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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Idole des Zwanzigsten Jahrhunderts. VIII. Moral ohne Religion - Religiös-wissenschaftliche Vorträge - -Author: Otto Cohausz - -Release Date: November 13, 2020 [EBook #63743] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IDOLE DES ZWANZIGSTEN *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - Dieses E-Book wurde anläßlich des 20. Jubiläums von »Distributed - Proofreaders« erstellt. - - - - - Idole des Zwanzigsten - Jahrhunderts. - - Religiös-wissenschaftliche Vorträge - von Otto Cohausz S. J. - - VIII. Moral ohne Religion. - - [Illustration] - - Göbel & Scherer [H. Klemmer], Verlagsbuchhandlung - Würzburg 1912. - - - - -Mit Erlaubnis der Ordensobern. - - - ~Nihil obstat.~ - - ~Wirciburgi~, 12. Januar 1912. - - ~Dr.~ Hergenröther, ~Canonicus~. - - - ~Imprimatur.~ - - Würzburg, den 13. Januar 1912. - - Heßdörfer, ~vic. general.~ - - Kraus. - - - - -Moral ohne Religion. - - -Die _religiösen_ Werte hat die »Moderne« zum Teil verworfen, der -_moralischen_ kann sie nicht entraten, denn der tugendhafte Mensch -bleibt ja ihr Ideal; da die »Götter für sie tot sind«, soll der -»Übermensch leben«. Um den tugendhaften Menschen heranzubilden, bedarf -sie aber der Tugendlehre. Wohl lehrt auch das Christentum Tugend und -Moral. Aber das steht ja einmal bei den Neueren fest, daß Christliches -sie nicht mehr beglücken kann. Darum sucht man nach neuen ethischen -Gesetzen. - -So uneinig man nun auch in der Aufstellung neuer moralischer Werte sein -mag, in einem Punkte trifft man zusammen: darin, daß eine reinliche -Trennung von Moral und Religion vorgenommen werden muß. - -Gott ist der christlichen Moral Kern und Stern; er ist die letzte Norm -der christlichen Moral, er ihr letzter Verpflichtungsgrund und ihre -allein durchschlagende Werbekraft. Nach allen drei Beziehungen soll -Gott ausgeschaltet und die neue Ethik auf sich selbst gestellt werden. -Unmögliche Forderungen! - -[Illustration] - - - - -I. Gott allein ist die letzte Norm der Moral. - - -Auf die Frage: warum ist etwas gut, z. B. die Heiligung des Sabbats -und die Ehrfurcht vor den Eltern, und warum ist etwas, z. B. -Unzucht und Diebstahl, schlecht? antwortet der Christ wohl zuerst: -weil Sabbatheiligung und Elternliebe von Gott geboten und weil -Unzucht und Diebstahl von ihm verboten wurden. Sein nächstliegendes -Unterscheidungsmerkmal findet er also in den »Zehn Geboten«. Er geht -darin sicher; denn, was Gott geboten, kann nicht sittlich schlecht, und -was er verboten, nicht sittlich gut sein. Diese Norm ist zwar nicht -die letzte objektive, wie später gezeigt werden wird, aber doch die -praktisch brauchbarste, weil nächstliegende. - -Die Moderne will dieses Kriterium, weil es in einem »Fremdwillen« und -auf »religiösen Verpflichtungen« beruht, nicht gelten lassen. »O, meine -Brüder, zerbrecht mir die alten Tafeln!« so hat einer der Gewaltigsten -gesprochen (Nietzsche, Zarathustra »Von alten und neuen Tafeln«), und -abermals klirren die Trümmer des Gottesdokumentes am Felsen. Moses -zerbrach die zwei Tafeln, weil sie ihm für das sündige Volk zu heilig -schienen, die Moderne entledigt sich ihrer, weil sie ihr sittlich nicht -hoch genug stehen. - -Aber was will sie denn an ihre Stelle setzen? Wonach soll denn unsere -Zeit entscheiden, was gut und was bös ist? - -Chaotisch fluten die Antworten auf diese Frage durcheinander. »Sittlich -gut ist«, sagt uns der Prophet des Übermenschen, »was den Willen zur -Macht fördert«, und »sittlich gut ist«, sagt uns im Gegenteil ein -Schopenhauer, »was aus Mitgefühl mit andern hervorgeht«. »Sittlich gut -ist«, sagt uns ein Kant, »was aus reinem Pflichtgefühl hervorgeht«, -und »sittlich gut ist«, sagt ein ~De la Mettrie~, »nur das und alles -das, was mit Lust und aus Lust verrichtet wird«. »Sittlich gut ist«, -sagt ein Reid, »was am gesunden Menschenverstand gemessen wird«, und -»sittlich gut«, sagt ein Shaftesbury, »ist das, was mit dem ~moral -sense~ übereinstimmt«. »Sittlich gut«, nennt der gestrenge Fichte das, -»was das Ich vervollkommnet«, und »sittlich gut« nennt der zynische -Helvetius alles das, »was den Sinnenkitzel fördert«. »Sittlich gut« -ist dem Egoisten Stirner alles, »was das Ich hebt, unbekümmert um das -Wohlergehen anderer«, und als »sittlich gut« bezeichnete ein John -Stuart Mill, ein Laas, ein Lotze nur das, »was das größtmöglichste -Glück der größtmöglichsten Zahl hervorzaubert, unbekümmert um -das Schicksal des einzelnen«. »Sittlich gut« handelt nach Wundt -und Paulsen, »wer immer auf Steigerung der Kultur hindrängt«, -»sittlich gut« handelt nach Eduard von Hartmann, »wer zur schnellen -Weltvernichtung beiträgt«. - -So setzt der eine anstelle des Dekalogs das eigene Ich, der andere die -Gesamtheit, der eine die Lust, der andere den Schmerz, der eine den -trockenen Verstand, der andere das ewig schwankende, unstet tosende -Gefühl. »Man braucht nur«, sagt Förster (Autorität und Freiheit, -S. 46 ff.), »an die Fülle widerstreitender Theorien in der sexuellen -Reformliteratur zu denken, um vorauszusehen, daß es künftig auf dem -Gebiet einer konsequent weltlichen Laienethik noch unvergleichlich mehr -Meinungsverschiedenheiten geben wird als auf dem Gebiete des religiösen -Glaubens ... Wir lernen heute anschaulich kennen, was aus Ethik und -Religion wird, wenn »die Menschen sie machen«, das unerlöste Individuum -kommt darin so gründlich zu Wort, daß von Religion und Ethik nicht viel -übrig bleibt«. Und es bleibt, um mit R. Eucken (Geistige Strömungen -der Gegenwart, S. 324) zu reden, »nur die Tatsache festzustellen, daß -unsere Zeit überhaupt einer ihre innersten Bedürfnisse befriedigenden -Moral entbehrt ...« und daß ein »solcher Mangel an der eigenen Moral -die Kraft der Moral in unserer Zeit herabsetzt«, -- eine Tatsache, die -allerdings nicht sehr zu Gunsten der von den Zehngeboten losgelösten -neuen Moral spricht. - -Diese vom sichern Fundament des Zweitafelgesetzes losgelöste Moral muß -Unsicherheit und Verwirrung in alle Kreise tragen. Sie ist ja nicht -eine rein theoretische Wissenschaft, sondern eine Lebensnorm. - -Der _einzelne_ will zu einer moralischen Größe sich heranbilden; wie -kann er es? Will er, mit Kant dem kategorischen Imperativ folgend, -etwa auf eine Neigungsheirat verzichten, dann ruft ihm ein Helvetius -zu: Du handelst unmoralisch; denn schlecht ist es, der Lust nicht zu -folgen, und geht er mit Helvetius der Neigung nach, dann erhebt der -Weise von Königsberg energisch Einsprache gegen sein Tun. Öffnet er, -von Schopenhauers Mitleidstheorien beeinflußt, den Notleidenden seine -Börse, dann schleudert Nietzsche ihm das Anathem entgegen, weil es -unmoralisch sei, das Schwache zu stützen, und glaubt er nun Nietzsche, -dann hat er Schopenhauer zum Gegner. So kommt er nie zum Handeln; -denn wer will ihm sagen, welche von den sich bekämpfenden Lehren die -wahre ist? Alle bieten dieselbe Gewähr, weil alle den Köpfen einzelner -entspringen. - -»Diese Wirkung«, bemerkt Förster wiederum treffend (a. a. O. S. 47), -»machen sich die Gegner der religiösen Autorität auch nicht annähernd -klar ... Kann ich mich denn selbst erziehen, mich beherrschen und -enthalten, wenn alle sittlichen und religiösen Lehren nur individuelle -Hypothesen sind? Warum soll ich diesen Hypothesen mehr glauben -als meinen eigenen individuellen Einfällen? So mische ich mir aus -Gutem und Bösem, Wahrem und Falschem meine eigene Ethik, die mit -den Leidenschaften wechselt, welche in meiner Seele den Vorrang -gewinnen, und die den Zeitmoden folgt, die gerade im Schaufenster des -Buchhändlers mein Auge treffen. Vom Standpunkt des Pilatus: »Was ist -Wahrheit?« ist jedenfalls keine Charakterbildung möglich.« - -In welch verzweifelte Situation die _Pädagogik_ durch diese neue -Moral versetzt wird, ist auch klar. Will man es dem einzelnen Lehrer -überlassen, sich eines der neuen Moralsysteme zu wählen und darnach -seine Schüler zu unterrichten, dann wird in der einen Schule bald die -luststeigernde Unsittlichkeit, in der andern die das Übermenschtum -fördernde Gewalttat, in einer dritten der das größtmöglichste Glück -der größtmöglichsten Zahl bewirkende Tyrannenmord als sittlich gut -verteidigt usw. und in der andern all das als verwerflich verurteilt. -Welch eine Generation würde da heranwachsen! - -Will man aber den Lehrern eine bestimmte Norm vorschreiben, dann fragt -es sich wiederum: »Welche?« Und mit welchem Recht verwirft man die -anderen? Lehr_zwang_ wäre ja nach der Neuethik unmoralisch! - -Nicht erfreulicher als auf dem Gebiet der Pädagogik würde sich das Bild -im _Gerichtswesen_ gestalten. - -Man will einen Lustmörder verurteilen -- aber mit Helvetius wird er -beweisen, daß er eine eminent moralische Tat, weil luststeigernd, -beging; man will einen Hochstapler gefangen setzen -- aber mit Stirner -und Nietzsche wird er dartun, daß er durchaus richtig handelte, weil er -den »Willen zur Macht« betätigte; man will den Königsmörder belangen -- -aber der Mob wird ihn als Märtyrer preisen weil er dem Volkswohl die -treffendsten Dienste erwies. Wie wäre eine Rechtsprechung möglich? - -Selbstbildung, Erziehung, Gesetzgebung und Rechtsprechung erfordern -gebieterisch eine einheitliche Norm für gut und bös -- die Neuethik -gibt sie nicht, damit ist ihre _praktische Unbrauchbarkeit_ erwiesen. - -Aber auch die _theoretische Überlegung_ findet in den modernen -Moralsystemen, so manche unbestreitbare Wahrheit sie auch in sich -bergen mögen, ihr völliges Genügen nicht. - -Ein so buntscheckiges Durcheinander die moralischen Normen der -Gegenwart auch dem Auge darbieten mögen, so lassen sich doch zwei -Hauptgruppen nicht übersehen: es gibt _subjektive Maßstäbe_ der -Sittlichkeit und _objektive_; subjektive, d. h. im Subjekt, im Menschen -liegende und objektive, d. h. aus den Dingen, die zum Menschen in -Beziehung stehen, sich ergebende. - -Die subjektiven Moralprinzipien sind darin einig, daß sie die Gutheit -oder Schlechtigkeit einer Handlung aus der Übereinstimmung oder -Nichtübereinstimmung mit einem Sittenrichter _in uns_ herleiten, in der -näheren Bestimmung dieses Sittenrichters gehen sie aber auseinander. -Shaftesbury, Hutcheson, Jacobi, Schuppe, Höffding u. a. verlegen diesen -Sittenrichter in den moralischen Sinn, Ad. Smith und Schopenhauer -dagegen in das Mitgefühl, Herbert glaubt ihn im sittlichen Geschmack -entdeckt zu haben, Reid im gesunden Menschenverstand, Kant dagegen im -kategorischen Imperativ. - -Nach der ersten Gruppe bedürfen wir also gar keiner langen -Untersuchungen über das, was erlaubt und was unerlaubt ist; ein -angeborener Instinkt -- der ~_moral sense_~ -- sagt es uns sofort; -aber zunächst ist es unbewiesen, daß ein solch moralisches Gefühl -besteht, und wenn es bestände, so bliebe stets noch die Frage offen: -Wie kommt es denn, daß diesem moralischen Sinn die einen Handlungen -gefallen und andere Unbehagen erwecken? Entweder sagt man: weil Gott -die Natur so eingerichtet hat -- dann kommt man auf die theistische -Ethik schließlich wieder hinaus; oder man sagt: weil der moralische -Sinn Lust empfindet bei guten Handlungen, Unlust bei bösen -- dann -verfällt man dem später zu würdigenden Hedonismus; oder man antwortet: -dem moralischen Sinn gefallen die einen Handlungen, weil sie das eigene -und fremde Wohlergehen fördern -- es mißfallen ihm andere, weil sie das -Gegenteil bewirken -- dann hat man wiederum die rein subjektive Norm -verlassen und sich aus seiner Verlegenheit an das Ufer des Eudämonismus -gerettet. Der ~moral sense~ versagt. - -Ebenso Schopenhauers _Mitgefühl_. Denn, wenn nur das sittlich gut ist, -was aus Mitleid mit andern geschieht, dann ist schlecht jede Handlung -der Gerechtigkeit, Reinheit, Geduld, Mäßigkeit und Liebe -- wer wollte -das aber behaupten? - -»Gut«, sagt Kant, »ist nur das, was aus _reinem Pflichtgefühl_ -entspringt und dem kategorischen Imperativ entspricht.« Aber der -kategorische Imperativ ist eine willkürliche Annahme, und, wenn nur -das gut ist, was nicht aus Neigung, sondern nur der Pflicht willen -geschieht -- dann ist unsittlich die Tat der barmherzigen Schwester, -die aus Liebe sich dem Krankendienste weiht, unsittlich die Tat des -Kühnen, der aus Mitleid den Ertrinkenden aus den Fluten ans Land holt, -unsittlich die Tat des Heiligen, der aus Gottesliebe sein Ich gänzlich -opfert, dann war unsittlich die Tat des Gottessohnes, da er aus Liebe -zu uns sein Leben dahin gab. Ein solches Prinzip aufstellen, heißt das -Edelste, Erhabenste aus dem ethischen Gebiet verweisen und die größten -Helden der Menschheit zu Dämonen stempeln. - -Das sah man ein, darum kehrte man zu den _objektiven_ Normen zurück; -man nannte sittlich gut entweder das Lustversprechende oder das -Nützliche oder das Fortschritt Verheißende und unterschied demnach den -ethischen _Hedonismus_, den _Utilitarismus_ und den _Progressismus_. -Aber auch diese reichen nicht aus. - -Nicht der _Hedonismus_; denn, wenn das sittlich gut ist, was die Lust, -zumal die Sinnenlust fördert, dann ist gut Müßiggang und Schwelgerei, -Ehebruch und Lustmord, dann sind alle Laster zu Tugenden geworden und -ernste Tugenden, wie Entsagung, Reinheit, zu Lastern. - -Will man ferner dem _Utilitarismus_ gemäß das, was nützlich ist, als -moralisch gut bezeichnen, so steht man vor der Alternative, entweder -alles, was irgendwie nützt, so zu werten, oder eine Auswahl zu -treffen. Alles, was irgendwie nützt, kann nicht moralisch gut sein; -denn der Raubmord nützt zum Gelderwerb, Ausschweifung, Rachsucht zur -Lusterregung, und doch wird es keinen ernsten Denker geben, der sie -nicht als verwerflich brandmarkt. - -Man muß also unter dem Nützlichen eine Auswahl treffen, man kann nur -das als gut bezeichnen, was zu einem guten Zweck dient -- dann fragt es -sich aber: Wie kommt es, daß dieser Zweck ein guter, ein anderer ein -schlechter ist? So muß ich eine andere Norm zu Rate ziehen. - -Fast dasselbe läßt sich von dem dritten System, dem _Progressismus_, -sagen. »Gut ist, was dem Fortschritt dient«; ja, ist aber jeder -Fortschritt gut? -- auch der Fortschritt des Übermenschen, der das -Herdenvolk mit Füßen tritt? Und worin besteht der Fortschritt? In -Steigerung der Wissenschaft oder in Anhäufung des Volksvermögens oder -in der Kunst? Und warum sind denn Wissenschaft, Volkswohl und Kunst -gut? Alle diese Maßstäbe sind zu dehnbar, zu unsicher. - -Näher kommt man der Wahrheit, wenn man den Fortschritt in die -_harmonische Ausbildung_ des Einzelmenschen und der Gesamtheit verlegt. -»Menschheit lebe so, wie es deiner Natur und Würde entspricht«, lautet -darum eine andere Formulierung des sittlichen Grundgesetzes. (Zeller.) - -Einverstanden, wenn man die menschliche Natur in _ihrer ganzen -Eigenart_ und _all ihren Beziehungen_, d. h. als Teil des Ganzen -erfaßt. Seiner Natur nach ist der Mensch ein geistig-sinnliches