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-The Project Gutenberg EBook of Idole des Zwanzigsten Jahrhunderts. VIII.
-Moral ohne Religion, by Otto Cohausz
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Idole des Zwanzigsten Jahrhunderts. VIII. Moral ohne Religion
- Religiös-wissenschaftliche Vorträge
-
-Author: Otto Cohausz
-
-Release Date: November 13, 2020 [EBook #63743]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IDOLE DES ZWANZIGSTEN ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
- Dieses E-Book wurde anläßlich des 20. Jubiläums von »Distributed
- Proofreaders« erstellt.
-
-
-
-
- Idole des Zwanzigsten
- Jahrhunderts.
-
- Religiös-wissenschaftliche Vorträge
- von Otto Cohausz S. J.
-
- VIII. Moral ohne Religion.
-
- [Illustration]
-
- Göbel & Scherer [H. Klemmer], Verlagsbuchhandlung
- Würzburg 1912.
-
-
-
-
-Mit Erlaubnis der Ordensobern.
-
-
- ~Nihil obstat.~
-
- ~Wirciburgi~, 12. Januar 1912.
-
- ~Dr.~ Hergenröther, ~Canonicus~.
-
-
- ~Imprimatur.~
-
- Würzburg, den 13. Januar 1912.
-
- Heßdörfer, ~vic. general.~
-
- Kraus.
-
-
-
-
-Moral ohne Religion.
-
-
-Die _religiösen_ Werte hat die »Moderne« zum Teil verworfen, der
-_moralischen_ kann sie nicht entraten, denn der tugendhafte Mensch
-bleibt ja ihr Ideal; da die »Götter für sie tot sind«, soll der
-»Übermensch leben«. Um den tugendhaften Menschen heranzubilden, bedarf
-sie aber der Tugendlehre. Wohl lehrt auch das Christentum Tugend und
-Moral. Aber das steht ja einmal bei den Neueren fest, daß Christliches
-sie nicht mehr beglücken kann. Darum sucht man nach neuen ethischen
-Gesetzen.
-
-So uneinig man nun auch in der Aufstellung neuer moralischer Werte sein
-mag, in einem Punkte trifft man zusammen: darin, daß eine reinliche
-Trennung von Moral und Religion vorgenommen werden muß.
-
-Gott ist der christlichen Moral Kern und Stern; er ist die letzte Norm
-der christlichen Moral, er ihr letzter Verpflichtungsgrund und ihre
-allein durchschlagende Werbekraft. Nach allen drei Beziehungen soll
-Gott ausgeschaltet und die neue Ethik auf sich selbst gestellt werden.
-Unmögliche Forderungen!
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-I. Gott allein ist die letzte Norm der Moral.
-
-
-Auf die Frage: warum ist etwas gut, z. B. die Heiligung des Sabbats
-und die Ehrfurcht vor den Eltern, und warum ist etwas, z. B.
-Unzucht und Diebstahl, schlecht? antwortet der Christ wohl zuerst:
-weil Sabbatheiligung und Elternliebe von Gott geboten und weil
-Unzucht und Diebstahl von ihm verboten wurden. Sein nächstliegendes
-Unterscheidungsmerkmal findet er also in den »Zehn Geboten«. Er geht
-darin sicher; denn, was Gott geboten, kann nicht sittlich schlecht, und
-was er verboten, nicht sittlich gut sein. Diese Norm ist zwar nicht
-die letzte objektive, wie später gezeigt werden wird, aber doch die
-praktisch brauchbarste, weil nächstliegende.
-
-Die Moderne will dieses Kriterium, weil es in einem »Fremdwillen« und
-auf »religiösen Verpflichtungen« beruht, nicht gelten lassen. »O, meine
-Brüder, zerbrecht mir die alten Tafeln!« so hat einer der Gewaltigsten
-gesprochen (Nietzsche, Zarathustra »Von alten und neuen Tafeln«), und
-abermals klirren die Trümmer des Gottesdokumentes am Felsen. Moses
-zerbrach die zwei Tafeln, weil sie ihm für das sündige Volk zu heilig
-schienen, die Moderne entledigt sich ihrer, weil sie ihr sittlich nicht
-hoch genug stehen.
-
-Aber was will sie denn an ihre Stelle setzen? Wonach soll denn unsere
-Zeit entscheiden, was gut und was bös ist?
-
-Chaotisch fluten die Antworten auf diese Frage durcheinander. »Sittlich
-gut ist«, sagt uns der Prophet des Übermenschen, »was den Willen zur
-Macht fördert«, und »sittlich gut ist«, sagt uns im Gegenteil ein
-Schopenhauer, »was aus Mitgefühl mit andern hervorgeht«. »Sittlich gut
-ist«, sagt uns ein Kant, »was aus reinem Pflichtgefühl hervorgeht«,
-und »sittlich gut ist«, sagt ein ~De la Mettrie~, »nur das und alles
-das, was mit Lust und aus Lust verrichtet wird«. »Sittlich gut ist«,
-sagt ein Reid, »was am gesunden Menschenverstand gemessen wird«, und
-»sittlich gut«, sagt ein Shaftesbury, »ist das, was mit dem ~moral
-sense~ übereinstimmt«. »Sittlich gut«, nennt der gestrenge Fichte das,
-»was das Ich vervollkommnet«, und »sittlich gut« nennt der zynische
-Helvetius alles das, »was den Sinnenkitzel fördert«. »Sittlich gut«
-ist dem Egoisten Stirner alles, »was das Ich hebt, unbekümmert um das
-Wohlergehen anderer«, und als »sittlich gut« bezeichnete ein John
-Stuart Mill, ein Laas, ein Lotze nur das, »was das größtmöglichste
-Glück der größtmöglichsten Zahl hervorzaubert, unbekümmert um
-das Schicksal des einzelnen«. »Sittlich gut« handelt nach Wundt
-und Paulsen, »wer immer auf Steigerung der Kultur hindrängt«,
-»sittlich gut« handelt nach Eduard von Hartmann, »wer zur schnellen
-Weltvernichtung beiträgt«.
-
-So setzt der eine anstelle des Dekalogs das eigene Ich, der andere die
-Gesamtheit, der eine die Lust, der andere den Schmerz, der eine den
-trockenen Verstand, der andere das ewig schwankende, unstet tosende
-Gefühl. »Man braucht nur«, sagt Förster (Autorität und Freiheit,
-S. 46 ff.), »an die Fülle widerstreitender Theorien in der sexuellen
-Reformliteratur zu denken, um vorauszusehen, daß es künftig auf dem
-Gebiet einer konsequent weltlichen Laienethik noch unvergleichlich mehr
-Meinungsverschiedenheiten geben wird als auf dem Gebiete des religiösen
-Glaubens ... Wir lernen heute anschaulich kennen, was aus Ethik und
-Religion wird, wenn »die Menschen sie machen«, das unerlöste Individuum
-kommt darin so gründlich zu Wort, daß von Religion und Ethik nicht viel
-übrig bleibt«. Und es bleibt, um mit R. Eucken (Geistige Strömungen
-der Gegenwart, S. 324) zu reden, »nur die Tatsache festzustellen, daß
-unsere Zeit überhaupt einer ihre innersten Bedürfnisse befriedigenden
-Moral entbehrt ...« und daß ein »solcher Mangel an der eigenen Moral
-die Kraft der Moral in unserer Zeit herabsetzt«, -- eine Tatsache, die
-allerdings nicht sehr zu Gunsten der von den Zehngeboten losgelösten
-neuen Moral spricht.
-
-Diese vom sichern Fundament des Zweitafelgesetzes losgelöste Moral muß
-Unsicherheit und Verwirrung in alle Kreise tragen. Sie ist ja nicht
-eine rein theoretische Wissenschaft, sondern eine Lebensnorm.
-
-Der _einzelne_ will zu einer moralischen Größe sich heranbilden; wie
-kann er es? Will er, mit Kant dem kategorischen Imperativ folgend,
-etwa auf eine Neigungsheirat verzichten, dann ruft ihm ein Helvetius
-zu: Du handelst unmoralisch; denn schlecht ist es, der Lust nicht zu
-folgen, und geht er mit Helvetius der Neigung nach, dann erhebt der
-Weise von Königsberg energisch Einsprache gegen sein Tun. Öffnet er,
-von Schopenhauers Mitleidstheorien beeinflußt, den Notleidenden seine
-Börse, dann schleudert Nietzsche ihm das Anathem entgegen, weil es
-unmoralisch sei, das Schwache zu stützen, und glaubt er nun Nietzsche,
-dann hat er Schopenhauer zum Gegner. So kommt er nie zum Handeln;
-denn wer will ihm sagen, welche von den sich bekämpfenden Lehren die
-wahre ist? Alle bieten dieselbe Gewähr, weil alle den Köpfen einzelner
-entspringen.
-
-»Diese Wirkung«, bemerkt Förster wiederum treffend (a. a. O. S. 47),
-»machen sich die Gegner der religiösen Autorität auch nicht annähernd
-klar ... Kann ich mich denn selbst erziehen, mich beherrschen und
-enthalten, wenn alle sittlichen und religiösen Lehren nur individuelle
-Hypothesen sind? Warum soll ich diesen Hypothesen mehr glauben
-als meinen eigenen individuellen Einfällen? So mische ich mir aus
-Gutem und Bösem, Wahrem und Falschem meine eigene Ethik, die mit
-den Leidenschaften wechselt, welche in meiner Seele den Vorrang
-gewinnen, und die den Zeitmoden folgt, die gerade im Schaufenster des
-Buchhändlers mein Auge treffen. Vom Standpunkt des Pilatus: »Was ist
-Wahrheit?« ist jedenfalls keine Charakterbildung möglich.«
-
-In welch verzweifelte Situation die _Pädagogik_ durch diese neue
-Moral versetzt wird, ist auch klar. Will man es dem einzelnen Lehrer
-überlassen, sich eines der neuen Moralsysteme zu wählen und darnach
-seine Schüler zu unterrichten, dann wird in der einen Schule bald die
-luststeigernde Unsittlichkeit, in der andern die das Übermenschtum
-fördernde Gewalttat, in einer dritten der das größtmöglichste Glück
-der größtmöglichsten Zahl bewirkende Tyrannenmord als sittlich gut
-verteidigt usw. und in der andern all das als verwerflich verurteilt.
-Welch eine Generation würde da heranwachsen!
-
-Will man aber den Lehrern eine bestimmte Norm vorschreiben, dann fragt
-es sich wiederum: »Welche?« Und mit welchem Recht verwirft man die
-anderen? Lehr_zwang_ wäre ja nach der Neuethik unmoralisch!
-
-Nicht erfreulicher als auf dem Gebiet der Pädagogik würde sich das Bild
-im _Gerichtswesen_ gestalten.
-
-Man will einen Lustmörder verurteilen -- aber mit Helvetius wird er
-beweisen, daß er eine eminent moralische Tat, weil luststeigernd,
-beging; man will einen Hochstapler gefangen setzen -- aber mit Stirner
-und Nietzsche wird er dartun, daß er durchaus richtig handelte, weil er
-den »Willen zur Macht« betätigte; man will den Königsmörder belangen --
-aber der Mob wird ihn als Märtyrer preisen weil er dem Volkswohl die
-treffendsten Dienste erwies. Wie wäre eine Rechtsprechung möglich?
-
-Selbstbildung, Erziehung, Gesetzgebung und Rechtsprechung erfordern
-gebieterisch eine einheitliche Norm für gut und bös -- die Neuethik
-gibt sie nicht, damit ist ihre _praktische Unbrauchbarkeit_ erwiesen.
-
-Aber auch die _theoretische Überlegung_ findet in den modernen
-Moralsystemen, so manche unbestreitbare Wahrheit sie auch in sich
-bergen mögen, ihr völliges Genügen nicht.
-
-Ein so buntscheckiges Durcheinander die moralischen Normen der
-Gegenwart auch dem Auge darbieten mögen, so lassen sich doch zwei
-Hauptgruppen nicht übersehen: es gibt _subjektive Maßstäbe_ der
-Sittlichkeit und _objektive_; subjektive, d. h. im Subjekt, im Menschen
-liegende und objektive, d. h. aus den Dingen, die zum Menschen in
-Beziehung stehen, sich ergebende.
-
-Die subjektiven Moralprinzipien sind darin einig, daß sie die Gutheit
-oder Schlechtigkeit einer Handlung aus der Übereinstimmung oder
-Nichtübereinstimmung mit einem Sittenrichter _in uns_ herleiten, in der
-näheren Bestimmung dieses Sittenrichters gehen sie aber auseinander.
-Shaftesbury, Hutcheson, Jacobi, Schuppe, Höffding u. a. verlegen diesen
-Sittenrichter in den moralischen Sinn, Ad. Smith und Schopenhauer
-dagegen in das Mitgefühl, Herbert glaubt ihn im sittlichen Geschmack
-entdeckt zu haben, Reid im gesunden Menschenverstand, Kant dagegen im
-kategorischen Imperativ.
-
-Nach der ersten Gruppe bedürfen wir also gar keiner langen
-Untersuchungen über das, was erlaubt und was unerlaubt ist; ein
-angeborener Instinkt -- der ~_moral sense_~ -- sagt es uns sofort;
-aber zunächst ist es unbewiesen, daß ein solch moralisches Gefühl
-besteht, und wenn es bestände, so bliebe stets noch die Frage offen:
-Wie kommt es denn, daß diesem moralischen Sinn die einen Handlungen
-gefallen und andere Unbehagen erwecken? Entweder sagt man: weil Gott
-die Natur so eingerichtet hat -- dann kommt man auf die theistische
-Ethik schließlich wieder hinaus; oder man sagt: weil der moralische
-Sinn Lust empfindet bei guten Handlungen, Unlust bei bösen -- dann
-verfällt man dem später zu würdigenden Hedonismus; oder man antwortet:
-dem moralischen Sinn gefallen die einen Handlungen, weil sie das eigene
-und fremde Wohlergehen fördern -- es mißfallen ihm andere, weil sie das
-Gegenteil bewirken -- dann hat man wiederum die rein subjektive Norm
-verlassen und sich aus seiner Verlegenheit an das Ufer des Eudämonismus
-gerettet. Der ~moral sense~ versagt.
-
-Ebenso Schopenhauers _Mitgefühl_. Denn, wenn nur das sittlich gut ist,
-was aus Mitleid mit andern geschieht, dann ist schlecht jede Handlung
-der Gerechtigkeit, Reinheit, Geduld, Mäßigkeit und Liebe -- wer wollte
-das aber behaupten?
-
-»Gut«, sagt Kant, »ist nur das, was aus _reinem Pflichtgefühl_
-entspringt und dem kategorischen Imperativ entspricht.« Aber der
-kategorische Imperativ ist eine willkürliche Annahme, und, wenn nur
-das gut ist, was nicht aus Neigung, sondern nur der Pflicht willen
-geschieht -- dann ist unsittlich die Tat der barmherzigen Schwester,
-die aus Liebe sich dem Krankendienste weiht, unsittlich die Tat des
-Kühnen, der aus Mitleid den Ertrinkenden aus den Fluten ans Land holt,
-unsittlich die Tat des Heiligen, der aus Gottesliebe sein Ich gänzlich
-opfert, dann war unsittlich die Tat des Gottessohnes, da er aus Liebe
-zu uns sein Leben dahin gab. Ein solches Prinzip aufstellen, heißt das
-Edelste, Erhabenste aus dem ethischen Gebiet verweisen und die größten
-Helden der Menschheit zu Dämonen stempeln.
-
-Das sah man ein, darum kehrte man zu den _objektiven_ Normen zurück;
-man nannte sittlich gut entweder das Lustversprechende oder das
-Nützliche oder das Fortschritt Verheißende und unterschied demnach den
-ethischen _Hedonismus_, den _Utilitarismus_ und den _Progressismus_.
-Aber auch diese reichen nicht aus.
-
-Nicht der _Hedonismus_; denn, wenn das sittlich gut ist, was die Lust,
-zumal die Sinnenlust fördert, dann ist gut Müßiggang und Schwelgerei,
-Ehebruch und Lustmord, dann sind alle Laster zu Tugenden geworden und
-ernste Tugenden, wie Entsagung, Reinheit, zu Lastern.
-
-Will man ferner dem _Utilitarismus_ gemäß das, was nützlich ist, als
-moralisch gut bezeichnen, so steht man vor der Alternative, entweder
-alles, was irgendwie nützt, so zu werten, oder eine Auswahl zu
-treffen. Alles, was irgendwie nützt, kann nicht moralisch gut sein;
-denn der Raubmord nützt zum Gelderwerb, Ausschweifung, Rachsucht zur
-Lusterregung, und doch wird es keinen ernsten Denker geben, der sie
-nicht als verwerflich brandmarkt.
-
-Man muß also unter dem Nützlichen eine Auswahl treffen, man kann nur
-das als gut bezeichnen, was zu einem guten Zweck dient -- dann fragt es
-sich aber: Wie kommt es, daß dieser Zweck ein guter, ein anderer ein
-schlechter ist? So muß ich eine andere Norm zu Rate ziehen.
-
-Fast dasselbe läßt sich von dem dritten System, dem _Progressismus_,
-sagen. »Gut ist, was dem Fortschritt dient«; ja, ist aber jeder
-Fortschritt gut? -- auch der Fortschritt des Übermenschen, der das
-Herdenvolk mit Füßen tritt? Und worin besteht der Fortschritt? In
-Steigerung der Wissenschaft oder in Anhäufung des Volksvermögens oder
-in der Kunst? Und warum sind denn Wissenschaft, Volkswohl und Kunst
-gut? Alle diese Maßstäbe sind zu dehnbar, zu unsicher.
-
-Näher kommt man der Wahrheit, wenn man den Fortschritt in die
-_harmonische Ausbildung_ des Einzelmenschen und der Gesamtheit verlegt.
-»Menschheit lebe so, wie es deiner Natur und Würde entspricht«, lautet
-darum eine andere Formulierung des sittlichen Grundgesetzes. (Zeller.)
