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-The Project Gutenberg EBook of Der Trinker, by Katarina Botsky
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
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-
-Title: Der Trinker
- Roman
-
-Author: Katarina Botsky
-
-Release Date: August 2, 2020 [EBook #62825]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TRINKER ***
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-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net (This book was produced from images
-made available by the HathiTrust Digital Library.)
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- Katarina Botsky
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- Der Trinker
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- Roman
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- [Illustration]
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- Albert Langen, München
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-
- =Copyright 1911 by Albert Langen, Munich=
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-Erstes Kapitel
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-Es war ein Frühlingsnachmittag voll Melancholie und Windesraunen, so recht
-geeignet für trübe Gedanken. Die Hände auf dem Rücken, die Mütze im Nacken,
-lehnte _John_ an einem Lastwagen auf dem stattlichen Hofe seines Vaters,
-dem verworrenen Liede des Windes lauschend. Sein schönes Gesicht war von
-der Trunksucht aufgedunsen, sein schwarzes Haar dünn und halb ergraut,
-obgleich er erst siebenundzwanzig Jahre wurde, seine hohe elegante Figur
-verriet Schlaffheit und Hinfälligkeit. John sah wie ein verworfener junger
-römischer Kaiser aus, der sich in die Tracht eines jungen Mannes von
-heute gekleidet. Mit einem trüben Imperatorenlächeln auf seinem feisten,
-bartlosen Gesicht wiegte er den Kopf hin und her nach einer inneren Melodie
-und nach dem Rhythmus des Windes. Seine beiden jüngeren Brüder, Knaben von
-dreizehn und vierzehn Jahren, standen am Fenster und beobachteten ihn. Der
-ältere sagte: »Er wackelt schon wieder mit dem Kopf wie ein Mummelgreis.«
-
-»_Rodenberg!_« schrie John plötzlich, seine beiden schlaffen Hände wie ein
-Schallrohr gebrauchend.
-
-Rodenberg, der alte Kutscher, streckte seinen rothaarigen Kopf aus der
-dritten Etage des Ziegelspeichers heraus und fragte, was es gäbe.
-
-Alsbald brüllte John, daß es über den ganzen Hof schallte: »Wissen Sie, was
-der Doktor gesagt hat, Rodenberg?! Meine Leber ist kaputt, hat er gesagt.
-Ich hab's durch die Tür gehört.«
-
-»Glauben Se doch das nich!« tönte es von oben zurück, und bald klapperten
-ein Paar Holzpantoffeln hurtig die letzte Treppe herunter, und gleich
-darauf tauchte ein hünenhafter alter Germane mit einem langen, fuchsroten
-Bart im Rahmen der nächsten Speichertür auf. »Was hat'r jesacht, der
-Schafskopp?« fragte der Kutscher.
-
-»Kaputt, hat'r jesacht,« kicherte John, sich auf den Bauch tätschelnd.
-
-Rodenberg entblößte sein Pferdegebiß und lachte, daß es dröhnte. Dabei
-hüpften die großen, kugelrunden Warzen, die wie Erbsen über sein geräumiges
-Gesicht verstreut waren, munter hin und her. »Nei sowas! Nei sowas!« schrie
-er, sich aufs Knie schlagend. »Wie will so'n Schafskopp das wissen?!«
-
-John lächelte so listig und so kindisch, wie einst vielleicht Caligula
-gelächelt hatte. »Hier,« sagte er, dem Alten verstohlen eine Flasche
-reichend, »holen Sie mir meine Mischung. Auf sowas muß man einen trinken.
-Meinen Se nich auch?«
-
-Rodenberg meinte auch. Er war immer dabei, wenn es galt, Johns Mischung zu
-holen, denn er liebte sie selbst leidenschaftlich.
-
-»Mama!« riefen die beiden Jungen am Fenster wie aus einem Munde, »jetzt
-läßt er sich schon wieder von Rodenberg Schnaps holen.«
-
-»Mein Gott,« sagte eine larmoyante Frauenstimme im Nebenzimmer, »laß er
-schon trinken! Jetzt ist ja doch schon alles gleich!«
-
-Der blondlockige jüngere der beiden Brüder sah wie ein eingebildeter Engel
-aus, der ältere glich John. Der Engel öffnete seine roten Lippen und sagte,
-während seine großen blauen Augen verträumt durchs Fenster blickten: »Wenn
-er doch erst tot wäre!«
-
-»Pfui, Leo, wie kannst du nur, es ist doch immer dein Bruder!« verwies ihn
-dieselbe larmoyante Stimme in traurigem Tone.
-
-»Ich muß ihn mir doch schon immer als Leiche vorstellen,« murmelte der
-ältere Junge.
-
-Fast die ganze Familie _Zarnosky_ zeichnete sich durch Roheit und ein
-ungewöhnliches Maß von Phantasie aus. Durch eine Phantasie, die nichts
-als Unheil stiftete, da sie das Unglück hatte, einer rohen und dumpfen
-Kaufmannsfamilie zu gehören, die nicht wußte, was sie mit ihr anfangen
-sollte. Es gab Zarnoskys, die vom Morgen bis zum Abend, sich und andern zum
-Verderben, die seltsamsten Lügen zur Welt brachten, weil ihre brachliegende
-Phantasie, derer sie sich indessen kaum bewußt waren, sie unwiderstehlich
-dazu trieb. Anstatt Bücher zu schreiben, verkauften sie Getreide;
-allerdings weder aus Neigung noch aus Betätigungsdrang. Johns Großvater,
-der Sohn eines reichen Bauern, hatte, um etwas Besseres zu sein als sein
-Vater, den Handel mit Getreide begonnen, und nun setzten ihn seine Söhne
-eben fort, weil ihnen das am bequemsten schien. Denn sie waren sehr faul
-und gegen alle Neuerungen; sie wollten bleiben, was sie waren. Da ihnen das
-Glück, trotz ihrer Trägheit, gewogen blieb, so meinten sie, daß Trägheit
-zum Erfolge notwendig sei, saßen mit den Stiefeln knarrend in ihren
-Kontoren, ließen die Daumen ihrer meistens gefalteten Hände umeinander
-schwirren -- gewöhnlich unter mehr oder weniger märchenhaften Behauptungen
-und Erzählungen -- und taten nie mehr, als durchaus notwendig war. Aber
-es gab keinen Trinker in der ganzen Familie. Man wußte nicht, wie John zu
-diesem Laster gekommen war, und zerbrach sich manchmal die Köpfe darüber.
-
-Ein Teil der Familie meinte, daß man ihm zu oft und zu viel zu trinken
-gegeben, als er zart, fett und weich wie ein kleines Schwein mit einem
-Gesichtchen wie vom Konditor in der Wiege lag und von allen angebetet
-wurde. John schien schon damals beständig an Durst zu leiden; er konnte nie
-genug zu trinken bekommen. Die halbe Familie Zarnosky stand oft in heller
-Begeisterung um die Wiege, wenn das »Marzipanschweinchen«, halb entblößt,
-mit einer großen Milchflasche im Arm, den Lutschpfropfen wie eine Zigarre
-in seinem purpurroten kleinen Mundschlitz, sog und sog, bis die Flasche
-leer war und dann, wie ein junger Löwe brüllend, nach mehr verlangte.
-
-John wollte trinken oder zerbrechen, zerreißen, zerstören; sein
-Zerstörungsdrang war ebenso groß wie seine Trinkgier. Schon in der Wiege
-verdarben seine kraftvollen kleinen Fäuste alles, was sie zu fassen
-bekamen. Später nahm er die Uhren herunter, sah gierig in sie hinein
-und zertrümmerte sie dann. Seinem ersten Schaukelpferde riß er schon
-am Weihnachtsabend das Fell ab. »So sieht es gerade fein aus,« sagte er
-befriedigt. Doch was war der Körper eines Schaukelpferdes gegen seinen
-eignen, den er bald mit dem Eifer eines hungrigen Raubtieres zu zerstören
-begann. Mit seinem ersten Taschenmesser brachte er sich lange, heftig
-blutende Risse an beiden Armen bei. »Da seht!« Blut und Stolz auf dem
-Gesicht, stellte er seine Wunden zur Bewunderung aus. John war vielleicht
-wirklich dazu imstande, sich ein Auge auszureißen, »wenn es ihn ärgerte«.
-Er stürzte sich mit Wollust in die schwersten Gefahren; denn seine
-Phantasie berauschte sich am Anblick von Blut, Fetzen und Trümmern.
-
-Als er sechzehn Jahre alt war, spielte er mit Fünfzigpfundgewichten wie mit
-Gummibällen. Sein Körper war so weiß wie der eines Mädchens, von der Stärke
-und Elastizität eines Tigers. Lernen wollte er nichts wie alle Zarnoskys.
-Anstatt zu lernen, ging er eiserne Zäune verbiegen, durchgehende Pferde
-aufhalten, armen Leuten Holz kleinmachen, trinken und lügen. Ein Überschuß
-an Kraft und Phantasie, brachliegend und ungezügelt, trieb ihn mit Gewalt
-dem Verderben entgegen.
-
-Mit siebzehn kam er ins väterliche Geschäft, wie sein um ein Jahr älterer
-Bruder _Eugen_. (Die Physiognomie dieses Zarnoskys war etwas hämisch
-ausgefallen, und er stand vernünftigen Neuerungen nicht ganz feindlich
-gegenüber.) Anstatt fleißig zu sein, ließ John die Daumen umeinander
-schwirren und log im Kontor, daß es förmlich ein Vergnügen war, ihm
-zuzuhören. Er log fast soviel als er trank, die ganze Welt, selbst seine
-nächsten Angehörigen verleumdend, wenn er so recht beim Aufschneiden war.
-Den Anlagen und dem Charakter nach war er einem seiner Onkel, der auch John
-hieß und allgemein »der Märchenerzähler« genannt wurde, viel ähnlicher als
-seinem eignen Vater.
-
-Es nützte nichts, daß man John sowohl mit neunzehn wie mit einundzwanzig in
-eine Anstalt schickte, in der er von der Trunksucht geheilt werden sollte;
-er verfiel seinem Laster immer wieder. Doch wollte er lieber sterben, als
-noch ein drittes Mal in diese Anstalt gehen. Mit der Geschwindigkeit eines
-Bergrutsches ging es nun moralisch und physisch mit ihm herab. Sein Umgang
-wurden die Arbeiter seines Vaters, zum Lieblingsaufenthalt erwählte er sich
-die Kneipe, in der sie einen Teil ihres Lohnes zu vertrinken pflegten. Er
-sprach ihre Sprache und nahm ihre Sitten an. Man konnte ihn nicht länger
-im Familienkreise ertragen. Er bekam eine kleine Wohnung im Hofgebäude und
-eine Wärterin, die ihn gewöhnlich am Abend zu Bett bringen mußte. Er begann
-an Krämpfen zu leiden, und Krankheit und Laster entstellten ihn nach und
-nach bis zur Unkenntlichkeit. Einer Vogelscheuche ähnlich, die im Winde
-schwankt, so schwankte er über den Hof, wenn er morgens nach der Kneipe
-ging, wenn er abends von dort kam. Und er hatte den Gang eines jungen
-Triumphators, als er sechzehn Jahre alt war. Es war wirklich schade um ihn.
-Besser, er wäre nie geboren worden; denn weder sein Vater noch seine Mutter
-gehörten zu denen, die ihn auf seinem abschüssigen Wege hätten aufhalten
-können. Der Vater war viel zu ungebildet und zu träge dazu, und die Mutter,
-eine schwächliche und überaus nervöse Pfarrerstochter, verstand nur, die
-Hände zu falten und alles dem lieben Gott anheimzustellen. Sie brachte
-noch mehr Phantasie in die Familie Zarnosky, dazu Melancholie und
-Sentimentalität, die zusammen mit der Roheit ihres Mannes bei den Kindern
-eine sonderbare Mischung ergaben. All der Überschuß in Johns Natur war viel
-stärker als Vater und Mutter und sein eigner unerzogener Wille. John
-folgte nur seiner Natur, John gehorchte nur dem Stärksten, wenn er seinen
-Lebensweg herunterraste wie ein wütender Stier.
-
-Es war ein Frühlingsnachmittag voll Melancholie und Windesraunen, so recht
-geeignet für trübe Gedanken. John lehnte noch immer an dem Lastwagen,
-voller Sehnsucht auf Rodenberg wartend, der ihm den Schnaps besorgte. Mit
-einem trüben Imperatorenlächeln auf seinem gelben, bartlosen Gesicht wiegte
-er den Kopf hin und her nach einer inneren Melodie und nach dem Rhythmus
-des Windes. Als er den Kutscher kommen sah, verließ er schwerfällig seinen
-Platz und ging ihm voraus in den Pferdestall. Dort setzte er sich auf den
-Futterkasten, die Augen wie ein Verschmachtender auf die Tür gerichtet.
-
-»Her, Rodenberg, her damit!«
-
-»Ich werd erst Licht machen, jung' Herr.«
-
-»Ach, geben Sie schon her! Ich kann nicht mehr warten!« Und er setzte die
-volle Flasche an den Mund und leerte sie gleich bis zur Hälfte.
-
-Aus einem Winkel des Stalles kam jetzt ein niedliches Meckern. Dort stand
-ein kleiner schwarzer Ziegenbock mit weißen Beinen und weißer Kehle, den
-John für fünfzig Pfennige von einem Bauern gekauft hatte. Das Tierchen
-wollte zu ihm, als es seine Stimme erkannt hatte. Rodenberg mußte es
-losmachen.
-
-Wie der Wind stürzte es nun zu seinem Herrn, legte die Vorderhufe auf seine
-Knie und sah ihm lieb und einfältig ins Gesicht. Von Rodenberg unterstützt,
-zog John es auf den Schoß. »Mein trautster Junge,« sagte er zärtlich, das
-Böckchen an sich drückend.
-
-In John war trotz aller Verkommenheit der Vater erwacht, ein sehr
-zärtlicher, sehr fürsorglicher, verliebter junger Vater. Den Frauen
-gegenüber war er zurückhaltend und jungenhaft geblieben. Er mied sie nicht
-gerade, aber er suchte sie auch nicht; sie flößten ihm zuviel Scheu ein.
-»Es geht ja auch ohne Weiber,« erzählte er Rodenberg. Und doch war trotz
-seiner Verdorbenheit der Vater in ihm erwacht, er hatte sich mit Inbrunst
-ein Söhnchen erkoren, und das war Peter, der kleine Ziegenbock. John hegte
-Zuneigung zu allem, was Tier war, und Abneigung vor den meisten Menschen.
-Man muß sehr hoch oder sehr tief stehen, um das zu empfinden. John stand
-recht tief, und das Laster machte ihn scheu, darum waren ihm die Tiere
-lieber als die Menschen. Er nannte ein Tier »mein Söhnchen«. Und der kleine
-Ziegenbock hatte einen guten Pflegevater in ihm gefunden. John fütterte
-ihn mit Leckerbissen, er machte ihm ein weiches Bettchen, er kämmte ihn, er
-bürstete ihn und hielt ihn wie ein Kind auf dem Schoß.
-
-Rodenberg hatte die nächste von der Decke herabhängende alte Stallaterne
-angezündet und brachte nun eine zweite Flasche zum Vorschein. »Prosit!«
-sagte das Väterchen auf dem Futterkasten, und Herr und Kutscher taten einen
-tiefen Zug, jeder aus seiner Flasche. »Se müssen auch mal absetzen, jung'
-Herr,« bemerkte Rodenberg väterlich, da John dies zu vergessen schien.
-
-John hielt die geleerte Flasche gegen das Licht. Es war auch nicht ein
-Tropfen mehr darin. John ließ die Unterlippe hängen und sah Rodenberg wie
-ein bittendes Kind an. »Holen Sie mir mehr!« stotterte er.
-
-»Ich trau mir nich,« wandte der Kutscher ein, die hingehaltene Flasche aus
-seiner nachfüllend.
-
-»Sie haben wohl Angst vor den beiden am Fenster, vor Paul und Leo, was?«
-
-»Na ja, die petzen doch immer jleich.«
-
-»Ich hasse sie,« stammelte John mit zuckendem Gesicht. »Ich hasse sie!
-Weißt du, Rodenberg,« fuhr er fort, »sie würden sich freun, wenn ich stürbe
--- morgen -- heute. Was dieser Leo für Augen hat! Hast du schon mal solch
-gräßliche Augen gesehen, Rodenberg? Ich könnte sie ihm ausreißen, denn
-sie jagen mich von überall fort. Ich soll machen, daß ich vom Erdboden
-verschwinde. Ich soll krepieren. Gleich auf der Stelle.« Er weinte.
-
-»Regen Se sich nich auf, jung' Herr, regen Se sich doch man bloß nich
-auf,« bat der Kutscher erschreckt. Aber John hub an, Schimpfworte und
-Verwünschungen gegen seine Brüder auszustoßen, indem er unaufhörlich die
-Fäuste ballte. Doch plötzlich packte ihn ein Krampfanfall, und er glitt
-stöhnend mit seinem Ziegenbock zur Erde.
-
-Rodenberg kniete bei ihm nieder und hielt ihm wie gewöhnlich Arme und Beine
-fest, während Peter seinem Herrn das Gesicht leckte. Die beiden jungen
-Rappen, Johns Lieblinge, die allein im Stall standen, wandten unruhig die
-Köpfe herum, und ihre großen schönen Augen schienen voll Tränen zu glänzen.
-Unser Johnche, dachte Rodenberg, die Pferde anblickend, das wird wohl auch
-bald jewesen sein. Als der Krampf vorüber war, hob er den ganz Erschöpften
-auf und trug ihn, seufzend und stöhnend, denn er war noch ziemlich
-schwer, in seine Wohnung. Peter folgte ernst und gravitätisch wie ein
-Leidtragender.
-
-_Dore Kalnis_, Johns Wärterin, ein bewegliches Weibchen von
-siebenundvierzig Jahren, empfing den Zug mit Scheltworten. »Sie sollten
-sich was schämen, Rodenberg,« fuhr sie ihn zornig an, »natirlich haben Se
-ihm wieder Schnaps jeholt! Aber ich werd's dem Herrn erzählen, der muß Sie
-endlich an die Luft setzen.«
-
-»Krämpfe hat'r doch jehabt,« blubberte der Alte, John auf das Sofa bettend.
-Dann trollte er sich mit einem bösen Blick und einem ganz betretenen »'n
-Abend«.
-
-John lag mit geschlossenen Augen da und wackelte rhythmisch mit einer Hand.
-»Wollen Se was, junger Herr?« fragte die Wärterin.
-
-»Peter,« flüsterte John.
-
-»Oa,« seufzte sie, »der is auch wieder da! Neineinei, is das hier 'ne
-Wirtschaft! Lassen Se ihn doch man jetzt im Stall jehen, junger Herr, Sie
-müssen doch jetzt ins Bett.« Dabei suchte sie den Bock nach dem Ausgang zu
-drängen; aber John stieß ein zischendes »nein!« hervor, und Peter senkte
-seinen schmalen Kopf und stieß mit seinen jungen Hörnern gegen Dores spitze
-Knie.
-
-Das schlug dem Faß den Boden aus. Die Wärterin hielt den Angreifer fest und
-verabreichte ihm eine Reihe wohlgezielter und gutsitzender Maulschellen.
-
-John drehte seine Augen mit Gewalt nach der Szene. »Dore,« flüsterte er
-heiser, »wenn du nicht gleich mit Schlagen aufhörst, so verkürze ich dein
-Leben.«
-
-Frau Kalnis lachte spöttisch auf, und dann sagte sie maliziös: »Wenn Se
-mich duzen, junger Herr, dann sind Se doch wie jewehnlich betrunken.«
-
-Das Väterchen auf dem Sofa schien vor Zorn bersten zu wollen. Plötzlich
-zerrte es die Uhr aus der Westentasche und warf sie nebst der schweren
-Kette nach Dores dünnbehaartem Kopf. Aber die Wärterin machte nur einen
-ironischen Knicks und fing das Ganze mit den Händen auf. »Was nun?«
-fragte sie, ärgerlich lachend. Und dann in eine andre, gemütliche Tonart
-übergehend: »Was wollen Herr Johnche zu Abendbrot essen?«
-
-Herr Johnche war besänftigt. Er faltete die Hände, ließ die Daumen
-umeinander schwirren und sah nachdenklich zu der verräucherten Decke auf.
-»Heringssalat,« entschied er hoheitsvoll.
-
-»Scheen,« nickte Dore mit einem giftigen Blick nach dem Ziegenbock.
-Darauf schritt sie hurtig zum Fenster, öffnete es und rief: »Ama--lie ...
-Ama--lie« ... Da keine Antwort erfolgte, bewaffnete sie sich mit einem
-Teppichklopfer und schlug damit feierlich auf das Fensterblech.
-
-Im Vorderhause tat sich jetzt ein Fenster auf, und langsam kam ein
-kugelrunder dunkler Frauenkopf zum Vorschein. »Wa--as wollen Se, Frau
-Kalnis?«
-
-Dore bestellte den Heringssalat und außerdem belegtes Brot und
-Bratkartoffeln.
-
-»Wa--as fir Jetränke?« rief Amalie durch den Frühlingswind.
-
-»Tee,« erwiderte Dore hurtig, obgleich John etwas andres sagte.
-
-»Scheen,« kam die langgezogene Erwiderung, und das Fenster wurde
-phlegmatisch geschlossen.
-
-»Für den Tee muß ich danken,« brummte John, das Böckchen streichelnd und
-seine Stiefel an der niedrigen Lehne des Sofas scheuernd. In seinem Zimmer
-sah es recht wohnlich aus, obgleich es, seiner häufigen Zerstörungswut
-wegen, nicht allzuviel enthielt. Der große Spiegel mit der Marmorplatte,
-der zwischen den beiden Fenstern hing, wurde von John nur deshalb
-respektiert, weil er von den Eltern seiner Mutter stammte. Alles, was von
-den verstorbenen Großeltern mütterlicherseits stammte, war ihm heilig.
-Merkwürdigerweise. Er begnügte sich damit, dem Spiegel mit der Faust zu
-drohen, wenn er betrunken war, und an Großmutters riesengroßem, grünblauem
-Plüschsofa wischte er sich dann höchstens die Stiefel ab. Dieses
-altmodische Möbel stand vorn an der rechten Wand, vor sich einen runden
-Tisch. =Vis-à-vis= an der linken Wand stand nichts als ein brauner
-Kleiderschrank. Den Hintergrund füllte ein breites dunkles Bett und eine
-Waschtoilette, die nur wie ein Kasten aussah. An den Fenstern hingen
-rot- und weißgestreifte Vorhänge, und über dem Sofa hing eine überaus
-altmodische farbige Landschaft, die ebenfalls von den respektierten
-Großeltern stammte. Außerdem gab es nur noch einen Bettvorleger und ein
-zerrissenes Papiertelephon im Zimmer. Dieses Wohn- und Schlafgemach war
-mittelgroß und mittelhoch und lag zwischen dem der Wärterin und der Küche,
-aus der es auf die Treppe ging.
-
-Dore machte sich daran, die Lampe anzuzünden, und deckte dann den Tisch mit
-einer bunten Baumwolldecke. Als das Abendbrot gebracht wurde, nahm John den
-Heringssalat an sich und sah Dore spitzbübisch an. »Jesägnete Mahlzeit,«
-sagte sie fromm, ihm gegenüber Platz nehmend und leckrig nach dem
-Heringssalat blickend. »Schweig!« entgegnete er gereizt auf ihren
-freundlichen Wunsch. Sie nahm ihren Tee, ihre Kartoffeln und ein belegtes
-Brot und ging gekränkt in ihr Zimmer. Dort machte sie Licht und setzte die
-Brille auf. Um sich zu beruhigen und um den Heringssalat, den sie zu gern
-aß, würdiger verschmerzen zu können, guckte sie rasch in eins ihrer vielen
-Erbauungsbücher. Nachdem sie drei liebliche Strophen gelesen hatte, seufzte
-sie wie eine Märtyrerin und ließ sich ergeben zu ihren Bratkartoffeln
-nieder.
-
-Dore war wirklich fromm, und wenn sie log, geschah es nur unter geistigem
-Vorbehalt. In ihren jungen Jahren war sie Wirtschafterin auf großen Gütern
-gewesen. Tüchtigkeit und Heißblütigkeit waren damals ihre hervortretendsten
-Eigenschaften. Mit vierzig besaßen ihre listigen kleinen Augen noch die
-Kraft, einem ältlichen Gutsbesitzer den Kopf zu verdrehen. Er ließ sich von
-seiner Frau scheiden und heiratete die unschöne brustkranke Wirtschafterin
-mit den vielen Erbauungsbüchern und der liebevollen Vergangenheit. Aber
-die Ehe währte kaum ein Jahr, denn die erwachsenen Kinder trieben die ihnen
-verhaßte Stiefmutter bald aus dem Hause. Dore mußte wieder in Stellung
-gehen, und das war hart für sie, denn der Husten plagte sie mehr und
-mehr. Immerhin gelang es ihr, einen leichten Dienst zu finden -- bei den
-reichsten Zarnoskys, als Pflegerin der kränklichen alten Großmutter. Dore
-verstand es, sich bei Zarnoskys unentbehrlich zu machen, darum behielt man
-sie auch nach dem Tode der Großmutter im Hause. Und eines Tages wurde dann
-John ihr Pflegling, der immer ihr heimlicher Liebling gewesen.
-
-Dore fand, daß der Heringssalat doch schwer zu verschmerzen war. Sie guckte
-schließlich durch die Tür, um zu sehen, wie weit John damit war. »Frau
-Kalnis,« rief er versöhnlich, »es ist noch eine Menge Heringssalat für
-Sie.«
-
-Die Wärterin machte ein dummes Gesicht, weil sie nicht wußte, ob sie ihm
-trauen durfte. Aber ihre Leckrigkeit war groß. »Wollen Se mich auch nich
-zum Narren machen?« fragte sie zuerst.
-
-John schwur, die Lippen prunzelnd, daß er nicht daran dächte. Dore rückte
-an, wünschte noch einmal »jesägnete Mahlzeit« und setzte sich dann an den
-Tisch. Sie trug ein kaffeebraunes, selbstgewebtes altmodisches Kleid mit
-einem dunkelroten Samtstreifen um den Rock und kleinen Samtklappen an
-den Ärmeln. Ihren vertrockneten Hals zierte ein selbstgehäkeltes weißes
-Tüchlein. Über dem flachen Leibe hatte sie eine schwarze Schürze, die den
-Rock sowohl zieren als schonen sollte. Frau Kalnis glich einer ältlichen,
-glattgescheitelten Chinesin in europäischer Kleidung. Peter betrachtete sie
-genau so aufmerksam wie sein Väterchen, aber man konnte seinen einfältigen
-Augen nicht anmerken, ob er sie hübsch oder häßlich fand.
-
-»Na, hat'r geschmeckt?« fragte John mit unwiderstehlich verschmitzter
-Miene, als die Wärterin die Schale auskratzte.
-
-»Wird nich schmecken?! Scheenes Essen,« entgegnete sie unter verschämtem
-Lachen.
-
-Peter bekam das letzte Butterbrot und dann sollte er in den Stall. Frau
-Kalnis ging hinaus, um Rodenberg zu rufen, der unten im Hause mit seiner
-gichtkranken Frau und einer überaus frommen Schwester wohnte. Rodenberg
-brachte Peter in den Stall, wenn er nicht betrunken war. Heute kam die
-fromme Schwester statt seiner. Jette mußte feierlich versprechen, daß Peter
-auch wirklich sein Abendbrot erhalten würde, dann erst durfte sie ihn am
-Halsband nehmen.
-
-John war jedesmal sehr sanftmütig, wenn er sich wieder mit Dore vertragen
-hatte. Er war dann wie ein Kind, das ungezogen gewesen und nun durch
-besondere Artigkeit versöhnen will. Er ließ sich wie ein Lamm von ihr zu
-Bett bringen und suchte sie dabei durch eine gefällige Unterhaltung zu
-erfreuen. »Wir werden morjen ein reines Hemd anziehen,« sagte die Wärterin,
-sobald sie ihren Pflegling bis auf dieses letzte Kleidungsstück entblößt
-hatte. John machte ein liebliches Gesicht, obgleich er nicht gern ein
-reines Hemd anzog. »Und wir werden wieder mal de Fieße waschen,« setzte sie
-hitzig hinzu, als ihr Blick auf seine unsauberen Gehwerkzeuge fiel. John
-lächelte wie ein Engel, obgleich er wasserscheu war.
-
-Er legte sich schwerfällig ins Bett, und Dore deckte ihn sorgfältig zu.
-»Lesen Sie mir was vor, ich kann jetzt doch noch nicht schlafen,« sagte er
-nervös, als sie ihn mit warmen Augen betrachtete. Er war immer schlaflos
-und sehr erregt, wenn er Krämpfe gehabt hatte, und wenn sie stark gewesen,
-stärker als diesmal, so ging er danach tagelang wie ein Gestörter umher.
-
-Die Wärterin eilte zu ihrem Bücherschatz, um eine passende Lektüre zu
-suchen -- und kam sobald nicht wieder. Der Husten hatte sie gepackt
-und schüttelte sie, wie eine kräftige Faust einen leichten Gegenstand
-schüttelt. Nach einigen Minuten war der Anfall vorüber und Dore ganz
-erschöpft. Sie saß noch eine Weile mit hängendem Kopfe und hängenden Armen
-auf ihrem Stuhl und starrte stumpfsinnig zu Boden, dann stand sie auf: »Nun
-komm ich, Herr Johnche. Wenn erst abjehust' is, dann is wieder gut,« sagte
-sie resigniert.
-
-Und sie begann mit belegter, schwacher Stimme, die allmählich klarer und
-kräftiger wurde:
-
- »Fest jemauert in der Erde
- steht die Form aus Lehm jebrannt.
- Heute muß die Glocke werden,
- frisch, Jesellen, seid zur Hand ...«
-
-»Hör auf mit deiner dämlichen Glocke!« schrie John, die Geduld verlierend.
-»Du weißt doch, daß ich die olle Glocke nicht mehr hören will.«
-
-»Scheen, dann her ich auf, dann les ich gar nich.«
-
-»Dorchen,« sagte schmeichelnd der Kranke und wies süß nach der Bibel hin,
-der alten, vergilbten, die sie auch mitgebracht hatte. Da konnte sie nicht
-widerstehen, da tat sie, wie ihr geheißen ward. Sie schlug die Offenbarung
-des Johannes auf und las mit schöner Dorfschulbetonung: »Ich sah einen
-neien Himmel und eine neie Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde
-verjing und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilije Stadt, das
-neie Jerusalem von Gott aus dem Himmel herabfahren, zubereitet als eine
-jeschmickte Braut ihrem Manne.«
-
-»Noch einmal,« flüsterte John, und seine Phantasie arbeitete mächtig.
-
-Die Litauerin wiederholte und las dann weiter, es kam die Schilderung des
-neuen Jerusalems. Und John sah bei ihren Worten das neue Jerusalem, die
-Stadt der goldenen Gassen mit den Toren aus Perlen und den Mauern aus
-Edelsteinen. »Blau, gelb, grün, rot ...« flüsterte er, »o Dore, alle
-Regenbogenfarben! Alles aus Edelsteinen, aus Gold und Perlen!« Sie
-war verstummt, und er fuhr fort, die Augen auf die verräucherte Decke
-gerichtet.
