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-The Project Gutenberg EBook of Der rote Stern, by Alexander Bogdanow
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
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-
-Title: Der rote Stern
- Ein utopischer Roman
-
-Author: Alexander Bogdanow
-
-Translator: Hermynia Zur Mühlen
-
-Release Date: August 20, 2020 [EBook #62985]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE STERN ***
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-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This book was
-produced from scanned images of public domain material,
-provided by the German National Library.
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- Erstes Buch der Internationalen Jugendbücherei
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- A. Bogdanoff
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- Der rote Stern
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- Ein utopischer Roman
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- Aus dem Russischen übertragen
- von Hermynia Zur Mühlen
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-
- 1923
- Verlag der Jugendinternationale
- Berlin-Schöneberg
-
-
- Die mit diesem Eindruck versehenen Exemplare dürfen nur
- an Mitglieder der der 3. Internationale angeschlossenen
- Organisationen zu ermäßigten Preisen abgegeben werden.
-
- Alle Rechte insbesondere das der Uebersetzung vorbehalten
- Copyright by Verlag der Jugendinternationale, Berlin-Schöneberg,
- 1923
- Druck der Vereinsdruckerei G. m. b. H., Potsdam
-
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- Dr. Werner an den Schriftsteller Mirski
-
-
-Lieber Genosse, ich sende Ihnen Leonids Schriften. Er wollte sie
-veröffentlichen, -- Sie verstehen sich auf diese Dinge besser als ich.
-Leonid hat sich verborgen. Ich verlasse das Krankenhaus, um ihn zu
-suchen. Meiner Ansicht nach wird er in den Bergwerksgebieten zu finden
-sein, wo sich eben gewaltige Ereignisse vorbereiten. Anscheinend ist das
-Ziel seiner Flucht -- ein verborgener Selbstmordversuch, die Folge
-seiner Geisteskrankheit. Und er war doch der völligen Heilung schon so
-nahe.
-
-Sobald ich etwas erfahre, werde ich Sie verständigen.
-
- Mit herzlichen Grüßen
- Ihr
- N. Werner.
-
-24. Juli 19..
-
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- Leonids Manuskript
-
-
- Erster Teil
-
-
- Der Bruch
-
-Es war zu jener Zeit, da in unserem Lande der gewaltige Zusammenbruch
-seinen Anfang nahm, jener Zusammenbruch, der noch heute weiter geht und
-der sich, meiner Ansicht nach, dem unvermeidlichen, drohenden Ende
-nähert.
-
-Die ersten blutigen Tage erschütterten dermaßen das gesellschaftliche
-Bewußtsein, daß alle den raschen und leuchtenden Ausgang des Kampfes
-erwarteten; es schien, als wäre das Aergste bereits geschehen, als könne
-es gar nichts Aergeres mehr geben. Niemand vermochte sich vorzustellen,
-wie unerbittlich starr die knochige Gespensterhand sei, die alles
-Lebendige erdrosselt hat und auch noch heute in ihrer verkrampften
-Umarmung festhält.
-
-Die Erregung des Kampfes durchströmte die Massen. Die Seelen der
-Menschen eilten unbändig der Zukunft entgegen, die Gegenwart verschwamm
-in einem rosigen Nebel, die Vergangenheit entschwand irgendwo, in weiten
-Fernen, wurde aus den Augen verloren. Alle menschlichen Verhältnisse
-waren unsicher und verschwommen, wie noch nie zuvor.
-
-In jenen Tagen ereignete sich all das, was mein Leben verwandelte und
-mich aus der Sturzflut des proletarischen Kampfes fortriß.
-
-Trotz meiner siebenundzwanzig Jahre war ich in der Arbeiterpartei einer
-der »Alten«. Es wurden mir sechs Jahre der Arbeit angerechnet,
-unterbrochen durch ein Jahr Gefängnis. Früher als manch anderer fühlte
-ich das Nahen des Sturmes, und ging ihm auch gelassener entgegen. Es war
-nötig, weit mehr als bisher zu arbeiten, dennoch gab ich meine Studien
-nicht auf; besonders interessierten mich die Fragen der Struktur der
-Materie. Doch war dies nicht nur platonisch, sondern ich schrieb auch
-für wissenschaftliche Zeitschriften, verdiente auf diese Art mein Brot.
-Zu jener Zeit liebte ich, oder glaubte zumindest zu lieben.
-
-In der Partei war ihr Name Anna Nikolajewna.
-
-Sie gehörte der anderen, der gemäßigteren Richtung unserer Partei an.
-Ich erklärte mir dies aus der Weichheit ihres Charakters, sowie aus der
-allgemeinen Verworrenheit der politischen Verhältnisse unseres Landes.
-Obgleich sie älter war als ich, hielt ich sie dennoch nicht für einen
-völlig geklärten Charakter. Doch irrte ich.
-
-Bald nachdem wir einander näher gekommen waren, zeigte sich die
-Verschiedenheit unserer Charaktere auf schmerzlichste Art. Allmählich
-bildeten sich die tiefsten gedanklichen Widersprüche aus, die sich
-sowohl auf unsere Stellung zur revolutionären Arbeit, als auch auf unser
-persönliches Verhältnis bezogen.
-
-Sie war unter der Fahne der Pflicht und des Opfers zur Revolution
-gekommen -- ich unter der Fahne des eigenen freien Verlangens. Sie hatte
-sich der großen proletarischen Bewegung als Moralistin angeschlossen,
-suchte darin die Befriedigung höherer Sittlichkeit -- ich hingegen
-gehörte der Bewegung als Amoralist an, als Mensch, der das Leben liebt,
-dessen höchste Blüte ersehnt und sich jener Bewegung zuwendet, die den
-zur Entwicklung und Blüte führenden Weg der Geschichte verkörpert. Für
-Anna Nikolajewna war die proletarische Ethik heilig in sich selbst, ich
-jedoch betrachtete diese als nützliche Anpassung, die im Klassenkampf
-wohl unerläßlich sei, aber vergänglich wie der Kampf selbst, und bloß
-aus der Lebensordnung geboren. Anna Nikolajewna erwartete von der
-sozialistischen Gesellschaft ausschließlich eine Umwandlung und
-Erneuerung der proletarischen Klassenmoral, während ich behauptete, daß
-das Proletariat schon heute die Vernichtung jeglicher Moral anstrebe und
-daß das sozialistische Gefühl, indem es die Menschen zu Kameraden der
-Arbeit, der Freude und des Leids mache, nur dann völlig ungehemmt
-herrschen könne, wenn es den Fetisch-Mantel der Sittlichkeit von sich
-werfe. Aus dieser Meinungsverschiedenheit entstanden gar häufig
-Widersprüche über die Wertung politischer und sozialistischer Faktoren,
-Widersprüche, die zu schlichten unmöglich war.
-
-Noch weit schärfer zeigte sich unsere Meinungsverschiedenheit, wenn es
-sich um unser persönliches Verhältnis handelte. Sie fand, daß die Liebe
-zur Nachgiebigkeit, zum Opfer, vor allem aber zur Treue verpflichte,
-solange der Bund bestehe. Ich dachte gar nicht daran, eine neue
-Verbindung einzugehen, doch vermochte ich die Treue als Pflicht nicht
-anzuerkennen. Ja, ich behauptete sogar, daß die Polygamie höher stehe
-als die Monogamie, weil sie dem Menschen ein reicheres persönliches
-Leben und den Nachkommen mehr Vielartigkeit zu geben vermag. Meiner
-Ansicht nach ist die sogenannte Unmöglichkeit der Polygamie nur von den
-Widersprüchen der bürgerlichen Ordnung geschaffen, gehört zu den
-Privilegien der Ausbeuter und Parasiten, zu deren schmutzigen, sich
-zersetzenden Psychologie. Auch hierin muß die Zukunft eine gewaltige
-Wandlung bringen. Diese Auffassung erschütterte Anna Nikolajewna aufs
-tiefste: sie sah darin einen Versuch, in der Form der Idee die groben
-sinnlichen Beziehungen zum Leben zu rechtfertigen.
-
-Trotz allem sah ich, ahnte ich nicht die Unvermeidlichkeit eines
-Bruches. Da drang in unser Leben ein von außen kommender Einfluß, der
-die Entscheidung beschleunigte.
-
-Um diese Zeit kam in die Hauptstadt ein junger Mann, der den in unseren
-Kreisen ungewöhnlichen Decknamen Menni trug. Er brachte aus dem Süden
-Berichte und Aufträge mit, die klar erkennen ließen, daß er das völlige
-Vertrauen der Genossen besitze. Nachdem er seine Aufgabe erfüllt hatte,
-beschloß er, noch einige Zeit in der Hauptstadt zu verweilen, und suchte
-uns häufig auf; es schien ihm viel daran gelegen, meine Freundschaft zu
-erwerben.
-
-Er war in vielem ein origineller Mensch. Schon sein Aeußeres war
-ungewöhnlich. Seine Augen wurden derart von dunklen Brillen verdeckt,
-daß ich nicht einmal ihre Farbe kannte, sein Kopf war unproportioniert
-groß, seine Gesichtszüge waren schön, doch seltsam unbeweglich und
-leblos, sie harmonisierten nicht im geringsten mit der weichen
-ausdrucksvollen Stimme und der schlanken, jünglinghaft-biegsamen
-Gestalt. Er sprach frei und fließend, und was er sagte, war stets
-gehaltvoll. Seine Bildung war äußerst einseitig; dem Beruf nach schien
-er Ingenieur zu sein.
-
-Im Gespräch hatte Menni die Gepflogenheit, einzelne praktische Fragen
-auf allgemeine Grundideen zurückzuführen. Befand er sich bei uns, so
-geschah es stets, daß die zwischen meiner Frau und mir bestehenden
-Charakter- und Meinungsverschiedenheiten irgendwie in den Vordergrund
-gelangten, und zwar derart deutlich und scharf, daß wir voller Qual die
-Aussichtslosigkeit des Ganzen erkannten. Mennis Weltanschauung glich der
-meinen; er verlieh ihr der Form nach voller Vorsicht und Zartheit, dem
-Inhalt nach jedoch voller Schärfe und Tiefgründigkeit Ausdruck. Er
-verstand es, unsere verschiedenartigen politischen Ansichten derart
-geschickt mit der Verschiedenartigkeit unserer Weltanschauung zu
-verknüpfen, daß dieser Unterschied als psychologische Notwendigkeit
-erschien, ja schier als logische Schlußfolgerung; jegliche Hoffnung der
-gegenseitigen Annäherung entschwand, der Möglichkeit, über die
-Meinungsverschiedenheiten hinweg, zu irgendetwas Gemeinsamem zu
-gelangen. Anna Nikolajewna empfand für Menni eine Art mit lebhaftem
-Interesse gemischten Haß. In mir erweckte er große Achtung und ein
-unklares Mißtrauen; ich fühlte, daß er ein Ziel verfolgte, wußte jedoch
-nicht, welches.
-
-An einem Januartag -- es war bereits gegen Ende Januar -- wurde den
-Parteiführern beider Richtungen der Plan einer Massendemonstration
-unterbreitet, einer Demonstration, die aller Wahrscheinlichkeit nach zu
-einem bewaffneten Zusammenstoß führen würde. Am Vorabend der
-Demonstration erschien Menni bei uns und warf die Frage auf, ob Anna
-Nikolajewna entschlossen wäre, falls die Demonstration stattfände,
-selbst die Parteiangehörigen anzuführen. Es entstand ein Streit, der
-bald einen erbitterten Charakter annahm.
-
-Anna Nikolajewna vertrat die Ansicht, daß ein jeder, der für die
-Demonstration gestimmt habe, moralisch verpflichtet sei, in den ersten
-Reihen mitzugehen. Ich hingegen behauptete, dies wäre keineswegs
-verpflichtend, es müßten nur jene mitgehen, die unentbehrlich oder von
-wirklichem Nutzen seien; ich dachte dabei an mich selbst, als an einen
-in derartigen Dingen erfahrenen Menschen. Menni ging noch weiter und
-erklärte, angesichts des unvermeidlichen Zusammenstoßes mit der
-bewaffneten Macht dürften nur redegewandte Agitatoren und
-Kampforganisatoren mitgehen; die politischen Führer hingegen hätten bei
-der Demonstration nichts zu suchen, Schwächlinge und nervöse Leute
-könnten sogar gefährlich werden. Anna Nikolajewna war über dieses Urteil
-gekränkt; es schien ihr, als sei es gegen sie gerichtet. Sie brach das
-Gespräch ab und zog sich in ihr Zimmer zurück. Auch Menni entfernte sich
-bald darauf.
-
-Am folgenden Tage stand ich frühmorgens auf und verließ das Haus, ohne
-Anna Nikolajewna gesehen zu haben. Es wurde Abend, ehe ich heimkehrte.
-Die Demonstration war von unserem Komitee abgelehnt worden, und soweit
-mir bekannt war, hatten auch die Führer der anderen Richtung den
-gleichen Beschluß gefaßt. Ich war mit dieser Lösung äußerst zufrieden,
-denn ich wußte genau, wie wenig wir auf einen Konflikt mit Waffen
-vorbereitet waren, und hielt ein derartiges Vorgehen für eine nutzlose
-Kraftvergeudung. Auch glaubte ich, der Entschluß werde Anna Nikolajewnas
-Erregung über das gestrige Gespräch ein wenig beschwichtigen ... Daheim
-fand ich auf Anna Nikolajewnas Tisch folgenden Brief:
-
-»Ich gehe fort. Je mehr ich mich selbst und Sie begreife, desto klarer
-wird mir, daß wir verschiedene Wege gehen und daß wir uns beide geirrt
-haben. Es ist besser, wenn wir einander nicht mehr begegnen. Verzeihen
-Sie mir.«
-
-Lange durchwanderte ich die Straßen, erschöpft, mit dem Gefühl der Leere
-im Kopf und der Kälte im Herzen. Als ich heimkehrte, fand ich einen
-unerwarteten Gast vor; am Tisch saß Menni und schrieb einen Brief.
-
-
- Die Aufforderung
-
-»Ich muß mit Ihnen über eine äußerst wichtige und einigermaßen seltsame
-Angelegenheit sprechen«, sagte Menni.
-
-Mir war alles einerlei; ich setzte mich nieder, bereit, ihn anzuhören.
-
-»Ich las Ihre Abhandlung über die Elektrone und die Materie«, begann er.
-»Ich studierte selbst einige Jahre diese Frage und finde in Ihrer
-Abhandlung viele wertvolle, richtige Ideen.«
-
-Ich verbeugte mich schweigend, und er fuhr fort:
-
-»Ihre Arbeit enthält eine für mich besonders interessante Bemerkung. Sie
-gelangen dort zu der Annahme, daß die elektrische Theorie der Materie
-zur unvermeidlichen Voraussetzung eine Schwerkraft hat, die sich aus der
-elektrischen Kraft, sowohl als Anziehungskraft wie auch als
-Abstoßungskraft ergibt, was zu einer neuen Auffassung der elektrischen
-Schwerkraft unter einer andern Formel führen muß. Das heißt: wir
-erhalten dadurch eine Art der Materie, welche die Erde abstößt anstatt
-sie anzuziehen, und das gleiche gilt auch für die Sonne und die anderen
-uns bekannten Körper. Sie bringen als Vergleich die diamagnetische
-Abstoßungskraft der Körper und die Abstoßung der Parallelströme. All
-dies ist bei Ihnen nur angedeutet, doch glaube ich trotzdem, daß Sie
-diesen Voraussetzungen größere Bedeutung beimessen, als Sie in Ihrer
-Arbeit zugeben wollten.«
-
-»Sie haben recht«, erwiderte ich. »Ich glaube, dies ist der einzige Weg,
-auf dem die Menschheit das Problem der freien Bewegung in der Luft,
-sowie jenes der Verbindung zwischen den Planeten zu lösen vermag. Aber
-mag nun diese Idee in sich richtig sein oder nicht, jedenfalls ist sie
-bis zum heutigen Tage fruchtlos geblieben, weil uns die richtige Theorie
-der Materie und der Schwerkraft fehlt. Gibt es noch eine andere Art der
-Materie, so ist es scheinbar unmöglich, diese zu entdecken: die
-Anziehungskraft besteht für das ganze Sonnensystem, aber ebenso wahr
-ist, daß sie bei dessen Entstehung, als sich dieses aus der Nebulosität
-herausbildete, noch nicht bestand. Dies bedeutet, daß wir diese Art der
-Materie noch theoretisch bilden und erst dann praktisch schaffen müssen.
-Heute fehlen uns hierzu noch Mittel und Wege, wir ahnen bloß die
-Aufgabe, die wir zu lösen haben.«
-
-»Trotzdem ist das Problem bereits gelöst«, erklärte Menni.
-
-Ich blickte ihn verblüfft an. Sein Gesicht war, wie immer, völlig
-unbewegt, aber im Ton seiner Stimme lag etwas, das mich hinderte, ihn
-für einen Charlatan zu halten.
-
-»Vielleicht ist er geisteskrank«, fuhr es mir durch den Kopf.
-
-»Ich habe keineswegs den Wunsch, Sie zu täuschen, weiß genau, was ich
-sage«, mit diesen Worten antwortete er auf meine Gedanken. »Hören Sie
-mich geduldig an, später, wenn es nötig ist, werde ich Ihnen die Beweise
-erbringen.« Und nun berichtete er folgendes:
-
-»Die gewaltige Entdeckung, von der hier die Rede ist, war nicht die
-Leistung einzelner Personen. Sie gehört einer ganzen wissenschaftlichen
-Gesellschaft an, die seit recht geraumer Zeit besteht und schon lange an
-diesem Problem arbeitete. Diese war bis heute eine Geheimgesellschaft,
-und ich bin nicht bevollmächtigt, Ihnen Näheres über deren Ursprung und
-Geschichte mitzuteilen, solange ich nicht mit dem Oberhaupt
-zusammengekommen bin.
-
-Unsere Gesellschaft hat in vielen wichtigen Dingen die akademische Welt
-weit überholt. Die Radium-Elemente und deren Zersetzung waren uns lange
-vor Curie und Ramsey bekannt, und unseren Genossen gelang eine weit
-tiefgehendere Analyse der Materie. Auf diesem Weg ahnten wir die
-Möglichkeit des Bestehens von Elementen, die die Erdkörper abstoßen und
-vervollkommneten die Synthese dieser Minus-Materie, wie wir sie
-abgekürzt nennen.
-
-Nun fiel uns die technische Ausarbeitung und Anwendung dieser Entdeckung
-nicht mehr schwer, -- vor allem, einen Flugapparat zu bauen, der sich in
-der Atmosphäre unserer Erde zu bewegen vermag, dann einen Apparat, der
-imstande ist, die Verbindung mit den übrigen Planeten herzustellen.«
-
-Mennis gelassener, überzeugter Ton vermochte nicht zu verhindern, daß
-mir seine Erzählung äußerst seltsam und unwahrscheinlich erschien.
-
-»Und es gelang Ihnen tatsächlich, all dies zu leisten und dabei das
-Geheimnis zu wahren«, unterbrach ich seine Rede.
-
-»Ja, denn dies erschien uns von ungeheuerer Wichtigkeit. Wir fanden, daß
-es äußerst gefährlich wäre, unsere wissenschaftliche Entdeckung bekannt
-zu geben, solange der größte Teil der Länder eine reaktionäre Regierung
-besitzt. Und Ihr russischen Revolutionäre müßt, mehr als alle anderen,
-mit dieser unserer Ansicht übereinstimmen. Betrachtet doch, wozu
-Eure asiatische Regierung die europäischen Verbindungs- und
-Vernichtungsmittel benützt: sie wendet sie an, um hier alles Lebendige,
-Fortschrittliche zu erdrosseln und samt der Wurzel auszureißen. Was ist
-an diesem halb feudalen, halb konstitutionellen Reich Gutes, auf dessen
-Thron ein kriegslustiger, schwatzhafter Dummkopf sitzt, der sich von
-allbekannten Gaunern lenken läßt? Wozu bestehen in Europa bereits zwei
-kleinbürgerliche Republiken? Es ist klar, daß, wenn unsere Flugmaschinen
-bekannt würden, die Regierung sich ihrer bemächtigen, sie zu einem
-Monopol umwandeln würde, um sie zur Machtstärkung der herrschenden
-Klassen auszubeuten und anzuwenden. Dies wollen wir auf keinen Fall
-gestatten, deshalb soll auch in der Erwartung günstigerer Bedingungen
-das Monopol in unseren Händen bleiben.«
-
-»Ist es Ihnen tatsächlich gelungen, einen anderen Planeten zu
-erreichen?« erkundigte ich mich.
-
-»Ja, wir erreichten die zwei nächsten tellurischen Planeten, Venus und
-Mars; den toten Mond rechne ich selbstverständlich nicht mit. Wir sind
-nun damit beschäftigt, die Einzelheiten genauer kennen zu lernen. Wir
-besitzen alle nötigen Mittel; was uns fehlt, sind starke, hoffnungsvolle
-Menschen. Bevollmächtigt von meinen Genossen, fordere ich Sie auf, sich
-uns anzuschließen. Selbstverständlich würden Sie dadurch alle unsere
-Pflichten auf sich nehmen und alle unsere Rechte genießen.«
-
-Er verstummte, wartete auf eine Antwort.
-
-»Die Beweise«, sagte ich. »Sie versprachen mir Beweise zu geben.«
-
-Menni zog aus der Tasche eine Glasflasche, gefüllt mit einer
-metallischen Flüssigkeit, die ich für Quecksilber hielt. Seltsamerweise
-jedoch füllte diese Flüssigkeit bloß den dritten Teil der Flasche, und
-zwar befand sie sich nicht auf dem Grund, sondern im oberen Teil, in der
-Nähe des Flaschenhalses, ja sie reichte sogar bis an den Pfropfen. Menni
-drehte die Flasche um, und nun sank die Flüssigkeit auf den Grund, das
-heißt, sie strebte abermals in die Höhe. Menni ließ das Fläschchen los,
-und es schwebte in der Luft. Dies war unglaublich, aber dennoch sah ich
-es genau, konnte nicht daran zweifeln.
-
-»Die Flasche besteht aus gewöhnlichem Glas«, erklärte Menni. »Sie ist
-mit einer Flüssigkeit angefüllt, die die Körper des Sonnensystems
-abstößt. Die Flüssigkeit verfolgt nur den Zweck, der Flasche
-Gleichgewicht zu verleihen; hat sonst keinerlei Bedeutung. Nach dieser
-Methode verfertigten wir die Flugapparate. Sie bestehen aus gewöhnlichem
-Material, enthalten aber ein Reservoir, das mit der nötigen Menge der
-Materie der negativen Art gefüllt ist. Dann galt es noch, diesem Apparat
-die gebührende Bewegungsschnelligkeit zu verleihen. Für die irdischen
-Flugmaschinen genügt ein elektrischer Motor mit Luftschrauben, für die
-interplanetare Bewegung freilich genügen diese Mittel nicht. Dort
-verwenden wir eine völlig andere Methode, mit der ich Sie später bekannt
-machen werde.«
-
-Es war unmöglich, noch weitere Zweifel zu hegen.
-
-»Was fordert Ihre Gesellschaft außer der Pflicht, das Geheimnis zu
-wahren, von jenen, die sich ihr anschließen?«
-
-»Sie stellt fast keine anderen Forderungen. Kümmert sich weder um das
-Privatleben, noch um die gesellschaftliche Tätigkeit der Genossen, falls
-letztere nicht für die Ziele unserer Gesellschaft schädlich ist. Doch
-muß ein jeder, der sich der Gesellschaft anschließt, irgendeine wichtige
-verantwortungsvolle, von der Gesellschaft gestellte Aufgabe erfüllen.
-Dies dient einerseits dazu, die Verbindung zwischen ihm und der
-Gesellschaft zu verstärken, andrerseits aber dazu, seine Fähigkeiten und
-seine Energie zu beweisen.«
-
-»Es würde also auch mir ein derartiger Auftrag, eine derartige Aufgabe
-auferlegt werden?«
-
-»Ja.«
-
-»Was?«
-
-»Sie müßten sich der Expedition anschließen, die sich morgen im großen
-Aetheroneff nach dem Planeten Mars begibt.«
-
-»Wie lange wird diese Expedition währen?«
-
-»Das ist noch unbekannt. Der Flug hin und zurück nimmt wenigstens fünf
-Monate in Anspruch. Es ist auch möglich, daß die Expedition überhaupt
-nicht zurückkehrt.«
-
-»Das begreife ich, und daran liegt mir auch nichts. Aber meine
-revolutionäre Arbeit? Sie sind, wenn ich nicht irre, selbst
-Sozialdemokrat und werden diese Schwierigkeit begreifen.«
-
-»Wählen Sie! Wir halten die Unterbrechung Ihrer Arbeit unumgänglich
-notwendig für Ihr Werk. Für die einmal Aufgenommenen gibt es kein
-Zurück. Eine einzige Weigerung ist eine Weigerung auf ewig.«
-
-Ich überlegte. Ob sich der eine oder andere Arbeiter aus der breiten
-Masse ausschaltete, hatte für die Sache und das Ziel nicht die geringste
-Bedeutung. Auch vermöchte ich, nach dieser vorübergehenden Unterbrechung
-der Arbeit, unserer revolutionären Bewegung vermittels der neuen
-Verbindungen, Kenntnisse und Mittel weit nützlicher zu sein. Ich
-entschloß mich.
-
-»Wann muß ich zur Stelle sein?«
-
-»Sofort, Sie kommen gleich mit mir.«
-
-»Können Sie mir noch zwei Stunden geben, damit ich die Genossen
-verständige? Sie müssen mich morgen im Bezirk vertreten.«
-
-»Dies ist schon fast getan. Heute kam Andrej, der aus dem Süden geflohen
-ist. Ich teilte ihm mit, Sie würden vielleicht verreisen, und er ist
-bereit, Ihre Stelle einzunehmen. Während ich Sie hier erwartete, schrieb
-ich auf gut Glück an ihn und erteilte ihm die nötigen Anweisungen. Wir
-können unterwegs den Brief für ihn abgeben.«
-
-Ich vermochte nicht länger zu schwanken. Rasch vernichtete ich einige
-persönliche Schriften, schrieb an meine Wirtin und kleidete mich an.
-Menni war schon bereit.
-
-»So, gehen wir. Von diesem Augenblick an bin ich Ihr Gefangener.«
-
-»Sie sind mein -- Genosse«, entgegnete Menni.
-
-
- Die Nacht
-
-Mennis Wohnung nahm das ganze fünfte Stockwerk eines großen Gebäudes
-ein, das an dem einen Ende der Stadt vereinsamt zwischen niederen
-Häuschen aufragte. Wir begegneten niemandem. Die Zimmer, die ich mit
-Menni durchschritt, waren leer; im grellen Licht der elektrischen Lampen
-mutete diese Leere besonders trübselig und unnatürlich an. Im dritten
-Zimmer blieb Menni stehen.
-
-»Hier«, und er wies auf die Tür des vierten Zimmers, »befindet sich das
-kleine Luftschiff, in dem wir uns nach dem Aetheroneff begeben werden.
-Vorher aber muß ich noch eine kleine Verwandlung bewerkstelligen. In
-dieser Maske fiele es mir schwer, das Schiff zu lenken.« Er knöpfte den
-Kragen auf, nahm zugleich mit den Brillen die erstaunliche Maske ab, die
-wir, sowohl ich wie alle anderen, bis dahin für sein wahres Gesicht
-gehalten hatten. Ich war von dem sich mir bietenden Anblick äußerst
-verblüfft. Mennis Augen waren ungeheuer groß, waren größer, als dies
-Menschenaugen je zu sein pflegen. Die Pupillen waren sogar für diese
-unnatürlich großen Augen außerordentlich geweitet, was einen schier
-erschreckenden Eindruck hervorrief. Der obere Teil des Gesichtes und der
-Schädel waren so breit, wie dies bei den großen Augen notwendig schien,
-hingegen war der untere, völlig bartlose Teil des Gesichtes ungewöhnlich
-klein. All das machte einen sehr originellen Eindruck, gemahnte an eine
-Mißgeburt, doch keineswegs an eine Karikatur.
-
-»Sie sehen, was für ein Aeußeres mir die Natur gab«, sprach Menni.
-»Werden begreifen, daß ich es verbergen muß, schon um die Menschen nicht
-zu erschrecken, mehr noch aber aus konspirativen Gründen. Sie jedoch
-müssen sich an meine Häßlichkeit gewöhnen, denn Sie werden gezwungen
-sein, lange Zeit mit mir zu verbringen.«
-
-Er öffnete die Tür des anstoßenden Zimmers und entzündete das Licht. Ich
-erblickte einen großen Saal. In der Mitte lag ein kleiner, ziemlich
-breiter Kahn aus Metall und Glas. Vorderteil, Bord und Boden bestanden
-aus Glas und Stahlgeflecht; die durchsichtigen Wände von etwa zwei
-Zentimeter Dicke waren augenscheinlich sehr fest. Am Vorderteil des
-Schiffes befanden sich, in einem spitzen Winkel vereinigt, zwei starke
-Kristallplatten; diese mochten die Luft zerschneiden und gleichzeitig
-die Passagiere gegen den durch die rasche Bewegung erzeugten Wind
-schützen. Die Maschine füllte den Mittelteil des Schiffes aus, die
-Schrauben und die etwa einen halben Meter breiten Schaufeln nahmen den
-Hinterteil des Schiffes ein. Der halbe Vorderteil des Schiffes, sowie
-die Maschinen waren von einem feinen, dünnplattigen Schutzdach bedeckt;
-den Glasbord verstärkten Metallbänder und leichte Stahlsäulen. Das Ganze
-war fein und zierlich wie ein Spielzeug.
-
-Menni gebot mir, auf der Seitenbank der Gondel Platz zu nehmen, dann
-verlöschte er das elektrische Licht und öffnete das riesige Saalfenster.
-Er selbst setzte sich vorne an die Maschine und warf aus der Gondel
-einige Säcke Ballast. Das Schiff zitterte, setzte sich langsam in
-Bewegung und schwebte lautlos zum offenen Fenster hinaus.
-
-»Dank der Minus-Materie«, sagte Menni, »brauchen unsere Aeroplane nicht
-die wichtigtuerischen und ungelenken Flügel.«
-
-Ich saß wie angeschmiedet, wagte nicht, mich zu rühren. Der Lärm der
-Schrauben wurde immer stärker, die kalte Winterluft überströmte uns,
-kühlte mir das glühende Gesicht, doch vermochte sie nicht durch meine
-warmen Kleider zu dringen. Ringsum funkelten, schwebten tausend Sterne,
-und unter uns ... Durch den durchsichtigen Boden der Gondel sah ich, wie
-die dunklen Flecken der Häuser immer kleiner wurden und die hellen
-Pünktchen der elektrischen Lampen immer mehr in der Ferne verschwammen;
-in der Tiefe leuchteten die schneeigen Ebenen unter dem düsteren,
-blaßblauen Himmel. Das Gefühl des Schwindels, das mich zuerst leicht und
-fast angenehm gedeucht hatte, nahm heftig zu, und ich schloß die Augen,
-um ihm zu entkommen.
-
-Schärfer wurde die Luft, mächtiger der Lärm der Schrauben und das
-Pfeifen des Windes -- augenscheinlich steigerte sich unsere
-Geschwindigkeit. Mein Ohr unterschied durch alle Geräusche einen feinen
-ununterbrochenen, gleichmäßigen, silbrigen Ton -- die Luft peitschend,
-erschütterte dieser die Glaswände der Gondel. Eine seltsame Musik
-erfüllte das Bewußtsein, die Gedanken verwirrten sich, verschwanden,
-zurück blieb einzig und allein das Gefühl einer elementar-leichten und
-ungehemmten Bewegung, die uns weitertrug, vorwärts, vorwärts in den
-unendlichen Raum.
-
-»Vier Kilometer in der Minute«, sprach Menni, und ich öffnete die Augen.
-
-»Ist es noch weit?« fragte ich.
-
-»Noch etwa eine Wegstunde auf eisgebundenem See.«
-
-Wir hatten eine Höhe von etlichen hundert Metern erreicht; das
-Flugschiff bewegte sich horizontal, ohne sich zu senken und ohne höher
-zu steigen. Nun hatten sich meine Augen bereits an das Dunkel gewöhnt
-und ich vermochte alles ringsum klar zu erkennen. Wir waren in der
-Gegend der Seen und Granitfelsen. Ueber den Schnee aufragend, dunkelten
-die Felsen. Zwischen ihnen klebten Dörfchen.
-
-Zu unserer Linken blieben in der Ferne zurück die Flächen der von
-gefrorenem Schnee bedeckten Felder, zu unserer Rechten die weiße Ebene
-eines ungeheueren Sees. In dieser leblosen Winterlandschaft schickten
-wir uns an, das Band zwischen uns und der alten Erde zu zerreißen. Und
-jählings fühlte ich nicht nur die Ahnung, nein, die Gewißheit, daß
-dieses Band nun auf ewig zerrissen werde ...
-
-Die Gondel senkte sich langsam zwischen die Felsen nieder, hielt an in
-der kleinen Bucht des Bergsees, vor einem dunklen, aus dem Schnee
-aufragenden Bau. Weder Fenster noch Türen waren zu sehen. Die
-Metallhülle schob sich langsam zur Seite, eine schwarze Oeffnung kam zum
-Vorschein, in die unsere Gondel hineinflog. Dann schloß sich die
-Oeffnung von neuem, der Raum, in den wir gelangt waren, erhellte sich im
-Licht elektrischer Lampen. Es war dies ein großes, langgestrecktes
-Zimmer ohne Möbel; auf dem Fußboden lagen viele Säcke mit Ballast.
-
-Menni befestigte die Gondel an einem eigens dazu bestimmten Pfosten und
-schob eine der Seitentüren auf. Sie führte auf einen langen, hell
-erleuchteten Korridor. An den Seiten des Korridors befanden sich
-Kajüten. Menni geleitete mich in eine derselben und sprach:
-
-»Hier ist Ihre Kajüte. Richten Sie sich hier ein; ich muß mich ins
-Maschinenabteil begeben. Wir sehen uns morgen früh wieder.«
-
-Ich war froh, allein zu sein. Nach der durch die seltsamen Ereignisse
-des Abends hervorgerufenen Aufregung machte sich bei mir große
-Erschöpfung bemerkbar. Ohne das auf dem Tisch vorbereitete Abendessen
-anzurühren, verlöschte ich die Lampe und warf mich aufs Bett. In meinem
-Kopf vermischten sich auf unsinnigste Art die Gedanken, jagten von Thema
-zu Thema, nahmen die unerwartetsten Formen an. Ich bemühte mich
-hartnäckig, einzuschlafen, doch wollte mir dies lange Zeit nicht
-gelingen. Endlich jedoch verdunkelte sich das Bewußtsein, unklare,
-schwankende Gestalten begannen vor meinen Augen zu reigen, meine
-Umgebung zerfloß ins Weite, und schwere Träume suchten mein Gehirn heim.
-
-Das Ganze endete mit einem furchtbaren Alpdruck. Ich stand am Rande
-eines ungeheueren schwarzen Abgrunds, in dessen Untiefe Sterne
-funkelten. Menni riß mich mit unbesiegbarer Kraft hinab, sagend, ich
-dürfe nicht die Schwerkraft fürchten, wir würden nach einigen
-hunderttausend Jahren des Sturzes die nächsten Sterne erreichen. Ich
-stöhnte auf in der Qual des letzten Kampfes und erwachte.
-
-Weiches blaues Licht erfüllte meine Stube. Niedergebeugt zu mir, saß auf
-meinem Lager -- Menni? Ja, er war es, aber phantastisch verändert: mir
-schien, als sei er um vieles kleiner und seine Augen blickten nicht mehr
-so scharf aus dem Antlitz; seine Züge waren weich und gütig, nicht kalt
-und abstoßend, wie sie am Rande des Abgrunds gewesen ...
-
-»Wie gut Sie sind ...«, murmelte ich, unklar diese Veränderung
-erfassend.
-
-Er lächelte und legte mir die Hand auf die Stirne. Eine kleine weiche
-Hand. Ich schloß die Augen, mir kam der sinnlose Gedanke, daß ich diese
-Hand küssen müßte, dann vergaß ich alles und versank in einen ruhigen,
-wohltuenden Schlaf.
-
-
- Die Erklärung
-
-Als ich erwachte und meine Stube erhellte, war es zehn Uhr. Nachdem ich
-mich angekleidet hatte, drückte ich auf die Schelle, und gleich darauf
-betrat Menni das Zimmer.
-
-»Werden wir bald abfahren?« fragte ich.
-
-»In einer Stunde«, erwiderte Menni.
-
-»Kamen Sie heute Nacht zu mir, oder träumte ich dies nur?«
-
-»Es war kein Traum, doch kam nicht ich zu Ihnen, sondern unser junger
-Arzt Netti. Sie schliefen unruhig und gequält, er mußte Sie mit Hilfe
-des blauen Lichtes und der Hypnose einschläfern.«
-
-»Ist er Ihr Bruder?«
-
-»Nein«, entgegnete Menni lächelnd.
-
-»Sie sagten mir noch nie, welcher Nation Sie angehören. Sind auch Ihre
-übrigen Genossen vom gleichen Typus, wie Sie?«
-
-»Ja«, antwortete Menni.
-
-»Dies bedeutet, daß Sie mich betrogen haben«, sprach ich scharf. »Hier
-handelt es sich nicht um eine wissenschaftliche Gesellschaft, sondern um
-etwas ganz anderes?«
-
-»Ja«, erwiderte Menni gelassen. »Wir alle sind Bewohner eines anderen
-Planeten, gehören einer andersgearteten Menschheit an. Wir sind --
-Marsbewohner.«
-
-»Weshalb betrogen Sie mich?«
-
-»Hätten Sie mich angehört, wenn ich Ihnen mit einem Male die ganze
-Wahrheit gesagt haben würde? Ich hatte äußerst wenig Zeit, um Sie zu
-überzeugen. Deshalb mußte ich um der Wahrscheinlichkeit willen die
-Wahrheit fälschen. Ohne diesen Uebergang wäre Ihr Bewußtsein allzusehr
-erschüttert worden. In der Hauptsache aber -- was diese unsere Reise
-anbelangt -- sprach ich die Wahrheit.«
-
-»Ich bin also dennoch Ihr Gefangener?«
-
-»Nein, noch sind Sie frei. Es bleibt Ihnen eine Stunde Zeit, Ihren
-Entschluß zu fassen. Wollen Sie die Fahrt aufgeben, so werden wir Sie
-zurückbringen und unsere Reise aufgeben, denn es hätte für uns keinen
-Sinn, allein heimzukehren.«
-
-»Wozu brauchen Sie mich?«
-
-»Um ein lebendiges Band zwischen uns und der irdischen Menschheit
-herzustellen. Damit Sie unsere Lebensordnung kennen lernen und den
-Marsbewohnern die nähere Bekanntschaft mit der irdischen Ordnung
-vermitteln, damit Sie, falls Ihnen dies erwünscht ist, in unserer Welt
-Vertreter Ihres Planeten seien.«
-
-»Ist dies nun bereits die volle Wahrheit?«
-
-»Ja, die volle Wahrheit. Falls Sie die Kraft fühlen, diese Rolle
-durchzuführen.«
-
-»In einem solchen Fall muß ich es eben versuchen. Ich bleibe bei Ihnen.«
-
-»Ist dies Ihr endgültiger Entschluß?« fragte Menni.
-
-»Ja, wenn nicht auch diese letzte Erklärung irgend eine Art Uebergang
-bedeutet.«
-
-»Also wir reisen«, sprach Menni, ohne meine Stichelei zu beachten. »Ich
-gehe noch, um dem Maschinisten einige Weisungen zu erteilen, dann komme
-ich wieder und wir wollen zusammen die Abfahrt des Aetheroneff
-beobachten.«
-
-Er verließ das Zimmer, und ich blieb von den verschiedensten Gedanken
-bewegt zurück. Noch war die Erklärung nicht vollständig. Es blieb eine
-recht bedeutsame Frage übrig. Doch konnte ich mich nicht entschließen,
-sie an Menni zu stellen. Hatte er bewußt, wissentlich meinen Bruch mit
-Anna Nikolajewna herbeigeführt? Mir erschien dies so. Wahrscheinlich sah
-er in ihr ein Hindernis für seine Ziele. Vielleicht mit Recht. Doch
-hatte er den Bruch höchstens beschleunigen, nicht aber schaffen können.
-Freilich war dies eine dreiste Einmischung in meine persönlichen
-Angelegenheiten gewesen. Da ich aber nun bereits mit Menni verbunden
-war, mußte ich meine Feindseligkeit gegen ihn unterdrücken. Es galt, das
-Vergangene nicht mehr zu berühren; am besten würde es sein, nicht mehr
-an diese Frage zu denken.
-
-Im allgemeinen bedeutete diese neue Wendung für mich keinerlei besondere
-Erschütterung. Der Schlaf hatte mich gekräftigt, und es war schwer, nach
-dem am gestrigen Abend Verlebten noch über irgend etwas in Verblüffung
-zu geraten. Nun galt es bloß, den Plan künftiger Tätigkeit
-auszuarbeiten.
-
-Offensichtlich bestand meine Aufgabe darin, mich so schnell und so
-vollkommen wie möglich mit meiner neuen Umgebung vertraut zu machen. Am
-besten wird es wohl sein, ich befasse mich zuerst mit dem
-Zunächstliegenden, strebe dann Schritt für Schritt dem Fernerliegenden
-zu. Als Zunächstliegendes erschienen mir der Aetheroneff, seine Bewohner
-und unsere beginnende Fahrt. Der Mars war noch fern, im besten Fall
-würden wir ihn, Mennis Worten zufolge, in zwei Monaten erreichen.
-
-Die äußere Form des Aetheroneff hatte ich bereits am vorhergehenden
-Abend erblickt: sie war fast kugelförmig, mit abpolierten Enden,
-gemahnte an das aufgestellte Ei des Kolumbus. Selbstverständlich war
-diese Form gewählt worden, um bei möglichst kleiner Oberfläche die
-größtmögliche Ausdehnung zu erhalten, das heißt, bei dem geringsten
-Aufwand von Material die der Abkühlung ausgesetzte möglichst geringe
-Fläche. Was das Material anbelangte, so schien dieses aus Aluminium und
-Glas zu bestehen. Die innere Einrichtung sollte mir von Menni gezeigt
-und erklärt werden, auch wollte er mich mit den übrigen »Ungeheuern«
-bekannt machen, wie ich bei mir meine neuen Genossen nannte.
-
-Menni kehrte zurück und führte mich zu den übrigen Marsbewohnern. Sie
-waren alle in dem Seitensaal versammelt, dessen ungeheueres
-Kristallfenster die eine Hälfte der Wand einnahm. Das echte Sonnenlicht
-wirkte nach der phantastischen Helle der elektrischen Lampen angenehm.
-Es waren etwa zwanzig Marsbewohner zugegen; mich deuchte, sie hätten
-alle die gleichen Gesichter. Der Mangel eines Bartes oder Schnurrbartes,
-ja sogar das völlige Fehlen von Runzeln und Falten schien die
-Verschiedenheit ihres Wuchses gleichsam zu verwischen. Unwillkürlich
-heftete ich die Augen auf Menni, um ihn unter diesen mir fremden
-Kameraden nicht zu verlieren. Uebrigens gelang es mir bald, zwischen
-ihnen meinen nächtlichen Gast Netti zu erkennen, der sich durch seine
-Jugendlichkeit und Lebhaftigkeit auszeichnete, sowie den
-breitschultrigen Riesen Sterni zu unterscheiden, der mich mit kaltem,
-fast unheildrohendem Gesichtsausdruck betrachtete. Außer Menni sprach
-nur Netti Russisch. Sterni und drei oder vier andere redeten
-Französisch, noch andere Englisch oder Deutsch; untereinander
-unterhielten sie sich in einer mir völlig neuen Sprache, anscheinend
-ihrer Muttersprache. Diese war wohlklingend und schön, und ich bemerkte
-mit Vergnügen, daß die Aussprache offensichtlich keine großen
-Schwierigkeiten bot.
-
-
- Die Abfahrt
-
-Wie interessant auch immer die »Ungeheuer« sein mochten, so wurde meine
-Aufmerksamkeit dennoch unwillkürlich von ihnen abgelenkt und richtete
-sich auf den feierlichen, immer näher kommenden Augenblick der
-»Abfahrt«. Ich starrte beharrlich auf die sich vor uns dehnende
-schneeige Fläche und nach der steil aufragenden Granitwand. Jeden
-Augenblick erwartete ich, einen starken Stoß zu verspüren, glaubte,
-alles werde rasch zurückbleiben, in weiter Ferne verschwimmen. Doch
-wurde ich in meiner Erwartung enttäuscht.
-
-Eine geräuschlose, langsame, kaum wahrnehmbare Bewegung entfernte uns
-ein wenig von der Schneeplatte. Nach etlichen Sekunden erst wurde der
-Aufstieg bemerkbar.
-
-»Eine Beschleunigung von zwei Zentimeter«, erklärte Menni.
-
-Ich verstand, was dies bedeute. In der ersten Sekunde legten wir einen
-Zentimeter zurück, in der zweiten drei, in der dritten fünf, in der
-vierten sieben usw. Die Geschwindigkeit veränderte sich unablässig,
-entwickelte sich nach dem Gesetz der arithmetischen Progression. In vier
-Minuten hatten wir die Schnelligkeit eines gehenden Menschen, in
-fünfzehn die eines Personenzuges erreicht usw.
-
-Wir bewegten uns dem Gesetze der Schwerkraft zufolge, doch fielen wir
-hinauf, und zwar um fünfhundertmal langsamer, als auf der Erde ein
-Körper von gewöhnlicher Schwere fällt.
-
-Die Glasplatte des Fensters begann sich vom Feld zu erheben, bildete mit
-diesem einen stumpfen Winkel, analog der Kugelform des Aetheroneff,
-dessen einer Teil nun sichtbar wurde. Wir vermochten, uns vorneigend,
-all das zu sehen, was sich gerade unter uns befand.
-
-Immer rascher sank die Erde unter uns nieder, immer weiter ward der
-Horizont. Die dunklen Flecken der Felsen und Dörfchen wurden kleiner,
-die Umrisse des Sees zeichneten sich ab wie auf einem Plan. Der Himmel
-aber ward immer dunkler; während ein blauer dem Meer gleichender
-Streifen den westlichen Horizont überzog, vermochten meine Augen trotz
-dem Tageslicht die heller leuchtenden großen Sterne zu unterscheiden.
-
-Die äußerst langsame, kreisende Bewegung des Aetheroneff um die eigene
-vertikale Achse gestattete uns, den ganzen Raum ringsum zu überblicken.
-
-Es deuchte, als erhebe sich der Horizont zusammen mit uns, die
-Erdoberfläche erschien als ungeheuere, ausgehöhlte, mit Reliefs
-geschmückte Schüssel. Die Konturen wurden verschwommener, die Reliefs
-flacher, immer mehr nahm die Landschaft den Charakter einer Landkarte
-an, scharf gezeichnet in der Mitte, verschwommen und unklar an den
-Rändern, die von halbdurchsichtigem, bläulichem Nebel bedeckt waren. Der
-Himmel wurde immer schwärzer, und zahllose Sterne, dicht gesät,
-funkelten ungetrübt in ihrem stillen Licht, nicht fürchtend die
-strahlende Sonne, deren Helle schier schmerzhaft brannte.
-
-»Sagen Sie mir, Menni, wird sich diese Beschleunigung von zwei
-Zentimetern, mit der wir uns jetzt bewegen, bis ans Ende der Reise
-erhalten?«
-
-»Ja«, entgegnete er. »Nur daß die Richtung etwa auf halbem Weg ins
-Gegenteil umschlägt, wir mit jeder Sekunde die Geschwindigkeit nicht
-beschleunigen, sondern verzögern. So daß diese, wenn die höchste
-Geschwindigkeit des Aetheroneff ungefähr fünfzig Kilometer in der
-Sekunde beträgt, die mittlere aber fünfundzwanzig Kilometer, im
-Augenblick der Ankunft abermals ebenso gering ist, wie sie im Augenblick
-der Abfahrt war. Dies ermöglicht uns, ohne Stoß und Erschütterungen an
-der Oberfläche des Mars zu landen. Ohne diese ungeheuerliche wechselnde
-Geschwindigkeit vermöchten wir niemals weder die Erde, noch die Venus zu
-erreichen, denn sogar die kürzeste Strecke beträgt sechzig bis hundert
-Millionen Kilometer, -- bei der Geschwindigkeit, sagen wir, Ihrer
-Erdeneisenbahnen würde eine derartige Reise ein Jahrhundert, aber nicht,
-wie in unserem Fall, Monate währen. Was den »Schuß mit der Kanonenkugel«
-anbelangt, über den ich in Eueren phantastischen Romanen las, so ist
-dies selbstverständlich ein bloßer Scherz, denn den Gesetzen der
-Mechanik zufolge gäbe es dabei nur eine praktische Möglichkeit --
-entweder sich im Augenblick des Schusses im Inneren der Kanonenkugel zu
-befinden, oder sie im eigenen Inneren zu haben.«
-
-»Auf welche Art erhalten Sie diese gleichmäßige Beschleunigung und
-Verlangsamung?«
-
-»Die bewegende Kraft des Aetheroneff ist einer jener
-radiumausstrahlenden Stoffe, die uns in großen Mengen hervorzubringen
-gelang. Wir fanden ein Mittel, um die Zerlegung der Elemente ums
-Hunderttausendfache zu beschleunigen; dies geschieht in unseren Motoren
-durch ein äußerst einfaches elektrisches Verfahren. Durch unsere Methode
-wird eine ungeheure Menge Energie entbunden. Die Teilchen der
-zerfallenden Atome besitzen im Flug, wie Ihnen bekannt ist, eine
-zehntausendmal größere Geschwindigkeit, als das Artilleriegeschoß. Wenn
-diese Teile nun aus dem Aetheroneff bloß nach einer einzigen bestimmten
-Richtung fliegen können, -- das heißt, durch einen einzigen Kanal
-zwischen den sonst undurchdringlichen Wänden, -- dann bewegt sich der
-Aetheroneff in der entgegengesetzten Richtung, wie der Rückschlag beim
-Gewehr. Da Ihnen das Gesetz der lebendigen Kraft bekannt ist, werden Sie
-ja auch wissen, daß ein unbedeutender, milligrammgroßer Teil pro Sekunde
-völlig genügt, um unserem Aetheroneff die regelmäßige Beschleunigung zu
-verleihen.«
-
-Während wir also redeten, hatten sich die übrigen Marsbewohner entfernt.