-
-Einverstanden, wenn man die menschliche Natur in _ihrer ganzen
-Eigenart_ und _all ihren Beziehungen_, d. h. als Teil des Ganzen
-erfaßt. Seiner Natur nach ist der Mensch ein geistig-sinnliches Wesen,
-der Geist aber steht höher als das sinnliche Element, darum hat der
-Geist die Triebe zu regeln, zu lenken; der Mensch ist seiner Natur
-nach Bruder vieler Brüder, darum hat er den Mitmenschen in allem
-gerecht zu werden; der Mensch ist seiner Natur nach Geschöpf des einen
-wahren Gottes, darum kann er Gott nicht übersehen, sonst handelt er
-naturwidrig. Soweit die ihm gewordene Natur sich erstreckt, so weit
-auch die auf der Natur fußende Pflicht.
-
-Will der Mensch nun seiner _eigenen Würde_ gerecht werden, so hat er
-sich vor dem Übergewicht des Sinnlichen zu hüten, er hat seine Triebe
-nach dem Willen der geordneten Natur zu regeln, Eßtrieb und Trinklust,
-sexuelle Neigung und Zornesempfinden, er hat also keusch, mäßig und
-sanftmütig zu leben.
-
-Will er der _sozialen_ Eigenart seiner Natur entsprechen, so hat er den
-Urhebern seines Lebens, den Eltern, sich anzupassen, hat die höhere
-Autorität des staatlichen Verbandes zu achten, hat er Eigentum und
-Leben zu schonen und, weil aus dem ungerechten Begehren die unheilvolle
-Tat aufflammt, auch innere Neigungen zu unterdrücken.
-
-Will der Mensch aber nicht den wichtigsten Teil seiner natürlichen
-Stellung übersehen, so hat er sich auch _dessen zu erinnern_, dem er
-alles verdankt, seines Schöpfers, hat ihn anzuerkennen und seinen
-Forderungen zu entsprechen.
-
-Was will das aber alles anderes sagen als das: Du sollst keine fremden
-Götter neben mir haben, gedenke, daß du den Sabbat heiligest, du sollst
-Vater und Mutter ehren, du sollst nicht töten, nicht ehebrechen, lügen
-und stehlen, du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib noch alles,
-was sein ist? So führt die Unzulänglichkeit der modernen Moral ganz von
-selbst zu den Forderungen zurück, die sie zu ersetzen versprach, zu den
-Forderungen der zwei Tafeln Moses. Keine Ethik, die das menschliche
-Leben vernunftgemäß zu ordnen gedenkt, wird an den zehn Geboten vorbei
-und über sie hinauskommen. Nicht aus Willkür gab der Höchste diese
-Gesetze, sondern weil er sah, daß ohne sie nur chaotische Anarchie die
-Völker beherrschen wird.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-II. Gott allein ist der letzte Verpflichtungsgrund der Moral.
-
-
-Zwanglos wie die Moderne sein will, sucht sie auch den Zwang aus
-der Moral zu entfernen. Handeln aus Neigung, aus Achtung vor der
-Persönlichkeit, nicht aus irgendwelchem Druck, das ist ihre
-Lieblingsidee, eine Idee, die in gleicher Weise der Psychologie der
-ethischen Ordnung wie ihrer Geschichte sich entgegenstellt.
-
-Mit vollem Recht bemerkt Eucken dem gegenüber: »Unter Moral hatten
-wir uns gewöhnt an die Anerkennung einer _willkürentzogenen_ Ordnung,
-an _die Hochhaltung von Pflicht und Gewissen zu denken_. Was aber
-der aesthetische Subjektivismus mit seiner »neuen Ethik« bietet, ist
-nichts anderes als ein feinerer Epikuräismus, als ein Selbstgenuß des
-Individuums, das sich von aller Hemmung frei weiß.« (A. a. O. S. 337)
-
-Eine auch nur oberflächliche Analyse des ethischen Lebens der Völker
-ergibt allerdings als unantastbares Wahrheitsgut die eine Tatsache, daß
-das Sittengesetz nicht etwa ein »ich möchte von Dir« oder »ich rate
-Dir«, sondern ein »ich _will_«, »Du sollst« gebieterisch ausspricht,
-daß es auch gegen die Neigungen sich durchsetzt. »Gut im moralischen
-Sinne«, sagt Paulsen (Syst. d. Ethik I⁸ S. 342), »ist ein Handeln,
-dessen Motiv die Achtung vor der Pflicht ist. Die Erfüllung der
-Pflicht liegt aber, wie es scheint, nicht eben in der Richtung des
-natürlichen Willens. Im Gegenteil: Pflicht ist, wie die Wortbedeutung
-es einschließt, was man nicht gern tut; was man aus Neigung tut, ist
-nicht Pflicht ... zwischen Pflicht und Neigung ist Widerstreit; das
-Pflichtgefühl tritt der Neigung entgegen, abnehmend oder antreibend vor
-der Tat, strafend oder billigend nach der Tat. Das Gewissen stellt sich
-im Selbstbewußtsein nicht als der Ausdruck des natürlichen Eigenwillens
-dar, sondern eines _fremden_, eines _höheren Willens_, dem der eigene
-Wille sich beugt oder wenigstens sich zu beugen eine innere Nötigung
-fühlt: ein Sollen tritt in der Pflicht ... dem bloßen Wollen gegenüber.
-Und aller eigentlich moralischer Wert scheint nun eben darauf zu
-beruhen, daß das Wollen dem Sollen sich unterordnet.«
-
-Und unter dem Druck dieses »Du sollst« steht die ganze Menschheit.
-»Nun findet«, sagt Kant, »jeder Mensch in seiner Vernunft die Idee der
-Pflicht und zittert beim Anhören ihrer ehernen Stimme, wenn sich in
-ihm Neigungen regen, die ihn zum Ungehorsam gegen sie versuchen«. (Kl.
-Schr. IV, 14.)
-
-Die Geschichte und persönliche Erfahrung geben ihm Recht. »Ob wir
-moralisch gut handeln wollen oder nicht, ist uns nicht freigestellt,
-sondern das Sittengesetz zu beachten fühlen wir uns verpflichtet.«
-In dem Satz sind alle Moralphilosophen einig, mögen sie nun zu den
-Peripatetikern zählen oder zu den Stoikern, mögen sie mit Cicero
-und Seneka in Rom doziert haben oder mit Fichte und Schleiermacher
-in Berlin, mögen sie mit Darwin und Spenzer auf evolutionistischem
-Standpunkt stehen oder mit Lotze, Laes, Ihering zum Prinzip des
-Allgemeinwohles sich bekennen.
-
-_Das Bewußtsein, verpflichtet zu sein, ist eine der allgemeinsten
-Tatsachen der Menschheit._
-
-Sie ist aber auch die _notwendigste_ Voraussetzung einer moralischen
-Ordnung. Das »sittliche Handeln nur aus Neigung« mag sich in der
-Theorie recht schön ausnehmen, aber »nur ein grenzenloser, man möchte
-sagen, kindlich naiver Optimismus, den man liebenswürdig nennen möchte,
-wenn er nicht mit seiner die Halbgebildeten bestechenden Flachheit
-gefährlich wäre, kann wähnen, daß man dem Menschen nur schrankenlose
-Freiheit zu gewähren brauche, um das ganze Leben zu seliger Harmonie zu
-führen.« (Eucken a. a. O. S. 337.)
-
-Nur zu wahr! Wie oft liegen Neigung und ethische Anforderung
-miteinander in Konflikt! Man denke doch nur an die Kämpfe auf
-sexuellem Gebiet! Was ist es, daß die Jugend noch von dem Genuß so
-sehr lockender, aber verbotener Früchte fernhält, wenn nicht das eine:
-Du _sollst_ enthaltsam sein? Und was ist es, daß Gatten und Gattin
-trotz aufflammender entgegengesetzter Neigung zum häuslichen Herd
-zurückdrängt, wenn nicht das eine: Du _darfst_ nicht untreu sein?
-Was ist es, was den Kapitän zwingt, auf dem sinkenden Dampfer bis zu
-allerletzt auszuhalten und so sich dem Tode zu weihen, wenn nicht
-die Pflicht? Und was ist es, das beim Kriegsruf die ganze Mannschaft
-des Landes trotz Gatten- und Vaterliebe ins Feuer treibt, wenn nicht
-wiederum die Pflicht? »Die Pflicht ruft«, und alle Neigungen und
-Sonderinteressen verschwinden. Nur sie bringt Halt und Festigkeit,
-Einmütigkeit und Ordnung ins Leben.
-
-Das Pflichtbewußtsein _existiert überall_ und es ist _notwendig
-überall_. Das sind also zwei Tatsachen, an denen nicht gerüttelt werden
-kann.
-
-Wie aber kam das Sollen ins menschliche Wollen? »O Pflicht«, ruft Kant
-aus, »der du nichts Beliebtes und, was Einschmeichelung mit sich führt,
-in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst und ... ein Gesetz
-aufstellst ..., vor dem alle Neigungen verstummen ..., welches ist der
-deiner würdige Ursprung?« (Kr. d. pr. V. I T. 1 B. III. Reclam, S. 105.)
-
-Das Christentum beantwortete diese Frage mit dem Hinweis auf Sinais
-Höhen. Gott war es, der dort an den Menschen herantrat und ihm
-sein »Ich bin der Herr dein Gott, du sollst ... du sollst nicht«
-wiederum einschärfte. Gott der Urheber der Verpflichtung, das ist
-allerdings eine Erklärung, die allseits befriedigen muß; denn wo
-eine Verpflichtung ist, da muß zunächst ein Verpflichtender sein.
-Forderungen werden im Sittengesetz an den Menschen gestellt, nicht
-nur Ratschläge gegeben; wo Forderungen laut werden, muß aber ein
-_mit Recht_ Fordernder sein. Gesetze sind die ethischen _Normen_,
-nicht _Wunschäußerungen_; wo Gesetze gegeben werden, darf aber der
-Gesetzgeber nicht fehlen; Gesetzgeber, Fordernder, Verpflichter kann
-aber nur eine _über dem Verpflichteten stehende Macht_ sein.
-
-Nun sehen wir, daß das Sittengesetz über dem Einzelindividuum wie
-über der Gesamtheit steht; denn die Gesamtmenschheit weiß sich an
-dasselbe gebunden. Darum muß die _Ursache der Verpflichtung über die
-Gesamtmenschheit erhaben_ sein. Die blinde, notwendig wirkende Natur
-kann aber denkende Menschen nicht verpflichten, so bleibt nur die eine
-Lösung: _die Pflicht stammt von dem, der Urheber, Herr der Menschheit
-ist, von Gott_.
-
-Diesen Schluß sucht die Neuethik zu umgehen. Sie beruft sich zum Teil
-mit Kant auf die Autonomie des Menschen, auf die Selbstgesetzgebung.
-»Der Wille gibt sich selbst Gesetz« (Kant, Grundl. z. Met. d. S.,
-S. 134). »Alle Sittlichkeit ist gleichbedeutend ... mit der freien
-Übereinstimmung mit dem eigenen Gesetz«. (Lipps, Die eth. Grundfragen,
-S. 107). »Wahrhaft moralisch ist allein die innere, die autonome
-Verpflichtung. Der Gute stellt sich freiwillig in den Dienst des
-Guten ..., er wird nicht von außen her verpflichtet, er selbst ist der
-Verpflichtende zugleich und der Verpflichtete« (A. Adickes, Zeitschr.
-für Philos. CXVI 23--24) -- das ist die Sprache der Moderne. Kein
-Wunder, daß sie die christliche Ethik, die Unterwerfung unter einen
-höheren Willen Gottes und seiner Weltvertreter predigt, als unsittlich
-brandmarkt.
-
-Die Hauptanklage der »Autonomen« gegen die Heteronomie
-(Fremdgesetzlichkeit) der christlichen Moral geht dahin, daß sie zu
-_wenig sittlich_ sei, denn sittlich sei nur, was aus dem eigenen Innern
-quelle. Es sei ebenso widersinnig, meint Ed. von Hartmann, durch
-Heteronomie sittlich, als durch fremdes Essen fett werden zu wollen
-(bei Cathrein, Moralphil. I, S. 251). »Sittlich in vollem Sinne ist
-der noch nicht, der nicht selbst seinen Willen betätigt, sondern einem
-fremden Willen sich beugt«, bemerkt Dorner (Das menschliche Handeln,
-S. 272).
-
-Wenn diese Aussprüche berechtigt wären, dann müßte man nicht nur
-die Unterwerfung des Willens unter Gottes Gesetz und kirchliche
-Autorität, sondern mit demselben Recht auch jede Unterwerfung unter
-das Staatsgesetz, unter Elterngebot, überhaupt unter jede Autorität
-verdammen, denn hier gelten die gleichen Voraussetzungen. Autonomie
-führt zur Anarchie! Wer sieht aber nicht ein, daß damit ein geordnetes
-menschliches Gemeinschaftsleben gänzlich unmöglich gemacht wird?
-Jahrtausende hat die Menschheit diese Heteronomie als erste sittliche
-Forderung betrachtet und jetzt plötzlich soll sie in Unsittlichkeit
-verkehrt werden?
-
-Und warum denn? Sie ist Fremdgesetzlichkeit, sie berührt das eigene
-Innere so wenig. Ed. v. Hartmann braucht das Bild vom fremden Essen,
-ein Bild, das die Nichtigkeit der gegnerischen Anklage sofort offen
-legt. Vom fremden Essen wirst du nicht erstarken, das ist wahr -- wie
-aber, wenn ein anderer dir Brot reicht und du selbst es dir zubereitest
-und verspeisest, wirst du dann nicht gesunden? Und das ist unser
-Standpunkt. Gott tritt an uns heran und reicht uns das Seelenbrot
-seines Gesetzes, meinetwegen das Gebot: Gedenke, daß du den Sabbat
-heiligest. Ich vernehme das inhaltreiche Wort, ich sage mir, Gott,
-dein Schöpfer und Herr gebietet; für dich als Geschöpf Gottes ist
-es geziemend, dich deinem Herrn zu unterwerfen, du bist es deiner
-Würde, Natur und Stellung schuldig -- und darum erfasse ich das Gebot,
-ich mach es mir zu eigen, ich entschließe mich frei, das Gesetz zu
-beobachten, weil ich diesen Gehorsam als sittlich gefordert erkenne. Es
-geht also der Unterwerfung ein innerer durchaus ethischer Prozeß voraus.
-
-Das Motiv meiner Unterwerfung ist die Erwägung, daß ich als Geschöpf
-allen sittlichen Beziehungen gerecht werden muß, besonders auch den
-Beziehungen zu dem, der mir alles gab, meinen Urgrund. Das ist sittlich
--- unsittlich ist aber gerade die Selbstgesetzgebung, die sich Gott und
-seiner Autorität nicht fügen will, sie bedeutet Aufruhr! Aufruhr ward
-nie als sittliche Tat gebucht.
-
-Diese Autonomie ist außerdem, von anderem ganz abgesehen, gar nicht
-geeignet, die Tatsache des allgemeinen Pflichtbewußtseins zu erklären.
-Verpflichten kann doch nur jemand, der über mir steht. Ich kann mir
-vornehmen, etwas zu tun, verpflichten kann ich mich nur einem höheren
-gegenüber, nicht mir selbst. Zudem finden wir uns als Verpflichtete
-vor, wir schaffen die Verpflichtung nicht, der Eigenwille ist
-Vollstrecker des Gesetzes, nicht Gesetzgeber.
-
-Von der Unhaltbarkeit der individualistischen Selbstgesetzgebung
-überzeugt, verlegen andere Ethiker unserer Zeit den Ursprung der
-Verpflichtung in die _Gesamtmenschheit_. »Er, der autoritative
-Charakter der Pflicht«, meint Paulsen (a. a. O. S. 345), »kommt aus dem
-Verhältnis des einzelnen zu dem sozialen Ganzen, als dessen abhängiges
-Glied er sich weiß. In dem _Willen des sozialen Ganzen_, das sich in
-Sitte und Recht objektiviert, stellt sich ihm ein überlegener ... Wille
-gegenüber: er fühlt sich gebunden durch die Normen, die ihm durch Sitte
-und Recht vorgezeichnet sind.«
-
-Anstatt des Eigenwillens repräsentiert also der in Sitte und Recht
-ausgesprochene Gesamtwille den Gesetzgeber.
-
-Aber Sitte und Sittengesetz sind doch zwei ganz verschiedene Größen,
-die Sitte z. B. dreimal im Tag zu essen, _kann_ ich beobachten,
-wenn ich will; das Gesetz, den Tag des Herrn zu heiligen, _muß_ ich
-beobachten, wenn ich auch nicht will. Die Sitte lockt, die Sittlichkeit
-verpflichtet. Wie will mich die Gesamtheit zu dem verpflichten, im
-Gewissen verpflichten? Zwingen könnte sie mich, verpflichten nicht.
-Und wenn die Verpflichtung nur dem Gesamtwillen entstammte, wie wollte
-man es denn erklären, daß auch, wenn eine Gesamtheit, wie in einem
-Räuberstaat, andere Sitten schafft, doch das Gewissen sich regt? Das
-Gewissen sagt uns, daß wir alle einem über der Menschheit Stehenden
-verpflichtet sind. Oder glaubt man, wenn einmal der Gesamtwille den
-Mord erlaubte, daß das Gewissen den Mord rechtfertigte? Die Gesamtheit
-weiß, daß das Sittengesetz ihr entrückt ist, es steht über der
-Gesamtheit, auch die höchsten Spitzen der Gesamtheit sehen sich einem
-Höheren gegenüber gebunden -- die Verpflichtung stammt also nicht
-von der Gesamtheit, sonst könnte sie ja auch einmal sich zu Raub und
-Unzucht verpflichten, wer will das zugeben?
-
-Das Gleiche läßt sich sagen von all den modernen Versuchen, die
-Pflicht empirisch zu begründen. Man sah, sagt man uns, daß gewisse
-Handlungen Nutzen und Freude für den einzelnen und die Gesamtheit,
-andere Schaden und Unlust brachten. Man gewöhnte sich allmählich an
-ein diesen Unterschieden entsprechendes Handeln und so auch daran,
-in diesem Handeln eine Schranke, eine Pflicht zu erblicken. Es wäre
-demnach die Pflicht nur ein Kollektivbewußtsein von der Nützlichkeit
-und Schädlichkeit gewisser Handlungen.
-
-Aber die Forderungen des Sittengesetzes sind absolut. Auch wenn
-Unlust oder Schaden folgt, hat der Mensch sittlich gut zu handeln.
