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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Der Zauberberg - Erster Band - -Author: Thomas Mann - -Release Date: June 21, 2021 [eBook #65661] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERBERG *** - - Thomas Mann - - Gesammelte Werke - - - 1924 - S. Fischer / Verlag / Berlin - - Thomas Mann - - - - - Der Zauberberg - - - Roman - - Erster Band - - - 1924 - S. Fischer / Verlag / Berlin - - - Erste bis zehnte Auflage - Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung - Copyright 1924 by S. Fischer, Verlag, A.-G., Berlin - - - - - Der Zauberberg - - - - - Vorsatz - - -Die Geschichte Hans Castorps, die wir erzählen wollen, – nicht um -seinetwillen (denn der Leser wird einen einfachen, wenn auch -ansprechenden jungen Menschen in ihm kennenlernen), sondern um der -Geschichte willen, die uns in hohem Grade erzählenswert scheint (wobei -zu Hans Castorps Gunsten denn doch erinnert werden sollte, daß es -_seine_ Geschichte ist, und daß nicht jedem jede Geschichte passiert): -diese Geschichte ist sehr lange her, sie ist sozusagen schon ganz mit -historischem Edelrost überzogen und unbedingt in der Zeitform der -tiefsten Vergangenheit vorzutragen. - -Das wäre kein Nachteil für eine Geschichte, sondern eher ein Vorteil; -denn Geschichten müssen vergangen sein, und je vergangener, könnte man -sagen, desto besser für sie in ihrer Eigenschaft als Geschichten und für -den Erzähler, den raunenden Beschwörer des Imperfekts. Es steht jedoch -so mit ihr, wie es heute auch mit den Menschen und unter diesen nicht -zum wenigsten mit den Geschichtenerzählern steht: sie ist viel älter als -ihre Jahre, ihre Betagtheit ist nicht nach Tagen, das Alter, das auf ihr -liegt, nicht nach Sonnenumläufen zu berechnen; mit einem Worte: sie -verdankt den Grad ihres Vergangenseins nicht eigentlich der _Zeit_, – -eine Aussage, womit auf die Fragwürdigkeit und eigentümliche Zwienatur -dieses geheimnisvollen Elementes im Vorbeigehen angespielt und -hingewiesen sei. - -Um aber einen klaren Sachverhalt nicht künstlich zu verdunkeln: die -hochgradige Verflossenheit unserer Geschichte rührt daher, daß sie _vor_ -einer gewissen, Leben und Bewußtsein tief zerklüftenden Wende und Grenze -spielt ... Sie spielt, oder, um jedes Präsens geflissentlich zu -vermeiden, sie spielte und hat gespielt vormals, ehedem, in den alten -Tagen, der Welt vor dem großen Kriege, mit dessen Beginn so vieles -begann, was zu beginnen wohl kaum schon aufgehört hat. Vorher -also spielt sie, wenn auch nicht lange vorher. Aber ist der -Vergangenheitscharakter einer Geschichte nicht desto tiefer, -vollkommener und märchenhafter, je dichter „vorher“ sie spielt? Zudem -könnte es sein, daß die unsrige mit dem Märchen auch sonst, ihrer -inneren Natur nach, das eine und andre zu schaffen hat. - -Wir werden sie ausführlich erzählen, genau und gründlich, – denn wann -wäre je die Kurz- oder Langweiligkeit einer Geschichte abhängig gewesen -von dem Raum und der Zeit, die sie in Anspruch nahm? Ohne Furcht vor dem -Odium der Peinlichkeit, neigen wir vielmehr der Ansicht zu, daß nur das -Gründliche wahrhaft unterhaltend sei. - -Im Handumdrehen also wird der Erzähler mit Hansens Geschichte nicht -fertig werden. Die sieben Tage einer Woche werden dazu nicht reichen und -auch sieben Monate nicht. Am besten ist es, er macht sich im voraus -nicht klar, wieviel Erdenzeit ihm verstreichen wird, während sie ihn -umsponnen hält. Es werden, in Gottes Namen, ja nicht geradezu sieben -Jahre sein! - -Und somit fangen wir an. - - - - - Erstes Kapitel - - - Ankunft - -Ein einfacher junger Mensch reiste im Hochsommer von Hamburg, seiner -Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen. Er fuhr auf Besuch für -drei Wochen. - -Von Hamburg bis dort hinauf, das ist aber eine weite Reise; zu weit -eigentlich im Verhältnis zu einem so kurzen Aufenthalt. Es geht durch -mehrerer Herren Länder, bergauf und bergab, von der süddeutschen -Hochebene hinunter zum Gestade des Schwäbischen Meeres und zu Schiff -über seine springenden Wellen hin, dahin über Schlünde, die früher für -unergründlich galten. - -Von da an verzettelt sich die Reise, die solange großzügig, in direkten -Linien vonstatten ging. Es gibt Aufenthalte und Umständlichkeiten. Beim -Orte Rorschach, auf schweizerischem Gebiet, vertraut man sich wieder der -Eisenbahn, gelangt aber vorderhand nur bis Landquart, einer kleinen -Alpenstation, wo man den Zug zu wechseln gezwungen ist. Es ist eine -Schmalspurbahn, die man nach längerem Herumstehen in windiger und wenig -reizvoller Gegend besteigt, und in dem Augenblick, wo die kleine, aber -offenbar ungewöhnlich zugkräftige Maschine sich in Bewegung setzt, -beginnt der eigentlich abenteuerliche Teil der Fahrt, ein jäher und -zäher Aufstieg, der nicht enden zu wollen scheint. Denn Station -Landquart liegt vergleichsweise noch in mäßiger Höhe; jetzt aber geht es -auf wilder, drangvoller Felsenstraße allen Ernstes ins Hochgebirge. - -Hans Castorp – dies der Name des jungen Mannes – befand sich allein mit -seiner krokodilsledernen Handtasche, einem Geschenk seines Onkels und -Pflegevaters, Konsul Tienappel, um auch diesen Namen hier gleich zu -nennen, – seinem Wintermantel, der an einem Haken schaukelte, und seiner -Plaidrolle in einem kleinen grau gepolsterten Abteil; er saß bei -niedergelassenem Fenster, und da der Nachmittag sich mehr und mehr -verkühlte, so hatte er, Familiensöhnchen und Zärtling, den Kragen seines -modisch weiten, auf Seide gearbeiteten Sommerüberziehers aufgeschlagen. -Neben ihm auf der Bank lag ein broschiertes Buch namens „_Ocean -steamships_“, worin er zu Anfang der Reise bisweilen studiert hatte; -jetzt aber lag es vernachlässigt da, indes der hereinstreichende Atem -der schwer keuchenden Lokomotive seinen Umschlag mit Kohlenpartikeln -verunreinigte. - -Zwei Reisetage entfernen den Menschen – und gar den jungen, im Leben -noch wenig fest wurzelnden Menschen – seiner Alltagswelt, all dem, was -er seine Pflichten, Interessen, Sorgen, Aussichten nannte, viel mehr, -als er sich auf der Droschkenfahrt zum Bahnhof wohl träumen ließ. Der -Raum, der sich drehend und fliehend zwischen ihn und seine Pflanzstätte -wälzt, bewährt Kräfte, die man gewöhnlich der Zeit vorbehalten glaubt; -von Stunde zu Stunde stellt er innere Veränderungen her, die den von ihr -bewirkten sehr ähnlich sind, aber sie in gewisser Weise übertreffen. -Gleich ihr erzeugt er Vergessen; er tut es aber, indem er die Person des -Menschen aus ihren Beziehungen löst und ihn in einen freien und -ursprünglichen Zustand versetzt, – ja, selbst aus dem Pedanten und -Pfahlbürger macht er im Handumdrehen etwas wie einen Vagabunden. Zeit, -sagt man, ist Lethe; aber auch Fernluft ist so ein Trank, und sollte sie -weniger gründlich wirken, so tut sie es dafür desto rascher. - -Dergleichen erfuhr auch Hans Castorp. Er hatte nicht beabsichtigt, diese -Reise sonderlich wichtig zu nehmen, sich innerlich auf sie einzulassen. -Seine Meinung vielmehr war gewesen, sie rasch abzutun, weil sie abgetan -werden mußte, ganz als derselbe zurückzukehren, als der er abgefahren -war, und sein Leben genau dort wieder aufzunehmen, wo er es für einen -Augenblick hatte liegen lassen müssen. Noch gestern war er völlig in dem -gewohnten Gedankenkreise befangen gewesen, hatte sich mit dem jüngst -Zurückliegenden, seinem Examen, und dem unmittelbar Bevorstehenden, -seinem Eintritt in die Praxis bei Tunder & Wilms (Schiffswerft, -Maschinenfabrik und Kesselschmiede), beschäftigt und über die nächsten -drei Wochen mit soviel Ungeduld hinweggeblickt, als seine Gemütsart nur -immer zuließ. Jetzt aber war ihm doch, als ob die Umstände seine volle -Aufmerksamkeit erforderten und als ob es nicht angehe, sie auf die -leichte Achsel zu nehmen. Dieses Emporgehobenwerden in Regionen, wo er -noch nie geatmet und wo, wie er wußte, völlig ungewohnte, eigentümlich -dünne und spärliche Lebensbedingungen herrschten, – es fing an, ihn zu -erregen, ihn mit einer gewissen Ängstlichkeit zu erfüllen. Heimat und -Ordnung lagen nicht nur weit zurück, sie lagen hauptsächlich klaftertief -unter ihm, und noch immer stieg er darüber hinaus. Schwebend zwischen -ihnen und dem Unbekannten fragte er sich, wie es ihm dort oben ergehen -werde. Vielleicht war es unklug und unzuträglich, daß er, geboren und -gewohnt, nur ein paar Meter über dem Meeresspiegel zu atmen, sich -plötzlich in diese extremen Gegenden befördern ließ, ohne wenigstens -einige Tage an einem Platze von mittlerer Lage verweilt zu haben? Er -wünschte, am Ziel zu sein, denn einmal oben, dachte er, würde man leben -wie überall und nicht so wie jetzt im Klimmen daran erinnert sein, in -welchen unangemessenen Sphären man sich befand. Er sah hinaus: der Zug -wand sich gebogen auf schmalem Paß; man sah die vorderen Wagen, sah die -Maschine, die in ihrer Mühe braune, grüne und schwarze Rauchmassen -ausstieß, die verflatterten. Wasser rauschten in der Tiefe zur Rechten; -links strebten dunkle Fichten zwischen Felsblöcken gegen einen -steingrauen Himmel empor. Stockfinstere Tunnel kamen, und wenn es wieder -Tag wurde, taten weitläufige Abgründe mit Ortschaften in der Tiefe sich -auf. Sie schlossen sich, neue Engpässe folgten, mit Schneeresten in -ihren Schründen und Spalten. Es gab Aufenthalte an armseligen -Bahnhofshäuschen, Kopfstationen, die der Zug in entgegengesetzter -Richtung verließ, was verwirrend wirkte, da man nicht mehr wußte, wie -man fuhr und sich der Himmelsgegenden nicht länger entsann. Großartige -Fernblicke in die heilig-phantasmagorisch sich türmende Gipfelwelt des -Hochgebirges, in das man hinan- und hineinstrebte, eröffneten sich und -gingen dem ehrfürchtigen Auge durch Pfadbiegungen wieder verloren. Hans -Castorp bedachte, daß er die Zone der Laubbäume unter sich gelassen -habe, auch die der Singvögel wohl, wenn ihm recht war, und dieser -Gedanke des Aufhörens und der Verarmung bewirkte, daß er, angewandelt -von einem leichten Schwindel und Übelbefinden, für zwei Sekunden die -Augen mit der Hand bedeckte. Das ging vorüber. Er sah, daß der Aufstieg -ein Ende genommen hatte, die Paßhöhe überwunden war. Auf ebener Talsohle -rollte der Zug nun bequemer dahin. - -Es war gegen acht Uhr, noch hielt sich der Tag. Ein See erschien in -landschaftlicher Ferne, seine Flut war grau, und schwarz stiegen -Fichtenwälder neben seinen Ufern an den umgebenden Höhen hinan, wurden -dünn weiter oben, verloren sich und ließen nebelig-kahles Gestein -zurück. Man hielt an einer kleinen Station, es war Davos-Dorf, wie Hans -Castorp draußen ausrufen hörte, er würde nun binnen kurzem am Ziele -sein. Und plötzlich vernahm er neben sich Joachim Ziemßens Stimme, -seines Vetters gemächliche Hamburger Stimme, die sagte: „Tag, du, nun -steige nur aus“; und wie er hinaussah, stand unter seinem Fenster -Joachim selbst auf dem Perron, in braunem Ulster, ganz ohne -Kopfbedeckung und so gesund aussehend wie in seinem Leben noch nicht. Er -lachte und sagte wieder: - -„Komm nur heraus, du, geniere dich nicht!“ - -„Ich bin aber noch nicht da“, sagte Hans Castorp verdutzt und noch immer -sitzend. - -„Doch, du bist da. Dies ist das Dorf. Zum Sanatorium ist es näher von -hier. Ich habe ’nen Wagen mit. Gib mal deine Sachen her.“ - -Und lachend, verwirrt, in der Aufregung der Ankunft und des Wiedersehens -reichte Hans Castorp ihm Handtasche und Wintermantel, die Plaidrolle mit -Stock und Schirm und schließlich auch „_Ocean steamships_“ hinaus. Dann -lief er über den engen Korridor und sprang auf den Bahnsteig zur -eigentlichen und sozusagen nun erst persönlichen Begrüßung mit seinem -Vetter, die sich ohne Überschwang, wie zwischen Leuten von kühlen und -spröden Sitten, vollzog. Es ist sonderbar zu sagen, aber von jeher -hatten sie es vermieden, einander beim Vornamen zu nennen, einzig und -allein aus Scheu vor zu großer Herzenswärme. Da sie sich aber doch nicht -gut mit Nachnamen anreden konnten, so beschränkten sie sich auf das Du. -Das war eingewurzelte Gewohnheit zwischen den Vettern. - -Ein Mann in Livree, mit Tressenmütze, sah zu, wie sie einander – der -junge Ziemßen in militärischer Haltung – rasch und ein bißchen verlegen -die Hände schüttelten, und kam dann heran, um sich Hans Castorps -Gepäckschein auszubitten; denn er war der Concierge des Internationalen -Sanatoriums „Berghof“ und zeigte sich willens, den großen Koffer des -Gastes vom Bahnhof „Platz“ zu holen, indes die Herren direkt mit dem -Wagen zum Abendbrot fuhren. Der Mann hinkte auffallend, und so war das -erste, was Hans Castorp Joachim Ziemßen fragte: - -„Ist das ein Kriegsveteran? Was hinkt er denn so?“ - -„Ja, danke!“ erwiderte Joachim etwas bitter. „Ein Kriegsveteran! Der hat -es im Knie – oder hatte es doch, denn dann hat er sich die Kniescheibe -herausnehmen lassen.“ - -Hans Castorp besann sich so rasch er konnte. „Ja, so!“ sagte er, indem -er im Gehen den Kopf hob und sich flüchtig umblickte. „Du wirst mir doch -aber nicht weismachen wollen, daß du noch so etwas hast? Du siehst ja -aus, als ob du dein Portepee schon hättest und gerade aus dem Manöver -kämst.“ Und er sah den Vetter von der Seite an. - -Joachim war größer und breiter als er, ein Bild der Jugendkraft und wie -für die Uniform geschaffen. Er war von dem sehr braunen Typus, den seine -blonde Heimat nicht selten hervorbringt, und seine ohnehin dunkle -Gesichtshaut war durch Verbrennung beinahe bronzefarben geworden. Mit -seinen großen schwarzen Augen und dem dunklen Schnurrbärtchen über dem -vollen, gut geschnittenen Munde wäre er geradezu schön gewesen, wenn er -nicht abstehende Ohren gehabt hätte. Sie waren sein einziger Kummer und -Lebensschmerz gewesen bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Jetzt hatte er -andere Sorgen. Hans Castorp fuhr fort: - -„Du kommst doch gleich mit mir hinunter? Ich sehe wirklich kein -Hindernis.“ - -„Gleich mit dir?“ fragte der Vetter und wandte ihm seine großen Augen -zu, die immer sanft gewesen waren, in diesen fünf Monaten aber einen -etwas müden, ja traurigen Ausdruck angenommen hatten. „Gleich wann?“ - -„Na, in drei Wochen.“ - -„Ach so, du fährst wohl schon wieder nach Hause in deinen Gedanken“, -antwortete Joachim. „Nun, warte nur, du kommst ja eben erst an. Drei -Wochen sind freilich fast nichts für uns hier oben, aber für dich, der -du zu Besuch hier bist und überhaupt nur drei Wochen bleiben sollst, für -dich ist es doch eine Menge Zeit. Erst akklimatisiere dich mal, das ist -gar nicht so leicht, sollst du sehen. Und dann ist das Klima auch nicht -das einzig Sonderbare bei uns. Du wirst hier mancherlei Neues sehen, paß -auf. Und was du von mir sagst, das geht denn doch nicht so flott mit -mir, du, ‚in drei Wochen nach Haus‘, das sind so Ideen von unten. Ich -bin ja wohl braun, aber das ist hauptsächlich Schneeverbrennung und hat -nicht viel zu bedeuten, wie Behrens auch immer sagt, und bei der letzten -Generaluntersuchung hat er gesagt, ein halbes Jahr wird es wohl ziemlich -sicher noch dauern.“ - -„Ein halbes Jahr? Bist du toll?“ rief Hans Castorp. Sie hatten sich eben -vor dem Stationsgebäude, das nicht viel mehr als ein Schuppen war, in -das gelbe Kabriolett gesetzt, das dort auf steinigem Platze bereit -stand, und während die beiden Braunen anzogen, warf sich Hans Castorp -empört auf dem harten Kissen herum. „Ein halbes Jahr? du bist ja schon -fast ein halbes Jahr hier! Man hat doch nicht so viel Zeit –!“ - -„Ja, Zeit“, sagte Joachim und nickte mehrmals geradeaus, ohne sich um -des Vetters ehrliche Entrüstung zu kümmern. „Die springen hier um mit -der menschlichen Zeit, das glaubst du gar nicht. Drei Wochen sind wie -ein Tag vor ihnen. Du wirst schon sehen. Du wirst das alles schon -lernen“, sagte er und setzte hinzu: „Man ändert hier seine Begriffe.“ - -Hans Castorp betrachtete ihn unausgesetzt von der Seite. - -„Du hast dich aber doch prachtvoll erholt“, sagte er kopfschüttelnd. - -„Ja, meinst du?“ antwortete Joachim. „Nicht wahr, ich denke doch auch!“ -sagte er und setzte sich höher ins Kissen zurück; doch nahm er gleich -wieder eine schrägere Stellung ein. „Es geht mir ja besser“, erklärte -er; „aber gesund bin ich eben noch nicht. Links oben, wo früher Rasseln -zu hören war, klingt es jetzt nur noch rauh, das ist nicht so schlimm, -aber unten ist es noch _sehr_ rauh, und dann sind auch im zweiten -Interkostalraum Geräusche.“ - -„Wie gelehrt du geworden bist“, sagte Hans Castorp. - -„Ja, das ist, weiß Gott, eine nette Gelehrsamkeit. Die hätte ich gern im -Dienste schon wieder verschwitzt“, erwiderte Joachim. „Aber ich habe -noch Sputum“, sagte er mit einem zugleich lässigen und heftigen -Achselzucken, das ihm nicht gut zu Gesichte stand, und ließ seinen -Vetter etwas sehen, was er aus der ihm zugekehrten Seitentasche seines -Ulsters zur Hälfte herauszog und gleich wieder verwahrte: eine flache, -geschweifte Flasche aus blauem Glase mit einem Metallverschluß. „Das -haben die meisten von uns hier oben“, sagte er. „Es hat auch einen Namen -bei uns, so einen Spitznamen, ganz fidel. Du siehst dir die Gegend an?“ - -Das tat Hans Castorp, und er äußerte: „Großartig!“ - -„Findest du?“ fragte Joachim. - -Sie hatten die unregelmäßig bebaute, der Eisenbahn gleichlaufende Straße -ein Stück in der Richtung der Talachse verfolgt, hatten dann nach links -hin das schmale Geleise gekreuzt, einen Wasserlauf überquert und -trotteten nun auf sanft ansteigendem Fahrweg bewaldeten Hängen entgegen, -dorthin, wo auf niedrig vorspringendem Wiesenplateau, die Front -südwestlich gewandt, ein langgestrecktes Gebäude mit Kuppelturm, das vor -lauter Balkonlogen von weitem löcherig und porös wirkte wie ein Schwamm, -soeben die ersten Lichter aufsteckte. Es dämmerte rasch. Ein leichtes -Abendrot, das eine Weile den gleichmäßig bedeckten Himmel belebt hatte, -war schon verblichen, und jener farblose, entseelte und traurige -Übergangszustand herrschte in der Natur, der dem vollen Einbruch der -Nacht unmittelbar vorangeht. Das besiedelte Tal, lang hingestreckt und -etwas gewunden, beleuchtete sich nun überall, auf dem Grunde sowohl wie -da und dort an den beiderseitigen Lehnen, – an der rechten zumal, die -auslud, und an der Baulichkeiten terrassenförmig aufstiegen. Links -liefen Pfade die Wiesenhänge hinan und verloren sich in der stumpfen -Schwärze der Nadelwälder. Die entfernteren Bergkulissen, hinten am -Ausgang, gegen den das Tal sich verjüngte, zeigten ein nüchternes -Schieferblau. Da ein Wind sich aufgemacht hatte, wurde die Abendkühle -empfindlich. - -„Nein, ich finde es offen gestanden nicht so überwältigend“, sagte Hans -Castorp. „Wo sind denn die Gletscher und Firnen und die gewaltigen -Bergesriesen? Diese Dinger sind doch nicht sehr hoch, wie mir scheint.“ - -„Doch, sie sind hoch“, antwortete Joachim. „Du siehst die Baumgrenze -fast überall, sie markiert sich ja auffallend scharf, die Fichten hören -auf, und damit hört alles auf, aus ist es, Felsen, wie du bemerkst. Da -drüben, rechts von dem Schwarzhorn, dieser Zinke dort, hast du sogar -einen Gletscher, siehst du das Blaue noch? Er ist nicht groß, aber es -ist ein Gletscher, wie es sich gehört, der Scaletta-Gletscher. Piz -Michel und Tinzenhorn in der Lücke, du kannst sie von hier aus nicht -sehen, liegen auch immer im Schnee, das ganze Jahr.“ - -„In ewigem Schnee“, sagte Hans Castorp. - -„Ja, ewig, wenn du willst. Doch, hoch ist das alles schon. Aber wir -selbst sind scheußlich hoch, mußt du bedenken. Sechzehnhundert Meter -über dem Meer. Da kommen die Erhebungen nicht so zur Geltung.“ - -„Ja, war das eine Kletterei! Mir ist angst und bange geworden, kann ich -dir sagen. Sechzehnhundert Meter! Das sind ja annähernd fünftausend Fuß, -wenn ich es ausrechne. In meinem Leben war ich noch nicht so hoch.“ Und -Hans Castorp nahm neugierig einen tiefen, probenden Atemzug von der -fremden Luft. Sie war frisch – und nichts weiter. Sie entbehrte des -Duftes, des Inhaltes, der Feuchtigkeit, sie ging leicht ein und sagte -der Seele nichts. - -„Ausgezeichnet!“ bemerkte er höflich. - -„Ja, es ist ja eine berühmte Luft. Übrigens präsentiert sich die Gegend -heute abend nicht vorteilhaft. Manchmal nimmt sie sich besser aus, -besonders im Schnee. Aber man sieht sich sehr satt an ihr. Wir alle hier -oben, kannst du mir glauben, haben sie ganz unaussprechlich satt“, sagte -Joachim, und sein Mund wurde von einem Ausdruck des Ekels verzogen, der -übertrieben und unbeherrscht wirkte und ihn wiederum nicht gut kleidete. - -„Du sprichst so sonderbar“, sagte Hans Castorp. - -„Spreche ich sonderbar?“ fragte Joachim mit einer gewissen Besorgnis und -wandte sich seinem Vetter zu ... - -„Nein, nein, verzeih, es kam mir wohl nur einen Augenblick so vor!“ -beeilte sich Hans Castorp zu sagen. Er hatte aber die Wendung „Wir hier -oben“ gemeint, die Joachim schon zum dritten- oder viertenmal gebraucht -hatte und die ihn auf irgendeine Weise beklemmend und seltsam anmutete. - -„Unser Sanatorium liegt noch höher als der Ort, wie du siehst“, fuhr -Joachim fort. „Fünfzig Meter. Im Prospekt steht ‚hundert‘, aber es sind -bloß fünfzig. Am allerhöchsten liegt das Sanatorium Schatzalp dort -drüben, man kann es nicht sehen. Die müssen im Winter ihre Leichen per -Bobschlitten herunterbefördern, weil dann die Wege nicht fahrbar sind.“ - -„Ihre Leichen? Ach so! Na, höre mal!“ rief Hans Castorp. Und plötzlich -geriet er ins Lachen, in ein heftiges, unbezwingliches Lachen, das seine -Brust erschütterte und sein vom kühlen Wind etwas steifes Gesicht zu -einer leise schmerzenden Grimasse verzog. „Auf dem Bobschlitten! Und das -erzählst du mir so in aller Gemütsruhe? Du bist ja ganz zynisch geworden -in diesen fünf Monaten!“ - -„Gar nicht zynisch“, antwortete Joachim achselzuckend. „Wieso denn? Das -ist den Leichen doch einerlei ... Übrigens kann es wohl sein, daß man -zynisch wird hier bei uns. Behrens selbst ist auch so ein alter Zyniker -– ein famoses Huhn nebenbei, alter Korpsstudent und glänzender -Operateur, wie es scheint, er wird dir gefallen. Dann ist da noch -Krokowski, der Assistent – ein ganz gescheutes Etwas. Im Prospekt ist -besonders auf seine Tätigkeit hingewiesen. Er treibt nämlich -Seelenzergliederung mit den Patienten.“ - -„Was treibt er? Seelenzergliederung? Das ist ja widerlich!“ rief Hans -Castorp, und nun nahm seine Heiterkeit überhand. Er war ihrer gar nicht -mehr Herr, nach allem andern hatte die Seelenzergliederung es ihm -vollends angetan, und er lachte so sehr, daß die Tränen ihm unter der -Hand hervorliefen, mit der er, sich vorbeugend, die Augen bedeckte. -Joachim lachte ebenfalls herzlich – es schien ihm wohlzutun –, und so -kam es, daß die jungen Leute in großer Aufgeräumtheit aus ihrem Wagen -stiegen, der sie zuletzt im Schritt, auf steiler, schleifenförmiger -Anfahrt vor das Portal des Internationalen Sanatoriums Berghof getragen -hatte. - - - Nr. 34 - -Gleich zur Rechten, zwischen Haustor und Windfang, war die -Concierge-Loge gelegen, und von dort kam ein Bediensteter von -französischem Typus, der, am Telephon sitzend, Zeitungen gelesen hatte, -in der grauen Livree des hinkenden Mannes am Bahnhof ihnen entgegen und -führte sie durch die wohlbeleuchtete Halle, an deren linker Seite -Gesellschaftsräume lagen. Im Vorübergehen blickte Hans Castorp hinein -und fand sie leer. Wo denn die Gäste seien, fragte er, und sein Vetter -antwortete: - -„In der Liegekur. Ich hatte Ausgang heute, weil ich dich abholen wollte. -Sonst liege ich auch nach dem Abendbrot auf dem Balkon.“ - -Es fehlte nicht viel, daß Hans Castorp aufs neue vom Lachen überwältigt -wurde. - -„Was, ihr liegt noch bei Nacht und Nebel auf dem Balkon?“ fragte er mit -wankender Stimme ... - -„Ja, das ist Vorschrift. Von acht bis zehn. Aber komm nun, sieh dir dein -Zimmer an und wasch’ dir die Hände.“ - -Sie bestiegen den Lift, dessen elektrisches Triebwerk der Franzose -bediente. Im Hinaufgleiten trocknete Hans Castorp sich die Augen. - -„Ich bin ganz entzwei und erschöpft vor Lachen“, sagte er und atmete -durch den Mund. „Du hast mir soviel tolles Zeug erzählt ... Das mit der -Seelenzergliederung war zu stark, das hätte nicht kommen dürfen. -Außerdem bin ich doch auch wohl ein bißchen abgespannt von der Reise. -Leidest du auch so an kalten Füßen? Gleichzeitig hat man dann so ein -heißes Gesicht, das ist unangenehm. Wir essen wohl gleich? Mir scheint, -ich habe Hunger. Ißt man denn anständig bei euch hier oben?“ - -Sie gingen geräuschlos den Kokosläufer des schmalen Korridors entlang. -Glocken aus Milchglas sandten von der Decke ein bleiches Licht. Die -Wände schimmerten weiß und hart, mit einer lackartigen Ölfarbe -überzogen. Eine Krankenschwester zeigte sich irgendwo, in weißer Haube -und einen Zwicker auf der Nase, dessen Schnur sie sich hinter das Ohr -gelegt hatte. Offenbar war sie protestantischer Konfession, ohne rechte -Hingabe an ihren Beruf, neugierig und von Langerweile beunruhigt und -belastet. An zwei Stellen des Ganges, auf dem Fußboden vor den weiß -lackierten numerierten Türen, standen gewisse Ballons, große, bauchige -Gefäße mit kurzen Hälsen, nach deren Bedeutung zu fragen Hans Castorp -fürs erste vergaß. - -„Hier bist du“, sagte Joachim. „Nummer Vierunddreißig. Rechts bin ich, -und links ist ein russisches Ehepaar, – etwas salopp und laut, muß man -wohl sagen, aber das war nicht anders zu machen. Nun, was sagst du?“ - -Die Tür war doppelt, mit Kleiderhaken im inneren Hohlraum. Joachim hatte -das Deckenlicht eingeschaltet, und in seiner zitternden Klarheit zeigte -das Zimmer sich heiter und friedlich, mit seinen weißen, praktischen -Möbeln, seinen ebenfalls weißen, starken, waschbaren Tapeten, seinem -reinlichen Linoleum-Fußbodenbelag und den leinenen Vorhängen, die in -modernem Geschmacke einfach und lustig bestickt waren. Die Balkontür -stand offen; man gewahrte die Lichter des Tals und vernahm eine -entfernte Tanzmusik. Der gute Joachim hatte einige Blumen in eine kleine -Vase auf die Kommode gestellt, – was eben im zweiten Grase zu finden -gewesen war, etwas Schafgarbe und ein paar Glockenblumen, von ihm selbst -am Hange gepflückt. - -„Reizend von dir“, sagte Hans Castorp. „Was für ein nettes Zimmer! Hier -läßt es sich gut und gern ein paar Wochen hausen.“ - -„Vorgestern ist hier eine Amerikanerin gestorben“, sagte Joachim. -„Behrens meinte gleich, daß sie fertig sein würde, bis du kämest, und -daß du das Zimmer dann haben könntest. Ihr Verlobter war bei ihr, -englischer Marineoffizier, aber er benahm sich nicht gerade stramm. -Jeden Augenblick kam er auf den Korridor hinaus, um zu weinen, ganz wie -ein kleiner Junge. Und dann rieb er sich die Backen mit _Cold-cream_ -ein, weil er rasiert war und die Tränen ihn da so brannten. Vorgestern -abend hatte die Amerikanerin noch zwei Blutstürze ersten Ranges, und -damit war Schluß. Aber sie ist schon seit gestern morgen fort, und dann -haben sie hier natürlich gründlich ausgeräuchert, mit Formalin, weißt -du, das soll so gut sein für solche Zwecke.“ - -Hans Castorp nahm diese Erzählung mit einer angeregten Zerstreutheit -auf. Mit zurückgezogenen Ärmeln vor dem geräumigen Waschbecken stehend, -dessen Nickelhähne im elektrischen Lichte blitzten, warf er kaum einen -flüchtigen Blick zu der weißmetallenen, reinlich bedeckten Bettstatt -hinüber. - -„Ausgeräuchert, das ist famos“, sagte er gesprächig und etwas ungereimt, -indem er sich die Hände wusch und trocknete. „Ja, Methylaldehyd, das -hält die stärkste Bakterie nicht aus, – H₂CO, aber es sticht in die -Nase, nicht? Selbstverständlich ist strengste Sauberkeit eine -Grundbedingung ...“ Er sagte „Selbstvers-tändlich“ mit dem getrennten -st, während sein Vetter sich, seit er Student war, die verbreitetere -Aussprache angewöhnt hatte, und fuhr mit großer Geläufigkeit fort: „Was -ich noch sagen wollte ... Wahrscheinlich hatte der Marineoffizier sich -mit dem Sicherheitsapparat rasiert, möchte ich annehmen, man macht sich -doch leichter wund mit den Dingern, als mit einem gut abgezogenen -Messer, das ist wenigstens meine Erfahrung, ich gebrauche abwechselnd -eins und das andere ... Na, und auf der gereizten Haut tut das -Salzwasser natürlich weh, da war er wohl vom Dienst her gewöhnt, -_Cold-cream_ anzuwenden, es fällt mir nichts auf daran ...“ Und er -plauderte weiter, sagte, daß er zweihundert Stück von _Maria Mancini_ – -seiner Zigarre – im Koffer habe, – die Revision sei höchst gemütlich -gewesen – und richtete Grüße von verschiedenen Personen in der Heimat -aus. „Wird hier denn nicht geheizt?“ rief er plötzlich und lief zu den -Röhren, um die Hände daran zu legen ... - -„Nein, wir werden hier ziemlich kühl gehalten“, antwortete Joachim. „Da -muß es anders kommen, bis im August die Zentralheizung angezündet wird.“ - -„August, August!“ sagte Hans Castorp. „Aber mich friert! Mich friert -abscheulich, nämlich am Körper, denn im Gesicht bin ich auffallend -echauffiert, – da, fühle doch mal, wie ich brenne!“ - -Diese Zumutung, man solle sein Gesicht befühlen, paßte ganz und gar -nicht zu Hans Castorps Natur und berührte ihn selber peinlich. Joachim -ging auch nicht darauf ein, sondern sagte nur: - -„Das ist die Luft und hat nichts zu sagen. Behrens selbst hat den ganzen -Tag blaue Backen. Manche gewöhnen sich nie. Na, _go on_, wir kriegen -sonst nichts mehr zu essen.“ - -Draußen zeigte sich wieder die Krankenschwester, kurzsichtig und -neugierig nach ihnen spähend. Aber im ersten Stockwerk blieb Hans -Castorp plötzlich stehen, festgebannt von einem vollkommen gräßlichen -Geräusch, das in geringer Entfernung hinter einer Biegung des Korridors -vernehmlich wurde, einem Geräusch, nicht laut, aber so ausgemacht -abscheulicher Art, daß Hans Castorp eine Grimasse schnitt und seinen -Vetter mit erweiterten Augen ansah. Es war Husten, offenbar, – eines -Mannes Husten; aber ein Husten, der keinem anderen ähnelte, den Hans -Castorp jemals gehört hatte, ja, mit dem verglichen jeder andere ihm -bekannte Husten eine prächtige und gesunde Lebensäußerung gewesen war, – -ein Husten ganz ohne Lust und Liebe, der nicht in richtigen Stößen -geschah, sondern nur wie ein schauerlich kraftloses Wühlen im Brei -organischer Auflösung klang. - -„Ja,“ sagte Joachim, „da sieht es böse aus. Ein österreichischer -Aristokrat, weißt du, eleganter Mann und ganz wie zum Herrenreiter -geboren. Und nun steht es so mit ihm. Aber er geht noch herum.“ - -Während sie ihren Weg fortsetzten, sprach Hans Castorp angelegentlich -über den Husten des Herrenreiters. „Du mußt bedenken,“ sagte er, „daß -ich dergleichen nie gehört habe, daß es mir völlig neu ist, da macht es -natürlich Eindruck auf mich. Es gibt so vielerlei Husten, trockenen und -losen, und der lose ist eher noch vorteilhafter, wie man allgemein sagt, -und besser, als wenn man so bellt. Als ich in meiner Jugend („in meiner -Jugend“ sagte er) Bräune hatte, da bellte ich wie ein Wolf, und sie -waren alle froh, als es locker wurde, ich kann mich noch dran erinnern. -Aber so ein Husten, wie dieser, war noch nicht da, für mich wenigstens -nicht, – das ist ja gar kein lebendiger Husten mehr. Er ist nicht -trocken, aber lose kann man ihn auch nicht nennen, das ist noch längst -nicht das Wort. Es ist ja gerade, als ob man dabei in den Menschen -hineinsähe, wie es da aussieht, – alles ein Matsch und Schlamm ...“ - -„Na,“ sagte Joachim, „ich höre es ja jeden Tag, du brauchst es mir nicht -zu beschreiben.“ - -Aber Hans Castorp konnte sich gar nicht über den vernommenen Husten -beruhigen, er versicherte wiederholt, daß man förmlich dabei in den -Herrenreiter hineinsähe, und als sie das Restaurant betraten, hatten -seine reisemüden Augen einen erregten Glanz. - - - Im Restaurant - -Im Restaurant war es hell, elegant und gemütlich. Es lag gleich rechts -an der Halle, den Konversationsräumen gegenüber, und wurde, wie Joachim -erklärte, hauptsächlich von neu angekommenen, außer der Zeit speisenden -Gästen, und von solchen, die Besuch hatten, benutzt. Aber auch -Geburtstage und bevorstehende Abreisen wurden dort festlich begangen, -sowie günstige Ergebnisse von Generaluntersuchungen. Manchmal gehe es -hoch her im Restaurant, sagte Joachim; auch Champagner werde serviert. -Jetzt saß niemand als eine einzelne etwa dreißigjährige Dame darin, die -in einem Buche las, aber dabei vor sich hin summte und mit dem -Mittelfinger der linken Hand immerfort leicht auf das Tischtuch klopfte. -Als die jungen Leute sich niedergelassen hatten, wechselte sie den -Platz, um ihnen den Rücken zuzuwenden. Sie sei menschenscheu, erklärte -Joachim leise, und esse immer mit einem Buche im Restaurant. Man wollte -wissen, daß sie schon als ganz junges Mädchen in Lungensanatorien -eingetreten sei und seitdem nicht mehr in der Welt gelebt habe. - -„Nun, dann bist du ja noch ein junger Anfänger gegen sie mit deinen fünf -Monaten und wirst es noch sein, wenn du ein Jahr auf dem Buckel hast“, -sagte Hans Castorp zu seinem Vetter; worauf Joachim mit jenem -Achselzucken, das ihm früher nicht eigen gewesen war, zur Menukarte -griff. - -Sie hatten den erhöhten Tisch am Fenster genommen, den hübschesten -Platz. An dem cremefarbenen Vorhang saßen sie einander gegenüber, die -Gesichter beglüht vom Schein des rot umhüllten elektrischen -Tischlämpchens. Hans Castorp faltete seine frisch gewaschenen Hände und -rieb sie behaglich-erwartungsvoll aneinander, wie er zu tun pflegte, -wenn er sich zu Tische setzte, – vielleicht weil seine Vorfahren vor der -Suppe gebetet hatten. Ein freundliches, gaumig sprechendes Mädchen in -schwarzem Kleide mit weißer Schürze und einem großen Gesicht von überaus -gesunder Farbe bediente sie, und zu seiner großen Heiterkeit ließ Hans -Castorp sich belehren, daß man die Kellnerinnen hier „Saaltöchter“ -nenne. Sie bestellten eine Flasche Gruaud Larose bei ihr, die Hans -Castorp noch einmal fortschickte, um sie besser temperieren zu lassen. -Das Essen war vorzüglich. Es gab Spargelsuppe, gefüllte Tomaten, Braten -mit vielerlei Zutat, eine besonders gut bereitete süße Speise, eine -Käseplatte und Obst. Hans Castorp aß sehr stark, obgleich sein Appetit -sich nicht als so lebhaft erwies, wie er geglaubt hatte. Aber er war -gewohnt, viel zu essen, auch wenn er keinen Hunger hatte, und zwar aus -Selbstachtung. - -Joachim tat den Gerichten nicht viel Ehre an. Er hatte die Küche satt, -sagte er, das hätten sie alle hier oben, und es sei Brauch, auf das -Essen zu schimpfen; denn wenn man hier ewig und drei Tage sitze ... -Dagegen trank er mit Vergnügen, ja mit einer gewissen Hingebung von dem -Wein, und gab unter sorgfältiger Vermeidung allzu gefühlvoller Wendungen -wiederholt seiner Genugtuung Ausdruck, daß jemand da sei, mit dem man -ein vernünftiges Wort reden könne. - -„Ja, es ist brillant, daß du gekommen bist!“ sagte er, und seine -gemächliche Stimme war bewegt. „Ich kann wohl sagen, es ist für mich -geradezu ein Ereignis. Das ist doch einmal eine Abwechslung, – ich -meine, es ist ein Einschnitt, eine Gliederung in dem ewigen, -grenzenlosen Einerlei ...“ - -„Aber die Zeit muß euch eigentlich schnell hier vergehen“, meinte Hans -Castorp. - -„Schnell und langsam, wie du nun willst“, antwortete Joachim. „Sie -vergeht überhaupt nicht, will ich dir sagen, es ist gar keine Zeit, und -es ist auch kein Leben, – nein, das ist es nicht“, sagte er -kopfschüttelnd und griff wieder zum Glase. - -Auch Hans Castorp trank, obgleich sein Gesicht nun wie Feuer brannte. -Aber am Körper war ihm noch immer kalt, und eine besondere freudige und -doch etwas quälende Unruhe war in seinen Gliedern. Seine Worte -überhasteten sich, er versprach sich des öfteren und ging mit einer -wegwerfenden Handbewegung darüber hin. Übrigens war auch Joachim in -belebter Stimmung, und um so freier und aufgeräumter ging ihr Gespräch, -als die summende, pochende Dame ganz plötzlich aufgestanden und -davongegangen war. Sie gestikulierten beim Essen mit den Gabeln, -machten, einen Bissen in der Backe, wichtige Mienen, lachten, nickten, -hoben die Schultern und hatten noch nicht ordentlich hinuntergeschluckt, -wenn sie schon weitersprachen. Joachim wollte von Hamburg hören und -hatte das Gespräch auf die geplante Elbregulierung gebracht. - -„Epochal!“ sagte Hans Castorp. „Epochal für die Entwicklung unserer -Schiffahrt, – gar nicht zu überschätzen. Wir setzen fünfzig Millionen -als sofortige einmalige Ausgabe dafür ins Budget, und du kannst -überzeugt sein, wir wissen genau, was wir tun.“ - -Übrigens sprang er, bei aller Wichtigkeit, die er der Elbregulierung -beimaß, gleich wieder ab von diesem Thema und verlangte, daß Joachim ihm -Weiteres von dem Leben „hier oben“ und von den Gästen erzähle, was auch -bereitwillig geschah, da Joachim froh war, sich erleichtern und -mitteilen zu können. Das von den Leichen, die man die Bob-Bahn -hinuntersandte, mußte er wiederholen und noch einmal ausdrücklich -versichern, daß es auf Wahrheit beruhe. Da Hans Castorp wieder vom -Lachen ergriffen wurde, lachte auch er, was er herzlich zu genießen -schien, und ließ andere komische Dinge hören, um der Ausgelassenheit -Nahrung zu geben. Eine Dame sitze mit ihm am Tische, namens Frau Stöhr, -ziemlich krank übrigens, eine Musikersgattin aus Cannstatt, – die sei -das Ungebildetste, was ihm jemals vorgekommen. „Desinfiszieren“ sage -sie, – aber in vollstem Ernst. Und den Assistenten Krokowski nenne sie -den „Fomulus“. Das müsse man nun hinunterschlucken, ohne das Gesicht zu -verziehen. Außerdem sei sie klatschsüchtig, wie übrigens die meisten -hier oben, und einer anderen Dame, Frau Iltis, sage sie nach, sie trage -ein „Sterilett“. „Sterilett nennt sie das, – das ist doch unbezahlbar!“ -Und halb liegend, gegen die Lehnen ihrer Stühle zurückgeworfen, lachten -sie so sehr, daß ihnen der Leib bebte und sie fast gleichzeitig -Schluckauf bekamen. - -Zwischendurch betrübte Joachim sich und gedachte seines Loses. - -„Ja, da sitzen wir nun und lachen,“ sagte er mit schmerzendem Gesicht -und zuweilen von den Erschütterungen seines Zwerchfelles unterbrochen; -„und dabei ist gar nicht abzusehen, wann ich hier wegkomme, denn wenn -Behrens sagt: noch ein halbes Jahr, dann ist es knapp gerechnet, man muß -sich auf mehr gefaßt machen. Aber es ist doch hart, sage mal selbst, ob -es nicht traurig für mich ist. Da war ich nun schon genommen, und im -nächsten Monat könnte ich meine Offiziersprüfung machen. Und nun lungere -ich hier herum mit dem Thermometer im Mund und zähle die Schnitzer von -dieser ungebildeten Frau Stöhr und versäume die Zeit. Ein Jahr spielt -solch eine Rolle in unserem Alter, es bringt im Leben unten so viele -Veränderungen und Fortschritte mit sich. Und ich muß hier stagnieren wie -ein Wasserloch, – ja, ganz wie ein fauliger Tümpel, es ist gar kein zu -krasser Vergleich ...“ - -Sonderbarerweise antwortete Hans Castorp hierauf nur mit der Frage, ob -man hier eigentlich Porter bekommen könne, und als sein Vetter ihn etwas -erstaunt betrachtete, sah er, daß jener im Einschlafen begriffen war, – -eigentlich schlief er schon. - -„Aber du schläfst ja!“ sagte Joachim. „Komm, es ist Zeit, zu Bett zu -gehen, für uns beide.“ - -„Es ist überhaupt keine Zeit“, sagte Hans Castorp mit schwerer Zunge. -Aber er ging doch mit, etwas gebückt und steifbeinig, wie ein Mensch, -der von Müdigkeit förmlich zu Boden gezogen wird, – nahm sich jedoch -gewaltsam zusammen, als er in der nur noch matt erleuchteten Halle -Joachim sagen hörte: - -„Da sitzt Krokowski. Ich muß dich, glaube ich, rasch noch vorstellen.“ - -Dr. Krokowski saß im Hellen, am Kamin des einen Konversationszimmers, -gleich bei der offenen Schiebetür, und las eine Zeitung. Er stand auf, -als die jungen Leute auf ihn zutraten und Joachim in militärischer -Haltung sagte: - -„Darf ich Ihnen, bitte, meinen Vetter Castorp aus Hamburg vorstellen, -Herr Doktor. Er ist eben erst angekommen.“ - -Dr. Krokowski begrüßte den neuen Hausgenossen mit einer gewissen -heiteren, stämmigen und aufmunternden Herzhaftigkeit, als wollte er -andeuten, daß Aug in Auge mit ihm jede Befangenheit überflüssig und -einzig fröhliches Vertrauen am Platze sei. Er war ungefähr -fünfunddreißig Jahre alt, breitschultrig, fett, bedeutend kleiner als -die beiden, die vor ihm standen, so daß er den Kopf schräg zurücklegen -mußte, um ihnen ins Gesicht zu sehen, – und außerordentlich bleich, von -durchscheinender, ja phosphoreszierender Blässe, die noch gehoben wurde -durch die dunkle Glut seiner Augen, die Schwärze seiner Brauen und -seines ziemlich langen, in zwei Spitzen auslaufenden Vollbartes, der -bereits ein paar weiße Fäden zeigte. Er trug einen schwarzen, -zweireihigen, schon etwas abgenutzten Sakkoanzug, schwarze, -durchbrochene, sandalenartige Halbschuhe zu dicken, grauwollenen Socken -und einen weich überfallenden Halskragen, wie Hans Castorp ihn bis dahin -nur bei einem Photographen in Danzig gesehen hatte und welcher der -Erscheinung Dr. Krokowskis in der Tat ein ateliermäßiges Gepräge -verlieh. Herzlich lächelnd, so daß in seinem Barte die gelblichen Zähne -sichtbar wurden, schüttelte er dem jungen Manne die Hand, indem er mit -baritonaler Stimme und etwas fremdländisch schleppenden Akzenten sagte: - -„Seien Sie uns willkommen, Herr Castorp! Möchten Sie sich rasch einleben -und sich wohlfühlen in unserer Mitte. Sie kommen zu uns als Patient, -wenn ich mir die Frage erlauben darf?“ - -Es war rührend zu sehen, wie Hans Castorp arbeitete, um sich artig zu -erweisen und seiner Schläfrigkeit Herr zu werden. Er ärgerte sich, so -schlecht in Form zu sein und sah mit dem mißtrauischen Selbstbewußtsein -junger Leute in dem Lächeln und dem aufmunternden Wesen des Assistenten -Zeichen nachsichtigen Spottes. Er antwortete, indem er von den drei -Wochen sprach, auch seines Examens erwähnte und hinzufügte, daß er, -gottlob, ganz gesund sei. - -„Wahrhaftig?“ fragte Dr. Krokowski, indem er seinen Kopf wie neckend -schräg vorwärts stieß und sein Lächeln verstärkte ... „Aber dann sind -Sie eine höchst studierenswerte Erscheinung! Mir ist nämlich ein ganz -gesunder Mensch noch nicht vorgekommen. Was für ein Examen haben Sie -abgelegt, wenn die Frage erlaubt ist?“ - -„Ich bin Ingenieur, Herr Doktor“, antwortete Hans Castorp mit -bescheidener Würde. - -„Ah, Ingenieur!“ Und Dr. Krokowskis Lächeln zog sich gleichsam zurück, -büßte an Kraft und Herzlichkeit für den Augenblick etwas ein. „Das ist -wacker. Und Sie werden hier also keinerlei ärztliche Behandlung in -Anspruch nehmen, weder in körperlicher noch in psychischer Hinsicht?“ - -„Nein, ich danke tausendmal!“ sagte Hans Castorp und wäre fast einen -Schritt zurückgewichen. - -Da brach das Lächeln Dr. Krokowskis wieder siegreich hervor, und indem -er dem jungen Manne aufs neue die Hand schüttelte, rief er mit lauter -Stimme: - -„Nun, so schlafen Sie denn wohl, Herr Castorp, – im Vollgefühl Ihrer -untadeligen Gesundheit! Schlafen Sie wohl und auf Wiedersehn!“ – Damit -entließ er die jungen Leute und setzte sich wieder zu seiner Zeitung -nieder. - -Der Aufzug hatte keine Bedienung mehr, und so legten sie zu Fuß die -Treppen zurück, schweigend und etwas verwirrt von der Begegnung mit Dr. -Krokowski. Joachim begleitete Hans Castorp auf Nummer Vierunddreißig, wo -der Hinkende das Gepäck des Ankömmlings richtig eingeliefert hatte, und -sie plauderten noch eine Viertelstunde, während Hans Castorp Nacht- und -Waschzeug auspackte und eine dicke, milde Zigarette dazu rauchte. Zur -Zigarre kam er heute nicht mehr, was ihm wunderlich und außerordentlich -erschien. - -„Er sieht sehr bedeutend aus“, sagte er, indem er beim Sprechen den -eingeatmeten Rauch hervorsprudelte. „Wachsbleich ist er. Aber mit seiner -Chaussure, höre mal, da steht es scheußlich. Grauwollene Socken und dann -diese Sandalen. War er zum Schluß eigentlich beleidigt?“ - -„Er ist etwas empfindlich“, gab Joachim zu. „Du hättest die ärztliche -Behandlung nicht so brüsk zurückweisen sollen, wenigstens nicht die -psychische. Er sieht es nicht gern, wenn man sich dem entzieht. Auf mich -ist er auch nicht besonders zu sprechen, weil ich ihm nicht genug -anvertraue. Aber dann und wann erzähl ich ihm doch einen Traum, damit er -was zu zergliedern hat.“ - -„Nun, dann hab ich ihn eben vor den Kopf gestoßen“, sagte Hans Castorp -verdrießlich; denn es machte ihn unzufrieden mit sich selbst, jemanden -gekränkt zu haben, und so kam denn die Müdigkeit auch mit erneuter -Stärke über ihn. - -„Gute Nacht“, sagte er. „Ich falle um.“ - -„Um acht hole ich dich zum Frühstück“, sagte Joachim und ging. - -Hans Castorp machte nur flüchtige Nachttoilette. Der Schlaf übermannte -ihn, kaum daß er das Nachttischlämpchen gelöscht hatte, aber er -schreckte noch einmal auf, da er sich erinnerte, daß in diesem Bette -vorgestern jemand gestorben sei. „Es wird nicht das erstemal gewesen -sein“, sagte er zu sich, als könne ihm das zur Beruhigung dienen. „Es -ist eben ein Totenbett, ein gewöhnliches Totenbett.“ Und er schlief ein. - -Aber sobald er eingeschlafen war, begann er zu träumen und träumte fast -unaufhörlich bis zum anderen Morgen. Hauptsächlich sah er Joachim -Ziemßen in sonderbar verrenkter Lage auf einem Bobschlitten eine schräge -Bahn hinabfahren. Er war so phosphoreszierend bleich wie Dr. Krokowski, -und vorneauf saß der Herrenreiter, der sehr unbestimmt aussah, wie -jemand, den man lediglich hat husten hören, und lenkte. „Das ist uns -doch ganz einerlei, – uns hier oben“, sagte der verrenkte Joachim, und -dann war er es, nicht der Herrenreiter, der so grauenhaft breiig -hustete. Darüber mußte Hans Castorp bitterlich weinen und sah ein, daß -er in die Apotheke laufen müsse, um sich _Cold-cream_ zu besorgen. Aber -am Wege saß Frau Iltis mit einer spitzen Schnauze und hielt etwas in der -Hand, was offenbar ihr „Sterilett“ sein sollte, aber nichts weiter war -als ein Sicherheits-Rasierapparat. Das machte Hans Castorp nun wieder -lachen, und so wurde er zwischen verschiedenen Gemütsbewegungen hin und -her geworfen, bis der Morgen durch seine halboffene Balkontür graute und -ihn weckte. - - - - - Zweites Kapitel - - - Von der Taufschale und vom Großvater in zwiefacher Gestalt - -Hans Castorp bewahrte an sein eigentliches Elternhaus nur blasse -Erinnerungen; er hatte Vater und Mutter kaum recht gekannt. Sie starben -weg in der kurzen Frist zwischen seinem fünften und siebenten -Lebensjahr, zuerst die Mutter, vollkommen überraschend und in Erwartung -ihrer Niederkunft, an einer Gefäßverstopfung infolge von -Nervenentzündung, einer Embolie, wie Dr. Heidekind es bezeichnete, die -augenblicklich Herzlähmung verursachte, – sie lachte eben, im Bette -sitzend, es sah so aus, als ob sie vor Lachen umfiele, und dennoch tat -sie es nur, weil sie tot war. Das war nicht leicht zu verstehen für Hans -Hermann Castorp, den Vater, und da er sehr innig an seiner Frau gehangen -hatte, auch seinerseits nicht der Stärkste war, so wußte er nicht -darüber hinwegzukommen. Sein Geist war verstört und geschmälert seitdem; -in seiner Benommenheit beging er geschäftliche Fehler, so daß die Firma -Castorp & Sohn empfindliche Verluste erlitt; im übernächsten Frühjahr -holte er sich bei einer Speicherinspektion am windigen Hafen die -Lungenentzündung, und da sein erschüttertes Herz das hohe Fieber nicht -aushielt, so starb er trotz aller Sorgfalt, die Dr. Heidekind an ihn -wandte, binnen fünf Tagen und folgte seiner Frau unter ansehnlicher -Beteiligung der Bürgerschaft ins Castorpsche Erbbegräbnis nach, das auf -dem St. Katharinenkirchhof sehr schön, mit Blick auf den Botanischen -Garten, gelegen war. - -Sein Vater, der Senator, überlebte ihn, wenn auch nur um ein weniges, -und die kurze Zeitspanne, bis er auch starb – übrigens gleichfalls an -einer Lungenentzündung, und zwar unter großen Kämpfen und Qualen, denn -zum Unterschiede von seinem Sohn war Hans Lorenz Castorp eine schwer zu -fällende, im Leben zäh wurzelnde Natur – diese Zeitspanne also, es waren -nur anderthalb Jahre, verlebte der verwaiste Hans Castorp in seines -Großvaters Hause, einem zu Anfang des abgelaufenen Jahrhunderts auf -schmalem Grundstück im Geschmack des nordischen Klassizismus erbauten, -in einer trüben Wetterfarbe gestrichenen Haus an der Esplanade, mit -Halbsäulen zu beiden Seiten der Eingangstür, in der Mitte des um fünf -Stufen aufgetreppten Erdgeschosses, und zwei Obergeschossen außer der -Beletage, wo die Fenster bis zu den Fußböden hinuntergezogen und mit -gegossenen Eisengittern versehen waren. - -Hier lagen ausschließlich Repräsentationsräume, eingerechnet das helle, -mit Stuck verzierte Eßzimmer, dessen drei weinrot verhangene Fenster auf -das rückwärtige Gärtchen blickten, und wo während der achtzehn Monate -Großvater und Enkel alltäglich um 4 Uhr allein miteinander zu Mittag -aßen, bedient von dem alten Fiete mit den Ohrringen und den silbernen -Knöpfen am Frack, der zu diesem Frack eine ebensolche battistene -Halsbinde trug, wie der Hausherr selbst, auch auf ganz ähnliche Art das -rasierte Kinn darin barg, und den der Großvater duzte, indem er -plattdeutsch mit ihm sprach; nicht scherzender Weise – er war ohne -humoristischen Zug –, sondern in aller Sachlichkeit und weil er es -überhaupt mit Leuten aus dem Volk, mit Speicherarbeitern, Postboten, -Kutschern und Dienstboten so hielt. Hans Castorp hörte es gern, und sehr -gern hörte er auch, wie Fiete antwortete, ebenfalls platt, indem er sich -beim Servieren von links hinter seinem Herrn herumbeugte, um ihm in das -rechte Ohr zu sprechen, auf dem der Senator bedeutend besser hörte als -auf dem linken. Der Alte verstand und nickte und aß weiter, sehr -aufrecht zwischen der hohen Mahagonilehne des Stuhles und dem Tisch, -kaum über den Teller gebeugt, und der Enkel, ihm gegenüber, betrachtete -still, mit tiefer und unbewußter Aufmerksamkeit, die knappen, gepflegten -Bewegungen, mit denen die schönen, weißen, mageren alten Hände des -Großvaters mit den gewölbten, spitz zulaufenden Nägeln und dem grünen -Wappenring auf dem rechten Zeigefinger einen Bissen aus Fleisch, Gemüse -und Kartoffeln auf der Gabelspitze anordneten und unter einem leichten -Entgegenneigen des Kopfes zum Munde führten. Hans Castorp sah auf seine -eigenen, noch ungeschickten Hände und fühlte darin die Möglichkeit -vorgebildet, späterhin ebenso wie der Großvater Messer und Gabel zu -halten und zu bewegen. - -Eine andere Frage war, ob er je dazu gelangen würde, sein Kinn in einer -solchen Binde zu bergen, wie sie die geräumige Öffnung des sonderbar -geformten, mit den scharfen Spitzen die Wangen streifenden Halskragens -des Großvaters ausfüllte. Denn dazu mußte man so alt sein wie dieser, -und schon heute trug außer ihm und seinem alten Fiete weit und breit -niemand mehr solche Binden und Kragen. Das war schade, denn dem kleinen -Hans Castorp gefiel es besonders wohl, wie der Großvater das Kinn in die -hohe, schneeweiße Binde lehnte; noch in der Erinnerung, als er erwachsen -war, gefiel es ihm ausgezeichnet: es lag etwas darin, was er aus dem -Grund seines Wesens billigte. - -Wenn sie fertig gegessen und ihre Servietten zusammengelegt, gerollt und -in die silbernen Ringe gesteckt hatten, ein Geschäft, mit dem Hans -Castorp damals nicht leicht zu Rande kam, da die Servietten so groß -waren wie kleine Tischtücher, so stand der Senator vor dem Stuhle auf, -den Fiete hinter ihm wegzog, und ging mit schlürfenden Schritten ins -„Kabinett“ hinüber, um sich seine Zigarre zu holen; und zuweilen folgte -der Enkel ihm dorthin. - -Dieses „Kabinett“ war dadurch entstanden, daß man das Eßzimmer -dreifenstrig gemacht und durch die ganze Breite des Hauses gelegt hatte, -weshalb nicht, wie sonst bei diesem Haustypus, Raum für drei Salons, -sondern nur für zwei übriggeblieben war, von denen jedoch der eine, -senkrecht zum Eßsaal gelegene, mit nur einem Fenster nach der Straße, -unverhältnismäßig tief ausgefallen wäre. Darum hatte man etwa den -vierten Teil seiner Länge von ihm abgesondert, eben das „Kabinett“, -einen schmalen Raum mit Oberlicht, dämmerig und nur mit wenigen -Gegenständen ausgestattet: einer Etagere, auf der des Senators -Zigarrenschrank stand, einem Spieltisch, dessen Schublade anziehende -Dinge enthielt: Whistkarten, Spielmarken, kleine Markierbrettchen mit -aufklappbaren Zähnchen, eine Schiefertafel nebst Kreidegriffeln, -papierne Zigarrenspitzen und anderes mehr; endlich mit einem -Rokoko-Glasschrank aus Palisanderholz in der Ecke, hinter dessen -Scheiben gelbseidene Vorhänge gespannt waren. - -„Großpapa“, konnte der kleine Hans Castorp im Kabinett wohl sagen, indem -er sich auf die Zehenspitzen erhob und zu dem Ohr des Alten -emporstrebte, „zeig mir doch, bitte, die Taufschale!“ - -Und der Großvater, der ohnedies den Schoß seines langen und weichen -Gehrocks vom Beinkleid zurückgerafft und sein Schlüsselbund aus der -Tasche gezogen hatte, öffnete damit den Glasschrank, aus dessen Innerem -es dem Knaben eigentümlich angenehm und merkwürdig entgegenduftete. Es -waren allerlei außer Gebrauch befindliche und eben darum fesselnde -Gegenstände darin aufbewahrt: ein Paar geschweifte silberne Armleuchter, -ein zerbrochenes Barometer mit figürlicher Holzschnitzerei, ein Album -mit Daguerreotypien, ein Likörkasten aus Zedernholz, ein kleiner Türke, -hart anzufassen unter seinem buntseidenen Anzug, mit einem Uhrwerk im -Leibe, das ihn dereinst befähigt hatte, über den Tisch zu laufen, nun -aber schon lange den Dienst versagte, ein altertümliches Schiffsmodell -und ganz zu unterst sogar eine Rattenfalle. Der Alte aber nahm von einem -mittleren Fach eine stark angelaufene runde silberne Schale, die auf -einem ebenfalls silbernen Teller stand, und wies beide Stücke dem Knaben -vor, indem er sie voneinander nahm und unter schon oft gegebenen -Erklärungen einzeln hin und her wandte. - -Becken und Teller gehörten ursprünglich nicht zueinander, wie man wohl -sah, und wie sich der Kleine aufs neue belehren ließ; doch seien sie, -sagte der Großvater, seit rund hundert Jahren, nämlich seit Anschaffung -des Beckens, im Gebrauche vereinigt. Die Schale war schön, von -einfacher, edler Gestalt, geformt von dem strengen Geschmack der -Frühzeit des letzten Jahrhunderts. Glatt und gediegen, ruhte sie auf -rundem Fuße und war innen vergoldet; doch war das Gold von der Zeit -schon zum gelblichen Schimmer verblichen. Als einziger Zierat lief ein -erhabener Kranz von Rosen und zackigen Blättern um ihren oberen Rand. -Den Teller angehend, so war sein weit höheres Alter ihm von der -Innenseite abzulesen. „Sechzehnhundertundfünfzig“ stand dort in -verschnörkelten Ziffern, und allerlei krause Gravierungen umrahmten -die Zahl, ausgeführt in der „modernen Manier“ von damals, -schwülstig-willkürlich, Wappen und Arabesken, die halb Stern und halb -Blume waren. Auf der Rückseite aber fanden sich in wechselnder -Schriftart die Namen der Häupter einpunktiert, die im Gange der Zeit des -Stückes Inhaber gewesen: Es waren ihrer schon sieben, versehen mit der -Jahreszahl der Erb-Übernahme, und der Alte in der Binde wies mit dem -beringten Zeigefinger den Enkel auf jeden einzelnen hin. Der Name des -Vaters war da, der des Großvaters selbst und der des Urgroßvaters, und -dann verdoppelte, verdreifachte und vervierfachte sich die Vorsilbe „Ur“ -im Munde des Erklärers, und der Junge lauschte seitwärts geneigten -Kopfes, mit nachdenklich oder auch gedankenlos-träumerisch sich -festsehenden Augen und andächtig-schläfrigem Munde auf das Ur-Ur-Ur-Ur, -– diesen dunklen Laut der Gruft und der Zeitverschüttung, welcher -dennoch zugleich einen fromm gewahrten Zusammenhang zwischen der -Gegenwart, seinem eigenen Leben und dem tief Versunkenen ausdrückte und -ganz eigentümlich auf ihn einwirkte: nämlich so, wie es auf seinem -Gesichte sich ausdrückte. Er meinte modrig-kühle Luft, die Luft der -Katharinenkirche oder der Michaeliskrypte zu atmen bei diesem Laut, den -Anhauch von Orten zu spüren, an denen man, den Hut in der Hand, in eine -gewisse, ehrerbietig vorwärts wiegende Gangart ohne Benutzung der -Stiefelabsätze verfällt; auch die abgeschiedene, gefriedete Stille -solcher hallender Orte glaubte er zu hören; geistliche Empfindungen -mischten sich mit denen des Todes und der Geschichte beim Klang jener -dumpfen Silbe, und dies alles mutete den Knaben irgendwie wohltuend an, -ja, es mochte wohl sein, daß er um des Lautes willen, um ihn zu hören -und nachzusprechen, gebeten hatte, die Taufschale wieder einmal -betrachten zu dürfen. - -Dann stellte der Großvater das Gefäß auf den Teller zurück und ließ den -Kleinen in die glatte, leicht goldige Höhlung sehen, die aufschimmerte -von dem einfallenden Oberlicht. - -„Nun sind es bald acht Jahre,“ sagte er, „daß wir dich darüber hielten -und daß das Wasser, mit dem du getauft wurdest, da hinein floß ... -Küster Lassen von St. Jacobi goß es unserem guten Pastor Bugenhagen in -die hohle Hand, und von da lief es über deinen Schopf hier in die -Schale. Aber wir hatten es gewärmt, damit du nicht erschrecken und nicht -weinen solltest, und das tatst du auch nicht, sondern im Gegenteil, du -hattest vorher geschrien, so daß Bugenhagen es nicht leicht gehabt hatte -mit seiner Rede, aber als das Wasser kam, da wurdest du still, und das -war die Achtung vor dem heiligen Sakrament, wollen wir hoffen. Und -vierundvierzig Jahre sind es in den nächsten Tagen, da war dein seliger -Vater der Täufling, und von seinem Kopf floß das Wasser hier hinein. Das -war hier im Haus, seinem Elternhaus, drüben im Saal, vor dem mittleren -Fenster, und es war noch der alte Pastor Hesekiel, der ihn taufte, -derselbe, den die Franzosen als jungen Menschen beinahe erschossen -hätten, weil er gegen ihre Räubereien und Brandschatzungen gepredigt -hatte, – der ist nun auch schon lange, lange bei Gott. Aber vor -fünfundsiebenzig Jahren, da war ich es selber, den sie tauften, auch da -im Saal, und meinen Kopf hielten sie über die Schale hier, wie sie da -auf dem Teller steht, und der Geistliche sprach dieselben Worte wie bei -dir und deinem Vater, und ebenso floß das warme, klare Wasser von meinem -Haar (es war nicht viel mehr damals, als ich jetzt auf dem Kopfe habe) -da in das goldene Becken hinein.“ - -Der Kleine blickte empor auf des Großvaters schmales Greisenhaupt, das -eben wieder über die Schale geneigt war, wie zu der längst verflossenen -Stunde, von der er erzählte, und ein schon erprobtes Gefühl kam ihn an, -die sonderbare, halb träumerische, halb beängstigende Empfindung eines -zugleich Ziehenden und Stehenden, eines wechselnden Bleibens, das -Wiederkehr und schwindelige Einerleiheit war, – eine Empfindung, die ihm -von früheren Gelegenheiten her bekannt war, und von der wieder berührt -zu werden er erwartet und gewünscht hatte: sie war es zum Teil, um -derentwillen ihm die Vorzeigung des stehend wandernden Erbstücks -angelegen gewesen war. - -Prüfte der junge Mann sich später, so fand er, daß das Bild seines -Ältervaters sich ihm viel tiefer, deutlicher und bedeutender eingeprägt -hatte als das seiner Eltern: was möglicherweise auf Sympathie und -physischer Sonderverwandtschaft beruhte, denn der Enkel sah dem -Großvater ähnlich, soweit eben ein rosiger Milchbart einem gebleichten -und starren Siebziger ähnlich sehen kann. Hauptsächlich aber war es doch -wohl für den Alten bezeichnend, der ohne Frage die eigentliche -Charakterfigur, die malerische Persönlichkeit in der Familie gewesen -war. - -Im öffentlichen Sinne gesprochen, so war die Zeit über Hans Lorenz -Castorps Wesen und Willensmeinungen schon lange vor seinem Abscheiden -hinweggegangen. Er war ein hochchristlicher Herr gewesen, von der -reformierten Gemeinde, streng herkömmlich gesinnt, auf aristokratische -Einengung des gesellschaftlichen Kreises, in dem man regierungsfähig -war, so hartnäckig bedacht, als lebte er im vierzehnten Jahrhundert, wo -das Handwerkertum gegen den zähen Widerstand des altfreien Patriziertums -sich Sitz und Stimme im städtischen Rat zu erobern begonnen hatte, und -für das Neue zu schwer zu haben. Sein Wirken war in Jahrzehnte eines -heftigen Aufschwungs und vielfältiger Umwälzungen gefallen, Jahrzehnte -des Fortschritts in Gewaltmärschen, die an den öffentlichen Opfer- und -Wagemut beständig so hohe Anforderungen gestellt hatten. An ihm aber, -dem alten Castorp, das wußte Gott, hatte es nicht gelegen, wenn der -Geist der Neuzeit die weit bekannten, glänzenden Siege gefeiert hatte. -Er hatte auf Vätersitte und alte Institutionen weit mehr gehalten -als auf halsbrecherische Hafenerweiterungen und gottlose -Großstadt-Alfanzereien, hatte gebremst und abgewiegelt, wo er nur -konnte, und wäre es nach ihm gegangen, so sah es in der Verwaltung noch -heutigentages so idyllisch-altfränkisch aus wie seinerzeit in seinem -eigenen Kontor. - -So stellte der Alte, zu seinen Lebzeiten und nachher, sich dem -bürgerlichen Auge dar, und wenn der kleine Hans Castorp auch nichts von -Staatsangelegenheiten verstand, so machte sein still anschauendes -Kinderauge im wesentlichen doch ganz dieselben Wahrnehmungen, – wortlose -und also unkritische, vielmehr nur lebensvolle Wahrnehmungen, die -übrigens auch später, als bewußtes Erinnerungsbild, ihr wort- und -zergliederungsfeindliches, schlechthin bejahendes Gepräge durchaus -bewahrten. Wie gesagt, war da Sympathie im Spiele, jene ein Glied -überspringende Nächstverbundenheit und Wesensverwandtschaft, die nichts -Seltenes ist. Kinder und Enkel schauen an, um zu bewundern, und sie -bewundern, um zu lernen und auszubilden, was erblicherweise in ihnen -vorgebildet liegt. - -Senator Castorp war hager und hochgewachsen. Die Jahre hatten ihm Rücken -und Nacken gekrümmt, aber er suchte die Krümmung durch Gegendruck -auszugleichen, wobei sein Mund, dessen Lippen nicht mehr von Zähnen -gehalten wurden, sondern unmittelbar auf dem leeren Zahnfleisch ruhten -(denn sein Gebiß legte er nur zum Essen an), sich auf würdig-mühsame Art -nach unten zog, und hierdurch eben, wie auch wohl als Mittel gegen eine -beginnende Unfestigkeit des Kopfes, kam die ehrenstreng aufgeruckte -Haltung und Kinnstütze zustande, die dem kleinen Hans Castorp so -zusagte. - -Er liebte die Dose – es war eine längliche, mit Gold eingelegte -Schildpattdose, die er handhabte, – und benutzte aus diesem Grunde rote -Taschentücher, deren Zipfel ihm aus der hinteren Tasche seines Gehrocks -zu hängen pflegte. War das eine heitere Schwäche in seiner Erscheinung, -so wirkte sie doch durchaus als Alterslizenz, als eine Nachlässigkeit, -wie die Betagtheit sie sich entweder bewußt und jovialerweise gestattet -oder in ehrwürdiger Unbewußtheit mit sich bringt; und jedenfalls blieb -sie die einzige, die Hans Castorps kindlicher Scharfblick je an des -Großvaters Äußerem gewahrte. Für den Siebenjährigen aber sowohl wie -später in der Erinnerung des Herangewachsenen war die alltägliche -Erscheinung des Alten nicht seine eigentliche und wirkliche. In -eigentlicher Wirklichkeit sah er noch anders, weit schöner und richtiger -aus, als gewöhnlich, – nämlich so, wie er auf einem Gemälde, einem -lebensgroßen Bildnis erschien, das früher im elterlichen Wohnzimmer -gehangen hatte und dann zusammen mit dem kleinen Hans Castorp an die -Esplanade übergesiedelt war, wo es seinen Platz über dem großen -rotseidenen Sofa im Empfangszimmer erhalten hatte. - -Es zeigte Hans Lorenz Castorp in seiner Amtstracht als Ratsherrn der -Stadt – dieser ernsten, ja frommen Bürgertracht eines verschollenen -Jahrhunderts, die ein zugleich gravitätisches und verwegenes Gemeinwesen -durch die Zeiten mitgeführt und in pomphaftem Gebrauch erhalten hatte, -um zeremoniellerweise die Vergangenheit zur Gegenwart, die Gegenwart zur -Vergangenheit zu machen und den steten Zusammenhang der Dinge, die -ehrwürdige Sicherheit ihrer Handlungsunterschrift zu bekunden. Senator -Castorp stand da in ganzer Figur, auf rötlich gepflastertem Boden, in -einer Pfeiler- und Spitzbogen-Perspektive. Er stand, das Kinn gesenkt, -den Mund nach unten gezogen, die blauen, sinnig blickenden Augen mit den -Tränensäcken darunter ins Weite gerichtet, in dem schwarzen und mehr als -knielangen, talarartigen Überrock, der, vorne offen, am Rande und Saume -eine breite Pelzverbrämung zeigte. Aus weiten, hochgepufften und -bordierten Oberärmeln kamen engere Unterärmel von schlichtem Tuch -hervor, und Spitzenmanschetten bedeckten die Hände bis zu den Knöcheln. -Die schlanken Greisenbeine staken in schwarzseidenen Strümpfen, die Füße -in Schuhen mit silbernen Schnallen. Um den Hals aber lag ihm die breite, -gestärkte und vielfach gefältete Tellerkrause, vorn niedergedrückt und -an den Seiten aufwärts geschwungen, unter welcher hervor zum Überfluß -noch ein gefältetes Batistjabot auf die Weste hing. Unter dem Arme trug -er den altertümlichen Hut mit breiter Krempe, dessen Kopf sich nach oben -verjüngte. - -Es war ein vortreffliches Bild, von namhafter Künstlerhand geschaffen, -mit gutem Geschmack in dem altmeisterlichen Stile gehalten, den -der Gegenstand nahelegte, und in dem Beschauer allerlei -spanisch-niederländisch-spätmittelalterliche Vorstellungen weckend. Der -kleine Hans Castorp hatte es oft betrachtet, nicht mit Kunstverstand -natürlich, aber doch mit einem gewissen allgemeineren und sogar -eindringlichen Verstande; und obgleich er den Großvater so, wie die -Leinwand ihn darstellte, in Person nur ein einziges Mal, bei einer -feierlichen Auffahrt am Rathaus, und auch da nur flüchtig gesehen hatte, -konnte er, wie wir sagten, nicht umhin, diese seine bildhafte -Erscheinung als seine eigentliche und wirkliche zu empfinden und in dem -Großvater des Alltags sozusagen einen Interims-Großvater, einen -behelfsweise und nur unvollkommen angepaßten zu erblicken. Denn das -Abweichende und Wunderliche in dieser seiner Alltagserscheinung beruhte -offenbar auf solcher unvollkommenen, vielleicht etwas ungeschickten -Anpassung, es waren nicht ganz zu tilgende Reste und Andeutungen seiner -reinen und wahren Gestalt. So waren die Vatermörder, die hohe weiße -Binde altmodisch; aber unmöglich war diese Bezeichnung anwendbar auf das -bewunderungswürdige Kleidungsstück, wovon jene nur die Interimsandeutung -bildeten, nämlich auf die spanische Krause. Und ebenso verhielt es sich -mit dem unüblich geschweiften Zylinder, den der Großvater auf der Straße -trug, und dem in höherer Wirklichkeit der breitkrempige Filzhut des -Gemäldes entsprach; mit dem langen und faltigen Gehrock, als dessen -Urbild und Eigentlichkeit dem kleinen Hans Castorp der bordierte, -pelzverbrämte Talar erschien. - -So war er denn auch im Herzen einverstanden, daß der Großvater in seiner -Richtigkeit und Vollkommenheit prangte, als es eines Tages hieß, -Abschied von ihm zu nehmen. Das war im Saale, demselben Saal, wo sie so -oft am Eßtisch einander gegenüber gesessen; in seiner Mitte lag Hans -Lorenz Castorp nun auf der von Kränzen umstellten und umlagerten Bahre -im silberbeschlagenen Sarge. Er hatte die Lungenentzündung -durchgekämpft, hatte zäh und lange gekämpft, obgleich er doch, wie es -schien, im gegenwärtigen Leben nur anpassungsweise zu Hause gewesen war, -und lag nun, man wußte nicht recht ob siegreich oder überwunden, auf -jeden Fall mit streng befriedetem Ausdruck und stark verändert und -spitznäsig vom Kampfe auf seinem Paradebett, den Unterkörper von einer -Decke verhüllt, auf welcher ein Palmzweig lag, den Kopf vom seidenen -Kissen hochgestützt, so daß das Kinn aufs schönste in der vorderen -Einbuchtung der Ehrenkrause ruhte; und zwischen die halb von -den Spitzenmanschetten bedeckten Hände, deren Finger bei -künstlich-natürlicher Anordnung Kälte und Unbelebtheit nicht verhehlten, -hatte man ihm ein Elfenbeinkreuz gesteckt, auf das er mit gesenkten -Lidern unverwandt niederzublicken schien. - -Hans Castorp hatte den Großvater zu Anfang von dessen letzter Krankheit -wohl mehrmals, gegen das Ende hin aber nicht mehr gesehen. Mit dem -Anblick des Kampfes, der auch zu seinem Hauptteile nächtlicherweile vor -sich gegangen war, hatte man ihn gänzlich verschont, nur mittelbar, -durch die beklommene Atmosphäre des Hauses, die roten Augen des alten -Fiete, das An- und Wegfahren der Doktoren, war er davon berührt worden; -das Ergebnis aber, vor das er sich im Saale gestellt fand, ließ sich -dahin zusammenfassen, daß der Großvater der Interimsanpassung nun -feierlich überhoben und in seine eigentliche und angemessene Gestalt -endgültig eingekehrt war, – ein billigenswertes Ergebnis, wenn auch der -alte Fiete weinte und ununterbrochen den Kopf schüttelte, und wenn auch -Hans Castorp selber weinte, wie er beim Anblick seiner unvermittelt -gestorbenen Mutter und seines bald darauf ebenfalls still und fremd -daliegenden Vaters geweint hatte. - -Denn es war ja nun schon das drittemal binnen so kurzer Zeit und bei so -jungen Jahren, daß der Tod auf den Geist und die Sinne – namentlich auch -auf die Sinne – des kleinen Hans Castorp wirkte; neu war ihm der Anblick -und Eindruck nicht mehr, sondern bereits recht wohl vertraut, und wie er -schon die beiden ersten Male sich durchaus gesetzt und verläßlich, -keineswegs nervenschwach, wenn auch mit natürlicher Betrübnis dagegen -verhalten hatte, so auch jetzt, und in noch höherem Grade. Unkundig der -praktischen Bedeutung der Ereignisse für sein Leben oder auch kindlich -gleichgültig dagegen, in dem Vertrauen, daß die Welt schon so oder so -für ihn sorgen werde, hatte er an den Särgen eine gewisse ebenfalls -kindliche Kühle und sachliche Aufmerksamkeit an den Tag gelegt, welche -beim drittenmal durch das Gefühl und den Ausdruck erfahrener -Kennerschaft noch eine besondere, altkluge Abschattung erhielt, – -häufiger Tränen der Erschütterung und der Ansteckung durch andere als -einer selbstverständlichen Rückwirkung nicht weiter zu gedenken. In den -drei oder vier Monaten, seit sein Vater gestorben war, hatte er den Tod -vergessen; nun erinnerte er sich, und alle Eindrücke von damals stellten -sich genau, gleichzeitig und durchdringend in ihrer unvergleichbaren -Eigentümlichkeit wieder her. - -Aufgelöst und in Worte gefaßt, hätten sie sich ungefähr folgendermaßen -ausgenommen. Es hatte mit dem Tode eine fromme, sinnige und traurig -schöne, das heißt geistliche Bewandtnis und zugleich eine ganz andere, -geradezu gegenteilige, sehr körperliche, sehr materielle, die man weder -als schön, noch als sinnig, noch als fromm, noch auch nur als traurig -eigentlich ansprechen konnte. Die feierlich-geistliche Bewandtnis -drückte sich aus in der pomphaften Aufbahrung der Leiche, der -Blumenpracht und den Palmenwedeln, die bekanntlich den himmlischen -Frieden bedeuteten; ferner und noch deutlicher in dem Kreuz zwischen den -gestorbenen Fingern des ehemaligen Großvaters, dem segnenden Heiland von -Thorwaldsen, der zu Häupten des Sarges stand, und in den zu beiden -Seiten aufragenden Kandelabern, die bei dieser Gelegenheit ebenfalls -einen kirchlichen Charakter angenommen hatten. Alle diese Anstalten -hatten ihren genaueren und guten Sinn offenbar in dem Gedanken, daß der -Großvater nun auf immer zu seiner eigentlichen und wahren Gestalt -eingegangen war. Außerdem aber hatten sie, wie der kleine Hans Castorp -wohl bemerkte, wenn auch nicht mit Worten sich eingestand, allesamt, im -besonderen aber die Menge der Blumen und unter diesen wieder besonders -die vielfach vertretenen Tuberosen, noch einen weiteren Sinn und -nüchternen Zweck, nämlich den, die andere, weder schöne noch eigentlich -traurige, sondern eher fast unanständige, niedrig körperliche -Bewandtnis, die es mit dem Tode hatte, zu beschönigen, in Vergessenheit -zu bringen oder nicht zum Bewußtsein kommen zu lassen. - -Mit dieser Bewandtnis hing es zusammen, daß der tote Großvater so fremd, -ja eigentlich nicht als der Großvater, sondern als eine lebensgroße, -wächserne Puppe erschien, die der Tod statt seiner Person eingeschoben -hatte, und mit der nun all dieser fromme und ehrenvolle Aufwand -getrieben wurde. Der da lag, oder richtiger: _was_ da lag, war also -nicht der Großvater selbst, sondern eine Hülle, – die, wie Hans Castorp -wußte, nicht aus Wachs bestand, sondern aus ihrem eigenen Stoff; _nur_ -aus Stoff: das eben war das Unanständige und kaum auch Traurige, – -traurig so wenig, wie Dinge traurig sind, die mit dem Körper zu tun -haben und _nur_ mit diesem. Der kleine Hans Castorp betrachtete den -wachsgelben, glatten und käsig-festen Stoff, aus dem die lebensgroße -Todesfigur bestand, das Gesicht und die Hände des ehemaligen Großvaters. -Eben ließ eine Fliege sich auf die unbewegliche Stirne nieder und -begann, ihren Rüssel auf und ab zu bewegen. Der alte Fiete verscheuchte -sie vorsichtig, indem er sich hütete, die Stirn dabei zu berühren und -mit einer ehrbaren Verfinsterung seiner Miene, so, als dürfe und wolle -er von dem, was er da tat, nichts wissen, – einem Ausdruck von -Sittsamkeit, der sich offenbar auf die Tatsache bezog, daß der Großvater -nur noch Körper und nichts weiter mehr war; allein nach schweifendem -Auffluge nahm die Fliege auf den Fingern des Großvaters, in der Nähe des -Elfenbeinkreuzes, kurz aufsitzend wieder Platz. Während aber dies -geschah, glaubte Hans Castorp deutlicher als bisher jene von früher her -vertraute leise, aber so ganz eigentümlich zähe Ausdünstung zu -verspüren, die ihn beschämenderweise an einen mit einem lästigen Übel -behafteten und darum allerseits gemiedenen Schulkameraden erinnerte, und -die zu übertäuben der Duft der Tuberosen unter der Hand bestimmt war, -ohne es bei aller schönen Üppigkeit und Strenge imstande zu sein. - -Er stand wiederholt an der Leiche: einmal allein mit dem alten Fiete, -das zweitemal zusammen mit seinem Großonkel Tienappel, dem Weinhändler, -und den beiden Onkeln James und Peter, und dann noch ein drittes Mal, -als eine Gruppe von sonntäglich gekleideten Hafenarbeitern einige -Augenblicke am offenen Sarge stand, um sich von dem ehemaligen Chef des -Hauses Castorp und Sohn zu verabschieden. Dann kam das Begräbnis, bei -dem der Saal voller Leute war und Pastor Bugenhagen von der -Michaeliskirche, derselbe, der Hans Castorp getauft hatte, angetan mit -der spanischen Halskrause, die Gedächtnisrede hielt und sich nachher in -der Droschke, der ersten gleich hinter dem Leichenwagen, der dann eine -lange, lange Reihe folgte, sehr freundlich mit dem kleinen Hans Castorp -unterhielt, – und dann war auch dieser Lebensabschnitt zu Ende, und Hans -Castorp wechselte gleich darauf Haus und Umgebung, – zum zweitenmal tat -er das ja bereits in seinem jungen Leben. - - - Bei Tienappels. Und von Hans Castorps sittlichem Befinden - -Zu seinem Schaden geschah es nicht, denn er kam zu Konsul Tienappel ins -Haus, seinem bestellten Vormund, und hatte da nichts zu vermissen: in -Hinsicht auf seine Person gewiß nicht, und ebensowenig, was die -Betreuung seiner weiteren Interessen betraf, von denen er noch nichts -wußte. Denn Konsul Tienappel, ein Onkel von Hansens seliger Mutter, -verwaltete die Castorpsche Hinterlassenschaft, er brachte die Immobilien -zum Verkauf, nahm auch die Liquidation der Firma Castorp und Sohn, -Import und Export in die Hand, und was er herausschlug, waren noch -ungefähr vierhunderttausend Mark, Hans Castorps Erbe, das Konsul -Tienappel in mündelsicheren Papieren anlegte, indem er, seiner -verwandtschaftlichen Gefühle unbeschadet, an jedem Quartalsbeginn zwei -Prozent Provision von den fälligen Zinsen für sich in Abzug brachte. - -Das Tienappelsche Haus lag im Hintergrunde eines Gartens am -Harvestehuder Weg und blickte auf eine Rasenfläche, in der auch nicht -das kleinste Unkraut geduldet wurde, auf öffentliche Rosenanlagen und -dann auf den Fluß. Der Konsul ging jeden Morgen, obgleich er schönes -Fuhrwerk besaß, zu Fuß in sein Geschäft in der Altstadt, um doch ein -bißchen Bewegung zu haben, denn manchmal litt er an Blutstauungen im -Kopfe, und kehrte um fünf Uhr abends auch so zurück, worauf bei -Tienappels mit aller Kultur zu Mittag gegessen wurde. Er war ein -gewichtiger Mann, in beste englische Stoffe gekleidet, mit wasserblau -vorquellenden Augen hinter der goldenen Brille, einer blühenden Nase, -grauem Schifferbart und einem feurigen Brillanten an dem gedrungenen -kleinen Finger seiner Linken. Seine Frau war längst tot. Er hatte zwei -Söhne, Peter und James, von denen der eine bei der Marine und wenig zu -Hause, der andere im väterlichen Weinhandel tätig und designierter Erbe -der Firma war. Den Hausstand führte seit vielen Jahren Schalleen, eine -Goldschmiedstochter aus Altona mit weißen Stärkrüschen um ihre -walzenförmigen Handgelenke. Sie stand dafür ein, daß der Frühstücks- und -Abendtisch reichlich mit kalter Küche, mit Krabben und Lachs, Aal, -Gänsebrust und Tomato Catsup zum Roastbeef bestellt war; sie hatte ein -wachsames Auge auf die Lohndiener, wenn Herrendiner bei Konsul Tienappel -war, und sie war es auch, die bei dem kleinen Hans Castorp, so gut sie -konnte, Mutterstelle vertrat. - -Hans Castorp wuchs auf bei miserablem Wetter, in Wind und Wasserdunst, -wuchs auf im gelben Gummimantel, wenn man so sagen darf, und fühlte sich -im ganzen recht munter dabei. Ein bißchen blutarm war er ja wohl von -Anfang an, das sagte auch Dr. Heidekind und ließ ihm täglich zum dritten -Frühstück, nach der Schule, ein gutes Glas Porter geben, – ein -gehaltvolles Getränk, wie man weiß, dem Dr. Heidekind blutbildende -Wirkung zuschrieb und das jedenfalls Hans Castorps Lebensgeister auf -eine ihm schätzenswerte Weise besänftigte, seiner Neigung, zu „dösen“, -wie sein Onkel Tienappel sich ausdrückte, nämlich mit schlaffem Munde -und ohne einen festen Gedanken ins Leere zu träumen, wohltuend Vorschub -leistete. Sonst aber war er gesund und richtig, ein brauchbarer -Tennisspieler und Ruderer, wenn er auch lieber, statt selber die Riemen -zu handhaben, an Sommerabenden bei Musik und einem guten Getränk auf der -Terrasse des Uhlenhorster Fährhauses saß und die beleuchteten Boote -betrachtete, zwischen denen Schwäne auf dem bunt spiegelnden Wasser -dahinzogen; und wenn man ihn sprechen hörte: gelassen, verständig, ein -bißchen hohl und eintönig, mit einem Anflug von Platt, ja, wenn man ihn -auch nur ansah in seiner blonden Korrektheit, mit seinem gut -geschnittenen, irgendwie altertümlich geprägten Kopf, in dem ein -ererbter und unbewußter Dünkel sich in Gestalt einer gewissen trockenen -Schläfrigkeit äußerte, so konnte kein Mensch bezweifeln, daß dieser Hans -Castorp ein unverfälschtes und rechtschaffenes Erzeugnis hiesigen Bodens -und glänzend an seinem Platze war, – er selbst hätte es, wenn er sich -daraufhin auch nur geprüft hätte, nicht einen Augenblick lang -bezweifelt. - -Die Atmosphäre der großen Meerstadt, diese feuchte Atmosphäre aus -Weltkrämertum und Wohlleben, die seiner Väter Lebensluft gewesen war, er -atmete sie mit tiefem Einverständnis, mit Selbstverständlichkeit und -gutem Behagen. Die Ausdünstungen von Wasser, Kohlen und Teer, die -scharfen Gerüche gehäufter Kolonialwaren in der Nase, sah er an den -Hafenkais ungeheure Dampfdrehkrane die Ruhe, Intelligenz und Riesenkraft -dienender Elefanten nachahmen, indem sie Tonnengewichte von Säcken, -Ballen, Kisten, Fässern und Ballons aus den Bäuchen ruhender Seeschiffe -in Eisenbahnwagen und Schuppen löschten. Er sah die Kaufmannschaft in -gelben Gummimänteln, wie er selbst einen trug, um Mittag zur Börse -strömen, woselbst es scharf herging, seines Wissens, und jemand ganz -leicht Veranlassung bekommen konnte, in aller Eile Einladungen zu einem -großen Diner zu verschicken, um seinen Kredit zu fristen. Er sah (und -hier lag ja später sein besonderes Interessengebiet) das Gewimmel der -Werften, sah die Mammutleiber gedockter Asien- und Afrikafahrer, -turmhoch, Kiel und Propeller entblößt, von baumdicken Streben gestützt, -in ihrer monströsen Unbehilflichkeit auf dem Trockenen, bedeckt mit -zwerghaften Heeren scheuernder, hämmernder, tünchender Arbeiter; sah auf -den überdachten Hellings, von rauchigem Nebel umsponnen, die -Spantenskelette entstehender Schiffe ragen und Ingenieure, -Konstruktionszeichnung und Lenztafel zur Hand, den Bauleuten ihre -Weisungen geben, – vertraute Gesichte dies alles für Hans Castorp von -Jugend auf und lauter Empfindungen gemütlich-heimatlicher Zugehörigkeit -in ihm erweckend, Empfindungen, die ihren Höhepunkt etwa in jener -Lebenslage fanden, wenn er Sonntagvormittags mit James Tienappel oder -seinem Vetter Ziemßen – Joachim Ziemßen – im Alsterpavillon warme -Rundstücke mit Rauchfleisch nebst einem Glase alten Portweins -frühstückte, und sich danach, mit Hingebung an seiner Zigarre ziehend, -im Stuhle zurücklehnte. Denn namentlich darin war er echt, daß er gern -gut lebte, ja, seines dünnblütig verfeinerten Äußern ungeachtet, innig -und fest, wie ein schwelgerischer Säugling an der Mutterbrust, an des -Lebens derben Genüssen hing. - -Bequem und nicht ohne Würde trug er auf seinen Schultern die hohe -Zivilisation, welche die herrschende Oberschicht der handeltreibenden -Stadtdemokratie ihren Kindern vererbt. Er war so gut gebadet wie ein -Baby und ließ sich von jenem Schneider kleiden, der das Vertrauen der -jungen Leute seiner Sphäre besaß. Der kleine, sorgfältig gezeichnete -Wäscheschatz, den die englischen Züge seines Schrankes bargen, ward von -Schalleen aufs beste betreut; noch als Hans Castorp auswärts studierte, -schickte er ihn regelmäßig zur Reinigung und Ausbesserung nach Hause -(denn seine Maxime war, daß man außer in Hamburg im Reiche nicht zu -bügeln verstehe), und eine aufgerauhte Stelle an der Manschette eines -seiner hübschen farbigen Hemden hätte ihn mit heftigem Unbehagen -erfüllt. Seine Hände, obgleich nicht sonderlich aristokratisch in der -Form, waren gepflegt und frisch von Haut, mit einem Kettenring aus -Platin und dem großväterlichen Erbsiegelring geschmückt, und seine -Zähne, die etwas weich waren und mehrfach Schaden gelitten hatten, mit -Gold ergänzt. - -Im Stehen und Gehen schob er den Unterleib etwas vor, was einen nicht -eben strammen Eindruck machte; aber seine Haltung bei Tische war -ausgezeichnet. Er wandte den aufrechten Oberkörper höflich dem Nachbarn -zu, mit dem er plauderte (verständig und etwas platt), und seine -Ellenbogen lagen leicht an, während er sein Stück Geflügel zerlegte oder -geschickt mit dem dazu bestimmten Tafelgerät das rosige Fleisch aus -einer Hummerschere zog. Sein erstes Bedürfnis nach beendeter Mahlzeit -war die Fingerschale mit parfümiertem Wasser, das zweite die russische -Zigarette, die unverzollt war, und die er unterderhand, auf dem Wege -gemütlicher Durchstecherei bezog. Sie ging der Zigarre voran, einer sehr -schmackhaften Bremer Marke namens Maria Mancini, von der noch die Rede -sein wird, und deren würzige Gifte sich so befriedigend mit denen des -Kaffees vereinigten. Hans Castorp entzog seine Tabakvorräte den -schädlichen Einflüssen der Dampfheizung, indem er sie im Keller -aufbewahrte, wohin er jeden Morgen hinabstieg, um seinem Etui den -Tagesbedarf einzuverleiben. Nur widerstrebend hätte er Butter gegessen, -die ihm in einem Stück und nicht vielmehr in Form geriefelter Kügelchen -vorgesetzt worden wäre. - -Man sieht, daß wir darauf denken, alles zu sagen, was für ihn einnehmen -kann, aber wir beurteilen ihn ohne Überschwang und machen ihn weder -besser noch schlechter, als er war. Hans Castorp war weder ein Genie -noch ein Dummkopf, und wenn wir das Wort „mittelmäßig“ zu seiner -Kennzeichnung vermeiden, so geschieht es aus Gründen, die nicht mit -seiner Intelligenz und kaum etwas mit seiner schlichten Person überhaupt -zu tun haben, nämlich aus Achtung vor seinem Schicksal, dem wir eine -gewisse überpersönliche Bedeutung zuzuschreiben geneigt sind. Sein Kopf -genügte den Anforderungen des Realgymnasiums, ohne sich überanstrengen -zu müssen, – aber dies zu tun, wäre er auch ganz bestimmt unter keinen -Umständen und um keines Gegenstandes willen geneigt gewesen: weniger aus -Furcht, sich weh zu tun, als weil er unbedingt keinen Grund dazu sah -oder, richtiger gesagt: _keinen unbedingten_ Grund; und eben darum -vielleicht mögen wir ihn nicht mittelmäßig nennen, weil er das Fehlen -solcher Gründe auf irgendeine Weise empfand. - -Der Mensch lebt nicht nur sein persönliches Leben als Einzelwesen, -sondern, bewußt oder unbewußt, auch das seiner Epoche und -Zeitgenossenschaft, und sollte er die allgemeinen und unpersönlichen -Grundlagen seiner Existenz auch als unbedingt gegeben und -selbstverständlich betrachten und von dem Einfall, Kritik daran zu üben, -so weit entfernt sein, wie der gute Hans Castorp es wirklich war, so ist -doch sehr wohl möglich, daß er sein sittliches Wohlbefinden durch ihre -Mängel vage beeinträchtigt fühlt. Dem einzelnen Menschen mögen -mancherlei persönliche Ziele, Zwecke, Hoffnungen, Aussichten vor Augen -schweben, aus denen er den Impuls zu hoher Anstrengung und Tätigkeit -schöpft; wenn das Unpersönliche um ihn her, die Zeit selbst der -Hoffnungen und Aussichten bei aller äußeren Regsamkeit im Grunde -entbehrt, wenn sie sich ihm als hoffnungslos, aussichtslos und ratlos -heimlich zu erkennen gibt und der bewußt oder unbewußt gestellten, aber -doch irgendwie gestellten Frage nach einem letzten, mehr als -persönlichen, unbedingten Sinn aller Anstrengung und Tätigkeit ein -hohles Schweigen entgegensetzt, so wird gerade in Fällen redlicheren -Menschentums eine gewisse lähmende Wirkung solches Sachverhalts fast -unausbleiblich sein, die sich auf dem Wege über das Seelisch-Sittliche -geradezu auf das physische und organische Teil des Individuums -erstrecken mag. Zu bedeutender, das Maß des schlechthin Gebotenen -überschreitender Leistung aufgelegt zu sein, ohne daß die Zeit auf die -Frage Wozu? eine befriedigende Antwort wüßte, dazu gehört entweder eine -sittliche Einsamkeit und Unmittelbarkeit, die selten vorkommt und -heroischer Natur ist, oder eine sehr robuste Vitalität. Weder das eine -noch das andere war Hans Castorps Fall, und so war er denn doch wohl -mittelmäßig, wenn auch in einem recht ehrenwerten Sinn. - -Wir haben hier nicht nur von des jungen Mannes innerem Verhalten während -seiner Schulzeit, sondern auch von den darauffolgenden Jahren -gesprochen, als er seinen bürgerlichen Beruf schon gewählt hatte. Was -seine Laufbahn durch die Klassen betraf, so mußte er die eine und andere -davon sogar repetieren. Im ganzen aber halfen seine Herkunft, die -Urbanität seiner Sitten und schließlich auch eine hübsche, wenn auch -leidenschaftslose Begabung für Mathematik ihm vorwärts, und als er das -Einjährigenzeugnis hatte, beschloß er, die Schule durchzumachen, – -hauptsächlich, die Wahrheit zu sagen, weil damit ein gewohnter, -vorläufiger und unentschiedener Zustand verlängert und Zeit zu der -Überlegung gewonnen wurde, was denn Hans Castorp am liebsten werden -wollte, denn das wußte er lange nicht recht, wußte es auch in der -obersten Klasse noch nicht, und als es sich dann entschied (daß nämlich -_er_ sich entschieden hätte, wäre beinah schon zu viel gesagt), fühlte -er wohl, daß es sich ebensogut anders hätte entscheiden können. - -Aber so viel war ja richtig, daß er an Schiffen immer großes Vergnügen -gehabt hatte. Als kleiner Junge hatte er die Blätter seiner Notizbücher -mit Bleistiftzeichnungen von Fischerkuttern, Gemüseevern und Fünfmastern -gefüllt, und als er mit fünfzehn Jahren von einem bevorzugten Platze aus -hatte zusehen dürfen, wie der neue Doppelschrauben-Postdampfer „Hansa“ -bei Blohm & Voß vom Stapel lief, da hatte er in Wasserfarben ein -wohlgetroffenes und bis weit ins Einzelne genaues Bildnis des schlanken -Schiffes ausgeführt, das Konsul Tienappel in sein Privatkontor gehängt -hatte, und auf dem namentlich das transparente Glasgrün der rollenden -See so liebevoll und geschickt behandelt war, daß irgend jemand zu -Konsul Tienappel gesagt hatte, das sei Talent, und daraus könne ein -guter Marinemaler werden, – eine Äußerung, die der Konsul seinem -Pflegesohn ruhig wiedererzählen konnte, denn Hans Castorp lachte bloß -gutmütig darüber und ließ sich auf Überspanntheiten und -Hungerleiderideen auch nicht einen Augenblick ein. - -„Viel hast du nicht“, sagte sein Onkel Tienappel manchmal zu ihm. „Mein -Geld bekommen im wesentlichen mal James und Peter, das heißt, es bleibt -im Geschäft, und Peter bezieht seine Rente. Was dir gehört, liegt ja -ganz gut und trägt dir was Sicheres. Aber von Zinsen zu leben, dabei ist -heutzutage kein Spaß mehr, wenn man nicht wenigstens fünfmal so viel -hat, wie du, und wenn du was vorstellen willst hier in der Stadt und -leben wie du’s gewohnt bist, dann mußt du ordentlich zuverdienen, das -merk’ du lieber, min Söhn.