-Menni forderte mich auf, mit ihm in seiner Kajüte zu frühstücken. Wir
-gingen zusammen hin. Die Kajüte glich den Wänden des Aetheroneff, auch
-sie hatte das gleiche große Kristallfenster. Wir frühstückten. Ich
-wußte, daß mir neue, noch nie empfundene Gefühle bevorstanden, da ich ja
-die Schwere meines Körpers verlieren würde. Ich befragte Menni darüber.
-
-»Ja«, erwiderte er. »Obgleich uns die Sonne noch immer anzieht, so ist
-doch hier ihre Anziehungskraft eine sehr geringe. Und auch jene der Erde
-wird morgen oder übermorgen unmerklich werden. Nur dank der stets
-zunehmenden Geschwindigkeit des Aetheroneff bleibt uns ein
-Vierhundertstel, mindestens ein Fünfhundertstel unseres Gewichtes
-bewahrt. Es fällt ein wenig schwer, sich zum ersten Mal daran zu
-gewöhnen, obwohl die Veränderung ganz allmählich vor sich geht. Mit
-zunehmender Leichtigkeit werden Sie Ihre Geschicklichkeit verlieren,
-eine Menge falscher, nicht berechneter Bewegungen machen, über das Ziel
-hinausschießen. Was das unvermeidliche Herzklopfen, das Schwindelgefühl
-und die Uebelkeit anbelangt, so wird Ihnen Netti darüber hinweghelfen.
-Es wird Ihnen auch schwer fallen, Wasser und andere Flüssigkeiten zu
-handhaben, die beim leichtesten Anstoß aus dem Gefäß fließen und sich
-überallhin verbreiten. Doch waren wir nach Kräften bemüht, derartige
-Unbequemlichkeiten zu vermeiden und abzuschwächen. Möbel und Gefäße sind
-an Ort und Stelle befestigt, die Flüssigkeiten verkorkt, überall
-befinden sich Griffe und Riemen, um den unfreiwilligen Sturz zu
-verhindern, der bei rascherer Bewegung leicht vorkommt. Sie werden sich
-schon daran gewöhnen, haben hierzu genügend Zeit.«
-
-Seit der Abfahrt waren etwa zwei Stunden verflossen. Schon war die
-verminderte Schwere fühlbar, doch war diese Empfindung bis jetzt noch
-angenehm: der Körper fühlte Leichtigkeit, die Bewegungen waren frei und
-ungehemmt, dies war alles. Dem atmosphärischen Druck wichen wir völlig
-aus; er kümmerte uns nicht, besaßen wir doch in unserem hermetisch
-verschlossenen Schiff einen genügenden Vorrat an Sauerstoff. Das uns
-sichtbare Erdgebiet glich immer mehr einer Landkarte im verkleinerten
-Maßstab. Im Süden, am Mittelländischen Meer, waren zwischen dem blauen
-Dunst Nordafrika und Arabien klar ersichtlich, im Norden, über
-Skandinavien, verlor sich der Blick in schneeigen vereisten Leeren, nur
-die Felsen Spitzbergens dunkelten als schwarze Flecke empor. Im Osten,
-im grüngestreiften Ural, wurde das Grün von weißen Schneeflecken
-durchbrochen, hier herrschte wieder völlig das weiße Licht, vermischt
-mit leichtem, grünlichem Schimmer, eine zärtliche Erinnerung an die
-ungeheueren Nadelwälder Sibiriens. Im Westen verloren sich in den hellen
-Konturen Mitteleuropas die Küste von England und Nordfrankreich. Ich
-vermochte nicht lange auf dieses gigantische Bild zu blicken; der
-Gedanke an die schauerliche Untiefe, über der wir schwebten, erweckte in
-mir ein ohnmachtsnahes Gefühl. Ich wandte mich abermals an Menni.
-
-»Sind Sie der Kapitän dieses Schiffes?«
-
-Menni nickte bejahend und erwiderte:
-
-»Doch bedeutet dies keineswegs, daß ich über die Macht eines
-Kommandanten verfüge, wie dies Ihrer irdischen Auffassung entspräche.
-Ich habe bloß in der Führung des Aetheroneff mehr Erfahrung als die
-anderen; meine Verfügungen in dieser Hinsicht werden berücksichtigt, wie
-ich Sternis astronomische Berechnungen annehme, oder wie wir Nettis
-medizinische Ratschläge zur Erhaltung unserer Gesundheit und
-Arbeitskraft befolgen.«
-
-»Wie alt ist Doktor Netti? Er dünkte mich äußerst jung.«
-
-»Ich erinnere mich nicht genau, sechzehn oder siebzehn«, entgegnete
-Menni lächelnd.
-
-Das hatte auch ich gedacht. Staunte aber über eine derart junge
-Gelehrsamkeit.
-
-»In diesem Alter bereits Arzt sein!«, entfuhr es mir unwillkürlich.
-
-»Und fügen Sie hinzu: ein äußerst geschickter und erfahrener Arzt«,
-ergänzte Menni.
-
-Damals überlegte ich nicht, -- und Menni erinnerte mich absichtlich
-nicht daran, -- daß die Marsjahre fast doppelt so lang sind, wie die
-unseren: der Mars umkreist die Sonne in 686 Erdentagen und Nettis
-sechzehn Jahre kamen etwa dreißig Erdenjahren gleich.
-
-
- Der Aetheroneff
-
-Nach dem Frühstück forderte mich Menni auf, unser »Schiff« zu
-besichtigen. Vor allem begaben wir uns in den Maschinenraum. Dieser nahm
-das unterste Stockwerk des Aetheroneff ein -- stieß direkt an dessen
-verdichteten Boden und bildete die Scheidewand zwischen fünf Zimmern --
-das eine in der Mitte, die anderen an den Seiten gelegen. Inmitten des
-zentralen Raumes erhob sich der Treibmotor, an seinen vier Seiten von in
-den Boden eingelassenen runden Glasfenstern umgeben; das eine Fenster
-bestand aus reinem Kristall, die anderen waren bunt gefärbt; das Glas
-hatte eine Dicke von etwa drei Zentimetern und war außerordentlich
-durchsichtig. Im gegebenen Augenblick vermochten wir durch diese Fenster
-bloß einen Teil der Erdoberfläche zu sehen.
-
-Die Basis der Maschine bildete ein vertikaler Metallzylinder, drei Meter
-hoch und einen halben Meter im Durchmesser. Menni erklärte mir, dieser
-Zylinder bestehe aus Osmium, einem schwer schmelzenden Edelmetall, aus
-der Gruppe des Platins. In diesem Zylinder ging die Zerlegung der
-radiumausstrahlenden Stoffe vor sich; die zwanzig Zentimeter dicken
-Wände bewiesen zur Genüge die bei diesem Prozeß entwickelten Energien.
-Im Raum herrschte keine besondere Hitze; der ganze Zylinder war von zwei
-großen, breiten, aus irgendeinem durchsichtigen Material bestehenden
-Futteralen umgeben. Diese Futterale schützten vor der Hitze; beide
-vereinigten sich unter der Decke zu einem Rohr, aus dem die erhitzte
-Luft nach allen Seiten ausströmte und den Aetheroneff gleichmäßig
-»heizte«.
-
-Die übrigen Teile der Maschine waren durch verschiedene Zylinder
-miteinander verbunden, bestanden aus elektrischen Spulen, Akkumulatoren,
-einem Meßapparat mit Zifferblatt usw. Alles befand sich in tadelloser
-Ordnung, und verschiedene Spiegel gestatteten dem diensthabenden
-Maschinisten, den ganzen Umkreis zu überblicken, ohne sich von seinem
-Lehnstuhl zu erheben.
-
-Von den Seitenstuben war die eine das »astronomische« Zimmer, rechts und
-links von diesem befanden sich der »Wasserraum« und der »Sauerstoffraum«
-und auf der entgegengesetzten Seite der »Rechenraum«. Im astronomischen
-Zimmer waren der Fußboden und die Wände aus dickem Kristall; das in
-geometrischen Formen geschliffene Glas zeigte ideale Reinheit. Die
-Durchsichtigkeit dieses Glases war so groß, daß ich, während ich Menni
-über die Schwebebrücke folgte und hinabblickte, zwischen mir und dem
-Abgrund unter uns nichts sah; ich mußte die Augen schließen, um nicht
-von qualvollem Schwindel überwältigt zu werden. Ich bemühte mich,
-seitwärts, nach den Instrumenten zu schauen, die sich zwischen der
-Brücke auf Stativen befanden, oder sich von der Decke und der Außenwand
-herabsenkten. Das Hauptteleskop war etwa zwei Meter lang, die Linse von
-unproportionierter Größe und augenscheinlich von einer entsprechenden
-optischen Stärke.
-
-»Als Ferngläser verwenden wir nur Diamanten«, sagte Menni. »Sie geben
-ein bedeutend größeres Gesichtsfeld.«
-
-»Wie stark ist die gewöhnliche Vergrößerung dieses Teleskops?« fragte
-ich.
-
-»Die klare Vergrößerung beträgt etwa das Sechshundertfache«, entgegnete
-Menni. »Genügt uns dies nicht, so photographieren wir das Gesichtsfeld
-und betrachten die Photographie unter dem Mikroskop. Derart vermögen wir
-eine sechzigtausendfache und noch bedeutendere Vergrößerungen zu
-erzielen, und das Photographieren nimmt kaum eine Minute Zeit in
-Anspruch.«
-
-Menni forderte mich auf, durch das Teleskop die entschwindende Erde zu
-betrachten und stellte es ein.
-
-»Die Entfernung beträgt nun ungefähr zweitausend Kilometer«, erklärte
-er. »Wissen Sie, was vor Ihnen liegt?«
-
-Mit einem Mal erkannte ich den Hafen der skandinavischen Hauptstadt, die
-ich häufig in Parteiangelegenheiten besucht hatte ... Es interessierte
-mich, die Dampfer in der Reede zu betrachten. Menni drehte einen an der
-Seite befestigten Griff, setzte anstelle des Fernrohrs den
-photographischen Apparat, nahm dann nach wenigen Sekunden Teleskop und
-Apparat und schob beide in eine riesenhafte, in der Ecke stehende
-Vorrichtung, die sich als Mikroskop erwies.
-
-»Wir entwickeln und fixieren das Bild dort«, sprach er, ohne die Platte
-mit den Händen zu berühren. Nach wenigen belanglosen Griffen, die
-höchstens eine halbe Minute währten, schob er das Mikroskop vor mich
-hin. Mit verblüffender Klarheit sah ich einen mir bekannten, einer
-nordischen Gesellschaft gehörenden Dampfer; er schien sich etliche zehn
-Schritte von mir entfernt langsam zu bewegen; im kreisenden Licht war
-das Bild reliefartig und hatte eine völlig natürliche Färbung. Auf der
-Brücke stand der grauhaarige Kapitän, mit dem ich auf meinen Fahrten
-häufig geplaudert hatte. Ein Matrose, der eine Kiste an Deck schleppte,
-blieb plötzlich stehen, neben ihm ein Passagier, der mit der Hand auf
-etwas wies. Und all dies war zweitausend Kilometer entfernt ...
-
-Ein junger Marsbewohner, Sternis Gehilfe, betrat den Raum. Er mußte über
-die vom Aetheroneff zurückgelegte Strecke eine genaue Messung anstellen.
-Wir wollten ihn in seiner Arbeit nicht stören und begaben uns weiter, in
-den »Wasserraum«. Dort befanden sich ein ungeheures mit Wasser gefülltes
-Reservoir und große Filtrierapparate. Eine Anzahl Röhren leitete das
-Wasser durch den ganzen Aetheroneff.
-
-Nun betraten wir den »Rechenraum«. Hier standen für mich unverständliche
-Maschinen mit unzähligen Zifferblättern und Zeigern. Sterni arbeitete an
-der größten Maschine. Von dieser hing ein langes Band nieder,
-augenscheinlich das Resultat der Berechnungen. Die auf dem Band
-stehenden, sowie die auf den Zifferblättern sich befindenden Zeichen
-waren mir völlig unbekannt. Ich wollte Sterni nicht stören, empfand
-überhaupt keine Lust, mit ihm zu sprechen. Rasch verließen wir diesen
-Raum und betraten die letzte Seitenstube.
-
-Diese war der »Sauerstoffraum«. Hier wurden die Sauerstoffvorräte
-aufbewahrt, in der Gestalt von fünfundzwanzig Tonnen Bertholetschen
-Salzen, aus denen, durch eine entsprechende Methode, bis zu zehntausend
-Kubikmetern Sauerstoff hergestellt werden konnten, eine genügende Menge
-für einige Fahrten gleich der unseren. Hier befanden sich auch die
-Apparate zur Spaltung der Salze, sowie Vorräte von Bariumoxyd und
-Aetzkali, die die Bestimmung hatten, der Luft die Kohlensäure zu
-entziehen, Vorräte von Schwefel-Anhydrid zur Absorbierung der
-überschüssigen Feuchtigkeit und des Leuhomain, -- jenes durch das Atmen
-erzeugten physiologischen Giftes, das unvergleichlich gefährlicher ist,
-als die Kohlensäure. Dieser Raum unterstand Dr. Netti.
-
-Dann kehrten wir in den mittleren Maschinenraum zurück, fuhren mit einem
-kleinen Aufzug ins höchste Stockwerk des Aetheroneff. Hier war der
-Mittelraum als zweites Observatorium eingerichtet; es glich in allem dem
-unteren Raum, nur daß hier die Kristallhülle sich oben und nicht unten
-befand, und daß die Instrumente größere Dimensionen hatten. Aus diesem
-Observatorium vermochte man die andere Hälfte der Himmelssphäre zu
-sehen, und die Planeten zu bestimmen. Der Mars leuchtete mit seinem
-roten Licht etwas abseits vom Zenith. Menni richtete auf ihn das
-Teleskop, und ich erblickte die mir durch Schiaparellis Landkarten
-bekannten Konturen, die Meere und Kanäle. Menni photographierte den
-Planeten und legte unter das Mikroskop eine detaillierte Karte. Doch
-vermochte ich von dieser ohne Mennis Erklärungen nichts zu verstehen:
-die Flecken der Städte, Wälder und Seen unterschieden sich voneinander
-durch für mich unmerkliche und unverständliche Einzelheiten.
-
-»Wie groß ist die Entfernung?« fragte ich.
-
-»Verhältnismäßig gering; sie beträgt ungefähr hundert Millionen
-Kilometer.«
-
-»Weshalb befindet sich der Mars nicht im Zenith der Kuppel? Fliegen wir
-denn nicht geradewegs, sondern seitlich auf ihn zu?«
-
-»Ja, anders geht es nicht. Indem wir uns von der Erde fortbewegen,
-bewahren wir unter anderem durch die Kraft der Trägheit auch die
-Geschwindigkeit, mit der die Erde um die Sonne kreist, das heißt,
-dreißig Kilometer in der Sekunde. Die Geschwindigkeit des Mars jedoch
-beträgt vierundzwanzig Kilometer, und flögen wir perpendikular in der
-Bahn zwischen Mars und Erde, so würden wir mit der restlichen
-Geschwindigkeit von sechs Kilometern in der Sekunde gegen die Oberfläche
-des Mars stoßen. Dies darf nicht geschehen, wir müssen deshalb den
-krummlinigen Pfad wählen, damit die überflüssige Geschwindigkeit ins
-Gleichgewicht kommt.«
-
-»Wie lange ist in diesem Fall unser Weg?«
-
-»Etwa hundertsechzig Millionen Kilometer. Die zur Zurücklegung dieser
-Strecke nötige Zeit beträgt im Mindestfall zweieinhalb Monate.«
-
-Wäre ich nicht Mathematiker gewesen, so hätten diese Zahlen meinem
-Herzen nichts gesagt. So jedoch erweckten sie in mir ein dem Alpdruck
-ähnliches Gefühl, und ich beeilte mich, den astronomischen Raum zu
-verlassen. Die sechs Seitenabteilungen des obersten Abschnitts umgaben
-ringförmig das Observatorium; sie hatten keine Fenster, und ihre Decke,
-die ein Teil der Oberfläche der Kugel war, neigte sich fast zum Fußboden
-hinab. An der Decke waren große Reservoire für die Minus-Materie
-angebracht, deren Repulsion alles auf dem Aetheroneff zu paralysieren
-vermochte.
-
-Die mittleren Stockwerke, das dritte und vierte, umfaßten Säle,
-Laboratorien für die einzelnen Mitglieder der Expedition, Kajüten,
-Baderäume, die Bibliothek, den Turnsaal usw.
-
-Nettis Kajüte befand sich neben der meinen.
-
-
- Die Menschen
-
-Immer merklicher empfand ich den Verlust der Schwere. Das sich
-steigernde Gefühl der Leichtigkeit hörte auf, angenehm zu sein. Es
-vermischte sich mit einem Element des Mißtrauens, irgendeiner unklaren
-Unruhe. Ich begab mich in meine Kammer und legte mich auf die Pritsche.
-
-Zwei Stunden des ruhigen Liegens und angestrengten Nachdenkens ließen
-mich unmerklich in Schlaf versinken. Als ich erwachte, saß Netti vor dem
-Tisch. Mit einer unwillkürlichen heftigen Bewegung erhob ich mich vom
-Lager, wurde gleichsam hochgeschleudert und prallte mit dem Kopf gegen
-die Decke.
-
-»Wenn man weniger als zwanzig Pfund wiegt, muß man vorsichtiger sein«,
-bemerkte Netti in gutmütig philosophischem Ton.
-
-Er hatte mich aufgesucht, um mir die nötigen Anweisungen zu geben, für
-den Fall, daß ich »seekrank« würde. Tatsächlich fühlte ich bereits die
-durch den Verlust der Schwere erzeugten ersten Symptome. Von meiner
-Kajüte ging eine elektrische Schelle in die seine, so daß ich ihn immer
-zu rufen vermochte, falls ich seines Beistandes bedurfte.
-
-Ich benützte die Gelegenheit, um mit dem jungen Arzt zu plaudern; dieser
-sympathische, gelehrte und dennoch so fröhliche junge Bursche zog mich
-an. Ich fragte ihn, wie es komme, daß außer Menni von allen sich auf dem
-Schiff befindlichen Marsbewohnern nur noch er meine Muttersprache könne.
-
-»Dies ist ganz einfach«, erklärte er. »Als wir _Menschen suchten_,
-wählte Menni für sich und mich Ihr Vaterland, und wir verbrachten
-daselbst mehr als ein Jahr, bis es uns endlich gelang, mit Ihnen die
-Angelegenheit zu erledigen.«
-
-»Die andern suchten Menschen in anderen Ländern?«
-
-»Selbstverständlich; bei allen größeren Völkern der Erde. Aber, es fiel,
-wie Menni vorausgesehen hatte, in Ihrem Lande am leichtesten, jemanden
-zu finden, denn bei Ihnen ist das Leben entschlossener und glühender,
-die Menschen sind mehr als in anderen Ländern gezwungen, vorwärts zu
-blicken. Nachdem wir einen Menschen gefunden hatten, benachrichtigten
-wir die übrigen; sie kamen aus allen Ländern herbei, und wir traten die
-Fahrt an.«
-
-»Was verstehen Sie, persönlich, unter den Ausdrücken >einen Menschen
-suchen< und >einen Menschen finden<? Ich begreife, daß es sich hier
-darum handelte, ein Subjekt zu finden, das der vorgeschriebenen Rolle
-entsprach, -- darüber hat mich Menni aufgeklärt. Es schmeichelt mir, daß
-gerade ich gewählt wurde, doch möchte ich wissen, welchen Ursachen ich
-dies verdanke.«
-
-»In großen Umrissen vermag ich es Ihnen mitzuteilen. Wir brauchten einen
-Menschen, dessen Natur äußerst gesund, aber auch schmiegsam und
-anpassungsfähig ist, der für die verschiedenartigsten Arbeiten
-Fähigkeiten besitzt, durch möglichst wenig persönliche Bande an die Erde
-geknüpft und so wenig wie möglich individualistisch veranlagt ist.
-Unsere Physiologen und Psychologen legten dar, daß der Uebergang aus den
-Lebensbedingungen Ihrer Gesellschaft zu den Lebensbedingungen der
-unseren, die sozialistisch organisiert ist, für den einzelnen Menschen
-äußerst schwer sei und eine besonders günstige Anpassungsfähigkeit
-erfordere. Menni entdeckte, daß Sie diese Ansprüche besser erfüllten,
-als andere.«
-
-»Und Mennis Ansicht war für Sie alle maßgebend?«
-
-»Ja, wir haben völliges Vertrauen in sein Urteil. Er ist ein Mensch von
-hervorragenden Kräften und klarem Verstand, der sich äußerst selten
-irrt. Auch besitzt er mehr Erfahrungen und eine engere Verbindung mit
-den Erdenmenschen, als irgendeiner von uns; er hat als erster diese
-Verbindungen angeknüpft.«
-
-»Wer eröffnete die Verbindung zwischen den Planeten?«
-
-»Dies war nicht das Werk eines Einzelnen, sondern vieler. Die
-Minus-Materie wurde schon vor etlichen zehn Jahren entdeckt. Doch
-vermochten wir sie anfangs bloß in geringer Menge herzustellen,
-bedurften hierzu der Kraft äußerst vieler Fabrikskollegen, um die Mittel
-zu finden, durch die sie in größeren Mengen gewonnen werden konnte.
-Dann galt es, die Technik der Gewinnung und Entwicklung der
-radiumausstrahlenden Stoffe zu vervollkommnen, um den Motor des
-Aetheroneff herstellen zu können. Dies nahm ebenfalls viele Kräfte in
-Anspruch. Auch die klimatischen Verhältnisse zwischen den Planeten
-verursachten große Schwierigkeiten: die furchtbare Kälte, sowie die
-brennende Sonnenhitze, die Unmöglichkeit, die umhüllende Luft zu
-temperieren. Desgleichen war die Berechnung des Weges sehr schwer; es
-unterliefen dabei Fehler, die man nicht hatte voraussehen können. Mit
-einem Wort: die früheren Expeditionen nach der Erde endeten mit dem Tod
-aller Teilnehmer, bis es endlich Menni gelang, die erste erfolgreiche
-Expedition zu organisieren. Jetzt jedoch gelang es uns unlängst, dank
-seiner Methode, auch die Venus zu erreichen.«
-
-»Wenn dem so ist, dann ist Menni wahrlich ein großer Mensch«, sprach
-ich.
-
-»Wenn es Ihnen beliebt, einen Menschen, der tatsächlich viele und gute
-Arbeit geleistet hat, so zu nennen.«
-
-»Nicht dies wollte ich sagen: viele und gute Arbeit vermögen auch
-vollkommen gewöhnliche Leute zu leisten, genaue, pflichttreue Menschen.
-Menni jedoch ist offensichtlich etwas ganz anderes: er ist ein Genie,
-ein schöpferischer Mensch, der Neues gibt und die Menschheit vorwärts
-bringt.«
-
-»Was Sie da sagen, ist unklar und unrichtig. Jeder Arbeiter ist ein
-schöpferischer Mensch, aber in jedem Arbeiter schaffen die ganze
-Menschheit und die Natur. Besaß denn Menni nicht alle Versuche
-vorhergegangener Geschlechter, und auch die seiner Zeitgenossen,
-benützte er nicht bei jedem Schritt seiner Arbeit diese Versuche? Gab
-ihm die Natur nicht alle Elemente, alle von ihr hervorgebrachten
-Kombinationen? Hat nicht gerade der Kampf des Menschen gegen die Natur
-den lebendigen Anstoß zu neuen Kombinationen gegeben? Der Mensch ist
-persönlich, -- aber sein Werk ist unpersönlich. Der Mensch stirbt früher
-oder später, -- das Werk jedoch bleibt im unermeßlich sich entwickelnden
-Leben bestehen. Hierin gleichen sich alle Arbeiter, der Unterschied
-besteht nur darin, was von ihrem Schaffen sie überlebt, was im Leben
-weiterbesteht.«
-
-»Ja, aber zum Beispiel: der Name eines Menschen wie Menni stirbt nicht
-zusammen mit ihm, sondern lebt weiter in der Erinnerung der Menschheit,
-während unzählige andere Namen völlig verschwinden.«
-
-»Der Name eines jeden wird so lange vor dem Vergessen bewahrt, wie jene
-leben, die zusammen mit ihm lebten und ihn kannten. Die Menschheit
-bedarf keineswegs der toten Symbole der Persönlichkeit, wenn diese nicht
-mehr ist. Unsere Wissenschaft und unsere Kunst bewahrt auf unpersönliche
-Art das, was von der allgemeinen Arbeit geschaffen wurde. Der Ballast
-vergangener Namen ist nutzlos für das Gedächtnis der Menschheit.«
-
-»Sie haben recht, aber das Gefühl unserer Welt lehnt sich gegen diese
-Logik auf. Für uns sind die Namen der Meister des Gedankens und der
-Werke lebendige Symbole, ohne die weder unsere Wissenschaft, noch unsere
-Kunst, noch unser ganzes gesellschaftliches Leben zu bestehen
-vermöchten. Im Kampf der Gewalt gegen die Ideen bedeutet der auf den
-Fahnen stehende Name häufig mehr, als die gegebene Losung. Und der Name
-des Genies ist wahrlich kein Ballast für unser Gedächtnis.«
-
-»Dies kommt daher, weil für Euch das einzige Werk der Menschheit noch
-nicht das einzige Werk ist; in den durch den Kampf der Menschen
-hervorgebrachten Illusionen wird das Werk scheinbar zerstückelt,
-erscheint Euch als Werk einzelner Menschen und nicht der Menschheit.
-Auch mir fiel es schwer, mich an Euere Auffassung zu gewöhnen, als ich
-nach Ihnen suchte.«
-
-»Nun, möge dies gut oder schlecht sein, bei Ihnen gibt es also keine
-Unsterblichen. Aber die Sterblichen hier sind wohl alle auserlesen von
-jenen, die >viele und gute Arbeit leisten<, nicht wahr?«
-
-»Im allgemeinen: ja. Menni wählte die Genossen aus vielen Tausenden
-heraus, die den Wunsch hegten, mit ihm zu gehen.«
-
-»Der gröbste und kräftigste von allen dürfte wohl Sterni sein?«
-
-»Ja, wenn Sie hartnäckig darauf bestehen wollen, die Leute zu messen und
-zu vergleichen. Sterni ist ein hervorragender Gelehrter, wenngleich von
-ganz anderer Art, als Menni. Er ist Mathematiker. Er war es auch, der
-eine ganze Anzahl jener Berechnungsfehler entdeckte, denen zufolge alle
-vorherigen Expeditionen nach der Erde mißglückten, er bewies, daß selbst
-wenige dieser Fehler genügten, um den Untergang der Menschen und des
-Werkes herbeizuführen. Er fand neue Berechnungsmethoden, und von dieser
-Zeit an sind die Berechnungen fehlerlos.«
-
-»So stellte ich ihn mir nach Mennis Worten und meinem ersten Eindruck
-vor. Trotzdem, es ist mir selbst unbegreiflich, erweckt sein Anblick in
-mir ein unbehagliches Gefühl, eine unbegründete Unruhe, eine Art
-sinnlose Antipathie. Können Sie mir, Doktor, dafür eine Erklärung
-geben?«
-
-»Sehen Sie, Sterni hat einen starken, aber kalten, vor allem:
-analysierenden Verstand. Er zergliedert alles auf unerbittliche,
-folgerichtige Art, seine Schlüsse jedoch sind oft einseitig, bisweilen
-außerordentlich streng, denn die Analyse der einzelnen Teile ergibt
-nicht das Ganze, sondern weniger als das Ganze. Sie wissen, daß überall,
-wo Leben besteht, das Ganze größer ist, als seine einzelnen Teile, und
-so ist denn auch der lebendige menschliche Körper größer, als dessen
-einzelne Glieder. Die Folge dieser Charaktereigenschaften ist, daß
-Sterni sich weit weniger als andere in die Stimmung und die Gedanken
-anderer Leute zu versetzen vermag. Er wird Ihnen stets gerne bei jenen
-Dingen behilflich sein, die Sie ihm selbst klar machen, niemals aber
-wird er erraten, was Sie brauchen. Dies hängt natürlich auch damit
-zusammen, daß seine Aufmerksamkeit fast immer völlig von der Arbeit in
-Anspruch genommen wird, sein Kopf stets von irgend einer schweren
-Aufgabe erfüllt ist. Darin unterscheidet er sich von Menni in hohem
-Maße: dieser sieht immer alles ringsum, und mehr als einmal erklärte er
-mir, wonach ich selbst verlangte, was mich beunruhigte, was mein
-Verstand oder mein Gefühl suchte.«
-
-»Wenn die Dinge so stehen, so muß Sterni uns widerspruchsvollen,
-fehlerhaften Erdenmenschen gegenüber doch Feindseligkeit empfinden?«
-
-»Feindseligkeit! Nein, dieses Gefühl ist ihm fremd. Aber ich glaube:
-starken Skeptizismus. Er verbrachte ein halbes Jahr in Frankreich und
-telegraphierte an Menni: >Hier hat es keinen Sinn, zu suchen.<
-Vielleicht hatte er zum Teil recht, denn auch Letta, der mit ihm war,
-fand keinen entsprechenden Menschen. Aber seine Charakteristik der Leute
-jenes Landes war bei weitem strenger, als jene Lettas, und
-selbstverständlich auch viel einseitiger, wenngleich sie nichts
-tatsächlich Unwahres enthielt.«
-
-»Wer ist dieser Letta, von dem Sie sprechen? Ich entsinne mich seiner
-nicht.«
-
-»Ein Chemiker, Mennis Gehilfe; er gehört nicht zu den Jüngsten, ist auf
-unserem Aetheroneff der älteste. Mit ihm werden Sie sich leicht
-verständigen können, und dies wird für Sie sehr nützlich sein. Er
-besitzt einen weichen Charakter und viel Verständnis für eine fremde
-Seele, obgleich er nicht, wie Menni, Psychologe ist. Suchen Sie ihn im
-Laboratorium auf; er wird sich darüber freuen und Ihnen allerlei
-Interessantes zeigen.«
-
-In diesem Augenblick fiel mir ein, daß wir uns von der Erde schon weit
-entfernt hatten, und es verlangte mich, sie zu betrachten. Wir begaben
-uns zusammen in einen der mit großen Fenstern versehenen Seitensäle.
-
-»Werden wir uns nicht dem Mond nähern?«, erkundigte ich mich im Gehen.
-
-»Nein, der Mond bleibt weit abseits liegen, und dies ist recht schade.
-Auch ich sähe den Mond gerne aus der Nähe. Von der Erde aus erschien er
-mir so seltsam. Groß, kalt, langsam, rätselhaft ruhig, gleicht er nicht
-im geringsten unseren zwei kleinen Monden, die so eilig am Himmel
-dahinrennen, und ihre Gesichtchen so rasch verändern wie lebhafte
-launische Kinder. Auch Euere Sonne ist bei weitem leuchtender, darin
-seid Ihr glücklicher als wir. Euere Welt ist doppelt so hell als unsere,
-deshalb bedürft Ihr auch nicht derartiger Augen, wie wir, braucht nicht
-die großen Pupillen, um das schwache Licht unserer Tage und unserer
-Nächte aufzufangen.«
-
-Wir setzten uns ans Fenster. In der Ferne glänzte die Erde wie eine
-ungeheuere Sichel, auf der bloß die Umrisse Westamerikas und des
-nordöstlichen Asiens als dunkle Flecke erkennbar waren; auch ein Teil
-des Stillen Ozeans war sichtbar, und ein heller Fleck: das Nördliche
-Eismeer. Der Atlantische Ozean und die alte Welt versanken in Nacht,
-konnten am verschwommenen Rand der Sichel bloß erraten werden, denn der
-unsichtbare Teil der Erde verbarg die Sterne im ungeheuren Raum. Unsere
-schiefe Bahn, sowie die Drehung der Erde um ihre Achse, verursachten
-dieses veränderte Bild.
-
-Ich blickte hinab, und mir wurde schwer ums Herz, weil ich nicht mehr
-meine Heimat sah, wo so viel Leben, Kampf und Leiden herrschen, wo ich
-noch gestern in den Reihen der Genossen stand, und wo heute ein anderer
-meine Stelle einnimmt. Zweifel schlichen sich in meine Seele.
-
-»Dort unten fließt Blut«, sprach ich. »Hier jedoch ist aus dem gestrigen
-Arbeiter ein beschaulicher Betrachter geworden.«
-
-»Das Blut fließt um einer besseren Zukunft willen«, entgegnete Netti.
-»Und dieser Kampf fordert das _Kennen_ einer besseren Zukunft. Um diese
-Kenntnisse zu erwerben, sind Sie hier.«
-
-Von unwillkürlicher Bewegung erfaßt, griff ich nach seiner kleinen, fast
-kindlichen Hand.
-
-
- Die Annäherung
-
-Die Erde entfernte sich immer mehr und verwandelte sich, gleichsam als
-zürnte sie ob dieser Trennung, in eine Mondsichel, die die winzige
-Sichel des wirklichen Mondes begleitete. Parallel damit waren wir, die
-Bewohner des Aetheroneff, gleich phantastischen Akrobaten, die ohne
-Flügel zu fliegen und nach Belieben im Raum jede Stellung einzunehmen
-vermögen, mit dem Kopf bald auf dem Fußboden, bald auf der Decke, bald
-auf den Wänden stehen ... darin fast keinen Unterschied sehen ...
-Allmählich näherte ich mich meinen neuen Gefährten und begann mich unter
-ihnen heimisch zu fühlen.
-
-Schon am Tag nach unserer Abfahrt (wir hielten an dieser Zeitberechnung
-fest, obgleich es für uns natürlich weder wirkliche Tage, noch Nächte
-gab) legte ich, dem eigenen Wunsch zufolge, die Kleidung der
-Marsbewohner an, um weniger von den übrigen abzustechen. Freilich gefiel
-mir diese Kleidung auch an und für sich: sie war einfach, bequem, ohne
-nutzlose Einzelheiten wie Kragen und Manschetten, gestattete die
-größtmöglichste Freiheit der Bewegung. Die einzelnen Teile des Gewandes
-wurden durch Klammern verbunden, so daß das ganze Gewand zwar
-einheitlich, aber dennoch leicht an- und auszuziehen war; so vermochte
-man zum Beispiel den einen, oder beide Aermel, oder aber die ganze Bluse
-abzulegen. Und die Manieren meiner Mitreisenden glichen ihrem Gewand:
-sie waren einfach, ermangelten alles Ueberflüssigen, jeder
-Konventionalität. Sie begrüßten einander nicht, verabschiedeten sich
-nicht, dankten nicht, verlängerten nicht aus Höflichkeit ein Gespräch,
-wenn der Zweck desselben erreicht war. Zur gleichen Zeit jedoch gaben
-sie voller Geduld jedem die erwünschten Erklärungen, paßten sich genau
-der geistigen Einstellung des Fragenden an, nahmen Rücksicht auf dessen
-Psychologie, wenngleich diese auch nicht im geringsten der ihren glich.
-
-Selbstverständlich ging ich gleich am ersten Tag an das Erlernen ihrer
-Sprache, und sie waren alle gerne bereit, mir als Lehrer zu dienen, vor
-allem aber Netti. Die Sprache war äußerst originell, und trotz der
-einfachen Grammatik und Regeln eigneten ihr Einzelheiten, an die ich
-mich schwer anzupassen vermochte. Die Regeln hatten keine Ausnahmen, es
-gab auch keine Unterschiede, kein männliches, weibliches oder sächliches
-Geschlecht. Hingegen besaßen die Namen der Gegenstände und die
-Eigennamen eine Biegung, die sich auf das Zeitliche bezog. Dies wollte
-mir nicht recht in den Kopf.
-
-»Was für einen Sinn haben diese Formen?« fragte ich Netti.
-
-»Begreifen Sie es denn nicht? Wenn Sie in Ihrer Sprache einen Gegenstand
-benennen, so achten sie sorgsam darauf, ob er männlich oder weiblich
-ist, was bei leblosen Gegenständen äußerst unwichtig, bei lebendigen
-aber sehr merkwürdig erscheint. Es ist bei weitem wichtiger, zwischen
-jenen Gegenständen zu unterscheiden, die jetzt bestehen, und jenen, die
-waren oder erst sein werden. Bei Euch ist das Haus sächlich, der Kahn
-männlich, bei den Franzosen ist das Haus weiblichen Geschlechtes, das
-Ding an sich aber bleibt dasselbe. Wenn Ihr aber von einem Haus redet,
-das bereits abgebrannt oder das noch nicht erbaut ist, so verwendet Ihr
-das gleiche Wort und die gleiche Form, wie wenn Ihr von dem Hause
-sprecht, in dem Ihr lebt. Gibt es denn in der Natur einen größeren
-Unterschied als den zwischen einem lebenden und einem toten Menschen,
-zwischen dem, was ist, und dem, was nicht ist? Ihr braucht ganze Worte
-und Sätze, um diesen Unterschied auszudrücken -- ist es nicht weit
-besser, dies durch das Hinzufügen eines Buchstabens zu tun?«
-
-Netti war mit meinem Gedächtnis zufrieden; seine Lehrmethode schien
-äußerst gut, und ich kam rasch vorwärts. Dies half mir bei der
-Annäherung an meine Reisegefährten, ich begann der Reise auf dem
-Aetheroneff mit großem Vertrauen entgegenzusehen, begab mich in Kajüten
-und Laboratorien, befragte die Marsbewohner über alles, was mich
-beschäftigte.
-
-Der junge Astronom Enno, Sternis Gehilfe, ein lebhafter, heiterer
-Mensch, dem Wuchs nach fast noch ein Knabe, zeigte mir eine Menge
-interessanter Dinge, nicht bloß Berechnungen und Formeln -- auf diesem
-Gebiet war er Meister -- sondern auch die Schönheit dieser
-Beobachtungen. Mir war in der Gesellschaft des jungen Astronom-Dichters
-wohl zumute; der Trieb, mich über unsere Lage in der Natur genau zu
-orientieren, lenkte meine Schritte immer von neuem zu Enno und seinem
-Teleskop.
-
-Einmal zeigte mir Enno durch das stärkste Vergrößerungsglas den winzigen
-Planeten Eros; ein Teil seiner Bahn lag zwischen Erde und Mars, der
-andere befand sich weiter als der Mars, im Gebiet der Asteroiden. Damals
-befand sich der Eros auf hundertfünfzig Millionen Kilometer von uns
-entfernt, aber die Photographie seiner kleinen Scheibe zeigte im
-mikroskopischen Maßstab die ganze Landkarte, die der des Mondes glich.
-Selbstverständlich war auch der Eros ein toter Stern, gleich dem Monde.
-
-Ein anderes Mal photographierte Enno einen Schwarm Meteore, die etliche
-hundert Millionen Kilometer von uns entfernt waren. Auf diesem Bild
-waren natürlich nur verschwommene Nebel zu sehen. Bei dieser Gelegenheit
-erzählte mir Enno, daß eine der früheren Expeditionen zur gleichen Zeit
-zugrunde ging, als ein derartiger Schwarm Meteore niederschoß. Die
-Astronomen, die mit großen Teleskopen die Fahrt des Aetheroneff
-beobachteten, sahen, wie plötzlich das elektrische Licht erlosch -- der
-Aetheroneff verschwand auf ewig im Raum.
-
-Wahrscheinlich war der Aetheroneff mit einigen dieser winzigen Körper
-zusammengestoßen; bei der ungeheuerlichen Geschwindigkeit mochten diese
-die Wände durchbohrt haben. Die Luft drang in den Raum und die Kälte der
-zwischen den Planeten befindlichen Sphäre ließ die bereits toten Körper
-der Reisenden gefrieren. Nun fliegt der Aetheroneff dahin, folgt der
-Bahn der Kometen, entfernt sich auf immer von der Sonne. Niemand weiß,
-wo der Weg dieses schauerlichen, von Leichen bemannten Schiffes enden
-wird.
-
-Bei diesen Worten schien eine eisige Leere in mein Herz zu dringen. Ich
-stellte mir lebhaft vor, wie unser winziges leuchtendes Schifflein im
-unendlichen toten Ozean des Raumes schwebt. Ohne Stützpunkt in der
-schwindelerregend schnellen Bewegung, und ringsum die schwarze Leere ...
-Enno erriet meine Stimmung.
-
-»Menni ist ein vortrefflicher Steuermann ...«, sagte er. »Und Sterni
-irrt sich nicht ... Und der Tod ... Sie haben ihm sicherlich schon oft
-im Leben ins Auge geblickt ... Was uns droht ... ist der Tod, weiter
-nichts.«
-
-Gar bald kam die Stunde, da wir im Kampf mit einem schweren Kummer
-gezwungen wurden, an diese Worte zu denken.
-
-Der Chemiker Letta zog mich nicht nur durch seine sanfte Natur an, von
-der mir Netti bereits gesprochen hatte, sondern auch durch sein großes
-Wissen und sein Interesse für eine von mir viel studierte Frage: die
-Struktur der Materie. Außer ihm war in dieser Frage nur noch Menni
-kompetent, doch wandte ich mich so wenig wie möglich an Menni,
-verstehend, daß dessen Zeit äußerst wertvoll sei, sowohl im Interesse
-der Wissenschaft, als auch in dem der Expedition, und daß ich nicht das
-Recht habe, sie für mich in Anspruch zu nehmen. Der gutmütige alte Letta
-hingegen ließ sich mit derart unerschöpflicher Geduld zu meiner
-Unwissenheit herab, erklärte mir mit solcher Bereitwilligkeit, ja sogar
-mit offensichtlicher Freude das Alphabet dieser Wissenschaft, daß ich
-niemals das Gefühl hatte, ihn zu belästigen.
-
-Letta hielt mir einen ganzen Kurs über die Struktur der Materie,
-illustrierte diesen durch verschiedene Experimente der Zerlegung der
-Elemente und durch deren Synthese. Viele dieser Experimente hatte er
-anscheinend allein ausführen und sich darauf beschränken müssen, bloß
-Schlagworte niederzuschreiben, insbesondere bei jenen, die einen
-stürmischen Verlauf nehmen; diese Elemente zersetzten sich in der Form
-einer Explosion, oder die Zersetzung konnte zumindest unter gegebenen
-Bedingungen diese Form annehmen.
-
-Einmal betrat während einer mir erteilten Lektion Menni das
-Laboratorium. Letta beendete eben die Niederschrift eines äußerst
-interessanten Experimentes und schickte sich an, dasselbe anzustellen.
-
-»Seien Sie vorsichtig«, sprach Menni. »Ich entsinne mich, daß dieses
-Experiment eines Tages für mich schlecht ausfiel; es genügt die kleinste
-Menge nebensächlicher Ingredienzien in der von Ihnen zu zerlegenden
-Materie, um bei der Erhitzung selbst durch den schwächsten elektrischen
-Strom eine Explosion herbeizuführen.«
-
-Schon wollte Letta das geplante Experiment aufgeben, aber Menni, der mir
-gegenüber unveränderlich aufmerksam und liebenswürdig war, schlug vor,
-bei der genauen Vorbereitung für das Experiment zu helfen; das
-Experiment wurde ohne Unfall beendet.
-
-Am folgenden Tag stellten wir mit dem gleichen Stoff neue Experimente
-an. Mir schien es, als entnähme Letta die Materie nicht demselben Glas
-wie am vorhergehenden Tag. Als er bereits die Retorte in das elektrische
-Bad stellte, dachte ich daran, ihn darüber zu befragen. Gelassen schritt
-er an den die Reagenten enthaltenden Schrank, stellte das Bad mit der
-Retorte auf das an der Wand stehende Tischchen; an die gläserne
-Außenwand des Aetheroneff. Ich folgte ihm.
-
-Jählings erfolgte ein ohrenbetäubender Knall, und wir wurden beide mit
-ungeheurer Kraft gegen die Schranktür geschleudert. Ein furchtbar lauter
-Pfiff, entsetzlicher Lärm und metallisches Klirren. Ich fühlte, daß eine
-orkanartige, unbezwingliche Kraft mich nach rückwärts, an die Außenwand
-riß. Schier mechanisch gelang es mir, nach dem starken Riemen zu
-greifen, der horizontal befestigt am Schrank hing. In dieser Lage
-vermochte ich dem gewaltigen Luftstrom standzuhalten. Letta war meinem
-Beispiel gefolgt.
-
-»Halten Sie sich fest«, schrie er mir zu; ich vermochte im Dröhnen des
-Orkans kaum seine Stimme zu vernehmen. Eine scharfe Kälte durchdrang
-meinen Körper.
-
-Letta blickte sich rasch um. Seine Züge waren erschreckend in ihrer
-Blässe, doch verwandelte sich plötzlich der Ausdruck des Entsetzens in
-den klarer Vernunft und festen Entschlusses. Er sprach bloß zwei Worte,
--- ich vermochte sie nicht zu hören, erriet aber, daß sie ein Abschied
-auf ewig waren. Dann ließ er den Riemen los.
-
-Ein dumpfer Schlag, und das Dröhnen des Orkans verebbte. Ich fühlte, daß
-ich nun den Riemen loslassen und um mich blicken könne. Vom Tischchen
-war nichts mehr zu sehen, an der Wand jedoch, dicht mit dem Rücken an
-sie gepreßt, stand unbeweglich Letta. Seine Augen waren geweitet, das
-ganze Gesicht schien gleichsam erstarrt. Ich vernahm an der Tür ein
-Geräusch und öffnete sie. Ein starker warmer Wind stieß mich zurück.
-Eine Sekunde nachher betrat Menni das Zimmer. Er eilte zu Letta hin.
-
-Wenige Augenblicke später war der Raum voller Menschen. Netti stieß alle
-zur Seite, stürzte zu Letta. Die übrigen umringten uns in bewegtem
-Schweigen.
-
-»Letta ist tot«, klang Mennis Stimme auf. »Die bei dem chemischen
-Experiment erfolgte Explosion zerschmetterte die Wand des Aetheroneff,
-und Letta verstopfte mit seinem Leib die Bresche. Der Luftdruck zerriß
-seine Lungen und lähmte sein Herz. Der Tod war ein augenblicklicher.
-Letta rettete unseren Gast, hätte er anders gehandelt, sie hätten beide
-unweigerlich den Tod gefunden.«
-
-Netti brach in heftiges Schluchzen aus.
-
-
- Vergangenes
-
-Die ersten Tage nach der Katastrophe blieb Netti in seinem Zimmer, und
-ich las in Sternis Augen einen fast mißgünstigen Ausdruck. Zweifellos
-ergab sich aus Lettas Tod eine Lehre, und Sternis mathematisch
-eingestelltes Gehirn konnte nicht umhin, einen Vergleich zwischen dem
-hohen Wert jenes Lebens zu ziehen, das geopfert, und jenes das bewahrt
-worden war. Menni blieb, wie immer, unverändert freundlich und gelassen,
-brachte mir sogar noch mehr Aufmerksamkeit und Fürsorge entgegen; seinem
-Beispiel folgten auch Enno und die übrigen.
-
-Ich lernte eifrig die Sprache der Marsbewohner; bei der ersten günstigen
-Gelegenheit wandte ich mich an Menni und bat ihn, mir irgendein Buch zu
-geben, das die Geschichte ihrer Menschheit behandle. Menni fand diesen
-Gedanken vortrefflich und brachte mir ein Werk, das die Marskinder in
-die allgemeine Weltgeschichte einführte.
-
-Ich begann mit Nettis Hilfe dieses Buch zu lesen und zu übersetzen. Der
-Geschmack, mit dem der unbekannte Verfasser die auf den ersten Blick
-abstrakt, allgemein und schematisch wirkenden Dinge zu beleben, zu
-konkretisieren und zu illustrieren verstanden hatte, versetzte mich in
-Erstaunen. Dieser Geschmack gestattete ihm, ein geometrisch aufgebautes
-System mit derart folgerichtigen Schlüssen für Kinder zu erörtern, wie
-dies bei keinem unserer populär schreibenden irdischen Verfasser
-gelungen wäre.
-
-Der erste Teil des Werkes hatte geradezu einen philosophischen Charakter
-und war der Idee des Weltalls als einheitliches Ganzes geweiht, das in
-sich alles einschließt und sich alles dienstbar macht. Dieser Teil
-erinnerte lebhaft an die Ausführungen jener Arbeiter-Denker, die auf
-naive und schlichte Art die erste proletarische Naturphilosophie
-schufen.
-
-Im folgenden Teil wandte sich die Ausführung jener unermeßlich fernen
-Zeit zu, da im Weltall noch keine uns bekannten Formen bestanden hatten,
-im gewaltigen Raum das Chaos und die Unbestimmtheit die Herrschaft
-geführt. Der Verfasser berichtete über die Abtrennung der ersten
-formlosen, unmerklich feinen Materie, die chemisch nicht festzustellen
-ist. Diese Abtrennung bewirkte die Entstehung der gigantischen
-Sternenwelt, die als Sternnebel erscheint und zu der auch die
-Milchstraße mit zwanzig Millionen Sonnen gehört, unter denen unsere
-Sonne eine der kleinsten ist.
-
-Weiterhin war die Rede von der Konzentrierung der Materie und dem
-Uebergang zu einer festeren Verbindung, die die Form chemischer Elemente
-annahm; zu diesen ersten formlosen Materien gehören auch die gasförmigen
-Sonnennebel, von denen wir mit Hilfe des Teleskops viele Tausend zu
-unterscheiden vermögen. Die Geschichte der Entwicklung dieser Nebel, die
-Herauskristallisierung der Sonnen und Planeten, ist bei uns nur in der
-Kant-Laplaceschen Entstehungstheorie zu finden, aber mit größerer
-Bestimmtheit und mehr Einzelheiten.
-
-»Sagen Sie mir, Menni«, fragte ich, »halten Sie es wirklich für richtig,
-den Kindern gleich zu Anfang diese allgemeinen, fast abstrakten Ideen zu
-vermitteln, diese farblosen Weltbilder zu zeigen, die der ihnen
-naheliegenden konkreten Umgebung so fern sind? Bedeutet dies nicht, das
-kindliche Gehirn mit leeren, fast nur wörtlichen Bildern füllen?«
-
-»Die Sache ist die«, erwiderte Menni, »daß bei uns der Unterricht
-niemals mit dem Buch beginnt. Das Kind schöpft seine Kenntnisse aus der
-lebendigen, von ihm beobachteten Natur, aus der lebendigen Verbindung
-mit anderen Menschen. Ehe es nach einem derartigen Buch greift, hat es
-bereits allerlei Reisen unternommen, verschiedene Bilder der Natur
-betrachtet, es kennt viele Pflanzen- und Tierarten, kennt das Teleskop,
-das Mikroskop, die Photographie, den Phonograph, hat von älteren Kindern
-und erwachsenen Freunden allerlei Erzählungen über Vergangenes und
-Fernes gehört. Das Buch erfüllt bloß die Aufgabe, all diese Kenntnisse
-zu verknüpfen und zu stärken, zufälliges Wissen zu vervollkommnen und
-den künftigen Bildungsweg zu weisen. Vor allem gilt es natürlich, ein
-genaues Wissen zu erzielen, das Kind vom Anfang bis zum Ende zu führen,
-auf daß es sich nicht in Einzelheiten verliere. Der vollkommene Mensch
-muß bereits im Kind geschaffen werden.«
-
-All dies erschien mir äußerst ungewohnt, doch wollte ich Menni nicht
-weiter befragen; ich werde ja unmittelbar die Bekanntschaft der
-Marskinder machen, sowie des dort herrschenden Erziehungssystems. Ich
-kehrte zu meinem Buch zurück.