-Sittlichkeit ist nicht Krämergeist. Ein anderes ist der Rat: Halte
-Diät, wenn du gesund bleiben willst, ein anderes das Gebot: Sei ehrlich!
-
-Angewöhnung bedingt noch keine Verpflichtung, und wenn Verpflichtung
-nur Angewöhnung wäre, so würde daraus folgen, daß auch das zur
-Gewohnheit gewordene Schlechte einmal verpflichten könnte. Wie man die
-Sache auch wenden mag, die Gesamtheit genügt zur gänzlichen Erklärung
-der Pflicht nicht. Nur ein über der Gesamtheit stehendes Etwas kann
-allein den letzten Grund für die allgemeine Tatsache der Verpflichtung
-abgeben.
-
-Es bleiben also an sich nur zwei Möglichkeiten: die Natur oder der
-Schöpfer der Natur. Die Natur als geistloses, unfreies Etwas ist gewiß
-auch zur Lösung unserer Frage nicht geeignet. Wir werden also wiederum
-zur christlichen Theorie zurückgedrängt: Gott ist der Gesetzgeber, der
-da sprach »Du sollst«, »Du sollst nicht.«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-III. Gott ist die allein durchschlagende Werbekraft der Moral.
-
-
-Moralische Vorschriften darlegen, genügt nicht zum moralischen Handeln;
-gegen diese Vorschriften bäumen im Herzen des Menschen zu viele
-Sonderinteressen und Leidenschaften sich auf. »Das Fleisch gelüstet
-wider den Geist«. Es muß zur _Darlegung_ der ethischen Normen ein
-_Anreiz_ oder Antrieb zur Beobachtung dieser Normen hinzutreten. Darin
-sind christliche und moderne Ethik einig.
-
-Die christliche Moral nun findet diesen Antrieb zur Beobachtung des
-Gesetzes Gottes in dem in Aussicht gestellten Lohn oder Zorn Gottes.
-Der »Modernen« aber erscheint ein solches Vorgehen zu wenig edel,
-zu »lohnsüchtig«, zu »egoistisch«, dabei zu unwirksam und unwahr.
-»Gesinnungsmoral, nicht Erfolgsmoral«, ist ihre Parole, und mit dem
-Deutschen Freidenkerbund hält sie »Bildung, Kenntnisse, gutes Beispiel
-und materielles Wohlergehen für bessere Erziehungsmittel als das Drohen
-oder Locken mit der Vergeltung in einem erträumten ewigen Leben«.
-(Freidenkerflugblatt Würzburg 6. III. 1910.)
-
-Drei Einwendungen werden also gegen den Hinweis der christlichen Moral
-auf das Jenseits erhoben: er sei zu wenig edel, zu wenig wahr und zu
-wenig wirksam.
-
-1. Ein sittliches Handeln aus Ewigkeitsrücksichten soll zu wenig _edel_
-sein, zu lohnsüchtig, zu egoistisch. Prüfen wir. --
-
-Das Handeln aus _Furcht_ vor Gott und seinen ewigen Strafen scheint
-zunächst keine wahre Sittlichkeit bewirken zu können. Aber ist denn
-ein Handeln aus Furcht wirklich menschenunwürdig und unedel? Wenn im
-Theater plötzlich ein Brand ausbricht und alles, aus Furcht umzukommen,
-flüchtet, wenn ein kalter Ost weht und man aus Furcht vor Erkältung
-sich einhüllt, wenn das Kind sich dem Ufer des Stromes naht und
-nun aus Furcht von der warnenden Mutter zurückgerufen wird, will
-man da behaupten, daß diese Handlungen alle unsittlich seien? Wenn
-sie unsittlich sind, dann müßten sie und derartige Taten überhaupt
-alle verboten werden; denn Unsittliches darf die Menschheit nicht
-dulden. Das wird niemand aber fordern können; denn diese Handlungen
-gehen aus einem durchaus einwandfreien Motiv hervor, dem _Motiv der
-Selbsterhaltung_. Selbsterhaltung ist aber einer der grundlegendsten
-moralischen Pflichten.
-
-Wenn es aber gut und notwendig ist, sich schon vor _zeitlichem_ Übel
-zu schützen, dann ist es gewiß sittlich gut und notwendig, sich vor
-einer Qual zu bewahren, die _ewig_ dauert und vor einem Verlust, den
-alle irdischen Dinge nicht aufwiegen können. Sagt doch auch Christus:
-»Fürchtet nicht diejenigen, welche den Leib töten, die Seele aber nicht
-töten können, fürchtet vielmehr denjenigen, der Leib und Seele ins
-höllische Verderben stürzen kann.« Wir fürchten ja nicht nur knechtisch
-die _Strafe_, sondern _das Böse_, die Sünde selbst, allerdings _wegen
-der Strafe_, wir fürchten den _Zorn Gottes_, »die Furcht Gottes aber
-ist der Anfang der Weisheit«, also durchaus gut. Darum sagt auch die
-Schrift: »Fürchte Gott und halte seine Gebote, das ist der ganze
-Mensch«.
-
-Wenn ferner die _Hoffnung_ auf den Lohn im Himmel uns antreiben soll,
-das Gesetz zu beobachten, dann kann hierin auch durchaus nichts
-Tadelnswertes gefunden werden. Der Mensch ist ja seiner Natur nach zur
-Erlangung des vollkommenen Glückes vorherbestimmt, ebenso wie das Auge
-zum Sehen, das Ohr zum Hören. _Die Anlagen naturgemäß entfalten kann
-doch nicht unsittlich sein._ Wenn die katholische Askese Ehelosigkeit,
-freiwillige Armut rät, dann erhebt man gegen sie den Vorwurf, daß sie
-unsittlich handle, indem sie der Natur ihre Rechte verweigere, und
-hier, wo die katholische Moral dem natürlichen Grundtrieb nach vollem
-Glück gerecht werden will, da ist sie »unsittlich« oder nicht erhaben
-genug!
-
-Hoffnung ist eine der Haupttriebkräfte des menschlichen Lebens.
-Hoffnung auf Sieg verleiht dem Soldaten Ausdauer, Hoffnung auf
-Entdeckung ferner Länder treibt den Nordpolfahrer in eisige Regionen,
-Hoffnung auf Gewinn beseelt den geschäftlichen Unternehmer sowohl
-wie den Landmann und niemanden fällt es ein, all das als unrecht zu
-brandmarken -- er würde ja sonst dem ganzen menschlichen Leben seine
-Schwungkraft rauben -- warum soll es nun plötzlich unerlaubt sein, aus
-Hoffnung auf ein ewiges, alles Irdische weit überragendes Glück zu
-handeln?
-
-Zudem weiß doch jeder Christ, daß das Himmelsglück im Wesentlichen
-_im Besitze Gottes_ besteht. Nach Gott verlangen wir, und um Gott zu
-erlangen, arbeiten wir! _Gott ist aber ein viel edleres Motiv, als alle
-Tugend um ihrer selbst willen erstrebt._ Unser Motiv ist um Himmelshöhe
-erhaben über alles, was die Neuethik uns in Aussicht stellen kann.
-
-Handelt ferner christliche Moral nur aus Furcht und Hoffnung oder
-empfiehlt sie nicht das: »Du sollst den Herrn Deinen Gott _lieben_
-aus Deiner ganzen Seele, aus Deinem ganzen Gemüte« als das erste und
-größte Gebot? Und blieb die Mahnung erfolglos? Wo finde ich denn
-so viele Seelen, die ohne eigenen Nutzen, rein aus Liebe zu Gott,
-wohltätige Stiftungen machten, ihr Vermögen den Armen schenkten, sich
-ganz dem Herrn weihten? »Er hat mich geliebt und sich dahingegeben«.
-Dieser Gedanke erfaßte einen Paulus bis ins Innerste, und es hielt
-ihn nicht, bis er alles geopfert und alles für Christus gewonnen. Und
-diesen Hochgesang christlichen Tugendstrebens nehmen die nachfolgenden
-Geschlechter auf; ihn sangen die Chöre Gottgeweihter in ihrer einsamen
-Wüste; ihn die Heldenschar der Märtyrer in der Arena; er ward zum
-Leitmotiv all' der Millionen von Heiligen und Bekennern der Kirche.
-
-Nichts Kleines ist also das Motiv des christlichen Tugendstrebens,
-sondern Gott; Gott, der zürnende, schreckt vom Bösen ab; Gott, der
-beglückende, lockt zum Gebotenen an; Gott, der liebende, zieht die
-Seele mit Gewalt, alle irdischen Bande abzustreifen, Schwingen
-zu nehmen gleich dem Adler und ihm, dem Höchsten, zuzueilen. Ein
-Beweggrund, wie er erhabener gar nicht gedacht werden kann!
-
-2. Aber ist das Ewigkeitsstreben auch genügend _begründet_? Man spricht
-vom Drohen und Locken mit einem »_erträumten_ Jenseits«.
-
-Die Antwort hierauf ist bereits erfolgt: im ersten Heft dieser
-Serie von Vorträgen wurde erwiesen, daß es einen überweltlichen,
-persönlichen Gott gibt, im vierten, daß die Menschheit nach dem Tode
-weiterleben muß. Damit ist Lohn und Strafe im Jenseits gegeben.
-
-Jeder Gesetzgeber verhängt Strafen auf die Übertretung seiner Gesetze
-und er muß es; denn wie wäre es sonst möglich, seinen Worten Nachdruck
-zu verleihen?
-
-Die Macht irdischer Gesetzgeber reicht nur bis zu ihrem Tode. Gott, die
-ewige Macht, aber umfaßt wie die Sonne am Himmel die diesseitige und
-jenseitige Hemisphäre. Gott ist in der Ewigkeit, der Mensch lebt weiter
-in der Ewigkeit, darum ist eine Belohnung oder Bestrafung im Jenseits
-auf jeden Fall möglich. Wer könnte das leugnen?
-
-Sie ist mehr als möglich, sie ist gewiß. Wenn Gott Gesetze gibt und der
-Mensch sie übertritt, dann kann und darf Gott sich das nicht bieten
-lassen. Er muß strafen.
-
-»Aber«, sagt man, »hienieden findet die Tugend ihren Lohn, das Laster
-seine Strafe.«
-
-Nicht leugnen will ich, daß das oft der Fall ist, aber immer? Wo
-finden denn die vielen Blinden, Lahmen, Kriegsinvaliden, die vielen
-gedrückten Gattinnen, gemarterten Kinder, ihrer Ehre und ihres Vermögen
-grausam Beraubten hienieden ihren Lohn? Und finden all die Hochstapler,
-Mädchenhändler, Verführer, Tyrannen hienieden ihre Strafe? Sagt nicht
-der Volksmund: »Die kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man
-laufen?« Und vernimmt man nicht oft genug die Klage, daß den Gottlosen
-hienieden alles nach Wunsch geht, während das redliche Bemühen der
-Guten von stetem Mißerfolg begleitet ist? Gewiß ist es, daß nur ein
-Teil der Bösen hier seine Strafe findet, nur ein Teil der Guten
-hienieden einen Lohn; wäre es denn gerecht von Gott, wenn die andern
-leer ausgingen? Und wäre es mit seiner Heiligkeit vereinbar, daß er das
-Gottwidrige überhaupt nicht verfolgte?
-
-Doch abgesehen von alledem: man übersieht bei diesem Einwand ganz und
-gar, daß Lohn und Strafe nicht nur da sind, die _geschehene Tat_ zu
-berichtigen, sondern vor allem, _auf die noch zu geschehenden_ Taten
-im Sinne der sittlichen Ordnung einzuwirken. Die Sanktion des Gesetzes
-soll in erster Linie zur Beobachtung des Gesetzes antreiben, nicht den
-Durchbruch des Gesetzes wieder gut machen.
-
-Wer immer das Recht besitzt, Befehle und Gesetze zu erlassen, muß auch
-die Macht haben, seinen Willen durchzusetzen. Wie könnte ein Vater
-seine Kinderschar, ein Lehrer seine Schule, ein Feldherr seine Truppen,
-ein König seine Untertanen regieren, wenn jene alle den Befehlen
-ungestraft trotzen könnten?
-
-Wie wird nun der Nachdruck auf Befehl und Gesetz gelegt? Doch wohl
-durch Hinweis auf Lohn oder Strafe. Vater und Lehrer drohen mit der
-Rute, Feldherr und König mit Arrest und Tod!
-
-Selbstverständlich, daß auch der König der Könige, Gott, seine Kerker
-wie seine Kronen zur Verfügung hat. Gottes Sanktion muß nun einer
-doppelten Anforderung gerecht werden, sie muß einerseits _genügende
-Motive_ für das sittliche Handeln abgeben und darf dabei doch
-anderseits _die Freiheit_ des Menschen nicht aufheben; denn mit der
-Freiheit wäre ja die Möglichkeit, sittlich sich zu betätigen, überhaupt
-genommen.
-
-Selbstverständlich ist es auch, daß nur _ewige_ Güter und _ewige_
-Strafen als Sanktion ausreichen; denn das Sittengesetz ist unter allen
-Umständen verpflichtend -- nie darfst du die Unwahrheit sagen, nie
-einen Ehebruch verüben. Die sittlichen Imperative sind kategorische
-Weisungen. Sittengesetze sind absolute Gesetze.
-
-Wenn ich aber das Sittengesetz _unter allen Umständen_ zu beobachten
-habe, dann kann es vorkommen, daß ich _eher alles Irdische_, mein
-Ansehen, mein Vermögen, mein Leben preisgeben muß, als nur _einer_
-Übertretung der Gebote Gottes mich schuldig zu machen. Wie oft waren
-und werden nicht Menschen in diese Lage versetzt! Denken wir an Thomas
-Morus, an die Märtyrer aller Zeiten, an die katholischen Beamten zur
-Zeit des Kulturkampfes!
-
-Wären nun die auf Übertretung des göttlichen Gesetzes stehenden Strafen
-leichter als irdische Verluste -- dann könnte ja der Mensch in solchen
-Lagen sagen: Gut, dann wähle ich lieber das Leben und verachte das
-Gesetz und seine viel geringere Strafe.
-
-Es müssen also die auf Gottes Gesetz stehenden Belohnungen oder Strafen
-höher sein als alles Irdische. Höher als das Irdische steht nur das
-Jenseitige; so weist uns die Logik auf eine jenseitige Sanktion des
-Sittengesetzes hin.
-
-Die jenseitige Strafe aber muß eine _ewige_ sein. Warum nicht?
-_Ungerecht soll es sein_, eine kurz dauernde Sünde ewig zu strafen?
-Aber richtet sich denn die Dauer der Strafe nach der _Dauer_ der
-Sünde und nicht vielmehr nach ihrer _Bedeutung_? Nur einen Augenblick
-dauert die Tat des Anarchisten, der eine Bombe in einen königlichen
-Hochzeitszug hineinschleudert, soll er nur einen Augenblick bestraft
-werden?
-
-Die Größe des Frevels ist ausschlaggebend, nicht die Dauer. Die schwere
-Sünde ist ein _unendlich großer_ Frevel. Die Größe einer beleidigenden
-Tat richtet sich ja u. a. besonders nach dem Abstand zwischen dem
-Beleidiger und dem Beleidigten. Nennt ein Rekrut einen Mitrekruten
-»Lügner«, so wird ihm das bald verziehen; hält er dasselbe Wort seinem
-Hauptmann entgegen, wird er schwerer bestraft; würde er seinen obersten
-Kriegsherrn mit dem gleichen Schimpfwort bedenken, so würde er des
-Majestätsverbrechens angeklagt und noch schwerer zu büßen haben.
-Und doch ist die Tat, an sich betrachtet, die gleiche, der Abstand
-entscheidet über ihre Bedeutung.
-
-Der Abstand zwischen dem gesetzgebenden Gott und dem
-gesetzübertretenden Menschen ist aber unendlich, darum schließt die
-Sünde eine unendliche Bosheit in sich, die unendliche Bosheit verlangt
-eine unendliche Strafe und, da diese dem Maß nach nicht unendlich sein
-kann, muß sie der Dauer nach ohne Ende sich ausdehnen.
-
-_Unbarmherzig_ soll die ewige Strafe sein? Aber hat der Übertreter des
-Gesetzes sie nicht selbst gewollt? Er konnte das Gesetz beobachten,
-Gott hatte ihm genügende Mittel gegeben, hatte ihn gemahnt und gewarnt,
-hatte ihm alles vorausgesagt, und wenn er nun dem Sünder die mit
-offenem Blick und freiem Willen heraufbeschworene Strafe zuteil werden
-läßt, dann soll das unbarmherzig sein? Ein König fordert den Vasallen
-zum Feldzug auf, sagt ihm: Wenn du mir folgst, ist ein Fürstentum dein,
-wenn nicht, ein Kerker. Wenn nun der Vasall eigenmächtig das Fürstentum
-ablehnt, ist es unbarmherzig vom König, wenn er es ihm _nie_ zuteil
-werden läßt? In der schweren Sünde verzichtet der Mensch auf Gott und
-seinen Himmel; wer will nun Gott anklagen, daß er ihm beides nicht
-gibt? Gott gab dir zwei Arme; wenn du einen freventlich abhaust, wie
-willst du Gott belangen, daß er dir keinen neuen wachsen läßt? Wer aber
-Gott im Jenseits verloren hat das Licht verloren, Schönheit, Glück und
-Frieden, das ist ja einer der wesentlichen Bestandteile der ewigen
-Verbannung.
-
-Gerade weil Gott gütig und barmherzig ist, darum muß er mit einer
-ewigen Strafe und dem Verlust einer ewigen Belohnung drohen, Gott muß
-die _Menschen vor einander_ schützen. Durch Mord, Diebstahl, Ehebruch,
-Gewalttat werden Menschen, zumal die Guten, geschädigt. Darf Gott nun
-solchen Greueln untätig zuschauen? Müßten dann nicht alle Edlen sich
-empören, daß Gott sie rücksichtslos den Launen der Bösen überließe?