-
-»Da ist ein Schloß, Dore, das wird mir gehören, wenn ich erst tot bin. Die
-Mauern sind aus Amethyst und die Fenster aus Rubin. Und in allen Zimmern
-sind Flaschen, Flaschen in allen Regenbogenfarben -- und ich darf aus allen
-trinken. Das schmeckt, Dore, was in den Flaschen ist! Und man wird nie
-davon betrunken, man kann ewig, ewig trinken!«
-
-Die Wärterin lachte und John sprach weiter:
-
-»Jeder Schluck aus den Flaschen ist wie mildes, knisterndes Feuer und
-fließt wie flüssige Edelsteine in den Magen hinab. Dort sprudelt er weiter
-und durchglüht den ganzen Magen. Was sag ich: den ganzen Magen? Nein, den
-ganzen Körper. Und man wird durchsichtig wie eine helle Flamme, wenn
-man aus den Flaschen getrunken hat, man gleicht dann einer hellen,
-durchsichtigen Flamme ...« Er wandte den Blick von der verräucherten Decke
-und sah die Wärterin spitzbübisch an. »Man könnte in dich hineinsehen,
-Dore, wenn du aus den Flaschen getrunken hättest, dein ganzer Körper wäre
-dann durchsichtig.« Er grinste wie ein Faun. »Ich möchte nicht in dich
-hineinsehen, Dore!«
-
-»Sie missen nich anzieglich werden, junger Herr,« sagte Frau Kalnis
-gekränkt, und nachdem sie eine Weile nach einer schärferen Entgegnung
-gesucht hatte, setzte sie mit frommem Hohn hinzu: »Wer eine kranke Leber
-hat, sieht innen immer noch schlechter aus, als einer, der se nich hat.«
-Darauf las sie hurtig weiter und gelangte bald zu der Strophe: »Und der
-Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es höret, der spreche: Komm!
-Und wen dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des
-Lebens umsonst.«
-
-»Halt, halt!« rief John erregt nach diesen Worten, »mich dürstet, mich
-dürstet immer! Wohin soll man da kommen, Dore? Ich geh' gleich dahin.«
-
-»Na, nach's neie Jerusalem doch wohl,« meinte die Wärterin. Und dann
-maliziös: »Aber Sie heren doch, junger Herr, daß da nichts als Wasser
-anjeboten wird.«
-
-Der Trinker verzog das Gesicht. »Wasser -- brr ... Aber Wasser des Lebens,
-Dore, das schmeckt vielleicht besser als die feinste Mischung, das stillt
-vielleicht für immer den Durst.«
-
-»Kann sein! Aber wollen Se jetzt nich schlafen, Herr Johnche?«
-
-»Ich kann nicht.«
-
-»Na versuchen Sie's doch man erst.«
-
-»Nein ... Ich möchte wissen, wozu ich gepaßt hätte, wenn ich nicht immer
-den Durst gehabt hätte?«
-
-»Das fragen Se mich immer, wenn Se einen jetrunken haben.«
-
-»Und Sie wissen nie eine Antwort darauf. Was ihr sagt, ist alles falsch.«
-
-»Wozu bekam ich den ewigen Durst? Ich möchte wissen, wozu ich ihn bekam?«
-schrie er wild.
-
-»Das will ich wissen!?« brüllte er, und sein ganzes Gesicht zuckte.
-
-»Jetzt sollten Se zu schlafen versuchen, mein Lieberche, und nich so was
-Unnitzes fragen.«
-
-»Zum Schlafen kommt schon noch Zeit genug,« stammelte John. »Ich möchte
-wissen, ob ich denn bloß zum Saufen auf die Welt kam?«
-
-»Aber nei! Sie hätten doch e feiner Kaufmann werden können, oder auch e
-studierter Herr, wie d'r Großvaterche.«
-
-»Sprich doch nicht dummes Zeug!« brummte er gereizt. »Du verstehst von gar
-nichts! Keiner versteht was! Und alles ist so verdreht, so verdreht« ...
-
-Die Wärterin war zu der Überzeugung gelangt, daß John heute abend ein
-Schlafpulver bekommen müsse. Sie holte das Tischchen herbei, das zur Nacht
-an sein Bett gestellt wurde, und rührte ihm dann rasch ein Pulver ein.
-
-»Dies trinken Se man und dann werden Se schon schlafen, mein Lieberche.«
-
-Erst wollte er nach dem Glas stoßen, aber dann riß er es plötzlich an
-sich und leerte es gierig. Er plumpste wie ein ermatteter Maikäfer auf den
-Rücken, als das Schlafmittel zu wirken begann. Dore nahm die Brille ab und
-betrachtete ihn mit einfältiger Miene. »Dummer Äsel,« brummte sie, »wärst
-verninftig jewesen, hätt dir die janze Welt offen jestanden. Aber nu --
-was hast? Gar nuscht.« Da John die Augen geschlossen hatte, löschte sie
-die Lampe aus und zündete dafür ein Nachtlämpchen an. Sie setzte ein paar
-Flaschen Selterwasser auf sein Tischchen, die er im Laufe der Nacht zu
-leeren pflegte, um das fortwährende innerliche Brennen zu lindern, und
-verfügte sich dann in ihr Zimmer, um geräuschlos zu Bett zu gehen.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel
-
-
-John stand vor dem Spiegel und legte seine Orden an. So nannte er die
-blauen, an Bändchen hängenden, parfümierten Oblaten, mit denen er seine
-Jacke zu schmücken pflegte, wenn er »zu Zarnoskys« ging. Er trug sie dann
-seiner jüngeren Brüder wegen, die immer behaupteten, sie könnten seinen
-Geruch nicht ertragen. John roch wirklich nicht schön, was auch weiter
-nicht verwunderlich war, und seine Kleider verbreiteten die Luft der
-Arbeiterkneipen. Aber er verschmähte es, sich mit Parfüm zu begießen, er
-fand es männlicher und stilvoller, mit den blauen Oblaten auf der Jacke
-zu gehen. Obgleich sie lange nicht die Wirkung ausübten, die ein starkes
-Parfüm getan hätte. John war noch so kindisch. Mit strahlenden Augen war er
-eines Morgens, die Oblaten auf der Brust, bei der Mutter erschienen: »Sieht
-das nicht fein aus? Sieht das nicht jroßartig aus? Und nun werde ich auch
-nicht mehr schlecht riechen. Nicht wahr, ich rieche jetzt fein? Paul, Leo,
-rieche ich jetzt nicht fein?« Sie hatten es aus Mitleid bejaht, und die
-Mutter hatte sogar behauptet, daß sie noch nie einen schlechten Geruch
-an ihm bemerkt habe, Paul und Leo seien nicht klug. Das hatte den jungen
-Alkoholiker bis zu Tränen gerührt. An diesem Tage trank er keinen Tropfen.
-
-Während sich John noch vor dem Spiegel bewunderte -- es war Sonntag:
-Palmsonntag -- kam etwas trapp, trapp, trapp, wie auf kleinen
-Jungenstiefeln, die Treppe herauf und hämmerte dann energisch an die
-Küchentür. Das Väterchen stürzte hin, um dem Söhnchen zu öffnen. Peter trat
-ein und schob seine kleine weiche Nase zur Begrüßung in Johns ausgestreckte
-Hand. Peter wollte seinen Morgenzucker haben, und den erhielt er auch
-reichlich. John hätte seine Uhr verkauft, um Peter mit Zucker füttern zu
-können.
-
-Der Ziegenbock mußte auf dem Hof bleiben, als John ins Vorderhaus zu seinen
-Eltern ging. Er bedeutete ihm, auf dem Hof herumzuspringen, solange »Papa«
-auf Besuch war.
-
-Papa setzte sich im elterlichen Eßzimmer an den warmen Ofen, verschämt
-»guten Morgen« stotternd. Paul und Leo verzogen sich rasch nach seinem
-Eintritt, und Eugen begrüßte ihn mit den spöttischen Worten: »Na, wieder
-mal betrunken gewesen, alter Ziegenbockvater?«
-
-»Betrunken gewesen? Wer? Ich doch nicht?« stotterte der Trinker. Er hatte
-die Hände gefaltet und ließ die Daumen langsam umeinanderlaufen, indem er
-auf die Mutter blickte, die mit einer Handarbeit am Fenster saß.
-
-»Ach John,« sagte sie traurig, »kannst du es denn gar nicht lassen?«
-
-»Nein,« platzte er naiv heraus.
-
-Sie seufzte und verstummte.
-
-»Was gibt's zu Mittag?« fragte er verlegen in die Stille hinein. John war
-ein Feinschmecker und hielt sich gern in der Küche auf. Dort, bei Amalie,
-war ihm auch viel wohler als bei Vater und Mutter. »Muß mal sehen, was
-gekocht wird,« sagte er, sich wieder erhebend, da niemand auf seine Frage
-antworten wollte.
-
-In der Küche stand eine Kiste, die der Faktor zur Bahn tragen sollte.
-Auf dem Deckel lagen dreißig Pfennige Trinkgeld für ihn. John vergaß das
-Mittagessen und blickte wie gebannt auf das Geld. Sein Portemonnaie war
-leer; denn der Vater gab ihm immer weniger und weniger Taschengeld, um ihm
-das viele Kneipenlaufen unmöglich zu machen. (Das Resultat davon war,
-daß John auf Kredit trank und die Faktore anpumpte.) Die dreißig Pfennige
-lockten ihn, wie den Igel das Blut. »Wissen Sie was, Amalie,« sagte er zu
-der kugelrunden ältlichen Köchin, »das da kann ich selbst verdienen! Die
-Kiste trag ich noch allemal!« Damit nahm er sie auf und wandte sich nach
-dem Ausgang.
-
-»Sie werden doch nich!« rief Amalie. »Der Friedrich wird doch jleich
-kommen. Aber, junger Herr, das schickt sich doch nich fir Sie. Wenn das der
-Herr sieht!?«
-
-»Aber ich schlepp' sie doch bloß so lange, bis ich einen Jungen treffe, der
-sie mir für fünf Pfennige trägt.«
-
-»Lassen Se ihr stehen, ich jeb Ihnen dreißig Pfennige,« sagte Amalie
-zärtlich.
-
-»Geben Sie her,« brummte John, »dann sind es sechzig.« -- »Her damit!«
-beharrte er mit dem Eigensinn des Alkoholikers, da die Köchin unter diesen
-Umständen nicht mit dem Gelde herausrücken wollte.
-
-Es blieb ihr schließlich nichts andres übrig, als ihm den Willen zu
-tun. Sie öffnete zwei Knöpfe ihrer karierten Taille und zog ein rot- und
-braungestreiftes Beutelchen hervor, das von der Wärme ihres gewaltigen
-Busens Zeugnis ablegen konnte. »Na machen wir uns auf die Socken,« sagte
-John kurz, als er das Geld hatte. »Ist mir ein Kinderspiel, diese Kiste zu
-tragen.«
-
-Die Köchin wollte es bestreiten, und das reizte John, weil es seinen Stolz
-verletzte. Nun ging er mit der Kiste, kostete es, was es wollte. Einen
-flotten Gang erzwingend eilte er nach der Tür.
-
-»Adieu, Amalie.«
-
-Die Dicke sah ihm sorgenvoll nach. »Kommen Se gut nach Hause, junger Herr.«
-
-Das Zarnoskysche Haus stand =vis-à-vis= einer Querstraße, die sich in
-langer enger Windung vor ihm auftat. Die Straße hieß Grätengasse. Eugen
-stand gerade am Fenster, als John mit der Kiste aus dem Hause trat und
-nach der Grätengasse steuerte. »Was soll das heißen?« rief er, das Fenster
-aufreißend. »Holla! John! Du kommst sofort zurück!«
-
-Der Angerufene drehte ihm sein gelbes Gesicht zu und schnitt ihm eine tolle
-Grimasse, dann trollte er weiter.
-
-Eugen knickte vor Lachen zusammen. Johns Anblick war überwältigend komisch
-gewesen, so tragisch er im Grunde auch war. Und nun schwankte er auch schon
-die Grätengasse hinunter, er hüpfte und torkelte, die Kiste unterm Arm,
-von rechts nach links. »Mutter, Paul, Leo!« rief Eugen in das nach hinten
-gelegene Eßzimmer hinein. »Kommt doch bloß mal her!«
-
-Frau Zarnosky war entsetzt, als sie John in dem Kistenträger erkannte.
-Eugen sollte ihn sofort zurückholen, weil sie fürchtete, daß John hinfallen
-könne. Aber Eugen machte Einwendungen: er werde ihm nicht gehorchen und
-Streit anfangen, er werde auch nicht gleich hinfallen. Der Faktor könne ihm
-ja nachlaufen.
-
-Aber der war noch immer nicht da, Amalie versicherte indessen, daß er nun
-gleich kommen müsse. Alle stellten sich ans Fenster und blickten gespannt
-in die Grätengasse, die beiden Jungen voll heftigster Lachlust.
-Plötzlich prusteten sie los; denn John hatte sich umgedreht und die Zunge
-herausgehängt.
-
-In der Grätengasse standen viele alte Speicher. Einer von ihnen hatte an
-der Front eine steinerne Ruhebank. Als John diese Bank erreicht hatte,
-stellte er die Kiste herauf, setzte sich pustend daneben und faltete
-ergeben die Hände. So traf ihn Onkel John, der des Weges daherkam, um
-irgendwo Märchen erzählen zu gehen.
-
-»Was tust du da? Was hast du da für eine Kiste?« fragte er mit heftig
-angeregter Phantasie.
-
-Der Neffe tat verschämt. »Der Vater braucht Geld. Ich muß unser Silberzeug
-verkaufen gehen. Eugen tut es nicht,« erwiderte er so gedrückt als er
-konnte.
-
-Onkel John kicherte wild in sich hinein. »Armer Junge,« sagte er bedauernd,
-und als habe er durchaus nichts Merkwürdiges gehört, »die Kiste ist wohl
-sehr schwer?«
-
-»Ja,« hauchte der Neffe mit schwermütigem Augenaufschlag.
-
-Der Onkel pustete stark, um nicht lachen zu müssen, dann sagte er: »Deine
-Eltern tun unrecht, wenn sie dich bei deinem Gesundheitszustand mit einer
-solchen Kiste schicken. Indessen soll man Vater und Mutter ehren. Doch« --
-Onkel John weitete furchtbar die Augen -- »wenn sie dich noch einmal mit
-einem solchen Monstrum heraushetzen ... heraushetzen,« wiederholte er mit
-erhobener Stimme, »dann kommst du zu mir, und das Weitere wird sich dann
-schon finden.«
-
-Der Trinker nickte ganz ergriffen. »Gib doch was, damit ich sie mir
-wenigstens tragen lassen kann,« stammelte er, die Hand ausstreckend, in
-kläglichem Tone.
-
-»Hast du denn gar kein Geld?« fragte Onkel John, bis zu Tränen gerührt.
-
-Der Neffe kehrte hurtig die leeren Hosentaschen heraus. »Und sie lassen
-mich nächstens verhungern,« brummte er, dem Himmel ein Paar feuchte
-Pudelaugen zeigend.
-
-Onkel Johns Phantasie schwoll mächtig an. Die Eindrücke arbeiteten so
-gewaltig in ihm, daß er einen Augenblick ganz sprachlos blieb. Und wenn er
-auch genau wußte, daß sein Neffe ihn aufs albernste belog, gelang es ihm,
-bei seiner Einbildungskraft, doch ganz vortrefflich, sich die Unwahrheit
-als Wahrheit vorzustellen. Sein fuchsgelber Schnurrbart zitterte, denn er
-befand sich in angenehmster Aufregung, und seine grellblauen Lügneraugen
-glitzerten wie Katzenaugen im Dunkeln. »Zunächst,« sagte er, hoheitsvoll
-das Portemonnaie ziehend, »zunächst sind hier fünf Mark, damit du nicht
-ganz ohne Pfennig herumläufst -- mein armer Junge.«
-
-John nahm dankend die gereichten zwei Mark. Er wußte, daß es immer nur zwei
-Mark waren, wenn Onkel John fünf Mark sagte.
-
-»Und nun gehe ich zu deinen Eltern,« fuhr dieser fort, »um für dich das
-Notwendigste anzuordnen. Schlimmstenfalls« -- er rollte die Augen -- »wird
-die Polizei meinen Worten Nachdruck verleihen. -- Holla!« rief er dem
-Faktor entgegen, der der Kiste wegen gelaufen kam, »tragen Sie das da! Ich
-übernehme die Verantwortung, verstanden?«
-
-John lehnte es ab, den Onkel zu begleiten, weil er ein unreines Gewissen
-hatte. Der Onkel ging auch lieber allein, um je nach Empfang mit seinen
-Märchen herauszurücken. Es war ein hellgrauer Sonntagvormittag, und die
-Grätengasse lag still und leer und sauber da. Onkel John eilte wie mit
-Flügeln am Mantel davon, während sein Neffe auf der Steinbank sitzen blieb,
-die Daumen umeinander drehte und sich seine Mischung wünschte.
-
-»Guten Tag, meine Lieben,« sagte der alte Fuchs mit wärmster Innigkeit,
-als er bei Zarnoskys ins Eßzimmer trat. Paul und Leo reichten ihm die Hand,
-seine Schwägerin unterließ es, Eugen und Herr Zarnosky brummten etwas,
-Onkel Chlodwig war nicht da.
-
-»John sitzt am Traumannschen Speicher und weint,« hub der gute Onkel an.
-»Die Kiste war doch wirklich zu schwer für ihn.«
-
-»Wer hat ihm befohlen, mit der Kiste zu gehen?!« sagte ärgerlich der Vater.
-
-»Das wollen wir nicht untersuchen,« versetzte Onkel John sanft und
-schlicht. »Apropos (»Jetzt geht's Schwindeln los,« flüsterte Paul hinter
-Eugens Rücken) was ich sagen wollte« -- er hob die eine Fußspitze ein wenig
-in die Höhe und besah sich versunken den Stiefel -- »ja, richtig; es
-gehen über dich merkwürdige Gerüchte in der Stadt herum, ganz merkwürdige
-Gerüchte, mein lieber Richard.«
-
-»Phantasiere doch nicht immer!« unterbrach ihn sein Bruder in wegwerfendem
-Tone. Richard Zarnosky log nicht mehr als andere Kaufleute, und seine
-Phantasie hielt sich in bürgerlichen Grenzen.
-
-»Du solltest -- du solltest nicht so zu mir sprechen -- in -- in einer Lage
-wie der deinigen, mein lieber Richard.«
-
-»In was für einer Lage bin ich denn, mein lieber John?«
-
-»In keiner angenehmen, sollte ich meinen. Es gehen Gerüchte in der Stadt,
-daß« -- --
-
-»Daß?«
-
-»Daß es mit dir schief stände, mein lieber Richard.«
-
-»Wer sagt das?« fragte Herr Zarnosky amüsiert.
-
-Onkel John entblödete sich nicht, eine Reihe von Namen zu nennen, wobei
-er ab und zu die Augen schloß, als ob ihm angst und bange würde. »O Gott!«
-rief er plötzlich. »Richard, Richard, bring nur nicht Schande über deine
-angesehene Familie, über mich und meine unschuldige Tochter, über unsern
-armen Bruder Chlodwig!«
-
-»Erster Akt, erste Szene,« sagte Eugen lachend.
-
-Herr Zarnosky tippte mit einer nicht mißzuverstehenden Gebärde an seine
-Stirn, indem er den Bruder bedeutungsvoll anblickte. Aber Onkel John
-übersah die Beleidigung, weil er noch lange nicht fertig war. Sich seinem
-ältesten Neffen zuwendend sagte er: »Mein lieber Eugen, du solltest dich
-schämen, deinen alten Onkel zu hänseln. Aber ich weiß ja, du ehrst auch
-nicht Vater und Mutter. Du schämst dich, in ihrem Interesse zu handeln. Du
-schämst dich, Schritte zu tun, die ihre mißliche Lage verbessern könnten.«
-
-»Nu wird's Tag,« brummte Eugen belustigt.
-
-Herr Zarnosky öffnete die Tür und sagte gelassen: »Mein lieber John, hier
-hat der Zimmermann das Loch gelassen.«
-
-Der Märchenerzähler fauchte wie ein schwergereizter Kater, seine grellen
-Augen rollten hin und her. »Richard,« brachte er angestrengt heraus, »ich
-kündige dir hiermit ein für allemal meinen Speicher.«
-
-»Schön,« erwiderte Herr Zarnosky, »mir ist dein ew'ges Künd'gen auch über.
-Es gibt mehr Speicher in unserer Gegend.«
-
-»Geh nur hin!« krähte Onkel John. »Es dürfte dir keiner so passen wie
-meiner.«
-
-»Und wenn auch! Schlimmstenfalls behelfen wir uns eine Weile mit einem. Wir
-räumen zum ersten Juli, du kannst dich darauf verlassen.«
-
-Das kam dem Märchenerzähler weder erwartet noch erwünscht. Wer weiß, ob ihm
-ein andrer die hohe Speichermiete zahlen würde, die ihm sein Bruder zahlte,
-ganz abgesehen von allerhand Vorteilen, die er daraus zu ziehen verstand,
-daß sein Speicher dem Bruder so sehr gut paßte. (Onkel John zog es schon
-lange vor, den Speicher zu vermieten, anstatt ihn selbst zu benutzen, weil
-er zuviel mit Prozessen zu tun hatte. An denen gewöhnlich seine Märchen
-schuld waren.) »Richard,« flüsterte er, das Gesicht in schelmische Falten
-ziehend und aufs versöhnlichste loskichernd, »du kannst nicht Scherz von
-Ernst unterscheiden. Das war doch bloß Spaß mit der Kündigung. Benutzt ihn
-in Gottes Namen weiter. Mir genügt der Schuppen.«
-
-»Bis zum ersten Juli und nicht länger,« versetzte Herr Zarnosky schroff.
-
-»Es ist nicht recht, daß du dem Bruder den Verdienst nehmen willst, um ihn
-vor einen Fremden zu werfen,« predigte Onkel John in salbungsvollem Tone;
-aber seine Augen funkelten böse. »Unser Bruder Chlodwig wird es auch nicht
-wollen,« setzte er theatralisch hinzu.
-
-»Dein ew'ges Künd'gen paßt uns schon längst nicht mehr!« schrie Herr
-Zarnosky, die Geduld verlierend. »Und es paßt uns auch nicht, daß du deine
-fünfzig Puten tagtäglich von unserem Getreide mästest!«
-
-»Erstens sind es nur vierzig,« stotterte Onkel John, »und zweitens haben
-sie noch nie in ihrem Leben auch nur ein Körnchen von deinem Getreide
-bekommen. Und außerdem sind nur noch sechs am Leben.«
-
-Alle lachten. Von vierzig auf sechs war selbst für Onkel John ein kühner
-Sprung.
-
-»Wißt ihr denn nichts von dem Unglück, das vergangenen Montag bei uns
-passierte? Nein, ihr wißt wohl noch nichts?!« rief nun der Märchenerzähler,
-froh wie ein Kind über den guten Einfall, der ihm gekommen, und über die
-versöhnliche Stimmung, die sich anzubahnen schien. »Richard, Anna, Eugen,
-Kinder, laßt euch erzählen, was vergangenen Montag bei uns passierte. Da
-fuhr mir doch ein Wagen mit durchgehenden Pferden in meine jungen Putchen
-hinein. Die Hälfte wurde totgefahren, die Hälfte kreuzlahm getreten. Dem
-Truthahn Fritz, meinem Liebling -- ihr kennt ihn ja -- dem armen Tier war
-das linke Beinchen gebrochen. Ich habe ihn dann selbst geschlachtet ...«
-
-»Aber Onkel!« platzte Paul lachend heraus. »Den Fritz habe ich doch noch
-gestern nachmittag gefüttert.«
-
-Onkel John zuckte zusammen wie jemand, den unerwartet ein Insekt gestochen.
-»Paul,« begann er eindringlich, die lachenden Zuhörer mit hoheitsvollen
-Blicken messend, »besinne dich recht, mein Junge! Du hast -- gestern
-nachmittag -- den Fritz gefüttert? War es nicht vor acht Tagen?«
-
-»Gestern war es.«
-
-Onkel John blickte auf Paul wie auf einen armen Schwachsinnigen, dann
-wandte er sich seiner Schwägerin zu. »Liebe Anna, ich habe es Ihnen -- ich
-habe es euch allen noch immer verbergen wollen, was ich seit einem halben
-Jahre an Paul beobachte. Der arme Junge -- aus unsrer Familie hat er das
-nicht -- das arme Kind weiß nämlich nie, wann sich ein Ereignis zugetragen,
-ob es gestern, vorgestern oder sonstwann war. Er verliert das Gedächtnis.
-Ist euch das noch nie aufgefallen?«
-
-»Nein, du alter Schwindler,« sagte Herr Zarnosky mit Nachdruck.
-
-»Alter Schwindler?« sprühte der Märchenerzähler, seinen Speicher
-vergessend. »Statt mir zu danken, daß ich dich auf eine Krankheit deines
-Kindes aufmerksam mache, beleidigst du mich? Du bist mir ein netter Vater!
-Den einen lassen sie verlumpen, den andern verblöden!«
-
-Herr Zarnosky ging ruhig zur Tür und öffnete sie ein zweites Mal. »Soll
-ich vielleicht den Faktor rufen, damit er dir den Ausgang zeigt?« fragte er
-grob.
-
-»Ich gehe,« schnaubte Onkel John, »und ich komme nicht eher wieder, als bis
-ihr mich auf Knien und Ellbogen darum bitten werdet.«
-
-Es erfolgte ein Gelächter, in das nur Paul und Frau Zarnosky nicht
-einstimmten. Paul machte ein ängstliches, beinahe verstörtes Gesicht. Frau
-Zarnosky erhob sich erregt und sagte: »Onkel John, wenn Sie jetzt hingehen
-und etwa in der Stadt erzählen, daß Paul anfängt, schwachsinnig zu werden,
-so werde ich Sie nie mehr in meinem Hause dulden.«
-
-Der gute Schwager verklärte sich. »Aha,« sagte er, »diese Tatsache ist
-Ihnen also doch nicht entgangen?! Aus unsrer Familie hat er das jedenfalls
-nicht ...« Dabei schlüpfte er aalgeschwind nach der Tür, um sich von dort
-mit einer spöttischen Verbeugung zu empfehlen. Die angenommene Kündigung
-hatte er total vergessen.
-
-Richard Zarnosky zuckte nur die Achseln, als sein angenehmer Bruder
-hinausschlüpfte. Die ganze Familie war an derartige Auftritte mit Onkel
-John gewöhnt. Frau Zarnosky war meist die einzige, die sich dabei aufregte.
-
-Paul ging auf den Hof, um über das nachzudenken, was der Onkel von ihm
-behauptet hatte. Da er die Sensibilität seiner Mutter und eine große
-Phantasie besaß, so hatte ihn die seltsame Behauptung in Unruhe und Angst
-versetzt.
-
-»War es nicht gestern vor drei Wochen, daß Vater die beiden Rappen kaufte?«
-fragte er Rodenberg.
-
-»Ja, das is nu all drei Wochen her,« erwiderte der Kutscher.
-
-»Am ersten wurden sie beschlagen, nicht wahr?«
-
-Rodenberg kratzte sich den Kopf. »Kann sind. Ich weiß nich mehr jenau,« und
-er trollte sich.
-
-Paul setzte sich auf eine Wagendeichsel und versank in angestrengtes
-Grübeln; er stellte die schwierigsten Daten in seinem Kopfe fest. Eine
-der vielen Speicherkatzen sprang ihm auf den Schoß und rieb sich
-schmeichlerisch an seiner Jacke. Der Junge wollte sie vertreiben, weil ihn
-das beim Nachdenken störte; aber die Katze klammerte sich fest, freundlich
-schnurrend und vergnügt mit dem Schwanze wippend. Paul streichelte sie mit
-abwesender Miene, bis ihm der wippende schwarze Katzenschwanz plötzlich
-zwischen die Lippen geriet. Da sprang er auf und ließ das Tier fallen, die
-klebengebliebenen Haare ärgerlich vom Munde wischend.
-
-»Was ist los?« fragte Onkel Chlodwig hinter ihm.
-
-»Ach nichts. Ich bekam Katzenhaare in den Mund,« erzählte der Junge.
-
-Chlodwig Zarnosky (eine Art Kompagnon seines Bruders Richard) war ein
-kleiner, gelblicher Junggeselle mit großen Ohren und großen weißen Händen.
-(Außerdem gab es noch einen vierten Zarnosky, den die Brüder seiner
-»eigentümlichen Anlagen« wegen nach Amerika verpflanzt hatten.)
-»Katzenhaare!« rief Onkel Chlodwig, die großen weißen Hände mit gespieltem
-Entsetzen zusammenschlagend. »Paul, Junge, du hast doch wohl keins
-hinuntergeschluckt?«
-
-»Ich weiß nicht,« sagte Paul verwirrt.
-
-»Kind, dann müßtest du ja sterben,« flüsterte Chlodwig mit großen
-geheimnisvollen Augen. Und nun ging seine Phantasie mit ihm durch.
-Er sprach dem schon erschreckten Jungen von einem schweren Tode, den
-heruntergeschluckte Katzenhaare öfters zur Folge hätten. Er schilderte
-dessen Qualen so genau, als habe er sie schon einmal durchgemacht. Paul
-lächelte gezwungen. Schwachsinn und Tod, das waren ja nette Aussichten.
-»Onkelchen, du schneidest auf,« sagte er mit unsicherer Stimme.
-
-Für gewöhnlich gab es keinen liebevolleren Onkel, als den kleinen Chlodwig,
-den jüngsten der vier Zarnoskys. War er es einmal nicht, dann lag das
-nur an seiner großen Phantasie. Sobald er merkte, daß er seinen Neffen
-erschreckt hatte, brach er in lautes Lachen aus. »Paulemännchen,« rief er,
-»was bist du für ein gläubiger Thomas?! Komm, jetzt trinken wir zusammen
-Rotwein, das ist das beste Mittel gegen Ängstlichkeit und Katzenhaare!«
-
- * * * * *
-
-John hockte noch immer mit gefalteten Händen auf der Steinbank in der
-Grätengasse. Aber er dachte nicht mehr an seine Mischung, er hatte sich
-angelehnt und lauschte den lieblichen dünnen Tönen, die aus einem kleinen
-stillen Hause kamen. Dort blies ein Pfeifer zu seiner Sonntagserbauung:
-
- Nachtigall, Nachtigall,
- wie sangst du so schön,
- sangst du so schön ...
-
-Es war ein Herbstlied, aber es brachte John seinen ganzen Frühling zurück.
-Seine Kindheit erhob sich bei dieser halbvergessenen Melodie aus ihrem
-Grabe und zog licht und herrlich an ihm vorüber. »Das warst du einmal,«
-klang es in ihm. »Warst du einmal,« schien die Pfeife zu wiederholen.
-Die Erinnerung nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm vergessene Wege
-zu vergessenen Herrlichkeiten. John war aufs neue geboren. Der einsame
-Lauscher in der Grätengasse war eine leergewordene Hülle.
-
-Da brach der Pfeifer plötzlich ab -- und die auferstandene schöne Zeit
-sank langsam ins Grab zurück. Die Hülle auf der Steinbank bekam wieder eine
-Seele. Der Trinker schlug langsam die Augen auf. Wo war alles geblieben?
-Ein trauriges Grinsen verzerrte sein Gesicht, als sein suchender Blick auf
-die blauen Oblaten auf seiner Jacke fiel. Das war er jetzt! Und das war
-kein Traum; es war nicht zu vertreibende Wirklichkeit. Er riß die Oblaten
-ab und schleuderte sie wild auf die Straße. Aber dann erhob er sich bald
-und suchte sie wieder auf. Er konnte sie heute nicht entbehren. Beschmutzt
-waren sie seiner auch noch würdiger.
-
-Die Leute kamen aus der Kirche. Die Grätengasse belebte sich. John setzte
-sein Imperatorenlächeln auf und machte sich auf den Heimweg.
-
-»Guten Tag, Herr Zarnosky.«
-
-»Diener, Herr Zarnosky.«
-
-John erwiderte die Grüße, indem er jedesmal zwei Finger nachlässig an die
-Mütze hob. Als er einen toten Sperling auf der Erde liegen sah, hob er ihn
-auf und betrachtete ihn. Das Tierchen war so jung, so niedlich und noch
-ganz warm. Ein Gruß vom Tode, dachte der Trinker, und seine Hand bebte, und
-seine Orden bebten. »Ich komme bald,« schien eine Stimme zu flüstern.