-
-Der Gegenstand des folgenden Teils war die geologische Geschichte des
-Mars. Diese Ausführungen brachten trotz ihrer Kürze zahllose Vergleiche
-mit der Geschichte der Erde und der Venus. Bei einem bedeutenden
-Parallelismus aller drei ergab sich als wichtigster Unterschied, daß der
-Mars doppelt so alt wie die Erde und viermal so alt wie die Venus war.
-Es wurde in Zahlen die Entwicklung der Planeten angegeben, ich entsinne
-mich ihrer noch genau, doch will ich sie hier nicht anführen, um den
-irdischen Gelehrten eine Erschütterung zu ersparen, denn diese Zahlen
-wären für sie etwas äußerst Unerwartetes.
-
-Dieser Abhandlung folgte die Geschichte des Lebens von seinem Anbeginn.
-Es wurden hier geschildert jene ersten Verbindungen, die das Cyanradical
-enthielten und die noch keine lebendige Materie waren, obzwar sie viele
-ihrer Eigenheiten besaßen. Desgleichen wurden hier jene geologischen
-Bedingungen geschildert, unter denen sich die chemischen Verbindungen
-vollzogen. Die Ursachen wurden erklärt, vermittels derer sich die eine
-Materie im Gegensatz zu anderen, die zwar eine stärkere aber weniger
-schmiegsame Verbindung besaßen, bewahrte und anhäufte. Schritt für
-Schritt wurde hier die Entwicklung und Differenzierung dieser chemischen
-Ahnen jeglichen Lebens verfolgt, bis zur Bildung der ersten wahrhaft
-lebendigen Zelle, mit der die »Herrschaft der Einzeller« anhebt.
-
-Nun folgte das Bild der stufenweisen Entwicklung der lebendigen Wesen,
-ihrer allgemeinen Genealogie, vom Einzeller bis zu ihrer höchsten
-Entwicklung -- dem Menschen einerseits, sowie andrerseits zu seinen
-verschiedenen Abarten. Im Vergleich mit der »irdischen«
-Entwicklungslinie zeigte sich, daß auf dem Weg von der ersten Zelle bis
-zum Menschen die ersten Glieder der Kette fast gleich waren und auch bei
-den folgenden nur ein geringer Unterschied bemerkbar wurde; bei den
-mittleren Gliedern jedoch begann der Unterschied bedeutsam zu werden.
-Das erschien mir äußerst seltsam.
-
-»Diese Frage«, sagte Netti, »ist, so viel ich weiß, noch nicht zum
-Spezialstudium geworden. Wußten wir doch vor zwanzig Jahren noch nicht,
-wie die höchst entwickelten Erdentiere beschaffen seien. Wir waren
-äußerst erstaunt, als wir sahen, wie sehr sie unserem Typus gleichen.
-Anscheinend ist die mögliche Zahl der höchsten, das vollkommenste Leben
-ausdrückenden Typen eine geringe, und auf den dem unseren gleichenden
-Planeten vermag bei den gleichartigen Bedingungen der Natur dieses
-Maximum des Lebens bloß eine Form hervorzubringen.«
-
-»Außerdem«, bemerkte Menni, »ist der höchste Typus, der sich der
-Planeten bemächtigt hat, jener, der am stärksten der ganzen Summe der
-Lebensbedingungen Ausdruck verleiht, bei den Zwischenstufen hingegen,
-die sich nur einem Teil der Bedingungen anzupassen vermögen, bleibt mehr
-Raum für Verschiedenheit.«
-
-Ich entsann mich, daß mir bereits in meinen Studentenjahren der Gedanke
-an die mögliche Zahl der höchsten Typen durch den Kopf gegangen war,
-aber freilich aus einer ganz anderen Ursache: bei den Achtfüßlern, den
-Kopffüßlern des Meeres, besitzt die höchstentwickelte Art Augen, die
-denen unserer Wirbeltiere seltsam ähnlich sind. Und doch ist die
-Entwicklung des Auges bei den Kopffüßlern eine ganz andere, insofern,
-als die entsprechenden Gewebe des Sehapparates bei ihnen in
-entgegengesetzter Ordnung angebracht sind.
-
-Wie dem auch immer sei, eines stand fest: auf dem anderen Planeten
-lebten Menschen, die uns gleichen und es verlangte mich, mit ihrem Leben
-und ihrer Geschichte bekannt zu werden.
-
-Was die prähistorische Zeit und die ersten Phasen des menschlichen
-Lebens auf dem Mars anbelangte, so bestand zwischen diesen und denen der
-Erde eine ungeheure Aehnlichkeit. Die gleichen Stammesverhältnisse
-hatten geherrscht, einzelne Stämme hatten bestanden, die untereinander
-durch Tauschhandel verbunden gewesen waren. Nachher jedoch zeigte sich
-ein Auseinandergehen, nicht in der Richtung der Entwicklung, sondern in
-der Schnelligkeit und der Art ihres Charakters.
-
-Der Gang der Geschichte auf dem Mars war irgendwie glatter und
-einfacher, als der auf der Erde. Freilich gab es Kriege zwischen den
-Stämmen und Völkern, und es gab auch den Klassenkampf; doch spielten im
-historischen Leben die Kriege eine äußerst kleine Rolle und wurden
-verhältnismäßig früh aus der Welt geschafft; auch der Klassenkampf war
-geringer und weniger scharf, was die rohe Gewalt anbelangte. Dies ging
-selbstverständlich nicht alles aus dem Buch hervor, aber ich vermochte
-es dennoch zu erkennen.
-
-Die Sklaverei hatten die Marsbewohner überhaupt nie gekannt; ihre
-Feudalzeit war im geringen Maßstab militaristisch gewesen,
-ihr Kapitalismus befreite sich frühzeitig vom
-nationalistisch-imperialistischen Charakter, und es gab nichts, was
-unserer zeitgenössischen Armee entsprach.
-
-Die Erklärung für alle diese Tatsachen mußte ich selbst finden. Die
-Marsbewohner und selbst Menni begannen erst jetzt die Geschichte der
-Erdenmenschheit zu studieren, und es war ihnen noch nicht gelungen, aus
-unserer und ihrer Vergangenheit vergleichende Folgerungen zu ziehen.
-
-Ich entsann mich eines früheren Gespräches mit Menni. Als ich mich
-anschickte, die von meinen Reisegefährten benützte Sprache zu lernen,
-interessierte es mich zu erfahren, ob diese von allen Marssprachen die
-verbreitetste sei. Menni erklärte mir, sie sei die einzige auf dem Mars
-geredete Sprache.
-
-»Auch bei uns«, fügte Menni hinzu, »verstanden die Bewohner der
-verschiedenen Länder einander nicht, aber schon vor langer Zeit, etliche
-hundert Jahre vor dem sozialistischen Umsturz, wurden alle Dialekte zu
-einer einzigen Sprache verschmolzen. Dies vollzog sich auf freie,
-elementare Art -- niemand bemühte sich darum oder schenkte der
-Angelegenheit besondere Aufmerksamkeit. Etliche örtliche Sprachgebräuche
-erhielten sich noch längere Zeit, doch waren diese allen verständlich.
-Und die Entwicklung der Literatur fegte auch diese hinweg.«
-
-»Diese Tatsache vermag bloß auf eine Art erklärt zu werden«, meinte ich.
-»Offensichtlich ist auf Ihrem Planeten die Verbindung zwischen den
-Menschen weit besser, leichter und enger, als bei uns.«
-
-»Dies stimmt«, erwiderte Menni. »Auf dem Mars gibt es weder Euere
-ungeheuren Ozeane, noch Euere unübersteigbaren Berggipfel. Unsere Meere
-sind klein, trennen nirgends die einzelnen Landteile in selbständige
-Kontinente, unsere Berge sind nicht hoch, abgesehen von einigen Gipfeln.
-Die ganze Oberfläche unseres Planeten ist viermal kleiner, als die der
-Erde. Außerdem ist bei uns die Schwerkraft zweieinhalbmal geringer, als
-bei Euch; dank der Leichtigkeit unseres Körpers vermögen wir uns auch
-ohne besondere Mittel rasch und leicht zu bewegen, wir laufen ohne zu
-ermüden ebenso schnell wie Ihr zu Pferde weiterkommt. Die Natur hat
-zwischen unseren Völkern weit weniger Mauern und Scheidewände
-aufgerichtet, als bei Euch.«
-
-Dies war offensichtlich eine der Hauptursachen, die bei der
-Marsmenschheit die scharfe Trennung der Rassen und Nationen verhindert
-hatte, sowie das Emporkommen der Kriegerkaste, des Militarismus und des
-ganzen Systems des Massenmordens. Wahrscheinlich hatte auch hier der
-Kapitalismus mit seinen Widersprüchen zur Erschaffung all dieser, der
-höheren Kultur angehörenden Eigenheiten geführt, doch wurde die
-Entwicklung des Kapitalismus von der Nebenerscheinung begleitet, für die
-politische Vereinigung aller Völker und Nationen neue Bedingungen zu
-schaffen. Grund und Boden der Kleinbauern wurden frühzeitig vom
-Großgrundbesitz verschlungen, und bald darauf wurde der ganze Grund und
-Boden nationalisiert.
-
-Die Ursache hierfür lag in der stetig stärker werdenden Trockenheit des
-Bodens, gegen welche die Kleinbauern nicht erfolgreich zu kämpfen
-vermochten. Die Erde des Planeten verschlang das Wasser und gab es nicht
-wieder zurück. Dies war die Fortsetzung jenes elementaren Prozesses,
-vermittels dessen die einst auf dem Mars bestehenden Ozeane seichter
-geworden und sich in kleine Binnenmeere verwandelt hatten. Ein
-derartiger Prozeß geht auch auf unserer Erde vor sich, doch ist er noch
-nicht so weit gediehen; auf dem Mars hingegen, der doppelt so alt ist
-wie die Erde, wurde die Lage bereits vor tausend Jahren äußerst ernst.
-Die Verminderung der Meere führte zu einer Verminderung der Wolken und
-des Regens, zum Seichterwerden der Flüsse und zum Austrocknen der
-Quellen. An den meisten Orten mußte die künstliche Bewässerung
-eingeführt werden. Wie hätten sich unter diesen Bedingungen die
-unabhängigen Kleinbauern halten können?
-
-In dem einen Fall gingen sie einfach zugrunde und ihr Boden fiel in die
-Hände der benachbarten Großgrundbesitzer, die über genügend Kapital
-verfügten, um die künstliche Bewässerung durchführen zu können. Im
-anderen Fall schlossen sich die Bauern zusammen, vereinigten ihre Kräfte
-für das gemeinsame Werk. Doch gingen diesen Genossenschaften früher oder
-später die Mittel aus; anfangs dünkte sie dies ein vorübergehendes
-Uebel, sie machten bei den großen Kapitalisten die ersten Anleihen.
-Trotzdem ging es mit ihnen immer rascher bergab, die Prozente der
-Anleihe vergrößerten ihre Ausgaben, führten unweigerlich zu neuen
-Anleihen usw. Die bäuerlichen Genossenschaften unterlagen der
-wirtschaftlichen Macht ihrer Gläubiger und gingen zugrunde, rissen ihre
-Mitglieder, bisweilen hundert oder tausend Bauern, auf einmal mit sich.
-
-Derart gelangte die urbar gemachte Erde in den Besitz etlicher tausend
-großer Bodenkapitalisten; aber der innere Teil des Landes blieb eine
-Wüste; hierher gelangte kein Wasser, und die einzelnen Kapitalisten
-besaßen nicht genügend Mittel, um diese Landstriche zu bewässern. Als
-die Staatsgewalt, die damals schon völlig demokratisch war, sich
-gezwungen sah, diese Sache in die Hand zu nehmen, um das allzu zahlreich
-werdende Proletariat zu beschäftigen und der sterbenden Bauernschaft zu
-Hilfe zu kommen, verfügte selbst sie nicht über die zum Bau der
-gigantischen Kanäle nötigen Mittel. Kapitalistische Syndikate wollten
-die Sache übernehmen, -- doch war das ganze Volk dagegen, wohl wissend,
-das dies eine Stärkung der Syndikate und deren Herrschaft bedeuten
-würde. Nach langem Kampf und verzweifeltem Widerstand von seiten der
-Bodenkapitalisten wurde eine große progressive Einkommensteuer auf
-landwirtschaftliche Erzeugnisse eingeführt. Die durch diese Steuer
-erzielten Summen wurden zum Fonds der ungeheuren Arbeit: des Baues der
-Kanäle. Die Macht der Gutsbesitzer war gebrochen, und der Uebergang zur
-Nationalisierung von Grund und Boden vollzog sich rasch. Damit
-verschwanden auch die letzten Reste der Kleinbauern, da die Regierung im
-eigenen Interesse ausschließlich den Großkapitalisten Land überlassen
-hatte, so daß die landwirtschaftlichen Unternehmungen noch größer
-geworden waren als zuvor. Nun wurden die hauptsächlichsten Kanäle
-geschaffen, was zu einer mächtigen wirtschaftlichen Entwicklung führte
-und die politische Vereinigung der Menschheit näher brachte. Dies
-lesend, konnte ich nicht umhin, Menni meine Verwunderung darüber
-auszudrücken, daß Menschenhände vermocht hatten, solche riesenhaften
-Wasserwege zu erbauen, die selbst mit unseren mangelhaften Teleskopen
-von der Erde aus gesehen werden konnten.
-
-»Sie befinden sich in einem kleinen Irrtum«, erwiderte Menni. »Zwar sind
-diese Kanäle tatsächlich ungeheuer groß, aber sie müßten noch um etliche
-zehn Kilometer breiter sein, um von Eueren Astronomen unterschieden
-werden zu können. Was diese sehen, sind die gewaltigen Waldstreifen, die
-wir längs der Kanäle pflanzten, damit eine gleichmäßige Verdunstung der
-Feuchtigkeit erzielt und das allzurasche Austrocknen des Wassers
-verhindert werde.
-
-Die Zeit der Kanalbauten brachte einen ungeheueren wirtschaftlichen
-Aufschwung; die Industrie blühte und der Klassenkampf ebbte ab. Es gab
-eine große Nachfrage nach Arbeitskräften, die Arbeitslosigkeit
-verschwand völlig. Als jedoch das große Werk beendet war, und zusammen
-mit ihm auch die kapitalistische Kolonisierung der wüsten Gegenden, kam
-es bald zu einer wirtschaftlichen Krise, und die »soziale Welt« wurde
-durchschaut. Die soziale Revolution brach aus. Und abermals spielte sich
-alles verhältnismäßig friedlich ab; die Hauptwaffe der Arbeiter war der
-Streik, und nur in seltenen Fällen und an einigen Orten, fast
-ausschließlich in ländlichen Bezirken, kam es zu Aufständen. Schritt für
-Schritt unterlagen die Grundbesitzer dem Unvermeidlichen; selbst als die
-Regierungsgewalt schon in den Händen der Arbeiterpartei lag, versuchten
-die Sieger nicht, ihre Sache mit Gewalt zu fördern.
-
-Es gab, nachdem die Produktionsmittel sozialisiert worden waren, keine
-Entschädigung im wahren Sinne des Wortes, doch wurden die Kapitalisten
-pensioniert. Später spielten viele von ihnen bei der Organisation
-kooperativer Unternehmungen eine große Rolle. Zuerst fiel es schwer, der
-Schwierigkeit bei der Verteilung der Arbeit im Sinne der Arbeiter zu
-begegnen. Ungefähr hundert Jahre bestand für alle, ausgenommen die
-pensionierten Kapitalisten, die allgemeine Arbeitspflicht; zuerst der
-Sechsstundentag; später wurde die Arbeitszeit verkürzt. Der Fortschritt
-der Technik sowie die genaue Berechnung der freien Arbeit gestatteten,
-bei dieser die letzten Ueberreste des alten Systems auszumerzen.«
-
-Das ganze Bild war schön und harmonisch, nicht wie bei uns von Blut und
-Pulverrauch befleckt; ich empfand unwillkürlich ein Gefühl des Neides
-und sprach darüber mit Netti, da wir zusammen das Buch lasen.
-
-»Ich weiß nicht«, meinte der Jüngling, »mir scheint, daß Sie unrecht
-haben. Es ist wahr, daß auf der Erde die Gegensätze weit stärker sind,
-und daß die Natur der Erde weit freigebiger Schläge und Tod verteilt,
-als unser Mars. Doch ist dies vielleicht darauf zurückzuführen, daß der
-Reichtum der Erde von allem Anfang an unvergleichlich größer war, als
-der unsere; die bedeutend größere Sonne gibt ihr die lebendige Kraft.
-Bedenken Sie, um wie viele Millionen Jahre unser Planet älter ist, als
-der Euere; unsere Menschheit jedoch entstand bloß einige zehntausend
-Jahre vor der Eueren, und ist letzterer heute vielleicht nur um zwei,
-höchstens drei Jahrhunderte voraus. Ich stelle mir diese beiden
-Menschheiten als zwei Brüder vor. Der ältere besitzt einen ruhigen,
-gleichmäßigen Charakter, der Jüngere ist stürmisch und explosiv. Der
-jüngere Bruder versteht es schlechter, seine Kräfte zu verwerten,
-vergeudet sie, begeht mancherlei Fehler; seine Kindheit war voller
-Krankheiten und unruhig. Jetzt, da er ins Jünglingsalter kommt, leidet
-er unter qualvollen krampfartigen Anfällen. Wird er aber nicht zu einem
-schaffenden Künstler werden, der weit größer und stärker ist, als der
-ältere Bruder, wird er nicht dann unsere alte Natur weit schöner und
-reicher gestalten? Ich weiß es nicht, doch scheint mir, daß dem so sein
-wird.«
-
-
- Die Ankunft
-
-Geführt von Mennis klarem Kopf, setzte der Aetheroneff ohne weitere
-Unfälle den Weg nach dem fernen Ziel fort. Schon war es mir gelungen,
-mich den ungewohnten Lebensbedingungen anzupassen und auch mit den
-größten Schwierigkeiten der Marssprache fertig zu werden, als Menni uns
-eines Tages mitteilte, die Hälfte des Weges sei zurückgelegt, die
-höchste Geschwindigkeit erreicht worden, von nun an werde sich diese
-vermindern.
-
-Im gleichen Augenblick, da Menni diese Worte sprach, drehte sich rasch
-und gleitend der Aetheroneff. Die Erde, die sich schon seit langer Zeit
-aus einer großen, leuchtenden Sichel in eine kleine, und aus der kleinen
-Sichel in einen grünschimmernden, nahe der Sonnenscheibe schwebenden
-Stern verwandelt hatte, glitt nun aus dem unteren Teil des schwarzen
-Himmelsgewölbes in die obere Halbkugel, und der rote Stern, der Mars,
-der hell über uns gefunkelt hatte, sank zu unseren Füßen nieder.
-
-Noch einige hundert Stunden, und der Mars verwandelte sich in eine
-kleine helle Scheibe, und gar bald unterschieden wir auch zwei kleine
-Sternchen, seine Weggenossen, -- Deimos und Phobos, unschuldige, winzige
-Planeten, die ihre furchtbaren Namen wirklich nicht verdienten. Diese
-Namen bedeuten auf griechisch »Schrecken« und »Grauen«. Die ernsten
-Marsbewohner wurden lebhafter, begaben sich immer häufiger in Ennos
-Observatorium, um ihre Heimat zu betrachten. Auch ich tat dies, doch
-verstand ich, trotz Ennos geduldigen Erklärungen, gar schlecht, was ich
-vor mir sah; freilich gab es da viel, was mir völlig fremd war.
-
-Die roten Flecken erwiesen sich als Wälder und Wiesen, und die dunkleren
-als erntebereite Felder. Die Städte erschienen als bläuliche Flecken, --
-und einzig und allein Wasser und Schnee hatten eine mir verständliche
-Farbe. Der muntere Enno ließ mich bisweilen erraten, was es sei, das ich
-auf der Linse des Apparates erblickte, und meine naiven Irrtümer reizten
-ihn und Netti zum Lachen; ich rächte mich, indem ich über ihre Ordnung
-scherzte, ihren Planeten das Königreich der gelehrten Eulen und der
-verwirrten Farben nannte.
-
-Der Umfang der roten Scheibe wuchs immer mehr an. Schon übertraf sie an
-Größe die merklich kleiner werdende Sonnenscheibe und glich einer
-astronomischen Karte ohne Aufschriften. Auch die Schwerkraft begann sich
-zu steigern, was mich sehr angenehm berührte. Deimos und Phobos
-verwandelten sich aus leuchtenden Pünktchen in winzige, aber klar
-umrissene Scheiben.
-
-Noch fünfzehn bis zwanzig Stunden -- und schon umkreiste uns der Mars
-als Planiglob und ich vermochte mit freiem Auge mehr zu sehen, als auf
-allen astronomischen Karten unserer Gelehrten vermerkt ist. Die Scheibe
-des Deimos glitt über diese runde Landkarte dahin, Phobos jedoch war
-nicht zu sehen, -- befand sich nun auf der anderen Seite des Planeten.
-
-Freude herrschte ringsum, nur ich allein vermochte nicht eine zitternde,
-quälende Erwartung zu überwinden.
-
-Näher und näher ... Keiner von uns brachte es über sich, etwas zu tun,
--- alle blickten unentwegt abwärts, dorthin, wo eine andere Welt
-kreiste, -- eine Welt, die für sie die Heimat, für mich aber ein Ort des
-Geheimnisses und der Rätsel war. Nur Menni befand sich nicht unter uns,
-er stand im Maschinenraum: die letzten Wegstunden waren die
-allergefährlichsten, es galt, die Entfernung festzustellen und die
-Schnelligkeit zu regulieren.
-
-Wie kam es eigentlich, daß ich, ein unfreiwilliger Kolumbus dieser Welt,
-weder Freude, noch Stolz, ja nicht einmal Beruhigung fühlte, jetzt, da
-wir ans feste Land gelangen sollten?
-
-Künftige Ereignisse werfen ihre Schatten voraus ...
-
-Noch etwa zwei Stunden! Rasch überschritten wir die atmosphärische
-Grenze. Mein Herz begann schmerzhaft zu pochen, ich vermochte nichts
-mehr zu sehen, eilte in meine Stube. Netti folgte mir.
-
-Er begann mit mir zu plaudern, -- nicht über die Gegenwart, sondern über
-die Vergangenheit, die ferne Erde, die dort oben lag.
-
-»Sie werden noch dorthin zurückkehren, wenn Sie Ihre Aufgabe erfüllt
-haben«, sprach er, und seine Worte klangen mir wie eine zarte
-Aufforderung, mich mannhaft zu halten.
-
-Wir redeten über diese Aufgabe, über ihre unbedingte Notwendigkeit und
-Schwere. Unmerklich verging die Zeit.
-
-Netti blickte auf den Chronometer. »Wir sind angekommen«, sagte er.
-»Gehen wir zu ihnen!«
-
-Der Aetheroneff stand still, schaukelte die breiten ungeheueren
-Metallplatten; von außen drang frische Luft herein. Ueber unseren
-Häuptern leuchtete klar der grünlich blaue Himmel, -- eine Menschenschar
-umdrängte uns.
-
-Menni und Sterni gingen als erste an Land; sie trugen den durchsichtigen
-Sarg, in dem der tote Kamerad Letta lag.
-
-Ihnen folgten die anderen. Ich und Netti kamen als letzte; Hand in Hand
-verließen wir den Aetheroneff, schritten hinein in die Menschenmenge,
-die völlig Netti glich ...
-
-
- Zweiter Teil
-
-
- Bei Menni
-
-Die erste Zeit lebte ich bei Menni in der Fabrikstadt, deren Mittelpunkt
-und Basis das große chemische, sich tief unter der Erde erstreckende
-Laboratorium bildete. Der sich über der Erde befindende Teil der Stadt,
-der, zwischen Parken und Anlagen erbaut, etwa zehn Quadratkilometer
-einnahm, beherbergte etwa hundert Arbeiterhäuser, die von den
-Laboratoriumsarbeitern bewohnt wurden, sowie das große Versammlungshaus,
-das Konsumwarenhaus und die Verbindungsstation, die diese Stadt mit der
-ganzen umgrenzenden Welt verband. Hier war Menni der Leiter der Arbeit;
-er lebte in einem der Gemeinschaftsgebäude, nahe dem Abstieg zum
-Laboratorium.
-
-Das erste, was mich bei der Natur des Mars verblüffte und woran ich mich
-nicht recht gewöhnen konnte, war die rote Farbe der Pflanzen. Dieser
-Farbstoff, seiner Substanz nach dem Chlorophyll der irdischen Pflanzen
-äußerst ähnlich, spielte auch hier in der Natur eine völlig analoge
-Rolle: er schuf das Gewebe der Pflanzen aus dem Sauerstoff der Luft und
-der Kraft des Sonnenlichtes.
-
-Der vorsorgliche Netti schlug mir vor, Schutzbrillen zu tragen, um das
-Auge vor der ungewohnten Reizung zu bewahren. Ich weigerte mich, dies zu
-tun.
-
-»Diese Farbe trägt auch unsere sozialistische Fahne«, sagte ich. »Ich
-muß daher mit Ihrer sozialistischen Natur vertraut werden.«
-
-»Wenn dem so ist, so müssen Sie wissen«, warf Menni ein, »daß auch bei
-der Erdflora der Sozialismus besteht, freilich auf eine verborgene Art.
-Die Blätter der Erdpflanzen besitzen eine rote Färbung, maskieren diese
-bloß durch eine starke grüne Farbe. Es genügt, Brillen anzulegen, die
-das grüne Licht verschlingen und das rote Licht abstoßen, damit auch
-Ihre Wälder und Felder, gleich den unseren, rot erscheinen.«
-
-Ich darf nicht Zeit und Platz vergeuden, indem ich die eigenartigen
-Formen der Pflanzen und Tiere auf dem Mars beschreibe, noch die reine
-und durchsichtige Atmosphäre, die zwar äußerst dünn, aber dennoch voller
-Sauerstoff ist, noch den tiefen, dunklen, grünlichen Himmel, mit der
-mageren Sonne und den winzigen Monden, mit dem doppelt so hellen Abend-
-und Morgenstern -- der Venus und der Erde. Alldies, damals seltsam und
-fremdartig, deucht mich heute, durch die Erinnerung verklärt, schön und
-teuer. Aber es stand mit der Aufgabe meiner Sendung nur in losem
-Zusammenhang. Die Menschen, die Verhältnisse, in denen sie lebten, dies
-war für mich wichtig, und sie waren selbst in dieser märchenhaften
-Umgebung das Allerphantastischste, das Allerrätselhafteste.
-
-Menni wohnte in einem nicht sonderlich großen zweistöckigen Haus, das
-sich der Architektur nach nicht von den übrigen Gebäuden unterschied.
-Der originellste Zug dieser Architektur bestand in dem durchsichtigen,
-aus riesenhaften himmelblauen Platten gebildeten Dach. Unter diesem Dach
-befanden sich die Schlaf- und Wohnzimmer. Die Marsbewohner verbrachten
-ihre Mußestunden in dieser blauen Beleuchtung, schätzten deren
-beruhigenden Einfluß, und fanden die Farbe, die jenes Licht auf den
-Gesichtern hervorruft, keineswegs unangenehm, wie es bei uns der Fall
-gewesen wäre.
-
-Die Arbeitszimmer, das Hauslaboratorium, sowie der Verbindungsraum lagen
-im unteren Stockwerk; große Fenster ließen gewaltige Wogen des
-beunruhigenden roten Lichtes, das von den Blättern der Parkbäume
-ausging, in die Räume fluten. Dieses Licht, das in der ersten Zeit bei
-mir eine unruhige und verwirrte Stimmung hervorrief, erregte bei den
-Marsbewohnern eine gewohnte, der Arbeit günstige Erregung.
-
-In Mennis Arbeitszimmer befanden sich viele Bücher und die
-verschiedensten Schreibgeräte, angefangen vom einfachen Bleistift bis
-zum Druckphonographen. Dieser Apparat besaß einen äußerst komplizierten
-Mechanismus: jedes deutlich ausgesprochene Wort wurde sofort vermittels
-eines Hebels auf der Schreibmaschine wiedergegeben und von dieser, je
-nach Bedarf, auf die Setzmaschine gebracht.
-
-Auf Mennis Schreibtisch stand das Porträt eines mittelgroßen
-Marsbewohners. Die Gesichtszüge erinnerten lebhaft an Menni, doch
-eignete ihnen ein Ausdruck strenger Energie und kalter Entschlossenheit,
-ja fast der Grausamkeit, die Menni fehlte, dessen Gesicht nur einen
-ruhigen, festen Willen ausdrückte. Menni erzählte mir die Geschichte
-dieses Mannes.
-
-Er war ein Ahne Mennis, ein großer Ingenieur. Er lebte vor der sozialen
-Revolution, zur Zeit der großen Kanalbauten. Dieses grandiose Werk wurde
-nach seinen Plänen und unter seiner Leitung ausgeführt. Sein erster
-Gehilfe, der ihm den Ruhm und die Macht neidete, zettelte gegen ihn
-Intrigen an. Einer der Hauptkanäle, an dem einige hunderttausend
-Menschen arbeiteten, mußte in einer sumpfigen, ungesunden Gegend
-begonnen werden. Viele tausend Arbeiter starben und erkrankten,
-allgemeine Unzufriedenheit gärte. Zur gleichen Zeit, als der
-Oberingenieur mit der Zentralregierung des Mars Besprechungen pflog, um
-für die Familien der bei dem Bau verstorbenen Arbeiter und für jene, die
-durch Krankheit an weiterer Arbeit gehindert wurden, Pensionen
-durchzusetzen, agitierte der erste Gehilfe im Geheimen wider ihn, hetzte
-zum Streik für die Forderung, die Arbeit an einen anderen Ort zu
-verlegen, was bei dem jetzigen Stand der Arbeit unmöglich war, weil
-dadurch der ganze Plan des großen Werkes und des Ingenieurs zerstört
-worden wäre. Als der Ingenieur dies erfuhr, berief er den ersten
-Gehilfen zu sich, verlangte von ihm eine Aufklärung und tötete ihn auf
-der Stelle. Vor Gericht verschmähte der Ingenieur jegliche Verteidigung,
-beschränkte sich auf die Erklärung, daß er seine Handlung für völlig
-gerecht und notwendig halte. Er wurde zu vielen Jahren Gefängnis
-verurteilt.
-
-Doch stellte sich gar bald heraus, daß keiner seiner Nachfolger die
-Kraft besaß, die gigantische Organisation der Arbeit durchzuführen.
-Mißverständnisse entstanden, Raub und Betrug, gewaltige Verwirrung; der
-ganze Apparat des Werkes war nahe daran zugrunde zu gehen, die Ausgaben
-wuchsen in die Hunderte von Millionen, unter den Arbeitern gärte heftige
-Unzufriedenheit, die bereits fast zu Aufständen führte. Die
-Zentralregierung wandte sich in aller Eile an den früheren Ingenieur,
-bot ihm Begnadigung und Wiedereinsetzung ins Amt an. Er wies die
-Begnadigung zurück, willigte jedoch ein, vom Gefängnis aus die Arbeit zu
-leiten.
-
-Durch die Berichte seiner Revisoren wurden die Vorgänge an der
-Arbeitsstelle rasch aufgeklärt. Hundert Ingenieure und Unternehmer
-wurden fortgejagt und vor Gericht gestellt. Der Arbeitslohn wurde
-erhöht, ein neues System für die Lieferung der Nahrung, Kleidung und
-Werkzeuge eingeführt, der Arbeitsplan revidiert und verbessert. Bald war
-die Ordnung wieder völlig hergestellt, der gewaltige Apparat arbeitete
-rasch und genau, wie ein gehorsames Werkzeug in der Hand des Meisters.
-
-Aber dieser Meister leitete nicht bloß das ganze Werk, sondern arbeitete
-auch die Pläne für dessen Fortsetzung in den folgenden Jahren aus,
-bereitete gleichzeitig auch noch einen Stellvertreter vor, einen jungen,
-energischen, begabten, dem Arbeiterstand entstammenden Ingenieur. Da der
-Tag nahte, an dem er aus dem Gefängnis entlassen werden sollte, war
-alles so gut vorbereitet, daß der große Meister die Möglichkeit hatte,
-das Werk, ohne es zu gefährden, einer anderen Hand zu übergeben. Im
-Augenblick, als sich der erste Minister der Zentralregierung dem
-Gefängnis näherte, um den Gefangenen freizulassen, tötete dieser sich
-selbst.
-
-Während Menni mir dies erzählte, veränderte sich sein Gesicht auf
-seltsame Art; es erschien darauf der gleiche unbeugsam strenge Ausdruck,
-der seinem Ahnen eignete, und in diesem Augenblick glich er ihm. Ich
-fühlte, wie sehr er diesem Ahnen, der hundert Jahre vor seiner, Mennis,
-Geburt gestorben war, nahestand und wie gut er ihn begriff.
-
-Das Verbindungsbureau nahm den mittleren Raum des unteren Stockwerkes
-ein. Hier befanden sich die Telephone und die optischen Apparate, die
-auf jede beliebige Entfernung hin das Bild all dessen wiedergaben, was
-sich vor ihrer Linse befand. Einer dieser optischen Apparate verband
-Mennis Wohnung mit der Verbindungsstation, und über diese mit allen
-Städten des Planeten. Ein anderer stellte die Verbindung mit dem
-unterirdischen Laboratorium her, das von Menni geleitet wurde. Dieser
-letztere arbeitete unaufhörlich: etliche dünne, gitterartige Platten
-zeigten verkleinert das Bild eines hellerleuchteten Saals, wo sich
-mächtige Metallmaschinen und gläserne Apparate befanden, an denen
-Tausende von Leuten arbeiteten. Ich wandte mich an Menni mit der Bitte,
-mich in das Laboratorium zu führen.
-
-»Dies geht nicht«, erwiderte er. »Dort wird mit der noch nicht stabilen
-Materie gearbeitet, und wie gering auch immer, dank unserer
-Vorsichtsmaßregeln, die Gefahr einer Explosion oder einer Vergiftung
-durch unsichtbare Strahlen ist, so besteht trotzdem noch eine gewisse
-Gefahr. Sie dürfen sich dieser nicht aussetzen, denn Sie sind hier
-einzigartig, und Sie zu ersetzen wäre unmöglich.«
-
-In seinem Privatlaboratorium verwahrte Menni bloß jene Apparate und
-Materialien, die zu seinen früheren Experimenten und Untersuchungen in
-Beziehung standen.
-
-Im Korridor des untersten Stockwerkes war an der Decke ein Luftschiff
-befestigt, mit dem man in jedem Augenblick dorthin fliegen konnte, wohin
-es einem beliebte.
-
-»Wo lebt Netti?« fragte ich Menni.
-
-»In einer großen Stadt, auf zwei Luftschiffstunden entfernt. Dort
-befindet sich eine große Maschinenfabrik mit etlichen zehntausend
-Arbeitern, so daß Netti für seine Untersuchungen weit mehr Material
-besitzt, als hier. Wir haben einen anderen Arzt.«
-
-»Ist mir auch nicht gestattet, die Maschinenfabrik zu besuchen?«
-erkundigte ich mich.
-
-»Nein; dort droht ja keine besondere Gefahr. Wenn es Ihnen recht ist,
-werden wir uns morgen zusammen hinbegeben.«
-
-Wir beschlossen, dies zu tun.
-
-
- In der Fabrik
-
-Ungefähr fünfhundert Kilometer in zwei Stunden, -- die Schnelligkeit
-eines Falkenflugs, die bisher nicht einmal von unseren elektrischen
-Eisenbahnen erreicht worden ist ... Unter uns kreiste in raschem Wechsel
-die unbekannte, fremdartige Landschaft, und noch rascher flogen
-seltsame, mir fremde Vögel an uns vorbei. Das Sonnenlicht warf blaue
-Farben auf die Dächer der Häuser und färbte mit dem mir gewohnten gelben
-Licht die ungeheuere Kuppel eines unbekannten großen Gebäudes. Flüsse
-und Kanäle schimmerten als Stahlbänder, mein Auge ruhte auf ihnen, weil
-sie denen der Erde glichen. In der Ferne ward eine gewaltige Stadt
-sichtbar, umsäumt von kleinen Seen und durchschnitten von Kanälen. Das
-Luftschiff verlangsamte seine Fahrt und senkte sich gleitend zu einem
-kleinen schönen Haus nieder, Nettis Wohnung.
-
-Netti war daheim und begrüßte uns freudig. Er stieg in unser Luftschiff,
-und wir flogen weiter; die Fabrik befand sich noch etliche Kilometer
-entfernt, an dieser Seite des Sees.
-
-Fünf riesenhafte Gebäude, kreuzförmig gelegen, vereinigten sich zu einem
-einzigen Bau; Kuppeln aus reinem Glas wurden von etlichen zehn dunklen
-Säulen getragen, bildeten einen Kreis oder eine verlängerte Ellipse. Die
-Glasplatten waren abwechselnd durchsichtig oder matt, bildeten zwischen
-den Säulen die Wände. Wir machten am Mittelbau Halt, vor dem Tor, das
-den ganzen Raum zwischen zwei Säulen, zehn Meter breit und zwölf Meter
-hoch, einnahm. Die Decke des ersten Stockwerks durchschnitt horizontal
-den Mittelraum des Tores; etliche Schienenpaare mündeten beim Tor, zogen
-sich durch den äußeren Korridor.
-
-Wir glitten zur halben Höhe des Tores, und jählings stürzte sich das
-alles verschlingende Geräusch der Maschinen aus dem zweiten Stockwerk
-auf uns nieder. Uebrigens war dieses Stockwerk nicht im eigentlichen
-Sinne des Wortes ein eigenes, abgetrenntes Stockwerk; es war vielmehr
-ein Netz aus Luftbrücken, das über den gewaltigen, mir unbekannten
-Maschinen schwebte. Wenige Meter über den Maschinen befand sich ein
-ähnliches Netz, noch höher ein drittes, viertes, fünftes; diese Netze
-bestanden aus einem Glasparkett, das von vierkantigen Eisengittern
-eingefaßt war; alle waren durch Fallgatter und Stufen miteinander
-verbunden, und jedes Netz war kleiner, als das vorhergehende.
-
-Weder Dunst, noch Ruß, noch Gestank, noch Staub. In der reinen, frischen
-Luft arbeiteten die Maschinen kraftvoll und gleichmäßig, das Licht war
-nicht schmerzlich grell, doch drang es überall hin. Die Maschinen
-schnitten, sägten, hobelten ungeheuere Eisenstücke, Aluminium, Nickel,
-Kupfer. Hebel, stählernen Riesenhänden ähnlich, bewegten sich
-gleichmäßig und glatt, große Plattformen glitten mit sorgfältig
-berechneter Genauigkeit hin und her; die Räder und Transmissionsriemen
-schienen hingegen unbeweglich. Hier herrschte nicht die rohe Gewalt des
-Feuers und Dampfes; die feine und dabei weit mächtigere Kraft der
-Elektrizität war die Seele dieses unheimlichen Mechanismus.
-
-Sogar der Lärm der Maschinen schien, sobald man sich ein wenig daran
-gewöhnt hatte, schier melodisch, ausgenommen in jenen Augenblicken, da
-der gewaltige Hammer niederschlug, und von dem mächtigen Schlag alles
-ringsum erbebte.
-
-Hunderte von Arbeitern gingen gelassen durch den Raum; in dem
-Meeresrauschen der Maschinen waren ihre Schritte und Stimmen nicht
-vernehmbar. Auf ihren Zügen lag keine angespannte Sorge, sondern bloß
-ruhige Aufmerksamkeit; sie glichen wißbegierigen, gelehrsamen
-Betrachtern; es interessierte sie nur, zu sehen, wie die ungeheueren
-Metallstücke auf den unter der durchsichtigen Kuppel gelegenen
-Schienenplattformen in die eiserne Umarmung der dunklen Ungeheuer
-stürzten, wie die Ungeheuer diese mit ihren starken Kinnbacken
-zermalmten, mit den schweren, harten Tatzen festhielten, mit den
-scharfen, glänzenden Krallen durchbohrten und schließlich, im grausamen
-Spiel innehaltend, sie auf die andere Seite zu den dort befindlichen
-elektrischen Eisenbahnwaggons beförderten, als prächtige Maschinenteile,
-deren Bestimmung rätselhaft war. Es erschien völlig natürlich, daß die
-stählernen Ungeheuer die kleinen großäugigen Betrachter nicht anrührten,
-die so vertrauensvoll zwischen ihnen dahinschritten. Diese Tatsache
-entsprang der Geringschätzung ihrer Schwäche, der Erkenntnis, daß diese
-kleinen Geschöpfe eine allzu unbedeutende Beute seien, unwürdig der
-ungeheueren Kraft der Giganten. Unmerkbar und unsichtbar waren jene
-Fäden, die das zarte Menschenhirn mit dem unzerstörbaren Organ des
-Mechanismus verbanden.
-
-Als wir endlich den Bau verließen, fragte der uns führende Techniker, ob
-wir sofort die anderen Gebäude besichtigen, oder ob wir uns zur Erholung
-eine kleine Unterbrechung gönnen wollten? Ich war für eine
-Unterbrechung.
-
-»Ich sah nun die Maschinen und die Arbeiter«, sprach ich. »Die
-Organisation der Arbeit jedoch vermag ich mir nicht vorzustellen. Und
-gerade darüber möchte ich Sie befragen.«
-
-Statt einer Antwort führte uns der Techniker in einen kubisch gebauten,
-zwischen dem Mittel- und einem Eckgebäude gelegenen Bau. Aehnlicher
-Bauten gab es noch drei, die alle die analoge Lage hatten. Die schwarzen
-Mauern waren mit Reihen von glänzend weißen Zeichen bedeckt; dies waren
-die statistischen Arbeitstabellen. Auf der einen, mit Nummer eins
-bezeichneten, stand:
-
-»Der Maschinen-Betrieb verfügt über einen Ueberschuß von 968757
-täglichen Arbeitsstunden, davon 11325 Arbeitsstunden erfahrener
-Spezialisten.
-
-Die Fabrik weist einen Ueberschuß von 753 Stunden auf, davon 29 Stunden
-erfahrener Spezialisten.
-
-In den folgenden Zweigen herrscht kein Mangel an Arbeitskraft: in der
-Landwirtschaft, in den Bergwerken, bei den Erdarbeiten, in den
-chemischen Betrieben usw. (Die verschiedenen Arbeitszweige wurden in
-alphabetischer Reihenfolge aufgezählt.)«
-
-Auf der Tabelle, die die Nummer zwei trug, war zu lesen:
-
-»In den Konfektionsbetrieben ist ein Mangel von 392685 täglichen
-Arbeitsstunden, davon 21380 Arbeitsstunden erfahrener Mechaniker für
-Spezialmaschinen und 7852 Arbeitsstunden der Spezialisten für
-Organisation.«
-
-»Die Schuhfabriken benötigen 79360 Arbeitsstunden, davon ...« usw.
-
-»Das Institut für Rechnungswesen benötigt 3078 Arbeitsstunden ...«
-
-Der Inhalt der Tabellen Nummer drei und vier war ein ähnlicher. Auf den
-Listen der Arbeitszweige stand auch die Erziehung von kleinen, sowie von
-mittelgroßen Kindern, medizinische Hilfe für die Stadt, oder für
-Landbezirke usw.
-
-»Weshalb ist der Ueberschuß an Arbeitskraft nur in der Maschinenfabrik
-so genau angegeben, der Mangel an Arbeitskräften jedoch überall so
-ausführlich vermerkt?« fragte ich.
-
-»Das ist leicht zu erklären«, entgegnete Menni. »Vermittels dieser
-Tabellen wird die Verteilung der Arbeit vorgenommen. Dazu ist nötig, daß
-ein jeder zu sehen vermöge, wo die Arbeitskräfte nicht ausreichen, in
-welchem Maße sie fehlen. Dann vermag der Mensch, der für zwei
-Beschäftigungen die gleiche oder verhältnismäßig gleiche Neigung
-besitzt, jene der beiden Beschäftigungen zu wählen, bei der es an
-Arbeitskraft gebricht. Den genauen Ueberschuß an Arbeitskraft zu kennen,
-ist jedoch nur dort vonnöten, wo dieser Ueberschuß besteht. Auf diese
-Art kann jeder Arbeiter selbst die Berechnung und das Maß des
-Ueberschusses feststellen, sowie seine Neigung, die Beschäftigung zu
-wechseln.«
-
-Während wir so sprachen, bemerkte ich plötzlich, daß auf den Tabellen
-einige Zahlen verschwanden und durch andere, neue, ersetzt wurden. Ich
-fragte, was dies bedeute.
-
-»Die Zahlen ändern sich stündlich«, erklärte Menni. »Im Verlauf einer
-Stunde melden einige tausend Arbeiter ihren Wunsch, zu einer anderen
-Arbeit überzugehen. Dies wird vom zentralen statistischen Apparat
-vermerkt, und die Mitteilung wird auf elektrischem Wege stündlich
-weitergeleitet.«
-
-»Auf welche Art vermag der zentrale statistische Apparat die Zahlen des
-Ueberschusses und des Mangels festzustellen?«
-
-»Unser Institut für Rechnungswesen besitzt überall seine Agenturen;
-diese verfolgen genau die Bewegung in der Produktion, die Warenmengen
-der einzelnen Betriebe, die Zahl der dort schaffenden Arbeiter. Auf
-diesem Weg wird genau ersichtlich, wieviel Arbeitsstunden erforderlich
-sind. Das Institut berechnet, welcher Unterschied zwischen den
-tatsächlichen und den erforderlichen Arbeitsstunden in den einzelnen
-Betrieben besteht, und gibt dies überall bekannt. Die Flut der
-Freiwilligen verteilt sich auf gleichmäßige Art.«
-
-»Ist das Anrecht auf Produkte in keiner Weise eingeschränkt?«
-
-»Nein; jeder nimmt das, was er braucht, nimmt soviel, wie er will.«
-
-»Und wird niemals etwas unserem Gelde entsprechendes verlangt? Ein
-Beweis für die Menge der geleisteten Arbeit, oder der Verpflichtung,
-diese zu leisten?«
-
-»Keineswegs. Bei uns ist die Arbeit frei, es herrscht an nichts Mangel.
-Der erwachsene soziale Mensch fordert nur eines: Arbeit. Wir brauchen
-ihn weder auf verhüllte noch auf offene Art zur Arbeit zu zwingen.«
-
-»Wenn aber die Forderungen durch nichts begrenzt werden, ergibt sich
-daraus nicht die Möglichkeit scharfer Schwankungen, die alle
-Berechnungen des Instituts über den Haufen werfen?«
-
-»Selbstverständlich nicht. Der einzelne Mensch kann für einen oder zwei
-Menschen essen, ja auch die für drei Leute bestimmte Menge von
-Nahrungsmitteln verzehren, oder aber er kann in zehn Tagen zehn Anzüge
-tragen; bei einer Gesellschaft von dreitausend Millionen Menschen
-hingegen gibt es keine derartigen Schwankungen. Bei so großen Zahlen
-bedeuten die Schwankungen nach der einen oder anderen Seite hin nichts,
-verteilen sich gleichmäßig; der Durchschnitt verändert sich äußerst
-langsam, in strenger, gesetzmäßiger Kontinuität.«
-
-»Dann arbeitet also Ihre Statistik völlig automatisch, ist weiter
-nichts, als eine Berechnung?«
-
-»Das will ich nicht sagen. Es gibt dabei auch große Schwierigkeiten. Das
-Institut für Rechnungswesen muß scharfsichtig alle neuen Erfindungen
-verfolgen, sowie die durch diese im Betrieb hervorgerufenen
-Veränderungen, damit es diese richtig einzuschätzen vermag. Erscheint
-eine neue Maschine, so fordert dies nicht nur eine Veränderung der
-Arbeit in jenen Betrieben, wo sie benützt wird, sondern auch in den
-Maschinenfabriken, und bisweilen in den Betrieben für Rohmaterial bei
-ganz anderen Zweigen. Wird eine Erzgrube erschöpft, oder werden neue
-mineralische Reichtümer entdeckt, so bedeutet das abermals eine völlige
-Veränderung der Arbeit in einer ganzen Reihe von Betrieben, -- in den
-Bergwerken, dem Bau der Eisenbahnstrecken usw. All dies muß von allem
-Anfang an berechnet werden, wenn auch nicht ganz genau, so doch
-annähernd, und das ist keineswegs leicht, solange nicht die Daten von
-Augenzeugen erbracht werden können.«
-
-»Bei derartigen Schwierigkeiten«, bemerkte ich, »ist es offensichtlich
-nötig, stets über einen Vorrat an überschüssigen Arbeitskräften zu
-verfügen?«
-
-»Ja, gerade dies ist der Stützpunkt unseres Systems. Vor zweihundert
-Jahren, als die kollektive Arbeit nur gerade genügte, um die Forderungen
-der Gesellschaft zu befriedigen, war eine völlige Genauigkeit der
-Berechnung unentbehrlich, und die Verteilung der Arbeit konnte nicht
-ganz frei sein. Es gab Pflicht-Arbeitstage, und die Verteilung derselben
-fand nicht immer die Zustimmung unserer Genossen. Doch brachte jede
-Erfindung, wenngleich sie zuerst vorübergehende statistische
-Schwierigkeiten bedeutete, eine gewaltige Erleichterung der Aufgabe.