-»Sage mir«, bemerkt treffend der hl. Chrysostomus »wenn jemand alle
-Lasterhaften aller Arten versammelte, sie mit Schwertern bewaffnete und
-dann befähle, die ganze Stadt zu durchlaufen und jeden ihnen in die
-Hände Fallenden niederzumetzeln, wäre das menschlicher? ... Wenn aber
-ein anderer alle jene Lasterhaften bände, einkerkerte, wäre das nicht
-eine menschenfreundliche Tat? Wende das auf das Gesetz an ...«. (16.
-Säul. Hom.)
-
-In der Tat, mit seinem Gesetz und seiner Drohung fesselte Gott alle
-bösen Leidenschaften mit einem starken Band; wer die Strafe nimmt,
-entfesselt alle Leidenschaften und läßt sie wie eine wilde Meute auf
-die Menschheit los. Wo bleibt da Sicherheit, wo Ruhe und Ordnung?
-
-Wer ferner alles aufbietet, um der Menschheit zu ihrem wahren Glück
-zu verhelfen, der handelt gewiß gut und edel. Tut Gott das nicht auch
-mit seiner Drohung? »Nicht weniger als das Himmelreich«, sagt derselbe
-Kirchenlehrer, »offenbart die Androhung der Hölle seine (Gottes) Güte.
-Und wie? Wenn er mit der Hölle nicht drohte, ... so würden nicht viele
-des Himmelreiches teilhaftig werden; denn das Versprechen von Gütern
-ruft nicht so erfolgreich die Mehrzahl zur Tugend auf als die Androhung
-von Übeln« (7. Säul. Hom. 2).
-
-Nur zu wahr. Beides: Versprechen des Himmels und Drohung mit der Hölle
-führt zu Gott. Gott ist aber das einzige Glück des Menschen; ist nun
-die Drohung mit der Hölle nicht ein Ausfluß der Barmherzigkeit des
-Herrn?
-
-Aber für den Übeltäter selbst ist die Strafe zu groß. Gott könnte ihn
-ja _vernichten_. Ja, er könnte es, wenn er nur allmächtig, nicht auch
-allweise und allheilig wäre.
-
-Das Eine ist doch gewiß, Gott muß auf Anerkennung seiner Autorität
-bestehen. Ein Gott, der sich alles gefallen ließe, würde uns nicht
-gefallen. Wenn nun der Mensch der Vernichtung anheimfiele, würde er
-sich dann um Gott überhaupt kümmern, dann, wenn heftige Leidenschaft
-ihn drängt? Er würde hintreten können und sagen: »Gott gebiete nur,
-drohe nur, ich entgehe Dir doch.« Der Gedanke an das Nichts würde nicht
-von der Sünde abschrecken, sondern sie eher befürworten.
-
-Gott muß aber darauf bestehen, daß der Mensch sich ihm unterwirft, ihn
-anerkennt; erkennt er die Güte nicht an, dann muß die Gerechtigkeit ihn
-dazu zwingen -- aber nur eine ewige Strafe ist dazu imstande, dann, wie
-gesagt, würde der Sünder mit dem »ich entgehe Gott schließlich doch«
-sich in seinem gesetzwidrigen Verhalten bestärken.
-
-»Aber Hoffnung auf den Himmel und Furcht vor der Hölle schrecken auch
-nicht immer von der Sünde ab.« Abschrecken tun sie stets, ganz die
-Sünde hindern nicht, mit seinem freien Willen kann sich der Mensch über
-alles hinwegsetzen; es handelt sich aber hier nicht um die Frage, ob
-die ewige Sanktion tatsächlich jede Sünde _unmöglich_ macht, sondern ob
-sie -- _vorausgesetzt, daß die Freiheit des Willens gewahrt bleibt_ --
-_fähig_ ist, von der Sünde abzuhalten. Sie ist es.
-
-Und nur sie, die Freidenker, betrachten allerdings Bildung, Kenntnisse,
-gutes Beispiel und materielles Wohlergehen für bessere Erziehungsmittel.
-
-Wir wollen nicht leugnen, daß manche von diesen Faktoren auch Einfluß
-auf das sittliche Verhalten haben können, leugnen müssen wir, daß sie
-aus sich _genügend_ sind, es _unter allen Umständen_ zu sichern.
-
-Reichen denn Bildung und Kenntnisse aus? Dann müßten ja die obersten
-Kreise gerade die reinsten, demütigsten, treuesten, wahrhaftigsten
-sein. Ist das der Fall? Man denke an unsere letzten Prozesse -- an das
-alte Rom!
-
-Und materielles Wohlergehen soll ein Antrieb zur Beobachtung des
-Sittengesetzes sein? Aber liegen diese beiden denn nicht oft genug
-mit einander im Streit? Wenn materielles Wohlergehen eine genügende
-Sanktion der Ethik wäre, dann müßten Börsenbarone und Erpresser ja
-zugleich die größten Heiligen sein.
-
-Wer weiß nicht, daß trotz aller Kenntnisse, Erfolge und Bildung der
-Mensch im Ansturm der Leidenschaften einer festeren Sicherung bedarf?
-Erhöhte Kenntnisse ohne erhöhte innere Festigkeit sind, um einen
-Ausdruck Försters zu gebrauchen, eine besser gearbeitete Laterne in
-der Hand des Diebes. Und daß nicht erhöhte »Kultur« eine erhöhte
-Sittlichkeit bedingt, besagt die Geschichte der alten wie heutigen
-Völker zur Genüge. (Vergleiche den Vortrag II). Die heutige Bildung
-sanktioniert die ethischen Gesetze nicht, sondern bildet sie nach
-Belieben um. Die Moral ist ja nach Paul Heyse nichts weiter als die
-Quintessenz dessen, was in einem Zeitalter für anständig gehalten wird.
-Heldennaturen springen über die Schranken hinweg. (Briefe an Frau ~Tout
-le Monde~ 111.)
-
-Unsere Zeit besitzt ja Kulturgüter, Mammon, Kunst, Bildung,
-Ehrengerichte in Menge -- ist sie darum moralisch hochstehend? Was
-sagen die 180000 Kinder, die in Deutschland allein jährlich, mit
-dem Brandmal der Sünde bezeichnet, das Dasein betreten? Was die in
-die Hunderttausende, vielleicht 1½ Millionen zählenden Dienerinnen
-der Unzucht, was die jährlich in Deutschland verurteilten 55000
-jugendlichen Verbrecher, was die 196000 Geschlechtskranken, die
-im Jahre 1900 in den öffentlichen Krankenhäusern Deutschlands
-gepflegt wurden, von den 30--40% geschlechtskranken Soldaten und
-33--69% Studenten gar nicht zu reden? Was soll ich sagen von
-den erschreckend um sich greifenden Perversitäten, dem weißen
-Sklavenhandel, der Engelmacherei, dem Rückgang der Geburten? Was
-von den Schönheitsabenden, den obszönen Tänzen? Ist doch die Klage
-allgemein: So kann es nicht weiter gehen! Woher nun der Jammer? Die
-Bildung, weltliche Kultur, nahm doch zu! Ja, aber die Religion mit
-ihren Ewigkeitsgedanken nahm ab, die Welt vergaß das Schriftwerk:
-»Denk, o Mensch, an deine letzten Dinge, und du wirst in Ewigkeit nicht
-sündigen!«
-
-Nicht alle hat die Religion vom Bösen abgeschreckt; aber wer wollte es
-leugnen, daß sie allein es war, die auf die Massen aller Zeiten den
-sittigendsten Einfluß ausübte? Die Furcht vor den Göttern oder Gott
-war es, die in allen Gesetzbüchern anklingt und dem Leben Halt bot.
-Habe ich keinen Himmel zu hoffen, keinen Gott zu fürchten, auf kein
-Weiterleben nach dem Tode zu rechnen, was soll mich dann abhalten, mich
-hienieden ganz auszuleben und durchzusetzen?
-
-Man gibt vor, der Menschheit einen Dienst erweisen zu wollen, indem
-man sie von der Angst vor der Hölle befreit. Ja, man läßt alle
-Leidenschaften von der Kette los und hetzt sie auf die Menschheit,
-man richtet wieder ein Henkermahl an, wie zur Zeit der französischen
-Revolution; ist das eine Wohltat? Man löscht das Licht aus, das die
-unheimlichste Klippe aufdeckt, man verschließt dem Menschen den Weg
-zum wahren Glück, ist das eine Wohltat? Man reißt die Warnungstafel
-am Abgrund, die Barrieren an der Bahn nieder, den Totenkopf an der
-Giftflasche herunter -- um dem Menschen die Furcht zu nehmen; ist das
-wirklich weise und edel gehandelt?
-
-Wenn es eine Hölle gibt, da sollte es menschenfreundlich sein, diesen
-Abgrund zu verdecken und alle auf den Weg zu locken, dessen Abschluß
-Verderben ist? Dann war auch die Tat des Rattenfängers von Hameln der
-menschenfreundlichsten eine. Nein, das ist grausam. Menschenfreundlich
-ist es von der christlichen Ethik, wenn sie sich den im Sinnesrausch
-dahin Tollenden mit der roten Signallampe entgegenstellt und ein
-unerbittliches »Halt, nicht weiter!« zuruft.
-
-Wer verurteilt nicht den grausamen Nero, der seiner eigenen Mutter eine
-herrliche Barke baute, sie eines Abends auf das Schiff lockte und auf
-hoher See eine verborgene Falltür öffnete, so daß die Mutter in den
-Wogen versank? Handelt die Diesseitsethik nicht grausamer? Sie stattet
-der Menschheit ein bequemes, sehr bequemes Schiff zur Fahrt des Lebens
-aus, sie musiziert und tanzt -- aber das Schiff birgt eine unheimliche
-Gefahr in sich: die Falltür, und sie heißt Tod -- und das Ende --
-_Ewigkeit_. Ist es nicht grausam, darüber hinwegzutäuschen?
-
-Wohl mag die Moderne die Ewigkeitsgedanken als lästig abweisen, die
-Ewigkeit selbst bleibt. Auch sie mag sich das Wort gesagt sein lassen,
-das einer der Makkabäischen Märtyrer zum gottvergessenen Antiochus
-sprach: »Du, Ruchloser, rühmst dich umsonst deiner Bosheit und
-deines Übermutes, denn noch nicht bist du entflohen dem Gerichte des
-allmächtigen und allwissenden Gottes«.
-
-Ja, vielem mag die Moderne entfliehen, sie mag entfliehen der Kirche,
-mag entfliehen dem weltlichen Gerichte, mag entfliehen den Vorwürfen
-des eigenen Gewissens, einem ist sie noch nicht entflohen: dem Gerichte
-des allmächtigen und allwissenden Gottes, und dem entgeht sie nicht.
-Furchtbar aber ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.
-
-So führt die Sanktion der Ethik wiederum auf Gott zurück, Gott ist der
-Ursprung der Ethik. Gott die Norm, Gott der letzte Halt. Moral ohne
-Gott ist ein Leib ohne Seele.
-
-»Eine Spinne«, so erzählt der Dichter Jörgensen, »ließ sich an einem
-Faden herunter von einem Ast; nun eilte sie hin und her und spann
-ihr kunstvolles Netz. Lange lebte sie gesichert in ihrer Behausung;
-da stieß sie auf ihren kleinen Rundreisen eines Tages wieder auf den
-ersten Faden. Sie hatte seine Bedeutung vergessen und -- biß ihn ab --
-und ihr ganzes Haus stürzte zusammen.«
-
-Von Gott kam die Menschheit, und um den Gottesgedanken baute sie ihr
-geistiges und ethisches Gebäude -- sie zerstört den ersten Faden,
-und mit ihm sinkt ihr ganzes Haus in Trümmer. Der Ethik letztes Wort
-lautet: »Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine fremden Götter
-neben mir haben.«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Schlusswort.
-
-
-In Babylon war es. Hell strahlten die Lichter des Königspalastes ins
-Dunkel hinaus. Im Innern sah man den Herrscher Belisar an festlich
-geschmückter Tafel, um ihn in goldstrotzender Uniform die Großen des
-Reiches, die Königin mit ihrem Hofstaat in rauschenden Gewändern.
-Man aß und trank, spielte und tanzte. Und als der Wein das Blut in
-Wallung gebracht, da erreichte der Frevel seinen Höhepunkt. Belisar
-ließ sich die aus dem Heiligtum in Sion geraubten hl. Gefäße bringen,
-ließ sie mit perlendem Wein füllen und reichte sie seinen Gästen. Und
-sie tranken alle daraus und jeder pries seinen Götzen. Da erschien eine
-geheimnisvolle Hand und schrieb an die Wand: Mane, Thekel, Phares.
-
-Man erblaßte, die Kniee schlotterten. Ein Signal ertönt, Rufe werden
-laut, Krieger stürzen mit gezücktem Schwert in den Saal, morden König
-und Königin, Feldherren und Hofdamen und, wo vor einigen Minuten noch
-Gotteslästerung und Weltlust ihr frivoles Spiel trieben -- da sah man
-jetzt Blut, Leichen -- Tod.
-
-Ein Babel ist unsere Zeit; ein festliches Bankett hat sie bereitet.
-Nicht genug der Sündenlust und des Frevels früherer Zeiten, benutzt sie
-heute noch die religiösen Überlieferungen zu ihrem gottlosen Spiel.
-Jeder preist seine Götter und höhnt den Höchsten. Zahllos sind die
-Idole des Jahrhunderts. -- Mag sie höhnen, kommen wird auch für sie
-die schreibende Hand, die unter Sternensturz und Himmelsdonnern in
-Flammenschrift an den Horizont die Worte setzt: Mane, Thekel, Phares.
-Kommen wird Christus auf den Wolken, und die falschen Götter werden
-stürzen. »Dann«, hat er zu den Guten gesagt, »erhebet euer Haupt, dann
-naht eure Erlösung«. Wir lassen es uns gesagt sein. Mag die Moderne
-sich den Idolen zuwenden, uns gilt als Leitstern das Wort: »Fürchte
-Gott und halte seine Gebote, das ist der ganze Mensch.«
-
-[Illustration]
-
-
-Buchdruckerei Paul Scheiner, Würzburg.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
- Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Die
- Antiqua-Auszeichnungen der Titelseite und Kapitelüberschriften
- wurde entfernt.
-
- Korrekturen:
-
- S. 18: Tadelswertes → Tadelnswertes
- durchaus nichts {Tadelnswertes} gefunden
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Idole des Zwanzigsten Jahrhunderts.
-VIII. Moral ohne Religion, by Otto Cohausz
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IDOLE DES ZWANZIGSTEN ***
-
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-The Project Gutenberg EBook of Idole des Zwanzigsten Jahrhunderts. VIII.
-Moral ohne Religion, by Otto Cohausz
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Idole des Zwanzigsten Jahrhunderts. VIII. Moral ohne Religion
- Religiös-wissenschaftliche Vorträge
-
-Author: Otto Cohausz
-
-Release Date: November 13, 2020 [EBook #63743]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IDOLE DES ZWANZIGSTEN ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-<p>
-Dieses E-Book wurde anläßlich des 20. Jubiläums von »Distributed
-Proofreaders« erstellt.
-</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>Idole des Zwanzigsten<br />
-Jahrhunderts.</h1>
-
-<p class="center">Religiös-wissenschaftliche Vorträge<br />
-von <span class="larger">Otto Cohausz</span> S. J.</p>
-
-<p class="h2">VIII. Moral ohne Religion.</p>
-
-<div class="figcenter" id="signet">
- <img src="images/signet.jpg" alt="Signet" />
-</div>
-
-<p class="center smaller p2">Göbel &amp; Scherer [H. Klemmer], Verlagsbuchhandlung<br />
-Würzburg 1912.</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<div class="blockquot">
-<p>Mit Erlaubnis der Ordensobern.</p>
-<p class="center">
-<em class="antiqua">Nihil obstat.</em><br />
-<em class="antiqua">Wirciburgi</em>, 12. Januar 1912.</p>
-<p class="right">
-<em class="antiqua">Dr.</em> Hergenröther, <em class="antiqua">Canonicus</em>.
-</p>
-<p class="center p2">
-<em class="antiqua">Imprimatur.</em><br />
-Würzburg, den 13. Januar 1912.<br />
-Heßdörfer, <em class="antiqua">vic. general.</em></p>
-<p class="right">
-Kraus.
-</p>
-</div>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3"></a>[3]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Moral_ohne_Religion">Moral ohne Religion.</h2>
-</div>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">religiösen</em> Werte hat die »Moderne« zum Teil
-verworfen, der <em class="gesperrt">moralischen</em> kann sie nicht entraten,
-denn der tugendhafte Mensch bleibt ja ihr Ideal; da die
-»Götter für sie tot sind«, soll der »Übermensch leben«.
-Um den tugendhaften Menschen heranzubilden, bedarf sie
-aber der Tugendlehre. Wohl lehrt auch das Christentum
-Tugend und Moral. Aber das steht ja einmal bei den
-Neueren fest, daß Christliches sie nicht mehr beglücken
-kann. Darum sucht man nach neuen ethischen Gesetzen.</p>
-
-<p>So uneinig man nun auch in der Aufstellung neuer
-moralischer Werte sein mag, in einem Punkte trifft man
-zusammen: darin, daß eine reinliche Trennung von Moral
-und Religion vorgenommen werden muß.</p>
-
-<p>Gott ist der christlichen Moral Kern und Stern; er ist
-die letzte Norm der christlichen Moral, er ihr letzter Verpflichtungsgrund
-und ihre allein durchschlagende Werbekraft.
-Nach allen drei Beziehungen soll Gott ausgeschaltet
-und die neue Ethik auf sich selbst gestellt werden. Unmögliche
-Forderungen!</p>
-
-<div class="figcenter" id="illu-003">
- <img src="images/illu-003.jpg" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 class="nobreak" id="kap01">I. Gott allein ist die letzte Norm der Moral.</h3>
-</div>
-
-<p>Auf die Frage: warum ist etwas gut, z. B. die
-Heiligung des Sabbats und die Ehrfurcht vor den Eltern,
-und warum ist etwas, z. B. Unzucht und Diebstahl, schlecht?
