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-The Project Gutenberg EBook of Riesele, by Nikolaus Schwarzkopf
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Riesele
- Geschichte eines kleinen Pferdes
-
-Author: Nikolaus Schwarzkopf
-
-Release Date: August 16, 2020 [EBook #62943]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RIESELE ***
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-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Antiquaschrift |
- | als ~Antiqua~. |
- | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
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-Schwarzkopf/Riesele
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-[Illustration]
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- Nikolaus Schwarzkopf
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- Riesele
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- Geschichte eines kleinen Pferdes
-
- 1920
-
- Georg Müller Verlag München
-
-
-1. bis 3. Tausend
-
-Copyright 1920 by Georg Müller Verlag A. G., München
-
-
- Meinen beiden Buben
- Friedemann und Klaus
-
-
-
-
-I
-
-
-Trudel, die kleine, hochträchtige Stute, zog das mit frischem Gras
-beladene Wägelchen den tiefgleisigen Weg nach ihrem Stalle hinan, und
-der Bauer, der mit seinen drei Kindern oben auf dem Grase lag, sagte:
-
-„Sie hat nun Feierabend für ein paar Wochen: morgen oder übermorgen
-wird sie uns ein Füllen schenken!”
-
-Die Kinder, zwei Buben und ein Mädchen, hüpften aus Freude darüber von
-dem Wagen herab, und auch der Vater kletterte herunter, und alle vier
-sprangen sie an die Radachsen und drückten und schoben, daß Trudel
-nicht mehr zu ziehen brauchte und vor Freude laut aufwieherte.
-
-Aus dem Fenster der Wohnstube, grad überm Stalle, guckte die Bäuerin,
-die Mutter der Kinder, und rief:
-
-„Ist's Zeit für die Trudel, soll ich kommen?”
-
-Sie kam auch schon die hohe Steintreppe herabgesprungen, verlor den
-einen Holzschuh, stieß auch den anderen zur Treppe hinab und riß die
-Stalltür auf und rannte barfuß in die kleine Scheune, frisches Stroh zu
-holen.
-
-„Nur Geduld!” sprach der Bauer, „so eilt's wohl nicht, Katherin; ihr
-Weiber seid mir allzu ängstlich besorgt um euer schweren Stunden!”
-
-Hühner, dreißig an der Zahl, standen aus dem Sande auf, schüttelten den
-Staub aus den Federn und sahen neugierig und wie in Ehrfurcht zu der
-Stute hin, der bunte Hahn krähte einmal, eine Henne kam mit ihren zehn
-Küchlein aus den Halmen der Wiese, junge Enten, die im Wiesengraben
-plätscherten, wackelten mühselig an den Weg, und etliche schwere Gänse
-hüpften flatternd auf den Wagen, das frische Gras zu versuchen.
-
-Indessen wurde Trudel von acht rührigen Händen abgeschirrt, das kleine
-Mädchen legte seine Hand an des Tieres schwabbelige Lippen, und diese
-folgten dem Händchen in den weitgeöffneten Stall.
-
-Bärbel, die Kuh, deren Kalb, weil es ein vernaschtes Ding war,
-seitabgebunden an seinem Stricke riß, Bärbel, die Kuh, drehte den
-breiten Kopf nach der Trudel und schob zugleich das Hinterteil mit dem
-schweren Euter dem blökenden Kinde zu, das heftig einstieß.
-
-„Mamme, der Max sauft schon wieder!” rief der rothaarige August der
-Mutter zu, die mit einem Arm voll Stroh hereinkam in den Stall.
-
-„Laß ihn heut noch einmal saufen, den Nimmersatt, morgen ist er nicht
-mehr der Jüngste im Stall, da wird er sich schämen, so vernascht zu
-sein!”
-
-Sie zerknüllte das widerborstige Stroh und breitete es unter der
-Trudel aus, und zwei Zicklein hüpften um sie her, indem sie, einen Halm
-im Mäulchen, die überlangen Hinterbeine nach allen Seiten in der Luft
-umherwarfen. Auch Sapperlott, der Hasenvater, kam über die sauberen
-Pflastersteine des Stalles dahergehoppst, indes die alte Häsin hinten
-in ihrem verdrahteten Geburtskasten hockte und ihre Zitzen einer
-wimmelnden Kinderschar preisgab. Sapperlott hüpfte mitten hinein ins
-neue Stroh, die Bäuerin packte ihn im Genick und warf ihn dem kleinen
-Mädchen, das sich in die Krippe vor die Augen der Trudel gesetzt hatte,
-in den Schoß. Aber das Kind mochte den Alten nicht und setzte ihn
-hinter sich in die Krippe, und nun lief er langsam höckernd auf dem
-Stein zur Bärbel hinüber, die sich nicht um ihn kümmerte.
-
-Die Bäuerin putzte an dem Leib der Trudel herum, das Mädchen
-streichelte die lange Mähne glatt und versuchte, ein Zöpfchen zu
-flechten, August und Gustav schabten an der Stalltür Dreck von den
-Runkeln und warfen sie in die Futtermaschine. Mit dem Vater kamen die
-Hühner, alte und junge, angelockt vom frischen Stroh, und die Enten
-standen schräg hintereinandergereiht, wie das ihre Art ist, vor der
-Schwelle und wackten nach ihrem Abendessen.
-
-Auch die Sonne guckte in den Stall; sie schob ein Brett Licht, so breit
-wie die Tür, herein, das an der hinteren Wand sich emporstellte und,
-da es Abend war, bis an die Decke hinaufreichte, wo ein Schwalbennest
-klebte. Die Runkeln polterten in dem Kasten.
-
-Der Bauer brachte Gras herein, verteilte es an Kuh, Ziegen und Hasen
-und sagte zu seiner Frau:
-
-„Na los jetzt, wenn's Zeit ist, mach das Trinken für die Trudel und
-nimm Weizenkleie heut abend!”
-
-„Eine Mehlsuppe soll sie haben, Vatter!”
-
-„Meintwegen, koch ihr eine Mehlsuppe! Los, Buben, 's Federvieh
-gefüttert!”
-
-Die Bäuerin wischte mit der Sackschürze dem Gäulchen über die
-glänzenden Schenkel, trat aus dem Stall, schlüpfte treppauf in die
-Holzschuhe und schlappte in die Küche, das Getränk zu kochen. Gustav
-warf oben von der Treppe herab Gerste und Mais in vollen Händen
-weithin, und das Federvieh schoß aus allen Winden drauf zu, laut und
-gierig, und auch der Hahn tat, als könne er nicht genug bekommen,
-obwohl er doch sonst gern den Anschein erweckte, daß er vom Winde lebe!
-
-Drüben aber in den Wiesen erging sich das Schwesterchen, tappte hierhin
-und dahin, sammelte sich die großsternigen Kuhblumen, die millionenhaft
-den Abhang überblühten, und das freundlich gelbe Scharbockskraut,
-dessen Blüten wie kleine Sonnen zerstrahlten. Einen ganzen Arm voll
-Gelb und Weiß stellte das Kind, das auch Trudel hieß, in sein
-Eimerchen, ließ an dem fließenden Quellrohr, in dessen Trog ein Entlein
-schwamm, Wasser ins Eimerchen laufen und hob die zarte Herrlichkeit ans
-Stallfenster hinauf, daß das junge Füllen, wenn es komme, gleich einen
-Gruß von ihr habe.
-
-Der Nachbar mähte die erste Blust seiner Wiesen vorm Hause ab, ein
-gelbweißer breiter Weg schob sich in die weißübertupfte Farbenpracht,
-und seine Kinder zogen aus dem niedergemähten Gras die Blumen heraus,
-weil sie nicht in die Wiesen treten durften.
-
-Trudelchen sprang zu ihnen hin und verkündete, daß heute nacht ein
-kleines Gäulchen ankommen werde.
-
-Die Mutter rief zum Essen, der Vater schloß die untere Stalltür, die
-Schwalben kamen heim, das Federvieh schlief, die Sonne schlief, die
-Blütenpracht ward überdunkelt, das Glöcklein des spitzen Kirchturmes
-bimmelte sich schläfrig, das Gras duftete, ein Kohlweißling flatterte
-übermüdet vorüber, da setzte sich die Familie ans Abendessen.
-
-Und dann sogleich wurden die Kinder ins Bett gesteckt.
-
-„Einen Fuchs gibt's!” sagte August leise.
-
-„Ein Schimmelchen!” entgegnete Gustav.
-
-„Ein Räppele!” lispelte Trudel.
-
-„Ruhig! Eingeschlafen!” flötete die Stimme der Mutter aus der Küche.
-
-„Wenn's ein Fuchs ist, muß es August heißen!” hub August wieder an.
-
-„Gustav muß es heißen ...”
-
-„Wenn's ein Fuchs ist?”
-
-Trudel kicherte:
-
-„Ein Räppele, nun ja, wie heißt's denn dann?”
-
-„Räppele!” antwortete Gustav.
-
-„Aber wie wird denn das große R gemacht?”
-
-„Ruhig! Eingeschlafen!” rief der Vater.
-
-Im Kirchtürmlein schlugs langsam zehn; so langsam, daß man darüber ein-
-und ausschlafen konnte. Dann fing auch das fleißige Lieschen an und
-schnurrte eilig und abgearbeitet seine zehn herunter.
-
-„Ein Schimmel?” flüsterte Gustav.
-
-„Ruhig! Eingeschlafen!” rief ebenso heftig Trudel.
-
-Und dann lispelte auch sie wieder:
-
-„Das große R, August, darf ich zu dir kommen, willst du mir's zeigen?”
-
-„Vater kommt!” stieß Gustav hervor und schlief ein.
-
-Die Eltern gingen im Nachbarzimmer zu Bett.
-
-„Mutter”, rief Trudel, „das große R, wie wird denn das gemacht?”
-
-„Schlaf!” sagte der Vater, „die Mutter schläft schon!”
-
-Gustav und August schliefen, und der eine schnarchte laut.
-
-„Vater”, fing nach einer Weile Trudelchen wieder an, „Vater, wie wird
-das große R gemacht?”
-
-„Ruhig!” antwortete jetzt die Mutter, „der Vater schläft!”
-
-Da hatte das Kind etwas anderes zu denken ... und schlief ein.
-
-Jenseits vom Wiesentälchen im Birkenschlag sang eine Nachtigall; sie
-und die Bäuerin wachten in der Nacht, da das Gäulchen zur Welt kam. Als
-der Bauer des Morgens in den Stall trat, stand das kleine Gäulchen auf
-den weitgespreizten vier Beinen im Stroh und ließ sich behaglich von
-seiner Mutter lecken.
-
-Ein Räppchen war's, ganz schwarz, und nur auf seiner Stirn war ein
-weißer Fleck, allerliebst anzusehen und gar gefällig und kleidsam!
-
-Die Bäuerin holte ihr Mädchen aus dem Bett, die beiden Buben sprangen
-in ihren Hemdchen hinterdrein, und das Füllen streckte seinen nassen,
-großen, eckigen Kopf von dem Halse der Mutter weg, den Kindern
-entgegen, und das Schwesterchen ließ den Daumen im Mäulchen, ließ den
-Arm um Ihrer Mutter Halse liegen und blinzelte durch die schweren
-Lider, als sei es recht von dem Ankömmling enttäuscht. Die Buben
-tätschelten schon an ihm herum, worüber die Pferdemutter sehr erfreut
-war und ihre Augen aus dem Duster des Morgens leuchten ließ.
-
-Die Mutter nahm des Tierleins Kopf, schob ihn an der Pferdemutter
-Zitzen, und sogleich begann der kleine Gaulmann wacker zu saugen.
-Unendlich zärtlich bog die Alte ihren Kopf nach ihrem Jungen herab
-und zurück, daß die Mähne die Augen verdeckte, leckte, leckte und hob
-das rechte Hinterbein, daß das Junge recht bequem sein Erdendasein
-beginne! Dann schob sie den Kopf wieder hochauf, spitzte die Ohren,
-hälmelte an dem Gras oben in den Raufen und sah wieder zurück, hob mit
-den schwabbeligen Lippen ein Bündel Heu auf und putzte damit an dem
-Kleinen. Dieses ließ sich, als es sich vollgesoffen hatte, genau wie
-die großen Gäule auf die Vorderknie nieder und dann zurückplumpsen ins
-Stroh, und sogleich legte sich auch die Mutter nebendran und leckte
-weiter.
-
-Die Bauern der Nachbarschaft kamen am selben Morgen, die Bäuerinnen
-kamen und auch der Herr Pfarrer kam, den Säugling zu sehen. Er kannte
-Trudel, die Mutter, sehr gut: sie hatte ihn schon oft übers Gebirg
-gezogen in die Filialorte, wenn Glatteis war, sie hatte ihn schon oft
-bei Regenwetter vom Bahnhof des Städtchens abgeholt! Was sollte er sie
-in ihrem Wochenbett nicht einmal heimsuchen?
-
-Er war ein sehr großer Mann, der Herr Pfarrer, und als er in die
-Stalltür trat, mußte er sich bücken. Der Bauer, ängstlich besorgt, der
-Herr Pfarrer könne trotzdem den Kopf an die Oberschwelle stoßen, legte
-vertraut, wie er mit ihm war, die Hand auf des Herren Schulter und
-sagte:
-
-„Herr Paschtohr, geben Sie acht, daß Sie Ihren Grind nit anstoßen!”
-
-„Schon gut,” entgegnete der Pfarrer und dachte: Grind bräucht er grad
-nit zu sagen; na, es ist aber mal so auf dem Land, 's ist nit bös
-gemeint!
-
-Der Pfarrer freute sich gern und freute sich über das Tierlein und
-über die Mutter, doch war es ihm nicht vergönnt, einen Aerger zu
-verschlucken, als der Bauer den eckigen Kopf des Säuglings überaus
-zärtlich untern Arm nahm, ihn, den Pfarrer, glücklich wie ein Vater
-angrinste und sagte:
-
-„Gucke Sie doch, Herr Paschtohr, was ein goldiges Köpfle!”
-
-„Allerliebst!” antwortete der Pfarrer, aber er dachte bei sich: sein
-Vieh hat ein Köpfle, ich, sein Pfarrer, hab nur einen Grind!
-
-„Segen ist in der Liebe zum Getier, nicht wahr, wie in aller Liebe?”
-sprach der Bauer, und:
-
-„Wie in aller Liebe!” wiederholte der Pfarrer und fügte hinzu:
-
-„Und der liebe Gott gesegnet's einem mehr und sichtbarlicher, wenn man
-sich weniger zu den Menschen wendet und mehr zum Getier und zu den
-Blumen, zu den Bäumen, selbst zu dem harten Gestein! Hat das etwa keine
-Ursache, Vetter Klaus?”
-
-„Das hat wohl seine Ursache, Herr Pfarrer, wie alles in der Welt, und
-Sie wissen es wahrlich besser als ich!”
-
-„Warum sollte ich es besser wissen, Vetter Klaus? Ich schlage mich im
-Schatten mit den Menschen herum und mit ihren dunklen Leidenschaften,
-und Sie, Vetter Klaus, Sie leben und weben im Sonnenlicht, am Herzen
-der Natur, die noch weit mehr das Quellrohr Gottes ist als wir
-Menschen, die wir uns in schnöder Ueberschätzung Ebenbilder Gottes
-nennen!”
-
-„Hat sich etwa die Stammutter der Pferde im Paradies vergangen? Hat sie
-von einem verbotenen Apfel gegessen?”
-
-„Vetter Klaus, Vetter Klaus, ich weiß ganz gut, wohinaus er will, ich
-kenne meine Pfarrkinder nur zu gut; aber wisse er: wenn der liebe Gott
-den übrigen Geschöpfen keinen verbotenen Baum in den alltäglichen Weg
-gestellt hat, so wußte er genau, was er tat!”
-
-„Sonst wär er nicht Gott!”
-
-„Ganz recht, Vetter Klaus, sonst wär er nicht Gott! Aber die
-Erkenntnis, mit der er uns Menschen ausgestattet hat, -- --”
-
-„Die hat er den Tieren, die er mehr liebte und mehr liebt, erspart!”
-warf der Bauer ein.
-
-„Oho! Vetter Klaus!” rief der Pfarrer, jedoch der Bauer fuhr fort:
-
-„Sagten Sie nicht selbst schon auf der Sonntagskanzel, daß die
-Erkenntnis, die den Menschen gegeben sei, daß dieser Knochen, der den
-Menschen vorgeworfen wurde, eben nichts Halbes und nichts Ganzes ist,
-eben, daß er ein wirklicher Fluch ist?”
-
-„Vetter Klaus: Erkenntnis sei ein Fluch?!”
-
-„Ha, ich habe aus Euren Predigten, Herr Paschtohr, schon etwas gelernt:
-und man macht sich hinterm Pflug so seine eigenen Gedanken!”
-
-Er nahm des Füllen Kopf an seine Brust, hob den überaus langen
-Schweif der Stute hoch und trocknete damit an dem Füllen herum. Der
-Pfarrer nahm eine Prise, hielt auch dem Bauern die Dose hin und sagte
-freundlich lächelnd:
-
-„Lieber Vetter Klaus, ich habe stets das unverdorbene Urteil des
-gesunden, unverbildeten Bauernverstandes zu schätzen gewußt und bin
-gerade deshalb Bauernpfarrer geworden! Lassen Sie mich das so sagen,
-wie ich es sage: Einst ist in einem Stalle ein Kindlein auf die Welt
-gekommen, und das war Gott. Es lebte, auch da es schon Mann war,
-fröhlich wie Ihr in den Tag hinein, fröhlich wie Ihr und die Vögel des
-Himmels und die Lilien des Feldes und tat sonst nichts, als daß es
-seinen Mitmenschen vom himmlischen Vater erzählte. Nicht viel anders
-erzählte es, als wie die Vögel erzählen und die Blumen, das Wasser, das
-Gras, Dein Vieh und ganz unmittelbar das kleine Füllen, das eben erst
-seiner Schöpferhand entsprossen.”
-
-„Ja, und ich selbst, und wir selbst?” warf der Bauer ein, und der
-Pfarrer fuhr fort:
-
-„Die Menschen freilich sind ohne Gott, haben seine Worte vielfältig
-umgemünzt zu ihren verbrecherischen Zwecken, verstehen auch die Natur
-nicht mehr, das Göttliche in der Natur und im eigenen kindlichen
-Herzen und haben sich immer weiter von Gott entfernt, den sie nunmehr
-mit ihrem Verstand zu erforschen suchen gleich der Urkraft in der
-Zelle, anstatt ihn mit ihrem Herzen zu lieben! Immer ärmer, immer
-unglücklicher! Schier des Teufels!”
-
-„Darf ich etwas fragen, Herr Paschtohr?”
-
-„Aber freilich”, entgegnete der Pfarrer neugierig und stolz.
-
-„Ist Ihnen diese Meinung eben erst in meinem Stall gekommen, will
-sagen: in einem Stall? Wie sich's gehörte?”
-
-„Wie sich's gehörte, sagt Ihr und wollt sagen: daß die echte
-Erkenntnis im Stall geboren wird, dieses kleine göttliche Kindlein der
-Menschenseele ... Ja, Vetter Klaus, hier in Deinem Stall!”
-
-Der Pfarrer deutete in fröhlich hohem Schwung den Wiesen zu, dem
-Wäldchen, den Hügelwellen, die leise zu schwingen schienen, der Sonne
-und den Wolken ...
-
-„Sagen Sie es doch so, Herr Paschtohr: in Eurem Paradies, Vetter
-Klaus!”
-
-„Ganz recht: in unserem Paradies, Vetter Klaus!”
-
-Trudel, das Mädchen, kam mit fliegenden Haaren und fliegenden
-Tafelschwämmen den Weg hergesprungen und schrie schon von weitem:
-
-„Ich kann's, Vater, ich kann's!”
-
-„Was denn, was kannst denn?”
-
-„Das große R!”
-
-Es ließ seine Bücher fallen, behielt nur die Tafel in den Händen, blieb
-einen Augenblick stehen und wischte mit dem Zeigefinger gar fürsorglich
-und rannte dann um so rascher zum Vater. Auf der Tafel stand, von des
-Lehrers Hand geschrieben, das Wort „Räppchen”, und darunter stand das
-Wort von Trudels Hand ungelenk nachgemalt.
-
-Der Pfarrer ließ sich die Tafel geben und sagte zu dem Bauern:
-
-„Sehn Sie doch, Vetter, wie die Menschen von Anbeginn gierig sind nach
-ihrem Fluch!”
-
-„Sie sind es in der Tat: der Teufel hol mir alle seine Schulmeister!”
-
-„Und alle seine Pfaffen dazu!” lachte der Pfarrer und ging quer über
-die gemähte Wiese des Nachbars davon.
-
-
-
-
-II
-
-
-Als das Räppchen zum ersten Mal aus dem Stall gehen durfte, rannte
-es unter den Händen der drei Kinder davon, feuerte aus, wie wenn es
-toll wäre, und die Hühner stoben auseinander, die Gluck sträubte das
-Gefieder, die Enten ordneten sich schräg hintereinander und guckten in
-die Höhe, und nur die Gänse gingen vorgestreckten Halses beherzt auf
-den Fremdling los, ihn mit ihren sägig bewehrten Schnäbeln zu beißen
-und zu vertreiben. Jedoch das Räppchen achtete nicht ihrer Waffen,
-hüpfte weiter und blieb erst stehen, wo kein Huhn und keine Gans mehr
-stand, und turnte da einmal recht kräftig auf seine Vorderbeine, um mit
-den dickknochigen Hinterbeinen gehörig auszufeuern und gleichsam die
-ganze Flatterschar keck zum Kampf herauszufordern.
-
-Da es eine Pause machte und um sich guckte, ob vielleicht Gegner auf
-die Walstatt gefolgt seien, drehte sich der Hahn seitab und krähte
-einmal ins Birkenwäldchen, als ginge ihn dieser Bramarbas herzlich
-wenig an. Die Gänse streckten die Schnäbel zusammen und schnatterten,
-was sie gesehen, und machten sich lustig über den Tollpatsch, und nur
-die Enten kamen gutmütig, wie sie sind, seitlich am Rande der Wiese
-entlang auf das Räppchen zugewackelt, sagten aber nichts.
-
-Auch die drei Kinder kamen, schnalzten mit den Zungen, hielten die
-Hände vor und rieben die Daumen auf den Zeigefingern. Das Räppchen
-blieb stehen, bis die Kinder nur noch einen Schritt entfernt waren,
-dann warf es sich behend herum und raste davon. Die kleine Trudel
-begann zu weinen, und aus dem Stall erscholl das klagende Wiehern der
-anderen Trudel, aber das Räppchen achtete auf nichts und lief immer
-weiter, ins Dorf hinein.
-
-Die Bauern traten in die Türen und sahen ihm nach, die Bäuerinnen kamen
-mit ihren Kochlöffeln gelaufen, alle Kinder eilten herzu, das Füllen
-einzufangen.
-
-Er, der Säugling, konnte der Meute der Jugend nicht weiter entfliehen
-und ergab sich schließlich, wieherte und streckte den zahnlosen Mund in
-die Luft und schweifte das dünne Schwänzchen hin und her, bis es von
-einer kleinen Hand festgehalten wurde. Die Mähne, die wie ein Besen in
-die Höhe starrte, ward von Kinderhänden überstreichelt bis tief in den
-Rücken. Auch die beiden Ohren wurden festgehalten und die zierlichen
-Hufe, die Lippen, die Mähne, und schier wäre das ganze Kerlchen von
-Kinderhänden überdeckt worden, hätte das Räppchen nicht durch einen
-heftigen Ruck sich selber befreien können. Da stand gerade die kleine
-Trudel vor ihm, und diese Trudel durfte ihm über die Augen fahren und
-an die weiße Stirn. Mit ihr ging das Räppchen auch wieder heimzu, und
-die Kinder des Dorfes strömten mit an den Stall und drangen bis in
-den Stall hinein, und Katherin, die Bäuerin, hatte ihre liebe Not mit
-ihnen, sie wieder hinaus zu bringen.
-
-Als der Bauer mit Bärbel, der Kuh, die den kleinen Pferdewagen an der
-Stirn hängen hatte, gemächlich, wie es einem Kuhfuhrwerk zukommt,
-den Weg herauftrottete, saßen noch einige auf der Stallschwelle und
-betrachteten das kleine Füllen mit seiner Mutter, denn junge Pferde
-gab's nicht alle Tage, und zudem solch ein kleines war noch nicht
-gesehen worden im Dorf und nicht im Tal.
-
-Der Bauer war beinah böse: er wollte den kleinen Mann so früh nicht auf
-die Gasse schicken, nun er seinen ersten Ausflug doch gemacht hatte,
-mäßigte er seinen Groll, da er wußte, wie die gute Mutter dem Drängen
-der Buben nicht hatte widerstehen können ... Er holte sich das Tierlein
-heraus in die Sonne, hob zärtlich den einen der zierlichen Hufe und so
-auch die anderen, und da er nicht erkennen konnte, daß das junge Horn
-sich allzu sehr abgenutzt hatte, gab er dem Räppchen einen gelinden
-Stoß auf die schmalen Backen und jagte es in den Stall zur Mutter.
-Sofort stürzte sich der kleine Ausreißer gegen den Leib der Alten, soff
-sich voll und ließ sich hinplumpsen, um sogleich einzuschlafen.
-
-Sapperlott, der Hasenvater, kam ganz nahe an seinen Hinterhuf
-herangehopst, als wolle er jetzt schon einmal prüfen, welch tückische
-Macht ihm den Aufenthalt in dem ruhigen, viel zu ruhigen Stall
-vielleicht verleiden könne! Er wagte sich sehr nahe an den kleinen,
-kindlich harmlosen Huf heran, er zog sogar die Oberlippe faltig in die
-Höhe, er streckte selbst das Zünglein zwischen den spitzen Zähnen
-hervor, ließ die langen Schnurrhaare über das Horn gleiten und drehte
-sich schließlich ohne jeden Grund davon weg, um eiligst nach seinem
-Drahtgitter zu hüpfen. Daselbst, so mochte es scheinen, erzählte er das
-Ergebnis der Untersuchung seiner Häsin und seiner Jungmannschaft, denn
-alle krabbelten plötzlich ans Gitter und staunten nach dem winzigen
-Pferdehuf, der gelb wie ein Fetzen Maibutter neben der dunklen Lende
-lag. „Keine Gefahr, keine Gefahr!” Die Schwalben flogen eifrig aus und
-ein; plötzlich erschallte aus dem Nest ein heftiges Gezwitscher und
-verstummte. Der Hasenvater schien auch jetzt den Seinen etwas zu sagen,
-denn alle hoben wie auf seinen Wink die Augen von dem harmlosen Hufe
-weg und hinauf an den Querbalken, wo das Nest klebte. Auch das Räppchen
-regte den Kopf, als störe ihn das Gezwitscher der jungen Schwalben,
-oder aber als errege es seine besondere Freude.
-
-Am Nachmittag kam Trudel, das Mädchen, aus der Schule und hatte an
-der Stirn einen großen Kreidefleck, den es wie ein Aschermittwochmal
-ängstlich hütete. Es stellte sich vor sein Räppchen und sagte:
-
-„Guck, das hat mir mein Lehrer gemacht!”
-
-Sie trug aber ein Stückchen Kreide in der Hand und machte nun dem
-Mutterpferd auch eine Blesse, dann Sapperlott, dem Hasenvater, der
-in der Reife seiner Jahre geduldig standhielt, dann den jungen
-Geislein, die noch keine Hörner hatten, dann der Stalltür und den
-zwölf Steinstufen der hohen Treppe, der Haustür, dem Küchentisch
-und schließlich gar den eisernen Kochhäfen, die in Reih und Glied
-hochangefüllt mit Kartoffeln auf dem kalten Herde standen. Und über
-jeden Fleck malte Trudel ein großes R.
-
-Als die Mutter aus dem Garten, der hinterm Hause lag, hervorkam, um
-den Herd zu heizen, sah sie, was ihr Mädchen gemacht hatte, und da sie
-eine rechte Kindsmutter war, lachte sie über den sinnigen Unsinn und
-ließ sich selber eine Blesse auf die Stirn malen. Bald qualmten die
-Kartoffelhäfen, und der Schwarm des Dampfes stieg überm Herde auf, an
-der dunklen Decke hin, vorüber an der Mückenleimampel, die da pendelte,
-und hinaus durchs offene Fenster.
-
-Es geschah, daß die Buben und alle Buben des Dörfchens mit dem Namen
-Räppchen nicht mehr zufrieden waren und sich auf einen anderen Namen
-besannen. Während der Pausen auf dem Schulhof, während man im Badloch
-zu schwimmen versuchte, plätscherte man eifrig die schönsten Namen
-übers Wasser hin, und Trudel, das Kind, hatte seine liebe Not! Es
-wollte sein Gäulchen „Richard” nennen, „Richardele”, aber die Buben
-spotteten und hörten sie nicht einmal an!
-
-Da standen sie wieder beisammen, die Herrn Buben, standen mit ihren
-Reifen im Stall und waren keine Minute mehr zurückzuhalten, die
-Gassenbuben!
-
-„Na Trudelein,” sagte der eine, „solls Räppchen immer noch Richardele
-heißen?” und er lachte, und alle Buben lachten mit ihm.
-
-„Weißt,” sprach August, „ein schwarzer Gaul kann nicht Richard heißen!”
-
-„Warum denn nicht?” fragte sie dagegen, „warum denn nicht?” Und sie
-nahm ihr Däumchen in den Mund und schmollte.
-
-„Und dann, Trudel, das mußt du verstehen, das verstehst du aber noch
-nicht,” so sagte ein anderer, der an einer gelben Rübe kaute, „Richard
-ist doch ein Bubenname!”
-
-Alle lachten sie frech, und Trudel weinte laut heraus.
-
-„Besinn dich halt auf etwas Besseres!”
-
-„Wir können das Räppchen doch auch nicht Riese Goliath nennen!” meinte
-August, und Gustav entgegnete:
-
-„Auch Siegfried sollen wir's nicht nennen, da kann sie den großen S
-nicht machen und kommt wieder gelaufen!”
-
-„Doch, ich weiß!” warf Trudel jetzt hin, „Riese Goliath heißen wir's!”
-
-„Das sind ja zwei Namen, einer genügt!”
-
-„Gut!” entschied Gustav, „nennen wir's Riese!”
-
-Sie lachten schon wieder, aber Trudel griff den Namen herzhaft auf und
-rief ein übers andere Mal:
-
-„Riese heißt es, Riesele, Riesele!”
-
-„Riesele!” schrien die Buben, „Rieselein, der kleine Gernegroß!” und
-sie trieben ihre Reifen an und rasten mit dem Namen davon, die Wegspur
-hinunter. Trudel aber holte am Brunnen eine Handvoll Wasser, trug sie
-fürsorglich in den Stall, goß sie dem Gäulchen übern Kopf und sagte
-immerzu: „Riesele, Riesele!”
-
-Alle Welt war mit dem Namen einverstanden, und das Füllchen Riesele
-ward der Freund und Genosse der ganzen Dorfjugend und die stille Freude
-aller Erwachsenen.
-
-Es lief im Dorf umher, auf den Straßen, in den Bauernhöfen, über die
-Wiesen, selbst über die Felder durfte es laufen, und niemand verwehrte
-es ihm. Junge Rinder und Kälber, die des Morgens in großen Scharen
-auf die gemeinsame Weide getrieben wurden, ließen stillschweigend
-geschehen, daß das Gäulchen sich ihnen anschloß und mitlief, ließen
-geschehen, daß das Gäulchen, das freilich viel wilder war als die
-Kälber, die großen Rinder, die schon fast ausgewachsen waren und schon
-fast eingespannt werden konnten, anrannte und seinen Kopf in ihre
-Lenden stieß, als wenn es saufen wollte!
-
-Die Gänse, die auch allmorgendlich gemeinsam auf die Weide auszogen,
-die Gänse mußten stets gewärtig sein, daß ihre Unterhaltungen während
-des Ausmarsches oder während der Heimkehr plötzlich aus einem Hof
-heraus von dem Riesele gestört wurden. Zwar fürchteten sich die
-Gänse keineswegs, rannten auch nicht davon, wenn der Wildfang
-angetrippelt kam, aber da es doch unliebsam war, mitten im Gespräch
-auseinandergerupft zu werden, so haßten die Gänse das Riesele heimlich,
-und immer wieder konnte man wahrnehmen, wie einige ihrer beherztesten
-die Schnäbel hoben, schnatterten, sogar laut krischen und dem
-Störenfried an die Beine wollten.
-
-Auch die Schweine grunzten des Morgens, wenn Rinder und Gänse fort
-waren auf ihrem gemeinsamen Weideplatz, und der Hirt, ein verlorener
-Sohn aus Nirgendwo, war ein guter Mensch von Anbeginn und konnte das
-Riesele recht leiden, weil es ein so sauberes, freundliches Kerlchen
-war. Zwar die Schweine gewöhnten sich nicht an die Freiheit des
-Gäulchens, verstanden sie nicht und verziehen sie deshalb auch nicht
-und stoben immer wieder verscheucht auseinander, wenn sie es nur von
-ferne trappeln hörten.
-
-
-
-
-III
-
-
-Natürlich stürmte es auch in den Schulhof, denn Kinder waren ja seine
-besten Freunde, und es war ja selber ein Kind! Die dreiunddreißig
-Schüler der kleinen Dorfschule brauchten den Freund nicht zu fürchten,
-brauchten auch nicht neidisch zu sein seiner Zartheit und Sauberkeit
-wegen und hegten keinerlei schlimme Absichten gegen den ausgelassenen
-Gassenbuben, es sei denn, daß sie ihn für die paar Schulstunden, die
-sie an Freiheit weniger hatten, doch leise beneideten. Sie hörten das
-Gäulchen an den Fenstern des Schulsaales vorüberspringen und durften
-nicht mit hinaus; sie sahen es am Abhang der Schulwiese grasen und
-durften nicht hinaus; sie hörten aus dem Birkenwäldchen sein tolles
-Wiehern, und sie durften nicht einmal „Riesele” rufen! Da mußten sie
-hocken und lesen, rechnen, rechteckige Aecker zeichnen und ausrechnen,
-was, wenn ein Quadratmeter eine Mark und siebenundzwanzig Pfennig
-koste, was der ganze Acker wert sei! Anstatt mit dem Riesele drüber
-hin zu rennen über den Acker! Da mußten sie Quadratwurzeln ausziehen,
-und niemand wußte, wozu, da doch Quadratwurzeln auf keinem Acker
-wuchsen, kein Unkraut waren und auch kein Kraut und was also denn
-eigentlich? Da mußten sie die Preußenkönige kompagnienweise vorreiten
-können und genau die Spanne Zeit abgrenzen können, die einem jeden von
-ihnen und ausschließlich diesem ihre militärische Größe verdankt und
-ausschließlich ihre militärische Größe, weil es offenbar eine andere
-nicht gibt!
-
-Und draußen im Sonnenschein verjubelte das Riesele seine Jugendkraft
-und durfte anstellen, was es wollte!
-
-Aber der Herr Lehrer, obgleich er ein Preußenfreund war, war doch kein
-Ungerader! War doch so kein ganz Ungerader!
-
-Es kam einmal vor, daß das Riesele in seinem Uebermut ins Schulhaus
-stürmte, über die vier Treppenstufen kletterte und den Hausgang
-betrappelte. Das hörten Lehrer und Schüler! Da blieb weder Lehrer
-noch Schüler auf dem Platz: dies Getrommel auf den Steinplatten des
-Hausganges zertrampelte alle Wissenschaft, weil es ein Stückchen
-Kinderweisheit war: der Preußenkönig flog in die Ecke, die
-Quadratwurzel trieb Schößlinge aus dem Acker, dessen Quadratmeter so
-schrecklich teuer war, ... und der Herr Lehrer sprang vom Pulte auf,
-schnitt munter, schalkhaft lächelnd mit den beiden heftig ausfahrenden
-Händen die Unruhe entzwei, daß die Kinder wieder auf die Sitze
-herabsanken und ging auf den Zehen an die Tür und hob leise die Klinke
-aus der Nase. Und wahrlich: das Riesele stieß die Tür mit dem Maule
-auf, daß sie zurückknallte wider den Schrank.
-
-Da stand es nun, das Riesele, die buttergelben Vorderhufchen auf der
-Schulschwelle, und blieb stehen! Kam nicht näher in den Saal, kam nicht
-in den Saal herein! Alle Kinder standen, standen gar auf den Bänken,
-hielten dem Gäulchen ihr Brot hin, riefen, kosten, -- allein, es kam
-nicht näher. Es drehte einmal den Kopf zur Seite, als wolle es den
-Herrn Lehrer sehen, den es offenbar fürchtete, allein, der Lehrer hielt
-sich vielleicht aus sicherer Kenntnis elementar fühlender Seelen hinter
-dem schwarzen Ofen verborgen! Er stieß den Zeigefinger vor, deutete auf
-das Trudelchen, das Kind solle von seinem Platz aufstehen, hervortreten
-und das Riesele hereinholen. Aber Trudel getraute sich nicht, und da
-die Buben wild wurden und jeder das Pferdchen holen wollte, streckte
-dieses seine Nase weit vor, wie wenn es niesen wolle, nieste wirklich
-und nahm Reißaus! Die ganze Klasse aber stürmte hinterdrein, und für
-diesen Tag war die Schule aus.
-
-„Ganz recht, Riesele!” sagte der Lehrer, als er sein preußisches
-Geschichtsbuch ins Pult einschloß, „unsere Weisheit ist keine Einfalt
-mehr und deshalb keine Weisheit mehr! Wer weise werden will, der muß
-uns fliehen!”
-
-Am nächsten Morgen erzählte der Pfarrer den Kindern von dem kleinen
-David und dem Riesen Goliath. Er erzählte da, wie der kleine David
-als Hirtenbub auf den Bergwiesen sich umhertrieb, wie's just eben das
-Riesele tue, wie er aber doch emsiger gewesen sei als das Riesele, wie
-er gelernt habe, die Harfe spielen, wie er selber neue Lieder gesungen
-habe aus seinem Herzen heraus: Lieder, wie sie vor ihm und nach ihm
-kein Mensch mehr habe singen können, wie er sich zugleich geübt
-habe, die Schleuder zu führen, um im Falle der Not das Vaterland zu
-verteidigen, und wie er alsdann später seiner Lieder wegen dem kranken
-König Saul habe singen dürfen! Wie der König ihn habe liebgewonnen
-und wie er nicht mehr habe leben können ohne ihn, den Hirtenknaben,
-wie dann auch wirklich die Feinde gekommen seien, und wie just er,
-der Hirtenknabe, den mächtigsten der Feinde, ihren Riesen, den Riesen
-Goliath, eben mit der Schleuder erlegt habe, indem er ihm einen spitzen
-Stein mitten in die Stirn getrieben habe, so daß der ungeheure Kerl
-umgefallen sei, um sich zu verbluten!
-
-„Ihr Buben!” sprach der Pfarrer, „ich frage euch: ist das nicht eine
-echte Bubengeschichte? Das ist die schönste Bubengeschichte der Welt!
-Oder kennt ihr eine schönere?”
-
-„Robinson!” rief einer; jedoch der Pfarrherr wehrte ab und antwortete:
-
-„Sei mir still mit deinem Robinson, mit deinem unfolgsamen Engländer!”
-
-„Joseph!” meinte ein anderer, „Joseph von Aegypten!”
-
-„Aha!” sagte darauf der Pfarrer, „und warum denn Joseph?”
-
-„Weil er verkauft wurde, weil er ins Gefängnis gesteckt wurde und
-nachher doch König wurde!”
-
-„Gut, er hat gelitten und wurde erhöht!”
-
-„David wurde auch erhöht, David wurde auch König!” rief ein Großer
-dazwischen.
-
-„Wurde auch König,” wiederholte der Geistliche, „David wurde auch
-König, freilich, und was für einer! Aber: welcher von den beiden
-gefällt dir nun am besten, der aus Aegypten, der zuerst leiden mußte,
-oder der von den Fluren Bethlehems, der niemals litt und immer siegte
-und sang und Flöten blies und Harfen schlug?”
-
-Die Kinder zischelten; aus den neun Bänken schossen die Finger wie
-Pfeile gegen des Pfarrers Antlitz, und mitten in dem Gezisch schlug
-plötzlich ein kleiner Mädchenkopf knallend auf die Bank: das Trudelchen
-heulte laut auf und schnippste und holte den Schürzzipfel an die nassen
-Augen. Der Pfarrer trat zu ihm hin, ergriff sein Händchen und sagte:
-
-„Was ist los, Trudel? Komm, los! Sag mir's rasch?”