-
-»Bald?« fragte seine Angst.
-
-Der Osterwind raunte eine tonlose Antwort.
-
-»Ich will nicht!« schrie es gewaltig in John, denn ihm war, als habe er
-soeben sein Todesurteil vernommen. Und er hob den Arm und schleuderte den
-Sperling über den nächsten Zaun. Er wollte nichts vom Tode wissen, nichts
-mit ihm zu tun haben; er amüsierte sich höchstens über ihn. Sein Leben
-konnte hundert Jahre währen. Doch die Angst sprach anders in ihm, und ihm
-war, als stände der Tod schon irgendwo hinter einem Mauervorsprung
-der Grätengasse, seinen knöchernen Arm ausstreckend, um ihn für immer
-aufzuhalten. Er torkelte auf den Fahrdamm, um den Mauervorsprüngen
-auszuweichen; er trabte nach Hause und setzte sich neben die lebenswarme,
-liebevolle dicke Amalie. Aber die Köchin wurde bald ins Eßzimmer gerufen
-und kehrte mit der unangenehmen Botschaft zurück, daß ihn der Vater zu
-sprechen wünsche. John machte ein betretenes Gesicht und schlich wie ein
-armer Sünder hinein.
-
-»Wer hat dich geheißen, mit der Kiste zu gehen?« fragte ärgerlich der
-Vater.
-
-»Es hat mir Spaß gemacht,« stotterte John.
-
-»Unterlaß diese Späße in Zukunft, hast du verstanden?«
-
-»Ja,« sagte John wie ein artiges Kind.
-
-Herr Zarnosky schneuzte sich, um eine freundlichere Miene zu verbergen.
-»Was hast du mit Onkel John gesprochen?« fragte er dann.
-
-»Ich -- ich weiß nicht mehr.« John lachte blöde.
-
-»Du weißt nicht mehr? Dann hast du wieder geschwindelt! Ich will wissen,
-was du zu ihm gesagt hast?«
-
-»Guten Tag hab ich gesagt -- und -- und in der Kiste wären Patronen.«
-
-Der Vater versetzte ihm gereizt eine Ohrfeige, die mit stiller Tücke
-hingenommen wurde.
-
-»Wie kannst du nur?!« rief Frau Zarnosky in vorwurfsvollem, klagendem Tone.
-»Wie kann man nur einen erwachsenen, schwerkranken Menschen schlagen?!«
-
-»Schwerkrank?« wiederholte John entsetzt, die Ohrfeige vergessend.
-
-Wenn Frau Zarnosky eine Roheit ihres Mannes rügen oder gutmachen wollte,
-hatte sie häufig das Pech, nicht minder roh oder wenigstens sehr taktlos
-zu sein -- ohne sich ihres Fehlers immer bewußt zu werden; denn sie war ein
-wenig denkträge und hielt sich auch für die Vollkommenheit selbst. Johns
-angstvolle Frage blieb unbeantwortet, weil die Eltern ins Streiten geraten
-waren, ob der Vater einen erwachsenen Sohn schlagen dürfe oder nicht.
-
-John dachte mit Sehnsucht an Amalie. Die machte ihm keine Vorwürfe, die
-schalt ihn weder aus, noch erschreckte sie ihn. Die schenkte ihm Geld,
-wenn er Durst hatte, und tröstete ihn, wenn er traurig war. Die hatte
-sogar seinen Peter ins Herz geschlossen. Zwar die Mutter war auch gut; aber
-Amalie war doch noch besser. Still drückte er sich hinaus.
-
-»Herr Johnche trautstes,« sagte die Köchin innig, »haben se inne Stub
-wiedermal auf Ihnen jepucht?«
-
-Der Trinker schlug mit der Hand. »Die müssen doch immer was haben!«
-
-Er ließ sich auf die Küchenbank fallen, daß es krachte. »Bin müde,« sagte
-er düster.
-
-»Hätten Se der Kiste doch bloß stehen lassen, junger Herr!«
-
-»Glauben Sie wirklich an Gott?« fragte John, ins Herdfeuer starrend.
-
-Die Köchin machte ein dummes Gesicht, weil sie nicht gleich wußte, was sie
-auf diese unerwartete Frage antworten sollte.
-
-»Ob Sie wirklich an Gott glauben?« wiederholte der Trinker.
-
-»Na jewiß. Natirlich. Ich werd nich?! Wieso fragen Se, Herr Johnche?«
-
-»Fiel mir so ein.«
-
-»Glauben Se man auch,« predigte Amalie, »dann werden Se auch wieder jesund
-werden. Bloß nich zuviel trinken!«
-
-John schien voller Angst einer andern Stimme zu lauschen. »Hörten Sie
-nicht?« fragte er plötzlich.
-
-»Wa--as? Wa--as?«
-
-»Vorher sagte es der Wind. Jetzt sagte es das Feuer.«
-
-»Die können doch nichts sagen.«
-
-»›Ich komme bald,‹ sagte es eben.«
-
-»Ich hab nichts nich jehert.«
-
-»Der Tod will kommen,« flüsterte John mit großen angstvollen Kinderaugen.
-
-»Haben Se man keine Angst!« tröstete die Köchin. »Sie können noch Ihre
-ganze Familie iberleben. Sie allemal!« Dann öffnete sie die Bratofentür und
-sagte: »Kommen Se man sehn, junger Herr, wie fein se braten.«
-
-Zwölf Täubchen lagen in Reih und Glied in der Bratpfanne, zwölf angenehm
-duftende, kleine braune Körperchen, die Amalie mit Stolz und Schweiß auf
-der Nase vorwies. Johns Miene erheiterte sich beim Anblick der Tierchen.
-Er ergriff eine Gabel und prüfte, ob sie schon weich waren. Da es sich so
-verhielt, riß er der größten ein Beinchen aus, blies ein wenig herauf und
-benagte es dann mit der Miene eines Menschen, der hat, was er braucht. Die
-Köchin hatte die fetten Hände überm Bauch gefaltet und sah ihm wohlgefällig
-zu.
-
-»Schmeckt gut?« fragte sie.
-
-»Ja,« sagte er.
-
-»Vielbeliebt und anjenehm zu heren.«
-
-
-
-
-Drittes Kapitel
-
-
-Auf dem Zarnoskyschen Hof stand ein uralter Birnbaum. Sein Stamm war so
-stark wie vier feiste Mönche zusammen, und seine mächtige Krone bildete
-eine Art chinesisches Dach über einem großen Teil des Hofes. Um den Stamm
-lief ein Tisch und um den Tisch eine Bank; beide wurden viel zum Sitzen
-benutzt, der Tisch noch mehr als die Bank.
-
-Wieder ging ein Frühlingstag zu Ende. John saß unter dem Birnbaum auf dem
-Tisch, die Füße auf der Bank, und starrte nachdenklich und versunken in die
-Abendsonne. Sie schwebte über einem sehr alten rosa Häuschen, das mit dem
-Giebel an den Hof stieß. Dieser Giebel hatte nur ein einziges Fenster und
-sonst nichts als seine rosa Farbe. John war froh. Er hatte beschlossen,
-noch ein drittes Mal in die Heilanstalt für Trinker zu gehen, und dieses
-dritte und letzte Mal sollte ihn für immer kurieren; denn: er wollte
-hinterher nie mehr einen Tropfen Alkohol über seine Lippen bringen, das
-hatte er sich mit den heiligsten Eiden zugeschworen. Und darum hoffte er
-nun, eines Tages wieder gesund, stark und schön zu sein, er hoffte, einst
-wieder zu den glücklichsten Menschenkindern der Welt zu gehören. (Mit
-siebenundzwanzig Jahren hofft man noch leicht, hält man das Wunderbarste
-für möglich.) Bald nach Ostern wollte er seinen Entschluß kundtun und zur
-Ausführung bringen. Peter sollte ihn in die Anstalt begleiten.
-
-Der Ziegenbock sprang vor seinem Herrn herum und tanzte auf den
-Hinterbeinen. Plötzlich öffnete er seine kleine schwarze Schnauze, zeigte
-eine dicke rosa Zunge und schrie aufgeregt: »Mämämämä« ...
-
-»Ich bin deine Mama,« sagte John zärtlich, »deine Mama und auch dein Papa.«
-
-Das Giebelfenster des rosa Häuschens sprang klirrend auf, und ein brauner
-Christuskopf lugte heraus. »John,« rief er, »soll ich auf den Hof kommen?«
-
-»Ja, komm!« sagte der Trinker.
-
-Der Mensch mit dem Christuskopf war der Bruder von Onkel Johns Frau,
-achtunddreißig Jahre alt und schwachsinnig. Sein verstorbener Vater war
-Superintendent gewesen, und darum bildete er, Johannes, sich ein, zum
-mindesten Pfarrer zu sein. Die Verwandten unterstützten seine Torheit,
-indem sie ihn »Pfarrer« nannten. Sie sagten Pfarrer, anstatt Johannes, sie
-gebrauchten den Titel wie einen Vornamen. Johannes hatte noch einen Bruder,
-der weit schwachsinniger war als er selbst. Die beiden Brüder lebten ganz
-allein mit einer mürrischen Haushälterin in dem alten rosa Häuschen, das
-ihr Eigentum war. Und sie lebten dort in ziemlicher Dürftigkeit, trotz
-guter Vermögensverhältnisse; denn Onkel John verwaltete ihre Zinsen, und
-zwar mehr zu Nutz und Frommen seines Geflügelhofes, als zu dem seiner
-einfältigen Schwager.
-
-»Friede sei mit dir!« sagte Johannes würdevoll, als er John die Hand
-reichte.
-
-»Und der Stock regiere dich!« witzelte dieser wie gewöhnlich, trotz der
-abwehrenden Geste des frommen Idioten.
-
-»Hast nich ein Stummelchen? Hast nich, hast nich?« fragte Johannes,
-sich fröstelnd die hageren Hände reibend. Er trug wie John eine dunkle
-Sportmütze, die sich auf seinem lockigen Christuskopf seltsam genug
-ausnahm. Um den Hals hatte er ein schwarzes Halstuch geschlungen. Sein
-blauer Anzug war fleckig und abgetragen, die Jacke zu weit, die Hose zu
-kurz; denn beides hatte einst Onkel John gehört, der stärker und kleiner
-war.
-
-»Kein Stummelchen?« sagte Johannes, traurig den Kopf senkend, als John die
-Frage verneinte. Und wie er so die Mütze abnahm, um sie mit ergebungsvoller
-Miene ein wenig abzustäuben, da glich er ganz Christus, und John, der
-ebenfalls die Mütze abgenommen hatte und voll Mitleid von seinem Platz auf
-ihn herabsah, konnte wohl Pontius Pilatus vorstellen: Christus vor Pontius
-Pilatus.
-
-»Stummelchen habe ich keine,« wiederholte der Trinker, »aber eine Zigarre
-habe ich heute für dich.«
-
-Johannes rauchte für sein Leben gern. Er ließ einen Zigarrenstummel nicht
-früher aus dem Munde, als bis er ihm Bart und Lippen versengte. Man machte
-ihm jedesmal eine große Freude, wenn man ihm eine ganze Zigarre schenkte;
-denn für gewöhnlich mußte er sich mit den Stummeln begnügen, die Johns
-Vater (der einzige Raucher unter den Zarnoskys) für ihn aufhob. Er selbst
-konnte sich keine Zigarren kaufen, da er kein Taschengeld bekam. Sein und
-seines Bruders Taschengeld verwaltete die Haushälterin, und zwar mehr zu
-Nutz und Frommen ihres Sparkassenbuches, als zu dem ihrer schwachsinnigen
-Pflegebefohlenen. Zuweilen schenkte ihnen die Schwester Zigarren und
-Delikatessen; aber nur Johannes rauchte, und die Delikatessen aß die
-Haushälterin auf.
-
-Johannes begann vor Wonne zu stammeln, als John ihm eine schöne lange
-Zigarre unter die Nase hielt. »Riech mal,« sagte der Trinker. Dann lehnte
-er sich zurück: »Und nun fang sie auf.«
-
-Der Schwachsinnige hob die Hände, die Zigarre erwartend. Aber John narrte
-ihn immer wieder, indem er nur so tat, als ob er werfen wolle. Schließlich
-forderte er den Idioten auf, Gott zu lästern, oder er bekäme sie nicht.
-John hatte nämlich herausbekommen, daß man Johannes wohl zu diesem und
-jenem verleiten konnte, aber nicht dazu, Gott zu lästern. »Ein Pfarrer darf
-das nicht,« entgegnete er dann stets.
-
-Das entgegnete er auch diesmal; doch John ließ es nicht gelten. Er zog eine
-Schachtel Streichhölzer aus der Tasche und drohte, die Zigarre selbst zu
-rauchen, wenn Pfarrer es nicht gleich täte. »Liebes gutes Johnche,« flehte
-der Unglückliche, »gib, gib! Darf ich nich. Darf ich nich.«
-
-Der Trinker biß die Spitze von der Zigarre ab, indem er Johannes wie ein
-Folterknecht angrinste. »Na, wird's bald?« fragte er zwischen den Zähnen.
-
-Die Abendsonne legte einen roten Heiligenschein um den lockigen
-Christuskopf des Idioten. Er stand da, die Hände um die Mütze gefaltet,
-die Augen wie ein Verschmachtender auf die Zigarre gerichtet. Seine Lippen
-bewegten sich; aber es kam kein Ton. Er hatte schon tagelang nichts zu
-rauchen gehabt, und eine ganze Zigarre hatte er schon seit Wochen nicht
-sein eigen genannt; er zitterte vor Gier nach dem so lange entbehrten
-Genuß. Dieser Zigarre gegenüber unterlag er der Versuchung, das fühlte er.
-»Johnche,« flüsterte er mit versagender Stimme, »hab schon was jesacht.
-Hast bloß nich jehört, hast bloß nich jehört.«
-
-»Das ist nichts. Das gilt nicht,« grinste der Trinker.
-
-Pfarrer bebte wie Espenlaub, und seine Zähne schlugen leise klirrend
-zusammen. »Er -- er -- ist, ist -- ein Esel!« stieß er plötzlich ganz
-kreidebleich hervor, als John schon dabei war, ein Streichholz zu
-entzünden, und fast schreiend setzte er hinzu: »Aber nur ein ganz kleiner,
-nur ein ganz kleiner!«
-
-John wollte lachen und konnte nicht. »Das war noch nichts Rechtes,« sagte
-er beinahe verlegen, »aber für diesmal wollen wir es gelten lassen. Hier!«
-
-Johannes pflanzte die Zigarre glückselig in den Mund. John gab ihm Feuer.
-
-Obgleich dieser mit den beiden Schwachsinnigen gern allerhand seltsame und
-boshafte Experimente vornahm, tat er doch mehr für sie als ihre nächsten
-Anverwandten. Wenn sie sich bei ihm über die Haushälterin beklagten, ging
-er auf der Stelle hin und stellte sie unter den heftigsten Drohungen zur
-Rede. Die sonst sehr unerschrockene Person hatte einen gewaltigen Respekt
-vor John, ja, sie zitterte förmlich vor ihm, da sie ihn zu allem fähig
-hielt. Zweimal in jeder Woche ging er im rosa Häuschen das Essen kosten.
-War es nicht gut, dann bekam die Haushälterin die Drohung zu hören, daß er
-sie wegen Veruntreuung und Diebstahl anzeigen werde. Johannes und Markus
-bewunderten Johns Mut aufs tiefste; er war ihr Held, ihr Ideal. Und da er
-sie, die ewig Hungrigen, oft satt machte, darum liebten sie ihn wie einen
-Vater und nahmen seine Neckereien und Quälereien so ruhig und ergeben hin,
-wie der Türke die Schicksalsschläge.
-
-Die Abendsonne glitt langsam am glasblauen Himmel herab, glutrot und groß.
-Johannes hatte sich neben John auf den Tisch gesetzt und dampfte wie ein
-Pascha. Er wäre jetzt der glücklichste Mensch der Welt gewesen, wenn er
-nicht die Gotteslästerung hinter sich gehabt hätte. »Johnche,« fragte er
-leise, »meinst, er hat jehört? Meinst? Meinst?«
-
-»Was wird er nich jehört haben?!« entgegnete dieser. »Der hört doch alles!«
-
-»Johnche, du lachst ...?«
-
-»Na, vielleicht hat'r auch nich jehört. Vielleicht schlief'r auch schon. Is
-doch'n alter Mann.«
-
-»Hast recht! Hast recht!« sagte aufatmend der Idiot.
-
-Sie starrten beide nach den roten Abendwolken, die ganz seltsame,
-phantastische Formen hatten. Springenden Pferden mit Hörnern und Krallen
-ähnlich, wandelten sie langsam durchs Himmelsblau.
-
-»Möchtest du da reiten?« fragte John mit einer Kopfbewegung nach oben.
-
-»Jefährlich, jefährlich,« meinte Johannes.
-
-»Wenn es aber ins Paradies ginge, Pfarrer?«
-
-In die Augen des Schwachsinnigen kam ein sehnsüchtiger Ausdruck. »Ins
-Paradies?« wiederholte er verträumt. »Ach ja, Johnche, da möcht' ich jleich
-hin.«
-
-»Ei, wenn es da nichts zu rauchen gibt?«
-
-Johannes kicherte blöde los. »Wird schon, wird schon,« meinte er, »da
-jibt's doch alles umsonst. Zigarren -- Bratäpfel -- Glacéhandschuhe ...«
-
-»Weißt du was?« sagte der Trinker, die Frühlingsluft schlürfend. »Ich werde
-wieder gesund werden. Ich geh nach Ostern in eine Anstalt und komm gesund
-zurück.«
-
-Pfarrer sah ihn ehrfurchtsvoll an. »Ja? Ja?« Und dann ließ er nachdenklich
-den Kopf hängen, hüllte sich in Rauchwolken und schwieg.
-
-Nachdem er geraume Zeit still vor sich hingebrütet hatte, bat er John
-verlegen und zaghaft, ihn doch in diese Anstalt mitzunehmen.
-
-»Wieso?« fragte John.
-
-Der Schwachsinnige errötete wie ein junges Mädchen und wollte nicht mit dem
-Grunde herausrücken. Endlich kam es halb gestammelt, halb geflüstert: Er
-möchte auch gern gesund werden: klug werden. »Nich mehr Idiot, nich mehr
-Idiot!« rief er klagend. Darauf senkte er das erblaßte Gesicht wie jemand,
-der die Wirkung seiner Worte nicht abzuwarten wagt.
-
-Schweigen.
-
-»Das geht nicht,« sagte John kurz. »Oder -- du müßtest sterben. Die Toten
-sind alle klug.«
-
-»Sterben?« stotterte Johannes erschreckt und enttäuscht. »Neinein! Lieber
-nich, lieber nich! Noch e bißche warten, noch e bißche warten!«
-
-John lachte kurz auf. Und seine Lippen brannten rot in der sinkenden Sonne.
-Er legte den Kopf auf eine Seite und begann leise zu pfeifen. Es klang, als
-ob ein Vogel lockte. Es klang nach Frühlingslust und Lebensgier. Es war ein
-Lied von der einzigen Wonne -- zu leben.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel
-
-
-Die beiden Ausreißer sahen sich an und lachten. Es war nicht leicht
-gewesen, die Reise zu unternehmen, da sie im geheimen vor sich gehen mußte;
-denn man hätte John, krank wie er war, nie gestattet, mit Johannes einen
-Ausflug zu unternehmen. Nun freuten sich beide, daß alles so wohl gelungen,
-und daß sie nun da waren, wo sie hingewollt. Obgleich die Fahrt nur eine
-Stunde gedauert hatte, fühlte sich John doch sehr angegriffen, als er
-mit seinem Gefährten aus dem Zug stieg. Hinter dem ersten Zaun mußte ihm
-Johannes die große Flasche Kognak reichen, die sie mitgenommen hatten, und
-nun goß er Kognak wie Wasser in sich hinein. Darauf lachte er wieder über
-das ganze Gesicht, und Johannes wieherte aus vollem Halse, weil er das für
-schicklich hielt, wenn sein Ideal fröhlich war. John faßte ihn unter und
-schritt würdevoll mit ihm weiter. Sie waren ein seltsames, auffallendes
-Paar. Der Trinker hatte sich in der Eile mit einem alten hellgelben
-Winterüberzieher bekleidet, der übermäßig kurz war und stark nach
-Naphthalin roch. Sein dicker Schädel schien die Kopfbedeckung sprengen zu
-wollen. Das kleine, steife, schwarze Hütchen saß da, als müsse es jeden
-Augenblick herunterhüpfen oder bersten. Pfarrers lange, hagere Figur zierte
-ein großkarierter alter Reisemantel von Onkel John. Auf dem Kopf trug er
-die unvermeidliche Sportmütze, da er keinen Hut besaß. Halb Engländer, halb
-Christus schleppte er eine umfangreiche Reisetasche, die die Kognakflasche
-und eine Menge Mundvorrat enthielt -- für den Amalie im geheimen gesorgt
-hatte.
-
-Der Apriltag war so warm und golden wie ein Maientag. Es schien nicht
-Ostern, es schien Pfingsten zu sein; die Natur war so weit, wie sonst nur
-im Mai. Die Obstbäume blühten schon hier und dort, und die Butterblumen
-glänzten überall wie kleine Sonnen im Gras. Das junge Birkenlaub glich
-flachen, goldgrünen Blüten, die ein leise wehender Wind in fortwährendem
-Zittern erhielt. Das sah nun aus, als hingen zahllose, lautlos schwingende
-Glöckchen an den Birkenzweigen. John und Johannes schritten durch eine
-Allee solcher Glöckchenbäume. Niemand begegnete ihnen. Hier und dort
-blickten bunte Strandvillen über nahe und ferne grüne Hecken. Johannes
-hatte in seiner Brusttasche ein Paar weiße Glacéhandschuhe, die er für sein
-Leben gern aufgezogen hätte; aber John erlaubte es ihm nicht. Die beiden
-schwachsinnigen Brüder schwärmten einträchtig für weiße Glacéhandschuhe --
-und Bratäpfel, besonders aber für weiße Glacéhandschuhe. Die ihnen jetzt
-niemand mehr schenken wollte. Als der Vater noch lebte, hatten sie solche
-Handschuhe zu Dutzenden bekommen; aber jetzt -- --! Immer wieder mußten sie
-alte Paare mit Benzin reinigen, wenn sie das sehnsüchtige Verlangen hatten,
-sich irgendwo mit weißen Glacéhandschuhen zu zeigen.
-
-Die Allee endete auf der Düne, von der eine uralte Treppe aus breiten
-Steinen und mit wackligem Holzgeländer durch eine lange, winklige,
-baumreiche Schlucht zum Strand hinabführte.
-
-»Steigen wir 'runter?« fragte John.
-
-»Jefährlich, jefährlich,« meinte Johannes.
-
-Sie standen Arm in Arm und blickten mit Scheu und Bewunderung über die
-halbdunkle Schlucht hinweg auf die weite, weite, blaue See.
-
-»Große bunte Käfer, schöne bunte Käfer,« sagte Johannes, mit vergnügtem
-Lachen auf die Osterausflügler zeigend, die bienenemsig am Ausgang der
-Schlucht auf der Mole herumkrabbelten.
-
-»Erst essen wir etwas und dann steigen wir auch herunter,« sagte John und
-setzte sich auf die nächste Bank.
-
-Pfarrer folgte ihm mit verklärter Miene. »Essen« war und blieb doch das
-Schönste für ihn. Seine langen, hageren Hände sofort in die Tasche grabend,
-brachte er Päckchen auf Päckchen zum Vorschein. Der Trinker griff zuerst
-nach der Kognakflasche und tat aufs neue einen langen, tiefen Zug. Johannes
-entkapselte für sich einen Zitronensprudel, zu dem er eine Serie harter
-Eier genoß. John hatte wenig Appetit, da das Mittagessen noch nicht weit
-zurücklag. Bei Johannes machte das nichts aus; der konnte schon wieder
-wie ein Drescher einpacken. Er stieß ein unwilliges Knurren aus, als John
-»genug!« ausrief. Was war ihm Schlucht, was war ihm See, wenn neben ihm
-eine Tasche mit den schönsten Eßwaren stand.
-
-Arm in Arm, langsam und ängstlich wie der Lahme mit dem Blinden, begann das
-Paar den Abstieg. Auf der halben Treppe mußten sie schon rasten, weil John
-die Luft ausging. Mit bläulichem Gesicht sank er auf die Stufen nieder,
-und Johannes mußte ihm wieder die Kognakflasche reichen. »Da haben wir den
-Salat,« sagte John, melancholisch ins Grüne spuckend. Der Schwachsinnige
-nahm ein paar Stufen tiefer Platz und zog sich heimlich einen weißen
-Handschuh auf. Jeden Augenblick konnten Leute die Treppe herauf- oder
-herunterkommen, Leute mit neugierigen Augen -- ohne weiße Glacéhandschuhe.
-Pfarrer wollte ein bißchen »feiner Mann« spielen. Es dauerte auch nicht
-lange, so kamen zwei junge Mädchen die Treppe heruntergekichert. Helle
-Kleider, flatterndes Haar. »Scheene Kinder,« schmunzelte Pfarrer, die weiße
-Hand wie einen Fächer bewegend. John fuhr fort, ins Grüne zu starren. Was
-gingen ihn diese Mädchen an?! Ja, wenn Peter gekommen wäre -- --! Es tat
-ihm sehr leid, daß »der Junge« zu Hause sein mußte. Die Mädchen girrten
-wie Tauben, als sie an dem seltsamen Paar vorübersprangen. Gleich danach
-platzten sie los. Ihr Lachen rieselte die Schlucht herauf und herunter, und
-das Echo gab es verhaltener wieder.
-
-Und die Vögel sangen, und die Wellen riefen, und es duftete das Laub. Es
-war ein Frühlingstag, wie es nicht viele gibt; die Welt war so schön wie
-ein Traum. Selbst Johannes empfand das. Unwillkürlich nahm er die Mütze ab
-und saß barhäuptig da, als sei er der Natur diese Ehrfurcht schuldig.
-
-Nach einer halben Stunde waren sie unten und schritten Arm in Arm bis
-zum Ende der Mole, wo es ganz menschenleer war, und nur die Wogen, gleich
-wilden Pferden, mit lautem Geschrei und hochflatternden weißen Mähnen
-dahergestürmt kamen. Die Mole war schmal und kroch wie eine graue Schlange
-am Fuß der steilen, beinahe ockerfarbenen Dünenwand entlang, von der hier
-und da der gelbe Sand, leise klirrend, herunterrieselte. Auf der Höhe
-standen große Bäume, und einer von ihnen neigte sich weit über die Düne,
-als müsse er herunterschauen oder als sei er im Begriff herabzustürzen. Der
-Himmel war afrikanisch blau über dem leuchtenden Gelb der steilen Sandwand.
-
-John war, als fahre die Mole unter ihm davon, als sie stehen geblieben
-waren und auf das Wasser blickten; sich auf Johannes stützend, schloß er
-erschreckt die Augen. Nun fuhr er mit; die Mole und die ganze Welt schien
-langsam mit ihnen davonzufahren. John hielt sich an Johannes, wie der
-Schiffbrüchige am Mast, und auf einmal glitt er lautlos zu Boden. Ein
-Schwindelanfall, der nur langsam vorüberging. »Ich bin schläfrig,« sagte er
-schließlich auf Pfarrers angstvolles Fragen mit seiner gewöhnlichen Stimme,
-und er streckte sich aus und ließ die Sonne auf seinen gelben Wintermantel
-brennen.
-
-Der Schwachsinnige strich ratlos seinen Christusbart, er blickte scheu auf
-das große Wasser, dem er nun ganz allein gegenüberstand; am liebsten
-wäre er nach Hause gelaufen. Nach einer Weile hockte er sich neben seinem
-bereits schnarchenden Freunde nieder, der See den Rücken zudrehend, und sah
-unentwegt auf die Reisetasche: ihr Anblick war ihm eine Oase in der Wüste.
-Den Handschuh hatte er längst wieder abziehen müssen. John hatte ihm vor
-allen Leuten mit einer Backpfeife gedroht, wenn er es nicht auf der Stelle
-täte. Es war ihm nichts anders übrig geblieben, als zu gehorchen.
-
-Pfarrers Phantasie sah auf der Tasche einen Mädchenkopf mit großen,
-lachenden Augen. Pfarrer hatte sich wieder einmal verliebt. Das eine der
-beiden Mädchen, die auf der Treppe an ihm vorübergesprungen, hatte es ihm
-angetan. Und nun glaubte er, sie immer wieder kichern zu hören; es war aber
-nur der Sand, der so klirrend von der Düne rieselte.
-
-Es rieselte ... es rieselte, und die Wogen warfen sich mit eintönigem
-Geschrei gegen die Mole. Pfarrer legte das Gesicht auf die Reisetasche, da,
-wo er sich den Mädchenkopf dachte, und brummelte sich in den Schlaf.
-
-Die Wellenpferde kamen laut herangejagt, sprangen an der Mole hoch und
-brachen fauchend zusammen; neue kamen, sprangen an der Mole hoch und
-brachen fauchend zusammen; neue kamen ... und die Sonne sah ihnen strahlend
-zu und segelte majestätisch ihren Weg.
-
-Es war gegen halb sechs, als John endlich aufwachte. »Dore! Kaffee!
-Kaffee!« brummte er.
-
-»Kaffee! Kaffee!« echote der Idiot.
-
-John sah sich betreten um. »Pfarrer,« stotterte er, sich die Augen reibend,
-»was ist das hier?«
-
-»Ostsee! Ostsee! Ostsee!«
-
-Der Kranke verzog das Gesicht. »Ich säße jetzt lieber zu Hause,« sagte er
-mißmutig.
-
-»Ich auch! Ich auch!« sagte Johannes.
-
-»Da hinauf komm' ich heut' nicht mehr,« murmelte John, auf die Düne
-zeigend.
-
-Johannes verfärbte sich. »Bleib nich! Bleib nich!« rief er entsetzt.
-»Graurig hier! Graurig hier im Dunkeln!«
-
-»Ich werde schon Mittel und Wege finden, daß wir vor acht auf dem Bahnhof
-sind,« versetzte der Trinker mit seinem Imperatorenlächeln.
-
-Und der Schwachsinnige vertraute seinem Ideal. »Is gut! Is gut!« sagte er
-beruhigt.
-
-John versuchte nun fröhlich zu sein; aber es wollte ihm nicht recht
-gelingen, und je näher der Abend kam, desto stiller wurden sie alle beide.
-Johannes begann wieder zu essen; doch diesmal ohne Genuß: die große Nähe
-des weiten, lärmenden Wassers bedrückte zu sehr sein Gemüt. Und John
-bedrückten Todesgedanken. Er kam sich vor wie ein Sterbender, der sich noch
-einmal in die Sonne gesetzt, der das Meer und die Sonne noch einmal sehen
-wollte, um von ihnen Abschied zu nehmen. Das Gebrüll der Wogen hatte
-seine Fröhlichkeit verloren. Sie klagten jetzt immer lauter und lauter
-und hohler: eine tragische Musik. John lehnte sich schwer an die kalte
-Dünenwand mit dem rieselnden Sande. Er hatte einen Ton im Ohr, der aus der
-Ferne zu kommen schien, aus einer Ferne, die nicht auf Erden war. Der Tod
-schlug mit der Sichel an. »Ich komme bald!« klang's aus der Ferne.
-
-»Ich verreise nächstens,« sagte John plötzlich.
-
-»Weiß! Weiß!« murmelte Johannes.
-
-»Nicht in die Anstalt,« sagte der Trinker.
-
-Der Schwachsinnige wieherte geheimnisvoll, so, als wisse er über alles
-Bescheid.
-
-»Weißt du, zu wem?« fragte John.
-
-»Zu wem? Zu wem?« stotterte Johannes.