Wesen, -der Geist aber steht höher als das sinnliche Element, darum hat der -Geist die Triebe zu regeln, zu lenken; der Mensch ist seiner Natur -nach Bruder vieler Brüder, darum hat er den Mitmenschen in allem -gerecht zu werden; der Mensch ist seiner Natur nach Geschöpf des einen -wahren Gottes, darum kann er Gott nicht übersehen, sonst handelt er -naturwidrig. Soweit die ihm gewordene Natur sich erstreckt, so weit -auch die auf der Natur fußende Pflicht. - -Will der Mensch nun seiner _eigenen Würde_ gerecht werden, so hat er -sich vor dem Übergewicht des Sinnlichen zu hüten, er hat seine Triebe -nach dem Willen der geordneten Natur zu regeln, Eßtrieb und Trinklust, -sexuelle Neigung und Zornesempfinden, er hat also keusch, mäßig und -sanftmütig zu leben. - -Will er der _sozialen_ Eigenart seiner Natur entsprechen, so hat er den -Urhebern seines Lebens, den Eltern, sich anzupassen, hat die höhere -Autorität des staatlichen Verbandes zu achten, hat er Eigentum und -Leben zu schonen und, weil aus dem ungerechten Begehren die unheilvolle -Tat aufflammt, auch innere Neigungen zu unterdrücken. - -Will der Mensch aber nicht den wichtigsten Teil seiner natürlichen -Stellung übersehen, so hat er sich auch _dessen zu erinnern_, dem er -alles verdankt, seines Schöpfers, hat ihn anzuerkennen und seinen -Forderungen zu entsprechen. - -Was will das aber alles anderes sagen als das: Du sollst keine fremden -Götter neben mir haben, gedenke, daß du den Sabbat heiligest, du sollst -Vater und Mutter ehren, du sollst nicht töten, nicht ehebrechen, lügen -und stehlen, du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib noch alles, -was sein ist? So führt die Unzulänglichkeit der modernen Moral ganz von -selbst zu den Forderungen zurück, die sie zu ersetzen versprach, zu den -Forderungen der zwei Tafeln Moses. Keine Ethik, die das menschliche -Leben vernunftgemäß zu ordnen gedenkt, wird an den zehn Geboten vorbei -und über sie hinauskommen. Nicht aus Willkür gab der Höchste diese -Gesetze, sondern weil er sah, daß ohne sie nur chaotische Anarchie die -Völker beherrschen wird. - -[Illustration] - - - - -II. Gott allein ist der letzte Verpflichtungsgrund der Moral. - - -Zwanglos wie die Moderne sein will, sucht sie auch den Zwang aus -der Moral zu entfernen. Handeln aus Neigung, aus Achtung vor der -Persönlichkeit, nicht aus irgendwelchem Druck, das ist ihre -Lieblingsidee, eine Idee, die in gleicher Weise der Psychologie der -ethischen Ordnung wie ihrer Geschichte sich entgegenstellt. - -Mit vollem Recht bemerkt Eucken dem gegenüber: »Unter Moral hatten -wir uns gewöhnt an die Anerkennung einer _willkürentzogenen_ Ordnung, -an _die Hochhaltung von Pflicht und Gewissen zu denken_. Was aber -der aesthetische Subjektivismus mit seiner »neuen Ethik« bietet, ist -nichts anderes als ein feinerer Epikuräismus, als ein Selbstgenuß des -Individuums, das sich von aller Hemmung frei weiß.« (A. a. O. S. 337) - -Eine auch nur oberflächliche Analyse des ethischen Lebens der Völker -ergibt allerdings als unantastbares Wahrheitsgut die eine Tatsache, daß -das Sittengesetz nicht etwa ein »ich möchte von Dir« oder »ich rate -Dir«, sondern ein »ich _will_«, »Du sollst« gebieterisch ausspricht, -daß es auch gegen die Neigungen sich durchsetzt. »Gut im moralischen -Sinne«, sagt Paulsen (Syst. d. Ethik I⁸ S. 342), »ist ein Handeln, -dessen Motiv die Achtung vor der Pflicht ist. Die Erfüllung der -Pflicht liegt aber, wie es scheint, nicht eben in der Richtung des -natürlichen Willens. Im Gegenteil: Pflicht ist, wie die Wortbedeutung -es einschließt, was man nicht gern tut; was man aus Neigung tut, ist -nicht Pflicht ... zwischen Pflicht und Neigung ist Widerstreit; das -Pflichtgefühl tritt der Neigung entgegen, abnehmend oder antreibend vor -der Tat, strafend oder billigend nach der Tat. Das Gewissen stellt sich -im Selbstbewußtsein nicht als der Ausdruck des natürlichen Eigenwillens -dar, sondern eines _fremden_, eines _höheren Willens_, dem der eigene -Wille sich beugt oder wenigstens sich zu beugen eine innere Nötigung -fühlt: ein Sollen tritt in der Pflicht ... dem bloßen Wollen gegenüber. -Und aller eigentlich moralischer Wert scheint nun eben darauf zu -beruhen, daß das Wollen dem Sollen sich unterordnet.« - -Und unter dem Druck dieses »Du sollst« steht die ganze Menschheit. -»Nun findet«, sagt Kant, »jeder Mensch in seiner Vernunft die Idee der -Pflicht und zittert beim Anhören ihrer ehernen Stimme, wenn sich in -ihm Neigungen regen, die ihn zum Ungehorsam gegen sie versuchen«. (Kl. -Schr. IV, 14.) - -Die Geschichte und persönliche Erfahrung geben ihm Recht. »Ob wir -moralisch gut handeln wollen oder nicht, ist uns nicht freigestellt, -sondern das Sittengesetz zu beachten fühlen wir uns verpflichtet.« -In dem Satz sind alle Moralphilosophen einig, mögen sie nun zu den -Peripatetikern zählen oder zu den Stoikern, mögen sie mit Cicero -und Seneka in Rom doziert haben oder mit Fichte und Schleiermacher -in Berlin, mögen sie mit Darwin und Spenzer auf evolutionistischem -Standpunkt stehen oder mit Lotze, Laes, Ihering zum Prinzip des -Allgemeinwohles sich bekennen. - -_Das Bewußtsein, verpflichtet zu sein, ist eine der allgemeinsten -Tatsachen der Menschheit._ - -Sie ist aber auch die _notwendigste_ Voraussetzung einer moralischen -Ordnung. Das »sittliche Handeln nur aus Neigung« mag sich in der -Theorie recht schön ausnehmen, aber »nur ein grenzenloser, man möchte -sagen, kindlich naiver Optimismus, den man liebenswürdig nennen möchte, -wenn er nicht mit seiner die Halbgebildeten bestechenden Flachheit -gefährlich wäre, kann wähnen, daß man dem Menschen nur schrankenlose -Freiheit zu gewähren brauche, um das ganze Leben zu seliger Harmonie zu -führen.« (Eucken a. a. O. S. 337.) - -Nur zu wahr! Wie oft liegen Neigung und ethische Anforderung -miteinander in Konflikt! Man denke doch nur an die Kämpfe auf -sexuellem Gebiet! Was ist es, daß die Jugend noch von dem Genuß so -sehr lockender, aber verbotener Früchte fernhält, wenn nicht das eine: -Du _sollst_ enthaltsam sein? Und was ist es, daß Gatten und Gattin -trotz aufflammender entgegengesetzter Neigung zum häuslichen Herd -zurückdrängt, wenn nicht das eine: Du _darfst_ nicht untreu sein? -Was ist es, was den Kapitän zwingt, auf dem sinkenden Dampfer bis zu -allerletzt auszuhalten und so sich dem Tode zu weihen, wenn nicht -die Pflicht? Und was ist es, das beim Kriegsruf die ganze Mannschaft -des Landes trotz Gatten- und Vaterliebe ins Feuer treibt, wenn nicht -wiederum die Pflicht? »Die Pflicht ruft«, und alle Neigungen und -Sonderinteressen verschwinden. Nur sie bringt Halt und Festigkeit, -Einmütigkeit und Ordnung ins Leben. - -Das Pflichtbewußtsein _existiert überall_ und es ist _notwendig -überall_. Das sind also zwei Tatsachen, an denen nicht gerüttelt werden -kann. - -Wie aber kam das Sollen ins menschliche Wollen? »O Pflicht«, ruft Kant -aus, »der du nichts Beliebtes und, was Einschmeichelung mit sich führt, -in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst und ... ein Gesetz -aufstellst ..., vor dem alle Neigungen verstummen ..., welches ist der -deiner würdige Ursprung?« (Kr. d. pr. V. I T. 1 B. III. Reclam, S. 105.) - -Das Christentum beantwortete diese Frage mit dem Hinweis auf Sinais -Höhen. Gott war es, der dort an den Menschen herantrat und ihm -sein »Ich bin der Herr dein Gott, du sollst ... du sollst nicht« -wiederum einschärfte. Gott der Urheber der Verpflichtung, das ist -allerdings eine Erklärung, die allseits befriedigen muß; denn wo -eine Verpflichtung ist, da muß zunächst ein Verpflichtender sein. -Forderungen werden im Sittengesetz an den Menschen gestellt, nicht -nur Ratschläge gegeben; wo Forderungen laut werden, muß aber ein -_mit Recht_ Fordernder sein. Gesetze sind die ethischen _Normen_, -nicht _Wunschäußerungen_; wo Gesetze gegeben werden, darf aber der -Gesetzgeber nicht fehlen; Gesetzgeber, Fordernder, Verpflichter kann -aber nur eine _über dem Verpflichteten stehende Macht_ sein. - -Nun sehen wir, daß das Sittengesetz über dem Einzelindividuum wie -über der Gesamtheit steht; denn die Gesamtmenschheit weiß sich an -dasselbe gebunden. Darum muß die _Ursache der Verpflichtung über die -Gesamtmenschheit erhaben_ sein. Die blinde, notwendig wirkende Natur -kann aber denkende Menschen nicht verpflichten, so bleibt nur die eine -Lösung: _die Pflicht stammt von dem, der Urheber, Herr der Menschheit -ist, von Gott_. - -Diesen Schluß sucht die Neuethik zu umgehen. Sie beruft sich zum Teil -mit Kant auf die Autonomie des Menschen, auf die Selbstgesetzgebung. -»Der Wille gibt sich selbst Gesetz« (Kant, Grundl. z. Met. d. S., -S. 134). »Alle Sittlichkeit ist gleichbedeutend ... mit der freien -Übereinstimmung mit dem eigenen Gesetz«. (Lipps, Die eth. Grundfragen, -S. 107). »Wahrhaft moralisch ist allein die innere, die autonome -Verpflichtung. Der Gute stellt sich freiwillig in den Dienst des -Guten ..., er wird nicht von außen her verpflichtet, er selbst ist der -Verpflichtende zugleich und der Verpflichtete« (A. Adickes, Zeitschr. -für Philos. CXVI 23--24) -- das ist die Sprache der Moderne. Kein -Wunder, daß sie die christliche Ethik, die Unterwerfung unter einen -höheren Willen Gottes und seiner Weltvertreter predigt, als unsittlich -brandmarkt. - -Die Hauptanklage der »Autonomen« gegen die Heteronomie -(Fremdgesetzlichkeit) der christlichen Moral geht dahin, daß sie zu -_wenig sittlich_ sei, denn sittlich sei nur, was aus dem eigenen Innern -quelle. Es sei ebenso widersinnig, meint Ed. von Hartmann, durch -Heteronomie sittlich, als durch fremdes Essen fett werden zu wollen -(bei Cathrein, Moralphil. I, S. 251). »Sittlich in vollem Sinne ist -der noch nicht, der nicht selbst seinen Willen betätigt, sondern einem -fremden Willen sich beugt«, bemerkt Dorner (Das menschliche Handeln, -S. 272). - -Wenn diese Aussprüche berechtigt wären, dann müßte man nicht nur -die Unterwerfung des Willens unter Gottes Gesetz und kirchliche -Autorität, sondern mit demselben Recht auch jede Unterwerfung unter -das Staatsgesetz, unter Elterngebot, überhaupt unter jede Autorität -verdammen, denn hier gelten die gleichen Voraussetzungen. Autonomie -führt zur Anarchie! Wer sieht aber nicht ein, daß damit ein geordnetes -menschliches Gemeinschaftsleben gänzlich unmöglich gemacht wird? -Jahrtausende hat die Menschheit diese Heteronomie als erste sittliche -Forderung betrachtet und jetzt plötzlich soll sie in Unsittlichkeit -verkehrt werden? - -Und warum denn? Sie ist Fremdgesetzlichkeit, sie berührt das eigene -Innere so wenig. Ed. v. Hartmann braucht das Bild vom fremden Essen, -ein Bild, das die Nichtigkeit der gegnerischen Anklage sofort offen -legt. Vom fremden Essen wirst du nicht erstarken, das ist wahr -- wie -aber, wenn ein anderer dir Brot reicht und du selbst es dir zubereitest -und verspeisest, wirst du dann nicht gesunden? Und das ist unser -Standpunkt. Gott tritt an uns heran und reicht uns das Seelenbrot -seines Gesetzes, meinetwegen das Gebot: Gedenke, daß du den Sabbat -heiligest. Ich vernehme das inhaltreiche Wort, ich sage mir, Gott, -dein Schöpfer und Herr gebietet; für dich als Geschöpf Gottes ist -es geziemend, dich deinem Herrn zu unterwerfen, du bist es deiner -Würde, Natur und Stellung schuldig -- und darum erfasse ich das Gebot, -ich mach es mir zu eigen, ich entschließe mich frei, das Gesetz zu -beobachten, weil ich diesen Gehorsam als sittlich gefordert erkenne. Es -geht also der Unterwerfung ein innerer durchaus ethischer Prozeß voraus. - -Das Motiv meiner Unterwerfung ist die Erwägung, daß ich als Geschöpf -allen sittlichen Beziehungen gerecht werden muß, besonders auch den -Beziehungen zu dem, der mir alles gab, meinen Urgrund. Das ist sittlich --- unsittlich ist aber gerade die Selbstgesetzgebung, die sich Gott und -seiner Autorität nicht fügen will, sie bedeutet Aufruhr! Aufruhr ward -nie als sittliche Tat gebucht. - -Diese Autonomie ist außerdem, von anderem ganz abgesehen, gar nicht -geeignet, die Tatsache des allgemeinen Pflichtbewußtseins zu erklären. -Verpflichten kann doch nur jemand, der über mir steht. Ich kann mir -vornehmen, etwas zu tun, verpflichten kann ich mich nur einem höheren -gegenüber, nicht mir selbst. Zudem finden wir uns als Verpflichtete -vor, wir schaffen die Verpflichtung nicht, der Eigenwille ist -Vollstrecker des Gesetzes, nicht Gesetzgeber. - -Von der Unhaltbarkeit der individualistischen Selbstgesetzgebung -überzeugt, verlegen andere Ethiker unserer Zeit den Ursprung der -Verpflichtung in die _Gesamtmenschheit_. »Er, der autoritative -Charakter der Pflicht«, meint Paulsen (a. a. O. S. 345), »kommt aus dem -Verhältnis des einzelnen zu dem sozialen Ganzen, als dessen abhängiges -Glied er sich weiß. In dem _Willen des sozialen Ganzen_, das sich in -Sitte und Recht objektiviert, stellt sich ihm ein überlegener ... Wille -gegenüber: er fühlt sich gebunden durch die Normen, die ihm durch Sitte -und Recht vorgezeichnet sind.« - -Anstatt des Eigenwillens repräsentiert also der in Sitte und Recht -ausgesprochene Gesamtwille den Gesetzgeber. - -Aber Sitte und Sittengesetz sind doch zwei ganz verschiedene Größen, -die Sitte z. B. dreimal im Tag zu essen, _kann_ ich beobachten, -wenn ich will; das Gesetz, den Tag des Herrn zu heiligen, _muß_ ich -beobachten, wenn ich auch nicht will. Die Sitte lockt, die Sittlichkeit -verpflichtet. Wie will mich die Gesamtheit zu dem verpflichten, im -Gewissen verpflichten? Zwingen könnte sie mich, verpflichten nicht. -Und wenn die Verpflichtung nur dem Gesamtwillen entstammte, wie wollte -man es denn erklären, daß auch, wenn eine Gesamtheit, wie in einem -Räuberstaat, andere Sitten schafft, doch das Gewissen sich regt? Das -Gewissen sagt uns, daß wir alle einem über der Menschheit Stehenden -verpflichtet sind. Oder glaubt man, wenn einmal der Gesamtwille den -Mord erlaubte, daß das Gewissen den Mord rechtfertigte? Die Gesamtheit -weiß, daß das Sittengesetz ihr entrückt ist, es steht über der -Gesamtheit, auch die höchsten Spitzen der Gesamtheit sehen sich einem -Höheren gegenüber gebunden -- die Verpflichtung stammt also nicht -von der Gesamtheit, sonst könnte sie ja auch einmal sich zu Raub und -Unzucht verpflichten, wer will das zugeben? - -Das Gleiche läßt sich sagen von all den modernen Versuchen, die -Pflicht empirisch zu begründen. Man sah, sagt man uns, daß gewisse -Handlungen Nutzen und Freude für den einzelnen und die Gesamtheit, -andere Schaden und Unlust brachten. Man gewöhnte sich allmählich an -ein diesen Unterschieden entsprechendes Handeln und so auch daran, -in diesem Handeln eine Schranke, eine Pflicht zu erblicken. Es wäre -demnach die Pflicht nur ein Kollektivbewußtsein von der Nützlichkeit -und Schädlichkeit gewisser Handlungen. - -Aber die Forderungen des Sittengesetzes sind absolut. Auch wenn -Unlust oder Schaden folgt, hat der Mensch sittlich gut zu handeln. -Sittlichkeit ist nicht Krämergeist. Ein anderes ist der Rat: Halte -Diät, wenn du gesund bleiben willst, ein anderes das Gebot: Sei ehrlich! - -Angewöhnung bedingt noch keine Verpflichtung, und wenn Verpflichtung -nur Angewöhnung wäre, so würde daraus folgen, daß auch das zur -Gewohnheit gewordene Schlechte einmal verpflichten könnte. Wie man die -Sache auch wenden mag, die Gesamtheit genügt zur gänzlichen Erklärung -der Pflicht nicht. Nur ein über der Gesamtheit stehendes Etwas kann -allein den letzten Grund für die allgemeine Tatsache der Verpflichtung -abgeben. - -Es bleiben also an sich nur zwei Möglichkeiten: die Natur oder der -Schöpfer der Natur. Die Natur als geistloses, unfreies Etwas ist gewiß -auch zur Lösung unserer Frage nicht geeignet. Wir werden also wiederum -zur christlichen Theorie zurückgedrängt: Gott ist der Gesetzgeber, der -da sprach »Du sollst«, »Du sollst nicht.