-
-Das Kind erhob sich nicht, sondern rief mitten in seine Tränen hinein:
-
-„Das Riesele soll David heißen, nein, Joseph, Joseph soll es heißen!”
-
-„Na, wie soll's nun eigentlich heißen, Trudel?”
-
-Das Kind begann, aus seinen Tränen zu lachen, erhob sich, sah dem
-Pfarrer über die Maßen vertraut ins Gesicht und sagte:
-
-„David!!”
-
-„David?” antwortete der Pfarrer, „es soll König werden, ohne daß es
-zuvor von seinen Brüdern wäre verkauft worden; es soll sich immer nur
-freuen, ohne daß es gelitten hätte! Ihr Großen dahinten: wie ist's mit
-König David gewesen: hat er schließlich nicht auch sein Bündelchen zu
-tragen gehabt?”
-
-„Aber er war doch stärker als der Riese, und ich hab's doch nicht
-gewußt!” heulte Trudel.
-
-„Gewußt, gewußt! Trudelein! Du hast's doch selbst getauft! Und getauft
-ist getauft! Oder willst du dein Gäulchen dreimal taufen lassen, wie's
-dem Schalk aus Braunschweig geschah, und willst du haben, daß Riesele
-gleich diesem Schalk ein Taugenichts werde und ein Tagdieb? Sei stille,
-sei stille!”
-
-Trudel, von der Unabänderlichkeit zerschmettert, ließ sich niederfallen
-und ihr Geschluchz hub stärker an.
-
-Da wieherte draußen das Riesele, da knallten auch schon die kleinen
-Hufe wieder im Hausgang! Die ganze Klasse begann zu schreien vor
-Freude, der Gustav und der August liefen an die Tür, den kleinen
-Frechdachs fernzuhalten, hinauszuführen, aber dieser schlüpfte unter
-ihren Händen durch zum Saal herein und schnurstracks auf das Trudelchen
-zu, das bei den Kleinsten in der vordersten Bank saß.
-
-Diesmal, weil der Pfarrer im Saale war, zögerte das Mädchen nicht. Es
-schämte sich nicht! Allein es hatte gar nicht Zeit, sich zu schämen,
-sein kleines, ungestümes Herzchen hüpfte von selbst auf die Bank, nahm
-das kleine, sechsjährige Körperchen mit in die Höhe, es legte die
-nackten Arme um des Riesele schwarzen Hals, es küßte das Riesele auf
-die weiße Blesse und riß es an der in Jugendwuchs strotzenden Mähne mit
-sich fort, zur Schule hinaus und rief immerzu:
-
-„Dävidele, Dävidele!”
-
-Der Lehrer, der im Hofe auf- und abging und seinen Aufsatz auswendig
-lernte, kam eiligst herein, aber die zwei Kleinen waren schon draußen.
-
-„Riesele hat einen sehr gesunden Drang nach -- nach -- nach, Herr
-Pfarrer, nach Weisheit in sich!” meinte der Lehrer, „gestern war es
-auch hier!”
-
-„Es weiß nicht, was es tut!” erwiderte der Pfarrer pfiffig, „ihm soll
-verziehen werden! ... Uebrigens, wenn das Riesele ein Esel wäre und
-nicht ein kluges Ding, ein Pferd, man könnte versucht sein, mit der
-Schrift zu sagen: er kam in sein Eigentum, aber die Seinen ... Nix für
-ungut, Herr Lehrer, guten Morgen!!”
-
-
-
-
-IV
-
-
-Ein Viertelstündchen abseits vom Dorf wohnte der Großbauer Michael,
-der sieben Pferde und dreiundzwanzig Rinder hatte. Riesele sah einmal
-vier dieser Gäule an einem mit Steinen beladenen Wagen ziehen, zwei
-Peitschen knallten über ihnen, die Siele gerrten, Funken stoben aus den
-Hufeisen, und dies Spiel der Kraft mochte ihm so sehr gefallen, daß es
-sich den Pferden zugesellte und mit ihnen lief in den großen Hof. Sie
-konnten es gut leiden, die dicken Gäule, sie drehten allesamt die Köpfe
-nach ihm, sie ließen es an ihrem Trog Wasser saufen, ja, sie schoben es
-förmlich zu sich in den Stall, so daß Riesele mit ihnen fressen mußte
-aus ihren hohen Krippen. Ha, wie fühlte sich das Zwergfüllchen so wohl!
-Die sieben Kerle standen da in Reih und Glied nebeneinander, Knechte
-putzten an ihnen herum, daß die vollen Backen zu blinken anfingen,
-warme Dämpfe stiegen von den breiten Rücken in die Höhe, und die
-Schweife tanzten nur so!
-
-Riesele begann den Schweiß zu lecken, Riesele lief von dem einen zum
-anderen, Riesele ließ sich von allen liebkosen und streckte den Kopf
-auch den Knechten zu, die es liebreich tätschelten. Ueberallhin sprang
-Riesele in dem ungeheuren Stall, schlüpfte gar durch einen schmalen
-Verschlag hinüber in den Kuhstall, und die sieben Gäule drehten die
-schweren Köpfe an den dicken Hälsen hinzu nach dem Verschlag, sei es,
-daß sie selber gern einmal hindurchgeschlüpft wären zu den Kühen, sei
-es, daß sie das Gäulchen den plumpen Milchkühen nicht gönnten. Dies
-Kerlchen, -- man war selber einmal so lieblich und klein, man hätte
-selbst gern solch ein Kind gezeugt, solch ein Kind sein eigen genannt
--- dies Kerlchen sprang nun zwischen den Kühen herum, und keine Magd
-jagte es fort! Sie standen beisammen, die Mägde, und schwatzten.
-
-Die Knechte gingen gar hinüber und stellten sich zu ihnen, und der
-kleine Mann war nicht mehr zu sehen! Ein Hinterbein nur, ein Stück des
-linken Ohres: die Gäule wurden unruhig, wieherten, rissen an ihren
-Ketten, schlugen mit den Hinterhufen auf, als sei ein Bienenschwarm
-über sie hergefallen.
-
-Da auf einmal gab's ein Geschrei:
-
-„Er wirft mir die Milch um!”
-
-Sie stoben auseinander, die Mägde, die Knechte lachten laut auf, ein
-Eimer kollerte übern Steinboden, und Riesele kam in großen Sätzen durch
-den Verschlag in den Pferdestall zurück. Ha, wie freuten sich die Gäule!
-
-Aber da stand plötzlich ein kleines Mädchen in der Tür, wagte sich
-nicht näher, rief: „Riesele, Riesele,” und alle Herrlichkeit hatte
-ein Ende, denn das Riesele wandte sich von den alten Gaulmännern ab
-und lief zu dem Kind und lief mit dem Kind davon, ohne sich nochmals
-umgeguckt zu haben.
-
-Es kam wieder, das Milchkind! Es kam schon am nächsten Tage wieder!
-Zwei der Gäule zogen hinterm Haus den Pflug, zwei zerrten die Egge
-hinterdrein, zwei trabten mit dem leeren Steinwagen den Hügel hinauf,
-und der siebente, der dickste, hatte eine Fuhre Mist hinter sich hängen
-und stand noch im Hof, an der Mistkaute. Dieser allein sah das Riesele
-an sich vorüberspringen, sah es ohne Gruß an sich vorüberspringen,
-als wenn ein Gaul, der das Unglück hat, Mist ziehen zu müssen,
-deshalb keiner Achtung würdig wäre! Das eingebildete Aeffchen rannte
-schnurstracks in den Pferdestall, und da es niemand zu Hause fand,
-legte es sich ein Weilchen auf den Platz in der Mitte und schlief in
-dem großen Bette ein, wie alle Kinder es so gerne tun! Es wachte auf,
-als draußen der Mistwagen den Hof hinausratterte. Eiligst hob es sich
-auf die Beine, lief hinter dem Wagen drein, kehrte aber, noch bevor
-es ihn erreicht hatte, um und erblickte die Pflüger und die Egger und
-rannte nun, so schnell es konnte, hinters Haus, um sich den Pflügern
-zugesellen zu können.
-
-Schräggestellt wie ein Hund, tänzelte es nunmehr vor, neben und hinter
-den schweißigen Ackergäulen einher über die frischen Schollen wie eine
-flinke Meise, und seine aufstarrende Mähne bog sich schwer nach beiden
-Seiten. Die Schimmel, die hinterdrein die Egge zogen, begannen zu
-traben, der Knecht zerrte die Leine an und schrie unausgesetzt: „hü,
-hü!”, aber die Schimmel ließen sich nicht halten und eilten voran,
-wenn auch die Schollen nicht recht zereggt waren. Munter und stolz
-mit hochaufgestreckten Ohren nickten indessen die Füchse, die vorm
-Pfluge gingen, ihre Schar durch den harten Boden, wie wenn sie dem
-Kinde hätten zeigen wollen, was für ehrenfeste Kräfte sie seien, oder
-wie wenn sie ihm hätten ein gutes Beispiel geben wollen. Kein Blick
-abseits, kein Schritt abseits, gleichmäßig zerrten die Lederriemen
-an den Kummeten. Ja, der Knecht, der Soldat gewesen war und Sinn für
-maschinenhafte Ordnung hatte, gewahrte, daß die Schritte der Füchse,
-die sonst nach jedem fünften Tritt zum Gleichschritt kamen, eben
-fortgesetzt gleichmäßig im Takte blieben, und da er diesen Takt von
-der Kaserne her so sehr liebte, freute er sich über die Maßen wie beim
-fertigen Parademarsch und sah selber bisweilen wie ein Kompagniechef
-hinüber zum General, der heute sogar ein ganz junges Prinzlein aus
-vielleicht höchstem Hause war.
-
-Als wieder einmal die Furche zu Ende war, durften die Füchse warten,
-bis die Schimmel kamen, und nun stellten sich die Schimmel in dem
-Abstand, der ihnen ihrer Arbeit entsprechend zukam, seitlich von
-den Füchsen auf, um gleichzeitig und gleichmäßig ans andere Ende des
-Ackers die Arbeit zu ziehen. Ja, auch die Schimmel hoben nun die Köpfe
-und stellten die Ohren steil auf! Und wenn ihre Hufe auch nicht den
-gleichen Schlag bewahren konnten, -- vielleicht weil die Egge ein
-unordentliches Gezerr verursacht, -- so blieben sie doch, von der Hand
-des Knechtes gelenkt, in gleichem Abstand und in gleicher Höhe.
-
-Riesele aber, wie es da einen einheitlichen Willen erfühlt, hüpft wie
-ein abgerichteter Zirkusgaul von hinten her zwischen die vier Pferde
-und marschiert nun wie an der Tete mit fröhlichem Getrippel einher und
-tollt nicht mehr seitab und tänzelt nicht mehr und bockelt nicht mehr
-und ist ganz Ordnung und Würde.
-
-Jedoch gleich am Ende der Furche, als gewendet wurde, mochte ihm etwas
-anderes besser gefallen haben, und es lief vom Acker der Arbeit, dem es
-ein Stückchen Schönheit eigener Art verliehen hatte, davon.
-
-Es lief in eine neue Schönheit hinein: ein Weizenfeld stand oben, wo
-sich der Hügel hinabzu biegt, und Millionen von knallroten Mohnköpfen
-leuchteten, wie wenn sie als Wolke am blauen Sommerhimmel einhergingen,
-zwischen den steilen, kurzen Halmen dicht gedrängt, als stünde der
-Acker in Feuer.
-
-Riesele rannte drauf zu. Jedoch, wie es oben war, sah es sein Dörfchen
-unten, sah alle Schornsteine rauchen, -- kerzengerade ringelten sich
-feine Rauchsäulen in die heiße Luft -- und dann sah es noch am anderen
-Abhang eine Schafherde grasen. Der Pferch stand weiter unten im Tal,
-und die Hütte des Schäfers lehnte an einem Nußbaum.
-
-Diese Schafherde gefiel offenbar dem Riesele am besten, es lief
-deshalb zu ihr hin. Die Schafe hoben die Köpfe von der Erde auf und
-drehten sie. Der Schäfer pfiff, riß, wie wenn Gott weiß welche Gefahr
-gedroht hätte, die Schippe hoch, und der Hund stürzte sich heulend
-Riesele entgegen, so daß dies nichts besseres tun konnte, als eiligst
-umzukehren zu seinem Mohnfeld. Richtig erschreckt hatte es der garstige
-Hund: es legte sich um in dem Weizen und schlief fünf Minuten.
-
-Es erwachte wieder, blieb aber liegen, hob den schwarzen Kopf aus dem
-roten Feuer und nieste einmal kräftig in den Tag hinein.
-
-Sogleich, wie es geniest hatte, hörte es seine Mutter wiehern. Es
-duckte sich wieder zwischen die Halme, guckte aber doch nach allen
-Seiten um sich und sah schließlich den Kopf seiner Mutter oben am
-Himmelsrande des Hügels aus dem Rot auftauchen, wie er eine Last, die
-noch nicht zu sehen war, hinter sich hernickte. Die Mutter erschien
-ganz, die Last erschien: es war der leichte, überdächelte Stuhlwagen,
-den sie, wer weiß wohin, zu ziehen hatte, vielleicht den Pfarrer
-abzuholen oder den Gerichtsvollzieher.
-
-Riesele blieb liegen und duckte den Kopf. Als aber die Mutter wieder
-wieherte und nochmals, konnte es sich nicht halten und sprang auf und
-ihr entgegen.
-
-Die Mutter aber war durchaus nicht lieb zu ihm! Sie sah mit einem
-fernen Blick, der keine Liebkosung heischte, nach ihm hin, und Riesele
-getraute sich deshalb gar nicht so nahe zu ihr, obwohl es Durst hatte
-und gern an die Mutterbrust gestürzt wäre! Der Bauer nahm sogar die
-Peitsche, die am Kummet der Trudel stak, schwang sie hoch und riß dem
-Riesele die dünne Schmicke über die Ohren, daß es, obwohl die Schmicke
-nicht traf, sich rasch herumwarf und heimwärts lief.
-
-Als es einmal stehen blieb und nach der Mutter umsah, war das Fuhrwerk
-verschwunden.
-
-Im Stall des Großbauern brüllten etliche Kühe, deren Euter zu
-schwer geworden waren, nach den Mägden. Allein Riesele hörte den
-Peitschenknall und zog es vor, heimzutrippeln. Es sah sich nicht mehr
-nach den Gäulen um, nicht mehr nach den kleinen Kindern und selbst
-am Schulhof, wo gerade Pause war, raste es vorbei und mißachtete des
-Brotes und der lauten Rufe.
-
-Je näher es seinem Stalle kam, um so rascher sprang es, es hörte den
-Peitschenknall an den Ohren, und vielleicht vermeinte es, die Peitsche
-schwebe noch über ihm wie ein Engel über Kindern ... es rannte, rannte
-und sah nicht auf, nicht um, ja, der junge Mund, der schlaff nach unten
-hing, füllte sich mit schaumigem Geifer, und ein weißer Fetzen troff
-herab und klatschte auf den gelben Huf.
-
-Ein Kind stand da, sah das Riesele den Weg daherrasen; es trug in der
-Hand einen irdenen Krug mit Milch und erschrak vor solcher Kindeswut
-im kleinen Gäulchen und konnte nicht ausweichen und blieb stehen mitten
-auf dem Weg.
-
-Jedoch das Riesele konnte heute nicht bei dem Kind verweilen wie sonst,
-konnte überhaupt nicht achthaben auf ein Kind. Es rannte das Kind an,
-daß der Milchkrug fiel, daß er zerbrach und daß die Milch sich weithin
-ergoß.
-
-Der Schlag schreckte aber nun das Riesele auf aus seinen Träumen; es
-drehte sich um, blieb einen Augenblick stehen, kam zaghaft näher an
-das Kind und besah sich die Milch, die in Rinnseln dahinfloß. Einen
-Augenblick nur, wohl bis es sich überzeugt hatte, daß es diese Milch
-doch nicht trinken könne, besah es sich das Unglück; dann drehte
-es sich wieder, schlug sich überaus leichtfertig mit dem lichten
-Schwänzchen über die Hinterbacken und ging gemächlich weiter.
-
-Ein blütenweißer Gänserich stand da auf einem Bein und schielte zu
-den Gänsefrauen, die einen Steinwurf entfernt im Sande lagen. Im
-vergangenen Winter war er der einen Liebster gewesen; offenbar konnte
-er nicht so rasch vergessen, als er vergessen ward, und er stand da und
-träumte, und Riesele tappte auf ihn zu, daß er ganz verschreckt die
-Flügel aufriß und halb flog, halb hoppste und nun, gesammelt, heftig
-dem Gäulchen nachschimpfte. Die Weiber lachten ihn aus.
-
-Die Hühner hockten vorm Stall; sie standen auf, wie Riesele kam, und
-setzten sich wieder, als hätten sie nur grüßen wollen! Sapperlott saß
-auf der Schwelle und hoppste langsam zurück. Drei junge Schwalben
-zwitscherten auf der nach innen aufgedrehten Tür, eifrig wie alte.
-
-Riesele legte sich seitab von den Hühnern an das Wässerchen, leckte,
-erhob sich, ging an den Trog und versuchte mit der Zunge zu lecken wie
-ein Hund und trank dann regelrecht wie ein erwachsenes Pferd. Aeußerst
-stolz sahen die großen Augen rings auf das Geziefer herab, das doch
-meinte, Riesele sei noch ein Brustkind! Das Wasser tat ihm gut; es
-hätte schier nicht mehr aufhören mögen, zu trinken!
-
-Ein Fuhrwerk, mit zwei Kühen bespannt, schob sich in dem tiefgleisigen
-Weg vorbei; Riesele, das großen Hunger hatte, begann aus irgendeinem
-Grund, vielleicht aber auch ohne jeden Grund, hinter dem Wagen
-herzulaufen, bis es die Entenschar daherkommen sah. Der Enterich,
-dessen Gefieder schillerte, wie wenn er's frisch für einen Feiertag
-geölt hätte, warf den Kopf rückwärts zur nächsten Ente, sagte: „wack
-wack”, drehte den eitlen Kopf wieder vor, und eine Ente sagte der
-anderen dieses Wort, das sicher eine mißliebige Bemerkung gegen Riesele
-war, denn eine jede zog, nachdem sie gesprochen, den Unterschnabel
-zurück und lachte auf diese Weise, wie es Enten tun, und wackelte
-weiter. Riesele schien von diesem verschmitzten Lachen beleidigt zu
-sein, tappte in die Schar, zerstreute sie und freute sich seiner Tat so
-sehr, daß es in wilden Sätzen auch die Hühner aus ihrem trägen Brüten
-aufjagte und wunder meinte, was für ein Held es sei! Denn es turnte
-wieder an den Wassertrog, tunkte ungestüm den Kopf bis fast zur Hälfte
-hinein und schüttelte die Wassertropfen nun über die Hühner hin, die
-schon wieder beisammen saßen. Das schien in der Tat ein Heldenstück,
-war aber keineswegs ein solches, war Not, nicht Tugend, sofern ein
-Heldenstück dieser Art überhaupt Tugend sein kann.
-
-Riesele war größer und kräftiger als das Federvieh zusamt den Gänsen,
-aber es war auch jünger! Die Gänse und die Hühner und die Enten hatten
-sich ihren Lebenskreis schon lange gezogen und waren fertige Leute!
-Riesele aber fing erst an, sein Leben sich zu zimmern, und es wäre
-eine schöne Sache, wenn berichtet werden könnte, daß aus diesem Grund
-das Federvieh, wie es reifen Leuten zukommt, die Quertreibereien des
-Gäulchens geruhsam über sich hätte ergehen lassen! Man weiß indes: sie
-wichen der Gewalt!
-
-Oft, sehr oft mußten die pflichttreuen Tiere der Gewalt dieses
-Tollpatsches weichen. Ausgebreitete Hühnerflügel, flatternde Schwänze,
-das Durcheinander des Entenwacks wirkten jeweils auf das Riesele
-wie Disteln unter seinem Schwanz, und es geschah nicht selten, daß
-die Hühner flüchten mußten, sich mühsam aufschwingen mußten auf die
-Stalltür, auf die Wagenleiter, oder daß sie auf- und davongehen mußten
-ins Gras, so wild gebärdete sich Riesele! Die armen Enten: sie trugen
-von ihrer Stammutter her den Drang nach der Ferne im Blut, sie sahen
-alltäglich ihre wild und frei gebliebenen Schwestern übers Tälchen
-streichen und ins Röhricht einfallen, wo sie ihren verletzenden
-Freiheitsruf immerhin lockend erschallen ließen, sie spotteten der
-zahm, gesinnungstüchtig, eierlegend, aber auch schwerfällig und dick
-gewordenen Hausenten, und diese, obwohl sie des Dranges nicht ledig
-waren, konnten ihren plump gewordenen Körper um keinen Preis mehr in
-die freien Lüfte erheben und hätten's doch so gerne getan. Hätten's
-doch zu allererst deshalb so gern getan, um diesem Tunichtgut rasch
-entflattern zu können und nicht mühselig und stets seines Hufs
-gewärtig, aus der unbestimmten Bahn entwackeln zu müssen! Die armen
-Enten! Sie haßten das Riesele sehr!
-
-Ganz anders verhielt es sich mit den Gänsen! Sie waren neun an der
-Zahl, sie trugen das Bewußtsein ihrer Stärke in sich, sie konnten
-das Riesele, wenn wirklich ein Ernstfall entstehen sollte, mit ihren
-Schnäbeln und mit ihren schweren Flügeln schon dermaßen verhauen,
-daß es -- der graue Gänserich ist neulich einem Kalb an die Kehle
-gesprungen -- daß es gerne die Flucht ergreifen würde! Auch das Riesele
-wußte das! Aber was sollten die großen Gänse Händel suchen, weil
-die kleinen Enten sich nicht selber verteidigen konnten, ihre Natur
-ganz und gar vergessen hatten, sich also auch nicht mehr zu retten
-vermochten, wenn der Feind stärkere Kräfte ins Feld führen konnte, als
-ihnen zur Verfügung standen! Törichtes Entenvolk!
-
-Die Peitsche, jeweils die Peitsche, mußte solchen Zwist schlichten, und
-darnach vertrug man sich wieder, hielt Freundschaft und fraß aus einer
-Schüssel.
-
-Das Schlimmste aber an all diesen Mißhelligkeiten war, daß die Kinder
-immer und immer wieder einseitig und urteilslos Partei ergriffen für
-den, der Hilfe am wenigsten nötig hatte, für Riesele!
-
-Aber es muß doch gesagt sein, daß das Geflügel auch wieder seine Freude
-hatte an dem tollen Vierbein, und daß selbst die Enten sich jeweils
-mehr über sich selber ärgerten, als über das Riesele! Die Enten, die
-Hausenten, sind das Opfer ihrer Bequemlichkeit geworden, sie sind's nun
-einmal, und wissen sich drein zu schicken!
-
-Die Geißen im Stall trugen auf der Stirn wie gezückte Schwerter die
-beiden Hörner und blieben unbehelligt, und ihre Jungen verstanden den
-Kindskopf Riesele besser als alles Geziefer und tollten mit ihm, wenn
-es tollen wollte, und legten sich neben es, wenn es schlafen wollte.
-Es kam oft vor, daß neben, ja dicht an und auf dem tiefschwarzen
-Füllenrücken ein schneeweißes Geißlein schlief oder gar zwei, und
-Sapperlott, der Hasenvater, der offenbar einen besonderen Sinn für
-Farben hatte oder auch für Musik, brachte kein Auge zu und sah und
-hörte nicht, was um ihn vorging, wenn Schwarz und Weiß in solcher
-Eintracht beisammenlagen wie ein preußisches Fähnlein.
-
-
-
-
-V
-
-
-Noch sprang das Riesele umher ohne Zaum, ohne Zügel, ohne Halfter,
-pudelnackt, wie Gott es erschaffen hatte. Trudel, das Mädchen, konnte
-ihm keine Blumen anstecken, und hätte es doch so gerne getan! Gustav
-und August, wenn sie es striegeln wollten, konnten es nicht festhalten
-und striegelten es doch so gerne! Die Hufe, die sich gemach vom Staub
-der Erde grau färbten, sollten gelb bleiben wie Maibutter, aber wer
-konnte die Hufe des Tages siebenmal bürsten? Wer könnte die Mähne, die
-zusehends wuchs, des Tages siebenmal strähnen, wer den Schweif, der wie
-ein Mädchenzopf baumelte, richtig durchkämmen, wie sich's gehörte?
-
-Trudel, das Schwesterchen, setzte einmal seine Puppe auf den schmalen
-Rücken des Riesele, aber das Riesele warf die Puppe von sich, indem es
-mit den Vorderbeinen sich heftig gegen die Erde stemmte und den Rücken
-vom Hals bis zum Schwanz wacker schüttelte. Eine Puppe freilich, eine
-Puppe!
-
-Gustav kam zuerst auf den guten Gedanken: August mußte den Kopf
-Rieseles untern Arm nehmen, mußte ihn festhalten, und Gustav hob das
-Trudelchen hinauf, ganz hoch hinauf auf den Rücken und probierte
-vorsichtig, ob das Tierlein auch solche Last tragen könne. Es trug sie!
-Es fühlte sich offenkundig wohl mit seiner Last, es drehte den Kopf aus
-Augusts Arm und reckte ihn stolz in die Höhe. Dann machte es gar einen
-Schritt und noch einen, und da das alles so leicht ging, schoß es ganz
-plötzlich weiter, und das Trudelchen purzelte aufs Gras herab, stand
-auch schon wieder und lachte und setzte dem Ausreißer nach quer über
-die Wiesen, die der zweiten Mahd entgegensahen.
-
-„Lauft mir mal schnell zum Sattler miteinander!” rief der Vater von der
-Treppe herab, „und laßt mir dem Riesele ein Halfter anmessen!”
-
-„Los, zum Sattler!” schrien die Buben, „los zum Sattler!” triumphierte
-das Mädchen, „und ein Sättele, ein Sättele, Vater, darf der Sattler
-auch ein Sättele machen?”
-
-„Sättele, Sättele,” entgegnete der Vater, „was willst du mit einem
-Sättele? Maidlin gehören nit aufs Sättele! Los, und nix angestellt
-unterwegs!”
-
-Als der Sattler das Maß nahm, sagte er zu Trudel:
-
-„Heut kommt das Riesele in die Schul; mach einen Strich in den
-Kalender!”
-
-„Wie lang muß es in der Schule bleiben? Ich muß acht Jahre drin
-bleiben!”
-
-„Acht Jahre?” versetzte der Sattler, „und dann?”
-
-„Dann geh ich in die Stadt!”
-
-„Du hast's gut vor, Trudel, acht Jahre sind schnell herum! Aber das
-Riesele muß sein ganzes Leben lang in der Schule bleiben!”
-
-„Muß es?” fragte Trudel.
-
-Gustav kam herbei und hielt ihr den Mund zu, denn der Polizeidiener
-stand an der Straßenecke und rief etwas aus. Er rief aus, daß von
-morgen ab das Betreten der Weinberge verboten sei!
-
-Und dann kam er schnurstracks an die Treppe des Sattlers, griff dem
-Riesele in die Mähne und sagte zu den Kindern:
-
-„Höchste Eisenbahn, daß er sein Halfter ankriegt, der Tagdieb, sonst
-hätt' ich ihn morgen gleich ins Wachtstübchen gesteckt!”
-
-„Sonderbare Welt das,” dachte Trudel, und die Buben dachtens auch,
-„der Sattler will Riesele nicht mehr aus der Schule lassen, der
-Polizeidiener will's gar ins Kittchen stecken!”
-
-Noch am Abend holten die vier das Halfter ab, strippten es Riesele um
-den Kopf und führten es heim in den Stall, wo der Vater es neben seiner
-Mutter ankettete, jedoch so kurz, daß es nicht, wie es wollte, stets an
-der Mutter Zitzen saufen konnte.
-
-Von nun an also stand Riesele gleich den Erwachsenen im Stall. Doch
-jeden Tag durfte es etliche Stunden lang, an einen Pfahl gebunden, auf
-der Wiese kreisen, eng umzirkt zwar, doch immerhin draußen in einer
-gewissen Freiheit. Gar oft, -- ach, wer konnte dem lieben Tierlein
-gegenüber so entsetzlich streng sein? -- durfte es frei umherspringen,
-wohin es wollte, und durfte seine Bubenstreiche vollbringen, die ihm
-jedermann schon verzieh, bevor sie begangen waren.
-
-Es war indes doch die Zeit gekommen, daß die Hufe des Riesele breiter
-wurden, sein Magen größer, seine Kraft heftiger, die Zeit, da es von
-der Gasse genommen werden mußte in das Gehege des Zaunes. Als der
-Bauer Klaus diesen Hag gegenüber der Wohnstube in die Wiesen schlug,
-merkte Riesele sicher, was für ein Geschick sich da erfüllen wollte.
-Trudel, die Mutter, die ohnedies an dem Gassenbuben zu wenig eigene
-Freude hatte und um so mehr Kummer und Bangen ausstehen mußte, zog auf
-dem kleinen Wagen selber die Pfähle herbei aus dem Birkenwald. Sie tat
-es gerne, die Pferdemutter! Denn wenn Riesele jeweils, wie es seine Art
-war und wie es überhaupt die Gewohnheit aller guten Kinder ist, gerne
-zur Mutter, die in die Arbeit ging oder von der Arbeit heimkehrte,
-hinsprang, sich ein paar Küsse zu holen, ein paar Küsse zu verschenken,
-so konnte jedermann, der ein waches Auge hatte, wahrnehmen, daß
-diese Liebkosungen nicht nur seltener, sondern, -- und dies war noch
-ungeheuerlicher, -- daß sie weniger zärtlich wurden! Ja, es kam vor,
-daß die getreue Mutter auf einen ganzen Tag fort in den Wald mußte,
-schwer schaffen mußte, und am Morgen nicht einen lieben Blick, nicht
-ein kurzes „Wiedersehen” bekommen hatte vor lauter „Gasse”, und daß
-sie alsdann im Schweiße ihres Angesichtes auch nicht mit Wohlbehagen
-und süßer Hoffnung, wie andere Mütter sie doch stets mit sich tragen
-können, auf einen frohen Abend rechnen durfte.
-
-Solchergestalt kann es nicht wundernehmen, daß Trudel, die Stute,
-den Augenblick ersehnte, da die Birkenstämme abgeladen wurden, und
-es nimmt weiterhin durchaus nicht wunder, daß der Gassenbengel
-wußte, worum sich's drehte, und daß er fortlief in's Weite, recht
-weit von den Balken des Zuchthauses fort! Mütter wissen ja immer die
-Erziehungsmaßregeln, die nicht sie über ihre Kinder verhängen, die
-sie selber seinerzeit als Zwang empfunden haben, ihren Kindern recht
-eindringlich und nachdrücklich hinzustellen, und etwa zu sagen: „Wart
-nur, wenn der Vater heimkommt,” oder: „Wart nur, wenn du in die Schule
-kommst!” Es ist ein Glück, daß sie dabei übersehen, wie sie sich selber
-vor sich selber bloßstellen ...
-
-Da gruben Vater und Buben Löcher aus dem Wiesengrund, zwei Pfähle
-ragten schon eingerammt gleich ungeheuren drohenden Gerten gegen
-Riesele auf, die Gänse lachten, die jungen, frechen Hähne flogen oben
-drauf und versuchten zu krähen, um das Riesele, das Reißaus nahm, zu
-foppen. Riesele blieb stehen, sah sich um, schleuderte leichtsinnig die
-Hufe in die Luft und lief fort! Es lief dem Dorfe zu und hörte hinten
-im Armenhäuschen ein Waldhorn blasen und lief dem Waldhorn nach.
-
-Im Armenhaus wohnte der Schweinehirt, der einzige Mensch, der mit
-dem Riesele noch nicht Freundschaft hatte. Er blies das Waldhorn! Er
-wohnte da ganz allein für sich, hatte nicht Weib, nicht Kind, kein
-Tierlein um sich, war aber ein Musiknarr und ein Kinderfreund, wie
-es nicht viele gibt. Riesele wußte das noch nicht, wußte auch nicht,
-daß der Musikant der Sauhirt war, und lief dem Liede des Waldhorns
-nach und streckte den Kopf nach der niedrigen Fensterbank, ohne ihn
-hineinstrecken zu können. Da sah es den Hirten, den es fürchten mußte,
-vor einem Spiegel stehen und blasen und sah sein eigen Antlitz in dem
-Spiegel, der schräg an der kahlen Wand hing.
-
-Der etwas verwucherte Mann legte sogleich das blankgeputzte Blasrohr
-weg, zog den Schubkasten aus dem Tisch und griff hinein und hielt dem
-Riesele ein Stückchen Zucker hin. Riesele nahm den Zucker vorsichtig
-zwischen die Lippen und verschluckte ihn alsdann, und sogleich schob
-ihm der Hirt ein neues Stück ins Maul und dann noch eins und noch eins!
-Sie liebten sich, diese beiden!
-
-Der Freund nahm sein Waldhorn wieder, setzte sich auf die Fensterbank
-und schmetterte einen strammgefügten Marsch an den Ohren Rieseles
-vorbei, so daß es dem Tierlein ganz seltsam zumute ward. Ab und zu
-hoben sich die weißgelben Hufe, bald dieser, bald jener; ab und zu hob
-sich das vernaschte Maul, ab und zu erschien eben aus dem Maul die
-Zungenspitze rot wie Himbeereis und verschwand wieder.
-
-Als aber das Gäulchen das Maul auf die Fensterbank hob und liegen ließ
-und die Luft aus den kleinen Nüstern stieß, daß der Staub aufwirbelte,
-da begannen die Kinder, die um es her standen, zu lachen. Der Hirt
-merkte sogleich, daß dies Lachen dem Riesele peinlich war, denn er
-wußte Bescheid in solchen Sachen der entzückten Seele, und er sprang
-aus dem Fenster und gab dem Gäulchen wieder ein Stück Zucker, und er
-griff ihm ans neue Halfter, und es folgte ihm. Die Kinder durften nicht
-mit.
-
-Die beiden schritten dem Birkenwäldchen zu, und als sie die letzten
-Häuser hinter sich hatten und keine Kinder mehr zu sehen waren, da band
-der Hirt sein Waldhorn dem Riesele an den Hals und sang:
-
- Das Schwein, das muß gehütet sein!
- Der Kastor kann es hüten!
-
- Der Kastor muß gehütet sein!
- Der Cornel kann ihn hüten!
-
- Der Cornel muß gehütet sein!
- Wer kann den Cornel hüten?
-
- Ich will mein Schwein behüten fein,
- Mag seins der Kaiser hüten!
-
- Der Kaiser muß behütet sein!
- Wer mag den Kaiser hüten?
-
- Sein lieber Gott behüt ihn fein!
- Mög mich der meine hüten!
-
-Das Liedchen führte die zwei Wanderer bis ans Birkenwäldchen. Sie
-legten sich nebeneinander nieder, der Hirt steckte dem Riesele
-dunkelblaue Glockenblumen ins Halfter, setzte das Horn an die Lippen,
-und das Riesele starrte übers Wiesentälchen hinunter an seinen
-Heimatstall, wo der Bauer emsig die Balken des Gefängnisses einschlug.
-Riesele hörte die Axt knallen, und der Hirt, als er das erste Lied
-geendet hatte, nahm sich den zierlichen Ponykopf an die Brust,
-streichelte ihn, zerrte an den Ohren, kribbelte an der Blesse herum,
-strich mit den Fingern durch die Furche, die den Rücken hin die zarten
-Backen teilte, und schob die Hand quer in den Pferdemund und sagte:
-
-„Riesele, ich weiß, was es da unten gibt! Sie werden dich einsperren,
-wie sie mich eingesperrt haben, und werden's aus demselben Grund tun!
-Wir sind freier wie sie, wir sind fröhlicher wie sie, und das können
-sie nicht vertragen! Sie laufen, seitdem sie sich selber aus dem
-Paradies vertrieben haben, mit Handschellen umher wie Sträflinge, mit
-Handschellen umher wie Mausfallenhändler, und wo sich die Freiheit
-regt, da schnallen sie an! Die Unfreien haben das große Wort an sich
-gerissen, und sie haben es im Laufe der Jahrtausende fertig gebracht,
-daß alle Menschen unfrei wurden, so unfrei, daß die wahrhaft Freien
-sich ihrer Freiheit wegen verdächtig vorkommen, sich ihrer schämen, an
-ihrer Freiheit straucheln, sich ihrer Freiheit fluchen und schließlich
-sich ihrer Freiheit entäußern! Sich freiwillig der Freiheit entäußern,
-das tun oft ganz gute Christenmenschen und meinen, das sei der höchste
-Grad der Freiheit! Doch sag selbst, Bruder Riesele, wenn du jetzt aus
-freiem Entschluß in deinen Hag stolzierst, so magst du zwar ein guter
-Christengaul werden, bist aber trotz aller Philosophie kein freies
-Geschöpf mehr! Und Geschöpf sein, das heißt noch lange nicht, wie
-sie meinen: unfrei sein! Auch ums Paradies haben die Unfreien, die
-Umzäunten, einen Zaun erfunden, weil sie Gott nach ihrem Bilde und
-Gleichnisse formen wollten. Einen Schutzmann machten sie aus ihm, einen
-Zirkusdirektor, der die Taschen voller Zucker trägt und innen, unterm
-Faltenrock die allmächtige Peitsche! Nein, nein, Riesele: die wahre
-Freiheit haben wir in uns, oder aber wir sind schlechter als unsere
-Tiere! Bleib schön liegen, Riesele, ich bin noch nicht ganz fertig!”
-
-Der seltsame Sauhirt, der sicher von sich vermeinte, ein göttlicher
-Eumäos zu sein, hielt inne mit seiner Rede über die Freiheit und zog
-den Kopf des Riesele näher an sich, so daß das Tier die entblößte Kehle
-seiner Hand darbieten mußte. Der Mann spielte mit den Fingern an dieser
-Kehle, was dem Riesele erst gut gefiel, was es aber doch nicht lange
-ertragen mochte. Es sprang auf; drei Johanniskäferchen schwirrten
-grelleuchtend um es her, so dunkel stand der Abend schon vorm Wäldchen,
-und die grünlichen Signale verwirrten es so sehr, daß es zu laufen
-begann und nicht wußte, wohin es lief.
-
-Dem Hirten pochte das Herz: er hatte das Riesele mitgenommen, jedermann
-mußte es gesehen haben, er hatte also auch die Verantwortung über das
-Kind, und schließlich, wenn der Hirte des Hirten bedurft hätte, so
-hätte die Gemeinde nicht ohne Recht diesen bedürftigen Schweinehirten
-jener Obhut übergeben können, die er so sehr fürchtete.
-
-„Sie dürfen dich nicht wieder zum Verrückten machen, Cornel!” sagte er
-laut in den Abend, ergriff sein Waldhorn aus dem Grase auf, setzte es
-an und schmetterte seinen gradlinigen Militärmarsch übers Dorf hin,
-daß sicher alles, was schon schlief, erwachte, und alles, was noch im
-Stall hantierte, mit neuer Kraft sich anspornte. Er spielte ja nur,
-um das Riesele wieder zu sich zu locken, aber das Riesele trabte
-im Dämmerlicht weiter am Waldrand hin, fraß an den Brombeerhecken,
-zauselte an herabhängenden Zweigen, und die Glühwürmchen, die aus
-allen Richtungen aus dem Gras, aus den zerstreuten Heuwellen, aus den
-weißdurchtupften Rosenhecken aufschossen, -- und der Heugeruch selber
-und das aufdringliche Gequak der Frösche unten im Wassergraben setzten
-seinem jungen Herzen so sehr zu, daß es des strammen Marsches nicht
-mehr achtete und wahllos weiter lief, einerlei, wohin es kam! Ja, das
-lockende Waldhorn jagte das Riesele eher weiter weg, als daß es lockte.
-
-Cornel, der Hirt, hing das Horn um die Schulter und begann, den Weg
-hinzulaufen, den das Riesele eingeschlagen hatte. Er horchte, er legte
-das Ohr auf den steinigen Boden, den Huftritt zu erlauschen, er lief
-wie ein Hund, der eine Spur erschnuppert, allein er sah und hörte das
-Riesele nicht. Die Sichel des Mondes spitzte überm Waldrand; kleine
-Wolken rasten gegen ihren Bogen, als wollten sie geschnitten sein wie
-Gras.