-
-»Zum Tode -- Pfarrer.«
-
-Der Idiot lachte verblüfft und ängstlich. »Ach ja --?!« sagte er mit
-ungläubiger Miene. Und dann halb scherzhaft, halb wißbegierig: »Hat er
-einen Garten? Einen Garten?«
-
-»Einen großen,« erwiderte John, »mit einer hohen, blutroten Mauer herum.«
-
-»Äpfel? Äpfel im Garten?«
-
-»Nee! Mohnblumen, nichts als Mohnblumen.«
-
-»Was tust mit Mohnblumen?!« sagte Johannes in wegwerfendem Tone.
-
-»Du riechst sie,« murmelte John, »und dann vergißt du das Leben: alles, was
-dich geplagt hat.«
-
-»Will nich verjessen! Will nich!« brummte Johannes trotzig.
-
-»Aber eine Zigarre würdest du wollen, was?«
-
-»Ja,« sagte der Schwachsinnige, treuherzig wie ein Kind.
-
-Er bekam eine und sog wie ein Rasender an dem dicken, etwas feucht
-gewordenen Stengel, ohne ihn in ordentliches Glimmen zu bekommen. John
-lachte über Pfarrers verzweifelte Anstrengungen, aber seine Augen sahen
-nach Tränen aus; denn seine Schmerzen meldeten sich, und es begann ihn auch
-zu frieren, da die Sonne hinter großen Wolken verschwunden war. Die Wolken
-waren, kaum bemerkt, herangezogen und standen nun wie Elefanten am Himmel,
-See und Land beschattend und die Mole mit den beiden traurigen Träumern.
-
-»Warum ließen sie mich zum Säufer werden?« stieß John nach langem Schweigen
-zwischen den Zähnen hervor.
-
-Der Schwachsinnige wieherte kläglich.
-
-»Warum ließen sie es zu?« wiederholte John fast schreiend in
-herzzerreißendem Tone.
-
-»Iß! Iß!« stammelte Johannes in ratloser Bestürzung.
-
-Die Elefanten schickten einen kurzen, klingenden Hagelgruß herunter, auf
-den ein harter, rascher Regen folgte. Die Tropfen tanzten zischend über die
-Frühlingssee und klapperten rhythmisch auf der Mole. Dann wurde es wieder
-still. Die Sonne schob ihr gelbes Kinn um die Ecke einer Wolke, und ein
-Regenbogen flammte groß und strahlend am dunkeln Himmel auf. Das war das
-Finale des kurzen Konzertes.
-
-Auf John und Johannes wirkte der Regenbogen wie Regimentsmusik. Sie reckten
-sich die Hälse nach ihm aus und machten frohe Augen und schüttelten lachend
-den Regen ab, dem sie ganz regungslos standgehalten. »Es ist Zeit, daß wir
-aufbrechen,« sagte John nach einem tüchtigen Schluck aus der Kognakflasche,
-und nun mußte Johannes die Tasche nehmen, und dann ging es zu seinem
-Erstaunen von der Mole herunter, immer weiter in die Fremde hinein. Es
-war nicht leicht, durch den nassen Sand zu wandern, über diesen schmalen
-Strand, den von der Düne gestürzte Bäume und große Steinblöcke versperrten.
-Johannes wurde immer kleinlauter; John lachte, obgleich ihm die
-Schweißtropfen auf der Stirn standen. Doch der Schwachsinnige vertraute
-auch jetzt seinem Ideal. Er fragte nicht einmal: Wohin gehen wir
-eigentlich? Gehen wir hier zur Bahn? Er trabte schweigend mit, die tote
-Zigarre im Munde.
-
-So ging's bis zur nächsten Ecke der Dünenwand, hinter der zu Pfarrers
-Freude die Bodenerhebung sich senkte. Man hatte die Düne auf dieser Stelle
-bis zu einer sanft ansteigenden schiefen Ebene erniedrigt, eine Ebene,
-die die Fischerkinder dazu benutzten, um darauf in Purzelbäumen zur See
-herunterzuschnellen.
-
-Drei Jungen waren eben dabei, auf diese Art den Abstieg zu machen, als
-John und Johannes, fremdartig wie die Weisen aus dem Morgenlande, auf der
-Bildfläche erschienen. »Ziert euch nicht!« rief der Trinker. »Immer runter
-was die Büxen halten!«
-
-Sechs braune Beine schnellten hurtig durch die Luft, und bald standen
-drei sommersprossige, weißblonde Bengels in blauen Hosen auf dem Strande.
-»Jungens, habt ihr nicht einen Handwagen?« fragte John leutselig.
-
-Es kam heraus, daß die Eltern von Tiburzigs Franz einen hatten, einen ganz
-neuen, auf dem ein Mensch bequem sitzen konnte. Tiburzigs Franz versprach,
-ihn zu holen, und für fünfzig Pfennige wollten die Jungen das Paar in die
-Höhe fahren.
-
-Johannes zog es vor, zu Fuß zu gehen, und nur John stieg in die
-Kutsche, stolz und gelassen wie ein Triumphator. Ein Dutzend schmutziger
-Fischerkinder schrien hopsend »huhraaah«, als die Fahrt losging. John
-lächelte huldvoll nach allen Seiten, und manchmal sah er nach der
-Regenbogenbrücke auf, und manchmal sah er nach dem Meer zurück. Die
-Wogen schwankten bacchantisch ihren Weg; sie schwankten, hoch und voll,
-schwarzgrün und gläsern, mit weißem Schaum und roten Flecken unter dem
-breiten Lächeln der sinkenden Sonne dem stillen Strand entgegen.
-
-Und das Grün der Gärten schimmerte wie Smaragd nach dem Osterregen, und
-der Flieder duftete schon vor dem Blühen. Es war ein Frühlingsabend, wie es
-nicht viele gibt; die Welt war so schön wie ein Traum.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel
-
-
-Peter war verschwunden. Am zweiten Osterfeiertag, als John und Johannes
-an der See waren. Das war ein Herzeleid für John. Er schickte immer wieder
-Leute auf die Suche nach ihm aus, er annoncierte seinen Verlust immer
-wieder in den Zeitungen; es nützte alles nichts: Peter blieb verschwunden.
-Und die Frühlingstage kamen und gingen, und John dachte nicht mehr daran,
-in die Anstalt zu gehen; er dachte nur an seinen verlorenen Liebling. Er
-betrauerte ihn wie einen Sohn, er fand nicht Ruh bei Tag und Nacht, wenn er
-sich das Tier in schlechten Händen vorstellte. Seine Liebe zu Peter wuchs
-ins Grenzenlose, ins Abnorme. Und er trank vom Morgen bis zum Abend, um
-seinen Kummer zu betäuben.
-
-Doch eines Morgens erwachte er mit heiterer Miene. Sein Gesicht war ganz
-naß von Tränen; aber seine Augen strahlten. Noch vor dem Aufstehen
-schickte er nach Johannes, weil er ihm etwas sehr Schönes und Merkwürdiges
-mitzuteilen habe.
-
-Der Schwachsinnige trat mit weißen Glacéhandschuhen an und war so neugierig
-wie hungrig. Doch beim Anblick von Johns Frühstück verließ ihn die Neugier
-und nur der Hunger blieb; er vermochte kein Auge von dem besetzten Tablett
-zu lassen. John sah ein, daß Johannes nicht imstande sein würde »das
-Wunderbare« zu würdigen, ehe er nicht gefrühstückt hatte. Rasch auf das
-Tablett zeigend, hieß er ihn essen, so schnell er konnte.
-
-Der Schwachsinnige griff zu, als habe er schon tagelang fasten müssen. John
-heftete die verschwimmenden Augen auf die verräucherte Decke und wartete,
-die wachsgelben Hände wie zu einem Dankgebet auf der Decke gefaltet, bis
-Johannes mit dem Frühstück fertig war. Dann hub er an:
-
-»Mir träumte, daß wir beide auf den Kirchhof gingen. (Johannes nickte
-beifällig. Auf den Kirchhof ging er gern. Ohne daß John es merkte, hob er
-mit angefeuchteten Fingerspitzen Krümel auf, um sie heimlich in den Mund zu
-stecken.) Ein herrlicher Traum!« flüsterte der Trinker. »Der ganze Kirchhof
-war bunt von Blumen -- und wir suchten Peters Grab. Er sollte dort begraben
-sein. Und als wir zu dem Winkel kamen, wo jetzt die vielen Vergißmeinnicht
-blühen, da stand er plötzlich vor uns. Viel größer als früher und so schön,
-so schön! Sein Fell strahlte wie schwarzes Metall, und seine Augen waren
-wie kleine blaue Monde, und am Halse trug er eine große Passionsblume. Wir
-hatten Angst, ihn anzufassen; aber da kam er auch schon auf mich zu und auf
-einmal -- auf einmal sagte er: ›Vater!‹«
-
-Johannes wieherte ganz verdutzt. »Wirklich wahr? Wirklich wahr?« fragte er
-ungläubig.
-
-»Er sagte Vater -- ich höre es noch. Und dann sagte er, es gehe ihm gut; er
-sei nun tot und habe alle Quälereien hinter sich. Und ich soll mich nicht
-mehr um ihn grämen.«
-
-Johannes blickte John ratlos an. Verlegen seinen Christusbart streichend,
-bemühte er sich schweigend mit der Zunge nach einem Krümel in einem hohlen
-Zahn: er sah recht einfältig dabei aus. »Jehn wir heut spazieren?« fragte
-er demütig.
-
-»Ja,« sagte John, die Augen wieder nach oben richtend, »wir gehen heute auf
-den Kirchhof. Nach dem Vergißmeinnichtwinkel. Vielleicht erscheint er uns
-dann noch einmal -- noch einmal ...« Es sprach eine solche Sehnsucht aus
-diesen beiden Worten, daß selbst Johannes ergriffen war. --
-
-Aber der Winkel blieb leer. Kein Peter kam, so sehr ihn John auch rief. Da
-ließ er sich auf eine Bank fallen und weinte wie ein Kind. Und es war ein
-so lieblicher Maiennachmittag. Auferstehung, Auferstehung glänzten Blätter
-und Blumen, und die Vögel, die über den Kirchhof flogen und auf den Bäumen
-saßen, erzählten zwitschernd und singend von der Süße des Lebens.
-
-Nicht weit von dem traurigen Paar saß ein kleiner, buckliger Mann. Er
-saß auf einem Holzgestell vor einem Kreuz, dessen Inschrift er frisch
-bronzierte. Er pfiff langsam und selbstgefällig ein Kirchenlied, wobei er
-seinen runden schwarzen Kopf wie eine Kugel zwischen den hohen Schultern
-hin- und herrollte.
-
-»Hör' schon auf!« brüllte John, als das fromme Lied kein Ende nahm.
-
-»Na nu', Gott geb! Man wird doch wohl noch pfeifen dürfen!« brummte der
-Bucklige, und dann brummte er noch einiges, was unverständlich blieb, und
-dann versank er in tückisches Schweigen. Doch von Zeit zu Zeit spie er
-heftig auf die Erde, wodurch er John seine Verachtung ausdrücken wollte.
-
-Das reizte den Trinker und zog ihn von seinem Kummer ab. Er begann, dem
-Buckligen Prügel anzubieten, wie er es in früheren Jahren so rasch zu tun
-pflegte. Er prahlte mit Kräften, die er schon lange verloren. Er stärkte
-sich mit Kognak und wischte sich ärgerlich die Tränen vom Gesicht.
-
-Warum heulte er denn noch immer? Peter ging es doch gut, und er hatte ihn
-doch selbst gebeten, sich nicht länger um ihn zu grämen. Es war allerdings
-entsetzlich schwer, das Tier zu entbehren -- (große Tränen kamen aufs neue)
--- aber die Hauptsache war doch, daß es ihm gut ging. Und es ging ihm gut.
-Peter hatte es ja selbst gesagt.
-
-Nun standen sie auf, um nach Hause zu gehen. Peter konnte wohl doch
-nicht erscheinen. Als sie an dem Buckligen vorüberkamen, gab John dem
-Holzgestell, auf dem er saß, einen heimlichen Stoß, und der kleine Mann
-kollerte zeternd herunter. Das erheiterte John und stimmte ihn versöhnlich.
-»Wie kam das nur?« fragte er, sich unschuldig stellend. Und dann setzte er
-sein Imperatorenlächeln auf und sagte mit herablassender Herzlichkeit: »Na
-lassen Se sich mal ordentlich abstäuben.« Nachdem er es mit aller Sorgfalt
-getan hatte, verließ er mit Johannes den Kirchhof.
-
-Am alten, grauen, zweistöckigen Offizierkasino blieben sie stehen und
-lauschten. Innen erklang eine elegische Musik. Im zweiten Stock standen
-einige Fenster offen, und aus dem einen ergoß sich plötzlich der feuerrote
-Vorhang wie ein breiter Blutstrom.
-
-»Sieh,« flüsterte John, »eben dacht ich, wie rot Peters Blut wohl gewesen
-sein mag. Da kam der Vorhang heraus.«
-
-Johannes wollte weitergehen, aber John stand und starrte wie gebannt auf
-den roten Strom. »Mir ist ganz sonderbar,« sagte er, »mir ist, als gehöre
-ich gar nicht mehr zu euch, als bin ich schon von einer andern Welt ...
-Weißt du, Pfarrer, ich seh' und höre nicht mehr wie früher; ich seh' und
-höre andre Dinge als ihr. Und was ich weiß, das wißt ihr nicht, und ich
-vermag es euch auch nicht zu sagen.«
-
-»So? So?« stotterte der Schwachsinnige.
-
-Und John fuhr fort, nach oben zu starren, grelles Sonnenlicht auf dem
-fahlen Gesicht. Aber da wurde der Vorhang hereingezogen, und die Musik
-verstummte. »Geh'n wir!« sagte er nun in alltäglichem Tone.
-
-Die Straße war breit und alt und auf der einen Seite mit großen
-Kastanienbäumen besetzt. An einem Gartenzaun hüpfte ein junger Spatz
-herum, der noch nicht fliegen konnte und jämmerlich piepste. »Hände weg!«
-herrschte John die beiden Jungen an, die um den Vogel herumsprangen, und
-er bückte sich und fing ihn ein. »Den zieh ich auf, bis er fliegen kann,«
-sagte er, voller Freude über die unerwartete Aufgabe.
-
-Frau Kalnis stellte er den Spatz als Peters Brüderchen vor. Doch dann
-entdeckte er, daß das Brüderchen ein Schwesterchen war. Er gab ihm einen
-Kuß und taufte es Mimi. Mimi sollte gleich zu essen haben. John wußte,
-wie man junge Vögel fütterte. Aber er fühlte sich so schwach nach dem
-Spaziergang, daß er sich hinlegen mußte. Dore fütterte Mimi unter großem
-Wortschwall mit angefeuchteten Kuchenkrümeln. John meinte, wenn Dore einmal
-stürbe, würde es wohl notwendig sein, ihr Mundwerk noch extra mit einem
-Waschholz totzuschlagen, wenn man es still kriegen wollte. Dann lag er ganz
-apathisch da, den Vogel auf der Hand, schwermütig an Peter denkend.
-
-Mimi senkte den Kopf ins Federmäntelchen und schlief ein. Ihr Figürchen
-hockte wie ein kleiner grauer Pompon auf Johns Hand. Es dauerte indessen
-nicht lange, so wurde sie wieder munter und begann, sich mit dem kleinen
-Schnabel die kleine Brust zu kratzen. »Flöhchen hat du auch?« sagte John
-entzückt, an Peter denkend. Er wollte ihr beim Kratzen helfen, doch Mimi
-mochte es nicht; John war ein Herr und sie ein Fräulein.
-
-Gegen Abend zeigte Mimi durch eifriges Schnabelaufsperren an, daß sie schon
-wieder Hunger habe. Der Trinker erhob sich willfährig wie ein junger
-Vater, der ein hungriges Baby zu füttern hat. »Kuchen mit Milch tut's nicht
-allein,« dachte er, »ein bißchen frischer Braten ist ihr notwendiger.«
-Eifrig machte er sich ans Fliegenfangen, und es gelang ihm auch, ein halbes
-Dutzend Fliegen zu erwischen. Mimi aß sie alle auf, indem sie nach Johns
-Dafürhalten vor Vergnügen schmatzte.
-
-Und nun galt es, ihr ein hübsches weiches Nest zu machen. Es sollte ein
-Nest sein, das dem Spätzlein die Illusion zu geben vermochte, es schliefe
-unter einem schönen Blätterdach. John formte zuerst das Nest aus einem
-weichen, grünen Tuch, in einem friedlichen Winkel seines Zimmers, und
-dann umzingelte er Dores Fächerpalme mit der Schere, um das Blätterdach zu
-ergattern. Die Fächerpalme war Dores elegantestes Möbelstück, sie liebte
-und pflegte sie wie ein Kind; niemand durfte sie berühren. Dessenungeachtet
-gelang es John, ihr ein herrliches Blatt abzuknipsen, das er dann gleich
-einem Schirm über Mimis Ruhestätte befestigte. Dore raste, als sie die Tat
-entdeckte, Dore ärgerte sich die halbe Nacht darüber. Aber Mimi schlief gut
-unter ihrem grünen Thronhimmel.
-
-Auch John schlief gut in dieser Nacht. Er träumte nicht wie gewöhnlich, daß
-ihm der Tod in der Ferne eine traurige und eintönige Musik vorspiele, oder
-daß ihn dunkle Männer schon hinaustragen wollten; er träumte von Mimi, von
-Fliegenbraten und Vergißmeinnicht. Doch einmal träumte er auch, daß Mimi
-in einem Winkel totgetreten läge. Da fuhr er auf -- und freute sich,
-erwachend, daß es nur Trug gewesen.
-
-Als Dore früh am Morgen ihre Tür öffnete, sah sie John im Hemd auf der
-Diele liegen und den Vogel füttern. »Sie hatte schon Hunger,« flüsterte er,
-seinen Spatz mit zärtlichen Blicken betrachtend.
-
-»Sie werden sich aber erkälten,« wandte Dore ein.
-
-»Was tut's,« murmelte er, ganz hingerissen von der Lieblichkeit des kleinen
-Vogels.
-
-Mimi begann, auf der Diele herumzuhüpfen und zierliche Flugversuche zu
-unternehmen. John stieg wieder ins Bett und sah ihr herzinnig zu. Sie
-hüpfte herum, sie flatterte ein bißchen, und manchmal stieß sie niedliche
-Tönchen aus. »Hörten Sie, Frau Kalnis?« fragte John jedesmal entzückt, wenn
-Mimi einen kleinen Zwitscher tat.
-
-Draußen musizierten die Vögel auf dem Birnbaum, was sie konnten, jeder
-auf seine Art. Mimi übte sich im Fliegen und ließ, antwortend, ihr
-feines Stimmchen ertönen. Dore ging geschäftig hin und her, ihr Zimmer
-reinmachend. John schloß die Augen, um besser lauschen zu können, und
-schlummerte dabei gegen seinen Willen ein. Als er sie wieder öffnete, war
-alles still im Zimmer; von Mimi nichts zu hören, nichts zu sehen. »Frau
-Kalnis,« rief er ängstlich, »seh'n Sie doch mal nach, wo der Vogel ist! Ich
-war eingeschlafen.«
-
-Dore erschrak, denn sie hatte den Vogel über ihrer Arbeit ganz vergessen.
-Als sie suchend umherblickte, sah sie ihn still und steif auf ihrer
-Schwelle liegen. »Herrgott, den werd' ich wohl betreten haben!« rief sie
-bestürzt.
-
-»Aber doch nicht sehr?« schrie John, an seinen Traum denkend.
-
-»Er ist tot,« flüsterte Dore, aufrichtig betrübt.
-
-John sprang aus dem Bett und packte sie erregt an den Schultern. Dore
-wollte den Spatz, erschreckt, durchs Fenster werfen, aber John riß ihn an
-sich und ging mit ihm ins Bett. Dort hielt er Mimi, so still er konnte, auf
-seiner zittrigen Trinkerhand, und seine Tränen fielen dicht und warm neben
-den sterbenden Vogel. Mimis kleiner Schnabel stand weit offen, und aus dem
-Halse quoll Blut. Das eine Auge hing wie ein kleiner, bläulicher Globus
-ganz und gar aus dem Kopf heraus. Das Körperchen zuckte noch ein paarmal,
-und dann streckte es sich langsam aus: Mimi war tot. Draußen zwitscherten
-die Vögel, was sie konnten; aber kein feines, dünnes Stimmchen gab mehr
-Antwort im Zimmer.
-
-John begrub seinen Vogel eigenhändig in einem schönen Kästchen unter dem
-Birnbaum. Er tat es selbst, damit es so gut wie möglich geschah. Und ihm
-war, als begrabe er in dem Kästchen seine allerletzte Freude auf Erden, als
-sei nun alles, auch alles für ihn zu Ende. Die Sonne schien so schön, und
-der Birnbaum regnete weiße Blüten -- alles für andere, für ihn nichts mehr;
-keine Schönheit und keine Freude: seine Zeit war abgelaufen. Mit hängendem
-Kopf humpelte er in seine Wohnung und legte sich schweigend ins Bett.
-
-Dore kam leise mit der Bibel zu ihm herein. Ohne zu fragen, begann sie mit
-gedämpfter Stimme sein Lieblingskapitel: das Hohe Lied. John schwieg, das
-Gesicht nach der Wand gedreht. Aber als Dore den Vers gelesen hatte:
-
-Ich bin hinab in den Nußgarten gegangen, zu schauen die Sträuchlein am
-Bach, zu schauen, ob der Weinstock grünete, ob die Granatäpfel blüheten ...
-da sagte er: »Wie schön ist das nur! Das lies mir vor, wenn ich sterbe.«
-
-»Sie werden ja nich sterben.«
-
-»Dumme Trine.«
-
-»Aber Herr Johnche ...«
-
-»Schweig!«
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel
-
-
-Heute war Onkel Johns Geburtstag, und darum hatte er seine Sportmütze mit
-einer kurzen Pfauenfeder geschmückt. Die Mütze auf einem Ohr, ging er mit
-strahlender Miene in seinen großen Blumengarten, hinter dem Hause. Neben
-ihm trippelte ein Tier, das weder ein Hund noch eine Katze war, sondern ein
-gewaltiger, goldroter Hahn, den Onkel John »Kakao« nannte, weil der Hahn
-dieses Wort so schön sagen konnte. Heute hingen tonnengroße Lampions an den
-Akazien und Fliederbäumen des Gartens, und die Wege waren frisch mit Kies
-bestreut. In dem kleinen, künstlichen Teich, den ein Kranz von großen rosa
-Muscheln umschloß, schwammen ganz wunderliche, dunkle Fische herum, die
-sich Onkel John für schweres Geld selbst zum Geburtstag geschenkt hatte.
-Und ihre großen, hervortretenden Augen beglückten ihn. Er hob Kakao in die
-Höhe, damit er sie auch bewundern konnte. Aber Kakao interessierte sich nur
-für sein Spiegelbild, mit gesträubten Federn darauf losstrebend. »Dummer
-Junge,« sagte der Onkel, ihn mit einem zärtlichen Klaps zur Erde
-setzend. Die beiden Johns, der ältere wie der junge, hatten nebst andern
-Eigentümlichkeiten auch die gemeinsam, daß sie den Tieren freundlicher
-gesinnt waren als den Menschen, daß sie die Tiere liebten, wie die Bibel
-befiehlt, den Nächsten zu lieben, und daß sie die Menschen gern wie Tiere
-behandelten.
-
-Hinter dem Blumengarten lag der Obst- und Nußgarten, in dem dumpf und emsig
-ein Bienenvolk brauste. Manchmal kam von dort ein Bienchen zu Onkel John
-geflogen und kroch zutraulich auf ihm herum. Die Bienen taten ihm nichts;
-sie kannten ihn. Gleich einem glücklichen König stolzierte er in seiner
-Blumenwildnis herum. Die Moosrosen, seine Lieblinge, hatten Knospen
-getrieben, die Asphodelos, die goldnen, grüßten ihn mit ihren schönen
-Häuptern, wohin er seine Blicke auch wandte. Es war ein Blühen überall,
-umflattert von bunten Schmetterlingen. Onkel John liebte seinen Garten wie
-eine schöne Frau. Seine Gattin war ihm nie, was ihm sein Garten im Frühling
-war.
-
-»Willkommen, mein Prinz!« rief er heiter, als sein Lieblingsneffe
-dahergestolpert kam.
-
-John torkelte ihm gerührt in die Arme und küßte ihn, gratulierend, auf den
-fuchsgelben Schnurrbart. Dann ging er gleich zu den wunderlichen Fischen,
-die ziemlich matt in ihrem hellen Wasser standen.
-
-»Rat' mal, was sie gekostet haben!« sagte der Onkel und blies die Backen
-auf.
-
-Der Neffe meinte: »Hundert Mark.«
-
-»Was, hundert Mark?« Der Onkel rollte die grellblauen Augen. »Sag
-dreihundert und du hast es getroffen.«
-
-Hundertfünfzig also, dachte John, aber er sprach es nicht aus. Nun
-seinerseits die Augen rollend, flüsterte er: »Dreihundert? Donnerwetter
-noch mal!«
-
-Das gefiel dem Onkel, das schmeichelte seinem Protzentum. Er zog das
-Portemonnaie aus der Tasche und schenkte dem Neffen wie einem Bedienten
-zehn Mark, damit er den Tag auf seine Art feiern könne. John kicherte und
-bedankte sich. Für die zehn Mark wollte er zwei Flaschen Kognak kaufen:
-zwei Flaschen Lethe gegen seinen Kummer -- und seine Schmerzen. Von
-denen er niemals sprach, über die er niemals klagte: er trug sein
-selbstverschuldetes Leiden mit stolzem Schweigen; kein Mensch, außer dem
-Arzt, ahnte, wie groß die Qualen waren, die ihm sein zerrütteter Körper
-bereitete. Der Onkel holte ihm einen Stuhl an den Teich, weil er sah, mit
-welcher Mühe er sich aufrecht erhielt. Kakao stand gelangweilt umher. »Er
-sehnt sich nach seinen Damen,« sagte schmunzelnd der alte John. Nach einer
-Weile zog er mit dem Hahn ab, weil er »dem Tier sein Vergnügen gönnte«, wie
-er sich ausdrückte.
-
-John stand schwerfällig auf und nahm eins der schönsten Lampions herunter,
-eine feuerrote Tonne, auf der Kraniche nach dem Mond schwebten. Er
-versteckte es hinter einem Baum im Gras, um es später mitzunehmen, wenn es
-sich unbemerkt machen ließ.
-
-Wie strahlend herrlich war der Garten! Welche Fülle von Blumen und
-Schmetterlingen! John sah sich seufzend um und sank dann wieder auf den
-Stuhl zurück, die Arme auf die Lehne drückend und den Kopf melancholisch
-darüberhängend. In seinen Ohren tönte der Vers aus dem Hohen Lied, den er
-so sehr liebte:
-
- Ich bin hinab in den Nußgarten gegangen,
- zu schauen die Sträuchlein am Bach,
- zu schauen, ob der Weinstock grünete,
- ob die Granatäpfel blüheten ...
-
-Voll Neid dachte er an die, die sich am Nachmittag im Garten vergnügen
-würden. Das waren seine Eltern, seine Brüder, alle übrigen Verwandten und
-noch viele, viele Leute, -- nur er nicht, nur er nicht. Sein Kopf sank noch
-mehr gegen den Wasserspiegel, und eine Träne rann über sein gelbes Gesicht
-zu den wunderlichen Fischen herab.
-
-Herrlich würde es sein im Garten -- gegen Abend, wenn der Mond erst schien
-und all die bunten Lampions leuchteten. Lachende Leute würden am Teich
-sitzen und roten und gelben Wein trinken, Leute, die weder Kummer noch
-Schmerzen hatten und vor sich ein schönes, langes Leben sahen. Das
-Mondlicht würde auf ihren fröhlichen, roten Gesichtern glänzen und auf den
-Weingläsern in ihren Händen. Sie würden anstoßen und scherzen und lachen
-und singen ...
-
-Und er? Und er? Er lag dann im Bett und lauschte voll Grauen auf die
-eintönige Musik in seinen Ohren, diese Musik, die immer schauerlicher,
-immer todestrauriger wurde. Dann die Schmerzen -- und die Träume, die
-schrecklichen Träume ...
-
-Und das alles, das alles durch eigne Schuld, durch eigne Schuld; er durfte
-sich nicht beklagen, er durfte niemand dafür verantwortlich machen.
-
-Onkel John war unbemerkt zurückgekommen und stand nun laut lachend da.
-»Was, wir blasen Trübsal? Heut', an meinem Geburtstag? Noch schöner!«
-
-John machte seine Miene steif und seine Stimme hart. »Fällt mir nicht ein,«
-brummte er. »Ich seh mir bloß die Biester aus nächster Nähe an.« Und dann
-lehnte er sich zurück und erzählte dem Onkel, daß Frau Kalnis mitunter in
-seinen Nußgarten gehe, um dort heimlich junge Sträuchlein auszureißen, die
-sie dann verkaufe.
-
-Ein verblüffender Junge, dachte der Onkel entzückt, den Neffen mit
-Hochachtung betrachtend. »Diese Person!« schmetterte er los, sich das
-Lachen verbeißend. »Na warte! Die kauf ich mir!«
-
-Johns Gesicht war plötzlich noch fahler geworden. »Hörst du das auch?«
-flüsterte er, in halb entsetztem, halb seligem Lauschen.
-
-»Ich höre nichts,« sagte der Onkel; aber seine Miene widersprach seinen
-Worten, und seine verlogenen Augen suchten den Boden.
-
-»Da wieder!« schrie John.
-
-»Da wieder! Von dort! Jetzt noch lauter!«
-
-»Laut, lauter, am lautesten!« rief der Onkel, schallend in die Hände
-klatschend. »Was ist dir, mein Sohn?« fragte er neckisch. »Hast du
-Halluzinationen? Bist du meschugge geworden? Aber setz dich doch bloß. Ich
-lasse Wein bringen. Warte!«
-
-Aber John riß sich los und stürzte fort. Er eilte, so rasch er konnte, nach
-dem Hintergarten. Der Onkel folgte ihm mit steinerner Miene. Mochte kommen,
-was wollte, er war zu jeder Lüge bereit.
-
-Mit einer Kraft, die ihm niemand mehr zugetraut hätte, riß John die
-verhakte Tür nach dem Hintergarten auf. Seine Augen fuhren wie Blitze durch
-den ganzen Garten und blieben rechts an einem Häuschen hängen. Das Häuschen
-hatte er noch nie gesehen.
-
-»Hab mir da einen Stall bauen lassen. Für meine Ziegen,« sagte nachlässig
-der Onkel.
-
-»Seit wann hast du Ziegen?« stammelte John, bis zum Wahnsinn enttäuscht.
-
-»Seit Monaten schon.«
-
-»Warum sagtest du denn, du hörtest nichts? Warum sagtest du denn das? Du?«
-
-»Was ist das für ein Ton? Was -- was erlaubst du dir?« schnaubte der Onkel,
-eine neue Maske auf dem falschen Gesicht.
-
-»Mämämämä ...« tönte es aus dem Stall.
-
-»Das ist Peter!« schrie John, nach dem Stall stürzend. Der Stall war
-verschlossen; aber sein leichtes Türchen gab unter einem wilden Fußtritt
-nach -- und wie ein Rasender stürzte ein schwarzundweißer Ziegenbock heraus
-und auf seinen richtigen Herrn zu.
-
-»Mein Junge!« stammelte John, ihn ganz außer sich an sich drückend.
-
-Der Onkel stand mit angestrengter Heiterkeit daneben. »Na, ist mir die
-Überraschung gelungen?« fragte er frech.
-
-John sah ihn mit rollenden Augen an. Er trat, die Faust hebend, auf ihn zu
--- doch da verließen ihn seine Kräfte, und er mußte sich am Zaun halten.