-Zuerst wurden die Arbeitstage gekürzt, dann, als sich allerorts ein
-Ueberschuß an Arbeitskraft zeigte, wurde die Verpflichtung zur Arbeit
-endgültig aufgehoben. Beobachten Sie, wie unbedeutend die Zahlen sind,
-die sich auf den Mangel an Arbeitsstunden beziehen: tausend, zehn-,
-hunderttausend Arbeitsstunden, nicht mehr, -- und dies bei Millionen und
-zehn Millionen von Arbeitsstunden, die in den Betrieben unnötig
-verbracht werden.«
-
-»Dennoch besteht ein Mangel an Arbeitsstunden«, warf ich ein. »Freilich
-dürfte er durch den darauffolgenden Ueberschuß gedeckt werden.«
-
-»Nicht bloß durch diesen Ueberschuß. Bei den lebenswichtigen Betrieben
-wird derart gearbeitet, daß die Grundziffern noch überboten werden. In
-den für die Gesellschaft wichtigsten Industriezweigen -- den Betrieben
-für Lebensmittel, Kleidung, Maschinen, Bauten -- erreicht dieses
-Ueberangebot die Höhe von 6 Prozent, bei den weniger wichtigen 1 bis 2
-Prozent. Auf diese Art drücken die den Mangel bezeichnenden Zahlen,
-allgemein gesprochen, nur den relativen, aber nicht den absoluten Mangel
-aus. Selbst wenn auf den Tabellen ein Mangel von zehn- und
-hunderttausend Arbeitsstunden vermerkt ist, so bedeutet dies noch nicht,
-daß die Gesellschaft unter einem wirklichen Mangel leidet.«
-
-»Wieviel Stunden werden täglich vom Einzelnen, zum Beispiel in dieser
-Fabrik, gearbeitet?«
-
-»Die meisten arbeiten zwei, anderthalb und zweieinhalb Stunden«,
-erwiderte der Techniker. »Doch gibt es auch welche, die länger oder
-kürzer arbeiten. Jener Genosse dort, der den großen Hammer handhabt,
-läßt sich derart von seiner Arbeit fortreißen, daß er niemandem
-gestattet, ihn abzulösen, ehe nicht die volle Arbeitszeit, sechs
-Stunden, vorüber ist.«
-
-Ich übertrug im Gedanken die Marszahlen auf irdische Zahlen: ihr Tag
-bestand, da ihre Stunden etwas länger waren aus zehn Stunden. Demzufolge
-war ein Arbeitstag von vier, fünf, sechs Stunden ungefähr unserem
-Arbeitstag von fünfzehn Stunden gleich, -- einer Arbeitszeit, die nur
-bei den ausbeuterischsten Unternehmen vorkam.
-
-»Ist es denn für den Genossen am großen Hammer nicht schädlich, so lange
-zu arbeiten?« fragte ich.
-
-»Bisher noch nicht«, entgegnete Netti. »Er wird sich diesen Luxus noch
-ein halbes Jahr lang gestatten können. Ich habe ihn selbstverständlich
-auf die Gefahren aufmerksam gemacht, die ihm von seiner Leidenschaft
-drohen. Eine derselben ist die Möglichkeit eines krampfartigen
-psychischen Anfalls, der ihn mit unwiderstehlicher Kraft unter den
-Hammer reißen würde. Im Vorfahr ereignete sich in dieser Fabrik ein
-derartiger Fall mit einem jungen Mechaniker, der ebenfalls die starken
-Empfindungen liebte. Dank eines glücklichen Zufalls gelang es, den
-Hammer aufzuhalten, und der unfreiwillige Selbstmord mißlang. Die Gier
-nach starken Empfindungen ist an und für sich noch keine Krankheit, doch
-kann sie sich leicht in eine verwandeln, falls das Nervensystem durch
-Erschöpfung, seelische Kämpfe oder eine zufällige Krankheit erschüttert
-ist. Selbstverständlich verliere ich niemals jene Genossen aus dem Auge,
-die sich hemmungslos der gleichen Arbeit hingeben.«
-
-»Sollte aber nicht jener Genosse, von dem die Rede ist, seine
-Arbeitszeit auch schon deshalb abkürzen, weil in der Maschinenfabrik ein
-Ueberschuß an Arbeitsstunden besteht?«
-
-»Selbstverständlich nicht«, lachte Menni. »Weshalb sollte gerade er das
-Gleichgewicht herstellen? Die Statistik verpflichtet keinen. Jeder nimmt
-sie zur Kenntnis, doch kann er sich nicht einzig und allein von ihr
-leiten lassen. Wenn es Sie danach verlangte, baldigst in dieser Fabrik
-zu arbeiten, so würden Sie höchstwahrscheinlich eine Anstellung finden,
-und die statistische Zahl des Ueberschusses würde sich auf ein bis zwei
-Stunden vergrößern. Der Einfluß der Statistik macht sich bei der
-_Massen_-Umstellung der Arbeit ununterbrochen bemerkbar, doch ist jeder
-Einzelne frei.«
-
-Wir hatten uns nun zur Genüge ausgeruht und gingen daran, die
-Besichtigung der Fabrik fortzusetzen. Nur Menni begab sich heim, denn er
-war ins Laboratorium gerufen worden.
-
-Am Abend beschloß ich, bei Netti zu bleiben; er versprach, mir am
-folgenden Tag das »Haus der Kinder« zu zeigen, wo seine Mutter eine der
-Erzieherinnen war.
-
-
- Das Haus der Kinder
-
-Das »Haus der Kinder« nahm den wichtigsten und schönsten Teil einer
-Stadt von fünfzehn- bis zwanzigtausend Einwohnern ein. Diese Einwohner
-bestanden freilich hauptsächlich aus Kindern und deren Erziehern. Es gab
-in allen größeren Städten auf dem Planeten derartige Anstalten, in
-vielen Fällen bildeten sie sogar selbständige Städte; bloß an kleineren
-Orten, wie etwa in Mennis »Chemischer Stadt«, fehlten sie bisweilen.
-
-Das große zweistöckige Haus mit dem üblichen blauen Dach lag in von
-Bächen durchzogenen Gärten; hier gab es auch Teiche, Spiel- und
-Turnplätze, Gemüsegärten, Blumen und nützliche Gräser, Häuschen für
-zahme Tiere und Vögel ... Eine Menge kleiner Ungeheuer spielten dort,
-man vermochte, dank der für Mädchen und Knaben gleichen Bekleidung,
-nicht zu unterscheiden, welchem Geschlecht sie angehörten ... Es war ja
-auch bei den erwachsenen Marsbewohnern schwierig, der Kleidung nach die
-Männer von den Frauen zu unterscheiden, -- die Grundzüge der Gewänder
-waren die gleichen, nur bei kleinen Einzelheiten bestand ein
-Unterschied: die engeren Gewänder der Männer paßten sich genauer an den
-Körper an, während bei den Frauen dieser mehr verhüllt wurde. Jedenfalls
-aber war die ältliche Person, die uns beim Verlassen der Gondel an der
-Tür eines der großen Häuser begrüßte, eine Frau, denn Netti umarmte sie
-und nannte sie »Mama«. Im weiteren Gespräch jedoch redete er sie, gleich
-den anderen Genossen, nur mit dem Namen: »Nella« an.
-
-Nella hatte bereits gewußt, daß wir kommen würden und führte uns sofort
-in das »Haus der Kinder«, zeigte uns alle Abteilungen, bei der von ihr
-geleiteten für die Allerkleinsten beginnend, bis zu jener, die für die
-ans Knaben- und Mädchenalter grenzenden Kinder bestimmt war. Unterwegs
-schlossen sich uns die kleinen Ungeheuer an, betrachteten mit ihren
-riesigen Augen den Menschen, der von einem anderen Planeten stammte; sie
-wußten genau, wer ich sei, und als wir die letzte Abteilung erreichten,
-begleitete uns bereits eine ganze Schar, wenngleich die meisten Kinder
-seit dem Morgen im Garten spielten.
-
-Im Haus der Kinder lebten etwa dreihundert Kinder verschiedenen Alters.
-Ich fragte Nella, weshalb die verschiedenaltrigen Kinder zusammen, und
-nicht in einzelnen Häusern untergebracht waren, was doch sicherlich die
-Arbeit der Erzieher erleichtern und vereinfachen würde.
-
-»Weil es auf diese Art keine wirkliche Erziehung geben könnte«,
-erwiderte Nella. »Um für die Gesellschaft erzogen zu werden, muß das
-Kind ein gesellschaftliches Leben führen. Jede lebendige Erfahrung,
-jedes lebendige Wissen verbindet die Kinder miteinander. Wollten wir das
-eine Alter vom anderen isolieren, so gäben wir den Kindern dadurch ein
-einseitiges und enges Milieu, in dem die Entwicklung der zukünftigen
-Menschen nur langsam, träge und einseitig vor sich ginge. Die
-verschiedenen Alter hingegen lassen der Aktivität weit mehr Spielraum.
-Die älteren Kinder sind unsere besten Gehilfen beim Erziehen der
-Kleinen. Doch bringen wir nicht nur deshalb absichtlich die Kinder der
-verschiedenen Altersstufen zusammen, sondern die Erzieher in jedem
-Kinderhaus bemühen sich auch, die verschiedenen Alter und verschiedenen
-praktischen Eigenheiten gleichsam zu sammeln.«
-
-»Dennoch sind in diesem Haus der Kinder die Kleinen dem Alter nach in
-den verschiedenen Abteilungen untergebracht«, warf ich ein. »Dies
-widerspricht Ihren Worten.«
-
-»Die Kinder begeben sich nur in die verschiedenen Abteilungen, um dort
-zu schlafen und zu speisen; hierbei muß man selbstverständlich die
-einzelnen Altersstufen trennen. Beim Spiel und der Beschäftigung jedoch
-gruppieren sich die Kinder, wie es ihnen beliebt. Auch wenn irgend
-welche belletristischen oder wissenschaftlichen Vorträge gehalten
-werden, finden sich unter den Zuhörern stets auch Kinder aus anderen
-Abteilungen ein. Die Kinder wählen sich selbst ihren Umgang, und lieben
-es, mit den andersaltrigen Kameraden, vor allem aber mit den Erwachsenen
-zu verkehren.«
-
-»Nella«, rief aus der Menge hervorspringend ein kleiner Junge. »Esta hat
-das Schiff, das ich selbst verfertigt, fortgenommen. Nimm es ihr wieder
-und gib es mir.«
-
-»Wo ist sie?« fragte Nella.
-
-»Sie lief zum Teich, um das Schiff auf dem Wasser schwimmen zu lassen«,
-erklärte das Kind.
-
-»Ich habe jetzt keine Zeit, um dorthin zu gehen; eines von den älteren
-Kindern soll mit dir gehen und Esta sagen, sie möge dich nicht kränken.
-Am besten aber wäre es, du gingest allein hin und hülfest ihr, das
-Schiff schwimmen zu lassen. Es ist gar nicht erstaunlich, daß ihr das
-Schiff gefällt, wenn du es schön gemacht hast.«
-
-Das Kind lief fort und Nella wandte sich an die Uebrigen.
-
-»Hört Kinder, es wäre gut, wenn Ihr uns allein ließet. Dem Fremden kann
-es nicht angenehm sein, von hundert Kinderaugen angestarrt zu werden.
-Stelle dir einmal vor, Elwi, daß dich eine ganze Schar Fremder
-anstarrte. Was tätest du?«
-
-»Ich liefe fort«, entgegnete tapfer das uns zunächst stehende Kind, an
-das sich Nella gewandt hatte. Und schon im gleichen Augenblick rannten
-alle Kinder lachend von dannen.
-
-»Da sehen Sie selbst, wie mächtig die Vergangenheit ist«, meinte
-lächelnd die Erzieherin. »Man könnte glauben, bei uns herrsche
-vollkommener Kommunismus, von dem die Kinder fast nie abweichen, --
-woher stammt das Gefühl des Privateigentums? Da kommt nun ein Kind und
-sagt »mein« Schiff, das »ich selbst« verfertigt habe. Und derartiges
-ereignet sich häufig, führt manchmal bis zu Prügeleien. Dagegen läßt
-sich nichts tun -- ein allgemeines Lebensgesetz lautet: die Entwicklung
-des Organismus gibt im verkleinerten Maßstab die Entwicklung des
-Aeußeren wieder, und die Entwicklung des Einzelnen wiederholt auf
-gleiche Art die Entwicklung der Gesellschaft. Der Selbstbestimmung der
-Kinder mittleren und reiferen Alters eignet in vielen Fällen dieser
-unklar individualistische Charakter. Und diese Färbung wird mit der
-Reife stärker. Nur bei der jüngsten Generation besiegt das
-sozialistische Milieu endgültig die Reste der Vergangenheit.«
-
-»Machen Sie die Kinder mit dieser Vergangenheit bekannt?« fragte ich.
-
-»Selbstverständlich. Sie lieben sehr die Gespräche und Erzählungen über
-vergangene Zeiten. Zuerst erscheinen diese ihnen als Märchen, als
-schöne, ein wenig seltsame Märchen von einer anderen Welt, die mit ihren
-aufregenden Bildern des Krieges und der Gewalt in den atavistischen
-Tiefen des Kinderinstinktes einen Widerhall finden. Die unbesieglichen
-lebendigen Ueberreste der Vergangenheit, die es in der eigenen Seele
-findet, ermöglichen dem Kinde genau den Zusammenhang der Zeiten zu
-erkennen, die Märchen und Bilder verwandeln sich in wahrhafte
-Weltgeschichte, -- in die lebendigen Glieder einer unzerreißbaren
-Kette.«
-
-Wir durchwanderten die Alleen eines weiten Gartens, begegneten von Zeit
-zu Zeit Kindergruppen, mit Spielen beschäftigt, Graben auswerfend, mit
-Werkzeugen arbeitend, in ernste Gespräche vertieft, oder lebhaft
-plaudernd. Alle wandten sich mir mit Aufmerksamkeit zu, doch folgte uns
-niemand; anscheinend waren sie bereits von den andern benachrichtigt
-worden. Die meisten Gruppen bestanden aus Kindern verschiedenen Alters;
-in vielen gab es auch ein bis zwei Erwachsene.
-
-»In diesem Hause sind viele Erzieher«, bemerkte ich.
-
-»Ja, besonders wenn wir, was nur gerecht ist, die größeren Kinder dazu
-rechnen. Wirkliche Erziehungsspezialisten gibt es hier nur drei; die
-übrigen Erwachsenen, die Sie sehen, sind zum großen Teil Väter und
-Mütter, die auf kurze Zeit bei ihren Kindern leben, oder junge Leute,
-die sich für den Erzieherberuf vorbereiten wollen.«
-
-»Wie, es ist den Eltern gestattet, hier mit ihren Kindern zu leben?«
-»Natürlich. Einige der Mütter leben etliche Jahre hier. Die meisten
-jedoch kommen von Zeit zu Zeit her, verbringen hier eine Woche, zwei
-Wochen, einen Monat. Die Väter leben selten hier. In unserem Haus gibt
-es sechzig Einzelzimmer für die Eltern, oder für jene Kinder, die den
-Wunsch nach Einsamkeit verspüren. Ich entsinne mich nicht, daß diese
-Zimmer je unbenützt blieben.«
-
-»Es kommt demnach auch vor, daß Kinder nicht in den allgemeinen Räumen
-leben?«
-
-»Ja; die älteren Kinder verlangt es häufig danach, abgesondert zu leben.
-Dies ist zum Teil ein Ueberrest jenes unbesieglichen Individualismus,
-von dem ich bereits sprach, zum Teil das bei Kindern häufige Verlangen,
-sich in die Studien zu vertiefen, der Wunsch, all das zu verbannen, was
-die Aufmerksamkeit ablenkt und zerstreut. Gibt es doch bei uns auch
-Erwachsene, die einsam zu leben wünschen, insbesondere jene, die sich
-mit wissenschaftlichen Forschungen, oder aber mit Kunst beschäftigen.«
-
-In diesem Augenblick sahen wir vor uns auf einer kleinen Wiese ein Kind,
--- es mochte sechs oder sieben Jahre zählen -- das, mit einem Stock in
-der Hand, ein Tier verfolgte. Wir beschleunigten unsere Schritte; das
-Kind beachtete uns nicht. Als wir an es herantraten, hatte es eben seine
-Beute erreicht -- diese schien eine Art großer Frosch zu sein. Das Kind
-schlug heftig auf die Pfote des Tieres los. Dann schleppte sich das Tier
-mit gebrochener Pfote langsam über den Rasen.
-
-»Weshalb tatest du dies, Aldo?« fragte Nella in aller Ruhe.
-
-»Ich konnte es nicht fangen, es lief immer fort«, erklärte der Knabe.
-
-»Weißt du auch, was du tatest? Du hast dem Frosch weh getan und ihm die
-Pfote gebrochen. Gib den Stock her, ich werde es dir erklären.«
-
-Das Kind gab Nella den Stock, und diese schlug ihm mit rascher Bewegung
-kräftig auf die Hand. Der Knabe schrie auf.
-
-»Tut es weh, Aldo?«, fragte die Erzieherin gelassen.
-
-»Sehr weh; böse Nella!«, entgegnete das Kind.
-
-»Ich verletzte dir nur leicht die Hand, du aber hast den Frosch noch
-viel stärker geschlagen. Hast ihm die Pfote gebrochen. Er hat nicht nur
-viel größere Schmerzen, als du, sondern kann auch nicht mehr laufen und
-springen, kann sich nicht mehr seine Nahrung suchen, wird vor Hunger
-sterben, oder von einem bösen Tier, dem er jetzt nicht entfliehen kann,
-verschlungen werden. Was denkst du darüber, Aldo?«
-
-Das Kind schwieg; in seinen Augen standen Tränen des Schmerzes, es hielt
-die verletzte Hand mit der anderen fest. Dann sagte es: »Man muß ihm die
-Pfote flicken.«
-
-»Das ist richtig«, erwiderte Netti. »Komm, ich werde dir zeigen, wie man
-es macht.«
-
-Sie begaben sich zu dem verwundeten Tier, das sich nur auf wenige
-Schritte hatte entfernen können. Netti nahm sein Taschentuch hervor,
-zerriß es in Streifen, gebot Aldo, einige dünne Zweiglein zu bringen.
-Mit dem tiefen Ernst echter Kinder, die einer äußerst wichtigen
-Beschäftigung obliegen, legten sie beide dem Frosch einen festen Verband
-an.
-
-Bald darauf schickten Netti und ich uns an, heimzukehren.
-
-»Ach ja«, erinnerte sich Nella. »Heute Abend können Sie bei uns Ihren
-alten Freund Enno antreffen. Er wird den älteren Kindern eine Vorlesung
-über den Planeten Venus halten.«
-
-»Wohnt er denn in dieser Stadt?« erkundigte ich mich.
-
-»Nein, das Observatorium, in dem er arbeitet, liegt auf drei Stunden von
-hier. Aber er liebt die Kinder sehr und vergißt auch mich, seine alte
-Erzieherin, nicht. Deshalb kommt er häufig her und erzählt den Kindern
-jedesmal etwas interessantes.«
-
-Am Abend fanden wir uns selbstverständlich zur festgesetzten Stunde
-abermals im »Hause der Kinder« ein. Alle Kinder, mit Ausnahme der
-allerkleinsten, hatten sich bereits versammelt; unter ihnen befanden
-sich auch einige Erwachsene. Enno begrüßte mich freudig.
-
-»Ich wählte Ihnen zuliebe dieses Thema«, meinte er scherzend. »Sie sind
-betrübt über die Rückständigkeit Ihres Planeten und die schlechten
-Sitten der dort lebenden Menschheit. Ich werde von einem Planeten
-erzählen, wo die höchsten Vertreter des Lebens -- Dinosaurier und
-fliegende Eidechsen sind, bei denen ärgere Sitten und Gebräuche
-herrschen, als bei Ihrer Bourgeoisie. Dort brennen Euere Steinkohlen
-nicht im Herde des Kapitalismus, sondern befinden sich noch im
-Pflanzenzustand, als gewaltige Wälder. Wollen wir uns dorthin begeben
-und zusammen auf die Ichthyosaurusjagd gehen? Diese Tiere stellen die
-dortigen Rothschilds und Rockefellers vor; freilich sind sie gemäßigter
-und gelinder als die Ihren, dafür aber besitzen sie weniger Kultur. Dort
-finden wir das Reich der ersten Kapitalsanhäufung in ihren Uranfängen,
-die im »Kapitalismus« Ihres Marx vergessen wurde ... Aber Nella runzelt
-schon die Stirne über mein leichtfertiges Geschwätz. Ich beginne
-sofort.«
-
-Mit hinreißender Beredsamkeit schilderte er den fernen Planeten mit den
-tiefen, sturmgepeitschten Ozeanen, den furchtbar hohen Bergen, der
-brennenden Sonne, den dichten, weißen Wolken, den schauerlichen Orkanen
-und Gewittern, den unförmigen Ungeheuern und der üppigen, riesenhaften
-Vegetation. Seine Erzählung illustrierte er durch die Vorführung
-lebendig wirkender Photographien, die auf der über die eine Wand des
-Saales gespannten Leinwand dahinzogen. Einzig und allein Ennos Stimme
-durchtönte die Dunkelheit; tiefes, aufmerksames Schweigen herrschte im
-ganzen Raum. Als er das Schicksal der ersten Reisenden in jener Welt
-schilderte und berichtete, wie einer derselben mit einer Handgranate
-eine Rieseneidechse tötete, spielte sich eine seltsame, von den meisten
-Zuhörern nicht bemerkte, kleine Szene ab. Aldo, der sich in Nellas Nähe
-hielt, brach plötzlich in leises Weinen aus.
-
-»Was fehlt dir?« fragte Nella, sich zu ihm niederbeugend.
-
-»Das Ungeheuer tut mir leid. Man hat ihm weh getan und dann mußte es
-sterben«, flüsterte der Knabe.
-
-Nella schlang den Arm um den Kleinen und versuchte ihn zu
-beschwichtigen, doch dauerte es lange Zeit, bis er sich beruhigte.
-
-Enno berichtete von den zahllosen einzigartigen Reichtümern dieses
-herrlichen Planeten, von den gewaltigen, viele Millionen Pferdekräfte
-besitzenden Wasserfällen, von den Edelmetallen, die sich auf den Gipfeln
-der Berge befinden, von den reichen Radiumlagern, die schon bei einer
-Tiefe von etlichen hundert Metern zutage gefördert werden könnten, von
-dem Vorrat an Energie für hunderttausend Jahre. Ich beherrschte die
-Sprache noch nicht genügend, um die ganze Schönheit des Vortrags zu
-empfinden, die Bilder aber fesselten meine Aufmerksamkeit im gleichen
-Maße, wie die der Kinder. Als Enno endete und der Saal erhellt ward,
-wurde mir schier ein wenig traurig zumute, wie mochten da wohl erst die
-Kinder das Ende des schönen Märchens bedauern.
-
-Als der Vortrag zu Ende war, begannen die Zuhörer Fragen zu stellen,
-ihre Bemerkungen zu machen. Die Fragen waren verschiedenartig, wie es ja
-auch die Zuhörer waren; sie betrafen die Genauigkeit der Photographien,
-die Mittel, die im Kampf gegen die Natur angewendet wurden. Es wurde
-auch die Frage aufgeworfen, wann sich auf der Venus von selbst Menschen
-entwickeln würden und wie deren Körper beschaffen sein werde?
-
-Die Bemerkungen waren meist naiv, häufig jedoch scharfsinnig; sie
-wandten sich vor allem gegen Ennos Behauptung, daß zu unserer Zeit die
-Venus für die Menschen ein äußerst nutzloser Planet sei und daß es kaum
-möglich sein würde, ihre gewaltigen Reichtümer bald auszubeuten. Gegen
-diese Ansichten lieferten die jungen Optimisten einen erbitterten Kampf,
-dem sich die meisten anschlossen. Enno bewies ihnen, daß die Sonnenglut
-und die feuchte Luft eine Unmenge Bazillen hervorbringe, die für die
-Menschen äußerst gefährlich seien, sie mit vielen Krankheiten bedrohten;
-dies erfuhren alle Reisenden auf der Venus am eigenen Leibe, sowie auch,
-daß die Orkane und gewaltigen Gewitter jegliche Arbeit erschwerten, das
-Leben der Menschen gefährdeten, und dergleichen mehr. Die Kinder jedoch
-fanden, es sei merkwürdig, sich von derartigen Hindernissen abschrecken
-zu lassen, wenn es um die Eroberung eines so herrlichen Planeten gehe.
-Zur Bekämpfung der Bakterien und Krankheiten müßte man so rasch wie
-möglich Tausende von Aerzten auf die Venus senden, und auch den Orkanen
-und Gewittern könnte Trotz geboten werden, indem man hunderttausend
-Bauarbeiter hinschickt, die überall dort, wo es nötig ist, hohe Mauern
-errichten und Blitzableiter anbringen. »Mögen neun, zehn und mehr
-Menschen umkommen!« rief ein entflammter zwölfjähriger Knabe. »Dort gibt
-es Dinge, um derentwillen es sich zu sterben lohnt, es kommt ja nur
-darauf an, den Sieg zu erringen.« Und seine glühenden Augen verrieten,
-daß er sich nicht weigern würde, zu jenen zehn Menschen zu gehören.
-
-Sanft und gelassen warf Enno diese Kartenhäuser über den Haufen; doch
-war ihm anzumerken, daß er in der Tiefe seiner Seele das gleiche
-empfinde wie die Kinder, und daß seine junge lodernde Phantasie
-entschlossene Pläne verberge, die zwar bedachter und ausgeklügelter
-waren, aber ebenso hartnäckig. Er selbst war noch nicht auf der Venus
-gewesen, und seine Begeisterung bewies klar, wie sehr ihn deren
-Schönheit und Gefahren anzogen.
-
-Als der Gedankenaustausch beendet war, verließ Enno mit mir und Netti
-den Saal. Er beschloß, noch einige Tage in dieser Stadt zu verweilen und
-schlug mir vor, am folgenden Tag das Kunstmuseum zu besichtigen. Netti
-würde beschäftigt sein; er war in eine andere Stadt zu einem großen
-Aerztekonsilium gerufen worden.
-
-
- Das Kunstmuseum
-
-»Ich hätte nie gedacht, daß auch bei Euch ein eigenes Museum für
-Kunstgegenstände existiere«, meinte ich, mit Enno dem Museum zustrebend.
-»Glaubte, daß Bildergalerien und Skulpturausstellungen eine Eigenheit
-des Kapitalismus mit seinem prunkhaften Luxus und grob zur Schau
-getragenen Reichtum seien. In der sozialistischen Gesellschaft erwartete
-ich die Kunst überall im Leben zu finden, als Schmuck dieses Lebens.«
-
-»Darin irren Sie auch nicht«, antwortete Enno. »Der größte Teil der
-Kunstgegenstände ist bei uns für die Gemeinschaftsgebäude bestimmt, für
-jene, wo wir unsere allgemeinen Angelegenheiten regeln, wo wir studieren
-und Forschungen anstellen oder der Ruhe pflegen. Fabriken und Betriebe
-werden weit weniger geschmückt, die Aesthetik der gewaltigen Maschinen
-und deren Bewegung ist an und für sich ein schöner Anblick, und es gibt
-nur wenig Kunstgegenstände, die völlig mit den Maschinen harmonieren, in
-deren Gegenwart nicht einen abgeschwächten, verminderten Eindruck
-machten. Am wenigsten aber schmücken wir unsere Häuser, wo wir uns ja
-auch äußerst selten aufhalten. Unser Kunstmuseum jedoch ist eine
-ästhetisch-wissenschaftliche Anstalt, eine Schule, in der man die
-Entwicklung der Kunst zu verfolgen vermag, oder, richtiger gesagt, die
-Entwicklung der Menschheit in ihrer künstlerischen Tätigkeit.«
-
-Das Museum befand sich auf einer kleinen Insel inmitten eines Sees,
-durch eine schmale Brücke mit dem Ufer verbunden. Das viereckige Gebäude
-war von einem Garten umgeben, in dem hohe Springbrunnen plätscherten und
-unzählige blaue, weiße, schwarze und gelbe Blumen prunkten; außen war es
-herrlich geschmückt, innen hell von Licht überflutet.
-
-Hier gab es wahrlich nicht jene unsinnige Anhäufung von Gemälden und
-Statuen wie in den großen Museen der Erde. Vor mir erläuterten einige
-hundert Abbildungen die Entwicklung der plastischen Kunst, angefangen
-von den groben, ersten Gegenständen der prähistorischen Zeit bis zu den
-technisch-idealen Erzeugnissen des letzten Jahrhunderts. Und vom Anfang
-bis zum Ende war überall der Stempel jener innerlichen Vollkommenheit
-fühlbar, die wir »Genie« nennen. Offensichtlich gehörte alles hier
-ausgestellte zu den besten Erzeugnissen jeder Epoche.
-
-Um die Schönheit einer anderen Welt klar zu erfassen, gilt es, deren
-Leben genau zu kennen, aber um anderen das Verständnis für diese
-Schönheit zu übermitteln, dazu muß man selbst deren teilhaftig sein.
-Deshalb vermag ich auch nicht zu _schildern_, was ich dort sah; ich
-vermag nur Andeutungen zu geben, kann bloß ausdrücken, was mich am
-meisten in Staunen versetzte.
-
-Das Hauptmotiv der Skulptur war bei den Marsbewohnern ebenso wie bei uns
-der schöne menschliche Körper. Die körperliche Beschaffenheit der
-Marsbewohner unterscheidet sich nur wenig von jener der Erdenmenschen,
-abgesehen von der Verschiedenheit der Augen, die zum Teil durch die
-Schädelformation bedingt ist, doch übersteigt auch diese Verschiedenheit
-nicht jene, die bei den einzelnen irdischen Rassen vorkommt. Ich kann
-diesen Unterschied nicht genau erklären, verstehe mich schlecht auf
-Anatomie; jedenfalls aber gewöhnte sich mein Auge bald an die
-Marsbewohner, sah in ihnen keineswegs Mißgeburten, sondern vielmehr
-etwas Originelles.
-
-Ich bemerkte, daß der männliche und weibliche Körperbau weit ähnlicher
-war, als bei den Erdenrassen; die Breite der Frauenschultern entsprach
-häufig der der Männer, und das gleiche galt von der Muskulatur. Dies
-zeigte sich besonders in den Abbildungen aus der letzten Zeit, der Zeit
-der freien menschlichen Entwicklung; bei den Werken aus der
-kapitalistischen Periode trat der Unterschied zwischen dem männlichen
-und weiblichen Körper weit stärker zutage. Anscheinend hatte die
-häusliche Sklaverei der Frau und das Schuften des Mannes die Körper nach
-verschiedenen Richtungen hin beeinflußt.
-
-Ich verlor auf keinen Augenblick die bald klare, bald verschwommene
-Erkenntnis, daß ich vor mir die Bilder einer fremden Welt sehe; sie
-trugen für mich den Stempel des Seltsamen, Gespenstischen. Sogar die
-herrlichen Frauenkörper dieser Statuen und Bilder erweckten in mir ein
-unverständliches Gefühl, das mit dem mir bekannten aesthetisch
-verliebten Entzücken nichts gemein hatte, sondern vielmehr den unklaren
-Ahnungen und Empfindungen glich, die mich vor langer Zeit, an der Grenze
-zwischen Kindheit und Jünglingsalter, heimgesucht hatten.
-
-Die Statuen der frühesten Epochen waren, wie dies auch bei uns der Fall
-ist, einfarbig. Die späteren jedoch besaßen die Farben der Natur. Dies
-wunderte mich keineswegs; ich fand stets, daß das Verwerfen der
-Wirklichkeit nicht ein unentbehrliches Element der Kunst sein könne, ja,
-daß es sogar unkünstlerisch wirke, insbesondere, wenn es die
-Mannigfaltigkeit der Wahrnehmung vermindert, wie dies bei einfarbigen
-Skulpturen der Fall zu sein pflegt. In solchen Fällen wird die
-künstlerische Idealisierung des konzentrierten Lebens gestört.
-
-Bei den Statuen und Bildern der alten Zeiten herrschte ebenso wie bei
-unseren antiken Kunstgegenständen große Ruhe und Gelassenheit vor; diese
-waren voller Harmonie, frei von jeglicher Anspannung. In den folgenden
-Uebergangsepochen zeigte sich ein anderer Charakter: Leidenschaft,
-Aufregung, bisweilen gemildert zu irren Träumen, Träumen erotischer oder
-religiöser Natur, mitunter den schmerzhaften Widerspruch zwischen
-seelischer und körperlicher Kraft scharf betonend. In der
-sozialistischen Epoche veränderte sich abermals der Grundcharakter: hier
-überwogen harmonische Bewegung, gelassen vertrauensvolle Entfaltung der
-Kräfte, fremd jeder schmerzlichen Vergewaltigung, ein freies Streben,
-eine lebendige Tätigkeit, das konzentrierte Bewußtsein der
-Einheitlichkeit des Körpers und der unbesieglichen Vernunft.
-
-Wenn die ideale Frauenschönheit der antiken Zeiten die Möglichkeit
-grenzenloser Liebe, die der Renaissance den Durst nach mystischer und
-gefühlicher Liebe ausdrückte, so verkörperte jene, die sich nun meinen
-Augen zeigte, die Liebe selbst in ihrem ganzen ruhigen und stolzen
-Selbstbewußtsein -- klar, leuchtend, alles besiegend ...
-
-Den späteren sowie den frühesten künstlerischen Schöpfungen eignete ein
-äußerst einfacher Charakter; sie behandelten ein einziges Motiv. Ihre
-Aufgabe bestand darin, ein kompliziertes menschliches Wesen
-wiederzugeben, dessen Leben reich und ausgefüllt war; deshalb wählten
-sie jenen Augenblick des Lebens, in dem sich irgend ein Gefühl oder ein
-Streben konzentriert hatte ... Bei den neuesten Künstlern schienen
-beliebte Themen: die Extase des schöpferischen Gedankens, die Extase der
-Liebe, die Extase des Naturgenusses, der ruhige freiwillige Tod --
-lauter Themen, die charakteristisch waren für eine große Rasse, eine
-Rasse, die intensiv und vollkommen zu leben und bewußt und würdig zu
-sterben verstand.
-
-Die Abteilung für Gemälde und Skulptur nahm die eine Hälfte des Museums
-ein; die andere war der Architektur gewidmet. Unter Architektur
-verstanden die Marsbewohner nicht nur die Aesthetik der Bauten und der
-großen technischen Konstruktionen, sondern auch die der Möbel, der
-Werkzeuge, der Maschinen, überhaupt die Aesthetik alles materiell
-Nützlichen. Welche gewaltige Rolle in ihrem Leben gerade diese Kunst
-spielte, ließ sich aus dem Reichtum und der Vollständigkeit dieser
-Sammlung ersehen. Von den ersten Höhlenwohnungen mit den primitiven
-Geräten bis zu den luxuriösen Gemeinschaftshäusern aus Glas und
-Aluminium, bis zu den gigantischen Fabriken mit den schauerlich schönen
-Maschinen, bis zu den gewaltigen Kanälen mit den mächtigen Ufern und
-Schwebebrücken -- war hier alles in der typischen Form dargestellt, in
-Bildern, Plänen, Modellen, besonders aber in großen Stereoskopen, die
-eine Illusion der Wirklichkeit gaben. Eine besondere Stelle nahm die
-Aesthetik der Gärten, der Felder und Parke ein; und wie ungewohnt auch
-immer mir die Natur dieses Planeten war, so vermochte ich dennoch die
-Schönheit der Blumen- und Formenkombinationen zu erkennen, die das
-Kollektivgenie dieses großäugigen Volkes der Natur verliehen hatte.
-
-In den Uebergangsepochen kam es, wie auch bei uns, häufig vor, daß die
-Pracht die Nützlichkeit beeinträchtigte, der äußere Schmuck hinderlich
-für die Dauerhaftigkeit wurde; die Kunst vergewaltigte die Gegenstände.
-Hier jedoch, in den Erzeugnissen der neuen Epoche, schauten meine Augen
-nichts derartiges, weder bei den Möbeln, noch bei den Geräten oder
-Konstruktionen. Ich fragte Enno, ob die zeitgenössische Architektur
-jemals die Neigung zeige, um der Schönheit willen die praktische
-Vollkommenheit zu vernachlässigen.
-
-»Niemals«, entgegnete er. »Diese wäre eine falsche Schönheit, wäre etwas
-Gekünsteltes, aber keine Kunst.«
-
-Bis zur sozialistischen Zeit ward das Andenken der großen Männer durch
-Denkmäler geehrt; jetzt jedoch wurden Denkmäler nur mehr zur Erinnerung
-an große Ereignisse errichtet: wie etwa der erste Versuch, die Erde zu
-erreichen, der mit dem Tode aller Mitglieder der Expedition endete, oder
-aber die völlige Ausrottung einer tödlichen Infektionskrankheit, oder
-die Entdeckung und Synthese der Spaltung aller chemischen Elemente. Im
-Stereogramm sah man zusammen mit den Denkmälern Grabmäler und Kirchen.
-(Früher hatte es bei den Marsbewohnern auch eine Religion gegeben.)
-Eines der letzten Denkmäler großer Männer war das jenes Ingenieurs, von
-dem mir Menni erzählt hatte. Es war dem Künstler trefflich gelungen, die
-ganze Seelenstärke dieses Mannes wiederzugeben, der die Armee der Arbeit
-siegreich in den Kampf wider die Natur geführt und stolz das feige
-Urteil der Sitten über seine Tat zurückgewiesen hatte. Als ich in
-unwillkürlicher Versonnenheit vor dem Panorama dieses Denkmals
-verweilte, sprach Enno leise einige Verse, in denen der seelischen
-Verfassung des Helden Ausdruck verliehen wurde.
-
-»Von wem sind diese Verse?« fragte ich.
-
-»Von mir«, erwiderte Enno. »Ich schrieb sie für Menni.«
-
-Ich vermochte nicht völlig die innere Schönheit dieser mir noch immer
-fremden Sprache zu beurteilen, aber die Gedanken waren zweifellos klar,
-der Reim war stark, der Rhythmus klingend und mächtig. Dies lenkte meine
-Gedanken in eine neue Richtung.
-
-»Euere Dichtung hat also noch strenge Reime und Rhythmus?«
-
-»Selbstverständlich«, entgegnete Enno erstaunt. »Finden Sie das etwa
-nicht schön?«
-
-»Doch«, erklärte ich, »bei uns hingegen war die Ansicht verbreitet, daß
-diese Form dem Geschmack der herrschenden Klassen unserer Gesellschaft
-entspringe, der Ausdruck ihrer Laune und ihrer Leidenschaft für
-Begrenztes sei, eine Fessel für die freie künstlerische Rede bedeute.
-Wir glaubten, die Poesie der Zukunft, die Dichtung der sozialistischen
-Epoche werde diese engen Gesetze abschütteln und vergessen.«
-
-»Das ist völlig falsch«, meinte Enno. »Die reinen Reime erscheinen uns
-schön, aber keineswegs aus Leidenschaft für das Begrenzte, sondern weil
-sie zutiefst mit dem rhythmischen Prozeß unseres Lebens und unseres
-Bewußtseins harmonieren. Und der Rhythmus, der das Vielförmige zu einem
-einzigen Schlußakkord vereint, hat nicht auch er seinen tiefgründigen
-Ursprung in der lebendigen Verbindung der Menschen, die das Mannigfache
-des Aeußern mit der Lust der einheitlichen Liebe krönt? Der Arbeit mit
-dem einheitlichen Ziel, der Einheitlichkeit der Stimmung in der Kunst?
-Ohne Reim und Rhythmus gibt es überhaupt keine künstlerische Form. Wo
-der Rhythmus der Töne fehlt, muß er durch den umso strengeren Rhythmus
-der Bilder oder Ideen ersetzt werden ... Und wenn Reim und Rhythmus
-tatsächlich feudalen Ursprungs sind, so läßt sich dies ja auch von
-vielen anderen guten und schönen Dingen sagen.«
-
-»Aber der Reim an und für sich beschränkt und erschwert den poetischen
-Ausdruck der Idee.«
-
-»Was hat das zu bedeuten? Diese Begrenzung entspringt dem vom Künstler
-frei gewählten Ziel. Sie erschwert nicht nur, sondern vervollkommnet
-auch den Ausdruck der dichterischen Idee, verfolgt ausschließlich diesen
-Zweck. Je komplizierter das Ziel, desto schwerer der dazu führende Weg
-und desto größer der Zwang, den sich der Künstler auferlegen muß. Wenn
-Sie einen schönen Bau errichten wollen, wie viel richtiger Technik und
-Harmonie bedürfen Sie dabei, das heißt: wie viel »Zwang« müssen Sie sich
-auferlegen! Bei der Wahl des Zieles sind Sie frei. Dies ist die einzige
-menschliche Freiheit. Wenn Sie aber nach dem Ziel verlangen, so
-verlangen Sie gleichzeitig auch nach den Mitteln, durch die es zu
-erreichen ist.«
-
-Wir schlenderten in den Garten hinaus, um uns von den zahlreichen
-Eindrücken zu erholen. Der Abend war bereits niedergesunken, ein klarer
-milder Frühlingsabend. Die Blumen zogen Kelche und Blätter ein, um sie
-für die Nacht zu schließen; dies war eine Eigenheit der Marspflanzen,
-verursacht von den kalten Nächten. Ich wandte mich abermals an meinen
-Gefährten:
-
-»Sagen Sie mir, welche Art der Belletristik ist heutzutage bei Ihnen die
-vorherrschende?«
-
-»Im Drama die Tragödie, in der Dichtung die Naturschilderung«,
-antwortete Enno.
-
-»Was ist der Inhalt der Tragödien? Wo finden Sie bei Ihrem glücklichen
-friedlichen Dasein den Stoff für Tragödien?«
-
-»Glücklich? Friedlich? Woher nehmen Sie das? Es ist ja wahr, daß bei uns
-zwischen den Menschen Frieden herrscht, aber keineswegs herrscht Frieden
-zwischen uns und den Kräften der Natur, das wäre ja auch unmöglich.
-Diese ist ein Feind, bei dem selbst jeder Sieg eine neue drohende Gefahr
-bedeutet. In der letzten Epoche der Geschichte haben wir die Ausbeutung
-unseres Planeten um das zehnfache erhöht, unsere Bevölkerung wächst an
-und noch weit mehr steigern sich unsere Bedürfnisse. Schon mehr als
-einmal bedrohte uns auf dem einen oder anderen Arbeitsfeld die
-Erschöpfung der Naturkräfte und Mittel. Bis heute gelang es uns noch
-immer, diese Gefahr zu besiegen, ohne zu der hassenswerten Verkürzung
-des Lebens greifen zu müssen, der Verkürzung des Lebens bei uns selbst
-und unseren Nachkommen. Aber gerade jetzt nimmt der Kampf abermals einen
-besonders ernsthaften Charakter an.«
-
-»Ich hätte niemals gedacht, daß bei Ihrer technischen und
-wissenschaftlichen Vollkommenheit eine derartige Gefahr bestehen könnte.
-Sie sagten, dies habe sich auf dem Mars bereits ereignet?«
-
-»Ja, vor siebzig Jahren; als unsere Steinkohlenvorräte versiegten und
-der Uebergang zur Wasser- und Elektrizitätskraft noch lange nicht
-bewerkstelligt war; damals mußten wir, um die gewaltigen Maschinen
-herstellen zu können, einen bedeutenden Teil unserer Wälder abholzen,
-was auf Jahre hinaus unseren Planeten verunstaltete und das Klima
-verschlechtert hat. Als dann diese Krise überwunden war, zeigte es sich,
-vor etwa zwanzig Jahren, daß die Eisenerzlager erschöpft waren. Nun galt
-es, in aller Eile die richtige dauerhafte Legierung des Aluminiums
-herzustellen, und ein großer Teil unserer technischen Kraft wurde auf
-die elektrische Gewinnung des Aluminiums aus der Erde verwandt. Heute,
-da sich, wie auch aus der Statistik ersichtlich ist, die Bevölkerung
-äußerst rasch vermehrt, wissen wir bereits, daß uns in dreißig Jahren
-ein furchtbarer Mangel an Lebensmitteln bedrohen wird, falls es uns bis
-dorthin nicht gelingen sollte, die Synthese des Eiweiß aus den Elementen
-zu entdecken.«
-
-»Aber die anderen Planeten«, warf ich ein, »könnten Sie nicht auf denen
-das Fehlende finden?«
-
-»Wo? Die Venus ist anscheinend noch unzugänglich. Und die Erde? Die
-besitzt ihre eigene Menschheit, und es ist bis heute noch nicht klar
-ersichtlich, inwieweit wir deren Kräfte ausnützen können. Jede Fahrt
-nach der Erde verschlingt große Vorräte an radiumausstrahlenden Stoffen;
-dies weiß ich von Menni, der mir unlängst über seine letzte Expedition
-berichtete, und unser Vorrat an diesen Stoffen ist ziemlich gering.
-Nein, die sich uns überall entgegenstellenden Schwierigkeiten sind
-keineswegs zu unterschätzen, und je enger sich unsere Menschheit im
-Kampfe gegen die Natur zusammenschließt, desto enger schließen sich auch
-die Elemente zusammen.«
-
-»Aber es würde doch genügen, die Vermehrung zu beschränken?«
-
-»Die Vermehrung beschränken! Das bedeutete den Sieg der Natur. Bedeutete
-den Verzicht auf das unbegrenzte Anwachsen des Lebens, bedeutete das
-Stehenbleiben auf der gleichen Stufe. Wir siegen, weil wir in gewaltigen
-Massen gegen die Natur vorgehen. Wenn wir aber auf das Anwachsen unseres
-Heeres verzichten, dann sind wir von allen Seiten durch die
-Elementargewalten belagert. Dann würde auch der Glaube an unsere
-Kollektivkraft geschwächt werden, an unser großes Gemeinschaftsleben.
-Und zusammen mit diesem Glauben ginge auch für jeden Einzelnen der Sinn
-des Lebens verloren, weil ja doch in jedem von uns die kleine Zelle des
-großen Organismus lebt, vollständig lebt, und jeder wieder in dieser
-Zelle sein Dasein hat. Nein, eine Beschränkung der Vermehrung, -- das
-wäre das allerletzte, wozu wir uns entschließen könnten, und wenn dies
-gegen unseren Willen geschähe, so würde es den Anfang vom Ende
-bedeuten.«
-
-»Nun begreife ich, daß auch bei Ihnen stets Tragödienstoffe vorhanden
-sind, zumindest als drohende Möglichkeit. Solange jedoch der Sieg noch
-auf Seiten der Menschheit ist, sieht sich der Einzelne zur Genüge vor
-dieser Tragödie der Gemeinschaft bewahrt; ja selbst wenn die Gefahr in
-unmittelbare Nähe rückt, so verteilen sich die gigantische Anstrengung
-und die Leiden des Kampfes so gleichmäßig unter den zahllosen
-Einzelwesen, daß deren ruhiges Glück kaum gestört werden kann. Und zu
-diesem Glück fehlt anscheinend bei Ihnen nichts.«
-
-»Ruhiges Glück! Ist es denn möglich, daß der Einzelne nicht zutiefst die
-Erschütterung eines ganzen Lebens, in dem sein Anfang und sein Ende
-liegt, empfinde? Und zeigen sich nicht auch die tiefen Widersprüche des
-Lebens in der Begrenztheit des Einzelwesens verglichen mit dessen Ziel,
-in seiner Ohnmacht, mit diesem Ziel zu verschmelzen, es völlig mit
-seinem Bewußtsein zu umfassen und sein Bewußtsein selbst aus dem Ziel zu
-schöpfen? Begreifen Sie diese Widersprüche nicht? Das kommt daher, weil
-sie in Euerer Welt von anderen, näherliegenden und gröberen Dingen
-verdunkelt werden. Der Kampf der Klassen, der Gruppen, der Einzelwesen
-raubt Euch die Idee des Zieles, und zugleich damit das Glück sowie das
-Leid, die darin enthalten sind. Ich sah Ihre Welt; und ich vermag auch
-nicht den zehnten Teil des Wahnsinns zu erfassen, in dem Ihre Brüder
-leben. Eben deshalb vermag ich nicht zu beurteilen, wer von uns dem
-ruhigen Glück näher ist: je stärker und harmonischer das Leben, desto
-quälender und unvermeidlicher wirken die Dissonanzen.«
-
-»Sagen Sie, Enno, sind Sie zum Beispiel nicht glücklich? Sie besitzen
-Jugend, Wissen, Poesie und sicher auch Liebe ... Was können Sie Schweres
-erfahren haben, daß Sie so glühend von der Tragödie des Lebens
-sprechen?«
-
-»Das ist prächtig«, lachte Enno, und sein Lachen klang seltsam. »Sie
-wissen nicht, daß der heitere Enno bereits einmal zu sterben beschlossen
-hatte. Und wenn Menni nur einen einzigen Tag später sechs Worte
-geschrieben hätte, in denen unsäglich viel lag: »Wollen Sie auf die Erde
-mitkommen?« so würde Ihnen Ihr heiterer Reisegefährte gefehlt haben.
-Doch kann ich Ihnen augenblicklich nichts Näheres verraten. Sie werden
-ja selbst sehen, daß, wenn es bei uns ein Glück gibt, dieses keineswegs
-das friedliche und ruhige Glück ist, von dem Sie sprechen.«
-
-Ich konnte mich nicht entschließen, weitere Fragen zu stellen. Aber ich
-konnte auch nicht länger systematisch die Kunstsammlung besichtigen.
-Meine Aufmerksamkeit war abgelenkt, meine Gedanken schweiften umher. In
-der Abteilung für Skulptur verharrte ich vor einer der neuesten Statuen,
-die einen schönen Jüngling darstellte. Seine Gesichtszüge erinnerten an
-Netti; mich erschütterte das Talent, mit dem der Künstler in dem
-leblosen Stoff, in unvollendeten Zügen, in den glühenden Augen des
-Knaben die Geburt des Genies wiedergegeben hatte. Lange verweilte ich
-reglos vor dieser Statue, und die ganze Umgebung entschwand meinem
-Bewußtsein; Ennos Stimme durchbrach meine Gedanken:
-
-»Das seid Ihr«, sprach er, auf den Jüngling weisend. »Dies ist Ihre
-Welt. Sie wird eine wundervolle Welt sein; heute befindet sie sich noch
-in ihrer Kindheit, beachten Sie, was für dunkle Träume, was für bebende
-Bilder noch ihr Bewußtsein erregen ... Noch liegt sie im Halbschlaf,
-doch wird sie erwachen; ich fühle es, glaube zutiefst daran!«
-
-In das freudige Gefühl, das diese Worte in mir erweckten, mischte sich
-ein seltsames Bedauern:
-
-»Weshalb war es nicht Netti, der diese Worte sprach?«
-
-
- Im Krankenhaus
-
-Ich kehrte äußerst ermüdet heim; nach zwei schlaflosen Nächten und einem
-qualvollen Tag, da ich zu keiner Arbeit fähig war, beschloß ich, mich an
-Netti zu wenden. Ich wollte den mir unbekannten Arzt der chemischen
-Stadt nicht zu Rate ziehen. Netti arbeitete seit dem Morgen im
-Krankenhaus, dort fand ich ihn in der Vorhalle, mit der Aufnahme der
-eben eingetroffenen Kranken beschäftigt.
