blinden, begann das
-Paar den Abstieg. Auf der halben Treppe mußten sie schon rasten, weil John
-die Luft ausging. Mit bläulichem Gesicht sank er auf die Stufen nieder,
-und Johannes mußte ihm wieder die Kognakflasche reichen. »Da haben wir den
-Salat,« sagte John, melancholisch ins Grüne spuckend. Der Schwachsinnige
-nahm ein paar Stufen tiefer Platz und zog sich heimlich einen weißen
-Handschuh auf. Jeden Augenblick konnten Leute die Treppe herauf- oder
-herunterkommen, Leute mit neugierigen Augen -- ohne weiße Glacéhandschuhe.
-Pfarrer wollte ein bißchen »feiner Mann« spielen. Es dauerte auch nicht
-lange, so kamen zwei junge Mädchen die Treppe heruntergekichert. Helle
-Kleider, flatterndes Haar. »Scheene Kinder,« schmunzelte Pfarrer, die weiße
-Hand wie einen Fächer bewegend. John fuhr fort, ins Grüne zu starren. Was
-gingen ihn diese Mädchen an?! Ja, wenn Peter gekommen wäre -- --! Es tat
-ihm sehr leid, daß »der Junge« zu Hause sein mußte. Die Mädchen girrten
-wie Tauben, als sie an dem seltsamen Paar vorübersprangen. Gleich danach
-platzten sie los. Ihr Lachen rieselte die Schlucht herauf und herunter, und
-das Echo gab es verhaltener wieder.
-
-Und die Vögel sangen, und die Wellen riefen, und es duftete das Laub. Es
-war ein Frühlingstag, wie es nicht viele gibt; die Welt war so schön wie
-ein Traum. Selbst Johannes empfand das. Unwillkürlich nahm er die Mütze ab
-und saß barhäuptig da, als sei er der Natur diese Ehrfurcht schuldig.
-
-Nach einer halben Stunde waren sie unten und schritten Arm in Arm bis
-zum Ende der Mole, wo es ganz menschenleer war, und nur die Wogen, gleich
-wilden Pferden, mit lautem Geschrei und hochflatternden weißen Mähnen
-dahergestürmt kamen. Die Mole war schmal und kroch wie eine graue Schlange
-am Fuß der steilen, beinahe ockerfarbenen Dünenwand entlang, von der hier
-und da der gelbe Sand, leise klirrend, herunterrieselte. Auf der Höhe
-standen große Bäume, und einer von ihnen neigte sich weit über die Düne,
-als müsse er herunterschauen oder als sei er im Begriff herabzustürzen. Der
-Himmel war afrikanisch blau über dem leuchtenden Gelb der steilen Sandwand.
-
-John war, als fahre die Mole unter ihm davon, als sie stehen geblieben
-waren und auf das Wasser blickten; sich auf Johannes stützend, schloß er
-erschreckt die Augen. Nun fuhr er mit; die Mole und die ganze Welt schien
-langsam mit ihnen davonzufahren. John hielt sich an Johannes, wie der
-Schiffbrüchige am Mast, und auf einmal glitt er lautlos zu Boden. Ein
-Schwindelanfall, der nur langsam vorüberging. »Ich bin schläfrig,« sagte er
-schließlich auf Pfarrers angstvolles Fragen mit seiner gewöhnlichen Stimme,
-und er streckte sich aus und ließ die Sonne auf seinen gelben Wintermantel
-brennen.
-
-Der Schwachsinnige strich ratlos seinen Christusbart, er blickte scheu auf
-das große Wasser, dem er nun ganz allein gegenüberstand; am liebsten
-wäre er nach Hause gelaufen. Nach einer Weile hockte er sich neben seinem
-bereits schnarchenden Freunde nieder, der See den Rücken zudrehend, und sah
-unentwegt auf die Reisetasche: ihr Anblick war ihm eine Oase in der Wüste.
-Den Handschuh hatte er längst wieder abziehen müssen. John hatte ihm vor
-allen Leuten mit einer Backpfeife gedroht, wenn er es nicht auf der Stelle
-täte. Es war ihm nichts anders übrig geblieben, als zu gehorchen.
-
-Pfarrers Phantasie sah auf der Tasche einen Mädchenkopf mit großen,
-lachenden Augen. Pfarrer hatte sich wieder einmal verliebt. Das eine der
-beiden Mädchen, die auf der Treppe an ihm vorübergesprungen, hatte es ihm
-angetan. Und nun glaubte er, sie immer wieder kichern zu hören; es war aber
-nur der Sand, der so klirrend von der Düne rieselte.
-
-Es rieselte ... es rieselte, und die Wogen warfen sich mit eintönigem
-Geschrei gegen die Mole. Pfarrer legte das Gesicht auf die Reisetasche, da,
-wo er sich den Mädchenkopf dachte, und brummelte sich in den Schlaf.
-
-Die Wellenpferde kamen laut herangejagt, sprangen an der Mole hoch und
-brachen fauchend zusammen; neue kamen, sprangen an der Mole hoch und
-brachen fauchend zusammen; neue kamen ... und die Sonne sah ihnen strahlend
-zu und segelte majestätisch ihren Weg.
-
-Es war gegen halb sechs, als John endlich aufwachte. »Dore! Kaffee!
-Kaffee!« brummte er.
-
-»Kaffee! Kaffee!« echote der Idiot.
-
-John sah sich betreten um. »Pfarrer,« stotterte er, sich die Augen reibend,
-»was ist das hier?«
-
-»Ostsee! Ostsee! Ostsee!«
-
-Der Kranke verzog das Gesicht. »Ich säße jetzt lieber zu Hause,« sagte er
-mißmutig.
-
-»Ich auch! Ich auch!« sagte Johannes.
-
-»Da hinauf komm' ich heut' nicht mehr,« murmelte John, auf die Düne
-zeigend.
-
-Johannes verfärbte sich. »Bleib nich! Bleib nich!« rief er entsetzt.
-»Graurig hier! Graurig hier im Dunkeln!«
-
-»Ich werde schon Mittel und Wege finden, daß wir vor acht auf dem Bahnhof
-sind,« versetzte der Trinker mit seinem Imperatorenlächeln.
-
-Und der Schwachsinnige vertraute seinem Ideal. »Is gut! Is gut!« sagte er
-beruhigt.
-
-John versuchte nun fröhlich zu sein; aber es wollte ihm nicht recht
-gelingen, und je näher der Abend kam, desto stiller wurden sie alle beide.
-Johannes begann wieder zu essen; doch diesmal ohne Genuß: die große Nähe
-des weiten, lärmenden Wassers bedrückte zu sehr sein Gemüt. Und John
-bedrückten Todesgedanken. Er kam sich vor wie ein Sterbender, der sich noch
-einmal in die Sonne gesetzt, der das Meer und die Sonne noch einmal sehen
-wollte, um von ihnen Abschied zu nehmen. Das Gebrüll der Wogen hatte
-seine Fröhlichkeit verloren. Sie klagten jetzt immer lauter und lauter
-und hohler: eine tragische Musik. John lehnte sich schwer an die kalte
-Dünenwand mit dem rieselnden Sande. Er hatte einen Ton im Ohr, der aus der
-Ferne zu kommen schien, aus einer Ferne, die nicht auf Erden war. Der Tod
-schlug mit der Sichel an. »Ich komme bald!« klang's aus der Ferne.
-
-»Ich verreise nächstens,« sagte John plötzlich.
-
-»Weiß! Weiß!« murmelte Johannes.
-
-»Nicht in die Anstalt,« sagte der Trinker.
-
-Der Schwachsinnige wieherte geheimnisvoll, so, als wisse er über alles
-Bescheid.
-
-»Weißt du, zu wem?« fragte John.
-
-»Zu wem? Zu wem?« stotterte Johannes.
-
-»Zum Tode -- Pfarrer.«
-
-Der Idiot lachte verblüfft und ängstlich. »Ach ja --?!« sagte er mit
-ungläubiger Miene. Und dann halb scherzhaft, halb wißbegierig: »Hat er
-einen Garten? Einen Garten?«
-
-»Einen großen,« erwiderte John, »mit einer hohen, blutroten Mauer herum.«
-
-»Äpfel? Äpfel im Garten?«
-
-»Nee! Mohnblumen, nichts als Mohnblumen.«
-
-»Was tust mit Mohnblumen?!« sagte Johannes in wegwerfendem Tone.
-
-»Du riechst sie,« murmelte John, »und dann vergißt du das Leben: alles, was
-dich geplagt hat.«
-
-»Will nich verjessen! Will nich!« brummte Johannes trotzig.
-
-»Aber eine Zigarre würdest du wollen, was?«
-
-»Ja,« sagte der Schwachsinnige, treuherzig wie ein Kind.
-
-Er bekam eine und sog wie ein Rasender an dem dicken, etwas feucht
-gewordenen Stengel, ohne ihn in ordentliches Glimmen zu bekommen. John
-lachte über Pfarrers verzweifelte Anstrengungen, aber seine Augen sahen
-nach Tränen aus; denn seine Schmerzen meldeten sich, und es begann ihn auch
-zu frieren, da die Sonne hinter großen Wolken verschwunden war. Die Wolken
-waren, kaum bemerkt, herangezogen und standen nun wie Elefanten am Himmel,
-See und Land beschattend und die Mole mit den beiden traurigen Träumern.
-
-»Warum ließen sie mich zum Säufer werden?« stieß John nach langem Schweigen
-zwischen den Zähnen hervor.
-
-Der Schwachsinnige wieherte kläglich.
-
-»Warum ließen sie es zu?« wiederholte John fast schreiend in
-herzzerreißendem Tone.
-
-»Iß! Iß!« stammelte Johannes in ratloser Bestürzung.
-
-Die Elefanten schickten einen kurzen, klingenden Hagelgruß herunter, auf
-den ein harter, rascher Regen folgte. Die Tropfen tanzten zischend über die
-Frühlingssee und klapperten rhythmisch auf der Mole. Dann wurde es wieder
-still. Die Sonne schob ihr gelbes Kinn um die Ecke einer Wolke, und ein
-Regenbogen flammte groß und strahlend am dunkeln Himmel auf. Das war das
-Finale des kurzen Konzertes.
-
-Auf John und Johannes wirkte der Regenbogen wie Regimentsmusik. Sie reckten
-sich die Hälse nach ihm aus und machten frohe Augen und schüttelten lachend
-den Regen ab, dem sie ganz regungslos standgehalten. »Es ist Zeit, daß wir
-aufbrechen,« sagte John nach einem tüchtigen Schluck aus der Kognakflasche,
-und nun mußte Johannes die Tasche nehmen, und dann ging es zu seinem
-Erstaunen von der Mole herunter, immer weiter in die Fremde hinein. Es
-war nicht leicht, durch den nassen Sand zu wandern, über diesen schmalen
-Strand, den von der Düne gestürzte Bäume und große Steinblöcke versperrten.
-Johannes wurde immer kleinlauter; John lachte, obgleich ihm die
-Schweißtropfen auf der Stirn standen. Doch der Schwachsinnige vertraute
-auch jetzt seinem Ideal. Er fragte nicht einmal: Wohin gehen wir
-eigentlich? Gehen wir hier zur Bahn? Er trabte schweigend mit, die tote
-Zigarre im Munde.
-
-So ging's bis zur nächsten Ecke der Dünenwand, hinter der zu Pfarrers
-Freude die Bodenerhebung sich senkte. Man hatte die Düne auf dieser Stelle
-bis zu einer sanft ansteigenden schiefen Ebene erniedrigt, eine Ebene,
-die die Fischerkinder dazu benutzten, um darauf in Purzelbäumen zur See
-herunterzuschnellen.
-
-Drei Jungen waren eben dabei, auf diese Art den Abstieg zu machen, als
-John und Johannes, fremdartig wie die Weisen aus dem Morgenlande, auf der
-Bildfläche erschienen. »Ziert euch nicht!« rief der Trinker. »Immer runter
-was die Büxen halten!«
-
-Sechs braune Beine schnellten hurtig durch die Luft, und bald standen
-drei sommersprossige, weißblonde Bengels in blauen Hosen auf dem Strande.
-»Jungens, habt ihr nicht einen Handwagen?« fragte John leutselig.
-
-Es kam heraus, daß die Eltern von Tiburzigs Franz einen hatten, einen ganz
-neuen, auf dem ein Mensch bequem sitzen konnte. Tiburzigs Franz versprach,
-ihn zu holen, und für fünfzig Pfennige wollten die Jungen das Paar in die
-Höhe fahren.
-
-Johannes zog es vor, zu Fuß zu gehen, und nur John stieg in die
-Kutsche, stolz und gelassen wie ein Triumphator. Ein Dutzend schmutziger
-Fischerkinder schrien hopsend »huhraaah«, als die Fahrt losging. John
-lächelte huldvoll nach allen Seiten, und manchmal sah er nach der
-Regenbogenbrücke auf, und manchmal sah er nach dem Meer zurück. Die
-Wogen schwankten bacchantisch ihren Weg; sie schwankten, hoch und voll,
-schwarzgrün und gläsern, mit weißem Schaum und roten Flecken unter dem
-breiten Lächeln der sinkenden Sonne dem stillen Strand entgegen.
-
-Und das Grün der Gärten schimmerte wie Smaragd nach dem Osterregen, und
-der Flieder duftete schon vor dem Blühen. Es war ein Frühlingsabend, wie es
-nicht viele gibt; die Welt war so schön wie ein Traum.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel
-
-
-Peter war verschwunden. Am zweiten Osterfeiertag, als John und Johannes
-an der See waren. Das war ein Herzeleid für John. Er schickte immer wieder
-Leute auf die Suche nach ihm aus, er annoncierte seinen Verlust immer
-wieder in den Zeitungen; es nützte alles nichts: Peter blieb verschwunden.
-Und die Frühlingstage kamen und gingen, und John dachte nicht mehr daran,
-in die Anstalt zu gehen; er dachte nur an seinen verlorenen Liebling. Er
-betrauerte ihn wie einen Sohn, er fand nicht Ruh bei Tag und Nacht, wenn er
-sich das Tier in schlechten Händen vorstellte. Seine Liebe zu Peter wuchs
-ins Grenzenlose, ins Abnorme. Und er trank vom Morgen bis zum Abend, um
-seinen Kummer zu betäuben.
-
-Doch eines Morgens erwachte er mit heiterer Miene. Sein Gesicht war ganz
-naß von Tränen; aber seine Augen strahlten. Noch vor dem Aufstehen
-schickte er nach Johannes, weil er ihm etwas sehr Schönes und Merkwürdiges
-mitzuteilen habe.
-
-Der Schwachsinnige trat mit weißen Glacéhandschuhen an und war so neugierig
-wie hungrig. Doch beim Anblick von Johns Frühstück verließ ihn die Neugier
-und nur der Hunger blieb; er vermochte kein Auge von dem besetzten Tablett
-zu lassen. John sah ein, daß Johannes nicht imstande sein würde »das
-Wunderbare« zu würdigen, ehe er nicht gefrühstückt hatte. Rasch auf das
-Tablett zeigend, hieß er ihn essen, so schnell er konnte.
-
-Der Schwachsinnige griff zu, als habe er schon tagelang fasten müssen. John
-heftete die verschwimmenden Augen auf die verräucherte Decke und wartete,
-die wachsgelben Hände wie zu einem Dankgebet auf der Decke gefaltet, bis
-Johannes mit dem Frühstück fertig war. Dann hub er an:
-
-»Mir träumte, daß wir beide auf den Kirchhof gingen. (Johannes nickte
-beifällig. Auf den Kirchhof ging er gern. Ohne daß John es merkte, hob er
-mit angefeuchteten Fingerspitzen Krümel auf, um sie heimlich in den Mund zu
-stecken.) Ein herrlicher Traum!« flüsterte der Trinker. »Der ganze Kirchhof
-war bunt von Blumen -- und wir suchten Peters Grab. Er sollte dort begraben
-sein. Und als wir zu dem Winkel kamen, wo jetzt die vielen Vergißmeinnicht
-blühen, da stand er plötzlich vor uns. Viel größer als früher und so schön,
-so schön! Sein Fell strahlte wie schwarzes Metall, und seine Augen waren
-wie kleine blaue Monde, und am Halse trug er eine große Passionsblume. Wir
-hatten Angst, ihn anzufassen; aber da kam er auch schon auf mich zu und auf
-einmal -- auf einmal sagte er: ›Vater!‹«
-
-Johannes wieherte ganz verdutzt. »Wirklich wahr? Wirklich wahr?« fragte er
-ungläubig.
-
-»Er sagte Vater -- ich höre es noch. Und dann sagte er, es gehe ihm gut; er
-sei nun tot und habe alle Quälereien hinter sich. Und ich soll mich nicht
-mehr um ihn grämen.«
-
-Johannes blickte John ratlos an. Verlegen seinen Christusbart streichend,
-bemühte er sich schweigend mit der Zunge nach einem Krümel in einem hohlen
-Zahn: er sah recht einfältig dabei aus. »Jehn wir heut spazieren?« fragte
-er demütig.
-
-»Ja,« sagte John, die Augen wieder nach oben richtend, »wir gehen heute auf
-den Kirchhof. Nach dem Vergißmeinnichtwinkel. Vielleicht erscheint er uns
-dann noch einmal -- noch einmal ...« Es sprach eine solche Sehnsucht aus
-diesen beiden Worten, daß selbst Johannes ergriffen war. --
-
-Aber der Winkel blieb leer. Kein Peter kam, so sehr ihn John auch rief. Da
-ließ er sich auf eine Bank fallen und weinte wie ein Kind. Und es war ein
-so lieblicher Maiennachmittag. Auferstehung, Auferstehung glänzten Blätter
-und Blumen, und die Vögel, die über den Kirchhof flogen und auf den Bäumen
-saßen, erzählten zwitschernd und singend von der Süße des Lebens.
-
-Nicht weit von dem traurigen Paar saß ein kleiner, buckliger Mann. Er
-saß auf einem Holzgestell vor einem Kreuz, dessen Inschrift er frisch
-bronzierte. Er pfiff langsam und selbstgefällig ein Kirchenlied, wobei er
-seinen runden schwarzen Kopf wie eine Kugel zwischen den hohen Schultern
-hin- und herrollte.
-
-»Hör' schon auf!« brüllte John, als das fromme Lied kein Ende nahm.
-
-»Na nu', Gott geb! Man wird doch wohl noch pfeifen dürfen!« brummte der
-Bucklige, und dann brummte er noch einiges, was unverständlich blieb, und
-dann versank er in tückisches Schweigen. Doch von Zeit zu Zeit spie er
-heftig auf die Erde, wodurch er John seine Verachtung ausdrücken wollte.
-
-Das reizte den Trinker und zog ihn von seinem Kummer ab. Er begann, dem
-Buckligen Prügel anzubieten, wie er es in früheren Jahren so rasch zu tun
-pflegte. Er prahlte mit Kräften, die er schon lange verloren. Er stärkte
-sich mit Kognak und wischte sich ärgerlich die Tränen vom Gesicht.
-
-Warum heulte er denn noch immer? Peter ging es doch gut, und er hatte ihn
-doch selbst gebeten, sich nicht länger um ihn zu grämen. Es war allerdings
-entsetzlich schwer, das Tier zu entbehren -- (große Tränen kamen aufs neue)
--- aber die Hauptsache war doch, daß es ihm gut ging. Und es ging ihm gut.
-Peter hatte es ja selbst gesagt.
-
-Nun standen sie auf, um nach Hause zu gehen. Peter konnte wohl doch
-nicht erscheinen. Als sie an dem Buckligen vorüberkamen, gab John dem
-Holzgestell, auf dem er saß, einen heimlichen Stoß, und der kleine Mann
-kollerte zeternd herunter. Das erheiterte John und stimmte ihn versöhnlich.
-»Wie kam das nur?« fragte er, sich unschuldig stellend. Und dann setzte er
-sein Imperatorenlächeln auf und sagte mit herablassender Herzlichkeit: »Na
-lassen Se sich mal ordentlich abstäuben.« Nachdem er es mit aller Sorgfalt
-getan hatte, verließ er mit Johannes den Kirchhof.
-
-Am alten, grauen, zweistöckigen Offizierkasino blieben sie stehen und
-lauschten. Innen erklang eine elegische Musik. Im zweiten Stock standen
-einige Fenster offen, und aus dem einen ergoß sich plötzlich der feuerrote
-Vorhang wie ein breiter Blutstrom.
-
-»Sieh,« flüsterte John, »eben dacht ich, wie rot Peters Blut wohl gewesen
-sein mag. Da kam der Vorhang heraus.«
-
-Johannes wollte weitergehen, aber John stand und starrte wie gebannt auf
-den roten Strom. »Mir ist ganz sonderbar,« sagte er, »mir ist, als gehöre
-ich gar nicht mehr zu euch, als bin ich schon von einer andern Welt ...
-Weißt du, Pfarrer, ich seh' und höre nicht mehr wie früher; ich seh' und
-höre andre Dinge als ihr. Und was ich weiß, das wißt ihr nicht, und ich
-vermag es euch auch nicht zu sagen.«
-
-»So? So?« stotterte der Schwachsinnige.
-
-Und John fuhr fort, nach oben zu starren, grelles Sonnenlicht auf dem
-fahlen Gesicht. Aber da wurde der Vorhang hereingezogen, und die Musik
-verstummte. »Geh'n wir!« sagte er nun in alltäglichem Tone.
-
-Die Straße war breit und alt und auf der einen Seite mit großen
-Kastanienbäumen besetzt. An einem Gartenzaun hüpfte ein junger Spatz
-herum, der noch nicht fliegen konnte und jämmerlich piepste. »Hände weg!«
-herrschte John die beiden Jungen an, die um den Vogel herumsprangen, und
-er bückte sich und fing ihn ein. »Den zieh ich auf, bis er fliegen kann,«
-sagte er, voller Freude über die unerwartete Aufgabe.
-
-Frau Kalnis stellte er den Spatz als Peters Brüderchen vor. Doch dann
-entdeckte er, daß das Brüderchen ein Schwesterchen war. Er gab ihm einen
-Kuß und taufte es Mimi. Mimi sollte gleich zu essen haben. John wußte,
-wie man junge Vögel fütterte. Aber er fühlte sich so schwach nach dem
-Spaziergang, daß er sich hinlegen mußte. Dore fütterte Mimi unter großem
-Wortschwall mit angefeuchteten Kuchenkrümeln. John meinte, wenn Dore einmal
-stürbe, würde es wohl notwendig sein, ihr Mundwerk noch extra mit einem
-Waschholz totzuschlagen, wenn man es still kriegen wollte. Dann lag er ganz
-apathisch da, den Vogel auf der Hand, schwermütig an Peter denkend.
-
-Mimi senkte den Kopf ins Federmäntelchen und schlief ein. Ihr Figürchen
-hockte wie ein kleiner grauer Pompon auf Johns Hand. Es dauerte indessen
-nicht lange, so wurde sie wieder munter und begann, sich mit dem kleinen
-Schnabel die kleine Brust zu kratzen. »Flöhchen hat du auch?« sagte John
-entzückt, an Peter denkend. Er wollte ihr beim Kratzen helfen, doch Mimi
-mochte es nicht; John war ein Herr und sie ein Fräulein.
-
-Gegen Abend zeigte Mimi durch eifriges Schnabelaufsperren an, daß sie schon
-wieder Hunger habe. Der Trinker erhob sich willfährig wie ein junger
-Vater, der ein hungriges Baby zu füttern hat. »Kuchen mit Milch tut's nicht
-allein,« dachte er, »ein bißchen frischer Braten ist ihr notwendiger.«
-Eifrig machte er sich ans Fliegenfangen, und es gelang ihm auch, ein halbes
-Dutzend Fliegen zu erwischen. Mimi aß sie alle auf, indem sie nach Johns
-Dafürhalten vor Vergnügen schmatzte.
-
-Und nun galt es, ihr ein hübsches weiches Nest zu machen. Es sollte ein
-Nest sein, das dem Spätzlein die Illusion zu geben vermochte, es schliefe
-unter einem schönen Blätterdach. John formte zuerst das Nest aus einem
-weichen, grünen Tuch, in einem friedlichen Winkel seines Zimmers, und
-dann umzingelte er Dores Fächerpalme mit der Schere, um das Blätterdach zu
-ergattern. Die Fächerpalme war Dores elegantestes Möbelstück, sie liebte
-und pflegte sie wie ein Kind; niemand durfte sie berühren. Dessenungeachtet
-gelang es John, ihr ein herrliches Blatt abzuknipsen, das er dann gleich
-einem Schirm über Mimis Ruhestätte befestigte. Dore raste, als sie die Tat
-entdeckte, Dore ärgerte sich die halbe Nacht darüber. Aber Mimi schlief gut
-unter ihrem grünen Thronhimmel.
-
-Auch John schlief gut in dieser Nacht. Er träumte nicht wie gewöhnlich, daß
-ihm der Tod in der Ferne eine traurige und eintönige Musik vorspiele, oder
-daß ihn dunkle Männer schon hinaustragen wollten; er träumte von Mimi, von
-Fliegenbraten und Vergißmeinnicht. Doch einmal träumte er auch, daß Mimi
-in einem Winkel totgetreten läge. Da fuhr er auf -- und freute sich,
-erwachend, daß es nur Trug gewesen.
-
-Als Dore früh am Morgen ihre Tür öffnete, sah sie John im Hemd auf der
-Diele liegen und den Vogel füttern. »Sie hatte schon Hunger,« flüsterte er,
-seinen Spatz mit zärtlichen Blicken betrachtend.
-
-»Sie werden sich aber erkälten,« wandte Dore ein.
-
-»Was tut's,« murmelte er, ganz hingerissen von der Lieblichkeit des kleinen
-Vogels.
-
-Mimi begann, auf der Diele herumzuhüpfen und zierliche Flugversuche zu
-unternehmen. John stieg wieder ins Bett und sah ihr herzinnig zu. Sie
-hüpfte herum, sie flatterte ein bißchen, und manchmal stieß sie niedliche
-Tönchen aus. »Hörten Sie, Frau Kalnis?« fragte John jedesmal entzückt, wenn
-Mimi einen kleinen Zwitscher tat.
-
-Draußen musizierten die Vögel auf dem Birnbaum, was sie konnten, jeder
-auf seine Art. Mimi übte sich im Fliegen und ließ, antwortend, ihr
-feines Stimmchen ertönen. Dore ging geschäftig hin und her, ihr Zimmer
-reinmachend. John schloß die Augen, um besser lauschen zu können, und
-schlummerte dabei gegen seinen Willen ein. Als er sie wieder öffnete, war
-alles still im Zimmer; von Mimi nichts zu hören, nichts zu sehen. »Frau
-Kalnis,« rief er ängstlich, »seh'n Sie doch mal nach, wo der Vogel ist! Ich
-war eingeschlafen.«
-
-Dore erschrak, denn sie hatte den Vogel über ihrer Arbeit ganz vergessen.
-Als sie suchend umherblickte, sah sie ihn still und steif auf ihrer
-Schwelle liegen. »Herrgott, den werd' ich wohl betreten haben!« rief sie
-bestürzt.
-
-»Aber doch nicht sehr?« schrie John, an seinen Traum denkend.
-
-»Er ist tot,« flüsterte Dore, aufrichtig betrübt.
-
-John sprang aus dem Bett und packte sie erregt an den Schultern. Dore
-wollte den Spatz, erschreckt, durchs Fenster werfen, aber John riß ihn an
-sich und ging mit ihm ins Bett. Dort hielt er Mimi, so still er konnte, auf
-seiner zittrigen Trinkerhand, und seine Tränen fielen dicht und warm neben
-den sterbenden Vogel. Mimis kleiner Schnabel stand weit offen, und aus dem
-Halse quoll Blut. Das eine Auge hing wie ein kleiner, bläulicher Globus
-ganz und gar aus dem Kopf heraus. Das Körperchen zuckte noch ein paarmal,
-und dann streckte es sich langsam aus: Mimi war tot. Draußen zwitscherten
-die Vögel, was sie konnten; aber kein feines, dünnes Stimmchen gab mehr
-Antwort im Zimmer.
-
-John begrub seinen Vogel eigenhändig in einem schönen Kästchen unter dem
-Birnbaum. Er tat es selbst, damit es so gut wie möglich geschah. Und ihm
-war, als begrabe er in dem Kästchen seine allerletzte Freude auf Erden, als
-sei nun alles, auch alles für ihn zu Ende. Die Sonne schien so schön, und
-der Birnbaum regnete weiße Blüten -- alles für andere, für ihn nichts mehr;
-keine Schönheit und keine Freude: seine Zeit war abgelaufen. Mit hängendem
-Kopf humpelte er in seine Wohnung und legte sich schweigend ins Bett.
-
-Dore kam leise mit der Bibel zu ihm herein. Ohne zu fragen, begann sie mit
-gedämpfter Stimme sein Lieblingskapitel: das Hohe Lied. John schwieg, das
-Gesicht nach der Wand gedreht. Aber als Dore den Vers gelesen hatte:
-
-Ich bin hinab in den Nußgarten gegangen, zu schauen die Sträuchlein am
-Bach, zu schauen, ob der Weinstock grünete, ob die Granatäpfel blüheten ...
-da sagte er: »Wie schön ist das nur! Das lies mir vor, wenn ich sterbe.«
-
-»Sie werden ja nich sterben.«
-
-»Dumme Trine.«
-
-»Aber Herr Johnche ...«
-
-»Schweig!«
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel
-
-
-Heute war Onkel Johns Geburtstag, und darum hatte er seine Sportmütze mit
-einer kurzen Pfauenfeder geschmückt. Die Mütze auf einem Ohr, ging er mit
-strahlender Miene in seinen großen Blumengarten, hinter dem Hause. Neben
-ihm trippelte ein Tier, das weder ein Hund noch eine Katze war, sondern ein
-gewaltiger, goldroter Hahn, den Onkel John »Kakao« nannte, weil der Hahn
-dieses Wort so schön sagen konnte. Heute hingen tonnengroße Lampions an den
-Akazien und Fliederbäumen des Gartens, und die Wege waren frisch mit Kies
-bestreut. In dem kleinen, künstlichen Teich, den ein Kranz von großen rosa
-Muscheln umschloß, schwammen ganz wunderliche, dunkle Fische herum, die
-sich Onkel John für schweres Geld selbst zum Geburtstag geschenkt hatte.
-Und ihre großen, hervortretenden Augen beglückten ihn. Er hob Kakao in die
-Höhe, damit er sie auch bewundern konnte. Aber Kakao interessierte sich nur
-für sein Spiegelbild, mit gesträubten Federn darauf losstrebend. »Dummer
-Junge,« sagte der Onkel, ihn mit einem zärtlichen Klaps zur Erde
-setzend. Die beiden Johns, der ältere wie der junge, hatten nebst andern
-Eigentümlichkeiten auch die gemeinsam, daß sie den Tieren freundlicher
-gesinnt waren als den Menschen, daß sie die Tiere liebten, wie die Bibel
-befiehlt, den Nächsten zu lieben, und daß sie die Menschen gern wie Tiere
-behandelten.
-
-Hinter dem Blumengarten lag der Obst- und Nußgarten, in dem dumpf und emsig
-ein Bienenvolk brauste. Manchmal kam von dort ein Bienchen zu Onkel John
-geflogen und kroch zutraulich auf ihm herum. Die Bienen taten ihm nichts;
-sie kannten ihn. Gleich einem glücklichen König stolzierte er in seiner
-Blumenwildnis herum. Die Moosrosen, seine Lieblinge, hatten Knospen
-getrieben, die Asphodelos, die goldnen, grüßten ihn mit ihren schönen
-Häuptern, wohin er seine Blicke auch wandte. Es war ein Blühen überall,
-umflattert von bunten Schmetterlingen. Onkel John liebte seinen Garten wie
-eine schöne Frau. Seine Gattin war ihm nie, was ihm sein Garten im Frühling
-war.
-
-»Willkommen, mein Prinz!« rief er heiter, als sein Lieblingsneffe
-dahergestolpert kam.
-
-John torkelte ihm gerührt in die Arme und küßte ihn, gratulierend, auf den
-fuchsgelben Schnurrbart. Dann ging er gleich zu den wunderlichen Fischen,
-die ziemlich matt in ihrem hellen Wasser standen.
-
-»Rat' mal, was sie gekostet haben!« sagte der Onkel und blies die Backen
-auf.
-
-Der Neffe meinte: »Hundert Mark.«
-
-»Was, hundert Mark?« Der Onkel rollte die grellblauen Augen. »Sag
-dreihundert und du hast es getroffen.«
-
-Hundertfünfzig also, dachte John, aber er sprach es nicht aus. Nun
-seinerseits die Augen rollend, flüsterte er: »Dreihundert? Donnerwetter
-noch mal!«
-
-Das gefiel dem Onkel, das schmeichelte seinem Protzentum. Er zog das
-Portemonnaie aus der Tasche und schenkte dem Neffen wie einem Bedienten
-zehn Mark, damit er den Tag auf seine Art feiern könne. John kicherte und
-bedankte sich. Für die zehn Mark wollte er zwei Flaschen Kognak kaufen:
-zwei Flaschen Lethe gegen seinen Kummer -- und seine Schmerzen. Von
-denen er niemals sprach, über die er niemals klagte: er trug sein
-selbstverschuldetes Leiden mit stolzem Schweigen; kein Mensch, außer dem
-Arzt, ahnte, wie groß die Qualen waren, die ihm sein zerrütteter Körper
-bereitete. Der Onkel holte ihm einen Stuhl an den Teich, weil er sah, mit
-welcher Mühe er sich aufrecht erhielt. Kakao stand gelangweilt umher. »Er
-sehnt sich nach seinen Damen,« sagte schmunzelnd der alte John. Nach einer
-Weile zog er mit dem Hahn ab, weil er »dem Tier sein Vergnügen gönnte«, wie
-er sich ausdrückte.
-
-John stand schwerfällig auf und nahm eins der schönsten Lampions herunter,
-eine feuerrote Tonne, auf der Kraniche nach dem Mond schwebten. Er
-versteckte es hinter einem Baum im Gras, um es später mitzunehmen, wenn es
-sich unbemerkt machen ließ.
-
-Wie strahlend herrlich war der Garten! Welche Fülle von Blumen und
-Schmetterlingen! John sah sich seufzend um und sank dann wieder auf den
-Stuhl zurück, die Arme auf die Lehne drückend und den Kopf melancholisch
-darüberhängend. In seinen Ohren tönte der Vers aus dem Hohen Lied, den er
-so sehr liebte:
-
- Ich bin hinab in den Nußgarten gegangen,
- zu schauen die Sträuchlein am Bach,
- zu schauen, ob der Weinstock grünete,
- ob die Granatäpfel blüheten ...
-
-Voll Neid dachte er an die, die sich am Nachmittag im Garten vergnügen
-würden. Das waren seine Eltern, seine Brüder, alle übrigen Verwandten und
-noch viele, viele Leute, -- nur er nicht, nur er nicht. Sein Kopf sank noch
-mehr gegen den Wasserspiegel, und eine Träne rann über sein gelbes Gesicht
-zu den wunderlichen Fischen herab.
-
-Herrlich würde es sein im Garten -- gegen Abend, wenn der Mond erst schien
-und all die bunten Lampions leuchteten. Lachende Leute würden am Teich
-sitzen und roten und gelben Wein trinken, Leute, die weder Kummer noch
-Schmerzen hatten und vor sich ein schönes, langes Leben sahen. Das
-Mondlicht würde auf ihren fröhlichen, roten Gesichtern glänzen und auf den
-Weingläsern in ihren Händen. Sie würden anstoßen und scherzen und lachen
-und singen ...
-
-Und er? Und er? Er lag dann im Bett und lauschte voll Grauen auf die
-eintönige Musik in seinen Ohren, diese Musik, die immer schauerlicher,
-immer todestrauriger wurde. Dann die Schmerzen -- und die Träume, die
-schrecklichen Träume ...
-
-Und das alles, das alles durch eigne Schuld, durch eigne Schuld; er durfte
-sich nicht beklagen, er durfte niemand dafür verantwortlich machen.
-
-Onkel John war unbemerkt zurückgekommen und stand nun laut lachend da.
-»Was, wir blasen Trübsal? Heut', an meinem Geburtstag? Noch schöner!«
-
-John machte seine Miene steif und seine Stimme hart. »Fällt mir nicht ein,«
-brummte er. »Ich seh mir bloß die Biester aus nächster Nähe an.« Und dann
-lehnte er sich zurück und erzählte dem Onkel, daß Frau Kalnis mitunter in
-seinen Nußgarten gehe, um dort heimlich junge Sträuchlein auszureißen, die
-sie dann verkaufe.
-
-Ein verblüffender Junge, dachte der Onkel entzückt, den Neffen mit
-Hochachtung betrachtend. »Diese Person!« schmetterte er los, sich das
-Lachen verbeißend. »Na warte! Die kauf ich mir!«
-
-Johns Gesicht war plötzlich noch fahler geworden. »Hörst du das auch?«
-flüsterte er, in halb entsetztem, halb seligem Lauschen.
-
-»Ich höre nichts,« sagte der Onkel; aber seine Miene widersprach seinen
-Worten, und seine verlogenen Augen suchten den Boden.
-
-»Da wieder!« schrie John.
-
-»Da wieder! Von dort! Jetzt noch lauter!«
-
-»Laut, lauter, am lautesten!« rief der Onkel, schallend in die Hände
-klatschend. »Was ist dir, mein Sohn?« fragte er neckisch. »Hast du
-Halluzinationen? Bist du meschugge geworden? Aber setz dich doch bloß. Ich
-lasse Wein bringen. Warte!«
-
-Aber John riß sich los und stürzte fort. Er eilte, so rasch er konnte, nach
-dem Hintergarten. Der Onkel folgte ihm mit steinerner Miene. Mochte kommen,
-was wollte, er war zu jeder Lüge bereit.
-
-Mit einer Kraft, die ihm niemand mehr zugetraut hätte, riß John die
-verhakte Tür nach dem Hintergarten auf. Seine Augen fuhren wie Blitze durch
-den ganzen Garten und blieben rechts an einem Häuschen hängen. Das Häuschen
-hatte er noch nie gesehen.
-
-»Hab mir da einen Stall bauen lassen. Für meine Ziegen,« sagte nachlässig
-der Onkel.
-
-»Seit wann hast du Ziegen?« stammelte John, bis zum Wahnsinn enttäuscht.
-
-»Seit Monaten schon.«
-
-»Warum sagtest du denn, du hörtest nichts? Warum sagtest du denn das? Du?«
-
-»Was ist das für ein Ton? Was -- was erlaubst du dir?« schnaubte der Onkel,
-eine neue Maske auf dem falschen Gesicht.
-
-»Mämämämä ...« tönte es aus dem Stall.
-
-»Das ist Peter!« schrie John, nach dem Stall stürzend. Der Stall war
-verschlossen; aber sein leichtes Türchen gab unter einem wilden Fußtritt
-nach -- und wie ein Rasender stürzte ein schwarzundweißer Ziegenbock heraus
-und auf seinen richtigen Herrn zu.
-
-»Mein Junge!« stammelte John, ihn ganz außer sich an sich drückend.
-
-Der Onkel stand mit angestrengter Heiterkeit daneben. »Na, ist mir die
-Überraschung gelungen?« fragte er frech.
-
-John sah ihn mit rollenden Augen an. Er trat, die Faust hebend, auf ihn zu
--- doch da verließen ihn seine Kräfte, und er mußte sich am Zaun halten.
-
-Peter versuchte, seinem Herrn die Glatze zu lecken, und eine schöne
-weiße Ziege, seine junge Frau, stand neugierig neben ihm. Der Gärtner
-kam herbeigeeilt und fragte, was geschehen sei. »Ach nichts,« sagte Herr
-Zarnosky ganz ruhig, »mein Neffe behauptet, daß es sein Bock sei.«
-
-»Das kann ja stimmen,« erwiderte der Gärtner, »wechjelaufen is er doch von
-irjendwo.«
-
-»Ich muß einen Bock anschaffen. Zerline hat sich an den Gefährten gewöhnt,«
-sagte Herr Zarnosky mit Gemüt.
-
-John stieß die Hände des Onkels zurück, als dieser ihm ein Glas Wein
-hinhielt. Aber als er ihm das Lampion brachte, dessen Verschwinden dem
-alten Fuchs nicht entgangen war, da lächelte er wie ein Kind und nahm es
-hastig an sich. Der Onkel schickte ihn in seinem Wagen nach Hause, und der
-Gärtner ging mit Peter hinterher.
-
-Frau Kalnis mußte das Lampion an die verräucherte Decke hängen, und abends,
-als John im Bett lag, mußte sie es erleuchten. Der Trinker war im siebenten
-Himmel mit seinem Peter, seinem eigenartigen Beleuchtungskörper und den
-geschenkten zehn Mark, für die er »herrlichen« Kognak kaufen wollte.
-Beneiden tat er jetzt niemand, weder die Gäste im Garten des Onkels, noch
-sonst wen. Er hielt die weiche Nase seines Peters, der auf dem Bettvorleger
-lag, in der Hand, und die Augen hielt er entzückt auf die glühende
-Papiertonne gerichtet: auf die Kraniche, die nach dem Mond schwebten,
-während er auf das lauschte, was Dore ihm vorlas. Sie las ein Märchen von
-Andersen: Die Schneekönigin.
-
-Das Märchen schließt mit den Worten:
-
- Rosen, die blühen und verwehen,
- wir werden das Christkind sehen.
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel
-
-
-John hatte seinen herrlichen Kognak bis auf den letzten Tropfen genossen,
-und nun wollte er alles tun, um wieder gesund zu werden. Daß Peter wieder
-bei ihm war, flößte ihm neuen Lebensmut ein. Mit ihm zusammen sollte es nun
-auch wirklich in die Heilanstalt gehen.
-
-Die Mutter begann zu weinen, als er ihr eines Morgens, stotternd und
-stammelnd, von seiner Absicht sprach. »Siehst du, siehst du,« sagte sie,
-»jetzt kommst du endlich zur Vernunft. Wie du dich gründlich ruiniert
-hast.«
-
-»Meinst du, ich kann nicht mehr gesund werden?« fragte John mit
-schwankender Stimme.
-
-»Was wirst du nicht wieder gesund werden können?!« versetzte sie etwas
-gewaltsam. »Wir müssen mit dem Doktor reden. Ich werde mit dem Doktor
-reden, was der zu deinem Plan meint.«
-
-»Was warst du für ein gesundes Kind!« fuhr sie in vorwurfsvollem Tone fort.
-»Wie haben sie mich um dich beneidet! Du wogst neun Pfund, als du geboren
-warst.«
-
-Diese Tatsache war John nicht neu, denn die Mutter erzählte sie mit
-Vorliebe. Doch selbst heute versäumte er nicht zu fragen, was er danach
-immer fragte: »Hatte ich auch schon Haare auf dem Kopf, als ich geboren
-war?«
-
-Frau Zarnosky dachte siebenundzwanzig Jahre zurück, und ein naives Lächeln
-trat langsam auf ihr verweintes, immer etwas ängstlich blickendes Gesicht,
-dessen einstige Anmut die Jahre vergewöhnlicht hatten. »Ob du Haare
-hattest!« sagte sie stolz. »Dein ganzes Köpfchen war mit langen schwarzen
-Haaren bedeckt. Und die waren wie Seide. Und sie hatten dir einen Scheitel
-gemacht, als sie dich zu mir brachten. Einen Scheitel ...«
-
-John lachte unter Kopfschütteln, so wie ein Mensch lacht, wenn er etwas
-höchst erstaunlich findet. Und doch kannte er die Geschichte von seinem
-ersten Scheitel schon über zwanzig Jahre. Er wie seine Mutter hatten
-die glückliche Gemütsanlage, daß sie sich mit solchen und ähnlichen
-Nichtigkeiten über den Ernst einer Situation hinwegtäuschen konnten. Sie
-waren wie Kinder: die vor Dunkelm die Augen schließen und am Rande des
-Abgrunds ahnungslos mit Blumen spielen. Und sie waren auch so leicht wie
-Kinder zu trösten.
-
-»Wie ist es, hast du Schmerzen?« fragte Frau Zarnosky, noch ganz verträumt.
-
-»Nur selten,« log John.
-
-»Na siehst du!« sagte die Mutter beruhigt. »Dann ist es also nicht so
-schlimm. -- Du bist ja jung,« setzte sie hinzu. »In deinem Alter --!
-Herrgott, da kann sich auch noch alles bessern! Ich werde gleich morgen mit
-dem Doktor reden, was er dazu meint.«
-
-»Und wenn er sagt, ich soll nicht?« fragte John mit nervösem Lachen.
-
-Frau Zarnosky fuhr sich erschreckt über ihr dünnes, glatt gescheiteltes
-Haar. »Dann wird er etwas andres wissen,« beruhigte sie sich und ihn.
-
-Johns Miene wurde heller und heller. »Hast du nicht ein bißchen Kaviar?«
-fragte er verschämt.
-
-»Wenn du nur noch immer Appetit hast,« sagte die Mutter und lächelte, »dann
-ist noch alles nicht so schlimm.«
-
-»Wo wird es auch schlimm sein!« brummte der Trinker.
-
-Aber der Arzt war anderer Meinung. »Nicht daran zu denken!« sagte er sehr
-ernst, als ihm Frau Zarnosky Johns Entschluß mitteilte. Sie starrte ihn
-an, als rede er dummes Zeug, denn sie hatte sich bereits den schönsten
-Hoffnungen hingegeben und schon dieses und jenes für die Reise vorbereitet.
-»Bei seinem Zustand? Nicht daran zu denken!« wiederholte der Arzt.
-
-Frau Zarnosky verlor gleich alle Selbstbeherrschung. »Muß er denn sterben,
-Herr Doktor?« weinte sie laut heraus, obgleich sie sich hätte denken
-können, daß John an der Tür lauschte.
-
-»Nur ein Wunder könnte ihn retten,« sagte leise der Arzt.
-
-In den Ohren des Lauschenden erhob sich ein Brausen, das alle Geräusche
-um ihn verschlang. Er vernahm nicht mehr, was der Arzt und die Mutter noch
-weiter sprachen, einem Betrunkenen gleich taumelte er hinaus auf den Hof
-und begab sich in seine Wohnung. Dort warf er sich auf das Sofa, drehte
-sich nach der Wand und blieb so regungslos bis zum Abend. Kein Bitten, kein
-Klagen, kein Trost und keine Vorwürfe vermochten ihm ein Wort zu entlocken.
-Der Wasserfall, der in seinen Ohren zu brausen schien, ließ keinen Laut
-zu ihm dringen, und die Verzweiflung, die ihn gepackt hatte, lähmte seinen
-Körper und seinen Willen. Schließlich ließ man Peter zu ihm herein, der
-kläglich meckerte, weil man ihn tagüber zu füttern vergessen. Mit einem
-kecken Satz sprang das Tier auf den Tisch, mitten unter die Teller, einen
-zertretend, einen herunterwerfend, und machte sich an Johns Abendbrot. Da
-wandte sein Herr zum erstenmal den Kopf um. »Peter,« flüsterte er, »haben
-sie dir nichts zu essen gegeben?«
-
-»Mämämämä ...« erwiderte klagend der Bock.
-
-Sie werden ihn hungern lassen und werden ihn schlagen und fortgeben, wenn
-ich erst tot bin, dachte John entsetzt, und seine Willenskraft kehrte
-langsam zurück, und das Brausen in seinen Ohren schien schwächer zu
-werden. In seinem Kopfe reifte hastig ein Entschluß -- der ihm ganz seltsam
-erschien, wie er das lebensvolle Tier so vor sich auf dem Tisch sah.
-
-Peter sollte getötet werden, ehe sein Herr starb. John wollte eigenhändig
-diesem kräftigen jungen Leben ein Ende machen.
-
-Sein Vorhaben entsetzte ihn beim Anblick des gierig fressenden Tieres. Wer
-gab uns die Erlaubnis, fragte er sich, mit dem Leben dieser Geschöpfe zu
-verfahren, wie es uns beliebt? Was ist der Mensch für eine Bestie! Aber
-Peter mußte sterben, wenn sein Herr einen ruhigen Tod haben sollte. Das
-Todesurteil war unwiderruflich gefällt. Zum Wohl des einen wie des andern.
-
-»Junge,« flüsterte John, »sieh mich mal an!«
-
-Der Bock hob den Kopf und sah seinem Herrn dumm und lieb ins Gesicht.
-
-»Wenn du wüßtest, was über dich beschlossen ist!« dachte John.
-
-Der Bock war mit dem Abendbrot fertig und sprang zu seinem Herrn aufs Sofa.
-Dore wagte heute nicht zu schelten. »Wollen Se nich auch was essen? Soll
-ich nich noch was holen?« fragte sie.
-
-John sah sie an und wies stumm nach der Tür. Da ging sie leise hinaus.
-
-Es wurde ganz still im Zimmer; Peter schlief ein, und sein Herr blickte
-regungslos durch das Fenster. Der Himmel war abendblau und doch noch hell.
-Die Sichel des Neumonds schwebte gleich einem silbernen Schmuckstück mit
-erikafarbenem Schimmer über dem Hof, auf dem ein paar Arbeitspferde des
-Ausspannens harrten, große, braune Pferde mit schönen, glasklaren Augen.
-Eine Menge Schwalben kreiste mit langen, süßen Schreien in der Luft;
-manchmal so tief, daß sie fast die hohen Köpfe der Pferde streiften. Aber
-die Pferde verharrten in majestätischer Ruhe, die großen klaren Augen
-friedlich geradeaus gerichtet. Das mußt du alles verlassen, dachte John,
-vielleicht, wenn der Mond rund geworden -- ist das Trauerspiel schon aus.
-Er schauderte.
-
-Gab es einen Gott und ein ewiges Leben? Unnütze Frage! Die Toten konnten
-keine Antwort geben und die Lebendigen nur darüber fabeln. Beides: Gott und
-ewiges Leben, das waren doch wohl nur Märchen -- die schönsten Märchen, die
-die Menschheit sich erfunden. Zum Trost erfunden.
-
-Märchen zum Trost! War das nicht zum Lachen und zum Weinen?! Und da wurden
-hohe Häuser gebaut und Lieder gesungen, um dieser Märchen willen, für
-diesen eingebildeten König, der nur schweigen konnte.
-
-»Wenn du existierst, dann rufe!« flüsterte John, auf das Sofa schlagend.
-»Ich will's hören. Ich hab's nötig.«
-
--- -- -- --?
-
--- -- -- --?
-
-Seine Hand erhob sich noch einmal; aber nicht mehr beschwörend:
-resignierend. Er seufzte.
-
-»Die Macht des Todes kann niemand bezweifeln,« sagte er darauf laut. »Wenn
-Gott existiert, dann ist er ein Krüppel, denn er kann nicht sprechen; dann
-ist er unglücklich, denn er kann nicht helfen ... Der Tod -- das ist ein
-andrer Kerl!«
-
-Und ihm war, als sähe er den Tod auf sich zukommen, aus dem Dunkel einer
-Abendwolke, ähnlich einem Mann mit einem Lasso, der bereit ist, die
-Schlinge zu werfen. John schloß angstvoll die Augen und duckte sich auf
-dem Sofa zusammen. Es war aber nicht der Tod, der über ihn kam, der Schlaf
-übermannte ihn plötzlich.
-
-Und ihm träumte: er stände lauschend auf einem weiten, dunkeln Feld, auf
-dem es nichts gab, was ihm zur Deckung dienen konnte -- wenn der Tod kam.
-Denn der sollte kommen, der würde kommen, das fühlte John mit einer Angst,
-die ihm Tigerstärke gab. Eine unwiderstehliche Gewalt hatte ihn in das Feld
-des Todes getrieben, und nun stand er und wartete auf ihn mit angestrengtem
-Gehör und schreckensweiten Augen. In der Ferne erklang eine schauerliche
-Musik -- die Musik seiner Nächte --, die ihm das Herz mit Angst und Grauen
-zu zerreißen drohte. Und plötzlich begann die Erde zu dröhnen von einem
-riesigen Gespann, das windgeschwinde herangebraust kam. Der Wagen war aus
-Erz, und aus Erz waren die hohen Räder und aus Erz die Füße der dunkeln
-Pferde. Und auf dem Wagen stand der Tod mit einer eisernen Sichel in der
-Hand, eine Flöte am Munde. Und die Räder und die Füße der Pferde waren rot
-vom Blut der Zerstampften und Überfahrnen, und die Sichel war rot vom Blut
-der Gemähten.
-
-John sprang mit einem lauten Angstschrei auf den Rücken der Pferde und sah
-dem Tod ins Gesicht, nach einem Schimpfwort suchend, das all sein Entsetzen
-und seinen Abscheu zusammenfaßte. Der Knochenmann grinste und hob elegant
-die Sichel. Wie ein Balletmeister, dachte John, ihm in den Arm fallend und
-mit ihm ringend.
-
-Wo der Tod hingriff, brannte es los wie Feuer, und brachen die Knochen
-wie dürre Halme. Ein Flammen und Splittern! John raffte seine letzte Kraft
-zusammen und brach seinem Gegner den Arm mit der Sichel ab. Dabei erwachte
-er.
-
-»Ich verbrenne! Wasser! Wasser!« stöhnte er, nach Luft ringend. Peter
-meckerte kläglich.
-
-Dore stand schon mit Selterwasser da und gab ihm zu trinken. John zeigte
-ihr stumm, was er in der Hand hielt. »Sein Arm,« flüsterte er, noch
-immer nach Luft ringend. »Ich hab ihn besiegt. Er wird so bald nicht
-wiederkommen.«
-
-»Das is doch ein Stick Horn vom Ziegenbock,« murmelte die Wärterin mit
-schadenfrohem Lächeln. Aber John begriff nicht, was sie sagte.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel
-
-
-Frau Kalnis setzte die Brille auf ihr schlaues, gelbes Chinesinnengesicht
-und öffnete mit zitternden Händen den großen, blauen Brief, den ihr der
-Briefträger soeben gebracht hatte. Die Buchstaben verneigten sich vor ihren
-Augen, tanzten spöttisch hin und her und wollten sich durchaus nicht fangen
-lassen. Es währte geraume Zeit, bis sie des Inhalts habhaft wurde.
-
-»Herrjeses!« schrie sie da. »Hat ein Mensch schon mal sowas erläbt?!
-Neineinei! Ich zieh! Ich zieh!« Wie von der Tarantel gestochen, stürzte
-sie mit dem Brief in Johns Zimmer, um ihn zur Rede zu stellen. John lag mit
-gefalteten Händen auf dem Sofa.
-
-»Herrr!« brach sie los, mit »Rs« wie Trommelwirbel. »Wer kann mir das
-einjebrockt haben als Sie?! Wer kann mir das sonst schreiben als Ihr
-verdrähter Onkel?! Ich kenn seine Handschrift. Da schreibt er: Man
-beobachtet mich. Und ich soll meine langen Finger doch im Zaum halten,
-sonst krieg ich's mit der Polizei zu tun ... Gott, das muß ich mir, mir
-sagen lassen! Für nuscht, für rein gar nuscht! Ich zieh! Ich bleib nich
-unter solche Menschen! Ich ...« Hier verlor sich ihre Rede in einem
-heftigen Hustenausbruch.
-
-John versuchte eine scheinheilige Miene zu machen, aber er war viel zu
-kindisch, um über Dores Zorn nicht lachen zu müssen. Bald kicherte er wie
-ein dummer Junge.
-
-»Sie Hottentott!« stöhnte Dore. »Ich laß Sie im Stich! Ich werf Ihnen
-hin! Wer bleibt bei einem Menschen wie Sie?! Was möjen Se doch bloß wieder
-aufjebracht haben?!«
-
-»Zügle dich,« sagte John vornehm und mit einem sehr spitzen »Ü«.