“ - -Hans Castorp merkte es sich und sah sich nach einem Berufe um, mit dem -er vor sich selbst und den Leuten bestehen könnte. Und als er einmal -gewählt hatte – es geschah auf Anregung des alten Wilms, in Firma Tunder -& Wilms, der nämlich am sonnabendlichen Whisttisch zu Konsul Tienappel -sagte, Hans Castorp solle doch Schiffbau studieren, das sei eine Idee, -und bei ihm eintreten, dann wolle er wohl auf den Jungen ein Auge haben -–, da dachte er sehr hoch von seinem Beruf und fand, daß es zwar ein -verdammt komplizierter und anstrengender, dafür aber auch ein -ausgezeichneter, wichtiger und großartiger Beruf sei und für seine -friedliche Person jedenfalls bei weitem dem seines Vetters Ziemßen -vorzuziehen, Stiefschwestersohns seiner seligen Mutter, der durchaus -Offizier werden wollte. Dabei war Joachim Ziemßen nicht mal ganz fest -auf der Brust, aber eben darum mochte ein Freiluft-Beruf, bei dem von -geistiger Arbeit und Anspannung kaum ernstlich die Rede sein konnte, -denn wohl das richtige für ihn sein, wie Hans Castorp mit leichter -Geringschätzung urteilte. Denn vor der Arbeit hatte er den allergrößten -Respekt, obwohl ihn persönlich die Arbeit ja leicht ermüdete. - -Wir kommen hier auf unsere Andeutungen von früher zurück, die nämlich -auf die Vermutung zielten, daß Beeinträchtigungen des persönlichen -Lebens durch die Zeit geradezu den physischen Organismus des Menschen zu -beeinflussen vermöchten. Wie hätte Hans Castorp die Arbeit nicht achten -sollen? Es wäre unnatürlich gewesen. Wie alles lag, mußte sie ihm als -das unbedingt Achtungswertste gelten, es gab im Grunde nichts -Achtenswertes außer ihr, sie war das Prinzip, vor dem man bestand oder -nicht bestand, das Absolutum der Zeit, sie beantwortete sozusagen sich -selbst. Seine Achtung vor ihr war also religiöser und, so viel er wußte, -unzweifelhafter Natur. Aber eine andere Frage war, ob er sie liebte; -denn das konnte er nicht, so sehr er sie achtete, und zwar aus dem -einfachen Grunde, weil sie ihm nicht bekam. Angestrengte Arbeit zerrte -an seinen Nerven, sie erschöpfte ihn bald, und ganz offen gab er zu, daß -er eigentlich viel mehr die freie Zeit liebe, die unbeschwerte, an der -nicht die Bleigewichte der Mühsal hingen, die Zeit, die offen vor einem -gelegen hätte, nicht abgeteilt von zähneknirschend zu überwindenden -Hindernissen. Dieser Widerstreit in seinem Verhältnis zur Arbeit -bedürfte genau genommen der Auflösung. War es möglicherweise so, daß -sein Körper sowohl wie sein Geist – zuerst der Geist und durch ihn auch -der Körper – zur Arbeit freudiger und nachhaltiger willig gewesen wäre, -wenn er im Grunde seiner Seele, dort, wo er selbst nicht Bescheid wußte, -an die Arbeit als unbedingten Wert und sich selbst beantwortendes -Prinzip zu glauben und sich dabei zu beruhigen vermocht hätte? Es -wird damit wieder die Frage seiner Mittelmäßigkeit oder -Mehr-als-Mittelmäßigkeit aufgeworfen, die wir nicht bündig beantworten -wollen. Denn wir betrachten uns nicht als Hans Castorps Lobredner und -lassen der Vermutung Raum, daß die Arbeit in seinem Leben einfach dem -ungetrübten Genuß von Maria Mancini etwas im Wege war. – - -Zum militärischen Dienst wurde er seinerseits nicht herangezogen. Seine -innere Natur widerstrebte dem und wußte es zu verhindern. Auch mochte -wohl sein, daß Stabsarzt Dr. Eberding, der am Harvestehuder Weg -verkehrte, von Konsul Tienappel gesprächsweise gehört hatte, daß der -junge Castorp in der Nötigung sich zu bewaffnen eine empfindliche -Störung seiner soeben auswärts begonnenen Studien erblicken würde. - -Sein Kopf, der langsam und gelassen arbeitete, zumal Hans Castorp die -beruhigende Gewohnheit des Porterfrühstücks auch auswärts beibehielt, -füllte sich mit analytischer Geometrie, Differentialrechnung, Mechanik, -Projektionslehre und Graphostatik, er berechnete geladenes und -ungeladenes Deplacement, Stabilität, Trimmverlagerung und Metazentrum, -wenn es ihm zuweilen auch sauer wurde. Seine technischen Zeichnungen, -diese Spanten-, Wasserlinien- und Längsrisse, waren nicht ganz so gut, -wie seine malerische Darstellung der „Hansa“ auf hoher See, aber wo es -galt, die geistige Anschaulichkeit durch die sinnliche zu unterstützen, -Schatten zu tuschen und Querschnitte in munteren Materialfarben -anzulegen, tat Hans Castorp es an Geschicklichkeit den meisten zuvor. - -Wenn er in den Ferien nach Hause kam, sehr sauber, sehr gut angezogen, -mit einem kleinen rotblonden Schnurrbart in seinem schläfrigen jungen -Patriziergesicht und offenbar auf dem Wege zu ansehnlichen -Lebensstellungen, so sahen die Leute, die sich mit kommunalen Dingen -befaßten, auch mit Familien- und Personalverhältnissen gut Bescheid -wußten – und das tun die meisten in einem sich selbst regierenden -Stadtstaat –, so sahen seine Mitbürger ihn prüfend an, indem sie sich -fragten, in welche öffentliche Rolle der junge Castorp wohl einmal -hineinwachsen werde. Er hatte ja Überlieferungen, sein Name war alt und -gut, und eines Tages, das konnte beinahe nicht fehlen, würde man mit -seiner Person als mit einem politischen Faktor zu rechnen haben. Er -würde dann in der Bürgerschaft oder dem Bürgerausschuß sitzen und -Gesetze machen, würde im Ehrenamt an den Sorgen der Souveränität -teilnehmen, einer Verwaltungsabteilung, der Finanzdeputation vielleicht -oder der für das Bauwesen angehören, und seine Stimme würde gehört und -mitgezählt werden. Man konnte neugierig sein, wie er wohl einmal Partei -bekennen würde, der junge Castorp. Äußerlichkeiten mochten täuschen, -aber eigentlich sah er ganz so aus, wie man _nicht_ aussah, wenn die -Demokraten auf einen rechnen konnten, und die Ähnlichkeit mit dem -Großvater war unverkennbar. Vielleicht würde er ihm nacharten, ein -Hemmschuh werden, ein konservatives Element? Das war wohl möglich – und -ebensowohl auch das Gegenteil. Denn schließlich war er ja Ingenieur, ein -angehender Schiffbaumeister, ein Mann des Weltverkehrs und der Technik. -Da konnte es sein, daß Hans Castorp unter die Radikalen ging, ein -Draufgänger wurde, ein profaner Zerstörer alter Gebäude und -landschaftlicher Schönheiten, ungebunden wie ein Jude und pietätlos wie -ein Amerikaner, geneigt, den rücksichtslosen Bruch mit würdig -Überliefertem einer bedächtigen Ausbildung natürlicher Lebensbedingungen -vorzuziehen und den Staat in wagehalsige Experimente zu stürzen, – das -war auch denkbar. Würde er es im Blute haben, daß Ihre Wohlweisheiten, -vor denen der Doppelposten am Rathaus präsentierte, alles am besten -wüßten, oder würde er die Opposition in der Bürgerschaft zu unterstützen -gestimmt sein? In seinen blauen Augen unter den rötlich blonden Brauen -war keine Antwort auf solche Fragen mitbürgerlicher Neugier zu lesen, -und er wußte auch wohl noch gar keine, Hans Castorp, dies unbeschriebene -Blatt. - -Als er die Reise antrat, auf der wir ihn betrafen, stand er im -dreiundzwanzigsten Lebensjahr. Damals hatte er vier Semester Studienzeit -am Danziger Polytechnikum hinter sich und vier weitere, die er auf den -Technischen Hochschulen von Braunschweig und Karlsruhe verbracht hatte, -war kürzlich ohne Glanz und Orchestertusch, aber mit gutem Anstande aus -der ersten Hauptprüfung gestiegen und schickte sich an, bei Tunder & -Wilms als Ingenieur-Volontär einzutreten, um auf der Werft seine -praktische Ausbildung zu empfangen. An diesem Punkt nahm sein Weg nun -erst einmal folgende Wendung. - -Zur Hauptprüfung hatte er scharf und anhaltend arbeiten müssen und sah, -als er heimkam, denn doch noch matter aus, als es zu seinem Typus paßte. -Dr. Heidekind schalt, so oft er ihn sah, und forderte Luftveränderung, -das heißt: eine gründliche. Mit Norderney oder Wyk auf Föhr, sagte er, -sei es dieses Mal nicht getan, und wenn man ihn frage, so gehörte Hans -Castorp, bevor er auf die Werft gehe, für ein paar Wochen ins -Hochgebirge. - -Das sei ganz gut, sagte Konsul Tienappel zu seinem Neffen und -Pflegesohn, aber dann trennten sich diesen Sommer ihre Wege, denn ihn, -Konsul Tienappel, bekämen ins Hochgebirge keine vier Pferde. Das sei -nichts für ihn, er brauche einen vernünftigen Luftdruck, sonst kriege er -Zufälle. Ins Hochgebirge solle Hans Castorp nur freundlichst alleine -reisen. Er solle doch Joachim Ziemßen besuchen. - -Das war ein natürlicher Vorschlag. Joachim Ziemßen nämlich war krank, – -nicht krank wie Hans Castorp, sondern auf wirklich mißliche Weise krank, -es war sogar ein großer Schrecken gewesen. Schon immer hatte er zu -Katarrh und Fieber geneigt, und eines Tages war richtig auch roter -Auswurf dagewesen, und Hals über Kopf hatte Joachim nach Davos gehen -müssen, zu seinem größten Leidwesen und Kummer, denn eben stand er am -Ziel seiner Wünsche. Ein paar Semester lang hatte er nach dem Willen der -Seinen Jurisprudenz studiert, aber aus unwiderstehlichem Drange hatte er -umgesattelt und sich als Fahnenjunker gemeldet und war auch schon -angenommen. Und nun saß er seit über fünf Monaten im Internationalen -Sanatorium „Berghof“ (dirigierender Arzt: Hofrat Dr. Behrens) und -langweilte sich halb zu Tode, wie er auf Postkarten schrieb. Wenn also -Hans Castorp denn schon eine Kleinigkeit für sich tun wollte, bevor er -bei Tunder & Wilms seinen Posten antrat, so lag nichts näher, als daß er -auch dort hinauf fuhr, um seinem armen Cousin Gesellschaft zu leisten, – -für beide Teile war es das angenehmste. - -Es war hoher Sommer geworden, als er sich zu der Reise entschloß. Die -letzten Juli-Tage waren schon da. - -Er fuhr auf drei Wochen. - - - - - Drittes Kapitel - - - Ehrbare Verfinsterung - -Hans Castorp hatte gefürchtet, die Zeit zu verschlafen, da er so überaus -müde gewesen war, aber er war früher als nötig auf den Beinen und hatte -Muße im Überfluß, seinen Morgengewohnheiten ausführlich nachzukommen, -hochzivilisierten Gewohnheiten, unter denen eine Gummiwanne sowie eine -Holzschale mit grüner Lavendelseife nebst zugehörigem Strohpinsel eine -Hauptrolle spielten, – und mit den Geschäften der Säuberung und der -Körperpflege das andere des Auspackens und Einräumens zu verbinden. -Während er den versilberten Hobel über seine mit parfümiertem Schaum -bedeckten Wangen führte, erinnerte er sich seiner verworrenen Träume und -schüttelte nachsichtig lächelnd, mit dem Überlegenheitsgefühl des im -Tageslicht der Vernunft sich rasierenden Menschen den Kopf über so viel -Unsinn. Sehr ausgeruht fühlte er sich eben nicht, aber frisch mit dem -jungen Tage. - -Indes er sich die Hände trocknete, trat er mit gepuderten Backen, in -seiner _file d’écosse_-Unterhose und roten Saffian-Pantoffeln auf den -Balkon hinaus, der durchlief und nur vermittelst undurchsichtiger, nicht -ganz bis zum Geländer vortretender Glaswände in einzelne Zimmerbereiche -geteilt war. Der Morgen war kühl und wolkig. Gestreckte Nebelbänke lagen -unbeweglich vor den seitlichen Höhen, während massiges Gewölk, weißes -und graues, auf das fernere Gebirge niederhing. Flecken und Streifen von -Himmelsblau waren hie und da sichtbar, und wenn ein Sonnenblick einfiel, -schimmerte die Ortschaft im Talgrunde weiß gegen die dunklen -Fichtenwälder der Hänge. Irgendwo gab es Morgenmusik, wahrscheinlich in -demselben Hotel, wo man auch gestern abend Konzert gehabt hatte. -Choral-Akkorde klangen gedämpft herüber, nach einer Pause folgte ein -Marsch, und Hans Castorp, der Musik von Herzen liebte, da sie ganz -ähnlich auf ihn wirkte, wie sein Frühstücksporter, nämlich tief -beruhigend, betäubend, zum Dösen überredend, lauschte wohlgefällig, den -Kopf auf die Seite geneigt, mit offenem Munde und etwas geröteten Augen. - -Drunten schlang sich die Wegschleife zum Sanatorium herauf, die er -gestern abend gekommen war. Kurzstieliger, sternförmiger Enzian stand im -feuchten Grase des Abhangs. Ein Teil der Plattform war als Garten -eingezäunt; dort gab es Kieswege, Blumenrabatten und eine künstliche -Felsengrotte zu Füßen einer stattlichen Edeltanne. Eine mit Blech -gedeckte Halle, in der Liegestühle standen, öffnete sich gegen Süden, -und daneben war eine rotbraun gestrichene Flaggenstange aufgerichtet, an -deren Schnur zuweilen das Fahnentuch sich entfaltete, – eine -Phantasiefahne, grün und weiß, mit dem Emblem der Heilkunde, einem -Schlangenstab, in der Mitte. - -Eine Frau ging im Garten umher, eine ältere Dame von düsterem, ja -tragischem Aussehen. Vollständig schwarz gekleidet und um das wirre -schwarzgraue Haar einen schwarzen Schleier gewunden, wanderte sie -ruhelos und gleichmäßig rasch, mit krummen Knien und steif nach vorn -hängenden Armen auf den Pfaden dahin und blickte, Querfalten in der -Stirn, mit kohlschwarzen Augen, unter denen schlaffe Hautsäcke hingen, -starr von unten geradeaus. Ihr alterndes, südlich blasses Gesicht mit -dem großen, verhärmten, einseitig abwärts gezogenen Mund erinnerte Hans -Castorp an das Bild einer berühmten Tragödin, das ihm einmal zu Gesichte -gekommen, und unheimlich war es zu sehen, wie die schwarzbleiche Frau, -offenbar ohne es zu wissen, ihre langen, gramvollen Tritte dem Takt der -herüberklingenden Marschmusik anpaßte. - -Nachdenklich teilnehmend blickte Hans Castorp auf sie hinab, und ihm -war, als verdunkele ihre traurige Erscheinung die Morgensonne. -Gleichzeitig aber faßte er noch etwas anderes auf, etwas Hörbares, -Geräusche, die aus dem Nachbarzimmer zur Linken, dem Zimmer des -russischen Ehepaars, nach Joachims Angabe, kamen und gleichfalls nicht -zu dem heiteren, frischen Morgen passen wollten, sondern ihn irgendwie -klebrig zu verunreinigen schienen. Hans Castorp erinnerte sich, daß er -schon gestern abend dergleichen vernommen, doch hatte seine Müdigkeit -ihn gehindert, darauf zu achten. Es war ein Ringen, Kichern und Keuchen, -dessen anstößiges Wesen dem jungen Mann nicht lange verborgen bleiben -konnte, obgleich er sich anfangs aus Gutmütigkeit bemühte, es harmlos zu -deuten. Man hätte dieser Gutmütigkeit auch andere Namen geben können, -zum Beispiel den etwas faden der Seelenreinheit, oder den ernsten und -schönen der Schamhaftigkeit, oder die herabsetzenden Namen der -Wahrheitsunlust und der Duckmäuserei, oder selbst den einer mystischen -Scheu und Frömmigkeit, – von alledem war etwas in Hans Castorps -Verhalten zu den Geräuschen nebenan, und physiognomisch drückte es sich -aus in einer ehrbaren Verfinsterung seiner Miene, so, als dürfe und -wolle er von dem, was er da hörte, nichts wissen: einem Ausdruck von -Sittsamkeit, der nicht ganz originell war, den er aber bei bestimmten -Gelegenheiten anzunehmen pflegte. - -Mit dieser Miene also zog er sich von dem Balkon ins Zimmer zurück, um -nicht länger Vorgänge zu belauschen, die ihm ernst, ja erschütternd -schienen, obgleich sie sich unter Gekicher kundtaten. Aber im Zimmer war -das Treiben jenseits der Wand nur noch deutlicher zu hören. Es war eine -Jagd um die Möbel herum, wie es schien, ein Stuhl polterte hin, man -ergriff einander, es gab ein Klatschen und Küssen, und hierzu kam, daß -es nun Walzerklänge waren, die verbraucht melodiösen Phrasen eines -Gassenhauers, die von außen und fernher die unsichtbare Szene -begleiteten. Hans Castorp stand, das Handtuch in Händen, und horchte -wider besseren Willen. Und plötzlich errötete er unter seinem Puder, -denn was er deutlich hatte kommen sehen, war gekommen und das Spiel nun -ohne allen Zweifel ins Tierische übergegangen. Herrgott, Donnerwetter! -dachte er, indem er sich abwandte, um mit absichtlich geräuschvollen -Bewegungen seine Toilette zu beenden. Nun, es sind Eheleute, in Gottes -Namen, soweit ist die Sache in Ordnung. Aber am hellen Morgen, das ist -doch stark. Und mir ist ganz, als hätten sie schon gestern abend keinen -Frieden gehalten. Schließlich sind sie doch krank, da sie hier sind, -oder wenigstens einer von ihnen, da wäre etwas Schonung am Platze. Aber -das eigentlich Skandalöse ist selbstverständlich, dachte er zornig, daß -die Wände so dünn sind und man alles so deutlich hört, das ist doch ein -unhaltbarer Zustand! Billig gebaut natürlich, schändlich billig gebaut! -Ob ich die Leute nachher zu sehen bekomme oder ihnen gar vorgestellt -werde? Das wäre im höchsten Grade peinlich. Und hier wunderte sich Hans -Castorp, denn er bemerkte, daß die Röte, die ihm vorhin in die frisch -rasierten Wangen gestiegen war, nicht daraus weichen wollte, oder doch -nicht das Wärmegefühl, wovon sie begleitet gewesen, sondern fix darin -stand und nichts anderes als jene trockene Gesichtshitze war, an der er -gestern abend gelitten, deren er im Schlafe ledig geworden, und die bei -dieser Gelegenheit sich wieder eingestellt hatte. Das stimmte ihn nicht -freundlicher gegen die benachbarten Eheleute, vielmehr murmelte er mit -vorgeschobenen Lippen ein sehr absprechendes Wort gegen sie und beging -dann den Fehler, sein Gesicht nochmals mit Wasser zu kühlen, was das -Übel bedeutend verschlimmerte. So geschah es, daß seine Stimme mißmutig -schwankte, als er seinem Vetter antwortete, der ihm zurufend an die Wand -geklopft hatte, und daß er bei Joachims Eintritt nicht eben den Eindruck -eines erfrischten und morgenfrohen Menschen machte. - - - Frühstück - -„Tag“, sagte Joachim. „Das war ja nun deine erste Nacht hier oben. Bist -du zufrieden?“ - -Er war fertig zum Ausgehen, sportlich gekleidet, in kräftig gearbeiteten -Stiefeln, und trug über dem Arm seinen Ulster, in dessen Seitentasche -sich die flache Flasche abzeichnete. Einen Hut hatte er auch heute -nicht. - -„Danke,“ erwiderte Hans Castorp, „es geht. Ich will weiter nicht -urteilen. Etwas konfus geträumt habe ich, und dann hat das Haus ja den -Nachteil, daß es sehr hellhörig ist, das ist etwas lästig. Wer ist denn -die Schwarze da draußen im Garten?“ - -Joachim wußte sogleich, wer gemeint war. - -„Ach, das ist ‚_Tous-les-deux_‘“, sagte er. „So wird sie allgemein -genannt hier von uns, denn das ist das einzige, was man von ihr zu hören -bekommt. Mexikanerin, weißt du, kann kein Wort deutsch und auch -französisch fast gar nicht, nur ein paar Brocken. Sie ist seit fünf -Wochen hier bei ihrem ältesten Sohn, einem vollständig hoffnungslosen -Fall, der jetzt ziemlich rasch eingehen wird, – er hat es schon überall, -durch und durch vergiftet ist er, kann man wohl sagen, das sieht dann -zuletzt ungefähr wie Typhus aus, sagt Behrens, – scheußlich für alle -Beteiligten jedenfalls. Vor vierzehn Tagen kam nun der zweite Sohn -herauf, weil er den Bruder noch sehen wollte –, bildhübscher Kerl -übrigens, wie auch der andere, – beide sind bildhübsche Kerle, so -glutäugig, die Damen waren ganz aus dem Häuschen. Na, der jüngere hatte -unten ja wohl schon ein bißchen gehustet, war aber sonst ganz munter -gewesen. Und kaum ist er hier, was meinst du, kriegt er Temperatur, – -aber gleich 39,5, höchstes Fieber, verstehst du, legt sich ins Bett, und -wenn er noch aufkommt, sagt Behrens, dann hat er mehr Glück als -Verstand. Jedenfalls sei es die höchste Zeit gewesen, sagt er, daß er -heraufkam ... Ja, und seitdem geht die Mutter nun so herum, wenn sie -nicht bei ihnen sitzt, und wenn man sie anspricht, sagt sie immer nur -‚_Tous les deux!_‘ denn mehr kann sie nicht sagen, und hier ist im -Augenblick niemand, der spanisch versteht.“ - -„So ist es also mit der“, sagte Hans Castorp. „Ob sie es wohl auch zu -mir sagen wird, wenn ich sie kennenlerne? Das wäre doch sonderbar, – ich -meine, es wäre komisch und unheimlich zu gleicher Zeit“, sagte er, und -seine Augen waren wie gestern: sie schienen ihm heiß und schwer, als -habe er lange geweint, und jenen Glanz hatten sie wieder, den der -neuartige Husten des Herrenreiters darin entzündet. Überhaupt kam es ihm -vor, als habe er jetzt erst den Anschluß ans Gestrige gefunden, als sei -er gleichsam wieder im Bilde, was nach seinem Erwachen zunächst so recht -nicht der Fall gewesen war. Er sei übrigens fertig, erklärte er, indem -er etwas Lavendelwasser auf sein Taschentuch träufelte und sich die -Stirn und die Gegend unter den Augen damit betupfte. „Wenn es dir recht -ist, können wir _tous les deux_ zum Frühstück gehen“, scherzte er mit -einem Gefühl von ausschweifendem Übermut, worauf Joachim ihn sanft -anblickte und eigentümlich dazu lächelte, melancholisch und etwas -spöttisch, wie es schien, – warum, das war seine Sache. - -Nachdem Hans Castorp sich überzeugt, daß er zu rauchen bei sich habe, -nahm er Stock, Mantel und Hut, auch diesen, trotzigerweise, denn er war -seiner Lebensform und Gesittung allzu gewiß, um sich so leicht und auf -bloße drei Wochen fremden und neuen Gebräuchen zu fügen –, und so gingen -sie denn, gingen die Treppen hinab, und auf den Korridoren wies Joachim -auf diese und jene Tür und nannte die Namen der Inwohner, deutsche Namen -und solche von allerlei fremdem Klang, indem er kurze Anmerkungen über -ihren Charakter und die Schwere ihres Falles hinzufügte. - -Sie begegneten auch Personen, die schon vom Frühstück zurückkehrten, und -wenn Joachim jemandem Guten Morgen sagte, lüftete Hans Castorp höflich -den Hut. Er war gespannt und nervös wie ein junger Mensch, der im -Begriffe ist, sich vielen fremden Leuten zu präsentieren und der dabei -von dem deutlichen Gefühl geplagt ist, trübe Augen und ein rotes Gesicht -zu haben, was übrigens nur teilweise zutraf, denn er war vielmehr blaß. - -„Ehe ich es vergesse!“ sagte er plötzlich mit einem gewissen blinden -Eifer. „Du kannst mich gern der Dame im Garten vorstellen, wenn es sich -gerade so macht, dagegen habe ich nichts. Sie soll nur immerhin ‚_tous -les deux_‘ zu mir sagen, das macht mir gar nichts, ich bin ja -vorbereitet und verstehe den Sinn und werde schon das richtige Gesicht -dazu machen. Aber mit dem russischen Ehepaar wünsche ich nicht -bekanntzuwerden, hörst du? Das will ich ausdrücklich nicht. Es sind -überaus unmanierliche Leute, und wenn ich schon drei Wochen lang neben -ihnen wohnen soll und es nicht anders einzurichten war, so will ich sie -doch nicht kennen, das ist mein gutes Recht, daß ich mir das mit aller -Bestimmtheit verbitte ...“ - -„Schön“, sagte Joachim. „Haben sie dich denn so gestört? Ja, es sind -gewissermaßen Barbaren, unzivilisiert mit einem Wort, ich hab es dir ja -im voraus gesagt. Er kommt immer in einer Lederjoppe zum Essen, – -abgeschabt sage ich dir, mich wundert immer, daß Behrens nicht dagegen -einschreitet. Und sie ist auch nicht die Propperste, trotz ihrem -Federhut ... Übrigens kannst du ganz unbesorgt sein, sie sitzen weit von -uns fort, am Schlechten Russentisch, denn es gibt einen Guten -Russentisch, wo nur feinere Russen sitzen –, und es ist kaum eine -Möglichkeit, daß du mit ihnen zusammentriffst, selbst wenn du wolltest. -Es ist überhaupt nicht leicht, Bekanntschaften zu machen, schon weil so -viele Ausländer unter den Gästen sind, und ich selbst kenne persönlich -nur wenige, so lange ich hier bin.“ - -„Wer ist denn krank von den beiden?“ fragte Hans Castorp. „Er oder sie?“ - -„Er, glaube ich. Ja, nur er“, sagte Joachim merklich zerstreut, während -sie an den Garderobeständern vorm Speisesaal ablegten. Und dann traten -sie ein in den hellen, flachgewölbten Raum, wo Stimmen schwirrten, Gerät -klapperte und die Saaltöchter mit dampfenden Kannen umhereilten. - -Sieben Tische standen im Speisesaal, die meisten in Längsrichtung, nur -zwei in die Quere. Es waren größere Tafeln, für zehn Personen jede, wenn -auch die Gedecke nicht überall vollzählig waren. Nur ein paar Schritte -schräg in den Saal hinein, und Hans Castorp war schon an seinem Platz: -er war ihm an der Schmalseite des Tisches bereitet, der mitten vorn -stand, zwischen den beiden querstehenden. Aufrecht hinter seinem Stuhle, -verbeugte Hans Castorp sich steif und freundlich gegen die -Tischgenossen, mit denen Joachim ihn zeremoniell bekannt machte, und die -er kaum sah, geschweige, daß ihm ihre Namen ins Bewußtsein gedrungen -wären. Einzig Frau Stöhrs Person und Namen faßte er auf, und daß sie ein -rotes Gesicht und fettige aschblonde Haare hatte. Man konnte ihr die -Bildungsschnitzer wohl zutrauen, so störrisch unwissend war ihr -Gesichtsausdruck. Dann setzte er sich und nahm beifällig wahr, daß man -das erste Frühstück hier als eine ernste Mahlzeit behandelte. - -Es gab da Töpfe mit Marmeladen und Honig, Schüsseln mit Milchreis und -Haferbrei, Platten mit Rührei und kaltem Fleisch; Butter war freigebig -aufgestellt, jemand lüftete die Glasglocke über einem tränenden -Schweizer Käse, um davon abzuschneiden, und eine Schale mit frischem und -trockenem Obst stand obendrein in der Mitte des Tisches. Eine -Saaltochter in Schwarz und Weiß fragte Hans Castorp, was er zu trinken -wünsche: Kakao, Kaffee oder Tee. Sie war klein wie ein Kind, mit einem -alten, langen Gesicht, – eine Zwergin, wie er mit Schrecken erkannte. Er -sah seinen Vetter an, aber da dieser nur gleichmütig mit Schultern und -Brauen zuckte, als wollte er sagen: „Ja, nun, was weiter?“ so fügte er -sich in die Tatsachen, bat mit besonderer Höflichkeit um Tee, da es eine -Zwergin war, die ihn fragte, und begann Milchreis mit Zimt und Zucker zu -essen, während seine Augen über die anderen Speisen hingingen, von denen -zu kosten ihn verlangte, und über die Gästeschaft an den sieben Tischen, -Joachims Kollegen und Schicksalsgenossen, die alle innerlich krank waren -und schwatzend frühstückten. - -Der Saal war in jenem neuzeitlichen Geschmack gehalten, welcher der -sachlichsten Einfachheit einen gewissen phantastischen Einschlag zu -geben weiß. Er war nicht sehr tief im Verhältnis zu seiner Länge und von -einer Art Wandelgang umlaufen, in dem Anrichten standen und der sich in -großen Bögen gegen den Innenraum mit den Tischen öffnete. Die Pfeiler, -bis zu halber Höhe mit Holz in Sandelpolitur bekleidet, dann glatt -geweißt, wie der obere Teil der Wände und die Decke, wiesen buntfarbige -Bandstreifen auf, einfältige und lustige Schablonen, die sich an den -weitgespannten Gurten des flachen Gewölbes fortsetzten. Mehrere -Kronenleuchter, elektrisch, aus blankem Messing, schmückten den Saal, -bestehend aus je drei übereinander gelagerten Reifen, welche mit -zierlichem Flechtwerk verbunden waren und an deren unterstem wie kleine -Monde Milchglasglocken im Kreise gingen. Es waren vier Glastüren da, – -an der entgegengesetzten Breitseite zwei, die hinaus auf eine -vorgelagerte Veranda gingen, eine dritte vorn links, die geradeswegs in -die vordere Halle führte, und dann jene, durch die Hans Castorp von -einem Flur aus eingetreten war, da Joachim ihn eine andere Treppe -hinabgeführt hatte, als gestern abend. - -Er hatte zur Rechten ein unansehnliches Wesen in Schwarz mit flaumigem -Teint und matt erhitzten Backen, in der er etwas wie eine Nähterin oder -Hausschneiderin sah, wohl auch weil sie ausschließlich Kaffee mit -Buttersemmeln frühstückte und weil er die Vorstellung einer -Hausschneiderin von jeher mit derjenigen von Kaffee und Buttersemmeln -verbunden hatte. Zur Linken saß ihm ein englisches Fräulein, schon -angejahrt gleichfalls, sehr häßlich, mit dürren, verfrorenen Fingern, -die rundlich geschriebene Briefe aus der Heimat las und einen -blutfarbenen Tee dazu trank. Neben ihr folgte Joachim und dann Frau -Stöhr in einer schottischen Wollbluse. Die linke Hand hielt sie geballt -in der Nähe ihrer Wange, während sie speiste, und bemühte sich -sichtlich, beim Sprechen eine feingebildete Miene zu machen, indem sie -die Oberlippe von ihren schmalen und langen Hasenzähnen zurückzog. Ein -junger Mann mit dünnem Schnurrbart und einem Gesichtsausdruck, als habe -er etwas Schlechtschmeckendes im Munde, setzte sich neben sie und -frühstückte vollständig schweigend. Er kam herein, als Hans Castorp -schon saß, senkte im Gehen und ohne jemanden anzublicken einmal zum -Gruße das Kinn auf die Brust und nahm Platz, indem er es durch sein -Verhalten rundweg ablehnte, sich mit dem neuen Gaste bekannt machen zu -lassen. Vielleicht war er zu krank, um für solche Äußerlichkeiten noch -Sinn und Achtung zu haben oder überhaupt an seiner Umgebung Interesse zu -nehmen. Einen Augenblick saß ihm gegenüber ein außerordentlich mageres, -hellblondes junges Mädchen, das eine Flasche Yoghurt auf seinen Teller -entleerte, die Milchspeise auflöffelte und sich unverzüglich wieder -entfernte. - -Die Unterhaltung am Tisch war nicht lebhaft. Joachim plauderte formell -mit Frau Stöhr, er erkundigte sich nach ihrem Befinden und vernahm mit -korrektem Bedauern, daß es zu wünschen übrig lasse. Sie klagte über -„Schlaffheit“. „Ich bin so schlaff!“ sagte sie gedehnt und zierte sich -auf ungebildete Weise. Auch habe sie beim Aufstehen schon 37,3 gehabt, -und wie werde es da erst nachmittags sein. Die Hausschneiderin bekannte -sich zu derselben Körpertemperatur, erklärte aber, daß sie sich im -Gegenteil aufgeregt fühle, innerlich gespannt und rastlos, so, als -stände ihr etwas Besonderes und Entscheidendes bevor, was doch gar nicht -der Fall sei, sondern es sei eine körperliche Erregung ohne seelische -Ursachen. Sie war doch wohl keine Hausschneiderin, denn sie sprach sehr -richtig und fast gelehrt. Übrigens fand Hans Castorp diese Aufgeregtheit -oder doch die Äußerung davon irgendwie unangemessen, ja fast anstößig -bei einem so unscheinbaren und geringen Geschöpf. Er fragte nacheinander -die Nähterin und Frau Stöhr, wie lange sie schon hier oben seien (jene -lebte seit fünf Monaten, diese seit sieben in der Anstalt), suchte -hierauf sein Englisch zusammen, um von seiner Nachbarin zur Rechten zu -erfahren, was für einen Tee sie da trinke (es war Hagebuttentee) und ob -er denn gut schmecke, was sie fast stürmisch bejahte, und sah dann in -den Saal hinein, in dem man kam und ging: das erste Frühstück war keine -streng gemeinsame Mahlzeit. - -Er hatte ein wenig Furcht vor schreckhaften Eindrücken gehabt, aber er -fand sich enttäuscht: es ging ganz aufgeräumt zu hier im Saale, man -hatte nicht das Gefühl, sich an einer Stätte des Jammers zu befinden. -Gebräunte junge Leute beiderlei Geschlechts kamen trällernd herein, -sprachen mit den Saaltöchtern und hieben mit robustem Appetit in das -Frühstück ein. Auch reifere Personen waren da, Ehepaare, eine ganze -Familie mit Kindern, die Russisch sprach, auch halbwüchsige Jungen. Die -Frauen trugen fast sämtlich eng anliegende Jacken aus Wolle oder Seide, -sogenannte Sweater, weiß oder farbig, mit Fallkragen und Seitentaschen, -und es sah hübsch aus, wenn sie, beide Hände in diese Seitentaschen -vergraben, standen und plauderten. An mehreren Tischen wurden -Photographien herumgezeigt, neue, selbst angefertigte Aufnahmen ohne -Zweifel; an einem anderen tauschte man Briefmarken. Es wurde vom Wetter -gesprochen, davon, wie man geschlafen und wieviel man morgens im Munde -gemessen. Die meisten waren lustig, – ohne besonderen Grund -wahrscheinlich, sondern nur, weil sie keine unmittelbaren Sorgen hatten -und zahlreich beisammen waren. Einzelne freilich saßen, den Kopf in die -Hände gestützt, am Tische und starrten vor sich hin. Man ließ sie -starren und achtete nicht auf sie. - -Plötzlich zuckte Hans Castorp geärgert und beleidigt zusammen. Eine Tür -war zugefallen, es war die Tür links vorn, die gleich in die Halle -führte, – jemand hatte sie zufallen lassen oder gar hinter sich ins -Schloß geworfen, und das war ein Geräusch, das Hans Castorp auf den Tod -nicht leiden konnte, das er von jeher gehaßt hatte. Vielleicht beruhte -dieser Haß auf Erziehung, vielleicht auf angeborener Idiosynkrasie, – -genug, er verabscheute das Türenwerfen und hätte jeden schlagen können, -der es sich vor seinen Ohren zuschulden kommen ließ. In diesem Fall war -die Tür obendrein mit kleinen Glasscheiben gefüllt, und das verstärkte -den Chok: es war ein Schmettern und Klirren. Pfui, dachte Hans Castorp -wütend, was ist denn das für eine verdammte Schlamperei! Da übrigens in -demselben Augenblick die Nähterin das Wort an ihn richtete, so hatte er -keine Zeit, festzustellen, wer der Missetäter gewesen sei. Doch standen -Falten zwischen seinen blonden Brauen, und sein Gesicht war peinlich -verzerrt, während er der Nähterin antwortete. - -Joachim fragte, ob die Ärzte schon durchgekommen seien. Ja, zum -erstenmal seien sie dagewesen, antwortete jemand, – sie hätten den Saal -verlassen fast in dem Augenblick, als die Vettern gekommen seien. Dann -wollten sie gehen und nicht warten, meinte Joachim. Eine Gelegenheit zur -Vorstellung werde sich im Laufe des Tages ja finden. Aber an der Tür -wären sie fast mit Hofrat Behrens zusammengestoßen, der, gefolgt von Dr. -Krokowski, im Geschwindschritt hereinkam. - -„Hoppla, Achtung die Herren!“ sagte Behrens. „Das hätte leicht schlecht -ablaufen können für die beiderseitigen Hühneraugen.“ Er sprach stark -niedersächsisch, breit und kauend. „So das sind _Sie_“, sagte er zu Hans -Castorp, den Joachim mit zusammengezogenen Absätzen präsentierte; „na, -freut mich.“ Und er gab dem jungen Mann seine Hand, die groß war wie -eine Schaufel. Er war ein knochiger Mann, wohl drei Köpfe höher als Dr. -Krokowski, schon ganz weiß auf dem Kopf, mit heraustretendem Genick, -großen, vorquellenden und blutunterlaufenen blauen Augen, in denen -Tränen schwammen, einer aufgeworfenen Nase und kurzgeschnittenem -Schnurrbärtchen, das schief gezogen war, und zwar infolge einer -einseitigen Schürzung der Oberlippe. Was Joachim von seinen Backen -gesagt hatte, bewahrheitete sich vollkommen, sie waren blau; und so -wirkte sein Kopf denn recht farbig gegen den weißen Chirurgenrock, den -er trug, einen über die Knie reichenden Gurtkittel, der unten seine -gestreiften Hosen und ein paar kolossale Füße in gelben und etwas -abgenutzten Schnürstiefeln sehen ließ. Auch Dr. Krokowski war im -Berufskleide, allein sein Kittel war schwarz, aus einem schwarzen -Lüsterstoff, hemdartig, mit Gummizügen an den Handgelenken, und hob -seine Blässe nicht wenig. Er verhielt sich rein assistierend und -beteiligte sich auf keine Weise an der Begrüßung, doch ließ eine -kritische Spannung seines Mundes erkennen, daß er sein untergeordnetes -Verhältnis als wunderlich empfinde. - -„Vettern?“ fragte der Hofrat, indem er mit der Hand zwischen den jungen -Leuten hin und her deutete und mit seinen blutunterlaufenen blauen Augen -von unten blickte ... „Na, will er denn auch zum Kalbsfell schwören?“ -sagte er zu Joachim und wies mit dem Kopf auf Hans Castorp ... „I, Gott -bewahre, – was? Ich habe doch gleich gesehen“ – und er sprach nun direkt -zu Hans Castorp –, „daß Sie so was Ziviles haben, so was Komfortables, – -nichts so Waffenrasselndes wie dieser Rottenführer da. Sie wären ein -besserer Patient als der, da möcht ich doch wetten. Das sehe ich jedem -gleich an, ob er einen brauchbaren Patienten abgeben kann, denn dazu -gehört Talent, Talent gehört zu allem, und dieser Myrmidon hier hat auch -kein bißchen Talent. Zum Exerzieren, das weiß ich nicht, aber zum -Kranksein gar nicht. Wollen Sie glauben, daß er immer weg will? Immerzu -will er weg, tirrt mich und plagt mich und kann es nicht erwarten, sich -da unten schinden zu lassen. So ein Biereifer! Kein halbes Jährchen will -er uns schenken. Und dabei ist es doch ganz schön hier bei uns, – nun -sagen Sie mal selbst, Ziemßen, ob es nicht ganz schön hier ist! Na, Ihr -Herr Vetter wird uns schon besser zu würdigen wissen, wird sich schon -amüsieren. Damenmangel ist auch nicht, – allerliebste Damen haben wir -hier. Wenigstens von außen sind manche ganz malerisch. Aber _Sie_ -sollten sich etwas mehr Couleur anschaffen, hören Sie mal, sonst fallen -Sie ab bei den Damen! Grün ist ja wohl des Lebens goldner Baum, aber als -Gesichtsfarbe ist grün doch nicht ganz das Richtige. Total anämisch -natürlich“, sagte er, indem er ohne weiteres auf Hans Castorp zutrat und -ihm mit Zeige- und Mittelfinger ein Augenlid herunterzog. -„Selbstverständlich total anämisch, wie ich sagte. Wissen Sie was? Das -war gar nicht so dumm von Ihnen, daß Sie Ihr Hamburg mal auf einige Zeit -sich selbst überließen. Ist ja eine höchst dankenswerte Einrichtung, -dieses Hamburg; stellt uns immer ein nettes Kontingent mit seiner -feuchtfröhlichen Meteorologie. Aber wenn ich Ihnen bei dieser -Gelegenheit einen unmaßgeblichen Rat geben darf – ganz _sine pecunia_, -wissen Sie –, so machen Sie, solange Sie hier sind, mal alles mit, was -Ihr Vetter macht. In Ihrem Fall kann man gar nichts Schlaueres tun, als -einige Zeit zu leben wie bei leichter _tuberculosis pulmonum_, und ein -bißchen Eiweiß anzusetzen. Das ist nämlich kurios hier bei uns mit dem -Eiweißstoffwechsel ... Obgleich die Allgemeinverbrennung erhöht ist, -setzt der Körper doch Eiweiß an ... Na, und Sie haben schön geschlafen, -Ziemßen? Fein, was? Also nun mal los mit dem Lustwandel! Aber nicht mehr -als ’ne halbe Stunde! Und nachher die Quecksilberzigarre ins Gesicht -gesteckt! Immer hübsch aufschreiben, Ziemßen! Dienstlich! Gewissenhaft! -Sonnabend will ich die Kurve sehen! Ihr Herr Vetter soll auch gleich -mitmessen. Messen kann nie was schaden. Morgen, die Herren! Gute -Unterhaltung! Morgen ... Morgen ...“ Und Dr. Krokowski schloß sich ihm -an, der weiter segelte, mit den Armen schlenkernd, die Handflächen ganz -nach hinten gekehrt, indem er nach rechts und links die Frage richtete, -ob man „schön“ geschlafen habe, was allgemein bejaht wurde. - - - Neckerei. Viatikum. Unterbrochene Heiterkeit - -„Sehr netter Mann“, sagte Hans Castorp, als sie nach freundschaftlicher -Begrüßung mit dem hinkenden Concierge, der in seiner Loge Briefe -ordnete, durch das Portal hinaus ins Freie traten. Das Portal war an der -Südostflanke des weißgetünchten Gebäudes gelegen, dessen mittlerer Teil -die beiden Flügel um ein Stockwerk überragte und von einem kurzen, mit -schieferfarbenem Eisenblech gedeckten Uhrturm gekrönt war. Man berührte -den eingezäunten Garten nicht, wenn man das Haus hier verließ, sondern -war gleich im Freien, angesichts schräger Bergwiesen, die von -vereinzelten, mäßig hohen Fichten und auf den Boden geduckten -Krummholzkiefern bestanden waren. Der Weg, den sie einschlugen – -eigentlich war es der einzige, der in Betracht kam, außer der zu Tale -abfallenden Fahrstraße –, leitete sie leicht ansteigend nach links an -der Rückseite des Sanatoriums vorbei, der Küchen- und Wirtschaftsseite, -wo eiserne Abfalltonnen an den Gittern der Kellertreppen standen, lief -noch ein gutes Stück in derselben Richtung fort, beschrieb dann ein -scharfes Knie und führte steiler nach rechts hin den dünn bewaldeten -Hang hinan. Es war ein harter, rötlich gefärbter, noch etwas feuchter -Weg, an dessen Saume zuweilen Steinblöcke lagen. Die Vettern sahen sich -keineswegs allein auf der Promenade. Gäste, die gleich nach ihnen ihr -Frühstück beendet, folgten ihnen auf dem Fuße, und ganze Gruppen, auf -dem Rückweg, kamen ihnen mit den stapfenden Tritten absteigender Leute -entgegen. - -„Sehr netter Mann!“ wiederholte Hans Castorp. „So eine flotte Redeweise -hat er, es machte mir Spaß, ihm zuzuhören. ‚Quecksilberzigarre‘ für -‚Thermometer‘ ist doch ausgezeichnet, ich habe es gleich verstanden ... -Aber ich zünde mir nun eine richtige an,“ sagte er stehenbleibend, „ich -halte es nicht mehr aus! Seit gestern mittag habe ich nichts -Ordentliches mehr geraucht ... Entschuldige mal!“ Und er entnahm seinem -automobilledernen und mit silbernem Monogramm geschmückten Etui ein -Exemplar von Maria Mancini, ein schönes Exemplar der obersten Lage, an -einer Seite abgeplattet, wie er es besonders liebte, kupierte die Spitze -mit einem kleinen, eckig schneidenden Instrument, das er an der Uhrkette -trug, ließ seinen Taschenzündapparat aufflammen und setzte die ziemlich -lange, vorn stumpfe Zigarre mit einigen hingebungsvoll paffenden Zügen -in Brand. „So!“ sagte er. „Nun können wir meinethalben den Lustwandel -fortsetzen. Du rauchst natürlich nicht vor lauter Biereifer.“ - -„Ich rauche ja nie“, antwortete Joachim. „Warum sollt ich denn gerade -hier rauchen.“ - -„Das verstehe ich nicht!“ sagte Hans Castorp. „Ich verstehe es nicht, -wie jemand nicht rauchen kann, – er bringt sich doch, sozusagen, um des -Lebens bestes Teil und jedenfalls um ein ganz eminentes Vergnügen! Wenn -ich aufwache, so freue ich mich, daß ich tagüber werde rauchen dürfen, -und wenn ich esse, so freue ich mich wieder darauf, ja ich kann sagen, -daß ich eigentlich bloß esse, um rauchen zu können, wenn ich damit -natürlich auch etwas übertreibe. Aber ein Tag ohne Tabak, das wäre für -mich der Gipfel der Schalheit, ein vollständig öder und reizloser Tag, -und wenn ich mir morgens sagen müßte: heut gibt’s nichts zu rauchen, – -ich glaube, ich fände den Mut gar nicht, aufzustehen, wahrhaftig, ich -bliebe liegen. Siehst du: hat man eine gut brennende Zigarre – -selbstverständlich darf sie nicht Nebenluft haben oder schlecht ziehen, -das ist im höchsten Grade ärgerlich – ich meine: hat man eine gute -Zigarre, dann ist man eigentlich geborgen, es kann einem buchstäblich -nichts geschehn. Es ist genau, wie wenn man an der See liegt, dann liegt -man eben an der See, nicht wahr, und braucht nichts weiter, weder Arbeit -noch Unterhaltung ... Gott sei Dank raucht man ja in der ganzen Welt, es -ist nirgendwo unbekannt, soviel ich weiß, wohin man auch etwa -verschlagen werden sollte. Selbst die Polarforscher statten sich -reichlich mit Rauchvorrat aus für ihre Strapazen, und das hat mich immer -sympathisch berührt, wenn ich es las. Denn es kann einem sehr schlecht -gehen, – nehmen wir mal an, es ginge mir miserabel; aber solange ich -noch meine Zigarre hätte, hielte ich’s aus, das weiß ich, sie brächte -mich drüber weg.“ - -„Immerhin ist es etwas schlapp,“ sagte Joachim, „daß du so daran hängst. -Behrens hat ganz recht: Du bist ein Zivilist – er meinte es ja wohl mehr -als Lob, aber du bist ein heilloser Zivilist, das ist die Sache. -Übrigens bist du ja gesund und kannst tun, was du willst“, sagte er, und -seine Augen wurden müde. - -„Ja, gesund bis auf die Anämie“, sagte Hans Castorp. „Reichlich geradezu -war es ja, wie er es mir so sagte, daß ich grün aussehe. Aber es stimmt, -es ist mir selber aufgefallen, daß ich im Vergleich mit euch hier oben -förmlich grün bin, zu Hause hab ich es nicht so bemerkt. Und dann ist es -ja auch wieder nett von ihm, daß er mir so ohne weiteres Ratschläge -gibt, ganz _sine pecunia_, wie er sich ausdrückt. Ich will mir gern -vornehmen, es zu machen, wie er sagt, und mich ganz nach deiner -Lebensweise richten, – was sollt’ ich denn sonst auch wohl tun bei euch -hier oben, und es kann ja nicht schaden, wenn ich in Gottes Namen Eiweiß -ansetze, obgleich es etwas widerlich klingt, das mußt du mir zugeben.“ - -Joachim hüstelte ein paarmal im Gehen, – die Steigung schien ihn doch -anzustrengen. Als er zum drittenmal ansetzte, blieb er mit gerunzelten -Brauen stehen. „Geh nur voran“, sagte er. Hans Castorp beeilte sich, -weiterzugehen und sah sich nicht um. Dann verlangsamte er seinen Schritt -und blieb schließlich fast stehen, da ihm war, als müsse er einen -bedeutenden Vorsprung vor Joachim gewonnen haben. Aber er sah sich nicht -um. - -Ein Trupp von Gästen beiderlei Geschlechtes kam ihm entgegen, – er hatte -sie droben auf halber Höhe des Hanges den ebenen Weg entlang kommen -sehen, jetzt stapften sie abwärts, gerade auf ihn zu und ließen ihre -verschiedenartigen Stimmen ertönen. Es waren sechs oder sieben Personen -gemischten Alters, die einen blutjung, ein paar schon etwas weiter an -Jahren. Er sah sie sich an mit seitwärts geneigtem Kopfe, während er an -Joachim dachte. Sie waren barhaupt und braun, die Damen in farbigen -Sweaters, die Herren meist ohne Überzieher und selbst ohne Stöcke, wie -Leute, die ohne Umstände und die Hände in den Taschen ein paar Schritte -vors Haus machen. Da sie bergab gingen, was keine ernsthaft tragende -Anstrengung, sondern nur ein lustiges Bremsen und Anstemmen der Beine -erfordert, damit man nicht ins Laufen und Stolpern gerät, ja eigentlich -nichts weiter als ein Sichfallenlassen ist, hatte ihre Gangart etwas -Beschwingtes und Leichtsinniges, was sich ihren Mienen, ihrer ganzen -Erscheinung mitteilte, so daß man wohl wünschen konnte, zu ihnen zu -gehören. - -Nun waren sie bei ihm, Hans Castorp sah ihre Gesichter genau. Sie waren -nicht alle gebräunt, zwei Damen stachen durch Blässe ab: die eine dünn -wie ein Stock und elfenbeinern von Angesicht, die andere kleiner und -fett, von Leberflecken verunziert. Sie sahen ihn alle an, mit einem -gemeinsamen, dreisten Lächeln. Ein langes junges Mädchen in grünem -Sweater, mit schlecht frisiertem Haar und dummen, nur halb geöffneten -Augen strich dicht an Hans Castorp vorbei, indem es ihn fast mit dem -Arme berührte. Und dabei pfiff sie ... Nein, das war verrückt! Sie pfiff -ihn an, doch nicht mit dem Mund, den spitzte sie gar nicht, sie hielt -ihn im Gegenteil fest geschlossen. Es pfiff aus ihr, indes sie ihn -ansah, dumm und mit halbgeschlossenen Augen, – ein außerordentlich -unangenehmes Pfeifen, rauh, scharf und doch hohl, gedehnt und gegen -das Ende im Tone abfallend, so daß es an die Musik jener -Jahrmarktsschweinchen aus Gummi erinnerte, die klagend ihre eingeblasene -Luft fahren lassen und zusammensinken, drang irgendwie und -unbegreiflicherweise aus ihrer Brust hervor, und dann war sie mit ihrer -Gesellschaft vorüber. - -Hans Castorp stand starr und blickte ins Weite. Dann wandte er sich -hastig um und begriff wenigstens so viel, daß das Abscheuliche ein -Scherz, eine abgekartete Fopperei gewesen sein mußte, denn er sah an den -Schultern der Abziehenden, daß sie lachten, und ein untersetzter -Jüngling mit Wulstlippen, welcher, beide Hände in den Hosentaschen, auf -ziemlich unschickliche Art seine Jacke emporgerafft hielt, drehte sogar -unverhohlen den Kopf nach ihm und lachte ... Joachim war herangekommen. -Er grüßte die Gruppe, indem er nach seiner ritterlichen Gewohnheit -beinahe Front machte und sich mit zusammengezogenen Absätzen verbeugte, -und trat dann sanft blickend zu seinem Vetter. - -„Was machst du denn für ein Gesicht?“ fragte er. - -„Sie pfiff!“ antwortete Hans Castorp. „Sie pfiff aus dem Bauche, als sie -an mir vorüberkam, willst du mir das erklären?“ - -„Ach“, sagte Joachim und lachte wegwerfend. „Nicht aus dem Bauche, -Unsinn. Das war die Kleefeld, Hermine Kleefeld, die pfeift mit dem -Pneumothorax.“ - -„Womit?“ fragte Hans Castorp. Er war außerordentlich erregt und wußte -nicht recht in welchem Sinne. Er schwankte zwischen Lachen und Weinen, -als er hinzufügte: „Du kannst nicht verlangen, daß ich euer Rotwelsch -verstehe.“ - -„So komm doch weiter!“ sagte Joachim. „Ich kann es dir doch auch im -Gehen erklären. Du bist ja wie angewurzelt! Es ist etwas aus der -Chirurgie, wie du dir denken kannst, eine Operation, die hier oben -häufig ausgeführt wird. Behrens hat große Übung darin ... Wenn eine -Lunge sehr mitgenommen ist, verstehst du, die andere aber gesund oder -vergleichsweise gesund, so wird die kranke mal einige Zeit von ihrer -Tätigkeit dispensiert, um sie zu schonen ... Das heißt: man wird hier -aufgeschnitten, hier irgendwo seitwärts, – ich kenne die Stelle ja nicht -genau, aber Behrens hat es großartig los. Und dann wird Gas in einen -hineingelassen, Stickstoff, weißt du, und so der verkäste Lungenflügel -außer Betrieb gesetzt. Das Gas hält natürlich nicht lange vor, -halbmonatlich etwa muß es erneuert werden, – man wird gleichsam -aufgefüllt, so mußt du dirs vorstellen. Und wenn das ein Jahr lang -geschieht oder länger, und alles geht gut, so kann die Lunge durch Ruhe -zur Heilung kommen. Nicht immer, versteht sich, es ist wohl sogar eine -gewagte Sache. Aber es sollen schon schöne Erfolge mit dem Pneumothorax -erzielt worden sein. Alle haben ihn, die du da eben sahst. Frau Iltis -war auch dabei – die mit den Leberflecken – und Fräulein Levi, die -magere, du erinnerst dich, – sie hat so lange zu Bett gelegen. Sie haben -sich zusammengefunden, denn so etwas wie der Pneumothorax verbindet die -Menschen natürlich, und nennen sich ‚Verein Halbe Lunge‘, unter diesem -Namen sind sie bekannt. Aber der Stolz des Vereins ist Hermine Kleefeld, -weil sie mit dem Pneumothorax pfeifen kann, – das ist eine Gabe von ihr, -es kann es durchaus nicht jeder. Wie sie es fertig bringt, das kann ich -dir auch nicht sagen, sie selbst kann es nicht deutlich beschreiben. -Aber wenn sie rasch gegangen ist, dann kann sie aus ihrem Inneren -pfeifen, und das benutzt sie natürlich, um die Leute zu erschrecken, -besonders die neuangekommenen Kranken. Ich glaube übrigens, daß sie -Stickstoff dabei verschwendet, denn alle acht Tage muß sie aufgefüllt -werden.“ - -Nun lachte Hans Castorp; seine Erregung hatte sich bei Joachims Worten -zum Heiteren entschieden, und indem er im Gehen die Augen mit der Hand -bedeckte und sich vorneigte, wurden seine Schultern von einem raschen -und leisen Kichern erschüttert. - -„Sind sie auch eingetragen?“ fragte er, und das Sprechen wurde ihm nicht -leicht; es klang vor zurückgehaltenem Lachen weinerlich und leise -jammernd. „Haben sie Statuten? Schade, daß du nicht Mitglied bist, du, -dann könnten sie mich als Ehrengast zulassen oder als ... Konkneipant -... Du solltest Behrens bitten, daß er dich teilweise außer Betrieb -setzt. Vielleicht würdest du auch pfeifen können, wenn du’s drauf -anlegtest, es muß doch schließlich zu lernen sein ... Das ist das -Komischste, was ich in meinem Leben gehört habe!“ sagte er tief -aufseufzend. „Ja, verzeih, daß ich so davon spreche, aber sie selbst -sind ja in der besten Laune, deine pneumatischen Freunde! Wie sie -daherkamen ... Und zu denken, daß es der ‚Verein Halbe Lunge‘ war! -‚Tiuu‘ pfeift sie mich an, – eine tolle Person! Aber das ist doch heller -Übermut! Warum sind sie so übermütig, du, willst du mir das mal sagen?“ - -Joachim suchte nach einer Antwort. „Gott,“ sagte er, „sie sind so _frei_ -... Ich meine, es sind ja junge Leute, und die Zeit spielt keine Rolle -für sie, und dann sterben sie womöglich. Warum sollen sie da ernste -Gesichter schneiden. Ich denke manchmal: Krankheit und Sterben sind -eigentlich nicht ernst, sie sind mehr so eine Art Bummelei, Ernst gibt -es genau genommen nur im Leben da unten. Ich glaube, daß du das mit der -Zeit schon verstehen wirst, wenn du erst länger hier oben bist.“ - -„Sicher“, sagte Hans Castorp. „Das glaube ich sogar sicher. Ich habe -schon sehr viel Interesse gefaßt für euch hier oben, und wenn man sich -interessiert, nicht wahr, dann kommt das Verstehen von selber ... Aber -wie ist mir denn nur, – sie schmeckt nicht!“ sagte er und betrachtete -seine Zigarre. „Ich frage mich die ganze Zeit, was mir fehlt, und nun -merke ich, daß es Maria ist, die mir nicht schmeckt. Sie schmeckt wie -Papiermaché, ich versichere dich, es ist gerade, wie wenn man einen -völlig verdorbenen Magen hat. Das ist doch unbegreiflich! Ich habe ja -ungewöhnlich viel zum Frühstück gegessen, aber das kann der Grund nicht -sein, denn wenn man zu viel gegessen hat, so schmeckt sie zunächst sogar -besonders gut. Meinst du, es kann daher kommen, daß ich so unruhig -geschlafen habe? Vielleicht bin ich dadurch in Unordnung geraten. Nein, -ich muß sie geradezu wegwerfen!“ sagte er nach einem neuen Versuch. -„Jeder Zug ist eine Enttäuschung; es hat keinen Zweck, daß ich es -forciere.“ Und nachdem er noch einen Augenblick gezögert, warf er die -Zigarre den Abhang hinab zwischen das feuchte Nadelholz. „Weißt du, -womit es meiner Überzeugung nach zusammenhängt?“ fragte er ... „Meiner -festen Überzeugung nach hängt es mit dieser verdammten Gesichtshitze -zusammen, an der ich nun schon wieder seit dem Aufstehen laboriere. Weiß -der Teufel, mir ist immer, als wäre ich schamrot im Gesicht ... Hast du -das auch so gehabt, als du ankamst?“ - -„Ja“, sagte Joachim. „Mir war auch zuerst etwas sonderbar. Mach dir -nichts draus! Ich habe dir ja gesagt, daß es nicht so leicht ist, sich -einzuleben bei uns. Aber du kommst schon wieder in Ordnung. Siehst du, -die Bank steht hübsch. Wir wollen uns etwas setzen und dann nach Hause -gehen, ich muß in die Liegekur.“ - -Der Weg war eben geworden. Er lief nun in der Richtung auf Platz Davos, -etwa in Drittelhöhe des Hanges, und gewährte zwischen hohen, schmal -gewachsenen und windschiefen Kiefern den Blick auf den Ort, der weißlich -in hellerem Lichte lag. Die schlicht gezimmerte Bank, auf der sie sich -setzten, lehnte sich an die steile Bergwand. Neben ihnen fiel ein Wasser -in offener Holzrinne gurgelnd und plätschernd zu Tal. - -Joachim wollte den Vetter über die Namen der umwölkten Alpenhäupter -unterrichten, die das Tal im Süden zu schließen schienen, indem er mit -der Spitze seines Bergstockes auf sie wies. Aber Hans Castorp blickte -nur flüchtig hin, er saß vornüber gebeugt, zeichnete mit der Zwinge -seines städtischen, silberbeschlagenen Stockes Figuren im Sand und -verlangte anderes zu wissen. - -„Was ich dich fragen wollte –“, fing er an ... „Der Fall in meinem -Zimmer war also gerade eingegangen, als ich kam. Sind sonst schon viele -Todesfälle vorgekommen, seit du hier oben bist?“ - -„Mehrere sicher“, antwortete Joachim. „Aber sie werden diskret -behandelt, verstehst du, man erfährt nichts davon oder nur gelegentlich, -später, es geht im strengsten Geheimnis vor sich, wenn einer stirbt, aus -Rücksicht auf die Patienten und namentlich auch auf die Damen, die sonst -leicht Zufälle bekämen. Wenn neben dir jemand stirbt, das merkst du gar -nicht. Und der Sarg wird in aller Frühe gebracht, wenn du noch schläfst, -und abgeholt wird der Betreffende auch nur zu solchen Zeiten, zum -Beispiel während des Essens.“ - -„Hm“, sagte Hans Castorp und zeichnete weiter. „Hinter den Kulissen also -geht so etwas vor sich.“ - -„Ja, so kann man sagen. Aber neulich, es ist nun, warte mal, -möglicherweise acht Wochen her –“ - -„Dann kannst du nicht neulich sagen“, bemerkte Hans Castorp trocken und -wachsam. - -„Wie? Also nicht neulich. Du bist aber genau. Ich habe die Zahl ja nur -so geraten. Also vor einiger Zeit, da habe ich doch einmal hinter die -Kulissen gesehen, aus reinem Zufall, ich weiß es wie heute. Das war, als -sie der kleinen Hujus, einer Katholischen, Barbara Hujus, das Viatikum -brachten, das Sterbesakrament, weißt du, die letzte Ölung. Sie war noch -auf, als ich hier ankam, und ausgelassen lustig konnte sie sein, so -dalberig, recht wie ein Backfisch. Aber dann ging es rapide mit ihr, sie -stand nicht mehr auf, drei Zimmer von meinem lag sie, und ihre Eltern -kamen, und nun kam denn also der Priester. Er kam, während alles beim -Tee war, nachmittags, es war kein Mensch auf den Gängen. Aber stelle dir -vor, ich hatte verschlafen, ich war in der Hauptliegekur eingeschlafen -und hatte das Gong überhört und mich um eine Viertelstunde verspätet. Da -war ich nun im entscheidenden Augenblick nicht, wo alle waren, sondern -war hinter die Kulissen geraten, wie du sagst, und wie ich über den -Korridor gehe, da kommen sie mir entgegen, in Spitzenhemden und ein -Kreuz voran, ein goldenes Kreuz mit Laternen, der eine trug es voran wie -den Schellenbaum vor der Janitscharenmusik.“ - -„Das ist kein Vergleich“, sagte Hans Castorp nicht ohne Strenge. - -„Es kam mir so vor. Ich wurde unwillkürlich daran erinnert. Aber höre -nur weiter. Sie kommen also auf mich zu, marsch, marsch, im -Geschwindschritt, zu dritt, wenn ich nicht irre, voran der Mann mit dem -Kreuz, darauf der Geistliche, eine Brille auf der Nase, und dann noch -ein Junge mit einem Räucherfäßchen. Der Geistliche hielt das Viatikum an -der Brust, es war zugedeckt, und er hielt recht demütig den Kopf schief, -es ist ja ihr Allerheiligstes.“ - -„Eben darum“, sagte Hans Castorp. „Eben aus diesem Grunde wundere ich -mich, daß du von Schellenbaum sprechen magst.“ - -„Ja, ja. Aber warte nur, wenn du dabei gewesen wärst, wüßtest du auch -nicht, was du für ein Gesicht machen solltest in der Erinnerung. Es war, -daß man davon träumen könnte –“ - -„In welcher Hinsicht?“ - -„Folgendermaßen. Ich frage mich also, wie ich mich zu verhalten habe -unter diesen Umständen. Einen Hut zum Abnehmen hatte ich nicht auf –“ - -„Siehst du wohl!“ unterbrach ihn Hans Castorp rasch noch einmal. „Siehst -du wohl, daß man einen Hut aufhaben soll! Es ist mir natürlich -aufgefallen, daß ihr keinen tragt hier oben. Man soll aber einen -aufsetzen, damit man ihn abnehmen kann, bei Gelegenheiten, wo es sich -schickt. Aber was denn nun weiter?“ - -„Ich stellte mich an die Wand,“ sagte Joachim, „in anständiger Haltung, -und verbeugte mich etwas, als sie bei mir waren, – es war gerade vor dem -Zimmer der kleinen Hujus, Nummer achtundzwanzig. Ich glaube, der -Geistliche freute sich, daß ich grüßte; er dankte sehr höflich und nahm -seine Kappe ab. Aber zugleich machen sie auch schon halt, und der -Ministrantenjunge mit dem Räucherfaß klopft an, und dann klinkt er auf -und läßt seinem Chef den Vortritt ins Zimmer. Und nun stelle dir vor und -male dir meinen Schrecken aus und meine Empfindungen! In dem Augenblick, -wo der Priester den Fuß über die Schwelle setzt, geht da drinnen ein -Zetermordio an, ein Gekreisch, du hast nie so etwas gehört, drei, -viermal hintereinander, und danach ein Schreien ohne Pause und Absatz, -aus weit offenem Munde offenbar, ahhh, es lag ein Jammer darin und ein -Entsetzen und Widerspruch, daß es nicht zu beschreiben ist, und so ein -greuliches Betteln war es auch zwischendurch, und auf einen Schlag wird -es hohl und dumpf, als ob es in die Erde versunken wäre und tief aus dem -Keller käme.“ - -Hans Castorp hatte sich seinem Vetter heftig zugewandt. „War das die -Hujus?“ fragte er aufgebracht. „Und wieso: ‚aus dem Keller‘?“ - -„Sie war unter die Decke gekrochen!“ sagte Joachim. „Stelle dir meine -Empfindungen vor! Der Geistliche stand dicht an der Schwelle und sagte -beruhigende Worte, ich sehe ihn noch, er schob immer den Kopf dabei vor -und zog ihn dann wieder zurück. Der Kreuzträger und der Ministrant -standen noch zwischen Tür und Angel und konnten nicht eintreten. Und ich -konnte zwischen ihnen hindurch ins Zimmer sehen. Es ist ja ein Zimmer -wie deins und meins, das Bett steht links von der Tür an der Seitenwand, -und am Kopfende standen Leute, die Angehörigen natürlich, die Eltern, -und redeten auch beschwichtigend auf das Bett hinunter, man sah nichts -als eine formlose Masse darin, die bettelte und grauenhaft protestierte -und mit den Beinen strampelte.“ - -„Sagst du, daß sie mit den Beinen strampelte?“ - -„Aus Leibeskräften! Aber es nützte ihr nichts, das Sterbesakrament mußte -sie haben. Der Pfarrer ging auf sie zu, und auch die beiden anderen -traten ein, und die Tür wurde zugezogen. Aber vorher sah ich noch: der -Kopf von der Hujus kommt für eine Sekunde zum Vorschein, mit wirrem -hellblonden Haar, und starrt den Priester mit weitaufgerissenen Augen -an, so blassen Augen, ganz ohne Farbe und fährt mit Ah und Huh wieder -unters Laken.“ - -„Und das erzählst du mir jetzt erst?“ sagte Hans Castorp nach einer -Pause. „Ich verstehe nicht, daß du nicht schon gestern abend darauf zu -sprechen gekommen bist. Aber, mein Gott, sie mußte doch noch eine Menge -Kraft haben, so wie sie sich wehrte. Dazu gehören doch Kräfte. Man -sollte den Priester nicht holen lassen, bevor einer ganz schwach ist.“ - -„Sie war auch schwach“, erwiderte Joachim. „... Ach, zu erzählen gäbe es -viel; es ist schwer, die erste Auswahl zu treffen ... Schwach war sie -schon, es war nur die Angst, die ihr soviel Kräfte gab. Sie ängstigte -sich eben fürchterlich, weil sie merkte, daß sie sterben sollte. Sie war -ja ein junges Mädchen, da muß man es schließlich entschuldigen. Aber -auch Männer führen sich manchmal so auf, was natürlich eine -unverzeihliche Schlappheit ist. Behrens weiß übrigens mit ihnen -umzugehen, er hat den richtigen Ton in solchen Fällen.“ - -„Was für einen Ton?“ fragte Hans Castorp mit zusammengezogenen Brauen. - -„‚Stellen Sie sich nicht so an!‘ sagt er“, antwortete Joachim. -„Wenigstens hat er es neulich zu einem gesagt, – wir wissen es von der -Oberin, die dabei war und den Sterbenden festhalten half. Es war so -einer, der zu guter Letzt eine scheußliche Szene machte und absolut -nicht sterben wollte. Da hat Behrens ihn angefahren: ‚Stellen Sie sich -gefälligst nicht so an!‘ hat er gesagt, und sofort ist der Patient still -geworden und ist ganz ruhig gestorben.“ - -Hans Castorp schlug sich mit der Hand auf den Schenkel und warf sich -gegen die Rückenlehne der Bank, indem er zum Himmel aufblickte. - -„Na, höre mal, das ist doch stark!“ rief er. „Fährt auf ihn los und sagt -einfach zu ihm: ‚Stellen Sie sich nicht so an!‘ Zu einem Sterbenden! Das -ist doch stark! Ein Sterbender ist doch gewissermaßen ehrwürdig. Man -kann ihn doch nicht so mir nichts, dir nichts ... Ein Sterbender ist -doch sozusagen heilig, sollte ich meinen!“ - -„Das will ich nicht leugnen“, sagte Joachim. „Aber wenn er sich nun doch -dermaßen schlapp benimmt ...“ - -„Nein!“ beharrte Hans Castorp mit einer Heftigkeit, die zu dem -Widerstand, den man ihm leistete, in keinem Verhältnis stand. „Das lasse -ich mir nicht ausreden, daß ein Sterbender etwas Vornehmeres ist, als -irgend so ein Lümmel, der herumgeht und lacht und Geld verdient und sich -den Bauch vollschlägt! Das geht nicht –“ und seine Stimme schwankte -höchst sonderbar. „Das geht nicht, daß man ihn so mir nichts, dir nichts -–“ und seine Worte erstickten im Lachen, das ihn ergriff und ihn -überwältigte, dem Lachen von gestern, einem tief heraufquellenden, -leiberschütternden, grenzenlosen Gelächter, das ihm die Augen schloß und -Tränen zwischen den Lidern hervorpreßte. - -„Pst!“ machte Joachim plötzlich. „Sei still!“ flüsterte er und stieß den -haltlos Lachenden heimlich in die Seite. Hans Castorp blickte in Tränen -auf. - -Auf dem Wege von links kam ein Fremder daher, ein zierlicher brünetter -Herr mit schön gedrehtem schwarzen Schnurrbart und in hellkariertem -Beinkleid, der, herangekommen, mit Joachim einen Morgengruß tauschte – -der seine war präzis und wohllautend – und mit gekreuzten Füßen, auf -seinen Stock gestützt, in anmutiger Haltung vor ihm stehen blieb. - - - Satana - -Sein Alter wäre schwer zu schätzen gewesen, zwischen dreißig und vierzig -mußte es wohl liegen, denn wenn auch seine Gesamterscheinung jugendlich -wirkte, so war sein Haupthaar doch an den Schläfen schon silbrig -durchsetzt und weiter oben merklich gelichtet: zwei kahle Buchten -sprangen neben dem schmalen, spärlichen Scheitel ein und erhöhten die -Stirn. Sein Anzug, diese weiten, hellgelblich karierten Hosen und ein -flausartiger, zu langer Rock mit zwei Reihen Knöpfen und sehr großen -Aufschlägen, war weit entfernt, Anspruch auf Eleganz zu erheben; auch -zeigte sein rund umgebogener Stehkragen sich von häufiger Wäsche an den -Kanten schon etwas aufgerauht, seine schwarze Krawatte war abgenutzt, -und Manschetten trug er offenbar überhaupt nicht, – Hans Castorp -erkannte es an der schlaffen Art, in der die Ärmel ihm um das Handgelenk -hingen. Trotzdem sah er wohl, daß er einen Herrn vor sich habe; der -gebildete Gesichtsausdruck des Fremden, seine freie, ja schöne Haltung -ließen keinen Zweifel daran. Diese Mischung aber von Schäbigkeit und -Anmut, schwarze Augen dazu und der weich geschwungene Schnurrbart, -erinnerten Hans Castorp sogleich an gewisse ausländische Musikanten, die -zur Weihnachtszeit in den heimischen Höfen aufspielten und mit -emporgerichteten Sammetaugen ihren Schlapphut hinhielten, damit man -ihnen Zehnpfennigstücke aus den Fenstern hineinwürfe. „Ein -Drehorgelmann!“ dachte er. Und so wunderte er sich nicht über den Namen, -den er zu hören bekam, als Joachim sich von der Bank erhob und in -einiger Befangenheit vorstellte: - -„Mein Vetter Castorp, – Herr Settembrini.“ - -Hans Castorp war ebenfalls zur Begrüßung aufgestanden, die Spuren seiner -Heiterkeitsausschreitung noch im Gesicht. Aber der Italiener bat beide -in höflichen Worten, sich nicht in ihrer Bequemlichkeit stören zu lassen -und nötigte sie auf ihre Plätze zurück, während er selbst in seiner -angenehmen Pose vor ihnen stehen blieb. Er lächelte, wie er da stand und -die Vettern, namentlich aber Hans Castorp, betrachtete, und diese feine, -etwas spöttische Vertiefung und Kräuselung seines einen Mundwinkels -unter dem vollen Schnurrbart, dort, wo er sich in schöner Rundung -aufwärts bog, war von eigentümlicher Wirkung, es hielt gewissermaßen zur -Geistesklarheit und Wachsamkeit an und ernüchterte den trunkenen Hans -Castorp im Augenblick, so daß er sich schämte. Settembrini sagte: - -„Die Herren sind aufgeräumt, – mit Grund, mit Grund. Ein prächtiger -Morgen! Der Himmel ist blau, die Sonne lacht –“ und er hob mit einem -leichten und gelungenen Schwung seines Armes die kleine, gelbliche Hand -zum Himmel, während er zugleich einen schrägen, heiteren Blick ebenfalls -dort hinaufsandte. „Man könnte in der Tat vergessen, wo man sich -befindet.“ - -Er sprach ohne fremden Akzent, nur an der Genauigkeit seiner Lautbildung -hätte man allenfalls den Ausländer erkennen können. Seine Lippen formten -die Worte mit einer gewissen Lust. Man hörte ihn mit Vergnügen. - -„Und der Herr hat eine angenehme Reise zu uns gehabt?“ wandte er sich an -Hans Castorp ... „Ist man schon im Besitz seines Urteils? Ich meine: hat -die düstere Zeremonie der ersten Untersuchung schon stattgehabt?“ – Hier -hätte er schweigen und warten müssen, wenn es ihm darauf ankam, zu -hören; denn er hatte seine Frage gestellt, und Hans Castorp schickte -sich an, zu antworten. Aber der Fremde fragte gleich weiter: „Ist sie -glimpflich verlaufen? Aus Ihrer Lachlust –“ und er schwieg einen -Augenblick, indes die Kräuselung seines Mundwinkels sich vertiefte, -„lassen sich ungleichartige Schlüsse ziehen. Wieviel Monate haben unsere -Minos und Radamanth Ihnen aufgebrummt?“ – Das Wort „aufgebrummt“ nahm -sich in seinem Munde besonders drollig aus. – „Soll ich schätzen? Sechs? -Oder gleich neun? Man ist ja nicht knauserig ...“ - -Hans Castorp lachte erstaunt, wobei er sich zu erinnern suchte, wer -Minos und Radamanth doch gleich noch gewesen seien. Er antwortete: - -„Aber wieso. Nein, Sie sind im Irrtum, Herr Septem–“ - -„Settembrini“, verbesserte der Italiener klar und mit Schwung, indem er -sich humoristisch verneigte. - -„Herr Settembrini, – Verzeihung. Nein, also Sie irren. Ich bin gar nicht -krank. Ich besuche nur meinen Vetter Ziemßen auf ein paar Wochen und -will mich bei dieser Gelegenheit auch ein bißchen erholen –“ - -„Potztausend, Sie sind nicht von den Unsrigen? Sie sind gesund, Sie -hospitieren hier nur, wie Odysseus im Schattenreich? Welche Kühnheit, -hinab in die Tiefe zu steigen, wo Tote nichtig und sinnlos wohnen –“ - -„In die Tiefe, Herr Settembrini? Da muß ich doch bitten! Ich bin ja rund -fünftausend Fuß hoch geklettert zu Ihnen herauf –“ - -„Das schien Ihnen nur so! Auf mein Wort, das war Täuschung“, sagte der -Italiener mit einer entscheidenden Handbewegung. „Wir sind tief -gesunkene Wesen, nicht wahr, Leutnant“, wandte er sich an Joachim, der -sich über diese Anrede nicht wenig freute, dies aber zu verbergen suchte -und besonnen erwiderte: - -„Wir sind wohl wirklich etwas versimpelt. Aber man kann sich schließlich -wieder zusammenreißen.“ - -„Ja, Ihnen traue ich’s zu; Sie sind ein anständiger Mensch“, sagte -Settembrini. „So, so, so“, sagte er dreimal mit scharfem S, indem er -sich wieder gegen Hans Castorp wandte, und schnalzte dann ebensooft mit -der Zunge leise am oberen Gaumen. „Sieh, sieh, sieh“, sagte er hierauf, -ebenfalls dreimal und mit scharfem S-Laut, indem er dem Neuling so -unverwandt ins Gesicht blickte, daß seine Augen in eine fixe und blinde -Einstellung gerieten, und fuhr dann, seinen Blick wieder belebend, fort: - -„Ganz freiwillig kommen Sie also herauf zu uns Heruntergekommenen und -wollen uns einige Zeit das Vergnügen Ihrer Gesellschaft gönnen. Nun, das -ist schön. Und welche Frist haben Sie in Aussicht genommen? Ich frage -nicht fein. Aber es soll mich doch wundernehmen, zu hören, wieviel man -sich zudiktiert, wenn man selbst zu bestimmen hat und nicht Radamanth!“ - -„Drei Wochen“, sagte Hans Castorp mit etwas eitler Leichtigkeit, da er -merkte, daß er beneidet wurde. - -„_O dio_, drei Wochen! Haben Sie gehört, Leutnant? Hat es nicht fast -etwas Impertinentes, zu sagen: Ich komme auf drei Wochen hierher und -reise dann wieder? Wir kennen das Wochenmaß nicht, mein Herr, wenn ich -Sie belehren darf. Unsere kleinste Zeiteinheit ist der Monat. Wir -rechnen im großen Stil, – das ist ein Vorrecht der Schatten. Wir haben -noch andere, und sie sind alle von ähnlicher Qualität. Darf ich fragen, -welchen Beruf Sie ausüben drunten im Leben – oder wohl richtiger: auf -welchen Sie sich vorbereiten? Sie sehen, wir legen unserer Neugier keine -Fesseln an. Auch die Neugier rechnen wir zu unseren Vorrechten.“ - -„Bitte recht sehr“, sagte Hans Castorp. Und er gab Auskunft. - -„Ein Schiffsbaumeister! Aber das ist großartig!“ rief Settembrini. -„Seien Sie überzeugt, daß ich das großartig finde, obgleich meine -eigenen Fähigkeiten in anderer Richtung liegen.“ - -„Herr Settembrini ist Literat“, sagte Joachim erläuternd und etwas -verlegen. „Er hat für deutsche Blätter den Nachruf für Carducci -geschrieben, – Carducci, weißt du.“ Und er wurde noch verlegener, da -sein Vetter ihn verwundert ansah und zu sagen schien: Was weißt denn du -von Carducci? Ebenso wenig wie ich, sollte ich meinen. - -„Das ist richtig“, sagte der Italiener kopfnickend. „Ich hatte die Ehre, -Ihren Landsleuten von dem Leben dieses großen Poeten und Freidenkers zu -erzählen, als es abgeschlossen war. Ich kannte ihn, ich darf mich seinen -Schüler nennen. In Bologna habe ich zu seinen Füßen gesessen. Ihm -verdanke ich, was ich an Bildung und Frohsinn mein eigen nenne. Aber wir -sprachen von Ihnen. Ein Schiffsbaumeister! Wissen Sie, daß Sie zusehends -emporwachsen in meinen Augen? Sie sitzen da plötzlich, als der Vertreter -einer ganzen Welt der Arbeit und des praktischen Genies!“ - -„Aber Herr Settembrini – ich bin ja eigentlich noch Student und fange -erst an.“ - -„Gewiß, und aller Anfang ist schwer. Überhaupt, alle Arbeit ist schwer, -die diesen Namen verdient, nicht wahr?“ - -„Ja, das weiß der Teufel!“ sagte Hans Castorp, und es kam ihm von -Herzen. - -Settembrini zog rasch die Brauen empor. - -„Sogar den Teufel rufen Sie an,“ sagte er, „um das zu bekräftigen? Den -leibhaftigen Satan? Wissen Sie auch, daß mein großer Lehrer eine Hymne -an ihn gerichtet hat?“ - -„Erlauben Sie,“ sagte Hans Castorp, „an den Teufel?“ - -„An ihn selbst. Sie wird in meiner Heimat zuweilen gesungen, bei -festlichen Gelegenheiten. _O salute, o Satana, o Ribellione, o forza -vindice della Ragione ..._ Ein herrliches Lied! Aber dieser Teufel war -es wohl kaum, den Sie im Sinne hatten, denn er steht mit der Arbeit auf -ausgezeichnetem Fuß. Der, den Sie meinten, und der die Arbeit -verabscheut, weil er sie zu fürchten hat, ist vermutlich jener andere, -von dem es heißt, daß man ihm nicht den kleinen Finger reichen soll –“ - -Das alles wirkte recht sonderbar auf den guten Hans Castorp. Italienisch -verstand er nicht, und das Übrige war ihm auch nicht behaglicher. Es -schmeckte nach Sonntagspredigt, obgleich es in leichtem und scherzhaftem -Plauderton vorgetragen wurde. Er sah seinen Vetter an, der die Augen -niederschlug, und sagte dann: - -„Ach, Herr Settembrini, Sie nehmen meine Worte viel zu genau. Das mit -dem Teufel war nur so eine Redewendung von mir, ich versichere Sie!“ - -„Irgend jemand muß Geist haben“, sagte Settembrini, indem er -melancholisch in die Luft blickte. Aber sich wieder belebend, erheiternd -und anmutig einlenkend fuhr er fort: - -„Jedenfalls schließe ich wohl mit Recht aus Ihren Worten, daß Sie da -einen ebenso anstrengenden wie ehrenvollen Beruf erwählt haben. Mein -Gott, ich bin Humanist, ein homo humanus, ich verstehe nichts von -ingeniösen Dingen, so aufrichtig der Respekt ist, den ich Ihnen zolle. -Aber vorstellen kann ich mir wohl, daß die Theorie Ihres Faches einen -klaren und scharfen Kopf und seine Praxis einen ganzen Mann verlangt, – -ist es nicht so?“ - -„Gewiß ist es so, ja, da kann ich Ihnen unbedingt zustimmen“, antwortete -Hans Castorp, indem er sich unwillkürlich bemühte, ein wenig beredt zu -sprechen. „Die Anforderungen sind kolossal heutzutage, man darf es sich -gar nicht so klar machen, wie scharf sie sind, sonst könnte man -wahrhaftig den Mut verlieren. Nein, ein Spaß ist es nicht. Und wenn man -nun auch nicht der Stärkste ist ... Ich bin ja hier nur zu Gaste, aber -der Stärkste bin ich doch auch nicht gerade, und da müßte ich lügen, -wenn ich behaupten wollte, daß mir das Arbeiten so ausgezeichnet bekäme. -Vielmehr nimmt es mich ziemlich mit, das muß ich sagen. Recht gesund -fühle ich mich eigentlich nur, wenn ich gar nichts tue –“ - -„Zum Beispiel jetzt?“ - -„Jetzt? Oh, jetzt bin ich noch so neu hier oben, – etwas verwirrt, -können Sie sich denken.“ - -„Ah, – verwirrt.“ - -„Ja, ich habe auch nicht ganz richtig geschlafen, und dann war das erste -Frühstück wirklich zu ausgiebig ... Ich bin ja ein ordentliches -Frühstück gewöhnt, aber das heutige war doch, wie es scheint, zu kompakt -für mich, _too rich_, wie die Engländer sagen. Kurz, ich fühle mich -etwas beklommen, und besonders wollte mir heute morgen meine Zigarre -nicht schmecken, – denken Sie! Das passiert mir so gut wie nie, nur, -wenn ich ernstlich krank bin, – und nun schmeckte sie mir heute wie -Leder. Ich mußte sie wegwerfen, es hatte keinen Zweck, daß ich es -forcierte. Sind Sie Raucher, wenn ich fragen darf? Nicht? Dann können -Sie sich nicht vorstellen, was für ein Ärger und eine Enttäuschung das -für jemanden ist, der von Jugend auf so besonders gern raucht, wie ich -...“ - -„Ich bin ohne Erfahrung auf diesem Gebiet,“ erwiderte Settembrini, „und -befinde mich übrigens mit dieser Unerfahrenheit in keiner schlechten -Gesellschaft. Eine Reihe von edlen und nüchternen Geistern haben den -Rauchtabak verabscheut. Auch Carducci liebte ihn nicht. Aber da werden -Sie bei unserem Radamanth Verständnis finden. Er ist ein Anhänger Ihres -Lasters.“ - -„Nun, – Laster, Herr Settembrini ...“ - -„Warum nicht? Man muß die Dinge mit Wahrheit und Kraft bezeichnen. Das -verstärkt und erhöht das Leben. Auch ich habe Laster.“ - -„Und Hofrat Behrens ist also Zigarrenkenner? Ein reizender Mann.“ - -„Sie finden? Ah, Sie haben also schon seine Bekanntschaft gemacht?“ - -„Ja, vorhin, als wir fortgingen. Es war beinahe so etwas wie eine -Konsultation, aber _sine pecunia_, wissen Sie. Er sah gleich, daß ich -ziemlich anämisch bin. Und dann riet er mir, hier ganz so zu leben, wie -mein Vetter, viel auf dem Balkon zu liegen, und messen soll ich mich -auch gleich mit, hat er gesagt.“ - -„Wahrhaftig?“ rief Settembrini ... „Vorzüglich!“ rief er nach oben in -die Luft hinein, indem er sich lachend zurückneigte. „Wie heißt es doch -in der Oper Ihres Meisters? ‚Der Vogelfänger bin ich ja, stets lustig, -heisa, hopsassa!‘ Kurz, das ist sehr amüsant. Sie werden seinen Rat -befolgen? Zweifelsohne. Wie sollten Sie nicht. Ein Satanskerl, dieser -Radamanth! Und wirklich ‚stets lustig‘, wenn auch zuweilen ein wenig -gezwungen. Er neigt zur Schwermut. Sein Laster bekommt ihm nicht – sonst -wäre es übrigens kein Laster –, der Rauchtabak macht ihn schwermütig, – -weshalb unsere verehrungswürdige Frau Oberin die Vorräte in Verwahrung -genommen hat und ihm nur kleine Tagesrationen zuteilt. Es soll -vorkommen, daß er der Versuchung unterliegt, sie zu bestehlen, und dann -verfällt er der Schwermut. Mit einem Wort: eine verworrene Seele. Sie -kennen auch unsere Oberin schon? Nicht? Aber das ist ein Fehler! Sie tun -unrecht, sich nicht um ihre Bekanntschaft zu bewerben. Aus dem -Geschlechte derer von Mylendonk, mein Herr! Von der mediceischen Venus -unterscheidet sie sich dadurch, daß sie dort, wo sich bei der Göttin der -Busen befindet, ein Kreuz zu tragen pflegt ...“ - -„Ha, ha, ausgezeichnet!“ lachte Hans Castorp. - -„Mit Vornamen heißt sie Adriatica.“ - -„Auch das noch?“ rief Hans Castorp ... „Hören Sie, das ist merkwürdig! -Von Mylendonk und dann Adriatica. Es klingt, als müßte sie längst -gestorben sein. Geradezu mittelalterlich mutet es an.“ - -„Mein geehrter Herr,“ antwortete Settembrini, „hier gibt es manches, was -‚mittelalterlich anmutet‘, wie Sie sich auszudrücken belieben. Ich für -meine Person bin überzeugt, daß unser Radamanth einzig und allein aus -künstlerischem Stilgefühl dieses Petrefakt zur Oberaufseherin seines -Schreckenspalastes gemacht hat. Er ist nämlich Künstler, – das wissen -Sie nicht? Er malt in Öl. Was wollen Sie, das ist nicht verboten, nicht -wahr, es steht jedem frei ... Frau Adriatica sagt es jedem, der es hören -will, und den andern auch, daß eine Mylendonk Mitte des dreizehnten -Jahrhunderts Äbtissin eines Stiftes zu Bonn am Rheine war. Sie selbst -kann nicht lange nach diesem Zeitpunkt das Licht der Welt erblickt haben -...“ - -„Ha, ha, ha! Ich finde Sie aber spöttisch, Herr Settembrini.“ - -„Spöttisch? Sie meinen: boshaft. Ja, boshaft bin ich ein wenig –“, sagte -Settembrini. „Mein Kummer ist, daß ich verurteilt bin, meine Bosheit an -so elende Gegenstände zu verschwenden. Ich hoffe, Sie haben nichts gegen -die Bosheit, Ingenieur? In meinen Augen ist sie die glänzendste Waffe -der Vernunft gegen die Mächte der Finsternis und der Häßlichkeit. -Bosheit, mein Herr, ist der Geist der Kritik, und Kritik bedeutet den -Ursprung des Fortschrittes und der Aufklärung.“ Und im Nu begann er von -Petrarca zu reden, den er den „Vater der Neuzeit“ nannte. - -„Wir müssen nun aber in die Liegekur“, sagte Joachim besonnen. - -Der Literat hatte seine Worte mit anmutigen Handbewegungen begleitet. -Nun rundete er dies Gestenspiel mit einer Gebärde ab, die auf Joachim -hinwies, und sagte: - -„Unser Leutnant treibt zum Dienst. Gehen wir also. Wir haben den -gleichen Weg, – ‚rechtshin, welcher zu Dis, des Gewaltigen, Mauern -hinanstrebt‘. Ah, Virgil, Virgil! Meine Herren, er ist unübertroffen. -Ich glaube an den Fortschritt, gewiß. Aber Virgil verfügt über -Beiwörter, wie kein Moderner sie hat ...“ Und während sie sich auf den -Heimweg machten, fing er an, lateinische Verse in italienischer -Aussprache vorzutragen, unterbrach sich jedoch, als irgendein junges -Mädchen, eine Tochter des Städtchens, wie es schien, und durchaus nicht -sonderlich hübsch, ihnen entgegenkam, und verlegte sich auf ein -schwerenöterhaftes Lächeln und Trällern. „T, t, t“, schnalzte er. „Ei, -ei, ei! La, la, la! Du süßes Käferchen, willst du die Meine sein? Seht -doch, ‚es funkelt ihr Auge in schlüpfrigem Licht‘“, zitierte er – Gott -wußte, was es war – und sandte dem verlegenen Rücken des Mädchens eine -Kußhand nach. - -Das ist ja ein rechter Windbeutel, dachte Hans Castorp, und dabei blieb -er auch, als Settembrini nach seiner galanten Anwandlung wieder zu -medisieren begann. Hauptsächlich hatte er es auf Hofrat Behrens -abgesehen, stichelte auf den Umfang seiner Füße und hielt sich bei -seinem Titel auf, den er von einem an Gehirntuberkulose leidenden -Prinzen erhalten habe. Von dem skandalösen Lebenswandel dieses Prinzen -spreche noch heute die ganze Gegend, aber Radamanth habe ein Auge -zugedrückt, beide Augen, jeder Zoll ein Hofrat. Ob die Herren übrigens -wußten, daß er der Erfinder der Sommersaison sei? Ja, er, und kein -anderer. Dem Verdienste seine Krone. Früher hätten im Sommer nur die -Treuesten der Treuen in diesem Tale ausgeharrt. Da habe „unser Humorist“ -mit unbestechlichem Scharfblick erkannt, daß dieser Mißstand nichts als -die Frucht eines Vorurteils sei. Er habe die Lehre aufgestellt, daß, -wenigstens so weit _sein_ Institut in Frage komme, die sommerliche Kur -nicht nur nicht weniger empfehlenswert, sondern sogar besonders wirksam -und geradezu unentbehrlich sei. Und er habe dieses Theorem unter die -Leute zu bringen gewußt, habe populäre Artikel darüber verfaßt und sie -in die Presse lanciert. Seitdem gehe das Geschäft im Sommer so flott wie -im Winter. „Genie!“ sagte Settembrini. „In-tu-i-tion!“ sagte er. Und -dann hechelte er die übrigen Heilanstalten des Platzes durch und lobte -auf beißende Art den Erwerbssinn ihrer Inhaber. Da sei Professor Kafka -... Alljährlich, zur kritischen Zeit der Schneeschmelze, wenn viele -Patienten abzureisen verlangten, finde Professor Kafka sich gezwungen, -rasch noch auf acht Tage zu verreisen, wobei er verspreche, nach seiner -Rückkehr die Entlassungen vorzunehmen. Dann aber bleibe er sechs Wochen -aus, und die Ärmsten warteten, wobei sich, am Rande bemerkt, ihre -Rechnungen vergrößerten. Bis nach Fiume lasse man Kafka kommen, er aber -reise nicht, bevor man fünftausend gute Schweizer Franken -sichergestellt, worüber vierzehn Tage vergingen. Einen Tag nach der -Ankunft des Celebrissimo sterbe alsdann der Kranke. Was Doktor Salzmann -betreffe, so sage er dem Professor Kafka nach, daß er seine Spritzen -nicht rein genug halte und den Kranken Mischinfektionen beibringe. Er -fahre auf Gummi, sage Salzmann, damit seine Toten ihn nicht hörten, – -wogegen wiederum Kafka behaupte, bei Salzmann werde den Patienten „des -Rebstocks erheiternde Gabe“ in solchen Mengen aufgenötigt – nämlich -ebenfalls behufs Abrundung ihrer Rechnungen –, daß die Leute wie die -Fliegen stürben, und zwar nicht an Phthise, sondern an Trinkerleber ... - -So ging es weiter, und Hans Castorp lachte herzlich und gutmütig über -diesen Sturzbach zungenfertiger Lästerungen. Die Suade des Italieners -lautete eigentümlich angenehm in ihrer unbedingten, von jeder Mundart -freien Reinheit und Richtigkeit. Die Worte kamen prall, nett und wie -neuschaffen von seinen beweglichen Lippen, er genoß die gebildeten, -bissig behenden Wendungen und Formen, deren er sich bediente, ja selbst -die grammatische Beugung und Abwandlung der Wörter mit einem -offensichtlichen, sich mitteilenden und heiter stimmenden Behagen und -schien viel zu klaren und gegenwärtigen Geistes, um sich auch nur ein -einziges Mal zu versprechen. - -„Sie sprechen so drollig, Herr Settembrini,“ sagte Hans Castorp, „so -lebhaft, – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll.“ - -„Plastisch, wie?“ entgegnete der Italiener und fächelte sich mit dem -Taschentuch, obgleich es ja eher kühl war. „Das wird das Wort sein, das -Sie suchen. Ich habe eine plastische Art zu sprechen, wollen Sie sagen. -Aber halt!“ rief er. „Was sehe ich! Dort wandeln unsere Höllenrichter! -Welch ein Anblick!“ - -Die Spaziergänger hatten die Wegbiegung schon wieder zurückgelegt. War -es den Reden Settembrinis, dem Gefälle der Straße zu danken, oder hatten -sie sich in Wahrheit weniger weit vom Sanatorium entfernt, als Hans -Castorp geglaubt hatte, – denn ein Weg, den wir zum ersten Male gehen, -ist bedeutend länger als derselbe, wenn wir ihn schon kennen –: -jedenfalls war der Rückmarsch überraschend geschwind vonstatten -gegangen. Settembrini hatte recht, es war das Ärztepaar, das dort unten -auf dem freien Platz die Rückseite des Sanatoriums entlang strebte, -voran der Hofrat im weißen Kittel, mit heraustretendem Genick und die -Hände wie Ruder bewegend, auf seiner Fährte Dr. Krokowski im schwarzen -Überhemd und desto selbstbewußter um sich blickend, als der klinische -Brauch ihn nötigte, sich auf Dienstgängen hinter dem Chef zu halten. - -„Ah, Krokowski!“ rief Settembrini. „Dort geht er und weiß alle -Geheimnisse unserer Damen. Man bittet, die feine Symbolik seiner -Kleidung zu beachten. Er trägt sich schwarz, um anzudeuten, daß sein -eigenstes Studiengebiet die Nacht ist. Dieser Mann hat in seinem Kopf -nur einen Gedanken, und der ist schmutzig. Ingenieur, wie kommt es, daß -wir von ihm noch gar nicht gesprochen haben! Sie haben seine -Bekanntschaft gemacht?“ - -Hans Castorp bejahte. - -„Nun, und? Ich fange an, zu vermuten, daß auch er Ihnen gefallen hat.“ - -„Ich weiß wirklich nicht, Herr Settembrini. Ich bin ihm nur erst -flüchtig begegnet. Und dann bin ich auch nicht sehr rasch von Urteil. -Ich sehe mir die Leute an und denke: So bist du also? Nun gut.“ - -„Das ist Dumpfsinn!“ antwortete der Italiener. „Urteilen Sie! Dafür hat -die Natur Ihnen Augen und Verstand gegeben. Sie fanden, ich spräche -boshaft; aber wenn ich es tat, so geschah es vielleicht nicht ohne -pädagogische Absicht. Wir Humanisten haben alle eine pädagogische Ader -... Meine Herren, der historische Zusammenhang von Humanismus und -Pädagogik beweist ihren psychologischen. Man soll dem Humanisten das Amt -der Erziehung nicht nehmen, – man kann es ihm nicht nehmen, denn nur bei -ihm ist die Überlieferung von der Würde und Schönheit des -Menschen. Einst löste er den Priester ab, der sich in trüben und -menschenfeindlichen Zeiten die Führung der Jugend anmaßen durfte. -Seitdem, meine Herren, ist schlechterdings kein neuer Erziehertyp mehr -erstanden. Das humanistische Gymnasium, – nennen Sie mich -rückschrittlich, Ingenieur, aber grundsätzlich, _in abstracto_, ich -bitte, mich wohl zu verstehen, bleibe ich sein Anhänger ...“ - -Noch im Lift führte er dies weiter aus und verstummte erst, als die -Vettern im zweiten Stockwerk den Aufzug verließen. Er selber fuhr bis -zum dritten weiter, wo er, wie Joachim erzählte, ein kleines Zimmer nach -hinten hinaus bewohnte. - -„Er hat wohl kein Geld?“ fragte Hans Castorp, der Joachim begleitete. Es -sah bei Joachim genau so aus wie drüben bei ihm. - -„Nein,“ sagte Joachim, „das hat er wohl nicht. Oder doch nur gerade so -viel, um den Aufenthalt hier bestreiten zu können. Sein Vater war auch -schon Literat, weißt du, und ich glaube, der Großvater auch.“ - -„Ja, dann“, sagte Hans Castorp. „Ist er denn eigentlich ernsthaft -krank?“ - -„Es ist nicht gefährlich, soviel ich weiß, aber hartnäckig und kommt -immer wieder. Er hat es schon seit Jahren und war zwischendurch mal -fort, mußte aber bald wieder einrücken.“ - -„Armer Kerl! Wo er doch so fürs Arbeiten zu schwärmen scheint. Riesig -gesprächig ist er dabei, so leicht kommt er von einem aufs andere. Mit -dem Mädchen war er ja etwas frech, es genierte mich momentan. Aber was -er nachher von der menschlichen Würde sagte, klang doch famos, ganz wie -bei einem Festakt. Bist du denn öfter mit ihm zusammen?“ - - - Gedankenschärfe - -Aber Joachim konnte nur noch behindert und undeutlich antworten. Er -hatte aus einem rotledernen, mit Samt gefütterten Etui, das auf seinem -Tische lag, ein kleines Thermometer genommen und das untere, mit -Quecksilber gefüllte Ende in den Mund gesteckt. Links unter der Zunge -hielt er es, so, daß ihm das gläserne Instrument schräg aufwärts aus dem -Munde hervorragte. Dann machte er Haustoilette, zog Schuhe und eine -litewkaartige Joppe an, nahm eine gedruckte Tabelle nebst Bleistift vom -Tisch, ferner ein Buch, eine russische Grammatik – denn er trieb -Russisch, weil er, wie er sagte, dienstlichen Vorteil davon erhoffte –, -und so ausgerüstet nahm er draußen auf dem Balkon im Liegestuhl Platz, -indem er eine Kamelhaardecke nur leicht über die Füße warf. - -Sie war kaum nötig: schon während der letzten Viertelstunde war die -Wolkenschicht dünner und dünner geworden, und die Sonne brach durch, so -sommerlich warm und blendend, daß Joachim seinen Kopf mit einem -weißleinenen Schirm schützte, der vermittelst einer kleinen, sinnreichen -Vorrichtung an der Armlehne des Stuhles zu befestigen und dem Stande der -Sonne nach zu verstellen war. Hans Castorp lobte diese Erfindung. Er -wollte das Ergebnis der Messung abwarten und sah unterdessen zu, wie -alles gemacht wurde, betrachtete auch den Pelzsack, der in einem Winkel -der Loggia lehnte (Joachim bediente sich seiner an kalten Tagen) und -blickte, die Ellenbogen auf der Brüstung, in den Garten hinab, wo die -allgemeine Liegehalle nun von lesend, schreibend und plaudernd -ausgestreckten Patienten bevölkert war. Übrigens sah man nur einen Teil -des Inneren, etwa fünf Stühle. - -„Aber wie lange dauert denn das?“ fragte Hans Castorp und wandte sich -um. - -Joachim hob sieben Finger empor. - -„Die müssen doch um sein – sieben Minuten!“ - -Joachim schüttelte den Kopf. Etwas später nahm er das Thermometer aus -dem Mund, betrachtete es und sagte dabei: - -„Ja, wenn man ihr aufpaßt, der Zeit, dann vergeht sie sehr langsam. Ich -habe das Messen, viermal am Tage, ordentlich gern, weil man doch dabei -merkt, was das eigentlich ist: eine Minute oder gar ganze sieben, – wo -man sich hier die sieben Tage der Woche so gräßlich um die Ohren -schlägt.“ - -„Du sagst ‚eigentlich‘. ‚Eigentlich‘ kannst du nicht sagen“, entgegnete -Hans Castorp. Er saß mit einem Schenkel auf der Brüstung, und das Weiße -seiner Augen war rot geädert. „Die Zeit ist doch überhaupt nicht -‚eigentlich‘. Wenn sie einem lang vorkommt, so ist sie lang, und wenn -sie einem kurz vorkommt, so ist sie kurz, aber wie lang oder kurz sie in -Wirklichkeit ist, das weiß doch niemand.“ Er war durchaus nicht gewohnt, -zu philosophieren und fühlte dennoch den Drang dazu. - -Joachim widersprach. - -„Wieso denn. Nein. Wir messen sie doch. Wir haben doch Uhren und -Kalender, und wenn ein Monat um ist, dann ist er für dich und mich und -uns alle um.“ - -„Dann paß auf“, sagte Hans Castorp und hielt sogar den Zeigefinger neben -seine trüben Augen. „Eine Minute ist also so lang, wie sie dir vorkommt, -wenn du dich mißt?“ - -„Eine Minute ist so lang ... sie _dauert_ so lange, wie der -Sekundenzeiger braucht, um seinen Kreis zu beschreiben.“ - -„Aber er braucht ja ganz verschieden lange – für unser Gefühl! Und -tatsächlich ... ich sage: tatsächlich genommen“, wiederholte Hans -Castorp und drückte den Zeigefinger so fest gegen die Nase, daß er ihre -Spitze vollständig umbog, „ist das eine Bewegung, eine räumliche -Bewegung, nicht wahr? Halt, warte! Wir messen also die Zeit mit dem -Raume. Aber das ist doch ebenso, als wollten wir den Raum an der Zeit -messen, – was doch nur ganz unwissenschaftliche Leute tun. Von Hamburg -nach Davos sind zwanzig Stunden, – ja, mit der Eisenbahn. Aber zu Fuß, -wie lange ist es da? Und in Gedanken? Keine Sekunde!“ - -„Hör mal,“ sagte Joachim, „was hast du denn? Ich glaube, es greift dich -an hier bei uns?“ - -„Sei still! Ich bin sehr scharf im Kopf heute. Was ist denn die Zeit?“ -fragte Hans Castorp und bog seine Nasenspitze so gewaltsam zur Seite, -daß sie weiß und blutleer wurde. „Willst du mir das mal sagen? Den Raum -nehmen wir doch mit unseren Organen wahr, mit dem Gesichtssinn und dem -Tastsinn. Schön. Aber welches ist denn unser Zeitorgan? Willst du mir -das mal eben angeben? Siehst du, da sitzst du fest. Aber wie wollen wir -denn etwas messen, wovon wir genau genommen rein gar nichts, nicht eine -einzige Eigenschaft auszusagen wissen! Wir sagen: die Zeit läuft ab. -Schön, soll sie also mal ablaufen. Aber um sie messen zu können ... -warte! Um meßbar zu sein, müßte sie doch _gleichmäßig_ ablaufen, und wo -steht denn das geschrieben, daß sie das tut? Für unser Bewußtsein tut -sie es nicht, wir nehmen es nur der Ordnung halber an, daß sie es tut, -und unsere Maße sind doch bloß Konvention, erlaube mir mal ...“ - -„Gut,“ sagte Joachim, „dann ist es wohl auch bloß Konvention, daß ich -hier vier Striche zuviel habe auf meinem Thermometer! Aber wegen dieser -fünf Striche muß ich mich hier herumräkeln und kann nicht Dienst machen, -das ist eine ekelhafte Tatsache!“ - -„Hast du 37,5?“ - -„Es geht schon wieder herunter.“ Und Joachim machte die Eintragung in -seine Tabelle. „Gestern abend waren es fast 38, das machte deine -Ankunft. Alle, die Besuch bekommen, haben Erhöhung. Aber es ist doch -eine Wohltat.“ - -„Ich gehe ja nun auch“, sagte Hans Castorp. „Ich habe noch eine Menge -Gedanken über die Zeit im Kopf, – es ist ein ganzer Komplex, kann ich -wohl sagen. Aber ich will dich jetzt nicht damit aufregen, da du sowieso -zuviel Striche hast. Ich werde es schon alles behalten, und wir können -später darauf zurückkommen, vielleicht nach dem Frühstück. Wenn es -Frühstückszeit ist, rufst du mich wohl. Ich gehe jetzt auch in die -Liegekur, es tut ja nicht weh, gottlob.“ Und damit ging er an der -gläsernen Scheidewand vorbei in seine eigene Loge hinüber, wo -gleichfalls ein Liegestuhl nebst Tischchen aufgeschlagen war, holte sich -„_Ocean steamships_“ und sein schönes, weiches, dunkelrot und grün -gewürfeltes Plaid aus dem reinlich aufgeräumten Zimmer und ließ sich -nieder. - -Auch er mußte sehr bald den Schirm aufspannen; sowie man lag, wurde der -Sonnenbrand unerträglich. Man lag aber ganz ungewöhnlich bequem, das -stellte Hans Castorp sogleich mit Vergnügen fest, – er erinnerte sich -nicht, daß ihm je ein so angenehmer Liegestuhl vorgekommen sei. Das -Gestell, ein wenig altmodisch in der Form – was aber nur eine -Geschmacksspielerei war, denn der Stuhl war offenbar neu –, bestand aus -rotbraun poliertem Holz, und eine Matratze mit weichem, kattunartigen -Überzug, eigentlich aus drei hohen Polstern zusammengesetzt, reichte vom -Fußende bis über die Rückenlehne hinauf. Außerdem war vermittelst einer -Schnur eine weder zu feste noch zu nachgiebige Nackenrolle mit -gesticktem Leinenüberzug daran befestigt, die von besonders wohltuender -Wirkung war. Hans Castorp stützte einen Arm auf die breite, glatte -Fläche der Seitenlehne, blinzelte und ruhte, ohne „_Ocean steamships_“ -zu seiner Unterhaltung in Anspruch zu nehmen. Durch die Bögen der Loggia -gesehen, wirkte die harte und karge, aber hell besonnte Landschaft -draußen gemäldeartig und wie eingerahmt. Hans Castorp betrachtete sie -gedankenvoll. Plötzlich fiel ihm etwas ein, und er sagte laut in der -Stille: - -„Es war ja eine Zwergin, die uns beim ersten Frühstück bediente.“ - -„Pst“, machte Joachim. „Leise doch. Ja, eine Zwergin. Und?“ - -„Nichts. Wir hatten uns noch gar nicht darüber ausgesprochen.“ - -Und dann träumte er weiter. Es war schon zehn Uhr gewesen, als er sich -niedergelegt hatte. Eine Stunde verging. Es war eine gewöhnliche Stunde, -nicht lang, nicht kurz. Als sie verflossen war, tönte ein Gong durch -Haus und Garten, erst fern, dann näher, dann wieder fern. - -„Frühstück“, sagte Joachim, und man hörte, daß er aufstand. - -Auch Hans Castorp beendete für diesmal die Liegekur und ging ins Zimmer, -um sich ein wenig zurechtzumachen. Die Vettern trafen sich auf dem -Korridor und gingen hinunter. Hans Castorp sagte: - -„Nun, es lag sich ja ausgezeichnet. Was sind denn das für Stühle? Wenn -es die hier zu kaufen gibt, dann nehme ich mir einen mit nach Hamburg, -man liegt ja darauf wie im Himmel. Oder meinst du, daß Behrens sie -eigens nach seinen Angaben hat anfertigen lassen?“ - -Joachim wußte das nicht. Sie legten ab und betraten zum zweiten Male den -Speisesaal, wo die Mahlzeit schon wieder in vollem Gange war. - -Es schimmerte weiß im Saale vor lauter Milch: an jedem Platz stand ein -großes Glas, wohl ein halber Liter voll. - -„Nein“, sagte Hans Castorp, als er wieder an seinem Tischende zwischen -der Nähterin und der Engländerin Platz genommen und ergeben seine -Serviette entfaltet hatte, obgleich er noch so schwer belastet vom -ersten Frühstück war. „Nein,“ sagte er, „Gott steh mir bei, Milch kann -ich überhaupt nicht trinken und am wenigsten jetzt. Ist nicht vielleicht -Porter da?“ Und er wandte sich zuerst höflich und zart an die Zwergin -mit dieser Frage. Leider war keiner da. Aber sie versprach, Kulmbacher -Bier zu bringen und brachte es auch. Es war dick, schwarz, braunschaumig -und ersetzte den Porter aufs beste. Hans Castorp trank durstig davon aus -einem hohen Halbliterglase. Er aß kalten Aufschnitt dazu auf Röstbrot. -Wieder war Haferbrei aufgestellt und wieder viel Butter und Obst. Er -ließ wenigstens seine Augen darauf ruhen, da er nicht fähig war, sich -davon zuzuführen. Auch betrachtete er die Gästeschaft, – die Massen -begannen sich für ihn zu teilen; Einzelpersonen traten hervor. - -Sein eigener Tisch war komplett, bis auf den oberen Platz ihm gegenüber, -welcher, wie er sich belehren ließ, der Doktorplatz war. Denn die Ärzte, -wenn ihre Zeit es irgend erlaubte, beteiligten sich an den gemeinsamen -Mahlzeiten und wechselten dabei die Tische: an einem jeden war zu oberst -ein solcher Doktorplatz freigehalten. Jetzt war keiner von beiden -anwesend; man sagte, sie seien bei einer Operation. Wieder kam der junge -Mann mit dem Schnurrbart herein, senkte einmal das Kinn auf die Brust -und setzte sich mit sorgenvoll-verschlossener Miene. Wieder saß die -Hellblonde, Magere an ihrem Platze und löffelte Yoghurt, als ob dies -ihre einzige Speise wäre. Neben ihr saß diesmal eine kleine, muntere -alte Dame, die in russischer Zunge auf den stillen jungen Mann -einredete, der sie sorgenvoll anblickte und nicht anders als mit -Kopfnicken antwortete, wobei er jenes Gesicht machte, als habe er etwas -Schlechtschmeckendes im Munde. Ihm gegenüber, an der anderen Seite der -alten Dame, war ein weiteres junges Mädchen placiert, – hübsch war sie, -von blühender Gesichtsfarbe und hoher Brust, mit kastanienbraunem, -angenehm wellig geordnetem Haar, runden, braunen, kindlichen Augen und -einem kleinen Rubin an ihrer schönen Hand. Sie lachte viel und sprach -ebenfalls Russisch, nur Russisch. Sie hieß Marusja, wie Hans Castorp -hörte. Ferner bemerkte er beiläufig, daß Joachim mit strengem Ausdruck -die Augen niederschlug, wenn sie lachte und sprach. - -Settembrini erschien durch den Seiteneingang und schritt -schnurrbartkräuselnd zu seinem Platze, der am Ende des Tisches gelegen -war, der schräg vor demjenigen Hans Castorps stand. Seine Tischgenossen -brachen in schallendes Lachen aus, als er sich niedersetzte; -wahrscheinlich hatte er eine Bosheit gesagt. Auch die Mitglieder des -„Vereins Halbe Lunge“ erkannte Hans Castorp wieder. Hermine Kleefeld -schob mit dummen Augen zu ihrem Tische dort drüben vor der einen -Verandatür und begrüßte den wulstlippigen Jüngling, der vorhin so -unschicklich seine Jacke emporgerafft hatte. Die elfenbeinfarbene Levi -saß neben der fetten und leberfleckigen Iltis unter Unbekannten an dem -querstehenden Tische rechts von Hans Castorp. - -„Da sind deine Nachbarn“, sagte Joachim leise zu seinem Vetter, indem er -sich vorneigte ... Das Paar ging dicht an Hans Castorp vorbei zu dem -letzten Tisch rechts, dem „Schlechten Russentisch“ also, wo schon eine -Familie mit einem häßlichen Knaben große Haufen Porridge verschlang. Der -Mann war schmächtig gebaut und hatte graue und hohle Wangen. Er trug -eine braune Lederjoppe und an den Füßen plumpe Filzstiefel mit -Spangenverschluß. Seine Ehefrau, ebenfalls klein und zierlich, in -wippendem Federhut, trippelte auf winzigen, hochgestöckelten -Juchtenstiefelchen; eine unsaubere Boa aus Vogelfedern lag um ihren -Hals. Hans Castorp betrachtete die beiden mit einer Rücksichtslosigkeit, -die ihm sonst fremd war und die er selbst als brutal empfand; doch war -es eben das Brutale daran, das ihm plötzlich ein gewisses Vergnügen -verursachte. Seine Augen waren zugleich stumpf und zudringlich. Als in -demselben Augenblick die Glastür zur Linken zufiel, schmetternd und -klirrend, wie beim ersten Frühstück, zuckte er nicht zusammen wie heute -früh, sondern schnitt nur eine träge Grimasse; und als er den Kopf nach -jener Seite wenden wollte, fand er, daß ihm dies allzu schwer falle und -daß es die Mühe nicht lohne. So kam es, daß er auch diesmal nicht zu der -Feststellung gelangte, wer mit der Tür denn so liederlich umgehe. - -Die Sache war die, daß das Frühstücksbier, sonst nur von mäßig -benebelnder Wirkung auf seine Natur, den jungen Mann heute vollständig -betäubte und lähmte, – es zeitigte Folgen, als hätte er einen Schlag vor -die Stirn bekommen. Seine Lider waren wie Blei so schwer, die Zunge -gehorchte dem einfachen Gedanken nicht recht, als er aus Artigkeit mit -der Engländerin zu plaudern versuchte; auch nur die Richtung des Blicks -zu verändern, erforderte große Selbstüberwindung, und hinzu kam, daß der -abscheuliche Gesichtsbrand den gestrigen Grad nun wieder vollauf -erreicht hatte: seine Wangen schienen ihm gedunsen vor Hitze, er atmete -schwer, sein Herz pochte wie ein umwickelter Hammer, und wenn er unter -all dem nicht sonderlich litt, so war es deshalb, weil sein Kopf sich in -einem Zustand befand, als habe er zwei oder drei Atemzüge von Chloroform -getan. Daß Dr. Krokowski doch noch beim Frühstück erschien und an seiner -Tafel, ihm gegenüber, Platz nahm, bemerkte er nur traumweise, obgleich -der Doktor ihn wiederholentlich scharf ins Auge faßte, während er mit -den Damen zu seiner Rechten russisch konversierte, – wobei die jungen -Mädchen, nämlich die blühende Marusja sowohl wie auch die magere -Yoghurtesserin, unterwürfig und schamhaft die Augen vor ihm -niederschlugen. Übrigens hielt Hans Castorp sich redlich, wie sich von -selbst versteht, schwieg, da seine Zunge sich widerspenstig zeigte, -lieber still und handhabte Messer und Gabel sogar mit besonderem -Anstand. Als sein Vetter ihm zunickte und sich erhob, stand er ebenfalls -auf, verneigte sich blind gegen die Tischgenossen und ging bestimmten -Schrittes hinter Joachim hinaus. - -„Wann ist denn wieder Liegekur?