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-The Project Gutenberg eBook of Landesverein Sächsischer Heimatschutz,
-MitteilungenBand X, Heft 10-12, by Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Landesverein Sächsischer Heimatschutz, MitteilungenBand X, Heft
- 10-12
- Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege
-
-Author: Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-Release Date: March 27, 2021 [eBook #64937]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER
-HEIMATSCHUTZ, MITTEILUNGENBAND X, HEFT 10-12 ***
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder
- unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua
- gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so
- dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Landesverein Sächsischer
- Heimatschutz
-
- Dresden
-
- Mitteilungen
- Heft
- 10 bis 12
-
- Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege
-
- Band X
-
- _Inhalt_: Hermann Vogel, dem Malerpoeten des Vogtlandes zum
- Gedächtnis -- Kamenzer Weihnachten -- Wanderbilder aus dem
- östlichen Vogtland -- Trachtenechtes Spielzeug -- Caprivi und
- die Bäume im Garten des Kanzlerpalais -- Drei Baumbilder aus der
- Wilsdruffer Heimatsammlung -- Pflanzt Nußbäume -- Praktischer
- Heimatschutz -- In den Hütten meiner Heimat -- Das Weberhaus
- in Hosterwitz -- Wissenschaft und Vogelschutz -- Kursächsische
- Streifzüge -- Erzgebirgische Christ- und Mettenspiele -- Von der
- Schönheit des Baumes -- Bücherbesprechung
-
- Einzelpreis dieses Heftes M. 20.--, Bezugspreis für einen Band
- (aus 12 Nummern bestehend) M. 30.--, für Behörden und Büchereien
- M. 20.--. Mitglieder erhalten die Mitteilungen kostenlos,
- _Mindest_jahresbeitrag M. 10.--
-
- Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24
-
- Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835
- Stadtgirokasse Dresden 610
-
- Dresden 1921
-
-
-
-
-An unsere werten Mitglieder!
-
-
-In dem vorliegenden Weihnachtsheft bieten wir unseren Mitgliedern,
-Freunden und Gönnern etwas ganz besonderes:
-
-Wir sind in der glücklichen Lage, zehn ganz vortreffliche Zeichnungen
-Hermann Vogels, des gemütvollen Illustrators der »Fliegenden Blätter«,
-der Anfang dieses Jahres seine Augen für immer schloß, abzudrucken und
-so dem Hefte eine besondere Weihnachtsstimmung zu geben.
-
-Unser Verein hat in dem nun ablaufenden Jahre an Mitgliedern ungeahnt
-zugenommen. Fast hat sich unsere Mitgliederzahl verdoppelt, denn
-wir werden mit einem Bestand von 12000 Mitgliedern abschließen.
-Freilich haben unsere Einnahmen durch die zunehmende Geldentwertung
-mit der Erhöhung unserer Mitgliederzahl nicht Schritt gehalten. Eine
-obligatorische Erhöhung unseres Jahresbeitrages (Mindestbeitrag
-10 Mk.), der in unseren Brudervereinen schon 20 Mk. und mehr beträgt,
-möchten wir vermeiden, um auch unseren minderbemittelten Volksgenossen,
-den zahlreichen Schülern, die sich an unserer Bewegung und an unseren
-Veröffentlichungen erbauen, auch weiterhin die Zugehörigkeit zum
-Heimatschutz zu ermöglichen. Wir hoffen daher, daß
-
-_unsere Bitte um freiwillige Erhöhung des Jahresbeitrages_
-
-auch weiterhin Gehör und Erfüllung finden und das besonders der Inhalt
-dieses Heftes, das uns fast 10 Mk. (unseren Mindestbeitrag) selbst
-kostet, dazu anfeuern möge.
-
-Wir fügen daher auch diesem Hefte eine Zahlkarte bei und bitten alle
-diejenigen, davon Gebrauch zu machen, die dazu irgendwie in der Lage
-sind, ihren Beitrag freiwillig zu erhöhen oder uns eine Weihnachtsgabe
-für das Jahr 1921 noch zu übermitteln. Die jetzige Teuerungswelle
-bringt auch unseren Verein erneut vor wirtschaftliche Schwierigkeiten.
-Möge der Opfersinn und die Opferwilligkeit aller derer, die uns
-angehören, an unseren Bestrebungen Freude, Gefallen und Genugtuung
-finden, dazu beitragen, daß wir auch über die neue verschärfte
-wirtschaftliche Lage hinwegkommen und weiter unseren Bestrebungen für
-Heimat und Volk mit allen unseren Kräften in der bisherigen Weise
-gerecht werden können.
-
-Wir danken allen aufrichtig und von ganzem Herzen, die uns bisher
-geholfen haben und unseren Verein in die Lage versetzten, einer der
-größten Vereine mit idealen Bestrebungen von ganz Sachsen zu werden.
-
-Wir bitten alle, dazu beizutragen, daß wir im nächsten Jahre unser
-zwanzigtausendstes Mitglied aufnehmen und an Macht und Ansehen weiter
-gewinnen können. Zu diesem Zwecke fügen wir eine Anmeldekarte zur
-Gewinnung eines neuen Mitgliedes bei. Die Mitgliedschaft wäre ein
-schönes Weihnachtsgeschenk für Sachsens Jugend.
-
- _Dresden_, im November 1921
-
- Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-
-
-
-[Illustration:
-
- Band X, Heft 10/12 1921
-
-Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-Dresden]
-
-Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern durch den
-Vorstand herausgegeben
-
-Abgeschlossen am 1. Oktober 1921
-
-
-
-
-Hermann Vogel dem Malerpoeten des Vogtlandes zum Gedächtnis
-
-Von _Karl Rödiger_, Plauen i. V.
-
- Die beigedruckten Bilder stammen »Aus den Fliegenden Blättern«,
- Braun & Schneider, München
-
-
-»Bin kein Heimatkünstler im eigentlichen Sinne des Wortes, bin kein
-Vogtlandmaler«, schrieb mir Hermann Vogel in seiner kurzen, offenen
-Art, als ich mich vor etlichen Jahren an ihn gewendet hatte mit der
-Bitte, mir aus dem Reichtum seiner Bilder solche zu nennen, denen ein
-_vogtländisch-heimatliches_ Motiv zu Grunde liegt. Und wer das gesamte
-Schaffen des Künstlers, der sich selbst einmal, auf dem Titelblatt
-seines »Bilder- und Geschichtenbuches«, als »romantisch-humoristischer
-Illustrator« bezeichnet hat, auch nur einigermaßen kennt, seine
-Illustrationen zu Scheffels Ekkehard, zu Wagners Deutschen Heldensagen,
-zu Schwabs Volksbüchern, zu der achtbändigen Weltgeschichte seines
-Lehrers Otto Kaemmel, seine wundersamen Bilder zu den Märchen der
-Brüder Grimm (1892/94), zu Rudolphis Märchen (1905), seine ungezählten
-Bilder und Gedichte, Tierfabeln und Geschichten in den Münchener
-»Fliegenden Blättern«, denen Hermann Vogel mehr als drei Jahrzehnte
-lang sein bestes Dichten und Können gewidmet hat, wer dies alles
-überblickt, der wird, erstaunt ob solcher Gestaltenfülle aus allen
-Zeiten und Völkern und Ländern, den Künstler nicht mehr in den
-engbegrenzten Begriff des Heimat- und des Vogtlandmalers hineinzwängen
-wollen.
-
-[Illustration: =Der Schatzgräber=]
-
-Und doch, wer näher zusieht, wer als geborener Vogtländer wie ich von
-Jugend an leidenschaftlich gern Hermann Vogelsche Bilder aufgesucht und
-stundenlang betrachtet hat, der wird mit aufrichtiger Freude entdecken
-können, wie Hermann Vogel auch seiner _Heimat_, seinem _Vogtland_,
-immer und immer wieder reizvolle Motive für seine Bilder abzulauschen
-wußte.
-
-[Illustration: =Hexenküche=]
-
-Kein Wunder. Denn in Plauen, im Herzen des Vogtlandes, am 16. Oktober
-1854 als zweiter Sohn des Maurermeisters Traugott Wilhelm Vogel
-geboren, ist der Künstler zeitlebens ein rechter Vogtländer von echtem
-Schrot und Korn geblieben. Mit allen Fasern seines Herzens hing
-Hermann Vogel an seinem Vogtland. Mit seinen Landsleuten hat auch er,
-wie Julius Mosen, der Vogtlandsänger, im Eingang der »Erinnerungen«
-von sich sagt, immer die Anhänglichkeit an die heimatliche Erde des
-Vogtlandes gemeinsam gehabt. Ein doppeltes Heim hat Hermann Vogel
-besessen, ein Sommerheim an der Plattleithe im sonnigen Loschwitz
-bei Dresden und ein Winterheim in seinem obervogtländischen Dörflein
-Krebes beim Burgstein, zwischen Ruderitz und Gutenfürst. Sobald es zu
-herbsteln begann, sobald die ersten Schneeflocken herabwirbelten, litt
-es den Künstler nicht länger im wohligen Loschwitz. Das Heimweh trieb
-ihn hinauf in seine heimatlichen Vogtlandberge und Vogtlandwälder.
-Und hier, in der Weltabgeschiedenheit des Krebeser Waldes, in nie
-befriedigtem Selbststudium, in unablässigem Naturstudium hat er, den
-kein Kunstlehrer und keine Kunstakademie dauernd hatte fesseln können,
-mühevoll sich den Weg zu seiner Künstlereigenart gebahnt. Hier hat er
-am 22. Februar 1921 sein Künstlerauge für immer geschlossen. Hier haben
-wir ihn, den »Krebesaere«, auf seinen ausdrücklichen Wunsch in den
-mütterlichen Schoß seiner heißgeliebten Vogtlanderde gebettet. --
-
-Mit Stift und Skizzenbuch hat Hermann Vogel sein Vogtland kreuz und
-quer durchstreift und, als Maurermeisterssohn, mit ganz besonderer
-Vorliebe architektonische Motive heimgetragen. Immer wieder ragen
-in seinen Bildern die zerfallenen Mauern der beiden romantischen
-Burgsteinruinen empor, die seinem Krebeser Heim und seinem
-Künstlerherzen so nah benachbart waren: in Maiensonntagsbildern die
-untere Burgsteinruine mit dem ländlich gemütlichen Kegelschub, im
-mondlichtüberflossenen Schatzgräberbild die obere Burgsteinkapelle,
-in dem köstlichen Waldmappenbild von der Märchen erzählenden
-Großmutter die altersgrauen Burgsteinmauern mit dem geheimnisdunklen
-Spitzbogentor im Hintergrund, im Bild vom grauen Männel, das den
-späten Gast vom Burgstein heimleuchtet, in zahlreichen Bildern der
-~Ora-pro-nobis~-Brüderschaft, deren Seele der Künstler gewesen, im Bild
-vom eingeschneiten Einsiedler, in der innigen Dornröschenkarte vom
-Burgstein, deren Geleitgedicht der Malpoet ausklingen läßt:
-
- Hier schläft, umraunt von Wald und Wind,
- Der _Heimat_ Poesie.
-
-[Illustration: =Waldseeklause=]
-
-Aus vielen, über alle Welt verbreiteten Bildern Hermann Vogels grüßen
-uns wie vertraute Freunde Dorfkirchen des Vogtlandes mit ihren runden
-Zwiebeltürmen: das Kirchlein von Krebes, von Kemnitz und Geilsdorf,
-die weit ins Land schauende St. Clara-Kapelle von Heinersgrün, die
-berühmte Bergkirche von Schleiz, eine der ältesten und denkwürdigsten
-Kultstätten des gesamten Vogtlandes. Alte Bauwerke, »Wohnungen der Frau
-Romantika«, Burgruinen, Kirchen, Tore, Türme und Schlösser, haben es
-ihm angetan: der zierliche Schloßturm des Rittergutes von Wiedersberg
-im oberen Vogtland, das Stadttor von Saalburg, der Wartturm von
-Ziegenrück, Schloß Ranis, das efeuumsponnene, im Pößnecker Kreis, vor
-allem das herrliche Schloß Burgk an der Saale in Sommersonnenglanz und
-deutscher Winterweihnachtspracht.
-
-[Illustration:
-
- Wahr’ dich vor Waldschmieds Töchterlein!
- Wie Eisen so stark, wie Gold so fein
- Schwingt sie den Hammer wie Wieland gut,
- Wie Kohle loht ihrer Augen Glut!
- Und naht der Schmiede ein Reitersmann,
- Der nicht mehr fechten und traben kann,
- Dem bessert sie Harnisch und Huf zur Stund’,
- Brennt aber auf ewig das Herz ihm wund!
-]
-
-Als begeisterte Anhänger und Vorkämpfer des Heimatschutzgedankens sind
-wir dem Künstler aber noch besonders dankbar, daß er bemerkenswerten
-Resten und Zeugen heimatlicher Bauweise so liebevoll nachgegangen
-ist und diese uns in vielen seiner Bilder erhalten hat: die
-schindelgedeckten Bauernhütten des Vogtlandes mit dem Rundbogenbalken
-über den kleinen Wohnfenstern, den kunstvoll mit Schiefer verkleideten
-Giebel der Waldschmiede in Heinersgrün, den altmeisterlichen
-Holzwerkgiebel ebendort (in dem Bild von der »Hochzeitsmusik«), das
-echt vogtländische Bauernhaus mit Holzgalerie (in Grimms Märchen von
-den klugen Leuten), das heimatliche Bauerngehöfte mit Taubenschlag und
-Bienenstöcken und Kleinod- (»Klaanet«) Garten (beim Märchen vom Frieder
-und Katerlieschen), die altvogtländische Bauernstube mit Spinnrad,
-vogtländischem Hauskalender und Kachelofen und volkskunsthandwerklicher
-Holzverkleidung (aus den Waldmappenbildern), den urwüchsigen
-Dorfbrunnen mit bretternem Brunnenhaus und wuchtigem Klotzhebel,
-im Volksmund »Leerl« genannt, (beim Märchen vom Fundevogel), den
-Wiedersberger Gasthof mit seinem Fachwerk und kunstschmiedeeisernem
-Wirtshausschild (im Märchen von dem, der das Fürchten lernen wollte)
-und endlich, nicht zuletzt, auch die weltabgeschiedenen Mühlen alle
-in den Waldbachtälern des Vogtlandes, vor allen die Kienmühle im
-Kemnitzgrund nahe dem Burgstein, zwischen Ruderitz und Geilsdorf, des
-Künstlers Lieblingsmühle, wo er so gern geweilt, die er in einem seiner
-schönsten Gedichte also preist:
-
- Am Erlenbach, im engen Grund, du Mühle hast mir’s angetan,
- Seit sich dein stiller Frieden mir zum ersten Male aufgetan.
- Wie oft saß ich am Felsenhang, von Fichtenkronen rings umsäumt,
- Und späht’ dein stilles Tal entlang, so heimatfröhlich
- und verträumt.
-
- * * * * *
-
- Noch heute summt durch meinen Traum ein fernes Lied,
- so leis und lind,
- So liebend, wie wenn in den Schlaf die Mutter
- singt ihr krankes Kind.
- ’s ist ein gar eigen, stilles Lied, so waldeskräftig, sonnenmild,
- Bald fröhlich wie der Mühlenbach, wenn er um moos’ge Felsen quillt,
- Und bald wie Waldesbrausen ernst, dem scheu der Sprung
- der Rehe lauscht:
- Es ist der _Heimat Zauberlied_, das durch
- die Fichtenkronen rauscht.
-
-[Illustration: =Im Maien.=]
-
-[Illustration:
-
- Wenn der Hans die Grete nimmt,
- Die Musica auf’s Feinste stimmt;
- Wenn der Hans die Grete hat,
- Wendet sich das Notenblatt --
- Nun toent’s bald sueß, wie Nachtigallsang
- Bald, als keiften zwei Kater die Daecher entlang!
-
- H. V. 1904
-
-=Hochzeitsmusika=]
-
-Der Heimatmühle tief drunten im Tal und dem Heimatwald hoch droben auf
-den Vogtlandbergen gehörte des Künstlers volle, treue Liebe.
-
- Du Wald auf meiner Heimat Höh’n,
- Mein ganzes Glück bist du!
-
-bekennt er am Schluß des Geleitgedichtes zu seinem ergreifend schönen
-Heimatwaldbild. Tagelang und nächtelang ist er als Jäger durch den
-Krebeser Wald gestreift und durch die Wälder der Ruderitzberge und
-der Plattenberge, mit der Donnerbüchse über der Schulter. Nur selten
-hat er’s über sich vermocht, ein Wild des Waldes mit seiner Flinte
-wirklich tot zu schießen. Mit seinem Stift, dem treffsicheren, hat
-er die Tiere belauscht und im Skizzenbuch als Beute heimgebracht:
-den leichtflüchtigen Hasen, den listigen Fuchs, das keusche Reh
-(des Künstlers Lieblingstiergestalt), die gurrenden Holztauben, das
-übermütige Eichkätzchen und die nachtschwarzen Unglücksraben Wotans.
-(Hermann Vogel als Gestalter der heimischen Tierwelt ist ein besonders
-reizvolles Kapitel für sich allein.) Aber über die oft verblüffende
-Wirklichkeitstreue hinaus drängte es den Künstler, den heimatlichen
-Wald romantisch zu beleben, »märchenhaft und wunderbar«, mit Gnomen
-und Zwergen und Elfen und Nixen und Drachen und Hexen und Riesen.
-Die Bäume bekommen Gesichter, Arme und Hände. Hinter den Felsen
-lauern spukhafte Ungeheuer. Hänsel und Gretel, zwei vogtländische
-Bauerskinder, schreiten herzklopfend durch den verzauberten,
-nächtlichen Vogtlandwald. Hermann Vogel ist einer der bedeutendsten
-Märchenwaldmaler des deutschen Volkes. (Wer sich jemals in seine
-Waldbilder zu den Volksmärchen der Brüder Grimm und seine beiden
-Waldbildmappen vertieft, wird es bestätigt finden.)
-
-[Illustration: =Madonna im Walde=]
-
-Als echter Malerpoet des Vogtlandes erweist sich Hermann Vogel auch
-in seiner Darstellung der vogtländischen Menschen, die er oft und
-gern in seine Bilder hineinführt. Echt romantisch ist es, wie er auch
-hier Märchentraum und Wirklichkeit oft seltsam zu verketten weiß.
-Wie wirklichkeitsscharf verkörpert er die junge Vogtländerin mit dem
-Leibgericht aller Vogtländer, den grünen Klößen (Griegenifften) in
-der runden Schüssel, und mit der alten, schönen Vogtlandtracht, der
-perlenverzierten Buckelhaube, dem reichbestickten Brusttuch, dem
-schwarzen Mieder, den kurzen, blütenweißen Hemdärmeln, dem langen,
-weiten Rock und der breiten, bunten Schürze. (Mit dem Künstler
-beklagen auch wir, daß die altheimische Tracht von den Dorfbewohnern
-im Vogtland nicht mehr getragen wird und nur noch in Museen, in Kästen
-und Truhen ein verborgenes Dasein fristet.) Was für altvogtländische
-Prachtgestalten sind die Mitglieder der Stammtischrunde in der
-Gutenfürster Waldschenke, wo auch Hermann Vogel gern gesessen und
-seinen Jagdabenteuerdurst gelöscht. Und dann der alte Nachtwächter,
-Totengräber und Bälgetreter von Krebes, des Künstlers liebvertrauter
-Freund, dem er in Bild und Vers ein dauerndes Denkmal geschaffen!
-»A’ schön’s Geld kriagt er aa’ ... fufzig Pfenning für’n Tag. Und
-sei Spritzenhausstüberl hat d’feinste Lag’.« Nicht die Menschen der
-Großstadt, nein, die schlichten Menschen der weltfernen vogtländischen
-Dörfer, die arbeitgewohnten Männer und Frauen, die Alten, die Einsamen,
-sind des Künstlers liebster Umgang und Gesellschaft gewesen, und in
-den Bildern und Liedern des »Einsiedlers von Krebes« leben sie
-alle fort: die einsame Hirtin von Ruderitz, die einsame Waldfrau aus
-den Plattenberghäusern, weit im Umkreis als »Waldhex verschriern« und
-gemieden, der kranke Einsiedler, den das Märchen selbst in seiner
-Waldeinsamkeit besucht und tröstet, der eingeschneite Einsiedelmann auf
-dem wundervollen Burgsteinwinterbild, wo zwei Damen aus der Stadt im
-schicken Schikostüm den Eremiten mehr erschrecken, als es der dickste
-Vogtlandschnee vermag.
-
-[Illustration: =Sneewittchen=]
-
-Der Winter war des Künstlers liebste Jahreszeit. Bis ins beschwerliche
-Alter war es sein größter Spaß, mit Toni Kettner, seinem »Hausgeist«,
-seiner verständnisvollen Schwägerin und Pflegerin, auf Schneeschuhen
-über die Hochflächen und Talhänge des südwestlichen Vogtlandes
-hinzuflitzen. Winter und Hermann Vogel, einander innerlich
-verwandt, beide -- Schwarzweißkünstler! Der Künstler ist nicht müde
-geworden, immer von neuem den Zauber des Winters in seinen Bildern
-festzubannen. Wintermärchenbilder und -- Weihnachtsbilder, aus
-Vogtlandheimaterlebnissen geboren, sind wohl das Allerschönste,
-was Hermann Vogel, der herzinnige Kinderfreund, der kerngetreue
-Vogtlandsohn, der deutschfromme Mann, seinem Volk und Vaterland
-geschenkt und hinterlassen hat. Als urdeutscher Künstler überträgt
-er die Christnachtsgeschichte aus dem fremden Osten herein in seinen
-heimatlichen Vogtlandwald. Maria und Joseph sind vogtländische
-Bauersleute. Joseph, der Zimmermann, hat Herberg’ mit seinem vertrauten
-Weib in Wiedersberg, dem lieblichen, obervogtländischen Dorfidyll,
-gefunden. Durch den tiefverschneiten Krebeser Wald flieht die
-heilige Familie vor dem bösen König Herodes. In Vogtlandwaldesstille
-treu geborgen hält die heilige Familie Rast auf ihrem von echt
-vogtländischen Rindern gezogenen Schlitten. Vogtländische Bauern,
-Bäuerinnen und Kinder, vogtländische Hirten und Knechte drängen
-sich glückselig zum Christkind oder knien anbetend am Waldsaum.
-Engel bringen vom Himmel die Wiege des Christkindleins hernieder
-zur Erde, zum Schlosse Burgk an der Saale in seinem wundersamen
-Winterweihnachtskleid. Durch die Torbogen des Schlosses Burgk auf
-hölzernem Schlitten von Englein gezogen, hält das Christkind Einzug
-auf dieser armen, kalten Erde, die frohe Botschaft von Licht und
-Liebe, Wohlgefallen und Frieden verkündend. Eines der prächtigsten
-Vogtlandwinterbilder, die unserm Künstler gelungen, ist endlich
-noch das Neujahrsbild, das er für die Jahres- und Jahrhundertwende
-1900 geschaffen: in zauberischem Mondlicht, von blendendem Schnee
-bedeckt, gleichsam wie Schneewittchen, atmet vor uns das Dörflein
-Krebes. (Wie wundersam zart die kahlen Bäume, Zaun und Hütten ihre
-Schatten auf dem weichen Schnee hinbreiten.) Und der treue Wächter des
-Dorfes mit seinem Horn und Spieß steht mitten in der Dorfstraße und
-blickt empor zu den jagenden Wolken, in denen der deutsche Erzengel
-Michael gegen drohende, feindliche Gewalten in den Kampf zieht. (Dies
-Traumgesicht des Künstlers ist im Weltkrieg furchtbare Wirklichkeit
-geworden.) Heimatliches und Vaterländisches sind in diesem, wie in
-vielen, vielen Bildern Hermann Vogels innig zusammengekettet. Heimat
-und Vaterland waren die Grundpfeiler seines Wesens und Schaffens. Mit
-dem heißgeliebten deutschen Vaterland ist auch ihm die schöpferische
-Kraft zusammengebrochen. In der Neujahrskarte 1919, die des Künstlers
-heimatlich-romantische Eigenart in Bild und Vers noch einmal ganz
-besonders klar wiederspiegelt, hat Hermann Vogel seinem bitteren Weh
-erschütternden Ausdruck gegeben:
-
- Wir graben mit dem alten Jahr
- Ein Grab dem, was uns heilig war.
- Der Märchenwald sein Hüter sei,
- Der macht die Herzen wundenfrei.
- Dann, Neues Jahr --
- aus Not und Schand’
- Schaff uns ein neues Vaterland!
-
-[Illustration: =Es war einmal=]
-
- * * * * *
-
-Es konnte und sollte in diesen Zeilen dankbaren Gedächtnisses nicht
-des Meisters gesamtes Lebenswerk umfassend gewürdigt werden, sondern,
-den Zielen des Heimatschutzes gemäß, nur insoweit, als es in der
-Vogtlandheimatscholle des Künstlers wurzelt, und auch da nur in knappen
-Andeutungen, Anregung gebend, selbst noch inniger und tiefer in das
-malerische und dichterische Schaffen unseres Hermann Vogel einzudringen.
-
-[Illustration: =Weihnachten=]
-
-Ein einigermaßen abschließendes Urteil über ihn, den traumvollen
-Romantiker des Stiftes, wird erst dann möglich sein, wenn sein
-künstlerisches Vermächtnis in dem geplanten Hermann Vogel-Zimmer
-des vogtländischen Kreismuseums seiner Vaterstadt Plauen gesammelt
-vorliegt: seine frühesten Kinderzeichnungen, seine Illustrationen zu
-deutschen Helden-, Geschichts- und Märchenbüchern, seine Bilder und
-Gedichte für die »Fliegenden Blätter« und zahlreiche andere deutsche
-Zeitschriften, möglichst viele seiner Originale, unveröffentlichte
-auch aus Privatbesitz, seine Skizzenbücher, seine handschriftlichen
-Erinnerungen und Briefe (Hermann Vogel, Plauen ist ein unermüdlicher,
-geistvoller, humorvoller Briefschreiber gewesen) und seine
-hinterlassenen, zum Teil noch unvollendeten Werke. (Ein »Volksband« mit
-seinem Bildnis und Lebensabriß wird vorbereitet, und die Grimmschen
-Volksmärchen mit Hermann Vogels herzerquickenden Märchenbildern sollen
-von Braun und Schneider in München neu herausgegeben werden.)
-
-Dann erst wird uns Hermann Vogels künstlerische Bedeutung und
-Stellung noch viel eindrucksvoller zum Bewußtsein kommen, namentlich
-sein inneres Verhältnis zu Moritz v. Schwind und Ludwig Richter,
-seinen beiden »Kunstheiligen«, denen er auf dem Titelblatt seines
-Bilder- und Geschichtenbuches (vgl. Kunstwart-Heft vom April 1921),
-in gestaltenreichen Gedenkblättern und zahlreichen Märchenbildern
-gemütinnige Ehrenmale geschaffen hat. Bemerkenswerte Kunstbekenntnisse
-Hermann Vogels enthält auch ein Bild, auf dem er in die Rinde des
-Eichbaums deutscher Kunst, der von modernen Stürmern gefällt werden
-soll, folgende Namen eingeschrieben hat: Dürer, Holbein, Cornelius,
-Rethel, Moritz v. Schwind, Spitzweg und Ludwig Richter. Ferner sein
-Spruch, in dem er seinen Meister Schwind zur Deutschen Kunst sagen läßt:
-
- »Ob alt, ob neu, der Streit is umsunst:
- Es gibt nur a gute und a schlechte Kunst!«
-
-Heimat und Vaterland waren die Grundpfeiler seines Wesens
-und Schaffens. Heimat und Vaterland allein werden auch die
-unerschütterlichen Grundpfeiler sein, auf denen die Zukunft unseres
-deutschen Volkes neu aufgebaut werden kann. Darum ist uns Herzenswunsch
-und Hoffnung, was Ferdinand Avenarius in seinem Hermann Vogel-Nachruf
-ausspricht, daß kommende Geschlechter, wenn die »Richtungen« noch
-manchmal geschwenkt haben, sich zu Hermann Vogel, dem Bescheidenen,
-zurückfinden werden, vor allem unsere Jugend, unsere Kinder, die
-deutschen Jungen und Mädchen, und an seiner glühenden Liebe zu Heimat
-und Vaterland sich begeistern, so treu und deutsch zu sein wie er, von
-dem Fontanes Wort gilt:
-
- »_Der ist in tiefster Seele treu, wer die Heimat liebt wie du._«
-
- _Anmerkung._ Auch für uns hat Hermann Vogel ein köstliches
- Blatt »Heimatschutz« geschaffen, das dem längst vergriffenen
- Bande I unserer Mitteilungen beigegeben wurde. Abzüge dieses
- Kunstblattes, auf weißen Karton gedruckt, können wir in
- beschränkter Anzahl zum Preise von 15 Mark noch abgeben. Für
- alle Heimatfreunde bildet das Blatt eine schöne Erinnerung
- an den gemütvollen Künstler. (Bestellung auf beigefügtem
- Bücherzettel erbeten.)
-
-
-
-
-Kamenzer Weihnachten
-
-Von _Gerhard Stephan_
-
-
-Kamenz feiert wieder einmal sein Weihnachtsfest. Die andern tun es
-auch, aber Kamenz feiert es anders -- sinniger, schöner. Man lebt hier
-in der »wendischen Türkei« zwar etwas hinter der Zeit her, dafür halten
-sich aber die alten Gebräuche auch um so länger, und wehe dem, der es
-wagen wollte, an ihnen zu rütteln. Am 30. April ist »Hexenabend«, im
-August ist es das Forstfest, das unser liebes Städtchen fast eine Woche
-lang in Atem hält und dessen Ausfall während des Krieges von allen
-Einheimischen schwer empfunden wurde. Zur Weihnachtszeit ist es »der
-Fackelzug«, der in so recht poesievoller Weise das liebe Christfest
-einleitet.
-
-Unsre brave Freiwillige Feuerwehr muß auch hier wieder ran und die
-Fackelträger stellen. Auf dem alten Klosterhof der Franziskaner, der
-jetzt den Schulkindern als Aufenthalt während der Unterrichtspausen
-dient, und der auch beim Forstfest den Ausgangspunkt bildet, am
-bescheidenen Denkmal des größten Stadtsohnes sammelt sich die Schar
-der Sänger -- die Schuljungen, verstärkt durch einige Mitglieder des
-»Sängerbundes«. Der geschäftige Kantor mustert die Reihen und erteilt
-die letzten Anweisungen: »Also, erst die Musik einen Vers und dann
-wird der erste Vers gesungen, dann kommt wieder die Musik und dann der
-zweite Vers!« Die Feuerwehr zündet ihre Fackeln an und verteilt sich
-auf den Zug, die Musik stellt sich an der Spitze auf.
-
-Vom Turme des Rathauses ertönt es sechs Uhr, die Hauptkirche antwortet.
-Ihre Glocken klingen fort, sie läuten das Christfest ein. Der Zug setzt
-sich in Bewegung, das alte liebe Lutherlied erklingt, bald von der
-Musik allein gespielt, bald von den Kindern gesungen: »Vom Himmel hoch,
-da komm ich her!«
-
-Durchs Klostertor geht der Zug über die Kirchstraße nach dem Markt,
-genau wie beim Forstfest. Stark ist die Zahl der Zuschauer, besonders
-die der Kinder. Für sie steht am Heiligen Abend das Programm fest:
-»Erst zum Fackelzug, dann heim zur Christbescherung.« Und die
-Alten schließen sich an, ihnen fehlt auch etwas, wenn sie nicht zum
-Weihnachtssingen waren. --
-
-Die Glocken tragen es hinaus in die Ferne: Weihnachten! -- Die
-Sängerschar hat ihren Weg zum Rathaus genommen und sich im Kreise
-aufgestellt. Der ganze Marktplatz aber ist schwarz. Und laut erklingen
-die Weihnachtslieder: »Tochter Zion freue Dich!«, »Halleluja« und das
-alte ewig neue »Stille Nacht«. Dann eine große Teilung der Sänger, und
-der Höhepunkt kommt mit dem zweichörigen: »Hosianna, gelobt sei, der da
-kommt im Namen des Herrn.« »Im Namen des Herrn«, so gibt es der andere
-Chor zurück. (Im Kriege wurde es einmal nicht gesungen, da fehlte etwas
-am Weihnachtsfeste.) -- Die beiden Abteilungen finden sich wieder
-zusammen in dem: »Nun danket alle Gott!«
-
-Dann aber stürmt die jugendliche Schar der Sänger und Zuhörer
-auseinander -- dem Weihnachtstische zu. Was bleibt den Alten übrig?
-Sie müssen auch mit. Und in wenigen Minuten ist der Platz wieder leer,
-als wäre nichts geschehen. Nur die Glocken singen ihr Lied weiter und
-jubeln es hinaus in die Ferne: »Christ ist geboren!«
-
- (Niedergeschrieben Weihnachten 1920.)
-
-
-
-
-Die preußische Polizeiverordnung vom 30. Mai 1921, den Naturschutz
-betreffend
-
-Von _Martin Braeß_
-
-
-Während man bei uns in einzelnen Kreisen neuerdings bestrebt ist, eine
-Lockerung der Vogelschutzgesetzgebung herbeizuführen, trifft eine
-ausführliche Polizeiverordnung für den Umfang des ganzen preußischen
-Staatsgebiets Bestimmungen, die auf Grund des Gesetzes vom 8. Juli
-1920 eine große Anzahl von Tieren weit über das Vogelschutzgesetz und
-die Jagdgesetze hinaus in Schutz nimmt. Auch eine Reihe wildwachsender
-Pflanzen werden durch die neue Polizeiverordnung vom 30. Mai 1921
-geschützt. Diese Verordnung ist in mehrfacher Beziehung bemerkenswert;
-sie verdient die größte Beachtung auch in allen andern Ländern des
-Reichs.
-
-Der _Naturschutzgedanke_, das ist der erste hocherfreuliche Eindruck,
-hat sich hier durchgerungen; ungetrübt tritt er in die Erscheinung.
-Die Frage nach Nutzen und Schaden steht nicht mehr im Vordergrund,
-sondern einzig die Sorge, unsrer Heimat die Mannigfaltigkeit, den
-Reichtum ihrer Tier- und Pflanzenwelt zu erhalten. Deshalb Schutz all
-den Geschöpfen, deren Dasein ernstlich bedroht ist! Es ist verboten,
-ihnen nachzustellen, sie mutwillig zu beunruhigen, sie zu fangen oder
-zu töten. Ihre Eier, Nester oder sonstigen Brutstätten dürfen weder
-fortgenommen, noch beschädigt werden. Diese Bestimmungen gelten auch
-für den Meeresstrand und das Küstenmeer. Nur das Sammeln der Möweneier,
-wie es bisher geübt ward, bleibt unberührt; dagegen sind die Eier der
-Seeschwalben geschützt.
-
-Die Liste der geschützten Tiere beginnt mit zwei _Insekten_, den beiden
-Formen des prächtigen _Apollofalters_ und der _Gottesanbeterin_, deren
-Gestalt wohl ebenso wunderlich ist wie ihr Name. Für Preußen mögen die
-beiden Tiere allerdings zu den größten Seltenheiten gehören: ich kenne
-sie nur aus Südbayern und Österreich. Diesen Kerbtieren schließt sich
-als einzige Vertreterin der _Reptilien_ die _Sumpfschildkröte_ an,
-die noch in Westpreußen und den benachbarten Gebieten lebt, auch im
-Regierungsbezirk Lüneburg, an der Unterweser, in Schleswig-Holstein,
-ebenso vereinzelt in der Altmark, im Braunschweigischen und in
-Schlesien nachgewiesen ist, während es sich bei unsern sächsischen
-Funden, wie es scheint, nur um ausgesetzte und verschleppte Tiere
-handelt. Es ist dringend erwünscht, daß diese einzige Vertreterin ihrer
-Ordnung dem Deutschen Reich als seltenes Naturdenkmal erhalten bleibe.
-
-Die Reihe der geschützten _Vögel_ ist sehr groß, obgleich bereits das
-Reichsvogelschutzgesetz über die meisten unsrer gefiederten Freunde
-seine schützende Hand hält, so daß es nicht nötig war, sie hier mit
-aufzunehmen. Trotzdem umfaßt diese Liste 51 Nummern, wobei zu bedenken
-ist, daß Sammelnamen wie Weihen, Eulen, Reiher u. a. mehr oder weniger
-zahlreiche Einzelarten umfassen. Sehr zu begrüßen ist es, daß überall
-hinter die deutschen die wissenschaftlichen Namen gesetzt sind, so
-daß jede Unklarheit ausgeschlossen ist, während dieser Mangel beim
-Reichsvogelschutzgesetz hier und da störend zutage tritt. Dieses
-schützt z. B. die »Bussarde« (§ 8). Sind darunter nur die in Europa
-brütenden Formen der Gattung ~Buteo~ mit Einschluß des Rauhfußbussards
-(~Archibuteo lagopus~) gemeint oder auch der Wespenbussard (~Pernis
-apivorus~)? Dieser gehört ja zur Familie der Weihen und ist ebensowenig
-ein Bussard, wie z. B. die »Turmschwalbe« (~Cypselus apus~) eine
-Schwalbe.
-
-Der Schutz, den die Polizeiverordnung den angeführten Vögeln gewährt,
-ist dreifach abgestuft. Das ganze Jahr über sind geschützt: der
-_Kormoran_, der _Höckerschwan_, die _Zwergtrappe_, _schwarzer_
-und _weißer Storch_, _Reiher_ und _Rohrdommeln_, mit Ausnahme des
-Fischreihers, der _Schlangen-_, _Schrei-_, _Stein-_ und _Seeadler_,
-der _Wespenbussard_, der _Baum-_, _Rotfuß-_ und _Turmfalk_, alle
-_Eulen_ einschließlich des _Uhus_, die _Spechte_, der _rotköpfige_ und
-der _schwarzstirnige Würger_, der _Kolkrabe_, der _Steinsperling_,
-der _Karmingimpel_ und der _Wasserschmätzer_ (die Wasseramsel). Man
-sieht, eine ganze Anzahl Fischerei- und Jagdschädlinge, wie Kormoran,
-Rohrdommel, die verschiedenen Adlerarten, der Uhu, sollen geschützt
-werden, doch aus keinem andern Grunde, als weil sie zu den seltenen
-Naturdenkmälern gehören, die wir unsern Grenzen erhalten wollen. Welch’
-gewaltiger Fortschritt gegenüber den bisher in Preußen geltenden
-Bestimmungen! Da waren Kormoran, Wespenbussard, Baum- und Rotfußfalk,
-der Uhu, alle Würger, der Kolkrabe »vogelfrei«, d. h. sie durften von
-jedermann gefangen und getötet, auch ihrer Eier und Jungen beraubt
-werden. Nun genießen sie auf einmal innerhalb Preußens den denkbar
-größten Schutz. Andere wieder, wie die Störche, Eulen (mit Ausnahme des
-Uhus), der Turmfalk, die Spechte, der Wasserschmätzer erfreuten sich
-auch schon bisher des Schutzes durch das Reichsgesetz. Ihre Aufzählung
-in der vorliegenden Liste glaube ich nur dahin deuten zu sollen, daß
-man den unbedingten Schutz dieser Vögel nochmals nachdrücklichst
-betonen will. Von den in Preußen jagdbaren Vögeln nennt die Verordnung
-den Höckerschwan, die Zwergtrappe, die Rohrdommel und die verschiedenen
-Adler.
-
-Während der Brutzeit, nämlich vom 1. März bis 31. August, sollen die
-folgenden geschützt sein: _Eisalk_, _Trottellumme_, _Papageien-_ und
-_Polartaucher_, _Möwen_ und _Seeschwalben_, _Eider-_ und _Schellente_,
-_Brandgans_, _Austernfischer_, _Steinwälzer_, _Regenpfeifer_,
-_Kiebitz_, _Triel_, _Säbelschnäbler_, _Strand-_, _Kampf-_ und
-_Wasserläufer_, _Uferschnepfe_, _Brachvogel_, _Kranich_, _Turtel-_ und
-_Hohltaube_, die _Weihen_ (mit Ausnahme der Rohrweihe), die _Milane_,
-der _Wanderfalk_, der _Raubwürger_ und der _Tannenhäher_.
-
-Man sieht, es sollen sehr viele jagdbare See- und Küstenvögel, deren
-Schonzeit bisher viel enger begrenzt war, nämlich vom 1. Mai oder auch
-vom 1. März an bis zum 30. Juni, eine wesentlich längere Schonzeit
-genießen, damit sie ihre Bruten in Ruhe und Sicherheit großbringen,
-während die angeführten Tauben sich bisher überhaupt keiner Schonzeit
-erfreuen durften. Die zuletzt genannten Raubvögel aber, mit Einschluß
-des großen Raubwürgers, ebenso der Tannenhäher waren bisher in Preußen
-völlig schutzlos der Willkür eines jeden preisgegeben. Es ist dankbar
-anzuerkennen, daß die Idee des Naturschutzes auch hier über alle
-engherzigen Bedenken gesiegt hat. Hoffentlich gelingt es noch in
-letzter Stunde, die recht seltenen Vögel durch diese Maßnahmen unserm
-Vaterland zu erhalten.
-
-Vom 1. März bis 30. Juni aber sollen geschützt sein die _Säger_ und die
-_Graugans_. Erstere waren bisher vogelfrei, die Graugans aber, zu den
-jagdbaren Vögeln gehörend, entbehrte jeder Schonzeit.
-
-Auch einige _Säugetiere_ werden aufgeführt, die alle mehr oder weniger
-schädlich sind. Ihre Seltenheit oder ihr meist nur vereinzeltes
-Vorkommen rechtfertigt aber den unbedingten Schutz, den die neue
-Polizeiverordnung ihnen gewähren will. Es sind die folgenden:
-_Sieben-_, _Baum-_ und _Gartenschläfer_, die _Haselmaus_, der _Biber_
-und der _Nörz_ (Sumpfotter). Es ist möglich, daß die genannten kleinen
-Nagetiere noch in vielen Gegenden des mittleren Deutschlands auftreten,
-namentlich dort, wo Laubwaldungen vorherrschen, aber sie führen ein
-recht verstecktes Leben, und warum soll man mit dem Schutz eines Tieres
-immer erst so lange warten, bis es die allerhöchste Zeit ist, sich
-seiner anzunehmen? Biber aber und Nörz sind für Deutschland so seltene
-Tiere geworden, daß ihr unbedingter Schutz von jedem Naturfreund
-gefordert werden muß. Der Biber, ehemals in unserm Vaterland weit
-verbreitet, lebt nur noch an der Elbe zwischen Magdeburg und
-Wittenberg, wo zu seinem Schutz bereits alle Maßnahmen getroffen sind;
-der Nörz aber galt sogar vor kurzem für ausgerottet, bis einige Funde
-dies widerlegten. Er wird sicherlich vielfach verkannt und übersehen.
-
-Von allgemein geschützten wildwachsenden _Pflanzen_ führt die Liste
-folgende Arten an: _Straußen-_ und _Königsfarn_, alle Arten von
-_Bärlapp_, _Schlangenmoos_, _Eibe_, _Federgras_, _Türkenbund_,
-_Frauenschuh_, _Strandvanille_, _Seidelbast_, _Wassernuß_,
-_Stranddistel_, _eichenblättriges Wintergrün_, die ausdauernden
-(blaublühenden) Arten von _Enzian_ und _Linnäe_. Es ist verboten, die
-genannten Pflanzen zu entfernen oder zu beschädigen, insbesondere sie
-auszugraben, auszureißen, Blüten, Zweige oder Wurzeln abzupflücken,
-abzureißen oder abzuschneiden.
-
-All diese Verbote würden aber wenig erreichen, wenn die Verordnung
-nicht zugleich den _Handel_ mit den geschützten Tieren und Pflanzen
-untersagen würde. In § 5 heißt es: »Es ist verboten, die auf Grund
-dieser Verordnung geschützten Tierarten, einschließlich ihrer Eier
-und Nester, sowie Pflanzen, soweit nicht eine anderweitige Anordnung
-getroffen ist, feilzuhalten, anzukaufen, zu verkaufen, sowie zu
-befördern.« Ausnahmen sind bei besonderen Gründen vorgesehen,
-namentlich wenn es sich um Abwendung wesentlicher, wirtschaftlicher
-Nachteile handelt, um Zucht- und Brutzwecke oder um wissenschaftliche
-und Unterrichtszwecke. In diesen Fällen kann der Regierungspräsident
-für den Bereich oder für Teile seines Bezirks Ausnahmen gestatten;
-doch muß zuvor die Staatliche Stelle für Naturdenkmalpflege gehört
-werden. Diese, sowie für seinen Bezirk der Regierungspräsident und die
-von ihm ermächtigten nachgeordneten Behörden sind außerdem befugt,
-»schriftliche Ausweise zu erteilen, welche die darin bezeichnete
-Person berechtigen, fremde Grundstücke zu solchen Untersuchungen und
-Ermittlungen zu betreten, die den Schutz von Tierarten, von Pflanzen
-oder von Naturschutzgebieten betreffen.« »Die Grundstückseigentümer
-und Nutzungsberechtigten sind verpflichtet, den mit Ausweis versehenen
-Personen den Zutritt zu gestatten und ihnen die zur Erfüllung ihrer
-Aufgaben erforderlichen Auskünfte zu erteilen.«
-
-Man muß gestehen, daß diese Anordnungen allen Wünschen des Natur-
-und Heimatschutzes gerecht werden. Besonders daß der Staatlichen
-Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen der Platz eingeräumt wird,
-der allein ihr gebührt -- eigentlich eine Selbstverständlichkeit --
-ist sehr erfreulich. Nur mit dem letzten Paragraphen der Verordnung,
-der die Strafandrohung bei Übertretungen ausspricht, kann man sich
-nicht einverstanden erklären. Was bedeutet heutzutage eine Strafe von
-150 Mark! Und das ist die Höchststrafe, die auf Grund von § 34 des
-Feld- und Forstpolizeigesetzes in der Fassung des Gesetzes vom 8. Juli
-1920 in Frage kommen kann. Es erscheint dringend geboten, daß ein
-Naturschutzgesetz erlassen wird mit Androhung von Strafen, die wirklich
-als solche empfunden werden.
-
-Vor unsrer weißgrünen Grenze macht die neue Polizeiverordnung halt.
-Leider gilt sie eben nur für Preußen. Aber selbstverständlich, auch
-wir, die Nachbarn, werden hoffen dürfen, daß jene Verordnung, wenn
-sie in den angrenzenden preußischen Gebieten genau befolgt wird, auch
-für unsre hartbedrängte heimatliche Tier- und Pflanzenwelt nicht
-ganz ohne segensreichen Einfluß bleibt. Zugleich aber erwächst uns
-die nachbarliche Pflicht, alles zu vermeiden, was dem Sinne jener
-Verordnung zuwiderläuft. Es wäre zu wünschen -- und ich meine, man
-kann sich diesem dringenden Wunsche gar nicht verschließen -- daß die
-Regierungen auch der andern deutschen Länder Naturschutzverordnungen
-erlassen, die sich dem von preußischer Seite gegebenen Vorbild aufs
-engste anschließen.
-
-
-
-
-Wanderbilder aus dem östlichen Vogtland
-
-Von Studienrat _H. Hänig_, Wurzen
-
-Aufnahmen von _Curt Sippel_, Plauen i. V.
-
-
-Es geht mir, wenn ich die Feder ergreife, um den Leser nochmals zu
-einer Wanderung durch das Vogtland einzuladen, ähnlich wie einem
-alten Schriftsteller: ich muß ihm zunächst Dank dafür sagen, daß er
-mir durch das verhältnismäßig einförmige Gebiet jenseits der Elster
-gefolgt ist, und ich kann ihm dafür versprechen, daß ihm der östliche
-und südliche Teil dieses Landes wenigstens landschaftlich mehr bieten
-wird als der westliche. Allerdings verfügt er nicht über Glanzpunkte
-wie die vogtländische Schweiz und das Triebtal, das ja im übrigen
-selbst auf der rechten Seite in das Elstertal einmündet, und er vermag
-keine Edelsteine dörflicher Kunst wie die erwähnte Kirche zu Kürbitz
-aufzuweisen, aber die Bodenformen selbst sind hier weit mannigfacher,
-und derjenige, den immer wieder gerade der Blick ins Weite und die
-Sehnsucht nach den Höhen in die Natur hinauszieht, wird hier eher
-auf seine Kosten kommen als bei einer Wanderung jenseits der weißen
-Elster, wie wir sie früher zurückgelegt haben. Wer einmal von der
-Höhe des Friedrich-August-Steines in Schöneck hinabgeschaut hat ins
-weite Land oder dem Plätschern der Rißfälle gelauscht oder wer auf
-dem Grenzwall des vogtländischen Erzgebirges mit seinen Blicken nach
-Sachsen und Böhmen gewandert ist, der wird anerkennen müssen, daß
-sich gerade dieser Teil des Vogtlandes mit jedem anderen Sachsens an
-Naturschönheiten messen kann, und der wird verstehen, daß es einen
-Dichter wie J. Mosen immer wieder, wenn auch in weiter Ferne, zur
-Muttererde hinzog.
-
- Wo auf hohen Tannenspitzen,
- die so dunkel und so grün,
- Drosseln gern verstohlen sitzen,
- weiß und rot die Moose blühn,
- zu der Heimat in der Ferne
- zög ich heute noch so gerne --
-
-Es liegt mehr darin in diesen Worten als so mancher ahnen dürfte -- es
-ist die wahre, tiefe Sehnsucht nach dem Mutterboden, nach den Bächen
-und Tannen der Heimat, von der der Dichter auch weit in der Ferne nicht
-lassen konnte. --
-
-[Illustration: Abb. 1 =Kirche in Kürbitz=]
-
-Allerdings wird man hier, wo es sich darum handelt, dem Leser einen
-Gesamtüberblick über das Ganze zu geben, ohne eine Einschränkung nicht
-auskommen können: das eigentliche Volkstümliche, Heimatliche findet
-sich im Vogtland mehr nach dem Süden zu, während der nordöstliche
-Teil heute von einem Netz von Industriestätten überzogen ist, die
-wenig Merkmale der ersteren Art aufkommen lassen. So bietet gleich
-Reichenbach, wo wir unsere Wanderung beginnen wollen, das Bild einer
-wohlhabenden Mittelstadt mit stark industriellem Einschlag, und der
-Ort enthält wenig, was gerade den Kunst- und Altertumsfreund zu
-längerem Bleiben einladen möchte. Das Hasten und Treiben der modernen
-Zeit pulsiert hier tagaus -- tagein in dem Stadtkörper, und wie eine
-Erleichterung überkommt es den Wanderer, wenn er etwa um Mittag
-einen Blick über das Tal schweifen läßt bis hinüber zu der Höhe des
-Netzschkauer Kuhberges, wo eine Bismarcksäule Wacht über das nördliche
-Vogtland hält: aus hundert Fabrikschornsteinen strömt wie erlösend der
-Rauch, und Tausende von Händen feiern, um nach kurzer Zeit wieder die
-Arbeit zu beginnen. So ist die Stadt voll von Webereien, Färbereien
-und Spinnereien, und die größte dieser gewerblichen Anlagen, die
-Schlebersche Färberei, stellt mit ihren vielen Schornsteinen einen
-Organismus für sich dar, wie er in dieser Ausdehnung nicht so leicht
-wieder gefunden wird. Und doch vermag auch in dieser Gegend so manches
-daran zu erinnern, daß alles einst geworden ist und seinem Wesen nach
-mit Vergangenem zusammenhängt. Schon der Name der Stadt, der an den
-des Goldflusses, der Göltzsch, erinnert, weist auf ein hohes Alter der
-Ansiedlung hin, und so wird denn Reichenbach schon 1140 in zwei alten
-Urkunden als Stadt genannt, während Plauen damals nur als »Ortschaft«
-erwähnt wird. In der Altstadt fließt der Seifenbach, wo das Gold
-geseift, d. h. die Goldteilchen aus dem Sande herausgewaschen wurden,
-und auf den früheren Bergbau weisen noch heute Stollen hin, die sich in
-dieser Gegend erhalten haben. Reichenbach gehörte mit den umliegenden
-Dörfern zu der Herrschaft, mit der 1212 König Ottokar v. Böhmen von
-Friedrich II. belehnt wurde, und es war später zeitweise Reichslehen,
-bis es durch den vogtländischen Krieg wieder an Böhmen fiel. Schon zu
-Anfang des achtzehnten Jahrhunderts muß die Industrie hier bedeutend
-gewesen sein, bis 1720 eine furchtbare Feuersbrunst den größten Teil
-in Asche legte, aber diese vermochte ebensowenig wie die von 1833 den
-Aufschwung der Stadt zu hindern, sondern hat im Gegenteil zu ihrer
-Erneuerung beigetragen, so daß besonders die Bahnhofsvorstadt heute
-ein freundliches Bild bietet. In weit höherem Maße vermag Mylau mit
-seinem Kaiserschloß und der vielbogigen Göltzschtalbrücke das Auge des
-Wanderers zu fesseln. In der Stadt selbst ist vor allem die prächtige,
-reiche Stadtkirche hervorzuheben, das Schloß dagegen liegt auf einem
-Hügel, der nur auf einer Seite bequem zu erreichen ist. Es zerfällt in
-zwei Höfe: den großen westlichen Burghof mit seinen beiden viereckigen
-Türmen und dem verwitterten Löwen über dem Haupteingang, der zum
-böhmischen Wappen gehört und die frühere Zugehörigkeit des Mylauer
-Schlosses zu Böhmen zeigt, -- dahinter der kleinere, östliche Burghof,
-der »Kaiserhof«, der mit seinem Bergfried und seinem Saalbau sowie
-dem ehemaligen Frauen- und Herrenhause noch ein ziemlich gutes Bild
-der früheren Zeit zu bieten vermag. Allerdings sind von der früheren
-Herrlichkeit des Saalbaues nur noch wenige Wappenschilde vorhanden, und
-das ehemalige Frauen- und Herrenhaus ist zu einer vielbesuchten Schenke
-geworden. Auch die Kapelle ist ihrer Würde entkleidet, so daß von
-ihrem Schmucke nur noch die gewölbte Decke mit rohgemalten Blumen und
-Engelsfiguren sowie einige Wappen übriggeblieben sind. Immerhin steht
-das Schloß mit seinen wuchtigen Mauern und dicken Türmen auch heute
-noch wie ein Wächter über Stadt und Land, und von den Fensternischen
-schweift der Blick gern in die Weite: nach der gewaltigen, fast
-hundert Meter hohen Göltzschtalbrücke, die sich in vier gigantischen
-Bogenreihen über das hier stark verbreiterte Göltzschtal spannt, oder
-nach dem gewerbfleißigen Netzschkau, das sich von dem Tale bis zur Höhe
-des Kuhberges hinaufzieht, dessen von Gesteinstrümmern übersäte Kuppe
-selbst bewaldet ist.
-
-An der erst vor einigen Jahren gebauten Göltzschtalbahn gelangen wir
-durch stille Waldtäler, in denen sich heute gleichfalls hier und da
-eine Fabrikanlage erhebt, nach Lengenfeld, das im übrigen wie seine
-Nachbarstadt Treuen seiner Entwicklung nach nicht von den weiter
-südwärts gelegenen Städten Auerbach und Falkenstein zu trennen ist.
-Aber im Wettlaufe, den die letzten Jahrzehnte mit sich gebracht
-haben, ist die zuerst genannte Stadt zurückgeblieben: seitdem die
-von Bewohnern vielleicht slavischen Ursprungs lebhaft betriebene
-Tuchmacherei in Verfall gekommen ist, genügte die hier eingeführte
-Industrie (Spitzen, Filzwaren, Spinnereien) gerade noch, um die
-Bewohner ernähren zu können, während der Grund, der sich von hier aus
-bis hinauf zu den Quellmooren der Mulde zieht, in ungleich schnellerem
-Maße besiedelt wurde, so daß sich gerade hier die Schwankungen, denen
-die Industrie unterworfen ist, in der Gegenwart unangenehm bemerkbar
-machen. Und doch haben vor allem Auerbach mit seinem alten Schloßturm
-und das hochgelegene Falkenstein mit seiner schönen Kirche auch als
-Städte etwas Anziehendes. Besonders die letztere Stadt ging erst
-dann zur Industrie über, als es mit dem Bergbau vorüber war, der
-ihr schon im sechzehnten Jahrhundert die Rechte einer freien Stadt
-verliehen hatte, und wie bei Auerbach und Lengenfeld griff auch hier
-ein großer Brand gewaltsam ein, so daß diese Orte im wesentlichen ein
-neuzeitliches Aussehen haben. Der Naturfreund freilich wird gerade
-hinter Falkenstein die Natur des oberen Vogtlandes selbst suchen, die
-sich mit ihrem Waldreichtum unmittelbar hinter der Stadt nach allen
-Seiten auftut. Schon die Felspyramide des Lochsteins und die zackige
-Wand des Wendelsteins verdienen als Naturdenkmäler ebenso gewürdigt
-und besucht zu werden wie die Rißfälle, die in etwa einer Stunde von
-Falkenstein aus zu erreichen sind. In vielen kleinen Wasserfällen
-stürzt hier die Göltzsch zwischen Wald und Felsen in die Tiefe und
-zaubert die verschiedenartigsten Bilder vor das Auge des Wanderers.
-Wir befinden uns hier auf einer Höhe von etwa siebenhundert Metern und
-beinahe auf dem Kamm des Elstergebirges, das sich in dieser Gegend
-über das weite Gebiet des Schönecker Waldes nach Süden dahinzieht.