-
-»Ziejiln Sie sich man lieber!« brauste Dore auf.
-
-»Übrigens,« sagte John, das Sofakissen betrachtend, »möchte ich wissen,
-weshalb ich Ihnen das gerade eingebrockt haben soll?«
-
-»Kein andrer,« knurrte sie.
-
-»Verklagen Sie doch Onkel John, wenn Sie meinen, daß er den Brief
-geschrieben hat.«
-
-»Ich? D'n Onkel John verklagen?« Dore lachte grimmig. »Eher nähm ich meine
-sieben Sachen und mach mir auf die Sohlen. Nei! Mit dem bind ich nich an!
-Der kann e unschuldjen Menschen durch seine Märchen ins Zuchthaus bringen.«
-
-»Wissen Sie was?« flüsterte der gute Neffe. »Er hat doch ein
-durchgegang'nes Reitpferd eingefangen und dann vor Gericht geschworen, daß
-es seins ist.«
-
-»Nanana!«
-
-»Wahrhaftig Gott!«
-
-»Eins, was wahr ist,« sagte Dore feierlich, »daß es mit dem noch mal ein
-schlechtes Ende nimmt, das steht fest. Sie und d'r Onkel, ihr wißt ja gar
-nicht, was ihr anjeben sollt? Wozu ihr auf der Welt da seid?!«
-
-»Weißt du vielleicht, wozu du da bist?« näselte er.
-
-»Na, jewiß weiß ich.«
-
-»Das bild'st du dir ein!«
-
-Dore schlug nur stumm mit der Hand, denn der Husten überfiel sie aufs neue.
-»Was muß e Mensch sich ärjern,« hub sie dann wieder an. »Solche Jemeinheit!
-Mir zittert alles! Aber der liebe Gott wird ihn schon finden! Der wird ihn
-schon strafen!«
-
-»Was weißt du von Gott?« sagte John spöttisch.
-
-»Daß er Sie und Ihren Onkel strafen wird,« entgegnete sie wild.
-
-»Dann ist dein Gott ein Teufel!« rief er, gereizt werdend, denn er dachte:
-bin ich nicht schon elend genug?!
-
-»Mein Gott ist ein Teifel?« wiederholte Dore entsetzt. »Daß Ihnen nich der
-Blitz erschlächt!«
-
-John lachte. »Er kann nicht blitzen. Er ist doch nur ein Märchen.« --
-»Gott,« sagte er und sah zur Decke auf, »das sollte etwas sein, wie
-Blumenduft, wie Harfenspiel und Sonne; nichts als Süße und Herrlichkeit.
-Strafe und Gott? Blitz und Gott? Das sollte nicht zusammenpassen.«
-
-Er schloß die Augen und sein ganzes Gesicht arbeitete. »An Gott denken,«
-stammelte er, »das sollte sein, wie an silberne Quellen denken in tiefen
-grünen Märchenwäldern, wie an frische Wiesen denken, neben rauschenden
-blauen Strömen, das sollte sein, wie ein Versinken in etwas himmlisch
-Weiches und Beruh'gendes.«
-
-»Bring mir Papier und Bleistift,« sagte er dann barsch und verlegen, »ich
-habe zu schreiben.«
-
-»Sie wollen schreiben?« fragte Dore, die Augen noch weiter aufreißend. »Das
-haben Se ja noch nie jetan.«
-
-»Das Personal hat seine Meinung für sich zu behalten.«
-
-»Sie werden d's Schreiben verlernt haben.«
-
-Nun lag Papier und Bleistift vor ihm, und John machte ein dummes Gesicht,
-weil er nicht wußte, wie er anfangen sollte.
-
-»Was wollen Se doch bloß schreiben, mein Lieberche?« fragte Dore, immer
-neugieriger werdend.
-
-Der Trinker rieb sich mit wichtiger Miene das Kinn und schwieg. »Wie
-schreibt man Dienstag?« fragte er dann. »Mit langem oder rundem S?«
-
-Frau Kalnis entschied sich mit Energie für das runde.
-
-»Etwas scheinst du ja jelernt zu haben,« bemerkte John herablassend.
-
-Dore fühlte sich geschmeichelt. »Etwas?« wiederholte sie. »O! ich hab
-scheen jelernt. Ich war immer die Erste in meine Klass'.«
-
-John war müde, als er Dienstag und das Datum geschrieben hatte. »Schwer!«
-sagte er mit dem Kopfe wackelnd und sich einen Kognak eingießend.
-
-»Ja,« sagte Dore, »d's Schreiberhandwerk is nich so ohne ... Was haben Se
-doch bloß zu schreiben, Herr Johnche?«
-
-Der Gefragte machte ein verschmitztes Gesicht, indem er die Wärterin leise
-pfeifend angrinste. Er brannte darauf, das Geheimnis mitzuteilen; aber
-wiederum war es auch hübsch, die neugierige Dore zappeln zu lassen. »Holen
-Sie erst das Frühstück,« gebot er gravitätisch.
-
-Frau Kalnis war von Natur so neugierig, wie die Nachtigall es sein soll.
-Das Frühstück stand in fünf Minuten auf dem Tisch. »Nu?« fragte sie
-gespannt, den linken Arm in die Seite gestemmt.
-
-»Erst essen,« grinste John.
-
-Dore errötete vor Ärger und Enttäuschung. »Sie sind mir erst e Koboldche,«
-sagte sie vorwurfsvoll.
-
-»Ich bin Ihnen erst e Koboldche,« spöttelte er.
-
-Die Litauerin wurde noch röter und ging stracks in ihr Zimmer, die Tür
-hinter sich zuknallend.
-
-Nach einer Stunde bekam sie das große Geheimnis zu wissen. John
-beabsichtigte, ein Schriftstück zu verfassen, in dem er die ganze Welt
-vor dem Trinken warnte. All seine Qualen wollte er darin schildern und all
-seine Todesangst. »Wer das lesen wird,« sagte er, »der wird nie, nie mehr
-zuviel trinken, das kannst du mir glauben, Dore. In allen Zeitungen soll es
-stehen, auch in den kleinsten.«
-
-»Das is mal scheen,« sagte Frau Kalnis, bis zu Tränen gerührt, »Sie werden
-auch noch im Himmel kommen.«
-
-»Will ich gar nicht,« brummte er. »Hier will ich bleiben und gesund werden.
-Und was ich zu schreiben beabsichtige, das soll hier, rot gedruckt, über
-dem Sofa hängen.« Er klatschte mit der Hand auf die Wand. »Du sollst mal
-sehen, Dore, wie mir das gut tun wird, wenn ich das so tagtäglich vor Augen
-haben werde. Das wird mir schon das Trinken abgewöhnen.«
-
-»Vel--leicht« ... zerrte sie unter krampfhaftem Gähnen heraus.
-
-»Aber für heute wollen wir es genug sein lassen,« sagte er dann, das Papier
-mit dem schief und zittrig geschriebenen Datum von sich schiebend. »Sowas
-will erst ordentlich überlegt sein.«
-
-»O -- ja!« erwiderte Dore, langsam mit dem Kopfe nickend, und warf sich
-einen geheimnisvollen Blick im Spiegel zu.
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel
-
-
-Die Fenster des Eßzimmers standen offen, und der Regen trommelte eintönig
-auf den Blechen. Die vielen Blumentöpfe, die Frau Zarnosky auf der Veranda
-stehen hatte, erweckten im Zimmer den Glauben, daß draußen ein schöner
-Garten sei. John hockte fröstelnd am kalten Ofen, drehte die Daumen
-umeinander und ließ keinen Blick von der halbvollen Flasche Kognak, die auf
-dem Büffet stand. Außer ihm war niemand in der Wohnung als Amalie, die in
-der Küche saß und Kartoffeln schälte. Frau Zarnosky war aus, und die Jungen
-waren in der Schule. John drehte die Daumen umeinander, wie gebannt auf
-die Flasche starrend. Was für eine Seligkeit müßte es sein, dachte er, jene
-Flasche auf einen Zug leeren zu dürfen!
-
-Alles, was er an Spirituosen besaß, stand jetzt in Dores Schrank; so
-hatte er es haben wollen. Frau Kalnis hatte ihm schwören müssen, fest und
-unerbittlich zu bleiben, wenn er mehr Alkohol von ihr verlangte, als er
-sich selbst zum langsamen Abgewöhnen zudiktiert hatte. Den Schlüssel zum
-Schrank mußte sie entweder bei sich tragen oder so verwahren, daß er
-ihn nie entdecken konnte. Auch sein Taschengeld wanderte jetzt in jenen
-Schrank, und Dore sollte das Ganze behalten dürfen, wenn es ihr gelang,
-ihrem Herrn das Trinken abzugewöhnen.
-
-Es war ein stiller, kühler Sommertag. Der Regen klopfte eintönig auf den
-Blechen, und langsam und feierlich begannen die Glocken der nahen Kirche zu
-läuten. »Trink, trink ...« sagte der Regen. »Nein -- nein ...« sagten
-die Glocken. John glaubte, den größten Durst seines Lebens zu verspüren.
-Langsam erhob er sich.
-
-Doch dann ging er zur Verandatür, um angestrengt hinauszustarren. Aber er
-sah kaum, was vor ihm lag, er sah immer nur die Flasche; sie schien überall
-zu stehen, wohin er auch blickte.
-
-Das war eine Versuchung, wie sie schlimmer nicht auszudenken war. Wenn
-er nicht unterliegen wollte, so mußte er sich schleunigst aus dem Staube
-machen, fliehen. Doch er floh nicht. Ja, er blickte sich um und lächelte
-die Flasche an, wie ein krankes Kind.
-
-Ach, es war ja schon einerlei, ob er jenen Kognak austrank oder nicht,
-sterben mußte er ja doch. Mit einem Satz war er am Büffet und riß die
-Flasche an sich.
-
-»Nein -- nein ...« sagten die Glocken. Sie klangen so furchtbar ernst, so
-düster warnend. John merkte, daß sie zu einem Begräbnis läuteten und setzte
-die Flasche wieder hin.
-
-Er wollte nicht sterben -- nein, nein! -- -- Wie der Kognak glänzte! -- --
-Nur einen Schluck ...
-
-»Trink, trink ...« sagte der Regen.
-
-Die Flasche glich einem Magnet, der seine Hand unwiderstehlich an sich zog.
-Ehe er sich's versah, hatte er sie schon wieder in der Hand.
-
-»Nein -- nein ...« sagten die Glocken.
-
-»Still!« brummte John. »Ich will doch bloß mal riechen.« Mit zitternden
-Händen bemühte er sich, die Flasche zu entkorken, nicht merkend, daß jemand
-ins Zimmer trat.
-
-»John, was machst du da?« rief lachend Onkel Chlodwig.
-
-Der Ertappte zuckte heftig zusammen. »Nichts,« stammelte er in nervöser
-Bestürzung. »Ich zähl' nur die Gläser -- ob alle da sind. Hier wird jetzt
-so viel gestohlen. Amalie will ja nächstens heiraten.«
-
-»Amalie will heiraten?« kicherte der Onkel. »Wen denn?«
-
-»Einen -- einen Bierkutscher.«
-
-»Amalie!« rief Onkel Chlodwig, die Tür nach dem Korridor öffnend. »Sie
-wollen einen Bierkutscher heiraten? Das nenn ich mir eine treffende Wahl.«
-
-»Was? E Bierkutscher soll ich heiraten?« brummte es in der Küche. »Lieber
-Ihnen, Herr Zarnosky,« grunzte die Köchin.
-
-Der kleine Junggeselle klatschte vor Vergnügen laut in die Hände. »Da täten
-Sie recht!« rief er heiter. Dann ging er zum Büffet und goß sich einen
-Kognak ein. »Du willst wohl keinen, John?« fragte er mit zwinkernden Augen.
-
-»Nein, danke,« sagte dieser fromm. Bei dem Schreck war seine Gier
-verflogen.
-
-»Da tust du recht,« lobte Onkel Chlodwig und zog seinen Schnurrbart zur
-Säuberung durch die Lippen, um dann erst das Taschentuch zu benutzen.
-
-Es regnete nicht mehr, und die Sonne schimmerte schon gelb durchs Gewölk.
-John ging auf den Hof, um nach Peter zu sehen. Der Ziegenbock kniete wie
-ein Götzenbild am Rande des Torwegs, als habe er den Eingang zu bewachen.
-Seine Miene war die eines alten Philosophen, der über rätselhafte Dinge
-nachdenkt. Als er John erblickte, erhob er sich gelassen und kam mit Würde
-auf ihn zu. Mit derselben Würde nahm er die drei violetten Orden aus seines
-Herrn Knopfloch zu sich.
-
-»Schmeckt's?« fragte dieser.
-
-Peter nickte fortwährend gemessen mit dem Kopf, was er immer tat, wenn
-er etwas zu sich nahm. Seine Kiefer bewegten sich dabei wie Mahlhölzer
-gegeneinander. »Er setzt das Mühlchen in Bewegung,« sagten Paul und Leo,
-wenn Peter zu fressen begann. -- --
-
-Gegen Abend ging Frau Kalnis, ausnahmsweise, zu einer Verwandten, die
-Geburtstag hatte. John begann Andersens Märchen zu lesen, weil er nicht
-beständig an die halbe Flasche Kognak denken wollte; aber er konnte sie
-durchaus nicht vergessen. Seine Augen versagten auch bald den Dienst, und
-die immer größer werdende Unruhe in seinem ganzen Körper machte ihm das
-Sitzen unerträglich. Er stand auf und nahm Baldriantropfen.
-
-Um sieben brachte Amalie das Abendbrot. Sie sah sehr ärgerlich aus, denn
-man hatte sie den ganzen Tag mit ihrer Heirat aufgezogen. Mit dieser
-Heirat, von der sie doch nichts wußte.
-
-»Warum machen Sie ein so böses Gesicht?« fragte John sofort.
-
-»Ach,« brummte sie, »der Onkel Chlodwig läßt mich heite gar nich
-zufrieden.«
-
-»Heiraten Sie ihn doch, Amalie.«
-
-»Ach, heren Se schon auf mit das Ganze!«
-
-»Aber der Onkel Chlodwig schwärmt Ihnen an! Sie können mir's glauben,
-Amalie! Wahrhaftig Gott!«
-
-Die Köchin verzog ihren dicken Mund zu einem breiten, halbverschämten,
-schweigenden Grinsen. Ihre steifen Wangenhügel, die so ruppig waren wie
-ein Hahnenkamm, glühten um die Wette mit ihrer Nase, die einer feurigen
-Kräuterbirne nicht unähnlich sah. Amalie war eine Freundin von Bier und
-Schnäpsen, und gegen Abend konnte man ihr diese Freundschaft nur zu sehr
-vom Gesicht ablesen. »Sie knirbelt kräftig,« pflegte John zu sagen.
-
-»Na, wie ist's?« fragte er, durch ihr Schweigen gereizt. »Wollen Se meine
-Tante werden oder nich?«
-
-»Uzen Se mir auch noch?«
-
-»Ich denk' gar nicht dran! Onkel Chlodwig geht schon lange mit der Absicht
-um, Ihnen zur linken Hand zu heiraten.«
-
-Amalies dicker Mund weitete sich noch einmal, und dann verschwand sie mit
-einer großen, ganz neuen Hoffnung im Herzen.
-
-Das Abendbrot wollte John nicht schmecken; ihm war noch schlechter als
-gewöhnlich. Die eine Flasche Bier, die vor ihm stand, reizte ihn so lange
-mit ihrer Kümmerlichkeit, bis er sie wütend vom Tisch stieß. John fühlte
-sich plötzlich so furchtbar unglücklich, daß er sich am liebsten das Leben
-genommen hätte. Sein ganzes Wesen verzehrte sich in Sehnsucht nach Alkohol:
-nach jener halben Flasche Kognak. Er konnte sich nicht länger beherrschen
-und er wollte es auch nicht. Nicht länger zögernd, eilte er zu Dores
-Schrank, in dem seine Flaschen standen. Er bearbeitete die verschlossene
-Tür mit Fußtritten, um zu seinem Eigentum zu gelangen; aber das alte Möbel
-war aus gutem Holz, es widerstand allen Stößen. Auch das Schloß widerstand,
-als er es mit dem Taschenmesser aufzubrechen versuchte. Nun zerfetzte er
-vor Wut Dores Fächerpalme, ihr Stuhlkissen, ihre Nachtmütze. Aber als
-ihm das grüne Staubtuch in die Hände fiel, aus dem er einst für Mimi ein
-Nestchen gemacht hatte, da ließ er den Kopf hängen und weinte.
-
-Er weinte über sein verfehltes Leben, das ihm ebenso zerfetzt schien wie
-die Fächerpalme. Wie anders hätte er jetzt dastehen können! Er bereute, er
-bereute ... Zu spät! Nun war nichts mehr zu ändern.
-
-Ach, er fühlte sich so unsagbar verlassen, so kalt dem Tode preisgegeben.
-Rodenberg war sein einziger wahrer Freund. Durfte er sich überhaupt noch zu
-den Lebenden rechnen? Er fühlte sich schon so fern von allem, was lebte und
-lachte und genoß. Der Tod war seine einzige Aussicht.
-
-Nur jene halbe Flasche Kognak wollte er noch leeren.
-
-Der Glanz der Abendsonne war ihm aufs tiefste zuwider. Er stach ihm so
-mitleidslos in die Augen. John stieß eine Verwünschung aus und drohte mit
-der Faust nach der Sonne. Er trocknete sich mit dem Staubtuch die Augen und
-beroch es dann von allen Seiten wie ein armer, hungriger Hund.
-
-Es roch nicht nach Mimi, es roch nach Petroleum. Trotzdem stopfte er es
-in die Tasche, um es öfters ansehen zu können. Mimi war doch eine hübsche
-Erinnerung, trotz ihres schrecklichen Todes.
-
-Und nun ging er sich den Kognak holen; er hielt es nicht mehr aus ohne
-Alkohol, er hielt es einfach nicht mehr aus. Seine Mütze war nicht zu
-finden. Er setzte den kleinen, steifen Hut auf, den er auf jenem Ausflug
-mit Johannes getragen.
-
-Die Hand auf die linke Seite gepreßt, arbeitete er sich langsam und atemlos
-die Treppe herunter. In seinen Ohren war ein dumpfes Sausen, und sein Herz
-schien sehr weit und ganz still. Die Treppe war immer ein Kunststück für
-ihn. Bis zu seiner Haustür hatte er die feste Absicht, in die elterliche
-Wohnung zu gehen, um sich den Kognak zu holen; aber an der Tür besann er
-sich anders. Er wollte doch lieber in die Kneipe gehen und sich dort
-etwas geben lassen, als etwa im Eßzimmer Paul und Leo antreffen, die ihn
-vielleicht daran hindern würden, die Flasche zu nehmen. Und sicherlich
-würden sie ihre Bemerkungen machen, ihn verspotten. Nein, nein, er ging
-lieber in die Kneipe.
-
-Sein Herz arbeitete jetzt wie wild nach der Treppe, es zitterte und sprang
-in seiner Brust, daß ihm vor Angst der Schweiß ausbrach. Öfters stehen
-bleibend, um Atem zu schöpfen, begab er sich über den Hof nach der kleinen
-Kontortür im Torweg und öffnete sie. »Vater!« rief er herein, »gib mir doch
-etwas Geld, ich will zum Barbier gehen.«
-
-»Jetzt abends noch?« brummte Herr Zarnosky.
-
-»Komm herein, Kronensohn!« rief Onkel John, der dasaß und Märchen erzählte.
-»Wir wollen mal sehen, was dein Bart für eine Farbe hat.«
-
-John trat ein und wiederholte seine Bitte. Herr Zarnosky knurrte, daß der
-Gang zum Barbier eine Finte sei. Er kenne das. Johns Barbier hieße Suttkus.
-Der Märchenerzähler hatte schon das Portemonnaie in der Hand; aber dann
-steckte er es rasch wieder ein. Es war ihm noch rechtzeitig eingefallen,
-daß sein lieblicher Neffe in einer Kneipe erzählt haben sollte, daß er,
-der Onkel, ein Reitpferd eingefangen und dann geschworen habe, daß es seins
-sei. Und es war doch nur ein weggelaufener Ziegenbock gewesen, dem er um
-Zerlines willen freundliche Aufnahme gewährt hatte, weil er doch nicht
-wissen konnte, wem er gehörte. Tiere sind sich ähnlich, hatte Onkel John
-gedacht, und es war seiner Phantasie bald gelungen, aus dem Bekannten
-einen Fremdling zu machen. Ganz im tiefsten hatte er auch noch gedacht: Er
-schenkt ihn mir ja sowieso, ehe er stirbt.
-
-»Der Vater hat hier zu entscheiden,« bemerkte er würdevoll, nachdem er
-das Portemonnaie wieder eingesteckt hatte. Und dann mit selbstgefälliger
-Anzüglichkeit: »Man muß sich auch hüten, seine Wohltaten an Leute zu
-verschwenden, die es einem mit Undank lohnen.« Darauf mußte er lachen, weil
-er diesem seiner Neffen nun einmal nicht böse sein konnte.
-
-»Junge, halt' die Ohren stramm!« rief Onkel Chlodwig vergnügt, indem er
-eine Bewegung mit den Armen machte, als wolle er John, wie einst als Kind,
-an den Ohren in die Höhe heben.
-
-Der Trinker ging schweigend hinaus und warf schmetternd die Tür zu. Und
-die Brüder lachten und ließen ihn ruhig gehen. In ihren Köpfen war die
-Finsternis der Unbildung und der Gedankenlosigkeit.
-
-John begab sich stracks in den nächsten Gewürzladen und ließ sich einen
-Kognak geben. Und noch einen, und immer wieder noch einen. Nach einer Weile
-wurde der Verkäufer in die Bierstube gerufen und ließ ihn im Laden allein.
-John stand vor der Tombank und lächelte dumm. Seine Stimmung begann sich
-zu heben. Er fühlte sich wohl in dieser Atmosphäre voll von Käse- und
-Biergeruch, in dieser sauren Luft, die so wertlos war wie er selbst. Hier
-wäre er gern für immer geblieben.
-
-Der Laden war nicht groß. Ein gemütlicher, alter Laden mit ausgetretenen
-Dielen und kleinem Schaufenster. Unter der niedrigen, rauchgeschwärzten
-Decke brauste ein Heer von Fliegen. Fette Brummer segelten gemächlich über
-die drei Käseglocken des düsteren Repositoriums. Auf der klebrigen Tombank
-stand in einsamer Schönheit eine Flasche Rum.
-
-John studierte aus der Ferne die Etikette: Jamaika-Rum. Er trat einen
-Schritt näher: Jamaika-Rum. Noch näher: Jamaika-Rum. Dann verwirrten sich
-seine Gedanken; er glaubte, wieder, wie am Vormittag, zu Hause vor dem
-Büffet zu stehen, und nahm die Flasche in die Hand.
-
-Läuteten nicht die Glocken? Ihm war so. Er stellte die Flasche wieder hin.
-
-Das Summen der Fliegen klang ihm jetzt wie fernes Meeresbrausen, und
-der Fußboden schien sich langsam hinter ihm in die Höhe zu heben. John
-klammerte sich an die Tombank. Nun schien sich auch die Flasche in
-Bewegung zu setzen, schien langsam davongleiten zu wollen. Da packte er
-das lockende, glitzernde Ding voller Angst mit beiden Händen und stolperte
-damit nach der Tür.
-
-»Möchten Sie wohl die Flasche zurückgeben?!« erscholl eine grobe Stimme
-aus dem Gang zur Bierstube, und ein großer, stiernackiger Handwerker,
-ein geschworener Feind der Familie Zarnosky, der John heimlich beobachtet
-hatte, sprang vor und zischte: »Schämen Sie sich nicht?! Ich werd' Sie
-anzeigen!«
-
-John ließ die Flasche fallen und sank vor Schreck halb in die Knie. Und
-der wütende Tischler riß ihn in die Höhe und hielt ihn fest. »Wer holt den
-Schutzmann?« brüllte er.
-
-»Machen Sie keinen Unsinn!« flüsterte der herbeieilende junge Mann. »Er
-hätte sie schon bezahlt. Oder wir hätten die Rechnung geschickt. Ein guter
-Kunde ...«
-
-»Ein Dieb!« schmetterte der Sargtischler. »Schutzmann! Schutzmann!«
-
-John begriff nicht ganz, was um ihn vorging; aber das Festgehaltenwerden
-unter Rufen nach dem Schutzmann flößte ihm ein solches Entsetzen ein, daß
-er sich wie ein Rasender losriß und davonstürzte.
-
-Mit dem schrecklichen Gedanken, er müsse sich jetzt etwas Entsetzlichem
-wegen das Leben nehmen, rannte er die Straße herunter. Sie war nicht lang
-und lag am Ende der Stadt. Bald stand der arme Dieb am Rande des tiefen
-Teiches, zu dem er ganz instinktiv geeilt war. Jenseits des Wassers war ein
-dunkles Wäldchen, in dem sehr laut die Nachtigallen sangen. Auch über dem
-Kopf des Verzweifelten flöteten die Vögel in den Zweigen der Kastanien, mit
-denen der Weg zu beiden Seiten besetzt war. Hinter seinem Rücken flammte
-die Abendsonne in ihrer ganzen Glorie. Sie thronte gleich einer mächtigen
-Feuerkugel dicht über dem langen, flachen Dach eines alten, hölzernen
-Getreideschuppens, der wie ein riesengroßer schwarzer Sarg auf grünem
-Wiesenlande stand, unter einem rostgelben Himmel. Doch John sah in das
-glitzernde Wasser und beriet sich flüsternd mit seinem Schicksal.
-
-»Muß ich? Muß ich?« fragte er, voller Angst an seine Eltern denkend.
-
-»Aber sofort!« schien der Tischler zu rufen.
-
-John sah sich furchtsam um; aber es war niemand außer ihm auf dem Wege.
-Er setzte sich auf die Erde, weil er vor Müdigkeit nicht länger zu stehen
-vermochte, und sein Denken wurde allmählich klarer.
-
-»Was hab' ich denn getan?« stammelte er wie ein Kind. »Ich hab' doch nichts
-getan. Ich hatte sie auf einmal in der Hand, ich weiß nicht wie. Ich hätte
-sie doch bezahlt.«
-
-Der Tischler hatte ihm das eingebrockt -- dieser gehässige, heimtückische
-Kerl. John wußte: der Tischler ging jetzt von Haus zu Haus und erzählte.
-
-Es bohrte ein Wort in seinem Kopf, dessen Klang und Bedeutung er auf dem
-ganzen Weg gesucht hatte. Nun war es da; es hieß: Schande.
-
-»Schande,« flüsterte er, »Schande,« wiederholte er laut, und schon wurde
-es ihm zur Gewißheit, daß das etwas war, was ihm nicht mehr viel anhaben
-konnte. Seine Rolle auf Erden ging zu Ende. Was tat ihm noch Schande?
-
-Aber seine Familie, seine Familie und die Leute -- -- --?
-
-Seine Angehörigen sollten sich damit abfinden -- sie durften ja leben,
-während er -- --
-
-Ja, was tat ihm noch Schande? Ihm? Er kicherte mit zuckendem Munde. Und auf
-einmal warf er sich vornüber und krallte die Hände in die warme Erde.
-
-Er wollte alle Schande der Welt tragen -- wenn er nur leben durfte! Er
-liebte das Leben trotz allem und allem, trotz seiner Schmerzen, trotz
-seiner qualvollen Nächte. Er wollte alle Schande der Welt tragen -- nur
-nicht sterben!
-
-Die Frösche quakten, und die Vögel flöteten, und ein Wagen kam gefahren.
-John richtete sich langsam auf; er wollte nach Hause. Es war nicht
-notwendig, daß er dem Schicksal vorgriff: das Ende des Trauerspiels kam
-schon von selbst. Und alles Auflehnen war vergebens.
-
-Der sich nähernde Wagen, ein gewöhnlicher Einspänner, hielt an, als John
-dem Kutscher ein herrisches »Halt!« zurief. »Helfen Sie mir herauf,« befahl
-er ihm. »Ich will in die Stadt.«
-
-»Ach, Sie sind es, Herr Zarnosky,« sagte der Kutscher.
-
-»Hab' jefischt,« bemerkte John sehr hochmütig.
-
-»Und wo haben Sie Ihre Angel?«
-
-»Fortgeworfen. Kann mir eine neue kaufen.«
-
-Kurz vor der Stadt, da, wo es in das dunkle Glaciswäldchen hineinging, sah
-man jetzt hurtig Liebespaare verschwinden. Der Kutscher schnalzte mit der
-Zunge und machte seine Bemerkungen. John saß ganz still da und wunderte
-sich. Er wunderte sich, daß es noch immer Liebespaare gab, daß die Welt
-noch immer so war wie damals, als er mit seiner ersten und einzigen Flamme,
-einer jungen Putzmacherin, dort spazieren ging -- vor hundert Jahren. So
-lange schien ihm das wenigstens her. Wie ein Greis sah er den Paaren nach
-und drehte verwundert die Daumen umeinander.
-
-Er hätte den gewöhnlichsten Kognak der hübschesten Putzmacherin vorgezogen.
-
-Am alten Stadttor leuchtete eine Gasflamme wie ein grüner Stern durch die
-helle, rote Dämmerung. Als der Wagen durch das Tor rollte, begann John
-vor Angst zu frieren. Beim Auftauchen eines Schutzmannes zuckte er heftig
-zusammen. Der Mann grüßte freundlich und ging vorüber.
-
-Nun überkam ihn ein wilder Trotz. Erstens hatte er nichts begangen, und
-selbst wenn er etwas begangen hatte, so war ihm das ganz gleichgültig.
-Mochte man ihn anzeigen. Ihm war schon alles gleich. Nur um die Mutter tat
-es ihm leid. Um die tat es ihm leid, um die andern nicht ... Seine Zähne
-schlugen zusammen, als sich der Wagen dem väterlichen Hause näherte.
-
-Rodenberg stand, nach ihm ausspähend, am Torweg und half ihm vom Wagen
-herunter. »Geben Sie ihm was,« sagte John, nachlässig über die Schulter
-zeigend. Der Kutscher nahm seinen Herrn unter den Arm, weil dieser allein
-nicht zu gehen vermochte. »Was machen Sie für ein Gesicht?« fragte ihn
-John. »Lachen Sie doch, Rodenberg! Ich hab keine Angst! Für was soll ich
-auch Angst haben?«
-
-»Der Beese war hier,« erzählte der Kutscher, »und nu is der Herr
-fuchswild.«
-
-»Pah!« sagte John. »Was ich mir daraus mach!«
-
-»Er sitzt oben und wartet auf Ihnen.«
-
-»Der Vater?«
-
-Rodenberg nickte.
-
-John wurde kreidebleich. Er versuchte zu lachen; doch plötzlich bekam er
-einen Krampfanfall. Rodenberg schleppte ihn in seine Wohnung hinauf.
-
-Herr Zarnosky saß mit der Reitpeitsche in der Hand. Sein sonst so frisches,
-großzügiges Gesicht war blaß, und seine Zähne bearbeiteten unablässig die
-starken Lippen. Als die Tür geöffnet wurde, stand er auf.
-
-»So betrunken?« fragte er den Kutscher.
-
-»Krank,« sagte Rodenberg rauh, indem er seinen jungen Herrn mit liebevoller
-Ungeschicklichkeit aufs Bett trug.
-
-Herr Zarnosky setzte sich wieder aufs Sofa und räusperte sich erregt. Frau
-Kalnis kam in diesem Augenblick nach Hause, wie eine erschreckte Fledermaus
-ins Zimmer schwirrend, und schlug stumm die Hände zusammen.
-
-»Herr Zarnosky trautstes, was is los? Was is jeschähn? Ich will man bloß
-rasch d'e Umnahme abnähmen ...« sie huschte in ihr Zimmer. »Herrjeh,
-herrjeh, mein Palmbaum! Und d's Kissen! Jerechster Vater, was is hier
-jeschähn? Nu hatte er sich doch schon einije Tage so scheen jehalten.«
-
-Herr Zarnosky räusperte sich schweigend weiter. Rodenberg schlich still
-hinaus, weil er meinte, daß John in Dores Gegenwart keine Prügel bekommen
-werde. Frau Kalnis kam mit einer Decke angeflogen, die sie mit zitternden
-Händen über den unbedeckten Tisch warf. Dann ging sie zu John. »Wasser,«
-murmelte er leise.
-
-Herr Zarnosky trat mit der Reitpeitsche ans Bett. »Besinne dich,« sagte er
-heiser, »was hast du heute abend getan?«
-
-»Nichts,« stammelte John angstvoll, »nichts.«
-
-»Da geht doch dieser Lümmel hin und stiehlt!« stieß der Vater erbittert
-hervor, und die Reitpeitsche sauste nieder.
-
-Ehe sich's der Alte versah, war der Junge plötzlich aufgesprungen und hatte
-ihn an der Kehle gepackt. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn Rodenberg --
-durch Dore und den Lärm herbeigerufen -- sich nicht des Wütenden bemächtigt
-hätte. Er schaffte ihn wieder ins Bett und beruhigte ihn, so gut er konnte.
-Herr Zarnosky rang keuchend nach Atem. So träge und ruhig er für gewöhnlich
-war, so wild und zügellos konnte er im Zorn werden.
-
-»Warte!« knirschte er, sobald er sich von seinem Schreck erholt hatte. »Du
-wirst dich an mir vergreifen? An deinem Vater?« Und nun begann er John erst
-recht zu züchtigen.
-
-Doch die meisten Schläge bekam Rodenberg, der sich mit ausgebreiteten Armen
-über seinen Liebling legte, und der nicht von ihm wich, so wütend es ihm
-auch befohlen wurde. Zu sagen wagte er nichts, ja, er wagte nicht einmal zu
-stöhnen. Die Zähne zusammenbeißend hielt er tapfer stand, bis sein Herr mit
-Schlagen aufhörte.
-
-Als Herr Zarnosky ohne ein Wort gegangen war, richtete sich der Kutscher
-auf und sah Dore an, und dieser Blick war die einzige Kritik, die er sich
-über seinen Herrn erlaubte.
-
-Dore probierte, ob sie noch sprechen konnte. »Gott! -- nei! -- pfui ...«
-Das war anfänglich alles, was sie herausbekam. Sie schüttelte den Kopf
-und schlug stumm mit der Hand, und dann sagte sie: Das sei von jeher die
-Zarnoskysche Erziehungsmethode gewesen.
-
-John lag ganz still da, und seine langen Wimpern drückten sich so tief
-in die Wangen, als ob sie sich nie mehr heben wollten. Doch mit der Zeit
-begann er aufgeregt zu flüstern, Schreie auszustoßen und mit den Armen zu
-fuchteln. Frau Zarnosky kam heraufgestürzt und setzte sich weinend an sein
-Bett. Sie nannte ihn bei seinem Kindheitsnamen, sie glättete sein Kissen,
-sie streichelte ihn. Wohl eine Stunde saß sie an seinem Bett und weinte;
-aber ihr Weinen, dieses monotone Weinen, vermehrte nur seine Unruhe.
-»Nicht, nicht,« flüsterte er von Zeit zu Zeit. Doch Frau Zarnosky ließ sich
-nicht stören; sie war es nicht gewohnt, ihren Gefühlen Zwang anzutun, und
-sie wäre empört gewesen, wenn ihr jemand diese Tränen zum Vorwurf gemacht
-hätte.
-
-John schlief ein und ging im Traum unzählige Male in den Laden und wurde
-dort unzählige Male von Schutzleuten umringt, weil er jedesmal eine Flasche
-mitgenommen haben sollte. Doch es gelang ihm immer noch zu entkommen. Und
-einmal stellte es sich heraus, daß er die Flasche bereits bezahlt hatte.
-Die Schutzleute verneigten sich vor ihm, und er schritt stolz wie ein
-Triumphator davon --: um an der Tür auf den Tischler zu prallen, der
-ihm, »Dieb!« brüllend, eine ungeheure Flasche aus der Tasche zog. Die
-Schutzleute packten ihn, soviel Rodenberg auch für ihn bat; aber er riß
-sich los und stürzte sich, von seinem Vater verfolgt, in ein großes,
-schwarzes Wasser. Das schlug dumpf über ihm zusammen, sein Herz setzte aus,
-und dann sank er ohne Ende in die Tiefe.
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel
-
-
-Der Zarnoskysche Landauer rollte lautlos die gerade, sonnige Chaussee
-entlang, die nach einem Gasthaus im Walde führte. Die neuen Rappen waren
-angespannt, und Rodenberg ließ sie mit stolzer Miene dahinbrausen. Sein
-langer, roter Bart glänzte in der Sonne wie ein Feuerchen auf seinem engen,
-schwarzen Mantel. John saß neben Dore auf dem Rücksitz des Wagens gegenüber
-seinen Eltern, zwischen denen sein Bruder Paul einen bescheidenen Platz
-einnahm. Diese Ausfahrt nach dem Walde war Johns sehnlichster Wunsch
-gewesen, und sein Vater erfüllte ihm seit einer Woche jeden Wunsch, weil es
-ihn noch immer reute, daß er sich dem Kranken gegenüber im Zorn vergessen
-hatte. Zudem war John auch sein Liebling, trotz allem und allem.
-
-Nun blickte er stumm und schläfrig, den Strohhut ins Gesicht gezogen, auf
-die grünen Felder, die wie stille Seen zu beiden Seiten der Chaussee lagen.
-Frau Kalnis interessierte sich für die Häuschen hier und dort, Paul für die
-Windmühlen. Herr und Frau Zarnosky interessierten sich für ihre Mittagsruh,
-indem sie die Augen geschlossen hielten und schwiegen. Halbnackte
-Landkinder warfen Kornblumensträuße in den Wagen und liefen dann mit offnen
-Mäulern und ausgestreckten Händen nebenher, auf die Bezahlung erpicht. Es
-machte John Spaß, sie recht lange darauf warten zu lassen. »Wie heißt ihr?
-Wie alt seid ihr?« fragte er zunächst. Erst als seine Fragen beantwortet
-waren, ließ er langsam Pfennige regnen.
-
-Ein freundliches Dörfchen mit vielen Storchnestern auf den Dächern und
-vielen bunten Blumen in den Gärten glitt rasch vorüber. Dahinter kreuzte
-die Chaussee eine Bahnstrecke. Dann kamen wieder Wiesen und Felder und
-Roßgärten mit weidendem Vieh. Und schließlich kam der Wald, der alte
-Tannenwald, nach dem sich John so sehr gesehnt hatte. »Ah!« machte er
-lächelnd, als der Wagen aus der grellen Helle in den Schatten der Bäume
-rollte.
-
-»Wie es duftet!« murmelte Herr Zarnosky, die Augen öffnend.
-
-»Nicht wahr?« sagten die Söhne wie aus einem Munde.
-
-»Aber die vielen Bremsen!« seufzte Frau Zarnosky, an die Pferde denkend.
-
-Nach einer halben Stunde hielt der Wagen vor dem Waldgasthaus. Hier war die
-Chaussee zu Ende und ein tiefer Sandweg begann. Das Gasthaus lag breit
-und weiß am Wege mit grünen Fensterladen und zwei Storchnestern auf dem
-bemoosten Schindeldach; es sah ehrbar und freundlich aus. Der hagere Wirt
-stand vor der Tür und hieß die Herrschaften etwas still willkommen.
-
-Hinter dem Hause streckte sich ein langer, verwilderter Garten mit zwei
-Holzkolonnaden und einem großen Grasplatz, auf dem ein paar Turngeräte
-standen. Die Familie Zarnosky setzte sich in eine Tannenlaube am Rande des
-grünen Platzes. John lehnte sich an, faltete die Hände, ließ die Daumen
-umeinander laufen und lächelte krank und müde. Ein alter, krummbeiniger
-Kellner erschien und säuberte gewissenhaft den Tisch.
-
-»Es riecht schon nach Heu,« sagte Herr Zarnosky, mit der Nase schnuppernd.
-
-»Und irgendwo müssen Linden blühen,« stotterte John.
-
-»Wenn der Kaffee hier nur nicht so gräßlich wäre,« versetzte Frau Zarnosky
-in unwirschem Ton.
-
-»Du darfst ja nur eine kleine Tasse trinken,« erwiderte ihr Gatte.
-
-»Ist mir auch noch zu viel,« nörgelte sie.
-
-Herr Zarnosky bestellte Bier, Selterwasser, Kaffee und Kuchen. Der alte,
-krummbeinige Kellner dienerte und verschwand. Bald kam das Bestellte und
-wurde genossen. Frau Zarnosky und Paul nippten nur ein wenig an ihrem
-Kaffee, und Dore nahm sich dann der beiden Tassen an, nachdem sie die
-eigene mit Vergnügen geleert hatte. An Sonntagen war das Waldgasthaus immer
-sehr besucht, heute am Alltag war es leer. Mit der Zeit fanden sich noch
-drei andere Familien ein, die auch mit eigenem Fuhrwerk kamen. Mehr Besuch
-erschien nicht. Der hagere Wirt ging an den leeren Tischen vorüber und rieb
-sich mit abwesender Miene die Hände. Paul beobachtete ihn durch die Tannen.
-
-»Der macht nicht mehr lange,« sagte er plötzlich.
-
-»Wer?« fragte John erschreckt.
-
-»Der Wirt,« brummte der Junge.
-
-»Gehen wir in den Wald?« fragte der Vater, sich im Kreise umblickend.
-
-»Ich bleibe hier,« sagte John. »Aber ihr andern könnt ja gehen. Auch Frau
-Kalnis.«
-
-»Ich bleib' bei Ihnen, Herr Johnche,« versetzte Dore beflissen.
-
-»Dann bleiben wir doch schon alle hier,« entschied der Vater.
-
-Paul sprang auf, um zu den Turngeräten zu gehen, weil ihm das ewige
-Sitzen unerträglich wurde. Und dann war ihm auch, als säße der Tod in
-der Tannenlaube und als ginge der Tod durch die Gänge des Gartens. Paul
-wünschte häufig, daß John bald stürbe. Er empfand keine Liebe für diesen
-Bruder, der, so weit er zurückdenken konnte, schon immer als Taugenichts
-galt. Pauls Gefühle für John schwankten zwischen Abneigung und
-verächtlichem Mitleid. Ebenso erging es Leo. Die beiden Jungen hatten
-nichts Böses begangen, als er auch sie überall zu verleumden begann. Das
-verziehen sie ihm nie, hart wie Kinder sind, und sie verziehen ihm auch nie
-sein herabgekommenes Äußere. Sie mieden ihn jetzt wie einen Aussätzigen,
-sie sahen fremd über ihn hinweg, wo sie ihn trafen. Und das kränkte John,
-da er sie im Grunde sehr lieb hatte, das reizte ihn zu Roheiten ihnen
-gegenüber und zu immer neuen Verleumdungen über sie.
-
-Paul rannte auf dem Schwebebaum hin und her, zur Aufbesserung seiner
-Stimmung wie eine Dampfmaschine pustend. Er versuchte an dieses und jenes
-zu denken; aber John beherrschte seine Gedanken.
-
-Wie einem Todkranken wohl zumute war?
-
-Paul schielte eine Weile nach dem gelben Gesicht in der Tannenlaube und
-blickte dann rasch nach der strahlenden Sonne. Jetzt glaubte er zu wissen,
-wie einem Todkranken zumute war; aber aussprechen hätte er es nicht können.
-Und er konnte auch seine gedrückte Stimmung nicht loswerden, obgleich er so
-tat, als sei er vergnügt, indem er auf dem Schwebebaum hin und her sprang,
-bald mit den Armen, bald mit der Mütze schlenkernd.
-
-»Seht bloß Paul an!« murmelte John, der sich schlechter und schlechter
-fühlte, mit zuckenden Lippen.
-
-»Der Junge ist vergnügt,« schmunzelte der Vater.
-
-»Er ist gräßlich,« dachte John, die Zähne zusammenbeißend.
-
-Die Mutter ahnte, was in John vorging. »Paul!« rief sie mit scharfer
-Stimme, »benimm dich vernünftig! -- Denkt der Bengel denn gar nicht an
-seinen Bruder?!«
-
-John zuckte zusammen. »Warum soll er an mich denken?« fragte er rauh.
-
-Frau Zarnosky machte ein wehleidiges Gesicht. »Laß nur gut sein,« sagte sie
-tröstend, »es kommt auf den, auch auf jenen; es kommt auf jeden einmal. Du
-kannst auch noch gesund werden.«
-
-John hätte am liebsten losgeheult. »Ich möchte hier gern ein bißchen allein
-sitzen,« stieß er hastig hervor, als er seiner Stimme die nötige Festigkeit
-zutraute.
-
-»Wird das gehen?« fragte die Mutter besorgt. »Soll Frau Kalnis nicht
-wenigstens bei dir bleiben?«
-
-»Ich will sie nicht sehen!« brach er los. »Ich bin kein kleines Kind! Ich
-kann allein sitzen! Ihr ärgert mich bloß!«
-
-»Wir ärgern dich?«
-
-»Ja!!!«
-
-»Man darf es ihm nicht übel nehmen,« sagte die Mutter, »er ist so furchtbar
-nervös.«
-
-John winkte nur stumm mit der Hand, sie möchten verschwinden, und diese
-Geste hatte etwas so Verzweifeltes und so Zwingendes, daß sich die Eltern
-denn auch ziemlich rasch mit Paul und Frau Kalnis auf den Weg machten.
-Aber Dore wurde nach wenigen Schritten auf einem versteckten Platz
-zurückgelassen, damit sie auf John, ungesehen, achtgäbe.
-
-Paul sprang seinen Eltern, aufatmend, voraus. Er meinte, es müsse heller
-werden, sobald er John und den Garten hinter sich hatte. Anfangs schien's
-ihm auch so; aber dann mußte er immer wieder an ihn denken und sich
-vorstellen, wie er so allein in der Tannenlaube saß. Dazu bewölkte sich der
-Himmel, und ein kaum wahrnehmbarer Wind zog mit geisterhaftem Seufzen durch
-die Tannenkronen. Ein Waldvogel stieß eine Reihe schmerzlicher Töne aus und
-wiederholte sie dann immer aufs neue.
-
-»Ich könnte weinen,« sagte die Mutter, als eine Krähe krächzend über den
-Wald flog. Der Vater schwieg mit gleichmütiger Miene.
-
-»Wir wollen lieber umkehren und nach Hause fahren,« stieß Paul leise
-hervor, doch die Eltern gaben keine Antwort und gingen wie im Traume
-weiter.
-
-Der Junge blieb hinter ihnen zurück und sah sich mit großen Augen um.
-
-Wie die Bäume standen und starrten! Wie sein Herz klopfte! Wie die Stille
-im Walde sauste! Oder war es das Blut in seinem Kopf? Er steckte die Finger
-in die Ohren; aber da wurde das unheimliche Sausen noch stärker. Er reckte
-sich mit einem zitternden Seufzer und spuckte beklommen auf den Weg.
-
-»Wenn ein Ast sich vom Stamm lösen will,« ging es plötzlich durch seinen
-Kopf, »dann merkt es der ganze Baum.«
-
-Und der Wald stand da wie erstarrt, wie versteint, und alle Bäume schienen
-feindlich und erwartungsvoll auf ihn zu blicken. Paul stieß einen langen,
-hellen Ton aus, um den Bann zu brechen, der wie über ihm auch über dem Wald
-zu liegen schien.
-
-Und er erschrak. Denn ein Echo gab den Ton so seltsam wieder; er kam als
-ein Klagelaut durch die Stille zurück.
-
-Paul graute es plötzlich. Er sprang seinen Eltern nach, um ihrem traurigen
-Wandern ein Ende zu machen. Die Mutter war bei seinem Ton erschrocken
-stehen geblieben und sah sich um. »Wollen wir nicht umkehren?« rief er ihr
-mit forcierter Munterkeit zu. »Kehren wir doch lieber um! Hier ist es ja so
-langweilig!«
-
-»Ja, wir wollen umkehren,« versetzte sie mit Hast und Bestimmtheit. Sie
-schien den Sinn dieses Wortes erst diesmal zu fassen. »Komm!« sagte sie
-rasch zu ihrem Mann.
-
-»Schon umkehren?« brummte er. »Nanu?«
-
-»Hier ist es gräßlich,« murmelte sie. »Man geht ja hier wie in die
-Verbannung. -- Wer weiß, was ihm noch im Garten passiert?!«
-
-»Was kann ihm da passieren?!« erwiderte er spöttisch, obgleich er ebenso
-gern umkehrte wie sie und der Junge.
-
-Paul machte mehrmals den Weg, den seine Eltern nur einmal machten, weil
-er wie ein junger Hund immer hin und zurück lief. Als sie schon bald am
-Gasthaus waren, kam er ihnen mit rotem Gesicht entgegengestürzt: »Vater,
-Mutter, John sitzt bei den Kutschern und spielt Karten! Wir müssen durch
-die Seitentür gehen.«
-
-Herr Zarnosky wollte sofort hineilen, um John vom Kutschertisch
-fortzuholen, doch seine Frau stellte sich ihm in den Weg, aus Furcht
-vor einem Skandal. Sie überredete ihn so lange, bis er ihnen durch die
-Seitentür folgte; aber er war so wütend, daß er fast keine Antwort gab.
-
-Frau Kalnis saß friedlich auf ihrem Platz, John noch immer in der
-Tannenlaube wähnend.
-
-»Er sitzt bei den Kutschern!« herrschte Herr Zarnosky sie an.
-
-Die Augen aufreißend, schlug sie die Hände zusammen. »Bei die Kuhtschers?«
-wiederholte sie erbleichend.
-
-Der Kellner kam und fragte, ob etwas gefällig sei. Frau Zarnosky hatte
-einen Einfall. »Es gibt ja Krebse,« sagte sie rasch. Und leise zu ihrem
-Mann: »Bestell welche! Dann wird er bald hier sein.«
-
-John hatte seine Eltern nicht so rasch zurück erwartet, sonst wäre er
-beizeiten auf seinem Platz gewesen. Und nun wagte er sich nicht in die
-Tannenlaube, aus Angst vor dem Vater. Als Frau Kalnis ihn in den Garten
-bitten kam, wurde er aus Angst frech: er käme nicht, er amüsiere sich hier
-besser. Als sie für Rodenberg zwei Krebse brachte, die John leckrig machen
-sollten, riß er den Teller an sich und zeigte den wiehernden Kutschern,
-unter unfeinen Redensarten, wie man Krebse äße. Die Kraft dazu holte er
-sich fleißig aus Rodenbergs Seidel, das Braunbier mit Rum enthielt. Der
-alte Kutscher redete ihm zu, mit Frau Kalnis zu gehen; aber John rührte
-sich nicht. Hier sei es gemütlich. Hier ärgere ihn niemand. Er sei hier
-unter ehrlichen Menschen.
-
-Der Kutschertisch stand dem Gasthaus gegenüber, jenseits der sandigen
-Landstraße neben einer alten Eiche. An ihrem bemoosten Stamm hing eine
-hölzerne Tafel mit Worten, die schon lange nicht mehr zu lesen waren; aber
-man wußte, daß sie den Heldenmut eines im Kriege gefallenen Brüderpaares
-priesen. Frau Kalnis ließ ihren schwarzen Rock wieder im Sande schleppen,
-als sie den Kutschertisch verließ, aus Furcht, John könne ihr etwas
-Häßliches nachrufen, wenn sie ihn aufzuheben wagte. Ihre Backen glühten,
-und der Veilchenhut saß schief aus ihrem dünnbehaarten Kopf.
-
-Sobald John mit den Krebsen fertig war, griff er wieder nach den Karten.
-Rodenberg stand auf und machte sich an den Pferden zu schaffen, in der
-Hoffnung, daß John dann gehen werde. Vergebens. Herr Zarnosky junior
-bot den fremden Kutschern jetzt Brüderschaft an, und wenn er eine Karte
-ausspielte, so knallte er sie wie die andern mit der Faust auf den Tisch.
-Die Kutscher hatten die Röcke ausgezogen und saßen in Hemdsärmeln da.
-Der Kopf des einen war wie eingeschroben in einen mächtigen, feuerroten
-Fleischwulst, der rings um seinen Hals lief. John mußte immer wieder auf
-diese rote, faltenschlagende Masse starren. Schließlich bat er den Kutscher
-um die Erlaubnis, sie betasten zu dürfen. Der Mann hatte nichts dagegen und
-ließ es gutmütig geschehen. In den Zweigen der Eiche hub ein Vögelchen zu
-zwitschern an: »Züzüzüzüühe« ... Die Kutscher achteten nicht darauf;
-aber John legte den Kopf auf die Seite, machte ein liebliches Gesicht und
-erwiderte: »Zekü, zekü, zekü« ... Und die Poesie des einsamen Platzes an
-der Waldstraße überwältigte ihn plötzlich so, daß er erblaßte.
-
-Frau Kalnis kam abermals durch den Sand gestiefelt, um Rodenberg zu
-bestellen, daß er sofort an der Seitentür vorzufahren habe. John erhob sich
-wie im Traum. »Schon? Schon nach Hause?« stammelte er erschreckt.
-
-Als die Familie aus dem Garten trat, sah sie ihn wie einen armen Sünder,
-der sich nicht zu nähern wagt, mit hängendem Kopf am Zaune stehen. Die
-Mutter war sofort gerührt. Sie eilte zu ihm hin und führte ihn unter
-sanften Vorwürfen zum Wagen. Der Vater blickte ihn flüchtig an: »Wir
-sprechen uns später,« sagte er hart und kurz.
-
-Der Wind schien eingeschlafen zu sein, und der Himmel war klar geworden.
-Er hing gleich einer riesengroßen, blauen Glasglocke überm Walde. Die Bäume
-standen hoch und still, und das taktmäßige Trappeln der Rappen zog wie
-Musik durch den schweigenden Forst. John atmete laut und hastig. Sein Kopf
-sank beim Fahren bald nach rechts, bald nach links. Der Vater erhob sich
-und wies ihm kurz seinen Platz an, weil er sich dort besser anlehnen
-konnte. Diese Fürsorge rührte den armen Sünder bis zu Tränen. Sich
-schneuzend begann er nachzudenken, wodurch er sich der erwiesenen Güte
-würdig zeigen konnte. Er sah mit abbittender Miene vom Vater zur Mutter,
-und das Denken fiel ihm furchtbar sauer, weil Rodenbergs Mischung bei ihm
-zu wirken begann. Plötzlich griff er mit aufleuchtenden Augen in die Tasche
-und zog zwei sandige, bleierne Teelöffel heraus, die er mit triumphierender
-Miene im Kreise herumzeigte. »Für Frau Rodenberg,« sagte er mit Augen, die
-um Beifall baten.
-
-»Die hat er aus dem Gasthaus mitgenommen,« rief Paul erblassend.
-
-»Aber dort gefunden,« schmunzelte stolz der Betrunkene.
-
-Der Vater riß ihm die Löffel aus der Hand und warf sie aus dem Wagen. »Wir
-sprechen uns schon zu Hause,« sagte er wieder.
-
-John ließ die Unterlippe hängen wie ein arg enttäuschtes Kind, das
-weinen will. »Sie trieben sich doch unterm Kutschertisch im Sande herum,«
-stotterte er.
-
-Paul hob die Augen zum Himmel auf. »Er gehört ganz einfach in eine
-Anstalt,« murmelte er, den Kopf schüttelnd.
-
-»Ja, du!« blubberte John gekränkt.
-
-»Wenn es die Kutscher nun gesehen haben?« jammerte Frau Zarnosky.