« - -[Illustration] - - - - -III. Gott ist die allein durchschlagende Werbekraft der Moral. - - -Moralische Vorschriften darlegen, genügt nicht zum moralischen Handeln; -gegen diese Vorschriften bäumen im Herzen des Menschen zu viele -Sonderinteressen und Leidenschaften sich auf. »Das Fleisch gelüstet -wider den Geist«. Es muß zur _Darlegung_ der ethischen Normen ein -_Anreiz_ oder Antrieb zur Beobachtung dieser Normen hinzutreten. Darin -sind christliche und moderne Ethik einig. - -Die christliche Moral nun findet diesen Antrieb zur Beobachtung des -Gesetzes Gottes in dem in Aussicht gestellten Lohn oder Zorn Gottes. -Der »Modernen« aber erscheint ein solches Vorgehen zu wenig edel, -zu »lohnsüchtig«, zu »egoistisch«, dabei zu unwirksam und unwahr. -»Gesinnungsmoral, nicht Erfolgsmoral«, ist ihre Parole, und mit dem -Deutschen Freidenkerbund hält sie »Bildung, Kenntnisse, gutes Beispiel -und materielles Wohlergehen für bessere Erziehungsmittel als das Drohen -oder Locken mit der Vergeltung in einem erträumten ewigen Leben«. -(Freidenkerflugblatt Würzburg 6. III. 1910.) - -Drei Einwendungen werden also gegen den Hinweis der christlichen Moral -auf das Jenseits erhoben: er sei zu wenig edel, zu wenig wahr und zu -wenig wirksam. - -1. Ein sittliches Handeln aus Ewigkeitsrücksichten soll zu wenig _edel_ -sein, zu lohnsüchtig, zu egoistisch. Prüfen wir. -- - -Das Handeln aus _Furcht_ vor Gott und seinen ewigen Strafen scheint -zunächst keine wahre Sittlichkeit bewirken zu können. Aber ist denn -ein Handeln aus Furcht wirklich menschenunwürdig und unedel? Wenn im -Theater plötzlich ein Brand ausbricht und alles, aus Furcht umzukommen, -flüchtet, wenn ein kalter Ost weht und man aus Furcht vor Erkältung -sich einhüllt, wenn das Kind sich dem Ufer des Stromes naht und -nun aus Furcht von der warnenden Mutter zurückgerufen wird, will -man da behaupten, daß diese Handlungen alle unsittlich seien? Wenn -sie unsittlich sind, dann müßten sie und derartige Taten überhaupt -alle verboten werden; denn Unsittliches darf die Menschheit nicht -dulden. Das wird niemand aber fordern können; denn diese Handlungen -gehen aus einem durchaus einwandfreien Motiv hervor, dem _Motiv der -Selbsterhaltung_. Selbsterhaltung ist aber einer der grundlegendsten -moralischen Pflichten. - -Wenn es aber gut und notwendig ist, sich schon vor _zeitlichem_ Übel -zu schützen, dann ist es gewiß sittlich gut und notwendig, sich vor -einer Qual zu bewahren, die _ewig_ dauert und vor einem Verlust, den -alle irdischen Dinge nicht aufwiegen können. Sagt doch auch Christus: -»Fürchtet nicht diejenigen, welche den Leib töten, die Seele aber nicht -töten können, fürchtet vielmehr denjenigen, der Leib und Seele ins -höllische Verderben stürzen kann.« Wir fürchten ja nicht nur knechtisch -die _Strafe_, sondern _das Böse_, die Sünde selbst, allerdings _wegen -der Strafe_, wir fürchten den _Zorn Gottes_, »die Furcht Gottes aber -ist der Anfang der Weisheit«, also durchaus gut. Darum sagt auch die -Schrift: »Fürchte Gott und halte seine Gebote, das ist der ganze -Mensch«. - -Wenn ferner die _Hoffnung_ auf den Lohn im Himmel uns antreiben soll, -das Gesetz zu beobachten, dann kann hierin auch durchaus nichts -Tadelnswertes gefunden werden. Der Mensch ist ja seiner Natur nach zur -Erlangung des vollkommenen Glückes vorherbestimmt, ebenso wie das Auge -zum Sehen, das Ohr zum Hören. _Die Anlagen naturgemäß entfalten kann -doch nicht unsittlich sein._ Wenn die katholische Askese Ehelosigkeit, -freiwillige Armut rät, dann erhebt man gegen sie den Vorwurf, daß sie -unsittlich handle, indem sie der Natur ihre Rechte verweigere, und -hier, wo die katholische Moral dem natürlichen Grundtrieb nach vollem -Glück gerecht werden will, da ist sie »unsittlich« oder nicht erhaben -genug! - -Hoffnung ist eine der Haupttriebkräfte des menschlichen Lebens. -Hoffnung auf Sieg verleiht dem Soldaten Ausdauer, Hoffnung auf -Entdeckung ferner Länder treibt den Nordpolfahrer in eisige Regionen, -Hoffnung auf Gewinn beseelt den geschäftlichen Unternehmer sowohl -wie den Landmann und niemanden fällt es ein, all das als unrecht zu -brandmarken -- er würde ja sonst dem ganzen menschlichen Leben seine -Schwungkraft rauben -- warum soll es nun plötzlich unerlaubt sein, aus -Hoffnung auf ein ewiges, alles Irdische weit überragendes Glück zu -handeln? - -Zudem weiß doch jeder Christ, daß das Himmelsglück im Wesentlichen -_im Besitze Gottes_ besteht. Nach Gott verlangen wir, und um Gott zu -erlangen, arbeiten wir! _Gott ist aber ein viel edleres Motiv, als alle -Tugend um ihrer selbst willen erstrebt._ Unser Motiv ist um Himmelshöhe -erhaben über alles, was die Neuethik uns in Aussicht stellen kann. - -Handelt ferner christliche Moral nur aus Furcht und Hoffnung oder -empfiehlt sie nicht das: »Du sollst den Herrn Deinen Gott _lieben_ -aus Deiner ganzen Seele, aus Deinem ganzen Gemüte« als das erste und -größte Gebot? Und blieb die Mahnung erfolglos? Wo finde ich denn -so viele Seelen, die ohne eigenen Nutzen, rein aus Liebe zu Gott, -wohltätige Stiftungen machten, ihr Vermögen den Armen schenkten, sich -ganz dem Herrn weihten? »Er hat mich geliebt und sich dahingegeben«. -Dieser Gedanke erfaßte einen Paulus bis ins Innerste, und es hielt -ihn nicht, bis er alles geopfert und alles für Christus gewonnen. Und -diesen Hochgesang christlichen Tugendstrebens nehmen die nachfolgenden -Geschlechter auf; ihn sangen die Chöre Gottgeweihter in ihrer einsamen -Wüste; ihn die Heldenschar der Märtyrer in der Arena; er ward zum -Leitmotiv all' der Millionen von Heiligen und Bekennern der Kirche. - -Nichts Kleines ist also das Motiv des christlichen Tugendstrebens, -sondern Gott; Gott, der zürnende, schreckt vom Bösen ab; Gott, der -beglückende, lockt zum Gebotenen an; Gott, der liebende, zieht die -Seele mit Gewalt, alle irdischen Bande abzustreifen, Schwingen -zu nehmen gleich dem Adler und ihm, dem Höchsten, zuzueilen. Ein -Beweggrund, wie er erhabener gar nicht gedacht werden kann! - -2. Aber ist das Ewigkeitsstreben auch genügend _begründet_? Man spricht -vom Drohen und Locken mit einem »_erträumten_ Jenseits«. - -Die Antwort hierauf ist bereits erfolgt: im ersten Heft dieser -Serie von Vorträgen wurde erwiesen, daß es einen überweltlichen, -persönlichen Gott gibt, im vierten, daß die Menschheit nach dem Tode -weiterleben muß. Damit ist Lohn und Strafe im Jenseits gegeben. - -Jeder Gesetzgeber verhängt Strafen auf die Übertretung seiner Gesetze -und er muß es; denn wie wäre es sonst möglich, seinen Worten Nachdruck -zu verleihen? - -Die Macht irdischer Gesetzgeber reicht nur bis zu ihrem Tode. Gott, die -ewige Macht, aber umfaßt wie die Sonne am Himmel die diesseitige und -jenseitige Hemisphäre. Gott ist in der Ewigkeit, der Mensch lebt weiter -in der Ewigkeit, darum ist eine Belohnung oder Bestrafung im Jenseits -auf jeden Fall möglich. Wer könnte das leugnen? - -Sie ist mehr als möglich, sie ist gewiß. Wenn Gott Gesetze gibt und der -Mensch sie übertritt, dann kann und darf Gott sich das nicht bieten -lassen. Er muß strafen. - -»Aber«, sagt man, »hienieden findet die Tugend ihren Lohn, das Laster -seine Strafe.« - -Nicht leugnen will ich, daß das oft der Fall ist, aber immer? Wo -finden denn die vielen Blinden, Lahmen, Kriegsinvaliden, die vielen -gedrückten Gattinnen, gemarterten Kinder, ihrer Ehre und ihres Vermögen -grausam Beraubten hienieden ihren Lohn? Und finden all die Hochstapler, -Mädchenhändler, Verführer, Tyrannen hienieden ihre Strafe? Sagt nicht -der Volksmund: »Die kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man -laufen?« Und vernimmt man nicht oft genug die Klage, daß den Gottlosen -hienieden alles nach Wunsch geht, während das redliche Bemühen der -Guten von stetem Mißerfolg begleitet ist? Gewiß ist es, daß nur ein -Teil der Bösen hier seine Strafe findet, nur ein Teil der Guten -hienieden einen Lohn; wäre es denn gerecht von Gott, wenn die andern -leer ausgingen? Und wäre es mit seiner Heiligkeit vereinbar, daß er das -Gottwidrige überhaupt nicht verfolgte? - -Doch abgesehen von alledem: man übersieht bei diesem Einwand ganz und -gar, daß Lohn und Strafe nicht nur da sind, die _geschehene Tat_ zu -berichtigen, sondern vor allem, _auf die noch zu geschehenden_ Taten -im Sinne der sittlichen Ordnung einzuwirken. Die Sanktion des Gesetzes -soll in erster Linie zur Beobachtung des Gesetzes antreiben, nicht den -Durchbruch des Gesetzes wieder gut machen. - -Wer immer das Recht besitzt, Befehle und Gesetze zu erlassen, muß auch -die Macht haben, seinen Willen durchzusetzen. Wie könnte ein Vater -seine Kinderschar, ein Lehrer seine Schule, ein Feldherr seine Truppen, -ein König seine Untertanen regieren, wenn jene alle den Befehlen -ungestraft trotzen könnten? - -Wie wird nun der Nachdruck auf Befehl und Gesetz gelegt? Doch wohl -durch Hinweis auf Lohn oder Strafe. Vater und Lehrer drohen mit der -Rute, Feldherr und König mit Arrest und Tod! - -Selbstverständlich, daß auch der König der Könige, Gott, seine Kerker -wie seine Kronen zur Verfügung hat. Gottes Sanktion muß nun einer -doppelten Anforderung gerecht werden, sie muß einerseits _genügende -Motive_ für das sittliche Handeln abgeben und darf dabei doch -anderseits _die Freiheit_ des Menschen nicht aufheben; denn mit der -Freiheit wäre ja die Möglichkeit, sittlich sich zu betätigen, überhaupt -genommen. - -Selbstverständlich ist es auch, daß nur _ewige_ Güter und _ewige_ -Strafen als Sanktion ausreichen; denn das Sittengesetz ist unter allen -Umständen verpflichtend -- nie darfst du die Unwahrheit sagen, nie -einen Ehebruch verüben. Die sittlichen Imperative sind kategorische -Weisungen. Sittengesetze sind absolute Gesetze. - -Wenn ich aber das Sittengesetz _unter allen Umständen_ zu beobachten -habe, dann kann es vorkommen, daß ich _eher alles Irdische_, mein -Ansehen, mein Vermögen, mein Leben preisgeben muß, als nur _einer_ -Übertretung der Gebote Gottes mich schuldig zu machen. Wie oft waren -und werden nicht Menschen in diese Lage versetzt! Denken wir an Thomas -Morus, an die Märtyrer aller Zeiten, an die katholischen Beamten zur -Zeit des Kulturkampfes! - -Wären nun die auf Übertretung des göttlichen Gesetzes stehenden Strafen -leichter als irdische Verluste -- dann könnte ja der Mensch in solchen -Lagen sagen: Gut, dann wähle ich lieber das Leben und verachte das -Gesetz und seine viel geringere Strafe. - -Es müssen also die auf Gottes Gesetz stehenden Belohnungen oder Strafen -höher sein als alles Irdische. Höher als das Irdische steht nur das -Jenseitige; so weist uns die Logik auf eine jenseitige Sanktion des -Sittengesetzes hin. - -Die jenseitige Strafe aber muß eine _ewige_ sein. Warum nicht? -_Ungerecht soll es sein_, eine kurz dauernde Sünde ewig zu strafen? -Aber richtet sich denn die Dauer der Strafe nach der _Dauer_ der -Sünde und nicht vielmehr nach ihrer _Bedeutung_? Nur einen Augenblick -dauert die Tat des Anarchisten, der eine Bombe in einen königlichen -Hochzeitszug hineinschleudert, soll er nur einen Augenblick bestraft -werden? - -Die Größe des Frevels ist ausschlaggebend, nicht die Dauer. Die schwere -Sünde ist ein _unendlich großer_ Frevel. Die Größe einer beleidigenden -Tat richtet sich ja u. a. besonders nach dem Abstand zwischen dem -Beleidiger und dem Beleidigten. Nennt ein Rekrut einen Mitrekruten -»Lügner«, so wird ihm das bald verziehen; hält er dasselbe Wort seinem -Hauptmann entgegen, wird er schwerer bestraft; würde er seinen obersten -Kriegsherrn mit dem gleichen Schimpfwort bedenken, so würde er des -Majestätsverbrechens angeklagt und noch schwerer zu büßen haben. -Und doch ist die Tat, an sich betrachtet, die gleiche, der Abstand -entscheidet über ihre Bedeutung. - -Der Abstand zwischen dem gesetzgebenden Gott und dem -gesetzübertretenden Menschen ist aber unendlich, darum schließt die -Sünde eine unendliche Bosheit in sich, die unendliche Bosheit verlangt -eine unendliche Strafe und, da diese dem Maß nach nicht unendlich sein -kann, muß sie der Dauer nach ohne Ende sich ausdehnen. - -_Unbarmherzig_ soll die ewige Strafe sein? Aber hat der Übertreter des -Gesetzes sie nicht selbst gewollt? Er konnte das Gesetz beobachten, -Gott hatte ihm genügende Mittel gegeben, hatte ihn gemahnt und gewarnt, -hatte ihm alles vorausgesagt, und wenn er nun dem Sünder die mit -offenem Blick und freiem Willen heraufbeschworene Strafe zuteil werden -läßt, dann soll das unbarmherzig sein? Ein König fordert den Vasallen -zum Feldzug auf, sagt ihm: Wenn du mir folgst, ist ein Fürstentum dein, -wenn nicht, ein Kerker. Wenn nun der Vasall eigenmächtig das Fürstentum -ablehnt, ist es unbarmherzig vom König, wenn er es ihm _nie_ zuteil -werden läßt? In der schweren Sünde verzichtet der Mensch auf Gott und -seinen Himmel; wer will nun Gott anklagen, daß er ihm beides nicht -gibt? Gott gab dir zwei Arme; wenn du einen freventlich abhaust, wie -willst du Gott belangen, daß er dir keinen neuen wachsen läßt? Wer aber -Gott im Jenseits verloren hat das Licht verloren, Schönheit, Glück und -Frieden, das ist ja einer der wesentlichen Bestandteile der ewigen -Verbannung. - -Gerade weil Gott gütig und barmherzig ist, darum muß er mit einer -ewigen Strafe und dem Verlust einer ewigen Belohnung drohen, Gott muß -die _Menschen vor einander_ schützen. Durch Mord, Diebstahl, Ehebruch, -Gewalttat werden Menschen, zumal die Guten, geschädigt. Darf Gott nun -solchen Greueln untätig zuschauen? Müßten dann nicht alle Edlen sich -empören, daß Gott sie rücksichtslos den Launen der Bösen überließe? -»Sage mir«, bemerkt treffend der hl. Chrysostomus »wenn jemand alle -Lasterhaften aller Arten versammelte, sie mit Schwertern bewaffnete und -dann befähle, die ganze Stadt zu durchlaufen und jeden ihnen in die -Hände Fallenden niederzumetzeln, wäre das menschlicher? ... Wenn aber -ein anderer alle jene Lasterhaften bände, einkerkerte, wäre das nicht -eine menschenfreundliche Tat? Wende das auf das Gesetz an ...