“ fragte er, als sie das Haus verließen. -„Das ist das Beste hier, soviel ich sehe. Ich wollte, ich läge schon -wieder auf meinem vorzüglichen Stuhl. Gehen wir weit spazieren?“ - - - Ein Wort zuviel - -„Nein,“ sagte Joachim, „weit darf ich ja gar nicht gehen. Um diese Zeit -gehe ich immer ein bißchen hinunter, durchs Dorf und bis Platz, wenn ich -Zeit habe. Man sieht Läden und Leute und kauft ein, was man braucht. Man -liegt vor Tische noch eine Stunde, und dann liegt man wieder bis vier -Uhr, sei ganz unbesorgt.“ - -Sie gingen im Sonnenschein die Anfahrt hinab und überschritten den -Wasserlauf und das schmale Geleise, die Berggestalten der rechten -Tallehne vor Augen: das „Kleine Schiahorn“, die „Grünen Türme“ und den -„Dorfberg“, die Joachim bei Namen nannte. Dort drüben, in einiger Höhe, -lag der ummauerte Friedhof von Davos-Dorf, – auf diesen ebenfalls wies -Joachim mit seinem Stocke hin. Und sie gewannen die Hauptstraße, die um -ein Stockwerk über die Talsohle erhöht, die terrassierte Lehne entlang -führte. - -Von einem Dorf konnte übrigens nicht gut die Rede sein; jedenfalls war -nichts davon als der Name übrig. Der Kurort hatte es aufgezehrt, indem -er sich immerfort gegen den Taleingang hin ausdehnte, und der Teil der -gesamten Siedelung, welcher „Dorf“ hieß, ging unmerklich und ohne -Unterschied in den als „Davos Platz“ bezeichneten über. Hotels und -Pensionen, alle mit gedeckten Veranden, Balkons und Liegehallen -reichlich versehen, auch kleine Privathäuser, in denen Zimmer zu -vermieten waren, lagen zu beiden Seiten; hier und da kamen Neubauten; -manchmal setzte auch die Bebauung aus, und die Straße gewährte den Blick -in die offenen Wiesengründe des Tals ... - -Hans Castorp, in seinem Verlangen nach dem gewohnten, geliebten -Lebensreiz, hatte sich wieder eine Zigarre angezündet, und -wahrscheinlich dank dem vorangegangenen Biere vermochte er zu seiner -unaussprechlichen Genugtuung hier und da etwas von dem ersehnten Aroma -zu verspüren: nur selten und schwach freilich, – es war eine gewisse -nervöse Anstrengung nötig, um eine Ahnung des Vergnügens zu empfangen, -und der abscheuliche Ledergeschmack herrschte bei weitem vor. Unfähig, -sich in seine Ohnmacht zu finden, rang er eine Weile nach dem Genuß, der -sich ihm entweder versagte oder nur spottend ahnungsweise von ferne -zeigte, und warf die Zigarre endlich ermüdet und angewidert fort. Trotz -seiner Benommenheit fühlte er die Höflichkeitsverpflichtung, -Konversation zu machen, und suchte sich zu diesem Zwecke der -ausgezeichneten Dinge zu erinnern, die er vorhin über die „Zeit“ zu -sagen gehabt hatte. Allein es erwies sich, daß er den ganzen „Komplex“ -ohne Rest vergessen hatte und über die Zeit auch nicht den geringsten -Gedanken mehr in seinem Kopfe beherbergte. Dafür begann er von -körperlichen Angelegenheiten zu reden, und zwar etwas sonderbar. - -„Wann mißt du dich denn wieder?“ fragte er. „Nach dem Essen? Ja, das ist -gut. Da ist der Organismus in voller Tätigkeit, da muß es sich zeigen. -Daß Behrens von mir verlangte, ich sollte mich ebenfalls messen, das war -doch wohl nur Spaß, höre mal, – Settembrini lachte ja auch aus vollem -Halse darüber, es hätte doch absolut keinen Sinn. Ich habe ja auch nicht -mal ein Thermometer.“ - -„Nun,“ sagte Joachim, „das wäre das wenigste. Du brauchst dir nur einen -zu kaufen. Hier sind überall Thermometer zu haben, beinahe in jedem -Laden.“ - -„Aber wozu denn! Nein, die Liegekur, die lasse ich mir gefallen, die -will ich wohl mitmachen, aber das Messen wäre zuviel für einen -Hospitanten, das überlasse ich denn doch lieber euch hier oben. Wenn ich -nur wüßte,“ fuhr Hans Castorp fort, indem er beide Hände zum Herzen -führte wie ein Verliebter, „warum ich die ganze Zeit solches Herzklopfen -habe, – es ist so beunruhigend, ich denke schon länger darüber nach. -Siehst du, man hat Herzklopfen, wenn einem eine ganz besondere Freude -bevorsteht oder wenn man sich ängstigt, kurz, bei Gemütsbewegungen, -nicht? Aber wenn einem das Herz nun ganz von selber klopft, grundlos und -sinnlos und sozusagen auf eigene Hand, das finde ich geradezu -unheimlich, versteh mich recht, es ist ja so, als ob der Körper seine -eigenen Wege ginge und keinen Zusammenhang mit der Seele mehr hätte, -gewissermaßen wie ein toter Körper, der ja auch nicht wirklich tot ist – -das gibt es gar nicht –, sondern sogar ein sehr lebhaftes Leben führt, -nämlich auf eigene Hand: es wachsen ihm noch die Haare und Nägel, und -auch sonst soll physikalisch und chemisch, wie ich mir habe sagen -lassen, ein überaus munterer Betrieb darin herrschen ...“ - -„Was sind denn das für Ausdrücke“, sagte Joachim besonnen verweisend. -„Ein munterer Betrieb!“ Und vielleicht rächte er sich damit ein wenig -für den Verweis, den er heute früh wegen des „Schellenbaums“ erhalten. - -„Aber es ist doch so! Es _ist_ ein sehr munterer Betrieb! Warum nimmst -du denn Anstoß daran?“ fragte Hans Castorp. „Übrigens erwähnte ich das -nur nebenbei. Ich wollte nichts weiter sagen, als: es ist unheimlich und -quälend, wenn der Körper auf eigene Hand und ohne Zusammenhang mit der -Seele lebt und sich wichtig macht, wie bei solchem unmotivierten -Herzklopfen. Man sucht förmlich nach einem Sinn dafür, einer -Gemütsbewegung, die dazu gehört, einem Gefühl der Freude oder der Angst, -wodurch es sozusagen gerechtfertigt würde, – so geht es wenigstens mir, -ich kann nur von mir reden.“ - -„Ja, ja,“ sagte Joachim seufzend, „es ist wohl so ähnlich, wie wenn man -Fieber hat – dabei herrscht auch ein besonders ‚munterer Betrieb‘ im -Körper, um deinen Ausdruck zu gebrauchen, und da mag es schon sein, daß -man sich unwillkürlich nach einer Gemütsbewegung umsieht, wie du sagst, -wodurch der Betrieb einen halbwegs vernünftigen Sinn bekommt ... Aber -wir reden so unangenehmes Zeug“, sagte er mit bebender Stimme und brach -ab; worauf Hans Castorp nur mit den Achseln zuckte, und zwar ganz so, -wie er es gestern abend zuerst bei Joachim gesehen hatte. - -Sie gingen eine Weile schweigend. Dann fragte Joachim: - -„Nun, wie gefallen dir denn die Leute hier? Ich meine die an unserem -Tisch?“ - -Hans Castorp machte ein gleichgültig musterndes Gesicht. - -„Gott,“ sagte er, „sie scheinen mir nicht sehr interessant. An den -anderen Tischen sitzen, glaube ich, interessantere, aber das kommt einem -vielleicht nur so vor. Frau Stöhr sollte sich das Haar waschen lassen, -es ist so fett. Und diese Mazurka da, oder wie sie heißt, kommt mir -etwas albern vor. Immer muß sie sich das Taschentuch in den Mund stopfen -vor lauter Kichern.“ - -Joachim lachte laut über die Namensverdrehung. - -„‚Mazurka‘ ist ausgezeichnet!“ rief er. „Marusja heißt sie, wenn du -erlaubst, – das ist soviel wie Marie. Ja, sie ist wirklich zu -ausgelassen“, sagte er. „Und dabei hätte sie allen Grund, gesetzter zu -sein, denn sie ist gar nicht wenig krank.“ - -„Das sollte man nicht denken“, sagte Hans Castorp. „Sie ist so gut im -Stand. Gerade für brustkrank sollte man sie nicht halten.“ Und er -versuchte mit dem Vetter einen flotten Blick zu tauschen, fand aber, daß -Joachims sonnverbranntes Gesicht eine fleckige Färbung zeigte, wie -sonnverbrannte Gesichter sie annehmen, wenn das Blut daraus weicht, und -daß sein Mund sich auf ganz eigentümlich klägliche Weise verzerrt hatte, -– zu einem Ausdruck, der dem jungen Hans Castorp einen unbestimmten -Schrecken einflößte und ihn veranlaßte, sofort den Gegenstand zu -wechseln und sich nach anderen Personen zu erkundigen, wobei er Marusja -und Joachims Gesichtsausdruck rasch zu vergessen suchte, was ihm auch -völlig gelang. - -Die Engländerin mit dem Hagebuttentee hieß Miß Robinson. Die Nähterin -war keine Nähterin, sondern Lehrerin an einer staatlichen höheren -Töchterschule in Königsberg, und dies war der Grund, weshalb sie sich so -richtig ausdrückte. Sie hieß Fräulein Engelhart. Was die muntere alte -Dame betraf, so wußte Joachim selber nicht, wie sie hieß, wie lange er -auch schon hier oben war. Jedenfalls war sie die Großtante des Yoghurt -essenden jungen Mädchens, mit dem sie beständig im Sanatorium lebte. -Aber am kränksten von denen am Tisch war Dr. Blumenkohl, Leo Blumenkohl -aus Odessa, – jener junge Mann mit dem Schnurrbart und der sorgenvoll -verschlossenen Miene. Schon ganze Jahre war er hier oben ... - -Es war jetzt städtisches Trottoir, auf dem sie gingen, – die Hauptstraße -eines internationalen Treffpunktes, das sah man wohl. Flanierende -Kurgäste begegneten ihnen, junge Leute zumeist, Kavaliere in -Sportanzügen und ohne Hut, Damen, ebenfalls ohne Hut und in weißen -Röcken. Man hörte Russisch und Englisch sprechen. Läden mit schmucken -Schaufenstern reihten sich rechts und links, und Hans Castorp, dessen -Neugier heftig mit seiner glühenden Müdigkeit kämpfte, zwang seine -Augen, zu sehen und verweilte lange vor einem Herrenmodegeschäft, um -festzustellen, daß die Auslage durchaus auf der Höhe sei. - -Dann kam eine Rotunde mit gedeckter Galerie, in der eine Kapelle -konzertierte. Hier war das Kurhaus. Auf mehreren Tennisplätzen waren -Partien im Gange. Langbeinige, rasierte Jünglinge in scharf gebügelten -Flanellhosen, auf Gummisohlen und mit entblößten Unterarmen spielten -gebräunten und weiß gekleideten Mädchen gegenüber, die anlaufend sich in -der Sonne steil emporreckten, um den kreideweißen Ball hoch aus der Luft -zu schlagen. Wie Mehlstaub lag es über den gepflegten Sportfeldern. Die -Vettern setzten sich auf eine freie Bank, um dem Spiele zuzusehen und es -zu kritisieren. - -„Du spielst hier wohl nicht?“ fragte Hans Castorp. - -„Ich darf ja nicht“, antwortete Joachim. „Wir müssen liegen, immer -liegen ... Settembrini sagt immer, wir lebten horizontal, – wir seien -Horizontale, sagt er, das ist so ein fauler Witz von ihm. – Es sind -Gesunde, die da spielen, oder sie tun es verbotenerweise. Übrigens -spielen sie ja nicht sehr ernsthaft, – mehr des Kostüms wegen ... Und -was das Verbotensein betrifft, da gibt es noch mehr Verbotenes, was hier -gespielt wird, Poker, verstehst du, und in dem und jenem Hotel auch -_petits chevaux_, – bei uns steht Ausweisung darauf, es soll das -allerschädlichste sein. Aber manche laufen noch nach der Abendkontrolle -hinunter und pointieren. Der Prinz, von dem Behrens seinen Titel hat, -soll es auch immer getan haben.“ - -Hans Castorp hörte das kaum. Der Mund stand ihm offen, denn er konnte -nicht recht durch die Nase atmen, ohne daß er übrigens Schnupfen gehabt -hätte. Sein Herz hämmerte in falschem Takte zu der Musik, was er dumpf -als quälend empfand. Und in diesem Gefühl von Unordnung und Widerstreit -begann er einzuschlafen, als Joachim zum Heimgehen mahnte. - -Sie legten den Weg fast schweigend zurück. Hans Castorp stolperte sogar -ein paarmal auf der ebenen Straße und lächelte wehmütig darüber, indem -er den Kopf schüttelte. Der Hinkende fuhr sie im Lift in ihr Stockwerk. -Sie trennten sich vor Nummer vierunddreißig mit einem kurzen „Auf -Wiedersehn“. Hans Castorp steuerte durch sein Zimmer auf den Balkon -hinaus, wo er sich, wie er ging und stand, auf den Liegestuhl fallen -ließ und ohne die einmal eingenommene Lage zu verbessern in einen -schweren, von dem raschen Schlage seines Herzens peinlich belebten -Halbschlummer sank. - - - Natürlich, ein Frauenzimmer! - -Wie lange das dauerte, wußte er nicht. Als der Zeitpunkt gekommen war, -ertönte das Gong. Aber es rief noch nicht unmittelbar zur Mahlzeit, es -mahnte nur, sich bereit zu machen, wie Hans Castorp wußte, und so blieb -er noch liegen, bis das metallische Dröhnen zum zweitenmal anschwoll und -sich entfernte. Als Joachim durch das Zimmer kam, um ihn zu holen, -wollte Hans Castorp sich umziehen, aber nun erlaubte Joachim es nicht -mehr. Er haßte und verachtete Unpünktlichkeit. Wie man denn vorwärts -kommen wolle und gesund werden, um Dienst machen zu können, sagte er, -wenn man sogar zu schlapp sei, um die Essenszeit einzuhalten. Da hatte -er natürlich recht, und Hans Castorp konnte lediglich darauf hinweisen, -daß er ja nicht krank, dafür aber im höchsten Grade schläfrig sei. Er -wusch sich nur rasch die Hände; dann gingen sie in den Saal hinunter, -zum drittenmal. - -Durch beide Eingänge strömten die Gäste herein. Auch durch die -Verandatüren dort drüben, die offen standen, kamen sie, und bald saßen -sie alle an den sieben Tischen, als seien sie nie davon aufgestanden. -Dies war wenigstens Hans Castorps Eindruck, – ein rein träumerischer und -vernunftwidriger Eindruck natürlich, dessen sein umnebelter Kopf sich -jedoch einen Augenblick nicht erwehren konnte und an dem er sogar ein -gewisses Gefallen fand; denn mehrmals im Laufe der Mahlzeit suchte er -ihn sich zurückzurufen, und zwar mit dem Erfolge vollkommener Täuschung. -Die muntere alte Dame redete wieder in ihrer verwischten Sprache auf den -ihr schräg gegenübersitzenden Dr. Blumenkohl ein, der ihr mit besorgter -Miene zuhörte. Ihre magere Großnichte aß endlich etwas anderes als -Yoghurt, nämlich die seimige _Crème d’orge_, welche die Saaltöchter in -Tellern serviert hatten; doch nahm sie nur wenige Löffel davon und ließ -sie dann stehen. Die hübsche Marusja stopfte ihr Taschentüchlein, das -ein Apfelsinenparfüm ausströmte, in den Mund, um ihr Kichern zu -ersticken. Miß Robinson las dieselben rundlich geschriebenen Briefe, die -sie schon heute morgen gelesen hatte. Offenbar konnte sie kein Wort -deutsch und wollte es auch nicht können. Joachim sagte in ritterlicher -Haltung etwas auf englisch zu ihr über das Wetter, was sie einsilbig -kauend beantwortete, um dann ins Schweigen zurückzukehren. Was Frau -Stöhr in ihrer schottischen Wollbluse betraf, so war sie heute vormittag -untersucht worden und berichtete darüber, indem sie sich auf ungebildete -Weise zierte und die Oberlippe von ihren Hasenzähnen zurückzog. Rechts -oben, so klagte sie, habe sie Geräusch, außerdem klinge es unter der -linken Achsel noch sehr verkürzt, und fünf Monate, habe „der Alte“ -gesagt, müsse sie noch bleiben. In ihrer Unbildung nannte sie Hofrat -Behrens „den Alten“. Übrigens zeigte sie sich empört darüber, daß „der -Alte“ heute nicht an ihrem Tische sitze. Der „Tournee“ zufolge (sie -meinte wohl „Turnus“) sei ihr Tisch heute mittag an der Reihe, während -„der Alte“ schon wieder am Nebentische links sitze – (wirklich saß -Hofrat Behrens dort und faltete seine riesigen Hände vor seinem Teller). -Aber freilich, dort habe ja die dicke Frau Salomon aus Brüssel ihren -Platz, die jeden Wochentag dekolletiert zum Essen komme, und daran finde -„der Alte“ offenbar Gefallen, obgleich sie, Frau Stöhr, es nicht -begreifen könne, denn bei jeder Untersuchung sähe er ja beliebig viel -von Frau Salomon. Später erzählte sie in erregtem Flüstertone, daß -gestern abend in der oberen gemeinsamen Liegehalle – der nämlich, die -sich auf dem Dache befinde – das Licht ausgelöscht worden sei, und zwar -zu Zwecken, die Frau Stöhr als „durchsichtig“ bezeichnete. „Der Alte“ -habe es gemerkt und so gewettert, daß es in der ganzen Anstalt zu hören -gewesen sei. Aber den Schuldigen habe er natürlich wieder nicht -ausfindig gemacht, während man doch nicht auf der Universität studiert -zu haben brauche, um zu erraten, daß es natürlich dieser Hauptmann -Miklosich aus Bukarest gewesen sei, dem es in Damengesellschaft -überhaupt nie dunkel genug sein könne, – ein Mensch ohne all und jede -Bildung, obgleich er ein Korsett trage, und seinem Wesen nach einfach -ein Raubtier, – ja, ein Raubtier, wiederholte Frau Stöhr mit erstickter -Stimme, indem ihr auf Stirn und Oberlippe der Schweiß ausbrach. In -welchen Beziehungen Frau Generalkonsul Wurmbrand aus Wien zu ihm stehe, -das wisse ja Dorf und Platz, – man könne wohl kaum noch von -_geheimnisvollen_ Beziehungen sprechen. Denn nicht genug, daß der -Hauptmann zuweilen schon morgens zu der Generalkonsulin aufs Zimmer -komme, wenn diese noch im Bett liege, worauf er dann ihrer ganzen -Toilette beiwohne, sondern am vorigen Dienstag habe er das Zimmer der -Wurmbrand überhaupt erst morgens um vier Uhr _verlassen_, – die -Pflegerin des jungen Franz auf Nummer neunzehn, bei dem neulich der -Pneumothorax mißglückt sei, habe ihn selbst dabei betroffen und vor -Scham die gesuchte Tür verfehlt, so daß sie sich plötzlich in dem Zimmer -des Staatsanwalts Paravant aus Dortmund gesehen habe ... Schließlich -erging Frau Stöhr sich längere Zeit über eine „kosmische Anstalt“, die -sich drunten im Ort befinde, und in der sie ihr Zahnwasser kaufe, – -Joachim blickte starr auf seinen Teller nieder ... - -Das Mittagessen war sowohl meisterhaft zubereitet wie auch im höchsten -Grade ausgiebig. Die nahrhafte Suppe eingerechnet, bestand es aus nicht -weniger als sechs Gängen. Dem Fisch folgte ein gediegenes Fleischgericht -mit Beilagen, hierauf eine besondere Gemüseplatte, gebratenes Geflügel -dann, eine Mehlspeise, die jener von gestern abend an Schmackhaftigkeit -nicht nachstand, und endlich Käse und Obst. Jede Schüssel ward zweimal -gereicht – und nicht vergebens. Man füllte die Teller und aß an den -sieben Tischen, – ein Löwenappetit herrschte im Gewölbe, ein Heißhunger, -dem zuzusehen wohl ein Vergnügen gewesen wäre, wenn er nicht -gleichzeitig auf irgendeine Weise unheimlich, ja abscheulich gewirkt -hätte. Nicht nur die Munteren legten ihn an den Tag, die schwatzten und -einander mit Brotkügelchen warfen, nein, auch die Stillen und Finsteren, -die in den Pausen den Kopf in die Hände stützten und starrten. Ein -halbwüchsiger Mensch am Nebentisch links, ein Schuljunge seinen Jahren -nach, mit zu kurzen Ärmeln und dicken, kreisrunden Brillengläsern, -schnitt alles, was er sich auf den Teller häufte, im voraus zu einem -Brei und Gemengsel zusammen; dann beugte er sich darüber und schlang, -indem er zuweilen mit der Serviette hinter die Brille fuhr, um sich die -Augen zu wischen, – man wußte nicht, was da zu trocknen war, ob Schweiß -oder Tränen. - -Zwei Zwischenfälle ereigneten sich während der großen Mahlzeit und -erregten Hans Castorps Aufmerksamkeit, soweit sein Befinden dies zuließ. -Erstens fiel wieder die Glastür zu, – es war beim Fisch. Hans Castorp -zuckte erbittert und sagte dann in zornigem Eifer zu sich selbst, daß er -unbedingt diesmal den Täter feststellen müsse. Er dachte es nicht nur, -er sagte es auch mit den Lippen, so ernst war es ihm. Ich muß es wissen! -flüsterte er mit übertriebener Leidenschaftlichkeit, so daß Miß Robinson -sowohl wie die Lehrerin ihn verwundert anblickten. Und dabei wandte er -den ganzen Oberkörper nach links und riß seine blutüberfüllten Augen -auf. - -Es war eine Dame, die da durch den Saal ging, eine Frau, ein junges -Mädchen wohl eher, nur mittelgroß, in weißem Sweater und farbigem Rock, -mit rötlichblondem Haar, das sie einfach in Zöpfen um den Kopf gelegt -trug. Hans Castorp sah nur wenig von ihrem Profil, fast gar nichts. Sie -ging ohne Laut, was zu dem Lärm ihres Eintritts in wunderlichem -Gegensatz stand, ging eigentümlich schleichend und etwas vorgeschobenen -Kopfes zum äußersten Tische links, der senkrecht zur Verandatür stand, -dem „Guten Russentisch“ nämlich, wobei sie die eine Hand in der Tasche -der anliegenden Wolljacke hielt, die andere aber, das Haar stützend und -ordnend, zum Hinterkopf führte. Hans Castorp blickte auf diese Hand, – -er hatte viel Sinn und kritische Aufmerksamkeit für Hände und war -gewöhnt, auf diesen Körperteil zuerst, wenn er neue Bekanntschaften -machte, sein Augenmerk zu richten. Sie war nicht sonderlich damenhaft, -die Hand, die das Haar stützte, nicht so gepflegt und veredelt, wie -Frauenhände in des jungen Hans Castorp gesellschaftlicher Sphäre zu sein -pflegten. Ziemlich breit und kurzfingrig, hatte sie etwas Primitives und -Kindliches, etwas von der Hand eines Schulmädchens; ihre Nägel wußten -offenbar nichts von Maniküre, sie waren schlecht und recht beschnitten, -ebenfalls wie bei einem Schulmädchen, und an ihren Seiten schien die -Haut etwas aufgerauht, fast so, als werde hier das kleine Laster des -Fingerkauens gepflegt. Übrigens erkannte Hans Castorp dies eher -ahnungsweise, als daß er es eigentlich gesehen hätte, – die Entfernung -war doch zu bedeutend. Mit einem Kopfnicken begrüßte die Nachzüglerin -ihre Tischgesellschaft, und indem sie sich setzte, an die Innenseite des -Tisches, den Rücken gegen den Saal, zur Seite Dr. Krokowskis, der dort -den Vorsitz hatte, wandte sie, noch immer die Hand am Haar, den Kopf -über die Schulter und überblickte das Publikum, – wobei Hans Castorp -flüchtig bemerkte, daß sie breite Backenknochen und schmale Augen hatte -... Eine vage Erinnerung an irgendetwas und irgendwen berührte ihn -leicht und vorübergehend, als er das sah ... - -Natürlich, ein Frauenzimmer! dachte Hans Castorp, und wieder murmelte er -es ausdrücklich vor sich hin, so daß die Lehrerin, Fräulein Engelhart, -verstand, was er sagte. Die dürftige alte Jungfer lächelte gerührt. - -„Das ist Madame Chauchat“, sagte sie. „Sie ist so lässig. Eine -entzückende Frau.“ Und dabei verstärkte sich die flaumige Röte auf -Fräulein Engelharts Wangen um eine Schattierung, – was übrigens immer -der Fall war, sobald sie den Mund öffnete. - -„Französin?“ fragte Hans Castorp streng. - -„Nein, sie ist Russin“, sagte die Engelhart. „Vielleicht ist der Mann -Franzose oder französischer Abkunft, das weiß ich nicht sicher.“ - -Ob es _der_ dort sei, fragte Hans Castorp noch immer gereizt und deutete -auf einen Herrn mit vorhängenden Schultern am Guten Russentisch. - -O nein, er sei nicht hier, entgegnete die Lehrerin. Er sei überhaupt -noch nicht hier gewesen, sei hier ganz unbekannt. - -„Sie sollte die Tür ordentlich zumachen!“ sagte Hans Castorp. „Immer -läßt sie sie zufallen. Das ist doch eine Unmanier.“ - -Und da die Lehrerin den Verweis demütig lächelnd einsteckte, als sei sie -selber die Schuldige, so war nicht weiter die Rede von Madame Chauchat. -– - -Das zweite Vorkommnis bestand darin, daß Dr. Blumenkohl vorübergehend -den Saal verließ, – weiter war es nichts. Plötzlich verstärkte sich der -leise angewiderte Ausdruck seines Gesichtes, sorgenvoller als sonst -blickte er auf einen Punkt, schob dann mit bescheidener Bewegung seinen -Stuhl zurück und ging hinaus. Hier aber zeigte sich Frau Stöhrs große -Unbildung im vollsten Licht, denn wahrscheinlich aus gemeiner Genugtuung -darüber, daß sie weniger krank war als Blumenkohl, begleitete sie seinen -Weggang mit halb mitleidigen, halb verächtlichen Glossen. „Der Ärmste!“ -sagte sie. „Der pfeift bald aus dem letzten Loch. Schon wieder muß er -sich mit dem Blauen Heinrich besprechen.“ Ganz ohne Überwindung, mit -störrisch unwissender Miene, brachte sie die fratzenhafte Bezeichnung -„der blaue Heinrich“ über die Lippen, und Hans Castorp empfand ein -Gemisch von Schrecken und Lachreiz, als sie es sagte. Übrigens kehrte -Dr. Blumenkohl nach wenigen Minuten in der gleichen bescheidenen Haltung -zurück, in der er hinausgegangen war, nahm wieder Platz und fuhr fort, -zu essen. Auch er aß sehr viel, von jedem Gerichte zweimal, stumm und -mit sorgenvoll verschlossener Miene. - -Dann war das Mittagessen beendet: dank einer gewandten Bedienung – denn -die Zwergin besonders war ein sonderbar raschfüßiges Wesen – hatte es -nur eine gute Stunde gedauert. Hans Castorp, schwer atmend, und ohne -recht zu wissen, wie er heraufgekommen war, lag wieder auf dem -vorzüglichen Stuhl in seiner Balkonloge, denn nach dem Essen war -Liegekur bis zum Tee, – sogar die wichtigste des Tages und streng -einzuhalten. Zwischen den undurchsichtigen Glaswänden, die ihn von -Joachim einerseits und dem russischen Ehepaar andererseits trennten, lag -er und dämmerte mit pochendem Herzen, indem er Luft durch den Mund -holte. Als er sein Taschentuch benutzte, fand er es von Blut gerötet, -aber er hatte nicht die Kraft, sich Gedanken darüber zu machen, obgleich -er ja etwas ängstlich mit sich war und von Natur ein wenig zu -hypochondrischen Grillen neigte. Wieder hatte er sich eine Maria Mancini -angezündet, und diesmal rauchte er sie zu Ende, mochte sie nun wie immer -schmecken. Schwindelig, beklommen und träumerisch bedachte er, wie sehr -sonderbar es ihm hier oben ergehe. Zwei- oder dreimal ward seine Brust -von innerem Lachen erschüttert über die schauderhafte Bezeichnung, deren -Frau Stöhr sich in ihrer Unbildung bedient hatte. - - - Herr Albin - -Drunten im Garten hob sich das Phantasie-Fahnentuch mit dem -Schlangenstabe zuweilen im Windhauch. Der Himmel hatte sich wieder -gleichmäßig bedeckt. Die Sonne war fort, und sogleich war es fast -unwirtlich kühl geworden. Die gemeinsame Liegehalle schien voll besetzt; -es herrschte Gespräch und Gekicher dort unten. - -„Herr Albin, ich flehe Sie an, legen Sie das Messer fort, stecken Sie es -ein, es geschieht ein Unglück damit!“ klagte eine hohe, schwankende -Damenstimme. Und: - -„Bester Herr Albin, um Gottes willen, schonen Sie unsere Nerven und -bringen Sie uns das entsetzliche Mordding aus den Augen!“ mischte sich -eine zweite darein, – worauf ein blondköpfiger junger Mann, welcher, -eine Zigarette im Munde, seitwärts auf dem vordersten Liegestuhl saß, in -frechem Tone erwiderte: - -„Fällt mir nicht ein! Die Damen werden mir doch wohl erlauben, etwas mit -meinem Messer zu spielen! Nun ja, gewiß, es ist ein besonders scharfes -Messer. Ich habe es in Kalkutta einem blinden Zauberer abgekauft ... Er -konnte es verschlucken, und gleich darauf grub sein Boy es fünfzig -Schritte von ihm entfernt aus dem Boden ... Wollen Sie sehen? Es ist -viel schärfer als ein Rasiermesser. Man braucht die Schneide nur zu -berühren, und sie geht einem ins Fleisch wie durch Butter. Warten Sie, -ich zeige es Ihnen näher ...“ Und Herr Albin stand auf. Ein Gekreisch -erhob sich. „Nein, jetzt hole ich meinen Revolver!“ sagte Herr Albin. -„Das wird Sie mehr interessieren. Ein ganz verflixtes Ding. Von einer -Durchschlagskraft ... Ich hole ihn aus meinem Zimmer.“ - -„Herr Albin, Herr Albin, tun Sie es nicht!“ zeterten mehrere Stimmen. -Aber Herr Albin kam schon aus der Liegehalle hervor, um auf sein Zimmer -zu gehen, – blutjung und schlenkricht, mit rosigem Kindergesicht und -kleinen Backenbartstreifen neben den Ohren. - -„Herr Albin,“ rief eine Dame hinter ihm drein, „holen Sie lieber Ihren -Paletot, ziehen Sie ihn an, tun Sie es mir zuliebe! Sechs Wochen haben -Sie mit Lungenentzündung gelegen, und nun sitzen Sie hier ohne -Überzieher und decken sich nicht einmal zu und rauchen Zigaretten! Das -heißt Gott versuchen, Herr Albin, mein Ehrenwort!“ - -Aber er lachte nur höhnisch im Weggehen, und schon nach wenigen Minuten -kehrte er mit dem Revolver zurück. Da kreischten sie noch alberner als -vorhin, und man hörte, daß mehrere von den Stühlen springen wollten, -sich in ihre Decken verwickelten und stürzten. - -„Sehen Sie, wie klein und blank er ist,“ sagte Herr Albin, „aber wenn -ich hier drücke, so beißt er zu ...“ Ein neues Gekreisch. „Er ist -natürlich scharf geladen“, fuhr Herr Albin fort. „In dieser Scheibe hier -stecken die sechs Patronen, die dreht sich bei jedem Schuß um ein Loch -weiter ... Übrigens halte ich mir das Ding nicht zum Spaß“, sagte er, da -er bemerkte, daß die Wirkung sich abnutzte, ließ den Revolver in die -Brusttasche gleiten und setzte sich wieder mit übergeschlagenem Bein auf -seinen Stuhl, indem er sich eine frische Zigarette anzündete. „Durchaus -nicht zum Spaß“, wiederholte er und preßte die Lippen zusammen. - -„Wozu denn? Wozu denn?“ fragten ahnungsvoll bebende Stimmen. -„Entsetzlich!“ schrie plötzlich eine einzelne, und da nickte Herr Albin. - -„Ich sehe, Sie fangen an, zu begreifen“, sagte er. „In der Tat, dazu -halte ich ihn mir“, fuhr er leichthin fort, nachdem er trotz der -überstandenen Lungenentzündung eine Menge Rauch eingezogen und wieder -von sich geblasen hatte. „Ich halte ihn in Bereitschaft für den Tag, wo -mir dieser Trödel hier zu langweilig wird und wo ich die Ehre haben -werde, mich ergebenst zu empfehlen. Die Sache ist ziemlich einfach ... -Ich habe einiges Studium darauf verwandt und bin mit mir im reinen -darüber, wie sie am besten zu deichseln ist. (Bei dem Worte „deichseln“ -ertönte ein Schrei.) Die Herzpartie schaltet aus ... Der Ansatz ist mir -da nicht recht bequem ... Auch ziehe ich es vor, das Bewußtsein an Ort -und Stelle auszulöschen, nämlich indem ich mir so einen hübschen kleinen -Fremdkörper in dieses interessante Organ appliziere ...“ Und Herr Albin -deutete mit dem Zeigefinger auf seinen kurzgeschorenen Blondschädel. -„Man muß hier ansetzen –“ Herr Albin zog den vernickelten Revolver -wieder aus der Tasche und klopfte mit der Mündung an seine Schläfe – -„hier oberhalb der Schlagader ... Sogar ohne Spiegel ist es eine glatte -Sache ...“ - -Mehrstimmiger, flehender Protest ward laut, in den sich sogar ein -heftiges Schluchzen mischte. - -„Herr Albin, Herr Albin, den Revolver weg, nehmen Sie den Revolver von -Ihrer Schläfe weg, es ist nicht anzusehen! Herr Albin, Sie sind jung, -Sie werden gesund werden, Sie werden ins Leben zurückkehren und sich der -allgemeinen Beliebtheit erfreuen, mein Ehrenwort! Ziehen Sie nur Ihren -Mantel an, legen Sie sich hin, decken Sie sich zu, machen Sie Kur! Jagen -Sie den Bademeister nicht wieder fort, wenn er kommt, um Sie mit Alkohol -abzureiben! Lassen Sie das Zigarettenrauchen, Herr Albin, hören Sie, wir -bitten um Ihr Leben, Ihr junges, kostbares Leben!“ - -Aber Herr Albin war unerbittlich. - -„Nein, nein,“ sagte er, „lassen Sie mich, es ist gut, ich danke Ihnen. -Ich habe noch nie einer Dame etwas abgeschlagen, aber Sie werden -einsehen, daß es unnütz ist, dem Schicksal in die Speichen zu fallen. -Ich bin im dritten Jahr hier ... ich habe es satt und spiele nicht mehr -mit, – können Sie mir das verargen? Unheilbar, meine Damen, – sehen Sie -mich an, wie ich hier sitze, bin ich unheilbar, – der Hofrat selbst -macht kaum noch ehren- und schandenhalber ein Hehl daraus. Gönnen Sie -mir das bißchen Ungebundenheit, das für mich aus dieser Tatsache -resultiert! Es ist wie auf dem Gymnasium, wenn es entschieden war, daß -man sitzen blieb und nicht mehr gefragt wurde und nichts mehr zu tun -brauchte. Zu diesem glücklichen Zustand bin ich nun endgültig wieder -gediehen. Ich brauche nichts mehr zu tun, ich komme nicht mehr in -Betracht, ich lache über das Ganze. Wollen Sie Schokolade? Bedienen Sie -sich! Nein, Sie berauben mich nicht, ich habe massenweise Schokolade auf -meinem Zimmer. Acht Bonbonnieren, fünf Tafeln Gala-Peter und vier Pfund -Lindschokolade habe ich da oben, – das alles haben die Damen des -Sanatoriums mir während meiner Lungenentzündung zustellen lassen ...“ - -Irgendwoher gebot eine Baßstimme Ruhe. Herr Albin lachte kurz auf, – es -war ein flatternd-abgerissenes Lachen. Dann ward es still in der -Liegehalle, so still, als sei ein Traum oder Spuk zerstoben; und -sonderbar klangen die gesprochenen Worte im Schweigen nach. Hans Castorp -lauschte ihnen, bis sie völlig erstorben waren, und obwohl ihm -unbestimmt schien, als ob Herr Albin ein Laffe sei, so konnte er sich -doch nicht eines gewissen Neides auf ihn erwehren. Namentlich jenes dem -Schulleben entnommene Gleichnis hatte ihm Eindruck gemacht, denn er -selbst war ja in Untersekunda sitzen geblieben, und er erinnerte sich -wohl des etwas schimpflichen aber humoristischen, angenehm verwahrlosten -Zustandes, dessen er genossen hatte, als er im vierten Quartal das -Rennen aufgegeben und „über das Ganze“ hatte lachen können. Da seine -Betrachtungen dumpf und verworren waren, so ist es schwer, sie zu -präzisieren. Hauptsächlich schien ihm, daß die Ehre bedeutende Vorteile -für sich habe, aber die Schande nicht minder, ja, daß die Vorteile der -letzteren geradezu grenzenloser Art seien. Und indem er sich probeweise -in Herrn Albins Zustand versetzte und sich vergegenwärtigte, wie es sein -müsse, wenn man endgültig des Druckes der Ehre ledig war und auf immer -die bodenlosen Vorteile der Schande genoß, erschreckte den jungen Mann -ein Gefühl von wüster Süßigkeit, das sein Herz vorübergehend zu noch -hastigerem Gange erregte. - - - Satana macht ehrrührige Vorschläge - -Später verlor er das Bewußtsein. Nach seiner Taschenuhr war es halb -vier, als Gespräch hinter der linken Glaswand ihn weckte: Dr. Krokowski, -der um diese Zeit ohne den Hofrat die Runde machte, sprach dort russisch -mit dem unmanierlichen Ehepaar, erkundigte sich, wie es schien, nach dem -Befinden des Gatten und ließ sich seine Fiebertabelle zeigen. Dann aber -setzte er seinen Weg nicht durch die Balkonlogen fort, sondern umging -Hans Castorps Abteil, indem er sich auf den Korridor zurückbegab und -durch die Zimmertür bei Joachim eintrat. Daß man solchergestalt einen -Bogen um ihn beschrieb und ihn links liegen ließ, empfand Hans Castorp -denn doch als etwas verletzend, obgleich ihn nach einem Zusammensein -unter vier Augen mit Dr. Krokowski ja durchaus nicht verlangte. -Freilich, er war eben gesund und zählte nicht mit, – denn bei denen hier -oben, dachte er, lagen die Dinge so, daß derjenige nicht in Betracht kam -und nicht gefragt wurde, der die Ehre hatte, gesund zu sein, und das -ärgerte den jungen Castorp. - -Nachdem Dr. Krokowski sich bei Joachim zwei oder drei Minuten verweilt -hatte, ging er den Balkon entlang weiter, und Hans Castorp hörte den -Vetter sagen, daß man nun aufstehen und sich zur Vespermahlzeit bereit -machen könne. „Schön“, sagte er und stand auf. Aber es schwindelte ihn -sehr vom langen Liegen, und der unerquickliche Halbschlaf hatte ihm das -Gesicht aufs neue peinlich erhitzt, während er übrigens zum Frösteln -neigte, – vielleicht hatte er sich nicht warm genug zugedeckt. - -Er wusch sich Augen und Hände, ordnete sein Haar und seine Kleider und -traf mit Joachim auf dem Korridor zusammen. - -„Hast du diesen Herrn Albin gehört?“ fragte er, als sie die Treppen -hinunter gingen ... - -„Natürlich“, sagte Joachim. „Der Mensch müßte diszipliniert werden. -Stört da die ganze Mittagsruhe mit seinem Geschwätz und regt die Damen -so auf, daß er sie um Wochen zurückbringt. Eine grobe Insubordination. -Aber wer will denn den Denunzianten machen. Und außerdem sind solche -Reden ja den meisten als Unterhaltung willkommen.“ - -„Hältst du es für möglich,“ fragte Hans Castorp, „daß er Ernst macht mit -seiner ‚glatten Sache‘, wie er sich ausdrückt, und sich einen -Fremdkörper appliziert?“ - -„Ach, doch,“ antwortete Joachim, „ganz unmöglich ist es nicht. -Dergleichen kommt vor hier oben. Zwei Monate bevor ich kam hat sich ein -Student, der schon lange hier war, nach einer Generaluntersuchung im -Walde drüben aufgehängt. Es war in meinen ersten Tagen noch viel die -Rede davon.“ - -Hans Castorp gähnte erregt. - -„Ja, gut fühle ich mich nicht bei euch,“ erklärte er, „das kann ich -nicht sagen. Ich halte es für möglich, daß ich nicht bleiben kann, du, -daß ich abreisen muß, – würdest du es mir weiter übelnehmen?“ - -„Abreisen? Was fällt dir ein!“ rief Joachim. „Unsinn. Wo du gerade erst -angekommen bist. Wie willst du denn urteilen nach dem ersten Tage!“ - -„Gott, ist noch immer der erste Tag? Mir ist ganz, als wäre ich schon -lange – lange bei euch hier oben.“ - -„Nun fange nur nicht wieder an, über die Zeit zu spintisieren!“ sagte -Joachim. „Ganz konfus hast du mich heute morgen gemacht.“ - -„Nein, sei beruhigt, ich habe alles vergessen“, erwiderte Hans Castorp. -„Den ganzen Komplex. Jetzt bin ich auch kein bißchen scharf mehr im -Kopfe, das ist vorüber ... Nun gibt es also Tee.“ - -„Ja, und dann gehen wir wieder bis zu der Bank von heute morgen.“ - -„In Gottes Namen. Aber hoffentlich treffen wir Settembrini nicht wieder. -Ich kann mich heute an keinem gebildeten Gespräch mehr beteiligen, das -sage ich dir im voraus.“ - -Im Speisesaal wurden alle Getränke geschenkt, die zu dieser Stunde nur -irgend in Betracht kommen. Miß Robinson trank wieder ihren blutroten -Hagebuttentee, während die Großnichte Yoghurt löffelte. Außerdem gab es -Milch, Tee, Kaffee, Schokolade, ja sogar Fleischbrühe, und überall waren -die Gäste, die seit dem üppigen Mittagsmahl zwei Stunden liegend -verbracht hatten, eifrig beschäftigt, Butter auf große Schnitten -Rosinenkuchen zu streichen. - -Hans Castorp hatte sich Tee geben lassen und tauchte Zwieback hinein. -Auch etwas Marmelade versuchte er. Den Rosinenkuchen betrachtete er -genau, doch erzitterte er buchstäblich bei dem Gedanken, davon zu essen. -Abermals saß er an seinem Platze im Saal mit dem einfältig bunten -Gewölbe, den sieben Tischen, – zum viertenmal. Etwas später, um sieben -Uhr, saß er zum fünftenmal dort, und da galt es das Abendessen. In die -Zwischenzeit, welche kurz und nichtig war, fiel ein Spaziergang zu jener -Bank an der Bergwand, beim Wasserrinnsal – der Weg war jetzt dicht -belebt von Patienten, so daß die Vettern häufig zu grüßen hatten – und -eine neuerliche Liegekur auf dem Balkon, von flüchtigen und gehaltlosen -anderthalb Stunden. Hans Castorp fröstelte heftig dabei. - -Zur Abendmahlzeit kleidete er sich gewissenhaft um und aß dann zwischen -Miß Robinson und der Lehrerin Juliennesuppe, gebackenes und gebratenes -Fleisch nebst Zubehör, zwei Stücke von einer Torte, in der alles vorkam: -Makronenteig, Buttercreme, Schokolade, Fruchtmus und Marzipan, und sehr -guten Käse auf Pumpernickel. Wieder ließ er sich eine Flasche Kulmbacher -dazu geben. Als er jedoch sein hohes Glas zur Hälfte geleert hatte, -erkannte er klar und deutlich, daß er ins Bett gehöre. In seinem Kopfe -rauschte es, seine Augenlider waren wie Blei, sein Herz ging wie eine -kleine Pauke, und zu seiner Qual bildete er sich ein, daß die hübsche -Marusja, die, vornüber geneigt, ihr Gesicht in der Hand mit dem kleinen -Rubin verbarg, über _ihn_ lache, obgleich er sich so angestrengt bemüht -hatte, keinerlei Veranlassung dazu zu geben. Wie aus weiter Ferne hörte -er Frau Stöhr etwas erzählen oder behaupten, was ihm als so tolles Zeug -erschien, daß er in verwirrte Zweifel geriet, ob er noch richtig höre -oder ob Frau Stöhrs Äußerungen sich vielleicht in seinem Kopfe zu Unsinn -verwandelten. Sie erklärte, daß sie achtundzwanzig verschiedene -Fischsaucen zu bereiten verstehe, – sie habe den Mut, dafür einzustehen, -obgleich ihr eigener Mann sie gewarnt habe, davon zu sprechen. „Sprich -nicht davon!“ habe er gesagt. „Niemand wird es dir glauben, und wenn man -es glaubt, so wird man es lächerlich finden!“ Und doch wolle sie es -heute einmal sagen und offen bekennen, daß es achtundzwanzig Fischsaucen -seien, die sie machen könne. Das schien dem armen Hans Castorp -entsetzlich; er erschrak, griff sich mit der Hand an die Stirn und -vergaß vollkommen, einen Bissen Pumpernickel mit Chester, den er im -Munde hatte, fertig zu kauen und hinunterzuschlucken. Noch als man von -Tische aufstand, hatte er ihn im Munde. - -Man ging durch die Glastür zur Linken hinaus, jene fatale, die immer -zufiel und die geradewegs in die vordere Halle führte. Fast alle Gäste -nahmen diesen Weg, denn es zeigte sich, daß um die Stunde nach dem Diner -in der Halle und den anliegenden Salons eine Art von Geselligkeit -stattfand. Die Mehrzahl der Patienten stand in kleinen Gruppen plaudernd -umher. An zwei grün ausgeschlagenen Klapptischen lag man dem Spiele ob; -es war Domino an dem einen, Bridge an dem anderen Tische, und hier waren -es nur junge Leute, die spielten, darunter Herr Albin und Hermine -Kleefeld. Ferner gab es ein paar unterhaltende optische Gegenstände im -ersten Salon: einen stereoskopischen Guckkasten, durch dessen Linsen man -die in seinem Innern aufgestellten Photographien, zum Beispiel einen -venezianischen Gondolier, in starrer und blutloser Körperlichkeit -erblickte; zweitens ein fernrohrförmiges Kaleidoskop, an dessen Linse -man ein Auge legte, um sich, nur durch leichte Handhabung eines Rades, -buntfarbige Sterne und Arabesken in zauberhafter Abwechslung -vorzugaukeln; eine drehende Trommel endlich, in die man -kinematographische Filmstreifen legte und durch deren Öffnungen, wenn -man seitlich hineinsah, ein Müller, der sich mit einem Schornsteinfeger -prügelte, ein Schulmeister, einen Knaben züchtigend, ein springender -Seiltänzer und ein Bauernpärchen im Ländlertanz zu beobachten waren. -Hans Castorp, die kalten Hände auf den Knien, blickte längere Zeit in -jeden der Apparate. Er verweilte sich auch ein wenig am Bridgetische, wo -der unheilbare Herr Albin mit hängenden Mundwinkeln und weltmännisch -wegwerfenden Bewegungen die Karten handhabte. In einem Winkel saß Dr. -Krokowski, begriffen in frischem und herzlichem Gespräch mit einem -Halbkreise von Damen, zu welchem Frau Stöhr, Frau Iltis und Fräulein -Levi gehörten. Die Inhaber des Guten Russentisches hatten sich in den -anstoßenden kleineren Salon zurückgezogen, der nur durch Portieren vom -Spielzimmer getrennt war, und bildeten dort eine intime Clique. Es waren -außer Madame Chauchat: ein blondbärtiger, schlaffer Herr mit konkavem -Brustkasten und glotzenden Augäpfeln; ein tief brünettes Mädchen von -originellem und humoristischem Typus, mit goldenen Ohrringen und wirrem -Wollhaar; ferner Dr. Blumenkohl, der sich ihnen zugesellt hatte, und -noch zwei hängeschultrige Jünglinge. Madame Chauchat trug ein blaues -Kleid mit weißem Spitzenkragen. Sie saß, als Mittelpunkt ihrer Gruppe, -auf dem Sofa hinter dem runden Tisch, im Hintergrunde des kleinen -Gemaches, das Gesicht dem Spielzimmer zugewandt. Hans Castorp, der die -ungezogene Frau nicht ohne Mißbilligung betrachten konnte, dachte bei -sich: Sie erinnert mich an irgend etwas, doch kann ich nicht sagen, an -was ... Ein langer Mensch von etwa dreißig Jahren und mit gelichtetem -Haupthaar spielte an dem kleinen braunen Pianoforte dreimal -hintereinander den Hochzeitsmarsch aus dem „Sommernachtstraum“, und als -einige Damen ihn darum baten, begann er das melodiöse Stück zum -viertenmal, nachdem er einer nach der anderen tief und schweigend in die -Augen geblickt hatte. - -„Ist es erlaubt, sich nach Ihrem Befinden zu erkundigen, Ingenieur?“ -fragte Settembrini, welcher, die Hände in den Hosentaschen, zwischen den -Gästen umhergeschlendert war und nun vor Hans Castorp hintrat ... Noch -immer trug er seinen grauen, flausartigen Rock und die hell karierten -Beinkleider. Er lächelte bei seiner Anrede, und wieder empfand Hans -Castorp etwas wie Ernüchterung beim Anblick dieses fein und spöttisch -gekräuselten Mundwinkels unter der Biegung des schwarzen Schnurrbartes. -Übrigens blickte er den Italiener ziemlich blöde, mit schlaffem Munde -und rotgeäderten Augen an. - -„Ach, Sie sind es“, sagte er. „Der Herr vom Morgenspaziergang, den wir -bei dieser Bank da oben ... beim Wasserlauf ... Natürlich, ich habe Sie -sofort wieder erkannt. Wollen Sie glauben,“ fuhr er fort, obgleich er -wohl einsah, daß er es nicht hätte sagen dürfen, „daß ich Sie damals im -ersten Augenblick für einen Drehorgelmann gehalten habe? ... Das war -natürlich der reine Unsinn,“ setzte er hinzu, da er sah, daß -Settembrini’s Blick einen kühl forschenden Ausdruck annahm, „– eine -furchtbare Dummheit mit einem Wort! Es _ist_ mir sogar vollständig -unbegreiflich, wie in aller Welt ich ...“ - -„Beunruhigen Sie sich nicht, es hat nichts zu sagen“, erwiderte -Settembrini, nachdem er den jungen Mann noch einen Augenblick schweigend -betrachtet hatte. „Und wie haben Sie also Ihren Tag verbracht, – den -ersten Ihres Aufenthaltes an diesem Lustorte?“ - -„Ich danke sehr. Ganz vorschriftsmäßig“, antwortete Hans Castorp. -„Vorwiegend auf ‚horizontale Art‘, wie Sie es mit Vorliebe nennen -sollen.“ - -Settembrini lächelte. - -„Es mag sein, daß ich mich gelegentlich so ausgedrückt habe“, sagte er. -„Nun, und Sie fanden sie kurzweilig, diese Lebensweise?“ - -„Kurzweilig und langweilig, wie Sie nun wollen“, erwiderte Hans Castorp. -„Das ist zuweilen schwer zu unterscheiden, wissen Sie. Ich habe mich -durchaus nicht gelangweilt, – dazu ist es doch ein allzu munterer -Betrieb bei Ihnen hier oben. Man bekommt so viel Neues und Merkwürdiges -zu hören und zu sehen ... Und doch ist mir auch andererseits wieder, als -ob ich nicht nur einen Tag, sondern schon längere Zeit hier wäre, – -geradezu, als ob ich hier schon älter und klüger geworden wäre, so kommt -es mir vor.“ - -„Klüger auch?“ sagte Settembrini und zog die Brauen hoch. „Wollen Sie -mir die Frage erlauben: Wie alt sind Sie eigentlich?“ - -Aber siehe da, Hans Castorp wußte es nicht! Er wußte im Augenblick -nicht, wie alt er sei, trotz heftiger, ja verzweifelter Anstrengungen, -sich darauf zu besinnen. Um Zeit zu gewinnen, ließ er sich die Frage -wiederholen und sagte dann: - -„... Ich ... wie alt? Ich bin natürlich im vierundzwanzigsten. Demnächst -werde ich vierundzwanzig. Verzeihen Sie, ich bin müde!“ sagte er. „Und -Müdigkeit ist noch gar nicht der Ausdruck für meinen Zustand. Kennen Sie -das, wenn man träumt und weiß, daß man träumt und zu erwachen sucht und -nicht aufwachen kann? Genau so ist mir zumut. Unbedingt muß ich Fieber -haben, anders kann ich es mir gar nicht erklären. Wollen Sie glauben, -daß ich bis zu den Knien hinauf kalte Füße habe? Wenn man so sagen darf, -denn die Knie sind ja natürlich nicht mehr die Füße, – entschuldigen -Sie, ich bin im höchsten Grade konfus, und das ist ja auch am Ende kein -Wunder, wenn man schon am frühen Morgen mit dem ... mit dem Pneumothorax -angepfiffen wird und nachher die Reden dieses Herrn Albin mit anhört und -obendrein in horizontaler Lage. Denken Sie, mir ist immer, als dürfte -ich meinen fünf Sinnen nicht mehr recht trauen, und ich muß sagen, das -geniert mich noch mehr, als die Hitze im Gesicht und die kalten Füße. -Sagen Sie mir offen: halten Sie es für möglich, daß Frau Stöhr -achtundzwanzig Fischsaucen zu machen versteht? Ich meine nicht, ob sie -sie wirklich machen kann – das halte ich für ausgeschlossen – sondern ob -sie es auch nur wirklich vorhin bei Tische behauptet hat oder ob es mir -nur so vorkam, – nur das möchte ich wissen.“ - -Settembrini sah ihn an. Er schien nicht zugehört zu haben. Wieder hatten -seine Augen „sich festgesehen“, waren in eine fixe und blinde -Einstellung geraten, und wie heute morgen sagte er je dreimal „so, so, -so“ und „sieh, sieh, sieh“, – spöttisch-nachdenklich und mit scharfem -S-Laut. - -„Vierundzwanzig sagten Sie?“ fragte er dann ... - -„Nein, achtundzwanzig!“ sagte Hans Castorp. „Achtundzwanzig Fischsaucen! -Nicht Saucen im allgemeinen, sondern speziell Fischsaucen, das ist das -Ungeheuerliche.“ - -„Ingenieur!“ sagte Settembrini zornig und ermahnend. „Nehmen Sie sich -zusammen und lassen Sie mich mit diesem liederlichen Unsinn in Ruhe! Ich -weiß nichts davon und will nichts davon wissen. – Im vierundzwanzigsten, -sagten Sie? Hm ... gestatten Sie mir noch eine Frage oder einen -unmaßgeblichen Vorschlag, wenn Sie so wollen. Da der Aufenthalt Ihnen -nicht zuträglich zu sein scheint, da Sie sich körperlich und, wenn mich -nicht alles täuscht, auch seelisch nicht wohl bei uns befinden, – wie -wäre es denn da, wenn Sie darauf verzichteten, hier älter zu werden, -kurz, wenn Sie noch heute nacht wieder aufpackten und sich morgen mit -den fahrplanmäßigen Schnellzügen auf- und davonmachten?“ - -„Sie meinen, ich sollte abreisen?“ fragte Hans Castorp ... „Wo ich -gerade erst angekommen bin? Aber nein, wie will ich denn urteilen nach -dem ersten Tage!“ - -Zufällig blickte er ins Nebenzimmer bei diesen Worten und sah dort Frau -Chauchat von vorn, ihre schmalen Augen und breiten Backenknochen. Woran, -dachte er, woran und an wen in aller Welt erinnert sie mich nur. Aber -sein müder Kopf wußte die Frage trotz einiger Anstrengung nicht zu -beantworten. - -„Natürlich fällt es mir nicht so ganz leicht, mich bei Ihnen hier oben -zu akklimatisieren,“ fuhr er fort, „das war doch vorauszusehen, und -deshalb gleich die Flinte ins Korn zu werfen, nur weil ich vielleicht -ein paar Tage ein bißchen verwirrt und heiß sein werde, da müßte ich -mich ja schämen, geradezu feig würde ich mir vorkommen und außerdem -ginge es gegen alle Vernunft, – nein, sagen Sie selbst ...“ - -Er sprach auf einmal sehr eindringlich, mit erregten Schulterbewegungen, -und schien den Italiener bestimmen zu wollen, seinen Vorschlag in aller -Form zurückzunehmen. - -„Ich salutiere der Vernunft“, antwortete Settembrini. „Ich salutiere -übrigens auch dem Mute. Was Sie sagen, läßt sich wohl hören, es dürfte -schwer sein, etwas Triftiges dagegen einzuwenden. Auch habe ich wirklich -schöne Fälle von Akklimatisation beobachtet. Da war im vorigen Jahre -Fräulein Kneifer, Ottilie Kneifer, durchaus von Familie, die Tochter -eines höheren Staatsfunktionärs. Sie war wohl anderthalb Jahre hier und -hatte sich so vortrefflich eingelebt, daß sie, als ihre Gesundheit -vollkommen hergestellt war – denn das kommt vor, man wird zuweilen -gesund hier oben –, daß sie auch dann noch um keinen Preis fort wollte. -Sie bat den Hofrat von ganzer Seele, noch bleiben zu dürfen, sie könne -und möge nicht heim, hier sei sie zu Hause, hier sei sie glücklich; da -aber lebhafter Zudrang herrschte und man ihr Zimmer benötigte, so war -ihr Flehen umsonst, und man beharrte darauf, sie als gesund zu -entlassen. Ottilie bekam hohes Fieber, sie ließ ihre Kurve tüchtig -ansteigen. Allein man entlarvte sie, indem man ihr das gebräuchliche -Thermometer mit einer ‚Stummen Schwester‘ vertauschte, – Sie wissen noch -nicht, was das ist, es ist ein Thermometer ohne Bezifferung, der Arzt -kontrolliert ihn, indem er ein Maß daran legt und zeichnet die Kurve -dann selbst. Ottilie, mein Herr, hatte 36,9, Ottilie war fieberfrei. Da -badete sie im See, – wir schrieben Anfang Mai damals, wir hatten -Nachtfröste, der See war nicht geradezu eiskalt, er hatte genau genommen -ein paar Grad über Null. Sie blieb eine gute Weile im Wasser, um dies -oder jenes abzubekommen, – allein der Erfolg? Sie war und blieb gesund. -Sie schied in Schmerz und Verzweiflung, unzugänglich den Trostworten -ihrer Eltern. ‚Was soll ich da unten?‘ rief sie wiederholt. ‚Hier ist -meine Heimat!‘ Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist ... Aber mir -scheint, Sie hören mich nicht, Ingenieur? Es kostet Sie Mühe, sich auf -den Beinen zu halten, wenn mich nicht alles täuscht. Leutnant, hier -haben Sie Ihren Vetter!“ wandte er sich zu Joachim, der eben herantrat. -„Führen Sie ihn zu Bette! Er vereinigt Vernunft und Mut, aber heute -abend ist er ein wenig hinfällig.“ - -„Nein, wirklich, ich habe alles verstanden!“ beteuerte Hans Castorp. -„Die Stumme Schwester ist also nur eine Quecksilbersäule, ganz ohne -Bezifferung, – Sie sehen, ich habe es vollkommen aufgefaßt!“ Aber dann -fuhr er doch mit Joachim im Lift hinauf, zusammen mit mehreren anderen -Patienten, – die Geselligkeit war beendet für heute, man ging -auseinander und suchte Hallen und Loggien auf, zur abendlichen Liegekur. -Hans Castorp ging mit auf Joachims Zimmer. Der Boden des Korridors mit -dem Kokosläufer vollführte sanfte Wellenbewegungen unter seinen Füßen, -aber er empfand es nicht weiter unangenehm. Er setzte sich in Joachims -großen geblümten Lehnstuhl – ein solcher Stuhl stand auch in seinem -eigenen Zimmer – und zündete sich eine Maria Mancini an. Sie schmeckte -nach Leim, nach Kohle und manchem anderen, nur nicht, wie sie sollte; -doch fuhr er trotzdem fort, sie zu rauchen, während er zusah, wie -Joachim sich zur Liegekur fertig machte, seine litewkaartige Hausjoppe -anlegte, darüber einen älteren Paletot zog und dann mit der -Nachttischlampe und seinem russischen Übungsbuch auf den Balkon -hinausging, wo er das Lämpchen einschaltete und auf dem Liegestuhl, das -Thermometer im Munde, sich mit erstaunlicher Gewandtheit in zwei große -Kamelhaardecken zu wickeln begann, die über den Stuhl gebreitet waren. -Hans Castorp sah mit aufrichtiger Bewunderung, wie geschickt er es -ausführte. Er schlug die Decken, eine nach der anderen, zuerst von links -der Länge nach bis unter die Achsel über sich, hierauf von unten über -die Füße und dann von rechts, so daß er endlich ein vollkommen -ebenmäßiges und glattes Paket bildete, aus dem nur Kopf, Schultern und -Arme hervorsahen. - -„Das machst du ja ausgezeichnet“, sagte Hans Castorp. - -„Es ist die Übung“, antwortete Joachim, indem er beim Sprechen das -Thermometer mit den Zähnen festhielt. „Du lernst es auch. Morgen müssen -wir uns unbedingt ein paar Decken für dich besorgen. Du kannst sie unten -schon wieder brauchen, und hier bei uns sind sie unerläßlich, besonders -da du ja keinen Pelzsack hast.“ - -„Ich lege mich aber bei Nacht nicht auf den Balkon“, erklärte Hans -Castorp. „Das tue ich nicht, ich sage es dir gleich. Es würde mir gar zu -sonderbar vorkommen. Alles hat seine Grenzen. Und irgendwie muß ich ja -schließlich auch markieren, daß ich nur zu Besuch bin bei euch hier -oben. Ich sitze hier noch etwas und rauche meine Zigarre, wie es sich -gehört. Sie schmeckt miserabel, aber ich weiß, daß sie gut ist, und das -muß mir für heute genügen. Jetzt ist die Uhr gleich neun, – allerdings, -leider ist es noch nicht mal neun. Aber wenn es halb zehn ist, dann ist -es ja schon so weit, daß man halbwegs normalerweise zu Bett gehen kann.“ - -Ein Frostschauer überlief ihn, – einer und dann mehrere rasch -hintereinander. Hans Castorp sprang auf und lief zum Wandthermometer, -als gelte es, ihn _in flagranti_ ertappen. Nach Réaumur waren neun Grad -im Zimmer. Er faßte die Röhren an und fand sie tot und kalt. Er murmelte -etwas Ungeordnetes, des Inhalts, wenn auch August sei, so sei es doch -eine Schande, daß nicht geheizt werde, denn nicht auf den Monatsnamen -komme es an, den man eben schreibe, sondern auf die herrschende -Temperatur, und die sei so, daß ihn friere wie einen Hund. Aber sein -Gesicht brannte. Er setzte sich wieder, stand nochmals auf, bat murmelnd -um Erlaubnis, Joachims Bettdecke nehmen zu dürfen und breitete sie sich, -im Stuhle sitzend, über den Unterkörper. So saß er, hitzig und -fröstelnd, und quälte sich mit der widerlich schmeckenden Zigarre. Ein -großes Elendsgefühl überkam ihn; ihm war, als sei es ihm noch nie im -Leben so schlecht ergangen. „Das ist ja ein Elend!“ murmelte er. -Dazwischen aber berührte ihn plötzlich ein ganz absonderlich -ausschweifendes Gefühl der Freude und Hoffnung, und als er es empfunden -hatte, saß er nur noch da, um zu warten, ob es nicht vielleicht -wiederkäme. Es kam aber nicht wieder; nur das Elend blieb. Und so stand -er denn schließlich auf, warf Joachims Decke aufs Bett zurück, murmelte -verzerrten Mundes etwas wie „Gute Nacht!“ und „Erfriere nur nicht!“ und -„Zum Frühstück holst du mich ja wohl wieder“ und schwankte über den -Korridor in sein Zimmer hinüber. - -Beim Auskleiden sang er vor sich hin, jedoch nicht aus Fröhlichkeit. -Mechanisch und ohne den rechten Bedacht erledigte er die kleinen -Handgriffe und kulturellen Pflichten der Nachttoilette, goß hellrotes -Mundwasser aus dem Reiseflakon ins Glas und gurgelte diskret, wusch sich -die Hände mit seiner guten und milden Veilchenseife und zog das lange -Batisthemd an, das auf der Brusttasche mit den Buchstaben H C bestickt -war. Dann legte er sich und löschte das Licht, indem er seinen heißen, -verstörten Kopf auf das Sterbekissen der Amerikanerin zurückfallen ließ. - -Aufs bestimmteste hatte er erwartet, daß er sogleich in Schlaf sinken -werde, doch stellte sich das als Irrtum heraus, und seine Lider, die er -vorhin kaum offenzuhalten vermocht hatte, – jetzt wollten sie durchaus -nicht geschlossen bleiben, sondern öffneten sich unruhig zuckend, sobald -er sie senkte. Es war noch nicht seine gewohnte Schlafenszeit, sagte er -sich, und dann hatte er wohl tagüber zuviel gelegen. Auch wurde draußen -ein Teppich geklopft, – was ja wenig wahrscheinlich und in der Tat -überhaupt nicht der Fall war; sondern es erwies sich, daß sein Herz es -war, dessen Schlag er außer sich und weit fort im Freien hörte, genau -so, als werde dort draußen ein Teppich mit einem geflochtenen -Rohrklopfer bearbeitet. - -Es war im Zimmer noch nicht völlig dunkel geworden; der Schein der -Lämpchen draußen in den Logen, bei Joachim und bei dem Paare vom -Schlechten Russentisch, fiel durch die offene Balkontür herein. Und -während Hans Castorp mit blinzelnden Lidern auf dem Rücken lag, erneute -sich ihm plötzlich ein Eindruck, ein einzelner des Tages, eine -Beobachtung, die er mit Schrecken und Zartgefühl sogleich zu vergessen -gesucht hatte. Es war der Ausdruck, den Joachims Gesicht angenommen -hatte, als von Marusja und ihren körperlichen Eigenschaften die Rede -gewesen war, – diese ganz eigentümlich klägliche Verzerrung seines -Mundes nebst fleckigem Erblassen seiner gebräunten Wangen. Hans Castorp -verstand und durchschaute, was es bedeutete, verstand und durchschaute -es auf eine so neue, eingehende und intime Art, daß der Rohrklopfer da -draußen seine Schläge sowohl der Schnelligkeit wie der Stärke nach -verdoppelte und beinahe die Klänge des Abendständchens in „Platz“ -übertäubte – denn es war wieder Konzert in jenem Hotel dort unten; eine -symmetrisch gebaute und abgeschmackte Operettenmelodie klang durch das -Dunkel herüber, und Hans Castorp pfiff sie im Flüstertone mit (man kann -ja flüsternd pfeifen), während er mit seinen kalten Füßen unter dem -Federdeckbett den Takt dazu schlug. - -Das war natürlich die rechte Art nicht einzuschlafen, und Hans Castorp -spürte jetzt auch gar keine Neigung dazu. Seit er auf so neuartige und -lebhafte Weise verstanden, warum Joachim sich verfärbt hatte, schien die -Welt ihm neu, und jenes Gefühl ausschweifender Freude und Hoffnung -berührte ihn wieder in seinem Innersten. Übrigens wartete er noch auf -etwas, ohne sich recht zu fragen, worauf. Als er aber hörte, wie die -Nachbarn zur Rechten und Linken die abendliche Liegekur beendeten und -ihre Zimmer aufsuchten, um die horizontale Lage draußen mit derjenigen -drinnen zu vertauschen, gab er vor sich selbst der Überzeugung Ausdruck, -daß das barbarische Ehepaar Frieden halten werde. Ich kann ruhig -einschlafen, dachte er. Sie werden heute abend Frieden halten, das -erwarte ich aufs Bestimmteste! Aber sie taten es nicht, und Hans Castorp -hatte es auch gar nicht aufrichtig gedacht, ja, die Wahrheit zu sagen, -hätte er es persönlich und seinerseits nicht einmal verstanden, wenn sie -Frieden gegeben hätten. Trotzdem erging er sich in tonlos -hervorgestoßenen Ausrufen des heftigsten Erstaunens über das, was er -hörte. „Unerhört!“ rief er ohne Stimme. „Das ist enorm! Wer hätte -dergleichen für möglich gehalten?“ Und zwischendurch beteiligte er sich -wieder mit flüsternden Lippen an der abgeschmackten Operettenmelodie, -die hartnäckig herübertönte. - -Später kam der Schlummer. Aber mit ihm kamen die krausen Traumbilder, -noch krausere, als in der ersten Nacht, aus denen er des öfteren -schreckhaft oder einem wirren Einfall nachjagend emporfuhr. Ihm träumte, -er sähe Hofrat Behrens mit krummen Knien und steif nach vorn hängenden -Armen die Gartenpfade dahinwandeln, indem er seine langen und gleichsam -öde anmutenden Schritte einer fernen Marschmusik anpaßte. Als der Hofrat -vor Hans Castorp stehenblieb, trug er eine Brille mit dicken, -kreisrunden Gläsern und faselte Ungereimtes. „Zivilist natürlich“, sagte -er und zog, ohne um Erlaubnis zu bitten, Hans Castorps Augenlid mit -Zeige- und Mittelfinger seiner riesigen Hand herunter. „Ehrsamer -Zivilist, wie ich gleich bemerkte. Aber nicht ohne Talent, gar nicht -ohne Talent zur erhöhten Allgemeinverbrennung! Würde mit den Jährchen -nicht geizen, den flotten Dienstjährchen bei uns hier oben! Na, nun mal -hoppla die Herren und los mit dem Lustwandel!“ rief er, indem er seine -beiden enormen Zeigefinger in den Mund steckte und so eigentümlich -wohllautend darauf pfiff, daß von verschiedenen Seiten und in -verkleinerter Gestalt die Lehrerin und Miß Robinson durch die Lüfte -geflogen kamen und sich ihm rechts und links auf die Schultern setzten, -wie sie im Speisesaal rechts und links von Hans Castorp saßen. So ging -der Hofrat mit hüpfenden Tritten davon, wobei er mit einer Serviette -hinter die Brille fuhr, um sich die Augen zu wischen, – man wußte nicht, -was da zu trocknen war, ob Schweiß oder Tränen. - -Dann schien es dem Träumenden, als befinde er sich auf dem Schulhof, wo -er so viele Jahre hindurch die Pausen zwischen den Unterrichtsstunden -verbracht, und sei im Begriffe, sich von Madame Chauchat, die ebenfalls -zugegen war, einen Bleistift zu leihen. Sie gab ihm den rotgefärbten, -nur noch halblangen in einem silbernen Crayon steckenden Stift, indem -sie Hans Castorp mit angenehm heiserer Stimme ermahnte, ihn ihr nach der -Stunde bestimmt zurückzugeben, und als sie ihn ansah, mit ihren schmalen -blaugraugrünen Augen über den breiten Backenknochen, da riß er sich -gewaltsam aus dem Traum empor, denn nun hatte er es und wollte es -festhalten, woran und an wen sie ihn eigentlich so lebhaft erinnerte. -Eilig brachte er die Erkenntnis für morgen in Sicherheit, denn er -fühlte, daß Schlaf und Traum ihn wieder umfingen, und sah sich alsbald -in der Lage, Zuflucht vor Dr. Krokowski suchen zu müssen, der ihm -nachstellte, um Seelenzergliederung mit ihm vorzunehmen, wovor Hans -Castorp eine tolle, eine wahrhaft unsinnige Angst empfand. Er floh vor -dem Doktor behinderten Fußes an den Glaswänden vorbei durch die -Balkonlogen, sprang mit Gefahr seines Lebens in den Garten hinab, suchte -in seiner Not sogar die rotbraune Flaggenstange zu erklettern und -erwachte schwitzend in dem Augenblick, als der Verfolger ihn am -Hosenbein packte. - -Kaum jedoch hatte er sich ein wenig beruhigt und war wieder -eingeschlummert, als sich der Sachverhalt folgendermaßen für ihn -gestaltete. Er bemühte sich, mit der Schulter Settembrini vom Fleck zu -drängen, welcher dastand und lächelte, – fein, trocken und spöttisch, -unter dem vollen, schwarzen Schnurrbart, dort, wo er sich in schöner -Rundung aufwärts bog, und dieses Lächeln eben war es, was Hans Castorp -als Beeinträchtigung empfand. „Sie stören!“ hörte er sich deutlich -sagen. „Fort mit Ihnen! Sie sind nur ein Drehorgelmann, und Sie stören -hier!“ Allein Settembrini ließ sich nicht von der Stelle drängen, und -Hans Castorp stand noch, um nachzudenken, was hier zu tun sei, als ihm -ganz unverhofft die ausgezeichnete Einsicht zuteil wurde, was eigentlich -die Zeit sei: nämlich nichts anderes, als einfach eine Stumme Schwester, -eine Quecksilbersäule ganz ohne Bezifferung, für diejenigen, welche -mogeln wollten, – worüber er mit dem bestimmten Vorhaben erwachte, -seinem Vetter Joachim morgen von diesem Funde Mitteilung zu machen. - -Unter solchen Abenteuern und Entdeckungen verging die Nacht, und auch -Hermine Kleefeld sowie Herr Albin und Hauptmann Miklosich, welch -letzterer Frau Stöhr in seinem Rachen davontrug und von Staatsanwalt -Paravant mit einem Speere durchbohrt wurde, spielten ihre verworrene -Rolle dabei. Einen Traum aber träumte Hans Castorp sogar zweimal in -dieser Nacht und zwar beide Male genau in derselben Form, – das -letztemal gegen Morgen. Er saß im Saal mit den sieben Tischen, als unter -dem größten Geschmetter die Glastür ins Schloß fiel und Madame Chauchat -hereinkam, im weißen Sweater, die eine Hand in der Tasche, die andere am -Hinterkopf. Statt aber zum Guten Russentische zu gehen, bewegte die -unerzogene Frau sich ohne Laut auf Hans Castorp zu und reichte ihm -schweigend die Hand zum Kusse, – aber nicht den Handrücken reichte sie -ihm, sondern das Innere, und Hans Castorp küßte sie in die Hand, in ihre -unveredelte, ein wenig breite und kurzfingerige Hand mit der -aufgerauhten Haut zu Seiten der Nägel. Da durchdrang ihn wieder von Kopf -bis zu Fuß jenes Gefühl von wüster Süßigkeit, das in ihm aufgestiegen -war, als er zur Probe sich des Druckes der Ehre ledig gefühlt und die -bodenlosen Vorteile der Schande genossen hatte, – dies empfand er nun -wieder in seinem Traum, nur ungeheuer viel stärker. - - - - - Viertes Kapitel - - - Notwendiger Einkauf - -„Ist jetzt euer Sommer zu Ende?“ fragte Hans Castorp am dritten Tage -ironisch seinen Vetter ... - -Es war ein schrecklicher Wettersturz. - -Der zweite Tag, den der Hospitant vollständig hier oben verlebt hatte, -war prächtig-sommerlich gewesen. Tiefblau leuchtete der Himmel über den -lanzenartigen Wipfeltrieben der Fichten, während die Ortschaft im -Talgrunde grell in der Hitze schimmerte und das Geläut der Kühe, die -umherwandelnd das kurze, erwärmte Mattengras der Lehnen rupften, -heiter-beschaulich die Lüfte erfüllte. Die Damen waren schon zum ersten -Frühstück in zarten Waschblusen erschienen, einige sogar mit -durchbrochenen Ärmeln, was nicht alle gleich gut gekleidet hatte, – Frau -Stöhr zum Beispiel kleidete es entschieden schlecht, ihre Arme waren zu -schwammig, Duftigkeit der Kleidung eignete sich nun einmal nicht für -sie. Auch die Herrenwelt des Sanatoriums hatte der schönen Witterung auf -verschiedene Weise in ihrem Äußeren Rechnung getragen. Lüsterjacken und -leinene Anzüge waren aufgetaucht, und Joachim Ziemßen hatte -elfenbeinfarbene Flanellhosen zu seinem blauen Rock getragen, eine -Zusammenstellung, die seiner Erscheinung ein vollständig militärisches -Gepräge verlieh. Was Settembrini betraf, so hatte er zwar wiederholt das -Vorhaben geäußert, den Anzug zu wechseln. „Teufel!“ hatte er gesagt, als -er nach dem Lunch mit den Vettern in den Ort hinunterpromenierte, „wie -die Sonne brennt! Ich sehe, ich werde mich leichter kleiden müssen.“ -Aber trotzdem es gewählt ausgedrückt war, hatte er nach wie vor seinen -langen Flaus mit den großen Aufschlägen und seine gewürfelten -Beinkleider anbehalten, – wahrscheinlich war das alles, was er an -Garderobe besaß. - -Am dritten Tage jedoch war es genau, als ob die Natur zu Falle gebracht -und jede Ordnung auf den Kopf gestellt würde; Hans Castorp traute seinen -Augen nicht. Es war nach der Hauptmahlzeit, und man befand sich seit -zwanzig Minuten in der Liegekur, als die Sonne sich eilig verbarg, -häßlich torfbraunes Gewölk über die südöstlichen Kämme heraufzog und ein -Wind von fremder Luftbeschaffenheit, kalt und das Gebein erschreckend, -als käme er aus unbekannten, eisigen Gegenden, plötzlich durch das Tal -fegte, die Temperatur umstürzte und ein ganz neues Regiment eröffnete. - -„Schnee“, sagte Joachims Stimme hinter der Glaswand. - -„Was meinst du mit ‚Schnee‘?“ fragte Hans Castorp darauf. „Du willst -doch nicht sagen, daß es jetzt schneien wird?“ - -„Sicher“, antwortete Joachim. „Den Wind, den kennen wir. Wenn der kommt, -dann gibt es Schlittenbahn.“ - -„Unsinn!“ sagte Hans Castorp. „Wenn mir recht ist, so schreiben wir -Anfang August.“ - -Aber Joachim hatte wahr gesprochen, eingeweiht, wie er war in die -Verhältnisse. Denn binnen wenigen Augenblicken setzte unter wiederholten -Gewitterschlägen ein gewaltiges Schneetreiben ein, – ein Gestöber, so -dicht, daß alles in weißen Dampf gehüllt erschien und man von Ortschaft -und Tal fast nichts mehr erblickte. - -Es schneite den ganzen Nachmittag fort. Die Zentralheizung ward -angezündet, und während Joachim seinen Pelzsack in Benutzung nahm und -sich im Kurdienste nicht stören ließ, flüchtete sich Hans Castorp in das -Innere seines Zimmers, rückte einen Stuhl an die erwärmten Röhren und -blickte von dort unter häufigem Kopfschütteln in das Unwesen hinaus. Am -nächsten Morgen schneite es nicht mehr; aber obgleich das -Außenthermometer einige Wärmegrade zeigte, war der Schnee doch fußhoch -liegen geblieben, so daß eine vollkommene Winterlandschaft sich vor Hans -Castorps verwunderten Blicken ausbreitete. Man hatte die Heizung wieder -ausgehen lassen. Die Zimmertemperatur betrug sechs Grad über Null. - -„Ist jetzt euer Sommer zu Ende?“ fragte Hans Castorp seinen Vetter mit -bitterer Ironie ... - -„Das kann man nicht sagen“, erwiderte Joachim sachlich. „Will’s Gott, so -wird es noch schöne Sommertage geben. Selbst im September ist das noch -sehr wohl möglich. Aber die Sache ist die, daß die Jahreszeiten hier -nicht so sehr voneinander verschieden sind, weißt du, sie vermischen -sich sozusagen und halten sich nicht an den Kalender. Im Winter ist oft -die Sonne so stark, daß man schwitzt und den Rock auszieht beim -Spazierengehen, und im Sommer, nun, das siehst du ja schon, wie es im -Sommer hier manchmal ist. Und dann der Schnee – er bringt alles -durcheinander. Es schneit im Januar, aber im Mai nicht viel weniger, und -im August schneit es auch, wie du bemerkst. Im ganzen kann man sagen, -daß kein Monat vergeht, ohne daß es schneit, das ist ein Satz, an dem -man festhalten kann. Kurz, es gibt Wintertage und Sommertage und -Frühlings- und Herbsttage, aber so richtige Jahreszeiten, die gibt es -eigentlich nicht bei uns hier oben.“ - -„Das ist ja eine schöne Konfusion“, sagte Hans Castorp. Er ging in -Überschuhen und Winterpaletot mit seinem Vetter in den Ort hinab, um -sich Decken für die Liegekur zu besorgen, denn es war klar, daß er bei -dieser Witterung mit seinem Plaid nicht auskommen werde. Vorübergehend -erwog er sogar, ob er nicht zum Kauf eines Pelzsackes schreiten solle, -nahm dann aber Abstand davon, ja, schreckte gewissermaßen vor dem -Gedanken zurück. - -„Nein, nein,“ sagte er, „bleiben wir bei den Decken! Ich werde unten -schon wieder Verwendung für sie haben, und Decken hat man ja überall, es -ist weiter nichts so Besonderes oder Aufregendes dabei. Aber so ein -Pelzsack ist etwas gar zu Spezielles, – versteh’ mich recht, wenn ich -mir einen Pelzsack anschaffe, käme ich mir selber vor, als ob ich mich -hier häuslich niederlassen wollte und schon gewissermaßen zu euch -gehörte ... Kurz, ich will nichts weiter sagen, als daß es ja absolut -nicht lohnen würde, für die paar Wochen eigens einen Pelzsack zu -kaufen.“ - -Joachim stimmte dem zu, und so erstanden sie denn in einem hübschen, -reichhaltigen Geschäft des Englischen Viertels zwei solche -Kamelhaardecken, wie Joachim sie hatte, ein besonders langes und -breites, angenehm weiches Fabrikat in Naturfarbe, und gaben Order, daß -sie sofort ins Sanatorium gesandt werden sollten, ins Internationale -Sanatorium „Berghof“, Zimmertür 34. Gleich heute nachmittag wollte Hans -Castorp sie zum erstenmal in Gebrauch nehmen. - -Natürlich war es um die Zeit nach dem zweiten Frühstück, denn sonst bot -die Tagesordnung keine Gelegenheit, in den Ort hinunterzugehen. Es -regnete jetzt, und der Schnee auf den Straßen hatte sich in spritzenden -Eisbrei verwandelt. Auf dem Heimwege holten sie Settembrini ein, welcher -unter einem Regenschirm, wenn auch barhäuptig, ebenfalls dem Sanatorium -zustrebte. Der Italiener sah gelb aus und befand sich ersichtlich in -elegischer Stimmung. In reinen und wohlgeformten Worten jammerte er über -die Kälte, die Nässe, unter der er so bitter litt. Wenn wenigstens -geheizt würde! Aber diese elenden Machthaber ließen die Heizung ja -ausgehen, sobald es zu schneien aufhöre, – eine stumpfsinnige Regel, ein -Hohn auf alle Vernunft! Und als Hans Castorp einwandte, er denke sich, -daß eine mäßige Zimmertemperatur wohl zu den Kurprinzipien gehöre, – man -wolle einer Verwöhnung der Patienten offenbar damit vorbeugen, da -antwortete Settembrini mit dem heftigsten Spott. Ei, in der Tat, die -Kurprinzipien. Die hehren und unantastbaren Kurprinzipien! Hans Castorp -spreche wahrhaftig in dem richtigen Tone von ihnen, nämlich in dem der -Religiosität und der Unterwürfigkeit. Nur auffallend – wenn auch in -einem durchaus erfreulichen Sinne auffallend, – daß gerade diejenigen -unter ihnen so unbedingte Verehrung genössen, die mit den ökonomischen -Interessen der Gewalthaber genau übereinstimmten, – während man denen -gegenüber, bei denen dies weniger zutreffe, ein Auge zuzudrücken geneigt -sei ... Und während die Vettern lachten, kam Settembrini auf seinen -verstorbenen Vater zu sprechen, im Zusammenhang mit der Wärme, nach der -er sich sehnte. - -„Mein Vater,“ sagte er gedehnt und schwärmerisch, – „er war ein so -feiner Mann, – empfindlich am Körper wie an der Seele! Wie liebte er im -Winter sein kleines, warmes Studierstübchen, von Herzen liebte er es, -stets mußten zwanzig Grad Réaumur darin herrschen, vermöge eines -rotglühenden Öfchens, und wenn man an naßkalten Tagen oder an solchen, -wenn der schneidende Tramontanawind ging, vom Flure des Häuschens her -eintrat, so legte die Wärme sich einem wie ein linder Mantel um die -Schultern, und die Augen füllten sich mit wohligen Tränen. Vollgepfropft -war das Stübchen mit Büchern und Handschriften, worunter sich große -Kostbarkeiten befanden, und zwischen den Geistesschätzen stand er in -seinem Schlafrock aus blauem Flanell am schmalen Pult und widmete sich -der Literatur, – zierlich und klein von Person, einen guten Kopf kleiner -als ich, stellen Sie sich vor! aber mit dicken Büscheln aus grauem Haar -an den Schläfen und einer Nase, so lang und fein ... Welch ein Romanist, -meine Herren! Einer der Ersten seiner Zeit, ein Kenner unserer Sprache -wie wenige, ein lateinischer Stilist wie sonst keiner mehr, ein _uomo -letterato_ nach Boccaccios Herzen ... Von weither kamen die Gelehrten, -um sich mit ihm zu besprechen, der eine aus Haparanda, ein anderer aus -Krakau, sie kamen ausdrücklich nach Padua, unserer Stadt, um ihm -Hochachtung zu erweisen, und er empfing sie mit freundlicher Würde. Auch -ein Dichter von Distinktion war er, welcher in seinen Mußestunden -Erzählungen in der elegantesten toskanischen Prosa verfaßte, – ein -Meister des _idioma gentile_“, sagte Settembrini mit äußerstem Genuß, -indem er die heimatlichen Silben langsam auf der Zunge zergehen ließ und -den Kopf dabei hin und her bewegte. „Sein Gärtchen baute er nach dem -Beispiele Vergils,“ fuhr er fort, „und was er sprach, war gesund und -schön. Aber warm, warm mußte er es haben in seinem Stübchen, sonst -zitterte er und konnte wohl Tränen vergießen vor Ärger, daß man ihn -frieren ließ. Und nun stellen Sie sich vor, Ingenieur, und Sie, -Leutnant, was ich, der Sohn meines Vaters, an diesem verdammten und -barbarischen Orte leiden muß, wo der Körper im hohen Sommer vor Kälte -zittert und erniedrigende Eindrücke beständig die Seele foltern! Ach, es -ist hart! Welche Typen, die uns umgeben! Dieser närrische Teufelsknecht -von Hofrat. Krokowski“ – und Settembrini tat, als müsse er sich die -Zunge zerbrechen – „Krokowski, dieser schamlose Beichtvater, der mich -haßt, weil meine Menschenwürde mir verbietet, mich zu seinem pfäffischen -Unwesen herzugeben ... Und an meinem Tische ... Welche Gesellschaft, in -der ich zu speisen gezwungen bin! Zu meiner Rechten sitzt ein Bierbrauer -aus Halle – Magnus ist sein Name – mit einem Schnurrbart, der einem -Heubündel ähnelt. ‚Lassen Sie mich mit der Literatur in Ruhe!‘ sagt er. -‚Was bietet sie? Schöne Charaktere! Was fang ich mit schönen Charakteren -an! Ich bin ein praktischer Mann, und schöne Charaktere kommen im Leben -fast gar nicht vor.‘ Dies ist die Vorstellung, die er sich von der -Literatur gebildet hat. Schöne Charaktere ... o Mutter Gottes! Seine -Frau, ihm gegenüber, sitzt da und verliert Eiweiß, während sie mehr und -mehr in Stumpfsinn versinkt. Es ist ein schmutziger Jammer ...“ - -Ohne daß sie sich miteinander verständigt hätten, waren Joachim und Hans -Castorp eines Sinnes über diese Reden: sie fanden sie wehleidig und -unangenehm aufrührerisch, freilich auch unterhaltsam, ja bildend in -ihrer kecken und wortscharfen Aufsässigkeit. Hans Castorp lachte -gutmütig über das „Heubündel“ und auch über die „schönen Charaktere“, -oder vielmehr über die drollig verzweifelte Art, in der Settembrini -davon sprach. Dann sagte er: - -„Gott, ja, die Gesellschaft ist wohl ein bißchen gemischt in so einer -Anstalt. Man kann sich die Tischnachbarn nicht aussuchen, – wohin sollte -denn das auch führen. An unserem Tisch sitzt auch so eine Dame ... Frau -Stöhr, – ich denke mir, daß Sie sie kennen? Mörderlich ungebildet ist -sie, das muß man ja sagen, und manchmal weiß man nicht recht, wo man -hinsehen soll, wenn sie so plappert. Und dabei klagt sie sehr über ihre -Temperatur und daß sie so schlaff ist, und ist wohl leider gar kein ganz -leichter Fall. Das ist so sonderbar, – krank und dumm – ich weiß nicht, -ob ich mich richtig ausdrücke, aber mich mutet es ganz eigentümlich an, -wenn einer dumm ist und dann auch noch krank, wenn das so zusammenkommt, -das ist wohl das Trübseligste auf der Welt. Man weiß absolut nicht, was -man für ein Gesicht dazu machen soll, denn einem Kranken möchte man doch -Ernst und Achtung entgegenbringen, nicht wahr, Krankheit ist doch -gewissermaßen etwas Ehrwürdiges, wenn ich so sagen darf. Aber wenn nun -immer die Dummheit dazwischen kommt mit ‚Fomulus‘ und ‚kosmische -Anstalt‘ und solchen Schnitzern, da weiß man wahrhaftig nicht mehr, ob -man weinen oder lachen soll, es ist ein Dilemma für das menschliche -Gefühl und so kläglich, daß ich es gar nicht sagen kann. Ich meine, es -reimt sich nicht, es paßt nicht zusammen, man ist nicht gewöhnt, es sich -zusammen vorzustellen. Man denkt, ein dummer Mensch muß gesund und -gewöhnlich sein, und Krankheit muß den Menschen fein und klug und -besonders machen. So denkt man es sich in der Regel. Oder nicht? Ich -sage da wohl mehr, als ich verantworten kann“, schloß er. „Es ist nur, -weil wir zufällig darauf kamen ...“ Und er verwirrte sich. - -Auch Joachim war etwas verlegen, und Settembrini schwieg mit erhobenen -Augenbrauen, indem er sich den Anschein gab, als warte er aus -Höflichkeit das Ende der Rede ab. In Wirklichkeit hatte er es darauf -abgesehen, Hans Castorp erst völlig aus dem Konzept kommen zu lassen, -bevor er antwortete: - -„Sapristi, Ingenieur, Sie legen da philosophische Gaben an den Tag, -deren ich mich gar nicht von Ihnen versehen hätte! Ihrer Theorie zufolge -müßten Sie weniger gesund sein, als Sie sich den Anschein geben, da Sie -offenbar Geist besitzen. Erlauben Sie mir aber, Ihnen zu bemerken, daß -ich Ihren Deduktionen nicht folgen kann, daß ich sie ablehne, ja ihnen -in wirklicher Feindseligkeit gegenüberstehe. Ich bin, wie Sie mich da -sehen, ein wenig unduldsam in geistigen Dingen und lasse mich lieber -einen Pedanten schelten, als daß ich Ansichten unbekämpft ließe, die mir -so bekämpfenswert scheinen wie die von Ihnen entwickelten ...“ - -„Aber, Herr Settembrini ...“ - -„Ge–statten Sie mir ... Ich weiß, was Sie sagen wollen. Sie wollen -sagen, daß Sie es so ernst nicht gemeint haben, daß die von Ihnen -vertretenen Anschauungen nicht ohne Weiteres die Ihren sind, sondern daß -Sie gleichsam nur eine der möglichen und in der Luft schwebenden -Anschauungen aufgriffen, um sich unverantwortlicherweise einmal darin zu -versuchen. So entspricht es Ihrem Alter, welches männlicher -Entschlossenheit noch entraten und vorderhand mit allerlei Standpunkten -Versuche anstellen mag. _Placet experiri_“, sagte er, indem er das _c_ -von „_Placet_“ weich, nach italienischer Mundart sprach. „Ein guter -Satz. Was mich stutzig macht, ist eben nur die Tatsache, daß Ihr -Experiment sich gerade in dieser Richtung bewegt. Ich bezweifle, daß -hier Zufall waltet. Ich befürchte das Vorhandensein einer Neigung, die -sich charaktermäßig zu befestigen droht, wenn man ihr nicht -entgegentritt. Darum fühle ich mich verpflichtet, Sie zu korrigieren. -Sie äußerten, Krankheit mit Dummheit gepaart sei das Trübseligste auf -der Welt. Ich kann Ihnen das zugeben. Auch mir ist ein geistreicher -Kranker lieber als ein schwindsüchtiger Dummkopf. Aber mein Protest -beginnt, wenn Sie Krankheit mit Dummheit im Verein gewissermaßen als -einen Stilfehler betrachten, als eine Geschmacksverirrung der Natur und -ein _Dilemma für das menschliche Gefühl_, wie Sie sich auszudrücken -beliebten. Wenn Sie Krankheit für etwas so Vornehmes und – wie sagten -Sie doch – _Ehrwürdiges_ zu halten scheinen, daß sie sich mit Dummheit -schlechterdings _nicht zusammenreimt_. Dies war ebenfalls Ihr Ausdruck. -Nun denn, nein! Krankheit ist durchaus nicht vornehm, durchaus nicht -ehrwürdig, – diese Auffassung ist selbst Krankheit oder sie führt dazu. -Vielleicht rufe ich am sichersten Ihren Abscheu gegen sie wach, wenn ich -Ihnen sage, daß sie betagt und häßlich ist. Sie rührt aus abergläubisch -zerknirschten Zeiten her, in denen die Idee des Menschlichen zum -Zerrbild entartet und entwürdigt war, angstvollen Zeiten, denen Harmonie -und Wohlsein als verdächtig und teuflisch galten, während -Bresthaftigkeit damals einem Freibrief zum Himmelreich gleichkam. -Vernunft und Aufklärung jedoch haben diese Schatten vertrieben, welche -auf der Seele der Menschheit lagerten, – noch nicht völlig, sie liegen -noch heute im Kampfe mit ihnen; dieser Kampf aber heißt Arbeit, mein -Herr, irdische Arbeit, Arbeit für die Erde, für die Ehre und die -Interessen der Menschheit, und täglich aufs neue gestählt in solchem -Kampfe, werden jene Mächte den Menschen vollends befreien und ihn auf -den Wegen des Fortschrittes und der Zivilisation einem immer helleren, -milderen und reineren Lichte entgegenleiten.“ - -Donnerwetter, dachte Hans Castorp bestürzt und beschämt, das ist ja eine -Arie! Womit habe ich denn das herausgefordert? Etwas trocken kommt es -mir übrigens vor. Und was er nur immer mit der Arbeit will. Immer hat er -es mit der Arbeit, obgleich es doch wenig hierher paßt. Und er sagte: - -„Sehr schön, Herr Settembrini. Es ist geradezu hörenswert, wie Sie das -so zu sagen wissen. Man könnte es gar nicht ... gar nicht plastischer -ausdrücken, meine ich.“ - -„Rückneigung,“ setzte Settembrini wieder ein, indem er seinen -Regenschirm über den Kopf eines Vorübergehenden hinweghob, „geistige -Rückneigung in die Anschauungen jener finsteren, gequälten Zeiten – -glauben Sie mir, Ingenieur, das ist Krankheit, – eine sattsam erforschte -Krankheit, für welche die Wissenschaft verschiedene Namen besitzt, einen -aus der Sprache der Schönheits- und Seelenlehre und einen aus der der -Politik, – Schulausdrücke, die nichts zur Sache tun und deren Sie gern -entraten mögen. Da aber im Geistesleben alles zusammenhängt und eines -sich aus dem andern ergibt, da man dem Teufel nicht den kleinen Finger -reichen darf, ohne daß er die ganze Hand nimmt und den ganzen Menschen -dazu ... da andererseits ein gesundes Prinzip immer nur lauter Gesundes -zeitigen kann, gleichviel, welches man nun an den Anfang stelle, – so -prägen Sie es sich ein, daß Krankheit, weit entfernt, etwas Vornehmes, -etwas allzu Ehrwürdiges zu sein, um mit Dummheit leidlicherweise -verbunden sein zu dürfen, vielmehr _Erniedrigung_ bedeutet, – ja, eine -schmerzliche, die Idee verletzende Erniedrigung des Menschen, die man im -Einzelfalle schonen und betreuen möge, aber die geistig zu ehren -_Verirrung_ – prägen Sie sich das ein! – eine Verirrung und aller -geistigen Verirrung Anfang ist. Diese Frau, deren Sie Erwähnung taten, – -ich verzichte darauf, mich ihres Namens zu entsinnen – Frau Stöhr also, -ich danke sehr – kurzum, diese lächerliche Frau, – nicht ihr Fall ist -es, wie mir scheint, der das menschliche Gefühl, wie Sie sagten, in ein -Dilemma versetzt. Krank und dumm, – in Gottes Namen, das ist die Misere -selbst, die Sache ist einfach, es bleibt nichts als Erbarmen und -Achselzucken. Das Dilemma, mein Herr, die _Tragik_ beginnt, wo die Natur -grausam genug war, die Harmonie der Persönlichkeit zu brechen – oder von -vornherein unmöglich zu machen –, indem sie einen edlen und -lebenswilligen Geist mit einem zum Leben nicht tauglichen Körper -verband. Kennen Sie Leopardi, Ingenieur, oder Sie, Leutnant? Ein -unglücklicher Dichter meines Landes, ein bucklichter, kränklicher Mann -mit ursprünglich großer, durch das Elend seines Körpers aber beständig -gedemütigter und in die Niederungen der Ironie herabgezogener Seele, -deren Klagen das Herz zerreißen. Hören Sie dieses!“ - -Und Settembrini begann, italienisch zu rezitieren, indem er die schönen -Silben auf der Zunge zergehen ließ, den Kopf hin und her bewegte und -zuweilen die Augen schloß, unbekümmert darum, daß seine Begleiter kein -Wort verstanden. Sichtlich war es ihm darum zu tun, sein Gedächtnis und -seine Aussprache selbst zu genießen und vor den Zuhörern zur Geltung zu -bringen. Endlich sagte er: - -„Aber Sie verstehen nicht, Sie hören, ohne den schmerzlichen Sinn zu -erfassen. Der Krüppel Leopardi, meine Herren, empfinden Sie dies ganz, -entbehrte vor allem der Frauenliebe, und dies war es wohl namentlich, -was ihn unfähig machte, der Verkümmerung seiner Seele zu steuern. Der -Glanz des Ruhmes und der Tugend verblaßte ihm, die Natur erschien ihm -böse – übrigens _ist_ sie böse, dumm und böse, ich gebe ihm recht hierin -– und er verzweifelte – es ist furchtbar zu sagen – er verzweifelte an -Wissenschaft und Fortschritt! Hier haben Sie Tragik, Ingenieur. Hier -haben Sie Ihr ‚Dilemma für das menschliche Gefühl‘, – nicht bei jener -Frau dort, – ich lehne es ab, mein Gedächtnis um ihren Namen zu bemühen -... Sprechen Sie mir nicht von der ‚Vergeistigung‘, die durch Krankheit -hervorgebracht werden kann, um Gottes willen, tun Sie es nicht! Eine -Seele ohne Körper ist so unmenschlich und entsetzlich, wie ein Körper -ohne Seele, und übrigens ist das erstere die seltene Ausnahme und das -zweite die Regel. In der Regel ist es der Körper, der überwuchert, der -alle Wichtigkeit, alles Leben an sich reißt und sich aufs widerwärtigste -emanzipiert. Ein Mensch, der als Kranker lebt, ist _nur_ Körper, das ist -das Widermenschliche und Erniedrigende, – er ist in den meisten Fällen -nichts Besseres als ein Kadaver ...“ - -„Komisch“, sagte Joachim plötzlich, indem er sich vorbeugte, um seinen -Vetter anzusehen, der an Settembrinis anderer Seite ging. „Etwas ganz -ähnliches hast du doch neulich auch gesagt.“ - -„So?“ sagte Hans Castorp. „Ja, es kann ja wohl sein, daß mir was -ähnliches auch schon durch den Kopf ging.“ - -Settembrini schwieg während einiger Schritte. Dann sagte er: - -„Desto besser, meine Herren. Desto besser, wenn dem so ist. Die Absicht -lag mir fern, Ihnen irgendwelche Originalphilosophie vorzutragen, – das -ist nicht meines Amtes. Wenn unser Ingenieur schon seinerseits -Übereinstimmendes angemerkt hat, so bestätigt dies nur meine Mutmaßung, -daß er geistig dilettiert, daß er nach Art begabter Jugend mit den -möglichen Anschauungen vorläufig nur Versuche anstellt. Der begabte -junge Mensch ist kein unbeschriebenes Blatt, er ist vielmehr ein Blatt, -auf dem gleichsam mit sympathetischer Tinte alles schon geschrieben -steht, das Rechte wie das Schlechte, und Sache des Erziehers ist es, das -Rechte entschieden zu entwickeln, das Falsche aber, das hervortreten -will, durch sachgemäße Einwirkung auf immer auszulöschen. Die Herren -haben Einkäufe gemacht?“ fragte er veränderten, leichten Tones ... - -„Nein, nichts weiter,“ sagte Hans Castorp, „das heißt ...“ - -„Wir haben ein paar Decken für meinen Vetter besorgt“, antwortete -Joachim gleichgültig. - -„Für die Liegekur ... Bei dieser Hundekälte ... Ich soll ja mitmachen -die paar Wochen“, sagte Hans Castorp lachend und sah zu Boden. - -„Ah, Decken, Liegekur“, sagte Settembrini. „So, so, so. Ei, ei, ei. In -der Tat: _Placet experiri_!“ wiederholte er mit italienischer Aussprache -und verabschiedete sich, denn sie hatten, begrüßt von dem hinkenden -Concierge, das Sanatorium betreten, und in der Halle schwenkte -Settembrini in die Konversationsräume ab, um vor Tische die Zeitungen zu -lesen, wie er sagte. Die zweite Liegekur schien er schwänzen zu wollen. - -„Gott bewahre!“ sagte Hans Castorp, als er mit Joachim im Lift stand. -„Das ist wirklich ein Pädagog, – er sagte es ja neulich schon selbst, -daß er so eine Ader habe. Man muß furchtbar aufpassen mit ihm, daß man -kein Wort zu viel sagt, sonst gibt es ausführliche Lehren. Aber -hörenswert ist es ja, wie er zu sprechen versteht, jedes Wort springt -ihm so rund und appetitlich vom Munde, – ich muß immer an frische -Semmeln denken, wenn ich ihm zuhöre.“ - -Joachim lachte. - -„Das sage ihm lieber nicht. Ich glaube doch, er wäre enttäuscht, zu -erfahren, daß du an Semmeln denkst bei seinen Lehren.“ - -„Meinst du? Ja, das ist noch gar nicht mal sicher. Ich habe immer den -Eindruck, daß es ihm nicht ganz allein um die Lehren zu tun ist, -vielleicht um sie erst in zweiter Linie, sondern besonders um das -Sprechen, wie er die Worte springen und rollen läßt ... so elastisch, -wie Gummibälle ... und daß es ihm gar nicht unangenehm ist, wenn man -namentlich auch darauf achtet. Bierbrauer Magnus ist ja wohl etwas dumm -mit seinen ‚schönen Charakteren‘, aber Settembrini hätte doch sagen -sollen, worauf es denn eigentlich ankommt in der Literatur. Ich mochte -nicht fragen, um mir keine Blöße zu geben, ich verstehe mich ja auch -nicht weiter darauf und hatte bis jetzt noch nie einen Literaten -gesehen. Aber wenn es nicht auf die schönen Charaktere ankommt, so kommt -es offenbar auf die schönen Worte an, das ist mein Eindruck in -Settembrinis Gesellschaft. Was er für Vokabeln gebraucht! Ganz ohne sich -zu genieren spricht er von ‚Tugend‘ – ich bitte dich! Mein ganzes Leben -lang habe ich das Wort noch nicht in den Mund genommen, und selbst in -der Schule haben wir immer bloß ‚Tapferkeit‘ gesagt, wenn ‚_virtus_‘ im -Buche stand. Es zog sich etwas zusammen in mir, das muß ich sagen. Und -dann macht es mich etwas nervös, wenn er so schimpft, auf die Kälte und -auf Behrens und auf Frau Magnus, weil sie Eiweiß verliert, und kurz, auf -alles. Er ist ein Oppositionsmann, darüber war ich mir gleich im klaren. -Er hackt auf alles Bestehende, und das hat immer etwas Verwahrlostes, -ich kann mir nicht helfen.“ - -„Das sagst du so“, antwortete Joachim bedächtig. „Aber dann hat es doch -wieder auch etwas Stolzes, was gar nicht verwahrlost anmutet, sondern im -Gegenteil, er ist doch ein Mensch, der auf sich hält, oder auf die -Menschen im allgemeinen, und das gefällt mir an ihm, das hat was -Anständiges in meinen Augen.“ - -„Da hast du recht“, sagte Hans Castorp. „Er hat sogar etwas _Strenges_, -– es wird einem öfter ganz ungemütlich, weil man sich – sagen wir mal: -kontrolliert fühlt, doch, das ist gar keine schlechte Bezeichnung. -Willst du glauben, daß ich immer das Gefühl hatte, er wäre nicht -einverstanden damit, daß ich mir Decken zum Liegen gekauft habe, er -hätte etwas dagegen und hielte sich irgendwie darüber auf?“ - -„Nein“, sagte Joachim erstaunt und besonnen. „Wie könnte das wohl sein. -Das kann ich mir doch nicht denken.“ Und dann ging er, das Thermometer -im Munde, mit Sack und Pack in die Liegekur, während Hans Castorp gleich -begann, sich für die Mittagsmahlzeit zu säubern und umzukleiden, – es -war ohnedies nur noch ein knappes Stündchen bis dahin. - - - Exkurs über den Zeitsinn - -Als sie vom Essen wieder heraufkamen, lag das Paket mit den Decken schon -in Hans Castorps Zimmer auf einem Stuhl, und zum erstenmal machte er an -diesem Tage Gebrauch davon, – der geübte Joachim erteilte ihm Unterricht -in der Kunst, sich einzupacken, wie es alle hier oben machten und jeder -Neuling es gleich erlernen mußte. Man breitete die Decken, eine und dann -die andere, über das Stuhllager, so daß sie am Fußende ein reichliches -Stück auf den Boden hingen. Dann nahm man Platz und begann, die innere -um sich zu schlagen: zuerst der Länge nach bis unter die Achsel, hierauf -von unten über die Füße, wobei man sich sitzend bücken und das gefaltete -Ende doppelt fassen mußte, und dann von der anderen Seite, wobei der -doppelte Fußzipfel gut an den Längsrand zu passen war, wenn die -größtmögliche Glätte und Ebenmäßigkeit erzielt werden sollte. Danach -beobachtete man genau dasselbe Verfahren bei der äußeren Decke, – ihre -Handhabung war etwas schwieriger, und Hans Castorp, als Stümper und -Anfänger, ächzte nicht wenig, indem er, sich bückend und wieder -ausstreckend, die Griffe übte, die man ihn lehrte. Nur einige wenige -Altgediente, sagte Joachim, könnten _beide Decken gleichzeitig_ mit drei -sicheren Bewegungen um sich schleudern, aber das sei eine seltene und -geneidete Fertigkeit, zu der nicht nur langjährige Übung, sondern auch -eine natürliche Anlage gehöre. Über dies Wort mußte Hans Castorp lachen, -während er mit schmerzendem Rücken sich zurückfallen ließ, und Joachim, -der nicht gleich verstand, was hier komisch war, sah ihn unsicher an, -lachte dann aber auch. - -„So,“ sagte er, als Hans Castorp ungegliedert und walzenförmig, die -nachgiebige Rolle im Nacken und erschöpft von all der Gymnastik im -Stuhle lag, „wenn es nun zwanzig Grad Kälte hätte, so könnte dir auch -nichts passieren.