-
-»Nichts jesehn,« stammelte John. »Und sie sind doch nur für Frau
-Rodenberg.«
-
-Er begriff die Menschen nicht mehr, und sie gefielen ihm ganz und gar
-nicht. Das Leben war eine einzige sonderbare Scheußlichkeit. Und er hatte
-nichts als Feinde.
-
-Paul hatte sich vorgebeugt und hielt sich das Taschentuch vor die Nase,
-weil er Johns Alkoholatmosphäre nicht anders ertragen konnte. Von Zeit zu
-Zeit stieß er indigniert die Luft aus. John beobachtete ihn mit wachsendem
-Grimm; aber die Stille im Wald zügelte ihn gegen seinen Willen. Frau Kalnis
-begann schüchtern und wenig erwünscht von der Schönheit des Sommertages zu
-sprechen und von der Schönheit der hohen Tannen. Niemand erwiderte etwas.
-Sie verstummte.
-
-Der Wald wich zurück, und die Felder begannen. Paul entfaltete das
-Taschentuch und fächelte sich seufzend und pustend frische Luft zu. John
-ließ ihn schweigend gewähren; doch seine Augen weiteten sich vor Wut, seine
-Hände zuckten krampfhaft hin und her, und auf einmal, noch ehe der Vater
-es hindern konnte, versetzte er seinem Bruder einen heftigen Schlag in den
-Rücken.
-
-Frau Zarnosky, die mit geschlossenen Augen dagesessen hatte, schrie laut
-los, als Paul plötzlich auf ihren Schoß kippte. Die Kalnis schlug die Hände
-zusammen und klagte es stürmisch ihrem »jerechsten Vater«. John verteidigte
-sich mit heftigen Worten. Der plötzliche Tumult im Wagen war so groß, daß
-die Rappen ängstlich die Ohren spitzten und dann ein Tempo begannen, dem
-der erschreckte und angetrunkene Rodenberg nicht gewachsen war.
-
-»Die Pferde gehen durch,« flüsterte Paul, der es zuerst bemerkte.
-
-»Was? Was?« wiederholte entsetzt die Mutter, und nun verfiel sie in
-ein angstvolles Weinen und Jammern, das die jagenden Pferde noch mehr
-erschreckte.
-
-Dampfend und zischend brauste von links ein Zug daher. Wie das Unheil
-selbst, so glitt er in großem Bogen unaufhaltsam der Chaussee entgegen,
-die er vor dem Dörfchen zu kreuzen hatte. Und die Pferde ließen sich nicht
-zügeln, obgleich Rodenberg, den das Entsetzen rasch ernüchterte, seine
-ganze Kraft aufbot; sie jagten jetzt dahin, als wollten sie mit dem Zug um
-die Wette laufen. Die Mutter hielt Paul mit geschlossenen Augen umschlungen
-und merkte nicht, daß John angstvoll und zärtlich ihre Hand zu fassen
-suchte. »Ruhe, nur Ruhe!« sagte Herr Zarnosky, der sich erhoben hatte und
-nach Hilfe umherspähte. Paul hörte schon in seiner Phantasie das Krachen,
-das erfolgen mußte, wenn der Zug über Wagen und Pferde ging, und vor
-diesem Krachen graute ihm fast am meisten. Gleichzeitig dachte er mit
-der Lebensfülle der Jugend: ich kann nicht sterben -- und die andern auch
-nicht; es wird nichts passieren.
-
-John lehnte sich wieder zurück und schloß mit ergebener Miene die Augen:
-seine Angst war plötzlich verflogen. Er dachte: nun brauchst du nicht
-allein durch die dunkle Pforte zu gehen; nun geht ihr alle zusammen. Er
-sagte sich gar nicht, daß er an dem, was vorging, schuld war. Ihn quälte
-nur eins: daß er Peter in der Welt zurücklassen mußte.
-
-Seine Todesergebenheit ging in Ekstase über: es dünkte ihn schön, an diesem
-wundervollen Sommernachmittag mit Vater und Mutter zu sterben. Ja, ihm war,
-als flögen sie schon alle zusammen durch den Himmelsraum, einem gewaltigen
-Ereignis -- Gott entgegen. Er hörte bereits eine seltsame Musik, die ihn
-schon aus dem Jenseits dünkte. Wie aus der Ferne vernahm er Dores leises
-Beten, und er faltete die Hände, um ihr nachzutun, aber er konnte sich auf
-das, was er sagen wollte, auf das »Vaterunser« gar nicht besinnen.
-
-»Festgemauert in der Erde ...« Nein, das war kein Gebet. Doch da ihm nichts
-Besseres einfiel, ließ er ruhig noch ein paar Reihen des Gedichtes folgen,
-weil er plötzlich fühlte, daß es auf die Worte nicht ankam, daß die
-Empfindung, die zum Beten treibt, das Wichtigste ist.
-
-Nun ging er nicht allein in das große ungewisse Land, nicht ohne Schutz,
-nicht ohne Verteidiger: Vater und Mutter kamen mit -- wie beruhigend das
-war. Und wie seltsam es war, daß er nun bald wissen würde, was hinter dem
-Tode kam.
-
-Vor der herabgelassenen Barriere scheuten die Rappen zurück und
-bäumten wild in die Höhe. »Haltet sie!« schrie Herr Zarnosky ein paar
-herbeieilenden Männern zu; denn nun wollten die Tiere nach der Seite, um
-durch den Graben ins Feld zu jagen oder auch auf die Schienen, und der Zug
-tauchte hinter dem nächsten Gehöft auf. »Haltet sie!« schrie Herr Zarnosky
-noch einmal, weiß wie der Tod im Gesicht, und alle standen jetzt im
-Wagen, bereit, im letzten Augenblick herauszuspringen. Aber es gelang den
-kräftigen Männern, die Pferde zum Stehen zu bringen.
-
-
-
-
-Elftes Kapitel
-
-
-Unförmige Wolken zogen wie seltsame Tiere durchs Himmelsblau. Es war Nacht,
-und die Mondsichel lugte gleich einem gelben, schielenden Auge über die
-Wolkentiere herüber. »Er scheint; aber ich kann ihn hier nicht sehen,«
-murmelte John, der im Nachthemd am Fenster saß und Selterwasser trank. Sein
-Wohn- und Schlafzimmer war jetzt der Saal in der elterlichen Wohnung, weil
-er die Treppe zu seiner eignen nicht mehr hinaufsteigen konnte, und dann
-war es auch oben zu heiß für ihn geworden.
-
-Im Saal war fast alles rot. Tapete, Türen, Vorhänge, der Samtüberzug der
-Möbel, die Teppiche, alles war rot. Rote Stoffe deckten auch den schwarzen
-Flügel und den dunkeln Tisch. Auf den großen, düsteren Ölgemälden, die
-allerdings goldene Rahmen hatten, war die rote Farbe die vorherrschende.
-Das war Zarnoskyscher Geschmack. Dann gab es noch zwei vergoldete, weiße
-Vasen im Saal, die mit roten Blumen gefüllt auf schwarzen Ständern standen,
-es gab da noch einen dunkel gerahmten großen Spiegel und einen alten
-Messingkronleuchter in roter Musselinhülle.
-
-Neben dem roten Sofa stand jetzt Johns Bett, sein niedriges, breites,
-dunkles Bett, das in Form und Farbe ganz gut in den Saal hineinpaßte. John
-graute es in der Nacht beim Anblick der vielen roten Sessel, die so still
-und leer um den Tisch und an den Wänden standen, und am meisten graute ihm
-dann vor den geflügelten schwarzen Drachen, die die Tischplatte trugen. Er
-sah die Drachen im Traum auf seinem Deckbett kauern und ihn bedrohen, oder
-er hörte sie, nach ihm suchend, durchs Zimmer schwirren, während er sich
-in wilder Angst hinter einem Sessel zu verbergen suchte. Wachte er auf, so
-glaubte er ihre großen, schrägen Augen böse und lauernd auf sich gerichtet
-zu sehen. Der Tisch war eine Qual mehr für seine Nächte; aber das verriet
-er niemand, dazu war er viel zu stolz.
-
-Der Saal hatte drei dicht verhängte Fenster mit purpurnen Übergardinen.
-John thronte auf einem roten Sessel an dem Fenster, das sich seinem Bett
-zunächst befand, vor sich ein Tischchen mit Selterwasser besetzt. Er hatte
-die Gardine ein wenig zur Seite geschoben und blickte mit traurigen Augen
-bald nach dem Himmel, bald in die totenstille Grätengasse. Von Zeit zu Zeit
-beugte er sich vor und lauschte angestrengt nach der letzten Saaltür hin,
-die in das Schlafzimmer seiner jüngeren Brüder führte. Dort wurde noch
-geflüstert und halblaut gelacht. Auf seine Kosten, dünkte es John. Wenn er
-seinen Namen zu verstehen glaubte, machte er jedesmal eine Bewegung mit dem
-Kopf, als ob er ein Insekt verscheuchen müsse.
-
-Das Licht des Mondes erhellte die linke Seite der Grätengasse mit einer
-matten, geisterhaften Helle. Die alte, enge Straße, in der nur noch wenige
-Laternen brannten, mündete gleich einem Rohr auf einen breiten, tiefen
-Strom, in den schon manch Betrunkener in dunkler Nacht hineingetorkelt
-war. Johns Züge belebten sich, als ein einsamer Wanderer vor dem Fenster
-auftauchte und über die Straße nach der Grätengasse ging. Den Sargtischler
-erkennend, zog er sich hinter die Gardine zurück, um seinen Todfeind
-ungesehen zu beobachten. Der Tischler blieb auf der gegenüberliegenden
-linken Ecke neben der Laterne stehen und grinste höhnisch zu Johns Fenster
-herüber. Die wenigsten wußten, warum er die Familie Zarnosky so haßte, und
-die Zarnoskys wußten es selbst nicht; außer Onkel John: der Märchenerzähler
-und Verleumder wußte es.
-
-Nach einer Weile löste sich der Tischler von dem Laternenpfahl und ging
-torkelnd die Straße herunter. Jetzt erst bemerkte John, daß er stark
-betrunken war und sich nur mit Mühe aufrecht erhielt. Am nächsten
-Laternenpfahl sah er ihn wieder stehen bleiben und mit der Faust
-herüberdrohen. John lachte; aber seine Zähne schlugen vor Begier zusammen,
-wenn er sich vorstellte, er besäße noch seine alte Kraft und könne jetzt
-hinlaufen, um den Kerl durchzubläuen.
-
-Die linke Seite der Grätengasse hatte noch immer ihre geisterhafte
-Mondbeleuchtung, doch schon trieben große Wolken heran, um den blanken
-Halbmond zu verschlingen. Der Tischler war weitergetorkelt und bei seinem
-Häuschen angelangt, ohne es zu bemerken, wie es schien. John sah, wie er
-ohne zu zögern daran vorbeischwankte. Zwei Häuser weiter drehte er um und
-ging auf die andere Seite der Straße, und dann ging er wieder vorwärts.
-Darauf wurde es recht dunkel, denn nun hatten die Wolkentiere den Mond
-verschlungen.
-
-Als der Mond wieder hervorbrach, war von dem Tischler nichts mehr zu sehen.
-Die Grätengasse lag starr und still wie eine Leiche da, und die Laternen
-hielten die Totenwacht. John nahm an, daß der Betrunkene entweder nach
-Hause gefunden hatte, oder daß er seinen Rausch in irgendeinem offenen
-Torweg ausschlief. Daß er verunglückt sein könne, hielt er kaum für
-möglich.
-
-Das Starren in die leere Straße hatte ihn müde gemacht, er stand auf und
-legte sich ins Bett. Aber der Schlaf wollte trotzdem nicht kommen. Immer
-wieder mußte er an den schönen Nachmittag denken, als er zusammen mit Vater
-und Mutter zu sterben glaubte. Nun sollte er wieder allein in das große
-ungewisse Land. Und er wollte nicht, es graute ihm zu sehr davor. Alle
-sollten ihn begleiten, seine ganze Familie.
-
-Und das war doch nicht möglich ...
-
-Gegen Morgen erwachte er nach einem schönen Traum und ganz ohne die
-traurige Musik, die stets beim Erwachen in seinen Ohren zu klingen pflegte.
-Ihm hatte geträumt, er küsse große, weiche, violette Blumen, und das war
-so angenehm gewesen, so schön, so beruhigend. Ihm war so wohl gewesen im
-Traum, und auch noch viel besser war ihm als sonst. Er sehnte sich jetzt
-nur nach Blumen, nach vielen weichen, kühlen Blumen, in die er sein Gesicht
-hineinbetten konnte wie in seinem Traum.
-
-Um sieben klopfte es. Frau Kalnis brachte einen Rosenstrauß, den Onkel John
-geschickt hatte.
-
-Wunder über Wunder, dachte John entzückt, und wie ein Rausch überkam ihn
-die Hoffnung, er könne vielleicht doch noch gesund werden.
-
-Da er sich so wohl fühlte, stand er bald auf, um sich auf die Veranda zu
-setzen. Als er heraustrat, wurde er sofort von Peter entdeckt, der schon
-Turnübungen auf den Rollwagen vollführte. Fröhlich meckernd kam das Tier
-dahergestürmt, warf die Vorderbeine hoch in die Luft und fiel seinem Herrn
-buchstäblich in die Arme.
-
-»Herr Johnche!« rief Rodenberg vom Pferdestall her. »Se sollen mal jleich
-was Neies heren kommen!«
-
-Johns Herz begann vor Neugier zu klopfen. Vielleicht kommt noch mehr Gutes,
-dachte er. Peter am Halsband nehmend, humpelte er so schnell er konnte über
-den Hof. »Na?« fragte er den strahlenden Kutscher.
-
-»Der Beese is diese Nacht besoffen im Wasser jefallen und ertrunken.«
-
-»Das ist gut! Das ist gut!« rief John mit triumphierender Miene und den
-zuckenden Bewegungen eines Hampelmannes.
-
-»Ich frei mir ja auch,« sagte Rodenberg bieder.
-
-»Ich hab' ja zugesehen, wie er in der Nacht durch die Grätengasse nach dem
-Wasser ging,« stammelte John, den die Neuigkeit förmlich elektrisierte. »Er
-war mächtig im Tran. Und alle Augenblicke ist er stehen geblieben und hat
-nach unserm Hause gedroht.«
-
-»Die Wichse, die uns der Schuft damals beide einjetragen hat, was?« fragte
-Rodenberg mit zwinkernden Augen.
-
-John lachte bereitwillig mit. Wie ein Rausch war aufs neue die Hoffnung
-über ihn gekommen, er könne -- wenn so viel Unerwartetes geschehen konnte
--- auch noch gesund werden.
-
-Aber als er wieder auf der Veranda saß, da wußte er plötzlich nicht mehr,
-ob das, was er soeben gehört zu haben glaubte, Traum oder Wirklichkeit
-gewesen war, und ihm wurde ganz sonderbar und schwindlig. Die Wirklichkeit
-schien sich langsam von ihm zu entfernen, alle Geräusche wurden leiser,
-alle Farben matter, und er wurde immer schläfriger, je weiter alles von
-ihm fortwich. Mit einem angstvollen Lachen griff er nach Peter, der wie ein
-treuer Hund an seiner Seite stand.
-
-Alles geht von dir, dachte John, aber der verläßt dich nicht.
-
-Wie warm Peter war. Und wie voll von klopfendem Leben. Und das wollte er
-töten?!
-
-Das Tier sah seinem Herrn vertrauensvoll ins Gesicht. John wandte den Blick
-zur Seite und reichte ihm allen Zucker, den er bei sich hatte. Dann stand
-er auf. »Wir müssen frisches Öl auf die Lampe gießen,« murmelte er, »sonst
-geht sie aus.« Er schob Peter auf den Hof und begab sich hinein zu der
-großen Flasche, aus der er tagtäglich Beruhigung und Kräfte bezog.
-
-Seit jenem häßlichen Abend im Gewürzladen erinnerte John diese Flasche
-immer wieder an den Ölkrug der biblischen Witwe, denn sie wurde wie einst
-dieser niemals leer. John konnte aus der Flasche trinken, soviel er
-wollte; unsichtbare Hände füllten sie immer aufs neue voll. Aber der Kognak
-schmeckte ihm nur noch selten wie früher, und er vertrug auch nicht mehr
-viel. Er trank jetzt weniger zum Vergnügen, er trank, um existieren zu
-können, um nicht vor Schwäche, Unruhe und Schmerzen zu vergehen.
-
-Im Saal war es angenehm kühl nach der Hitze draußen. Frau Kalnis saß
-strickend und hustend an einem der Fenster und sagte kein Wort, als John
-ein Wasserglas bis zur Hälfte mit Kognak füllte, das er dann, in seinen
-Sessel gelehnt, langsam leerte. Sein Gedächtnis kehrte zurück. »Wissen Sie
-das Neuste?« fragte er Dore.
-
-»Daß der Tischler ins Wasser jefallen is? Ja, das weiß ich.«
-
-»Na, was sagen Sie dazu?«
-
-»Is gut. An dem war nichts dran. Die Frau wird froh sein.«
-
-»Er ist ins Wasser gefallen, weil ich es wünschte,« prahlte der Trinker.
-
-»Stuß!« murmelte Dore.
-
-»Hier hab' ich in der Nacht gesessen und zugesehen, wie er nach dem Wasser
-torkelte. Und da hab' ich gewünscht, was ich konnte, er möchte reinfliegen
--- und da is'r reingeflogen.«
-
-»Pfui! Dann sind Se ja e Mörder!« krähte Dore.
-
-»Stuß!« echote John.
-
-Nun hatte er wieder Kraft und Unternehmungsgeist, die Schläfrigkeit war
-gewichen. Die Neuigkeit von heute morgen hatte ihn sensationslüstern
-gemacht, neugierig spähte er durch die Gardine die Grätengasse herunter
-nach dem kleinen, braunen Häuschen, das dem Tischler gehörte. Und je länger
-er nach dem Häuschen blickte, desto mehr verlangte es ihn, hinzugehen und
-die Leiche zu sehen. Er liebte es, Leichen zu betrachten, er konnte sich
-nicht satt sehen an ihren stillen Gesichtern; das Geheimnisvolle in der
-Ruhe des Totenantlitzes zog ihn immer aufs neue an. Er gab seiner
-Mutter nur kurze Antworten, als sie sich liebevoll nach seinem Befinden
-erkundigte; er wollte fort und sobald wie möglich. Kaum hatte man ihn nach
-dem Frühstück allein gelassen, so stand er auf und verließ den Saal, um
-seiner Sehnsucht zu folgen.
-
-Auf der Grätengasse lag das Sonnenlicht so schwer wie ein Alp. Die Straße
-war wenig belebt, und die meisten Fenster waren verhängt, was den Häusern
-ein blindes, totes, abweisendes Aussehen gab. Auf einem Hof spielte eine
-verstimmte Leier eine unschöne Melodie. Die Töne zogen rauh und schrill
-durch die stille, trockne Luft. Von Zeit zu Zeit sprang die Melodie wie
-toll vor Hitze in die Höhe, um dann jedesmal mit einem häßlichen Schnarren
-zu enden. John biß die Zähne zusammen, denn er konnte keine Musik hören,
-ohne nicht weinen zu müssen. Es fror ihn bald vor Unbehagen, trotz der
-Hitze, und die Musik erpreßte ihm Schweißtropfen. Er hatte schon Lust
-umzukehren; aber das kleine braune Haus lockte ihn unwiderstehlich.
-
-Auch dort waren alle Fenster verhängt, so daß von außen nichts zu erspähen
-war. Scheu wie ein Dieb trat John in den Flur und sah durch das kleine
-Fenster in der Stubentür. Es war von innen mit einem roten Gardinchen
-verhüllt, durch dessen gehäkelte Spitze man bequem hindurchblicken konnte.
-John sah die Frau des Tischlers still und vergrämt an einem Tisch sitzen
-und nähen. Auf dem Fußboden kauerte ihre schwachsinnige kleine Tochter und
-spielte, unaufhörlich die Lippen bewegend und die Zähne fletschend, mit
-einer zerrissenen Puppe. Das Bild war unschön und traurig -- und von einer
-Leiche war nichts zu sehen. Entweder befand sie sich in der Hinterstube,
-oder sie war auch gar nicht im Hause. John wandte sich hastig ab und
-verließ rasch den Flur.
-
-Vor der Haustür blieb er wieder stehen und starrte, gegen seinen Willen
-gefesselt, auf das große, schmutzige Schild des Verunglückten.
-
-Solch einen Holzsarg wie da auf dem Schild bekam er nicht, er bekam
-natürlich einen schönen, weißen Zinksarg, -- und der wurde über ihm
-verlötet, so daß er nicht mehr heraus konnte.
-
-Er wollte nicht verlötet werden. Er wollte lieber so, wie er ging und
-stand, zur Hölle fahren, als verlötet werden.
-
-Was dachte er immer ans Sterben?! Er konnte ja auch noch gesund werden.
-
-Die Hitze verursachte ihm Schwindel und Herzklopfen, es wurde ihm bald
-heiß, bald kalt. Dazu schossen noch immer die schrillen Leiertöne wie
-Raketen durch die Luft, und es roch nach qualmendem Pech, das in einiger
-Entfernung auf der Straße gekocht wurde. John wurde es so übel und so
-wirr im Kopf; er wußte nicht mehr, wo er war. Die gellenden Töne schienen
-schadenfroh gegen ihn anzuspringen, schienen ihn umwerfen zu wollen. Es sah
-aus, als wolle er tanzen, so drehte er sich plötzlich um sich selbst.
-
-»Solch eine Frechheit,« stammelte er. »Ich ...,« er griff in die Luft und
-fiel besinnungslos zur Erde.
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel
-
-
-Es brannte eine Lampe im Saal, und Johannes saß bei John am Bett und
-unterhielt sich mit ihm in ängstlichem Flüsterton; denn draußen zog ein
-schweres Gewitter herauf. Es war drei Tage her, daß man John bewußtlos in
-der Grätengasse fand. Seitdem lag er fest zu Bett.
-
-»So schwarz, schwarz ist der Himmel,« wisperte Johannes, sich schüttelnd.
-
-Wenn die Welt doch untergehen möchte, dachte der Kranke, wenn die Erde sich
-doch auftun möchte und uns alle miteinander verschlingen!
-
-»So schwarz wie Onkel Chlodwigs Sofa,« setzte Johannes hinzu.
-
-»Ja,« sagte John, »und dahinter steht vielleicht noch glänzend die Sonne.
-Zu denken!«
-
-Der Idiot knackte verlegen mit seinen mageren Fingern. »Hab Angst, hab
-Angst,« stammelte er.
-
-John blickte starr vor sich hin. »Erst alles schwarz,« murmelte er, »alles
-trüb und dunkel. Aber dahinter kommt vielleicht die Sonne -- die nie
-mehr untergeht.« Plötzlich fuhr er heftig in die Höhe. »Hörst du, wie es
-bröckelt?« flüsterte er erregt. »Sie machen mich entzwei, ohne daß sie mich
-anrühren, ohne die Hände zu bewegen.«
-
-»Wer? Wer?«
-
-»Dort!« John zeigte nach der Tür, die in das Zimmer seiner Brüder führte,
-und dann nach der Tür zum Eßzimmer. »Dort und überall!« stöhnte er.
-
-Und nach einer Pause: »Sie wünschen mir den Tod, damit ich sie nicht länger
-geniere. Sie füllen mir immer wieder die Flasche voll, damit ich mich
-nur rasch totsaufe. Aber ich nehm' welche mit, ich geh' nicht allein. --
-Hier ...,« er zog mit zitternden Händen unter dem Laken ein Päckchen hervor
-und zeigte es Johannes. »Schlafpulver, die ich nicht genommen habe, die
-ich für andre aufsparte. Ja ...« und er lachte wie ein Blöder, und der
-Schwachsinnige lachte mit.
-
-Die ins Entree führende Saaltür wurde ungeschickt aufgerissen, und Markus,
-Johannes' Bruder, stürmte aufgeregt herein. »Tante Anna, Tante Anna, ein
-Küßchen, bloß ein Küßchen!« rief er mit schmelzender Stimme, indem er sich
-verschämt das eine Auge mit der Hand verdeckte.
-
-»Idiot!« knurrte Johannes, der sich gegen Markus die Klugheit selbst dünkte
-und diesen immerfort schalt und berief, wenn ein Dritter zugegen war, aus
-Furcht, man könne ihn sonst für ebenso einfältig halten wie seinen Bruder.
-»Scher dich raus!« herrschte er ihn an.
-
-Der baumlange Markus prallte einen Schritt zurück; denn obgleich er eine
-ungeheure Kraft besaß, hatte er doch ziemlich viel Respekt vor seinem
-älteren und klügeren Bruder. »Johnche erlaubst, Tante Anna, Tante Anna
-sprechen?« fragte er bescheiden, den unförmigen Kopf auf eine Seite gelegt.
-
-»Das muß ich mir erst eine Stunde überlegen,« scherzte John.
-
-Markus verzehrte sich fast in Liebe zu Tante Zarnosky. Dieser
-heimtückische, wenig folgsame Idiot wurde unter ihren Blicken ein sanftes,
-aufs Wort gehorchendes Kind. Für Frau Zarnosky hätte Markus sich kreuzigen
-lassen. Er stieß einen Freudenschrei aus, als seine Angebetete in den
-Saal trat. »Tante Anna, Tante Anna,« schrie er erregt, »neue Stiefel, neue
-Stiefel!« Und dabei hob er den einen Fuß, um die neuen Stiefel zu zeigen,
-so hoch in die Höhe, daß er beinahe das Gleichgewicht verlor.
-
-Frau Zarnosky lud ihn ein, zu Paul und Leo ins Eßzimmer zu gehen, da sein
-lautes Wesen den Kranken angriff. Markus drehte sich indessen so lange
-seufzend an der Tür herum, bis sie ihm vorausging.
-
-Johannes sah seinem Bruder mit rollenden Augen nach. »Idiot, Idiot!«
-schimpfte er, ganz rot im Gesicht.
-
-»Und dieser Idiot,« sagte John bedeutungsvoll, »wird deine ganze
-Gesellschaft sein, wenn ich erst tot sein werde.«
-
-Johannes verstand das nicht; aber es ängstigte ihn trotzdem. »Willst
-wirklich sterben?« fragte er leise.
-
-Der Kranke seufzte. »Es wird mir nichts anders übrig bleiben,« entgegnete
-er.
-
-»Johnche,« wisperte Pfarrer, »wenn's nich sehr weh tut, komm ich auch.«
-
-John verzog das Gesicht. »Soll ich dir meine Pistole geben?« fragte er
-freundlich.
-
-»Neinei! Spaß jemacht! Spaß jemacht!« stammelte Johannes erschreckt.
-
-»Tut ja nicht weh,« scherzte John. »Ein Knall -- und du bist weg und gleich
-im Himmel, wo es Zigarren und Bratäpfel und Glacéhandschuhe haufenweis
-gibt.«
-
-Der Schwachsinnige senkte bestürzt den Kopf. »Im Sommer ...,« begann er auf
-einmal, und dann stockte er ratlos.
-
-»Was ist im Sommer?« fragte John.
-
-»So schön! So schön!«
-
-»Und da möchtest du nicht weg! Was?«
-
-»Nein,« flüsterte Johannes.
-
-»Aber wenn ich nun sterbe,« fuhr John mit erzwungener Ruhe fort, »kann
-morgen, kann übermorgen sein, dann wirst du es schlecht haben. Für die
-andern bist du doch nur ›der Idiot‹. Wer wird sich mit dir unterhalten?
-Und eure Marie, die wird für euch noch miserabler kochen als jetzt, wenn
-ich nicht mehr schmecken kommen werde. Sie wird euch hungern und frieren
-lassen ...«
-
-»Neineinei!« winselte Johannes. »Wirklich wahr? Wirklich wahr?« jammerte
-er.
-
-»Gewiß,« entgegnete John. Aber dann tat ihm der arme, bestürzte Bursche
-leid. »Na,« sagte er, sich zu einem Lachen zwingend, »vielleicht gibt es
-auch noch einen andern Ausweg, als -- ich will mal nachdenken, was ich noch
-für euch beide tun kann.«
-
-»Ach ja! --« sagte Johannes, und seine ganze Todesangst und seine ganze
-Lebensgier war in dem Zittern seiner Stimme.
-
-»Nun geh!« flüsterte John. »Ich bin müde, ich will schlafen. Das Gewitter
-kommt noch nicht so rasch.«
-
-»Und du wirst? Wirst ...?«
-
-»Ja, ja ...«
-
-Als der Schwachsinnige gegangen war, schloß John die Augen und weinte.
-
-Auch der wollte nicht sterben. Selbst so ein hilfloser, von allen
-verspotteter, armer Idiot hing am Leben -- -- es war so schön im Sommer ...
-
-Und seiner Familie wünschte er den Tod. Und Peter wollte er erschießen.
-Nein! Nein! Mochte Onkel John Peter nehmen. Mochte alles leben, was da
-leben durfte. Es war so schön im Sommer ...
-
-
-
-
-Dreizehntes Kapitel
-
-
-Der Vater kam und saß an seinem Bett, Onkel John kam, Onkel Chlodwig, auch
-Eugen saß oft bei ihm. Die Mutter war vom Morgen bis zum Abend um ihn, und
-der Arzt erschien jeden Tag. Paul und Leo betraten den Saal nur selten. Auf
-ihre Fragen nach seinem Befinden erhielten sie auch nur selten eine Antwort
-von John, und doch war er auf ihre Besuche am stolzesten. Meistens lag er
-ganz ruhig da, und die Fliegen umsummten seinen Mund.
-
-Einmal, während niemand bei ihm war, ergriff ihn entsetzliche Todesangst.
-Sich wild aufrichtend, umklammerte er krampfhaft den Bettstollen und rief:
-»Ich geh' nicht fort, eh' ich nicht weiß, wohin es geht!« Frau Zarnosky
-hörte es bis auf der Veranda; aber sie vermochte sich vor Schreck und
-Entsetzen nicht von der Stelle zu rühren. Sie schickte Onkel Chlodwig zu
-ihm, und dann schickte sie zum Pfarrer, damit er John von Gott und dem
-ewigen Leben spräche.
-
-Die Nachmittagssonne strömte ihren Glanz durch die purpurnen
-Fenstervorhänge, als der Geistliche, hoch und würdevoll, in den Saal trat.
-Er war der Sohn eines Bauern und trat auch in Krankenstuben nicht leise
-auf. Als er durch den stärksten der roten Lichtströme ging, flammte
-sein rötlichbrauner Vollbart wie Zunder auf, und sein starkknochiges,
-fanatisches Gesicht schien in diesem feurigen Rahmen zu übermenschlichen
-Dimensionen anzuschwellen. Er war großartig anzusehen, wie er so durch den
-Glanz schritt mit der Zuversicht seines Dünkels und seines Glaubens. Er
-fixierte John so lange, bis dieser verlegen die Augen niederschlug. »Wie
-geht's, mein lieber Konfirmand?« fragte er liebevoll und pathetisch,
-während sein Bart erlosch und sein Gesicht zusammenschrumpfte.
-
-John schob seine zitternde Trinkerhand mit Anstrengung in die ausgestreckte
-feste Rechte des Pfarrers, murmelnd, daß es ihm schlecht ginge.
-
-»Wir haben den lieben Herrgott und unsern Herrn Christus vergessen, nicht
-wahr?« fragte der Geistliche in eindringlichem Flüsterton.
-
-»Ja,« stotterte der Trinker mit einem kindischen und albernen Lachen.
-
-»Wir haben vergessen, was wir vor dem Altar gelobten, nicht wahr, mein
-lieber John?«
-
-»Ja.«
-
-»Und wir sind böse und gottlos gewesen?«
-
-»Ja.«
-
-»Und wir bereuen jetzt, ist es nicht so?«
-
-»Ja.« -- John war bereit, zu allem »ja« zu sagen, was der Pfarrer ihn
-fragte. Es ging eine faszinierende Macht von diesem Bauernsohn aus, der er
-in seiner Schwachheit nicht gewachsen war. Vergebens suchte er seine Blicke
-aus denen des Fragenden zu reißen; er zog sie immer wieder an sich. John
-lag wie gefesselt da, und seine Seele kämpfte erfolglos gegen den Starken
-an seinem Bett.
-
-»Ist Ihre Reue auch aufrichtig? Fühlen Sie aufrichtige Reue?« fuhr der
-Geistliche noch eindringlicher fort.
-
-»Große Angst,« stammelte der Kranke.
-
-»Wir wollen beten!« -- Das klang wie ein gedämpfter Posaunenstoß, wie der
-selbstbewußte Ruf eines bevorzugten Vasallen um Audienz bei seinem Herrn.
-John schloß ermüdet die Augen und ließ ihn reden, was er wollte. Er hörte
-kaum zu; aber seine Verzweiflung wurde doch stiller unter dem warmen Strom
-von Glauben und Zuversicht, der sich mit den Worten des Betenden über ihn
-ergoß.
-
-»Hören Sie auch zu?« fragte plötzlich der Pfarrer.
-
-»Ja,« sagte John leise.
-
-»Beten Sie auch mit?«
-
-»Ja.«
-
-»Wird Ihnen leichter ums Herz?«
-
-»Ja.«
-
-»Und Sie bereuen? Voll Vertrauen auf einen barmherzigen und gnädigen Gott?«
-
-»Ja.«
-
-»Der Glaube kann Berge versetzen!« rief der Pfarrer, daß es dröhnte. Und
-dann leiser: »Wenn Sie von ganzem Herzen bereuen, dann wird der Herr Ihre
-Sünden auslöschen, und Sie werden eingehen zur ewigen Seligkeit.«
-
-»Zur ewigen Seligkeit?« flüsterte ungläubig der Trinker.
-
-»Ja! Zu den Asphodill- und Lilien-Fluren, zu den Scharen der Seligen mit
-den goldenen Harfen.« Die Augen des Sprechers leuchteten verzückt.
-
-»Asphodill- und Lilien-Fluren?« wiederholte John wie ein Kind. »Und darüber
-ein Osterhimmel, nicht wahr?«
-
-»Nein! Gott darüber!« sagte laut und feierlich der Geistliche.
-
-John zuckte in plötzlicher Ergriffenheit zusammen, und der Pfarrer erhob
-sich.
-
-»Der Herr lasse sein Antlitz über dir leuchten und schenke dir seinen
-Frieden!« murmelte er voller Inbrunst, die große, feste Hand segnend über
-den Todgeweihten gereckt. Und dann ging er mit festen Schritten von dannen,
-umflossen von der Pracht seines Dünkels und der Zuversicht seines Glaubens.
-Frau Kalnis öffnete ihm, demütig wie ein Hund, die Tür. Als er ihr die Hand
-hinstreckte, durchfuhr sie diese Herablassung wie ein Blitzstrahl.
-
-John dachte an die Asphodill- und Lilien-Fluren; seine Phantasie
-schuf Bilder auf Bilder. O ja, er hatte schon Lust, nach jenen Fluren
-auszuwandern, nur glaubte er nicht, daß sie existierten. All das waren
-schöne Märchen für Kinder und Schwachsinnige.
-
-»Na, wie ist Ihnen jetzt?« fragte Frau Kalnis, noch ganz heiß von dem
-Händedruck.
-
-John machte mit Gewalt ein verschmitztes Gesicht. »Wissen Sie was,«
-entgegnete er, »der Mövius hat direkte Telephonverbindung mit dem lieben
-Gott.«
-
-»Oa!« rief sie enttäuscht. »Is das alles, was d'r Mann bei Ihnen
-ausjerichtet hat?«
-
-»Ich bin schon angemeldet auf den Asphodill- und Lilien-Fluren,« spöttelte
-er weiter, »und eine goldne Harfe ist auch schon für mich bestellt. Bei
-Petrus und Kompanie. Aber nobbel, sag ich dir!«
-
-»Schämen Sie sich!« schalt die Wärterin. »Sie verdienen nich, im Himmel zu
-kommen! Sie werden auch nich!«
-
-»Ich will auch gar nicht,« brummte er, »ich will hier bleiben und gesund
-werden. Es ist mir noch lange nicht genug!«
-
-»Noch nich jenuch jetrunken, was?«
-
-»Alles noch nicht genug,« murmelte John, unnatürlich die Augen aufreißend.
-
-»Wenn der Mövius mein Vater gewesen wäre,« sagte er nach einer Weile, »dann
-würde ich jetzt nicht hier liegen; dann wäre schon was aus mir geworden.«
-
-»Sie beleidjen Ihren Vaterche!« zeterte Dore. »Hat er nich alles für Sie
-jetan, was sein muß und sein kann?!«
-
-»Er hat es nicht verstanden,« murmelte John.
-
-»Was sagt er?« fragte Frau Zarnosky, mit geröteten Augen ins Zimmer
-tretend.
-
-»Er phantasiert e bißche,« half sich die Wärterin.
-
-Frau Zarnosky ließ sich am Krankenbett nieder und ergriff still und mit den
-Tränen kämpfend ihres Sohnes Hand. »Heul doch nicht immer!« hätte John am
-liebsten gerufen; aber er wollte die Mutter nicht kränken und auch nicht
-zeigen, daß ihm ihre Tränen eine Qual waren. Er schloß die Augen und tat,
-als wolle er schlafen.
-
-Als sie ihn eingeschlafen glaubten, ließ Frau Zarnosky ihren Tränen freien
-Lauf und sagte flüsternd zu Dore: »Lange wird es nicht mehr dauern.«
-
-»Neinei,« entgegnete diese.
-
-»Ich darf mir wohl keine Vorwürfe machen,« fuhr die Mutter fort. »Ich hab'
-wohl für ihn getan, was in meinen Kräften stand.«
-
-»Das haben Se,« bestätigte die Wärterin.
-
-John tat sich Gewalt an, um sein Wachsein zu verbergen; aber es wollte ihm
-nicht gelingen: sein Herz zersprang vor Zorn und Angst. »Ihr könnt mir alle
-gestohlen bleiben!« stieß er verzweifelt hervor.
-
-Frau Zarnosky sprang bestürzt auf. »Aber lieber Junge -- --« stotterte sie.
-
-Dore beruhigte Mutter und Sohn. Sie gab John Medizin ein und glättete seine
-Kissen, wobei ihr Mundwerk auch nicht einen Augenblick stillstand. Trotzdem
-überhörte sie nicht das schüchterne Klopfen an der Tür. »Das is der
-Pfarrerche,« sagte sie, resolut »herein« rufend.
-
-Und es war der Pfarrerche. »Wie geht's? Wie geht's?« fragte er, unter
-Verbeugungen näher tretend.
-
-»Besser natürlich,« erwiderte Frau Zarnosky, und ihre weinerliche Stimme
-stand in lächerlichstem Gegensatz zu ihren Worten. John hätte aus der Haut
-fahren mögen.
-
-Johannes schlingerte sich unter verlegenem Händereiben bis zum Bett, setzte
-sich auf die Kante des Stuhls, den Frau Zarnosky verlassen hatte, und
-machte hungrige Augen. »Schon Abendbrot, Abendbrot jejessen?« fragte er
-verschämt im Kreise herum.
-
-»Gib ihm doch was!« sagte John rasch zu seiner Mutter.
-
-»Sie sind immer bei App'tit, Herr Pfarrerche liebes, nich wahr?«
-schmunzelte Dore.
-
-Johannes sah sie unwillig an. »Wirst jefracht? Wirst jefracht?« versetzte
-er indigniert.
-
-Er bekam ein großes Schinkenbrot, das er mit stummer Wollust ergriff.
-Seine langen, nicht ganz sauberen Finger umklammerten es fest und zärtlich.
-»Schön, schön ... Danke, danke!« stammelte er mit halbgeschlossenen Augen.
-
-»Na, Pfarrer, wie ist's mit dem Himmel?« fragte ihn John ganz leise.
-
-Der Schwachsinnige lächelte leer und ängstlich. »Noch e bißche warten;
-nächstes Jahr, nächstes Jahr.«
-
-»Na, ich weiß was,« fuhr John ebenso leise fort, »Frau Kalnis soll zu euch
-ziehen, wenn ich tot bin.«
-
-Johannes warf Dore ganz von untenauf einen unbeschreiblichen Blick zu.
-»Meinst, meinst?« entgegnete er ziemlich zerstreut, denn das Schinkenbrot
-nahm seinen ganzen Menschen in Anspruch.
-
-»Ich möchte mit dir tauschen,« flüsterte John, die Augen schließend.
-
-Und er öffnete sie nicht mehr an diesem Abend. Doch im Geiste sah er sein
-ganzes Leben an sich vorüberziehen: Sommer und Winter, Lenze und Herbste;
-eine lange Kette von Tagen, die einst gewesen. Dabei wurde er schläfrig und
-schlief ein. Und seine Träume waren nicht schrecklich, wie in den meisten
-Nächten; sie hatten etwas Stilles, Wehmütiges und Fernes, und manchmal
-waren sie auch schön. Einmal ging er im Traum über die Asphodill- und
-Lilien-Fluren, auf denen weiße Schafe im Sonnenschein grasten und ein
-Hirte auf einer Schalmei ein weltfremdes Lied ertönen ließ. John hörte ganz
-deutlich eine wunderbare Melodie, die ihn so packte, daß er erwachte; aber
-er öffnete nicht die Augen und schlief bald wieder ein.
-
-Nun flog er durch die Nacht unter lauter Schattengebilden; selbst ein
-Schatten: das Leben lag hinter ihm. Und das gab ihm ein Gefühl, als sei
-eine Tür hinter ihm zugefallen, die sich nie mehr öffnen würde, soviel er
-auch bitten, flehen und schreien würde. Doch diese Empfindung erweckte
-nur ein ganz mattes, unklares Entsetzen in ihm. Er flog über meilenweite
-Schneefelder, auf denen sich dunkle Ungeheuer wanden, tief, tief unter ihm.
-»Wir können dir nichts mehr tun,« klang es zu ihm herauf, »denn du bist
-ja schon tot.« Peter (den er erschossen zu haben glaubte) kam ihm
-entgegengestürmt und begrüßte ihn mit lautloser, schattenhafter Freude.
-Sobald er ihn fassen wollte, zerfloß das Tier, um sich dann wieder zu
-einem nebelhaften Gebilde zusammenzusetzen. John bereute bitter, daß er ihn
-getötet hatte. Das kümmerlichste Leben, dachte er, ist tausendmal besser
-als tot sein.
-
-Es wurde sehr früh Tag im Saal, weil das mittelste der Fenster auf seinen
-Wunsch unverhängt geblieben war: er wollte doch das Licht genießen, solange
-er noch konnte. Und nun kam schon früh die Sonne zu ihm herein und weckte
-ihn ganz leise auf. Die Augen öffnend, sah er sich ratlos um: war er denn
-nicht gestorben? Ihm wurde so feierlich zumute in dem totenstillen, hellen
-Raum, er mußte plötzlich die Hände falten, und obgleich er nicht betete,
-war seine Stimmung so fromm wie ein Gebet.
-
-Kam er von Gott, dieser feierliche Frieden, den er plötzlich empfand?
-War es Gott, der die Verzweiflung von ihm genommen? Der ihn ohne Worte
-tröstete?
-
-Vielleicht ... vielleicht ... Wenn es einen Gott gab!
-
-Wie hatte der Pfarrer doch schon gesagt: »Der Herr lasse sein Antlitz über
-dir leuchten und schenke dir seinen Frieden.«
-
-Vielleicht kam er von Gott.
-
-Die Sonne, die durchs Fenster schien, dünkte ihn schon eine andere Sonne,
-und alles dünkte ihn schon so anders als gestern. Ihm war, als sähe er auf
-das Leben wie von einem Berg zurück, den er im Traum erstiegen hatte --
-und nun wollte er nichts mehr von ihm, auf einmal hatte er genug, war
-lebenssatt und todesbereit. Und sie war nicht ohne Wollust, diese Hingabe
-an den Tod, sie war ein ungeahnter Genuß, ein so großer, daß er Mitleid zu
-fühlen begann für alle, die zurückbleiben mußten und noch weite Strecken
-auf den gefährlichen, staubigen Wegen des Lebens zu wandern hatten.
-
-Und jetzt war er überzeugt, daß er den Weg gegangen, den sein Schicksal,
-das heißt seine Anlagen ihm bestimmten, daß es kaum in seiner Macht
-gelegen, einen andern zu gehen, und daß er darum eher zu beklagen als zu
-verdammen war. Weder er noch seine Eltern trugen schwere Schuld an seinem
-Los, weder sie noch er waren im Grunde dafür verantwortlich zu machen.
-Seine Anlagen waren ihm zum Verderben geworden, das war es! Und seine
-Anlagen waren eine Laune der Natur, für die niemand verantwortlich war,
-auch nicht Vater und Mutter, und sie waren stärker gewesen als sie alle
-zusammen. Laune der Natur war Gutes wie Böses, und das mußte hingenommen
-werden wie Sonne und Regen, wie Stille und Sturm -- denn wer konnte die
-Natur zur Verantwortung ziehen? Nach Willkür brausten die Winde, nach
-Willkür traf der Blitz, es gab keinen Herrscher über den Launen der Natur.
-Aber vielleicht, vielleicht gab es doch etwas Liebes und Gutes im All:
-einen Gott, nicht zum Herrschen, zum Trösten da.
-
-Der Morgen rückte vor. Die Sonne wurde von grauen Wolken bedeckt; Regen
-fiel. Ein trauriger Wind zog leise klagend an den Fenstern vorüber. Dore
-saß jetzt am Krankenbett, strickend lauschte sie dem Wind und dem seltsamen
-Schnarchen des Kranken; in ihren Augen war eine dumpfe Angst vor der
-Zukunft. Plötzlich erwachte John und sah sie an -- und verstand. »Du ziehst
-zu den Idioten, wenn ich tot bin,« flüsterte er. »Du kannst dir ja ein
-Mädchen halten. Der Vater wird dir ein Drittel meines Erbteils geben.«
-
-»Aber Herr Johnche trautstes ...«
-
-»Ruf ihn! Er soll es mir versprechen.«
-
-Die Wärterin mußte gehorchen, und Herr Zarnosky kam, den Kamm in der Hand,
-herbeigestürzt. Er versprach alles, was John wollte, sich in der Bestürzung
-mechanisch weiterkämmend. Hustend und sich räuspernd, um seinen Schmerz und
-seine Rührung zu verbergen, starrte er dem Sohn wie gebannt ins Gesicht.
-»Möchtest du nicht was trinken?« fragte er einmal über das andere.
-
-John schüttelte mit einem fremden Lächeln den Kopf.
-
-»Champagner, wie?«
-
-»Ich kann nicht mehr.«
-
-»Na, es wird schon alles wieder besser werden,« sagte Herr Zarnosky mit
-rauher Stimme, und in diesem Augenblick hätte er alle seine andern Kinder
-hingegeben, wenn er John dafür zurückbekommen hätte, wie er vor zehn Jahren
-war. Sein Gewissen regte sich zum ersten Male laut und heftig diesem Ende
-gegenüber, er fühlte sich nicht mehr frei von aller Schuld beim Anblick
-seines sterbenden Sohnes. Und obgleich er sich sagte, daß vielleicht auch
-ein Stärkerer als er John gegenüber versagt hätte, so schien ihm nun doch
-nicht genug, was er um ihn getan hatte. »Nicht genug, nicht genug ...« das
-erhob sich wie ein Klingen in seinen Ohren, das nicht mehr enden wollte.
-»Hab' ich dich nicht immer gewarnt?« stieß er wie zu seiner Verteidigung
-unsicher hervor.
-
-»Besser werden,« murmelte John, die Augen schließend.
-
-Herr Zarnosky streckte die Hand aus und fuhr ihm mit ungeschickter,
-verzweifelter Zärtlichkeit über das Gesicht, dann drehte er sich wortlos um
-und ging, die Zähne zusammenbeißend, hinaus.
-
-Abends gegen zehn verlangte John mit klaren Augen Champagner, und Dore
-beeilte sich, ihm das Gewünschte zu holen. Während des Trinkens riß er sich
-immer wieder am Halse, weil ihm das Schlucken sonderbar schwer fiel. »Will
-nicht mehr rutschen,« sagte er mit einer traurigen Grimasse. Dann legte
-er sich zurück, faltete die Hände und ließ wie in alten Tagen die Daumen
-umeinander laufen. Frau Kalnis holte ihr Strickzeug und setzte sich zu ihm
-ans Bett.
-
-»Dore,« sagte er plötzlich, »war das alles: geboren werden, saufen und nun
-sterben?«
-
-»Wie meinen Se, Herr Johnche?«
-
-»Ich meine, ob das alles war, was ich erleben sollte?«
-
-»Na--e ...« und mehr wußte sie nicht.
-
-»Dann war mein ganzes Leben fünf Pfennige wert!« stieß John zwischen den
-Zähnen hervor.
-
-»Aber vielleicht kommt doch noch etwas,« murmelte er dann. »Etwas muß doch
-noch kommen, es war doch noch so gar nichts, so gar nichts -- -- Vielleicht
-ist der Tod eine angenehme Überraschung,« setzte er mit Humor hinzu. Darauf
-sah er starr vor sich hin und sagte: »Vielleicht ist der Tod das einzige
-große Erlebnis im Leben der meisten Menschen.«
-
-»Denken Sie auch an Gott?« fragte Frau Kalnis.
-
-John hatte die Augen geschlossen und schwieg.
-
-»Hörst du? Ach, hörst du?« murmelte er nach einer Weile.
-
-»Ich her nichts,« entgegnete die Wärterin.
-
-»Musik!« flüsterte er. »So traurig und so schön! Wie von vielen Wassern
--- -- Wie von großen Wäldern -- -- Wie von Stürmen -- -- So schwer und so
-tief und so traurig schön!« Nach diesen Worten öffnete er rasch die Augen
-und sagte wie in einer plötzlichen Erleuchtung: »Weißt du, wozu ich gepaßt
-hätte, Dore?«
-
-»Na?«
-
-»Ich hätte Musik machen können.«
-
-»Jewiß,« bestätigte die Wärterin, »was konnten Se doch bloß scheen d'n
-Flohwalzer spielen.«
-
-John kicherte nervös vor sich hin; ein Kichern das wie ein Schluchzen
-klang. »Du hast es getroffen,« flüsterte er, »auf d'n Flohwalzer kommt es
-an.« Dann seufzte er tief und schloß die Augen.
-
-Die Wärterin ließ ihr Strickzeug in den Schoß sinken und sah ihn an. Und
-es kam ihr vor, als verändere sich sein Gesicht, während sie ihn unverwandt
-anblickte. Sie saß wohl eine halbe Stunde so, das Strickzeug im Schoß. »Er
-jefällt mir gar nich,« murmelte sie, als Frau Zarnosky ans Krankenbett kam.
-
-»Er schläft doch so schön,« sagte die Mutter.
-
-Und die beiden Frauen standen und blickten stumm auf den Schläfer.
-Sie glaubten eine Ewigkeit so zu stehen, wie von unsichtbaren Mächten
-festgehalten. Draußen plätscherte der Regen, draußen war das Leben. Und im
-Zimmer war der Tod, das fühlten sie nun alle beide. John lag ganz still.
-Doch plötzlich wurde er unruhig: und während ein krampfhaftes Zucken durch
-seinen ganzen Körper lief und sein Gesicht sich verzerrte, schlug er die
-Augen auf und suchte mit großen, angstvollen Blicken die Mutter; er schien
-etwas sagen, etwas rufen zu wollen. Frau Zarnosky beugte sich tief zu ihm
-herab; aber er sagte nichts, konnte nichts mehr sagen. Sein Kopf sank
-ein wenig zur Seite, die Lider schlossen sich zur Hälfte über den glasig
-werdenden Augen -- ein Röcheln, ein Ausstrecken, der Gesichtsausdruck wurde
-friedlicher -- starr: John war tot.
-
-
-
-
-Deutsche Romane und Erzählungen
-
-
-Lily Braun, Memoiren einer Sozialistin, Roman
-
-    Geheftet 6 Mark, gebunden 7 Mark 50 Pf., in Halbfranz 9 Mark
-
-
-Alexander Castel, Der seltsame Kampf, Drei Novellen
-
-    Geheftet 3 Mark 50 Pf., in Pappband 5 Mark, in Halbfranz 6 Mark 50 Pf.
-
-
-Max Dauthendey, Lingam, Asiatische Novellen
-
-    Geh. 2 Mark 50 Pf., geb. 3 Mark 50 Pf., in Halbfranz 5 Mark 50 Pf.
-
-
-Hermann Gottschalk, Gerhard Frickeborns Freiheit, Roman
-
-    Geheftet 5 Mark 50 Pf., gebunden 7 Mark, in Halbfranz 8 Mark 50 Pf.
-
-
-Otto Gysae, Die Schwestern Hellwege, Roman
-
-    Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark
-
-  Edele Prangen, Roman
-
-    Geh. 3 Mark 50 Pf., geb. 4 Mark 50 Pf.
-
-  Die silberne Tänzerin, Roman
-
-    Geheftet 3 Mark 50 Pf., gebunden 4 Mark 50 Pf., in Leder 6 Mark 50 Pf.
-
-
-Max Halbe, Der Ring des Lebens, Novellen
-
-    Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark, in Halbfranz 6 Mark
-
-
-Karl Borromäus Heinrich, Karl Asenkofer, Roman
-
-    Geheftet 3 Mark 50 Pf., gebunden 5 Mark, in Halbfranz 6 Mark 50 Pf.
-
-  Karl Asenkofers Flucht und Zuflucht, Roman
-
-    Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark, in Halbfranz 6 Mark
-
-  Menschen von Gottes Gnaden, Roman
-
-    Geheftet 3 Mark, in Pappband 4 Mark, in Halbfranz 6 Mark
-
-
-Hermann Hesse, Gertrud, Roman
-
-    Geheftet 4 Mark, in Pappband 5 Mark 50 Pf., in Halbfranz 7 Mark
-
-
-Korfiz Holm, Thomas Kerkhoven, Roman
-
-    Geh. 5 M., geb. 6 M.
-
-
-Richard Huldschiner, Die Nachtmahr, Roman
-
-    Geheftet 3 Mark 50 Pf., in Pappband 5 Mark, in Halbfranz 6 Mark 50 Pf.
-
-
-Adolf Köster, Die zehn Schornsteine, Erzählungen
-
-    Geheftet 3 Mark 50 Pf., gebunden 5 Mark, in Halbfranz 6 Mark 50 Pf.
-
-
-Gustav Meyrink, Wachsfigurenkabinett, Sonderbare Geschichten
-
-    Geheftet 4 Mark, in Halbfranz gebunden 6 Mark
-
-  Orchideen, Sonderbare Geschichten
-
-    Geh. 2 M., geb. 3 M.
-
-
-Otto Soyka, Der Fremdling, Roman
-
-    Geheftet 3 Mark, in Pappband 4 Mark, in Halbfranz 6 Mark
-
-
-Ludwig Thoma, Andreas Vöst, Bauernroman
-
-    Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark, in Leder 6 Mark
-
-  Kleinstadtgeschichten
-
-    Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark, in Leder 6 Mark
-
-
-Albert Langen Verlag in München
-
-
-Druck von Hesse & Becker in Leipzig
-
-Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik, Niefern bei Pforzheim
-
-Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Der Schmutztitel wurde entfernt.
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- Seite 80:
- "erikafarbenen" geändert in "erikafarbenem"
- (mit erikafarbenem Schimmer über dem Hof)
-
- Seite 92:
- "sie" geändert in "Sie"
- (Da täten Sie recht!)