-Die Siedlungen werden spärlicher, wenn sie überhaupt das Wald- und
-Moorgebiet unterbrechen: ein paar Holzhütten oder höchstens das eine
-oder andere Dorf hat sich auf diese Höhe gewagt, und der Rauch, der von
-hier aufsteigt, ist an stillen Nachmittagen oft das einzige, was noch
-den Wanderer an die Tätigkeit des Menschen zu erinnern vermag.
-
-[Illustration: Abb. 2 =Kirche in Kürbitz=]
-
-Die große Ausdehnung des Schönecker Höhengebietes erklärt sich übrigens
-daraus, daß hier mehrere Gebirgszüge zusammenstoßen: das Elstergebirge,
-das sich von hier aus nach Südwesten hinzieht, und von der Kirchberger
-Seite her der westlichste Ausläufer des Erzgebirges, der vom Kuhberge
-bei Schönheide beginnt und wegen seiner Höhe bis zu siebenhundert
-Metern eine Reihe von Genesungsstätten enthält, die, von ausgedehntem
-Hochwald umgeben, von ihrer luftigen Höhe aus freundlich in das
-gewerbfleißige Tal der oberen Göltzsch herabschauen. Auch der etwas
-südlich davon verlaufende vogtländische Kamm des Erzgebirges, der sich
-etwa vom Kranichsee bis zum Schönecker Wald dahinzieht, ist anziehend
-genug, um mit dem übrigen Teile dieses Gebirges einen Vergleich
-aushalten zu können. Um den hohen Wall, der sich hier zwischen das
-sächsische Niederland und das Egertal schiebt, durchwandern zu können,
-verläßt man am besten bei Rautenkranz, das bereits dem Vogtlande
-angehört, die Bahn des romantischen oberen Muldentals, die von Aue
-ab stundenlang zwischen Felstürmen und Wiesentälern bis zur Höhe des
-Schönecker Waldes hinauf dahinführt und wandert auf der wohlgebauten
-Straße in dem Tal der großen Pyra aufwärts, die in den Mooren des
-Kranichsees entspringt. Noch zwei Dörfer mit den charakteristischen
-erzgebirgischen Holzhäusern haben hier Platz gefunden, bis nach etwa
-zwei Wegstunden auch die letzten menschlichen Siedlungen aufhören und
-ein einsames Waldtal die Blicke des Wanderers bannt: bis fast an die
-drei oder vier Häuser von Sachsengrund ziehen sich von den Höhen die
-Fichten herab, und eintönig plätschern die Wässer im Wiesengrund,
-während nach der böhmischen Grenze zu der fast tausend Meter hohe
-Rammelsberg die Wacht hält. Was noch jenseits dieser Häuser liegt,
-gehört bereits der Waldwildnis an, in der sich der Weg noch eine
-Stunde lang hinaufzieht, bis der Kranichsee mit seinem Hochmoor
-sich weit über die Höhe von fast neunhundert Meter ausbreitet. Hier
-beginnt auch der sogenannte Schwertweg, der über den Rücken des
-kleinen Rammelsberges nach dem Vogtlande hinführt. Eine merkwürdige
-Höhenstraße, von der sich der Blick rasch nach allen Seiten weitet: im
-Norden die blauen Linien der Auerbacher Berge mit ihrem Waldreichtum,
-und nach Süden zu der Steilabfall des Gebirges nach der Egerebene,
-hinter der weitere Gebirgszüge Nordböhmens hervorschauen. Bei einer
-Waldlichtung überschreitet hier die Landstraße die Gebirgshöhe, die
-von Tannenbergstal nach Klingental hinüberführt. Aber wir wollen das
-merkwürdige Gebilde des Schneckensteins nicht vergessen, das sich
-bescheiden im Walde versteckt hält und der schwer zu finden wäre, wenn
-ihn nicht die Markierung des Verbandes vogtländischer Gebirgsvereine
-jedem bequem zugänglich machte. Von den Topasen ist allerdings
-gegenwärtig ebensowenig mehr zu sehen, als von den kleinen Schnecken,
-nach denen dieser einsam im Walde emporragende Fels seinen Namen hat.
-Auf Treppenstufen ist sein Gipfel auch für Ungeübte zu erklimmen,
-und man könnte, wenn man die Felsrisse und Felsblöcke vor sich hat,
-einen Augenblick an irgend einen Gipfel der Kalkalpen erinnert werden,
-wenn uns nicht die bescheidene, nur nach Norden und Westen reichende
-Aussicht belehrte, daß wir uns nur auf einer Höhe von etwa achthundert
-Meter befinden und daß wir uns durch den Waldreichtum, der hier überall
-zutage tritt, für die Schönheiten der Alpenwelt entschädigen müssen.
-
-Das Elstergebirge macht hier eine ziemliche Biegung nach Süden und
-zieht sich waldbedeckt bis zum Kapellenberg hin -- aber wir dürfen von
-ihm nicht Abschied nehmen, ohne der Stadt Klingental zu gedenken, die
-von hier aus in kurzer Zeit zu erreichen ist. Hart an der böhmischen
-Grenze hat sie bis heute ihr Bild als sächsische Kleinstadt bewahrt,
-und nur die kleine Rundkirche macht eine Ausnahme, die sich inmitten
-des Ortes anstatt der sonst üblichen Renaissance- oder gotischen
-Kirche erhebt. Mit Böhmen wird sie allerdings immer in einem gewissen
-inneren Verhältnis bleiben, denn es waren böhmische Musikanten, die
-hier herüberkamen und die Stadt gründeten -- die Geigen, Trompeten und
-Klarinetten, die noch heute hier gefertigt werden, wandern in alle
-Welt, und in jedem Hause des weit bis hinauf besiedelten Grundes klingt
-und singt es ebenso wie in Markneukirchen, das weiter westwärts in
-einem Seitentale der weißen Elster eingebettet ist.
-
-[Illustration: Abb. 3 =Winnknock am Wendelstein=]
-
-Übrigens ist auch der Kamm des Elstergebirges oberhalb Klingentals
-reich an Aussichtspunkten aller Art und hat auch einzelnen Gehöften
-Raum gegeben, sich da oben anzusiedeln, und man kann das weite
-Waldgebiet vom Kuhberg bei Schönheide aus stundenlang durchstreifen
-und findet immer wieder Punkte, die solche Wanderungen lohnend machen.
-Ganz einsam wird der Wald erst in der Gegend von Kottenhaide bei
-Schöneck, aber auch hier ist der Blick in das Waldgelände und über
-die Wipfel der Fichten anziehend genug, um die Beschwerden des Weges
-vergessen zu machen. Stundenlang schwellt ein weicher Moosteppich unter
-den Schritten des Wanderers, während der Kuckuck lockt und der Specht
-seine Schläge durch den Wald erschallen läßt. Wie ein fernes Sagen
-erklingt das Rauschen der Bäume und das Murmeln der Bäche, die hier
-oben zahlreich in dem Moore ihren Ursprung haben. Nur selten verhallt
-in der Ferne der Schrei einer Lokomotive, die keuchend das Muldental
-heraufkommt, um nach kurzer Zeit bei Schöneck wieder in weitem Bogen
-ins Tal hinabzufahren. Den Schwarzwald des Vogtlandes hat man diese
-Hochfläche genannt, und wer einmal auf ihr gewandert ist, wird diesen
-Vergleich nicht unrecht finden und zugeben, daß so manches, was wir
-bisher nur in der Ferne zu suchen pflegten, auch in unserem engeren
-Vaterlande zu finden ist. Erst an dem Abfalle nach Westen zu lichtet
-sich der Wald. Wie ein Wahrzeichen dieses Höhengebietes liegt nach dem
-Elstertale vorgeschoben etwa zwei Wegstunden von Falkenstein Schöneck,
-das schon durch seine Lage zu den seltsamsten Städten Deutschlands
-gehört und deshalb wert ist, längere Zeit unsere Aufmerksamkeit in
-Anspruch zu nehmen.
-
-[Illustration: Abb. 4 =Rißfälle=]
-
-Die Stadt Schöneck ist eine Bergstadt, wenn ein Ort in Deutschland
-überhaupt diesen Namen verdient; denn sie liegt nicht nur auf der
-stattlichen Höhe von siebenhundertachtundsechzig Metern, sondern
-sie baut sich hier auch hart am Rande der erwähnten Hochfläche auf,
-die sich von dem Elstergebirge zum Erzgebirge dahinzieht und nach
-Westen zu ziemlich rasch zum Elstertale hinabfällt. Es ist, als wäre
-hier oben jeder freie Platz bis zum letzten ausgenützt worden und
-als klammerte sich ein Haus eng an das andere, um noch auf der Höhe
-selbst bleiben zu können, denn schon die Hauptstraße des Städtchens
-führt steil abwärts und noch mehr die Verbindungswege, die von der
-Stadt westwärts nach den nächsten Dörfern weisen, und dem Wanderer,
-der etwa von Ölsnitz her heraufsteigt, muß es zu Mute sein, als habe
-er hier endlich die Höhe erreicht und müsse durch den Rundblick für
-die Mühe belohnt werden, die ihm das Steigen gekostet hat. Und das
-ist tatsächlich der Fall; denn zwischen jeder Häuserreihe drängt
-sich ein Stück vogtländischer Gebirgslandschaft hinein, und von
-dem Friedrich-August-Stein, der sich neben der Kirche unvermittelt
-aufbaut und auf dem früher eine stattliche Burg zum Schutze gegen
-die Sorben gestanden hat, bietet sich dem Auge eine geradezu
-überraschende Aussicht dar: wie auf einer Landkarte liegt das ganze
-Vogtland vom Kuhberg bei Netzschkau bis hinüber zum Kapellenberg an
-der böhmischen Grenze vor dem Auge des Wanderers ausgebreitet, und
-Hügel wechseln in endloser Reihe mit Wäldern, Wiesen und Dörfern, bis
-sich fern am Horizonte die sanften Bogen des Frankenwaldes und der
-bayrisch-böhmischen Berge darüber spannen. Und diese Landschaft zeigt
-immer neue Reize, zu welcher Zeit man sie auch betrachten mag: wenn
-an einem Sommerabend der rote Mond emporsteigt hinter den Bergen und
-die ganze Gegend in seinem Dämmerlichte versunken ist oder wenn im
-Herbste die Heidefeuer emporsteigen und klarer als je sich die Linien
-der Berge und Wälder hervorheben, oder wenn an einem Januartage die
-ganze Landschaft in dem Winterkleide leuchtet und die unendliche
-Mannigfaltigkeit dieser Landschaftsformen in tausend Farben glitzert.
-Nur die Stadt selbst bleibt immer dieselbe im Wechsel der Jahreszeiten,
-ob man sie nun von Kemmler bei Plauen sehen mag oder von Mißlareuth
-oder von dem Granitsockel des Kapellenberges: sie hängt, die Häuser
-eng um den Markt und die Kirche gedrängt, hoch oben über dem Tale, und
-mir fallen, so oft ich sie sehe, immer zwei Städte in Italien ein,
-mit denen ich sie am ehesten vergleichen möchte: Assisi in Umbrien,
-die Stadt des heiligen Franziskus, und Rokka di Papa, das Räubernest
-im Albanergebirge bei Rom, das hoch oben am Latinerberg seine Stätte
-gefunden hat.
-
-[Illustration: Abb. 5 =Großer Rammelsberg und Sachsengrund,
-Kammweggebiet=]
-
-Die Stadt Schöneck darf sich schon im vierzehnten Jahrhundert der
-Rechte rühmen, die ihr von Karl IV. erteilt worden sind und ist
-heute wegen ihrer Lage ein stark besuchter Luftkurort geworden,
-während die Bewohner vorzugsweise in der Industrie (Zigarren usw.)
-beschäftigt sind, dagegen sind die Abhänge zwischen der Stadt und
-dem Elstertale erst allmählich besiedelt worden, und manches der
-hier liegenden freundlichen Dörfer ladet zu längerem Verweilen ein.
-Durch den sogenannten Buttergrund führt ein Weg stark bergab nach
-dem Dörfchen Marieney, das zwischen Wiesen und Wald dahingestreckt
-liegt und das sich rühmen kann, die Heimat des größten vogtländischen
-Dichters, Julius Mosen, zu sein. Dort streifte er als Knabe allein
-durch Wälder und Auen oder lag am murmelnden Erlenbach oder er saß
-stundenlang auf dem alten Kirchenboden, um dem Ticken des Perpendikels
-und dem Schnarren des Räderwerks der großen Kirchenuhr zu lauschen.
-Von dem sprachkundigen Vater wurde er schon in der Heimat in den
-Anfangsgründen der lateinischen Sprache unterrichtet und selbst als er
-auf das Gymnasium zu Plauen kam, wanderte er noch oft hinaus in das
-Heimatsdorf, um die Eindrücke der Jugend wachzurufen. Die schöne Gabe,
-Land und Leute zu schildern, die uns besonders in den Bildern »Im Mose«
-entgegentritt, mag auf des Vaters Art zurückgehen, wie er den Kindern
-die biblischen Geschichten und die Weltgeschichte erzählen könnte. Auch
-die rauhe Kriegszeit, die damals über das Vogtland dahinging (Mosen
-ist 1803 geboren), hinterließ bei dem aufgeweckten Knaben lebhafte
-Eindrücke und klingt in den Vaterlandsliedern wieder, durch die er
-volkstümlich geworden ist -- wer vergißt von seinen Erzählungen das
-Heimweh oder Ismael, oder von seinen Gedichten Zu Mantua in Banden
-oder den Trompeter an der Katzbach oder den Löwen zu Braunschweig
-und wie die Gedichte alle heißen mögen, durch die sein Name in ganz
-Deutschland bekannt geworden ist. Nach der Heimat zog es ihn immer
-wieder zurück, mochte er nun als Aktuar in Kohren oder als Rechtsanwalt
-in Dresden beschäftigt sein, wo er übrigens seine glücklichste Zeit
-verlebte, und wie schwer mag es ihm geworden sein, als er nach dem
-fernen Oldenburg übersiedelte, wo er eine sichere Stelle als Hofrat
-und Theaterdichter im Dienste des dortigen Großherzogs gefunden hatte.
-Eine zunehmende Krankheit verbitterte ihm seine letzten Lebensjahre,
-und nur noch einmal fiel ein Lichtbild in diese Nacht, als Freunde
-mit vieler Mühe eine Gesamtausgabe seiner Werke veranstalteten. Zwei
-Fichten aus dem Vogtlande beschatten sein Grab, in welchem er nach
-zweiundzwanzigjährigem Leiden am 10. Oktober 1867 zur Ruhe gebettet
-wurde. --
-
-[Illustration: Abb. 6 =Schneckenstein=]
-
-Von Marieney gelangen wir in zwei Stunden nach Markneukirchen, dessen
-wir schon bei der Erwähnung von Klingental zu gedenken hatten. Die
-Stadt, die zwei Kilometer von der Adorf--Aue--Chemnitzer Bahn entfernt
-liegt, ist neben dem genannten Orte der Hauptsitz der vogtländischen
-Musikinstrumentenfabrikation, und man erhält in die Reichhaltigkeit
-dieses Erwerbszweiges am besten einen Einblick, wenn man die wertvolle
-Sammlung in- und ausländischer Musikinstrumente aus älterer und neuerer
-Zeit besichtigt. Auch hier die Mannigfaltigkeit der Bodenformen, die
-für das obere Vogtland charakteristisch ist und die sich auch in dem
-südwestlichen Teile jenseits der Elster findet: die ganze Landschaft
-aufgelöst in Berg und Tal, Teilstücke von Hügeln mit Dörfern oder
-Einzelgehöften und Wäldern, so daß es sich auch hier lohnt, einmal
-seitwärts vom Elstertal selbst auf die Höhen hinaufzusteigen. Wer
-von Plauen kommt, wird allerdings noch durch eine ganze Anzahl von
-vogtländischen Städten aufgehalten werden, die sich hier, wo eine alte
-Straße am Elsterlauf entlang hinüber nach Böhmen führt, angesiedelt
-haben. So liegt gleich Ölsnitz am Ende der erwähnten Straße, die
-von Eger bis hierher führte, und gilt als eine der ältesten Städte
-des Vogtlandes, die vielleicht von den Sorben gegründet ist. Als
-dann die Deutschen das Land besiedelten, wurde hier eine befestigte
-Straßensperre angelegt, und man grub gegen einen Angriff der Feinde
-die großen Teiche (der letzte ist 1898 verschwunden), wobei die
-Befestigungsanlagen noch durch das Schloß Vogtsberg verstärkt wurden,
-dessen Türme auch von Schöneck sichtbar sind. Aus den Mitteln des
-Bergbaues -- die Zinn- und Kupfergruben wurden 1519 durch Wasser
-zerstört -- wurde die schöne St. Jakobskirche errichtet, die mit ihren
-beiden Türmen weit über das Städtebild hervorschaut. Sie ist ein Muster
-gotischen Kirchenbaues, obwohl von der ursprünglichen Anlage nur noch
-die Türme in ihren Unterteilen sowie ein sandsteinernes Dreipaßrelief
-von der äußeren Südseite des Chores erhalten sind. Auch später ist sie
-öfters umgestaltet worden; so erhielt sie ihre jetzige Gestalt nach dem
-großen Stadtbrande, während das Innere 1888/89 künstlerisch erneuert
-wurde. Die Türme wurden 1865 nach den Plänen von Lipsius errichtet, und
-auch im Inneren findet sich manches schöne Denkmal kirchlicher Kunst:
-die Chorfenster von C. L. Türcke in Zittau mit prächtiger Glasmalerei,
-sowie das Altargemälde: Abendmahl der Emmausjünger von Moritz Heidel
-und der Taufstein, der 1833 von E. Rietschel gefertigt worden ist.
-Ähnliche Umwandlungen hat auch die alte Kirche St. Katharina am
-alten Friedhofe durchgemacht, deren Sterngewölbe im alten Chor aus
-der alten Kirche noch auf das fünfzehnte Jahrhundert zurückweist. In
-neuester Zeit hat Ölsnitz seinen Aufschwung besonders der Industrie
-wie der Teppich- und Kammgarnfabrikation zu verdanken gehabt, nicht
-zu vergessen seine günstige Lage, durch die es besonders wegen der
-Nähe der sächsischen und böhmischen Bäder zu einem Standquartier für
-Touristen geworden ist.
-
-[Illustration: Abb. 7 =Schöneck=]
-
-Das weiter südlich liegende Adorf, ein freundliches Städtchen mit etwa
-achttausend Einwohnern, ist besonders durch die Perlmutterfabrikation
-groß geworden, die auch in Ölsnitz zu Hause ist, die Muscheln wurden
-früher zahlreich in der Elster gefunden, und der Erwerbszweig ist
-geblieben, auch nachdem die Funde seltener geworden waren, so daß heute
-auch zahlreiche importierte Stücke dort verarbeitet werden. Im übrigen
-zeigt auch Adorf mit seinem geräumigen Marktplatz dasselbe freundliche
-Bild wie alle diese vogtländischen Kleinstädte, und die Industrie,
-die sich auch hier zahlreich findet, hat es nicht wesentlich zu
-beeinflussen vermocht. Abseits davon sind noch zwei Orte zu erwähnen,
-deren Name jedem bekannt ist und die dem Reichtum der Erde selbst ihre
-Blüte verdanken: Bad Elster und Brambach. Inmitten der Nadelwälder
-des Elstergebirges ist hier eine Stätte für Genesungsuchende
-entstanden, die mit ihren Quellen und Sprudeln (alkalisch-salinische
-Eisensäuerlinge, Glaubersalz, kohlensaure Stahlbäder) jährlich
-Tausenden Genesung bietet und sich zu einem modernen Bade entwickelt
-hat, wobei auch dem Moorboden aus den großen Lagern der Umgebung
-ein wesentlicher Anteil zufällt. In weitaus freierer Lage ist Bad
-Elster, wenn auch in weit bescheidenerem Maße, Brambach gefolgt, das
-in der Nähe der böhmischen Grenze am Fuße des Kapellenberges in einer
-engen Talmulde eingebettet ist. Wer von Adorf nach Brambach wandert,
-durchschreitet zuerst in fortwährender Steigung ein stilles Waldtal,
-bis der Weg zuletzt steil auf die letzte Hügelwelle hinaufführt, die
-vor Brambach gelagert ist und erblickt von hier hinüber nach den
-waldbedeckten Höhen des Elstergebirges und ein Stück ins böhmische
-Land hinein, das sich hier von beiden Seiten an diese Ausläufer des
-Vogtlandes heranschiebt. Auch Brambach selbst hat sich, so gut es
-möglich war, an die eingeengte Lage im Tale des Fleissenbaches,
-der hier in westlicher Richtung der Elster zufließt, angepaßt. Die
-Straße nach Eger führt von hier unmittelbar am Kapellenberg vorbei,
-der mit seinem granitenen Aufbau wie ein Wächter des südlichen
-Vogtlandes dasteht und von dessen Gipfel eine weite Rundsicht nach
-Norden und über Böhmen gestattet ist. Die beiden nächsten Dörfer, die
-südlichsten des Vogtlandes, liegen bereits tief unten am Steilabfall
-des Elstergebirges, und Straße und Eisenbahn haben die Senkung nur
-künstlich durch große Bogen überwinden können. Wir sind hier am Ende
-unserer Wanderung angelangt, aber an einer Stelle, von der sich in
-kurzer Zeit weitere Glanzpunkte landschaftlicher Schönheit erreichen
-lassen: das herrliche Egertal im Osten, oder das Kaisergebirge mit Eger
-und Franzensbad oder das Fichtelgebirge mit seinen östlichen Ausläufern
-bei Selb und Tirschenreuth und der uralten Kultstätte des Klosters
-Waldsassen, die von hier in ein paar Wegstunden zu erreichen ist.
-
-[Illustration: Abb. 8 =Kirche von Bösenbrunn am Triebelbach=]
-
-Es war nicht meine Absicht, eine vollständige Beschreibung des
-Vogtlandes zu geben, sondern es waren nur Wanderbilder, die vor dem
-Auge des Lesers vorüberziehen sollten, um ihn selbst zu einer Fahrt
-durch diesen südwestlichen Gau Sachsens einzuladen. Wer mehr mit der
-Landschaft selbst vertraut werden will, der möge selbst kommen und
-schauen, und er wird mit der Überzeugung zurückkehren, daß kein Grund
-vorliegt, das Vogtland hinter den übrigen Gegenden unseres engeren
-Vaterlandes zurückzusetzen. Daß es noch nicht »Mode« geworden ist, ist
-wohl der beste Beweis, daß ein Unterkommen auf den Wanderungen auch
-denen ermöglicht ist, die nur über bescheidene Mittel verfügen.
-
-[Illustration: Abb. 9 =Bad Elster=]
-
- _Anmerkung._ Wer mehr über das Vogtland erfahren will, sei auf
- die Literatur verwiesen, die auch bei den vorliegenden beiden
- Arbeiten benutzt worden ist, vor allem auf: Unser Vogtland
- (Heimatkundliche Lesestücke für die Schulen des sächsischen
- Vogtlandes, bearbeitet von einer Kommission Plauenscher
- Lehrer, Verlag der Dürrschen Buchhandlung, Leipzig), Das
- Königreich Sachsen in Wort und Bild von Leo Woerl und Steche:
- Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler
- des Königreich Sachsen; weitere Literatur ist in dem zuerst
- genannten Buche angeführt. Denen, die ihr Wissen und Können in
- den Dienst dieser Sache stellten, besonders Herrn C. Sippel,
- Schriftführer des Verbandes vogtländischer Gebirgsvereine
- in Plauen, der für beide Aufsätze eine Reihe von eigenen
- photographischen Aufnahmen zur Verfügung stellte, bin ich zu
- großem Danke verpflichtet.
-
-
-
-
-Trachtenechtes Spielzeug
-
-Von _Karl Lucas_, Meißen
-
-
-Weihnachten naht. Es wird gebastelt, gesägt, geschnitzt, geleimt,
-geklebt bis über die mitternächtige Stunde hinaus. Das Weihnachtsfieber
-hat uns gepackt.
-
-Auch mir ging es so. Auf dem Wunschzettel meiner Mädel waren kleine
-Tierchen, Männer und Bauernfrauen verzeichnet. Diese Sächelchen waren
-bereits in Anzahl im Besitze der kleinen Bittstellerinnen. Aber es
-sollten noch mehr sein. Es sind das jene reizenden Gegenstände,
-die aus unseren Erzgebirgsdörfern ihren Weg in jede Spiel- und
-Holzwarenhandlung gefunden haben. Bei ihrer Naturtreue und ihrem
-auch heute noch verhältnismäßig billigen Preise werden sie sehr gern
-gekauft. Sie treten in scharfen Wettbewerb mit den altbekannten
-früheren »Pfengstückchen«. Auch ärmere Leute greifen oft nach den
-natürlicher wirkenden »Dreiertierchen« (Friedenskurs!). Es wird der
-leider nicht überall befolgte Grundsatz angewandt: Wenig und gut ist
-besser als viel und schlecht.
-
-Ein Vorzug der »Dreiertierchen, Fünf-Pfeng- oder Groschentierchen und
--männel« ist es, daß sie sich in ein besseres Größenverhältnis zu den
-aus Bauklötzchen, Modellierbogen usw. aufgebauten Gebäuden einstellen.
-Das Spiel gibt so ein getreueres Bild der Wirklichkeit und wird
-natürlicher und lebendiger.
-
-Bei anderer Gelegenheit stieß ich auf die Künstlermodellierbogen.
-Diese verhalten sich zu den schablonenhaften früheren Bogen wie Tag
-zur Nacht. Leider gibt es auch heute noch Bogen, bei deren Herstellung
-derartig hohe Maßstäbe wie an die Künstlermodellierbogen nicht
-angelegt worden sind. An zwei aufgestellten Modellen -- Lappenlager
-und rumänisches Bauerngehöft -- hatte ich erfahren können, was für ein
-anschauliches Bild diesen Siedelungen samt dem Leben und Treiben der
-Bewohner durch diese Bogen vermittelt wird.
-
-Einem Zuge nach der Heimat folgend, wählte ich für meine Mädel das
-»Altwendische Bauerngehöft« (Teubner Nr. 19) aus. Eine Pappe 37 : 50
-Zentimeter genügte zur Aufstellung. Dabei blieb noch Platz für Wege,
-Raine, Brücken, Baumgruppen, für einen Bach mit Entenpfütze. Die
-Gebäude wurden durch eingelegte Pappe gesteift. So entstand ein
-ziemlich standhaftes Spielzeug. Zur Belebung sind auf dem Bogen eine
-Anzahl Leute, Tiere und Bäume aufgezeichnet. Sie erfüllen ihren
-Zweck nicht recht. Die ausgeschnittenen, auch gesteiften Gestalten
-vertragen das fortgesetzte Anfassen schlecht. Dann fehlt ihnen die
-Körperlichkeit, die die Gebäude nach ihrer Aufstellung besitzen. Die
-Einbildungskraft der Kinder überwindet den Mangel der Gestalten zum
-Teil. Freudiger aber greifen sie zu den körperlichen Gestalten, die aus
-unserer sächsischen Spielwarenerzeugung hervorgegangen sind.
-
-Ich entschied mich von vornherein für die Aufstellung der
-Holzsächelchen. Beim Durchstöbern der Vorräte in den Läden fand ich
-Tiere, Taubenschläge, landwirtschaftliche Geräte, Wagen, Hundehütten,
-Bienenstände in reicher Auswahl und geeignet für meinen Bauernhof.
-Aber Menschen, wie ich sie brauchte, konnte ich nirgends auftreiben.
-Um meinen Hof nicht verwaist stehenzulassen, nahm ich, was da war:
-Bauern, Bäuerinnen, Butterfrauen, Nachtwächter, Kinder, Geistliche,
-Brautleute, Kränzeljungfern, Stadtvolk. So hatte ich Leben. Aber es
-paßte wie die Faust aufs Auge, wenn ich in meinem Hofe den Großknecht
-in Älplertracht spazieren sah.
-
-Meine Mädel freuten sich zunächst uneingeschränkt, nach und nach wurden
-ihnen die Widersprüche aber bewußt. Freude löste diese Entdeckung bei
-ihnen nicht aus.
-
-Auch der Erwachsene spielt gern mit, wenn das Spiel heimatliche
-Vorstellungen und Gefühle auslöst. Eine rechte Freude kann aber bei
-ihm nicht aufkommen, wenn sich solche Stilwidrigkeiten fortgesetzt
-aufdrängen. Das bedeutet aber einen Verlust für den Erwachsenen und
-für das Kind. Unsere Zeit hastet. Sie löst den einen früher, den
-andern später aus der Umgebung, in der er seine Kindheit verlebte. Ein
-großer Teil unseres Volkes führt ein modernes Nomadenleben. Nur noch
-ganz bestimmte Volksgruppen haben sich die Seßhaftigkeit bis zu einem
-gewissen Grade bewahrt. Aber auch diese Kreise fangen an, den Sinn
-in die Weite schweifen zu lassen und das Naheliegende zu übersehen.
-Der sich überallhin ausbreitende Verkehr mit seinem Einebnen alles
-dessen, was kennzeichnend hervortreten will, läßt die besten Eindrücke
-der Kindheit rasch verblassen. Alles wird käuflich, verkäuflich. Es
-scheint, als ob jene innerlich wirkenden Werte einer Sache, die aus
-der Geschichte, aus der Pietät heraus zu erklären sind, schwänden.
-Gerade diese Werte aber machten früher eine Sache oft unbezahlbar.
-Darum müssen wir das alles mit Freuden begrüßen, was uns helfen könnte,
-jene verborgenen, in der Vergangenheit wurzelnden Werte wieder zu
-erschließen. Im Geiste wenigstens lerne jedes sich wieder versenken
-in die Schätze der Vergangenheit, damit die Gegenwart mit ihren
-verwickelten Verhältnissen besser verstanden werde. Alle Gegenwart ist
-Gewordenes. Alles Gewordene fußt in der Vergangenheit. Wir sollen nicht
-mehr bloß Gegenwartsmenschen sein wollen, sondern sollen uns wieder als
-etwas betrachten lernen, das in der Vergangenheit wurzelt. Wir werden
-dann einsehen, daß jedes gewaltsame Lösen der Fäden, die uns mit der
-Vergangenheit verbinden, einen nie wieder gut zu machenden Schaden für
-den einzelnen wie für die Gesamtheit bedeutet.
-
-Unsere Spielwarenerzeugung kann uns helfen, die verborgenen Beziehungen
-zum Vergangenen wieder aufzudecken, kann uns helfen, Einkehr zu halten
-in den Tagen der Kindheit wie in denen der reifen Jahre, kann uns
-helfen, die Heimat durch ihre Vergangenheit zu verstehen. Ein weites
-unbebautes Feld breitet sich hier für diese Industrie aus. Rechte
-Bearbeitung muß eine gute Ernte für den Erzeuger und für die Gesamtheit
-unseres Volkes bringen. Gefühl und Sinn für Heimatliebe, Volkskunst,
-Heimatschutz würden zu gleichen Teilen durch Belehrung im Spiel schon
-in den Kleinen geweckt werden. Fortgesetztes Spiel mit Spielzeug,
-das mehr wie Spielzeug sein will, brächte diesen Sinn, diese Gefühle
-zum Wachstum. Schließlich würden sie beim Erwachsenen unbewußt zum
-unveräußerlichen Besitzstand geworden sein.
-
-Wie können die beteiligten Industrien diese Forderungen erfüllen?
-Kurz gesagt dadurch, daß sie Erzeugnisse schaffen, die die Verbindung
-mit der Heimat erkennen lassen und echt sind, also jede Scheinkunst
-vermeiden. Wir brauchen Modellierbogen, die uns einen _sächsischen_
-wendischen Bauernhof, einen _sächsischen_ ländlichen Bahnhof, ein
-_sächsisches_ mittelalterliches Rathaus usw. darstellen. In unserem
-Vaterlande haben wir reichliche Stoffbeispiele dafür. Ferner sei
-zur Auswahl gestellt: Oberlausitzer Weber- und Gutshäuser --
-Erzgebirgische Gebäude -- Moritzburg -- Altes Leipziger Rathaus --
-Meißner Dom, Albrechtsburg, Rathaus, Bürgerhäuser -- Bautzener Gebäude
--- alte sächsische Kirchen, Mühlen, Pochwerke -- Gebäude, deren
-Erhaltung mit besonderer Sorgfalt oft unter Aufwendung nicht geringer
-Mittel durchgeführt wird (Frohnauer Hammer) -- Bogengruppen mit
-Planzeichnungen zur Veranschaulichung der Siedlungsweisen (Pfahldorf,
-Rundling, Längsdorf, Dörfer mit sägeblattähnlicher Gebäudestellung,
-Klosterbauten, Gartenstädte, Alt-Dresden, Alt-Leipzig). Wenn heute die
-Festung Königstein als Modell herausgebracht würde, so würde wohl kaum
-etwas dagegen eingewendet werden.
-
-Seien nun die Gebäude auszuführen vom Modellierbogen aus, seien
-sie besser aus einzelnen bemalten Holzteilen zusammenzuschränken,
-jedenfalls werden dem Kinde im Spiel die Unterschiede der Bauweisen,
-der Siedelungsanlagen auffallen. Fragen nach zeitlichen und örtlichen
-Gründen, auch nach solchen der Zweckmäßigkeit werden auftauchen. Nicht
-alle Fragen wird der Erwachsene befriedigend beantworten können. Er
-wird mit dem Kinde und durch das Kind Heimatkunde und Heimatgeschichte
-treiben müssen, wenn er nicht dauernd die Fragen halb oder ausweichend
-oder mit »ich weiß das selber nicht« beantworten will. Darum dürfen die
-Modellbogen nicht ohne Erläuterungsblätter gelassen werden. Gute Bücher
-können noch gründlichere Auskunft erteilen. Ansätze in dieser Richtung
-sind vorhanden. Aber die Heimatforschung hat noch genügend Brachland
-zu bearbeiten, ehe sie alle Wünsche nach dieser Seite hin befriedigen
-kann. Es gibt wohl keinen Ort Sachsens, der nichts hätte, was als
-bauliches Wahrzeichen für Modellzwecke festgehalten zu werden verdiente.
-
-Zu den Modellen von Bauwerken gehört das richtige Gestaltenmaterial.
-Getreu dem Leben oder -- wenn dies keine Kunde mehr gibt -- getreu
-den kulturgeschichtlichen Quellen wird es dargeboten. Wie viele
-verborgene Schätze unsrer Heimatsammlungen, Geschichtsmuseen,
-Bildergalerien, Innungsschränke, Zunftladen könnten da eine fröhliche
-Auferstehung feiern! Wie könnte aus dem, das hinter Glas und Rahmen,
-Tür und Riegel wohlverwahrt gehalten wird, ein Quell der Heimatliebe
-entspringen! Da werden lebendig: alte Zünftler, Landsknechte, Zöllner,
-Sänftenträger, Narren, fahrende Gesellen. Dazu die alten Gebäude.
-Die Vergangenheit wird lebendig in der Gegenwart. Aus Papierstoff,
-Holz, Zinn, Linoleum, durch Guß, Pressen, Drehen, Schnitzen werden
-die zeit- und trachtenechten Gestalten hergestellt. Sie sind einzeln
-käuflich (zum Aussuchen). Sie können aber auch -- zu fein abgestimmten
-Gruppen geordnet -- in widerstandsfähigen Schachteln erstanden werden,
-die recht wohl die überlieferte Aufschrift tragen können: Andenken
-an ... Zur Erinnerung an ... Oheim Max bringt dem kleinen Hans eine
-Schachtel mit: _Andenken an Leipzig_. Drinnen liegen Studenten in
-Wichs. Das Fräulein mit farbigem Band ist Base Lotte, die Studentin.
-Burschen heraus zum Couleurbummel! Muhme Alma bringt eine Schachtel
-mit: _Erinnerung an Meißen_. Da sind zu sehen: Aschekarl, Aschemarie
-mit dem Spitz auf dem Arme, Kalmus, der dumme Junge von Meißen,
-ein Fremder mit der Fummel, Winzer, Winzerinnen. _Freiberg_ wartet
-auf mit Bergstudenten, Bergleuten in Parade- und Arbeitstracht,
-_Kloster Marienstern_ mit Osterreitern und Nonnen, _Bautzen_ mit
-dem Taubenjokel, wendischen Männern und Frauen und Kindern, dem
-Hochzeitsbitter, der Braut und dem Bräutigam, _Oybin_ mit Mönchen.
-Anderswo gibt es beim Schützenfeste die ganze Schützengilde in einer
-Schachtel wohlverwahrt zu erstehen. _Radeberg_ knüpft an seine
-Bürgerwehr, seinen ehemaligen Bergbau, sein Gregoriusfest, seine
-Soldaten an. _Leppersdorf_ und _Augustusbad_ bieten an eine Einsiedelei
-mit Bäumchen, Hasen, Rehen, kleinen Vöglein und dem »Lampert im
-Walde«. Ein Steinkreuz, ein Grenzstein, ein altes Denkmal gehört auch
-manchmal in so eine Schachtel. _Schmiedefeld_ bei Stolpen und andere
-Orte waren vor Einführung der Eisenbahn belebtere Orte als jetzt. Sie
-lagen an den alten Poststraßen. Eine Schachtel zeigt als Inhalt eine
-alte Postkutsche, ein Land-(fracht-)fuhrwerk, Zöllner, Torwächter,
-Handwerksburschen, Reisende in Biedermeiertracht. Kriegszeiten haben
-viele sächsische Orte durchleben müssen (Hussiten-, Schweden-,
-Franzosenzeit). _Kamenz_ bringt bei seinem Forstfeste eine Schachtel
-heraus, deren Inhalt die Erinnerung an eine glückliche Errettung aus
-solch schweren Tagen wach hält. Bei Regimentstagen können Gestalten
-in den Regimentstrachten der verschiedenen Zeiten vertrieben werden.
-Vom Trachtenfest »Biedermeierzeit« bringen Vater und Mutter eine
-Spielschachtel mit, die entsprechende Gestalten, Rosenlauben, grüne
-Hecken enthält. Das, was bei Ausstellungen mit den »alten Städten«
-(Vergnügungsecken) geboten wird und nach seiner oft recht beachtlichen
-geschichtlichen Treue wert wäre, länger zu bestehen, das könnte in
-verkleinerter Ausgabe zum Spiel geschaffen, als Andenken verkauft
-werden.
-
-Im Vereine mit guten Gebäudenachbildungen müssen solche Geschenke
-oder Andenken in Vergangenheit und Gegenwart vertiefen helfen, müssen
-sie alt und jung zur Besinnung einladen. Die Sachen haben ja etwas zu
-erzählen. Der Quell der Sage und Geschichte muß da sprudeln. Kinder
-und Erwachsene werden beim Spiel oft in den Geleisen wandeln, die der
-Darstellung zugrunde liegen. Wie wir aber einen »Freiberger Bauerhasen«
-stets mit einer gedruckten Erklärung zu kaufen bekommen, so darf
-bei all diesen Sachen nicht mit frisch und lebendig geschriebenen
-Erläuterungen gespart werden.
-
-Trachtenechte Puppen, stilgerechte Puppenmöbel (Himmelbetten,
-Bauerntische, Schemel, Wiegen, Stühle, geblümte Vorhänge, Teller,
-Tassen, Kannen), eine rechte Bauernstube, Weberstube, Patrizierstube,
-Spinnstube: das müßte Mädchen eine wirkliche Freude geben!
-
-Das sind wirkliche Reiseandenken, die ihren Zweck erfüllen,
-ein Band zu schlingen über den Geber hinweg vom Empfänger zum
-kulturgeschichtlichen, heimatkundlichen Stoff. Das kann von den jetzt
-noch beliebten Fangbällen, Windrädern, Abziehbildern und Postkarten
-auf Holzquerschnitten, Steingutsachen u. a. m. nicht behauptet
-werden. Welche Sorte von Reiseandenken verraten wohl Verlegenheit
-und Gedankenlosigkeit des Gebers, welche begegnen Verlegenheit und
-Gleichgültigkeit beim Empfänger?
-
-Strenge Wahrhaftigkeit in der Darstellung des trachtenechten Spielzeugs
-gibt den Kleinen auch wahre Anschauungen. Eine nach irgendeiner Seite
-hinzielende, da hinzufügende, dort verheimlichende Scheinkunst ist
-verpönt. Sie würde Truggebilde der Heimat erzeugen und die Jugend
-verwirren. Für die Jugend muß nur das Beste gerade gut genug sein. Aber
-auch viele Erwachsene gleichen in dieser Hinsicht Kindern und verlangen
-die gleiche Behandlung. Auch ihnen dürfen wir das Bild der Heimat
-durch Unwahrhaftigkeit des gebotenen Spielzeuges nicht entstellen oder
-verzerren.
-
-Die Bestandteile der Kleinspielzeugkästen werden etwas schematisch,
-maschinenmäßig aussehen. Auf die Maschinenhilfe kann aber aus Gründen
-möglichster Billigkeit nicht verzichtet werden. Doch der handarbeitende
-Holzschnitzer mag nicht abseits stehen. Wie verschieden können ein
-Student, Soldat, Bergmann, Mönch, Bauer, Schützenhauptmann gestaltet
-werden in Bewegungen, Gesichtszügen, Farbengebung! So können wir
-auch mit handgeschnitztem Kleinspielzeug unsere Schachteln füllen,
-die freilich nur zu einem höheren Preise zu haben sein könnten. Ein
-Vergleich von geschnitzten und gedrehten Figuren wird die Berechtigung
-des Preisunterschiedes beweisen. Der Schnitzer kann seine Gestalten
-aus dem Bereiche des gewöhnlichen Spielzeuges in das Gebiet des
-Kleinkunstwerkes erheben. Ich erinnere mich der Ausstellung von
-Krippenfiguren in Dresden. Wie verschieden hatte jeder einzelne
-Aussteller sein persönliches Empfinden in einem gegebenen Stoffe zum
-Ausdrucke gebracht. Bewegung, Ausdruck, Farbe, Gruppierung usw., das
-alles zusammen genommen brachte trotz Gleichheit des Vorwurfes doch
-durch die selbständige Auffassung der einzelnen Verfertiger große
-Unterschiede heraus. Dazu kam die unterschiedliche Beherrschung und
-Anwendung der einzelnen Techniken. Neben etwas schematisch anmutenden
-Sachen waren reizende kleine Kunstwerke vertreten, bei denen die
-Schablone einer durchgeistigten Auffassung hatte weichen müssen. So
-braucht sich auch der Gestalter einzelner Personen vom trachtenechten
-Spielzeug nicht sklavisch an überlieferte Bewegungs-, Ausdrucks- und
-Kompositionsschemen zu halten, sondern kann diese etwas traditionellen
-Sachen mit seinem eigenen Geiste durchdringen, bezw. durchbrechen, wenn
-am letzteren nicht höhere Gesichtspunkte hindern sollten. Tracht und
-Farbengebung ist ja doch durch die Überlieferung festgelegt. Mancher
-Käufer wird dann die auch nicht besonders billigen Phantasiegestalten
-der jetzt noch herrschenden Marktware zurückweisen, um nach einer nicht
-so billigen, aber lebenswahren Figur zu greifen, die durch einen gut
-empfindenden Gestalter herausgebracht worden ist. Solche Geschenke
-brauchen sich nicht vor dem Tageslichte zu scheuen. Sie werden immer
-wieder gern angesehen.
-
-Unsere sächsischen Spielwarenerzeuger können aber auch über die
-Landesgrenzen greifen. Nach guten Vorbildern kann unsere Industrie
-jedes außersächsische Modell lebensvoll gestalten. Für Seebäder werden
-Schachteln gefüllt mit trachtenechten Fischern und Fischerinnen,
-Seeleuten, Badegästen, Badekarren, Strandkörben -- für Halle
-Hallorengruppen usw. So können Trachtengruppen aus dem ganzen
-früheren und jetzigen deutschen Vaterlande zusammengestellt werden.
-An Künstlermodellierbogen stehen uns für diese Zwecke eine ganze
-Anzahl zur Verfügung, die den Aufbau von Gebäuden aus allen Teilen
-Deutschlands ermöglichen. Die Verzeichnisse könnten noch durch eine
-Anzahl Bogen von Orten mit ausgedehntem Fremdenverkehr bereichert
-werden. Nach diesen Orten könnte unsere heimische Industrie ihre
-Erzeugnisse senden. Das Schutzwort »Gefertigt in Deutschland« könnte
-umgewandelt werden in »Gefertigt in Sachsen«.
-
-Auch hier muß Sorge getragen werden, daß neben den billigeren, etwas
-schematischen Drehbankarbeiten für das kaufkräftigere Publikum auch
-handgeschnitzte lebensvolle Gestalten am Lager sind. Damit der Erzeuger
-einen angemessenen Gewinn von seiner Arbeit habe, die Gegenstände aber
-trotzdem nicht zu hoch im Preise kommen, dürfte sich keine lange Reihe
-Zwischenhändler zwischen Verkäufer und Käufer einschieben.
-
-Wir gehen kühn über Deutschlands Grenzen hinaus und umspannen den
-Erdball. Wir lassen im Spielzeug erstehen das ganze bunte Völker- und
-Trachtengemisch von Europa und den übrigen Erdteilen. Wir bringen
-Modellbogen auf den Markt von der Eskimohütte und dem Hottentottenzelt
-bis zum Wolkenkratzer, vom Pfahldorfhaus in der Südsee bis zur
-Baumwohnung auf Java. Die Zinngießerei bringt bereits Völker aller
-Welt zur Anschauung. Oft hat die Phantasie sich dabei allzu reichlich
-betätigt. Wahrheit in der Darstellung ist hier aber um so nötiger,
-als eine Verbesserung eines Modelleindruckes durch nachträgliche
-Sinneseindrücke am natürlichen Gegenstande nicht eintreten kann. Sind
-keine einwandfreien Unterlagen zu haben, dann verzichte man lieber auf
-die Darstellung. Auch hier darf das Erzeugnis der Handarbeit nicht
-fehlen, es wird sicher im Auslande kaufkräftige Abnehmer finden.
-
-Die Darstellung deutscher Anschauungsstoffe wird von unseren Erzeugern
-vor außerdeutschen stets bevorzugt werden müssen. In dem Heimatlichen
-liegen die starken Wurzeln unserer Spielwarenerzeugung. Heimatliche
-Darstellungen finden den Weg über die Grenzen hinüber zu unseren
-deutschen Brüdern im Auslande. Ob sie in Rumänien, in Siebenbürgen,
-im Elsaß, im Kaukasus, in den Urwäldern Südamerikas oder sonst wo
-sitzen mögen: sie werden es gern sehen, wenn ihre Kinder mit Spielzeug
-spielen, das Fäden spinnt zur alten Heimat. Schaut der Erwachsene
-solchem Spiel der Kleinen zu, so wird ihn stilles Gedenken übermannen;
-da wird schließlich die Zunge beredt werden beim Erzählen von
-altheimatlichen Zuständen, von der eigenen Jugend, die -- wenn auch
-manchmal hart -- doch schön war. Die Kinder lauschen. So sprechen Vater
-und Mutter selten. Es muß etwas besonderes um das Spielzeug sein.
-
-Geht aus der alten Heimat als Geschenk zur Weihnachtszeit eine
-solche Gabe hinaus in die Fremde, und Vater und Mutter stellen die
-Sächelchen auf, wie es sein muß, dann stehen jung und alt herum um
-das Bild aus der alten Heimat, Wehmut und Freude im Herzen. Das sind
-Weihestunden, der fernen Heimat gewidmet, die unermeßlichen Gewinn für
-die Außenposten unseres Volkes haben, aber auch für uns selbst. Da
-kommt kein Negerenglisch, kein Burendeutsch, kein Sprachenwirrwarr beim
-Erzählen und Erklären heraus, da kommt die reine deutsche Muttersprache
-zu ihrem Rechte. Für diese altheimatlichen Stoffe hat die fremde
-Zunge keine Ausdrücke. Wenn unsere Brüder draußen sich auch äußerlich
-verändern, sich ihrer Umgebung anbequemen, so halten wir doch durch
-solche in der Heimat wurzelnde Gaben bei ihnen das Heimatgefühl wach.
-So lange sie dies Gefühl haben, so lange sind sie noch unser, sind sie
-und ihre Kinder fürs Deutschtum noch nicht ganz verloren!
-
-Wenn unsere Geschenke das erreichen, Heimatsinn zu erwecken im Lande
-selbst und draußen in der Fremde, dann können wir wohl sagen: Es sind
-rechte Geschenke gewesen. Wir haben mehr geschenkt als Spielzeuge oder
-Kunstwerke. Wir haben innere Werte erschlossen und mitgegeben, die
-unbezahlbar sind, die sich nicht wiegen und messen lassen, die nur
-innerlich erlebt und gewertet werden können.
-
-Aber nicht nur der Geber kann befriedigt auf sein Geschenk blicken,
-nein auch der Erzeuger. Auch er gibt mehr hinaus als allein seiner
-Hände Fleiß. Auch er kann sprechen: Der Geist, aus dem heraus ich alles
-gebildet und geschafft; der Geist, der aus meiner Arbeit spricht, der
-Geist der Heimat, der ist an Euch, Ihr Käufer, mein Geschenk!
-
-
-
-
-Caprivi und die Bäume im Garten des Kanzlerpalais
-
-
-»Ich kann nicht leugnen, daß mein Vertrauen in den Charakter meines
-Nachfolgers einen Stoß erlitten hat, seit ich erfahren habe, daß er die
-uralten Bäume vor der Gartenseite seiner, früher meiner Wohnung hat
-abhauen lassen, welche eine erst in Jahrhunderten zu regenerierende,
-oft unersetzbare Zierde der amtlichen Regierungsgrundstücke in der
-Residenz bildeten. Kaiser Wilhelm I., der in dem Reichskanzlergarten
-glückliche Jugendtage verlebt hatte, wird im Grabe keine Ruhe haben,
-wenn er weiß, daß sein früherer Gardeoffizier alte Lieblingsbäume, die
-ihres Gleichen in Berlin und Umgebung nicht hatten, hat niederhauen
-lassen, um ~un poco piu di luce~ zu gewinnen. Aus dieser Baumvertilgung
-spricht nicht ein deutscher, sondern ein slawischer Charakterzug. Die
-Slawen und die Kelten, beide ohne Zweifel stammverwandter als jeder von
-ihnen mit den Germanen, sind keine Baumfreunde, wie jeder weiß, der in
-Polen und Frankreich gewesen ist; ihre Dörfer und Städte stehen baumlos
-auf der Ackerfläche, wie ein Nürnberger Spielzeug auf dem Tische. Ich
-würde Herrn von Caprivi manche politische Meinungsverschiedenheit
-eher nachsehen, als die ruchlose Zerstörung uralter Bäume, denen
-gegenüber er das Recht des Nießbrauchs eines Staatsgrundstücks durch
-Deterioration desselben mißbraucht hat.«
-
- (Aus Bismarcks drittem Bande.)
-
-
-
-
-Drei Baumbilder aus unsrer Heimatsammlung
-
-Von _A. Kühne_, Wilsdruff
-
-
-Auf Anregungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz hin
-arbeiteten wir im vergangenen Jahre an einem _heimatlichen Baumbuch_.
-Es liegt jetzt in der Handschrift vor und soll in unsrer Heimatbeilage
-abgedruckt werden. Dank will ich sagen den Herren Rühle und Zieschang,
-ersterer hat die Bäume gemessen, Geschichte und Überlieferung
-gesammelt, letzterer hielt sie im Bilde fest.
-
-Von unsern heimatlichen Höhenbäumen mögen hier stehen _Rüdigers Linden
-in Helbigsdorfer Flur_. Kein Wandrer, der unsre Wilsdruffer Heimat
-gekreuzt hätte, ohne sie zu sehen. In einer Höhe von 334 Meter -- die
-Generalstabskarte nennt den Hügel den Eschenhübel -- beherrschen sie
-die weite Umgegend, und köstlich ist der Blick von dem Ruhebänkchen zu
-ihren Füßen. Wettergezaust und blitzgetroffen, doch stolz und stark
-stehen sie hier, Saat und Ernte seit einem Jahrhundert um sie her.
-Mögen sie noch lange Freude und Erholung für Land- und Wandersmann
-spenden!
-
-[Illustration: =Rüdigers Linden in Helbigsdorf= (Amtsh. Meißen)
-
-(Aufn. _G. Zieschang_, Kaufbach)]
-
-Ein Wegebaum -- _der Blankensteiner Bergahorn_. Da wo die Dorfstraße
-anhebt, wo der Kommunweg Helbigsdorf--Blankenstein endet, steht dieser
-stolze Baum. 3,68 Meter mißt der Umfang seines Stammes in Brusthöhe,
-an die 26 Meter hoch quillt das Laubwerk in den Himmel hinauf. Eine
-gewaltige, herrliche Fülle, dieses Astwerk mit seinem Blätterwald.
-Einen höheren Genuß aber schafft sein Anblick im Winter, wenn ihm der
-Frost den Blättermantel nahm, wenn sich eine weiße Decke unter ihm
-breitet. Da erst wird der gleichmäßig schöne Bau der Krone offenbar,
-dieses Wachsen und Dehnen und Greifen in die Weite und Höhe. Und dazu
-die graubraune Färbung der schlanken Stämme und Schäfte auf weißem
-Hintergrunde. Ein köstlich Bild.
-
-[Illustration: =Bergahorn in Blankenstein= (Amtsh. Meißen)
-
-(Aufn. _G. Zieschang_, Kaufbach)]
-
-Als dritter und letzter einer der geborstenen Riesen des _Weistropper
-Schloßparkes_, _eine Edelkastanie_. Ihr Geschlecht mag unter all den
-heimatlichen beachtenswerten Bäumen das älteste sein, bei weitem
-älter und ehrwürdiger als die dreihundertjährigen Reformationslinden zu
-Wilsdruff und Wurgwitz. Der Sage nach soll Bischof Benno sie gepflanzt
-haben; daß die frühmittelalterliche Kirche sich um Pflanzung und Pflege
-des Weinstocks, der Edelkastanie u. a. verdient gemacht hat, steht
-außer allem Zweifel. Auch der Miltitzer Schloßpark zeigt stolze alte
-Bäume dieser Art, sie sollen von Karl v. Miltitz, dem päpstlichen
-Staatssekretär, gepflanzt worden sein. Wir freuen uns an dem
-ausgeprägten Artcharakter dieser Stämme, danken der Schloßherrschaft
-für deren Erhaltung und hoffen, daß diese Bäume uns noch manches Mal
-Labsal sind auf unsern Heimatwanderungen.
-
-[Illustration: =Edelkastanie im Schloßpark Weistropp=
-
-(Aufn. _G. Zieschang_, Kaufbach)]
-
-
-
-
-Pflanzt Nußbäume!
-
- (Zu meinem Aufsatze: Erhaltet dem heimatlichen Landschaftsbilde
- die Alleen und die hervorragenden Bäume)[1]
-
-Von _A. Klengel_
-
-
-Zu den wertvollsten und malerischsten Schmuckstücken unseres
-Landschaftsbildes gehören stattliche Walnußbäume, mögen sie nun als
-Einzelbäume im Garten stehen, den ländlichen Hof beschatten oder als
-Allee der Dorfstraße das Geleit geben. Der Nußbaum ist aber nicht nur
-ein ausgezeichneter Schattenspender, sondern durch Frucht und Holz
-einer unserer wertvollsten Nutzbäume.
-
-Der Umstand, daß sich sein Holz nicht nur für den Möbelbau, sondern
-vor allen Dingen für die Herstellung von Gewehrschäften ausgezeichnet
-eignet, ist dem Nußbaum während der Kriegszeit verhängnisvoll
-geworden. Alle Nußbäume, von einer bestimmten Stammstärke ab, waren
-beschlagnahmt und viele Tausende fielen der Axt zum Opfer, um das
-Vaterland verteidigen zu helfen. Empfindliche Lücken wurden dadurch in
-unseren ohnehin nicht zu hohen Nußbaumbestand gerissen; wir merken die
-Knappheit am besten an den zu schwindelnder Höhe gestiegenen Nußpreisen.
-
-Es ist eine Pflicht aller heimischer Grundbesitzer, der Anpflanzung
-von Walnußbäumen erhöhtes Augenmerk zuzuwenden. Die durch den Krieg
-gerissenen Lücken müssen sich wieder schließen, der Nußbaum muß auch
-deswegen ausgiebiger angepflanzt und gehegt werden, weil uns Elsaß und
-Lothringen, die seither einen hohen Prozentsatz des heimischen Bedarfs
-an Walnüssen und Nutzholz lieferten, verlorengegangen sind. Hieraus
-ergibt sich ohne weiteres, daß jetzt die Anpflanzung der Nußbäume viel
-lohnender sein wird als in früheren Jahren. Durch reichlichen eigenen
-Anbau und eigene Erzeugung von Walnüssen und Holz können wir auch
-die Einfuhr einschränken und dadurch einer wichtigen vaterländischen
-Pflicht genügen. Daß wir überdies durch Hegen des stattlichen
-großlaubigen Baumes auch unser Landschaftsbild verschönern und dadurch
-dem Heimatschutz trefflich dienen, wurde bereits erwähnt.
-
-Einer ausgiebigen Anpflanzung des Nußbaumes werden mancherlei Bedenken
-entgegengestellt, die sich aber bei näherer Untersuchung fast durchweg
-als unhaltbare Vorurteile erweisen.