«. (16. -Säul. Hom.) - -In der Tat, mit seinem Gesetz und seiner Drohung fesselte Gott alle -bösen Leidenschaften mit einem starken Band; wer die Strafe nimmt, -entfesselt alle Leidenschaften und läßt sie wie eine wilde Meute auf -die Menschheit los. Wo bleibt da Sicherheit, wo Ruhe und Ordnung? - -Wer ferner alles aufbietet, um der Menschheit zu ihrem wahren Glück -zu verhelfen, der handelt gewiß gut und edel. Tut Gott das nicht auch -mit seiner Drohung? »Nicht weniger als das Himmelreich«, sagt derselbe -Kirchenlehrer, »offenbart die Androhung der Hölle seine (Gottes) Güte. -Und wie? Wenn er mit der Hölle nicht drohte, ... so würden nicht viele -des Himmelreiches teilhaftig werden; denn das Versprechen von Gütern -ruft nicht so erfolgreich die Mehrzahl zur Tugend auf als die Androhung -von Übeln« (7. Säul. Hom. 2). - -Nur zu wahr. Beides: Versprechen des Himmels und Drohung mit der Hölle -führt zu Gott. Gott ist aber das einzige Glück des Menschen; ist nun -die Drohung mit der Hölle nicht ein Ausfluß der Barmherzigkeit des -Herrn? - -Aber für den Übeltäter selbst ist die Strafe zu groß. Gott könnte ihn -ja _vernichten_. Ja, er könnte es, wenn er nur allmächtig, nicht auch -allweise und allheilig wäre. - -Das Eine ist doch gewiß, Gott muß auf Anerkennung seiner Autorität -bestehen. Ein Gott, der sich alles gefallen ließe, würde uns nicht -gefallen. Wenn nun der Mensch der Vernichtung anheimfiele, würde er -sich dann um Gott überhaupt kümmern, dann, wenn heftige Leidenschaft -ihn drängt? Er würde hintreten können und sagen: »Gott gebiete nur, -drohe nur, ich entgehe Dir doch.« Der Gedanke an das Nichts würde nicht -von der Sünde abschrecken, sondern sie eher befürworten. - -Gott muß aber darauf bestehen, daß der Mensch sich ihm unterwirft, ihn -anerkennt; erkennt er die Güte nicht an, dann muß die Gerechtigkeit ihn -dazu zwingen -- aber nur eine ewige Strafe ist dazu imstande, dann, wie -gesagt, würde der Sünder mit dem »ich entgehe Gott schließlich doch« -sich in seinem gesetzwidrigen Verhalten bestärken. - -»Aber Hoffnung auf den Himmel und Furcht vor der Hölle schrecken auch -nicht immer von der Sünde ab.« Abschrecken tun sie stets, ganz die -Sünde hindern nicht, mit seinem freien Willen kann sich der Mensch über -alles hinwegsetzen; es handelt sich aber hier nicht um die Frage, ob -die ewige Sanktion tatsächlich jede Sünde _unmöglich_ macht, sondern ob -sie -- _vorausgesetzt, daß die Freiheit des Willens gewahrt bleibt_ -- -_fähig_ ist, von der Sünde abzuhalten. Sie ist es. - -Und nur sie, die Freidenker, betrachten allerdings Bildung, Kenntnisse, -gutes Beispiel und materielles Wohlergehen für bessere Erziehungsmittel. - -Wir wollen nicht leugnen, daß manche von diesen Faktoren auch Einfluß -auf das sittliche Verhalten haben können, leugnen müssen wir, daß sie -aus sich _genügend_ sind, es _unter allen Umständen_ zu sichern. - -Reichen denn Bildung und Kenntnisse aus? Dann müßten ja die obersten -Kreise gerade die reinsten, demütigsten, treuesten, wahrhaftigsten -sein. Ist das der Fall? Man denke an unsere letzten Prozesse -- an das -alte Rom! - -Und materielles Wohlergehen soll ein Antrieb zur Beobachtung des -Sittengesetzes sein? Aber liegen diese beiden denn nicht oft genug -mit einander im Streit? Wenn materielles Wohlergehen eine genügende -Sanktion der Ethik wäre, dann müßten Börsenbarone und Erpresser ja -zugleich die größten Heiligen sein. - -Wer weiß nicht, daß trotz aller Kenntnisse, Erfolge und Bildung der -Mensch im Ansturm der Leidenschaften einer festeren Sicherung bedarf? -Erhöhte Kenntnisse ohne erhöhte innere Festigkeit sind, um einen -Ausdruck Försters zu gebrauchen, eine besser gearbeitete Laterne in -der Hand des Diebes. Und daß nicht erhöhte »Kultur« eine erhöhte -Sittlichkeit bedingt, besagt die Geschichte der alten wie heutigen -Völker zur Genüge. (Vergleiche den Vortrag II). Die heutige Bildung -sanktioniert die ethischen Gesetze nicht, sondern bildet sie nach -Belieben um. Die Moral ist ja nach Paul Heyse nichts weiter als die -Quintessenz dessen, was in einem Zeitalter für anständig gehalten wird. -Heldennaturen springen über die Schranken hinweg. (Briefe an Frau ~Tout -le Monde~ 111.) - -Unsere Zeit besitzt ja Kulturgüter, Mammon, Kunst, Bildung, -Ehrengerichte in Menge -- ist sie darum moralisch hochstehend? Was -sagen die 180000 Kinder, die in Deutschland allein jährlich, mit -dem Brandmal der Sünde bezeichnet, das Dasein betreten? Was die in -die Hunderttausende, vielleicht 1½ Millionen zählenden Dienerinnen -der Unzucht, was die jährlich in Deutschland verurteilten 55000 -jugendlichen Verbrecher, was die 196000 Geschlechtskranken, die -im Jahre 1900 in den öffentlichen Krankenhäusern Deutschlands -gepflegt wurden, von den 30--40% geschlechtskranken Soldaten und -33--69% Studenten gar nicht zu reden? Was soll ich sagen von -den erschreckend um sich greifenden Perversitäten, dem weißen -Sklavenhandel, der Engelmacherei, dem Rückgang der Geburten? Was -von den Schönheitsabenden, den obszönen Tänzen? Ist doch die Klage -allgemein: So kann es nicht weiter gehen! Woher nun der Jammer? Die -Bildung, weltliche Kultur, nahm doch zu! Ja, aber die Religion mit -ihren Ewigkeitsgedanken nahm ab, die Welt vergaß das Schriftwerk: -»Denk, o Mensch, an deine letzten Dinge, und du wirst in Ewigkeit nicht -sündigen!« - -Nicht alle hat die Religion vom Bösen abgeschreckt; aber wer wollte es -leugnen, daß sie allein es war, die auf die Massen aller Zeiten den -sittigendsten Einfluß ausübte? Die Furcht vor den Göttern oder Gott -war es, die in allen Gesetzbüchern anklingt und dem Leben Halt bot. -Habe ich keinen Himmel zu hoffen, keinen Gott zu fürchten, auf kein -Weiterleben nach dem Tode zu rechnen, was soll mich dann abhalten, mich -hienieden ganz auszuleben und durchzusetzen? - -Man gibt vor, der Menschheit einen Dienst erweisen zu wollen, indem -man sie von der Angst vor der Hölle befreit. Ja, man läßt alle -Leidenschaften von der Kette los und hetzt sie auf die Menschheit, -man richtet wieder ein Henkermahl an, wie zur Zeit der französischen -Revolution; ist das eine Wohltat? Man löscht das Licht aus, das die -unheimlichste Klippe aufdeckt, man verschließt dem Menschen den Weg -zum wahren Glück, ist das eine Wohltat? Man reißt die Warnungstafel -am Abgrund, die Barrieren an der Bahn nieder, den Totenkopf an der -Giftflasche herunter -- um dem Menschen die Furcht zu nehmen; ist das -wirklich weise und edel gehandelt? - -Wenn es eine Hölle gibt, da sollte es menschenfreundlich sein, diesen -Abgrund zu verdecken und alle auf den Weg zu locken, dessen Abschluß -Verderben ist? Dann war auch die Tat des Rattenfängers von Hameln der -menschenfreundlichsten eine. Nein, das ist grausam. Menschenfreundlich -ist es von der christlichen Ethik, wenn sie sich den im Sinnesrausch -dahin Tollenden mit der roten Signallampe entgegenstellt und ein -unerbittliches »Halt, nicht weiter!« zuruft. - -Wer verurteilt nicht den grausamen Nero, der seiner eigenen Mutter eine -herrliche Barke baute, sie eines Abends auf das Schiff lockte und auf -hoher See eine verborgene Falltür öffnete, so daß die Mutter in den -Wogen versank? Handelt die Diesseitsethik nicht grausamer? Sie stattet -der Menschheit ein bequemes, sehr bequemes Schiff zur Fahrt des Lebens -aus, sie musiziert und tanzt -- aber das Schiff birgt eine unheimliche -Gefahr in sich: die Falltür, und sie heißt Tod -- und das Ende -- -_Ewigkeit_. Ist es nicht grausam, darüber hinwegzutäuschen? - -Wohl mag die Moderne die Ewigkeitsgedanken als lästig abweisen, die -Ewigkeit selbst bleibt. Auch sie mag sich das Wort gesagt sein lassen, -das einer der Makkabäischen Märtyrer zum gottvergessenen Antiochus -sprach: »Du, Ruchloser, rühmst dich umsonst deiner Bosheit und -deines Übermutes, denn noch nicht bist du entflohen dem Gerichte des -allmächtigen und allwissenden Gottes«. - -Ja, vielem mag die Moderne entfliehen, sie mag entfliehen der Kirche, -mag entfliehen dem weltlichen Gerichte, mag entfliehen den Vorwürfen -des eigenen Gewissens, einem ist sie noch nicht entflohen: dem Gerichte -des allmächtigen und allwissenden Gottes, und dem entgeht sie nicht. -Furchtbar aber ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen. - -So führt die Sanktion der Ethik wiederum auf Gott zurück, Gott ist der -Ursprung der Ethik. Gott die Norm, Gott der letzte Halt. Moral ohne -Gott ist ein Leib ohne Seele. - -»Eine Spinne«, so erzählt der Dichter Jörgensen, »ließ sich an einem -Faden herunter von einem Ast; nun eilte sie hin und her und spann -ihr kunstvolles Netz. Lange lebte sie gesichert in ihrer Behausung; -da stieß sie auf ihren kleinen Rundreisen eines Tages wieder auf den -ersten Faden. Sie hatte seine Bedeutung vergessen und -- biß ihn ab -- -und ihr ganzes Haus stürzte zusammen.« - -Von Gott kam die Menschheit, und um den Gottesgedanken baute sie ihr -geistiges und ethisches Gebäude -- sie zerstört den ersten Faden, -und mit ihm sinkt ihr ganzes Haus in Trümmer. Der Ethik letztes Wort -lautet: »Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine fremden Götter -neben mir haben.« - -[Illustration] - - - - -Schlusswort. - - -In Babylon war es. Hell strahlten die Lichter des Königspalastes ins -Dunkel hinaus. Im Innern sah man den Herrscher Belisar an festlich -geschmückter Tafel, um ihn in goldstrotzender Uniform die Großen des -Reiches, die Königin mit ihrem Hofstaat in rauschenden Gewändern. -Man aß und trank, spielte und tanzte. Und als der Wein das Blut in -Wallung gebracht, da erreichte der Frevel seinen Höhepunkt. Belisar -ließ sich die aus dem Heiligtum in Sion geraubten hl. Gefäße bringen, -ließ sie mit perlendem Wein füllen und reichte sie seinen Gästen. Und -sie tranken alle daraus und jeder pries seinen Götzen. Da erschien eine -geheimnisvolle Hand und schrieb an die Wand: Mane, Thekel, Phares. - -Man erblaßte, die Kniee schlotterten. Ein Signal ertönt, Rufe werden -laut, Krieger stürzen mit gezücktem Schwert in den Saal, morden König -und Königin, Feldherren und Hofdamen und, wo vor einigen Minuten noch -Gotteslästerung und Weltlust ihr frivoles Spiel trieben -- da sah man -jetzt Blut, Leichen -- Tod. - -Ein Babel ist unsere Zeit; ein festliches Bankett hat sie bereitet. -Nicht genug der Sündenlust und des Frevels früherer Zeiten, benutzt sie -heute noch die religiösen Überlieferungen zu ihrem gottlosen Spiel. -Jeder preist seine Götter und höhnt den Höchsten. Zahllos sind die -Idole des Jahrhunderts. -- Mag sie höhnen, kommen wird auch für sie -die schreibende Hand, die unter Sternensturz und Himmelsdonnern in -Flammenschrift an den Horizont die Worte setzt: Mane, Thekel, Phares. -Kommen wird Christus auf den Wolken, und die falschen Götter werden -stürzen. »Dann«, hat er zu den Guten gesagt, »erhebet euer Haupt, dann -naht eure Erlösung«. Wir lassen es uns gesagt sein. Mag die Moderne -sich den Idolen zuwenden, uns gilt als Leitstern das Wort: »Fürchte -Gott und halte seine Gebote, das ist der ganze Mensch.« - -[Illustration] - - -Buchdruckerei Paul Scheiner, Würzburg. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Die - Antiqua-Auszeichnungen der Titelseite und Kapitelüberschriften - wurde entfernt. - - Korrekturen: - - S. 18: Tadelswertes → Tadelnswertes - durchaus nichts {Tadelnswertes} gefunden - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Idole des Zwanzigsten Jahrhunderts. -VIII. Moral ohne Religion, by Otto Cohausz - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IDOLE DES ZWANZIGSTEN *** - -***** This file should be named 63743-0.txt or 63743-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/7/4/63743/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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VIII. -Moral ohne Religion, by Otto Cohausz - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Idole des Zwanzigsten Jahrhunderts. VIII. Moral ohne Religion - Religiös-wissenschaftliche Vorträge - -Author: Otto Cohausz - -Release Date: November 13, 2020 [EBook #63743] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IDOLE DES ZWANZIGSTEN *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p> -<p> -Dieses E-Book wurde anläßlich des 20. Jubiläums von »Distributed -Proofreaders« erstellt. -</p> -</div> - -<div class="chapter"> -<h1>Idole des Zwanzigsten<br /> -Jahrhunderts.</h1> - -<p class="center">Religiös-wissenschaftliche Vorträge<br /> -von <span class="larger">Otto Cohausz</span> S. J.</p> - -<p class="h2">VIII. Moral ohne Religion.</p> - -<div class="figcenter" id="signet"> - <img src="images/signet.jpg" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center smaller p2">Göbel & Scherer [H. Klemmer], Verlagsbuchhandlung<br /> -Würzburg 1912.</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<div class="blockquot"> -<p>Mit Erlaubnis der Ordensobern.</p> -<p class="center"> -<em class="antiqua">Nihil obstat.</em><br /> -<em class="antiqua">Wirciburgi</em>, 12. Januar 1912.</p> -<p class="right"> -<em class="antiqua">Dr.</em> Hergenröther, <em class="antiqua">Canonicus</em>. -</p> -<p class="center p2"> -<em class="antiqua">Imprimatur.</em><br /> -Würzburg, den 13. Januar 1912.<br /> -Heßdörfer, <em class="antiqua">vic. general.</em></p> -<p class="right"> -Kraus. -</p> -</div> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3"></a>[3]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Moral_ohne_Religion">Moral ohne Religion.</h2> -</div> - -<p>Die <em class="gesperrt">religiösen</em> Werte hat die »Moderne« zum Teil -verworfen, der <em class="gesperrt">moralischen</em> kann sie nicht entraten, -denn der tugendhafte Mensch bleibt ja ihr Ideal; da die -»Götter für sie tot sind«, soll der »Übermensch leben«. -Um den tugendhaften Menschen heranzubilden, bedarf sie -aber der Tugendlehre. Wohl lehrt auch das Christentum -Tugend und Moral. Aber das steht ja einmal bei den -Neueren fest, daß Christliches sie nicht mehr beglücken -kann. Darum sucht man nach neuen ethischen Gesetzen.</p> - -<p>So uneinig man nun auch in der Aufstellung neuer -moralischer Werte sein mag, in einem Punkte trifft man -zusammen: darin, daß eine reinliche Trennung von Moral -und Religion vorgenommen werden muß.</p> - -<p>Gott ist der christlichen Moral Kern und Stern; er ist -die letzte Norm der christlichen Moral, er ihr letzter Verpflichtungsgrund -und ihre allein durchschlagende Werbekraft. -Nach allen drei Beziehungen soll Gott ausgeschaltet -und die neue Ethik auf sich selbst gestellt werden. Unmögliche -Forderungen!</p> - -<div class="figcenter" id="illu-003"> - <img src="images/illu-003.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 class="nobreak" id="kap01">I. Gott allein ist die letzte Norm der Moral.</h3> -</div> - -<p>Auf die Frage: warum ist etwas gut, z. B. die -Heiligung des Sabbats und die Ehrfurcht vor den Eltern, -und warum ist etwas, z. B. Unzucht und Diebstahl, schlecht? -antwortet der Christ wohl zuerst: weil Sabbatheiligung -und Elternliebe von Gott geboten und weil Unzucht und -Diebstahl von ihm verboten wurden. Sein nächstliegendes -Unterscheidungsmerkmal findet er also in den »Zehn Geboten«.