-antwortet der Christ wohl zuerst: weil Sabbatheiligung
-und Elternliebe von Gott geboten und weil Unzucht und
-Diebstahl von ihm verboten wurden. Sein nächstliegendes
-Unterscheidungsmerkmal findet er also in den »Zehn Geboten«.<span class="pagenum"><a id="Seite_4"></a>[4]</span>
-Er geht darin sicher; denn, was Gott geboten,
-kann nicht sittlich schlecht, und was er verboten, nicht sittlich
-gut sein. Diese Norm ist zwar nicht die letzte objektive,
-wie später gezeigt werden wird, aber doch die praktisch
-brauchbarste, weil nächstliegende.</p>
-
-<p>Die Moderne will dieses Kriterium, weil es in einem
-»Fremdwillen« und auf »religiösen Verpflichtungen«
-beruht, nicht gelten lassen. »O, meine Brüder, zerbrecht
-mir die alten Tafeln!« so hat einer der Gewaltigsten
-gesprochen (Nietzsche, Zarathustra »Von alten und neuen
-Tafeln«), und abermals klirren die Trümmer des Gottesdokumentes
-am Felsen. Moses zerbrach die zwei Tafeln,
-weil sie ihm für das sündige Volk zu heilig schienen, die
-Moderne entledigt sich ihrer, weil sie ihr sittlich nicht hoch
-genug stehen.</p>
-
-<p>Aber was will sie denn an ihre Stelle setzen? Wonach
-soll denn unsere Zeit entscheiden, was gut und was
-bös ist?</p>
-
-<p>Chaotisch fluten die Antworten auf diese Frage durcheinander.
-»Sittlich gut ist«, sagt uns der Prophet des
-Übermenschen, »was den Willen zur Macht fördert«, und
-»sittlich gut ist«, sagt uns im Gegenteil ein Schopenhauer,
-»was aus Mitgefühl mit andern hervorgeht«. »Sittlich
-gut ist«, sagt uns ein Kant, »was aus reinem Pflichtgefühl
-hervorgeht«, und »sittlich gut ist«, sagt ein <em class="antiqua">De la
-Mettrie</em>, »nur das und alles das, was mit Lust und
-aus Lust verrichtet wird«. »Sittlich gut ist«, sagt ein
-Reid, »was am gesunden Menschenverstand gemessen wird«,
-und »sittlich gut«, sagt ein Shaftesbury, »ist das, was
-mit dem <em class="antiqua">moral sense</em> übereinstimmt«. »Sittlich gut«,
-nennt der gestrenge Fichte das, »was das Ich vervollkommnet«,
-und »sittlich gut« nennt der zynische Helvetius
-alles das, »was den Sinnenkitzel fördert«. »Sittlich gut«
-ist dem Egoisten Stirner alles, »was das Ich hebt, unbekümmert
-um das Wohlergehen anderer«, und als »sittlich
-gut« bezeichnete ein John Stuart Mill, ein Laas, ein Lotze
-nur das, »was das größtmöglichste Glück der größtmöglichsten
-Zahl hervorzaubert, unbekümmert um das Schicksal
-des einzelnen«. »Sittlich gut« handelt nach Wundt und
-Paulsen, »wer immer auf Steigerung der Kultur hindrängt«,<span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[5]</span>
-»sittlich gut« handelt nach Eduard von Hartmann, »wer
-zur schnellen Weltvernichtung beiträgt«.</p>
-
-<p>So setzt der eine anstelle des Dekalogs das eigene
-Ich, der andere die Gesamtheit, der eine die Lust, der
-andere den Schmerz, der eine den trockenen Verstand,
-der andere das ewig schwankende, unstet tosende Gefühl.
-»Man braucht nur«, sagt Förster (Autorität und Freiheit,
-S.&nbsp;46&nbsp;ff.), »an die Fülle widerstreitender Theorien in der
-sexuellen Reformliteratur zu denken, um vorauszusehen,
-daß es künftig auf dem Gebiet einer konsequent weltlichen
-Laienethik noch unvergleichlich mehr Meinungsverschiedenheiten
-geben wird als auf dem Gebiete des religiösen
-Glaubens&nbsp;… Wir lernen heute anschaulich kennen, was
-aus Ethik und Religion wird, wenn »die Menschen sie
-machen«, das unerlöste Individuum kommt darin so
-gründlich zu Wort, daß von Religion und Ethik nicht
-viel übrig bleibt«. Und es bleibt, um mit R. Eucken
-(Geistige Strömungen der Gegenwart, S.&nbsp;324) zu reden,
-»nur die Tatsache festzustellen, daß unsere Zeit überhaupt
-einer ihre innersten Bedürfnisse befriedigenden Moral entbehrt&nbsp;…«
-und daß ein »solcher Mangel an der eigenen
-Moral die Kraft der Moral in unserer Zeit herabsetzt«,
-&ndash; eine Tatsache, die allerdings nicht sehr zu Gunsten der
-von den Zehngeboten losgelösten neuen Moral spricht.</p>
-
-<p>Diese vom sichern Fundament des Zweitafelgesetzes
-losgelöste Moral muß Unsicherheit und Verwirrung in
-alle Kreise tragen. Sie ist ja nicht eine rein theoretische
-Wissenschaft, sondern eine Lebensnorm.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">einzelne</em> will zu einer moralischen Größe sich
-heranbilden; wie kann er es? Will er, mit Kant dem
-kategorischen Imperativ folgend, etwa auf eine Neigungsheirat
-verzichten, dann ruft ihm ein Helvetius zu: Du
-handelst unmoralisch; denn schlecht ist es, der Lust nicht
-zu folgen, und geht er mit Helvetius der Neigung nach,
-dann erhebt der Weise von Königsberg energisch Einsprache
-gegen sein Tun. Öffnet er, von Schopenhauers Mitleidstheorien
-beeinflußt, den Notleidenden seine Börse, dann
-schleudert Nietzsche ihm das Anathem entgegen, weil es
-unmoralisch sei, das Schwache zu stützen, und glaubt er
-nun Nietzsche, dann hat er Schopenhauer zum Gegner.
-So kommt er nie zum Handeln; denn wer will ihm sagen,<span class="pagenum"><a id="Seite_6"></a>[6]</span>
-welche von den sich bekämpfenden Lehren die wahre ist?
-Alle bieten dieselbe Gewähr, weil alle den Köpfen einzelner
-entspringen.</p>
-
-<p>»Diese Wirkung«, bemerkt Förster wiederum treffend
-(a. a. O. S.&nbsp;47), »machen sich die Gegner der religiösen
-Autorität auch nicht annähernd klar&nbsp;… Kann ich mich
-denn selbst erziehen, mich beherrschen und enthalten, wenn
-alle sittlichen und religiösen Lehren nur individuelle
-Hypothesen sind? Warum soll ich diesen Hypothesen
-mehr glauben als meinen eigenen individuellen Einfällen?
-So mische ich mir aus Gutem und Bösem, Wahrem
-und Falschem meine eigene Ethik, die mit den Leidenschaften
-wechselt, welche in meiner Seele den Vorrang
-gewinnen, und die den Zeitmoden folgt, die gerade im
-Schaufenster des Buchhändlers mein Auge treffen. Vom
-Standpunkt des Pilatus: »Was ist Wahrheit?« ist jedenfalls
-keine Charakterbildung möglich.«</p>
-
-<p>In welch verzweifelte Situation die <em class="gesperrt">Pädagogik</em> durch
-diese neue Moral versetzt wird, ist auch klar. Will man
-es dem einzelnen Lehrer überlassen, sich eines der neuen
-Moralsysteme zu wählen und darnach seine Schüler zu
-unterrichten, dann wird in der einen Schule bald die luststeigernde
-Unsittlichkeit, in der andern die das Übermenschtum
-fördernde Gewalttat, in einer dritten der das größtmöglichste
-Glück der größtmöglichsten Zahl bewirkende
-Tyrannenmord als sittlich gut verteidigt usw. und in der
-andern all das als verwerflich verurteilt. Welch eine
-Generation würde da heranwachsen!</p>
-
-<p>Will man aber den Lehrern eine bestimmte Norm
-vorschreiben, dann fragt es sich wiederum: »Welche?« Und
-mit welchem Recht verwirft man die anderen? Lehr<em class="gesperrt">zwang</em>
-wäre ja nach der Neuethik unmoralisch!</p>
-
-<p>Nicht erfreulicher als auf dem Gebiet der Pädagogik
-würde sich das Bild im <em class="gesperrt">Gerichtswesen</em> gestalten.</p>
-
-<p>Man will einen Lustmörder verurteilen &ndash; aber mit
-Helvetius wird er beweisen, daß er eine eminent moralische
-Tat, weil luststeigernd, beging; man will einen Hochstapler
-gefangen setzen &ndash; aber mit Stirner und Nietzsche wird
-er dartun, daß er durchaus richtig handelte, weil er den
-»Willen zur Macht« betätigte; man will den Königsmörder
-belangen &ndash; aber der Mob wird ihn als Märtyrer preisen<span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[7]</span>
-weil er dem Volkswohl die treffendsten Dienste erwies.
-Wie wäre eine Rechtsprechung möglich?</p>
-
-<p>Selbstbildung, Erziehung, Gesetzgebung und Rechtsprechung
-erfordern gebieterisch eine einheitliche Norm für
-gut und bös &ndash; die Neuethik gibt sie nicht, damit ist ihre
-<em class="gesperrt">praktische Unbrauchbarkeit</em> erwiesen.</p>
-
-<p>Aber auch die <em class="gesperrt">theoretische Überlegung</em> findet
-in den modernen Moralsystemen, so manche unbestreitbare
-Wahrheit sie auch in sich bergen mögen, ihr völliges Genügen
-nicht.</p>
-
-<p>Ein so buntscheckiges Durcheinander die moralischen
-Normen der Gegenwart auch dem Auge darbieten mögen,
-so lassen sich doch zwei Hauptgruppen nicht übersehen: es
-gibt <em class="gesperrt">subjektive Maßstäbe</em> der Sittlichkeit und <em class="gesperrt">objektive</em>;
-subjektive, d. h. im Subjekt, im Menschen liegende
-und objektive, d. h. aus den Dingen, die zum Menschen
-in Beziehung stehen, sich ergebende.</p>
-
-<p>Die subjektiven Moralprinzipien sind darin einig, daß
-sie die Gutheit oder Schlechtigkeit einer Handlung aus der
-Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung mit einem
-Sittenrichter <em class="gesperrt">in uns</em> herleiten, in der näheren Bestimmung
-dieses Sittenrichters gehen sie aber auseinander. Shaftesbury,
-Hutcheson, Jacobi, Schuppe, Höffding u. a. verlegen
-diesen Sittenrichter in den moralischen Sinn, Ad. Smith
-und Schopenhauer dagegen in das Mitgefühl, Herbert
-glaubt ihn im sittlichen Geschmack entdeckt zu haben, Reid
-im gesunden Menschenverstand, Kant dagegen im kategorischen
-Imperativ.</p>
-
-<p>Nach der ersten Gruppe bedürfen wir also gar keiner
-langen Untersuchungen über das, was erlaubt und was
-unerlaubt ist; ein angeborener Instinkt &ndash; der <em class="antiqua"><em class="gesperrt">moral
-sense</em></em> &ndash; sagt es uns sofort; aber zunächst ist es unbewiesen,
-daß ein solch moralisches Gefühl besteht, und
-wenn es bestände, so bliebe stets noch die Frage offen:
-Wie kommt es denn, daß diesem moralischen Sinn die
-einen Handlungen gefallen und andere Unbehagen
-erwecken? Entweder sagt man: weil Gott die Natur so
-eingerichtet hat &ndash; dann kommt man auf die theistische
-Ethik schließlich wieder hinaus; oder man sagt: weil der
-moralische Sinn Lust empfindet bei guten Handlungen,
-Unlust bei bösen &ndash; dann verfällt man dem später zu<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[8]</span>
-würdigenden Hedonismus; oder man antwortet: dem
-moralischen Sinn gefallen die einen Handlungen, weil sie
-das eigene und fremde Wohlergehen fördern &ndash; es mißfallen
-ihm andere, weil sie das Gegenteil bewirken &ndash;
-dann hat man wiederum die rein subjektive Norm verlassen
-und sich aus seiner Verlegenheit an das Ufer des Eudämonismus
-gerettet. Der <em class="antiqua">moral sense</em> versagt.</p>
-
-<p>Ebenso Schopenhauers <em class="gesperrt">Mitgefühl</em>. Denn, wenn
-nur das sittlich gut ist, was aus Mitleid mit andern geschieht,
-dann ist schlecht jede Handlung der Gerechtigkeit, Reinheit,
-Geduld, Mäßigkeit und Liebe &ndash; wer wollte das aber
-behaupten?</p>
-
-<p>»Gut«, sagt Kant, »ist nur das, was aus <em class="gesperrt">reinem
-Pflichtgefühl</em> entspringt und dem kategorischen Imperativ
-entspricht.« Aber der kategorische Imperativ ist
-eine willkürliche Annahme, und, wenn nur das gut ist,
-was nicht aus Neigung, sondern nur der Pflicht
-willen geschieht &ndash; dann ist unsittlich die Tat der barmherzigen
-Schwester, die aus Liebe sich dem Krankendienste
-weiht, unsittlich die Tat des Kühnen, der aus Mitleid den
-Ertrinkenden aus den Fluten ans Land holt, unsittlich
-die Tat des Heiligen, der aus Gottesliebe sein Ich gänzlich
-opfert, dann war unsittlich die Tat des Gottessohnes, da
-er aus Liebe zu uns sein Leben dahin gab. Ein solches
-Prinzip aufstellen, heißt das Edelste, Erhabenste aus dem
-ethischen Gebiet verweisen und die größten Helden der
-Menschheit zu Dämonen stempeln.</p>
-
-<p>Das sah man ein, darum kehrte man zu den <em class="gesperrt">objektiven</em>
-Normen zurück; man nannte sittlich gut entweder
-das Lustversprechende oder das Nützliche oder das
-Fortschritt Verheißende und unterschied demnach den
-ethischen <em class="gesperrt">Hedonismus</em>, den <em class="gesperrt">Utilitarismus</em> und den
-<em class="gesperrt">Progressismus</em>. Aber auch diese reichen nicht aus.</p>
-
-<p>Nicht der <em class="gesperrt">Hedonismus</em>; denn, wenn das sittlich
-gut ist, was die Lust, zumal die Sinnenlust fördert, dann
-ist gut Müßiggang und Schwelgerei, Ehebruch und Lustmord,
-dann sind alle Laster zu Tugenden geworden und
-ernste Tugenden, wie Entsagung, Reinheit, zu Lastern.</p>
-
-<p>Will man ferner dem <em class="gesperrt">Utilitarismus</em> gemäß das,
-was nützlich ist, als moralisch gut bezeichnen, so steht man
-vor der Alternative, entweder alles, was irgendwie nützt,<span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[9]</span>
-so zu werten, oder eine Auswahl zu treffen. Alles, was
-irgendwie nützt, kann nicht moralisch gut sein; denn der
-Raubmord nützt zum Gelderwerb, Ausschweifung, Rachsucht
-zur Lusterregung, und doch wird es keinen ernsten
-Denker geben, der sie nicht als verwerflich brandmarkt.</p>
-
-<p>Man muß also unter dem Nützlichen eine Auswahl
-treffen, man kann nur das als gut bezeichnen, was zu
-einem guten Zweck dient &ndash; dann fragt es sich aber: Wie
-kommt es, daß dieser Zweck ein guter, ein anderer ein
-schlechter ist? So muß ich eine andere Norm zu Rate
-ziehen.</p>
-
-<p>Fast dasselbe läßt sich von dem dritten System, dem
-<em class="gesperrt">Progressismus</em>, sagen. »Gut ist, was dem Fortschritt
-dient«; ja, ist aber jeder Fortschritt gut? &ndash; auch der Fortschritt
-des Übermenschen, der das Herdenvolk mit Füßen
-tritt? Und worin besteht der Fortschritt? In Steigerung
-der Wissenschaft oder in Anhäufung des Volksvermögens
-oder in der Kunst? Und warum sind denn Wissenschaft,
-Volkswohl und Kunst gut? Alle diese Maßstäbe sind zu
-dehnbar, zu unsicher.</p>
-
-<p>Näher kommt man der Wahrheit, wenn man den
-Fortschritt in die <em class="gesperrt">harmonische Ausbildung</em> des
-Einzelmenschen und der Gesamtheit verlegt. »Menschheit
-lebe so, wie es deiner Natur und Würde entspricht«, lautet
-darum eine andere Formulierung des sittlichen Grundgesetzes.
-(Zeller.)</p>
-
-<p>Einverstanden, wenn man die menschliche Natur in
-<em class="gesperrt">ihrer ganzen Eigenart</em> und <em class="gesperrt">all ihren Beziehungen</em>,
-d. h. als Teil des Ganzen erfaßt. Seiner
-Natur nach ist der Mensch ein geistig-sinnliches Wesen,
-der Geist aber steht höher als das sinnliche Element, darum
-hat der Geist die Triebe zu regeln, zu lenken; der
-Mensch ist seiner Natur nach Bruder vieler Brüder,
-darum hat er den Mitmenschen in allem gerecht zu werden;
-der Mensch ist seiner Natur nach Geschöpf des einen wahren
-Gottes, darum kann er Gott nicht übersehen, sonst handelt
-er naturwidrig. Soweit die ihm gewordene Natur sich
-erstreckt, so weit auch die auf der Natur fußende Pflicht.</p>
-
-<p>Will der Mensch nun seiner <em class="gesperrt">eigenen Würde</em> gerecht
-werden, so hat er sich vor dem Übergewicht des<span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[10]</span>
-Sinnlichen zu hüten, er hat seine Triebe nach dem Willen
-der geordneten Natur zu regeln, Eßtrieb und Trinklust,
-sexuelle Neigung und Zornesempfinden, er hat also keusch,
-mäßig und sanftmütig zu leben.</p>
-
-<p>Will er der <em class="gesperrt">sozialen</em> Eigenart seiner Natur entsprechen,
-so hat er den Urhebern seines Lebens, den Eltern,
-sich anzupassen, hat die höhere Autorität des staatlichen Verbandes
-zu achten, hat er Eigentum und Leben zu schonen
-und, weil aus dem ungerechten Begehren die unheilvolle
-Tat aufflammt, auch innere Neigungen zu unterdrücken.</p>
-
-<p>Will der Mensch aber nicht den wichtigsten Teil seiner
-natürlichen Stellung übersehen, so hat er sich auch <em class="gesperrt">dessen
-zu erinnern</em>, dem er alles verdankt, seines Schöpfers,
-hat ihn anzuerkennen und seinen Forderungen zu entsprechen.</p>
-
-<p>Was will das aber alles anderes sagen als das:
-Du sollst keine fremden Götter neben mir haben, gedenke,
-daß du den Sabbat heiligest, du sollst Vater und Mutter
-ehren, du sollst nicht töten, nicht ehebrechen, lügen und
-stehlen, du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib noch
-alles, was sein ist? So führt die Unzulänglichkeit der
-modernen Moral ganz von selbst zu den Forderungen
-zurück, die sie zu ersetzen versprach, zu den Forderungen
-der zwei Tafeln Moses. Keine Ethik, die das menschliche
-Leben vernunftgemäß zu ordnen gedenkt, wird an den
-zehn Geboten vorbei und über sie hinauskommen. Nicht
-aus Willkür gab der Höchste diese Gesetze, sondern weil
-er sah, daß ohne sie nur chaotische Anarchie die Völker
-beherrschen wird.</p>
-
-<div class="figcenter" id="illu-010">
- <img src="images/illu-003.jpg" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 class="nobreak" id="kap02">II. Gott allein ist der letzte Verpflichtungsgrund
-der Moral.</h3>
-</div>
-
-<p>Zwanglos wie die Moderne sein will, sucht sie auch
-den Zwang aus der Moral zu entfernen. Handeln aus
-Neigung, aus Achtung vor der Persönlichkeit, nicht aus<span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[11]</span>
-irgendwelchem Druck, das ist ihre Lieblingsidee, eine Idee,
-die in gleicher Weise der Psychologie der ethischen Ordnung
-wie ihrer Geschichte sich entgegenstellt.</p>
-
-<p>Mit vollem Recht bemerkt Eucken dem gegenüber:
-»Unter Moral hatten wir uns gewöhnt an die Anerkennung
-einer <em class="gesperrt">willkürentzogenen</em> Ordnung, an <em class="gesperrt">die Hochhaltung
-von Pflicht und Gewissen zu denken</em>.