-
-Peter versuchte, seinem Herrn die Glatze zu lecken, und eine schöne
-weiße Ziege, seine junge Frau, stand neugierig neben ihm. Der Gärtner
-kam herbeigeeilt und fragte, was geschehen sei. »Ach nichts,« sagte Herr
-Zarnosky ganz ruhig, »mein Neffe behauptet, daß es sein Bock sei.«
-
-»Das kann ja stimmen,« erwiderte der Gärtner, »wechjelaufen is er doch von
-irjendwo.«
-
-»Ich muß einen Bock anschaffen. Zerline hat sich an den Gefährten gewöhnt,«
-sagte Herr Zarnosky mit Gemüt.
-
-John stieß die Hände des Onkels zurück, als dieser ihm ein Glas Wein
-hinhielt. Aber als er ihm das Lampion brachte, dessen Verschwinden dem
-alten Fuchs nicht entgangen war, da lächelte er wie ein Kind und nahm es
-hastig an sich. Der Onkel schickte ihn in seinem Wagen nach Hause, und der
-Gärtner ging mit Peter hinterher.
-
-Frau Kalnis mußte das Lampion an die verräucherte Decke hängen, und abends,
-als John im Bett lag, mußte sie es erleuchten. Der Trinker war im siebenten
-Himmel mit seinem Peter, seinem eigenartigen Beleuchtungskörper und den
-geschenkten zehn Mark, für die er »herrlichen« Kognak kaufen wollte.
-Beneiden tat er jetzt niemand, weder die Gäste im Garten des Onkels, noch
-sonst wen. Er hielt die weiche Nase seines Peters, der auf dem Bettvorleger
-lag, in der Hand, und die Augen hielt er entzückt auf die glühende
-Papiertonne gerichtet: auf die Kraniche, die nach dem Mond schwebten,
-während er auf das lauschte, was Dore ihm vorlas. Sie las ein Märchen von
-Andersen: Die Schneekönigin.
-
-Das Märchen schließt mit den Worten:
-
- Rosen, die blühen und verwehen,
- wir werden das Christkind sehen.
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel
-
-
-John hatte seinen herrlichen Kognak bis auf den letzten Tropfen genossen,
-und nun wollte er alles tun, um wieder gesund zu werden. Daß Peter wieder
-bei ihm war, flößte ihm neuen Lebensmut ein. Mit ihm zusammen sollte es nun
-auch wirklich in die Heilanstalt gehen.
-
-Die Mutter begann zu weinen, als er ihr eines Morgens, stotternd und
-stammelnd, von seiner Absicht sprach. »Siehst du, siehst du,« sagte sie,
-»jetzt kommst du endlich zur Vernunft. Wie du dich gründlich ruiniert
-hast.«
-
-»Meinst du, ich kann nicht mehr gesund werden?« fragte John mit
-schwankender Stimme.
-
-»Was wirst du nicht wieder gesund werden können?!« versetzte sie etwas
-gewaltsam. »Wir müssen mit dem Doktor reden. Ich werde mit dem Doktor
-reden, was der zu deinem Plan meint.«
-
-»Was warst du für ein gesundes Kind!« fuhr sie in vorwurfsvollem Tone fort.
-»Wie haben sie mich um dich beneidet! Du wogst neun Pfund, als du geboren
-warst.«
-
-Diese Tatsache war John nicht neu, denn die Mutter erzählte sie mit
-Vorliebe. Doch selbst heute versäumte er nicht zu fragen, was er danach
-immer fragte: »Hatte ich auch schon Haare auf dem Kopf, als ich geboren
-war?«
-
-Frau Zarnosky dachte siebenundzwanzig Jahre zurück, und ein naives Lächeln
-trat langsam auf ihr verweintes, immer etwas ängstlich blickendes Gesicht,
-dessen einstige Anmut die Jahre vergewöhnlicht hatten. »Ob du Haare
-hattest!« sagte sie stolz. »Dein ganzes Köpfchen war mit langen schwarzen
-Haaren bedeckt. Und die waren wie Seide. Und sie hatten dir einen Scheitel
-gemacht, als sie dich zu mir brachten. Einen Scheitel ...«
-
-John lachte unter Kopfschütteln, so wie ein Mensch lacht, wenn er etwas
-höchst erstaunlich findet. Und doch kannte er die Geschichte von seinem
-ersten Scheitel schon über zwanzig Jahre. Er wie seine Mutter hatten
-die glückliche Gemütsanlage, daß sie sich mit solchen und ähnlichen
-Nichtigkeiten über den Ernst einer Situation hinwegtäuschen konnten. Sie
-waren wie Kinder: die vor Dunkelm die Augen schließen und am Rande des
-Abgrunds ahnungslos mit Blumen spielen. Und sie waren auch so leicht wie
-Kinder zu trösten.
-
-»Wie ist es, hast du Schmerzen?« fragte Frau Zarnosky, noch ganz verträumt.
-
-»Nur selten,« log John.
-
-»Na siehst du!« sagte die Mutter beruhigt. »Dann ist es also nicht so
-schlimm. -- Du bist ja jung,« setzte sie hinzu. »In deinem Alter --!
-Herrgott, da kann sich auch noch alles bessern! Ich werde gleich morgen mit
-dem Doktor reden, was er dazu meint.«
-
-»Und wenn er sagt, ich soll nicht?« fragte John mit nervösem Lachen.
-
-Frau Zarnosky fuhr sich erschreckt über ihr dünnes, glatt gescheiteltes
-Haar. »Dann wird er etwas andres wissen,« beruhigte sie sich und ihn.
-
-Johns Miene wurde heller und heller. »Hast du nicht ein bißchen Kaviar?«
-fragte er verschämt.
-
-»Wenn du nur noch immer Appetit hast,« sagte die Mutter und lächelte, »dann
-ist noch alles nicht so schlimm.«
-
-»Wo wird es auch schlimm sein!« brummte der Trinker.
-
-Aber der Arzt war anderer Meinung. »Nicht daran zu denken!« sagte er sehr
-ernst, als ihm Frau Zarnosky Johns Entschluß mitteilte. Sie starrte ihn
-an, als rede er dummes Zeug, denn sie hatte sich bereits den schönsten
-Hoffnungen hingegeben und schon dieses und jenes für die Reise vorbereitet.
-»Bei seinem Zustand? Nicht daran zu denken!« wiederholte der Arzt.
-
-Frau Zarnosky verlor gleich alle Selbstbeherrschung. »Muß er denn sterben,
-Herr Doktor?« weinte sie laut heraus, obgleich sie sich hätte denken
-können, daß John an der Tür lauschte.
-
-»Nur ein Wunder könnte ihn retten,« sagte leise der Arzt.
-
-In den Ohren des Lauschenden erhob sich ein Brausen, das alle Geräusche
-um ihn verschlang. Er vernahm nicht mehr, was der Arzt und die Mutter noch
-weiter sprachen, einem Betrunkenen gleich taumelte er hinaus auf den Hof
-und begab sich in seine Wohnung. Dort warf er sich auf das Sofa, drehte
-sich nach der Wand und blieb so regungslos bis zum Abend. Kein Bitten, kein
-Klagen, kein Trost und keine Vorwürfe vermochten ihm ein Wort zu entlocken.
-Der Wasserfall, der in seinen Ohren zu brausen schien, ließ keinen Laut
-zu ihm dringen, und die Verzweiflung, die ihn gepackt hatte, lähmte seinen
-Körper und seinen Willen. Schließlich ließ man Peter zu ihm herein, der
-kläglich meckerte, weil man ihn tagüber zu füttern vergessen. Mit einem
-kecken Satz sprang das Tier auf den Tisch, mitten unter die Teller, einen
-zertretend, einen herunterwerfend, und machte sich an Johns Abendbrot. Da
-wandte sein Herr zum erstenmal den Kopf um. »Peter,« flüsterte er, »haben
-sie dir nichts zu essen gegeben?«
-
-»Mämämämä ...« erwiderte klagend der Bock.
-
-Sie werden ihn hungern lassen und werden ihn schlagen und fortgeben, wenn
-ich erst tot bin, dachte John entsetzt, und seine Willenskraft kehrte
-langsam zurück, und das Brausen in seinen Ohren schien schwächer zu
-werden. In seinem Kopfe reifte hastig ein Entschluß -- der ihm ganz seltsam
-erschien, wie er das lebensvolle Tier so vor sich auf dem Tisch sah.
-
-Peter sollte getötet werden, ehe sein Herr starb. John wollte eigenhändig
-diesem kräftigen jungen Leben ein Ende machen.
-
-Sein Vorhaben entsetzte ihn beim Anblick des gierig fressenden Tieres. Wer
-gab uns die Erlaubnis, fragte er sich, mit dem Leben dieser Geschöpfe zu
-verfahren, wie es uns beliebt? Was ist der Mensch für eine Bestie! Aber
-Peter mußte sterben, wenn sein Herr einen ruhigen Tod haben sollte. Das
-Todesurteil war unwiderruflich gefällt. Zum Wohl des einen wie des andern.
-
-»Junge,« flüsterte John, »sieh mich mal an!«
-
-Der Bock hob den Kopf und sah seinem Herrn dumm und lieb ins Gesicht.
-
-»Wenn du wüßtest, was über dich beschlossen ist!« dachte John.
-
-Der Bock war mit dem Abendbrot fertig und sprang zu seinem Herrn aufs Sofa.
-Dore wagte heute nicht zu schelten. »Wollen Se nich auch was essen? Soll
-ich nich noch was holen?« fragte sie.
-
-John sah sie an und wies stumm nach der Tür. Da ging sie leise hinaus.
-
-Es wurde ganz still im Zimmer; Peter schlief ein, und sein Herr blickte
-regungslos durch das Fenster. Der Himmel war abendblau und doch noch hell.
-Die Sichel des Neumonds schwebte gleich einem silbernen Schmuckstück mit
-erikafarbenem Schimmer über dem Hof, auf dem ein paar Arbeitspferde des
-Ausspannens harrten, große, braune Pferde mit schönen, glasklaren Augen.
-Eine Menge Schwalben kreiste mit langen, süßen Schreien in der Luft;
-manchmal so tief, daß sie fast die hohen Köpfe der Pferde streiften. Aber
-die Pferde verharrten in majestätischer Ruhe, die großen klaren Augen
-friedlich geradeaus gerichtet. Das mußt du alles verlassen, dachte John,
-vielleicht, wenn der Mond rund geworden -- ist das Trauerspiel schon aus.
-Er schauderte.
-
-Gab es einen Gott und ein ewiges Leben? Unnütze Frage! Die Toten konnten
-keine Antwort geben und die Lebendigen nur darüber fabeln. Beides: Gott und
-ewiges Leben, das waren doch wohl nur Märchen -- die schönsten Märchen, die
-die Menschheit sich erfunden. Zum Trost erfunden.
-
-Märchen zum Trost! War das nicht zum Lachen und zum Weinen?! Und da wurden
-hohe Häuser gebaut und Lieder gesungen, um dieser Märchen willen, für
-diesen eingebildeten König, der nur schweigen konnte.
-
-»Wenn du existierst, dann rufe!« flüsterte John, auf das Sofa schlagend.
-»Ich will's hören. Ich hab's nötig.«
-
--- -- -- --?
-
--- -- -- --?
-
-Seine Hand erhob sich noch einmal; aber nicht mehr beschwörend:
-resignierend. Er seufzte.
-
-»Die Macht des Todes kann niemand bezweifeln,« sagte er darauf laut. »Wenn
-Gott existiert, dann ist er ein Krüppel, denn er kann nicht sprechen; dann
-ist er unglücklich, denn er kann nicht helfen ... Der Tod -- das ist ein
-andrer Kerl!«
-
-Und ihm war, als sähe er den Tod auf sich zukommen, aus dem Dunkel einer
-Abendwolke, ähnlich einem Mann mit einem Lasso, der bereit ist, die
-Schlinge zu werfen. John schloß angstvoll die Augen und duckte sich auf
-dem Sofa zusammen. Es war aber nicht der Tod, der über ihn kam, der Schlaf
-übermannte ihn plötzlich.
-
-Und ihm träumte: er stände lauschend auf einem weiten, dunkeln Feld, auf
-dem es nichts gab, was ihm zur Deckung dienen konnte -- wenn der Tod kam.
-Denn der sollte kommen, der würde kommen, das fühlte John mit einer Angst,
-die ihm Tigerstärke gab. Eine unwiderstehliche Gewalt hatte ihn in das Feld
-des Todes getrieben, und nun stand er und wartete auf ihn mit angestrengtem
-Gehör und schreckensweiten Augen. In der Ferne erklang eine schauerliche
-Musik -- die Musik seiner Nächte --, die ihm das Herz mit Angst und Grauen
-zu zerreißen drohte. Und plötzlich begann die Erde zu dröhnen von einem
-riesigen Gespann, das windgeschwinde herangebraust kam. Der Wagen war aus
-Erz, und aus Erz waren die hohen Räder und aus Erz die Füße der dunkeln
-Pferde. Und auf dem Wagen stand der Tod mit einer eisernen Sichel in der
-Hand, eine Flöte am Munde. Und die Räder und die Füße der Pferde waren rot
-vom Blut der Zerstampften und Überfahrnen, und die Sichel war rot vom Blut
-der Gemähten.
-
-John sprang mit einem lauten Angstschrei auf den Rücken der Pferde und sah
-dem Tod ins Gesicht, nach einem Schimpfwort suchend, das all sein Entsetzen
-und seinen Abscheu zusammenfaßte. Der Knochenmann grinste und hob elegant
-die Sichel. Wie ein Balletmeister, dachte John, ihm in den Arm fallend und
-mit ihm ringend.
-
-Wo der Tod hingriff, brannte es los wie Feuer, und brachen die Knochen
-wie dürre Halme. Ein Flammen und Splittern! John raffte seine letzte Kraft
-zusammen und brach seinem Gegner den Arm mit der Sichel ab. Dabei erwachte
-er.
-
-»Ich verbrenne! Wasser! Wasser!« stöhnte er, nach Luft ringend. Peter
-meckerte kläglich.
-
-Dore stand schon mit Selterwasser da und gab ihm zu trinken. John zeigte
-ihr stumm, was er in der Hand hielt. »Sein Arm,« flüsterte er, noch
-immer nach Luft ringend. »Ich hab ihn besiegt. Er wird so bald nicht
-wiederkommen.«
-
-»Das is doch ein Stick Horn vom Ziegenbock,« murmelte die Wärterin mit
-schadenfrohem Lächeln. Aber John begriff nicht, was sie sagte.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel
-
-
-Frau Kalnis setzte die Brille auf ihr schlaues, gelbes Chinesinnengesicht
-und öffnete mit zitternden Händen den großen, blauen Brief, den ihr der
-Briefträger soeben gebracht hatte. Die Buchstaben verneigten sich vor ihren
-Augen, tanzten spöttisch hin und her und wollten sich durchaus nicht fangen
-lassen. Es währte geraume Zeit, bis sie des Inhalts habhaft wurde.
-
-»Herrjeses!« schrie sie da. »Hat ein Mensch schon mal sowas erläbt?!
-Neineinei! Ich zieh! Ich zieh!« Wie von der Tarantel gestochen, stürzte
-sie mit dem Brief in Johns Zimmer, um ihn zur Rede zu stellen. John lag mit
-gefalteten Händen auf dem Sofa.
-
-»Herrr!« brach sie los, mit »Rs« wie Trommelwirbel. »Wer kann mir das
-einjebrockt haben als Sie?! Wer kann mir das sonst schreiben als Ihr
-verdrähter Onkel?! Ich kenn seine Handschrift. Da schreibt er: Man
-beobachtet mich. Und ich soll meine langen Finger doch im Zaum halten,
-sonst krieg ich's mit der Polizei zu tun ... Gott, das muß ich mir, mir
-sagen lassen! Für nuscht, für rein gar nuscht! Ich zieh! Ich bleib nich
-unter solche Menschen! Ich ...« Hier verlor sich ihre Rede in einem
-heftigen Hustenausbruch.
-
-John versuchte eine scheinheilige Miene zu machen, aber er war viel zu
-kindisch, um über Dores Zorn nicht lachen zu müssen. Bald kicherte er wie
-ein dummer Junge.
-
-»Sie Hottentott!« stöhnte Dore. »Ich laß Sie im Stich! Ich werf Ihnen
-hin! Wer bleibt bei einem Menschen wie Sie?! Was möjen Se doch bloß wieder
-aufjebracht haben?!«
-
-»Zügle dich,« sagte John vornehm und mit einem sehr spitzen »Ü«.
-
-»Ziejiln Sie sich man lieber!« brauste Dore auf.
-
-»Übrigens,« sagte John, das Sofakissen betrachtend, »möchte ich wissen,
-weshalb ich Ihnen das gerade eingebrockt haben soll?«
-
-»Kein andrer,« knurrte sie.
-
-»Verklagen Sie doch Onkel John, wenn Sie meinen, daß er den Brief
-geschrieben hat.«
-
-»Ich? D'n Onkel John verklagen?« Dore lachte grimmig. »Eher nähm ich meine
-sieben Sachen und mach mir auf die Sohlen. Nei! Mit dem bind ich nich an!
-Der kann e unschuldjen Menschen durch seine Märchen ins Zuchthaus bringen.«
-
-»Wissen Sie was?« flüsterte der gute Neffe. »Er hat doch ein
-durchgegang'nes Reitpferd eingefangen und dann vor Gericht geschworen, daß
-es seins ist.«
-
-»Nanana!«
-
-»Wahrhaftig Gott!«
-
-»Eins, was wahr ist,« sagte Dore feierlich, »daß es mit dem noch mal ein
-schlechtes Ende nimmt, das steht fest. Sie und d'r Onkel, ihr wißt ja gar
-nicht, was ihr anjeben sollt? Wozu ihr auf der Welt da seid?!«
-
-»Weißt du vielleicht, wozu du da bist?« näselte er.
-
-»Na, jewiß weiß ich.«
-
-»Das bild'st du dir ein!«
-
-Dore schlug nur stumm mit der Hand, denn der Husten überfiel sie aufs neue.
-»Was muß e Mensch sich ärjern,« hub sie dann wieder an. »Solche Jemeinheit!
-Mir zittert alles! Aber der liebe Gott wird ihn schon finden! Der wird ihn
-schon strafen!«
-
-»Was weißt du von Gott?« sagte John spöttisch.
-
-»Daß er Sie und Ihren Onkel strafen wird,« entgegnete sie wild.
-
-»Dann ist dein Gott ein Teufel!« rief er, gereizt werdend, denn er dachte:
-bin ich nicht schon elend genug?!
-
-»Mein Gott ist ein Teifel?« wiederholte Dore entsetzt. »Daß Ihnen nich der
-Blitz erschlächt!«
-
-John lachte. »Er kann nicht blitzen. Er ist doch nur ein Märchen.« --
-»Gott,« sagte er und sah zur Decke auf, »das sollte etwas sein, wie
-Blumenduft, wie Harfenspiel und Sonne; nichts als Süße und Herrlichkeit.
-Strafe und Gott? Blitz und Gott? Das sollte nicht zusammenpassen.«
-
-Er schloß die Augen und sein ganzes Gesicht arbeitete. »An Gott denken,«
-stammelte er, »das sollte sein, wie an silberne Quellen denken in tiefen
-grünen Märchenwäldern, wie an frische Wiesen denken, neben rauschenden
-blauen Strömen, das sollte sein, wie ein Versinken in etwas himmlisch
-Weiches und Beruh'gendes.«
-
-»Bring mir Papier und Bleistift,« sagte er dann barsch und verlegen, »ich
-habe zu schreiben.«
-
-»Sie wollen schreiben?« fragte Dore, die Augen noch weiter aufreißend. »Das
-haben Se ja noch nie jetan.«
-
-»Das Personal hat seine Meinung für sich zu behalten.«
-
-»Sie werden d's Schreiben verlernt haben.«
-
-Nun lag Papier und Bleistift vor ihm, und John machte ein dummes Gesicht,
-weil er nicht wußte, wie er anfangen sollte.
-
-»Was wollen Se doch bloß schreiben, mein Lieberche?« fragte Dore, immer
-neugieriger werdend.
-
-Der Trinker rieb sich mit wichtiger Miene das Kinn und schwieg. »Wie
-schreibt man Dienstag?« fragte er dann. »Mit langem oder rundem S?«
-
-Frau Kalnis entschied sich mit Energie für das runde.
-
-»Etwas scheinst du ja jelernt zu haben,« bemerkte John herablassend.
-
-Dore fühlte sich geschmeichelt. »Etwas?« wiederholte sie. »O! ich hab
-scheen jelernt. Ich war immer die Erste in meine Klass'.«
-
-John war müde, als er Dienstag und das Datum geschrieben hatte. »Schwer!«
-sagte er mit dem Kopfe wackelnd und sich einen Kognak eingießend.
-
-»Ja,« sagte Dore, »d's Schreiberhandwerk is nich so ohne ... Was haben Se
-doch bloß zu schreiben, Herr Johnche?«
-
-Der Gefragte machte ein verschmitztes Gesicht, indem er die Wärterin leise
-pfeifend angrinste. Er brannte darauf, das Geheimnis mitzuteilen; aber
-wiederum war es auch hübsch, die neugierige Dore zappeln zu lassen. »Holen
-Sie erst das Frühstück,« gebot er gravitätisch.
-
-Frau Kalnis war von Natur so neugierig, wie die Nachtigall es sein soll.
-Das Frühstück stand in fünf Minuten auf dem Tisch. »Nu?« fragte sie
-gespannt, den linken Arm in die Seite gestemmt.
-
-»Erst essen,« grinste John.
-
-Dore errötete vor Ärger und Enttäuschung. »Sie sind mir erst e Koboldche,«
-sagte sie vorwurfsvoll.
-
-»Ich bin Ihnen erst e Koboldche,« spöttelte er.
-
-Die Litauerin wurde noch röter und ging stracks in ihr Zimmer, die Tür
-hinter sich zuknallend.
-
-Nach einer Stunde bekam sie das große Geheimnis zu wissen. John
-beabsichtigte, ein Schriftstück zu verfassen, in dem er die ganze Welt
-vor dem Trinken warnte. All seine Qualen wollte er darin schildern und all
-seine Todesangst. »Wer das lesen wird,« sagte er, »der wird nie, nie mehr
-zuviel trinken, das kannst du mir glauben, Dore. In allen Zeitungen soll es
-stehen, auch in den kleinsten.«
-
-»Das is mal scheen,« sagte Frau Kalnis, bis zu Tränen gerührt, »Sie werden
-auch noch im Himmel kommen.«
-
-»Will ich gar nicht,« brummte er. »Hier will ich bleiben und gesund werden.
-Und was ich zu schreiben beabsichtige, das soll hier, rot gedruckt, über
-dem Sofa hängen.« Er klatschte mit der Hand auf die Wand. »Du sollst mal
-sehen, Dore, wie mir das gut tun wird, wenn ich das so tagtäglich vor Augen
-haben werde. Das wird mir schon das Trinken abgewöhnen.«
-
-»Vel--leicht« ... zerrte sie unter krampfhaftem Gähnen heraus.
-
-»Aber für heute wollen wir es genug sein lassen,« sagte er dann, das Papier
-mit dem schief und zittrig geschriebenen Datum von sich schiebend. »Sowas
-will erst ordentlich überlegt sein.«
-
-»O -- ja!« erwiderte Dore, langsam mit dem Kopfe nickend, und warf sich
-einen geheimnisvollen Blick im Spiegel zu.
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel
-
-
-Die Fenster des Eßzimmers standen offen, und der Regen trommelte eintönig
-auf den Blechen. Die vielen Blumentöpfe, die Frau Zarnosky auf der Veranda
-stehen hatte, erweckten im Zimmer den Glauben, daß draußen ein schöner
-Garten sei. John hockte fröstelnd am kalten Ofen, drehte die Daumen
-umeinander und ließ keinen Blick von der halbvollen Flasche Kognak, die auf
-dem Büffet stand. Außer ihm war niemand in der Wohnung als Amalie, die in
-der Küche saß und Kartoffeln schälte. Frau Zarnosky war aus, und die Jungen
-waren in der Schule. John drehte die Daumen umeinander, wie gebannt auf
-die Flasche starrend. Was für eine Seligkeit müßte es sein, dachte er, jene
-Flasche auf einen Zug leeren zu dürfen!
-
-Alles, was er an Spirituosen besaß, stand jetzt in Dores Schrank; so
-hatte er es haben wollen. Frau Kalnis hatte ihm schwören müssen, fest und
-unerbittlich zu bleiben, wenn er mehr Alkohol von ihr verlangte, als er
-sich selbst zum langsamen Abgewöhnen zudiktiert hatte. Den Schlüssel zum
-Schrank mußte sie entweder bei sich tragen oder so verwahren, daß er
-ihn nie entdecken konnte. Auch sein Taschengeld wanderte jetzt in jenen
-Schrank, und Dore sollte das Ganze behalten dürfen, wenn es ihr gelang,
-ihrem Herrn das Trinken abzugewöhnen.
-
-Es war ein stiller, kühler Sommertag. Der Regen klopfte eintönig auf den
-Blechen, und langsam und feierlich begannen die Glocken der nahen Kirche zu
-läuten. »Trink, trink ...« sagte der Regen. »Nein -- nein ...« sagten
-die Glocken. John glaubte, den größten Durst seines Lebens zu verspüren.
-Langsam erhob er sich.
-
-Doch dann ging er zur Verandatür, um angestrengt hinauszustarren. Aber er
-sah kaum, was vor ihm lag, er sah immer nur die Flasche; sie schien überall
-zu stehen, wohin er auch blickte.
-
-Das war eine Versuchung, wie sie schlimmer nicht auszudenken war. Wenn
-er nicht unterliegen wollte, so mußte er sich schleunigst aus dem Staube
-machen, fliehen. Doch er floh nicht. Ja, er blickte sich um und lächelte
-die Flasche an, wie ein krankes Kind.
-
-Ach, es war ja schon einerlei, ob er jenen Kognak austrank oder nicht,
-sterben mußte er ja doch. Mit einem Satz war er am Büffet und riß die
-Flasche an sich.
-
-»Nein -- nein ...« sagten die Glocken. Sie klangen so furchtbar ernst, so
-düster warnend. John merkte, daß sie zu einem Begräbnis läuteten und setzte
-die Flasche wieder hin.
-
-Er wollte nicht sterben -- nein, nein! -- -- Wie der Kognak glänzte! -- --
-Nur einen Schluck ...
-
-»Trink, trink ...« sagte der Regen.
-
-Die Flasche glich einem Magnet, der seine Hand unwiderstehlich an sich zog.
-Ehe er sich's versah, hatte er sie schon wieder in der Hand.
-
-»Nein -- nein ...« sagten die Glocken.
-
-»Still!« brummte John. »Ich will doch bloß mal riechen.« Mit zitternden
-Händen bemühte er sich, die Flasche zu entkorken, nicht merkend, daß jemand
-ins Zimmer trat.
-
-»John, was machst du da?« rief lachend Onkel Chlodwig.
-
-Der Ertappte zuckte heftig zusammen. »Nichts,« stammelte er in nervöser
-Bestürzung. »Ich zähl' nur die Gläser -- ob alle da sind. Hier wird jetzt
-so viel gestohlen. Amalie will ja nächstens heiraten.«
-
-»Amalie will heiraten?« kicherte der Onkel. »Wen denn?«
-
-»Einen -- einen Bierkutscher.«
-
-»Amalie!« rief Onkel Chlodwig, die Tür nach dem Korridor öffnend. »Sie
-wollen einen Bierkutscher heiraten? Das nenn ich mir eine treffende Wahl.«
-
-»Was? E Bierkutscher soll ich heiraten?« brummte es in der Küche. »Lieber
-Ihnen, Herr Zarnosky,« grunzte die Köchin.
-
-Der kleine Junggeselle klatschte vor Vergnügen laut in die Hände. »Da täten
-Sie recht!« rief er heiter. Dann ging er zum Büffet und goß sich einen
-Kognak ein. »Du willst wohl keinen, John?« fragte er mit zwinkernden Augen.
-
-»Nein, danke,« sagte dieser fromm. Bei dem Schreck war seine Gier
-verflogen.
-
-»Da tust du recht,« lobte Onkel Chlodwig und zog seinen Schnurrbart zur
-Säuberung durch die Lippen, um dann erst das Taschentuch zu benutzen.
-
-Es regnete nicht mehr, und die Sonne schimmerte schon gelb durchs Gewölk.
-John ging auf den Hof, um nach Peter zu sehen. Der Ziegenbock kniete wie
-ein Götzenbild am Rande des Torwegs, als habe er den Eingang zu bewachen.
-Seine Miene war die eines alten Philosophen, der über rätselhafte Dinge
-nachdenkt. Als er John erblickte, erhob er sich gelassen und kam mit Würde
-auf ihn zu. Mit derselben Würde nahm er die drei violetten Orden aus seines
-Herrn Knopfloch zu sich.
-
-»Schmeckt's?« fragte dieser.
-
-Peter nickte fortwährend gemessen mit dem Kopf, was er immer tat, wenn
-er etwas zu sich nahm. Seine Kiefer bewegten sich dabei wie Mahlhölzer
-gegeneinander. »Er setzt das Mühlchen in Bewegung,« sagten Paul und Leo,
-wenn Peter zu fressen begann. -- --
-
-Gegen Abend ging Frau Kalnis, ausnahmsweise, zu einer Verwandten, die
-Geburtstag hatte. John begann Andersens Märchen zu lesen, weil er nicht
-beständig an die halbe Flasche Kognak denken wollte; aber er konnte sie
-durchaus nicht vergessen. Seine Augen versagten auch bald den Dienst, und
-die immer größer werdende Unruhe in seinem ganzen Körper machte ihm das
-Sitzen unerträglich. Er stand auf und nahm Baldriantropfen.
-
-Um sieben brachte Amalie das Abendbrot. Sie sah sehr ärgerlich aus, denn
-man hatte sie den ganzen Tag mit ihrer Heirat aufgezogen. Mit dieser
-Heirat, von der sie doch nichts wußte.
-
-»Warum machen Sie ein so böses Gesicht?« fragte John sofort.
-
-»Ach,« brummte sie, »der Onkel Chlodwig läßt mich heite gar nich
-zufrieden.«
-
-»Heiraten Sie ihn doch, Amalie.«
-
-»Ach, heren Se schon auf mit das Ganze!«
-
-»Aber der Onkel Chlodwig schwärmt Ihnen an! Sie können mir's glauben,
-Amalie! Wahrhaftig Gott!«
-
-Die Köchin verzog ihren dicken Mund zu einem breiten, halbverschämten,
-schweigenden Grinsen. Ihre steifen Wangenhügel, die so ruppig waren wie
-ein Hahnenkamm, glühten um die Wette mit ihrer Nase, die einer feurigen
-Kräuterbirne nicht unähnlich sah. Amalie war eine Freundin von Bier und
-Schnäpsen, und gegen Abend konnte man ihr diese Freundschaft nur zu sehr
-vom Gesicht ablesen. »Sie knirbelt kräftig,« pflegte John zu sagen.
-
-»Na, wie ist's?« fragte er, durch ihr Schweigen gereizt. »Wollen Se meine
-Tante werden oder nich?«
-
-»Uzen Se mir auch noch?«
-
-»Ich denk' gar nicht dran! Onkel Chlodwig geht schon lange mit der Absicht
-um, Ihnen zur linken Hand zu heiraten.«
-
-Amalies dicker Mund weitete sich noch einmal, und dann verschwand sie mit
-einer großen, ganz neuen Hoffnung im Herzen.