-
-Plötzlich erschallte vom Dorf herauf das Feuersignal! Ohne nachzusehen,
-ob irgendwo eine Flamme oder ein heller Qualm sich zeige, wußte
-Cornel genau, wem dieses Signal gelte! Es galt zuerst dem Riesele,
-aber es galt nicht minder auch ihm, dem Cornel! dem Schweinehirten
-der Gemeinde! Denn sie kannten ihn nicht, sie wollten ihn überhaupt
-nicht kennen lernen, und sie begnügten sich damit, ihn einen Narren zu
-nennen! Es galt also, auf dem Damm zu sein, da die Flut stieg!
-
-Stimmen erschallten vereinzelt und abgerissen aus dem Dorf herauf, das
-Signal strömte zwischen dem Wald der Obstbäume, alle Hunde heulten auf,
-irgendwo in einem Stall krischen ab und zu salvenweise ein paar Gänse,
-wie wenn sie auch dabei sein müßten, wenn's dem Sauhirt an den Kragen
-geht!
-
-Die Stimmen sammelten sich und verteilten sich wieder, und bald hörte
-Cornel bekannte Dorfstimmen, die sich den Hohlweg heraufnäherten, und
-er hatte das Riesele, das er doch verführt, noch nicht in der Hut.
-
-Aber da stand es ja plötzlich neben ihm! Stand da wie aus dem
-Sommerabend geboren, der allhin so viel Liebe gebiert! Da stand es und
-hielt einen Birkenzweig im Mäulchen, wie wenn nichts geschehen sei!
-
-„Hast deinen Hirten aber schön erschreckt, Riesele!” sprach er, „doch
-gib ihn her, den Oelzweig des Friedens, daß wir uns gemeinsam für
-den Augenblick unserer Freiheit begeben können, denn sie kommen, die
-Unfreien! Mit Leuchtfackeln kommen sie, wie zu Jesu Gefangennahme,
-die Freiheit zu suchen, um sie einzupferchen und sie bei Wasser und
-Brot fasten zu lassen! Siehst du sie kommen mit den Lederhelmen?
-Hörst du sie kommen mit den Feueräxten? Sie schlagen, wenn sie's für
-nötig erachten, das Sommerhaus ihres Gottes in Stücke und schrecken
-vor diesem ihrem Schreckgespenst auch nicht zurück. Verstummet, ihr
-Frösche, daß sie euch nicht erschlagen! Verkriecht euch in die Erde,
-ihr Käfer, der ihr entnommen seid! Nachtigall, schlag nicht heute
-abend: die Menschen kommen mit ihren Mordgewehren der Schönheit und des
-Friedens.”
-
-Riesele schien solches Gerede gerne anzuhören; es ließ seinen Kopf auf
-der entblößten Schulter Cornels liegen und ging Schritt für Schritt
-weiter.
-
-„Weißt du, wo das Wachtstübchen ist? Nein, das weißt du nicht! Aber
-paß gut auf, Riesele: wenn sie deinen Freund hineinstecken werden, so
-komme manchmal an die Tür! Ich will dir Brot geben von meinem Brot und
-Wasser, wenn du Durst nach Freiheit hast! Ich weiß, sie sperren mich
-ein paar Tage ein; aber das ist immer noch besser als das Irrenhaus!
-Sie dürfen mich einsperren: ich trage das Bewußtsein eines neuen
-Freundes in der Brust, der so geschickt zuhören kann und meine Lehren
-versteht! Paß auf! Paß auf! Laß uns niedersetzen!”
-
-Cornel setzte sich, und Riesele blieb bei ihm stehen.
-
-Zwei Feuerwehrmänner kamen daher, plauderten miteinander, und der eine
-sagte gerade:
-
-„Roma heißt rückwärts gelesen Amor! Amor ist aber, das steht
-ausführlich in meinem Buche, der Gott der Liebe! Oh, in den großen
-Städten wird fürchterlich geliebt!”
-
-Sie sahen vor lauter Liebe nichts und gingen vorüber.
-
-„Fürchterlich geliebt!” rief ihnen Cornel nach, „da habt ihr aber
-recht!”
-
-Sie schreckten zusammen, die verträumten Feuerwehrleute, kamen dann
-aber gleich beherzt herzu und sagten zugleich:
-
-„Da sind sie ja!”
-
-„Da sind wir!” erwiderte Cornel und streckte beide Hände vor, als wolle
-er sie fesseln lassen.
-
-„Los, heim! Vor uns hermarschiert!” kommandierten die Wehrleute, und
-Cornel legte den Arm auf Rieseles Hals, und so traten sie den Heimweg
-an.
-
-„Fürchterlich geliebt ist gut!” fing Cornel an, aber die Wehrleute
-gaben ihm keine Antwort und redeten von den Dickrüben, die von Hasen
-zerfressen waren.
-
-Der Hirt wandte sich nunmehr wieder an Riesele und sagte laut, daß die
-Männer es hören konnten:
-
-„Weder Zucker, Riesele, -- das wollte ich dir vorhin noch sagen --
-weder Zucker gab uns Gott noch Peitsche, sondern Freiheit, Freiheit.
-Und das ist so gut und so viel als sich selber! Sich selber gab er uns,
-mitten in den Herzschlag hinein, Riesele! Uns, das will heißen: dem
-Kaiser, mir, dir, meinen Schweinen und aller Kreatur!”
-
-„Und aller Kreatur!” wiederholte der eine Feuerwehrmann.
-
-„Und aller Kreatur!” bestärkte Cornel und fuhr fort:
-
-„Einheit, Schönheit, Harmonie ringsum in seiner Schöpfung! Nur die
-Menschen sind ihm mißraten, Riesele! Sie sind entweder zu eng oder zu
-weit ausgefallen!”
-
-„Zu eng!” rief ein Wehrmann, und Cornel antwortete:
-
-„Hörst du's, Riesele, der ist zu weit geraten! Zu weit, und er möchte
-deshalb weiter sein!”
-
-„Zu weit!” schrie der andere, und Cornel entgegnete:
-
-„Hörst du's, Riesele, der ist zu eng ausgefallen! Zu eng, und er
-möchte deshalb enger sein! Lüge ist alles! _Eine_ Einheit in der
-Mannigfaltigkeit: die Lüge; _eine_ Mannigfaltigkeit in der Einheit:
-die Lüge! Sie sind aber selbst schuld, die Menschen; sie haben die
-göttliche Freiheit mißverstanden, sie haben ihre natürlichen Begriffe
-irgendwie verwirrt, sie sagen: deine Freiheit ist die Grenze meiner
-Freiheit, und nun gehen sie aufeinander los und sagen: ‚Gewalt geht
-vor Recht, und die Freiheit ist für die Narren!’ Riesele! Hörst du's,
-Riesele: ich will lieber ein Narr sein, als daß ich unfrei wäre! Du
-nicht auch, Riesele?”
-
-Das große Tor der Wachtstube öffnete sich wie von selbst.
-
-„Nun bist du unfrei,” sagte ein Feuerwehrmann, „und bist doch ein Narr!”
-
-„Nun bin ich unfrei,” entgegnete Cornel, „und bin doch frei!”
-
-Cornel ward hineingestoßen, indes Riesele heimtrottete.
-
-
-
-
-VI
-
-
-Von nun an also sah man das Riesele nicht mehr auf den Gassen
-umhertollen. Es ward eingesperrt! Der Zaun, im Geviert vor der
-Wohnstube des Bauern errichtet, war aber stets lebendig: Buben hockten
-drauf, Mädchen selbst erkletterten ihn und ließen die bloßen Füße
-herabbaumeln, und da er sehr fest aus dicken Balken gezimmert war,
-konnte manchmal die ganze Dorfjugend auf den Balken Platz finden. Die
-Buben liefen mit weitausgestreckten Armen sicher wie Seiltänzer drüber
-hin, und die Erwachsenen lehnten sich an, um wie vertraute Nachbarn das
-Gäulchen zu beobachten.
-
-Es lief da innen am Zaun entlang, biß an den Birkenrinden sich die
-Lippen blutig und hälmelte spärlich an dem zertretenen Gras des
-Bodens. Rundum, den Zaun entlang, war bald ein Pfad festgetrampelt, und
-an den Balken nach der Wohnung zu wuchs auf einen Meter breit kein Halm
-mehr.
-
-Die Unfreiheit schmerzte. Zwar kam niemand vorüber, der nicht dem
-Riesele ein Stückchen Brot schenkte, ein Klümpchen Zucker, eine
-Handvoll Klee, aber es gab doch so viele Stunden, da mußte es allein
-sein und wußte nichts zu tun, als an der Rinde knuppern, als mit den
-Hufen scharren. Oft legte es sich mitten in sein enges Reich und
-schlief oder träumte mit offenen Augen in den blauen Himmel.
-
-Die Augen, die unendlich groß und unendlich dunkel und unergründlich
-waren, spiegelten alsdann den Hag, die Wiesenhalme, das ferne Wäldchen
-wider, als ergingen sich diese Schönheiten in der jungen Tierseele, und
-Trudel konnte sich an diesem Glanze gar nicht satt sehen. Ach, so oft
-schlüpfte sie durch das Gehege hinein und legte sich neben den Freund
-und half ihm träumen und scharren und knuppern, wenn's nötig war. Es
-geschah aber auch, daß andere Kinder ins Bereich schlüpften, um mit
-Riesele im Gefängnis herumzutollen, und diese Stunden des Spiels waren
-dann die wenigen Feststunden, da Riesele sein Elend vergessen konnte.
-
-Die Mutter Trudel mochte in sich fühlen, daß ihr Kind schon Verständnis
-habe für die Arbeit, oder doch, daß nun die Zeit gekommen sei, ihm
-dieses Verständnis beizubringen, und immer, wenn sie angespannt wurde,
-zerrte sie an ihren Strängen nach dem Kinde hin, das freilich, seit
-es eingesperrt war, mehr nach der Mutter umsah als ehedem. Ja, die
-Mutter wollte sogar nicht mehr ziehen, blieb stehen und ließ sich mit
-der Peitsche schlagen und stieß klagende Schreie aus und ward bei der
-erzwungenen Arbeit unruhig und wirr. Der Bauer wußte ja gleich, was sie
-wollte; aber er vermeinte, das Zwerggäulchen noch ein Weilchen wachsen
-lassen zu sollen, bevor ihm der Ernst des Lebens könne gezeigt werden.
-
-Wahrscheinlich aber ist, daß die Mutterstute -- man weiß, wie Mütter
-sind -- ihr Kind nicht deshalb bei sich haben wollte, daß es lerne, den
-Wagen und auch den Pflug zu ziehen, sondern daß sie es nur deshalb bei
-sich haben wollte, um es eben bei sich zu haben! Der Bauer Klaus ließ
-also das Gäulchen vorerst noch ein Weilchen in seinem Hag und achtete
-der flehentlichen Muttersorgen nicht. Der Raps war zudem reif und mußte
-heimgefahren werden, im Rindenwald, gegenüber vom Birkenwäldchen,
-kläpperten Eichenschäler seit drei Tagen die jungfrischen Rinden
-von den Stecken, und: eine Fuhre Rinden nach dem Bahnhof im
-Nachbarstädtchen bringen, das trug schon etwas ein! Da konnte man einen
-Schüler nicht ohne weiteres nebenher laufen lassen!
-
-Riesele blieb also in seinem Gefängnis und hatte nichts zu tun als auf
-die Kinder warten, bis die Schule aus war, als an der Rinde zu nagen
-wie eine Maus, als den Boden zu zertrampeln wie ein Töpferlehrling.
-Die Leute des Dorfes beachteten Riesele von Tag zu Tag weniger, sei
-es, daß sie ihm aus irgendeinem Grund feindlich gesinnt waren, sei es,
-daß sie seiner überdrüssig wurden! Wer brachte noch ein Stück Brot?
-Wer ein Klümpchen Zucker? Selbst die Kinder des Hauses kamen seltener
-und liefen lieber den Seifenblasen nach, die sie doch nicht erreichen
-konnten, denn Seifenblasen schweben in den Himmel!
-
-Der Pfarrer, wenn er vorüberging, rieb wie die Kinder mit dem
-Zeigefinger auf dem Daumen und ging vorüber! Der Lehrer, wenn der
-vorüberging, blieb wenigstens einen Augenblick stehen, griff herein
-ins Gefängnis, holte sich den willigen, ach, den der Liebe so sehr
-bedürftigen Kopf des Riesele, streichelte über die Blesse, streichelte
-über die warmen Augen, hob mit beiden Händen des Gäulchens volle Lippen
-auseinander und befühlte die Zähne! Der Bürgermeister, der offenbar
-eifersüchtig war, weil das Riesele nicht ihm gehörte, guckte immer,
-wenn er in die Nähe des Hauses geriet, in irgendein Schriftstück, als
-könne er nur ganz langsam lesen, und ging vorüber ohne Gruß, ohne
-Blick! Vom Polizeidiener nicht zu reden! Dieser Mensch hatte Humor in
-sich, hatte wiederholt mit seiner Schelle am Hag ein kleines Konzert
-zusammengeläutet, hatte wiederholt mit dem Stiel seiner Schelle das
-Riesele am Bauch gekitzelt: dieser Mensch wollte oder durfte, sicher,
-weil der Bürgermeister eifersüchtig war, mit Riesele sich nicht mehr
-abgeben!
-
-Nur ein Freund blieb treu, und das war Cornel, der Schweinehirt!
-Er trieb, seit er aus dem Wachtstübchen wieder entlassen war,
-allmorgendlich seine Schar Schweine auf einem großen Umweg an Rieseles
-Hag vorüber, er kam heran, erzählte etwas, was ihn gerade erfüllte,
-und das Riesele tat sich die Musik seiner Worte, deren tiefen Inhalt
-es ja nicht erfassen konnte, ins Herz und bewahrte sie getreulich auf
-für die leeren Stunden des Tages, da es allein sein mußte mit seiner
-Armut. Oft, wenn es den Freund nicht sah, hörte es die Lieder seines
-Waldhornes aus den Häusern hinter der Kirche schweben und hatte genug
-der Freude für ein paar Stunden.
-
-Eines Morgens aber sieht der Bauer den Cornel mit seinen Schweinen vorm
-Haus halten und wird über die Maßen wütend.
-
-„Was hältst du hier mit deinen Säuen!” fährt er ihn an, „ist mein Hof
-etwa ein Weidplatz für deine Säue? Willst du machen, daß du fortkommst,
-du Faulenzer! Willst du mir auch das Riesele versauen?”
-
-Cornel sagte nichts dagegen und trieb seine Herde, die gar nicht groß
-war, den Weg hinunter, indes Riesele traurig ihm nachsah und seinen
-Säuen.
-
-Die Gänse kamen herein, schritten überaus stolz am Gäulchen vorbei, als
-wollten sie sagen: jag uns doch fort, wenn du den Mut dazu hast! und
-sie schlüpften wieder hinaus in die Wiese. Die Enten kamen herein und
-schritten schnurgerade auf der anderen Seite wieder hinaus. Sie hatten
-nicht Eile, denn sie brauchten keine Angst zu haben vor dem Riesele,
-das seine Hörner, wie man so sagt, für Enten schon genügend abgestoßen
-hatte. Oft, sehr oft, wenn Riesele dalag und träumte, kamen sie
-unversehens herein, setzten sich zu ihm und steckten die Schnäbel in
-die Flügel zurück. Auch die Hühner kamen alsdann, die jungen, die schon
-von ihren Hähnen umworben wurden, scheuten sich nicht, dem Riesele die
-Haferkörner vor der Nase wegzupicken, und in ihrem Uebermut hüpften
-sie sogar auf seinen immerhin breit gewordenen Rücken und streckten die
-Flügel von sich. Aber der alte Hahn ging nicht mit in den Verschlag;
-war seine Schar drinnen, so flog er auf den obersten Querbalken und
-blieb wie ein Wächter da sitzen.
-
-Trudel, die Mutter, die zwischen Pflicht und Neigung anscheinend nicht
-recht unterscheiden konnte wie viele Mütter und nicht wußte, was für
-ihren Liebling gut war, hatte schwere Stunden auszuhalten, weil sie
-sich bei der Arbeit in ihrer Sehnsucht verzehrte, sich ablenken ließ
-und obendrein manchen Peitschenhieb verspüren mußte. Das eingesperrte
-Riesele war doch ihr Kind! Wenn es auch ein Gassenbub gewesen, wenn es
-auch noch so viel Liebe seiner Mutter verschmäht hatte: es war doch ihr
-Kind! Jeden Peitschenhieb ertrug Trudel mit einem bestimmten Gefühl,
-das dem Schmerz ein bißchen Süßigkeit verlieh.
-
-Aber diese Tage waren gezählt; Riesele durfte, als die Körnerfrüchte
-in der Scheune saßen, mit hinaus! Das Wägelchen steht leer vorm Stall,
-der Bauer spannt die Trudel ein, Trudel, das Mädchen, riegelt das
-Gefängnis auf, die beiden Buben bringen Halfter und Leine, und nun, da
-die Mutterstute so zappelig nach dem Riesele hinstarrt, streifen die
-Buben das Halfter an den kleinen Kopf, schleift der Bauer die Leine ans
-Halfter, klatscht Trudelchen in die Hände, und wahrhaftig, Riesele wird
-seiner Mutter an den Zügel geledert! Links an den Ring des eisernen
-Zaumes wird der Lederriemen eingeschlauft, und -- o Herrlichkeit! --
-sonst nichts, sonst bekommt das Kind keine Fessel und keinen Strang
-und darf also nebenherlaufen wie Menschenkinder an Mutterschürzen.
-Steil standen die Ohren der Stute, fromm unbeweglich ruhten die Hufe im
-Sand der Geleise, züchtig hing der überaus lange Schweif nach unten,
-obgleich die Mücken an den Lenden saßen und soffen.
-
-Aufgestiegen, ihr Buben! Trudelchen, voran, neben den Vater gehockt und
-die Peitsche hinten liegen gelassen! Die Bäuerin stand oben auf der
-Treppe, stützte die Fäuste in die breiten Hüften und konnte den Mund
-nicht zusammenhalten vor Freude. Nicht anders als ihr erging es den
-dreißig Hühnern und dem Herrn Hahn, erging es den Gänsen, den Enten
-und gar dem Hasenvater, der ausnahmsweise heute Häsinnen um sich herum
-hatte, unter denen sicherlich etliche seine eigenen Kinder waren. Alle
-Hühner saßen auf den Balken des Hages und hielten die Köpfe zur Seite
-geneigt, um besser sehen zu können. Alle Gänse standen am Gartenzaun
-beisammen, und wenn sie unter sich über ein ganz fernliegendes Thema zu
-diskutieren schienen, so war das eine bewußte Täuschung: ihre kurzen
-Blicke zum Gespann, gerade diese ablenkenden Blicke verrieten nur
-zu deutlich, was in den reduzierten Gänsehirnen vorging! Gänserich,
-es gilt nicht, wenn du in deinen Federn zu picken vorgibst! Alte
-Stammutter, es gilt nicht, wenn du dich mit dem Fuß am Halse kratzest,
-als hättest du einen Wasserfloh! Sie kratzt sich nämlich, -- das muß
-gesagt sein -- nur, um unauffällig einen Blick zum Riesele werfen
-zu können! Offen neugierig und ehrlich wie immer glotzten die Enten
-mit beiden Augen hinter den breiten, biederen Schnäbeln hervor, und
-ihr Enterich stand ganz nahe bei Rieseles linkem Hinterbein. Überaus
-zierlich lag von diesem Beinchen weg ein Schatten überm zertretenen
-Weggras, aber er verkroch sich alsbald in den größeren Schatten, den
-der Leib der Mutter warf, und dieser große Fleck verschlang den ganzen
-Schatten Rieseles, so daß nur ein Ohr noch daraus hervorragte.
-
-Seht es euch an, das Riesele! Ganz Ordnung, ganz straffes Bewußtsein
-von Würde und Kraft, steht es da in Erwartung der Dinge, die kommen
-sollen! Keiner von den kleinen, erdgrauen Hufen, die sonst so unruhig
-sind, getraut sich, zu mucken, keins der Muskelchen, die sonst in
-fröhlichem Gezwitscher an ihren Knochen umherzitterten, als hätten
-sie einen Kitzel im Blut, wagt sich, zu wippen, obgleich sie eben, da
-die Schnaken kitzelten, doch schon einmal tanzen dürften! Kein Haar
-an Mähne oder Schweif, kein Ohr, keine Lippe, nicht einmal ein Auge
-untersteht sich, sich zu bewegen! Ganz Ordnung, ganz Kraft, ganz Würde,
-ganz Wille zur Wohlerzogenheit und Vollendung!
-
-Das Riesele, dessen seelische Regungen verträumt irgendwo
-umherschweiften, so, als sei dieses Stillestehen schon eine große Tat,
-schrak heftig zusammen, als der Bauer hinten aus dem Wagen rief:
-
-„Hü, voran!”
-
-Es war sogleich schon einen Schritt zurück und mußte schon laufen.
-Es lief, und die Mutter nahm ihren Schritt kürzer; das Riesele aber
-schoß voraus. Unsanft zerrte die Leine am Halfter. Nach drei Schritten
-war Riesele wieder zurück, nach drei weiteren wieder voraus. Seine
-Hinterbeine blieben nicht bei der Mutter; sie wandten seitab, und der
-Kopf drückte gegen den Kopf der Mutter, die gewaltsam an sich hielt.
-Ja, es geschah, daß das Riesele an seiner Leine riß, die Hinterbeine
-nach vorn rennen ließ, so daß die beiden Pferdeköpfe fest aneinander
-standen, und die Deichsel das Riesele arg bedrohte.
-
-Es wäre gern wieder zurückgeturnt an seinen Platz, aber es konnte
-nicht! Die Mutter durfte nicht ausweichen, weil die Leine dies nicht
-zuließ (sie selber hätte in diesem Fall fünf gerade sein lassen, wie
-man so sagt, und wäre dem Drängen des Kindes auf den Kleeacker gefolgt,
-diese Mutter!) und so blieb sie stehen, und Mutter und Kind sahen sich
-hilflos an!
-
-Der Weg bog auf die breite Landstraße, und das war ein Glück!
-
-Es darf nicht verschwiegen werden, daß Riesele zur Seite der Mutter,
-als nun die breite Landstraße verführerisch genug auch noch in den
-Schatten des Waldes einbog, allzusehr geneigt war, Bocksprünge zu
-machen, daß der Bauer Klaus, in der Meinung, diese Tollheiten würden
-schon bei der zweiten Reise aufhören, allzu nachsichtig war (Gustav
-dachte ein übers andere Mal für sich: bei seinen Kindern war er nicht
-so gutmütig!) und daß auch die Mutter, eingedenk der eigenen Jugend dem
-Gäulchen Freiheiten gestattete, die sie (und der Bauer Klaus und noch
-viele Kläuse und wohl fast alle) vom Standpunkt ihrer Wohlerzogenheit
-durchaus nicht mehr Freiheit nennen konnte!
-
-Eichenschälholz sollte geholt werden! Es saß in einer Schneise rechtsab
-von der Straße im frischentblößten Schälwald. Die Schneise war
-aufgeweicht, und schmutziggelbes Wasser stand in Lachen beisammen, und
-Wasserschneider, Libellen und Stechmücken umschwirrten den Schmutz.
-Vereinzelt warfen alte Tannen, riesige Eichen etwas Schatten über'n
-Weg, und das Riesele scheute vor den Lachen, scheute vor den Libellen,
-vor den gigantischen Bäumen, selbst vor den Schatten! Die Peitsche
-schwirrte auf, aber die Peitsche machte die Unruhe noch größer und
-verschwand wieder. Die Mutterstute begann schließlich auch zu bockeln
-und kam nicht mehr von der Stelle.
-
-„Wart, Bürschele!” sagte der Vater, „du kommst mir wieder einmal mit,
-Holz holen, bevor du übern Zaun gucken kannst!”
-
-Er stieg ab; auch die Kinder stiegen ab, das Riesele ward von der Seite
-seiner Mutter genommen und neben im Wald an einen Pfahl, der zwei Meter
-Schälholz hielt, angebunden. Allein mußte es hier zurückbleiben, ganz
-allein, so sehr die kleine und die große Trudel auch flennen mochten.
-Das Fuhrwerk schob sich tiefer in den Wald hinein und blieb an der
-langen, leuchtenden Schälholzreihe halten.
-
-Riesele sah und hörte, wie die gelben Prügel aufgeladen wurden, wie
-selbst das Mädchen eifrig bei der Arbeit war und sich nicht um seinen
-Freund kümmerte. Es riß an seiner Leine: sie war stark! Sie war stärker
-als das Riesele, aber der eingerammte Pfahl erbarmte sich und gab nach
-und fiel schließlich um, so daß der Holzstoß zusammenrutschte. Niemand
-hörte den Schall!
-
-Riesele sieht sich noch einmal um, weiß nicht recht, soll es zu der
-Mutter laufen und zu ihren Peinigern -- oder soll es heimzu rennen? Es
-rennt schließlich heimzu und schleift den Eichenprügel, der an seiner
-Leine hängt, hinter sich her, den Prügel, der sich seiner erbarmt und
-ihm die Freiheit gegeben hatte.
-
-Es lief nicht die Landstraße, die es hergekommen; querfeldein lief
-es wieder wie ehedem, denn der ausgetretene Weg der Ackergäule und
-der Ackerkühe widerte sein ursprüngliches Gefühl an, das eigene, wenn
-möglich: verbotene Wege zu gehen wünschte!
-
-Da lag im Schatten eines alleinstehenden Buchengesträuchs Cornel, der
-Hirt, und seine Schweine grunzten weitaufgelöst im warmen Schlamm, der
-von blühenden Ginsterbüschen grell durchtupft war. Cornel hatte hinterm
-Ohr eine Kuckuckslichtnelke stecken und las im Buch der Droste. Wie er
-das Riesele kommen sieht, stützt er sich auf und sagt:
-
-„Na, Riesele, heute merkst du's noch, wie dir der Knüppel zwischen
-den Beinen herumfällt! Morgen schon wirst du's nicht mehr merken, und
-übermorgen, -- solltest du ohne deinen Knüppel laufen, wirst du schon
-schreien: ‚Wo ist mein Knüppel, wo ist mein Knüppel?’ Ade, Riesele,
-ade! Wenn ich dich von dieser Freiheit befreien könnte, gern tät
-ich's, Riesele, ach so gern!”
-
-Das Riesele trat dicht vor seinen Freund hin; er löste die Leine von
-dem Eichenholz, band sie fürsorglich am Halfter oben fest und sprach
-tiefernst:
-
-„Was nutzt es dir, Riesele, daß ich dich jetzt ganz fragwürdig frei
-mache? Deinem Schicksal kannst du nicht entgehen, es sei denn, daß du
-gleich am Anfang deiner Laufbahn über deinen Knüppel stolperst, das
-Bein brichst und stirbst! Riesele, Riesele, soll ich dir von deinen
-Voreltern erzählen, wie die einst so glücklich waren?”
-
-Riesele mißachtete der Worte des Freundes und lief, des Prügels ledig,
-davon.
-
-„Will halt nicht wissen, wie seine Voreltern glücklich waren,” sagte
-Cornel für sich, und zu seinen Schweinen sagte er:
-
-„Seht ihn euch an, er läuft dahin im Segen seiner Freiheit!”
-
-Als Riesele heimkam, war der Hag verschlossen, die Stalltür zugeklappt,
-die Scheune verriegelt. Es wußte nicht, was es tun sollte, und da es
-am liebsten in seinen Hag gegangen wäre, streckte es den Kopf zwischen
-den Balken hindurch und hob das Bein, konnte aber durchaus nicht
-hineingelangen in sein Gefängnis. Schließlich starrte es den Weg hin,
-den es gekommen, und da auch die Gänse nicht zu Hause waren und die
-Enten nicht, und nur einige Hühner im Sand badelten, lief es unter
-den Schuppen, wo die kleine, überdächelte Kutsche stand, und legte
-sich zwischen die Deichseln der Schere, zu dieser auf den Boden. Es
-ist nicht ausgeschlossen, daß es sich hier als ein erwachsenes Pferd
-fühlte, dem man die Kutsche anvertrauen kann, daß es kühne Träume
-hegte! Träume, wie sie Kindern eigen, die so gerne groß wären und so
-gerne einen Beruf erfüllten!
-
-Die Mücken umschwärmten zwar das Riesele, setzten sich aber nicht auf
-sein schwarzes Fell, und als die Holzfuhrleute heimkamen, sahen sie das
-Riesele also liegen und freuten sich sehr.
-
-
-
-
-VII
-
-
-Indessen gewöhnte sich Riesele an die Deichsel und durfte schließlich
-überallhin mit. Eines Tages wollte ein Fremder an den Bahnhof gefahren
-werden. Der Kutscherbock war zweisitzig; der feine Herr kam, wie er
-Riesele sah, aus der überdächelten Chaise hervor und setzte sich neben
-den Bauer Klaus, um das Riesele genau beobachten zu können.
-
-Es lief erst züchtig, wie wenn es ziehen würde, neben der Mutter her
-und nickte gleich ihr mit dem Kopf nach unten, als sei die Last gar
-nicht so leicht, wie es scheinen mochte! Aber schon gleich auf der
-Landstraße riß es an seinem Halfter, schob die Hinterbeine seitaus und
-machte seiner Mutter große Beschwerden. Trudel, die Mutter, ließ sich
-nicht beirren und vermochte immer wieder durch gütiges Zureden, das
-den Menschen leider nicht erkennbar ist, den kleinen Burschen in Zucht
-zu halten. Jedoch nie lange! Trudel selbst begann aufgeregt zu werden,
-man sah ihr den Angstschaum am Maule stehen.
-
-Als das Riesele aber wieder einmal am Halfter zerrte und gar zu bockeln
-anfing, sagte der Fremde zum Bauern Klaus:
-
-„Würden Sie mir einmal Ihre Peitsche und Ihre Leine anvertrauen? Ich
-will mal meine Kunst probieren!”
-
-Er schnalzte ein seltsames Gezisch mit der Zunge, und sogleich stellte
-Trudel die Ohren aufrecht, und sogleich drehte der Student die großen
-Augen einmal zurück nach dem Kutscherbock und lenkte die Hinterbeine
-ein.
-
-Die Leine straffte, die Peitschenschmicke flatterte hochauf.
-
-„Das ist ein seltenes Feuer, Herr, woher haben Sie es?” fragte der
-Fremde.
-
-„Die Mutter brachte mir der Jude, das Kleine ist ein Gelegenheitskind:
-der Vater war bei einer Seiltänzergesellschaft!”
-
-„Aha! Passen Sie auf!”
-
-Der Fremde sprang ab, besah sich der Stute Gebiß, griff ihr an die
-Muskeln des Vorderbeines und tupfte dann mit dem Zeigefinger auf ein
-Plätzchen über der Kniescheibe, worauf die Haut, wie wenn eine Mücke
-dasäße, leicht erzitterte.
-
-„Sie ist ein braver Ackergaul, nicht? Sie hat zwar Qualitäten gehabt,
-ist aber in falsche Hände gekommen und hat's zu nichts gebracht! Wollen
-mal beim Kleinen sehen!”
-
-Er nahm Rieseles Kopf in die Hände, reckte ihn wie einen Rekrutenkopf
-zu sich in die Höhe, schnitt mit dem Fingernagel hinter den beiden
-Ohren zwei Halbkreise, und die beiden Ohren schlugen fast aneinander.
-Er tupfte an den Knien herum, und die beiden Vorderbeine knickten ein,
-und fast wäre Riesele hingefallen.
-
-Der Fremde sah den Bauern lange an, nickte und sagte:
-
-„Er ist wohl auch ein toller Bruder, was? Hören Sie, verkaufen Sie mir
-den Studenten, ich bezahle ihn gut!”
-
-„Was soll aus ihm werden, Herr?” entgegnete der Bauer, „er ist
-ein einfaches Tier, das weder große Kraft noch große Arbeitslust
-haben wird. Anlagen hat er, ja, aber Anlagen zum Taugenichts, zum
-Guckindieluft, und da er Sternkundiger wohl nicht werden kann, muß er
-in stramme Zucht genommen werden für den Wagen!”
-
-„Es gibt außer körperlicher Arbeit und außer der hohen Wissenschaft
-noch andere Dinge in der Welt, mit denen man die Menschen beglücken
-kann, mit denen man schließlich auch sein Brot verdienen kann, Dinge,
-die dem grauen Alltag ferne liegen!”
-
-„Soll er etwa das lebendige Spielzeug werden verwöhnter Fürstenkinder,
-soll er Kinderschlachten schlagen helfen auf den umhegten
-Spielplätzen, vor denen wirkliche Soldaten Wache stehen? Soll er den
-Kopf senken vor den Herrschaften dieser Erde, wie wenn er ein Sklave
-wäre gleich den meisten unserer Mitmenschen?”
-
-„Die Freiheit, Herr, steckt ihm zu sehr im Blut, als daß er sich hierzu
-eigne! Er soll, in Freiheit dressiert, ein großer Künstler werden zum
-Heil der Menschen!”
-
-„Ich seh mein Gäulchen meiner Treu schon auf dem Hochseil tanzen! Nein,
-nein, wollten Sie gar einen Künstler aus ihm machen, gäb ich es erst
-recht nicht her. Auch in meinem Haus wird mehr gelacht als geweint.”
-
-Riesele schritt indes züchtig einher, da die Schmicke der Peitsche über
-seinen Ohren drohte und nicht verschwinden wollte!
-
-Am Bahnhof stieg der Fremde aus, nahm Rieseles Köpfchen zwischen die
-Hände und sagte zu ihm:
-
-„Wir sehen uns wieder!” und zum Bauern sagte er:
-
-„Glücklich sein oder glücklich machen: was dünkt Ihnen am schönsten,
-Herr?”
-
-Der Bauer sah dem Fremden in die Augen, wußte nicht, was er sagen
-sollte, und wiederholte schließlich dieselbe Frage:
-
-„Glücklich sein oder glücklich machen? Ja! Ja! Glücklich machen,
-natürlich! Aber was ist Glück?”
-
-„Hahaha!” entgegnete der Fremde, „Sie gehen mir schon wieder zu weit!
-Zu tief, zu tief in die Erde, zu tief an die Wurzeln! Wir Menschen des
-Kaiserreichs treiben gern oben auf dem Wasser unserer Zukunft entgegen,
-leben über der Erde, wo die Blumen blühen und die Vögel singen!”
-
-„Verstehen aber die Blumen nicht und die Vögel nicht und haben
-überhaupt die Wurzeln verloren! Nicht wahr?”
-
-„Möglich, Herr, möglich; aber wer die Wurzel nun einmal verloren
-hat, wie Sie sagen, soll dem für die kurze Zeit, da seine Blüte noch
-standhält, das Glück versagt sein?”
-
-„Das Glück wird ihm versagt sein müssen, denn Glück bedeutet: Wurzel
-haben! Aber den Schimmer soll man dem Schimmer lassen!”
-
-„Den Schimmer soll man dem Schimmer lassen,” wiederholte spöttisch und
-nachdenklich der staunende Fremde, und fuhr dann fort: „Doch genug der
-leeren Worte: ich komme nach drei Wochen wieder und werde dann das
-Riesele abholen! und wie gesagt: Sie werden keinen Schaden haben bei
-der Sache!”
-
-Als der Vater zu Hause erzählte, was ihm begegnet war, öffneten sich
-die drei kleinen Mäulchen und schlossen sich schier nicht mehr an
-diesem Abend. Der Vater hatte beim Militär allerhand interessante
-Stückchen gesehen: der Rittmeister war ein Narr gewesen: Kerle! sagte
-er oft zur Schwadron, ich bin der Teufel! Ich liebe meine Frau nicht
-und meine Kinder nicht: wie soll ich etwa euch lieben? Ein vollendeter
-Narr war der Rittmeister! Dazu ein Pferdenarr, der neunzehn Reitpferde
-besaß und sie dressieren konnte. Im Walzertakt ritt er an zum Appell;
-Schottisch auf den Hinterbeinen konnten zwei seiner Gäule flott tanzen!
-Einmal erschien er mit einem Rappen, dessen Hufe vergoldet waren, zum
-Appell.
-
-„Vergoldet?” rief das Trudelchen, das in der Mutter Schoß lag, „und die
-Hufeisen, waren die auch von Gold?”
-
-„Die waren natürlich auch von Gold!” erwiderte der Vater und erzählte
-weiter, wie dieser Rittmeister einmal in einem Zirkus ganz plötzlich,
-ohne daß irgend jemand zuvor davon gewußt hätte, angeritten sei mit
-einem schneeweißen Hengst, wie er nur einfach rundum geritten sei, und
-wie die Menge vor Begeisterung geschrien hätte. Alles habe geschrien
-„Bravo, bravo!” und er, der Vater, habe mit seinen Kameraden zuerst
-geschrien und zuerst geklatscht, und nachher hätte jeder drei Tage
-Urlaub bekommen und zwanzig Mark!
-
-„Zirkus?” sagte die Mutter, „ja, wenn Riesele in einen Zirkus soll, da
-weiß ich auch Bescheid! Doch will ich heut abend nichts mehr erzählen,
-ich heb meine Sach auf bis zum Sonntag! Ja, wenn's Riesele in einen
-Zirkus soll, da ging ich auch mit!”
-
-„Ich auch, ich auch!” versetzten die Buben und knöpften schon die
-Hosenträger ab, und Trudel, die schon halb geschlafen hatte, rieb sich
-die Augen und flüsterte:
-
-„Ich auch, Mutter, gelt, ich auch?”
-
-„Freilich, freilich, wir alle gucken, wenn das Riesele Walzer tanzt,
-oder auf dem Hochseil läuft, oder wenn es dem König sagt, wie lange er
-noch zu leben habe!”
-
-Nun wurden alle Tage zu Sonntagen, die Buben schnitten sich Degen aus
-Holz, klebten Papierhelme, gürteten farbige Bänder um den Leib, und das
-Mädchen tanzte, wo immer sie ging und stand. Die Mär, daß Riesele in
-den Zirkus komme, wußte bald die ganze Jugend des Dorfes. Hüpfseile,
-Springreife, goldige Schnüren, Soldatengerät aller Art tauchten auf,
-und auch die Alten betrachteten das Tierchen mit den Augen ihrer
-Komödiantentage, wie jeder Mensch sie mit sich durchs Leben trägt. Das
-ganze Dorf begann inmitten der grauen Kartoffelernte zu leuchten im
-zukünftigen Glanze des kleinen Riesele, und alle sagten:
-
-„Er hat sein Glück gemacht!”
-
-„Glücklich sein, ist nicht Glück,” sagte der Bauer Klaus zum Herrn
-Pfarrer, „glücklich machen, das ist Glück! Oder wie denken Sie über
-diesen Fall, Herr Paschtohr?”
-
-„Da ist nicht viel zu denken, Freund Klaus: wer sein Glück darin
-findet, daß er glücklich macht, der ist wahrlich ein kleiner Heiland!”
-
-Als jedoch die drei Wochen herum waren und der Fremde wieder kam, da
-wollte niemand das Riesele hergeben. Die ganze Stube war voller Kinder,
-aber das Riesele stampfte ungestüm in seinem Hag, als wisse es, was
-geschehen solle, und als wolle es möglichst rasch fort in den Zirkus.
-
-Der Fremde zählte zwei lange Reihen dicker Silbermünzen auf den
-eichenen Tisch, der Vater überzählte sie, indem er mit zwei Fingern auf
-je zwei tupfte und sie ein bißchen höher schob, und die Mutter hielt
-die Daumenspitze zwischen den Zähnen.
-
-Die Buben liefen hinaus, wie sie das viele Geld sahen, und die Stube
-leerte sich fast. Trudel trat betrübt zur Mutter, und als die Mutter
-sie auf den Arm nahm, kollerten dem Kinde die Tränen aus den Augen, und
-es sagte ganz laut:
-
-„Jetzt verkaufen wir das Riesele, wie die Brüder den Joseph verkauft
-haben um dreißig Silberlinge; da hätten wir das Riesele doch Joseph
-nennen sollen, wie's noch ganz klein war!”
-
-Die Mutter konnte die Tränen auch nicht verbeißen, sie sah den Vater an
-und sagte:
-
-„Dreißig Silberlinge, sind's nicht auch gerade dreißig Silberlinge,
-dreißig dicke Silberstücke, und dafür hat auch Judas den Herrn
-verraten!”