-
-Als Netti mich im Vorraum erblickte, eilte er sofort auf mich zu,
-betrachtete aufmerksam mein Gesicht, nahm mich bei der Hand und führte
-mich in ein kleines Zimmer. Hier herrschte weiches blaues Licht, ein
-leichter angenehmer, mir unbekannter Duft erfüllte den Raum, dessen
-Stille durch nichts gestört wurde. Netti drückte mich in einen bequemen
-Lehnstuhl und sprach:
-
-»Denken Sie an nichts, machen Sie sich über nichts Sorgen. Für heute
-nehme ich alles auf mich. Rasten Sie; später komme ich wieder.«
-
-Er verließ das Zimmer, und ich dachte an nichts, machte mir über nichts
-Sorgen, als habe er tatsächlich alle meine Gedanken und Sorgen auf sich
-genommen. Dies war äußerst angenehm, und nach wenigen Minuten schlief
-ich ein. Als ich erwachte, stand Netti vor mir, blickte mich lächelnd
-an.
-
-»Fühlen Sie sich besser?« fragte er.
-
-»Ich bin vollkommen gesund, Sie aber sind ein genialer Arzt«, erwiderte
-ich. »Gehen Sie zu Ihren Kranken und beunruhigen Sie sich meinetwegen
-nicht.«
-
-»Meine Arbeit ist schon beendet. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen unser
-Krankenhaus zeigen«, schlug Netti vor.
-
-Ich empfand dafür lebhaftes Interesse, und wir schickten uns an, das
-ganze schöne Gebäude zu besichtigen.
-
-Chirurgische Fälle und Nervenkrankheiten schienen hier vorzuherrschen.
-Die meisten chirurgischen Fälle waren durch Maschinen verursachte
-Verletzungen.
-
-»Es ist doch nicht möglich, daß es in Eueren Betrieben an
-Schutzvorrichtungen fehlt?« fragte ich Netti.
-
-»Vollkommene Schutzvorrichtungen, die jeden Unglücksfall ausschließen,
-gibt es überhaupt nicht. Aber Sie sehen hier die Verletzten aus einem
-Gebiet mit zwei Millionen Einwohnern -- bei einem derartigen Gebiet sind
-etliche zehn Verwundete gar nicht so viel. Meist handelt es sich hier um
-Neulinge, die sich noch nicht recht auf die Maschinen verstehen, an
-denen sie arbeiten. Bei uns behagt es den Leuten, von dem einen
-Arbeitszweig zum anderen überzugehen. Die Erziehungs- und
-Kunstspezialisten sind am häufigsten die Opfer ihrer Zerstreutheit; ihre
-Aufmerksamkeit schweift oft ab, sie versinken in Gedanken und
-Betrachtungen.«
-
-»Die Nervenkrankheiten werden wohl meistens durch Erschöpfung
-verursacht?«
-
-»Ja, dieser Fälle gibt es viele. Doch werden derartige Krankheiten auch
-ebenso oft durch eine Krise im Geschlechtsleben oder aber eine andere
-seelische Erschütterung hervorgerufen, wie etwa der Tod geliebter
-Menschen.«
-
-»Werden hier auch Geisteskranke mit verdunkeltem oder verwirrtem
-Bewußtsein aufgenommen?«
-
-»Nein. Für diese gibt es ein eigenes Krankenhaus. Bei ihnen bedarf es
-besonderer Vorrichtungen, damit sie in gewissen Fällen weder sich, noch
-anderen Schaden zufügen können.«
-
-»Und wird bei Euch in solchen Fällen gegen die Kranken Gewalt
-angewandt?«
-
-»Bisweilen; selbstverständlich aber nur dann, wenn es sich als
-unumgänglich nötig erweist.«
-
-»Nun begegne ich in Ihrer Welt bereits zum zweiten Mal der Gewalt! Das
-erste Mal geschah dies im »Haus der Kinder«. Sagen Sie mir, es gelingt
-also auch auf dem Mars nicht, dieses Element völlig aus dem Leben zu
-verbannen? Sie sind gezwungen, es mit Bewußtsein anzunehmen.«
-
-»Ja; ebenso wie wir gezwungen sind, Krankheit und Tod hinzunehmen, oder
-etwa eine bittere Medizin zu schlucken. Welches vernünftige Wesen würde
-zum Beispiel im Fall der Selbstverteidigung auf die Gewalt verzichten?«
-
-»Wissen Sie, daß diese Tatsache mir die Kluft zwischen Ihrer und unserer
-Welt weit weniger groß erscheinen läßt?«
-
-»Der Unterschied besteht nicht darin, daß bei Ihnen notgedrungenerweise
-viel, bei uns aber wenig Gewalt angewandt wird, sondern vielmehr darin,
-daß sich bei Ihnen die Gewalt als Gesetz verkleidet, sei es nun als
-äußeres oder inneres, daß sie als sittliche und rechtliche Norm
-auftritt, die die Menschen beherrscht und belastet. Bei uns hingegen
-tritt die Gewalt entweder als Krankheitserscheinung auf, oder aber als
-vernünftige Handlung eines vernunftbegabten Wesens. In keinem dieser
-Fälle bedeutet sie irgendein gesellschaftliches Gesetz, oder eine
-gesellschaftliche Norm, ist weder persönliches noch unpersönliches
-Gebot.«
-
-»Gibt es denn keine Regel, nach der Sie die Freiheit der Geisteskranken
-oder der Kinder einschränken?«
-
-»Ja, eine Art wissenschaftliche, der Medizin oder Pädagogik entstammende
-Regel. Freilich sind in dieser technischen Regel nicht alle jene Fälle
-vorausgesehen, in denen die Gewalt angewandt werden muß, noch aber die
-Mittel bei ihrer Anwendung, die Stufen -- alldies hängt
-selbstverständlich von der Gesamtheit der Vorbedingungen ab.«
-
-»Wird dadurch der Willkür der Erzieher oder Krankenpfleger nicht völlig
-freier Lauf gelassen?«
-
-»Was bedeutet das Wort »Willkür«? Wenn es unnötige, überflüssige
-Anwendung der Gewalt bedeutet, so kann es nur in bezug auf einen Kranken
-angewandt werden, der sich im Krankenhaus befindet. Ein vernünftiger,
-bewußt handelnder Mensch ist der Willkür nicht fähig.«
-
-Wir durchschritten die Krankensäle, die Operationsräume, die Zimmer, in
-denen die Medizinen aufbewahrt wurden, die Stuben der Pfleger. Im
-obersten Stockwerk betraten wir einen geräumigen, schönen Saal, dessen
-durchsichtige Wände den Ausblick auf den See, den Wald und die fernen
-Berge gestatteten. Der Raum war mit Statuen und Gemälden von hohem
-künstlerischem Wert geschmückt, die Möbel waren prächtig und luxuriös.
-
-»Dies ist das Zimmer der Sterbenden«, sprach Netti.
-
-»Bringen Sie alle Sterbenden hierher?« fragte ich.
-
-»Ja, oder sie begeben sich selbst in diesen Saal«, lautete die Antwort.
-
-»Können denn bei Ihnen die Sterbenden noch selbst gehen?« staunte ich.
-
-»Jene, die körperlich gesund sind, vermögen es selbstverständlich.«
-
-Ich begriff, daß es sich hier um Selbstmörder handle.
-
-»Sie überlassen diesen Saal den Selbstmördern zur Ausführung ihres
-Vorhabens?«
-
-»Ja, sowie alle Mittel, die einen ruhigen schmerzlosen Tod bringen.«
-
-»Und Sie legen ihnen kein einziges Hindernis in den Weg?«
-
-»Wenn der Patient bei klarem Verstand ist und sein Entschluß feststeht,
-kann es doch gar kein Hindernis geben. Natürlich wird dem Kranken
-Gelegenheit gewährt, sich vorher mit dem Arzt zu beraten. Einige tun
-dies, -- andere nicht.«
-
-»Kommen bei Ihnen viele Selbstmorde vor?«
-
-»Ja, besonders unter den alten Leuten. Wenn sich das Gefühl des Lebens
-abstumpft und schwächer wird, ziehen es viele vor, nicht das natürliche
-Ende abzuwarten.«
-
-»Begehen auch junge, völlig gesunde und starke Menschen Selbstmord?«
-
-»Auch dies kommt vor, aber äußerst selten. Seitdem ich im Krankenhaus
-arbeite, kann ich mich bloß an zwei Fälle erinnern, der dritte ließ von
-seinem Vorhaben ab.«
-
-»Wer waren die beiden Unglücklichen und was trieb sie in den Tod?«
-
-»Der erste war mein Lehrer, ein hervorragender Arzt, der der
-Wissenschaft viel Neues gegeben hat. Bei ihm war die Fähigkeit, die
-Leiden anderer mitzufühlen, in einem unglaublich hohen Maße entwickelt.
-Dies führte seinen Verstand und seine Energie zum Studium der Medizin,
-war aber auch sein Verderben. Er ertrug es nicht. Verbarg aber seine
-geistige Einstellung so gut vor allen Menschen, daß seine Tat völlig
-überraschend wirkte. Er beging diese nach einer schweren Epidemie, die
-als Folge der Trockenlegung einer Meeresbucht auftrat, als die toten
-Fische tonnenweise verwesend am Strand lagen. Die Krankheit war ebenso
-schmerzhaft wie bei Ihnen die Cholera, aber noch weit gefährlicher. Von
-zehn Erkrankungen nahmen neun einen tödlichen Verlauf. Da aber dennoch
-eine geringe Möglichkeit der Genesung bestand, konnten die Aerzte den
-Bitten der Kranken um einen raschen und schmerzlosen Tod nicht
-nachkommen; es war ja auch nicht möglich, von einem Menschen, den
-starkes Fieber und große Schmerzen peinigten, anzunehmen, daß er sich
-bei völlig klarem Bewußtsein befinde. Mein Lehrer arbeitete wie ein
-Wahnsinniger, und seine Forschungen trugen viel dazu bei, die Epidemie
-abzukürzen. Als diese völlig verschwunden war, beging er Selbstmord.«
-
-»Wie alt war er damals?«
-
-»Ihrer Berechnung nach ungefähr Fünfzig. Bei uns ist dies noch ein
-jugendliches Alter.«
-
-»Und der zweite Fall?«
-
-»Eine Frau, der am gleichen Tag Mann und Kind gestorben waren.«
-
-»Und der dritte Fall?«
-
-»Den kann Ihnen nur jener Genosse erzählen, der ihn selbst erlebte.«
-
-»Das ist wahr«, meinte ich. »Erklären Sie mir aber nun etwas anderes:
-wie kommt es, daß sich die Marsbewohner so lange jung erhalten? Ist dies
-eine Eigenheit Ihrer Rasse oder hängt es von den günstigen
-Lebensbedingungen, oder aber noch von etwas anderem ab?«
-
-»Mit der Rasse hat es nichts zu tun; noch vor zweihundert Jahren waren
-wir weit weniger langlebig. Die günstigeren Lebensbedingungen? Ja,
-selbstverständlich spielen auch diese eine bedeutsame Rolle, die
-Hauptursache jedoch ist eine ganz andere: nämlich die _Erneuerung_ des
-Lebens.«
-
-»Was ist das?«
-
-»Eine dem Wesen nach äußerst einfache Sache, Ihnen jedoch wird sie
-wahrscheinlich seltsam erscheinen, obgleich Ihre Wissenschaft bereits
-alle Daten für diese Methode kennt. Sie wissen, daß die Natur, um die
-Lebensfähigkeit der Zelle oder des Organismus zu steigern, das
-Einzelwesen durch ein anderes ergänzt. Um dieses Ziel zu erreichen,
-verschmilzt sich das Einzelwesen aus zweien zu einem, und auf diese Art
-erhält es die Lebens- und Vermehrungsfähigkeit, die »Unsterblichkeit«
-des Protoplasma. Derselbe Gedanke beherrscht die Kreuzungen der höheren
-Pflanzen- und Tierarten; hier vereinigen sich lebendige Elemente zweier
-verschiedener Wesen, auf daß ein drittes geboren werde. Schließlich
-wissen Sie wohl auch um die Einimpfung des Blutes, von dem einen zum
-anderen Geschöpf, um diesem anderen eine stärkere Lebensfähigkeit zu
-verleihen, wie dies beim Serum gegen verschiedene Krankheiten der Fall
-ist. Wir gehen hierin noch weiter: verwenden die _Transfusion des
-Blutes_ zwischen zwei menschlichen Wesen, von denen jedes dem anderen
-eine gesteigerte Lebensfähigkeit zu geben vermag. Diese einmalige
-Transfusion des Blutes zwischen zwei Menschen wird durch einen die
-Blutgefäße der beiden verbindenden Apparat bewerkstelligt. Bei
-Beobachtung der nötigen Vorsichtsmaßregeln ist der Prozeß völlig
-ungefährlich. Das Blut des einen Menschen lebt weiter im Organismus des
-anderen, vermischt sich mit dem eigenen Blut und erneuert die Gewebe.«
-
-»Auf diese Art vermögen Sie durch die Transfusion jungen Blutes den
-Alten die Jugend wiederzugeben?«
-
-»Zum Teil; freilich nicht ganz. Denn das Blut ist im Organismus nicht
-alles, der Organismus verarbeitet es. Deshalb altert auch der junge
-Mensch nach der Transfusion alten Blutes nicht; alles, was in ihm
-Schwäche, Alter ist, verteilt sich rasch im jungen Organismus, und zur
-gleichen Zeit scheidet er aus dem Organismus all das aus, dessen er
-nicht bedarf; dadurch werden die Energie und Anpassungsfähigkeit seines
-ganzen Wesens gesteigert.«
-
-»Wenn dies so einfach ist, weshalb hat bis heute unsere irdische Medizin
-das Mittel noch nicht angewandt? Die Transfusion des Blutes ist, wenn
-ich nicht irre, bereits seit etlichen hundert Jahren bekannt.«
-
-»Ich weiß es nicht; vielleicht besteht irgendeine organische Eigenheit,
-die bei den Erdenmenschen diesem Mittel seine Wirksamkeit raubt.
-Vielleicht aber kommt dies auch von dem bei Ihnen herrschenden
-Individualismus, der so sehr den einen Menschen vom anderen trennt, daß
-der Gedanke an eine lebendige Verschmelzung Ihren Gelehrten schier als
-ein Ding der Unmöglichkeit erscheint. Außerdem gibt es bei Ihnen eine
-Unzahl das Blut vergiftender Krankheiten, Krankheiten, von denen die
-Befallenen oft gar nicht wissen, oder die sie verheimlichen. Die bei
-Ihnen äußerst selten vollzogene Transfusion des Blutes trägt irgendwie
-einen philanthropischen Charakter: jener, der viel Blut besitzt, gibt
-davon jenem, der dessen äußerst nötig bedarf, zum Beispiel in Fällen, wo
-durch Wunden ein großer Blutverlust entstanden ist. Freilich kommt dies
-auch bei uns vor; meist aber verhält es sich anders, entspricht unserer
-ganzen Ordnung: unser Leben ist nicht nur dem Geist nach ein
-kameradschaftliches, sondern sogar dem Körper nach.«
-
-
- Arbeit und Gespenster
-
-Die Eindrücke der ersten Tage, die wie ein stürmischer Wasserfall mein
-Bewußtsein überfluteten, ließen mich erkennen, was für eine ungeheuere
-Arbeit mir bevorstand. Vor allem galt es, diese Welt zu _begreifen_,
-diese unermeßlich reiche und in ihrer Ordnung so eigenartige Welt. Dann
-aber mußte ich mich ihr _nähern_, jedoch nicht wie einem interessanten
-Museumsgegenstand, sondern wie ein Mensch den Menschen, ein Arbeiter den
-Arbeitern. Nur so vermochte ich meine Mission zu erfüllen, als
-wahrhaftes Band zwischen zwei Welten zu dienen, zwischen denen ich, der
-an der Grenze stehende Sozialist, einen unendlich winzigen Augenblick
-der Gegenwart bedeutete, der Vergangenheit und Zukunft verband.
-
-Als ich das Krankenhaus verließ, sprach Netti zu mir: »Beeilen Sie sich
-nicht allzu sehr.« Mir schien es, als habe er unrecht. Im Gegenteil: ich
-mußte mich beeilen, mußte alle Kräfte, alle Energie anspannen -- denn
-meine Verantwortung war eine ungeheuer große. Welcher gewaltige Nutzen
-konnte unserer alten zerquälten Menschheit erwachsen, welche gigantische
-Beschleunigung ihrer Entwicklung durch den Einfluß dieser lebendigen,
-energischen, hohen Kultur, die so mächtig und harmonisch war! Und jeder
-Augenblick der Verzögerung in meiner Arbeit konnte ein Hinausschieben
-dieses Einflusses bedeuten ... Nein, ich durfte nicht erwarten, durfte
-nicht rasten. Und ich arbeitete viel. Lernte die Wissenschaft und die
-Technik der neuen Welt kennen, beobachtete genau ihr gesellschaftliches
-Leben, studierte ihre Literatur. Und dabei boten sich mir viele
-Schwierigkeiten.
-
-Die wissenschaftlichen Methoden verblüfften mich völlig: ich prägte sie
-mir mechanisch ein, vermeinte anfangs, sie seien leicht, einfach, ohne
-Fehler; bald aber bemerkte ich, daß ich sie nicht verstand, daß ich
-nicht begriff, wieso sie zum Ziele führten, ihre Verbindung nicht fand
-und ihr Wesen nicht erfaßte. Ich glich einem alten Mathematiker des 17.
-Jahrhunderts, dessen begrenzter unbeweglicher Geist die lebendige
-Dynamik der unendlich kleinen Größen nicht zu erfassen vermag.
-
-Die allgemein zugänglichen Versammlungen der Marsbewohner versetzten
-mich durch ihren rein sachlichen Charakter in großes Erstaunen. Ob sie
-nun wissenschaftlichen Fragen, oder aber der Organisation der Arbeit
-oder Kunstfragen galten, -- stets waren die Ausführungen und Reden
-seltsam nüchtern und kurz, die Argumente genau, sachlich, niemand
-wiederholte sich und keiner wiederholte, was ein anderer gesagt hatte.
-Der Beschluß der Versammlung, der häufig ein einstimmiger war, wurde mit
-märchenhafter Geschwindigkeit durchgeführt. Beschloß die Versammlung der
-Lehrer, daß eine neue Lehranstalt gegründet werden müsse, oder die
-Versammlung der Arbeitsstatistiker, daß ein neues Unternehmen gegründet
-werden solle, oder die Versammlung der Stadtbewohner, daß irgendein
-Gebäude zu schmücken sei, -- sofort erschienen auch schon die neuen
-Zahlen der erforderlichen Arbeitskraft, das Zentralbureau schaffte auf
-dem Luftweg Hunderte und Tausende von neuen Arbeitern herbei; nach
-einigen Tagen oder einer Woche war bereits alles beendet, und die neuen
-Arbeiter verschwanden; niemand wußte, wohin. All dies erweckte in mir
-schier den Eindruck der Magie, einer seltsamen, gelassenen, kalten,
-Beschwörungen und Mystik verachtenden Magie, die vielleicht eben deshalb
-durch ihre übermenschliche Macht besonders rätselhaft wirkte.
-
-Auch die Literatur der neuen Welt, sogar die rein künstlerische,
-bedeutete für mich weder Erholung noch Beruhigung. Ihre Form erschien
-zwar klar und unkompliziert, aber der Inhalt mutete mich fremd an. Es
-verlangte mich, tiefer in sie einzudringen, sie zu begreifen, ihr näher
-zu kommen, doch führten meine Bemühungen zu einem völlig unerwarteten
-Ergebnis: die Formen wurden gespenstisch, von Nebel umhüllt.
-
-Besuchte ich das Theater, so überkam mich ebenfalls das Gefühl der
-Verständnislosigkeit. Die Reden der Helden waren so zurückhaltend und
-gedämpft, ihre Gefühle so schwach betont, daß es fast schien, als
-wollten sie bei dem Zuschauer keinerlei Stimmung erregen, als wären sie
-nur abgeklärte Philosophen, freilich äußerst idealisierte. Nur die
-historischen, in der fernen Vergangenheit spielenden Dramen weckten in
-mir einen vertrauten Eindruck; hier war auch das Spiel der Darsteller
-bedeutend lebhafter, der Ausdruck persönlicher Gefühle um vieles
-unverhüllter, glich weit mehr dem, woran ich in unseren Theatern gewöhnt
-war.
-
-Ein Umstand zog mich trotz allem immer wieder ins Theater unserer
-kleinen Stadt: nämlich der, daß es hier keine Schauspieler gab. Die hier
-aufgeführten Stücke wurden uns durch optische und akustische Apparate
-vermittelt, die sich in anderen großen Städten befanden, oder aber, und
-dies kam noch häufiger vor, es wurden Stücke aufgeführt, die so alt
-waren, daß die meisten der darin auftretenden Schauspieler nicht mehr
-unter den Lebenden weilten. Die Marsbewohner kannten die Momentaufnahmen
-in natürlichen Farben, benützten sie, um Leben und Bewegung
-wiederzugeben, wie dies in unseren Kinos geschieht. Aber sie vereinigten
-nicht nur den Kinematograph mit dem Phonograph, wie das bereits, wenn
-auch ohne rechten Erfolg, auf der Erde getan wurde, sondern sie wandten
-auch das Stereogramm an und verliehen dadurch den Kinobildern Relief.
-Auf der Leinwand erschienen gleichzeitig zwei Abbildungen, -- zwei halbe
-Stereogramme; vor jedem Sitz war ein entsprechendes stereoskopisches
-Glas befestigt, das die beiden flachen Abbildungen zu einer vereinigte.
-Es schien seltsam, klar und genau lebendige Menschen zu sehen, die sich
-bewegten, handelten, ihren Gefühlen in Worten Ausdruck verliehen, und
-gleichzeitig zu wissen, daß von all dem nichts existierte, als die
-Mattscheibe, der Phonograph und das elektrische Licht mit dem Uhrwerk.
-Ja, dies war fast mystisch seltsam, und erweckte unklare Zweifel an
-aller Wirklichkeit.
-
-Selbstverständlich wurde durch all diese Tatsachen meine Aufgabe, das
-Verstehen der fremden Welt, in hohem Maße erschwert. Ich hätte
-entschieden fremder Hilfe bedurft. Doch wandte ich mich nur sehr selten
-an Menni mit der Bitte um Erklärungen. Ich wollte ihn nicht in Anspruch
-nehmen, denn er war eben mit seinen Forschungen über die Gewinnung der
-»Minus-Materie« beschäftigt. Er arbeitete unermüdlich, schlief oft
-nächtelang nicht, und ich wollte ihn nicht stören und ablenken. Seine
-Arbeitsfreudigkeit war für mich ein lebendiges Beispiel, das mich
-unwillkürlich dazu verleitete, meine Anstrengungen fortzusetzen.
-
-Die übrigen Freunde waren von meinem Horizont verschwunden. Netti
-verreiste auf etliche hundert Kilometer, um den Bau und die Organisation
-eines riesenhaften neuen Krankenhauses auf der anderen Halbkugel des
-Planeten zu leiten. Enno, Sternis Gehilfe, war ebenfalls viel
-beschäftigt; in seinem Observatorium wurden Messungen und Berechnungen
-für neue Expeditionen nach der Venus und der Erde angestellt, sowie für
-Expeditionen nach dem Mond und dem Merkur; letztere sollten
-photographiert und von den Mineralien sollten Proben zurückgebracht
-werden. Mit den anderen Marsbewohnern war ich nicht näher bekannt,
-beschränkte meine Gespräche mit ihnen auf praktische Fragen; es fiel mir
-schwer, mich diesen so fremden und hoch über mir stehenden Wesen zu
-nähern.
-
-Allmählich begann ich zu finden, daß, allgemein gesprochen, meine Arbeit
-gute Fortschritte machte. Ich bedurfte immer weniger der Rast, ja sogar
-des Schlafes. Alles, was ich fast mechanisch leicht und frei erlernte,
-brachte ich bequem in meinem Kopf unter, und dies rief irgendwie das
-Gefühl hervor, als sei mein Kopf völlig leer und könne noch viel, sehr
-viel beherbergen. Freilich, wenn ich nach alter Gewohnheit versuchte,
-für mich selbst genau zu formulieren, was ich wußte, so mißlang das fast
-immer; doch deuchte mich, es sei nicht wichtig, Einzelheiten und Teile
-klar definieren zu können. Vor allem gelte es einen Allgemeinbegriff zu
-haben, und den besaß ich.
-
-Eine besonders lebhafte Befriedigung fand ich in meiner Arbeit nicht; es
-gab nichts, das in mir das frühere Gefühl unmittelbaren Interesses
-wachgerufen hätte, doch erschien mir dies selbstverständlich: nach all
-dem, was ich gesehen und erfahren hatte, fiel es mir schwer, noch über
-irgendetwas zu staunen. Es kam ja auch gar nicht darauf an, ob mir etwas
-angenehm sei, sondern vielmehr darauf, daß ich alles begreife und mir zu
-eigen mache.
-
-Eines nur war peinlich: es wurde mir täglich schwerer, meine
-Aufmerksamkeit völlig auf einen Gegenstand zu konzentrieren. Die
-Gedanken schweiften von einer Sache, von einer Seite zur anderen; klare,
-gänzlich unerwartete Erinnerungen fluteten bisweilen über mein
-Bewußtsein hinweg, ließen mich meine Umgebung vergessen, raubten mir die
-kostbaren Minuten. Ich bemerkte dies, zwang mich mit neuer Energie zur
-Arbeit, aber nach kurzer Zeit suchten abermals flüchtige Bilder und
-Phantasien der Vergangenheit mein Gehirn heim, und es galt von neuem,
-ihrer Gewalt zu widerstehen.
-
-Immer häufiger überkam mich ein bebendes, seltsam beunruhigendes Gefühl;
-bekannte Gesichter tauchten vor mir auf, alte Geschehnisse. Eine
-übermächtige Flut riß mich zurück, in ferne Zeiten, in die Jugend und
-früheste Kindheit, dort verlor sich mein Bewußtsein in Unklarheit und
-Wirrnis. Nach solchen Stunden vermochte ich die andauernde Zerstreutheit
-nicht zu bewältigen.
-
-In meinem Inneren entstand ein heftiger Widerstand, der mich hinderte,
-einer Sache lange Zeit zu widmen; ich hastete von Gegenstand zu
-Gegenstand, schleppte in meine Stube einen Haufen Bücher, die früher am
-rechten Ort aufbewahrt waren, Tabellen, Karten, Stereogramme,
-Phonographen usw. Auf diese Art hoffte ich, den Zeitverlust wieder
-einzubringen, aber die furchtbare Zerstreutheit übermannte mich stets
-von neuem, und häufig ertappte ich mich dabei, daß ich lange reglos auf
-einen Punkt starrte, nichts begriff, nichts tat.
-
-Lag ich auf meinem Bett und blickte durch das Glasdach zum düsteren
-Nachthimmel empor, so begannen meine Gedanken eigenwillig mit
-erstaunlicher Lebhaftigkeit und Energie zu arbeiten. Vor meinem Geiste
-erschienen ganze Zahlenreihen und Formeln, sie waren von einer
-derartigen Klarheit, daß ich sie, Zeile um Zeile, abzulesen vermochte.
-Doch verblaßten diese Erscheinungen gar bald, machten anderen Platz,
-mein Bewußtsein kehrte zum Panorama eines unglaublich lebendigen und
-klar umrissenen Bildes zurück, das nichts mit meiner Beschäftigung und
-meinen Sorgen zu tun hatte. Ich schaute irdische Landschaften,
-theatralische Szenen, Bilder aus Kindermärchen, sah sie wie in einem
-Spiegel. Sie durchdrangen meine Seele, verschwammen, vermischten sich,
-erweckten keinerlei Aufregung, sondern bloß ein leichtes Interesse, eine
-gewisse Neugierde, der eine schwache Befriedigung eignete. Dieser
-Vorgang vollzog sich in meinem Bewußtsein, vermengte sich nicht mit der
-äußeren Umgebung; später jedoch griff er auch auf sie über. Ich versank
-in Schlummer, in Träume, die voll lebendiger und komplizierter
-Erscheinungen waren; der Schlummer war ein leichter und gab mir nicht,
-wonach mich so sehr verlangte -- das Gefühl der Rast und Erholung.
-
-Schon längere Zeit störte mich Ohrensausen, jetzt wurde dieses immer
-unaufhörlicher und stärker, hinderte mich bisweilen sogar daran, die
-Töne des Phonographen zu vernehmen. Des Nachts raubte es mir den Schlaf.
-Immer wieder vermeinte ich dazwischen Menschenstimmen zu hören, bekannte
-und unbekannte, bisweilen glaubte ich, mein Name würde gerufen, oder
-aber ich vernähme Gespräche, deren Worte ich wegen des Sausens nicht zu
-verstehen vermochte. Ich sah ein, daß ich nicht völlig gesund sei, daß
-mich Verwirrung und Zerstreutheit überwältigten, vermochte ich doch
-nicht einmal einige Zeilen im Zusammenhang zu lesen.
-
-»Das ist selbstverständlich nur Uebermüdung«, sprach ich zu mir. »Ich
-muß mehr rasten, habe tatsächlich zu viel gearbeitet. Doch brauche ich
-Menni davon nichts zu sagen, denn was jetzt mit mir vorgeht, erweckt gar
-sehr den Eindruck, als machte ich bereits zu Anfang meiner Arbeit
-Bankrott.«
-
-Wenn mich Menni in meiner Stube aufsuchte, dies kam freilich zu jener
-Zeit selten vor, gab ich mir den Anschein, äußerst beschäftigt zu sein.
-Er warnte mich: ich arbeite zu viel, setze mich der Gefahr der
-Erschöpfung aus.
-
-»Heute sehen Sie besonders schlecht aus«, sagte er. »Schauen Sie in den
-Spiegel, wie Ihre Augen glänzen, wie blaß Sie sind. Sie müssen sich
-ausruhen, das wird später Früchte tragen.«
-
-Mich verlangte ja selbst nach Ruhe, doch vermochte ich keine zu finden.
-Zwar tat ich fast nichts, aber alles ermüdete mich, sogar die geringste
-Anstrengung. Die stürmische Flut lebendiger Bilder, Erinnerungen und
-Phantasien ebbte weder bei Tag noch bei Nacht ab. In ihr verblaßte meine
-Umgebung, verlor sich, nahm etwas Gespenstisches an.
-
-Schließlich mußte ich mich ergeben; ich sah, daß Schlaffheit und Apathie
-immer stärker meinen Willen schwächten, daß ich immer weniger gegen sie
-anzukämpfen vermochte. Eines Abends, als ich zu Bette lag, wurde es mir
-plötzlich schwarz vor den Augen. Doch verging dies rasch, und ich trat
-ans Fenster, um auf die Bäume des Parkes zu blicken. Jählings fühlte
-ich, daß mich jemand anstarre. Ich wandte mich um -- vor mir stand Anna
-Nikolajewna Ihr Antlitz war blaß und traurig, aus ihren Blicken sprach
-Vorwurf. Ich wurde erregt, dachte gar nicht an das Seltsame ihrer
-Erscheinung, tat einen Schritt vor, um ihr entgegenzugehen und etwas zu
-sagen. Sie aber verschwand, als habe sie sich in Luft aufgelöst.
-
-Und in diesem Augenblick begann der Gespensterreigen. An vieles erinnere
-ich mich nicht; mein Bewußtsein war verdunkelt, ich befand mich in einer
-Art Traum. Es kamen und gingen, erschienen vor mir allerlei Menschen,
-denen ich in meinem früheren Leben begegnet war, aber auch Unbekannte.
-Merkwürdigerweise befanden sich unter ihnen keine Marsbewohner, es waren
-lauter Erdenmenschen. Die Bekannten gehörten meist zu jenen, die ich
-seit langem nicht gesehen hatte, alte Schulkameraden, mein junger
-Bruder, der noch als Kind gestorben war. Durchs Fenster erblickte ich
-einen berüchtigten Spion, der mich mit bösem Lachen aus seinen listigen,
-unsteten Augen anblickte. Die Gespenster redeten nicht mit mir; in der
-Nacht jedoch, da alles still war, vernahm ich halluzinierende Töne,
-hörte unzusammenhängende, sinnlose Gespräche, geführt von den
-Unbekannten: ein Fahrgast, der mit einem Droschkenkutscher stritt, ein
-Kommis überredete einen Kunden, die Ware zu kaufen, der Lärm eines
-Universitätsauditoriums tobte, der Pedell versuchte Ruhe zu schaffen,
-verkündete, daß der Herr Professor gleich kommen würde. Die
-Gesichtshalluzinationen waren weit interessanter und störten mich viel
-weniger und seltener.
-
-Nach der Erscheinung Anna Nikolajewnas sprach ich selbstverständlich mit
-Menni über meinen Zustand. Er schickte mich sofort ins Bett, berief den
-Arzt und telephonierte den sechstausend Kilometer entfernten Netti an.
-Der Arzt erklärte, er könne sich nicht entschließen, etwas zu tun, da er
-den Organismus der Erdenmenschen zu wenig kenne; jedenfalls bedürfe ich
-vor allem der Ruhe und Erholung. Befolgte ich diesen Rat, so sei es
-nicht gefährlich, einige Tage zu warten, bis Netti zurückkäme.
-
-Netti stellte sich am dritten Tag ein. Als er sah, in was für einem
-Zustand ich mich befand, blickte er Menni mit traurigem Vorwurf an.
-
-
- Netti
-
-Trotz der Behandlung durch einen so ausgezeichneten Arzt wie Netti
-währte meine Krankheit einige Wochen. Ich lag zu Bett, ruhig und
-apathisch, betrachtete mit der gleichen Seelenruhe die Wirklichkeit und
-die Gespenster. Nettis stete Gegenwart erweckte in mir ein kaum
-merkliches, leichtes Gefühl der Zufriedenheit.
-
-Heute erscheint mir in der Erinnerung mein damaliges Verhältnis zu den
-Halluzinationen sehr merkwürdig; obgleich ich mich an die hundert Mal
-von ihrer Unwirklichkeit überzeugte, so vergaß ich dies, sobald sie
-erschienen; selbst wenn sich mein Bewußtsein nicht verdunkelte und
-verwirrte, hielt ich die Erscheinungen für wirkliche Gesichter und
-Dinge. Bloß wenn sie bereits verschwunden waren, oder im Augenblick vor
-ihrem Verschwinden, erkannte ich ihre Gespensterhaftigkeit.
-
-Nettis Hauptbestreben ging dahin, mir Schlaf und Ruhe zu verschaffen. Er
-konnte sich nicht dazu entschließen, mir irgendeine Medizin zu
-verabreichen, fürchtete, diese könnte auf den irdischen Organismus als
-Gift wirken. Etliche Tage vermochte er mich mit den gewöhnlichen Mitteln
-nicht zum Schlafen zu bringen; die Halluzinationen verhinderten dies.
-Endlich aber gelang es ihm dennoch, und als ich nach zwei- bis
-dreistündigem Schlaf erwachte, sprach er:
-
-»Nun zweifle ich nicht mehr an Ihrer Genesung, wenngleich die Krankheit
-noch lange währen dürfte.«
-
-Und die Krankheit nahm ihren Verlauf. Die Halluzinationen wurden
-seltener, doch waren sie um nichts weniger lebhaft und klar, wurden
-sogar etwas komplizierter; bisweilen ließen sich die gespenstischen
-Gäste mit mir in ein Gespräch ein.
-
-Von diesen Gesprächen hatte nur ein einziges für mich Sinn und
-Bedeutung; es war schon gegen Ende meiner Krankheit, als es geführt
-wurde.
-
-Eines Morgens erwachend, sah ich Netti wie gewöhnlich in meiner Nähe;
-vor seinem Lehnstuhl aber stand mein alter Revolutionskamerad, der
-lebhafte, boshaft spöttische Agitator Ibrahim. Er schien etwas zu
-erwarten. Als sich Netti ins anstoßende Zimmer begab, um das Bad
-vorzubereiten, sprach Ibrahim grob und entschlossen zu mir:
-
-»Du Dummkopf! Was hältst du Maulaffen feil? Siehst du denn etwa nicht,
-wer dein Arzt ist?«
-
-Ich wunderte mich weder über die in seinen Worten enthaltene Andeutung,
-noch über den zynischen Ton, ich kannte ja seine Art. Doch entsann ich
-mich des eisernen Griffs, mit dem Nettis kleine Hände zupackten und
-glaubte Ibrahim nicht.
-
-»Umso ärger für dich!« meinte er mit verächtlichem Lachen und
-verschwand.
-
-Netti betrat das Zimmer. Bei seinem Anblick empfand ich ein seltsames
-Unbehagen. Er schaute mich scharf an.
-
-»Nun«, sprach er, »Ihre Genesung macht rasche Fortschritte.«
-
-Den ganzen Tag über war Netti schweigsam und versonnen. Am folgenden
-Tag, überzeugt davon, daß ich mich wohl fühle und die Halluzinationen
-sich nicht wiederholen würden, ging er seiner Arbeit nach und kehrte
-erst gegen Abend heim, ließ sich durch einen anderen Arzt vertreten.
-Etliche Tage kam er nur des Abends zu mir, um mich einzuschläfern. Erst
-nun wurde es mir klar, wie wichtig und angenehm mir seine Anwesenheit
-sei. Zusammen mit der Erregung der Genesung, die irgendwie aus der
-ganzen Natur in meinen Organismus einzudringen schien, verfolgte mich
-immer häufiger Ibrahims Andeutung. Ich schwankte, versicherte mir
-selbst, das ganze sei Unsinn, der Gedanke entspringe meiner Krankheit;
-weshalb hätten Netti und die übrigen Freunde mich in dieser Beziehung
-irreführen sollen? Nichtsdestoweniger blieb ein unklarer Zweifel zurück,
-der etwas Angenehmes besaß.
-
-Einmal fragte ich Netti, mit was für einer Arbeit er eben beschäftigt
-sei. Er erwiderte, es gebe jetzt viele Beratungen, auf denen über eine
-neue Expedition nach den anderen Planeten verhandelt werde, er sei als
-Experte zugezogen. Menni leite die Beratungen, doch dächte weder er noch
-Netti daran, die Expedition in nächster Zeit zu unternehmen, was mich
-mit großer Freude erfüllte.
-
-»Aber Sie selbst, beabsichtigten Sie nicht heimzukehren?« fragte Netti,
-und aus seinem Ton klang leise Unruhe.
-
-»Es gelang mir doch noch nicht, irgendetwas zu tun«, entgegnete ich.
-Nettis Gesicht strahlte.
-
-»Sie irren, Sie haben bereits viel getan, ... schon diese Antwort allein
-...«, erwiderte er.
-
-Ich ahnte in dieser Andeutung etwas, das ich nicht wußte, das mich aber
-betraf.
-
-»Kann ich Sie nicht zu einer dieser Beratungen begleiten?« erkundigte
-ich mich.
-
-»Auf keinen Fall. Abgesehen davon, daß Sie noch der Erholung bedürfen,
-müssen Sie noch einige Monate alles vermeiden, was mit dem Beginn Ihrer
-Krankheit im Zusammenhang steht.«
-
-Ich wollte nicht streiten. Es war so angenehm, sich zu erholen; die
-Pflicht der Menschheit gegenüber schien in weite Ferne gerückt. Jetzt
-beunruhigten mich nur mehr, und zwar in immer stärkerem Maße, die
-Gedanken über Netti.
-
-Eines Abends stand ich am Fenster und blickte durch die Dämmerung in die
-geheimnisvolle Schönheit des Parkes; dieser dünkte mich herrlich, und
-nichts an ihm war meinem Herzen fremd. Ein leises Klopfen an der Tür
-wurde vernehmbar, und ich fühlte mit einem Mal -- dies sei Netti. Er
-näherte sich mit seinen leichten raschen Schritten, streckte mir
-lächelnd die Hand hin: der alte Erdengruß, der ihm gefiel. Freudig griff
-ich nach seiner Hand, drückte sie so heftig, daß es sogar seine festen
-Finger schmerzte.
-
-»Ich sehe, daß meine Rolle als Arzt zu Ende ist«, lächelte er. »Doch muß
-ich noch einige Fragen an Sie richten, um meiner Sache ganz gewiß zu
-sein.«
-
-Er richtete Fragen an mich, ich gab Antwort, erfaßt von unverständlicher
-Verwirrung, und las in der Tiefe seiner großen, großen Augen heimliches
-Lachen. Schließlich vermochte ich mich nicht länger zu beherrschen.
-
-»Erklären Sie mir, weshalb ich mich so stark zu Ihnen hingezogen fühle?
-Weshalb freut es mich so ungemein, Sie zu sehen?«
-
-»Hauptsächlich wohl aus dem Grunde, weil ich Sie behandelt habe und Sie
-unbewußt die Freude der Genesung auf mich übertragen. Vielleicht aber
-auch ... deshalb, weil ich ... eine Frau bin ...«
-
-Dunkle Punkte kreisten vor meinen Augen, alles ringsum versank in Nacht,
-das Herz hörte schier zu schlagen auf ... Einen Augenblick lang hielt
-ich wie ein Wahnsinniger Netti in meiner Umarmung fest, küßte ihre
-Hände, ihr Gesicht, ihre großen tiefen Augen, die grünlich blau
-leuchteten, wie der Himmel ihres Planeten ...
-
-Schlicht und großherzig überließ sich Netti meiner Umarmung ... Als ich
-meine sinnlose Freude beherrschte und von neuem ihre Hände und ihr
-Gesicht küßte, die Augen voller Freudentränen, die selbstverständlich
-von der durch die Krankheit verursachten Schwäche herrührten, sprach
-Netti mit ihrem lieben Lächeln:
-
-»Es schien mir, als fühlte ich in Ihrer Umarmung Ihre ganze junge Welt,
-deren Despotismus, deren verzweifeltes Glücksverlangen -- all dies lag
-in Ihrer Liebkosung. Ihre Liebe gleicht dem Mord ... Aber ... ich liebe
-Sie, Lenni ...«
-
-Dies war Glück.
-
-
- Dritter Teil
-
-
- Glück!
-
-Diese Monate! ... Gedenke ich ihrer, so erfaßt gewaltiges Zittern meinen
-Leib, Nebel verdunkeln mein Auge, alles ringsum erscheint mir nichtig.
-Und es gibt keine Worte, um das vergangene Glück zu schildern.
-
-Die neue Welt kam mir nahe, schien mir mit einem Mal völlig
-verständlich. Die erlittene Niederlage bekümmerte mich nicht. Jugend und
-Glaube kehrten zu mir zurück, um, wie ich glaubte, mich nie mehr zu
-verlassen. Ich besaß Hoffnung und einen starken Verbündeten; für die
-Schwäche war kein Raum. Die ganze Zukunft gehörte mir.
-
-In die Vergangenheit schweiften meine Gedanken nur selten zurück, sie
-beschäftigten sich mit dem, was Netti und unsere Liebe anbelangte.
-
-»Weshalb verbargen Sie mir Ihr Geschlecht?« fragte ich bald nach jenem
-Abend.
-
-»Anfangs ergab sich dies von selbst, zufällig. Dann aber unterstützte
-ich absichtlich Ihre Täuschung, entfernte sogar von meiner Kleidung
-alles, was Ihnen die Wahrheit hätte verraten können. Mich erschreckte
-die Schwere und Kompliziertheit Ihrer Aufgabe, ich fürchtete, diese noch
-verwickelter zu gestalten, besonders als ich später Ihre unbewußte
-Zuneigung zu mir wahrnahm. Auch verstand ich mich selbst nicht recht ...
-bis zu Ihrer Krankheit.«
-
-»Diese also hat die Lösung herbeigeführt ... Wie segne ich meine lieben
-Halluzinationen!«
-
-»Ja, als ich von Ihrer Erkrankung erfuhr, traf es mich wie ein
-Hammerschlag. Hätte ich nicht vermocht, Sie vollständig zu heilen, ich
-wäre vielleicht gestorben.«
-
-Nach einigen Augenblicken des Schweigens fügte sie hinzu:
-
-»Wissen Sie auch, daß sich unter Ihren Freunden noch eine Frau befindet,
-von der Sie dies gleichfalls nicht ahnten? Sie ist Ihnen sehr zugetan,
-freilich nicht so wie ich ...«
-
-»Enno!« erriet ich sofort.
-
-»Selbstverständlich. Und auch Enno führte Sie absichtlich irre, befolgte
-dabei meinen Rat.«
-
-»Ach, wie viel Trug und Feigheit gibt es doch in Eurer Welt!« rief ich
-mit scherzhaftem Pathos. »Laßt nur, bitte, Menni einen Mann bleiben,
-denn verliebte ich mich in ihn, so wäre dies furchtbar.«
-
-»Ja, dies ist furchtbar«, entgegnete Netti gedankenvoll, und ich
-verstand ihren seltsamen Ernst nicht.
-
-Tage reihten sich an Tage, und beglückt nahm ich von der schönen neuen
-Welt Besitz.
-
-
- Trennung
-
-Und dennoch kam ein Tag, kam der Tag, an den ich nicht ohne
-Verwünschungen zu denken vermag -- der Tag, da sich zwischen Netti und
-mir der schwarze Schatten einer verhaßten und unvermeidlichen Trennung
-erhob.
-
-Mit dem gleichen gelassenen, abgeklärten Gesichtsausdruck, der ihr eigen
-war, erklärte mir Netti unvermittelt, sie müsse sich im Verlauf eines
-Tages der Riesenexpedition nach der Venus anschließen, die von Menni
-geleitet wurde. Als sie sah, wie sehr mich diese Nachricht verstörte,
-sprach sie:
-
-»Es ist ja nicht auf lange Zeit. Hat die Expedition Erfolg, und ich
-zweifle nicht daran, so wird ein Teil der Mitglieder baldigst
-zurückkehren, und auch ich werde diesem Teil angehören.«
-
-Dann berichtete sie mir, worum es sich handle. Auf dem Mars waren die
-Vorräte der radiumausstrahlenden Materie, die für die Motoren der
-interplanetarischen Luftschiffe und für die Zerlegung und Synthese aller
-Elemente unentbehrlich waren, erschöpft und konnten nicht erneuert
-werden. Auf der Venus hingegen, einem jungen Planeten, der fast viermal
-kürzere Zeit bestand als der Mars, gab es auf Grund untrüglicher
-Anzeichen ungeheure Lager dieser Materie, die sich fast an der
-Erdoberfläche befand und sich nicht selbständig zerlegen konnte. Auf
-einer Insel, die in dem gigantischen Ozean der Venus lag und von den
-Marsbewohnern die »Insel des glühenden Sturms« genannt ward, gab es ein
-reiches Lager der radiumausstrahlenden Materie, und es war beschlossen
-worden, dieses Lager so rasch wie möglich auszubeuten. Doch war vorher
-nötig, äußerst hohe und dicke Mauern zu errichten, die die Arbeiter
-gegen den verderblichen glühenden Wind schützen sollten, der in seiner
-Wildheit und Grausamkeit die Sandstürme unserer Wüsten bei weitem
-übertraf. Diese Arbeit erforderte eine Expedition von zehn Aetheroneffs
-und von zweitausend Menschen, unter denen sich zwanzig Chemiker
-befanden; die übrigen sollten den Bau der Mauer übernehmen. Die besten
-wissenschaftlichen Kräfte sowie die erfahrensten Aerzte würden sich
-anschließen; die Gesundheit aller Expeditionsmitglieder war vom Klima
-gefährdet und auch von der mörderischen Glut, sowie von den Emanationen
-der radiumausstrahlenden Stoffe. Netti vermochte sich, den eigenen
-Worten zufolge, nicht von der Expedition zu drücken, doch hatte sie sich
-ausbedungen, daß, wenn die Arbeit gut von statten gehe, bereits nach
-drei Monaten ein Aetheroneff zurückkehre, um Nachrichten und die zutage
-geförderte Materie mitzubringen. Mit diesem Aetheroneff wollte dann auch
-Netti heimkommen, also etwa zehn bis elf Monate nach Ausfahrt der
-Expedition.
-
-Ich vermochte nicht zu begreifen, weshalb Netti unbedingt an der
-Expedition teilnehmen müsse. Sie meinte, das Unternehmen sei ein derart
-ernstes, daß sie sich ihm nicht entziehen könne, außerdem sei es auch
-für meine Aufgabe von großer Bedeutung, denn der Erfolg würde die
-Möglichkeit einer engeren Verbindung mit der Erde schaffen. Uebrigens
-würde ein jeder Irrtum auf dem Gebiet der medizinischen Hilfe das
-Unternehmen von allem Anfang an zum Mißerfolg verurteilen. All dies
-klang überzeugend, ich wußte ja auch, daß Netti als der beste Arzt galt,
-besonders in Fällen, die nicht in den Rahmen der alten erfahrungsgemäßen
-Medizin paßten; dennoch schien mir irgendwie, daß dies nicht alles sei,
-als gäbe es noch etwas Unausgesprochenes.
-
-An einem zweifelte ich nicht; an Netti selbst und ihrer Liebe. Wenn sie
-sagte, es sei unbedingt nötig, die Expedition mitzumachen, so war dies
-wirklich unvermeidlich, erklärte sie mir aber nicht, weshalb dies so
-sein mußte, so bedeutete es, daß ich sie nicht weiter befragen dürfe.
-Wenn sie sich von mir unbeobachtet glaubte, sah ich in ihren schönen
-Augen Angst und Schmerz.
-
-»Enno wird dir ein guter und liebevoller Freund sein«, sprach sie mit
-wehmütigem Lächeln. »Und auch Nella wird dich nicht vergessen, sie liebt
-dich um meinetwillen, besitzt viel Verstand und Erfahrung; in den
-schweren Augenblicken des Lebens ist ihre Hilfe von hohem Wert. Wenn du
-an mich denkst, so denke immer nur das eine: daß ich zurückkehre, sobald
-dies irgendwie möglich ist.«
-
-»Ich vertraue dir, Netti«, sprach ich, »und deshalb glaube ich auch an
-mich, an den Menschen, den du liebst.«
-
-»Du hast recht, Lenni, und ich bin überzeugt, daß dich keinerlei
-Schicksalsschläge, keinerlei Prüfungen von deiner Aufgabe ablenken
-werden, daß du dir selbst ebenso treu und daß du ebenso stark und rein
-bleiben wirst wie bisher.«
-
-Die Zukunft warf ihre Schatten auf unsere Abschiedsliebkosungen und
-erschütterte Netti bis zu Tränen.