-
-Es muß zunächst vorausgeschickt werden, daß unser Walnußbaum (~Juglans
-regia~) ein Kind des heißen Orients ist, aber auch in Südeuropa
-ausgedehnte wilde Bestände bildet. Er ist insofern etwas anspruchsvoll,
-als er geschützte Lage, mildes Klima und tiefgründigen nahrhaften Boden
-bevorzugt und gegen Spätfröste empfindlich ist. Nach meinen, über
-dreißig Jahre reichenden Erfahrungen ist aber der Nußbaum durchaus
-nicht so zart wie oft angenommen wird. Ein neben meinem Hause in
-Meißen, allerdings sehr geschützt stehender Baum, hat seit über zwanzig
-Jahren niemals durch Frost gelitten, auch sind viele Jahre vergangen
-seit ich das letztemal in der freigelegenen Umgebung von Meißen
-erfrorene Nußblüten feststellen konnte.
-
-Vielfach ist die Meinung vertreten, daß der Nußbaum nur bis höchstens
-fünfhundert Meter Seehöhe und dann nur an geschützten Standorten
-ertragreich bliebe; in höheren Lagen empfehle sich seine Anpflanzung
-lediglich des Holzes, nicht aber der Fruchtgewinnung wegen. Diese
-Ansicht mag viel dazu beigetragen haben, daß man von der Anpflanzung
-abgesehen hat. Ich habe jedoch schon ganz andere Erfahrungen gesammelt.
-In Bärenstein im Müglitztale trug ein alter, in über fünfhundert Meter
-Höhe nicht besonders geschützt stehender, leider auch dem Kriege zum
-Opfer gefallener Nußbaum seit Menschengedenken reichlich Früchte
-und versagte nur dann einmal, wenn Spätfröste die Blüte vernichtet
-hatten, was aber, wie bereits erwähnt, auch in tieferen Lagen zuweilen
-vorkommt. Ein im gleichen Orte in fünfhundertfünfzig Meter Höhe
-stehender jüngerer Baum trägt seit einigen Jahren ebenfalls reichlich
-Früchte. Völlig überraschend war aber die Tatsache, daß sogar ein in
-siebenhundert Meter Höhe stehender jüngerer Nußbaum am Köllnerschen
-Vorwerk in Hirschsprung bei Altenberg noch ausgereifte Früchte trägt.
-Man hatte mit Blühen und Früchtetragen nicht mehr gerechnet, weil
-der Baum solange damit zögerte; es war dabei aber nicht beachtet
-worden, daß die Mannbarkeit des Nußbaumes nicht vor dem zwanzigsten
-Lebensjahre, vielfach sogar noch später eintritt.
-
-Eine weitere Abneigung gegen das Anpflanzen der Nußbäume entspringt
-aus dem angeblich schweren Anwachsen verpflanzter Bäume und anderen
-Mißerfolgen, die aber durchweg aus gärtnerischen Mißgriffen entstehen
-und lediglich darauf zurückzuführen sind, daß man die natürliche
-Eigenart des Nußbaumes sehr oft außer Acht läßt. Der Nußbaum darf
-nur im Frühjahr umgepflanzt werden, die Wurzeln sind dabei zu kürzen
-und zurückzuschneiden. Da der Nußbaum im Gegensatze zu seinem harten
-Stammholze sehr weiche Wurzeln besitzt, kommt es sehr oft vor, daß
-die noch nicht angewachsenen Wurzeln der im Herbst versetzten Bäume
-während der Winterruhe verfaulen und absterben, wodurch der Baum stets
-eingeht. Wenn irgend möglich, vermeide man das Verpflanzen überhaupt
-und lege die Samennüsse gleich an die späteren Standorte der Nußbäume.
-Der Nußbaum darf, im Gegensatz zu den meisten anderen Bäumen nur im
-vollbelaubten Zustande, am besten im Frühjahre verschnitten werden; der
-Rückschnitt im unbelaubten Zustande während der Winterruhe bringt ein
-Kränkeln und völliges Absterben des Baumes mit sich. Bei Anpflanzung
-von Alleen ist darauf zu achten, daß die Nußbäume mindestens fünfzehn
-Meter voneinander entfernt zu stehen kommen. Um gesund zu bleiben, muß
-sich der Baum nach allen Seiten frei entwickeln können.
-
- [1] Siehe Band X, Heft 4/6, Seite 95.
-
-
-
-
-Praktischer Heimatschutz
-
-
-In Alt-Trachau, dem ehemaligen alten Dorfplatz von Trachau, das
-leider in seiner alten Ursprünglichkeit durch Einbauen moderner
-Großstadthäuser bedeutend eingebüßt hat, kenne ich von Jugend her
-ein kleines, immer sauber getünchtes Häuschen, das mich dadurch ganz
-besonders interessierte, weil es neben seiner kleinen grüngestrichenen
-Hoftür im alten Gemäuer einen alten Hausspruch barg, den nur wenige
-kannten; ja, wie ich bei seiner Ausbesserung beziehungsweise
-Sichtbarmachung erfuhr, nicht einmal alle die jetzigen Bewohner dieses
-Hauses.
-
- ~KOM HER REIN DU GE
- SEGNERDER DES HERN
- WAS SEIEST DU DRAUSEN.~
-
-[Illustration: =Alt-Trachau=
-
-(Aufnahme _Julius Georg Perlik_, Dresden-Rochwitz)]
-
-Diese alte Sandsteinplatte, welcher man bei Erbauung dieses Häuschens
-oder schon früher, mit ungelenker Hand und primitiven Werkzeugen
-diese alten Schriftzeichen eingraviert hat, lenkte eines Tages meine
-Aufmerksamkeit auf sich, und ich hatte alle Mühe, diese alten, mit
-Kalkfarbe verschmierten Buchstaben überhaupt zu entziffern. Seinerzeit
-als es noch ein schöner, sinniger und volkstümlicher Brauch war,
-solche Sprüche -- meist ernsten Inhalts -- über Türen, an Giebeln und
-Torbogen, nicht nur anzubringen, sondern wo man noch Zeit fand sie
-auch zu lesen und darüber nachzudenken, da waren diese Buchstaben wohl
-noch scharf und leserlich. Doch bis dahin, als ich erstmalig darauf
-aufmerksam wurde, war wohl der Faustpinsel des Scharwerksmaurers
-verschiedene Male und in allen erdenklichen Farben darübergefahren. So
-kam es, daß diese alten Schriftzeichen mit der Länge der Zeit fast eins
-geworden waren mit dem übrigen Mauerwerk. Wind und Wetter und das Alter
-haben das übrige getan.
-
-Lange, lange Jahre vergingen und immer wieder sorgte der Besitzer
-dafür, daß dieses alte Häuschen wieder schön wurde, mal weiß,
-mal hellblau, mal rosa. Das Gebälk schön dunkel. Die Hoftür, das
-Weinspalier, der Gartenzaun und die Fensterladen frisch blaugrün. Das
-alte Ziegeldach aber bekam von Zeit zu Zeit durch einige neue Ziegel,
-die sich hier und da notwendig machten, eine wunderhübsche Abwechslung.
-Es war eben immer schön.
-
-Der alte Spruch aber verschwand immer mehr. Dann wurde ich
-Heimatschützler. In Nr. 3 der Heimatschutznachrichten läßt der
-Heimatschutz seinen Mitgliedern wissen, daß Bilder von Hausinschriften
-erwünscht seien. So ließ sich aber kein Bild machen. Bei dieser
-Gelegenheit sollte dieser alte Hausspruch wieder zu Ehren kommen.
-
-Sonntag, den 24. Juli dieses Jahres, frühzeitig, machten wir uns
-ans Werk. Alles dazu Notwendige hatte ich bereits an Ort und Stelle
-gebracht, auch die Genehmigung des Besitzers holte ich mir. Zement --
-gestiftet von Kell & Löser -- war auch schon da. Kurz berichtet war die
-Arbeit folgende:
-
-Die Sandsteinplatte wurde von anhaftendem Mörtel und Putz gereinigt,
-dann die als Rahmen gedachte, vorstehende und abgerundete Wulst oder
-Kante aus einem Gemisch von Zement und Sand aufgetragen und verputzt;
-die Mauer nach hinten um einige Zentimeter erhöht, um den darauf
-liegenden Dachziegeln, die als Schutzdach und gleichzeitig, um das
-Ganze zu heben, als Abschluß und zur Zierde dienen sollen, eine schräge
-Lage zu geben.
-
-Diese Arbeit nahm ungefähr sieben Stunden in Anspruch, fand
-aber dadurch eine unerwünschte Unterbrechung, daß wir von einem
-Wohlfahrtsbeamten wegen Entheiligung der Sonntagsruhe zur Anzeige
-gebracht wurden. Ich ließ mich selbst zur Wache führen, und erwirkte
-nach längerer Rücksprache mit dem Wohlfahrtsinspektor, daß wir doch
-diese Arbeit zu Ende führen konnten. Darüber habe ich seinerzeit im
-Heimatschutz persönlich Bericht erstattet.
-
-Zum Schluß wurden die ausgebesserten Stellen dieser Mauer mit Weiße
-überstrichen. Die Wulst aber bekam einen Anstrich in dunkel Ocker,
-während die Innenfläche ganz hell Ocker gehalten wurde. So kam aber
-die alte Schrift noch entschieden zu wenig zum Vorschein, wir sahen
-aber vorläufig von einem Ausmalen der Buchstaben noch ab, da wir
-befürchteten, daß das Historische dieses alten Spruches dadurch
-einbüßen würde.
-
-Soweit wieder hergestellt, nahm der Heimatschutz eine Besichtigung
-unserer Arbeit vor, wobei ihm vor allem die sich zu schwach
-hervorhebende und dadurch schwer leserliche Schrift auffiel. Er riet
-uns deshalb, das Ausmalen der Schrift doch noch vorzunehmen. Diese
-Arbeit wurde am 8. August ausgeführt. Mit Dunkelgrau ausgemalt wirkt
-dieser Hausspruch wieder wie ehedem auf die Vorübergehenden und selbst
-der Pastor von Trachau sprach gleich am nächsten Tage in diesem Hause
-vor, und war sehr erfreut und doch beschämt, daß sich Leute gefunden
-hatten, die diesen alten Spruch wieder zu Ehren brachten. Er selbst
-gestand zu seiner Schande, wiewohl er über zehn Jahre hier im Amte sei,
-wäre ihm dieser herrliche Spruch noch nicht aufgefallen. So mancher,
-der hier hunderte Male vorbeiging, ohne ihn zu bemerken, macht jetzt
-Halt vor diesem alten Spruch und sinnt. Der eine flüchtig, der andere
-nachdenklich. Was mögen sie wohl alle denken? Warum hat man den alten
-Spruch gerade jetzt wieder sichtbar gemacht?
-
-[Illustration: =Alt-Trachau=
-
-(Aufnahme _Julius Georg Perlik_, Dresden-Rochwitz)]
-
-Die Bauersfrau gegenüber hat mir es erzählt, immerwährend ständen jetzt
-Leute hier -- meist alte, aber auch junge -- und buchstabierten den
-alten Spruch. --
-
-Herr Perlik, der mich auch hier wieder in dankenswerter Weise
-unterstützt hat, indem er mit besonderer Liebe und Sorgfalt den
-größten Teil dieser Arbeiten nach meinen Angaben ausführte, fertigte
-auch umstehende Aufnahmen an. Während mein Wanderfreund Burk
-Handlangerdienste leistete, führte Herr Schilling die malerischen
-Arbeiten aus. Die Skizze hierzu hatte Herr A. Wiehl nach der Natur
-angefertigt und den zur Ausführung gebrachten Entwurf dabei mit
-eingezeichnet. Ich übte das Amt eines Poliers aus.
-
-So kann durch Mithelfen eines jeden manches wieder ans Tageslicht
-gebracht und der Nachwelt erhalten werden. Es gibt in unseren schönen
-Vororten und Dörfern noch viel Interessantes und Erhaltenswertes, aber
-leider noch zu wenig Helfer.
-
- Richard Köhler.
-
-
-
-
-In den Hütten meiner Heimat
-
- (aus »Bunte Gassen, helle Straßen«, ein Buch von Kinderland und
- Heimat von _Max Zeibig_, Bautzen. 2. Band der Heimatbücherei
- des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz[2])
-
-
-Meine Heimat läuft vom Kamme duftblauer Berge waldreiche Hänge hinab
-über einen Saum von blumigen Wiesen und fruchtschweren Feldern, eilt
-an rauschenden Schornsteinen, klirrenden Werkstätten und sausenden
-Webstühlen vorbei, zeigt stolz zwei alte, turmreiche Städte, davon eine
-immer schöner und lieber als die andere, zieht hinaus in bauernsatte
-Dörfer und wandert, wandert und kommt endlich ganz müde in die Heide,
-in die grüne einsame Heide und ruht sich dort aus.
-
-Und bin ich des Lebens und der Arbeit, des Hasses, Neides und Streites
-müde, spricht mein Herz verlockend zu mir: Flieh’ auf! Deine Heimat
-ruft, die Heide.
-
-Da bin ich nun. In schimmerndem Kleide grüßen die Birken, die schlanken
-Geliebten des Waldes. Die Fichten raunen und prahlen mit ihren jungen
-Trieben; aber die Kiefern träumen und schweigen. Tiefverborgen liegt
-ein Teich, da leuchten aus moosgrünen Binsen schneeweiße Rosen. Die
-sind so heilig und so schön, wie ein Mädchen in seiner seligsten
-Jugend. Hoch am Himmel ein beutesuchender Bussard, im Schilf Scharen
-wilder Enten, im Wald das sorglose, flinkfüßige Reh, dazu tausend und
-tausend blaue und braune brummige Käfer, Insekten mit lichtglänzendem
-Flügelkleid, schönheittrunkene Schmetterlinge, von Heidekraut zu
-Heidekraut überaus zarte, feinfädige Spinngewebe, darinnen der
-morgenfrische Tau funkelt und leuchtet wie Millionen Brillanten, und
-über allem ein ungemein feines und weiches Singen und Klingen und ein
-Duft und eine Seligkeit, daß das Herz schreien möchte vor so viel
-Schönheit.
-
-Das ist die Ruhe, der Frieden meiner Heimat -- die Heide.
-
-Heute bin ich in ihren Hütten gewesen.
-
-Die Menschen wohnen in niedrigen, dumpfen Stuben. (Sie sind den lieben
-langen Tag im Wald und auf dem spärlichen Feld! Was brauchen sie in den
-Stuben frische Luft!)
-
-Wie gemütlich so ein brauner, breiter Kachelofen ist! Das Doppelbett
-hat einen frischen, buntblumigen Überzug. Auf dem Tisch stehen ein
-paar blutrote Nelken, die brennen vor lauter Liebe. An den Wänden
-hängen, gestickt, unter Glas und Rahmen, oder bloß auf Pappe gedruckt,
-fromme, bescheidene Wandsprüche. Im Glasschrank feiern silbern- und
-goldgeränderte Tassen, geblümelte Teller von Steingut und zierliche von
-Glas, allerhand nichtige, kleine Figuren, verblichene, braungetönte
-Photographien ein beschauliches Dasein. Von dem weißgestrichenen
-Fensterbrett gucken steife Geranien und herzreiche Fuchsien neugierig
-auf den rankenden Wein, der die kleinen Fenster wild umwuchert, wie
-weit er mit seinen Trauben sei. Draußen im kleinen Gärtchen verblühen
-späte Rosen in königlicher Pracht.
-
-Zwei Alte kommen mir freundlich entgegen: »Schön Willkomm’«, sagen sie.
-Wie lieb das klingt!
-
-Ich muß immer auf sie sehen, auf die beiden Alten. Mein Gott, die
-Hände, wie sind die hart und schwielig! Die haben im Leben was
-gerackert und geschafft, und die müden, erloschenen Augen, die haben
-manche Träne geweint ... »Wir haben einmal zwei Söhne gehabt,« erzählen
-die beiden Alten, »echte, treue, starke Söhne der Heide. Da sind ihre
-Bilder ... Sind alle beide gefallen. Für die Heide. Für die Heimat ...«
-
-Die beiden halten sich an der zitternden Hand und sitzen ganz feierlich
-auf ihrem zerbeulten Sofa. Gerade über ihnen hängt der Spruch: Befiehl
-dem Herrn deine Wege, er wird’s wohl machen! ... Die beiden Alten sind
-ganz ruhig, ganz still. Sie haben ein Lebenlang geschuftet und gesorgt.
-Nun sind sie so zufrieden und so fromm ... Das fühlt man.
-
-_Arme Leute!_ hier in der Heide ...
-
-O du ruhlose, friedlose, du laute, du törichte Welt, wenn du wüßtest,
-wie arm du bist ... und wie reich sie sind in den einsamen Hütten
-meiner Heimat!
-
-[Illustration]
-
- [2] Preis für Mitglieder (gebunden) M. 15,-- (sonst M. 18,--).
- Bestellkarte anbei.
-
-
-
-
-Das Weberhaus in Hosterwitz
-
-Von _Edgar Hahnewald_, Dresden
-
-
- Die Wohnungsnot zwingt dazu, jeden verfügbaren Raum nutzbar zu
- machen; dadurch werden aber in gewissen Fällen auch Stätten
- bedroht, deren unangetastete Erhaltung selbst in dieser Notlage
- geboten erscheint. Das ist auch beim Weberhaus in Hosterwitz
- der Fall, das bisher fast unbekannt und darum unberührt lag;
- besucht und bewundert von denen, die diese Stätte zu schätzen
- wußten, seine kulturelle und musikgeschichtliche Bedeutung
- kannten. Jetzt aber glauben die Wohnungsbehörden, die bisher
- Rücksicht übten, diesen stillen Winkel nicht länger schonen
- zu können. Wenn aber das Weberhaus für dauernd bewohnbar
- gemacht werden sollte, sind Eingriffe in die äußere und innere
- Gestaltung unumgänglich nötig, die den historischen Charakter
- des Hauses zerstören.
-
- Der Heimatschutz bemüht sich, im Verein mit dem um die
- Erhaltung der Kulturstätte verdienten Besitzer, Herrn Emil
- Krahmer, die drohende Gefahr abzuwenden.
-
- Es erscheint angebracht, auch weitere Kreise für diese
- Schaffensstätte des Freischütz-Komponisten Carl Maria von
- Weber zu interessieren, was durch die nachfolgende Schilderung
- geschehen soll.
-
- Die Schriftleitung.
-
-An der Dresdner Straße in Hosterwitz, in beinahe unmittelbarer Nähe des
-Pillnitzer Idylls, liegt Carl Maria von Webers Sommerhaus.
-
-Hundert Jahre lang hat ein guter Stern über seiner Unversehrtheit
-gewacht. Kaum daß es jemand wußte. Zwar Webers Möbel stehen nicht mehr
-darin. Irgendwer hat später dem hinteren Fachwerkgiebel eine hölzerne
-Veranda vorgebaut, die aber das Ganze nicht stört und die heute schon
-wieder alt geworden und von der Zeit in die Stimmung des Winkels
-einbezogen worden ist. Aber sonst ist es noch ganz und gar Webers
-Haus geblieben -- man meint, die Blumen, die da blühen, habe schon
-er gestreift, wenn er kam und seine Frau Caroline in der Laube ihm
-entgegensah. Und die stillwachsenden Bäume haben das Häuschen nur noch
-tiefer in friedevolles Grün gehüllt.
-
- * * * * *
-
-Es ist eigentlich kaum ein Wunder, daß die hundert Jahre das Häuschen
-nicht antasteten. Die nahe Stadt wuchs sich nach anderen Richtungen aus
-und ließ diesen Winkel unberührt. Und daß sonst niemand ein Aufhebens
-von diesem Eckchen machte, gereichte ihm zum Schutz vor absichtsvollen
-Aufmerksamkeiten, die vielleicht gerade das zerstört hätten, was nun so
-reizend daran ist: seine Unberührtheit.
-
-Wir schätzen heute solches Erbe bewußter. Aber sofort zwingen uns
-auch die schärfer zugreifenden Bedrohungen dazu, uns schützend vor
-das ideelle Gut zu stellen, das uns gelassenere Zeiten hinterließen.
-Denn während es bisher gut für das Häuschen war, daß es unbeachtet
-blieb, müssen wir heute gerade umgekehrt aller Augen darauf hinlenken
-und sagen: dieses kleine Haus ist ein Schatz, den ihr alle kennen und
-schützen und erhalten helfen müßt!
-
- * * * * *
-
-[Illustration: Abb. 1 =Hosterwitz, gemalt von Professor C. A. Günther
-um 1820=
-
-(Aus dem Dresdner Stadtmuseum)]
-
-Als Weber, königlich sächsischer Kapellmeister und Musikdirektor der
-eben erst geschaffenen deutschen Oper in Dresden, dieses Häuschen
-fand, erfüllte sich ein längst gehegter Wunsch. Schon lange spähten
-er und seine junge Frau nach einem »Sommernest« aus, das im Sinne der
-damaligen Zeit anspruchslos sein, aber nicht zu weit ab von der Stadt
-liegen sollte. Dieses kleine Haus, das dem Hosterwitzer Winzer Felsner
-gehörte, entsprach allen Wünschen. Unverdrossen wanderte nun Weber
-immer wieder von Dresden nach Hosterwitz und zurück, um das Ausmaß
-irgend eines Raumes zu holen, das Caroline zum Plane der Einrichtung
-brauchte. Und nachdem er sich so und so oft diesen Weg »entlang
-komponiert« hatte, bezog das Paar glückstrahlend am 18. Juni 1818 das
-erste Stockwerk des Häuschens, das ihm zum Sommerparadies wurde.
-
-Wir fahren heute in fünfzig Minuten mit der Straßenbahn von Dresden
-nach Hosterwitz. Damals kostete das einen strammen Fußmarsch. Und man
-kann sich eine Vorstellung von dem festlichen Umstande machen, den
-alljährlich die Übersiedlung in die Sommerresidenz verursachte, wenn
-man der launigen Schilderung gedenkt, die Wilhelm von Kügelgen in
-seinen Jugenderinnerungen eines alten Mannes von der Badereise seiner
-Mutter von Dresden nach Lotzdorf bei Radeberg gibt: »Unser dottergelber
-Reisewagen ward nun hochbepackt mit allem Nötigen, mit Koffern, Waschen
-und darüber hingeschnallten Bettsäcken, vier Pferde wurden vorgelegt
-und die ungeheure Maschine setzte sich in Bewegung.«
-
-Auch Weber reiste mit einer solchen »Maschine«. Und später schaffte
-er sich, um den häufig nötigen Fußmarsch zu ersparen, auch eine
-Equipage an und versteifte sich darauf, selbst zu kutschieren, wobei er
-freilich übel debütierte und nach der dritten Fahrt kleinlaut zu Fuß
-in Hosterwitz ankam, während ein Bursche Tier und Wagen nachführte. Er
-besaß aber später stets zwei Pferde, Reise- und Stadtwagen und eine
-nach damaliger Sitte reich in Rot und Gold dekorierte Droschke. Und
-es war eine seiner kleinen Eitelkeiten, daß man seine Equipage zu den
-elegantesten der Stadt zählte.
-
- * * * * *
-
-Hosterwitz lag damals wirklich weit ab von der Stadt, und die Reise
-dahin war schon ein Ereignis in einer Zeit, in der das Linckesche
-Bad an der Elbe und Findlaters Weinberg hinter der heutigen Saloppe
-die Ausflugsziele der Dresdner waren. Das hübsche Aquarell Professor
-Günthers aus dem Jahre 1820 im Dresdner Stadtmuseum gibt eine
-deutliche Vorstellung davon, wie ländlich und abgeschieden das
-kleine Dorf am Fuße der Rebenberge lag. August Schumanns Staats-,
-Post- und Zeitungs-Lexikon berichtet in dem 1817 erschienenen Bande,
-daß Hosterwitz nur 21 Häuser und 113 Einwohner zählt, und fügt im
-Ergänzungsbande von 1830 hinzu: »Hosterwitz liegt in und vor dem
-Keppgrunde, unstreitig in einer der reizendsten Gegenden Sachsens,
-welche wir selbst jenen von Pillnitz und Loschwitz noch vorziehen
-möchten, da hier die ansehnlichen Berge fast jeder Art von Bekleidung,
-nicht das Einerlei der ununterbrochenen Weinpflanzungen zeigen; auch
-haben die hiesigen und poyritzer Wiesen einen auffallend üppigen
-Charakter.«
-
- * * * * *
-
-In dieser friedlichen Landschaft lag nun Webers Sommerparadies, in
-dem er Ruhe, Erholung von den ewigen Kämpfen mit seinen Dresdner
-Widersachern und erfrischende Anregungen zum Schaffen fand.
-
-Die Ströme, die aus dieser Umgebung in seine Arbeit hinüberfließen,
-pulsen immer. Die Kantate, der er den Titel »Natur und Liebe« gab,
-spiegelt ja geradezu im Duett »Holde, zaubrisch-schöne Hügel«
-die Lieblichkeit des Elbtales musikalisch wieder. Die anmutige
-»Aufforderung zum Tanz«, die schönsten Partien des Freischütz, der
-Euryanthe, des Oberon und viele kleinere, nicht minder köstliche Werke
-entstanden auf den Spaziergängen um Hosterwitz und sind in diesem
-kleinen Hause niedergeschrieben worden.
-
-Alle seine Schöpfungen kristallisierten sich so: eine musikalische Idee
-blitzte auf wie ein Stern in der Nacht, tagelang reifte sie sich aus
-bis zur letzten Note, und im Geiste gestaltet existierte sie längst,
-ehe noch eine einzige Note auf dem Papier stand. Oft überraschte er
-seine Freunde mit dem Vorspiel einer Komposition, die nur in seinem
-Kopfe, dort aber unverlöschbar fixiert war -- in seinen Notizen findet
-sich wiederholt lange vor der Niederschrift eines Musikstückes die
-Bemerkung, daß er dies oder jenes »fertig gedacht« habe.
-
-Kleinigkeiten wurden zu Anlässen seiner Schöpfungen. Ein Klarinettist
-seiner Kapelle begleitete ihn einst auf einem Spaziergange nach dem
-Linckeschen Bad. Weber schritt stumm vor sich hin. Es regnete. In der
-Gartenwirtschaft hatten die Kellner Tische und Stühle, meist mit den
-Beinen nach oben, in Gruppen zusammengesetzt. Beim Anblick dieser in
-Reihen und Intervallen starrenden Tisch- und Stuhlbeine blieb Weber
-plötzlich stehen, lehnte sich rückwärts auf seinen Stock und rief:
-»Sehen Sie, Roth, sieht das nicht aus wie ein großer Siegesmarsch?
-Donnerwetter, was sind das für Trompetenstöße!« -- abends notierte er
-den fertig gedachten Marsch, der später im Oberon erklang.
-
-Während eines schläfrigen Nachmittagsgottesdienstes in der Pillnitzer
-Kapelle hörte er das unerträglich falsche Intonieren einiger alter
-Weiber bei den Responsorien einer Litanei -- aus diesem Eindruck
-entstand der Lachchor der Bauern im ersten Freischützakt.
-
-Auf einer Fahrt nach Hosterwitz an einem Nebelmorgen wankte der Wagen
-durch das graue, gespenstige Gewoge -- in dieser Stimmung schuf,
-»dachte« er die Wolfsschluchtmusik.
-
- * * * * *
-
-Als schöpferische Offenbarungen strömten ihm auf diesen Gängen rund um
-Hosterwitz die Ideen zu. Und in diesem Häuschen schrieb er sie nieder.
-In jenem kleinen Zimmer, in das die sommerlichen Baumkuppeln der
-Pillnitzer Maillebahn und die in wogenden Linien ziehenden blauen Hügel
-hereinblicken, arbeitete er. In lauen Sommernächten saß er an diesem
-Fenster und schrieb in fehlerlosen Partituren von den Flötenstimmen
-bis zum Baß vollständig mit allen Zeichen, Pausen, Pianos, Fortes in
-perliger Notenschrift, wie in Kupfer gestochen nieder, was in seinem
-Kopfe »fertig gedacht« und unvertilgbar stand. Und sein Sohn Max, sein
-treuer Biograph, läßt uns die frohe Feier dieser Arbeitsstunden ahnen:
-»Kein Piano wurde dabei angeschlagen, das volle Orchester, von guten
-Geistern gespielt, klang ja von selbst in seinen Ohren, während er
-seine zierlichen Musikschriftzeichen malte.«
-
-Manchmal, vom Glück des Schaffens durchströmt, von jenem göttlichen
-Fieber erregt, das noch über das vollendete Werk hinaus nach Ausbruch
-drängt, trat er, nachdem er einen Nachmittag lang gearbeitet hatte,
-dann aus dem kühlen Hause hinaus in den Garten. Düfte strömten und die
-Sonne leuchtete über allem. Er schritt über den knirschenden Sand der
-Laube zu, in der seine Gattin nähte und stickte, warf die lange, graue
-Arbeitsjacke von sich, reckte die Arme und rief: »Möcht’ doch den Kerl
-sehen, der glücklicher ist als ich!« Und dieser Schöpfer und Kämpfer,
-der kein Duckmäuser und kein sentimentaler Träumer war, der Wein und
-volle Tische liebte, der mit adligen Kammerherren und bäurischen
-Hüfnern in der Keppgrundschänke Kegel schob und der dem Leben seine
-Kraft verschwendend hinwarf, fügte solchen Glücksausbrüchen still hinzu
-»Gott behüts« und lüftete sein schwarzes Käppchen.
-
- * * * * *
-
-Hosterwitz schenkte ihm schöpferische Kräfte -- Hosterwitz schenkte ihm
-Ruhe nach der unerhörten Anspannung im Winter in der Stadt.
-
-In diesem bescheidenen Hause verlebte er eine Reihe glücklicher Sommer
-und er war froh und heiter im Genusse der einfachen Freuden, die das
-ländliche Idyll bot. Er streifte mit Carolinen durch Täler und Wälder,
-tafelte mit Freunden in der wasserumrauschten Keppmühle Landbrot und
-Ziegenkäse, spielte stundenlang mit seinem Jungen, seinem Hunde, seiner
-Katze, seinem Kapuzineräffchen, lag im Grase, ließ sich die Sonne auf
-den Rücken scheinen und streckte, wie er seinem Freunde Lichtenstein
-einmal schrieb, vergnügt »alle Viere von sich«. Er mühte sich ab, aus
-Bindfaden und Gurten ein Geschirr für den Hund zu bauen, der Sohn,
-Katze und Affen spazieren fahren mußte. Und er war glücklich, wenn
-alles um ihn her jachterte und purzelte.
-
-Immer stand das kleine gastfreie Haus für Freunde offen. Und Weber
-war stolz, wenn für die Gäste, die nur »ländliche Milch und süße
-Früchte« erhofften, aus der Küche Carolinens wie durch ein Wunder
-Eis, Moselwein, Champagner und allerhand treffliche Labe, nach
-eines Freundes Ausdruck »in sächsischer und österreichischer Weise
-kulinarisch gedichtet,« hervorquoll und sich auf Tisch und Rasen ergoß.
-
-Ludwig Tieck war oft unter diesen Freunden. Und lange Zeit kam auch
-Jean Paul aus seinem Dresdner »Lenzhäuschen« nach Hosterwitz gewandert.
-Er kam, wie Webers Biograph ihn schildert: dick, immer ein wenig
-unsauber, stets von einem schnaubenden Pudel begleitet, ein alter Herr,
-der mit einer etwas geschraubten Jugendlichkeit kokettierte und der so
-gar nicht mit seinen poetischen Schöpfungen harmonierte.
-
- * * * * *
-
-[Illustration: Abb. 2 =Das Weberhaus, an der Straße die beiden
-prächtigen Nußbäume=]
-
-[Illustration: Abb. 3 =Der einzigartige Blumengarten des Weberhauses=]
-
-»Oh Hosterwitz, oh Ruhe! Ruhe!« Das schrieb Weber einmal in einem
-Briefe. Aber Ruhe nannte er es auch damals noch: die Euryanthe
-schreiben; Ruhe nannte er: in vierundzwanzig Tagen drei Singspiele und
-eine Oper einstudieren, zu jeder Probe drei Meilen zurücklegen und
-außerdem in hundert Tagen noch achtunddreißigmal Dienst in Kirche und
-Theater tun.
-
-»In dieser Zeit,« schreibt sein Sohn, »sahen Caroline und der damals
-auch in Hosterwitz wohnende (Freund und Schüler) Benedikt oft schon
-früh vor sechs Uhr, wenn sie in die Laube im Garten traten, wo
-gewöhnlich das gemeinschaftliche Frühstück eingenommen wurde, am
-offenen Fenster seines Arbeitszimmers das bleiche Haupt des Meisters
-über das Notenpapier gebeugt, oder ihn vom kurzen Morgenspaziergange
-heimkehren. An allen Tagen, die ihm sein Dienst frei ließ, arbeitete er
-sechs bis acht Stunden unablässig an der Oper und gönnte der gepreßten
-Brust nur selten, bei langsamen Wanderungen am Elbufer oder durch ein
-Waldtal die Erquickung tiefer Atemzüge balsamischer Luft. Mehr als
-einmal rief er, aus dem heißen Arbeitszimmer in den Garten tretend und
-die Arme ausdehnend aus: ›Ich wollte, ich wär ein Schuster und hätte
-meinen Sonntag und wüßte nicht Gix noch Gax von ~C~-Dur und ~C~-Moll!‹«
-
-Unablässige Arbeit schwächte seine ohnehin kränkelnde Brust. »Ich huste
-und faulenze,« antwortete er ingrimmig den Freunden, die nach seinem
-Ergehen fragten. Die Symptome der Müdigkeit häuften sich, seine Kräfte,
-flackrig geworden, verzehrten sich in tätiger Hast.
-
-Ein Jahr darauf, 1823, fühlte er sich zu matt für den der Entfernung
-wegen beschwerlichen Aufenthalt in Hosterwitz, der ihm -- ein
-tragischer Widerspruch -- gerade damals so not tat. Und doch rang er
-sich in dieser Zeit den Oberon ab! »Dieses Leben und musikalische
-Licht und diese tongewordene Heiterkeit und Frische schrieb ein
-kranker, gebeugter und verdrossener Mann, den trockner Husten Tag
-und Nacht quälte, der, in Pelze gehüllt, die geschwollenen Füße in
-Sammetstiefeln, am Schreibtische saß und im stark geheizten Zimmer
-fror.«
-
-In diesen letzten Schöpferstunden umgeisterten ihn schon Todesgedanken.
-Sie trieben ihn in Sorgen um das Wohl seiner Familie. Um für sie zu
-sorgen, bestand er auf der verhängnisvollen Londoner Reise. »Ich
-erwerbe in England ein gut Stück Geld, das bin ich meiner Familie
-schuldig,« sagte er zu einem Freunde, »aber ich weiß sehr gut -- ich
-gehe nach London, um da zu sterben -- still, ich weiß es.«
-
- * * * * *
-
-Am 7. Februar 1826 trat er die Reise an. In Pelze gehüllt stieg
-er in den Reisewagen. Und während er in den dunklen Wintermorgen
-hinausrollte, sank seine Frau in ihrem Zimmer zusammen und schluchzte
-ahnungsvoll: »Ich habe seinen Sarg zuschlagen hören!«
-
-Dreiundfünfzig Briefe flatterten noch nach Hosterwitz. Und dem
-grünumbuschten Frieden des stillen Häuschens galt seine Sehnsucht aus
-der Ferne: »Ich habe wohl schon genug -- vielleicht -- in Dresden gewiß
-schon zu viel getan und will mich in Hosterwitz recht strecken und
-pflegen.«
-
-Er kam nicht wieder.
-
-[Illustration: Abb. 4 =Ausblick aus Webers Arbeitszimmer in den Garten
-und nach der Elbe=]
-
-Am 5. Juni 1826, acht Wochen nach der Uraufführung des Oberon in
-London, schloß der vierzigjährige Schöpfer die Augen. Und als er
-in London schon aufgebahrt lag, ließ eine Freundin, Charlotte von
-Hanmann, ihren Wagen am Dorfeingange halten und brachte der Frau in
-Hosterwitz die Todesbotschaft, über der die Verlassene mit einem Schrei
-zusammenbrach.
-
- * * * * *
-
-Ein Jahrhundert ist seitdem durch den friedsamen Garten, durch die
-kleinen Räume des schlichten Hauses gegangen.
-
-Der Zauber einer holden Verschollenheit liegt darüber gebreitet. Ich
-sah das Idyll im seligen Glast eines Hochsommertages um die Stunde,
-da Pan schläft -- vor den Fenstern des treuen Bewahrers, des alten
-Krahmer, standen Kornpuppen mit einer Krone schwergebogener Halme. Und
-ich sah es wieder im milden Riesellichte der Septembersonne -- über
-Haus und Garten spann sich ein scheidender Abglanz der Glückstage,
-deren sich Haus, Garten, Laube heimlich zu entsinnen scheinen.
-
- * * * * *
-
-Dem Kommenden guckt das Häuschen mit gemütlichen Fenstern entgegen --
-es blinzt gleichsam vertraulich und wartend durch den Zaun, der das
-benachbarte Feld einhegt.
-
-Dann aber wehrt eine alte Steinmauer die Neugier ab -- es ist ein
-Winkel für Vertraute. Zwei alte Nußbäume überschatten locker belaubt
-das grüne Holztor zwischen den Torsäulen mit den Steinkugeln obendrauf.
-
-Der Grundriß des Hauses hat die Gestalt eines längs zur Straße gelegten
-lateinischen ~T~. Das ergibt drei Giebel, von denen einer der Straße,
-der andere der hinter Dorf und Bäumen verborgenen Elbe zugekehrt ist,
-während der dritte in den blühenden Garten blickt. Um diesen Giebel
-knirschte Carolinens Schritt, wenn sie kam, den Heimkehrenden zu
-empfangen, der ihr durch das Gitter des grünen Tores entgegenlachte.
-
-Innen ist der alten Mauer, dem Tor zur Seite, ein schmaler, steinerner
-Sitz eingefügt. Er sieht einer Konsole ähnlicher als einer Bank. Eine
-Clematisranke zieht einen Bogen darüber. Diese hübsche Kleinigkeit
-mutet an wie eine zierliche Titelvignette.
-
-Rundum blüht es. Ein bunter Fries von Astern und Balsaminen umzieht den
-Sockel des Hauses. Vor dem blaugrauen Giebel blühen hochstämmige Rosen,
-Oleander, Astern, Geranien im Buchsbaumrondell. Sogar um die alte Pumpe
-in ihrem Holzgehäuse mit spitzem, rotem Dach, die zu Webers Zeiten auch
-schon dastand, blüht ein Kranz bunter Topfblumen: Geranien, fleißiges
-Lieschen, blaßblaue, hängende Glockenblumen.
-
-Dahinter, in dichtes Grün gehüllt, versteckt sich die Laube, in der
-Caroline mit ihrer Näharbeit saß, wenn er oben am Freischütz schrieb.
-Der Efeu hat die Laube dicht umwuchert. Über das hohe, spitze Dach
-wächst er noch hinaus und krönt den Laubengiebel mit einem üppigen
-Blätterschopf. Drinnen -- drei Steinstufen führen hinein -- ist es
-kühl. Die weiße Decke ruht auf kornblumenblauen Wänden. Weißes,
-bäuerlich gemütliches Gestühl steht drin. Durch die zwei Fenster
-der Rückwand blickt man aus der blauen Kühle hinaus in durchsonntes
-Gartengrün.
-
-Und draußen im Licht, im Sonnenschein, von den Efeugardinen der Laube
-umrahmt, liegt das Haus, hell, heiter und glücklich.
-
-[Illustration: Abb. 5 =Großes Eckzimmer im Obergeschoß=]
-
-Wein rankt an Spalieren an den Wänden herauf. Blaue Winden blühen
-zwischen den Reben. Diese Blumentrichter, in deren zartweiße
-Tiefe violette Saftmale hinabführen, wirken zwischen den
-flachgeschichteten, silbern überreiften Weinblättern köstlich. Sie
-erinnern an Becherschalen von hauchdünnem Porzellan. Und die
-grünen Fensterläden mit den schräggestellten Jalousiebrettchen, die
-vor den weißgestrichenen Fenstern in das silbergrüne Weingerank
-zurückgeschlagen sind, vollenden den sommerlich heiteren Eindruck,
-den das Ganze macht. Es sieht aus, als lupfe das Haus lauter kleine
-grüne Flügel und schicke sich an, vor Vergnügen am eignen Dasein mal
-ein bißchen über den Garten hinzufliegen. Und das ziegelbewimperte
-Fensterauge im altersbraunen Dach zwinkert: ja, los -- mal übern Garten
-hin!
-
-[Illustration: Abb. 6 =Treppenflur des ersten Obergeschosses=]
-
- * * * * *
-
-Der Garten. Er ist gar nicht groß und scheint doch unabsehbar, weil
-Buschwerk und Hecken seine Grenzen verhüllen, weil man über die Bäume
-hin und zwischendurch in benachbarte Obstbaumwiesen und Gärtenwildnis
-guckt und weil die gradlinigen Wege das Gartenstück so geschickt
-aufteilen, daß sich ein Eindruck von Größe ergibt.
-
-Da durchschneidet ein Weinlaubengang von der Haustür aus den Garten
-der Breite nach. Sonnenlicht rieselt hindurch und mustert den sauber
-geharkten Weg mit einem Schattengitter. Der Gang ist kaum zehn Schritte
-lang. Hinten schließt eine lockere, wandartig verschnittene Buchenhecke
-den Durchblick ab, sonniger Rasen schimmert hindurch -- der Gang
-scheint in eine grüne Wirrnis zu führen, die gar kein Ende nimmt.
-
-Man tritt aus dem Gang heraus und steht vor einer anderen Laube, die
-mit ihren gelben Wänden ganz sonnig wirkt. Wilder Wein streckt wippende
-Ranken herein -- eben hissen seine Blätter die köstlichen Likörfarben
-des Herbstes.
-
-Vor der Laube beschattet eine stattliche Linde einen kleinen Platz.
-Eine weiße Bank steht darunter. Und nahe dabei, im schützenden
-Hauswinkel, trägt ein Feigenstrauch sogar Früchte -- Weinstock und
-Feigenstrauch: es ist eine beinahe biblische Symbolik häuslichen Glücks.
-
-In einem anderen Winkel des Gartens macht der Weg eine kleine kokette
-Biegung -- man steht vor einem Gitterpförtchen in der Mauer, tief
-unter einer hohen, fächerleicht entfalteten Akazie und hinter dichtem
-Gesträuch heimlich verborgen. Draußen läuft ein schmales Gäßchen
-zwischen Gemäuern vorbei -- und das wieder ist ganz das Szenarium einer
-Liebesgeschichte.
-
-Und man guckt in den Garten zurück.
-
-Was da alles auf kleinstem Raum wächst, blüht, reift! Obstbäume stehen
-im Rasen. Dahinter die Weinlaube. Und rundum blüht es: goldgelbe
-Röderblumen und fleischigrote Begonien, Astern und Phlox, Nelken und
-Balsaminen. Es ist eine Fülle.
-
- * * * * *
-
-Und über all das hinweg, in das Blühen und Wachsen hinein guckt mit
-allen Fenstern das Haus.
-
-Man betritt den kühlen, anheimelnden Flur -- dabei kann man der Lockung
-nicht widerstehen und zupft beim Eintreten mal an dem Klingelzug,
-worauf der Flur von altväterischem Gebimmel widerhallt.
-
-[Illustration: Abb. 7 =Die Weberlaube=
-
- »Diese Laube alt und klein,
- Soll allen Zeiten befohlen sein,
- Weil hier ein heiliger Quell’ entsprang
- Freischütz, der Ewigkeitsgesang.«
-
- _Ernst von Wildenbruch_
-]
-
-Unten wohnt der biedere alte Krahmer, der Eigentümer dieses
-Schatzkästchens -- er wohnt sozusagen in seinem Augapfel, denn wie
-einen solchen hütet er das Haus. Und nächst ihm verdanken wir den
-sorgsam und pietätvoll gepflegten Zustand des Ganzen dem Maler Heinrich
-Hübner, der hier seit Jahren allsommerlich bis tief in den Herbst --
-dann wird dieses Sommerhäuschen alt und feucht und unwirtlich -- sein
-steinernes Berlin vergißt und künstlerisch von diesem Haus und diesem
-Garten und der Landschaft ringsum lebt. Er hat Vieles hinzugetragen,
-was -- ich möchte sagen: seelisch zu der vorhandenen Einrichtung der
-Räume wenn auch nicht aus Webers Besitz, so doch aus der Weber-Zeit
-stimmt.
-
- * * * * *
-
-Webers Zimmer liegen oben im ersten Stockwerk. Eine gewundene
-Steintreppe führt hinauf.
-
-Im Giebelzimmer, in das von drei Seiten Garten, Bäume und Berge
-hereingrüßen, wohnte das gastfreie Ehepaar.
-
-Der Raum mit dem behäbigen, runden Tisch, den behaglichen
-Polsterstühlen und den edel schlichten Kirschbaummöbeln macht den
-Eindruck, als würde Caroline jeden Augenblick wieder eintreten und mit
-der Stimme der beliebten Bühnensängerin von einst sagen: Weber kommt --
-ich bitte die Herren um ein Weilchen Geduld.
-
-Aber nur seine Totenmaske blickt drüben im kleinen Arbeitszimmer dem
-Besucher entgegen. Sie ist kostbarer Familienbesitz und war nur da,
-weil der Maler Hübner das geistvoll feine Antlitz zeichnete. Alle
-Weberbildnisse aus der Lebzeit des Meisters erblinden vor diesem
-Abdruck des eben Verstummten -- der letzte Hauch des entschwundenen
-Lebens durchdrang -- so scheint es -- die formende Masse und belebte
-sie. Er gab ihr den aus seelischen Tiefen kommenden Blick der Pupillen,
-der die schon geschlossenen Lider noch ein letztes Mal durchdringt, der
-im Wissen um das Letzte noch einmal ins Leben zurückblickt. Und gab
-der feingeformten Nase ein letztes nervöses Atmen, ein Veratmen. Und
-ein letztes, unausgesprochenes Sprechen dem energisch und doch mild
-geschwungenen Munde.
-
-Ich neigte die Maske ein wenig nach vorn -- um diesen Mund erschien
-ein feines, heimliches Lächeln, ein verstehender, stummer Spott aus
-dem Schattenreiche der Toten, die um die Irrtümer der Lebenden wissen
-und deren Eifer belächeln -- das Beste, das Letzte haben sie immer mit
-hinübergenommen.
-
-Das Antlitz lächelte voller Geheimnisse. Und durch das offene Fenster,
-aus dem blühenden Garten, weiter her, von den fernen Duftbergen im
-Abendlicht, aus dem Endlosen des perlmutterfarbenen Himmels drang
-lautlos, verhallend, riesengroß vom Himmel niederflüsternd, aus
-Freischützklängen geisterhaft ins Unendliche verklingend:
-
- Schau der Herr mich an als König!
- Dünkt Ihm meine Macht zu wenig?
- Gleich zieh Er den Hut, Mosje ...
-
-Und darüber hin, schattenhaft groß, als lautloser Zwieklang der
-Lachgesang:
-
- Hehehehehehehehehehe!
- Hehehehehehehehehehe!
-
-Im Weinlaub raschelte leises Frösteln.
-
- * * * * *
-
-Um mich stand still und schlicht das Zimmer, in dem der Tote dort den
-Freischütz und die Euryanthe und den Oberon geschrieben hat.
-
-Ich trat ans Fenster, an dem er saß, an sommerlichen Tagen, in bleichen
-Nächten, über das Notenpapier gebeugt.
-
-Unten, zum Greifen nahe, blühte der Garten im Herbstlicht, im
-Abendschimmer. Heiterkeit flog vogelgleich drüberhin -- drüberhin.
-
-Und es schien mir gut so, daß dieser lächelnde Garten den Schrei nicht
-gehört hat, mit dem Caroline die Todesbotschaft empfing -- die Frau,
-die schon Witwe war, ehe sie es wußte, eilte ahnungsvoll hinaus auf die
-Straße, der Botin entgegen, als sie das Rollen des Wagens vernahm und
-ihn an ungewohnter Stelle halten sah. Dort brach sie zusammen und dort
-zerschnitt der Schrei die Luft.
-
-Der Garten lächelte in friedlicher Glücksruhe fort.
-
- * * * * *
-
-Vom Fenster her sah ich hinüber nach dem Antlitz des Toten, dessen
-Arbeitsstätte dieses kleine Zimmer war.
-
-Der Zwieklang des Notengelächters in der Luft war verstummt. Und auf
-den mageren Wangen dieses Gesichts lag ein verzitterndes Mitfühlen
-des Schmerzes, den er zurückließ, und der für eine geliebte Frau der
-Abschied von den Heiterkeiten des Lebens war, die einmal diese Räume,
-diesen Garten durchklungen und deren milder Widerschein allsommerlich
-in den unschuldigen Blumen des Gartens erblüht.
-
-
-
-
-Wissenschaft und Vogelschutz
-
-
-Auf meine wenigen Zeilen über »Vogelschutz von seiten eines
-Forschers«[3] sendet Herr Schriftsteller R. Zimmermann an den
-Herausgeber der Mitteilungen eine Erwiderung, die ich insofern begrüße,
-als sie mir Gelegenheit gibt, auf die Frage etwas näher einzugehen.
-Zunächst lasse ich Herrn Zimmermann das Wort; er schreibt:
-
- »_Vogelschutz von seiten eines Forschers!_« Unter diesem
- Stichwort übt im letzten Heft der Heimatschutz-Mitteilungen
- Herr B. Hffm. eine scharfe Kritik an einer Arbeit des Ungarn
- Csiki »Positive Daten über die Nahrung unserer Vögel« in der
- »Aquila«, der Zeitschrift des Ungarischen Ornithologischen
- Instituts. Bei aller Hochachtung und Verehrung, die ich für
- den Verfasser der Kritik, mit dem ich mich ja sonst eines
- Herzens und eines Sinnes weiß, empfinde[4], kann ich um des
- Ansehens einer wissenschaftlichen Anstalt wegen, der gerade
- auch die deutsche vogelkundliche Forschung reiche Anregungen,
- der deutsche Forscher aber durch uneigennützigste Überweisung
- wertvoller Veröffentlichungen u. v. a. m. nicht hoch genug
- einzuschätzende Unterstützungen verdanken, und die vor allem
- jederzeit auch zielbewußt für einen ganz entschiedenen Vogel-
- und Naturschutz eingetreten ist und gerade auf diesem Gebiete
- viel mustergültiges und vorbildliches geleistet hat -- wer
- wohl hat es schon einmal bei uns versucht, die Bedingungen
- festzustellen, unter denen man die so nützlichen Fledermäuse
- neu ansiedeln und vermehren kann? -- nicht unwidersprochen
- lassen. Ich bin mehrfach Gast des Ungarischen Ornithologischen
- Instituts gewesen, 1911 bereits, als Otto Hermann noch ihr
- Leiter war -- ich habe selten einen Menschen kennen gelernt,
- der eine so große Hochachtung einflößte, wie diese prächtige,
- im Wesen jugendfrische Greisengestalt! -- und später wieder
- während des Krieges, als mich in feldgrüner Schützenuniform
- der Weg einigemal über Budapest führte. Und ich zähle heute
- die Stunden, die ich in anregendstem Gedankenaustausch gerade
- auch über Vogelschutzfragen mit ihren Mitgliedern verleben
- konnte, zu meinen schönsten ornithologischen Erinnerungen, und
- bin dabei überzeugt, daß keiner der Herren, mit denen ich dort
- zusammengetroffen bin, jemals die Hand zu Maßnahmen bieten
- würde, die den Forschungen des Vogelschutzes zuwiderlaufen
- würden. -- Die Elster ist in Ungarn ein ganz gemeiner Vogel
- und stellenweise viel häufiger, als es bei uns manchenorts
- die Krähen sind, sie tritt auch wohl überall stark schädigend
- auf -- in Hermannstadt konnte ich mich 1911 wiederholt
- selbst davon überzeugen, wie stark sie oft die Bruten der
- Kleinvögel zu zehnten vermag --, und eine Beschränkung ihres
- Bestandes gehört daher vielerorts zu den unbedingt gebotenen
- Lebensnotwendigkeiten. Ist es nun aber ein Fehler, wenn
- dann die abgeschossenen Vögel -- und bei den Untersuchungen
- Csikis handelt es sich wohl ausschließlich nur um solche
- des Schadens wegen, nicht aber der Untersuchung halber
- abgeschossener Vögel, die dann, wie noch so manche andere,
- dem Institut regelmäßig zur Untersuchung eingeliefert werden
- -- nicht einfach draußen im Felde wertlos verludern läßt,
- sondern sie noch wissenschaftlichen Feststellungen dienstbar
- macht? Magenuntersuchungen liefern nicht nur wertvolles
- Material für die wirtschaftliche Bewertung einer Vogelart --
- hätten wir jemals mit der Kraft und, das darf man wohl sagen,
- auch mit dem Erfolg für Mäusebussard und Turmfalk eintreten
- können, wenn nicht mehrere tausend Magenuntersuchungen dieser
- Vögel, die ohne diese Untersuchungen auch abgeschossen
- worden wären, uns ein so laut redendes Material beigebracht
- hätten, das allein erst die weitesten Kreise und die Behörden
- von dem großen Nutzen dieser beiden Tagraubvögel zwingend
- überzeugte? --, sondern sie ermöglichen uns auch noch so viele
- andere Einblicke in das Leben eines Tieres und bringen selbst
- sogar überaus wertvolles faunistisches Material (Nachweis
- einer ausgedehnteren Verbreitung der Nordischen Wühlratte
- in Deutschland) bei, daß man nur bedauern kann, daß nur der
- kleinste Bruchteil geschossener oder sonst tot aufgefundener
- Vögel derartigen Untersuchungen zugeführt wird.
-
- Rud. Zimmermann.
-
-Leider kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß in der
-vorstehenden Erwiderung die rein persönlichen Beziehungen eine etwas
-zu starke Rolle spielen. Ich habe den Wert und die Bedeutung der
-Magenuntersuchungen ja selbst hervorgehoben und ebenso die Bemühungen
-der Ungarn um den Vogelschutz anerkannt; ich weiß ferner aus eigner
-Beobachtung, daß die Elster in Ungarn häufiger ist als bei uns.
-Doch kann ich auch heute meine Bedenken nicht unterdrücken, daß die
-351 Elstern nicht bloß ihres Schadens wegen, sondern auch um der
-Untersuchungen willen abgeschossen worden sind. Die meisten dürften
-doch wohl aus der näheren oder ferneren Umgebung des Instituts stammen,
-und da ist die Zahl 351 doch schon gewaltig hoch. Aber ich will der
-Kürze halber zugeben, daß in dem vorliegenden Falle die Tatsachen
-etwas gegen meine Auffassung sprechen. Ich habe den Fall nur an die
-Öffentlichkeit gebracht, weil es der mir zuletzt bekanntgewordene
-war und weil ich die Frage einmal anschneiden wollte, die viel
-wichtiger ist, als aus meinen kurzen Zeilen hervorgeht. Ich nehme,
-um dies darzulegen, bezug auf die Bemerkung Zimmermanns betr. des
-Mäusebussards. Auch hierzu muß ich ein großes Fragezeichen setzen,
-sofern es mir höchst unwahrscheinlich vorkommt, daß die allein von
-Röhrig untersuchten 1210 (!) Mäusebussarde »ohne diese Untersuchungen
-auch abgeschossen worden wären.« Daneben hat Röhrig noch bei 376 (!)
-Rauchfußbussarden den Mageninhalt festgestellt, während ein paar Jahre
-darauf Greschik wiederum 125 Rauchfußbussard-Magen lediglich des
-Inhalts wegen vorgenommen hat. Bedenkt man, daß gleiche Untersuchungen,
-wenn schon in viel geringerem Maße, noch von anderen Seiten ausgeführt
-worden sind, so ist klar, daß sie mit zu starken Eingriffen in den
-Bestand unsrer Raubvögel verbunden gewesen ist.
-
-Ich bemerke ferner, daß z. B. Vollhofer allein fast 500 und Pawlas
-sogar 600 Magen von Wasseramseln untersucht hat! Aber selbst wenn auch
-in diesen Fällen Herr Zimmermann mit seiner von mir oben erwähnten
-Bemerkung wenigstens teilweise recht hätte, so kann ich dieses
-Zugeständnis doch keinesfalls betreffs der übrigen Singvögel machen.
-Man wird sehr staunen, wenn man erfährt, daß Severin seinerzeit 3000
-(!) Magen von insektenfressenden Singvögeln untersucht hat. So ziemlich
-um dieselbe Zeit machte Cziki gleiche Beobachtungen an wahrscheinlich
-ebenfalls sehr umfassendem Material, darunter z. B. Zaunkönig,
-Gartenrotschwänzchen, Grasmücken usw., und wenige Jahre später
-untersucht Rey 1075 (!) Magen von kerbtierfressenden Vögeln! Erwägt
-man hierbei, daß es sich immer um freilebende, nicht aber um in der
-Gefangenschaft gestorbene Vögel handeln kann und daß es außerordentlich
-schwer hält, einmal einen einzigen aus natürlichen Ursachen verendeten
-Vogel, noch dazu einen kleinen Singvogel, draußen in der Natur
-aufzufinden, so wird man zugeben, daß der durch die Magenuntersuchungen
-unter der Vogelwelt angerichtete Schaden größer sein dürfte als der
-Nutzen, den sie uns und den überlebenden Artgenossen gebracht haben.
-
-Jedenfalls muß ich hiernach meine starken und ernsten Bedenken
-gegen eine _allzu umfangreiche_ Magenuntersuchung unsrer Vögel
-aufrechthalten, und zwar um so mehr, als sich auch in andrer Beziehung
-ein gewisser Gegensatz zwischen Wissenschaft und Vogelschutz immer
-mehr zu entwickeln scheint. Er kommt dadurch zustande, daß jetzt den
-Faunisten bzw. Systematikern sehr daran liegt, von den einzelnen
-Arten bzw. Unterarten ganze Serien von Exemplaren zu erlangen, um
-dadurch etwaige Schwankungen und deren Grenzen, örtliche Abweichungen,
-Übergangsformen der einen in die andre Art usw. festzustellen. Daß das
-besonders für weniger häufige Arten recht bedenkliche Folgen haben
-kann, leuchtet ohne weiteres ein.