<span class="pagenum"><a id="Seite_4"></a>[4]</span> -Er geht darin sicher; denn, was Gott geboten, -kann nicht sittlich schlecht, und was er verboten, nicht sittlich -gut sein. Diese Norm ist zwar nicht die letzte objektive, -wie später gezeigt werden wird, aber doch die praktisch -brauchbarste, weil nächstliegende.</p> - -<p>Die Moderne will dieses Kriterium, weil es in einem -»Fremdwillen« und auf »religiösen Verpflichtungen« -beruht, nicht gelten lassen. »O, meine Brüder, zerbrecht -mir die alten Tafeln!« so hat einer der Gewaltigsten -gesprochen (Nietzsche, Zarathustra »Von alten und neuen -Tafeln«), und abermals klirren die Trümmer des Gottesdokumentes -am Felsen. Moses zerbrach die zwei Tafeln, -weil sie ihm für das sündige Volk zu heilig schienen, die -Moderne entledigt sich ihrer, weil sie ihr sittlich nicht hoch -genug stehen.</p> - -<p>Aber was will sie denn an ihre Stelle setzen? Wonach -soll denn unsere Zeit entscheiden, was gut und was -bös ist?</p> - -<p>Chaotisch fluten die Antworten auf diese Frage durcheinander. -»Sittlich gut ist«, sagt uns der Prophet des -Übermenschen, »was den Willen zur Macht fördert«, und -»sittlich gut ist«, sagt uns im Gegenteil ein Schopenhauer, -»was aus Mitgefühl mit andern hervorgeht«. »Sittlich -gut ist«, sagt uns ein Kant, »was aus reinem Pflichtgefühl -hervorgeht«, und »sittlich gut ist«, sagt ein <em class="antiqua">De la -Mettrie</em>, »nur das und alles das, was mit Lust und -aus Lust verrichtet wird«. »Sittlich gut ist«, sagt ein -Reid, »was am gesunden Menschenverstand gemessen wird«, -und »sittlich gut«, sagt ein Shaftesbury, »ist das, was -mit dem <em class="antiqua">moral sense</em> übereinstimmt«. »Sittlich gut«, -nennt der gestrenge Fichte das, »was das Ich vervollkommnet«, -und »sittlich gut« nennt der zynische Helvetius -alles das, »was den Sinnenkitzel fördert«. »Sittlich gut« -ist dem Egoisten Stirner alles, »was das Ich hebt, unbekümmert -um das Wohlergehen anderer«, und als »sittlich -gut« bezeichnete ein John Stuart Mill, ein Laas, ein Lotze -nur das, »was das größtmöglichste Glück der größtmöglichsten -Zahl hervorzaubert, unbekümmert um das Schicksal -des einzelnen«. »Sittlich gut« handelt nach Wundt und -Paulsen, »wer immer auf Steigerung der Kultur hindrängt«,<span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[5]</span> -»sittlich gut« handelt nach Eduard von Hartmann, »wer -zur schnellen Weltvernichtung beiträgt«.</p> - -<p>So setzt der eine anstelle des Dekalogs das eigene -Ich, der andere die Gesamtheit, der eine die Lust, der -andere den Schmerz, der eine den trockenen Verstand, -der andere das ewig schwankende, unstet tosende Gefühl. -»Man braucht nur«, sagt Förster (Autorität und Freiheit, -S. 46 ff.), »an die Fülle widerstreitender Theorien in der -sexuellen Reformliteratur zu denken, um vorauszusehen, -daß es künftig auf dem Gebiet einer konsequent weltlichen -Laienethik noch unvergleichlich mehr Meinungsverschiedenheiten -geben wird als auf dem Gebiete des religiösen -Glaubens … Wir lernen heute anschaulich kennen, was -aus Ethik und Religion wird, wenn »die Menschen sie -machen«, das unerlöste Individuum kommt darin so -gründlich zu Wort, daß von Religion und Ethik nicht -viel übrig bleibt«. Und es bleibt, um mit R. Eucken -(Geistige Strömungen der Gegenwart, S. 324) zu reden, -»nur die Tatsache festzustellen, daß unsere Zeit überhaupt -einer ihre innersten Bedürfnisse befriedigenden Moral entbehrt …« -und daß ein »solcher Mangel an der eigenen -Moral die Kraft der Moral in unserer Zeit herabsetzt«, -– eine Tatsache, die allerdings nicht sehr zu Gunsten der -von den Zehngeboten losgelösten neuen Moral spricht.</p> - -<p>Diese vom sichern Fundament des Zweitafelgesetzes -losgelöste Moral muß Unsicherheit und Verwirrung in -alle Kreise tragen. Sie ist ja nicht eine rein theoretische -Wissenschaft, sondern eine Lebensnorm.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">einzelne</em> will zu einer moralischen Größe sich -heranbilden; wie kann er es? Will er, mit Kant dem -kategorischen Imperativ folgend, etwa auf eine Neigungsheirat -verzichten, dann ruft ihm ein Helvetius zu: Du -handelst unmoralisch; denn schlecht ist es, der Lust nicht -zu folgen, und geht er mit Helvetius der Neigung nach, -dann erhebt der Weise von Königsberg energisch Einsprache -gegen sein Tun. Öffnet er, von Schopenhauers Mitleidstheorien -beeinflußt, den Notleidenden seine Börse, dann -schleudert Nietzsche ihm das Anathem entgegen, weil es -unmoralisch sei, das Schwache zu stützen, und glaubt er -nun Nietzsche, dann hat er Schopenhauer zum Gegner. -So kommt er nie zum Handeln; denn wer will ihm sagen,<span class="pagenum"><a id="Seite_6"></a>[6]</span> -welche von den sich bekämpfenden Lehren die wahre ist? -Alle bieten dieselbe Gewähr, weil alle den Köpfen einzelner -entspringen.</p> - -<p>»Diese Wirkung«, bemerkt Förster wiederum treffend -(a. a. O. S. 47), »machen sich die Gegner der religiösen -Autorität auch nicht annähernd klar … Kann ich mich -denn selbst erziehen, mich beherrschen und enthalten, wenn -alle sittlichen und religiösen Lehren nur individuelle -Hypothesen sind? Warum soll ich diesen Hypothesen -mehr glauben als meinen eigenen individuellen Einfällen? -So mische ich mir aus Gutem und Bösem, Wahrem -und Falschem meine eigene Ethik, die mit den Leidenschaften -wechselt, welche in meiner Seele den Vorrang -gewinnen, und die den Zeitmoden folgt, die gerade im -Schaufenster des Buchhändlers mein Auge treffen. Vom -Standpunkt des Pilatus: »Was ist Wahrheit?« ist jedenfalls -keine Charakterbildung möglich.«</p> - -<p>In welch verzweifelte Situation die <em class="gesperrt">Pädagogik</em> durch -diese neue Moral versetzt wird, ist auch klar. Will man -es dem einzelnen Lehrer überlassen, sich eines der neuen -Moralsysteme zu wählen und darnach seine Schüler zu -unterrichten, dann wird in der einen Schule bald die luststeigernde -Unsittlichkeit, in der andern die das Übermenschtum -fördernde Gewalttat, in einer dritten der das größtmöglichste -Glück der größtmöglichsten Zahl bewirkende -Tyrannenmord als sittlich gut verteidigt usw. und in der -andern all das als verwerflich verurteilt. Welch eine -Generation würde da heranwachsen!</p> - -<p>Will man aber den Lehrern eine bestimmte Norm -vorschreiben, dann fragt es sich wiederum: »Welche?« Und -mit welchem Recht verwirft man die anderen? Lehr<em class="gesperrt">zwang</em> -wäre ja nach der Neuethik unmoralisch!</p> - -<p>Nicht erfreulicher als auf dem Gebiet der Pädagogik -würde sich das Bild im <em class="gesperrt">Gerichtswesen</em> gestalten.</p> - -<p>Man will einen Lustmörder verurteilen – aber mit -Helvetius wird er beweisen, daß er eine eminent moralische -Tat, weil luststeigernd, beging; man will einen Hochstapler -gefangen setzen – aber mit Stirner und Nietzsche wird -er dartun, daß er durchaus richtig handelte, weil er den -»Willen zur Macht« betätigte; man will den Königsmörder -belangen – aber der Mob wird ihn als Märtyrer preisen<span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[7]</span> -weil er dem Volkswohl die treffendsten Dienste erwies. -Wie wäre eine Rechtsprechung möglich?</p> - -<p>Selbstbildung, Erziehung, Gesetzgebung und Rechtsprechung -erfordern gebieterisch eine einheitliche Norm für -gut und bös – die Neuethik gibt sie nicht, damit ist ihre -<em class="gesperrt">praktische Unbrauchbarkeit</em> erwiesen.</p> - -<p>Aber auch die <em class="gesperrt">theoretische Überlegung</em> findet -in den modernen Moralsystemen, so manche unbestreitbare -Wahrheit sie auch in sich bergen mögen, ihr völliges Genügen -nicht.</p> - -<p>Ein so buntscheckiges Durcheinander die moralischen -Normen der Gegenwart auch dem Auge darbieten mögen, -so lassen sich doch zwei Hauptgruppen nicht übersehen: es -gibt <em class="gesperrt">subjektive Maßstäbe</em> der Sittlichkeit und <em class="gesperrt">objektive</em>; -subjektive, d. h. im Subjekt, im Menschen liegende -und objektive, d. h. aus den Dingen, die zum Menschen -in Beziehung stehen, sich ergebende.</p> - -<p>Die subjektiven Moralprinzipien sind darin einig, daß -sie die Gutheit oder Schlechtigkeit einer Handlung aus der -Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung mit einem -Sittenrichter <em class="gesperrt">in uns</em> herleiten, in der näheren Bestimmung -dieses Sittenrichters gehen sie aber auseinander. Shaftesbury, -Hutcheson, Jacobi, Schuppe, Höffding u. a. verlegen -diesen Sittenrichter in den moralischen Sinn, Ad. Smith -und Schopenhauer dagegen in das Mitgefühl, Herbert -glaubt ihn im sittlichen Geschmack entdeckt zu haben, Reid -im gesunden Menschenverstand, Kant dagegen im kategorischen -Imperativ.</p> - -<p>Nach der ersten Gruppe bedürfen wir also gar keiner -langen Untersuchungen über das, was erlaubt und was -unerlaubt ist; ein angeborener Instinkt – der <em class="antiqua"><em class="gesperrt">moral -sense</em></em> – sagt es uns sofort; aber zunächst ist es unbewiesen, -daß ein solch moralisches Gefühl besteht, und -wenn es bestände, so bliebe stets noch die Frage offen: -Wie kommt es denn, daß diesem moralischen Sinn die -einen Handlungen gefallen und andere Unbehagen -erwecken? Entweder sagt man: weil Gott die Natur so -eingerichtet hat – dann kommt man auf die theistische -Ethik schließlich wieder hinaus; oder man sagt: weil der -moralische Sinn Lust empfindet bei guten Handlungen, -Unlust bei bösen – dann verfällt man dem später zu<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[8]</span> -würdigenden Hedonismus; oder man antwortet: dem -moralischen Sinn gefallen die einen Handlungen, weil sie -das eigene und fremde Wohlergehen fördern – es mißfallen -ihm andere, weil sie das Gegenteil bewirken – -dann hat man wiederum die rein subjektive Norm verlassen -und sich aus seiner Verlegenheit an das Ufer des Eudämonismus -gerettet. Der <em class="antiqua">moral sense</em> versagt.</p> - -<p>Ebenso Schopenhauers <em class="gesperrt">Mitgefühl</em>. Denn, wenn -nur das sittlich gut ist, was aus Mitleid mit andern geschieht, -dann ist schlecht jede Handlung der Gerechtigkeit, Reinheit, -Geduld, Mäßigkeit und Liebe – wer wollte das aber -behaupten?</p> - -<p>»Gut«, sagt Kant, »ist nur das, was aus <em class="gesperrt">reinem -Pflichtgefühl</em> entspringt und dem kategorischen Imperativ -entspricht.« Aber der kategorische Imperativ ist -eine willkürliche Annahme, und, wenn nur das gut ist, -was nicht aus Neigung, sondern nur der Pflicht -willen geschieht – dann ist unsittlich die Tat der barmherzigen -Schwester, die aus Liebe sich dem Krankendienste -weiht, unsittlich die Tat des Kühnen, der aus Mitleid den -Ertrinkenden aus den Fluten ans Land holt, unsittlich -die Tat des Heiligen, der aus Gottesliebe sein Ich gänzlich -opfert, dann war unsittlich die Tat des Gottessohnes, da -er aus Liebe zu uns sein Leben dahin gab. Ein solches -Prinzip aufstellen, heißt das Edelste, Erhabenste aus dem -ethischen Gebiet verweisen und die größten Helden der -Menschheit zu Dämonen stempeln.</p> - -<p>Das sah man ein, darum kehrte man zu den <em class="gesperrt">objektiven</em> -Normen zurück; man nannte sittlich gut entweder -das Lustversprechende oder das Nützliche oder das -Fortschritt Verheißende und unterschied demnach den -ethischen <em class="gesperrt">Hedonismus</em>, den <em class="gesperrt">Utilitarismus</em> und den -<em class="gesperrt">Progressismus</em>. Aber auch diese reichen nicht aus.</p> - -<p>Nicht der <em class="gesperrt">Hedonismus</em>; denn, wenn das sittlich -gut ist, was die Lust, zumal die Sinnenlust fördert, dann -ist gut Müßiggang und Schwelgerei, Ehebruch und Lustmord, -dann sind alle Laster zu Tugenden geworden und -ernste Tugenden, wie Entsagung, Reinheit, zu Lastern.</p> - -<p>Will man ferner dem <em class="gesperrt">Utilitarismus</em> gemäß das, -was nützlich ist, als moralisch gut bezeichnen, so steht man -vor der Alternative, entweder alles, was irgendwie nützt,<span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[9]</span> -so zu werten, oder eine Auswahl zu treffen. Alles, was -irgendwie nützt, kann nicht moralisch gut sein; denn der -Raubmord nützt zum Gelderwerb, Ausschweifung, Rachsucht -zur Lusterregung, und doch wird es keinen ernsten -Denker geben, der sie nicht als verwerflich brandmarkt.</p> - -<p>Man muß also unter dem Nützlichen eine Auswahl -treffen, man kann nur das als gut bezeichnen, was zu -einem guten Zweck dient – dann fragt es sich aber: Wie -kommt es, daß dieser Zweck ein guter, ein anderer ein -schlechter ist? So muß ich eine andere Norm zu Rate -ziehen.</p> - -<p>Fast dasselbe läßt sich von dem dritten System, dem -<em class="gesperrt">Progressismus</em>, sagen. »Gut ist, was dem Fortschritt -dient«; ja, ist aber jeder Fortschritt gut? – auch der Fortschritt -des Übermenschen, der das Herdenvolk mit Füßen -tritt? Und worin besteht der Fortschritt? In Steigerung -der Wissenschaft oder in Anhäufung des Volksvermögens -oder in der Kunst? Und warum sind denn Wissenschaft, -Volkswohl und Kunst gut? Alle diese Maßstäbe sind zu -dehnbar, zu unsicher.</p> - -<p>Näher kommt man der Wahrheit, wenn man den -Fortschritt in die <em class="gesperrt">harmonische Ausbildung</em> des -Einzelmenschen und der Gesamtheit verlegt. »Menschheit -lebe so, wie es deiner Natur und Würde entspricht«, lautet -darum eine andere Formulierung des sittlichen Grundgesetzes. -(Zeller.)</p> - -<p>Einverstanden, wenn man die menschliche Natur in -<em class="gesperrt">ihrer ganzen Eigenart</em> und <em class="gesperrt">all ihren Beziehungen</em>, -d. h. als Teil des Ganzen erfaßt. Seiner -Natur nach ist der Mensch ein geistig-sinnliches Wesen, -der Geist aber steht höher als das sinnliche Element, darum -hat der Geist die Triebe zu regeln, zu lenken; der -Mensch ist seiner Natur nach Bruder vieler Brüder, -darum hat er den Mitmenschen in allem gerecht zu werden; -der Mensch ist seiner Natur nach Geschöpf des einen wahren -Gottes, darum kann er Gott nicht übersehen, sonst handelt -er naturwidrig. Soweit die ihm gewordene Natur sich -erstreckt, so weit auch die auf der Natur fußende Pflicht.</p> - -<p>Will der Mensch nun seiner <em class="gesperrt">eigenen Würde</em> gerecht -werden, so hat er sich vor dem Übergewicht des<span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[10]</span> -Sinnlichen zu hüten, er hat seine Triebe nach dem Willen -der geordneten Natur zu regeln, Eßtrieb und Trinklust, -sexuelle Neigung und Zornesempfinden, er hat also keusch, -mäßig und sanftmütig zu leben.</p> - -<p>Will er der <em class="gesperrt">sozialen</em> Eigenart seiner Natur entsprechen, -so hat er den Urhebern seines Lebens, den Eltern, -sich anzupassen, hat die höhere Autorität des staatlichen Verbandes -zu achten, hat er Eigentum und Leben zu schonen -und, weil aus dem ungerechten Begehren die unheilvolle -Tat aufflammt, auch innere Neigungen zu unterdrücken.