-
-
- Die Kleiderfabrik
-
-In diesen kurzen Monaten war es mir dank Nettis Hilfe in hohem Maße
-gelungen, mich auf die Verwirklichung meines Hauptplanes vorzubereiten:
-ein nützlicher Arbeiter der Marsgesellschaft zu werden. Ich schlug
-wohlüberlegt alle Aufforderungen ab, über die Erde und deren Menschen
-Vorträge zu halten; es wäre sinnlos gewesen, dies zu meiner Spezialität
-zu machen, da es ja auf künstliche Art mein Bewußtsein an die Dinge der
-Vergangenheit gefesselt hätte und mir dadurch die Zukunft, für die es zu
-kämpfen galt, verloren gegangen wäre. Ich beschloß ganz einfach, in
-einen Betrieb zu gehen und wählte, nach verschiedenen Vergleichen und
-reiflicher Ueberlegung, als erste Arbeitsstelle die Kleiderfabrik.
-
-Selbstverständlich wählte ich eine leichtere Arbeit. Dennoch forderte
-diese von mir eine nicht geringe und ernsthafte Vorbereitung. Vor allem
-galt es, mich mit der Ausarbeitung des wissenschaftlichen Prinzips der
-Fabrikorganisationen im allgemeinen bekannt zu machen, dann aber mit
-jener besonderen Organisation der von mir gewählten Fabrik, mit deren
-Architektur, deren Arbeitseinteilung, mit den Maschinen, an denen ich
-arbeiten würde, kurzum mit allen Einzelheiten. Zu diesem
-Vorbereitungsstudium mußte ich gewisse Gebiete der Mechanik, der
-Technik, ja sogar der mathematischen Analyse studieren. Die
-Hauptschwierigkeit bestand für mich nicht in den Gegenständen selbst,
-sondern in den Formeln. Die Lehrbücher und Anleitungen rechneten nicht
-mit der weit niedrigeren Erdenkultur. Ich erinnerte mich daran, wie ich
-als Kind gequält wurde, indem man mir ein französisches Lehrbuch der
-Mathematik gab. Ich empfand für diesen Gegenstand eine ernsthafte
-Vorliebe, und anscheinend auch eine ungewöhnliche Begabung. Die
-Schwierigkeiten, die dem Anfänger meist so viel Kopfzerbrechen bereiten,
-die Idee des »Grenzwertes« und der »Ableitung« machten mir so wenig
-Mühe, als wären sie mir immer bekannt gewesen. Doch fehlten mir jene
-logische Disziplin und das praktische Wissen, die von dem französischen
-Professor vorausgesetzt wurden; das ganze Lehrbuch war dem Ausdruck nach
-äußerst klar und genau, doch geizte es mit Erklärungen. Es gab hier
-keine jener logischen Brücken, die sich ein Mensch von höherer
-wissenschaftlicher Kultur selbst hinzudenken kann, die aber für den
-jungen Asiaten vonnöten sind. Bisweilen dachte ich ganze Stunden lang
-über irgendeine magische Reduktion nach, die auf die Worte folgte: »Wenn
-wir unsere Aufmerksamkeit auf den vorangegangenen Vergleich richten, so
-kommen wir zu dem Ergebnis ...« -- Derart war es mir damals ergangen,
-und das gleiche empfand ich in noch verstärktem Maße beim Studium der
-wissenschaftlichen Bücher des Mars. Die Illusion, die mich zu Beginn
-meiner Krankheit irregeführt hatte, daß alles leicht und verständlich
-sei, verschwand spurlos. Aber Netti hatte mir mit ihrer geduldigen Hilfe
-stets zur Seite gestanden und mir den schweren Weg geebnet.
-
-Bald nach Nettis Abfahrt faßte ich meinen Entschluß und trat in den
-Betrieb ein. Die Fabrik war ein riesenhaftes und äußerst kompliziertes
-Unternehmen; sie glich nicht im geringsten unserer üblichen Vorstellung
-von einer Kleiderfabrik. Hier waren Spinnerei, Weberei, das Zuschneiden,
-Nähen und Färben der Kleider vereinigt, das Material jedoch, das zur
-Verarbeitung gelangte, war weder Flachs, noch Baumwolle, noch
-Pflanzenfasern überhaupt, noch Wolle, noch Seide, sondern etwas ganz
-anderes.
-
-In der ersten Zeit verfertigten die Marsbewohner ihre Gewänder aus den
-gleichen Stoffen wie wir; sie bauten jene Pflanzen an, deren Gewebe
-diesem Zweck diente, schoren die wolletragenden Tiere, zogen ihnen die
-Haut ab, züchteten eine besondere Art Spinnen, deren Gewebe die
-Eigenschaften der Seide besaß usw. Die wirtschaftlichen Veränderungen
-und die Vervollkommnung der Technik erforderten jedoch eine immer
-größere Getreideproduktion. Die Pflanzenfasern wurden durch mineralische
-Fasern ersetzt. Später wandten die Gelehrten alle Aufmerksamkeit der
-Erforschung der Spinnengewebe zu, suchten nach einer Synthese neuer
-Stoffe mit analogen Eigenschaften. Als ihnen dies gelungen war, erfolgte
-auf diesem ganzen Gebiet eine gewaltige Umwälzung, und heute konnte man
-die Gewebe des alten Typus nur noch in historischen Museen sehen.
-
-Unsere Fabrik war die wahrhafte Verkörperung dieser Umwälzung. Etliche
-Mal im Monat wurde aus der zunächstgelegenen chemischen Fabrik auf dem
-Schienenweg für die Spinnerei »Material« geliefert, das heißt: eine
-durchsichtige Flüssigkeit in gewaltigen Zisternen. Aus diesen Zisternen
-wurde vermittels besonderer luftdichter Apparate das Material in
-ungeheure, hohe Metallreservoire geleitet, deren dichter Boden
-hunderttausend mikroskopisch kleine Oeffnungen besaß. Durch diese
-Oeffnungen gelangte die klebrige Flüssigkeit unter einen starken
-Luftdruck und verhärtete sich zu zähen Fasern. Zehntausend mechanische
-Spindeln erfaßten diese Fasern, spannen sie zu Fäden verschiedener
-Dicke, schafften das Gespinst in die Webeabteilung. Hier wurden die
-verschiedenen Stoffe gewebt, von den allerfeinsten, wie Musselin und
-Batist, bis zu den dicksten, wie Tuch und Filz. Die endlosen breiten
-Streifen gelangten nun weiter in die Zuschneidewerkstätte. Hier wurden
-sie von neuen Maschinen gepackt, sorgfältig gefaltet, geschichtet, zu
-genau ausgemessenen Stücken zerschnitten, zu Stücken, die die einzelnen
-Teile des Gewandes bildeten.
-
-In der Schneiderwerkstatt wurden aus den zugeschnittenen Stücken fertige
-Kleider hergestellt, jedoch ohne daß dabei Nadel, Faden oder Nähmaschine
-angewandt worden wären. Durch einen chemischen Prozeß wurden die Ränder
-der Kleidungsstücke erweicht und abermals in ihren ersten flüssigen
-Zustand versetzt. Sobald die chemische Substanz verdunstete, waren die
-Kleider gleichsam zusammengelötet, fester, als es bei der besten
-Schneiderarbeit der Fall gewesen wäre. Diese Lötung wurde gleichzeitig
-überall vollzogen, wo es nottat, so daß auf diese Art fertige Kleider
-hergestellt wurden, und zwar in einigen tausend Mustern, der Form und
-dem Maß nach verschieden.
-
-Es gab für jede Größe einige hundert Muster, aus denen ein jeder fast
-immer das geeignete zu wählen vermochte, und dies umso mehr, als sich
-die Marsbewohner äußerst ungezwungen kleideten. War dennoch das
-Geeignete nicht vorhanden, wie etwa im Fall einer körperlichen
-Unnormalität, so kam das Stück abermals unter die Zuschneidemaschine; es
-wurde ein besonderer Anzug »genäht«, was etwa eine Stunde in Anspruch
-nahm.
-
-Was die Farbe der Gewänder anbelangte, so trugen die Marsbewohner meist
-dunkle weiche Farben, die dem Material entsprachen. Wurde jedoch eine
-andere Farbe verlangt, so kam der Anzug in die Färbeabteilung und
-erhielt vermittels eines chemisch-elektrischen Prozesses die gewünschte
-Farbe, die ideal gleichmäßig und ideal dauerhaft war.
-
-Aus den gleichen, nur viel dickeren Geweben wurden das Schuhwerk und die
-warmen Winterkleider hergestellt. Unsere Fabrik verfertigte diese nicht,
-doch gab es andere, noch größere Betriebe, in denen alles verfertigt
-wurde, was ein Mensch vom Kopf bis zu den Füßen an Bekleidung braucht.
-
-Ich arbeitete der Reihe nach in allen Abteilungen des Betriebes, ließ
-mich anfangs völlig von meiner Arbeit hinreißen. Besonders interessant
-erschien mir die Zuschneidewerkstatt; hier mußte ich bei meiner Arbeit
-mir bisher unbekannte Hilfsmittel in Anspruch nehmen: die mathematische
-Analyse. Die Aufgabe bestand darin, aus einem gegebenen Stück bei dem
-geringstmöglichen Materialverlust alle Teile eines Anzugs zu gewinnen.
-Dies war natürlich eine äußerst prosaische, aber auch ernste Sache, denn
-selbst der geringste Irrtum, der sich im Verlauf der Arbeit viele
-Millionen Mal wiederholte, bedeutete einen ungeheuren Verlust. Einen
-erfolgreichen Entschluß zu fassen, gelang mir meist »nicht schlechter«
-als andern.
-
-Nicht »schlechter« zu arbeiten als die anderen, das strebte ich aus
-allen Kräften an, und fast immer mit einem gewissen Erfolg. Doch mußte
-ich bemerken, daß dies für mich eine weit größere Anstrengung bedeutete
-als für meine Kameraden. Nach den gewöhnlichen vier bis sechs
-Arbeitsstunden -- die Erdenberechnung als Grundlage genommen -- fühlte
-ich heftige Erschöpfung und mußte sofort rasten, während die andern noch
-in Museen, Bibliotheken, Laboratorien gingen oder aber in andere
-Fabriken, um dort die Arbeit zu beobachten, bisweilen auch noch selbst
-mitzuarbeiten ...
-
-Ich hoffte, mich allmählich an die neue Arbeit zu gewöhnen und meinen
-Genossen gleich zu werden. Doch geschah dies nicht. Ich überzeugte mich
-immer mehr davon, daß mir die _Kultur der Aufmerksamkeit_ fehle.
-Körperliche Bewegungen wurden äußerst wenig erfordert, und was deren
-Schnelligkeit und Gewandtheit anbelangte, so stand ich nicht hinter den
-anderen zurück, ja, ich übertraf sie sogar. Aber die ununterbrochene
-aufmerksame Beobachtung der Maschine und des Materials fiel meinem
-Gehirn ungeheuer schwer: diese Fähigkeit vermag sich offensichtlich erst
-im Verlauf einiger Generationen zu jener Stufe zu entwickeln, die hier
-als Durchschnitt und völlig alltäglich erscheint.
-
-Wenn mich, und dies war meist am Ende des Arbeitstages der Fall,
-Erschöpfung ankam und meine Aufmerksamkeit nachließ, ich Fehler beging
-oder auf eine Sekunde die Ausführung einer Arbeit unterließ, brachte die
-unermüdliche, unbeirrte Hand meines Nachbarn die Sache immer in Ordnung.
-
-Die merkwürdige Fähigkeit dieser Menschen, alles ringsum zu beobachten,
-ohne dabei auch nur im geringsten die eigene Arbeit zu vernachlässigen,
-versetzte mich in Erstaunen und reizte mich sogar. Ihre Fürsorge störte
-mich nicht nur, nein, sie rief in mir auch Aerger und Ungeduld wach;
-erregte in mir das Gefühl, als ob alle ununterbrochen meine Tätigkeit
-verfolgten ... Diese Unruhe verstärkte noch meine Zerstreutheit und ließ
-mich schlechter arbeiten.
-
-Heute, nach langer Zeit, da ich genau und leidenschaftslos an all dies
-zurückdenke, sehe ich ein, daß ich es damals falsch aufgefaßt habe. Mit
-der gleichen Fürsorge und auf dieselbe Art halfen meine Genossen in der
-Fabrik einander. Ich war keineswegs der Gegenstand irgendeiner
-ausschließlichen Aufsicht oder Kontrolle, wie es mich damals dünkte. Ich
-selbst, der Mensch aus einer individualistischen Welt, sonderte mich von
-den übrigen ab und verkannte auf krankhafte Art ihre Güte und ihre
-kameradschaftlichen Dienste, für die sie, die Menschen einer
-kameradschaftlichen Welt, von mir nicht gewürdigt werden konnten.
-
-
- Enno
-
-Der lange Herbst war vorüber, nun beherrschte bereits der schneearme,
-aber kalte Winter unsere Gegend, die nördliche Mitte der Halbkugel. Die
-kleine Sonne wärmte gar nicht mehr und leuchtete noch weniger als zuvor.
-Die Natur warf die hellen Farben ab, erschien fahl und streng. Die Kälte
-schlich sich ins Herz, der Zweifel in die Seele ein, und die Einsamkeit
-des Sprößlings aus einer anderen Welt wurde immer qualvoller.
-
-Ich suchte Enno auf, die ich seit langer Zeit nicht gesehen hatte. Sie
-empfing mich wie einen ihr nahestehenden lieben Menschen; mir war, als
-durchbreche das strahlende Licht der nahegelegenen Vergangenheit die
-Winterkälte und die Nacht der Sorgen. Dann aber bemerkte ich, daß auch
-sie blaß und von Kummer erschöpft zu sein schien. In ihrem Verhalten und
-ihren Worten lag verborgener Gram. Wir hatten einander viel zu sagen,
-und einige Stunden vergingen für mich angenehm und gut, wie dies seit
-Nettis Abfahrt nicht mehr gewesen war.
-
-Als ich mich erhob, um heimzukehren, wurde uns beiden schwer ums Herz.
-
-»Wenn Ihre Arbeit Sie nicht hier festhält, so kommen Sie mit mir«, sagte
-ich.
-
-Enno ging sofort auf meinen Vorschlag ein. Sie nahm ihre Arbeit mit. Zu
-jener Zeit hatte sie nichts im Observatorium zu tun, trug einen
-ungeheuren Vorrat von Berechnungen zusammen, und wir begaben uns in die
-chemische Stadt, wo ich Mennis Wohnung allein bewohnte. Allmorgendlich
-fuhr ich in meine Fabrik, die sich hundert Kilometer, also eine halbe
-Wegstunde, entfernt befand. Die langen Winterabende verbrachte ich von
-nun an mit Enno; wir beschäftigten uns mit wissenschaftlichen Arbeiten,
-plauderten oder unternahmen Spaziergänge in die Umgebung.
-
-Enno erzählte mir ihre Geschichte. Sie liebte Menni und war dessen Frau
-gewesen. Es verlangte sie sehnlichst danach, von ihm ein Kind zu haben,
-aber Jahr um Jahr verstrich, ohne daß ihr Wunsch in Erfüllung ging. Sie
-wandte sich an Netti um Rat. Diese erforschte alle Umstände und gelangte
-zu dem kategorischen Ausspruch, daß Enno von Menni niemals ein Kind
-haben werde. Menni hatte sich allzu spät vom Knaben zum Mann entwickelt
-und allzu früh das anstrengende Leben eines Gelehrten und Denkers zu
-führen begonnen. Die übertriebene Tätigkeit seines Gehirnes und dessen
-außerordentliche Entwicklung hatten von allem Anfang an die lebendigen
-Elemente der Vermehrung zerstört und erdrückt; dies war nicht mehr gut
-zu machen.
-
-Nettis Urteil bedeutete einen furchtbaren Schlag für Enno, bei der die
-Liebe zu dem genialen Menschen und der starke Mutterinstinkt zu einem
-Streben verschmolzen waren, das sich nun als hoffnungslos erwies.
-
-Doch war dies noch nicht alles: Nettis Untersuchungen führten auch zu
-einem zweiten Ergebnis. Es zeigte sich, daß für Mennis gigantische
-geistige Arbeit, für die Entwicklung seiner genialen Fähigkeiten die
-größte Enthaltsamkeit vonnöten sei, daß er sich so wenig wie möglich den
-Liebkosungen der Liebe hingeben dürfe. Enno fühlte sich verpflichtet,
-Nettis Rat zu befolgen und konnte sich bald von dessen Richtigkeit
-überzeugen. Menni war wie neubelebt, er arbeitete mit größerer Energie
-als je zuvor, neue Pläne entstanden mit außergewöhnlicher Schnelligkeit
-in seinem Kopfe, er führte sie mit Erfolg durch und schien
-offensichtlich nichts zu entbehren. Enno, der ihre Liebe teuerer war als
-das Leben, die aber das Genie des geliebten Menschen noch höher wertete
-als ihre Liebe, zog die Folgen dieser Erkenntnis.
-
-Sie trennte sich von Menni. Dieser war im Anfang äußerst erzürnt, fand
-sich jedoch bald mit der Tatsache ab. Der wahre Grund des Bruches war
-ihm vielleicht unbekannt. Enno und Netti hielten ihn geheim, doch konnte
-man freilich nicht sicher wissen, ob nicht Mennis durchdringender
-Verstand die Ursache erraten habe. Für Enno aber war nun das Leben so
-unsäglich leer, das Unterdrücken ihrer Gefühle quälte sie derart, daß
-die junge Frau schon nach kurzer Zeit beschloß, Selbstmord zu begehen.
-
-Netti, an die sich Enno gewandt hatte, schob die Tat, die sie verhindern
-wollte, unter verschiedenen Vorwänden immer wieder hinaus und
-benachrichtigte schließlich Menni. Dieser organisierte damals gerade die
-Expedition nach der Erde und sandte sofort eine Aufforderung an Enno,
-sie möge sich diesem bedeutsamen und gefährlichen Unternehmen
-anschließen. Es war schwer, dieser Aufforderung nicht Folge zu leisten;
-Enno nahm sie an. Eine Unmenge neuer Eindrücke halfen ihr, den
-Seelenschmerz zu überwinden, und zur Zeit der Rückkehr auf den Mars
-vermochte sie sich bereits so weit zu beherrschen, um als der heitere,
-junge Dichter zu erscheinen, den ich auf dem Aetheroneff kennen gelernt
-hatte.
-
-An der neuen Expedition hatte Enno nicht teilgenommen, weil sie
-fürchtete, sich allzu sehr an Mennis Gegenwart zu gewöhnen. Aber die
-Angst um dessen Schicksal folterte sie in ihrer Einsamkeit, denn sie
-kannte genau die große Gefahr des Unternehmens. An den langen
-Winterabenden kreisten unsere Gedanken und Worte beständig um den einen
-Punkt des Weltalls: um jenen, wo unter der Glut der gigantischen Sonne,
-unter dem sengenden Hauch des Windes, die beiden uns liebsten Wesen mit
-fieberhafter Energie ihre titanisch kühne Arbeit verrichteten. Dieser
-gemeinsame Gedanke und die gleichartige Stimmung brachte uns einander
-sehr nahe. Enno war mir mehr als eine Schwester.
-
-Schier selbstverständlich, ohne Kampf und ohne Erschütterungen führte
-unsere Freundschaft zu einem Liebesverhältnis. Die unbeirrbar ehrliche
-und gütige Enno wich dieser Entwicklung nicht aus, wenngleich sie sie
-nicht angestrebt hatte. Sie beschloß nur, von mir kein Kind zu haben ...
-Der Schatten einer leisen Trauer verdunkelte ihre Liebkosungen, -- die
-Liebkosungen einer zärtlichen Freundschaft, die alles gestattet ...
-
-Der Winter breitete seine kalten weißen Flügel über uns, -- der lange
-Marswinter, ohne Tau, ohne Winde und Schneestürme, ruhig, starr wie der
-Tod. Wir beide fühlten kein Verlangen, nach dem Süden zu fliegen, wo um
-diese Zeit die Sonne glühte und die Natur ihr leuchtendes Gewand
-angelegt hatte. Enno sehnte sich nicht nach einer derartigen Natur, die
-so schlecht mit ihrer Stimmung harmoniert hätte, und ich floh fast vor
-neuen Menschen und neuen Umgebungen, denn die Gewöhnung an diese würde
-neue nutzlose Arbeit gefordert, neue Erschöpfung verursacht haben; ich
-näherte mich ohnehin nur gar langsam meinem Ziel. Unserer Freundschaft
-eignete etwas seltsam Gespenstisches -- Liebe, die Herrschaft des
-Winters, Sorgen und angstvolle Erwartung ...
-
-
- Bei Nella
-
-Enno war seit ihrer frühesten Jugend mit Netti befreundet gewesen und
-wußte mir über sie viel zu erzählen. Während eines unserer Gespräche
-wurden Nettis und Sternis Namen in einer gewissen Verbindung genannt,
-die mir merkwürdig erschien. Als ich darauf eine direkte Frage stellte,
-überlegte Enno eine Weile, wurde schier verwirrt und erwiderte
-schließlich:
-
-»Netti war früher Sternis Frau. Wenn sie Ihnen dies nicht gesagt hat, so
-steht mir kein Recht zu, darüber zu reden. Ich beging offensichtlich
-einen Irrtum und Sie dürfen mich nicht weiter befragen.«
-
-Das Vernommene erschütterte mich seltsam ... Eigentlich war es ja nichts
-Neues, Unerwartetes ... Ich hatte niemals angenommen, daß ich Nettis
-erster Mann sei. Es wäre Torheit gewesen, zu glauben, daß eine
-lebensvolle, gesunde Frau mit schönem Leib und schöner Seele, das Kind
-einer freien, hochkultivierten Rasse, bis zu unserer Begegnung ohne
-Liebe gelebt habe. Weshalb also meine unbegreifliche Verblüffung? Ich
-vermochte keine Erklärung dafür zu finden, kannte bloß ein Gefühl: ich
-müsse alles erfahren, alles genau und klar wissen. Enno zu befragen,
-ging offensichtlich nicht an. Ich erinnerte mich an Nella.
-
-Netti hatte vor ihrer Abfahrt zu mir gesprochen: »Vergiß Nella nicht;
-suche sie auf in deinen schweren Augenblicken.« Ich hatte schon mehr als
-einmal daran gedacht, zu Nella zu gehen, war aber zum Teil durch meine
-Arbeit, zum Teil durch die unklare Angst vor den Hunderten von
-neugierigen Kinderaugen zurückgehalten worden. Jetzt jedoch schwand
-jegliche Unentschlossenheit; noch am gleichen Tag begab ich mich nach
-dem Haus der Kinder, in die große Maschinenstadt.
-
-Nella ließ sogleich ihre Arbeit liegen, bat eine der Erzieherinnen, sie
-zu vertreten und führte mich in ihre Stube, wo uns die Kinder nicht
-stören würden.
-
-Ich beschloß, ihr nicht sofort den Zweck meines Besuches zu bekennen,
-umsomehr, als mir dieser Zweck auch selbst nicht recht vernünftig und
-ganz richtig erschien. Es war ja vollkommen natürlich, daß ich das
-Gespräch auf jenes Wesen lenkte, das uns beiden das teuerste war, und
-dann den günstigsten Augenblick für meine Frage abwartete. Nella
-erzählte voller Eifer von Netti, deren Kindheit und Jugend.
-
-Ihre ersten Lebensjahre hatte Netti bei der Mutter verbracht, wie dies
-auf dem Mars allgemein üblich war. Als dann die Zeit kam, da Netti ins
-Haus der Kinder gebracht werden mußte, damit sie nicht den
-erzieherischen Einfluß des Umgangs mit anderen Kindern entbehre, brachte
-es Nella nicht übers Herz, sich schon von ihr zu trennen und lebte mit
-ihr zusammen in dieser Anstalt, wo sie dann schließlich als Erzieherin
-blieb. Das ergab sich zum Teil aus ihrem Spezialstudium: sie hatte sich
-vornehmlich mit Psychologie befaßt.
-
-Netti war ein lebhaftes, energisches, wildes Kind mit großem Wissens-
-und Tatendurst. Am meisten interessierte und zog sie die geheimnisvolle
-astronomische Welt jenseits des Planeten an. Die Erde, die zu erreichen
-damals noch nicht gelungen war, und deren unbekannte Menschheit waren
-Nettis Lieblingstraum, das Hauptthema ihrer Gespräche mit den anderen
-Kindern und den Erwachsenen.
-
-Als der Bericht über Mennis erste erfolgreiche Expedition nach der Erde
-veröffentlicht wurde, verlor das kleine Mädchen vor Freude und Entzücken
-fast den Verstand. Die kleine Netti kannte Mennis Bericht Wort für Wort
-auswendig und quälte die Mutter sowie die Erzieherinnen ewig mit Fragen
-über die ihr unverständlichen technischen Ausdrücke, die in dem Bericht
-vorkamen. Netti verliebte sich in Menni, ohne ihn zu kennen, schrieb ihm
-einen begeisterten Brief, flehte ihn unter anderem an, er möge sie zu
-den Erdenkindern bringen, denen keine Erziehung zu Teil werde, sie
-übernehme es, diese auf vortreffliche Art zu erziehen. Sie schmückte ihr
-Zimmer mit Erdenbildern und den Porträts der Erdenmenschen und stürzte
-sich auf das Studium der Erdensprachen, sobald die dazu nötigen Bücher
-erschienen waren. Sie entrüstete sich über die Gewalt, mit der Menni und
-dessen Gefährten dem ersten Erdenmenschen begegnet waren: sie hatten ihn
-gefangen genommen, damit er ihnen beim Erlernen der Erdensprachen
-behilflich sei; zur gleichen Zeit jedoch bedauerte sie heftig, daß Menni
-und die seinen bei der Rückkehr in die Heimat den Erdenmenschen
-freigelassen und nicht nach dem Mars mitgenommen hatten. Sie faßte den
-festen Entschluß, eines Tages nach der Erde zu fliegen, und auf die
-Scherze der Mutter, sie würde sich dort sicher mit einem Erdenmenschen
-verheiraten, entgegnete sie sinnend: »Das ist sehr möglich.«
-
-All diese Dinge hatte mir Netti niemals erzählt; in ihren Gesprächen
-schien sie vielmehr der Vergangenheit auszuweichen. Selbstverständlich
-konnte niemand, nicht einmal sie selbst, jene Dinge besser berichten,
-als Nella. Bisweilen vergaß ich völlig meine Person, sah vor mir das
-reizende kleine Mädchen mit den großen funkelnden Augen und der
-rätselhaften Sehnsucht nach der fernen, fernen Welt ... Doch verging
-diese Stimmung rasch, das Bewußtsein meiner Umgebung kehrte zurück und
-damit auch die Erinnerung an den Zweck unseres Gesprächs; von neuem
-drang eisige Kälte in meine Seele.
-
-Als sich das Gespräch den letzten Jahren aus Nettis Leben zuwandte,
-beschloß ich, meine Frage zu stellen, mich so ruhig und ungezwungen wie
-nur möglich nach Nettis und Sternis Verhältnis zu erkundigen. Nella
-dachte einen Augenblick lang nach.
-
-»Also deshalb suchten Sie mich auf! ... Weshalb sagten Sie es nicht
-gerade heraus?«
-
-Unerbittliche Strenge klang aus ihrer Stimme. Ich schwieg.
-
-»Selbstverständlich kann ich es Ihnen erzählen«, fuhr sie fort. »Es ist
-eine ganz einfache Geschichte. Sterni war einer von Nettis Lehrern. Er
-hielt den Jüngeren Vorträge über Mathematik und Astronomie. Als er von
-seiner ersten Expedition nach der Erde zurückkehrte, -- ich glaube, dies
-war Mennis zweite Expedition, -- hielt er eine Reihe Vorträge über
-diesen Planeten und dessen Bewohner. Netti zählte zu seinen ständigen
-Hörern. Die Geduld und Aufmerksamkeit, mit der er ihren ewigen Fragen
-begegnete, brachte die beiden einander näher. Schließlich führte all
-dies zu ihrer Verbindung. Beide waren grundverschiedene Charaktere. Das
-Ergebnis der Verschiedenheit zeigte sich bald auch in ihrem Privatleben,
-führte zur Entfremdung und schließlich zum Bruch. Das ist alles.«
-
-»Sagen Sie mir, wann kam es zum Bruch?«
-
-»Zum endgültigen Bruch kam es nach Lettas Tode. Die innige Freundschaft
-zwischen Netti und Letta gab dazu den ersten Anstoß. Netti litt unter
-Sternis analytisch kaltem Verstand; er zerstörte allzu systematisch und
-hartnäckig alle Luftschlösser, alle Phantasien des Geistes und des
-Gefühls, die für sie einen Teil des Lebens bedeuten. Unwillkürlich
-suchte sie nach einem Menschen, der sich diesen Dingen gegenüber anders
-verhielt. Und dem alten Letta eigneten ein selten teilnahmsvolles Herz
-sowie ein schier kindlicher Enthusiasmus. Netti suchte in ihm jenen
-Gefährten, dessen sie bedurfte: Letta hatte mit ihren Phantasien nicht
-nur Geduld, sondern ließ sich auch häufig selbst von ihnen fortreißen.
-Bei ihm konnte sie von der strengen selbstzerfleischenden Kritik Sternis
-Erholung finden. Letta liebte gleich ihr die Erdenträume und Phantasien,
-glaubte an die künftige Verbindung der beiden Welten, die eine herrliche
-Blüte und eine gewaltige Lebenspoesie zur Folge haben würde. Als dann
-Netti erfuhr, daß ein Mensch, in dessen Seele derartige Gefühle
-verborgen lagen, niemals Frauenliebe und Zärtlichkeit kennen gelernt
-habe, konnte sie sich damit nicht abfinden. Auf diese Art kam Nettis
-zweiter Bund zustande.«
-
-»Einen Augenblick«, unterbrach ich sie. »Verstehe ich Sie recht, Sie
-sagten, Netti sei Lettas Frau gewesen?«
-
-»Ja«, erwiderte Nella.
-
-»Sie sagten aber doch, daß der endgültige Bruch mit Sterni erst nach
-Lettas Tode erfolgte.«
-
-»Ja; erscheint Ihnen dies unbegreiflich?«
-
-»Nein, ich verstehe Sie, wußte bloß nicht darum.«
-
-In diesem Augenblick wurde unser Gespräch unterbrochen. Eines der Kinder
-hatte einen nervösen Anfall erlitten und einer der Schüler rief Nella.
-Ich blieb eine Zeitlang allein. Die Gedanken wirbelten durch meinen
-Kopf; mir war so seltsam zumute, daß ich dies in Worten nicht
-auszudrücken vermag. Weshalb eigentlich? Es war doch nichts Besonderes
-vorgefallen. Netti war ein freier Mensch, hatte als freier Mensch
-gehandelt. Letta ist ihr Mann gewesen? Ich hatte ihn stets verehrt, für
-ihn warme Zuneigung empfunden, hätte ihn selbst dann geliebt, wenn er
-sich nicht für mich geopfert haben würde. Netti war also gleichzeitig
-mit zwei Genossen verheiratet gewesen? Ich hatte immer gefunden, daß die
-Monogamie in unserer Welt ausschließlich den wirtschaftlichen
-Bedingungen entspringe, die den Menschen bei jedem Schritt begrenzen und
-hemmen. Hier existierten diese Bedingungen nicht, auf dem Mars
-herrschten andere Verhältnisse, die dem persönlichen Gefühl und den
-persönlichen Verbindungen keine Fesseln anlegten. Woher kam aber meine
-Erregung und der unbegreifliche Schmerz, über den ich aufschreien, dann
-aber wieder lachen hätte mögen? Konnte ich das, was ich _dachte_, nicht
-auch _fühlen_? Anscheinend nicht. Und mein eigenes Verhältnis zu Enno?
-Wo blieb da meine Logik? Und was bin ich eigentlich? Welch törichte
-Stimmung!
-
-Ach ja, und auch dies berührte mich peinlich: weshalb hatte Netti nicht
-mit mir darüber gesprochen? Wie viele Geheimnisse, wie viel Betrug
-umgeben mich noch? Wie viele harren meiner in der Zukunft? Aber nein,
-auch dies stimmt nicht! Geheimnisse, ja, aber kein Betrug. Ist aber
-nicht auch schon das Geheimnis ein Betrug?
-
-Derartige Gedanken wirbelten durch meinen Kopf, als sich die Tür öffnete
-und Nella zurückkam. Sie las augenscheinlich von meinen Zügen ab, wie
-schwer mir ums Herz war, denn der Ton, mit dem sie sich an mich wandte,
-war frei von Strenge und Kälte.
-
-»Es ist natürlich schwer«, meinte sie, »sich an die völlig fremden
-Lebensbedingungen und an die Sitten einer anderen Welt zu gewöhnen, mit
-der Sie keine Blutsverwandtschaft verbindet. Sie haben bereits in dieser
-Beziehung manchen Sieg errungen, finden Sie sich nun auch in diese
-Dinge. Netti glaubt an Sie, und mir scheint, daß sie recht hat. Ist etwa
-Ihr Vertrauen zu Netti, Ihr Glaube an sie schwankend geworden?«
-
-»Weshalb verbarg sie diese Tatsache vor mir? Wo blieb da ihr Glaube? Ich
-begreife sie nicht.«
-
-»Ich weiß nicht, weshalb sie so handelte. Doch bin ich davon überzeugt,
-daß sie hierfür gewichtige und edle Gründe hatte, es keineswegs aus
-kleinlichen Motiven tat. Vielleicht vermag Sie dieser Brief aufzuklären.
-Sie ließ ihn mir für den Fall zurück, daß wir ein derartiges Gespräch
-führen sollten, wie wir es heute taten.«
-
-Der Brief war in meiner Muttersprache geschrieben, die Netti so gut
-beherrschte. Ich las folgendes:
-
-»Mein Lenni! Ich sprach niemals mit Dir über meine früheren persönlichen
-Verhältnisse, doch geschah es keineswegs deshalb, weil ich Dir
-irgendetwas aus meinem Leben verheimlichen wollte. Ich vertraue fest auf
-Deinen klaren Kopf und Dein edles Herz; zweifle gar nicht daran, daß Du,
-wie auch immer fremd und ungewohnt unsere Sitten für Dich sein mögen,
-sie zu verstehen und richtig zu werten vermagst.
-
-Eines jedoch fürchtete ich ... Nach der Krankheit kehrte Deine
-Arbeitskraft rasch zurück, jenes seelische Gleichgewicht hingegen, von
-dem in jeder Minute die Selbstbeherrschung in Wort und Tat abhängt, hast
-Du noch nicht völlig wiedererlangt. Würdest Du Dich, beeinflußt vom
-Augenblick und von der elementaren Gewalt, die in der Tiefe jeder
-Menschenseele verborgen liegt, mir gegenüber wie gegen eine schlechte
-Frau verhalten, die sich aus der Vergewaltigung und Sklaverei der alten
-Welt befreit hat -- Du würdest es Dir selbst niemals verzeihen. Ja,
-Teuerster, ich weiß es, Du bist gegen Dich selbst streng, bisweilen
-sogar grausam -- diesen Zug brachtest Du aus Eurer harten Schule mit,
-aus den jahrhundertealten Kämpfen der Erdenwelt -- eine einzige Sekunde
-böser, schmerzlicher Entzweiung würde genügen, um in Deinem Herzen auf
-unsere Liebe für immer einen dunklen Schatten zu werfen.
-
-Mein Lenni, ich will und kann Dich beruhigen. Möge in Deiner Seele ewig
-schlummern und niemals erwachen jenes böse Gefühl, das in die Liebe zu
-einem Menschen die Unruhe und Sorge um ein lebendiges Eigentum mischt.
-Ich werde _keine persönlichen_ Verhältnisse mehr haben. Das vermag ich
-Dir leicht und mit Bestimmtheit zu versprechen, weil im Vergleich zu
-meiner Liebe für Dich, zu dem leidenschaftlichen Wunsch, Dir bei Deiner
-großen lebendigen Aufgabe zu helfen, alles andere gering und nichtig
-erscheint. Ich liebe Dich nicht nur wie eine Gattin, sondern auch wie
-eine Mutter, die ihr Kind in ein neues und ihm fremdes Leben einführt,
-das voller Gefahren und Mühen ist. Diese Liebe aber ist stärker und
-tiefer, als irgendeine andere Liebe zwischen Mensch und Mensch. Deshalb
-bedeutet auch mein Versprechen kein Opfer.
-
- Auf Wiedersehen, mein teueres, geliebtes Kind,
- Deine Netti.«
-
-Als ich den Brief zu Ende gelesen hatte, blickte mich Nella fragend an.
-
-»Sie hatten Recht«, sprach ich und küßte ihr die Hand.
-
-
- Auf der Suche
-
-Der oben geschilderte Vorfall ließ in meiner Seele das Gefühl tiefster
-Demütigung zurück. Noch weit schmerzlicher als früher empfand ich die
-Ueberlegenheit meiner Umgebung, in der Fabrik und überall. Zweifellos
-übertrieb ich diese Ueberlegenheit sowie das Gefühl der eigenen
-Schwäche. Ich begann in der mich umgebenden Dienstbereitschaft und
-Fürsorge eine leichte Färbung halb verächtlicher Herablassung zu sehen,
-in der vorsichtigen Zurückhaltung meiner Arbeitsgefährten eine heimliche
-Abneigung gegen das niedrigere Wesen. In einer derartigen Stimmung
-verlor ich die Fähigkeit genauer Beobachtung und richtiger Wertung.
-
-In allen anderen Beziehungen blieben meine Gedanken klar, arbeiteten nun
-vor allem an dem Problem, das sich auf Nettis Abreise bezog. Ich fühlte
-immer stärker die Ueberzeugung, daß es für Nettis Teilnahme an der
-Expedition ein mir noch unbekanntes Motiv gab, eines, das stärker und
-gewichtiger war, als jene, die sie mir gegenüber vorgebracht hatte. Der
-neue Beweis von Nettis Liebe und von der ungeheueren Bedeutung, die sie
-meiner Mission, die zwei Welten einander nahe zu bringen, beilegte,
-bestärkte mich in der Annahme, daß sie sich ohne zwingende Gründe nicht
-entschlossen haben würde, mich für lange Zeit auf dem tiefen, durch
-Sandbänke und Klippen gefahrvollen Meer des fremden Lebens allein zu
-lassen, mußte doch ihr heller und scharfer Verstand besser als jeder
-andere begreifen, welche Gefahren mich hier bedrohten. Es gab _etwas_,
-um das ich nicht wußte, doch war ich fest überzeugt, dieses Etwas stehe
-in enger Verbindung mit mir, und es sei nötig, um jeden Preis zu
-erfahren, worum es sich handle.
-
-Ich beschloß, systematisch Nachforschungen anzustellen. Es fielen mir
-Beobachtungen ein, zu denen mich einige zufällige und unwillkürliche
-Andeutungen Nettis veranlaßt hatten: der beunruhigte Ausdruck, der auf
-ihrem Gesicht lag und mich in Erstaunen versetzte, sobald die Rede auf
-die Kolonialexpeditionen kam; ich begann zu ahnen, daß Netti sich zu
-unserer Trennung nicht erst damals entschlossen hatte, als sie mir davon
-sprach, sondern bereits weit früher, schon in den ersten Tagen unserer
-Vereinigung. Demnach mußte der Grund aus jener Zeit stammen. Wo aber war
-er zu suchen?
-
-Er konnte eine rein persönliche Angelegenheit Nettis sein, konnte aber
-auch mit der besonderen Bedeutung der Expedition zusammenhängen. Die
-erste Annahme erschien mir, nachdem ich Nettis Brief gelesen hatte,
-unwahrscheinlich. Vor allem galt es also, die Einzelheiten zu
-erforschen, mit jenen zu beginnen, die die Geschichte dieser
-Expeditionen zu erklären vermochten.
-
-Es verstand sich von selbst, daß die Expedition auf den Beschluß der
-»Kolonialgruppe« zurückzuführen war. -- Diesen Namen trug
-die Vereinigung jener Arbeiter, die aktive Teilnehmer der
-interplanetarischen Reisen waren, zusammen mit dem Vorsitzenden des
-Zentralen statistischen Bureaus und jener Fabriken, die die Aetheroneffs
-herstellten, sowie alle für die Expedition unentbehrlichen Mittel. Ich
-wußte, daß die letzte Sitzung der »Kolonialgruppe« während meiner
-Krankheit stattgefunden hatte. Menni und Netti hatten an ihr
-teilgenommen. Damals befand ich mich bereits auf dem Wege der Genesung,
-langweilte mich ohne Netti und verlangte, ebenfalls der Sitzung
-beizuwohnen. Netti jedoch erwiderte, dies wäre gefährlich für meine
-Gesundheit. Hing diese »Gefahr« vielleicht von etwas ab, das ich nicht
-wissen durfte? Ich mußte demnach das Protokoll der Sitzung lesen, dort
-alles suchen, was mit dieser Frage in Zusammenhang stehen konnte.
-
-Doch stieß ich bereits hier auf Schwierigkeiten. In der
-Kolonialbibliothek wurde mir nur die auf der Sitzung gefaßte Resolution
-vorgelegt. In dieser Resolution wurde bis in alle Einzelheiten die ganze
-Organisation des grandiosen Unternehmens geschildert, doch fand ich
-nirgends das, was mich im Augenblick interessierte. Ich erhielt auf
-meine Fragen keine Antwort. Die Resolution wurde ohne jedes Motiv
-wiedergegeben, ohne irgendeinen Hinweis auf die Ausführungen, die ihr
-vorangegangen waren. Als ich dem Bibliothekar erklärte, ich wolle das
-Protokoll, erwiderte er, das Protokoll werde nicht veröffentlicht,
-außerdem würden detaillierte Protokolle überhaupt nicht geführt, wie
-dies auch bei den technischen Sitzungen der Fall sei.
-
-Auf den ersten Blick erschien mir dies richtig. Die Marsbewohner
-veröffentlichten meist nur die »_Beschlüsse_« dieser Sitzungen, sie
-nahmen an, daß jede dort geäußerte verständige und nützliche Ansicht,
-sowie gegenteilige Meinungen und Auffassungen besser in Artikeln,
-Broschüren, Büchern usw. verfochten werden konnten, als in einer kurzen
-Rede. Ueberhaupt behagte es den Marsbewohnern nicht, die »Literatur«
-übermäßig zu vermehren und man suchte bei ihnen vergeblich etwas, das
-unserer »Arbeitskommission« gleichkam; sie bemühten sich, alles so wenig
-umfangreich wie möglich zu gestalten. Im gegebenen Fall jedoch schenkte
-ich den Worten des Bibliothekars keinen Glauben. Auf dieser Sitzung
-hatte es sich um große und gewichtige Dinge gehandelt, als daß man sie
-der öffentlichen Beurteilung hätte entziehen können, wie das bei den
-gewöhnlichen technischen Fragen der Fall war.
-
-Ich versuchte selbstverständlich mein Mißtrauen zu verbergen, um
-keinerlei Verdacht zu erregen, vertiefte mich ergeben in das mir
-gewährte Material und entwickelte unterdessen den Plan meines weiteren
-Vorgehens.
-
-Es war offensichtlich, daß ich von den Büchern der Bibliothek nicht jene
-erhalten würde, deren ich bedurfte; entweder gab es über diese
-Angelegenheit gar kein Protokoll, oder aber der Bibliothekar war auf
-meine Fragen vorbereitet gewesen und versteckte es vor mir. Doch blieb
-noch die Phonographen-Abteilung der Bibliothek übrig.
-
-Dort konnten auch jene Protokolle, die nicht zur Veröffentlichung
-freigegeben wurden, gefunden werden. Der Phonograph ersetzte bei den
-Marsbewohnern häufig die Stenographie, und in den Archiven wurden viele
-phonographische Platten der verschiedenen wichtigen Versammlungen
-aufbewahrt.
-
-Ich benützte den Augenblick, da der Bibliothekar in seine Arbeit
-vertieft war und verfügte mich unbemerkt in die Phonographen-Abteilung.
-Dort erbat ich von dem diensthabenden Genossen den Katalog der Platten.
-Er gab ihn mir.
-
-Aus dem Katalog ersah ich gar bald die Nummer der Platte der mich
-interessierenden Sitzung und ich begab mich unter dem Vorwand, daß ich
-den Genossen nicht belästigen wolle, selbst auf die Suche. Auch hier
-errang ich einen Erfolg.
-
-Es gab von dieser Sitzung fünfzehn Phonogramme. An jeder der Platten war
-entsprechend dem hier üblichen Brauch ein Inhaltsverzeichnis befestigt.
-Ich studierte rasch diese Verzeichnisse.
-
-Die fünf ersten waren den Berichten über die Expedition gewidmet,
-stammten noch aus einer früheren Sitzung und beschäftigten sich mit
-technischen, den Aetheroneff betreffenden Fragen.
-
-Die Ueberschrift der vierten Platte lautete:
-
-»Vorschlag des Zentralen statistischen Bureaus für den Uebergang zur
-Massenkolonisation. Wahl der Planeten -- Erde oder Venus. Reden und
-Vorschläge Sternis, Nettis, Mennis und anderer. Beschluß zu Gunsten der
-Venus.«
-
-Ich fühlte, dies sei, was ich suche und steckte die Platte in den
-Apparat. Was ich nun vernahm, schnitt mir für ewige Zeiten in die Seele.
-Es war Folgendes.
-
-Menni eröffnete die Sitzung als Vorsitzender des Kongresses. Als erster
-ergriff der Vorsitzende des Zentralen statistischen Bureaus das Wort.
-
-Er bewies auf Grund genauer Zahlen, daß bei der gegebenen Vermehrung der
-Bevölkerung und der Steigerung ihrer Bedürfnisse selbst für den Fall,
-daß die Marsbewohner die Ausbeutung ihres Planeten einschränkten, in
-etwa dreißig Jahren ein Mangel an Lebensmitteln eintreten müsse. Dieser
-Gefahr vermöchte freilich die Entdeckung der Synthese des Eiweiß aus
-unorganischen Stoffen zu begegnen, doch könne niemand dafür bürgen, daß
-diese Entdeckung in den nächsten dreißig Jahren gemacht würde. Deshalb
-sei es unbedingt nötig, daß die Kolonialgruppe von den rein
-wissenschaftlichen Expeditionen nach anderen Planeten zur Organisation
-einer Massenauswanderung der Marsbewohner übergehe. In Frage kämen zwei
-vom Mars aus erreichbare Planeten, beide reich an Naturschätzen. Es
-müsse schleunigst beschlossen werden, welcher der beiden als Zentrum der
-Kolonisation zu wählen sei, damit dann sofort an die Ausarbeitung des
-Planes gegangen werden könne.
-
-Menni stellte die Frage, ob jemand gegen den Antrag des Redners oder
-gegen dessen Motivierung etwas einzuwenden habe. Doch verlangte niemand
-das Wort.
-
-Dann warf Menni die Frage auf, welcher Planet als erster für die
-Massenkolonisation gewählt werden solle.
-
-Sterni ergriff das Wort.
-
-
- Sterni
-
-»Die erste, von dem Vorsitzenden des Zentralen statistischen Bureaus
-gestellte Frage«, hub Sterni in seinem üblichen, mathematisch nüchternen
-Ton an, »bezieht sich auf die Wahl des zu kolonisierenden Planeten.
-Meiner Ansicht nach bedarf es hier gar keiner Entscheidung, denn die
-Wahl wurde schon längst von der Wirklichkeit getroffen. Es hat gar
-keinen Sinn, zwischen den zwei Planeten wählen zu wollen, denn von den
-beiden uns erreichbaren ist für die Massenkolonisation bloß der eine
-geeignet: und zwar die Erde. Wir besitzen über die Venus eine
-ausführliche Literatur, mit der Sie alle selbstverständlich gut bekannt
-sind. Das Ergebnis aller unserer Versammlungen und Beratungen war stets
-das gleiche: es ist uns unmöglich, in diesem Augenblick von der Venus
-Besitz zu ergreifen. Ihre versengende Sonne erschöpft und schwächt
-unsere Kolonisten, ihre furchtbaren Stürme und Gewitter zerstören unsere
-Bauten, schleudern unsere Aeroplane in den Raum, zerschmettern sie an
-den riesenhaften Bergen. Mit ihren Ungeheuern vermöchten wir, freilich
-um den Preis nicht geringer Opfer, fertig zu werden; aber ihre
-unglaublich reiche Bakterienwelt, mit der wir noch ungenügend bekannt
-sind -- wie viele neue Krankheiten vermag diese in sich zu bergen? Ihre
-Vulkane befinden sich noch in Tätigkeit; wie viele unerwartete Erdbeben,
-Lavaströme, Sturzfluten würden uns dort bedrohen? Der Versuch, die Venus
-zu kolonisieren, würde unzählige und völlig nutzlose Opfer fordern,
-Opfer, nicht der Wissenschaft und dem Glück der Allgemeinheit gebracht,
-sondern der Unvernunft und Phantasterei. Diese Frage erscheint mir
-völlig klar, und der Bericht über die letzte Expedition nach der Venus
-zerstört endgültig alle Zweifel.
-
-Wenn es sich also um eine Massenauswanderung handelt, so kommt dafür nur
-die Erde in Betracht. Dort sind die durch die Natur bedingten
-Hindernisse gering, der Reichtum der Natur ist grenzenlos, übertrifft
-den unseres Planeten um das achtfache. Die Kolonisation selbst ist
-bereits durch die auf der Erde lebenden Wesen gut vorbereitet,
-wenngleich diesen Erdengeschöpfen eine höhere Kultur mangelt. All dies
-ist dem Zentralen statistischen Bureau wohlbekannt. Wenn es uns daher
-vorschlägt, die Wahl des Planeten zu treffen und wir es auch selbst für
-nötig halten, so besteht dafür ein einziger Grund, nämlich, daß sich uns
-auf der Erde ein äußerst ernstes Hindernis entgegenstellt: ihre
-Menschheit.
-
-Die Erdenmenschen bewohnen die ganze Erde, werden auf keinen Fall bereit
-sein, sie gutwillig, und sei es auch nur einen Teil, an uns abzutreten.
-Das hängt mit dem ganzen Charakter ihrer Kultur zusammen, deren Basis
-der Besitz und die organisierte Gewalt sind. Wenngleich selbst die
-zivilisiertesten Völker der Erde bloß einen geringen Teil der ihnen
-erreichbaren Schätze der Natur ausbeuten, so verlangt es sie dennoch
-immer nach der Eroberung weiterer Territorien, und diese Gier schwächt
-sich niemals ab. Der systematisch betriebene Raub der Länder und des
-Besitzes der weniger zivilisierten Völker trägt bei ihnen die
-Bezeichnung Kolonialpolitik und wird als eine der Hauptaufgaben des
-staatlichen Lebens betrachtet. Man kann sich demnach vorstellen, wie
-sich die Erdenmenschen unserem ganz natürlichen und vernünftigen
-Vorschlag gegenüber verhalten würden: uns einen Teil ihres Gebietes
-abzutreten, wofür wir sie lehren und ihnen behilflich sein würden, den
-ihnen gebliebenen Teil in unvergleichlich höherem Maße auszunützen ...