-
-Das Abendbrot wollte John nicht schmecken; ihm war noch schlechter als
-gewöhnlich. Die eine Flasche Bier, die vor ihm stand, reizte ihn so lange
-mit ihrer Kümmerlichkeit, bis er sie wütend vom Tisch stieß. John fühlte
-sich plötzlich so furchtbar unglücklich, daß er sich am liebsten das Leben
-genommen hätte. Sein ganzes Wesen verzehrte sich in Sehnsucht nach Alkohol:
-nach jener halben Flasche Kognak. Er konnte sich nicht länger beherrschen
-und er wollte es auch nicht. Nicht länger zögernd, eilte er zu Dores
-Schrank, in dem seine Flaschen standen. Er bearbeitete die verschlossene
-Tür mit Fußtritten, um zu seinem Eigentum zu gelangen; aber das alte Möbel
-war aus gutem Holz, es widerstand allen Stößen. Auch das Schloß widerstand,
-als er es mit dem Taschenmesser aufzubrechen versuchte. Nun zerfetzte er
-vor Wut Dores Fächerpalme, ihr Stuhlkissen, ihre Nachtmütze. Aber als
-ihm das grüne Staubtuch in die Hände fiel, aus dem er einst für Mimi ein
-Nestchen gemacht hatte, da ließ er den Kopf hängen und weinte.
-
-Er weinte über sein verfehltes Leben, das ihm ebenso zerfetzt schien wie
-die Fächerpalme. Wie anders hätte er jetzt dastehen können! Er bereute, er
-bereute ... Zu spät! Nun war nichts mehr zu ändern.
-
-Ach, er fühlte sich so unsagbar verlassen, so kalt dem Tode preisgegeben.
-Rodenberg war sein einziger wahrer Freund. Durfte er sich überhaupt noch zu
-den Lebenden rechnen? Er fühlte sich schon so fern von allem, was lebte und
-lachte und genoß. Der Tod war seine einzige Aussicht.
-
-Nur jene halbe Flasche Kognak wollte er noch leeren.
-
-Der Glanz der Abendsonne war ihm aufs tiefste zuwider. Er stach ihm so
-mitleidslos in die Augen. John stieß eine Verwünschung aus und drohte mit
-der Faust nach der Sonne. Er trocknete sich mit dem Staubtuch die Augen und
-beroch es dann von allen Seiten wie ein armer, hungriger Hund.
-
-Es roch nicht nach Mimi, es roch nach Petroleum. Trotzdem stopfte er es
-in die Tasche, um es öfters ansehen zu können. Mimi war doch eine hübsche
-Erinnerung, trotz ihres schrecklichen Todes.
-
-Und nun ging er sich den Kognak holen; er hielt es nicht mehr aus ohne
-Alkohol, er hielt es einfach nicht mehr aus. Seine Mütze war nicht zu
-finden. Er setzte den kleinen, steifen Hut auf, den er auf jenem Ausflug
-mit Johannes getragen.
-
-Die Hand auf die linke Seite gepreßt, arbeitete er sich langsam und atemlos
-die Treppe herunter. In seinen Ohren war ein dumpfes Sausen, und sein Herz
-schien sehr weit und ganz still. Die Treppe war immer ein Kunststück für
-ihn. Bis zu seiner Haustür hatte er die feste Absicht, in die elterliche
-Wohnung zu gehen, um sich den Kognak zu holen; aber an der Tür besann er
-sich anders. Er wollte doch lieber in die Kneipe gehen und sich dort
-etwas geben lassen, als etwa im Eßzimmer Paul und Leo antreffen, die ihn
-vielleicht daran hindern würden, die Flasche zu nehmen. Und sicherlich
-würden sie ihre Bemerkungen machen, ihn verspotten. Nein, nein, er ging
-lieber in die Kneipe.
-
-Sein Herz arbeitete jetzt wie wild nach der Treppe, es zitterte und sprang
-in seiner Brust, daß ihm vor Angst der Schweiß ausbrach. Öfters stehen
-bleibend, um Atem zu schöpfen, begab er sich über den Hof nach der kleinen
-Kontortür im Torweg und öffnete sie. »Vater!« rief er herein, »gib mir doch
-etwas Geld, ich will zum Barbier gehen.«
-
-»Jetzt abends noch?« brummte Herr Zarnosky.
-
-»Komm herein, Kronensohn!« rief Onkel John, der dasaß und Märchen erzählte.
-»Wir wollen mal sehen, was dein Bart für eine Farbe hat.«
-
-John trat ein und wiederholte seine Bitte. Herr Zarnosky knurrte, daß der
-Gang zum Barbier eine Finte sei. Er kenne das. Johns Barbier hieße Suttkus.
-Der Märchenerzähler hatte schon das Portemonnaie in der Hand; aber dann
-steckte er es rasch wieder ein. Es war ihm noch rechtzeitig eingefallen,
-daß sein lieblicher Neffe in einer Kneipe erzählt haben sollte, daß er,
-der Onkel, ein Reitpferd eingefangen und dann geschworen habe, daß es seins
-sei. Und es war doch nur ein weggelaufener Ziegenbock gewesen, dem er um
-Zerlines willen freundliche Aufnahme gewährt hatte, weil er doch nicht
-wissen konnte, wem er gehörte. Tiere sind sich ähnlich, hatte Onkel John
-gedacht, und es war seiner Phantasie bald gelungen, aus dem Bekannten
-einen Fremdling zu machen. Ganz im tiefsten hatte er auch noch gedacht: Er
-schenkt ihn mir ja sowieso, ehe er stirbt.
-
-»Der Vater hat hier zu entscheiden,« bemerkte er würdevoll, nachdem er
-das Portemonnaie wieder eingesteckt hatte. Und dann mit selbstgefälliger
-Anzüglichkeit: »Man muß sich auch hüten, seine Wohltaten an Leute zu
-verschwenden, die es einem mit Undank lohnen.« Darauf mußte er lachen, weil
-er diesem seiner Neffen nun einmal nicht böse sein konnte.
-
-»Junge, halt' die Ohren stramm!« rief Onkel Chlodwig vergnügt, indem er
-eine Bewegung mit den Armen machte, als wolle er John, wie einst als Kind,
-an den Ohren in die Höhe heben.
-
-Der Trinker ging schweigend hinaus und warf schmetternd die Tür zu. Und
-die Brüder lachten und ließen ihn ruhig gehen. In ihren Köpfen war die
-Finsternis der Unbildung und der Gedankenlosigkeit.
-
-John begab sich stracks in den nächsten Gewürzladen und ließ sich einen
-Kognak geben. Und noch einen, und immer wieder noch einen. Nach einer Weile
-wurde der Verkäufer in die Bierstube gerufen und ließ ihn im Laden allein.
-John stand vor der Tombank und lächelte dumm. Seine Stimmung begann sich
-zu heben. Er fühlte sich wohl in dieser Atmosphäre voll von Käse- und
-Biergeruch, in dieser sauren Luft, die so wertlos war wie er selbst. Hier
-wäre er gern für immer geblieben.
-
-Der Laden war nicht groß. Ein gemütlicher, alter Laden mit ausgetretenen
-Dielen und kleinem Schaufenster. Unter der niedrigen, rauchgeschwärzten
-Decke brauste ein Heer von Fliegen. Fette Brummer segelten gemächlich über
-die drei Käseglocken des düsteren Repositoriums. Auf der klebrigen Tombank
-stand in einsamer Schönheit eine Flasche Rum.
-
-John studierte aus der Ferne die Etikette: Jamaika-Rum. Er trat einen
-Schritt näher: Jamaika-Rum. Noch näher: Jamaika-Rum. Dann verwirrten sich
-seine Gedanken; er glaubte, wieder, wie am Vormittag, zu Hause vor dem
-Büffet zu stehen, und nahm die Flasche in die Hand.
-
-Läuteten nicht die Glocken? Ihm war so. Er stellte die Flasche wieder hin.
-
-Das Summen der Fliegen klang ihm jetzt wie fernes Meeresbrausen, und
-der Fußboden schien sich langsam hinter ihm in die Höhe zu heben. John
-klammerte sich an die Tombank. Nun schien sich auch die Flasche in
-Bewegung zu setzen, schien langsam davongleiten zu wollen. Da packte er
-das lockende, glitzernde Ding voller Angst mit beiden Händen und stolperte
-damit nach der Tür.
-
-»Möchten Sie wohl die Flasche zurückgeben?!« erscholl eine grobe Stimme
-aus dem Gang zur Bierstube, und ein großer, stiernackiger Handwerker,
-ein geschworener Feind der Familie Zarnosky, der John heimlich beobachtet
-hatte, sprang vor und zischte: »Schämen Sie sich nicht?! Ich werd' Sie
-anzeigen!«
-
-John ließ die Flasche fallen und sank vor Schreck halb in die Knie. Und
-der wütende Tischler riß ihn in die Höhe und hielt ihn fest. »Wer holt den
-Schutzmann?« brüllte er.
-
-»Machen Sie keinen Unsinn!« flüsterte der herbeieilende junge Mann. »Er
-hätte sie schon bezahlt. Oder wir hätten die Rechnung geschickt. Ein guter
-Kunde ...«
-
-»Ein Dieb!« schmetterte der Sargtischler. »Schutzmann! Schutzmann!«
-
-John begriff nicht ganz, was um ihn vorging; aber das Festgehaltenwerden
-unter Rufen nach dem Schutzmann flößte ihm ein solches Entsetzen ein, daß
-er sich wie ein Rasender losriß und davonstürzte.
-
-Mit dem schrecklichen Gedanken, er müsse sich jetzt etwas Entsetzlichem
-wegen das Leben nehmen, rannte er die Straße herunter. Sie war nicht lang
-und lag am Ende der Stadt. Bald stand der arme Dieb am Rande des tiefen
-Teiches, zu dem er ganz instinktiv geeilt war. Jenseits des Wassers war ein
-dunkles Wäldchen, in dem sehr laut die Nachtigallen sangen. Auch über dem
-Kopf des Verzweifelten flöteten die Vögel in den Zweigen der Kastanien, mit
-denen der Weg zu beiden Seiten besetzt war. Hinter seinem Rücken flammte
-die Abendsonne in ihrer ganzen Glorie. Sie thronte gleich einer mächtigen
-Feuerkugel dicht über dem langen, flachen Dach eines alten, hölzernen
-Getreideschuppens, der wie ein riesengroßer schwarzer Sarg auf grünem
-Wiesenlande stand, unter einem rostgelben Himmel. Doch John sah in das
-glitzernde Wasser und beriet sich flüsternd mit seinem Schicksal.
-
-»Muß ich? Muß ich?« fragte er, voller Angst an seine Eltern denkend.
-
-»Aber sofort!« schien der Tischler zu rufen.
-
-John sah sich furchtsam um; aber es war niemand außer ihm auf dem Wege.
-Er setzte sich auf die Erde, weil er vor Müdigkeit nicht länger zu stehen
-vermochte, und sein Denken wurde allmählich klarer.
-
-»Was hab' ich denn getan?« stammelte er wie ein Kind. »Ich hab' doch nichts
-getan. Ich hatte sie auf einmal in der Hand, ich weiß nicht wie. Ich hätte
-sie doch bezahlt.«
-
-Der Tischler hatte ihm das eingebrockt -- dieser gehässige, heimtückische
-Kerl. John wußte: der Tischler ging jetzt von Haus zu Haus und erzählte.
-
-Es bohrte ein Wort in seinem Kopf, dessen Klang und Bedeutung er auf dem
-ganzen Weg gesucht hatte. Nun war es da; es hieß: Schande.
-
-»Schande,« flüsterte er, »Schande,« wiederholte er laut, und schon wurde
-es ihm zur Gewißheit, daß das etwas war, was ihm nicht mehr viel anhaben
-konnte. Seine Rolle auf Erden ging zu Ende. Was tat ihm noch Schande?
-
-Aber seine Familie, seine Familie und die Leute -- -- --?
-
-Seine Angehörigen sollten sich damit abfinden -- sie durften ja leben,
-während er -- --
-
-Ja, was tat ihm noch Schande? Ihm? Er kicherte mit zuckendem Munde. Und auf
-einmal warf er sich vornüber und krallte die Hände in die warme Erde.
-
-Er wollte alle Schande der Welt tragen -- wenn er nur leben durfte! Er
-liebte das Leben trotz allem und allem, trotz seiner Schmerzen, trotz
-seiner qualvollen Nächte. Er wollte alle Schande der Welt tragen -- nur
-nicht sterben!
-
-Die Frösche quakten, und die Vögel flöteten, und ein Wagen kam gefahren.
-John richtete sich langsam auf; er wollte nach Hause. Es war nicht
-notwendig, daß er dem Schicksal vorgriff: das Ende des Trauerspiels kam
-schon von selbst. Und alles Auflehnen war vergebens.
-
-Der sich nähernde Wagen, ein gewöhnlicher Einspänner, hielt an, als John
-dem Kutscher ein herrisches »Halt!« zurief. »Helfen Sie mir herauf,« befahl
-er ihm. »Ich will in die Stadt.«
-
-»Ach, Sie sind es, Herr Zarnosky,« sagte der Kutscher.
-
-»Hab' jefischt,« bemerkte John sehr hochmütig.
-
-»Und wo haben Sie Ihre Angel?«
-
-»Fortgeworfen. Kann mir eine neue kaufen.«
-
-Kurz vor der Stadt, da, wo es in das dunkle Glaciswäldchen hineinging, sah
-man jetzt hurtig Liebespaare verschwinden. Der Kutscher schnalzte mit der
-Zunge und machte seine Bemerkungen. John saß ganz still da und wunderte
-sich. Er wunderte sich, daß es noch immer Liebespaare gab, daß die Welt
-noch immer so war wie damals, als er mit seiner ersten und einzigen Flamme,
-einer jungen Putzmacherin, dort spazieren ging -- vor hundert Jahren. So
-lange schien ihm das wenigstens her. Wie ein Greis sah er den Paaren nach
-und drehte verwundert die Daumen umeinander.
-
-Er hätte den gewöhnlichsten Kognak der hübschesten Putzmacherin vorgezogen.
-
-Am alten Stadttor leuchtete eine Gasflamme wie ein grüner Stern durch die
-helle, rote Dämmerung. Als der Wagen durch das Tor rollte, begann John
-vor Angst zu frieren. Beim Auftauchen eines Schutzmannes zuckte er heftig
-zusammen. Der Mann grüßte freundlich und ging vorüber.
-
-Nun überkam ihn ein wilder Trotz. Erstens hatte er nichts begangen, und
-selbst wenn er etwas begangen hatte, so war ihm das ganz gleichgültig.
-Mochte man ihn anzeigen. Ihm war schon alles gleich. Nur um die Mutter tat
-es ihm leid. Um die tat es ihm leid, um die andern nicht ... Seine Zähne
-schlugen zusammen, als sich der Wagen dem väterlichen Hause näherte.
-
-Rodenberg stand, nach ihm ausspähend, am Torweg und half ihm vom Wagen
-herunter. »Geben Sie ihm was,« sagte John, nachlässig über die Schulter
-zeigend. Der Kutscher nahm seinen Herrn unter den Arm, weil dieser allein
-nicht zu gehen vermochte. »Was machen Sie für ein Gesicht?« fragte ihn
-John. »Lachen Sie doch, Rodenberg! Ich hab keine Angst! Für was soll ich
-auch Angst haben?«
-
-»Der Beese war hier,« erzählte der Kutscher, »und nu is der Herr
-fuchswild.«
-
-»Pah!« sagte John. »Was ich mir daraus mach!«
-
-»Er sitzt oben und wartet auf Ihnen.«
-
-»Der Vater?«
-
-Rodenberg nickte.
-
-John wurde kreidebleich. Er versuchte zu lachen; doch plötzlich bekam er
-einen Krampfanfall. Rodenberg schleppte ihn in seine Wohnung hinauf.
-
-Herr Zarnosky saß mit der Reitpeitsche in der Hand. Sein sonst so frisches,
-großzügiges Gesicht war blaß, und seine Zähne bearbeiteten unablässig die
-starken Lippen. Als die Tür geöffnet wurde, stand er auf.
-
-»So betrunken?« fragte er den Kutscher.
-
-»Krank,« sagte Rodenberg rauh, indem er seinen jungen Herrn mit liebevoller
-Ungeschicklichkeit aufs Bett trug.
-
-Herr Zarnosky setzte sich wieder aufs Sofa und räusperte sich erregt. Frau
-Kalnis kam in diesem Augenblick nach Hause, wie eine erschreckte Fledermaus
-ins Zimmer schwirrend, und schlug stumm die Hände zusammen.
-
-»Herr Zarnosky trautstes, was is los? Was is jeschähn? Ich will man bloß
-rasch d'e Umnahme abnähmen ...« sie huschte in ihr Zimmer. »Herrjeh,
-herrjeh, mein Palmbaum! Und d's Kissen! Jerechster Vater, was is hier
-jeschähn? Nu hatte er sich doch schon einije Tage so scheen jehalten.«
-
-Herr Zarnosky räusperte sich schweigend weiter. Rodenberg schlich still
-hinaus, weil er meinte, daß John in Dores Gegenwart keine Prügel bekommen
-werde. Frau Kalnis kam mit einer Decke angeflogen, die sie mit zitternden
-Händen über den unbedeckten Tisch warf. Dann ging sie zu John. »Wasser,«
-murmelte er leise.
-
-Herr Zarnosky trat mit der Reitpeitsche ans Bett. »Besinne dich,« sagte er
-heiser, »was hast du heute abend getan?«
-
-»Nichts,« stammelte John angstvoll, »nichts.«
-
-»Da geht doch dieser Lümmel hin und stiehlt!« stieß der Vater erbittert
-hervor, und die Reitpeitsche sauste nieder.
-
-Ehe sich's der Alte versah, war der Junge plötzlich aufgesprungen und hatte
-ihn an der Kehle gepackt. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn Rodenberg --
-durch Dore und den Lärm herbeigerufen -- sich nicht des Wütenden bemächtigt
-hätte. Er schaffte ihn wieder ins Bett und beruhigte ihn, so gut er konnte.
-Herr Zarnosky rang keuchend nach Atem. So träge und ruhig er für gewöhnlich
-war, so wild und zügellos konnte er im Zorn werden.
-
-»Warte!« knirschte er, sobald er sich von seinem Schreck erholt hatte. »Du
-wirst dich an mir vergreifen? An deinem Vater?« Und nun begann er John erst
-recht zu züchtigen.
-
-Doch die meisten Schläge bekam Rodenberg, der sich mit ausgebreiteten Armen
-über seinen Liebling legte, und der nicht von ihm wich, so wütend es ihm
-auch befohlen wurde. Zu sagen wagte er nichts, ja, er wagte nicht einmal zu
-stöhnen. Die Zähne zusammenbeißend hielt er tapfer stand, bis sein Herr mit
-Schlagen aufhörte.
-
-Als Herr Zarnosky ohne ein Wort gegangen war, richtete sich der Kutscher
-auf und sah Dore an, und dieser Blick war die einzige Kritik, die er sich
-über seinen Herrn erlaubte.
-
-Dore probierte, ob sie noch sprechen konnte. »Gott! -- nei! -- pfui ...«
-Das war anfänglich alles, was sie herausbekam. Sie schüttelte den Kopf
-und schlug stumm mit der Hand, und dann sagte sie: Das sei von jeher die
-Zarnoskysche Erziehungsmethode gewesen.
-
-John lag ganz still da, und seine langen Wimpern drückten sich so tief
-in die Wangen, als ob sie sich nie mehr heben wollten. Doch mit der Zeit
-begann er aufgeregt zu flüstern, Schreie auszustoßen und mit den Armen zu
-fuchteln. Frau Zarnosky kam heraufgestürzt und setzte sich weinend an sein
-Bett. Sie nannte ihn bei seinem Kindheitsnamen, sie glättete sein Kissen,
-sie streichelte ihn. Wohl eine Stunde saß sie an seinem Bett und weinte;
-aber ihr Weinen, dieses monotone Weinen, vermehrte nur seine Unruhe.
-»Nicht, nicht,« flüsterte er von Zeit zu Zeit. Doch Frau Zarnosky ließ sich
-nicht stören; sie war es nicht gewohnt, ihren Gefühlen Zwang anzutun, und
-sie wäre empört gewesen, wenn ihr jemand diese Tränen zum Vorwurf gemacht
-hätte.
-
-John schlief ein und ging im Traum unzählige Male in den Laden und wurde
-dort unzählige Male von Schutzleuten umringt, weil er jedesmal eine Flasche
-mitgenommen haben sollte. Doch es gelang ihm immer noch zu entkommen. Und
-einmal stellte es sich heraus, daß er die Flasche bereits bezahlt hatte.
-Die Schutzleute verneigten sich vor ihm, und er schritt stolz wie ein
-Triumphator davon --: um an der Tür auf den Tischler zu prallen, der
-ihm, »Dieb!« brüllend, eine ungeheure Flasche aus der Tasche zog. Die
-Schutzleute packten ihn, soviel Rodenberg auch für ihn bat; aber er riß
-sich los und stürzte sich, von seinem Vater verfolgt, in ein großes,
-schwarzes Wasser. Das schlug dumpf über ihm zusammen, sein Herz setzte aus,
-und dann sank er ohne Ende in die Tiefe.
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel
-
-
-Der Zarnoskysche Landauer rollte lautlos die gerade, sonnige Chaussee
-entlang, die nach einem Gasthaus im Walde führte. Die neuen Rappen waren
-angespannt, und Rodenberg ließ sie mit stolzer Miene dahinbrausen. Sein
-langer, roter Bart glänzte in der Sonne wie ein Feuerchen auf seinem engen,
-schwarzen Mantel. John saß neben Dore auf dem Rücksitz des Wagens gegenüber
-seinen Eltern, zwischen denen sein Bruder Paul einen bescheidenen Platz
-einnahm. Diese Ausfahrt nach dem Walde war Johns sehnlichster Wunsch
-gewesen, und sein Vater erfüllte ihm seit einer Woche jeden Wunsch, weil es
-ihn noch immer reute, daß er sich dem Kranken gegenüber im Zorn vergessen
-hatte. Zudem war John auch sein Liebling, trotz allem und allem.
-
-Nun blickte er stumm und schläfrig, den Strohhut ins Gesicht gezogen, auf
-die grünen Felder, die wie stille Seen zu beiden Seiten der Chaussee lagen.
-Frau Kalnis interessierte sich für die Häuschen hier und dort, Paul für die
-Windmühlen. Herr und Frau Zarnosky interessierten sich für ihre Mittagsruh,
-indem sie die Augen geschlossen hielten und schwiegen. Halbnackte
-Landkinder warfen Kornblumensträuße in den Wagen und liefen dann mit offnen
-Mäulern und ausgestreckten Händen nebenher, auf die Bezahlung erpicht. Es
-machte John Spaß, sie recht lange darauf warten zu lassen. »Wie heißt ihr?
-Wie alt seid ihr?« fragte er zunächst. Erst als seine Fragen beantwortet
-waren, ließ er langsam Pfennige regnen.
-
-Ein freundliches Dörfchen mit vielen Storchnestern auf den Dächern und
-vielen bunten Blumen in den Gärten glitt rasch vorüber. Dahinter kreuzte
-die Chaussee eine Bahnstrecke. Dann kamen wieder Wiesen und Felder und
-Roßgärten mit weidendem Vieh. Und schließlich kam der Wald, der alte
-Tannenwald, nach dem sich John so sehr gesehnt hatte. »Ah!« machte er
-lächelnd, als der Wagen aus der grellen Helle in den Schatten der Bäume
-rollte.
-
-»Wie es duftet!« murmelte Herr Zarnosky, die Augen öffnend.
-
-»Nicht wahr?« sagten die Söhne wie aus einem Munde.
-
-»Aber die vielen Bremsen!« seufzte Frau Zarnosky, an die Pferde denkend.
-
-Nach einer halben Stunde hielt der Wagen vor dem Waldgasthaus. Hier war die
-Chaussee zu Ende und ein tiefer Sandweg begann. Das Gasthaus lag breit
-und weiß am Wege mit grünen Fensterladen und zwei Storchnestern auf dem
-bemoosten Schindeldach; es sah ehrbar und freundlich aus. Der hagere Wirt
-stand vor der Tür und hieß die Herrschaften etwas still willkommen.
-
-Hinter dem Hause streckte sich ein langer, verwilderter Garten mit zwei
-Holzkolonnaden und einem großen Grasplatz, auf dem ein paar Turngeräte
-standen. Die Familie Zarnosky setzte sich in eine Tannenlaube am Rande des
-grünen Platzes. John lehnte sich an, faltete die Hände, ließ die Daumen
-umeinander laufen und lächelte krank und müde. Ein alter, krummbeiniger
-Kellner erschien und säuberte gewissenhaft den Tisch.
-
-»Es riecht schon nach Heu,« sagte Herr Zarnosky, mit der Nase schnuppernd.
-
-»Und irgendwo müssen Linden blühen,« stotterte John.
-
-»Wenn der Kaffee hier nur nicht so gräßlich wäre,« versetzte Frau Zarnosky
-in unwirschem Ton.
-
-»Du darfst ja nur eine kleine Tasse trinken,« erwiderte ihr Gatte.
-
-»Ist mir auch noch zu viel,« nörgelte sie.
-
-Herr Zarnosky bestellte Bier, Selterwasser, Kaffee und Kuchen. Der alte,
-krummbeinige Kellner dienerte und verschwand. Bald kam das Bestellte und
-wurde genossen. Frau Zarnosky und Paul nippten nur ein wenig an ihrem
-Kaffee, und Dore nahm sich dann der beiden Tassen an, nachdem sie die
-eigene mit Vergnügen geleert hatte. An Sonntagen war das Waldgasthaus immer
-sehr besucht, heute am Alltag war es leer. Mit der Zeit fanden sich noch
-drei andere Familien ein, die auch mit eigenem Fuhrwerk kamen. Mehr Besuch
-erschien nicht. Der hagere Wirt ging an den leeren Tischen vorüber und rieb
-sich mit abwesender Miene die Hände. Paul beobachtete ihn durch die Tannen.
-
-»Der macht nicht mehr lange,« sagte er plötzlich.
-
-»Wer?« fragte John erschreckt.
-
-»Der Wirt,« brummte der Junge.
-
-»Gehen wir in den Wald?« fragte der Vater, sich im Kreise umblickend.
-
-»Ich bleibe hier,« sagte John. »Aber ihr andern könnt ja gehen. Auch Frau
-Kalnis.«
-
-»Ich bleib' bei Ihnen, Herr Johnche,« versetzte Dore beflissen.
-
-»Dann bleiben wir doch schon alle hier,« entschied der Vater.
-
-Paul sprang auf, um zu den Turngeräten zu gehen, weil ihm das ewige
-Sitzen unerträglich wurde. Und dann war ihm auch, als säße der Tod in
-der Tannenlaube und als ginge der Tod durch die Gänge des Gartens. Paul
-wünschte häufig, daß John bald stürbe. Er empfand keine Liebe für diesen
-Bruder, der, so weit er zurückdenken konnte, schon immer als Taugenichts
-galt. Pauls Gefühle für John schwankten zwischen Abneigung und
-verächtlichem Mitleid. Ebenso erging es Leo. Die beiden Jungen hatten
-nichts Böses begangen, als er auch sie überall zu verleumden begann. Das
-verziehen sie ihm nie, hart wie Kinder sind, und sie verziehen ihm auch nie
-sein herabgekommenes Äußere. Sie mieden ihn jetzt wie einen Aussätzigen,
-sie sahen fremd über ihn hinweg, wo sie ihn trafen. Und das kränkte John,
-da er sie im Grunde sehr lieb hatte, das reizte ihn zu Roheiten ihnen
-gegenüber und zu immer neuen Verleumdungen über sie.
-
-Paul rannte auf dem Schwebebaum hin und her, zur Aufbesserung seiner
-Stimmung wie eine Dampfmaschine pustend. Er versuchte an dieses und jenes
-zu denken; aber John beherrschte seine Gedanken.
-
-Wie einem Todkranken wohl zumute war?
-
-Paul schielte eine Weile nach dem gelben Gesicht in der Tannenlaube und
-blickte dann rasch nach der strahlenden Sonne. Jetzt glaubte er zu wissen,
-wie einem Todkranken zumute war; aber aussprechen hätte er es nicht können.
-Und er konnte auch seine gedrückte Stimmung nicht loswerden, obgleich er so
-tat, als sei er vergnügt, indem er auf dem Schwebebaum hin und her sprang,
-bald mit den Armen, bald mit der Mütze schlenkernd.
-
-»Seht bloß Paul an!« murmelte John, der sich schlechter und schlechter
-fühlte, mit zuckenden Lippen.
-
-»Der Junge ist vergnügt,« schmunzelte der Vater.
-
-»Er ist gräßlich,« dachte John, die Zähne zusammenbeißend.
-
-Die Mutter ahnte, was in John vorging. »Paul!« rief sie mit scharfer
-Stimme, »benimm dich vernünftig! -- Denkt der Bengel denn gar nicht an
-seinen Bruder?!«
-
-John zuckte zusammen. »Warum soll er an mich denken?« fragte er rauh.
-
-Frau Zarnosky machte ein wehleidiges Gesicht. »Laß nur gut sein,« sagte sie
-tröstend, »es kommt auf den, auch auf jenen; es kommt auf jeden einmal. Du
-kannst auch noch gesund werden.«
-
-John hätte am liebsten losgeheult. »Ich möchte hier gern ein bißchen allein
-sitzen,« stieß er hastig hervor, als er seiner Stimme die nötige Festigkeit
-zutraute.
-
-»Wird das gehen?« fragte die Mutter besorgt. »Soll Frau Kalnis nicht
-wenigstens bei dir bleiben?«
-
-»Ich will sie nicht sehen!« brach er los. »Ich bin kein kleines Kind! Ich
-kann allein sitzen! Ihr ärgert mich bloß!«
-
-»Wir ärgern dich?«
-
-»Ja!!!«
-
-»Man darf es ihm nicht übel nehmen,« sagte die Mutter, »er ist so furchtbar
-nervös.«
-
-John winkte nur stumm mit der Hand, sie möchten verschwinden, und diese
-Geste hatte etwas so Verzweifeltes und so Zwingendes, daß sich die Eltern
-denn auch ziemlich rasch mit Paul und Frau Kalnis auf den Weg machten.
-Aber Dore wurde nach wenigen Schritten auf einem versteckten Platz
-zurückgelassen, damit sie auf John, ungesehen, achtgäbe.
-
-Paul sprang seinen Eltern, aufatmend, voraus. Er meinte, es müsse heller
-werden, sobald er John und den Garten hinter sich hatte. Anfangs schien's
-ihm auch so; aber dann mußte er immer wieder an ihn denken und sich
-vorstellen, wie er so allein in der Tannenlaube saß. Dazu bewölkte sich der
-Himmel, und ein kaum wahrnehmbarer Wind zog mit geisterhaftem Seufzen durch
-die Tannenkronen. Ein Waldvogel stieß eine Reihe schmerzlicher Töne aus und
-wiederholte sie dann immer aufs neue.
-
-»Ich könnte weinen,« sagte die Mutter, als eine Krähe krächzend über den
-Wald flog. Der Vater schwieg mit gleichmütiger Miene.
-
-»Wir wollen lieber umkehren und nach Hause fahren,« stieß Paul leise
-hervor, doch die Eltern gaben keine Antwort und gingen wie im Traume
-weiter.
-
-Der Junge blieb hinter ihnen zurück und sah sich mit großen Augen um.
-
-Wie die Bäume standen und starrten! Wie sein Herz klopfte! Wie die Stille
-im Walde sauste! Oder war es das Blut in seinem Kopf? Er steckte die Finger
-in die Ohren; aber da wurde das unheimliche Sausen noch stärker. Er reckte
-sich mit einem zitternden Seufzer und spuckte beklommen auf den Weg.
-
-»Wenn ein Ast sich vom Stamm lösen will,« ging es plötzlich durch seinen
-Kopf, »dann merkt es der ganze Baum.«
-
-Und der Wald stand da wie erstarrt, wie versteint, und alle Bäume schienen
-feindlich und erwartungsvoll auf ihn zu blicken. Paul stieß einen langen,
-hellen Ton aus, um den Bann zu brechen, der wie über ihm auch über dem Wald
-zu liegen schien.
-
-Und er erschrak. Denn ein Echo gab den Ton so seltsam wieder; er kam als
-ein Klagelaut durch die Stille zurück.