</p> - -<p>Will der Mensch aber nicht den wichtigsten Teil seiner -natürlichen Stellung übersehen, so hat er sich auch <em class="gesperrt">dessen -zu erinnern</em>, dem er alles verdankt, seines Schöpfers, -hat ihn anzuerkennen und seinen Forderungen zu entsprechen.</p> - -<p>Was will das aber alles anderes sagen als das: -Du sollst keine fremden Götter neben mir haben, gedenke, -daß du den Sabbat heiligest, du sollst Vater und Mutter -ehren, du sollst nicht töten, nicht ehebrechen, lügen und -stehlen, du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib noch -alles, was sein ist? So führt die Unzulänglichkeit der -modernen Moral ganz von selbst zu den Forderungen -zurück, die sie zu ersetzen versprach, zu den Forderungen -der zwei Tafeln Moses. Keine Ethik, die das menschliche -Leben vernunftgemäß zu ordnen gedenkt, wird an den -zehn Geboten vorbei und über sie hinauskommen. Nicht -aus Willkür gab der Höchste diese Gesetze, sondern weil -er sah, daß ohne sie nur chaotische Anarchie die Völker -beherrschen wird.</p> - -<div class="figcenter" id="illu-010"> - <img src="images/illu-003.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 class="nobreak" id="kap02">II. Gott allein ist der letzte Verpflichtungsgrund -der Moral.</h3> -</div> - -<p>Zwanglos wie die Moderne sein will, sucht sie auch -den Zwang aus der Moral zu entfernen. Handeln aus -Neigung, aus Achtung vor der Persönlichkeit, nicht aus<span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[11]</span> -irgendwelchem Druck, das ist ihre Lieblingsidee, eine Idee, -die in gleicher Weise der Psychologie der ethischen Ordnung -wie ihrer Geschichte sich entgegenstellt.</p> - -<p>Mit vollem Recht bemerkt Eucken dem gegenüber: -»Unter Moral hatten wir uns gewöhnt an die Anerkennung -einer <em class="gesperrt">willkürentzogenen</em> Ordnung, an <em class="gesperrt">die Hochhaltung -von Pflicht und Gewissen zu denken</em>. -Was aber der aesthetische Subjektivismus mit seiner -»neuen Ethik« bietet, ist nichts anderes als ein feinerer -Epikuräismus, als ein Selbstgenuß des Individuums, das -sich von aller Hemmung frei weiß.« (A. a. O. S. 337)</p> - -<p>Eine auch nur oberflächliche Analyse des ethischen -Lebens der Völker ergibt allerdings als unantastbares -Wahrheitsgut die eine Tatsache, daß das Sittengesetz nicht -etwa ein »ich möchte von Dir« oder »ich rate Dir«, sondern -ein »ich <em class="gesperrt">will</em>«, »Du sollst« gebieterisch ausspricht, daß -es auch gegen die Neigungen sich durchsetzt. »Gut im -moralischen Sinne«, sagt Paulsen (Syst. d. Ethik I<sup>8</sup> -S. 342), »ist ein Handeln, dessen Motiv die Achtung vor -der Pflicht ist. Die Erfüllung der Pflicht liegt aber, wie -es scheint, nicht eben in der Richtung des natürlichen -Willens. Im Gegenteil: Pflicht ist, wie die Wortbedeutung -es einschließt, was man nicht gern tut; was man aus -Neigung tut, ist nicht Pflicht … zwischen Pflicht und -Neigung ist Widerstreit; das Pflichtgefühl tritt der Neigung -entgegen, abnehmend oder antreibend vor der Tat, strafend -oder billigend nach der Tat. Das Gewissen stellt sich im -Selbstbewußtsein nicht als der Ausdruck des natürlichen -Eigenwillens dar, sondern eines <em class="gesperrt">fremden</em>, eines <em class="gesperrt">höheren -Willens</em>, dem der eigene Wille sich beugt oder wenigstens -sich zu beugen eine innere Nötigung fühlt: ein Sollen tritt -in der Pflicht … dem bloßen Wollen gegenüber. Und aller -eigentlich moralischer Wert scheint nun eben darauf zu -beruhen, daß das Wollen dem Sollen sich unterordnet.«</p> - -<p>Und unter dem Druck dieses »Du sollst« steht die -ganze Menschheit. »Nun findet«, sagt Kant, »jeder Mensch -in seiner Vernunft die Idee der Pflicht und zittert beim -Anhören ihrer ehernen Stimme, wenn sich in ihm Neigungen -regen, die ihn zum Ungehorsam gegen sie versuchen«. (Kl. -Schr. IV, 14.)</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[12]</span></p> - -<p>Die Geschichte und persönliche Erfahrung geben ihm -Recht. »Ob wir moralisch gut handeln wollen oder nicht, -ist uns nicht freigestellt, sondern das Sittengesetz -zu beachten fühlen wir uns verpflichtet.« In dem Satz -sind alle Moralphilosophen einig, mögen sie nun zu den -Peripatetikern zählen oder zu den Stoikern, mögen sie -mit Cicero und Seneka in Rom doziert haben oder mit -Fichte und Schleiermacher in Berlin, mögen sie mit -Darwin und Spenzer auf evolutionistischem Standpunkt -stehen oder mit Lotze, Laes, Ihering zum Prinzip des -Allgemeinwohles sich bekennen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Das Bewußtsein, verpflichtet zu sein, ist -eine der allgemeinsten Tatsachen der Menschheit.</em></p> - -<p>Sie ist aber auch die <em class="gesperrt">notwendigste</em> Voraussetzung -einer moralischen Ordnung. Das »sittliche Handeln nur -aus Neigung« mag sich in der Theorie recht schön ausnehmen, -aber »nur ein grenzenloser, man möchte sagen, -kindlich naiver Optimismus, den man liebenswürdig nennen -möchte, wenn er nicht mit seiner die Halbgebildeten bestechenden -Flachheit gefährlich wäre, kann wähnen, daß -man dem Menschen nur schrankenlose Freiheit zu gewähren -brauche, um das ganze Leben zu seliger Harmonie zu -führen.« (Eucken a. a. O. S. 337.)</p> - -<p>Nur zu wahr! Wie oft liegen Neigung und ethische -Anforderung miteinander in Konflikt! Man denke doch -nur an die Kämpfe auf sexuellem Gebiet! Was ist es, -daß die Jugend noch von dem Genuß so sehr lockender, -aber verbotener Früchte fernhält, wenn nicht das eine: -Du <em class="gesperrt">sollst</em> enthaltsam sein? Und was ist es, daß Gatten und -Gattin trotz aufflammender entgegengesetzter Neigung zum -häuslichen Herd zurückdrängt, wenn nicht das eine: Du -<em class="gesperrt">darfst</em> nicht untreu sein? Was ist es, was den Kapitän -zwingt, auf dem sinkenden Dampfer bis zu allerletzt auszuhalten -und so sich dem Tode zu weihen, wenn nicht die -Pflicht? Und was ist es, das beim Kriegsruf die ganze -Mannschaft des Landes trotz Gatten- und Vaterliebe ins -Feuer treibt, wenn nicht wiederum die Pflicht? »Die -Pflicht ruft«, und alle Neigungen und Sonderinteressen -verschwinden. Nur sie bringt Halt und Festigkeit, Einmütigkeit -und Ordnung ins Leben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[13]</span></p> - -<p>Das Pflichtbewußtsein <em class="gesperrt">existiert überall</em> und es -ist <em class="gesperrt">notwendig überall</em>. Das sind also zwei Tatsachen, -an denen nicht gerüttelt werden kann.</p> - -<p>Wie aber kam das Sollen ins menschliche Wollen? -»O Pflicht«, ruft Kant aus, »der du nichts Beliebtes -und, was Einschmeichelung mit sich führt, in dir fassest, -sondern Unterwerfung verlangst und … ein Gesetz aufstellst …, -vor dem alle Neigungen verstummen …, welches -ist der deiner würdige Ursprung?« (Kr. d. pr. V. I T. -1 B. III. Reclam, S. 105.)</p> - -<p>Das Christentum beantwortete diese Frage mit dem -Hinweis auf Sinais Höhen. Gott war es, der dort an -den Menschen herantrat und ihm sein »Ich bin der Herr -dein Gott, du sollst … du sollst nicht« wiederum einschärfte. -Gott der Urheber der Verpflichtung, das ist allerdings eine -Erklärung, die allseits befriedigen muß; denn wo eine -Verpflichtung ist, da muß zunächst ein Verpflichtender -sein. Forderungen werden im Sittengesetz an den Menschen -gestellt, nicht nur Ratschläge gegeben; wo Forderungen laut -werden, muß aber ein <em class="gesperrt">mit Recht</em> Fordernder sein. Gesetze -sind die ethischen <em class="gesperrt">Normen</em>, nicht <em class="gesperrt">Wunschäußerungen</em>; -wo Gesetze gegeben werden, darf aber der Gesetzgeber -nicht fehlen; Gesetzgeber, Fordernder, Verpflichter -kann aber nur eine <em class="gesperrt">über dem Verpflichteten stehende -Macht</em> sein.</p> - -<p>Nun sehen wir, daß das Sittengesetz über dem Einzelindividuum -wie über der Gesamtheit steht; denn die -Gesamtmenschheit weiß sich an dasselbe gebunden. Darum -muß die <em class="gesperrt">Ursache der Verpflichtung über die Gesamtmenschheit -erhaben</em> sein. Die blinde, notwendig -wirkende Natur kann aber denkende Menschen nicht verpflichten, -so bleibt nur die eine Lösung: <em class="gesperrt">die Pflicht -stammt von dem, der Urheber, Herr der Menschheit -ist, von Gott</em>.</p> - -<p>Diesen Schluß sucht die Neuethik zu umgehen. Sie -beruft sich zum Teil mit Kant auf die Autonomie des -Menschen, auf die Selbstgesetzgebung. »Der Wille gibt sich -selbst Gesetz« (Kant, Grundl. z. Met. d. S., S. 134). -»Alle Sittlichkeit ist gleichbedeutend … mit der freien -Übereinstimmung mit dem eigenen Gesetz«. (Lipps, Die -eth. Grundfragen, S. 107). »Wahrhaft moralisch ist allein<span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[14]</span> -die innere, die autonome Verpflichtung. Der Gute stellt -sich freiwillig in den Dienst des Guten …, er wird nicht -von außen her verpflichtet, er selbst ist der Verpflichtende -zugleich und der Verpflichtete« (A. Adickes, Zeitschr. für -Philos. CXVI 23–24) – das ist die Sprache der Moderne. -Kein Wunder, daß sie die christliche Ethik, die Unterwerfung -unter einen höheren Willen Gottes und seiner Weltvertreter -predigt, als unsittlich brandmarkt.</p> - -<p>Die Hauptanklage der »Autonomen« gegen die Heteronomie -(Fremdgesetzlichkeit) der christlichen Moral geht dahin, -daß sie zu <em class="gesperrt">wenig sittlich</em> sei, denn sittlich sei nur, -was aus dem eigenen Innern quelle. Es sei ebenso widersinnig, -meint Ed. von Hartmann, durch Heteronomie sittlich, -als durch fremdes Essen fett werden zu wollen (bei Cathrein, -Moralphil. I, S. 251). »Sittlich in vollem Sinne ist der -noch nicht, der nicht selbst seinen Willen betätigt, sondern -einem fremden Willen sich beugt«, bemerkt Dorner (Das -menschliche Handeln, S. 272).</p> - -<p>Wenn diese Aussprüche berechtigt wären, dann müßte -man nicht nur die Unterwerfung des Willens unter Gottes -Gesetz und kirchliche Autorität, sondern mit demselben Recht -auch jede Unterwerfung unter das Staatsgesetz, unter -Elterngebot, überhaupt unter jede Autorität verdammen, -denn hier gelten die gleichen Voraussetzungen. Autonomie -führt zur Anarchie! Wer sieht aber nicht ein, daß damit -ein geordnetes menschliches Gemeinschaftsleben gänzlich -unmöglich gemacht wird? Jahrtausende hat die Menschheit -diese Heteronomie als erste sittliche Forderung betrachtet -und jetzt plötzlich soll sie in Unsittlichkeit verkehrt werden?</p> - -<p>Und warum denn? Sie ist Fremdgesetzlichkeit, sie -berührt das eigene Innere so wenig. Ed. v. Hartmann -braucht das Bild vom fremden Essen, ein Bild, das die -Nichtigkeit der gegnerischen Anklage sofort offen legt. Vom -fremden Essen wirst du nicht erstarken, das ist wahr – -wie aber, wenn ein anderer dir Brot reicht und du selbst -es dir zubereitest und verspeisest, wirst du dann nicht -gesunden? Und das ist unser Standpunkt. Gott tritt an -uns heran und reicht uns das Seelenbrot seines Gesetzes, -meinetwegen das Gebot: Gedenke, daß du den Sabbat -heiligest. Ich vernehme das inhaltreiche Wort, ich sage -mir, Gott, dein Schöpfer und Herr gebietet; für dich als<span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[15]</span> -Geschöpf Gottes ist es geziemend, dich deinem Herrn zu -unterwerfen, du bist es deiner Würde, Natur und Stellung -schuldig – und darum erfasse ich das Gebot, ich mach es -mir zu eigen, ich entschließe mich frei, das Gesetz zu beobachten, -weil ich diesen Gehorsam als sittlich gefordert -erkenne. Es geht also der Unterwerfung ein innerer -durchaus ethischer Prozeß voraus.</p> - -<p>Das Motiv meiner Unterwerfung ist die Erwägung, -daß ich als Geschöpf allen sittlichen Beziehungen gerecht -werden muß, besonders auch den Beziehungen zu dem, der -mir alles gab, meinen Urgrund. Das ist sittlich – unsittlich -ist aber gerade die Selbstgesetzgebung, die sich Gott -und seiner Autorität nicht fügen will, sie bedeutet Aufruhr! -Aufruhr ward nie als sittliche Tat gebucht.</p> - -<p>Diese Autonomie ist außerdem, von anderem ganz abgesehen, -gar nicht geeignet, die Tatsache des allgemeinen -Pflichtbewußtseins zu erklären. Verpflichten kann doch nur -jemand, der über mir steht. Ich kann mir vornehmen, -etwas zu tun, verpflichten kann ich mich nur einem höheren -gegenüber, nicht mir selbst. Zudem finden wir uns als -Verpflichtete vor, wir schaffen die Verpflichtung nicht, der -Eigenwille ist Vollstrecker des Gesetzes, nicht Gesetzgeber.</p> - -<p>Von der Unhaltbarkeit der individualistischen Selbstgesetzgebung -überzeugt, verlegen andere Ethiker unserer -Zeit den Ursprung der Verpflichtung in die <em class="gesperrt">Gesamtmenschheit</em>. -»Er, der autoritative Charakter der Pflicht«, -meint Paulsen (a. a. O. S. 345), »kommt aus dem Verhältnis -des einzelnen zu dem sozialen Ganzen, als dessen -abhängiges Glied er sich weiß. In dem <em class="gesperrt">Willen des -sozialen Ganzen</em>, das sich in Sitte und Recht objektiviert, -stellt sich ihm ein überlegener … Wille gegenüber: -er fühlt sich gebunden durch die Normen, die ihm -durch Sitte und Recht vorgezeichnet sind.«</p> - -<p>Anstatt des Eigenwillens repräsentiert also der in Sitte -und Recht ausgesprochene Gesamtwille den Gesetzgeber.</p> - -<p>Aber Sitte und Sittengesetz sind doch zwei ganz verschiedene -Größen, die Sitte z. B. dreimal im Tag zu -essen, <em class="gesperrt">kann</em> ich beobachten, wenn ich will; das Gesetz, -den Tag des Herrn zu heiligen, <em class="gesperrt">muß</em> ich beobachten, -wenn ich auch nicht will. Die Sitte lockt, die Sittlichkeit -verpflichtet. Wie will mich die Gesamtheit zu dem verpflichten,<span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[16]</span> -im Gewissen verpflichten? Zwingen könnte sie -mich, verpflichten nicht. Und wenn die Verpflichtung nur -dem Gesamtwillen entstammte, wie wollte man es -denn erklären, daß auch, wenn eine Gesamtheit, wie in -einem Räuberstaat, andere Sitten schafft, doch das Gewissen -sich regt? Das Gewissen sagt uns, daß wir alle einem -über der Menschheit Stehenden verpflichtet sind. Oder -glaubt man, wenn einmal der Gesamtwille den Mord -erlaubte, daß das Gewissen den Mord rechtfertigte? Die -Gesamtheit weiß, daß das Sittengesetz ihr entrückt ist, es -steht über der Gesamtheit, auch die höchsten Spitzen der -Gesamtheit sehen sich einem Höheren gegenüber gebunden – -die Verpflichtung stammt also nicht von der Gesamtheit, -sonst könnte sie ja auch einmal sich zu Raub und Unzucht -verpflichten, wer will das zugeben?</p> - -<p>Das Gleiche läßt sich sagen von all den modernen -Versuchen, die Pflicht empirisch zu begründen. Man sah, -sagt man uns, daß gewisse Handlungen Nutzen und Freude -für den einzelnen und die Gesamtheit, andere Schaden -und Unlust brachten. Man gewöhnte sich allmählich an -ein diesen Unterschieden entsprechendes Handeln und so -auch daran, in diesem Handeln eine Schranke, eine Pflicht -zu erblicken. Es wäre demnach die Pflicht nur ein Kollektivbewußtsein -von der Nützlichkeit und Schädlichkeit gewisser -Handlungen.