-
-Man muß sich hiernach wohl gefallen lassen -- und Herr Zimmermann wird
-mir da sicher zustimmen --, wenn einmal von unbefangener Seite auf
-die Schattenseiten der Dinge aus wohlberechtigten Sorgen ernstlich
-hingewiesen und im Anschluß daran die Forderung gestellt wird, daß nach
-den angeführten Richtungen hin möglichst Maß gehalten werde!
-
- Prof. ~Dr.~ Bernh. Hoffmann.
-
- [3] Mitteilungen Heft 4/6, Bd. X, Seite 131
-
- [4] Es beruht dies ganz auf Gegenseitigkeit (Anm. von B. Hffm.)
-
-
-
-
-Kursächsische Streifzüge
-
-
-Ein Ereignis hat sich für den Heimatfreund in diesen Tagen in
-aller Stille vollzogen: Der seit langem vergriffen gewesene dritte
-Band der Kursächsischen Streifzüge von Oberstudienrat ~Dr.~ _Otto
-Eduard Schmidt_: »Aus der alten Mark Meißen« liegt in erweiterter
-zweiter Auflage vor. Die durch sechs Kapitel über die Oberlausitz
-vermehrte Neuauflage des zweiten Bandes (»Wanderungen in der Ober-
-und Nieder-Lausitz«) ist unter der Presse und wird voraussichtlich
-noch vor dem Weihnachtsfeste erscheinen. Der fünfte und letzte Band
-»Aus dem Erzgebirge« ist im Manuskript fertiggestellt und wird im
-Laufe des Jahres 1922 herauskommen. Was uns dieses Werk ist, muß es
-noch ausgesprochen werden? Ziehen mit diesen Büchern in der Tasche
-nicht schon seit Jahren unsere Jünglinge in den Heimatgauen umher,
-freuen sich nicht an dem herrlichen Werke die Alten und atmen nicht
-unsere Männer auf des Lebens Höhe, wenn sie es gelesen haben, auf,
-wie befreit von einem Druck, der heimlich auf ihnen gelegen? Ich darf
-es wohl aussprechen, gerade das Geschlecht unserer Männer von vierzig
-und fünfzig Jahren hat den größten Gewinn aus dem Werke gezogen. Denn
-wie standen wir Gymnasiasten der achtziger und neunziger Jahre der
-Geschichte unseres obersächsischen Stammes gegenüber? In der Zeit
-des höchsten völkischen Aufschwungs der deutschen Nation, glückselig
-die Früchte des siebziger Krieges schauend, glühend stolz auf unser
-Heer und unsere stark heranwachsende Flotte, bewundernd aufschauend
-zu dem großen preußischen Führerstaat, mieden wir beinahe verlegen
-ein näheres Eingehen auf die Geschichte unserer Heimat. Wohl waren
-wir stolz darauf, daß die Heimat es war, die in nächster Beziehung
-zur Reformation und ihren Vorkämpfern gestanden, wohl freuten wir uns
-der Taten des Wettiners Moritz, des Erstürmers der Ehrenberger Klause
-und Meisterers hispanischer Verschlagenheit, aber was dann kam, daran
-dachten wir nicht gern. Die zage Unentschlossenheit der sächsischen
-Politik im Dreißigjährigen Kriege, die Zeit Augusts des Starken, des
-Grafen Brühl und, o Schmach, die Tage der napoleonischen Aera, sie
-drückten auf unser Gemüt. Immer und überall Sachsen im Unrecht, auf
-Irrwegen zumindest. Und auf unserer Seele brannten die Worte aus dem
-Briefe, den der alte Blücher nach der Lütticher Revolte in loderndem
-Zorn an den König Friedrich August geschrieben: »Ew. Königl. Majestät
-haben einen geachteten deutschen Völkerstamm in das tiefste Unglück
-gestürzt. Es kann dahin kommen, daß er allgemein mit Schande bedeckt
-wird.« Hatte doch einer der Edelsten des obersächsischen Stammes,
-Heinrich von Treitschke, in Grimm und Zorn aus verzweifelnder Liebe
-zur Heimat heraus ein geradezu verdammendes Urteil gefunden über die
-Politik der sächsischen Fürsten und ihrer Ratgeber. An das »~audiatur
-et altera pars~« dachten wir gar nicht.
-
-Da, Jahrzehnte später auf einmal eine Stimme, die Stimme auch eines
-sächsischen Gelehrten: »Es muß einmal offen ausgesprochen werden, daß
-Heinrich von Treitschke, einer der begabtesten und edelsten Söhne
-des sächsischen Stammes, diesem durch die pessimistische Auffassung
-seiner Geschichte in den Augen der übrigen Deutschen, besonders aber
-der preußischen Nachbarn, furchtbar geschadet hat.« Ein freundlicher
-Zufall hatte mich gerade dies Kapitel der Kursächsischen Streifzüge,
-denn in ihnen erscholl das mutige Wort, zuerst aufschlagen lassen, und
-nun ließ mich das Buch nicht mehr los. Ich las und las, und immer war
-mir’s, als müßte ich im Geiste die Hand des Mannes drücken, der unser
-Geschlecht so tapfer darauf hinwies, daß es sich nicht zu schämen
-brauche auf seinem Posten im Kranze der deutschen Stämme. Frei und
-froh ward mir zumute; ich hab’ fortan die falsche Scham abgelegt, die
-mich faßte, dachte ich an die Tage von 1813, da der alternde König zur
-Verzweiflung der Mehrzahl der gebildeten Sachsen ins Joch Bonapartes
-zurückgezwungen ward. Ich weiß heute mit ruhigem Stolz, daß auch
-mein Heimatland zur großen allgemeinen Sache der Befreiung das Seine
-beitrug -- mehr vielleicht, als andere deutsche Stämme und ohne den
-Siegerlorbeer um die Stirne. Ich weiß, daß Sachsen im Jahre 1813 für
-ganz Deutschland, ja für Europa Schlachtfeld, Lazarett und Kirchhof
-war, und daß unter den sächsischen Edelleuten und gebildeten Bürgern
-zum überwiegenden Teil ein ebenso kerndeutsches Wesen beheimatet war
-als im ruhmgekrönten Lande der Erhebung. -- So ist Otto Eduard Schmidt
-ein Wohltäter geworden nun auch für unsere Jugend, die heute wohl
-überall im Lande einen anderen Geschichtsvortrag hören wird, als er zu
-unserer Zeit üblich war. Heimatschutz -- wir wissen es alle, welche
-Fülle von Aufgaben in diesem Wort sich zusammendrängt. Die edelste Art
-des Heimatschutzes hat der Verfasser dieser fünf bedeutenden Bände
-geübt: den Schutz der Heimat vor Verkennung und Verleumdung.
-
-Nicht allen Menschen ist der Sinn für die Weltgeschichte verliehen,
-aber Anregung edelster Art findet jeder seelisch Erwärmte in den
-Streifzügen noch auf vielen anderen Gebieten. Da zieht sich wie ein
-goldner Faden durch das Werk die Geschichte der Baukunst unserer
-Heimat! Vor unserem Auge tauchen sie auf, die großen alten Baumeister
-der Renaissance, dieses gewaltigen Höhepunkts vaterländischer Kultur,
-die Hieronymus Lotter, Hans Irmischer, Konrad Krebs. Mit der Sicherheit
-des erfahrenen Kunstgelehrten führt uns O. E. Schmidt durch den
-Burgpallas aus dem Mittelalter, durch die Ratsstuben der Zeit Vater
-Augusts, durch die behäbigen Bürgerbauten des achtzehnten Jahrhunderts.
-Aber auch das bescheidene Bauernhaus im Spreewald, der vordem ja altes
-kursächsisches Gebiet war, ist unserem Führer noch beachtlich, und
-so lehrt er dich umherblicken im Lande, lehrt er dich werten, was
-dir geblieben und danach trachten, es zu erhalten und zu schützen an
-deinem Teil. Mit Fug und Recht kann das Werk von sich sagen, daß es die
-Heimatbewegung erwecken half.
-
-Ja, zur Landschaftsbetrachtung regt der Verfasser an, wie nicht gleich
-ein zweiter. Unlöslich ist sie ja bei ihm mit der Versenkung in die
-Vergangenheit verbunden, doch auch den naiven Wandersmann macht er auf
-so vieles aufmerksam, was diesem sonst wohl entgehen würde. Ein großes
-Verdienst O. E. Schmidts ist es meines Erachtens, daß er gleich im
-ersten Kapitel es unternommen hat, einmal auf die stillen Reize des
-unteren sächsischen Elblaufs hinzuweisen; auf den hohen Genuß, den
-eine Dampferfahrt durch die Gefilde unterhalb Riesas bereitet, wo der
-Storch noch zieht über den Heimatboden und wo die Windmühlenflügel sich
-versonnen regen über der fast holländisch anmutenden Niederung. Den
-Höhepunkt landschaftlichen Erlebens aber genießen wir mit ihm, folgen
-wir ihm in die spätwinterliche Muldenaue unterhalb Wurzen, in den Tagen
-der Schneeschmelze, da der Fluß breit und schwer wie der Mississippi
-sich dahinwälzt. Aller Erdennot vergessend blicken wir mit ihm in die
-zauberhafte Stimmung der Sonnenrüste über der ungeheuren Landschaft.
-Da wird unser Führer zum Dichter, der hingerissen uns hinweist auf die
-Herrlichkeit, die uns die Heimatflur bietet, und wir folgen dankbar
-und willig diesem hohen Geist, diesem Lehrer im reichsten begnadetsten
-Sinne!
-
-Aber zur Landschaft gehört untrennbar der Mensch! Der Mensch, der
-ihr die Spuren seines Daseins einprägt, der sich von ihr nährt, der
-sie schützt, und der sie im Überschwang der Liebe verherrlicht durch
-seine Kunst. Da kommen sie herangezogen über den heimischen Boden, die
-blonden Ostlandfahrer aus Vlamland mit dem Wanderlied auf den Lippen:
-»Naer Oostland willen wy ryden.« Da rasseln sie vorüber in wilder
-Flucht vor dem germanischen Heerbann, die polnischen Reiterscharen, die
-den Gau Glomaci kahl gefressen wie ein Heuschreckenschwarm -- vorüber
-ziehen Mönch und Klostermann. Und dann, hell auf einmal vor dem dunklen
-Hintergrund die Persönlichkeit! Wiprecht von Groitzsch, Heinrich der
-Erlauchte, Friedrich der Streitbare, Moritz und Kurfürst August.
-Vorbei zieht an uns die Erbarmannschaft des Landes, die ritterlichen
-Schleinitz, das ehrenfeste Geschlecht der Löser auf Pretzsch und
-in neuerer Zeit die herrlichen Männer um Dietrich von Miltitz. Es
-nahen die Männer des Geistes, die Dichter voran. Von Walther von
-der Vogelweide, der im Jahre 1212 ja auch einmal im meißnischen
-Herrendienst gestanden, über den schalkhaften Ritter Friedrich von
-Schönberg, den Autor des Schildbürgerbuchs, zum frommen Sänger Paulus
-Gerhardt, in dessen Heimatstädtlein Gräfenhainichen uns eine herrliche
-Kleinstadtschilderung führt. Vom jungen Goethe in Leipzig, von den
-Romantikern auf Schloß Siebeneichen über den strohtrockenen und doch
-heimatgeschichtlich beachtenswerten Ferdinand Stolle aus Grimma zum
-hochgemuten ritterlichen Sänger aus unseren Tagen, dem Freiherrn von
-Münchhausen auf Wendischleuba.
-
-Einsam und mit Sehnsucht im Herzen nach dem glückseligen Welschland
-wandelt Albrecht Dürer durch Wittenberg, allwo er in der Schloßkirche
-seine Kunst ausübt; durch dasselbe Wittenberg, in dem nicht lange
-danach der blonde Lucas Maler von Cronach in Franken heimisch werden
-wird voll schaffensfrohen, sicheren Behagens; dasselbe Städtlein am
-Heimatstrom, das im hellen Lichtschein bald erstrahlen wird, der
-ausgeht von Persönlichkeit und Haus des sächsischen Bergmannssohnes
-Martin Luther. O, wie wert macht uns das köstlich unschätzbare Buch O.
-E. Schmidts unsre Heimat! Welcher Strom des Dankes muß diesem Manne
-entgegenschwellen aus tausenden von Herzen!
-
-Nur ein paar Worte noch über die jetzt erschienene zweite Auflage des
-dritten Teils. -- Der Verfasser hat diesen Abschnitt seines Werkes
-zu neuer Höhe zu führen gewußt. So viel unerwartetes Wertvolles ist
-in dem neuen Buche enthalten, daß auch dem Kenner der ersten Ausgabe
-das Studium dringend empfohlen werden kann. Ein hoher Genuß ist es
-zu lesen, was O. E. Schmidt hier über die neuen Domtürme von Meißen
-zu sagen hat, und aufzumerken, wie er an unserm innern Auge die
-Vertreter der neuen Meißner Kunst, den herrlichen Oskar Zwintscher, den
-kraftvollen Sascha Schneider vorüberführt. Aber auch daß er im Kapitel
-von der Lommatzscher Pflege des sorgenvollen kleinen Rucksackträgers
-nicht vergißt, der im Hungerjahr 1917 und später noch lange in dem
-gesegneten Eckchen von Hoftür zu Hoftür zieht, bis er für viele gute
-Worte und für viel Geld endlich etwas bekommt, das er daheim dann
-glückstrahlend den Seinigen auf den Tisch schütten kann, wollen wir
-dem Verfasser danken. Denn auch das ist Geschichte geworden; unsere
-Enkel werden es einst nachdenklich lesen. -- Wie eine frohe Botschaft
-aber von doch einmal kommenden bessern Zeiten hört es sich an, was ganz
-zuletzt gesagt ist vom immer wieder lebendig werdenden Geist beseelter
-Romantik, der selbst im Jahre 1920 sich schwingt um Giebel und Zinne
-von Schloß Siebeneichen.
-
-In jedes gebildeten Stammesgenossen Bücherei sollte dieses Werk stehen.
-Jeder Vater sollte es anschaffen schon im Hinblick auf die geistige
-Entwicklung seiner Kinder; jede Schule, aber auch jede Volksbibliothek
-sollte es ihr eigen nennen! Nicht jedem deutschen Stamme wird ein solch
-bedeutendes Geschenk geboten werden aus dem Kreise seiner Söhne -- möge
-der obersächsische es dem Verfasser danken durch freudige Aufnahme
-seines Werkes. --
-
- Gerhard Platz.
-
-
-
-
-Erzgebirgische Christ- und Mettenspiele
-
-Ein Versuch zur Rettung alten Volksgutes
-
-Von _Max Wenzel_, Chemnitz
-
-
-Ein gut Teil Poesie im erzgebirgischen Volksleben ist mit dem
-Weihnachtsfest verknüpft. Ja, man kann wohl sagen, daß in keiner Gegend
-unseres deutschen Vaterlandes Weihnachten so inbrünstig gefeiert wird
-wie im Erzgebirge, und auch der berühmte Zahn der Zeit hat sich hier
-machtlos erwiesen. Schon die Adventszeit ist weihnachtlichen Zaubers
-voll. Da blasen vom Kirchturm Musikanten das »Feldgeschrei« in die
-dunkle Winternacht hinaus, und im warmen Stübchen regen sich fleißige
-Hände, um all die Wunderwerke der Krippen und Pyramiden herzustellen,
-die einer erzgebirgischen Stube die rechte Weihnachtsweihe geben. Fast
-könnte man von einer Überfülle sprechen. Man will alle Möglichkeiten
-ausnützen, seine Festfreude zu zeigen. Der »Winkel« der Stube bevölkert
-sich mit allerhand buntem Schnitzwerk, das die lieblichste biblische
-Erzählung figürlich darstellt. Daneben dreht sich auf der Kommode
-eine gar prächtige Pyramide, und von der Decke herab grüßt das bunte
-Perlen- oder Holzrankenwerk eines Leuchters oder einer Spinne. Auf dem
-Schrank stehen gravitätisch Engel und Bergleute mit Lichtern auf dem
-steifen Arm und auch ein Räucherkerzchenmann blickt von irgendwo auf
-den köstlichen Zierat. Und -- um auch der modernen Zeit eine Verbeugung
-zu machen -- fehlt zu alledem auch der Christbaum nicht, dessen Fuß
-in einem kleinen Christgärtchen wurzelt. Farbe und Licht überall!
-Eine Erinnerung an die alte Bergherrlichkeit. Kam der Bergmann aus
-dem dunklen Schoß der Erde, begrüßte er das Licht als Befreier von
-dunkler Sorge und ängstlichem Druck. So wollte ihm auch in dunkler
-Winternacht das Licht von oben als ein symbolisches Zeichen des Lebens
-erscheinen. Lichter stellt man in die Fenster, daß sie weit in die
-Nacht hinausstrahlen; oder man besteckt die Fensterrahmen mit kleinen
-Öllämpchen. Wer einmal an einem der drei heiligen Abende oder an den
-Festtagen selbst im Schlitten von Annaberg über Buchholz, Sehma,
-Cranzahl nach Oberwiesenthal gefahren ist, wird den Märchenzauber nie
-vergessen.
-
-Es handelt sich hier um durchaus gegenwärtige, lebende Dinge,
-nicht etwa um Erinnerungen an eine alte freundliche Zeit. Auch der
-Erzgebirgler in der Fremde hält an seinem Weihnachten fest und schmückt
-seine Wohnung gern mit solch heimatlichem Gerät. Als wir vor einigen
-Jahren in Chemnitz eine Ausstellung volkstümlicher Weihnachtskunst
-veranstalteten, waren wir erstaunt über die Menge von Krippen und
-Pyramiden, die uns allein aus Chemnitz angeboten wurden. Ein bekannter
-Drechslermeister hielt sogar die einzelnen Pyramidenteile fertig auf
-Lager.
-
-Süße Lieder und innige Verse preisen das traute, hochheilige Paar noch
-heute. Und an allerlei volkstümlichen Gebräuchen, dem Schuhwerfen,
-Bleigießen, dem Rupprecht usw. hält der Erzgebirger mit Zähigkeit fest;
-wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß solch’ alte Sitten mehr und
-mehr den Anstrich eines gesellschaftlichen Spaßes erhalten haben.
-
-In einzelnen Orten gibt es auch noch »Metten«. Da ziehen Erwachsene und
-Kinder mit hellen Laternen durch die dunkle Winternacht zur Kirche, und
-Lied und Wort sind mehr wie sonst volkstümlichem Empfinden angepaßt.
-Hier haben wir die letzten Reste einer einst im ganzen Gebirge
-verbreiteten Gepflogenheit, nämlich die heilige Geschichte dramatisch
-darzustellen, die Sitte der Christ- und Mettenspiele.
-
-Es ist hier nicht der Ort, Ursprung und Verwandtschaft mit ähnlichen
-Erscheinungen in anderen Teilen Deutschlands festzustellen, nur
-soviel sei gesagt, daß diese Spiele einst einen wesentlichen Teil
-der erzgebirgischen Weihnachtsgebräuche ausmachten. Wie kommt es
-nun, daß sie sich nicht erhalten haben, sind sie so wertlos? -- Wir
-kommen hier auf die befremdliche Tatsache, daß sie behördlicherseits
-verboten wurden, daß man die Teilnehmer an solchem Tun, wie 1805 in
-Thalheim geschehen, sogar ins Gefängnis setzte. Es soll hier nicht
-untersucht werden, inwieweit diese Strafen berechtigt waren, oder
-ob eine volksfremde Regierung und Geistlichkeit etwas Harmloses als
-Profanierung des Heiligen ansahen und es zu unterdrücken suchten. Denn
-überrascht ist man etwas, wenn man sich in dieses Volksgut versenkt.
-Wunderliche, bunte Klänge umgeben uns, guter, echter Volksliederton.
-Allerdings an die Stelle mystischer Feierlichkeit tritt häufig ein
-wohltuender Humor. Die ganze heilige Geschichte ist eine heimische
-Angelegenheit geworden. Der Joseph ist ein alter Bekannter, er spricht
-sogar in der heimischen Mundart; und die Hirtengeschichte hat sich
-gleich draußen vor dem Dorfe am Bergwald zugetragen. Erklingt einmal
-ein biblischer Ton, so mutet er fast fremd an, es ist, als wenn sich
-in das lustige Geplapper der Kinder eingelernte Bibelsprüche und
-Gesangbuchverse mischen. Der deutsche Volkshumor verbindet gern einen
-gutmütigen Spott mit den Gefühlen der Achtung und Ehrfurcht; siehe
-Gottfried Keller, Wilhelm Raabe, Fritz Reuter usw. Ganz und gar liegt
-es dem Volke fern, die heiligen Leute zu verhöhnen, im Gegenteil, nur
-mit Personen, die seinem Herzen nahe stehen, die es mit Liebe und
-Wohlwollen betrachtet, erlaubt sich das Volk solch köstlichen Spott.
-
-Und es gelang nicht, das alte Volksgut _gänzlich_ auszurotten. Bis in
-die sechziger Jahre hinein hielten sie sich in vielen Orten, trotz
-aller Verbote. Voller Sehnsucht dachten die Alten an die Zeit zurück,
-wo sie selbst an den Spielen beteiligt gewesen. Noch 1861 fand der
-Gymnasialoberlehrer Gustav Mosen in Zwickau ansehnliche Reste der
-Spiele vor, die er in ein köstliches Büchlein sammelte und herausgab.
-Gewitzigte Unternehmer retteten die Spiele fürs Puppentheater. Wie beim
-Volkslied, so erhielten sich auch hier und da Reste von Versen im Munde
-des Volkes, oft unbewußt, woher die Reimlein stammten.
-
-Und was gab man dem Volke für einen Ersatz? -- Zuerst überschwemmte
-eine Flut von allerlei »Weihnachtsstücken« den Markt. »Dramatische
-Gemälde«, Weihnachtsszenen: »Landwehrmanns Weihnachten«, »Weihnachten
-in der Kaserne«, »Der Weihnachtsengel im Elendhause«, -- süßlich,
-sentimental, unecht, unwahr, Kitsch über Kitsch! Eine von den Behörden
-sanktionierte Geschmacksverderbnis übelster Art!
-
-Von verschiedenen Seiten, auch in den Kreisen der Geistlichen, sah
-man das wohl ein, und man knüpfte an die alten Christspiele an, indem
-man eine Anzahl sogenannter »Weihnachtsstücke« schuf, »Der Stern
-von Bethlehem« und andere mehr. Wirkliche Bedeutung kommt wohl von
-allen diesen Stücken nur dem von dem verdienten ~Dr.~ Alfred Müller
-bearbeiteten Mosenschen Weihnachtsspiel zu, in dem auch eigentlich
-volkstümliche Elemente nicht fehlen.
-
-Durch Haaß-Berkows Wiederbelebung eines alten Weihnachtsspieles
-wurde ich ermutigt, unsere noch vorhandenen Spiele auf ihre
-Aufführungsmöglichkeit hin zu untersuchen, und ich kam zu dem Ergebnis,
-daß hier etwas Gutes vor dem völligen Untergang zu retten sei. Die
-Spiele sollten aber _echt_ sein. Darum sah ich von einer sogenannten
-Bearbeitung mit Um- und Neudichtung ab. Ich reihte nur die Reste
-aneinander. Das Wiesaer Spiel enthält z. B. das volle Bescherungsspiel
-und die Herbergsszene. Beides wurde unverkürzt aufgenommen. Das
-Hirtenspiel entnahm ich dem Thalheimer Spiel, das Krippenspiel der
-Neudorfer Engelschar. Das Königsspiel war das Löwenhainer usw.
-
-Die Aneinanderreihung ist durchaus berechtigt, denn die Spiele sind
-einander durchaus ähnlich, nur durch die mündliche Weitergabe verändert
-und angepaßt -- zerspielt. Die einzelnen Szenen sind durch alte
-Mettenlieder verbunden, wie wir sie in örtlichen Aufzeichnungen, in
-Bernhard Schneiders Liederheften, Mosens Weihnachtsspiel usw. finden.
-Es kam die Frage des Aufführungsortes. Die alten Spieler zogen im
-Orte umher, die größten Stuben wurden zum Schauplatz. Aus dem ganzen
-Hause, aus den Nachbarhäusern kamen die Neugierigen gelaufen, um die
-»Engelschar« zu bewundern. In die einzelnen Wohnungen zu gehen, würde
-sich jetzt aus verschiedenen Gründen verbieten; da nimmt man eben eine
-recht große Stube des Ortes, ein Schulzimmer, die Turnhalle, einen
-Saal. Hier kommen die Ortsbewohner zusammen, aber nicht wie zu einem
-Theaterabend, -- sie sollen die Spiele durchaus miterleben.
-
-Die Chemnitzer Volkshochschule, die allen Bestrebungen des
-Heimatschutzes und der Volkskunde das erfreulichste Verständnis
-entgegenbringt, nahm sich im vergangenen Jahre der Sache an -- und mit
-wirklichem Erfolg, denn wir mußten unser Spiel zwanzigmal wiederholen!
-
-Wie verläuft so ein Abend?
-
-Orgel- oder Harmoniumklang stimmt die Hörer ein. Dann klingt von
-draußen das alte Schneeberger Mettenlied »Auf, Tochter Zion, schmücke
-dich« zum Saale herein. Auf der Bühne, die nebenbei bemerkt, nur mit
-dunklen Stoffen ausgeschlagen ist, erscheint ein Hirte als Bote:
-
- »Einen schönen guten Abend, den geb euch Gott!
- Ich bin ein ausgesandter Bot;
- ich zeig euch an zu dieser Frist,
- daß jetzt wird kommen der heilige Christ!«
-
-Zwei Engel werden auf der Bühne sichtbar, sie bereiten die Hörer vor.
-Dann kommt unter den Klängen eines böhmischen Weihnachtsliedels, von
-Lauten und Geigen gespielt, durch den Saal die Engelschar gezogen.
-Der heilige Christ, St. Martin, St. Nikolaus in weißen Kleidern, mit
-hohen Goldkronen auf dem Haupte, das heilige Paar, Knecht Rupprecht
-usw. Sie ziehen auf die Bühne und es beginnt das Bescherungsspiel. Nun
-wechseln sich die bunten Szenen ab, von denen das Verkündigungsspiel
-und das Krippenspiel wohl am eindringlichsten wirken. Beim Krippenspiel
-wird alles Bühnenlicht weggenommen. Die ganze Szene ist nur durch
-eine Stallaterne beleuchtet, die vor der Krippe auf dem Boden steht.
-Dieser einfache Regiekniff hat ungeahnte Wirkung. Nach kurzer Pause
-eröffnen das Thalheimer und Löwenhainer Spiel den zweiten Teil, nachdem
-die »Königschar« durch den Saal eingezogen ist. Wie sehr die Hörer
-in Chemnitz dabei waren, merkte man daraus, daß sie in den Pausen
-verschiedene Male unaufgefordert Weihnachtslieder anstimmten.
-
-Von der Großstadt aus sollen die Spiele wieder in ihre Heimat
-zurückkehren. Schon in diesem Jahre werden sie in vielen Orten sich
-einzubürgern versuchen. Nicht um ein wissenschaftliches Werk zu
-schreiben, nur um praktisch Heimatschutz zu treiben, veröffentlichte
-ich das gesamte Material in Buchform unter dem Titel »Erzgebirgische
-Christ- und Mettenspiele. Ein Versuch zur Rettung alten Volksgutes«.
-Mit der Zusammenstellung am Schlusse des Buches, die auch einzeln im
-Verlag H. Thümmler in Chemnitz erschienen ist, will ich nur ein Vorbild
-aufstellen, »wie man es machen soll«. Gedacht ist es so, daß jeder
-Ort, der noch Reste eines Spieles besitzt, diese in den Mittelpunkt
-stellt und die übrigen Teile nach Belieben aus dem vorhandenen Material
-ergänzt. So soll jeder Ort »sein Spiel« gewinnen.
-
-Aus den vielen Zuschriften, die wir erhielten, ersahen wir mit Freuden,
-wie man in allen Teilen unseres Gebirges den Gedanken aufgegriffen
-hat. Wenn uns auf diesem Wege die Wiederbelebung dieses Stückes alter
-Volkskunst gelingen sollte, würden wir herzlich zufrieden sein.
-
- _Anmerkung der Schriftleitung_: In _H. Thümmlers_ Verlag,
- Chemnitz, ist erschienen: _Wenzel_, Erzgebirgische Christ- und
- Mettenspiele, ein Versuch zur Rettung alten Volksgutes, 182
- Seiten, gebunden einschließlich aller Zuschläge M. 14,40.
-
-
-
-
-Die Liebe zum Baume
-
-Von _Georg Marschner_, Dresden
-
-
-In unserem so dicht besiedelten Sachsenlande läßt die alles
-umgestaltende, rastlose menschliche Tätigkeit dem freien Walten
-ungezügelter Naturkräfte nur noch wenig Raum. Deshalb sind die
-anmutigen Bilder, welche sowohl im Niederlande als auch im Gebirge
-das Herz mit beglückender Heimatfreude füllen, zum weitaus größten
-Teile Werke fleißiger, kultivierender Arbeit unseres Volkes. Die
-einzelnen, das Landschaftsbild zusammenfügenden Elemente sind überall
-die gleichen. Dörfer und Städte, Straßen und Wege, Felder, Wiesen
-und Wälder, Teiche, Bach- und Flußläufe und vieles andere ergeben in
-unerschöpflich wechselvoller Gruppierung alle die reizvollen Bilder,
-die uns das Heimatland so liebenswert machen.
-
-Wohl kann ein hoher Berg, ein tiefes Tal, ein großer See oder ein
-breiter Fluß einer begrenzten Gegend ein besonderes Gepräge geben,
-bestimmend aber wirkt auf den Charakter einer jeden Landschaft ihr
-Bestand an Bäumen. Sie sind es, die im Verein mit den Tages- und
-Jahreszeiten alle Stimmungs- und Empfindungswerte auslösen.
-
-Ob sie, dicht aneinandergedrängt, als Wald die weiten Feld- und
-Wiesenfluren der Niederung ruhig umsäumen, im Gebirge das Schönheit
-suchende Auge über ihr wogendes Wipfelmeer hinauslocken in blau
-verdämmernde Fernen und uns erfüllen mit unstillbarer Wandersehnsucht,
-oder ob sie, aufgelöst in Gruppen und Reihen, das Dörflein liebevoll in
-ihren weichen Mantel betten und im stillen Wiesengrunde, gleich einer
-grünen Schlange, dem Bache das Geleite geben, immer und überall tritt
-die belebende und Schönheit gebende Kraft des Baumbestandes uns vor
-Augen.
-
-Ganz besonders aber werden wir uns der hohen Schönheitswerte des
-Baumes bewußt, wenn ein im hohen Alter seinen Artcharakter ausgeprägt
-zur Schau tragender Einzelbaum die Landschaft beherrscht und zum
-Wahrzeichen einer weiten Gegend wird.
-
-Und welch einen poesiedurchtränkten Zauber verleihen machtvolle
-Baumwipfel der bäuerlichen Siedlung. Ein Dorfkirchlein, umrauscht
-von einer alten Linde, ein Bauernhof, über dessen bemoostes Dach
-ein uralter Baum, wie ein treuer Hüter und Wächter, schirmend seine
-grüne Hülle breitet, sind mir immer der Inbegriff herzerfrischender
-ländlicher Schönheit gewesen. Und auch dann noch, wenn die Herbst- und
-Winterstürme seine Kraft gebrochen, wenn er tiefer und hohler rauscht
-und zur lebenszähen Ruine ward, wird jeder fühlende Mensch in Ehrfurcht
-vor ihm stehen und ahnungsvoll die Vergänglichkeit alles Irdischen
-erkennen.
-
-Uralt ist die Liebe zum Baume in unserem Volke. Ein köstlicher Schatz
-von Erinnerungen an gute und böse Zeiten, ein unverwelklicher Kranz
-von Sagen und Märchen windet sich um jeden alten Baum, der wie ein
-mahnendes Symbol in den ruhelosen Zeitenstrom unserer Tage hineinragt.
-Viel könnte ich erzählen von manchen alten, in einem arbeitsreichen
-Leben krumm gewordenen Bauersmann und der Liebe zu seinem Baum. Oft
-habe ich im Schatten solcher Bäume gesessen und der Geschichte des
-Dorfes und Tales gelauscht. Manch biedrer Alte ist mir da zum lieben
-Freunde geworden. Hier im Banne alter Bäume wurde es mir zur Gewißheit,
-daß ihr hoher Wert sich nicht erschöpft in staunenden, bewundernden
-Betrachten. Ihr tiefer Einfluß spiegelt sich wieder in Herz und Gemüt
-eines jeden, dem eine alte Hauslinde das Wiegenlied gesungen. Er wird
-mir sagen, alte Bäume haben eine Seele.
-
-Er wird’s verstehen, ihr fröhliches Rauschen an den hohen Tagen seines
-Lebens, und nur er wird aus dem leisen Raunen das heimliche Schluchzen
-heraushören, wenn einer vom Hofe hinausgetragen wird zur ewigen Ruhe.
-
-Aber ich könnte auch berichten von manchem stolzen Baume, den
-Generationen seiner früheren Besitzer, als zur Familie gehörig, hegten
-und pflegten und der dann nur zu bald dem neuen Besitzer im Wege stand
-und als Feuerholz ein schnelles, unrühmliches Ende fand.
-
-Wo ein altersgrauer Baum heute noch sein grünes Blätterdach zum
-Himmelsdome reckt, da sollte er jedem Menschen als ehrwürdiges
-Vermächtnis seiner Väter heilig sein. Unantastbar als Denkmal der uns
-alle nährenden Mutter Natur, unverletzlich als lebendes Ehrenmal seines
-Besitzers. So sollte es sein -- aber die Erfahrung lehrt’s oft anders.
-
-Bei der Hast des Alltags, in den Sorgen der Gegenwart schwingt die uns
-aus Urväterzeiten vererbte Liebe zum Baume nur noch leise. In manchen
-Herzen ist sie ganz verklungen. Für viele hat der Baum keine Seele
-mehr. Er ist Handelsware geworden, Erzeuger hochwertigen Holzes. Ohne
-Not und ohne bleibende Werte zu hinterlassen, ist mancher knorrige
-Recke und stumme Zeuge vieler Menschenschicksale auf den Holzmarkt
-gewandert.
-
-Aber sie muß wieder lebendig werden, die Liebe zum Baum. Ein jeder
-Bauernhof muß wieder seinen Baum haben. Darum wähle jeder, der die
-eigne Scholle bebaut, je nach Vermögen einen oder mehrere der ältesten
-und schönsten Bäume aus seinem Besitzstande, ganz gleich welcher Art,
-und weihe sie, als herrliche Zierde seiner Heimatflur. Das stille
-Gelöbnis aber, daß sie in treuer Hut wurzeln sollen im heimischen
-Grunde, bis unsere, nach ehernen, unerforschlichen Gesetzen bauende
-Allmutter Natur ihre Werke selber zerstört, wird seinen Namen laut und
-sichtbar künden auch den kommenden Geschlechtern.
-
-Und wer keinen geeigneten Baum sein eigen nennt, der pflanze einen
-solchen. Ist’s nicht am Hause, dann am Feld- und Wiesenrande, oder
-an einem Grenzmale. Ist er auch jung an Jahren, er wächst heran im
-Laufe der Zeiten und knüpft enger und fester das unsichtbare Band,
-welches verbindet mit dem Heimatboden, auf dem wir geboren und der uns
-aufnehmen wird zum letzten Schlummer, dem Vergessen entgegen.
-
-Nicht einer, der jetzt mit Recht bewunderten Baumriesen dankt sein
-hohes Alter dem Zufalle oder ist bisher übersehen worden, sondern
-ihre Erhaltung sicherte ein Name, eine bedeutsame Erinnerung oder ihr
-Standort als Grenz- und Markbäume. Vor allen aber wurden sie alt im
-Schutze der innigen Beziehungen zu ihren Besitzern.
-
-Der Bestand an alten Bäumen ist ein Maßstab für die Geistes- und
-Herzenskultur eines Volkes. Deshalb sorge jeder, der auf heimischen
-Grunde die Früchte harter Arbeit ernten darf, daß unser Sachsenland nie
-arm werde an alten Bäumen.
-
-Nur dann bleibt uns die Heimat ein Jungbrunnen, aus dem Glück und
-Zufriedenheit ins Herz sich ergießen, die reich machen in aller
-Lebensnot.
-
-
-
-
-Bücherbesprechung
-
-
-=Die Oberlausitzer Heimat.= -- Verlagsanstalt Görlitzer Nachr. u. Anz.,
-Görlitz. Preis M. 5,--.
-
-Der Kalender hat bereits seinen Ruf, darum nimmt man den diesjährigen
-stattlichen Band gleich froh und erwartungsvoll zur Hand. --
-Landschaftsbilder an oft geradezu unaussprechlicher Innigkeit erfreuen
-da gleich zu Anfang den Beschauer. Sie begleiten das Kalendarium und
-stehen so bescheiden in ihrer Ecke. Der flüchtige Beschauer geht
-wohl gar über sie hinweg, aber ich meine, einen besseren Führer
-durch die Oberlausitz kann einer nicht leicht haben, als wenn er
-sich dem Schöpfer dieser entzückenden Zeichnungen anvertraut. Welch
-ein Zauber geht von diesen stillen Dörfern, von der blauen Bergkette
-aus; wie schweift der Blick hinaus über das weite Gesenke bei
-Dittelsdorf. Ein altes Schloß, ein paar Hütten von starren Föhren,
-und am stimmungsvollsten wohl das Jägerndörfel im Winternebel mit den
-steilen Rauchsäulen über den Dächern. Fürwahr, das ist Heimatkunst!
-Wir danken dem Künstler Bruno Lademann für seine Arbeit. -- Auch der
-unterhaltende Teil ist wieder trefflich zusammengestellt; eine Fülle
-des Wissenswerten aus der Lausitzer Geschichte dabei. Ich glaube
-wirklich, hierin ist der Oberlausitzer Kalender unübertroffen. Nur eins
-möchten wir zur Sprache bringen. Es ist in dem Kalender ein allerdings
-ganz reizender Aufsatz von Ottomar Enking enthalten, von einer kleinen
-Stadt zur Pfingstenzeit. Aber durch die Gassen dieser Stadt weht keine
-Lausitzer Luft -- es ist ein niederdeutsches Gemeinwesen, was da
-geschildert ist. Unsrer Meinung nach muß ein Heimatkalender auf strenge
-Bodenständigkeit halten, es wird ihm das sicher gedankt werden und
-die Herren Herausgeber der Oberlausitzer Heimat haben ja eine Fülle
-trefflicher Mitarbeiter aus dem eigenen Gau an der Hand. -- Möge das
-schöne Heft die wohlverdiente Verbreitung finden.
-
- G. P.
-
-=Ludwig Richter als Radierer.= Von _Walther Hoffmann_. Mit 51 Bildern,
-Berlin 1921. Dietrich Reimer (Ernst Voßen). M. 35.--.
-
-»Ein neuer Ludwig Richter!« Mit dieser Anpreisung legt der Herausgeber
-den Bilderband in unsere Hände. Und in der Tat bedeutet dieses Buch
-für viele etwas Neues, auch wenn sie Ludwig Richter aus einzelnen
-Radierungen schon kennen, die er zumeist nach eigenen Gemälden für den
-Kunstverein geschaffen hat, wie beispielsweise seine Genoveva, die
-Christnacht und den Rübezahl. Vielleicht erinnert sich auch mancher
-noch an das und jenes anspruchslose Landschaftsblättchen aus der
-Frühzeit seines Schaffens, das handgetönt in den gefühlsdurchtränkten
-Freundschaftsstammbüchern der Biedermeierzeit sich findet oder
-im schmalen Goldrähmchen über dem Sofa in Großmutters guter
-Kirschbaumstube hing. Im übrigen weiß man recht wenig vom »Radierer«
-Ludwig Richter. -- Die Neuerscheinung füllt somit eine schon oft
-empfundene Lücke aus. Aus den bei _Hoff_ verzeichneten 240 und den
-durch _Singer_ und besonders _Budde_ noch 26 neu entdeckten Blättern
-hat Walther Hoffmann 51 ausgewählt. Sie sollen unsers Meisters
-Kunstschaffen in der Entwicklung darstellen. Vom ersten unbeholfenen
-Landschaftsstich des Vierzehnjährigen bis hin zu jenem letzten
-Kabinettstück seiner Kunst, das Ludwig Richter als ein altersmüder
-Greis im Jahre 1866 für seinen Freund Cichorius radierte, sind alle
-Phasen der allmählichen Vervollkommnung vertreten. -- In Hinsicht
-auf die Auswahl kann man gewiß vereinzelt anderer Meinung sein.
-Insonderheit hätte der Heimatfreund die Göttin von Sais, ein paar der
-Übertragungen von fremden Werken und einige italienische Landschaften
-zugunsten anderer Blätter wohl entbehrt, die, wie die ruhende Familie,
-das Bild zum Schlaflied Tiecks, der Schnitzelmann und selbst die so
-bescheidenen »An- und Aussichten« die deutsche Heimat uns zum Herzen
-sprechen lassen. Gerade nach dieser Seite hin kann Ludwig Richter nicht
-genug im deutschen Volk verbreitet werden. Er ist des Heimatschutzes
-bester Vorkämpfer. Wo Ludwig Richter eine Heimstatt hat, lernt man die
-Heimat auch beseelen. Da wird die stille Heimatschönheit treu gehütet,
-weil man an Ludwig Richters Bildern der Heimat inneren Wert erkennen
-lernt. Darum hinein ins Volk mit unserm Ludwig Richter, die Heimat
-wird nur Vorteil davon haben! -- So sei das vorliegende Buch jedwedem
-Heimatfreund empfohlen und um so wärmer noch empfohlen, als Walther
-Hoffmann auch die beigebrachten Stiche in ansprechender Form erläutert.
-Die Ausstattung ist gleichfalls anerkennenswert. Mag dieses Buch recht
-viele Freunde finden!
-
- _Kurt Melzer_, Dresden.
-
-
- Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt --
- Druck: Lehmannsche Buchdruckerei
- Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden.
-
-
-
-
- Ein deutsches Weihnachtsspiel
-
- »Im Stall zu Bethlehem«
-
- In vier Aufzügen mit Text, Buntfiguren
- und Anleitung zum Bühnenbau
-
- bearbeitet von =M. Brethfeld= und =Th. Göhl=
-
- Verlag: =Landesverein Sächsischer Heimatschutz=
-
- Dresden-A., Schießgasse 24
-
- Preis M. 6.--
-
- Bestellkarte in diesem Heft
-
-=Im Stall zu Bethlehem= -- unter diesem Titel hat der Landesverein
-Sächsischer Heimatschutz ein deutsches Weihnachtsspiel für unsere
-Jugend herausgegeben, das freudiger Empfehlung würdig ist. Urheber
-sind die Pädagogen M. Brethfeld und Th. Göhl, denen es aus ihrer
-Erziehertätigkeit heraus entstanden ist. Die Jugend soll, soweit es
-möglich, das Krippenspiel selbst herstellen und selbst aufführen, und
-auch die Zuschauer sollen durch Vers und Volkslied zu Mithandelnden
-werden. Ein löblicher erzieherischer Grundsatz in einer Zeit, wo
-die Unterhaltung bedauerlicherweise sogar in Haus und Familie so
-oft von bezahlten Kräften besorgt wird, anstatt daß alle zu eigener
-Befriedigung mitwirken. Und noch eine zweite niederdrückende Erfahrung
-bewog die Herausgeber, dem Krippenspiel gerade die gewählte Form
-zu geben: die Erfahrung, daß unsere Jugend in Kino und Theater an
-Weihnachtsspiele gewöhnt wird, die an äußerem Aufwand immer reicher
-werden, die uns aber immer weiter wegführen von den wahren Quellen
-innerer Volkskraft, immer weiter weg von Einfachheit, Wahrhaftigkeit
-und schlichter Innerlichkeit. Sogar der Christbaum ist der
-gedankenlosen äußeren Bereicherung und inneren Verarmung verfallen.
-Durch ihr Krippenspiel wollen die Herausgeber mit den Mitteln einer
-natürlichen und schlichten Volks- und Kinderkunst mithelfen im Kampfe
-gegen Veräußerlichung und Verflachung unseres schönen Weihnachtsfestes,
-bei der Vertiefung und Verinnerlichung des Weihnachtsgedankens und
-des Weihnachtsgefühls. Das Spiel besteht aus vier Bogen mit Figuren,
-die ausgeschnitten werden müssen -- Maria, Joseph und das Kind in
-der Krippe, die Hirten, die heiligen drei Könige usw. -- dazu kommt
-eine Anleitung zum Aufbauen des Theaters, wozu die einfachsten Mittel
-ausreichen und keine besondere Kunstfertigkeit beansprucht wird, und
-endlich der Text, der ein Vorspiel und vier Aufzüge umfaßt. Auch einige
-von den alten schönen Weihnachtsliedern sind hineinverwebt, die von
-allen Kindern, mitwirkenden wie zuschauenden, gesungen werden sollen.
-Die Aufführung dürfte höchstens eine halbe Stunde in Anspruch nehmen.
--- Allen, die an der heimatlichen Volkskunst Anteil nehmen und im Sinne
-der obigen Sätze an der Gesundung unserer Unterhaltung mitarbeiten
-möchten, sei das Weihnachtsspiel bestens empfohlen. Das Spiel kostet
-M. 6.-- und ist beim Landesverein Sächsischer Heimatschutz, Dresden-A.,
-Schießgasse 24, erhältlich.
-
-
-
-
- Bunte Gassen,
- helle Straßen
-
- Dresden 1921
-
- des Landesvereins Sächsischer
- Heimatschutz Heimatbücherei
-
- Band II
-
- 185 Seiten -- Großoktav
-
- hart gebunden
-
- _Vorzugspreis für Mitglieder des
- Landesvereins Sächs. Heimatschutz M. 15.--_
-
- _Bestellkarte in diesem Hefte_
-
-_Gerhard Platz_ »Vom Wandern und Weilen im Heimatland«, der erste
-Band unserer Heimatbücherei ist vergriffen und wird nächstes Jahr in
-neuer Auflage erscheinen. Jetzt kündigen wir den zweiten Band an.
-_Max Zeibig_ ist sein Verfasser. Wer kennt nicht seine gemütvollen
-Schilderungen aus der Kinder-, aus der Jugendzeit, die in den
-angesehendsten sächsischen Tageszeitungen seit Jahren erscheinen.
-_Heinrich Sohnrey_ gab dem Buche das Geleitwort und wünschte, daß es
-nicht nur in Sachsen, sondern in ganz Deutschland Verbreitung finde.
-
-
-Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-Dresden-A., Schießgasse 24.
-
-
-Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER
-HEIMATSCHUTZ, MITTEILUNGENBAND X, HEFT 10-12 ***
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- Mitteilungen Band X, Heft 10 bis 12, by Landesverein Sächsischer Heimatschutz&mdash;A Project Gutenberg eBook
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-<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of Landesverein Sächsischer Heimatschutz, MitteilungenBand X, Heft 10-12, by Landesverein Sächsischer Heimatschutz</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
-at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
-are not located in the United States, you will have to check the laws of the
-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-
-<table style='min-width:0; padding:0; margin-left:0; border-collapse:collapse'>
- <tr><td>Title:</td><td>Landesverein Sächsischer Heimatschutz, MitteilungenBand X, Heft 10-12</td></tr>
- <tr><td></td><td>Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege</td></tr>
-</table>
-
-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Landesverein Sächsischer Heimatschutz</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: March 27, 2021 [eBook #64937]</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
-
-<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</div>
-
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER HEIMATSCHUTZ, MITTEILUNGENBAND X, HEFT 10-12 ***</div>
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.
-Im Original fetter Text ist <b>so dargestellt</b>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="figcenter illowp50" id="cover">
- <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="Cover" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">
-Landesverein Sächsischer<br />
-Heimatschutz
-</p>
-<p class="center">Dresden</p>
-<h1>Mitteilungen<br />
-Heft<br />
-10 bis 12
-</h1>
-<p class="center">
-Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege
-</p>
-<p class="h2">
-Band X
-</p>
-<div class="blockquot">
-<p class="noind">
-<em class="gesperrt">Inhalt</em>:
-<a href="#Hermann_Vogel">Hermann Vogel, dem Malerpoeten des Vogtlandes zum Gedächtnis</a> &ndash;
-<a href="#Kamenzer_Weihnachten">Kamenzer Weihnachten</a> &ndash;
-<a href="#Wanderbilder_aus_dem_oestlichen_Vogtland">Wanderbilder aus dem östlichen Vogtland</a> &ndash;
-<a href="#Trachtenechtes_Spielzeug">Trachtenechtes Spielzeug</a> &ndash;
-<a href="#Caprivi_und_die_Baeume_im_Garten_des_Kanzlerpalais">Caprivi und die Bäume im Garten des Kanzlerpalais</a> &ndash;
-<a href="#Drei_Baumbilder_aus_unsrer_Heimatsammlung">Drei Baumbilder aus der Wilsdruffer Heimatsammlung</a> &ndash;
-<a href="#Pflanzt_Nussbaeume">Pflanzt Nußbäume</a> &ndash;
-<a href="#Praktischer_Heimatschutz">Praktischer Heimatschutz</a> &ndash;
-<a href="#In_den_Huetten_meiner_Heimat">In den Hütten meiner Heimat</a> &ndash;
-<a href="#Das_Weberhaus_in_Hosterwitz">Das Weberhaus in Hosterwitz</a> &ndash;
-<a href="#Wissenschaft_und_Vogelschutz">Wissenschaft und Vogelschutz</a> &ndash;
-<a href="#Kursaechsische_Streifzuege">Kursächsische Streifzüge</a> &ndash;
-<a href="#Erzgebirgische_Christ-_und_Mettenspiele">Erzgebirgische Christ- und Mettenspiele</a> &ndash;
-<a href="#Die_Liebe_zum_Baume">Von der Schönheit des Baumes</a> &ndash;
-<a href="#Buecherbesprechung">Bücherbesprechung</a>
-</p>
-<p class="noind">
-Einzelpreis dieses Heftes M.&nbsp;20.&ndash;, Bezugspreis für einen Band (aus 12&nbsp;Nummern
-bestehend) M.&nbsp;30.&ndash;, für Behörden und Büchereien M.&nbsp;20.&ndash;. Mitglieder erhalten
-die Mitteilungen kostenlos, <em class="gesperrt u">Mindest</em>jahresbeitrag M.&nbsp;10.&ndash;
-</p>
-</div>
-<p class="center">
-Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse&nbsp;24
-</p>
-<p class="center">
-Postscheckkonto: Leipzig 13&nbsp;987, Dresden 15&nbsp;835 <span class="lgap">Stadtgirokasse Dresden 610</span>
-</p>
-<p class="center p2">
-Dresden 1921
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="An_unsere_werten_Mitglieder">An unsere werten Mitglieder!</h2>
-</div>
-
-<p>In dem vorliegenden Weihnachtsheft bieten wir unseren Mitgliedern, Freunden
-und Gönnern etwas ganz besonderes:</p>
-
-<p>Wir sind in der glücklichen Lage, zehn ganz vortreffliche Zeichnungen Hermann
-Vogels, des gemütvollen Illustrators der »Fliegenden Blätter«, der Anfang dieses
-Jahres seine Augen für immer schloß, abzudrucken und so dem Hefte eine besondere
-Weihnachtsstimmung zu geben.</p>
-
-<p>Unser Verein hat in dem nun ablaufenden Jahre an Mitgliedern ungeahnt
-zugenommen. Fast hat sich unsere Mitgliederzahl verdoppelt, denn wir werden
-mit einem Bestand von 12&nbsp;000 Mitgliedern abschließen. Freilich haben unsere
-Einnahmen durch die zunehmende Geldentwertung mit der Erhöhung unserer Mitgliederzahl
-nicht Schritt gehalten. Eine obligatorische Erhöhung unseres Jahresbeitrages
-(Mindestbeitrag 10&nbsp;Mk.), der in unseren Brudervereinen schon 20&nbsp;Mk.
-und mehr beträgt, möchten wir vermeiden, um auch unseren minderbemittelten
-Volksgenossen, den zahlreichen Schülern, die sich an unserer Bewegung und an
-unseren Veröffentlichungen erbauen, auch weiterhin die Zugehörigkeit zum Heimatschutz
-zu ermöglichen. Wir hoffen daher, daß</p>
-
-<p class="center"><span class="u larger">unsere Bitte um freiwillige Erhöhung des Jahresbeitrages</span></p>
-
-<p>auch weiterhin Gehör und Erfüllung finden und das besonders der Inhalt dieses
-Heftes, das uns fast 10&nbsp;Mk. (unseren Mindestbeitrag) selbst kostet, dazu anfeuern möge.</p>
-
-<p>Wir fügen daher auch diesem Hefte eine Zahlkarte bei und bitten alle diejenigen,
-davon Gebrauch zu machen, die dazu irgendwie in der Lage sind, ihren Beitrag
-freiwillig zu erhöhen oder uns eine Weihnachtsgabe für das Jahr 1921 noch zu übermitteln.
-Die jetzige Teuerungswelle bringt auch unseren Verein erneut vor wirtschaftliche
-Schwierigkeiten. Möge der Opfersinn und die Opferwilligkeit aller derer, die uns
-angehören, an unseren Bestrebungen Freude, Gefallen und Genugtuung finden, dazu
-beitragen, daß wir auch über die neue verschärfte wirtschaftliche Lage hinwegkommen
-und weiter unseren Bestrebungen für Heimat und Volk mit allen unseren
-Kräften in der bisherigen Weise gerecht werden können.</p>
-
-<p>Wir danken allen aufrichtig und von ganzem Herzen, die uns bisher geholfen
-haben und unseren Verein in die Lage versetzten, einer der größten Vereine mit
-idealen Bestrebungen von ganz Sachsen zu werden.</p>
-
-<p>Wir bitten alle, dazu beizutragen, daß wir im nächsten Jahre unser zwanzigtausendstes
-Mitglied aufnehmen und an Macht und Ansehen weiter gewinnen können.
-Zu diesem Zwecke fügen wir eine Anmeldekarte zur Gewinnung eines neuen Mitgliedes
-bei. Die Mitgliedschaft wäre ein schönes Weihnachtsgeschenk für Sachsens Jugend.</p>
-
-<p>
-<em class="gesperrt">Dresden</em>, im November 1921
-</p>
-<p class="right larger">
-<b>Landesverein Sächsischer Heimatschutz</b>
-</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197"></a>[197]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowp80" id="illu-003">
- <img class="w100" src="images/illu-003.jpg" alt="Band X, Heft 10/12, 1921" />
-</div>
-
-<p class="center">Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern durch den Vorstand
-herausgegeben</p>
-
-<p class="center">Abgeschlossen am 1. Oktober 1921</p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Hermann_Vogel">Hermann Vogel
-dem Malerpoeten des Vogtlandes zum Gedächtnis</h2>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">Karl Rödiger</em>, Plauen i. V.</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="noind">Die beigedruckten Bilder stammen »Aus den Fliegenden Blättern«, Braun &amp; Schneider, München</p></div>
-</div>
-
-<p>»Bin kein Heimatkünstler im eigentlichen Sinne des Wortes, bin kein Vogtlandmaler«,
-schrieb mir Hermann Vogel in seiner kurzen, offenen Art, als ich
-mich vor etlichen Jahren an ihn gewendet hatte mit der Bitte, mir aus dem
-Reichtum seiner Bilder solche zu nennen, denen ein <em class="gesperrt">vogtländisch-heimatliches</em>
-Motiv zu Grunde liegt. Und wer das gesamte Schaffen des Künstlers, der sich
-selbst einmal, auf dem Titelblatt seines »Bilder- und Geschichtenbuches«, als
-»romantisch-humoristischer Illustrator« bezeichnet hat, auch nur einigermaßen kennt,
-seine Illustrationen zu Scheffels Ekkehard, zu Wagners Deutschen Heldensagen,
-zu Schwabs Volksbüchern, zu der achtbändigen Weltgeschichte seines Lehrers
-Otto Kaemmel, seine wundersamen Bilder zu den Märchen der Brüder Grimm
-(1892/94), zu Rudolphis Märchen (1905), seine ungezählten Bilder und Gedichte,
-Tierfabeln und Geschichten in den Münchener »Fliegenden Blättern«, denen
-Hermann Vogel mehr als drei Jahrzehnte lang sein bestes Dichten und Können
-gewidmet hat, wer dies alles überblickt, der wird, erstaunt ob solcher Gestaltenfülle
-aus allen Zeiten und Völkern und Ländern, den Künstler nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_200"></a>[200]</span>
-mehr in den engbegrenzten Begriff des Heimat- und des Vogtlandmalers hineinzwängen
-wollen.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-004">
- <img class="w100" src="images/illu-004.jpg" alt="" />
- <div class="caption"><b>Der Schatzgräber</b></div>
-</div>
-
-<p>Und doch, wer näher zusieht, wer als geborener Vogtländer wie ich von
-Jugend an leidenschaftlich gern Hermann Vogelsche Bilder aufgesucht und stundenlang
-betrachtet hat, der wird mit aufrichtiger Freude entdecken können, wie Hermann
-Vogel auch seiner <em class="gesperrt">Heimat</em>, seinem <em class="gesperrt">Vogtland</em>, immer und immer wieder reizvolle
-Motive für seine Bilder abzulauschen wußte.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-005">
- <img class="w100" src="images/illu-005.jpg" alt="" />
- <div class="caption"><b>Hexenküche</b></div>
-</div>
-
-<p>Kein Wunder. Denn in Plauen, im Herzen des Vogtlandes, am 16. Oktober
-1854 als zweiter Sohn des Maurermeisters Traugott Wilhelm Vogel geboren, ist
-der Künstler zeitlebens ein rechter Vogtländer von echtem Schrot und Korn geblieben.