-
-Paul graute es plötzlich. Er sprang seinen Eltern nach, um ihrem traurigen
-Wandern ein Ende zu machen. Die Mutter war bei seinem Ton erschrocken
-stehen geblieben und sah sich um. »Wollen wir nicht umkehren?« rief er ihr
-mit forcierter Munterkeit zu. »Kehren wir doch lieber um! Hier ist es ja so
-langweilig!«
-
-»Ja, wir wollen umkehren,« versetzte sie mit Hast und Bestimmtheit. Sie
-schien den Sinn dieses Wortes erst diesmal zu fassen. »Komm!« sagte sie
-rasch zu ihrem Mann.
-
-»Schon umkehren?« brummte er. »Nanu?«
-
-»Hier ist es gräßlich,« murmelte sie. »Man geht ja hier wie in die
-Verbannung. -- Wer weiß, was ihm noch im Garten passiert?!«
-
-»Was kann ihm da passieren?!« erwiderte er spöttisch, obgleich er ebenso
-gern umkehrte wie sie und der Junge.
-
-Paul machte mehrmals den Weg, den seine Eltern nur einmal machten, weil
-er wie ein junger Hund immer hin und zurück lief. Als sie schon bald am
-Gasthaus waren, kam er ihnen mit rotem Gesicht entgegengestürzt: »Vater,
-Mutter, John sitzt bei den Kutschern und spielt Karten! Wir müssen durch
-die Seitentür gehen.«
-
-Herr Zarnosky wollte sofort hineilen, um John vom Kutschertisch
-fortzuholen, doch seine Frau stellte sich ihm in den Weg, aus Furcht
-vor einem Skandal. Sie überredete ihn so lange, bis er ihnen durch die
-Seitentür folgte; aber er war so wütend, daß er fast keine Antwort gab.
-
-Frau Kalnis saß friedlich auf ihrem Platz, John noch immer in der
-Tannenlaube wähnend.
-
-»Er sitzt bei den Kutschern!« herrschte Herr Zarnosky sie an.
-
-Die Augen aufreißend, schlug sie die Hände zusammen. »Bei die Kuhtschers?«
-wiederholte sie erbleichend.
-
-Der Kellner kam und fragte, ob etwas gefällig sei. Frau Zarnosky hatte
-einen Einfall. »Es gibt ja Krebse,« sagte sie rasch. Und leise zu ihrem
-Mann: »Bestell welche! Dann wird er bald hier sein.«
-
-John hatte seine Eltern nicht so rasch zurück erwartet, sonst wäre er
-beizeiten auf seinem Platz gewesen. Und nun wagte er sich nicht in die
-Tannenlaube, aus Angst vor dem Vater. Als Frau Kalnis ihn in den Garten
-bitten kam, wurde er aus Angst frech: er käme nicht, er amüsiere sich hier
-besser. Als sie für Rodenberg zwei Krebse brachte, die John leckrig machen
-sollten, riß er den Teller an sich und zeigte den wiehernden Kutschern,
-unter unfeinen Redensarten, wie man Krebse äße. Die Kraft dazu holte er
-sich fleißig aus Rodenbergs Seidel, das Braunbier mit Rum enthielt. Der
-alte Kutscher redete ihm zu, mit Frau Kalnis zu gehen; aber John rührte
-sich nicht. Hier sei es gemütlich. Hier ärgere ihn niemand. Er sei hier
-unter ehrlichen Menschen.
-
-Der Kutschertisch stand dem Gasthaus gegenüber, jenseits der sandigen
-Landstraße neben einer alten Eiche. An ihrem bemoosten Stamm hing eine
-hölzerne Tafel mit Worten, die schon lange nicht mehr zu lesen waren; aber
-man wußte, daß sie den Heldenmut eines im Kriege gefallenen Brüderpaares
-priesen. Frau Kalnis ließ ihren schwarzen Rock wieder im Sande schleppen,
-als sie den Kutschertisch verließ, aus Furcht, John könne ihr etwas
-Häßliches nachrufen, wenn sie ihn aufzuheben wagte. Ihre Backen glühten,
-und der Veilchenhut saß schief aus ihrem dünnbehaarten Kopf.
-
-Sobald John mit den Krebsen fertig war, griff er wieder nach den Karten.
-Rodenberg stand auf und machte sich an den Pferden zu schaffen, in der
-Hoffnung, daß John dann gehen werde. Vergebens. Herr Zarnosky junior
-bot den fremden Kutschern jetzt Brüderschaft an, und wenn er eine Karte
-ausspielte, so knallte er sie wie die andern mit der Faust auf den Tisch.
-Die Kutscher hatten die Röcke ausgezogen und saßen in Hemdsärmeln da.
-Der Kopf des einen war wie eingeschroben in einen mächtigen, feuerroten
-Fleischwulst, der rings um seinen Hals lief. John mußte immer wieder auf
-diese rote, faltenschlagende Masse starren. Schließlich bat er den Kutscher
-um die Erlaubnis, sie betasten zu dürfen. Der Mann hatte nichts dagegen und
-ließ es gutmütig geschehen. In den Zweigen der Eiche hub ein Vögelchen zu
-zwitschern an: »Züzüzüzüühe« ... Die Kutscher achteten nicht darauf;
-aber John legte den Kopf auf die Seite, machte ein liebliches Gesicht und
-erwiderte: »Zekü, zekü, zekü« ... Und die Poesie des einsamen Platzes an
-der Waldstraße überwältigte ihn plötzlich so, daß er erblaßte.
-
-Frau Kalnis kam abermals durch den Sand gestiefelt, um Rodenberg zu
-bestellen, daß er sofort an der Seitentür vorzufahren habe. John erhob sich
-wie im Traum. »Schon? Schon nach Hause?« stammelte er erschreckt.
-
-Als die Familie aus dem Garten trat, sah sie ihn wie einen armen Sünder,
-der sich nicht zu nähern wagt, mit hängendem Kopf am Zaune stehen. Die
-Mutter war sofort gerührt. Sie eilte zu ihm hin und führte ihn unter
-sanften Vorwürfen zum Wagen. Der Vater blickte ihn flüchtig an: »Wir
-sprechen uns später,« sagte er hart und kurz.
-
-Der Wind schien eingeschlafen zu sein, und der Himmel war klar geworden.
-Er hing gleich einer riesengroßen, blauen Glasglocke überm Walde. Die Bäume
-standen hoch und still, und das taktmäßige Trappeln der Rappen zog wie
-Musik durch den schweigenden Forst. John atmete laut und hastig. Sein Kopf
-sank beim Fahren bald nach rechts, bald nach links. Der Vater erhob sich
-und wies ihm kurz seinen Platz an, weil er sich dort besser anlehnen
-konnte. Diese Fürsorge rührte den armen Sünder bis zu Tränen. Sich
-schneuzend begann er nachzudenken, wodurch er sich der erwiesenen Güte
-würdig zeigen konnte. Er sah mit abbittender Miene vom Vater zur Mutter,
-und das Denken fiel ihm furchtbar sauer, weil Rodenbergs Mischung bei ihm
-zu wirken begann. Plötzlich griff er mit aufleuchtenden Augen in die Tasche
-und zog zwei sandige, bleierne Teelöffel heraus, die er mit triumphierender
-Miene im Kreise herumzeigte. »Für Frau Rodenberg,« sagte er mit Augen, die
-um Beifall baten.
-
-»Die hat er aus dem Gasthaus mitgenommen,« rief Paul erblassend.
-
-»Aber dort gefunden,« schmunzelte stolz der Betrunkene.
-
-Der Vater riß ihm die Löffel aus der Hand und warf sie aus dem Wagen. »Wir
-sprechen uns schon zu Hause,« sagte er wieder.
-
-John ließ die Unterlippe hängen wie ein arg enttäuschtes Kind, das
-weinen will. »Sie trieben sich doch unterm Kutschertisch im Sande herum,«
-stotterte er.
-
-Paul hob die Augen zum Himmel auf. »Er gehört ganz einfach in eine
-Anstalt,« murmelte er, den Kopf schüttelnd.
-
-»Ja, du!« blubberte John gekränkt.
-
-»Wenn es die Kutscher nun gesehen haben?« jammerte Frau Zarnosky.
-
-»Nichts jesehn,« stammelte John. »Und sie sind doch nur für Frau
-Rodenberg.«
-
-Er begriff die Menschen nicht mehr, und sie gefielen ihm ganz und gar
-nicht. Das Leben war eine einzige sonderbare Scheußlichkeit. Und er hatte
-nichts als Feinde.
-
-Paul hatte sich vorgebeugt und hielt sich das Taschentuch vor die Nase,
-weil er Johns Alkoholatmosphäre nicht anders ertragen konnte. Von Zeit zu
-Zeit stieß er indigniert die Luft aus. John beobachtete ihn mit wachsendem
-Grimm; aber die Stille im Wald zügelte ihn gegen seinen Willen. Frau Kalnis
-begann schüchtern und wenig erwünscht von der Schönheit des Sommertages zu
-sprechen und von der Schönheit der hohen Tannen. Niemand erwiderte etwas.
-Sie verstummte.
-
-Der Wald wich zurück, und die Felder begannen. Paul entfaltete das
-Taschentuch und fächelte sich seufzend und pustend frische Luft zu. John
-ließ ihn schweigend gewähren; doch seine Augen weiteten sich vor Wut, seine
-Hände zuckten krampfhaft hin und her, und auf einmal, noch ehe der Vater
-es hindern konnte, versetzte er seinem Bruder einen heftigen Schlag in den
-Rücken.
-
-Frau Zarnosky, die mit geschlossenen Augen dagesessen hatte, schrie laut
-los, als Paul plötzlich auf ihren Schoß kippte. Die Kalnis schlug die Hände
-zusammen und klagte es stürmisch ihrem »jerechsten Vater«. John verteidigte
-sich mit heftigen Worten. Der plötzliche Tumult im Wagen war so groß, daß
-die Rappen ängstlich die Ohren spitzten und dann ein Tempo begannen, dem
-der erschreckte und angetrunkene Rodenberg nicht gewachsen war.
-
-»Die Pferde gehen durch,« flüsterte Paul, der es zuerst bemerkte.
-
-»Was? Was?« wiederholte entsetzt die Mutter, und nun verfiel sie in
-ein angstvolles Weinen und Jammern, das die jagenden Pferde noch mehr
-erschreckte.
-
-Dampfend und zischend brauste von links ein Zug daher. Wie das Unheil
-selbst, so glitt er in großem Bogen unaufhaltsam der Chaussee entgegen,
-die er vor dem Dörfchen zu kreuzen hatte. Und die Pferde ließen sich nicht
-zügeln, obgleich Rodenberg, den das Entsetzen rasch ernüchterte, seine
-ganze Kraft aufbot; sie jagten jetzt dahin, als wollten sie mit dem Zug um
-die Wette laufen. Die Mutter hielt Paul mit geschlossenen Augen umschlungen
-und merkte nicht, daß John angstvoll und zärtlich ihre Hand zu fassen
-suchte. »Ruhe, nur Ruhe!« sagte Herr Zarnosky, der sich erhoben hatte und
-nach Hilfe umherspähte. Paul hörte schon in seiner Phantasie das Krachen,
-das erfolgen mußte, wenn der Zug über Wagen und Pferde ging, und vor
-diesem Krachen graute ihm fast am meisten. Gleichzeitig dachte er mit
-der Lebensfülle der Jugend: ich kann nicht sterben -- und die andern auch
-nicht; es wird nichts passieren.
-
-John lehnte sich wieder zurück und schloß mit ergebener Miene die Augen:
-seine Angst war plötzlich verflogen. Er dachte: nun brauchst du nicht
-allein durch die dunkle Pforte zu gehen; nun geht ihr alle zusammen. Er
-sagte sich gar nicht, daß er an dem, was vorging, schuld war. Ihn quälte
-nur eins: daß er Peter in der Welt zurücklassen mußte.
-
-Seine Todesergebenheit ging in Ekstase über: es dünkte ihn schön, an diesem
-wundervollen Sommernachmittag mit Vater und Mutter zu sterben. Ja, ihm war,
-als flögen sie schon alle zusammen durch den Himmelsraum, einem gewaltigen
-Ereignis -- Gott entgegen. Er hörte bereits eine seltsame Musik, die ihn
-schon aus dem Jenseits dünkte. Wie aus der Ferne vernahm er Dores leises
-Beten, und er faltete die Hände, um ihr nachzutun, aber er konnte sich auf
-das, was er sagen wollte, auf das »Vaterunser« gar nicht besinnen.
-
-»Festgemauert in der Erde ...« Nein, das war kein Gebet. Doch da ihm nichts
-Besseres einfiel, ließ er ruhig noch ein paar Reihen des Gedichtes folgen,
-weil er plötzlich fühlte, daß es auf die Worte nicht ankam, daß die
-Empfindung, die zum Beten treibt, das Wichtigste ist.
-
-Nun ging er nicht allein in das große ungewisse Land, nicht ohne Schutz,
-nicht ohne Verteidiger: Vater und Mutter kamen mit -- wie beruhigend das
-war. Und wie seltsam es war, daß er nun bald wissen würde, was hinter dem
-Tode kam.
-
-Vor der herabgelassenen Barriere scheuten die Rappen zurück und
-bäumten wild in die Höhe. »Haltet sie!« schrie Herr Zarnosky ein paar
-herbeieilenden Männern zu; denn nun wollten die Tiere nach der Seite, um
-durch den Graben ins Feld zu jagen oder auch auf die Schienen, und der Zug
-tauchte hinter dem nächsten Gehöft auf. »Haltet sie!« schrie Herr Zarnosky
-noch einmal, weiß wie der Tod im Gesicht, und alle standen jetzt im
-Wagen, bereit, im letzten Augenblick herauszuspringen. Aber es gelang den
-kräftigen Männern, die Pferde zum Stehen zu bringen.
-
-
-
-
-Elftes Kapitel
-
-
-Unförmige Wolken zogen wie seltsame Tiere durchs Himmelsblau. Es war Nacht,
-und die Mondsichel lugte gleich einem gelben, schielenden Auge über die
-Wolkentiere herüber. »Er scheint; aber ich kann ihn hier nicht sehen,«
-murmelte John, der im Nachthemd am Fenster saß und Selterwasser trank. Sein
-Wohn- und Schlafzimmer war jetzt der Saal in der elterlichen Wohnung, weil
-er die Treppe zu seiner eignen nicht mehr hinaufsteigen konnte, und dann
-war es auch oben zu heiß für ihn geworden.
-
-Im Saal war fast alles rot. Tapete, Türen, Vorhänge, der Samtüberzug der
-Möbel, die Teppiche, alles war rot. Rote Stoffe deckten auch den schwarzen
-Flügel und den dunkeln Tisch. Auf den großen, düsteren Ölgemälden, die
-allerdings goldene Rahmen hatten, war die rote Farbe die vorherrschende.
-Das war Zarnoskyscher Geschmack. Dann gab es noch zwei vergoldete, weiße
-Vasen im Saal, die mit roten Blumen gefüllt auf schwarzen Ständern standen,
-es gab da noch einen dunkel gerahmten großen Spiegel und einen alten
-Messingkronleuchter in roter Musselinhülle.
-
-Neben dem roten Sofa stand jetzt Johns Bett, sein niedriges, breites,
-dunkles Bett, das in Form und Farbe ganz gut in den Saal hineinpaßte. John
-graute es in der Nacht beim Anblick der vielen roten Sessel, die so still
-und leer um den Tisch und an den Wänden standen, und am meisten graute ihm
-dann vor den geflügelten schwarzen Drachen, die die Tischplatte trugen. Er
-sah die Drachen im Traum auf seinem Deckbett kauern und ihn bedrohen, oder
-er hörte sie, nach ihm suchend, durchs Zimmer schwirren, während er sich
-in wilder Angst hinter einem Sessel zu verbergen suchte. Wachte er auf, so
-glaubte er ihre großen, schrägen Augen böse und lauernd auf sich gerichtet
-zu sehen. Der Tisch war eine Qual mehr für seine Nächte; aber das verriet
-er niemand, dazu war er viel zu stolz.
-
-Der Saal hatte drei dicht verhängte Fenster mit purpurnen Übergardinen.
-John thronte auf einem roten Sessel an dem Fenster, das sich seinem Bett
-zunächst befand, vor sich ein Tischchen mit Selterwasser besetzt. Er hatte
-die Gardine ein wenig zur Seite geschoben und blickte mit traurigen Augen
-bald nach dem Himmel, bald in die totenstille Grätengasse. Von Zeit zu Zeit
-beugte er sich vor und lauschte angestrengt nach der letzten Saaltür hin,
-die in das Schlafzimmer seiner jüngeren Brüder führte. Dort wurde noch
-geflüstert und halblaut gelacht. Auf seine Kosten, dünkte es John. Wenn er
-seinen Namen zu verstehen glaubte, machte er jedesmal eine Bewegung mit dem
-Kopf, als ob er ein Insekt verscheuchen müsse.
-
-Das Licht des Mondes erhellte die linke Seite der Grätengasse mit einer
-matten, geisterhaften Helle. Die alte, enge Straße, in der nur noch wenige
-Laternen brannten, mündete gleich einem Rohr auf einen breiten, tiefen
-Strom, in den schon manch Betrunkener in dunkler Nacht hineingetorkelt
-war. Johns Züge belebten sich, als ein einsamer Wanderer vor dem Fenster
-auftauchte und über die Straße nach der Grätengasse ging. Den Sargtischler
-erkennend, zog er sich hinter die Gardine zurück, um seinen Todfeind
-ungesehen zu beobachten. Der Tischler blieb auf der gegenüberliegenden
-linken Ecke neben der Laterne stehen und grinste höhnisch zu Johns Fenster
-herüber. Die wenigsten wußten, warum er die Familie Zarnosky so haßte, und
-die Zarnoskys wußten es selbst nicht; außer Onkel John: der Märchenerzähler
-und Verleumder wußte es.
-
-Nach einer Weile löste sich der Tischler von dem Laternenpfahl und ging
-torkelnd die Straße herunter. Jetzt erst bemerkte John, daß er stark
-betrunken war und sich nur mit Mühe aufrecht erhielt. Am nächsten
-Laternenpfahl sah er ihn wieder stehen bleiben und mit der Faust
-herüberdrohen. John lachte; aber seine Zähne schlugen vor Begier zusammen,
-wenn er sich vorstellte, er besäße noch seine alte Kraft und könne jetzt
-hinlaufen, um den Kerl durchzubläuen.
-
-Die linke Seite der Grätengasse hatte noch immer ihre geisterhafte
-Mondbeleuchtung, doch schon trieben große Wolken heran, um den blanken
-Halbmond zu verschlingen. Der Tischler war weitergetorkelt und bei seinem
-Häuschen angelangt, ohne es zu bemerken, wie es schien. John sah, wie er
-ohne zu zögern daran vorbeischwankte. Zwei Häuser weiter drehte er um und
-ging auf die andere Seite der Straße, und dann ging er wieder vorwärts.
-Darauf wurde es recht dunkel, denn nun hatten die Wolkentiere den Mond
-verschlungen.
-
-Als der Mond wieder hervorbrach, war von dem Tischler nichts mehr zu sehen.
-Die Grätengasse lag starr und still wie eine Leiche da, und die Laternen
-hielten die Totenwacht. John nahm an, daß der Betrunkene entweder nach
-Hause gefunden hatte, oder daß er seinen Rausch in irgendeinem offenen
-Torweg ausschlief. Daß er verunglückt sein könne, hielt er kaum für
-möglich.
-
-Das Starren in die leere Straße hatte ihn müde gemacht, er stand auf und
-legte sich ins Bett. Aber der Schlaf wollte trotzdem nicht kommen. Immer
-wieder mußte er an den schönen Nachmittag denken, als er zusammen mit Vater
-und Mutter zu sterben glaubte. Nun sollte er wieder allein in das große
-ungewisse Land. Und er wollte nicht, es graute ihm zu sehr davor. Alle
-sollten ihn begleiten, seine ganze Familie.
-
-Und das war doch nicht möglich ...
-
-Gegen Morgen erwachte er nach einem schönen Traum und ganz ohne die
-traurige Musik, die stets beim Erwachen in seinen Ohren zu klingen pflegte.
-Ihm hatte geträumt, er küsse große, weiche, violette Blumen, und das war
-so angenehm gewesen, so schön, so beruhigend. Ihm war so wohl gewesen im
-Traum, und auch noch viel besser war ihm als sonst. Er sehnte sich jetzt
-nur nach Blumen, nach vielen weichen, kühlen Blumen, in die er sein Gesicht
-hineinbetten konnte wie in seinem Traum.
-
-Um sieben klopfte es. Frau Kalnis brachte einen Rosenstrauß, den Onkel John
-geschickt hatte.
-
-Wunder über Wunder, dachte John entzückt, und wie ein Rausch überkam ihn
-die Hoffnung, er könne vielleicht doch noch gesund werden.
-
-Da er sich so wohl fühlte, stand er bald auf, um sich auf die Veranda zu
-setzen. Als er heraustrat, wurde er sofort von Peter entdeckt, der schon
-Turnübungen auf den Rollwagen vollführte. Fröhlich meckernd kam das Tier
-dahergestürmt, warf die Vorderbeine hoch in die Luft und fiel seinem Herrn
-buchstäblich in die Arme.
-
-»Herr Johnche!« rief Rodenberg vom Pferdestall her. »Se sollen mal jleich
-was Neies heren kommen!«
-
-Johns Herz begann vor Neugier zu klopfen. Vielleicht kommt noch mehr Gutes,
-dachte er. Peter am Halsband nehmend, humpelte er so schnell er konnte über
-den Hof. »Na?« fragte er den strahlenden Kutscher.
-
-»Der Beese is diese Nacht besoffen im Wasser jefallen und ertrunken.«
-
-»Das ist gut! Das ist gut!« rief John mit triumphierender Miene und den
-zuckenden Bewegungen eines Hampelmannes.
-
-»Ich frei mir ja auch,« sagte Rodenberg bieder.
-
-»Ich hab' ja zugesehen, wie er in der Nacht durch die Grätengasse nach dem
-Wasser ging,« stammelte John, den die Neuigkeit förmlich elektrisierte. »Er
-war mächtig im Tran. Und alle Augenblicke ist er stehen geblieben und hat
-nach unserm Hause gedroht.«
-
-»Die Wichse, die uns der Schuft damals beide einjetragen hat, was?« fragte
-Rodenberg mit zwinkernden Augen.
-
-John lachte bereitwillig mit. Wie ein Rausch war aufs neue die Hoffnung
-über ihn gekommen, er könne -- wenn so viel Unerwartetes geschehen konnte
--- auch noch gesund werden.
-
-Aber als er wieder auf der Veranda saß, da wußte er plötzlich nicht mehr,
-ob das, was er soeben gehört zu haben glaubte, Traum oder Wirklichkeit
-gewesen war, und ihm wurde ganz sonderbar und schwindlig. Die Wirklichkeit
-schien sich langsam von ihm zu entfernen, alle Geräusche wurden leiser,
-alle Farben matter, und er wurde immer schläfriger, je weiter alles von
-ihm fortwich. Mit einem angstvollen Lachen griff er nach Peter, der wie ein
-treuer Hund an seiner Seite stand.
-
-Alles geht von dir, dachte John, aber der verläßt dich nicht.
-
-Wie warm Peter war. Und wie voll von klopfendem Leben. Und das wollte er
-töten?!
-
-Das Tier sah seinem Herrn vertrauensvoll ins Gesicht. John wandte den Blick
-zur Seite und reichte ihm allen Zucker, den er bei sich hatte. Dann stand
-er auf. »Wir müssen frisches Öl auf die Lampe gießen,« murmelte er, »sonst
-geht sie aus.« Er schob Peter auf den Hof und begab sich hinein zu der
-großen Flasche, aus der er tagtäglich Beruhigung und Kräfte bezog.
-
-Seit jenem häßlichen Abend im Gewürzladen erinnerte John diese Flasche
-immer wieder an den Ölkrug der biblischen Witwe, denn sie wurde wie einst
-dieser niemals leer. John konnte aus der Flasche trinken, soviel er
-wollte; unsichtbare Hände füllten sie immer aufs neue voll. Aber der Kognak
-schmeckte ihm nur noch selten wie früher, und er vertrug auch nicht mehr
-viel. Er trank jetzt weniger zum Vergnügen, er trank, um existieren zu
-können, um nicht vor Schwäche, Unruhe und Schmerzen zu vergehen.
-
-Im Saal war es angenehm kühl nach der Hitze draußen. Frau Kalnis saß
-strickend und hustend an einem der Fenster und sagte kein Wort, als John
-ein Wasserglas bis zur Hälfte mit Kognak füllte, das er dann, in seinen
-Sessel gelehnt, langsam leerte. Sein Gedächtnis kehrte zurück. »Wissen Sie
-das Neuste?« fragte er Dore.
-
-»Daß der Tischler ins Wasser jefallen is? Ja, das weiß ich.«
-
-»Na, was sagen Sie dazu?«
-
-»Is gut. An dem war nichts dran. Die Frau wird froh sein.«
-
-»Er ist ins Wasser gefallen, weil ich es wünschte,« prahlte der Trinker.
-
-»Stuß!« murmelte Dore.
-
-»Hier hab' ich in der Nacht gesessen und zugesehen, wie er nach dem Wasser
-torkelte. Und da hab' ich gewünscht, was ich konnte, er möchte reinfliegen
--- und da is'r reingeflogen.«
-
-»Pfui! Dann sind Se ja e Mörder!« krähte Dore.
-
-»Stuß!« echote John.
-
-Nun hatte er wieder Kraft und Unternehmungsgeist, die Schläfrigkeit war
-gewichen. Die Neuigkeit von heute morgen hatte ihn sensationslüstern
-gemacht, neugierig spähte er durch die Gardine die Grätengasse herunter
-nach dem kleinen, braunen Häuschen, das dem Tischler gehörte. Und je länger
-er nach dem Häuschen blickte, desto mehr verlangte es ihn, hinzugehen und
-die Leiche zu sehen. Er liebte es, Leichen zu betrachten, er konnte sich
-nicht satt sehen an ihren stillen Gesichtern; das Geheimnisvolle in der
-Ruhe des Totenantlitzes zog ihn immer aufs neue an. Er gab seiner
-Mutter nur kurze Antworten, als sie sich liebevoll nach seinem Befinden
-erkundigte; er wollte fort und sobald wie möglich. Kaum hatte man ihn nach
-dem Frühstück allein gelassen, so stand er auf und verließ den Saal, um
-seiner Sehnsucht zu folgen.
-
-Auf der Grätengasse lag das Sonnenlicht so schwer wie ein Alp. Die Straße
-war wenig belebt, und die meisten Fenster waren verhängt, was den Häusern
-ein blindes, totes, abweisendes Aussehen gab. Auf einem Hof spielte eine
-verstimmte Leier eine unschöne Melodie. Die Töne zogen rauh und schrill
-durch die stille, trockne Luft. Von Zeit zu Zeit sprang die Melodie wie
-toll vor Hitze in die Höhe, um dann jedesmal mit einem häßlichen Schnarren
-zu enden. John biß die Zähne zusammen, denn er konnte keine Musik hören,
-ohne nicht weinen zu müssen. Es fror ihn bald vor Unbehagen, trotz der
-Hitze, und die Musik erpreßte ihm Schweißtropfen. Er hatte schon Lust
-umzukehren; aber das kleine braune Haus lockte ihn unwiderstehlich.
-
-Auch dort waren alle Fenster verhängt, so daß von außen nichts zu erspähen
-war. Scheu wie ein Dieb trat John in den Flur und sah durch das kleine
-Fenster in der Stubentür. Es war von innen mit einem roten Gardinchen
-verhüllt, durch dessen gehäkelte Spitze man bequem hindurchblicken konnte.
-John sah die Frau des Tischlers still und vergrämt an einem Tisch sitzen
-und nähen. Auf dem Fußboden kauerte ihre schwachsinnige kleine Tochter und
-spielte, unaufhörlich die Lippen bewegend und die Zähne fletschend, mit
-einer zerrissenen Puppe. Das Bild war unschön und traurig -- und von einer
-Leiche war nichts zu sehen. Entweder befand sie sich in der Hinterstube,
-oder sie war auch gar nicht im Hause. John wandte sich hastig ab und
-verließ rasch den Flur.
-
-Vor der Haustür blieb er wieder stehen und starrte, gegen seinen Willen
-gefesselt, auf das große, schmutzige Schild des Verunglückten.
-
-Solch einen Holzsarg wie da auf dem Schild bekam er nicht, er bekam
-natürlich einen schönen, weißen Zinksarg, -- und der wurde über ihm
-verlötet, so daß er nicht mehr heraus konnte.
-
-Er wollte nicht verlötet werden. Er wollte lieber so, wie er ging und
-stand, zur Hölle fahren, als verlötet werden.
-
-Was dachte er immer ans Sterben?! Er konnte ja auch noch gesund werden.
-
-Die Hitze verursachte ihm Schwindel und Herzklopfen, es wurde ihm bald
-heiß, bald kalt. Dazu schossen noch immer die schrillen Leiertöne wie
-Raketen durch die Luft, und es roch nach qualmendem Pech, das in einiger
-Entfernung auf der Straße gekocht wurde. John wurde es so übel und so
-wirr im Kopf; er wußte nicht mehr, wo er war. Die gellenden Töne schienen
-schadenfroh gegen ihn anzuspringen, schienen ihn umwerfen zu wollen. Es sah
-aus, als wolle er tanzen, so drehte er sich plötzlich um sich selbst.
-
-»Solch eine Frechheit,« stammelte er. »Ich ...,« er griff in die Luft und
-fiel besinnungslos zur Erde.
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel
-
-
-Es brannte eine Lampe im Saal, und Johannes saß bei John am Bett und
-unterhielt sich mit ihm in ängstlichem Flüsterton; denn draußen zog ein
-schweres Gewitter herauf. Es war drei Tage her, daß man John bewußtlos in
-der Grätengasse fand. Seitdem lag er fest zu Bett.
-
-»So schwarz, schwarz ist der Himmel,« wisperte Johannes, sich schüttelnd.
-
-Wenn die Welt doch untergehen möchte, dachte der Kranke, wenn die Erde sich
-doch auftun möchte und uns alle miteinander verschlingen!
-
-»So schwarz wie Onkel Chlodwigs Sofa,« setzte Johannes hinzu.
-
-»Ja,« sagte John, »und dahinter steht vielleicht noch glänzend die Sonne.
-Zu denken!«
-
-Der Idiot knackte verlegen mit seinen mageren Fingern. »Hab Angst, hab
-Angst,« stammelte er.
-
-John blickte starr vor sich hin. »Erst alles schwarz,« murmelte er, »alles
-trüb und dunkel. Aber dahinter kommt vielleicht die Sonne -- die nie
-mehr untergeht.« Plötzlich fuhr er heftig in die Höhe. »Hörst du, wie es
-bröckelt?« flüsterte er erregt. »Sie machen mich entzwei, ohne daß sie mich
-anrühren, ohne die Hände zu bewegen.«
-
-»Wer? Wer?«
-
-»Dort!« John zeigte nach der Tür, die in das Zimmer seiner Brüder führte,
-und dann nach der Tür zum Eßzimmer. »Dort und überall!« stöhnte er.
-
-Und nach einer Pause: »Sie wünschen mir den Tod, damit ich sie nicht länger
-geniere. Sie füllen mir immer wieder die Flasche voll, damit ich mich
-nur rasch totsaufe. Aber ich nehm' welche mit, ich geh' nicht allein. --
-Hier ...,« er zog mit zitternden Händen unter dem Laken ein Päckchen hervor
-und zeigte es Johannes. »Schlafpulver, die ich nicht genommen habe, die
-ich für andre aufsparte. Ja ...« und er lachte wie ein Blöder, und der
-Schwachsinnige lachte mit.
-
-Die ins Entree führende Saaltür wurde ungeschickt aufgerissen, und Markus,
-Johannes' Bruder, stürmte aufgeregt herein. »Tante Anna, Tante Anna, ein
-Küßchen, bloß ein Küßchen!« rief er mit schmelzender Stimme, indem er sich
-verschämt das eine Auge mit der Hand verdeckte.