“ Und dann ging er hinter die Glaswand, um sich -ebenfalls einzupacken. - -Das mit den zwanzig Grad Kälte bezweifelte Hans Castorp, denn ihn fror -entschieden, Schauer überliefen ihn wiederholt, während er durch die -Holzbögen in die sickernde, nieselnde Nässe dort draußen blickte, die -jeden Augenblick auf dem Punkte schien, wieder in Schneefall -überzugehen. Wie sonderbar übrigens, daß er bei all der Feuchtigkeit -immer noch so trockenhitzige Backen hatte, als säße er in einem -überheizten Zimmer. Auch fühlte er sich lächerlich angegriffen von den -Übungen mit den Decken, – wahrhaftig, „_Ocean steamships_“ zitterte ihm -in den Händen, sobald er es vor die Augen führte. So überaus gesund war -er doch eben auch nicht, – total anämisch, wie Hofrat Behrens gesagt -hatte, und deswegen neigte er wohl auch so zum Froste. Die unangenehmen -Empfindungen jedoch wurden aufgewogen durch die große Bequemlichkeit -seiner Lage, die schwer zu zergliedernden und fast geheimnisvollen -Eigenschaften des Liegestuhles, die Hans Castorp beim ersten Versuche -schon mit höchstem Beifall empfunden hatte, und die sich wieder und -wieder aufs glücklichste bewährten. Lag es an der Beschaffenheit der -Polster, der richtigen Neigung der Rückenlehne, der passenden Höhe und -Breite der Armstützen oder auch nur der zweckmäßigen Konsistenz der -Nackenrolle, genug, es konnte für das Wohlsein ruhender Glieder -überhaupt nicht humaner gesorgt sein, als durch diesen vorzüglichen -Liegestuhl. Und so war denn Zufriedenheit in Hans Castorps Herzen -darüber, daß zwei leere und sicher gefriedete Stunden vor ihm lagen, -diese durch die Hausordnung geheiligten Stunden der Hauptliegekur, die -er, obgleich nur zu Gaste hier oben, als eine ihm ganz gemäße -Einrichtung empfand. Denn er war geduldig von Natur, konnte lange ohne -Beschäftigung wohl bestehen und liebte, wie wir uns erinnern, die freie -Zeit, die von betäubender Tätigkeit nicht vergessen gemacht, verzehrt -und verscheucht wird. Um vier erfolgte der Vespertee mit Kuchen und -Eingemachtem, etwas Bewegung im Freien sodann, hierauf abermals Ruhe im -Stuhl, um sieben das Abendessen, welches, wie überhaupt die Mahlzeiten, -gewisse Spannungen und Sehenswürdigkeiten mit sich brachte, auf die man -sich freuen konnte, danach ein oder der andere Blick in den -stereoskopischen Guckkasten, das kaleidoskopische Fernrohr und die -kinematographische Trommel ... Hans Castorp hatte den Tageslauf bereits -am Schnürchen, wenn es auch viel zu viel gesagt wäre, daß er schon -„eingelebt“, wie man es nennt, gewesen sei. - -Im Grunde hat es eine merkwürdige Bewandtnis mit diesem Sicheinleben an -fremdem Orte, dieser – sei es auch – mühseligen Anpassung und -Umgewöhnung, welcher man sich beinahe um ihrer selbst willen und in der -bestimmten Absicht unterzieht, sie, kaum daß sie vollendet ist, oder -doch bald danach, wieder aufzugeben und zum vorigen Zustande -zurückzukehren. Man schaltet dergleichen als Unterbrechung und -Zwischenspiel in den Hauptzusammenhang des Lebens ein, und zwar zum -Zweck der „Erholung“, das heißt: der erneuernden, umwälzenden Übung des -Organismus, welcher Gefahr lief und schon im Begriffe war, im -ungegliederten Einerlei der Lebensführung sich zu verwöhnen, zu -erschlaffen und abzustumpfen. Worauf beruht dann aber diese Erschlaffung -und Abstumpfung bei zu langer nicht aufgehobener Regel? Es ist nicht so -sehr körperlich-geistige Ermüdung und Abnutzung durch die Anforderungen -des Lebens, worauf sie beruht (denn für diese wäre ja einfache Ruhe das -wiederherstellende Heilmittel); es ist vielmehr etwas Seelisches, es ist -das Erlebnis der Zeit, – welches bei ununterbrochenem Gleichmaß abhanden -zu kommen droht und mit dem Lebensgefühle selbst so nahe verwandt und -verbunden ist, daß das eine nicht geschwächt werden kann, ohne daß auch -das andere eine kümmerliche Beeinträchtigung erführe. Über das Wesen der -Langenweile sind vielfach irrige Vorstellungen verbreitet. Man glaubt im -ganzen, daß Interessantheit und Neuheit des Gehaltes die Zeit -„vertreibe“, das heißt: verkürze, während Monotonie und Leere ihren Gang -beschwere und hemme. Das ist nicht unbedingt zutreffend. Leere und -Monotonie mögen zwar den Augenblick und die Stunde dehnen und -„langweilig“ machen, aber die großen und größten Zeitmassen verkürzen -und verflüchtigen sie sogar bis zur Nichtigkeit. Umgekehrt ist ein -reicher und interessanter Gehalt wohl imstande, die Stunde und selbst -noch den Tag zu verkürzen und zu beschwingen, ins Große gerechnet jedoch -verleiht er dem Zeitgange Breite, Gewicht und Solidität, so daß -ereignisreiche Jahre viel langsamer vergehen als jene armen, leeren, -leichten, die der Wind vor sich her bläst, und die verfliegen. Was man -Langeweile nennt, ist also eigentlich vielmehr eine krankhafte -Kurzweiligkeit der Zeit infolge von Monotonie: große Zeiträume -schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit auf eine das Herz zu -Tode erschreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind -sie alle wie einer; und bei vollkommener Einförmigkeit würde das längste -Leben als ganz kurz erlebt werden und unversehens verflogen sein. -Gewöhnung ist ein Einschlafen oder doch ein Mattwerden des Zeitsinnes, -und wenn die Jugendjahre langsam erlebt werden, das spätere Leben aber -immer hurtiger abläuft und hineilt, so muß auch das auf Gewöhnung -beruhen. Wir wissen wohl, daß die Einschaltung von Um- und -Neugewöhnungen das einzige Mittel ist, unser Leben zu halten, unseren -Zeitsinn aufzufrischen, eine Verjüngung, Verstärkung, Verlangsamung -unseres Zeiterlebnisses und damit die Erneuerung unseres Lebensgefühls -überhaupt zu erzielen. Dies ist der Zweck des Orts- und Luftwechsels, -der Badereise, die Erholsamkeit der Abwechslung und der Episode. Die -ersten Tage an einem neuen Aufenthalt haben jugendlichen, das heißt -starken und breiten Gang, – es sind etwa sechs bis acht. Dann, in dem -Maße, wie man „sich einlebt“, macht sich allmähliche Verkürzung -bemerkbar: wer am Leben hängt oder, besser gesagt, sich ans Leben hängen -möchte, mag mit Grauen gewahren, wie die Tage wieder leicht zu werden -und zu _huschen_ beginnen; und die letzte Woche, etwa von vieren, hat -unheimliche Rapidität und Flüchtigkeit. Freilich wirkt die Erfrischung -des Zeitsinnes dann über die Einschaltung hinaus, macht sich, wenn man -zur Regel zurückgekehrt ist, aufs neue geltend: die ersten Tage zu Hause -werden ebenfalls, nach der Abwechslung, wieder neu, breit und jugendlich -erlebt, aber nur einige wenige: denn in die Regel lebt man sich rascher -wieder ein, als in ihre Aufhebung, und wenn der Zeitsinn durch Alter -schon müde ist oder – ein Zeichen von ursprünglicher Lebensschwäche – -nie stark entwickelt war, so schläft er sehr rasch wieder ein, und schon -nach vierundzwanzig Stunden ist es, als sei man nie weg gewesen, und als -sei die Reise der Traum einer Nacht. - -Diese Bemerkungen werden nur deshalb hier eingefügt, weil der junge Hans -Castorp ähnliches im Sinne hatte, als er nach einigen Tagen zu seinem -Vetter sagte (und ihn dabei mit rotgeäderten Augen ansah): - -„Komisch ist und bleibt es, wie die Zeit einem lang wird zu Anfang, an -einem fremden Ort. Das heißt ... Selbstverständlich kann keine Rede -davon sein, daß ich mich langweile, im Gegenteil, ich kann wohl sagen, -ich amüsiere mich königlich. Aber wenn ich mich umsehe, retrospektiv -also, versteh’ mich recht, kommt es mir vor, als ob ich schon wer weiß -wie lange hier oben wäre, und bis dahin zurück, wo ich ankam und nicht -gleich verstand, daß ich da war, und du noch sagtest: ‚Steige nur aus!‘ -– erinnerst du dich? – das scheint mir eine ganze Ewigkeit. Mit Messen -und überhaupt mit dem Verstand hat das ja absolut nichts zu tun, es ist -eine reine Gefühlssache. Natürlich wäre es albern, zu sagen: ‚Ich glaube -schon zwei Monate hier zu sein‘, – das wäre ja Nonsens. Sondern ich kann -eben nur sagen: ‚Sehr lange‘.“ - -„Ja,“ antwortete Joachim, das Thermometer im Munde, „ich habe auch gut -davon, ich kann mich gewissermaßen an dir festhalten, seit du da bist.“ -Und Hans Castorp lachte darüber, daß Joachim dies so einfach, ohne -Erklärung, sagte. - - - Er versucht sich in französischer Konversation - -Nein, eingelebt war er noch keineswegs, weder was die Kenntnis des -hiesigen Lebens in all seiner Eigentümlichkeit betraf, – eine Kenntnis, -die er in so wenigen Tagen unmöglich gewinnen konnte und, wie er sich -sagte (und es auch gegen Joachim aussprach), selbst in drei Wochen -leider nicht würde gewinnen können; noch auch in bezug auf die Anpassung -seines Organismus an die so sehr eigentümlichen atmosphärischen -Verhältnisse bei „denen hier oben“, denn diese Anpassung wurde ihm -sauer, überaus sauer, ja, wie ihm schien, wollte sie überhaupt nicht -vonstatten gehen. - -Der Normaltag war klar gegliedert und fürsorglich organisiert, man kam -rasch in Trott und gewann Geläufigkeit, wenn man sich seinem Getriebe -einfügte. Im Rahmen der Woche jedoch und größerer Zeiteinheiten unterlag -er gewissen regelmäßigen Abwandlungen, die sich erst nach und nach -einfanden, die eine zum erstenmal, nachdem die andere sich schon -wiederholt hatte; und auch was die alltägliche Einzelerscheinung von -Dingen und Gesichtern betraf, so hatte Hans Castorp noch auf Schritt und -Tritt zu lernen, obenhin Angeschautes genauer zu bemerken und Neues mit -jugendlicher Empfänglichkeit in sich aufzunehmen. - -Jene bauchigen Gefäße mit kurzen Hälsen zum Beispiel, die auf den Gängen -vor einzelnen Türen standen und auf die gleich am Abend seiner Ankunft -sein Auge gefallen war, enthielten Sauerstoff, – Joachim erklärte es ihm -auf Befragen. Reiner Sauerstoff war darin, zu sechs Franken der Ballon, -und das belebende Gas wurde den Sterbenden zum Zweck einer letzten -Anfeuerung und Hinhaltung ihrer Kräfte zugeführt, – sie schlürften es -durch einen Schlauch. Denn hinter den Türen, vor denen solche Ballons -standen, lagen Sterbende oder „_moribundi_“, wie Hofrat Behrens sagte, -als Hans Castorp ihm einmal im ersten Stockwerk begegnete, – der Hofrat -kam in weißem Kittel und mit blauen Backen den Korridor entlanggerudert, -und sie gingen zusammen die Treppe hinauf. - -„Na, Sie unbeteiligter Zuschauer Sie!“ sagte Behrens. „Was machen Sie -denn, finden wir Gnade vor Ihren prüfenden Blicken? Ehrt uns, ehrt uns. -Ja, unsere Sommersaison, die hats in sich, die ist nicht von schlechten -Eltern. Habe es mir auch was kosten lassen, um sie ein bißchen zu -poussieren. Aber schade ist es doch, daß Sie den Winter nicht mitmachen -wollen bei uns, – Sie wollen ja bloß acht Wochen bleiben, hab ich -gehört? Ach, drei? Das ist aber eine Stippvisite, das lohnt ja das -Ablegen gar nicht; na, wie Sie meinen. Aber schade ist es doch, daß Sie -den Winter nicht mitmachen, denn was so die Hotevoleh ist,“ sagte er mit -scherzhaft unmöglicher Aussprache, „die internationale Hotevoleh da -unten in Platz, die kommt doch nun mal erst im Winter, und die müßten -Sie sehen, da täten Sie was für Ihre Bildung. Zum Kugeln, wenn die Kerls -so Sprünge machen auf ihren Fußbrettern. Und dann die Damen, herrje, die -Damen! Bunt wie die Paradiesvögel, sag ich Ihnen, und mächtig galant ... -Nun muß ich aber zu meinem Moribundus,“ sagte er, „auf siebenundzwanzig -hier. Finales Stadium, wissen Sie. Durch die Mitte ab. Fünf Dutzend -Fiaskos Oxygen hat er gestern und heute noch ausgekneipt, der Schlemmer. -Aber bis Mittag wird er wohl _ad penates_ gehen. Na, lieber Reuter,“ -sagte er, indem er eintrat, „wie wäre es, wenn wir noch einer den Hals -brächen ...“ Seine Worte verloren sich hinter der Tür, die er zuzog. -Aber einen Augenblick hatte Hans Castorp im Hintergrunde des Zimmers auf -dem Kissen das wächserne Profil eines jungen Mannes mit dünnem Kinnbart -gesehen, der langsam seine sehr großen Augäpfel zur Tür gerollt hatte. - -Es war der erste Moribundus, den Hans Castorp in seinem Leben zu sehen -bekam, denn seine Eltern sowohl wie der Großvater waren ja damals -gleichsam hinter seinem Rücken gestorben. Wie würdevoll der Kopf des -jungen Mannes mit aufwärts geschobenem Kinnbart auf dem Kissen gelegen -hatte! Wie bedeutend der Blick seiner übergroßen Augen gewesen war, als -er sie langsam zur Tür gedreht hatte! Hans Castorp, noch ganz vertieft -in den flüchtigen Anblick, versuchte unwillkürlich, ebenso große, -bedeutende und langsame Augen wie der Moribundus zu machen, während er -weiter zur Treppe ging, und mit diesen Augen blickte er eine Dame an, -die hinter ihm aus einer Tür getreten war und ihn am Treppenkopf -überholte. Er erkannte nicht gleich, daß es Madame Chauchat war. Sie -lächelte leise über die Augen, die er machte, stützte dann mit der Hand -die Flechte an ihrem Hinterkopf und ging vor ihm die Treppe hinunter, -geräuschlos, schmiegsam und etwas vorgeschobenen Kopfes. - - * * * * * - -Bekanntschaften machte er fast keine in diesen ersten Tagen und auch -später noch lange nicht. Die Tagesordnung war dem im ganzen nicht -günstig; auch war Hans Castorp ja zurückhaltenden Wesens, fühlte sich -überdies als Gast und „unbeteiligter Zuschauer“ hier oben, wie Hofrat -Behrens gesagt hatte, und ließ sich an Joachims Gespräch und -Gesellschaft in der Hauptsache gern genügen. Die Krankenschwester auf -dem Korridor freilich reckte so lange den Hals nach ihnen, bis Joachim, -der ihr schon früher manchmal kleine Plaudereien gewährt hatte, seinen -Vetter mit ihr bekannt machte. Das Kneiferband hinter dem Ohr, sprach -sie nicht nur geziert, sondern geradezu gequält und machte bei näherer -Prüfung den Eindruck, als habe unter der Folter der Langenweile ihr -Verstand gelitten. Es war sehr schwer, wieder von ihr loszukommen, da -sie vor der Beendigung des Gespräches eine krankhafte Furcht an den Tag -legte und, sobald die jungen Leute Miene machten, weiterzugehen, sich -mit hastigen Worten und Blicken, auch einem verzweifelten Lächeln an sie -klammerte, so daß sie aus Erbarmen noch bei ihr stehen blieben. Sie -sprach des langen und breiten von ihrem Papa, welcher Jurist, und ihrem -Cousin, der Arzt sei, – offenbar um sich in ein vorteilhaftes Licht zu -setzen und ihre Herkunft aus gebildeter Gesellschaftsschicht zu -bekunden. Was ihren Pflegling dort hinter der Tür betraf, so war er der -Sohn eines Koburger Puppenfabrikanten, Rotbein mit Namen, und neuerdings -habe es sich bei dem jungen Fritz auf den Darm geworfen. Das sei hart -für alle Beteiligten, wie die Herren sich wohl vorstellen könnten; -namentlich wenn man nun einmal aus akademischem Hause stamme und die -Feinfühligkeit der höheren Klassen besitze, so sei es hart. Und nicht -den Rücken dürfe man kehren ... Neulich, was glaubten die Herren, komme -sie von einem kurzen Ausgange zurück, nichts als ein wenig Zahnpulver -habe sie sich besorgt, und finde den Kranken in seinem Bette sitzend, -vor sich ein Glas dickes, dunkles Bier, eine Salamiwurst, ein derbes -Stück Schwarzbrot und eine Gurke! All diese heimischen Leckerbissen -hätten die Seinen ihm zugesandt zu seiner Kräftigung. Aber am nächsten -Tage sei er natürlich mehr tot als lebendig gewesen. Er selbst -beschleunige sein Ende. Aber das werde die Erlösung ja nur für ihn -bedeuten, nicht auch für sie – Schwester Berta sei übrigens ihr Name, in -Wirklichkeit Alfreda Schildknecht –, denn _sie_ komme dann eben zu einem -anderen Kranken, in mehr oder weniger vorgeschrittenem Stadium, hier -oder in einem anderen Sanatorium, das sei die Perspektive, die sich ihr -eröffne, und eine andere eröffne sich eben nicht. - -Ja, sagte Hans Castorp, ihr Beruf sei gewiß schwer, aber doch auch -befriedigend, sollte er denken. - -Gewiß, antwortete sie, befriedigend sei er, – befriedigend, aber sehr -schwer. - -Nun, alles Gute für Herrn Rotbein. Und die Vettern wollten gehen. - -Aber da klammerte sie sich an sie mit Worten und Blicken, und so -jammervoll war es zu sehen, wie sie sich anstrengte, die jungen Leute -ein wenig länger zu fesseln, daß es grausam gewesen wäre, ihr nicht noch -eine Frist zu gewähren. - -„Er schläft!“ sagte sie. „Er braucht mich nicht. Da bin ich für einige -kurze Minuten auf den Gang hinausgetreten ...“ Und sie begann über -Hofrat Behrens zu klagen und den Ton, in dem er mit ihr verkehre und der -allzu zwanglos sei, um ihrer Herkunft zu entsprechen. Bei weitem gab sie -Herrn Dr. Krokowski den Vorzug, – ihn nannte sie seelenvoll. Dann kam -sie wieder auf ihren Papa und ihren Cousin. Ihr Hirn gab nichts weiter -her. Vergebens rang sie danach, die Vettern noch ein wenig zu fesseln, -indem sie plötzlich mit einem Anlauf die Stimme erhob und beinahe zu -schreien begann, wenn sie gehen wollten, – sie entschlüpften ihr endlich -und gingen. Aber die Schwester sah ihnen noch eine Weile mit -vorgebeugtem Oberkörper und saugenden Blicken nach, als wollte sie sie -mit den Augen zu sich zurückziehen. Dann entrang sich ein Seufzer ihrer -Brust, und sie kehrte zu ihrem Pflegling ins Zimmer zurück. - -Sonst wurde Hans Castorp in diesen Tagen nur noch mit der -schwarzbleichen Dame bekannt, jener Mexikanerin, die er im Garten -gesehen hatte und die „_Tous les deux_“ genannt wurde. Es geschah -wirklich, daß auch er aus ihrem Munde die trübselige Formel hörte, die -ihr zum Spitznamen geworden war; aber da er sich vorbereitet hatte, so -bewahrte er gute Haltung dabei und konnte nachher zufrieden mit sich -sein. Die Vettern trafen sie vor dem Hauptportal, als sie nach dem -ersten Frühstück den vorgeschriebenen Morgenspaziergang antraten. In ein -schwarzes Kaschmirtuch gehüllt, mit krummen Knien und langen, ruhelos -wandernden Tritten erging sie sich dort, und gegen den schwarzen -Schleier, der um ihr silbern durchzogenes Haar geschlungen und unter dem -Kinn zusammengebunden war, schimmerte mattweiß ihr alterndes Gesicht mit -dem großen, verhärmten Munde. Joachim, ohne Hut wie gewöhnlich, begrüßte -sie durch Verneigung, und sie dankte langsam, während beim Schauen die -Querfalten in ihrer engen Stirn sich vertieften. Sie blieb stehen, da -sie ein neues Gesicht bemerkte, und erwartete, leise mit dem Kopfe -nickend, die Annäherung der jungen Leute; denn offenbar hielt sie es für -notwendig zu hören, ob der Fremde von ihrem Schicksal wisse, und seine -Äußerung darüber entgegenzunehmen. Joachim stellte seinen Vetter vor. -Sie reichte dem Gast aus der Mantille heraus die Hand, eine magere, -gelbliche, hoch geäderte, mit Ringen geschmückte Hand, und fuhr fort, -ihn nickend anzublicken. Dann kam es: - -„_Tous les dé, monsieur_“, sagte sie. „_Tous les dé vous savez ..._“ - -„_Je le sais, madame_“, antwortete Hans Castorp gedämpft. „_Et je le -regrette beaucoup._“ - -Die schlaffen Hautsäcke unter ihren jettschwarzen Augen waren so groß -und schwer, wie er es noch bei keinem Menschen gesehen. Ein leiser, -welker Duft ging von ihr aus. Es war ihm sanft und ernst um das Herz. - -„_Merci_“, sagte sie mit einer rasselnden Aussprache, die sonderbar zu -der Gebrochenheit ihres Wesens stimmte, und der eine Winkel ihres großen -Mundes hing tragisch tief hinab. Dann zog sie die Hand unter die -Mantille zurück, neigte den Kopf und machte sich wieder ans Wandern. -Hans Castorp aber sagte im Weitergehen: - -„Du siehst, es hat mir nichts gemacht, ich bin ganz gut mit ihr fertig -geworden. Ich werde überhaupt mit solchen Leuten ganz gut fertig, glaube -ich, ich verstehe mich von Natur auf den Umgang mit ihnen, – meinst du -nicht auch? Ich glaube sogar, ich komme mit traurigen Menschen im ganzen -besser aus, als mit lustigen, weiß Gott, woran es liegt, vielleicht -daran, daß ich doch Waise bin und meine Eltern so früh verloren habe, -aber wenn die Leute ernst und traurig sind und der Tod im Spiele ist, -das bedrückt mich eigentlich nicht und macht mich nicht verlegen, -sondern ich fühle mich dabei in meinem Element und jedenfalls besser, -als wenn es so forsch zugeht, das liegt mir weniger. Neulich dachte ich: -Es ist doch eine Albernheit von den hiesigen Damen, sich dermaßen vor -dem Tode zu graulen und allem, was damit zusammenhängt, daß man sie -ängstlich davor bewahren muß und das Viatikum bringt, wenn sie gerade -essen. Nein, pfui, das ist läppisch. Siehst du nicht ganz gern einen -Sarg? Ich sehe ganz gern mal einen. Ich finde, ein Sarg ist ein geradezu -schönes Möbel, schon wenn er leer ist, aber wenn jemand darin liegt, -dann ist es direkt feierlich in meinen Augen. Begräbnisse haben so etwas -Erbauliches, – ich habe schon manchmal gedacht, man sollte, statt in die -Kirche, zu einem Begräbnis gehen, wenn man sich ein bißchen erbauen -will. Die Leute haben gutes schwarzes Zeug an und nehmen die Hüte ab und -sehen auf den Sarg und halten sich ernst und andächtig, und niemand darf -faule Witze machen, wie sonst im Leben. Das habe ich sehr gern, wenn sie -endlich mal ein bißchen andächtig sind. Manchmal habe ich mich schon -gefragt, ob ich nicht Pastor hätte werden sollen, – in gewisser Weise -hätte das, glaube ich, nicht schlecht für mich gepaßt ... Hoffentlich -habe ich keinen Fehler im Französischen gemacht bei dem, was ich sagte?“ - -„Nein“, sagte Joachim. „_Je le regrette beaucoup_ war ja soweit ganz -richtig.“ - - - Politisch verdächtig! - -Regelmäßige Abwandlungen des Normaltages fanden sich ein: zuerst ein -Sonntag – und zwar ein Sonntag mit Kurmusik auf der Terrasse, wie er -vierzehntägig erschien, eine Markierung der Doppelwoche also, in deren -zweite Hälfte Hans Castorp von außen eingetreten war. An einem Dienstag -war er gekommen, und so war es der fünfte Tag, ein Tag von -Frühlingscharakter nach jenem abenteuerlichen Wettersturz und Rückfall -in den Winter, – zart und frisch, mit reinlichen Wolken am hellblauen -Himmel und mäßigem Sonnenschein über Hängen und Tal, die wieder ein -ordnungsgemäßes Sommergrün angenommen hatten, da der Neuschnee denn doch -zu raschem Versickern verurteilt gewesen war. - -Es war deutlich, daß jedermann sich befliß, den Sonntag zu ehren und -auszuzeichnen; Verwaltung und Gäste unterstützten einander in diesem -Bestreben. Gleich zum Morgentee gab es Streußelkuchen, an jedem Platz -stand ein Gläschen mit ein paar Blumen, wilden Gebirgsnelken und sogar -Alpenrosen, welche die Herren sich in das Knopfloch des Aufschlages -steckten (Staatsanwalt Paravant aus Dortmund hatte sogar einen schwarzen -Schwalbenschwanz mit punktierter Weste angelegt), die Damentoiletten -trugen das Gepräge festlicher Duftigkeit – Frau Chauchat erschien zum -Frühstück in einer fließenden Spitzenmatinee mit offenen Ärmeln, worin -sie, während die Glastür ins Schloß schmetterte, erst einmal Front -machte und sich dem Saal gleichsam anmutig präsentierte, bevor sie sich -schleichenden Schrittes zu ihrem Tisch begab, und die sie so -ausgezeichnet kleidete, daß Hans Castorps Nachbarin, die Lehrerin aus -Königsberg, sich ganz begeistert darüber zeigte – und sogar das -barbarische Ehepaar vom Schlechten Russentisch hatte dem Gottestag -Rechnung getragen, indem nämlich der männliche Teil seine Lederjoppe mit -einer Art von kurzem Gehrock und die Filzstiefel mit Lederschuhwerk -vertauscht hatte, _sie_ freilich auch heute ihre unsaubere Federboa, -darunter aber eine grünseidene Bluse mit Halskrause trug ... Hans -Castorp runzelte die Brauen, als er der beiden ansichtig wurde, und -verfärbte sich, wozu er hier auffallend neigte. - -Gleich nach dem zweiten Frühstück begann die Kurmusik auf der Terrasse; -allerlei Blech- und Holzbläser fanden sich dort ein und spielten -abwechselnd flott und getragen, fast bis zum Mittagessen. Während des -Konzertes war die Liegekur nicht streng obligatorisch. Zwar genossen -einige den Ohrenschmaus auf ihren Balkons, und auch in der Gartenhalle -waren drei oder vier Stühle besetzt; aber die Mehrzahl der Gäste saß an -den kleinen, weißen Tischen auf der gedeckten Plattform, während leichte -Lebewelt, der es zu ehrbar scheinen mochte, auf Stühlen zu sitzen, die -steinernen Stufen besetzt hielt, die in den Garten hinunterführten, und -dort viel Frohsinn entfaltete: jugendliche Kranke beiderlei Geschlechts, -von denen Hans Castorp die meisten schon dem Namen nach oder von Ansehen -kannte. Hermine Kleefeld gehörte dazu, sowie Herr Albin, der eine große -geblümte Schachtel mit Schokolade herumgehen und alle daraus essen ließ, -während er selbst nicht aß, sondern mit väterlicher Miene Zigaretten mit -goldenem Mundstück rauchte; ferner der wulstlippige Jüngling vom „Verein -Halbe Lunge“, Fräulein Levi, dünn und elfenbeinfarben, wie sie war, ein -aschblonder junger Mann, der auf den Namen Rasmussen hörte und seine -Hände nach Art von Flossen aus schlaffen Gelenken in Brusthöhe hängen -ließ, Frau Salomon aus Amsterdam, eine rot gekleidete Frau von reicher -Körperlichkeit, die sich ebenfalls der Jugend beigesellt hatte und in -deren bräunlichen Nacken jener lange Mensch mit gelichtetem Haar, der -aus dem „Sommernachtstraum“ spielen konnte und nun, mit den Armen seine -spitzen Knie umschlingend, hinter ihr saß, unablässig seine trüben -Blicke gerichtet hielt; ein rothaariges Fräulein aus Griechenland, ein -anderes unbekannter Herkunft mit dem Gesicht eines Tapirs, der gefräßige -Junge mit den dicken Brillengläsern, ein weiterer fünfzehn- oder -sechzehnjähriger Junge, der ein Monokel eingeklemmt hatte und beim -Hüsteln den lang gewachsenen, salzlöffelähnlichen Nagel seines kleinen -Fingers zum Munde führte, ein kapitaler Esel offenbar – und noch andere -mehr. - -Dieser Junge mit dem Fingernagel, erzählte Joachim leise, sei nur ganz -wenig leidend gewesen, als er gekommen sei, – ohne Temperatur, und nur -der Vorsicht halber sei er von seinem Vater, einem Arzt, heraufgeschickt -worden und habe nach des Hofrats Urteile etwa drei Monate bleiben -sollen. Jetzt, nach drei Monaten, habe er 37,8 bis 38 und sei recht -krank. Aber er lebe ja auch so unvernünftig, daß er Maulschellen -verdiene. - -Die Vettern hatten ein Tischchen für sich, etwas abseits von den -übrigen, denn Hans Castorp rauchte zu seinem schwarzen Bier, das er vom -Frühstück mit herausgenommen hatte, und von Zeit zu Zeit schmeckte ihm -seine Zigarre ein wenig. Benommen vom Biere und von der Musik, die wie -immer bewirkte, daß sein Mund sich öffnete und sein Kopf sich auf die -Seite legte, betrachtete er mit geröteten Augen das sorglose Badeleben -ringsumher, wobei das Bewußtsein ihn durchaus nicht störte, sondern im -Gegenteil dem Ganzen eine erhöhte Merkwürdigkeit, einen gewissen -geistigen Reiz verlieh, daß alle diese Leute in ihrem Inneren von einem -schwer aufzuhaltenden Zerfall ergriffen waren und daß die meisten von -ihnen in leichtem Fieber standen ... Man trank perlende Kunstlimonade an -den Tischchen, und auf der Freitreppe wurde photographiert. Andere -tauschten dort Briefmarken, und das rothaarige Fräulein aus Griechenland -zeichnete Herrn Rasmussen auf einem Block, wollte ihm dann aber das Bild -nicht zeigen, sondern wandte sich, mit breiten, weit auseinander -stehenden Zähnen lachend, hin und her, so daß er es lange nicht -vermochte, ihr den Block zu entreißen. Hermine Kleefeld saß mit nur halb -geöffneten Augen auf ihrer Stufe und schlug mit einer zusammengerollten -Zeitung den Takt zur Musik, während sie sich von Herrn Albin ein -Sträußchen Wiesenblumen an ihrer Bluse befestigen ließ, und der -Wulstlippige, zu Frau Salomons Füßen sitzend, plauderte gedrehten Halses -zu ihr empor, indes der dünnhaarige Pianist ihr von hinten unverwandt in -den Nacken blickte. - -Die Ärzte kamen und mischten sich unter die Kurgesellschaft, Hofrat -Behrens in weißem und Dr. Krokowski in schwarzem Kittel. Sie gingen die -Reihe der Tischchen entlang, wobei der Hofrat beinahe an jedem ein -gemütliches Witzwort fallen ließ, so daß ein Kielwasser heiterer -Bewegung seinen Weg bezeichnete, und stiegen dann zur Jugend hinab, -deren weiblicher Teil sich sofort mit Wippen und schrägen Blicken um Dr. -Krokowski scharte, während der Hofrat dem Sonntage zu Ehren der -Herrenwelt das Kunststück mit seinem Schnürstiefel zeigte: er setzte -seinen gewaltigen Fuß auf eine höhere Stufe, löste die Bänder, ergriff -sie nach einer besonderen Praktik mit einer Hand und wußte sie, ohne die -andere zu Hilfe zu nehmen, mit solcher Fertigkeit kreuzweise einzuhaken, -daß alle sich wunderten und mehrere umsonst versuchten, es ihm -gleichzutun. - -Später erschien auch Settembrini auf der Terrasse, – er kam, auf seinen -Spazierstock gestützt, aus dem Speisesaal, auch heute in seinem Flaus -und seinen gelblichen Hosen, mit feiner, geweckter und kritischer Miene, -sah sich um und näherte sich dem Tische der Vettern, indem er „Ah, -bravo!“ sagte und um die Erlaubnis bat, sich zu ihnen setzen zu dürfen. - -„Bier, Tabak und Musik“, sagte er. „Da haben wir Ihr Vaterland! Ich -sehe, Sie haben Sinn für nationale Stimmung, Ingenieur. Sie sind in -Ihrem Elemente, das freut mich. Lassen Sie mich etwas teilnehmen an der -Harmonie Ihres Zustandes!“ - -Hans Castorp nahm seine Züge zusammen, – hatte es schon getan, als er -des Italieners nur ansichtig geworden war. Er sagte: - -„Sie kommen aber spät zum Konzert, Herr Settembrini, es muß ja bald aus -sein. Hören Sie nicht gern Musik?“ - -„Nicht gern auf Kommando“, erwiderte Settembrini. „Nicht nach dem -Wochenkalender. Nicht gern, wenn sie nach Apotheke riecht und mir von -oben herab aus sanitären Gründen zugemessen wird. Ich halte ein wenig -auf meine Freiheit oder doch auf jenen Rest von Freiheit und -Menschenwürde, der unsereinem übrigbleibt. Bei solchen Veranstaltungen -hospitiere ich, wie Sie im großen bei uns hospitieren, – ich komme auf -eine Viertelstunde und gehe wieder meiner Wege. Das gibt mir die -Illusion der Unabhängigkeit ... Ich sage nicht, daß es mehr ist, als -eine Illusion, aber was wollen Sie, wenn sie mir eine gewisse Genugtuung -bereitet! Mit Ihrem Vetter, das ist etwas anderes. Für ihn ist es -Dienst. Nicht wahr, Leutnant, Sie betrachten es als zum Dienst gehörig. -Oh, ich weiß, Sie kennen den Trick, in der Sklaverei Ihren Stolz zu -bewahren. Ein verwirrender Trick. Nicht jedermann in Europa versteht -sich darauf. Musik? Fragten Sie nicht, ob ich mich als Liebhaber der -Musik bekenne? Nun, wenn Sie ‚Liebhaber‘ sagen (eigentlich entsann Hans -Castorp sich nicht, so gesagt zu haben), der Ausdruck ist nicht übel -gewählt, er hat einen Anflug zärtlicher Leichtfertigkeit. Gut denn, ich -schlage ein. Ja, ich bin ein Liebhaber der Musik, – womit nicht gesagt -sein soll, daß ich sie sonderlich achte, – so etwa, wie ich das Wort -achte und liebe, den Träger des Geistes, das Werkzeug, die glänzende -Pflugschar des Fortschritts ... Musik ... sie ist das halb Artikulierte, -das Zweifelhafte, das Unverantwortliche, das Indifferente. Vermutlich -werden Sie mir einwenden, daß sie klar sein könne. Aber auch die Natur -kann klar sein, auch ein Bächlein kann klar sein, und was hilft uns das? -Es ist nicht die wahre Klarheit, es ist eine träumerische, nichtssagende -und zu nichts verpflichtende Klarheit, eine Klarheit ohne Konsequenzen, -gefährlich deshalb, weil sie dazu verführt, sich bei ihr zu beruhigen -... Lassen Sie die Musik die Gebärde der Hochherzigkeit annehmen. Gut! -Sie wird damit unser Gefühl entflammen. Es kommt jedoch darauf an, die -Vernunft zu entflammen! Die Musik ist scheinbar die Bewegung selbst, – -gleichwohl habe ich sie im Verdachte des Quietismus. Lassen Sie mich die -Sache auf die Spitze stellen: Ich hege eine politische Abneigung gegen -die Musik.“ - -Hier konnte Hans Castorp nicht umhin, sich aufs Knie zu schlagen und -auszurufen, so etwas habe er denn doch in seinem Leben noch nicht -gehört. - -„Ziehen Sie es trotzdem in Erwägung!“ sagte Settembrini lächelnd. „Die -Musik ist unschätzbar als letztes Begeisterungsmittel, als aufwärts und -vorwärts reißende Macht, wenn sie den Geist für ihre Wirkungen -vorgebildet findet. Aber die Literatur muß ihr vorangegangen sein. Musik -allein bringt die Welt nicht vorwärts. Musik allein ist gefährlich. Für -Sie persönlich, Ingenieur, ist sie unbedingt gefährlich. Ich sah es -sofort an Ihren Gesichtszügen, als ich kam.“ - -Hans Castorp lachte. - -„Ach, mein Gesicht dürfen Sie nicht ansehen, Herr Settembrini. Sie -glauben nicht, wie die Luft bei Ihnen hier oben mir zusetzt. Es fällt -mir schwerer, als ich dachte, mich zu akklimatisieren.“ - -„Ich fürchte, Sie täuschen sich.“ - -„Nein, wieso! Weiß der Teufel, wie müde und heiß ich noch immer bin.“ - -„Ich finde doch, daß man der Direktion für die Konzerte dankbar sein -muß“, sagte Joachim besonnen. „Sie betrachten die Sache ja von einem -höheren Standpunkt, Herr Settembrini, sozusagen als Schriftsteller, und -da will ich Ihnen nicht widersprechen. Aber ich finde doch, daß man hier -dankbar sein muß für ein bißchen Musik. Ich bin gar nicht besonders -musikalisch, und dann sind die Stücke, die gespielt werden, ja auch -nicht weiter großartig, – weder klassisch noch modern, sondern nur -einfach Blechmusik. Aber es ist doch eine erfreuliche Abwechslung. Es -füllt ein paar Stunden so anständig aus, ich meine: es teilt sie ein und -füllt sie im einzelnen aus, so daß doch etwas daran ist, während man -sich hier sonst die Stunden und Tage und Wochen so schauderhaft um die -Ohren schlägt ... Sehen Sie, so eine anspruchslose Konzertnummer dauert -vielleicht sieben Minuten, nicht wahr, und die sind etwas für sich, sie -haben Anfang und Ende, sie heben sich ab und sind gewissermaßen bewahrt -davor, so unversehens im allgemeinen Schlendrian unterzugehen. Außerdem -sind sie ja wieder noch vielfach eingeteilt, durch die Figuren des -Stückes, und die wieder in Takte, so daß immer was los ist und jeder -Augenblick einen gewissen Sinn bekommt, an den man sich halten kann, -während sonst ... Ich weiß nicht, ob ich mich richtig ...“ - -„Bravo!“ rief Settembrini. „Bravo, Leutnant! Sie bezeichnen sehr gut ein -unzweifelhaft sittliches Moment im Wesen der Musik, nämlich dieses, daß -sie dem Zeitablaufe durch eine ganz eigentümlich lebensvolle Messung -Wachheit, Geist und Kostbarkeit verleiht. Die Musik weckt die Zeit, sie -weckt uns zum feinsten Genusse der Zeit, sie weckt ... insofern ist sie -sittlich. Die Kunst ist sittlich, sofern sie weckt. Aber wie, wenn sie -das Gegenteil tut? Wenn sie betäubt, einschläfert, der Aktivität und dem -Fortschritt entgegenarbeitet? Auch das kann die Musik, auch auf die -Wirkung der Opiate versteht sie sich aus dem Grunde. Eine teuflische -Wirkung, meine Herren! Das Opiat ist vom Teufel, denn es schafft -Dumpfsinn, Beharrung, Untätigkeit, knechtischen Stillstand ... Es ist -etwas Bedenkliches um die Musik, meine Herren. Ich bleibe dabei, daß sie -zweideutigen Wesens ist. Ich gehe nicht zu weit, wenn ich sie für -politisch verdächtig erkläre.“ - -Er sprach noch weiter in dieser Art, und Hans Castorp hörte auch zu, -vermochte aber so recht nicht zu folgen, erstens seiner Müdigkeit wegen, -und dann auch, weil er abgelenkt war durch die geselligen Vorgänge unter -der leichten Jugend dort auf den Stufen. Sah er recht oder wie war das -eigentlich? Das Fräulein mit dem Tapirgesicht war beschäftigt, dem -Jungen mit dem Monokel einen Knopf an den Kniebund seiner Sporthose zu -nähen! Und dabei ging ihr der Atem schwer und heiß vor Asthma, während -_er_ seinen salzlöffelähnlichen Fingernagel hüstelnd zum Munde führte! -Sie waren ja krank, alle beide, aber trotzdem zeugte es von sonderbaren -Verkehrssitten unter den jungen Leuten hier oben. Die Musik spielte eine -Polka ... - - - Hippe - -So hob der Sonntag sich ab. Sein Nachmittag war überdies gekennzeichnet -durch Wagenfahrten, die von verschiedenen Gästegruppen unternommen -wurden: mehrere Zweispänner schleppten sich nach dem Tee die Wegschleife -herauf und hielten vorm Hauptportal, um ihre Besteller aufzunehmen, -Russen hauptsächlich, und zwar russische Damen. - -„Russen fahren immer spazieren“, sagte Joachim zu Hans Castorp, – sie -standen zusammen vor dem Portal und sahen zu ihrer Unterhaltung den -Abfahrten zu. „Nun fahren sie nach Clavadell oder nach dem See oder ins -Flüelatal oder nach Klosters, das sind so die Ziele. Wir können auch mal -fahren während deiner Anwesenheit, wenn du Lust hast. Aber ich glaube, -vorläufig hast du genug zu tun, um dich einzuleben, und brauchst keine -Unternehmungen.“ - -Hans Castorp stimmte dem bei. Er hatte eine Zigarette im Munde und die -Hände in den Hosentaschen. So sah er zu, wie die kleine, muntere, alte -russische Dame mit ihrer mageren Großnichte und zwei anderen Damen in -einem Wagen Platz nahm; es waren Marusja und Madame Chauchat. Diese -hatte einen dünnen Staubmantel, mit einem Gurt im Rücken, angelegt, war -jedoch ohne Hut. Sie setzte sich neben die Alte in den Fond des Wagens, -während die jungen Mädchen die Rückplätze einnahmen. Alle vier waren -lustig und regten unaufhörlich die Münder in ihrer weichen, gleichsam -knochenlosen Sprache. Sie sprachen und lachten über die Wagendecke, in -die sie sich unter Schwierigkeiten teilten, über das russische Konfekt, -das die Großtante als Mundvorrat in einem mit Watte und Papierspitzen -gepolsterten Holzkistchen mitführte und schon jetzt präsentierte ... -Hans Castorp unterschied mit Anteil Frau Chauchats verschleierte Stimme. -Wie immer, wenn ihm die nachlässige Frau vor Augen kam, bekräftigte sich -ihm aufs neue jene Ähnlichkeit, nach der er eine Weile gesucht hatte und -die ihm im Traume aufgegangen war ... Marusjas Lachen aber, der Anblick -ihrer runden, braunen Augen, die kindlich über das Tüchlein -hinwegblickten, womit sie den Mund bedeckte, und ihrer hohen Brust, die -innerlich gar nicht wenig krank sein sollte, erinnerte ihn an etwas -Anderes, Erschütterndes, was er neulich gesehen hatte, und so blickte er -vorsichtig und ohne den Kopf zu bewegen zur Seite auf Joachim. Nein, -gottlob, so fleckig im Gesicht sah Joachim nicht aus wie damals, und -auch seine Lippen waren jetzt nicht so kläglich verzerrt. Aber er sah -Marusja an – und zwar in einer Haltung, mit einem Augenausdruck, die -unmöglich militärisch genannt werden konnten, vielmehr so trüb und -selbstvergessen erschienen, daß man sie als ausgemacht zivilistisch -ansprechen mußte. Dann raffte er sich übrigens zusammen und blickte -rasch nach Hans Castorp, so daß dieser eben noch Zeit hatte, seine Augen -von ihm fortzutun und sie irgendwohin in die Lüfte zu senden. Er fühlte -sein Herz klopfen dabei, – unmotiviert und auf eigene Hand, wie es das -hier nun einmal tat. - -Der Rest des Sonntags bot nichts Außerordentliches, abgesehen vielleicht -von den Mahlzeiten, die, da sie reicher als gewöhnlich nicht wohl -gestaltet werden konnten, wenigstens eine erhöhte Feinheit der Gerichte -aufwiesen. (Zum Mittagessen gab es ein _Chaud-froid_ von Hühnern, mit -Krebsen und halbierten Kirschen verziert; zum Gefrorenen Patisserie in -Körbchen, die aus gesponnenem Zucker geflochten waren, und dann auch -noch frische Ananas.) Abends, nachdem er sein Bier getrunken, fühlte -Hans Castorp sich noch erschöpfter, frostiger und schwerer von Gliedern, -als die Tage vorher, sagte seinem Vetter schon gegen neun Uhr gute -Nacht, zog eilig das Federbett bis über das Kinn und schlief ein wie -erschlagen. - -Allein schon der folgende Tag, der erste Montag also, den der Hospitant -hier oben verlebte, brachte eine weitere regelmäßig wiederkehrende -Abwandlung des Tageslaufes: nämlich einen jener Vorträge, die Dr. -Krokowski vierzehntägig im Speisesaal vor dem gesamten volljährigen, der -deutschen Sprache kundigen und nicht moribunden Publikum des „Berghofes“ -hielt. Es handelte sich, wie Hans Castorp von seinem Vetter hörte, um -eine Reihe zusammenhängender Kollegien, einen populär-wissenschaftlichen -Kursus unter dem Generaltitel „Die Liebe als krankheitbildende Macht“. -Die belehrende Unterhaltung fand nach dem zweiten Frühstück statt, und -es war, wie wiederum Joachim sagte, nicht zulässig, wurde zum mindesten -höchst ungern gesehen, daß man sich davon ausschlösse, – weshalb es denn -auch als erstaunliche Frechheit galt, daß Settembrini, obgleich des -Deutschen mächtiger als irgend jemand, die Vorträge nicht nur niemals -besuchte, sondern sich auch in den abschätzigsten Äußerungen darüber -erging. Was Hans Castorp betraf, so war er vor allem aus Höflichkeit, -dann aber auch aus unverhohlener Neugier sofort entschlossen, sich -einzufinden. Vorher jedoch tat er etwas ganz Verkehrtes und -Fehlerhaftes: er ließ sich einfallen, auf eigene Hand einen ausgedehnten -Spaziergang zu machen, was ihm über alles Vermuten schlecht bekam. - -„Jetzt paß auf!“ waren seine ersten Worte, als Joachim morgens in sein -Zimmer trat. „Ich sehe, daß es mit mir nicht so weitergeht. Ich habe die -horizontale Lebensweise nun satt, – das Blut schläft einem ja dabei ein. -Mit dir ist es selbstverständlich was anderes, du bist Patient, dich -will ich durchaus nicht verführen. Aber ich will nun mal gleich nach dem -Frühstück einen ordentlichen Spaziergang unternehmen, wenn du es mir -nicht übel nimmst, so ein paar Stunden aufs Geratewohl in die Welt -hinein. Ich stecke mir einen Bissen zum Frühstück in die Tasche, dann -bin ich unabhängig. Wir wollen doch sehen, ob ich nicht ein anderer Kerl -bin, wenn ich nach Hause komme.“ - -„Schön!“ sagte Joachim, da er sah, daß es dem anderen ernst war mit -seinem Begehren und Vorsatz. „Aber übertreibe es nicht, das rate ich -dir. Es ist hier anders als wie zu Hause. Und dann sei pünktlich zum -Vortrag zurück!“ - -In Wirklichkeit waren es noch andere Gründe, als nur der körperliche, -die dem jungen Hans Castorp sein Vorhaben eingegeben hatten. Ihm war, -als ob an seinem hitzigen Kopf, dem schlechten Geschmack, den er -meistens im Munde hatte, und dem willkürlichen Klopfen seines Herzens -viel weniger die Schwierigkeiten der Akklimatisation schuld seien, als -solche Dinge, wie das Treiben des russischen Ehepaars nebenan, die Reden -der kranken und dummen Frau Stöhr bei Tische, des Herrenreiters weicher -Husten, den er täglich auf den Korridoren vernahm, die Äußerungen Herrn -Albins, die Eindrücke, die er von den Verkehrssitten der leidenden -Jugend empfangen hatte, der Gesichtsausdruck Joachims, wenn er Marusja -betrachtete, und dergleichen Wahrnehmungen mehr. Er dachte, es müsse gut -sein, dem Bannkreise des „Berghofes“ einmal zu entkommen, im Freien tief -aufzuatmen und sich tüchtig zu rühren, um, wenn man abends müde war, -doch wenigstens zu wissen, warum. Und so trennte er sich denn -unternehmend von Joachim, als dieser nach dem Frühstück seinen -dienstlich abgemessenen Lustwandel nach der Bank an der Wasserrinne -antrat, und marschierte stockschwenkend die Fahrstraße hinab seine -eigenen Wege. - -Es war ein kühler, bedeckter Morgen – gegen halb neun Uhr. Wie er es -sich vorgenommen, atmete Hans Castorp tief die reine Frühluft, diese -frische und leichte Atmosphäre, die mühelos einging und ohne -Feuchtigkeitsduft, ohne Gehalt, ohne Erinnerungen war ... Er überschritt -den Wasserlauf und das Schmalspurgeleise, gelangte auf die unregelmäßig -bebaute Straße, verließ sie gleich wieder und schlug einen Wiesenpfad -ein, der nur ein kurzes Stück zu ebener Erde lief und dann schräg hin -und ziemlich steil den rechtsseitigen Hang emporführte. Das Steigen -freute Hans Castorp, seine Brust weitete sich, er schob mit der -Stockkrücke den Hut aus der Stirn, und als er, aus einiger Höhe -zurückblickend, in der Ferne den Spiegel des Sees gewahrte, an dem er -auf der Herreise vorübergekommen war, begann er zu singen. - -Er sang die Stücke, über die er eben verfügte, allerlei volkstümlich -empfindsame Lieder, wie sie in Kommers- und Turnliederbüchern stehen, -unter anderem eines, worin die Zeilen vorkamen: - - „Die Barden sollen Lieb und Wein, - Doch öfter Tugend preisen“ – - -sang sie anfangs leise und summend, dann laut und aus ganzer Kraft. Sein -Bariton war spröde, aber heute fand er ihn schön, und das Singen -begeisterte ihn mehr und mehr. Hatte er zu hoch eingesetzt, so verlegte -er sich auf fistelnde Kopftöne, und auch diese erschienen ihm schön. -Wenn sein Gedächtnis ihn im Stiche ließ, so half er sich damit, daß er -der Melodie irgendwelche sinnlose Silben und Worte unterlegte, die er -nach Art der Kunstsänger formenden Mundes und mit prunkendem Gaumen-R in -die Lüfte sandte, und ging schließlich dazu über, sowohl was den Text -als auch was die Töne betraf, nur noch zu phantasieren und seine -Produktion sogar mit opernhaften Armbewegungen zu begleiten. Da es sehr -anstrengend ist, zugleich zu steigen und zu singen, so wurde ihm bald -der Atem knapp und fehlte ihm immer mehr. Aber aus Idealismus, um der -Schönheit des Gesanges willen, bezwang er die Not und gab unter häufigen -Seufzern sein Letztes her, bis er sich endlich in äußerster -Kurzluftigkeit, blind, nur ein farbiges Flimmern vor Augen und mit -fliegenden Pulsen unter einer dicken Kiefer niedersinken ließ, – nach so -großer Erhebung plötzlich die Beute durchgreifender Verstimmung, eines -Katzenjammers, der an Verzweiflung grenzte. - -Als er mit leidlich wieder befestigten Nerven sich aufmachte, um seinen -Spaziergang fortzusetzen, zitterte sein Genick sehr lebhaft, so daß er -bei so jungen Jahren genau auf dieselbe Weise mit dem Kopfe wackelte, -wie der alte Hans Lorenz Castorp es dereinst getan hatte. Er selbst fand -sich durch die Erscheinung an seinen verstorbenen Großvater herzlich -erinnert, und ohne sie als widerwärtig zu empfinden, gefiel er sich -darin, die ehrwürdige Kinnstütze nachzuahmen, womit der Alte dem -Kopfzittern zu steuern gesucht und die dem Knaben einst so zugesagt -hatte. - -Er stieg noch höher, in Serpentinen. Kuhglockengeläut zog ihn an, und er -fand auch die Herde; sie graste in der Nähe einer Blockhütte, deren Dach -mit Steinen beschwert war. Zwei bärtige Männer kamen ihm entgegen, mit -Äxten auf den Schultern, und trennten sich, als sie nahe herangekommen. -„Nun, so leb wohl und hab Dank!“ sagte der eine zum andern mit tiefer, -gaumiger Stimme, legte seine Axt auf die andere Schulter und begann ohne -Weg und mit knackenden Tritten zwischen den Fichten zu Tal zu schreiten. -Es hatte so sonderbar in der Einsamkeit geklungen, dieses „Leb wohl und -hab Dank“ und träumerisch Hans Castorps vom Steigen und Singen -benommenen Sinn berührt. Er sprach es leise nach, indem er sich bemühte, -die gutturale und feierlich-unbeholfene Mundart des Gebirglers -nachzuahmen, und stieg noch ein Stück über die Almhütte hinaus, da es -ihm darum zu tun war, die Baumgrenze zu erreichen; doch ließ er nach -einem Blick auf die Uhr von diesem Vorhaben ab. - -Er folgte linkshin, in der Richtung gegen den Ort, einem Pfade, der eben -lief und dann abwärts führte. Hochstämmiger Nadelwald nahm ihn auf, und -indem er ihn durchwanderte, begann er sogar wieder ein wenig zu singen, -wenn auch mit Vorsicht und obgleich seine Knie beim Abstiege noch -befremdlicher zitterten als vorher. Aber aus dem Gehölz hervortretend, -stand er überrascht vor einer prächtigen Szenerie, die sich ihm öffnete, -einer intim geschlossenen Landschaft von friedlich-großartiger -Bildmäßigkeit. - -In flachem, steinigem Bett kam ein Bergwasser die rechtsseitige Höhe -herab, ergoß sich schäumend über terrassenförmig gelagerte Blöcke und -floß dann ruhiger gegen das Tal hin weiter, von einem Stege mit schlicht -gezimmertem Geländer malerisch überbrückt. Der Grund war blau von den -Glockenblüten einer staudenartigen Pflanze, die überall wucherte. Ernste -Fichten, riesig und ebenmäßig von Wuchs, standen einzeln und in Gruppen -auf dem Boden der Schlucht sowie die Höhen hinan, und eine davon, zur -Seite des Wildbaches schräg im Gehänge wurzelnd, ragte schief und bizarr -in das Bild hinein. Rauschende Abgeschiedenheit waltete über dem -schönen, einsamen Ort. Jenseits des Baches bemerkte Hans Castorp eine -Ruhebank. - -Er überschritt den Steg und setzte sich, um sich vom Anblick des -Wassersturzes, des treibenden Schaums unterhalten zu lassen, -dem idyllisch gesprächigen, einförmigen und doch innerlich -abwechslungsvollen Geräusche zu lauschen; denn rauschendes Wasser liebte -Hans Castorp ebensosehr wie Musik, ja vielleicht noch mehr. Aber kaum -hatte er sichs bequem gemacht, als ein Nasenbluten ihn so plötzlich -befiel, daß er seinen Anzug nicht ganz vor Verunreinigung schützen -konnte. Die Blutung war heftig, hartnäckig und machte ihm wohl eine -halbe Stunde lang zu schaffen, indem sie ihn zwang, beständig zwischen -Bach und Bank hin und her zu laufen, sein Schnupftuch zu spülen, Wasser -aufzuschnauben und sich wieder flach auf den Brettersitz hinzustrecken, -das feuchte Tuch auf der Nase. So blieb er liegen als endlich das Blut -versiegte – lag still, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, mit -hochgezogenen Knien, die Augen geschlossen, die Ohren erfüllt vom -Rauschen, nicht unwohl, eher besänftigt vom reichlichen Aderlaß und in -einem Zustande sonderbar herabgesetzter Lebenstätigkeit; denn wenn er -ausgeatmet hatte, fühlte er lange kein Bedürfnis, neue Luft einzuholen, -sondern ließ mit stillgestelltem Leibe ruhig sein Herz eine Reihe von -Schlägen tun, bis er spät und träge wieder einen oberflächlichen Atemzug -aufnahm. - -Da fand er sich auf einmal in jene frühe Lebenslage versetzt, die das -Urbild eines nach neuesten Eindrücken gemodelten Traumes war, den er vor -einigen Nächten geträumt ... Aber so stark, so restlos, so bis zur -Aufhebung des Raumes und der Zeit war er ins Dort und Damals entrückt, -daß man hätte sagen können, ein lebloser Körper liege hier oben beim -Gießbache auf der Bank, während der eigentliche Hans Castorp weit fort -in früherer Zeit und Umgebung stünde, und zwar in einer bei aller -Einfachheit gewagten und herzberauschenden Situation. - -Er war dreizehn Jahre alt, Untertertianer, ein Junge in kurzen Hosen, -und stand auf dem Schulhof im Gespräch mit einem anderen, ungefähr -gleichaltrigen Jungen aus einer anderen Klasse, – einem Gespräch, das -Hans Castorp ziemlich willkürlich vom Zaune gebrochen hatte, und das -ihn, obgleich es seines sachlichen und knapp umschriebenen Gegenstandes -wegen nur ganz kurz sein konnte, doch im höchsten Grade erfreute. Es war -die Pause zwischen der vorletzten und letzten Stunde, einer Geschichts- -und einer Zeichenstunde für Hans Castorps Klasse. Auf dem Hofe, der mit -roten Klinkern gepflastert und von einer mit Schindeln gedeckten und mit -zwei Eingangstoren versehenen Mauer gegen die Straße abgetrennt war, -gingen die Schüler in Reihen auf und nieder, standen in Gruppen, lehnten -halb sitzend an den glasierten Mauervorsprüngen des Gebäudes. Es -herrschte Stimmengewirr. Ein Lehrer im Schlapphut beaufsichtigte das -Treiben, indem er in eine Schinkensemmel biß. - -Der Knabe, mit dem Hans Castorp sprach, hieß Hippe, mit Vornamen -Pribislav. Als Merkwürdigkeit kam hinzu, daß das r dieses Vornamens wie -sch auszusprechen war: es hieß „Pschibislav“; und dieser absonderliche -Vorname stimmte nicht schlecht zu seinem Äußeren, das nicht ganz -durchschnittsmäßig, entschieden etwas fremdartig war. Hippe, Sohn eines -Historikers und Gymnasialprofessors, notorischer Musterschüler folglich -und schon eine Klasse weiter als Hans Castorp, obgleich kaum älter als -dieser, stammte aus Mecklenburg und war für seine Person offenbar das -Produkt einer alten Rassenmischung, einer Versetzung germanischen Blutes -mit wendisch-slawischem – oder auch umgekehrt. Zwar war er blond, – sein -Haar war ganz kurz über dem Rundschädel geschoren. Aber seine Augen, -blaugrau oder graublau von Farbe – es war eine etwas unbestimmte und -mehrdeutige Farbe, die Farbe etwa eines fernen Gebirges –, zeigten einen -eigentümlichen, schmalen und genau genommen sogar etwas schiefen -Schnitt, und gleich darunter saßen die Backenknochen, vortretend und -stark ausgeprägt, – eine Gesichtsbildung, die in seinem Falle durchaus -nicht entstellend, sondern sogar recht ansprechend wirkte, die aber -genügt hatte, ihm bei seinen Kameraden den Spitznamen „der Kirgise“ -einzutragen. Übrigens trug Hippe schon lange Hosen und dazu eine -hochgeschlossene, blaue, im Rücken gezogene Joppe, auf deren Kragen -einige Schuppen von seiner Kopfhaut zu liegen pflegten. - -Nun war die Sache die, daß Hans Castorp schon von langer Hand her sein -Augenmerk auf diesen Pribislav gerichtet, – aus dem ganzen ihm bekannten -und unbekannten Gewimmel des Schulhofes ihn erlesen hatte, sich für ihn -interessierte, ihm mit den Blicken folgte, soll man sagen: ihn -bewunderte? auf jeden Fall ihn mit ausnehmendem Anteil betrachtete und -sich schon auf dem Schulwege darauf freute, ihn im Verkehre mit seinen -Klassengenossen zu beobachten, ihn sprechen und lachen zu sehen und von -weitem seine Stimme zu unterscheiden, die angenehm belegt, verschleiert, -etwas heiser war. Zugegeben, daß für diese Teilnahme kein recht -zureichender Grund vorhanden war, wenn man nicht etwa den heidnischen -Vornamen, das Musterschülertum (das aber unmöglich ins Gewicht fallen -konnte) oder endlich die Kirgisenaugen für einen solchen nehmen wollte, -– Augen, die sich zuweilen, bei einem gewissen Seitenblick, der nicht -zum Sehen diente, auf eine schmelzende Weise ins Schleierig-Nächtige -verdunkeln konnten – so machte Hans Castorp sich doch wenig Sorge um die -geistige Rechtfertigung seiner Empfindungen oder gar darum, wie sie etwa -notfalls zu benennen gewesen wären. Denn von Freundschaft konnte nicht -gut die Rede sein, da er Hippe ja gar nicht „kannte“. Aber erstens lag -nicht die geringste Nötigung zur Namengebung vor, da kein Gedanke daran -war, daß der Gegenstand je zur Sprache gebracht werden könnte, – dazu -eignete er sich nicht und verlangte auch nicht danach. Und zweitens -bedeutet ein Name ja, wenn nicht Kritik, so doch Bestimmung, das heißt -Unterbringung im Bekannten und Gewohnten, während Hans Castorp doch von -der unbewußten Überzeugung durchdrungen war, daß ein inneres Gut, wie -dieses, vor solcher Bestimmung und Unterbringung ein für allemal -geschützt sein sollte. - -Aber gut oder schlecht begründet, jedenfalls waren diese dem Namen und -der Mitteilung so fernen Empfindungen von solcher Lebenskraft, daß Hans -Castorp sich schon fast seit einem Jahr – ungefähr seit einem Jahr, denn -genau waren ihre Anfänge nicht aufzufinden – im stillen damit trug, was -zum mindesten für die Treue und Beständigkeit seines Charakters sprach, -wenn man erwägt, welche riesige Zeitmasse ein Jahr in diesem Lebensalter -bedeutet. Leider wohnt den Bezeichnungen von Charaktereigenschaften -regelmäßig ein moralisches Urteil inne, sei es im lobenden oder -tadelnden Sinn, obgleich sie alle ihre zwei Seiten haben. Hans Castorps -„Treue“, auf die er sich übrigens weiter nichts zugute tat, bestand, -ohne Wertung gesprochen, in einer gewissen Schwerfälligkeit, Langsamkeit -und Beharrlichkeit seines Gemütes, einer erhaltenden Grundstimmung, die -ihm Zustände und Lebensverhältnisse der Anhänglichkeit und des -Fortbestandes desto würdiger erscheinen ließ, je länger sie bestanden. -Auch war er geneigt, an die unendliche Dauer des Zustandes, der -Verfassung zu glauben, worin er sich gerade befand, schätzte sie eben -darum und war nicht auf Veränderung erpicht. So hatte er sich an sein -stilles und fernes Verhältnis zu Pribislav Hippe im Herzen gewöhnt und -hielt es im Grunde für eine bleibende Einrichtung seines Lebens. Er -liebte die Gemütsbewegungen, die es mit sich brachte, die Spannung, ob -jener ihm heute begegnen, dicht an ihm vorübergehen, vielleicht ihn -anblicken werde, die lautlosen, zarten Erfüllungen, mit denen sein -Geheimnis ihn beschenkte, und sogar die Enttäuschungen, die zur Sache -gehörten und deren größte war, wenn Pribislav „fehlte“: dann war der -Schulhof verödet, der Tag aller Würze bar, aber die hinhaltende Hoffnung -blieb. - -Das dauerte ein Jahr, bis es auf jenen abenteuerlichen Höhepunkt -gelangte, dann dauerte es noch ein Jahr, dank der bewahrenden Treue Hans -Castorps, und dann hörte es auf – und zwar ohne daß er mehr von der -Lockerung und Auflösung der Bande merkte, die ihn an Pribislav Hippe -knüpften, als er von ihrer Entstehung gemerkt hatte. Auch verließ -Pribislav, infolge der Versetzung seines Vaters, Schule und Stadt; aber -das beachtete Hans Castorp kaum noch; er hatte ihn schon vorher -vergessen. Man kann sagen, daß die Gestalt des „Kirgisen“ unmerklich aus -Nebeln in sein Leben getreten war, langsam immer mehr Deutlichkeit und -Greifbarkeit gewonnen hatte, bis zu jenem Augenblick der größten Nähe -und Körperlichkeit, auf dem Hofe, eine Weile so im Vordergrunde -gestanden hatte und dann allmählich wieder zurückgetreten und ohne -Abschiedsweh in den Nebeln entschwunden war. - -Jener Augenblick aber, die gewagte und abenteuerliche Situation, in die -Hans Castorp sich nun wieder versetzt fand, das Gespräch, ein wirkliches -Gespräch mit Pribislav Hippe, kam folgendermaßen zustande. Die -Zeichenstunde war an der Reihe, und Hans Castorp bemerkte, daß er seinen -Bleistift nicht bei sich hatte. Jeder seiner Klassengenossen brauchte -den seinen; aber er hatte ja unter den Angehörigen anderer Klassen -diesen und jenen Bekannten, den er um einen Stift hätte angehen können. -Am bekanntesten jedoch, fand er, war ihm Pribislav, am nächsten stand -ihm dieser, mit dem er im stillen schon so viel zu tun gehabt hatte; und -mit einem freudigen Aufschwunge seines Wesens beschloß er, die -Gelegenheit – eine Gelegenheit nannte er es – zu benutzen und Pribislav -um einen Bleistift zu bitten. Daß das ein ziemlich sonderbarer Streich -sein werde, da er Hippe in Wirklichkeit ja nicht kannte, das entging -ihm, oder er kümmerte sich doch nicht darum, verblendet von merkwürdiger -Rücksichtslosigkeit. Und so stand er denn nun im Gewühle des -Klinkerhofes wirklich vor Pribislav Hippe und sagte zu ihm: - -„Entschuldige, kannst du mir einen Bleistift leihen?“ - -Und Pribislav sah ihn an mit seinen Kirgisenaugen über den vorstehenden -Backenknochen und sprach zu ihm mit seiner angenehm heiseren Stimme, -ohne Verwunderung oder doch ohne Verwunderung an den Tag zu legen. - -„Gern“, sagte er. „Du mußt ihn mir nach der Stunde aber bestimmt -zurückgeben.“ Und zog sein Crayon aus der Tasche, ein versilbertes -Crayon mit einem Ring, den man aufwärts schieben mußte, damit der rot -gefärbte Stift aus der Metallhülse wachse. Er erläuterte den einfachen -Mechanismus, während ihre beiden Köpfe sich darüberneigten. - -„Aber mach ihn nicht entzwei!“ sagte er noch. - -Wo dachte er hin? Als ob Hans Castorp die Absicht gehabt hätte, den -Stift etwa _nicht_ zurückzuerstatten oder gar ihn fahrlässig zu -behandeln. - -Dann sahen sie einander lächelnd an, und da nichts mehr zu sagen blieb, -so kehrten sie sich erst die Schultern und dann die Rücken zu und -gingen. - -Das war alles. Aber vergnügter war Hans Castorp in seinem Leben nie -gewesen, als in dieser Zeichenstunde, da er mit Pribislav Hippes -Bleistift zeichnete, – mit der Aussicht obendrein, ihn nachher seinem -Besitzer wieder einzuhändigen, was als reine Dreingabe zwanglos und -selbstverständlich aus dem vorhergehenden folgte. Er war so frei, den -Bleistift etwas zuzuspitzen, und von den rot lackierten Schnitzeln, die -abfielen, bewahrte er drei oder vier fast ein ganzes Jahr lang in einer -inneren Schublade seines Pultes auf, – niemand, der sie gesehen hätte, -würde geahnt haben, wie Bedeutendes es damit auf sich hatte. Übrigens -vollzog die Rückgabe sich in den einfachsten Formen, was aber ganz nach -Hans Castorps Sinne war, ja, worauf er sich sogar etwas Besonderes -zugute tat, – abgestumpft und verwöhnt, wie er war, durch den intimen -Verkehr mit Hippe. - -„Da“, sagte er. „Danke sehr.“ - -Und Pribislav sagte gar nichts, sondern revidierte nur flüchtig den -Mechanismus und schob das Crayon in die Tasche ... - -Dann hatten sie nie wieder miteinander gesprochen, aber dies eine Mal, -dank Hans Castorps Unternehmungsgeist, war es eben doch geschehen ... - -Er riß die Augen auf, verwirrt von der Tiefe seiner Entrücktheit. „Ich -glaube, ich habe geträumt!“ dachte er. „Ja, das war Pribislav. Lange -habe ich nicht mehr an ihn gedacht. Wo sind die Schnitzel hingekommen? -Das Pult ist auf dem Boden, zu Hause bei Onkel Tienappel. Sie müssen -noch in der inneren kleinen Schublade links hinten sein. Ich habe sie -nie herausgenommen. Nicht einmal soviel Aufmerksamkeit, sie wegzuwerfen, -erwies ich ihnen ... Es war ganz Pribislav, wie er leibte und lebte. Ich -hätte nicht gedacht, daß ich ihn je so deutlich wiedersehen würde. Wie -merkwürdig ähnlich er ihr sah, – dieser hier oben! Darum also -interessiere ich mich so für sie? Oder vielleicht auch: habe ich mich -darum so für _ihn_ interessiert? Unsinn! Ein schöner Unsinn. Ich muß -übrigens gehen, und zwar schleunigst.“ Aber er blieb doch noch liegen, -sinnend und sich erinnernd. Dann richtete er sich auf. „Nun, so leb wohl -und hab Dank!“ sagte er und bekam Tränen in die Augen, während er -lächelte. Damit wollte er aufbrechen; aber er setzte sich, Hut und Stock -in der Hand, rasch noch einmal nieder, denn er hatte bemerken müssen, -daß seine Knie ihn nicht recht trugen. „Hoppla,“ dachte er, „ich glaube, -das wird nicht gehen! Und dabei soll ich Punkt elf Uhr zum Vortrag im -Eßsaal sein. Das Spazierengehen hat hier sein Schönes, aber auch seine -Schwierigkeiten, wie es scheint. Ja, ja, aber hierbleiben kann ich -nicht. Es ist nur, daß ich vom Liegen etwas lahm geworden bin; in der -Bewegung wird es schon besser werden.“ Und er versuchte nochmals, auf -die Beine zu kommen, und da er sich gehörig zusammennahm, so ging es. - -Immerhin wurde es eine klägliche Heimkehr, nach einem so hochgemuten -Auszug. Wiederholt mußte er am Wege rasten, da er fühlte, daß sein -Gesicht plötzlich weiß wurde, kalter Schweiß ihm auf die Stirne trat und -das regellose Verhalten seines Herzens ihm den Atem benahm. Kümmerlich -kämpfte er sich so die Serpentinen hinab; als er aber in der Nähe des -Kurhauses das Tal erreichte, sah er klar und deutlich, daß er die -gedehnte Wegstrecke zum „Berghof“ unmöglich noch aus eigener Kraft werde -überwinden können, und da es keine Trambahn gab und kein Mietsfuhrwerk -sich zeigte, so bat er einen Fuhrmann, der einen Stellwagen mit leeren -Kisten gegen „Dorf“ hin lenkte, ihn aufsitzen zu lassen. Rücken an -Rücken mit dem Kutscher, die Beine vom Wagen hängend, von den Passanten -mit verwunderter Teilnahme betrachtet, schwankend und nickend im -Halbschlaf und unter den Stößen des Gefährtes, zog er dahin, stieg ab -beim Bahnübergange, gab Geld hin, ohne zu sehen, wie viel und wie wenig, -und hastete kopfüber die Wegschleife hinan. - -„_Dépêchez-vous, monsieur!_“ sagte der französische Türhüter. „_La -conférence de M. Krokowski vient de commencer._“ Und Hans Castorp warf -Hut und Stock in die Garderobe und zwängte sich hastig-behutsam, die -Zunge zwischen den Zähnen, durch die kaum geöffnete Glastür in den -Speisesaal, wo die Kurgesellschaft reihenweise auf Stühlen saß, während -an der rechten Schmalseite Dr. Krokowski im Gehrock hinter einem -gedeckten und mit einer Wasserkaraffe geschmückten Tische stand und -sprach ... - - - Analyse - -Ein freier Eckplatz winkte glücklicherweise in der Nähe der Tür. Er -stahl sich seitlich darauf und nahm eine Miene an, als hätte er hier -schon immer gesessen. Das Publikum, mit erster Aufmerksamkeit an Dr. -Krokowskis Lippen hängend, beachtete ihn kaum; und das war gut, denn er -sah schrecklich aus. Sein Gesicht war bleich wie Leinen und sein Anzug -mit Blut befleckt, so daß er einem von frischer Tat kommenden Mörder -glich. Die Dame vor ihm freilich wandte den Kopf, als er sich setzte, -und musterte ihn mit schmalen Augen. Es war Madame Chauchat, er erkannte -sie mit einer Art von Erbitterung. Aber das war doch des Teufels! Sollte -er denn nicht zur Ruhe kommen? Er hatte gedacht, hier still am Ziele -sitzen und sich ein wenig erholen zu können, und da mußte er sie nun -gerade vor der Nase haben, – ein Zufall, über den er sich unter anderen -Umständen ja möglicherweise gefreut hätte, aber müde und abgehetzt, wie -er war, was sollte es ihm da? Es stellte nur neue Anforderungen an sein -Herz und würde ihn während des ganzen Vortrags in Atem halten. Genau mit -Pribislavs Augen hatte sie ihn angesehen, in sein Gesicht und auf die -Blutflecke seines Anzugs geblickt, – ziemlich rücksichtslos und -zudringlich übrigens, wie es zu den Manieren einer Frau paßte, die mit -den Türen warf. Wie schlecht sie sich hielt! Nicht wie die Frauen in -Hans Castorps heimischer Sphäre, die aufrechten Rückens den Kopf ihrem -Tischherrn zuwandten, indes sie mit den Spitzen der Lippen sprachen. -Frau Chauchat saß zusammengesunken und schlaff, ihr Rücken war rund, sie -ließ die Schultern nach vorne hängen, und außerdem hielt sie auch noch -den Kopf vorgeschoben, so daß der Wirbelknochen im Nackenausschnitt -ihrer weißen Bluse hervortrat. Auch Pribislav hatte den Kopf so ähnlich -gehalten; er jedoch war ein Musterschüler gewesen, der in Ehren gelebt -hatte (obgleich nicht dies der Grund gewesen war, weshalb Hans Castorp -sich den Bleistift von ihm geliehen hatte), – während es klar und -deutlich war, daß Frau Chauchats nachlässige Haltung, ihr Türenwerfen, -die Rücksichtslosigkeit ihres Blickes mit ihrem Kranksein -zusammenhingen, ja, es drückten sich darin die Ungebundenheit, jene -nicht ehrenvollen, aber geradezu grenzenlosen Vorteile aus, deren der -junge Herr Albin sich gerühmt hatte ... - -Hans Castorps Gedanken verwirrten sich, während er auf Frau Chauchats -schlaffen Rücken blickte, sie hörten auf, Gedanken zu sein, und wurden -zur Träumerei, in welche Dr. Krokowskis schleppender Bariton, sein weich -anschlagendes r wie aus weiter Ferne hereintönte. Aber die Stille im -Saal, die tiefe Aufmerksamkeit, die ringsumher alles in Bann hielt, -wirkte auf ihn, sie weckte ihn förmlich aus seinem Dämmern. Er blickte -um sich ... Neben ihm saß der dünnhaarige Pianist, den Kopf im Nacken -und lauschte mit offenem Munde und gekreuzten Armen. Die Lehrerin, -Fräulein Engelhart, weiter drüben, hatte gierige Augen und rotflaumige -Flecke auf beiden Wangen, – eine Hitze, die sich auf den Gesichtern -anderer Damen wiederfand, die Hans Castorp ins Auge faßte, auch auf dem -der Frau Salomon dort, neben Herrn Albin, und der Bierbrauersgattin Frau -Magnus, derselben, die Eiweiß verlor. Auf Frau Stöhrs Gesicht, etwas -weiter zurück, malte sich eine so ungebildete Schwärmerei, daß es ein -Jammer war, während die elfenbeinfarbene Levi, mit halbgeschlossenen -Augen und die flachen Hände im Schoß an der Stuhllehne ruhend, -vollständig einer Toten geglichen hätte, wenn nicht ihre Brust sich so -stark und taktmäßig gehoben und gesenkt hätte, wodurch sie Hans Castorp -vielmehr an eine weibliche Wachsfigur erinnerte, die er einst im -Panoptikum gesehen und die ein mechanisches Triebwerk im Busen gehabt -hatte. Mehrere Gäste hielten die hohle Hand an die Ohrmuschel, oder -deuteten dies wenigstens an, indem sie die Hand bis halbwegs zum Ohre -erhoben hielten, als seien sie mitten in der Bewegung vor Aufmerksamkeit -erstarrt. Staatsanwalt Paravant, ein brauner, scheinbar urkräftiger -Mann, schüttelte sogar sein eines Ohr mit dem Zeigefinger, um es -hellhöriger zu machen, und hielt es dann wieder Dr. Krokowskis -Redeflusse hin. - -Was redete denn Dr. Krokowski? In welchem Gedankengange bewegte er sich? -Hans Castorp nahm seinen Verstand zusammen, um aufs laufende zu kommen, -was ihm nicht gleich gelang, da er den Anfang nicht gehört und beim -Nachdenken über Frau Chauchats schlaffen Rücken Weiteres versäumt hatte. -Es handelte sich um eine Macht ... jene Macht ... kurzum, es war die -Macht der Liebe, um die es sich handelte. Selbstverständlich! Das Thema -lag ja im Generaltitel des Vortragszyklus, und wovon sollte Dr. -Krokowski denn auch sonst wohl sprechen, da dies nun einmal sein Gebiet -war. Etwas wunderlich war es ja, auf einmal ein Kolleg über die Liebe zu -hören, während sonst immer nur von Dingen wie dem Übersetzungsgetriebe -im Schiffbau die Rede gewesen war. Wie fing man es an, einen Gegenstand -von so spröder und verschwiegener Beschaffenheit am hellen Vormittag vor -Damen und Herren zu erörtern? Dr. Krokowski erörterte ihn in einer -gemischten Ausdrucksweise, in zugleich poetischem und gelehrtem Stile, -rücksichtslos wissenschaftlich, dabei aber gesanghaft schwingenden -Tones, was den jungen Hans Castorp etwas unordentlich anmutete, obgleich -gerade dies der Grund sein mochte, weshalb die Damen so hitzige Wangen -hatten und die Herren ihre Ohren schüttelten. Insonderheit gebrauchte -der Redner das Wort „Liebe“ beständig in einem leise schwankenden Sinn, -so daß man niemals recht wußte, woran man damit war, und ob es Frommes -oder Leidenschaftlich-Fleischliches bedeute, – was ein leichtes Gefühl -von Seekrankheit erzeugte. Nie in seinem Leben hatte Hans Castorp dieses -Wort so oft hintereinander aussprechen hören, wie hier und heute, ja, -wenn er nachdachte, so schien ihm, daß er selbst es noch niemals -ausgesprochen oder aus fremdem Munde vernommen habe. Das mochte ein -Irrtum sein, – jedenfalls fand er nicht, daß so häufige Wiederholung dem -Worte zustatten käme. Im Gegenteil, diese schlüpfrigen anderthalb Silben -mit dem Zungen-, dem Lippenlaut und dem dünnen Vokal in der Mitte wurden -ihm auf die Dauer recht widerwärtig, eine Vorstellung verband sich für -ihn damit wie von gewässerter Milch, – etwas Weißbläulichem, Labberigem, -zumal im Vergleich mit all dem Kräftigen, was Dr. Krokowski genau -genommen darüber zum besten gab. Denn so viel ward deutlich, daß man -starke Stücke sagen konnte, ohne die Leute aus dem Saale zu treiben, -wenn man es anfing wie er. Keineswegs begnügte er sich damit, allgemein -bekannte, doch gemeinhin in Schweigen gehüllte Dinge mit einer Art von -berauschendem Takt zur Sprache zu bringen; er zerstörte Illusionen, er -gab unerbittlich der Erkenntnis die Ehre, er ließ keinen Raum für -empfindsamen Glauben an die Würde des Silberhaares und die -Engelsreinheit des zarten Kindes. Übrigens trug er auch zum Gehrock -seinen weichen Fallkragen und seine Sandalen über den grauen Socken, was -einen grundsätzlichen und idealistischen Eindruck machte, wenn auch Hans -Castorp etwas darüber erschrak. Indem er an der Hand von Büchern und -losen Blättern, die vor ihm auf dem Tische lagen, seine Aufstellungen -durch allerlei Beispiele und Anekdoten stützte und mehrmals sogar Verse -rezitierte, handelte Dr. Krokowski von erschreckenden Formen der Liebe, -wunderlichen, leidvollen und unheimlichen Abwandlungen ihrer Erscheinung -und Allgewalt. Unter allen Naturtrieben, sagte er, sei sie der -schwankendste und gefährdetste, von Grund aus zur Verirrung und -heillosen Verkehrtheit geneigt, und das dürfe nicht wundernehmen. Denn -dieser mächtige Impuls sei nichts Einfaches, er sei seiner Natur nach -vielfach zusammengesetzt, und zwar, so rechtmäßig wie er als Ganzes auch -immer sei, – zusammengesetzt sei er aus lauter Verkehrtheiten. Da man -nun aber, und zwar mit Recht, so fuhr Dr. Krokowski fort, da man es nun -aber richtigerweise ablehne, aus der Verkehrtheit der Bestandteile auf -die Verkehrtheit des Ganzen zu schließen, so sei man unweigerlich -genötigt, einen Teil der Rechtmäßigkeit des Ganzen, wenn nicht seine -ganze Rechtmäßigkeit, auch für die einzelne Verkehrtheit in Anspruch zu -nehmen. Das sei eine Forderung der Logik, und daran bitte er seine -Zuhörer festzuhalten. Seelische Widerstände und Korrektive seien es, -anständige und ordnende Instinkte von – fast hätte er sagen mögen -bürgerlicher Art, unter deren ausgleichender und einschränkender Wirkung -die verkehrten Bestandteile zum regelrechten und nützlichen Ganzen -verschmölzen, – ein immerhin häufiger und begrüßenswerter Prozeß, dessen -Ergebnis jedoch (wie Dr. Krokowski etwas wegwerfend hinzufügte) den Arzt -und Denker weiter nichts angehe. In einem anderen Falle dagegen gelinge -er nicht, dieser Prozeß, wolle und solle er nicht gelingen, und wer, so -fragte Dr. Krokowski, vermöge zu sagen, ob dies nicht vielleicht den -edleren, seelisch kostbareren Fall bedeute? In diesem Falle nämlich -eigne beiden Kräftegruppen, dem Liebesdrange sowohl wie jenen -gegnerischen Impulsen, unter denen Scham und Ekel besonders zu nennen -seien, eine außerordentliche, das bürgerlich-übliche Maß überschreitende -Anspannung und Leidenschaft, und, in den Untergründen der Seele geführt, -verhindere der Kampf zwischen ihnen jene Einfriedung, Sicherung und -Sittigung der irrenden Triebe, die zur üblichen Harmonie, zum -vorschriftsmäßigen Liebesleben führe. Dieser Widerstreit zwischen den -Mächten der Keuschheit und der Liebe – denn um einen solchen handle es -sich –, wie gehe er aus? Er endige scheinbar mit dem Siege der -Keuschheit. Furcht, Wohlanstand, züchtiger Abscheu, zitterndes -Reinheitsbedürfnis, sie unterdrückten die Liebe, hielten sie in -Dunkelheiten gefesselt, ließen ihre wirren Forderungen höchstens -teilweise, aber bei weitem nicht nach ihrer ganzen Vielfalt und Kraft -ins Bewußtsein und zur Betätigung zu. Allein dieser Sieg der Keuschheit -sei nur ein Schein- und Pyrrhussieg, denn der Liebesbefehl lasse sich -nicht knebeln, nicht vergewaltigen, die unterdrückte Liebe sei nicht -tot, sie lebe, sie trachte im Dunklen und Tiefgeheimen auch ferner sich -zu erfüllen, sie durchbreche den Keuschheitsbann und erscheine wieder, -wenn auch in verwandelter, unkenntlicher Gestalt ... Und welches sei -denn nun die Gestalt und Maske, worin die nicht zugelassene und -unterdrückte Liebe wiedererscheine? So fragte Dr. Krokowski und blickte -die Reihen entlang, als erwarte er die Antwort ernstlich von seinen -Zuhörern. Ja, das mußte er nun auch noch selber sagen, nachdem er schon -so manches gesagt hatte. Niemand außer ihm wußte es, aber er würde -bestimmt auch dies noch wissen, das sah man ihm an. Mit seinen glühenden -Augen, seiner Wachsblässe und seinem schwarzen Bart, dazu den -Mönchssandalen über grauwollenen Socken, schien er selbst in seiner -Person den Kampf zwischen Keuschheit und Leidenschaft zu -versinnbildlichen, von dem er gesprochen hatte. Wenigstens war dies Hans -Castorps Eindruck, während er wie alle Welt mit größter Spannung die -Antwort darauf erwartete, in welcher Gestalt die unzugelassene Liebe -wiederkehre. Die Frauen atmeten kaum. Staatsanwalt Paravant schüttelte -rasch noch einmal sein Ohr, damit es im entscheidenden Augenblick offen -und aufnahmefähig wäre. Da sagte Dr. Krokowski: In Gestalt der -Krankheit! Das Krankheitssymptom sei verkappte Liebesbetätigung und alle -Krankheit verwandelte Liebe. - -Nun wußte man es, wenn auch wohl nicht alle es ganz zu würdigen -vermochten. Ein Seufzer ging durch den Saal, und Staatsanwalt Paravant -nickte bedeutsamen Beifall, während Dr. Krokowski fortfuhr, seine These -zu entwickeln. Hans Castorp seinerseits senkte den Kopf, um zu bedenken, -was er gehört hatte, und sich zu erforschen, ob er es verstünde. Aber -ungeübt, wie er war in solchen Gedankengängen, und außerdem wenig -geisteskräftig infolge seines unbekömmlichen Spazierganges, war er -leicht abzulenken und wurde dann auch sogleich abgelenkt durch den -Rücken vor ihm und den zugehörigen Arm, der sich hob und rückwärts bog, -um mit der Hand, dicht vor Hans Castorps Augen, von unten das -geflochtene Haar zu stützen. - -Es war beklemmend, die Hand so nahe vor Augen zu haben, – man mußte sie -betrachten, ob man wollte oder nicht, sie studieren in allen Makeln und -Menschlichkeiten, die ihr anhafteten, als habe man sie unter dem -Vergrößerungsglas. Nein, sie hatte durchaus nichts Aristokratisches, -diese zu gedrungene Schulmädchenhand mit den schlecht und recht -beschnittenen Nägeln, – man war nicht einmal sicher, ob sie an den -äußeren Fingergelenken ganz sauber war, und die Haut neben den Nägeln -war zerbissen, das konnte gar keinem Zweifel unterliegen. Hans Castorps -Mund verzog sich, aber seine Augen blieben haften an Madame Chauchats -Hand, und eine halbe und unbestimmte Erinnerung ging ihm durch den Sinn -an das, was Dr. Krokowski über die bürgerlichen Widerstände, die sich -der Liebe entgegenstellten, gesagt hatte ... Der Arm war schöner, dieser -weich hinter den Kopf gebogene Arm, der kaum bekleidet war, denn der -Stoff der Ärmel war dünner als der der Bluse, – die leichteste Gaze, so -daß der Arm nur eine gewisse duftige Verklärung dadurch erfuhr und ganz -ohne Umhüllung wahrscheinlich weniger anmutig gewesen wäre. Er war -zugleich zart und voll – und kühl, aller Mutmaßung nach. Es konnte -hinsichtlich seiner von keinerlei bürgerlichen Widerständen die Rede -sein. - -Hans Castorp träumte, den Blick auf Frau Chauchats Arm gerichtet. Wie -die Frauen sich kleideten! Sie zeigten dies und jenes von ihrem Nacken -und ihrer Brust, sie verklärten ihre Arme mit durchsichtiger Gaze ... -Das taten sie in der ganzen Welt, um unser sehnsüchtiges Verlangen zu -erregen. Mein Gott, das Leben war schön! Es war schön gerade durch -solche Selbstverständlichkeit, wie daß die Frauen sich verlockend -kleideten, – denn selbstverständlich war es ja und so allgemein üblich -und anerkannt, daß man kaum daran dachte und es sich unbewußt und ohne -Aufhebens gefallen ließ. Man sollte aber daran denken, meinte Hans -Castorp innerlich, um sich des Lebens recht zu freuen, und sich -vergegenwärtigen, daß es eine beglückende und im Grunde fast -märchenhafte Einrichtung war. Versteht sich, es war um eines gewissen -Zweckes willen, daß die Frauen sich märchenhaft und beglückend kleiden -durften, ohne dadurch gegen die Schicklichkeit zu verstoßen; es handelte -sich um die nächste Generation, um die Fortpflanzung des -Menschengeschlechts, jawohl. Aber wie, wenn die Frau nun innerlich krank -war, so daß sie gar nicht zur Mutterschaft taugte, – was dann? Hatte es -dann einen Sinn, daß sie Gazeärmel trug, um die Männer neugierig auf -ihren Körper zu machen, – ihren innerlich kranken Körper? Das hatte -offenbar _keinen_ Sinn und hätte eigentlich für unschicklich gelten und -untersagt werden müssen. Denn daß ein Mann sich für eine kranke Frau -interessierte, dabei war doch entschieden nicht mehr Vernunft, als ... -nun, als seinerzeit bei Hans Castorps stillem Interesse für Pribislav -Hippe gewesen war. Ein dummer Vergleich, eine etwas peinliche -Erinnerung. Aber sie hatte sich ungerufen und ohne sein Zutun -eingestellt. Übrigens brach seine träumerische Betrachtung an diesem -Punkte ab, hauptsächlich weil seine Aufmerksamkeit wieder auf Dr. -Krokowski hingelenkt wurde, dessen Stimme sich auffallend erhoben hatte. -Wahrhaftig, er stand da mit ausgebreiteten Armen und schräg geneigtem -Kopf hinter seinem Tischchen und sah trotz seines Gehrockes beinahe aus -wie der Herr Jesus am Kreuz! - -Es stellte sich heraus, daß Dr. Krokowski am Schlusse seines Vortrages -große Propaganda für die Seelenzergliederung machte und mit offenen -Armen alle aufforderte, zu ihm zu kommen. Kommet her zu mir, sagte er -mit anderen Worten, die ihr mühselig und beladen seid! Und er ließ -keinen Zweifel an seiner Überzeugung, daß alle ohne Ausnahme mühselig -und beladen waren. Er sprach von verborgenem Leide, von Scham und Gram, -von der erlösenden Wirkung der Analyse; er pries die Durchleuchtung des -Unbewußten, lehrte die Wiederverwandlung der Krankheit in den bewußt -gemachten Affekt, mahnte zum Vertrauen, verhieß Genesung. Dann ließ er -die Arme sinken, stellte seinen Kopf wieder gerade, raffte die -Druckschriften zusammen, die ihm bei seinem Vortrage gedient hatten, und -indem er das Päckchen, ganz wie ein Lehrer, mit der linken Hand gegen -die Schulter lehnte, entfernte er sich erhobenen Hauptes durch den -Wandelgang. - -Alle standen auf, rückten die Stühle und begannen, sich langsam gegen -denselben Ausgang zu bewegen, durch den der Doktor den Saal verlassen -hatte. Es sah aus, als drängten sie ihm konzentrisch nach, von allen -Seiten, zögernd, doch willenlos und in benommener Einhelligkeit, wie das -Gewimmel hinter dem Rattenfänger. Hans Castorp blieb stehen im Strom, -seine Stuhllehne in der Hand. Ich bin nur zu Besuch hier, dachte er; ich -bin gesund und komme gottlob überhaupt nicht in Betracht, und den -nächsten Vortrag erlebe ich gar nicht mehr hier. Er sah Frau Chauchat -hinausgehen, schleichend, mit vorgeschobenem Kopfe. Ob auch sie sich -zergliedern läßt? dachte er, und sein Herz begann zu pochen ... Dabei -bemerkte er nicht, daß Joachim zwischen den Stühlen auf ihn zu kam, und -zuckte nervös zusammen, als der Vetter das Wort an ihn richtete. - -„Du kamst aber im letzten Augenblick“, sagte Joachim. „Bist du weit -gewesen? Wie war es denn?“ - -„Oh, nett“, erwiderte Hans Castorp. „Doch, ich war ziemlich weit. Aber -ich muß gestehen, es hat mir weniger gut getan, als ich erwartete. Es -war wohl verfrüht oder überhaupt verfehlt. Ich werde es vorläufig nicht -wieder tun.“ - -Ob ihm der Vortrag gefallen, fragte Joachim nicht, und Hans Castorp -äußerte sich nicht dazu. Wie nach schweigender Übereinkunft erwähnten -sie des Vortrages auch nachher mit keinem Worte. - - - Zweifel und Erwägungen - -Am Dienstag war unser Held nun also seit einer Woche bei denen hier -oben, und so fand er denn, als er vom Morgenspaziergang zurückkehrte, in -seinem Zimmer die Rechnung vor, seine erste Wochenrechnung, ein reinlich -ausgeführtes kaufmännisches Dokument, in einen grünlichen Umschlag -verschlossen, mit illustriertem Kopf (das Berghofgebäude war bestechend -abgebildet dort oben) und links seitwärts geschmückt mit einem in -schmaler Kolonne angeordneten Auszuge aus dem Prospekt, worin auch der -„psychischen Behandlung nach modernsten Prinzipien“ in Sperrdruck -Erwähnung geschah. Die kalligraphischen Aufstellungen selbst betrugen -ziemlich genau 180 Franken, und zwar entfielen auf die Verpflegung nebst -ärztlicher Behandlung 12 und auf das Zimmer 8 Franken für den Tag, -ferner auf den Posten „Eintrittsgeld“ 20 Franken und auf die -Desinfektion des Zimmers 10 Franken, während kleinere Sporteln für -Wäsche, Bier und den zum ersten Abendessen genossenen Wein die Summe -abrundeten. - -Hans Castorp fand nichts zu beanstanden, als er mit Joachim die Addition -überprüfte. „Ja, von der ärztlichen Behandlung mache ich keinen -Gebrauch,“ sagte er, „aber das ist meine Sache; sie ist einbegriffen in -den Pensionspreis, und ich kann nicht verlangen, daß sie in Abzug -gebracht wird, wie sollte das auch geschehen? Bei der Desinfektion -machen sie einen Schnitt, denn für 10 Franken H₂CO können sie unmöglich -verpulvert haben, um die Amerikanerin auszuräuchern. Aber im ganzen muß -ich sagen, ich finde es eher billig als teuer, in Anbetracht dessen, was -geboten wird.“ Und so gingen sie denn vor dem zweiten Frühstück auf die -„Verwaltung“, um die Schuld zu bereinigen. - -Die „Verwaltung“ befand sich zu ebener Erde: wenn man, jenseits der -Halle, an der Garderobe und den Küchen- und Anrichteräumen vorüber den -Flurgang verfolgte, konnte man die Tür nicht verfehlen, zumal sie durch -ein Porzellanschild ausgezeichnet war. Hans Castorp gewann dort mit -Interesse einen gewissen Einblick in das kaufmännische Zentrum des -Anstaltsbetriebes. Es war ein richtiges kleines Kontor: ein -Schreibmaschinenfräulein war tätig, und drei männliche Angestellte saßen -über Pulte gebückt, während im anstoßenden Raum ein Herr von dem höheren -Ansehen eines Chefs oder Direktors an einem frei stehenden -Zylinderbureau arbeitete und nur über sein Augenglas hinweg einen kalten -und sachlich musternden Blick auf die Klienten warf. Während man sie am -Schalter abfertigte, einen Schein wechselte, kassierte, quittierte, -bewahrten sie eine ernst-bescheidene, schweigsame, ja botmäßige Haltung, -wie junge Deutsche, die die Achtung vor der Behörde, der Amtsstube auf -jedes Schreib- und Dienstlokal übertragen; aber draußen, auf dem Wege -zum Frühstück und später im Laufe des Tages plauderten sie einiges über -die Verfassung des Berghof-Instituts, wobei Joachim als der Eingesessene -und Kundige die Fragen seines Vetters beantwortete. - -Hofrat Behrens war keineswegs Inhaber und Besitzer der Anstalt, – -obgleich man wohl diesen Eindruck gewinnen konnte. Über und hinter ihm -standen unsichtbare Mächte, die sich eben nur in Gestalt des Bureaus bis -zu einem gewissen Grade manifestierten: ein Aufsichtsrat, eine -Aktiengesellschaft, der anzugehören nicht übel sein mochte, da sie nach -Joachims glaubwürdiger Versicherung trotz hoher Ärztegehälter und -liberalster Wirtschaftsprinzipien alljährlich eine saftige Dividende -unter ihre Mitglieder verteilen konnte. Der Hofrat also war kein -selbständiger Mann, er war nichts als ein Agent, ein Funktionär, ein -Verwandter höherer Gewalten, der erste und oberste freilich, die Seele -des Ganzen, von bestimmendem Einfluß auf die gesamte Organisation, die -Intendantur nicht ausgeschlossen, obgleich er als dirigierender Arzt -über jede Beschäftigung mit dem kaufmännischen Teil des Betriebes -natürlich erhaben war. Aus dem Nordwesten Deutschlands gebürtig, war er, -wie man wußte, wider Absicht und Lebensplan vor Jahren in diese Stellung -gelangt: heraufgeführt durch seine Frau, deren Reste schon längst der -Friedhof von „Dorf“ umfing, – der malerische Friedhof von Dorf Davos -dort oben am rechtsseitigen Hange, weiter zurück gegen den Eingang des -Tales. Sie war eine sehr liebliche, wenn auch überäugige und asthenische -Erscheinung gewesen, den Photographien nach zu urteilen, die überall in -des Hofrats Dienstwohnung standen, sowie auch den Ölbildnissen zufolge, -die, von seiner eigenen Liebhaberhand stammend, dort an den Wänden -hingen. Nachdem sie ihm zwei Kinder geschenkt, einen Sohn und eine -Tochter, war ihr leichter, von Hitze ergriffener Körper in diese -Gegenden heraufgezogen worden, und in wenigen Monaten hatte seine Aus- -und Aufzehrung sich vollendet. Man sagte, Behrens, der sie vergöttert -habe, sei durch den Schlag so schwer getroffen worden, daß er -vorübergehend in Tiefsinn und Wunderlichkeit verfallen sei und sich auf -der Straße durch Kichern, Gestenspiel und Selbstgespräch auffällig -gemacht habe. Er war dann nicht mehr in seinen ursprünglichen -Lebenskreis zurückgekehrt, sondern an Ort und Stelle geblieben: gewiß -auch darum, weil er sich von dem Grabe nicht trennen mochte; den -Ausschlag aber hatte wohl der weniger sentimentale Grund gegeben, daß er -selbst etwas abbekommen hatte und seiner eigenen wissenschaftlichen -Einsicht nach einfach hierher _gehörte_. So hatte er sich eingebürgert -als einer der Ärzte, die Leidensgenossen derjenigen sind, deren -Aufenthalt sie überwachen; die nicht, von der Krankheit unabhängig, sie -aus dem freien Stande persönlicher Intaktheit bekämpfen, sondern selber -ihr Zeichen tragen, – ein eigentümlicher, aber durchaus nicht -vereinzelter Fall, der ohne Zweifel seine Vorzüge wie sein Bedenkliches -hat. Kameradschaft des Arztes mit dem Patienten ist gewiß zu begrüßen, -und es läßt sich hören, daß nur der Leidende des Leidenden Führer und -Heiland zu sein vermag. Aber ist rechte geistige Herrschaft über eine -Macht denn möglich bei dem, der selber zu ihren Sklaven zählt? Kann -befreien, wer selbst unterworfen ist? Der kranke Arzt bleibt ein -Paradoxon für das einfache Gefühl, eine problematische Erscheinung. Wird -nicht vielleicht sein geistiges Wissen um die Krankheit durch das -erfahrungsmäßige nicht so sehr bereichert und sittlich gestärkt als -getrübt und verwirrt? Er blickt der Krankheit nicht in klarer -Gegnerschaft ins Auge, er ist befangen, ist nicht eindeutig als Partei; -und mit aller gebotenen Vorsicht muß man fragen, ob ein der -Krankheitswelt Zugehöriger an der Heilung oder auch nur Bewahrung -anderer eigentlich in dem Sinne interessiert sein kann, wie ein Mann der -Gesundheit ... - -Von diesen Zweifeln und Erwägungen sprach Hans Castorp auf seine Weise -einiges aus, als er mit Joachim vom „Berghof“ und seinem ärztlichen -Leiter schwatzte, aber Joachim bemerkte dagegen, man wisse ja gar nicht, -ob Hofrat Behrens heute noch selber Patient sei, – wahrscheinlich sei er -schon längst genesen. Daß er hier zu praktizieren begonnen hatte, war -lange her, – er hatte es eine Weile auf eigene Hand getrieben und sich -als feinhöriger Auskultator wie auch als sicherer Pneumotom rasch einen -Namen gemacht. Dann hatte der „Berghof“ sich seiner Person versichert, -das Institut, mit dem er nun bald seit einem Jahrzehnt so eng verwachsen -war ... Dort hinten, am Ende des nordwestlichen Flügels, lag seine -Wohnung (Dr. Krokowski hauste nicht weit davon), und jene altadelige -Dame, die Schwester-Oberin, von der Settembrini so höhnisch gesprochen -und die Hans Castorp bisher nur flüchtig gesehen hatte, stand dem -kleinen Witwerhaushalte vor. Im übrigen war der Hofrat allein, denn sein -Sohn studierte an reichsdeutschen Universitäten, und seine Tochter war -schon vermählt: nämlich an einen Advokaten im französischen Teile der -Schweiz. Der junge Behrens kam in den Ferien zuweilen zu Besuch, was -sich während Joachims Aufenthalt schon einmal ereignet hatte, und er -sagte, die Damen der Anstalt seien dann sehr bewegt, die Temperaturen -stiegen, Eifersüchteleien führten zu Zank und Streit auf den -Liegehallen, und erhöhter Zudrang herrsche zu Dr. Krokowskis besonderer -Sprechstunde ... - -Dem Assistenten war für seine Privatordinationen ein eigenes Zimmer -eingeräumt, das, wie der große Untersuchungsraum, das Laboratorium, der -Operationssaal und das Durchstrahlungsatelier, in dem gut belichteten -Kellergeschoß des Anstaltsgebäudes gelegen war. Wir sprechen von einem -Kellergeschoß, weil die steinerne Treppe, die vom Erdgeschoß dorthin -führte, in der Tat die Vorstellung erweckte, daß man sich in einen -Keller begebe, – was aber beinahe ganz auf Täuschung beruhte. Denn -erstens war das Erdgeschoß ziemlich hoch gelegen, das Berghofgebäude -aber zweitens, im ganzen, auf abschüssigem Grunde, am Berge errichtet, -und jene „Keller“-Räumlichkeiten schauten nach vorn, gegen den Garten -und das Tal: Umstände, durch die Wirkung und Sinn der Treppe -gewissermaßen durchkreuzt und aufgehoben wurden. Denn man glaubte wohl -über ihre Stufen von ebener Erde hinabzusteigen, befand sich aber -drunten immer noch und wiederum zu ebener Erde oder doch nur ein paar -Schuh darunter, – ein belustigender Eindruck für Hans Castorp, als er -seinen Vetter, der sich vom Bademeister wiegen lassen sollte, -nachmittags einmal in diese Sphäre „hinunter“-begleitete. Es herrschte -klinische Helligkeit und Sauberkeit dort; alles war weiß in weiß -gehalten, und in weißem Lack schimmerten die Türen, auch die zu Dr. -Krokowskis Empfangszimmer, an der die Visitenkarte des Gelehrten mit -einem Reißnagel befestigt war, und zu der noch eigens zwei Stufen von -der Höhe des Flurganges hinabführten, so daß der dahinter liegende Raum -einen gelaßartigen Charakter erhielt. Sie lag rechts von der Treppe, -diese Tür, am Ende des Ganges, und Hans Castorp hatte ein besonderes -Auge auf sie, während er, auf Joachim wartend, den Korridor auf und -nieder ging. Er sah auch jemanden herauskommen, eine Dame, die kürzlich -eingetroffen war und deren Namen er noch nicht kannte, eine Kleine, -Zierliche mit Stirnlöckchen und goldenen Ohrringen. Sie bückte sich -tief, die Stufen ersteigend, und raffte ihren Rock, indes sie mit der -anderen kleinen, beringten Hand ihr Tüchlein an den Mund preßte und -darüberhin aus ihrer gebückten Haltung mit großen blassen, verstörten -Augen ins Leere blickte. So eilte sie mit engen Trittchen, bei denen ihr -Unterrock rauschte, zur Treppe, blieb plötzlich stehen, als besänne sie -sich auf etwas, setzte sich trippelnd wieder in Lauf und verschwand im -Stiegenhause, immer gebückt und ohne das Tüchlein von den Lippen zu -nehmen. - -Hinter ihr, als die Tür sich geöffnet hatte, war es viel dunkler gewesen -als auf dem weißen Korridor: die klinische Helligkeit dieser unteren -Räume reichte offenbar nicht bis dorthinein; verhülltes Halblicht, tiefe -Dämmerung herrschte, wie Hans Castorp bemerkte, in Dr. Krokowskis -analytischem Kabinett. - - - Tischgespräche - -Bei den Mahlzeiten im bunten Speisesaal bereitete es dem jungen Hans -Castorp einige Verlegenheit, daß ihm von jenem auf eigene Hand -unternommenen Spaziergang das großväterliche Kopfzittern zurückgeblieben -war, – gerade bei Tisch stellte es sich fast regelmäßig wieder ein und -war dann nicht zu verhindern und schwer zu verbergen. Außer der würdigen -Kinnstütze, die nicht dauernd festzuhalten war, machte er verschiedene -Mittel ausfindig, die Schwäche zu maskieren, – zum Beispiel hielt er -tunlichst den Kopf in Bewegung, indem er nach rechts und links -konversierte, oder er drückte, etwa wenn er den Suppenlöffel zum Munde -führte, den linken Unterarm fest auf den Tisch, um sich Haltung zu -geben, stellte auch wohl den Ellenbogen auf in den Pausen und stützte -den Kopf mit der Hand, obgleich dies eine Flegelei war in seinen eigenen -Augen und nur in ungebundener Krankengesellschaft allenfalls durchgehen -mochte. Aber das alles war lästig und es fehlte nicht viel, daß es ihm -die Mahlzeiten vollständig verleidet hätte, die er doch sonst, um der -Spannungen und Sehenswürdigkeiten willen, die sie mit sich brachten, so -wohl zu schätzen wußte. - -Es lag aber so – und Hans Castorp wußte das auch genau –, daß die -blamable Erscheinung, mit der er kämpfte, nicht nur körperlicher -Herkunft, nicht nur auf die hiesige Luft und die Anstrengung der -Akklimatisation zurückzuführen war, sondern eine innere Erregung -ausdrückte und mit jenen Spannungen und Sehenswürdigkeiten selbst -unmittelbar zusammenhing. - -Madame Chauchat kam fast immer zu spät zu Tische, und bis sie kam, saß -Hans Castorp und konnte die Füße nicht ruhig halten, denn er wartete auf -das Schmettern der Glastür, von dem ihr Eintritt unweigerlich begleitet -war, und wußte, daß er dabei zusammenfahren und sein Gesicht würde kalt -werden fühlen, was denn auch regelmäßig geschah. Anfangs hatte er -jedesmal ergrimmt den Kopf herumgeworfen und die fahrlässige -Nachzüglerin mit zornigen Augen zu ihrem Platze am „Guten“ Russentisch -begleitet, auch wohl ihr halblaut und zwischen den Zähnen ein -Scheltwort, einen Ruf empörter Mißbilligung nachgesandt. Das unterließ -er jetzt, beugte den Kopf tiefer über den Teller, wobei er sich wohl gar -auf die Lippe biß, oder wandte ihn absichtlich und künstlich nach der -anderen Seite; denn ihm war, als komme der Zorn ihm nicht mehr zu, als -sei er zum Tadel nicht so recht frei, sondern mitschuldig an dem -Ärgernis und mitverantwortlich dafür vor den anderen, – kurzum, er -schämte sich, und zwar wäre es ungenau gewesen, zu sagen, daß er sich -für Frau Chauchat schämte, sondern ganz persönlich schämte er sich vor -den Leuten, – was er sich übrigens hätte sparen können, da niemand im -Saale sich um Frau Chauchats Laster noch um Hans Castorps Scham darüber -kümmerte, ausgenommen etwa die Lehrerin, Fräulein Engelhart, zu seiner -Rechten. - -Das kümmerliche Wesen hatte begriffen, daß dank Hans Castorps -Empfindlichkeit gegen das Türenwerfen eine gewisse affekthafte Beziehung -des jungen Tischnachbarn zu der Russin entstanden war, ferner, daß es -wenig auf den Charakter einer solchen Beziehung ankomme, wenn sie nur -überhaupt vorhanden war, und endlich, daß seine geheuchelte – und zwar -aus Mangel an schauspielerischer Übung und Begabung sehr schlecht -geheuchelte – Gleichgültigkeit keine Abschwächung, sondern eine -Verstärkung, eine höhere Phase des Verhältnisses bedeutete. Ohne -Anspruch und Hoffnung für ihre eigene Person, erging Fräulein Engelhart -sich beständig in selbstlos entzückten Reden über Frau Chauchat, – wobei -das Merkwürdige war, daß Hans Castorp ihr hetzerisches Betreiben, wenn -nicht sofort, so doch auf die Dauer, vollkommen klar erkannte und -durchschaute, ja, daß es ihn sogar anwiderte, ohne daß er sich darum -weniger willig hätte davon beeinflussen und betören lassen. - -„Pardauz!“ sagte das alte Mädchen. „Das ist _sie_. Man braucht nicht -aufzusehen, um sich zu überzeugen, wer da hereingekommen ist. Natürlich, -da geht sie, – und wie reizend sie geht, – ganz wie ein Kätzchen zur -Milchschüssel schleicht! Ich wollte, wir könnten die Plätze tauschen, -damit Sie sie so ungezwungen und bequem betrachten könnten, wie ich es -kann. Ich verstehe es ja, daß Sie nicht immer den Kopf nach ihr drehen -mögen, – Gott weiß, was sie sich schließlich einbilden würde, wenn sie -es merkte ... Jetzt sagt sie ihren Leuten Guten Tag ... Sie sollten doch -einmal hinsehen, es ist so erquickend, sie zu beobachten. Wenn sie so -lächelt und spricht wie jetzt, bekommt sie ein Grübchen in die eine -Wange, aber nicht immer, nur wenn sie will. Ja, das ist ein Goldkind von -einer Frau, ein verzogenes Geschöpf, daher ist sie so lässig. Solche -Menschen muß man lieben, ob man will oder nicht, denn wenn sie einen -ärgern durch ihre Lässigkeit, so ist auch der Ärger nur ein Anreiz mehr, -ihnen zugetan zu sein, es ist so beglückend, sich zu ärgern und dennoch -lieben zu müssen ...