-
- Seite 95:
- "uud" geändert in "und"
- (ließ er den Kopf hängen und weinte) ]
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Trinker, by Katarina Botsky
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TRINKER ***
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
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- Chief Executive and Director
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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-increasing the number of public domain and licensed works that can be
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
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-
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-concept of a library of electronic works that could be freely shared
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-<title>The Project Gutenberg eBook of
-Der Trinker
-by
-Katarina Botsky</title>
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-<body>
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Der Trinker, by Katarina Botsky
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Der Trinker
- Roman
-
-Author: Katarina Botsky
-
-Release Date: August 2, 2020 [EBook #62825]
-
-Language: German
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-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TRINKER ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net (This book was produced from images
-made available by the HathiTrust Digital Library.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
-
-
-<p class="pb ce mt2 fsxl">Katarina Botsky</p>
-
-<h1>Der Trinker</h1>
-
-<p class="ce fsxl">Roman</p>
-
-<p class="ce mt4"><img src="images/emblem.jpg" alt="" /></p>
-
-<p class="ce mt2">Albert Langen, München</p>
-
-
-<p class="ce"><i>Copyright 1911 by Albert Langen, Munich</i></p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a>
-Erstes Kapitel</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>E</b>s war ein Frühlingsnachmittag voll Melancholie
-und Windesraunen, so recht geeignet
-für trübe Gedanken. Die Hände auf dem
-Rücken, die Mütze im Nacken, lehnte <em class="ge">John</em> an einem
-Lastwagen auf dem stattlichen Hofe seines Vaters,
-dem verworrenen Liede des Windes lauschend. Sein
-schönes Gesicht war von der Trunksucht aufgedunsen,
-sein schwarzes Haar dünn und halb ergraut, obgleich
-er erst siebenundzwanzig Jahre wurde, seine hohe
-elegante Figur verriet Schlaffheit und Hinfälligkeit.
-John sah wie ein verworfener junger römischer Kaiser
-aus, der sich in die Tracht eines jungen Mannes
-von heute gekleidet. Mit einem trüben Imperatorenlächeln
-auf seinem feisten, bartlosen Gesicht wiegte er
-den Kopf hin und her nach einer inneren Melodie
-und nach dem Rhythmus des Windes. Seine beiden
-jüngeren Brüder, Knaben von dreizehn und vierzehn
-Jahren, standen am Fenster und beobachteten ihn.
-Der ältere sagte: »Er wackelt schon wieder mit dem
-Kopf wie ein Mummelgreis.«</p>
-
-<p>»<em class="ge">Rodenberg!</em>« schrie John plötzlich, seine beiden
-schlaffen Hände wie ein Schallrohr gebrauchend.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a>
-Rodenberg, der alte Kutscher, streckte seinen rothaarigen
-Kopf aus der dritten Etage des Ziegelspeichers
-heraus und fragte, was es gäbe.</p>
-
-<p>Alsbald brüllte John, daß es über den ganzen
-Hof schallte: »Wissen Sie, was der Doktor gesagt
-hat, Rodenberg?! Meine Leber ist kaputt, hat er gesagt.
-Ich hab's durch die Tür gehört.«</p>
-
-<p>»Glauben Se doch das nich!« tönte es von oben
-zurück, und bald klapperten ein Paar Holzpantoffeln
-hurtig die letzte Treppe herunter, und gleich darauf
-tauchte ein hünenhafter alter Germane mit einem
-langen, fuchsroten Bart im Rahmen der nächsten
-Speichertür auf. »Was hat'r jesacht, der Schafskopp?«
-fragte der Kutscher.</p>
-
-<p>»Kaputt, hat'r jesacht,« kicherte John, sich auf
-den Bauch tätschelnd.</p>
-
-<p>Rodenberg entblößte sein Pferdegebiß und lachte,
-daß es dröhnte. Dabei hüpften die großen, kugelrunden
-Warzen, die wie Erbsen über sein geräumiges
-Gesicht verstreut waren, munter hin und her. »Nei
-sowas! Nei sowas!« schrie er, sich aufs Knie schlagend.
-»Wie will so'n Schafskopp das wissen?!«</p>
-
-<p>John lächelte so listig und so kindisch, wie einst
-vielleicht Caligula gelächelt hatte. »Hier,« sagte er,
-dem Alten verstohlen eine Flasche reichend, »holen
-Sie mir meine Mischung. Auf sowas muß man einen
-trinken. Meinen Se nich auch?«</p>
-
-<p>Rodenberg meinte auch. Er war immer dabei,
-wenn es galt, Johns Mischung zu holen, denn er
-liebte sie selbst leidenschaftlich.</p>
-
-<p>»Mama!« riefen die beiden Jungen am Fenster
-<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a>
-wie aus einem Munde, »jetzt läßt er sich schon wieder
-von Rodenberg Schnaps holen.«</p>
-
-<p>»Mein Gott,« sagte eine larmoyante Frauenstimme
-im Nebenzimmer, »laß er schon trinken!
-Jetzt ist ja doch schon alles gleich!«</p>
-
-<p>Der blondlockige jüngere der beiden Brüder sah
-wie ein eingebildeter Engel aus, der ältere glich
-John. Der Engel öffnete seine roten Lippen und sagte,
-während seine großen blauen Augen verträumt durchs
-Fenster blickten: »Wenn er doch erst tot wäre!«</p>
-
-<p>»Pfui, Leo, wie kannst du nur, es ist doch immer
-dein Bruder!« verwies ihn dieselbe larmoyante Stimme
-in traurigem Tone.</p>
-
-<p>»Ich muß ihn mir doch schon immer als Leiche
-vorstellen,« murmelte der ältere Junge.</p>
-
-<p>Fast die ganze Familie <em class="ge">Zarnosky</em> zeichnete sich
-durch Roheit und ein ungewöhnliches Maß von
-Phantasie aus. Durch eine Phantasie, die nichts als
-Unheil stiftete, da sie das Unglück hatte, einer rohen
-und dumpfen Kaufmannsfamilie zu gehören, die nicht
-wußte, was sie mit ihr anfangen sollte. Es gab
-Zarnoskys, die vom Morgen bis zum Abend, sich
-und andern zum Verderben, die seltsamsten Lügen
-zur Welt brachten, weil ihre brachliegende Phantasie,
-derer sie sich indessen kaum bewußt waren, sie unwiderstehlich
-dazu trieb. Anstatt Bücher zu schreiben,
-verkauften sie Getreide; allerdings weder aus Neigung
-noch aus Betätigungsdrang. Johns Großvater, der
-Sohn eines reichen Bauern, hatte, um etwas Besseres
-zu sein als sein Vater, den Handel mit Getreide
-begonnen, und nun setzten ihn seine Söhne eben fort,
-<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a>
-weil ihnen das am bequemsten schien. Denn sie waren
-sehr faul und gegen alle Neuerungen; sie wollten
-bleiben, was sie waren. Da ihnen das Glück, trotz
-ihrer Trägheit, gewogen blieb, so meinten sie, daß
-Trägheit zum Erfolge notwendig sei, saßen mit den
-Stiefeln knarrend in ihren Kontoren, ließen die
-Daumen ihrer meistens gefalteten Hände umeinander
-schwirren &ndash; gewöhnlich unter mehr oder weniger
-märchenhaften Behauptungen und Erzählungen &ndash;
-und taten nie mehr, als durchaus notwendig war.
-Aber es gab keinen Trinker in der ganzen Familie.
-Man wußte nicht, wie John zu diesem Laster gekommen
-war, und zerbrach sich manchmal die Köpfe
-darüber.</p>
-
-<p>Ein Teil der Familie meinte, daß man ihm zu
-oft und zu viel zu trinken gegeben, als er zart, fett
-und weich wie ein kleines Schwein mit einem Gesichtchen
-wie vom Konditor in der Wiege lag und
-von allen angebetet wurde. John schien schon damals
-beständig an Durst zu leiden; er konnte nie
-genug zu trinken bekommen. Die halbe Familie Zarnosky
-stand oft in heller Begeisterung um die Wiege,
-wenn das »Marzipanschweinchen«, halb entblößt, mit
-einer großen Milchflasche im Arm, den Lutschpfropfen
-wie eine Zigarre in seinem purpurroten kleinen Mundschlitz,
-sog und sog, bis die Flasche leer war und
-dann, wie ein junger Löwe brüllend, nach mehr verlangte.</p>
-
-<p>John wollte trinken oder zerbrechen, zerreißen,
-zerstören; sein Zerstörungsdrang war ebenso groß
-wie seine Trinkgier. Schon in der Wiege verdarben
-<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
-seine kraftvollen kleinen Fäuste alles, was sie zu
-fassen bekamen. Später nahm er die Uhren herunter,
-sah gierig in sie hinein und zertrümmerte sie dann.
-Seinem ersten Schaukelpferde riß er schon am Weihnachtsabend
-das Fell ab. »So sieht es gerade fein
-aus,« sagte er befriedigt. Doch was war der Körper
-eines Schaukelpferdes gegen seinen eignen, den er
-bald mit dem Eifer eines hungrigen Raubtieres zu
-zerstören begann. Mit seinem ersten Taschenmesser
-brachte er sich lange, heftig blutende Risse an beiden
-Armen bei. »Da seht!« Blut und Stolz auf dem
-Gesicht, stellte er seine Wunden zur Bewunderung
-aus. John war vielleicht wirklich dazu imstande, sich
-ein Auge auszureißen, »wenn es ihn ärgerte«. Er
-stürzte sich mit Wollust in die schwersten Gefahren;
-denn seine Phantasie berauschte sich am Anblick von
-Blut, Fetzen und Trümmern.</p>
-
-<p>Als er sechzehn Jahre alt war, spielte er mit
-Fünfzigpfundgewichten wie mit Gummibällen. Sein
-Körper war so weiß wie der eines Mädchens, von
-der Stärke und Elastizität eines Tigers. Lernen
-wollte er nichts wie alle Zarnoskys. Anstatt zu
-lernen, ging er eiserne Zäune verbiegen, durchgehende
-Pferde aufhalten, armen Leuten Holz kleinmachen,
-trinken und lügen. Ein Überschuß an Kraft und
-Phantasie, brachliegend und ungezügelt, trieb ihn mit
-Gewalt dem Verderben entgegen.</p>
-
-<p>Mit siebzehn kam er ins väterliche Geschäft, wie
-sein um ein Jahr älterer Bruder <em class="ge">Eugen</em>. (Die
-Physiognomie dieses Zarnoskys war etwas hämisch
-ausgefallen, und er stand vernünftigen Neuerungen
-<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a>
-nicht ganz feindlich gegenüber.) Anstatt fleißig zu
-sein, ließ John die Daumen umeinander schwirren
-und log im Kontor, daß es förmlich ein Vergnügen
-war, ihm zuzuhören. Er log fast soviel als er trank,
-die ganze Welt, selbst seine nächsten Angehörigen
-verleumdend, wenn er so recht beim Aufschneiden war.
-Den Anlagen und dem Charakter nach war er einem
-seiner Onkel, der auch John hieß und allgemein »der
-Märchenerzähler« genannt wurde, viel ähnlicher als
-seinem eignen Vater.</p>
-
-<p>Es nützte nichts, daß man John sowohl mit
-neunzehn wie mit einundzwanzig in eine Anstalt
-schickte, in der er von der Trunksucht geheilt werden
-sollte; er verfiel seinem Laster immer wieder. Doch
-wollte er lieber sterben, als noch ein drittes Mal in
-diese Anstalt gehen. Mit der Geschwindigkeit eines
-Bergrutsches ging es nun moralisch und physisch
-mit ihm herab. Sein Umgang wurden die Arbeiter
-seines Vaters, zum Lieblingsaufenthalt erwählte er
-sich die Kneipe, in der sie einen Teil ihres Lohnes
-zu vertrinken pflegten. Er sprach ihre Sprache und
-nahm ihre Sitten an. Man konnte ihn nicht länger
-im Familienkreise ertragen. Er bekam eine kleine
-Wohnung im Hofgebäude und eine Wärterin, die
-ihn gewöhnlich am Abend zu Bett bringen mußte.
-Er begann an Krämpfen zu leiden, und Krankheit
-und Laster entstellten ihn nach und nach bis zur Unkenntlichkeit.
-Einer Vogelscheuche ähnlich, die im
-Winde schwankt, so schwankte er über den Hof, wenn
-er morgens nach der Kneipe ging, wenn er abends
-von dort kam. Und er hatte den Gang eines jungen
-<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
-Triumphators, als er sechzehn Jahre alt war. Es
-war wirklich schade um ihn. Besser, er wäre nie geboren
-worden; denn weder sein Vater noch seine
-Mutter gehörten zu denen, die ihn auf seinem abschüssigen
-Wege hätten aufhalten können. Der Vater
-war viel zu ungebildet und zu träge dazu, und die
-Mutter, eine schwächliche und überaus nervöse Pfarrerstochter,
-verstand nur, die Hände zu falten und
-alles dem lieben Gott anheimzustellen. Sie brachte
-noch mehr Phantasie in die Familie Zarnosky, dazu
-Melancholie und Sentimentalität, die zusammen mit
-der Roheit ihres Mannes bei den Kindern eine
-sonderbare Mischung ergaben. All der Überschuß in
-Johns Natur war viel stärker als Vater und Mutter
-und sein eigner unerzogener Wille. John folgte nur
-seiner Natur, John gehorchte nur dem Stärksten,
-wenn er seinen Lebensweg herunterraste wie ein
-wütender Stier.</p>
-
-<p>Es war ein Frühlingsnachmittag voll Melancholie
-und Windesraunen, so recht geeignet für trübe
-Gedanken. John lehnte noch immer an dem Lastwagen,
-voller Sehnsucht auf Rodenberg wartend, der
-ihm den Schnaps besorgte. Mit einem trüben Imperatorenlächeln
-auf seinem gelben, bartlosen Gesicht
-wiegte er den Kopf hin und her nach einer inneren
-Melodie und nach dem Rhythmus des Windes. Als
-er den Kutscher kommen sah, verließ er schwerfällig
-seinen Platz und ging ihm voraus in den Pferdestall.
-Dort setzte er sich auf den Futterkasten, die Augen
-wie ein Verschmachtender auf die Tür gerichtet.</p>
-
-<p>»Her, Rodenberg, her damit!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a>
-»Ich werd erst Licht machen, jung' Herr.«</p>
-
-<p>»Ach, geben Sie schon her! Ich kann nicht
-mehr warten!« Und er setzte die volle Flasche an
-den Mund und leerte sie gleich bis zur Hälfte.</p>
-
-<p>Aus einem Winkel des Stalles kam jetzt ein
-niedliches Meckern. Dort stand ein kleiner schwarzer
-Ziegenbock mit weißen Beinen und weißer Kehle,
-den John für fünfzig Pfennige von einem Bauern
-gekauft hatte. Das Tierchen wollte zu ihm, als es
-seine Stimme erkannt hatte. Rodenberg mußte es
-losmachen.</p>
-
-<p>Wie der Wind stürzte es nun zu seinem Herrn,
-legte die Vorderhufe auf seine Knie und sah ihm
-lieb und einfältig ins Gesicht. Von Rodenberg unterstützt,
-zog John es auf den Schoß. »Mein trautster
-Junge,« sagte er zärtlich, das Böckchen an sich drückend.</p>
-
-<p>In John war trotz aller Verkommenheit der
-Vater erwacht, ein sehr zärtlicher, sehr fürsorglicher,
-verliebter junger Vater. Den Frauen gegenüber war
-er zurückhaltend und jungenhaft geblieben. Er mied
-sie nicht gerade, aber er suchte sie auch nicht; sie
-flößten ihm zuviel Scheu ein. »Es geht ja auch
-ohne Weiber,« erzählte er Rodenberg. Und doch war
-trotz seiner Verdorbenheit der Vater in ihm erwacht,
-er hatte sich mit Inbrunst ein Söhnchen erkoren, und
-das war Peter, der kleine Ziegenbock. John hegte
-Zuneigung zu allem, was Tier war, und Abneigung
-vor den meisten Menschen. Man muß sehr hoch oder
-sehr tief stehen, um das zu empfinden. John stand
-recht tief, und das Laster machte ihn scheu, darum
-waren ihm die Tiere lieber als die Menschen. Er
-<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-nannte ein Tier »mein Söhnchen«. Und der kleine
-Ziegenbock hatte einen guten Pflegevater in ihm gefunden.
-John fütterte ihn mit Leckerbissen, er machte
-ihm ein weiches Bettchen, er kämmte ihn, er bürstete
-ihn und hielt ihn wie ein Kind auf dem Schoß.</p>
-
-<p>Rodenberg hatte die nächste von der Decke herabhängende
-alte Stallaterne angezündet und brachte
-nun eine zweite Flasche zum Vorschein. »Prosit!«
-sagte das Väterchen auf dem Futterkasten, und Herr
-und Kutscher taten einen tiefen Zug, jeder aus seiner
-Flasche. »Se müssen auch mal absetzen, jung' Herr,«
-bemerkte Rodenberg väterlich, da John dies zu vergessen
-schien.</p>
-
-<p>John hielt die geleerte Flasche gegen das Licht.
-Es war auch nicht ein Tropfen mehr darin. John
-ließ die Unterlippe hängen und sah Rodenberg wie ein
-bittendes Kind an. »Holen Sie mir mehr!« stotterte er.</p>
-
-<p>»Ich trau mir nich,« wandte der Kutscher ein,
-die hingehaltene Flasche aus seiner nachfüllend.</p>
-
-<p>»Sie haben wohl Angst vor den beiden am
-Fenster, vor Paul und Leo, was?«</p>
-
-<p>»Na ja, die petzen doch immer jleich.«</p>
-
-<p>»Ich hasse sie,« stammelte John mit zuckendem
-Gesicht. »Ich hasse sie! Weißt du, Rodenberg,« fuhr
-er fort, »sie würden sich freun, wenn ich stürbe &ndash;
-morgen &ndash; heute. Was dieser Leo für Augen hat!
-Hast du schon mal solch gräßliche Augen gesehen,
-Rodenberg? Ich könnte sie ihm ausreißen, denn sie
-jagen mich von überall fort. Ich soll machen, daß
-ich vom Erdboden verschwinde. Ich soll krepieren.
-Gleich auf der Stelle.« Er weinte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-»Regen Se sich nich auf, jung' Herr, regen Se
-sich doch man bloß nich auf,« bat der Kutscher erschreckt.
-Aber John hub an, Schimpfworte und Verwünschungen
-gegen seine Brüder auszustoßen, indem
-er unaufhörlich die Fäuste ballte. Doch plötzlich packte
-ihn ein Krampfanfall, und er glitt stöhnend mit seinem
-Ziegenbock zur Erde.</p>
-
-<p>Rodenberg kniete bei ihm nieder und hielt ihm
-wie gewöhnlich Arme und Beine fest, während Peter
-seinem Herrn das Gesicht leckte. Die beiden jungen
-Rappen, Johns Lieblinge, die allein im Stall standen,
-wandten unruhig die Köpfe herum, und ihre großen
-schönen Augen schienen voll Tränen zu glänzen. Unser
-Johnche, dachte Rodenberg, die Pferde anblickend,
-das wird wohl auch bald jewesen sein. Als der
-Krampf vorüber war, hob er den ganz Erschöpften
-auf und trug ihn, seufzend und stöhnend, denn er war
-noch ziemlich schwer, in seine Wohnung. Peter folgte
-ernst und gravitätisch wie ein Leidtragender.</p>
-
-<p><em class="ge">Dore Kalnis</em>, Johns Wärterin, ein bewegliches
-Weibchen von siebenundvierzig Jahren, empfing den
-Zug mit Scheltworten. »Sie sollten sich was schämen,
-Rodenberg,« fuhr sie ihn zornig an, »natirlich haben
-Se ihm wieder Schnaps jeholt! Aber ich werd's
-dem Herrn erzählen, der muß Sie endlich an die
-Luft setzen.«</p>
-
-<p>»Krämpfe hat'r doch jehabt,« blubberte der Alte,
-John auf das Sofa bettend. Dann trollte er sich
-mit einem bösen Blick und einem ganz betretenen
-»'n Abend«.</p>
-
-<p>John lag mit geschlossenen Augen da und wackelte
-<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-rhythmisch mit einer Hand. »Wollen Se was, junger
-Herr?« fragte die Wärterin.</p>
-
-<p>»Peter,« flüsterte John.</p>
-
-<p>»Oa,« seufzte sie, »der is auch wieder da!
-Neineinei, is das hier 'ne Wirtschaft! Lassen Se
-ihn doch man jetzt im Stall jehen, junger Herr, Sie
-müssen doch jetzt ins Bett.« Dabei suchte sie den
-Bock nach dem Ausgang zu drängen; aber John stieß
-ein zischendes »nein!« hervor, und Peter senkte seinen
-schmalen Kopf und stieß mit seinen jungen Hörnern
-gegen Dores spitze Knie.</p>
-
-<p>Das schlug dem Faß den Boden aus. Die
-Wärterin hielt den Angreifer fest und verabreichte
-ihm eine Reihe wohlgezielter und gutsitzender Maulschellen.</p>
-
-<p>John drehte seine Augen mit Gewalt nach der
-Szene. »Dore,« flüsterte er heiser, »wenn du nicht
-gleich mit Schlagen aufhörst, so verkürze ich dein
-Leben.«</p>
-
-<p>Frau Kalnis lachte spöttisch auf, und dann sagte
-sie maliziös: »Wenn Se mich duzen, junger Herr,
-dann sind Se doch wie jewehnlich betrunken.«</p>
-
-<p>Das Väterchen auf dem Sofa schien vor Zorn
-bersten zu wollen. Plötzlich zerrte es die Uhr aus
-der Westentasche und warf sie nebst der schweren
-Kette nach Dores dünnbehaartem Kopf. Aber die
-Wärterin machte nur einen ironischen Knicks und
-fing das Ganze mit den Händen auf. »Was nun?«
-fragte sie, ärgerlich lachend. Und dann in eine andre,
-gemütliche Tonart übergehend: »Was wollen Herr
-Johnche zu Abendbrot essen?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-Herr Johnche war besänftigt. Er faltete die
-Hände, ließ die Daumen umeinander schwirren und
-sah nachdenklich zu der verräucherten Decke auf.
-»Heringssalat,« entschied er hoheitsvoll.</p>
-
-<p>»Scheen,« nickte Dore mit einem giftigen Blick
-nach dem Ziegenbock. Darauf schritt sie hurtig zum
-Fenster, öffnete es und rief: »Ama&ndash;lie&nbsp;... Ama&ndash;lie«&nbsp;...
-Da keine Antwort erfolgte, bewaffnete sie sich mit
-einem Teppichklopfer und schlug damit feierlich auf
-das Fensterblech.</p>
-
-<p>Im Vorderhause tat sich jetzt ein Fenster auf,
-und langsam kam ein kugelrunder dunkler Frauenkopf
-zum Vorschein. »Wa&ndash;as wollen Se, Frau Kalnis?«</p>
-
-<p>Dore bestellte den Heringssalat und außerdem
-belegtes Brot und Bratkartoffeln.</p>
-
-<p>»Wa&ndash;as fir Jetränke?« rief Amalie durch den
-Frühlingswind.</p>
-
-<p>»Tee,« erwiderte Dore hurtig, obgleich John
-etwas andres sagte.</p>
-
-<p>»Scheen,« kam die langgezogene Erwiderung,
-und das Fenster wurde phlegmatisch geschlossen.</p>
-
-<p>»Für den Tee muß ich danken,« brummte John,
-das Böckchen streichelnd und seine Stiefel an der
-niedrigen Lehne des Sofas scheuernd. In seinem
-Zimmer sah es recht wohnlich aus, obgleich es, seiner
-häufigen Zerstörungswut wegen, nicht allzuviel enthielt.
-Der große Spiegel mit der Marmorplatte, der
-zwischen den beiden Fenstern hing, wurde von John
-nur deshalb respektiert, weil er von den Eltern seiner
-Mutter stammte. Alles, was von den verstorbenen
-Großeltern mütterlicherseits stammte, war ihm heilig.
-<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-Merkwürdigerweise. Er begnügte sich damit, dem
-Spiegel mit der Faust zu drohen, wenn er betrunken
-war, und an Großmutters riesengroßem, grünblauem
-Plüschsofa wischte er sich dann höchstens die Stiefel
-ab. Dieses altmodische Möbel stand vorn an der
-rechten Wand, vor sich einen runden Tisch. <i>Vis-à-vis</i>
-an der linken Wand stand nichts als ein brauner
-Kleiderschrank. Den Hintergrund füllte ein breites
-dunkles Bett und eine Waschtoilette, die nur wie
-ein Kasten aussah. An den Fenstern hingen rot- und
-weißgestreifte Vorhänge, und über dem Sofa hing
-eine überaus altmodische farbige Landschaft, die ebenfalls
-von den respektierten Großeltern stammte. Außerdem
-gab es nur noch einen Bettvorleger und ein
-zerrissenes Papiertelephon im Zimmer. Dieses Wohn-
-und Schlafgemach war mittelgroß und mittelhoch
-und lag zwischen dem der Wärterin und der Küche,
-aus der es auf die Treppe ging.</p>
-
-<p>Dore machte sich daran, die Lampe anzuzünden,
-und deckte dann den Tisch mit einer bunten Baumwolldecke.
-Als das Abendbrot gebracht wurde, nahm
-John den Heringssalat an sich und sah Dore spitzbübisch
-an. »Jesägnete Mahlzeit,« sagte sie fromm,
-ihm gegenüber Platz nehmend und leckrig nach dem
-Heringssalat blickend. »Schweig!« entgegnete er gereizt
-auf ihren freundlichen Wunsch. Sie nahm
-ihren Tee, ihre Kartoffeln und ein belegtes Brot
-und ging gekränkt in ihr Zimmer. Dort machte sie
-Licht und setzte die Brille auf. Um sich zu beruhigen
-und um den Heringssalat, den sie zu gern aß,
-würdiger verschmerzen zu können, guckte sie rasch in
-<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-eins ihrer vielen Erbauungsbücher. Nachdem sie
-drei liebliche Strophen gelesen hatte, seufzte sie wie
-eine Märtyrerin und ließ sich ergeben zu ihren Bratkartoffeln
-nieder.</p>
-
-<p>Dore war wirklich fromm, und wenn sie log,
-geschah es nur unter geistigem Vorbehalt. In ihren
-jungen Jahren war sie Wirtschafterin auf großen
-Gütern gewesen. Tüchtigkeit und Heißblütigkeit waren
-damals ihre hervortretendsten Eigenschaften. Mit
-vierzig besaßen ihre listigen kleinen Augen noch die
-Kraft, einem ältlichen Gutsbesitzer den Kopf zu verdrehen.
-Er ließ sich von seiner Frau scheiden und
-heiratete die unschöne brustkranke Wirtschafterin mit
-den vielen Erbauungsbüchern und der liebevollen
-Vergangenheit. Aber die Ehe währte kaum ein Jahr,
-denn die erwachsenen Kinder trieben die ihnen verhaßte
-Stiefmutter bald aus dem Hause. Dore mußte
-wieder in Stellung gehen, und das war hart für sie,
-denn der Husten plagte sie mehr und mehr. Immerhin
-gelang es ihr, einen leichten Dienst zu finden &ndash;
-bei den reichsten Zarnoskys, als Pflegerin der kränklichen
-alten Großmutter. Dore verstand es, sich bei
-Zarnoskys unentbehrlich zu machen, darum behielt
-man sie auch nach dem Tode der Großmutter im
-Hause. Und eines Tages wurde dann John ihr
-Pflegling, der immer ihr heimlicher Liebling gewesen.</p>
-
-<p>Dore fand, daß der Heringssalat doch schwer zu
-verschmerzen war. Sie guckte schließlich durch die
-Tür, um zu sehen, wie weit John damit war. »Frau
-Kalnis,« rief er versöhnlich, »es ist noch eine Menge
-Heringssalat für Sie.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-Die Wärterin machte ein dummes Gesicht, weil
-sie nicht wußte, ob sie ihm trauen durfte. Aber ihre
-Leckrigkeit war groß. »Wollen Se mich auch nich
-zum Narren machen?« fragte sie zuerst.</p>
-
-<p>John schwur, die Lippen prunzelnd, daß er nicht
-daran dächte. Dore rückte an, wünschte noch einmal
-»jesägnete Mahlzeit« und setzte sich dann an den
-Tisch. Sie trug ein kaffeebraunes, selbstgewebtes altmodisches
-Kleid mit einem dunkelroten Samtstreifen
-um den Rock und kleinen Samtklappen an den Ärmeln.
-Ihren vertrockneten Hals zierte ein selbstgehäkeltes
-weißes Tüchlein. Über dem flachen Leibe hatte sie eine
-schwarze Schürze, die den Rock sowohl zieren als
-schonen sollte. Frau Kalnis glich einer ältlichen, glattgescheitelten
-Chinesin in europäischer Kleidung. Peter
-betrachtete sie genau so aufmerksam wie sein Väterchen,
-aber man konnte seinen einfältigen Augen nicht
-anmerken, ob er sie hübsch oder häßlich fand.</p>
-
-<p>»Na, hat'r geschmeckt?« fragte John mit unwiderstehlich
-verschmitzter Miene, als die Wärterin
-die Schale auskratzte.</p>
-
-<p>»Wird nich schmecken?! Scheenes Essen,« entgegnete
-sie unter verschämtem Lachen.</p>
-
-<p>Peter bekam das letzte Butterbrot und dann
-sollte er in den Stall. Frau Kalnis ging hinaus,
-um Rodenberg zu rufen, der unten im Hause mit
-seiner gichtkranken Frau und einer überaus frommen
-Schwester wohnte. Rodenberg brachte Peter in den
-Stall, wenn er nicht betrunken war. Heute kam die
-fromme Schwester statt seiner. Jette mußte feierlich
-versprechen, daß Peter auch wirklich sein Abendbrot
-<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-erhalten würde, dann erst durfte sie ihn am Halsband
-nehmen.</p>
-
-<p>John war jedesmal sehr sanftmütig, wenn er
-sich wieder mit Dore vertragen hatte. Er war dann
-wie ein Kind, das ungezogen gewesen und nun durch
-besondere Artigkeit versöhnen will. Er ließ sich wie
-ein Lamm von ihr zu Bett bringen und suchte sie
-dabei durch eine gefällige Unterhaltung zu erfreuen.
-»Wir werden morjen ein reines Hemd anziehen,«
-sagte die Wärterin, sobald sie ihren Pflegling bis
-auf dieses letzte Kleidungsstück entblößt hatte. John
-machte ein liebliches Gesicht, obgleich er nicht gern
-ein reines Hemd anzog. »Und wir werden wieder
-mal de Fieße waschen,« setzte sie hitzig hinzu, als
-ihr Blick auf seine unsauberen Gehwerkzeuge fiel. John
-lächelte wie ein Engel, obgleich er wasserscheu war.</p>
-
-<p>Er legte sich schwerfällig ins Bett, und Dore
-deckte ihn sorgfältig zu. »Lesen Sie mir was vor,
-ich kann jetzt doch noch nicht schlafen,« sagte er
-nervös, als sie ihn mit warmen Augen betrachtete.
-Er war immer schlaflos und sehr erregt, wenn er
-Krämpfe gehabt hatte, und wenn sie stark gewesen,
-stärker als diesmal, so ging er danach tagelang wie
-ein Gestörter umher.</p>
-
-<p>Die Wärterin eilte zu ihrem Bücherschatz, um
-eine passende Lektüre zu suchen &ndash; und kam sobald
-nicht wieder. Der Husten hatte sie gepackt und
-schüttelte sie, wie eine kräftige Faust einen leichten
-Gegenstand schüttelt. Nach einigen Minuten war
-der Anfall vorüber und Dore ganz erschöpft. Sie
-saß noch eine Weile mit hängendem Kopfe und
-<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-hängenden Armen auf ihrem Stuhl und starrte stumpfsinnig
-zu Boden, dann stand sie auf: »Nun komm
-ich, Herr Johnche. Wenn erst abjehust' is, dann is
-wieder gut,« sagte sie resigniert.</p>
-
-<p>Und sie begann mit belegter, schwacher Stimme,
-die allmählich klarer und kräftiger wurde:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Fest jemauert in der Erde</td></tr>
- <tr><td class="tdl">steht die Form aus Lehm jebrannt.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Heute muß die Glocke werden,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">frisch, Jesellen, seid zur Hand&nbsp;...«</td></tr>
-</table>
-
-<p>»Hör auf mit deiner dämlichen Glocke!« schrie
-John, die Geduld verlierend. »Du weißt doch, daß
-ich die olle Glocke nicht mehr hören will.«</p>
-
-<p>»Scheen, dann her ich auf, dann les ich gar nich.«</p>
-
-<p>»Dorchen,« sagte schmeichelnd der Kranke und
-wies süß nach der Bibel hin, der alten, vergilbten,
-die sie auch mitgebracht hatte. Da konnte sie nicht
-widerstehen, da tat sie, wie ihr geheißen ward. Sie
-schlug die Offenbarung des Johannes auf und las
-mit schöner Dorfschulbetonung: »Ich sah einen neien
-Himmel und eine neie Erde. Denn der erste Himmel
-und die erste Erde verjing und das Meer ist nicht
-mehr. Und ich sah die heilije Stadt, das neie Jerusalem
-von Gott aus dem Himmel herabfahren, zubereitet
-als eine jeschmickte Braut ihrem Manne.«</p>
-
-<p>»Noch einmal,« flüsterte John, und seine Phantasie
-arbeitete mächtig.</p>
-
-<p>Die Litauerin wiederholte und las dann weiter,
-es kam die Schilderung des neuen Jerusalems. Und
-John sah bei ihren Worten das neue Jerusalem, die
-<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-Stadt der goldenen Gassen mit den Toren aus Perlen
-und den Mauern aus Edelsteinen. »Blau, gelb, grün,
-rot&nbsp;...« flüsterte er, »o Dore, alle Regenbogenfarben!
-Alles aus Edelsteinen, aus Gold und Perlen!« Sie
-war verstummt, und er fuhr fort, die Augen auf die
-verräucherte Decke gerichtet.</p>
-
-<p>»Da ist ein Schloß, Dore, das wird mir gehören,
-wenn ich erst tot bin. Die Mauern sind aus
-Amethyst und die Fenster aus Rubin. Und in allen
-Zimmern sind Flaschen, Flaschen in allen Regenbogenfarben
-&ndash; und ich darf aus allen trinken. Das schmeckt,
-Dore, was in den Flaschen ist! Und man wird nie
-davon betrunken, man kann ewig, ewig trinken!«</p>
-
-<p>Die Wärterin lachte und John sprach weiter:</p>
-
-<p>»Jeder Schluck aus den Flaschen ist wie mildes,
-knisterndes Feuer und fließt wie flüssige Edelsteine
-in den Magen hinab. Dort sprudelt er weiter und
-durchglüht den ganzen Magen. Was sag ich: den
-ganzen Magen? Nein, den ganzen Körper. Und man
-wird durchsichtig wie eine helle Flamme, wenn man
-aus den Flaschen getrunken hat, man gleicht dann
-einer hellen, durchsichtigen Flamme&nbsp;...« Er wandte
-den Blick von der verräucherten Decke und sah die
-Wärterin spitzbübisch an. »Man könnte in dich hineinsehen,
-Dore, wenn du aus den Flaschen getrunken
-hättest, dein ganzer Körper wäre dann durchsichtig.«
-Er grinste wie ein Faun. »Ich möchte nicht in dich
-hineinsehen, Dore!«</p>
-
-<p>»Sie missen nich anzieglich werden, junger Herr,«
-sagte Frau Kalnis gekränkt, und nachdem sie eine
-Weile nach einer schärferen Entgegnung gesucht hatte,
-<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-setzte sie mit frommem Hohn hinzu: »Wer eine kranke
-Leber hat, sieht innen immer noch schlechter aus, als
-einer, der se nich hat.« Darauf las sie hurtig weiter
-und gelangte bald zu der Strophe: »Und der Geist
-und die Braut sprechen: Komm! Und wer es höret,
-der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme, und
-wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.«</p>
-
-<p>»Halt, halt!« rief John erregt nach diesen Worten,
-»mich dürstet, mich dürstet immer! Wohin soll man
-da kommen, Dore? Ich geh' gleich dahin.«</p>
-
-<p>»Na, nach's neie Jerusalem doch wohl,« meinte die
-Wärterin. Und dann maliziös: »Aber Sie heren doch,
-junger Herr, daß da nichts als Wasser anjeboten wird.«</p>
-
-<p>Der Trinker verzog das Gesicht. »Wasser &ndash; brr&nbsp;...
-Aber Wasser des Lebens, Dore, das schmeckt vielleicht
-besser als die feinste Mischung, das stillt vielleicht
-für immer den Durst.«</p>
-
-<p>»Kann sein! Aber wollen Se jetzt nich schlafen,
-Herr Johnche?«</p>
-
-<p>»Ich kann nicht.«</p>
-
-<p>»Na versuchen Sie's doch man erst.«</p>
-
-<p>»Nein&nbsp;... Ich möchte wissen, wozu ich gepaßt
-hätte, wenn ich nicht immer den Durst gehabt hätte?«</p>
-
-<p>»Das fragen Se mich immer, wenn Se einen
-jetrunken haben.«</p>
-
-<p>»Und Sie wissen nie eine Antwort darauf. Was
-ihr sagt, ist alles falsch.«</p>
-
-<p>»Wozu bekam ich den ewigen Durst? Ich möchte
-wissen, wozu ich ihn bekam?« schrie er wild.</p>
-
-<p>»Das will ich wissen!?« brüllte er, und sein
-ganzes Gesicht zuckte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-»Jetzt sollten Se zu schlafen versuchen, mein
-Lieberche, und nich so was Unnitzes fragen.«</p>
-
-<p>»Zum Schlafen kommt schon noch Zeit genug,«
-stammelte John. »Ich möchte wissen, ob ich denn bloß
-zum Saufen auf die Welt kam?«</p>
-
-<p>»Aber nei! Sie hätten doch e feiner Kaufmann
-werden können, oder auch e studierter Herr,
-wie d'r Großvaterche.«</p>
-
-<p>»Sprich doch nicht dummes Zeug!« brummte er
-gereizt. »Du verstehst von gar nichts! Keiner versteht
-was! Und alles ist so verdreht, so verdreht«&nbsp;...</p>
-
-<p>Die Wärterin war zu der Überzeugung gelangt, daß
-John heute abend ein Schlafpulver bekommen müsse. Sie
-holte das Tischchen herbei, das zur Nacht an sein Bett
-gestellt wurde, und rührte ihm dann rasch ein Pulver ein.</p>
-
-<p>»Dies trinken Se man und dann werden Se
-schon schlafen, mein Lieberche.«</p>
-
-<p>Erst wollte er nach dem Glas stoßen, aber dann
-riß er es plötzlich an sich und leerte es gierig. Er
-plumpste wie ein ermatteter Maikäfer auf den Rücken,
-als das Schlafmittel zu wirken begann. Dore nahm
-die Brille ab und betrachtete ihn mit einfältiger Miene.
-»Dummer Äsel,« brummte sie, »wärst verninftig jewesen,
-hätt dir die janze Welt offen jestanden. Aber
-nu &ndash; was hast? Gar nuscht.« Da John die Augen
-geschlossen hatte, löschte sie die Lampe aus und zündete
-dafür ein Nachtlämpchen an. Sie setzte ein paar
-Flaschen Selterwasser auf sein Tischchen, die er im
-Laufe der Nacht zu leeren pflegte, um das fortwährende
-innerliche Brennen zu lindern, und verfügte sich
-dann in ihr Zimmer, um geräuschlos zu Bett zu gehen.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-Zweites Kapitel</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>J</b>ohn stand vor dem Spiegel und legte seine
-Orden an. So nannte er die blauen, an
-Bändchen hängenden, parfümierten Oblaten,
-mit denen er seine Jacke zu schmücken pflegte, wenn
-er »zu Zarnoskys« ging. Er trug sie dann seiner
-jüngeren Brüder wegen, die immer behaupteten, sie
-könnten seinen Geruch nicht ertragen. John roch
-wirklich nicht schön, was auch weiter nicht verwunderlich
-war, und seine Kleider verbreiteten die Luft der
-Arbeiterkneipen. Aber er verschmähte es, sich mit Parfüm
-zu begießen, er fand es männlicher und stilvoller,
-mit den blauen Oblaten auf der Jacke zu
-gehen. Obgleich sie lange nicht die Wirkung ausübten,
-die ein starkes Parfüm getan hätte. John war noch so
-kindisch. Mit strahlenden Augen war er eines Morgens,
-die Oblaten auf der Brust, bei der Mutter erschienen:
-»Sieht das nicht fein aus? Sieht das nicht
-jroßartig aus? Und nun werde ich auch nicht mehr
-schlecht riechen. Nicht wahr, ich rieche jetzt fein?
-Paul, Leo, rieche ich jetzt nicht fein?« Sie hatten
-es aus Mitleid bejaht, und die Mutter hatte sogar
-behauptet, daß sie noch nie einen schlechten Geruch
-<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-an ihm bemerkt habe, Paul und Leo seien nicht klug.
-Das hatte den jungen Alkoholiker bis zu Tränen gerührt.
-An diesem Tage trank er keinen Tropfen.</p>
-
-<p>Während sich John noch vor dem Spiegel bewunderte
-&ndash; es war Sonntag: Palmsonntag &ndash; kam
-etwas trapp, trapp, trapp, wie auf kleinen Jungenstiefeln,
-die Treppe herauf und hämmerte dann energisch
-an die Küchentür. Das Väterchen stürzte hin, um
-dem Söhnchen zu öffnen. Peter trat ein und schob
-seine kleine weiche Nase zur Begrüßung in Johns
-ausgestreckte Hand. Peter wollte seinen Morgenzucker
-haben, und den erhielt er auch reichlich. John hätte
-seine Uhr verkauft, um Peter mit Zucker füttern zu
-können.</p>
-
-<p>Der Ziegenbock mußte auf dem Hof bleiben,
-als John ins Vorderhaus zu seinen Eltern ging. Er
-bedeutete ihm, auf dem Hof herumzuspringen, solange
-»Papa« auf Besuch war.</p>
-
-<p>Papa setzte sich im elterlichen Eßzimmer an den
-warmen Ofen, verschämt »guten Morgen« stotternd.
-Paul und Leo verzogen sich rasch nach seinem Eintritt,
-und Eugen begrüßte ihn mit den spöttischen
-Worten: »Na, wieder mal betrunken gewesen, alter
-Ziegenbockvater?«</p>
-
-<p>»Betrunken gewesen? Wer? Ich doch nicht?«
-stotterte der Trinker. Er hatte die Hände gefaltet
-und ließ die Daumen langsam umeinanderlaufen,
-indem er auf die Mutter blickte, die mit einer Handarbeit
-am Fenster saß.</p>
-
-<p>»Ach John,« sagte sie traurig, »kannst du es
-denn gar nicht lassen?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-»Nein,« platzte er naiv heraus.</p>
-
-<p>Sie seufzte und verstummte.</p>
-
-<p>»Was gibt's zu Mittag?« fragte er verlegen in
-die Stille hinein. John war ein Feinschmecker und
-hielt sich gern in der Küche auf. Dort, bei Amalie,
-war ihm auch viel wohler als bei Vater und Mutter.
-»Muß mal sehen, was gekocht wird,« sagte er, sich
-wieder erhebend, da niemand auf seine Frage antworten
-wollte.</p>
-
-<p>In der Küche stand eine Kiste, die der Faktor
-zur Bahn tragen sollte. Auf dem Deckel lagen dreißig
-Pfennige Trinkgeld für ihn. John vergaß das Mittagessen
-und blickte wie gebannt auf das Geld. Sein
-Portemonnaie war leer; denn der Vater gab ihm
-immer weniger und weniger Taschengeld, um ihm
-das viele Kneipenlaufen unmöglich zu machen. (Das
-Resultat davon war, daß John auf Kredit trank und
-die Faktore anpumpte.) Die dreißig Pfennige lockten
-ihn, wie den Igel das Blut. »Wissen Sie was,
-Amalie,« sagte er zu der kugelrunden ältlichen Köchin,
-»das da kann ich selbst verdienen! Die Kiste trag
-ich noch allemal!« Damit nahm er sie auf und wandte
-sich nach dem Ausgang.</p>
-
-<p>»Sie werden doch nich!« rief Amalie. »Der
-Friedrich wird doch jleich kommen. Aber, junger
-Herr, das schickt sich doch nich fir Sie. Wenn das
-der Herr sieht!?«</p>
-
-<p>»Aber ich schlepp' sie doch bloß so lange, bis ich
-einen Jungen treffe, der sie mir für fünf Pfennige trägt.«</p>
-
-<p>»Lassen Se ihr stehen, ich jeb Ihnen dreißig
-Pfennige,« sagte Amalie zärtlich.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-»Geben Sie her,« brummte John, »dann sind
-es sechzig.« &ndash; »Her damit!« beharrte er mit dem
-Eigensinn des Alkoholikers, da die Köchin unter diesen
-Umständen nicht mit dem Gelde herausrücken wollte.</p>
-
-<p>Es blieb ihr schließlich nichts andres übrig, als
-ihm den Willen zu tun. Sie öffnete zwei Knöpfe
-ihrer karierten Taille und zog ein rot- und braungestreiftes
-Beutelchen hervor, das von der Wärme
-ihres gewaltigen Busens Zeugnis ablegen konnte.
-»Na machen wir uns auf die Socken,« sagte John
-kurz, als er das Geld hatte. »Ist mir ein Kinderspiel,
-diese Kiste zu tragen.«</p>
-
-<p>Die Köchin wollte es bestreiten, und das reizte
-John, weil es seinen Stolz verletzte. Nun ging er
-mit der Kiste, kostete es, was es wollte. Einen flotten
-Gang erzwingend eilte er nach der Tür.</p>
-
-<p>»Adieu, Amalie.«</p>
-
-<p>Die Dicke sah ihm sorgenvoll nach. »Kommen
-Se gut nach Hause, junger Herr.«</p>
-
-<p>Das Zarnoskysche Haus stand <i>vis-à-vis</i> einer
-Querstraße, die sich in langer enger Windung vor
-ihm auftat. Die Straße hieß Grätengasse. Eugen
-stand gerade am Fenster, als John mit der Kiste
-aus dem Hause trat und nach der Grätengasse steuerte.
-»Was soll das heißen?« rief er, das Fenster aufreißend.
-»Holla! John! Du kommst sofort zurück!«</p>
-
-<p>Der Angerufene drehte ihm sein gelbes Gesicht
-zu und schnitt ihm eine tolle Grimasse, dann trollte
-er weiter.</p>
-
-<p>Eugen knickte vor Lachen zusammen. Johns Anblick
-war überwältigend komisch gewesen, so tragisch
-<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-er im Grunde auch war. Und nun schwankte er auch
-schon die Grätengasse hinunter, er hüpfte und torkelte,
-die Kiste unterm Arm, von rechts nach links.
-»Mutter, Paul, Leo!« rief Eugen in das nach hinten
-gelegene Eßzimmer hinein. »Kommt doch bloß mal her!«</p>
-
-<p>Frau Zarnosky war entsetzt, als sie John in dem
-Kistenträger erkannte. Eugen sollte ihn sofort zurückholen,
-weil sie fürchtete, daß John hinfallen könne.
-Aber Eugen machte Einwendungen: er werde ihm
-nicht gehorchen und Streit anfangen, er werde auch
-nicht gleich hinfallen. Der Faktor könne ihm ja nachlaufen.</p>
-
-<p>Aber der war noch immer nicht da, Amalie versicherte
-indessen, daß er nun gleich kommen müsse.
-Alle stellten sich ans Fenster und blickten gespannt in
-die Grätengasse, die beiden Jungen voll heftigster
-Lachlust. Plötzlich prusteten sie los; denn John hatte
-sich umgedreht und die Zunge herausgehängt.</p>
-
-<p>In der Grätengasse standen viele alte Speicher.
-Einer von ihnen hatte an der Front eine steinerne
-Ruhebank. Als John diese Bank erreicht hatte, stellte
-er die Kiste herauf, setzte sich pustend daneben und
-faltete ergeben die Hände. So traf ihn Onkel John,
-der des Weges daherkam, um irgendwo Märchen erzählen
-zu gehen.</p>
-
-<p>»Was tust du da? Was hast du da für eine
-Kiste?« fragte er mit heftig angeregter Phantasie.</p>
-
-<p>Der Neffe tat verschämt. »Der Vater braucht
-Geld. Ich muß unser Silberzeug verkaufen gehen.
-Eugen tut es nicht,« erwiderte er so gedrückt als er
-konnte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-Onkel John kicherte wild in sich hinein. »Armer
-Junge,« sagte er bedauernd, und als habe er durchaus
-nichts Merkwürdiges gehört, »die Kiste ist wohl
-sehr schwer?«</p>
-
-<p>»Ja,« hauchte der Neffe mit schwermütigem
-Augenaufschlag.</p>
-
-<p>Der Onkel pustete stark, um nicht lachen zu
-müssen, dann sagte er: »Deine Eltern tun unrecht,
-wenn sie dich bei deinem Gesundheitszustand mit
-einer solchen Kiste schicken. Indessen soll man Vater
-und Mutter ehren. Doch« &ndash; Onkel John weitete
-furchtbar die Augen &ndash; »wenn sie dich noch einmal
-mit einem solchen Monstrum heraushetzen&nbsp;... heraushetzen,«
-wiederholte er mit erhobener Stimme, »dann
-kommst du zu mir, und das Weitere wird sich dann
-schon finden.«</p>
-
-<p>Der Trinker nickte ganz ergriffen. »Gib doch
-was, damit ich sie mir wenigstens tragen lassen kann,«
-stammelte er, die Hand ausstreckend, in kläglichem Tone.</p>
-
-<p>»Hast du denn gar kein Geld?« fragte Onkel
-John, bis zu Tränen gerührt.</p>
-
-<p>Der Neffe kehrte hurtig die leeren Hosentaschen
-heraus. »Und sie lassen mich nächstens verhungern,«
-brummte er, dem Himmel ein Paar feuchte Pudelaugen
-zeigend.</p>
-
-<p>Onkel Johns Phantasie schwoll mächtig an. Die
-Eindrücke arbeiteten so gewaltig in ihm, daß er einen
-Augenblick ganz sprachlos blieb. Und wenn er auch
-genau wußte, daß sein Neffe ihn aufs albernste belog,
-gelang es ihm, bei seiner Einbildungskraft, doch
-ganz vortrefflich, sich die Unwahrheit als Wahrheit
-<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-vorzustellen. Sein fuchsgelber Schnurrbart zitterte,
-denn er befand sich in angenehmster Aufregung, und
-seine grellblauen Lügneraugen glitzerten wie Katzenaugen
-im Dunkeln. »Zunächst,« sagte er, hoheitsvoll
-das Portemonnaie ziehend, »zunächst sind hier fünf
-Mark, damit du nicht ganz ohne Pfennig herumläufst
-&ndash; mein armer Junge.«</p>
-
-<p>John nahm dankend die gereichten zwei Mark.
-Er wußte, daß es immer nur zwei Mark waren,
-wenn Onkel John fünf Mark sagte.</p>
-
-<p>»Und nun gehe ich zu deinen Eltern,« fuhr dieser
-fort, »um für dich das Notwendigste anzuordnen.
-Schlimmstenfalls« &ndash; er rollte die Augen &ndash; »wird
-die Polizei meinen Worten Nachdruck verleihen. &ndash;
-Holla!« rief er dem Faktor entgegen, der der Kiste
-wegen gelaufen kam, »tragen Sie das da! Ich übernehme
-die Verantwortung, verstanden?«</p>
-
-<p>John lehnte es ab, den Onkel zu begleiten, weil
-er ein unreines Gewissen hatte. Der Onkel ging
-auch lieber allein, um je nach Empfang mit seinen
-Märchen herauszurücken. Es war ein hellgrauer
-Sonntagvormittag, und die Grätengasse lag still und
-leer und sauber da. Onkel John eilte wie mit Flügeln
-am Mantel davon, während sein Neffe auf der Steinbank
-sitzen blieb, die Daumen umeinander drehte und
-sich seine Mischung wünschte.</p>
-
-<p>»Guten Tag, meine Lieben,« sagte der alte Fuchs
-mit wärmster Innigkeit, als er bei Zarnoskys ins
-Eßzimmer trat. Paul und Leo reichten ihm die Hand,
-seine Schwägerin unterließ es, Eugen und Herr Zarnosky
-brummten etwas, Onkel Chlodwig war nicht da.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-»John sitzt am Traumannschen Speicher und
-weint,« hub der gute Onkel an. »Die Kiste war
-doch wirklich zu schwer für ihn.«</p>
-
-<p>»Wer hat ihm befohlen, mit der Kiste zu gehen?!«
-sagte ärgerlich der Vater.</p>
-
-<p>»Das wollen wir nicht untersuchen,« versetzte
-Onkel John sanft und schlicht. »Apropos (»Jetzt
-geht's Schwindeln los,« flüsterte Paul hinter Eugens
-Rücken) was ich sagen wollte« &ndash; er hob die eine
-Fußspitze ein wenig in die Höhe und besah sich versunken
-den Stiefel &ndash; »ja, richtig; es gehen über
-dich merkwürdige Gerüchte in der Stadt herum, ganz
-merkwürdige Gerüchte, mein lieber Richard.«</p>
-
-<p>»Phantasiere doch nicht immer!« unterbrach ihn
-sein Bruder in wegwerfendem Tone. Richard Zarnosky
-log nicht mehr als andere Kaufleute, und
-seine Phantasie hielt sich in bürgerlichen Grenzen.</p>
-
-<p>»Du solltest &ndash; du solltest nicht so zu mir
-sprechen &ndash; in &ndash; in einer Lage wie der deinigen,
-mein lieber Richard.«</p>
-
-<p>»In was für einer Lage bin ich denn, mein
-lieber John?«</p>
-
-<p>»In keiner angenehmen, sollte ich meinen. Es
-gehen Gerüchte in der Stadt, daß«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Daß?«</p>
-
-<p>»Daß es mit dir schief stände, mein lieber Richard.«</p>
-
-<p>»Wer sagt das?« fragte Herr Zarnosky amüsiert.</p>
-
-<p>Onkel John entblödete sich nicht, eine Reihe von
-Namen zu nennen, wobei er ab und zu die Augen
-schloß, als ob ihm angst und bange würde. »O
-Gott!« rief er plötzlich. »Richard, Richard, bring nur
-<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-nicht Schande über deine angesehene Familie, über
-mich und meine unschuldige Tochter, über unsern
-armen Bruder Chlodwig!«</p>
-
-<p>»Erster Akt, erste Szene,« sagte Eugen lachend.</p>
-
-<p>Herr Zarnosky tippte mit einer nicht mißzuverstehenden
-Gebärde an seine Stirn, indem er den
-Bruder bedeutungsvoll anblickte. Aber Onkel John
-übersah die Beleidigung, weil er noch lange nicht
-fertig war. Sich seinem ältesten Neffen zuwendend
-sagte er: »Mein lieber Eugen, du solltest dich schämen,
-deinen alten Onkel zu hänseln. Aber ich weiß ja,
-du ehrst auch nicht Vater und Mutter. Du schämst
-dich, in ihrem Interesse zu handeln. Du schämst
-dich, Schritte zu tun, die ihre mißliche Lage verbessern
-könnten.«</p>
-
-<p>»Nu wird's Tag,« brummte Eugen belustigt.</p>
-
-<p>Herr Zarnosky öffnete die Tür und sagte gelassen:
-»Mein lieber John, hier hat der Zimmermann
-das Loch gelassen.«</p>
-
-<p>Der Märchenerzähler fauchte wie ein schwergereizter
-Kater, seine grellen Augen rollten hin und
-her. »Richard,« brachte er angestrengt heraus, »ich
-kündige dir hiermit ein für allemal meinen Speicher.«</p>
-
-<p>»Schön,« erwiderte Herr Zarnosky, »mir ist
-dein ew'ges Künd'gen auch über. Es gibt mehr
-Speicher in unserer Gegend.«</p>
-
-<p>»Geh nur hin!« krähte Onkel John. »Es dürfte
-dir keiner so passen wie meiner.«</p>
-
-<p>»Und wenn auch! Schlimmstenfalls behelfen
-wir uns eine Weile mit einem. Wir räumen zum
-ersten Juli, du kannst dich darauf verlassen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
-Das kam dem Märchenerzähler weder erwartet
-noch erwünscht. Wer weiß, ob ihm ein andrer die
-hohe Speichermiete zahlen würde, die ihm sein Bruder
-zahlte, ganz abgesehen von allerhand Vorteilen, die
-er daraus zu ziehen verstand, daß sein Speicher dem
-Bruder so sehr gut paßte. (Onkel John zog es schon
-lange vor, den Speicher zu vermieten, anstatt ihn
-selbst zu benutzen, weil er zuviel mit Prozessen zu
-tun hatte. An denen gewöhnlich seine Märchen schuld
-waren.) »Richard,« flüsterte er, das Gesicht in schelmische
-Falten ziehend und aufs versöhnlichste loskichernd,
-»du kannst nicht Scherz von Ernst unterscheiden.