</p> - -<p>Aber die Forderungen des Sittengesetzes sind absolut. -Auch wenn Unlust oder Schaden folgt, hat der -Mensch sittlich gut zu handeln. Sittlichkeit ist nicht Krämergeist. -Ein anderes ist der Rat: Halte Diät, wenn du -gesund bleiben willst, ein anderes das Gebot: Sei ehrlich!</p> - -<p>Angewöhnung bedingt noch keine Verpflichtung, und -wenn Verpflichtung nur Angewöhnung wäre, so würde -daraus folgen, daß auch das zur Gewohnheit gewordene -Schlechte einmal verpflichten könnte. Wie man die Sache -auch wenden mag, die Gesamtheit genügt zur gänzlichen -Erklärung der Pflicht nicht. Nur ein über der Gesamtheit -stehendes Etwas kann allein den letzten Grund für die -allgemeine Tatsache der Verpflichtung abgeben.</p> - -<p>Es bleiben also an sich nur zwei Möglichkeiten: die -Natur oder der Schöpfer der Natur. Die Natur als -geistloses, unfreies Etwas ist gewiß auch zur Lösung<span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[17]</span> -unserer Frage nicht geeignet. Wir werden also wiederum -zur christlichen Theorie zurückgedrängt: Gott ist der Gesetzgeber, -der da sprach »Du sollst«, »Du sollst nicht.«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-017"> - <img src="images/illu-003.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 class="nobreak" id="kap03">III. Gott ist die allein durchschlagende -Werbekraft der Moral.</h3> -</div> - -<p>Moralische Vorschriften darlegen, genügt nicht zum -moralischen Handeln; gegen diese Vorschriften bäumen im -Herzen des Menschen zu viele Sonderinteressen und Leidenschaften -sich auf. »Das Fleisch gelüstet wider den Geist«. Es -muß zur <em class="gesperrt">Darlegung</em> der ethischen Normen ein <em class="gesperrt">Anreiz</em> -oder Antrieb zur Beobachtung dieser Normen hinzutreten. -Darin sind christliche und moderne Ethik einig.</p> - -<p>Die christliche Moral nun findet diesen Antrieb zur -Beobachtung des Gesetzes Gottes in dem in Aussicht gestellten -Lohn oder Zorn Gottes. Der »Modernen« aber -erscheint ein solches Vorgehen zu wenig edel, zu »lohnsüchtig«, -zu »egoistisch«, dabei zu unwirksam und unwahr. -»Gesinnungsmoral, nicht Erfolgsmoral«, ist ihre Parole, -und mit dem Deutschen Freidenkerbund hält sie »Bildung, -Kenntnisse, gutes Beispiel und materielles Wohlergehen -für bessere Erziehungsmittel als das Drohen oder Locken -mit der Vergeltung in einem erträumten ewigen Leben«. -(Freidenkerflugblatt Würzburg 6. III. 1910.)</p> - -<p>Drei Einwendungen werden also gegen den Hinweis -der christlichen Moral auf das Jenseits erhoben: er sei -zu wenig edel, zu wenig wahr und zu wenig wirksam.</p> - -<p>1. Ein sittliches Handeln aus Ewigkeitsrücksichten soll -zu wenig <em class="gesperrt">edel</em> sein, zu lohnsüchtig, zu egoistisch. Prüfen -wir. –</p> - -<p>Das Handeln aus <em class="gesperrt">Furcht</em> vor Gott und seinen -ewigen Strafen scheint zunächst keine wahre Sittlichkeit -bewirken zu können. Aber ist denn ein Handeln aus Furcht -wirklich menschenunwürdig und unedel? Wenn im Theater -plötzlich ein Brand ausbricht und alles, aus Furcht umzukommen, -flüchtet, wenn ein kalter Ost weht und man -aus Furcht vor Erkältung sich einhüllt, wenn das Kind<span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[18]</span> -sich dem Ufer des Stromes naht und nun aus Furcht -von der warnenden Mutter zurückgerufen wird, will man -da behaupten, daß diese Handlungen alle unsittlich seien? -Wenn sie unsittlich sind, dann müßten sie und derartige -Taten überhaupt alle verboten werden; denn Unsittliches -darf die Menschheit nicht dulden. Das wird niemand aber -fordern können; denn diese Handlungen gehen aus einem -durchaus einwandfreien Motiv hervor, dem <em class="gesperrt">Motiv der -Selbsterhaltung</em>. Selbsterhaltung ist aber einer der -grundlegendsten moralischen Pflichten.</p> - -<p>Wenn es aber gut und notwendig ist, sich schon vor -<em class="gesperrt">zeitlichem</em> Übel zu schützen, dann ist es gewiß sittlich -gut und notwendig, sich vor einer Qual zu bewahren, die -<em class="gesperrt">ewig</em> dauert und vor einem Verlust, den alle irdischen -Dinge nicht aufwiegen können. Sagt doch auch Christus: -»Fürchtet nicht diejenigen, welche den Leib töten, die Seele -aber nicht töten können, fürchtet vielmehr denjenigen, der -Leib und Seele ins höllische Verderben stürzen kann.« -Wir fürchten ja nicht nur knechtisch die <em class="gesperrt">Strafe</em>, sondern -<em class="gesperrt">das Böse</em>, die Sünde selbst, allerdings <em class="gesperrt">wegen der -Strafe</em>, wir fürchten den <em class="gesperrt">Zorn Gottes</em>, »die Furcht -Gottes aber ist der Anfang der Weisheit«, also durchaus -gut. Darum sagt auch die Schrift: »Fürchte Gott und -halte seine Gebote, das ist der ganze Mensch«.</p> - -<p>Wenn ferner die <em class="gesperrt">Hoffnung</em> auf den Lohn im -Himmel uns antreiben soll, das Gesetz zu beobachten, dann -kann hierin auch durchaus nichts <span id="corr18">Tadelnswertes</span> gefunden -werden. Der Mensch ist ja seiner Natur nach zur Erlangung -des vollkommenen Glückes vorherbestimmt, ebenso -wie das Auge zum Sehen, das Ohr zum Hören. <em class="gesperrt">Die -Anlagen naturgemäß entfalten kann doch nicht -unsittlich sein.</em> Wenn die katholische Askese Ehelosigkeit, -freiwillige Armut rät, dann erhebt man gegen sie den -Vorwurf, daß sie unsittlich handle, indem sie der Natur -ihre Rechte verweigere, und hier, wo die katholische Moral -dem natürlichen Grundtrieb nach vollem Glück gerecht -werden will, da ist sie »unsittlich« oder nicht erhaben genug!</p> - -<p>Hoffnung ist eine der Haupttriebkräfte des menschlichen -Lebens. Hoffnung auf Sieg verleiht dem Soldaten -Ausdauer, Hoffnung auf Entdeckung ferner Länder treibt -den Nordpolfahrer in eisige Regionen, Hoffnung auf<span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[19]</span> -Gewinn beseelt den geschäftlichen Unternehmer sowohl wie -den Landmann und niemanden fällt es ein, all das als -unrecht zu brandmarken – er würde ja sonst dem ganzen -menschlichen Leben seine Schwungkraft rauben – warum -soll es nun plötzlich unerlaubt sein, aus Hoffnung auf ein -ewiges, alles Irdische weit überragendes Glück zu handeln?</p> - -<p>Zudem weiß doch jeder Christ, daß das Himmelsglück -im Wesentlichen <em class="gesperrt">im Besitze Gottes</em> besteht. Nach Gott -verlangen wir, und um Gott zu erlangen, arbeiten wir! -<em class="gesperrt">Gott ist aber ein viel edleres Motiv, als alle -Tugend um ihrer selbst willen erstrebt.</em> Unser -Motiv ist um Himmelshöhe erhaben über alles, was die -Neuethik uns in Aussicht stellen kann.</p> - -<p>Handelt ferner christliche Moral nur aus Furcht und -Hoffnung oder empfiehlt sie nicht das: »Du sollst den Herrn -Deinen Gott <em class="gesperrt">lieben</em> aus Deiner ganzen Seele, aus -Deinem ganzen Gemüte« als das erste und größte Gebot? -Und blieb die Mahnung erfolglos? Wo finde ich denn so -viele Seelen, die ohne eigenen Nutzen, rein aus Liebe zu Gott, -wohltätige Stiftungen machten, ihr Vermögen den Armen -schenkten, sich ganz dem Herrn weihten? »Er hat mich -geliebt und sich dahingegeben«. Dieser Gedanke erfaßte einen -Paulus bis ins Innerste, und es hielt ihn nicht, bis er -alles geopfert und alles für Christus gewonnen. Und diesen -Hochgesang christlichen Tugendstrebens nehmen die nachfolgenden -Geschlechter auf; ihn sangen die Chöre Gottgeweihter -in ihrer einsamen Wüste; ihn die Heldenschar -der Märtyrer in der Arena; er ward zum Leitmotiv all' -der Millionen von Heiligen und Bekennern der Kirche.</p> - -<p>Nichts Kleines ist also das Motiv des christlichen -Tugendstrebens, sondern Gott; Gott, der zürnende, schreckt -vom Bösen ab; Gott, der beglückende, lockt zum Gebotenen -an; Gott, der liebende, zieht die Seele mit Gewalt, alle -irdischen Bande abzustreifen, Schwingen zu nehmen gleich -dem Adler und ihm, dem Höchsten, zuzueilen. Ein Beweggrund, -wie er erhabener gar nicht gedacht werden kann!</p> - -<p>2. Aber ist das Ewigkeitsstreben auch genügend <em class="gesperrt">begründet</em>? -Man spricht vom Drohen und Locken mit -einem »<em class="gesperrt">erträumten</em> Jenseits«.</p> - -<p>Die Antwort hierauf ist bereits erfolgt: im ersten -Heft dieser Serie von Vorträgen wurde erwiesen, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[20]</span> -es einen überweltlichen, persönlichen Gott gibt, im vierten, -daß die Menschheit nach dem Tode weiterleben muß. -Damit ist Lohn und Strafe im Jenseits gegeben.</p> - -<p>Jeder Gesetzgeber verhängt Strafen auf die Übertretung -seiner Gesetze und er muß es; denn wie wäre es -sonst möglich, seinen Worten Nachdruck zu verleihen?</p> - -<p>Die Macht irdischer Gesetzgeber reicht nur bis zu -ihrem Tode. Gott, die ewige Macht, aber umfaßt wie die -Sonne am Himmel die diesseitige und jenseitige Hemisphäre. -Gott ist in der Ewigkeit, der Mensch lebt weiter in der -Ewigkeit, darum ist eine Belohnung oder Bestrafung im -Jenseits auf jeden Fall möglich. Wer könnte das leugnen?</p> - -<p>Sie ist mehr als möglich, sie ist gewiß. Wenn Gott -Gesetze gibt und der Mensch sie übertritt, dann kann und -darf Gott sich das nicht bieten lassen. Er muß strafen.</p> - -<p>»Aber«, sagt man, »hienieden findet die Tugend ihren -Lohn, das Laster seine Strafe.«</p> - -<p>Nicht leugnen will ich, daß das oft der Fall ist, aber -immer? Wo finden denn die vielen Blinden, Lahmen, -Kriegsinvaliden, die vielen gedrückten Gattinnen, gemarterten -Kinder, ihrer Ehre und ihres Vermögen grausam -Beraubten hienieden ihren Lohn? Und finden all -die Hochstapler, Mädchenhändler, Verführer, Tyrannen -hienieden ihre Strafe? Sagt nicht der Volksmund: »Die -kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man laufen?« -Und vernimmt man nicht oft genug die Klage, daß den -Gottlosen hienieden alles nach Wunsch geht, während das -redliche Bemühen der Guten von stetem Mißerfolg begleitet -ist? Gewiß ist es, daß nur ein Teil der Bösen hier -seine Strafe findet, nur ein Teil der Guten hienieden einen -Lohn; wäre es denn gerecht von Gott, wenn die andern -leer ausgingen? Und wäre es mit seiner Heiligkeit vereinbar, -daß er das Gottwidrige überhaupt nicht verfolgte?</p> - -<p>Doch abgesehen von alledem: man übersieht bei diesem -Einwand ganz und gar, daß Lohn und Strafe nicht nur -da sind, die <em class="gesperrt">geschehene Tat</em> zu berichtigen, sondern vor -allem, <em class="gesperrt">auf die noch zu geschehenden</em> Taten im Sinne -der sittlichen Ordnung einzuwirken. Die Sanktion des -Gesetzes soll in erster Linie zur Beobachtung des Gesetzes -antreiben, nicht den Durchbruch des Gesetzes wieder gut -machen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[21]</span></p> - -<p>Wer immer das Recht besitzt, Befehle und Gesetze zu -erlassen, muß auch die Macht haben, seinen Willen durchzusetzen. -Wie könnte ein Vater seine Kinderschar, ein Lehrer -seine Schule, ein Feldherr seine Truppen, ein König seine -Untertanen regieren, wenn jene alle den Befehlen ungestraft -trotzen könnten?</p> - -<p>Wie wird nun der Nachdruck auf Befehl und Gesetz -gelegt? Doch wohl durch Hinweis auf Lohn oder Strafe. -Vater und Lehrer drohen mit der Rute, Feldherr und -König mit Arrest und Tod!</p> - -<p>Selbstverständlich, daß auch der König der Könige, -Gott, seine Kerker wie seine Kronen zur Verfügung hat. -Gottes Sanktion muß nun einer doppelten Anforderung -gerecht werden, sie muß einerseits <em class="gesperrt">genügende Motive</em> -für das sittliche Handeln abgeben und darf dabei doch -anderseits <em class="gesperrt">die Freiheit</em> des Menschen nicht aufheben; -denn mit der Freiheit wäre ja die Möglichkeit, sittlich sich -zu betätigen, überhaupt genommen.</p> - -<p>Selbstverständlich ist es auch, daß nur <em class="gesperrt">ewige</em> Güter -und <em class="gesperrt">ewige</em> Strafen als Sanktion ausreichen; denn das -Sittengesetz ist unter allen Umständen verpflichtend – nie -darfst du die Unwahrheit sagen, nie einen Ehebruch verüben. -Die sittlichen Imperative sind kategorische Weisungen. -Sittengesetze sind absolute Gesetze.</p> - -<p>Wenn ich aber das Sittengesetz <em class="gesperrt">unter allen Umständen</em> -zu beobachten habe, dann kann es vorkommen, -daß ich <em class="gesperrt">eher alles Irdische</em>, mein Ansehen, mein -Vermögen, mein Leben preisgeben muß, als nur <em class="gesperrt">einer</em> -Übertretung der Gebote Gottes mich schuldig zu machen. -Wie oft waren und werden nicht Menschen in diese Lage -versetzt! Denken wir an Thomas Morus, an die Märtyrer -aller Zeiten, an die katholischen Beamten zur Zeit des -Kulturkampfes!</p> - -<p>Wären nun die auf Übertretung des göttlichen Gesetzes -stehenden Strafen leichter als irdische Verluste – dann -könnte ja der Mensch in solchen Lagen sagen: Gut, dann -wähle ich lieber das Leben und verachte das Gesetz und -seine viel geringere Strafe.</p> - -<p>Es müssen also die auf Gottes Gesetz stehenden Belohnungen -oder Strafen höher sein als alles Irdische. -Höher als das Irdische steht nur das Jenseitige; so weist<span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[22]</span> -uns die Logik auf eine jenseitige Sanktion des Sittengesetzes -hin.</p> - -<p>Die jenseitige Strafe aber muß eine <em class="gesperrt">ewige</em> sein. -Warum nicht? <em class="gesperrt">Ungerecht soll es sein</em>, eine kurz -dauernde Sünde ewig zu strafen? Aber richtet sich denn -die Dauer der Strafe nach der <em class="gesperrt">Dauer</em> der Sünde und -nicht vielmehr nach ihrer <em class="gesperrt">Bedeutung</em>? Nur einen -Augenblick dauert die Tat des Anarchisten, der eine Bombe -in einen königlichen Hochzeitszug hineinschleudert, soll er -nur einen Augenblick bestraft werden?</p> - -<p>Die Größe des Frevels ist ausschlaggebend, nicht die -Dauer. Die schwere Sünde ist ein <em class="gesperrt">unendlich großer</em> -Frevel. Die Größe einer beleidigenden Tat richtet sich ja -u. a. besonders nach dem Abstand zwischen dem Beleidiger -und dem Beleidigten. Nennt ein Rekrut einen Mitrekruten -»Lügner«, so wird ihm das bald verziehen; hält er dasselbe -Wort seinem Hauptmann entgegen, wird er schwerer bestraft; -würde er seinen obersten Kriegsherrn mit dem -gleichen Schimpfwort bedenken, so würde er des Majestätsverbrechens -angeklagt und noch schwerer zu büßen haben. -Und doch ist die Tat, an sich betrachtet, die gleiche, der -Abstand entscheidet über ihre Bedeutung.