“ - -So raunte die Lehrerin hinter der Hand und ungehört von den anderen, -während die flaumige Röte auf ihren Altjungferwangen an ihre übernormale -Körpertemperatur erinnerte; und ihre wollüstigen Redereien gingen dem -armen Hans Castorp in Mark und Blut. Eine gewisse Unselbständigkeit -schuf ihm das Bedürfnis, von dritter Seite bestätigt zu erhalten, daß -Madame Chauchat eine entzückende Frau sei, und außerdem wünschte der -junge Mann, sich von außen zur Hingabe an Empfindungen ermutigen zu -lassen, denen seine Vernunft und sein Gewissen störende Widerstände -entgegensetzten. - -Übrigens erwiesen sich diese Unterhaltungen in sachlicher Beziehung nur -wenig fruchtbar, denn Fräulein Engelhart wußte beim besten Willen nichts -Näheres über Frau Chauchat auszusagen, nicht mehr als jedermann im -Sanatorium; sie kannte sie nicht, konnte sich nicht einmal einer -Bekanntschaft rühmen, die sie mit ihr gemeinsam gehabt hätte, und das -einzige, womit sie sich vor Hans Castorp ein Ansehen geben konnte, war, -daß sie in Königsberg – also nicht gar so sehr weit von der russischen -Grenze – zu Hause war und einige Brocken Russisch kannte, – dürftige -Eigenschaften, in denen Hans Castorp aber etwas wie weitläufige -persönliche Beziehungen zu Frau Chauchat zu sehen bereit war. - -„Sie trägt keinen Ring,“ sagte er, „keinen Ehering, wie ich sehe. Wie -ist denn das? Sie ist doch eine verheiratete Frau, haben Sie mir -gesagt?“ - -Die Lehrerin geriet in Verlegenheit, als sei sie in die Enge getrieben -und müsse sich herausreden, so sehr verantwortlich fühlte sie sich für -Frau Chauchat Hans Castorp gegenüber. - -„Das dürfen Sie nicht so genau nehmen“, sagte sie. „Zuverlässig ist sie -verheiratet. Daran ist kein Zweifel möglich. Daß sie sich Madame nennt, -geschieht nicht nur der größeren Ansehnlichkeit wegen, wie ausländische -Fräulein es machen, wenn sie ein wenig reifer sind, sondern wir alle -wissen es, daß sie wirklich einen Mann hat irgendwo in Rußland, das ist -im ganzen Orte bekannt. Von Hause aus hat sie einen anderen Namen, einen -russischen und keinen französischen, einen auf -anow oder -ukow, ich -habe ihn schon gewußt und nur wieder vergessen; wenn Sie wollen, -erkundige ich mich danach; es gibt sicher mehrere Personen hier, die den -Namen kennen. Einen Ring? Nein, sie trägt keinen, es ist mir auch schon -aufgefallen. Lieber Himmel, vielleicht kleidet er sie nicht, vielleicht -macht er ihr eine breite Hand. Oder sie findet es spießbürgerlich, einen -Ehering zu tragen, so einen glatten Reif ... es fehlt nur der -Schlüsselkorb ... nein, dazu ist sie gewiß zu großzügig ... Ich kenne -das, die russischen Frauen haben alle so etwas Freies und Großzügiges in -ihrem Wesen. Außerdem hat so ein Ring etwas geradezu Abweisendes und -Ernüchterndes, er ist doch ein Symbol der Hörigkeit, möchte ich sagen, -er gibt einer Frau direkt etwas Nonnenhaftes, das reine Blümchen -Rührmichnichtan macht er aus ihr. Ich wundere mich gar nicht, wenn das -nicht nach Frau Chauchats Sinne ist ... Eine so reizende Frau, in der -Blüte der Jahre ... Wahrscheinlich hat sie weder Grund noch Lust, jeden -Herrn, dem sie die Hand gibt, gleich ihre eheliche Gebundenheit fühlen -zu lassen ...“ - -Großer Gott, wie die Lehrerin sich ins Zeug legte! Hans Castorp sah ihr -ganz erschreckt ins Gesicht, aber sie trotzte seinem Blick mit einer Art -von wilder Verlegenheit. Dann schwiegen beide eine Weile, um sich zu -erholen. Hans Castorp aß und unterdrückte das Zittern seines Kopfes. -Endlich sagte er: - -„Und der Mann? Er kümmert sich gar nicht um sie? Er besucht sie niemals -hier oben? Was ist er denn eigentlich?“ - -„Beamter. Russischer Administrationsbeamter, in einem ganz entlegenen -Gouvernement, Daghestan, wissen Sie, das liegt ganz östlich über den -Kaukasus hinaus, dahin ist er kommandiert. Nein, ich sagte Ihnen ja, daß -noch nie ihn jemand hier oben gesehen hat. Und dabei ist sie schon -wieder im dritten Monat hier.“ - -„Sie ist also nicht zum erstenmal hier?“ - -„O nein, schon das drittemal. Und zwischendurch ist sie wieder wo -anders, an ähnlichen Orten. – Umgekehrt, _sie_ besucht _ihn_ zuweilen, -nicht oft, einmal im Jahre auf einige Zeit. Sie leben getrennt, kann man -sagen, und sie besucht ihn zuweilen.“ - -„Nun ja, da sie krank ist ...“ - -„Gewiß, krank ist sie. Aber doch nicht _so_. Doch nicht so ernstlich -krank, daß sie geradezu immer in Sanatorien und von ihrem Manne getrennt -leben müßte. Das muß schon weitere und andere Gründe haben. Hier nimmt -man allgemein an, daß es noch andere hat. Vielleicht gefällt es ihr -nicht in Daghestan hinter dem Kaukasus, einer so wilden, entfernten -Gegend, das wäre am Ende nicht zu verwundern. Aber ein wenig muß es doch -auch an dem Manne liegen, wenn es ihr so gar nicht bei ihm gefällt. Er -hat ja einen französischen Namen, aber darum ist er doch ein russischer -Beamter, und das ist ein roher Menschenschlag, wie Sie mir glauben -können. Ich habe einmal einen davon gesehen, er hatte so einen -eisenfarbenen Backenbart und so ein rotes Gesicht ... Im höchsten Grade -bestechlich sind sie, und dann haben sie es alle mit dem Wutki, dem -Branntwein, wissen Sie ... Anstandshalber lassen sie sich eine -Kleinigkeit zu essen geben, ein paar marinierte Pilze oder ein Stückchen -Stör, und dazu trinken sie – einfach im Übermaß. Das nennen sie dann -einen Imbiß ...“ - -„Sie schieben alles auf ihn“, sagte Hans Castorp. „Wir wissen aber doch -nicht, ob es nicht vielleicht an ihr liegt, wenn sie nicht gut -miteinander leben. Man muß gerecht sein. Wenn ich sie mir so ansehe und -diese Unmanier mit dem Türenwerfen ... ich halte sie für keinen Engel, -das nehmen Sie mir, bitte, nicht übel, ich traue ihr nicht über den Weg. -Aber Sie sind nicht unparteiisch, Sie sitzen ja bis über die Ohren in -Vorurteilen zu ihren Gunsten ...“ - -So machte er es zuweilen. Mit einer Schlauheit, die seiner Natur -eigentlich fremd war, stellte er es so hin, als bedeute Fräulein -Engelharts Schwärmerei für Frau Chauchat nicht das, was sie, wie er sehr -wohl wußte, in Wirklichkeit bedeutete, sondern als sei diese Schwärmerei -eine selbständige, drollige Tatsache, mit welcher er, der unabhängige -Hans Castorp, die alte Jungfer aus kühlem und humoristischem Abstande -necken konnte. Und da er sicher war, daß seine Helfershelferin diese -dreiste Verdrehung gelten und sich gefallen lassen werde, so war nichts -damit gewagt. - -„Guten Morgen!“ sagte er. „Haben Sie wohl geruht? Ich hoffe, Sie haben -von Ihrer schönen Minka geträumt? ... Nein, wie Sie gleich rot werden, -wenn man sie nur erwähnt! Ganz vernarrt sind Sie in sie, das leugnen Sie -nur lieber nicht!“ - -Und die Lehrerin, die wirklich errötet war und sich tief über ihre Tasse -beugte, raunte aus ihrem linken Mundwinkel: - -„Aber nein, pfui, Herr Castorp! Das ist nicht schön von Ihnen, daß Sie -mich so in Verlegenheit bringen mit Ihren Anspielungen. Alle merken es -ja, daß wir es auf sie abgesehen haben, und daß Sie mir Dinge sagen, -über die ich rot werden muß ...“ - -Es war sonderbar, was die beiden Tischnachbarn da trieben. Beide wußten, -daß sie doppelt und dreifach logen, daß Hans Castorp nur, um von Frau -Chauchat sprechen zu können, die Lehrerin mit ihr neckte, dabei aber ein -ungesundes und übertragenes Vergnügen darin fand, mit dem alten Mädchen -zu schäkern, – welches ihrerseits darauf einging: erstens aus -kupplerischen Gründen, dann auch, weil sie sich dem jungen Manne zu -Gefallen wohl wirklich etwas in Frau Chauchat vergafft hatte, und -endlich, weil sie es kümmerlich genoß, sich irgendwie von ihm necken und -rot machen zu lassen. Dies wußten sie beide von sich und vom anderen und -wußten auch, daß jeder es von sich und vom anderen wisse, und das alles -war verwickelt und unsauber. Aber obgleich Hans Castorp von verwickelten -und unsauberen Dingen im ganzen angewidert wurde und sich auch in diesem -Falle davon angewidert fühlte, so fuhr er doch fort, in dem trüben -Elemente zu plätschern, indem er sich zur Beruhigung sagte, daß er ja -nur zu Besuch hier oben sei und demnächst wieder abreisen werde. Mit -erkünstelter Sachlichkeit beurteilte er kennerhaft das Äußere der -„lässigen“ Frau, stellte fest, daß sie von vorn gesehen entschieden -jünger und hübscher wirke als im Profil, daß ihre Augen zu weit -auseinander lägen und ihre Haltung viel zu wünschen übriglasse, wofür -allerdings ihre Arme schön und „weich geformt“ seien. Und indem er dies -sagte, suchte er das Zittern seines Kopfes zu verbergen, wobei er aber -nicht nur erkennen mußte, daß die Lehrerin seine vergebliche Anstrengung -bemerkte, sondern auch mit dem größten Widerwillen die Wahrnehmung -machte, daß sie selber ebenfalls mit dem Kopfe zitterte. Auch war es -nichts als Politik und unnatürliche Schlauheit gewesen, daß er Frau -Chauchat als „schöne Minka“ bezeichnet hatte; denn so konnte er weiter -fragen: - -„Ich sage ‚Minka‘, aber wie heißt sie denn eigentlich in Wirklichkeit. -Ich meine mit Vornamen. So vernarrt, wie Sie unstreitig in sie sind, -müssen Sie doch unbedingt ihren Vornamen wissen.“ - -Die Lehrerin dachte nach. - -„Warten Sie, ich weiß ihn“, sagte sie. „Ich habe ihn gewußt. Heißt sie -nicht Tatjana? Nein, das war es nicht, und auch nicht Natascha. Natascha -Chauchat? Nein, so habe ichs nicht gehört. Halt, ich habe es! Awdotja -heißt sie. Oder es war doch etwas in diesem Charakter. Denn Katjenka -oder Ninotschka heißt sie nun einmal bestimmt nicht. Es ist mir -wahrhaftig entfallen. Aber ich kann es mit Leichtigkeit in Erfahrung -bringen, wenn Ihnen daran gelegen ist.“ - -Wirklich wußte sie am nächsten Tage den Namen. Sie sprach ihn beim -Mittagessen aus, als die Glastür ins Schloß schmetterte. Frau Chauchat -hieß Clawdia. - -Hans Castorp verstand nicht gleich. Er ließ sich den Namen wiederholen -und buchstabieren, bevor er ihn auffaßte. Dann sprach er ihn mehrmals -nach, indem er dabei mit rot geäderten Augen zu Frau Chauchat -hinüberblickte und ihn ihr gewissermaßen anprobierte. - -„Clawdia,“ sagte er, „ja, so mag sie wohl heißen, es stimmt ganz gut.“ -Er machte kein Hehl aus seiner Freude über die intime Kenntnis und -sprach jetzt nur noch von „Clawdia“, wenn er Frau Chauchat meinte. „Ihre -Clawdia dreht ja Brotkugeln, habe ich eben gesehen. Fein ist das nicht.“ -„Es kommt darauf an, wer es tut“, antwortete die Lehrerin. „Clawdia -steht es.“ - -Ja, die Mahlzeiten im Saal mit den sieben Tischen hatten den -allergrößten Reiz für Hans Castorp. Er bedauerte es, wenn eine davon zu -Ende ging, aber sein Trost war, daß er sehr bald, in zwei oder -zweieinhalb Stunden, wieder hier sitzen werde, und wenn er wieder hier -saß, so war es, als sei er nie aufgestanden. Was lag dazwischen? Nichts. -Ein kurzer Spaziergang zum Wasserlauf oder ins Englische Viertel, ein -wenig Ruhe im Stuhl. Das war keine ernste Unterbrechung, kein schwer zu -nehmendes Hindernis. Etwas anderes, wenn Arbeit, irgendwelche Sorgen und -Mühen sich vorgelagert hätten, die im Geiste nicht leicht zu übersehen, -zu übergehen gewesen wären. Dies war jedoch nicht der Fall im klug und -glücklich geregelten Leben des „Berghofs“. Hans Castorp konnte sich, -wenn er von einer gemeinsamen Mahlzeit aufstand, ganz unmittelbar auf -die nächste freuen, – sofern nämlich „sich freuen“ das richtige Wort war -für die Art von Erwartung, mit der er dem neuen Zusammensein mit der -kranken Frau Clawdia Chauchat entgegensah, und nicht ein zu leichtes, -vergnügtes, einfältiges und gewöhnliches. Möglicherweise ist der Leser -geneigt, nur solche Ausdrücke, nämlich vergnügte und gewöhnliche, in -bezug auf Hans Castorps Person und sein Innenleben als passend und -zulässig zu erachten; aber wir erinnern daran, daß er sich als ein -junger Mann von Vernunft und Gewissen auf den Anblick und die Nähe Frau -Chauchats nicht einfach „freuen“ konnte und, da wir es wissen müssen, -stellen wir fest, daß er dies Wort, wenn man es ihm angeboten hätte, -achselzuckend verworfen haben würde. - -Ja, er wurde hochnäsig gegen gewisse Ausdrucksmittel, – das ist eine -Einzelheit, die angemerkt zu werden verdient. Er ging umher, indes seine -Wangen in trockener Hitze standen, und sang vor sich hin, sang in sich -hinein, denn sein Befinden war musikalisch und sensitiv. Er summte ein -Liedchen, das er, wer weiß wo und wann, in einer Gesellschaft oder bei -einem Wohltätigkeitskonzert einmal von einer kleinen Sopranstimme gehört -und jetzt in sich vorgefunden hatte, – einen sanften Unsinn, der anfing: - - „Wie berührt mich wundersam - Oft ein Wort von dir“, - -und er war im Begriffe, hinzuzusetzen: - - „Das von deiner Lippe kam - Und zum Herzen mir!“ – - -als er plötzlich die Achseln zuckte, „lächerlich“ sagte und das zarte -Liedchen als abgeschmackt und läppisch empfindsam verwarf und von sich -wies, – es mit einer gewissen Melancholie und Strenge von sich wies. An -solchem innigen Liedchen mochte irgendein junger Mann Genüge und -Gefallen finden, der „sein Herz“, wie man zu sagen pflegt, erlaubter-, -friedlicher- und aussichtsreicherweise irgendeinem gesunden Gänschen -dort unten im Flachlande „geschenkt“ hatte und sich nun seinen -erlaubten, aussichtsreichen, vernünftigen und im Grunde vergnügten -Empfindungen überließ. Für ihn und sein Verhältnis zu Madame Chauchat – -das Wort „Verhältnis“ kommt auf seine Rechnung, wir lehnen die -Verantwortung dafür ab – schickte sich ein solches Gedichtchen -entschieden nicht; in seinem Liegestuhl fand er sich bewogen, das -ästhetische Urteil „albern!“ darüber zu fällen und brach in der Mitte -ab, indem er die Nase rümpfte, obgleich er nichts Geeigneteres dafür -einzusetzen wußte. - -Eins aber bereitete ihm Genugtuung, wenn er lag und auf sein Herz, sein -körperliches Herz achtete, das rasch und vernehmlich in der Stille -pochte, – der vorschriftsmäßigen Hausordnungsstille, die während der -Haupt- und Schlafliegekur über dem ganzen „Berghof“ waltete. Es pochte -hartnäckig und vordringlich, sein Herz, wie es das fast beständig tat, -seitdem er hier oben war; doch nahm Hans Castorp neuerdings weniger -Anstoß daran als in den ersten Tagen. Man konnte jetzt nicht mehr sagen, -daß es auf eigene Hand, grundlos und ohne Zusammenhang mit der Seele -klopfte. Ein solcher Zusammenhang war vorhanden oder doch unschwer -herzustellen; eine rechtfertigende Gemütsbewegung ließ sich der -exaltierten Körpertätigkeit zwanglos unterlegen. Hans Castorp brauchte -nur an Frau Chauchat zu denken – und er dachte an sie –, so besaß er zum -Herzklopfen das zugehörige Gefühl. - - - Aufsteigende Angst. Von den beiden Großvätern und der Kahnfahrt - im Zwielicht - -Das Wetter war spottschlecht, – in dieser Beziehung hatte Hans Castorp -kein Glück mit seinem flüchtigen Aufenthalt in diesen Gegenden. Es -schneite nicht gerade, aber es regnete tagelang schwer und häßlich, -dicke Nebel erfüllten das Tal, und Gewitter von lächerlicher -Überflüssigkeit – denn es war ohnehin so kalt, daß man im Speisesaal -sogar geheizt hatte – entluden sich mit umständlich ausrollendem -Widerhall. - -„Schade“, sagte Joachim. „Ich hatte gedacht, wir wollten mal mit dem -Frühstück auf die Schatzalp oder sonst etwas unternehmen. Aber es -scheint, es soll nicht sein. Hoffentlich wird deine letzte Woche -besser.“ - -Aber Hans Castorp antwortete: - -„Laß nur. Ich brenne gar nicht auf Unternehmungen. Meine erste ist mir -nicht sonderlich bekommen. Ich erhole mich am besten, wenn ich so in den -Tag hineinlebe, ohne viel Abwechslung. Abwechslung ist für die -Langjährigen. Aber ich mit meinen drei Wochen, was brauche ich -Abwechslung.“ - -So war es, er fühlte sich ausgefüllt und beschäftigt an Ort und Stelle. -Wenn er Hoffnungen hegte, so blühten Erfüllung wie Enttäuschung ihm -hier, und nicht auf irgendeiner Schatzalp. Langeweile war es nicht, was -ihn plagte; im Gegenteil begann er zu fürchten, das Ende seines -Aufenthalts möchte allzu beschwingt erscheinen. Die zweite Woche schritt -vor, zwei Drittel seiner Zeit würden bald abgelebt sein, und brach erst -das dritte an, so dachte man schon an den Koffer. Die erste Auffrischung -von Hans Castorps Zeitsinn war längst vorbei; schon begannen die Tage -dahinzufliegen, und das taten sie, obgleich jeder einzelne von ihnen -sich in immer erneuter Erwartung dehnte und von stillen, verschwiegenen -Erlebnissen schwoll ... Ja, die Zeit ist ein rätselhaftes Ding, es hat -eine schwer klarzustellende Bewandtnis mit ihr! - -Wird es nötig sein, jene verschwiegenen Erlebnisse, die Hans Castorps -Tage zugleich beschwerten und beschwingten, näher zu kennzeichnen? Aber -jedermann kennt sie, es waren durchaus die gewöhnlichen in ihrer -sensiblen Nichtigkeit, und in einem vernünftiger und aussichtsreicher -gelagerten Fall, auf den das abgeschmackte Liedchen „Wie berührt mich -wundersam“ anwendbar gewesen wäre, hätten sie sich auch nicht anders -abspielen können. - -Unmöglich, daß Madame Chauchat von den Fäden, die sich von einem -gewissen Tische zu ihrem spannen, nicht irgend etwas hätte bemerken -sollen; und daß sie etwas, ja möglichst viel davon bemerke, lag -zügelloserweise durchaus in Hans Castorps Absichten. Wir nennen das -zügellos, weil er sich über die Vernunftwidrigkeit seines Falles völlig -im klaren war. Aber um wen es steht, wie es um ihn stand oder zu stehen -begann, der will, daß man drüben von seinem Zustande Kenntnis habe, auch -wenn kein Sinn und Verstand bei der Sache ist. So ist der Mensch. - -Nachdem also Frau Chauchat sich zwei- oder dreimal zufällig oder unter -magnetischer Einwirkung beim Essen nach jenem Tisch umgewandt hatte und -jedesmal den Augen Hans Castorps begegnet war, blickte sie zum -viertenmal mit Vorbedacht hinüber und begegnete seinen Augen auch -diesmal. In einem fünften Fall ertappte sie ihn zwar nicht unmittelbar; -er war gerade nicht auf dem Posten. Doch fühlte er es sofort, daß sie -ihn ansah, und blickte ihr so eifrig entgegen, daß sie sich lächelnd -abwandte. Mißtrauen und Entzücken erfüllten ihn angesichts dieses -Lächelns. Wenn sie ihn für kindlich hielt, so täuschte sie sich. Sein -Bedürfnis nach Verfeinerung war bedeutend. Bei sechster Gelegenheit, als -er ahnte, spürte, die innere Kunde gewann, daß sie herüberblickte, tat -er, als betrachte er mit eindringlichem Mißfallen eine finnige Dame, die -an seinen Tisch getreten war, um mit der Großtante zu plaudern, hielt -eisern durch, wohl zwei oder drei Minuten lang, und gab nicht nach, bis -er sicher war, daß die Kirgisenaugen dort drüben von ihm abgelassen -hatten, – eine wunderliche Schauspielerei, die Frau Chauchat nicht nur -durchschauen mochte, sondern ausdrücklich durchschauen _sollte_, damit -Hans Castorps große Feinheit und Selbstbeherrschung sie nachdenklich -stimme ... Es kam zu folgendem. In einer Eßpause wandte Frau Chauchat -sich nachlässig um und musterte den Saal. Hans Castorp war auf dem -Posten gewesen: ihre Blicke trafen sich. Indes sie einander ansehen – -die Kranke unbestimmt spähend und spöttisch, Hans Castorp mit erregter -Festigkeit (er biß sogar die Zähne zusammen, während er ihren Augen -standhielt) – will ihr die Serviette entfallen, ist im Begriffe, ihr vom -Schoße zu Boden zu gleiten. Nervös zusammenzuckend greift sie danach, -aber auch ihm fährt es in die Glieder, es reißt ihn halbwegs vom Stuhle -empor, und blindlings will er über acht Meter Raum hinweg und um einen -zwischenstehenden Tisch herum ihr zu Hilfe stürzen, als würde es eine -Katastrophe bedeuten, wenn die Serviette den Boden erreichte ... Knapp -über dem Estrich wird sie ihrer noch habhaft. Aber aus ihrer gebückten -Haltung, überquer zu Boden geneigt, die Serviette am Zipfel und mit -verfinsterter Miene, offenbar ärgerlich über die unvernünftige kleine -Panik, der sie unterlegen und an der sie ihm, wie es scheint, die Schuld -gibt, – blickt sie noch einmal nach ihm zurück, bemerkt seine -Sprungstellung, seine emporgerissenen Brauen und wendet sich lächelnd -ab. - -Über dies Vorkommnis triumphierte Hans Castorp bis zur Ausgelassenheit. -Jedoch blieb der Rückschlag nicht aus, denn Madame Chauchat wandte sich -nun volle zwei Tage lang, also während der Dauer von zehn Mahlzeiten, -überhaupt nicht mehr nach dem Saale um, ja, unterließ es sogar, sich bei -ihrem Eintritt, wie es sonst ihre Gepflogenheiten gewesen, dem Publikum -zu „präsentieren“. Das war hart. Aber da diese Unterlassungen sich ganz -ohne Zweifel auf ihn bezogen, so war eine Beziehung eben doch deutlich -vorhanden, wenn auch in negativer Gestalt; und das mochte genügen. - -Er sah wohl, daß Joachim vollständig recht gehabt hatte mit seiner -Bemerkung, es sei gar nicht leicht, hier Bekanntschaft zu machen, außer -mit Tischgenossen. Denn während der einzigen knappen Stunde nach dem -Diner, in der eine gewisse Geselligkeit regelmäßig statthatte, die aber -oft auf zwanzig Minuten zusammenschrumpfte, saß Madame Chauchat ohne -Ausnahme mit ihrer Umgebung, dem hohlbrüstigen Herrn, der humoristischen -Wollhaarigen, dem stillen Dr. Blumenkohl und den hängeschultrigen -Jünglingen, im Hintergrunde des kleinen Salons, der dem „Guten -Russentisch“ vorbehalten schien. Auch drängte Joachim stets bald zum -Aufbruch, um die Abendliegekur nicht zu verkürzen, wie er sagte, und -vielleicht noch aus anderen diätetischen Gründen, die er nicht anführte, -die aber Hans Castorp ahnte und achtete. Wir erhoben den Vorwurf der -Zügellosigkeit gegen ihn, aber wohin seine Wünsche nun immer gehen -mochten, die gesellschaftliche Bekanntschaft mit Frau Chauchat war es -nicht, was er anstrebte, und mit den Umständen, die dagegen wirkten, war -er im Grunde einverstanden. Die unbestimmt gespannten Beziehungen, die -sein Schauen und Betreiben zwischen ihm und der Russin hergestellt -hatte, waren außergesellschaftlicher Natur, sie verpflichteten zu nichts -und durften zu nichts verpflichten. Denn ein beträchtliches Maß von -gesellschaftlicher Ablehnung vertrug sich wohl mit ihnen, auf seiner -Seite, und die Tatsache, daß er den Gedanken an „Clawdia“ dem Klopfen -seines Herzens unterlegte, genügte bei weitem nicht, den Enkel Hans -Lorenz Castorps in der Überzeugung wankend zu machen, daß er mit dieser -Fremden, die ihr Leben getrennt von ihrem Mann und ohne Trauring am -Finger an allen möglichen Kurorten verbrachte, sich mangelhaft hielt, -die Tür hinter sich zufallen ließ, Brotkugeln drehte und zweifellos an -den Fingern kaute, – daß er, sagen wir, in Wirklichkeit, das heißt: über -jene geheimen Beziehungen hinaus, nichts mit ihr zu schaffen haben -könne, daß tiefe Klüfte ihre Existenz von der seinen trennten, und daß -er vor keiner Kritik, die er anerkannte, mit ihr bestehen würde. -Einsichtigerweise war Hans Castorp ganz ohne persönlichen Hochmut; aber -ein Hochmut allgemeiner und weiter hergeleiteter Art stand ihm ja auf -der Stirn und um die etwas schläfrig blickenden Augen geschrieben, und -aus ihm entsprang das Überlegenheitsgefühl, dessen er sich beim Anblick -von Frau Chauchats Sein und Wesen nicht entschlagen konnte noch wollte. -Es war sonderbar, daß er sich dieses weitläufigen Überlegenheitsgefühls -besonders lebhaft und vielleicht überhaupt zum erstenmal bewußt wurde, -als er Frau Chauchat eines Tages Deutsch sprechen hörte, – sie stand, -beide Hände in den Taschen ihres Sweaters, nach Schluß einer Mahlzeit im -Saale, und mühte sich, wie Hans Castorp im Vorübergehen wahrnahm, im -Gespräch mit einer anderen Patientin, einer Liegehallengenossin -wahrscheinlich, auf übrigens reizende Art um die deutsche Sprache, Hans -Castorps Muttersprache, wie er mit plötzlichem und nie gekanntem Stolze -empfand, – wenn auch nicht ohne gleichzeitige Neigung, diesen Stolz dem -Entzücken aufzuopfern, womit ihr anmutiges Stümpern und Radebrechen ihn -erfüllte. - -Mit einem Worte: Hans Castorp sah in seinem stillen Verhältnis zu dem -nachlässigen Mitgliede Derer hier oben ein Ferienabenteuer, das vor dem -Tribunal der Vernunft – seines eigenen vernünftigen Gewissens – -keinerlei Anspruch auf Billigung erheben konnte: hauptsächlich deshalb -nicht, weil Frau Chauchat ja krank war, schlaff, fiebrig und innerlich -wurmstichig, ein Umstand, der mit der Zweifelhaftigkeit ihrer -Gesamtexistenz nahe zusammenhing und auch an Hans Castorps Vorsichts- -und Abstandsgefühlen stark beteiligt war ... Nein, ihre wirkliche -Bekanntschaft zu suchen, kam ihm nicht in den Sinn, und was das andere -betraf, so würde es ja in anderthalb Wochen, wenn er bei Tunder & Wilms -in die Praxis trat, wohl oder übel folgenlos beendet sein. - -Vorderhand allerdings stand es so mit ihm, daß er angefangen hatte, die -Gemütsbewegungen, Spannungen, Erfüllungen und Enttäuschungen, die ihm -aus seinen zarten Beziehungen zu der Patientin erwuchsen, als den -eigentlichen Sinn und Inhalt seines Ferienaufenthaltes zu betrachten, -ganz ihnen zu leben und seine Laune von ihrem Gedeihen abhängig zu -machen. Die Umstände leisteten ihrer Pflege den wohlwollendsten -Vorschub, denn man lebte bei feststehender und jedermann bindender -Tagesordnung auf beschränktem Raum beieinander, und wenn auch Frau -Chauchat in einem anderen Stockwerk – im ersten – zu Hause war (sie -hielt übrigens ihre Liegekur, wie Hans Castorp von der Lehrerin hörte, -in einer gemeinsamen Liegehalle, nämlich der, die sich auf dem Dache -befand, derselben, in der Hauptmann Miklosich neulich das Licht -abgedreht hatte), so war doch allein schon durch die fünf Mahlzeiten, -aber auch sonst auf Schritt und Tritt, vom Morgen bis zum Abend die -Möglichkeit, ja Unumgänglichkeit der Begegnung gegeben. Und auch dies, -ebenso wie das andere, daß keine Sorgen und Mühen die Aussicht -versperrten, fand Hans Castorp famos, wenn auch solches Eingesperrtsein -mit dem günstigen Ungefähr zugleich etwas Beklemmendes hatte. - -Doch half er sogar noch ein bißchen nach, rechnete und stellte seinen -Kopf in den Dienst der Sache, um das Glück zu verbessern. Da Frau -Chauchat gewohnheitsmäßig verspätet zu Tische kam, so legte er es darauf -an, ebenfalls zu spät zu kommen, um ihr unterwegs zu begegnen. Er -versäumte sich bei der Toilette, war nicht fertig, wenn Joachim eintrat, -um ihn abzuholen, ließ den Vetter vorangehen und sagte, er käme gleich -nach. Beraten von dem Instinkt seines Zustandes, wartete er einen -gewissen Augenblick ab, der ihm der richtige schien, und eilte ins erste -Stockwerk hinab, wo er nicht die Treppe benutzte, die die Fortsetzung -derjenigen bildete, die ihn herabgeführt hatte, sondern den Korridor -fast bis ans Ende, bis zur anderen Treppe verfolgte, die einer längst -bekannten Zimmertür – es war die von Nr. 7 – nahegelegen war. Auf diesem -Wege, den Korridor entlang, von einer Treppe zur anderen, bot sozusagen -jeder Schritt eine Chance, denn jeden Augenblick konnte die bewußte Tür -sich öffnen, – und das tat sie wiederholt: krachend fiel sie hinter Frau -Chauchat zu, die für ihre Person lautlos hervorgetreten war und lautlos -zur Treppe glitt ... Dann ging sie vor ihm her und stützte das Haar mit -der Hand, oder Hans Castorp ging vor ihr her und fühlte ihren Blick in -seinem Rücken, wobei er ein Reißen in den Gliedern sowie ein -Ameisenlaufen den Rücken hinunter verspürte, in dem Wunsche aber, sich -vor ihr aufzuspielen, so tat, als wisse er nichts von ihr und führe sein -Einzelleben in kräftiger Unabhängigkeit, – die Hände in die Rocktaschen -grub und ganz unnötigerweise die Schultern rollte oder sich heftig -räusperte und sich dabei mit der Faust vor die Brust schlug, – alles, um -seine Unbefangenheit zu bekunden. - -Zweimal trieb er die Abgefeimtheit noch weiter. Nachdem er am Eßtisch -schon Platz genommen, sagte er bestürzt und ärgerlich, indem er sich mit -beiden Händen betastete: „Da, ich habe mein Taschentuch vergessen! Jetzt -heißt es, sich noch einmal hinaufbequemen.“ Und er ging zurück, damit er -und „Clawdia“ einander _begegneten_, was denn doch noch etwas anderes, -gefährlicher und von schärferen Reizen war, als wenn sie vor oder hinter -ihm ging. Das erstemal, als er dies Manöver ausgeführt, maß sie ihn zwar -aus einiger Entfernung mit den Augen, und zwar recht rücksichtslos und -ohne Verschämtheit, von oben bis unten, wandte aber, herangekommen, -gleichgültig das Gesicht ab und ging so vorüber, so daß das Ergebnis -dieses Zusammentreffens nicht hoch zu veranschlagen war. Beim zweitenmal -aber sah sie ihn an, und nicht nur von weitem, – die ganze Zeit sah sie -ihn an, während des ganzen Vorganges, blickte ihm fest und sogar etwas -finster in das Gesicht und drehte im Vorübergehen sogar noch den Kopf -nach ihm, – es ging dem armen Hans Castorp durch Mark und Bein. Übrigens -sollte man ihn nicht bedauern, da er es nicht anders gewollt und alles -selbst in die Wege geleitet hatte. Aber die Begegnung ergriff ihn -gewaltig, sowohl während sie sich abspielte wie namentlich noch -nachträglich; denn erst als alles vorüber war, sah er recht deutlich, -wie es gewesen. Noch niemals hatte er Frau Chauchats Gesicht so nahe, so -in allen Einzelheiten klar erkennbar vor sich gehabt: er hatte die -kurzen Härchen unterscheiden können, die sich aus dem Geflecht ihres -blonden, ein wenig ins Metallisch-Rötliche spielenden und einfach um den -Kopf geschlungenen Zopfes lösten, und nur ein paar Handbreit Raum war -gewesen zwischen seinem Gesicht und dem ihren in seiner wundersamen, ihm -aber von langer Hand her vertrauten Bildung, die ihm zusagte wie nichts -in der Welt: einer Bildung, fremdartig und charaktervoll (denn nur das -Fremde scheint uns Charakter zu haben), von nördlicher Exotik und -geheimnisreich, zur Ergründung auffordernd, insofern ihre Merkmale und -Verhältnisse nicht leicht zu bestimmen waren. Das Entscheidende war wohl -die Betontheit der hochsitzenden Wangenknochenpartie: sie bedrängte die -ungewohnt flach, ungewohnt weit voneinander liegenden Augen und trieb -sie ein wenig ins Schiefe, während sie zugleich die Ursache abgab für -das weiche Konkav der Wangen, das wiederum, von seiner Seite und -mittelbar, die leicht aufgeworfene Üppigkeit der Lippen bewirkte. Dann -aber waren da namentlich die Augen selbst gewesen, diese schmal und (so -fand Hans Castorp) schlechthin zauberhaft geschnittenen Kirgisenaugen, -deren Farbe das Graublau oder Blaugrau ferner Berge war, und die sich -zuweilen, bei einem gewissen Seitenblick, der nicht zum Sehen diente, -auf eine schmelzende Weise völlig ins Schleierig-Nächtige verdunkeln -konnten, – Clawdias Augen, die ihn rücksichtslos und etwas finster aus -nächster Nähe betrachtet hatten und nach Stellung, Farbe, Ausdruck denen -Pribislav Hippes so auffallend und erschreckend ähnlich waren! „Ähnlich“ -war gar nicht das richtige Wort, – es waren dieselben Augen; und auch -die Breite der oberen Gesichtshälfte, die eingedrückte Nase, alles, bis -auf die gerötete Weiße der Haut, die gesunde Farbe der Wangen, die bei -Frau Chauchat ja aber Gesundheit nur vortäuschte und, wie bei allen hier -oben, nichts als ein oberflächliches Erzeugnis der Liegekur im Freien -war, – alles war ganz wie bei Pribislav, und nicht anders hatte dieser -ihn angesehen, wenn sie auf dem Schulhof aneinander vorübergingen. - -Das war erschütternd in jedem Sinn; Hans Castorp war begeistert von der -Begegnung, und zugleich spürte er etwas wie aufsteigende Angst, eine -Beklemmung derselben Art, wie das Eingesperrtsein mit dem günstigen -Ungefähr auf engem Raum ihm verursachte: auch dies, daß der längst -vergessene Pribislav ihm hier oben als Frau Chauchat wieder begegnete -und ihn mit Kirgisenaugen ansah, war wie ein Eingesperrtsein mit -Unumgänglichem oder Unentrinnbarem, – in beglückendem und ängstlichem -Sinn Unentrinnbarem. Es war hoffnungsreich und zugleich auch unheimlich, -ja bedrohlich, und ein Gefühl der Hilfsbedürftigkeit kam den jungen Hans -Castorp an, – in seinem Inneren vollzogen sich unbestimmte und -instinktmäßige Bewegungen, die man als ein Sichumsehen, als ein Tasten -und Suchen nach Hilfe, nach Rat und Stütze hätte ansprechen mögen; er -dachte nacheinander an verschiedene Personen, an die zu denken etwa -zuträglich sein mochte. - -Da war Joachim, der gute, ehrenfeste Joachim an seiner Seite, dessen -Augen in diesen Monaten einen so traurigen Ausdruck angenommen, und der -zuweilen so wegwerfend-heftig mit den Achseln zuckte, wie er es früher -nie und nimmer getan, – Joachim mit dem „Blauen Heinrich“ in der Tasche, -wie Frau Stöhr dies Gerät zu bezeichnen pflegte: mit einem so störrisch -schamlosen Gesicht, daß es Hans Castorp jedesmal in der Seele entsetzte -... Der redliche Joachim also war da, der Hofrat Behrens tirrte und -plagte, um fortzukommen und in der „Ebene“ oder im „Flachlande“, wie man -hier die Welt der Gesunden mit einem leisen, aber deutlichen Akzent von -Geringschätzung nannte, seinen ersehnten Dienst tun zu können. Damit er -schneller dazu gelange und Zeit spare, mit der man hier so -verschwenderisch umging, hielt er denn vorerst einmal mit aller -Gewissenhaftigkeit den Kurdienst ein, – tat es um seiner baldigen -Genesung willen, ohne Frage, aber, wie Hans Castorp manchmal zu spüren -glaubte, ein wenig doch auch um des Kurdienstes willen, der am Ende ein -Dienst war wie ein anderer, und Pflichterfüllung war Pflichterfüllung. -So drängte denn Joachim abends schon nach einer Viertelstunde aus der -Geselligkeit fort in die Liegekur, und das war gut, denn -seine militärische Genauigkeit kam dem zivilen Sinn Hans -Castorps gewissermaßen zu Hilfe, der sich sonst wohl, sinn- und -aussichtsloserweise, gern noch des längeren an der Geselligkeit -beteiligt hätte, mit Aussicht auf den kleinen Russensalon. Daß aber -Joachim so dringlich darauf bedacht war, die Abendgeselligkeit -abzukürzen, das hatte noch einen anderen, verschwiegenen Grund, auf den -sich Hans Castorp genau verstand, seit er Joachims fleckiges Erblassen -und jene eigentümlich klägliche Art, in der sein Mund sich in gewissen -Augenblicken verzerrte, so genau verstehen gelernt hatte. Denn auch -Marusja, die ewig lachlustige Marusja mit dem kleinen Rubin an ihrem -schönen Finger, dem Apfelsinenparfüm und der hohen, wurmstichigen Brust -war ja bei der Geselligkeit meistens zugegen, und Hans Castorp begriff, -daß dieser Umstand Joachim forttrieb, weil er ihn allzusehr, auf eine -schreckliche Weise anzog. War auch Joachim „eingesperrt“, – noch enger -und beklemmender sogar als er selbst, da ja Marusja mit ihrem -Apfelsinentüchlein zu allem Überfluß auch noch fünfmal am Tage mit ihnen -zusammen an demselben Eßtisch saß? Jedenfalls hatte Joachim viel zu viel -mit sich selbst zu tun, als daß sein Dasein eigentlich innerlich -hilfreich für Hans Castorp hätte sein können. Seine tägliche Flucht aus -der Geselligkeit wirkte zwar ehrenhaft, aber nichts weniger als -beruhigend auf diesen, und dann kam es ihm augenblicksweise auch vor, -als ob Joachims gutes Beispiel in bezug auf die Pflichttreue im -Kurdienst, die kundige Anleitung dazu, die er ihm zuteil werden ließ, -ihr Bedenkliches hätten. - -Hans Castorp war noch nicht zwei Wochen an Ort und Stelle, aber es -schien ihm länger, und die Tagesordnung Derer hier oben, die Joachim an -seiner Seite so dienstfromm beobachtete, hatte angefangen, in seinen -Augen das Gepräge einer heilig-selbstverständlichen Unverbrüchlichkeit -anzunehmen, so daß ihm das Leben im Flachlande drunten, von hier -gesehen, fast sonderbar und verkehrt erschien. Schon hatte er in der -Handhabung der beiden Decken, mit denen man bei kalter Witterung in der -Liegekur ein ebenmäßig Paket, eine richtige Mumie aus sich machte, -schöne Gewandtheit gewonnen; es fehlte nicht viel, so tat er es Joachim -gleich in der sicheren Fertigkeit und Kunst, sie vorschriftsmäßig um -sich zu schlagen, und fast mußte er sich wundern bei dem Gedanken, daß -in der Ebene drunten niemand etwas von dieser Kunst und Vorschrift -wußte. Ja, das war wunderlich; – aber zugleich wunderte sich Hans -Castorp darüber, daß er es wunderlich fand, und jene Unruhe, die ihn -innerlich nach Rat und Stütze sich umsehen ließ, stieg neuerdings in ihm -auf. - -Er mußte an Hofrat Behrens denken und an seinen _sine pecunia_ erteilten -Rat, ganz so zu leben wie die Patientenschaft und sich sogar auch zu -messen, – und an Settembrini, der über diesen Rat so laut in die Luft -hinein gelacht und dann etwas aus der „Zauberflöte“ zitiert hatte. Ja, -auch an diese beiden dachte er probeweise, um zu sehen, ob es ihm gut -täte. Hofrat Behrens war ja ein weißhaariger Mann, er hätte Hans -Castorps Vater sein können. Dazu war er Vorsteher der Anstalt, die -höchste Autorität, – und väterliche Autorität war es, wonach der junge -Hans Castorp ein unruhiges Herzensbedürfnis empfand. Und doch wollte es -ihm nicht gelingen, wenn er es versuchte, des Hofrats mit kindlichem -Vertrauen zu gedenken. Er hatte hier seine Frau begraben, ein Kummer, -von dem er vorübergehend etwas wunderlich geworden war, und dann war er -am Orte geblieben, weil das Grab ihn band, und außerdem weil er selbst -etwas abbekommen hatte. War es nun vorbei damit? War er gesund und -unzweideutig gesonnen, die Leute gesund zu machen, damit sie recht bald -ins Flachland zurückkehren und Dienst tun könnten? Seine Backen waren -beständig blau, und eigentlich sah er aus, als hätte er Übertemperatur. -Aber das mochte auf Täuschung beruhen und nur die Luft schuld sein an -dieser Gesichtsfarbe: Hans Castorp selber spürte hier ja tagein, tagaus -eine trockene Hitze, ohne Fieber zu haben, soweit er es ohne Thermometer -beurteilen konnte. Zwar, wenn man den Hofrat reden hörte, konnte man -wieder zuweilen an Übertemperatur glauben; es war nicht ganz richtig mit -seiner Redeweise: sie klang so forsch und fidel und gemütlich, aber es -war etwas Sonderbares darin, etwas Exaltiertes, besonders wenn man die -blauen Backen mit in Betracht zog, sowie die tränenden Augen, die -aussahen, als weine er immer noch über seine Frau. Hans Castorp -erinnerte sich dessen, was Settembrini über des Hofrats „Schwermut“ und -„Lasterhaftigkeit“ ausgesagt, und daß er ihn eine „verworrene Seele“ -genannt hatte. Das mochte Bosheit sein und Windbeutelei; aber er fand -trotzdem, daß es nicht sonderlich stärkend sei, an Hofrat Behrens zu -denken. - -Aber da war denn freilich noch dieser Settembrini selbst, der -Oppositionsmann, Windbeutel und „_homo humanus_“, wie er sich selber -nannte, der es ihm mit vielen prallen Worten verwiesen hatte, Krankheit -und Dummheit zusammen einen Widerspruch und ein Dilemma für das -menschliche Gefühl zu nennen. Wie stand es mit ihm? Und war es -zuträglich, an ihn zu denken? Hans Castorp erinnerte sich wohl, wie er -in mehreren der übermäßig lebhaften Träume, die hier oben seine Nächte -erfüllten, Ärgernis genommen an dem feinen, trockenen Lächeln des -Italieners, das sich unter der schönen Rundung seines Schnurrbartes -kräuselte, wie er ihn einen Drehorgelmann gescholten und ihn -wegzudrängen versucht hatte, weil er hier störe. Aber das war im Traum -gewesen, und der wachende Hans Castorp war ein anderer, weniger -ungehemmt als der des Traumes. Im Wachen mochte es etwas anderes sein, – -vielleicht tat er gut daran, es innerlich mit Settembrinis neuartigem -Wesen zu versuchen, – mit seiner Aufsässigkeit und Kritik, obgleich sie -larmoyant und geschwätzig war. Er selbst hatte sich ja einen Pädagogen -genannt; offenbar wünschte er Einfluß zu nehmen; und den jungen Hans -Castorp verlangte es herzlich, beeinflußt zu werden, – was ja freilich -so weit nicht zu gehen brauchte, daß er sich von Settembrini bestimmen -ließ, seinen Koffer zu packen und vor der Zeit abzureisen, wie jener es -neulich allen Ernstes in Vorschlag gebracht hatte. - -_Placet experiri_, dachte er bei sich lächelnd, denn so viel Latein -verstand er auch noch, ohne sich einen _homo humanus_ nennen zu dürfen. -Und so hatte er denn ein Auge auf Settembrini und hörte bereitwillig und -nicht ohne prüfende Aufmerksamkeit auf das, was er alles zum besten gab -bei Begegnungen, wie sie bei den gemessenen Kurpromenaden zur Bank an -der Bergwand oder nach „Platz“ hinab sich beiläufig ereigneten, oder bei -anderer Gelegenheit, zum Beispiel wenn Settembrini nach beendeter -Mahlzeit sich als erster erhob und in seinen karierten Beinkleidern, -einen Zahnstocher zwischen den Lippen, durch den Saal mit den sieben -Tischen schlenderte, um gegen alle Vorschrift und Übung ein wenig am -Tische der Vettern zu hospitieren. Er tat es, indem er in anmutiger -Haltung, mit gekreuzten Füßen, Aufstellung nahm und mit dem Zahnstocher -gestikulierend plauderte. Oder er zog auch einen Stuhl heran, nahm Platz -an einer Ecke zwischen Hans Castorp und der Lehrerin einerseits oder -zwischen Hans Castorp und Miß Robinson andererseits und sah zu, wie die -neun Tischgenossen ihren Nachtisch verzehrten, auf den er verzichtet zu -haben schien. - -„Ich bitte um Zutritt in diesen edlen Kreis“, sagte er, indem er den -Vettern die Hand schüttelte und die übrigen Personen mit einer -Verbeugung umfaßte. „Dieser Bierbrauer dort drüben ... von dem -verzweiflungsvollen Anblick der Bierbrauerin zu schweigen. Aber dieser -Herr Magnus, – soeben hat er einen völkerpsychologischen Vortrag -gehalten. Wollen Sie hören? ‚Unser liebes Deutschland ist eine große -Kaserne, gewiß. Aber es steckt viel Tüchtigkeit dahinter, und ich -tausche unsere Gediegenheit für die Höflichkeit der andern nicht ein. -Was hilft mir alle Höflichkeit, wenn ich vorn und hinten betrogen -werde?‘ In diesem Stile. Ich bin am Rand meiner Kräfte. Dann sitzt da -mir gegenüber ein armes Wesen mit Friedhofsrosen auf den Backen, eine -alte Jungfer aus Siebenbürgen, die ohne Unterbrechung von ihrem -‚Schwager‘ spricht, einem Menschen, von dem niemand etwas weiß, noch -wissen will. Kurzum, ich kann nicht mehr, ich habe mich aus dem Staub -gemacht.“ - -„Fluchtartig haben Sie das Panier ergriffen,“ sagte Frau Stöhr; „das -kann ich mir denken.“ - -„Exakt!“ rief Settembrini. „Das Panier! Ich sehe, hier weht ein anderer -Wind, – kein Zweifel, ich bin vor die rechte Schmiede gekommen. -Fluchtartig also ergriff ich es ... Wer so seine Worte zu setzen wüßte! -– Darf ich mich nach den Fortschritten Ihrer Gesundheit erkundigen, Frau -Stöhr?“ - -Es war entsetzlich, wie Frau Stöhr sich zierte. „Großer Gott,“ sagte -sie, „es ist immer dasselbe, der Herr wissen ja selbst. Man tut zwei -Schritte vorwärts und drei zurück, – hat man fünf Monate abgesessen, so -kommt der Alte und legt einem ein halbes Jahr zu. Ach, es sind -Tantalusqualen. Man schiebt und schiebt, und glaubt man, oben zu sein -...“ - -„Oh, das ist schön von Ihnen! Sie gönnen dem armen Tantalus endlich -einige Abwechslung! Sie lassen ihn austauschweise einmal den berühmten -Marmor wälzen! Das nenne ich wahre Herzensgüte. Aber wie ist es, Madame, -es gehen geheimnisvolle Dinge mit Ihnen vor. Man hat Geschichten von -Doppelgängerei, Astralleibern ... Ich habe daran nicht geglaubt bisher, -aber was sich mit Ihnen zuträgt, macht mich irre ...“ - -„Es scheint, der Herr will seine Ergötzlichkeit mit mir treiben.“ - -„Durchaus nicht! Ich denke nicht daran! Beruhigen Sie mich zuerst über -gewisse dunkle Seiten Ihrer Existenz, und wir werden von Ergötzlichkeit -reden können! Ich mache mir gestern abend zwischen halb zehn und zehn -Uhr ein wenig Bewegung im Garten – ich blicke dabei die Balkons entlang -– das elektrische Lämpchen auf dem Ihren glüht durch das Dunkel. Sie -befanden sich folglich in der Liegekur, nach Pflicht, Vernunft und -Vorschrift. ‚Da liegt unsere schöne Kranke‘, sage ich zu mir selbst, -‚und beobachtet treulich die Verordnung, um baldigst heimkehren zu -können in die Arme des Herrn Stöhr.‘ Und vor wenigen Minuten, was höre -ich? Daß Sie zu derselben Stunde im _cinematógrafo_ (Herr Settembrini -sprach das Wort italienisch aus, mit dem Akzent auf der vierten Silbe) – -im _cinematógrafo_ der Kurhausarkaden gesehen worden sind und hernach -noch in der Konditorei bei Süßwein und irgendwelchen Baisers, und zwar -...“ - -Die Stöhr wand sich in den Schultern, kicherte in ihre Serviette, stieß -Joachim Ziemßen und den stillen Dr. Blumenkohl mit den Ellenbogen in die -Seiten, zwinkerte listig-vertraulich und gab auf alle Weise eine -stockdumme Selbstgefälligkeit zu erkennen. Sie pflegte abends zur -Täuschung der Aufsicht ihr brennendes Tischlämpchen auf den Balkon -hinauszustellen, sich heimlich davonzumachen und drunten im Englischen -Viertel ihrer Zerstreuung nachzugehen. Ihr Mann wartete in Cannstatt auf -sie. Übrigens war sie nicht der einzige Patient, der diese Praktik übte. - -„... und zwar,“ fuhr Settembrini fort, „hätten Sie diese Baisers – in -wessen Gesellschaft gekostet? In der Gesellschaft des Hauptmanns -Miklosich aus Bukarest! Man versichert mir, er trage ein Korsett, aber -mein Gott, wie wenig fällt das hier ins Gewicht! Ich beschwöre Sie, -Madame, wo waren Sie? Sie sind doppelt! Jedenfalls waren Sie -eingeschlafen, und während der irdische Teil Ihres Wesens einsam -Liegekur machte, erlustierte sich der spirituelle in der Gesellschaft -des Hauptmanns Miklosich und an seinen Baisers ...“ - -Frau Stöhr wand und sträubte sich, wie jemand, den man kitzelt. - -„Man weiß nicht, ob man das Umgekehrte wünschen soll“, sagte -Settembrini. „Daß Sie die Baisers allein genossen und die Liegekur mit -dem Hauptmann Miklosich ausgeübt hätten ...“ - -„Hi, hi, hi ...“ - -„Kennen die Herrschaften die vorgestrige Geschichte?“ fragte der -Italiener unvermittelt. „Jemand ist abgeholt worden, – vom Teufel -geholt, oder eigentlich von seiner Frau Mutter, einer tatkräftigen Dame, -sie hat mir gefallen. Es ist der junge Schneermann, Anton Schneermann, -der dort vorn am Tische von Mademoiselle Kleefeld saß, – Sie sehen, sein -Platz ist leer. Er wird bald genug wieder besetzt sein, ich mache mir -keine Sorge, aber Anton ist fort auf Sturmesschwingen, im Hui und eh ers -gedacht. Anderthalb Jahre war er hier – mit seinen sechzehn; es waren -ihm eben noch sechs Monate zugelegt worden. Und was geschieht? Ich weiß -nicht, wer Madame Schneermann ein Wort hatte zufließen lassen, auf jeden -Fall hatte sie Wind bekommen von dem Wandel ihres Söhnchens in _Baccho -et ceteris_. Unangemeldet erscheint sie auf dem Plan, eine Matrone – -drei Köpfe größer als ich, weißhaarig und zornmütig, zieht Herrn Anton, -ohne zu reden, ein paar Ohrfeigen herunter, nimmt ihn beim Kragen und -setzt ihn auf die Bahn. ‚Soll er zu Grund gehen,‘ sagt sie, ‚so kann ers -auch unten.‘ Und fort gehts nach Hause.“ - -Man lachte, soweit man in Hörweite saß, denn Herr Settembrini erzählte -drollig. Er zeigte sich auf dem Laufenden über die letzten Neuigkeiten, -obgleich er sich doch gegen das Gemeinschaftsleben Derer hier oben so -kritisch-spöttisch verhielt. Er wußte alles. Er kannte die Namen und -ungefähr auch die Lebensumstände Neuangekommener; er berichtete, daß -gestern bei dem und dem oder der und der eine Rippenresektion -vorgenommen worden und hatte es aus bester Quelle, daß vom Herbst an -Kranke über 38,5 Grad nicht mehr aufgenommen werden würden. In der -letzten Nacht hatte sich, seiner Erzählung nach, das Hündchen der Madame -Capatsoulias aus Mytilene auf den Knopf des elektrischen Lichtsignals -auf dem Nachttisch seiner Herrin gesetzt, woraus viel Rennerei und -Tumult entstanden war, besonders, da man Madame Capatsoulias nicht -allein, sondern in Gesellschaft des Assessors Düstmund aus -Friedrichshagen gefunden habe. Selbst Dr. Blumenkohl mußte lächeln über -diese Geschichte, die hübsche Marusja wollte in ihrem Orangentüchlein -fast ersticken, und Frau Stöhr schrie gellend, indem sie die linke Brust -mit beiden Händen preßte. - -Aber mit den Vettern sprach Lodovico Settembrini auch von sich selbst -und seiner Herkunft, sei es auf den Spaziergängen, gelegentlich der -Abendgeselligkeit oder nach beendetem Mittagstisch, wenn die große -Mehrzahl der Patienten den Saal schon verlassen hatte und die drei -Herren noch eine Weile an ihrem Tafelende sitzenblieben, während die -Saaltöchter abräumten und Hans Castorp seine Maria Mancini rauchte, -deren Würze er in der dritten Woche wieder ein wenig zu schmecken -begann. Aufmerksam prüfend, befremdet, aber willig sich beeinflussen zu -lassen, hörte er den Erzählungen des Italieners zu, die ihm eine -sonderbare, durchaus neuartige Welt eröffneten. - -Settembrini sprach von seinem Großvater, der zu Mailand Advokat, -hauptsächlich aber ein großer Patriot gewesen und etwas wie einen -politischen Agitator, Redner und Zeitschriften-Mitarbeiter vorgestellt -hatte, – auch er ein Oppositionsmann, gleich dem Enkel, doch hatte er -das Ding in größerem, kühnerem Stile betrieben. Denn während Lodovico, -wie er selber mit Bitterkeit bemerkte, sich darauf angewiesen fand, das -Leben und Treiben im Internationalen Sanatorium Berghof zu hecheln, -höhnische Kritik daran zu üben und im Namen einer schönen und tatfrohen -Menschlichkeit Verwahrung dagegen einzulegen, hatte jener den -Regierungen zu schaffen gemacht, gegen Österreich und die Heilige -Allianz konspiriert, die damals sein zerstückeltes Vaterland im Banne -dumpfer Knechtschaft gehalten hatten, und war eifriges Mitglied -gewisser, über Italien verbreiteter geheimer Gesellschaften gewesen, – -ein Carbonaro, wie Settembrini mit plötzlich gesenkter Stimme erklärte, -als sei es auch jetzt noch gefährlich, davon zu sprechen. Kurz, dieser -Giuseppe Settembrini stellte sich, nach den Erzählungen des Enkels, den -beiden Zuhörern als eine dunkle, leidenschaftliche und wühlerische -Existenz, als ein Rädelsführer und Verschwörer dar, und bei aller -Achtung, deren sie sich höflicherweise befleißigten, gelang es ihnen -nicht ganz, einen Ausdruck mißtrauischer Abneigung, ja des Widerwillens -aus ihren Zügen zu verbannen. Freilich lagen die Dinge besonders: was -sie hörten, war lange her, fast hundert Jahre, es war Geschichte, und -aus der Geschichte, namentlich der alten, war ihnen das Wesen, von dem -sie hier vernahmen, die Erscheinung verzweifelten Freiheitsmutes und -unbeugsamen Tyrannenhasses theoretisch vertraut, obwohl sie nie gedacht -hatten, so menschlich unmittelbar mit ihm in Berührung zu kommen. Auch -hatte sich mit dem Aufrührer- und Konspirantentum dieses Großvaters, wie -sie hörten, eine große Liebe zu seinem Vaterlande verbunden, das er -einig und frei wissen wollte, – ja, sein umstürzlerisches Betreiben war -Frucht und Ausfluß dieser achtbaren Verbundenheit gewesen, und wie -sonderbar die Mischung von Aufrührerei und Patriotismus die Vettern, -einen wie den andern, auch anmutete – denn sie waren gewohnt, -vaterländische Gesinnung mit einem erhaltenden Ordnungssinn -gleichzusetzen –, so mußten sie bei sich selber doch zugeben, daß, wie -dort und damals alles sich verhalten hatte, Rebellion mit Bürgertugend -und loyale Gesetztheit mit träger Gleichgültigkeit gegen das öffentliche -Wesen mochte gleichbedeutend gewesen sein. - -Aber nicht nur ein italienischer Patriot war Großvater Settembrini -gewesen, sondern Mitbürger und Mitstreiter aller nach Freiheit -dürstenden Völker. Denn nach dem Scheitern eines gewissen Hand- und -Staatsstreichversuches, den man in Turin unternommen, und an dem er mit -Wort und Tat beteiligt gewesen, nur mit genauer Not den Häschern des -Fürsten Metternich entkommen, hatte er die Zeit seiner Verbannung dazu -benutzt, in Spanien für die Konstitution und in Griechenland für die -Unabhängigkeit des hellenischen Volkes zu kämpfen und zu bluten. Hier -war Settembrinis Vater zur Welt gekommen, – weshalb er denn wohl auch -ein so großer Humanist und Liebhaber des klassischen Altertums geworden -war, – geboren übrigens von einer Mutter deutschen Blutes, denn Giuseppe -hatte das Mädchen in der Schweiz geheiratet und bei seinen weiteren -Abenteuern mit sich geführt. Später, nach zehnjähriger Landflüchtigkeit, -hatte er in die Heimat zurückkehren können und zu Mailand als Advokat -gewirkt, keineswegs aber darauf verzichtet, die Nation durch das -gesprochene und geschriebene Wort, in Vers und Prosa zur Freiheit und -zur Herstellung der einheitlichen Republik aufzurufen, staatsumwälzende -Programme mit leidenschaftlich diktatorischem Schwung zu entwerfen und -klaren Stiles die Vereinigung der befreiten Völker zur Errichtung des -allgemeinen Glückes zu verkünden. Eine Einzelheit, deren Settembrini, -der Enkel, erwähnte, machte besonderen Eindruck auf den jungen Hans -Castorp: daß nämlich Großvater Giuseppe sich zeit seines Lebens -ausschließlich in schwarzer Trauerkleidung unter seinen Mitbürgern -gezeigt habe, denn er sei ein Leidtragender, habe er gesagt, um Italien, -sein Vaterland, das in Elend und Knechtschaft dahinschmachte. Bei dieser -Nachricht mußte Hans Castorp, wie er es übrigens schon vorher ein -paarmal vergleichend getan hatte, an seinen eigenen Großvater denken, -der ebenfalls, solange der Enkel ihn kannte, sich allezeit schwarz -getragen hatte, aber in gründlich anderem Sinne, als dieser Großvater -hier: an die altmodische Tracht dachte er, mit der Hans Lorenz Castorps -eigentliches, einer vergangenen Zeit angehöriges Wesen sich behelfsweise -und unter Andeutung seiner Unzugehörigkeit der Gegenwart angepaßt hatte, -bis es im Tode zu seiner wahren und angemessenen Gestalt (mit der -Tellerkrause) feierlich eingegangen war. Zwei auffallend -verschiedenartige Großväter waren das wahrhaftig gewesen! Hans Castorp -dachte darüber nach, indes seine Augen sich festsahen und er vorsichtig -den Kopf schüttelte, so, daß es ebensogut als ein Zeichen der -Bewunderung für Giuseppe Settembrini, wie auch als Befremdung und -Verneinung gedeutet werden konnte. Auch hütete er sich redlich, das -Fremdartige zu verurteilen, sondern hielt sich an, es bei Vergleich und -Feststellung bewenden zu lassen. Er sah den schmalen Kopf des alten Hans -Lorenz im Saale sich sinnend über das schwachgoldene Rund der -Taufschale, des stehend-wandernden Erbstückes neigen, – gerundeten -Mundes, denn seine Lippen bildeten die Vorsilbe „Ur“, diesen dumpfen und -frommen Laut, der an Orte erinnerte, an denen man in eine ehrerbietig -vorwärts wiegende Gangart verfiel. Und er sah Giuseppe Settembrini, die -Trikolore im Arm, mit geschwungenem Säbel und den schwarzen Blick -gelobend gen Himmel gewandt, einer Schar von Freiheitskämpfern voran -gegen die Phalanx des Despotismus stürmen. Beides hatte wohl seine -Schönheit und Ehre, dachte er, um Billigkeit desto mehr bemüht, als er -sich persönlich oder halb persönlich ein wenig Partei fühlte. Denn -Großvater Settembrini hatte ja um politische Rechte gestritten, seinem -eigenen Großvater aber oder doch dessen Vorvätern hatten ursprünglich -alle Rechte gehört, und die Krapüle hatte sie ihnen im Laufe von vier -Jahrhunderten mit Gewalt und Redensarten entrissen ... Da waren sie nun -beide immer in Schwarz gegangen, der Großvater im Norden und der im -Süden, und beide zu dem Zweck, einen strengen Abstand zwischen sich und -die schlechte Gegenwart zu legen. Aber der eine hatte es aus Frömmigkeit -getan, der Vergangenheit und dem Tode zu Ehren, denen sein Wesen -angehörte; der andere dagegen aus Rebellion und zu Ehren eines -frömmigkeitsfeindlichen Fortschritts. Ja, das waren zwei Welten oder -Himmelsgegenden, dachte Hans Castorp, und wie er gleichsam zwischen -ihnen stand, während Herr Settembrini erzählte, und prüfend bald in die -eine, bald in die andere blickte, so, meinte er, habe er es schon einmal -erfahren. Er erinnerte sich einer einsamen Kahnfahrt im Abendzwielicht -auf einem holsteinischen See, im Spätsommer, vor einigen Jahren. Um -sieben Uhr war es gewesen, die Sonne war schon hinab, der annähernd -volle Mond im Osten über den buschigen Ufern schon aufgegangen. Da hatte -zehn Minuten lang, während Hans Castorp sich über die stillen Wasser -dahinruderte, eine verwirrende und träumerische Konstellation -geherrscht. Im Westen war heller Tag gewesen, ein glasig nüchternes, -entschiedenes Tageslicht; aber wandte er den Kopf, so hatte er in eine -ebenso ausgemachte, höchst zauberhafte, von feuchten Nebeln -durchsponnene Mondnacht geblickt. Das sonderbare Verhältnis hatte wohl -eine knappe Viertelstunde bestanden, bevor es sich zugunsten der Nacht -und des Mondes ausgeglichen, und mit heiterem Staunen waren Hans -Castorps geblendete und vexierte Augen von einer Beleuchtung und -Landschaft zur anderen, vom Tage in die Nacht und aus der Nacht wieder -in den Tag gegangen. Daran also mußte er denken. - -Ein großer Rechtsgelehrter, dachte er ferner, konnte Advokat Settembrini -bei seiner Lebensführung und seinem ausgedehnten Betreiben nicht gut -geworden sein. Aber der allgemeine Grundsatz des Rechtes hatte ihn, wie -der Enkel glaubhaft machte, von Kindesbeinen bis an sein Lebensende -beseelt, und Hans Castorp, obgleich zur Zeit nicht eben scharf im Kopfe -und von einer sechsgängigen Berghof-Mahlzeit organisch stark in Anspruch -genommen, bemühte sich, zu verstehen, wie Settembrini es meinte, wenn er -diesen Grundsatz „die Quelle der Freiheit und des Fortschritts“ nannte. -Unter dem letzteren hatte Hans Castorp bisher so etwas verstanden, wie -die Entwicklung des Hebezeug-Wesens im neunzehnten Jahrhundert; und er -fand denn auch, daß Herr Settembrini solche Dinge nicht niedrig -einschätzte, was offenbar auch sein Großvater nicht getan. Der Italiener -erzeigte dem Vaterlande seiner beiden Zuhörer hohe Ehre in Hinsicht -darauf, daß dort das Schießpulver erfunden worden sei, welches den -Harnisch des Feudalismus zum Gerümpel gemacht habe, sowie die -Druckerpresse: denn diese habe die demokratische Verbreitung der Ideen – -das heiße: die Verbreitung der demokratischen Ideen ermöglicht. Er lobte -also Deutschland in diesem Betracht und, soweit die Vergangenheit in -Frage kam, wenn er auch seinem eigenen Lande billig die Palme glaubte -reichen zu sollen, da es, während die anderen Völker noch in Aberglauben -und Knechtschaft dämmerten, als erstes die Fahne der Aufklärung, Bildung -und Freiheit entrollt habe. Wenn er aber der Technik und dem Verkehr, -Hans Castorps persönlichem Arbeitsgebiet, viel Reverenz erwies, wie er -es schon bei seiner ersten Begegnung mit den Vettern bei der Bank am -Abhange getan, so schien es doch nicht um dieser Mächte selbst willen zu -geschehen, sondern in Anbetracht ihrer Bedeutung für die moralische -Vervollkommnung der Menschen, – denn eine solche Bedeutung erklärte er -freudig ihnen beizumessen. Indem die Technik, sagte er, mehr und mehr -die Natur sich unterwerfe, durch die Verbindungen, welche sie schaffe, -den Ausbau der Straßennetze und Telegraphen, die klimatischen -Unterschiede besiege, erweise sie sich als das verlässigste Mittel, die -Völker einander nahe zu bringen, ihre gegenseitige Bekanntschaft zu -fördern, menschlichen Ausgleich zwischen ihnen anzubahnen, ihre -Vorurteile zu zerstören und endlich ihre allgemeine Vereinigung -herbeizuführen. Das Menschengeschlecht komme aus Dunkel, Furcht und Haß, -jedoch auf glänzendem Wege bewege es sich vorwärts und aufwärts einem -Endzustande der Sympathie, der inneren Helligkeit, der Güte und des -Glückes entgegen, und auf diesem Wege sei die Technik das förderlichste -Vehikel, sagte er. Aber indem er so sprach, faßte er in _einer_ -Auslassung des Atems Kategorien zusammen, die Hans Castorp bisher nur -weit voneinander getrennt zu denken gewohnt gewesen war. Technik und -Sittlichkeit! sagte er. Und dann sprach er wahrhaftig vom Heilande des -Christentums, der das Prinzip der Gleichheit und der Vereinigung zuerst -offenbart, worauf die Druckerpresse die Verbreitung dieses Prinzipes -mächtig gefördert und endlich die große französische Staatsumwälzung es -zum Gesetz erhoben habe. Das mutete den jungen Hans Castorp, wenn auch -aus unbestimmten Gründen, so doch in der Tat auf das allerbestimmteste -konfus an, obwohl Herr Settembrini es in so klare und pralle Worte -faßte. Einmal, erzählte dieser, einmal in seinem Leben, und zwar zu -Beginn seines besten Mannesalters, habe sein Großvater sich recht von -Herzen glücklich gefühlt, und das sei zur Zeit der Pariser -Juli-Revolution gewesen. Laut und öffentlich habe er damals das Wort -gesprochen, daß alle Menschen dereinst jene drei Tage von Paris neben -die sechs Tage der Weltschöpfung stellen würden. Hier konnte Hans -Castorp nicht umhin, mit der Hand auf den Tisch zu schlagen und sich bis -in den Grund seiner Seele zu wundern. Daß man drei Sommertage des Jahres -1830, an welchen die Pariser sich eine neue Verfassung gegeben, neben -die sechs stellen solle, in denen Gott der Herr die Feste von den -Wassern geschieden und die ewigen Himmelslichter sowie Blumen, Bäume, -Vögel, Fische und alles Leben geschaffen hatte, schien ihm stark, und -noch nachher, allein mit seinem Vetter Joachim, ausdrücklich und -gesprächsweise, fand er es überaus stark, ja geradezu anstößig. - -Aber er war guten Willens, sich beeinflussen zu lassen, im Sinne des -Wortes, daß es angenehm sei, Versuche anzustellen, und so legte er dem -Proteste, den seine Pietät und sein Geschmack gegen die Settembrinische -Anordnung der Dinge erhoben, Zügel an, in der Erwägung, daß, was ihm -lästerlich vorkam, Kühnheit genannt werden könne und, was ihn -abgeschmackt anmutete, Hochherzigkeit und edelmütiger Überschwang -wenigstens dort und damals gewesen sein mochte: so zum Beispiel, wenn -Großvater Settembrini die Barrikaden den „Volksthron“ genannt und -erklärt hatte, es gelte, „die Pike des Bürgers am Altar der Menschheit -zu weihen“. - -Hans Castorp wußte, warum er Herrn Settembrini zuhörte, nicht -ausdrücklich, aber er wußte es. Etwas wie Pflichtgefühl war dabei, außer -jener Ferien-Verantwortungslosigkeit des Reisenden und Hospitanten, der -sich gegen keinen Eindruck verhärtet und die Dinge an sich herankommen -läßt, in dem Bewußtsein, daß er morgen oder übermorgen wieder die Flügel -lüften und in die gewohnte Ordnung zurückkehren wird: – etwas wie eine -Gewissensvorschrift also, und zwar, um genau zu sein, die Vorschrift und -Mahnung eines irgendwie schlechten Gewissens, bestimmte ihn, dem -Italiener zuzuhören, ein Bein über das andere geschlagen und an seiner -Maria Mancini ziehend, oder wenn sie zu dritt vom Englischen Viertel -gegen den Berghof emporstiegen. - -Nach Settembrinis Anordnung und Darstellung lagen zwei Prinzipien im -Kampf um die Welt: die Macht und das Recht, die Tyrannei und die -Freiheit, der Aberglaube und das Wissen, das Prinzip des Beharrens und -dasjenige der gärenden Bewegung, des Fortschritts. Man konnte das eine -das asiatische Prinzip, das andere aber das europäische nennen, denn -Europa war das Land der Rebellion, der Kritik und der umgestaltenden -Tätigkeit, während der östliche Erdteil die Unbeweglichkeit, die -untätige Ruhe verkörperte. Gar kein Zweifel, welcher der beiden Mächte -endlich der Sieg zufallen würde, – es war die der Aufklärung, der -vernunftgemäßen Vervollkommnung. Denn immer neue Völker raffte die -Menschlichkeit auf ihrem glänzenden Wege mit fort, immer mehr Erde -eroberte sie in Europa selbst und begann, nach Asien vorzudringen. Doch -fehlte noch viel an ihrem vollen Siege, und noch große und edelmütige -Anstrengungen waren von den Wohlgesinnten, von denen, welche das Licht -erhalten hatten, zu machen, bis nur erst der Tag kam, wo auch in den -Ländern unseres Erdteils, die in Wahrheit weder ein achtzehntes -Jahrhundert noch ein 1789 erlebt hatten, die Monarchien und Religionen -zusammenstürzen würden. Aber dieser Tag werde kommen, sagte Settembrini -und lächelte fein unter seinem Schnurrbart, – er werde, wenn nicht auf -Taubenfüßen, so auf Adlersschwingen kommen und anbrechen als die -Morgenröte der allgemeinen Völkerverbrüderung im Zeichen der Vernunft, -der Wissenschaft und des Rechtes; die heilige Allianz der bürgerlichen -Demokratie werde er bringen, das leuchtende Gegenstück zu jener dreimal -infamen Allianz der Fürsten und Kabinette, deren persönlicher Todfeind -Großvater Giuseppe gewesen, – mit einem Worte die Weltrepublik. Zu -diesem Endziele aber war vor allem erforderlich, das asiatische, das -knechtische Prinzip der Beharrung im Mittelpunkte und Lebensnerv seines -Widerstandes zu treffen, nämlich in Wien. Österreich gelte es aufs Haupt -zu schlagen und zu zerstören, einmal um Rache zu nehmen für Vergangenes -und dann, um die Herrschaft des Rechtes und Glückes auf Erden in die -Wege zu leiten. - -Diese letzte Wendung und Schlußfolgerung von Settembrinis wohllautenden -Ergießungen interessierte Hans Castorp nun gar nicht mehr, sie mißfiel -ihm, ja berührte ihn peinlich wie eine persönliche oder nationale -Verbissenheit, sooft sie wiederkehrte, – von Joachim Ziemßen zu -schweigen, der, wenn der Italiener in dieses Fahrwasser geriet, mit -verfinsterten Brauen den Kopf abwandte und nicht mehr zuhörte, auch wohl -zum Kurdienste mahnte oder das Gespräch abzulenken suchte. Auch Hans -Castorp fühlte sich nicht gehalten, solchen Abwegigkeiten Aufmerksamkeit -zu schenken, – offenbar lagen sie außer der Grenze dessen, wovon -versuchsweise sich beeinflussen zu lassen eine Gewissensvorschrift ihn -mahnte, und zwar so vernehmbar mahnte, daß er selbst, wenn Herr -Settembrini sich zu ihnen setzte oder im Freien sich ihnen anschloß, ihn -aufforderte, sich über seine Ideen zu äußern. - -Diese Ideen, Ideale und Willensstrebungen, bemerkte Settembrini, seien -Familienüberlieferung in seinem Hause. Denn alle drei hätten sie ihnen -ihr Leben und ihre Geisteskräfte gewidmet, der Großvater, Vater und -Enkel, ein jeder nach seiner Art: der Vater nicht weniger als der -Großvater Giuseppe, obgleich er nicht, wie dieser, ein politischer -Agitator und Freiheitskämpfer, sondern ein stiller und zarter Gelehrter, -ein Humanist an seinem Pulte gewesen sei. Was aber sei denn der -Humanismus? Liebe zum Menschen sei er, nichts weiter, und damit sei er -auch Politik, sei er auch Rebellion gegen alles, was die Idee des -Menschen besudele und entwürdige. Man habe ihm eine übertriebene -Schätzung der Form zum Vorwurf gemacht; aber auch die schöne Form pflege -er lediglich um der Würde des Menschen willen, im glänzenden Gegensatze -zum Mittelalter, das nicht allein in Menschenfeindschaft und -Aberglauben, sondern auch in schimpfliche Formlosigkeit versunken -gewesen sei, und von allem Anbeginn habe er die Sache des Menschen, die -irdischen Interessen, habe er Gedankenfreiheit und Lebensfreude -verfochten und dafür gehalten, daß der Himmel billig den Spatzen zu -überlassen sei. Prometheus! Er sei der erste Humanist gewesen, und er -sei identisch mit jenem Satanas, auf den Carducci seine Hymne gedichtet -... Ach, mein Gott, die Vettern hätten den alten Kirchenfeind zu Bologna -gegen die christliche Empfindsamkeit der Romantiker sollen sticheln und -wettern hören! Gegen Manzonis heilige Gesänge! Gegen die Schatten- und -Mondscheinpoesie des Romanticismo, den er der „bleichen Himmelsnonne -Luna“ verglichen habe! _Per Bacco_, es sei ein Hochgenuß gewesen! Und -hören sollen hätten sie auch, wie er, Carducci, Dante ausgelegt habe, – -als Bürger einer Großstadt habe er ihn gefeiert, der gegen Askese und -Weltverneinung die Tatkraft, die umwälzende und weltverbessernde, -verteidigt habe. Denn nicht den kränklichen und mystagogischen Schatten -der Beatrice habe der Dichter mit dem Namen der „_Donna gentile e -pietosa_“ geehrt; so heiße vielmehr seine Gattin, die im Gedicht das -Prinzip der diesseitigen Erkenntnis, der praktischen Lebensarbeit -verkörpere ... - -Da hatte Hans Castorp nun auch dies und das über Dante gehört, und zwar -aus bester Quelle. Ganz fest verließ er sich nicht darauf, in Anbetracht -der Windbeutelei des Vermittlers; aber hörenswert war es immerhin, daß -Dante ein geweckter Großstädter gewesen sei. Und dann hörte er weiter -zu, wie Settembrini von sich selber sprach und erklärte, in seiner, des -Enkels Lodovico, Person nun aber hätten die Tendenzen seiner -unmittelbaren Vorfahren, die staatsbürgerliche des Großvaters und die -humanistische des Vaters, sich vereinigt, indem er nämlich ein Literat, -ein freier Schriftsteller geworden sei. Denn die Literatur sei nichts -anderes als eben dies: sie sei die Vereinigung von Humanismus und -Politik, welche sich um so zwangloser vollziehe, als ja Humanismus -selber schon Politik und Politik Humanismus sei ... Hier horchte Hans -Castorp auf und gab sich Mühe, es recht zu verstehen; denn er durfte nun -hoffen, Bierbrauer Magnussens ganze Unbelehrtheit einzusehen und zu -erfahren, inwiefern die Literatur denn doch noch etwas anderes sei als -„schöne Charaktere“. Ob, fragte Settembrini, seine Zuhörer je von Herrn -Brunetto gehört hätten, Brunetto Latini, Stadtschreiber von Florenz um -1250, der ein Buch über die Tugenden und die Laster geschrieben? Dieser -Meister zuerst habe den Florentinern Schliff gegeben und sie das -Sprechen gelehrt sowie die Kunst, ihre Republik nach den Regeln der -Politik zu lenken. „Da haben Sie es, meine Herren!“ rief Settembrini. -„Da haben Sie es!“ Und er sprach vom „Worte“, vom Kultus des Wortes, der -Eloquenz, die er den Triumph der Menschlichkeit nannte. Denn das Wort -sei die Ehre des Menschen, und nur dieses mache das Leben -menschenwürdig. Nicht nur der Humanismus, – Humanität überhaupt, alle -Menschenwürde, Menschenachtung und menschliche Selbstachtung sei -untrennbar mit dem Worte, mit Literatur verbunden – („Siehst du wohl,“ -sagte Hans Castorp später zu seinem Vetter, „siehst du wohl, daß es in -der Literatur auf die schönen Worte ankommt? Ich habe es gleich -gemerkt.“), – und so sei auch die Politik mit ihr verbunden, oder -vielmehr: sie gehe hervor aus dem Bündnis, der Einheit von Humanität und -Literatur, denn das schöne Wort erzeuge die schöne Tat. „Sie hatten in -Ihrem Lande,“ sagte Settembrini, „vor zweihundert Jahren einen Dichter, -einen prächtigen alten Plauderer, der großes Gewicht auf eine schöne -Handschrift legte, weil er meinte, daß eine solche zum schönen Stile -führe. Er hätte ein wenig weiter gehen sollen und sagen, daß ein schöner -Stil zu schönen Handlungen führe.“ Schön schreiben, das heiße beinahe -auch schon schön denken, und von da sei nicht weit mehr zum schönen -Handeln. Alle Sittigung und sittliche Vervollkommnung entstamme dem -Geiste der Literatur, diesem Geiste der Menschenehre, welcher zugleich -auch der Geist der Humanität und der Politik sei. Ja, dies alles sei -eins, sei ein und dieselbe Macht und Idee, und in _einen_ Namen könne -man es zusammenfassen. Wie dieser Name laute? Nun, dieser Name setze -sich aus vertrauten Silben zusammen, deren Sinn und Majestät die Vettern -aber gewiß so recht noch niemals begriffen hätten, – er laute: -Zivilisation! Und indem Settembrini dies Wort von den Lippen ließ, warf -er seine kleine, gelbe Rechte empor, wie jemand, der einen Toast -ausbringt. - -Dies alles fand der junge Hans Castorp hörenswert, zwar -unverbindlicherweise und mehr zum Versuch, doch hörenswert auf alle -Fälle fand er, daß es sei, und sprach sich in diesem Sinne auch gegen -Joachim Ziemßen darüber aus, der aber gerade das Thermometer im Munde -hatte und also nur undeutlich antworten konnte, danach auch allzu -beschäftigt war, die Ziffer abzulesen und in die Tabelle einzutragen, um -sich zu Settembrinis Aspekten äußern zu können. Hans Castorp, wie wir -sagten, nahm gutwillig Kenntnis davon und öffnete ihnen zur Prüfung sein -Inneres: woraus vor allem erhellt, wie vorteilhaft der wachende Mensch -sich von dem blöde träumenden unterscheidet, – als welcher Hans Castorp -Herrn Settembrini schon mehrmals ins Gesicht hinein einen Drehorgelmann -geschimpft und ihn aus allen Kräften von der Stelle zu drängen versucht -hatte, weil er „hier störe“; als Wachender aber hörte er ihm höflich und -aufmerksam zu und suchte rechtlich gesinnt die Widerstände auszugleichen -und niederzuhalten, die sich gegen des Mentors Anordnungen und -Darstellungen in ihm erheben wollten. Denn daß gewisse Widerstände in -seiner Seele sich regten, soll nicht geleugnet werden: es waren solche, -die von früher her, ursprünglich und immer schon darin vorhanden -gewesen, wie auch solche, die sich aus der gegenwärtigen Sachlage -besonders ergaben, aus seinen teils mittelbaren, teils verschwiegenen -Erlebnissen bei Denen hier oben. - -Was ist der Mensch, wie leicht betrügt sich doch sein Gewissen! Wie -versteht er es, noch aus der Stimme der Pflicht die Erlaubnis zur -Leidenschaft herauszuhören! Aus Pflichtgefühl, um der Billigkeit, des -Gleichgewichts willen hörte Hans Castorp Herrn Settembrini zu und prüfte -wohlmeinend seine Aspekten über die Vernunft, die Republik und den -schönen Stil, bereit, sich davon beeinflussen zu lassen. Desto -statthafter aber fand er es hinterdrein, seinen Gedanken und Träumen -wieder in anderer, in _entgegengesetzter_ Richtung freien Lauf zu -lassen, – ja, um unseren ganzen Verdacht oder unsere ganze Einsicht -auszusprechen, so hatte er wohl gar Herrn Settembrini nur zu dem -_Zwecke_ gelauscht, von seinem Gewissen einen Freibrief zu erlangen, den -es ihm ursprünglich nicht hatte ausfertigen wollen. Was oder wer aber -befand sich auf dieser anderen, dem Patriotismus, der Menschenwürde und -der schönen Literatur entgegengesetzten Seite, wohin Hans Castorp sein -Sinnen und Betreiben nun wieder lenken zu dürfen glaubte? Dort befand -sich ... Clawdia Chauchat, – schlaff, wurmstichig und kirgisenäugig; und -indem Hans Castorp ihrer gedachte (übrigens ist „gedenken“ ein allzu -gezügelter Ausdruck für seine Art, sich ihr innerlich zuzuwenden), war -es ihm wieder, als säße er im Kahn auf jenem holsteinischen See und -blicke aus der glasigen Tageshelle des westlichen Ufers vexierten und -geblendeten Auges hinüber in die nebeldurchsponnene Mondnacht der -östlichen Himmel. - - - Das Thermometer - -Hans Castorps Woche lief hier von Dienstag bis Dienstag, denn an einem -Dienstag war er ja angekommen. Daß er im Bureau seine zweite -Wochenrechnung beglichen hatte, lag schon ein paar Tage zurück, – die -bescheidene Wochenrechnung von rund 160 Franken, bescheiden und billig -nach seinem Urteil, selbst wenn man die Unbezahlbarkeiten des hiesigen -Aufenthalts, eben ihrer Unbezahlbarkeit wegen, überhaupt nicht in -Anschlag brachte, auch nicht gewisse Darbietungen, die wohl berechenbar -gewesen wären, wenn man gewollt hätte, wie zum Exempel die -vierzehntägige Kurmusik und die Vorträge Dr. Krokowskis, sondern allein -und ausschließlich die eigentliche Bewirtung und gasthausmäßige -Leistung, das bequeme Logis, die fünf übergewaltigen Mahlzeiten. - -„Es ist nicht viel, es ist eher billig, du kannst nicht klagen, daß man -dich überfordert hier oben“, sagte der Hospitant zu dem Eingesessenen. -„Du brauchst also rund 650 Franken den Monat für Wohnung und Essen, und -dabei ist ja die ärztliche Behandlung schon einbegriffen. Gut. Nimm an, -du wirfst im Monat noch dreißig Franken für Trinkgelder aus, wenn du -anständig bist und Wert legst auf freundliche Gesichter. Das sind 680 -Franken. Gut. Du wirst mir sagen, daß es noch Spesen und Sporteln gibt. -Man hat Auslagen für Getränke, für Kosmetik, für Zigarren, man macht mal -einen Ausflug, eine Wagenfahrt, wenn du willst, und dann und wann gibt -es eine Schuster- oder Schneiderrechnung. Gut, aber bei alldem bringst -du mit dem besten Willen noch keine tausend Franken im Monat unter! Noch -keine achthundert Mark! Das sind noch keine 10000 Mark im Jahr. Mehr ist -es auf keinen Fall. Davon lebst du.“ - -„Kopfrechnen lobenswert“, sagte Joachim. „Ich wußte gar nicht, daß du so -gewandt darin bist. Und daß du gleich die Jahreskalkulation aufstellst, -das finde ich großzügig von dir, entschieden hast du schon etwas gelernt -hier oben. Übrigens rechnest du zu hoch. Ich rauche ja keine Zigarren, -und Anzüge hoffe ich mir hier auch nicht machen lassen zu müssen, ich -danke!“ - -„Also sogar noch zu hoch“, sagte Hans Castorp etwas verwirrt. Aber wie -es nun gekommen sein mochte, daß er seinem Vetter Zigarren und neue -Anzüge in Rechnung gestellt hatte, – was sein behendes Kopfrechnen -betraf, so war das nichts weiter als Blendwerk und Irreführung über -seine natürlichen Gaben. Denn wie in allen Stücken, war er auch hierin -eher langsam und bar des Feuers, und seine rasche Übersicht in diesem -Falle war keine Stegreifleistung, sondern beruhte auf Vorbereitung, und -zwar auf _schriftlicher_ Vorbereitung, indem nämlich Hans Castorp eines -Abends während der Liegekur (denn er legte sich abends nun doch hinaus, -da alle es taten) eigens von seinem vorzüglichen Liegestuhl aufgestanden -war, um sich, einem plötzlichen Einfall folgend, aus dem Zimmer Papier -und Bleistift zum Rechnen zu holen. Damit hatte er denn festgestellt, -daß sein Vetter, oder vielmehr, daß man überhaupt hier alles in allem -12000 Franken pro Jahr benötige und sich zum Spaße innerlich -klargemacht, daß er für seine Person dem Leben hier oben wirtschaftlich -mehr als gewachsen sei, da er sich als einen Mann von 18-19000 Franken -jährlich betrachten durfte. - -Seine zweite Wochenrechnung also war vor drei Tagen gegen Dank und -Quittung geregelt worden, was so viel heißen will, wie daß er sich -mitten in der dritten und plangemäß letzten Woche seines Aufenthaltes -hier oben befand. Am kommenden Sonntag würde er noch eines der -vierzehntägig wiederkehrenden Kurkonzerte hier miterleben und am Montag -noch einem der ebenfalls vierzehntägig sich wiederholenden Vorträge Dr. -Krokowskis beiwohnen, – sagte er zu sich selbst und zu seinem Vetter; am -Dienstag oder Mittwoch aber würde er reisen und Joachim wieder allein -hier zurücklassen, den armen Joachim, dem Radamanth noch wer weiß wie -viele Monate zudiktiert hatte, und dessen sanfte, schwarze Augen sich -jedesmal wehmütig verschleierten, wenn von Hans Castorps rapid -heranrückender Abreise die Rede war. Ja, großer Gott, wo war diese -Ferienzeit geblieben! Verronnen, verflogen, enteilt, – man wußte -wahrhaftig nicht recht zu sagen, wie. Es waren doch schließlich -einundzwanzig Tage gewesen, die sie hatten miteinander verleben sollen, -eine lange Reihe, nicht leicht zu übersehen am Anfang. Und nun waren auf -einmal nur noch drei, vier geringfügige Tage davon übrig, ein wenig -beträchtlicher Restbestand, etwas beschwert allerdings durch die beiden -periodischen Abwandlungen des Normaltages, aber schon erfüllt von Pack- -und Abschiedsgedanken. Drei Wochen waren eben so gut wie nichts hier -oben, – sie hatten es ihm ja alle gleich gesagt. Die kleinste -Zeiteinheit war hier der Monat, hatte Settembrini gesagt, und da Hans -Castorps Aufenthalt sich unter dieser Größe hielt, so war er eben ein -Nichts von einem Aufenthalt und eine Stippvisite, wie Hofrat Behrens -sich ausgedrückt hatte. Ob es vielleicht an der erhöhten -Allgemeinverbrennung lag, daß die Zeit hier so im Handumdrehen verging? -Solche Raschlebigkeit war ja ein Trost für Joachim in Hinsicht auf die -fünf Monate, die ihm noch bevorstanden, falls es bei fünfen sein -Bewenden haben würde. Aber während dieser drei Wochen hätten sie der -Zeit etwas besser aufpassen sollen, so, wie es während des Messens -geschah, wo dann die vorgeschriebenen sieben Minuten zu einer so -bedeutenden Zeitspanne wurden ... Hans Castorp fühlte herzliches Mitleid -mit seinem Vetter, dem die Trauer über den nahe bevorstehenden Verlust -des menschlichen Gesellschafters in den Augen zu lesen war, – fühlte in -der Tat das stärkste Mitleid mit ihm, wenn er bedachte, daß der Arme nun -immerfort ohne ihn hierbleiben sollte, während er selbst wieder im -Flachland lebte und im Dienste der völkerverbindenden Verkehrstechnik -tätig war: ein geradezu brennendes Mitleid, schmerzhaft für die Brust in -gewissen Augenblicken und, kurz, so lebhaft, daß er zuweilen ernstlich -daran zweifelte, ob er es über sich gewinnen und Joachim allein würde -hier oben lassen können. So sehr also brannte ihn manchmal das Mitleid, -und dies war denn auch wohl der Grund, weshalb er selbst, von sich aus, -weniger und weniger von seiner Abreise sprach: Joachim war es, der hin -und wieder das Gespräch darauf brachte; Hans Castorp, wie wir sagten, -schien aus natürlichem Takt und Feingefühl bis zum letzten Augenblick -nicht daran denken zu wollen. - -„Nun wollen wir wenigstens hoffen,“ sagte Joachim, „daß du dich erholt -hast bei uns und die Erfrischung spürst, wenn du hinunterkommst.“ - -„Ja, ich werde also allerseits grüßen,“ erwiderte Hans Castorp, „und -sagen, daß du spätestens in fünf Monaten nachkommst. Erholt? Du meinst, -ob _ich_ mich erholt habe in diesen paar Tagen? Das will ich doch -annehmen. Eine gewisse Erholung muß selbst in so kurzer Zeit doch am -Ende wohl stattgefunden haben. Allerdings waren es ja so neuartige -Eindrücke hier oben, neuartig in jeder Beziehung, sehr anregend, aber -auch anstrengend für den Geist und den Körper, ich habe nicht das -Gefühl, mit ihnen schon fertig geworden zu sein und mich akklimatisiert -zu haben, was doch wohl die Vorbedingung aller Erholung wäre. Maria ist -gottlob die alte, seit einigen Tagen bin ich ihr wieder auf den -Geschmack gekommen. Aber von Zeit zu Zeit wird immer noch mein -Taschentuch rot, wenn ich es benutze, und die verdammte Hitze im Gesicht -mitsamt dem sinnlosen Herzklopfen werde ich auch, wie es scheint, bis -zum Schluß nicht mehr loswerden. Nein, nein, von Akklimatisation kann -man bei mir nicht gut reden, wie sollte man auch nach so kurzer Zeit. Da -brauchte es länger, um sich hier zu akklimatisieren und mit den -Eindrücken fertig zu werden, und dann könnte die Erholung beginnen und -das Ansetzen von Eiweiß. Schade. Ich sage ‚schade‘, weil es entschieden -fehlerhaft war, daß ich mir nicht mehr Zeit für diesen Aufenthalt -vorbehielt, – zur Verfügung wär sie ja schließlich gewesen. So ist mir -zumute, als ob ich mich zu Hause im Flachland vor allem einmal von der -Erholung werde erholen müssen und drei Wochen schlafen, so abgearbeitet -komme ich mir manchmal vor. Und nun kommt ja ärgerlicherweise dieser -Katarrh hinzu ...“ - -Es hatte nämlich den Anschein gewonnen, als ob Hans Castorp mit einem -Schnupfen erster Klasse im Flachlande wieder eintreffen sollte. Er hatte -sich erkältet, wahrscheinlich in der Liegekur, und zwar, um nochmals zu -mutmaßen, in der Abendliegekur, an der er sich seit etwa einer Woche -beteiligte, trotz des naßkalten Wetters, das sich vor seiner Abreise -nicht mehr bessern zu wollen schien. Er hatte aber erfahren, daß es als -schlecht nicht anerkannt wurde; der Begriff des schlechten Wetters -bestand überhaupt nicht zu Recht hier oben, man fürchtete kein Wetter, -man nahm kaum Rücksicht darauf, und mit der weichen Gelehrigkeit der -Jugend, ihrer ganzen Anpassungswilligkeit an die Gedanken und Gebräuche -der Umgebung, in die sie sich eben versetzt findet, hatte Hans Castorp -angefangen, sich diese Gleichgültigkeit zu eigen zu machen. Wenn es wie -aus Kannen goß, so durfte man nicht glauben, daß deshalb die Luft -weniger trocken sei. Das war sie wohl wirklich nicht, denn nach wie vor -hatte man einen so heißen Kopf davon, wie von der einer überheizten -Stube, oder als ob man viel Wein getrunken. Was aber die Kälte anging, -die erheblich war, so hätte es wenig Vernunft gehabt, sich vor ihr ins -Zimmer zu flüchten; denn da es nicht schneite, wurde nicht geheizt, und -im Zimmer zu sitzen war keineswegs behaglicher, als, im Winterpaletot -und nach der Kunst in seine zwei guten Kamelhaardecken verpackt, in der -Balkonloge zu liegen. Im Gegenteile und umgekehrt: dies letztere war das -ganz unvergleichlich Behaglichere, es war, schlechthin geurteilt, die -ansprechendste Lebenslage, die Hans Castorp je erprobt zu haben sich -erinnerte, – ein Urteil, in dem er sich dadurch nicht beirren ließ, daß -irgendein Schriftsteller und Carbonaro sie mit einem boshaften Unter- -und Nebensinn die „horizontale“ Lebenslage nannte. Namentlich am Abend -fand er sie ansprechend, wenn neben einem auf dem Tischchen das Lämpchen -glühte und man, warm in den Decken, die wieder schmeckende Maria -zwischen den Lippen und im Genuß aller schwer bestimmbaren Vorzüge des -hiesigen Liegestuhltypus, mit freilich eisiger Nasenspitze und ein Buch -– es war immer noch „_Ocean steamships_“ – in den freilich arg -verklammten, rot angelaufenen Händen, durch die Bogen der Loggia über -das dunkelnde, mit hier zerstreuten, dort dicht zusammentretenden -Lichtern geschmückte Tal hinblickte, aus welchem fast jeden Abend und -wenigstens eine Stunde lang, Musik herauftönte, angenehm abgedämpfte, -vertraut melodische Klänge: Opernfragmente waren es, Stücke aus -„Carmen“, aus dem „Troubadour“ oder dem „Freischütz“, wohlgebaute, -zügige Walzer sodann, Märsche, bei denen man hochgemut den Kopf hin und -her wandte, und muntere Mazurken. Mazurka? Marusja hieß sie eigentlich, -die mit dem kleinen Rubin, und in der Nachbarloge, hinter der dicken -Milchglaswand, lag Joachim, – dann und wann wechselte Hans Castorp ein -vorsichtiges Wort mit ihm, unter voller Rücksichtnahme auf die anderen -Horizontalen. Joachim hatte es in seiner Loge ebensogut wie Hans -Castorp, wenn er auch unmusikalisch war und sich an den Abendkonzerten -nicht so zu freuen verstand. Schade für ihn; er las wohl statt dessen in -seiner russischen Grammatik. Hans Castorp aber ließ „_Ocean steamships_“ -auf der Decke liegen und lauschte mit herzlicher Teilnahme auf die -Musik, blickte wohlgefällig in die durchsichtige Tiefe ihrer Faktur und -empfand so inniges Vergnügen an einer charakter- und stimmungsvollen -melodischen Eingebung, daß er sich zwischendurch nur mit Feindseligkeit -an Settembrinis Äußerungen über die Musik erinnerte, Äußerungen, so -ärgerlich wie die, daß die Musik politisch verdächtig sei, – was in der -Tat nicht viel besser war, als Großvater Giuseppes Redensart von der -Julirevolution und den sechs Tagen der Weltschöpfung ... - -Joachim also war des musikalischen Genusses nicht so teilhaftig, und -auch die würzige Unterhaltung des Rauchens war ihm fremd; sonst aber lag -er ebenso wohlgeborgen in seiner Loge, geborgen und befriedet. Der Tag -war zu Ende, für diesmal war alles zu Ende, man war sicher, daß heute -nichts mehr geschehen, keine Erschütterungen sich mehr ereignen, keine -Zumutungen an die Herzmuskulatur mehr gestellt werden würden. Zugleich -aber war man sicher, daß _morgen_ dies alles mit all der -Wahrscheinlichkeit, die sich aus der Enge, Gunst und Regelmäßigkeit der -Umstände ergab, wieder der Fall sein und von vorn beginnen werde; und -diese doppelte Sicherheit und Geborgenheit war überaus behaglich, sie -gestaltete zusammen mit der Musik und der wiedergefundenen Würze Marias -die Abendliegekur für Hans Castorp zu einer wahrhaft glücklichen -Lebenslage. - -Das alles nun aber hatte also nicht gehindert, daß der Hospitant und -weiche Neuling sich in der Liegekur (oder wie und wo nun immer) tüchtig -erkältet hatte. Ein schwerer Schnupfen schien im Anzuge, er saß ihm in -der Stirnhöhle und drückte, das Zäpfchen im Halse war weh und wund, die -Luft ging ihm nicht wie sonst durch den von der Natur hierzu -vorgesehenen Kanal, sondern strich kalt, behindert und Hustenkrampf -unaufhörlich erregend hindurch; seine Stimme hatte über Nacht die -Klangfarbe eines dumpfen und wie von starken Getränken verbrannten -Basses angenommen, und seiner Aussage nach hatte er in eben dieser Nacht -kein Auge zugetan, da eine erstickende Trockenheit des Schlundes ihn je -und je hatte vom Kissen auffahren lassen. - -„Höchst ärgerlich,“ sagte Joachim, „ist das und beinahe peinlich. -Erkältungen, mußt du wissen, sind hier nicht _reçus_, man leugnet sie, -sie kommen offiziell bei der großen Lufttrockenheit nicht vor, und als -Patient würde man übel anlaufen bei Behrens, wenn man sich erkältet -melden wollte. Aber bei dir ist es ja etwas anderes, du hast am Ende das -Recht dazu. Es wäre doch gut, wenn wir den Katarrh noch abschneiden -könnten, im Flachlande kennt man ja Praktiken, hier aber – ich zweifle, -ob man sich hier genügend dafür interessieren wird. Krank soll man hier -lieber nicht werden, es kümmert sich niemand darum. Das ist eine alte -Lehre, du erfährst es nun auch noch zu guter Letzt. Als ich ankam, war -hier eine Dame, die hielt sich die ganze Woche ihr Ohr und jammerte über -Schmerzen, und schließlich sah Behrens es an. ‚Sie können ganz beruhigt -sein,‘ sagt’ er, ‚tuberkulös ist es nicht.‘ Dabei hatte es sein -Bewenden. Ja, wir müssen sehn, was sich tun läßt. Ich werde es morgen -früh dem Bademeister sagen, wenn er zu mir kommt. Das ist der Dienstweg, -und er wird es schon weitergeben, so daß dann doch vielleicht etwas für -dich geschieht.“ - -So Joachim; und der Dienstweg bewährte sich. Schon als Hans Castorp am -Freitag von der Morgenmotion in sein Zimmer zurückkehrte, klopfte es bei -ihm, und es ergab sich für ihn die persönliche Bekanntschaft mit dem -Fräulein von Mylendonk oder der „Frau Oberin“, wie sie genannt wurde, – -bisher hatte er die offenbar Vielbeschäftigte immer nur von weitem -erblickt, wie sie, aus einem Krankenzimmer kommend, den Korridor -überquerte, um in ein gegenüberliegendes einzutreten, oder sie flüchtig -im Speisesaal auftauchen sehen und ihre quäkende Stimme vernommen. Nun -also galt ihm selbst ihr Besuch; durch seinen Katarrh herbeigezogen, -klopfte sie knöchern hart und kurz an seine Stubentür und trat ein, fast -bevor er Herein gesagt, indem sie sich auf der Schwelle noch einmal -zurückbeugte, um sich der Zimmernummer gewiß zu machen. - -„Dreiundvierzig“, quäkte sie ungedämpft. „Es stimmt. Menschenskind, _on -me dit, que vous avez pris froid_, _I hear, you have caught a cold_, -_Wy, kaschetsja, prostudilisj_, ich höre, Sie sind erkältet? Wie soll -ich reden mit Ihnen? Deutsch, ich sehe schon. Ach, der Besuch vom jungen -Ziemßen, ich sehe schon. Ich muß in den Operationssaal. Da ist einer, -der wird chloroformiert und hat Bohnensalat gegessen. Wenn man seine -Augen nicht überall hat ... Und Sie, Menschenskind, wollen sich hier -erkältet haben?“ - -Hans Castorp war verblüfft über diese Redeweise einer altadligen Dame. -Während sie sprach, ging sie über ihre eigenen Worte hinweg, indem sie -unruhig, in rollender, schleifenförmiger Bewegung den Kopf mit suchend -erhobener Nase hin und her wandte, wie Raubtiere im Käfig tun, und ihre -sommersprossige Rechte, leicht geschlossen und den Daumen nach oben, vor -sich im Handgelenk schlenkerte, als wollte sie sagen: „Rasch, rasch, -rasch! Hören Sie nicht auf das, was ich sage, sondern reden Sie selbst, -daß ich fortkomme!“ Sie war eine Vierzigerin, kümmerlichen Wuchses, ohne -Formen, angetan mit einem weißen, gegürteten, klinischen Schürzenkleid, -auf dessen Brust ein Granatkreuz lag. Unter ihrer Schwesternhaube kam -spärliches rötliches Haar hervor, ihre wasserblauen, entzündeten Augen, -an deren einem zum Überfluß ein in der Entwicklung sehr weit -vorgeschrittenes Gerstenkorn saß, waren unsteten Blicks, die Nase -aufgeworfen, der Mund froschmäßig, außerdem mit schief vorstehender -Unterlippe, die sie beim Sprechen schaufelnd bewegte. Indessen Hans -Castorp betrachtete sie mit all der bescheiden duldsamen und -vertrauensvollen Menschenfreundlichkeit, die ihm angeboren war. - -„Was ist denn das für eine Erkältung, he?“ fragte die Oberin wieder, -indem sie ihre Augen durchdringend zu machen suchte, was aber nicht -gelang, da sie abschweiften. „Wir lieben solche Erkältungen nicht. Sind -Sie öfter erkältet? War Ihr Vetter nicht auch so oft erkältet? Wie alt -sind Sie denn? Vierundzwanzig? Das Alter hat’s in sich. Und nun kommen -Sie hier herauf und sind erkältet? Wir sollten hier nicht von -‚Erkältung‘ reden, geehrtes Menschenskind, das ist so ein Schnickschnack -von unten. (Das Wort „Schnickschnack“ nahm sich ganz abscheulich und -abenteuerlich aus in ihrem Munde, wie sie es mit der Unterlippe -schaufelnd hervorbrachte.) Sie haben den wunderschönsten Katarrh der -Luftwege, das gebe ich zu, das sieht man Ihnen an den Augen an – (Und -wieder machte sie den sonderbaren Versuch, ihm durchdringend in die -Augen zu blicken, ohne daß es ihr recht gelingen wollte.) Aber Katarrhe -kommen nicht von der Kälte, sondern sie kommen von einer Infektion, für -die man aufnahmelustig war, und es fragt sich nur, ob eine unschuldige -Infektion vorliegt oder eine weniger unschuldige, alles andere ist -Schnickschnack. (Schon wieder das schauderhafte „Schnickschnack“!) Ist -ja möglich, daß Ihre Aufnahmelustigkeit mehr zum Harmlosen neigt“, sagte -sie und sah ihn an mit ihrem vorgeschrittenen Gerstenkorn, er wußte -nicht, wie. „Hier haben Sie ein harmloses Antiseptikum. Wird Ihnen -möglicherweise gut tun.“ Und sie holte aus der schwarzen Ledertasche, -die ihr am Gürtel hing, ein Päckchen hervor, das sie auf den Tisch -stellte. Es war Formamint. „Übrigens sehen Sie angeregt aus; als ob Sie -Hitze hätten.“ Und sie ließ nicht ab, ihm in das Gesicht zu blicken, -aber immer mit etwas beiseite gehenden Augen. „Haben Sie sich gemessen?“ - -Er verneinte. - -„Warum nicht?“ fragte sie und ließ ihre schräg vorgeschobene Unterlippe -in der Luft stehen ... - -Er verstummte. Der Gute war noch so jung, er hatte sich noch das -Verstummen des Schuljungen bewahrt, der in der Bank steht, nichts weiß -und schweigt. - -„Messen Sie sich etwa überhaupt nie?“ - -„Doch, Frau Oberin. Wenn ich Fieber habe.“ - -„Menschenskind, man mißt sich in erster Linie, um zu sehen, _ob_ man -Fieber hat. Und jetzt haben Sie Ihrer Meinung nach keins?“ - -„Ich weiß nicht recht, Frau Oberin; ich kann es nicht recht -unterscheiden. Ein bißchen heiß und frostig bin ich schon seit meiner -Ankunft hier oben.“ - -„Aha. Und wo haben Sie Ihr Thermometer?“ - -„Ich habe keins bei mir, Frau Oberin. Wozu, ich bin ja nur zu Besuch -hier, ich bin gesund.“ - -„Schnickschnack! Haben Sie mich gerufen, weil Sie gesund sind?“ - -„Nein,“ lachte er höflich, „sondern weil ich mich etwas –“ - -„– Erkältet habe. Solche Erkältungen sind uns schon öfter vorgekommen. -Hier!“ sagte sie und kramte wieder in ihrer Tasche, um zwei längliche -Lederetuis zum Vorschein zu bringen, ein schwarzes und ein rotes, die -sie ebenfalls auf den Tisch legte. „Dieser hier kostet drei Franken -fünfzig und der hier fünf Franken. Besser fahren Sie natürlich mit dem -zu fünf. Das ist etwas fürs Leben, wenn Sie ordentlich damit umgehen.“ - -Er nahm lächelnd das rote Etui vom Tisch und öffnete es. Schmuck wie ein -Geschmeide lag das gläserne Gerät in die genau nach seiner Figur -ausgesparte Vertiefung der roten Samtpolsterung gebettet. Die ganzen -Grade waren mit roten, die Zehntelgrade mit schwarzen Strichen markiert. -Die Bezifferung war rot, der untere, verjüngte Teil mit spiegelig -glänzendem Quecksilber gefüllt. Die Säule stand tief und kühl, weit -unter dem Normalgrade tierischer Wärme. - -Hans Castorp wußte, was er sich und seinem Ansehen schuldig war. - -„Ich nehme diesen“, sagte er, ohne dem anderen nur Beachtung zu -schenken. „Den hier zu fünf. Darf ich Ihnen sofort ...