-Das war doch bloß Spaß mit der Kündigung.
-Benutzt ihn in Gottes Namen weiter. Mir
-genügt der Schuppen.«</p>
-
-<p>»Bis zum ersten Juli und nicht länger,« versetzte
-Herr Zarnosky schroff.</p>
-
-<p>»Es ist nicht recht, daß du dem Bruder den
-Verdienst nehmen willst, um ihn vor einen Fremden
-zu werfen,« predigte Onkel John in salbungsvollem
-Tone; aber seine Augen funkelten böse. »Unser Bruder
-Chlodwig wird es auch nicht wollen,« setzte er theatralisch
-hinzu.</p>
-
-<p>»Dein ew'ges Künd'gen paßt uns schon längst
-nicht mehr!« schrie Herr Zarnosky, die Geduld verlierend.
-»Und es paßt uns auch nicht, daß du deine
-fünfzig Puten tagtäglich von unserem Getreide mästest!«</p>
-
-<p>»Erstens sind es nur vierzig,« stotterte Onkel
-John, »und zweitens haben sie noch nie in ihrem
-Leben auch nur ein Körnchen von deinem Getreide bekommen.
-Und außerdem sind nur noch sechs am Leben.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-Alle lachten. Von vierzig auf sechs war selbst
-für Onkel John ein kühner Sprung.</p>
-
-<p>»Wißt ihr denn nichts von dem Unglück, das
-vergangenen Montag bei uns passierte? Nein, ihr
-wißt wohl noch nichts?!« rief nun der Märchenerzähler,
-froh wie ein Kind über den guten Einfall,
-der ihm gekommen, und über die versöhnliche Stimmung,
-die sich anzubahnen schien. »Richard, Anna,
-Eugen, Kinder, laßt euch erzählen, was vergangenen
-Montag bei uns passierte. Da fuhr mir doch ein
-Wagen mit durchgehenden Pferden in meine jungen
-Putchen hinein. Die Hälfte wurde totgefahren, die
-Hälfte kreuzlahm getreten. Dem Truthahn Fritz,
-meinem Liebling &ndash; ihr kennt ihn ja &ndash; dem armen
-Tier war das linke Beinchen gebrochen. Ich habe
-ihn dann selbst geschlachtet&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Aber Onkel!« platzte Paul lachend heraus. »Den
-Fritz habe ich doch noch gestern nachmittag gefüttert.«</p>
-
-<p>Onkel John zuckte zusammen wie jemand, den
-unerwartet ein Insekt gestochen. »Paul,« begann er
-eindringlich, die lachenden Zuhörer mit hoheitsvollen
-Blicken messend, »besinne dich recht, mein Junge!
-Du hast &ndash; gestern nachmittag &ndash; den Fritz gefüttert?
-War es nicht vor acht Tagen?«</p>
-
-<p>»Gestern war es.«</p>
-
-<p>Onkel John blickte auf Paul wie auf einen
-armen Schwachsinnigen, dann wandte er sich seiner
-Schwägerin zu. »Liebe Anna, ich habe es Ihnen &ndash;
-ich habe es euch allen noch immer verbergen wollen,
-was ich seit einem halben Jahre an Paul beobachte.
-Der arme Junge &ndash; aus unsrer Familie hat er das
-<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-nicht &ndash; das arme Kind weiß nämlich nie, wann sich
-ein Ereignis zugetragen, ob es gestern, vorgestern
-oder sonstwann war. Er verliert das Gedächtnis.
-Ist euch das noch nie aufgefallen?«</p>
-
-<p>»Nein, du alter Schwindler,« sagte Herr Zarnosky
-mit Nachdruck.</p>
-
-<p>»Alter Schwindler?« sprühte der Märchenerzähler,
-seinen Speicher vergessend. »Statt mir zu danken,
-daß ich dich auf eine Krankheit deines Kindes aufmerksam
-mache, beleidigst du mich? Du bist mir ein
-netter Vater! Den einen lassen sie verlumpen, den
-andern verblöden!«</p>
-
-<p>Herr Zarnosky ging ruhig zur Tür und öffnete
-sie ein zweites Mal. »Soll ich vielleicht den Faktor
-rufen, damit er dir den Ausgang zeigt?« fragte
-er grob.</p>
-
-<p>»Ich gehe,« schnaubte Onkel John, »und ich
-komme nicht eher wieder, als bis ihr mich auf Knien
-und Ellbogen darum bitten werdet.«</p>
-
-<p>Es erfolgte ein Gelächter, in das nur Paul
-und Frau Zarnosky nicht einstimmten. Paul machte
-ein ängstliches, beinahe verstörtes Gesicht. Frau Zarnosky
-erhob sich erregt und sagte: »Onkel John,
-wenn Sie jetzt hingehen und etwa in der Stadt erzählen,
-daß Paul anfängt, schwachsinnig zu werden,
-so werde ich Sie nie mehr in meinem Hause dulden.«</p>
-
-<p>Der gute Schwager verklärte sich. »Aha,« sagte
-er, »diese Tatsache ist Ihnen also doch nicht entgangen?!
-Aus unsrer Familie hat er das jedenfalls
-nicht&nbsp;...« Dabei schlüpfte er aalgeschwind nach der
-Tür, um sich von dort mit einer spöttischen Verbeugung
-<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-zu empfehlen. Die angenommene Kündigung
-hatte er total vergessen.</p>
-
-<p>Richard Zarnosky zuckte nur die Achseln, als
-sein angenehmer Bruder hinausschlüpfte. Die ganze
-Familie war an derartige Auftritte mit Onkel John
-gewöhnt. Frau Zarnosky war meist die einzige, die
-sich dabei aufregte.</p>
-
-<p>Paul ging auf den Hof, um über das nachzudenken,
-was der Onkel von ihm behauptet hatte. Da
-er die Sensibilität seiner Mutter und eine große
-Phantasie besaß, so hatte ihn die seltsame Behauptung
-in Unruhe und Angst versetzt.</p>
-
-<p>»War es nicht gestern vor drei Wochen, daß
-Vater die beiden Rappen kaufte?« fragte er Rodenberg.</p>
-
-<p>»Ja, das is nu all drei Wochen her,« erwiderte
-der Kutscher.</p>
-
-<p>»Am ersten wurden sie beschlagen, nicht wahr?«</p>
-
-<p>Rodenberg kratzte sich den Kopf. »Kann sind.
-Ich weiß nich mehr jenau,« und er trollte sich.</p>
-
-<p>Paul setzte sich auf eine Wagendeichsel und versank
-in angestrengtes Grübeln; er stellte die schwierigsten
-Daten in seinem Kopfe fest. Eine der vielen
-Speicherkatzen sprang ihm auf den Schoß und rieb
-sich schmeichlerisch an seiner Jacke. Der Junge wollte
-sie vertreiben, weil ihn das beim Nachdenken störte;
-aber die Katze klammerte sich fest, freundlich schnurrend
-und vergnügt mit dem Schwanze wippend. Paul
-streichelte sie mit abwesender Miene, bis ihm der
-wippende schwarze Katzenschwanz plötzlich zwischen
-die Lippen geriet. Da sprang er auf und ließ das
-<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-Tier fallen, die klebengebliebenen Haare ärgerlich
-vom Munde wischend.</p>
-
-<p>»Was ist los?« fragte Onkel Chlodwig hinter ihm.</p>
-
-<p>»Ach nichts. Ich bekam Katzenhaare in den
-Mund,« erzählte der Junge.</p>
-
-<p>Chlodwig Zarnosky (eine Art Kompagnon seines
-Bruders Richard) war ein kleiner, gelblicher Junggeselle
-mit großen Ohren und großen weißen Händen.
-(Außerdem gab es noch einen vierten Zarnosky, den
-die Brüder seiner »eigentümlichen Anlagen« wegen
-nach Amerika verpflanzt hatten.) »Katzenhaare!« rief
-Onkel Chlodwig, die großen weißen Hände mit gespieltem
-Entsetzen zusammenschlagend. »Paul, Junge,
-du hast doch wohl keins hinuntergeschluckt?«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht,« sagte Paul verwirrt.</p>
-
-<p>»Kind, dann müßtest du ja sterben,« flüsterte
-Chlodwig mit großen geheimnisvollen Augen. Und
-nun ging seine Phantasie mit ihm durch. Er sprach
-dem schon erschreckten Jungen von einem schweren
-Tode, den heruntergeschluckte Katzenhaare öfters zur
-Folge hätten. Er schilderte dessen Qualen so genau,
-als habe er sie schon einmal durchgemacht. Paul
-lächelte gezwungen. Schwachsinn und Tod, das
-waren ja nette Aussichten. »Onkelchen, du schneidest
-auf,« sagte er mit unsicherer Stimme.</p>
-
-<p>Für gewöhnlich gab es keinen liebevolleren Onkel,
-als den kleinen Chlodwig, den jüngsten der vier Zarnoskys.
-War er es einmal nicht, dann lag das nur
-an seiner großen Phantasie. Sobald er merkte, daß
-er seinen Neffen erschreckt hatte, brach er in lautes
-Lachen aus. »Paulemännchen,« rief er, »was bist du
-<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-für ein gläubiger Thomas?! Komm, jetzt trinken
-wir zusammen Rotwein, das ist das beste Mittel
-gegen Ängstlichkeit und Katzenhaare!«</p>
-
-<hr />
-
-<p>John hockte noch immer mit gefalteten Händen
-auf der Steinbank in der Grätengasse. Aber er dachte
-nicht mehr an seine Mischung, er hatte sich angelehnt
-und lauschte den lieblichen dünnen Tönen, die aus
-einem kleinen stillen Hause kamen. Dort blies ein
-Pfeifer zu seiner Sonntagserbauung:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">Nachtigall, Nachtigall,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">wie sangst du so schön,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">sangst du so schön&nbsp;...</td></tr>
-</table>
-
-<p>Es war ein Herbstlied, aber es brachte John
-seinen ganzen Frühling zurück. Seine Kindheit erhob
-sich bei dieser halbvergessenen Melodie aus ihrem
-Grabe und zog licht und herrlich an ihm vorüber.
-»Das warst du einmal,« klang es in ihm. »Warst
-du einmal,« schien die Pfeife zu wiederholen. Die
-Erinnerung nahm ihn bei der Hand und ging mit
-ihm vergessene Wege zu vergessenen Herrlichkeiten.
-John war aufs neue geboren. Der einsame Lauscher
-in der Grätengasse war eine leergewordene Hülle.</p>
-
-<p>Da brach der Pfeifer plötzlich ab &ndash; und die
-auferstandene schöne Zeit sank langsam ins Grab
-zurück. Die Hülle auf der Steinbank bekam wieder
-eine Seele. Der Trinker schlug langsam die Augen
-auf. Wo war alles geblieben? Ein trauriges Grinsen
-verzerrte sein Gesicht, als sein suchender Blick auf
-die blauen Oblaten auf seiner Jacke fiel. Das war
-<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-er jetzt! Und das war kein Traum; es war nicht zu
-vertreibende Wirklichkeit. Er riß die Oblaten ab
-und schleuderte sie wild auf die Straße. Aber dann
-erhob er sich bald und suchte sie wieder auf. Er
-konnte sie heute nicht entbehren. Beschmutzt waren
-sie seiner auch noch würdiger.</p>
-
-<p>Die Leute kamen aus der Kirche. Die Grätengasse
-belebte sich. John setzte sein Imperatorenlächeln
-auf und machte sich auf den Heimweg.</p>
-
-<p>»Guten Tag, Herr Zarnosky.«</p>
-
-<p>»Diener, Herr Zarnosky.«</p>
-
-<p>John erwiderte die Grüße, indem er jedesmal
-zwei Finger nachlässig an die Mütze hob. Als er
-einen toten Sperling auf der Erde liegen sah, hob
-er ihn auf und betrachtete ihn. Das Tierchen war
-so jung, so niedlich und noch ganz warm. Ein Gruß
-vom Tode, dachte der Trinker, und seine Hand bebte,
-und seine Orden bebten. »Ich komme bald,« schien
-eine Stimme zu flüstern.</p>
-
-<p>»Bald?« fragte seine Angst.</p>
-
-<p>Der Osterwind raunte eine tonlose Antwort.</p>
-
-<p>»Ich will nicht!« schrie es gewaltig in John,
-denn ihm war, als habe er soeben sein Todesurteil
-vernommen. Und er hob den Arm und schleuderte
-den Sperling über den nächsten Zaun. Er wollte
-nichts vom Tode wissen, nichts mit ihm zu tun haben;
-er amüsierte sich höchstens über ihn. Sein Leben
-konnte hundert Jahre währen. Doch die Angst sprach
-anders in ihm, und ihm war, als stände der Tod
-schon irgendwo hinter einem Mauervorsprung der
-Grätengasse, seinen knöchernen Arm ausstreckend, um
-<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-ihn für immer aufzuhalten. Er torkelte auf den
-Fahrdamm, um den Mauervorsprüngen auszuweichen;
-er trabte nach Hause und setzte sich neben die lebenswarme,
-liebevolle dicke Amalie. Aber die Köchin
-wurde bald ins Eßzimmer gerufen und kehrte mit der
-unangenehmen Botschaft zurück, daß ihn der Vater
-zu sprechen wünsche. John machte ein betretenes Gesicht
-und schlich wie ein armer Sünder hinein.</p>
-
-<p>»Wer hat dich geheißen, mit der Kiste zu gehen?«
-fragte ärgerlich der Vater.</p>
-
-<p>»Es hat mir Spaß gemacht,« stotterte John.</p>
-
-<p>»Unterlaß diese Späße in Zukunft, hast du verstanden?«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte John wie ein artiges Kind.</p>
-
-<p>Herr Zarnosky schneuzte sich, um eine freundlichere
-Miene zu verbergen. »Was hast du mit
-Onkel John gesprochen?« fragte er dann.</p>
-
-<p>»Ich &ndash; ich weiß nicht mehr.« John lachte blöde.</p>
-
-<p>»Du weißt nicht mehr? Dann hast du wieder geschwindelt!
-Ich will wissen, was du zu ihm gesagt hast?«</p>
-
-<p>»Guten Tag hab ich gesagt &ndash; und &ndash; und in
-der Kiste wären Patronen.«</p>
-
-<p>Der Vater versetzte ihm gereizt eine Ohrfeige,
-die mit stiller Tücke hingenommen wurde.</p>
-
-<p>»Wie kannst du nur?!« rief Frau Zarnosky in
-vorwurfsvollem, klagendem Tone. »Wie kann man nur
-einen erwachsenen, schwerkranken Menschen schlagen?!«</p>
-
-<p>»Schwerkrank?« wiederholte John entsetzt, die
-Ohrfeige vergessend.</p>
-
-<p>Wenn Frau Zarnosky eine Roheit ihres Mannes
-rügen oder gutmachen wollte, hatte sie häufig das
-<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-Pech, nicht minder roh oder wenigstens sehr taktlos
-zu sein &ndash; ohne sich ihres Fehlers immer bewußt zu
-werden; denn sie war ein wenig denkträge und hielt
-sich auch für die Vollkommenheit selbst. Johns angstvolle
-Frage blieb unbeantwortet, weil die Eltern ins
-Streiten geraten waren, ob der Vater einen erwachsenen
-Sohn schlagen dürfe oder nicht.</p>
-
-<p>John dachte mit Sehnsucht an Amalie. Die
-machte ihm keine Vorwürfe, die schalt ihn weder
-aus, noch erschreckte sie ihn. Die schenkte ihm Geld,
-wenn er Durst hatte, und tröstete ihn, wenn er
-traurig war. Die hatte sogar seinen Peter ins Herz
-geschlossen. Zwar die Mutter war auch gut; aber
-Amalie war doch noch besser. Still drückte er sich hinaus.</p>
-
-<p>»Herr Johnche trautstes,« sagte die Köchin innig,
-»haben se inne Stub wiedermal auf Ihnen jepucht?«</p>
-
-<p>Der Trinker schlug mit der Hand. »Die müssen
-doch immer was haben!«</p>
-
-<p>Er ließ sich auf die Küchenbank fallen, daß es
-krachte. »Bin müde,« sagte er düster.</p>
-
-<p>»Hätten Se der Kiste doch bloß stehen lassen,
-junger Herr!«</p>
-
-<p>»Glauben Sie wirklich an Gott?« fragte John,
-ins Herdfeuer starrend.</p>
-
-<p>Die Köchin machte ein dummes Gesicht, weil sie
-nicht gleich wußte, was sie auf diese unerwartete
-Frage antworten sollte.</p>
-
-<p>»Ob Sie wirklich an Gott glauben?« wiederholte
-der Trinker.</p>
-
-<p>»Na jewiß. Natirlich. Ich werd nich?! Wieso
-fragen Se, Herr Johnche?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-»Fiel mir so ein.«</p>
-
-<p>»Glauben Se man auch,« predigte Amalie,
-»dann werden Se auch wieder jesund werden. Bloß
-nich zuviel trinken!«</p>
-
-<p>John schien voller Angst einer andern Stimme
-zu lauschen. »Hörten Sie nicht?« fragte er plötzlich.</p>
-
-<p>»Wa&ndash;as? Wa&ndash;as?«</p>
-
-<p>»Vorher sagte es der Wind. Jetzt sagte es das
-Feuer.«</p>
-
-<p>»Die können doch nichts sagen.«</p>
-
-<p>»&rsaquo;Ich komme bald,&lsaquo; sagte es eben.«</p>
-
-<p>»Ich hab nichts nich jehert.«</p>
-
-<p>»Der Tod will kommen,« flüsterte John mit großen
-angstvollen Kinderaugen.</p>
-
-<p>»Haben Se man keine Angst!« tröstete die Köchin.
-»Sie können noch Ihre ganze Familie iberleben. Sie
-allemal!« Dann öffnete sie die Bratofentür und sagte:
-»Kommen Se man sehn, junger Herr, wie fein se braten.«</p>
-
-<p>Zwölf Täubchen lagen in Reih und Glied in
-der Bratpfanne, zwölf angenehm duftende, kleine
-braune Körperchen, die Amalie mit Stolz und Schweiß
-auf der Nase vorwies. Johns Miene erheiterte sich beim
-Anblick der Tierchen. Er ergriff eine Gabel und prüfte,
-ob sie schon weich waren. Da es sich so verhielt, riß er
-der größten ein Beinchen aus, blies ein wenig herauf
-und benagte es dann mit der Miene eines Menschen, der
-hat, was er braucht. Die Köchin hatte die fetten Hände
-überm Bauch gefaltet und sah ihm wohlgefällig zu.</p>
-
-<p>»Schmeckt gut?« fragte sie.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte er.</p>
-
-<p>»Vielbeliebt und anjenehm zu heren.«</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-Drittes Kapitel</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>A</b>uf dem Zarnoskyschen Hof stand ein uralter
-Birnbaum. Sein Stamm war so stark wie
-vier feiste Mönche zusammen, und seine
-mächtige Krone bildete eine Art chinesisches Dach über
-einem großen Teil des Hofes. Um den Stamm lief
-ein Tisch und um den Tisch eine Bank; beide wurden
-viel zum Sitzen benutzt, der Tisch noch mehr als die
-Bank.</p>
-
-<p>Wieder ging ein Frühlingstag zu Ende. John
-saß unter dem Birnbaum auf dem Tisch, die Füße
-auf der Bank, und starrte nachdenklich und versunken
-in die Abendsonne. Sie schwebte über einem sehr
-alten rosa Häuschen, das mit dem Giebel an den
-Hof stieß. Dieser Giebel hatte nur ein einziges
-Fenster und sonst nichts als seine rosa Farbe. John
-war froh. Er hatte beschlossen, noch ein drittes Mal
-in die Heilanstalt für Trinker zu gehen, und dieses
-dritte und letzte Mal sollte ihn für immer kurieren;
-denn: er wollte hinterher nie mehr einen Tropfen
-Alkohol über seine Lippen bringen, das hatte er sich
-mit den heiligsten Eiden zugeschworen. Und darum
-hoffte er nun, eines Tages wieder gesund, stark und
-<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-schön zu sein, er hoffte, einst wieder zu den glücklichsten
-Menschenkindern der Welt zu gehören. (Mit
-siebenundzwanzig Jahren hofft man noch leicht, hält
-man das Wunderbarste für möglich.) Bald nach
-Ostern wollte er seinen Entschluß kundtun und zur
-Ausführung bringen. Peter sollte ihn in die Anstalt
-begleiten.</p>
-
-<p>Der Ziegenbock sprang vor seinem Herrn herum
-und tanzte auf den Hinterbeinen. Plötzlich öffnete
-er seine kleine schwarze Schnauze, zeigte eine dicke
-rosa Zunge und schrie aufgeregt: »Mämämämä«&nbsp;...</p>
-
-<p>»Ich bin deine Mama,« sagte John zärtlich,
-»deine Mama und auch dein Papa.«</p>
-
-<p>Das Giebelfenster des rosa Häuschens sprang
-klirrend auf, und ein brauner Christuskopf lugte heraus.
-»John,« rief er, »soll ich auf den Hof kommen?«</p>
-
-<p>»Ja, komm!« sagte der Trinker.</p>
-
-<p>Der Mensch mit dem Christuskopf war der
-Bruder von Onkel Johns Frau, achtunddreißig Jahre
-alt und schwachsinnig. Sein verstorbener Vater war
-Superintendent gewesen, und darum bildete er, Johannes,
-sich ein, zum mindesten Pfarrer zu sein. Die
-Verwandten unterstützten seine Torheit, indem sie
-ihn »Pfarrer« nannten. Sie sagten Pfarrer, anstatt
-Johannes, sie gebrauchten den Titel wie einen Vornamen.
-Johannes hatte noch einen Bruder, der weit
-schwachsinniger war als er selbst. Die beiden Brüder
-lebten ganz allein mit einer mürrischen Haushälterin
-in dem alten rosa Häuschen, das ihr Eigentum war.
-Und sie lebten dort in ziemlicher Dürftigkeit, trotz
-guter Vermögensverhältnisse; denn Onkel John verwaltete
-<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-ihre Zinsen, und zwar mehr zu Nutz und
-Frommen seines Geflügelhofes, als zu dem seiner
-einfältigen Schwager.</p>
-
-<p>»Friede sei mit dir!« sagte Johannes würdevoll,
-als er John die Hand reichte.</p>
-
-<p>»Und der Stock regiere dich!« witzelte dieser wie
-gewöhnlich, trotz der abwehrenden Geste des frommen
-Idioten.</p>
-
-<p>»Hast nich ein Stummelchen? Hast nich, hast
-nich?« fragte Johannes, sich fröstelnd die hageren
-Hände reibend. Er trug wie John eine dunkle Sportmütze,
-die sich auf seinem lockigen Christuskopf seltsam
-genug ausnahm. Um den Hals hatte er ein
-schwarzes Halstuch geschlungen. Sein blauer Anzug
-war fleckig und abgetragen, die Jacke zu weit, die
-Hose zu kurz; denn beides hatte einst Onkel John
-gehört, der stärker und kleiner war.</p>
-
-<p>»Kein Stummelchen?« sagte Johannes, traurig
-den Kopf senkend, als John die Frage verneinte.
-Und wie er so die Mütze abnahm, um sie mit ergebungsvoller
-Miene ein wenig abzustäuben, da glich
-er ganz Christus, und John, der ebenfalls die Mütze
-abgenommen hatte und voll Mitleid von seinem
-Platz auf ihn herabsah, konnte wohl Pontius Pilatus
-vorstellen: Christus vor Pontius Pilatus.</p>
-
-<p>»Stummelchen habe ich keine,« wiederholte der
-Trinker, »aber eine Zigarre habe ich heute für dich.«</p>
-
-<p>Johannes rauchte für sein Leben gern. Er ließ
-einen Zigarrenstummel nicht früher aus dem Munde,
-als bis er ihm Bart und Lippen versengte. Man
-machte ihm jedesmal eine große Freude, wenn man
-<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-ihm eine ganze Zigarre schenkte; denn für gewöhnlich
-mußte er sich mit den Stummeln begnügen, die Johns
-Vater (der einzige Raucher unter den Zarnoskys)
-für ihn aufhob. Er selbst konnte sich keine Zigarren
-kaufen, da er kein Taschengeld bekam. Sein und
-seines Bruders Taschengeld verwaltete die Haushälterin,
-und zwar mehr zu Nutz und Frommen ihres
-Sparkassenbuches, als zu dem ihrer schwachsinnigen
-Pflegebefohlenen. Zuweilen schenkte ihnen die Schwester
-Zigarren und Delikatessen; aber nur Johannes rauchte,
-und die Delikatessen aß die Haushälterin auf.</p>
-
-<p>Johannes begann vor Wonne zu stammeln, als
-John ihm eine schöne lange Zigarre unter die Nase
-hielt. »Riech mal,« sagte der Trinker. Dann lehnte
-er sich zurück: »Und nun fang sie auf.«</p>
-
-<p>Der Schwachsinnige hob die Hände, die Zigarre
-erwartend. Aber John narrte ihn immer wieder,
-indem er nur so tat, als ob er werfen wolle. Schließlich
-forderte er den Idioten auf, Gott zu lästern,
-oder er bekäme sie nicht. John hatte nämlich herausbekommen,
-daß man Johannes wohl zu diesem und
-jenem verleiten konnte, aber nicht dazu, Gott zu
-lästern. »Ein Pfarrer darf das nicht,« entgegnete er
-dann stets.</p>
-
-<p>Das entgegnete er auch diesmal; doch John
-ließ es nicht gelten. Er zog eine Schachtel Streichhölzer
-aus der Tasche und drohte, die Zigarre selbst
-zu rauchen, wenn Pfarrer es nicht gleich täte. »Liebes
-gutes Johnche,« flehte der Unglückliche, »gib, gib!
-Darf ich nich. Darf ich nich.«</p>
-
-<p>Der Trinker biß die Spitze von der Zigarre ab,
-<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-indem er Johannes wie ein Folterknecht angrinste.
-»Na, wird's bald?« fragte er zwischen den Zähnen.</p>
-
-<p>Die Abendsonne legte einen roten Heiligenschein
-um den lockigen Christuskopf des Idioten. Er stand
-da, die Hände um die Mütze gefaltet, die Augen wie
-ein Verschmachtender auf die Zigarre gerichtet. Seine
-Lippen bewegten sich; aber es kam kein Ton. Er
-hatte schon tagelang nichts zu rauchen gehabt, und
-eine ganze Zigarre hatte er schon seit Wochen nicht
-sein eigen genannt; er zitterte vor Gier nach dem
-so lange entbehrten Genuß. Dieser Zigarre gegenüber
-unterlag er der Versuchung, das fühlte er.
-»Johnche,« flüsterte er mit versagender Stimme,
-»hab schon was jesacht. Hast bloß nich jehört, hast
-bloß nich jehört.«</p>
-
-<p>»Das ist nichts. Das gilt nicht,« grinste der
-Trinker.</p>
-
-<p>Pfarrer bebte wie Espenlaub, und seine Zähne
-schlugen leise klirrend zusammen. »Er &ndash; er &ndash; ist, ist &ndash;
-ein Esel!« stieß er plötzlich ganz kreidebleich hervor,
-als John schon dabei war, ein Streichholz zu entzünden,
-und fast schreiend setzte er hinzu: »Aber nur
-ein ganz kleiner, nur ein ganz kleiner!«</p>
-
-<p>John wollte lachen und konnte nicht. »Das war
-noch nichts Rechtes,« sagte er beinahe verlegen, »aber
-für diesmal wollen wir es gelten lassen. Hier!«</p>
-
-<p>Johannes pflanzte die Zigarre glückselig in den
-Mund. John gab ihm Feuer.</p>
-
-<p>Obgleich dieser mit den beiden Schwachsinnigen
-gern allerhand seltsame und boshafte Experimente
-vornahm, tat er doch mehr für sie als ihre nächsten
-<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-Anverwandten. Wenn sie sich bei ihm über die Haushälterin
-beklagten, ging er auf der Stelle hin und
-stellte sie unter den heftigsten Drohungen zur Rede.
-Die sonst sehr unerschrockene Person hatte einen gewaltigen
-Respekt vor John, ja, sie zitterte förmlich
-vor ihm, da sie ihn zu allem fähig hielt. Zweimal
-in jeder Woche ging er im rosa Häuschen das Essen
-kosten. War es nicht gut, dann bekam die Haushälterin
-die Drohung zu hören, daß er sie wegen
-Veruntreuung und Diebstahl anzeigen werde. Johannes
-und Markus bewunderten Johns Mut aufs tiefste;
-er war ihr Held, ihr Ideal. Und da er sie, die ewig
-Hungrigen, oft satt machte, darum liebten sie ihn
-wie einen Vater und nahmen seine Neckereien und
-Quälereien so ruhig und ergeben hin, wie der Türke
-die Schicksalsschläge.</p>
-
-<p>Die Abendsonne glitt langsam am glasblauen
-Himmel herab, glutrot und groß. Johannes hatte
-sich neben John auf den Tisch gesetzt und dampfte
-wie ein Pascha. Er wäre jetzt der glücklichste Mensch
-der Welt gewesen, wenn er nicht die Gotteslästerung
-hinter sich gehabt hätte. »Johnche,« fragte er leise,
-»meinst, er hat jehört? Meinst? Meinst?«</p>
-
-<p>»Was wird er nich jehört haben?!« entgegnete
-dieser. »Der hört doch alles!«</p>
-
-<p>»Johnche, du lachst&nbsp;...?«</p>
-
-<p>»Na, vielleicht hat'r auch nich jehört. Vielleicht
-schlief'r auch schon. Is doch'n alter Mann.«</p>
-
-<p>»Hast recht! Hast recht!« sagte aufatmend der Idiot.</p>
-
-<p>Sie starrten beide nach den roten Abendwolken,
-die ganz seltsame, phantastische Formen hatten. Springenden
-<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-Pferden mit Hörnern und Krallen ähnlich,
-wandelten sie langsam durchs Himmelsblau.</p>
-
-<p>»Möchtest du da reiten?« fragte John mit einer
-Kopfbewegung nach oben.</p>
-
-<p>»Jefährlich, jefährlich,« meinte Johannes.</p>
-
-<p>»Wenn es aber ins Paradies ginge, Pfarrer?«</p>
-
-<p>In die Augen des Schwachsinnigen kam ein
-sehnsüchtiger Ausdruck. »Ins Paradies?« wiederholte
-er verträumt. »Ach ja, Johnche, da möcht' ich jleich hin.«</p>
-
-<p>»Ei, wenn es da nichts zu rauchen gibt?«</p>
-
-<p>Johannes kicherte blöde los. »Wird schon, wird
-schon,« meinte er, »da jibt's doch alles umsonst.
-Zigarren &ndash; Bratäpfel &ndash; Glacéhandschuhe&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Weißt du was?« sagte der Trinker, die Frühlingsluft
-schlürfend. »Ich werde wieder gesund werden.
-Ich geh nach Ostern in eine Anstalt und komm gesund
-zurück.«</p>
-
-<p>Pfarrer sah ihn ehrfurchtsvoll an. »Ja? Ja?«
-Und dann ließ er nachdenklich den Kopf hängen,
-hüllte sich in Rauchwolken und schwieg.</p>
-
-<p>Nachdem er geraume Zeit still vor sich hingebrütet
-hatte, bat er John verlegen und zaghaft, ihn doch
-in diese Anstalt mitzunehmen.</p>
-
-<p>»Wieso?« fragte John.</p>
-
-<p>Der Schwachsinnige errötete wie ein junges
-Mädchen und wollte nicht mit dem Grunde herausrücken.
-Endlich kam es halb gestammelt, halb geflüstert:
-Er möchte auch gern gesund werden: klug werden.
-»Nich mehr Idiot, nich mehr Idiot!« rief er klagend.
-Darauf senkte er das erblaßte Gesicht wie jemand, der
-die Wirkung seiner Worte nicht abzuwarten wagt.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-Schweigen.</p>
-
-<p>»Das geht nicht,« sagte John kurz. »Oder &ndash;
-du müßtest sterben. Die Toten sind alle klug.«</p>
-
-<p>»Sterben?« stotterte Johannes erschreckt und
-enttäuscht. »Neinein! Lieber nich, lieber nich! Noch
-e bißche warten, noch e bißche warten!«</p>
-
-<p>John lachte kurz auf. Und seine Lippen brannten
-rot in der sinkenden Sonne. Er legte den Kopf auf
-eine Seite und begann leise zu pfeifen. Es klang,
-als ob ein Vogel lockte. Es klang nach Frühlingslust
-und Lebensgier. Es war ein Lied von der einzigen
-Wonne &ndash; zu leben.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-Viertes Kapitel</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>D</b>ie beiden Ausreißer sahen sich an und
-lachten. Es war nicht leicht gewesen, die
-Reise zu unternehmen, da sie im geheimen
-vor sich gehen mußte; denn man hätte John, krank
-wie er war, nie gestattet, mit Johannes einen Ausflug
-zu unternehmen. Nun freuten sich beide, daß
-alles so wohl gelungen, und daß sie nun da waren,
-wo sie hingewollt. Obgleich die Fahrt nur eine
-Stunde gedauert hatte, fühlte sich John doch sehr
-angegriffen, als er mit seinem Gefährten aus dem
-Zug stieg. Hinter dem ersten Zaun mußte ihm
-Johannes die große Flasche Kognak reichen, die sie
-mitgenommen hatten, und nun goß er Kognak wie
-Wasser in sich hinein. Darauf lachte er wieder über
-das ganze Gesicht, und Johannes wieherte aus vollem
-Halse, weil er das für schicklich hielt, wenn sein
-Ideal fröhlich war. John faßte ihn unter und schritt
-würdevoll mit ihm weiter. Sie waren ein seltsames,
-auffallendes Paar. Der Trinker hatte sich in der
-Eile mit einem alten hellgelben Winterüberzieher bekleidet,
-der übermäßig kurz war und stark nach Naphthalin
-roch. Sein dicker Schädel schien die Kopfbedeckung
-<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-sprengen zu wollen. Das kleine, steife,
-schwarze Hütchen saß da, als müsse es jeden Augenblick
-herunterhüpfen oder bersten. Pfarrers lange,
-hagere Figur zierte ein großkarierter alter Reisemantel
-von Onkel John. Auf dem Kopf trug er
-die unvermeidliche Sportmütze, da er keinen Hut
-besaß. Halb Engländer, halb Christus schleppte er
-eine umfangreiche Reisetasche, die die Kognakflasche
-und eine Menge Mundvorrat enthielt &ndash; für den
-Amalie im geheimen gesorgt hatte.</p>
-
-<p>Der Apriltag war so warm und golden wie ein
-Maientag. Es schien nicht Ostern, es schien Pfingsten
-zu sein; die Natur war so weit, wie sonst nur im
-Mai. Die Obstbäume blühten schon hier und dort,
-und die Butterblumen glänzten überall wie kleine
-Sonnen im Gras. Das junge Birkenlaub glich
-flachen, goldgrünen Blüten, die ein leise wehender
-Wind in fortwährendem Zittern erhielt. Das sah
-nun aus, als hingen zahllose, lautlos schwingende
-Glöckchen an den Birkenzweigen. John und Johannes
-schritten durch eine Allee solcher Glöckchenbäume.
-Niemand begegnete ihnen. Hier und dort blickten
-bunte Strandvillen über nahe und ferne grüne Hecken.
-Johannes hatte in seiner Brusttasche ein Paar weiße
-Glacéhandschuhe, die er für sein Leben gern aufgezogen
-hätte; aber John erlaubte es ihm nicht. Die
-beiden schwachsinnigen Brüder schwärmten einträchtig
-für weiße Glacéhandschuhe &ndash; und Bratäpfel, besonders
-aber für weiße Glacéhandschuhe. Die ihnen jetzt
-niemand mehr schenken wollte. Als der Vater noch
-lebte, hatten sie solche Handschuhe zu Dutzenden bekommen;
-<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-aber jetzt&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;! Immer wieder mußten sie
-alte Paare mit Benzin reinigen, wenn sie das
-sehnsüchtige Verlangen hatten, sich irgendwo mit
-weißen Glacéhandschuhen zu zeigen.</p>
-
-<p>Die Allee endete auf der Düne, von der eine
-uralte Treppe aus breiten Steinen und mit wackligem
-Holzgeländer durch eine lange, winklige, baumreiche
-Schlucht zum Strand hinabführte.</p>
-
-<p>»Steigen wir 'runter?« fragte John.</p>
-
-<p>»Jefährlich, jefährlich,« meinte Johannes.</p>
-
-<p>Sie standen Arm in Arm und blickten mit Scheu
-und Bewunderung über die halbdunkle Schlucht hinweg
-auf die weite, weite, blaue See.</p>
-
-<p>»Große bunte Käfer, schöne bunte Käfer,« sagte
-Johannes, mit vergnügtem Lachen auf die Osterausflügler
-zeigend, die bienenemsig am Ausgang der
-Schlucht auf der Mole herumkrabbelten.</p>
-
-<p>»Erst essen wir etwas und dann steigen wir
-auch herunter,« sagte John und setzte sich auf die
-nächste Bank.</p>
-
-<p>Pfarrer folgte ihm mit verklärter Miene. »Essen«
-war und blieb doch das Schönste für ihn. Seine
-langen, hageren Hände sofort in die Tasche grabend,
-brachte er Päckchen auf Päckchen zum Vorschein. Der
-Trinker griff zuerst nach der Kognakflasche und tat
-aufs neue einen langen, tiefen Zug. Johannes entkapselte
-für sich einen Zitronensprudel, zu dem er eine
-Serie harter Eier genoß. John hatte wenig Appetit,
-da das Mittagessen noch nicht weit zurücklag. Bei
-Johannes machte das nichts aus; der konnte schon
-wieder wie ein Drescher einpacken. Er stieß ein unwilliges
-<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-Knurren aus, als John »genug!« ausrief.
-Was war ihm Schlucht, was war ihm See, wenn
-neben ihm eine Tasche mit den schönsten Eßwaren stand.</p>
-
-<p>Arm in Arm, langsam und ängstlich wie der
-Lahme mit dem Blinden, begann das Paar den Abstieg.
-Auf der halben Treppe mußten sie schon rasten,
-weil John die Luft ausging. Mit bläulichem Gesicht
-sank er auf die Stufen nieder, und Johannes mußte
-ihm wieder die Kognakflasche reichen. »Da haben
-wir den Salat,« sagte John, melancholisch ins Grüne
-spuckend. Der Schwachsinnige nahm ein paar Stufen
-tiefer Platz und zog sich heimlich einen weißen Handschuh
-auf. Jeden Augenblick konnten Leute die Treppe
-herauf- oder herunterkommen, Leute mit neugierigen
-Augen &ndash; ohne weiße Glacéhandschuhe. Pfarrer
-wollte ein bißchen »feiner Mann« spielen. Es dauerte
-auch nicht lange, so kamen zwei junge Mädchen die
-Treppe heruntergekichert. Helle Kleider, flatterndes
-Haar. »Scheene Kinder,« schmunzelte Pfarrer, die
-weiße Hand wie einen Fächer bewegend. John fuhr
-fort, ins Grüne zu starren. Was gingen ihn diese
-Mädchen an?! Ja, wenn Peter gekommen wäre&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;!
-Es tat ihm sehr leid, daß »der Junge« zu Hause
-sein mußte. Die Mädchen girrten wie Tauben, als
-sie an dem seltsamen Paar vorübersprangen. Gleich
-danach platzten sie los. Ihr Lachen rieselte die Schlucht
-herauf und herunter, und das Echo gab es verhaltener
-wieder.</p>
-
-<p>Und die Vögel sangen, und die Wellen riefen,
-und es duftete das Laub. Es war ein Frühlingstag,
-wie es nicht viele gibt; die Welt war so schön wie
-<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-ein Traum. Selbst Johannes empfand das. Unwillkürlich
-nahm er die Mütze ab und saß barhäuptig
-da, als sei er der Natur diese Ehrfurcht schuldig.</p>
-
-<p>Nach einer halben Stunde waren sie unten und
-schritten Arm in Arm bis zum Ende der Mole, wo
-es ganz menschenleer war, und nur die Wogen, gleich
-wilden Pferden, mit lautem Geschrei und hochflatternden
-weißen Mähnen dahergestürmt kamen.
-Die Mole war schmal und kroch wie eine graue
-Schlange am Fuß der steilen, beinahe ockerfarbenen
-Dünenwand entlang, von der hier und da der gelbe
-Sand, leise klirrend, herunterrieselte. Auf der Höhe
-standen große Bäume, und einer von ihnen neigte
-sich weit über die Düne, als müsse er herunterschauen
-oder als sei er im Begriff herabzustürzen. Der
-Himmel war afrikanisch blau über dem leuchtenden
-Gelb der steilen Sandwand.</p>
-
-<p>John war, als fahre die Mole unter ihm davon,
-als sie stehen geblieben waren und auf das Wasser
-blickten; sich auf Johannes stützend, schloß er erschreckt
-die Augen. Nun fuhr er mit; die Mole und die
-ganze Welt schien langsam mit ihnen davonzufahren.
-John hielt sich an Johannes, wie der Schiffbrüchige
-am Mast, und auf einmal glitt er lautlos zu Boden.
-Ein Schwindelanfall, der nur langsam vorüberging.
-»Ich bin schläfrig,« sagte er schließlich auf Pfarrers
-angstvolles Fragen mit seiner gewöhnlichen Stimme,
-und er streckte sich aus und ließ die Sonne auf
-seinen gelben Wintermantel brennen.</p>
-
-<p>Der Schwachsinnige strich ratlos seinen Christusbart,
-er blickte scheu auf das große Wasser, dem er
-<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-nun ganz allein gegenüberstand; am liebsten wäre er
-nach Hause gelaufen. Nach einer Weile hockte er
-sich neben seinem bereits schnarchenden Freunde nieder,
-der See den Rücken zudrehend, und sah unentwegt
-auf die Reisetasche: ihr Anblick war ihm eine Oase
-in der Wüste. Den Handschuh hatte er längst wieder
-abziehen müssen. John hatte ihm vor allen Leuten
-mit einer Backpfeife gedroht, wenn er es nicht auf
-der Stelle täte. Es war ihm nichts anders übrig
-geblieben, als zu gehorchen.</p>
-
-<p>Pfarrers Phantasie sah auf der Tasche einen
-Mädchenkopf mit großen, lachenden Augen. Pfarrer
-hatte sich wieder einmal verliebt. Das eine der beiden
-Mädchen, die auf der Treppe an ihm vorübergesprungen,
-hatte es ihm angetan. Und nun glaubte
-er, sie immer wieder kichern zu hören; es war aber
-nur der Sand, der so klirrend von der Düne rieselte.</p>
-
-<p>Es rieselte&nbsp;... es rieselte, und die Wogen warfen
-sich mit eintönigem Geschrei gegen die Mole. Pfarrer
-legte das Gesicht auf die Reisetasche, da, wo er sich den
-Mädchenkopf dachte, und brummelte sich in den Schlaf.</p>
-
-<p>Die Wellenpferde kamen laut herangejagt, sprangen
-an der Mole hoch und brachen fauchend zusammen;
-neue kamen, sprangen an der Mole hoch und brachen
-fauchend zusammen; neue kamen&nbsp;... und die Sonne sah
-ihnen strahlend zu und segelte majestätisch ihren Weg.</p>
-
-<p>Es war gegen halb sechs, als John endlich
-aufwachte. »Dore! Kaffee! Kaffee!« brummte er.</p>
-
-<p>»Kaffee! Kaffee!« echote der Idiot.</p>
-
-<p>John sah sich betreten um. »Pfarrer,« stotterte
-er, sich die Augen reibend, »was ist das hier?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-»Ostsee! Ostsee! Ostsee!«</p>
-
-<p>Der Kranke verzog das Gesicht. »Ich säße jetzt
-lieber zu Hause,« sagte er mißmutig.</p>
-
-<p>»Ich auch! Ich auch!« sagte Johannes.</p>
-
-<p>»Da hinauf komm' ich heut' nicht mehr,« murmelte
-John, auf die Düne zeigend.</p>
-
-<p>Johannes verfärbte sich. »Bleib nich! Bleib
-nich!« rief er entsetzt. »Graurig hier! Graurig hier
-im Dunkeln!«</p>
-
-<p>»Ich werde schon Mittel und Wege finden, daß
-wir vor acht auf dem Bahnhof sind,« versetzte der
-Trinker mit seinem Imperatorenlächeln.</p>
-
-<p>Und der Schwachsinnige vertraute seinem Ideal.
-»Is gut! Is gut!« sagte er beruhigt.</p>
-
-<p>John versuchte nun fröhlich zu sein; aber es
-wollte ihm nicht recht gelingen, und je näher der
-Abend kam, desto stiller wurden sie alle beide. Johannes
-begann wieder zu essen; doch diesmal ohne Genuß:
-die große Nähe des weiten, lärmenden Wassers bedrückte
-zu sehr sein Gemüt. Und John bedrückten
-Todesgedanken. Er kam sich vor wie ein Sterbender,
-der sich noch einmal in die Sonne gesetzt, der das
-Meer und die Sonne noch einmal sehen wollte, um
-von ihnen Abschied zu nehmen. Das Gebrüll der
-Wogen hatte seine Fröhlichkeit verloren. Sie klagten
-jetzt immer lauter und lauter und hohler: eine tragische
-Musik. John lehnte sich schwer an die kalte Dünenwand
-mit dem rieselnden Sande. Er hatte einen Ton
-im Ohr, der aus der Ferne zu kommen schien, aus einer
-Ferne, die nicht auf Erden war. Der Tod schlug mit
-der Sichel an. »Ich komme bald!« klang's aus der Ferne.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-»Ich verreise nächstens,« sagte John plötzlich.</p>
-
-<p>»Weiß! Weiß!« murmelte Johannes.</p>
-
-<p>»Nicht in die Anstalt,« sagte der Trinker.</p>
-
-<p>Der Schwachsinnige wieherte geheimnisvoll, so,
-als wisse er über alles Bescheid.</p>
-
-<p>»Weißt du, zu wem?« fragte John.</p>
-
-<p>»Zu wem? Zu wem?« stotterte Johannes.</p>
-
-<p>»Zum Tode &ndash; Pfarrer.«</p>
-
-<p>Der Idiot lachte verblüfft und ängstlich. »Ach
-ja&nbsp;&ndash;?!« sagte er mit ungläubiger Miene. Und dann
-halb scherzhaft, halb wißbegierig: »Hat er einen
-Garten? Einen Garten?«</p>
-
-<p>»Einen großen,« erwiderte John, »mit einer
-hohen, blutroten Mauer herum.«</p>
-
-<p>»Äpfel? Äpfel im Garten?«</p>
-
-<p>»Nee! Mohnblumen, nichts als Mohnblumen.«</p>
-
-<p>»Was tust mit Mohnblumen?!« sagte Johannes
-in wegwerfendem Tone.</p>
-
-<p>»Du riechst sie,« murmelte John, »und dann
-vergißt du das Leben: alles, was dich geplagt hat.«</p>
-
-<p>»Will nich verjessen! Will nich!« brummte
-Johannes trotzig.</p>
-
-<p>»Aber eine Zigarre würdest du wollen, was?«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte der Schwachsinnige, treuherzig wie
-ein Kind.</p>
-
-<p>Er bekam eine und sog wie ein Rasender an
-dem dicken, etwas feucht gewordenen Stengel, ohne
-ihn in ordentliches Glimmen zu bekommen. John
-lachte über Pfarrers verzweifelte Anstrengungen, aber
-seine Augen sahen nach Tränen aus; denn seine
-Schmerzen meldeten sich, und es begann ihn auch zu
-<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-frieren, da die Sonne hinter großen Wolken verschwunden
-war. Die Wolken waren, kaum bemerkt,
-herangezogen und standen nun wie Elefanten am
-Himmel, See und Land beschattend und die Mole
-mit den beiden traurigen Träumern.</p>
-
-<p>»Warum ließen sie mich zum Säufer werden?«
-stieß John nach langem Schweigen zwischen den
-Zähnen hervor.</p>
-
-<p>Der Schwachsinnige wieherte kläglich.</p>
-
-<p>»Warum ließen sie es zu?« wiederholte John
-fast schreiend in herzzerreißendem Tone.</p>
-
-<p>»Iß! Iß!« stammelte Johannes in ratloser Bestürzung.</p>
-
-<p>Die Elefanten schickten einen kurzen, klingenden
-Hagelgruß herunter, auf den ein harter, rascher Regen
-folgte. Die Tropfen tanzten zischend über die Frühlingssee
-und klapperten rhythmisch auf der Mole.
-Dann wurde es wieder still. Die Sonne schob ihr
-gelbes Kinn um die Ecke einer Wolke, und ein
-Regenbogen flammte groß und strahlend am dunkeln
-Himmel auf. Das war das Finale des kurzen Konzertes.</p>
-
-<p>Auf John und Johannes wirkte der Regenbogen
-wie Regimentsmusik. Sie reckten sich die Hälse nach
-ihm aus und machten frohe Augen und schüttelten
-lachend den Regen ab, dem sie ganz regungslos standgehalten.
-»Es ist Zeit, daß wir aufbrechen,« sagte
-John nach einem tüchtigen Schluck aus der Kognakflasche,
-und nun mußte Johannes die Tasche nehmen, und
-dann ging es zu seinem Erstaunen von der Mole
-herunter, immer weiter in die Fremde hinein. Es
-war nicht leicht, durch den nassen Sand zu wandern,
-<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-über diesen schmalen Strand, den von der Düne
-gestürzte Bäume und große Steinblöcke versperrten.
-Johannes wurde immer kleinlauter; John lachte, obgleich
-ihm die Schweißtropfen auf der Stirn standen.
-Doch der Schwachsinnige vertraute auch jetzt seinem
-Ideal. Er fragte nicht einmal: Wohin gehen wir
-eigentlich? Gehen wir hier zur Bahn? Er trabte
-schweigend mit, die tote Zigarre im Munde.</p>
-
-<p>So ging's bis zur nächsten Ecke der Dünenwand,
-hinter der zu Pfarrers Freude die Bodenerhebung
-sich senkte. Man hatte die Düne auf dieser
-Stelle bis zu einer sanft ansteigenden schiefen Ebene
-erniedrigt, eine Ebene, die die Fischerkinder dazu
-benutzten, um darauf in Purzelbäumen zur See
-herunterzuschnellen.</p>
-
-<p>Drei Jungen waren eben dabei, auf diese Art
-den Abstieg zu machen, als John und Johannes,
-fremdartig wie die Weisen aus dem Morgenlande,
-auf der Bildfläche erschienen. »Ziert euch nicht!« rief
-der Trinker. »Immer runter was die Büxen halten!«</p>
-
-<p>Sechs braune Beine schnellten hurtig durch die
-Luft, und bald standen drei sommersprossige, weißblonde
-Bengels in blauen Hosen auf dem Strande.
-»Jungens, habt ihr nicht einen Handwagen?« fragte
-John leutselig.</p>
-
-<p>Es kam heraus, daß die Eltern von Tiburzigs
-Franz einen hatten, einen ganz neuen, auf dem ein
-Mensch bequem sitzen konnte. Tiburzigs Franz versprach,
-ihn zu holen, und für fünfzig Pfennige
-wollten die Jungen das Paar in die Höhe fahren.</p>
-
-<p>Johannes zog es vor, zu Fuß zu gehen, und
-<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-nur John stieg in die Kutsche, stolz und gelassen
-wie ein Triumphator. Ein Dutzend schmutziger Fischerkinder
-schrien hopsend »huhraaah«, als die Fahrt
-losging. John lächelte huldvoll nach allen Seiten,
-und manchmal sah er nach der Regenbogenbrücke
-auf, und manchmal sah er nach dem Meer zurück.
-Die Wogen schwankten bacchantisch ihren Weg; sie
-schwankten, hoch und voll, schwarzgrün und gläsern,
-mit weißem Schaum und roten Flecken unter dem
-breiten Lächeln der sinkenden Sonne dem stillen
-Strand entgegen.</p>
-
-<p>Und das Grün der Gärten schimmerte wie
-Smaragd nach dem Osterregen, und der Flieder
-duftete schon vor dem Blühen. Es war ein Frühlingsabend,
-wie es nicht viele gibt; die Welt war
-so schön wie ein Traum.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-Fünftes Kapitel</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>P</b>eter war verschwunden. Am zweiten Osterfeiertag,
-als John und Johannes an der
-See waren. Das war ein Herzeleid für
-John. Er schickte immer wieder Leute auf die Suche
-nach ihm aus, er annoncierte seinen Verlust immer
-wieder in den Zeitungen; es nützte alles nichts:
-Peter blieb verschwunden. Und die Frühlingstage
-kamen und gingen, und John dachte nicht mehr
-daran, in die Anstalt zu gehen; er dachte nur an
-seinen verlorenen Liebling. Er betrauerte ihn wie
-einen Sohn, er fand nicht Ruh bei Tag und Nacht,
-wenn er sich das Tier in schlechten Händen vorstellte.
-Seine Liebe zu Peter wuchs ins Grenzenlose, ins
-Abnorme. Und er trank vom Morgen bis zum Abend,
-um seinen Kummer zu betäuben.</p>
-
-<p>Doch eines Morgens erwachte er mit heiterer
-Miene. Sein Gesicht war ganz naß von Tränen;
-aber seine Augen strahlten. Noch vor dem Aufstehen
-schickte er nach Johannes, weil er ihm etwas sehr
-Schönes und Merkwürdiges mitzuteilen habe.</p>
-
-<p>Der Schwachsinnige trat mit weißen Glacéhandschuhen
-an und war so neugierig wie hungrig.