-Für sie ist die Kolonisation eine Frage der rohen Kraft und der
-Vergewaltigung und wir wären, ob wir nun wollen oder nicht, gezwungen,
-ihnen gegenüber ebenfalls diesen Standpunkt einzunehmen.
-
-Handelte es sich hier ausschließlich darum, ihnen ein einziges Mal
-unsere größere Kraft zu beweisen, so wäre dies sehr einfach und würde
-nicht mehr Opfer kosten, als die bei ihnen so beliebten unsinnigen,
-nutzlosen Kriege. Es existiert bei ihnen eine gewaltige Herde für den
-Mord dressierter Leute, die mit dem Wort Armee bezeichnet wird. Freilich
-vermöchten wir vom Aetheroneff aus vermittels der verderblichen, durch
-die beschleunigte Spaltung des Radiums erzeugten Lichtfluten in wenigen
-Augenblicken ein oder zwei dieser Herden zu vernichten, und dies wäre
-für die Zivilisation der Erde weit mehr nützlich als schädlich. Leider
-jedoch ist das, was nachher käme, lange nicht so einfach, die wahren
-Schwierigkeiten würden erst mit diesem Augenblick beginnen.
-
-In dem jahrhundertealten Kampf der Erdenvölker gegen einander
-entwickelte sich bei ihnen eine psychologische Eigenheit, die
-Patriotismus heißt. Dieses unbestimmbare, aber starke und tiefe Gefühl
-enthält ebensowohl boshaftes Mißtrauen gegen alle Völker und Rassen, als
-auch eine schier elementare Anhänglichkeit für die Sitten und Gebräuche
-der eigenen Umgebung. Besonders ist dies in jenen Ländern der Fall, wo
-die Erdenvölker gleich Schildkröten mit ihrer Umgebung verwachsen sind;
-oft aber ist dieser Patriotismus nichts anderes, als die Gier nach
-Zerstörung, Vergewaltigung und Raub. Die patriotische Einstellung wird
-besonders stark nach kriegerischen Niederlagen; nehmen die Sieger den
-Besiegten einen Teil ihres Landes fort, dann nimmt der Patriotismus
-dieser Besiegten den Charakter eines hartnäckigen und grausamen Hasses
-gegen die Sieger an, und die Rache wird zum Lebensideal des ganzen
-Volkes, nicht nur der schlechteren Elemente, der »oberen«, der
-reaktionären Klassen, sondern auch der besten, der Arbeitermassen.
-
-Wenn wir uns nun eines Teiles der Erdoberfläche durch Gewalt
-bemächtigten, so würde dies zweifellos zu einer Vereinigung aller
-Erdenmenschen in einem einzigen Gefühl des Erdenpatriotismus führen, zu
-einem unbarmherzigen Rassenhaß, zu wilder Wut gegen unsere Kolonisten;
-die Ausrottung der Eindringlinge, gleichviel mit welchen Mitteln, bis
-zum gemeinsten Verrat, würde als heilige und edle Sache gelten, die
-unsterblichen Ruhm verleiht. Unseren Kolonisten würde das Leben
-unerträglich gemacht werden. Sie wissen, daß die Vernichtung des Lebens
-selbst bei einer niederen Kulturstufe etwas äußerst einfaches ist. Im
-offenen Kampf sind wir unvergleichlich stärker als die Erdenmenschen,
-dennoch vermöchten sie durch unerwartete Ueberfälle uns ebenso zu töten,
-wie sie dies untereinander zu tun pflegen. Außerdem darf nicht außer
-acht gelassen werden, daß bei ihnen die Kunst der Zerstörung weit
-stärker entwickelt ist, als irgendetwas anderes in ihrer Kultur.
-
-Unter diesen Umständen wäre das Leben auf der Erde geradezu unmöglich;
-es würde auf ihrer Seite Verschwörungen und Terror, auf der unserer
-Genossen beständige Gefahr und unzählige Opfer bedeuten. Diese müßten
-sich zu zehn oder vielleicht sogar hundert Millionen ansiedeln. Bei dem
-auf der Erde herrschenden gesellschaftlichen System, das keine
-gegenseitige Hilfe kennt, bei den dort herrschenden sozialen
-Verhältnissen, Dienste und Hilfe mit Geld zu entlohnen, bei der
-unzulänglichen und verschwenderischen Art der Produktion, die sich nicht
-rasch genug auf die gewaltige Vermehrung der Bewohner einzustellen
-vermöchte, würden Millionen der von uns Vertriebenen größtenteils zu
-einem schmerzlichen Hungertod verdammt sein. Die Minderheit des
-kolonisierten Teiles würde gegen uns bei der übrigen Erdenmenschheit
-eine grausam fanatische Agitation betreiben.
-
-Wir müßten also den Kampf fortsetzen. Unser ganzer Erdenteil müßte sich
-in ein uneinnehmbares, festes Kriegslager verwandeln. Die Angst vor
-künftigen Eroberungen unsererseits, sowie der starke Rassenhaß würden
-alle Erdenvölker dazu vereinigen, sich auf einen Krieg gegen uns
-vorzubereiten. Sind schon heute ihre Waffen weit vollkommener als ihre
-Arbeitswerkzeuge, so würde in diesem Fall die technische Vervollkommnung
-der Mordinstrumente mit rasender Schnelligkeit vor sich gehen. Zu
-gleicher Zeit würden sie absichtlich eine Ursache für den Beginn des
-gewaltigen Krieges herbeiführen und erzwingen, eines Krieges, der für
-uns, selbst im Falle eines Sieges, ungeheure Verluste bedeutete. Es ist
-nicht ausgeschlossen, daß ihnen auch die Aneignung und Verwertung
-unserer besten Mittel gelingen könnte. Sie kennen bereits die
-radiumausstrahlenden Stoffe; die Methode der beschleunigten Spaltung
-vermöchten sie vielleicht irgendwie durch uns erfahren, oder aber ihre
-Gelehrten könnten diese selbst entdecken. Es ist Ihnen allen bekannt,
-daß bei Anwendung dieser Waffen jener, der auch nur um wenige Minuten
-früher angreift als der Feind, diesen unweigerlich vernichtet; in diesem
-Fall erfolgt das Zerstören des höchsten Lebens ebenso leicht, wie durch
-ein Elementarereignis.
-
-Welch ein Leben müßten unsere Genossen führen, umgeben von diesen
-Gefahren, gefoltert von der ewigen Erwartung ähnlicher Ueberfälle? Nicht
-nur alle Lebensfreude würde ihnen vergällt, nein, sogar ihr Typus würde
-sich verändern, verschlechtern. Allmählich schlichen sich in sie
-Argwohn, Mißtrauen ein, der egoistische Trieb der Selbsterhaltung und
-die von ihm unzertrennliche Grausamkeit. Die Kolonie würde aufhören,
-_unsere_ Kolonie zu sein, würde sich in eine kriegerische Republik
-inmitten der geschlagenen, von Feindseligkeit erfüllten Völker
-verwandeln. Die sich wiederholenden blutige Opfer fordernden Ueberfälle
-würden immer mehr das Gefühl der Rache und der Feindschaft vergrößern,
-das uns teure Bild des Menschen entstellen und unsere Leute wären,
-objektiv gesprochen, aus Notwehr gezwungen, die grausamsten Mittel
-anzuwenden. Schließlich, nach langem Schwanken und einer qualvollen
-Kräftevergeudung, müßten wir unvermeidlich zu jener Lösung der Frage
-gelangen, die wir bereits von allem Anfang an hätten anerkennen müssen:
-_die Kolonisierung der Erde fordert die völlige Ausrottung der
-Erdenmenschen_.«
-
-(Unter den hundert Zuhörern entstand ein Gemurmel des Entsetzens, aus
-dem sich Nettis mißbilligender Protest laut abhob. Als die Ruhe wieder
-hergestellt war, fuhr Sterni gelassen fort:)
-
-»Das Unvermeidliche muß _begriffen_, und, wie hart auch immer es
-erscheint, es muß ihm ins Auge gesehen werden. Es gibt für uns zwei
-Möglichkeiten: entweder eine Stagnation in der Entwicklung unseres
-Lebens oder die Vernichtung des uns fremden Lebens auf der Erde. Ein
-drittes gibt es nicht. (Nettis Stimme durchklang den Raum: »Das ist
-nicht wahr!«) Ich weiß, woran Netti denkt, wenn sie gegen meine Worte
-protestiert und gehe auch schon zu der dritten Möglichkeit über, die sie
-im Auge hat.
-
-Diese aber ist -- der sofortige Versuch einer sozialistischen Erziehung
-der Erdenmenschheit, ein Plan, den wir alle noch unlängst befürwortet
-haben, der aber, meiner Ansicht nach, unbedingt aufgegeben werden muß.
-Wir kennen die Erdenmenschheit nun schon zur Genüge, um einzusehen, daß
-diese Idee völlig sinnlos sei.
-
-Die Kulturstufe der führenden Erdenvölker ist etwa die gleiche, wie die
-unserer Vorfahren zur Zeit der großen Kanalbauten gewesen ist. Auf der
-Erde herrscht das Kapital, und es gibt ein Proletariat, das für den
-Sozialismus kämpft. Deshalb könnte man glauben, daß der Augenblick jener
-Umwälzung nicht mehr ferne sei, die die organisierte Gewalt vernichtet
-und die Möglichkeit einer freien und raschen Entwicklung des Lebens
-gibt. Doch besitzt der Erdenkapitalismus eine wichtige Eigenheit, die
-die Sache völlig verändert.
-
-Einerseits ist die ganze Erdenwelt in politische und nationale Teile
-gespalten, so daß der Kampf um den Sozialismus nicht als einheitlicher
-vollkommener Prozeß einer Riesengesellschaft vor sich geht, sondern eine
-ganze Reihe selbständiger, eigenartiger Prozesse darstellt, geführt in
-den verschiedenen Staaten der Gesellschaft, die durch ihre staatliche
-Organisation, durch die Sprache und die Rasse getrennt sind. Andrerseits
-ist auf der Erde die Form des Klassenkampfes weit gröber und
-mechanischer, als dies bei uns der Fall gewesen ist, und die gleichsam
-materielle Kraft, verkörpert durch das stehende Heer und die bewaffneten
-Aufstände, spielt dabei eine große Rolle.
-
-Aus allen diesen Umständen ergibt sich, daß die Frage der sozialen
-Revolution eine unbestimmbare ist: voraussichtlich wird es nicht eine,
-sondern verschiedene soziale Revolutionen geben, in den verschiedenen
-Ländern und zu verschiedenen Zeiten. Ja, diese Revolutionen werden sogar
-einen verschiedenen Charakter haben, sowie einen unsicheren, nicht
-festzustellenden Ausgang. Die herrschenden Klassen verfügen über die
-Armee und eine hochentwickelte Kriegstechnik und vermögen daher in
-gewissen Fällen dem aufständischen Proletariat eine vernichtende
-Niederlage beizubringen, die in den großen Reichen den Kampf für den
-Sozialismus auf zehn Jahre zurückwirft. Derartige Fälle finden wir
-bereits in den Schriften der Erde erwähnt. Außerdem wird die Lage jener
-Länder, in denen der Sozialismus triumphiert hat, die einer Insel sein,
-umgeben von ihr feindlichen kapitalistischen Staaten, zum Teil sogar von
-Staaten, die noch nicht die Phase des Kapitalismus erreicht haben. Um
-ihre Herrschaft bangend, werden die besitzenden Klassen der nicht
-sozialistischen Länder alle Anstrengungen machen, um diese Insel zu
-zerstören, sie werden unaufhörlich kriegerische Ueberfälle gegen sie
-organisieren und sogar bei den sozialistischen Nationen genügend
-Verbündete finden, die, den früheren besitzenden Klassen angehörend, zu
-jedem Verrat bereit sind. Das Ergebnis dieser Kämpfe ist schwer
-vorauszusagen. Aber selbst dort, wo sich der Sozialismus kräftigt und wo
-er siegreich vordringt, wird sein Charakter auf viele Jahre hinaus
-getrübt werden, durch Terror, Kampf, sowie durch einen unvermeidlichen
-barbarischen Patriotismus. Dieser Sozialismus steht dem unseren äußerst
-fern.
-
-Unsere Pflicht wäre demnach, falls wir an dem ersten Plan festhalten,
-ausschließlich für den beschleunigten Sieg des Sozialismus zu wirken.
-Welche Mittel stehen uns hierfür zur Verfügung? Wir vermögen den
-Erdenmenschen unsere Technik zu geben, unsere Wissenschaft, unser Wissen
-um die Beherrschung der Natur, sowie unsere Kultur, die mit den
-wirtschaftlichen und politischen Formen der Erde im schroffsten
-Widerspruch steht. Wir können auch das sozialistische Proletariat bei
-seinem revolutionären Umsturz unterstützen und ihm helfen, den
-Widerstand der übrigen Klassen zu brechen. Ueber andere Mittel verfügen
-wir nicht. Werden aber diese beiden zum Ziel führen? Wir wissen heute
-bereits genug von der Erde, um diese Frage mit einem endgültigen Nein
-beantworten zu können.
-
-Was würden die Erdenmenschen mit unserem technischen Wissen und unseren
-Methoden anfangen?
-
-Vor allem würden sich deren die _besitzenden_ Klassen aller Länder
-bemächtigen. Dies wäre unvermeidlich, weil sich ja in ihren Händen alle
-Produktionsmittel befinden und weil ihnen neunzig- bis hunderttausend
-Gelehrte und Ingenieure zu Diensten stehen; das aber bedeutete, daß
-ihnen alle _Möglichkeiten_ der neuen Industrie gehörten. Sie jedoch
-würden diese nur insofern ausnützen, als es für sie vorteilhaft wäre und
-ihre Macht über die Massen stärkt. Noch eines: jene gewaltigen neuen
-Zerstörungsmittel, die ihnen auf diese Art in die Hände fielen, würden
-sie zur Erdrosselung des sozialistischen Proletariats verwenden. Sie
-würden es verfolgen, würden eine Provokation in grandiosem Maßstab
-organisieren, um das Proletariat so rasch wie möglich zum offenen Kampf
-zu zwingen und in diesem Ringen dessen beste und klügste Kräfte zu
-morden, falls es diesem nicht gelänge, seinerseits bessere Kampfmethoden
-zu finden. Derart würde unsere Einmischung in die Angelegenheiten der
-Erde bloß der Reaktion von oben einen Antrieb geben und ihr zu gleicher
-Zeit Waffen von ungeheurer Gewalt in die Hände spielen. Das aber würde
-zumindest auf zehn Jahre den Fortschritt des Sozialismus hemmen.
-
-Und was würden wir erreichen, wenn wir das sozialistische Proletariat
-gegen seine Feinde unterstützten?
-
-Angenommen, und dies ist keineswegs gewiß, daß es sich mit uns
-verbündet. Die ersten Siege würden leicht errungen werden. Aber dann?
-Die unvermeidliche Entwicklung des Patriotismus bei den anderen Klassen
-würde sich gegen uns und gegen die Sozialisten der Erde wenden ... Das
-Proletariat aber stellt noch in den meisten Ländern der Erde die
-Minderheit dar, die Mehrheit hingegen besteht aus den in ihrer
-Entwicklung zurückgebliebenen Kleinbürgern, aus dunklen, unwissenden
-Menschen. Diese gegen das Proletariat zu verhetzen, wird den
-Großkapitalisten und deren Söldlingen, den Beamten und Lehrern, nur
-allzu leicht fallen. Umsomehr, als diese Massen, die dem Wesen nach
-konservativ, häufig sogar reaktionär sind, eine krankhafte Angst vor dem
-raschen Fortschritt empfinden. Das Proletariat sieht sich also auf allen
-Seiten von erbosten, erbarmungslosen Feinden umgeben, die größere
-Entwicklung des Proletariats verstärkt nur noch diese Feindseligkeit, es
-befindet sich in der gleichen furchtbaren Lage, in der sich unsere
-Kolonisten zwischen den Völkern der Erde befinden würden. Es wird zu
-zahllosen verräterischen Ueberfällen kommen, die Stellung des
-Proletariats in der Gesellschaft wird um so schwieriger sein, als es die
-Erneuerung der Gesellschaft durchführen muß. Und auch in diesem Falle
-wird unsere Einmischung die soziale Umwälzung verzögern, statt sie zu
-beschleunigen.
-
-Die Zeit der Umwälzung ist demnach nicht zu bestimmen, und es hängt
-nicht von uns ab, sie früher herbeizuführen. Jedenfalls können wir nicht
-so lange warten. Im Verlauf von dreißig Jahren zeigt sich bei uns eine
-Vermehrung der Einwohner um fünfzehn bis zwanzig Millionen, die sich in
-jedem folgenden Jahr auf zwanzig bis fünfundzwanzig Millionen steigern
-wird. Es gilt daher, _schon früher_ die Kolonisation zu organisieren,
-denn sonst werden uns die Kräfte und Mittel hierzu mangeln und wir
-werden unser Unternehmen nicht im richtigen Maßstab durchführen können.
-
-Uebrigens ist es auch äußerst ungewiß, ob wir uns mit den
-sozialistischen Staaten der Erde, falls sich solche unerwartet bilden
-sollten, zu verständigen vermögen. Wie bereits gesagt: ihr Sozialismus
-ist noch lange nicht _unser Sozialismus_.
-
-Die Jahrhunderte nationaler Unterdrückung, verstärkt durch die für uns
-unbegreiflich rohen und blutigen Kriege, können nicht spurlos
-vorübergehen, -- sie werden ihre psychologischen Spuren bei den
-Erdbewohnern auf lange Zeit hinterlassen. Und wir wissen gar nicht, wie
-viel Barbarei und Wildheit die Erdensozialisten mit sich in die neue
-Gesellschaft hinübernehmen werden.
-
-Wir haben vor Augen ein Beispiel, das uns klar ersichtlich beweist, wie
-fern selbst die Psychologie des besten Vertreters der Erdenmenschheit
-der unseren steht. Von unserer letzten Expedition brachten wir einen
-Erdensozialisten mit, einen Mann, der sich in seiner Umgebung durch
-Geisteskraft und körperliche Gesundheit auszeichnete. Und was ereignete
-sich? Unser ganzes Leben erschien ihm dermaßen fremd, stand so sehr im
-Widerspruch zu seinem Organismus, daß er in kürzester Zeit von einer
-schweren psychischen Krankheit befallen wurde.
-
-Dies ereignete sich bei einem der Besten, den Menni selbst ausgewählt
-hatte; was können wir da von den übrigen erwarten?
-
-Derart geraten wir in ein Dilemma: entweder wir müssen auf unserem
-Planeten die Vermehrung beschränken, was mit einer Schwächung unserer
-ganzen Lebensentwicklung gleichbedeutend wäre, oder aber wir müssen die
-Erde kolonisieren, was die Ausrottung der ganzen Erdenmenschheit
-bedingt.
-
-Ich rede von der Ausrottung der ganzen Erdenmenschheit, weil wir auch
-bei deren sozialistischen Avantgarde keine Ausnahmen gelten lassen
-dürfen. Wir verfügen ja auch nicht über die technische Möglichkeit,
-diese Avantgarde aus der übrigen Masse auszuscheiden, deren
-unbedeutenden Teil sie darstellt. Aber selbst wenn es uns gelänge, die
-Sozialisten zu schonen, so würden diese gegen uns einen unerbittlich
-grausamen Krieg beginnen, sich selbst zur völligen Vernichtung
-aufopfern, weil sie sich niemals mit dem Töten von hundert Millionen
-Menschen abfinden könnten, die ihnen gleichen, und die mit ihnen durch
-viele, häufig äußerst enge lebendige Bande verknüpft waren. Beim
-Zusammenprall der beiden Welten gibt es kein Kompromiß.
-
-Wir müssen die Wahl treffen. Und ich sage: wir haben bloß eine Wahl.
-
-Das höhere Leben darf nicht dem niedern geopfert werden. Unter den
-Erdenmenschen gibt es kaum etliche Millionen, die bewußte Stufen zu dem
-wahrhaft menschlichen Leben sind. Um dieser Zellenwesen willen dürfen
-wir nicht auf die Geburt von zehn, ja vielleicht von hundert Millionen
-Wesen unserer Welt verzichten, Wesen, die in unvergleichlich höherem
-Sinn des Wortes Menschen sind. Unser Vorgehen wird keineswegs grausam
-sein, denn wir vermögen die Ausrottung der Erdenmenschen auf eine weit
-weniger schmerzliche Art zu bewerkstelligen, als sie dies untereinander
-zu tun gewohnt sind.
-
-Das Weltenleben ist einheitlich. Es bedeutet daher keinen Verlust, wenn
-sich auf der Erde anstelle des noch fernen, halb barbarischen
-Sozialismus schon heute _unser_ Sozialismus verwirklicht, das
-unvergleichlich harmonischere Leben mit seiner ununterbrochenen,
-unbesieglichen Entwicklung.«
-
-(Sternis Rede folgte tiefe Stille. Schließlich wurde sie von Menni
-durchbrochen, der Anhänger einer anderen Ansicht aufforderte, sich zu
-äußern. Netti ergriff das Wort.)
-
-
- Netti
-
-»Das Weltenleben ist einheitlich, sprach Sterni. Und was schlug er uns
-vor?
-
-Einen einzigartigen Typus dieses Lebens auf ewig zu vernichten,
-auszurotten, einen Typus, den wir niemals wiederbeleben, noch ersetzen
-können.
-
-Hundert Millionen Jahre lebte der schöne Planet, lebte sein besonderes
-eigenes Leben, war anders als die übrigen ... Aus den mächtigen
-Elementen ging das Bewußtsein hervor, erhob sich im grausamen und harten
-Kampf von den niedersten Stufen zu den höchsten, bis zu der uns nahen,
-verwandten _menschlichen Form_. Diese Form ist nicht _die gleiche_ wie
-die unsere, wurde beeinflußt von der Geschichte einer anderen Natur,
-eines anderen Kampfes; sie birgt in sich andere Gewalten, andere
-Widersprüche, andere Entwicklungsmöglichkeiten. Nun brach die Epoche an,
-da sich die Möglichkeit einer Vereinigung der beiden großen Lebenslinien
-ergibt. Welche Mannigfaltigkeit, welche erhabene Harmonie könnte sich
-aus dieser Vereinigung entfalten! Und nun wird uns gesagt: das
-Weltenleben ist einheitlich, deshalb sollen wir es nicht vereinigen --
-sondern zerstören.
-
-Als Sterni bewies, wie sehr sich die Erdenmenschen, deren Geschichte und
-Sitten, sowie deren Psychologie von der unseren unterscheiden,
-widerlegte er selbst seine Ideen weit mehr, als ich dies zu tun vermag.
-Glichen die Erdenmenschen uns in allem, ausgenommen in ihrer
-Entwicklungsstufe, wären sie das, was unsere Vorfahren zur Zeit unseres
-Kapitalismus gewesen sind, dann könnte ich Sterni zustimmen: die
-niederen Stufen müssen den höheren, die Schwachen den Starken geopfert
-werden. Aber die Erdenmenschen sind etwas anderes; sie sind nicht nur
-von niedrigerer Kultur und schwächer als wir, sie sind auch anders als
-wir. Wollten wir sie beseitigen, so würden wir sie nicht in der
-Entwicklung der Welt ersetzen, sondern bloß auf mechanische Art jene
-Leere ausfüllen, die wir in der herrschenden Form des Lebens verursacht
-hätten.
-
-Der grundlegende Unterschied zwischen den Erdenmenschen und uns liegt
-nicht in der grausamen und barbarischen Kultur der Erde. Barbarei und
-Grausamkeit sind nur vorübergehende Erscheinungen jener allgemeinen
-_Verschwendung_ im Entwicklungsprozeß, durch die sich das ganze
-Erdenleben kennzeichnet. Dort erscheint der Kampf ums Dasein energischer
-und mühevoller, das Ringen mit der Natur nimmt vielartigere Formen an
-und die Entwicklung fordert weit mehr Opfer. Und dies kann auch gar
-nicht anders sein; denn die Erde erhält vom Quell alles Lebens, der
-Sonne, achtmal mehr Lichtenergien als unser Planet. Deshalb entwickeln
-und verbreiten sich dort so viele Leben, eine so große Verschiedenheit
-der Formen, aus denen sich gewaltige Widersprüche ergeben, so viele
-schmerzliche Hemmungen, deren Schlichtung gar oft scheitert. Im
-Pflanzen- und Tierreich herrschte erbitterter Kampf, das Leben und der
-Tod dieser Arten aber ergaben neue, vollendetere und harmonischere,
-synthetischere Typen. Dies ist auch im Reich der Menschen der Fall.
-
-Wenn wir unsere Geschichte mit jener der Erdenmenschen vergleichen, so
-erscheint erstere erstaunlich einfach, frei von Irrtümern, und fast
-schematisch richtig. Der ruhige, friedliche Uebergang vom Kapitalismus
-zum Sozialismus, das Verschwinden der Kleinbürger, das stufenweise sich
-entwickelnde Proletariat, all dies geschah ohne Schwanken und
-Zusammenstöße auf dem ganzen Planeten, der zu einer politischen Einheit
-verbunden war. Freilich wurde gekämpft, doch verstand ein Mensch den
-anderen, das Proletariat blickte nicht allzuweit voraus, die Bourgeoisie
-war in ihrer Reaktion nicht utopisch, die verschiedenen Epochen und
-gesellschaftlichen Formen vermischten sich nicht derart stark wie auf
-der Erde, wo in einem hoch kapitalistischen Land bisweilen das Einsetzen
-einer feudalen Reaktion möglich ist, und wo eine zahlreiche
-Bauernschaft, die sich kulturell in einer ganz anderen historischen
-Periode befindet, häufig den oberen Klassen als Werkzeug zur Abwürgung
-des Proletariats dient. Wir gingen einen ebenen, glatten Weg, erreichten
-vor einigen Generationen jenen Aufbau, der alle Kräfte der
-sozialistischen Entwicklung entbindet und vereinigt.
-
-Unsere Erdenbrüder hingegen mußten einen anderen Weg gehen, einen
-dornenvollen Weg voller Krümmungen und Klüfte. Wenigen von uns ist
-bekannt, und keiner von uns vermag sich klar vorzustellen, bis zu
-welcher Stufe die Kunst des Menschenschindens selbst bei den
-kultiviertesten Völkern der Erde gediehen war, keiner von uns kennt
-genau die politisch organisierte Herrschaft der oberen Klassen,
-ausgedrückt in Kirche und Staat. Und was ist das Ergebnis? Eine
-Verlangsamung der Entwicklung? Nein, wir haben keinen Grund, dies zu
-behaupten, denn von den ersten Stadien des Kapitalismus entwickelte sich
-im Wirrsal und in den grausamen Kämpfen der verschiedensten Arten das
-proletarische Bewußtsein nicht langsamer, sondern schneller als bei uns,
--- wo die Wandlung stufenweise und ruhiger vor sich ging. Die Härte und
-Erbarmungslosigkeit des Kampfes aber erzeugte in den Kämpfern eine
-derartige Fülle an Energie und Leidenschaft, einen solchen Heldenmut und
-eine so gewaltige Leidenskraft, wie sie der aussichtsreichere und weit
-weniger tragische Kampf unserer Vorfahren gar nicht kennt. Bei diesem
-Typus des Erdenlebens sind die Menschen nicht niedriger, sondern höher
-als wir, wenngleich wir, deren Kultur älter ist, auf einer viel höheren
-Stufe stehen.
-
-Die Erdenmenschen sind gespalten, die verschiedenen Rassen und Nationen
-eng verwachsen mit ihren Ländern und historischen Traditionen, sie reden
-verschiedene Sprachen, und ein gegenseitiges tiefgreifendes
-Nichtverstehen kennzeichnet alle ihre Verhältnisse ... All das trifft zu
-und es ist auch wahr, daß die allgemeinmenschliche Vereinigung, die sich
-mit großer Anstrengung einen Weg über alle Grenzen bahnt, bei unseren
-Erdenbrüdern weit später verwirklicht werden wird, als dies bei uns der
-Fall war. Betrachten Sie aber die Ursache und werten Sie deren Folgen.
-Die Spaltung wurde verursacht durch die Größe der Erdenwelt, den
-Reichtum und die Mannigfaltigkeit ihrer Natur. Das führte zu den
-verschiedensten Auffassungen über das Weltall. Ist aber all dies etwa
-der Beweis, daß die Erdenmenschheit niederer und nicht höher steht als
-unsere Welt in den analogen Epochen der Geschichte?
-
-Schon die rein mechanische Verschiedenheit der Sprachen, in denen die
-Menschen reden, unterstützte die Entwicklung des Denkens, befreite den
-Begriff von der plumpen Herrschaft des Wortes. Vergleichen Sie die
-Philosophie der Erdenmenschen mit jener unserer kapitalistischen Ahnen.
-Die Philosophie der Erde ist nicht nur weit vielseitiger, sondern auch
-weit feiner, sie geht nicht nur von einem bei weitem komplizierteren
-Material aus, sondern ihre Analyse ist, in den besten Schulen, eine viel
-tiefgründigere, die weit richtiger die Verbindung der Tatsachen und
-Begriffe darstellt. Selbstverständlich ist jede Philosophie der Ausdruck
-der Schwäche und der fehlerhaften Erkenntnis, hervorgerufen durch
-mangelhafte wissenschaftliche Entwicklung; der Versuch, ein
-einheitliches Bild des Seins zu geben, ist ein unbeschriebenes Blatt der
-wissenschaftlichen Erfahrung, deshalb wird auch von der Erde die
-Philosophie verschwinden, wie dies bei uns mit dem wissenschaftlichen
-Monismus geschah. Betrachten Sie aber, wie viele philosophische
-Voraussetzungen, gegeben von den ersten Denkern und Kämpfern bereits in
-groben Umrissen die Entdeckungen unserer Wissenschaft voraussehen -- so
-zum Beispiel fast alle sozialwissenschaftlichen Philosophien. Es ist
-klar, daß eine Rasse, die unsere Ahnen in der Schaffung einer
-Philosophie übertraf, auch imstande sein wird, diese in der Schaffung
-einer Wissenschaft zu übertreffen.
-
-Und Sterni will diese Menschen aus der Liste der Gerechten streichen
-mitsamt den bewußten Sozialisten, die sich unter ihnen befinden; er will
-sie nach ihren niedersten Widersprüchen beurteilen, nicht aber nach
-jenen Kräften, die zur gegebenen Zeit diese Widersprüche ausgleichen
-werden. Er will auf ewig diesen stürmischen, aber schönen Ozean des
-Lebens austrocknen.
-
-Fest und entschlossen müssen wir ihm die Antwort geben: _niemals_!
-
-Wir müssen unseren künftigen Bund mit der Erdenmenschheit vorbereiten.
-Freilich können wir den Uebergang zu einer freien Welt nur wenig
-beschleunigen, aber auch das Wenige, was wir zu leisten vermögen, sind
-wir zu tun verpflichtet. Und wenn es uns nicht gelang, den ersten
-Abgesandten der Erde vor unnötigen Leiden und Krankheiten zu bewahren,
--- so gereicht dies keineswegs zu unserer Ehre. Zum Glück wird er bald
-hergestellt sein, und selbst wenn ihn der allzu rasche Uebergang in ein
-ihm fremdes Leben tötete, so hat er immerhin viel für den künftigen Bund
-der beiden Welten geleistet.
-
-Unsere eigenen Schwierigkeiten und Gefahren müssen wir auf eine andere
-Art besiegen. Neue wissenschaftliche Kräfte müssen sich mit der
-chemischen Herstellung der Eiweißstoffe befassen und wir müssen, soweit
-dies möglich ist, die Kolonisation der Venus vorbereiten. Gelingt es uns
-nicht, diese Aufgabe in kürzester Zeit zu erfüllen, so müssen wir
-vorübergehend die Vermehrung einschränken. Welcher vernünftige
-Geburtshelfer opferte nicht das Leben des ungeborenen Kindes, um die
-Frau zu retten? Auch wir müssen, wenn dies unvermeidlich wird, einen
-Teil jenes Lebens opfern, das noch nicht ist, um das, wenn auch fremde
-Leben zu retten, das schon besteht und sich entwickelt. Die Verbindung
-der Welten wird dieses Opfer reichlich lohnen.
-
-Die Einheitlichkeit des Lebens ist das höchste Ziel, und Liebe ist die
-höchste Weisheit!«
-
-(Tiefes Schweigen. Dann ergriff Menni das Wort.)
-
-
- Menni
-
-»Ich beobachtete aufmerksam die Stimmung der Genossen und sehe nun, daß
-die Mehrheit auf seiten Nettis ist. Das freut mich sehr, denn auch meine
-Ansicht deckt sich ungefähr mit der ihren. Ich möchte nur noch eine
-praktische Erläuterung hinzufügen, die mir äußerst wichtig erscheint. Es
-besteht für den Fall, daß wir uns zu einer Massenkolonisation auf einem
-anderen Planeten entschließen, die ernste Gefahr, daß unsere technischen
-Mittel in kürzester Zeit nicht mehr ausreichen werden.
-
-Wir vermögen zehntausend große Aetheroneffs herzustellen, und es kann
-geschehen, daß es uns an den zur Fortbewegung nötigen Stoffen mangelt.
-Jene radiumausstrahlende Materie, vermittels derer sich die Aetheroneffs
-für gewöhnlich bewegen, müßte um das Hundertfache vermehrt werden.
-Inzwischen aber versiegen die alten Lager, und neue werden immer
-seltener entdeckt.
-
-Sie müssen auch wissen, daß wir der radiumausstrahlenden Materie nicht
-nur dazu bedürfen, um dem Aetheroneff seine ungeheure Geschwindigkeit zu
-verleihen. Sie wissen ja, daß unsere ganze technische Chemie auf diesen
-Stoffen beruht. Wir bedürfen ihrer auch zur Erzeugung der Minus-Materie,
-ohne die sich unsere Aetheroneffs und unsere zahllosen Luftschiffe in
-nutzlose schwerfällige Kisten verwandeln würden. Diesem unentbehrlichen
-Gebrauch dürfen wir die Materie nicht entziehen.
-
-Noch ärger ist, daß die einzige Möglichkeit, die Kolonisation zu
-ersetzen, die Synthese des Eiweiß, aus dem gleichen Mangel an
-radiumausstrahlenden Stoffen zur Unmöglichkeit wird. Eine technisch
-leichte und entsprechende fabrikmäßige Herstellung der ungeheuer
-komplizierten Synthese des Eiweiß ist undenkbar bei der alten Methode
-der Synthese, einer äußerst komplizierten Methode. Sie wissen, daß es
-uns bereits vor etlichen Jahren gelang, auf diesem Wege ein vorzügliches
-Eiweiß herzustellen, aber nur in geringer Quantität und bei einem großen
-Verlust an Energie und Zeit, so daß die ganze Arbeit ausschließlich eine
-theoretische Bedeutung besaß. Die Massenproduktion des Eiweiß aus
-unorganischen Stoffen ist nur möglich vermittels der raschen und
-scharfen Umwandlung des chemischen Bestandes, der bei uns von einem
-nicht stabilen Element zu einer stabilen Materie wird. Die erfolgreiche
-Durchführung dieses Prozesses erfordert von zehntausend Arbeitern eine
-Spezialforschung über die Gewinnung des Eiweiß, sowie Millionen von
-neuen Experimenten. Demnach würde selbst im Fall eines Erfolges eine
-ungeheure Vergeudung der Kollektivaktivität unvermeidlich sein, eine
-Vergeudung, der wir nicht gewachsen sind.
-
-Von diesem Gesichtspunkt aus gilt es, schleunigst die einzige für uns
-wichtige Frage zu beantworten: vermögen wir neue Quellen der
-radiumausstrahlenden Stoffe zu entdecken? Und wo sollen wir diese
-suchen? Offensichtlich auf einem anderen Planeten, das heißt: entweder
-auf der Erde oder auf der Venus. Meiner Ansicht nach muß der erste
-Versuch unbedingt auf der Venus gemacht werden.
-
-Was die Erde anbelangt, so können wir annehmen, daß sich auf ihr
-reichliche Vorräte an radioaktiven Elementen befinden. Bei der Venus
-hingegen ist diese _Tatsache bereits festgestellt_. Wo sich auf der Erde
-diese Quellen befinden, ist uns unbekannt, denn jene, die von den
-Erdengelehrten gefunden wurden, taugen nichts. Auf der Venus aber
-entdeckte unsere Expedition sofort die bewußten Quellen. Außerdem
-befinden sich diese ganz nahe der Erdoberfläche, sind leicht erreichbar,
-so daß wir ihr Bestehen vermittels der Photographie feststellen konnten,
-während sich jene der Erde, gleich den unseren, tief unter dem Erdboden
-befinden. Wollten wir auf der Erde das Radium suchen, so müßten wir bis
-in die Tiefen dringen, wie das auch auf unserem Planeten der Fall ist.
-Dies aber bedeutete einen Verlust von vielleicht zehn Jahren, und es
-bestünde auch noch die Gefahr, daß wir uns in der Wahl des Ortes geirrt
-haben. Auf der Venus hingegen gilt es bloß, die bereits gefundenen Lager
-auszubeuten, und dies kann ohne jegliche Verzögerung geschehen.
-
-Deshalb halte ich es für unbedingt notwendig, unabhängig davon, wie wir
-die Frage der Massenkolonisation lösen, sofort an eine teilweise,
-vielleicht auch nur vorübergehende Kolonisation der Venus zu schreiten,
-zu dem ausschließlichen Zweck, die dort befindliche radioaktive Materie
-zu gewinnen.
-
-Die uns von der Natur entgegengestellten Hindernisse sind freilich
-ungeheuer groß, doch brauchen wir sie ja augenblicklich nicht völlig zu
-überwinden. Es gilt nur, von einem kleinen Teil des Planeten Besitz zu
-ergreifen. Wir müssen demnach eine große Expedition ausrüsten, die
-nicht, wie die erste, Monate auf der Venus verbringt, sondern Jahre, und
-deren Zweck es ist, das Radium zu gewinnen. Selbstverständlich muß zur
-gleichen Zeit ein energischer Kampf wider die Natur geführt werden, das
-Klima, wider die uns noch unbekannten Krankheiten, sowie gegen andere
-Gefahren. Es wird viele Opfer geben, vielleicht wird auch nur ein
-geringer Teil der Expedition heimkehren. Der Versuch jedoch muß gemacht
-werden.
-
-Als erstes Feld unserer Tätigkeit kommt die »Insel des glühenden
-Sturmes« in Betracht. Ich habe deren Natur genau studiert und einen
-detaillierten Plan unserer Tätigkeit ausgearbeitet. Wenn Sie, Genossen,
-jetzt bereit sind, diesen zu beurteilen, so werde ich ihn sofort
-vorlegen.«
-
-(Niemand erhob Einwände, und Menni ging an die Erläuterung seines
-Planes, der sich mit allen technischen Einzelheiten befaßte. Nach
-Beendigung seiner Rede traten noch andere Redner auf, doch nahmen sie
-alle Mennis Vorschlag an, besprachen nur die Details. Etliche zweifelten
-an dem Erfolg der Expedition, alle aber waren damit einverstanden, daß
-sie unternommen werde. Schließlich wurde die von Menni vorgeschlagene
-Resolution angenommen.)
-
-
- Der Mord
-
-Die gewaltige Bestürzung, die mich übermannt hatte, verhinderte selbst
-den Versuch, meine Gedanken zu sammeln. Ich fühlte bloß, daß ein kalter
-Schmerz wie mit eisernen Fingern mein Herz zusammenpresse. Vor meinem
-Bewußtsein erhoben sich mit halluzinierender Lebendigkeit Sternis
-riesenhafte Gestalt, sein unerbittlich gelassenes Gesicht. Alles übrige
-versank in schwerem, nächtlichem Chaos.
-
-Wie ein Automat verließ ich die Bibliothek und bestieg mein Luftschiff.
-Der durch den raschen Flug erzeugte kalte Wind hüllte mich wie ein
-Mantel ein und erweckte in mir auf irgendeine Art einen neuen Gedanken,
-einen Gedanken, der gleichsam in meinem Bewußtsein erstarrte und in mir
-die Gewißheit hervorrief: eines müsse geschehen. Heimgekehrt, ging ich
-daran, den Gedanken zu verwirklichen; all dies geschah schier
-mechanisch, als handelte nicht ich, sondern ein anderer.
-
-Ich schrieb dem Leiter des Fabrikrates, daß ich auf einige Zeit meine
-Arbeit aufgebe. Enno sagte ich, wir müßten uns vorläufig trennen. Sie
-blickte mich beunruhigt, forschend an, erblaßte, sprach jedoch kein
-Wort. Bloß im Augenblick des Abschieds fragte sie, ob ich nicht Nella
-sehen möchte. Ich verneinte und küßte Enno zum letzten Mal.
-
-Dann versank ich in ein dumpfes, tödliches Grübeln. Kalter Gram ließ
-mich erschaudern, zerriß meine Gedanken. Von Nettis und Mennis Reden war
-mir bloß eine blasse, gleichgültige Erinnerung geblieben, als wären sie
-etwas Unwichtiges, Uninteressantes. Nur ein einziges Mal durchzuckte
-mein Gehirn die Erkenntnis: also deshalb verließ mich Netti, von dieser
-Expedition hängt _alles_ ab. Hingegen hatte ich Sternis Worte und sogar
-ganze Sätze seiner Rede getreu im Gedächtnis behalten: »Das
-Unvermeidliche muß _begriffen_ werden ... einige Millionen Zellenwesen
-... die völlige Ausrottung der Erdenmenschheit ... er wurde von einer
-schweren psychischen Krankheit befallen ...« Doch vermochte ich weder
-Zusammenhänge, noch einen Ausweg zu finden. Bisweilen erschien mir die
-Ausrottung der Erdenmenschheit als eine bereits vollzogene Tatsache,
-aber auf unklare, abstrakte Art. Mein Schmerz wurde größer, und in mir
-erwachte der Gedanke, daß an dieser Ausrottung ich die Schuld trage.
-Dann wieder sah ich ein, daß ja noch nichts geschehen war, vielleicht
-niemals etwas derartiges geschehen würde. Aber selbst das vermochte
-nicht meinen Kummer zu lindern. Ich konstatierte bei mir: »Alle werden
-sterben ... auch Anna Nikolajewna ... und der Arbeiter Vania ... und
-Netti, nein, Netti bleibt am Leben, sie ist ein Marsmensch ... sonst
-aber werden alle sterben ... doch ist dies nicht grausam, denn sie
-werden nicht leiden ... so sagte Sterni ... alle werden sterben, weil
-ich erkrankte ... das bedeutet, daß ich daran die Schuld trage ...«
-Zerrissene schwere Gedanken erstarrten in meinem Bewußtsein, kalt,
-reglos. Und zugleich mit ihnen schien die Zeit stehen zu bleiben.
-
-Auf mir wuchtete eine schwere, qualvolle, nicht abzuschüttelnde Last.
-Die Gespenster befanden sich nicht außerhalb meiner selbst; in meiner
-Seele hockte ein einziges, schwarzes Gespenst, und dieses Gespenst
-bedeutete für mich _alles_. Ich sah kein Ende der Qual, war doch die
-Zeit stehen geblieben.
-
-Der Gedanke an Selbstmord suchte mich heim, drang aber nicht völlig in
-mein Bewußtsein. Der Selbstmord erschien mir nutzlos und öde, -- konnte
-er denn meinen schwarzen Gram heilen? Ich vermochte nicht an den
-Selbstmord zu glauben, weil ich den Glauben an mein Sein verloren hatte.
-Qual, Kälte und Haß existierten, aber mein »Ich« verlor sich in ihnen,
-wie etwas Richtiges, unsäglich Kleines. Es gab kein »Ich«.
-
-Es kamen Augenblicke, da meine Stimmung so unerträglich war, daß in mir
-der wilde Wunsch erwachte, mich auf meine ganze Umgebung zu stürzen, auf
-Lebendiges und Totes, alles zu zerschlagen, zu zerreißen, zu vernichten,
-damit davon auch nicht die geringste Spur zurückbleibe. Doch besaß ich
-noch genügend Verstand, um zu wissen, daß dies sinnlos und kindisch
-wäre; ich biß die Zähne zusammen und beherrschte mich.
-
-Ohne Unterlaß umkreisten meine Gedanken Sterni; sein Bild haftete starr
-in meinem Bewußtsein, war der Mittelpunkt aller Qualen und Leiden.
-Allmählich, äußerst langsam, kristallisierte sich um diesen Mittelpunkt
-ein Entschluß heraus, der immer klarer und fester ward: »Ich muß Sterni
-sehen«. Weshalb, aus welchem Grund ich ihn sehen wollte, vermochte ich
-nicht zu sagen. Ich wußte bloß, daß ich es tun müsse. Zugleich aber fiel
-es mir qualvoll schwer, die auf mir lastende Starre und Unbeweglichkeit
-zu durchbrechen, um meinen Entschluß auszuführen.
-
-Ich begab mich in den großen Observatoriumssaal und sprach dort zu einem
-der Arbeiter: »Ich muß Sterni sehen.« Der Genosse ging, um Sterni zu
-rufen, kehrte nach wenigen Augenblicken zurück und erklärte, Sterni sei
-eben mit der Prüfung eines Instrumentes beschäftigt, er werde in einer
-Viertelstunde frei sein, und ich möge so lange in seinem Arbeitszimmer
-warten.
-
-Der Genosse führte mich ins Arbeitszimmer. Ich setzte mich in einen
-Lehnstuhl vor den Schreibtisch und wartete. Der Raum war voll der
-verschiedensten Apparate und Maschinen, von denen ich einige kannte,
-während mir die anderen fremd waren. Meinem Lehnstuhl gegenüber ragte
-ein Instrument mit einem schweren Metallstativ auf, an dessen Ende sich
-drei Messer befanden. Auf dem Tisch lag ein offenes Buch über die Erde
-und deren Bewohner. Ich begann mechanisch darin zu lesen, hielt aber
-schon nach den ersten Zeilen inne und versank in ein dem früheren
-ähnliches Grübeln. In meinem Inneren fühlte ich, zusammen mit der alten
-Qual, eine unbezwingliche, fast krampfartige Erregung. So verging die
-Zeit.
-
-Auf dem Korridor wurden schwere Schritte vernehmbar, die Tür öffnete
-sich, und Sterni betrat das Zimmer; auf seinen Zügen lag der
-gewöhnliche, gelassen beschäftigte Ausdruck. Er setzte sich in den
-Lehnstuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches und blickte mich
-fragend an. Ich schwieg. Er wartete noch einen Augenblick, wandte sich
-dann an mich mit der Frage: »Womit kann ich Ihnen dienen?«
-
-Ich verharrte noch immer stumm, starrte ihn an, als wäre er ein lebloser
-Gegenstand. Er zuckte kaum merklich die Achseln und lehnte sich
-abwartend im Lehnstuhl zurück.
-
-»Nettis Mann ...« sprach ich schließlich halbbewußt, mit Anstrengung,
-mehr zu mir selbst, als zu ihm.
-
-»Ich war Nettis Mann«, verbesserte er mich gelassen. »Wir haben uns
-bereits vor langer Zeit getrennt.«
-
-»Die Ausrottung ... wird nicht ... grausam ...« stammelte ich, langsam
-fast unbewußt jenen Gedanken Ausdruck verleihend, die mein Gehirn
-durchwirbelten.
-
-»Also darum handelt es sich«, meinte er ruhig. »Jetzt ist doch davon
-nicht mehr die Rede. Es wurde, wie Sie ja wissen, ein völlig anderer
-Beschluß gefaßt.«
-
-»Ein anderer Beschluß ...«, wiederholte ich mechanisch.
-
-»Was meinen damaligen Plan anbelangt«, fuhr Sterni fort, »so muß ich
-zugeben, daß ich ihn noch nicht gänzlich aufgegeben habe. Doch bin ich
-von seiner Richtigkeit nicht mehr so fest überzeugt.«
-
-»Nicht mehr so fest ...« wiederholte ich abermals.
-
-»Ihre Genesung und Ihre Teilnahme an unserer Gemeinschaftsarbeit haben
-zum Teil meine Argumente widerlegt ...«
-
-»Ausrottung ... zum Teil ...« murmelte ich, und das ganze von mir
-empfundene Leid und Weh mochten wohl aus meiner unbewußten Ironie
-klingen. Sterni erblaßte, schaute mich bekümmert an. Dann trat Schweigen
-ein.
-
-Jählings preßte die kalte Hand des Schmerzes mit übermächtiger,
-ungeahnter Kraft mein Herz zusammen. Ich warf mich in den Lehnstuhl
-zurück, um den in mir aufsteigenden wahnsinnigen Schrei zu unterdrücken.
-Meine Finger umklammerten krampfhaft etwas Hartes, Kaltes. Ich fühlte in
-der Hand eine schwere Waffe. Mein Kummer verwandelte sich in sinnlose
-Verzweiflung. Ich schnellte vom Lehnstuhl empor und führte gegen Sterni
-einen gewaltigen Schlag.
-
-Eines der drei Messer fiel auf ihn nieder; ohne einen Laut stürzte er
-zur Seite wie ein lebloser Körper.
-
-Ich rannte auf den Korridor hinaus und sprach zum ersten mir begegnenden
-Genossen: »Ich habe Sterni getötet.« Der Genosse erbleichte und eilte
-ins Arbeitszimmer, doch mußte er sich wohl auf den ersten Blick
-überzeugt haben, daß es hier keine Rettung mehr gebe, denn er kehrte
-sofort zu mir zurück. Er führte mich in seine Stube, beauftragte einen
-anderen Genossen, telephonisch einen Arzt zu berufen und sich dann zu
-Sterni zu begeben. Wir blieben allein zurück. Anscheinend konnte er sich
-nicht entschließen, mit mir zu sprechen. Ich selbst brach das Schweigen,
-indem ich ihn fragte:
-
-»Ist Enno hier?«
-
-»Nein«, entgegnete er, »sie fuhr für einige Tage zu Nella.«
-
-Wir schwiegen abermals, bis sich der Arzt einfand. Er versuchte mich
-über das Vorgefallene zu befragen, doch erwiderte ich, ich wolle nichts
-sagen. Dann brachte er mich in die nahegelegene Heilanstalt für
-Geisteskranke.