-
-„Ja, willst du das Riesele behalten?” fragte der Vater.
-
-„Die Kinder, die Kinder!” antwortete die Mutter, „da guck hinaus, die
-Buben führen's fort!”
-
-„Was die Buben tun, gilt wohl nicht!” sagte der Fremde, zog seine Börse
-und legte drei Zehnmarkstückchen zu dem Geld, hob das eine wieder vom
-Tisch auf, reichte es dem weinenden Trudelchen und sprach:
-
-„Hier, Kind, ein Füchschen für dein Räppchen, und das hier gibst
-du deinen Brüdern! Hier, sieh genau hin, der Mann, der da im Gold
-abgebildet ist, das ist der Kaiser!”
-
-Das Kind betrachtete die Münze und rief zum Fenster hinaus:
-
-„Gustav, August, kommt herein, ihr habt goldene Kaiser bekommen!”
-
-Sie kamen herein, und das Riesele ging, ohne seiner Mutter Ade gesagt
-zu haben, von dannen, dem Zirkus des Lebens entgegen, den sich die
-Menschen eingerichtet haben.
-
-
-
-
-VIII
-
-
-Der Fremde also führte das Riesele fort aus dem Paradies, am
-Buchenwäldchen vorbei in das nahe Städtchen an den Bahnhof, wo Riesele
-mit seiner Mutter schon einmal gewesen war. Die Kinder kamen wieder
-gelaufen, weil gerade die Schule aus war, und sie stellten sich ans
-Gitter des Güterbahnhofes, wo das schwarze Gäulchen auf den Zug warten
-mußte, und sie winkten ihm, da es in den Bahnwagen trat, und riefen
-seinen Namen, da sie es nicht mehr sehen konnten! Riesele blieb lange
-Stunden im Bahnwagen, und als es heraustreten durfte, hing vor seinen
-Augen ein ungeheures Licht, das langsam an einem Pfahl in die Höhe
-geleiert wurde. Nun pendelte es hoch oben, und ringsum zuckten kleinere
-Lichter auf, die Sperre schnurrte zurück, und Riesele schritt hinaus
-in den Abend und stapfte neben dem Manne her über eine große, flache
-Wiese, einem unheimlichen Hage zu, zwischen dessen Gebälk unabsehbar
-Gäule weideten, schwere Kerle, deren Köpfe sich nicht vom Grasboden
-erhoben.
-
-Riesele brauchte nicht in einen dieser Hage; es wurde in einen Stall
-geführt, der ganz weiß getüncht war. Hier verbrachte es die erste Nacht
-in der Fremde.
-
-Gleich am Morgen kam ein Mann in einem langen, weißen Kittel, der
-streichelte an dem jungen Körper herum, und dann kamen zwei andere
-Männer, die legten Riesele aufs Stroh nieder, und dann spürte es einen
-heftigen Stich in der linken Flanke, daß es ausgeschlagen hätte, wenn's
-ihm möglich gewesen wäre. Es konnte mit keinem Muskel zucken, so fest
-hielten die Männer das Riesele, und als sie es freigaben, wollte es
-sich nicht bewegen, so müde war es geworden. Es lag da, eine weiße
-Schnur war um seinen Leib gewickelt, und vor seinem Munde stand ein
-Napf mit Milch, den es aber nicht berührte.
-
-Es trank indes gegen Abend doch die Milch, und am nächsten Morgen hatte
-es sogar Lust, sich auf die Beine zu stellen, stellte sich auch und
-fraß frischen Klee, und schon am andern Tag kam der Mann im weißen
-Kittel wieder und wickelte den Verband ab. Riesele war also wieder
-gesundet von einer Krankheit, die ihm zu Hause hinter seinen Bergen
-sicher erspart geblieben wäre.
-
-Es durfte aus dem Stalle laufen, es durfte die großen Gäule besuchen
-an deren Hag, es durfte den Kopf hineinstrecken zu den Großen und ward
-geliebkost wie von seiner Mutter.
-
-Eines Tages entdeckte es in einem der letzten Hage ein Füllen, das an
-der Brust seiner Mutter trank. Dieses Füllen trank noch an der Brust
-seiner Mutter, obgleich es viel größer war als Riesele. Riesele wollte
-durchaus nicht etwa mit ihm trinken: es hatte nur seine Freude an dem
-großen Säufer und dünkte sich sehr erwachsen. Jeden Tag trieb es sich
-bei Mutter und Kind umher, bis ein Wärter ihm gar die Tür aufmachte und
-es hineinlaufen ließ.
-
-Hier im Schatten einer Mutterliebe verbrachte Riesele die nächsten
-Wochen seines Lebens, bis der Winter kam. Die Mutter hatte genug Liebe
-und verschenkte davon an das Riesele, soviel sie konnte, und Riesele
-wuchs mächtig heran! So sehr es sich aber im Wachsen beeilte: das
-kleine Mutterkind blieb größer! Es konnte seinen Kopf auf die dritte
-Querstange des Hages legen, aber Riesele konnte das nicht! Riesele war
-klein, Riesele war ein Zwerg gegen dieses Füllen, Riesele konnte sich
-strecken, soviel es wollte, aber es blieb klein. Trotzdem, wenn es auch
-kleiner war als der Säugling, so war es doch stärker als dieser, und
-sein Benehmen glich viel eher dem eines gesetzten Burschen.
-
-Von Tag zu Tag glänzte Rieseles Haut mehr, seine Haare stellten sich
-dichter, da der Winter weiß auf den nahen Bergen hockte, die Blesse
-leuchtete etwas über den Augen, und in den Augen erschien ein seltener
-Glanz, der alle, die kamen, über die Maßen entzückte. Zugleich schossen
-die Haare des Schweifes tief hernieder und berührten fast die Hufe, die
-Mähne zottelte sich in weichen Kräuselwellen am Halse herab und fiel
-über die Schulterblätter, und die Stirnhaare wuchsen bis zur Blesse und
-hörten auf zu wachsen!
-
-Rieseles Rücken blieb schmal, seine Brust wollte sich nicht breit
-auseinandertun, entfaltete sich zwar, blieb aber trotzdem schmal und
-zierlich. Seine Schenkel wulsteten sich nur kaum merklich hervor.
-Dennoch, obwohl die Muskelstärke nicht so sehr zutage trat wie bei
-Füllen, die für den Strang geboren sind, machte sich in diesem kleinen
-Körper ein reges Spiel der zarten Kräfte bemerkbar, das den Kenner und
-noch mehr den Menschen, der in dem Spiel der Muskeln das Leben sieht
-und die Schönheit und, was alles dahinter sich versteckt, höchlich
-entzücken mußte. Wenn die beiden Kinder miteinander spielten, so
-tolpatschte das größere, das jüngere, hierhin und dahin, ungelenk und
-steif und stieß bald an den Stangen an und rannte gegen die Mutter, und
-einmal warf es sogar das Riesele um auf den Grasboden, daß dem Riesele
-fast die Tränen kamen.
-
-Dieses aber bewegte sich ganz anders! Die geringe Last seines Körpers
-schnellte, von den Vorderbeinen aufgewippt, überaus leicht und
-zierlich und anmutig den Rücken hernieder in die Hinterbeine, so daß
-die Vorderbeine sich fröhlich in der Luft ergingen, so daß die lange
-Zottelmähne umherwirbelte, der Kopf sich aufreckte, sich vor Uebermut
-schüttelte, so daß die Zähne hervorblitzten und die Ohren in der
-Luft herumstachen, wie wenn sie Fliegen schlagen wollten! Die geringe
-Last des Körperchens turnte in die Vorderbeine, daß die Hinterbeine
-befreit waren, daß die Hinterbeine nach allen Seiten ausfeuern konnten,
-als seien sie die schlimmsten Pferdebeine der Welt, daß sie aber nur
-fortgesetzt und immer wieder Löcher in die kalte Herbstluft schlugen.
-
-Die Kraft, die sich in dem kleinen Körper regte, war durchaus nicht
-klein und wollte vertobt sein! Ein Spatz, der sich aufs Geländer des
-Hages setzte, eine Mücke, die heranflog, das Riesele zu stechen und von
-seinem Blut zu trinken, ein verspäteter Schmetterling, der irgendwohin
-flatterte und an Riesele zufällig vorbeikam, sie alle reizten des
-Riesele junge Kraft wie echte Feinde, und jeweils stürzte sich der
-kleine Mann auf das harmlose Tierchen los, der große Säugling tat dann
-auch mit, und wenn der Spatz endlich den Hag verlassen, wenn der
-Schmetterling sich weiter in die Höhe geschwungen, wenn das Bienlein
-das Weite gesucht hatte vor solcher Turnierwut, so gerieten die zwei
-Kleinen sich an die Köpfe und bissen sich gegenseitig in die Hälse,
-in die Kinnbacken, gar in die Ohren, und sie feuerten aus, trafen
-sich aber niemals! Der Säugling war ungelenk; sein Körper wartete
-noch auf größeren Kräftenachschub, war aber schon für diese größeren
-Kräfte einstweilen eingerichtet und stand oft breitbeinig da wie das
-hölzerne Pferd der Trojaner, das auch auf allerhand Kraft warten mußte.
-Riesele dagegen wußte mit sich umzugehen! Es konnte, wenn eine Fliege
-an seiner Brust saß, den Brustmuskel erzittern lassen und brauchte
-vor dieser Fliege nicht fortzulaufen wie sein Milchbruder! Es konnte,
-wenn der Bauch juckte, den Schweif herschwingen, oder es konnte den
-Kopf so weit zurückbiegen, daß es sich am Bauche schaben konnte, mit
-den Zähnen beißen konnte, daß es den Vorderhuf oder auch den Hinterhuf
-heben konnte und dabei nicht achtzugeben brauchte, ob es umfalle, wie
-der große Kleine! Er war wirklich einmal umgefallen, der Säugling: er
-wollte es dem Riesele gleichtun, wie es sich am Hinterschenkel biß, er
-drehte sich da oftmals im Kreise, und der Schenkel drehte sich auch
-und entlief dem Maule immer wieder im Kreise herum. Blieb endlich
-das Hintergestell an seinem Platze, so reichte der Hals nicht, d. h.
-gereicht hätte der Hals schon, aber er war zu steif, als daß er sich
-genügend gebogen hätte. Da nun in dem zukünftigen Ackergaul offenbar
-ein Stück Ehrgeiz rumorte, überspannte er den Bogen seines Halses und
-knackte um. Da lag er nun!
-
-Diese Umbiegung, daß der Kopf sich dem Schweife näherte, war seitdem
-Rieseles liebstes Spiel, und dies Spiel sah sich köstlich an: die
-dünnen Rippen preßten sich am schwarzen Bäuchlein hervor wie mit
-dem Silberstift getönt, der Hals erglänzte längs der Rundung, die
-Mähnenspitzen ergossen sich über den gestreckten Kopf, und der ganze
-Körper ruhte gefestigt in dieser Stellung wie in Erz gegossen. Da
-mochte denn der braune Ehrgeiz nicht mehr von den Stangen des Hages
-weggehen und schabte, ob nicht bald die ersten Zähne kommen wollten!
-
-Indessen: es wurde kalt, das ganze Gestüt ward abgebrochen, und Riesele
-kam in einen Stall.
-
-Schon am zweiten Tage erschienen etliche Männer in dem Stall. Sie
-besahen sich die schweren Gäule, und plötzlich kommt einer der Männer
-auf Riesele zu und sagt zu den übrigen:
-
-„Hier, staunt: brauchen wir denn nicht auch einen Dauphin? Er ist zwar
-von Haus aus ein Mädchen, aber was verschlägt's?” Er sagte das etwa
-so, wie ein Theatermann einen jugendlichen Liebhaber sucht oder eine
-Heldenmutter oder eine komische Alte!
-
-Alle kamen zu Riesele her; alle besahen, befühlten, betätschelten
-Riesele, und Riesele stand da inmitten ihrer Lobpreisungen und
-spielte mit den Nüstern und spürte die vielen eingehenden Blicke wie
-Liebkosungen an sich umhergleiten. Seine Blesse ward gestreichelt,
-seine Ohren wurden gezerrt, seine Augen wurden mit einem kleinen
-Kerzenlicht beleuchtet, ob sie gesund seien, seine Lippen wurden
-wiederholt auseinandergenommen, seine Zunge herausgeholt, seine Zähne
-betickt mit einem blanken Schlüssel!
-
-Riesele und mit ihm ein überaus starker Hengst, der auffällig rot
-gesprenkelt war, diese zwei mußten aus dem Stalle treten und wurden am
-selben Tage fortgeführt ans Bahnhöfchen.
-
-Während der langen Fahrt freundeten sich die beiden Pferde an, und
-der große Hengst, der seine Nüstern oben am Viehwagen hinausstrecken
-konnte, was dem kleinen Riesele versagt war, schurfte mit seiner Nase
-oftmals an Rieseles Hals herum, als wolle er dessen Kopf hinaufziehen
-an das breite Luftloch. Aber Riesele war doch zu klein! Es legte sich
-auch einmal nieder, streckte die vier Beine von sich und streckte die
-Beine unendlich weit aus und wuchs zusehends. Auch den Kopf reckte es
-von sich, und wenn das garstige Halsband nicht gewesen wäre, das an der
-Eisenstruktur festgebunden war, so hätte Riesele ein Stündchen oder ein
-Viertelstündchen geschlafen.
-
-Der Fuchs konnte sich nicht legen: er hatte Hufeisen an, die schon
-recht glatt abgelaufen waren, und so oft er's auch versuchte, glutschte
-er und schnellte vor Aufregung, vor Angst immer wieder in die Höhe.
-
-Ungeheure Schenkel hatte dieser Gaul! Ueber den Knien wulsteten
-die Muskeln hervor wie Halbkugeln, und dann begann eine Fülle von
-gestrafftem Fleisch sich hinaufzubiegen, die in ihrer Fuchsröte den
-dunklern Schweif, der sehr kurz und zerfranst war, fast völlig in
-sich einbettete. Beinahe etwas zu wenig dick zog der Bauch nach den
-Vorderbeinen hin, gleichmäßig rund wie eine Walze, und vom rechten
-Vorderbein her ästelte eine Ader, dick wie ein Bauerndaumen nach
-oben und unterm Bauche her. Unten erhöhte sich das Rot zu einem
-überschmutzten Weiß, das sich gegen die Brust ergoß und zwischen den
-Beinen auf den stets federnden Brustmuskeln sich wieder verlor. Gerade
-wie Don Quichotes Beinschienen strafften die Muskeln dieser Vorderbeine
-nach unten, mehr Sehne als Muskel, von keinerlei Fettansatz verhunzt,
-von keinem warzigen Auswuchs verunstaltet, und die Hufe breiteten sich
-unter dem schmalen Zehengelenk, das scheinbar schwach aussah wie ein
-Brückenbogenaufsatz, kurz, straff, gepackt und fast rechtwinkelig zur
-Erde. Ueberaus zierlich standen diese Hufe da, kaum größer als die des
-Riesele.
-
-Riesele aber hatte seine Freude an des Fuchses Hals! Es konnte und
-durfte mit seinen Lippen über die blanke Glätte hintasten, es konnte
-und durfte längshin die Rinne beschnuppern, die sich von der Brust
-bis an die Backen des Kopfes erstreckte, es konnte und durfte an
-der kurzen Mähne, die bald nach links, bald nach rechts äußerst
-zerzauselt herabhing, mit den Lippen, mit den Zähnen, mit der Zunge gar
-herumschmecken.
-
-Riesele merkte bald, wie der große Freund Freude hatte an den
-kindlichen Schmeicheleien! Es schmarotzte auch an seinem Kopf herum:
-es biß mit seinen Milchzähnchen an den festen Nüstern, es leckte
-gar an die Zähne hinein, es schabte mit der Nase seitlich an die
-sehnigen Backen, wo Aederchen zitterten aus Zorn über die harten
-Halfterriemen, die da angeschnürt waren. Ha, wenn der Große den Kopf
-herniederbog, wenn der Hals hinter den Kinnbacken sich einfältelte
-wie ein Kinderkleid, ha, da boten sich dem Kleinen zwei Lichter dar,
-links eins, rechts eins, zwei Börnchen lebendigen Wassers, zwei
-wogende Schalen, in denen Kraft und Uebermut und Liebe und Schönheit
-fluteten, daß es dem Kinde angst und bange ward und warm ums junge Herz
-und bockelig vor Freude. Von der Stirn her quirlte ein angeknäulter
-Haarschopf gegen die Augen, die er aber nicht verdecken konnte, und die
-aufgespitzten Ohren hatten Mühe, sich aus diesem Quirle zu erheben.
-
-Was für eine seltsame Freude war das doch in Rieseles Herz!
-
-Aneinandergekoppelt schritten die zwei ungleichen Gesellen quer durch
-eine große Stadt und beschlossen ihre Wanderung an einem grauen Zelt,
-das neben anderen größeren Zelten auf einer Wiese stand. Kinder liefen
-an gelbgestrichenen Wagen umher, lüfteten die Zelttücher und sahen
-hinein, und Hunde bellten an ihnen herum, bissen aber nicht!
-
-Die beiden Freunde mußten ein Weilchen warten, bis sie hinein durften
-ins Zelt. Sie standen vor einer Reklametafel, die ganz bedeckt war mit
-buntigen Tieren, mit Pferden, Tigern, Löwen, Elefanten und mit drei
-ganz kleinen Gäulchen, die Ball miteinander spielten. Sie besahen beide
-diese Herrlichkeiten! Der Fuchs regte sich nicht; selbst die vielen
-Kinder, die sich um sie herstellten, ließen ihn nicht aufmerken!
-
-Ein kleines Mädchen scheuchte mit seinem dicken Muff nach des Fuchses
-Kopf, aber der Fuchs verzog keine Miene. Starr hafteten seine Augen an
-den grellen Farben der Holztafel.
-
-Riesele aber konnte die Ruhe nicht bewahren! Sei es, daß die Kinder
-das kleine Gäulchen verwirrten, da sie ohne jede Scheu seinen Hals
-streichelten und seinen Rücken, sei es, daß das Kerlchen von dem, was
-auf der Tafel dargestellt war, ein Ahnen hatte, eine Lust, mit den
-drei Kleinen zu spielen, eine Ungeduld, hier angekoppelt sich begaffen
-lassen zu müssen!
-
-Eine Sacktür öffnete sich! Riesele ward hineingezogen, der Fuchs kam
-hinter ihm drein. Warm war's hier, es roch nach Pferden, aber auch nach
-anderen Tieren! Löwen lagen hinter starken Gittern, ließen die Pranken
-heraushängen und blinzelten mit den Augen. Ein alter Affe lauste sein
-Junges. Und weiter hinten erst standen die Pferde! Ein Junges soff an
-seiner Mutter, etliche ganz kleine Gäulchen lagen wie Geschwister auf
-einem Häufchen und pflegten der Ruhe. Das Allerkleinste, viel kleiner
-als Riesele, war weiß und hatte hellrote Flecken am ganzen Körper. Die
-drei auf dem Häufchen sahen, ohne die Köpfe zu erheben, den Ankömmling
-an. Dieser verspürte Lust, mit ihnen zu spielen, und strebte nach
-ihrem Verschlag, mußte aber etwas weiter zurück in dem Stall. Der Fuchs
-hatte schon seinen Platz bei vielen Gäulen gleicher Größe, doch schien
-er stärker als alle.
-
-Es dauerte nicht lange, so gab's reges Treiben im Stall. Eine Dame
-brachte den Löwen Fleisch und streichelte sie und nannte den einen
-Mäuschen, den anderen Herzblatt, den dritten Rapunzel, den vierten
-Kasimir Edschmid. Burschen kamen, sattelten, äußerst bunt, etliche
-der großen und alle die kleinen Pferde, und eine Mannsstimme rief
-irgendwoher:
-
-„Dahinten liegt ein Paar Schuhe; wem gehören die denn?”
-
-„Sind's weiße?” rief eine blecherne Frauenstimme dazwischen, und die
-Mannsstimme entgegnete:
-
-„Nein, rote!”
-
-„Die sind mir!” krischen etliche Weiber, und zwei liefen durch den
-Stall, die eine mit nackten Beinen, die andere ohne Bluse überm grünen
-Seidenhemd.
-
-„Entree!” ertönte es, eine Peitsche knallte. Die Burschen, die alle
-schmutzig gekleidet waren, schoben fast alle Pferde nach dem Eingang.
-Die kleinen hatten grüne Lappen auf den Rücken liegen, die von
-gelbglänzendem Lederzeug festgehalten wurden. Schellen rasselten an dem
-Lederzeug!
-
-Riesele stand! Riesele streckte den Kopf vor und scharrte mit dem Huf
-im Mist und riß an seiner Kette. Der Hengst lag und schnaufte.
-
-„Entree!” rief eine dunkle, aber hellgestellte Stimme wieder.
-
-Man schwang sich in die Sättel! Männer, als Empiresoldaten verkleidet,
-Frauen als Empiresoldatenmädchen verkleidet, schwangen sich in die
-Sättel. Lanzen ragten auf, Helme blinkten, Fähnlein hingen züchtig an
-den bunten Stangen. Zwei rotgefärbte Reiherfedern schnitten quer durch
-die Lanzenstangen; ganz hinten trippelte das winzige Schimmelchen,
-nicht größer als solch eine Feder.
-
-Nein! Riesele durfte nicht mit!
-
-Ein Vorhang hob sich, Trompeten erschollen, der Zug schob ab ins
-Entree! ... Was zurückkam, jubelte, wieherte, knirschte mit den Zähnen
-vor Lust; was zurückkam, stand begierig, wieder fort zu dürfen, hinaus,
-in die Manege, in die Herrlichkeit des großen Lebens, die Herren
-Menschen zu ergötzen!
-
-„Tableau!” schrie hell die dunkle Stimme; die Pferde reckten sich schon.
-
-Riesele, der Fuchs, das Füllen und seine Mutter blieben zurück, sonst
-niemand! Nicht einmal nach dem Vorhang durfte Riesele gehen! Was mochte
-sich da draußen abspielen?! Auch der Fuchs schlief nicht, sondern sah
-nach dem Vorhang.
-
-Sie kamen schon wieder, die Pferde; sie wurden umtätschelt von den
-überaus lustig gekleideten Menschen, und eine Dame turnte auf den
-Rücken ihres Gaules und legte die Wange an den Hals des Tieres und
-sagte:
-
-„Dat war aber mal eine leckere Chose, Schatz!”
-
-Sie küßte das Pferd, dessen Augen rundum frohlockten. Riesele sah dies
-genau.
-
-Ein Bursch schlug einem anderen Burschen, der eine dünne, lange Röhre
-schräg vom Kopf abragen hatte, ins Genick: er purzelte. Auch der erste
-purzelte, und so kamen sie auseinander, jeder zu dem Pferd, das er
-zu bedienen hatte! Die Löwen wurden in ihrem Käfig hereingezogen,
-die Dame, die bei ihnen am Gitter stand, trug einen Lorbeerkranz im
-Haar. Sie schillerte von glänzenden Steinen wie ein Heckenrosenstrauch
-im Juniregen. Ganz zuletzt erschien ein niedriggebautes arabisches
-Vollblut, das trug gesenkten Kopfes einen mächtigen Eichenkranz, der
-mit goldenen Schleifen durchwirkt war, um den Hals. Ein Mann im Trikot
-schritt neben ihm, nahm von einem Nagel im Pfosten drei schwere,
-silberne oder bleierne Ringe und streifte sie sich an die Finger.
-
-Ein jeder sang, pfiff oder trillerte vor sich hin; alle Tiere, die
-draußen waren, sangen, pfiffen, oder trillerten vor sich hin. Was, um
-des Himmels willen, mochte draußen alles geschehen sein!
-
-Riesele sah auf einmal dauernd zu dem Freunde hin, und auch dieser
-spitzte die Ohren und starrte zu Riesele her, als wünsche auch er
-Auskunft!
-
-Mit einem Schlage jedoch verlöschten die Lichter, Riesele legte sich
-nieder und schlief ein, in Erwartung der Dinge, die seiner harrten.
-
-
-
-
-IX
-
-
-Am nächsten Morgen schon um zehn Uhr begann die Hauptprobe in der
-Manege, und Riesele sowohl als auch der Fuchs, der Wallenstein genannt
-ward, durften einmal an den Vorhang treten, um hineinzusehen in die
-Manege und mußten dann auch wirklich hinein. Sie wurden an einen
-Zeltpfahl angebunden. Ein Pferd lief dauernd an einer Leine im Kreise
-herum. Unten im Sand bewegte sich manchmal etwas wie eine dünne
-Schlange und blieb wieder ruhig.
-
-„~Changez!~” rief der Direktor, und der Gaul lief in entgegengesetzter
-Richtung den Kreis der Manege. Eine Peitsche zuckte auf, warf in eine
-entfernte Ecke einen Knall und sank wieder in den Sand: diese Schlange
-war eine unendlich lange Peitsche!
-
-„Komm zu mir, Prinz!” sagte der Direktor gutmütig, äußerst gutmütig,
-und der Bruder kam in die Mitte und wurde liebreich getätschelt.
-
-Riesele ward unruhig: es wäre auch gern im Kreise gelaufen, hierhin und
-dorthin, wie der Herr Direktor es gewünscht hätten, ja, und es wäre
-auch gern so geliebkost worden!
-
-Aber nun rief der Direktor nach anderen Pferden, und sieben an der Zahl
-surrten aus dem braunsamtnen Vorhang in die Manege. Sieben Pferde, groß
-das erste, klein das vierte, winzig das letzte, viel, viel kleiner als
-Riesele. Sie liefen im Kreise, streng der Größe nach hintereinander.
-
-„~Changez!~”
-
-Sie schnitten mitten im Sand an der Peitsche vorbei und liefen
-wieder, -- endlos schier wechselten sie die Laufrichtung. Die kleinen
-Bürschlein konnten ihren Platz nicht finden, da mußte die Peitsche
-helfen! Aber die Peitsche machte mehr Lärm, als sie wirklich strafte!
-Sie tippte manchmal einem der Kleinen um die Ohren, um die Füße, und
-sogleich wußten sie, ihre Plätze wieder zu finden.
-
-„Hierher, zu mir!” erschallte plötzlich die Stimme des Direktors, und
-sogleich bog der Große zur Mitte, und die ganze Familie folgte ihm; da
-standen alle nebeneinander, Lende an Lende.
-
-„Miezi, Miezi, wo steckst du denn?”
-
-Das Kleinste tat einen Schritt nach vorn, und im selben Augenblick
-knallte die Stimme:
-
-„~À genoux!~”
-
-Alle fielen auf die Knie, mühsam zwar, doch rasch und fast gleichmäßig!
-Nur Miezi kam nicht herunter. Die Peitschenspitze züngelte herbei;
-trommelte an den Schienbeinen des kleinen Gäulchens umher, unausgesetzt
-wie Spechtgehämmer, aber das Kleine konnte nicht herabkommen. Es sank
-zur Hälfte und strauchelte und sprang wieder auf. Die Peitsche knallte
-heftig. Die anderen Tiere konnten aber solange nicht auf den Knien
-liegen und turnten auf. Wieder erschallte die erregte Stimme:
-
-„~À genoux!~”
-
-Glatt sanken die sechs Tiere, und Miezi blieb unterwegs hocken; die
-Peitsche trommelte.
-
-„~À genoux, à genoux!~” trommelte die Peitsche von weit her, wo der
-Direktor stand. Sie trommelte wider die Beine, wider die Knie, sie
-kletterte an Miezi empor, bis an Hals und Augen, sie tickte an seine
-Ohren!
-
-Plötzlich aber flog die Peitsche seitab in den Sand, die sechs größeren
-Tiere bogen nach dem Ausgang und durften hinterm Vorhang verschwinden,
-und nur Miezi blieb zurück!
-
-Der Direktor bekam eine kurze Lederpeitsche, einen Riemen eigentlich,
-und trat zu den zwei Neulingen, zu Riesele und seinem Freund, hielt
-diese Peitsche steil vor deren Augen und sagte:
-
-„Die Wünschelrute! Die Wünschelrute der Ordnunk, der Schönheit und
-alles Glückes!”
-
-Er lachte dazu, und seine Augen und sein Mund verschwanden in einem
-Gemisch von tiefen Falten, die wie in Leder gezogen sein Gesicht
-zergeißelten.
-
-„~À genoux, à genoux, à genoux!~” schrie er, indes er sich
-Miezi näherte, die unbeweglich stehen blieb, obwohl sie doch
-lieber fortgelaufen wäre! Er faßte ihren linken Vorderfuß, ihren
-Unterschenkel, bog ihn mit aller Kraft zur Erde, zog und drückte
-zugleich das winzige Körperchen nach unten, das willig folgte, wenn
-auch der Kopf ängstlich sich aufreckte, wie bei einem Kind, das man in
-den Fluß taucht. Ganz sachte berührte schließlich das zierliche Knie
-den Sand, und der Dresseur tat seine Hand weg. Jedoch sogleich federte
-Miezi in die Höhe. Aeußerst in Liebe ließ er die kurze Peitsche an
-seiner freien Hand herabhängen, streichelte den Unterschenkel wieder,
-sagte:
-
-„Miezerl, Miezerl, Schnuckerl!” und bog und drückte wieder sanft und
-bestimmt nach unten. Wieder setzte Miezi keinen Widerstand und sank
-herab, indes ihr Kopf sich aufreckte.
-
-„Muß ich den Kadett wieder durch den Kakao schleifen!” knirschte der
-Direktor.
-
-Riesele stand an seinem Balken, straff alle Muskeln angespannt, und
-rührte sich nicht. Doch als Miezi wieder aufschnellte, zuckte es heftig
-zusammen wie von einem Schlag erschreckt. Der Fuchs regte sich nicht;
-er zerrte bisweilen an seiner Leine, um an einer Stuhllehne, die vor
-ihm stand, zu knuppern.
-
-Der Dresseur aber nahm nun die kurze Peitsche in die andere Hand und
-schlug zweimal auf Miezis Rücken. Wieder schmeichelte er, wieder bog
-und drückte er den willigen Fuß zum Sande, wieder entfernte er die
-helfende Hand, und Miezi sprang auf. Wieder zuckte die Peitsche auf,
-aber diesmal legte sie nicht zwei Schläge auf den Rücken, sondern
-klatschte an die Seiten, an die empfindlichen Seiten, und das kleine
-Ding blieb stehen, ohne sich zu regen und ließ sich peitschen, und nur
-die Haut zuckte erschüttert nach den Hieben.
-
-Riesele streckte den Kopf lang vor sich aus und schüttelte ihn.
-
-Die Qual in der Manege begann wieder. Diesmal wollte sich das Knie
-nicht so bereitwillig beugen lassen, schien schon vor der umfassenden
-Liebkosung der Hand sich wehren zu wollen und gab erst nach, als ein
-Faustschlag es zwang. Die Augen des Dresseurs hoben sich von unten
-herauf zu Miezis Augen, und Miezi erkannte vielleicht die vielen Ruten
-in dem verhaßten Gesicht und streckte das halbgebeugte Knie wieder.
-Da ließ sich der Dresseur auf seine beiden Knie herab, schlug mit der
-kurzen Peitsche hinauf gegen Maul, Nase und Ohren, und das Tierchen
-hob sich auf die Hinterbeine, und seine überaus kindlichen Vorderhufe
-schwebten über des Dresseurs Schultern wie Trommelschlägel. Dieser
-zuckte auf, als seien diese Hufe gefährlich für ihn und schleuderte das
-Körperchen rücklings von sich, so daß es überstürzte und platt auf den
-Rücken plumpste!
-
-Er stand, der Dresseur! Er schwang die kurze Peitsche hochauf, er ließ
-sie niedersausen auf den sich darbietenden Leib, holte mit dem Fuße
-aus und schlug den Fuß, der mit schweren Schuhen bekleidet war, dem
-kleinen Gäulchen in die Rippen, daß der leichte Körper ein Stückchen
-davonrutschte im Sand. Nochmals bohrte sich dieser Fuß in die Seiten,
-und der Ruck, den er verursachte, ließ das Tierchen aufspringen auf
-seine vier Beine.
-
-Schaum spritzt von dem Pferdemund gegen den Dresseur, und dieser faßt
-das dünne Halfter, rafft alles Geriem zusammen in seiner großen Hand,
-zerrt Miezi etwas zu sich heran, murmelt vor sich hin:
-
-„Junk, Junk, du hast keene Ahnunk nisch!” und faßt die Peitsche fester.
-Sein Mund sprudelt über, indes er zu schlagen beginnt:
-
-„Ein Lama biste nisch! Nisch? biste Lama, das speecht? Nee! Nee!
-Scheeler Minister!”
-
-Und dann, da die Hiebe rascher niedersausen, kreischt er unausgesetzt
-zur Musik der Hiebe:
-
-„~À genoux! À genoux! À genoux!~”
-
-Man weiß nicht, wer die Laute schreit, ob der Mund des Dresseurs sie
-klatscht, ob die Peitsche den französischen Laut zischt!
-
-Riesele streckte den Kopf steil in die Höhe und schrie. Der Direktor
-kam daraufhin zu ihm her, ließ unterwegs die Peitsche fallen, holte aus
-der Rocktasche ein Stück Zucker und hielt es Riesele hin, und indes
-Riesele das Stück nahm, streichelte er über seinen Hals und sagte:
-
-„Recht so, recht so, du wirst einmal besser, nisch?”
-
-Und dann legte er seine überschweißte Wange an Rieseles Wange und sagte
-liebreich:
-
-„Dauphäng, Dauphäng!”
-
-Miezi rührte sich nicht; Schaum stand vor ihrem Munde.
-
-„~À genoux, À genoux!~” trällert der Direktor wieder und kommt näher zu
-Miezi, hebt die Peitsche auf, bückt sich, erfaßt den Unterschenkel und
-läßt sich auf ein Knie nieder.
-
-„Rudolf herbei!” kreischt er.
-
-Aus der Reihe von Burschen, Männern und Mädchen, die da umherstehen und
-gucken, springt einer in die Manege und wirft die Zigarette von sich.
-Er trägt eine kurze Peitsche mit sich und stellt sich mit gespreizten
-Beinen neben seinen Direktor und neben Miezi.
-
-„~À genoux!~” schreit dieser wieder, und Miezi hebt gefällig den Huf in
-die hingehaltene Hand, gibt bereitwillig dem Druck und dem Zug dieser
-Hand nach und senkt den vorderen Körper zur Erde herab. Jedoch, da das
-Knie den Sand berührt, zuckt der Kopf auf, und das ganze Körperchen
-zuckt mit. Rudolf, der Bursche, reißt einen Schlag über diesen Kopf,
-daß Riesele zusammenzuckt und an seiner Leine zerrt. Umsonst, der Kopf
-Miezis turnt weiter, aber das Knie ruht fest im Sand, fest in der Hand.
-Einen Augenblick ruht auch der Kopf, und:
-
-„Brav, brav!” ruft der Direktor, „so ist's brav, Miezi!”
-
-Ueber des Tierchens Kopf steht ein kleiner, dreispitziger Stahl aus der
-Hand Rudolfs herab. Berührt fast die Haut zwischen den Ohren!
-
-Festgeklemmt zwischen Hände, Peitschen, Stahl und Menschenwillen, steht
-Miezi und rührt sich nicht mehr.
-
-Die Hand des Dresseurs will sich unten vom Schenkel lösen.
-
-„Miezerl, Miezerl, liab Dingele, Zuckerle gibt's, Zuckerle! So isch's
-brav, liabs, so isch es liab!”
-
-Miezi aber wird, da die Finger sich lösen, unruhig, der Kopf stößt,
-stößt in die drei Stahlspitzen, das ganze Körperchen wirft sich auf,
-der Dresseur fällt um, Rudolf haut mit Fäusten drein, Miezi stürzt über
-den Dresseur, wird hinweggerissen, rast, den Dreizack in der Stirn,
-nach dem Ausgang, wo die Knechte stehen, und wird dort aufgefangen und
-auf Armen zurückgetragen zu seinen Quälern. Rudolf reißt den Stahl aus
-der Haut und steckt ihn ein, der Direktor hebt die beiden Fäuste über
-sich, als schleppe er einen Felsen, und geht so auf Miezi los, und in
-seinem Antlitz schwirren die Lederriemen umher.
-
-Ein Strömlein roten Blutes sickert Miezi über die weiße Nase herab.
-
-Der Direktor achtet nicht darauf, er streckt die Hände aus, Rudolf
-reicht ihm die Peitsche, er flüstert für sich:
-
-„Immer feste druff! Immer feste druff!” Er sagt laut zu den Umstehenden:
-
-„Jibt man ihm seinen Hafer ~pour~ nisch?”
-
-Die Sklaven lächeln im Chor:
-
-„~Pas du tout!~” und:
-
-„Nur die Ruhe kann es machen!” sagt der Dresseur und nähert sich Miezi.
-Er spreizt die Beine, stößt sich die Fäuste in die Hüften, beugt den
-Oberkörper gegen Miezi und spuckt ihr ins Gesicht, hebt den Zeigefinger
-weit übern Kopf, wirft ihn nach dem Ausgang zu und gibt Miezi einen
-Tritt, daß sie etliche Schritte machen muß, und die Sklaven holen das
-Tier ab in den Stall.
-
-Der Dresseur zieht wieder sein rotes Schnupftuch, wischt sich über die
-Stirn und geht auf Riesele zu und sagt:
-
-„Die kleine Dame, die du eben kennen jelernt hast, meint, sie habe
-jetzt ihren Willen durchjesetzt, aber sie wird erst morgen erfahren,
-wie sie sich täuscht! Ich sehe es dir an, du bist von anderem Schrot
-und Korn. Aber da bist du jerade recht jekommen! Und du Großer: na, wir
-werden uns ooch noch zu sprechen haben!”
-
-Er wandte sich ab:
-
-„Wo stecken die Oojuste?”
-
-Sie sprangen vor, die Auguste, drei Stück! Der Dresseur schnalzte mit
-der Zunge, sie warfen ihre leichten Körper zum salto mortale zurück und
-standen auch schon wieder in Reih und Glied.
-
-„Auf die Hände!” schrie der Dresseur. Sie schwangen sich auf die Hände
-und liefen im Kreise, die lange Peitsche schleifte hinter ihnen drein.
-
-„~Changez!~” Sie wechselten die Richtung.
-
-„Ab, gut!”
-
-Der Direktor wandte sich und schrie:
-
-„Dauphäng! Hast du das gesehen? -- Kein Schlag!”
-
-Er wandte sich.
-
-„Tierschutzverein?” rief er dann, „wer fragt?”
-
-Der dickste von den dreien fragte den Direktor:
-
-„Sind Sie im Tierschutzverein?”
-
-„Sind -- Sie -- im -- Tier -- schutz -- ver -- ein?” äffte der Direktor
-nach, „wer wird so damlich fragen?”
-
-Alle drei schrien sie nun, jeder in seiner Art und mit fröhlichen
-Bewegungen der Hände, der Augen, der Beine auf ihn ein:
-
-„Sind Sie im Tierschutzverein, Mister?”
-
-„Aha, natürlich! Natürlich bin ich im Tierschutzverein! Wie könnt ihr
-fragen? Wißt ihr nisch, daß ich ein Freund des Kronprinzen bin?”
-
-„Laß doch den Kronprinzen beiseit!” flötete eine Frauenstimme aus dem
-Hintergrund, und der Direktor starrte stumm nach der Stimme.
-
-„Immer Reklame für den Kronprinzen, der jibt dir en Dreck dafür!”
-
-„Iß er etwa nisch Protektor des Tierschutzvereins? -- Iß er wohl!”
-
-„Laß ihm doch sein Pläsier!”
-
-„Pläsier? Sein Pläsier schaut anders aus!”
-
-„Er liebt die Jagd! ... Weißt: von wegen Tierschutzverein! Aber laß
-ihn aus unsrer Manege, er hat genug mit der seinen! Und zudem: uns
-Kunstbagage steht wie überhaupt armen Leuten der Patriotismus der Gasse
-nicht recht zu Mund!”
-
-„Gut, nehm ich das Warenhaus des Westens!”
-
-„Natürlich, nimm doch das Warenhaus des Westens!”
-
-„Also nochmal Aujust: Sind Sie ...”
-
-„Sind Sie im Tierschutzverein, Mister?”
-
-„Aha, natürlich! Natürlich bin ich im Tierschutzverein! Wie kannst du
-fragen? Weißt du nisch, daß ich ein Freund des Kaufhauses des ...”