-<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-Doch beim Anblick von Johns Frühstück verließ ihn
-die Neugier und nur der Hunger blieb; er vermochte
-kein Auge von dem besetzten Tablett zu lassen. John
-sah ein, daß Johannes nicht imstande sein würde
-»das Wunderbare« zu würdigen, ehe er nicht gefrühstückt
-hatte. Rasch auf das Tablett zeigend, hieß
-er ihn essen, so schnell er konnte.</p>
-
-<p>Der Schwachsinnige griff zu, als habe er schon
-tagelang fasten müssen. John heftete die verschwimmenden
-Augen auf die verräucherte Decke und wartete,
-die wachsgelben Hände wie zu einem Dankgebet auf
-der Decke gefaltet, bis Johannes mit dem Frühstück
-fertig war. Dann hub er an:</p>
-
-<p>»Mir träumte, daß wir beide auf den Kirchhof
-gingen. (Johannes nickte beifällig. Auf den Kirchhof
-ging er gern. Ohne daß John es merkte, hob
-er mit angefeuchteten Fingerspitzen Krümel auf, um
-sie heimlich in den Mund zu stecken.) Ein herrlicher
-Traum!« flüsterte der Trinker. »Der ganze Kirchhof
-war bunt von Blumen &ndash; und wir suchten Peters
-Grab. Er sollte dort begraben sein. Und als wir
-zu dem Winkel kamen, wo jetzt die vielen Vergißmeinnicht
-blühen, da stand er plötzlich vor uns. Viel
-größer als früher und so schön, so schön! Sein Fell
-strahlte wie schwarzes Metall, und seine Augen waren
-wie kleine blaue Monde, und am Halse trug er eine
-große Passionsblume. Wir hatten Angst, ihn anzufassen;
-aber da kam er auch schon auf mich zu und
-auf einmal &ndash; auf einmal sagte er: &rsaquo;Vater!&lsaquo;«</p>
-
-<p>Johannes wieherte ganz verdutzt. »Wirklich
-wahr? Wirklich wahr?« fragte er ungläubig.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-»Er sagte Vater &ndash; ich höre es noch. Und dann
-sagte er, es gehe ihm gut; er sei nun tot und habe
-alle Quälereien hinter sich. Und ich soll mich nicht
-mehr um ihn grämen.«</p>
-
-<p>Johannes blickte John ratlos an. Verlegen seinen
-Christusbart streichend, bemühte er sich schweigend
-mit der Zunge nach einem Krümel in einem hohlen
-Zahn: er sah recht einfältig dabei aus. »Jehn wir
-heut spazieren?« fragte er demütig.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte John, die Augen wieder nach oben
-richtend, »wir gehen heute auf den Kirchhof. Nach
-dem Vergißmeinnichtwinkel. Vielleicht erscheint er
-uns dann noch einmal &ndash; noch einmal&nbsp;...« Es sprach
-eine solche Sehnsucht aus diesen beiden Worten, daß
-selbst Johannes ergriffen war.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Aber der Winkel blieb leer. Kein Peter kam,
-so sehr ihn John auch rief. Da ließ er sich auf eine
-Bank fallen und weinte wie ein Kind. Und es war
-ein so lieblicher Maiennachmittag. Auferstehung, Auferstehung
-glänzten Blätter und Blumen, und die
-Vögel, die über den Kirchhof flogen und auf den
-Bäumen saßen, erzählten zwitschernd und singend
-von der Süße des Lebens.</p>
-
-<p>Nicht weit von dem traurigen Paar saß ein
-kleiner, buckliger Mann. Er saß auf einem Holzgestell
-vor einem Kreuz, dessen Inschrift er frisch
-bronzierte. Er pfiff langsam und selbstgefällig ein Kirchenlied,
-wobei er seinen runden schwarzen Kopf wie eine
-Kugel zwischen den hohen Schultern hin- und herrollte.</p>
-
-<p>»Hör' schon auf!« brüllte John, als das fromme
-Lied kein Ende nahm.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-»Na nu', Gott geb! Man wird doch wohl noch
-pfeifen dürfen!« brummte der Bucklige, und dann
-brummte er noch einiges, was unverständlich blieb,
-und dann versank er in tückisches Schweigen. Doch
-von Zeit zu Zeit spie er heftig auf die Erde, wodurch
-er John seine Verachtung ausdrücken wollte.</p>
-
-<p>Das reizte den Trinker und zog ihn von seinem
-Kummer ab. Er begann, dem Buckligen Prügel anzubieten,
-wie er es in früheren Jahren so rasch zu
-tun pflegte. Er prahlte mit Kräften, die er schon
-lange verloren. Er stärkte sich mit Kognak und
-wischte sich ärgerlich die Tränen vom Gesicht.</p>
-
-<p>Warum heulte er denn noch immer? Peter ging
-es doch gut, und er hatte ihn doch selbst gebeten,
-sich nicht länger um ihn zu grämen. Es war allerdings
-entsetzlich schwer, das Tier zu entbehren &ndash;
-(große Tränen kamen aufs neue) &ndash; aber die Hauptsache
-war doch, daß es ihm gut ging. Und es ging
-ihm gut. Peter hatte es ja selbst gesagt.</p>
-
-<p>Nun standen sie auf, um nach Hause zu gehen.
-Peter konnte wohl doch nicht erscheinen. Als sie an
-dem Buckligen vorüberkamen, gab John dem Holzgestell,
-auf dem er saß, einen heimlichen Stoß, und
-der kleine Mann kollerte zeternd herunter. Das erheiterte
-John und stimmte ihn versöhnlich. »Wie
-kam das nur?« fragte er, sich unschuldig stellend.
-Und dann setzte er sein Imperatorenlächeln auf und
-sagte mit herablassender Herzlichkeit: »Na lassen Se
-sich mal ordentlich abstäuben.« Nachdem er es mit
-aller Sorgfalt getan hatte, verließ er mit Johannes
-den Kirchhof.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-Am alten, grauen, zweistöckigen Offizierkasino
-blieben sie stehen und lauschten. Innen erklang eine
-elegische Musik. Im zweiten Stock standen einige
-Fenster offen, und aus dem einen ergoß sich plötzlich
-der feuerrote Vorhang wie ein breiter Blutstrom.</p>
-
-<p>»Sieh,« flüsterte John, »eben dacht ich, wie rot
-Peters Blut wohl gewesen sein mag. Da kam der
-Vorhang heraus.«</p>
-
-<p>Johannes wollte weitergehen, aber John stand
-und starrte wie gebannt auf den roten Strom. »Mir
-ist ganz sonderbar,« sagte er, »mir ist, als gehöre
-ich gar nicht mehr zu euch, als bin ich schon von
-einer andern Welt&nbsp;... Weißt du, Pfarrer, ich seh'
-und höre nicht mehr wie früher; ich seh' und höre
-andre Dinge als ihr. Und was ich weiß, das wißt
-ihr nicht, und ich vermag es euch auch nicht zu sagen.«</p>
-
-<p>»So? So?« stotterte der Schwachsinnige.</p>
-
-<p>Und John fuhr fort, nach oben zu starren, grelles
-Sonnenlicht auf dem fahlen Gesicht. Aber da wurde
-der Vorhang hereingezogen, und die Musik verstummte.
-»Geh'n wir!« sagte er nun in alltäglichem Tone.</p>
-
-<p>Die Straße war breit und alt und auf der einen
-Seite mit großen Kastanienbäumen besetzt. An einem
-Gartenzaun hüpfte ein junger Spatz herum, der
-noch nicht fliegen konnte und jämmerlich piepste.
-»Hände weg!« herrschte John die beiden Jungen an,
-die um den Vogel herumsprangen, und er bückte sich
-und fing ihn ein. »Den zieh ich auf, bis er fliegen kann,«
-sagte er, voller Freude über die unerwartete Aufgabe.</p>
-
-<p>Frau Kalnis stellte er den Spatz als Peters
-Brüderchen vor. Doch dann entdeckte er, daß das
-<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-Brüderchen ein Schwesterchen war. Er gab ihm
-einen Kuß und taufte es Mimi. Mimi sollte gleich
-zu essen haben. John wußte, wie man junge Vögel
-fütterte. Aber er fühlte sich so schwach nach dem
-Spaziergang, daß er sich hinlegen mußte. Dore
-fütterte Mimi unter großem Wortschwall mit angefeuchteten
-Kuchenkrümeln. John meinte, wenn
-Dore einmal stürbe, würde es wohl notwendig sein,
-ihr Mundwerk noch extra mit einem Waschholz totzuschlagen,
-wenn man es still kriegen wollte. Dann
-lag er ganz apathisch da, den Vogel auf der Hand,
-schwermütig an Peter denkend.</p>
-
-<p>Mimi senkte den Kopf ins Federmäntelchen und
-schlief ein. Ihr Figürchen hockte wie ein kleiner
-grauer Pompon auf Johns Hand. Es dauerte indessen
-nicht lange, so wurde sie wieder munter und
-begann, sich mit dem kleinen Schnabel die kleine
-Brust zu kratzen. »Flöhchen hat du auch?« sagte
-John entzückt, an Peter denkend. Er wollte ihr beim
-Kratzen helfen, doch Mimi mochte es nicht; John
-war ein Herr und sie ein Fräulein.</p>
-
-<p>Gegen Abend zeigte Mimi durch eifriges Schnabelaufsperren
-an, daß sie schon wieder Hunger habe.
-Der Trinker erhob sich willfährig wie ein junger
-Vater, der ein hungriges Baby zu füttern hat.
-»Kuchen mit Milch tut's nicht allein,« dachte er, »ein
-bißchen frischer Braten ist ihr notwendiger.« Eifrig
-machte er sich ans Fliegenfangen, und es gelang ihm
-auch, ein halbes Dutzend Fliegen zu erwischen. Mimi
-aß sie alle auf, indem sie nach Johns Dafürhalten
-vor Vergnügen schmatzte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-Und nun galt es, ihr ein hübsches weiches Nest
-zu machen. Es sollte ein Nest sein, das dem Spätzlein
-die Illusion zu geben vermochte, es schliefe unter
-einem schönen Blätterdach. John formte zuerst das
-Nest aus einem weichen, grünen Tuch, in einem friedlichen
-Winkel seines Zimmers, und dann umzingelte
-er Dores Fächerpalme mit der Schere, um das Blätterdach
-zu ergattern. Die Fächerpalme war Dores elegantestes
-Möbelstück, sie liebte und pflegte sie wie ein
-Kind; niemand durfte sie berühren. Dessenungeachtet
-gelang es John, ihr ein herrliches Blatt abzuknipsen,
-das er dann gleich einem Schirm über Mimis Ruhestätte
-befestigte. Dore raste, als sie die Tat entdeckte,
-Dore ärgerte sich die halbe Nacht darüber. Aber
-Mimi schlief gut unter ihrem grünen Thronhimmel.</p>
-
-<p>Auch John schlief gut in dieser Nacht. Er träumte
-nicht wie gewöhnlich, daß ihm der Tod in der Ferne
-eine traurige und eintönige Musik vorspiele, oder daß
-ihn dunkle Männer schon hinaustragen wollten; er
-träumte von Mimi, von Fliegenbraten und Vergißmeinnicht.
-Doch einmal träumte er auch, daß Mimi
-in einem Winkel totgetreten läge. Da fuhr er auf &ndash;
-und freute sich, erwachend, daß es nur Trug gewesen.</p>
-
-<p>Als Dore früh am Morgen ihre Tür öffnete,
-sah sie John im Hemd auf der Diele liegen und
-den Vogel füttern. »Sie hatte schon Hunger,« flüsterte
-er, seinen Spatz mit zärtlichen Blicken betrachtend.</p>
-
-<p>»Sie werden sich aber erkälten,« wandte Dore ein.</p>
-
-<p>»Was tut's,« murmelte er, ganz hingerissen von
-der Lieblichkeit des kleinen Vogels.</p>
-
-<p>Mimi begann, auf der Diele herumzuhüpfen und
-<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-zierliche Flugversuche zu unternehmen. John stieg
-wieder ins Bett und sah ihr herzinnig zu. Sie hüpfte
-herum, sie flatterte ein bißchen, und manchmal stieß
-sie niedliche Tönchen aus. »Hörten Sie, Frau Kalnis?«
-fragte John jedesmal entzückt, wenn Mimi einen
-kleinen Zwitscher tat.</p>
-
-<p>Draußen musizierten die Vögel auf dem Birnbaum,
-was sie konnten, jeder auf seine Art. Mimi
-übte sich im Fliegen und ließ, antwortend, ihr feines
-Stimmchen ertönen. Dore ging geschäftig hin und
-her, ihr Zimmer reinmachend. John schloß die Augen,
-um besser lauschen zu können, und schlummerte dabei
-gegen seinen Willen ein. Als er sie wieder öffnete,
-war alles still im Zimmer; von Mimi nichts zu hören,
-nichts zu sehen. »Frau Kalnis,« rief er ängstlich,
-»seh'n Sie doch mal nach, wo der Vogel ist! Ich
-war eingeschlafen.«</p>
-
-<p>Dore erschrak, denn sie hatte den Vogel über ihrer
-Arbeit ganz vergessen. Als sie suchend umherblickte, sah
-sie ihn still und steif auf ihrer Schwelle liegen. »Herrgott,
-den werd' ich wohl betreten haben!« rief sie bestürzt.</p>
-
-<p>»Aber doch nicht sehr?« schrie John, an seinen
-Traum denkend.</p>
-
-<p>»Er ist tot,« flüsterte Dore, aufrichtig betrübt.</p>
-
-<p>John sprang aus dem Bett und packte sie erregt
-an den Schultern. Dore wollte den Spatz, erschreckt,
-durchs Fenster werfen, aber John riß ihn an sich
-und ging mit ihm ins Bett. Dort hielt er Mimi, so
-still er konnte, auf seiner zittrigen Trinkerhand, und
-seine Tränen fielen dicht und warm neben den sterbenden
-Vogel. Mimis kleiner Schnabel stand weit
-<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-offen, und aus dem Halse quoll Blut. Das eine Auge
-hing wie ein kleiner, bläulicher Globus ganz und gar
-aus dem Kopf heraus. Das Körperchen zuckte noch
-ein paarmal, und dann streckte es sich langsam aus:
-Mimi war tot. Draußen zwitscherten die Vögel, was
-sie konnten; aber kein feines, dünnes Stimmchen gab
-mehr Antwort im Zimmer.</p>
-
-<p>John begrub seinen Vogel eigenhändig in einem
-schönen Kästchen unter dem Birnbaum. Er tat es selbst,
-damit es so gut wie möglich geschah. Und ihm war,
-als begrabe er in dem Kästchen seine allerletzte Freude
-auf Erden, als sei nun alles, auch alles für ihn zu
-Ende. Die Sonne schien so schön, und der Birnbaum
-regnete weiße Blüten &ndash; alles für andere, für ihn
-nichts mehr; keine Schönheit und keine Freude: seine
-Zeit war abgelaufen. Mit hängendem Kopf humpelte
-er in seine Wohnung und legte sich schweigend ins Bett.</p>
-
-<p>Dore kam leise mit der Bibel zu ihm herein.
-Ohne zu fragen, begann sie mit gedämpfter Stimme
-sein Lieblingskapitel: das Hohe Lied. John schwieg,
-das Gesicht nach der Wand gedreht. Aber als Dore
-den Vers gelesen hatte:</p>
-
-<p>Ich bin hinab in den Nußgarten gegangen, zu
-schauen die Sträuchlein am Bach, zu schauen, ob der
-Weinstock grünete, ob die Granatäpfel blüheten&nbsp;...
-da sagte er: »Wie schön ist das nur! Das lies mir
-vor, wenn ich sterbe.«</p>
-
-<p>»Sie werden ja nich sterben.«</p>
-
-<p>»Dumme Trine.«</p>
-
-<p>»Aber Herr Johnche&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Schweig!«</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-Sechstes Kapitel</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>H</b>eute war Onkel Johns Geburtstag, und darum
-hatte er seine Sportmütze mit einer kurzen
-Pfauenfeder geschmückt. Die Mütze auf einem
-Ohr, ging er mit strahlender Miene in seinen großen
-Blumengarten, hinter dem Hause. Neben ihm trippelte
-ein Tier, das weder ein Hund noch eine Katze war,
-sondern ein gewaltiger, goldroter Hahn, den Onkel
-John »Kakao« nannte, weil der Hahn dieses Wort
-so schön sagen konnte. Heute hingen tonnengroße
-Lampions an den Akazien und Fliederbäumen des
-Gartens, und die Wege waren frisch mit Kies bestreut.
-In dem kleinen, künstlichen Teich, den ein
-Kranz von großen rosa Muscheln umschloß, schwammen
-ganz wunderliche, dunkle Fische herum, die sich
-Onkel John für schweres Geld selbst zum Geburtstag
-geschenkt hatte. Und ihre großen, hervortretenden
-Augen beglückten ihn. Er hob Kakao in die Höhe,
-damit er sie auch bewundern konnte. Aber Kakao
-interessierte sich nur für sein Spiegelbild, mit gesträubten
-Federn darauf losstrebend. »Dummer Junge,«
-sagte der Onkel, ihn mit einem zärtlichen Klaps zur
-Erde setzend. Die beiden Johns, der ältere wie der
-<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-junge, hatten nebst andern Eigentümlichkeiten auch
-die gemeinsam, daß sie den Tieren freundlicher gesinnt
-waren als den Menschen, daß sie die Tiere
-liebten, wie die Bibel befiehlt, den Nächsten zu
-lieben, und daß sie die Menschen gern wie Tiere
-behandelten.</p>
-
-<p>Hinter dem Blumengarten lag der Obst- und
-Nußgarten, in dem dumpf und emsig ein Bienenvolk
-brauste. Manchmal kam von dort ein Bienchen zu
-Onkel John geflogen und kroch zutraulich auf ihm
-herum. Die Bienen taten ihm nichts; sie kannten
-ihn. Gleich einem glücklichen König stolzierte er in
-seiner Blumenwildnis herum. Die Moosrosen, seine
-Lieblinge, hatten Knospen getrieben, die Asphodelos,
-die goldnen, grüßten ihn mit ihren schönen Häuptern,
-wohin er seine Blicke auch wandte. Es war ein
-Blühen überall, umflattert von bunten Schmetterlingen.
-Onkel John liebte seinen Garten wie eine
-schöne Frau. Seine Gattin war ihm nie, was ihm
-sein Garten im Frühling war.</p>
-
-<p>»Willkommen, mein Prinz!« rief er heiter, als
-sein Lieblingsneffe dahergestolpert kam.</p>
-
-<p>John torkelte ihm gerührt in die Arme und
-küßte ihn, gratulierend, auf den fuchsgelben Schnurrbart.
-Dann ging er gleich zu den wunderlichen
-Fischen, die ziemlich matt in ihrem hellen Wasser
-standen.</p>
-
-<p>»Rat' mal, was sie gekostet haben!« sagte der
-Onkel und blies die Backen auf.</p>
-
-<p>Der Neffe meinte: »Hundert Mark.«</p>
-
-<p>»Was, hundert Mark?« Der Onkel rollte die
-<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-grellblauen Augen. »Sag dreihundert und du hast
-es getroffen.«</p>
-
-<p>Hundertfünfzig also, dachte John, aber er sprach
-es nicht aus. Nun seinerseits die Augen rollend,
-flüsterte er: »Dreihundert? Donnerwetter noch mal!«</p>
-
-<p>Das gefiel dem Onkel, das schmeichelte seinem
-Protzentum. Er zog das Portemonnaie aus der
-Tasche und schenkte dem Neffen wie einem Bedienten
-zehn Mark, damit er den Tag auf seine Art feiern
-könne. John kicherte und bedankte sich. Für die zehn
-Mark wollte er zwei Flaschen Kognak kaufen: zwei
-Flaschen Lethe gegen seinen Kummer &ndash; und seine
-Schmerzen. Von denen er niemals sprach, über die
-er niemals klagte: er trug sein selbstverschuldetes
-Leiden mit stolzem Schweigen; kein Mensch, außer
-dem Arzt, ahnte, wie groß die Qualen waren, die
-ihm sein zerrütteter Körper bereitete. Der Onkel
-holte ihm einen Stuhl an den Teich, weil er sah,
-mit welcher Mühe er sich aufrecht erhielt. Kakao
-stand gelangweilt umher. »Er sehnt sich nach seinen
-Damen,« sagte schmunzelnd der alte John. Nach
-einer Weile zog er mit dem Hahn ab, weil er
-»dem Tier sein Vergnügen gönnte«, wie er sich ausdrückte.</p>
-
-<p>John stand schwerfällig auf und nahm eins der
-schönsten Lampions herunter, eine feuerrote Tonne,
-auf der Kraniche nach dem Mond schwebten. Er
-versteckte es hinter einem Baum im Gras, um es
-später mitzunehmen, wenn es sich unbemerkt machen ließ.</p>
-
-<p>Wie strahlend herrlich war der Garten! Welche
-Fülle von Blumen und Schmetterlingen! John sah
-<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-sich seufzend um und sank dann wieder auf den Stuhl
-zurück, die Arme auf die Lehne drückend und den Kopf
-melancholisch darüberhängend. In seinen Ohren tönte
-der Vers aus dem Hohen Lied, den er so sehr liebte:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">Ich bin hinab in den Nußgarten gegangen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">zu schauen die Sträuchlein am Bach,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">zu schauen, ob der Weinstock grünete,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">ob die Granatäpfel blüheten&nbsp;...</td></tr>
-</table>
-
-<p>Voll Neid dachte er an die, die sich am Nachmittag
-im Garten vergnügen würden. Das waren
-seine Eltern, seine Brüder, alle übrigen Verwandten
-und noch viele, viele Leute, &ndash; nur er nicht, nur er
-nicht. Sein Kopf sank noch mehr gegen den Wasserspiegel,
-und eine Träne rann über sein gelbes Gesicht
-zu den wunderlichen Fischen herab.</p>
-
-<p>Herrlich würde es sein im Garten &ndash; gegen
-Abend, wenn der Mond erst schien und all die bunten
-Lampions leuchteten. Lachende Leute würden am
-Teich sitzen und roten und gelben Wein trinken,
-Leute, die weder Kummer noch Schmerzen hatten
-und vor sich ein schönes, langes Leben sahen. Das
-Mondlicht würde auf ihren fröhlichen, roten Gesichtern
-glänzen und auf den Weingläsern in ihren
-Händen. Sie würden anstoßen und scherzen und
-lachen und singen&nbsp;...</p>
-
-<p>Und er? Und er? Er lag dann im Bett und
-lauschte voll Grauen auf die eintönige Musik in
-seinen Ohren, diese Musik, die immer schauerlicher,
-immer todestrauriger wurde. Dann die Schmerzen &ndash;
-und die Träume, die schrecklichen Träume&nbsp;...</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-Und das alles, das alles durch eigne Schuld,
-durch eigne Schuld; er durfte sich nicht beklagen, er
-durfte niemand dafür verantwortlich machen.</p>
-
-<p>Onkel John war unbemerkt zurückgekommen und
-stand nun laut lachend da. »Was, wir blasen Trübsal?
-Heut', an meinem Geburtstag? Noch schöner!«</p>
-
-<p>John machte seine Miene steif und seine Stimme
-hart. »Fällt mir nicht ein,« brummte er. »Ich seh
-mir bloß die Biester aus nächster Nähe an.« Und
-dann lehnte er sich zurück und erzählte dem Onkel,
-daß Frau Kalnis mitunter in seinen Nußgarten gehe,
-um dort heimlich junge Sträuchlein auszureißen, die
-sie dann verkaufe.</p>
-
-<p>Ein verblüffender Junge, dachte der Onkel entzückt,
-den Neffen mit Hochachtung betrachtend. »Diese
-Person!« schmetterte er los, sich das Lachen verbeißend.
-»Na warte! Die kauf ich mir!«</p>
-
-<p>Johns Gesicht war plötzlich noch fahler geworden.
-»Hörst du das auch?« flüsterte er, in halb entsetztem,
-halb seligem Lauschen.</p>
-
-<p>»Ich höre nichts,« sagte der Onkel; aber seine
-Miene widersprach seinen Worten, und seine verlogenen
-Augen suchten den Boden.</p>
-
-<p>»Da wieder!« schrie John.</p>
-
-<p>»Da wieder! Von dort! Jetzt noch lauter!«</p>
-
-<p>»Laut, lauter, am lautesten!« rief der Onkel,
-schallend in die Hände klatschend. »Was ist dir,
-mein Sohn?« fragte er neckisch. »Hast du Halluzinationen?
-Bist du meschugge geworden? Aber setz
-dich doch bloß. Ich lasse Wein bringen. Warte!«</p>
-
-<p>Aber John riß sich los und stürzte fort. Er
-<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-eilte, so rasch er konnte, nach dem Hintergarten. Der
-Onkel folgte ihm mit steinerner Miene. Mochte
-kommen, was wollte, er war zu jeder Lüge bereit.</p>
-
-<p>Mit einer Kraft, die ihm niemand mehr zugetraut
-hätte, riß John die verhakte Tür nach dem
-Hintergarten auf. Seine Augen fuhren wie Blitze
-durch den ganzen Garten und blieben rechts an einem
-Häuschen hängen. Das Häuschen hatte er noch nie
-gesehen.</p>
-
-<p>»Hab mir da einen Stall bauen lassen. Für
-meine Ziegen,« sagte nachlässig der Onkel.</p>
-
-<p>»Seit wann hast du Ziegen?« stammelte John,
-bis zum Wahnsinn enttäuscht.</p>
-
-<p>»Seit Monaten schon.«</p>
-
-<p>»Warum sagtest du denn, du hörtest nichts?
-Warum sagtest du denn das? Du?«</p>
-
-<p>»Was ist das für ein Ton? Was &ndash; was erlaubst
-du dir?« schnaubte der Onkel, eine neue Maske
-auf dem falschen Gesicht.</p>
-
-<p>»Mämämämä&nbsp;...« tönte es aus dem Stall.</p>
-
-<p>»Das ist Peter!« schrie John, nach dem Stall
-stürzend. Der Stall war verschlossen; aber sein
-leichtes Türchen gab unter einem wilden Fußtritt
-nach &ndash; und wie ein Rasender stürzte ein schwarzundweißer
-Ziegenbock heraus und auf seinen richtigen
-Herrn zu.</p>
-
-<p>»Mein Junge!« stammelte John, ihn ganz außer
-sich an sich drückend.</p>
-
-<p>Der Onkel stand mit angestrengter Heiterkeit
-daneben. »Na, ist mir die Überraschung gelungen?«
-fragte er frech.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-John sah ihn mit rollenden Augen an. Er
-trat, die Faust hebend, auf ihn zu &ndash; doch da verließen
-ihn seine Kräfte, und er mußte sich am Zaun
-halten.</p>
-
-<p>Peter versuchte, seinem Herrn die Glatze zu lecken,
-und eine schöne weiße Ziege, seine junge Frau, stand
-neugierig neben ihm. Der Gärtner kam herbeigeeilt
-und fragte, was geschehen sei. »Ach nichts,« sagte
-Herr Zarnosky ganz ruhig, »mein Neffe behauptet,
-daß es sein Bock sei.«</p>
-
-<p>»Das kann ja stimmen,« erwiderte der Gärtner,
-»wechjelaufen is er doch von irjendwo.«</p>
-
-<p>»Ich muß einen Bock anschaffen. Zerline hat
-sich an den Gefährten gewöhnt,« sagte Herr Zarnosky
-mit Gemüt.</p>
-
-<p>John stieß die Hände des Onkels zurück, als
-dieser ihm ein Glas Wein hinhielt. Aber als er ihm
-das Lampion brachte, dessen Verschwinden dem alten
-Fuchs nicht entgangen war, da lächelte er wie ein
-Kind und nahm es hastig an sich. Der Onkel schickte
-ihn in seinem Wagen nach Hause, und der Gärtner
-ging mit Peter hinterher.</p>
-
-<p>Frau Kalnis mußte das Lampion an die verräucherte
-Decke hängen, und abends, als John im
-Bett lag, mußte sie es erleuchten. Der Trinker war
-im siebenten Himmel mit seinem Peter, seinem eigenartigen
-Beleuchtungskörper und den geschenkten zehn
-Mark, für die er »herrlichen« Kognak kaufen wollte.
-Beneiden tat er jetzt niemand, weder die Gäste im
-Garten des Onkels, noch sonst wen. Er hielt die
-weiche Nase seines Peters, der auf dem Bettvorleger
-<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-lag, in der Hand, und die Augen hielt er entzückt
-auf die glühende Papiertonne gerichtet: auf die
-Kraniche, die nach dem Mond schwebten, während
-er auf das lauschte, was Dore ihm vorlas. Sie
-las ein Märchen von Andersen: Die Schneekönigin.</p>
-
-<p>Das Märchen schließt mit den Worten:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">Rosen, die blühen und verwehen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">wir werden das Christkind sehen.</td></tr>
-</table>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-Siebentes Kapitel</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>J</b>ohn hatte seinen herrlichen Kognak bis auf
-den letzten Tropfen genossen, und nun wollte
-er alles tun, um wieder gesund zu werden.
-Daß Peter wieder bei ihm war, flößte ihm neuen
-Lebensmut ein. Mit ihm zusammen sollte es nun
-auch wirklich in die Heilanstalt gehen.</p>
-
-<p>Die Mutter begann zu weinen, als er ihr eines
-Morgens, stotternd und stammelnd, von seiner Absicht
-sprach. »Siehst du, siehst du,« sagte sie, »jetzt
-kommst du endlich zur Vernunft. Wie du dich gründlich
-ruiniert hast.«</p>
-
-<p>»Meinst du, ich kann nicht mehr gesund werden?«
-fragte John mit schwankender Stimme.</p>
-
-<p>»Was wirst du nicht wieder gesund werden können?!«
-versetzte sie etwas gewaltsam. »Wir müssen
-mit dem Doktor reden. Ich werde mit dem Doktor
-reden, was der zu deinem Plan meint.«</p>
-
-<p>»Was warst du für ein gesundes Kind!« fuhr
-sie in vorwurfsvollem Tone fort. »Wie haben sie
-mich um dich beneidet! Du wogst neun Pfund, als
-du geboren warst.«</p>
-
-<p>Diese Tatsache war John nicht neu, denn die
-Mutter erzählte sie mit Vorliebe. Doch selbst heute
-<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-versäumte er nicht zu fragen, was er danach immer
-fragte: »Hatte ich auch schon Haare auf dem Kopf,
-als ich geboren war?«</p>
-
-<p>Frau Zarnosky dachte siebenundzwanzig Jahre
-zurück, und ein naives Lächeln trat langsam auf ihr
-verweintes, immer etwas ängstlich blickendes Gesicht,
-dessen einstige Anmut die Jahre vergewöhnlicht hatten.
-»Ob du Haare hattest!« sagte sie stolz. »Dein ganzes
-Köpfchen war mit langen schwarzen Haaren bedeckt.
-Und die waren wie Seide. Und sie hatten dir einen
-Scheitel gemacht, als sie dich zu mir brachten. Einen
-Scheitel&nbsp;...«</p>
-
-<p>John lachte unter Kopfschütteln, so wie ein
-Mensch lacht, wenn er etwas höchst erstaunlich findet.
-Und doch kannte er die Geschichte von seinem ersten
-Scheitel schon über zwanzig Jahre. Er wie seine
-Mutter hatten die glückliche Gemütsanlage, daß sie
-sich mit solchen und ähnlichen Nichtigkeiten über den
-Ernst einer Situation hinwegtäuschen konnten. Sie
-waren wie Kinder: die vor Dunkelm die Augen
-schließen und am Rande des Abgrunds ahnungslos
-mit Blumen spielen. Und sie waren auch so leicht
-wie Kinder zu trösten.</p>
-
-<p>»Wie ist es, hast du Schmerzen?« fragte Frau
-Zarnosky, noch ganz verträumt.</p>
-
-<p>»Nur selten,« log John.</p>
-
-<p>»Na siehst du!« sagte die Mutter beruhigt. »Dann
-ist es also nicht so schlimm. &ndash; Du bist ja jung,« setzte
-sie hinzu. »In deinem Alter&nbsp;&ndash;! Herrgott, da kann
-sich auch noch alles bessern! Ich werde gleich morgen
-mit dem Doktor reden, was er dazu meint.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-»Und wenn er sagt, ich soll nicht?« fragte John
-mit nervösem Lachen.</p>
-
-<p>Frau Zarnosky fuhr sich erschreckt über ihr dünnes,
-glatt gescheiteltes Haar. »Dann wird er etwas andres
-wissen,« beruhigte sie sich und ihn.</p>
-
-<p>Johns Miene wurde heller und heller. »Hast
-du nicht ein bißchen Kaviar?« fragte er verschämt.</p>
-
-<p>»Wenn du nur noch immer Appetit hast,« sagte
-die Mutter und lächelte, »dann ist noch alles nicht
-so schlimm.«</p>
-
-<p>»Wo wird es auch schlimm sein!« brummte der
-Trinker.</p>
-
-<p>Aber der Arzt war anderer Meinung. »Nicht
-daran zu denken!« sagte er sehr ernst, als ihm Frau
-Zarnosky Johns Entschluß mitteilte. Sie starrte ihn
-an, als rede er dummes Zeug, denn sie hatte sich
-bereits den schönsten Hoffnungen hingegeben und
-schon dieses und jenes für die Reise vorbereitet.
-»Bei seinem Zustand? Nicht daran zu denken!«
-wiederholte der Arzt.</p>
-
-<p>Frau Zarnosky verlor gleich alle Selbstbeherrschung.
-»Muß er denn sterben, Herr Doktor?« weinte
-sie laut heraus, obgleich sie sich hätte denken können,
-daß John an der Tür lauschte.</p>
-
-<p>»Nur ein Wunder könnte ihn retten,« sagte leise
-der Arzt.</p>
-
-<p>In den Ohren des Lauschenden erhob sich ein
-Brausen, das alle Geräusche um ihn verschlang. Er
-vernahm nicht mehr, was der Arzt und die Mutter
-noch weiter sprachen, einem Betrunkenen gleich
-taumelte er hinaus auf den Hof und begab sich in
-<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-seine Wohnung. Dort warf er sich auf das Sofa,
-drehte sich nach der Wand und blieb so regungslos
-bis zum Abend. Kein Bitten, kein Klagen, kein
-Trost und keine Vorwürfe vermochten ihm ein Wort
-zu entlocken. Der Wasserfall, der in seinen Ohren
-zu brausen schien, ließ keinen Laut zu ihm dringen,
-und die Verzweiflung, die ihn gepackt hatte, lähmte
-seinen Körper und seinen Willen. Schließlich ließ
-man Peter zu ihm herein, der kläglich meckerte, weil
-man ihn tagüber zu füttern vergessen. Mit einem
-kecken Satz sprang das Tier auf den Tisch, mitten
-unter die Teller, einen zertretend, einen herunterwerfend,
-und machte sich an Johns Abendbrot. Da
-wandte sein Herr zum erstenmal den Kopf um.
-»Peter,« flüsterte er, »haben sie dir nichts zu essen
-gegeben?«</p>
-
-<p>»Mämämämä&nbsp;...« erwiderte klagend der Bock.</p>
-
-<p>Sie werden ihn hungern lassen und werden ihn
-schlagen und fortgeben, wenn ich erst tot bin, dachte
-John entsetzt, und seine Willenskraft kehrte langsam
-zurück, und das Brausen in seinen Ohren schien
-schwächer zu werden. In seinem Kopfe reifte hastig
-ein Entschluß &ndash; der ihm ganz seltsam erschien, wie
-er das lebensvolle Tier so vor sich auf dem Tisch sah.</p>
-
-<p>Peter sollte getötet werden, ehe sein Herr starb.
-John wollte eigenhändig diesem kräftigen jungen
-Leben ein Ende machen.</p>
-
-<p>Sein Vorhaben entsetzte ihn beim Anblick des
-gierig fressenden Tieres. Wer gab uns die Erlaubnis,
-fragte er sich, mit dem Leben dieser Geschöpfe
-zu verfahren, wie es uns beliebt? Was ist der
-<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-Mensch für eine Bestie! Aber Peter mußte sterben,
-wenn sein Herr einen ruhigen Tod haben sollte. Das
-Todesurteil war unwiderruflich gefällt. Zum Wohl
-des einen wie des andern.</p>
-
-<p>»Junge,« flüsterte John, »sieh mich mal an!«</p>
-
-<p>Der Bock hob den Kopf und sah seinem Herrn
-dumm und lieb ins Gesicht.</p>
-
-<p>»Wenn du wüßtest, was über dich beschlossen
-ist!« dachte John.</p>
-
-<p>Der Bock war mit dem Abendbrot fertig und
-sprang zu seinem Herrn aufs Sofa. Dore wagte
-heute nicht zu schelten. »Wollen Se nich auch was
-essen? Soll ich nich noch was holen?« fragte sie.</p>
-
-<p>John sah sie an und wies stumm nach der Tür.
-Da ging sie leise hinaus.</p>
-
-<p>Es wurde ganz still im Zimmer; Peter schlief
-ein, und sein Herr blickte regungslos durch das
-Fenster. Der Himmel war abendblau und doch noch
-hell. Die Sichel des Neumonds schwebte gleich einem
-silbernen Schmuckstück mit erikafarbenem Schimmer
-über dem Hof, auf dem ein paar Arbeitspferde des
-Ausspannens harrten, große, braune Pferde mit
-schönen, glasklaren Augen. Eine Menge Schwalben
-kreiste mit langen, süßen Schreien in der Luft; manchmal
-so tief, daß sie fast die hohen Köpfe der Pferde
-streiften. Aber die Pferde verharrten in majestätischer
-Ruhe, die großen klaren Augen friedlich geradeaus
-gerichtet. Das mußt du alles verlassen, dachte John,
-vielleicht, wenn der Mond rund geworden &ndash; ist
-das Trauerspiel schon aus. Er schauderte.</p>
-
-<p>Gab es einen Gott und ein ewiges Leben?
-<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-Unnütze Frage! Die Toten konnten keine Antwort
-geben und die Lebendigen nur darüber fabeln. Beides:
-Gott und ewiges Leben, das waren doch wohl nur
-Märchen &ndash; die schönsten Märchen, die die Menschheit
-sich erfunden. Zum Trost erfunden.</p>
-
-<p>Märchen zum Trost! War das nicht zum Lachen
-und zum Weinen?! Und da wurden hohe Häuser gebaut
-und Lieder gesungen, um dieser Märchen willen,
-für diesen eingebildeten König, der nur schweigen
-konnte.</p>
-
-<p>»Wenn du existierst, dann rufe!« flüsterte John,
-auf das Sofa schlagend. »Ich will's hören. Ich
-hab's nötig.«</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>Seine Hand erhob sich noch einmal; aber nicht
-mehr beschwörend: resignierend. Er seufzte.</p>
-
-<p>»Die Macht des Todes kann niemand bezweifeln,«
-sagte er darauf laut. »Wenn Gott existiert, dann
-ist er ein Krüppel, denn er kann nicht sprechen; dann
-ist er unglücklich, denn er kann nicht helfen&nbsp;... Der
-Tod &ndash; das ist ein andrer Kerl!«</p>
-
-<p>Und ihm war, als sähe er den Tod auf sich
-zukommen, aus dem Dunkel einer Abendwolke, ähnlich
-einem Mann mit einem Lasso, der bereit ist, die
-Schlinge zu werfen. John schloß angstvoll die Augen
-und duckte sich auf dem Sofa zusammen. Es war
-aber nicht der Tod, der über ihn kam, der Schlaf
-übermannte ihn plötzlich.</p>
-
-<p>Und ihm träumte: er stände lauschend auf einem
-weiten, dunkeln Feld, auf dem es nichts gab, was
-<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-ihm zur Deckung dienen konnte &ndash; wenn der Tod
-kam. Denn der sollte kommen, der würde kommen,
-das fühlte John mit einer Angst, die ihm Tigerstärke
-gab. Eine unwiderstehliche Gewalt hatte ihn in das
-Feld des Todes getrieben, und nun stand er und
-wartete auf ihn mit angestrengtem Gehör und schreckensweiten
-Augen. In der Ferne erklang eine schauerliche
-Musik &ndash; die Musik seiner Nächte&nbsp;&ndash;, die ihm
-das Herz mit Angst und Grauen zu zerreißen drohte.
-Und plötzlich begann die Erde zu dröhnen von einem
-riesigen Gespann, das windgeschwinde herangebraust
-kam. Der Wagen war aus Erz, und aus Erz waren
-die hohen Räder und aus Erz die Füße der dunkeln
-Pferde. Und auf dem Wagen stand der Tod mit
-einer eisernen Sichel in der Hand, eine Flöte am
-Munde. Und die Räder und die Füße der Pferde
-waren rot vom Blut der Zerstampften und Überfahrnen,
-und die Sichel war rot vom Blut der Gemähten.</p>
-
-<p>John sprang mit einem lauten Angstschrei auf
-den Rücken der Pferde und sah dem Tod ins Gesicht,
-nach einem Schimpfwort suchend, das all sein
-Entsetzen und seinen Abscheu zusammenfaßte. Der
-Knochenmann grinste und hob elegant die Sichel.
-Wie ein Balletmeister, dachte John, ihm in den Arm
-fallend und mit ihm ringend.</p>
-
-<p>Wo der Tod hingriff, brannte es los wie Feuer,
-und brachen die Knochen wie dürre Halme. Ein
-Flammen und Splittern! John raffte seine letzte
-Kraft zusammen und brach seinem Gegner den Arm
-mit der Sichel ab. Dabei erwachte er.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-»Ich verbrenne! Wasser! Wasser!« stöhnte er,
-nach Luft ringend. Peter meckerte kläglich.</p>
-
-<p>Dore stand schon mit Selterwasser da und gab
-ihm zu trinken. John zeigte ihr stumm, was er in
-der Hand hielt. »Sein Arm,« flüsterte er, noch immer
-nach Luft ringend. »Ich hab ihn besiegt. Er wird
-so bald nicht wiederkommen.«</p>
-
-<p>»Das is doch ein Stick Horn vom Ziegenbock,«
-murmelte die Wärterin mit schadenfrohem Lächeln.
-Aber John begriff nicht, was sie sagte.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-Achtes Kapitel</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>F</b>rau Kalnis setzte die Brille auf ihr schlaues,
-gelbes Chinesinnengesicht und öffnete mit
-zitternden Händen den großen, blauen Brief,
-den ihr der Briefträger soeben gebracht hatte. Die
-Buchstaben verneigten sich vor ihren Augen, tanzten
-spöttisch hin und her und wollten sich durchaus nicht
-fangen lassen. Es währte geraume Zeit, bis sie des
-Inhalts habhaft wurde.</p>
-
-<p>»Herrjeses!« schrie sie da. »Hat ein Mensch schon
-mal sowas erläbt?! Neineinei! Ich zieh! Ich zieh!«
-Wie von der Tarantel gestochen, stürzte sie mit dem
-Brief in Johns Zimmer, um ihn zur Rede zu stellen.
-John lag mit gefalteten Händen auf dem Sofa.</p>
-
-<p>»Herrr!« brach sie los, mit »Rs« wie Trommelwirbel.
-»Wer kann mir das einjebrockt haben als
-Sie?! Wer kann mir das sonst schreiben als Ihr
-verdrähter Onkel?! Ich kenn seine Handschrift. Da
-schreibt er: Man beobachtet mich. Und ich soll meine
-langen Finger doch im Zaum halten, sonst krieg ich's
-mit der Polizei zu tun&nbsp;... Gott, das muß ich mir,
-mir sagen lassen! Für nuscht, für rein gar nuscht!
-Ich zieh! Ich bleib nich unter solche Menschen!
-<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-Ich&nbsp;...« Hier verlor sich ihre Rede in einem heftigen
-Hustenausbruch.</p>
-
-<p>John versuchte eine scheinheilige Miene zu machen,
-aber er war viel zu kindisch, um über Dores Zorn
-nicht lachen zu müssen. Bald kicherte er wie ein
-dummer Junge.</p>
-
-<p>»Sie Hottentott!« stöhnte Dore. »Ich laß Sie
-im Stich! Ich werf Ihnen hin! Wer bleibt bei
-einem Menschen wie Sie?! Was möjen Se doch
-bloß wieder aufjebracht haben?!«</p>
-
-<p>»Zügle dich,« sagte John vornehm und mit einem
-sehr spitzen »Ü«.</p>
-
-<p>»Ziejiln Sie sich man lieber!« brauste Dore auf.</p>
-
-<p>»Übrigens,« sagte John, das Sofakissen betrachtend,
-»möchte ich wissen, weshalb ich Ihnen das gerade
-eingebrockt haben soll?«</p>
-
-<p>»Kein andrer,« knurrte sie.</p>
-
-<p>»Verklagen Sie doch Onkel John, wenn Sie
-meinen, daß er den Brief geschrieben hat.«</p>
-
-<p>»Ich? D'n Onkel John verklagen?« Dore lachte
-grimmig. »Eher nähm ich meine sieben Sachen und
-mach mir auf die Sohlen. Nei! Mit dem bind ich
-nich an! Der kann e unschuldjen Menschen durch
-seine Märchen ins Zuchthaus bringen.«</p>
-
-<p>»Wissen Sie was?« flüsterte der gute Neffe. »Er
-hat doch ein durchgegang'nes Reitpferd eingefangen
-und dann vor Gericht geschworen, daß es seins ist.«</p>
-
-<p>»Nanana!«</p>
-
-<p>»Wahrhaftig Gott!«</p>
-
-<p>»Eins, was wahr ist,« sagte Dore feierlich, »daß
-es mit dem noch mal ein schlechtes Ende nimmt, das
-<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-steht fest. Sie und d'r Onkel, ihr wißt ja gar nicht,
-was ihr anjeben sollt? Wozu ihr auf der Welt da seid?!«</p>
-
-<p>»Weißt du vielleicht, wozu du da bist?« näselte er.</p>
-
-<p>»Na, jewiß weiß ich.«</p>
-
-<p>»Das bild'st du dir ein!«</p>
-
-<p>Dore schlug nur stumm mit der Hand, denn der
-Husten überfiel sie aufs neue. »Was muß e Mensch
-sich ärjern,« hub sie dann wieder an. »Solche Jemeinheit!
-Mir zittert alles! Aber der liebe Gott wird
-ihn schon finden! Der wird ihn schon strafen!«</p>
-
-<p>»Was weißt du von Gott?« sagte John spöttisch.</p>
-
-<p>»Daß er Sie und Ihren Onkel strafen wird,«
-entgegnete sie wild.</p>
-
-<p>»Dann ist dein Gott ein Teufel!« rief er, gereizt
-werdend, denn er dachte: bin ich nicht schon
-elend genug?!</p>
-
-<p>»Mein Gott ist ein Teifel?« wiederholte Dore
-entsetzt. »Daß Ihnen nich der Blitz erschlächt!«</p>
-
-<p>John lachte. »Er kann nicht blitzen. Er ist
-doch nur ein Märchen.« &ndash; »Gott,« sagte er und
-sah zur Decke auf, »das sollte etwas sein, wie Blumenduft,
-wie Harfenspiel und Sonne; nichts als Süße
-und Herrlichkeit. Strafe und Gott? Blitz und Gott?
-Das sollte nicht zusammenpassen.«</p>
-
-<p>Er schloß die Augen und sein ganzes Gesicht
-arbeitete. »An Gott denken,« stammelte er, »das
-sollte sein, wie an silberne Quellen denken in tiefen
-grünen Märchenwäldern, wie an frische Wiesen
-denken, neben rauschenden blauen Strömen, das sollte
-sein, wie ein Versinken in etwas himmlisch Weiches
-und Beruh'gendes.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-»Bring mir Papier und Bleistift,« sagte er
-dann barsch und verlegen, »ich habe zu schreiben.«</p>
-
-<p>»Sie wollen schreiben?« fragte Dore, die Augen
-noch weiter aufreißend. »Das haben Se ja noch
-nie jetan.«</p>
-
-<p>»Das Personal hat seine Meinung für sich zu
-behalten.«</p>
-
-<p>»Sie werden d's Schreiben verlernt haben.«</p>
-
-<p>Nun lag Papier und Bleistift vor ihm, und
-John machte ein dummes Gesicht, weil er nicht wußte,
-wie er anfangen sollte.</p>
-
-<p>»Was wollen Se doch bloß schreiben, mein
-Lieberche?« fragte Dore, immer neugieriger werdend.</p>
-
-<p>Der Trinker rieb sich mit wichtiger Miene das
-Kinn und schwieg. »Wie schreibt man Dienstag?«
-fragte er dann. »Mit langem oder rundem S?«</p>
-
-<p>Frau Kalnis entschied sich mit Energie für das
-runde.</p>
-
-<p>»Etwas scheinst du ja jelernt zu haben,« bemerkte
-John herablassend.</p>
-
-<p>Dore fühlte sich geschmeichelt. »Etwas?« wiederholte
-sie. »O! ich hab scheen jelernt. Ich war immer
-die Erste in meine Klass'.«</p>
-
-<p>John war müde, als er Dienstag und das Datum
-geschrieben hatte. »Schwer!« sagte er mit dem Kopfe
-wackelnd und sich einen Kognak eingießend.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte Dore, »d's Schreiberhandwerk is
-nich so ohne&nbsp;... Was haben Se doch bloß zu schreiben,
-Herr Johnche?«</p>
-
-<p>Der Gefragte machte ein verschmitztes Gesicht,
-indem er die Wärterin leise pfeifend angrinste. Er
-<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-brannte darauf, das Geheimnis mitzuteilen; aber
-wiederum war es auch hübsch, die neugierige Dore
-zappeln zu lassen. »Holen Sie erst das Frühstück,«
-gebot er gravitätisch.</p>
-
-<p>Frau Kalnis war von Natur so neugierig, wie
-die Nachtigall es sein soll. Das Frühstück stand in
-fünf Minuten auf dem Tisch. »Nu?« fragte sie gespannt,
-den linken Arm in die Seite gestemmt.</p>
-
-<p>»Erst essen,« grinste John.</p>
-
-<p>Dore errötete vor Ärger und Enttäuschung. »Sie
-sind mir erst e Koboldche,« sagte sie vorwurfsvoll.</p>
-
-<p>»Ich bin Ihnen erst e Koboldche,« spöttelte er.</p>
-
-<p>Die Litauerin wurde noch röter und ging stracks
-in ihr Zimmer, die Tür hinter sich zuknallend.</p>
-
-<p>Nach einer Stunde bekam sie das große Geheimnis
-zu wissen. John beabsichtigte, ein Schriftstück
-zu verfassen, in dem er die ganze Welt vor dem
-Trinken warnte. All seine Qualen wollte er darin
-schildern und all seine Todesangst. »Wer das lesen
-wird,« sagte er, »der wird nie, nie mehr zuviel
-trinken, das kannst du mir glauben, Dore. In allen
-Zeitungen soll es stehen, auch in den kleinsten.«</p>
-
-<p>»Das is mal scheen,« sagte Frau Kalnis, bis zu
-Tränen gerührt, »Sie werden auch noch im Himmel
-kommen.«</p>
-
-<p>»Will ich gar nicht,« brummte er. »Hier will
-ich bleiben und gesund werden. Und was ich zu
-schreiben beabsichtige, das soll hier, rot gedruckt, über
-dem Sofa hängen.« Er klatschte mit der Hand auf
-die Wand. »Du sollst mal sehen, Dore, wie mir das
-gut tun wird, wenn ich das so tagtäglich vor Augen
-<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-haben werde. Das wird mir schon das Trinken abgewöhnen.«</p>
-
-<p>»Vel&ndash;leicht«&nbsp;... zerrte sie unter krampfhaftem
-Gähnen heraus.</p>
-
-<p>»Aber für heute wollen wir es genug sein lassen,«
-sagte er dann, das Papier mit dem schief und zittrig
-geschriebenen Datum von sich schiebend. »Sowas
-will erst ordentlich überlegt sein.«</p>
-
-<p>»O &ndash; ja!« erwiderte Dore, langsam mit dem
-Kopfe nickend, und warf sich einen geheimnisvollen
-Blick im Spiegel zu.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-Neuntes Kapitel</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>D</b>ie Fenster des Eßzimmers standen offen,
-und der Regen trommelte eintönig auf
-den Blechen. Die vielen Blumentöpfe, die
-Frau Zarnosky auf der Veranda stehen hatte, erweckten
-im Zimmer den Glauben, daß draußen ein
-schöner Garten sei. John hockte fröstelnd am kalten
-Ofen, drehte die Daumen umeinander und ließ keinen
-Blick von der halbvollen Flasche Kognak, die auf
-dem Büffet stand. Außer ihm war niemand in der
-Wohnung als Amalie, die in der Küche saß und
-Kartoffeln schälte. Frau Zarnosky war aus, und die
-Jungen waren in der Schule. John drehte die
-Daumen umeinander, wie gebannt auf die Flasche
-starrend. Was für eine Seligkeit müßte es sein, dachte
-er, jene Flasche auf einen Zug leeren zu dürfen!</p>
-
-<p>Alles, was er an Spirituosen besaß, stand jetzt
-in Dores Schrank; so hatte er es haben wollen.
-Frau Kalnis hatte ihm schwören müssen, fest und
-unerbittlich zu bleiben, wenn er mehr Alkohol von
-ihr verlangte, als er sich selbst zum langsamen Abgewöhnen
-zudiktiert hatte. Den Schlüssel zum Schrank
-mußte sie entweder bei sich tragen oder so verwahren,
-<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-daß er ihn nie entdecken konnte. Auch sein Taschengeld
-wanderte jetzt in jenen Schrank, und Dore
-sollte das Ganze behalten dürfen, wenn es ihr gelang,
-ihrem Herrn das Trinken abzugewöhnen.</p>
-
-<p>Es war ein stiller, kühler Sommertag. Der
-Regen klopfte eintönig auf den Blechen, und langsam
-und feierlich begannen die Glocken der nahen
-Kirche zu läuten. »Trink, trink&nbsp;...« sagte der Regen.
-»Nein &ndash; nein&nbsp;...« sagten die Glocken. John glaubte,
-den größten Durst seines Lebens zu verspüren. Langsam
-erhob er sich.</p>
-
-<p>Doch dann ging er zur Verandatür, um angestrengt
-hinauszustarren. Aber er sah kaum, was
-vor ihm lag, er sah immer nur die Flasche; sie schien
-überall zu stehen, wohin er auch blickte.</p>
-
-<p>Das war eine Versuchung, wie sie schlimmer
-nicht auszudenken war. Wenn er nicht unterliegen
-wollte, so mußte er sich schleunigst aus dem Staube
-machen, fliehen. Doch er floh nicht. Ja, er blickte
-sich um und lächelte die Flasche an, wie ein krankes Kind.</p>
-
-<p>Ach, es war ja schon einerlei, ob er jenen Kognak
-austrank oder nicht, sterben mußte er ja doch. Mit
-einem Satz war er am Büffet und riß die Flasche
-an sich.</p>
-
-<p>»Nein &ndash; nein&nbsp;...« sagten die Glocken. Sie
-klangen so furchtbar ernst, so düster warnend. John
-merkte, daß sie zu einem Begräbnis läuteten und
-setzte die Flasche wieder hin.</p>
-
-<p>Er wollte nicht sterben &ndash; nein, nein! &ndash;&nbsp;&ndash;
-Wie der Kognak glänzte! &ndash;&nbsp;&ndash; Nur einen Schluck&nbsp;...</p>
-
-<p>»Trink, trink&nbsp;...« sagte der Regen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-Die Flasche glich einem Magnet, der seine Hand
-unwiderstehlich an sich zog. Ehe er sich's versah,
-hatte er sie schon wieder in der Hand.</p>
-
-<p>»Nein &ndash; nein&nbsp;...« sagten die Glocken.</p>
-
-<p>»Still!« brummte John. »Ich will doch bloß mal
-riechen.« Mit zitternden Händen bemühte er sich,
-die Flasche zu entkorken, nicht merkend, daß jemand
-ins Zimmer trat.</p>
-
-<p>»John, was machst du da?« rief lachend Onkel
-Chlodwig.</p>
-
-<p>Der Ertappte zuckte heftig zusammen. »Nichts,«
-stammelte er in nervöser Bestürzung. »Ich zähl' nur
-die Gläser &ndash; ob alle da sind. Hier wird jetzt so
-viel gestohlen. Amalie will ja nächstens heiraten.«</p>
-
-<p>»Amalie will heiraten?« kicherte der Onkel.