</p> - -<p>Der Abstand zwischen dem gesetzgebenden Gott und -dem gesetzübertretenden Menschen ist aber unendlich, darum -schließt die Sünde eine unendliche Bosheit in sich, die unendliche -Bosheit verlangt eine unendliche Strafe und, da -diese dem Maß nach nicht unendlich sein kann, muß sie -der Dauer nach ohne Ende sich ausdehnen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Unbarmherzig</em> soll die ewige Strafe sein? Aber -hat der Übertreter des Gesetzes sie nicht selbst gewollt? -Er konnte das Gesetz beobachten, Gott hatte ihm genügende -Mittel gegeben, hatte ihn gemahnt und gewarnt, hatte -ihm alles vorausgesagt, und wenn er nun dem Sünder -die mit offenem Blick und freiem Willen heraufbeschworene -Strafe zuteil werden läßt, dann soll das unbarmherzig -sein? Ein König fordert den Vasallen zum Feldzug auf, -sagt ihm: Wenn du mir folgst, ist ein Fürstentum dein, -wenn nicht, ein Kerker. Wenn nun der Vasall eigenmächtig -das Fürstentum ablehnt, ist es unbarmherzig vom König, -wenn er es ihm <em class="gesperrt">nie</em> zuteil werden läßt? In der schweren -Sünde verzichtet der Mensch auf Gott und seinen Himmel;<span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[23]</span> -wer will nun Gott anklagen, daß er ihm beides nicht gibt? -Gott gab dir zwei Arme; wenn du einen freventlich abhaust, -wie willst du Gott belangen, daß er dir keinen -neuen wachsen läßt? Wer aber Gott im Jenseits verloren -hat das Licht verloren, Schönheit, Glück und Frieden, das -ist ja einer der wesentlichen Bestandteile der ewigen Verbannung.</p> - -<p>Gerade weil Gott gütig und barmherzig ist, darum -muß er mit einer ewigen Strafe und dem Verlust einer -ewigen Belohnung drohen, Gott muß die <em class="gesperrt">Menschen -vor einander</em> schützen. Durch Mord, Diebstahl, Ehebruch, -Gewalttat werden Menschen, zumal die Guten, geschädigt. -Darf Gott nun solchen Greueln untätig zuschauen? -Müßten dann nicht alle Edlen sich empören, daß Gott sie -rücksichtslos den Launen der Bösen überließe? »Sage mir«, -bemerkt treffend der hl. Chrysostomus »wenn jemand alle -Lasterhaften aller Arten versammelte, sie mit Schwertern -bewaffnete und dann befähle, die ganze Stadt zu durchlaufen -und jeden ihnen in die Hände Fallenden niederzumetzeln, -wäre das menschlicher? … Wenn aber ein anderer -alle jene Lasterhaften bände, einkerkerte, wäre das nicht -eine menschenfreundliche Tat? Wende das auf das Gesetz -an …«. (16. Säul. Hom.)</p> - -<p>In der Tat, mit seinem Gesetz und seiner Drohung -fesselte Gott alle bösen Leidenschaften mit einem starken -Band; wer die Strafe nimmt, entfesselt alle Leidenschaften -und läßt sie wie eine wilde Meute auf die Menschheit los. -Wo bleibt da Sicherheit, wo Ruhe und Ordnung?</p> - -<p>Wer ferner alles aufbietet, um der Menschheit zu -ihrem wahren Glück zu verhelfen, der handelt gewiß gut -und edel. Tut Gott das nicht auch mit seiner Drohung? -»Nicht weniger als das Himmelreich«, sagt derselbe Kirchenlehrer, -»offenbart die Androhung der Hölle seine (Gottes) -Güte. Und wie? Wenn er mit der Hölle nicht drohte, … -so würden nicht viele des Himmelreiches teilhaftig werden; -denn das Versprechen von Gütern ruft nicht so erfolgreich -die Mehrzahl zur Tugend auf als die Androhung von -Übeln« (7. Säul. Hom. 2).</p> - -<p>Nur zu wahr. Beides: Versprechen des Himmels und -Drohung mit der Hölle führt zu Gott. Gott ist aber das<span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[24]</span> -einzige Glück des Menschen; ist nun die Drohung mit -der Hölle nicht ein Ausfluß der Barmherzigkeit des Herrn?</p> - -<p>Aber für den Übeltäter selbst ist die Strafe zu groß. -Gott könnte ihn ja <em class="gesperrt">vernichten</em>. Ja, er könnte es, wenn -er nur allmächtig, nicht auch allweise und allheilig wäre.</p> - -<p>Das Eine ist doch gewiß, Gott muß auf Anerkennung -seiner Autorität bestehen. Ein Gott, der sich alles gefallen -ließe, würde uns nicht gefallen. Wenn nun der Mensch -der Vernichtung anheimfiele, würde er sich dann um Gott -überhaupt kümmern, dann, wenn heftige Leidenschaft ihn -drängt? Er würde hintreten können und sagen: »Gott -gebiete nur, drohe nur, ich entgehe Dir doch.« Der Gedanke -an das Nichts würde nicht von der Sünde abschrecken, -sondern sie eher befürworten.</p> - -<p>Gott muß aber darauf bestehen, daß der Mensch sich -ihm unterwirft, ihn anerkennt; erkennt er die Güte nicht -an, dann muß die Gerechtigkeit ihn dazu zwingen – aber -nur eine ewige Strafe ist dazu imstande, dann, wie gesagt, -würde der Sünder mit dem »ich entgehe Gott schließlich -doch« sich in seinem gesetzwidrigen Verhalten bestärken.</p> - -<p>»Aber Hoffnung auf den Himmel und Furcht vor der -Hölle schrecken auch nicht immer von der Sünde ab.« Abschrecken -tun sie stets, ganz die Sünde hindern nicht, mit -seinem freien Willen kann sich der Mensch über alles -hinwegsetzen; es handelt sich aber hier nicht um die Frage, -ob die ewige Sanktion tatsächlich jede Sünde <em class="gesperrt">unmöglich</em> -macht, sondern ob sie – <em class="gesperrt">vorausgesetzt, daß die -Freiheit des Willens gewahrt bleibt</em> – <em class="gesperrt">fähig</em> -ist, von der Sünde abzuhalten. Sie ist es.</p> - -<p>Und nur sie, die Freidenker, betrachten allerdings -Bildung, Kenntnisse, gutes Beispiel und materielles Wohlergehen -für bessere Erziehungsmittel.</p> - -<p>Wir wollen nicht leugnen, daß manche von diesen -Faktoren auch Einfluß auf das sittliche Verhalten haben -können, leugnen müssen wir, daß sie aus sich <em class="gesperrt">genügend</em> -sind, es <em class="gesperrt">unter allen Umständen</em> zu sichern.</p> - -<p>Reichen denn Bildung und Kenntnisse aus? Dann -müßten ja die obersten Kreise gerade die reinsten, demütigsten, -treuesten, wahrhaftigsten sein. Ist das der Fall? -Man denke an unsere letzten Prozesse – an das alte Rom!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[25]</span></p> - -<p>Und materielles Wohlergehen soll ein Antrieb zur -Beobachtung des Sittengesetzes sein? Aber liegen diese -beiden denn nicht oft genug mit einander im Streit? Wenn -materielles Wohlergehen eine genügende Sanktion der -Ethik wäre, dann müßten Börsenbarone und Erpresser ja -zugleich die größten Heiligen sein.</p> - -<p>Wer weiß nicht, daß trotz aller Kenntnisse, Erfolge -und Bildung der Mensch im Ansturm der Leidenschaften -einer festeren Sicherung bedarf? Erhöhte Kenntnisse ohne -erhöhte innere Festigkeit sind, um einen Ausdruck Försters -zu gebrauchen, eine besser gearbeitete Laterne in der Hand -des Diebes. Und daß nicht erhöhte »Kultur« eine erhöhte -Sittlichkeit bedingt, besagt die Geschichte der alten wie -heutigen Völker zur Genüge. (Vergleiche den Vortrag II). -Die heutige Bildung sanktioniert die ethischen Gesetze nicht, -sondern bildet sie nach Belieben um. Die Moral ist ja -nach Paul Heyse nichts weiter als die Quintessenz dessen, -was in einem Zeitalter für anständig gehalten wird. -Heldennaturen springen über die Schranken hinweg. (Briefe -an Frau <em class="antiqua">Tout le Monde</em> 111.)</p> - -<p>Unsere Zeit besitzt ja Kulturgüter, Mammon, Kunst, -Bildung, Ehrengerichte in Menge – ist sie darum -moralisch hochstehend? Was sagen die 180 000 Kinder, die -in Deutschland allein jährlich, mit dem Brandmal der Sünde -bezeichnet, das Dasein betreten? Was die in die Hunderttausende, -vielleicht 1½ Millionen zählenden Dienerinnen -der Unzucht, was die jährlich in Deutschland verurteilten -55 000 jugendlichen Verbrecher, was die 196 000 Geschlechtskranken, -die im Jahre 1900 in den öffentlichen Krankenhäusern -Deutschlands gepflegt wurden, von den 30–40% -geschlechtskranken Soldaten und 33–69% Studenten gar -nicht zu reden? Was soll ich sagen von den erschreckend -um sich greifenden Perversitäten, dem weißen Sklavenhandel, -der Engelmacherei, dem Rückgang der Geburten? -Was von den Schönheitsabenden, den obszönen Tänzen? -Ist doch die Klage allgemein: So kann es nicht weiter -gehen! Woher nun der Jammer? Die Bildung, weltliche -Kultur, nahm doch zu! Ja, aber die Religion mit ihren -Ewigkeitsgedanken nahm ab, die Welt vergaß das Schriftwerk: -»Denk, o Mensch, an deine letzten Dinge, und du -wirst in Ewigkeit nicht sündigen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[26]</span></p> - -<p>Nicht alle hat die Religion vom Bösen abgeschreckt; -aber wer wollte es leugnen, daß sie allein es war, die auf -die Massen aller Zeiten den sittigendsten Einfluß ausübte? -Die Furcht vor den Göttern oder Gott war es, die in -allen Gesetzbüchern anklingt und dem Leben Halt -bot. Habe ich keinen Himmel zu hoffen, keinen Gott zu -fürchten, auf kein Weiterleben nach dem Tode zu rechnen, -was soll mich dann abhalten, mich hienieden ganz auszuleben -und durchzusetzen?</p> - -<p>Man gibt vor, der Menschheit einen Dienst erweisen -zu wollen, indem man sie von der Angst vor der Hölle -befreit. Ja, man läßt alle Leidenschaften von der Kette -los und hetzt sie auf die Menschheit, man richtet wieder -ein Henkermahl an, wie zur Zeit der französischen Revolution; -ist das eine Wohltat? Man löscht das Licht aus, -das die unheimlichste Klippe aufdeckt, man verschließt dem -Menschen den Weg zum wahren Glück, ist das eine Wohltat? -Man reißt die Warnungstafel am Abgrund, die -Barrieren an der Bahn nieder, den Totenkopf an der -Giftflasche herunter – um dem Menschen die Furcht zu -nehmen; ist das wirklich weise und edel gehandelt?</p> - -<p>Wenn es eine Hölle gibt, da sollte es menschenfreundlich -sein, diesen Abgrund zu verdecken und alle auf -den Weg zu locken, dessen Abschluß Verderben ist? Dann -war auch die Tat des Rattenfängers von Hameln der -menschenfreundlichsten eine. Nein, das ist grausam. -Menschenfreundlich ist es von der christlichen Ethik, wenn -sie sich den im Sinnesrausch dahin Tollenden mit der -roten Signallampe entgegenstellt und ein unerbittliches -»Halt, nicht weiter!« zuruft.</p> - -<p>Wer verurteilt nicht den grausamen Nero, der seiner -eigenen Mutter eine herrliche Barke baute, sie eines Abends -auf das Schiff lockte und auf hoher See eine verborgene -Falltür öffnete, so daß die Mutter in den Wogen versank? -Handelt die Diesseitsethik nicht grausamer? Sie stattet der -Menschheit ein bequemes, sehr bequemes Schiff zur Fahrt -des Lebens aus, sie musiziert und tanzt – aber das -Schiff birgt eine unheimliche Gefahr in sich: die Falltür, -und sie heißt Tod – und das Ende – <em class="gesperrt">Ewigkeit</em>. Ist es -nicht grausam, darüber hinwegzutäuschen?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[27]</span></p> - -<p>Wohl mag die Moderne die Ewigkeitsgedanken als -lästig abweisen, die Ewigkeit selbst bleibt. Auch sie mag -sich das Wort gesagt sein lassen, das einer der Makkabäischen -Märtyrer zum gottvergessenen Antiochus sprach: -»Du, Ruchloser, rühmst dich umsonst deiner Bosheit und -deines Übermutes, denn noch nicht bist du entflohen dem -Gerichte des allmächtigen und allwissenden Gottes«.</p> - -<p>Ja, vielem mag die Moderne entfliehen, sie mag entfliehen -der Kirche, mag entfliehen dem weltlichen Gerichte, -mag entfliehen den Vorwürfen des eigenen Gewissens, -einem ist sie noch nicht entflohen: dem Gerichte des allmächtigen -und allwissenden Gottes, und dem entgeht sie -nicht. Furchtbar aber ist es, in die Hände des lebendigen -Gottes zu fallen.</p> - -<p>So führt die Sanktion der Ethik wiederum auf Gott -zurück, Gott ist der Ursprung der Ethik. Gott die Norm, -Gott der letzte Halt. Moral ohne Gott ist ein Leib ohne -Seele.</p> - -<p>»Eine Spinne«, so erzählt der Dichter Jörgensen, -»ließ sich an einem Faden herunter von einem Ast; nun -eilte sie hin und her und spann ihr kunstvolles Netz. -Lange lebte sie gesichert in ihrer Behausung; da stieß sie -auf ihren kleinen Rundreisen eines Tages wieder auf den -ersten Faden. Sie hatte seine Bedeutung vergessen und -– biß ihn ab – und ihr ganzes Haus stürzte zusammen.«</p> - -<p>Von Gott kam die Menschheit, und um den Gottesgedanken -baute sie ihr geistiges und ethisches Gebäude – -sie zerstört den ersten Faden, und mit ihm sinkt ihr ganzes -Haus in Trümmer. Der Ethik letztes Wort lautet: »Ich -bin der Herr, dein Gott, du sollst keine fremden Götter -neben mir haben.«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-027"> - <img src="images/illu-003.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3 class="nobreak" id="Schlusswort">Schlusswort.</h3> -</div> - -<p>In Babylon war es. Hell strahlten die Lichter des -Königspalastes ins Dunkel hinaus. Im Innern sah man -den Herrscher Belisar an festlich geschmückter Tafel, um -ihn in goldstrotzender Uniform die Großen des Reiches, -die Königin mit ihrem Hofstaat in rauschenden Gewändern.<span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[28]</span> -Man aß und trank, spielte und tanzte. Und als der Wein -das Blut in Wallung gebracht, da erreichte der Frevel -seinen Höhepunkt. Belisar ließ sich die aus dem Heiligtum -in Sion geraubten hl. Gefäße bringen, ließ sie mit -perlendem Wein füllen und reichte sie seinen Gästen. Und -sie tranken alle daraus und jeder pries seinen Götzen. -Da erschien eine geheimnisvolle Hand und schrieb an die -Wand: Mane, Thekel, Phares.</p> - -<p>Man erblaßte, die Kniee schlotterten. Ein Signal -ertönt, Rufe werden laut, Krieger stürzen mit gezücktem -Schwert in den Saal, morden König und Königin, -Feldherren und Hofdamen und, wo vor einigen Minuten -noch Gotteslästerung und Weltlust ihr frivoles Spiel -trieben – da sah man jetzt Blut, Leichen – Tod.</p> - -<p>Ein Babel ist unsere Zeit; ein festliches Bankett hat -sie bereitet. Nicht genug der Sündenlust und des Frevels -früherer Zeiten, benutzt sie heute noch die religiösen Überlieferungen -zu ihrem gottlosen Spiel. Jeder preist seine -Götter und höhnt den Höchsten. Zahllos sind die Idole -des Jahrhunderts. – Mag sie höhnen, kommen wird auch -für sie die schreibende Hand, die unter Sternensturz und -Himmelsdonnern in Flammenschrift an den Horizont die -Worte setzt: Mane, Thekel, Phares. Kommen wird Christus -auf den Wolken, und die falschen Götter werden stürzen. -»Dann«, hat er zu den Guten gesagt, »erhebet euer Haupt, -dann naht eure Erlösung«. Wir lassen es uns gesagt -sein. Mag die Moderne sich den Idolen zuwenden, uns -gilt als Leitstern das Wort: »Fürchte Gott und halte seine -Gebote, das ist der ganze Mensch.«</p> - -<div class="figcenter" id="illu-028"> - <img src="images/illu-028.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<p class="center p2 smaller">Buchdruckerei Paul Scheiner, Würzburg.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. -Die Antiqua-Auszeichnungen der Titelseite und Kapitelüberschriften -wurde entfernt.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 18: Tadelswertes → Tadelnswertes<br /> -durchaus nichts <a href="#corr18">Tadelnswertes</a> gefunden</p> -</div> -</div> - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Idole des Zwanzigsten Jahrhunderts. -VIII. Moral ohne Religion, by Otto Cohausz - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IDOLE DES ZWANZIGSTEN *** - -***** This file should be named 63743-h.htm or 63743-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/7/4/63743/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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