-
-„Ja, verehrter Gatte, nur heraus damit: daß ich ein Freund vom
-Kaufhaus ...”
-
-„... also, daß ich ein Freund vom Kaufhaus des Westens ... nein! das
-paßt nisch, Rosa! Das, das, das paßt nisch!”
-
-„Nu, dann nimm ihn, deinen Kollegen, den Kronprinzen, voran also!
-Nochmals von vorn!”
-
-„Gut, gut, also, wir wollen nicht nochmal von vorn anfangen,
-sonst machts die Madame wieder entzwei! Wenn du sagst, Oojust,
-daß du Mitglied ... halt: du sagst das überhaupt nisch
-vom Automobilschutzverein, du springst gleich auf deinen
-Menschenschutzverein und stellst dich so hin, kuck! Diese Geste!!!”
-
-„Gehste mir mit deiner Geste!” krisch die Frauenstimme, „du verdirbst
-mir mit deiner Kronprinzenmoral das ganze Geschäft! Ab!! Los!! Hol
-wieder dein Faß, alter Diogenes und deine Laterne, wenn ihr Witze
-machen wollt! Witze müssen rollen wie Erbsen aus dem Faß, müssen
-Knallerbsen sein und keinen Pulvergestank verbreiten! Los, ins Faß,
-alte Erbse, vertrockneter Diogenes!”
-
-Der Direktor lachte aufdringlich, als wolle er glauben machen, seine
-Frau spaße, und dies Gespaß sei eher eine Liebkosung als ein Tadel, und
-er begann, laut nach seinem Faß zu schreien und klatschte dabei heftig
-in die Hände ... Das Faß rollte heran, der Dresseur verkroch sich!
-
-
-
-
-X
-
-
-Gleich am anderen Tage begannen für Riesele, das nunmehr Dauphin
-genannt wurde, die Dressuren im Sande der Manege. Dauphin freute sich
-darauf, war ordentlich stolz, konnte gar nicht abwarten, bis, da er
-angeseilt in der Hand des Direktors seinen sicheren Halt hatte, bis die
-lange Peitsche mit ihrem harmlosen Geknall den Befehl, zu marschieren,
-gab! Eine Kleinigkeit, eine Leichtigkeit, ein Kinderspiel, so im Kreise
-langsam und sicher zu schreiten, den Kopf ungezwungen hochzuhalten,
-immer innen an den abgerundeten Bretterkasten der Barriere entlang!
-
-Wenn er anders laufen sollte, entgegengesetzt dieser Richtung, ha, so
-trat der Direktor etwas nach hinten, was man deutlich sah, und die
-Peitsche, deren Riemen da irgendwo im Sande lag, zuckte leicht auf!
-
-„~Changez!~” sprach dann immer der Direktor! Das war nicht mehr
-mißzuverstehen!
-
-Fertig, Dauphin! Abgeseilt, ein Stück Zucker in den Mund, hinaus aus
-der Schule, in den Stall zurück! Das war der erste Tag!
-
-Lang ward die Zeit bis zum nächsten Morgen, und was brachte dieser
-Morgen? Nichts Neues, nichts Neues! Noch einmal und noch zum Überdrusse
-oft das alte Spiel mit „~Changez!~”
-
-Am dritten Tage sprach der Direktor:
-
-„Ist die Kleine fertig? Bringt sie!” Wer kam da zu Dauphin? Die kleine
-Miezi, die vor drei Wochen so verpeitscht worden war. Sie wurde vor
-Dauphin gestellt, mußte also ihm gleichsam den Weg weisen, denn Dauphin
-war schon nicht mehr angeseilt! Sie trippelte gar possierlich vor dem
-doch größeren Dauphin her und sah nicht nach rechts, nicht nach links
-... sie hatte sicher schon oft solch Leithammelspiel getrieben ... und
-Dauphin brauchte nur hinter ihr dreinzumarschieren. Machte der Direktor
-nur eine leise Bewegung, so wußte sie gleich, daß er nun „~Changez~”
-sagen würde, und sie changierte auch schon! Das hätte Dauphin
-unstreitig so glatt nicht fertiggebracht ohne sie! Aber sie trippelte
-ihm zu langsam! Er konnte das nicht leiden: wiederholt setzte er den
-Huf seitab nach vorn, um vielleicht selber an die Tete zu kommen,
-um wenigstens zu zeigen, daß er hin wolle ... aber immer zuckte die
-Peitsche auf, und Dauphin blieb gehorsam!
-
-Als die Lektion zu Ende war, lief Dauphin vor Freude allein nochmals
-die Runde, aber der Direktor beachtete es nicht, und als er's endlich
-doch beachtete, zuckte die Peitsche, und Dauphin konnte nicht schnell
-genug draußen sein: Gehorsam ist das erste!
-
-Am vierten Tage geschah dasselbe wieder, am fünften machte Dauphin
-sein Lektiönchen ganz allein und bekam zwei Stückchen Zucker. Aber
-am Abend zu den Vorstellungen durfte er nicht! Zwar riß er an
-seiner Kette, als er sah, wie seine Kameraden aufgeputzt wurden und
-hinausgehen durften in den grellen Lichterschein, allein niemand
-kümmerte sich um ihn.
-
-Bald kamen zu den allmorgendlichen Uebungen noch andere Pferde, auch
-große, ganz große selbst, und auch der Freund Fuchs trabte eines Tages
-mit Dauphin in die Manege und machte sein „~Changez~” ohne jeden Tadel.
-
-Er hieß Wallenstein! Ha, welch eine Wonne für Dauphin, so in der Schar
-der Großen und Kleinen, inmitten, denn Dauphin war größer als Miezi
-und kleiner als Wallenstein ... so in der Schar als Jüngster sein
-Kunststück zeigen zu können, nicht aufzufallen, nicht überzutreten,
-sich vor allen Dingen nicht vorzudrängen! sein „~Changez~”
-rechtzeitig, nicht zu früh wie hinten die kleine Miezi und nicht zu
-spät wie fast alle zu erkennen! Und durch nichts zu verraten, daß man
-doch der Jüngste war!
-
-„Wallenstein und Dauphäng!” schrie dann der Direktor, und die zwei
-Freunde mußten hinaus, indes die anderen weiterüben durften!
-
-Ach, wie bald wurden die Uebungen schwerer! Dauphin sollte erst den
-linken, dann den rechten Vorderfuß auf die Barriere heben und stehen
-bleiben und zu den Leuten gucken, die da saßen: Madame, Turnerinnen in
-nachlässigen Lumpen, Burschen, Sklaven, Männer mit scharfen Scheiteln
-und gradlinig zugeschnittenen Koteletts! Nonchalant alle mit Zigaretten
-zwischen den Lippen und lächelnden Publikumsgesichtern!
-
-Das war nicht so leicht, wie es sich ansieht! Jedoch: keine Schläge
-gab's dabei! Aber dann sollten auch die Hinterbeine auf die so schmale
-Barriere! Dann mußte gegangen werden, gelaufen werden! Links eine
-Peitsche, rechts eine Peitsche!! Wenn die Stunde vorüber war, wußte
-Dauphin nie mehr, ob diese Peitschen ihn geschlagen hatten! Wenn diese
-Stunden vorüber waren, so klopfte jeweils Dauphins Herz, der Schweiß
-stand ihm in den Haaren, und der Schaum fiel in Schwaden von seinem
-Munde.
-
-Nicht einmal vierzehn Tage dauerte es, da konnte Dauphin auf der
-Barriere schreiten und laufen, wie die Peitsche es wünschte! Das war
-aber durchaus kein großes Stück; das konnte Miezi fast im Schlaf.
-Immerhin mußte es für Dauphin eine bedeutende Leistung sein, denn an
-einem der nächsten Abende durfte er hinterm braunen Samtvorhang stehen
-und durch den Spalt hineinsehen in die Menge der fröhlichen Menschen.
-Ja, als er seinen Kopf einmal recht weit vorstreckte, als der Bursche,
-der ihn hielt, ihn sogar einen Schritt vortreten ließ, da fingen
-etliche Kinder, die da in der Nähe saßen, an zu jauchzen und zu toben:
-„Da Mama, sieh dies kleine Kerlchen, eben kommt's!”
-
-Nein, es kam nicht!
-
-Am andern Tage aber geschah es, daß dem kleinen Dauphin, bevor der
-Unterricht begann, ein roter Sattel aufgeschnallt wurde, ein Sättelchen
-aus rotem Tuch, das von roten Bändern festgehalten wurde. So in diesem
-Staat durfte es alle seine Fertigkeiten zeigen: Rundlauf mit Changez,
-Beine auf Barriere und -- sich nicht vor dem Publikum fürchten,
-Rundlauf auf Barriere!
-
-Herrjeh, herrjeh! Und am Abend geschah es wirklich: Dauphin wurde mit
-den anderen Gäulen geschirrt, bekam etwas auf dem Rücken angeschnallt,
-das er noch nicht kannte, und mußte am Vorhang freilich recht lange
-warten, bis alle Leute vom „Tableau” aus der Manege verschwunden waren.
-
-Husch, hinaus! Auf die Barriere!
-
-Spar' deine Peitsche, Direktorle!
-
-„Ah, aah, aaah!” rief die Menge, und Kinder krischen: „Pause!”
-
-Dauphin lief rundum und schlüpfte wieder hinter den Vorhang, indes die
-Leute von ihren Plätzen sich erhoben.
-
-Dieses Schild, das die Pause ankündigte, mußte Dauphin von nun an immer
-hinaustragen.
-
-Aber das blieb keineswegs seine Hauptbeschäftigung, deshalb hatte
-man ihn nicht eigens angekauft, wie man Kräfte für allerhand Dienste
-braucht! Nein, nein! Dauphin war zu anderen Sachen auserlesen, wußte
-das offenbar und trug sein Schild so gern hinaus, wie Agnes Sorma mit
-dem Staubtuch einst an der Fensterbank stand.
-
-Es geschah, daß die kleine Miezi wieder ihren schlimmen Tag hatte!
-Sie lief wie gewöhnlich am Ende der Reihe, die von einer halbgroßen
-Stute namens Lore geführt wurde. Rief der Direktor: „Komm her!” so
-hieß es rasch in höchster Ordnung nach der Mitte zu einschwenken und
-daselbst zu Seiten des Dresseurs zu stehen, bis ein neuer Befehl kam.
-Dieser neue Befehl hieß gewöhnlich -- wer wüßte das nicht schon! --
-„~à genoux!~” Beim ersten Rufen klappte alles sehr gut, und die sieben
-Tiere standen Schulter an Schulter nebeneinander im verjüngten Maßstab,
-Dauphin in der Mitte, Miezi am äußeren Ende. „~À genoux!~” knallte der
-Befehl, und die Peitschenschmicke züngelte vor den vierzehn Knien,
-bereit, ein jedes und alle zugleich zu stechen.
-
-Dauphin, der in diesem Stück fast noch ein Neuling war, fiel zuerst
-auf die Knie und jubelte um sich her mit den Augen, ob er's vielleicht
-nicht schon am besten mache? Nacheinander und mit großer Mühe sanken
-die Genossen, aber die Miezi draußen kam nicht herunter! Die Peitsche
-trommelte an ihren Unterschenkeln, die Stimme des Direktors stieß wie
-aus Karnevalstrompeten an Dauphins Ohren vorbei und umher in allen
-erregten Tonlagen: sie kam nicht nieder, und die Reihe ward unruhig und
-konnte nicht länger unten bleiben.
-
-„Auf! An die Plätze! Die ganze Familie!” donnerte der Dresseur, und
-sogleich schoß die Führerin nach der Barriere, und die übrigen folgten.
-
-Miezi, gänzlich verwirrt, konnte ihren Platz nicht finden, lief
-neben, außer der Reihe, wollte sich erst vor Dauphin, dann hinter ihm
-eindrängen, und die Peitsche knallte umher, traf Dauphin, verzögerte
-seinen eiligen Schritt, und Miezi schob sich vor ihn und raste mit
-voran. Die Peitsche züngelte nicht mehr, surrte vielmehr von oben herab
-auf Miezis Kopf, immer heftiger, immer heftiger im rasenden Rundlauf.
-
-Miezi feuert nach hinten aus, trifft Dauphin an den Kinnbacken. Dieser
-hat nicht Zeit, an den Schmerz zu denken, rast weiter in der wirren
-Runde, stößt gar den Kopf an Miezis Backen, um sie, das unglückliche
-Kind, aus der Reihe zu bringen, und im selben Augenblick springt ein
-Bursch herzu, packt Miezi am Halfter und zerrt sie zurück auf ihren
-Platz.
-
-Daselbst aber fängt für Miezi erst recht die Drangsal an. Der Bursche
-rennt mit und haut unausgesetzt auf das Tierchen drein mit der kurzen
-Peitsche.
-
-Der Führerin vorn an der Tete knirschen die Zähne, Dauphin trägt Schaum
-am Munde, die lange Peitsche knallt, die kurze klatscht.
-
-Soll der tolle Wirbel nicht enden? Kann Miezi überhaupt noch mittollen?
-Lebt sie noch? Dauphin dreht im Laufen die Augen zu ihr hin, und
-sogleich schneidet die Peitschenschmicke über seine beiden Ohren. Laut
-kreischt der Dresseur, was man nicht mehr verstehen kann. Oft zischt
-das Wort: „So siehste aus!”
-
-Plötzlich aber zerreißt Dauphin die Kette; die Peitschen verlassen die
-arme Miezi und stürzen sich auf Dauphin. Er spitzt nach dem Ausgang,
-er sieht, wie Miezi nunmehr ohne Tadel ihren Platz innehält und sucht
-auch den seinen wieder.
-
-„So, so, so ist's gut, so ischt's guat!”
-
-Des Direktors Stimme flutet in wohligem Wellenschlag durch das Zelt,
-bald hoch, bald tief, wie ein Lied, ein schmeichelnder Gesang!
-
-„Komm her!” heißt es nun wieder.
-
-Die Führerin biegt ein, die Schultern reihen sich aneinander:
-
-„~À genoux!~” ertönt's jetzt wieder streng und roh.
-
-Miezi kommt nicht herunter, und Dauphin hockt auch in halber Senkung
-und kommt nicht nieder.
-
-„Schluß!!”kreischt der Direktor, und seine Stimme zerflattert wie eine
-Fahne alter Veteranen.
-
-„Dauphin und Miezi bleiben! Die andern ab!”
-
-Die Gasse am Ausgang öffnet sich, eiligst strömen die fünf Befreiten
-hinaus. Er wirft die lange Peitsche von sich, der Herr Direktor, der
-Bursch gibt ihm die kurze.
-
-Miezi torkelt; ein Schlag hält sie aufrecht! Auf ihrer Stirn scheint
-die Wunde aufgebrochen zu sein: ein Strömlein Blut rinnt über die weiße
-Nase. Der Direktor wendet sich an Dauphin: „Soll ich auch dich durch
-den Kakao schleifen?” kreischt er.
-
-„Soll ich Miezi fortführen?” fragt der Bursche. Der Direktor winkt:
-fort!
-
-„Na, und du, Proletarier, was ist denn dir in den Schädel jestiegen,
-he, wat?”
-
-Dauphin scharrt mit dem linken Vorderfuß, der Lederriemen klatscht
-darauf: „Hab' ich wat jesagt, he? Willst wohl zeigen, daß du's
-jutmachen willst, Jünklink! Hast Angst vor Haue, wat?”
-
-Aller Augen richten sich auf Dauphin, dem anscheinend kein gutes
-Stündlein bevorsteht. Ein Bursch zieht die Kappe, nimmt zwei
-Zigaretten heraus, gibt eine einer Dame und zündet beide an.
-
-„Hast nisch ooch eene pour moi?” fragt der Direktor, und der Bursch
-holt eine dritte aus der Mütze und gibt Feuer. Schweißtropfen hängen in
-den Lederriemen des Direktorengesichts. Er tut ein paar Züge und wirft
-die Zigarette von sich, er faßt die kurze Peitsche und spuckt nochmals
-in die Hände ...
-
-Da geschieht ein Wunder! Am Eingang erscheint eine Frau und trägt ein
-halbjähriges Kind auf den Armen.
-
-„Ah! Aaah Aaah!” schreit alles, was da ist in dem Zelt, alles bewegt
-sich nach dem Kinde hin, und selbst der Direktor läßt die Peitsche
-sinken, streckt, indes er zu Mutter und Kind geht, die Hand nach dem
-Burschen, der ihm eine Zigarette gegeben, bekommt eine, zündet sie an
-und nimmt das Kind auf seinen garstig tätowierten Arm.
-
-Trägt's in die Manege, sagt:
-
-„Da guck, Jochem, was eine liebes Gäulchen!”
-
-Und zu allen rundum sagt er:
-
-„Dieser Dauphin gehört meinem Jochem!” worauf der Vater des Kleinen
-hinterher ruft:
-
-„Ich halte Sie beim Wort, Direktor!”
-
-„Da guck, da guck! Dauphin, verfluchtes Sauvieh, guck dir den Jochem
-an!”
-
-Er setzt Jochem auf Dauphins Rücken, und der ganze Zirkus ist im
-siebenten Himmel. Dauphin trabt einher, eine kleine Tänzerin hoppst
-herbei wie ein Flugzeug, das angekurbelt ist, schwingt sich auf
-Dauphins schmalen Rücken, nimmt das Kindchen auf den Schoß und reitet
-so dahin, wirft's in die Luft, fängt's wieder, küßt es, drückt es an
-sich und jauchzt wie die Menschen hinter den Bergen vor Freiluft und
-Freude. Wer jauchzt da mit? Wer schweigt da noch?
-
-Dauphin, Dauphin, du hättest die Freude der Freiluft schon vergessen?
-
-Ha, Dauphin streckt, indes er wacker weiterläuft, den Kopf weit nach
-vorn und stößt einen Schrei aus, der seltsam klingt wie eine Schalmei
-aus Weiden, wie ein Hirtenlied auf der „Zeil”.
-
-Nur ein Viertelstündchen währt das fröhliche Zwischenspiel, die kleine
-Tänzerin seilt sich an, klappst Dauphin auf den Schenkel und sagt:
-
-„Fort, Kleinzeug, mach' morgen deine Sache besser!”
-
-
-
-
-XI
-
-
-Dauphin machte am nächsten Tage seine Sache wieder besser, wie er
-überhaupt ein gelehriger Schüler war! Allein trotz aller Gelehrigkeit,
-trotz alles besten Willens geschah es sehr oft, daß Dauphin die große
-und die kleine Peitsche zu verspüren hatte, und wenn die Menschen,
-da er seine Errungenschaften ihnen darbot, Freude empfanden an ihm,
-wenn die Kinder ihn bejubelten mit ihren kleinen Händen, so dachten
-sie nur selten daran, daß hinter dieser Stellung vielleicht hundert
-Geißelhiebe staken, daß dieser so überaus lustige Sprung vielleicht
-tausend Geißelhiebe beansprucht hatte! „Mit Wunden ganz bedecket”,
-zerschlagen, zerschunden an Leib und Seele kam Dauphin oftmals in
-die fröhliche Arena, aus den Händen der Häscher, aus dem verruchten
-Lederriemengesicht des Direktors in die überzuckerte freundliche Miene
-des Abends angesichts der Menschen, die ergötzt sein wollten! Hundert
-Stunden höchste Qual für ein Viertelstündchen Menschenbelustigung!
-Hundert Stunden Erniedrigung für ein Viertelstündchen kleinfrohe
-Menschenlaune!
-
-Trotz aller Qual behielt Dauphin doch den inneren Frieden, die Freude:
-den Menschen Freude zu bereiten, sei es, daß durch eine überaus
-glückliche Veranlagung seine Seele all ihre Leiden, die zur Freude der
-Menschen führen sollten, leicht ertrug und leicht verwand, sei es,
-daß die göttliche Meinung des Bauern Klaus: glücklich machen heiße
-glücklich sein! in dieser Seele Dauphins heilsam wirkte!
-
-Untrüglich und jedem zugänglich, der Sinn für Seele hat, lebte ein
-großes Mitleid in Dauphin, eine Lust, Leiden tragen zu helfen, Leiden
-mindern zu helfen, und es muß gesagt sein, daß die meisten Schläge,
-die er erhielt, freiwillige Schläge waren, indem er oft und immer
-wieder die entfesselte Wut des Dresseurs von seinen Kameraden auf sich
-ablenkte.
-
-Es fiel dem Direktor bald auf, daß alle Dressuren, die er mit Dauphin
-allein vornahm, rasch und bestens sich erledigten, während die
-Korporationsdressuren, anstatt durch Dauphins Mitwirkung sich zu
-erleichtern, keineswegs einen Vorteil von ihm hatten.
-
-So kam es, daß, als Dauphin die elementarsten Begriffe der Kunst besaß,
-daß er an einen Zirkus verkauft wurde, der sich einen Solisten seiner
-Art eher leisten konnte.
-
-Als Dauphin abgeholt wurde, lag Frühlingsschnee auf den Zelten,
-und Burschen gingen mit langen Stangen, an die oben quer ein Brett
-genagelt war, umher und schüttelten die Schneemassen von den tief
-hereinhängenden Dachzelten. Dauphin mußte, bevor er abgeführt wurde,
-sein gesamtes Können vor den Augen des neuen Herrn entfalten, und vor
-Eifer und Freude brach ihm der Schweiß aus allen Poren. Die Burschen,
-die ihn liebgewonnen hatten, rieben ihm den Schweiß aus den Haaren, und
-der neue Herr wunderte sich und fragte, ob Dauphin überhaupt so leicht
-schwitze?
-
-„Keineswegs!” entgegnete der alte Herr, „der Eifer steckt in ihm,
-es rumort überhaupt allerlei Gutes in dem Kind; er eignet sich zum
-Steiger, er hat Musike im Bauch, und wenn es gut geht, bringt er's zu
-was ordentlichem!”
-
-Auch Wallenstein, der die Elementarschule erledigt hatte, zog mit
-Dauphin zusammengekoppelt fort in den größeren Zirkus, der in
-der Nachbarstadt weilte. Sie fuhren nicht mit der Eisenbahn, sie
-marschierten zu Fuß der Stadt entgegen, die kaum drei Stunden entfernt
-lag.
-
-An einem Abhang pflügte ein Bauer mit zwei dicken Ackergäulen.
-Wallenstein ward unruhig, drehte oft den Kopf nach der Feldarbeit und
-zog leise aber stets an der Koppel, so daß Dauphin gar nicht leicht zu
-gehen hatte. Was wollte er nur? Er wieherte, daß dem kleinen Dauphin
-der Speichel an die Nüstern spritzte, er peitschte mit dem Schweif, er
-trug die Ohren hochgestellt, und endlich geschah etwas: Wallenstein
-riß so heftig an der Koppel, daß Dauphin nicht widerstehen konnte,
-vielleicht auch nicht widerstehen wollte, und im Nu feuern die beiden
-Freunde seitab und rasen über die Aecker den Abhang hinan in hellem
-Galopp querfeldein. Der zierliche, weißgebleßte Dauphin spürte zwar
-Schmerzen am Munde, aber was sind denn Schmerzen gegen Freude? eine
-Wonne, mit dem starken Wallenstein auf- und davonzugehen! Er möchte
-größer sein, stärker sein, hurra, er möchte den starken Wallenstein
-selber noch fortreißen können, irgendwohin fort, er möchte Führer
-sein, Verführer, er möchte den großen Kerl verführen zu allerlei losen
-Streichen!
-
-Die Häscher kamen natürlich! Wallenstein wurde gepeitscht, Dauphin
-nicht! Dauphin sah großäugig und neidisch zu, wie Wallenstein
-angesichts der Ackergäule gepeitscht wurde, und blieb verschont!
-Ordentlich mitleidig sahen die schweren Kerle aus den Augenwinkeln auf
-Dauphin herab, als sei er der Verführte, als sei er nur mitgezerrt
-worden und sei schuldlos wie ein Kind.
-
-In diesem neuen Leben gefiel es Dauphin besser als früher. Nur selten
-brauchte er mit den übrigen Pferden zu exerzieren, um so öfter aber und
-um so länger mußte er vor dem neuen Direktor seine Uebungen machen.
-Mit großer Leichtigkeit erlernte er alles, was man von ihm verlangte:
-er stellte sich auf die Hinterbeine, und es dauerte nicht lange, so
-entwöhnten sich die herabhängenden Vorderbeine, lästig zu zucken, zu
-schlagen und überängstlich zu tasten nach einer Stütze! Musik begann
-oft zu erschallen, wenn er so stand, der Direktor fuchtelte graziös mit
-den Händen in der Luft herum und summte die Melodie mit und sang dazu:
-
- „~L'amour est l'enfant du bohême,~
- ~Elle n'a jamais, jamais connu de loi!~”
-
-Heisa, wenn auch noch die Peitschenspitze an Dauphins Hinterhufen
-herumzutrommeln anfing, so konnten sich diese Füße nicht mehr halten
-und trippelten dahin und dorthin und erhaschten bald den Taktschlag
-der Weise! Da konnte der Herr Direktor getrost seine Peitsche beiseite
-werfen und näherkommen! Konnte ganz nahekommen, konnte seinen linken
-Arm über Dauphins rechtes Bein, den rechten unters linke Bein schieben,
-so daß seine Brust des Pferdchens Brust berührte, und: Kinder! Kinder!
-habt ihr schon so etwas gesehen? Sie tanzen miteinander, sie tanzen
-miteinander, der Direktor tanzt mit eurem kleinen Freunde Dauphin!
-
-Das vollbrachte Dauphin! Er vollbrachte, was man von ihm verlangte: er
-zählte die Jahre seines jungen Lebens, und wenn er dabei sieben angab
-und also log, so war das seine Lüge nicht! Er zählte die Stunden des
-Tages, die Lebensjahre eines jeden Menschen, der sein Alter nicht mehr
-zu wissen schien, er holte aus dem Publikum jenen Kerl heraus, der
-seinen Namen „Dauphin” norddeutsch ausgesprochen hatte „Dauphäng!” Er
-fand den versteckten Gänsedieb, wo immer auch er sich versteckt haben
-mochte, er schoß mit dem linken Vorderfuß eine Kanone ab und mehr, er
-verbeugt sich höchst manierlich vor seiner Königin!
-
-Kinder, Kinder, so etwas habt ihr noch nirgends gesehen! Euer Spielzeug
-daheim hat eine Feder im Bauch, aber Dauphin hat eine Seele! Kein
-Wunder, daß die Kinder das kleine Gäulchen mit der weißen Blesse
-so gern hatten! Die Kinder des ganzen Reiches kannten ihn, liebten
-ihn, träumten von ihm wie vom Weihnachtsbaum! In den Zeitungen lasen
-sie über ihn, wenn er kam, wenn er gastierte, wenn er ging. An den
-Plakatsäulen sahen sie ihn in hellen, fröhlichen Farben, und vergaßen
-ihre Schule und ihren Mittagstisch. Wenn sie mit ihren Eltern im Zirkus
-saßen, wollten sie nichts anderes sehen als Dauphin. Wenn sie die
-Ställe besuchen durften, wollten sie nichts anderes sehen als Dauphin.
-Väter photographierten Dauphin. Ein ganz kleines Kind kam einmal im
-Stall auf Dauphin zu und sagte: „Ich heiße Tarl Tnöpfle!”
-
-So also sprang Dauphin Abend für Abend im Lichte der Arena umher durch
-den Beifall der von ihm beglückten Menschen, bald in dieser, bald in
-jener Stadt.
-
-
-
-
-XII
-
-
-Den tollsten Abend aber, zugleich den glorreichsten und
-erkenntnisreichsten, erlebte Dauphin kurz vor Ausbruch des Krieges in
-jener rheinischen Stadt, die sich wie eine Braut in den liebenden Arm
-des Flusses schmiegt.
-
-Als er seine Kunst so weit beendet hatte, daß er meinte, nun müsse er
-hinaus aus der feierlichen Arena, da kam der Direktor nochmals auf ihn
-zu, zog ihm vor allem Volk das goldbetreßte Purpurmantelettchen aus und
-nahm den weißen Husarenbüschel von seiner Stirn, so daß er schließlich
-ganz nackt dastand. Vom hohen Thron herab fragte der König laut und mit
-großer Handbewegung schräg nach oben, daß all seine Ringe aufblitzten:
-
-„Was kannst du noch, Freund Dauphin?”
-
-Dauphin schüttelte den Kopf.
-
-„Sonst kannst du nichts?” fragte schelmisch die sanfte Königin und
-lächelte und schüttelte das gekrönte Haupt, als wisse sie genau, daß
-Dauphin noch etwas ganz Besonderes könne, und zu ihrem hohen Gemahl
-sagte sie hinüber:
-
-„Versprachen Sie mir nicht: Dauphin übertreffe seinen Ruf?”
-
-Da kam zum Glück der Direktor mit seiner Leiter, und nun fiel es dem
-kleinen Gäulchen ein, daß es noch etwas könne: Es stieß heftig den
-Atem durch die Nüstern, sah zu den zwei Buben, die bei einem Offizier
-saßen, die es schon öfter betrachtet hatte, als spiele es nur für sie,
-und schritt so seinem Direktor entgegen. Dieser stützt die Leiter auf,
-und Dauphin hebt den linken Vorderfuß auf die erste Sprosse der Leiter,
-dann den rechten und steigt so Sprosse um Sprosse hinauf bis zur
-fünften. Nun wirft er den Kopf hoch, drückt sich ab, steht frei, fest
-und stabil, ohne den Schwung der Freidressur, auf den Hinterbeinen
-und marschiert so im raschwechselnden Rhythmus der volldröhnenden
-Musikkapelle in allen Gangarten durch die Arena hin. (Die Kinder denken
-an ihr Spielzeug, das eine Feder im Bauch hat!)
-
-Der Marsch bricht ab! Dauphin steht wieder auf den vier Beinen. Einen
-Augenblick nur steht er so da und rennt nun im Kreise herum, toll
-vor Glück, schießt nacheinander sieben Kanonen ab, auf denen der
-kaiserliche Adler prangt, und rast durch den Vorhang hinaus.
-
-Kommt sofort wieder, läuft schnurstracks auf die beiden Buben zu, biegt
-kurz ab, als habe er sich geirrt, und kniet plötzlich vor dem Thron des
-Königs und der Königin nieder.
-
-Und nun geschieht's: Die Königin erhebt sich von ihrem Thron! Mit einem
-blauen Seidentüchlein wischt sie sich über die feuchten Augen, kommt
-herab zu Dauphin, beugt sich weit vor, daß ihre Gewänder steil von den
-schmalen Schultern herunterfließen, daß ihre Krone fast wankt, und küßt
-Dauphin auf die weiße Blesse ...
-
-Dauphin hört und sieht nichts mehr, hält die Augen geschlossen und
-spürt diesen warmen Kuß auf der Stirn. Er reckt geschlossenen Auges den
-Kopf steil in die Höhe, entblößt die Zähne von den Lippen, läßt den
-Kopf niedersinken, läßt ihn tief herabsinken und weiß offenbar nicht,
-was er tun soll.
-
-Zwar hört er allerlei Geklopf und Getick, aber er verharrt in seiner
-Verzückung, und die Menschen klatschen ihm und lächeln sich an vor
-Glück und Freude über das geküßte Kind.
-
-Als Dauphin dann doch die Augen aufschlägt, schleppen Sklaven und
-Sklavenpferde den Thronsaal, ein werktägiges Balkengerüst, fort, eine
-Dame hängt am Trapez, und alle Leute sehen nach der Dame! ...
-
-Da springt Dauphin auf und davon und schämt sich, weil er es so eilig
-hat! Der Wärter empfängt ihn draußen, die Menge klatscht wieder, die
-Kinder rufen nach ihm, aber der Wärter zerrt ihn an den Ohren am großen
-Spiegel vorbei nach dem Stalle zu.
-
-Vor den Ställen stehen fünfundsechzig Pferde beisammen. Mit Ehrfurcht
-in den Augen sehen sie den kleinen Dauphin kommen, lassen die Köpfe
-hängen, bewegen sich nicht, heben die Augen und sehen gleich wieder
-weg. Wallenstein steht auch da; er knappert mit den Zähnen am Randblech
-eines Wagendaches. Dauphin schiebt sich zu ihm hin. Der Große läßt den
-Kopf über den Hals des Kleinen sinken, als wolle er das Wunderkind
-beschützen, und dieses reibt die Stirn an den straffen Lippen
-Wallensteins: der Kuß der Königin brennt ihn!
-
-Der Direktor kommt herzu, gibt Dauphin ein Stück Zucker und sagt:
-
-„Heut Nacht darfst du bei Wallenstein schlafen!”
-
-Der starke Wallenstein tritt mit dem feinnervigen Künstler Dauphin in
-sein Stallzelt. Sie fressen aus einer Krippe und legen sich bald zum
-Schlafe nieder, und Dauphins Köpfchen ruht auf Wallensteins festem
-Halse.
-
-Dauphin kann nicht einschlafen: er spürt den Kuß der Königin auf der
-Stirn und sieht auch wohl den großen Spiegel vor Augen. Dann schläft er
-doch ein Weilchen: es ist ihm, als kämen tausend Kinder zu ihm in die
-Arena, als streichelten sie ihn, als küßten sie ihn alle auf denselben
-Fleck der Stirn.
-
-Er erwacht wieder, schiebt den Kopf nach Wallensteins Ohren und reibt
-dort hin und her, und Wallenstein schnarcht, hebt den Kopf und läßt ihn
-wieder sinken und schnarcht weiter.
-
-Steif hochauf reckt Dauphin den schlanken Kopf in die stille Nacht der
-Genossen und läßt die schweren Lippen von den Zähnen weghängen und die
-breiten weißen Zähnchen aufleuchten.
-
-Am Morgen, da Dauphin, allen Schmuckes bar, zur Probe am Spiegel
-vorübergeht, sieht er auf seiner Stirn sicher zum erstenmal in seinem
-Leben die weiße Blesse!
-
-In dieser Stadt überraschte den zarten Dauphin der garstige Krieg.
-
-
-
-
-XIII
-
-
-Eines Abends fehlen bei der Vorstellung die bunten Offiziere, die
-Menschen reden lauter und kargen mit Beifall. Und mitten in der
-Nacht, da alles schon schläft, werden plötzlich in allen Zeltställen
-die Lichter angedreht, alle Pferde werden in die Arena geführt, und
-Offiziere suchen die stärksten und schönsten aus und stellen sie zu
-Paaren.
-
-Wie Dauphin sieht, daß auch Wallenstein mit ausgemustert ist, läuft er
-zu ihm hin.
-
-Ein Offizier aber schlägt ihm verächtlich auf die Backen, sagt: „Na
-Kleiner, dich wollen wir hier lassen,” und zerrt ihn weg. Dauphin aber
-möchte bei Wallenstein bleiben! Und wie die Pferde mit den Offizieren
-fortziehen, läuft er nochmals zu Wallenstein hin und wird wieder
-fortgejagt.
-
-„Fort zurück, ihr da, in den Stall!” ruft der Direktor, und Dauphin
-geht in seinen Stall. Die Löwen brüllen in den Käfigen, die Affen
-kratzen an ihren Holzwänden, auf dem Pflaster der Straße vorm Eingang
-zum Zirkus tuten und schollern Automobile, und Pferde trappeln in
-endlosen Prozessionen durch die Nacht. Das Getrappel foltert den
-kleinen Dauphin.
-
-Morgens fand keine Probe statt. Wenn die Sacktür des Stalles sich
-hob, sah Dauphin den blauen Wohnwagen des Direktors stehen. Künstler
-fütterten, Künstler halfen das große Zelt abschlagen, Künstlerinnen
-trugen die Schürzen der Wärter.
-
-Wenn Dauphin sich die übriggebliebenen sieben Pferde ansah, ward
-er traurig: Keiner von ihnen wußte anzugeben, etwa wie alt er sei,
-wieviel Uhr es sei, keiner konnte auf den Hinterbeinen laufen; es
-waren simple, halbstarke Reitpferde für Akrobatinnen, Sklavenpferde,
-Sklaven samt und sonders! Der kleine, überaus hellweiße Schimmel,
-dessen Fußhaare über die Hufe gekräuselt herabhingen, der äußerst
-oberflächlich in Kunst und Wissenschaft war, konnte wenigstens durch
-einen Reif springen! Dauphin war sehr traurig.
-
-Was mochte nur los sein? Warum durfte Dauphin nicht dabei sein?
-
-Dauphin wurde mit seinen sieben Genossen zu zweimal Vieren
-zusammengekoppelt und gleich einer Kinderschule ausgeführt. Alle
-Straßen der Stadt und alle Straßen außer der Stadt waren voller
-Soldaten; Regimenter marschierten dahin und dorthin und sangen,
-Automobile, mit dem roten Kreuz geschmückt, rasten, hundert
-hintereinander, die Hauptstraße hin, Pferde und immer wieder Pferde,
-mehr Pferde als Menschen!
-
-Auf der Brückenrampe sah Dauphin seinen Freund Wallenstein, der
-mit fünf dicken Gäulen eine riesige Kanone die Rampe hinaufzog. Als
-Wallenstein Dauphin sah, wieherte er, schlug einen leichten Trab an und
-zog ganz mörderisch an seinen Strängen. Welch eine Wonne mußte das sein
-für ihn!
-
-Wie gern hätte Dauphin geholfen, mit der Kraft seiner Muskeln die
-Kanone ziehen, -- er hatte in der Arena schon manche Kanone gezogen
---, aber er war an den schäbigen Rest der einstigen Zirkusherrlichkeit
-gefesselt und konnte sich nicht befreien. Seine Augen wölbten sich und
-bettelten: „Wallenstein!! Komm, Großer, Starker, hilf, hilf doch deinem
-kleinen Freunde!” Aber der hatte keine Zeit, und Dauphin mußte zurück,
-heimzu, hinter seine Sacktür.
-
-Täglich wurden die Acht ausgeführt. Die Sieben foppten Dauphin, rissen,
-wenn er außen ging, die Koppel nach links, daß er mit den Hinterbeinen
-aus dem Glied treten mußte und vom Wärter einen Schlag bekam. Wenn
-er innen ging, zerrten sie sich nach den Seiten von ihm weg, daß die
-Wärter meinen mußten, er, Dauphin, sei der Störenfried, der seine
-Nachbarn belästige. Ging er im vorderen Glied, so wurde er gekitzelt,
-ging er im hinteren, so flog ihm irgendein Pferdeschweif über die
-Augen. Es geschah selbst, daß der oberflächliche Schimmel, nur um dem
-Wärter darzutun, er sei belästigt worden, aufs Geratewohl nach hinten
-gegen Dauphin ausfeuerte und zurücksah, und der Wärter, der seine
-Pferde nicht kannte -- und besonders Dauphin nicht kannte --, sah
-seitab nach den lauten Dingen der Straße, und hieb ohne weiteres immer
-auf Dauphin ein. Oh, wenn Wallenstein dabei gewesen wäre!
-
-Eines Tages kam ein Offizier mit breiten, roten Streifen an den
-Beinkleidern. Er hielt eine Zeitung in der Hand und sagte:
-
-„Wo ist Dauphin?”
-
-Dauphin wurde losgebunden und aus dem Stall geführt, und die sieben
-Gesellen mußten zurückbleiben. Der Offizier strich ihm über die Ohren
-und sagte:
-
-„Stark genug ist er schon!”
-
-„Er hat Qualitäten und steht auf dem Höhepunkt seiner Kraft,”
-entgegnete der Direktor, und Dauphin, der die Stunde der Befreiung,
-die Stunde seiner Tauglichkeit ahnte, nickte lebhaft mit dem Kopfe
-und scharrte mit dem linken Vorderbein, spürte fast den stolzen
-Husarenbusch, den er seit Wochen nicht mehr getragen, zwischen
-seinen Ohren schwanken und streckte die Nüstern gegen des Befreiers
-braunbekleidete Hand.
-
-„Wie alt bist du, Dauphin?” fragte der Offizier freundlich, und der
-Direktor machte sein Geheimzeichen und sprach:
-
-„Na, sag's dem Herrn General, wie alt du bist!”
-
-Und Dauphin nickte siebenmal mit dem Kopfe.
-
-Dann sah er von der Straße her zwei Buben am blauen Wohnwagen vorbei
-herzulaufen. Die Buben riefen schon von weitem:
-
-„Der Dauphin, der Dauphin!” und schwangen die Mützen und kamen herbei,
-und Dauphin reckte den Kopf längs zu ihnen hin und zeigte seine Zähne.