“ - -„Abgemacht!“ quäkte die Oberin. „Nur nicht knausern bei wichtigen -Anschaffungen! Eilt nicht, es kommt auf die Rechnung. Geben Sie her, wir -wollen ihn erst noch recht klein machen, ganz hinunterjagen – so.“ Und -sie nahm ihm das Thermometer aus der Hand, stieß es wiederholt in die -Luft und trieb so das Quecksilber noch tiefer, bis unter 35 hinab. „Wird -schon steigen, wird schon emporwandern, der Merkurius!“ sagte sie. „Hier -haben Sie Ihre Erwerbung! Sie wissen doch wohl, wie es gemacht wird bei -uns? Unter die werte Zunge damit, auf sieben Minuten, viermal am Tag, -und gut die geschätzten Lippen drum schließen. Adieu, Menschenskind! -Wünsche gute Ergebnisse!“ Und sie war aus dem Zimmer. - -Hans Castorp, der sich verbeugt hatte, stand am Tische und sah auf die -Tür, durch die sie verschwunden war, und auf das Instrument, das sie -zurückgelassen. „Das war nun die Oberin von Mylendonk“, dachte er. -„Settembrini mag sie nicht, und wahr ist es, sie hat ihre -Unannehmlichkeiten. Das Gerstenkorn ist nicht schön, übrigens hat sie es -ja wohl nicht immer. Aber warum nennt sie mich immer ‚Menschenskind‘, -noch dazu mit einem s in der Mitte? Es ist burschikos und sonderbar. Und -da hat sie mir nun ein Thermometer verkauft, sie hat immer ein paar in -der Tasche. Es soll ja hier überall welche geben, in allen Läden, auch -da, wo man es gar nicht erwarten sollte, Joachim sagte es. Aber ich habe -mich nicht zu bemühen brauchen, es ist mir von selbst in den Schoß -gefallen.“ Er nahm das zierliche Gerät aus dem Futteral, betrachtete es -und ging dann mehrmals in Unruhe damit durch das Zimmer. Sein Herz -klopfte rasch und stark. Er sah sich nach der offenen Balkontür um und -machte eine Bewegung gegen die Zimmertür, aus dem Antriebe, Joachim -aufzusuchen, unterließ es aber dann und blieb wieder am Tische stehen, -indem er sich räusperte, um die Dumpfheit seiner Stimme zu prüfen. -Hierauf hustete er. „Ja, ich muß nun sehn, ob ich Schnupfenfieber habe“, -sagte er und führte rasch das Thermometer in den Mund, die -Quecksilberspitze unter die Zunge, so daß das Instrument ihm schräg -aufwärts zwischen den Lippen hervorragte, die er fest darum schloß, um -keine Außenluft zuzulassen. Dann sah er nach seiner Armbanduhr: es war -sechs Minuten nach halb zehn. Und er begann, auf den Ablauf von sieben -Minuten zu warten. - -„Keine überflüssige Sekunde,“ dachte er, „und keine zu wenig. Auf mich -ist Verlaß, nach oben wie nach unten. Man braucht ihn mir nicht mit -einer Stummen Schwester zu vertauschen, wie der Person, von der -Settembrini erzählte, Ottilie Kneifer.“ Und er ging im Zimmer umher, das -Instrument mit der Zunge niederdrückend. - -Die Zeit schlich, die Frist schien endlos. Erst zweiundeinehalbe Minute -waren verstrichen, als er nach den Zeigern sah, schon besorgt, er könnte -den Augenblick verpassen. Er tat tausend Dinge, nahm Gegenstände auf und -setzte sie nieder, trat auf den Balkon hinaus, ohne sich seinem Vetter -bemerklich zu machen, überblickte die Landschaft, dies Hochtal, seinem -Sinn schon urvertraut in allen Gestaltungen: mit seinen Hörnern, -Kammlinien und Wänden, mit der links vorgelagerten Kulisse des -„Brembühl“, dessen Rücken schräg gegen den Ort hin abfiel und dessen -Flanke der rauhe Mattenwald bedeckte, mit den Bergformationen zur -Rechten, deren Namen ihm ebenfalls geläufig geworden waren, und der -Alteinwand, die das Tal, von hier aus gesehen, im Süden zu schließen -schien, – sah hinab auf die Wege und Beete der Gartenplattform, die -Felsengrotte, die Edeltanne, lauschte auf ein Flüstern, das aus der -Liegehalle drang, wo Kur gemacht wurde, und wandte sich ins Zimmer -zurück, wobei er die Lage des Instrumentes im Munde zu verbessern -suchte, um dann wieder durch Vorrecken des Armes den Ärmel vom -Handgelenk zu ziehen und den Unterarm vor das Gesicht zu biegen. Mit -Mühe und Anstrengung, unter Schieben, Stoßen und Fußtritten gleichsam, -waren sechs Minuten vertrieben. Da er nun aber, mitten im Zimmer -stehend, ins Träumen verfiel und seine Gedanken wandern ließ, so -verhuschte die letzte noch übrige ihm unvermerkt auf Katzenpfötchen, -eine neue Armbewegung offenbarte ihm ihr heimliches Entkommen, und es -war ein wenig zu spät, die achte lag schon zu einem Dritteile im -Vergangenen, als er mit dem Gedanken, daß das nichts schade, für das -Ergebnis nichts ausmache und zu bedeuten habe, das Thermometer aus dem -Munde riß und mit verwirrten Augen darauf niederstarrte. - -Er ward nicht unmittelbar klug aus seiner Angabe, der Glanz des -Quecksilbers fiel mit dem Lichtreflex des flachrunden Glasmantels -zusammen, die Säule schien bald ganz hoch oben zu stehen, bald überhaupt -nicht vorhanden zu sein, er führte das Instrument nahe vor die Augen, -drehte es hin und her und erkannte nichts. Endlich, nach einer -glücklichen Wendung, wurde das Bild ihm deutlich, er hielt es fest und -bearbeitete es hastig mit dem Verstande. In der Tat, Merkurius hatte -sich ausgedehnt, er hatte sich stark ausgedehnt, die Säule war ziemlich -hoch gestiegen, sie stand mehrere Zehntelstriche über der Grenze -normaler Blutwärme, Hans Castorp hatte 37,6. - -Am hellen Vormittag zwischen zehn und halb elf Uhr 37,6, – das war -zuviel, es war „Temperatur“, Fieber als Folge einer Infektion, für die -er aufnahmelustig gewesen, und es fragte sich nur, was für eine Art -Infektion das war. 37,6, – mehr hatte auch Joachim nicht, mehr hatte -hier niemand, der nicht als schwerkrank oder moribund das Bett hütete, -weder die Kleefeld mit dem Pneumothorax noch ... noch auch Madame -Chauchat. Es war natürlich in seinem Falle wohl nicht ganz das Rechte, – -bloßes Schnupfenfieber, wie man es unten nannte. Aber genau zu -unterscheiden und auseinanderzuhalten war das nicht, Hans Castorp -bezweifelte, daß er diese Temperatur erst bekommen, seit er sich -erkältet hatte, und er mußte bedauern, Merkurius nicht schon früher -befragt zu haben, gleich anfangs, wie der Hofrat es ihm nahegelegt -hatte. Ganz vernünftig war dieser Ratschlag gewesen, das zeigte sich -nun, und Settembrini hatte völlig unrecht getan, so höhnisch darüber in -die Lüfte zu lachen, – Settembrini mit der Republik und dem schönen -Stil. Hans Castorp verachtete die Republik und den schönen Stil, während -er immer wieder die Aussage des Thermometers prüfte, die ihm mehrmals -durch die Blendung verloren ging und die er dann durch eifriges Drehen -und Wenden des Instruments wieder herstellte: sie lautete auf 37,6, und -das am frühesten Vormittag! - -Seine Bewegung war mächtig. Er ging ein paarmal durch das Zimmer, das -Thermometer in der Hand, wobei er es jedoch wagerecht hielt, um nicht -durch senkrechte Erschütterung eine Störung hervorzurufen, legte es dann -mit aller Bewahrsamkeit auf die Waschtischplatte nieder und ging vorerst -einmal mit Paletot und Decken in die Liegekur. Sitzend warf er die -Decken um sich, wie er es gelernt hatte, von den Seiten und von unten, -eine nach der anderen, mit schon geübter Hand, und lag dann still, die -Stunde des zweiten Frühstücks und Joachims Eintritt erwartend. Zuweilen -lächelte er, und es war, als lächle er jemandem zu. Zuweilen hob sich -seine Brust mit einem beklommenen Beben, und dann mußte er husten aus -seiner katarrhalischen Brust. - -Joachim fand ihn noch liegend, als er um elf Uhr, nach dem Tönen des -Gongs, zu ihm herüberkam, um ihn zum Frühstück abzuholen. - -„Nun?“ fragte er verwundert, indem er neben den Stuhl trat ... - -Hans Castorp schwieg noch eine Weile und sah vor sich hin. Dann gab er -zur Antwort: - -„Ja, das Neueste ist also, daß ich etwas Temperatur habe.“ - -„Was soll das heißen?“ fragte Joachim. „Fühlst du dich fiebrig?“ - -Hans Castorp ließ wieder ein wenig auf die Antwort warten und gab -hierauf mit einer gewissen Trägheit die folgende: - -„Fiebrig, mein Lieber, fühle ich mich schon längst, schon die ganze -Zeit. Aber jetzt handelt es sich nicht um subjektive Empfindungen, -sondern um eine exakte Feststellung. Ich habe mich gemessen.“ - -„Du hast dich gemessen?! Womit?!“ rief Joachim erschrocken. - -„Selbstverständlich mit einem Thermometer“, antwortete Hans Castorp -nicht ohne Spott und Strenge. „Die Oberin hat mir eines verkauft. Warum -sie einen immer ‚Menschenskind‘ anredet, das weiß ich nicht; korrekt ist -es nicht. Aber ein sehr gutes Thermometer hat sie mir in aller Eile -verkauft, und wenn du dich überzeugen willst, wieviel es zeigt, so liegt -es da drinnen auf dem Waschtisch. Es ist eine minimale Erhöhung.“ - -Joachim machte kurz kehrt und ging ins Zimmer. Als er zurückkehrte, -sagte er zögernd: - -„Ja, das sind 37 Komma 5½.“ - -„Dann ist es etwas zurückgegangen!“ versetzte Hans Castorp rasch. „Es -waren sechs.“ - -„Keinesfalls kann man das minimal nennen für den Vormittag“, sagte -Joachim. „Eine schöne Bescherung“, sagte er und stand an seines Vetters -Lager, wie man eben vor einer „schönen Bescherung“ steht, die Arme in -die Seiten gestemmt und mit gesenktem Kopfe. „Du wirst ins Bett müssen.“ - -Hans Castorp hatte darauf seine Antwort bereit. - -„Ich sehe nicht ein,“ sagte er, „warum ich mich mit 37,6 ins Bett legen -soll, wo doch du und so viele andere, die auch nicht weniger haben, – wo -ihr alle hier frei herumlauft.“ - -„Das ist aber doch etwas anderes“, sagte Joachim. „Bei dir ist es akut -und harmlos. Du hast Schnupfenfieber.“ - -„Erstens,“ erwiderte Hans Castorp und teilte seine Rede nun sogar in -erstens und zweitens ein, „verstehe ich nicht, warum man mit harmlosem -Fieber – ich will einmal annehmen, daß es so etwas gibt – mit harmlosem -Fieber das Bett hüten muß, mit anderem aber nicht. Und zweitens sage ich -dir ja, daß der Schnupfen mich nicht heißer gemacht hat, als ich schon -vorher war. Ich stehe auf dem Standpunkt,“ schloß er, „daß 37,6 gleich -37,6 ist. Könnt ihr damit herumlaufen, kann ich es auch.“ - -„Ich habe aber vier Wochen liegen müssen, als ich ankam,“ wandte Joachim -ein; „und erst als sich zeigte, daß die Temperatur durch Bettruhe nicht -verschwand, durfte ich aufstehen.“ - -Hans Castorp lächelte. - -„Nun und?“ fragte er. „Ich denke, bei dir war es etwas anderes? Mir -scheint, du verwickelst dich in Widersprüche. Erst unterscheidest du, -und dann stellst du gleich. Das ist doch Schnickschnack ...“ - -Joachim drehte sich auf dem Absatz um, und als er sich seinem Vetter -wieder zukehrte, sah man, daß sein gebräuntes Gesicht noch eine -Schattierung dunkler geworden war. - -„Nein,“ sagte er, „ich stelle nicht gleich, du bist ein Konfusionsrat. -Ich meine nur, du bist elend erkältet, man hört es ja an deiner Stimme, -und du solltest dich legen, um den Prozeß abzukürzen, da du nächste -Woche nach Hause willst. Wenn du aber nicht willst, – ich meine: wenn du -dich nicht legen willst, so kannst du es ja lassen. Ich mache dir keine -Vorschriften. Jedenfalls müssen wir jetzt zum Frühstück. Mach, es ist -über die Zeit!“ - -„Richtig. Los!“ sagte Hans Castorp und warf die Decken von sich. Er ging -ins Zimmer, um sich mit der Bürste übers Haar zu fahren, und während er -es tat, sah Joachim noch einmal nach dem Thermometer auf dem Waschtisch, -wobei Hans Castorp ihn von weitem beobachtete. Dann gingen sie, -schweigend, und saßen wieder einmal an ihren Plätzen im Speisesaal, wo -es, wie immer um diese Stunde, weiß schimmerte vor lauter Milch. - -Als die Zwergin das Kulmbacher Bier für Hans Castorp brachte, lehnte er -es mit ernstem Verzichte ab. Er trinke heute lieber kein Bier, trinke -überhaupt nichts, nein, danke sehr, höchstens einen Schluck Wasser. Das -erregte Aufsehen. Wieso? Was für Neuerungen! Warum kein Bier? – Er habe -ein bißchen Temperatur, warf Hans Castorp hin. 37,6. Minimal. - -Da drohten sie ihm mit den Zeigefingern, – es war sehr sonderbar. Sie -wurden schelmisch, legten den Kopf auf die Seite, kniffen ein Auge zu -und rührten die Zeigefinger in Höhe des Ohres, als kämen kecke, pikante -Dinge an den Tag von einem, der den Unschuldigen gespielt hatte. „Na, -na, Sie“, sagte die Lehrerin, und der Flaum ihrer Wangen rötete sich, -indes sie lächelnd drohte. „Saubere Geschichten hört man, ausgelassene. -Wart, wart, wart.“ – „Ei, ei, ei“, machte auch Frau Stöhr und drohte mit -ihrem kurzen und roten Stummel, indem sie ihn neben die Nase hielt. -„Tempus hat er, der Herr Besuch. Sie sind mir einer, – der Rechte sind -Sie mir, ein Bruder Lustig!“ – Selbst die Großtante am oberen Tischende -drohte ihm scherzhaft und verschlagen zu, als die Nachricht zu ihr -drang; die hübsche Marusja, die ihm bisher kaum je Beachtung geschenkt, -beugte sich gegen ihn vor und sah ihn, das Apfelsinentüchlein gegen die -Lippen gepreßt, mit ihren kugelrunden braunen Augen an, indes sie -drohte; auch Dr. Blumenkohl, dem Frau Stöhr die Sache erzählte, konnte -nicht umhin, sich der allgemeinen Gebärde anzuschließen, ohne freilich -Hans Castorp dabei anzusehen, und nur Miß Robinson zeigte sich -teilnahmslos und verschlossenen Sinnes wie immer. Joachim hielt mit -anständiger Miene die Augen gesenkt. - -Hans Castorp, geschmeichelt von so viel Neckerei, glaubte bescheiden -ablehnen zu müssen. „Nein, nein,“ sagte er, „Sie irren sich, mein Fall -ist der denkbar harmloseste, ich habe Schnupfen, Sie sehen: die Augen -gehen mir über, meine Brust ist verstockt, ich huste die halbe Nacht, es -ist unangenehm genug ...“ Aber sie nahmen seine Entschuldigungen nicht -an, sie lachten und winkten ihm mit den Händen ab, rufend: „Ja, ja, ja, -Flausen, Ausreden, Schnupfenfieber, kennen wir, kennen wir!“ Und dann -forderten sie alle auf einmal, daß Hans Castorp sich unverzüglich zur -Untersuchung melde. Sie waren belebt von der Nachricht; unter den sieben -Tischen war an diesem während des Frühstücks die Unterhaltung am -muntersten. Frau Stöhr insbesondere, hochroten, störrischen Gesichts -über ihrer Halsrüsche und kleine Sprünge in der Wangenhaut, legte eine -fast wilde Gesprächigkeit an den Tag und erging sich über die -Vergnüglichkeit des Hustens, – ja, es habe unbedingt eine unterhaltliche -und genußreiche Bewandtnis damit, wenn in den Gründen der Brust der -Kitzel sich mehre und wachse und man mit Krampf und Pressung so recht -tief hinunterlange, um dem Reiz zu genügen: ein ähnlicher Spaß sei das -wie das Niesen, wenn die Lust dazu gewaltig anschwelle und -unwiderstehlich werde und man mit berauschter Miene ein paarmal -stürmisch aus- und einatme, sich wonnig ergäbe und über dem gesegneten -Ausbruch die ganze Welt vergäße. Und manchmal komme es zwei-, dreimal -hintereinander. Das seien kostenfreie Genüsse des Lebens, wie -beispielsweise auch noch, sich im Frühling die Frostbeulen zu kratzen, -wenn sie so süßlich juckten, – sich so recht innig und grausam zu -kratzen bis aufs Blut in Wut und Vergnügen, und wenn man zufällig in den -Spiegel sähe dabei, dann sähe man eine Teufelsfratze. - -So schauderhaft eingehend redete die ungebildete Stöhr, bis die kurze, -wenn auch reichhaltige Zwischenmahlzeit beendigt war und die Vettern -ihren zweiten Vormittagsgang antraten, den Gang hinunter nach Platz -Davos. Joachim war in sich gekehrt unterwegs, und Hans Castorp ächzte -vor Schnupfen und räusperte sich aus rostiger Brust. Auf dem Heimwege -sagte Joachim: - -„Ich mache dir einen Vorschlag. Heute ist Freitag, – morgen nach Tische -habe ich Monatsuntersuchung. Es ist keine Generaluntersuchung, aber -Behrens klopft mich ein bißchen ab und läßt Krokowski ein paar Notizen -machen. Da könntest du mitkommen und bitten, dich auch bei der -Gelegenheit rasch zu behorchen. Es ist ja lächerlich, – wenn du zu Hause -wärst, du ließest Heidekind kommen. Und hier, wo zwei Spezialisten im -Hause sind, läufst du herum und weißt nicht, woran du bist, und wie tief -es sitzt bei dir, und ob du nicht besser tätest, dich hinzulegen.“ - -„Schön“, sagte Hans Castorp. „Wie du meinst. Natürlich, so kann ich es -machen. Und es ist ja auch interessant für mich, mal einer Untersuchung -beizuwohnen.“ - -So kamen sie überein; und als sie hinauf vor das Sanatorium gelangten, -wollte es der Zufall, daß sie mit Hofrat Behrens persönlich -zusammentrafen und günstige Gelegenheit fanden, stehenden Fußes ihr -Anliegen vorzubringen. - -Behrens kam aus dem Vorbau, lang und hochnackig, einen steifen Hut auf -dem Hinterkopf und eine Zigarre im Munde, blaubackig und quelläugig, so -recht im Zuge der Tätigkeit, im Begriffe, seiner Privatpraxis -nachzugehen, Besuche im Ort zu machen, nachdem er soeben im -Operationssaal am Werke gewesen, wie er erklärte. - -„Mahlzeit, die Herren!“ sagte er. „Immer auf der Walze? War wohl fein in -der großen Welt? Ich komme gerade von einem ungleichen Zweikampf auf -Messer und Knochensäge, – große Sache, wissen Sie, Rippenresektion. -Früher blieben fünfzig Prozent dabei auf dem Tisch des Hauses. Jetzt -haben wirs besser raus, aber öfters muß man doch _mortis causa_ -vorzeitig einpacken. Na, der von heute konnte ja Spaß verstehen, blieb -für den Augenblick ganz stramm bei der Stange ... Doll, so ein -Menschenthorax, der keiner mehr ist. Weichteil, wissen Sie, unkleidsam, -leichte Trübung der Idee, sozusagen. Na, und Sie? Was macht die werte -Befindität? Ist wohl ein fidelerer Lebenswandel zu zweien, was, Ziemßen, -alter Schlauberger? Warum weinen Sie denn, Sie Vergnügungsreisender?“ -wandte er sich auf einmal an Hans Castorp. „Öffentliches Weinen ist hier -nicht erlaubt. Hausordnungsverbot. Da könnte jeder kommen.“ - -„Das ist mein Schnupfen, Herr Hofrat“, antwortete Hans Castorp. „Ich -weiß nicht, wie es möglich war, aber ich habe mir einen enormen Katarrh -geholt. Husten habe ich auch, und ordentlich auf der Brust liegt es -mir.“ - -„So?“ sagte Behrens. „Dann sollten Sie mal einen verständigen Arzt zu -Rate ziehen.“ - -Die beiden lachten, und Joachim antwortete, indem er die Absätze -zusammenzog: - -„Wir sind im Begriffe, Herr Hofrat. Ich habe ja morgen Untersuchung, und -da wollten wir fragen, ob Sie die Güte hätten, auch meinen Vetter gleich -einmal dranzunehmen. Es handelt sich darum, ob er Dienstag wird reisen -können ...“ - -„M. w.!“ sagte Behrens. „M. w. m. F.! Machen wir mit Vergnügen! Hätten -wir längst mal machen sollen. Wenn man schon hier ist, soll man das -immer mitnehmen. Aber man mag sich ja natürlich nicht aufdrängen. Also -morgen um zwei, gleich wenn Sie von der Krippe kommen!“ - -„Denn ich habe nämlich auch etwas Fieber“, merkte Hans Castorp noch an. - -„Was Sie sagen!“ rief Behrens. „Sie wollen mir wohl Neuigkeiten -erzählen? Glauben Sie, ich habe keine Augen im Kopf?“ Und er deutete mit -dem gewaltigen Zeigefinger auf seine beiden blutunterlaufenen, blau -quellenden, tränenden Augäpfel. „Wieviel ist es denn übrigens?“ - -Hans Castorp nannte bescheiden die Ziffer. - -„Vormittags? Hm, nicht übel. Für den Anfang gar nicht so unbegabt. Na, -also paarweise angetreten morgen um zwei! Soll mir eine Auszeichnung -sein. Gesegnete Nahrungsaufnahme!“ Und mit krummen Knien und rudernden -Händen begann er den abschüssigen Weg hinabzustapfen, indes eine -Rauchfahne von seiner Zigarre rückwärts wehte. - -„Das wäre also nach deinem Wunsche verabredet“, sagte Hans Castorp. -„Glücklicher konnte es sich ja gar nicht treffen, und nun bin ich -gemeldet. Er wird ja weiter auch nicht viel tun können in der Sache, als -mir vielleicht einen Lakritzensaft oder Brusttee verschreiben, aber -angenehm ist es doch, ein bißchen ärztlichen Zuspruch zu haben, wenn man -sich fühlt wie ich. Aber warum er nur immer so unmäßig forsch -daherredet!“ sagte er. „Anfangs machte es mir Spaß, aber auf die Länge -ist es mir unlieb. ‚Gesegnete Nahrungsaufnahme‘! Was für ein -Kauderwelsch. Man kann sagen: ‚Gesegnete Mahlzeit‘! denn ‚Mahlzeit‘ ist -ein poetisches Wort sozusagen, wie ‚tägliches Brot‘, und verträgt sich -ganz gut mit ‚gesegnet‘. Aber ‚Nahrungsaufnahme‘ ist ja die reine -Physiologie, und dazu Segen zu wünschen, das ist doch ein höhnisches -Gerede. Ich sehe es auch nicht gern, wenn er raucht, es hat etwas -Beängstigendes für mich, weil ich weiß, daß es ihm nicht bekommt und ihn -melancholisch macht. Settembrini sagte von ihm, seine Lustigkeit sei -gezwungen, und Settembrini ist ein Kritiker, ein Mann des Urteils, das -muß man ihm lassen. Ich sollte vielleicht auch mehr urteilen und nicht -alles nehmen, wie es ist, er hat ganz recht. Aber manchmal fängt man mit -Urteil und Tadel und gerechtem Ärgernis an, und dann kommt ganz anderes -dazwischen, was mit Urteilen gar nichts zu tun hat, und dann ist es aus -mit der Sittenstrenge, und die Republik und der schöne Stil kommen einem -auch nur noch abgeschmackt vor ...“ - -Er murmelte Undeutliches, schien selbst nicht ganz klar über das, was er -meinte. Auch sah ihn sein Vetter denn nur von der Seite an und sagte -„Auf Wiedersehn“, worauf ein jeder auf sein Zimmer und in seine -Balkonloge ging. - -„Wieviel?“ fragte Joachim nach einer Weile gedämpft, obgleich er nicht -gesehen, daß Hans Castorp sein Thermometer wieder zu Rate gezogen hatte -... Und Hans Castorp antwortete gleichgültigen Tones: - -„Nichts Neues.“ - -Wirklich hatte er gleich bei seinem Eintritt seinen zierlichen Erwerb -von heute morgen vom Waschtisch genommen, hatte die 37,6, die nun ihre -Rolle ausgespielt hatten, durch senkrechte Stöße zerstört und sich ganz -wie ein Alter, die gläserne Zigarre im Munde, in die Liegekur verfügt. -Aber allzu hochfliegenden Erwartungen entgegen und obgleich er das -Instrument volle acht Minuten unter der Zunge behalten, hatte Merkurius -sich nicht weiter ausgedehnt, als wieder nur bis 37,6, – was ja übrigens -Fieber war, wenn auch kein höheres, als schon am früheren Vormittage -vorhanden gewesen. Nach Tische stieg das schimmernde Säulchen auf 37,7, -verharrte abends, als der Patient nach den Erregungen und Neuigkeiten -des Tages sehr müde war, auf 37,5, und zeigte in der nächsten -Morgenfrühe gar nur auf 37, um gegen Mittag die gestrige Höhe wieder zu -erreichen. Unter diesen Ergebnissen kam die Hauptmahlzeit des folgenden -Tages und mit ihrer Beendigung die Stunde des Rendezvous heran. - -Hans Castorp erinnerte sich später, daß Madame Chauchat während dieser -Mahlzeit einen goldgelben Sweater mit großen Knöpfen und bordierten -Taschen getragen hatte, der neu, jedenfalls neu für Hans Castorp gewesen -war, und worin sie bei ihrem wie immer verspäteten Eintritt, in der Art, -die Hans Castorp so wohl an ihr kannte, einen Augenblick Front gegen den -Saal gemacht hatte. Dann war sie, wie täglich fünfmal, zu ihrem Tische -geglitten, hatte sich mit weichen Bewegungen niedergelassen und -plaudernd zu essen begonnen: Hans Castorp hatte, wie jeden Tag, aber -doch mit besonderer Aufmerksamkeit, ihren Kopf sich beim Sprechen -bewegen sehen und aufs neue die Rundung ihres Nackens, die schlaffe -Haltung ihres Rückens bemerkt, wenn er hinter dem Settembrinis vorbei, -der am Ende des schräg zwischenstehenden Tisches saß, zum Guten -Russentisch hinübergeblickt hatte. Frau Chauchat ihrerseits hatte sich -während des Mittagessens kein einziges Mal nach dem Saale umgeblickt. -Als aber der Nachtisch eingenommen gewesen war und die große Ketten- und -Pendeluhr an der rechten Schmalseite des Saals, dort, wo der Schlechte -Russentisch stand, zwei geschlagen hatte, da war es zu Hans Castorps -rätselhafter Erschütterung dennoch geschehen: während die Uhr zwei -schlug – eins und zwei – hatte die anmutige Kranke langsam den Kopf und -ein wenig auch den Oberkörper gewandt und über die Schulter deutlich und -unverhohlen zu Hans Castorps Tische – und nicht nur im allgemeinen zu -seinem Tische, nein, unmißverständlich und streng persönlich zu _ihm_ -herübergeblickt, ein Lächeln um die geschlossenen Lippen und in ihren -schmalgeschnittenen Pribislav-Augen, als wollte sie sagen: „Nun? Es ist -Zeit. Wirst du gehen?“ (denn wenn nur die Augen sprechen, geht ja die -Rede per Du, auch wenn der Mund noch nicht einmal „Sie“ gesagt hat) – -und das war ein Zwischenfall gewesen, der Hans Castorp in tiefster Seele -verwirrt und entsetzt hatte, – kaum hatte er seinen Sinnen getraut und -entgeistert zuerst in Frau Chauchats Angesicht und dann, die Augen -hebend, über ihre Stirn und ihr Haar hin ins Leere geblickt. Wußte sie -denn, daß er sich auf zwei Uhr zur Untersuchung hatte bestellen lassen? -Genau so hatte es ausgesehen. Und doch war es fast ebenso -unwahrscheinlich, wie daß sie hätte wissen sollen, daß er soeben noch, -in der jüngstvergangenen Minute, sich gefragt hatte, ob er nicht dem -Hofrat durch Joachim sagen lassen sollte, seine Erkältung habe sich -schon gebessert und er betrachte die Untersuchung als überflüssig: ein -Gedanke, dessen Vorzüge unter jenem fragenden Lächeln freilich -dahingewelkt waren und sich in lauter abstoßende Langweiligkeit -verwandelt hatten. In der nächsten Sekunde hatte denn Joachim auch schon -seine gerollte Serviette auf den Tisch gelegt, hatte ihm mit erhobenen -Brauen zugewinkt, sich gegen die Umsitzenden verneigt und den Tisch -verlassen, – worauf Hans Castorp innerlich taumelnd, wenn auch äußerlich -festen Schrittes, und mit dem Gefühl, daß jenes Blicken und Lächeln -immer noch auf ihm läge, dem Vetter zum Saal hinaus folgte. - -Sie hatten seit gestern vormittag nicht mehr über ihr heutiges Vorhaben -gesprochen, und auch jetzt gingen sie in schweigendem Einverständnis. -Joachim beeilte sich: es war schon über die vereinbarte Stunde, und -Hofrat Behrens bestand auf Pünktlichkeit. Es ging vom Speisesaal den -ebenerdigen Korridor entlang, an der „Verwaltung“ vorbei und die -reinliche, mit gebohntem Linoleum belegte Treppe zum Kellergeschoß -„hinab“. Joachim klopfte an die Tür, die sich, der Treppe gleich -gegenüber, durch ein Porzellanschild als Eingang zum Ordinationszimmer -zu erkennen gab. - -„_Her_ein!“ rief Behrens, indem er die erste Silbe stark betonte. Er -stand inmitten des Raumes, im Kittel, in der Rechten das schwarze -Hörrohr, mit dem er sich gegen den Schenkel klopfte. - -„Tempo, Tempo“, sagte er und richtete seine quellenden Augen auf die -Wanduhr. „_Un poco più presto, Signori!_ Wir sind nicht ganz -ausschließlich für Eure Hochwohlgeboren vorhanden.“ - -Am doppelten Schreibtisch vorm Fenster saß Dr. Krokowski, bleich gegen -sein schwarzes Lüsterhemd, die Ellenbogen auf der Platte, in der einen -Hand die Feder, die andere im Bart, vor sich Papiere, wahrscheinlich den -Krankenakt, und blickte den Eintretenden mit dem stumpfen Ausdruck einer -Persönlichkeit, die nur assistierenderweise anwesend ist, entgegen. - -„Na, her mit der Konduite!“ antwortete der Hofrat auf Joachims -Entschuldigungen und nahm ihm die Fieberkurve aus der Hand, um sie -durchzusehen, während der Patient sich beeilte, seinen Oberkörper -freizumachen und die abgelegten Kleidungsstücke an den neben der Tür -stehenden Garderobeständer zu hängen. Um Hans Castorp kümmerte man sich -nicht. Er stand eine Weile zuschauend und ließ sich später auf einem -altmodischen kleinen Fauteuil mit Troddeln an den Armlehnen zur Seite -eines Tischchens mit Wasserkaraffe nieder. Bücherschränke mit -breitrückigen medizinischen Werken und Aktenfaszikeln standen an den -Wänden. An Möbeln war sonst nur noch eine mit weißem Wachstuch -überzogene, höher und niedriger zu kurbelnde Chaiselongue vorhanden, -über deren Kopfpolster eine Papierserviette gebreitet war. - -„Komma 7, Komma 9, Komma 8“, sagte Behrens, die Wochenkarten -durchblätternd, in die Joachim die Ergebnisse seiner täglich fünfmaligen -Messungen treulich eingetragen. „Immer noch ein bißchen illuminiert, -lieber Ziemßen, können nicht gerade behaupten, daß Sie seit neulich -solider geworden sind. („Neulich“, das war vor vier Wochen gewesen.) -Nicht entgiftet, nicht entgiftet“, sagte er. „Na, das geht natürlich -nicht so von heute auf morgen, hexen können wir auch nicht.“ - -Joachim nickte und zuckte mit seinen bloßen Schultern, obgleich er hätte -einwenden können, daß er ja keineswegs erst seit gestern hier oben sei. - -„Wie steht es denn mit den Stichen am rechten Hilus, wo es immer -verschärft klang? Besser? Na, kommen Sie her! Wollen mal höflich bei -Ihnen anklopfen.“ Und die Auskultation begann. - -Hofrat Behrens, breitbeinig und rückwärts geneigt, den Hörer unter dem -Arme, klopfte zuerst ganz oben an Joachims rechter Schulter, klopfte aus -dem Handgelenk, indem er sich des gewaltigen Mittelfingers seiner -Rechten als Hammer bediente und die Linke zur Stütze gebrauchte. Dann -ging er unter das Schulterblatt hinab und klopfte seitlich am mittleren -und unteren Rücken, worauf Joachim, der wohlabgerichtet war, den Arm -hob, um auch unter der Achsel klopfen zu lassen. Hierauf wiederholte das -Ganze sich linkerseits, und damit fertig, kommandierte der Hofrat -„Kehrt!“ zur Beklopfung der Brustseite. Er klopfte gleich unter dem -Halse beim Schlüsselbein, klopfte über und unter der Brust, zuerst -rechts und dann links. Als er aber sattsam geklopft hatte, ging er zum -Horchen über, indem er sein Hörrohr, das Ohr an der Muschel, auf -Joachims Brust und Rücken setzte, überallhin, wo er vorhin geklopft -hatte. Dabei mußte Joachim abwechselnd stark atmen und künstlich husten, -was ihn sehr anzustrengen schien, denn er geriet außer Atem, und in die -Augen traten ihm Tränen. Hofrat Behrens aber meldete alles, was er dort -innen hörte, dem Assistenten in kurzen, feststehenden Worten zum -Schreibtisch hinüber, derart, daß Hans Castorp nicht umhin konnte, an -den Vorgang beim Schneider zu denken, wenn der wohlgekleidete Herr einem -zu einem Anzuge das Maß nimmt, in herkömmlicher Reihenfolge dem -Besteller das Meterband da und dort um den Rumpf und an die Glieder legt -und dem gebückt sitzenden Gehilfen die gewonnenen Ziffern in die Feder -diktiert. „Kurz“, „verkürzt“, diktierte Hofrat Behrens. „Vesikulär“, -sagte er, und abermals: „Vesikulär“ (das war gut, offenbar). „Rauh“, -sagte er und schnitt ein Gesicht. „_Sehr_ rauh.“ „Geräusch.“ Und Dr. -Krokowski trug alles ein, wie der Angestellte die Ziffern des -Zuschneiders. - -Hans Castorp folgte den Vorgängen seitwärts geneigten Kopfes, -nachdenklich versunken in die Betrachtung von Joachims Oberkörper, -dessen Rippen (gottlob war er im Besitz seiner Rippen) sich beim -Schnaufen unter der gespannten Haut hoch über den zurückfallenden Magen -hoben, – diesem schlanken, gelblich-brünetten Jünglingsoberkörper mit -den schwarzen Haaren am Brustknochen und an den übrigens kräftigen -Armen, deren einer ein goldenes Kettenarmband um das Handgelenk trug. -Turnerarme sind das, dachte Hans Castorp; er hat immer gern geturnt, -während ich mir nichts daraus machte, und das hing mit seiner Lust zum -Soldatenstande zusammen. Immer war er gut körperlich gesinnt, viel mehr -als ich, oder doch auf andere Weise; denn ich war immer ein Zivilist, -und es war mir mehr um warm baden und gut essen und trinken zu tun, ihm -aber um männliche Anforderungen und Leistungen. Und nun ist auf so ganz -andere Weise sein Körper in den Vordergrund getreten und hat sich -selbständig und wichtig gemacht, nämlich durch Krankheit. Illuminiert -ist er und will sich nicht entgiften und solide werden, so gern der arme -Joachim auch Soldat sein möchte im Flachland. Sieh an, er ist gewachsen, -wie es im Buche steht, der reine Apollo von Belvedere, bis auf die -Haare. Aber innerlich ist er krank und außen zu warm vor Krankheit; denn -Krankheit macht den Menschen viel körperlicher, sie macht ihn gänzlich -zum Körper ... Und wie er dies dachte, erschrak er und blickte rasch und -forschend von Joachims bloßem Oberleib zu seinen Augen hinauf, seinen -großen, schwarzen und sanften Augen, die vom künstlichen Atmen und -Husten in Tränen standen und bei der Untersuchung mit traurigem Ausdruck -über den Zuschauer hin ins Leere sahen. - -Unterdessen aber war Hofrat Behrens zu Ende gekommen. - -„Na, is gut, Ziemßen“, sagte er. „Alles in Ordnung, so weit es möglich -ist. Nächstes Mal“ (das war in vier Wochen), „wird es gewiß überall -wieder ein bißchen besser sein.“ - -„Wie lange meinen Herr Hofrat, daß –“ - -„Wollen Sie schon wieder drängeln? Sie können Ihre Kerls doch nicht in -angeheitertem Zustand kujonieren! Ein halbes Jährchen habe ich neulich -gesagt, – rechnen Sie meinetwegen von neulich an, aber betrachten Sie es -als Minimum. Schließlich läßt sich ja leben hier, Sie müssen auch -höflich sein. Wir sind ja doch kein Bagno und kein ... sibirisches -Bergwerk! Oder wollen Sie sagen, daß wir mit so was Ähnlichkeit haben? -Is gut, Ziemßen! Wegtreten! Weiter, wer da noch Lust hat!“ rief er und -sah in die Luft. Mit ausgestrecktem Arme reichte er dabei sein Hörrohr -zu Dr. Krokowski hinüber, der aufstand und es ergriff, um eine kleine -Assistenten-Nachprüfung bei Joachim vorzunehmen. - -Auch Hans Castorp war aufgesprungen, und die Augen an die Person des -Hofrats gefesselt, der, breitbeinig dastehend, offenen Mundes in -Gedanken versunken schien, begann er, sich eilig in Bereitschaft zu -setzen. Er überhastete sich, fand nicht gleich aus seinem punktierten -Manschettenhemd heraus, als er es sich über den Kopf zog. Und dann stand -er, weiß, blond und schmal, vor Hofrat Behrens, – von zivilerer Bildung -schien er als Joachim Ziemßen. - -Aber der Hofrat ließ ihn stehen, in Gedanken noch immer. Dr. Krokowski -hatte schon wieder Platz genommen und Joachim sich ans Ankleiden -gemacht, als Behrens sich endlich entschloß, von dem, der da auch noch -Lust hatte, Notiz zu nehmen. - -„Ach so, das wären nun _Sie_!“ sagte er, faßte Hans Castorp mit seiner -riesigen Hand am Oberarm, rückte ihn von sich und betrachtete ihn -scharf. Nicht ins Gesicht blickte er ihm, wie man einen Menschen -ansieht, sondern auf den Körper; drehte ihn um, wie man einen Körper -umdreht, und betrachtete auch seinen Rücken. „Hm“, sagte er. „Na, wollen -mal sehen, wie Sie sich anspielen.“ Und wie vorhin begann er sein -Klopfen. - -Er klopfte überall, wo er es bei Joachim Ziemßen getan, und kehrte zu -verschiedenen Stellen mehrmals zurück. Längere Zeit klopfte er -abwechselnd und zu Vergleichszwecken links oben beim Schlüsselbein und -etwas weiter unten. - -„Hören Sie?“ fragte er dabei zu Dr. Krokowski hinüber ... Und Dr. -Krokowski, fünf Schritte entfernt am Schreibtisch sitzend, bekundete -durch eine Kopfneigung, daß er höre: ernst senkte er das Kinn auf die -Brust, so daß sein Bart eingedrückt wurde und die Spitzen sich aufwärts -bogen. - -„Tief atmen! Husten!“ kommandierte der Hofrat, der nun das Hörrohr -wieder zur Hand genommen; und Hans Castorp arbeitete schwer, wohl acht -oder zehn Minuten lang, während der Hofrat ihn abhorchte. Er sprach kein -Wort dabei, setzte das Hörrohr nur dahin und dorthin und horchte -namentlich und wiederholt an den Punkten, wo er vorhin schon mit Klopfen -verweilt hatte. Dann schob er das Instrument unter den Arm, legte die -Hände auf den Rücken und blickte zwischen sich und Hans Castorp auf den -Fußboden nieder. - -„Ja, Castorp,“ sagte er – und es geschah zum erstenmal, daß er den -jungen Mann einfach mit Nachnamen nannte –, „die Sache verhält sich so -_praeter-propter_, wie ich sie mir schon immer gedacht hatte. Ich habe -Sie auf dem Strich gehabt, Castorp, nun kann ichs Ihnen ja sagen, – von -vornherein, schon seit ich zuerst die unverdiente Auszeichnung hatte, -Sie kennenzulernen, – und ziemlich sicher vermutet, daß Sie im stillen -ein Hiesiger wären und das auch noch einsehen würden, wie schon so -mancher, der zum Spaß hier heraufkam und sich mit erhobener Nase umsah -und eines Tages erfuhr, daß er gut täte – und nicht bloß ‚gut täte‘, -bitte mich wohl zu verstehen – hier ganz ohne unbeteiligte -Neugiersallüre eine etwas ausgiebigere Station zu machen.“ - -Hans Castorp hatte sich verfärbt, und Joachim, im Begriffe, sich die -Hosenträger zu knöpfen, hielt inne, wie er da eben stand, und lauschte -... - -„Sie haben da einen so netten, sympathischen Vetter,“ fuhr der Hofrat -fort, indem er mit dem Kopfe nach Joachims Seite deutete und sich dabei -auf Fußballen und Absätzen schaukelte, „– der nun ja hoffentlich bald -wird sagen können, daß er einmal krank _gewesen_ ist, aber wenn wir so -weit sind, so wird er doch eben immer noch früher einmal krank _gewesen_ -sein, Ihr Herr rechter Vetter, und das wirft _a priori_, wie der Denker -sagt, so ein gewisses Licht auch auf Sie, lieber Castorp ...“ - -„Er ist aber nur ein Stiefvetter von mir, Herr Hofrat.“ - -„Nanu, nanu. Sie werden doch Ihren Cousin nicht verleugnen wollen. Stief -oder nicht, er bleibt doch immer ein Blutsverwandter. Von welcher Seite -denn?“ - -„Von mütterlicher, Herr Hofrat. Er ist der Sohn einer Stief–“ - -„Und Ihre Frau Mama ist vergnügt?“ - -„Nein, sie ist tot. Sie starb, als ich noch klein war.“ - -„Oh, warum denn?“ - -„An einem Blutpfropf, Herr Hofrat.“ - -„Blutpfropf? Na, es ist ja schon lange her. Und Ihr Herr Vater?“ - -„Der ist an der Lungenentzündung gestorben –,“ sagte Hans Castorp, „und -mein Großvater auch –“, setzte er hinzu. - -„So, der auch? Na, soviel von Ihren Vorfahren. Was nun Sie betrifft, so -waren Sie ja wohl immer ziemlich bleichsüchtig, nicht? Aber müde wurden -Sie gar nicht leicht bei körperlicher und geistiger Arbeit? Doch? Und -haben viel Herzklopfen? Neuerdings erst? Schön, und außerdem liegt ja -offenbar eine lebhafte Neigung zu Katarrhen der Luftwege vor. Wissen -Sie, daß Sie früher schon krank waren?“ - -„Ich?“ - -„Ja, ich habe Sie persönlich im Auge. Hören Sie den Unterschied?“ Und -der Hofrat klopfte abwechselnd links oben an der Brust und etwas weiter -unten. - -„Da klingt es etwas dumpfer als hier“, sagte Hans Castorp. - -„Sehr gut. Sie sollten Spezialist werden. Das ist also eine Dämpfung, -und Dämpfungen beruhen auf veralteten Stellen, wo schon Verkalkung -eingetreten ist, Vernarbung, wenn Sie wollen. Sie sind ein alter -Patient, Castorp, aber wir wollen es niemandem übelnehmen, daß Sie es -nicht erfuhren. Die Frühdiagnose ist schwierig, – zumal für die Herren -Kollegen im Flachland. Ich will nicht mal sagen, daß wir feinere Ohren -haben, obgleich ja die Spezialübung einiges ausmacht. Aber die Luft -hilft uns hören, verstehen Sie, die dünne, trockene Luft hier oben.“ - -„Gewiß, natürlich“, sagte Hans Castorp. - -„Schön, Castorp. Und nun hören Sie mal zu, mein Junge, ich will nun mal -mehrere goldene Worte sprechen. Wenn es weiter nichts wäre mit Ihnen, -verstehen Sie, und es bei den Dämpfungen und Narben an Ihrem -Äolusschlauch da drinnen und mit den kalkigen Fremdkörpern darin sein -Bewenden hätte, so würde ich Sie zu Ihren Laren und Penaten schicken und -mich auch keinen Deut mehr um Sie kümmern, verstehen Sie wohl? Wie aber -die Dinge liegen und weiterhin noch der Befund ist, und wo Sie nun -einmal hier bei uns sind, – so lohnt es die Heimreise nicht, Hans -Castorp, – in kurzem müßten Sie doch wieder antreten.“ - -Hans Castorp fühlte aufs neue sein Blut zum Herzen strömen, so daß es -hämmerte, und Joachim stand immer noch, die Hände an hinteren Knöpfen, -und hatte die Augen niedergeschlagen. - -„Denn außer den Dämpfungen,“ sagte der Hofrat, „haben Sie da links oben -auch eine Rauhigkeit, die beinahe schon ein Geräusch ist und zweifellos -von einer frischen Stelle kommt, – ich will noch nicht von einem -Erweichungsherd reden, aber es ist bestimmt eine feuchte Stelle, und -wenn Sie’s da unten so weiter treiben, mein Lieber, so geht Ihnen, was -hast du was kannst du, der ganze Lungenlappen zum Teufel.“ - -Hans Castorp stand ohne Regung, um seinen Mund zuckte es sonderbar, und -deutlich konnte man sein Herz gegen die Rippen pulsieren sehen. Er -blickte zu Joachim hinüber, dessen Augen er nicht fand, und dann wieder -in des Hofrats Gesicht mit den blauen Backen, den ebenfalls blauen -Quellaugen und dem einseitig geschürzten Schnurrbärtchen. - -„Als objektive Bestätigung,“ fuhr Behrens fort, „haben wir da noch Ihre -Temperatur: 37,6 zehn Uhr früh, das entspricht so ziemlich den -akustischen Wahrnehmungen.“ - -„Ich dachte nur,“ sagte Hans Castorp, „das Fieber käme von meinem -Katarrh.“ - -„Und der Katarrh?“ versetzte der Hofrat ... „Wovon kommt der? Lassen Sie -sich mal was erzählen, Castorp, und passen Sie auf, Sie verfügen ja über -hinlänglich zahlreiche Hirnwindungen, soviel ich weiß. Also die Luft -hier bei uns, die ist gut gegen die Krankheit, meinen Sie, nicht wahr? -Und das ist auch so. Aber sie ist auch gut _für_ die Krankheit, -verstehen Sie mich, sie fördert sie erst einmal, sie revolutioniert den -Körper, sie bringt die latente Krankheit zum Ausbruch, und so ein -Ausbruch, nichts für ungut, ist Ihr Katarrh. Ich weiß nicht, ob Sie -schon unten im Tieflande febril gewesen sind, aber hier oben sind Sie es -jedenfalls gleich am ersten Tage geworden und nicht erst durch Ihren -Katarrh, – um meine Meinung zu sagen.“ - -„Ja,“ sagte Hans Castorp, „ja, das glaube ich wirklich auch.“ - -„Sofort waren Sie wahrscheinlich beschwipst“, bekräftigte der Hofrat. -„Das sind die löslichen Gifte, die von den Bakterien erzeugt werden; die -wirken berauschend auf das Zentralnervensystem, verstehen Sie, und dann -kriegt man heitere Bäckchen. Sie gehen nun erst einmal in die Klappe, -Castorp; wir müssen sehen, ob wir Sie durch ein paar Wochen Bettruhe -nüchtern kriegen. Das Weitere kann nachher kommen. Wir nehmen eine -schöne Innenansicht von Ihnen auf – es wird Ihnen Spaß machen, so -Einblick zu gewinnen in Ihre eigne Person. Das sage ich Ihnen aber -gleich: ein Fall wie Ihrer heilt nicht von heute bis übermorgen, -Reklameerfolge und Wunderkuren sind dabei nicht aufzuweisen. Es kam mir -doch gleich so vor, als ob Sie ein besserer Patient sein würden, mit -mehr Talent zum Kranksein, als der Brigadegeneral da, der immer gleich -weg will, wenn er mal ein paar Striche weniger hat. Als ob Stillgelegen -nicht ein ebenso gutes Kommando wäre wie Stillgestanden! Ruhe ist die -erste Bürgerpflicht, und Ungeduld schadet bloß. Daß Sie mich also nicht -enttäuschen, Castorp, und meine Menschenkenntnis nicht Lügen strafen, -bitt’ ich mir aus! Und nun marsch, in die Remise mit Ihnen!“ - -Damit schloß Hofrat Behrens die Unterredung und setzte sich an den -Schreibtisch, um als Mann von vielen Geschäften die Pause bis zur -nächsten Untersuchung mit schriftlicher Arbeit auszufüllen. Dr. -Krokowski aber erhob sich von seinem Platze, schritt auf Hans Castorp -zu, und, den Kopf schräg zurückgelegt, eine Hand auf der Schulter des -jungen Mannes und kernig lächelnd, so daß in seinem Barte die gelblichen -Zähne sichtbar wurden, schüttelte er ihm herzhaft die Rechte. - - - - - Fünftes Kapitel - - - Ewigkeitssuppe und plötzliche Klarheit - -Hier steht eine Erscheinung bevor, über die der Erzähler sich selbst zu -wundern gut tut, damit nicht der Leser auf eigene Hand sich allzusehr -darüber wundere. Während nämlich unser Rechenschaftsbericht über die -ersten drei Wochen von Hans Castorps Aufenthalt bei denen hier oben -(einundzwanzig Hochsommertage, auf die sich menschlicher Voraussicht -nach dieser Aufenthalt überhaupt hatte beschränken sollen) Räume und -Zeitmengen verschlungen hat, deren Ausdehnung unseren eigenen halb -eingestandenen Erwartungen nur zu sehr entspricht, – wird die -Bewältigung der nächsten drei Wochen seines Besuches an diesem Orte kaum -so viele Zeilen, ja Worte und Augenblicke erfordern, als jener Seiten, -Bogen, Stunden und Tagewerke gekostet hat: im Nu, das sehen wir kommen, -werden diese drei Wochen hinter uns gebracht und beigesetzt sein. - -Dies also könnte wundernehmen; und doch ist es in der Ordnung und -entspricht den Gesetzen des Erzählens und Zuhörens. Denn in der Ordnung -ist es und diesen Gesetzen entspricht es, daß uns die Zeit genau so lang -oder kurz wird, für unser Erlebnis sich genau ebenso breit macht oder -zusammenschrumpft, wie dem auf so unerwartete Art vom Schicksal mit -Beschlag belegten Helden unserer Geschichte, dem jungen Hans Castorp; -und es mag nützlich sein, den Leser in Ansehung des Zeitgeheimnisses auf -noch ganz andere Wunder und Phänomene, als das hier auffallende, -vorzubereiten, die uns in seiner Gesellschaft zustoßen werden. Für jetzt -genügt es, daß jedermann sich erinnert, wie rasch eine Reihe, ja eine -„lange“ Reihe von Tagen vergeht, die man als Kranker im Bette verbringt: -es ist immer derselbe Tag, der sich wiederholt; aber da es immer -derselbe ist, so ist es im Grunde wenig korrekt, von „Wiederholung“ zu -sprechen; es sollte von Einerleiheit, von einem stehenden Jetzt oder von -der Ewigkeit die Rede sein. Man bringt dir die Mittagssuppe, wie man sie -dir gestern brachte und sie dir morgen bringen wird. Und in demselben -Augenblick weht es dich an – du weißt nicht, wie und woher; dir -schwindelt, indes du die Suppe kommen siehst, die Zeitformen -verschwimmen dir, rinnen ineinander, und was sich als wahre Form des -Seins dir enthüllt, ist eine ausdehnungslose Gegenwart, in welcher man -dir ewig die Suppe bringt. Mit Bezug auf die Ewigkeit aber von -Langerweile zu sprechen, wäre sehr paradox; und Paradoxe wollen wir -meiden, besonders im Zusammenleben mit diesem Helden. - -Hans Castorp also war bettlägrig seit Sonnabendnachmittag, da Hofrat -Behrens, die oberste Autorität in der Welt, die uns einschließt, es so -angeordnet hatte. Da lag er, sein Monogramm auf der Brusttasche seines -Nachthemds, die Hände hinter dem Kopf gefaltet, in seinem reinlichen, -weißen Bett, dem Totenbett der Amerikanerin und wahrscheinlich noch -mancher anderen Person, und blickte mit einfachen, vom Schnupfen -getrübten blauen Augen zur Zimmerdecke empor, die Sonderbarkeit seiner -Lebenslage betrachtend. Dabei ist nicht anzunehmen, daß seine Augen ohne -Schnupfen klar, hell und unzweideutig geblickt hätten, denn so sah es in -seinem Inneren, wie einfach dieses auch sein mochte, nicht aus, sondern -in der Tat sehr trübe, verworren, undeutlich-halbaufrichtig und -zweifelhaft. Bald erschütterte, wie er so dalag, ein tolles, tief -aufsteigendes Triumphgelächter von innen her seine Brust, und sein Herz -stockte und schmerzte von einer nie gekannten, ausschweifenden Freude -und Hoffnung; bald wieder erblaßte er vor Schrecken und Bangen, und es -waren die Schläge des Gewissens selbst, mit denen sein Herz in raschem, -fliegendem Takt gegen die Rippen pochte. - -Joachim ließ ihn am ersten Tage ganz in Ruhe und vermied jede -Erörterung. Schonend trat er ein paarmal ins Krankenzimmer, nickte dem -Liegenden zu und fragte der guten Form wegen, ob ihm was abgehe. -Übrigens fiel es ihm um so leichter, Hans Castorps Scheu vor einer -Auseinandersetzung zu erkennen und zu achten, als er sie teilte und sich -nach seiner Auffassung sogar in einer peinlicheren Lage befand als -dieser. - -Aber am Sonntagvormittag, nach seiner Rückkehr von dem wie früher allein -zurückgelegten Morgenspaziergang, verschob er es trotzdem nicht länger, -das nun unmittelbar Notwendigste mit seinem Vetter zu beraten. Er -stellte sich an dessen Bett und sagte aufseufzend: - -„Ja, es hilft alles nichts, es müssen nun Schritte geschehen. Sie -erwarten dich ja zu Hause.“ - -„Noch nicht“, antwortete Hans Castorp. - -„Nein, aber in den nächsten Tagen, Mittwoch oder Donnerstag.“ - -„Ach,“ sagte Hans Castorp, „sie erwarten mich überhaupt nicht so genau -auf den Tag. Die haben anderes zu tun, als auf mich zu warten und die -Tage zu zählen, bis ich wiederkomme. Wenn ich komme, so bin ich da, und -Onkel Tienappel sagt: ‚Da bist du ja auch wieder!‘ und Onkel James sagt: -‚Na, war’s schön.‘ Und wenn ich nicht komme, so dauert es lange, bis es -ihnen auffällt, da kannst du sicher sein. Selbstverständlich müßte man -sie mit der Zeit benachrichtigen ...“ - -„Du kannst dir denken,“ sagte Joachim und seufzte wieder, „wie -unangenehm mir die Sache ist! Was soll denn jetzt werden? Natürlich -fühle ich mich doch sozusagen verantwortlich. Du kommst hier herauf, um -mich zu besuchen, und ich führe dich ein hier oben, und nun sitzst du -fest, und niemand weiß, wann du wieder loskommst und deine Stelle -antreten kannst. Du mußt einsehen, daß mir das im höchsten Grade -peinlich ist.“ - -„Erlaube mir!“ sagte Hans Castorp, immer die Hände unter dem Kopf. „Was -machst denn du dir für Kopfzerbrechen? Das ist doch Unsinn. Bin ich -heraufgekommen, um dich zu besuchen? Auch; aber in erster Linie doch -schließlich, um mich zu erholen, auf Vorschrift von Heidekind. Na, und -nun zeigt sich eben, daß ich erholungsbedürftiger bin, als er und wir -alle uns haben träumen lassen. Ich bin ja wohl nicht der erste, der -glaubte, hier eine Stippvisite zu machen, und für den es dann anders -kam. Denke doch nur zum Beispiel an _Tous les deux’_ zweiten Sohn, und -wie es den hier denn doch noch ganz anders getroffen hat, – ich weiß -nicht, ob er noch lebt, vielleicht haben sie ihn abgeholt während einer -Mahlzeit. Daß ich etwas krank bin, ist mir ja eine Überraschung, ich muß -mich erst darein finden, mich hier als Patient und richtig als einer von -euch zu fühlen, statt, wie bisher, nur als Gast. Und dann überrascht es -mich doch auch wieder fast gar nicht, denn so recht prachtvoll instand -habe ich mich eigentlich niemals gefühlt, und wenn ich denke, wie früh -meine beiden Eltern gestorben sind, – woher sollte die Pracht denn -schließlich auch kommen! Daß du einen kleinen Knacks hast, nicht wahr, -wenn er nun auch so gut wie kuriert ist, darüber machen wir uns ja alle -nichts vor, und also kann es ja sein, daß es ein bißchen in unsrer -Familie liegt, Behrens wenigstens machte so eine Bemerkung. Jedenfalls -liege ich hier schon seit gestern und überlege mir, wie mir doch -eigentlich immer zumute war und wie ich mich zu dem Ganzen verhielt, zum -Leben, weißt du, und seinen Anforderungen. Ein gewisser Ernst und eine -gewisse Abneigung gegen robustes und lautes Wesen lag immer in meiner -Natur, – wir sprachen noch neulich davon, und daß ich manchmal fast Lust -gehabt hätte, geistlich zu werden, aus Interesse für traurige und -erbauliche Dinge, – so ein schwarzes Tuch, weißt du, mit einem silbernen -Kreuz darauf oder _R. I. P._ ... _Requiescat in pace_ ... das ist -eigentlich das schönste Wort und mir viel sympathischer als ‚Hoch soll -er leben‘, was doch mehr ein Radau ist. Das alles, denke ich mir, kommt -wohl daher, daß ich selbst einen Knacks habe und mich von Anfang an auf -die Krankheit verstehe, – es zeigt sich bei dieser Gelegenheit. Aber -wenn es sich nun doch so verhält, so kann ich ja von Glück sagen, daß -ich heraufgekommen bin und mich habe untersuchen lassen; du brauchst dir -nicht die geringsten Vorwürfe deswegen zu machen. Denn du hast ja -gehört: wenn ich es im Flachland noch eine Weile so weiter getrieben -hätte, so wäre womöglich mir nichts dir nichts mein ganzer Lungenlappen -zum Teufel gegangen.“ - -„Das kann man nicht wissen!“ sagte Joachim. „Das ist es ja eben, daß man -das gar nicht wissen kann! Du sollst ja früher schon Stellen gehabt -haben, um die sich niemand gekümmert hat und die ganz von selbst -verheilt sind, so daß du jetzt nur noch ein paar gleichgültige -Dämpfungen davon hast. So wäre es möglicherweise auch mit der feuchten -Stelle gegangen, die du jetzt haben sollst, wenn du nicht zufällig zu -mir heraufgekommen wärst, – man kann es nicht wissen!“ - -„Nein, wissen kann man gar nichts“, antwortete Hans Castorp. „Und darum -hat man kein Recht, das Ärgerlichste in Ansatz zu bringen, zum Beispiel -auch was die Dauer meines Kuraufenthaltes betrifft. Du sagst, niemand -weiß, wann ich loskomme und auf der Werft eintreten kann, aber du sagst -es im pessimistischen Sinn, und das finde ich voreilig, da man es ja -eben nicht wissen kann. Behrens hat keinen Termin genannt, er ist ein -besonnener Mann und spielt nicht den Wahrsager. Es hat ja auch die -Durchleuchtung und photographische Aufnahme noch gar nicht -stattgefunden, die erst den Sachverhalt objektiv klarstellen wird, und -wer weiß, ob da etwas Nennenswertes zutage kommt und ob ich nicht vorher -schon fieberfrei bin und euch Adieu sagen kann. Ich bin dafür, daß wir -uns nicht vor der Zeit aufspielen und denen zu Hause nicht gleich die -größten Räubergeschichten erzählen. Es genügt, wenn wir nächstens mal -schreiben – ich kann selbst schreiben, mit der Füllfeder hier, wenn ich -mich etwas aufsetze –, daß ich stark erkältet und febril und bettlägrig -bin und vorderhand noch nicht reisen kann. Das Weitere findet sich.“ - -„Gut,“ sagte Joachim, „so können wir’s vorläufig machen. Und dann können -wir ja auch mit dem anderen noch etwas zuwarten.“ - -„Mit welchem anderen?“ - -„Sei nicht so gedankenlos! Du bist doch nur auf drei Wochen eingerichtet -mit deinem Kajütenkoffer. Du brauchst Wäsche, Unter- und Oberwäsche und -Winterkleider, und brauchst mehr Schuhzeug. Schließlich, auch Geld mußt -du dir kommen lassen.“ - -„_Wenn_,“ sagte Hans Castorp, „_wenn_ ich das alles brauche.“ - -„Gut, warten wir’s ab. Aber wir sollten ... nein,“ sagte Joachim und -ging in Bewegung durchs Zimmer, „wir sollten uns keine Illusionen -machen! Ich bin zu lange hier, um nicht Bescheid zu wissen. Wenn Behrens -sagt, daß da eine rauhe Stelle ist, beinah ein Geräusch ... Aber -selbstverständlich, wir können ja zusehen!“ – - -Dabei blieb es für diesmal, und vorderhand traten die acht- und -vierzehntägigen Abwandlungen des Normaltages in ihre Rechte, – auch in -seiner gegenwärtigen Lage hatte Hans Castorp teil daran, wo nicht durch -unmittelbaren Mitgenuß, so durch Berichte, die Joachim abstattete, wenn -er ihn besuchte und sich für eine Viertelstunde auf seine Bettkante -setzte. - -Das Teebrett, worauf man ihm am Sonntagmorgen sein Frühstück brachte, -war mit einem Blumenväschen geschmückt, und man hatte nicht versäumt, -ihm von dem Feingebäck zu schicken, das heute im Saale gereicht wurde. -Später wurde es drunten im Garten und auf der Terrasse lebendig, und mit -Trara und Klarinettengenäsel setzte das vierzehntägige Sonntagskonzert -ein, zu dem Joachim sich bei seinem Vetter einfand: er nahm die -Darbietung bei offener Balkontür draußen in der Loge entgegen, während -Hans Castorp von seinem Bette aus, halb sitzend, den Kopf auf die Seite -gelegt und liebevoll-andächtig verschwimmenden Blickes den -heraufdrängenden Harmonien lauschte, nicht ohne innerlich achselzuckend -der Redereien Settembrinis von der „politischen Verdächtigkeit“ der -Musik zu gedenken. - -Im übrigen, wie wir sagten, ließ er sich von Joachim über die -Erscheinungen und Veranstaltungen dieser Tage Bericht erstatten, fragte -ihn aus, ob der Sonntag festliche Toiletten gebracht habe, -Spitzenmatinees oder dergleichen (für Spitzenmatinees war es jedoch zu -kalt gewesen); auch ob nachmittags Wagenfahrten stattgefunden hätten -(wirklich waren welche unternommen worden: der Verein „Halbe Lunge“ war -_in corpore_ nach Clavadell ausgeflogen); und am Montag verlangte er, -von Dr. Krokowskis Conférence zu hören, als Joachim davon zurückkehrte -und, bevor er in die Mittagsliegekur ging, bei ihm vorsprach. Joachim -zeigte sich mundfaul und abgeneigt, über den Vortrag zu berichten, – wie -ja auch von dem vorigen weiter nicht zwischen den beiden die Rede -gewesen war. Aber Hans Castorp bestand darauf, Einzelheiten zu hören. -„Ich liege hier und zahle den vollen Preis“, sagte er. „Ich will auch -etwas haben von dem, was geboten wird.“ Er erinnerte sich an den Montag -vor vierzehn Tagen, an seinen selbständigen Spaziergang, der ihm so -wenig gut getan, und gab der bestimmten Vermutung Ausdruck, daß er es -eigentlich gewesen sei, der revolutionierend auf seinen Körper gewirkt -und die still vorhandene Krankheit zum Ausbruch gebracht habe. „Aber wie -die Leute hier reden,“ rief er; „das niedere Volk, – so würdig und -feierlich: es klingt zuweilen wie Poesie. ‚Nun, so leb’ wohl und hab’ -Dank!‘“ wiederholte er, indem er die Sprechweise des Holzknechtes -nachahmte. „So habe ich es im Walde gehört, und ich vergesse es meiner -Lebtage nicht. Dergleichen verbindet sich dann mit anderen Eindrücken -oder Erinnerungen, weißt du, und man behält es bis an sein Lebensende im -Ohr. – Und Krokowski hat also wieder von ‚Liebe‘ gesprochen?“ fragte er -und schnitt ein Gesicht bei dem Wort. - -„Selbstredend“, sagte Joachim. „Wovon denn sonst. Es ist ja nun einmal -sein Thema.“ - -„Was sagte er denn heute davon?“ - -„Ach, nichts Besonderes. Du weißt ja selbst, vom vorigen Mal, wie er -sich ausdrückt.“ - -„Aber was gab er denn Neues zum besten?“ - -„Nichts weiter Neues ... Ja, es war die reine Chemie, was er heute -verzapfte“, ließ Joachim sich widerstrebend herbei, zu berichten. Es -handele sich „dabei“ um eine Art von Vergiftung, von Selbstvergiftung -des Organismus, habe Dr. Krokowski gesagt, die so entstehe, daß ein noch -unbekannter, im Körper verbreiteter Stoff Zersetzung erfahre; und die -Produkte dieser Zersetzung wirkten berauschend auf gewisse -Rückenmarkszentren ein, nicht anders, als wie es sich bei der -gewohnheitsmäßigen Einführung von fremden Giftstoffen, Morphin oder -Kokain, verhalte. - -„Und dann kriegt man heitere Bäckchen!“ sagte Hans Castorp. „Sieh an, -das ist ja hörenswert. Was der nicht alles weiß –. Er hat es mit Löffeln -gegessen. Warte nur, eines Tages entdeckt er dir noch den unbekannten -Stoff, der im ganzen Körper verbreitet ist, und stellt die löslichen -Gifte her, die berauschend aufs Zentrum wirken, dann kann er die Leute -auf eine besondere Weise beschwipsen. Vielleicht war man früher schon -einmal so weit. Wenn man ihn hört, so könnte man denken, daß etwas -Wahres ist an den Geschichten von Liebestränken und solchem Zeug, wovon -in den Sagenbüchern die Rede ist ... Gehst du schon?“ - -„Ja,“ sagte Joachim, „ich muß unbedingt noch etwas liegen. Ich habe -ansteigende Kurve seit gestern. Die Sache mit dir hat mir doch etwas -zugesetzt.“ – - -Das war der Sonntag, der Montag. Aus Abend und Morgen wurde der dritte -Tag von Hans Castorps Aufenthalt in der „Remise“, ein Wochentag ohne -Auszeichnung, der Dienstag. Es war aber der Tag seiner Ankunft hier -oben, er war nun rund drei Wochen an diesem Ort, und so trieb es ihn -doch, den Brief nach Hause zu schreiben und seine Onkel wenigstens -obenhin und für den Augenblick über den Stand der Dinge zu unterrichten. -Sein Plumeau im Rücken, schrieb er auf einem Briefbogen der Anstalt, daß -seine Abreise von hier sich planwidrig verzögere. Er liege mit einer -fieberigen Erkältung, die von Hofrat Behrens, übergewissenhaft, wie er -wohl sei, offenbar nicht ganz auf die leichte Achsel genommen werde, da -er sie mit seiner, des Schreibers, Konstitution überhaupt in -Zusammenhang bringe. Denn gleich bei der ersten Bekanntschaft habe der -dirigierende Arzt ihn stark anämisch gefunden, und alles in allem -scheine es, als ob maßgeblicherseits die von ihm, Hans Castorp, zu -seiner Erholung angesetzte Frist nicht für recht ausreichend erachtet -werde. Weiteres ehetunlichst. – So ist es gut, dachte Hans Castorp. Da -ist kein Wort zu viel und doch hält es auf jeden Fall eine Weile vor. – -Der Brief wurde dem Hausdiener übergeben, der ihn unter Vermeidung des -Umweges über den Kasten unmittelbar zum nächsten fahrplanmäßigen Zug -beförderte. - -Hiernach schien unserem Abenteurer vieles geordnet, und mit -beschwichtigtem Gemüt, wenn auch geplagt von Husten und -Schnupfendumpfheit, lebte er abwartend in den Tag hinein, den vielfach -in kurze Stückchen geteilten und in seiner feststehenden Einförmigkeit -weder kurz- noch langweiligen Normaltag, der immer derselbe war. Morgens -trat nach mächtigem Anklopfen der Bademeister herein, ein nerviges -Individuum namens Turnherr, mit aufgerollten Hemdärmeln, hochgeäderten -Unterarmen und einer gurgelnden, schwer behinderten Sprechart, der Hans -Castorp, wie alle Patienten, mit seiner Zimmernummer anredete und ihn -mit Alkohol abrieb. Nicht lange nach seinem Abgang erschien Joachim, -fertig angezogen, um Guten Morgen zu sagen, nach seines Vetters -Sieben-Uhr-früh-Temperatur zu fragen und seine eigene mitzuteilen. -Während er drunten frühstückte, tat Hans Castorp, sein Plumeau im -Rücken, mit dem Appetit, den eine neue Lebenslage erzeugt, dasselbe –, -kaum gestört durch den geschäftig-geschäftsmäßigen Einbruch der Ärzte, -die um diese Zeit den Speisesaal passiert hatten und ihren Rundgang -durch die Zimmer der Bettlägrigen und Moribunden im Geschwindschritt -zurücklegten. Den Mund voll Eingemachtem, bekundete er, „schön“ -geschlafen zu haben, sah über den Rand seiner Tasse hin zu, wie der -Hofrat, der seine Fäuste auf die Platte des Mitteltisches stemmte, rasch -die dort aufliegende Fiebertabelle prüfte, und erwiderte gleichmütig -gedehnten Tones den Morgengruß der Abziehenden. Dann zündete er sich -eine Zigarette an und sah Joachim schon von seinem morgendlichen -Dienstgang wieder zurückkehren, wenn er kaum gedacht hatte, daß er -fortgegangen sei. Wieder plauderten sie dies und das, und der -Zeit-Zwischenraum bis zum zweiten Frühstück – Joachim hielt Liegekur -unterdessen – war so kurz, daß selbst ein ausgemachter Hohlkopf und -Geistesarmer es nicht zur Langenweile gebracht haben würde, – während -doch Hans Castorp an den Eindrücken seiner ersten drei Wochen hier oben -reichlich zu zehren, auch seine gegenwärtige Lebenslage und was etwa -daraus werden mochte, innerlich zu bearbeiten hatte und der beiden -dicken Bände einer illustrierten Zeitschrift kaum bedurft hätte, die, -der Anstaltsbibliothek entstammend, auf seinem Nachttisch lagen. - -Nichts anderes gilt für die Zeitspanne, während der Joachim seinen -zweiten Gang nach Platz Davos absolvierte, ein leichtes Stündchen. Er -sprach dann wieder vor bei Hans Castorp und erzählte von dem und jenem, -was ihm im Spazieren auffällig geworden, stand oder saß einen Augenblick -am Krankenbette, bevor er in die Mittagsliegekur ging, – und wie lange -dauerte die? Nur wieder ein Stündchen! Man hatte kaum, die Hände hinter -dem Kopf gefaltet, ein wenig zur Decke geblickt und einem Gedanken -nachgehangen, so dröhnte das Gong, das die nicht Bettlägrigen und -Moribunden aufforderte, sich zur großen Mahlzeit instandzusetzen. - -Joachim ging, und es kam die „Mittagssuppe“: ein einfältig symbolischer -Name für das, was kam! Denn Hans Castorp war nicht auf Krankenkost -gesetzt, – warum auch hätte man ihn darauf setzen sollen? Krankenkost, -schmale Kost war auf keine Art indiziert bei seinem Zustande. Er lag -hier und zahlte den vollen Preis, und was man ihm bringt in der -stehenden Ewigkeit dieser Stunde, das ist keine „Mittagssuppe“, es ist -das sechsgängige Berghof-Diner ohne Abzug und in aller Ausführlichkeit, -– am Alltage üppig, am Sonntage ein Gala-, Lust- und Parademahl, von -einem europäisch erzogenen Chef in der Luxushotelküche der Anstalt -bereitet. Die Saaltochter, deren Amt es war, die Bettlägrigen zu -versorgen, brachte es ihm unter vernickelten Hohldeckeln und in leckeren -Tiegeln; sie schob den Krankentisch, der sich eingefunden, dies -einbeinige Wunder von Gleichgewichtskonstruktion, quer über sein Bett -vor ihn hin, und Hans Castorp tafelte daran wie der Sohn des Schneiders -am Tischlein deck dich. - -Kaum hatte er abgespeist, so kehrte auch Joachim zurück, und bis dieser -in seine Loggia ging und die Stille der großen Liegekur sich über Haus -„Berghof“ senkte, war es soviel wie halb drei geworden. Nicht ganz, -vielleicht; genau genommen wohl erst ein Viertel über zwei. Aber solche -überzähligen Viertelstunden außerhalb runder Einheiten werden nicht -mitgerechnet, sondern nebenbei verschlungen, wo großzügige -Zeitwirtschaft herrscht, wie etwa auf Reisen, bei vielstündiger -Bahnfahrt oder sonst in leerem, wartendem Zustande, wenn alles Streben -und Leben aufs Hinbringen und Zurücklegen von Zeit zurückgeführt ist. -Ein Viertel über zwei Uhr – das gilt für halb drei; es gilt in Gottes -Namen auch gleich für drei Uhr, da schon die Drei im Spiele ist. Die -dreißig Minuten werden als Auftakt zur runden Stunde von drei bis vier -Uhr verstanden und innerlich beseitigt: so macht man es unter solchen -Umständen. Und so beschränkte sich denn die Dauer der großen Liegekur -schließlich und eigentlich wieder auf eine Stunde, – die übrigens an -ihrem Ende vermindert, weggestutzt und gleichsam apostrophiert wurde. -Der Apostroph war Dr. Krokowski. - -Ja, Dr. Krokowski beschrieb auf seinem selbständigen Nachmittagsrundgang -keinen Bogen mehr um Hans Castorp. Dieser zählte nun mit, er war nicht -länger ein Intervall und Hiatus, er war Patient, er wurde gefragt und -nicht links liegengelassen, wie es zu seinem geheimen und leichten, aber -täglich wieder empfundenen Ärger so lange geschehen war. Es war am -Montag gewesen, daß Dr. Krokowski zum erstenmal im Zimmer erschienen -war, – wir sagen „erschienen“, denn das ist das rechte Wort für den -sonderbaren und sogar etwas entsetzlichen Eindruck, dessen Hans Castorp -sich damals nicht hatte erwehren können. Er hatte im Halb- oder -Viertelschlummer gelegen, als er aufschreckend gewahrte, daß der -Assistent im Zimmer war, ohne durch die Tür hereingelangt zu sein, und -von der Außenseite her auf ihn zuschritt. Denn sein Weg war nicht über -den Korridor, sondern durch die äußeren Loggien gewesen, und durch die -offene Balkontür war er eingetreten, so daß sich die Vorstellung -aufdrängte, als sei er durch die Lüfte gekommen. Da hatte er nun -jedenfalls an Hans Castorps Lager gestanden, schwarzbleich, -breitschultrig und stämmig, der Apostroph der Stunde, und in seinem -geteilten Bart waren gelblich und mannhaft lächelnd die Zähne zu sehen -gewesen. - -„Sie scheinen überrascht, mich zu sehen, Herr Castorp,“ hatte er mit -baritonaler Milde, schleppend, unbedingt etwas geziert und mit einem -exotischen Gaumen-r gesprochen, das er jedoch nicht rollte, sondern -durch ein nur einmaliges Anschlagen der Zunge gleich hinter den oberen -Vorderzähnen erzeugte; „ich erfülle aber lediglich eine angenehme -Pflicht, wenn ich bei Ihnen nun auch nach dem Rechten sehe. Ihr -Verhältnis zu uns ist in eine neue Phase getreten, über Nacht ist aus -dem Gaste ein Kamerad geworden ...“ (Das Wort „Kamerad“ hatte Hans -Castorp etwas geängstigt.) „Wer hätte es gedacht!“ hatte Dr. Krokowski -kameradschaftlich gescherzt ... „Wer hätte es gedacht an dem Abend, als -ich Sie zuerst begrüßen durfte und Sie meiner irrigen Auffassung – -damals war sie irrig – mit der Erklärung begegneten, Sie seien -vollkommen gesund. Ich glaube, ich drückte damals etwas wie einen -Zweifel aus, aber, ich versichere Sie, ich meinte es nicht so! Ich will -mich nicht scharfsichtiger hinstellen, als ich bin, ich dachte damals an -keine feuchte Stelle, ich meinte es anders, allgemeiner, -philosophischer, ich verlautbarte meinen Zweifel daran, daß ‚Mensch‘ und -‚vollkommene Gesundheit‘ überhaupt Reimworte seien. Und auch heute noch, -auch nach dem Verlauf Ihrer Untersuchung, kann ich, wie ich nun einmal -bin, und im Unterschiede von meinem verehrten Chef, diese feuchte Stelle -da“ – und er hatte mit der Fingerspitze leicht Hans Castorps Schulter -berührt – „nicht als im Vordergrunde des Interesses stehend erachten. -Sie ist für mich eine sekundäre Erscheinung ... Das Organische ist immer -sekundär ...“ - -Hans Castorp war zusammengezuckt. - -„... Und also ist Ihr Katarrh in meinen Augen eine Erscheinung dritter -Ordnung“, hatte Dr. Krokowski sehr leicht hinzugefügt. „Wie steht es -damit? Die Bettruhe wird in dieser Hinsicht gewiß rasch das ihre tun. -Was haben Sie heute gemessen?“ Und von da an hatte der Besuch des -Assistenten den Charakter einer harmlosen Kontrollvisite getragen, wie -er ihn denn auch in den folgenden Tagen und Wochen beständig trug: Dr. -Krokowski kam ¾4 Uhr oder auch schon etwas früher über den Balkon -herein, begrüßte den Liegenden auf mannhaft heitere Art, stellte die -einfachsten ärztlichen Fragen, leitete auch wohl ein kurzes, -persönlicher bestimmtes Geplauder ein, scherzte kameradschaftlich, – und -wenn alles dies eines Anfluges von Bedenklichkeit nicht entbehrte, so -gewöhnt man sich endlich auch an das Bedenkliche, falls es in seinen -Grenzen bleibt, und Hans Castorp fand bald nichts mehr gegen das -regelmäßige Erscheinen Dr. Krokowskis zu erinnern, das nun einmal zum -stehenden Normaltage gehörte und die Stunde der großen Liegekur -apostrophierte. - -Es war also 4 Uhr, wenn der Assistent wieder auf den Balkon zurücktrat, -– das heißt tiefer Nachmittag! Plötzlich und eh mans gedacht, war es -tiefer Nachmittag, – der sich übrigens ungesäumt ins annähernd -Abendliche vertiefte: denn bis der Tee getrunken war, drunten im Saal -und auf Nummer 34, ging es stärkstens auf 5 Uhr und, bis Joachim von -seinem dritten Dienstgange zurückkehrte und bei seinem Vetter wieder -vorsprach, immerhin so stark auf 6, daß sich die Liegekur bis zum -Abendessen, wenn man nur ein wenig rund rechnete, wieder auf eine Stunde -beschränkte, – eine spielend aus dem Felde zu schlagende -Zeitgegnerschaft, wenn man Gedanken im Kopf und außerdem einen ganzen -_orbis pictus_ auf dem Nachttische hat. - -Joachim verabschiedete sich zur Mahlzeit. Das Essen wurde gebracht. Das -Tal hatte sich längst mit Schatten gefüllt, und während Hans Castorp aß, -dunkelte es zusehens im weißen Zimmer. Er saß, wenn er fertig war, in -sein Plumeau gelehnt, vor dem abgegessenen Tischleindeckdich und blickte -in die rasch zunehmende Dämmerung, die Dämmerung von heute, die von der -gestrigen, vorgestrigen oder der vor acht Tagen nur schwer zu -unterscheiden war. Es war Abend, – nachdem es eben noch Morgen gewesen. -Der zerkleinerte und künstlich kurzweilig gemachte Tag war ihm -buchstäblich unter den Händen zerbröckelt und zunichte geworden, wie er -mit heiterer Verwunderung oder allenfalls nachdenklich bemerkte; denn -Grauen hiervor war seinen Jahren noch fremd. Ihm war nur, als blicke er -„immer noch“. - -Eines Tages, es mochten zehn oder zwölf vergangen sein, seit Hans -Castorp bettlägrig geworden war, pochte es um diese Stunde, das heißt: -bevor Joachim vom Abendessen und von der Geselligkeit zurückgekehrt war, -an die Stubentür, und auf Hans Castorps fragendes Herein erschien -Lodovico Settembrini auf der Schwelle, – wobei es mit einem Schlage -blendend hell im Zimmer wurde. Denn des Besuchers erste Bewegung, bei -noch offener Tür, war gewesen, daß er das Deckenlicht eingeschaltet -hatte, welches, von dem Weiß der Decke, der Möbel zurückgeworfen, den -Raum im Nu mit zitternder Klarheit überfüllte. - -Der Italiener war die einzige Persönlichkeit unter den Kurgästen, nach -der Hans Castorp sich in diesen Tagen ausdrücklich und namentlich bei -Joachim erkundigt hatte. Joachim berichtete ihm ja ohnedies, sooft er -für zehn Minuten auf seines Vetters Bettrand saß oder neben ihm stand – -und das geschah zehnmal am Tage – von den kleinen Vorkommnissen und -Schwankungen im Alltagsleben der Anstalt, und soweit Hans Castorp Fragen -gestellt hatte, waren sie allgemeiner und unpersönlicher Art gewesen. -Die Neugier des Isolierten ging dahin, zu wissen, ob etwa neue Gäste -angekommen oder von den vertrauten Physiognomien jemand abgereist sei; -und es schien ihn zu befriedigen, daß nur jenes der Fall war. Ein -„Neuer“ war eingetroffen, ein junger Mann, grünlich und hohl von -Gesicht, und hatte seinen Platz am Tische der elfenbeinernen Levi und -der Frau Iltis, gleich rechts von dem der Vettern erhalten. Nun, Hans -Castorp konnte es erwarten, ihn in Augenschein zu nehmen. Abgereist war -also niemand? Joachim verneinte kurz, indem er die Augen niederschlug. -Aber er mußte die Frage mehrmals beantworten, eigentlich jeden zweiten -Tag, obgleich er schließlich, eine gewisse Ungeduld in der Stimme, ein -für allemal Bescheid zu geben versucht und gesagt hatte, seines Wissens -stehe niemand vor der Abreise, so schlankerhand werde hier überhaupt ja -nicht abgereist. - -Was Settembrini betraf, so hatte also Hans Castorp persönlich nach ihm -gefragt und zu hören verlangt, was jener „dazu gesagt“ habe. Wozu? „Nun, -daß ich hier liege und krank sein soll.“ Wirklich hatte Settembrini sich -geäußert, wenn auch sehr knapp. Gleich am Tage von Hans Castorps -Verschwinden war er an Joachim mit der Frage nach dem Verbleib des -Gastes herangetreten, wobei er sichtlich zu erfahren bereit gewesen war, -daß Hans Castorp abgereist sei. Auf Joachims Erklärungen hatte er nur -mit zwei italienischen Wörtern erwidert: zuerst hatte er „_Ecco_“ und -dann „_Poveretto_“ gesagt, zu deutsch: „da haben wir’s“ und „armer -Kleiner“, – man brauchte nicht mehr Italienisch zu verstehen als die -beiden jungen Leute, um den Sinn dieser beiden Äußerungen zu erfassen. -„Wieso ‚_poveretto_‘?“ hatte Hans Castorp gesagt. „Er sitzt doch auch -hier oben mit seiner Literatur, die aus Humanismus und Politik besteht, -und kann die irdischen Lebensinteressen wenig fördern. Er sollte mich -nur nicht so von oben herab bemitleiden, ich komme immer noch früher ins -Flachland als er.“ - -Nun also stand Herr Settembrini im jäh erleuchteten Zimmer, – Hans -Castorp, der sich auf den Ellbogen gestützt und zur Tür gewandt hatte, -erkannte ihn blinzelnd und errötete, als er ihn erkannte. Wie immer trug -Settembrini seinen dicken Rock mit den großen Aufschlägen, einen etwas -schadhaften Umlegekragen dazu und die karierten Hosen. Da er vom -Essen kam, hielt er nach seiner Gewohnheit einen hölzernen -Zahnstocher zwischen den Lippen. Sein Mundwinkel unter der schönen -Schnurrbartbiegung war zu dem bekannten feinen, nüchternen und -kritischen Lächeln gespannt. - -„Guten Abend, Ingenieur! Ist es erlaubt, sich nach Ihnen umzusehen? Wenn -ja, so bedarf es dazu des Lichtes, – verzeihen Sie meine -Eigenmächtigkeit!“ sagte er, indem er die kleine Hand schwunghaft zur -Deckenlampe emporwarf. „Sie kontemplierten, – ich möchte beileibe nicht -stören. Neigung zur Nachdenklichkeit wäre mir ganz begreiflich in Ihrem -Fall, und zum Plaudern haben Sie schließlich Ihren Vetter. Sie sehen, -meine Überflüssigkeit ist mir vollkommen deutlich. Trotzdem, man lebt -auf so engem Raum beieinander, man faßt Teilnahme von Mensch zu Mensch, -geistige Teilnahme, Herzensteilnahme ... Es ist eine gute Woche, daß man -Sie nicht sieht. Ich fing wahrhaftig an, mir einzubilden, Sie seien -abgereist, als ich Ihren Platz drunten im Refektorium leer sah. Der -Leutnant belehrte mich eines Besseren, hm, eines weniger Guten, wenn das -nicht unhöflich klingt ... Kurz, wie geht es? Was treiben Sie? Wie -fühlen Sie sich? Doch nicht allzu niedergeschlagen?“ - -„Sie sind es, Herr Settembrini! Das ist ja freundlich. Ha, ha, -‚Refektorium‘? Da haben Sie gleich wieder einen Witz gemacht. Nehmen Sie -den Stuhl, bitte. Sie stören mich keine Spur. Ich lag da und sinnierte, -– sinnieren ist schon viel zu viel gesagt. Ich war einfach zu faul, das -Licht anzudrehen. Danke vielmals, es geht mir subjektiv so gut wie -normal. Mein Schnupfen ist beinahe behoben durch die Bettruhe, aber er -soll ja eine sekundäre Erscheinung sein, wie ich allgemein höre. Die -Temperatur ist eben immer noch nicht, wie sie sein sollte, mal 37,5, mal -37,7, das hat sich in diesen Tagen noch nicht geändert.“ - -„Sie nehmen regelmäßig Messungen vor?“ - -„Ja, sechsmal am Tage, ganz wie sie alle hier oben. Haha, entschuldigen -Sie, ich muß noch lachen darüber, daß Sie unsern Speisesaal -‚Refektorium‘ nannten. So sagt man doch im Kloster, nicht? Davon hat es -hier wirklich etwas, – ich war ja noch nie in einem Kloster, aber so -ähnlich stelle ich es mir vor. Und die ‚Regeln‘ habe ich auch schon am -Schnürchen und beobachte sie ganz genau.“ - -„Wie ein frommer Bruder. Man kann sagen, Ihr Noviziat ist beendet, Sie -haben Profeß getan. Meine feierliche Gratulation. Sie sagen ja auch -schon ‚unser Speisesaal‘. Übrigens – ohne Ihrer Manneswürde zu nahe -treten zu wollen – erinnern Sie mich fast mehr an ein junges Nönnlein -als an einen Mönch, – an so ein eben geschorenes, unschuldiges Bräutchen -Christi mit großen Opferaugen. Ich habe früher hie und da solche Lämmer -gesehen nie ohne ... nie ohne eine gewisse Sentimentalität. Ah, ja, ja, -Ihr Herr Vetter hat mir alles erzählt. Sie haben sich also im letzten -Moment noch untersuchen lassen.“ - -„Da ich febril war –. Ich bitte Sie, Herr Settembrini, bei einem solchen -Katarrh hätte ich mich in der Ebene an unseren Arzt gewandt. Und hier, -wo man sozusagen an der Quelle sitzt, wo zwei Spezialisten im Hause -sind, – es wäre doch komisch gewesen ...“ - -„Versteht sich, versteht sich. Und gemessen hatten Sie sich also schon, -bevor man es Ihnen aufgetragen. Man hatte es Ihnen übrigens sofort -empfohlen. Das Thermometer hat Ihnen die Mylendonk zugesteckt?“ - -„Zugesteckt? Da der Bedarfsfall vorlag, habe ich ihr eines abgekauft.“ - -„Ich verstehe. Ein einwandfreies Handelsgeschäft. Und wieviel Monate hat -der Chef Ihnen aufgebrummt? ... Großer Gott, so habe ich Sie schon -einmal gefragt! Erinnern Sie sich? Sie waren frisch angekommen. Sie -antworteten so keck damals ...“ - -„Natürlich weiß ich das noch, Herr Settembrini. Viel Neues habe ich -seitdem erlebt, aber das weiß ich doch noch wie heute. Gleich damals -waren Sie so amüsant und machten Hofrat Behrens zum Höllenrichter ... -Rhadames ... Nein, warten Sie, das ist was anderes ...“ - -„Rhadamanthys? Mag sein, daß ich ihn beiläufig so nannte. Ich behalte -nicht alles, was mein Kopf gelegentlich hervorsprudelt.“ - -„Rhadamanthys, natürlich! Minos und Rhadamanthys! Auch von Carducci -erzählten Sie uns damals gleich ...“ - -„Erlauben Sie, lieber Freund, _den_ wollen wir beiseite lassen. _Der_ -Name nimmt sich in diesem Augenblick gar zu fremdartig aus in Ihrem -Munde!“ - -„Auch gut“, lachte Hans Castorp. „Ich habe durch Sie aber doch viel über -ihn gelernt. Ja, damals hatte ich keine Ahnung und antwortete Ihnen, ich -sei auf drei Wochen gekommen, anders wußte ich’s nicht. Gerade hatte die -Kleefeld mich zur Begrüßung mit dem Pneumothorax angepfiffen, davon war -ich etwas außer mir. Aber auch febril fühlte ich mich damals gleich, -denn die Luft hier ist ja nicht nur gut _gegen_ die Krankheit, sie ist -auch gut _für_ die Krankheit, manchmal bringt sie sie erst zum Ausbruch, -und das ist am Ende wohl nötig, wenn Heilung eintreten soll.“ - -„Eine bestechende Hypothese. Hat Hofrat Behrens Ihnen auch von der -Deutschrussin erzählt, die wir voriges Jahr, – nein: vorvoriges Jahr -fünf Monate hier hatten? Nicht? Das hätte er tun sollen. Eine -liebenswürdige Dame, deutschrussisch ihrer Abstammung nach, verheiratet, -junge Mutter. Sie kam aus dem Osten hierher, lymphatisch, blutarm, es -lag auch wohl etwas Ernsthafteres vor. Nun, sie lebt einen Monat hier -und klagt, sie fühle sich schlecht. Nur Geduld! Es vergeht ein zweiter -Monat, und sie behauptet fortgesetzt, daß es ihr nicht besser, sondern -schlechter geht. Ihr wird bedeutet, wie es ihr _gehe_, könne einzig und -allein der Arzt beurteilen; sie könne nur angeben, wie sie sich _fühle_, -– und daran sei wenig gelegen. Mit ihrer Lunge sei man zufrieden. Gut, -sie schweigt, sie macht Kur und verliert allwöchentlich an Gewicht. Im -vierten Monat wird sie bei Untersuchungen ohnmächtig. Das schade nichts, -erklärt Behrens; mit ihrer Lunge sei er recht wohl zufrieden. Als sie -aber im fünften Monat nicht mehr gehen kann, schreibt sie dies ihrem -Manne nach Osten, und Behrens bekommt einen Brief von ihm, – es stand -‚Persönlich‘ und ‚Dringlich‘ darauf in markiger Schrift, ich habe ihn -selbst gesehen. Ja, sagt Behrens nun und zuckt die Achseln, es scheine -sich ja herauszustellen, daß sie offenbar das Klima hier nicht vertrage. -Die Frau war außer sich. Das hätte er ihr doch früher sagen müssen, rief -sie, sie habe es immer gefühlt, ganz und gar verdorben habe sie sich! -... Wir wollen hoffen, daß sie bei ihrem Mann im Osten wieder zu Kräften -gekommen ist.“ - -„Ausgezeichnet! Sie erzählen so hübsch, Herr Settembrini, geradezu -plastisch ist jedes Ihrer Worte. Auch über die Geschichte mit dem -Fräulein, das im See badete, und der man die Stumme Schwester gab, habe -ich noch oft im stillen lachen müssen. Ja, was alles vorkommt. Man lernt -gewiß nicht aus. Mein eigener Fall liegt übrigens noch ganz im -Ungewissen. Der Hofrat will ja eine Kleinigkeit bei mir gefunden haben, -– die alten Stellen, wo ich früher schon krank war, ohne es zu wissen, -habe ich selbst beim Klopfen gehört, und nun soll auch eine frische hier -irgendwo zu hören sein – ha, ‚frisch‘ ist übrigens eigentümlich gesagt -in diesem Zusammenhang. Aber bis jetzt handelt es sich ja nur um -akustische Wahrnehmungen, und die rechte diagnostische Sicherheit werden -wir erst haben, wenn ich wieder auf bin und die Durchleuchtung und -photographische Aufnahme stattgefunden hat. Dann werden wir positiv -Bescheid wissen.“ - -„Meinen Sie? – Wissen Sie, daß die photographische Platte oft Flecken -zeigt, die man für Kavernen hält, während sie bloß Schatten sind, und -daß sie da, _wo_ etwas ist, zuweilen _keine Flecken_ zeigt? Madonna, die -photographische Platte! Hier war ein junger Numismatiker, der fieberte; -und da er fieberte, sah man deutlich Kavernen auf der photographischen -Platte. Man wollte sie sogar gehört haben! Er wurde auf Phthisis -behandelt, und darüber starb er. Die Obduktion lehrte, daß seiner Lunge -nichts fehlte, und daß er an irgendwelchen Kokken gestorben war.“ - -„Nun, hören Sie, Herr Settembrini, gleich von Obduktion reden Sie! -Soweit ist es mit mir denn doch wohl noch nicht.“ - -„Ingenieur, Sie sind ein Schalk.“ - -„Und Sie sind durch und durch ein Kritiker und Zweifler, das muß man -sagen! Nicht einmal an die exakte Wissenschaft glauben Sie. Zeigt denn -bei _Ihnen_ die Platte Flecken?“ - -„Ja, sie zeigt welche.“ - -„Und sind Sie wirklich etwas krank?“ - -„Ja, ich bin leider ziemlich krank“, erwiderte Herr Settembrini und ließ -das Haupt sinken. Es trat eine Pause ein, in der er hüstelte. Hans -Castorp blickte aus seiner Ruhelage auf den zum Schweigen gebrachten -Gast. Ihm war, als hätte er mit seinen beiden sehr einfachen Fragen -alles mögliche widerlegt und zum Verstummen gebracht, sogar die Republik -und den schönen Stil. Von seiner Seite tat er nichts, um das Gespräch -wieder in Gang zu bringen. - -Nach einer Weile richtete Herr Settembrini sich lächelnd wieder auf. - -„Erzählen Sie mir nun, Ingenieur,“ sagte er, „wie haben die Ihren die -Nachricht aufgenommen?“ - -„Das heißt, welche Nachricht? Von der Verzögerung meiner Abreise? Ach, -die Meinen, wissen Sie, die Meinen zu Hause bestehen aus drei Onkels, -einem Großonkel und zwei Söhnen von ihm, zu denen ich mehr in -Vetternverhältnis stehe. Weiter habe ich keine Meinen, ich bin ja sehr -früh Doppelwaise geworden. Aufgenommen? Sie wissen ja noch nicht viel, -nicht mehr, als ich selbst. Zu Anfang, als ich mich legen mußte, habe -ich ihnen geschrieben, ich sei stark erkältet und könne nicht reisen. -Und gestern, da es nun doch ein bißchen lange dauerte, habe ich noch -einmal geschrieben und gesagt, Hofrat Behrens sei durch den Katarrh auf -den Zustand meiner Brust aufmerksam geworden und dringe darauf, daß ich -meinen Aufenthalt verlängere, bis Klarheit darüber geschaffen ist. Davon -werden sie sehr ruhigen Blutes Kenntnis genommen haben.“ - -„Und Ihr Posten? Sie sprachen von einem praktischen Wirkungskreis, in -den Sie eben einzutreten gedachten.“ - -„Ja, als Volontär. Ich habe gebeten, mich vorläufig auf der Werft zu -entschuldigen. Sie müssen nicht denken, daß deswegen da Verzweiflung -herrscht. Die können sich beliebig lange auch ohne Volontär behelfen.“ - -„Sehr gut! Von dieser Seite betrachtet, ist also alles in Ordnung. -Phlegma auf der ganzen Linie. Man ist überhaupt phlegmatisch bei Ihnen -zu Lande, nicht wahr? Aber auch energisch!“ - -„O ja, energisch auch, doch, sehr energisch“, sagte Hans Castorp. Er -prüfte die heimatliche Lebensstimmung aus der Entfernung und fand, daß -sein Unterredner sie richtig kennzeichne. „Phlegmatisch und energisch, -so sind sie wohl.“ - -„Nun,“ fuhr Herr Settembrini fort, „sollten Sie länger bleiben, so wird -es ja nicht fehlen, daß wir hier oben die Bekanntschaft Ihres Herrn -Onkels – ich meine den Großonkel – machen. Zweifellos wird er -heraufkommen, sich nach Ihnen umzusehen.“ - -„Ausgeschlossen!“ rief Hans Castorp. „Unter gar keinen Umständen! Keine -zehn Pferde bringen ihn hier herauf! Mein Onkel ist stark apoplektisch, -wissen Sie, er hat fast keinen Hals. Nein, der braucht einen -vernünftigen Luftdruck, es würde ihm hier noch schlimmer ergehen als -Ihrer Dame aus dem Osten, alle Zustände würde er kriegen.“ - -„Das enttäuscht mich. Apoplektisch also? Was nützen mir da Phlegma und -Energie. – Ihr Herr Onkel ist wohl reich? Auch Sie sind reich? Man ist -reich bei Ihnen zu Hause.“ - -Hans Castorp lächelte über Herrn Settembrinis schriftstellerische -Verallgemeinerung, und dann blickte er wieder aus seiner Ruhelage ins -Weite, in die heimatliche Sphäre, der er entrückt war. Er erinnerte -sich, er versuchte, unpersönlich zu urteilen, die Distanz ermunterte und -befähigte ihn dazu. Er antwortete: - -„Man ist reich, ja, – oder man ist es nicht. Und wenn nicht, – desto -schlimmer. Ich? Ich bin kein Millionär, aber das meine ist mir -sichergestellt, ich bin unabhängig, ich habe zu leben. Sehen wir von mir -mal ab. Wenn Sie gesagt hätten: Man _muß_ reich sein da hinten, – dann -hätte ich Ihnen zugestimmt. Denn angenommen, man ist _nicht_ reich, oder -hört auf, es zu sein, – dann wehe. ‚Der? Hat der denn noch Geld?‘ fragen -sie ... Wörtlich so und mit genau solchem Gesicht; ich habe es oft -gehört, und ich merke, daß es sich mir eingeprägt hat. Also muß es mir -doch wohl sonderbar vorgekommen sein, obgleich ich gewöhnt war, es zu -hören, – sonst hätte es sich mir nicht eingeprägt. Oder wie meinen Sie. -Nein, ich glaube nicht, daß es zum Beispiel Ihnen, als _homo humanus_, -zusagen würde bei uns; selbst mir, der ich doch dort zu Hause bin, ist -es öfters kraß vorgekommen, wie ich nachträglich merke, obgleich ich -persönlich ja nicht darunter zu leiden gehabt habe. Wer nicht die -besten, teuersten Weine servieren läßt bei seinen Diners, zu dem geht -man überhaupt nicht, und seine Töchter bleiben sitzen. So sind die -Leute. Wie ich hier so liege und es von weitem sehe, kommt es mir kraß -vor. Was brauchten Sie für Ausdrücke, – phlegmatisch und? Und energisch! -Gut, aber was heißt das? Das heißt hart, kalt. Und was heißt hart und -kalt? Das heißt grausam. Es ist eine grausame Luft da unten, -unerbittlich. Wenn man so liegt und es von weitem sieht, kann es einem -davor grauen.“ - -Settembrini hörte ihm zu und nickte. Er tat dies noch, als Hans Castorp -vorläufig mit seiner Kritik zu Rande gekommen war und nicht mehr sprach. -Dann atmete er auf und sagte: - -„Ich will die besonderen Erscheinungsformen, die die natürliche -Grausamkeit des Lebens innerhalb Ihrer Gesellschaft annimmt, nicht -beschönigen. Einerlei, der Vorwurf der Grausamkeit bleibt ein ziemlich -sentimentaler Vorwurf. Sie würden ihn an Ort und Stelle kaum erhoben -haben, aus Furcht, vor sich selber lächerlich zu werden. Sie haben ihn -mit Recht den Drückebergern des Lebens überlassen. Daß Sie ihn jetzt -erheben, zeugt von einer gewissen Entfremdung, die ich ungern anwachsen -sehen würde, denn wer sich gewöhnt, ihn zu erheben, kann ganz leicht dem -Leben, der Lebensform, für die er geboren ist, verloren gehen. Wissen -Sie, Ingenieur, was das heißt: ‚Dem Leben verloren gehen‘? Ich, ich weiß -es, ich sehe es hier alle Tage. Spätestens nach einem halben Jahr hat -der junge Mensch, der heraufkommt (und es sind fast lauter junge -Menschen, die heraufkommen), keinen anderen Gedanken mehr im Kopf als -Flirt und Temperatur. Und spätestens nach einem Jahr wird er auch nie -wieder einen anderen fassen können, sondern jeden anderen als ‚grausam‘ -oder, besser gesagt, als fehlerhaft und unwissend empfinden. Sie lieben -Geschichten, – ich könnte Ihnen aufwarten. Ich könnte Ihnen von dem Sohn -und Ehemann erzählen, der elf Monate hier war, und den ich kannte. Er -war ein wenig älter als Sie, glaube ich, – sogar schon etwas älter. Man -entließ ihn probeweise als gebessert, er kehrte nach Hause zurück in die -Arme seiner Lieben; es waren keine Onkel, es waren Mutter und Gattin. -Den ganzen Tag lag er mit dem Thermometer im Munde und wußte von nichts -anderem. ‚Das versteht ihr nicht‘, sagte er. ‚Dazu muß man oben gelebt -haben, um zu wissen, wie es sein muß. Hier unten fehlen die -Grundbegriffe.‘ Es endete damit, daß seine Mutter entschied: ‚Geh nur -wieder hinauf. Mit dir ist nichts mehr anzufangen.‘ Und er ging wieder -hinauf. Er kehrte in die ‚Heimat‘ zurück, – Sie wissen doch, man nennt -dies ‚Heimat‘, wenn man einmal hier gelebt hat. Seiner jungen Frau war -er völlig entfremdet, es fehlten ihr die ‚Grundbegriffe‘, und sie -verzichtete. Sie sah ein, daß er in der Heimat eine Genossin mit -übereinstimmenden ‚Grundbegriffen‘ finden und dableiben werde.“ - -Hans Castorp schien nur mit halbem Ohre zugehört zu haben. Noch immer -schaute er in die Glühlichtklarheit des weißen Zimmers hinein wie in -eine Weite. Er lachte verspätet und sagte: - -„Die Heimat nannte er es? Das ist wohl wirklich etwas sentimental, wie -Sie sagen. Ja, Geschichten wissen Sie ohne Zahl. Ich dachte eben noch -weiter nach über das, was wir von Härte und Grausamkeit sprachen, ich -habe es mir in diesen Tagen schon verschiedentlich durch den Kopf gehen -lassen. Sehen Sie, man muß wohl eine ziemlich dicke Haut haben, um von -Natur so ganz einverstanden zu sein mit der Denkungsart der Leute da -unten im Tieflande und mit solchen Fragen, wie ‚Hat der denn noch Geld?‘ -und dem Gesicht, das sie dazu machen. Mir war es eigentlich nie ganz -natürlich, obgleich ich nicht einmal ein _homo humanus_ bin, – ich merke -nachträglich, daß es mir immer auffallend vorgekommen ist. Vielleicht -hing es mit meiner unbewußten Neigung zur Krankheit zusammen, daß es mir -nicht natürlich war, – ich habe die alten Stellen ja selbst gehört, und -nun hat Behrens angeblich eine frische Kleinigkeit bei mir gefunden. Es -kam mir wohl überraschend, und doch habe ich mich im Grunde nicht sehr -darüber gewundert. Geradezu felsenfest habe ich mich eigentlich nie -gefühlt; und dann sind meine beiden Eltern so früh gestorben, – ich bin -von Kind auf Doppelwaise, wissen Sie ...“ - -Herr Settembrini beschrieb mit Kopf, Schultern und Händen eine -einheitliche Gebärde, die die Frage „Nun, und? Was weiter?“ heiter und -artig anschaulich machte. - -„Sie sind doch Schriftsteller,“ sagte Hans Castorp, „– Literat; Sie -müssen sich auf so etwas doch verstehen und einsehen, daß man unter -diesen Umständen nicht so recht derb gesinnt sein und die Grausamkeit -der Leute ganz natürlich finden kann, – der gewöhnlichen Leute, wissen -Sie, die herumgehen und lachen und Geld verdienen und sich den Bauch -vollschlagen ... Ich weiß nicht, ob ich mich richtig ...“ - -Settembrini verbeugte sich. „Sie wollen sagen,“ erläuterte er, „daß die -frühe und wiederholte Berührung mit dem Tode eine Grundstimmung des -Gemütes zeitigt, die gegen die Härten und Kruditäten des unbedachten -Weltlebens, sagen wir: gegen seinen Zynismus reizbar und empfindlich -macht.“ - -„Genau so!“ rief Hans Castorp in aufrichtiger Begeisterung. „Tadellos -ausgedrückt bis aufs i-Tüpfelchen, Herr Settembrini! Mit dem Tode –! Ich -wußte es ja, daß Sie als Literat ...“ - -Settembrini streckte die Hand gegen ihn aus, indem er den Kopf auf die -Seite legte und die Augen schloß, – eine sehr schöne und sanfte Gebärde -des Einhalttuns und der Bitte um weiteres Gehör. Er verharrte mehrere -Sekunden in dieser Stellung, auch als Hans Castorp schon lange schwieg -und in einiger Verlegenheit der Dinge wartete, die da kommen sollten. -Endlich schlug er seine schwarzen Augen – die Augen der Drehorgelmänner -– wieder auf und sprach: - -„Gestatten Sie. Gestatten Sie mir, Ingenieur, Ihnen zu sagen und Ihnen -ans Herz zu legen, daß die einzig gesunde und edle, übrigens auch – ich -will das ausdrücklich hinzufügen – auch die einzig _religiöse_ Art, den -Tod zu betrachten, die ist, ihn als Bestandteil und Zubehör, als heilige -Bedingung des Lebens zu begreifen und zu empfinden, _nicht_ aber – was -das Gegenteil von gesund, edel, vernünftig und religiös wäre – ihn -geistig irgendwie davon zu scheiden, ihn in Gegensatz dazu zu bringen -und ihn etwa gar widerwärtigerweise dagegen auszuspielen. Die Alten -schmückten ihre Sarkophage mit Sinnbildern des Lebens und der Zeugung, -sogar mit obszönen Symbolen, – das Heilige war der antiken Religiosität -ja sehr häufig eins mit dem Obszönen. Diese Menschen wußten den Tod zu -ehren. Der Tod ist ehrwürdig als Wiege des Lebens, als Mutterschoß der -Erneuerung. Vom Leben getrennt gesehen, wird er zum Gespenst, zur Fratze -– und zu etwas noch Schlimmerem. Denn der Tod als selbständige geistige -Macht ist eine höchst liederliche Macht, deren lasterhafte -Anziehungskraft zweifellos sehr stark ist, aber mit der zu -sympathisieren ebenso unzweifelhaft die gräulichste Verirrung des -Menschengeistes bedeutet.“ - -Hier schwieg Herr Settembrini. Er blieb bei dieser Allgemeinheit stehen -und endete auf das bestimmteste. Es war ihm Ernst; nicht -unterhaltungsweise hatte er geredet, hatte es verschmäht, seinem Partner -Gelegenheit zur Anknüpfung und Gegenrede zu bieten, sondern am Ende -seiner Aufstellungen die Stimme sinken lassen und einen Punkt gemacht. -Er saß geschlossenen Mundes, die gekreuzten Hände im Schoß, ein Bein in -der karierten Hose über das andere geschlagen, und wippte nur leicht mit -dem in der Luft schwebenden Fuß, den er streng betrachtete. - -Auch Hans Castorp schwieg denn also. In seinem Plumeau sitzend, wandte -er den Kopf zur Wand und trommelte leicht mit den Fingerspitzen auf der -Steppdecke. Er kam sich belehrt, zurechtgewiesen, ja gescholten vor, und -in seinem Schweigen lag viel kindliche Verstocktheit. Die Gesprächspause -dauerte ziemlich lange. - -Endlich hob Herr Settembrini wieder das Haupt und sagte lächelnd: - -„Erinnern Sie sich wohl, Ingenieur, daß wir einen ähnlichen Disput schon -einmal geführt haben – man kann sagen: denselben? Wir plauderten damals -– ich glaube, es war auf einem Spaziergang – über Krankheit und -Dummheit, deren Vereinigung Sie für eine Paradoxie erklärten, und zwar -aus Hochachtung vor der Krankheit. Ich nannte diese Hochachtung eine -düstere Grille, mit der man den Gedanken des Menschen entehre, und Sie -schienen zu meinem Vergnügen denn doch nicht ganz abgeneigt, meinen -Einwand in Erwägung zu ziehen. Wir sprachen auch von der Neutralität und -geistigen Unschlüssigkeit der Jugend, von ihrer Wahlfreiheit, ihrer -Neigung, mit den möglichen Standpunkten Versuche anzustellen, und davon, -daß man solche Versuche noch nicht als endgültige und lebensernste -Optionen betrachten dürfe, – zu betrachten brauche. Wollen Sie mir –,“ -und Herr Settembrini beugte sich lächelnd auf seinem Stuhle vor, die -Füße nebeneinander am Boden, die zusammengelegten Hände zwischen den -Knien, den Kopf gleichfalls etwas schräg vorgeschoben – „wollen Sie mir -auch fernerhin,“ sagte er, und es war eine leichte Bewegung in seiner -Stimme, „erlauben, Ihnen bei Ihren Übungen und Experimenten ein wenig -zur Hand zu gehen und berichtigend auf Sie einzuwirken, wenn die Gefahr -verderblicher Fixierungen droht?