-Mit allen Fasern seines Herzens hing Hermann Vogel an seinem Vogtland.
-Mit seinen Landsleuten hat auch er, wie Julius Mosen, der Vogtlandsänger, im
-Eingang der »Erinnerungen« von sich sagt, immer die Anhänglichkeit an die
-heimatliche Erde des Vogtlandes gemeinsam gehabt. Ein doppeltes Heim hat
-Hermann Vogel besessen, ein Sommerheim an der Plattleithe im sonnigen Loschwitz
-bei Dresden und ein Winterheim in seinem obervogtländischen Dörflein Krebes
-beim Burgstein, zwischen Ruderitz und Gutenfürst. Sobald es zu herbsteln begann,
-sobald die ersten Schneeflocken herabwirbelten, litt es den Künstler nicht länger
-im wohligen Loschwitz. Das Heimweh trieb ihn hinauf in seine heimatlichen
-Vogtlandberge und Vogtlandwälder. Und hier, in der Weltabgeschiedenheit des
-Krebeser Waldes, in nie befriedigtem Selbststudium, in unablässigem Naturstudium
-hat er, den kein Kunstlehrer und keine Kunstakademie dauernd hatte fesseln können,
-mühevoll sich den Weg zu seiner Künstlereigenart gebahnt. Hier hat er am
-22. Februar 1921 sein Künstlerauge für immer geschlossen. Hier haben wir ihn,
-den »Krebesaere«, auf seinen ausdrücklichen Wunsch in den mütterlichen Schoß
-seiner heißgeliebten Vogtlanderde gebettet.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Mit Stift und Skizzenbuch hat Hermann Vogel sein Vogtland kreuz und quer
-durchstreift und, als Maurermeisterssohn, mit ganz besonderer Vorliebe architektonische
-Motive heimgetragen. Immer wieder ragen in seinen Bildern die zerfallenen
-Mauern der beiden romantischen Burgsteinruinen empor, die seinem
-Krebeser Heim und seinem Künstlerherzen so nah benachbart waren: in Maiensonntagsbildern
-die untere Burgsteinruine mit dem ländlich gemütlichen Kegelschub,
-im mondlichtüberflossenen Schatzgräberbild die obere Burgsteinkapelle, in dem köstlichen
-Waldmappenbild von der Märchen erzählenden Großmutter die altersgrauen
-Burgsteinmauern mit dem geheimnisdunklen Spitzbogentor im Hintergrund, im
-Bild vom grauen Männel, das den späten Gast vom Burgstein heimleuchtet, in
-zahlreichen Bildern der <em class="antiqua">Ora-pro-nobis</em>-Brüderschaft, deren Seele der Künstler
-gewesen, im Bild vom eingeschneiten Einsiedler, in der innigen Dornröschenkarte
-vom Burgstein, deren Geleitgedicht der Malpoet ausklingen läßt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Hier schläft, umraunt von Wald und Wind,</div>
- <div class="verse indent0">Der <em class="gesperrt">Heimat</em> Poesie.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-007">
- <img class="w100" src="images/illu-007.jpg" alt="" />
- <div class="caption"><b>Waldseeklause</b></div>
-</div>
-
-<p>Aus vielen, über alle Welt verbreiteten Bildern Hermann Vogels grüßen
-uns wie vertraute Freunde Dorfkirchen des Vogtlandes mit ihren runden Zwiebeltürmen:
-<span class="pagenum"><a id="Seite_203"></a>[203]</span>das Kirchlein von Krebes, von Kemnitz und Geilsdorf, die weit ins Land
-schauende St. Clara-Kapelle von Heinersgrün, die berühmte Bergkirche von Schleiz,
-eine der ältesten und denkwürdigsten Kultstätten des gesamten Vogtlandes. Alte
-Bauwerke, »Wohnungen der Frau Romantika«, Burgruinen, Kirchen, Tore, Türme
-und Schlösser, haben es ihm angetan: der zierliche Schloßturm des Rittergutes
-von Wiedersberg im oberen Vogtland, das Stadttor von Saalburg, der Wartturm
-von Ziegenrück, Schloß Ranis, das efeuumsponnene, im Pößnecker Kreis, vor
-allem das herrliche Schloß Burgk an der Saale in Sommersonnenglanz und
-deutscher Winterweihnachtspracht.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-008">
- <img class="w100" src="images/illu-008.jpg" alt="" />
- <div class="caption">
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Wahr’ dich vor Waldschmieds Töchterlein!</div>
- <div class="verse indent2">Wie Eisen so stark, wie Gold so fein</div>
- <div class="verse indent0">Schwingt sie den Hammer wie Wieland gut,</div>
- <div class="verse indent2">Wie Kohle loht ihrer Augen Glut!</div>
- <div class="verse indent0">Und naht der Schmiede ein Reitersmann,</div>
- <div class="verse indent2">Der nicht mehr fechten und traben kann,</div>
- <div class="verse indent0">Dem bessert sie Harnisch und Huf zur Stund’,</div>
- <div class="verse indent2">Brennt aber auf ewig das Herz ihm wund!</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Als begeisterte Anhänger und Vorkämpfer des Heimatschutzgedankens sind
-wir dem Künstler aber noch besonders dankbar, daß er bemerkenswerten Resten
-und Zeugen heimatlicher Bauweise so liebevoll nachgegangen ist und diese uns in
-vielen seiner Bilder erhalten hat: die schindelgedeckten Bauernhütten des Vogtlandes
-mit dem Rundbogenbalken über den kleinen Wohnfenstern, den kunstvoll
-mit Schiefer verkleideten Giebel der Waldschmiede in Heinersgrün, den altmeisterlichen
-Holzwerkgiebel ebendort (in dem Bild von der »Hochzeitsmusik«), das echt
-vogtländische Bauernhaus mit Holzgalerie (in Grimms Märchen von den klugen
-Leuten), das heimatliche Bauerngehöfte mit Taubenschlag und Bienenstöcken und
-Kleinod- (»Klaanet«) Garten (beim Märchen vom Frieder und Katerlieschen), die
-altvogtländische Bauernstube mit Spinnrad, vogtländischem Hauskalender und
-Kachelofen und volkskunsthandwerklicher Holzverkleidung (aus den Waldmappenbildern),
-den urwüchsigen Dorfbrunnen mit bretternem Brunnenhaus und wuchtigem
-Klotzhebel, im Volksmund »Leerl« genannt, (beim Märchen vom Fundevogel),
-den Wiedersberger Gasthof mit seinem Fachwerk und kunstschmiedeeisernem
-Wirtshausschild (im Märchen von dem, der das Fürchten lernen
-wollte) und endlich, nicht zuletzt, auch die weltabgeschiedenen Mühlen alle
-in den Waldbachtälern des Vogtlandes, vor allen die Kienmühle im Kemnitzgrund
-nahe dem Burgstein, zwischen Ruderitz und Geilsdorf, des Künstlers
-Lieblingsmühle, wo er so gern geweilt, die er in einem seiner schönsten Gedichte
-also preist:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Am Erlenbach, im engen Grund, du Mühle hast mir’s angetan,</div>
- <div class="verse indent0">Seit sich dein stiller Frieden mir zum ersten Male aufgetan.</div>
- <div class="verse indent0">Wie oft saß ich am Felsenhang, von Fichtenkronen rings umsäumt,</div>
- <div class="verse indent0">Und späht’ dein stilles Tal entlang, so heimatfröhlich und verträumt.</div>
- </div>
-
-<hr class="poetry" />
-<hr class="poetry" />
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Noch heute summt durch meinen Traum ein fernes Lied, so leis und lind,</div>
- <div class="verse indent0">So liebend, wie wenn in den Schlaf die Mutter singt ihr krankes Kind.</div>
- <div class="verse indent0">’s ist ein gar eigen, stilles Lied, so waldeskräftig, sonnenmild,</div>
- <div class="verse indent0">Bald fröhlich wie der Mühlenbach, wenn er um moos’ge Felsen quillt,</div>
- <div class="verse indent0">Und bald wie Waldesbrausen ernst, dem scheu der Sprung der Rehe lauscht:</div>
- <div class="verse indent0">Es ist der <em class="gesperrt">Heimat Zauberlied</em>, das durch die Fichtenkronen rauscht.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-010">
- <img class="w100" src="images/illu-010.jpg" alt="" />
- <div class="caption"><b>Im Maien.</b></div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_205"></a>[205]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-011">
- <img class="w100" src="images/illu-011.jpg" alt="" />
- <div class="caption">
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Wenn der Hans die Grete nimmt,</div>
- <div class="verse indent0">Die Musica auf’s Feinste stimmt;</div>
- <div class="verse indent0">Wenn der Hans die Grete hat,</div>
- <div class="verse indent0">Wendet sich das Notenblatt&nbsp;&ndash;</div>
- <div class="verse indent0">Nun toent’s bald sueß, wie Nachtigallsang</div>
- <div class="verse indent0">Bald, als keiften zwei Kater die Daecher entlang!</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="mright">
-H. V. 1904
-</p>
-
-<b>Hochzeitsmusika</b></div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_206"></a>[206]</span></p>
-
-<p>Der Heimatmühle tief drunten im Tal und dem Heimatwald hoch droben
-auf den Vogtlandbergen gehörte des Künstlers volle, treue Liebe.</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Du Wald auf meiner Heimat Höh’n,</div>
- <div class="verse indent0">Mein ganzes Glück bist du!</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">bekennt er am Schluß des Geleitgedichtes zu seinem ergreifend schönen Heimatwaldbild.
-Tagelang und nächtelang ist er als Jäger durch den Krebeser Wald gestreift
-und durch die Wälder der Ruderitzberge und der Plattenberge, mit der Donnerbüchse
-über der Schulter. Nur selten hat er’s über sich vermocht, ein Wild des
-Waldes mit seiner Flinte wirklich tot zu schießen. Mit seinem Stift, dem treffsicheren,
-hat er die Tiere belauscht und im Skizzenbuch als Beute heimgebracht:
-den leichtflüchtigen Hasen, den listigen Fuchs, das keusche Reh (des Künstlers
-Lieblingstiergestalt), die gurrenden Holztauben, das übermütige Eichkätzchen und
-die nachtschwarzen Unglücksraben Wotans. (Hermann Vogel als Gestalter der
-heimischen Tierwelt ist ein besonders reizvolles Kapitel für sich allein.) Aber über
-die oft verblüffende Wirklichkeitstreue hinaus drängte es den Künstler, den heimatlichen
-Wald romantisch zu beleben, »märchenhaft und wunderbar«, mit Gnomen
-und Zwergen und Elfen und Nixen und Drachen und Hexen und Riesen. Die
-Bäume bekommen Gesichter, Arme und Hände. Hinter den Felsen lauern spukhafte
-Ungeheuer. Hänsel und Gretel, zwei vogtländische Bauerskinder, schreiten
-herzklopfend durch den verzauberten, nächtlichen Vogtlandwald. Hermann Vogel
-ist einer der bedeutendsten Märchenwaldmaler des deutschen Volkes. (Wer sich
-jemals in seine Waldbilder zu den Volksmärchen der Brüder Grimm und seine
-beiden Waldbildmappen vertieft, wird es bestätigt finden.)</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-013">
- <img class="w100" src="images/illu-013.jpg" alt="" />
- <div class="caption"><b>Madonna im Walde</b></div>
-</div>
-
-<p>Als echter Malerpoet des Vogtlandes erweist sich Hermann Vogel auch in seiner
-Darstellung der vogtländischen Menschen, die er oft und gern in seine Bilder hineinführt.
-Echt romantisch ist es, wie er auch hier Märchentraum und Wirklichkeit
-oft seltsam zu verketten weiß. Wie wirklichkeitsscharf verkörpert er die junge
-Vogtländerin mit dem Leibgericht aller Vogtländer, den grünen Klößen (Griegenifften)
-in der runden Schüssel, und mit der alten, schönen Vogtlandtracht, der perlenverzierten
-Buckelhaube, dem reichbestickten Brusttuch, dem schwarzen Mieder, den
-kurzen, blütenweißen Hemdärmeln, dem langen, weiten Rock und der breiten,
-bunten Schürze. (Mit dem Künstler beklagen auch wir, daß die altheimische Tracht
-von den Dorfbewohnern im Vogtland nicht mehr getragen wird und nur noch in
-Museen, in Kästen und Truhen ein verborgenes Dasein fristet.) Was für altvogtländische
-Prachtgestalten sind die Mitglieder der Stammtischrunde in der Gutenfürster
-Waldschenke, wo auch Hermann Vogel gern gesessen und seinen Jagdabenteuerdurst
-gelöscht. Und dann der alte Nachtwächter, Totengräber und Bälgetreter von
-Krebes, des Künstlers liebvertrauter Freund, dem er in Bild und Vers ein dauerndes
-Denkmal geschaffen! »A’ schön’s Geld kriagt er aa’ … fufzig Pfenning für’n Tag. Und
-sei Spritzenhausstüberl hat d’feinste Lag’.« Nicht die Menschen der Großstadt, nein, die
-schlichten Menschen der weltfernen vogtländischen Dörfer, die arbeitgewohnten
-Männer und Frauen, die Alten, die Einsamen, sind des Künstlers liebster Umgang
-und Gesellschaft gewesen, und in den Bildern und Liedern des »Einsiedlers von<span class="pagenum"><a id="Seite_209"></a>[209]</span>
-Krebes« leben sie alle fort: die einsame Hirtin von Ruderitz, die einsame Waldfrau
-aus den Plattenberghäusern, weit im Umkreis als »Waldhex verschriern« und
-gemieden, der kranke Einsiedler, den das Märchen selbst in seiner Waldeinsamkeit
-besucht und tröstet, der eingeschneite Einsiedelmann auf dem wundervollen Burgsteinwinterbild,
-wo zwei Damen aus der Stadt im schicken Schikostüm den Eremiten
-mehr erschrecken, als es der dickste Vogtlandschnee vermag.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-014">
- <img class="w100" src="images/illu-014.jpg" alt="" />
- <div class="caption"><b>Sneewittchen</b></div>
-</div>
-
-<p>Der Winter war des Künstlers liebste Jahreszeit. Bis ins beschwerliche
-Alter war es sein größter Spaß, mit Toni Kettner, seinem »Hausgeist«, seiner
-verständnisvollen Schwägerin und Pflegerin, auf Schneeschuhen über die Hochflächen
-und Talhänge des südwestlichen Vogtlandes hinzuflitzen. Winter und Hermann
-Vogel, einander innerlich verwandt, beide &ndash; Schwarzweißkünstler! Der Künstler ist
-nicht müde geworden, immer von neuem den Zauber des Winters in seinen Bildern
-festzubannen. Wintermärchenbilder und &ndash; Weihnachtsbilder, aus Vogtlandheimaterlebnissen
-geboren, sind wohl das Allerschönste, was Hermann Vogel, der herzinnige
-Kinderfreund, der kerngetreue Vogtlandsohn, der deutschfromme Mann, seinem
-Volk und Vaterland geschenkt und hinterlassen hat. Als urdeutscher Künstler überträgt
-er die Christnachtsgeschichte aus dem fremden Osten herein in seinen heimatlichen
-Vogtlandwald. Maria und Joseph sind vogtländische Bauersleute. Joseph,
-der Zimmermann, hat Herberg’ mit seinem vertrauten Weib in Wiedersberg, dem
-lieblichen, obervogtländischen Dorfidyll, gefunden. Durch den tiefverschneiten Krebeser
-Wald flieht die heilige Familie vor dem bösen König Herodes. In Vogtlandwaldesstille
-treu geborgen hält die heilige Familie Rast auf ihrem von echt vogtländischen
-Rindern gezogenen Schlitten. Vogtländische Bauern, Bäuerinnen und Kinder, vogtländische
-Hirten und Knechte drängen sich glückselig zum Christkind oder knien
-anbetend am Waldsaum. Engel bringen vom Himmel die Wiege des Christkindleins
-hernieder zur Erde, zum Schlosse Burgk an der Saale in seinem
-wundersamen Winterweihnachtskleid. Durch die Torbogen des Schlosses Burgk
-auf hölzernem Schlitten von Englein gezogen, hält das Christkind Einzug auf
-dieser armen, kalten Erde, die frohe Botschaft von Licht und Liebe, Wohlgefallen
-und Frieden verkündend. Eines der prächtigsten Vogtlandwinterbilder,
-die unserm Künstler gelungen, ist endlich noch das Neujahrsbild,
-das er für die Jahres- und Jahrhundertwende 1900 geschaffen: in zauberischem
-Mondlicht, von blendendem Schnee bedeckt, gleichsam wie Schneewittchen,
-atmet vor uns das Dörflein Krebes. (Wie wundersam zart die kahlen Bäume,
-Zaun und Hütten ihre Schatten auf dem weichen Schnee hinbreiten.) Und der
-treue Wächter des Dorfes mit seinem Horn und Spieß steht mitten in der Dorfstraße
-und blickt empor zu den jagenden Wolken, in denen der deutsche Erzengel
-Michael gegen drohende, feindliche Gewalten in den Kampf zieht. (Dies Traumgesicht
-des Künstlers ist im Weltkrieg furchtbare Wirklichkeit geworden.) Heimatliches
-und Vaterländisches sind in diesem, wie in vielen, vielen Bildern Hermann
-Vogels innig zusammengekettet. Heimat und Vaterland waren die Grundpfeiler
-seines Wesens und Schaffens. Mit dem heißgeliebten deutschen Vaterland ist auch
-ihm die schöpferische Kraft zusammengebrochen. In der Neujahrskarte 1919, die
-des Künstlers heimatlich-romantische Eigenart in Bild und Vers noch einmal ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_212"></a>[212]</span>
-besonders klar wiederspiegelt, hat Hermann Vogel seinem bitteren Weh erschütternden
-Ausdruck gegeben:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Wir graben mit dem alten Jahr</div>
- <div class="verse indent0">Ein Grab dem, was uns heilig war.</div>
- <div class="verse indent0">Der Märchenwald sein Hüter sei,</div>
- <div class="verse indent0">Der macht die Herzen wundenfrei.</div>
- <div class="verse indent0">Dann, Neues Jahr&nbsp;&ndash;</div>
- <div class="verse indent6">aus Not und Schand’</div>
- <div class="verse indent0">Schaff uns ein neues Vaterland!</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-016">
- <img class="w100" src="images/illu-016.jpg" alt="" />
- <div class="caption"><b>Es war einmal</b></div>
-</div>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Es konnte und sollte in diesen Zeilen dankbaren Gedächtnisses nicht des Meisters
-gesamtes Lebenswerk umfassend gewürdigt werden, sondern, den Zielen des Heimatschutzes
-gemäß, nur insoweit, als es in der Vogtlandheimatscholle des Künstlers
-wurzelt, und auch da nur in knappen Andeutungen, Anregung gebend, selbst noch
-inniger und tiefer in das malerische und dichterische Schaffen unseres Hermann
-Vogel einzudringen.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-017">
- <img class="w100" src="images/illu-017.jpg" alt="" />
- <div class="caption"><b>Weihnachten</b></div>
-</div>
-
-<p>Ein einigermaßen abschließendes Urteil über ihn, den traumvollen Romantiker
-des Stiftes, wird erst dann möglich sein, wenn sein künstlerisches Vermächtnis in
-dem geplanten Hermann Vogel-Zimmer des vogtländischen Kreismuseums seiner
-Vaterstadt Plauen gesammelt vorliegt: seine frühesten Kinderzeichnungen, seine Illustrationen
-zu deutschen Helden-, Geschichts- und Märchenbüchern, seine Bilder und
-Gedichte für die »Fliegenden Blätter« und zahlreiche andere deutsche Zeitschriften,
-möglichst viele seiner Originale, unveröffentlichte auch aus Privatbesitz, seine Skizzenbücher,
-seine handschriftlichen Erinnerungen und Briefe (Hermann Vogel, Plauen ist
-ein unermüdlicher, geistvoller, humorvoller Briefschreiber gewesen) und seine hinterlassenen,
-zum Teil noch unvollendeten Werke. (Ein »Volksband« mit seinem Bildnis und
-Lebensabriß wird vorbereitet, und die Grimmschen Volksmärchen mit Hermann Vogels
-herzerquickenden Märchenbildern sollen von Braun und Schneider in München neu
-herausgegeben werden.)</p>
-
-<p>Dann erst wird uns Hermann Vogels künstlerische Bedeutung und Stellung
-noch viel eindrucksvoller zum Bewußtsein kommen, namentlich sein inneres Verhältnis
-zu Moritz v. Schwind und Ludwig Richter, seinen beiden »Kunstheiligen«,
-denen er auf dem Titelblatt seines Bilder- und Geschichtenbuches (vgl. Kunstwart-Heft
-vom April 1921), in gestaltenreichen Gedenkblättern und zahlreichen Märchenbildern
-gemütinnige Ehrenmale geschaffen hat. Bemerkenswerte Kunstbekenntnisse
-Hermann Vogels enthält auch ein Bild, auf dem er in die Rinde des Eichbaums
-deutscher Kunst, der von modernen Stürmern gefällt werden soll, folgende Namen
-eingeschrieben hat: Dürer, Holbein, Cornelius, Rethel, Moritz v. Schwind, Spitzweg
-und Ludwig Richter. Ferner sein Spruch, in dem er seinen Meister Schwind zur
-Deutschen Kunst sagen läßt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Ob alt, ob neu, der Streit is umsunst:</div>
- <div class="verse indent0">Es gibt nur a gute und a schlechte Kunst!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213"></a>[213]</span></p>
-<p>Heimat und Vaterland waren die Grundpfeiler seines Wesens und Schaffens.
-Heimat und Vaterland allein werden auch die unerschütterlichen Grundpfeiler sein,
-auf denen die Zukunft unseres deutschen Volkes neu aufgebaut werden kann.
-Darum ist uns Herzenswunsch und Hoffnung, was Ferdinand Avenarius in seinem
-Hermann Vogel-Nachruf ausspricht, daß kommende Geschlechter, wenn die »Richtungen«
-noch manchmal geschwenkt haben, sich zu Hermann Vogel, dem Bescheidenen,
-zurückfinden werden, vor allem unsere Jugend, unsere Kinder, die deutschen Jungen
-und Mädchen, und an seiner glühenden Liebe zu Heimat und Vaterland sich
-begeistern, so treu und deutsch zu sein wie er, von dem Fontanes Wort gilt:</p>
-
-<p class="center">
-»<em class="gesperrt">Der ist in tiefster Seele treu, wer die Heimat liebt wie du.</em>«
-</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p><em class="gesperrt">Anmerkung.</em> Auch für uns hat Hermann Vogel ein köstliches Blatt »Heimatschutz«
-geschaffen, das dem längst vergriffenen Bande I unserer Mitteilungen beigegeben wurde. Abzüge
-dieses Kunstblattes, auf weißen Karton gedruckt, können wir in beschränkter Anzahl zum Preise
-von 15 Mark noch abgeben. Für alle Heimatfreunde bildet das Blatt eine schöne Erinnerung
-an den gemütvollen Künstler. (Bestellung auf beigefügtem Bücherzettel erbeten.)</p></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Kamenzer_Weihnachten">Kamenzer Weihnachten</h2>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">Gerhard Stephan</em></p>
-</div>
-
-<p>Kamenz feiert wieder einmal sein Weihnachtsfest. Die andern tun es auch,
-aber Kamenz feiert es anders &ndash; sinniger, schöner. Man lebt hier in der »wendischen
-Türkei« zwar etwas hinter der Zeit her, dafür halten sich aber die alten
-Gebräuche auch um so länger, und wehe dem, der es wagen wollte, an ihnen zu rütteln.
-Am 30. April ist »Hexenabend«, im August ist es das Forstfest, das unser liebes
-Städtchen fast eine Woche lang in Atem hält und dessen Ausfall während des Krieges
-von allen Einheimischen schwer empfunden wurde. Zur Weihnachtszeit ist es »der
-Fackelzug«, der in so recht poesievoller Weise das liebe Christfest einleitet.</p>
-
-<p>Unsre brave Freiwillige Feuerwehr muß auch hier wieder ran und die
-Fackelträger stellen. Auf dem alten Klosterhof der Franziskaner, der jetzt den
-Schulkindern als Aufenthalt während der Unterrichtspausen dient, und der auch
-beim Forstfest den Ausgangspunkt bildet, am bescheidenen Denkmal des größten
-Stadtsohnes sammelt sich die Schar der Sänger &ndash; die Schuljungen, verstärkt durch
-einige Mitglieder des »Sängerbundes«. Der geschäftige Kantor mustert die Reihen
-und erteilt die letzten Anweisungen: »Also, erst die Musik einen Vers und dann
-wird der erste Vers gesungen, dann kommt wieder die Musik und dann der
-zweite Vers!« Die Feuerwehr zündet ihre Fackeln an und verteilt sich auf den
-Zug, die Musik stellt sich an der Spitze auf.</p>
-
-<p>Vom Turme des Rathauses ertönt es sechs Uhr, die Hauptkirche antwortet.
-Ihre Glocken klingen fort, sie läuten das Christfest ein. Der Zug setzt sich in
-Bewegung, das alte liebe Lutherlied erklingt, bald von der Musik allein gespielt,
-bald von den Kindern gesungen: »Vom Himmel hoch, da komm ich her!«</p>
-
-<p>Durchs Klostertor geht der Zug über die Kirchstraße nach dem Markt, genau
-wie beim Forstfest. Stark ist die Zahl der Zuschauer, besonders die der Kinder.
-Für sie steht am Heiligen Abend das Programm fest: »Erst zum Fackelzug, dann<span class="pagenum"><a id="Seite_214"></a>[214]</span>
-heim zur Christbescherung.« Und die Alten schließen sich an, ihnen fehlt auch
-etwas, wenn sie nicht zum Weihnachtssingen waren.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Glocken tragen es hinaus in die Ferne: Weihnachten! &ndash; Die Sängerschar
-hat ihren Weg zum Rathaus genommen und sich im Kreise aufgestellt. Der
-ganze Marktplatz aber ist schwarz. Und laut erklingen die Weihnachtslieder:
-»Tochter Zion freue Dich!«, »Halleluja« und das alte ewig neue »Stille Nacht«.
-Dann eine große Teilung der Sänger, und der Höhepunkt kommt mit dem zweichörigen:
-»Hosianna, gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn.« »Im
-Namen des Herrn«, so gibt es der andere Chor zurück. (Im Kriege wurde es
-einmal nicht gesungen, da fehlte etwas am Weihnachtsfeste.) &ndash; Die beiden Abteilungen
-finden sich wieder zusammen in dem: »Nun danket alle Gott!«</p>
-
-<p>Dann aber stürmt die jugendliche Schar der Sänger und Zuhörer auseinander
-&ndash; dem Weihnachtstische zu. Was bleibt den Alten übrig? Sie müssen auch mit.
-Und in wenigen Minuten ist der Platz wieder leer, als wäre nichts geschehen.
-Nur die Glocken singen ihr Lied weiter und jubeln es hinaus in die Ferne:
-»Christ ist geboren!«</p>
-
-<p class="mright">
-(Niedergeschrieben Weihnachten 1920.)
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Die_preussische_Polizeiverordnung_vom_30_Mai_1921">Die preußische Polizeiverordnung vom 30. Mai 1921,
-den Naturschutz betreffend</h2>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">Martin Braeß</em></p>
-</div>
-
-<p>Während man bei uns in einzelnen Kreisen neuerdings bestrebt ist, eine
-Lockerung der Vogelschutzgesetzgebung herbeizuführen, trifft eine ausführliche Polizeiverordnung
-für den Umfang des ganzen preußischen Staatsgebiets Bestimmungen,
-die auf Grund des Gesetzes vom 8. Juli 1920 eine große Anzahl von Tieren weit
-über das Vogelschutzgesetz und die Jagdgesetze hinaus in Schutz nimmt. Auch eine
-Reihe wildwachsender Pflanzen werden durch die neue Polizeiverordnung vom
-30. Mai 1921 geschützt. Diese Verordnung ist in mehrfacher Beziehung bemerkenswert;
-sie verdient die größte Beachtung auch in allen andern Ländern des Reichs.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Naturschutzgedanke</em>, das ist der erste hocherfreuliche Eindruck, hat
-sich hier durchgerungen; ungetrübt tritt er in die Erscheinung. Die Frage nach
-Nutzen und Schaden steht nicht mehr im Vordergrund, sondern einzig die Sorge,
-unsrer Heimat die Mannigfaltigkeit, den Reichtum ihrer Tier- und Pflanzenwelt
-zu erhalten. Deshalb Schutz all den Geschöpfen, deren Dasein ernstlich bedroht
-ist! Es ist verboten, ihnen nachzustellen, sie mutwillig zu beunruhigen, sie zu
-fangen oder zu töten. Ihre Eier, Nester oder sonstigen Brutstätten dürfen weder
-fortgenommen, noch beschädigt werden. Diese Bestimmungen gelten auch für den
-Meeresstrand und das Küstenmeer. Nur das Sammeln der Möweneier, wie es
-bisher geübt ward, bleibt unberührt; dagegen sind die Eier der Seeschwalben geschützt.</p>
-
-<p>Die Liste der geschützten Tiere beginnt mit zwei <em class="gesperrt">Insekten</em>, den beiden
-Formen des prächtigen <em class="gesperrt">Apollofalters</em> und der <em class="gesperrt">Gottesanbeterin</em>, deren
-Gestalt wohl ebenso wunderlich ist wie ihr Name. Für Preußen mögen die beiden
-Tiere allerdings zu den größten Seltenheiten gehören: ich kenne sie nur aus Südbayern<span class="pagenum"><a id="Seite_215"></a>[215]</span>
-und Österreich. Diesen Kerbtieren schließt sich als einzige Vertreterin der
-<em class="gesperrt">Reptilien</em> die <em class="gesperrt">Sumpfschildkröte</em> an, die noch in Westpreußen und den
-benachbarten Gebieten lebt, auch im Regierungsbezirk Lüneburg, an der Unterweser,
-in Schleswig-Holstein, ebenso vereinzelt in der Altmark, im Braunschweigischen
-und in Schlesien nachgewiesen ist, während es sich bei unsern sächsischen Funden,
-wie es scheint, nur um ausgesetzte und verschleppte Tiere handelt. Es ist dringend
-erwünscht, daß diese einzige Vertreterin ihrer Ordnung dem Deutschen Reich als
-seltenes Naturdenkmal erhalten bleibe.</p>
-
-<p>Die Reihe der geschützten <em class="gesperrt">Vögel</em> ist sehr groß, obgleich bereits das Reichsvogelschutzgesetz
-über die meisten unsrer gefiederten Freunde seine schützende Hand
-hält, so daß es nicht nötig war, sie hier mit aufzunehmen. Trotzdem umfaßt
-diese Liste 51 Nummern, wobei zu bedenken ist, daß Sammelnamen wie Weihen,
-Eulen, Reiher u. a. mehr oder weniger zahlreiche Einzelarten umfassen. Sehr zu
-begrüßen ist es, daß überall hinter die deutschen die wissenschaftlichen Namen gesetzt
-sind, so daß jede Unklarheit ausgeschlossen ist, während dieser Mangel beim Reichsvogelschutzgesetz
-hier und da störend zutage tritt. Dieses schützt z. B. die »Bussarde«
-(§&nbsp;8). Sind darunter nur die in Europa brütenden Formen der Gattung <em class="antiqua">Buteo</em>
-mit Einschluß des Rauhfußbussards (<em class="antiqua">Archibuteo lagopus</em>) gemeint oder auch der
-Wespenbussard (<em class="antiqua">Pernis apivorus</em>)? Dieser gehört ja zur Familie der Weihen und ist
-ebensowenig ein Bussard, wie z. B. die »Turmschwalbe« (<em class="antiqua">Cypselus apus</em>) eine Schwalbe.</p>
-
-<p>Der Schutz, den die Polizeiverordnung den angeführten Vögeln gewährt, ist
-dreifach abgestuft. Das ganze Jahr über sind geschützt: der <em class="gesperrt">Kormoran</em>, der
-<em class="gesperrt">Höckerschwan</em>, die <em class="gesperrt">Zwergtrappe</em>, <em class="gesperrt">schwarzer</em> und <em class="gesperrt">weißer Storch</em>,
-<em class="gesperrt">Reiher</em> und <em class="gesperrt">Rohrdommeln</em>, mit Ausnahme des Fischreihers, der <em class="gesperrt">Schlangen-</em>,
-<em class="gesperrt">Schrei-</em>, <em class="gesperrt">Stein-</em> und <em class="gesperrt">Seeadler</em>, der <em class="gesperrt">Wespenbussard</em>, der <em class="gesperrt">Baum-</em>, <em class="gesperrt">Rotfuß-</em>
-und <em class="gesperrt">Turmfalk</em>, alle <em class="gesperrt">Eulen</em> einschließlich des <em class="gesperrt">Uhus</em>, die <em class="gesperrt">Spechte</em>, der <em class="gesperrt">rotköpfige</em>
-und der <em class="gesperrt">schwarzstirnige Würger</em>, der <em class="gesperrt">Kolkrabe</em>, der <em class="gesperrt">Steinsperling</em>,
-der <em class="gesperrt">Karmingimpel</em> und der <em class="gesperrt">Wasserschmätzer</em> (die Wasseramsel).
-Man sieht, eine ganze Anzahl Fischerei- und Jagdschädlinge, wie Kormoran, Rohrdommel,
-die verschiedenen Adlerarten, der Uhu, sollen geschützt werden, doch aus
-keinem andern Grunde, als weil sie zu den seltenen Naturdenkmälern gehören, die
-wir unsern Grenzen erhalten wollen. Welch’ gewaltiger Fortschritt gegenüber den
-bisher in Preußen geltenden Bestimmungen! Da waren Kormoran, Wespenbussard,
-Baum- und Rotfußfalk, der Uhu, alle Würger, der Kolkrabe »vogelfrei«, d. h. sie
-durften von jedermann gefangen und getötet, auch ihrer Eier und Jungen beraubt
-werden. Nun genießen sie auf einmal innerhalb Preußens den denkbar größten Schutz.
-Andere wieder, wie die Störche, Eulen (mit Ausnahme des Uhus), der Turmfalk, die
-Spechte, der Wasserschmätzer erfreuten sich auch schon bisher des Schutzes durch das
-Reichsgesetz. Ihre Aufzählung in der vorliegenden Liste glaube ich nur dahin deuten
-zu sollen, daß man den unbedingten Schutz dieser Vögel nochmals nachdrücklichst
-betonen will. Von den in Preußen jagdbaren Vögeln nennt die Verordnung den
-Höckerschwan, die Zwergtrappe, die Rohrdommel und die verschiedenen Adler.</p>
-
-<p>Während der Brutzeit, nämlich vom 1. März bis 31. August, sollen die
-folgenden geschützt sein: <em class="gesperrt">Eisalk</em>, <em class="gesperrt">Trottellumme</em>, <em class="gesperrt">Papageien-</em> und <em class="gesperrt">Polartaucher</em>,<span class="pagenum"><a id="Seite_216"></a>[216]</span>
-<em class="gesperrt">Möwen</em> und <em class="gesperrt">Seeschwalben</em>, <em class="gesperrt">Eider-</em> und <em class="gesperrt">Schellente</em>, <em class="gesperrt">Brandgans</em>,
-<em class="gesperrt">Austernfischer</em>, <em class="gesperrt">Steinwälzer</em>, <em class="gesperrt">Regenpfeifer</em>, <em class="gesperrt">Kiebitz</em>, <em class="gesperrt">Triel</em>,
-<em class="gesperrt">Säbelschnäbler</em>, <em class="gesperrt">Strand-</em>, <em class="gesperrt">Kampf-</em> und <em class="gesperrt">Wasserläufer</em>, <em class="gesperrt">Uferschnepfe</em>,
-<em class="gesperrt">Brachvogel</em>, <em class="gesperrt">Kranich</em>, <em class="gesperrt">Turtel-</em> und <em class="gesperrt">Hohltaube</em>, die <em class="gesperrt">Weihen</em> (mit Ausnahme
-der Rohrweihe), die <em class="gesperrt">Milane</em>, der <em class="gesperrt">Wanderfalk</em>, der <em class="gesperrt">Raubwürger</em> und der
-<em class="gesperrt">Tannenhäher</em>.</p>
-
-<p>Man sieht, es sollen sehr viele jagdbare See- und Küstenvögel, deren Schonzeit
-bisher viel enger begrenzt war, nämlich vom 1. Mai oder auch vom 1. März
-an bis zum 30. Juni, eine wesentlich längere Schonzeit genießen, damit sie ihre
-Bruten in Ruhe und Sicherheit großbringen, während die angeführten Tauben sich
-bisher überhaupt keiner Schonzeit erfreuen durften. Die zuletzt genannten Raubvögel
-aber, mit Einschluß des großen Raubwürgers, ebenso der Tannenhäher waren
-bisher in Preußen völlig schutzlos der Willkür eines jeden preisgegeben. Es ist
-dankbar anzuerkennen, daß die Idee des Naturschutzes auch hier über alle engherzigen
-Bedenken gesiegt hat. Hoffentlich gelingt es noch in letzter Stunde, die
-recht seltenen Vögel durch diese Maßnahmen unserm Vaterland zu erhalten.</p>
-
-<p>Vom 1. März bis 30. Juni aber sollen geschützt sein die <em class="gesperrt">Säger</em> und die
-<em class="gesperrt">Graugans</em>. Erstere waren bisher vogelfrei, die Graugans aber, zu den jagdbaren
-Vögeln gehörend, entbehrte jeder Schonzeit.</p>
-
-<p>Auch einige <em class="gesperrt">Säugetiere</em> werden aufgeführt, die alle mehr oder weniger
-schädlich sind. Ihre Seltenheit oder ihr meist nur vereinzeltes Vorkommen rechtfertigt
-aber den unbedingten Schutz, den die neue Polizeiverordnung ihnen gewähren
-will. Es sind die folgenden: <em class="gesperrt">Sieben-</em>, <em class="gesperrt">Baum-</em> und <em class="gesperrt">Gartenschläfer</em>, die
-<em class="gesperrt">Haselmaus</em>, der <em class="gesperrt">Biber</em> und der <em class="gesperrt">Nörz</em> (Sumpfotter). Es ist möglich, daß die
-genannten kleinen Nagetiere noch in vielen Gegenden des mittleren Deutschlands
-auftreten, namentlich dort, wo Laubwaldungen vorherrschen, aber sie führen ein
-recht verstecktes Leben, und warum soll man mit dem Schutz eines Tieres immer
-erst so lange warten, bis es die allerhöchste Zeit ist, sich seiner anzunehmen? Biber
-aber und Nörz sind für Deutschland so seltene Tiere geworden, daß ihr unbedingter
-Schutz von jedem Naturfreund gefordert werden muß. Der Biber, ehemals in
-unserm Vaterland weit verbreitet, lebt nur noch an der Elbe zwischen Magdeburg
-und Wittenberg, wo zu seinem Schutz bereits alle Maßnahmen getroffen sind; der
-Nörz aber galt sogar vor kurzem für ausgerottet, bis einige Funde dies widerlegten.
-Er wird sicherlich vielfach verkannt und übersehen.</p>
-
-<p>Von allgemein geschützten wildwachsenden <em class="gesperrt">Pflanzen</em> führt die Liste folgende
-Arten an: <em class="gesperrt">Straußen-</em> und <em class="gesperrt">Königsfarn</em>, alle Arten von <em class="gesperrt">Bärlapp</em>, <em class="gesperrt">Schlangenmoos</em>,
-<em class="gesperrt">Eibe</em>, <em class="gesperrt">Federgras</em>, <em class="gesperrt">Türkenbund</em>, <em class="gesperrt">Frauenschuh</em>, <em class="gesperrt">Strandvanille</em>,
-<em class="gesperrt">Seidelbast</em>, <em class="gesperrt">Wassernuß</em>, <em class="gesperrt">Stranddistel</em>, <em class="gesperrt">eichenblättriges Wintergrün</em>,
-die ausdauernden (blaublühenden) Arten von <em class="gesperrt">Enzian</em> und <em class="gesperrt">Linnäe</em>. Es ist verboten,
-die genannten Pflanzen zu entfernen oder zu beschädigen, insbesondere sie
-auszugraben, auszureißen, Blüten, Zweige oder Wurzeln abzupflücken, abzureißen
-oder abzuschneiden.</p>
-
-<p>All diese Verbote würden aber wenig erreichen, wenn die Verordnung nicht
-zugleich den <em class="gesperrt">Handel</em> mit den geschützten Tieren und Pflanzen untersagen würde.<span class="pagenum"><a id="Seite_217"></a>[217]</span>
-In §&nbsp;5 heißt es: »Es ist verboten, die auf Grund dieser Verordnung geschützten
-Tierarten, einschließlich ihrer Eier und Nester, sowie Pflanzen, soweit nicht eine
-anderweitige Anordnung getroffen ist, feilzuhalten, anzukaufen, zu verkaufen, sowie
-zu befördern.« Ausnahmen sind bei besonderen Gründen vorgesehen, namentlich
-wenn es sich um Abwendung wesentlicher, wirtschaftlicher Nachteile handelt, um
-Zucht- und Brutzwecke oder um wissenschaftliche und Unterrichtszwecke. In diesen
-Fällen kann der Regierungspräsident für den Bereich oder für Teile seines Bezirks
-Ausnahmen gestatten; doch muß zuvor die Staatliche Stelle für Naturdenkmalpflege
-gehört werden. Diese, sowie für seinen Bezirk der Regierungspräsident und die
-von ihm ermächtigten nachgeordneten Behörden sind außerdem befugt, »schriftliche
-Ausweise zu erteilen, welche die darin bezeichnete Person berechtigen, fremde Grundstücke
-zu solchen Untersuchungen und Ermittlungen zu betreten, die den Schutz
-von Tierarten, von Pflanzen oder von Naturschutzgebieten betreffen.« »Die Grundstückseigentümer
-und Nutzungsberechtigten sind verpflichtet, den mit Ausweis versehenen
-Personen den Zutritt zu gestatten und ihnen die zur Erfüllung ihrer Aufgaben
-erforderlichen Auskünfte zu erteilen.«</p>
-
-<p>Man muß gestehen, daß diese Anordnungen allen Wünschen des Natur- und
-Heimatschutzes gerecht werden. Besonders daß der Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege
-in Preußen der Platz eingeräumt wird, der allein ihr gebührt &ndash;
-eigentlich eine Selbstverständlichkeit &ndash; ist sehr erfreulich. Nur mit dem letzten
-Paragraphen der Verordnung, der die Strafandrohung bei Übertretungen ausspricht,
-kann man sich nicht einverstanden erklären. Was bedeutet heutzutage eine Strafe
-von 150&nbsp;Mark! Und das ist die Höchststrafe, die auf Grund von §&nbsp;34 des Feld-
-und Forstpolizeigesetzes in der Fassung des Gesetzes vom 8. Juli 1920 in Frage
-kommen kann. Es erscheint dringend geboten, daß ein Naturschutzgesetz erlassen
-wird mit Androhung von Strafen, die wirklich als solche empfunden werden.</p>
-
-<p>Vor unsrer weißgrünen Grenze macht die neue Polizeiverordnung halt. Leider
-gilt sie eben nur für Preußen. Aber selbstverständlich, auch wir, die Nachbarn,
-werden hoffen dürfen, daß jene Verordnung, wenn sie in den angrenzenden preußischen
-Gebieten genau befolgt wird, auch für unsre hartbedrängte heimatliche Tier- und
-Pflanzenwelt nicht ganz ohne segensreichen Einfluß bleibt. Zugleich aber erwächst
-uns die nachbarliche Pflicht, alles zu vermeiden, was dem Sinne jener Verordnung
-zuwiderläuft. Es wäre zu wünschen &ndash; und ich meine, man kann sich diesem
-dringenden Wunsche gar nicht verschließen &ndash; daß die Regierungen auch der andern
-deutschen Länder Naturschutzverordnungen erlassen, die sich dem von preußischer
-Seite gegebenen Vorbild aufs engste anschließen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Wanderbilder_aus_dem_oestlichen_Vogtland">Wanderbilder aus dem östlichen Vogtland</h2>
-
-<p class="center">Von Studienrat <em class="gesperrt">H. Hänig</em>, Wurzen</p>
-
-<p class="center s90">Aufnahmen von <em class="gesperrt">Curt Sippel</em>, Plauen i. V.</p>
-</div>
-
-<p>Es geht mir, wenn ich die Feder ergreife, um den Leser nochmals zu einer
-Wanderung durch das Vogtland einzuladen, ähnlich wie einem alten Schriftsteller:
-ich muß ihm zunächst Dank dafür sagen, daß er mir durch das verhältnismäßig<span class="pagenum"><a id="Seite_218"></a>[218]</span>
-einförmige Gebiet jenseits der Elster gefolgt ist, und ich kann ihm dafür versprechen,
-daß ihm der östliche und südliche Teil dieses Landes wenigstens landschaftlich mehr
-bieten wird als der westliche. Allerdings verfügt er nicht über Glanzpunkte wie
-die vogtländische Schweiz und das Triebtal, das ja im übrigen selbst auf der
-rechten Seite in das Elstertal einmündet, und er vermag keine Edelsteine dörflicher
-Kunst wie die erwähnte Kirche zu Kürbitz aufzuweisen, aber die Bodenformen
-selbst sind hier weit mannigfacher, und derjenige, den immer wieder gerade der
-Blick ins Weite und die Sehnsucht nach den Höhen in die Natur hinauszieht, wird
-hier eher auf seine Kosten kommen als bei einer Wanderung jenseits der weißen
-Elster, wie wir sie früher zurückgelegt haben. Wer einmal von der Höhe des
-Friedrich-August-Steines in Schöneck hinabgeschaut hat ins weite Land oder dem
-Plätschern der Rißfälle gelauscht oder wer auf dem Grenzwall des vogtländischen
-Erzgebirges mit seinen Blicken nach Sachsen und Böhmen gewandert ist, der wird
-anerkennen müssen, daß sich gerade dieser Teil des Vogtlandes mit jedem anderen
-Sachsens an Naturschönheiten messen kann, und der wird verstehen, daß es einen
-Dichter wie J. Mosen immer wieder, wenn auch in weiter Ferne, zur Muttererde
-hinzog.</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Wo auf hohen Tannenspitzen,</div>
- <div class="verse indent0">die so dunkel und so grün,</div>
- <div class="verse indent0">Drosseln gern verstohlen sitzen,</div>
- <div class="verse indent0">weiß und rot die Moose blühn,</div>
- <div class="verse indent0">zu der Heimat in der Ferne</div>
- <div class="verse indent0">zög ich heute noch so gerne&nbsp;&ndash;</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">Es liegt mehr darin in diesen Worten als so mancher ahnen dürfte &ndash; es ist die
-wahre, tiefe Sehnsucht nach dem Mutterboden, nach den Bächen und Tannen der
-Heimat, von der der Dichter auch weit in der Ferne nicht lassen konnte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="figcenter illowp80" id="illu-025">
- <img class="w100" src="images/illu-025.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 1 <b>Kirche in Kürbitz</b></div>
-</div>
-
-<p>Allerdings wird man hier, wo es sich darum handelt, dem Leser einen
-Gesamtüberblick über das Ganze zu geben, ohne eine Einschränkung nicht auskommen
-können: das eigentliche Volkstümliche, Heimatliche findet sich im Vogtland
-mehr nach dem Süden zu, während der nordöstliche Teil heute von einem Netz von
-Industriestätten überzogen ist, die wenig Merkmale der ersteren Art aufkommen
-lassen. So bietet gleich Reichenbach, wo wir unsere Wanderung beginnen wollen,
-das Bild einer wohlhabenden Mittelstadt mit stark industriellem Einschlag, und der
-Ort enthält wenig, was gerade den Kunst- und Altertumsfreund zu längerem
-Bleiben einladen möchte. Das Hasten und Treiben der modernen Zeit pulsiert
-hier tagaus &ndash; tagein in dem Stadtkörper, und wie eine Erleichterung überkommt
-es den Wanderer, wenn er etwa um Mittag einen Blick über das Tal schweifen
-läßt bis hinüber zu der Höhe des Netzschkauer Kuhberges, wo eine Bismarcksäule
-Wacht über das nördliche Vogtland hält: aus hundert Fabrikschornsteinen strömt
-wie erlösend der Rauch, und Tausende von Händen feiern, um nach kurzer Zeit
-wieder die Arbeit zu beginnen. So ist die Stadt voll von Webereien, Färbereien
-und Spinnereien, und die größte dieser gewerblichen Anlagen, die Schlebersche
-Färberei, stellt mit ihren vielen Schornsteinen einen Organismus für sich dar, wie
-er in dieser Ausdehnung nicht so leicht wieder gefunden wird. Und doch vermag<span class="pagenum"><a id="Seite_219"></a>[219]</span>
-auch in dieser Gegend so manches daran zu erinnern, daß alles einst geworden ist
-und seinem Wesen nach mit Vergangenem zusammenhängt. Schon der Name der
-Stadt, der an den des Goldflusses, der Göltzsch, erinnert, weist auf ein hohes Alter
-der Ansiedlung hin, und so wird denn Reichenbach schon 1140 in zwei alten
-Urkunden als Stadt genannt, während Plauen damals nur als »Ortschaft« erwähnt
-wird. In der Altstadt fließt der Seifenbach, wo das Gold geseift, d. h. die Goldteilchen
-aus dem Sande herausgewaschen wurden, und auf den früheren Bergbau
-weisen noch heute Stollen hin, die sich in dieser Gegend erhalten haben. Reichenbach
-gehörte mit den umliegenden Dörfern zu der Herrschaft, mit der 1212 König
-Ottokar v. Böhmen von Friedrich II. belehnt wurde, und es war später zeitweise
-Reichslehen, bis es durch den vogtländischen Krieg wieder an Böhmen fiel. Schon
-zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts muß die Industrie hier bedeutend gewesen
-sein, bis 1720 eine furchtbare Feuersbrunst den größten Teil in Asche legte, aber diese
-vermochte ebensowenig wie die von 1833 den Aufschwung der Stadt zu hindern,
-sondern hat im Gegenteil zu ihrer Erneuerung beigetragen, so daß besonders die
-Bahnhofsvorstadt heute ein freundliches Bild bietet. In weit höherem Maße
-vermag Mylau mit seinem Kaiserschloß und der vielbogigen Göltzschtalbrücke das
-Auge des Wanderers zu fesseln. In der Stadt selbst ist vor allem die prächtige,
-reiche Stadtkirche hervorzuheben, das Schloß dagegen liegt auf einem Hügel, der
-nur auf einer Seite bequem zu erreichen ist. Es zerfällt in zwei Höfe: den großen
-westlichen Burghof mit seinen beiden viereckigen Türmen und dem verwitterten
-Löwen über dem Haupteingang, der zum böhmischen Wappen gehört und die<span class="pagenum"><a id="Seite_220"></a>[220]</span>
-frühere Zugehörigkeit des Mylauer Schlosses zu Böhmen zeigt, &ndash; dahinter der
-kleinere, östliche Burghof, der »Kaiserhof«, der mit seinem Bergfried und seinem
-Saalbau sowie dem ehemaligen Frauen- und Herrenhause noch ein ziemlich gutes
-Bild der früheren Zeit zu bieten vermag. Allerdings sind von der früheren
-Herrlichkeit des Saalbaues nur noch wenige Wappenschilde vorhanden, und das
-ehemalige Frauen- und Herrenhaus ist zu einer vielbesuchten Schenke geworden.
-Auch die Kapelle ist ihrer Würde entkleidet, so daß von ihrem Schmucke nur noch
-die gewölbte Decke mit rohgemalten Blumen und Engelsfiguren sowie einige Wappen
-übriggeblieben sind. Immerhin steht das Schloß mit seinen wuchtigen Mauern
-und dicken Türmen auch heute noch wie ein Wächter über Stadt und Land, und
-von den Fensternischen schweift der Blick gern in die Weite: nach der gewaltigen,
-fast hundert Meter hohen Göltzschtalbrücke, die sich in vier gigantischen Bogenreihen
-über das hier stark verbreiterte Göltzschtal spannt, oder nach dem gewerbfleißigen
-Netzschkau, das sich von dem Tale bis zur Höhe des Kuhberges hinaufzieht, dessen
-von Gesteinstrümmern übersäte Kuppe selbst bewaldet ist.</p>
-
-<p>An der erst vor einigen Jahren gebauten Göltzschtalbahn gelangen wir durch
-stille Waldtäler, in denen sich heute gleichfalls hier und da eine Fabrikanlage
-erhebt, nach Lengenfeld, das im übrigen wie seine Nachbarstadt Treuen seiner
-Entwicklung nach nicht von den weiter südwärts gelegenen Städten Auerbach und
-Falkenstein zu trennen ist. Aber im Wettlaufe, den die letzten Jahrzehnte mit sich
-gebracht haben, ist die zuerst genannte Stadt zurückgeblieben: seitdem die von
-Bewohnern vielleicht slavischen Ursprungs lebhaft betriebene Tuchmacherei in
-Verfall gekommen ist, genügte die hier eingeführte Industrie (Spitzen, Filzwaren,
-Spinnereien) gerade noch, um die Bewohner ernähren zu können, während der
-Grund, der sich von hier aus bis hinauf zu den Quellmooren der Mulde zieht,
-in ungleich schnellerem Maße besiedelt wurde, so daß sich gerade hier die
-Schwankungen, denen die Industrie unterworfen ist, in der Gegenwart unangenehm
-bemerkbar machen. Und doch haben vor allem Auerbach mit seinem alten Schloßturm
-und das hochgelegene Falkenstein mit seiner schönen Kirche auch als Städte
-etwas Anziehendes. Besonders die letztere Stadt ging erst dann zur Industrie
-über, als es mit dem Bergbau vorüber war, der ihr schon im sechzehnten Jahrhundert
-die Rechte einer freien Stadt verliehen hatte, und wie bei Auerbach und
-Lengenfeld griff auch hier ein großer Brand gewaltsam ein, so daß diese Orte im
-wesentlichen ein neuzeitliches Aussehen haben. Der Naturfreund freilich wird
-gerade hinter Falkenstein die Natur des oberen Vogtlandes selbst suchen, die sich
-mit ihrem Waldreichtum unmittelbar hinter der Stadt nach allen Seiten auftut.
-Schon die Felspyramide des Lochsteins und die zackige Wand des Wendelsteins
-verdienen als Naturdenkmäler ebenso gewürdigt und besucht zu werden wie die
-Rißfälle, die in etwa einer Stunde von Falkenstein aus zu erreichen sind. In
-vielen kleinen Wasserfällen stürzt hier die Göltzsch zwischen Wald und Felsen in
-die Tiefe und zaubert die verschiedenartigsten Bilder vor das Auge des Wanderers.
-Wir befinden uns hier auf einer Höhe von etwa siebenhundert Metern und beinahe
-auf dem Kamm des Elstergebirges, das sich in dieser Gegend über das weite
-Gebiet des Schönecker Waldes nach Süden dahinzieht. Die Siedlungen werden<span class="pagenum"><a id="Seite_221"></a>[221]</span>
-spärlicher, wenn sie überhaupt das Wald- und Moorgebiet unterbrechen: ein paar
-Holzhütten oder höchstens das eine oder andere Dorf hat sich auf diese Höhe
-gewagt, und der Rauch, der von hier aufsteigt, ist an stillen Nachmittagen oft das
-einzige, was noch den Wanderer an die Tätigkeit des Menschen zu erinnern vermag.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-027">
- <img class="w100" src="images/illu-027.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 2 <b>Kirche in Kürbitz</b></div>
-</div>
-
-<p>Die große Ausdehnung des Schönecker Höhengebietes erklärt sich übrigens
-daraus, daß hier mehrere Gebirgszüge zusammenstoßen: das Elstergebirge, das sich
-von hier aus nach Südwesten hinzieht, und von der Kirchberger Seite her der
-westlichste Ausläufer des Erzgebirges, der vom Kuhberge bei Schönheide beginnt
-und wegen seiner Höhe bis zu siebenhundert Metern eine Reihe von Genesungsstätten
-enthält, die, von ausgedehntem Hochwald umgeben, von ihrer luftigen Höhe
-aus freundlich in das gewerbfleißige Tal der oberen Göltzsch herabschauen. Auch
-der etwas südlich davon verlaufende vogtländische Kamm des Erzgebirges, der sich
-etwa vom Kranichsee bis zum Schönecker Wald dahinzieht, ist anziehend genug,<span class="pagenum"><a id="Seite_222"></a>[222]</span>
-um mit dem übrigen Teile dieses Gebirges einen Vergleich aushalten zu können.