-
-Der eine konnte Dauphin die weiße Blesse streicheln, den anderen mußte
-der General heben, daß er es auch tun konnte.
-
-Der Große zog seine Uhr aus dem Matrosenblüslein, hielt sie Dauphin hin
-und sagte:
-
-„Na, wieviel?”
-
-„Können Sie bis zwanzig zählen, Dauphin?” fragte der Kleine.
-
-„Geduld, Jungens!” sagte der General, und der Direktor ließ Dauphin bis
-zwanzig zählen und ließ ihn die Uhr ablesen, und der Große beobachtete
-genau das Geheimzeichen des Direktors.
-
-Dann mußte Dauphin mit den Buben übern Platz laufen, rundum, so schnell
-er konnte, und dann lief er noch lange allein, da die Buben schon müde
-waren und auf den im Erdboden steckengebliebenen Zeltpfählen hockten.
-
-Der General hob nunmehr die Sacktür, und Dauphin schlüpfte in den
-Stall. Der General kam, der Direktor, der Wärter und die Buben kamen;
-aber Dauphin wurde angebunden, und alle gingen wieder fort.
-
-Dauernd sah Dauphin nach der Sacktür, und alle seine Gefährten sahen
-hin und machten große, glotzige Augen wie Kühe.
-
-Und siehe, gegen Abend -- Dauphin war ganz allein im Stalle --
-schlüpften die Generalsbuben herein, banden sich Dauphin los und
-stürmten mit ihm, der stets zu tollen Streichen aufgelegt war, übern
-Platz an den Wohnwagen, und am Wohnwagen hob ein Soldat aus einem
-zweiräderigen, gelbgestrichenen Kastenwägelchen ein Kummet und schob
-es Dauphin übern Kopf. In die Schere ward Dauphin eingeschoben, die
-Buben sprangen auf, der Soldat sprang auf -- Dauphin hatte in der Arena
-schon allerhand Wagen gezogen und sogar schon Kanonen -- und husch
-gings übern Platz hin und her und rundum und dann hopp, hopp, übers
-Pflaster in die Stadt hinein durch alle Straßen hin, an hunderttausend
-Menschen vorbei und zur Stadt hinaus an den Fluß. Eine Wonne war's, mit
-eigener Muskelkraft solche Dinge zu vollbringen! Dauphin achtete, ob
-nicht der weiße Husarenbüschel an seine Ohren wedele, ob nicht seine
-goldverbrämte Purpurdecke ihn jucke oder sonstwie sich bemerkbar mache.
-
-Eine winzige Kaserne war in die Erde gebaut, und nur die Seite, wo
-Drilchsoldaten Pfeife rauchten, war zu sehen. Ueber dem Portale stand
-dick in schwarzen Lettern: Fort Großherzog von Hessen! Der größere
-Preußenbub bog sich zum Soldaten und sagte:
-
-„Nach Fort fehlt ein Komma oder ein Ausrufezeichen!”
-
-„Oho!” entgegnete der Soldat, „das werd' ich aber Madame sagen, daß du
-nicht weißt, was ein Fort ist, und daß du gar einen gekrönten Fürsten
-aus seinem Reich vertreiben willst!”
-
-Draußen am Fluß stellten sich die Buben im Wagen auf und nahmen Leine
-und Peitsche, und der Soldat blieb sitzen. Sie schlugen Dauphin an die
-Lenden, aber das tat nicht weh! Dauphin lief wie noch nie in seinem
-Leben, und sein Herz flog vor ihm her.
-
-Drüben im Schatten trottelte die verwahrloste Kleinkinderschule. Als
-Dauphin sie kaum gesehen, war sie schon hinter ihm. Dauphin wieherte
-laut, was heißen konnte:
-
-„Schreit doch, ihr Generalsbuben, lacht doch, schlagt mich doch, tobt
-euch doch aus an mir, ich bin auf dem Höhepunkt meiner physischen
-Kraft!”
-
-Ein großer Sandplatz schob sich in den Wald hinein zu beiden Seiten
-der Straße. Ein Flieger stieg hinten auf, ließ Leuchtkugeln rudelweise
-in die Dämmerung fallen; Kanonen, die auf Wällen standen, richteten
-ihre Rohre nach ihm, und Kommandos erschallten weithin. Infanteristen
-gingen, ausgeschwärmt, durch die Gräben über die Straße, rasselten an
-den Schlössern ihrer Gewehre, und viele verloren, weil sie vor dem
-rasenden Dauphin förmlich flüchten mußten, in der Eile etliche ihrer
-Patronenhülsen.
-
-Tausend Gäule -- war nicht Wallenstein dabei? -- trabten am Waldrand,
-indeß Kanoniere, an langen Seilen geschultert, schwere Geschütze durch
-den Sand zogen. Hinterm Wall aus dem Wald kam heftiges Geknatter, und
-Dauphins Fußeisen knatterten nicht minder heftig auf der Steinstraße.
-
-Plötzlich stand der General da mitten auf der Straße, Dauphins Befreier!
-
-Dauphin rannte zu ihm hin und blieb halten. Aus seinen Nüstern stieß
-sich sein Atem, sein ganzer Körper dampfte, die Adern am Kopf waren
-fingerdick geschwollen: Das war die Kraft, die in ihm stak, die sich
-freimachte und ihn so beglückte, so überaus beglückte! Doch plötzlich
-senken sich die Lider über die jungfrohen Augen und Dauphin bricht
-zusammen, kugelt auf den Rücken und streckt die vier Beine zum Himmel.
-
-Als er daheim im Stall wieder erwachte, fühlte er sich so von allem
-Physischen befreit, daß seine Seele wie in Gedankenanflügen sich
-ergehen konnte. Er, Dauphin, gehörte doch gleich Wallenstein unter die
-Soldaten, in die Menge, in die körperliche Arbeit, zu den Strapazen!
-Was ist Kunst, und was ist Wissenschaft, was ist selbst der Kuß einer
-Königin?
-
-Dauphin hielt die Augen noch geschlossen, aber er sah mit diesen
-seinen Augen! Er sah Soldaten schiefgebuckelt um Kanonen rennen, sah
-einen Berg voller Soldaten! Ein Gebirge war statt mit Bäumen mit
-Soldaten bewachsen, Soldaten sah er aus dem Erdboden aufwachsen;
-Pferde schoben sich, wo sonst Wasser hinströmte, unendlich hin, und es
-war ihm, als sähe er Wallenstein neben sich im Straßengraben liegen,
-Wallenstein, den mächtigsten von allen. Ja wirklich, Wallenstein reckte
-die vier Beine zum Himmel auf, und aus seiner Stirn, dort, wo Dauphin
-von der Königin geküßt worden war, floß rotes Blut.
-
-Dauphin hörte deutlich schießen und tat die Augen auf.
-
-Der Direktor stand da bei ihm in dem fremden Stall, der Wärter rieb mit
-Stroh an seinem Leib herum, der General stand da und die Buben mit den
-Schulranzen, und der Kleine hatte den Daumen im Mund.
-
-Dauphin sprang auf, nickte, beschnupperte der Buben fröhliche
-Haarbüschel und wieherte schon wieder vor Freude. Aber dann wurde er
-vom Wärter fortgeführt, und es ging nicht etwa auf den Exerzierplatz,
-sondern wieder zurück am blauen Wagen vorbei, durch die Sacktür in den
-Stall zu den Sieben.
-
-Die Sieben wurden wieder spazieren geführt, und Dauphin blieb daheim.
-Und Dauphin sah, solange er allein war, nach der Sacktür, ob nicht
-der General käme, oder der Soldat, oder sonst ein Soldat, und niemand
-kam. Der Wind wehte an der Sacktür herum, und manchmal sah Dauphin den
-blauen Wohnwagen stehen.
-
-Die Sieben kamen zurück, und am nächsten Tage mußte Dauphin mit ins
-Freie spazieren, und die Qual begann wieder und dauerte -- der Direktor
-ließ sich auch nicht mehr sehen -- viele Tage lang.
-
-Bis wieder einmal ein Soldat in den Stall kam, der alle Pferde mit
-Namen kannte und Dauphin besonders liebkoste und alles so tat, wie's
-ehedem der Direktor getan hatte. Und wie er Dauphin ein Stück Zucker
-hinhielt, erkannte Dauphin, daß der Soldat niemand anders war als der
-Direktor selber. Da freute sich Dauphin über die Maßen und riß an
-seiner Kette. Der geliebte Direktor redet in seltsam langgezogenem,
-klagendem Tone allerhand mit Dauphin, was Dauphin zwar nicht ganz
-verstand, was aber dennoch sehr schön und gut war, und zog dann seinen
-Säbel aus der Scheide und hielt ihn Dauphin an die Augen.
-
-Und Dauphin bekam ein bißchen Angst vor dem blanken Stahl, wie Isaak
-vor seinem Vater Abraham, streckte den Kopf ganz wagrecht vor, hob die
-Nüstern und beschnupperte, freundlich aus den Augen zu ihm lächelnd,
-daß der Direktor doch nicht etwa ..., dessen Hand.
-
-Der Direktor nahm Dauphins Kopf untern Arm und sagte:
-
-„Unser buntgekleidetes Künstlertum ist zu Ende, mein Lieber, und die
-Kunst schlechthin wird stark angerannt werden! Aber du lieber Himmel,
-was ist denn auch die Kunst, was sind denn unsere Kunststückchen,
-was steckt denn dahinter? Du hast es ja durchgemacht unter meiner
-Peitsche, Dauphin! Ich habe dich gepeinigt, ich habe dir die Lenden
-verhauen, einmal -- ich weiß das nur zu genau -- da habe ich dich, da
-du hilflos am Boden lagst und mit dem Erdball nicht spielen wolltest
-oder nicht spielen konntest vor Müdigkeit, da habe ich dir mit meinen
-Füßen die Weichen zertreten, nicht anders als wie der Töpfer seinen
-Ton tritt, auf daß er weich werde und sich der formenden Hand füge!
-Nicht anders, Dauphin! Die Schmerzen, die du unter meiner Peitsche
-erduldet hast, das sind so recht die Schmerzen aller Künstler, wenn
-ich, mich zu entschuldigen, so sagen darf. Ich weiß: auch bei den
-anderen Künstlern ist es so! Sie gucken zwar mit Verachtung auf
-unsere Kunst, auf unsere Kunststücke herab, aber sie sollten es nicht
-einmal tun! Wir leiden, bis wir unsere Bocksprünge richtig vollbringen
-können, nicht viel weniger als sie, die mehr begnadet sind als wir,
-aber wir leiden! Und leiden muß versöhnen und muß zu Brüdern machen!
-Herrjeh, bringt nicht der Dichter gleich uns sein Herz zu Markt, um
-gleich uns seinen Mitmenschen eine frohe Stunde zu bereiten? Leidet er
-etwa weniger, als du gelitten hast, Dauphin? Ha, sie sind schlau wie
-immer, und sagen: was sind körperliche Leiden verglichen mit den Leiden
-der Seele? Als ob wir keine Seele hätten, Dauphin, als ob du keine
-Seele hättest! Als ob deine Seele drinnen an der Krippe zurückbleibe
-wie dein Halfter, das neben am Nagel hängt! Wer wüßt' besser als ich,
-Dauphin, daß du eine Seele habest! Ich habe sie malträtiert! Ich habe
-den Geist, der in dir kreist, den heiligen Geist, nicht wahr, Dauphin,
-den heiligen Geist in dir vergewaltigt, und das muß sich naturgemäß und
-übernaturgemäß rächen! Nun stehe ich vor dir: der Sklave eines anderen
-Zirkusdirektors, der mich in seine qualvolle Arena spannt! Laß gut
-sein, Dauphin, laß gut sein! Oft und immer wieder habe ich mich der
-Einsicht verschlossen, unsere Verrenkungen, unsere Bocksprünge seien
-keine Vergewaltigungen der Natur, seien keine Widernatürlichkeiten,
-die sie doch sind ... Dauphin, die sie doch sind! Geh, frage auch
-die anderen Künstler, die von der hohen Fakultät, meine ich, ob sie
-dir nicht recht geben? Ob sie, so frage sie, ob sie nicht lieber das
-Leben, das sie so glücklich vorzutäuschen vermögen, wirklich und in
-Wahrheit leben würden, leben würden, anstatt gleich uns die Maske zu
-tragen, zu gestalten, was sie nicht sind, zu erfreuen, da sie freudlos
-sind? ... Was soll ich mich länger noch dieser Einsicht verschließen,
-jetzt, am Ende der buntgekleideten Herrlichkeit, da über uns die
-Wahrheit hereinbricht, die dem größeren Direktor noch verschleiert zu
-sein scheint? Menschen soll ich töten gehen! Sieh dir den Stahl an,
-er soll Menschen töten! Dauphin, Dauphin: wenn das Leben ein Zirkus
-wäre, so würde ich mir hier und jetzt den Stahl in die Brust stoßen!
-Liebes Tierchen, leb' wohl! Ich weiß -- so heftig fühle ich es --,
-ich weiß, daß ich nicht zurückkehren werde aus dieser Narrenarena!
-Ich fürchte, diejenigen, die den Krieg hätten verhüten können, sind
-nur Zirkusdirektoren, Dauphin, sind auch nur Zirkusdirektoren und
-versündigen sich am heiligen Geist! Aber das Leben ist ja kein Zirkus,
-ist ja kein Zirkus!”
-
-Der Direktor küßte Dauphin auf die Blesse und stürzte zum Stall hinaus.
-Dauphin riß an seiner Kette! Umsonst riß Dauphin an seiner Kette!
-
-Den ganzen Tag und die ganze Nacht schurfte Dauphin in seinem
-Verschlag umher und strebte hinaus, irgendwohin, wo Leben pochte,
-mochte es Leben sein, welcher Art es wollte.
-
-Regentropfen prasselten auf die Zeltdecke des Stalles, unausgesetzt
-strömte der Regen hernieder. Die Sieben lagen ausgestreckt in ihren
-Abteilen und schliefen, und Dauphin allein wachte und hörte den
-Rieselregen an. Neben seiner Krippe tropfte Wasser von der Decke
-hernieder; die Tropfen zersprühten, da sie aufklatschten, und
-bespritzten Dauphin. Ihn fror. Nach einigen Stunden aber hörte das
-Gesumm des Regens auf, und die Sonne schnitt durch das Löchlein der
-Zeltdecke, sichtbar wirbelte sich feiner Staub in den Sonnenstreifen,
-und auf dem Rücken eines kleinen Schimmels lag ein greller Lichtfleck.
-
-
-
-
-XIV
-
-
-Nach einigen Tagen kam der Direktor wieder als Soldat und hatte einen
-Herrn bei sich, dem Dauphin auf den ersten Blick ansah, daß er ein
-gildiger Zirkusmann sei. Er gab Dauphin gleich vertraut ein Stück
-Zucker, was diesem durchaus nicht schmecken wollte. Und am Abend nahm
-der neue Direktor Dauphin mit sich in die Eisenbahn, und sie fuhren
-eine Nacht und einen Tag lang durch unbekannte Gegenden nach Berlin.
-
-Wie sie da aus dem Bahnhof heraustreten, auf die Friedrichstraße,
-schieben sich viele Schwadronen kleiner, magerer Pferdchen, endlos wie
-die Friedrichstraße, zwischen gaffenden, jubelnden Menschenmassen hin.
-Sie ziehen schwere und leichte Kanonen und sind vollauf gerüstet, wie
-einst Wallenstein gerüstet war.
-
-Keinem dieser Gäulchen stand Dauphin an Muskelkraft nach! Dauphin
-riß an seinem Zügel und wollte seinem schmeichlerischen neuen Herrn
-entlaufen, wollte zu einem der Soldaten hinlaufen und wollte seinen
-fleißigen Brüdern ziehen helfen.
-
-Dauphin schien etwas von der arbeitsreichen, uniformierten Zeit zu
-ahnen und widersetzte sich auf dem Weg, solange er Russenpferdchen sah,
-seinem Zirkusdirektor, so sehr er konnte. Dauphin verlor die ungeheure
-Masse der Pferde nicht mehr aus dem Herzen, und noch in der Nacht zogen
-sie, sichtbar seinen Augen, von Soldaten geführt, an ihm vorüber.
-
-Andern Tages begann wieder die Dressur; er sollte umlernen, Neues
-lernen wie in seiner Jugend und hatte keinen Sinn dafür, sehnte
-sich irgendwohin nach den Sielen und sah dauernd die Masse seiner
-gerüsteten Brüder.
-
-Qualvoll waren die ersten Tage bis zur Generalprobe, morgens um zehn
-Uhr.
-
-Dauphin steht, mit feldgrau überzogenem Helm auf dem Kopf und mit
-feldgrauem Soldatenrock, der am Hals zusammengeknöpft ist, umhangen,
-mit einem Tornister auf dem Rücken und einem langen Schleifsäbel zur
-Seite hinterm Vorhang und sieht mit dem linken Auge in die Arena
-hinüber, wo ein feldgrauer Soldat sitzt, der den Arm in einer weißen
-Binde trägt. Hinten am großen Spiegel steht eine Dame und zupft ihr
-steiffaltiges, weitgespreiztes Akrobatenröcklein zurecht. Dauphin
-schämt sich ordentlich seines Gewandes und sieht erhöht hinter dem
-Soldaten mit der Armbinde einen zweiten Feldgrauen sitzen, der vor dem
-einen Auge ein schwarzes Läppchen hat.
-
-„Dauphin!” ruft der Direktor, und Dauphin stößt mit dem Maul den
-Vorhang auseinander und tritt hinaus in die Arena.
-
-Herrjeh! Was sieht er da? Ringsum sind alle Plätze mit Soldaten
-besetzt, einer geht an einer Krücke hinter der Manege hin und sucht
-seinen Platz, einer sitzt im Fahrstuhl am Eingang, links und rechts vom
-Eingang sind alle Plätze besetzt mit Männern in langen, weiß und blau
-gestreiften Kitteln. Soldaten, Soldaten, ringsum Soldaten!
-
-Und Dauphin soll Kunststückchen machen? (Daß er sie eigens für die
-Verwundeten ausnahmsweise gutmachen müßte, fällt ihm seltsamerweise
-nicht ein).
-
-Dauphin rennt aufs Geratewohl zu ihnen hin, stellt die Vorderbeine auf
-die Manege, streckt seine Zähne vor und stößt einen Schrei in die Luft,
-der kein Wiehern ist.
-
-Sie fassen ihn, die lieben Soldaten! Sie wissen, er ist einer, der zu
-ihnen gehört!
-
-Aber der Direktor kommt mit der Peitsche, und Dauphin muß in die Mitte,
-um seine Kunststückchen zu machen.
-
-Doch er weiß nichts und kann nichts und steht da wie soeben vom Himmel
-gefallen, ein Träumer, der tumbe klâre, der reine Tor!
-
-Die Peitsche, was will die Peitsche? Was will der Direktor mit seinem
-Zucker?
-
-Dauphin läuft am Zucker vorbei, an der Peitsche vorbei, durch ihre
-Schläge hin an die Manege und wird zurück geholt von maskierten
-Sklaven. Und Dauphin wird öffentlich planmäßig gepeitscht und mit
-seinem Helm und seinem Schleifsäbel aus der Arena fortgejagt, hinaus,
-hinter den Vorhang!
-
-Vereinzelt lachen die Soldaten, keiner steht ihm bei: sie kennen ihn
-halt nicht, ihn, den Dauphin, den von der Königin geküßten Dauphin!
-
-Den Soldatenfreund, den Soldatennarren!
-
-Nach der Vorstellung wurde Dauphin nochmals angesichts aller Pferde
-geschlagen und bekam zwei Tage nichts zu fressen.
-
-„Bürschken!” sagte der Direktor, „wenn du mir den Sonnabend-Abend
-verdirbst, bist du gerichtet!”
-
-Aber Dauphin freute sich entfernt seiner Schmerzen und sah hinter ihnen
-eine Beschäftigung winken, irgendwo in den Sielen, die für ihn Wollust
-war.
-
-Der Samstag-Abend kam, und Dauphin sah eine Reihe Offiziere vorn sitzen
-und wußte wieder nichts und konnte nichts und ward wieder hinausgejagt.
-
-Und so geschah es noch zweimal, und dann sagte eines Tages der Direktor:
-
-„Wart, Bürschken, du kommst mir zum Militär!”
-
-Hätte Dauphin diese Sprache des gehaßten Direktors verstanden, so
-hätte er sich sogleich auf die Hinterbeine gestellt -- denn das konnte
-er -- und hätte gelacht wie eine ganze Kompagnie.
-
-Und siehe da, Dauphin ward beglückt: am andern Morgen kommen Soldaten,
-und alle Pferde werden wieder gemustert.
-
-Wie die Reihe an Dauphin kommt, sagt der Offizier:
-
-„Den da, den zarten Mann, können Sie behalten!”
-
-Aber der Direktor entgegnet:
-
-„Wat soll ich noch mit ihm machen? Nehmen Sie ihn doch ooch mit,
-er kann Handlangerdienste tun in der Kaserne. So schwach, wie er
-ausschaut, ist er nisch!”
-
-Und Dauphin durfte bei den Soldaten stehen bleiben und wurde auch
-sogleich von ihnen abgeführt. Viele Stunden lang durfte Dauphin dann in
-einem Kasernenhof bei den kriegsverwendungsfähigen Pferden stehen.
-
-Dann ging ein Soldat mit ihm an den Bahnhof; sie fuhren wieder viele
-Stunden, und dann in einer kleinen Stadt eilten sie schnurstracks auf
-die Kaserne zu.
-
-Wie Dauphin die vielen Soldaten auf dem Kasernenhofe exerzieren sah,
-streckte er, hurra! den Kopf steil hoch, ließ die schwabbeligen Lippen
-hängen, daß die weißen Zähne zum Himmel aufbissen, und stieß einen
-Freudenschrei aus, der durchaus kein gewöhnliches Wiehern war. Das Echo
-dieses Schreies lief zwischen den hohen Bauten hin und her, und tausend
-Gesichter richteten sich auf Dauphin, den Ankömmling.
-
-Er ward nun in einen Stall geführt zu sechs blank gefütterten
-Reitpferden und bekam zu fressen, indes die Reitpferde ihm zusehen
-mußten, wie er fraß.
-
-Ein Hauptmann kam, klatschte Dauphin auf den Schenkel, der recht feist
-geworden war, und ging weiter.
-
-Ein Soldat schlüpfte an seinem Halse vorbei, band den Apfelschimmel
-los, führte ihn hinaus, und der Hauptmann setzte sich darauf.
-
-So geschah es noch fünfmal, und Dauphin stand allein im Stall und
-wartete auf den siebenten Hauptmann, auf „seinen” Hauptmann. Er trug
-offenbar etwas wie einen hellen Schein im Herzen.
-
-Ein Mann kam, ein ältlicher Zivilist mit beschmutzter, abgenutzter
-Dienstmütze, die einmal blau gewesen war. Eine Zigarre hing ihm schwer
-aus den Lippen und qualmte. Dauphin sah gerade durch die offene Tür
-über den Kasernenhof, wo, den ganzen Platz zwischen den grünen Linden
-erfüllend, sechs Kompagnien in Kompagniekolonne aufgestellt waren.
-Die sechs Pferde standen mit ihren Hauptleuten, hochauf die Ohren, je
-in der Mitte hintereinander, und Dauphin beobachtete den beschmutzten
-Zivilisten nicht weiter.
-
-Der aber band ihn los und führte ihn hinaus und spannte ihn kurzerhand
-in ein Wägelchen, das so schmutzig war wie er selber, nahm ihn am Zaume
-und führte ihn hinter sich her, irgendwohin, zum Tore hinaus.
-
-Kinder standen am Tore, arme, zerlumpte Kinder mit guten und schönen
-Augen. Eins hielt ein rotes Glasstück vors Auge und betrachtete Dauphin.
-
-„Ach!” riefen sie, „der Balthasar hat ein neues Gäulchen, und was für
-eins, Balthasar!”
-
-Und sie klatschten Dauphin auf den Schenkel, sprangen aufs Wägelchen,
-und Dauphin, der schon ganz niedergeschlagen den Kopf hatte hängen
-lassen, hob ihn wieder und freute sich plötzlich, da er Kinder sah, die
-ihm gut waren. Er zog sie wacker fürbaß, aber sie hüpften gemach eines
-nach dem andern von seinem Wagen, einige ließen Pfennige auf die Erde
-fallen und liefen ans Kasernentor zurück.
-
-Balthasar steckte an der alten Zigarre eine neue an und ließ sie
-zwischen den Lippen auf- und abpendeln.
-
-Ins Schlachthaus gings, ins Schlachthaus, mitten hinein ins
-Schlachthaus!
-
-Einen halben Ochsen mußte Dauphin heimziehen, dessen hautloses Bein
-seitlich aus der braunen Zeltdecke hervorragte.
-
-Das Bataillon rückte aus, die Straße her, Dauphin entgegen, mit
-Pauken und Trompeten! Dauphin versuchte, mit einem Ruck den Kopf
-steil hochzurecken; die Last hinter ihm aber war zu schwer, und er
-stieß den Atem krampfhaft durch die schwabbeligen Lippen und zog die
-Nüstern hoch und die Augenbrauen, um alles genau zu sehen, und ließ
-den langen Schweif hin und her schwingen. Er gehörte ja auch zu denen
-da! Wahrscheinlich spürte er zwischen seinen Ohren den Husarenbusch
-schwanken, den er einst trug.
-
-Wie er am ersten Hauptmannspferd vorüberkam, sah er stolz zu ihm auf,
-gleichsam, als wolle er es kameradschaftlich grüßen.
-
-Allein das Hauptmannspferd wandte sofort die Augen, die es im
-geradeausgestellten Kopf kaum merklich herübergedreht hatte, von
-Dauphin ab. Und genau so machte es das zweite Pferd und das dritte und
-das vierte.
-
-Zum fünften sah Dauphin selber nicht mehr, ließ den Kopf tief sinken,
-die Augenlider und die Ohren und den Schweif.
-
-Allein in Dauphins Geist strömte ein dämmerndes Gefühl, daß er sich
-nicht vor diesen Gecken zu schämen brauche: er, Dauphin, der voller
-Kunst stak und voller Wissenschaft und voller Weisheit, und der von
-einer Königin geküßt war!
-
-Er nickte nach links und nach rechts und wußte schon den Weg ins
-Kasernentor, wo die vielen Kinder standen.
-
-Einige spielten mit Pfennigen, einige hielten Kasernenbrot im Arm; alle
-aber kamen sie und lachten mit dem Gäulchen und streichelten es.
-
-An der Küche wurde der halbe Ochse abgeladen. Köche mit aufgeschürzten
-Aermeln klatschten ihre roten, fleischigen Hände auf Dauphins Rücken,
-Hals und Stirn, und Dauphin schob den Kopf wagrecht vor, um diese Hände
-von sich abzuschütteln. Aber die Köche lachten und liebkosten um so
-mehr, weil sie meinten, das gefiele dem schwarzen Gäulchen.
-
-„Heut raucht aber der Balthasar ein gutes Kraut!” sagte ein Koch.
-
-„Das ist,” entgegnete ein anderer, „weil er ein neues Gäulchen hat!”
-
-Große, offene Fässer, in denen eine zähflüssige Masse an die Wände
-klunkerte, wurden ausgeladen. Ein Koch griff in ein Faß, holte etwas
-heraus und hielt es Dauphin hin, daß er es fresse, aber Dauphin fraß es
-nicht, obgleich er Hunger hatte, und der Koch warf die Handvoll in die
-Gosse.
-
-Dauphin mußte diese Fässer quer durch die ganze Stadt ziehen in eine
-Fabrik mit vielen hohen und niedrigen Schornsteinen, wo es fürchterlich
-stank. Balthasar begann in dem Gestank heftig zu niesen, nieste fünf-
-oder sechsmal und stieß dabei diese Laute von sich:
-
-„E Zigga, e Zigga!”
-
-Als sie wieder in der frischen Luft waren, sagte Balthasar etwas zu
-Dauphin, was diesen höchlich erfreute:
-
-„Das Leben ist eine Hühnerleiter!” sagte Balthasar zu Dauphin.
-
-Nunmehr zog Dauphin täglich den Fleischwagen, den Spülichtwagen und
-noch andere Wägelchen durch die volkreiche Stadt. Man kannte ihn nicht
-in dieser Stadt; niemand kannte ihn! Man blieb wohl einmal stehen,
-besah sich das schwarze Gäulchen mit der weißen Blesse und ging weiter,
-und nur die Kinder fanden es der Mühe wert, sich zu verweilen, mit dem
-kleinen Freunde zu laufen, ihm einen Bissen Brot zu reichen oder ein
-Stückchen Zucker.
-
-Obwohl nirgends mehr an den Mauern, an den Plakatsäulen, in den
-Schaufenstern Dauphins Bild mit dem Purpurmantelettchen hing,
-wußten die Kinder doch, daß das kleine Gäulchen kein gewöhnliches
-Kasernentierchen war, denn sie liefen neben ihm her und beschenkten es
-mit Zucker und Liebkosungen!
-
-O wenn Dauphin frei gewesen wäre! Wenn er ledig seiner Siele, ledig des
-schweren Kummets gewesen wäre, ledig aller Mühen und Sorgen! Kinder!
-Kinder!
-
-So aber war das Leben eine Qual, so aber wollten die klaren Augen nicht
-aufblicken in den Tag, der fast stets Nacht war, und sie blieben lieber
-am Erdboden haften, und die Unterlippe, die sonst so gern und so
-übermütig an den Freuden der Stunde nippte, hing schlaff nach unten und
-ward täglich schwerer.
-
-Die Hauptmannspferde bekamen bessere Kost als Dauphin, wurden täglich
-gestriegelt, und ein jedes hatte einen Soldaten zur Bedienung!
-
-Dauphin aber stand hinten im Stall, wo kein Fenster war, keine frische
-Luft und kein Licht, und sein Fressen lag oft tagelang in der Krippe,
-und wenn Balthasar ein dünnes Getränk brachte, so leerte er die Krippe
-zuvor nicht aus, und Dauphin fraß fast nichts als Heu.
-
-Auf seinem Rumpfe zeichneten sich bald die Rippen deutlich ab, und
-da das schwarze Fell gänzlich von Staub und Schmutz durchsetzt
-war, konnte kein Kind Freude haben, das Gäulchen zu streicheln
-und liebkosend zu tätscheln. Die Mähne, ehedem ein zartwelliges
-Gekräusel, ein Kindergelock und ein Fähnchen der Fröhlichkeit und
-des Uebermutes, hing wie ein Bündel Haberstroh übern Hals herab und
-stak zerschabt in der Fessel des Kummets. Der kotige Zügel griff durch
-ihre letzten Spitzen, und wenn die Sonne auf diese Mähne schien, sah
-man Staubwölkchen draus emporwirbeln wie aus einem Sofa. Die Knochen
-der Hinterbacken stießen sich hervor, und Balthasar hing oft, wenn er
-schwitzte, seine verschmutzte Mütze dran. Die schweren Eisen der Hufe
-klapperten, die Rippen schoben sich unter der Haut hin und her.
-
-Balthasar redete nie ein Wort mit Dauphin, und Dauphin empfand
-natürlich auch nie Lust, den mürrischen Alten etwas von seinem Können
-merken zu lassen. Niemand ahnte von Dauphins Qualitäten! Nicht einmal
-seinen Namen kannte man. Balthasar nicht, die Hauptleute nicht, die
-übrigen Wärter nicht! Selbst die Kinder riefen ihn nicht mit seinem
-Namen.
-
-Besaß dieser Arbeitsverwendungsfähige überhaupt noch Namen und
-irgendwelche Qualität? Konnte dies arme Tierchen im Kehrichtwagen noch
-etwas anderes als Sklavendienste tun?
-
-Es liegt klar auf der Hand, daß Dauphin sehr litt! Seine Leiden, die
-anfangs rein seelischer Art waren, bogen sich, da er trotz allem
-unabänderlich gern und sogar freudig schaffte, ins Körperliche um, aber
-Dauphin mußte immer noch sehr leiden! Oh, wenn Dauphin sich das Leben
-unter den Soldaten so vorgestellt hätte, wie gern wäre er in seiner
-Arena geblieben! Er gewahrte nicht einmal, wie seine Gaben schwanden,
-und das war gut!
-
-Einmal kamen fünf ganz junge, kleine Leutnants, aufgetakelt wie
-frischgewickelte Säuglinge, aus der Regimentskammer gehüpft, streiften
-weiße Handschuhe an dicke Hände an, hielten Reitpeitschen unter den
-angepreßten Oberarmen und liefen an Dauphin und an Balthasar vorüber.
-Da sagte Balthasar wieder einmal etwas. Er nahm sich Dauphins Ohren und
-sagte:
-
-„Sieh, Kleiner, fünf ist gleich eins! Kriegsware! Heut Mittag
-trinken sie fünfzig Flaschen Sekt, und hernach steigen sie auf die
-Hühnerleiter, ganz oben hin und fangen an, auf uns herabzukotzen!
-Wundert's dich, daß wir so dreckig sind? Mich wundert's nicht!”
-
-Dauphin freute sich über diese Rede, die er freilich nicht verstand,
-wieherte und trug den Kopf höher als sonst.
-
-Er sah eine Kompagnie, die auf dem Bauche lag und zielte. Ein Feldwebel
-schrie einen Gemeinen an:
-
-„Mensch! Sie wollen Feldwebel werden: werden Sie doch erst einmal
-Mensch!”
-
-Der Angeschrieene hob den Kopf und schrie dagegen:
-
-„Feldwebel will ich werden!”
-
-An der Wache vorn am Kasernentor hielt Balthasar sein Gäulchen an,
-weil er mit einem Kollegen etwas zu reden hatte. Zwei Soldaten in
-Drillichzeug schleppten eine verschlossene eiserne Kiste aus dem
-Stübchen, das hinter dem Wachtstübchen lag.
-
-„Hu, wie stinkts da drinnen!” sprach der eine.
-
-„Geld stinkt!” erwiderte der andere.
-
-„Auch die Fahnen, die dahinter stehen, stinken, Ambros!”
-
-„Alle Signale stinken, Willi, der Mensch aber ist frei!”
-
-„Frei ist der Mensch! Gewiß, aber auch er ist aus Dreck gemacht,
-Ambros!”
-
-Zum Glück verstand Dauphin auch dieses Gespräch nicht, aber er reckte
-doch den Kopf zu den beiden Geldträgern hin, weil er wieder ein bißchen
-Freude an den Menschen hatte.
-
-Balthasars Freundlichkeit versickerte gleich wieder, und des Pferdchens
-Kopf sank wieder, und seine Augen besahen die Steine, die seine Hufe
-betreten mußten.
-
-Einmal trottete er mit dem Mistwagen im Schatten der Linden rund um
-den Kasernenhof herum, indes Balthasar bei Soldaten stand, die höchst
-eifrig Strohsäcke stopften. Viermal trottete Dauphin so hinterm Rücken
-Balthasars vorbei, und jedesmal hörte er Balthasar nießen und seinen
-Laut ausstoßen:
-
-„E Zigga, e Zigga!”
-
-Als er zum fünftenmal vorüberkam, sah er, wie einer der Soldaten dem
-Balthasar eine Zigarre in den Mund steckte, ein Streichholz am Schenkel
-anstrich und sagte:
-
-„Nun mach' dich mit deinem Räppchen aus unserem kaiserlichen Staub!”
-
-Die Soldaten erregten Dauphins Teilnahme fast nicht mehr. Ihr
-Trommelschlag, ihre Marschmusik, ihre bunten Kleider, ihr Feldgeschrei,
-das sie zwischen den Mauern ausstießen, nichts erregte Dauphins
-Aufmerksamkeit. In sich gekehrt, tat er seine Pflicht, und die
-Erinnerung an glanzvolle Tage verblaßte in seiner Seele. Neigung zu
-Schlaf zeigte sich.
-
-Wenn das Fuhrwerk einmal das Weichbild der Garnison verließ und auf
-Feldwege kam, begann Dauphin heftig die Luft in die Nasenlöcher zu
-zerren, der Hals bog sich steil vom Kummet in die Höhe, und es ist
-wahrscheinlich, daß vor seinem geistigen Auge sich die Bilder seiner
-frühesten Jugend zeigten, das Glück der Einfachheit im kleinumzirkten
-Leben hinter den Bergen. Alsdann ging's aber jeweils wieder zur Stadt
-zurück, in die Kaserne, und die stolze Kurve des Halses sank wieder.
-
-Der Koch der dritten Kompagnie, der es gut mit Dauphin meinte, hielt
-ihm oft eine Handvoll Kartoffeln unter die Nase, aber Dauphin wollte
-sich nicht gerne öffentlich mit Kartoffeln füttern lassen und biß nur
-selten an, wenn er nicht gerade ganz großen Hunger hatte, und oft
-geschah es, daß der Koch ihm die weichen Kartoffeln in die Nüstern
-stumpfte. Da schreckte Dauphin wie aus Träumen auf, ließ entsetzt die
-Kartoffeln fallen und sah den Spatzen zu, die sogleich sich drüber
-hermachten und zwilchten und zankten, bis alles aufgefressen war.
-
-Auch die Kinder umjubelten Dauphin immer seltener und schließlich
-gar nicht mehr. Ja, es kam so weit, daß sie, wenn sie ihn bei seinem
-Balthasar sahen, zu rufen begannen:
-
-„E Zigga! e Zigga!” als ob dieser Laut Dauphins neuer Name gewesen
-wäre, Dauphins Soldatenname!
-
-
-
-
-XV
-
-
-Einmal aber geschah dies: Dauphin trottelte so auf dem Pflaster hin
-durch den Schatten und hört plötzlich seinen wirklichen Namen rufen:
-
-„Dauphin!”
-
-Er reißt den Kopf hoch, -- spürt er nicht den Husarenschweif zwischen
-den Ohren schwanken? --, stößt kümmerlich, aber voller Ungeduld die
-Luft aus den Lippen und biegt den Kopf zurück und sieht um sich.
-
-Wieder ruft jemand:
-
-„Dauphin!”
-
-Auf einem mit alten Schuhen hoch beladenen Wagen vorm offenen Tor der
-„Kammer” steht ein Soldat, hält einen Stiefel in der Hand und ruft
-„Dauphin”. Der Soldat lacht laut und ruft etwas, kommt aber nicht, und
-Dauphin trottelt weiter, indeß Balthasar zu dem Soldaten zurückguckt
-und auch weitergeht. Dauphin aber läßt den Kopf nicht mehr sinken und
-reißt die Augen weit auf und strengt sich an, die Ohren hoch zu halten.
-Er spürt, wie er mit dem Kopfe heftig nickt, den Husarenbusch wirklich
-an die Ohren wedeln, er sieht nach den Rippen, die wie Faßreifen um
-seinen Bauch liegen, und sieht ein goldbordiertes Purpurmantelettchen.
-Das sieht er ganz gewiß! Und er hört die liebe Stimme seines ersten
-Direktors. Dauphin bleibt plötzlich stehen. Balthasar guckt zurück, was
-heißen soll: „Na los!”, aber Dauphin bleibt stehen und nickt mit dem
-Kopfe heftig auf und ab.
-
-„Los!” kreischt Balthasar neben der Zigarre heraus und klatscht in die
-Hände, wartet einen Augenblick, kommt zurück, nimmt Dauphin am Zügel
-und will ihn mit sich ziehen.
-
-Aber Dauphin hebt keinen Fuß und läßt sich nicht so mir nichts dir
-nichts fortzerren.
-
-Der Soldat auf dem Schuhwagen lacht, sieben Bäume weit entfernt, und
-wirft einen Stiefel nach Dauphin, der aber nicht trifft, und ruft:
-
-„Ganz recht, Schwammbruder, das hast du nicht nötig!”
-
-„Wer ist Dauphin?” fragt Balthasar den Soldaten neben der Zigarre
-heraus und stützt die Fäuste in die Hüften, und der Soldat erzählt
-allerhand von Dauphin, indeß Dauphin mit dem Kopfe nickt und auch schon
-mit dem linken Vorderfuße krampfhaft scharrt.
-
-„So, so, so!” sagt Balthasar, daß die Zigarre zwischen den Lippen
-tanzt, und gibt ihm einen gelinden, freundlichen Handschlag auf den
-Schenkel, worauf Dauphin anzieht und den Kopf sinken läßt und mit
-seinem Spülicht zum Tor hinausgeht.
-
-Balthasar sagt kein Wort und ist still wie immer und hat die Hände auf
-dem Rücken liegen wie immer.