“ - -„Aber gewiß, Herr Settembrini!“ Hans Castorp beeilte sich, seine -befangene und halb trotzige Abkehr aufzugeben, das Trommeln auf der -Bettdecke zu unterlassen und sich seinem Gaste mit bestürzter -Freundlichkeit zuzuwenden. „Es ist sogar außerordentlich liebenswürdig -von Ihnen ... Ich frage mich wirklich, ob ich ... Das heißt, ob es sich -bei mir ...“ - -„Ganz _sine pecunia_“, zitierte Herr Settembrini, indem er aufstand. -„Wer will sich denn lumpen lassen.“ Sie lachten. Man hörte die äußere -Doppeltür gehen, und im nächsten Augenblick wurde auch die innere -geklinkt. Es war Joachim, der aus der Abendgeselligkeit zurückkehrte. -Beim Anblick des Italieners errötete auch er, wie Hans Castorp für sein -Teil es vorhin getan: die verbrannte Dunkelheit seines Gesichtes -vertiefte sich um eine Schattierung. - -„Oh, du hast Besuch“, sagte er. „Wie angenehm für dich. Ich bin -aufgehalten worden. Sie haben mich zu einer Partie Bridge gepreßt, – -Bridge nennen sie das nach außen hin,“ sagte er kopfschüttelnd, „und -dabei war es schließlich ganz was anderes. Ich habe fünf Mark gewonnen -...“ - -„Daß das nur keine lasterhafte Anziehungskraft für dich bekommt“, sagte -Hans Castorp. „Hm, hm. Herr Settembrini hat mir unterdessen so schön die -Zeit vertrieben ... was übrigens gar kein Ausdruck ist. Es gilt -allenfalls von euerem falschen Bridge, aber Herr Settembrini hat mir die -Zeit so bedeutend ausgefüllt ... Als anständiger Mensch müßte man ja mit -Händen und Füßen trachten, hier fortzukommen, – wo es nun schon mit -falschem Bridge losgeht in euerer Mitte. Aber um Herrn Settembrini noch -recht oft zu hören und mir von ihm gesprächsweise zur Hand gehen zu -lassen, könnte ich beinahe wünschen, unabsehbar lange febril zu bleiben -und hier bei euch festzusitzen ... Am Ende muß man mir noch eine Stumme -Schwester geben, damit ich nicht mogle.“ - -„Ich wiederhole, Ingenieur, daß Sie ein Schalk sind“, sagte der -Italiener. Er empfahl sich in den angenehmsten Formen. Mit seinem Vetter -allein geblieben, seufzte Hans Castorp auf. - -„Ist das ein Pädagog!“ sagte er ... „Ein humanistischer Pädagog, das muß -man gestehen. Immerfort wirkt er berichtigend auf dich ein, abwechselnd -in Form von Geschichten und in abstrakter Form. Und auf Dinge kommt man -mit ihm zu sprechen, – nie hätte man gedacht, daß man darüber reden oder -sie auch nur verstehen könnte. Und wenn ich unten im Flachlande mit ihm -zusammengetroffen wäre, so _würde_ ich sie auch nicht verstanden haben“, -fügte er hinzu. - -Joachim blieb um diese Zeit eine Weile bei ihm; er opferte zwei, drei -Viertelstunden von seiner Abendliegekur. Manchmal spielten sie Schach -auf Hans Castorps Eßtischplatte, – Joachim hatte ein Spiel von unten -heraufgebracht. Später begab er sich mit Sack und Pack, das Thermometer -im Munde, auf seinen Balkon, und auch Hans Castorp maß sich ein letztes -Mal, während leichte Musik von näher oder fernher aus dem nächtlichen -Tale heraufklang. Um zehn Uhr wurde die Liegekur beendigt; man hörte -Joachim; man hörte das Ehepaar vom Schlechten Russentisch ... Und Hans -Castorp nahm Seitenlage ein, in Erwartung des Schlafes. - -Die Nacht war die schwierigere Hälfte des Tages, denn Hans Castorp -erwachte oft und lag nicht selten stundenlang wach, sei es, weil seine -nicht ganz korrekte Blutwärme ihn munter hielt, oder weil Lust und Kraft -zum Schlafe durch seine derzeit völlig horizontale Lebensweise Einbuße -erlitten. Dafür waren die Stunden des Schlummers von abwechslungsreichen -und sehr lebensvollen Träumen belebt, denen er nachhängen konnte, -während er wach lag. Und wenn die vielfache Gliederung und Einteilung -des Tages diesen kurzweilig machte, so war es bei Nacht die -verschwimmende Einförmigkeit der schreitenden Stunden, was in der -gleichen Richtung wirkte. Nahte sich aber erst einmal der Morgen, so war -es unterhaltend, das allmähliche Ergrauen und Erscheinen des Zimmers, -das Hervortreten und Entschleiertwerden der Dinge zu beobachten, den Tag -draußen in trüb schwelender oder heiterer Glut sich entzünden zu sehen; -und eh mans gedacht, war wieder der Augenblick da, wo das handfeste -Klopfen des Bademeisters das Inkrafttreten der Tagesordnung verkündete. - -Hans Castorp hatte keinen Kalender auf seinen Ausflug mitgenommen, und -so fand er sich in betreff des Datums nicht immer ganz genau auf dem -laufenden. Dann und wann forderte er Auskunft von seinem Vetter, der -aber in diesem Punkte auch nicht jederzeit seiner Sache eben sicher war. -Immerhin boten die Sonntage, besonders der zweite, vierzehntägige mit -Konzert, den Hans Castorp auf diese Weise verbrachte, einigen Anhalt, -und so viel war gewiß, daß der September nachgerade ziemlich weit, bis -gegen seine Mitte hin, vorgeschritten war. Draußen im Tale war, seitdem -Hans Castorp Bettlage eingenommen, das trübe und kalte Wetter, das -damals geherrscht hatte, herrlichen Hochsommertagen gewichen, -ungezählten solcher Tage, einer ganzen Serie davon, so daß Joachim -allmorgendlich in weißen Hosen bei seinem Vetter eingetreten war und -dieser ein redliches Bedauern, ein Bedauern der Seele und seiner jungen -Muskeln, über den Verlust solcher Prachtzeit nicht hatte unterdrücken -können. Sogar eine „Schande“ hatte er es einmal mit leiser Stimme -genannt, daß er sie solcherart versäume, – dann aber zu seiner -Beschwichtigung hinzugefügt, daß er ja auf freiem Fuße auch nicht viel -mehr als jetzt damit anzufangen gewußt hätte, da sich ihm ausgiebige -Bewegung hier erfahrungsgemäß verbiete. Und einigen Anteil an dem warmen -Schimmer dort draußen gewährte die breite, weit offene Balkontür ihm -immerhin. - -Aber gegen das Ende der ihm auferlegten Zurückgezogenheit schlug wieder -das Wetter um. Über Nacht war es neblig und kalt geworden, das Tal -hüllte sich in nasses Schneegestöber, und der trockene Hauch der -Dampfheizung erfüllte das Zimmer. So war es auch an dem Tage, als Hans -Castorp bei der Morgenvisite der Ärzte den Hofrat erinnerte, daß er -heute drei Wochen liege, und um die Erlaubnis bat, aufzustehen. - -„Was Kuckuck, sind Sie schon fertig?“ sagte Behrens. „Lassen Sie mal -sehen; wahrhaftig, es stimmt. Gott, wie man alt wird. Geändert hat sich -mit Ihnen ja nicht gerade viel unterdessen. Was, gestern war es normal? -Ja, bis auf die 6-Uhr-Nachmittagsmessung. Na, Castorp, dann will ich ja -auch nicht so sein und will Sie der menschlichen Sozietät -zurückerstatten. Stehen Sie auf und wandeln Sie, Mann! In den gegebenen -Grenzen und Maßen natürlich. Wir machen nächstens Ihr Innenkonterfei. -Vormerken!“ sagte er im Hinausgehen zu Dr. Krokowski, indem er mit -seinem riesigen Daumen über die Schulter auf Hans Castorp deutete und -den bleichen Assistenten mit seinen blutigen, tränenden blauen Augen -ansah ... Hans Castorp verließ die „Remise“. - -Mit hochgeschlagenem Mantelkragen und in Gummischuhen begleitete er -seinen Vetter zum ersten Male wieder zur Bank am Wasserlauf und zurück, -nicht ohne unterwegs die Frage aufzuwerfen, wie lange der Hofrat ihn -wohl hätte liegen lassen, wenn er die Frist nicht als abgelaufen -gemeldet hätte. Und Joachim, gebrochenen Blickes, den Mund wie zu einem -hoffnungslosen „Ach“ geöffnet, machte in die Luft hinein die Gebärde des -Unabsehbaren. - - - „Mein Gott, ich sehe!“ - -Es dauerte eine Woche, bis Hans Castorp durch die Oberin von Mylendonk -ins Durchleuchtungslaboratorium bestellt wurde. Er mochte nicht drängen. -Man war beschäftigt im Hause „Berghof“, offenbar hatten Ärzte und -Personal alle Hände voll zu tun. Neue Gäste waren in den letzten Tagen -angelangt: zwei russische Studenten mit dickem Haar und geschlossenen -schwarzen Blusen, die keinen Schimmer von Wäsche sehen ließen; ein -holländisches Ehepaar, dem an Settembrinis Tische Plätze angewiesen -wurden; ein buckliger Mexikaner, der die Tischgesellschaft durch -furchtbare Anfälle von Atemnot in Schrecken setzte: er klammerte sich -dabei mit ehernem Griff seiner langen Hände an seine Nachbarn, ob Herr -oder Dame, hielt fest wie ein Schraubstock und zog die entsetzt -Widerstrebenden, um Hilfe Rufenden so in seine Ängste hinein. Kurzum, -der Speisesaal war beinahe voll besetzt, obgleich die Wintersaison erst -mit dem Oktober begann. Und die Schwere von Hans Castorps Fall, sein -Krankheitsgrad, gab ihm kaum ein Recht, besonderen Anspruch auf -Beachtung zu erheben. Frau Stöhr etwa war in all ihrer Dummheit und -Unbildung ohne Zweifel viel kränker als er, von Dr. Blumenkohl ganz zu -schweigen. Man hätte jedes Sinnes für Rangordnung und Abstand entbehren -müssen, um in Hans Castorps Fall nicht bescheidene Zurückhaltung zu -üben, – besonders da eine solche Gesinnung zum Geiste des Hauses -gehörte. Leichtkranke galten nicht viel, er hatte es öfters aus den -Gesprächen herausgehört. Man sprach mit Geringschätzung von ihnen, nach -dem hierorts geltenden Maßstab, sie wurden über die Achsel angesehen, -und zwar nicht allein von den Höher- und Hochgradigen, sondern auch von -solchen, die selbst nur „leicht“ waren: womit diese freilich -Geringschätzung auch ihrerselbst an den Tag legten, aber eine höhere -Selbstachtung retteten, indem sie dem Maßstab sich unterwarfen. So ist -es menschlich. „Ach, der!“ konnten sie wohl voneinander sagen, „dem -fehlt eigentlich nichts, kaum daß er das Recht hat, hier zu sein. Nicht -mal eine Kaverne hat er ...“ Dies war der Geist; er war aristokratisch -in seinem besonderen Sinn, und Hans Castorp salutierte ihn aus -angeborener Achtung vor Gesetz und Ordnung jeder Art. Ländlich, -sittlich, heißt es. Reisende zeigen sich wenig gebildet, wenn sie über -die Sitten und Werte ihrer Wirtsvölker sich lustig machen, und der -Eigenschaften, die Ehre schaffen, gibt es diese und jene. Sogar gegen -Joachim selbst beobachtete Hans Castorp eine gewisse Ehrerbietung und -Rücksicht, – nicht sowohl, weil dieser der länger Eingesessene war und -sein Anleiter und Cicerone in dieser Welt –, sondern namentlich, weil er -der zweifellos „Schwerere“ war. Da aber alles so lag, war es -begreiflich, daß man dazu neigte, aus seinem Falle das Mögliche zu -machen und in Hinsicht auf ihn auch wohl zu übertreiben, um zur -Aristokratie zu gehören oder ihr näher zu kommen. Auch Hans Castorp, -wenn er bei Tische gefragt wurde, nannte wohl ein paar Striche mehr, als -er in Wahrheit gemessen, und konnte unmöglich umhin, sich geschmeichelt -zu fühlen, wenn man ihm mit dem Finger drohte, wie einem, der es -faustdick hinter den Ohren hat. Aber auch, wenn er ein wenig auftrug, -blieb er immer noch, eigentlich gesprochen, eine Person von geringen -Graden, und so waren Geduld und Zurückhaltung denn sicherlich das ihm -zukommende Betragen. - -Er hatte die Lebensweise seiner ersten drei Wochen, dies schon -vertraute, gleichmäßige und genau geregelte Leben an Joachims Seite -wieder aufgenommen, und es ging wie am Schnürchen vom ersten Tage an, -als sei es nie unterbrochen worden. In der Tat war diese Unterbrechung -nichtig gewesen; er bekam es gleich gelegentlich seines ersten -Wiedererscheinens bei Tische deutlich zu spüren. Zwar hatte Joachim, der -auf solche Markierungen ein ganz bestimmtes und geflissentliches Gewicht -legte, Sorge getragen, daß ein paar Blumen den Platz des Erstandenen -schmückten. Aber die Begrüßung durch die Tischgenossen war wenig -festlich, unterschied sich von früheren, denen eine Trennung nicht von -drei Wochen, sondern von drei Stunden vorangegangen war, nur -unwesentlich: weniger aus Gleichgültigkeit gegen seine einfache und -sympathische Person und weil diese Leute allzusehr mit sich selbst, das -heißt: mit ihrem interessanten Körper beschäftigt waren, als darum, weil -ihnen die Zwischenzeit nicht bewußt geworden war. Und Hans Castorp -konnte ihnen darin ohne Schwierigkeit folgen, denn er selbst saß an -seinem Platz am Tischende, zwischen der Lehrerin und Miß Robinson, nicht -anders, als habe er spätestens gestern zuletzt hier gesessen. - -Wenn man aber am Tische selbst von der Beendigung seiner -Zurückgezogenheit nicht viel Aufhebens gemacht hatte, – wie hätte man -im weiteren Saal welches davon machen sollen? Dort hatte -buchstäblich niemand auch nur Notiz davon genommen, – mit -alleiniger Ausnahme Settembrinis, der nach Schluß der Mahlzeit zu -spaßhaft-freundschaftlicher Begrüßung herangekommen war. Hans Castorp -hätte freilich noch eine weitere Einschränkung gemacht, deren -Berechtigung wir dahinstellen müssen. Er behauptete bei sich, daß -Clawdia Chauchat sein Wiedererscheinen bemerkt –, gleich bei ihrem, wie -immer, verspäteten Eintreten, nach dem Zufallen der Glastür, ihren -schmalen Blick habe auf ihm ruhen lassen, dem er mit seinem begegnet -war, und kaum, daß sie sich niedergesetzt, noch einmal über die Schulter -sich lächelnd nach ihm umgesehen habe: lächelnd, wie vor drei Wochen, -bevor er zur Untersuchung gegangen. Und eine so unverhohlene und -rücksichtslose Bewegung war das gewesen – rücksichtslos in betreff -seinerselbst wie auch der übrigen Gästeschaft –, daß er nicht gewußt -hatte, ob er sich darüber entzücken oder es als ein Zeichen von -Geringschätzung verstehen und sich darüber ärgern sollte. Auf jeden Fall -hatte sein Herz sich zusammengekrampft unter diesen Blicken, welche die -zwischen der Kranken und ihm obwaltende gesellschaftliche -Unbekanntschaft auf eine in seinen Augen ungeheuerliche und berauschende -Weise verleugnet und Lügen gestraft hatte, – sich fast schmerzhaft -zusammengekrampft schon, als die Glastür klirrte, denn auf diesen -Augenblick hatte er mit kurz gehendem Atem gewartet. - -Es will nachgetragen sein, daß Hans Castorps innere Beziehungen zu der -Patientin vom Guten Russentisch, die Teilnahme seiner Sinne und seines -bescheidenen Geistes an ihrer mittelgroßen, weich schleichenden, -kirgisenäugigen Person, kurzum seine Verliebtheit (das Wort habe Statt, -obgleich es ein Wort von „unten“, ein Wort der Ebene ist und die -Vorstellung erwecken könnte, als sei das Liedchen „Wie berührt mich -wundersam“ hier irgendwie anwendbar gewesen) – während seiner -Zurückgezogenheit sehr starke Fortschritte gemacht hatte. Ihr Bild hatte -ihm vorgeschwebt, wenn er, frühwach, in das sich zögernd entschleiernde -Zimmer, oder, am Abend, in die dichter werdende Dämmerung geblickt hatte -(auch zu jener Stunde, als Settembrini unter plötzlichem Aufflammen des -Lichtes bei ihm eingetreten war, hatte es ihm überaus deutlich -vorgeschwebt, und dies war der Grund gewesen, weshalb er bei dem Anblick -des Humanisten errötet war); an ihren Mund, ihre Wangenknochen, ihre -Augen, deren Farbe, Form, Stellung ihm in die Seele schnitt, ihren -schlaffen Rücken, ihre Kopfhaltung, den Halswirbel im Nackenausschnitt -ihrer Bluse, ihre von dünnster Gaze verklärten Arme hatte er gedacht -während der einzelnen Stunden des zerkleinerten Tages, – und wenn wir -verschwiegen, daß dies das Mittel gewesen, wodurch ihm die Stunden so -mühelos vergingen, so geschah es, weil wir sympathisch teilnehmen an der -Gewissensunruhe, die sich in das erschreckende Glück dieser Bilder und -Gesichte mischte. Ja, es war Schreck, Erschütterung damit verbunden, -eine ins Unbestimmte, Unbegrenzte und vollständig Abenteuerliche -ausschweifende Hoffnung, Freude und Angst, die namenlos war, aber des -jungen Mannes Herz – sein Herz im eigentlichen und körperlichen Sinn – -zuweilen so jäh zusammenpreßte, daß er die eine Hand in die Gegend -dieses Organs, die andere aber zur Stirn führte (sie wie einen Schirm -über die Augen legte) und flüsterte: - -„Mein Gott!“ - -Denn hinter der Stirn waren Gedanken oder Halbgedanken, die den Bildern -und Gesichten ihre zu weit gehende Süßigkeit eigentlich erst verliehen, -und die sich auf Madame Chauchats Nachlässigkeit und Rücksichtslosigkeit -bezogen, auf ihr Kranksein, die Steigerung und Betonung ihres Körpers -durch die Krankheit, die Verkörperlichung ihres Wesens durch die -Krankheit, an der er, Hans Castorp, laut ärztlichen Spruches nun -teilhaben sollte. Er begriff hinter seiner Stirn die abenteuerliche -Freiheit, mit der Frau Chauchat durch ihr Umblicken und Lächeln die -zwischen ihnen bestehende gesellschaftliche Unbekanntschaft außer acht -ließ, so, als seien sie überhaupt keine gesellschaftlichen Wesen und als -sei es nicht einmal nötig, daß sie miteinander _sprächen_ ... und -ebendies war es, worüber er erschrak: in demselben Sinne erschrak wie -damals im Untersuchungszimmer, als er von Joachims Oberkörper eilig -suchend zu seinen Augen emporgeblickt hatte, – mit dem Unterschiede, daß -damals Mitleid und Sorge die Gründe seines Erschreckens gewesen, hier -aber ganz anderes im Spiele war. - -Nun also ging das Berghof-Leben, dies gunstreiche und wohlgeregelte -Leben auf engem Schauplatz wieder seinen gleichmäßigen Gang, – Hans -Castorp, in Erwartung der Innenaufnahme, fuhr fort, es mit dem guten -Joachim zu teilen, indem er es Stunde für Stunde genau so trieb wie -dieser; und diese Nachbarschaft war wohl gut für den jungen Mann. Denn -obgleich es nur eine Krankennachbarschaft war, so war viel militärische -Ehrbarkeit darin: eine Ehrbarkeit, die freilich, ohne es gewahr zu -werden, schon im Begriffe stand, im Kurdienste Genüge zu finden, so daß -dieser gleichsam zum Ersatzmittel tiefländischer Pflichterfüllung und -zum untergeschobenen Berufe wurde, – Hans Castorp war nicht so dumm, es -nicht ganz genau zu bemerken. Doch aber fühlte er wohl ihre zügelnde, -zurückhaltende Wirkung auf sein zivilistisches Gemüt, – sogar mochte es -diese Nachbarschaft sein, ihr Beispiel und die Beaufsichtigung durch -sie, was ihn von äußeren Schritten und blinden Unternehmungen -zurückhielt. Denn er sah wohl, was der brave Joachim von einer gewissen, -täglich auf ihn eindringenden Apfelsinenatmosphäre, worin es runde -braune Augen, einen kleinen Rubin, viel schwach gerechtfertigte Lachlust -und eine äußerlich wohlgebildete Brust gab, auszustehen hatte, und die -Vernunft und Ehrliebe, mit der Joachim den Einfluß dieser Atmosphäre -scheute und floh, ergriff Hans Castorp, hielt ihn selbst in einiger -Zucht und Ordnung und hinderte ihn, sich von der Schmaläugigen sozusagen -„einen Bleistift zu leihen“, – wozu er ohne die disziplinierende -Nachbarschaft aller Erfahrung nach sehr bereitgewesen wäre. - -Joachim sprach niemals von der lachlustigen Marusja, und so verbot es -sich auch für Hans Castorp, mit ihm von Clawdia Chauchat zu sprechen. Er -hielt sich schadlos durch verstohlenen Austausch mit der Lehrerin zu -seiner Rechten bei Tische, wobei er das alte Mädchen durch Neckereien -mit ihrer Schwäche für die schmiegsame Kranke zum Erröten brachte und -unterdessen die Kinn- und Würdenstütze des alten Castorp nachahmte. Auch -drang er in sie, über Madame Chauchats persönliche Verhältnisse, über -ihre Herkunft, ihren Mann, ihr Alter, die Art ihres Krankheitsfalles -Neues und Wissenswertes in Erfahrung zu bringen. Ob sie denn Kinder -habe, wollte er wissen. – Aber nein doch, sie hatte keine. Was sollte -eine Frau wie sie wohl mit Kindern beginnen? Wahrscheinlich war es ihr -streng untersagt, welche zu haben – und andererseits: was würden denn -das auch wohl für Kinder sein? Hans Castorp mußte dem beipflichten. -Nachgerade sei es auch wohl zu spät dafür, vermutete er mit gewaltsamer -Sachlichkeit. Zuweilen, im Profil, scheine Madame Chauchats Gesicht ihm -fast schon ein wenig scharf. Ob sie wohl über dreißig sei? – Fräulein -Engelhart widersprach heftig. Clawdia dreißig? Allerschlimmstenfalls sei -sie achtundzwanzig. Und was das Profil betraf, so verbot sie ihrem -Tischnachbar, so etwas zu sagen. Clawdias Profil sei von der weichsten -Jugendlichkeit und Süße, wenn es natürlich auch ein interessantes Profil -sei und nicht das irgendeiner gesunden Gans. Und zur Strafe fügte -Fräulein Engelhart ohne Pause hinzu, sie wisse, daß Frau Chauchat öfters -Herrenbesuch empfange, den Besuch eines in „Platz“ wohnenden -Landsmannes: sie empfange ihn nachmittags auf ihrem Zimmer. - -Das war gut gezielt. Hans Castorps Gesicht verzerrte sich gegen alle -Bemühung, und auch die auf „Was nicht gar“ und „Sehe einer an“ -gestimmten Redensarten, mit denen er die Eröffnung zu behandeln -versuchte, waren verzerrt. Unfähig, das Vorhandensein dieses Landsmannes -auf die leichte Achsel zu nehmen, wie er sich anfangs den Anschein hatte -geben wollen, kam er mit zuckenden Lippen beständig auf ihn zurück. Ein -jüngerer Mann? – Jung und ansehnlich, nach allem, was sie höre, -erwiderte die Lehrerin; denn nach eigenem Augenschein konnte sie nicht -urteilen. – Krank? – Höchstens leichtkrank! – Er wolle hoffen, sagte -Hans Castorp höhnisch, daß mehr Wäsche an ihm zu sehen sei als bei den -Landsleuten am Schlechten Russentisch, – wofür die Engelhart, noch immer -zur Strafe, einstehen zu wollen erklärte. Da gab er zu, es sei eine -Angelegenheit, um die man sich kümmern müsse, und beauftragte sie -ernstlich, in Erfahrung zu bringen, was es mit diesem aus und ein -gehenden Landsmann auf sich habe. Statt ihm aber Nachrichten hierüber zu -bringen, wußte sie einige Tage später etwas völlig Neues. - -Sie wußte, daß Clawdia Chauchat gemalt werde, porträtiert – und fragte -Hans Castorp, ob er es auch wisse. Wenn nicht, so könne er trotzdem -überzeugt davon sein, sie habe es aus sicherster Quelle. Seit längerem -sitze sie hier im Hause jemandem Modell zu ihrem Bildnis – und zwar wem? -Dem Hofrat! Herrn Hofrat Behrens, der sie zu diesem Zweck beinahe -täglich in seiner Privatwohnung bei sich sehe. - -Diese Kunde ergriff Hans Castorp noch mehr als die vorige. Er machte -fortan viele verzerrte Späße darüber. Nun, gewiß, es sei ja bekannt, daß -der Hofrat in Öl male, – was die Lehrerin denn wolle, das sei nicht -verboten, und so stehe es jedermann frei. In des Hofrats Witwerheim -also? Hoffentlich sei wenigstens Fräulein von Mylendonk bei den -Sitzungen anwesend. – Die habe wohl keine Zeit. – „Mehr Zeit als die -Oberin sollte auch Behrens nicht haben“, sagte Hans Castorp streng. Aber -obgleich damit etwas Endgültiges über die Sache gesagt schien, war er -weit entfernt, sie fallen zu lassen, sondern erschöpfte sich in Fragen -nach Näherem und Weiterem: über das Bild, sein Format und ob es ein -Kopf- oder Kniestück sei; auch über die Stunde der Sitzungen, – während -doch Fräulein Engelhart mit Einzelheiten auch hier nicht dienen konnte -und ihn auf die Ergebnisse weiterer Nachforschungen vertrösten mußte. - -Hans Castorp maß 37,7 nach dem Empfang dieser Nachricht. Weit mehr noch, -als die Besuche, die Frau Chauchat empfing, schmerzten und beunruhigten -ihn diejenigen, die sie machte. Frau Chauchats Privat- und Eigenleben -als solches an und für sich und schon unabhängig von seinem Inhalt hatte -angefangen, ihm Schmerz und Unruhe zu bereiten, und wie sehr mußte sich -beides erst verschärfen, da ihm Mehrdeutigkeiten über diesen Inhalt zu -Ohren kamen! Zwar schien es allgemein möglich, daß die Beziehungen des -russischen Besuchers zu seiner Landsmännin nüchterner und harmloser -Natur waren; aber Hans Castorp war seit einiger Zeit geneigt, -Nüchternheit und Harmlosigkeit für Schnickschnack zu halten, – wie er -sich denn auch nicht überwinden oder bereden konnte, die Ölmalerei als -Beziehung zwischen einem forsch redenden Witwer und einer -schmaläugig-leisetreterischen jungen Frau für etwas anderes anzusehen. -Der Geschmack, den der Hofrat mit der Wahl seines Modells bekundete, -entsprach zu sehr seinem eigenen, als daß er hier an Nüchternheit hätte -glauben können, worin ihn die Vorstellung von des Hofrats blauen Backen -und seinen rot geäderten Quellaugen denn auch nur wenig unterstützte. - -Eine Wahrnehmung, die er in diesen Tagen auf eigene Hand und zufällig -machte, wirkte in anderer Weise auf ihn ein, obgleich es sich abermals -um eine Bestätigung seines Geschmackes handelte. Es war da am -querstehenden Tische der Frau Salomon und des gefräßigen Schülers mit -der Brille, links von dem der Vettern, nächst der seitlichen Glastür, -ein Kranker, Mannheimer seiner Herkunft nach, wie Hans Castorp gehört -hatte, etwa dreißigjährig, mit gelichtetem Haupthaar, kariösen Zähnen -und einer zaghaften Redeweise, – derselbe, der zuweilen während der -Abendgeselligkeit auf dem Piano spielte, und zwar meistens den -Hochzeitsmarsch aus dem „Sommernachtstraum“. Er sollte sehr fromm sein, -wie es begreiflicherweise nicht selten unter Denen hier oben der Fall -sei, so hatte Hans Castorp sagen hören. Allsonntäglich sollte er den -Gottesdienst drunten in „Platz“ besuchen und in der Liegekur andächtige -Bücher lesen, Bücher mit einem Kelch oder Palmzweigen auf dem -Vorderdeckel. Dieser nun, so bemerkte Hans Castorp eines Tages, hatte -seine Blicke ebendort, wo er selbst sie hatte, – hing mit ihnen an -Madame Chauchats schmiegsamer Person, und zwar auf eine Art, die scheu -und zudringlich bis zum Hündischen war. Nachdem Hans Castorp es einmal -beobachtet, konnte er nicht umhin, es wieder und wieder festzustellen. -Er sah ihn abends im Spielzimmer inmitten der Gäste stehen, trübe -verloren in den Anblick der lieblichen, wenn auch schadhaften Frau, die -drüben im kleinen Salon auf dem Sofa saß und mit der wollhaarigen Tamara -(so hieß das humoristische Mädchen), mit Dr. Blumenkohl und den konkaven -und hängeschultrigen Herren ihres Tisches plauderte; sah ihn sich -abwenden, sich herumdrücken und wieder langsam, mit seitlich gedrehten -Augäpfeln und kläglich geschürzter Oberlippe den Kopf über die Schulter -dorthin wenden. Er sah ihn sich verfärben und _nicht_ aufblicken, dann -aber dennoch aufblicken und gierig schauen, wenn die Glastür fiel und -Frau Chauchat zu ihrem Platze glitt. Und mehrmals sah er, wie der Arme -sich nach Tische zwischen Ausgang und Gutem Russentisch aufstellte, um -Frau Chauchat an sich vorübergehen zu lassen und sie, die seiner nicht -achtete, aus unmittelbarer Nähe mit Augen zu verschlingen, die bis zum -Grunde mit Traurigkeit angefüllt waren. - -Auch diese Entdeckung also setzte dem jungen Hans Castorp nicht wenig -zu, obgleich die klägliche Schaubegier des Mannheimers ihn nicht in dem -Sinne beunruhigen konnte, wie der Privatverkehr Clawdia Chauchats mit -Hofrat Behrens, einem ihm an Alter, Person und Lebensstellung so -übergeordneten Mann. Clawdia kümmerte sich gar nicht um den Mannheimer, -– es wäre Hans Castorps innerer Geschärftheit nicht entgangen, wenn es -der Fall gewesen wäre, und nicht der widrige Stachel der Eifersucht war -es also in diesem Falle, den er in der Seele spürte. Aber er erprobte -alle Empfindungen, die Rausch und Leidenschaft eben erproben, wenn sie -in der Außenwelt ihrer selbst ansichtig werden, und die das sonderbarste -Gemisch aus Ekel- und Gemeinschaftsgefühlen bilden. Unmöglich, alles zu -ergründen und auseinanderzulegen, wenn wir von der Stelle kommen wollen. -Auf jeden Fall war es viel auf einmal für seine Verhältnisse, was auch -die Beobachtung des Mannheimers dem armen Hans Castorp zu durchkosten -gab. - -So vergingen die acht Tage bis zu Hans Castorps Durchleuchtung. Er hatte -nicht gewußt, daß sie bis dahin vergehen würden, aber als er eines -Morgens beim ersten Frühstück durch die Oberin (sie hatte schon wieder -ein Gerstenkorn, es konnte nicht mehr dasselbe sein, offenbar war dies -harmlose, aber entstellende Leiden in ihrer Verfassung gelegen) den -Befehl erhielt, sich nachmittags im Laboratorium einzufinden, da waren -sie eben vergangen. Zusammen mit seinem Vetter sollte Hans Castorp sich -stellen, eine halbe Stunde vor dem Tee; denn auch von Joachim sollte bei -dieser Gelegenheit wieder eine Innenansicht aufgenommen werden, – die -letzte mußte schon für veraltet gelten. - -So hatten sie heute die große Nachmittagsliegekur um dreißig Minuten -abgekürzt, waren mit dem Schlage halb vier die steinerne Treppe in das -falsche Kellergeschoß „hinab“gestiegen und saßen zusammen in dem kleinen -Warteraum, der das Ordinationszimmer vom Durchleuchtungslaboratorium -trennte, – Joachim, dem nichts Neues bevorstand, in guter Ruhe, Hans -Castorp etwas fiebrig erwartungsvoll, da man bisher noch niemals -Einblick in sein organisches Innenleben genommen. Sie waren nicht -allein: mehrere Gäste hatten, zerrissene illustrierte Zeitschriften auf -den Knien, schon im Zimmer gesessen, als sie eingetreten waren, und -warteten mit ihnen: ein reckenhafter junger Schwede, der im Speisesaal -an Settembrinis Tische saß, und von dem man sagte, er sei bei seiner -Ankunft im April so krank gewesen, daß man ihn kaum habe aufnehmen -wollen; nun aber habe er achtzig Pfund zugenommen und sei im Begriffe, -als völlig geheilt entlassen zu werden; ferner eine Frau vom Schlechten -Russentisch, eine Mutter, selbst kümmerlich, mit ihrem noch -kümmerlicheren, langnäsigen und häßlichen Knaben namens Sascha. Diese -Personen also warteten schon länger als die Vettern; offenbar hatten sie -in der Reihenfolge der Bestellungen den Vorrang vor ihnen, Verspätung -schien eingerissen nebenan im Durchleuchtungsraum, und so stand kalter -Tee in Aussicht. - -Im Laboratorium war man beschäftigt. Die Stimme des Hofrats war zu -hören, der Anweisungen gab. Es war halb vier Uhr oder etwas darüber, als -die Tür sich öffnete, – ein technischer Assistent, der hier unten tätig -war, öffnete sie – und nur erst der schwedische Recke und Glückspilz -eingelassen wurde: offenbar hatte man seinen Vorgänger durch einen -anderen Ausgang entlassen. Die Geschäfte wickelten sich nun schneller -ab. Nach zehn Minuten schon hörte man den völlig genesenen Skandinavier, -diese wandelnde Empfehlung des Ortes und der Heilanstalt, sich starken -Schrittes über den Korridor entfernen, und die russische Mutter nebst -Sascha wurden empfangen. Wiederum, wie schon beim Eintritt des Schweden, -bemerkte Hans Castorp, daß im Durchleuchtungsraum Halbdunkel, das heißt -künstliches Halblicht herrschte, – gerade wie andererseits in Dr. -Krokowskis analytischem Kabinett. Die Fenster waren verhüllt, das -Tageslicht abgesperrt, und ein paar elektrische Lampen brannten. Während -man aber Sascha und seine Mutter einließ und Hans Castorp ihnen -nachblickte, – gleichzeitig also hiermit ging die Korridortür auf, und -der nächstbestellte Patient betrat den Warteraum, verfrüht, da -Verspätung obwaltete, es war Madame Chauchat. - -Es war Clawdia Chauchat, die sich plötzlich im Zimmerchen befand; Hans -Castorp erkannte sie mit aufgerissenen Augen, indem er deutlich fühlte, -wie das Blut ihm aus dem Gesichte wich und sein Unterkiefer erschlaffte, -so daß sein Mund im Begriffe war, sich zu öffnen. Clawdias Eintritt -hatte sich so nebenbei, so unversehens vollzogen, – auf einmal teilte -sie den engen Aufenthalt mit den Vettern, nachdem sie eben noch -keineswegs dagewesen. Joachim blickte rasch auf Hans Castorp und schlug -dann nicht nur die Augen nieder, sondern nahm das illustrierte Blatt, -das er schon fortgelegt hatte, wieder vom Tisch und verbarg sein Gesicht -dahinter. Hans Castorp fand nicht die Entschlußkraft, ein gleiches zu -tun. Nach dem Erblassen war er sehr rot geworden, und sein Herz -hämmerte. - -Frau Chauchat nahm bei der Tür zum Laboratorium in einem rundlichen -kleinen Sessel mit stummelhaften, gleichsam rudimentären Armlehnen -Platz, schlug, zurückgelehnt, leicht ein Bein über das andere und -blickte ins Leere, wobei ihre Pribislav-Augen, die durch das Bewußtsein, -daß man sie beobachtete, aus ihrer Blickrichtung nervös abgelenkt -wurden, etwas schielten. Sie trug einen weißen Sweater und einen blauen -Rock und hielt ein Buch auf dem Schoß, einen Leihbibliotheksband, wie es -schien, während sie mit der Sohle des am Boden stehenden Fußes leise -aufpochte. - -Schon nach anderthalb Minuten änderte sie ihre Haltung, blickte um sich, -stand auf mit einer Miene, als wisse sie nicht, woran sie sei und wohin -sie sich zu wenden habe – und begann zu sprechen. Sie fragte etwas, -richtete eine Frage an Joachim, obgleich dieser in seine illustrierte -Zeitung vertieft schien, während Hans Castorp unbeschäftigt dasaß, – -bildete Worte mit ihrem Munde und gab Stimme dazu aus ihrer weißen -Kehle: es war die nicht tiefe, aber eine kleine Schärfe enthaltende, -angenehm belegte Stimme, die Hans Castorp kannte – von langer Hand her -kannte und einmal sogar aus unmittelbarer Nähe vernommen hatte: damals, -als mit dieser Stimme für ihn selbst gesagt worden war: „Gern. Du mußt -ihn mir nach der Stunde aber bestimmt zurückgeben.“ Das war jedoch -fließender und bestimmter hingesprochen worden; jetzt kamen die Worte -etwas schleppend und gebrochen, die Sprechende hatte kein natürliches -Anrecht darauf, sie lieh sie nur, wie Hans Castorp sie schon ein paarmal -hatte tun hören, mit einer Art von Überlegenheitsgefühl, das aber von -demütigem Entzücken umwogt war. Eine Hand in der Tasche ihrer Wolljacke -und die andere am Hinterkopf, fragte Frau Chauchat: - -„Ich bitte, auf wieviel Uhr sind Sie bestellt?“ - -Und Joachim, der einen schnellen Blick auf seinen Vetter geworfen hatte, -antwortete, indem er sitzend die Absätze zusammenzog: - -„Auf halb vier Uhr.“ - -Sie sprach wieder: - -„Ich auf drei Viertel. Was gibt es denn? Es ist gleich vier. Es sind -Personen eben noch eingetreten, nicht wahr?“ - -„Ja, zwei Personen“, antwortete Joachim. „Sie waren vor uns an der -Reihe. Der Dienst hat Verspätung. Es scheint, das Ganze hat sich um eine -halbe Stunde verschoben.“ - -„Das ist unangenehm!“ sagte sie und betastete nervös ihr Haar. - -„Eher“, erwiderte Joachim. „Wir warten auch schon fast eine halbe -Stunde.“ - -So sprachen sie miteinander, und wie im Traum hörte Hans Castorp zu. Daß -Joachim mit Frau Chauchat sprach, war beinahe dasselbe, wie wenn er -selbst mit ihr gesprochen hätte, – wenn freilich auch wieder etwas ganz -und gar anderes. Das „Eher“ hatte Hans Castorp beleidigt, es kam ihm -frech und mindestens befremdend gleichmütig vor in Anbetracht der -Umstände. Aber Joachim konnte am Ende so sprechen, – er konnte -_überhaupt_ mit ihr sprechen und tat sich vielleicht vor ihm noch etwas -zugute darauf mit seinem kecken „Eher“, – ungefähr wie er selbst vor -Joachim und Settembrini sich aufgespielt hatte, als man ihn gefragt, wie -lange er zu bleiben gedenke und er „drei Wochen“ geantwortet hatte. An -Joachim, obgleich er die Zeitung vor das Gesicht gehalten, hatte sie -sich gewandt mit ihrer Anrede, – gewiß weil er der älter Eingesessene, -ihr länger von Ansehen Bekannte war; aber doch auch aus jenem anderen -Grunde, weil ein Verkehr auf gesittetem Fuße, ein artikulierter -Austausch in ihrem Falle am Platze war und nichts Wildes, Tiefes, -Schreckliches und Geheimnisvolles zwischen ihnen waltete. Hätte jemand -Braunäugiges mit Rubinring und Orangenparfüm hier mit ihnen gewartet, so -wäre es an ihm, Hans Castorp, gewesen, das Wort zu führen und „Eher“ zu -sagen, – unabhängig und rein, wie er ihr gegenüberstand. „Gewiß, eher -unangenehm, wertes Fräulein!“ hätte er gesagt und vielleicht sein -Taschentuch mit einem Schwung aus der Brusttasche gezogen, um sich zu -schneuzen. „Bitte, Geduld zu üben. Wir sind in keiner besseren Lage.“ -Und Joachim hätte gestaunt über seine Leichtlebigkeit, – wahrscheinlich -aber, ohne sich ernstlich an seine Stelle zu wünschen. Nein, auch Hans -Castorp war nicht eifersüchtig auf Joachim, wie die Dinge lagen, -obgleich dieser es war, der mit Frau Chauchat sprechen durfte. Er war -einverstanden damit, daß sie sich an ihn gewandt hatte; sie hatte den -Umständen Rechnung getragen, indem sie es tat, und so zu erkennen -gegeben, daß sie sich dieser Umstände bewußt war ... Sein Herz hämmerte. - -Nach der gelassenen Behandlung, die Frau Chauchat durch Joachim -erfahren, und in der Hans Castorp sogar etwas wie eine leise -Feindseligkeit auf seiten des guten Joachim gegen die Mitpatientin -gespürt hatte, eine Feindseligkeit, über die er bei aller Erschütterung -lächeln mußte, – versuchte „Clawdia“ einen Gang durch das Zimmer zu tun; -doch fehlte es an Raum dazu, und so nahm auch sie ein illustriertes Heft -vom Tische und kehrte damit in den Sessel mit den rudimentären Armlehnen -zurück. Hans Castorp saß und sah sie an, indem er die Kinnstütze seines -Großvaters nachahmte und so dem Alten wirklich lächerlich ähnlich sah. -Da Frau Chauchat wieder ein Bein über das andere gelegt hatte, zeichnete -sich ihr Knie, ja, die ganze schlanke Linie ihres Beines unter dem -blauen Tuchrock ab. Sie war nur von mittlerer Größe, einer in Hans -Castorps Augen höchst angenehmen und richtigen Größe, aber -verhältnismäßig hochbeinig und nicht breit in den Hüften. Sie saß nicht -zurückgelehnt, sondern vorgebeugt, die gekreuzten Unterarme auf den -Oberschenkel des übergeschlagenen Beines gestützt, mit gerundetem Rücken -und vorfallenden Schultern, so daß die Nackenwirbel hervortraten, ja, -unter dem anliegenden Sweater beinahe das Rückgrat zu erkennen war und -ihre Brust, die nicht so hoch und üppig entwickelt wie bei Marusja, -sondern klein und mädchenhaft war, von beiden Seiten zusammengepreßt -wurde. Plötzlich erinnerte sich Hans Castorp, daß auch sie hier in der -Erwartung saß, durchleuchtet zu werden. Der Hofrat malte sie; er gab -ihre äußere Erscheinung mit Öl und Farbstoffen auf der Leinwand wieder. -Jetzt aber würde er im Halbdunkel Lichtstrahlen auf sie lenken, die ihm -das Innere ihres Körpers bloßlegten. Und indem Hans Castorp dies dachte, -wandte er mit einer ehrbaren Verfinsterung seiner Miene den Kopf -beiseite, einem Ausdruck von Diskretion und Sittsamkeit, den vor sich -selber anzunehmen ihm bei dieser Vorstellung angemessen schien. - -Das Beisammensein zu dritt in dem Wartezimmerchen währte nicht lange. -Man hatte drinnen mit Sascha und seiner Mutter wohl nicht viel -Federlesens gemacht, man sputete sich, die Verspätung wieder einzuholen. -Neuerdings öffnete der Techniker im weißen Kittel die Tür, Joachim warf -aufstehend sein Zeitungsblatt auf den Tisch zurück, und Hans Castorp -folgte ihm, wenn auch nicht ohne inneres Zögern, zur Tür. Ritterliche -Bedenken regten sich in ihm zusammen mit der Versuchung, dennoch auf -gesittete Art zu Frau Chauchat zu sprechen und ihr den Vortritt -anzubieten; vielleicht sogar auf Französisch, wenn es sich machen ließ; -und hastig suchte er bei sich nach den Vokabeln, der Satzbildung. Aber -er wußte nicht, ob solche Höflichkeiten hier ortsüblich waren, ob nicht -die angesetzte Reihenfolge hoch über Ritterlichkeiten erhaben war. -Joachim mußte es wissen, und da er nicht Miene machte, vor der -anwesenden Dame zurückzustehen, obgleich Hans Castorp ihn bewegt und -dringlich anblickte, so folgte dieser ihm denn an Frau Chauchat vorbei, -die nur flüchtig aus ihrer gebückten Haltung aufschaute, und durch die -Tür ins Laboratorium. - -Er war zu benommen von dem, was er hinter sich ließ, von den Abenteuern -der letzten zehn Minuten, als daß mit dem Übertritt in den -Durchleuchtungsraum auch seine innere Gegenwart sich sogleich hätte -umstellen können. Er sah nichts oder nur sehr Allgemeines im künstlichen -Halblicht. Er hörte Frau Chauchats angenehm verschleierte Stimme, mit -der sie gesagt hatte: „Was gibt es denn ... Es sind Personen eben noch -eingetreten ... Das ist unangenehm ...“, und dieser Stimmklang schauerte -ihm als ein süßer Reiz den Rücken hinunter. Er sah ihr Knie unter dem -Tuchrock sich abbilden, sah an ihrem gebeugten Nacken, unter dem kurzen -rötlichblonden Haar, das dort lose hing, ohne in die Zopffrisur -aufgenommen worden zu sein, die Halswirbel hervortreten, und abermals -überlief ihn der Schauder. Er sah Hofrat Behrens, abgewandt von den -Eintretenden, vor einem Schrank oder regalförmigen Einbau stehen und -eine schwärzliche Platte betrachten, die er mit ausgestrecktem Arm gegen -das matte Deckenlicht hielt. An ihm vorbei gingen sie tiefer in den Raum -hinein, überholt von dem Gehilfen, der Vorbereitungen zu ihrer -Behandlung und Abfertigung traf. Es roch eigentümlich hier. Eine Art von -abgestandenem Ozon erfüllte die Atmosphäre. Zwischen den -schwarzverhängten Fenstern vorspringend, teilte der Einbau das -Laboratorium in zwei ungleiche Hälften. Man unterschied physikalische -Apparate, Hohlgläser, Schaltbretter, aufrecht ragende Meßinstrumente, -aber auch einen kameraartigen Kasten auf rollbarem Gestell, gläserne -Diapositive, die reihenweise in die Wand eingelassen waren, – man wußte -nicht, war man in dem Atelier eines Photographen, einer Dunkelkammer -oder einer Erfinderwerkstatt und technischen Hexenoffizin. - -Joachim hatte ohne weiteres begonnen, seinen Oberkörper freizumachen. -Der Gehilfe, ein jüngerer, gedrungener und rotbäckiger Eingeborener in -weißem Kittel, wies Hans Castorp an, ein gleiches zu tun. Es gehe -schnell, er sei sofort an der Reihe ... Während Hans Castorp die Weste -auszog, kam Behrens aus dem kleinen Abteil, wo er gestanden, in den -geräumigeren herüber. - -„Hallo!“ sagte er. „Das sind ja unsere Dioskuren! Castorp und Pollux ... -Bitte, Wehelaute zu unterdrücken! Warten Sie nur, gleich werden wir Sie -alle beide durchschaut haben. Ich glaube, Sie haben Angst, Castorp, uns -Ihr Inneres zu eröffnen? Seien Sie ruhig, es geht ganz ästhetisch zu. -Hier, haben Sie meine Privatgalerie schon gesehen?“ Und er zog Hans -Castorp am Arm vor die Reihen der dunklen Gläser, hinter denen er -knipsend Licht einschaltete. Da erhellten sie sich, zeigten ihre Bilder. -Hans Castorp sah Gliedmaßen: Hände, Füße, Kniescheiben, Ober- und -Unterschenkel, Arme und Beckenteile. Aber die rundliche Lebensform -dieser Bruchstücke des Menschenleibes war schemenhaft und dunstig von -Kontur; wie ein Nebel und bleicher Schein umgab sie ungewiß ihren klar, -minutiös und entschieden hervortretenden Kern, das Skelett. - -„Sehr interessant“, sagte Hans Castorp. - -„Das ist allerdings interessant!“ erwiderte der Hofrat. „Nützlicher -Anschauungsunterricht für junge Leute. Lichtanatomie, verstehen Sie, -Triumph der Neuzeit. Das ist ein Frauenarm, Sie ersehen es aus seiner -Niedlichkeit. Damit umfangen sie einen beim Schäferstündchen, verstehen -Sie.“ Und er lachte, wobei seine Oberlippe mit dem gestutzten -Schnurrbärtchen sich einseitig höher schürzte. Die Bilder erloschen. -Hans Castorp wandte sich zur Seite, dorthin, wo Joachims Innenaufnahme -sich vorbereitete. - -Es geschah vor jenem Einbau, an dessen anderer Seite der Hofrat anfangs -gestanden. Joachim hatte auf einer Art von Schustersessel vor einem -Brett Platz genommen, gegen das er die Brust preßte, wobei er es -außerdem mit den Armen umschlang; und mit knetenden Bewegungen -verbesserte der Gehilfe seine Stellung, indem er Joachims Schultern -weiter nach vorn drückte, seinen Rücken massierte. Hierauf begab er sich -hinter die Kamera, um, wie irgend ein Photograph, gebückt, breitbeinig, -die Ansicht zu prüfen, drückte seine Zufriedenheit aus und mahnte -Joachim, beiseite gehend, tief einzuatmen und, bis alles vorüber, die -Luft anzuhalten. Joachims gerundeter Rücken dehnte sich und blieb -stehen. In diesem Augenblick hatte der Gehilfe am Schaltbrett den -nötigen Handgriff getan. Zwei Sekunden lang spielten fürchterliche -Kräfte, deren Aufwand erforderlich war, um die Materie zu durchdringen, -Ströme von Tausenden von Volt, von hunderttausend, Hans Castorp glaubte -sich zu erinnern. Kaum zum Zwecke gebändigt, suchten die Gewalten auf -Nebenwegen sich Luft zu machen. Entladungen knallten wie Schüsse. Es -knatterte blau am Meßapparat. Lange Blitze fuhren knisternd die Wand -entlang. Irgendwo blickte ein rotes Licht, einem Auge gleich, still und -drohend in den Raum, und eine Phiole in Joachims Rücken füllte sich -grün. Dann beruhigte sich alles; die Lichterscheinungen verschwanden, -und Joachim ließ seufzend den Atem aus. Es war geschehen. - -„Nächster Delinquent!“ sagte Behrens und stieß Hans Castorp mit dem -Ellenbogen. „Nur keine Müdigkeit vorschützen! Sie kriegen ein -Freiexemplar, Castorp. Dann können Sie noch Kindern und Enkeln die -Geheimnisse Ihres Busens an die Wand projizieren!“ - -Joachim war abgetreten; der Techniker wechselte die Platte. Hofrat -Behrens unterwies den Neuling persönlich, wie er sich zu setzen, zu -halten habe. „Umarmen!“ sagte er. „Das Brett umarmen! Stellen Sie sich -meinetwegen was anderes darunter vor! Und gut die Brust andrücken, als -ob Glücksempfindungen damit verbunden wären! Recht so. Einatmen! -Stillgehalten!“ kommandierte er. „Bitte, recht freundlich!“ Hans Castorp -wartete blinzelnd, die Lunge voller Luft. Hinter ihm brach das Gewitter -los, knisterte, knatterte, knallte und beruhigte sich. Das Objektiv -hatte in sein Inneres geblickt. - -Er stieg ab, verwirrt und betäubt von dem, was mit ihm geschehen, -obgleich ja die Durchdringung ihm nicht im geringsten empfindlich -geworden war. „Brav“, sagte der Hofrat. „Nun werden wir selber sehen.“ -Und schon hatte Joachim, bewandert wie er war, sich weiter hinbegeben, -näher der Ausgangstür an einem Stativ Aufstellung genommen, im Rücken -den weitläufig sich aufbauenden Apparat, auf dessen Rückenhöhe man eine -halb mit Wasser gefüllte Glasblase mit Verdunstungsröhre gewahrte, vor -sich, in Brusthöhe, einen gerahmten Schirm, der an Rollzügen schwebte. -Zu seiner Linken, inmitten eines Schaltbretts und Instrumentariums, -erhob sich eine rote Lampenglocke. Der Hofrat, vor dem hängenden Schirm -auf einem Schemel reitend, entzündete sie. Das Deckenlicht erlosch, nur -das Rubinlicht noch erhellte die Szene. Dann hob der Meister auch dieses -mit kurzem Handgriff auf, und dichteste Finsternis hüllte die Laboranten -ein. - -„Erst müssen die Augen sich gewöhnen“, hörte man den Hofrat im Dunkel -sagen. „Ganz große Pupillen müssen wir erst kriegen, wie die Katzen, um -zu sehen, was wir sehen wollen. Das verstehen Sie ja wohl, daß wir es so -ohne weiteres mit unseren gewöhnlichen Tagaugen nicht ordentlich sehen -könnten. Den hellen Tag mit seinen fidelen Bildern müssen wir uns erst -mal aus dem Sinn schlagen zu dem Behuf.“ - -„Selbstredend“, sagte Hans Castorp, der hinter des Hofrats Schulter -stand, und schloß die Augen, da es ganz gleichgültig war, ob man sie -offen hielt, oder nicht, so schwarz war die Nacht. „Erst müssen wir uns -mal die Augen mit Finsternis waschen, um so was zu sehen, das ist doch -klar. Ich finde es sogar gut und richtig, daß wir uns vorher ein bißchen -sammeln, sozusagen in stillem Gebet. Ich stehe hier und habe die Augen -geschlossen, es ist mir angenehm schläfrig zu Sinn. Aber wonach riecht -es hier nur?“ - -„Sauerstoff“, sagte der Hofrat. „Das ist Oxygen, was Sie in den Lüften -spüren. Atmosphärisches Produkt des Stubengewitters, verstehen Sie mich -... Augen auf!“ sagte er. „Jetzt fängt die Beschwörung an.“ Hans Castorp -gehorchte eilig. - -Man hörte das Umlegen eines Hebels. Ein Motor sprang auf und sang wütend -in die Höhe, wurde aber durch einen neuen Handgriff zur Stetigkeit -gebändigt. Der Fußboden bebte gleichmäßig. Das rote Lichtlein, länglich -und senkrecht, blickte mit stillem Drohen herüber. Irgendwo knisterte -ein Blitz. Und langsam, mit milchigem Schein, ein sich erhellendes -Fenster, trat aus dem Dunkel das bleiche Viereck des Leuchtschirms -hervor, vor welchem Hofrat Behrens auf seinem Schusterschemel ritt, die -Schenkel gespreizt, die Fäuste daraufgestemmt, die Stumpfnase dicht an -der Scheibe, die Einblick in eines Menschen organisches Inneres -gewährte. - -„Sehen Sie, Jüngling?“ fragte er ... Hans Castorp beugte sich über seine -Schulter, hob aber noch einmal den Kopf, dorthin, wo im Dunkel Joachims -Augen zu vermuten waren, die sanft und traurig blicken mochten, wie -damals bei der Untersuchung, und fragte: - -„Du erlaubst doch?“ - -„Bitte, bitte“, antwortete Joachim liberal aus seiner Finsternis. Und -beim Schüttern des Erdbodens, im Knistern und Rumoren der spielenden -Kräfte spähte Hans Castorp gebückt durch das bleiche Fenster, spähte -durch Joachim Ziemßens leeres Gebein. Der Brustknochen fiel mit dem -Rückgrat zur dunklen, knorpeligen Säule zusammen. Das vordere -Rippengerüst wurde von dem des Rückens überschnitten, das blasser -erschien. Geschwungen zweigten oben die Schlüsselbeine nach beiden -Seiten ab, und in der weichen Lichthülle der Fleischesform zeigten sich -dürr und scharf das Schulterskelett, der Ansatz von Joachims -Oberarmknochen. Es war hell im Brustraum, aber man unterschied ein -Geäder, dunkle Flecke, ein schwärzliches Gekräusel. - -„Klares Bild“, sagte der Hofrat. „Das ist die anständige Magerkeit, die -militärische Jugend. Ich habe hier Wänste gehabt, – undurchdringlich, -beinahe nichts zu erkennen. Die Strahlen müßte man erst mal entdecken, -die durch so eine Fettschicht gehen ... Dies hier ist saubere Arbeit. -Sehen Sie das Zwerchfell?“ sagte er und wies mit dem Finger auf den -dunklen Bogen, der sich unten im Fenster hob und senkte ... „Sehen Sie -die Buckel hier linkerseits, die Erhöhungen? Das ist die -Rippenfellentzündung, die er mit fünfzehn Jahren hatte. Tief atmen!“ -kommandierte er. „Tiefer! Ich sage _tief_!“ Und Joachims Zwerchfell hob -sich zitternd, so hoch es konnte, Aufhellung war in den oberen -Lungenteilen zu bemerken, aber der Hofrat war nicht befriedigt. -„Ungenügend!“ sagte er. „Sehen Sie die Hilusdrüsen? Sehen Sie die -Verwachsungen? Sehen Sie die Kavernen hier? Da kommen die Gifte her, die -ihn beschwipsen.“ Aber Hans Castorps Aufmerksamkeit war in Anspruch -genommen von etwas Sackartigem, ungestalt Tierischem, dunkel hinter dem -Mittelstamme Sichtbarem, und zwar größerenteils zur Rechten, vom -Beschauer aus gesehen, – das sich gleichmäßig ausdehnte und wieder -zusammenzog, ein wenig nach Art einer rudernden Qualle. - -„Sehen Sie sein Herz?“ fragte der Hofrat, indem er abermals die riesige -Hand vom Schenkel löste und mit dem Zeigefinger auf das pulsierende -Gehänge wies ... Großer Gott, es war das Herz, Joachims ehrliebendes -Herz, was Hans Castorp sah! - -„Ich sehe dein Herz!“ sagte er mit gepreßter Stimme. - -„Bitte, bitte“, antwortete Joachim wieder, und wahrscheinlich lächelte -er ergeben dort oben im Dunklen. Aber der Hofrat gebot ihnen, zu -schweigen und keine Empfindsamkeiten zu tauschen. Er studierte die -Flecke und Linien, das schwarze Gekräusel im inneren Brustraum, während -auch sein Mitspäher nicht müde wurde, Joachims Grabesgestalt und -Totenbein zu betrachten, dies kahle Gerüst und spindeldürre Memento. -Andacht und Schrecken erfüllten ihn. „Jawohl, jawohl, ich sehe“, sagte -er mehrmals. „Mein Gott, ich sehe!“ Er hatte von einer Frau gehört, -einer längst verstorbenen Verwandten von Tienappelscher Seite, – sie -sollte mit einer schweren Gabe ausgestattet oder geschlagen gewesen -sein, die sie in Demut getragen, und die darin bestanden hatte, daß -Leute, die baldigst sterben sollten, ihren Augen als Gerippe erschienen -waren. So sah nun Hans Castorp den guten Joachim, wenn auch mit Hilfe -und auf Veranstaltung der physikalisch-optischen Wissenschaft, so daß es -nichts zu bedeuten hatte und alles mit rechten Dingen zuging, zumal er -Joachims Zustimmung ausdrücklich eingezogen. Dennoch wandelte -Verständnis ihn an für die Melancholie im Schicksal jener seherischen -Tante. Heftig bewegt von dem, was er sah, oder eigentlich davon, daß er -es sah, fühlte er sein Gemüt von geheimen Zweifeln gestachelt, ob es -rechte Dinge seien, mit denen dies zugehe, Zweifeln an der Erlaubtheit -seines Schauens im schütternden, knisternden Dunkel; und die zerrende -Lust der Indiskretion mischte sich in seiner Brust mit Gefühlen der -Rührung und Frömmigkeit. - -Aber wenige Minuten später stand er selbst im Gewitter am Pranger, -während Joachim, wieder geschlossenen Leibes, sich ankleidete. Abermals -spähte der Hofrat durch die milchige Scheibe, diesmal in Hans Castorps -Inneres, und aus seinen halblauten Äußerungen, abgerissenen -Schimpfereien und Redensarten schien hervorzugehen, daß der Befund -seinen Erwartungen entsprach. Er war dann noch so freundlich, zu -erlauben, daß der Patient seine eigene Hand durch den Leuchtschirm -betrachte, da er dringend darum gebeten hatte. Und Hans Castorp sah, was -zu sehen er hatte erwarten müssen, was aber eigentlich dem Menschen zu -sehen nicht bestimmt ist, und wovon auch er niemals gedacht hatte, daß -ihm bestimmt sein könne, es zu sehen: er sah in sein eigenes Grab. Das -spätere Geschäft der Verwesung sah er vorweggenommen durch die Kraft des -Lichtes, das Fleisch, worin er wandelte, zersetzt, vertilgt, zu -nichtigem Nebel gelöst, und darin das kleinlich gedrechselte Skelett -seiner rechten Hand, um deren oberes Ringfingerglied sein Siegelring, -vom Großvater her ihm vermacht, schwarz und lose schwebte: ein hartes -Ding dieser Erde, womit der Mensch seinen Leib schmückt, der bestimmt -ist, darunter wegzuschmelzen, so daß es frei wird und weiter geht an ein -Fleisch, das es eine Weile wieder tragen kann. Mit den Augen jener -Tienappelschen Vorfahrin erblickte er einen vertrauten Teil seines -Körpers, durchschauenden, voraussehenden Augen, und zum erstenmal in -seinem Leben verstand er, daß er sterben werde. Dazu machte er ein -Gesicht, wie er es zu machen pflegte, wenn er Musik hörte, – ziemlich -dumm, schläfrig und fromm, den Kopf halb offenen Mundes gegen die -Schulter geneigt. Der Hofrat sagte: - -„Spukhaft, was? Ja, ein Einschlag von Spukhaftigkeit ist nicht zu -verkennen.“ - -Und dann tat er den Kräften Einhalt. Der Fußboden kam zur Ruhe, die -Lichterscheinungen schwanden, das magische Fenster hüllte sich wieder in -Dunkel. Das Deckenlicht ging an. Und während auch Hans Castorp sich in -die Kleider warf, gab Behrens den jungen Leuten einige Auskunft über -seine Beobachtungen, unter Berücksichtigung ihrer laienhaften -Auffassungsfähigkeit. Was im besonderen Hans Castorp betraf, so hatte -der optische Befund den akustischen so genau bestätigt, wie die Ehre der -Wissenschaft es nur irgend verlangte. Es seien die alten Stellen sowohl -wie die frische zu sehen gewesen, und „Stränge“ zögen sich von den -Bronchien aus ziemlich weit in das Organ hinein, – „Stränge mit -Knötchen“. Hans Castorp werde es selbst auf dem Diapositivbildchen -nachprüfen können, das ihm, wie gesagt, demnächst werde eingehändigt -werden. Also Ruhe, Geduld, Mannszucht, messen, essen, liegen, abwarten -und Tee trinken. Er wandte ihnen den Rücken. Sie gingen. Hans Castorp, -hinter Joachim, blickte im Hinausgehen über die Schulter. Vom Techniker -eingelassen, betrat Frau Chauchat das Laboratorium. - - - Freiheit - -Wie kam es dem jungen Hans Castorp eigentlich vor? Etwa so, als ob die -sieben Wochen, die er nun nachweislich und ohne allen Zweifel schon bei -Denen hier oben verbracht hatte, nur sieben Tage gewesen wären? Oder -schien ihm im Gegenteil, daß er schon viel, viel länger, als wirklich -zutraf, an diesem Orte lebe? Er fragte sich selbst danach, sowohl -innerlich, wie auch in der Form, daß er Joachim danach fragte, konnte -aber zu keiner Entscheidung kommen. Es war wohl beides der Fall: -zugleich unnatürlich kurz und unnatürlich lang erschien ihm im Rückblick -die hier verbrachte Zeit, nur eben wie es wirklich damit war, so wollte -es ihm nicht scheinen, – wobei vorausgesetzt wird, daß Zeit überhaupt -Natur, und daß es statthaft ist, den Begriff der Wirklichkeit mit ihr in -Verbindung zu bringen. - -Auf jeden Fall stand der Oktober vor der Tür, jeden Tag konnte er -eintreten. Es war ein leichtes für Hans Castorp, sich das auszurechnen, -und außerdem wurde er durch Gespräche seiner Mitpatienten darauf -hingewiesen, denen er zuhörte. „Wissen Sie, daß in fünf Tagen wieder -einmal der Erste ist?“ hörte er Hermine Kleefeld zu zwei jungen Herren -ihrer Gesellschaft sagen, dem Studenten Rasmussen und jenem -Wulstlippigen, dessen Name Gänser war. Man stand nach der Hauptmahlzeit -im Speisedunst zwischen den Tischen herum und zögerte plaudernd, in die -Liegekur zu gehen. „Der erste Oktober, ich habe es in der Verwaltung auf -dem Kalender gesehen. Das ist der zweite seiner Art, den ich an diesem -Lustort verlebe. Schön, der Sommer ist hin, soweit er vorhanden war, man -ist um ihn betrogen, wie man um das Leben betrogen ist, im ganzen und -überhaupt.“ Und sie seufzte aus ihrer halben Lunge, indem sie -kopfschüttelnd ihre von Dummheit umschleierten Augen zur Decke richtete. -„Lustig, Rasmussen!“ sagte sie hierauf und schlug ihrem Kameraden auf -die abfallende Schulter. „Machen Sie Witze!“ „Ich weiß nur wenige“, -erwiderte Rasmussen und ließ die Hände wie Flossen in Brusthöhe hängen; -„die aber wollen mir nicht vonstatten gehn, ich bin immer so müde.“ „Es -möchte kein Hund,“ sagte Gänser hinter den Zähnen, „so oder ähnlich noch -viel länger leben.“ Und sie lachten achselzuckend. - -Aber auch Settembrini, seinen Zahnstocher zwischen den Lippen, hatte in -der Nähe gestanden, und im Hinausgehen sagte er zu Hans Castorp: - -„Glauben Sie ihnen nicht, Ingenieur, glauben Sie ihnen niemals, wenn sie -schimpfen! Das tun sie alle ohne Ausnahme, obgleich sie sich nur zu sehr -zu Hause fühlen. Führen ein Lotterleben und erheben auch noch Anspruch -auf Mitleid, dünken sich zur Bitterkeit berechtigt, zur Ironie, zum -Zynismus! ‚An diesem Lustort!‘ Ist es vielleicht kein Lustort? Ich will -meinen, daß es einer ist, und zwar in des Wortes zweifelhaftester -Bedeutung! ‚Betrogen‘, sagt dies Frauenzimmer; ‚an diesem Lustort um das -Leben betrogen.‘ Aber entlassen Sie sie in die Ebene, und ihr -Lebenswandel dort unten wird keinen Zweifel darüber lassen, daß sie es -darauf anlegt, baldmöglichst wieder heraufzukommen. Ach ja, die Ironie! -Hüten Sie sich vor der hier gedeihenden Ironie, Ingenieur! Hüten Sie -sich überhaupt vor dieser geistigen Haltung! Wo sie nicht ein gerades -und klassisches Mittel der Redekunst ist, dem gesunden Sinn keinen -Augenblick mißverständlich, da wird sie zur Liederlichkeit, zum -Hindernis der Zivilisation, zur unsauberen Liebelei mit dem Stillstand, -dem Ungeist, dem Laster. Da die Atmosphäre, in der wir leben, dem -Gedeihen dieses Sumpfgewächses offenbar sehr günstig ist, darf ich -hoffen oder muß fürchten, daß Sie mich verstehen.“ - -Wirklich waren des Italieners Worte von der Art derer, die noch vor -sieben Wochen im Tieflande für Hans Castorp nur Schall gewesen wären, -für deren Bedeutung aber der Aufenthalt hier oben seinen Geist -empfänglich gemacht hatte: empfänglich im Sinne intellektuellen -Verständnisses, nicht ohne weiteres auch in dem der Sympathie, was -vielleicht noch mehr besagen will. Denn obgleich er im Grunde seiner -Seele froh war, daß Settembrini auch jetzt noch, trotz allem, was -geschehen, fortfuhr, zu ihm zu sprechen, wie er es tat, ihn weiter -belehrte, warnte und Einfluß auf ihn zu nehmen suchte, ging seine -Auffassungsfähigkeit sogar so weit, daß er seine Worte beurteilte und -ihnen seine Zustimmung, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, -vorenthielt. „Sieh an,“ dachte er, „er spricht von der Ironie ganz -ähnlich wie von der Musik, es fehlt nur, daß er sie ‚politisch -verdächtig‘ nennt, nämlich von dem Moment an, wo sie aufhört, ein -‚gerades und klassisches Lehrmittel‘ zu sein. Aber eine Ironie, die -‚keinen Augenblick mißverständlich‘ ist, – was wäre denn das für eine -Ironie, frage ich in Gottes Namen, wenn ich schon mitreden soll? Eine -Trockenheit und Schulmeisterei wäre sie!“ – So undankbar ist Jugend, die -sich bildet. Sie läßt sich beschenken, um dann das Geschenk zu bemäkeln. - -Seine Widersetzlichkeit in Worte zu fassen, wäre ihm immerhin zu -abenteuerlich erschienen. Er beschränkte seine Einwände auf Herrn -Settembrinis Urteil über Hermine Kleefeld, das ihm ungerecht erschien -oder das er aus bestimmten Gründen sich so erscheinen lassen wollte. - -„Aber das Fräulein ist krank!“ sagte er. „Sie ist ja wahr- und -wahrhaftig schwer krank und hat allen Grund, verzweifelt zu sein! Was -wollen Sie eigentlich von ihr?“ - -„Krankheit und Verzweiflung,“ sagte Settembrini, „sind auch oft nur -Formen der Liederlichkeit.“ - -„Und Leopardi,“ dachte Hans Castorp, „der ausdrücklich sogar an -Wissenschaft und Fortschritt verzweifelte? Und er selbst, der Herr -Schulmeister? Er ist doch auch krank und kommt immer wieder herauf, und -Carducci hätte wenig Freude an ihm.“ Laut sagte er: - -„Sie sind gut. Das Fräulein kann jeden Tag ins Gras beißen, und das -nennen Sie Liederlichkeit! Da müssen Sie sich schon näher erklären. Wenn -Sie mir sagten: Krankheit ist bisweilen eine Folge der Liederlichkeit, -so wäre das plausibel ...“ - -„Sehr plausibel“, schaltete Settembrini ein. „Meiner Treu, es wäre Ihnen -recht, wenn ich dabei stehen bliebe?“ - -„Oder wenn Sie sagten: Krankheit muß der Liederlichkeit manchmal zum -Vorwand dienen, – auch das ließe ich mir gefallen.“ - -„_Grazie tanto!_“ - -„Aber Krankheit eine _Form_ der Liederlichkeit? Das heißt: nicht aus der -Liederlichkeit entstanden, sondern selbst Liederlichkeit? Das ist doch -paradox!“ - -„Oh, ich bitte, Ingenieur, keine Unterstellungen! Ich verachte die -Paradoxe, ich hasse sie! Lassen Sie sich alles, was ich Ihnen über die -Ironie bemerkte, auch vom Paradoxon gesagt sein, und noch einiges mehr! -Das Paradoxon ist die Giftblüte des Quietismus, das Schillern des faulig -gewordenen Geistes, die größte Liederlichkeit von allen! Im übrigen -stelle ich fest, daß Sie wieder einmal die Krankheit in Schutz nehmen -...“ - -„Nein, was Sie sagen, interessiert mich. Es erinnert geradezu an -manches, was Dr. Krokowski an seinen Montagen vorbringt. Auch er erklärt -die organische Krankheit für eine sekundäre Erscheinung.“ - -„Kein ganz reinlicher Idealist.“ - -„Was haben Sie gegen ihn?“ - -„Eben dies.“ - -„Sind Sie schlecht auf die Analyse zu sprechen?“ - -„Nicht jeden Tag. – Sehr schlecht und sehr gut, beides abwechselnd, -Ingenieur.“ - -„Wie soll ich das verstehen?“ - -„Die Analyse ist gut als Werkzeug der Aufklärung und der Zivilisation, -gut, insofern sie dumme Überzeugungen erschüttert, natürliche Vorurteile -auflöst und die Autorität unterwühlt, gut, mit anderen Worten, indem sie -befreit, verfeinert, vermenschlicht und Knechte reif macht zur Freiheit. -Sie ist schlecht, sehr schlecht, insofern sie die Tat verhindert, das -Leben an den Wurzeln schädigt, unfähig, es zu gestalten. Die Analyse -kann eine sehr unappetitliche Sache sein, unappetitlich wie der Tod, zu -dem sie denn doch wohl eigentlich gehören mag, – verwandt dem Grabe und -seiner anrüchigen Anatomie ...“ - -„Gut gebrüllt, Löwe“, konnte Hans Castorp nicht umhin zu denken, wie -gewöhnlich, wenn Herr Settembrini etwas Pädagogisches geäußert. Er sagte -aber nur: - -„Lichtanatomie haben wir neulich getrieben in unserem Parterrekeller. -Behrens nannte es so, als er uns durchleuchtete.“ - -„Ah, auch diese Station haben Sie schon erstiegen. Nun, und?“ - -„Ich habe das Skelett meiner Hand gesehen“, sagte Hans Castorp, indem er -sich die Empfindungen zurückzurufen suchte, die bei diesem Anblick in -ihm aufgestiegen waren. „Haben Sie sich Ihres auch einmal zeigen -lassen?“ - -„Nein, ich interessiere mich nicht im geringsten für mein Skelett. Und -das ärztliche Ergebnis?“ - -„Er hat Stränge gesehen, Stränge mit Knötchen.“ - -„Teufelsknecht.“ - -„So haben Sie Hofrat Behrens schon einmal genannt. Was meinen Sie -damit?“ - -„Seien Sie überzeugt, daß es eine gewählte Bezeichnung ist!“ - -„Nein, Sie sind ungerecht, Herr Settembrini! Ich gebe zu, daß der Mann -seine Schwächen hat. Seine Redeweise ist mir selbst auf die Dauer nicht -angenehm; sie hat zuweilen was Gewaltsames, besonders wenn man sich -erinnert, daß er den großen Kummer gehabt hat, seine Frau hier oben -einzubüßen. Aber was für ein verdienter und achtbarer Mann ist er doch -alles in allem, ein Wohltäter der leidenden Menschheit! Neulich -begegnete ich ihm, als er eben von einer Operation kam, einer -Rippenresektion, einer Sache, bei der es auf Biegen oder Brechen -gegangen war. Es machte großen Eindruck auf mich, wie ich ihn so von -seiner schwierigen, nützlichen Arbeit kommen sah, auf die er sich so gut -versteht. Noch ganz erhitzt war er und hatte sich zur Belohnung eine -Zigarre angezündet. Ich war neidisch auf ihn.“ - -„Das war schön von Ihnen. Aber Ihr Strafmaß?“ - -„Er hat mir keine bestimmte Frist gesetzt.“ - -„Auch nicht übel. Legen wir uns also, Ingenieur. Beziehen wir unsere -Stellungen.“ - -Sie verabschiedeten sich vor Nummer 34. - -„Nun gehen Sie auf Ihr Dach hinauf, Herr Settembrini. Es muß lustiger -sein, so in Gesellschaft zu liegen, als allein. Unterhalten Sie sich? -Sind es interessante Leute, mit denen Sie Kur machen?“ - -„Ach, das sind lauter Parther und Skythen!“ - -„Sie meinen Russen?“ - -„Und Russinnen“, sagte Herr Settembrini, und sein Mundwinkel spannte -sich. „Adieu, Ingenieur!“ - -Das war mit Bedeutung gesagt, unzweifelhaft. Hans Castorp betrat in -Verwirrung sein Zimmer. Wußte Settembrini, wie es um ihn stand? -Wahrscheinlich hatte er ihm erzieherisch nachgespürt und die Wege -verfolgt, die seine Augen gingen. Hans Castorp war zornig auf den -Italiener und auch auf sich selbst, weil er unbeherrschterweise den -Stich herausgefordert hatte. Während er sein Schreibzeug zusammensuchte, -um es mit in die Liegekur zu nehmen – denn nun galt kein Zögern mehr, -der Brief nach Hause, der dritte, wollte geschrieben sein –, fuhr er -fort, sich zu ärgern, murmelte dies und das vor sich hin gegen diesen -Windbeutel und Räsonneur, der sich in Dinge mischte, die ihn nichts -angingen, während er selbst die Mädchen auf der Straße anträllerte, – -und fühlte sich zu der schriftlichen Arbeit gar nicht mehr aufgelegt, – -dieser Drehorgelmann hatte ihm mit seinen Anspielungen förmlich die -Stimmung dazu verdorben. Aber so oder so, er mußte Winterzeug haben, -Geld, Wäsche, Schuhwerk, kurz alles, was er mitgenommen haben würde, -wenn er gewußt hätte, daß er nicht für drei Hochsommerwochen, sondern -... sondern für eine noch unbestimmte Frist kam, die aber jedenfalls ein -Stück in den Winter hineinreichen, ja, wie bei Uns hier oben die -Begriffe und Zeitverhältnisse nun einmal waren, ihn wohl gar -einschließen würde. Dies eben wollte, wenigstens als Möglichkeit, nach -Hause mitgeteilt sein. Es galt diesmal ganze Arbeit zu tun, Denen dort -unten reinen Wein einzuschenken und weder sich noch ihnen länger etwas -vorzumachen ... - -In diesem Geiste schrieb er denn, unter Beobachtung der Technik, die er -Joachim mehrmals hatte üben sehen: im Liegestuhl, mit dem -Füllfederhalter, die Reisemappe auf den hochgezogenen Knien. Er schrieb -auf einem Briefbogen der Anstalt, von denen ein Vorrat in der -Tischschublade bereit lag, an James Tienappel, der ihm unter den drei -Onkels am nächsten stand, und bat ihn, den Konsul zu unterrichten. Er -sprach von einem leidigen Zwischenfall, von Befürchtungen, die sich -bewahrheitet hätten, von der ärztlicherseits erklärten Notwendigkeit, -einen Teil des Winters, vielleicht den ganzen hier oben zu verbringen, -denn Fälle wie der seinige seien oft hartnäckiger als solche, die sich -pompöser anließen, und es gelte doch, nachdrücklich einzugreifen und -beizeiten ein für allemal vorzubauen. Unter diesem Gesichtspunkt, meinte -er, sei es ja ein Glück und eine günstige Fügung, daß er zufällig jetzt -heraufgekommen und veranlaßt worden sei, sich untersuchen zu lassen; -denn sonst wäre er wohl noch lange über seinen Zustand im unklaren -geblieben und später vielleicht auf viel empfindlichere Art darüber -belehrt worden. Was die voraussichtliche Dauer der Kur betreffe, so möge -man sich nicht wundern, daß er sich wahrscheinlich den Winter werde um -die Ohren schlagen müssen und kaum früher als Joachim in die Ebene werde -zurückkehren können. Die Zeitbegriffe seien hier andere, als die sonst -wohl für Badereisen und Kuraufenthalte gültigen; der Monat sei sozusagen -die kleinste Zeiteinheit, und einzeln spiele er gar keine Rolle ... - -Es war kühl, er schrieb im Paletot, in eine Decke gehüllt, mit geröteten -Händen. Manchmal blickte er auf von seinem Papier, das sich mit -vernünftigen und überzeugenden Sätzen bedeckte, und blickte in die -vertraute Landschaft, die er kaum noch sah, dieses gestreckte Tal mit -dem heute glasig-bleichen Gipfelgeschiebe am Ausgang, dem hell -besiedelten Grunde, der manchmal sonnig aufglänzte, und den teils -waldrauhen, teils wiesigen Lehnen, von denen Kuhgeläut kam. Er schrieb -mit wachsender Leichtigkeit und verstand nicht mehr, wie er sich vor dem -Brief hatte fürchten können. Im Schreiben begriff er selbst, daß nichts -einleuchtender sein konnte, als seine Darlegungen, und daß sie zu Hause -selbstverständlich das vollkommenste Einverständnis finden würden. Ein -junger Mann seiner Klasse und in seinen Verhältnissen tat etwas für -sich, wenn es sich als ratsam erwies, er machte Gebrauch von den eigens -für seinesgleichen bereitgestellten Bequemlichkeiten. So gehörte es -sich. Wäre er heimgereist, – man hätte ihn auf seinen Bericht hin wieder -heraufgeschickt. Er bat, ihm zukommen zu lassen, was er brauchte. Auch -um regelmäßige Anweisung der nötigen Geldmittel bat er zum Schluß; mit -800 Mark monatlich sei alles zu decken. - -Er unterschrieb. Das war getan. Dieser dritte Brief nach Hause war -ausgiebig, er hielt vor, – nicht nach den Zeitbegriffen von unten, -sondern nach den hier oben herrschenden; er befestigte Hans Castorps -_Freiheit_. Dies war das Wort, das er anwandte, nicht ausdrücklich, -nicht, indem er auch nur innerlich seine Silben gebildet hätte, aber er -empfand seinen weitläufigsten Sinn, wie er es während seines hiesigen -Aufenthaltes zu tun gelernt hatte, – einen Sinn, der mit demjenigen, den -Settembrini diesem Worte beilegte, nur wenig zu schaffen hatte, – und -eine ihm schon bekannte Welle des Schreckens und der Erregung ging über -ihn hin, die seine Brust beim Aufseufzen erzittern ließ. - -Er hatte den Kopf voller Blut vom Schreiben, seine Backen brannten. Er -nahm Merkurius vom Lampentischchen und maß sich, als gelte es, eine -Gelegenheit zu benutzen. Merkurius stieg auf 37,8. - -„Seht ihr?“ dachte Hans Castorp. Und er fügte das Postskriptum hinzu: -„Der Brief hat mich doch angestrengt. Ich messe 37,8. Ich sehe, daß ich -mich vorläufig sehr ruhig verhalten muß. Ihr müßt entschuldigen, wenn -ich selten schreibe.“ Dann lag er und hob seine Hand gegen den Himmel, -das Innere nach außen, so, wie er sie hinter den Leuchtschirm gehalten. -Aber das Himmelslicht ließ ihre Lebensform unberührt, sogar noch dunkler -und undurchsichtiger wurde ihr Stoff vor seiner Helle, und nur ihre -äußersten Umrisse zeigten sich rötlich durchleuchtet. Es war die -Lebenshand, die er zu sehen, zu säubern, zu benutzen gewohnt war – nicht -jenes fremde Gerüst, das er im Schirme erblickt –, die analytische -Grube, die er damals offen gesehen, hatte sich wieder geschlossen. - - - Launen des Merkur - -Der Oktober brach an, wie neue Monate anzubrechen pflegen, – es ist an -und für sich ein vollkommen bescheidenes und geräuschloses Anbrechen, -ohne Zeichen und Feuermale, ein stilles Sicheinschleichen also -eigentlich, das der Aufmerksamkeit, wenn sie nicht strenge Ordnung hält, -leicht entgeht. Die Zeit hat in Wirklichkeit keine Einschnitte, es gibt -kein Gewitter oder Drommetengetön beim Beginn eines neuen Monats oder -Jahres, und selbst bei dem eines neuen Säkulums sind es nur wir -Menschen, die schießen und läuten. - -In Hans Castorps Fall glich der erste Oktobertag auf ein Haar dem -letzten Septembertage; er war ebenso kalt und unfreundlich wie dieser, -und die nächstfolgenden waren es auch. Man brauchte den Winterpaletot -und beide Kamelhaardecken in der Liegekur, nicht nur abends, sondern -auch am Tage; die Finger, mit denen man sein Buch hielt, waren feucht -und steif, wenn auch die Backen in trockener Hitze standen, und Joachim -war sehr versucht, seinen Pelzsack in Gebrauch zu nehmen; er unterließ -es nur, um sich nicht vorzeitig zu verwöhnen. - -Aber einige Tage später, man hielt schon zwischen Anfang und Mitte des -Monats, änderte sich alles, und ein nachträglicher Sommer fiel ein von -solcher Pracht, daß es zum Verwundern war. Nicht umsonst hatte Hans -Castorp den Oktober dieser Gegenden rühmen hören; wohl zweieinhalb -Wochen lang herrschte Himmelsherrlichkeit über Berg und Tal, ein Tag -überbot den anderen an blauender Reinheit, und mit so unvermittelter -Kraft brannte die Sonne darein, daß jedermann sich veranlaßt fand, das -leichteste Sommerzeug, Musselinkleider und Leinwandhosen, die schon -verworfen gewesen, wieder hervorzusuchen und selbst der große -Segeltuchschirm ohne Krücke, den man vermittelst einer sinnreichen -Vorrichtung, einem mehrfach gelochten Pflock, an der Armlehne des -Liegestuhles befestigte, in den mittleren Tagesstunden nur ungenügenden -Schutz gegen die Glut des Gestirnes bot. - -„Schön, daß ich das hier noch mitmache“, sagte Hans Castorp zu seinem -Vetter. „Wir haben es manchmal so elend gehabt, – es ist ja ganz, als -hätten wir den Winter schon hinter uns und nun käme die gute Zeit.“ Er -hatte recht. Wenige Merkmale deuteten auf den wahren Sachverhalt, und -auch diese waren unscheinbar. Nahm man ein paar gepflanzte Ahorne -beiseite, die unten in „Platz“ nur eben ihr Leben fristeten und längst -mutlos ihre Blätter hatten fallen lassen, so gab es keine Laubbäume -hier, deren Zustand der Landschaft das Gepräge der Jahreszeit -aufgedrückt hätte, und nur die zwittrige Alpenerle, die weiche Nadeln -trägt und diese wie Blätter wechselt, zeigte sich herbstlich kahl. Der -übrige Baumschmuck der Gegend, ob ragend oder geduckt, war immergrünes -Nadelholz, fest gegen den Winter, der, undeutlich eingeschränkt, seine -Schneestürme hier über das ganze Jahr verteilen darf; und nur ein -mehrfach gestufter, roströtlicher Ton über dem Forst ließ trotz dem -Sommerbrande des Himmels das sinkende Jahr erkennen. Freilich waren da, -näher zugesehen, noch die Wiesenblumen, die gleichfalls leise zur Sache -redeten. Es gab das orchideenähnliche Knabenkraut, die staudenförmige -Akelei nicht mehr, die bei des Besuchers Ankunft noch das Gehänge -geschmückt hatten, und auch die wilde Nelke war nicht mehr da. Nur noch -der Enzian, die kurzaufsitzende Herbstzeitlose waren zu sehen und gaben -Bescheid über eine gewisse innere Frische der oberflächlich erhitzten -Atmosphäre, eine Kühle, die dem Ruhenden, äußerlich fast Versengten -plötzlich ans Gebein treten konnte, wie ein Frostschauer dem -Fieberglühenden. - -Hans Castorp also hielt innerlich nicht jene Ordnung, womit der die Zeit -bewirtschaftende Mensch ihren Ablauf beaufsichtigt, ihre Einheiten -abteilt, zählt und benennt. Er hatte auf den stillen Anbruch des zehnten -Monats nicht achtgehabt; nur das Sinnliche berührte ihn, die Sonnenglut -mit der geheimen Frostfrische darin und darunter, – eine Empfindung, die -ihm in dieser Stärke neu war und ihn zu einem kulinarischen Vergleich -anregte: sie erinnerte ihn, einer Äußerung zufolge, die er gegen Joachim -tat, an eine „_Omelette en surprise_“ mit Gefrorenem unter dem heißen -Eierschaum. Er sagte öfter solche Dinge, sagte sie rasch, geläufig und -mit bewegter Stimme, wie ein Mensch spricht, den es fröstelt bei heißer -Haut. Dazwischen freilich war er auch schweigsam, um nicht zu sagen: in -sich gekehrt; denn seine Aufmerksamkeit war wohl nach außen gerichtet, -aber auf einen Punkt; das übrige, Menschen wie Dinge, verschwamm im -Nebel, einem in Hans Castorps Hirn erzeugten Nebel, den Hofrat Behrens -und Dr. Krokowski zweifellos als das Produkt löslicher Gifte -angesprochen haben würden, wie der Benebelte sich selber sagte, ohne daß -diese Einsicht das Vermögen oder auch nur im entferntesten den Wunsch in -ihm gezeitigt hätte, des Rausches ledig zu werden. - -Denn das ist ein Rausch, dem es um sich selber zu tun ist, und dem -nichts unerwünschter und verabscheuenswürdiger scheint, als die -Ernüchterung. Er behauptet sich auch gegen dämpfende Eindrücke, er läßt -sie nicht zu, um sich zu bewahren. Hans Castorp wußte und hatte es -früher selbst zur Sprache gebracht, daß Frau Chauchat im Profil nicht -günstig aussah, etwas scharf, nicht mehr ganz jung. Die Folge? Er -vermied es, sie im Profil zu betrachten, schloß buchstäblich die Augen, -wenn sie ihm zufällig von fern oder nah diese Ansicht bot, es tat ihm -weh. Warum? Seine Vernunft hätte freudig die Gelegenheit wahrnehmen -sollen, sich zur Geltung zu bringen! Aber was verlangt man ... Er wurde -blaß vor Entzücken, als Clawdia in diesen glänzenden Tagen zum zweiten -Frühstück wieder einmal in der weißen Spitzenmatinee erschien, die sie -bei warmem Wetter trug, und die sie so außerordentlich reizvoll machte, -– verspätet und türschmetternd darin erschien und lächelnd, die Arme -leicht zu ungleicher Höhe erhoben, gegen den Saal Front machte, um sich -zu präsentieren. Aber er war entzückt nicht sowohl dadurch, daß sie so -günstig aussah, sondern _darüber_, daß es so war, weil das den süßen -Nebel in seinem Kopf verstärkte, den Rausch, der sich selber wollte, und -dem es darum zu tun war, gerechtfertigt und genährt zu werden. - -Ein Gutachter von der Denkungsart Lodovico Settembrinis hätte angesichts -eines solchen Mangels an gutem Willen geradezu von Liederlichkeit, von -„einer Form der Liederlichkeit“ sprechen mögen. Hans Castorp gedachte -zuweilen der schriftstellerischen Dinge, die jener über „Krankheit und -Verzweiflung“ geäußert, und die er unbegreiflich gefunden oder so zu -finden sich den Anschein gegeben hatte. Er sah Clawdia Chauchat an, die -Schlaffheit ihres Rückens, die vorgeschobene Haltung ihres Kopfes; er -sah sie beständig mit großer Verspätung zu Tisch kommen, ohne Grund und -Entschuldigung, einzig aus Mangel an Ordnung und gesitteter Energie; sah -sie aus eben diesem grundlegenden Mangel jede Tür hinter sich zufallen -lassen, durch die sie aus oder ein ging, Brotkugeln drehen und -gelegentlich an den seitlichen Fingerspitzen kauen, – und eine wortlose -Ahnung stieg in ihm auf, daß, wenn sie krank war, und das war sie wohl, -fast hoffnungslos krank, da sie ja schon so lange und oft hier oben -hatte leben müssen, – ihre Krankheit, wenn nicht gänzlich, so doch zu -einem guten Teile moralischer Natur, und zwar wirklich, wie Settembrini -gesagt hatte, nicht Ursache oder Folge ihrer „Lässigkeit“, sondern mit -ihr ein und dasselbe war. Er erinnerte sich auch der wegwerfenden -Gebärde, womit der Humanist von den „Parthern und Skythen“ gesprochen -hatte, mit denen er Liegekur halten müsse, einer Gebärde natürlicher und -unmittelbarer, nicht erst zu begründender Geringschätzung und Ablehnung, -auf die Hans Castorp sich von früher her wohl verstand, – von damals -her, als er, der sich bei Tische sehr gerade hielt, das Türenwerfen aus -Herzensgrund haßte und nicht einmal in Versuchung kam, an den Fingern zu -kauen (schon darum nicht, weil ihm statt dessen Maria Mancini gegeben -war), an den Ungezogenheiten Frau Chauchats schweren Anstoß genommen und -sich eines Gefühls der Überlegenheit nicht hatte entschlagen können, als -er die schmaläugige Fremde in seiner Muttersprache sich hatte versuchen -hören. - -Solcher Empfindungen hatte Hans Castorp sich nun, auf Grund der inneren -Sachlage, fast ganz begeben, und der Italiener war es viel mehr, an dem -er sich ärgerte, weil dieser in seinem Dünkel von „Parthern und Skythen“ -gesprochen, – während er doch nicht einmal Personen vom „Schlechten“ -Russentisch im Auge gehabt hatte, demjenigen, an dem die Studenten mit -dem allzu dicken Haar und der unsichtbaren Wäsche saßen und unaufhörlich -in ihrer wildfremden Sprache disputierten, außer der sie sich offenbar -in keiner auszudrücken wußten, und deren knochenloser Charakter an einen -Thorax ohne Rippen erinnerte, wie Hofrat Behrens es neulich beschrieben -hatte. Es war richtig, daß die Sitten dieser Leute einem Humanisten wohl -lebhafte Abstandsgefühle erregen konnten. Sie aßen mit dem Messer und -besudelten auf nicht wiederzugebende Weise die Toilette. Settembrini -behauptete, daß einer von ihrer Gesellschaft, ein Mediziner in höheren -Semestern, sich des Lateinischen vollkommen unkundig erwiesen, -beispielsweise nicht gewußt habe, was ein _vacuum_ sei, und nach Hans -Castorps eigenen täglichen Erfahrungen log Frau Stöhr wahrscheinlich -nicht, wenn sie bei Tische erzählte, das Ehepaar auf Nr. 32 empfange den -Bademeister morgens, wenn er zur Abreibung komme, zusammen im Bette -liegend. - -Mochte dies alles zutreffen, so bestand doch die augenfällige Scheidung -von „gut“ und „schlecht“ nicht umsonst, und Hans Castorp versicherte -sich selbst, er habe nur ein Achselzucken für irgendeinen Propagandisten -der Republik und des schönen Stils, der, hochnäsig und nüchtern – -namentlich nüchtern, obgleich auch er febril und beschwipst war –, die -beiden Tischgesellschaften unter dem Namen von Parthern und Skythen -zusammenfaßte. Wie es gemeint war, verstand der junge Hans Castorp sehr -weitgehend, er hatte ja auch angefangen, sich auf die Zusammenhänge von -Frau Chauchats Krankheit mit ihrer „Lässigkeit“ zu verstehen. Aber es -verhielt sich, wie er selbst eines Tages zu Joachim gesagt hatte: man -beginnt mit Ärgernis und Abstandsgefühlen, auf einmal aber „kommt ganz -anderes dazwischen“, was „mit Urteilen gar nichts zu tun hat“, und die -Sittenstrenge hat ausgespielt, – man ist pädagogischen Einflüssen -republikanischer und eloquenter Art kaum noch zugänglich. Was ist aber -das, fragen wir, wahrscheinlich auch in Lodovico Settembrinis Sinn, was -ist das für ein fragwürdiges Zwischenkommnis, das des Menschen Urteil -lahmlegt und ausschaltet, ihn des Rechtes darauf beraubt oder vielmehr -ihn bestimmt, sich dieses Rechtes mit unsinnigem Entzücken zu begeben? -Wir fragen nicht nach seinem Namen, denn diesen kennt jeder. Wir -erkundigen uns nach seiner moralischen Beschaffenheit, – und erwarten, -offen gestanden, keine sehr hochgemute Antwort darauf. In Hans Castorps -Fall bewährte sich diese Beschaffenheit in dem Grade, daß er nicht -allein aufhörte, zu urteilen, sondern auch begann, mit der Lebensform, -die es ihm angetan, seinerseits Versuche anzustellen. Er versuchte, wie -es sei, wenn man bei Tische zusammengesunken, mit schlaffem Rücken -dasäße, und fand, daß es eine große Erleichterung für die Beckenmuskeln -bedeute. Ferner probierte er es, eine Tür, durch die er schritt, nicht -umständlich hinter sich zu schließen, sondern sie zufallen zu lassen; -und auch dies erwies sich sowohl als bequem wie als angemessen: es -entsprach im Ausdruck jenem Achselzucken, mit dem Joachim ihn seinerzeit -gleich am Bahnhof begrüßt, und das er seitdem so oft bei Denen hier oben -gefunden hatte. - -Schlicht gesagt, war unser Reisender nun also über beide Ohren in -Clawdia Chauchat verliebt, – wir gebrauchen nochmals dies Wort, da wir -dem Mißverständnis, das es erregen könnte, hinlänglich vorgebeugt zu -haben meinen. Freundlich gemütvolle Wehmut im Geist jenes Liedchens war -es also nicht, was das Wesen seiner Verliebtheit ausmachte. Vielmehr war -das eine ziemlich riskierte und unbehauste Abart dieser Betörung, aus -Frost und Hitze gemischt wie das Befinden eines Febrilen oder wie ein -Oktobertag in oberen Sphären; und was fehlte, war eben ein gemüthaftes -Mittel, das ihre extremen Bestandteile verbunden hätte. Sie bezog sich -einerseits mit einer Unmittelbarkeit, die den jungen Mann erblassen ließ -und seine Gesichtszüge verzerrte, auf Frau Chauchats Knie und die Linie -ihres Beines, auf ihren Rücken, ihre Nackenwirbel und ihre Oberarme, von -denen die kleine Brust zusammengepreßt wurde, – mit einem Worte auf -ihren Körper, ihren lässigen und gesteigerten, durch die Krankheit -ungeheuer betonten und noch einmal zum Körper gemachten Körper. Und sie -war andererseits etwas äußerst Flüchtiges und Ausgedehntes, ein Gedanke, -nein, ein Traum, der schreckhafte und grenzenlos verlockende Traum eines -jungen Mannes, dem auf bestimmte, wenn auch unbewußt gestellte Fragen -nur ein hohles Schweigen geantwortet hatte. Wie jedermann, nehmen wir -das Recht in Anspruch, uns bei der hier laufenden Erzählung unsere -privaten Gedanken zu machen, und wir äußern die Mutmaßung, daß Hans -Castorp die für seinen Aufenthalt bei Denen hier oben ursprünglich -angesetzte Frist nicht einmal bis zu dem gegenwärtig erreichten Punkt -überschritten hätte, wenn seiner schlichten Seele aus den Tiefen der -Zeit über Sinn und Zweck des Lebensdienstes eine irgendwie befriedigende -Auskunft zuteil geworden wäre. - -Im übrigen fügte seine Verliebtheit ihm all die Schmerzen zu und -gewährte ihm all die Freuden, die dieser Zustand überall und unter allen -Umständen mit sich bringt. Der Schmerz ist durchdringend; er enthält ein -entehrendes Element, wie jeder Schmerz, und bedeutet eine solche -Erschütterung des Nervensystems, daß er den Atem verschlägt und einem -erwachsenen Manne bittere Tränen entpressen kann. Um auch den Freuden -gerecht zu werden, so waren sie zahlreich und, obgleich aus -unscheinbaren Anlässen entstehend, nicht weniger eindringlich als die -Leiden. Fast jeder Augenblick des Berghof-Tages war fähig, sie zu -zeitigen. Zum Beispiel: im Begriff, den Speisesaal zu betreten, bemerkt -Hans Castorp den Gegenstand seiner Träume hinter sich. Das Ergebnis ist -im voraus klar und von größter Simplizität, aber innerlich entzückend -bis zu ebenfalls tränentreibender Wirkung. Ihre Augen begegnen sich -nahe, die seinen und ihre graugrünen, deren leicht asiatischer Sitz und -Schnitt ihm das Mark bezaubern. Er ist besinnungslos, aber auch ohne -Besinnung tritt er seitlich zurück, um ihr zuerst den Weg durch die Tür -freizugeben. Mit halbem Lächeln und einem halblauten „_Merci_“ macht sie -Gebrauch von seinem nicht mehr als gesitteten Anerbieten, geht vorbei -und hindurch. Im Hauch ihrer vorüberstreichenden Person steht er, -närrisch vor Glück über das Zusammentreffen und darüber, daß ein Wort -ihres Mundes, nämlich das _Merci_, ihm direkt und persönlich gegolten. -Er folgt ihr, er schwankt rechtshin zu seinem Tische, und indem er auf -seinen Stuhl sinkt, darf er wahrnehmen, daß „Clawdia“ drüben, ebenfalls -Platz nehmend, sich nach ihm umblickt, – mit einem Ausdruck des -Nachdenkens über die Begegnung an der Tür, wie ihm scheint. O -unglaubwürdiges Abenteuer! O Jubel, Triumph und grenzenloses Frohlocken! -Nein, diesen Rausch phantastischer Genugtuung hätte Hans Castorp nicht -erprobt bei dem Blick irgendeines gesunden Gänschens, dem er drunten im -Flachlande erlaubter-, friedlicher- und aussichtsreicherweise, im Sinne -jenes Liedchens, „sein Herz geschenkt“ hätte. Mit fiebriger -Aufgeräumtheit begrüßt er die Lehrerin, die alles gesehen hat und -flaumig errötet ist, – worauf er Miß Robinson mit englischer -Konversation von solcher Sinnlosigkeit berennt, daß das Fräulein, im -Ekstatischen nicht bewandert, sogar zurückprallt und ihn mit Blicken -voller Befürchtungen mißt. - -Ein andermal fallen beim Abendessen die Strahlen der klar untergehenden -Sonne auf den Guten Russentisch. Man hat die Vorhänge vor die -Verandatüren und Fenster gezogen, aber irgendwo klafft da ein Spalt, und -durch ihn findet der rote Schein kühl, aber blendend seinen Weg und -trifft genau Frau Chauchats Kopf, so daß sie, im Gespräch mit dem -konkaven Landsmann zu ihrer Rechten, sich mit der Hand dagegen schützen -muß. Das ist eine Belästigung, aber keine schwere; niemand kümmert sich -darum, die Betroffene selbst ist sich der Unbequemlichkeit wohl nicht -einmal bewußt. Aber Hans Castorp sieht es über den Saal hinweg, – auch -er sieht es eine Weile mit an. Er überprüft die Sachlage, verfolgt den -Weg des Strahles, stellt den Ort seines Einfalles fest. Es ist das -Bogenfenster dort hinten rechts, in der Ecke zwischen der einen -Verandatür und dem Schlechten Russentisch, weit von Frau Chauchats -Platze entfernt und fast genau ebensoweit von dem Hans Castorps. Und er -faßt seine Entschlüsse. Ohne ein Wort steht er auf, geht, seine -Serviette in der Hand, schräg zwischen den Tischen hin durch den Saal, -schlägt da hinten die cremefarbenen Vorhänge gut übereinander, überzeugt -sich durch einen Blick über die Schulter, daß der Abendschein -ausgesperrt und Frau Chauchat befreit ist – und begibt sich unter -Aufbietung vielen Gleichmutes auf den Rückweg. Ein aufmerksamer junger -Mann, der das Notwendige tut, da sonst niemand darauf verfällt, es zu -tun. Die wenigsten hatten auf sein Eingreifen geachtet, aber Frau -Chauchat hatte die Erleichterung sofort gespürt und sich umgeblickt, – -sie blieb in dieser Haltung, bis Hans Castorp seinen Platz wieder -erreicht hatte und, sich setzend, zu ihr hinübersah, worauf sie mit -freundlich erstauntem Lächeln dankte, das heißt: ihren Kopf mehr -vorschob als neigte. Er quittierte mit einer Verbeugung. Sein Herz war -unbeweglich, es schien überhaupt nicht zu schlagen. Erst später, als -alles vorüber war, begann es zu hämmern, und da bemerkte er erst, daß -Joachim die Augen still auf seinen Teller gerichtet hielt, – wie ihm -auch nachträglich deutlich wurde, daß Frau Stöhr Dr. Blumenkohl in die -Seite gestoßen hatte und überall am eigenen Tische und an den anderen -mit geducktem Lachen nach mitwissenden Blicken suchte ... - -Wir schildern Alltägliches; aber das Alltägliche wird sonderbar, wenn es -auf sonderbarer Grundlage gedeiht. Es gab Spannungen und wohltätige -Lösungen zwischen ihnen, – oder wenn nicht zwischen ihnen (denn wie weit -Madame Chauchat davon berührt wurde, wollen wir dahingestellt sein -lassen), so doch für Hans Castorps Phantasie und Gefühl. Nach dem -Mittagessen pflegte in diesen schönen Tagen ein größerer Teil der -Kurgesellschaft sich auf die dem Speisesaal vorgelagerte Veranda hinaus -zu begeben, um eine Viertelstunde gruppenweise in der Sonne zu -verweilen. Es ging da zu, und ein Bild entwickelte sich, ähnlich wie bei -der vierzehntägigen Sonntagsblechmusik. Die jungen Leute, absolut müßig, -übermäßig gesättigt mit Fleischspeisen und Süßigkeiten, und alle leicht -fiebernd, plauderten, schäkerten, äugten. Frau Salomon aus Amsterdam -mochte wohl an der Balustrade sitzen, – hart mit den Knien bedrängt von -dem wulstlippigen Gänser auf der einen und dem schwedischen Recken auf -der anderen Seite, der, obgleich völlig genesen, seinen Aufenthalt zu -einer kleinen Nachkur noch etwas verlängerte. Frau Iltis schien Witwe zu -sein, denn sie erfreute sich seit kurzem der Gesellschaft eines -„Bräutigams“, von übrigens zugleich melancholischer und untergeordneter -Erscheinung, dessen Vorhandensein sie denn auch nicht hinderte, -gleichzeitig die Huldigungen des Hauptmanns Miklosich, eines Mannes mit -Hakennase, gewichstem Schnurrbart, erhabener Brust und drohenden Augen, -entgegenzunehmen. Es waren da Liegehallendamen verschiedener -Nationalität, neue Figuren darunter, erst seit dem 1. Oktober sichtbar -geworden, die Hans Castorp kaum schon bei Namen zu nennen gewußt hätte, -untermischt mit Kavalieren vom Schlage des Herrn Albin; monokeltragenden -Siebzehnjährigen; einem bebrillten jungen Holländer mit rosigem Gesicht -und monomanischer Leidenschaft für den Briefmarkentausch; verschiedenen -Griechen, pomadisiert und mandeläugig, bei Tische zu Übergriffen -geneigt; zwei eng zusammengehörigen Stutzerchen, die „Max und Moritz“ -genannt wurden und für große Ausbrecher galten ... Der bucklige -Mexikaner, dem Nichtkenntnis der hier vertretenen Sprachen den -Gesichtsausdruck eines Tauben verlieh, nahm unaufhörlich photographische -Aufnahmen vor, indem er sein Stativ mit schnurriger Behendigkeit von -einem Punkt der Terrasse zum andern schleppte. Auch der Hofrat mochte -sich wohl einfinden, um das Kunststück mit den Stiefelbändern -aufzuführen. Irgendwo aber drückte sich einsam der mannheimische -Religiöse in die Menge, und seine bis in den Grund hinein traurigen -Augen gingen zu Hans Castorps Ekel heimlich gewisse Wege. - -Um denn mit einem oder dem anderen Beispiel auf jene „Spannungen und -Lösungen“ zurückzukommen, so mochte bei einer solchen Gelegenheit Hans -Castorp auf einem lackierten Gartenstuhl und in gesprächiger -Unterhaltung mit Joachim, den er trotz seines Widerstrebens gezwungen -hatte, mit herauszukommen, an der Hauswand sitzen, während vor ihm Frau -Chauchat mit ihren Tischgenossen eine Zigarette rauchend an der Brüstung -stand. Er sprach für sie, damit sie ihn höre. Sie wandte ihm den Rücken -zu ... Man sieht, wir haben jetzt einen bestimmten Fall im Auge. Des -Vetters Gespräch hatte ihm nicht genügt für seine affektierte -Redseligkeit, er hatte absichtlich eine Bekanntschaft gemacht, – welche? -Die Bekanntschaft Hermine Kleefelds – hatte wie von ungefähr das Wort an -die junge Dame gerichtet, sich selbst und Joachim ihr namentlich -vorgestellt und auch ihr einen lackierten Stuhl herangezogen, um sich zu -dritt besser aufspielen zu können. Ob sie noch wisse, fragte er, wie -teufelsmäßig sie ihn damals erschreckt habe, bei ihrer ersten Begegnung -seinerzeit auf der Morgenpromenade. Ja, das sei _er_ gewesen, den sie -damals so herzerfrischend zum Willkomm angepfiffen! Und ihren Zweck habe -sie erreicht, das wolle er freiwillig gestehen, er sei wie mit einer -Keule vor den Kopf geschlagen gewesen, sie solle nur seinen Vetter -fragen. Ha, ha, mit dem Pneumothorax zu pfeifen und harmlose Wanderer -damit zu erschrecken! Ein frevles Spiel nenne er das, als sündhaften -Mißbrauch bezeichne er es freierdings und in gerechtem Zorne ... Und -während Joachim im Bewußtsein seiner werkzeughaften Rolle mit -niedergeschlagenen Augen saß und auch die Kleefeld aus Hans Castorps -blinden und abschweifenden Blicken allmählich für ihre Person das -kränkende Gefühl gewann, nur als Mittel zum Zwecke zu dienen, schmollte -Hans Castorp und zierte sich und drechselte Redensarten und gab sich -eine wohllautende Stimme, bis er es wirklich erreichte, daß Frau -Chauchat sich nach dem auffällig Redenden umwandte und ihm ins Gesicht -blickte, – aber nur einen Augenblick. Denn so gestaltete es sich, daß -ihre Pribislav-Augen an seiner mit übergeschlagenem Beine sitzenden -Figur rasch hinunterglitten und mit einem Ausdruck von so -geflissentlicher Gleichgültigkeit, daß er wie Verachtung aussah, genau -wie Verachtung, eine Weile auf seinem gelben Stiefel haften blieben, – -worauf sie sich phlegmatisch und vielleicht mit einem Lächeln in ihrer -Tiefe wieder zurückzogen. - -Ein schwerer, schwerer Unglücksfall! Hans Castorp redete noch eine Weile -fieberhaft weiter; dann, als er dieses Blickes auf seinen Stiefel -innerlich recht ansichtig geworden, verstummte er beinahe mitten im Wort -und sank in Gram. Die Kleefeld, gelangweilt und beleidigt, ging ihrer -Wege. Nicht ohne Gereiztheit in der Stimme meinte Joachim, nun könnten -sie ja wohl Liegekur machen. Und ein Gebrochener antwortete ihm bleichen -Mundes, das könnten sie. - -Hans Castorp litt grausam unter diesem Vorfall zwei Tage lang; denn -nichts geschah unterdessen, was Balsam für seine brennende Wunde gewesen -wäre. Warum dieser Blick? Warum ihm ihre Verachtung in des dreifaltigen -Gottes Namen? Sah sie ihn an wie einen gesunden Gimpel von unten, dessen -Aufnahmelustigkeit nur zum Harmlosen neigte? Wie eine Unschuld aus dem -Flachlande, sozusagen, einen gewöhnlichen Kerl, der herumging und lachte -und sich den Bauch vollschlug und Geld verdiente, – einen Musterschüler -des Lebens, der sich auf nichts als auf die langweiligen Vorteile der -Ehre verstand? War er ein windiger Hospitant auf drei Wochen, unteilhaft -ihrer Sphäre, oder hatte er nicht Profeß getan auf Grund einer feuchten -Stelle, – war er nicht eingereiht und zugehörig, einer von Uns hier -oben, mit guten zwei Monaten auf dem Buckel, und war nicht Merkurius -noch gestern abend wieder auf 37,8 gestiegen? ... Aber das eben war es, -das machte sein Leiden vollständig! Merkurius stieg nicht mehr! Die -furchtbare Niedergeschlagenheit dieser Tage bewirkte eine Erkältung, -Ernüchterung und Abspannung von Hans Castorps Natur, die sich zu seiner -bitteren Beschämung in sehr niedrigen, kaum übernormalen Meßergebnissen -äußerte, und grausam war es für ihn, zu gewahren, wie sein Kummer und -Gram nichts weiter vermochte, als ihn von Clawdias Sein und Wesen immer -nur weiter noch zu entfernen. - -Der dritte Tag brachte die zarte Erlösung, brachte sie gleich in der -Frühe. Es war ein herrlicher Herbstmorgen, sonnig und frisch, mit -grausilbrig übersponnenen Wiesen. Sonne und abnehmender Mond standen -gleichzeitig ziemlich gleich hoch am reinen Himmel. Die Vettern waren -früher als gewöhnlich aufgestanden, um dem schönen Tag zu Ehren ihren -Morgenspaziergang ein wenig über die Vorschrift auszudehnen, auf dem -Waldwege, an dem die Bank neben der Wasserrinne stand, etwas weiter -vorzudringen. Joachim, dessen Kurve gerade ebenfalls einen erfreulichen -Abstieg aufwies, hatte die erfrischende Unregelmäßigkeit befürwortet und -Hans Castorp nicht nein gesagt. „Wir sind ja genesene Leute,“ hatte er -gesagt, „abgefiebert und entgiftet, so gut wie reif für das Flachland. -Warum sollten wir nicht ausschlagen wie die Füllen.