-Um den hohen Wall, der sich hier zwischen das sächsische Niederland und das
-Egertal schiebt, durchwandern zu können, verläßt man am besten bei Rautenkranz,
-das bereits dem Vogtlande angehört, die Bahn des romantischen oberen Muldentals,
-die von Aue ab stundenlang zwischen Felstürmen und Wiesentälern bis zur Höhe
-des Schönecker Waldes hinauf dahinführt und wandert auf der wohlgebauten
-Straße in dem Tal der großen Pyra aufwärts, die in den Mooren des Kranichsees
-entspringt. Noch zwei Dörfer mit den charakteristischen erzgebirgischen Holzhäusern
-haben hier Platz gefunden, bis nach etwa zwei Wegstunden auch die letzten
-menschlichen Siedlungen aufhören und ein einsames Waldtal die Blicke des
-Wanderers bannt: bis fast an die drei oder vier Häuser von Sachsengrund ziehen
-sich von den Höhen die Fichten herab, und eintönig plätschern die Wässer im
-Wiesengrund, während nach der böhmischen Grenze zu der fast tausend Meter
-hohe Rammelsberg die Wacht hält. Was noch jenseits dieser Häuser liegt, gehört
-bereits der Waldwildnis an, in der sich der Weg noch eine Stunde lang hinaufzieht,
-bis der Kranichsee mit seinem Hochmoor sich weit über die Höhe von fast
-neunhundert Meter ausbreitet. Hier beginnt auch der sogenannte Schwertweg, der über
-den Rücken des kleinen Rammelsberges nach dem Vogtlande hinführt. Eine merkwürdige
-Höhenstraße, von der sich der Blick rasch nach allen Seiten weitet: im
-Norden die blauen Linien der Auerbacher Berge mit ihrem Waldreichtum, und
-nach Süden zu der Steilabfall des Gebirges nach der Egerebene, hinter der weitere
-Gebirgszüge Nordböhmens hervorschauen. Bei einer Waldlichtung überschreitet hier
-die Landstraße die Gebirgshöhe, die von Tannenbergstal nach Klingental hinüberführt.
-Aber wir wollen das merkwürdige Gebilde des Schneckensteins nicht vergessen,
-das sich bescheiden im Walde versteckt hält und der schwer zu finden wäre,
-wenn ihn nicht die Markierung des Verbandes vogtländischer Gebirgsvereine jedem
-bequem zugänglich machte. Von den Topasen ist allerdings gegenwärtig ebensowenig
-mehr zu sehen, als von den kleinen Schnecken, nach denen dieser einsam im Walde
-emporragende Fels seinen Namen hat. Auf Treppenstufen ist sein Gipfel auch für
-Ungeübte zu erklimmen, und man könnte, wenn man die Felsrisse und Felsblöcke
-vor sich hat, einen Augenblick an irgend einen Gipfel der Kalkalpen erinnert
-werden, wenn uns nicht die bescheidene, nur nach Norden und Westen reichende
-Aussicht belehrte, daß wir uns nur auf einer Höhe von etwa achthundert Meter
-befinden und daß wir uns durch den Waldreichtum, der hier überall zutage tritt,
-für die Schönheiten der Alpenwelt entschädigen müssen.</p>
-
-<p>Das Elstergebirge macht hier eine ziemliche Biegung nach Süden und zieht
-sich waldbedeckt bis zum Kapellenberg hin &ndash; aber wir dürfen von ihm nicht
-Abschied nehmen, ohne der Stadt Klingental zu gedenken, die von hier aus in
-kurzer Zeit zu erreichen ist. Hart an der böhmischen Grenze hat sie bis heute ihr
-Bild als sächsische Kleinstadt bewahrt, und nur die kleine Rundkirche macht eine
-Ausnahme, die sich inmitten des Ortes anstatt der sonst üblichen Renaissance- oder
-gotischen Kirche erhebt. Mit Böhmen wird sie allerdings immer in einem gewissen
-inneren Verhältnis bleiben, denn es waren böhmische Musikanten, die hier herüberkamen
-und die Stadt gründeten &ndash; die Geigen, Trompeten und Klarinetten, die<span class="pagenum"><a id="Seite_223"></a>[223]</span>
-noch heute hier gefertigt werden, wandern in alle Welt, und in jedem Hause des
-weit bis hinauf besiedelten Grundes klingt und singt es ebenso wie in Markneukirchen,
-das weiter westwärts in einem Seitentale der weißen Elster eingebettet
-ist.</p>
-
-<div class="figcenter illowp80" id="illu-029">
- <img class="w100" src="images/illu-029.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 3 <b>Winnknock am Wendelstein</b></div>
-</div>
-
-<p>Übrigens ist auch der Kamm des Elstergebirges oberhalb Klingentals reich
-an Aussichtspunkten aller Art und hat auch einzelnen Gehöften Raum gegeben, sich
-da oben anzusiedeln, und man kann das weite Waldgebiet vom Kuhberg bei
-Schönheide aus stundenlang durchstreifen und findet immer wieder Punkte, die
-solche Wanderungen lohnend machen. Ganz einsam wird der Wald erst in der
-Gegend von Kottenhaide bei Schöneck, aber auch hier ist der Blick in das Waldgelände
-und über die Wipfel der Fichten anziehend genug, um die Beschwerden
-des Weges vergessen zu machen. Stundenlang schwellt ein weicher Moosteppich
-unter den Schritten des Wanderers, während der Kuckuck lockt und der Specht
-seine Schläge durch den Wald erschallen läßt. Wie ein fernes Sagen erklingt das
-Rauschen der Bäume und das Murmeln der Bäche, die hier oben zahlreich in dem
-Moore ihren Ursprung haben. Nur selten verhallt in der Ferne der Schrei einer
-Lokomotive, die keuchend das Muldental heraufkommt, um nach kurzer Zeit bei
-Schöneck wieder in weitem Bogen ins Tal hinabzufahren. Den Schwarzwald des
-Vogtlandes hat man diese Hochfläche genannt, und wer einmal auf ihr gewandert
-ist, wird diesen Vergleich nicht unrecht finden und zugeben, daß so manches, was
-wir bisher nur in der Ferne zu suchen pflegten, auch in unserem engeren Vaterlande
-zu finden ist. Erst an dem Abfalle nach Westen zu lichtet sich der Wald.
-Wie ein Wahrzeichen dieses Höhengebietes liegt nach dem Elstertale vorgeschoben<span class="pagenum"><a id="Seite_224"></a>[224]</span>
-etwa zwei Wegstunden von Falkenstein Schöneck, das schon durch seine Lage zu
-den seltsamsten Städten Deutschlands gehört und deshalb wert ist, längere Zeit
-unsere Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-030">
- <img class="w100" src="images/illu-030.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 4 <b>Rißfälle</b></div>
-</div>
-
-<p>Die Stadt Schöneck ist eine Bergstadt, wenn ein Ort in Deutschland überhaupt
-diesen Namen verdient; denn sie liegt nicht nur auf der stattlichen Höhe von siebenhundertachtundsechzig
-Metern, sondern sie baut sich hier auch hart am Rande der
-erwähnten Hochfläche auf, die sich von dem Elstergebirge zum Erzgebirge dahinzieht
-und nach Westen zu ziemlich rasch zum Elstertale hinabfällt. Es ist, als wäre hier
-oben jeder freie Platz bis zum letzten ausgenützt worden und als klammerte sich
-ein Haus eng an das andere, um noch auf der Höhe selbst bleiben zu können,
-denn schon die Hauptstraße des Städtchens führt steil abwärts und noch mehr die
-Verbindungswege, die von der Stadt westwärts nach den nächsten Dörfern weisen,<span class="pagenum"><a id="Seite_225"></a>[225]</span>
-und dem Wanderer, der etwa von Ölsnitz her heraufsteigt, muß es zu Mute sein,
-als habe er hier endlich die Höhe erreicht und müsse durch den Rundblick für die
-Mühe belohnt werden, die ihm das Steigen gekostet hat. Und das ist tatsächlich
-der Fall; denn zwischen jeder Häuserreihe drängt sich ein Stück vogtländischer
-Gebirgslandschaft hinein, und von dem Friedrich-August-Stein, der sich neben der
-Kirche unvermittelt aufbaut und auf dem früher eine stattliche Burg zum Schutze
-gegen die Sorben gestanden hat, bietet sich dem Auge eine geradezu überraschende
-Aussicht dar: wie auf einer Landkarte liegt das ganze Vogtland vom Kuhberg
-bei Netzschkau bis hinüber zum Kapellenberg an der böhmischen Grenze vor dem
-Auge des Wanderers ausgebreitet, und Hügel wechseln in endloser Reihe mit
-Wäldern, Wiesen und Dörfern, bis sich fern am Horizonte die sanften Bogen des
-Frankenwaldes und der bayrisch-böhmischen Berge darüber spannen. Und diese
-Landschaft zeigt immer neue Reize, zu welcher Zeit man sie auch betrachten mag:
-wenn an einem Sommerabend der rote Mond emporsteigt hinter den Bergen und
-die ganze Gegend in seinem Dämmerlichte versunken ist oder wenn im Herbste die
-Heidefeuer emporsteigen und klarer als je sich die Linien der Berge und Wälder
-hervorheben, oder wenn an einem Januartage die ganze Landschaft in dem Winterkleide
-leuchtet und die unendliche Mannigfaltigkeit dieser Landschaftsformen in
-tausend Farben glitzert. Nur die Stadt selbst bleibt immer dieselbe im Wechsel der
-Jahreszeiten, ob man sie nun von Kemmler bei Plauen sehen mag oder von
-Mißlareuth oder von dem Granitsockel des Kapellenberges: sie hängt, die Häuser
-eng um den Markt und die Kirche gedrängt, hoch oben über dem Tale, und mir
-fallen, so oft ich sie sehe, immer zwei Städte in Italien ein, mit denen ich sie am<span class="pagenum"><a id="Seite_226"></a>[226]</span>
-ehesten vergleichen möchte: Assisi in Umbrien, die Stadt des heiligen Franziskus,
-und Rokka di Papa, das Räubernest im Albanergebirge bei Rom, das hoch oben
-am Latinerberg seine Stätte gefunden hat.</p>
-
-<div class="figcenter illowp80" id="illu-031">
- <img class="w100" src="images/illu-031.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 5 <b>Großer Rammelsberg und Sachsengrund, Kammweggebiet</b></div>
-</div>
-
-<p>Die Stadt Schöneck darf sich schon im vierzehnten Jahrhundert der Rechte rühmen,
-die ihr von Karl IV. erteilt worden sind und ist heute wegen ihrer Lage ein stark
-besuchter Luftkurort geworden, während die Bewohner vorzugsweise in der Industrie
-(Zigarren usw.) beschäftigt sind, dagegen sind die Abhänge zwischen der Stadt und
-dem Elstertale erst allmählich besiedelt worden, und manches der hier liegenden
-freundlichen Dörfer ladet zu längerem Verweilen ein. Durch den sogenannten Buttergrund
-führt ein Weg stark bergab nach dem Dörfchen Marieney, das zwischen Wiesen
-und Wald dahingestreckt liegt und das sich rühmen kann, die Heimat des größten
-vogtländischen Dichters, Julius Mosen, zu sein. Dort streifte er als Knabe allein
-durch Wälder und Auen oder lag am murmelnden Erlenbach oder er saß stundenlang
-auf dem alten Kirchenboden, um dem Ticken des Perpendikels und dem
-Schnarren des Räderwerks der großen Kirchenuhr zu lauschen. Von dem sprachkundigen
-Vater wurde er schon in der Heimat in den Anfangsgründen der
-lateinischen Sprache unterrichtet und selbst als er auf das Gymnasium zu Plauen
-kam, wanderte er noch oft hinaus in das Heimatsdorf, um die Eindrücke der
-Jugend wachzurufen. Die schöne Gabe, Land und Leute zu schildern, die uns
-besonders in den Bildern »Im Mose« entgegentritt, mag auf des Vaters Art zurückgehen,
-wie er den Kindern die biblischen Geschichten und die Weltgeschichte erzählen
-könnte. Auch die rauhe Kriegszeit, die damals über das Vogtland dahinging
-(Mosen ist 1803 geboren), hinterließ bei dem aufgeweckten Knaben lebhafte Eindrücke
-und klingt in den Vaterlandsliedern wieder, durch die er volkstümlich
-geworden ist &ndash; wer vergißt von seinen Erzählungen das Heimweh oder Ismael,
-oder von seinen Gedichten Zu Mantua in Banden oder den Trompeter an der
-Katzbach oder den Löwen zu Braunschweig und wie die Gedichte alle heißen mögen,
-durch die sein Name in ganz Deutschland bekannt geworden ist. Nach der Heimat
-zog es ihn immer wieder zurück, mochte er nun als Aktuar in Kohren oder als
-Rechtsanwalt in Dresden beschäftigt sein, wo er übrigens seine glücklichste Zeit
-verlebte, und wie schwer mag es ihm geworden sein, als er nach dem fernen
-Oldenburg übersiedelte, wo er eine sichere Stelle als Hofrat und Theaterdichter im
-Dienste des dortigen Großherzogs gefunden hatte. Eine zunehmende Krankheit
-verbitterte ihm seine letzten Lebensjahre, und nur noch einmal fiel ein Lichtbild in
-diese Nacht, als Freunde mit vieler Mühe eine Gesamtausgabe seiner Werke veranstalteten.
-Zwei Fichten aus dem Vogtlande beschatten sein Grab, in welchem er nach
-zweiundzwanzigjährigem Leiden am 10. Oktober 1867 zur Ruhe gebettet wurde.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-033">
- <img class="w100" src="images/illu-033.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 6 <b>Schneckenstein</b></div>
-</div>
-
-<p>Von Marieney gelangen wir in zwei Stunden nach Markneukirchen, dessen
-wir schon bei der Erwähnung von Klingental zu gedenken hatten. Die Stadt, die
-zwei Kilometer von der Adorf&ndash;Aue&ndash;Chemnitzer Bahn entfernt liegt, ist neben
-dem genannten Orte der Hauptsitz der vogtländischen Musikinstrumentenfabrikation,
-und man erhält in die Reichhaltigkeit dieses Erwerbszweiges am besten einen
-Einblick, wenn man die wertvolle Sammlung in- und ausländischer Musikinstrumente
-aus älterer und neuerer Zeit besichtigt. Auch hier die Mannigfaltigkeit der Bodenformen,<span class="pagenum"><a id="Seite_227"></a>[227]</span>
-die für das obere Vogtland charakteristisch ist und die sich auch in dem
-südwestlichen Teile jenseits der Elster findet: die ganze Landschaft aufgelöst in Berg
-und Tal, Teilstücke von Hügeln mit Dörfern oder Einzelgehöften und Wäldern,
-so daß es sich auch hier lohnt, einmal seitwärts vom Elstertal selbst auf die Höhen
-hinaufzusteigen. Wer von Plauen kommt, wird allerdings noch durch eine ganze
-Anzahl von vogtländischen Städten aufgehalten werden, die sich hier, wo eine alte
-Straße am Elsterlauf entlang hinüber nach Böhmen führt, angesiedelt haben. So
-liegt gleich Ölsnitz am Ende der erwähnten Straße, die von Eger bis hierher führte,
-und gilt als eine der ältesten Städte des Vogtlandes, die vielleicht von den Sorben
-gegründet ist. Als dann die Deutschen das Land besiedelten, wurde hier eine
-befestigte Straßensperre angelegt, und man grub gegen einen Angriff der Feinde
-die großen Teiche (der letzte ist 1898 verschwunden), wobei die Befestigungsanlagen<span class="pagenum"><a id="Seite_228"></a>[228]</span>
-noch durch das Schloß Vogtsberg verstärkt wurden, dessen Türme auch von Schöneck
-sichtbar sind. Aus den Mitteln des Bergbaues &ndash; die Zinn- und Kupfergruben
-wurden 1519 durch Wasser zerstört &ndash; wurde die schöne St. Jakobskirche errichtet,
-die mit ihren beiden Türmen weit über das Städtebild hervorschaut. Sie ist ein
-Muster gotischen Kirchenbaues, obwohl von der ursprünglichen Anlage nur noch
-die Türme in ihren Unterteilen sowie ein sandsteinernes Dreipaßrelief von der
-äußeren Südseite des Chores erhalten sind. Auch später ist sie öfters umgestaltet
-worden; so erhielt sie ihre jetzige Gestalt nach dem großen Stadtbrande, während
-das Innere 1888/89 künstlerisch erneuert wurde. Die Türme wurden 1865 nach
-den Plänen von Lipsius errichtet, und auch im Inneren findet sich manches schöne
-Denkmal kirchlicher Kunst: die Chorfenster von C. L. Türcke in Zittau mit prächtiger
-Glasmalerei, sowie das Altargemälde: Abendmahl der Emmausjünger von Moritz
-Heidel und der Taufstein, der 1833 von E. Rietschel gefertigt worden ist. Ähnliche
-Umwandlungen hat auch die alte Kirche St. Katharina am alten Friedhofe durchgemacht,
-deren Sterngewölbe im alten Chor aus der alten Kirche noch auf das
-fünfzehnte Jahrhundert zurückweist. In neuester Zeit hat Ölsnitz seinen Aufschwung
-besonders der Industrie wie der Teppich- und Kammgarnfabrikation zu verdanken
-gehabt, nicht zu vergessen seine günstige Lage, durch die es besonders wegen der
-Nähe der sächsischen und böhmischen Bäder zu einem Standquartier für Touristen
-geworden ist.</p>
-
-<div class="figcenter illowp80" id="illu-035a">
- <img class="w100" src="images/illu-035a.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 7 <b>Schöneck</b></div>
-</div>
-
-<p>Das weiter südlich liegende Adorf, ein freundliches Städtchen mit etwa achttausend
-Einwohnern, ist besonders durch die Perlmutterfabrikation groß geworden,
-die auch in Ölsnitz zu Hause ist, die Muscheln wurden früher zahlreich in der
-Elster gefunden, und der Erwerbszweig ist geblieben, auch nachdem die Funde
-seltener geworden waren, so daß heute auch zahlreiche importierte Stücke dort verarbeitet
-werden. Im übrigen zeigt auch Adorf mit seinem geräumigen Marktplatz
-dasselbe freundliche Bild wie alle diese vogtländischen Kleinstädte, und die Industrie,
-die sich auch hier zahlreich findet, hat es nicht wesentlich zu beeinflussen vermocht.
-Abseits davon sind noch zwei Orte zu erwähnen, deren Name jedem bekannt ist
-und die dem Reichtum der Erde selbst ihre Blüte verdanken: Bad Elster und
-Brambach. Inmitten der Nadelwälder des Elstergebirges ist hier eine Stätte für
-Genesungsuchende entstanden, die mit ihren Quellen und Sprudeln (alkalisch-salinische
-Eisensäuerlinge, Glaubersalz, kohlensaure Stahlbäder) jährlich Tausenden Genesung
-bietet und sich zu einem modernen Bade entwickelt hat, wobei auch dem Moorboden
-aus den großen Lagern der Umgebung ein wesentlicher Anteil zufällt. In
-weitaus freierer Lage ist Bad Elster, wenn auch in weit bescheidenerem Maße,
-Brambach gefolgt, das in der Nähe der böhmischen Grenze am Fuße des Kapellenberges
-in einer engen Talmulde eingebettet ist. Wer von Adorf nach Brambach
-wandert, durchschreitet zuerst in fortwährender Steigung ein stilles Waldtal, bis
-der Weg zuletzt steil auf die letzte Hügelwelle hinaufführt, die vor Brambach
-gelagert ist und erblickt von hier hinüber nach den waldbedeckten Höhen des
-Elstergebirges und ein Stück ins böhmische Land hinein, das sich hier von beiden
-Seiten an diese Ausläufer des Vogtlandes heranschiebt. Auch Brambach selbst hat
-sich, so gut es möglich war, an die eingeengte Lage im Tale des Fleissenbaches,<span class="pagenum"><a id="Seite_229"></a>[229]</span>
-der hier in westlicher Richtung der Elster zufließt, angepaßt. Die Straße nach
-Eger führt von hier unmittelbar am Kapellenberg vorbei, der mit seinem granitenen
-Aufbau wie ein Wächter des südlichen Vogtlandes dasteht und von dessen Gipfel
-eine weite Rundsicht nach Norden und über Böhmen gestattet ist. Die beiden
-nächsten Dörfer, die südlichsten des Vogtlandes, liegen bereits tief unten am Steilabfall
-des Elstergebirges, und Straße und Eisenbahn haben die Senkung nur
-künstlich durch große Bogen überwinden können. Wir sind hier am Ende unserer<span class="pagenum"><a id="Seite_230"></a>[230]</span>
-Wanderung angelangt, aber an einer Stelle, von der sich in kurzer Zeit weitere
-Glanzpunkte landschaftlicher Schönheit erreichen lassen: das herrliche Egertal im
-Osten, oder das Kaisergebirge mit Eger und Franzensbad oder das Fichtelgebirge
-mit seinen östlichen Ausläufern bei Selb und Tirschenreuth und der uralten
-Kultstätte des Klosters Waldsassen, die von hier in ein paar Wegstunden zu
-erreichen ist.</p>
-
-<div class="figcenter illowp80" id="illu-035b">
- <img class="w100" src="images/illu-035b.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 8 <b>Kirche von Bösenbrunn am Triebelbach</b></div>
-</div>
-
-<p>Es war nicht meine Absicht, eine vollständige Beschreibung des Vogtlandes
-zu geben, sondern es waren nur Wanderbilder, die vor dem Auge des Lesers
-vorüberziehen sollten, um ihn selbst zu einer Fahrt durch diesen südwestlichen Gau
-Sachsens einzuladen. Wer mehr mit der Landschaft selbst vertraut werden will,
-der möge selbst kommen und schauen, und er wird mit der Überzeugung zurückkehren,
-daß kein Grund vorliegt, das Vogtland hinter den übrigen Gegenden
-unseres engeren Vaterlandes zurückzusetzen. Daß es noch nicht »Mode« geworden
-ist, ist wohl der beste Beweis, daß ein Unterkommen auf den Wanderungen auch
-denen ermöglicht ist, die nur über bescheidene Mittel verfügen.</p>
-
-<div class="figcenter illowp80" id="illu-036">
- <img class="w100" src="images/illu-036.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 9 <b>Bad Elster</b></div>
-</div>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p><em class="gesperrt">Anmerkung.</em> Wer mehr über das Vogtland erfahren will, sei auf die Literatur verwiesen,
-die auch bei den vorliegenden beiden Arbeiten benutzt worden ist, vor allem auf: Unser
-Vogtland (Heimatkundliche Lesestücke für die Schulen des sächsischen Vogtlandes, bearbeitet von
-einer Kommission Plauenscher Lehrer, Verlag der Dürrschen Buchhandlung, Leipzig), Das Königreich
-Sachsen in Wort und Bild von Leo Woerl und Steche: Beschreibende Darstellung der älteren Bau-
-und Kunstdenkmäler des Königreich Sachsen; weitere Literatur ist in dem zuerst genannten Buche
-angeführt. Denen, die ihr Wissen und Können in den Dienst dieser Sache stellten, besonders
-Herrn C. Sippel, Schriftführer des Verbandes vogtländischer Gebirgsvereine in Plauen, der für
-beide Aufsätze eine Reihe von eigenen photographischen Aufnahmen zur Verfügung stellte, bin
-ich zu großem Danke verpflichtet.</p></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_231"></a>[231]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Trachtenechtes_Spielzeug">Trachtenechtes Spielzeug</h2>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">Karl Lucas</em>, Meißen</p>
-</div>
-
-<p>Weihnachten naht. Es wird gebastelt, gesägt, geschnitzt, geleimt, geklebt bis
-über die mitternächtige Stunde hinaus. Das Weihnachtsfieber hat uns gepackt.</p>
-
-<p>Auch mir ging es so. Auf dem Wunschzettel meiner Mädel waren kleine
-Tierchen, Männer und Bauernfrauen verzeichnet. Diese Sächelchen waren bereits
-in Anzahl im Besitze der kleinen Bittstellerinnen. Aber es sollten noch mehr sein.
-Es sind das jene reizenden Gegenstände, die aus unseren Erzgebirgsdörfern ihren
-Weg in jede Spiel- und Holzwarenhandlung gefunden haben. Bei ihrer Naturtreue
-und ihrem auch heute noch verhältnismäßig billigen Preise werden sie sehr gern
-gekauft. Sie treten in scharfen Wettbewerb mit den altbekannten früheren »Pfengstückchen«.
-Auch ärmere Leute greifen oft nach den natürlicher wirkenden »Dreiertierchen«
-(Friedenskurs!). Es wird der leider nicht überall befolgte Grundsatz
-angewandt: Wenig und gut ist besser als viel und schlecht.</p>
-
-<p>Ein Vorzug der »Dreiertierchen, Fünf-Pfeng- oder Groschentierchen und
--männel« ist es, daß sie sich in ein besseres Größenverhältnis zu den aus Bauklötzchen,
-Modellierbogen usw. aufgebauten Gebäuden einstellen. Das Spiel gibt
-so ein getreueres Bild der Wirklichkeit und wird natürlicher und lebendiger.</p>
-
-<p>Bei anderer Gelegenheit stieß ich auf die Künstlermodellierbogen. Diese
-verhalten sich zu den schablonenhaften früheren Bogen wie Tag zur Nacht. Leider
-gibt es auch heute noch Bogen, bei deren Herstellung derartig hohe Maßstäbe wie
-an die Künstlermodellierbogen nicht angelegt worden sind. An zwei aufgestellten
-Modellen &ndash; Lappenlager und rumänisches Bauerngehöft &ndash; hatte ich erfahren
-können, was für ein anschauliches Bild diesen Siedelungen samt dem Leben und
-Treiben der Bewohner durch diese Bogen vermittelt wird.</p>
-
-<p>Einem Zuge nach der Heimat folgend, wählte ich für meine Mädel das
-»Altwendische Bauerngehöft« (Teubner Nr.&nbsp;19) aus. Eine Pappe 37&nbsp;:&nbsp;50 Zentimeter
-genügte zur Aufstellung. Dabei blieb noch Platz für Wege, Raine, Brücken, Baumgruppen,
-für einen Bach mit Entenpfütze. Die Gebäude wurden durch eingelegte
-Pappe gesteift. So entstand ein ziemlich standhaftes Spielzeug. Zur Belebung
-sind auf dem Bogen eine Anzahl Leute, Tiere und Bäume aufgezeichnet. Sie
-erfüllen ihren Zweck nicht recht. Die ausgeschnittenen, auch gesteiften Gestalten
-vertragen das fortgesetzte Anfassen schlecht. Dann fehlt ihnen die Körperlichkeit,
-die die Gebäude nach ihrer Aufstellung besitzen. Die Einbildungskraft der Kinder
-überwindet den Mangel der Gestalten zum Teil. Freudiger aber greifen sie zu den
-körperlichen Gestalten, die aus unserer sächsischen Spielwarenerzeugung hervorgegangen
-sind.</p>
-
-<p>Ich entschied mich von vornherein für die Aufstellung der Holzsächelchen.
-Beim Durchstöbern der Vorräte in den Läden fand ich Tiere, Taubenschläge, landwirtschaftliche
-Geräte, Wagen, Hundehütten, Bienenstände in reicher Auswahl und
-geeignet für meinen Bauernhof. Aber Menschen, wie ich sie brauchte, konnte ich
-nirgends auftreiben. Um meinen Hof nicht verwaist stehenzulassen, nahm ich,
-was da war: Bauern, Bäuerinnen, Butterfrauen, Nachtwächter, Kinder, Geistliche,<span class="pagenum"><a id="Seite_232"></a>[232]</span>
-Brautleute, Kränzeljungfern, Stadtvolk. So hatte ich Leben. Aber es paßte wie
-die Faust aufs Auge, wenn ich in meinem Hofe den Großknecht in Älplertracht
-spazieren sah.</p>
-
-<p>Meine Mädel freuten sich zunächst uneingeschränkt, nach und nach wurden
-ihnen die Widersprüche aber bewußt. Freude löste diese Entdeckung bei ihnen
-nicht aus.</p>
-
-<p>Auch der Erwachsene spielt gern mit, wenn das Spiel heimatliche Vorstellungen
-und Gefühle auslöst. Eine rechte Freude kann aber bei ihm nicht aufkommen,
-wenn sich solche Stilwidrigkeiten fortgesetzt aufdrängen. Das bedeutet aber einen
-Verlust für den Erwachsenen und für das Kind. Unsere Zeit hastet. Sie löst den
-einen früher, den andern später aus der Umgebung, in der er seine Kindheit
-verlebte. Ein großer Teil unseres Volkes führt ein modernes Nomadenleben. Nur
-noch ganz bestimmte Volksgruppen haben sich die Seßhaftigkeit bis zu einem
-gewissen Grade bewahrt. Aber auch diese Kreise fangen an, den Sinn in die
-Weite schweifen zu lassen und das Naheliegende zu übersehen. Der sich überallhin
-ausbreitende Verkehr mit seinem Einebnen alles dessen, was kennzeichnend hervortreten
-will, läßt die besten Eindrücke der Kindheit rasch verblassen. Alles wird
-käuflich, verkäuflich. Es scheint, als ob jene innerlich wirkenden Werte einer
-Sache, die aus der Geschichte, aus der Pietät heraus zu erklären sind, schwänden.
-Gerade diese Werte aber machten früher eine Sache oft unbezahlbar. Darum
-müssen wir das alles mit Freuden begrüßen, was uns helfen könnte, jene verborgenen,
-in der Vergangenheit wurzelnden Werte wieder zu erschließen. Im
-Geiste wenigstens lerne jedes sich wieder versenken in die Schätze der Vergangenheit,
-damit die Gegenwart mit ihren verwickelten Verhältnissen besser verstanden werde.
-Alle Gegenwart ist Gewordenes. Alles Gewordene fußt in der Vergangenheit.
-Wir sollen nicht mehr bloß Gegenwartsmenschen sein wollen, sondern sollen uns
-wieder als etwas betrachten lernen, das in der Vergangenheit wurzelt. Wir
-werden dann einsehen, daß jedes gewaltsame Lösen der Fäden, die uns mit der
-Vergangenheit verbinden, einen nie wieder gut zu machenden Schaden für den
-einzelnen wie für die Gesamtheit bedeutet.</p>
-
-<p>Unsere Spielwarenerzeugung kann uns helfen, die verborgenen Beziehungen
-zum Vergangenen wieder aufzudecken, kann uns helfen, Einkehr zu halten in den
-Tagen der Kindheit wie in denen der reifen Jahre, kann uns helfen, die Heimat
-durch ihre Vergangenheit zu verstehen. Ein weites unbebautes Feld breitet sich
-hier für diese Industrie aus. Rechte Bearbeitung muß eine gute Ernte für den
-Erzeuger und für die Gesamtheit unseres Volkes bringen. Gefühl und Sinn für
-Heimatliebe, Volkskunst, Heimatschutz würden zu gleichen Teilen durch Belehrung
-im Spiel schon in den Kleinen geweckt werden. Fortgesetztes Spiel mit Spielzeug,
-das mehr wie Spielzeug sein will, brächte diesen Sinn, diese Gefühle zum Wachstum.
-Schließlich würden sie beim Erwachsenen unbewußt zum unveräußerlichen Besitzstand
-geworden sein.</p>
-
-<p>Wie können die beteiligten Industrien diese Forderungen erfüllen? Kurz
-gesagt dadurch, daß sie Erzeugnisse schaffen, die die Verbindung mit der Heimat
-erkennen lassen und echt sind, also jede Scheinkunst vermeiden. Wir brauchen<span class="pagenum"><a id="Seite_233"></a>[233]</span>
-Modellierbogen, die uns einen <em class="gesperrt">sächsischen</em> wendischen Bauernhof, einen <em class="gesperrt">sächsischen</em>
-ländlichen Bahnhof, ein <em class="gesperrt">sächsisches</em> mittelalterliches Rathaus usw. darstellen.
-In unserem Vaterlande haben wir reichliche Stoffbeispiele dafür. Ferner sei zur
-Auswahl gestellt: Oberlausitzer Weber- und Gutshäuser &ndash; Erzgebirgische Gebäude &ndash;
-Moritzburg &ndash; Altes Leipziger Rathaus &ndash; Meißner Dom, Albrechtsburg, Rathaus,
-Bürgerhäuser &ndash; Bautzener Gebäude &ndash; alte sächsische Kirchen, Mühlen, Pochwerke &ndash;
-Gebäude, deren Erhaltung mit besonderer Sorgfalt oft unter Aufwendung nicht
-geringer Mittel durchgeführt wird (Frohnauer Hammer) &ndash; Bogengruppen mit
-Planzeichnungen zur Veranschaulichung der Siedlungsweisen (Pfahldorf, Rundling,
-Längsdorf, Dörfer mit sägeblattähnlicher Gebäudestellung, Klosterbauten, Gartenstädte,
-Alt-Dresden, Alt-Leipzig). Wenn heute die Festung Königstein als Modell herausgebracht
-würde, so würde wohl kaum etwas dagegen eingewendet werden.</p>
-
-<p>Seien nun die Gebäude auszuführen vom Modellierbogen aus, seien sie besser
-aus einzelnen bemalten Holzteilen zusammenzuschränken, jedenfalls werden dem
-Kinde im Spiel die Unterschiede der Bauweisen, der Siedelungsanlagen auffallen.
-Fragen nach zeitlichen und örtlichen Gründen, auch nach solchen der Zweckmäßigkeit
-werden auftauchen. Nicht alle Fragen wird der Erwachsene befriedigend beantworten
-können. Er wird mit dem Kinde und durch das Kind Heimatkunde und
-Heimatgeschichte treiben müssen, wenn er nicht dauernd die Fragen halb oder
-ausweichend oder mit »ich weiß das selber nicht« beantworten will. Darum
-dürfen die Modellbogen nicht ohne Erläuterungsblätter gelassen werden. Gute
-Bücher können noch gründlichere Auskunft erteilen. Ansätze in dieser Richtung
-sind vorhanden. Aber die Heimatforschung hat noch genügend Brachland zu
-bearbeiten, ehe sie alle Wünsche nach dieser Seite hin befriedigen kann. Es gibt
-wohl keinen Ort Sachsens, der nichts hätte, was als bauliches Wahrzeichen für
-Modellzwecke festgehalten zu werden verdiente.</p>
-
-<p>Zu den Modellen von Bauwerken gehört das richtige Gestaltenmaterial. Getreu
-dem Leben oder &ndash; wenn dies keine Kunde mehr gibt &ndash; getreu den kulturgeschichtlichen
-Quellen wird es dargeboten. Wie viele verborgene Schätze unsrer Heimatsammlungen,
-Geschichtsmuseen, Bildergalerien, Innungsschränke, Zunftladen könnten
-da eine fröhliche Auferstehung feiern! Wie könnte aus dem, das hinter Glas und
-Rahmen, Tür und Riegel wohlverwahrt gehalten wird, ein Quell der Heimatliebe
-entspringen! Da werden lebendig: alte Zünftler, Landsknechte, Zöllner, Sänftenträger,
-Narren, fahrende Gesellen. Dazu die alten Gebäude. Die Vergangenheit
-wird lebendig in der Gegenwart. Aus Papierstoff, Holz, Zinn, Linoleum, durch
-Guß, Pressen, Drehen, Schnitzen werden die zeit- und trachtenechten Gestalten hergestellt.
-Sie sind einzeln käuflich (zum Aussuchen). Sie können aber auch &ndash; zu
-fein abgestimmten Gruppen geordnet &ndash; in widerstandsfähigen Schachteln erstanden
-werden, die recht wohl die überlieferte Aufschrift tragen können: Andenken an&nbsp;…
-Zur Erinnerung an&nbsp;… Oheim Max bringt dem kleinen Hans eine Schachtel
-mit: <em class="gesperrt">Andenken an Leipzig</em>. Drinnen liegen Studenten in Wichs. Das
-Fräulein mit farbigem Band ist Base Lotte, die Studentin. Burschen heraus zum
-Couleurbummel! Muhme Alma bringt eine Schachtel mit: <em class="gesperrt">Erinnerung an
-Meißen</em>. Da sind zu sehen: Aschekarl, Aschemarie mit dem Spitz auf dem Arme,<span class="pagenum"><a id="Seite_234"></a>[234]</span>
-Kalmus, der dumme Junge von Meißen, ein Fremder mit der Fummel, Winzer,
-Winzerinnen. <em class="gesperrt">Freiberg</em> wartet auf mit Bergstudenten, Bergleuten in Parade-
-und Arbeitstracht, <em class="gesperrt">Kloster Marienstern</em> mit Osterreitern und Nonnen, <em class="gesperrt">Bautzen</em>
-mit dem Taubenjokel, wendischen Männern und Frauen und Kindern, dem Hochzeitsbitter,
-der Braut und dem Bräutigam, <em class="gesperrt">Oybin</em> mit Mönchen. Anderswo gibt es
-beim Schützenfeste die ganze Schützengilde in einer Schachtel wohlverwahrt zu erstehen.
-<em class="gesperrt">Radeberg</em> knüpft an seine Bürgerwehr, seinen ehemaligen Bergbau, sein Gregoriusfest,
-seine Soldaten an. <em class="gesperrt">Leppersdorf</em> und <em class="gesperrt">Augustusbad</em> bieten an eine Einsiedelei
-mit Bäumchen, Hasen, Rehen, kleinen Vöglein und dem »Lampert im Walde«.
-Ein Steinkreuz, ein Grenzstein, ein altes Denkmal gehört auch manchmal in so
-eine Schachtel. <em class="gesperrt">Schmiedefeld</em> bei Stolpen und andere Orte waren vor Einführung
-der Eisenbahn belebtere Orte als jetzt. Sie lagen an den alten Poststraßen. Eine
-Schachtel zeigt als Inhalt eine alte Postkutsche, ein Land-(fracht-)fuhrwerk, Zöllner,
-Torwächter, Handwerksburschen, Reisende in Biedermeiertracht. Kriegszeiten haben
-viele sächsische Orte durchleben müssen (Hussiten-, Schweden-, Franzosenzeit). <em class="gesperrt">Kamenz</em>
-bringt bei seinem Forstfeste eine Schachtel heraus, deren Inhalt die Erinnerung an
-eine glückliche Errettung aus solch schweren Tagen wach hält. Bei Regimentstagen
-können Gestalten in den Regimentstrachten der verschiedenen Zeiten vertrieben werden.
-Vom Trachtenfest »Biedermeierzeit« bringen Vater und Mutter eine Spielschachtel mit,
-die entsprechende Gestalten, Rosenlauben, grüne Hecken enthält. Das, was bei Ausstellungen
-mit den »alten Städten« (Vergnügungsecken) geboten wird und nach seiner
-oft recht beachtlichen geschichtlichen Treue wert wäre, länger zu bestehen, das könnte
-in verkleinerter Ausgabe zum Spiel geschaffen, als Andenken verkauft werden.</p>
-
-<p>Im Vereine mit guten Gebäudenachbildungen müssen solche Geschenke oder
-Andenken in Vergangenheit und Gegenwart vertiefen helfen, müssen sie alt und
-jung zur Besinnung einladen. Die Sachen haben ja etwas zu erzählen. Der
-Quell der Sage und Geschichte muß da sprudeln. Kinder und Erwachsene werden
-beim Spiel oft in den Geleisen wandeln, die der Darstellung zugrunde liegen.
-Wie wir aber einen »Freiberger Bauerhasen« stets mit einer gedruckten Erklärung
-zu kaufen bekommen, so darf bei all diesen Sachen nicht mit frisch und lebendig
-geschriebenen Erläuterungen gespart werden.</p>
-
-<p>Trachtenechte Puppen, stilgerechte Puppenmöbel (Himmelbetten, Bauerntische,
-Schemel, Wiegen, Stühle, geblümte Vorhänge, Teller, Tassen, Kannen), eine rechte
-Bauernstube, Weberstube, Patrizierstube, Spinnstube: das müßte Mädchen eine
-wirkliche Freude geben!</p>
-
-<p>Das sind wirkliche Reiseandenken, die ihren Zweck erfüllen, ein Band zu
-schlingen über den Geber hinweg vom Empfänger zum kulturgeschichtlichen, heimatkundlichen
-Stoff. Das kann von den jetzt noch beliebten Fangbällen, Windrädern,
-Abziehbildern und Postkarten auf Holzquerschnitten, Steingutsachen u. a. m. nicht
-behauptet werden. Welche Sorte von Reiseandenken verraten wohl Verlegenheit
-und Gedankenlosigkeit des Gebers, welche begegnen Verlegenheit und Gleichgültigkeit
-beim Empfänger?</p>
-
-<p>Strenge Wahrhaftigkeit in der Darstellung des trachtenechten Spielzeugs gibt
-den Kleinen auch wahre Anschauungen. Eine nach irgendeiner Seite hinzielende,<span class="pagenum"><a id="Seite_235"></a>[235]</span>
-da hinzufügende, dort verheimlichende Scheinkunst ist verpönt. Sie würde Truggebilde
-der Heimat erzeugen und die Jugend verwirren. Für die Jugend muß
-nur das Beste gerade gut genug sein. Aber auch viele Erwachsene gleichen in
-dieser Hinsicht Kindern und verlangen die gleiche Behandlung. Auch ihnen dürfen
-wir das Bild der Heimat durch Unwahrhaftigkeit des gebotenen Spielzeuges nicht
-entstellen oder verzerren.</p>
-
-<p>Die Bestandteile der Kleinspielzeugkästen werden etwas schematisch, maschinenmäßig
-aussehen. Auf die Maschinenhilfe kann aber aus Gründen möglichster
-Billigkeit nicht verzichtet werden. Doch der handarbeitende Holzschnitzer mag nicht
-abseits stehen. Wie verschieden können ein Student, Soldat, Bergmann, Mönch,
-Bauer, Schützenhauptmann gestaltet werden in Bewegungen, Gesichtszügen, Farbengebung!
-So können wir auch mit handgeschnitztem Kleinspielzeug unsere Schachteln
-füllen, die freilich nur zu einem höheren Preise zu haben sein könnten. Ein
-Vergleich von geschnitzten und gedrehten Figuren wird die Berechtigung des Preisunterschiedes
-beweisen. Der Schnitzer kann seine Gestalten aus dem Bereiche des
-gewöhnlichen Spielzeuges in das Gebiet des Kleinkunstwerkes erheben. Ich erinnere
-mich der Ausstellung von Krippenfiguren in Dresden. Wie verschieden hatte jeder
-einzelne Aussteller sein persönliches Empfinden in einem gegebenen Stoffe zum
-Ausdrucke gebracht. Bewegung, Ausdruck, Farbe, Gruppierung usw., das alles
-zusammen genommen brachte trotz Gleichheit des Vorwurfes doch durch die selbständige
-Auffassung der einzelnen Verfertiger große Unterschiede heraus. Dazu
-kam die unterschiedliche Beherrschung und Anwendung der einzelnen Techniken.
-Neben etwas schematisch anmutenden Sachen waren reizende kleine Kunstwerke
-vertreten, bei denen die Schablone einer durchgeistigten Auffassung hatte weichen
-müssen. So braucht sich auch der Gestalter einzelner Personen vom trachtenechten
-Spielzeug nicht sklavisch an überlieferte Bewegungs-, Ausdrucks- und Kompositionsschemen
-zu halten, sondern kann diese etwas traditionellen Sachen mit seinem
-eigenen Geiste durchdringen, bezw. durchbrechen, wenn am letzteren nicht höhere
-Gesichtspunkte hindern sollten. Tracht und Farbengebung ist ja doch durch die
-Überlieferung festgelegt. Mancher Käufer wird dann die auch nicht besonders
-billigen Phantasiegestalten der jetzt noch herrschenden Marktware zurückweisen, um
-nach einer nicht so billigen, aber lebenswahren Figur zu greifen, die durch einen
-gut empfindenden Gestalter herausgebracht worden ist. Solche Geschenke brauchen
-sich nicht vor dem Tageslichte zu scheuen. Sie werden immer wieder gern
-angesehen.</p>
-
-<p>Unsere sächsischen Spielwarenerzeuger können aber auch über die Landesgrenzen
-greifen. Nach guten Vorbildern kann unsere Industrie jedes außersächsische Modell
-lebensvoll gestalten. Für Seebäder werden Schachteln gefüllt mit trachtenechten
-Fischern und Fischerinnen, Seeleuten, Badegästen, Badekarren, Strandkörben &ndash;
-für Halle Hallorengruppen usw. So können Trachtengruppen aus dem ganzen
-früheren und jetzigen deutschen Vaterlande zusammengestellt werden. An Künstlermodellierbogen
-stehen uns für diese Zwecke eine ganze Anzahl zur Verfügung, die
-den Aufbau von Gebäuden aus allen Teilen Deutschlands ermöglichen. Die Verzeichnisse
-könnten noch durch eine Anzahl Bogen von Orten mit ausgedehntem<span class="pagenum"><a id="Seite_236"></a>[236]</span>
-Fremdenverkehr bereichert werden. Nach diesen Orten könnte unsere heimische
-Industrie ihre Erzeugnisse senden. Das Schutzwort »Gefertigt in Deutschland« könnte
-umgewandelt werden in »Gefertigt in Sachsen«.</p>
-
-<p>Auch hier muß Sorge getragen werden, daß neben den billigeren, etwas
-schematischen Drehbankarbeiten für das kaufkräftigere Publikum auch handgeschnitzte
-lebensvolle Gestalten am Lager sind. Damit der Erzeuger einen angemessenen
-Gewinn von seiner Arbeit habe, die Gegenstände aber trotzdem nicht zu hoch im
-Preise kommen, dürfte sich keine lange Reihe Zwischenhändler zwischen Verkäufer
-und Käufer einschieben.</p>
-
-<p>Wir gehen kühn über Deutschlands Grenzen hinaus und umspannen den
-Erdball. Wir lassen im Spielzeug erstehen das ganze bunte Völker- und Trachtengemisch
-von Europa und den übrigen Erdteilen. Wir bringen Modellbogen auf
-den Markt von der Eskimohütte und dem Hottentottenzelt bis zum Wolkenkratzer,
-vom Pfahldorfhaus in der Südsee bis zur Baumwohnung auf Java. Die Zinngießerei
-bringt bereits Völker aller Welt zur Anschauung. Oft hat die Phantasie
-sich dabei allzu reichlich betätigt. Wahrheit in der Darstellung ist hier aber um so
-nötiger, als eine Verbesserung eines Modelleindruckes durch nachträgliche Sinneseindrücke
-am natürlichen Gegenstande nicht eintreten kann. Sind keine einwandfreien
-Unterlagen zu haben, dann verzichte man lieber auf die Darstellung. Auch hier
-darf das Erzeugnis der Handarbeit nicht fehlen, es wird sicher im Auslande
-kaufkräftige Abnehmer finden.</p>
-
-<p>Die Darstellung deutscher Anschauungsstoffe wird von unseren Erzeugern vor
-außerdeutschen stets bevorzugt werden müssen. In dem Heimatlichen liegen die
-starken Wurzeln unserer Spielwarenerzeugung. Heimatliche Darstellungen finden
-den Weg über die Grenzen hinüber zu unseren deutschen Brüdern im Auslande.
-Ob sie in Rumänien, in Siebenbürgen, im Elsaß, im Kaukasus, in den Urwäldern
-Südamerikas oder sonst wo sitzen mögen: sie werden es gern sehen, wenn ihre
-Kinder mit Spielzeug spielen, das Fäden spinnt zur alten Heimat. Schaut der
-Erwachsene solchem Spiel der Kleinen zu, so wird ihn stilles Gedenken übermannen;
-da wird schließlich die Zunge beredt werden beim Erzählen von altheimatlichen
-Zuständen, von der eigenen Jugend, die &ndash; wenn auch manchmal hart &ndash; doch schön
-war. Die Kinder lauschen. So sprechen Vater und Mutter selten. Es muß etwas
-besonderes um das Spielzeug sein.</p>
-
-<p>Geht aus der alten Heimat als Geschenk zur Weihnachtszeit eine solche Gabe
-hinaus in die Fremde, und Vater und Mutter stellen die Sächelchen auf, wie es
-sein muß, dann stehen jung und alt herum um das Bild aus der alten Heimat,
-Wehmut und Freude im Herzen. Das sind Weihestunden, der fernen Heimat
-gewidmet, die unermeßlichen Gewinn für die Außenposten unseres Volkes haben,
-aber auch für uns selbst. Da kommt kein Negerenglisch, kein Burendeutsch, kein
-Sprachenwirrwarr beim Erzählen und Erklären heraus, da kommt die reine
-deutsche Muttersprache zu ihrem Rechte. Für diese altheimatlichen Stoffe hat die
-fremde Zunge keine Ausdrücke. Wenn unsere Brüder draußen sich auch äußerlich
-verändern, sich ihrer Umgebung anbequemen, so halten wir doch durch solche in
-der Heimat wurzelnde Gaben bei ihnen das Heimatgefühl wach. So lange sie dies<span class="pagenum"><a id="Seite_237"></a>[237]</span>
-Gefühl haben, so lange sind sie noch unser, sind sie und ihre Kinder fürs Deutschtum
-noch nicht ganz verloren!</p>
-
-<p>Wenn unsere Geschenke das erreichen, Heimatsinn zu erwecken im Lande
-selbst und draußen in der Fremde, dann können wir wohl sagen: Es sind rechte
-Geschenke gewesen. Wir haben mehr geschenkt als Spielzeuge oder Kunstwerke.
-Wir haben innere Werte erschlossen und mitgegeben, die unbezahlbar sind, die sich
-nicht wiegen und messen lassen, die nur innerlich erlebt und gewertet werden können.</p>
-
-<p>Aber nicht nur der Geber kann befriedigt auf sein Geschenk blicken, nein
-auch der Erzeuger. Auch er gibt mehr hinaus als allein seiner Hände Fleiß.
-Auch er kann sprechen: Der Geist, aus dem heraus ich alles gebildet und geschafft;
-der Geist, der aus meiner Arbeit spricht, der Geist der Heimat, der ist an Euch,
-Ihr Käufer, mein Geschenk!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Caprivi_und_die_Baeume_im_Garten_des_Kanzlerpalais">Caprivi und die Bäume im Garten des Kanzlerpalais</h2>
-</div>
-
-<p>»Ich kann nicht leugnen, daß mein Vertrauen in den Charakter meines Nachfolgers
-einen Stoß erlitten hat, seit ich erfahren habe, daß er die uralten Bäume
-vor der Gartenseite seiner, früher meiner Wohnung hat abhauen lassen, welche eine
-erst in Jahrhunderten zu regenerierende, oft unersetzbare Zierde der amtlichen
-Regierungsgrundstücke in der Residenz bildeten. Kaiser Wilhelm I., der in dem
-Reichskanzlergarten glückliche Jugendtage verlebt hatte, wird im Grabe keine Ruhe
-haben, wenn er weiß, daß sein früherer Gardeoffizier alte Lieblingsbäume, die ihres
-Gleichen in Berlin und Umgebung nicht hatten, hat niederhauen lassen, um <em class="antiqua">un
-poco piu di luce</em> zu gewinnen. Aus dieser Baumvertilgung spricht nicht ein
-deutscher, sondern ein slawischer Charakterzug. Die Slawen und die Kelten, beide
-ohne Zweifel stammverwandter als jeder von ihnen mit den Germanen, sind keine
-Baumfreunde, wie jeder weiß, der in Polen und Frankreich gewesen ist; ihre
-Dörfer und Städte stehen baumlos auf der Ackerfläche, wie ein Nürnberger Spielzeug
-auf dem Tische. Ich würde Herrn von Caprivi manche politische Meinungsverschiedenheit
-eher nachsehen, als die ruchlose Zerstörung uralter Bäume, denen
-gegenüber er das Recht des Nießbrauchs eines Staatsgrundstücks durch Deterioration
-desselben mißbraucht hat.«</p>
-
-<p class="mright s90">
-(Aus Bismarcks drittem Bande.)
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Drei_Baumbilder_aus_unsrer_Heimatsammlung">Drei Baumbilder aus unsrer Heimatsammlung</h2>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">A. Kühne</em>, Wilsdruff</p>
-</div>
-
-<p>Auf Anregungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz hin arbeiteten
-wir im vergangenen Jahre an einem <em class="gesperrt">heimatlichen Baumbuch</em>. Es liegt jetzt
-in der Handschrift vor und soll in unsrer Heimatbeilage abgedruckt werden. Dank
-will ich sagen den Herren Rühle und Zieschang, ersterer hat die Bäume gemessen,
-Geschichte und Überlieferung gesammelt, letzterer hielt sie im Bilde fest.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_238"></a>[238]</span></p>
-
-<p>Von unsern heimatlichen Höhenbäumen mögen hier stehen <em class="gesperrt">Rüdigers
-Linden in Helbigsdorfer Flur</em>. Kein Wandrer, der unsre Wilsdruffer
-Heimat gekreuzt hätte, ohne sie zu sehen. In einer Höhe von 334 Meter &ndash; die
-Generalstabskarte nennt den Hügel den Eschenhübel &ndash; beherrschen sie die weite
-Umgegend, und köstlich ist der Blick von dem Ruhebänkchen zu ihren Füßen.
-Wettergezaust und blitzgetroffen, doch stolz und stark stehen sie hier, Saat und Ernte
-seit einem Jahrhundert um sie her. Mögen sie noch lange Freude und Erholung
-für Land- und Wandersmann spenden!</p>
-
-<div class="figcenter illowp80" id="illu-044">
- <img class="w100" src="images/illu-044.jpg" alt="" />
- <div class="caption"><b>Rüdigers Linden in Helbigsdorf</b> (Amtsh. Meißen)<br />
-(Aufn. <em class="gesperrt">G. Zieschang</em>, Kaufbach)</div>
-</div>
-
-<p>Ein Wegebaum &ndash; <em class="gesperrt">der Blankensteiner Bergahorn</em>. Da wo die Dorfstraße
-anhebt, wo der Kommunweg Helbigsdorf&ndash;Blankenstein endet, steht dieser
-stolze Baum. 3,68 Meter mißt der Umfang seines Stammes in Brusthöhe, an
-die 26 Meter hoch quillt das Laubwerk in den Himmel hinauf. Eine gewaltige,
-herrliche Fülle, dieses Astwerk mit seinem Blätterwald. Einen höheren Genuß
-aber schafft sein Anblick im Winter, wenn ihm der Frost den Blättermantel nahm,
-wenn sich eine weiße Decke unter ihm breitet. Da erst wird der gleichmäßig schöne
-Bau der Krone offenbar, dieses Wachsen und Dehnen und Greifen in die Weite und
-Höhe. Und dazu die graubraune Färbung der schlanken Stämme und Schäfte auf
-weißem Hintergrunde. Ein köstlich Bild.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-045">
- <img class="w100" src="images/illu-045.jpg" alt="" />
- <div class="caption"><b>Bergahorn in Blankenstein</b> (Amtsh. Meißen)<br />
-(Aufn. <em class="gesperrt">G. Zieschang</em>, Kaufbach)</div>
-</div>
-
-<p>Als dritter und letzter einer der geborstenen Riesen des <em class="gesperrt">Weistropper
-Schloßparkes</em>, <em class="gesperrt">eine Edelkastanie</em>. Ihr Geschlecht mag unter all den heimatlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_241"></a>[241]</span>
-beachtenswerten Bäumen das älteste sein, bei weitem älter und ehrwürdiger
-als die dreihundertjährigen Reformationslinden zu Wilsdruff und Wurgwitz. Der
-Sage nach soll Bischof Benno sie gepflanzt haben; daß die frühmittelalterliche
-Kirche sich um Pflanzung und Pflege des Weinstocks, der Edelkastanie u. a.
-verdient gemacht hat, steht außer allem Zweifel. Auch der Miltitzer Schloßpark
-zeigt stolze alte Bäume dieser Art, sie sollen von Karl v. Miltitz, dem päpstlichen
-Staatssekretär, gepflanzt worden sein. Wir freuen uns an dem ausgeprägten
-Artcharakter dieser Stämme, danken der Schloßherrschaft für deren Erhaltung
-und hoffen, daß diese Bäume uns noch manches Mal Labsal sind auf unsern
-Heimatwanderungen.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-046">
- <img class="w100" src="images/illu-046.jpg" alt="" />
- <div class="caption"><b>Edelkastanie im Schloßpark Weistropp</b><br />
-(Aufn. <em class="gesperrt">G. Zieschang</em>, Kaufbach)</div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Pflanzt_Nussbaeume">Pflanzt Nußbäume!</h2>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="center">(Zu meinem Aufsatze: Erhaltet dem heimatlichen Landschaftsbilde die Alleen und die
-hervorragenden Bäume)<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a></p></div>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">A. Klengel</em></p>
-</div>
-
-<p>Zu den wertvollsten und malerischsten Schmuckstücken unseres Landschaftsbildes
-gehören stattliche Walnußbäume, mögen sie nun als Einzelbäume im Garten
-stehen, den ländlichen Hof beschatten oder als Allee der Dorfstraße das Geleit geben.
-Der Nußbaum ist aber nicht nur ein ausgezeichneter Schattenspender, sondern durch
-Frucht und Holz einer unserer wertvollsten Nutzbäume.</p>
-
-<p>Der Umstand, daß sich sein Holz nicht nur für den Möbelbau, sondern vor
-allen Dingen für die Herstellung von Gewehrschäften ausgezeichnet eignet, ist dem
-Nußbaum während der Kriegszeit verhängnisvoll geworden. Alle Nußbäume, von
-einer bestimmten Stammstärke ab, waren beschlagnahmt und viele Tausende fielen
-der Axt zum Opfer, um das Vaterland verteidigen zu helfen. Empfindliche Lücken
-wurden dadurch in unseren ohnehin nicht zu hohen Nußbaumbestand gerissen; wir merken
-die Knappheit am besten an den zu schwindelnder Höhe gestiegenen Nußpreisen.</p>
-
-<p>Es ist eine Pflicht aller heimischer Grundbesitzer, der Anpflanzung von Walnußbäumen
-erhöhtes Augenmerk zuzuwenden. Die durch den Krieg gerissenen
-Lücken müssen sich wieder schließen, der Nußbaum muß auch deswegen ausgiebiger
-angepflanzt und gehegt werden, weil uns Elsaß und Lothringen, die seither einen
-hohen Prozentsatz des heimischen Bedarfs an Walnüssen und Nutzholz lieferten, verlorengegangen
-sind. Hieraus ergibt sich ohne weiteres, daß jetzt die Anpflanzung
-der Nußbäume viel lohnender sein wird als in früheren Jahren. Durch reichlichen
-eigenen Anbau und eigene Erzeugung von Walnüssen und Holz können wir auch
-die Einfuhr einschränken und dadurch einer wichtigen vaterländischen Pflicht genügen.