-
-Am Horizonte des tierischen, vom Leide erregten Bewußtseins aber
-schnitt weiterhin gleich einer Sternschnuppe die Erinnerung an große
-Tage vorbei. Die Kinder vorm Kasernentor hatten Dauphins wirklichen
-Namen noch nicht vernommen, und Balthasar schritt wortlos neben
-Dauphins Kopfe. Niemand hatte seither Dauphin erkannt. Niemand wußte
-oder ahnte, wen er da eigentlich vor sich hatte.
-
-Im Fortnicken berührte Dauphin bisweilen, wie er sonst nie getan, mit
-seinem Maule des Mannes schmutzigen Aermel; dauernd knapperte er an
-seinem Zaum herum, der ihm viel zu groß war, den Gott weiß welcher
-Klepper schon zerkaut hatte!
-
-Sie hielten an einem Wirtshaus an, und Balthasar, der noch nie ein
-Wirtshaus aufgesucht hatte, ließ Dauphin mit seinem Wagen in den
-Schatten der Gartenbäume treten, die da in Reih und Glied, noch
-ziemlich jung, aufwuchsen, und trat in das Haus.
-
-Nebenan saßen an einem Tisch zwei Arbeiter und vesperten.
-
-Dauphin sah in einem von innen verhängten Schaufenster sein Bild und
-zog den Wagen sogleich hin, um sich näher zu betrachten.
-
-Richtig, die Blesse! Die Blesse auf der Stirne leuchtete förmlich
-aus der dunkeln Scheibe: der Kuß der Königin, die Erinnerung an den
-glorreichen Tag Dauphins.
-
-Und nun begann Dauphin sich wieder zu recken, ward größer, und
-seine Haut umstraffte die Rippen, und seine Augen füllten sich wie
-Königslogen in zwei erhabenen Halbkugeln mit jungem Glanz.
-
-Er sah sich um: Es machte den Eindruck, als sähe er nach seinem ersten
-Direktor oder nach der Königin. Er sah, wie Kinder am Zaune des
-Biergartens gleich Soldaten exerzierten und sangen: „Wer will unter
-die Soldaten”, und: „Büblein, wirst du ein Rekrut”.
-
-Da streckte Dauphin den Kopf wagrecht von sich und wieherte durch die
-breiten Nüstern und entblößte die Zähne, schüttelte den Kopf in der
-Längsachse und stieß seinen Freudenschrei aus, den alle hören mußten.
-
-Die Kinder hörten das auch, und Dauphin nickte heftig mit dem Kopfe und
-scharrte mit dem linken Vorderfuß, daß alle Kinder zu ihm hinkamen.
-Rasend nickte Dauphin mit dem Kopfe und scharrte dann so heftig mit dem
-linken Vorderfuß, daß der Kies auf- und davonsprühte.
-
-Die Kinder kamen auf den richtigen Gedanken und begannen mit Dauphin zu
-plaudern.
-
-„Hast du Hunger?” Dauphin nickte.
-
-„Hast du Durst? Dann beiß in die Wurst! Kannst du Bier trinken?”
-
-Dauphin konnte alles, jawohl ihr Kinder, warum etwa nicht?!
-
-Ein Bübchen lief zu den vespernden Arbeitern, kletterte, so klein war
-es noch, auf einen Stuhl, wischte mit den Händen in den Bierkringeln
-herum, die von den Gläsern dalagen, und kam zurück. Es hielt sein
-bierbefeuchtetes Händchen Dauphin an die Nase, und Dauphin, dem das
-ungeheuer Spaß machte, -- es war so fröhlich wie früher im Zirkus --,
-nieste dreimal hintereinander.
-
-Hellauf lachten die Kinder.
-
-Dauphin spürte deutlich den Husarenbusch zwischen den Ohren.
-
-Er sah in den Spiegel, aber den Husarenbusch sah er nicht: der war ihm
-abgenommen worden, den hatte man ihm soeben abgenommen!
-
-Und etwas seitab sah er, als die Arbeiter gerade fortgingen, eine
-Leiter stehen, die vor der Stalltür ziemlich steil zum Heuschober
-hinaufgelegt war.
-
-Da wußte Dauphin, was nun kommen müsse, denn hinter der Leiter sah
-seine Seele auch seinen geliebten Direktor stehen: Nun müsse das große,
-halsbrechende Kunststück kommen, das allen Zuschauern, -- wißt ihr's
-noch, ihr lauten Kinder? --, den Atem nahm.
-
-Er zog sein Wägelchen hin und trat mit dem linken Vorderfuß auf die
-erste Sprosse der Leiter.
-
-Da sahen die Kinder, daß das kluge Pferdchen von seinen Strängen sehr
-beengt war, und sie spannten es aus.
-
-Wie nun Dauphin frei aus den Sielen tritt, wird's ihm ganz leicht
-zumute. Er hebt die Beine auf die erste und die zweite und dann das
-linke Vorderbein gar auf die dritte Sprosse.
-
-Und wie Dauphin sich gerade abdrücken will, um frei aufrecht zu stehen,
-kommt der Balthasar aus dem Wirtshaus, und die Kinder zerstieben
-zwischen den Bäumen hinaus auf die Straße.
-
-Da läßt Dauphin die Beine langsam von der Leiter hinab und wird
-eingespannt, und es geht in die Fabrik mit den hohen und niedrigen
-Schornsteinen. Ganz fröhlich trottet Dauphin hinter Balthasar drein ...
-
-Unterwegs sagt Balthasar wieder einmal etwas zu Dauphin! Er sagt:
-
-„Ich weiß genau, was du willst, Zirkusmann: zur Leiter willst du
-hinauf, zur Hühnerleiter! Willst über mich hinaus und schließlich auch
-von oben auf mich herabkotzen! Aber ich will dir schon helfen, wenn's
-auf mich ankommt!”
-
-Als sie ins Kasernentor eingebogen waren, schritt Balthasar quer übern
-Kies, der wie gefrorene Tränen dalag, auf die Kammer zu.
-
-Dauphin stellte die Ohren, um vielleicht wieder seinen Namen rufen zu
-hören, der Hals schweifte steil auf, am linken Vorderbein erzitterte
-eine Muskel.
-
-Gar nicht lange verweilte Balthasar in der Kammer; der Feldwebel kommt
-mit ihm heraus, und trägt in der Hand eine Peitsche, die anscheinend
-für schwere Artillerie bestimmt ist, gibt sie Balthasar, und sie treten
-zu Dauphin her.
-
-„Wie ist er sonst im Dienst?” fragt der Feldwebel, und Balthasar
-entgegnet:
-
-„Zirkus, Zirkus! Der Zirkus steckt ihm noch im Kopf!”
-
-Jedoch der Feldwebel nimmt dem Alten die Peitsche wieder ab, schlägt
-ihm leichthin auf die Achsel und sagt:
-
-„Wenn's sonst nichts ist: uns allen steckt der Zirkus noch im Kopf,
-Balzer, los, vertragt euch miteinander! Wir haben halt allerhand
-Kostgänger!”
-
-Sie vertrugen sich noch über zwei Jahre!
-
-Ewig dasselbe spielte sich in Dauphins Umgebung ab: Menschen kamen,
-wurden entmenscht, für den Tod uniformiert, mit dem Tode vielgestaltig
-ausgestattet, gingen hell bekränzt irgendwohin, den Tod bringen, kamen
-nicht mehr oder kamen, vom Tode gestreift und gezeichnet, wieder
-zurück. Menschen fluchten ihres Daseins, wenn sie knirschend auf dem
-Angesichte lagen und den Kies zwischen den Zähnen zerbissen, um sich
-vor dem Zuchthaus zu bewahren. Männer fielen und schnellten wieder auf
-wie an Schnüren aufgereiht, und das Kommando schwirrte über sie her wie
-Säbelstreiche. Frauen und Kinder standen außen hinter dem Gitter und
-sahen zu und weinten ob der Erniedrigung. Wenn Dauphin Kinder weinen
-sah, ließ er den Hals noch tiefer sinken, so daß das weite Kummet fast
-herabgleitete auf das Tränental. Schaum troff hernieder aus seinem
-hungrigen Maul.
-
-Ein Frühling kam, und die Kinder sangen nicht und spielten nicht
-Ringelreihen auf den Plätzen! Die Vögel sangen in den Büschen, aber
-die Platzpatronen auf den Schießständen verschlangen den Vogelruf! Die
-Blumen blühten an den Rainen, aber die jungen Mädchen kamen nicht,
-sie zu pflücken! Die Fleischfuhren wurden leichter, die Spülichtfuhren
-schwerer. Der Gesang der Glocken verstummte, und nur ein jämmerliches
-Gestammel blieb übrig! Keine Fahne flog mehr über die Dächer, und
-die Straßen füllten sich mit Krüppeln. Die Schreie erregter Generale
-tobten um die Stadt, und in allen Häusern weinten Frauen und Kinder!
-Leichenzüge schlängelten sich in den winkeligen Straßen. Aus den
-Spülichtfässern zog Balthasar Brotreste und Knochen und aß daran.
-
-Ein Sommer kam, und die Leichenzüge begegneten sich an den Portalen der
-Friedhöfe! Hauptleute schrien Siege aus, aber die Soldaten stimmten
-nicht mit ein und wandten die Augen zu Boden! Immer noch lagen Männer
-mit grauen Bärten vor jugendlichen Gecken im Staub und bissen an den
-Kieseln des Jammertales! Der Sommer kam, und die Ernte blieb im Regen
-sitzen, weil die Frauen zermürbt waren von der schrecklichen Arbeit
-und weil die Kühe müde waren von der schrecklichen Arbeit! Eine Kuh
-schlappte, wo früher zwei Pferde galoppierten.
-
-Ein Herbst kam, und Soldaten wurden korporalschaftsweise in das
-vergitterte Haus geführt, weil sie zu Hause ihre Ernte einbringen
-wollten anstatt tagelang zu üben, wie man den Herrn Leutnant grüßt!
-Kinder stürmten ans Rathaus der Stadt und schrien um Brot. Da Soldaten
-Maschinengewehre herbeibrachten statt Brot, liefen die Kinder wieder
-heim. Unheimlich mehrten sich die Verstümmelten! Die Soldaten standen
-beisammen und redeten leise. Balthasar blieb bei ihnen stehen; sie
-hefteten ihm ihre eisernen Kreuze an! Balthasar ließ sich's gefallen,
-und als er auf der Brust keinen Platz mehr hatte und auf dem Rücken
-auch nicht, da zog er Dauphin in die Schar der Soldaten, und sie
-banden Dauphin ein eisernes Kreuz über die Stirn, daß es gerade in die
-weiße Blesse hing.
-
-Ein Offizier geht vorüber, sieht genau, was da geschieht, schwenkt
-seitab und nestelt die klingenden Ehrenzeichen von seiner wattierten
-Brust. Und sogleich rennen bewaffnete Kameraden herzu, umstellen die
-Schar und führen sie samt Balthasar ins vergitterte Haus.
-
-Dem kleinen Dauphin reißt man das Kreuz von der Stirn, tritt ihn in
-die Seiten und stößt ihn gegen die Mitte des Hofes, wo er hinstürzt in
-den scharfen Kies. Er erhebt sich wieder von selbst, Blut sickert aus
-seinen Knien, er trottelt seinem Stalle zu und zieht das Wägelchen an
-einem Strang hinter sich her. Ein anderer Balthasar kommt zu ihm an
-den Stall, ein junger, starker Kerl, der statt des rechten Auges eine
-eingefältelte Narbe in der Höhle hat.
-
-Er trägt Balthasars Mütze: er raucht Zigaretten, er fängt gleich am
-ersten Tage an, Dauphin zu striegeln, putzt die Krippe aus und mistet
-und schmiert Dauphins Hufe mit Schmalz, das er aus der Küche der
-Offiziere brachte. Die Herren Feldwebel beginnen auf einmal Dauphin zu
-kennen, streicheln sein reinliches Fell, rufen ihn Maxel und lassen
-ihre Kinder auf ihm reiten. Selbst Offiziere kommen im Stall zu Dauphin
-her; wenn sie mit dem neuen Herrn irgend etwas Wichtiges geredet haben,
-ziehen sie ihre Handschuhe an und tätscheln seine festlich sauberen
-Backen und tätscheln auch ohne Handschuhe. Etliche sagen zu dem
-einäugigen Herrn „Du” und stecken ihre Zigaretten an der seinen an.
-
-Da zieht Dauphin eines Tages sein Wägelchen übern Hof, und tausende von
-Soldaten haben sich hier versammelt, wirr durcheinander, hochgerüstet,
-und auf den Dächern steigen rote Fahnen in die Höhe, die Soldaten
-stürmen aufs Wägelchen zu, reißen rote Bänder heraus, rote Fetzen,
-schwingen sie und stecken sich kleine Rosetten in die Knopflöcher.
-Dauphin wird vielfach rot bewimpelt, und ein Rosettchen baumelt in der
-Blesse und in den Zöpfen der glänzenden Mähne.
-
-Tische werden aufgestellt, auf die Tische wird ein Tisch geschoben, und
-der Einäugige steigt hinauf und beginnt mit weithin schallender Stimme,
-daß zwischen den Mauern ein Echo wach wird, seine Rede zu halten.
-
-Als er sagte, der deutsche Kronprinz müsse einem süddeutschen Schuster
-in Erziehung gegeben werden, da löste sich ein Soldat, der schon oft zu
-Dauphin hergesehen hatte, aus seiner Umgebung und kam zu ihm. Er legte
-den Arm um den festlich geschmückten Hals des Tieres und flüsterte ihm
-in die gespitzten Ohren:
-
-„Dauphin, Dauphin! Ist's das Mißgeschick aller Dauphins, daß sie
-zu Schustern in die Lehre kommen müssen? Auch du bist nach deiner
-Glanzzeit in rauhe Wirklichkeit verstoßen worden, aber du hast keine
-Schuld an deinem Geschick!”
-
-Hände wurden gen Himmel ausgestreckt, Schreie wuchsen wie Bergzüge
-hinan, vereinzelt krachten Schüsse gegen die kalten Wolken. Ein Wind
-hub an; manche Sätze des Redners waren unverstehbar, manche deutlich zu
-hören:
-
-„Als das Bübchen vierzehn Jahre alt war, versprach ihm sein
-kaiserlicher Papa: wenn du dereinst wirst dreißig sein, darfst du
-an der Spitze meiner Truppen ~au milieu de mes troupes~ in Paris
-einziehen!”
-
-„Hörst du's, Dauphin? Denkst du an den Kuß der Königin, wie auch du an
-der Spitze unserer, ach, so fröhlichmachenden Truppe durch die Arena
-triumphiertest? Keine Menschen mußten unsertwegen sterben, und manche
-vergrämte Seele hat sich an uns wieder gesund gefreut! Weißt du's
-noch, Dauphin?”
-
-Dauphin stand entzückt da, und der Geist, der aus den Soldaten
-aufbegehrte, riß den seinen mit sich fort. Er streckte den Kopf
-hochauf, er entblößte die Zähne, er scharrte mit dem linken Vorderfuß,
-und die Kiesel schwirrten den Soldaten, die um ihn standen, ins
-Gesicht. Sie wußten, daß das Gäulchen sich nicht gut anders freuen
-konnte und ertrugen die Kiesel, und einer reichte ihm ein Stück Zucker
-hin. Dauphin schüttelte plötzlich den Kopf und nickte mit dem Kopfe,
-und der Soldat, der ihn vom Zirkus her kannte, besänftigte seine
-Freude, indem er ihm sachte über die Blesse strich.
-
-„Auf Vater und Mutter schießen!” schrie der Redner und wiederholte:
-„Auf Vater und Mutter schießen!”
-
-„Auf Vater und Mutter schießen!” tobte die ganze Versammlung, und
-Dauphin, in dessen Herz unter allerlei Unrat noch mehr Natur lebte
-als in vielen Menschenherzen, stellte sich plötzlich, als sei dieses
-verruchte Wort der Weckruf seiner tiefsten Erlebnisse, all seiner
-Freuden, all seiner Schmerzen, auf die Hinterbeine und stieß einen
-klagenden Laut zum Himmel.
-
-„Das unvernünftige Tier,” rief der Redner, „seht, seht, es bäumt sich
-auf angesichts solcher Schändlichkeiten! Die Natur, die Natur bricht
-über jene herein, weil wir selber jene Unnatur nicht gerichtet haben!
-Und nun werden wir, weil wir's nicht getan haben, mitgerichtet werden!
-Seht dem Junker, der uns peitschte, hier in Berlin, in Straßburg, in
-Köln, in Regensburg und in Stuttgart, seht ihm in die Augen! Was seht
-ihr da? ... Das Tier!!”
-
-„Das Tier!!” krischen die Mannschaften, und das Echo wollte nicht enden.
-
-„Nein!” begann der Redner wieder, „nicht das Tier! Nicht das Tier!”
-
-„Den Teufel” schrie einer. „Den Teufel!” erwiderten etliche.
-
-„Ja, den Teufel! Den Bösen! Das Böse! Den Feind des Guten! Den Feind
-der Menschheit, den Feind alles Menschlichen! Sie kommen mit dem
-Mordgewehr zur Taufe! Mit vierzehn Jahren stehen sie als Leutnant
-auf dem Kasernenhof, den sie zeitlebens nicht mehr verlassen!
-Menschen dressieren, Menschen schikanieren, drangsalieren, von
-Kasernengeneration zu Kasernengeneration! Die Peitsche, die Peitsche
-über das deutsche Volk! Sie wollen Frankreich vernichten, England
-an Zeppelinen verankern, lichten und im Ozean draußen niederlassen!
-Kaiser, Könige, Fürsten aller Schattierungen ließen sich von ihnen
-und von ihren Hohenzollern ihren Glanz und ihre Macht garantieren und
-verschrieben sich und ihre Landeskinder ihrem Blutwahn! Hohen Zoll
-zahlten wir ihnen und ihren Hohenzollern! Ihre Namen kann man nicht
-aussprechen, man zerbricht sich die Zunge! Die meisten endigen auf ow!
-O W! O weh!! rufe ich aus, o weh!! gutes deutsches Volk! Herrliches
-Volk des Gemüts, des Herzens, armes, zerschundenes Volk, gekreuzigtes
-Volk! Und doch wieder: Törichtes Volk! Dummes Volk! Was gingst du nur
-zu gern in ihre Schützengräben! Der dich so gleich hineinjagte, hat
-von jeher das Wort verachtet! Diese Diplomaten -- das ist ein echtes
-Hohenzollernwort -- verdarben uns den Braten! Uns, uns, Männern des
-Schwertes! Was ließest du dich so leicht betören!”
-
-Der Einäugige hielt inne und fuhr dann fort:
-
-„Aber Revolution ist Tat!: Auf! Auf, zur Revolution!”
-
-Er riß sein Seitengewehr heraus, schwang es in die Luft, deutete nach
-der Fahne, die auf dem Hauptgebäude flatterte, und schrie:
-
-„Schwarz, weiß, rot! Was daran junkerisch ist, schwarz und weiß,
-das reißt ab! Was übrig bleibt, sei unsere Fahne: Das Rot der wahren
-Freiheit ... Versteht mich nicht falsch: Das Rot der befreiten
-Menschenliebe, die Farbe unseres Blutes, des Lebens, des heiligen
-Geistes, der in Flammen über uns kommen möge! Auf zur Tat! Auf zur
-befreienden Tat!”
-
-Der Einäugige sprang von dem Tisch herab, und nun folgten ihm alle zum
-Tor hinaus, und auch Dauphin lief mit.
-
-Am Kasernentor aber sieht Dauphin Balthasar, und Balthasar zieht das
-Gäulchen aus dem begeisterten Soldatenknäul und nimmt es wieder zurück
-in seinen neuen Alltag.
-
-Jedoch dieser neue Alltag blieb wie der alte. Was ging Balthasar die
-Revolution an? Kehricht, Spülicht, ab und zu ein duftendes Pfuhl!
-Mit Fleisch versehen, mag sich, wer will! Ganze Länder gibt's, die
-sich nicht wollen revolutionieren lassen: was braucht Balthasar eine
-Revolution?
-
-Dauphin aber, dem die Revolution also nicht bessere Zeiten zu bringen
-schien, hatte unverhofft Glück!
-
-
-
-
-XVI
-
-
-Er stand am Ladenfenster eines Herrenschneiders und träumte in das
-helle Glas. Weil er letzter Tage schon öfter dagestanden, indeß der
-Balthasar drinnen im Laden weilte, sah er mehr nach den goldenen
-Buchstaben des Schneidernamens als nach seiner Blesse.
-
-Plötzlich schollern schwerste Räder übers Pflaster der Straße,
-erschreckt sieht Dauphin um und sieht wuchtige Kanonen daherkommen,
-von wuchtigen Pferden gezogen. Maskiert sind Pferde und Kanonen, mit
-Schmutz beschmiert, mit Oelfarben aller Art, und die Kanoniere sitzen
-oben, und ihre Köpfe hängen tief auf die Knie herab, und auch die
-Gäule schreiten müde dahin. Wenn ganz einmal einer der Soldaten den
-Kopf hochträgt und die Augen in die Zuschauer sinken läßt, sieht
-man unendliche Traurigkeit in diesen Augen, und die Menschen, die da
-stehen, gehen heim und verwinden die Tränen.
-
-In der Ladentür steht Balthasar bei dem Schneidermeister und hat eine
-dunkle Weste an, die mit weißen Reihfäden allerlustigst durchsprenkelt
-ist, und über die gelblichen Hemdsärmel hängt das Metermaß.
-
-Dauphin hat keine Ruhe mehr. Den Balthasar konnte er kaum erkennen,
-wollte ihn vielleicht auch nicht recht erkennen, und als er wieder im
-Laden verschwunden war, zog Dauphin sein Wägelchen an und zog es neben
-einer gestutzten Abwehrkanone her, die mit vier Füchsen bespannt war.
-Der Lärm der schweren Geschütze verschlang natürlich das Gekläpper des
-Wägelchens vollauf, und Balthasar merkte nichts.
-
-Als die versunkenen Kanoniere erst weit draußen vor der Stadt den
-kleinen Abenteurer neben sich entdeckten, stiegen sie ab und banden ihn
-kurzerhand, ohne zu beachten, wie sehr er widerstrebte, an den nächsten
-Apfelbaum, der am Wege stand. Sie liefen eiligst ihrem Fuhrwerk, das
-unterdessen nicht halten konnte, nach und sprangen auf, und Dauphin
-flehte die, die unausgesetzt an ihm vorüberzogen, um Erbarmen an, daß
-sie ihn doch seiner Fessel entledigen und mitnehmen sollten. Und weil
-Soldaten sich auf die Pferdesprache manchmal recht gut verstehen, wenn
-sie wollen, geschah es, daß einer sich von seinem Protzkasten schwang
-und Dauphins Fessel löste und auch die Stränge des Wagens loskettete.
-Just im selben Augenblick, als Dauphin ausreißen wollte in die
-unsichere Freiheit des Nichtmehrganzjungen, da stand Balthasar hinter
-ihm und kettete die Stränge wieder ein, drehte das kleine Fuhrwerk
-stadtwärts, und Dauphin ließ den Kopf wieder hängen, denn er schämte
-sich vor den großen Gäulen sehr.
-
-In die Kaserne ging's!
-
-„Noch ein Weilchen Geduld, feiner Herr!” sprach Balthasar zu Hause,
-„die Hühnerleiter ist zwar schon herumgedreht: was unten war, ist
-heute oben, aber wir müssen nicht tollkühn sein und uns noch einen Tag
-gedulden können!”
-
-Dieser Tag kam nach drei Tagen!
-
-Balthasar trug einen neuen Anzug, einen schwarzen, steifen Hut und
-einen Spazierstock mit Silberkrücke. Dauphin ward nicht eingespannt,
-sondern durfte, nur mit dem Halfter bekleidet, an dem ein Lederriemen
-hing, mitgehen. Sie machten Halt in einer Wirtschaft der Stadt, und
-Dauphin ward in einen Stall geschoben, wo noch drei große Gäule
-standen, die vor Hunger stampften.
-
-Kaum war Balthasar in der Wirtschaft verschwunden, so kamen zwei
-Burschen in den Stall, banden eilig den kleinen Dauphin los und
-führten ihn durch ein Hintertürchen -- Dauphin verstand es wohl, sich
-zu bücken -- davon.
-
-Die drei Burschen liefen querfeldein und kamen nach einer Stunde auf
-einem großen Platze an, wo anscheinend der ganze Zug, der gestern
-durch die Stadt sich träg und ermattet hingeschlängelt, aufgelöst sich
-ausbreitete.
-
-Da gab's offenbar etwas Neues! Dauphin reckte den vom Joch befreiten
-Hals mit glorreichem Schwunge in die Höhe, um nicht übersehen
-zu werden, denn er war doch daran gewöhnt, geachtet und sogar
-ausgezeichnet zu sein!
-
-Kannte Dauphin nicht einen dieser dicken Kerle da? Hatte er nicht
-mit einem dieser roten Hengste einst sogar Freundschaft? Er zerrte
-an seiner Leine, und einer der Füchse legte seinen starken Hals über
-Dauphins Mähne ... Dauphin wibberte, indeß er so in dieser Liebkosung
-verharrte, am Heu eines Protzkastens, fraß nicht, hälmelte nur so und
-war seit langer Zeit wieder einmal durchaus beglückt!
-
-Bauern, die Dauphin schon oft neben müden Kühen durch die Stadt hatte
-schlendern sehen, ergingen sich zwischen den abgeschirrten Pferden,
-rieben die Hände aneinander und lachten sich an und guckten den starken
-Gäulen in die aufgerissenen Mäuler. Dauphin hätte sich nicht so von
-jedermann in den Mund gucken lassen!
-
-Seine zwei Begleiter hatten's eilig! Ein Judenbübchen, kaum fünfzehn
-Jahre alt, kam auf sie zu, klatschte Dauphin auf den Schenkel, trat
-aber wieder rasch beiseite, als fürchte er sich vor den Zweien. Es
-legte die eine Hand vorsichtig auf seine Mütze, die sonderbare Wülste
-hatte, als verhülle sie einen verbeulten Kopf.
-
-„Na, willst du nicht anbeißen?” fragte der eine von Dauphins
-Begleitern, und der andere fügte gleich hinzu:
-
-„Kannst ihn billig haben!”
-
-„Der Fuchs hier,” antwortete das Judenbübchen, „kostet fünfundsiebzig
-Mark!”
-
-Es zog aus seiner tiefen Innentasche ein Pfund Butter und stülpte die
-Mütze seines Kopfes und hielt in der Mütze den beiden zehn reinweiße
-Eier vor die Nasen. Der Knabe sah sogleich, daß sie's zufrieden seien
-und sagte, indem er ihnen seine Kostbarkeiten überreichte und die Leine
-ergriff:
-
-„Emma heißt sie doch, gelt?”
-
-Der eine steckte die Butter in seine Innentasche, der andere kippte am
-Wagenrad ein Ei auf, und beide sagten sie zugleich:
-
-„Emma! Freilich, wie denn sonst!”
-
-Auch der andere schlug ein Ei auf, und während der Judenknabe das
-Gäulchen schon fortführte, flogen die Eierschalen um ihre Ohren, aber
-sie beide achteten nicht darauf!
-
-Sie entfernten sich weiter von der Stadt, überschritten die Brücke,
-die Dauphin noch nie überschritten hatte, und kamen auf eine
-Landstraße, die links und rechts mit alten Apfelbäumen bestellt war. An
-einem Steinhaufen mußte Dauphin stehen bleiben, und der Knabe schwang
-sich auf seinen Rücken.
-
-Heisa! Heisa! Ein Kind auf Dauphins Rücken, draußen in der Freiheit,
-unter Apfelbäumen, zwischen Aeckern und Wiesen! In leichtem Trab lief
-er dahin über die Steinstraße, ledig der Siele, ledig der Stadt, ledig
-des mürrischen Balthasar!
-
-Ein Apfel hing allein auf einem Baum: der Knabe stieg ab, warf mit
-einem Stecken in die Krone, der Stecken blieb hängen, der Apfel fiel,
-und der Knabe gab den Apfel dem Gäulchen, das auf einmal wieder einen
-Namen hatte!
-
-„Will Emma auch ein Stück Brot?”
-
-Jawohl, Emma will auch ein Stück Brot!
-
-Aber Emma will auch den Knaben wieder auf ihrem starken Rücken tragen!
-Am nächsten Steinhaufen blieb Emma wieder stehen, und der Knabe
-schwang sich wieder bäuchlings auf den schmalen Pferderücken, und der
-Pferderücken schwebte nur so dahin, einer ungewissen Zukunft entgegen!
-
-Die große Glocke der Stadtkirche flutete hinterdrein, und als das
-Gewoge nicht mehr zu hören war, verzögerte Emma den Schritt! Schweiß
-stand auf ihrer Haut. Durchs nächste Dorf führte der Knabe sein
-Tierchen an der Leine, und hinterm Dorf stieg er nicht wieder auf, und
-der Schweiß verkroch sich wieder.
-
-Ein Gebirge hob sich aus der Ebene auf, und in den Fichtenspitzen des
-Bergkammes schwang sich ein leiser Wind. Die Sonne senkte sich gerade
-in diese zart bewegte Ruhe, und der Knabe sprach und deutete:
-
-„Siehst du, Emma, dort oben hinter diesem Buckel ist unsere Heimat!
-Gehst du gerne mit? Du sollst es gut bei uns haben! Weißt, wir haben
-noch richtigen Hafer! Bei uns kannst du dich richtig erholen, da wird
-dein Wasserbauch verschwinden und die Faßreifen hier, und deine Backen
-werden sich füllen und deine Augen: zeig mal deine Augen! Aha! das ist
-eine Kleinigkeit für dich, die werden glänzen wie die Sonne am Berge
-Garizim! Zu schaffen ist ja nicht viel bei uns: du gehörst übrigens
-mir, und wenn sie dich einspannen wollen zu Dreckarbeiten, so werd ich
-auch ein Wörtchen mitzureden haben! Es ist ja richtig: wir haben einen
-Stall voll Kinder, und die Dienstboten bleiben nicht lang bei uns; aber
-bist du etwa ein Dienstbote? Nein, Emma, du bist kein Dienstbote! Und
-unter uns gesagt: Dienstboten sollte es fortan überhaupt nicht mehr
-geben!”
-
-Gänse ergingen sich, Schweine grunzten im Chausseegraben, eine
-Dreschmaschine brummte irgendwo, und man sah sie nicht.
-
-An all diesen Herrlichkeiten raste Emma vorüber, ohne verweilen zu
-wollen, und der Weg führte, wie sie wünschte, den Berg hinan, der Sonne
-entgegen! Die Sonne versank vollends, der Weg führte wieder talab, ein
-Dörflein hockte unten beisammen wie eine Hühnerschar. Im Dorf stand ein
-neues Haus neben der Kirche, beschattet von der Kirche: das Schulhaus
-natürlich, und hundert Kinder rasten an die Gitterstäbe, als Emma kam.
-Aber der Knabe hielt nicht an und eilte, ins Vaterhaus zu kommen, das
-am Ende der Straße in Fachwerk leuchtete.
-
-„Vater, Vater!” rief der Knabe in den Hof, „Hans im Glück ist
-heimgekehrt! Komm rasch heraus und sieh, was ich dir bringe für die
-Butter und für die Eier!”
-
-Die Mutter erschien, schlug die Hände überm Kopf zusammen, drei kleine
-Kinder wackelten herzu, vier größere rissen das Hoftor auf und warfen
-ihre Schulbücher in die Ecke, und dann kam auch der Vater mit dem
-Federhalter hinterm Ohr, und in das Gejubel der Kinder streckte sich
-seine sonore, hastige Stimme:
-
-„Uebermorgen, Sigmund, ist sie tausend Mark wert unter Brüdern!”
-
-Emma stand sehr erregt da, sah sich nach allen Seiten um, musterte
-besonders die Kinder und freute sich, daß nacheinander alle, und drei
-auf einmal sich auf ihren Rücken setzten.
-
-„Tausend Mark unter Brüdern,” entgegnete Sigmund, „aber Emma wird nicht
-wieder verkauft! Emma gehört mir!”
-
-„Und mir! Und mir!” krischen die Kleinsten durcheinander, und der Vater
-sagte:
-
-„Versteht sich, Sigmund, daß er dir gehört!”
-
-„Und wenn du ihn verkaufen solltest: nicht unter tausend Mark, und
-diese tausend Mark für mich auf die Kasse!”
-
-„Versteht sich! Futtergeld abgerechnet!”
-
-„Versteht sich!” erwiderte Sigmund und führte sein Gäulchen in den
-Stall des Vaters. Ein altes, ausgemergeltes Kühlein drehte gar
-freundlich den Kopf nach Emma und schien ihn nicht mehr wegwenden zu
-wollen! Sigmund fing an zu putzen und striegelte Emma blitzblank. Diese
-schüttelte sich einmal der ganzen Länge nach vom Halse bis zum Schweif
-und schien über die Maßen beglückt zu sein.
-
-Am nächsten Morgen wurde das Kühlein geholt, und am Abend kamen zwei
-Kälber in den Stall. Emma, die den ganzen Tag über mit den Kindern und
-mit allen Kindern des Dorfes auf den herbstlichen Wiesen umhergetollt
-war, wie sie's seit ihrer Jugend nicht mehr getan, traf am Abend die
-beiden Milchkälber neben sich und mußte sehen, wie die acht Kinder
-sich eher mit diesen Neulingen beschäftigten als mit ihr. Denn die
-Neulinge waren noch so jugendlich, daß sie ihre Milch nicht aus der
-Schüssel trinken wollten, und daß sie also aus Flaschen mit Gumminapf
-trinken mußten.
-
-Sie blieben nur eine Nacht im Stall, die Milchkinder, wurden geholt,
-und Emma war allein. Emma durfte ein Wägelchen ziehen, das kleiner und
-leichter war als das Kasernenwägelchen. Zum nächsten Dorf gings, an
-den Bahnhof! Ein Sack Grieß wurde aufgeladen, und diesen Sack zog Emma
-heim. Es ging am selben Tag nochmals an diesen Bahnhof, und diesmal
-gab's eine Kiste Zucker und ein Faß Marmelade.
-
-Doch siehe! Ein Militärzug rauschte heran, und Sigmund stellte sich
-an die Sperre, indes Emma an der Straße stehen mußte. Sogleich
-waren Kinder um sie her. Aber die Kinder blieben nicht lange bei
-ihr, denn die Straße her kamen etwa zwanzig Soldaten zu vieren im
-Gleichschritt mit fliegenden Mänteln und pfiffen. Als sie an dem
-Wägelchen vorüberschritten, löste sich einer aus dem Glied, blieb einen
-Augenblick stehen und stürzte sich dann mit weitgeöffneten Armen auf
-das Gäulchen und schrie:
-
-„Riesele! Riesele!”
-
-Die Kameraden hörten auf zu pfeifen, der Trupp verwirrte auseinander,
-und der eine Soldat rief unausgesetzt:
-
-„Freut euch mit mir, ich habe mein Riesele wiedergefunden, das verloren
-war!”
-
-Alle umstellten sie Riesele, alle grinsten vor fröhlichem Lachen, alle
-legten die schweren Hände auf Rieseles Rücken! Etliche spannten schon
-aus, das Kummet flog auf das Marmeladenfaß, und jetzt erst kam Sigmund
-und schrie und tobte:
-
-„Mein Gäulchen, mein Gäulchen! Tausend Mark ist es wert unter Brüdern!”
-
-„Die Revolution hebt auch den Hilfsdienst auf, Gustav,” sagte ein
-Feldwebel, „du nimmst dein Riesele mit heim, wohin es gehört!”
-
-„Tausend Mark! Tausend Mark!” schrie Sigmund.
-
-Gustav zog seinen Geldbeutel, leerte ihn in die Hand und zählte; er
-hatte noch vierundzwanzig Mark und siebenzig Pfennige.
-
-„Hier hast du die Barschaft eines geschlagenen Soldaten!”
-
-Sigmund weinte heftig; Kinder kamen hinzu und viele Erwachsene, und
-niemand hatte gegen das Wort des Soldaten etwas einzuwenden. Die
-Soldaten aber zogen alle ihre Geldbeutel, und jeder gab dem Sigmund
-noch einen Markschein, so daß dieser die Lippen vorwulstete, das Geld
-einsteckte und sich getrost vor sein Wägelchen spannte und schließlich
-zu schmunzeln begann.
-
-Riesele aber zog mit. Es hatte den Handel still über sich ergehen
-lassen und wohl dem alten, längst vergessenen, trauten Laute sich
-hingegeben, ohne der süßen Dinge gedenken zu können, die sich an diesen
-Namen hefteten. Da es ausgeschirrt wurde, mochten zudem allerlei
-zukunftsfrohe Bilder das verträumte Herz beschlichen haben, das auch
-ohne Künstlerschaft stets zu einem Abenteuer bereit war! Der alte
-Name Riesele aber brauchte nicht lange in dem zerquälten Kinderherzen
-umherzuirren, bis er sich selber wiederfand, denn die Jugend ist
-alleweil der ewige Nährboden der Seele.
-
-Der Soldatentrupp nahm Riesele in seine Mitte und schob sich weiter
-die Landstraße hin. Man sang, man pfiff; einer trommelte geräuschvoll
-ins Land hinein, und Riesele trappte inmitten einer Herrlichkeit, die
-es noch nicht durchkostet hatte. In den Dörfern kamen Kinder, ritten
-eine Strecke auf Rieseles Rücken und liefen wieder zurück. Junge
-Mädchen kamen, hingen sich den Soldaten in die Arme, ließen sich küssen
-und lachten und sangen mit, hell, wie Kinder singen, und ihre Stimmen
-drangen Riesele ins Herz, als gehörten sie dorthin!
-
-Keines ging, ohne Riesele gestreichelt zu haben, und viele schenkten
-ihm etwas: ein Stück Zucker, einen Bissen Brot, eine Handvoll Gras, das
-sie in der Eile neben an den Wiesen abrissen! Eines dieser Mädchen, das
-besonders übermütig sein mochte, ließ sich sogar auf Rieseles Rücken
-heben, als wär es selber noch ein Kind und ritt so eine gute Strecke
-mit.
-
-Ehrenpforten taten sich auf, da der Trupp weiter ins Land kam, schwarz
-gekleidete Bürgermeister standen auf Balkonen und sprachen Gedichte von
-Schiller, und Riesele nahm alles ruhig und ernst entgegen. Rote Bänder
-flatterten wieder an seinen Schläfen, und der Hals reckte sich, und die
-Ohren spitzten fast so hoch als die der Soldaten.
-
-Eine alte Frau sah zum Fenster heraus, schlug, da sie die heimkehrenden
-Soldaten sah, die Arme überm Kopf zusammen und schrie wild hinaus.
-
-Indessen wurde noch an diesem Abend der Trupp kleiner und kleiner,
-und als man sich zum Schlafen anschickte, waren nur noch sieben Mann
-beisammen und Riesele. Sie schliefen in einem warmen Stall. Sie
-schliefen auch am nächsten Abend wieder in einem warmen Stall. Am
-folgenden Tag aber stiegen sie in die Eisenbahn; und nun gings rasch
-dahin, rechts die Ebenen, links das Gebirge, über einen Fluß, über
-Bäche, zu den zwiebeligen Kirchtürmen, und man stieg aus an einem
-Bahnhöfchen, das Riesele schon einmal gesehen hatte. Etliche Soldaten
-blieben zurück, zwei stiegen aus.
-
-Nun wanderten die drei die Bergstraße hinan, wo Riesele alles schon
-gesehen hatte. Das Birkenwäldchen hob sich in den blauen Himmel, die
-Wiesen dehnten sich hin, und viele Kühe weideten den letzten Wuchs
-ab. Am Eingang des Dorfes prangten wie überall grüne Fichtenkränze,
-Tafeln mit Sprüchen, die noch im Kaiserreich geboren waren, und rote
-Papierfetzen flatterten hin und her, durchzittert von bangen Hoffnungen
-um die bessere Zukunft.
-
-Ha, eben, wie Riesele den Weg links einbog nach dem Mutterhaus, ging
-etwas in seiner Seele vor: es blieb stehen! Es hob langsam den Kopf, es
-pendelte die Ohrenspitzen gegeneinander, es entblößte die Zähne, und
-nun begann es zu rennen, daß Gustav nur mit Mühe ihm folgen konnte.