-
-Hier stellte man mir ein großes behagliches Zimmer zur Verfügung, und
-ich wurde lange Zeit nicht belästigt. Etwas Besseres konnte ich mir gar
-nicht wünschen.
-
-Für mich erschien jetzt die Lage völlig geklärt. Ich hatte Sterni
-getötet und dadurch alles vereitelt. Die Marsbewohner sahen nun an einem
-lebendigen Beispiel, was sie von einer Annäherung an die Erdenmenschen
-erwarten durften. Sie sahen, daß sogar jener, den sie für befähigt
-gehalten hatten, ihr Leben zu teilen, ihnen nichts anderes zu bringen
-vermocht hatte, als Gewalt und Tod. Sterni war tot, aber seine Idee
-feierte ihre Auferstehung. Die letzte Hoffnung entschwand, die Erdenwelt
-war verdammt. Und an all dem trug ich die Schuld.
-
-Nach dem Mord kreisten diese Gedanken in meinem Gehirn, beherrschten es
-zusammen mit der Erinnerung an meine Tat. Anfangs eignete der kalten
-Gewißheit eine Art Beruhigung. Dann aber steigerten sich Qual und
-Schmerz ins Grenzenlose.
-
-Ich empfand gegen mich selbst die heftigste Abneigung. Fühlte mich als
-Verräter an der ganzen Menschheit. Einen Augenblick lang empfand ich die
-unklare leise Hoffnung, die Marsbewohner würden mich töten, doch
-erkannte ich dann, ich müsse sie allzu sehr ekeln, und daß ihre
-Verachtung für mich sie daran hindern würde. Freilich verbargen sie ihre
-Abneigung gegen mich, dennoch bemerkte ich sie trotz all ihrer
-Bemühungen genau.
-
-Ich weiß nicht, wie viel Zeit auf diese Art verstrich. Endlich betrat
-der Arzt das Zimmer und teilte mir mit, ich solle mich auf die Rückkehr
-nach der Erde vorbereiten. Ich glaubte, dies bedeute ein verschleiertes
-Todesurteil, doch empfand ich keinen Wunsch, mich dagegen zu wehren. Bat
-nur, mein Leichnam möge von allen Planeten so weit wie möglich geworfen
-werden, damit ich diese nicht verunreinige.
-
-Die Eindrücke der Rückreise sind äußerst unklar und verschwommen. In
-meiner Umgebung sah ich keine bekannten Gesichter, sprach auch mit
-niemandem. Mein Bewußtsein war zwar nicht getrübt, doch bemerkte ich
-nichts von meiner Umgebung. Mir war alles einerlei.
-
-
- Vierter Teil
-
-
- Bei Werner
-
-Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich mich plötzlich im Krankenhaus des
-Doktor Werner, meines alten Genossen, befand. Es war das
-Kreiskrankenhaus eines der nördlichen Gouvernements, das mir schon lange
-aus Werners Briefen bekannt war. Das Gebäude befand sich einige Werst
-von der Gouvernementsstadt entfernt, war äußerst schlecht geleitet,
-stets überfüllt, hatte zum wirtschaftlichen Verwalter einen großen
-Betrüger und verfügte über ein zahlenmäßig geringes, stark
-überarbeitetes Personal. Doktor Werner sah sich gezwungen, zusammen mit
-der äußerst liberalen Kreisverwaltung einen erbitterten Kampf gegen den
-wirtschaftlichen Verwalter zu führen, gegen die von diesem äußerst
-schlecht geleiteten Baracken, gegen den Bau der Kirche, den der
-Verwalter um jeden Preis beendigen wollte, sowie um die angemessene
-Entlohnung der Angestellten usw. Die Kranken starben aus Schwäche statt
-zu gesunden, wurden infolge der schlechten Luft und ungenügenden Nahrung
-von der Tuberkulose befallen. Werner selbst hätte natürlich schon längst
-das Krankenhaus verlassen, würden ihn nicht ganz besondere, mit seiner
-revolutionären Vergangenheit zusammenhängende Umstände dort festgehalten
-haben.
-
-Mich ließen alle diese Reize des Krankenhauses kalt. Werner war ein
-ausgezeichneter Genosse und zögerte nicht, mir seine Bequemlichkeit zu
-opfern. Er überließ mir in der großen Wohnung, auf die er als erster
-Arzt ein Anrecht besaß, zwei Stuben; in der anstoßenden dritten wohnte
-ein junger Feldscher, in der vierten, die dem Schein nach der
-Krankenpflege diente, verbarg sich ein verfolgter Genosse. Freilich
-umgab mich keine besondere Behaglichkeit, und die Aufsicht, der ich
-unterworfen war, dünkte mich trotz dem großen Taktgefühl des jungen
-Genossen weit stärker ausgeprägt und fühlbarer, als auf dem Mars. Doch
-war mir all dies völlig gleichgültig. Doktor Werner verabreichte mir
-ebenso wie die Aerzte auf dem Mars fast keine Medizin, gab mir nur
-bisweilen ein Schlafmittel ein und sorgte vor allem dafür, daß ich Ruhe
-habe und mich wohl fühle. Allmorgendlich und allabendlich suchte er mich
-nach dem Bad auf, das mir der fürsorgliche Genosse zu bereiten pflegte.
-Doch dauerte sein Besuch stets nur wenige Minuten, und er beschränkte
-sich auf die Frage, ob ich nichts brauche. In den langen Monaten meiner
-Krankheit hatte ich mir das Sprechen fast abgewöhnt und begnügte mich
-damit, nein zu sagen, oder aber überhaupt keine Antwort zu geben. Seine
-Fürsorge jedoch störte mich, denn ich fühlte, daß ich eine derartige
-Behandlung gar nicht verdiene und daß ich ihm dies eigentlich mitteilen
-müßte. Schließlich gelang es mir auch mit Anstrengung aller Kräfte, ihm
-zu bekennen, daß ich ein Mörder und Verräter sei und daß durch meine
-Schuld die ganze Menschheit zugrunde gehen müsse. Er widersprach nicht,
-lächelte bloß und kam von da an häufiger.
-
-Allmählich übte die Umgebung auf mich eine heilsame Wirkung aus. Der
-Schmerz krampfte mir weit weniger stark das Herz zusammen, die Qual
-verblaßte, die Gedanken wurden beweglicher, ihre Färbung wurde heller.
-Ich _begann das Zimmer zu verlassen_, im Garten und im Hain zu
-spazieren. Irgendeiner der Genossen hielt sich immer in meiner Nähe auf;
-das war peinlich, doch begriff ich sehr wohl, daß man einen Mörder nicht
-frei umhergehen lassen könne. Bisweilen sprach ich auch mit den
-Genossen, freilich nur über gleichgültige Dinge.
-
-Es war zu Beginn des Frühlings, und die Wiedergeburt des Lebens ringsum
-schwächte ein wenig das Qualvolle meiner Erinnerungen ab; das Zwitschern
-der Vögel rief in mir eine gewisse traurige Beruhigung wach, erweckte
-den Gedanken, daß wenigstens sie nicht vergehen würden, sondern weiter
-leben, und daß nur die Menschen verloren seien. Einmal begegnete mir im
-Hain ein Schwachsinniger, der sich unter Aufsicht aufs Feld zur Arbeit
-begab. Er empfahl sich von mir mit außerordentlich stolzer Gebärde -- er
-litt an Größenwahn, erklärte, er sei ein Gendarm, anscheinend die
-höchste Macht, die er während seines Lebens in der Freiheit gekannt
-hatte. Zum ersten Mal in meiner ganzen Krankheit mußte ich unwillkürlich
-lachen. Ich fühlte, daß mich das Vaterland umgebe, und gleich dem Riesen
-Antheus schöpfte ich, wenngleich äußerst langsam, neue Kraft aus der
-Heimaterde.
-
-
- War es -- war es nicht?
-
-Als sich die Gedanken mehr meiner Umgebung zuwandten, verlangte es mich
-zu wissen, ob Werner und den beiden anderen Genossen bekannt sei, was
-sich mit mir ereignet und was ich getan hatte. Ich fragte Werner, wer
-mich ins Krankenhaus gebracht habe? Er erwiderte, ich sei mit zwei ihm
-unbekannten jungen Leuten gekommen, die nichts Genaues über meine
-Krankheit zu berichten wußten. Sie erklärten, mir in der Hauptstadt
-begegnet zu sein. Sie bemerkten, daß ich krank sei, hatten mich bereits
-vor der Revolution gekannt und damals durch mich von Doktor Werner
-gehört. Deshalb wandten sie sich nun an ihn. Sie reisten noch am
-gleichen Tag ab. Bei Werner hatten sie den Eindruck anständiger junger
-Menschen erweckt, an deren Worten nicht zu zweifeln war. Er selbst hatte
-mich bereits seit etlichen Jahren aus dem Auge verloren und es war ihm
-nicht gelungen, über mich Nachricht zu erhalten.
-
-Ich wollte Werner über den von mir begangenen Mord berichten, doch fiel
-mir dies furchtbar schwer. War doch die ganze Geschichte unsäglich
-kompliziert, mit unzähligen Umständen verknüpft, die sie einem
-leidenschaftslos beurteilenden Menschen äußerst seltsam erscheinen
-lassen mußte. Ich erklärte Werner die Schwierigkeit und erhielt von ihm
-die unerwartete Antwort:
-
-»Das beste wäre es, Sie würden mir jetzt überhaupt nichts erzählen.
-Derartiges ist Ihrer Genesung nicht förderlich. Ich will natürlich nicht
-mit Ihnen streiten, doch vermag ich an Ihre ganze Geschichte nicht zu
-glauben. Sie sind an Melancholie erkrankt, und diese Krankheit veranlaßt
-die ehrbarsten anständigsten Menschen, sich allerlei nie begangener
-Verbrechen zu zeihen. Das Gedächtnis unterstützt die Phantasie und
-erzeugt trügerische, unwahre Erinnerungen. Sie werden mir dies erst dann
-glauben, wenn Sie wieder hergestellt sind, deshalb ist es auch besser,
-die Erzählung bis zu jenem Zeitpunkt hinauszuschieben.«
-
-Hätte dieses Gespräch einige Monate früher stattgefunden, so hätte ich
-zweifellos aus Werners Worten ein großes Mißtrauen und die Verachtung
-meiner Person herausgelesen. Jetzt jedoch, da meine Seele bereits nach
-Rast und Erholung suchte, faßte ich die ganze Sache anders auf. Es war
-mir angenehm, daß mein Verbrechen den Genossen nicht bekannt sei und daß
-die Tatsache angezweifelt werden könne. Ich begann von nun an immer
-seltener an meine Tat zu denken.
-
-Meine Genesung machte rasche Fortschritte, nur bisweilen übermannte mich
-wieder die frühere Qual, doch dauerten diese Anfälle niemals lange.
-Werner war offensichtlich mit mir zufrieden, ich wurde auch nicht mehr
-so scharf beobachtet. Seiner Ansicht über meine »Phantasien« gedenkend,
-bat ich ihn, mir einen typischen Fall meiner Krankheit zum Lesen zu
-geben, den er im Krankenhaus beobachtet und niedergeschrieben hatte.
-Zögernd und ungern erfüllte er meine Bitte. Er wählte aus den
-verschiedensten Krankheitsgeschichten eine und gab sie mir.
-
-In dieser Krankheitsgeschichte wurde der Fall eines Bauern erzählt, den
-die Not aus einem entlegenen Dörfchen in eine der größten Fabriken der
-Hauptstadt trieb. Das Leben der großen Stadt erschütterte offensichtlich
-sein seelisches Gleichgewicht; den Worten seiner Frau zufolge war er
-lange Zeit »völlig außer sich«. Dann verging dies, er lebte und
-arbeitete wie alle übrigen. Als in der Fabrik ein Streik ausbrach, stand
-er auf Seiten der Genossen. Der Streik war lange und hartnäckig, der
-Bauer mußte mit Frau und Kindern Hunger leiden. Plötzlich begann er sich
-zu grämen, machte sich Vorwürfe, weil er geheiratet und ein Kind gezeugt
-habe und überhaupt »gottlos« lebe.
-
-Dann begann er irre zu reden, wurde zuerst ins städtische Spital und von
-dort in das Krankenhaus seines Heimatkreises gebracht. Er behauptete
-steif und fest, daß er den Streik gebrochen und die Genossen verkauft
-habe, sowie jenen »guten Ingenieur«, der im Geheimen den Streik
-unterstützte, und der von der Regierung aufgehängt wurde. Zufällig
-kannte ich genau die ganze Geschichte des Streiks -- ich arbeitete
-damals in der Hauptstadt -- wußte genau, daß bei diesem Streik kein
-Verrat vorgekommen, der »gute Ingenieur« nicht bloß nicht gehängt,
-sondern nicht einmal verhaftet worden war. Die Krankheit des Arbeiters
-endete mit seiner Genesung.
-
-Diese Geschichte verlieh meinen Gedanken eine neue Färbung. In mir wurde
-der Zweifel wach, ob ich tatsächlich den Mord begangen, oder aber ob,
-wie Werner sagte, »die Phantasie der Melancholie« mein Gedächtnis
-beeinflußt habe. Zu jener Zeit waren meine Erinnerungen an das Leben auf
-dem Mars seltsam verworren und verblaßt, zusammenhanglos und
-unvollständig, und wenngleich das Bild des Verbrechens klar in meinem
-Gedächtnis haftete, so verlor es sich doch in den einfachen und scharfen
-Eindrücken der Gegenwart. Bisweilen schüttelte ich den kleinlichen,
-beruhigenden Zweifel ab, erkannte klar, daß alles _tatsächlich_ so
-gewesen und daß es unmöglich sei, dies abzuleugnen. Dann aber kehrten
-Zweifel und Sophismen zurück, halfen mir, meine Gedanken von der
-Vergangenheit abzuwenden. Die Menschen glauben so gerne das, was ihnen
-angenehm ist ... Und wenngleich in der Tiefe meiner Seele die Erkenntnis
-lebte, daß diese Auffassung eine Lüge sei, so überließ ich mich ihr
-dennoch freudig, wie man sich einem Glückstraum überläßt.
-
-Heute glaube ich, daß meine Genesung ohne diese betrügerische
-Autosuggestion nicht so rasch und so völlig erfolgt wäre.
-
-
- Das Leben der Heimat
-
-Werner hielt von mir sorgsam jeden Eindruck fern, der für meine
-Gesundheit irgendwie »schädlich« hätte sein können. Er gestattete mir
-nicht, mit ihm ins Krankenhaus zu gehen, und von den dort beherbergten
-Geisteskranken durfte ich nur die unheilbar Schwachsinnigen und
-Degenerierten beobachten, die frei umhergingen und sich mit
-verschiedenen Arbeiten auf dem Feld, in Hain und Garten beschäftigten.
-Ich muß gestehen, daß mich diese Fälle nicht sonderlich interessierten,
-habe ich doch mein Lebtag alles Hoffnungslose, Nutzlose, für
-Immer-Verurteilte gehaßt. Es verlangte mich weit mehr danach, akute
-Fälle zu studieren, vor allem jene, bei denen die Hoffnung auf Genesung
-bestand, die Melancholiker und die heiteren Maniaken. Werner versprach
-mir, mich mit ihnen bekannt zu machen, sobald meine eigene Genesung
-genügend Fortschritte gemacht habe; doch schob er es immer wieder von
-neuem hinaus.
-
-Noch mehr aber bemühte sich Werner, mich von dem politischen Leben der
-Heimat zu isolieren. Anscheinend nahm er an, meine ganze Erkrankung
-rühre von den furchtbaren Eindrücken der Revolution her. Er wollte nicht
-glauben, daß ich mich die ganze Zeit über fern der Heimat befunden habe
-und nicht einmal wußte, was sich hier ereignet hat. Er hielt meine
-Unkenntnis der Lage für bloße Vergeßlichkeit und fand diese Tatsache sei
-für mich und meine Gesundheit äußerst günstig. Er weigerte sich nicht
-nur, mir etwas über die Vorfälle zu berichten, sondern verbot dies auch
-meinen Wärtern; in der ganzen Wohnung war keine einzige Zeitung, keine
-einzige Zeitschrift aus den letzten Jahren zu finden, er verbarg alle
-derartigen Dinge in seinem Arbeitszimmer oder im Krankenhaus. Ich war
-gezwungen, auf einer unbewohnten politischen Insel zu leben.
-
-Anfangs, da es mich einzig und allein nach Ruhe und Stille verlangte,
-erschien mir diese Lage sehr angenehm. Später jedoch, als meine Kräfte
-zunahmen, wurde es mir in der Austernschale zu eng; ich stellte an meine
-Gefährten allerlei Fragen, die sie, dem Gebot des Arztes gehorchend,
-nicht beantworteten. Ich ärgerte und langweilte mich. Versuchte, meine
-politische Quarantäne zu durchbrechen, Werner davon zu überzeugen, daß
-ich gesund genug sei, um Zeitungen lesen zu dürfen. Vergeblich; Werner
-erklärte, es wäre verfrüht, und er selbst werde beurteilen, wann es an
-der Zeit sei, meine geistige Diät abzuändern.
-
-Nun nahm ich zur List meine Zuflucht. Es galt, in meiner Umgebung einen
-Spießgesellen zu finden, der seiner Freiheit nicht beraubt war. Den
-Feldscher für mich zu gewinnen, wäre äußerst schwierig gewesen: er hatte
-eine übertrieben hohe Auffassung von seiner Berufspflicht. Deshalb
-wandte ich mich an den anderen Krankenpfleger, den Genossen Wladimir.
-Bei ihm stieß ich auf keinen großen Widerstand.
-
-Wladimir war früher Arbeiter gewesen. Fast noch ein unwissender Knabe,
-hatte er sich den Revolutionären angeschlossen, war aber jetzt bereits
-ein erfahrener Soldat. Zur Zeit eines gewaltigen Pogroms, als eine
-Unzahl Genossen unter den Kugeln gefallen und in den Flammen der
-Feuersbrunst zugrundegegangen waren, hatte er sich einen Weg durch die
-Menge der Pogromisten gebahnt, etliche derselben erschossen und war
-durch einen glücklichen Zufall mit heiler Haut davongekommen. Dann lebte
-er lange Zeit illegal in verschiedenen Städten und Dörfern, widmete sich
-der bescheidenen aber gefährlichen Aufgabe, Literatur und Waffen zu
-transportieren. Schließlich, als ihm schon der Boden unter den Füßen
-brannte, sah er sich gezwungen, bei Werner ein Versteck zu suchen. Diese
-Einzelheiten erfuhr ich selbstverständlich erst später. Doch bemerkte
-ich gleich zu Anfang, daß der junge Mann unter seiner geringen Bildung
-litt und daß es ihn, dem die frühere wissenschaftliche Disziplin fehlte,
-viel Mühe kostete, sich selbst weiterzubilden. Ich begann mich mit ihm
-zu beschäftigen, wir kamen gut vorwärts, und ich gewann auf ewig sein
-Herz. Später fiel es mir leichter, mich meinem Ziel zu nähern: Wladimir
-hielt nur wenig von medizinischen Anordnungen und wir zettelten eine
-kleine Verschwörung an, um Doktor Werners Strenge zu paralysieren.
-Wladimirs Erzählungen, die Zeitungen, Zeitschriften und politischen
-Broschüren, die er mir zusteckte, gaben mir gar bald ein Bild vom Leben
-der Heimat während meiner Abwesenheit.
-
-Die Revolution war nicht glatt vor sich gegangen, hatte sich qualvoll
-lange hingezogen. Das aus seiner Stumpfheit erwachende Proletariat hatte
-anfangs, dank unerwarteter Angriffe, große Siege errungen, doch wurde es
-im entscheidenden Augenblick von den Bauernmassen im Stich gelassen, und
-die vereinigten Kräfte der Reaktion brachten ihm furchtbare Niederlagen
-bei. Während es für einen neuen Kampf Kräfte sammelte und die Nachhut
-der bäuerlichen Revolutionäre erwartete, wurden zwischen den
-Großgrundbesitzern und der Bourgeoisie Verhandlungen angebahnt, die ein
-gemeinsames Vorgehen und die Erdrosselung der Revolution bezweckten.
-Diese Absichten nahmen die Form einer parlamentarischen Komödie an; sie
-endeten infolge der unversöhnlichen Haltung der Agrarier-Reaktionäre mit
-einem Mißerfolg. Das Spielzeug-Parlament berief seine Mitglieder ein,
-jagte sie dann, eines nach dem anderen, auf die gröbste Weise wieder
-fort. Die Bourgeoisie, erschöpft von den Stürmen der Revolution,
-erschreckt durch die ersten selbstbewußten energischen Angriffe des
-Proletariats, ging immer weiter nach rechts. Die Bauernschaft, in ihren
-Massen revolutionär gesinnt, machte sich rasch die politische Erfahrung
-zu eigen; die Flammen zahlloser Feuersbrünste erhellten den von ihr
-eingeschlagenen Weg des Kampfes. Die alte Macht versuchte auf blutigste
-Art die bäuerliche Erhebung abzuwürgen, wollte zu gleicher Zeit die
-Bauernschaft durch Verteilung von Grund und Boden versöhnen, doch
-geschah letzteres auf eine so geizige, schmutzige Art, das es völlig
-ergebnislos blieb. Tagtäglich ereigneten sich auf allen Seiten, von
-allen Parteien und Gruppen unternommene Ueberfälle. Im Lande wütete ein
-noch nie dagewesener, in keinem Reiche der Erde je geahnter Terror, oben
-und unten.
-
-Das Land ging einem neuen entscheidenden Kampf entgegen. Doch war dieser
-Weg so lang und so voller Schwanken und Zweifeln, daß viele von
-Erschöpfung und sogar von Verzweiflung übermannt wurden. Die radikale
-Intelligenz, die am Kampf teilnahm, vor allem die Sympathisierenden,
-gingen fast vollständig ins Lager der Feinde über. Freilich bedauerte
-das niemand. Aber sogar unter meinen einstigen Genossen entstanden
-Verzagtheit und Hoffnungslosigkeit. Diese Tatsache bewies mir klar, wie
-schwer und kraftraubend das revolutionäre Leben dieser Zeit gewesen war.
-Ich selbst, ein ausgeruhter Mensch, der sich der Vorrevolutionszeit und
-des Anfangs des Kampfes erinnerte, ohne jedoch die Härte der späteren
-Niederlagen erlitten zu haben, sah klar das sinnlose Untergraben der
-Revolution, sah, wie sehr sich alles in diesen Jahren verändert habe,
-wie viele neue Elemente des Kampfes hinzugekommen waren, wie unmöglich
-es war, das Gleichgewicht herzustellen. Die neue Woge der Revolution
-mußte kommen und war schon nahe.
-
-Es gab bloß eine Möglichkeit: warten. Ich ahnte, wie qualvoll schwer
-unter diesen Umständen die Arbeit der Genossen sein mußte. Mich selbst
-verlangte es nicht, allzu rasch wieder an die Arbeit zu gehen. Und dies
-unabhängig von Werners Ansichten; ich fand, es sei klüger, Kräfte zu
-sammeln, um sie erst dann anzuwenden, wenn sie wieder ihre ganze Stärke
-erreicht hatten.
-
-Auf unseren langen Spaziergängen im Hain erwogen wir, Wladimir und ich,
-die Aussichten und Bedingungen des bevorstehenden Kampfes. Die heroisch
-naiven Träume und Pläne meines Gefährten erschütterten mich zutiefst, er
-schien mir ein edles, liebes Kind, dem ein schlichter, anspruchslos
-schöner Kämpfertod bevorstand, erhaben und einfach, wie sein ganzes
-junges Leben gewesen. Der Weg der Revolution wird mit edlen Opfern
-bezeichnet, und schönes Blut färbt die proletarische Fahne.
-
-Aber nicht nur Wladimir kam mir wie ein Kind vor. Selbst Werner, dieser
-alte Revolutionär, erschien mir weit naiver und kindlicher, als ich
-früher geglaubt hatte -- und das gleiche Gefühl empfand ich auch anderen
-Genossen, ja sogar etlichen unserer Führer gegenüber ... Alle jene
-Menschen, die ich auf der Erde gekannt hatte, machten auf mich den
-Eindruck halbkindlicher, noch nicht völlig erwachsener Wesen, die das
-Leben in sich und ringsum nur unklar zu erfassen vermögen, die äußeren
-und inneren Gewalten gehorchen. In dieser Empfindung war kein Tropfen
-von Selbstüberhebung, oder Verachtung, sondern tiefe Zuneigung und
-brüderliches Interesse für diese embryonalen Geschöpfe, die Kinder einer
-jungen Menschheit.
-
-
- Der Briefumschlag
-
-Die glühende Sommersonne schien das Eis, in dem das Leben des Landes
-erstarrt war, zu schmelzen. Es erwachte, und die Morgenröte neuer Stürme
-zeigte sich am Horizont. Aus der Tiefe drang von neuem dumpfes Murren.
-Diese Sonne, dieses Erwachen erwärmten meine Seele, steigerten meine
-Kräfte; ich fühlte, bald würde ich gesünder sein, als ich es je zuvor
-gewesen.
-
-In dieser Stimmung unklarer Lebensfreude wollte ich nicht mehr an die
-Vergangenheit denken. Das Bewußtsein, ich sei von der ganzen Welt, von
-allen vergessen, tat mir wohl ... Für die Genossen wollte ich erst zu
-einer Zeit auferstehen, da es keinem mehr einfallen würde, mich über die
-Jahre meiner Abwesenheit zu befragen, es für derartiges kein Interesse
-geben und meine Vergangenheit in den stürmischen Wogen einer neuen Flut
-versunken sein werde. Bemerkte ich jedoch Tatsachen, die diese meine
-Hoffnung als zweifelhaft erscheinen ließen, so erfaßten mich Erregung
-und Unruhe, sowie eine sinnlose Feindseligkeit gegen jene, die sich noch
-an mich erinnern konnten.
-
-An einem Sommerabend fand sich Werner bei der Rückkehr aus dem
-Krankenhaus nicht, wie gewöhnlich, im Garten ein, um sich zu erholen --
-er bedurfte dieser Erholung, denn der Rundgang durchs Krankenhaus
-ermüdete ihn sehr, -- sondern suchte mich auf und begann mich
-ausführlich über mein Befinden zu befragen. Mir schien, als strenge er
-sich an, meine Antworten im Gedächtnis zu behalten. Das war etwas
-ungewöhnliches, und ich glaubte, er habe vielleicht durch einen Zufall
-meine kleine Verschwörung entdeckt. Doch merkte ich bald, daß er
-keinerlei Verdacht hege. Dann verließ er die Stube und begab sich in
-sein Arbeitszimmer. Erst eine halbe Stunde später sah ich durchs
-Fenster, daß er in seiner dunklen Lieblingsallee spazieren ging. Ich
-konnte nicht umhin, diese Kleinigkeiten zu beobachten, gab es ja in
-meiner Umgebung keinerlei große Vorfälle und Ereignisse. Nachdem ich
-verschiedene Vermutungen verworfen hatte, kam ich zu der
-allerwahrscheinlichsten Lösung, Werner wolle vielleicht auf eine
-besondere Aufforderung hin jemandem über meine Gesundheit einen Bericht
-schreiben. Die Post wurde ihm allmorgendlich in sein Arbeitszimmer
-gebracht, -- vielleicht hatte er heute einen Brief erhalten, der sich
-nach mir erkundigte.
-
-Von wem war dieser Brief, was bezweckte er? Ich mußte dies unbedingt
-erfahren, um meine Seelenruhe wiederzufinden. Werner selbst zu befragen,
-wäre vergeblich gewesen -- er schien einen besonderen Grund zu haben,
-mir den Brief zu verheimlichen, hätte sonst von selbst darüber
-gesprochen. Ob vielleicht Wladimir etwas wußte? Aber es erwies sich, daß
-auch ihm nichts bekannt war. Ich überlegte, auf welche Art und Weise ich
-die Wahrheit erfahren könnte.
-
-Wladimir war zu jedem Dienst bereit. Meine Neugierde erschien ihm völlig
-berechtigt, Werners geheimnisvolles Wesen hingegen fand er unbegründet.
-Er scheute sich nicht, Werners Zimmer einer wahren Durchsuchung zu
-unterziehen, desgleichen das medizinische Kabinett, doch fand er nichts
-Interessantes.
-
-»Entweder hat er den Brief eingesteckt«, meinte Wladimir, »oder aber
-zerrissen und fortgeworfen.«
-
-»Wohin wirft er gewöhnlich die zerrissenen Briefe und Papiere?« fragte
-ich.
-
-»In den Korb, der unter dem Tisch seines Arbeitszimmers steht.«
-
-»Gut, bringen Sie mir alle Papiere, die Sie im Korb finden.« Wladimir
-ging und kehrte eiligst zurück.
-
-»Es sind gar keine Papiere im Korb«, erklärte er. »Doch fand ich diesen
-Briefumschlag, den er, dem Stempel nach, heute erhalten haben muß.«
-
-Ich griff nach dem Umschlag und betrachtete die Aufschrift. Plötzlich
-schien unter meinen Füßen die Erde zu versinken, und die Wände drohten
-über mir einzustürzen ...
-
-Es war Nettis Schrift!
-
-
- Der Abschluß
-
-Aus dem Chaos der Erinnerungen und Gedanken, in dem meine Seele versank,
-als ich sah, daß sich Netti auf der Erde befinde und nicht mit mir
-zusammentreffen wolle, erhob sich nur das Endergebnis klar und deutlich.
-Dies kristallisierte sich gleichsam von selbst heraus, ohne irgendeinen
-logischen Prozeß, und stand über jedem Zweifel. Doch vermochte ich mich
-damit nicht abzufinden. Ich wollte meine Tat mir und anderen gegenüber
-begründen. Vor allem aber konnte ich mich nicht in den Gedanken finden,
-daß Netti meine Tat nicht begreifen, sie für einen bloßen Ausbruch des
-Gefühls halten könnte, obschon sie doch eine logische Notwendigkeit
-gewesen war, die sich unvermeidlich aus meiner ganzen Geschichte
-entwickelt hatte.
-
-Es galt also, vor allen folgerichtig meine Geschichte zu erzählen, um
-der Genossen, um meiner, um Nettis willen ... Deshalb wurde dieses
-Manuskript geschrieben. Werner, der es als erster lesen wird -- am Tage
-nach Wladimirs und meiner Flucht -- möge für dessen Veröffentlichung
-sorgen, -- selbstverständlich muß er die nötigen, durch unsere
-konspirative Tätigkeit bedingten Abänderungen vornehmen. Das ist meine
-einzige Bitte. Ich bedaure sehr, daß ich ihm nicht zum Abschied die Hand
-drücken kann ...
-
-Während ich an diesen Erinnerungen schrieb, erhob sich die Vergangenheit
-immer heller und klarer vor mir, das Chaos verwandelte sich in
-Gewißheit, die von mir gespielte Rolle, sowie meine Lage zeichneten sich
-scharf in meinem Bewußtsein ab. Mit gesundem Verstand und klarer
-Erinnerung vermag ich alles zum Abschluß zu führen ...
-
-Zweifellos überstieg die mir gestellte Aufgabe meine Kräfte. Worin aber
-ist die Ursache meines Mißerfolges zu suchen? Und wie ist der Irrtum zu
-erklären, den sich Mennis durchdringender, hoher Verstand bei meiner
-Wahl zu schulden kommen ließ?
-
-Ich entsann mich eines Gespräches, das ich mit Menni über meine Wahl
-geführt hatte. Es war zu jener glücklichen Zeit gewesen, als Nettis
-Liebe in mir den unbegrenzten Glauben an meine Kraft erweckt hatte.
-
-»Wie kam es, Menni«, fragte ich, »daß Sie aus der großen Menge
-verschiedenartigster Menschen unseres Landes, deren Bekanntschaft Sie
-während Ihres Aufenthaltes auf der Erde gemacht hatten, gerade mich für
-den geeignetsten Vertreter der Erde gehalten haben?«
-
-»Die Auswahl war nicht besonders groß«, entgegnete er. »Sie mußte im
-Rahmen der Vertreter des wissenschaftlich-revolutionären Sozialismus
-getroffen werden, denn alle anderen Weltanschauungen standen der unseren
-noch weit ferner.«
-
-»Mag sein. Wäre es aber nicht viel leichter gewesen, unter den
-Proletariern, die die Basis und die Kraft unserer Bewegung bedeuten, das
-richtige zu finden?«
-
-»Ja, es wäre richtiger gewesen, dort zu suchen. Aber ... ich hätte bei
-ihnen nicht das gefunden, was mir unentbehrlich schien: die umfassende,
-vielseitige Bildung, die höchste Stufe Ihrer Kultur. Diese Tatsache
-lenkte mein Suchen nach der anderen Seite.«
-
-So sprach Menni. Seine Annahme bewahrheitete sich nicht. Bedeutet dies,
-daß er überhaupt keinen Erdenmenschen hätte mitnehmen dürfen, daß der
-Unterschied zwischen den beiden Kulturen ein unüberbrückbarer Abgrund
-ist, über den der _Einzelne_ nicht hinüberzugelangen, und den bloß die
-Gesellschaft zu besiegen vermag? Das zu glauben, wäre für mich
-persönlich ein großer Trost, doch zweifle ich ernstlich daran. Ich
-glaube vielmehr, daß sich Menni in jener Ansicht, die unsere
-Arbeitergenossen betrifft, geirrt habe.
-
-Wodurch erlitt ich Schiffbruch?
-
-Die erste Ursache war vielleicht der Umstand, daß sich eine Unmenge
-Eindrücke des fremden Lebens auf meinen Geist stürzte, daß deren
-Reichhaltigkeit mein Bewußtsein überflutete und die Ufer verwischte. Mit
-Nettis Hilfe überlebte ich die Krise und fand mich wieder zurecht. Aber
-war nicht diese Krise selbst die Folge jener erhöhten Empfindsamkeit,
-jener verfeinerten Wahrnehmung, die rein geistig arbeitenden Menschen
-eigen ist? Würde vielleicht einer primitiveren, etwas weniger
-komplizierten, widerstandsfähigeren und einfacheren Natur alles leichter
-gefallen, und für sie der rasche Uebergang weniger schmerzlich gewesen
-sein? Vielleicht wäre es für den mindergebildeten Proletarier weniger
-schwer gewesen, sich in ein neues, höheres Dasein zu finden, freilich
-hätte er weit mehr Neues lernen müssen, doch wäre in seinem Fall nicht
-nötig gewesen, so viel Altes zu verlernen, und gerade dies ist das
-schwerste ... Mir scheint, daß ich in dieser Hinsicht recht habe und daß
-sich in Mennis Berechnung ein Fehler eingeschlichen hatte, indem er dem
-Kulturniveau mehr Bedeutung beimaß, als der kulturellen
-Entwicklungskraft.
-
-Ferner wurden meine Seelenkräfte von dem _Charakter_ jener Kultur
-zermalmt, an die ich mich mit meinem ganzen Wesen anzupassen versuchte.
-Ihre Erhabenheit erdrückte mich, die Tiefgründigkeit ihrer sozialen
-Bande, die Reinheit und Durchsichtigkeit der Verhältnisse zwischen
-Mensch und Mensch. Sternis Rede, die auf etwas plumpe Art die
-Unermeßlichkeit der zwei Lebenstypen beleuchtete, war bloß die
-Veranlassung, der letzte Anstoß, der mich in die Untiefe stürzte, an
-deren Rand mich mit elementarer, unbezwinglicher Kraft der Widerspruch
-zwischen meinem Innenleben und dem ganzen sozialen Milieu, in der
-Fabrik, der Familie, der Gesellschaft, unter Freunden getrieben hatte.
-Und abermals muß ich fragen, ob diese Widersprüche nicht gerade bei mir
-doppelt so stark und scharf fühlbar wurden, bei mir, dem revolutionären
-Intellektuellen, der neun Zehntel seiner Arbeit entweder in der
-Einsamkeit verrichtet hatte, oder zumindest unter Bedingungen, die ihn
-von seinen auf einer anderen Bildungsstufe stehenden Mitarbeitern
-absonderten? Bei mir, dessen Persönlichkeit sich von den anderen
-_abgesondert_ hatte? Würden sich diese Widersprüche nicht weit schwächer
-bei einem Menschen ausgewirkt haben, der neun Zehntel seines
-Arbeitslebens auf primitive, undifferenzierte Art verbracht, sich aber
-stets in einem Kameradenkreis aufgehalten hatte, mit diesem durch eine
-grobe, aber tatsächliche Gleichheit verbunden? Mir schien, daß dem so
-sei, und daß Menni seinen Versuch in anderer Richtung wiederholen müßte
-...
-
-Zwischen den beiden von mir erlittenen Schiffbrüchen hatte es eine Zeit
-der Entschlossenheit und der männlichen Tatkraft im Kampfe gegeben. Das,
-was damals meine Kraft aufrecht erhielt, half mir auch heute ohne ein
-Gefühl allzu großer Demütigung den Abschluß zu machen: Nettis Liebe.
-
-Freilich war Nettis Liebe ein edler und liebevoller Irrtum gewesen,
-dennoch war eine solche Liebe _möglich_; diese Tatsache konnte durch
-nichts und niemanden weggeleugnet und verändert werden. Für uns
-bedeutete sie eine Bürgschaft für die tatsächliche Annäherung der beiden
-Welten, und für ihre künftige Verschmelzung zu einer einzigen, ungeahnt
-schönen und starken Welt.
-
-Und ich selbst ... Für mich gibt es keinen Abschluß. Für das neue Leben
-war ich nicht geeignet, nach dem alten verlangt es mich nicht mehr. Ich
-gehöre ihm nicht mehr an, weder den Gedanken, noch den Gefühlen nach. Es
-gibt nur einen Ausweg.
-
-Die Zeit ist vorüber. Mein Spießgeselle erwartet mich im Garten; eben
-hörte ich sein Signal. Morgen werden wir bereits fern von hier sein, auf
-dem Wege dorthin, wo das Leben brodelt und die Ufer überflutet, wo es
-leicht sein wird, die mir so verhaßte Grenze zwischen Vergangenheit und
-Zukunft zu verwischen. Leb wohl, Werner, guter, alter Genosse.
-
-Gegrüßt seiest du, neues strahlendes Leben, und auch du, dessen
-leuchtende Erscheinung: meine Netti!
-
-
-
-
- Aus einem Brief des Doktor Werner an den Schriftsteller Mirski
-
-
- (Der Brief trägt kein Datum; diese Unterlassung ist
- offenbar durch Werners Zerstreutheit verschuldet.)
-
- * * * * *
-
-Die Kanonade war bereits seit langem verstummt, und noch immer wurden
-neue und neue Verwundete gebracht. Die meisten davon waren Milizleute
-und nicht Soldaten, oder friedliche Einwohner, darunter auch viele
-Frauen und sogar Kinder: vor den Schrapnellen sind alle gleich. In mein
-nahe dem Schlachtfeld gelegenes Krankenhaus wurden vor allem Milizleute
-und Soldaten eingebracht. Die von den Granaten und Schrapnellen
-verursachten furchtbaren Verwundungen machten sogar auf mich, den alten
-Arzt, der seit Jahren nicht mehr chirurgisch gearbeitet hat, einen
-tiefen Eindruck. Doch erhob sich aus dem Grauen triumphierend der
-leuchtende Gedanke: Sieg!
-
-Es war unser erster großer Sieg im gegenwärtigen Ringen, war ein
-entscheidender Sieg. Die Wagschale senkte sich nach der anderen Seite.
-Ein furchtbares Gericht hub an. Hier wird es keine Gnade, sondern
-Gerechtigkeit geben. Schon längst war die Zeit reif ...
-
-Auf den Straßen Blut und Trümmer. Feuersbrünste und der Rauch der
-Kanonade hatten die Sonne blutrot gefärbt. Doch erschien sie unserem
-Auge nicht böse und zornig, sondern freudenvoll. In der Seele klang ein
-Kampflied, eine Siegeshymne.
-
- * * * * *
-
-Leonid wurde gegen Mittag ins Krankenhaus gebracht. Er hatte eine
-gefährliche Wunde in der Brust und einige leichte Verletzungen, fast nur
-Schrammen. Er hatte sich zur Nachtzeit mit dem fünften Grenadierregiment
-in jenen Teil der Stadt begeben, der sich in den Händen der Regierung
-befand. Der Kampf endete damit, daß einige verzweifelte Ueberfälle
-Schrecken und Demoralisation hervorriefen. Leonid selbst hatte diesen
-Plan entworfen und dessen Ausführung geleitet. Er hatte in früheren
-Jahren viel in dieser Stadt gearbeitet und kannte alle Winkel und
-Verstecke, konnte deshalb dieses tollkühne Unternehmen besser
-durchführen als jeder andere. Der Führer der Miliz, der zuerst gegen den
-Plan gewesen war, stimmte schließlich zu. Es gelang Leonid, mit seinen
-Granaten bis zu einer der feindlichen Batterien vorzudringen und etliche
-Kisten mit Munition zu zerschmettern. Während der durch die Explosion
-entstandenen Panik gelang es den Unseren, die feindlichen Waffen zu
-zerstören, sowie die Batterien. Dabei erhielt Leonid einige leichte
-Verwundungen. Beim Rückzug gelangten die Unseren in die Reihen der
-feindlichen Dragoner. Leonid übergab das Kommando Wladimir, der sein
-Adjutant war, schlich sich selbst mit den beiden letzten Granaten zum
-nächsten Tor, hielt sich im Hinterhalt, bis es den anderen gelungen war,
-sich zurückzuziehen. Er ließ die feindlichen Reihen zum Teil an sich
-vorüberschreiten, warf dann die erste Granate gegen einen Offizier, die
-zweite in die nächste Gruppe der Dragoner. Die ganzen Reihen flüchteten
-eiligst; die Unseren kehrten zurück und fanden Leonid schwer verletzt
-neben seinen Granaten. Sie brachten ihn noch vor dem Morgengrauen in
-unsere Linien und übergaben ihn mir.
-
-Es gelang mir, den Granatsplitter zu entfernen, doch waren die Lungen
-verletzt und Leonid befand sich in einem kritischen Zustand. Ich brachte
-den Kranken so gut wie möglich unter, freilich konnte ich ihm nicht das
-geben, dessen er am meisten bedurfte: die völlige Ruhe, die ihm so sehr
-not tat. Am Morgen begann die Schlacht von neuem, ihr Dröhnen drang bis
-zu uns. Die unruhige Erwartung des Ausgangs der Schlacht verstärkte
-Leonids Fieber. Als noch weitere Verwundete eingebracht wurden,
-steigerte sich seine Erregung, und ich war gezwungen, vor sein Bett
-einen Wandschirm zu stellen, damit er die fremden Wunden nicht sehe.
-
- * * * * *
-
-Nach etwa vier Stunden ging der Kampf bereits seinem Ende zu, und der
-Ausgang war klar ersichtlich. Ich war mit der Unterbringung der
-Verwundeten beschäftigt. Da wurde mir die Karte jener Frau gebracht, die
-sich vor einigen Wochen schriftlich nach Leonids Befinden erkundigt und
-mich nach Leonids Flucht aufgesucht hatte. Ich sandte sie damals mit
-einem Empfehlungsschreiben zu Ihnen, damit sie in Leonids Manuskript
-Einsicht nehme. Sie war zweifellos eine Genossin und anscheinend
-Aerztin. Deshalb führte ich sie in mein Zimmer. Sie trug auch heute wie
-damals einen dichten schwarzen Schleier, der ihre Züge völlig verdeckte.
-
-»Ist Leonid bei Ihnen?« fragte sie, ohne mich zu begrüßen.
-
-»Ja«, erwiderte ich, »doch darf er sich keiner Aufregung aussetzen;
-wenngleich seine Verwundung eine ernste ist, so hoffe ich dennoch, ihn
-heilen zu können.«
-
-Sie stellte hastig eine Reihe von Fragen an mich, die den Zustand des
-Verwundeten betrafen. Dann erklärte sie, ihn sehen zu wollen.
-
-»Wird das Wiedersehen ihn nicht aufregen?« fragte ich.
-
-»Zweifellos«, lautete die Antwort. »Doch wird ihm diese Aufregung weit
-mehr nützlich als schädlich sein. Dafür kann ich Ihnen bürgen.«
-
-Ihre Stimme klang entschlossen und sicher. Ich fühlte, daß sie genau
-wisse, was sie sage und konnte ihre Bitte nicht abschlagen. Wir begaben
-uns in jenen Raum, wo Leonid lag und ich zeigte mit einer Gebärde, sie
-möge sich hinter den Wandschirm begeben. Ich selbst verharrte in der
-Nähe, am Bett eines anderen Schwerverwundeten, um den ich mich bemühte.
-Es verlangte mich danach, das Gespräch der Frau mit Leonid zu
-erlauschen, um eingreifen zu können, sobald dies notwendig wurde.
-
-Während sie sich hinter den Schirm begab, hob sie ein wenig den
-Schleier. Ich erblickte ihre Silhouette durch das undichte Gewebe des
-Schirms und sah, wie sie sich zu dem Verwundeten niederbeugte.
-
-»Die Maske ...« ertönte Leonids schwache Stimme.
-
-»Deine Netti«, entgegnete sie. Und in diesen leise, melodisch
-gesprochenen Worten lag so viel Liebe und Zärtlichkeit, daß mein altes
-Herz erbebte, erfaßt von schmerzlich freudigen Gefühlen.
-
-Die Frau machte eine scharfe hastige Gebärde, fast, als wollte sie ihren
-Kragen lösen, nahm dann Hut und Schleier ab und beugte sich noch näher
-zu Leonid nieder. Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen.
-
-»Das bedeutet wohl, daß ich sterbe?« fragte Leonid leise.
-
-»Nein, Lenni, das ganze Leben liegt vor uns. Deine Wunde ist nicht
-tödlich, ist nicht einmal gefährlich.«
-
-»Und der Mord?« rief er schmerzlich erregt.
-
-»Das war eine Krankheit, mein Lenni. Sei ruhig, diese tödliche Wunde
-wird niemals zwischen uns stehen, auch nicht auf dem Wege zu unserem
-erhabenen gemeinsamen Ziel. Wir werden das Ziel erreichen, mein Lenni
-...«
-
-Ein leises Stöhnen löste sich aus seiner Brust, doch war es kein
-Schmerzenston. Ich verließ das Zimmer; mein Patient hatte mir bereits
-alles verraten, was ich zu wissen verlangte. Es hätte keinen Sinn
-gehabt, weiter zu lauschen. Einige Minuten später erschien die
-Unbekannte abermals in Hut und Schleier bei mir.
-
-»Ich nehme Leonid mit«, sprach sie. »Er wünscht dies selbst, und die
-Bedingungen für seine Genesung sind bei mir günstiger als hier; Sie
-können ganz unbesorgt sein. Zwei Genossen warten unten, werden Leonid zu
-mir schaffen. Lassen Sie uns, bitte, eine Tragbahre zur Verfügung
-stellen.«
-
-Ich hatte keine Ursache, mich zu weigern: in unserem Spital waren die
-Bedingungen tatsächlich keineswegs glänzend. Ich fragte die Unbekannte
-nach ihrer Adresse, -- sie wohnte ganz nahe von hier. Ich beschloß, am
-folgenden Tag hinzugehen und Leonid zu besuchen. Zwei Arbeiter
-erschienen und trugen Leonid vorsichtig auf einer Bahre fort.
-
- * * * * *
-
-PS. geschrieben am folgenden Tag.
-
-Leonid und Netti sind spurlos verschwunden. Ich war eben in ihrer
-Wohnung: die Türen waren geöffnet, die Zimmer leer. Im großen Saal stand
-ein ungeheures Fenster sperrangelweit offen, auf dem Tisch lag ein an
-mich gerichteter Brief. Mit zitternder Hand waren bloß einige wenige
-Worte geschrieben:
-
- »Grüße an die Genossen. Auf Wiedersehen.
- Ihr Leonid.«
-
-Seltsam, ich fühle keinerlei Unruhe und Sorge. Diese Tage haben mich zu
-Tode erschöpft; ich sah viel Blut, sah viele Leiden, die ich nicht zu
-lindern vermochte, erblickte Bilder der Zerstörung und des Untergangs;
-dennoch herrschen in meiner Seele Freude und Licht.
-
-Das Aergste liegt hinter uns. Noch harrt unser ein langer und schwerer
-Kampf, aber vor uns leuchtet der Sieg ... Und der neue Kampf wird
-leichter sein.
-
-
- Ende.
-
-
-
-
- Inhaltsverzeichnis
-
-
- Seite
-
- Dr. Werner an den Schriftsteller Mirski 5
-
- Leonids Manuskript
-
- Erster Teil
- Der Bruch 9
- Die Aufforderung 14
- Die Nacht 20
- Die Erklärung 24
- Die Abfahrt 28
- Der Aetheroneff 33
- Die Menschen 38
- Die Annäherung 45
- Vergangenes 51
- Die Ankunft 61
-
- Zweiter Teil
- Bei Menni 64
- In der Fabrik 69
- Das Haus der Kinder 77
- Das Kunstmuseum 86
- Im Krankenhaus 97
- Arbeit und Gespenster 103
- Netti 111
-
- Dritter Teil
- Glück 116
- Trennung 117
- Die Kleiderfabrik 120
- Enno 125
- Bei Nella 129
- Auf der Suche 136
- Sterni 140
- Netti 151
- Menni 156
- Der Mord 159
-
- Vierter Teil
- Bei Werner 165
- War es -- war es nicht 167
- Das Leben der Heimat 170
- Der Briefumschlag 174
- Der Abschluß 176
-
- Aus einem Brief des Doktor Werner an den Schriftsteller Mirski 181
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
-Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 15]:
- ... daß sie diesen Voraussetzungen größere Bedeutung beimessen, ...
- ... daß Sie diesen Voraussetzungen größere Bedeutung beimessen, ...
-
- [S. 18]:
- ... ich sie später bekannt machen werde.« ...
- ... ich Sie später bekannt machen werde.« ...
-
- [S. 23]:
- ... Menni befestigte die Gondel an einen eigens dazu bestimmten ...
- ... Menni befestigte die Gondel an einem eigens dazu bestimmten ...
-
- [S. 104]:
- ... war eine ungeheuer große. Welchen gewaltigen Nutzen konnte ...
- ... war eine ungeheuer große. Welcher gewaltige Nutzen konnte ...
-
- [S. 130]:
- ... über die ihm unverständlichen technischen Ausdrücke, die ...
- ... über die ihr unverständlichen technischen Ausdrücke, die ...
-
- [S. 136]:
- ... haben würde, mich für lange Zeit auf dem tiefen, durch
- Sandbänken ...
- ... haben würde, mich für lange Zeit auf dem tiefen, durch
- Sandbänke ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der rote Stern, by Alexander Bogdanow
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE STERN ***
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-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit http://pglaf.org
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
-
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-
- http://www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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