-Daß wir überdies durch Hegen des stattlichen großlaubigen Baumes auch unser
-Landschaftsbild verschönern und dadurch dem Heimatschutz trefflich dienen, wurde
-bereits erwähnt.</p>
-
-<p>Einer ausgiebigen Anpflanzung des Nußbaumes werden mancherlei Bedenken
-entgegengestellt, die sich aber bei näherer Untersuchung fast durchweg als unhaltbare
-Vorurteile erweisen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_242"></a>[242]</span></p>
-
-<p>Es muß zunächst vorausgeschickt werden, daß unser Walnußbaum (<em class="antiqua">Juglans
-regia</em>) ein Kind des heißen Orients ist, aber auch in Südeuropa ausgedehnte wilde
-Bestände bildet. Er ist insofern etwas anspruchsvoll, als er geschützte Lage, mildes
-Klima und tiefgründigen nahrhaften Boden bevorzugt und gegen Spätfröste
-empfindlich ist. Nach meinen, über dreißig Jahre reichenden Erfahrungen ist aber
-der Nußbaum durchaus nicht so zart wie oft angenommen wird. Ein neben meinem
-Hause in Meißen, allerdings sehr geschützt stehender Baum, hat seit über zwanzig
-Jahren niemals durch Frost gelitten, auch sind viele Jahre vergangen seit ich das letztemal
-in der freigelegenen Umgebung von Meißen erfrorene Nußblüten feststellen konnte.</p>
-
-<p>Vielfach ist die Meinung vertreten, daß der Nußbaum nur bis höchstens
-fünfhundert Meter Seehöhe und dann nur an geschützten Standorten ertragreich
-bliebe; in höheren Lagen empfehle sich seine Anpflanzung lediglich des Holzes,
-nicht aber der Fruchtgewinnung wegen. Diese Ansicht mag viel dazu beigetragen
-haben, daß man von der Anpflanzung abgesehen hat. Ich habe jedoch schon ganz
-andere Erfahrungen gesammelt. In Bärenstein im Müglitztale trug ein alter, in
-über fünfhundert Meter Höhe nicht besonders geschützt stehender, leider auch dem
-Kriege zum Opfer gefallener Nußbaum seit Menschengedenken reichlich Früchte und
-versagte nur dann einmal, wenn Spätfröste die Blüte vernichtet hatten, was aber,
-wie bereits erwähnt, auch in tieferen Lagen zuweilen vorkommt. Ein im gleichen
-Orte in fünfhundertfünfzig Meter Höhe stehender jüngerer Baum trägt seit einigen
-Jahren ebenfalls reichlich Früchte. Völlig überraschend war aber die Tatsache, daß
-sogar ein in siebenhundert Meter Höhe stehender jüngerer Nußbaum am Köllnerschen
-Vorwerk in Hirschsprung bei Altenberg noch ausgereifte Früchte trägt. Man hatte
-mit Blühen und Früchtetragen nicht mehr gerechnet, weil der Baum solange damit
-zögerte; es war dabei aber nicht beachtet worden, daß die Mannbarkeit des Nußbaumes
-nicht vor dem zwanzigsten Lebensjahre, vielfach sogar noch später eintritt.</p>
-
-<p>Eine weitere Abneigung gegen das Anpflanzen der Nußbäume entspringt aus
-dem angeblich schweren Anwachsen verpflanzter Bäume und anderen Mißerfolgen,
-die aber durchweg aus gärtnerischen Mißgriffen entstehen und lediglich darauf
-zurückzuführen sind, daß man die natürliche Eigenart des Nußbaumes sehr oft
-außer Acht läßt. Der Nußbaum darf nur im Frühjahr umgepflanzt werden, die
-Wurzeln sind dabei zu kürzen und zurückzuschneiden. Da der Nußbaum im Gegensatze
-zu seinem harten Stammholze sehr weiche Wurzeln besitzt, kommt es sehr oft
-vor, daß die noch nicht angewachsenen Wurzeln der im Herbst versetzten Bäume
-während der Winterruhe verfaulen und absterben, wodurch der Baum stets eingeht.
-Wenn irgend möglich, vermeide man das Verpflanzen überhaupt und lege die
-Samennüsse gleich an die späteren Standorte der Nußbäume. Der Nußbaum darf,
-im Gegensatz zu den meisten anderen Bäumen nur im vollbelaubten Zustande, am
-besten im Frühjahre verschnitten werden; der Rückschnitt im unbelaubten Zustande
-während der Winterruhe bringt ein Kränkeln und völliges Absterben des Baumes
-mit sich. Bei Anpflanzung von Alleen ist darauf zu achten, daß die Nußbäume
-mindestens fünfzehn Meter voneinander entfernt zu stehen kommen. Um gesund
-zu bleiben, muß sich der Baum nach allen Seiten frei entwickeln können.</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Siehe Band X, Heft 4/6, Seite 95.</p>
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243"></a>[243]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Praktischer_Heimatschutz">Praktischer Heimatschutz</h2>
-</div>
-
-<p>In Alt-Trachau, dem ehemaligen alten Dorfplatz von Trachau, das leider in
-seiner alten Ursprünglichkeit durch Einbauen moderner Großstadthäuser bedeutend
-eingebüßt hat, kenne ich von Jugend her ein kleines, immer sauber getünchtes
-Häuschen, das mich dadurch ganz besonders interessierte, weil es neben seiner
-kleinen grüngestrichenen Hoftür im alten Gemäuer einen alten Hausspruch barg,
-den nur wenige kannten; ja, wie ich bei seiner Ausbesserung beziehungsweise Sichtbarmachung
-erfuhr, nicht einmal alle die jetzigen Bewohner dieses Hauses.</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0"><em class="antiqua">KOM HER REIN DU GE</em></div>
- <div class="verse indent0"><em class="antiqua">SEGNERDER DES HERN</em></div>
- <div class="verse indent0"><em class="antiqua">WAS SEIEST DU DRAUSEN.</em></div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-049">
- <img class="w100" src="images/illu-049.jpg" alt="" />
- <div class="caption"><b>Alt-Trachau</b><br />
-(Aufnahme <em class="gesperrt">Julius Georg Perlik</em>, Dresden-Rochwitz)</div>
-</div>
-
-<p>Diese alte Sandsteinplatte, welcher man bei Erbauung dieses Häuschens oder schon
-früher, mit ungelenker Hand und primitiven Werkzeugen diese alten Schriftzeichen<span class="pagenum"><a id="Seite_244"></a>[244]</span>
-eingraviert hat, lenkte eines Tages meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich hatte
-alle Mühe, diese alten, mit Kalkfarbe verschmierten Buchstaben überhaupt zu entziffern.
-Seinerzeit als es noch ein schöner, sinniger und volkstümlicher Brauch
-war, solche Sprüche &ndash; meist ernsten Inhalts &ndash; über Türen, an Giebeln und
-Torbogen, nicht nur anzubringen, sondern wo man noch Zeit fand sie auch zu
-lesen und darüber nachzudenken, da waren diese Buchstaben wohl noch scharf und
-leserlich. Doch bis dahin, als ich erstmalig darauf aufmerksam wurde, war wohl
-der Faustpinsel des Scharwerksmaurers verschiedene Male und in allen erdenklichen
-Farben darübergefahren. So kam es, daß diese alten Schriftzeichen mit der Länge
-der Zeit fast eins geworden waren mit dem übrigen Mauerwerk. Wind und
-Wetter und das Alter haben das übrige getan.</p>
-
-<p>Lange, lange Jahre vergingen und immer wieder sorgte der Besitzer dafür,
-daß dieses alte Häuschen wieder schön wurde, mal weiß, mal hellblau, mal rosa.
-Das Gebälk schön dunkel. Die Hoftür, das Weinspalier, der Gartenzaun und die
-Fensterladen frisch blaugrün. Das alte Ziegeldach aber bekam von Zeit zu Zeit
-durch einige neue Ziegel, die sich hier und da notwendig machten, eine wunderhübsche
-Abwechslung. Es war eben immer schön.</p>
-
-<p>Der alte Spruch aber verschwand immer mehr. Dann wurde ich Heimatschützler.
-In Nr.&nbsp;3 der Heimatschutznachrichten läßt der Heimatschutz seinen Mitgliedern
-wissen, daß Bilder von Hausinschriften erwünscht seien. So ließ sich aber
-kein Bild machen. Bei dieser Gelegenheit sollte dieser alte Hausspruch wieder zu
-Ehren kommen.</p>
-
-<p>Sonntag, den 24. Juli dieses Jahres, frühzeitig, machten wir uns ans Werk.
-Alles dazu Notwendige hatte ich bereits an Ort und Stelle gebracht, auch die
-Genehmigung des Besitzers holte ich mir. Zement &ndash; gestiftet von Kell &amp; Löser &ndash; war
-auch schon da. Kurz berichtet war die Arbeit folgende:</p>
-
-<p>Die Sandsteinplatte wurde von anhaftendem Mörtel und Putz gereinigt, dann
-die als Rahmen gedachte, vorstehende und abgerundete Wulst oder Kante aus einem
-Gemisch von Zement und Sand aufgetragen und verputzt; die Mauer nach hinten
-um einige Zentimeter erhöht, um den darauf liegenden Dachziegeln, die als Schutzdach
-und gleichzeitig, um das Ganze zu heben, als Abschluß und zur Zierde dienen
-sollen, eine schräge Lage zu geben.</p>
-
-<p>Diese Arbeit nahm ungefähr sieben Stunden in Anspruch, fand aber dadurch
-eine unerwünschte Unterbrechung, daß wir von einem Wohlfahrtsbeamten wegen
-Entheiligung der Sonntagsruhe zur Anzeige gebracht wurden. Ich ließ mich selbst
-zur Wache führen, und erwirkte nach längerer Rücksprache mit dem Wohlfahrtsinspektor,
-daß wir doch diese Arbeit zu Ende führen konnten. Darüber habe ich
-seinerzeit im Heimatschutz persönlich Bericht erstattet.</p>
-
-<p>Zum Schluß wurden die ausgebesserten Stellen dieser Mauer mit Weiße
-überstrichen. Die Wulst aber bekam einen Anstrich in dunkel Ocker, während die
-Innenfläche ganz hell Ocker gehalten wurde. So kam aber die alte Schrift noch
-entschieden zu wenig zum Vorschein, wir sahen aber vorläufig von einem Ausmalen
-der Buchstaben noch ab, da wir befürchteten, daß das Historische dieses alten
-Spruches dadurch einbüßen würde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_245"></a>[245]</span></p>
-
-<p>Soweit wieder hergestellt, nahm der Heimatschutz eine Besichtigung unserer
-Arbeit vor, wobei ihm vor allem die sich zu schwach hervorhebende und dadurch
-schwer leserliche Schrift auffiel. Er riet uns deshalb, das Ausmalen der Schrift
-doch noch vorzunehmen. Diese Arbeit wurde am 8. August ausgeführt. Mit Dunkelgrau
-ausgemalt wirkt dieser Hausspruch wieder wie ehedem auf die Vorübergehenden
-und selbst der Pastor von Trachau sprach gleich am nächsten Tage in diesem Hause
-vor, und war sehr erfreut und doch beschämt, daß sich Leute gefunden hatten, die
-diesen alten Spruch wieder zu Ehren brachten. Er selbst gestand zu seiner Schande,
-wiewohl er über zehn Jahre hier im Amte sei, wäre ihm dieser herrliche Spruch
-noch nicht aufgefallen. So mancher, der hier hunderte Male vorbeiging, ohne ihn
-zu bemerken, macht jetzt Halt vor diesem alten Spruch und sinnt. Der eine flüchtig,
-der andere nachdenklich. Was mögen sie wohl alle denken? Warum hat man
-den alten Spruch gerade jetzt wieder sichtbar gemacht?</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-051">
- <img class="w100" src="images/illu-051.jpg" alt="" />
- <div class="caption"><b>Alt-Trachau</b><br />
-(Aufnahme <em class="gesperrt">Julius Georg Perlik</em>, Dresden-Rochwitz)</div>
-</div>
-
-<p>Die Bauersfrau gegenüber hat mir es erzählt, immerwährend ständen jetzt
-Leute hier &ndash; meist alte, aber auch junge &ndash; und buchstabierten den alten Spruch.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_246"></a>[246]</span></p>
-
-<p>Herr Perlik, der mich auch hier wieder in dankenswerter Weise unterstützt
-hat, indem er mit besonderer Liebe und Sorgfalt den größten Teil dieser Arbeiten
-nach meinen Angaben ausführte, fertigte auch umstehende Aufnahmen an.
-Während mein Wanderfreund Burk Handlangerdienste leistete, führte Herr Schilling
-die malerischen Arbeiten aus. Die Skizze hierzu hatte Herr A. Wiehl nach der
-Natur angefertigt und den zur Ausführung gebrachten Entwurf dabei mit eingezeichnet.
-Ich übte das Amt eines Poliers aus.</p>
-
-<p>So kann durch Mithelfen eines jeden manches wieder ans Tageslicht gebracht
-und der Nachwelt erhalten werden. Es gibt in unseren schönen Vororten und
-Dörfern noch viel Interessantes und Erhaltenswertes, aber leider noch zu wenig Helfer.</p>
-
-<p class="mright">
-Richard Köhler.
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="In_den_Huetten_meiner_Heimat">In den Hütten meiner Heimat</h2>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="center">(aus »Bunte Gassen, helle Straßen«, ein Buch von Kinderland und Heimat von <em class="gesperrt">Max Zeibig</em>,
-Bautzen. 2. Band der Heimatbücherei des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a>)</p></div>
-</div>
-
-<p>Meine Heimat läuft vom Kamme duftblauer Berge waldreiche Hänge hinab
-über einen Saum von blumigen Wiesen und fruchtschweren Feldern, eilt an rauschenden
-Schornsteinen, klirrenden Werkstätten und sausenden Webstühlen vorbei, zeigt stolz
-zwei alte, turmreiche Städte, davon eine immer schöner und lieber als die andere,
-zieht hinaus in bauernsatte Dörfer und wandert, wandert und kommt endlich ganz
-müde in die Heide, in die grüne einsame Heide und ruht sich dort aus.</p>
-
-<p>Und bin ich des Lebens und der Arbeit, des Hasses, Neides und Streites müde,
-spricht mein Herz verlockend zu mir: Flieh’ auf! Deine Heimat ruft, die Heide.</p>
-
-<p>Da bin ich nun. In schimmerndem Kleide grüßen die Birken, die schlanken
-Geliebten des Waldes. Die Fichten raunen und prahlen mit ihren jungen Trieben;
-aber die Kiefern träumen und schweigen. Tiefverborgen liegt ein Teich, da leuchten
-aus moosgrünen Binsen schneeweiße Rosen. Die sind so heilig und so schön, wie
-ein Mädchen in seiner seligsten Jugend. Hoch am Himmel ein beutesuchender
-Bussard, im Schilf Scharen wilder Enten, im Wald das sorglose, flinkfüßige Reh,
-dazu tausend und tausend blaue und braune brummige Käfer, Insekten mit lichtglänzendem
-Flügelkleid, schönheittrunkene Schmetterlinge, von Heidekraut zu Heidekraut
-überaus zarte, feinfädige Spinngewebe, darinnen der morgenfrische Tau funkelt
-und leuchtet wie Millionen Brillanten, und über allem ein ungemein feines und
-weiches Singen und Klingen und ein Duft und eine Seligkeit, daß das Herz schreien
-möchte vor so viel Schönheit.</p>
-
-<p>Das ist die Ruhe, der Frieden meiner Heimat &ndash; die Heide.</p>
-
-<p>Heute bin ich in ihren Hütten gewesen.</p>
-
-<p>Die Menschen wohnen in niedrigen, dumpfen Stuben. (Sie sind den lieben
-langen Tag im Wald und auf dem spärlichen Feld! Was brauchen sie in den
-Stuben frische Luft!)</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247"></a>[247]</span></p>
-
-<p>Wie gemütlich so ein brauner, breiter Kachelofen ist! Das Doppelbett hat
-einen frischen, buntblumigen Überzug. Auf dem Tisch stehen ein paar blutrote
-Nelken, die brennen vor lauter Liebe. An den Wänden hängen, gestickt, unter
-Glas und Rahmen, oder bloß auf Pappe gedruckt, fromme, bescheidene Wandsprüche.
-Im Glasschrank feiern silbern- und goldgeränderte Tassen, geblümelte Teller von
-Steingut und zierliche von Glas, allerhand nichtige, kleine Figuren, verblichene,
-braungetönte Photographien ein beschauliches Dasein. Von dem weißgestrichenen
-Fensterbrett gucken steife Geranien und herzreiche Fuchsien neugierig auf den rankenden
-Wein, der die kleinen Fenster wild umwuchert, wie weit er mit seinen Trauben
-sei. Draußen im kleinen Gärtchen verblühen späte Rosen in königlicher Pracht.</p>
-
-<p>Zwei Alte kommen mir freundlich entgegen: »Schön Willkomm’«, sagen sie.
-Wie lieb das klingt!</p>
-
-<p>Ich muß immer auf sie sehen, auf die beiden Alten. Mein Gott, die Hände,
-wie sind die hart und schwielig! Die haben im Leben was gerackert und geschafft,
-und die müden, erloschenen Augen, die haben manche Träne geweint … »Wir
-haben einmal zwei Söhne gehabt,« erzählen die beiden Alten, »echte, treue, starke
-Söhne der Heide. Da sind ihre Bilder … Sind alle beide gefallen. Für die
-Heide. Für die Heimat&nbsp;…«</p>
-
-<p>Die beiden halten sich an der zitternden Hand und sitzen ganz feierlich auf
-ihrem zerbeulten Sofa. Gerade über ihnen hängt der Spruch: Befiehl dem Herrn
-deine Wege, er wird’s wohl machen! … Die beiden Alten sind ganz ruhig,
-ganz still. Sie haben ein Lebenlang geschuftet und gesorgt. Nun sind sie so zufrieden
-und so fromm … Das fühlt man.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Arme Leute!</em> hier in der Heide&nbsp;…</p>
-
-<p>O du ruhlose, friedlose, du laute, du törichte Welt, wenn du wüßtest, wie
-arm du bist … und wie reich sie sind in den einsamen Hütten meiner Heimat!</p>
-
-<div class="figcenter illowp80" id="illu-053">
- <img class="w100" src="images/illu-053.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Preis für Mitglieder (gebunden) M.&nbsp;15,&ndash; (sonst M.&nbsp;18,&ndash;). Bestellkarte anbei.</p>
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_248"></a>[248]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Das_Weberhaus_in_Hosterwitz">Das Weberhaus in Hosterwitz</h2>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">Edgar Hahnewald</em>, Dresden</p>
-</div>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Die Wohnungsnot zwingt dazu, jeden verfügbaren Raum nutzbar zu machen;
-dadurch werden aber in gewissen Fällen auch Stätten bedroht, deren unangetastete
-Erhaltung selbst in dieser Notlage geboten erscheint. Das ist auch beim Weberhaus
-in Hosterwitz der Fall, das bisher fast unbekannt und darum unberührt
-lag; besucht und bewundert von denen, die diese Stätte zu schätzen wußten,
-seine kulturelle und musikgeschichtliche Bedeutung kannten. Jetzt aber glauben
-die Wohnungsbehörden, die bisher Rücksicht übten, diesen stillen Winkel nicht
-länger schonen zu können. Wenn aber das Weberhaus für dauernd bewohnbar
-gemacht werden sollte, sind Eingriffe in die äußere und innere Gestaltung unumgänglich
-nötig, die den historischen Charakter des Hauses zerstören.</p>
-
-<p>Der Heimatschutz bemüht sich, im Verein mit dem um die Erhaltung
-der Kulturstätte verdienten Besitzer, Herrn Emil Krahmer, die drohende Gefahr
-abzuwenden.</p>
-
-<p>Es erscheint angebracht, auch weitere Kreise für diese Schaffensstätte des
-Freischütz-Komponisten Carl Maria von Weber zu interessieren, was durch die
-nachfolgende Schilderung geschehen soll.</p>
-
-<p class="mright">
-Die Schriftleitung.
-</p></div>
-
-<p>An der Dresdner Straße in Hosterwitz, in beinahe unmittelbarer Nähe des
-Pillnitzer Idylls, liegt Carl Maria von Webers Sommerhaus.</p>
-
-<p>Hundert Jahre lang hat ein guter Stern über seiner Unversehrtheit gewacht.
-Kaum daß es jemand wußte. Zwar Webers Möbel stehen nicht mehr darin.
-Irgendwer hat später dem hinteren Fachwerkgiebel eine hölzerne Veranda vorgebaut,
-die aber das Ganze nicht stört und die heute schon wieder alt geworden
-und von der Zeit in die Stimmung des Winkels einbezogen worden ist. Aber
-sonst ist es noch ganz und gar Webers Haus geblieben &ndash; man meint, die Blumen,
-die da blühen, habe schon er gestreift, wenn er kam und seine Frau Caroline in
-der Laube ihm entgegensah. Und die stillwachsenden Bäume haben das Häuschen
-nur noch tiefer in friedevolles Grün gehüllt.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Es ist eigentlich kaum ein Wunder, daß die hundert Jahre das Häuschen
-nicht antasteten. Die nahe Stadt wuchs sich nach anderen Richtungen aus und
-ließ diesen Winkel unberührt. Und daß sonst niemand ein Aufhebens von diesem
-Eckchen machte, gereichte ihm zum Schutz vor absichtsvollen Aufmerksamkeiten, die
-vielleicht gerade das zerstört hätten, was nun so reizend daran ist: seine Unberührtheit.</p>
-
-<p>Wir schätzen heute solches Erbe bewußter. Aber sofort zwingen uns auch
-die schärfer zugreifenden Bedrohungen dazu, uns schützend vor das ideelle Gut zu
-stellen, das uns gelassenere Zeiten hinterließen. Denn während es bisher gut für
-das Häuschen war, daß es unbeachtet blieb, müssen wir heute gerade umgekehrt
-aller Augen darauf hinlenken und sagen: dieses kleine Haus ist ein Schatz, den
-ihr alle kennen und schützen und erhalten helfen müßt!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_249"></a>[249]</span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<div class="figcenter illowp80" id="illu-055">
- <img class="w100" src="images/illu-055.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 1 <b>Hosterwitz, gemalt von Professor C. A. Günther um 1820</b><br />
-(Aus dem Dresdner Stadtmuseum)</div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_250"></a>[250]</span></p>
-
-<p>Als Weber, königlich sächsischer Kapellmeister und Musikdirektor der eben
-erst geschaffenen deutschen Oper in Dresden, dieses Häuschen fand, erfüllte sich ein
-längst gehegter Wunsch. Schon lange spähten er und seine junge Frau nach einem
-»Sommernest« aus, das im Sinne der damaligen Zeit anspruchslos sein, aber
-nicht zu weit ab von der Stadt liegen sollte. Dieses kleine Haus, das dem Hosterwitzer
-Winzer Felsner gehörte, entsprach allen Wünschen. Unverdrossen wanderte
-nun Weber immer wieder von Dresden nach Hosterwitz und zurück, um das
-Ausmaß irgend eines Raumes zu holen, das Caroline zum Plane der Einrichtung
-brauchte. Und nachdem er sich so und so oft diesen Weg »entlang komponiert«
-hatte, bezog das Paar glückstrahlend am 18. Juni 1818 das erste Stockwerk des
-Häuschens, das ihm zum Sommerparadies wurde.</p>
-
-<p>Wir fahren heute in fünfzig Minuten mit der Straßenbahn von Dresden
-nach Hosterwitz. Damals kostete das einen strammen Fußmarsch. Und man kann
-sich eine Vorstellung von dem festlichen Umstande machen, den alljährlich die Übersiedlung
-in die Sommerresidenz verursachte, wenn man der launigen Schilderung
-gedenkt, die Wilhelm von Kügelgen in seinen Jugenderinnerungen eines alten
-Mannes von der Badereise seiner Mutter von Dresden nach Lotzdorf bei Radeberg
-gibt: »Unser dottergelber Reisewagen ward nun hochbepackt mit allem Nötigen,
-mit Koffern, Waschen und darüber hingeschnallten Bettsäcken, vier Pferde wurden
-vorgelegt und die ungeheure Maschine setzte sich in Bewegung.«</p>
-
-<p>Auch Weber reiste mit einer solchen »Maschine«. Und später schaffte er sich,
-um den häufig nötigen Fußmarsch zu ersparen, auch eine Equipage an und versteifte
-sich darauf, selbst zu kutschieren, wobei er freilich übel debütierte und nach
-der dritten Fahrt kleinlaut zu Fuß in Hosterwitz ankam, während ein Bursche
-Tier und Wagen nachführte. Er besaß aber später stets zwei Pferde, Reise- und Stadtwagen
-und eine nach damaliger Sitte reich in Rot und Gold dekorierte Droschke.
-Und es war eine seiner kleinen Eitelkeiten, daß man seine Equipage zu den
-elegantesten der Stadt zählte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Hosterwitz lag damals wirklich weit ab von der Stadt, und die Reise dahin
-war schon ein Ereignis in einer Zeit, in der das Linckesche Bad an der Elbe und
-Findlaters Weinberg hinter der heutigen Saloppe die Ausflugsziele der Dresdner
-waren. Das hübsche Aquarell Professor Günthers aus dem Jahre 1820 im
-Dresdner Stadtmuseum gibt eine deutliche Vorstellung davon, wie ländlich und
-abgeschieden das kleine Dorf am Fuße der Rebenberge lag. August Schumanns
-Staats-, Post- und Zeitungs-Lexikon berichtet in dem 1817 erschienenen Bande, daß
-Hosterwitz nur 21 Häuser und 113 Einwohner zählt, und fügt im Ergänzungsbande
-von 1830 hinzu: »Hosterwitz liegt in und vor dem Keppgrunde, unstreitig
-in einer der reizendsten Gegenden Sachsens, welche wir selbst jenen von Pillnitz
-und Loschwitz noch vorziehen möchten, da hier die ansehnlichen Berge fast jeder
-Art von Bekleidung, nicht das Einerlei der ununterbrochenen Weinpflanzungen
-zeigen; auch haben die hiesigen und poyritzer Wiesen einen auffallend üppigen
-Charakter.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_251"></a>[251]</span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>In dieser friedlichen Landschaft lag nun Webers Sommerparadies, in dem
-er Ruhe, Erholung von den ewigen Kämpfen mit seinen Dresdner Widersachern
-und erfrischende Anregungen zum Schaffen fand.</p>
-
-<p>Die Ströme, die aus dieser Umgebung in seine Arbeit hinüberfließen, pulsen
-immer. Die Kantate, der er den Titel »Natur und Liebe« gab, spiegelt ja geradezu
-im Duett »Holde, zaubrisch-schöne Hügel« die Lieblichkeit des Elbtales musikalisch
-wieder. Die anmutige »Aufforderung zum Tanz«, die schönsten Partien des Freischütz,
-der Euryanthe, des Oberon und viele kleinere, nicht minder köstliche Werke
-entstanden auf den Spaziergängen um Hosterwitz und sind in diesem kleinen Hause
-niedergeschrieben worden.</p>
-
-<p>Alle seine Schöpfungen kristallisierten sich so: eine musikalische Idee blitzte
-auf wie ein Stern in der Nacht, tagelang reifte sie sich aus bis zur letzten Note,
-und im Geiste gestaltet existierte sie längst, ehe noch eine einzige Note auf dem
-Papier stand. Oft überraschte er seine Freunde mit dem Vorspiel einer Komposition,
-die nur in seinem Kopfe, dort aber unverlöschbar fixiert war &ndash; in seinen
-Notizen findet sich wiederholt lange vor der Niederschrift eines Musikstückes die
-Bemerkung, daß er dies oder jenes »fertig gedacht« habe.</p>
-
-<p>Kleinigkeiten wurden zu Anlässen seiner Schöpfungen. Ein Klarinettist seiner
-Kapelle begleitete ihn einst auf einem Spaziergange nach dem Linckeschen Bad.
-Weber schritt stumm vor sich hin. Es regnete. In der Gartenwirtschaft hatten
-die Kellner Tische und Stühle, meist mit den Beinen nach oben, in Gruppen zusammengesetzt.
-Beim Anblick dieser in Reihen und Intervallen starrenden Tisch-
-und Stuhlbeine blieb Weber plötzlich stehen, lehnte sich rückwärts auf seinen Stock
-und rief: »Sehen Sie, Roth, sieht das nicht aus wie ein großer Siegesmarsch?
-Donnerwetter, was sind das für Trompetenstöße!« &ndash; abends notierte er den
-fertig gedachten Marsch, der später im Oberon erklang.</p>
-
-<p>Während eines schläfrigen Nachmittagsgottesdienstes in der Pillnitzer Kapelle
-hörte er das unerträglich falsche Intonieren einiger alter Weiber bei den Responsorien
-einer Litanei &ndash; aus diesem Eindruck entstand der Lachchor der Bauern im
-ersten Freischützakt.</p>
-
-<p>Auf einer Fahrt nach Hosterwitz an einem Nebelmorgen wankte der Wagen
-durch das graue, gespenstige Gewoge &ndash; in dieser Stimmung schuf, »dachte« er die
-Wolfsschluchtmusik.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Als schöpferische Offenbarungen strömten ihm auf diesen Gängen rund um
-Hosterwitz die Ideen zu. Und in diesem Häuschen schrieb er sie nieder. In jenem
-kleinen Zimmer, in das die sommerlichen Baumkuppeln der Pillnitzer Maillebahn
-und die in wogenden Linien ziehenden blauen Hügel hereinblicken, arbeitete er.
-In lauen Sommernächten saß er an diesem Fenster und schrieb in fehlerlosen
-Partituren von den Flötenstimmen bis zum Baß vollständig mit allen Zeichen,
-Pausen, Pianos, Fortes in perliger Notenschrift, wie in Kupfer gestochen nieder,
-was in seinem Kopfe »fertig gedacht« und unvertilgbar stand. Und sein Sohn
-Max, sein treuer Biograph, läßt uns die frohe Feier dieser Arbeitsstunden ahnen:<span class="pagenum"><a id="Seite_252"></a>[252]</span>
-»Kein Piano wurde dabei angeschlagen, das volle Orchester, von guten Geistern
-gespielt, klang ja von selbst in seinen Ohren, während er seine zierlichen Musikschriftzeichen
-malte.«</p>
-
-<p>Manchmal, vom Glück des Schaffens durchströmt, von jenem göttlichen Fieber
-erregt, das noch über das vollendete Werk hinaus nach Ausbruch drängt, trat er,
-nachdem er einen Nachmittag lang gearbeitet hatte, dann aus dem kühlen Hause
-hinaus in den Garten. Düfte strömten und die Sonne leuchtete über allem. Er
-schritt über den knirschenden Sand der Laube zu, in der seine Gattin nähte und
-stickte, warf die lange, graue Arbeitsjacke von sich, reckte die Arme und rief:
-»Möcht’ doch den Kerl sehen, der glücklicher ist als ich!« Und dieser Schöpfer
-und Kämpfer, der kein Duckmäuser und kein sentimentaler Träumer war, der
-Wein und volle Tische liebte, der mit adligen Kammerherren und bäurischen
-Hüfnern in der Keppgrundschänke Kegel schob und der dem Leben seine Kraft
-verschwendend hinwarf, fügte solchen Glücksausbrüchen still hinzu »Gott behüts«
-und lüftete sein schwarzes Käppchen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Hosterwitz schenkte ihm schöpferische Kräfte &ndash; Hosterwitz schenkte ihm Ruhe
-nach der unerhörten Anspannung im Winter in der Stadt.</p>
-
-<p>In diesem bescheidenen Hause verlebte er eine Reihe glücklicher Sommer und
-er war froh und heiter im Genusse der einfachen Freuden, die das ländliche Idyll
-bot. Er streifte mit Carolinen durch Täler und Wälder, tafelte mit Freunden in
-der wasserumrauschten Keppmühle Landbrot und Ziegenkäse, spielte stundenlang
-mit seinem Jungen, seinem Hunde, seiner Katze, seinem Kapuzineräffchen, lag im
-Grase, ließ sich die Sonne auf den Rücken scheinen und streckte, wie er seinem
-Freunde Lichtenstein einmal schrieb, vergnügt »alle Viere von sich«. Er mühte sich
-ab, aus Bindfaden und Gurten ein Geschirr für den Hund zu bauen, der Sohn,
-Katze und Affen spazieren fahren mußte. Und er war glücklich, wenn alles um
-ihn her jachterte und purzelte.</p>
-
-<p>Immer stand das kleine gastfreie Haus für Freunde offen. Und Weber war
-stolz, wenn für die Gäste, die nur »ländliche Milch und süße Früchte« erhofften,
-aus der Küche Carolinens wie durch ein Wunder Eis, Moselwein, Champagner
-und allerhand treffliche Labe, nach eines Freundes Ausdruck »in sächsischer und
-österreichischer Weise kulinarisch gedichtet,« hervorquoll und sich auf Tisch und
-Rasen ergoß.</p>
-
-<p>Ludwig Tieck war oft unter diesen Freunden. Und lange Zeit kam auch
-Jean Paul aus seinem Dresdner »Lenzhäuschen« nach Hosterwitz gewandert. Er
-kam, wie Webers Biograph ihn schildert: dick, immer ein wenig unsauber, stets
-von einem schnaubenden Pudel begleitet, ein alter Herr, der mit einer etwas
-geschraubten Jugendlichkeit kokettierte und der so gar nicht mit seinen poetischen
-Schöpfungen harmonierte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_253"></a>[253]</span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<div class="figcenter illowp80" id="illu-059a">
- <img class="w100" src="images/illu-059a.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 2 <b>Das Weberhaus, an der Straße die beiden prächtigen Nußbäume</b></div>
-</div>
-
-<div class="figcenter illowp80" id="illu-059b">
- <img class="w100" src="images/illu-059b.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 3 <b>Der einzigartige Blumengarten des Weberhauses</b></div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_254"></a>[254]</span></p>
-
-<p>»Oh Hosterwitz, oh Ruhe! Ruhe!« Das schrieb Weber einmal in einem
-Briefe. Aber Ruhe nannte er es auch damals noch: die Euryanthe schreiben;
-Ruhe nannte er: in vierundzwanzig Tagen drei Singspiele und eine Oper einstudieren,
-zu jeder Probe drei Meilen zurücklegen und außerdem in hundert Tagen
-noch achtunddreißigmal Dienst in Kirche und Theater tun.</p>
-
-<p>»In dieser Zeit,« schreibt sein Sohn, »sahen Caroline und der damals auch
-in Hosterwitz wohnende (Freund und Schüler) Benedikt oft schon früh vor sechs Uhr,
-wenn sie in die Laube im Garten traten, wo gewöhnlich das gemeinschaftliche
-Frühstück eingenommen wurde, am offenen Fenster seines Arbeitszimmers das
-bleiche Haupt des Meisters über das Notenpapier gebeugt, oder ihn vom kurzen
-Morgenspaziergange heimkehren. An allen Tagen, die ihm sein Dienst frei ließ,
-arbeitete er sechs bis acht Stunden unablässig an der Oper und gönnte der gepreßten
-Brust nur selten, bei langsamen Wanderungen am Elbufer oder durch ein Waldtal
-die Erquickung tiefer Atemzüge balsamischer Luft. Mehr als einmal rief er,
-aus dem heißen Arbeitszimmer in den Garten tretend und die Arme ausdehnend
-aus: ›Ich wollte, ich wär ein Schuster und hätte meinen Sonntag und wüßte
-nicht Gix noch Gax von <em class="antiqua">C</em>-Dur und <em class="antiqua">C</em>-Moll!‹«</p>
-
-<p>Unablässige Arbeit schwächte seine ohnehin kränkelnde Brust. »Ich huste und
-faulenze,« antwortete er ingrimmig den Freunden, die nach seinem Ergehen fragten.
-Die Symptome der Müdigkeit häuften sich, seine Kräfte, flackrig geworden, verzehrten
-sich in tätiger Hast.</p>
-
-<p>Ein Jahr darauf, 1823, fühlte er sich zu matt für den der Entfernung wegen
-beschwerlichen Aufenthalt in Hosterwitz, der ihm &ndash; ein tragischer Widerspruch &ndash;
-gerade damals so not tat. Und doch rang er sich in dieser Zeit den Oberon ab!
-»Dieses Leben und musikalische Licht und diese tongewordene Heiterkeit und Frische
-schrieb ein kranker, gebeugter und verdrossener Mann, den trockner Husten Tag
-und Nacht quälte, der, in Pelze gehüllt, die geschwollenen Füße in Sammetstiefeln,
-am Schreibtische saß und im stark geheizten Zimmer fror.«</p>
-
-<p>In diesen letzten Schöpferstunden umgeisterten ihn schon Todesgedanken. Sie
-trieben ihn in Sorgen um das Wohl seiner Familie. Um für sie zu sorgen, bestand
-er auf der verhängnisvollen Londoner Reise. »Ich erwerbe in England ein gut
-Stück Geld, das bin ich meiner Familie schuldig,« sagte er zu einem Freunde, »aber
-ich weiß sehr gut &ndash; ich gehe nach London, um da zu sterben &ndash; still, ich weiß es.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am 7. Februar 1826 trat er die Reise an. In Pelze gehüllt stieg er in den
-Reisewagen. Und während er in den dunklen Wintermorgen hinausrollte, sank
-seine Frau in ihrem Zimmer zusammen und schluchzte ahnungsvoll: »Ich habe
-seinen Sarg zuschlagen hören!«</p>
-
-<p>Dreiundfünfzig Briefe flatterten noch nach Hosterwitz. Und dem grünumbuschten
-Frieden des stillen Häuschens galt seine Sehnsucht aus der Ferne: »Ich
-habe wohl schon genug &ndash; vielleicht &ndash; in Dresden gewiß schon zu viel getan und
-will mich in Hosterwitz recht strecken und pflegen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_255"></a>[255]</span></p>
-
-<p>Er kam nicht wieder.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-061">
- <img class="w100" src="images/illu-061.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 4 <b>Ausblick aus Webers Arbeitszimmer in den Garten
-und nach der Elbe</b></div>
-</div>
-
-<p>Am 5. Juni 1826, acht Wochen nach der Uraufführung des Oberon in London,
-schloß der vierzigjährige Schöpfer die Augen. Und als er in London schon aufgebahrt
-lag, ließ eine Freundin, Charlotte von Hanmann, ihren Wagen am Dorfeingange
-halten und brachte der Frau in Hosterwitz die Todesbotschaft, über der
-die Verlassene mit einem Schrei zusammenbrach.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ein Jahrhundert ist seitdem durch den friedsamen Garten, durch die kleinen
-Räume des schlichten Hauses gegangen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_256"></a>[256]</span></p>
-
-<p>Der Zauber einer holden Verschollenheit liegt darüber gebreitet. Ich sah das
-Idyll im seligen Glast eines Hochsommertages um die Stunde, da Pan schläft &ndash;
-vor den Fenstern des treuen Bewahrers, des alten Krahmer, standen Kornpuppen
-mit einer Krone schwergebogener Halme. Und ich sah es wieder im milden Riesellichte
-der Septembersonne &ndash; über Haus und Garten spann sich ein scheidender
-Abglanz der Glückstage, deren sich Haus, Garten, Laube heimlich zu entsinnen scheinen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Dem Kommenden guckt das Häuschen mit gemütlichen Fenstern entgegen &ndash;
-es blinzt gleichsam vertraulich und wartend durch den Zaun, der das benachbarte
-Feld einhegt.</p>
-
-<p>Dann aber wehrt eine alte Steinmauer die Neugier ab &ndash; es ist ein Winkel
-für Vertraute. Zwei alte Nußbäume überschatten locker belaubt das grüne Holztor
-zwischen den Torsäulen mit den Steinkugeln obendrauf.</p>
-
-<p>Der Grundriß des Hauses hat die Gestalt eines längs zur Straße gelegten
-lateinischen <em class="antiqua">T</em>. Das ergibt drei Giebel, von denen einer der Straße, der andere
-der hinter Dorf und Bäumen verborgenen Elbe zugekehrt ist, während der dritte
-in den blühenden Garten blickt. Um diesen Giebel knirschte Carolinens Schritt,
-wenn sie kam, den Heimkehrenden zu empfangen, der ihr durch das Gitter des
-grünen Tores entgegenlachte.</p>
-
-<p>Innen ist der alten Mauer, dem Tor zur Seite, ein schmaler, steinerner Sitz
-eingefügt. Er sieht einer Konsole ähnlicher als einer Bank. Eine Clematisranke
-zieht einen Bogen darüber. Diese hübsche Kleinigkeit mutet an wie eine zierliche
-Titelvignette.</p>
-
-<p>Rundum blüht es. Ein bunter Fries von Astern und Balsaminen umzieht
-den Sockel des Hauses. Vor dem blaugrauen Giebel blühen hochstämmige Rosen,
-Oleander, Astern, Geranien im Buchsbaumrondell. Sogar um die alte Pumpe in
-ihrem Holzgehäuse mit spitzem, rotem Dach, die zu Webers Zeiten auch schon dastand,
-blüht ein Kranz bunter Topfblumen: Geranien, fleißiges Lieschen, blaßblaue,
-hängende Glockenblumen.</p>
-
-<p>Dahinter, in dichtes Grün gehüllt, versteckt sich die Laube, in der Caroline
-mit ihrer Näharbeit saß, wenn er oben am Freischütz schrieb. Der Efeu hat die
-Laube dicht umwuchert. Über das hohe, spitze Dach wächst er noch hinaus und
-krönt den Laubengiebel mit einem üppigen Blätterschopf. Drinnen &ndash; drei Steinstufen
-führen hinein &ndash; ist es kühl. Die weiße Decke ruht auf kornblumenblauen
-Wänden. Weißes, bäuerlich gemütliches Gestühl steht drin. Durch die zwei Fenster
-der Rückwand blickt man aus der blauen Kühle hinaus in durchsonntes Gartengrün.</p>
-
-<p>Und draußen im Licht, im Sonnenschein, von den Efeugardinen der Laube
-umrahmt, liegt das Haus, hell, heiter und glücklich.</p>
-
-<div class="figcenter illowp80" id="illu-063a">
- <img class="w100" src="images/illu-063a.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 5 <b>Großes Eckzimmer im Obergeschoß</b></div>
-</div>
-
-<p>Wein rankt an Spalieren an den Wänden herauf. Blaue Winden blühen
-zwischen den Reben. Diese Blumentrichter, in deren zartweiße Tiefe violette Saftmale
-hinabführen, wirken zwischen den flachgeschichteten, silbern überreiften Weinblättern
-köstlich. Sie erinnern an Becherschalen von hauchdünnem Porzellan. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_258"></a>[258]</span>
-die grünen Fensterläden mit den schräggestellten Jalousiebrettchen, die vor den
-weißgestrichenen Fenstern in das silbergrüne Weingerank zurückgeschlagen sind,
-vollenden den sommerlich heiteren Eindruck, den das Ganze macht. Es sieht aus,
-als lupfe das Haus lauter kleine grüne Flügel und schicke sich an, vor Vergnügen
-am eignen Dasein mal ein bißchen über den Garten hinzufliegen. Und das ziegelbewimperte
-Fensterauge im altersbraunen Dach zwinkert: ja, los &ndash; mal übern
-Garten hin!</p>
-
-<div class="figcenter illowp80" id="illu-063b">
- <img class="w100" src="images/illu-063b.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 6 <b>Treppenflur des ersten Obergeschosses</b></div>
-</div>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der Garten. Er ist gar nicht groß und scheint doch unabsehbar, weil Buschwerk
-und Hecken seine Grenzen verhüllen, weil man über die Bäume hin und
-zwischendurch in benachbarte Obstbaumwiesen und Gärtenwildnis guckt und weil
-die gradlinigen Wege das Gartenstück so geschickt aufteilen, daß sich ein Eindruck
-von Größe ergibt.</p>
-
-<p>Da durchschneidet ein Weinlaubengang von der Haustür aus den Garten der
-Breite nach. Sonnenlicht rieselt hindurch und mustert den sauber geharkten Weg
-mit einem Schattengitter. Der Gang ist kaum zehn Schritte lang. Hinten schließt
-eine lockere, wandartig verschnittene Buchenhecke den Durchblick ab, sonniger Rasen
-schimmert hindurch &ndash; der Gang scheint in eine grüne Wirrnis zu führen, die gar
-kein Ende nimmt.</p>
-
-<p>Man tritt aus dem Gang heraus und steht vor einer anderen Laube, die mit
-ihren gelben Wänden ganz sonnig wirkt. Wilder Wein streckt wippende Ranken
-herein &ndash; eben hissen seine Blätter die köstlichen Likörfarben des Herbstes.</p>
-
-<p>Vor der Laube beschattet eine stattliche Linde einen kleinen Platz. Eine weiße
-Bank steht darunter. Und nahe dabei, im schützenden Hauswinkel, trägt ein
-Feigenstrauch sogar Früchte &ndash; Weinstock und Feigenstrauch: es ist eine beinahe
-biblische Symbolik häuslichen Glücks.</p>
-
-<p>In einem anderen Winkel des Gartens macht der Weg eine kleine kokette
-Biegung &ndash; man steht vor einem Gitterpförtchen in der Mauer, tief unter einer
-hohen, fächerleicht entfalteten Akazie und hinter dichtem Gesträuch heimlich verborgen.
-Draußen läuft ein schmales Gäßchen zwischen Gemäuern vorbei &ndash; und das wieder
-ist ganz das Szenarium einer Liebesgeschichte.</p>
-
-<p>Und man guckt in den Garten zurück.</p>
-
-<p>Was da alles auf kleinstem Raum wächst, blüht, reift! Obstbäume stehen im
-Rasen. Dahinter die Weinlaube. Und rundum blüht es: goldgelbe Röderblumen
-und fleischigrote Begonien, Astern und Phlox, Nelken und Balsaminen. Es ist
-eine Fülle.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Und über all das hinweg, in das Blühen und Wachsen hinein guckt mit
-allen Fenstern das Haus.</p>
-
-<p>Man betritt den kühlen, anheimelnden Flur &ndash; dabei kann man der Lockung
-nicht widerstehen und zupft beim Eintreten mal an dem Klingelzug, worauf der
-Flur von altväterischem Gebimmel widerhallt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_259"></a>[259]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-065">
- <img class="w100" src="images/illu-065.jpg" alt="" />
- <div class="caption"><div>Abb. 7 <b>Die Weberlaube</b></div>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Diese Laube alt und klein,</div>
- <div class="verse indent0">Soll allen Zeiten befohlen sein,</div>
- <div class="verse indent0">Weil hier ein heiliger Quell’ entsprang</div>
- <div class="verse indent0">Freischütz, der Ewigkeitsgesang.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-<p class="mright">
-<em class="gesperrt">Ernst von Wildenbruch</em>
-</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>Unten wohnt der biedere alte Krahmer, der Eigentümer dieses Schatzkästchens &ndash;
-er wohnt sozusagen in seinem Augapfel, denn wie einen solchen hütet er das Haus.
-Und nächst ihm verdanken wir den sorgsam und pietätvoll gepflegten Zustand des
-Ganzen dem Maler Heinrich Hübner, der hier seit Jahren allsommerlich bis tief
-in den Herbst &ndash; dann wird dieses Sommerhäuschen alt und feucht und unwirtlich
-&ndash; sein steinernes Berlin vergißt und künstlerisch von diesem Haus und diesem<span class="pagenum"><a id="Seite_260"></a>[260]</span>
-Garten und der Landschaft ringsum lebt. Er hat Vieles hinzugetragen, was &ndash;
-ich möchte sagen: seelisch zu der vorhandenen Einrichtung der Räume wenn auch nicht
-aus Webers Besitz, so doch aus der Weber-Zeit stimmt.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Webers Zimmer liegen oben im ersten Stockwerk. Eine gewundene Steintreppe
-führt hinauf.</p>
-
-<p>Im Giebelzimmer, in das von drei Seiten Garten, Bäume und Berge hereingrüßen,
-wohnte das gastfreie Ehepaar.</p>
-
-<p>Der Raum mit dem behäbigen, runden Tisch, den behaglichen Polsterstühlen
-und den edel schlichten Kirschbaummöbeln macht den Eindruck, als würde Caroline
-jeden Augenblick wieder eintreten und mit der Stimme der beliebten Bühnensängerin
-von einst sagen: Weber kommt &ndash; ich bitte die Herren um ein Weilchen Geduld.</p>
-
-<p>Aber nur seine Totenmaske blickt drüben im kleinen Arbeitszimmer dem
-Besucher entgegen. Sie ist kostbarer Familienbesitz und war nur da, weil der
-Maler Hübner das geistvoll feine Antlitz zeichnete. Alle Weberbildnisse aus der
-Lebzeit des Meisters erblinden vor diesem Abdruck des eben Verstummten &ndash; der
-letzte Hauch des entschwundenen Lebens durchdrang &ndash; so scheint es &ndash; die formende
-Masse und belebte sie. Er gab ihr den aus seelischen Tiefen kommenden Blick der
-Pupillen, der die schon geschlossenen Lider noch ein letztes Mal durchdringt, der
-im Wissen um das Letzte noch einmal ins Leben zurückblickt. Und gab der feingeformten
-Nase ein letztes nervöses Atmen, ein Veratmen. Und ein letztes, unausgesprochenes
-Sprechen dem energisch und doch mild geschwungenen Munde.</p>
-
-<p>Ich neigte die Maske ein wenig nach vorn &ndash; um diesen Mund erschien ein
-feines, heimliches Lächeln, ein verstehender, stummer Spott aus dem Schattenreiche
-der Toten, die um die Irrtümer der Lebenden wissen und deren Eifer belächeln &ndash; das
-Beste, das Letzte haben sie immer mit hinübergenommen.</p>
-
-<p>Das Antlitz lächelte voller Geheimnisse. Und durch das offene Fenster, aus
-dem blühenden Garten, weiter her, von den fernen Duftbergen im Abendlicht, aus
-dem Endlosen des perlmutterfarbenen Himmels drang lautlos, verhallend, riesengroß
-vom Himmel niederflüsternd, aus Freischützklängen geisterhaft ins Unendliche
-verklingend:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Schau der Herr mich an als König!</div>
- <div class="verse indent0">Dünkt Ihm meine Macht zu wenig?</div>
- <div class="verse indent0">Gleich zieh Er den Hut, Mosje&nbsp;…</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und darüber hin, schattenhaft groß, als lautloser Zwieklang der Lachgesang:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Hehehehehehehehehehe!</div>
- <div class="verse indent0">Hehehehehehehehehehe!</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Im Weinlaub raschelte leises Frösteln.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Um mich stand still und schlicht das Zimmer, in dem der Tote dort den
-Freischütz und die Euryanthe und den Oberon geschrieben hat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_261"></a>[261]</span></p>
-
-<p>Ich trat ans Fenster, an dem er saß, an sommerlichen Tagen, in bleichen
-Nächten, über das Notenpapier gebeugt.</p>
-
-<p>Unten, zum Greifen nahe, blühte der Garten im Herbstlicht, im Abendschimmer.
-Heiterkeit flog vogelgleich drüberhin &ndash; drüberhin.</p>
-
-<p>Und es schien mir gut so, daß dieser lächelnde Garten den Schrei nicht gehört
-hat, mit dem Caroline die Todesbotschaft empfing &ndash; die Frau, die schon Witwe
-war, ehe sie es wußte, eilte ahnungsvoll hinaus auf die Straße, der Botin entgegen,
-als sie das Rollen des Wagens vernahm und ihn an ungewohnter Stelle halten
-sah. Dort brach sie zusammen und dort zerschnitt der Schrei die Luft.</p>
-
-<p>Der Garten lächelte in friedlicher Glücksruhe fort.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Vom Fenster her sah ich hinüber nach dem Antlitz des Toten, dessen Arbeitsstätte
-dieses kleine Zimmer war.</p>
-
-<p>Der Zwieklang des Notengelächters in der Luft war verstummt. Und auf
-den mageren Wangen dieses Gesichts lag ein verzitterndes Mitfühlen des Schmerzes,
-den er zurückließ, und der für eine geliebte Frau der Abschied von den Heiterkeiten
-des Lebens war, die einmal diese Räume, diesen Garten durchklungen und deren
-milder Widerschein allsommerlich in den unschuldigen Blumen des Gartens erblüht.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Wissenschaft_und_Vogelschutz">Wissenschaft und Vogelschutz</h2>
-</div>
-
-<p>Auf meine wenigen Zeilen über »Vogelschutz von seiten eines Forschers«<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a> sendet Herr Schriftsteller
-R. Zimmermann an den Herausgeber der Mitteilungen eine Erwiderung, die ich insofern
-begrüße, als sie mir Gelegenheit gibt, auf die Frage etwas näher einzugehen. Zunächst lasse
-ich Herrn Zimmermann das Wort; er schreibt:</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>»<em class="gesperrt">Vogelschutz von seiten eines Forschers!</em>« Unter diesem Stichwort übt im letzten
-Heft der Heimatschutz-Mitteilungen Herr B. Hffm. eine scharfe Kritik an einer Arbeit des Ungarn
-Csiki »Positive Daten über die Nahrung unserer Vögel« in der »Aquila«, der Zeitschrift des Ungarischen
-Ornithologischen Instituts. Bei aller Hochachtung und Verehrung, die ich für den Verfasser der
-Kritik, mit dem ich mich ja sonst eines Herzens und eines Sinnes weiß, empfinde<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a>, kann ich
-um des Ansehens einer wissenschaftlichen Anstalt wegen, der gerade auch die deutsche vogelkundliche
-Forschung reiche Anregungen, der deutsche Forscher aber durch uneigennützigste Überweisung
-wertvoller Veröffentlichungen u. v. a. m. nicht hoch genug einzuschätzende Unterstützungen verdanken,
-und die vor allem jederzeit auch zielbewußt für einen ganz entschiedenen Vogel- und
-Naturschutz eingetreten ist und gerade auf diesem Gebiete viel mustergültiges und vorbildliches
-geleistet hat &ndash; wer wohl hat es schon einmal bei uns versucht, die Bedingungen festzustellen,
-unter denen man die so nützlichen Fledermäuse neu ansiedeln und vermehren kann? &ndash; nicht
-unwidersprochen lassen. Ich bin mehrfach Gast des Ungarischen Ornithologischen Instituts
-gewesen, 1911 bereits, als Otto Hermann noch ihr Leiter war &ndash; ich habe selten einen Menschen
-kennen gelernt, der eine so große Hochachtung einflößte, wie diese prächtige, im Wesen jugendfrische
-Greisengestalt! &ndash; und später wieder während des Krieges, als mich in feldgrüner Schützenuniform
-der Weg einigemal über Budapest führte. Und ich zähle heute die Stunden, die ich in
-anregendstem Gedankenaustausch gerade auch über Vogelschutzfragen mit ihren Mitgliedern verleben<span class="pagenum"><a id="Seite_262"></a>[262]</span>
-konnte, zu meinen schönsten ornithologischen Erinnerungen, und bin dabei überzeugt, daß
-keiner der Herren, mit denen ich dort zusammengetroffen bin, jemals die Hand zu Maßnahmen
-bieten würde, die den Forschungen des Vogelschutzes zuwiderlaufen würden. &ndash; Die Elster ist in
-Ungarn ein ganz gemeiner Vogel und stellenweise viel häufiger, als es bei uns manchenorts die
-Krähen sind, sie tritt auch wohl überall stark schädigend auf &ndash; in Hermannstadt konnte ich mich
-1911 wiederholt selbst davon überzeugen, wie stark sie oft die Bruten der Kleinvögel zu zehnten
-vermag&nbsp;&ndash;, und eine Beschränkung ihres Bestandes gehört daher vielerorts zu den unbedingt
-gebotenen Lebensnotwendigkeiten. Ist es nun aber ein Fehler, wenn dann die abgeschossenen
-Vögel &ndash; und bei den Untersuchungen Csikis handelt es sich wohl ausschließlich nur um solche
-des Schadens wegen, nicht aber der Untersuchung halber abgeschossener Vögel, die dann, wie
-noch so manche andere, dem Institut regelmäßig zur Untersuchung eingeliefert werden &ndash; nicht
-einfach draußen im Felde wertlos verludern läßt, sondern sie noch wissenschaftlichen Feststellungen
-dienstbar macht? Magenuntersuchungen liefern nicht nur wertvolles Material für die wirtschaftliche
-Bewertung einer Vogelart &ndash; hätten wir jemals mit der Kraft und, das darf man
-wohl sagen, auch mit dem Erfolg für Mäusebussard und Turmfalk eintreten können, wenn nicht
-mehrere tausend Magenuntersuchungen dieser Vögel, die ohne diese Untersuchungen auch abgeschossen
-worden wären, uns ein so laut redendes Material beigebracht hätten, das allein erst
-die weitesten Kreise und die Behörden von dem großen Nutzen dieser beiden Tagraubvögel
-zwingend überzeugte?&nbsp;&ndash;, sondern sie ermöglichen uns auch noch so viele andere Einblicke in
-das Leben eines Tieres und bringen selbst sogar überaus wertvolles faunistisches Material
-(Nachweis einer ausgedehnteren Verbreitung der Nordischen Wühlratte in Deutschland) bei, daß
-man nur bedauern kann, daß nur der kleinste Bruchteil geschossener oder sonst tot aufgefundener
-Vögel derartigen Untersuchungen zugeführt wird.</p>
-
-<p class="mright">
-Rud. Zimmermann.