-»Wen denn?«</p>
-
-<p>»Einen &ndash; einen Bierkutscher.«</p>
-
-<p>»Amalie!« rief Onkel Chlodwig, die Tür nach
-dem Korridor öffnend. »Sie wollen einen Bierkutscher
-heiraten? Das nenn ich mir eine treffende Wahl.«</p>
-
-<p>»Was? E Bierkutscher soll ich heiraten?«
-brummte es in der Küche. »Lieber Ihnen, Herr Zarnosky,«
-grunzte die Köchin.</p>
-
-<p>Der kleine Junggeselle klatschte vor Vergnügen
-laut in die Hände. »Da täten Sie recht!« rief er
-heiter. Dann ging er zum Büffet und goß sich einen
-Kognak ein. »Du willst wohl keinen, John?« fragte
-er mit zwinkernden Augen.</p>
-
-<p>»Nein, danke,« sagte dieser fromm. Bei dem
-Schreck war seine Gier verflogen.</p>
-
-<p>»Da tust du recht,« lobte Onkel Chlodwig und
-<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-zog seinen Schnurrbart zur Säuberung durch die
-Lippen, um dann erst das Taschentuch zu benutzen.</p>
-
-<p>Es regnete nicht mehr, und die Sonne schimmerte
-schon gelb durchs Gewölk. John ging auf den
-Hof, um nach Peter zu sehen. Der Ziegenbock kniete
-wie ein Götzenbild am Rande des Torwegs, als
-habe er den Eingang zu bewachen. Seine Miene
-war die eines alten Philosophen, der über rätselhafte
-Dinge nachdenkt. Als er John erblickte, erhob er
-sich gelassen und kam mit Würde auf ihn zu. Mit
-derselben Würde nahm er die drei violetten Orden
-aus seines Herrn Knopfloch zu sich.</p>
-
-<p>»Schmeckt's?« fragte dieser.</p>
-
-<p>Peter nickte fortwährend gemessen mit dem Kopf,
-was er immer tat, wenn er etwas zu sich nahm. Seine
-Kiefer bewegten sich dabei wie Mahlhölzer gegeneinander.
-»Er setzt das Mühlchen in Bewegung,«
-sagten Paul und Leo, wenn Peter zu fressen begann.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Gegen Abend ging Frau Kalnis, ausnahmsweise,
-zu einer Verwandten, die Geburtstag hatte.
-John begann Andersens Märchen zu lesen, weil er
-nicht beständig an die halbe Flasche Kognak denken
-wollte; aber er konnte sie durchaus nicht vergessen.
-Seine Augen versagten auch bald den Dienst, und
-die immer größer werdende Unruhe in seinem ganzen
-Körper machte ihm das Sitzen unerträglich. Er
-stand auf und nahm Baldriantropfen.</p>
-
-<p>Um sieben brachte Amalie das Abendbrot. Sie
-sah sehr ärgerlich aus, denn man hatte sie den ganzen
-Tag mit ihrer Heirat aufgezogen. Mit dieser Heirat,
-von der sie doch nichts wußte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-»Warum machen Sie ein so böses Gesicht?«
-fragte John sofort.</p>
-
-<p>»Ach,« brummte sie, »der Onkel Chlodwig läßt
-mich heite gar nich zufrieden.«</p>
-
-<p>»Heiraten Sie ihn doch, Amalie.«</p>
-
-<p>»Ach, heren Se schon auf mit das Ganze!«</p>
-
-<p>»Aber der Onkel Chlodwig schwärmt Ihnen an!
-Sie können mir's glauben, Amalie! Wahrhaftig Gott!«</p>
-
-<p>Die Köchin verzog ihren dicken Mund zu einem
-breiten, halbverschämten, schweigenden Grinsen. Ihre
-steifen Wangenhügel, die so ruppig waren wie ein
-Hahnenkamm, glühten um die Wette mit ihrer Nase,
-die einer feurigen Kräuterbirne nicht unähnlich sah.
-Amalie war eine Freundin von Bier und Schnäpsen,
-und gegen Abend konnte man ihr diese Freundschaft
-nur zu sehr vom Gesicht ablesen. »Sie knirbelt
-kräftig,« pflegte John zu sagen.</p>
-
-<p>»Na, wie ist's?« fragte er, durch ihr Schweigen
-gereizt. »Wollen Se meine Tante werden oder nich?«</p>
-
-<p>»Uzen Se mir auch noch?«</p>
-
-<p>»Ich denk' gar nicht dran! Onkel Chlodwig
-geht schon lange mit der Absicht um, Ihnen zur
-linken Hand zu heiraten.«</p>
-
-<p>Amalies dicker Mund weitete sich noch einmal,
-und dann verschwand sie mit einer großen, ganz
-neuen Hoffnung im Herzen.</p>
-
-<p>Das Abendbrot wollte John nicht schmecken;
-ihm war noch schlechter als gewöhnlich. Die eine
-Flasche Bier, die vor ihm stand, reizte ihn so lange
-mit ihrer Kümmerlichkeit, bis er sie wütend vom
-Tisch stieß. John fühlte sich plötzlich so furchtbar
-<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-unglücklich, daß er sich am liebsten das Leben genommen
-hätte. Sein ganzes Wesen verzehrte sich in
-Sehnsucht nach Alkohol: nach jener halben Flasche
-Kognak. Er konnte sich nicht länger beherrschen und
-er wollte es auch nicht. Nicht länger zögernd, eilte
-er zu Dores Schrank, in dem seine Flaschen standen.
-Er bearbeitete die verschlossene Tür mit Fußtritten,
-um zu seinem Eigentum zu gelangen; aber das alte
-Möbel war aus gutem Holz, es widerstand allen
-Stößen. Auch das Schloß widerstand, als er es mit
-dem Taschenmesser aufzubrechen versuchte. Nun zerfetzte
-er vor Wut Dores Fächerpalme, ihr Stuhlkissen,
-ihre Nachtmütze. Aber als ihm das grüne
-Staubtuch in die Hände fiel, aus dem er einst für
-Mimi ein Nestchen gemacht hatte, da ließ er den
-Kopf hängen und weinte.</p>
-
-<p>Er weinte über sein verfehltes Leben, das ihm
-ebenso zerfetzt schien wie die Fächerpalme. Wie
-anders hätte er jetzt dastehen können! Er bereute, er
-bereute&nbsp;... Zu spät! Nun war nichts mehr zu ändern.</p>
-
-<p>Ach, er fühlte sich so unsagbar verlassen, so kalt
-dem Tode preisgegeben. Rodenberg war sein einziger
-wahrer Freund. Durfte er sich überhaupt noch zu
-den Lebenden rechnen? Er fühlte sich schon so fern
-von allem, was lebte und lachte und genoß. Der
-Tod war seine einzige Aussicht.</p>
-
-<p>Nur jene halbe Flasche Kognak wollte er noch
-leeren.</p>
-
-<p>Der Glanz der Abendsonne war ihm aufs tiefste
-zuwider. Er stach ihm so mitleidslos in die Augen.
-John stieß eine Verwünschung aus und drohte mit
-<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-der Faust nach der Sonne. Er trocknete sich mit dem
-Staubtuch die Augen und beroch es dann von allen
-Seiten wie ein armer, hungriger Hund.</p>
-
-<p>Es roch nicht nach Mimi, es roch nach Petroleum.
-Trotzdem stopfte er es in die Tasche, um es öfters
-ansehen zu können. Mimi war doch eine hübsche
-Erinnerung, trotz ihres schrecklichen Todes.</p>
-
-<p>Und nun ging er sich den Kognak holen; er
-hielt es nicht mehr aus ohne Alkohol, er hielt es
-einfach nicht mehr aus. Seine Mütze war nicht zu
-finden. Er setzte den kleinen, steifen Hut auf, den er
-auf jenem Ausflug mit Johannes getragen.</p>
-
-<p>Die Hand auf die linke Seite gepreßt, arbeitete
-er sich langsam und atemlos die Treppe herunter.
-In seinen Ohren war ein dumpfes Sausen, und
-sein Herz schien sehr weit und ganz still. Die Treppe
-war immer ein Kunststück für ihn. Bis zu seiner
-Haustür hatte er die feste Absicht, in die elterliche
-Wohnung zu gehen, um sich den Kognak zu holen;
-aber an der Tür besann er sich anders. Er wollte
-doch lieber in die Kneipe gehen und sich dort etwas
-geben lassen, als etwa im Eßzimmer Paul und Leo
-antreffen, die ihn vielleicht daran hindern würden,
-die Flasche zu nehmen. Und sicherlich würden sie
-ihre Bemerkungen machen, ihn verspotten. Nein,
-nein, er ging lieber in die Kneipe.</p>
-
-<p>Sein Herz arbeitete jetzt wie wild nach der
-Treppe, es zitterte und sprang in seiner Brust, daß
-ihm vor Angst der Schweiß ausbrach. Öfters stehen
-bleibend, um Atem zu schöpfen, begab er sich über
-den Hof nach der kleinen Kontortür im Torweg
-<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-und öffnete sie. »Vater!« rief er herein, »gib mir
-doch etwas Geld, ich will zum Barbier gehen.«</p>
-
-<p>»Jetzt abends noch?« brummte Herr Zarnosky.</p>
-
-<p>»Komm herein, Kronensohn!« rief Onkel John,
-der dasaß und Märchen erzählte. »Wir wollen mal
-sehen, was dein Bart für eine Farbe hat.«</p>
-
-<p>John trat ein und wiederholte seine Bitte. Herr
-Zarnosky knurrte, daß der Gang zum Barbier eine
-Finte sei. Er kenne das. Johns Barbier hieße
-Suttkus. Der Märchenerzähler hatte schon das Portemonnaie
-in der Hand; aber dann steckte er es rasch
-wieder ein. Es war ihm noch rechtzeitig eingefallen,
-daß sein lieblicher Neffe in einer Kneipe erzählt
-haben sollte, daß er, der Onkel, ein Reitpferd eingefangen
-und dann geschworen habe, daß es seins
-sei. Und es war doch nur ein weggelaufener Ziegenbock
-gewesen, dem er um Zerlines willen freundliche
-Aufnahme gewährt hatte, weil er doch nicht wissen
-konnte, wem er gehörte. Tiere sind sich ähnlich, hatte
-Onkel John gedacht, und es war seiner Phantasie
-bald gelungen, aus dem Bekannten einen Fremdling
-zu machen. Ganz im tiefsten hatte er auch noch gedacht:
-Er schenkt ihn mir ja sowieso, ehe er stirbt.</p>
-
-<p>»Der Vater hat hier zu entscheiden,« bemerkte
-er würdevoll, nachdem er das Portemonnaie wieder
-eingesteckt hatte. Und dann mit selbstgefälliger Anzüglichkeit:
-»Man muß sich auch hüten, seine Wohltaten
-an Leute zu verschwenden, die es einem mit
-Undank lohnen.« Darauf mußte er lachen, weil er
-diesem seiner Neffen nun einmal nicht böse sein
-konnte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-»Junge, halt' die Ohren stramm!« rief Onkel
-Chlodwig vergnügt, indem er eine Bewegung mit
-den Armen machte, als wolle er John, wie einst als
-Kind, an den Ohren in die Höhe heben.</p>
-
-<p>Der Trinker ging schweigend hinaus und warf
-schmetternd die Tür zu. Und die Brüder lachten und
-ließen ihn ruhig gehen. In ihren Köpfen war die
-Finsternis der Unbildung und der Gedankenlosigkeit.</p>
-
-<p>John begab sich stracks in den nächsten Gewürzladen
-und ließ sich einen Kognak geben. Und noch
-einen, und immer wieder noch einen. Nach einer
-Weile wurde der Verkäufer in die Bierstube gerufen
-und ließ ihn im Laden allein. John stand vor
-der Tombank und lächelte dumm. Seine Stimmung
-begann sich zu heben. Er fühlte sich wohl in dieser
-Atmosphäre voll von Käse- und Biergeruch, in dieser
-sauren Luft, die so wertlos war wie er selbst. Hier
-wäre er gern für immer geblieben.</p>
-
-<p>Der Laden war nicht groß. Ein gemütlicher,
-alter Laden mit ausgetretenen Dielen und kleinem
-Schaufenster. Unter der niedrigen, rauchgeschwärzten
-Decke brauste ein Heer von Fliegen. Fette Brummer
-segelten gemächlich über die drei Käseglocken des
-düsteren Repositoriums. Auf der klebrigen Tombank
-stand in einsamer Schönheit eine Flasche Rum.</p>
-
-<p>John studierte aus der Ferne die Etikette: Jamaika-Rum.
-Er trat einen Schritt näher: Jamaika-Rum.
-Noch näher: Jamaika-Rum. Dann verwirrten
-sich seine Gedanken; er glaubte, wieder, wie am
-Vormittag, zu Hause vor dem Büffet zu stehen, und
-nahm die Flasche in die Hand.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-Läuteten nicht die Glocken? Ihm war so. Er
-stellte die Flasche wieder hin.</p>
-
-<p>Das Summen der Fliegen klang ihm jetzt wie
-fernes Meeresbrausen, und der Fußboden schien sich
-langsam hinter ihm in die Höhe zu heben. John
-klammerte sich an die Tombank. Nun schien sich
-auch die Flasche in Bewegung zu setzen, schien langsam
-davongleiten zu wollen. Da packte er das lockende,
-glitzernde Ding voller Angst mit beiden Händen und
-stolperte damit nach der Tür.</p>
-
-<p>»Möchten Sie wohl die Flasche zurückgeben?!«
-erscholl eine grobe Stimme aus dem Gang zur Bierstube,
-und ein großer, stiernackiger Handwerker, ein
-geschworener Feind der Familie Zarnosky, der John
-heimlich beobachtet hatte, sprang vor und zischte:
-»Schämen Sie sich nicht?! Ich werd' Sie anzeigen!«</p>
-
-<p>John ließ die Flasche fallen und sank vor Schreck
-halb in die Knie. Und der wütende Tischler riß ihn
-in die Höhe und hielt ihn fest. »Wer holt den
-Schutzmann?« brüllte er.</p>
-
-<p>»Machen Sie keinen Unsinn!« flüsterte der herbeieilende
-junge Mann. »Er hätte sie schon bezahlt.
-Oder wir hätten die Rechnung geschickt. Ein guter
-Kunde&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Ein Dieb!« schmetterte der Sargtischler. »Schutzmann!
-Schutzmann!«</p>
-
-<p>John begriff nicht ganz, was um ihn vorging;
-aber das Festgehaltenwerden unter Rufen nach dem
-Schutzmann flößte ihm ein solches Entsetzen ein, daß
-er sich wie ein Rasender losriß und davonstürzte.</p>
-
-<p>Mit dem schrecklichen Gedanken, er müsse sich
-<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-jetzt etwas Entsetzlichem wegen das Leben nehmen,
-rannte er die Straße herunter. Sie war nicht lang
-und lag am Ende der Stadt. Bald stand der arme
-Dieb am Rande des tiefen Teiches, zu dem er ganz
-instinktiv geeilt war. Jenseits des Wassers war ein
-dunkles Wäldchen, in dem sehr laut die Nachtigallen
-sangen. Auch über dem Kopf des Verzweifelten
-flöteten die Vögel in den Zweigen der Kastanien,
-mit denen der Weg zu beiden Seiten besetzt war.
-Hinter seinem Rücken flammte die Abendsonne in ihrer
-ganzen Glorie. Sie thronte gleich einer mächtigen
-Feuerkugel dicht über dem langen, flachen Dach eines
-alten, hölzernen Getreideschuppens, der wie ein riesengroßer
-schwarzer Sarg auf grünem Wiesenlande stand,
-unter einem rostgelben Himmel. Doch John sah in
-das glitzernde Wasser und beriet sich flüsternd mit
-seinem Schicksal.</p>
-
-<p>»Muß ich? Muß ich?« fragte er, voller Angst
-an seine Eltern denkend.</p>
-
-<p>»Aber sofort!« schien der Tischler zu rufen.</p>
-
-<p>John sah sich furchtsam um; aber es war niemand
-außer ihm auf dem Wege. Er setzte sich auf
-die Erde, weil er vor Müdigkeit nicht länger zu stehen
-vermochte, und sein Denken wurde allmählich klarer.</p>
-
-<p>»Was hab' ich denn getan?« stammelte er wie
-ein Kind. »Ich hab' doch nichts getan. Ich hatte
-sie auf einmal in der Hand, ich weiß nicht wie. Ich
-hätte sie doch bezahlt.«</p>
-
-<p>Der Tischler hatte ihm das eingebrockt &ndash; dieser
-gehässige, heimtückische Kerl. John wußte: der Tischler
-ging jetzt von Haus zu Haus und erzählte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-Es bohrte ein Wort in seinem Kopf, dessen
-Klang und Bedeutung er auf dem ganzen Weg
-gesucht hatte. Nun war es da; es hieß: Schande.</p>
-
-<p>»Schande,« flüsterte er, »Schande,« wiederholte
-er laut, und schon wurde es ihm zur Gewißheit, daß
-das etwas war, was ihm nicht mehr viel anhaben
-konnte. Seine Rolle auf Erden ging zu Ende. Was
-tat ihm noch Schande?</p>
-
-<p>Aber seine Familie, seine Familie und die
-Leute&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>Seine Angehörigen sollten sich damit abfinden &ndash;
-sie durften ja leben, während er&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ja, was tat ihm noch Schande? Ihm? Er
-kicherte mit zuckendem Munde. Und auf einmal warf
-er sich vornüber und krallte die Hände in die warme
-Erde.</p>
-
-<p>Er wollte alle Schande der Welt tragen &ndash;
-wenn er nur leben durfte! Er liebte das Leben trotz
-allem und allem, trotz seiner Schmerzen, trotz seiner
-qualvollen Nächte. Er wollte alle Schande der Welt
-tragen &ndash; nur nicht sterben!</p>
-
-<p>Die Frösche quakten, und die Vögel flöteten,
-und ein Wagen kam gefahren. John richtete sich
-langsam auf; er wollte nach Hause. Es war nicht
-notwendig, daß er dem Schicksal vorgriff: das Ende
-des Trauerspiels kam schon von selbst. Und alles
-Auflehnen war vergebens.</p>
-
-<p>Der sich nähernde Wagen, ein gewöhnlicher
-Einspänner, hielt an, als John dem Kutscher ein
-herrisches »Halt!« zurief. »Helfen Sie mir herauf,«
-befahl er ihm. »Ich will in die Stadt.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-»Ach, Sie sind es, Herr Zarnosky,« sagte der
-Kutscher.</p>
-
-<p>»Hab' jefischt,« bemerkte John sehr hochmütig.</p>
-
-<p>»Und wo haben Sie Ihre Angel?«</p>
-
-<p>»Fortgeworfen. Kann mir eine neue kaufen.«</p>
-
-<p>Kurz vor der Stadt, da, wo es in das dunkle
-Glaciswäldchen hineinging, sah man jetzt hurtig
-Liebespaare verschwinden. Der Kutscher schnalzte
-mit der Zunge und machte seine Bemerkungen. John
-saß ganz still da und wunderte sich. Er wunderte
-sich, daß es noch immer Liebespaare gab, daß die
-Welt noch immer so war wie damals, als er mit
-seiner ersten und einzigen Flamme, einer jungen Putzmacherin,
-dort spazieren ging &ndash; vor hundert Jahren.
-So lange schien ihm das wenigstens her. Wie ein
-Greis sah er den Paaren nach und drehte verwundert
-die Daumen umeinander.</p>
-
-<p>Er hätte den gewöhnlichsten Kognak der hübschesten
-Putzmacherin vorgezogen.</p>
-
-<p>Am alten Stadttor leuchtete eine Gasflamme
-wie ein grüner Stern durch die helle, rote Dämmerung.
-Als der Wagen durch das Tor rollte, begann
-John vor Angst zu frieren. Beim Auftauchen eines
-Schutzmannes zuckte er heftig zusammen. Der Mann
-grüßte freundlich und ging vorüber.</p>
-
-<p>Nun überkam ihn ein wilder Trotz. Erstens
-hatte er nichts begangen, und selbst wenn er etwas
-begangen hatte, so war ihm das ganz gleichgültig.
-Mochte man ihn anzeigen. Ihm war schon alles
-gleich. Nur um die Mutter tat es ihm leid. Um
-die tat es ihm leid, um die andern nicht&nbsp;... Seine
-<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-Zähne schlugen zusammen, als sich der Wagen dem
-väterlichen Hause näherte.</p>
-
-<p>Rodenberg stand, nach ihm ausspähend, am Torweg
-und half ihm vom Wagen herunter. »Geben Sie
-ihm was,« sagte John, nachlässig über die Schulter
-zeigend. Der Kutscher nahm seinen Herrn unter den
-Arm, weil dieser allein nicht zu gehen vermochte.
-»Was machen Sie für ein Gesicht?« fragte ihn John.
-»Lachen Sie doch, Rodenberg! Ich hab keine Angst!
-Für was soll ich auch Angst haben?«</p>
-
-<p>»Der Beese war hier,« erzählte der Kutscher,
-»und nu is der Herr fuchswild.«</p>
-
-<p>»Pah!« sagte John. »Was ich mir daraus mach!«</p>
-
-<p>»Er sitzt oben und wartet auf Ihnen.«</p>
-
-<p>»Der Vater?«</p>
-
-<p>Rodenberg nickte.</p>
-
-<p>John wurde kreidebleich. Er versuchte zu lachen;
-doch plötzlich bekam er einen Krampfanfall. Rodenberg
-schleppte ihn in seine Wohnung hinauf.</p>
-
-<p>Herr Zarnosky saß mit der Reitpeitsche in der
-Hand. Sein sonst so frisches, großzügiges Gesicht
-war blaß, und seine Zähne bearbeiteten unablässig
-die starken Lippen. Als die Tür geöffnet wurde, stand
-er auf.</p>
-
-<p>»So betrunken?« fragte er den Kutscher.</p>
-
-<p>»Krank,« sagte Rodenberg rauh, indem er seinen
-jungen Herrn mit liebevoller Ungeschicklichkeit aufs
-Bett trug.</p>
-
-<p>Herr Zarnosky setzte sich wieder aufs Sofa und
-räusperte sich erregt. Frau Kalnis kam in diesem
-Augenblick nach Hause, wie eine erschreckte Fledermaus
-<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
-ins Zimmer schwirrend, und schlug stumm die
-Hände zusammen.</p>
-
-<p>»Herr Zarnosky trautstes, was is los? Was is
-jeschähn? Ich will man bloß rasch d'e Umnahme abnähmen&nbsp;...«
-sie huschte in ihr Zimmer. »Herrjeh,
-herrjeh, mein Palmbaum! Und d's Kissen! Jerechster
-Vater, was is hier jeschähn? Nu hatte er sich doch
-schon einije Tage so scheen jehalten.«</p>
-
-<p>Herr Zarnosky räusperte sich schweigend weiter.
-Rodenberg schlich still hinaus, weil er meinte, daß
-John in Dores Gegenwart keine Prügel bekommen
-werde. Frau Kalnis kam mit einer Decke angeflogen,
-die sie mit zitternden Händen über den unbedeckten
-Tisch warf. Dann ging sie zu John. »Wasser,«
-murmelte er leise.</p>
-
-<p>Herr Zarnosky trat mit der Reitpeitsche ans
-Bett. »Besinne dich,« sagte er heiser, »was hast du
-heute abend getan?«</p>
-
-<p>»Nichts,« stammelte John angstvoll, »nichts.«</p>
-
-<p>»Da geht doch dieser Lümmel hin und stiehlt!«
-stieß der Vater erbittert hervor, und die Reitpeitsche
-sauste nieder.</p>
-
-<p>Ehe sich's der Alte versah, war der Junge plötzlich
-aufgesprungen und hatte ihn an der Kehle gepackt.
-Wer weiß, was geschehen wäre, wenn Rodenberg &ndash;
-durch Dore und den Lärm herbeigerufen &ndash; sich nicht
-des Wütenden bemächtigt hätte. Er schaffte ihn wieder
-ins Bett und beruhigte ihn, so gut er konnte. Herr
-Zarnosky rang keuchend nach Atem. So träge und
-ruhig er für gewöhnlich war, so wild und zügellos
-konnte er im Zorn werden.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-»Warte!« knirschte er, sobald er sich von seinem
-Schreck erholt hatte. »Du wirst dich an mir vergreifen?
-An deinem Vater?« Und nun begann er John erst
-recht zu züchtigen.</p>
-
-<p>Doch die meisten Schläge bekam Rodenberg,
-der sich mit ausgebreiteten Armen über seinen Liebling
-legte, und der nicht von ihm wich, so wütend
-es ihm auch befohlen wurde. Zu sagen wagte er
-nichts, ja, er wagte nicht einmal zu stöhnen. Die
-Zähne zusammenbeißend hielt er tapfer stand, bis
-sein Herr mit Schlagen aufhörte.</p>
-
-<p>Als Herr Zarnosky ohne ein Wort gegangen
-war, richtete sich der Kutscher auf und sah Dore an,
-und dieser Blick war die einzige Kritik, die er sich
-über seinen Herrn erlaubte.</p>
-
-<p>Dore probierte, ob sie noch sprechen konnte.
-»Gott! &ndash; nei! &ndash; pfui&nbsp;...« Das war anfänglich
-alles, was sie herausbekam. Sie schüttelte den Kopf
-und schlug stumm mit der Hand, und dann sagte sie:
-Das sei von jeher die Zarnoskysche Erziehungsmethode
-gewesen.</p>
-
-<p>John lag ganz still da, und seine langen Wimpern
-drückten sich so tief in die Wangen, als ob sie sich
-nie mehr heben wollten. Doch mit der Zeit begann
-er aufgeregt zu flüstern, Schreie auszustoßen und
-mit den Armen zu fuchteln. Frau Zarnosky kam
-heraufgestürzt und setzte sich weinend an sein Bett.
-Sie nannte ihn bei seinem Kindheitsnamen, sie
-glättete sein Kissen, sie streichelte ihn. Wohl eine
-Stunde saß sie an seinem Bett und weinte; aber ihr
-Weinen, dieses monotone Weinen, vermehrte nur
-<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-seine Unruhe. »Nicht, nicht,« flüsterte er von Zeit
-zu Zeit. Doch Frau Zarnosky ließ sich nicht stören;
-sie war es nicht gewohnt, ihren Gefühlen Zwang
-anzutun, und sie wäre empört gewesen, wenn ihr
-jemand diese Tränen zum Vorwurf gemacht hätte.</p>
-
-<p>John schlief ein und ging im Traum unzählige
-Male in den Laden und wurde dort unzählige Male
-von Schutzleuten umringt, weil er jedesmal eine
-Flasche mitgenommen haben sollte. Doch es gelang
-ihm immer noch zu entkommen. Und einmal stellte
-es sich heraus, daß er die Flasche bereits bezahlt
-hatte. Die Schutzleute verneigten sich vor ihm, und
-er schritt stolz wie ein Triumphator davon&nbsp;&ndash;: um
-an der Tür auf den Tischler zu prallen, der ihm,
-»Dieb!« brüllend, eine ungeheure Flasche aus der
-Tasche zog. Die Schutzleute packten ihn, soviel Rodenberg
-auch für ihn bat; aber er riß sich los und
-stürzte sich, von seinem Vater verfolgt, in ein großes,
-schwarzes Wasser. Das schlug dumpf über ihm zusammen,
-sein Herz setzte aus, und dann sank er ohne
-Ende in die Tiefe.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-Zehntes Kapitel</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>D</b>er Zarnoskysche Landauer rollte lautlos die
-gerade, sonnige Chaussee entlang, die nach
-einem Gasthaus im Walde führte. Die
-neuen Rappen waren angespannt, und Rodenberg
-ließ sie mit stolzer Miene dahinbrausen. Sein langer,
-roter Bart glänzte in der Sonne wie ein Feuerchen
-auf seinem engen, schwarzen Mantel. John saß neben
-Dore auf dem Rücksitz des Wagens gegenüber seinen
-Eltern, zwischen denen sein Bruder Paul einen bescheidenen
-Platz einnahm. Diese Ausfahrt nach dem
-Walde war Johns sehnlichster Wunsch gewesen, und
-sein Vater erfüllte ihm seit einer Woche jeden Wunsch,
-weil es ihn noch immer reute, daß er sich dem
-Kranken gegenüber im Zorn vergessen hatte. Zudem
-war John auch sein Liebling, trotz allem und allem.</p>
-
-<p>Nun blickte er stumm und schläfrig, den Strohhut
-ins Gesicht gezogen, auf die grünen Felder, die
-wie stille Seen zu beiden Seiten der Chaussee lagen.
-Frau Kalnis interessierte sich für die Häuschen hier
-und dort, Paul für die Windmühlen. Herr und
-Frau Zarnosky interessierten sich für ihre Mittagsruh,
-indem sie die Augen geschlossen hielten und
-<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-schwiegen. Halbnackte Landkinder warfen Kornblumensträuße
-in den Wagen und liefen dann mit offnen
-Mäulern und ausgestreckten Händen nebenher, auf
-die Bezahlung erpicht. Es machte John Spaß, sie
-recht lange darauf warten zu lassen. »Wie heißt ihr?
-Wie alt seid ihr?« fragte er zunächst. Erst als seine Fragen
-beantwortet waren, ließ er langsam Pfennige regnen.</p>
-
-<p>Ein freundliches Dörfchen mit vielen Storchnestern
-auf den Dächern und vielen bunten Blumen
-in den Gärten glitt rasch vorüber. Dahinter kreuzte
-die Chaussee eine Bahnstrecke. Dann kamen wieder
-Wiesen und Felder und Roßgärten mit weidendem
-Vieh. Und schließlich kam der Wald, der alte Tannenwald,
-nach dem sich John so sehr gesehnt hatte.
-»Ah!« machte er lächelnd, als der Wagen aus der
-grellen Helle in den Schatten der Bäume rollte.</p>
-
-<p>»Wie es duftet!« murmelte Herr Zarnosky, die
-Augen öffnend.</p>
-
-<p>»Nicht wahr?« sagten die Söhne wie aus einem
-Munde.</p>
-
-<p>»Aber die vielen Bremsen!« seufzte Frau Zarnosky,
-an die Pferde denkend.</p>
-
-<p>Nach einer halben Stunde hielt der Wagen vor
-dem Waldgasthaus. Hier war die Chaussee zu Ende
-und ein tiefer Sandweg begann. Das Gasthaus lag
-breit und weiß am Wege mit grünen Fensterladen
-und zwei Storchnestern auf dem bemoosten Schindeldach;
-es sah ehrbar und freundlich aus. Der hagere
-Wirt stand vor der Tür und hieß die Herrschaften
-etwas still willkommen.</p>
-
-<p>Hinter dem Hause streckte sich ein langer, verwilderter
-<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-Garten mit zwei Holzkolonnaden und einem
-großen Grasplatz, auf dem ein paar Turngeräte
-standen. Die Familie Zarnosky setzte sich in eine
-Tannenlaube am Rande des grünen Platzes. John
-lehnte sich an, faltete die Hände, ließ die Daumen
-umeinander laufen und lächelte krank und müde.
-Ein alter, krummbeiniger Kellner erschien und säuberte
-gewissenhaft den Tisch.</p>
-
-<p>»Es riecht schon nach Heu,« sagte Herr Zarnosky,
-mit der Nase schnuppernd.</p>
-
-<p>»Und irgendwo müssen Linden blühen,« stotterte
-John.</p>
-
-<p>»Wenn der Kaffee hier nur nicht so gräßlich
-wäre,« versetzte Frau Zarnosky in unwirschem Ton.</p>
-
-<p>»Du darfst ja nur eine kleine Tasse trinken,«
-erwiderte ihr Gatte.</p>
-
-<p>»Ist mir auch noch zu viel,« nörgelte sie.</p>
-
-<p>Herr Zarnosky bestellte Bier, Selterwasser, Kaffee
-und Kuchen. Der alte, krummbeinige Kellner dienerte
-und verschwand. Bald kam das Bestellte und wurde
-genossen. Frau Zarnosky und Paul nippten nur ein
-wenig an ihrem Kaffee, und Dore nahm sich dann
-der beiden Tassen an, nachdem sie die eigene mit
-Vergnügen geleert hatte. An Sonntagen war das
-Waldgasthaus immer sehr besucht, heute am Alltag
-war es leer. Mit der Zeit fanden sich noch drei
-andere Familien ein, die auch mit eigenem Fuhrwerk
-kamen. Mehr Besuch erschien nicht. Der hagere
-Wirt ging an den leeren Tischen vorüber und rieb
-sich mit abwesender Miene die Hände. Paul beobachtete
-ihn durch die Tannen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-»Der macht nicht mehr lange,« sagte er plötzlich.</p>
-
-<p>»Wer?« fragte John erschreckt.</p>
-
-<p>»Der Wirt,« brummte der Junge.</p>
-
-<p>»Gehen wir in den Wald?« fragte der Vater,
-sich im Kreise umblickend.</p>
-
-<p>»Ich bleibe hier,« sagte John. »Aber ihr andern
-könnt ja gehen. Auch Frau Kalnis.«</p>
-
-<p>»Ich bleib' bei Ihnen, Herr Johnche,« versetzte
-Dore beflissen.</p>
-
-<p>»Dann bleiben wir doch schon alle hier,« entschied
-der Vater.</p>
-
-<p>Paul sprang auf, um zu den Turngeräten zu
-gehen, weil ihm das ewige Sitzen unerträglich wurde.
-Und dann war ihm auch, als säße der Tod in der
-Tannenlaube und als ginge der Tod durch die Gänge
-des Gartens. Paul wünschte häufig, daß John bald
-stürbe. Er empfand keine Liebe für diesen Bruder,
-der, so weit er zurückdenken konnte, schon immer als
-Taugenichts galt. Pauls Gefühle für John schwankten
-zwischen Abneigung und verächtlichem Mitleid. Ebenso
-erging es Leo. Die beiden Jungen hatten nichts
-Böses begangen, als er auch sie überall zu verleumden
-begann. Das verziehen sie ihm nie, hart wie Kinder
-sind, und sie verziehen ihm auch nie sein herabgekommenes
-Äußere. Sie mieden ihn jetzt wie einen
-Aussätzigen, sie sahen fremd über ihn hinweg, wo sie
-ihn trafen. Und das kränkte John, da er sie im
-Grunde sehr lieb hatte, das reizte ihn zu Roheiten
-ihnen gegenüber und zu immer neuen Verleumdungen
-über sie.</p>
-
-<p>Paul rannte auf dem Schwebebaum hin und
-<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-her, zur Aufbesserung seiner Stimmung wie eine
-Dampfmaschine pustend. Er versuchte an dieses und
-jenes zu denken; aber John beherrschte seine Gedanken.</p>
-
-<p>Wie einem Todkranken wohl zumute war?</p>
-
-<p>Paul schielte eine Weile nach dem gelben Gesicht
-in der Tannenlaube und blickte dann rasch nach
-der strahlenden Sonne. Jetzt glaubte er zu wissen,
-wie einem Todkranken zumute war; aber aussprechen
-hätte er es nicht können. Und er konnte auch seine
-gedrückte Stimmung nicht loswerden, obgleich er so
-tat, als sei er vergnügt, indem er auf dem Schwebebaum
-hin und her sprang, bald mit den Armen,
-bald mit der Mütze schlenkernd.</p>
-
-<p>»Seht bloß Paul an!« murmelte John, der sich
-schlechter und schlechter fühlte, mit zuckenden Lippen.</p>
-
-<p>»Der Junge ist vergnügt,« schmunzelte der Vater.</p>
-
-<p>»Er ist gräßlich,« dachte John, die Zähne zusammenbeißend.</p>
-
-<p>Die Mutter ahnte, was in John vorging. »Paul!«
-rief sie mit scharfer Stimme, »benimm dich vernünftig!
-&ndash; Denkt der Bengel denn gar nicht an seinen
-Bruder?!«</p>
-
-<p>John zuckte zusammen. »Warum soll er an mich
-denken?« fragte er rauh.</p>
-
-<p>Frau Zarnosky machte ein wehleidiges Gesicht.
-»Laß nur gut sein,« sagte sie tröstend, »es kommt
-auf den, auch auf jenen; es kommt auf jeden einmal.
-Du kannst auch noch gesund werden.«</p>
-
-<p>John hätte am liebsten losgeheult. »Ich möchte
-hier gern ein bißchen allein sitzen,« stieß er hastig hervor,
-als er seiner Stimme die nötige Festigkeit zutraute.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
-»Wird das gehen?« fragte die Mutter besorgt.
-»Soll Frau Kalnis nicht wenigstens bei dir bleiben?«</p>
-
-<p>»Ich will sie nicht sehen!« brach er los. »Ich
-bin kein kleines Kind! Ich kann allein sitzen! Ihr
-ärgert mich bloß!«</p>
-
-<p>»Wir ärgern dich?«</p>
-
-<p>»Ja!!!«</p>
-
-<p>»Man darf es ihm nicht übel nehmen,« sagte
-die Mutter, »er ist so furchtbar nervös.«</p>
-
-<p>John winkte nur stumm mit der Hand, sie
-möchten verschwinden, und diese Geste hatte etwas
-so Verzweifeltes und so Zwingendes, daß sich die
-Eltern denn auch ziemlich rasch mit Paul und Frau
-Kalnis auf den Weg machten. Aber Dore wurde
-nach wenigen Schritten auf einem versteckten Platz
-zurückgelassen, damit sie auf John, ungesehen, achtgäbe.</p>
-
-<p>Paul sprang seinen Eltern, aufatmend, voraus.
-Er meinte, es müsse heller werden, sobald er John
-und den Garten hinter sich hatte. Anfangs schien's
-ihm auch so; aber dann mußte er immer wieder an
-ihn denken und sich vorstellen, wie er so allein in
-der Tannenlaube saß. Dazu bewölkte sich der Himmel,
-und ein kaum wahrnehmbarer Wind zog mit geisterhaftem
-Seufzen durch die Tannenkronen. Ein Waldvogel
-stieß eine Reihe schmerzlicher Töne aus und
-wiederholte sie dann immer aufs neue.</p>
-
-<p>»Ich könnte weinen,« sagte die Mutter, als eine
-Krähe krächzend über den Wald flog. Der Vater
-schwieg mit gleichmütiger Miene.</p>
-
-<p>»Wir wollen lieber umkehren und nach Hause
-fahren,« stieß Paul leise hervor, doch die Eltern
-<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-gaben keine Antwort und gingen wie im Traume
-weiter.</p>
-
-<p>Der Junge blieb hinter ihnen zurück und sah
-sich mit großen Augen um.</p>
-
-<p>Wie die Bäume standen und starrten! Wie sein
-Herz klopfte! Wie die Stille im Walde sauste! Oder
-war es das Blut in seinem Kopf? Er steckte die
-Finger in die Ohren; aber da wurde das unheimliche
-Sausen noch stärker. Er reckte sich mit einem
-zitternden Seufzer und spuckte beklommen auf den Weg.</p>
-
-<p>»Wenn ein Ast sich vom Stamm lösen will,«
-ging es plötzlich durch seinen Kopf, »dann merkt es
-der ganze Baum.«</p>
-
-<p>Und der Wald stand da wie erstarrt, wie versteint,
-und alle Bäume schienen feindlich und erwartungsvoll
-auf ihn zu blicken. Paul stieß einen
-langen, hellen Ton aus, um den Bann zu brechen,
-der wie über ihm auch über dem Wald zu liegen schien.</p>
-
-<p>Und er erschrak. Denn ein Echo gab den Ton
-so seltsam wieder; er kam als ein Klagelaut durch
-die Stille zurück.</p>
-
-<p>Paul graute es plötzlich. Er sprang seinen Eltern
-nach, um ihrem traurigen Wandern ein Ende zu
-machen. Die Mutter war bei seinem Ton erschrocken
-stehen geblieben und sah sich um. »Wollen wir nicht
-umkehren?« rief er ihr mit forcierter Munterkeit zu.
-»Kehren wir doch lieber um! Hier ist es ja so langweilig!«</p>
-
-<p>»Ja, wir wollen umkehren,« versetzte sie mit
-Hast und Bestimmtheit. Sie schien den Sinn dieses
-Wortes erst diesmal zu fassen. »Komm!« sagte sie
-rasch zu ihrem Mann.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-»Schon umkehren?« brummte er. »Nanu?«</p>
-
-<p>»Hier ist es gräßlich,« murmelte sie. »Man geht
-ja hier wie in die Verbannung. &ndash; Wer weiß, was
-ihm noch im Garten passiert?!«</p>
-
-<p>»Was kann ihm da passieren?!« erwiderte er
-spöttisch, obgleich er ebenso gern umkehrte wie sie
-und der Junge.</p>
-
-<p>Paul machte mehrmals den Weg, den seine
-Eltern nur einmal machten, weil er wie ein junger
-Hund immer hin und zurück lief. Als sie schon bald
-am Gasthaus waren, kam er ihnen mit rotem Gesicht
-entgegengestürzt: »Vater, Mutter, John sitzt bei
-den Kutschern und spielt Karten! Wir müssen durch
-die Seitentür gehen.«</p>
-
-<p>Herr Zarnosky wollte sofort hineilen, um John
-vom Kutschertisch fortzuholen, doch seine Frau stellte
-sich ihm in den Weg, aus Furcht vor einem Skandal.
-Sie überredete ihn so lange, bis er ihnen durch die
-Seitentür folgte; aber er war so wütend, daß er
-fast keine Antwort gab.</p>
-
-<p>Frau Kalnis saß friedlich auf ihrem Platz, John
-noch immer in der Tannenlaube wähnend.</p>
-
-<p>»Er sitzt bei den Kutschern!« herrschte Herr
-Zarnosky sie an.</p>
-
-<p>Die Augen aufreißend, schlug sie die Hände zusammen.
-»Bei die Kuhtschers?« wiederholte sie erbleichend.</p>
-
-<p>Der Kellner kam und fragte, ob etwas gefällig
-sei. Frau Zarnosky hatte einen Einfall. »Es gibt
-ja Krebse,« sagte sie rasch. Und leise zu ihrem
-Mann: »Bestell welche! Dann wird er bald hier sein.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-John hatte seine Eltern nicht so rasch zurück
-erwartet, sonst wäre er beizeiten auf seinem Platz
-gewesen. Und nun wagte er sich nicht in die Tannenlaube,
-aus Angst vor dem Vater. Als Frau Kalnis
-ihn in den Garten bitten kam, wurde er aus Angst
-frech: er käme nicht, er amüsiere sich hier besser. Als
-sie für Rodenberg zwei Krebse brachte, die John
-leckrig machen sollten, riß er den Teller an sich und
-zeigte den wiehernden Kutschern, unter unfeinen
-Redensarten, wie man Krebse äße. Die Kraft dazu
-holte er sich fleißig aus Rodenbergs Seidel, das
-Braunbier mit Rum enthielt. Der alte Kutscher
-redete ihm zu, mit Frau Kalnis zu gehen; aber John
-rührte sich nicht. Hier sei es gemütlich. Hier ärgere
-ihn niemand. Er sei hier unter ehrlichen Menschen.</p>
-
-<p>Der Kutschertisch stand dem Gasthaus gegenüber,
-jenseits der sandigen Landstraße neben einer
-alten Eiche. An ihrem bemoosten Stamm hing eine
-hölzerne Tafel mit Worten, die schon lange nicht
-mehr zu lesen waren; aber man wußte, daß sie den
-Heldenmut eines im Kriege gefallenen Brüderpaares
-priesen. Frau Kalnis ließ ihren schwarzen Rock wieder
-im Sande schleppen, als sie den Kutschertisch verließ,
-aus Furcht, John könne ihr etwas Häßliches
-nachrufen, wenn sie ihn aufzuheben wagte. Ihre
-Backen glühten, und der Veilchenhut saß schief aus
-ihrem dünnbehaarten Kopf.</p>
-
-<p>Sobald John mit den Krebsen fertig war, griff
-er wieder nach den Karten. Rodenberg stand auf
-und machte sich an den Pferden zu schaffen, in der
-Hoffnung, daß John dann gehen werde. Vergebens.
-<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-Herr Zarnosky junior bot den fremden Kutschern
-jetzt Brüderschaft an, und wenn er eine Karte ausspielte,
-so knallte er sie wie die andern mit der Faust
-auf den Tisch. Die Kutscher hatten die Röcke ausgezogen
-und saßen in Hemdsärmeln da. Der Kopf
-des einen war wie eingeschroben in einen mächtigen,
-feuerroten Fleischwulst, der rings um seinen Hals
-lief. John mußte immer wieder auf diese rote, faltenschlagende
-Masse starren. Schließlich bat er den
-Kutscher um die Erlaubnis, sie betasten zu dürfen.
-Der Mann hatte nichts dagegen und ließ es gutmütig
-geschehen. In den Zweigen der Eiche hub
-ein Vögelchen zu zwitschern an: »Züzüzüzüühe«&nbsp;...
-Die Kutscher achteten nicht darauf; aber John legte
-den Kopf auf die Seite, machte ein liebliches Gesicht
-und erwiderte: »Zekü, zekü, zekü«&nbsp;... Und die
-Poesie des einsamen Platzes an der Waldstraße überwältigte
-ihn plötzlich so, daß er erblaßte.</p>
-
-<p>Frau Kalnis kam abermals durch den Sand
-gestiefelt, um Rodenberg zu bestellen, daß er sofort
-an der Seitentür vorzufahren habe. John erhob sich
-wie im Traum. »Schon? Schon nach Hause?«
-stammelte er erschreckt.</p>
-
-<p>Als die Familie aus dem Garten trat, sah sie
-ihn wie einen armen Sünder, der sich nicht zu nähern
-wagt, mit hängendem Kopf am Zaune stehen. Die
-Mutter war sofort gerührt. Sie eilte zu ihm hin
-und führte ihn unter sanften Vorwürfen zum Wagen.
-Der Vater blickte ihn flüchtig an: »Wir sprechen
-uns später,« sagte er hart und kurz.</p>
-
-<p>Der Wind schien eingeschlafen zu sein, und der
-<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-Himmel war klar geworden. Er hing gleich einer
-riesengroßen, blauen Glasglocke überm Walde. Die
-Bäume standen hoch und still, und das taktmäßige
-Trappeln der Rappen zog wie Musik durch den
-schweigenden Forst. John atmete laut und hastig.
-Sein Kopf sank beim Fahren bald nach rechts, bald
-nach links. Der Vater erhob sich und wies ihm kurz
-seinen Platz an, weil er sich dort besser anlehnen
-konnte. Diese Fürsorge rührte den armen Sünder
-bis zu Tränen. Sich schneuzend begann er nachzudenken,
-wodurch er sich der erwiesenen Güte würdig
-zeigen konnte. Er sah mit abbittender Miene vom
-Vater zur Mutter, und das Denken fiel ihm furchtbar
-sauer, weil Rodenbergs Mischung bei ihm zu
-wirken begann. Plötzlich griff er mit aufleuchtenden
-Augen in die Tasche und zog zwei sandige, bleierne
-Teelöffel heraus, die er mit triumphierender Miene
-im Kreise herumzeigte. »Für Frau Rodenberg,« sagte
-er mit Augen, die um Beifall baten.</p>
-
-<p>»Die hat er aus dem Gasthaus mitgenommen,«
-rief Paul erblassend.</p>
-
-<p>»Aber dort gefunden,« schmunzelte stolz der Betrunkene.</p>
-
-<p>Der Vater riß ihm die Löffel aus der Hand
-und warf sie aus dem Wagen. »Wir sprechen uns
-schon zu Hause,« sagte er wieder.</p>
-
-<p>John ließ die Unterlippe hängen wie ein arg
-enttäuschtes Kind, das weinen will. »Sie trieben
-sich doch unterm Kutschertisch im Sande herum,«
-stotterte er.</p>
-
-<p>Paul hob die Augen zum Himmel auf. »Er
-<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-gehört ganz einfach in eine Anstalt,« murmelte er,
-den Kopf schüttelnd.</p>
-
-<p>»Ja, du!« blubberte John gekränkt.</p>
-
-<p>»Wenn es die Kutscher nun gesehen haben?«
-jammerte Frau Zarnosky.</p>
-
-<p>»Nichts jesehn,« stammelte John. »Und sie sind
-doch nur für Frau Rodenberg.«</p>
-
-<p>Er begriff die Menschen nicht mehr, und sie gefielen
-ihm ganz und gar nicht. Das Leben war eine
-einzige sonderbare Scheußlichkeit. Und er hatte nichts
-als Feinde.</p>
-
-<p>Paul hatte sich vorgebeugt und hielt sich das
-Taschentuch vor die Nase, weil er Johns Alkoholatmosphäre
-nicht anders ertragen konnte. Von Zeit
-zu Zeit stieß er indigniert die Luft aus. John beobachtete
-ihn mit wachsendem Grimm; aber die Stille
-im Wald zügelte ihn gegen seinen Willen. Frau
-Kalnis begann schüchtern und wenig erwünscht von
-der Schönheit des Sommertages zu sprechen und
-von der Schönheit der hohen Tannen. Niemand erwiderte
-etwas. Sie verstummte.</p>
-
-<p>Der Wald wich zurück, und die Felder begannen.
-Paul entfaltete das Taschentuch und fächelte sich
-seufzend und pustend frische Luft zu. John ließ ihn
-schweigend gewähren; doch seine Augen weiteten sich
-vor Wut, seine Hände zuckten krampfhaft hin und
-her, und auf einmal, noch ehe der Vater es hindern
-konnte, versetzte er seinem Bruder einen heftigen
-Schlag in den Rücken.</p>
-
-<p>Frau Zarnosky, die mit geschlossenen Augen dagesessen
-hatte, schrie laut los, als Paul plötzlich auf
-<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-ihren Schoß kippte. Die Kalnis schlug die Hände
-zusammen und klagte es stürmisch ihrem »jerechsten
-Vater«. John verteidigte sich mit heftigen Worten.
-Der plötzliche Tumult im Wagen war so groß, daß
-die Rappen ängstlich die Ohren spitzten und dann
-ein Tempo begannen, dem der erschreckte und angetrunkene
-Rodenberg nicht gewachsen war.</p>
-
-<p>»Die Pferde gehen durch,« flüsterte Paul, der
-es zuerst bemerkte.</p>
-
-<p>»Was? Was?« wiederholte entsetzt die Mutter,
-und nun verfiel sie in ein angstvolles Weinen und
-Jammern, das die jagenden Pferde noch mehr erschreckte.</p>
-
-<p>Dampfend und zischend brauste von links ein
-Zug daher. Wie das Unheil selbst, so glitt er in
-großem Bogen unaufhaltsam der Chaussee entgegen,
-die er vor dem Dörfchen zu kreuzen hatte. Und die
-Pferde ließen sich nicht zügeln, obgleich Rodenberg,
-den das Entsetzen rasch ernüchterte, seine ganze Kraft
-aufbot; sie jagten jetzt dahin, als wollten sie mit dem
-Zug um die Wette laufen. Die Mutter hielt Paul
-mit geschlossenen Augen umschlungen und merkte
-nicht, daß John angstvoll und zärtlich ihre Hand
-zu fassen suchte. »Ruhe, nur Ruhe!« sagte Herr
-Zarnosky, der sich erhoben hatte und nach Hilfe umherspähte.
-Paul hörte schon in seiner Phantasie das
-Krachen, das erfolgen mußte, wenn der Zug über
-Wagen und Pferde ging, und vor diesem Krachen
-graute ihm fast am meisten. Gleichzeitig dachte er mit
-der Lebensfülle der Jugend: ich kann nicht sterben &ndash;
-und die andern auch nicht; es wird nichts passieren.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
-John lehnte sich wieder zurück und schloß mit
-ergebener Miene die Augen: seine Angst war plötzlich
-verflogen. Er dachte: nun brauchst du nicht allein
-durch die dunkle Pforte zu gehen; nun geht ihr alle
-zusammen. Er sagte sich gar nicht, daß er an dem,
-was vorging, schuld war. Ihn quälte nur eins: daß
-er Peter in der Welt zurücklassen mußte.</p>
-
-<p>Seine Todesergebenheit ging in Ekstase über:
-es dünkte ihn schön, an diesem wundervollen Sommernachmittag
-mit Vater und Mutter zu sterben. Ja,
-ihm war, als flögen sie schon alle zusammen durch
-den Himmelsraum, einem gewaltigen Ereignis &ndash;
-Gott entgegen. Er hörte bereits eine seltsame Musik,
-die ihn schon aus dem Jenseits dünkte. Wie aus
-der Ferne vernahm er Dores leises Beten, und er
-faltete die Hände, um ihr nachzutun, aber er konnte
-sich auf das, was er sagen wollte, auf das »Vaterunser«
-gar nicht besinnen.</p>
-
-<p>»Festgemauert in der Erde&nbsp;...« Nein, das war
-kein Gebet. Doch da ihm nichts Besseres einfiel, ließ
-er ruhig noch ein paar Reihen des Gedichtes folgen,
-weil er plötzlich fühlte, daß es auf die Worte nicht
-ankam, daß die Empfindung, die zum Beten treibt,
-das Wichtigste ist.</p>
-
-<p>Nun ging er nicht allein in das große ungewisse
-Land, nicht ohne Schutz, nicht ohne Verteidiger:
-Vater und Mutter kamen mit &ndash; wie beruhigend das
-war. Und wie seltsam es war, daß er nun bald
-wissen würde, was hinter dem Tode kam.</p>
-
-<p>Vor der herabgelassenen Barriere scheuten die
-Rappen zurück und bäumten wild in die Höhe.
-<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-»Haltet sie!« schrie Herr Zarnosky ein paar herbeieilenden
-Männern zu; denn nun wollten die Tiere
-nach der Seite, um durch den Graben ins Feld zu
-jagen oder auch auf die Schienen, und der Zug
-tauchte hinter dem nächsten Gehöft auf. »Haltet
-sie!« schrie Herr Zarnosky noch einmal, weiß wie der
-Tod im Gesicht, und alle standen jetzt im Wagen,
-bereit, im letzten Augenblick herauszuspringen. Aber
-es gelang den kräftigen Männern, die Pferde zum
-Stehen zu bringen.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
-Elftes Kapitel</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>U</b>nförmige Wolken zogen wie seltsame Tiere
-durchs Himmelsblau. Es war Nacht, und
-die Mondsichel lugte gleich einem gelben,
-schielenden Auge über die Wolkentiere herüber. »Er
-scheint; aber ich kann ihn hier nicht sehen,« murmelte
-John, der im Nachthemd am Fenster saß und Selterwasser
-trank. Sein Wohn- und Schlafzimmer war
-jetzt der Saal in der elterlichen Wohnung, weil er
-die Treppe zu seiner eignen nicht mehr hinaufsteigen
-konnte, und dann war es auch oben zu heiß für ihn
-geworden.</p>
-
-<p>Im Saal war fast alles rot. Tapete, Türen,
-Vorhänge, der Samtüberzug der Möbel, die Teppiche,
-alles war rot. Rote Stoffe deckten auch den schwarzen
-Flügel und den dunkeln Tisch. Auf den großen,
-düsteren Ölgemälden, die allerdings goldene Rahmen
-hatten, war die rote Farbe die vorherrschende. Das
-war Zarnoskyscher Geschmack. Dann gab es noch
-zwei vergoldete, weiße Vasen im Saal, die mit roten
-Blumen gefüllt auf schwarzen Ständern standen, es
-gab da noch einen dunkel gerahmten großen Spiegel und
-einen alten Messingkronleuchter in roter Musselinhülle.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-Neben dem roten Sofa stand jetzt Johns Bett,
-sein niedriges, breites, dunkles Bett, das in Form
-und Farbe ganz gut in den Saal hineinpaßte. John
-graute es in der Nacht beim Anblick der vielen roten
-Sessel, die so still und leer um den Tisch und an
-den Wänden standen, und am meisten graute ihm
-dann vor den geflügelten schwarzen Drachen, die die
-Tischplatte trugen. Er sah die Drachen im Traum
-auf seinem Deckbett kauern und ihn bedrohen, oder
-er hörte sie, nach ihm suchend, durchs Zimmer schwirren,
-während er sich in wilder Angst hinter einem Sessel
-zu verbergen suchte. Wachte er auf, so glaubte er
-ihre großen, schrägen Augen böse und lauernd auf
-sich gerichtet zu sehen. Der Tisch war eine Qual
-mehr für seine Nächte; aber das verriet er niemand,
-dazu war er viel zu stolz.</p>
-
-<p>Der Saal hatte drei dicht verhängte Fenster mit
-purpurnen Übergardinen. John thronte auf einem
-roten Sessel an dem Fenster, das sich seinem Bett
-zunächst befand, vor sich ein Tischchen mit Selterwasser
-besetzt. Er hatte die Gardine ein wenig zur
-Seite geschoben und blickte mit traurigen Augen bald
-nach dem Himmel, bald in die totenstille Grätengasse.