-Was aber der aesthetische Subjektivismus mit seiner
-»neuen Ethik« bietet, ist nichts anderes als ein feinerer
-Epikuräismus, als ein Selbstgenuß des Individuums, das
-sich von aller Hemmung frei weiß.« (A. a. O. S.&nbsp;337)</p>
-
-<p>Eine auch nur oberflächliche Analyse des ethischen
-Lebens der Völker ergibt allerdings als unantastbares
-Wahrheitsgut die eine Tatsache, daß das Sittengesetz nicht
-etwa ein »ich möchte von Dir« oder »ich rate Dir«, sondern
-ein »ich <em class="gesperrt">will</em>«, »Du sollst« gebieterisch ausspricht, daß
-es auch gegen die Neigungen sich durchsetzt. »Gut im
-moralischen Sinne«, sagt Paulsen (Syst. d. Ethik I<sup>8</sup>
-S.&nbsp;342), »ist ein Handeln, dessen Motiv die Achtung vor
-der Pflicht ist. Die Erfüllung der Pflicht liegt aber, wie
-es scheint, nicht eben in der Richtung des natürlichen
-Willens. Im Gegenteil: Pflicht ist, wie die Wortbedeutung
-es einschließt, was man nicht gern tut; was man aus
-Neigung tut, ist nicht Pflicht … zwischen Pflicht und
-Neigung ist Widerstreit; das Pflichtgefühl tritt der Neigung
-entgegen, abnehmend oder antreibend vor der Tat, strafend
-oder billigend nach der Tat. Das Gewissen stellt sich im
-Selbstbewußtsein nicht als der Ausdruck des natürlichen
-Eigenwillens dar, sondern eines <em class="gesperrt">fremden</em>, eines <em class="gesperrt">höheren
-Willens</em>, dem der eigene Wille sich beugt oder wenigstens
-sich zu beugen eine innere Nötigung fühlt: ein Sollen tritt
-in der Pflicht … dem bloßen Wollen gegenüber. Und aller
-eigentlich moralischer Wert scheint nun eben darauf zu
-beruhen, daß das Wollen dem Sollen sich unterordnet.«</p>
-
-<p>Und unter dem Druck dieses »Du sollst« steht die
-ganze Menschheit. »Nun findet«, sagt Kant, »jeder Mensch
-in seiner Vernunft die Idee der Pflicht und zittert beim
-Anhören ihrer ehernen Stimme, wenn sich in ihm Neigungen
-regen, die ihn zum Ungehorsam gegen sie versuchen«. (Kl.
-Schr. IV, 14.)</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[12]</span></p>
-
-<p>Die Geschichte und persönliche Erfahrung geben ihm
-Recht. »Ob wir moralisch gut handeln wollen oder nicht,
-ist uns nicht freigestellt, sondern das Sittengesetz
-zu beachten fühlen wir uns verpflichtet.« In dem Satz
-sind alle Moralphilosophen einig, mögen sie nun zu den
-Peripatetikern zählen oder zu den Stoikern, mögen sie
-mit Cicero und Seneka in Rom doziert haben oder mit
-Fichte und Schleiermacher in Berlin, mögen sie mit
-Darwin und Spenzer auf evolutionistischem Standpunkt
-stehen oder mit Lotze, Laes, Ihering zum Prinzip des
-Allgemeinwohles sich bekennen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Das Bewußtsein, verpflichtet zu sein, ist
-eine der allgemeinsten Tatsachen der Menschheit.</em></p>
-
-<p>Sie ist aber auch die <em class="gesperrt">notwendigste</em> Voraussetzung
-einer moralischen Ordnung. Das »sittliche Handeln nur
-aus Neigung« mag sich in der Theorie recht schön ausnehmen,
-aber »nur ein grenzenloser, man möchte sagen,
-kindlich naiver Optimismus, den man liebenswürdig nennen
-möchte, wenn er nicht mit seiner die Halbgebildeten bestechenden
-Flachheit gefährlich wäre, kann wähnen, daß
-man dem Menschen nur schrankenlose Freiheit zu gewähren
-brauche, um das ganze Leben zu seliger Harmonie zu
-führen.« (Eucken a. a. O. S.&nbsp;337.)</p>
-
-<p>Nur zu wahr! Wie oft liegen Neigung und ethische
-Anforderung miteinander in Konflikt! Man denke doch
-nur an die Kämpfe auf sexuellem Gebiet! Was ist es,
-daß die Jugend noch von dem Genuß so sehr lockender,
-aber verbotener Früchte fernhält, wenn nicht das eine:
-Du <em class="gesperrt">sollst</em> enthaltsam sein? Und was ist es, daß Gatten und
-Gattin trotz aufflammender entgegengesetzter Neigung zum
-häuslichen Herd zurückdrängt, wenn nicht das eine: Du
-<em class="gesperrt">darfst</em> nicht untreu sein? Was ist es, was den Kapitän
-zwingt, auf dem sinkenden Dampfer bis zu allerletzt auszuhalten
-und so sich dem Tode zu weihen, wenn nicht die
-Pflicht? Und was ist es, das beim Kriegsruf die ganze
-Mannschaft des Landes trotz Gatten- und Vaterliebe ins
-Feuer treibt, wenn nicht wiederum die Pflicht? »Die
-Pflicht ruft«, und alle Neigungen und Sonderinteressen
-verschwinden. Nur sie bringt Halt und Festigkeit, Einmütigkeit
-und Ordnung ins Leben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[13]</span></p>
-
-<p>Das Pflichtbewußtsein <em class="gesperrt">existiert überall</em> und es
-ist <em class="gesperrt">notwendig überall</em>. Das sind also zwei Tatsachen,
-an denen nicht gerüttelt werden kann.</p>
-
-<p>Wie aber kam das Sollen ins menschliche Wollen?
-»O Pflicht«, ruft Kant aus, »der du nichts Beliebtes
-und, was Einschmeichelung mit sich führt, in dir fassest,
-sondern Unterwerfung verlangst und … ein Gesetz aufstellst&nbsp;…,
-vor dem alle Neigungen verstummen&nbsp;…, welches
-ist der deiner würdige Ursprung?« (Kr. d. pr. V. I T.
-1 B. III. Reclam, S.&nbsp;105.)</p>
-
-<p>Das Christentum beantwortete diese Frage mit dem
-Hinweis auf Sinais Höhen. Gott war es, der dort an
-den Menschen herantrat und ihm sein »Ich bin der Herr
-dein Gott, du sollst … du sollst nicht« wiederum einschärfte.
-Gott der Urheber der Verpflichtung, das ist allerdings eine
-Erklärung, die allseits befriedigen muß; denn wo eine
-Verpflichtung ist, da muß zunächst ein Verpflichtender
-sein. Forderungen werden im Sittengesetz an den Menschen
-gestellt, nicht nur Ratschläge gegeben; wo Forderungen laut
-werden, muß aber ein <em class="gesperrt">mit Recht</em> Fordernder sein. Gesetze
-sind die ethischen <em class="gesperrt">Normen</em>, nicht <em class="gesperrt">Wunschäußerungen</em>;
-wo Gesetze gegeben werden, darf aber der Gesetzgeber
-nicht fehlen; Gesetzgeber, Fordernder, Verpflichter
-kann aber nur eine <em class="gesperrt">über dem Verpflichteten stehende
-Macht</em> sein.</p>
-
-<p>Nun sehen wir, daß das Sittengesetz über dem Einzelindividuum
-wie über der Gesamtheit steht; denn die
-Gesamtmenschheit weiß sich an dasselbe gebunden. Darum
-muß die <em class="gesperrt">Ursache der Verpflichtung über die Gesamtmenschheit
-erhaben</em> sein. Die blinde, notwendig
-wirkende Natur kann aber denkende Menschen nicht verpflichten,
-so bleibt nur die eine Lösung: <em class="gesperrt">die Pflicht
-stammt von dem, der Urheber, Herr der Menschheit
-ist, von Gott</em>.</p>
-
-<p>Diesen Schluß sucht die Neuethik zu umgehen. Sie
-beruft sich zum Teil mit Kant auf die Autonomie des
-Menschen, auf die Selbstgesetzgebung. »Der Wille gibt sich
-selbst Gesetz« (Kant, Grundl. z. Met. d. S., S.&nbsp;134).
-»Alle Sittlichkeit ist gleichbedeutend … mit der freien
-Übereinstimmung mit dem eigenen Gesetz«. (Lipps, Die
-eth. Grundfragen, S.&nbsp;107). »Wahrhaft moralisch ist allein<span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[14]</span>
-die innere, die autonome Verpflichtung. Der Gute stellt
-sich freiwillig in den Dienst des Guten&nbsp;…, er wird nicht
-von außen her verpflichtet, er selbst ist der Verpflichtende
-zugleich und der Verpflichtete« (A. Adickes, Zeitschr. für
-Philos. CXVI 23&ndash;24) &ndash; das ist die Sprache der Moderne.
-Kein Wunder, daß sie die christliche Ethik, die Unterwerfung
-unter einen höheren Willen Gottes und seiner Weltvertreter
-predigt, als unsittlich brandmarkt.</p>
-
-<p>Die Hauptanklage der »Autonomen« gegen die Heteronomie
-(Fremdgesetzlichkeit) der christlichen Moral geht dahin,
-daß sie zu <em class="gesperrt">wenig sittlich</em> sei, denn sittlich sei nur,
-was aus dem eigenen Innern quelle. Es sei ebenso widersinnig,
-meint Ed. von Hartmann, durch Heteronomie sittlich,
-als durch fremdes Essen fett werden zu wollen (bei Cathrein,
-Moralphil.&nbsp;I, S.&nbsp;251). »Sittlich in vollem Sinne ist der
-noch nicht, der nicht selbst seinen Willen betätigt, sondern
-einem fremden Willen sich beugt«, bemerkt Dorner (Das
-menschliche Handeln, S.&nbsp;272).</p>
-
-<p>Wenn diese Aussprüche berechtigt wären, dann müßte
-man nicht nur die Unterwerfung des Willens unter Gottes
-Gesetz und kirchliche Autorität, sondern mit demselben Recht
-auch jede Unterwerfung unter das Staatsgesetz, unter
-Elterngebot, überhaupt unter jede Autorität verdammen,
-denn hier gelten die gleichen Voraussetzungen. Autonomie
-führt zur Anarchie! Wer sieht aber nicht ein, daß damit
-ein geordnetes menschliches Gemeinschaftsleben gänzlich
-unmöglich gemacht wird? Jahrtausende hat die Menschheit
-diese Heteronomie als erste sittliche Forderung betrachtet
-und jetzt plötzlich soll sie in Unsittlichkeit verkehrt werden?</p>
-
-<p>Und warum denn? Sie ist Fremdgesetzlichkeit, sie
-berührt das eigene Innere so wenig. Ed. v. Hartmann
-braucht das Bild vom fremden Essen, ein Bild, das die
-Nichtigkeit der gegnerischen Anklage sofort offen legt. Vom
-fremden Essen wirst du nicht erstarken, das ist wahr &ndash;
-wie aber, wenn ein anderer dir Brot reicht und du selbst
-es dir zubereitest und verspeisest, wirst du dann nicht
-gesunden? Und das ist unser Standpunkt. Gott tritt an
-uns heran und reicht uns das Seelenbrot seines Gesetzes,
-meinetwegen das Gebot: Gedenke, daß du den Sabbat
-heiligest. Ich vernehme das inhaltreiche Wort, ich sage
-mir, Gott, dein Schöpfer und Herr gebietet; für dich als<span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[15]</span>
-Geschöpf Gottes ist es geziemend, dich deinem Herrn zu
-unterwerfen, du bist es deiner Würde, Natur und Stellung
-schuldig &ndash; und darum erfasse ich das Gebot, ich mach es
-mir zu eigen, ich entschließe mich frei, das Gesetz zu beobachten,
-weil ich diesen Gehorsam als sittlich gefordert
-erkenne. Es geht also der Unterwerfung ein innerer
-durchaus ethischer Prozeß voraus.</p>
-
-<p>Das Motiv meiner Unterwerfung ist die Erwägung,
-daß ich als Geschöpf allen sittlichen Beziehungen gerecht
-werden muß, besonders auch den Beziehungen zu dem, der
-mir alles gab, meinen Urgrund. Das ist sittlich &ndash; unsittlich
-ist aber gerade die Selbstgesetzgebung, die sich Gott
-und seiner Autorität nicht fügen will, sie bedeutet Aufruhr!
-Aufruhr ward nie als sittliche Tat gebucht.</p>
-
-<p>Diese Autonomie ist außerdem, von anderem ganz abgesehen,
-gar nicht geeignet, die Tatsache des allgemeinen
-Pflichtbewußtseins zu erklären. Verpflichten kann doch nur
-jemand, der über mir steht. Ich kann mir vornehmen,
-etwas zu tun, verpflichten kann ich mich nur einem höheren
-gegenüber, nicht mir selbst. Zudem finden wir uns als
-Verpflichtete vor, wir schaffen die Verpflichtung nicht, der
-Eigenwille ist Vollstrecker des Gesetzes, nicht Gesetzgeber.</p>
-
-<p>Von der Unhaltbarkeit der individualistischen Selbstgesetzgebung
-überzeugt, verlegen andere Ethiker unserer
-Zeit den Ursprung der Verpflichtung in die <em class="gesperrt">Gesamtmenschheit</em>.
-»Er, der autoritative Charakter der Pflicht«,
-meint Paulsen (a. a. O. S.&nbsp;345), »kommt aus dem Verhältnis
-des einzelnen zu dem sozialen Ganzen, als dessen
-abhängiges Glied er sich weiß. In dem <em class="gesperrt">Willen des
-sozialen Ganzen</em>, das sich in Sitte und Recht objektiviert,
-stellt sich ihm ein überlegener … Wille gegenüber:
-er fühlt sich gebunden durch die Normen, die ihm
-durch Sitte und Recht vorgezeichnet sind.«</p>
-
-<p>Anstatt des Eigenwillens repräsentiert also der in Sitte
-und Recht ausgesprochene Gesamtwille den Gesetzgeber.</p>
-
-<p>Aber Sitte und Sittengesetz sind doch zwei ganz verschiedene
-Größen, die Sitte z. B. dreimal im Tag zu
-essen, <em class="gesperrt">kann</em> ich beobachten, wenn ich will; das Gesetz,
-den Tag des Herrn zu heiligen, <em class="gesperrt">muß</em> ich beobachten,
-wenn ich auch nicht will. Die Sitte lockt, die Sittlichkeit
-verpflichtet. Wie will mich die Gesamtheit zu dem verpflichten,<span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[16]</span>
-im Gewissen verpflichten? Zwingen könnte sie
-mich, verpflichten nicht. Und wenn die Verpflichtung nur
-dem Gesamtwillen entstammte, wie wollte man es
-denn erklären, daß auch, wenn eine Gesamtheit, wie in
-einem Räuberstaat, andere Sitten schafft, doch das Gewissen
-sich regt? Das Gewissen sagt uns, daß wir alle einem
-über der Menschheit Stehenden verpflichtet sind. Oder
-glaubt man, wenn einmal der Gesamtwille den Mord
-erlaubte, daß das Gewissen den Mord rechtfertigte? Die
-Gesamtheit weiß, daß das Sittengesetz ihr entrückt ist, es
-steht über der Gesamtheit, auch die höchsten Spitzen der
-Gesamtheit sehen sich einem Höheren gegenüber gebunden &ndash;
-die Verpflichtung stammt also nicht von der Gesamtheit,
-sonst könnte sie ja auch einmal sich zu Raub und Unzucht
-verpflichten, wer will das zugeben?</p>
-
-<p>Das Gleiche läßt sich sagen von all den modernen
-Versuchen, die Pflicht empirisch zu begründen. Man sah,
-sagt man uns, daß gewisse Handlungen Nutzen und Freude
-für den einzelnen und die Gesamtheit, andere Schaden
-und Unlust brachten. Man gewöhnte sich allmählich an
-ein diesen Unterschieden entsprechendes Handeln und so
-auch daran, in diesem Handeln eine Schranke, eine Pflicht
-zu erblicken. Es wäre demnach die Pflicht nur ein Kollektivbewußtsein
-von der Nützlichkeit und Schädlichkeit gewisser
-Handlungen.</p>
-
-<p>Aber die Forderungen des Sittengesetzes sind absolut.