-
-Auf den Steinstufen der hohen Treppe saß die Familie des Bauern Klaus:
-er, der Bauer, Katherin, seine Frau, der rothaarige August und Trudel,
-die ein großes Mädchen geworden war. Sie tranken aus weiten tönernen
-Schalen ihre Abendmilch und aßen weißes Brot, das dick mit Butter
-bestrichen war.
-
-Als sie erkannten, wer da heimkehrte, liefen sie von der Treppe herab,
-eine Schale zerklirrte in Scherben, und mitten auf dem Weg fielen
-sich alle nacheinander um den Hals, und auch Riesele ward geherzt und
-verstohlen geküßt. Als der Bauer sich überzeugt hatte, daß die beiden
-Zurückgekehrten unverletzt und gesund vor ihm standen, nahm er seine
-Frau an der Hand und führte die Seinen heim.
-
-
-
-
-XVII
-
-
-In dem Heimathause Rieseles hatte sich nicht viel verändert. Trudel,
-die Mutter, stand noch im Stall, eine Kuh ihr zur Seite, zwei Ziegen
-meckerten hinten, ein Hasenvater hoppste an seinen vernachlässigten
-Jungen vorbei, die Schwalbennester prangten in vergilbendem Rot, auf
-der Stallschwelle saßen Hühner mit ihrem Hahn, Enten wackelten einher,
-die Gänse erzählten sich die Neuigkeiten der Zeit, und das fleißige
-Lieschen schnurrte dünn und abgearbeitet die Stunden aus der Stube
-herunter in den Stall.
-
-Die Mutter Trudel war alt und mager geworden, und es dauerte etliche
-Tage, bis sie sich ihres Kindes erinnern konnte. Riesele, im ganzen
-etwas schmächtiger gebaut als die Mutter, strotzte von Jugendkraft,
-und es kam dem Bauern Klaus gleich am ersten Tag der Gedanke, die alte
-Trudel irgendwie zu verkaufen und Riesele ihren Dienst versehen zu
-lassen.
-
-Seltsamerweise war die ganze Familie mit diesem Plane gleich
-einverstanden, und auf der Straße sagten die Leute:
-
-„Na Klaus, jetzt wirst du die Alte abschaffen!”
-
-Es gab sich Gelegenheit, sie nicht einem Pferdehändler, auch nicht
-einem Roßschlächter überantworten zu müssen, indem ein Bäuerlein des
-Dorfes sie um ein Geringes erstand und sie neben sein schwaches Kühlein
-spannte.
-
-Die Hauptarbeit des Jahres war geschafft, als Riesele frischen Mutes
-in die heimatlichen Siele trat. Am ersten Tag ließ sich Gustav von
-seinem Bruder August ins Städtchen zu seinem Meister fahren, wo er das
-Wagnerhandwerk erlernen wollte; und am Abend trabte Riesele nochmals
-hinunter, den Gustav wieder abzuholen!
-
-Jeder Schritt, den Riesele tat, war Freude; jeder Atemzug war Freude!
-Das Birkenwäldchen drüben, das mächtig in die Höhe geschossen war, goß
-Freude in Rieseles Seele; das leere Feld goß Freude in seine Seele!
-Die kahlen Obstbäume, die wie abgearbeitete alte Männer den Hang
-hinan standen, als mühten sie sich, hinaufzukommen, als wollten sie
-jederzeit niedersinken auf ihren ausgebreiteten Schattenteppich, sie
-erfüllten die Seele des Gäulchens mit Freude! Das Wässerlein rieselte
-nicht größer, nicht kleiner, nicht lauter, nicht leiser inmitten der
-Wiesen, und war so hell und so klar wie ehemals, ließ sich auf den
-letzten Grund gucken und verheimlichte nichts von seinem Wesen, und gab
-bereitwillig und munter schwatzend dem Riesele, wenn dieses über das
-Brückelchen stapfte, den Schattenriß seines Kopfes wieder. Welch eine
-Freude tat das Wässerlein in Rieseles Herz, wenn es die weiße Blesse
-schimmern ließ!
-
-Als Riesele am Abend mit dem Wagnergesellen heimkehrte, kamen ihm schon
-ein paar Kinder entgegen, setzten sich zu den Burschen aufs Wägel, und
-zu Hause hinter den Fensterscheiben winkte Trudel, das Mädchen, das ein
-blaues Band im Krönchen seiner Haare trug, und öffnete das Fenster und
-hörte nicht auf zu singen. Es kam sogar heraus zu Riesele, liebkoste es
-und sprach:
-
-„Aber wo sind deine goldenen Hufe, Riesele, wo sind sie denn geblieben?
-Ich für mein Teil, wenn ich fortzöge in ein Märchenland wie du, ich
-käme nicht heim ohne goldene Schuhe!”
-
-„Geh du lieber gar nicht fort!” sagte Gustav, „sonst kann es geschehen,
-daß du barfuß wiederkehrst, denn der Krieg macht Deutschland zum
-Aschenbrödel der Welt!”
-
-Gustav schirrte Riesele ab; am rechten Brustbein hatte das Kummet
-der Mutter, das dem Riesele zu weit war, eine Wunde aufgeschürft, die
-Trudel mit essigsaurer Tonerde sofort auswusch. Sie sang dazu das Lied
-von den drei Lilien, und Riesele spürte keinen Schmerz und trat in
-seinen Stall und legte sich.
-
-Ueber Nacht schneite es ein wenig. Am andren Morgen bekam Riesele vom
-Sattler ein weiches Unterkummet an, und nun zog es den Wagen in den
-Fichtenwald. Der Bauer saß oben und klapperte mit der Peitsche in
-die kalte Morgenluft, und immer fiel der Knall in den weiß beladenen
-Fichtenwald und kam zurück und traf niemals Rieseles Ohren!
-
-Hat Riesele je einen solchen Wald gesehen? Die Stämme stehen zu
-tausenden im Lot nebeneinander, versinken nach der Tiefe zu im
-Dunkeln, die saftgrünen Aeste hängen breit herab übern Weg, und ihr
-Schnee bedroht Mensch und Tier, sich zu nahe an sein Geheimnis zu
-wagen! Unendlich schier senkt sich der dicht ineinander verwucherte
-Fichtenwald ins Tal hinab, steigt wieder empor und verliert sich ins
-Weite. Hie und da bricht eine Schneelast vom Zweig und zerstäubt, denn
-die Sonne stochert durch die brüchigen Wolken.
-
-Als Riesele an einer Lichtung stehen bleibt, wo der Bauer kleine
-Fichten schlägt, da ballt sich das Düster zusammen und flieht in großen
-Fetzen über den weißen Hang hinan, und die Sonne greift in langen
-Strichen durchs Düster zwischen den grünweißen Fichten. Von den Spitzen
-herab tropft das Schneewasser, schneidet durch das Sonnenlicht und
-jauchzt tiefblau auf für ein Sekündchen. Was hängt, zittert und quirlt
-aus seiner Unruhe alle Farben dieser Erde, und entblößt die Schönheit
-der Sonne und ihre Seele. Rasch sinken die Schneemassen hernieder, die
-tiefhängenden Schalen heben sich der Sonne entgegen und lassen den
-Schnee über die Ränder gleiten, und behalten tausend Wassertropfen
-an den grünen Nadeln, in denen die Sonne ihr Geheimnis millionenfach
-offenbart.
-
-Geblendet von der schillernden Farbenpracht, läßt Riesele hin und
-wieder die Lider sich über die großen Augen herabwölben und hebt sie
-sogleich wieder, die Pracht in sich einzutrinken und keinen Tropfen zu
-verlieren! Der Duft der Fichten mischt sich drein; die frisch umgehauen
-wurden, strömen ihr aufgeritztes Blut umher, und Riesele saugt diesen
-würzigen Duft durch die weiten Nüstern in sich ein.
-
-Der Wagen ist schwer beladen, ein leichter Dampf schwebt über dem
-kleinen Pferderücken, als der Bahnhof sichtbar wird! Aber Kinder sind
-da, Kinder! Sie schreiten neben Riesele drein und rufen:
-
-„Weihnachten, Weihnachten!” und es ist, als freue sich auch das
-Riesele auf Weihnachten, und als freuten sich auch die erschlagenen
-Fichten ihres frühen Todes, da sie für das Glück der Kinder sterben
-durften ...
-
-Oft und jeden Tag fast mußte Riesele diesen Weg wieder machen und mußte
-Christbäume an den Bahnhof fahren.
-
-Indeß wurde es kälter, und das Wasser, das über den Wiesen stand,
-ward zu Eis. Die Kinder warfen ihre Schlittschuhe über die Schultern
-und gingen, die Hände in den Hosentaschen, hinaus und schnallten die
-Schlittschuhe an und fegten über die glatte Fläche, hielten die Arme
-seitab und die roten Nasen hochauf.
-
-Riesele durfte auch zu den Kindern! Der Bauer Klaus brach das Eis, um
-es in die Brauerei des Städtchens zu fahren, und Riesele durfte lange
-neben der Eisfläche stehen und gucken, und die Kinder kamen zu ihm,
-wärmten ihre Hände an seinem Leib und unter seiner Rückendecke und
-umstanden das liebe Gäulchen wie die Stadtkinder den Maronimann.
-
-Was mußte Riesele nicht alles schaffen in der stillen Winterszeit!
-
-War etwa der Herr Doktor aus dem Nachbardorf zu holen: wer anders als
-Riesele hätte das so eilig besorgen können? Weilte der Herr Amtsrichter
-im Dorf, und er wollte, nachdem er am Abend noch ein dunkles Geschäft
-erledigt hatte, samt der schweren Tasche, die das dunkle Geschäft
-verhüllte, rasch an den Bahnhof gebracht werden: wer anders als
-Riesele, und wer diskreter als Riesele hätte den Herrn Amtsrichter über
-den Berg gezogen?
-
-Sollte der Herr Pastor ins Gebirg hinauf, und Glatteis klebte an den
-Steinen, oder der Schnee sauste, vom Nordwind zerpeitscht, hernieder:
-wer anders als Riesele wäre mit dem Herrn Pastor durch Nacht und Wind
-gestürmt, zu denen, die es eilig hatten auf dem Weg zu ihrem ewigen
-Glück?
-
-Weihnachten kam und die Neujahrsnacht! In dieser Nacht betrat Cornel,
-der Schweinehirt, den Stall und setzte sich vor Riesele auf dessen
-steinerne Krippe und sprach:
-
-„Ich will dir Prosit Neujahr sagen, Riesele, alter Freund! Nichts weiß
-ich von dir aus deiner Zeit der Fremde! Nur eine schlimme Spur von der
-Menschen Hand trägst du an deiner Seite, die ich erkennen kann: sie
-haben dir das Geheiligte der Irdischkeit entrissen, um mehr Arbeit von
-dir, um größere Freude an dir haben zu können. Sie ließen nicht zu, daß
-du jemals Mutter werdest! Sie, die sich Krone der Schöpfung nennen,
-treiben Raubbau mit Gottes Angesicht, wo immer sie es antreffen. Zum
-Glück, ach ja, zum Glück werden sie ja von Tag zu Tag blinder für die
-Herrlichkeiten der Schöpfung, wie zu des alten Noe Zeiten! Damals kam
-die gewaltige Sintflut von oben herab über die Menschen! Später, als
-sie wieder alles vergessen, aber nichts gelernt hatten, da schickte
-Gott sogar seinen eigenen Sohn herunter, sie zu erlösen von ihren
-Narreteien und von ihrer Vernichtungswut gegen Gott! Das war doch wohl
-das letzte Mittel, das gegen sie zur Verfügung stand: Gott selber kam
-und -- erlöste sie nicht! Riesele, Riesele! Sei froh, daß du kein
-Mensch bist! Kein Gott könnte dich erlösen! Aber du könntest dich
-auch nicht selber erlösen, Riesele, wenn du ein Mensch wärst, obwohl
-du alsdann doch den Ekel an dir und die Sehnsucht nach Erlösung in
-dir trügest! Siehe, ihr lieber Gott hat sie sich selber überlassen,
-da er offenbar nicht wußte, was geschehen sollte! Nun, was haben sie
-getan? Aus sich heraus, aus ihrer famosen Freiheit haben sie eine neue
-Sintflut geboren, eine Sintglut aus Blut und Eisen! Aber auch diese
-Flut war nicht schrecklich genug, sie zu bessern, nicht groß genug,
-sie zu vertilgen, und nun stehen sie, zu Stahl geworden, wieder da
-und wissen nicht, was jetzt geschehen soll! Frieden! kreischen sie,
-überdrüssig des Stahles, an allen Ecken und Enden der Welt! Weißt du,
-Riesele, was das ist: Frieden? Und wann erst wieder Frieden werden wird
-auf Erden, wann der liebe Gott wieder sichtbarlich -- freilich nicht
-mehr in Gestalt der Menschen -- auf Erden wandeln wird, wann, wann,
-Riesele? Ich will es dir sagen, denn ich weiß es: wenn die Zeiten der
-Menschen abgelaufen sein werden! Dann und nicht eher!
-
-Soll ich dir sagen, was mir neulich unser Pastor, den du gut kennst,
-den du noch aus deiner Jugendzeit kennst, was der zu mir sprach? Er
-sprach, und er ist ein weiser Mann und hat das Herz auf dem rechten
-Fleck:
-
-„Pfaffen herbei!” hat er gesagt, „Hohenzollernsches Brimborium herbei!
-Diesem Geschlecht kann die Hölle nicht heiß genug gemacht werden!” So
-hat er gesagt, aber er irrt gewaltig! ... Er ist keiner von jenen, die
-er herbeiwünscht, er verwünscht alle Peitschen, die über die Menschheit
-geschwungen werden: ja, Pfaffen seiner Art ließe ich mir noch gelten,
-aber er ist gar kein Pfaffe!
-
-Einst, Riesele, wollte ich dir erzählen, wie die Menschen sich die
-Tiere zu Haustieren machten, und ich will es dir jetzt rasch erzählen!
-
-Als die Menschen noch so einfach und noch so gut waren wie die Tiere,
-lebten deine Vorfahren frei und fröhlich draußen in den großen
-Wiesengärten, die sich endlos über die Erde erstrecken. Sie lebten
-vereinzelt, zu zweien und in großen Herden, sie fraßen das Gras vom
-Erdboden, sonnten sich und pflegten der Minne. Sie lebten der Liebe
-wegen. War im Winter die Erde überschneit, so scharrten sie mit breiten
-Hufen das Gras bloß und warteten auf bessere Zeiten. Feinde lauerten
-manchmal auf die Jungen, auf die Mütter, auf die starken Väter.
-Blutgierige Raubtiere brachen aus den Hecken, aus den Wäldern hervor,
-sprangen geschickt an ihre Kehlen und soffen ihr Blut.
-
-Nicht minder geschickt aber wußten die Pferde sich zu verteidigen.
-Schon lange, bevor der Feind zur Stelle sein konnte, hörten sie
-ihn mit den hochgestellten Ohren, sahen sie ihn mit den großklaren
-Augen im Kreise schleichen, und nun ordneten sie sich eiligst in der
-Runde, streckten die Köpfe nach innen, daß die bewehrten Hinterbeine
-nach außen im Kreise standen, und nun, wenn der Feind es wagte,
-heranzukommen, feuerten diese Hufe gegen ihn aus, daß er kein
-Plätzchen, keine Lücke fand, anzugreifen.
-
-Da kam der Mensch! Erst schleuderte er aus dem Hinterhalt die
-schwersten Steine in die Herde, dann schoß er Pfeile ab aus weiter
-Entfernung, das Fleisch der Pferde zu essen, da er ringsum in der Natur
-nicht genug fand und es den Blutsaugern ähnlich machen wollte.
-
-An einem Fluß hing seine Hütte halb im Wasser; sein Feld erstreckte
-sich den Wald entlang, seine Frauen und seine Kinder wuschelten im
-Schilfrohr und nahmen den Kiebitzen und den Enten die Eier aus den
-Nestern und stachen die Fische aus dem Wasser. Mühsam, ja, mühsam
-warfen sie die Schollen der Erde um, daß neues Korn um so besser
-wachsen konnte, und sie sahen die starken Pferde in göttlicher Freiheit
-auf den Wiesen umhertollen und kamen, gedankenreich, wie sie sind,
-darauf, diese Pferde einzufangen und vor die rohe Pflugschar zu
-spannen. Mit einem großen Seil mußten sie das erste Pferd eingefangen
-haben. Es ward an den Pfahl gebunden, es ward mit Rindshautriemen
-gezügelt, alsdann zog es mit Leichtigkeit den Pflug! Zur Regenzeit
-stand es unter einem Dach, zur Winterszeit in einem warmen Stall. Gab
-es dem Menschen seine Kraft, so erhielt es dafür ein reichliches Futter
-und brauchte besonders im kalten Winter nicht das spärliche Gras aus
-dem Schnee zu scharren.
-
-Durch ein Loch in der Lehmwand seines Stalles sah es seine Kameraden
-draußen in der Kälte des Winters nach dem spärlichen Grase scharren,
-indeß es selber seine warme Suppe nicht ganz verzehren konnte. Da kam
-sein Herr herein, sattelte es, nahm das lange Seil, schwang sich auf
-des Pferdes Rücken, und nun galoppierten die zwei keck den vielen
-Kameraden entgegen, mitten in sie hinein, der Mensch schleuderte das
-Seil und fing sich ein zweites Pferd, das mit heim in den warmen Stall
-gehen mußte.
-
-Möglich, Riesele, daß noch andere Pferde nachkamen, freiwillig ihrer
-Freiheit sich begaben für das bißchen Wärme, für das bißchen Futter!
-
-Wie gesagt, Riesele, Freiheit tauschten sie für die Bedürfnisse des
-Bauches und für die Bequemlichkeit! Ich für mein Teil und du nicht
-minder, Riesele, wir wären nicht in die Falle gegangen, wir wären
-draußen geblieben, denn auch der garstige Winter ist schön, wie alle
-Natur in jeglichem Zustand schön ist, wie jeder Mensch, der sich
-natürlich gibt, und das Herz, das hier nicht recht Bescheid weiß, lebt
-nur halb und weiß nicht, was vollkommene Freude ist!
-
-Die Menschen haben die Verbindung verloren mit der großen Natur allhin
-gleich dem Wasser der Pfütze, das steht, stockt, stinkt und nicht zum
-Meere kann und des Meeres Pulsschlag verloren hat.
-
-Gut, gut, Riesele: das Geschöpf ist in sich gut und will seinem
-Mitgeschöpf behilflich sein! Aber der Mensch unterjochte die Tiere,
-erfand die Peitsche, rottete viele gänzlich aus und machte auch den
-Mitmenschen sich zum Haustier. Das ist die Wurzel alles Elends in der
-Welt! Die Freiheit wurde ausgerottet, und was da übrig blieb, -- der
-Pastor hat recht! -- das ist reif für den Schürhaken der Hölle!
-
-Wer spielt die größte Rolle in diesem Menschengezücht? Wer? Der Bauch!
-Ha, sie haben so viele Erfindungen gemacht, sie haben sich mit Leib
-und Seele der Chemie verschrieben und von der Natur entfernt: wenn die
-Chemie doch wenigstens ein Kernchen Radium zu präparieren verstünde für
-den Bauch, für den Magen, für den absoluten Souverän der Menschen, daß
-ein ganzes Geschlecht davon seine Kräfte beziehen könnte, der Freiheit
-zu fröhnen und der Minne! Ha, sie überfressen sich und sagen: das ist
-unmenschlich und tierisch! Sie wollen das Tier im Menschen überwinden,
-hörst du's, Riesele! sie wollen das Tier im Menschen überwinden und
-wissen nicht einmal mehr, daß das Tier keusch ist! Diese raffinierten
-Bösewichter des Weltkriegs wissen überhaupt nichts mehr vom Guten!
-Wer könnte uns erlösen? Wollen wir's einmal mit dem Gotte in unserer
-Brust versuchen, der von uns verlangt, daß wir in Minne das Gute tun
-und sonst gar nichts? Wollen wir's versuchen? Wir zwei, wir wollen uns
-freiwillig der Gemeinschaft verschreiben und sie erlösen helfen, wenn
-dies möglich ist! Wir wollen die Verirrten lieben, weil wir Mitleid
-mit ihnen haben, die Hungrigen speisen, die Kranken besuchen, die
-Gefangenen erlösen, o Gott, o Gott, Riesele: lieben wollen wir, lieben!
-Wir wollen helfen, glücklich machen, wir wollen uns freiwillig in Minne
-unserer Freiheit begeben, Riesele, Apostel der Freiheit werden, daß
-Gott für unsere armen Mitmenschen in uns wirksam werde!”
-
-Es schlug zwölf, als Cornel seine lange Rede beendet hatte, Schüsse
-krachten im Tal umher, das Geknall vorlauter Feuerfrösche hüpfte
-zwischen den Revolverschlägen umher, und junge Stimmen riefen das neue
-Jahr ein, das wie jedes seiner Vorgänger den Menschen das Glück und
-reichen Segen bringen sollte ...
-
-
-
-
-XVIII
-
-
-Als der Frühling kam, erwachte in dem Dorf sogleich die alte
-Fröhlichkeit wieder. Die Kinder sangen auf den Gassen, sie besuchten
-Riesele, sie liefen neben ihm drein, sie schenkten ihm Zucker und
-gutes Brot, denn an solcherlei Dingen fehlte es in dem Gebirgsdörfchen
-nicht. Sie steckten ihm die ersten Blumen ins Halfter, ganze Ketten von
-Löwenzahn schoben sie ihm übers Kummet, und sie riefen seinen Namen auf
-Weg und Steg.
-
-Die Burschen suchten in den Wiesen nach den schönsten Blumen, banden
-Sträuße und stellten sie ihren Liebsten vor die Fenster. Des Abends
-saßen sie bis tief in die Nacht auf den steinernen Haustreppen
-bei den Mädchen, erzählten vom verruchten Krieg und boten mitten
-im Schlachtengeheul ihre liebenden Herzen preis und spielten die
-Ziehharmonika, die alle Vertraulichkeiten des Herzens so trefflich zu
-sagen versteht, und sangen jene alten Lieder wieder, die unmittelbar
-von Herz zu Herz gehen. Die Mädchen kannten schier diese Lieder nicht
-mehr. Zoten aus Deutschlands eckigem Wasserkopf, Zoten aus Deutschlands
-fettem Bierherzen hatten sie schon lange vorm Krieg hart bedrängt
-und verdrängt! Die Küsse, die man zu diesen Zoten gab oder nahm,
-verwundeten, die Küsse, die man zu den alten Volksliedern gab oder
-nahm, heilten! In den Scheunen wurde getanzt.
-
-Da stand irgendwo ein kleines Geschöpf, konnte zwar nicht mitsingen,
-konnte auch nicht mittanzen und noch viel weniger mitküssen, stand da
-und legte sich nicht um und schloß die hellen Augen nicht und hatte das
-kleine Herz so voll ungestümer Sehnsüchte nach Menschenliebe! Da stand
-es und riß an seiner Kette, die nicht aus Löwenzahn gefertigt war, und
-scharrte mit dem linken Vorderfuß und nickte mit dem Kopfe und blieb
-immer wieder allein! Zwar war es müde von des Tages Last und Arbeit,
-zwar ging sein Atem schwer, aber die Augen blieben nicht geschlossen,
-und der Kopf reckte sich immer wieder aus dem Stroh empor.
-
-Das Riesele führte also tagsüber den Mist auf die Aecker, kehrte heim,
-holte den Pflug und die leichte Egge und zog sie auf einer Schleife
-hinaus. Als es aber vor dem Pfluge eingespannt war und die Schollen
-aufwerfen sollte, da war seine Kraft zu schwach. Der rothaarige Gustav
-begann zu fluchen, wie wenn er ein Feldwebel wäre, schnitt sogar neben
-am Waldrand eine Gerte ab und schlug auf Riesele drein, bis er sich
-überzeugt hatte, daß sein Räppchen nicht aus böser Absicht den Pflug
-nicht zog! Der Bauer Klaus holte die alte Trudel, die jeweils den Acker
-wenn auch mühsam durchpflügt hatte, und spannte Mutter und Tochter
-nebeneinander, und die Schollen stürzten wacker um.
-
-Ha, wie gingen dem Gäulchen die Nüstern auf, als die frische Erde zu
-duften begann, die den Winter ausstrahlte und den Frühling behielt und
-neuen Frühling aus der Sonne trank! Wärme und Kraft stiegen aus den
-Schollen, und die Dohlen kamen von den kahlen Bäumen heruntergeflogen
-und die zierlichen Bachstelzen, ganze Schwärme von Staren, ein
-Ungeziefer zu picken oder ein verbummeltes Samenkorn!
-
-Dann mußte Riesele mit der Mutter ein Stündchen am Wege stehen, Gustav
-stapfte mit großen Schritten über die dampfende Erde und streute
-in mächtigen Bogen den Weizen aus, der im Fallen knisterte und im
-Auffliegen, als sehne er sich nach dem weichen Schoß, weithin in die
-gleichmäßig nebeneinandergezeilten Furchen. Riesele fraß neben der
-Mutter unterdessen das kaum ersproßte Gras des Weges ab, und die
-Stränge mit dem Sellscheit schleiften hinter ihnen drein.
-
-„Famos, Riesele!” rief Cornel, der mit seinen Schweinen vorüberzog.
-
-In langen gelben Bändern blühte der Raps, und der Wind warf in breiten
-Schwaden den würzigen Honigduft herüber, und die Bienen summten drüber
-her.
-
-Der Weizen sproßte, das Korn schoß auf, die Weinstöcke streckten ihre
-grünen Fähnchen heraus, und alles, was unten wuchs, ward von den
-kugeligen Apfelbäumen überblüht und von den aufstrebenden Birnbäumen,
-und der Blütenjubel sprang hügelauf, hügelab im Tal einher, und niemand
-war, der sich nicht freute! Kaum ein Tag verging, ohne daß Riesele
-nicht irgendwie geschmückt worden wäre von Trudel oder von den andern
-Kindern des Dorfes. Einmal flatterte schier eine ganze Woche lang ein
-lila Bändchen an seinem Halfter, und niemand wußte, wer es angesteckt
-hatte!
-
-O, wenn Riesele Zeit gehabt hätte, wie ehedem mit den Kindern
-umherzutollen! Aber es mußte schaffen, solange der Tag währte, und
-schaffen war schließlich auch ein Spiel! Es zog den Wagen hinaus,
-und auf der Leiter glänzte die scharfe Sense; der Gustav schlug den
-würzigen Klee um und lud ihn auf, und Riesele zog ihn heim, daß die
-Kuh, die Geißen, die Hasen und schließlich auch die Gänse und die
-bequemen Enten etwas zu fressen hatten und das Riesele auch!
-
-Es mußte den armen Kindern helfen, seinen Freunden, wo immer es konnte.
-Sah es, daß ein Kind eine Last Futter auf dem Kopfe heimschleppte, so
-mußte das Kind seine Last auf des Pferdchens Wagen legen und durfte
-vielleicht sogar noch selber aufsteigen! Wollten sie, die Kinder, ins
-Nachbardorf an den Bahnhof, und Riesele hatte dortselbst auch etwas
-zu besorgen, -- was schon manchmal mitten in der eiligsten Feldarbeit
-vorkam, -- so hieß es kurzerhand wie beim Militär: aufsitzen! Und wenn
-die Eisenbahn einmal keine Verspätung hatte, und schon hinterdrein
-gerannt kam, als hätte der Kommunalverband etwas übrig fürs Zügle, wer
-war schließlich doch zuerst am Bahnhof?
-
-Welch eine Kraft bändigte das kleine Riesele in seinen dünnen Beinchen,
-wenn's was zu helfen gab!
-
-Eines Abends erwachte hinten im Armenhaus auch ein anderes Lied
-wieder und schwebte in breiten Flügelschlägen übers Dorf hin. Einmal
-erwacht, wollte dieses Waldhorn wahrlich nicht mehr schlafen gehen und
-kam jeden Abend und oft unter Tag, wenn Cornel nicht gerade auf den
-Feldern des Großbauern schaffte. Vielleicht rief dieses Waldhorn ganz
-frühe Jugenderinnerungen in Riesele wach, vielleicht auch die viel
-näher liegenden Vorstellungen aus dem buntgekleideten Künstlerleben
-im Zirkus, aber es nähme durchaus nicht wunder, wenn auch ohne all
-diese Erinnerungen die empfindsame Pferdeseele in ihrem geruhigen
-Gleichgewicht beeinträchtigt worden wäre! Lag Riesele im Stall und
-ruhte sich aus nach des Tages Mühen, so sprang es sogleich auf, wenn
-Cornels Waldhorn ertönte, so bockelte sein Blut in allen Pulsen,
-so regten sich alle Muskeln, die draußen in der Welt für irgendein
-Kunststück zugestutzt worden waren: der linke Vorderfuß scharrte, der
-Kopf nickte, die Knie versuchten, sich zu beugen, die Hinterbeine
-strafften sich, als sollten sie die Last des Körpers in sich aufnehmen!
-
-Ging Riesele an den Strängen, und das Waldhorn schwebte heran, so
-fing es an zu tänzeln, mochte die Last noch so schwer sein. Die Ohren
-stellten sich, die Nüstern weiteten sich und witterten den Tönen nach,
-der lange Schweif peitschte hin und her, als schwärmten Bremsen an
-seinen Lenden. Das Kummet begann an dem Halse zu zerren, weil der Hals
-steil aufragte, das kindliche Spiel der Muskeln trat deutlich aus dem
-Ebenmaß der Glieder hervor, und die Räder des Wagens schnitten über die
-Geleise.
-
-Dem Bauern Klaus und seinen Kindern konnte dies Gebahren nicht
-entgehen, und da sie vermuteten, daß Riesele draußen in der Fremde für
-allerhand Kunststückchen abgerichtet worden sei, so ließen sie ihm
-diese seine Freude und erfreuten sich selber daran, und wiederholt
-sagte der Bauer zu allen, die sich darüber aufhielten:
-
-„Wir wollen fröhlich miteinander unser schweres Tagwerk vollbringen und
-unseren Vater preisen, der mit uns ist!”
-
-Und Riesele war voll der Lieder seines Freundes Cornel und trug sie mit
-sich durch sein arbeitsreiches Leben wie die Lieder der Lerchen, die
-aus dem Himmelsblau über es herabfielen, wie die Lieder der Blumen,
-die allhin läuteten, der Wälder, der Winde, der Wolken, und seine
-unentwegte Fröhlichkeit verschenkte Feiertag und Glück, wohin es auch
-kam, denn es war ja selber ein Lied draußen in dem großen Jubelruf der
-Natur.
-
- * * * * *
-
-Die Geschichte ist aus. Der Erzähler sah das Riesele zum erstenmal, als
-er am ersten Ferientag, noch voll vom Staub der Stadt, mit seiner Frau
-und seinen Kindern hinter den Bergen aus dem Bahnhof trat. Inmitten
-einer großen Menschenmenge schwang sich just im selben Augenblick eine
-buntgekleidete Dame in kurzem weitfaltigem Röckchen auf einen Schimmel,
-der im Kreise raste, und blieb aufrecht stehen und hielt einen Reif
-über sich und hoppste auf dem breiten Pferderücken von einem Fuße auf
-den andern.
-
-Seine Buben aber sahen zuerst das schwarze Gäulchen seitab stehen und
-rannten zu ihm hin und streichelten es.
-
-Und auf einmal beginnt die kleine Gesellschaft zu rennen, und das
-Gäulchen schießt wie toll mitten in die Menge hinein, daß alles vor
-solcher Wut auseinanderstiebt und Platz macht. Der Erzähler dachte,
-seine Buben hätten das Tierchen etwa gefoppt, aber das war nicht so. Er
-hört, wie die bunte Dame einen Schrei ausstößt, herzzerreißend schier,
-wie Frauen ja schreien können, sieht sie vom Schimmel hüpfen, sieht sie
-auf das Räppchen losstürmen und sieht sie umarmen und küssen und immer
-wieder küssen.
-
-„Dauphin, Dauphin!” ruft sie, breitet die Arme weit aus, spreizt die
-Finger und schreit:
-
-„Da guck, mein Schatz, Granaten hab' ich gedreht, Granaten! Und du?”
-
-Die Leute sind bestürzt und kommen näher hinzu zu diesem seltsamen
-Wiedersehen, das sie sich alle nicht erklären können. Die Dame aber
-verlor sich in ihrer Freude oder in ihrem Schmerz gänzlich und sagte,
-ohne sich um die Menschen zu kümmern:
-
-„Mein Bräutigam, Dauphinettele, weißt du, mein König, dein König, er
-ist der einzige König, der gefallen ist!”
-
-Man schwieg ringsum; man sah bestürzt zu der so fröhlich gekleideten
-Frau und schwieg irgendwie gerührt. Die Frau aber nahm das Gäulchen von
-seinem Wagen weg, band ihm ein Seil ans Halfter, und siehe da: sogleich
-beginnt dies, wie wenn's gar nicht anders sein könnte, im Kreise zu
-trippeln und nickt mit dem Kopf und niest vor Freude. Die Umstehenden,
-die das Räppchen kannten, jubelten ihm zu, und ein Bursche, dem es
-offenbar gehörte, kam aus dem Bahnhof gerannt mit einer schweren Rolle
-Stacheldraht auf den Schultern, ließ den Draht fallen und trat zur
-Dame in den Kreis, um auch dabei zu sein.
-
-„Komm her, mein Schatz!” befahl die Dame, und sogleich kam das Tierchen
-zu ihr und scharrte auch schon mit dem linken Vorderhuf.
-
-„~À genoux!~” schrie sie nun, aber sie schrie es nicht zum zweitenmal,
-denn sie küßte das Kerlchen schon wieder auf seine weiße Blesse und
-sagte dann zu ihm und zu dem Bauernburschen:
-
-„Geh heim in deinen Sonnenschein, Sonnenschein du! Nimm mich mit, nimm
-mich mit!”
-
-Es geschah, daß der Erzähler und seine Familie, die Buben links und
-rechts beim kleinen Gaul, mit dem Bauernburschen und mit der bunten
-Dame gemeinschaftlich den Berg hinanschritten, und daß er mit seiner
-Familie in den Stall zum Bauern Klaus kam und daselbst ganz oben im
-Dachstübchen Wohnung nahm bis zum letzten Ferientag. Die Dame hatte es
-nicht so gut und mußte schon am nächsten Tag mit ihrer Seiltänzertruppe
-weiterziehn!
-
-Riesele schloß rasch Freundschaft mit den beiden Buben und machte sie
-dem Fräulein Trudel, dem Herrn Gustav, dem Herrn August, sowie allen
-Dorfkindern ebenso rasch zu Freunden, aber auch allen Erwachsenen und
-allen Tieren und dem Wald, den Wiesen, dem rauhen Bergwind und der
-lieben Frau Sonne.
-
-Als der Großbauer Michael seine riesigen Erbsenfelder einerntete, stand
-das ganze Dorf auf den Aeckern, Buben und Mädchen, Männer und Frauen
-kunterbunt durcheinander, weithin in langen Reihen aufgelöst, und auch
-der Erzähler befehligte eine Rotte und führte sein Büchlein zwischen
-den Knöpfen des Rockes gleich dem Herrn Lehrer und gleich dem Herrn
-Pastor und gleich Cornel, dem geliebten Sauhirten. Hättet sehen sollen,
-wie hochbeladen das Riesele die Maschensäcke auf seinem Wägelchen
-liegen hatte! Hättet sehen sollen, wie die Stadtbuben Friedemann und
-Klaus im Schweiß ihres Angesichtes mit diesem Fuhrwerk unausgesetzt an
-den Bahnhof eilten und wieder kamen und aufluden!
-
-Ach Gott, als die Ferien zu Ende waren, wollte der kleine Klaus das
-Riesele mitnehmen in die graue Stadt!
-
-Der Erzähler aber, der Vater, anstatt das Riesele zu kaufen, setzte
-sich, wenn er müd vom Dienst war, des Abends hin und schrieb für seine
-Buben die Geschichte ausführlich nieder, freilich auch für andere Buben
-und für andere Leute, und im nächsten Jahr, wenn die Ferien beginnen,
-wird er, wenn's möglich ist, wieder zum Bauern Klaus hinter die Berge
-gehen, dessen Brot zu genießen, dessen Arbeit zu teilen, dessen Sonne
-einzuheimsen und manch wackeres Wort.
-
-
-
-
-Nikolaus Schwarzkopf
-
-Maria vom Rheine
-
-Erzählung
-
-_Wilhelm Schäfer_ schreibt in den „Rheinlanden”: Ich preise dieses
-Buch als eine seltene Dichtung. Wenn einmal die Literaturgeschichte
-den Mut finden wird, auch in unserer grauenvollen Zeit nach Blüten zu
-suchen, wird diese Erzählung sicherlich einen der reizvollsten Funde
-darstellen. Ich muß gestehen, ein paarmal dachte ich an den herrlichen
-„Taugenichts” von Eichendorff, so bilderbunt und romantisch läuft diese
-Erzählung dahin, die von einem Steinbild an einer rheinischen Kirche
-ins Mittelalter abschwenkt, um mit dem Schicksal des Steinbildes wieder
-in der Gegenwart zu schließen.
-
-_Hans Benzmann_ in „Das neue Deutschland”: Es gibt Dichtungen, die so
-fein sind, die so in allem den Leser und seine Seele hinnehmen, ihn so
-im tiefsten beglücken, daß er nichts anderes über sie sagen mag: Lest
-alle sie, sie waren mir ein Erlebnis und schenkten mir ein vollkommenes
-Selbstvergessen, sie werden euch wie mir unvergeßlich sein.
-
-
-Georg Müller Verlag München
-
-
-
-
-Nikolaus Schwarzkopf
-
-Mathias Grünewald
-
-Ein Büchlein für Kinder Gottes
-
-Wie der Untertitel sagt: Kein Buch der Kunstwissenschaft oder
-der Kunstgeschichte, kein „gelehrtes Buch”, kein Buch für den
-„Kunstkenner”! Ein Buch vom Menschen und für den Menschen, ein Buch
-von der Seele, ein Buch der tiefinnersten Dinge, der positiven,
-gottfröhlichen Kindschaft, jenseits aller Konfessionalität. Wer dieses
-Büchlein gelesen hat, wer den Ueberschwang der göttlichen Malerseele
-des Meisters Mathias in sich verspürt, nachgefühlt, wer sich warm
-gelesen an diesen Flammenzeichen der einfachsten Gottesnähe in uns,
-tief in uns, dem wird der Meister und alle Kunst schlechthin ein neues
-Zeichen sein, die Schuhe zu lösen an diesem heiligen Ort. Der wird
-seiner Seele leichter folgen können, wenn sie zurückstrebt ins gelobte
-Land der Gotteskindschaft und Gottesnähe.
-
-
-Georg Müller Verlag München
-
-
-Druck von Mänicke und Jahn in Rudolstadt
-
-
-
-
- +----------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |
- | gebräuchlich waren, wie: |
- | |
- | allzusehr -- allzu sehr |
- | anderen -- andern |
- | ging's -- gings |
- | indes -- indeß |
- | soll's -- solls |
- | trottelt -- trottet |
- | über'n -- übern |
- | Weideplatz -- Weidplatz |
- | |
- | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |
- | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
- | |
- | S. 7 „tiefgeleisigen” in „tiefgleisigen” geändert. |
- | S. 15 „mirs” in „mir's” geändert. |
- | S. 36 „wirs” in „wir's” geändert. |
- | S. 37 „allmorgentlich” in „allmorgendlich” geändert. |
- | S. 77 „im Schweiße ihres Ansichtes” in „im Schweiße ihres |
- | Angesichtes” geändert. |
- | S. 80 „neben aus dem Maul” in „eben aus dem Maul” geändert. |
- | S. 99 „allmorgentlich” in „allmorgendlich” geändert. |
- | S. 123 „wenns” in „wenn's” geändert. |
- | S. 138 „Henst” in „Hengst” geändert. |
- | S. 153 „auf den Kien” in „auf den Knien” geändert. |
- | S. 171 „allmorgentlichen” in „allmorgendlichen” geändert. |
- | S. 182 „hintenher” in „hinterher” geändert. |
- | S. 233 „nießen, nießte” in „niesen, nieste” geändert. |
- | S. 240 „nießen” in „niesen” geändert. |
- | S. 291 „aufgeschurft” in „aufgeschürft” geändert. |
- | mehrfach „A genoux” in „À genoux” geändert. |
- | |
- +----------------------------------------------------------------+
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Riesele, by Nikolaus Schwarzkopf
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RIESELE ***
-
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