-</p></div>
-
-<p>Leider kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß in der vorstehenden Erwiderung
-die rein persönlichen Beziehungen eine etwas zu starke Rolle spielen. Ich habe den Wert und
-die Bedeutung der Magenuntersuchungen ja selbst hervorgehoben und ebenso die Bemühungen
-der Ungarn um den Vogelschutz anerkannt; ich weiß ferner aus eigner Beobachtung, daß die
-Elster in Ungarn häufiger ist als bei uns. Doch kann ich auch heute meine Bedenken nicht
-unterdrücken, daß die 351 Elstern nicht bloß ihres Schadens wegen, sondern auch um der Untersuchungen
-willen abgeschossen worden sind. Die meisten dürften doch wohl aus der näheren oder
-ferneren Umgebung des Instituts stammen, und da ist die Zahl 351 doch schon gewaltig hoch.
-Aber ich will der Kürze halber zugeben, daß in dem vorliegenden Falle die Tatsachen etwas
-gegen meine Auffassung sprechen. Ich habe den Fall nur an die Öffentlichkeit gebracht, weil es
-der mir zuletzt bekanntgewordene war und weil ich die Frage einmal anschneiden wollte, die
-viel wichtiger ist, als aus meinen kurzen Zeilen hervorgeht. Ich nehme, um dies darzulegen,
-bezug auf die Bemerkung Zimmermanns betr. des Mäusebussards. Auch hierzu muß ich ein
-großes Fragezeichen setzen, sofern es mir höchst unwahrscheinlich vorkommt, daß die allein von
-Röhrig untersuchten 1210 (!) Mäusebussarde »ohne diese Untersuchungen auch abgeschossen worden
-wären.« Daneben hat Röhrig noch bei 376 (!) Rauchfußbussarden den Mageninhalt festgestellt,
-während ein paar Jahre darauf Greschik wiederum 125 Rauchfußbussard-Magen lediglich des
-Inhalts wegen vorgenommen hat. Bedenkt man, daß gleiche Untersuchungen, wenn schon in
-viel geringerem Maße, noch von anderen Seiten ausgeführt worden sind, so ist klar, daß sie
-mit zu starken Eingriffen in den Bestand unsrer Raubvögel verbunden gewesen ist.</p>
-
-<p>Ich bemerke ferner, daß z. B. Vollhofer allein fast 500 und Pawlas sogar 600 Magen von
-Wasseramseln untersucht hat! Aber selbst wenn auch in diesen Fällen Herr Zimmermann mit
-seiner von mir oben erwähnten Bemerkung wenigstens teilweise recht hätte, so kann ich dieses
-Zugeständnis doch keinesfalls betreffs der übrigen Singvögel machen. Man wird sehr staunen,
-wenn man erfährt, daß Severin seinerzeit 3000 (!) Magen von insektenfressenden Singvögeln
-untersucht hat. So ziemlich um dieselbe Zeit machte Cziki gleiche Beobachtungen an wahrscheinlich
-ebenfalls sehr umfassendem Material, darunter z. B. Zaunkönig, Gartenrotschwänzchen,
-Grasmücken usw., und wenige Jahre später untersucht Rey 1075 (!) Magen von kerbtierfressenden
-Vögeln! Erwägt man hierbei, daß es sich immer um freilebende, nicht aber um in der<span class="pagenum"><a id="Seite_263"></a>[263]</span>
-Gefangenschaft gestorbene Vögel handeln kann und daß es außerordentlich schwer hält, einmal
-einen einzigen aus natürlichen Ursachen verendeten Vogel, noch dazu einen kleinen Singvogel,
-draußen in der Natur aufzufinden, so wird man zugeben, daß der durch die Magenuntersuchungen
-unter der Vogelwelt angerichtete Schaden größer sein dürfte als der Nutzen, den sie uns und den
-überlebenden Artgenossen gebracht haben.</p>
-
-<p>Jedenfalls muß ich hiernach meine starken und ernsten Bedenken gegen eine <em class="gesperrt">allzu umfangreiche</em>
-Magenuntersuchung unsrer Vögel aufrechthalten, und zwar um so mehr, als sich auch in
-andrer Beziehung ein gewisser Gegensatz zwischen Wissenschaft und Vogelschutz immer mehr zu
-entwickeln scheint. Er kommt dadurch zustande, daß jetzt den Faunisten bzw. Systematikern sehr
-daran liegt, von den einzelnen Arten bzw. Unterarten ganze Serien von Exemplaren zu erlangen,
-um dadurch etwaige Schwankungen und deren Grenzen, örtliche Abweichungen, Übergangsformen
-der einen in die andre Art usw. festzustellen. Daß das besonders für weniger häufige Arten
-recht bedenkliche Folgen haben kann, leuchtet ohne weiteres ein.</p>
-
-<p>Man muß sich hiernach wohl gefallen lassen &ndash; und Herr Zimmermann wird mir da
-sicher zustimmen&nbsp;&ndash;, wenn einmal von unbefangener Seite auf die Schattenseiten der Dinge aus
-wohlberechtigten Sorgen ernstlich hingewiesen und im Anschluß daran die Forderung gestellt wird,
-daß nach den angeführten Richtungen hin möglichst Maß gehalten werde!</p>
-
-<p class="mright">
-Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> Bernh. Hoffmann.
-</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Mitteilungen Heft 4/6, Bd. X, Seite 131</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Es beruht dies ganz auf Gegenseitigkeit (Anm. von B. Hffm.)</p>
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Kursaechsische_Streifzuege">Kursächsische Streifzüge</h2>
-</div>
-
-<p>Ein Ereignis hat sich für den Heimatfreund in diesen Tagen in aller Stille
-vollzogen: Der seit langem vergriffen gewesene dritte Band der Kursächsischen Streifzüge
-von Oberstudienrat <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">Otto Eduard Schmidt</em>: »Aus der alten Mark
-Meißen« liegt in erweiterter zweiter Auflage vor. Die durch sechs Kapitel über
-die Oberlausitz vermehrte Neuauflage des zweiten Bandes (»Wanderungen in der
-Ober- und Nieder-Lausitz«) ist unter der Presse und wird voraussichtlich noch vor
-dem Weihnachtsfeste erscheinen. Der fünfte und letzte Band »Aus dem Erzgebirge«
-ist im Manuskript fertiggestellt und wird im Laufe des Jahres 1922 herauskommen.
-Was uns dieses Werk ist, muß es noch ausgesprochen werden? Ziehen
-mit diesen Büchern in der Tasche nicht schon seit Jahren unsere Jünglinge in
-den Heimatgauen umher, freuen sich nicht an dem herrlichen Werke die Alten
-und atmen nicht unsere Männer auf des Lebens Höhe, wenn sie es gelesen haben,
-auf, wie befreit von einem Druck, der heimlich auf ihnen gelegen? Ich darf
-es wohl aussprechen, gerade das Geschlecht unserer Männer von vierzig und fünfzig
-Jahren hat den größten Gewinn aus dem Werke gezogen. Denn wie standen wir
-Gymnasiasten der achtziger und neunziger Jahre der Geschichte unseres obersächsischen
-Stammes gegenüber? In der Zeit des höchsten völkischen Aufschwungs der deutschen
-Nation, glückselig die Früchte des siebziger Krieges schauend, glühend stolz auf unser
-Heer und unsere stark heranwachsende Flotte, bewundernd aufschauend zu dem großen
-preußischen Führerstaat, mieden wir beinahe verlegen ein näheres Eingehen auf die
-Geschichte unserer Heimat. Wohl waren wir stolz darauf, daß die Heimat es war,
-die in nächster Beziehung zur Reformation und ihren Vorkämpfern gestanden, wohl
-freuten wir uns der Taten des Wettiners Moritz, des Erstürmers der Ehrenberger
-Klause und Meisterers hispanischer Verschlagenheit, aber was dann kam, daran dachten
-wir nicht gern. Die zage Unentschlossenheit der sächsischen Politik im Dreißigjährigen<span class="pagenum"><a id="Seite_264"></a>[264]</span>
-Kriege, die Zeit Augusts des Starken, des Grafen Brühl und, o Schmach, die Tage
-der napoleonischen Aera, sie drückten auf unser Gemüt. Immer und überall Sachsen
-im Unrecht, auf Irrwegen zumindest. Und auf unserer Seele brannten die Worte
-aus dem Briefe, den der alte Blücher nach der Lütticher Revolte in loderndem Zorn
-an den König Friedrich August geschrieben: »Ew. Königl. Majestät haben einen
-geachteten deutschen Völkerstamm in das tiefste Unglück gestürzt. Es kann dahin
-kommen, daß er allgemein mit Schande bedeckt wird.« Hatte doch einer der Edelsten
-des obersächsischen Stammes, Heinrich von Treitschke, in Grimm und Zorn
-aus verzweifelnder Liebe zur Heimat heraus ein geradezu verdammendes Urteil
-gefunden über die Politik der sächsischen Fürsten und ihrer Ratgeber. An das
-»<em class="antiqua">audiatur et altera pars</em>« dachten wir gar nicht.</p>
-
-<p>Da, Jahrzehnte später auf einmal eine Stimme, die Stimme auch eines sächsischen
-Gelehrten: »Es muß einmal offen ausgesprochen werden, daß Heinrich von
-Treitschke, einer der begabtesten und edelsten Söhne des sächsischen Stammes, diesem
-durch die pessimistische Auffassung seiner Geschichte in den Augen der übrigen Deutschen,
-besonders aber der preußischen Nachbarn, furchtbar geschadet hat.« Ein
-freundlicher Zufall hatte mich gerade dies Kapitel der Kursächsischen Streifzüge,
-denn in ihnen erscholl das mutige Wort, zuerst aufschlagen lassen, und nun ließ
-mich das Buch nicht mehr los. Ich las und las, und immer war mir’s, als
-müßte ich im Geiste die Hand des Mannes drücken, der unser Geschlecht so tapfer
-darauf hinwies, daß es sich nicht zu schämen brauche auf seinem Posten im Kranze
-der deutschen Stämme. Frei und froh ward mir zumute; ich hab’ fortan die falsche
-Scham abgelegt, die mich faßte, dachte ich an die Tage von 1813, da der alternde
-König zur Verzweiflung der Mehrzahl der gebildeten Sachsen ins Joch Bonapartes
-zurückgezwungen ward. Ich weiß heute mit ruhigem Stolz, daß auch mein Heimatland
-zur großen allgemeinen Sache der Befreiung das Seine beitrug &ndash; mehr vielleicht,
-als andere deutsche Stämme und ohne den Siegerlorbeer um die Stirne. Ich weiß,
-daß Sachsen im Jahre 1813 für ganz Deutschland, ja für Europa Schlachtfeld,
-Lazarett und Kirchhof war, und daß unter den sächsischen Edelleuten und gebildeten
-Bürgern zum überwiegenden Teil ein ebenso kerndeutsches Wesen beheimatet war
-als im ruhmgekrönten Lande der Erhebung. &ndash; So ist Otto Eduard Schmidt ein
-Wohltäter geworden nun auch für unsere Jugend, die heute wohl überall im Lande
-einen anderen Geschichtsvortrag hören wird, als er zu unserer Zeit üblich war.
-Heimatschutz &ndash; wir wissen es alle, welche Fülle von Aufgaben in diesem Wort sich
-zusammendrängt. Die edelste Art des Heimatschutzes hat der Verfasser dieser
-fünf bedeutenden Bände geübt: den Schutz der Heimat vor Verkennung und
-Verleumdung.</p>
-
-<p>Nicht allen Menschen ist der Sinn für die Weltgeschichte verliehen, aber Anregung
-edelster Art findet jeder seelisch Erwärmte in den Streifzügen noch auf vielen
-anderen Gebieten. Da zieht sich wie ein goldner Faden durch das Werk die Geschichte
-der Baukunst unserer Heimat! Vor unserem Auge tauchen sie auf, die großen alten
-Baumeister der Renaissance, dieses gewaltigen Höhepunkts vaterländischer Kultur,
-die Hieronymus Lotter, Hans Irmischer, Konrad Krebs. Mit der Sicherheit des
-erfahrenen Kunstgelehrten führt uns O. E. Schmidt durch den Burgpallas aus dem<span class="pagenum"><a id="Seite_265"></a>[265]</span>
-Mittelalter, durch die Ratsstuben der Zeit Vater Augusts, durch die behäbigen
-Bürgerbauten des achtzehnten Jahrhunderts. Aber auch das bescheidene Bauernhaus
-im Spreewald, der vordem ja altes kursächsisches Gebiet war, ist unserem
-Führer noch beachtlich, und so lehrt er dich umherblicken im Lande, lehrt er dich
-werten, was dir geblieben und danach trachten, es zu erhalten und zu schützen an
-deinem Teil. Mit Fug und Recht kann das Werk von sich sagen, daß es die
-Heimatbewegung erwecken half.</p>
-
-<p>Ja, zur Landschaftsbetrachtung regt der Verfasser an, wie nicht gleich ein
-zweiter. Unlöslich ist sie ja bei ihm mit der Versenkung in die Vergangenheit verbunden,
-doch auch den naiven Wandersmann macht er auf so vieles aufmerksam,
-was diesem sonst wohl entgehen würde. Ein großes Verdienst O. E. Schmidts ist
-es meines Erachtens, daß er gleich im ersten Kapitel es unternommen hat, einmal
-auf die stillen Reize des unteren sächsischen Elblaufs hinzuweisen; auf den hohen
-Genuß, den eine Dampferfahrt durch die Gefilde unterhalb Riesas bereitet, wo der
-Storch noch zieht über den Heimatboden und wo die Windmühlenflügel sich versonnen
-regen über der fast holländisch anmutenden Niederung. Den Höhepunkt landschaftlichen
-Erlebens aber genießen wir mit ihm, folgen wir ihm in die spätwinterliche
-Muldenaue unterhalb Wurzen, in den Tagen der Schneeschmelze, da der Fluß breit
-und schwer wie der Mississippi sich dahinwälzt. Aller Erdennot vergessend blicken
-wir mit ihm in die zauberhafte Stimmung der Sonnenrüste über der ungeheuren
-Landschaft. Da wird unser Führer zum Dichter, der hingerissen uns hinweist auf
-die Herrlichkeit, die uns die Heimatflur bietet, und wir folgen dankbar und willig
-diesem hohen Geist, diesem Lehrer im reichsten begnadetsten Sinne!</p>
-
-<p>Aber zur Landschaft gehört untrennbar der Mensch! Der Mensch, der ihr die
-Spuren seines Daseins einprägt, der sich von ihr nährt, der sie schützt, und der sie
-im Überschwang der Liebe verherrlicht durch seine Kunst. Da kommen sie herangezogen
-über den heimischen Boden, die blonden Ostlandfahrer aus Vlamland mit
-dem Wanderlied auf den Lippen: »Naer Oostland willen wy ryden.« Da rasseln
-sie vorüber in wilder Flucht vor dem germanischen Heerbann, die polnischen Reiterscharen,
-die den Gau Glomaci kahl gefressen wie ein Heuschreckenschwarm &ndash; vorüber
-ziehen Mönch und Klostermann. Und dann, hell auf einmal vor dem dunklen
-Hintergrund die Persönlichkeit! Wiprecht von Groitzsch, Heinrich der Erlauchte,
-Friedrich der Streitbare, Moritz und Kurfürst August. Vorbei zieht an uns die
-Erbarmannschaft des Landes, die ritterlichen Schleinitz, das ehrenfeste Geschlecht der
-Löser auf Pretzsch und in neuerer Zeit die herrlichen Männer um Dietrich von
-Miltitz. Es nahen die Männer des Geistes, die Dichter voran. Von Walther von
-der Vogelweide, der im Jahre 1212 ja auch einmal im meißnischen Herrendienst
-gestanden, über den schalkhaften Ritter Friedrich von Schönberg, den Autor des
-Schildbürgerbuchs, zum frommen Sänger Paulus Gerhardt, in dessen Heimatstädtlein
-Gräfenhainichen uns eine herrliche Kleinstadtschilderung führt. Vom jungen Goethe
-in Leipzig, von den Romantikern auf Schloß Siebeneichen über den strohtrockenen
-und doch heimatgeschichtlich beachtenswerten Ferdinand Stolle aus Grimma zum
-hochgemuten ritterlichen Sänger aus unseren Tagen, dem Freiherrn von Münchhausen
-auf Wendischleuba.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266"></a>[266]</span></p>
-
-<p>Einsam und mit Sehnsucht im Herzen nach dem glückseligen Welschland wandelt
-Albrecht Dürer durch Wittenberg, allwo er in der Schloßkirche seine Kunst
-ausübt; durch dasselbe Wittenberg, in dem nicht lange danach der blonde Lucas
-Maler von Cronach in Franken heimisch werden wird voll schaffensfrohen, sicheren
-Behagens; dasselbe Städtlein am Heimatstrom, das im hellen Lichtschein bald erstrahlen
-wird, der ausgeht von Persönlichkeit und Haus des sächsischen Bergmannssohnes
-Martin Luther. O, wie wert macht uns das köstlich unschätzbare Buch O. E. Schmidts
-unsre Heimat! Welcher Strom des Dankes muß diesem Manne entgegenschwellen
-aus tausenden von Herzen!</p>
-
-<p>Nur ein paar Worte noch über die jetzt erschienene zweite Auflage des dritten
-Teils. &ndash; Der Verfasser hat diesen Abschnitt seines Werkes zu neuer Höhe zu führen gewußt.
-So viel unerwartetes Wertvolles ist in dem neuen Buche enthalten, daß
-auch dem Kenner der ersten Ausgabe das Studium dringend empfohlen werden
-kann. Ein hoher Genuß ist es zu lesen, was O. E. Schmidt hier über die neuen
-Domtürme von Meißen zu sagen hat, und aufzumerken, wie er an unserm innern
-Auge die Vertreter der neuen Meißner Kunst, den herrlichen Oskar Zwintscher, den
-kraftvollen Sascha Schneider vorüberführt. Aber auch daß er im Kapitel von der
-Lommatzscher Pflege des sorgenvollen kleinen Rucksackträgers nicht vergißt, der im
-Hungerjahr 1917 und später noch lange in dem gesegneten Eckchen von Hoftür
-zu Hoftür zieht, bis er für viele gute Worte und für viel Geld endlich etwas bekommt,
-das er daheim dann glückstrahlend den Seinigen auf den Tisch schütten
-kann, wollen wir dem Verfasser danken. Denn auch das ist Geschichte geworden;
-unsere Enkel werden es einst nachdenklich lesen. &ndash; Wie eine frohe Botschaft aber
-von doch einmal kommenden bessern Zeiten hört es sich an, was ganz zuletzt gesagt
-ist vom immer wieder lebendig werdenden Geist beseelter Romantik, der selbst im
-Jahre 1920 sich schwingt um Giebel und Zinne von Schloß Siebeneichen.</p>
-
-<p>In jedes gebildeten Stammesgenossen Bücherei sollte dieses Werk stehen. Jeder
-Vater sollte es anschaffen schon im Hinblick auf die geistige Entwicklung seiner
-Kinder; jede Schule, aber auch jede Volksbibliothek sollte es ihr eigen nennen!
-Nicht jedem deutschen Stamme wird ein solch bedeutendes Geschenk geboten werden
-aus dem Kreise seiner Söhne &ndash; möge der obersächsische es dem Verfasser danken
-durch freudige Aufnahme seines Werkes.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p class="mright">
-Gerhard Platz.
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Erzgebirgische_Christ-_und_Mettenspiele">Erzgebirgische Christ- und Mettenspiele</h2>
-
-<p class="center">Ein Versuch zur Rettung alten Volksgutes</p>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">Max Wenzel</em>, Chemnitz</p>
-</div>
-
-<p>Ein gut Teil Poesie im erzgebirgischen Volksleben ist mit dem Weihnachtsfest
-verknüpft. Ja, man kann wohl sagen, daß in keiner Gegend unseres deutschen
-Vaterlandes Weihnachten so inbrünstig gefeiert wird wie im Erzgebirge, und auch
-der berühmte Zahn der Zeit hat sich hier machtlos erwiesen. Schon die Adventszeit
-ist weihnachtlichen Zaubers voll. Da blasen vom Kirchturm Musikanten das<span class="pagenum"><a id="Seite_267"></a>[267]</span>
-»Feldgeschrei« in die dunkle Winternacht hinaus, und im warmen Stübchen regen
-sich fleißige Hände, um all die Wunderwerke der Krippen und Pyramiden herzustellen,
-die einer erzgebirgischen Stube die rechte Weihnachtsweihe geben. Fast könnte
-man von einer Überfülle sprechen. Man will alle Möglichkeiten ausnützen, seine
-Festfreude zu zeigen. Der »Winkel« der Stube bevölkert sich mit allerhand buntem
-Schnitzwerk, das die lieblichste biblische Erzählung figürlich darstellt. Daneben dreht
-sich auf der Kommode eine gar prächtige Pyramide, und von der Decke herab
-grüßt das bunte Perlen- oder Holzrankenwerk eines Leuchters oder einer Spinne.
-Auf dem Schrank stehen gravitätisch Engel und Bergleute mit Lichtern auf dem
-steifen Arm und auch ein Räucherkerzchenmann blickt von irgendwo auf den köstlichen
-Zierat. Und &ndash; um auch der modernen Zeit eine Verbeugung zu machen &ndash;
-fehlt zu alledem auch der Christbaum nicht, dessen Fuß in einem kleinen Christgärtchen
-wurzelt. Farbe und Licht überall! Eine Erinnerung an die alte Bergherrlichkeit.
-Kam der Bergmann aus dem dunklen Schoß der Erde, begrüßte er
-das Licht als Befreier von dunkler Sorge und ängstlichem Druck. So wollte ihm
-auch in dunkler Winternacht das Licht von oben als ein symbolisches Zeichen des
-Lebens erscheinen. Lichter stellt man in die Fenster, daß sie weit in die Nacht
-hinausstrahlen; oder man besteckt die Fensterrahmen mit kleinen Öllämpchen. Wer
-einmal an einem der drei heiligen Abende oder an den Festtagen selbst im Schlitten
-von Annaberg über Buchholz, Sehma, Cranzahl nach Oberwiesenthal gefahren ist,
-wird den Märchenzauber nie vergessen.</p>
-
-<p>Es handelt sich hier um durchaus gegenwärtige, lebende Dinge, nicht etwa
-um Erinnerungen an eine alte freundliche Zeit. Auch der Erzgebirgler in der
-Fremde hält an seinem Weihnachten fest und schmückt seine Wohnung gern mit
-solch heimatlichem Gerät. Als wir vor einigen Jahren in Chemnitz eine Ausstellung
-volkstümlicher Weihnachtskunst veranstalteten, waren wir erstaunt über die
-Menge von Krippen und Pyramiden, die uns allein aus Chemnitz angeboten
-wurden. Ein bekannter Drechslermeister hielt sogar die einzelnen Pyramidenteile
-fertig auf Lager.</p>
-
-<p>Süße Lieder und innige Verse preisen das traute, hochheilige Paar noch heute.
-Und an allerlei volkstümlichen Gebräuchen, dem Schuhwerfen, Bleigießen, dem
-Rupprecht usw. hält der Erzgebirger mit Zähigkeit fest; wenn auch nicht geleugnet
-werden kann, daß solch’ alte Sitten mehr und mehr den Anstrich eines gesellschaftlichen
-Spaßes erhalten haben.</p>
-
-<p>In einzelnen Orten gibt es auch noch »Metten«. Da ziehen Erwachsene und
-Kinder mit hellen Laternen durch die dunkle Winternacht zur Kirche, und Lied
-und Wort sind mehr wie sonst volkstümlichem Empfinden angepaßt. Hier haben
-wir die letzten Reste einer einst im ganzen Gebirge verbreiteten Gepflogenheit,
-nämlich die heilige Geschichte dramatisch darzustellen, die Sitte der Christ- und
-Mettenspiele.</p>
-
-<p>Es ist hier nicht der Ort, Ursprung und Verwandtschaft mit ähnlichen Erscheinungen
-in anderen Teilen Deutschlands festzustellen, nur soviel sei gesagt, daß
-diese Spiele einst einen wesentlichen Teil der erzgebirgischen Weihnachtsgebräuche
-ausmachten. Wie kommt es nun, daß sie sich nicht erhalten haben, sind sie so<span class="pagenum"><a id="Seite_268"></a>[268]</span>
-wertlos? &ndash; Wir kommen hier auf die befremdliche Tatsache, daß sie behördlicherseits
-verboten wurden, daß man die Teilnehmer an solchem Tun, wie 1805 in
-Thalheim geschehen, sogar ins Gefängnis setzte. Es soll hier nicht untersucht werden,
-inwieweit diese Strafen berechtigt waren, oder ob eine volksfremde Regierung und
-Geistlichkeit etwas Harmloses als Profanierung des Heiligen ansahen und es zu
-unterdrücken suchten. Denn überrascht ist man etwas, wenn man sich in dieses
-Volksgut versenkt. Wunderliche, bunte Klänge umgeben uns, guter, echter Volksliederton.
-Allerdings an die Stelle mystischer Feierlichkeit tritt häufig ein wohltuender
-Humor. Die ganze heilige Geschichte ist eine heimische Angelegenheit
-geworden. Der Joseph ist ein alter Bekannter, er spricht sogar in der heimischen
-Mundart; und die Hirtengeschichte hat sich gleich draußen vor dem Dorfe am
-Bergwald zugetragen. Erklingt einmal ein biblischer Ton, so mutet er fast fremd
-an, es ist, als wenn sich in das lustige Geplapper der Kinder eingelernte Bibelsprüche
-und Gesangbuchverse mischen. Der deutsche Volkshumor verbindet gern
-einen gutmütigen Spott mit den Gefühlen der Achtung und Ehrfurcht; siehe Gottfried
-Keller, Wilhelm Raabe, Fritz Reuter usw. Ganz und gar liegt es dem Volke
-fern, die heiligen Leute zu verhöhnen, im Gegenteil, nur mit Personen, die seinem
-Herzen nahe stehen, die es mit Liebe und Wohlwollen betrachtet, erlaubt sich das
-Volk solch köstlichen Spott.</p>
-
-<p>Und es gelang nicht, das alte Volksgut <em class="gesperrt">gänzlich</em> auszurotten. Bis in die
-sechziger Jahre hinein hielten sie sich in vielen Orten, trotz aller Verbote. Voller
-Sehnsucht dachten die Alten an die Zeit zurück, wo sie selbst an den Spielen beteiligt
-gewesen. Noch 1861 fand der Gymnasialoberlehrer Gustav Mosen in Zwickau ansehnliche
-Reste der Spiele vor, die er in ein köstliches Büchlein sammelte und
-herausgab. Gewitzigte Unternehmer retteten die Spiele fürs Puppentheater. Wie
-beim Volkslied, so erhielten sich auch hier und da Reste von Versen im Munde des
-Volkes, oft unbewußt, woher die Reimlein stammten.</p>
-
-<p>Und was gab man dem Volke für einen Ersatz? &ndash; Zuerst überschwemmte
-eine Flut von allerlei »Weihnachtsstücken« den Markt. »Dramatische Gemälde«,
-Weihnachtsszenen: »Landwehrmanns Weihnachten«, »Weihnachten in der Kaserne«,
-»Der Weihnachtsengel im Elendhause«, &ndash; süßlich, sentimental, unecht, unwahr,
-Kitsch über Kitsch! Eine von den Behörden sanktionierte Geschmacksverderbnis
-übelster Art!</p>
-
-<p>Von verschiedenen Seiten, auch in den Kreisen der Geistlichen, sah man das
-wohl ein, und man knüpfte an die alten Christspiele an, indem man eine Anzahl
-sogenannter »Weihnachtsstücke« schuf, »Der Stern von Bethlehem« und andere
-mehr. Wirkliche Bedeutung kommt wohl von allen diesen Stücken nur dem von
-dem verdienten <em class="antiqua">Dr.</em> Alfred Müller bearbeiteten Mosenschen Weihnachtsspiel zu, in
-dem auch eigentlich volkstümliche Elemente nicht fehlen.</p>
-
-<p>Durch Haaß-Berkows Wiederbelebung eines alten Weihnachtsspieles wurde
-ich ermutigt, unsere noch vorhandenen Spiele auf ihre Aufführungsmöglichkeit hin
-zu untersuchen, und ich kam zu dem Ergebnis, daß hier etwas Gutes vor dem
-völligen Untergang zu retten sei. Die Spiele sollten aber <em class="gesperrt">echt</em> sein. Darum sah
-ich von einer sogenannten Bearbeitung mit Um- und Neudichtung ab. Ich reihte<span class="pagenum"><a id="Seite_269"></a>[269]</span>
-nur die Reste aneinander. Das Wiesaer Spiel enthält z. B. das volle Bescherungsspiel
-und die Herbergsszene. Beides wurde unverkürzt aufgenommen. Das Hirtenspiel
-entnahm ich dem Thalheimer Spiel, das Krippenspiel der Neudorfer Engelschar.
-Das Königsspiel war das Löwenhainer usw.</p>
-
-<p>Die Aneinanderreihung ist durchaus berechtigt, denn die Spiele sind einander
-durchaus ähnlich, nur durch die mündliche Weitergabe verändert und angepaßt &ndash;
-zerspielt. Die einzelnen Szenen sind durch alte Mettenlieder verbunden, wie wir
-sie in örtlichen Aufzeichnungen, in Bernhard Schneiders Liederheften, Mosens
-Weihnachtsspiel usw. finden. Es kam die Frage des Aufführungsortes. Die alten
-Spieler zogen im Orte umher, die größten Stuben wurden zum Schauplatz. Aus
-dem ganzen Hause, aus den Nachbarhäusern kamen die Neugierigen gelaufen, um
-die »Engelschar« zu bewundern. In die einzelnen Wohnungen zu gehen, würde
-sich jetzt aus verschiedenen Gründen verbieten; da nimmt man eben eine recht
-große Stube des Ortes, ein Schulzimmer, die Turnhalle, einen Saal. Hier kommen
-die Ortsbewohner zusammen, aber nicht wie zu einem Theaterabend, &ndash; sie sollen
-die Spiele durchaus miterleben.</p>
-
-<p>Die Chemnitzer Volkshochschule, die allen Bestrebungen des Heimatschutzes
-und der Volkskunde das erfreulichste Verständnis entgegenbringt, nahm sich im
-vergangenen Jahre der Sache an &ndash; und mit wirklichem Erfolg, denn wir mußten
-unser Spiel zwanzigmal wiederholen!</p>
-
-<p>Wie verläuft so ein Abend?</p>
-
-<p>Orgel- oder Harmoniumklang stimmt die Hörer ein. Dann klingt von
-draußen das alte Schneeberger Mettenlied »Auf, Tochter Zion, schmücke dich« zum
-Saale herein. Auf der Bühne, die nebenbei bemerkt, nur mit dunklen Stoffen
-ausgeschlagen ist, erscheint ein Hirte als Bote:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Einen schönen guten Abend, den geb euch Gott!</div>
- <div class="verse indent0">Ich bin ein ausgesandter Bot;</div>
- <div class="verse indent0">ich zeig euch an zu dieser Frist,</div>
- <div class="verse indent0">daß jetzt wird kommen der heilige Christ!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Zwei Engel werden auf der Bühne sichtbar, sie bereiten die Hörer vor. Dann
-kommt unter den Klängen eines böhmischen Weihnachtsliedels, von Lauten und
-Geigen gespielt, durch den Saal die Engelschar gezogen. Der heilige Christ,
-St. Martin, St. Nikolaus in weißen Kleidern, mit hohen Goldkronen auf dem
-Haupte, das heilige Paar, Knecht Rupprecht usw. Sie ziehen auf die Bühne und
-es beginnt das Bescherungsspiel. Nun wechseln sich die bunten Szenen ab, von
-denen das Verkündigungsspiel und das Krippenspiel wohl am eindringlichsten
-wirken. Beim Krippenspiel wird alles Bühnenlicht weggenommen. Die ganze
-Szene ist nur durch eine Stallaterne beleuchtet, die vor der Krippe auf dem
-Boden steht. Dieser einfache Regiekniff hat ungeahnte Wirkung. Nach kurzer
-Pause eröffnen das Thalheimer und Löwenhainer Spiel den zweiten Teil, nachdem
-die »Königschar« durch den Saal eingezogen ist. Wie sehr die Hörer in Chemnitz
-dabei waren, merkte man daraus, daß sie in den Pausen verschiedene Male
-unaufgefordert Weihnachtslieder anstimmten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_270"></a>[270]</span></p>
-
-<p>Von der Großstadt aus sollen die Spiele wieder in ihre Heimat zurückkehren.
-Schon in diesem Jahre werden sie in vielen Orten sich einzubürgern versuchen.
-Nicht um ein wissenschaftliches Werk zu schreiben, nur um praktisch Heimatschutz
-zu treiben, veröffentlichte ich das gesamte Material in Buchform unter dem Titel
-»Erzgebirgische Christ- und Mettenspiele. Ein Versuch zur Rettung alten Volksgutes«.
-Mit der Zusammenstellung am Schlusse des Buches, die auch einzeln im
-Verlag H. Thümmler in Chemnitz erschienen ist, will ich nur ein Vorbild aufstellen,
-»wie man es machen soll«. Gedacht ist es so, daß jeder Ort, der noch
-Reste eines Spieles besitzt, diese in den Mittelpunkt stellt und die übrigen Teile
-nach Belieben aus dem vorhandenen Material ergänzt. So soll jeder Ort »sein
-Spiel« gewinnen.</p>
-
-<p>Aus den vielen Zuschriften, die wir erhielten, ersahen wir mit Freuden, wie
-man in allen Teilen unseres Gebirges den Gedanken aufgegriffen hat. Wenn uns
-auf diesem Wege die Wiederbelebung dieses Stückes alter Volkskunst gelingen
-sollte, würden wir herzlich zufrieden sein.</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p><em class="gesperrt">Anmerkung der Schriftleitung</em>: In <em class="gesperrt">H. Thümmlers</em> Verlag, Chemnitz, ist
-erschienen: <em class="gesperrt">Wenzel</em>, Erzgebirgische Christ- und Mettenspiele, ein Versuch zur Rettung alten
-Volksgutes, 182 Seiten, gebunden einschließlich aller Zuschläge M.&nbsp;14,40.</p></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Die_Liebe_zum_Baume">Die Liebe zum Baume</h2>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">Georg Marschner</em>, Dresden</p>
-</div>
-
-<p>In unserem so dicht besiedelten Sachsenlande läßt die alles umgestaltende, rastlose menschliche
-Tätigkeit dem freien Walten ungezügelter Naturkräfte nur noch wenig Raum. Deshalb
-sind die anmutigen Bilder, welche sowohl im Niederlande als auch im Gebirge das Herz mit
-beglückender Heimatfreude füllen, zum weitaus größten Teile Werke fleißiger, kultivierender
-Arbeit unseres Volkes. Die einzelnen, das Landschaftsbild zusammenfügenden Elemente sind
-überall die gleichen. Dörfer und Städte, Straßen und Wege, Felder, Wiesen und Wälder, Teiche,
-Bach- und Flußläufe und vieles andere ergeben in unerschöpflich wechselvoller Gruppierung
-alle die reizvollen Bilder, die uns das Heimatland so liebenswert machen.</p>
-
-<p>Wohl kann ein hoher Berg, ein tiefes Tal, ein großer See oder ein breiter Fluß einer
-begrenzten Gegend ein besonderes Gepräge geben, bestimmend aber wirkt auf den Charakter einer
-jeden Landschaft ihr Bestand an Bäumen. Sie sind es, die im Verein mit den Tages- und
-Jahreszeiten alle Stimmungs- und Empfindungswerte auslösen.</p>
-
-<p>Ob sie, dicht aneinandergedrängt, als Wald die weiten Feld- und Wiesenfluren der Niederung
-ruhig umsäumen, im Gebirge das Schönheit suchende Auge über ihr wogendes Wipfelmeer hinauslocken
-in blau verdämmernde Fernen und uns erfüllen mit unstillbarer Wandersehnsucht, oder
-ob sie, aufgelöst in Gruppen und Reihen, das Dörflein liebevoll in ihren weichen Mantel
-betten und im stillen Wiesengrunde, gleich einer grünen Schlange, dem Bache das Geleite geben,
-immer und überall tritt die belebende und Schönheit gebende Kraft des Baumbestandes uns
-vor Augen.</p>
-
-<p>Ganz besonders aber werden wir uns der hohen Schönheitswerte des Baumes bewußt,
-wenn ein im hohen Alter seinen Artcharakter ausgeprägt zur Schau tragender Einzelbaum die
-Landschaft beherrscht und zum Wahrzeichen einer weiten Gegend wird.</p>
-
-<p>Und welch einen poesiedurchtränkten Zauber verleihen machtvolle Baumwipfel der bäuerlichen
-Siedlung. Ein Dorfkirchlein, umrauscht von einer alten Linde, ein Bauernhof, über dessen
-bemoostes Dach ein uralter Baum, wie ein treuer Hüter und Wächter, schirmend seine grüne
-Hülle breitet, sind mir immer der Inbegriff herzerfrischender ländlicher Schönheit gewesen. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_271"></a>[271]</span>
-auch dann noch, wenn die Herbst- und Winterstürme seine Kraft gebrochen, wenn er tiefer und
-hohler rauscht und zur lebenszähen Ruine ward, wird jeder fühlende Mensch in Ehrfurcht vor
-ihm stehen und ahnungsvoll die Vergänglichkeit alles Irdischen erkennen.</p>
-
-<p>Uralt ist die Liebe zum Baume in unserem Volke. Ein köstlicher Schatz von Erinnerungen
-an gute und böse Zeiten, ein unverwelklicher Kranz von Sagen und Märchen windet sich um
-jeden alten Baum, der wie ein mahnendes Symbol in den ruhelosen Zeitenstrom unserer Tage
-hineinragt. Viel könnte ich erzählen von manchen alten, in einem arbeitsreichen Leben krumm
-gewordenen Bauersmann und der Liebe zu seinem Baum. Oft habe ich im Schatten solcher
-Bäume gesessen und der Geschichte des Dorfes und Tales gelauscht. Manch biedrer Alte ist mir
-da zum lieben Freunde geworden. Hier im Banne alter Bäume wurde es mir zur Gewißheit,
-daß ihr hoher Wert sich nicht erschöpft in staunenden, bewundernden Betrachten. Ihr tiefer
-Einfluß spiegelt sich wieder in Herz und Gemüt eines jeden, dem eine alte Hauslinde das
-Wiegenlied gesungen. Er wird mir sagen, alte Bäume haben eine Seele.</p>
-
-<p>Er wird’s verstehen, ihr fröhliches Rauschen an den hohen Tagen seines Lebens, und nur
-er wird aus dem leisen Raunen das heimliche Schluchzen heraushören, wenn einer vom Hofe
-hinausgetragen wird zur ewigen Ruhe.</p>
-
-<p>Aber ich könnte auch berichten von manchem stolzen Baume, den Generationen seiner
-früheren Besitzer, als zur Familie gehörig, hegten und pflegten und der dann nur zu bald dem
-neuen Besitzer im Wege stand und als Feuerholz ein schnelles, unrühmliches Ende fand.</p>
-
-<p>Wo ein altersgrauer Baum heute noch sein grünes Blätterdach zum Himmelsdome reckt,
-da sollte er jedem Menschen als ehrwürdiges Vermächtnis seiner Väter heilig sein. Unantastbar
-als Denkmal der uns alle nährenden Mutter Natur, unverletzlich als lebendes Ehrenmal seines
-Besitzers. So sollte es sein &ndash; aber die Erfahrung lehrt’s oft anders.</p>
-
-<p>Bei der Hast des Alltags, in den Sorgen der Gegenwart schwingt die uns aus Urväterzeiten
-vererbte Liebe zum Baume nur noch leise. In manchen Herzen ist sie ganz verklungen.
-Für viele hat der Baum keine Seele mehr. Er ist Handelsware geworden, Erzeuger hochwertigen
-Holzes. Ohne Not und ohne bleibende Werte zu hinterlassen, ist mancher knorrige Recke und
-stumme Zeuge vieler Menschenschicksale auf den Holzmarkt gewandert.</p>
-
-<p>Aber sie muß wieder lebendig werden, die Liebe zum Baum. Ein jeder Bauernhof muß
-wieder seinen Baum haben. Darum wähle jeder, der die eigne Scholle bebaut, je nach Vermögen
-einen oder mehrere der ältesten und schönsten Bäume aus seinem Besitzstande, ganz gleich welcher
-Art, und weihe sie, als herrliche Zierde seiner Heimatflur. Das stille Gelöbnis aber, daß sie in
-treuer Hut wurzeln sollen im heimischen Grunde, bis unsere, nach ehernen, unerforschlichen Gesetzen
-bauende Allmutter Natur ihre Werke selber zerstört, wird seinen Namen laut und sichtbar
-künden auch den kommenden Geschlechtern.</p>
-
-<p>Und wer keinen geeigneten Baum sein eigen nennt, der pflanze einen solchen. Ist’s nicht
-am Hause, dann am Feld- und Wiesenrande, oder an einem Grenzmale. Ist er auch jung an
-Jahren, er wächst heran im Laufe der Zeiten und knüpft enger und fester das unsichtbare Band,
-welches verbindet mit dem Heimatboden, auf dem wir geboren und der uns aufnehmen wird
-zum letzten Schlummer, dem Vergessen entgegen.</p>
-
-<p>Nicht einer, der jetzt mit Recht bewunderten Baumriesen dankt sein hohes Alter dem Zufalle
-oder ist bisher übersehen worden, sondern ihre Erhaltung sicherte ein Name, eine bedeutsame
-Erinnerung oder ihr Standort als Grenz- und Markbäume. Vor allen aber wurden sie alt im
-Schutze der innigen Beziehungen zu ihren Besitzern.</p>
-
-<p>Der Bestand an alten Bäumen ist ein Maßstab für die Geistes- und Herzenskultur eines
-Volkes. Deshalb sorge jeder, der auf heimischen Grunde die Früchte harter Arbeit ernten darf,
-daß unser Sachsenland nie arm werde an alten Bäumen.</p>
-
-<p>Nur dann bleibt uns die Heimat ein Jungbrunnen, aus dem Glück und Zufriedenheit ins
-Herz sich ergießen, die reich machen in aller Lebensnot.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_272"></a>[272]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Buecherbesprechung">Bücherbesprechung</h2>
-</div>
-
-<p><b>Die Oberlausitzer Heimat.</b> &ndash; Verlagsanstalt Görlitzer Nachr. u. Anz., Görlitz. Preis M.&nbsp;5,&ndash;.</p>
-
-<p>Der Kalender hat bereits seinen Ruf, darum nimmt man den diesjährigen stattlichen
-Band gleich froh und erwartungsvoll zur Hand. &ndash; Landschaftsbilder an oft geradezu unaussprechlicher
-Innigkeit erfreuen da gleich zu Anfang den Beschauer. Sie begleiten das Kalendarium
-und stehen so bescheiden in ihrer Ecke. Der flüchtige Beschauer geht wohl gar über sie hinweg,
-aber ich meine, einen besseren Führer durch die Oberlausitz kann einer nicht leicht haben, als
-wenn er sich dem Schöpfer dieser entzückenden Zeichnungen anvertraut. Welch ein Zauber geht
-von diesen stillen Dörfern, von der blauen Bergkette aus; wie schweift der Blick hinaus über das
-weite Gesenke bei Dittelsdorf. Ein altes Schloß, ein paar Hütten von starren Föhren, und am
-stimmungsvollsten wohl das Jägerndörfel im Winternebel mit den steilen Rauchsäulen über den
-Dächern. Fürwahr, das ist Heimatkunst! Wir danken dem Künstler Bruno Lademann für seine
-Arbeit. &ndash; Auch der unterhaltende Teil ist wieder trefflich zusammengestellt; eine Fülle des
-Wissenswerten aus der Lausitzer Geschichte dabei. Ich glaube wirklich, hierin ist der Oberlausitzer
-Kalender unübertroffen. Nur eins möchten wir zur Sprache bringen. Es ist in dem Kalender
-ein allerdings ganz reizender Aufsatz von Ottomar Enking enthalten, von einer kleinen Stadt zur
-Pfingstenzeit. Aber durch die Gassen dieser Stadt weht keine Lausitzer Luft &ndash; es ist ein niederdeutsches
-Gemeinwesen, was da geschildert ist. Unsrer Meinung nach muß ein Heimatkalender
-auf strenge Bodenständigkeit halten, es wird ihm das sicher gedankt werden und die Herren
-Herausgeber der Oberlausitzer Heimat haben ja eine Fülle trefflicher Mitarbeiter aus dem eigenen
-Gau an der Hand. &ndash; Möge das schöne Heft die wohlverdiente Verbreitung finden.</p>
-
-<p class="mright">
-G. P.
-</p>
-
-<p><b>Ludwig Richter als Radierer.</b> Von <em class="gesperrt">Walther Hoffmann</em>. Mit 51 Bildern, Berlin 1921.
-Dietrich Reimer (Ernst Voßen). M.&nbsp;35.&ndash;.</p>
-
-<p>»Ein neuer Ludwig Richter!« Mit dieser Anpreisung legt der Herausgeber den Bilderband
-in unsere Hände. Und in der Tat bedeutet dieses Buch für viele etwas Neues, auch
-wenn sie Ludwig Richter aus einzelnen Radierungen schon kennen, die er zumeist nach eigenen
-Gemälden für den Kunstverein geschaffen hat, wie beispielsweise seine Genoveva, die Christnacht
-und den Rübezahl. Vielleicht erinnert sich auch mancher noch an das und jenes anspruchslose
-Landschaftsblättchen aus der Frühzeit seines Schaffens, das handgetönt in den gefühlsdurchtränkten
-Freundschaftsstammbüchern der Biedermeierzeit sich findet oder im schmalen Goldrähmchen über
-dem Sofa in Großmutters guter Kirschbaumstube hing. Im übrigen weiß man recht wenig vom
-»Radierer« Ludwig Richter. &ndash; Die Neuerscheinung füllt somit eine schon oft empfundene Lücke
-aus. Aus den bei <em class="gesperrt">Hoff</em> verzeichneten 240 und den durch <em class="gesperrt">Singer</em> und besonders <em class="gesperrt">Budde</em> noch
-26 neu entdeckten Blättern hat Walther Hoffmann 51 ausgewählt. Sie sollen unsers Meisters
-Kunstschaffen in der Entwicklung darstellen. Vom ersten unbeholfenen Landschaftsstich des Vierzehnjährigen
-bis hin zu jenem letzten Kabinettstück seiner Kunst, das Ludwig Richter als ein
-altersmüder Greis im Jahre 1866 für seinen Freund Cichorius radierte, sind alle Phasen der
-allmählichen Vervollkommnung vertreten. &ndash; In Hinsicht auf die Auswahl kann man gewiß vereinzelt
-anderer Meinung sein. Insonderheit hätte der Heimatfreund die Göttin von Sais, ein
-paar der Übertragungen von fremden Werken und einige italienische Landschaften zugunsten
-anderer Blätter wohl entbehrt, die, wie die ruhende Familie, das Bild zum Schlaflied Tiecks,
-der Schnitzelmann und selbst die so bescheidenen »An- und Aussichten« die deutsche Heimat uns
-zum Herzen sprechen lassen. Gerade nach dieser Seite hin kann Ludwig Richter nicht genug im
-deutschen Volk verbreitet werden. Er ist des Heimatschutzes bester Vorkämpfer. Wo Ludwig
-Richter eine Heimstatt hat, lernt man die Heimat auch beseelen. Da wird die stille Heimatschönheit
-treu gehütet, weil man an Ludwig Richters Bildern der Heimat inneren Wert erkennen
-lernt. Darum hinein ins Volk mit unserm Ludwig Richter, die Heimat wird nur Vorteil davon
-haben! &ndash; So sei das vorliegende Buch jedwedem Heimatfreund empfohlen und um so wärmer
-noch empfohlen, als Walther Hoffmann auch die beigebrachten Stiche in ansprechender Form
-erläutert. Die Ausstattung ist gleichfalls anerkennenswert. Mag dieses Buch recht viele
-Freunde finden!</p>
-
-<p class="mright">
-<em class="gesperrt">Kurt Melzer</em>, Dresden.
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="center s90">
-Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt &ndash; Druck: Lehmannsche Buchdruckerei<br />
-Klischees von Römmler &amp; Jonas, sämtlich in Dresden.
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="center larger">
-Ein deutsches Weihnachtsspiel</p>
-<p class="h2">
-»Im Stall zu Bethlehem«</p>
-<p class="center">
-In vier Aufzügen mit Text, Buntfiguren<br />
-und Anleitung zum Bühnenbau</p>
-<p class="center">
-bearbeitet von <b>M. Brethfeld</b> und <b>Th. Göhl</b></p>
-<p class="center">
-Verlag: <b>Landesverein Sächsischer Heimatschutz</b><br />
-Dresden-A., Schießgasse 24</p>
-<p class="center larger">
-Preis M.&nbsp;6.&ndash;</p>
-<p class="center">
-Bestellkarte in diesem Heft
-</p>
-</div>
-
-<p><b>Im Stall zu Bethlehem</b> &ndash; unter diesem Titel hat der Landesverein Sächsischer
-Heimatschutz ein deutsches Weihnachtsspiel für unsere Jugend herausgegeben, das
-freudiger Empfehlung würdig ist. Urheber sind die Pädagogen M. Brethfeld und
-Th. Göhl, denen es aus ihrer Erziehertätigkeit heraus entstanden ist. Die Jugend soll,
-soweit es möglich, das Krippenspiel selbst herstellen und selbst aufführen, und auch die
-Zuschauer sollen durch Vers und Volkslied zu Mithandelnden werden. Ein löblicher
-erzieherischer Grundsatz in einer Zeit, wo die Unterhaltung bedauerlicherweise sogar
-in Haus und Familie so oft von bezahlten Kräften besorgt wird, anstatt daß alle zu
-eigener Befriedigung mitwirken. Und noch eine zweite niederdrückende Erfahrung
-bewog die Herausgeber, dem Krippenspiel gerade die gewählte Form zu geben: die
-Erfahrung, daß unsere Jugend in Kino und Theater an Weihnachtsspiele gewöhnt
-wird, die an äußerem Aufwand immer reicher werden, die uns aber immer weiter
-wegführen von den wahren Quellen innerer Volkskraft, immer weiter weg von Einfachheit,
-Wahrhaftigkeit und schlichter Innerlichkeit. Sogar der Christbaum ist der
-gedankenlosen äußeren Bereicherung und inneren Verarmung verfallen. Durch ihr
-Krippenspiel wollen die Herausgeber mit den Mitteln einer natürlichen und schlichten
-Volks- und Kinderkunst mithelfen im Kampfe gegen Veräußerlichung und Verflachung
-unseres schönen Weihnachtsfestes, bei der Vertiefung und Verinnerlichung des Weihnachtsgedankens
-und des Weihnachtsgefühls. Das Spiel besteht aus vier Bogen mit Figuren,
-die ausgeschnitten werden müssen &ndash; Maria, Joseph und das Kind in der Krippe, die
-Hirten, die heiligen drei Könige usw. &ndash; dazu kommt eine Anleitung zum Aufbauen
-des Theaters, wozu die einfachsten Mittel ausreichen und keine besondere Kunstfertigkeit
-beansprucht wird, und endlich der Text, der ein Vorspiel und vier Aufzüge umfaßt.
-Auch einige von den alten schönen Weihnachtsliedern sind hineinverwebt, die von
-allen Kindern, mitwirkenden wie zuschauenden, gesungen werden sollen. Die Aufführung
-dürfte höchstens eine halbe Stunde in Anspruch nehmen. &ndash; Allen, die an der
-heimatlichen Volkskunst Anteil nehmen und im Sinne der obigen Sätze an der Gesundung
-unserer Unterhaltung mitarbeiten möchten, sei das Weihnachtsspiel bestens
-empfohlen. Das Spiel kostet M.&nbsp;6.&ndash; und ist beim Landesverein Sächsischer Heimatschutz,
-Dresden-A., Schießgasse 24, erhältlich.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="h2">
-Bunte Gassen,<br />
-helle Straßen</p>
-<p class="center">
-Dresden 1921</p>
-<p class="center larger">
-des Landesvereins Sächsischer<br />
-Heimatschutz Heimatbücherei</p>
-<p class="h2">
-Band II</p>
-<p class="center">
-185 Seiten &ndash; Großoktav</p>
-<p class="center smaller">
-hart gebunden</p>
-<p class="center">
-<span class="u">Vorzugspreis für Mitglieder des Landesvereins Sächs. Heimatschutz M.&nbsp;15.&ndash;</span></p>
-<p class="center">
-<span class="u">Bestellkarte in diesem Hefte</span>
-</p>
-
-<p class="noind"><em class="gesperrt">Gerhard Platz</em> »Vom Wandern und Weilen im Heimatland«,
-der erste Band unserer Heimatbücherei ist vergriffen und wird
-nächstes Jahr in neuer Auflage erscheinen. Jetzt kündigen wir
-den zweiten Band an. <em class="gesperrt">Max Zeibig</em> ist sein Verfasser. Wer
-kennt nicht seine gemütvollen Schilderungen aus der Kinder-,
-aus der Jugendzeit, die in den angesehendsten sächsischen
-Tageszeitungen seit Jahren erscheinen. <em class="gesperrt">Heinrich Sohnrey</em>
-gab dem Buche das Geleitwort und wünschte, daß es nicht
-nur in Sachsen, sondern in ganz Deutschland Verbreitung finde.</p>
-
-<p class="center larger p2">Landesverein Sächsischer Heimatschutz</p>
-
-<p class="center">Dresden-A., Schießgasse 24.</p>
-
-<p class="center smaller p2">Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
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-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p></div>
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-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER HEIMATSCHUTZ, MITTEILUNGENBAND X, HEFT 10-12 ***</div>
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-forth in Section 3 below.
-</div>
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-1.F.
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-</div>
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-Defect you cause.
-</div>
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-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
-
-</div>
-
-</body>
-</html>
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--- a/old/64937-h/images/illu-027.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64937-h/images/illu-029.jpg b/old/64937-h/images/illu-029.jpg
deleted file mode 100644
index 2ef4232..0000000
--- a/old/64937-h/images/illu-029.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64937-h/images/illu-030.jpg b/old/64937-h/images/illu-030.jpg
deleted file mode 100644
index efd8ccd..0000000
--- a/old/64937-h/images/illu-030.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64937-h/images/illu-031.jpg b/old/64937-h/images/illu-031.jpg
deleted file mode 100644
index 42cf75e..0000000
--- a/old/64937-h/images/illu-031.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64937-h/images/illu-033.jpg b/old/64937-h/images/illu-033.jpg
deleted file mode 100644
index 293172d..0000000
--- a/old/64937-h/images/illu-033.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64937-h/images/illu-035a.jpg b/old/64937-h/images/illu-035a.jpg
deleted file mode 100644
index 5abc9be..0000000
--- a/old/64937-h/images/illu-035a.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64937-h/images/illu-035b.jpg b/old/64937-h/images/illu-035b.jpg
deleted file mode 100644
index 113f2e5..0000000
--- a/old/64937-h/images/illu-035b.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64937-h/images/illu-036.jpg b/old/64937-h/images/illu-036.jpg
deleted file mode 100644
index 97a6ea4..0000000
--- a/old/64937-h/images/illu-036.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64937-h/images/illu-044.jpg b/old/64937-h/images/illu-044.jpg
deleted file mode 100644
index 4a24922..0000000
--- a/old/64937-h/images/illu-044.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64937-h/images/illu-045.jpg b/old/64937-h/images/illu-045.jpg
deleted file mode 100644
index d9c0647..0000000
--- a/old/64937-h/images/illu-045.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64937-h/images/illu-046.jpg b/old/64937-h/images/illu-046.jpg
deleted file mode 100644
index 6fc9dd2..0000000
--- a/old/64937-h/images/illu-046.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64937-h/images/illu-049.jpg b/old/64937-h/images/illu-049.jpg
deleted file mode 100644
index 3c6f8d8..0000000
--- a/old/64937-h/images/illu-049.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64937-h/images/illu-051.jpg b/old/64937-h/images/illu-051.jpg
deleted file mode 100644
index 2f76a7d..0000000
--- a/old/64937-h/images/illu-051.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64937-h/images/illu-053.jpg b/old/64937-h/images/illu-053.jpg
deleted file mode 100644
index 6fda8ea..0000000
--- a/old/64937-h/images/illu-053.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64937-h/images/illu-055.jpg b/old/64937-h/images/illu-055.jpg
deleted file mode 100644
index e098196..0000000
--- a/old/64937-h/images/illu-055.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64937-h/images/illu-059a.jpg b/old/64937-h/images/illu-059a.jpg
deleted file mode 100644
index 251d07a..0000000
--- a/old/64937-h/images/illu-059a.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64937-h/images/illu-059b.jpg b/old/64937-h/images/illu-059b.jpg
deleted file mode 100644
index 1a2ac54..0000000
--- a/old/64937-h/images/illu-059b.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64937-h/images/illu-061.jpg b/old/64937-h/images/illu-061.jpg
deleted file mode 100644
index 08b9aed..0000000
--- a/old/64937-h/images/illu-061.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64937-h/images/illu-063a.jpg b/old/64937-h/images/illu-063a.jpg
deleted file mode 100644
index 334e589..0000000
--- a/old/64937-h/images/illu-063a.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64937-h/images/illu-063b.jpg b/old/64937-h/images/illu-063b.jpg
deleted file mode 100644
index f9b921c..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64937-h/images/illu-065.jpg b/old/64937-h/images/illu-065.jpg
deleted file mode 100644
index 69330f7..0000000
--- a/old/64937-h/images/illu-065.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