-Auch wenn Unlust oder Schaden folgt, hat der
-Mensch sittlich gut zu handeln. Sittlichkeit ist nicht Krämergeist.
-Ein anderes ist der Rat: Halte Diät, wenn du
-gesund bleiben willst, ein anderes das Gebot: Sei ehrlich!</p>
-
-<p>Angewöhnung bedingt noch keine Verpflichtung, und
-wenn Verpflichtung nur Angewöhnung wäre, so würde
-daraus folgen, daß auch das zur Gewohnheit gewordene
-Schlechte einmal verpflichten könnte. Wie man die Sache
-auch wenden mag, die Gesamtheit genügt zur gänzlichen
-Erklärung der Pflicht nicht. Nur ein über der Gesamtheit
-stehendes Etwas kann allein den letzten Grund für die
-allgemeine Tatsache der Verpflichtung abgeben.</p>
-
-<p>Es bleiben also an sich nur zwei Möglichkeiten: die
-Natur oder der Schöpfer der Natur. Die Natur als
-geistloses, unfreies Etwas ist gewiß auch zur Lösung<span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[17]</span>
-unserer Frage nicht geeignet. Wir werden also wiederum
-zur christlichen Theorie zurückgedrängt: Gott ist der Gesetzgeber,
-der da sprach »Du sollst«, »Du sollst nicht.«</p>
-
-<div class="figcenter" id="illu-017">
- <img src="images/illu-003.jpg" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 class="nobreak" id="kap03">III. Gott ist die allein durchschlagende
-Werbekraft der Moral.</h3>
-</div>
-
-<p>Moralische Vorschriften darlegen, genügt nicht zum
-moralischen Handeln; gegen diese Vorschriften bäumen im
-Herzen des Menschen zu viele Sonderinteressen und Leidenschaften
-sich auf. »Das Fleisch gelüstet wider den Geist«. Es
-muß zur <em class="gesperrt">Darlegung</em> der ethischen Normen ein <em class="gesperrt">Anreiz</em>
-oder Antrieb zur Beobachtung dieser Normen hinzutreten.
-Darin sind christliche und moderne Ethik einig.</p>
-
-<p>Die christliche Moral nun findet diesen Antrieb zur
-Beobachtung des Gesetzes Gottes in dem in Aussicht gestellten
-Lohn oder Zorn Gottes. Der »Modernen« aber
-erscheint ein solches Vorgehen zu wenig edel, zu »lohnsüchtig«,
-zu »egoistisch«, dabei zu unwirksam und unwahr.
-»Gesinnungsmoral, nicht Erfolgsmoral«, ist ihre Parole,
-und mit dem Deutschen Freidenkerbund hält sie »Bildung,
-Kenntnisse, gutes Beispiel und materielles Wohlergehen
-für bessere Erziehungsmittel als das Drohen oder Locken
-mit der Vergeltung in einem erträumten ewigen Leben«.
-(Freidenkerflugblatt Würzburg 6. III. 1910.)</p>
-
-<p>Drei Einwendungen werden also gegen den Hinweis
-der christlichen Moral auf das Jenseits erhoben: er sei
-zu wenig edel, zu wenig wahr und zu wenig wirksam.</p>
-
-<p>1. Ein sittliches Handeln aus Ewigkeitsrücksichten soll
-zu wenig <em class="gesperrt">edel</em> sein, zu lohnsüchtig, zu egoistisch. Prüfen
-wir.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das Handeln aus <em class="gesperrt">Furcht</em> vor Gott und seinen
-ewigen Strafen scheint zunächst keine wahre Sittlichkeit
-bewirken zu können. Aber ist denn ein Handeln aus Furcht
-wirklich menschenunwürdig und unedel? Wenn im Theater
-plötzlich ein Brand ausbricht und alles, aus Furcht umzukommen,
-flüchtet, wenn ein kalter Ost weht und man
-aus Furcht vor Erkältung sich einhüllt, wenn das Kind<span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[18]</span>
-sich dem Ufer des Stromes naht und nun aus Furcht
-von der warnenden Mutter zurückgerufen wird, will man
-da behaupten, daß diese Handlungen alle unsittlich seien?
-Wenn sie unsittlich sind, dann müßten sie und derartige
-Taten überhaupt alle verboten werden; denn Unsittliches
-darf die Menschheit nicht dulden. Das wird niemand aber
-fordern können; denn diese Handlungen gehen aus einem
-durchaus einwandfreien Motiv hervor, dem <em class="gesperrt">Motiv der
-Selbsterhaltung</em>. Selbsterhaltung ist aber einer der
-grundlegendsten moralischen Pflichten.</p>
-
-<p>Wenn es aber gut und notwendig ist, sich schon vor
-<em class="gesperrt">zeitlichem</em> Übel zu schützen, dann ist es gewiß sittlich
-gut und notwendig, sich vor einer Qual zu bewahren, die
-<em class="gesperrt">ewig</em> dauert und vor einem Verlust, den alle irdischen
-Dinge nicht aufwiegen können. Sagt doch auch Christus:
-»Fürchtet nicht diejenigen, welche den Leib töten, die Seele
-aber nicht töten können, fürchtet vielmehr denjenigen, der
-Leib und Seele ins höllische Verderben stürzen kann.«
-Wir fürchten ja nicht nur knechtisch die <em class="gesperrt">Strafe</em>, sondern
-<em class="gesperrt">das Böse</em>, die Sünde selbst, allerdings <em class="gesperrt">wegen der
-Strafe</em>, wir fürchten den <em class="gesperrt">Zorn Gottes</em>, »die Furcht
-Gottes aber ist der Anfang der Weisheit«, also durchaus
-gut. Darum sagt auch die Schrift: »Fürchte Gott und
-halte seine Gebote, das ist der ganze Mensch«.</p>
-
-<p>Wenn ferner die <em class="gesperrt">Hoffnung</em> auf den Lohn im
-Himmel uns antreiben soll, das Gesetz zu beobachten, dann
-kann hierin auch durchaus nichts <span id="corr18">Tadelnswertes</span> gefunden
-werden. Der Mensch ist ja seiner Natur nach zur Erlangung
-des vollkommenen Glückes vorherbestimmt, ebenso
-wie das Auge zum Sehen, das Ohr zum Hören. <em class="gesperrt">Die
-Anlagen naturgemäß entfalten kann doch nicht
-unsittlich sein.</em> Wenn die katholische Askese Ehelosigkeit,
-freiwillige Armut rät, dann erhebt man gegen sie den
-Vorwurf, daß sie unsittlich handle, indem sie der Natur
-ihre Rechte verweigere, und hier, wo die katholische Moral
-dem natürlichen Grundtrieb nach vollem Glück gerecht
-werden will, da ist sie »unsittlich« oder nicht erhaben genug!</p>
-
-<p>Hoffnung ist eine der Haupttriebkräfte des menschlichen
-Lebens. Hoffnung auf Sieg verleiht dem Soldaten
-Ausdauer, Hoffnung auf Entdeckung ferner Länder treibt
-den Nordpolfahrer in eisige Regionen, Hoffnung auf<span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[19]</span>
-Gewinn beseelt den geschäftlichen Unternehmer sowohl wie
-den Landmann und niemanden fällt es ein, all das als
-unrecht zu brandmarken &ndash; er würde ja sonst dem ganzen
-menschlichen Leben seine Schwungkraft rauben &ndash; warum
-soll es nun plötzlich unerlaubt sein, aus Hoffnung auf ein
-ewiges, alles Irdische weit überragendes Glück zu handeln?</p>
-
-<p>Zudem weiß doch jeder Christ, daß das Himmelsglück
-im Wesentlichen <em class="gesperrt">im Besitze Gottes</em> besteht. Nach Gott
-verlangen wir, und um Gott zu erlangen, arbeiten wir!
-<em class="gesperrt">Gott ist aber ein viel edleres Motiv, als alle
-Tugend um ihrer selbst willen erstrebt.</em> Unser
-Motiv ist um Himmelshöhe erhaben über alles, was die
-Neuethik uns in Aussicht stellen kann.</p>
-
-<p>Handelt ferner christliche Moral nur aus Furcht und
-Hoffnung oder empfiehlt sie nicht das: »Du sollst den Herrn
-Deinen Gott <em class="gesperrt">lieben</em> aus Deiner ganzen Seele, aus
-Deinem ganzen Gemüte« als das erste und größte Gebot?
-Und blieb die Mahnung erfolglos? Wo finde ich denn so
-viele Seelen, die ohne eigenen Nutzen, rein aus Liebe zu Gott,
-wohltätige Stiftungen machten, ihr Vermögen den Armen
-schenkten, sich ganz dem Herrn weihten? »Er hat mich
-geliebt und sich dahingegeben«. Dieser Gedanke erfaßte einen
-Paulus bis ins Innerste, und es hielt ihn nicht, bis er
-alles geopfert und alles für Christus gewonnen. Und diesen
-Hochgesang christlichen Tugendstrebens nehmen die nachfolgenden
-Geschlechter auf; ihn sangen die Chöre Gottgeweihter
-in ihrer einsamen Wüste; ihn die Heldenschar
-der Märtyrer in der Arena; er ward zum Leitmotiv all'
-der Millionen von Heiligen und Bekennern der Kirche.</p>
-
-<p>Nichts Kleines ist also das Motiv des christlichen
-Tugendstrebens, sondern Gott; Gott, der zürnende, schreckt
-vom Bösen ab; Gott, der beglückende, lockt zum Gebotenen
-an; Gott, der liebende, zieht die Seele mit Gewalt, alle
-irdischen Bande abzustreifen, Schwingen zu nehmen gleich
-dem Adler und ihm, dem Höchsten, zuzueilen. Ein Beweggrund,
-wie er erhabener gar nicht gedacht werden kann!</p>
-
-<p>2. Aber ist das Ewigkeitsstreben auch genügend <em class="gesperrt">begründet</em>?
-Man spricht vom Drohen und Locken mit
-einem »<em class="gesperrt">erträumten</em> Jenseits«.</p>
-
-<p>Die Antwort hierauf ist bereits erfolgt: im ersten
-Heft dieser Serie von Vorträgen wurde erwiesen, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[20]</span>
-es einen überweltlichen, persönlichen Gott gibt, im vierten,
-daß die Menschheit nach dem Tode weiterleben muß.
-Damit ist Lohn und Strafe im Jenseits gegeben.</p>
-
-<p>Jeder Gesetzgeber verhängt Strafen auf die Übertretung
-seiner Gesetze und er muß es; denn wie wäre es
-sonst möglich, seinen Worten Nachdruck zu verleihen?</p>
-
-<p>Die Macht irdischer Gesetzgeber reicht nur bis zu
-ihrem Tode. Gott, die ewige Macht, aber umfaßt wie die
-Sonne am Himmel die diesseitige und jenseitige Hemisphäre.
-Gott ist in der Ewigkeit, der Mensch lebt weiter in der
-Ewigkeit, darum ist eine Belohnung oder Bestrafung im
-Jenseits auf jeden Fall möglich. Wer könnte das leugnen?</p>
-
-<p>Sie ist mehr als möglich, sie ist gewiß. Wenn Gott
-Gesetze gibt und der Mensch sie übertritt, dann kann und
-darf Gott sich das nicht bieten lassen. Er muß strafen.</p>
-
-<p>»Aber«, sagt man, »hienieden findet die Tugend ihren
-Lohn, das Laster seine Strafe.«</p>
-
-<p>Nicht leugnen will ich, daß das oft der Fall ist, aber
-immer? Wo finden denn die vielen Blinden, Lahmen,
-Kriegsinvaliden, die vielen gedrückten Gattinnen, gemarterten
-Kinder, ihrer Ehre und ihres Vermögen grausam
-Beraubten hienieden ihren Lohn? Und finden all
-die Hochstapler, Mädchenhändler, Verführer, Tyrannen
-hienieden ihre Strafe? Sagt nicht der Volksmund: »Die
-kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man laufen?«
-Und vernimmt man nicht oft genug die Klage, daß den
-Gottlosen hienieden alles nach Wunsch geht, während das
-redliche Bemühen der Guten von stetem Mißerfolg begleitet
-ist? Gewiß ist es, daß nur ein Teil der Bösen hier
-seine Strafe findet, nur ein Teil der Guten hienieden einen
-Lohn; wäre es denn gerecht von Gott, wenn die andern
-leer ausgingen? Und wäre es mit seiner Heiligkeit vereinbar,
-daß er das Gottwidrige überhaupt nicht verfolgte?</p>
-
-<p>Doch abgesehen von alledem: man übersieht bei diesem
-Einwand ganz und gar, daß Lohn und Strafe nicht nur
-da sind, die <em class="gesperrt">geschehene Tat</em> zu berichtigen, sondern vor
-allem, <em class="gesperrt">auf die noch zu geschehenden</em> Taten im Sinne
-der sittlichen Ordnung einzuwirken. Die Sanktion des
-Gesetzes soll in erster Linie zur Beobachtung des Gesetzes
-antreiben, nicht den Durchbruch des Gesetzes wieder gut
-machen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[21]</span></p>
-
-<p>Wer immer das Recht besitzt, Befehle und Gesetze zu
-erlassen, muß auch die Macht haben, seinen Willen durchzusetzen.
-Wie könnte ein Vater seine Kinderschar, ein Lehrer
-seine Schule, ein Feldherr seine Truppen, ein König seine
-Untertanen regieren, wenn jene alle den Befehlen ungestraft
-trotzen könnten?</p>
-
-<p>Wie wird nun der Nachdruck auf Befehl und Gesetz
-gelegt? Doch wohl durch Hinweis auf Lohn oder Strafe.
-Vater und Lehrer drohen mit der Rute, Feldherr und
-König mit Arrest und Tod!</p>
-
-<p>Selbstverständlich, daß auch der König der Könige,
-Gott, seine Kerker wie seine Kronen zur Verfügung hat.
-Gottes Sanktion muß nun einer doppelten Anforderung
-gerecht werden, sie muß einerseits <em class="gesperrt">genügende Motive</em>
-für das sittliche Handeln abgeben und darf dabei doch
-anderseits <em class="gesperrt">die Freiheit</em> des Menschen nicht aufheben;
-denn mit der Freiheit wäre ja die Möglichkeit, sittlich sich
-zu betätigen, überhaupt genommen.</p>
-
-<p>Selbstverständlich ist es auch, daß nur <em class="gesperrt">ewige</em> Güter
-und <em class="gesperrt">ewige</em> Strafen als Sanktion ausreichen; denn das
-Sittengesetz ist unter allen Umständen verpflichtend &ndash; nie
-darfst du die Unwahrheit sagen, nie einen Ehebruch verüben.
-Die sittlichen Imperative sind kategorische Weisungen.
-Sittengesetze sind absolute Gesetze.</p>
-
-<p>Wenn ich aber das Sittengesetz <em class="gesperrt">unter allen Umständen</em>
-zu beobachten habe, dann kann es vorkommen,
-daß ich <em class="gesperrt">eher alles Irdische</em>, mein Ansehen, mein
-Vermögen, mein Leben preisgeben muß, als nur <em class="gesperrt">einer</em>
-Übertretung der Gebote Gottes mich schuldig zu machen.
-Wie oft waren und werden nicht Menschen in diese Lage
-versetzt! Denken wir an Thomas Morus, an die Märtyrer
-aller Zeiten, an die katholischen Beamten zur Zeit des
-Kulturkampfes!</p>
-
-<p>Wären nun die auf Übertretung des göttlichen Gesetzes
-stehenden Strafen leichter als irdische Verluste &ndash; dann
-könnte ja der Mensch in solchen Lagen sagen: Gut, dann
-wähle ich lieber das Leben und verachte das Gesetz und
-seine viel geringere Strafe.</p>
-
-<p>Es müssen also die auf Gottes Gesetz stehenden Belohnungen
-oder Strafen höher sein als alles Irdische.
-Höher als das Irdische steht nur das Jenseitige; so weist<span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[22]</span>
-uns die Logik auf eine jenseitige Sanktion des Sittengesetzes
-hin.</p>
-
-<p>Die jenseitige Strafe aber muß eine <em class="gesperrt">ewige</em> sein.
-Warum nicht? <em class="gesperrt">Ungerecht soll es sein</em>, eine kurz
-dauernde Sünde ewig zu strafen? Aber richtet sich denn
-die Dauer der Strafe nach der <em class="gesperrt">Dauer</em> der Sünde und
-nicht vielmehr nach ihrer <em class="gesperrt">Bedeutung</em>? Nur einen
-Augenblick dauert die Tat des Anarchisten, der eine Bombe
-in einen königlichen Hochzeitszug hineinschleudert, soll er
-nur einen Augenblick bestraft werden?</p>
-
-<p>Die Größe des Frevels ist ausschlaggebend, nicht die
-Dauer. Die schwere Sünde ist ein <em class="gesperrt">unendlich großer</em>
-Frevel. Die Größe einer beleidigenden Tat richtet sich ja
-u. a. besonders nach dem Abstand zwischen dem Beleidiger
-und dem Beleidigten. Nennt ein Rekrut einen Mitrekruten
-»Lügner«, so wird ihm das bald verziehen; hält er dasselbe
-Wort seinem Hauptmann entgegen, wird er schwerer bestraft;
-würde er seinen obersten Kriegsherrn mit dem
-gleichen Schimpfwort bedenken, so würde er des Majestätsverbrechens
-angeklagt und noch schwerer zu büßen haben.
-Und doch ist die Tat, an sich betrachtet, die gleiche, der
-Abstand entscheidet über ihre Bedeutung.</p>
-
-<p>Der Abstand zwischen dem gesetzgebenden Gott und
-dem gesetzübertretenden Menschen ist aber unendlich, darum
-schließt die Sünde eine unendliche Bosheit in sich, die unendliche
-Bosheit verlangt eine unendliche Strafe und, da
-diese dem Maß nach nicht unendlich sein kann, muß sie
-der Dauer nach ohne Ende sich ausdehnen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Unbarmherzig</em> soll die ewige Strafe sein? Aber
-hat der Übertreter des Gesetzes sie nicht selbst gewollt?