-
-»Idiot!« knurrte Johannes, der sich gegen Markus die Klugheit selbst dünkte
-und diesen immerfort schalt und berief, wenn ein Dritter zugegen war, aus
-Furcht, man könne ihn sonst für ebenso einfältig halten wie seinen Bruder.
-»Scher dich raus!« herrschte er ihn an.
-
-Der baumlange Markus prallte einen Schritt zurück; denn obgleich er eine
-ungeheure Kraft besaß, hatte er doch ziemlich viel Respekt vor seinem
-älteren und klügeren Bruder. »Johnche erlaubst, Tante Anna, Tante Anna
-sprechen?« fragte er bescheiden, den unförmigen Kopf auf eine Seite gelegt.
-
-»Das muß ich mir erst eine Stunde überlegen,« scherzte John.
-
-Markus verzehrte sich fast in Liebe zu Tante Zarnosky. Dieser
-heimtückische, wenig folgsame Idiot wurde unter ihren Blicken ein sanftes,
-aufs Wort gehorchendes Kind. Für Frau Zarnosky hätte Markus sich kreuzigen
-lassen. Er stieß einen Freudenschrei aus, als seine Angebetete in den
-Saal trat. »Tante Anna, Tante Anna,« schrie er erregt, »neue Stiefel, neue
-Stiefel!« Und dabei hob er den einen Fuß, um die neuen Stiefel zu zeigen,
-so hoch in die Höhe, daß er beinahe das Gleichgewicht verlor.
-
-Frau Zarnosky lud ihn ein, zu Paul und Leo ins Eßzimmer zu gehen, da sein
-lautes Wesen den Kranken angriff. Markus drehte sich indessen so lange
-seufzend an der Tür herum, bis sie ihm vorausging.
-
-Johannes sah seinem Bruder mit rollenden Augen nach. »Idiot, Idiot!«
-schimpfte er, ganz rot im Gesicht.
-
-»Und dieser Idiot,« sagte John bedeutungsvoll, »wird deine ganze
-Gesellschaft sein, wenn ich erst tot sein werde.«
-
-Johannes verstand das nicht; aber es ängstigte ihn trotzdem. »Willst
-wirklich sterben?« fragte er leise.
-
-Der Kranke seufzte. »Es wird mir nichts anders übrig bleiben,« entgegnete
-er.
-
-»Johnche,« wisperte Pfarrer, »wenn's nich sehr weh tut, komm ich auch.«
-
-John verzog das Gesicht. »Soll ich dir meine Pistole geben?« fragte er
-freundlich.
-
-»Neinei! Spaß jemacht! Spaß jemacht!« stammelte Johannes erschreckt.
-
-»Tut ja nicht weh,« scherzte John. »Ein Knall -- und du bist weg und gleich
-im Himmel, wo es Zigarren und Bratäpfel und Glacéhandschuhe haufenweis
-gibt.«
-
-Der Schwachsinnige senkte bestürzt den Kopf. »Im Sommer ...,« begann er auf
-einmal, und dann stockte er ratlos.
-
-»Was ist im Sommer?« fragte John.
-
-»So schön! So schön!«
-
-»Und da möchtest du nicht weg! Was?«
-
-»Nein,« flüsterte Johannes.
-
-»Aber wenn ich nun sterbe,« fuhr John mit erzwungener Ruhe fort, »kann
-morgen, kann übermorgen sein, dann wirst du es schlecht haben. Für die
-andern bist du doch nur ›der Idiot‹. Wer wird sich mit dir unterhalten?
-Und eure Marie, die wird für euch noch miserabler kochen als jetzt, wenn
-ich nicht mehr schmecken kommen werde. Sie wird euch hungern und frieren
-lassen ...«
-
-»Neineinei!« winselte Johannes. »Wirklich wahr? Wirklich wahr?« jammerte
-er.
-
-»Gewiß,« entgegnete John. Aber dann tat ihm der arme, bestürzte Bursche
-leid. »Na,« sagte er, sich zu einem Lachen zwingend, »vielleicht gibt es
-auch noch einen andern Ausweg, als -- ich will mal nachdenken, was ich noch
-für euch beide tun kann.«
-
-»Ach ja! --« sagte Johannes, und seine ganze Todesangst und seine ganze
-Lebensgier war in dem Zittern seiner Stimme.
-
-»Nun geh!« flüsterte John. »Ich bin müde, ich will schlafen. Das Gewitter
-kommt noch nicht so rasch.«
-
-»Und du wirst? Wirst ...?«
-
-»Ja, ja ...«
-
-Als der Schwachsinnige gegangen war, schloß John die Augen und weinte.
-
-Auch der wollte nicht sterben. Selbst so ein hilfloser, von allen
-verspotteter, armer Idiot hing am Leben -- -- es war so schön im Sommer ...
-
-Und seiner Familie wünschte er den Tod. Und Peter wollte er erschießen.
-Nein! Nein! Mochte Onkel John Peter nehmen. Mochte alles leben, was da
-leben durfte. Es war so schön im Sommer ...
-
-
-
-
-Dreizehntes Kapitel
-
-
-Der Vater kam und saß an seinem Bett, Onkel John kam, Onkel Chlodwig, auch
-Eugen saß oft bei ihm. Die Mutter war vom Morgen bis zum Abend um ihn, und
-der Arzt erschien jeden Tag. Paul und Leo betraten den Saal nur selten. Auf
-ihre Fragen nach seinem Befinden erhielten sie auch nur selten eine Antwort
-von John, und doch war er auf ihre Besuche am stolzesten. Meistens lag er
-ganz ruhig da, und die Fliegen umsummten seinen Mund.
-
-Einmal, während niemand bei ihm war, ergriff ihn entsetzliche Todesangst.
-Sich wild aufrichtend, umklammerte er krampfhaft den Bettstollen und rief:
-»Ich geh' nicht fort, eh' ich nicht weiß, wohin es geht!« Frau Zarnosky
-hörte es bis auf der Veranda; aber sie vermochte sich vor Schreck und
-Entsetzen nicht von der Stelle zu rühren. Sie schickte Onkel Chlodwig zu
-ihm, und dann schickte sie zum Pfarrer, damit er John von Gott und dem
-ewigen Leben spräche.
-
-Die Nachmittagssonne strömte ihren Glanz durch die purpurnen
-Fenstervorhänge, als der Geistliche, hoch und würdevoll, in den Saal trat.
-Er war der Sohn eines Bauern und trat auch in Krankenstuben nicht leise
-auf. Als er durch den stärksten der roten Lichtströme ging, flammte
-sein rötlichbrauner Vollbart wie Zunder auf, und sein starkknochiges,
-fanatisches Gesicht schien in diesem feurigen Rahmen zu übermenschlichen
-Dimensionen anzuschwellen. Er war großartig anzusehen, wie er so durch den
-Glanz schritt mit der Zuversicht seines Dünkels und seines Glaubens. Er
-fixierte John so lange, bis dieser verlegen die Augen niederschlug. »Wie
-geht's, mein lieber Konfirmand?« fragte er liebevoll und pathetisch,
-während sein Bart erlosch und sein Gesicht zusammenschrumpfte.
-
-John schob seine zitternde Trinkerhand mit Anstrengung in die ausgestreckte
-feste Rechte des Pfarrers, murmelnd, daß es ihm schlecht ginge.
-
-»Wir haben den lieben Herrgott und unsern Herrn Christus vergessen, nicht
-wahr?« fragte der Geistliche in eindringlichem Flüsterton.
-
-»Ja,« stotterte der Trinker mit einem kindischen und albernen Lachen.
-
-»Wir haben vergessen, was wir vor dem Altar gelobten, nicht wahr, mein
-lieber John?«
-
-»Ja.«
-
-»Und wir sind böse und gottlos gewesen?«
-
-»Ja.«
-
-»Und wir bereuen jetzt, ist es nicht so?«
-
-»Ja.« -- John war bereit, zu allem »ja« zu sagen, was der Pfarrer ihn
-fragte. Es ging eine faszinierende Macht von diesem Bauernsohn aus, der er
-in seiner Schwachheit nicht gewachsen war. Vergebens suchte er seine Blicke
-aus denen des Fragenden zu reißen; er zog sie immer wieder an sich. John
-lag wie gefesselt da, und seine Seele kämpfte erfolglos gegen den Starken
-an seinem Bett.
-
-»Ist Ihre Reue auch aufrichtig? Fühlen Sie aufrichtige Reue?« fuhr der
-Geistliche noch eindringlicher fort.
-
-»Große Angst,« stammelte der Kranke.
-
-»Wir wollen beten!« -- Das klang wie ein gedämpfter Posaunenstoß, wie der
-selbstbewußte Ruf eines bevorzugten Vasallen um Audienz bei seinem Herrn.
-John schloß ermüdet die Augen und ließ ihn reden, was er wollte. Er hörte
-kaum zu; aber seine Verzweiflung wurde doch stiller unter dem warmen Strom
-von Glauben und Zuversicht, der sich mit den Worten des Betenden über ihn
-ergoß.
-
-»Hören Sie auch zu?« fragte plötzlich der Pfarrer.
-
-»Ja,« sagte John leise.
-
-»Beten Sie auch mit?«
-
-»Ja.«
-
-»Wird Ihnen leichter ums Herz?«
-
-»Ja.«
-
-»Und Sie bereuen? Voll Vertrauen auf einen barmherzigen und gnädigen Gott?«
-
-»Ja.«
-
-»Der Glaube kann Berge versetzen!« rief der Pfarrer, daß es dröhnte. Und
-dann leiser: »Wenn Sie von ganzem Herzen bereuen, dann wird der Herr Ihre
-Sünden auslöschen, und Sie werden eingehen zur ewigen Seligkeit.«
-
-»Zur ewigen Seligkeit?« flüsterte ungläubig der Trinker.
-
-»Ja! Zu den Asphodill- und Lilien-Fluren, zu den Scharen der Seligen mit
-den goldenen Harfen.« Die Augen des Sprechers leuchteten verzückt.
-
-»Asphodill- und Lilien-Fluren?« wiederholte John wie ein Kind. »Und darüber
-ein Osterhimmel, nicht wahr?«
-
-»Nein! Gott darüber!« sagte laut und feierlich der Geistliche.
-
-John zuckte in plötzlicher Ergriffenheit zusammen, und der Pfarrer erhob
-sich.
-
-»Der Herr lasse sein Antlitz über dir leuchten und schenke dir seinen
-Frieden!« murmelte er voller Inbrunst, die große, feste Hand segnend über
-den Todgeweihten gereckt. Und dann ging er mit festen Schritten von dannen,
-umflossen von der Pracht seines Dünkels und der Zuversicht seines Glaubens.
-Frau Kalnis öffnete ihm, demütig wie ein Hund, die Tür. Als er ihr die Hand
-hinstreckte, durchfuhr sie diese Herablassung wie ein Blitzstrahl.
-
-John dachte an die Asphodill- und Lilien-Fluren; seine Phantasie
-schuf Bilder auf Bilder. O ja, er hatte schon Lust, nach jenen Fluren
-auszuwandern, nur glaubte er nicht, daß sie existierten. All das waren
-schöne Märchen für Kinder und Schwachsinnige.
-
-»Na, wie ist Ihnen jetzt?« fragte Frau Kalnis, noch ganz heiß von dem
-Händedruck.
-
-John machte mit Gewalt ein verschmitztes Gesicht. »Wissen Sie was,«
-entgegnete er, »der Mövius hat direkte Telephonverbindung mit dem lieben
-Gott.«
-
-»Oa!« rief sie enttäuscht. »Is das alles, was d'r Mann bei Ihnen
-ausjerichtet hat?«
-
-»Ich bin schon angemeldet auf den Asphodill- und Lilien-Fluren,« spöttelte
-er weiter, »und eine goldne Harfe ist auch schon für mich bestellt. Bei
-Petrus und Kompanie. Aber nobbel, sag ich dir!«
-
-»Schämen Sie sich!« schalt die Wärterin. »Sie verdienen nich, im Himmel zu
-kommen! Sie werden auch nich!«
-
-»Ich will auch gar nicht,« brummte er, »ich will hier bleiben und gesund
-werden. Es ist mir noch lange nicht genug!«
-
-»Noch nich jenuch jetrunken, was?«
-
-»Alles noch nicht genug,« murmelte John, unnatürlich die Augen aufreißend.
-
-»Wenn der Mövius mein Vater gewesen wäre,« sagte er nach einer Weile, »dann
-würde ich jetzt nicht hier liegen; dann wäre schon was aus mir geworden.«
-
-»Sie beleidjen Ihren Vaterche!« zeterte Dore. »Hat er nich alles für Sie
-jetan, was sein muß und sein kann?!«
-
-»Er hat es nicht verstanden,« murmelte John.
-
-»Was sagt er?« fragte Frau Zarnosky, mit geröteten Augen ins Zimmer
-tretend.
-
-»Er phantasiert e bißche,« half sich die Wärterin.
-
-Frau Zarnosky ließ sich am Krankenbett nieder und ergriff still und mit den
-Tränen kämpfend ihres Sohnes Hand. »Heul doch nicht immer!« hätte John am
-liebsten gerufen; aber er wollte die Mutter nicht kränken und auch nicht
-zeigen, daß ihm ihre Tränen eine Qual waren. Er schloß die Augen und tat,
-als wolle er schlafen.
-
-Als sie ihn eingeschlafen glaubten, ließ Frau Zarnosky ihren Tränen freien
-Lauf und sagte flüsternd zu Dore: »Lange wird es nicht mehr dauern.«
-
-»Neinei,« entgegnete diese.
-
-»Ich darf mir wohl keine Vorwürfe machen,« fuhr die Mutter fort. »Ich hab'
-wohl für ihn getan, was in meinen Kräften stand.«
-
-»Das haben Se,« bestätigte die Wärterin.
-
-John tat sich Gewalt an, um sein Wachsein zu verbergen; aber es wollte ihm
-nicht gelingen: sein Herz zersprang vor Zorn und Angst. »Ihr könnt mir alle
-gestohlen bleiben!« stieß er verzweifelt hervor.
-
-Frau Zarnosky sprang bestürzt auf. »Aber lieber Junge -- --« stotterte sie.
-
-Dore beruhigte Mutter und Sohn. Sie gab John Medizin ein und glättete seine
-Kissen, wobei ihr Mundwerk auch nicht einen Augenblick stillstand. Trotzdem
-überhörte sie nicht das schüchterne Klopfen an der Tür. »Das is der
-Pfarrerche,« sagte sie, resolut »herein« rufend.
-
-Und es war der Pfarrerche. »Wie geht's? Wie geht's?« fragte er, unter
-Verbeugungen näher tretend.
-
-»Besser natürlich,« erwiderte Frau Zarnosky, und ihre weinerliche Stimme
-stand in lächerlichstem Gegensatz zu ihren Worten. John hätte aus der Haut
-fahren mögen.
-
-Johannes schlingerte sich unter verlegenem Händereiben bis zum Bett, setzte
-sich auf die Kante des Stuhls, den Frau Zarnosky verlassen hatte, und
-machte hungrige Augen. »Schon Abendbrot, Abendbrot jejessen?« fragte er
-verschämt im Kreise herum.
-
-»Gib ihm doch was!« sagte John rasch zu seiner Mutter.
-
-»Sie sind immer bei App'tit, Herr Pfarrerche liebes, nich wahr?«
-schmunzelte Dore.
-
-Johannes sah sie unwillig an. »Wirst jefracht? Wirst jefracht?« versetzte
-er indigniert.
-
-Er bekam ein großes Schinkenbrot, das er mit stummer Wollust ergriff.
-Seine langen, nicht ganz sauberen Finger umklammerten es fest und zärtlich.
-»Schön, schön ... Danke, danke!« stammelte er mit halbgeschlossenen Augen.
-
-»Na, Pfarrer, wie ist's mit dem Himmel?« fragte ihn John ganz leise.
-
-Der Schwachsinnige lächelte leer und ängstlich. »Noch e bißche warten;
-nächstes Jahr, nächstes Jahr.«
-
-»Na, ich weiß was,« fuhr John ebenso leise fort, »Frau Kalnis soll zu euch
-ziehen, wenn ich tot bin.«
-
-Johannes warf Dore ganz von untenauf einen unbeschreiblichen Blick zu.
-»Meinst, meinst?« entgegnete er ziemlich zerstreut, denn das Schinkenbrot
-nahm seinen ganzen Menschen in Anspruch.
-
-»Ich möchte mit dir tauschen,« flüsterte John, die Augen schließend.
-
-Und er öffnete sie nicht mehr an diesem Abend. Doch im Geiste sah er sein
-ganzes Leben an sich vorüberziehen: Sommer und Winter, Lenze und Herbste;
-eine lange Kette von Tagen, die einst gewesen. Dabei wurde er schläfrig und
-schlief ein. Und seine Träume waren nicht schrecklich, wie in den meisten
-Nächten; sie hatten etwas Stilles, Wehmütiges und Fernes, und manchmal
-waren sie auch schön. Einmal ging er im Traum über die Asphodill- und
-Lilien-Fluren, auf denen weiße Schafe im Sonnenschein grasten und ein
-Hirte auf einer Schalmei ein weltfremdes Lied ertönen ließ. John hörte ganz
-deutlich eine wunderbare Melodie, die ihn so packte, daß er erwachte; aber
-er öffnete nicht die Augen und schlief bald wieder ein.
-
-Nun flog er durch die Nacht unter lauter Schattengebilden; selbst ein
-Schatten: das Leben lag hinter ihm. Und das gab ihm ein Gefühl, als sei
-eine Tür hinter ihm zugefallen, die sich nie mehr öffnen würde, soviel er
-auch bitten, flehen und schreien würde. Doch diese Empfindung erweckte
-nur ein ganz mattes, unklares Entsetzen in ihm. Er flog über meilenweite
-Schneefelder, auf denen sich dunkle Ungeheuer wanden, tief, tief unter ihm.
-»Wir können dir nichts mehr tun,« klang es zu ihm herauf, »denn du bist
-ja schon tot.« Peter (den er erschossen zu haben glaubte) kam ihm
-entgegengestürmt und begrüßte ihn mit lautloser, schattenhafter Freude.
-Sobald er ihn fassen wollte, zerfloß das Tier, um sich dann wieder zu
-einem nebelhaften Gebilde zusammenzusetzen. John bereute bitter, daß er ihn
-getötet hatte. Das kümmerlichste Leben, dachte er, ist tausendmal besser
-als tot sein.
-
-Es wurde sehr früh Tag im Saal, weil das mittelste der Fenster auf seinen
-Wunsch unverhängt geblieben war: er wollte doch das Licht genießen, solange
-er noch konnte. Und nun kam schon früh die Sonne zu ihm herein und weckte
-ihn ganz leise auf. Die Augen öffnend, sah er sich ratlos um: war er denn
-nicht gestorben? Ihm wurde so feierlich zumute in dem totenstillen, hellen
-Raum, er mußte plötzlich die Hände falten, und obgleich er nicht betete,
-war seine Stimmung so fromm wie ein Gebet.
-
-Kam er von Gott, dieser feierliche Frieden, den er plötzlich empfand?
-War es Gott, der die Verzweiflung von ihm genommen? Der ihn ohne Worte
-tröstete?
-
-Vielleicht ... vielleicht ... Wenn es einen Gott gab!
-
-Wie hatte der Pfarrer doch schon gesagt: »Der Herr lasse sein Antlitz über
-dir leuchten und schenke dir seinen Frieden.«
-
-Vielleicht kam er von Gott.
-
-Die Sonne, die durchs Fenster schien, dünkte ihn schon eine andere Sonne,
-und alles dünkte ihn schon so anders als gestern. Ihm war, als sähe er auf
-das Leben wie von einem Berg zurück, den er im Traum erstiegen hatte --
-und nun wollte er nichts mehr von ihm, auf einmal hatte er genug, war
-lebenssatt und todesbereit. Und sie war nicht ohne Wollust, diese Hingabe
-an den Tod, sie war ein ungeahnter Genuß, ein so großer, daß er Mitleid zu
-fühlen begann für alle, die zurückbleiben mußten und noch weite Strecken
-auf den gefährlichen, staubigen Wegen des Lebens zu wandern hatten.
-
-Und jetzt war er überzeugt, daß er den Weg gegangen, den sein Schicksal,
-das heißt seine Anlagen ihm bestimmten, daß es kaum in seiner Macht
-gelegen, einen andern zu gehen, und daß er darum eher zu beklagen als zu
-verdammen war. Weder er noch seine Eltern trugen schwere Schuld an seinem
-Los, weder sie noch er waren im Grunde dafür verantwortlich zu machen.
-Seine Anlagen waren ihm zum Verderben geworden, das war es! Und seine
-Anlagen waren eine Laune der Natur, für die niemand verantwortlich war,
-auch nicht Vater und Mutter, und sie waren stärker gewesen als sie alle
-zusammen. Laune der Natur war Gutes wie Böses, und das mußte hingenommen
-werden wie Sonne und Regen, wie Stille und Sturm -- denn wer konnte die
-Natur zur Verantwortung ziehen? Nach Willkür brausten die Winde, nach
-Willkür traf der Blitz, es gab keinen Herrscher über den Launen der Natur.
-Aber vielleicht, vielleicht gab es doch etwas Liebes und Gutes im All:
-einen Gott, nicht zum Herrschen, zum Trösten da.
-
-Der Morgen rückte vor. Die Sonne wurde von grauen Wolken bedeckt; Regen
-fiel. Ein trauriger Wind zog leise klagend an den Fenstern vorüber. Dore
-saß jetzt am Krankenbett, strickend lauschte sie dem Wind und dem seltsamen
-Schnarchen des Kranken; in ihren Augen war eine dumpfe Angst vor der
-Zukunft. Plötzlich erwachte John und sah sie an -- und verstand. »Du ziehst
-zu den Idioten, wenn ich tot bin,« flüsterte er. »Du kannst dir ja ein
-Mädchen halten. Der Vater wird dir ein Drittel meines Erbteils geben.«
-
-»Aber Herr Johnche trautstes ...«
-
-»Ruf ihn! Er soll es mir versprechen.«
-
-Die Wärterin mußte gehorchen, und Herr Zarnosky kam, den Kamm in der Hand,
-herbeigestürzt. Er versprach alles, was John wollte, sich in der Bestürzung
-mechanisch weiterkämmend. Hustend und sich räuspernd, um seinen Schmerz und
-seine Rührung zu verbergen, starrte er dem Sohn wie gebannt ins Gesicht.
-»Möchtest du nicht was trinken?« fragte er einmal über das andere.
-
-John schüttelte mit einem fremden Lächeln den Kopf.
-
-»Champagner, wie?«
-
-»Ich kann nicht mehr.«
-
-»Na, es wird schon alles wieder besser werden,« sagte Herr Zarnosky mit
-rauher Stimme, und in diesem Augenblick hätte er alle seine andern Kinder
-hingegeben, wenn er John dafür zurückbekommen hätte, wie er vor zehn Jahren
-war. Sein Gewissen regte sich zum ersten Male laut und heftig diesem Ende
-gegenüber, er fühlte sich nicht mehr frei von aller Schuld beim Anblick
-seines sterbenden Sohnes. Und obgleich er sich sagte, daß vielleicht auch
-ein Stärkerer als er John gegenüber versagt hätte, so schien ihm nun doch
-nicht genug, was er um ihn getan hatte. »Nicht genug, nicht genug ...« das
-erhob sich wie ein Klingen in seinen Ohren, das nicht mehr enden wollte.
-»Hab' ich dich nicht immer gewarnt?« stieß er wie zu seiner Verteidigung
-unsicher hervor.
-
-»Besser werden,« murmelte John, die Augen schließend.
-
-Herr Zarnosky streckte die Hand aus und fuhr ihm mit ungeschickter,
-verzweifelter Zärtlichkeit über das Gesicht, dann drehte er sich wortlos um
-und ging, die Zähne zusammenbeißend, hinaus.
-
-Abends gegen zehn verlangte John mit klaren Augen Champagner, und Dore
-beeilte sich, ihm das Gewünschte zu holen. Während des Trinkens riß er sich
-immer wieder am Halse, weil ihm das Schlucken sonderbar schwer fiel. »Will
-nicht mehr rutschen,« sagte er mit einer traurigen Grimasse. Dann legte
-er sich zurück, faltete die Hände und ließ wie in alten Tagen die Daumen
-umeinander laufen. Frau Kalnis holte ihr Strickzeug und setzte sich zu ihm
-ans Bett.
-
-»Dore,« sagte er plötzlich, »war das alles: geboren werden, saufen und nun
-sterben?«
-
-»Wie meinen Se, Herr Johnche?«
-
-»Ich meine, ob das alles war, was ich erleben sollte?«
-
-»Na--e ...« und mehr wußte sie nicht.
-
-»Dann war mein ganzes Leben fünf Pfennige wert!« stieß John zwischen den
-Zähnen hervor.
-
-»Aber vielleicht kommt doch noch etwas,« murmelte er dann. »Etwas muß doch
-noch kommen, es war doch noch so gar nichts, so gar nichts -- -- Vielleicht
-ist der Tod eine angenehme Überraschung,« setzte er mit Humor hinzu. Darauf
-sah er starr vor sich hin und sagte: »Vielleicht ist der Tod das einzige
-große Erlebnis im Leben der meisten Menschen.«
-
-»Denken Sie auch an Gott?« fragte Frau Kalnis.
-
-John hatte die Augen geschlossen und schwieg.
-
-»Hörst du? Ach, hörst du?« murmelte er nach einer Weile.
-
-»Ich her nichts,« entgegnete die Wärterin.
-
-»Musik!« flüsterte er. »So traurig und so schön! Wie von vielen Wassern
--- -- Wie von großen Wäldern -- -- Wie von Stürmen -- -- So schwer und so
-tief und so traurig schön!« Nach diesen Worten öffnete er rasch die Augen
-und sagte wie in einer plötzlichen Erleuchtung: »Weißt du, wozu ich gepaßt
-hätte, Dore?«
-
-»Na?«
-
-»Ich hätte Musik machen können.«
-
-»Jewiß,« bestätigte die Wärterin, »was konnten Se doch bloß scheen d'n
-Flohwalzer spielen.«
-
-John kicherte nervös vor sich hin; ein Kichern das wie ein Schluchzen
-klang. »Du hast es getroffen,« flüsterte er, »auf d'n Flohwalzer kommt es
-an.« Dann seufzte er tief und schloß die Augen.
-
-Die Wärterin ließ ihr Strickzeug in den Schoß sinken und sah ihn an. Und
-es kam ihr vor, als verändere sich sein Gesicht, während sie ihn unverwandt
-anblickte. Sie saß wohl eine halbe Stunde so, das Strickzeug im Schoß. »Er
-jefällt mir gar nich,« murmelte sie, als Frau Zarnosky ans Krankenbett kam.
-
-»Er schläft doch so schön,« sagte die Mutter.
-
-Und die beiden Frauen standen und blickten stumm auf den Schläfer.
-Sie glaubten eine Ewigkeit so zu stehen, wie von unsichtbaren Mächten
-festgehalten. Draußen plätscherte der Regen, draußen war das Leben. Und im
-Zimmer war der Tod, das fühlten sie nun alle beide. John lag ganz still.
-Doch plötzlich wurde er unruhig: und während ein krampfhaftes Zucken durch
-seinen ganzen Körper lief und sein Gesicht sich verzerrte, schlug er die
-Augen auf und suchte mit großen, angstvollen Blicken die Mutter; er schien
-etwas sagen, etwas rufen zu wollen. Frau Zarnosky beugte sich tief zu ihm
-herab; aber er sagte nichts, konnte nichts mehr sagen. Sein Kopf sank
-ein wenig zur Seite, die Lider schlossen sich zur Hälfte über den glasig
-werdenden Augen -- ein Röcheln, ein Ausstrecken, der Gesichtsausdruck wurde
-friedlicher -- starr: John war tot.
-
-
-
-
-Deutsche Romane und Erzählungen
-
-
-Lily Braun, Memoiren einer Sozialistin, Roman
-
-    Geheftet 6 Mark, gebunden 7 Mark 50 Pf., in Halbfranz 9 Mark
-
-
-Alexander Castel, Der seltsame Kampf, Drei Novellen
-
-    Geheftet 3 Mark 50 Pf., in Pappband 5 Mark, in Halbfranz 6 Mark 50 Pf.
-
-
-Max Dauthendey, Lingam, Asiatische Novellen
-
-    Geh. 2 Mark 50 Pf., geb. 3 Mark 50 Pf., in Halbfranz 5 Mark 50 Pf.
-
-
-Hermann Gottschalk, Gerhard Frickeborns Freiheit, Roman
-
-    Geheftet 5 Mark 50 Pf., gebunden 7 Mark, in Halbfranz 8 Mark 50 Pf.
-
-
-Otto Gysae, Die Schwestern Hellwege, Roman
-
-    Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark
-
-  Edele Prangen, Roman
-
-    Geh. 3 Mark 50 Pf., geb. 4 Mark 50 Pf.
-
-  Die silberne Tänzerin, Roman
-
-    Geheftet 3 Mark 50 Pf., gebunden 4 Mark 50 Pf., in Leder 6 Mark 50 Pf.
-
-
-Max Halbe, Der Ring des Lebens, Novellen
-
-    Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark, in Halbfranz 6 Mark
-
-
-Karl Borromäus Heinrich, Karl Asenkofer, Roman
-
-    Geheftet 3 Mark 50 Pf., gebunden 5 Mark, in Halbfranz 6 Mark 50 Pf.
-
-  Karl Asenkofers Flucht und Zuflucht, Roman
-
-    Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark, in Halbfranz 6 Mark
-
-  Menschen von Gottes Gnaden, Roman
-
-    Geheftet 3 Mark, in Pappband 4 Mark, in Halbfranz 6 Mark
-
-
-Hermann Hesse, Gertrud, Roman
-
-    Geheftet 4 Mark, in Pappband 5 Mark 50 Pf., in Halbfranz 7 Mark
-
-
-Korfiz Holm, Thomas Kerkhoven, Roman
-
-    Geh. 5 M., geb. 6 M.
-
-
-Richard Huldschiner, Die Nachtmahr, Roman
-
-    Geheftet 3 Mark 50 Pf., in Pappband 5 Mark, in Halbfranz 6 Mark 50 Pf.
-
-
-Adolf Köster, Die zehn Schornsteine, Erzählungen
-
-    Geheftet 3 Mark 50 Pf., gebunden 5 Mark, in Halbfranz 6 Mark 50 Pf.
-
-
-Gustav Meyrink, Wachsfigurenkabinett, Sonderbare Geschichten
-
-    Geheftet 4 Mark, in Halbfranz gebunden 6 Mark
-
-  Orchideen, Sonderbare Geschichten
-
-    Geh. 2 M., geb. 3 M.
-
-
-Otto Soyka, Der Fremdling, Roman
-
-    Geheftet 3 Mark, in Pappband 4 Mark, in Halbfranz 6 Mark
-
-
-Ludwig Thoma, Andreas Vöst, Bauernroman
-
-    Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark, in Leder 6 Mark
-
-  Kleinstadtgeschichten
-
-    Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark, in Leder 6 Mark
-
-
-Albert Langen Verlag in München
-
-
-Druck von Hesse & Becker in Leipzig
-
-Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik, Niefern bei Pforzheim
-
-Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Der Schmutztitel wurde entfernt.
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- Seite 80:
- "erikafarbenen" geändert in "erikafarbenem"
- (mit erikafarbenem Schimmer über dem Hof)
-
- Seite 92:
- "sie" geändert in "Sie"
- (Da täten Sie recht!)
-
- Seite 95:
- "uud" geändert in "und"
- (ließ er den Kopf hängen und weinte) ]
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Trinker, by Katarina Botsky
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TRINKER ***
-
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-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
-Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
-collection are in the public domain in the United States. If an
-individual work is in the public domain in the United States and you are
-located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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-works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
-are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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-
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit http://pglaf.org
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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