-Von Zeit zu Zeit beugte er sich vor und lauschte
-angestrengt nach der letzten Saaltür hin, die in das
-Schlafzimmer seiner jüngeren Brüder führte. Dort
-wurde noch geflüstert und halblaut gelacht. Auf seine
-Kosten, dünkte es John. Wenn er seinen Namen zu
-verstehen glaubte, machte er jedesmal eine Bewegung
-mit dem Kopf, als ob er ein Insekt verscheuchen
-müsse.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-Das Licht des Mondes erhellte die linke Seite
-der Grätengasse mit einer matten, geisterhaften Helle.
-Die alte, enge Straße, in der nur noch wenige
-Laternen brannten, mündete gleich einem Rohr auf
-einen breiten, tiefen Strom, in den schon manch Betrunkener
-in dunkler Nacht hineingetorkelt war. Johns
-Züge belebten sich, als ein einsamer Wanderer vor
-dem Fenster auftauchte und über die Straße nach
-der Grätengasse ging. Den Sargtischler erkennend,
-zog er sich hinter die Gardine zurück, um seinen
-Todfeind ungesehen zu beobachten. Der Tischler
-blieb auf der gegenüberliegenden linken Ecke neben
-der Laterne stehen und grinste höhnisch zu Johns
-Fenster herüber. Die wenigsten wußten, warum er
-die Familie Zarnosky so haßte, und die Zarnoskys
-wußten es selbst nicht; außer Onkel John: der
-Märchenerzähler und Verleumder wußte es.</p>
-
-<p>Nach einer Weile löste sich der Tischler von dem
-Laternenpfahl und ging torkelnd die Straße herunter.
-Jetzt erst bemerkte John, daß er stark betrunken war
-und sich nur mit Mühe aufrecht erhielt. Am nächsten
-Laternenpfahl sah er ihn wieder stehen bleiben und
-mit der Faust herüberdrohen. John lachte; aber seine
-Zähne schlugen vor Begier zusammen, wenn er sich
-vorstellte, er besäße noch seine alte Kraft und könne
-jetzt hinlaufen, um den Kerl durchzubläuen.</p>
-
-<p>Die linke Seite der Grätengasse hatte noch immer
-ihre geisterhafte Mondbeleuchtung, doch schon trieben
-große Wolken heran, um den blanken Halbmond zu
-verschlingen. Der Tischler war weitergetorkelt und
-bei seinem Häuschen angelangt, ohne es zu bemerken,
-<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-wie es schien. John sah, wie er ohne zu zögern
-daran vorbeischwankte. Zwei Häuser weiter drehte
-er um und ging auf die andere Seite der Straße,
-und dann ging er wieder vorwärts. Darauf wurde
-es recht dunkel, denn nun hatten die Wolkentiere
-den Mond verschlungen.</p>
-
-<p>Als der Mond wieder hervorbrach, war von
-dem Tischler nichts mehr zu sehen. Die Grätengasse
-lag starr und still wie eine Leiche da, und die Laternen
-hielten die Totenwacht. John nahm an, daß der
-Betrunkene entweder nach Hause gefunden hatte,
-oder daß er seinen Rausch in irgendeinem offenen
-Torweg ausschlief. Daß er verunglückt sein könne,
-hielt er kaum für möglich.</p>
-
-<p>Das Starren in die leere Straße hatte ihn
-müde gemacht, er stand auf und legte sich ins Bett.
-Aber der Schlaf wollte trotzdem nicht kommen. Immer
-wieder mußte er an den schönen Nachmittag denken,
-als er zusammen mit Vater und Mutter zu sterben
-glaubte. Nun sollte er wieder allein in das große
-ungewisse Land. Und er wollte nicht, es graute ihm
-zu sehr davor. Alle sollten ihn begleiten, seine ganze
-Familie.</p>
-
-<p>Und das war doch nicht möglich&nbsp;...</p>
-
-<p>Gegen Morgen erwachte er nach einem schönen
-Traum und ganz ohne die traurige Musik, die stets
-beim Erwachen in seinen Ohren zu klingen pflegte.
-Ihm hatte geträumt, er küsse große, weiche, violette
-Blumen, und das war so angenehm gewesen, so
-schön, so beruhigend. Ihm war so wohl gewesen im
-Traum, und auch noch viel besser war ihm als sonst.
-<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-Er sehnte sich jetzt nur nach Blumen, nach vielen
-weichen, kühlen Blumen, in die er sein Gesicht hineinbetten
-konnte wie in seinem Traum.</p>
-
-<p>Um sieben klopfte es. Frau Kalnis brachte einen
-Rosenstrauß, den Onkel John geschickt hatte.</p>
-
-<p>Wunder über Wunder, dachte John entzückt,
-und wie ein Rausch überkam ihn die Hoffnung, er
-könne vielleicht doch noch gesund werden.</p>
-
-<p>Da er sich so wohl fühlte, stand er bald auf,
-um sich auf die Veranda zu setzen. Als er heraustrat,
-wurde er sofort von Peter entdeckt, der schon
-Turnübungen auf den Rollwagen vollführte. Fröhlich
-meckernd kam das Tier dahergestürmt, warf die
-Vorderbeine hoch in die Luft und fiel seinem Herrn
-buchstäblich in die Arme.</p>
-
-<p>»Herr Johnche!« rief Rodenberg vom Pferdestall
-her. »Se sollen mal jleich was Neies heren
-kommen!«</p>
-
-<p>Johns Herz begann vor Neugier zu klopfen.
-Vielleicht kommt noch mehr Gutes, dachte er. Peter
-am Halsband nehmend, humpelte er so schnell er
-konnte über den Hof. »Na?« fragte er den strahlenden
-Kutscher.</p>
-
-<p>»Der Beese is diese Nacht besoffen im Wasser
-jefallen und ertrunken.«</p>
-
-<p>»Das ist gut! Das ist gut!« rief John mit
-triumphierender Miene und den zuckenden Bewegungen
-eines Hampelmannes.</p>
-
-<p>»Ich frei mir ja auch,« sagte Rodenberg bieder.</p>
-
-<p>»Ich hab' ja zugesehen, wie er in der Nacht
-durch die Grätengasse nach dem Wasser ging,« stammelte
-<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-John, den die Neuigkeit förmlich elektrisierte.
-»Er war mächtig im Tran. Und alle Augenblicke ist
-er stehen geblieben und hat nach unserm Hause gedroht.«</p>
-
-<p>»Die Wichse, die uns der Schuft damals beide
-einjetragen hat, was?« fragte Rodenberg mit zwinkernden
-Augen.</p>
-
-<p>John lachte bereitwillig mit. Wie ein Rausch
-war aufs neue die Hoffnung über ihn gekommen,
-er könne &ndash; wenn so viel Unerwartetes geschehen
-konnte &ndash; auch noch gesund werden.</p>
-
-<p>Aber als er wieder auf der Veranda saß, da
-wußte er plötzlich nicht mehr, ob das, was er soeben
-gehört zu haben glaubte, Traum oder Wirklichkeit
-gewesen war, und ihm wurde ganz sonderbar und
-schwindlig. Die Wirklichkeit schien sich langsam von
-ihm zu entfernen, alle Geräusche wurden leiser, alle
-Farben matter, und er wurde immer schläfriger, je
-weiter alles von ihm fortwich. Mit einem angstvollen
-Lachen griff er nach Peter, der wie ein treuer
-Hund an seiner Seite stand.</p>
-
-<p>Alles geht von dir, dachte John, aber der verläßt
-dich nicht.</p>
-
-<p>Wie warm Peter war. Und wie voll von
-klopfendem Leben. Und das wollte er töten?!</p>
-
-<p>Das Tier sah seinem Herrn vertrauensvoll ins
-Gesicht. John wandte den Blick zur Seite und reichte
-ihm allen Zucker, den er bei sich hatte. Dann stand
-er auf. »Wir müssen frisches Öl auf die Lampe
-gießen,« murmelte er, »sonst geht sie aus.« Er schob
-Peter auf den Hof und begab sich hinein zu der
-<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-großen Flasche, aus der er tagtäglich Beruhigung
-und Kräfte bezog.</p>
-
-<p>Seit jenem häßlichen Abend im Gewürzladen
-erinnerte John diese Flasche immer wieder an den
-Ölkrug der biblischen Witwe, denn sie wurde wie
-einst dieser niemals leer. John konnte aus der Flasche
-trinken, soviel er wollte; unsichtbare Hände füllten sie
-immer aufs neue voll. Aber der Kognak schmeckte
-ihm nur noch selten wie früher, und er vertrug
-auch nicht mehr viel. Er trank jetzt weniger zum
-Vergnügen, er trank, um existieren zu können, um nicht
-vor Schwäche, Unruhe und Schmerzen zu vergehen.</p>
-
-<p>Im Saal war es angenehm kühl nach der Hitze
-draußen. Frau Kalnis saß strickend und hustend an
-einem der Fenster und sagte kein Wort, als John
-ein Wasserglas bis zur Hälfte mit Kognak füllte,
-das er dann, in seinen Sessel gelehnt, langsam leerte.
-Sein Gedächtnis kehrte zurück. »Wissen Sie das
-Neuste?« fragte er Dore.</p>
-
-<p>»Daß der Tischler ins Wasser jefallen is? Ja,
-das weiß ich.«</p>
-
-<p>»Na, was sagen Sie dazu?«</p>
-
-<p>»Is gut. An dem war nichts dran. Die Frau
-wird froh sein.«</p>
-
-<p>»Er ist ins Wasser gefallen, weil ich es wünschte,«
-prahlte der Trinker.</p>
-
-<p>»Stuß!« murmelte Dore.</p>
-
-<p>»Hier hab' ich in der Nacht gesessen und zugesehen,
-wie er nach dem Wasser torkelte. Und da
-hab' ich gewünscht, was ich konnte, er möchte reinfliegen
-&ndash; und da is'r reingeflogen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
-»Pfui! Dann sind Se ja e Mörder!« krähte Dore.</p>
-
-<p>»Stuß!« echote John.</p>
-
-<p>Nun hatte er wieder Kraft und Unternehmungsgeist,
-die Schläfrigkeit war gewichen. Die Neuigkeit
-von heute morgen hatte ihn sensationslüstern gemacht,
-neugierig spähte er durch die Gardine die Grätengasse
-herunter nach dem kleinen, braunen Häuschen,
-das dem Tischler gehörte. Und je länger er nach
-dem Häuschen blickte, desto mehr verlangte es ihn,
-hinzugehen und die Leiche zu sehen. Er liebte es,
-Leichen zu betrachten, er konnte sich nicht satt sehen
-an ihren stillen Gesichtern; das Geheimnisvolle in
-der Ruhe des Totenantlitzes zog ihn immer aufs
-neue an. Er gab seiner Mutter nur kurze Antworten,
-als sie sich liebevoll nach seinem Befinden erkundigte;
-er wollte fort und sobald wie möglich. Kaum hatte
-man ihn nach dem Frühstück allein gelassen, so stand
-er auf und verließ den Saal, um seiner Sehnsucht
-zu folgen.</p>
-
-<p>Auf der Grätengasse lag das Sonnenlicht so
-schwer wie ein Alp. Die Straße war wenig belebt,
-und die meisten Fenster waren verhängt, was den
-Häusern ein blindes, totes, abweisendes Aussehen
-gab. Auf einem Hof spielte eine verstimmte Leier
-eine unschöne Melodie. Die Töne zogen rauh und
-schrill durch die stille, trockne Luft. Von Zeit zu
-Zeit sprang die Melodie wie toll vor Hitze in die
-Höhe, um dann jedesmal mit einem häßlichen Schnarren
-zu enden. John biß die Zähne zusammen, denn er
-konnte keine Musik hören, ohne nicht weinen zu
-müssen. Es fror ihn bald vor Unbehagen, trotz der
-<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-Hitze, und die Musik erpreßte ihm Schweißtropfen.
-Er hatte schon Lust umzukehren; aber das kleine
-braune Haus lockte ihn unwiderstehlich.</p>
-
-<p>Auch dort waren alle Fenster verhängt, so daß
-von außen nichts zu erspähen war. Scheu wie ein
-Dieb trat John in den Flur und sah durch das
-kleine Fenster in der Stubentür. Es war von innen
-mit einem roten Gardinchen verhüllt, durch dessen
-gehäkelte Spitze man bequem hindurchblicken konnte.
-John sah die Frau des Tischlers still und vergrämt
-an einem Tisch sitzen und nähen. Auf dem Fußboden
-kauerte ihre schwachsinnige kleine Tochter und
-spielte, unaufhörlich die Lippen bewegend und die
-Zähne fletschend, mit einer zerrissenen Puppe. Das
-Bild war unschön und traurig &ndash; und von einer Leiche
-war nichts zu sehen. Entweder befand sie sich in der
-Hinterstube, oder sie war auch gar nicht im Hause.
-John wandte sich hastig ab und verließ rasch den Flur.</p>
-
-<p>Vor der Haustür blieb er wieder stehen und
-starrte, gegen seinen Willen gefesselt, auf das große,
-schmutzige Schild des Verunglückten.</p>
-
-<p>Solch einen Holzsarg wie da auf dem Schild
-bekam er nicht, er bekam natürlich einen schönen,
-weißen Zinksarg, &ndash; und der wurde über ihm verlötet,
-so daß er nicht mehr heraus konnte.</p>
-
-<p>Er wollte nicht verlötet werden. Er wollte lieber
-so, wie er ging und stand, zur Hölle fahren, als
-verlötet werden.</p>
-
-<p>Was dachte er immer ans Sterben?! Er konnte
-ja auch noch gesund werden.</p>
-
-<p>Die Hitze verursachte ihm Schwindel und Herzklopfen,
-<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-es wurde ihm bald heiß, bald kalt. Dazu
-schossen noch immer die schrillen Leiertöne wie Raketen
-durch die Luft, und es roch nach qualmendem Pech,
-das in einiger Entfernung auf der Straße gekocht
-wurde. John wurde es so übel und so wirr im
-Kopf; er wußte nicht mehr, wo er war. Die gellenden
-Töne schienen schadenfroh gegen ihn anzuspringen,
-schienen ihn umwerfen zu wollen. Es sah aus, als
-wolle er tanzen, so drehte er sich plötzlich um sich selbst.</p>
-
-<p>»Solch eine Frechheit,« stammelte er. »Ich&nbsp;...,«
-er griff in die Luft und fiel besinnungslos zur Erde.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-Zwölftes Kapitel</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>E</b>s brannte eine Lampe im Saal, und Johannes
-saß bei John am Bett und unterhielt sich
-mit ihm in ängstlichem Flüsterton; denn
-draußen zog ein schweres Gewitter herauf. Es war
-drei Tage her, daß man John bewußtlos in der
-Grätengasse fand. Seitdem lag er fest zu Bett.</p>
-
-<p>»So schwarz, schwarz ist der Himmel,« wisperte
-Johannes, sich schüttelnd.</p>
-
-<p>Wenn die Welt doch untergehen möchte, dachte
-der Kranke, wenn die Erde sich doch auftun möchte
-und uns alle miteinander verschlingen!</p>
-
-<p>»So schwarz wie Onkel Chlodwigs Sofa,« setzte
-Johannes hinzu.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte John, »und dahinter steht vielleicht
-noch glänzend die Sonne. Zu denken!«</p>
-
-<p>Der Idiot knackte verlegen mit seinen mageren
-Fingern. »Hab Angst, hab Angst,« stammelte er.</p>
-
-<p>John blickte starr vor sich hin. »Erst alles schwarz,«
-murmelte er, »alles trüb und dunkel. Aber dahinter
-kommt vielleicht die Sonne &ndash; die nie mehr untergeht.«
-Plötzlich fuhr er heftig in die Höhe. »Hörst
-du, wie es bröckelt?« flüsterte er erregt. »Sie machen
-<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
-mich entzwei, ohne daß sie mich anrühren, ohne die
-Hände zu bewegen.«</p>
-
-<p>»Wer? Wer?«</p>
-
-<p>»Dort!« John zeigte nach der Tür, die in das
-Zimmer seiner Brüder führte, und dann nach der
-Tür zum Eßzimmer. »Dort und überall!« stöhnte er.</p>
-
-<p>Und nach einer Pause: »Sie wünschen mir den
-Tod, damit ich sie nicht länger geniere. Sie füllen
-mir immer wieder die Flasche voll, damit ich mich
-nur rasch totsaufe. Aber ich nehm' welche mit, ich
-geh' nicht allein. &ndash; Hier&nbsp;...,« er zog mit zitternden
-Händen unter dem Laken ein Päckchen hervor und
-zeigte es Johannes. »Schlafpulver, die ich nicht genommen
-habe, die ich für andre aufsparte. Ja&nbsp;...«
-und er lachte wie ein Blöder, und der Schwachsinnige
-lachte mit.</p>
-
-<p>Die ins Entree führende Saaltür wurde ungeschickt
-aufgerissen, und Markus, Johannes' Bruder,
-stürmte aufgeregt herein. »Tante Anna, Tante Anna,
-ein Küßchen, bloß ein Küßchen!« rief er mit schmelzender
-Stimme, indem er sich verschämt das eine
-Auge mit der Hand verdeckte.</p>
-
-<p>»Idiot!« knurrte Johannes, der sich gegen Markus
-die Klugheit selbst dünkte und diesen immerfort schalt
-und berief, wenn ein Dritter zugegen war, aus
-Furcht, man könne ihn sonst für ebenso einfältig
-halten wie seinen Bruder. »Scher dich raus!« herrschte
-er ihn an.</p>
-
-<p>Der baumlange Markus prallte einen Schritt
-zurück; denn obgleich er eine ungeheure Kraft besaß,
-hatte er doch ziemlich viel Respekt vor seinem älteren
-<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
-und klügeren Bruder. »Johnche erlaubst, Tante Anna,
-Tante Anna sprechen?« fragte er bescheiden, den unförmigen
-Kopf auf eine Seite gelegt.</p>
-
-<p>»Das muß ich mir erst eine Stunde überlegen,«
-scherzte John.</p>
-
-<p>Markus verzehrte sich fast in Liebe zu Tante
-Zarnosky. Dieser heimtückische, wenig folgsame Idiot
-wurde unter ihren Blicken ein sanftes, aufs Wort
-gehorchendes Kind. Für Frau Zarnosky hätte Markus
-sich kreuzigen lassen. Er stieß einen Freudenschrei
-aus, als seine Angebetete in den Saal trat. »Tante
-Anna, Tante Anna,« schrie er erregt, »neue Stiefel,
-neue Stiefel!« Und dabei hob er den einen Fuß, um
-die neuen Stiefel zu zeigen, so hoch in die Höhe,
-daß er beinahe das Gleichgewicht verlor.</p>
-
-<p>Frau Zarnosky lud ihn ein, zu Paul und Leo
-ins Eßzimmer zu gehen, da sein lautes Wesen den
-Kranken angriff. Markus drehte sich indessen so lange
-seufzend an der Tür herum, bis sie ihm vorausging.</p>
-
-<p>Johannes sah seinem Bruder mit rollenden
-Augen nach. »Idiot, Idiot!« schimpfte er, ganz rot
-im Gesicht.</p>
-
-<p>»Und dieser Idiot,« sagte John bedeutungsvoll,
-»wird deine ganze Gesellschaft sein, wenn ich erst tot
-sein werde.«</p>
-
-<p>Johannes verstand das nicht; aber es ängstigte
-ihn trotzdem. »Willst wirklich sterben?« fragte er leise.</p>
-
-<p>Der Kranke seufzte. »Es wird mir nichts anders
-übrig bleiben,« entgegnete er.</p>
-
-<p>»Johnche,« wisperte Pfarrer, »wenn's nich sehr
-weh tut, komm ich auch.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
-John verzog das Gesicht. »Soll ich dir meine
-Pistole geben?« fragte er freundlich.</p>
-
-<p>»Neinei! Spaß jemacht! Spaß jemacht!« stammelte
-Johannes erschreckt.</p>
-
-<p>»Tut ja nicht weh,« scherzte John. »Ein Knall &ndash;
-und du bist weg und gleich im Himmel, wo es Zigarren
-und Bratäpfel und Glacéhandschuhe haufenweis
-gibt.«</p>
-
-<p>Der Schwachsinnige senkte bestürzt den Kopf.
-»Im Sommer&nbsp;...,« begann er auf einmal, und dann
-stockte er ratlos.</p>
-
-<p>»Was ist im Sommer?« fragte John.</p>
-
-<p>»So schön! So schön!«</p>
-
-<p>»Und da möchtest du nicht weg! Was?«</p>
-
-<p>»Nein,« flüsterte Johannes.</p>
-
-<p>»Aber wenn ich nun sterbe,« fuhr John mit erzwungener
-Ruhe fort, »kann morgen, kann übermorgen
-sein, dann wirst du es schlecht haben. Für
-die andern bist du doch nur &rsaquo;der Idiot&lsaquo;. Wer wird
-sich mit dir unterhalten? Und eure Marie, die wird
-für euch noch miserabler kochen als jetzt, wenn ich
-nicht mehr schmecken kommen werde. Sie wird euch
-hungern und frieren lassen&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Neineinei!« winselte Johannes. »Wirklich wahr?
-Wirklich wahr?« jammerte er.</p>
-
-<p>»Gewiß,« entgegnete John. Aber dann tat ihm
-der arme, bestürzte Bursche leid. »Na,« sagte er, sich
-zu einem Lachen zwingend, »vielleicht gibt es auch
-noch einen andern Ausweg, als &ndash; ich will mal
-nachdenken, was ich noch für euch beide tun kann.«</p>
-
-<p>»Ach ja!&nbsp;&ndash;« sagte Johannes, und seine ganze
-<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
-Todesangst und seine ganze Lebensgier war in dem
-Zittern seiner Stimme.</p>
-
-<p>»Nun geh!« flüsterte John. »Ich bin müde, ich
-will schlafen. Das Gewitter kommt noch nicht so
-rasch.«</p>
-
-<p>»Und du wirst? Wirst&nbsp;...?«</p>
-
-<p>»Ja, ja&nbsp;...«</p>
-
-<p>Als der Schwachsinnige gegangen war, schloß
-John die Augen und weinte.</p>
-
-<p>Auch der wollte nicht sterben. Selbst so ein
-hilfloser, von allen verspotteter, armer Idiot hing
-am Leben &ndash;&nbsp;&ndash; es war so schön im Sommer&nbsp;...</p>
-
-<p>Und seiner Familie wünschte er den Tod. Und
-Peter wollte er erschießen. Nein! Nein! Mochte
-Onkel John Peter nehmen. Mochte alles leben, was
-da leben durfte. Es war so schön im Sommer&nbsp;...</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-Dreizehntes Kapitel</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>D</b>er Vater kam und saß an seinem Bett,
-Onkel John kam, Onkel Chlodwig, auch
-Eugen saß oft bei ihm. Die Mutter war
-vom Morgen bis zum Abend um ihn, und der Arzt
-erschien jeden Tag. Paul und Leo betraten den
-Saal nur selten. Auf ihre Fragen nach seinem Befinden
-erhielten sie auch nur selten eine Antwort von
-John, und doch war er auf ihre Besuche am stolzesten.
-Meistens lag er ganz ruhig da, und die Fliegen
-umsummten seinen Mund.</p>
-
-<p>Einmal, während niemand bei ihm war, ergriff
-ihn entsetzliche Todesangst. Sich wild aufrichtend,
-umklammerte er krampfhaft den Bettstollen und rief:
-»Ich geh' nicht fort, eh' ich nicht weiß, wohin es
-geht!« Frau Zarnosky hörte es bis auf der Veranda;
-aber sie vermochte sich vor Schreck und Entsetzen
-nicht von der Stelle zu rühren. Sie schickte Onkel
-Chlodwig zu ihm, und dann schickte sie zum Pfarrer,
-damit er John von Gott und dem ewigen Leben
-spräche.</p>
-
-<p>Die Nachmittagssonne strömte ihren Glanz durch
-die purpurnen Fenstervorhänge, als der Geistliche,
-<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>
-hoch und würdevoll, in den Saal trat. Er war der
-Sohn eines Bauern und trat auch in Krankenstuben
-nicht leise auf. Als er durch den stärksten der roten
-Lichtströme ging, flammte sein rötlichbrauner Vollbart
-wie Zunder auf, und sein starkknochiges, fanatisches
-Gesicht schien in diesem feurigen Rahmen zu übermenschlichen
-Dimensionen anzuschwellen. Er war
-großartig anzusehen, wie er so durch den Glanz
-schritt mit der Zuversicht seines Dünkels und seines
-Glaubens. Er fixierte John so lange, bis dieser
-verlegen die Augen niederschlug. »Wie geht's, mein
-lieber Konfirmand?« fragte er liebevoll und pathetisch,
-während sein Bart erlosch und sein Gesicht zusammenschrumpfte.</p>
-
-<p>John schob seine zitternde Trinkerhand mit Anstrengung
-in die ausgestreckte feste Rechte des Pfarrers,
-murmelnd, daß es ihm schlecht ginge.</p>
-
-<p>»Wir haben den lieben Herrgott und unsern
-Herrn Christus vergessen, nicht wahr?« fragte der
-Geistliche in eindringlichem Flüsterton.</p>
-
-<p>»Ja,« stotterte der Trinker mit einem kindischen
-und albernen Lachen.</p>
-
-<p>»Wir haben vergessen, was wir vor dem Altar
-gelobten, nicht wahr, mein lieber John?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Und wir sind böse und gottlos gewesen?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Und wir bereuen jetzt, ist es nicht so?«</p>
-
-<p>»Ja.« &ndash; John war bereit, zu allem »ja« zu
-sagen, was der Pfarrer ihn fragte. Es ging eine
-faszinierende Macht von diesem Bauernsohn aus,
-<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
-der er in seiner Schwachheit nicht gewachsen war.
-Vergebens suchte er seine Blicke aus denen des
-Fragenden zu reißen; er zog sie immer wieder an
-sich. John lag wie gefesselt da, und seine Seele
-kämpfte erfolglos gegen den Starken an seinem Bett.</p>
-
-<p>»Ist Ihre Reue auch aufrichtig? Fühlen Sie
-aufrichtige Reue?« fuhr der Geistliche noch eindringlicher
-fort.</p>
-
-<p>»Große Angst,« stammelte der Kranke.</p>
-
-<p>»Wir wollen beten!« &ndash; Das klang wie ein gedämpfter
-Posaunenstoß, wie der selbstbewußte Ruf
-eines bevorzugten Vasallen um Audienz bei seinem
-Herrn. John schloß ermüdet die Augen und ließ ihn
-reden, was er wollte. Er hörte kaum zu; aber seine
-Verzweiflung wurde doch stiller unter dem warmen
-Strom von Glauben und Zuversicht, der sich mit
-den Worten des Betenden über ihn ergoß.</p>
-
-<p>»Hören Sie auch zu?« fragte plötzlich der Pfarrer.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte John leise.</p>
-
-<p>»Beten Sie auch mit?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Wird Ihnen leichter ums Herz?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Und Sie bereuen? Voll Vertrauen auf einen
-barmherzigen und gnädigen Gott?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Der Glaube kann Berge versetzen!« rief der
-Pfarrer, daß es dröhnte. Und dann leiser: »Wenn
-Sie von ganzem Herzen bereuen, dann wird der
-Herr Ihre Sünden auslöschen, und Sie werden eingehen
-zur ewigen Seligkeit.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-»Zur ewigen Seligkeit?« flüsterte ungläubig der
-Trinker.</p>
-
-<p>»Ja! Zu den Asphodill- und Lilien-Fluren, zu
-den Scharen der Seligen mit den goldenen Harfen.«
-Die Augen des Sprechers leuchteten verzückt.</p>
-
-<p>»Asphodill- und Lilien-Fluren?« wiederholte
-John wie ein Kind. »Und darüber ein Osterhimmel,
-nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Nein! Gott darüber!« sagte laut und feierlich
-der Geistliche.</p>
-
-<p>John zuckte in plötzlicher Ergriffenheit zusammen,
-und der Pfarrer erhob sich.</p>
-
-<p>»Der Herr lasse sein Antlitz über dir leuchten
-und schenke dir seinen Frieden!« murmelte er voller
-Inbrunst, die große, feste Hand segnend über den
-Todgeweihten gereckt. Und dann ging er mit festen
-Schritten von dannen, umflossen von der Pracht
-seines Dünkels und der Zuversicht seines Glaubens.
-Frau Kalnis öffnete ihm, demütig wie ein Hund,
-die Tür. Als er ihr die Hand hinstreckte, durchfuhr
-sie diese Herablassung wie ein Blitzstrahl.</p>
-
-<p>John dachte an die Asphodill- und Lilien-Fluren;
-seine Phantasie schuf Bilder auf Bilder. O ja, er
-hatte schon Lust, nach jenen Fluren auszuwandern,
-nur glaubte er nicht, daß sie existierten. All das
-waren schöne Märchen für Kinder und Schwachsinnige.</p>
-
-<p>»Na, wie ist Ihnen jetzt?« fragte Frau Kalnis,
-noch ganz heiß von dem Händedruck.</p>
-
-<p>John machte mit Gewalt ein verschmitztes Gesicht.
-»Wissen Sie was,« entgegnete er, »der Mövius
-<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
-hat direkte Telephonverbindung mit dem lieben
-Gott.«</p>
-
-<p>»Oa!« rief sie enttäuscht. »Is das alles, was d'r
-Mann bei Ihnen ausjerichtet hat?«</p>
-
-<p>»Ich bin schon angemeldet auf den Asphodill- und
-Lilien-Fluren,« spöttelte er weiter, »und eine
-goldne Harfe ist auch schon für mich bestellt. Bei
-Petrus und Kompanie. Aber nobbel, sag ich dir!«</p>
-
-<p>»Schämen Sie sich!« schalt die Wärterin. »Sie
-verdienen nich, im Himmel zu kommen! Sie werden
-auch nich!«</p>
-
-<p>»Ich will auch gar nicht,« brummte er, »ich will
-hier bleiben und gesund werden. Es ist mir noch
-lange nicht genug!«</p>
-
-<p>»Noch nich jenuch jetrunken, was?«</p>
-
-<p>»Alles noch nicht genug,« murmelte John, unnatürlich
-die Augen aufreißend.</p>
-
-<p>»Wenn der Mövius mein Vater gewesen wäre,«
-sagte er nach einer Weile, »dann würde ich jetzt nicht
-hier liegen; dann wäre schon was aus mir geworden.«</p>
-
-<p>»Sie beleidjen Ihren Vaterche!« zeterte Dore.
-»Hat er nich alles für Sie jetan, was sein muß und
-sein kann?!«</p>
-
-<p>»Er hat es nicht verstanden,« murmelte John.</p>
-
-<p>»Was sagt er?« fragte Frau Zarnosky, mit geröteten
-Augen ins Zimmer tretend.</p>
-
-<p>»Er phantasiert e bißche,« half sich die Wärterin.</p>
-
-<p>Frau Zarnosky ließ sich am Krankenbett nieder
-und ergriff still und mit den Tränen kämpfend ihres
-Sohnes Hand. »Heul doch nicht immer!« hätte John
-am liebsten gerufen; aber er wollte die Mutter nicht
-<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-kränken und auch nicht zeigen, daß ihm ihre Tränen
-eine Qual waren. Er schloß die Augen und tat,
-als wolle er schlafen.</p>
-
-<p>Als sie ihn eingeschlafen glaubten, ließ Frau
-Zarnosky ihren Tränen freien Lauf und sagte flüsternd
-zu Dore: »Lange wird es nicht mehr dauern.«</p>
-
-<p>»Neinei,« entgegnete diese.</p>
-
-<p>»Ich darf mir wohl keine Vorwürfe machen,«
-fuhr die Mutter fort. »Ich hab' wohl für ihn getan,
-was in meinen Kräften stand.«</p>
-
-<p>»Das haben Se,« bestätigte die Wärterin.</p>
-
-<p>John tat sich Gewalt an, um sein Wachsein zu
-verbergen; aber es wollte ihm nicht gelingen: sein
-Herz zersprang vor Zorn und Angst. »Ihr könnt mir
-alle gestohlen bleiben!« stieß er verzweifelt hervor.</p>
-
-<p>Frau Zarnosky sprang bestürzt auf. »Aber lieber
-Junge&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;« stotterte sie.</p>
-
-<p>Dore beruhigte Mutter und Sohn. Sie gab
-John Medizin ein und glättete seine Kissen, wobei
-ihr Mundwerk auch nicht einen Augenblick stillstand.
-Trotzdem überhörte sie nicht das schüchterne Klopfen
-an der Tür. »Das is der Pfarrerche,« sagte sie,
-resolut »herein« rufend.</p>
-
-<p>Und es war der Pfarrerche. »Wie geht's? Wie
-geht's?« fragte er, unter Verbeugungen näher tretend.</p>
-
-<p>»Besser natürlich,« erwiderte Frau Zarnosky,
-und ihre weinerliche Stimme stand in lächerlichstem
-Gegensatz zu ihren Worten. John hätte aus der
-Haut fahren mögen.</p>
-
-<p>Johannes schlingerte sich unter verlegenem Händereiben
-bis zum Bett, setzte sich auf die Kante des
-<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
-Stuhls, den Frau Zarnosky verlassen hatte, und
-machte hungrige Augen. »Schon Abendbrot, Abendbrot
-jejessen?« fragte er verschämt im Kreise herum.</p>
-
-<p>»Gib ihm doch was!« sagte John rasch zu seiner
-Mutter.</p>
-
-<p>»Sie sind immer bei App'tit, Herr Pfarrerche
-liebes, nich wahr?« schmunzelte Dore.</p>
-
-<p>Johannes sah sie unwillig an. »Wirst jefracht?
-Wirst jefracht?« versetzte er indigniert.</p>
-
-<p>Er bekam ein großes Schinkenbrot, das er mit
-stummer Wollust ergriff. Seine langen, nicht ganz
-sauberen Finger umklammerten es fest und zärtlich.
-»Schön, schön&nbsp;... Danke, danke!« stammelte er mit
-halbgeschlossenen Augen.</p>
-
-<p>»Na, Pfarrer, wie ist's mit dem Himmel?« fragte
-ihn John ganz leise.</p>
-
-<p>Der Schwachsinnige lächelte leer und ängstlich.
-»Noch e bißche warten; nächstes Jahr, nächstes Jahr.«</p>
-
-<p>»Na, ich weiß was,« fuhr John ebenso leise
-fort, »Frau Kalnis soll zu euch ziehen, wenn ich
-tot bin.«</p>
-
-<p>Johannes warf Dore ganz von untenauf einen
-unbeschreiblichen Blick zu. »Meinst, meinst?« entgegnete
-er ziemlich zerstreut, denn das Schinkenbrot
-nahm seinen ganzen Menschen in Anspruch.</p>
-
-<p>»Ich möchte mit dir tauschen,« flüsterte John,
-die Augen schließend.</p>
-
-<p>Und er öffnete sie nicht mehr an diesem Abend.
-Doch im Geiste sah er sein ganzes Leben an sich
-vorüberziehen: Sommer und Winter, Lenze und
-Herbste; eine lange Kette von Tagen, die einst gewesen.
-<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a>
-Dabei wurde er schläfrig und schlief ein.
-Und seine Träume waren nicht schrecklich, wie in den
-meisten Nächten; sie hatten etwas Stilles, Wehmütiges
-und Fernes, und manchmal waren sie auch schön.
-Einmal ging er im Traum über die Asphodill-
-und Lilien-Fluren, auf denen weiße Schafe im
-Sonnenschein grasten und ein Hirte auf einer Schalmei
-ein weltfremdes Lied ertönen ließ. John hörte ganz
-deutlich eine wunderbare Melodie, die ihn so packte,
-daß er erwachte; aber er öffnete nicht die Augen und
-schlief bald wieder ein.</p>
-
-<p>Nun flog er durch die Nacht unter lauter Schattengebilden;
-selbst ein Schatten: das Leben lag hinter
-ihm. Und das gab ihm ein Gefühl, als sei eine Tür
-hinter ihm zugefallen, die sich nie mehr öffnen würde,
-soviel er auch bitten, flehen und schreien würde.
-Doch diese Empfindung erweckte nur ein ganz mattes,
-unklares Entsetzen in ihm. Er flog über meilenweite
-Schneefelder, auf denen sich dunkle Ungeheuer wanden,
-tief, tief unter ihm. »Wir können dir nichts mehr
-tun,« klang es zu ihm herauf, »denn du bist ja schon
-tot.« Peter (den er erschossen zu haben glaubte)
-kam ihm entgegengestürmt und begrüßte ihn mit lautloser,
-schattenhafter Freude. Sobald er ihn fassen
-wollte, zerfloß das Tier, um sich dann wieder zu
-einem nebelhaften Gebilde zusammenzusetzen. John
-bereute bitter, daß er ihn getötet hatte. Das kümmerlichste
-Leben, dachte er, ist tausendmal besser als
-tot sein.</p>
-
-<p>Es wurde sehr früh Tag im Saal, weil das
-mittelste der Fenster auf seinen Wunsch unverhängt
-<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a>
-geblieben war: er wollte doch das Licht genießen,
-solange er noch konnte. Und nun kam schon früh
-die Sonne zu ihm herein und weckte ihn ganz leise
-auf. Die Augen öffnend, sah er sich ratlos um: war
-er denn nicht gestorben? Ihm wurde so feierlich zumute
-in dem totenstillen, hellen Raum, er mußte plötzlich
-die Hände falten, und obgleich er nicht betete,
-war seine Stimmung so fromm wie ein Gebet.</p>
-
-<p>Kam er von Gott, dieser feierliche Frieden, den
-er plötzlich empfand? War es Gott, der die Verzweiflung
-von ihm genommen? Der ihn ohne Worte
-tröstete?</p>
-
-<p>Vielleicht&nbsp;... vielleicht&nbsp;... Wenn es einen Gott gab!</p>
-
-<p>Wie hatte der Pfarrer doch schon gesagt: »Der
-Herr lasse sein Antlitz über dir leuchten und schenke
-dir seinen Frieden.«</p>
-
-<p>Vielleicht kam er von Gott.</p>
-
-<p>Die Sonne, die durchs Fenster schien, dünkte
-ihn schon eine andere Sonne, und alles dünkte ihn
-schon so anders als gestern. Ihm war, als sähe er
-auf das Leben wie von einem Berg zurück, den er
-im Traum erstiegen hatte &ndash; und nun wollte er nichts
-mehr von ihm, auf einmal hatte er genug, war lebenssatt
-und todesbereit. Und sie war nicht ohne Wollust,
-diese Hingabe an den Tod, sie war ein ungeahnter
-Genuß, ein so großer, daß er Mitleid zu fühlen begann
-für alle, die zurückbleiben mußten und noch
-weite Strecken auf den gefährlichen, staubigen Wegen
-des Lebens zu wandern hatten.</p>
-
-<p>Und jetzt war er überzeugt, daß er den Weg
-gegangen, den sein Schicksal, das heißt seine Anlagen
-<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a>
-ihm bestimmten, daß es kaum in seiner Macht
-gelegen, einen andern zu gehen, und daß er darum
-eher zu beklagen als zu verdammen war. Weder
-er noch seine Eltern trugen schwere Schuld an seinem
-Los, weder sie noch er waren im Grunde dafür verantwortlich
-zu machen. Seine Anlagen waren ihm
-zum Verderben geworden, das war es! Und seine
-Anlagen waren eine Laune der Natur, für die niemand
-verantwortlich war, auch nicht Vater und Mutter,
-und sie waren stärker gewesen als sie alle zusammen.
-Laune der Natur war Gutes wie Böses, und das
-mußte hingenommen werden wie Sonne und Regen,
-wie Stille und Sturm &ndash; denn wer konnte die Natur
-zur Verantwortung ziehen? Nach Willkür brausten
-die Winde, nach Willkür traf der Blitz, es gab keinen
-Herrscher über den Launen der Natur. Aber vielleicht,
-vielleicht gab es doch etwas Liebes und Gutes
-im All: einen Gott, nicht zum Herrschen, zum
-Trösten da.</p>
-
-<p>Der Morgen rückte vor. Die Sonne wurde von
-grauen Wolken bedeckt; Regen fiel. Ein trauriger
-Wind zog leise klagend an den Fenstern vorüber.
-Dore saß jetzt am Krankenbett, strickend lauschte sie
-dem Wind und dem seltsamen Schnarchen des
-Kranken; in ihren Augen war eine dumpfe Angst
-vor der Zukunft. Plötzlich erwachte John und sah
-sie an &ndash; und verstand. »Du ziehst zu den Idioten,
-wenn ich tot bin,« flüsterte er. »Du kannst dir ja
-ein Mädchen halten. Der Vater wird dir ein Drittel
-meines Erbteils geben.«</p>
-
-<p>»Aber Herr Johnche trautstes&nbsp;...«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
-»Ruf ihn! Er soll es mir versprechen.«</p>
-
-<p>Die Wärterin mußte gehorchen, und Herr Zarnosky
-kam, den Kamm in der Hand, herbeigestürzt.
-Er versprach alles, was John wollte, sich in der Bestürzung
-mechanisch weiterkämmend. Hustend und sich
-räuspernd, um seinen Schmerz und seine Rührung
-zu verbergen, starrte er dem Sohn wie gebannt ins
-Gesicht. »Möchtest du nicht was trinken?« fragte er
-einmal über das andere.</p>
-
-<p>John schüttelte mit einem fremden Lächeln den
-Kopf.</p>
-
-<p>»Champagner, wie?«</p>
-
-<p>»Ich kann nicht mehr.«</p>
-
-<p>»Na, es wird schon alles wieder besser werden,«
-sagte Herr Zarnosky mit rauher Stimme, und in
-diesem Augenblick hätte er alle seine andern Kinder
-hingegeben, wenn er John dafür zurückbekommen
-hätte, wie er vor zehn Jahren war. Sein Gewissen
-regte sich zum ersten Male laut und heftig diesem
-Ende gegenüber, er fühlte sich nicht mehr frei von
-aller Schuld beim Anblick seines sterbenden Sohnes.
-Und obgleich er sich sagte, daß vielleicht auch ein
-Stärkerer als er John gegenüber versagt hätte, so
-schien ihm nun doch nicht genug, was er um ihn
-getan hatte. »Nicht genug, nicht genug&nbsp;...« das erhob
-sich wie ein Klingen in seinen Ohren, das nicht
-mehr enden wollte. »Hab' ich dich nicht immer gewarnt?«
-stieß er wie zu seiner Verteidigung unsicher
-hervor.</p>
-
-<p>»Besser werden,« murmelte John, die Augen
-schließend.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a>
-Herr Zarnosky streckte die Hand aus und fuhr
-ihm mit ungeschickter, verzweifelter Zärtlichkeit über
-das Gesicht, dann drehte er sich wortlos um und
-ging, die Zähne zusammenbeißend, hinaus.</p>
-
-<p>Abends gegen zehn verlangte John mit klaren
-Augen Champagner, und Dore beeilte sich, ihm das
-Gewünschte zu holen. Während des Trinkens riß
-er sich immer wieder am Halse, weil ihm das Schlucken
-sonderbar schwer fiel. »Will nicht mehr rutschen,«
-sagte er mit einer traurigen Grimasse. Dann legte
-er sich zurück, faltete die Hände und ließ wie in
-alten Tagen die Daumen umeinander laufen. Frau
-Kalnis holte ihr Strickzeug und setzte sich zu ihm
-ans Bett.</p>
-
-<p>»Dore,« sagte er plötzlich, »war das alles: geboren
-werden, saufen und nun sterben?«</p>
-
-<p>»Wie meinen Se, Herr Johnche?«</p>
-
-<p>»Ich meine, ob das alles war, was ich erleben
-sollte?«</p>
-
-<p>»Na&ndash;e&nbsp;...« und mehr wußte sie nicht.</p>
-
-<p>»Dann war mein ganzes Leben fünf Pfennige
-wert!« stieß John zwischen den Zähnen hervor.</p>
-
-<p>»Aber vielleicht kommt doch noch etwas,« murmelte
-er dann. »Etwas muß doch noch kommen, es
-war doch noch so gar nichts, so gar nichts &ndash;&nbsp;&ndash;
-Vielleicht ist der Tod eine angenehme Überraschung,«
-setzte er mit Humor hinzu. Darauf sah er starr vor
-sich hin und sagte: »Vielleicht ist der Tod das einzige
-große Erlebnis im Leben der meisten Menschen.«</p>
-
-<p>»Denken Sie auch an Gott?« fragte Frau Kalnis.</p>
-
-<p>John hatte die Augen geschlossen und schwieg.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a>
-»Hörst du? Ach, hörst du?« murmelte er nach
-einer Weile.</p>
-
-<p>»Ich her nichts,« entgegnete die Wärterin.</p>
-
-<p>»Musik!« flüsterte er. »So traurig und so schön!
-Wie von vielen Wassern &ndash;&nbsp;&ndash; Wie von großen
-Wäldern &ndash;&nbsp;&ndash; Wie von Stürmen &ndash;&nbsp;&ndash; So schwer
-und so tief und so traurig schön!« Nach diesen
-Worten öffnete er rasch die Augen und sagte wie
-in einer plötzlichen Erleuchtung: »Weißt du, wozu
-ich gepaßt hätte, Dore?«</p>
-
-<p>»Na?«</p>
-
-<p>»Ich hätte Musik machen können.«</p>
-
-<p>»Jewiß,« bestätigte die Wärterin, »was konnten
-Se doch bloß scheen d'n Flohwalzer spielen.«</p>
-
-<p>John kicherte nervös vor sich hin; ein Kichern
-das wie ein Schluchzen klang. »Du hast es getroffen,«
-flüsterte er, »auf d'n Flohwalzer kommt es
-an.« Dann seufzte er tief und schloß die Augen.</p>
-
-<p>Die Wärterin ließ ihr Strickzeug in den Schoß
-sinken und sah ihn an. Und es kam ihr vor, als
-verändere sich sein Gesicht, während sie ihn unverwandt
-anblickte. Sie saß wohl eine halbe Stunde
-so, das Strickzeug im Schoß. »Er jefällt mir gar
-nich,« murmelte sie, als Frau Zarnosky ans Krankenbett
-kam.</p>
-
-<p>»Er schläft doch so schön,« sagte die Mutter.</p>
-
-<p>Und die beiden Frauen standen und blickten
-stumm auf den Schläfer. Sie glaubten eine Ewigkeit
-so zu stehen, wie von unsichtbaren Mächten festgehalten.
-Draußen plätscherte der Regen, draußen
-war das Leben. Und im Zimmer war der Tod, das
-<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a>
-fühlten sie nun alle beide. John lag ganz still. Doch
-plötzlich wurde er unruhig: und während ein krampfhaftes
-Zucken durch seinen ganzen Körper lief und
-sein Gesicht sich verzerrte, schlug er die Augen auf
-und suchte mit großen, angstvollen Blicken die Mutter;
-er schien etwas sagen, etwas rufen zu wollen. Frau
-Zarnosky beugte sich tief zu ihm herab; aber er sagte
-nichts, konnte nichts mehr sagen. Sein Kopf sank
-ein wenig zur Seite, die Lider schlossen sich zur Hälfte
-über den glasig werdenden Augen &ndash; ein Röcheln,
-ein Ausstrecken, der Gesichtsausdruck wurde friedlicher
-&ndash; starr: John war tot.</p>
-
-<hr />
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a>
-Deutsche Romane und Erzählungen</h2>
-
-
-<p class="in0"><span class="fsl">Lily Braun</span>, Memoiren einer Sozialistin, Roman</p>
-
-<p class="si fss">Geheftet 6&nbsp;Mark, gebunden 7&nbsp;Mark 50&nbsp;Pf., in Halbfranz 9&nbsp;Mark</p>
-
-
-<p class="in0"><span class="fsl">Alexander Castel</span>, Der seltsame Kampf, Drei Novellen</p>
-
-<p class="si fss">Geheftet 3&nbsp;Mark 50&nbsp;Pf., in Pappband 5&nbsp;Mark, in Halbfranz 6&nbsp;Mark 50&nbsp;Pf.</p>
-
-
-<p class="in0"><span class="fsl">Max Dauthendey</span>, Lingam, Asiatische Novellen</p>
-
-<p class="si fss">Geh. 2&nbsp;Mark 50&nbsp;Pf., geb. 3&nbsp;Mark 50&nbsp;Pf., in Halbfranz 5&nbsp;Mark 50&nbsp;Pf.</p>
-
-
-<p class="in0"><span class="fsl">Hermann Gottschalk</span>, Gerhard Frickeborns Freiheit, Roman</p>
-
-<p class="si fss">Geheftet 5&nbsp;Mark 50&nbsp;Pf., gebunden 7&nbsp;Mark, in Halbfranz 8&nbsp;Mark 50&nbsp;Pf.</p>
-
-
-<p class="in0"><span class="fsl">Otto Gysae</span>, Die Schwestern Hellwege, Roman</p>
-
-<p class="si fss">Geheftet 3&nbsp;Mark, gebunden 4&nbsp;Mark</p>
-
-<p class="in0 ml2">Edele Prangen, Roman</p>
-
-<p class="si fss">Geh. 3&nbsp;Mark 50&nbsp;Pf., geb. 4&nbsp;Mark 50&nbsp;Pf.</p>
-
-<p class="in0 ml2">Die silberne Tänzerin, Roman</p>
-
-<p class="si fss">Geheftet 3&nbsp;Mark 50&nbsp;Pf., gebunden 4&nbsp;Mark 50&nbsp;Pf., in Leder 6&nbsp;Mark 50&nbsp;Pf.</p>
-
-
-<p class="in0"><span class="fsl">Max Halbe</span>, Der Ring des Lebens, Novellen</p>
-
-<p class="si fss">Geheftet 3&nbsp;Mark, gebunden 4&nbsp;Mark, in Halbfranz 6&nbsp;Mark</p>
-
-
-<p class="in0"><span class="fsl">Karl Borromäus Heinrich</span>, Karl Asenkofer, Roman</p>
-
-<p class="si fss">Geheftet 3&nbsp;Mark 50&nbsp;Pf., gebunden 5&nbsp;Mark, in Halbfranz 6&nbsp;Mark 50&nbsp;Pf.</p>
-
-<p class="in0 ml2">Karl Asenkofers Flucht und Zuflucht, Roman</p>
-
-<p class="si fss">Geheftet 3&nbsp;Mark, gebunden 4&nbsp;Mark, in Halbfranz 6&nbsp;Mark</p>
-
-<p class="in0 ml2">Menschen von Gottes Gnaden, Roman</p>
-
-<p class="si fss">Geheftet 3&nbsp;Mark, in Pappband 4&nbsp;Mark, in Halbfranz 6&nbsp;Mark</p>
-
-
-<p class="in0"><span class="fsl">Hermann Hesse</span>, Gertrud, Roman</p>
-
-<p class="si fss">Geheftet 4&nbsp;Mark, in Pappband 5&nbsp;Mark 50&nbsp;Pf., in Halbfranz 7&nbsp;Mark</p>
-
-
-<p class="in0"><span class="fsl">Korfiz Holm</span>, Thomas Kerkhoven, Roman</p>
-
-<p class="si fss">Geh. 5&nbsp;M., geb. 6&nbsp;M.</p>
-
-
-<p class="in0"><span class="fsl">Richard Huldschiner</span>, Die Nachtmahr, Roman</p>
-
-<p class="si fss">Geheftet 3&nbsp;Mark 50&nbsp;Pf., in Pappband 5&nbsp;Mark, in Halbfranz 6&nbsp;Mark 50&nbsp;Pf.</p>
-
-
-<p class="in0"><span class="fsl">Adolf Köster</span>, Die zehn Schornsteine, Erzählungen</p>
-
-<p class="si fss">Geheftet 3&nbsp;Mark 50&nbsp;Pf., gebunden 5&nbsp;Mark, in Halbfranz 6&nbsp;Mark 50&nbsp;Pf.</p>
-
-
-<p class="in0"><span class="fsl">Gustav Meyrink</span>, Wachsfigurenkabinett, Sonderbare Geschichten</p>
-
-<p class="si fss">Geheftet 4&nbsp;Mark, in Halbfranz gebunden 6&nbsp;Mark</p>
-
-<p class="in0 ml2">Orchideen, Sonderbare Geschichten</p>
-
-<p class="si fss">Geh. 2&nbsp;M., geb. 3&nbsp;M.</p>
-
-
-<p class="in0"><span class="fsl">Otto Soyka</span>, Der Fremdling, Roman</p>
-
-<p class="si fss">Geheftet 3&nbsp;Mark, in Pappband 4&nbsp;Mark, in Halbfranz 6&nbsp;Mark</p>
-
-
-<p class="in0"><span class="fsl">Ludwig Thoma</span>, Andreas Vöst, Bauernroman</p>
-
-<p class="si fss">Geheftet 3&nbsp;Mark, gebunden 4&nbsp;Mark, in Leder 6&nbsp;Mark</p>
-
-<p class="in0 ml2">Kleinstadtgeschichten</p>
-
-<p class="si fss">Geh. 3&nbsp;Mark, geb. 4&nbsp;Mark, in Leder 6&nbsp;Mark</p>
-
-
-<p class="ce mt2">Albert Langen Verlag in München</p>
-
-
-<p class="ce fss">Druck von Hesse&nbsp;&amp;&nbsp;Becker in Leipzig<br />
-Papier von Bohnenberger&nbsp;&amp;&nbsp;Cie., Papierfabrik, Niefern bei Pforzheim<br />
-Einbände von E.&nbsp;A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig</p>
-
-<hr />
-
-
-
-<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<p class="in0">Der Schmutztitel wurde entfernt.</p>
-
-<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.</p>
-
-<p class="in0">Darstellung abweichender Schriftarten: <em class="ge">gesperrt</em>, <i>Antiqua</i>.</p>
-
-<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,
-mit folgenden Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_080">80</a>:<br />
-"erikafarbenen" geändert in "erikafarbenem"<br />
-(mit erikafarbenem Schimmer über dem Hof)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_092">92</a>:<br />
-"sie" geändert in "Sie"<br />
-(Da täten Sie recht!)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_095">95</a>:<br />
-"uud" geändert in "und"<br />
-(ließ er den Kopf hängen und weinte)</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Trinker, by Katarina Botsky
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TRINKER ***
-
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62825-h/images/emblem.jpg b/old/62825-h/images/emblem.jpg
deleted file mode 100644
index a00c80f..0000000
--- a/old/62825-h/images/emblem.jpg
+++ /dev/null
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