-Er konnte das Gesetz beobachten, Gott hatte ihm genügende
-Mittel gegeben, hatte ihn gemahnt und gewarnt, hatte
-ihm alles vorausgesagt, und wenn er nun dem Sünder
-die mit offenem Blick und freiem Willen heraufbeschworene
-Strafe zuteil werden läßt, dann soll das unbarmherzig
-sein? Ein König fordert den Vasallen zum Feldzug auf,
-sagt ihm: Wenn du mir folgst, ist ein Fürstentum dein,
-wenn nicht, ein Kerker. Wenn nun der Vasall eigenmächtig
-das Fürstentum ablehnt, ist es unbarmherzig vom König,
-wenn er es ihm <em class="gesperrt">nie</em> zuteil werden läßt? In der schweren
-Sünde verzichtet der Mensch auf Gott und seinen Himmel;<span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[23]</span>
-wer will nun Gott anklagen, daß er ihm beides nicht gibt?
-Gott gab dir zwei Arme; wenn du einen freventlich abhaust,
-wie willst du Gott belangen, daß er dir keinen
-neuen wachsen läßt? Wer aber Gott im Jenseits verloren
-hat das Licht verloren, Schönheit, Glück und Frieden, das
-ist ja einer der wesentlichen Bestandteile der ewigen Verbannung.</p>
-
-<p>Gerade weil Gott gütig und barmherzig ist, darum
-muß er mit einer ewigen Strafe und dem Verlust einer
-ewigen Belohnung drohen, Gott muß die <em class="gesperrt">Menschen
-vor einander</em> schützen. Durch Mord, Diebstahl, Ehebruch,
-Gewalttat werden Menschen, zumal die Guten, geschädigt.
-Darf Gott nun solchen Greueln untätig zuschauen?
-Müßten dann nicht alle Edlen sich empören, daß Gott sie
-rücksichtslos den Launen der Bösen überließe? »Sage mir«,
-bemerkt treffend der hl. Chrysostomus »wenn jemand alle
-Lasterhaften aller Arten versammelte, sie mit Schwertern
-bewaffnete und dann befähle, die ganze Stadt zu durchlaufen
-und jeden ihnen in die Hände Fallenden niederzumetzeln,
-wäre das menschlicher? … Wenn aber ein anderer
-alle jene Lasterhaften bände, einkerkerte, wäre das nicht
-eine menschenfreundliche Tat? Wende das auf das Gesetz
-an&nbsp;…«. (16. Säul. Hom.)</p>
-
-<p>In der Tat, mit seinem Gesetz und seiner Drohung
-fesselte Gott alle bösen Leidenschaften mit einem starken
-Band; wer die Strafe nimmt, entfesselt alle Leidenschaften
-und läßt sie wie eine wilde Meute auf die Menschheit los.
-Wo bleibt da Sicherheit, wo Ruhe und Ordnung?</p>
-
-<p>Wer ferner alles aufbietet, um der Menschheit zu
-ihrem wahren Glück zu verhelfen, der handelt gewiß gut
-und edel. Tut Gott das nicht auch mit seiner Drohung?
-»Nicht weniger als das Himmelreich«, sagt derselbe Kirchenlehrer,
-»offenbart die Androhung der Hölle seine (Gottes)
-Güte. Und wie? Wenn er mit der Hölle nicht drohte, …
-so würden nicht viele des Himmelreiches teilhaftig werden;
-denn das Versprechen von Gütern ruft nicht so erfolgreich
-die Mehrzahl zur Tugend auf als die Androhung von
-Übeln« (7. Säul. Hom. 2).</p>
-
-<p>Nur zu wahr. Beides: Versprechen des Himmels und
-Drohung mit der Hölle führt zu Gott. Gott ist aber das<span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[24]</span>
-einzige Glück des Menschen; ist nun die Drohung mit
-der Hölle nicht ein Ausfluß der Barmherzigkeit des Herrn?</p>
-
-<p>Aber für den Übeltäter selbst ist die Strafe zu groß.
-Gott könnte ihn ja <em class="gesperrt">vernichten</em>. Ja, er könnte es, wenn
-er nur allmächtig, nicht auch allweise und allheilig wäre.</p>
-
-<p>Das Eine ist doch gewiß, Gott muß auf Anerkennung
-seiner Autorität bestehen. Ein Gott, der sich alles gefallen
-ließe, würde uns nicht gefallen. Wenn nun der Mensch
-der Vernichtung anheimfiele, würde er sich dann um Gott
-überhaupt kümmern, dann, wenn heftige Leidenschaft ihn
-drängt? Er würde hintreten können und sagen: »Gott
-gebiete nur, drohe nur, ich entgehe Dir doch.« Der Gedanke
-an das Nichts würde nicht von der Sünde abschrecken,
-sondern sie eher befürworten.</p>
-
-<p>Gott muß aber darauf bestehen, daß der Mensch sich
-ihm unterwirft, ihn anerkennt; erkennt er die Güte nicht
-an, dann muß die Gerechtigkeit ihn dazu zwingen &ndash; aber
-nur eine ewige Strafe ist dazu imstande, dann, wie gesagt,
-würde der Sünder mit dem »ich entgehe Gott schließlich
-doch« sich in seinem gesetzwidrigen Verhalten bestärken.</p>
-
-<p>»Aber Hoffnung auf den Himmel und Furcht vor der
-Hölle schrecken auch nicht immer von der Sünde ab.« Abschrecken
-tun sie stets, ganz die Sünde hindern nicht, mit
-seinem freien Willen kann sich der Mensch über alles
-hinwegsetzen; es handelt sich aber hier nicht um die Frage,
-ob die ewige Sanktion tatsächlich jede Sünde <em class="gesperrt">unmöglich</em>
-macht, sondern ob sie &ndash; <em class="gesperrt">vorausgesetzt, daß die
-Freiheit des Willens gewahrt bleibt</em> &ndash; <em class="gesperrt">fähig</em>
-ist, von der Sünde abzuhalten. Sie ist es.</p>
-
-<p>Und nur sie, die Freidenker, betrachten allerdings
-Bildung, Kenntnisse, gutes Beispiel und materielles Wohlergehen
-für bessere Erziehungsmittel.</p>
-
-<p>Wir wollen nicht leugnen, daß manche von diesen
-Faktoren auch Einfluß auf das sittliche Verhalten haben
-können, leugnen müssen wir, daß sie aus sich <em class="gesperrt">genügend</em>
-sind, es <em class="gesperrt">unter allen Umständen</em> zu sichern.</p>
-
-<p>Reichen denn Bildung und Kenntnisse aus? Dann
-müßten ja die obersten Kreise gerade die reinsten, demütigsten,
-treuesten, wahrhaftigsten sein. Ist das der Fall?
-Man denke an unsere letzten Prozesse &ndash; an das alte Rom!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[25]</span></p>
-
-<p>Und materielles Wohlergehen soll ein Antrieb zur
-Beobachtung des Sittengesetzes sein? Aber liegen diese
-beiden denn nicht oft genug mit einander im Streit? Wenn
-materielles Wohlergehen eine genügende Sanktion der
-Ethik wäre, dann müßten Börsenbarone und Erpresser ja
-zugleich die größten Heiligen sein.</p>
-
-<p>Wer weiß nicht, daß trotz aller Kenntnisse, Erfolge
-und Bildung der Mensch im Ansturm der Leidenschaften
-einer festeren Sicherung bedarf? Erhöhte Kenntnisse ohne
-erhöhte innere Festigkeit sind, um einen Ausdruck Försters
-zu gebrauchen, eine besser gearbeitete Laterne in der Hand
-des Diebes. Und daß nicht erhöhte »Kultur« eine erhöhte
-Sittlichkeit bedingt, besagt die Geschichte der alten wie
-heutigen Völker zur Genüge. (Vergleiche den Vortrag II).
-Die heutige Bildung sanktioniert die ethischen Gesetze nicht,
-sondern bildet sie nach Belieben um. Die Moral ist ja
-nach Paul Heyse nichts weiter als die Quintessenz dessen,
-was in einem Zeitalter für anständig gehalten wird.
-Heldennaturen springen über die Schranken hinweg. (Briefe
-an Frau <em class="antiqua">Tout le Monde</em> 111.)</p>
-
-<p>Unsere Zeit besitzt ja Kulturgüter, Mammon, Kunst,
-Bildung, Ehrengerichte in Menge &ndash; ist sie darum
-moralisch hochstehend? Was sagen die 180&nbsp;000 Kinder, die
-in Deutschland allein jährlich, mit dem Brandmal der Sünde
-bezeichnet, das Dasein betreten? Was die in die Hunderttausende,
-vielleicht 1½ Millionen zählenden Dienerinnen
-der Unzucht, was die jährlich in Deutschland verurteilten
-55&nbsp;000 jugendlichen Verbrecher, was die 196&nbsp;000 Geschlechtskranken,
-die im Jahre 1900 in den öffentlichen Krankenhäusern
-Deutschlands gepflegt wurden, von den 30&ndash;40%
-geschlechtskranken Soldaten und 33&ndash;69% Studenten gar
-nicht zu reden? Was soll ich sagen von den erschreckend
-um sich greifenden Perversitäten, dem weißen Sklavenhandel,
-der Engelmacherei, dem Rückgang der Geburten?
-Was von den Schönheitsabenden, den obszönen Tänzen?
-Ist doch die Klage allgemein: So kann es nicht weiter
-gehen! Woher nun der Jammer? Die Bildung, weltliche
-Kultur, nahm doch zu! Ja, aber die Religion mit ihren
-Ewigkeitsgedanken nahm ab, die Welt vergaß das Schriftwerk:
-»Denk, o Mensch, an deine letzten Dinge, und du
-wirst in Ewigkeit nicht sündigen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[26]</span></p>
-
-<p>Nicht alle hat die Religion vom Bösen abgeschreckt;
-aber wer wollte es leugnen, daß sie allein es war, die auf
-die Massen aller Zeiten den sittigendsten Einfluß ausübte?
-Die Furcht vor den Göttern oder Gott war es, die in
-allen Gesetzbüchern anklingt und dem Leben Halt
-bot. Habe ich keinen Himmel zu hoffen, keinen Gott zu
-fürchten, auf kein Weiterleben nach dem Tode zu rechnen,
-was soll mich dann abhalten, mich hienieden ganz auszuleben
-und durchzusetzen?</p>
-
-<p>Man gibt vor, der Menschheit einen Dienst erweisen
-zu wollen, indem man sie von der Angst vor der Hölle
-befreit. Ja, man läßt alle Leidenschaften von der Kette
-los und hetzt sie auf die Menschheit, man richtet wieder
-ein Henkermahl an, wie zur Zeit der französischen Revolution;
-ist das eine Wohltat? Man löscht das Licht aus,
-das die unheimlichste Klippe aufdeckt, man verschließt dem
-Menschen den Weg zum wahren Glück, ist das eine Wohltat?
-Man reißt die Warnungstafel am Abgrund, die
-Barrieren an der Bahn nieder, den Totenkopf an der
-Giftflasche herunter &ndash; um dem Menschen die Furcht zu
-nehmen; ist das wirklich weise und edel gehandelt?</p>
-
-<p>Wenn es eine Hölle gibt, da sollte es menschenfreundlich
-sein, diesen Abgrund zu verdecken und alle auf
-den Weg zu locken, dessen Abschluß Verderben ist? Dann
-war auch die Tat des Rattenfängers von Hameln der
-menschenfreundlichsten eine. Nein, das ist grausam.
-Menschenfreundlich ist es von der christlichen Ethik, wenn
-sie sich den im Sinnesrausch dahin Tollenden mit der
-roten Signallampe entgegenstellt und ein unerbittliches
-»Halt, nicht weiter!« zuruft.</p>
-
-<p>Wer verurteilt nicht den grausamen Nero, der seiner
-eigenen Mutter eine herrliche Barke baute, sie eines Abends
-auf das Schiff lockte und auf hoher See eine verborgene
-Falltür öffnete, so daß die Mutter in den Wogen versank?
-Handelt die Diesseitsethik nicht grausamer? Sie stattet der
-Menschheit ein bequemes, sehr bequemes Schiff zur Fahrt
-des Lebens aus, sie musiziert und tanzt &ndash; aber das
-Schiff birgt eine unheimliche Gefahr in sich: die Falltür,
-und sie heißt Tod &ndash; und das Ende &ndash; <em class="gesperrt">Ewigkeit</em>. Ist es
-nicht grausam, darüber hinwegzutäuschen?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[27]</span></p>
-
-<p>Wohl mag die Moderne die Ewigkeitsgedanken als
-lästig abweisen, die Ewigkeit selbst bleibt. Auch sie mag
-sich das Wort gesagt sein lassen, das einer der Makkabäischen
-Märtyrer zum gottvergessenen Antiochus sprach:
-»Du, Ruchloser, rühmst dich umsonst deiner Bosheit und
-deines Übermutes, denn noch nicht bist du entflohen dem
-Gerichte des allmächtigen und allwissenden Gottes«.</p>
-
-<p>Ja, vielem mag die Moderne entfliehen, sie mag entfliehen
-der Kirche, mag entfliehen dem weltlichen Gerichte,
-mag entfliehen den Vorwürfen des eigenen Gewissens,
-einem ist sie noch nicht entflohen: dem Gerichte des allmächtigen
-und allwissenden Gottes, und dem entgeht sie
-nicht. Furchtbar aber ist es, in die Hände des lebendigen
-Gottes zu fallen.</p>
-
-<p>So führt die Sanktion der Ethik wiederum auf Gott
-zurück, Gott ist der Ursprung der Ethik. Gott die Norm,
-Gott der letzte Halt. Moral ohne Gott ist ein Leib ohne
-Seele.</p>
-
-<p>»Eine Spinne«, so erzählt der Dichter Jörgensen,
-»ließ sich an einem Faden herunter von einem Ast; nun
-eilte sie hin und her und spann ihr kunstvolles Netz.
-Lange lebte sie gesichert in ihrer Behausung; da stieß sie
-auf ihren kleinen Rundreisen eines Tages wieder auf den
-ersten Faden. Sie hatte seine Bedeutung vergessen und
-&ndash; biß ihn ab &ndash; und ihr ganzes Haus stürzte zusammen.«</p>
-
-<p>Von Gott kam die Menschheit, und um den Gottesgedanken
-baute sie ihr geistiges und ethisches Gebäude &ndash;
-sie zerstört den ersten Faden, und mit ihm sinkt ihr ganzes
-Haus in Trümmer. Der Ethik letztes Wort lautet: »Ich
-bin der Herr, dein Gott, du sollst keine fremden Götter
-neben mir haben.«</p>
-
-<div class="figcenter" id="illu-027">
- <img src="images/illu-003.jpg" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3 class="nobreak" id="Schlusswort">Schlusswort.</h3>
-</div>
-
-<p>In Babylon war es. Hell strahlten die Lichter des
-Königspalastes ins Dunkel hinaus. Im Innern sah man
-den Herrscher Belisar an festlich geschmückter Tafel, um
-ihn in goldstrotzender Uniform die Großen des Reiches,
-die Königin mit ihrem Hofstaat in rauschenden Gewändern.<span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[28]</span>
-Man aß und trank, spielte und tanzte. Und als der Wein
-das Blut in Wallung gebracht, da erreichte der Frevel
-seinen Höhepunkt. Belisar ließ sich die aus dem Heiligtum
-in Sion geraubten hl. Gefäße bringen, ließ sie mit
-perlendem Wein füllen und reichte sie seinen Gästen. Und
-sie tranken alle daraus und jeder pries seinen Götzen.
-Da erschien eine geheimnisvolle Hand und schrieb an die
-Wand: Mane, Thekel, Phares.</p>
-
-<p>Man erblaßte, die Kniee schlotterten. Ein Signal
-ertönt, Rufe werden laut, Krieger stürzen mit gezücktem
-Schwert in den Saal, morden König und Königin,
-Feldherren und Hofdamen und, wo vor einigen Minuten
-noch Gotteslästerung und Weltlust ihr frivoles Spiel
-trieben &ndash; da sah man jetzt Blut, Leichen &ndash; Tod.</p>
-
-<p>Ein Babel ist unsere Zeit; ein festliches Bankett hat
-sie bereitet. Nicht genug der Sündenlust und des Frevels
-früherer Zeiten, benutzt sie heute noch die religiösen Überlieferungen
-zu ihrem gottlosen Spiel. Jeder preist seine
-Götter und höhnt den Höchsten. Zahllos sind die Idole
-des Jahrhunderts. &ndash; Mag sie höhnen, kommen wird auch
-für sie die schreibende Hand, die unter Sternensturz und
-Himmelsdonnern in Flammenschrift an den Horizont die
-Worte setzt: Mane, Thekel, Phares. Kommen wird Christus
-auf den Wolken, und die falschen Götter werden stürzen.
-»Dann«, hat er zu den Guten gesagt, »erhebet euer Haupt,
-dann naht eure Erlösung«. Wir lassen es uns gesagt
-sein. Mag die Moderne sich den Idolen zuwenden, uns
-gilt als Leitstern das Wort: »Fürchte Gott und halte seine
-Gebote, das ist der ganze Mensch.«</p>
-
-<div class="figcenter" id="illu-028">
- <img src="images/illu-028.jpg" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<p class="center p2 smaller">Buchdruckerei Paul Scheiner, Würzburg.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-Die Antiqua-Auszeichnungen der Titelseite und Kapitelüberschriften
-wurde entfernt.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 18: Tadelswertes → Tadelnswertes<br />
-durchaus nichts <a href="#corr18">Tadelnswertes</a> gefunden</p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Idole des Zwanzigsten Jahrhunderts.
-VIII. Moral ohne Religion, by Otto Cohausz
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IDOLE DES ZWANZIGSTEN ***
-
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diff --git a/old/63743-h/images/cover.jpg b/old/63743-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index 5c67e38..0000000
--- a/old/63743-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/63743-h/images/illu-003.jpg b/old/63743-h/images/illu-003.jpg
deleted file mode 100644
index fcf6181..0000000
--- a/old/63743-h/images/illu-003.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/63743-h/images/illu-028.jpg b/old/63743-h/images/illu-028.jpg
deleted file mode 100644
index 114d58a..0000000
--- a/old/63743-h/images/illu-028.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/63743-h/images/signet.jpg b/old/63743-h/images/signet.jpg
deleted file mode 100644
index 19c0037..0000000
--- a/old/63743-h/images/signet.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