“ So wanderten sie -barhaupt – denn seit er Profeß getan, hatte Hans Castorp sich in Gottes -Namen der herrschenden Sitte anbequemt, ohne Hut zu gehen, so sicher er -sich anfangs, diesem Brauch gegenüber, seiner Lebensform und Gesittung -gefühlt hatte – und setzten ihre Stöcke. Sie hatten aber den -ansteigenden Teil des rötlichen Weges noch nicht zurückgelegt, waren -erst ungefähr bis zu dem Punkte gelangt, wo damals der pneumatische -Trupp dem Neuling begegnet war, als sie vor sich in einiger Entfernung, -langsam steigend, Frau Chauchat gewahrten, Frau Chauchat in Weiß, in -weißem Sweater, weißem Flanellrock, und sogar in weißen Schuhen, das -rötliche Haar von der Morgensonne erleuchtet. Genauer gesagt: Hans -Castorp hatte sie erkannt; Joachim fand sich erst durch ein unangenehmes -Gefühl des Ziehens und Zerrens an seiner Seite auf die Umstände -hingewiesen, – ein Gefühl, hervorgebracht durch die antreibend -beschwingtere Gangart, die sein Begleiter plötzlich angeschlagen, -nachdem er zuvor seine Schritte jäh gehemmt hatte und beinahe -stehengeblieben war. Solches Gehetztwerden empfand Joachim als äußerst -unzuträglich und ärgerlich; sein Atem verkürzte sich rasch, und er -hüstelte. Aber den zielbewußten Hans Castorp, dessen Organe prachtvoll -zu arbeiten schienen, kümmerte das wenig; und da sein Vetter der -Sachlage innegeworden, zog er nur schweigend die Brauen zusammen und -hielt Schritt, denn unmöglich konnte er jenen allein voranlaufen lassen. - -Den jungen Hans Castorp belebte der schöne Morgen. Auch hatten in der -Depression seine Seelenkräfte sich heimlich ausgeruht, und klar -leuchtete vor seinem Geist die Gewißheit, daß der Augenblick gekommen -war, da der Bann, der auf ihm gelegen, gebrochen werden sollte. So griff -er aus, den keuchenden, auch sonst widerstrebenden Joachim mit sich -ziehend, und vor der Biegung des Weges, wo er eben ward und rechtshin -den bewaldeten Hügel entlang führte, hatten sie Frau Chauchat so gut wie -erreicht. Da verlangsamte Hans Castorp das Tempo wieder, um nicht in -einem von Anstrengung verwilderten Zustand sein Vorhaben auszuführen. -Und jenseits des Wegknies, zwischen Abhang und Bergwand, zwischen den -rostig gefärbten Fichten, durch deren Zweige Sonnenlichter fielen, trug -es sich zu und begab sich wunderbar, daß Hans Castorp, links von -Joachim, die liebliche Kranke überholte, daß er mit männlichen Tritten -an ihr vorüber ging, und in dem Augenblick, da er sich rechts neben ihr -befand, mit einer hutlosen Verneigung und einem mit halber Stimme -gesprochenen „Guten Morgen“ sie _ehrerbietig_ (wieso eigentlich: -ehrerbietig) begrüßte und Antwort von ihr empfing: mit freundlicher, -nicht weiter erstaunter Kopfneigung dankte sie, sagte auch ihrerseits -guten Morgen in seiner Sprache, wobei ihre Augen lächelten, – und das -alles war etwas anderes, etwas gründlich und beseligend anderes als der -Blick auf seinen Stiefel, es war ein Glücksfall und eine Wendung der -Dinge zum Guten und Allerbesten, ganz beispielloser Art und fast die -Fassungskraft überschreitend; es war die Erlösung. - -Auf Flügelsohlen, geblendet von vernunftloser Freude, im Besitz des -Grußes, des Wortes, des Lächelns, eilte Hans Castorp an des mißbrauchten -Joachim Seite vorwärts, der schweigend von jenem fort den Abhang -hinunter blickte. Ein Streich war es gewesen, ein ziemlich -ausgelassener, und wohl sogar etwas wie Verrat und Tücke in Joachims -Augen, das wußte Hans Castorp sehr gut. Es war nicht geradeso, wie wenn -er jemand Wildfremdes um einen Bleistift ersucht hätte, – vielmehr wäre -es beinahe ungehobelt gewesen, an einer Dame, mit der man seit Monaten -unter demselben Dache lebte, steif und ohne Ehrenbezeigung -vorüberzugehen; und war nicht neulich im Wartezimmer Clawdia sogar ins -Gespräch mit ihnen gekommen? Darum mußte Joachim schweigen. Aber Hans -Castorp verstand wohl, weshalb der ehrliebende Joachim sonst noch -schwieg und abgewendeten Kopfes ging, während er selbst über seinen -gelungenen Streich so ausbündig und durchgängerisch glücklich war. -Glücklicher konnte nicht sein, wer etwa im Flachlande erlaubter-, -aussichtsreicher- und im Grunde vergnügterweise einem gesunden Gänschen -„sein Herz geschenkt“ und großen Erfolg dabei gehabt hatte, – nein, _so -glücklich_, wie er nun über das wenige, das er sich in guter Stunde -geraubt und gesichert, konnte ein solcher nicht sein ... Darum schlug er -nach einer Weile seinen Vetter mit Macht auf die Schulter und sagte: - -„Hallo, du, was ist mit dir? Es ist so schönes Wetter! Nachher wollen -wir zum Kurhaus hinunter, da machen sie wahrscheinlich Musik, bedenke -mal! Vielleicht spielen sie ‚Hier an dem Herzen treu geborgen, die -Blume, sieh, von jenem Morgen‘ aus ‚Carmen‘. Was ist dir über die Leber -gelaufen?“ - -„Nichts“, sagte Joachim. „Aber du siehst so heiß aus, ich fürchte, mit -deiner Senkung ist es zu Ende.“ - -Es _war_ zu Ende damit. Die beschämende Herabstimmung von Hans Castorps -Natur war überwunden durch den Gruß, den er mit Clawdia Chauchat -getauscht hatte, und ganz genau genommen, war es dies Bewußtsein, dem -eigentlich seine Genugtuung galt. Ja, Joachim hatte recht gehabt: -Merkurius stieg wieder! Er stieg, als Hans Castorp ihn nach dem -Spaziergang zu Rate zog, auf rund 38 Grad. - - - Enzyklopädie - -Wenn gewisse Anspielungen Herrn Settembrinis Hans Castorp geärgert -hatten, – verwundern durfte er sich nicht darüber und hatte kein Recht, -den Humanisten erzieherischer Spürsucht zu zeihen. Ein Blinder hätte -bemerken müssen, wie es um ihn stand: er selbst tat nichts, um es -geheimzuhalten, eine gewisse Hochherzigkeit und noble Einfalt hinderte -ihn einfach, aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen, worin er sich -immerhin – und vorteilhaft, wenn man will, – von dem dünnhaarigen -Verliebten aus Mannheim und seinem schleichenden Wesen unterschied. Wir -erinnern und wiederholen, daß dem Zustande, in dem er sich befand, in -der Regel ein Drang und Zwang, sich zu offenbaren, eingeboren ist, ein -Trieb zum Bekenntnis und Geständnis, eine blinde Eingenommenheit von -sich selbst und eine Sucht, die Welt mit sich zu erfüllen, – desto -befremdlicher für uns Nüchterne, je weniger Sinn, Vernunft und Hoffnung -offenbar bei der Sache ist. Wie solche Leute es eigentlich anfangen, -sich zu verraten, ist schwer zu sagen; sie können, scheint es, nichts -tun und lassen, was sie nicht verriete, – besonders nun gar in einer -Gesellschaft, von der ein urteilender Kopf bemerkt hatte, sie habe im -ganzen nur zwei Dinge im Sinn, nämlich erstens Temperatur und dann – -nochmals Temperatur, das heißt zum Beispiel die Frage, mit wem Frau -Generalkonsul Wurmbrandt aus Wien sich für die Flatterhaftigkeit des -Hauptmanns Miklosich schadlos halte: ob mit dem völlig genesenen -schwedischen Recken oder mit dem Staatsanwalt Paravant aus Dortmund oder -drittens mit beiden zugleich. Denn daß die Bande, die den Staatsanwalt -und Frau Salomon aus Amsterdam mehrere Monate lang verknüpft hatten, -nach gütlicher Übereinkunft gelöst worden waren und Frau Salomon, dem -Zuge ihrer Jahre folgend, sich den zarteren Semestern zugewandt und den -wulstlippigen Gänser vom Tische der Kleefeld unter ihre Fittiche -genommen oder, wie Frau Stöhr es in einer Art von Kanzleistil, dabei -aber nicht ohne Anschaulichkeit ausdrückte, ihn „sich beigebogen“ hatte, -– das war sicher und bekannt, so daß folglich der Staatsanwalt freie -Hand hatte, sich der Generalkonsulin wegen mit dem Schweden zu schlagen -oder zu vertragen. - -Diese Prozesse also, die in der Berghofgesellschaft und besonders unter -der febrilen Jugend anhängig waren, und bei denen die Balkondurchgänge -(an den Glaswänden vorbei und das Geländer entlang) offenbar eine -bedeutende Rolle spielten: diese Vorgänge hatte man im Sinn, sie -bildeten einen Hauptbestandteil der hiesigen Lebensluft, – und auch -damit ist das, was hier vorschwebt, nicht eigentlich ausgedrückt. Hans -Castorp hatte nämlich den eigentümlichen Eindruck, daß auf einer -Grundangelegenheit, welcher überall in der Welt eine hinlängliche, in -Ernst und Scherz sich äußernde Wichtigkeit zugebilligt wird, hierorts -denn doch ein Ton-, Wert- und Bedeutungszeichen lag, so schwer und vor -Schwere so neu, daß es die Sache selbst in einem völlig neuen und, wenn -nicht schrecklichen, so doch in seiner Neuheit erschreckenden Lichte -erscheinen ließ. Indem wir dies aussagen, verändern wir unsere Mienen -und bemerken, daß, wenn wir von den fraglichen Beziehungen bisher in -einem leichten und spaßhaften Ton gesprochen haben sollten, es aus -denselben geheimen Gründen geschehen wäre, aus denen es so oft -geschieht, ohne daß für die Leichtigkeit oder Spaßhaftigkeit der Sache -damit irgendetwas bewiesen wäre; und in der Sphäre, wo wir uns befinden, -wäre das in der Tat noch weniger der Fall als anderwärts. Hans Castorp -hatte geglaubt, sich auf jene gern bewitzelte Grundangelegenheit im -üblichen Maße zu verstehen, und mochte mit Recht so geglaubt haben. Nun -erkannte er, daß er sich im Flachlande nur sehr unzulänglich darauf -verstanden, eigentlich sich in einfältiger Unwissenheit darüber befunden -hatte, – während hier persönliche Erfahrungen, deren Natur wir mehrfach -anzudeuten versuchten, und die ihm in gewissen Augenblicken den Ausruf -„Mein Gott!“ abpreßten, ihn allerdings von innen her befähigten, den -steigernden Akzent des Unerhörten, Abenteuerlich-Namenlosen wahrzunehmen -und zu begreifen, den unter Denen hier oben die Sache allgemein und für -jeden trug. Nicht daß man nicht auch hier darüber gewitzelt hätte. Aber -weit mehr noch als unten trug hier diese Manier das Gepräge des -Unsachgemäßen, sie hatte etwas Zähneklapperndes und Kurzatmiges, was sie -als durchsichtigen Deckmantel für die darunter verborgene oder vielmehr -nicht zu verbergende Not allzu deutlich kennzeichnete. Hans Castorp -erinnerte sich des fleckigen Erblassens, das Joachim gezeigt hatte, als -jener zum ersten und einzigen Mal in der unschuldig neckenden Art des -Tieflandes die Rede auf Marusjas Körperlichkeit gebracht hatte. Er -erinnerte sich auch der kalten Blässe, die, als er Frau Chauchat vom -einfallenden Abendlichte befreit, sein eigenes Gesicht überzogen hatte, -– und daran, daß er sie vorher und nachher bei verschiedenen -Gelegenheiten auf manchem fremden Gesicht gewahr geworden war: auf -zweien zugleich in der Regel, zum Beispiel auf den Gesichtern der Frau -Salomon und des jungen Gänser in jenen Tagen, da das, was Frau Stöhr so -redensartlich bezeichnet, sich zwischen ihnen angebahnt hatte. Er -erinnerte sich, sagen wir, daran und verstand, daß es unter solchen -Umständen nicht nur sehr schwer gewesen wäre, sich nicht zu „verraten“, -sondern daß auch die Bemühung darum nur wenig gelohnt haben würde. Mit -anderen Worten: es mochte denn doch wohl nicht allein Hoch- und -Treuherzigkeit, sondern auch eine gewisse Ermutigung durch die -Atmosphäre im Spiele sein, wenn Hans Castorp sich wenig bemüßigt fand, -seinen Empfindungen Zwang anzutun und aus seinem Zustande ein Hehl zu -machen. - -Wäre nicht die von Joachim sofort hervorgehobene Schwierigkeit gewesen, -hier Bekanntschaften zu machen, diese Schwierigkeit, die man -hauptsächlich darauf zurückführen muß, daß die Vettern in der -Kurgesellschaft sozusagen eine Partie und Miniaturgruppe für sich -bildeten, und daß der militärische Joachim, auf nichts als rasche -Genesung bedacht, der näheren Berührung und Gemeinschaft mit den -Leidensgenossen grundsätzlich abhold war: so hätte Hans Castorp noch -weit mehr Gelegenheit gehabt und genommen, seine Gefühle -hochherzig-zügellos unter die Leute zu bringen. Immerhin konnte Joachim -ihn eines Abends während der Salongeselligkeit betreffen, wie er mit -Hermine Kleefeld, ihren beiden Tischherren Gänser und Rasmussen und -viertens dem Jungen mit dem Einglas und dem Fingernagel zusammenstand -und mit Augen, die ihren übernormalen Glanz nicht verleugneten, mit -bewegter Stimme eine Stegreifrede über Frau Chauchats eigen- und -fremdartige Gesichtsbildung hielt, während seine Zuhörer Blicke -tauschten, sich anstießen und kicherten. - -Das war peinigend für Joachim; aber der Urheber solcher Lustbarkeit war -unempfindlich gegen die Enthüllung seines Zustandes, er mochte meinen, -daß derselbe, unbeachtet und verborgen, nicht zu seinem Rechte gekommen -wäre. Des allgemeinen Verständnisses dafür durfte er sicher sein. Die -Schadenfreude, die sich darein mischte, nahm er in den Kauf. Nicht nur -von seinem eigenen Tisch, sondern nachgerade auch von anderen, -benachbarten blickte man auf ihn, um sich an seinem Erbleichen und -Erröten zu weiden, wenn nach Beginn einer Mahlzeit die Glastür ins -Schloß schmetterte, und auch hiermit war er wohl gar noch zufrieden, da -es ihm schien, daß seinem Rausch, indem er Aufmerksamkeit erregte, eine -gewisse Anerkennung und Bestätigung von außen zuteil werde, geeignet, -seine Sache zu fördern, seine unbestimmten und unvernünftigen Hoffnungen -zu ermutigen, – und das beglückte ihn sogar. Es kam dahin, daß man sich -buchstäblich versammelte, um dem Verblendeten zuzusehen. Das war etwa -nach Tische auf der Terrasse oder am Sonntag nachmittag vor der -Conciergeloge, wenn die Kurgäste dort ihre Post in Empfang nahmen, die -an diesem Tage nicht auf die Zimmer verteilt wurde. Vielfach wußte man, -daß da ein kolossal Beschwipster und Hochilluminierter sei, der sich -alles anmerken ließ, und so standen etwa Frau Stöhr, Fräulein Engelhart, -die Kleefeld nebst ihrer Freundin mit dem Tapirgesicht, der unheilbare -Herr Albin, der junge Mann mit dem Fingernagel und noch dieses oder -jenes Mitglied der Patientenschaft, – standen mit hinuntergezogenen -Mündern und durch die Nase pruschend und sahen ihm zu, der, verloren und -leidenschaftlich lächelnd, jene Hitze auf den Wangen, die ihn sofort am -ersten Abend seines Hierseins ergriffen, jenen Glanz in den Augen, den -schon der Husten des Herrenreiters darin entzündet, in einer bestimmten -Richtung blickte ... - -Eigentlich war es schön von Herrn Settembrini, daß er unter solchen -Umständen auf Hans Castorp zutrat, um ihn in ein Gespräch zu ziehen und -nach seinem Ergehen zu fragen; aber es ist zweifelhaft, ob dieser die -menschenfreundliche Vorurteilslosigkeit, die darin lag, dankbar zu -würdigen wußte. Es mochte im Vestibül sein, am Sonntag nachmittag. Beim -Concierge drängten sich die Gäste und streckten die Hände nach ihrer -Post. Auch Joachim war dort vorn. Sein Vetter war zurückgeblieben und -trachtete in der beschriebenen Verfassung, einen Blick Clawdia Chauchats -zu gewinnen, die mit ihrer Tischgesellschaft in der Nähe stand, wartend, -daß das Gedräng an der Loge sich lichten möge. Es war eine Stunde, die -die Kurgäste durcheinandermischte, eine Stunde der Gelegenheiten, -geliebt und ersehnt aus diesem Grunde von dem jungen Hans Castorp. Vor -acht Tagen war er am Schalter in sehr nahe Berührung mit Madame Chauchat -gekommen, so daß sie ihn sogar etwas gestoßen und mit flüchtiger -Kopfwendung „_Pardon_“ zu ihm gesagt hatte, – worauf er kraft einer -febrilen Geistesgegenwart, die er segnete, zu antworten vermocht hatte: - -„_Pas de quoi, madame!_“ - -Welche Lebensgunst, dachte er, daß jeden Sonntag nachmittag mit -Sicherheit in der Vorhalle Postverteilung stattfand! Man kann sagen, daß -er die Woche konsumiert hatte, indem er auf die Wiederkehr derselben -Stunde in sieben Tagen wartete, und Warten heißt: Voraneilen, heißt: -Zeit und Gegenwart nicht als Geschenk, sondern nur als Hindernis -empfinden, ihren Eigenwert verneinen und vernichten und sie im Geist -überspringen. Warten, sagt man, sei langweilig. Es ist jedoch ebensowohl -oder sogar eigentlich kurzweilig, indem es Zeitmengen verschlingt, ohne -sie um ihrer selbst willen zu leben und auszunutzen. Man könnte sagen, -der Nichts-als-Wartende gleiche einem Fresser, dessen Verdauungsapparat -die Speisen, ohne ihre Nähr- und Nutzwerte zu verarbeiten, massenhaft -durchtriebe. Man könnte weitergehen und sagen: wie unverdaute Speise -ihren Mann nicht stärker mache, so mache verwartete Zeit nicht älter. -Freilich kommt reines und unvermischtes Warten praktisch nicht vor. - -Es war also die Woche verschlungen und die Sonntagnachmittagspoststunde -wieder in Kraft getreten, nicht anders, als wäre es immer noch die von -vor sieben Tagen. Aufs erregendste fuhr sie fort, Gelegenheit zu machen, -barg und bot in jeder Minute die Möglichkeit, mit Frau Chauchat in -gesellschaftliche Beziehungen zu treten: Möglichkeiten, von denen Hans -Castorp sich das Herz pressen und jagen ließ, ohne sie ins Wirkliche -übertreten zu lassen. Dem standen Hemmungen entgegen, die teils -militärischer, teils zivilistischer Natur waren: – teils nämlich mit der -Gegenwart des ehrenhaften Joachim und mit Hans Castorps eigener Ehre und -Pflicht zusammenhingen, teils aber auch in dem Gefühl ihren Grund -hatten, daß gesellschaftliche Beziehungen zu Clawdia Chauchat, -_gesittete_ Beziehungen, bei denen man „Sie“ sagte und Verbeugungen -machte und womöglich Französisch sprach, – nicht nötig, nicht -wünschenswert, nicht das Richtige seien ... Er stand und sah sie lachend -sprechen, genau wie Pribislav Hippe dereinst auf dem Schulhof sprechend -gelacht hatte: ihr Mund öffnete sich ziemlich weit dabei, und ihre -schiefstehenden graugrünen Augen über den Backenknochen zogen sich zu -schmalen Ritzen zusammen. Das war durchaus nicht „schön“; aber es war, -wie es war, und bei der Verliebtheit kommt das ästhetische -Vernunfturteil so wenig zu seinem Recht, wie das moralische. – - -„Sie erwarten ebenfalls Briefschaften, Ingenieur?“ - -So redete nur einer, ein Störender. Hans Castorp fuhr zusammen und -wandte sich Herrn Settembrini zu, der lächelnd vor ihm stand. Es war das -feine und humanistische Lächeln, mit dem er dereinst bei der Bank am -Wasserlauf den Ankömmling zuerst begrüßt hatte, und wie damals schämte -Hans Castorp sich, als er es sah. Aber wie oft er auch im Traume den -„Drehorgelmann“ von der Stelle zu drängen gesucht hatte, weil er „hier -störe“, – der wachende Mensch ist besser als der träumende, und nicht -nur zu seiner Beschämung und Ernüchterung wurde Hans Castorp dieses -Lächelns wieder ansichtig, sondern auch mit Gefühlen dankbarer -Bedürftigkeit. Er sagte: - -„Gott, Briefschaften, Herr Settembrini. Ich bin doch kein Ambassadeur! -Vielleicht ist eine Postkarte da für einen von uns. Mein Vetter sieht -eben mal nach.“ - -„Mir hat der hinkende Teufel da vorn meine kleinen Korrespondenzen schon -ausgehändigt“, sagte Settembrini und führte die Hand zur Seitentasche -seines unvermeidlichen Flausrockes. „Interessante Dinge, Dinge von -literarischer und sozialer Tragweite, ich leugne es nicht. Es handelt -sich um ein enzyklopädisches Werk, an dem mitzuarbeiten ein humanitäres -Institut mich würdigt ... Kurz, um schöne Arbeit.“ Herr Settembrini -brach ab. „Aber Ihre Angelegenheiten?“ fragte er. „Wie steht es damit? -Wie weit ist beispielsweise der Akklimatisierungsprozeß gediehen? Sie -weilen alles in allem so lange noch nicht in unserer Mitte, daß die -Frage nicht mehr an der Tagesordnung wäre.“ - -„Danke, Herr Settembrini; es hat nach wie vor seine Schwierigkeiten -damit. Ich halte für möglich, daß es das bis zum letzten Tage haben -wird. Manche gewöhnen sich nie, sagte mein Vetter mir gleich, als ich -ankam. Aber man gewöhnt sich daran, daß man sich nicht gewöhnt.“ - -„Ein verwickelter Vorgang“, lachte der Italiener. „Eine sonderbare Art -der Einbürgerung. Natürlich, die Jugend ist zu allem fähig. Sie gewöhnt -sich nicht, aber sie schlägt Wurzeln.“ - -„Und schließlich ist das ja kein sibirisches Bergwerk hier.“ - -„Nein. Oh, Sie bevorzugen östliche Vergleiche. Sehr begreiflich. Asien -verschlingt uns. Wohin man blickt: tatarische Gesichter.“ Und Herr -Settembrini wandte diskret den Kopf über die Schulter. „Dschingis-Khan,“ -sagte er, „Steppenwolfslichter, Schnee und Schnaps, Knute, Schlüsselburg -und Christentum. Man sollte der Pallas Athene hier in der Vorhalle einen -Altar errichten, – im Sinne der Abwehr. Sehen Sie, da vorn ist so ein -Iwan Iwanowitsch ohne Weißzeug mit dem Staatsanwalt Paravant in Streit -geraten. Jeder will vor dem anderen an der Reihe sein, seine Post zu -empfangen. Ich weiß nicht, wer recht hat, aber für mein Gefühl steht der -Staatsanwalt im Schutze der Göttin. Er ist zwar ein Esel, aber er -versteht wenigstens Latein.“ - -Hans Castorp lachte, – was Herr Settembrini niemals tat. Man konnte ihn -sich herzlich lachend gar nicht vorstellen; über die feine und trockene -Spannung seines Mundwinkels brachte er es nicht hinaus. Er sah dem -jungen Manne beim Lachen zu und fragte dann: - -„Ihr Diapositiv – haben Sie bekommen?“ - -„Das habe ich bekommen!“ bestätigte Hans Castorp wichtig. „Schon -neulich. Hier ist es.“ Und er griff in die innere Brusttasche. - -„Ah, Sie tragen es im Portefeuille. Wie einen Ausweis sozusagen, einen -Paß oder eine Mitgliedskarte. Sehr gut. Lassen Sie sehen!“ Und Herr -Settembrini hob die kleine, mit schwarzen Papierstreifen gerahmte -Glasplatte gegen das Licht, indem er sie zwischen Daumen und Zeigefinger -seiner Linken hielt, – eine oft gesehene, sehr übliche Bewegung hier -oben. Sein Gesicht mit den schwarzen Mandelaugen grimassierte ein wenig, -während er das funebre Lichtbild prüfte, – ohne ganz deutlich werden zu -lassen, ob es nur des genaueren Sehens wegen oder aus anderen Gründen -geschah. - -„Ja, ja“, sagte er dann. „Hier haben Sie Ihre Legitimation, ich danke -bestens.“ Und er reichte das Glas seinem Besitzer zurück, reichte es ihm -von der Seite, gewissermaßen über den eigenen Arm hinüber und -abgewandten Gesichtes. - -„Haben Sie die Stränge gesehen?“ fragte Hans Castorp. „Und die -Knötchen?“ - -„Sie wissen,“ antwortete Herr Settembrini schleppend, „wie ich über den -Wert dieser Produkte denke. Sie wissen auch, daß die Flecke und -Dunkelheiten da im Inneren zum allergrößten Teil physiologisch sind. Ich -habe hundert Bilder gesehen, die ungefähr aussahen wie Ihres, und die -die Entscheidung, ob sie wirklich einen ‚Ausweis‘ bildeten oder nicht, -einigermaßen in das Belieben des Beurteilers stellten. Ich rede als -Laie, aber immerhin als ein langjähriger Laie.“ - -„Sieht Ihr eigener Ausweis schlimmer aus?“ - -„Ja, etwas schlimmer. – Übrigens ist mir bekannt, daß auch unsere Herren -und Meister auf dieses Spielzeug allein keine Diagnose gründen. – Und -Sie beabsichtigen nun also, bei uns zu überwintern?“ - -„Ja, lieber Gott ... Ich fange an, mich an den Gedanken zu gewöhnen, daß -ich erst mit meinem Vetter zusammen wieder hinunterfahren werde.“ - -„Das heißt, Sie gewöhnen sich daran, daß Sie sich nicht ... Sie -formulierten das sehr witzig. Ich hoffe, Sie haben Ihre Sachen erhalten, -– warme Kleider, solides Schuhwerk?“ - -„Alles. Alles in schönster Ordnung, Herr Settembrini. Ich habe meine -Verwandten informiert, und unsere Haushälterin hat mir alles als Eilgut -geschickt. Ich kann es nun aushalten.“ - -„Das beruhigt mich. Aber halt, Sie brauchen einen Sack, einen Pelzsack, -– wo haben wir unsere Gedanken! Dieser Nachsommer ist trügerisch; in -einer Stunde kann es tiefer Winter sein. Sie werden hier die kältesten -Monate verbringen ...“ - -„Ja, der Liegesack,“ sagte Hans Castorp, „der ist wohl ein Zubehör. Ich -habe auch schon flüchtig daran gedacht, daß wir in den nächsten Tagen -mal, mein Vetter und ich, in den Ort gehen müssen und einen kaufen. Man -braucht das Ding später nie wieder, aber schließlich für vier bis sechs -Monate lohnt es.“ - -„Es lohnt, es lohnt. – Ingenieur!“ sagte Herr Settembrini leise, indem -er näher an den jungen Mann herantrat. „Wissen Sie nicht, daß es -grauenhaft ist, wie Sie mit den Monaten herumwerfen? Grauenhaft, weil -unnatürlich und Ihrem Wesen fremd, nur auf der Gelehrigkeit Ihrer Jahre -beruhend. Ach, diese übergroße Gelehrigkeit der Jugend! – sie ist die -Verzweiflung der Erzieher, denn vor allem ist sie bereit, sich im -Schlimmen zu bewähren. Reden Sie nicht, wie es in der Luft liegt, junger -Mensch, sondern wie es Ihrer europäischen Lebensform angemessen ist! -Hier liegt vor allem viel Asien in der Luft, – nicht umsonst wimmelt es -von Typen aus der moskowitischen Mongolei! Diese Leute“ – und Herr -Settembrini deutete mit dem Kinn über die Schulter hinter sich – -„richten Sie sich innerlich nicht nach ihnen, lassen Sie sich von ihren -Begriffen nicht infizieren, setzen Sie vielmehr Ihr Wesen, Ihr _höheres_ -Wesen gegen das ihre, und halten Sie heilig, was Ihnen, dem Sohn des -Westens, des göttlichen Westens, – dem Sohn der Zivilisation, nach Natur -und Herkunft heilig ist, zum Beispiel die Zeit! Diese Freigebigkeit, -diese barbarische Großartigkeit im Zeitverbrauch ist asiatischer Stil, – -das mag ein Grund sein, weshalb es den Kindern des Ostens an diesem Orte -behagt. Haben Sie nie bemerkt, daß, wenn ein Russe ‚vier Stunden‘ sagt, -es nicht mehr ist, als wenn unsereins ‚eine‘ sagt? Leicht zu denken, daß -die Nonchalance dieser Menschen im Verhältnis zur Zeit mit der wilden -Weiträumigkeit ihres Landes zusammenhängt. Wo viel Raum ist, da ist viel -Zeit, – man sagt ja, daß sie das Volk sind, das Zeit hat und warten -kann. Wir Europäer, wir können es nicht. Wir haben so wenig Zeit, wie -unser edler und zierlich gegliederter Erdteil Raum hat, wir sind auf -genaue Bewirtschaftung des einen wie des anderen angewiesen, auf -Nutzung, Nutzung, Ingenieur! Nehmen Sie unsere großen Städte als -Sinnbild, diese Zentren und Brennpunkte der Zivilisation, diese -Mischkessel des Gedankens! In demselben Maße, wie der Boden sich dort -verteuert, Raumverschwendung zur Unmöglichkeit wird, in demselben Maße, -bemerken Sie das, wird dort auch die Zeit immer kostbarer. _Carpe diem!_ -Das sang ein Großstädter. Die Zeit ist eine Göttergabe, dem Menschen -verliehen, damit er sie nutze – sie nutze, Ingenieur, im Dienste des -Menschheitsfortschritts.“ - -Selbst dieses letzte Wort, so viele Hindernisse es seiner mediterranen -Zunge bieten mochte, hatte Herr Settembrini auf erfreuliche Art, klar, -wohllautend und – man kann wohl sagen – plastisch zu Gehör gebracht. -Hans Castorp antwortete nicht anders, als mit der kurzen, steifen und -befangenen Verbeugung eines Schülers, der eine verweisartige Belehrung -entgegennimmt. Was hätte er erwidern sollen? Dies Privatissimum, das -Herr Settembrini ihm insgeheim, mit dem Rücken gegen die ganze übrige -Gästeschaft und beinahe flüsternd, gehalten, hatte zu sachlichen, zu -ungesellschaftlichen, zu wenig gesprächsmäßigen Charakter getragen, als -daß der Takt erlaubt hätte, auch nur Beifall zu äußern. Man antwortet -einem Lehrer nicht: „Das haben Sie schön gesagt.“ Hans Castorp hatte es -wohl früher manchmal getan, gewissermaßen um das gesellschaftliche -Gleichheitsverhältnis zu wahren; allein so dringlich erzieherisch hatte -der Humanist noch niemals gesprochen; es blieb nichts übrig, als die -Vermahnung einzustecken, – benommen wie ein Schuljunge von soviel Moral. - -Man sah übrigens Herrn Settembrini an, daß seine Gedankentätigkeit auch -im Schweigen noch ihren Fortgang nahm. Noch immer stand er dicht vor -Hans Castorp, so daß dieser sich sogar ein wenig zurückbeugte, und seine -schwarzen Augen waren in fixer und sinnend blinder Einstellung auf des -jungen Mannes Gesicht gerichtet. - -„Sie leiden, Ingenieur!“ fuhr er fort. „Sie leiden wie ein Verirrter, – -wer sähe es Ihnen nicht an? Aber auch Ihr Verhalten zum Leiden sollte -ein europäisches Verhalten sein, – nicht das des Ostens, der, weil er -weich und zur Krankheit geneigt ist, diesen Ort so ausgiebig beschickt -... Mitleid und unermeßliche Geduld, das ist seine Art, dem Leiden zu -begegnen. Es kann, es darf die unsrige, die Ihre nicht sein! ... Wir -sprachen von meiner Post ... Sehen Sie, hier ... Oder besser noch, – -kommen Sie! Es ist unmöglich, hier ... Wir ziehen uns zurück, wir treten -dort drüben ein. Ich mache Ihnen Eröffnungen, welche ... Kommen Sie!“ -Und sich umwendend, zog er Hans Castorp fort aus dem Vestibül, in das -erste, dem Portal am nächsten gelegene der Gesellschaftszimmer, das als -Schreib- und Leseraum eingerichtet und jetzt leer von Gästen war. Es -zeigte eichene Wandtäfelungen unter seinem hellen Gewölbe, -Bücherschränke, einen von Stühlen umgebenen, mit gerahmten Zeitungen -belegten Tisch in der Mitte und Schreibgelegenheiten unter den Bögen der -Fensternischen. Herr Settembrini schritt bis in die Nähe eines der -Fenster vor, Hans Castorp folgte ihm. Die Tür blieb offen. - -„Diese Papiere,“ sagte der Italiener, indem er aus der beutelartigen -Seitentasche seines Flauses mit fliegender Hand ein Konvolut, ein -umfangreiches, schon geöffnetes Briefkuvert zog und seinen Inhalt, -verschiedene Drucksachen nebst einem Schreiben, vor Hans Castorps Augen -durch die Finger gleiten ließ, „diese Papiere tragen in französischer -Sprache den Aufdruck: ‚Internationaler Bund für Organisierung des -Fortschritts.‘ Man sendet sie mir aus Lugano, wo sich ein Filialbureau -des Bundes befindet. Sie fragen mich nach seinen Grundsätzen, seinen -Zielen? Ich gebe sie Ihnen in zwei Worten. Die Liga für Organisierung -des Fortschritts leitet aus der Entwicklungslehre Darwins die -philosophische Anschauung ab, daß der innerste Naturberuf der Menschheit -ihre Selbstvervollkommnung ist. Sie folgert daraus weiter, daß es -Pflicht eines jeden ist, der seinem Naturberuf genügen will, am -Menschheitsfortschritt tätig mitzuarbeiten. Viele sind ihrem Rufe -gefolgt; die Zahl ihrer Mitglieder in Frankreich, Italien, Spanien, der -Türkei und selbst in Deutschland ist bedeutend. Auch ich habe die Ehre, -in den Bundesregistern geführt zu werden. Ein wissenschaftlich -ausgearbeitetes Reformprogramm großen Stils ist entworfen, das alle -augenblicklichen Vervollkommnungsmöglichkeiten des menschlichen -Organismus umfaßt. Das Problem der Gesundheit unserer Rasse wird -studiert, man prüft alle Methoden zur Bekämpfung der Degeneration, die -ohne Zweifel eine beklagenswerte Begleiterscheinung der zunehmenden -Industrialisierung ist. Ferner betreibt der Bund die Gründung von -Volksuniversitäten, die Überwindung der Klassenkämpfe durch alle die -sozialen Verbesserungen, die sich zu diesem Zwecke empfehlen, endlich -die Beseitigung der Völkerkämpfe, des Krieges durch die Entwicklung des -internationalen Rechts. Sie sehen, die Anstrengungen der Liga sind -hochherzig und umfassend. Mehrere internationale Zeitschriften zeugen -von ihrer Tätigkeit, – Monatsrevuen, die in drei oder vier Weltsprachen -höchst anregend über die fortschrittliche Entwicklung der -Kulturmenschheit berichten. Zahlreiche Ortsgruppen sind in den -verschiedenen Ländern gegründet worden, die durch Diskussionsabende und -Sonntagsfeiern im Sinne des menschlichen Fortschrittsideals aufklärend -und erbaulich wirken sollen. Vor allem beeifert sich der Bund, den -politischen Fortschrittsparteien aller Länder mit seinem Material zur -Hand zu gehen ... Sie folgen meinen Worten, Ingenieur?“ - -„Absolut!“ antwortete Hans Castorp heftig und überstürzt. Er hatte bei -diesem Wort das Gefühl eines Menschen, der ausgleitet und sich eben noch -glücklich auf den Füßen hält. - -Herr Settembrini schien befriedigt. - -„Ich nehme an, es sind neue, überraschende Einblicke, die Sie da tun?“ - -„Ja, ich muß gestehen, es ist das erste, was ich über diese ... diese -Anstrengungen höre.“ - -„Hätten Sie nur,“ rief Settembrini leise, „hätten Sie nur früher davon -gehört! Aber vielleicht hören Sie noch nicht zu spät davon. Nun, diese -Druckschriften ... Sie wollen wissen, was sie behandeln ... Hören Sie -weiter! Im Frühjahr war eine feierliche Hauptversammlung des Bundes nach -Barcelona einberufen, – Sie wissen, daß diese Stadt sich besonderer -Beziehungen zur politischen Fortschrittsidee rühmen kann. Der Kongreß -tagte eine Woche lang unter Banketten und Festlichkeiten. Guter Gott, -ich wollte hinreisen, es verlangte mich sehnlichst, an den Beratungen -teilzunehmen. Aber dieser Schuft von Hofrat verbot es mir unter -Todesdrohungen, – und, was wollen Sie, ich fürchtete den Tod und reiste -nicht. Ich war verzweifelt, wie Sie sich denken können, über den -Streich, den meine unzulängliche Gesundheit mir spielte. Nichts ist -schmerzhafter, als wenn unser organisches, unser tierisches Teil uns -hindert, der Vernunft zu dienen. Desto lebhafter ist meine Befriedigung -über diese Zuschrift des Bureaus von Lugano ... Sie sind neugierig auf -ihren Inhalt? Das glaube ich gern! Ein paar flüchtige Informationen ... -Der ‚Bund zur Organisierung des Fortschritts‘, eingedenk der Wahrheit, -daß seine Aufgabe darin besteht, das Glück der Menschheit -herbeizuführen, mit anderen Worten: das menschliche Leiden durch -zweckvolle soziale Arbeit zu bekämpfen und am Ende völlig auszumerzen, – -eingedenk ferner der Wahrheit, daß diese höchste Aufgabe nur mit Hilfe -der soziologischen Wissenschaft gelöst werden kann, deren Endziel der -vollkommene Staat ist, – der Bund also hat in Barcelona die Herstellung -eines vielbändigen Buchwerkes beschlossen, das den Titel ‚Soziologie der -Leiden‘ führen wird, und worin die menschlichen Leiden nach allen ihren -Klassen und Gattungen in genauer und erschöpfender Systematik bearbeitet -werden sollen. Sie werden mir einwenden: was nützen Klassen, Gattungen, -Systeme! Ich antworte Ihnen: Ordnung und Sichtung sind der Anfang der -Beherrschung, und der eigentlich furchtbare Feind ist der unbekannte. -Man muß das Menschengeschlecht aus den primitiven Stadien der Furcht und -der duldenden Dumpfheit herausführen und sie zur Phase zielbewußter -Tätigkeit leiten. Man muß sie darüber aufklären, daß Wirkungen hinfällig -werden, deren Ursachen man zuerst erkennt und dann aufhebt, und daß fast -alle Leiden des Individuums Krankheiten des sozialen Organismus sind. -Gut! Dies ist die Absicht der ‚Soziologischen Pathologie‘. Sie wird also -in etwa zwanzig Bänden von Lexikonformat alle menschlichen Leidensfälle -aufführen und behandeln, die sich überhaupt erdenken lassen, von den -persönlichsten und intimsten bis zu den großen Gruppenkonflikten, den -Leiden, die aus Klassenfeindschaften und internationalen Zusammenstößen -erwachsen, sie wird, kurz gesagt, die chemischen Elemente aufzeigen, aus -deren vielfältiger Mischung und Verbindung sich alles menschliche Leiden -zusammensetzt, und indem sie die Würde und das Glück der Menschheit zur -Richtschnur nimmt, wird sie ihr in jedem Falle die Mittel und Maßnahmen -an die Hand geben, die ihr zur Beseitigung der Leidensursachen angezeigt -scheinen. Berufene Fachmänner der europäischen Gelehrtenwelt, Ärzte, -Volkswirte und Psychologen, werden sich in die Ausarbeitung dieser -Enzyklopädie der Leiden teilen, und das General-Redaktionsbureau zu -Lugano wird das Sammelbecken sein, in dem die Artikel zusammenfließen. -Sie fragen mich mit den Augen, welche Rolle nun mir bei all dem zufallen -soll? Lassen Sie mich zu Ende reden! Auch den schönen Geist will dieses -große Werk nicht vernachlässigen, soweit er eben menschliches Leiden zum -Gegenstande hat. Darum ist ein eigener Band vorgesehen, der, den -Leidenden zu Trost und Belehrung, eine Zusammenstellung und kurzgefaßte -Analyse aller für jeden einzelnen Konflikt in Betracht kommenden -Meisterwerke der Weltliteratur enthalten soll; und – dies ist die -Aufgabe, mit der man in dem Schreiben, das Sie hier sehen, Ihren -ergebensten Diener betraut.“ - -„Was Sie sagen, Herr Settembrini! Da erlauben Sie mir aber, Sie herzlich -zu beglückwünschen! Das ist ja ein großartiger Auftrag und ganz wie für -Sie gemacht, wie mir scheint. Es wundert mich keinen Augenblick, daß die -Liga an Sie gedacht hat. Und wie muß es Sie freuen, daß Sie da nun -behilflich sein können, die menschlichen Leiden auszumerzen!“ - -„Es ist eine weitläufige Arbeit,“ sagte Herr Settembrini sinnend, „zu -der viel Umsicht und Lektüre erforderlich ist. Zumal,“ fügte er hinzu, -während sein Blick sich in der Vielfältigkeit seiner Aufgabe zu -verlieren schien, „zumal in der Tat der schöne Geist sich fast -regelmäßig das Leiden zum Gegenstande gesetzt hat und selbst -Meisterwerke zweiten und dritten Ranges sich irgendwie damit -beschäftigen. Gleichviel oder desto besser! So umfassend die Aufgabe -immer sein möge, auf jeden Fall ist sie von der Art, daß ich mich ihrer -zur Not auch an diesem verfluchten Aufenthalt entledigen kann, obgleich -ich nicht hoffen will, daß ich gezwungen sein werde, sie hier zu -beenden. Man kann dasselbe,“ fuhr er fort, indem er wieder näher an Hans -Castorp herantrat und die Stimme beinahe zum Flüstern dämpfte, „man kann -dasselbe von den Pflichten nicht sagen, die _Ihnen_ die Natur auferlegt, -Ingenieur! Das ist es, worauf ich hinauswollte, woran ich Sie mahnen -wollte. Sie wissen, wie sehr ich Ihren Beruf bewundere, aber da er ein -praktischer, kein geistiger Beruf ist, so können Sie ihm, anders als -ich, nur in der Welt drunten nachkommen. Nur im Tiefland können Sie -Europäer sein, das Leiden auf Ihre Art aktiv bekämpfen, den Fortschritt -fördern, die Zeit nutzen. Ich habe Ihnen von der mir zugefallenen -Aufgabe nur erzählt, um Sie zu erinnern, um Sie zu sich zu bringen, um -Ihre Begriffe richtigzustellen, die sich offenbar unter atmosphärischen -Einflüssen zu verwirren beginnen. Ich dringe in Sie: Halten Sie auf -sich! Seien Sie stolz und verlieren Sie sich nicht an das Fremde! Meiden -Sie diesen Sumpf, dies Eiland der Kirke, auf dem ungestraft zu hausen -Sie nicht Odysseus genug sind. Sie werden auf allen Vieren gehen, Sie -neigen sich schon auf Ihre vorderen Extremitäten, bald werden Sie zu -grunzen beginnen, – hüten Sie sich!“ - -Der Humanist hatte bei seinen leisen Ermahnungen den Kopf eindringlich -geschüttelt. Er schwieg mit niedergeschlagenen Augen und -zusammengezogenen Brauen. Es war unmöglich, ihm scherzhaft und -ausweichend zu antworten, wie Hans Castorp es zu tun gewohnt war und wie -er es auch jetzt einen Augenblick als Möglichkeit erwog. Auch er stand -mit gesenkten Lidern. Dann hob er die Schultern und sagte ebenso leise: - -„Was soll ich tun?“ - -„Was ich Ihnen sagte.“ - -„Das heißt: abreisen?“ - -Herr Settembrini schwieg. - -„Wollen Sie sagen, daß ich nach Hause reisen soll?“ - -„Das habe ich Ihnen gleich am ersten Abend geraten, Ingenieur.“ - -„Ja, und damals war ich frei, es zu tun, obgleich ich es unvernünftig -fand, die Flinte ins Korn zu werfen, nur weil die hiesige Luft mir ein -bißchen zusetzte. Seitdem hat sich die Sachlage aber doch geändert. -Seitdem hat sich diese Untersuchung ergeben, nach der Hofrat Behrens mir -klipp und klar gesagt hat, es lohnte die Heimreise nicht, in kurzem -müßte ich doch wieder antreten, und wenn ich’s da unten so weitertriebe, -so ginge mir, was hast du, was kannst du, der ganze Lungenlappen zum -Teufel.“ - -„Ich weiß, jetzt haben Sie Ihren Ausweis in der Tasche.“ - -„Ja, das sagen Sie so ironisch ... mit der richtigen Ironie natürlich, -die keinen Augenblick mißverständlich ist, sondern ein gerades und -klassisches Mittel der Redekunst, – Sie sehen, ich merke mir Ihre Worte. -Aber können Sie es denn verantworten, mir auf diese Photographie hin und -nach dem Ergebnis der Durchleuchtung und nach der Diagnose des Hofrats -die Heimreise anzuraten?“ - -Herr Settembrini zögerte einen Augenblick. Dann richtete er sich auf, -schlug auch die Augen auf, die er fest und schwarz auf Hans Castorp -richtete, und erwiderte mit einer Betonung, die des theatralischen und -effekthaften Einschlages nicht entbehrte: - -„Ja, Ingenieur. Ich will es verantworten.“ - -Aber auch Hans Castorps Haltung hatte sich nun gestrafft. Er hielt die -Absätze geschlossen und sah Herrn Settembrini ebenfalls gerade an. -Diesmal war es ein Gefecht. Hans Castorp stand seinen Mann. Einflüsse -aus der Nähe „stärkten“ ihn. Da war ein Pädagog, und dort draußen war -eine schmaläugige Frau. Er entschuldigte sich nicht einmal für das, was -er sagte; er fügte nicht hinzu: „Nehmen Sie es mir nicht übel.“ Er -antwortete: - -„Dann sind Sie vorsichtiger für sich als für andere Leute! _Sie_ sind -nicht gegen ärztliches Verbot nach Barcelona zum Fortschrittskongreß -gereist. Sie fürchteten den Tod und blieben hier.“ - -Bis zu einem gewissen Grade war dadurch Herrn Settembrinis Pose -unzweifelhaft zerstört. Er lächelte nicht ganz mühelos und sagte: - -„Ich weiß eine schlagfertige Antwort zu schätzen, selbst wenn Ihre Logik -der Sophisterei nicht fern ist. Es ekelt mich, in einem hier üblichen -abscheulichen Wettstreit zu konkurrieren, sonst würde ich Ihnen -erwidern, daß ich bedeutend kränker bin als Sie, – leider in der Tat so -krank, daß ich die Hoffnung, diesen Ort je wieder verlassen und in die -untere Welt zurückkehren zu können, nur künstlicher- und ein wenig -selbstbetrügerischerweise hinfriste. In dem Augenblick, wo es sich als -völlig unanständig erweisen wird, sie aufrechtzuhalten, werde ich dieser -Anstalt den Rücken kehren und für den Rest meiner Tage irgendwo im Tal -ein Privatlogis beziehen. Das wird traurig sein, aber da meine -Arbeitssphäre die freieste und geistigste ist, wird es mich nicht -hindern, bis zu meinem letzten Atemzuge der Sache der Menschheit zu -dienen und dem Geist der Krankheit die Stirn zu bieten. Ich habe Sie auf -den Unterschied, der in dieser Beziehung zwischen uns besteht, bereits -aufmerksam gemacht. Ingenieur, Sie sind nicht der Mann, Ihr besseres -Wesen hier zu behaupten, das sah ich bei unserer ersten Begegnung. Sie -halten mir vor, ich sei nicht nach Barcelona gereist. Ich habe mich dem -Verbot unterworfen, um mich nicht vorzeitig zu zerstören. Aber ich tat -es unter dem stärksten Vorbehalt, unter dem stolzesten und -schmerzlichsten Protest meines Geistes gegen das Diktat meines -armseligen Körpers. Ob dieser Protest auch in Ihnen lebendig ist, indem -Sie den Vorschriften der hiesigen Mächte Folge leisten, – ob es nicht -vielmehr _der Körper_ ist und sein böser Hang, dem Sie nur zu -bereitwillig gehorchen ...“ - -„Was haben Sie gegen den Körper?“ unterbrach Hans Castorp ihn rasch und -blickte ihn groß an mit seinen blauen Augen, deren Weißes von roten -Adern durchzogen war. Ihm schwindelte vor seiner Tollkühnheit, und man -sah es ihm an. „Wovon spreche ich?“ dachte er. „Es wird ungeheuerlich. -Aber ich habe mich einmal auf Kriegsfuß mit ihm gestellt und werde ihm, -so lange es irgend geht, das letzte Wort nicht lassen. Natürlich wird er -es haben, aber das macht nichts, ich werde immerhin dabei profitieren. -Ich werde ihn reizen.“ Er ergänzte seinen Einwand: - -„Sie sind doch Humanist? Wie können Sie schlecht auf den Körper zu -sprechen sein?“ - -Settembrini lächelte, diesmal ungezwungen und selbstgewiß. - -„‚Was haben Sie gegen die Analyse?‘“ zitierte er, den Kopf auf der -Schulter. „‚Sind Sie schlecht auf die Analyse zu sprechen?‘ – Sie werden -mich immer bereit finden, Ihnen Rede zu stehen, Ingenieur,“ sagte er mit -Verbeugung und einer salutierenden Handbewegung gegen den Fußboden, -„besonders wenn Ihre Einwendungen Geist haben. Sie parieren nicht ohne -Eleganz. Humanist, – gewiß, ich bin es. Asketischer Neigungen werden Sie -mich niemals überführen. Ich bejahe, ich ehre und liebe den Körper, wie -ich die Form, die Schönheit, die Freiheit, die Heiterkeit und den Genuß -bejahe, ehre und liebe, – wie ich die ‚Welt‘, die Interessen des Lebens -vertrete gegen sentimentale Weltflucht, – den Classicismo gegen die -Romantik. Ich denke, meine Stellungnahme ist eindeutig. Eine Macht, ein -Prinzip aber gibt es, dem meine höchste Bejahung, meine höchste und -letzte Ehrerbietung und Liebe gilt, und diese Macht, dieses Prinzip ist -der Geist. Wie sehr ich es verabscheue, irgendein verdächtiges -Mondscheingespinst und -gespenst, das man ‚die Seele‘ nennt, gegen den -Leib ausgespielt zu sehen, – innerhalb der Antithese von Körper _und -Geist_ bedeutet der Körper das böse, das teuflische Prinzip, denn der -Körper ist Natur, und die Natur – innerhalb ihres Gegensatzes zum -Geiste, zur Vernunft, ich wiederhole das! – ist böse, – mystisch und -böse. ‚Sie sind Humanist!‘ Allerdings bin ich es, denn ich bin ein -Freund des Menschen, wie Prometheus es war, ein Liebhaber der Menschheit -und ihres Adels. Dieser Adel aber ist beschlossen im Geiste, in der -Vernunft, und darum werden Sie ganz vergebens den Vorwurf des -christlichen Obskurantismus erheben ...“ - -Hans Castorp wehrte ab. - -„... Sie werden,“ beharrte Settembrini, „diesen Vorwurf ganz vergebens -erheben, wenn humanistischer Adelsstolz die Gebundenheit des Geistes an -das Körperliche, an die Natur eines Tages als Erniedrigung, als Schimpf -empfinden lernt. Wissen Sie, daß von dem großen Plotinus die Äußerung -überliefert ist, er schäme sich, einen Körper zu haben?“ fragte -Settembrini und verlangte so ernstlich eine Antwort, daß Hans Castorp -genötigt war, zu gestehen, das sei das erste, was er höre. - -„Porphyrius überliefert es. Eine absurde Äußerung, wenn Sie wollen. Aber -das Absurde, das ist das geistig Ehrenhafte, und nichts kann im Grunde -ärmlicher sein, als der Einwand der Absurdität, dort, wo der Geist gegen -die Natur seine Würde behaupten will, sich weigert, vor ihr abzudanken -... Haben Sie von dem Erdbeben zu Lissabon gehört?“ - -„Nein, – ein Erdbeben? Ich sehe hier keine Zeitungen ...“ - -„Sie mißverstehen mich. Nebenbei bemerkt, ist es bedauerlich – und -kennzeichnend für diesen Ort, – daß Sie es hier versäumen, die Presse zu -lesen. Aber Sie mißverstehen mich, das Naturereignis, von dem ich -spreche, ist nicht aktuell, es fand vor beiläufig hundertundfünfzig -Jahren statt ...“ - -„Ja so! Oh, warten Sie, – richtig! Ich habe gelesen, daß Goethe damals -nachts in Weimar in seinem Schlafzimmer zu seinem Diener sagte ...“ - -„Ah, – nicht davon wollte ich reden“, unterbrach ihn Settembrini, indem -er die Augen schloß und seine kleine braune Hand in der Luft schüttelte. -„Übrigens vermengen Sie die Katastrophen. Sie haben das Erdbeben von -Messina im Sinn. Ich meine die Erschütterung, die Lissabon heimsuchte, -im Jahre 1755.“ - -„Entschuldigen Sie.“ - -„Nun, Voltaire empörte sich dagegen.“ - -„Das heißt ... wie? Er empörte sich?“ - -„Er revoltierte, ja. Er nahm das brutale Fatum und Faktum nicht hin, er -weigerte sich, davor abzudanken. Er protestierte im Namen des Geistes -und der Vernunft gegen diesen skandalösen Unfug der Natur, dem drei -Viertel einer blühenden Stadt und Tausende von Menschenleben zum Opfer -fielen ... Sie staunen? Sie lächeln? Mögen Sie immerhin staunen, was das -Lächeln betrifft, so nehme ich mir die Freiheit, es Ihnen zu verweisen! -Voltaires Haltung war die eines echten Nachkömmlings jener alten -Gallier, die ihre Pfeile gegen den Himmel schleuderten ... Sehen Sie, -Ingenieur, da haben Sie die Feindschaft des Geistes gegen die Natur, -sein stolzes Mißtrauen gegen sie, sein hochherziges Bestehen auf dem -Rechte zur Kritik an ihr und ihrer bösen, vernunftwidrigen Macht. Denn -sie ist die Macht, und es ist knechtisch, die Macht hinzunehmen, sich -mit ihr abzufinden ... wohlgemerkt, sich _innerlich_ mit ihr abzufinden. -Da haben Sie aber auch jene Humanität, die sich schlechterdings in -keinen Widerspruch verstrickt, sich keines Rückfalls in christliche -Duckmäuserei schuldig macht, wenn sie im Körper das böse, das -widersacherische Prinzip zu erblicken sich entschließt. Der Widerspruch, -den Sie zu sehen meinen, ist im Grunde immer derselbe. ‚Was haben Sie -gegen die Analyse?‘ Nichts ... wenn sie Sache der Belehrung, der -Befreiung und des Fortschritts ist. Alles ... wenn ihr der scheußliche -_haut-goût_ des Grabes anhaftet. Es ist mit dem Körper nicht anders. Man -muß ihn ehren und verteidigen, wenn es sich um seine Emanzipation und -Schönheit handelt, um die Freiheit der Sinne, um Glück, um Lust. Man muß -ihn verachten, sofern er als Prinzip der Schwere und der Trägheit sich -der Bewegung zum Lichte entgegensetzt, ihn verabscheuen, sofern er gar -das Prinzip der Krankheit und des Todes vertritt, sofern sein -spezifischer Geist der Geist der Verkehrtheit ist, der Geist der -Verwesung, der Wollust und der Schande ...“ - -Settembrini hatte die letzten Worte, dicht vor Hans Castorp stehend, -fast ohne Ton und sehr rasch gesprochen, um fertig zu werden. Entsatz -näherte sich für Hans Castorp: Joachim betrat, zwei Postkarten in der -Hand, das Lesezimmer, die Rede des Literaten brach ab, und die -Gewandtheit, mit der sein Ausdruck ins gesellschaftlich Leichte -hinüberwechselte, verfehlte nicht ihren Eindruck auf seinen Schüler, – -wenn man Hans Castorp so nennen konnte. - -„Da sind Sie, Leutnant! Sie werden Ihren Vetter gesucht haben, – -verzeihen Sie! Wir waren da in ein Gespräch geraten, – wenn mir recht -ist, hatten wir sogar einen kleinen Zwist. Er ist kein übler Räsonneur, -Ihr Vetter, ein durchaus nicht ungefährlicher Gegner im Wortstreit, wenn -es ihm darauf ankommt.“ - - - Humaniora - -Hans Castorp und Joachim Ziemßen saßen in weißen Hosen und blauen Jacken -nach dem Diner im Garten. Es war noch einer dieser gepriesenen -Oktobertage, ein Tag, heiß und leicht, festlich und herb zugleich, mit -südlich dunkler Himmelsbläue über dem Tal, dessen von Wegen durchzogene -und besiedelte Triften im Grunde noch heiter grünten, und von dessen -rauh bewaldeten Lehnen Kuhgeläut kam, – dieser blechern-friedliche, -einfältig-musikalische Laut, der klar und ungestört durch die stillen, -dünnen, leeren Lüfte schwebte, die Feierstimmung vertiefend, die über -hohen Gegenden waltet. - -Die Vettern saßen auf einer Bank am Ende des Gartens vor einem Rondell -junger Tannen. – Der Platz lag am nordwestlichen Rande der eingezäunten, -um fünfzig Meter über das Tal erhöhten Plattform, die das Postament des -Berghofgeländes bildete. Sie schwiegen. Hans Castorp rauchte. Er haderte -innerlich mit Joachim, weil dieser nach Tische nicht an der Geselligkeit -auf der Veranda hatte teilnehmen wollen, sondern ihn gegen Wunsch und -Willen in die Stille des Gartens genötigt hatte, bevor sie den -Liegedienst aufnehmen würden. Das war tyrannisch von Joachim. Genau -genommen, waren sie nicht die siamesischen Zwillinge. Sie konnten sich -trennen, wenn ihre Neigungen auseinandergingen. Hans Castorp war ja -nicht hier, um Joachim Gesellschaft zu leisten, sondern er war selbst -Patient. Er schmollte in diesem Sinne, und er konnte es aushalten, zu -schmollen, da er Maria Mancini hatte. Die Hände in den Seitentaschen -seiner Jacke, die braunbeschuhten Füße von sich gestreckt, hielt er die -lange, mattgraue Zigarre, die sich noch im ersten Stadium der Konsumtion -befand, das heißt: von deren stumpfer Spitze er die Asche noch nicht -abgestreift hatte, in der Mitte der Lippen, so daß sie etwas abwärts -hing, und genoß nach der starken Mahlzeit ihr Aroma, dessen er nun -völlig wieder habhaft geworden war. Mochte sonst seine Eingewöhnung hier -oben nur in der Gewöhnung daran bestehen, daß er sich nicht gewöhnte, – -was den Chemismus seines Magens, die Nerven seiner trockenen und zu -Blutungen neigenden Schleimhäute betraf, so hatte offenbar die Anpassung -sich endlich doch vollzogen: unmerklich und ohne daß er den Fortschritt -hatte verfolgen können, hatte sich im Wandel der Tage, dieser -fünfundsechzig oder siebzig Tage, sein ganzes organisches Behagen an dem -wohlfabrizierten pflanzlichen Reiz- oder Betäubungsmittel wieder -hergestellt. Er freute sich des wiedergekehrten Vermögens. Die -moralische Genugtuung verstärkte den physischen Genuß. Während seiner -Bettlägrigkeit hatte er an dem mitgebrachten Vorrat von zweihundert -Stück gespart; Restbestände davon waren noch vorhanden. Aber zugleich -mit der Wäsche, den Winterkleidern hatte er sich von Schalleen auch -weitere fünfhundert Stück der Bremer Ware kommen lassen, um eingedeckt -zu sein. Es waren schöne lackierte Kistchen mit einem Globus, vielen -Medaillen und einem von Fahnen umflatterten Ausstellungsgebäude in Gold -geschmückt. - -Wie sie saßen, siehe, so kam Hofrat Behrens durch den Garten. Er hatte -heute am Mittagessen im Saale teilgenommen; am Tische der Frau Salomon -hatte man ihn die riesigen Hände vor seinem Teller falten sehen. Dann -hatte er sich wohl auf der Terrasse verweilt, persönliche Töne -angeschlagen, wahrscheinlich das Stiefelbandkunststück ausgeführt, für -jemanden, der es noch nicht gesehen. Nun kam er auf dem Kieswege -schlendernd heran, ohne Ärztekittel, in kleinkariertem Schwalbenschwanz, -den steifen Hut im Nacken, eine Zigarre auch seinerseits im Munde, die -sehr schwarz war, und aus der er große, weißliche Rauchwolken sog. Sein -Kopf, sein Gesicht mit den bläulich erhitzten Backen, der Stumpfnase, -den feuchten, blauen Augen und dem geschürzten Bärtchen waren klein im -Verhältnis zu der langen, leicht gebückten und geknickten Gestalt und zu -dem Umfange seiner Hände und Füße. Er war nervös, sichtlich schrak er -zusammen, als er die Vettern bemerkte, und blieb sogar etwas verlegen, -da er gerade auf sie zugehen mußte. Er begrüßte sie in der gewohnten -Weise, aufgeräumt und redensartlich, mit „Sieh da, sieh da, Timotheus!“ -und Segenswünschen für ihren Stoffwechsel, indem er sie nötigte, -sitzenzubleiben, da sie sich zu seinen Ehren erheben wollten. - -„Geschenkt, geschenkt. Keine Umstände weiter mit mir schlichtem Manne. -Kommt mir gar nicht zu, sintemalen Sie Patienten sind, einer wie der -andere. Sie haben so was nicht nötig. Nichts zu sagen gegen die -Situation, wie sie ist.“ - -Und er blieb vor ihnen stehen, die Zigarre zwischen Zeige- und -Mittelfinger seiner riesigen Rechten. - -„Wie schmeckt der Krautwickel, Castorp? Lassen Sie mal sehen, ich bin -Kenner und Liebhaber. Die Asche ist gut: was ist denn das für eine -bräunliche Schöne?“ - -„Maria Mancini, _Postre de Banquett_ aus Bremen, Herr Hofrat. Kostet -wenig oder nichts, neunzehn Pfennig in reinen Farben, hat aber ein -Bukett, wie es sonst in dieser Preislage nicht vorkommt. -Sumatra-Havanna, Sandblattdecker, wie Sie sehen. Ich habe mich sehr an -sie gewöhnt. Es ist eine mittelvolle Mischung und sehr würzig, aber -leicht auf der Zunge. Sie hat es gern, wenn man ihr lange die Asche -läßt, ich streife nur höchstens zweimal ab. Natürlich hat sie ihre -kleinen Launen, aber die Kontrolle bei der Herstellung muß besonders -genau sein, denn Maria ist sehr zuverlässig in ihren Eigenschaften und -luftet vollkommen gleichmäßig. Darf ich Ihnen eine anbieten?“ - -„Danke, wir können ja mal tauschen.“ Und sie zogen ihre Etuis. - -„Die hat Rasse“, sagte der Hofrat, indem er seine Marke hinreichte. -„Temperament, wissen Sie, Saft und Kraft. St. Felix-Brasil, ich habe es -immer mit diesem Charakter gehalten. Ein rechter Sorgenbrecher, brennt -ein wie Schnaps, und namentlich gegen das Ende hat sie was Fulminantes. -Einige Zurückhaltung im Verkehr wird empfohlen, man kann nicht eine an -der anderen anzünden, das geht über Manneskraft. Aber lieber mal einen -ordentlichen Happen, als den ganzen Tag Wasserdampf ...“ - -Sie drehten die gewechselten Geschenke zwischen den Fingern, prüften mit -sachlicher Kennerschaft diese schlanken Körper, die mit den schräg -gleichlaufenden Rippen ihrer erhöhten, hie und da etwas gelüfteten -Wickelränder, ihrem aufliegenden Geäder, das zu pulsen schien, den -kleinen Unebenheiten ihrer Haut, dem Spiel des Lichtes auf ihren Flächen -und Kanten etwas organisch Lebendiges hatten. Hans Castorp sprach es -aus: - -„So eine Zigarre hat Leben. Sie atmet regelrecht. Zu Hause ließ ich es -mir mal einfallen, Maria in einer luftdichten Blechkiste aufzubewahren, -um sie vor Feuchtigkeit zu schützen. Wollen Sie glauben, daß sie starb? -Sie kam um und war tot binnen Wochenfrist, – lauter ledrige Leichen.“ - -Und sie tauschten ihre Erfahrungen aus über die beste Art, Zigarren -aufzubewahren, namentlich Importen. Der Hofrat liebte Importen, er hätte -am liebsten immer nur schwere Havannas geraucht. Nur leider vertrug er -sie nicht, und zwei kleine Henry Clays, die er einmal in einer -Gesellschaft ans Herz genommen, hätten ihn, wie er erzählte, um ein Haar -unter den Rasen gebracht. „Ich rauche sie zum Kaffee,“ sagte er, „eine -nach der anderen, und denke mir wenig dabei. Aber wie ich fertig bin, da -steigt mir die Frage auf, wie mir eigentlich zu Sinne wird. Ganz anders -jedenfalls, total fremdartig, wie noch nie im Leben. Nach Hause zu -kommen, war keine Kleinigkeit, und wie ich da bin, da denke ich erst -recht, mich laust der Affe. Eisbeine, wissen Sie, kalter Schweiß, wo Sie -wollen, linnenweiß das Gesicht, das Herz in allen Zuständen, ein Puls, – -mal fadenförmig und kaum zu fühlen, mal holterdipolter, über Stock und -Stein, verstehen Sie, und das Gehirn in einer Aufregung ... Ich war -überzeugt, daß ich abtanzen sollte. Ich sage: abtanzen, weil das das -Wort ist, das mir damals einfiel, und das ich brauchte zur Kennzeichnung -meines Befindens. Denn eigentlich war es höchst fidel und eine rechte -Festivität, obgleich ich kolossale Angst hatte oder, richtiger gesagt, -ganz und gar aus Angst bestand. Aber Angst und Festivität schließen sich -ja nicht aus, das weiß jeder. Der Bengel, der zum erstenmal ein Mädchen -haben soll, hat auch Angst, und sie auch, und dabei schmelzen sie nur so -vor Vergnüglichkeit. Na, ich wäre ebenfalls beinahe geschmolzen, mit -wogendem Busen wollte ich abtanzen. Aber die Mylendonk brachte mich mit -ihren Anwendungen aus der Stimmung. Eiskompressen, Bürstenfrottage, -einer Kampferinjektion, und so blieb ich der Menschheit erhalten.“ - -Hans Castorp, sitzend in seiner Eigenschaft als Patient, blickte mit -einer Miene, die von Gedankentätigkeit zeugte, zu Behrens auf, dessen -blaue, quellende Augen sich beim Erzählen mit Tränen gefüllt hatten. - -„Sie malen doch manchmal, Herr Hofrat“, sagte er plötzlich. - -Der Hofrat tat, als pralle er zurück. - -„Nanu? Jüngling, wie kommen Sie mir vor?“ - -„Verzeihung. Ich habe es gelegentlich erwähnen hören. Es fiel mir eben -ein.“ - -„Na, dann will ich mich mal nicht aufs Leugnen verlegen. Wir sind -allzumal schwächliche Menschen. Ja, so was ist vorgekommen. _Anch’ io -sono pittore_, wie jener Spanier zu sagen pflegte.“ - -„Landschaften?“ fragte Hans Castorp kurz und gönnerhaft. Die Umstände -verleiteten ihn zu diesem Tone. - -„Soviel Sie wollen!“ antwortete der Hofrat mit verlegener Prahlerei. -„Landschaften, Stilleben, Tiere, – was ein Kerl ist, schreckt überhaupt -vor gar nichts zurück.“ - -„Aber keine Porträts?“ - -„Auch ein Porträt ist wohl mal mit untergelaufen. Wollen Sie mir Ihres -in Auftrag geben?“ - -„Ha, ha, nein. Aber es wäre sehr freundlich, wenn Herr Hofrat uns Ihre -Bilder bei Gelegenheit mal zeigen würden.“ - -Auch Joachim, nachdem er den Vetter erstaunt betrachtet, beeilte sich zu -versichern, daß das sehr freundlich sein würde. - -Behrens war entzückt, geschmeichelt bis zur Begeisterung. Er wurde sogar -rot vor Vergnügen, und seine Augen schienen ihre Tränen diesmal -vergießen zu wollen. - -„Aber gern!“ rief er. „Aber mit dem allergrößten Pläsier! Aber gleich -auf der Stelle, wenns Ihnen Spaß macht! Kommen Sie her, kommen Sie mit, -ich braue uns einen türkischen Kaffee auf meiner Bude!“ Und er nahm die -jungen Leute am Arm, zog sie von der Bank und führte sie, eingehängt -zwischen ihnen, den Kiesweg entlang gegen seine Wohnung, die, wie sie -wußten, in dem nahen nordwestlichen Flügel des Berghofgebäudes gelegen -war. - -„Ich habe mich ja selbst,“ erklärte Hans Castorp, „früher hie und da in -dieser Richtung versucht.“ - -„Was Sie sagen. Ganz solide in Öl?“ - -„Nein, nein, über das eine oder andere Aquarell hab ichs nicht -hinausgebracht. Mal ein Schiff, ein Seestück, Kindereien. Aber ich sehe -Bilder sehr gern, und darum war ich so frei ...“ - -Namentlich Joachim fand sich einigermaßen beruhigt und aufgeklärt über -seines Vetters befremdende Neugier durch diese Erläuterung, – und mehr -für ihn, als für den Hofrat, hatte Hans Castorp sich denn auch auf seine -eigenen künstlerischen Versuche berufen. Sie langten an: es gab kein so -prächtiges, von Laternen flankiertes Portal an dieser Seite, wie drüben -an der Auffahrt. Ein paar gerundete Stufen führten zu der eichenen -Haustür empor, die der Hofrat mit einem Drücker seines reichhaltigen -Schlüsselbundes öffnete. Seine Hand zitterte dabei; entschieden war er -nervös. Ein Vorraum, als Garderobe ausgestattet, nahm sie auf, wo -Behrens seinen steifen Hut an den Nagel hing. Drinnen, auf dem kurzen, -vom allgemeinen Teil des Gebäudes durch eine Glastür abgetrennten -Korridor, an dessen beiden Seiten die Räumlichkeiten der kleinen -Privatwohnung lagen, rief er nach dem Dienstmädchen und machte seine -Bestellung. Dann ließ er seine Gäste unter jovialen und ermutigenden -Redensarten eintreten, – durch eine der Türen zur Rechten. - -Ein paar banal-bürgerlich möblierte Räume, nach vorn, gegen das Tal -blickend, gingen ineinander, ohne Verbindungstüren, nur durch Portieren -getrennt: ein „altdeutsches“ Eßzimmer, ein Wohn- und Arbeitszimmer mit -Schreibtisch, über dem eine Studentenmütze und gekreuzte Schläger -hingen, wolligen Teppichen, Bibliothek und Sofaarrangement und noch ein -Rauchkabinett, das „türkisch“ eingerichtet war. Überall hingen Bilder, -die Bilder des Hofrats, – höflich und zur Bewunderung bereit gingen die -Augen der Eintretenden sogleich darüberhin. Des Hofrats entschwebte -Gattin war mehrmals zu sehen: in Öl und auch als Photographie auf dem -Schreibtisch. Es war eine dünn und fließend gekleidete, etwas -rätselhafte Blondine, welche, die Hände an der linken Schulter gefaltet -– und zwar nicht fest gefaltet, sondern nur so, daß die oberen -Fingerglieder schwach ineinander lagen –, ihre Augen entweder gen Himmel -gerichtet oder tief niedergeschlagen und unter den langen, schräg von -den Lidern abstehenden Wimpern versteckt hielt: nur geradeaus und dem -Beschauer entgegen blickte die Selige niemals. Sonst gab es -hauptsächlich gebirgige Landschaftsmotive, Berge im Schnee und im -Tannengrün, Berge, von Höhenqualm umwogt, und Berge, deren trockene und -scharfe Umrisse unter dem Einflusse Segantinis in einen tiefblauen -Himmel schnitten. Ferner waren da Sennhütten, wammige Kühe auf besonnter -Weide stehend und lagernd, ein gerupftes Huhn, das seinen verdrehten -Hals zwischen Gemüsen von einer Tischplatte hängen ließ, Blumenstücke, -Gebirglertypen und anderes mehr, – gemalt dies alles mit einem gewissen -flotten Dilettantismus, in keck aufgeklecksten Farben, die öfters -aussahen, als seien sie unmittelbar aus der Tube auf die Leinwand -gedrückt, und die lange gebraucht haben mußten, bis sie getrocknet waren -– bei groben Fehlern war es zuweilen wirksam. - -Anschauend wie in einer Ausstellung gingen sie die Wände entlang, -begleitet vom Hausherrn, der dann und wann ein Motiv bei Namen nannte, -meistens aber schweigend, in der stolzen Beklommenheit des Künstlers, es -genoß, seine Augen zusammen mit denen Fremder auf seinen Werken ruhen zu -lassen. Das Porträt Clawdia Chauchats hing im Wohnzimmer an der -Fensterwand, – Hans Castorp hatte es schon beim Eintreten mit raschem -Blicke erspäht, obgleich es nur eine entfernte Ähnlichkeit aufwies. -Absichtlich mied er die Stelle, hielt seine Begleiter im Eßzimmer fest, -wo er einen grünen Blick ins Sergital mit bläulichen Gletschern im -Hintergrunde zu bewundern vorgab, steuerte dann aus eigener -Machtvollkommenheit zuerst ins türkische Kabinett hinüber, das er, Lob -auf den Lippen, ebenfalls gründlich durchmusterte, und besichtigte dann -die Eingangswand des Wohnzimmers, auch Joachim manchmal zur -Beifallsäußerung auffordernd. Endlich wandte er sich um und fragte mit -Maßen stutzend: - -„Da ist doch ein bekanntes Gesicht?“ - -„Erkennen Sie sie?“ wollte Behrens hören. - -„Doch, da ist wohl eine Täuschung nicht möglich. Das ist die Dame vom -Guten Russentisch, mit dem französischen Namen ...“ - -„Stimmt, die Chauchat. Freut mich, daß Sie sie ähnlich finden.“ - -„Sprechend!“ log Hans Castorp, weniger aus Falschheit, als in dem -Bewußtsein, daß er, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, das -Modell gar nicht hätte erkennen dürfen, – so wenig, wie Joachim es aus -eigenen Kräften jemals erkannt hätte, der gute, überlistete Joachim, dem -nun freilich ein Licht aufging, das wahre Licht nach dem falschen, das -Hans Castorp ihm vorher angezündet. „Ja so“, sagte er leise und schickte -sich darein, das Bild betrachten zu helfen. Sein Vetter hatte sich für -ihr Fernbleiben von der Verandageselligkeit schadlos zu halten gewußt. - -Es war ein Bruststück in Halbprofil, etwas unter Lebensgröße, -dekolletiert, mit einer Schleierdraperie um Schultern und Busen, in -einen breiten, schwarzen, nach innen abfallenden und am Rande der -Leinwand mit einer Goldleiste verzierten Rahmen gefaßt. Frau -Chauchat erschien da zehn Jahre älter, als sie war, wie das bei -Dilettantenporträts, die charakteristisch sein wollen, zu gehen pflegt. -Im ganzen Gesicht war zuviel Rot, die Nase war arg verzeichnet, die -Haarfarbe nicht getroffen, zu strohig, der Mund verzerrt, der besondere -Reiz der Physiognomie nicht gesehen oder nicht herausgebracht, durch -Vergröberung seiner Ursachen verfehlt, das Ganze ein ziemlich -pfuscherhaftes Produkt, als Bildnis seinem Gegenstande nur weitläufig -verwandt. Aber Hans Castorp nahm es mit der Ähnlichkeit nicht weiter -genau, die Beziehungen dieser Leinwand zu Frau Chauchats Person waren -ihm eng genug, das Bild _sollte_ Frau Chauchat darstellen, sie selbst -hatte in diesen Räumen dazu Modell gesessen, das genügte ihm, bewegt -wiederholte er: - -„Wie sie leibt und lebt!“ - -„Sagen Sie das nicht“, wehrte der Hofrat ab. „Es war ein klotziges Stück -Arbeit, ich bilde mir nicht ein, so recht damit fertig geworden zu sein, -obgleich wir wohl zwanzig Sitzungen gehabt haben, – wie wollen Sie denn -fertig werden mit einer so vertrackten Visage. Man denkt, sie muß leicht -zu erwischen sein, mit ihren hyperboreischen Jochbeinen und den Augen, -wie aufgesprungene Schnitte in Hefegebäck. Ja, hat sich was. Macht man -die Einzelheit richtig, verpatzt man das Ganze. Das reine Vexierrätsel. -Kennen Sie sie? Möglicherweise sollte man sie nicht abmalen, sondern -nach dem Gedächtnis arbeiten. Kennen Sie sie denn?“ - -„Ja, nein, oberflächlich, wie man hier die Leute so kennt ...“ - -„Na, ich kenne sie ja mehr inwendig, subkutan, verstehen Sie, über -arteriellen Blutdruck, Gewebsspannung und Lymphbewegung, da weiß ich bei -ihr so ziemlich Bescheid – aus bestimmten Gründen. Das Oberflächliche -bietet größere Schwierigkeiten. Haben Sie sie schon manchmal gehen -sehen? Wie sie geht, so ist ihr Gesicht. Eine Schleicherin. Nehmen Sie -zum Exempel die Augen, – ich rede nicht von der Farbe, die auch ihre -Tücken hat; ich meine den Sitz, den Schnitt. Die Lidspalte, sagen Sie, -ist geschlitzt, schief. Das scheint Ihnen aber nur so. Was Sie täuscht, -ist der Epikanthus, das heißt eine Varietät, die bei gewissen Rassen -vorkommt und darin besteht, daß ein Hautüberschuß, der von dem flachen -Nasensattel dieser Leute herrührt, von der Deckfalte des Lides über den -inneren Augenwinkel hinabreicht. Ziehen Sie die Haut über der -Nasenwurzel straff an, und Sie haben ein Auge ganz wie von unsereinem. -Eine pikante Mystifikation also, übrigens nicht weiter ehrenvoll; denn -bei Lichte besehen, läuft der Epikanthus auf eine atavistische -Hemmungsbildung hinaus.“ - -„So verhält sich das also“, sagte Hans Castorp. „Ich wußte es nicht, -aber es interessiert mich schon längst, was es mit solchen Augen auf -sich hat.“ - -„Vexation, Täuschung“, bekräftigte der Hofrat. „Zeichnen Sie sie einfach -schief und geschlitzt, so sind Sie verloren. Sie müssen die Schiefheit -und Geschlitztheit zuwege bringen, wie die Natur sie zuwege bringt, -Illusion in der Illusion treiben, sozusagen, und dazu ist natürlich -nötig, daß Sie über den Epikanthus Bescheid wissen. Wissen kann -überhaupt nicht schaden. Sehen Sie sich die Haut an, die Körperhaut -hier. Ist das anschaulich, oder ist es nicht so besonders anschaulich -Ihrer Meinung nach?“ - -„Enorm,“ sagte Hans Castorp, „enorm anschaulich ist sie gemalt, die -Haut. Ich glaube, ähnlich gut gemalte ist mir nie vorgekommen. Man meint -die Poren zu sehen.“ Und er fuhr leicht mit dem Handrande über das -Dekolleté des Bildes, das sehr weiß gegen die übertriebene Rötung des -Gesichtes abstach, wie ein Körperteil, der gewöhnlich dem Lichte nicht -ausgesetzt ist, und so, absichtlich oder nicht, die Vorstellung des -Entblößtseins aufdringlich hervorrief, – ein jedenfalls ziemlich plumper -Effekt. - -Trotzdem war Hans Castorps Lob berechtigt. Die matt schimmernde Weiße -dieser zarten, aber nicht mageren Büste, die sich in der bläulichen -Schleierdraperie verlor, hatte viel Natur; sichtlich war sie mit Gefühl -gemalt, aber unbeschadet einer gewissen Süßigkeit, die davon ausging, -hatte der Künstler ihr eine Art von wissenschaftlicher Realität und -lebendiger Genauigkeit zu verleihen gewußt. Er hatte sich des körnigen -Charakters der Leinwand bedient, um ihn, namentlich in der Gegend der -zart hervortretenden Schlüsselbeine, durch die Ölfarbe hindurch als -natürliche Unebenheit der Hautoberfläche wirken zu lassen. Ein -Leberfleckchen links, wo die Brust sich zu teilen begann, war nicht -außer acht gelassen, und zwischen den Erhebungen glaubte man -schwach-bläuliches Geäder durchscheinen zu sehen. Es war, als ginge -unter dem Blick des Betrachters ein kaum merklicher Schauer von -Sensitivität über diese Nacktheit, – gewagt zu sagen: man mochte sich -einbilden, die Perspiration, den unsichtbaren Lebensdunst dieses -Fleisches wahrzunehmen, so, als würde man, wenn man etwa die Lippen -darauf drückte, nicht den Geruch von Farbe und Firnis, sondern den des -menschlichen Körpers verspüren. Wir geben mit alldem die Eindrücke Hans -Castorps wieder: aber wenn er besonders bereit war, solche Eindrücke zu -empfangen, so ist doch sachlich festzustellen, daß Frau Chauchats -Dekolleté das bei weitem bemerkenswerteste Stück Malerei in diesen -Zimmern war. - -Hofrat Behrens schaukelte sich, die Hände in den Hosentaschen, auf -Absätzen und Fußballen, während er seine Arbeit zugleich mit den -Besuchern betrachtete. - -„Freut mich, Herr Kollege,“ sagte er, „freut mich, daß es Ihnen -einleuchtet. Es ist eben gut und kann gar nicht schaden, wenn man auch -unter der Epidermis ein bißchen Bescheid weiß und mitmalen kann, was -nicht zu sehen ist, – mit anderen Worten: wenn man zur Natur noch in -einem andern Verhältnis steht als bloß dem lyrischen, wollen wir mal -sagen; wenn man zum Beispiel im Nebenamt Arzt ist, Physiolog, Anatom und -von den Dessous auch noch so seine stillen Kenntnisse hat, – das kann -von Vorteil sein, sagen Sie, was Sie wollen, es gibt entschieden ein -Prä. Die Körperpelle da hat Wissenschaft, die können Sie mit dem -Mikroskop auf ihre organische Richtigkeit untersuchen. Da sehen Sie -nicht bloß die Schleim- und Hornschichten der Oberhaut, sondern darunter -ist das Lederhautgewebe gedacht mit seinen Salbendrüsen und -Schweißdrüsen und Blutgefäßen und Wärzchen, – und darunter wieder die -Fetthaut, die Polsterung, wissen Sie, die Unterlage, die mit ihren -vielen Fettzellen die holdseligen weiblichen Formen zustande bringt. Was -aber mitgewußt und mitgedacht ist, das spricht auch mit. Es fließt Ihnen -in die Hand und tut seine Wirkung, ist nicht da und irgendwie doch da, -und das gibt Anschaulichkeit.“ - -Hans Castorp war Feuer und Flamme für dies Gespräch, seine Stirn war -gerötet, seine Augen eiferten, er wußte nicht, was er zuerst erwidern -sollte, denn er hatte vieles zu sagen. Erstens beabsichtigte er, das -Bild von der beschatteten Fensterwand fort an einen günstigeren Platz zu -schaffen, zweitens wollte er unbedingt an des Hofrats Äußerungen über -die Natur der Haut anknüpfen, die ihn dringlich interessierten, drittens -aber einen eigenen allgemeinen und philosophischen Gedanken auszudrücken -versuchen, der ihm ebenfalls höchlichst am Herzen lag. Während er schon -die Hände an das Porträt legte, um es abzuhängen, fing er hastig an: - -„Jawohl, jawohl! Sehr gut, das ist wichtig. Ich möchte sagen ... Das -heißt, Herr Hofrat sagten: ‚Noch in einem anderen Verhältnis.‘ Es wäre -gut, wenn außer dem lyrischen – so, glaube ich, sagten Sie –, dem -künstlerischen Verhältnis noch ein anderes vorhanden wäre, wenn man die -Dinge, kurz gesagt, noch unter einem anderen Gesichtswinkel auffaßte, -zum Beispiel dem medizinischen. Das ist kolossal zutreffend – -entschuldigen Herr Hofrat –, ich meine, es ist darum so hervorragend -richtig, weil es sich da eigentlich gar nicht um grundverschiedene -Verhältnisse und Gesichtswinkel handelt, sondern genau genommen immer um -ein und denselben – bloß um Spielarten davon, ich meine: Schattierungen, -ich meine also: Variationen von ein und demselben allgemeinen Interesse, -von dem auch die künstlerische Beschäftigung bloß ein Teil und ein -Ausdruck ist, wenn ich so sagen darf. Ja, entschuldigen Sie, ich hänge -das Bild ab, es hat ja hier absolut kein Licht, Sie werden sehen, ich -trage es mal eben zum Sofa hinüber, ob es denn da nicht doch ganz anders -... Ich wollte sagen: Womit beschäftigt sich die medizinische -Wissenschaft? Ich verstehe ja natürlich nichts davon, aber sie -beschäftigt sich doch mit dem Menschen. Und die Juristerei, die -Gesetzgebung und Rechtsprechung? Auch mit dem Menschen. Und die -Sprachforschung, mit der ja meistenteils die Ausübung des pädagogischen -Berufs verbunden ist? Und die Theologie, die Seelsorge, das geistliche -Hirtenamt? Alle mit dem Menschen, es sind alles bloß Abschattierungen -von ein und demselben wichtigen und ... hauptsächlichen Interesse, -nämlich dem Interesse am Menschen, es sind die humanistischen Berufe, -mit einem Wort, und wenn man sie studieren will, so lernt man als -Grundlage vor allem einmal die alten Sprachen, nicht wahr, der formalen -Bildung halber, wie man sagt. Sie wundern sich vielleicht, daß ich so -davon rede, ich bin ja bloß Realist, Techniker. Aber ich habe noch -neulich im Liegen darüber nachgedacht: es ist doch ausgezeichnet, eine -ausgezeichnete Einrichtung in der Welt, daß man jeder Art von -humanistischem Beruf das Formale, die Idee der Form, der schönen Form, -wissen Sie, zugrunde legt, – das bringt so etwas Nobles und -Überflüssiges in die Sache und außerdem so etwas von Gefühl und ... -Höflichkeit, – das Interesse wird dadurch beinahe schon zu etwas -wie einem galanten Anliegen ... Das heißt, ich drücke mich -höchstwahrscheinlich unpassend aus, aber man sieht da, wie das Geistige -und das Schöne sich vermischen und eigentlich immer schon eines waren, -mit anderen Worten: die Wissenschaft und die Kunst, und daß also die -künstlerische Beschäftigung unbedingt auch dazu gehört, als fünfte -Fakultät gewissermaßen, daß sie auch gar nichts anderes ist, als ein -humanistischer Beruf, eine Abschattierung des humanistischen Interesses, -insofern ihr wichtigstes Thema oder Anliegen doch auch wieder der Mensch -ist, das werden Sie mir zugeben. Ich habe ja bloß Schiffe und Wasser -gemalt, wenn ich mich in meiner Jugend mal in dieser Richtung versuchte, -aber das Anziehendste in der Malerei ist und bleibt in meinen Augen doch -das Porträt, weil es unmittelbar den Menschen zum Gegenstand hat, darum -fragte ich gleich, ob Herr Hofrat sich auch auf diesem Gebiet betätigten -... Würde es hier nun nicht doch ganz erheblich günstiger hängen?“ - -Beide, Behrens sowohl wie Joachim, sahen ihn an, ob er sich dessen nicht -schäme, was er da aus dem Stegreif zusammengeredet. Aber Hans Castorp -war viel zu sehr bei der Sache, um verlegen zu werden. Er hielt das Bild -an die Sofawand und verlangte Antwort, ob es da nicht bedeutend besser -belichtet sei. Gleichzeitig brachte das Dienstmädchen auf einem Brett -heißes Wasser, einen Spirituskocher und Kaffeetäßchen. Der Hofrat wies -sie ins Kabinett und sagte: - -„Dann müßten Sie sich aber eigentlich nicht so sehr für Malerei -interessieren, als in erster Linie für Skulptur ... Doch, da hat es -natürlich mehr Licht. Wenn Sie meinen, daß es soviel davon verträgt ... -Für Plastik, meine ich, weil die es doch am reinsten und -ausschließlichsten mit dem Menschen im allgemeinen zu tun hat. Daß uns -aber das Wasser nicht wegkocht.“ - -„Sehr wahr, die Plastik“, sagte Hans Castorp, während sie hinübergingen, -und vergaß, das Bild wieder aufzuhängen oder abzustellen: er nahm es -mit, trug es bei Fuß ins anstoßende Zimmer. „Sicher, so eine griechische -Venus oder so ein Athlet, da zeigt sich das Humanistische zweifellos am -deutlichsten, es ist wohl im Grunde das Wahre, die eigentlich -humanistische Art von Kunst, wenn man es sich überlegt.“ - -„Na, was die kleine Chauchat betrifft,“ bemerkte der Hofrat, „so ist das -wohl jedenfalls mehr ein Gegenstand für die Malerei, ich glaube, Phidias -oder der andere mit der mosaischen Namensendung, die hätten die Nase -gerümpft über ihre Art von Physiognomie ... Was machen Sie denn, was -schleppen Sie sich denn mit dem Schinken?“ - -„Danke, ich stelle es erst mal hier an mein Stuhlbein, da steht es ja -für den Augenblick ganz gut. Die griechischen Plastiker kümmerten sich -aber nicht viel um den Kopf, es kam ihnen auf den Körper an, das war -vielleicht gerade das Humanistische ... Und die weibliche Plastik, das -ist also Fett?“ - -„Das ist Fett!“ sagte endgültig der Hofrat, der einen Wandschrank -aufgeschlossen und ihm das Zubehör zur Kaffeebereitung entnommen hatte, -eine röhrenförmige türkische Mühle, den langgestielten Kochbecher, das -Doppelgefäß für Zucker und gemahlenen Kaffee, alles aus Messing. -„Palmitin, Stearin, Oleïn“, sagte er und schüttete Kaffeebohnen aus -einer Blechbüchse in die Mühle, deren Kurbel er zu drehen begann. „Die -Herren sehen, ich mache alles selbst, von Anfang an, es schmeckt noch -mal so gut. – Was dachten Sie denn? Daß es Ambrosia wäre?“ - -„Nein, ich wußte es schon selber. Es ist nur merkwürdig, es so zu -hören“, sagte Hans Castorp. - -Sie saßen im Winkel zwischen Tür und Fenster, an einem Bambustaburett -mit orientalisch ornamentierter Messingplatte, auf der das Kaffeegerät -zwischen Rauchutensilien Platz gefunden hatte: Joachim neben Behrens auf -der reichlich mit seidenen Kissen ausgestatteten Ottomane, Hans Castorp -in einem Klubsessel auf Rollen, gegen den er Frau Chauchats Porträt -gelehnt hatte. Ein bunter Teppich lag unter ihnen. Der Hofrat löffelte -Kaffee und Zucker in den gestielten Becher, goß Wasser nach und ließ das -Getränk über der Spiritusflamme aufkochen. Es schäumte braun in den -Zwiebeltäßchen und erwies sich beim Nippen als ebenso stark wie süß. - -„Ihre übrigens auch“, sagte Behrens. „Ihre Plastik, soweit davon die -Rede sein kann, ist natürlich auch Fett, wenn auch nicht in dem Grade -wie bei den Weibern. Bei unsereinem macht das Fett gewöhnlich bloß den -zwanzigsten Teil vom Körpergewicht aus, bei den Weibern den sechzehnten. -Ohne das Unterhautzellgewebe, da wären wir alle bloß Morcheln. Mit den -Jahren schwindet es ja, und dann gibt es den bekannten unästhetischen -Faltenwurf. Am dicksten und fettesten ist es an der weiblichen Brust und -am Bauch, an den Oberschenkeln, kurz, überall, wo ein bißchen was los -ist für Herz und Hand. Auch an den Fußsohlen ist es fett und kitzlich.“ - -Hans Castorp drehte die röhrenförmige Kaffeemühle zwischen den Händen. -Sie war, wie die ganze Garnitur, wohl eher indischer oder persischer, -als türkischer Herkunft: der Stil der in das Messing gearbeiteten -Gravierungen, deren Flächen blank aus dem matt gehaltenen Grunde traten, -deutete darauf hin. Hans Castorp betrachtete die Ornamentik, ohne gleich -klug daraus werden zu können. Als er klug daraus geworden war, errötete -er unversehens. - -„Ja, das ist so ein Gerät für alleinstehende Herren“, sagte Behrens. -„Darum halte ich es unter Verschluß, wissen Sie. Meine Küchenfee könnte -sich die Augen daran verderben. Sie werden ja wohl weiter keinen Schaden -davontragen. Ich habe es mal von einer Patientin geschenkt bekommen, -einer ägyptischen Prinzessin, die uns ein Jährchen die Ehre schenkte. -Sie sehen, das Muster wiederholt sich an jedem Stück. Ulkig, was?“ - -„Ja, das ist merkwürdig“, erwiderte Hans Castorp. „Ha nein, mir macht es -natürlich nichts. Man kann es ja sogar ernst und feierlich nehmen, wenn -man will, – obgleich es dann am Ende auf einer Kaffeegarnitur nicht ganz -am Platz ist. Die Alten sollen ja so etwas gelegentlich auf ihren Särgen -angebracht haben. Das Obszöne und das Heilige war ihnen gewissermaßen -ein und dasselbe.“ - -„Na, was die Prinzessin betrifft,“ sagte Behrens, „die war nun, glaub -ich, mehr für das erstere. Sehr schöne Zigaretten habe ich übrigens auch -noch von ihr, das ist was Extrafeines, wird nur bei erstklassigen -Gelegenheiten aufgefahren.“ Und er holte die grellbunte Schachtel aus -dem Wandschrank, um sie anzubieten. Joachim enthielt sich, indem er die -Absätze zusammenzog. Hans Castorp griff zu und rauchte die ungewöhnlich -große und breite, mit einer Sphinx in Golddruck geschmückte Zigarette -an, die in der Tat wundervoll war. - -„Erzählen Sie uns doch noch etwas von der Haut,“ bat er, „wenn Sie so -freundlich sein wollen, Herr Hofrat!“ Er hatte Frau Chauchats Porträt -wieder an sich genommen, hatte es auf sein Knie gestellt und betrachtete -es, in den Stuhl zurückgelehnt, die Zigarette zwischen den Lippen. -„Nicht gerade von der Fetthaut, das wissen wir ja nun, was es damit auf -sich hat. Aber von der menschlichen Haut im allgemeinen, die Sie so gut -zu malen verstehn.“ - -„Von der Haut? Interessieren Sie sich für Physiologie?“ - -„Sehr! Ja, dafür habe ich mich schon immer im höchsten Grade -interessiert. Der menschliche Körper, für den habe ich immer -hervorragend viel Sinn gehabt. Manchmal habe ich mich schon gefragt, ob -ich nicht Arzt hätte werden sollen, – in gewisser Weise hätte das, -glaube ich, nicht schlecht für mich gepaßt. Denn wer sich für den Körper -interessiert, der interessiert sich ja auch für die Krankheit, – -namentlich sogar für die, – tut er das nicht? Übrigens hat es nicht viel -zu sagen, ich hätte Verschiedenes werden können. Ich hätte zum Beispiel -auch Geistlicher werden können.“ - -„Nanu?“ - -„Ja, vorübergehend ist es mir schon manchmal so vorgekommen, als ob ich -dabei eigentlich ganz in meinem Element gewesen wäre.“ - -„Warum sind Sie denn Ingenieur geworden?“ - -„Aus Zufall. Das waren wohl mehr oder weniger die äußeren Umstände, die -darin den Ausschlag gaben.“ - -„Na, von der Haut? Was soll ich Ihnen denn von Ihrem Sinnesblatt -erzählen. Das ist Ihr Außenhirn, verstehen Sie, – ontogenetisch ganz -desselben Ursprungs wie der Apparat für die sogenannten höheren -Sinnesorgane da oben in Ihrem Schädel: das zentrale Nervensystem, müssen -Sie wissen, ist bloß eine leichte Umbildung der äußeren Hautschicht, und -bei den niederen Tieren, da gibts den Unterschied zwischen zentral und -peripher überhaupt noch nicht, die riechen und schmecken mit der Haut, -müssen Sie sich vorstellen, die haben überhaupt bloß Hautsinnlichkeit, – -muß ganz behaglich sein, wenn man sich so hineinversetzt. Dagegen bei so -hoch differenzierten Lebewesen, wie Sie und ich, da beschränkt sich der -Ehrgeiz der Haut auf die Kitzlichkeit, da ist sie bloß noch Schutz- und -Meldeorgan, aber höllisch auf dem Posten gegen alles, was dem Körper zu -nahe treten will, – sie streckt ja sogar noch Tastapparate über sich -hinaus, die Haare nämlich, die Körperhärchen, die bloß aus verhornten -Hautzellen bestehen und eine Annäherung schon spüren lassen, bevor die -Haut selbst noch berührt ist. Unter uns gesagt, es ist sogar möglich, -daß sich der Schutz- und Abwehrberuf der Haut nicht bloß aufs -Körperliche erstreckt ... Wissen Sie, wie Sie rot und blaß werden?“ - -„Ungenau.“ - -„Ja, ganz genau wissen wir es, offen gestanden, auch nicht, wenigstens -was das Schamrotwerden betrifft. Die Sache ist nicht ganz aufgehellt, -denn erweiternde Muskeln, die durch die vasomotorischen Nerven in -Bewegung gesetzt werden könnten, haben sich bis dato an den Gefäßen -nicht nachweisen lassen. Wieso dem Hahn eigentlich der Kamm schwillt – -oder was sich sonst für renommistische Beispiele anführen ließen –, das -ist sozusagen mysteriös, besonders da es sich um psychische Einwirkung -handelt. Wir nehmen an, daß Verbindungen zwischen der Großhirnrinde und -dem Gefäßzentrum im Kopfmark bestehen. Und bei gewissen Reizen also, zum -Exempel: Sie schämen sich mächtig, da spielt diese Verbindung, und die -Gefäßnerven nach dem Gesichte spielen, und dann dehnen und füllen die -dortigen Blutgefäße sich, daß Sie einen Kopf kriegen wie ein Puter, ganz -hochgeschwollen von Blut sind Sie da und können nicht aus den Augen -sehen. Dagegen in anderen Fällen, Gott weiß, was Ihnen bevorsteht, was -ganz gefährlich Schönes möglicherweise, – da ziehen die Blutgefäße der -Haut sich zusammen, und die Haut wird blaß und kalt und fällt ein, und -dann sehen Sie aus wie ’ne Leiche vor lauter Emotion, mit bleifarbenen -Augenhöhlen und einer weißen, spitzen Nase. Aber das Herz läßt der -Sympathikus ordentlich trommeln.“ - -„So kommt das also“, sagte Hans Castorp. - -„So ungefähr. Das sind Reaktionen, wissen Sie. Da aber alle Reaktionen -und Reflexe von Hause aus einen Zweck haben, so vermuten wir Physiologen -beinah, daß auch diese Begleiterscheinungen psychischer Affekte -eigentlich zweckmäßige Schutzmittel sind, Abwehrreflexe des Körpers, wie -die Gänsehaut. Wissen Sie, wie Sie eine Gänsehaut kriegen?“ - -„Auch nicht so recht.“ - -„Das ist nämlich eine Veranstaltung der Hauttalgdrüsen, die die -Hautschmiere absondern, so ein eiweißhaltiges, fettiges Sekret, wissen -Sie, nicht gerade appetitlich, aber es hält die Haut geschmeidig, damit -sie vor Dürre nicht reißt und springt und angenehm anzufassen ist, – es -ist ja nicht auszudenken, wie die menschliche Haut anzufassen wäre ohne -die Cholesterinschmiere. Diese Hautsalbendrüsen haben kleine organische -Muskeln, die die Drüsen aufrichten können, und wenn sie das tun, dann -wird Ihnen wie dem Jungen, dem die Prinzessin den Eimer mit den -Gründlingen über den Leib goß, wie ein Reibeisen wird Ihre Haut, und -wenn der Reiz stark ist, so richten auch die Haarbälge sich auf, – die -Haare sträuben sich Ihnen auf dem Kopf und die Härchen am Leibe, wie -einem Stachelschwein, das sich wehrt, und Sie können sagen, Sie haben -das Gruseln gelernt.“ - -„Oh, ich“, sagte Hans Castorp, „ich habe das schon manchmal gelernt. Mir -gruselt es sogar ziemlich leicht, bei den verschiedensten Gelegenheiten. -Was mich wundert, ist nur, daß die Drüsen bei so verschiedenen -Gelegenheiten sich aufrichten. Wenn einer mit einem Griffel über Glas -fährt, so kriegt man eine Gänsehaut, und bei besonders schöner Musik -kriegt man auch plötzlich eine, und als ich bei meiner Konfirmation das -Abendmahl nahm, da kriegte ich eine über die andere, das Graupeln und -Prickeln wollte gar nicht mehr aufhören. Es ist doch sonderbar, wodurch -nicht alles die kleinen Muskeln in Bewegung gesetzt werden.“ - -„Ja,“ sagte Behrens, „Reiz ist Reiz. Der Inhalt des Reizes kümmert den -Körper den Teufel was. Ob Gründlinge oder Abendmahl, die Talgdrüsen -richten sich eben auf.“ - -„Herr Hofrat,“ sagte Hans Castorp und betrachtete das Bild auf seinen -Knien; „worauf ich noch zurückkommen wollte. Sie sprachen vorhin von -inneren Vorgängen, Lymphbewegung und dergleichen ... Was ist es damit? -Ich würde gern mehr davon hören, von der Lymphbewegung zum Beispiel, -wenn Sie die Liebenswürdigkeit hätten, es interessiert mich sehr.“ - -„Das will ich glauben“, erwiderte Behrens. „Die Lymphe, das ist das -Allerfeinste, Intimste und Zarteste in dem ganzen Körperbetrieb, – es -schwebt Ihnen wohl vermutungsweise so vor, wenn Sie fragen. Man spricht -immer vom Blut und seinen Mysterien und nennt es einen besonderen Saft. -Aber die Lymphe, die ist ja erst der Saft des Saftes, die Essenz, wissen -Sie, Blutmilch, eine ganz deliziöse Tropfbarkeit, – nach Fettnahrung -sieht sie übrigens wirklich wie Milch aus.“ Und aufgeräumt und -redensartlich begann er zu schildern, wie das Blut, diese -theatermantelrote, durch Atmung und Verdauung bereitete, mit Gasen -gesättigte, mit Mauserschlacke beladene Fett-, Eiweiß-, Eisen-, Zucker- -und Salzbrühe, die achtunddreißig Grad heiß von der Herzpumpe durch die -Gefäße gedrückt werde und überall im Körper den Stoffwechsel, die -tierische Wärme, mit einem Worte das liebe Leben in Gang halte, – wie -also das Blut nicht unmittelbar an die Zellen herankomme, sondern wie -der Druck, unter dem es stehe, einen Extrakt und Milchsaft davon durch -die Gefäßwände schwitzen lasse und ihn in die Gewebe presse, so daß er -überall hindringe, als Gewebsflüssigkeit jedes Spältchen fülle und das -elastische Zellgewebe dehne und spanne. Das sei die Gewebsspannung, der -Turgor, und wieder der Turgor seinerseits mache, daß die Lymphe, wenn -sie die Zellen lieblich bespült und Stoff mit ihnen getauscht habe, in -die Lymphgefäße getrieben werde, die _vasa lymphatica_, und zurück in -das Blut fließe, es seien täglich anderthalb Liter. Er beschrieb das -Röhren- und Saugadersystem der Lymphgefäße, redete von dem -Brustmilchgang, der die Lymphe der Beine, des Bauches und der Brust, -eines Armes und einer Kopfseite sammle, von zarten Filterorganen sodann, -welche vielerorts in den Lymphgefäßen ausgebildet seien, Lymphdrüsen -genannt und gelegen am Halse, in der Achselhöhle, den Ellbogengelenken, -der Kniekehle und an ähnlich intimen und zärtlichen Körperstellen. „Da -können nun Schwellungen vorkommen,“ erklärte Behrens, „und davon gingen -wir ja wohl aus, – Verdickungen der Lymphdrüsen, sagen wir mal: in den -Kniekehlen und den Armgelenken, wassersuchtähnliche Geschwülste da und -dort, und das hat immer einen Grund, wenn auch nicht gerade einen -schönen. Unter Umständen wird einem der Verdacht der tuberkulösen -Lymphgefäßverstopfung näher als nahgelegt.“ - -Hans Castorp schwieg. „Ja,“ sagte er leise nach einer Pause, „es ist so, -ich hätte gut Arzt werden können. Der Brustmilchgang ... Die Lymphe der -Beine ... Das interessiert mich sehr. – Was ist der Körper!“ rief er auf -einmal stürmisch ausbrechend. „Was ist das Fleisch! Was ist der Leib des -Menschen! Woraus besteht er! Sagen Sie uns das heute nachmittag, Herr -Hofrat! Sagen Sie es uns ein für allemal und genau, damit wir es -wissen!“ - -„Aus Wasser“, antwortete Behrens. „Für organische Chemie interessieren -Sie sich also auch? Das ist allergrößtenteils Wasser, woraus der -humanistische Menschenleib besteht, nichts Besseres und nichts -Schlechteres, es ist keine Ursache, heftig zu werden. Die -Trockensubstanz beträgt bloß fünfundzwanzig Prozent, und davon sind -zwanzig Prozent gewöhnliches Hühnereiweiß, Proteinstoffe, wenn Sie es -ein bißchen nobler ausdrücken wollen, denen eigentlich nur noch ein -bißchen Fett und Salz zugesetzt ist, das ist so gut wie alles.“ - -„Aber das Hühnereiweiß. Was ist das?“ - -„Allerlei Elementares. Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, -Schwefel. Manchmal auch Phosphor. Sie entwickeln ja eine ausschweifende -Wißbegier. Manche Eiweiße sind auch mit Kohlehydraten verbunden, das -heißt mit Traubenzucker und Stärke. Im Alter wird das Fleisch zäh, das -kommt, weil das Kollagen im Bindegewebe zunimmt, der Leim, wissen Sie, -wichtigster Bestandteil der Knochen und Knorpel. Was soll ich Ihnen denn -noch erzählen? Da haben wir im Muskelplasma ein Eiweiß, das Myosinogen, -das im Tode zu Muskelfibrin gerinnt und die Totenstarre erzeugt.“ - -„Ja so, die Totenstarre“, sagte Hans Castorp munter. „Sehr gut, sehr -gut. Und dann kommt die Generalanalyse, die Anatomie des Grabes.“ - -„Na, selbstredend. Das haben Sie übrigens schön gesagt. Dann wird die -Sache weitläufig. Man fließt auseinander, sozusagen. Bedenken Sie all -das Wasser! Und die anderen Ingredienzien sind ohne Leben ja wenig -haltbar, sie werden durch die Fäulnis in simplere Verbindungen zerlegt, -in anorganische.“ - -„Fäulnis, Verwesung,“ sagte Hans Castorp, „das ist doch Verbrennung, -Verbindung mit Sauerstoff, soviel ich weiß.“ - -„Auffallend richtig. Oxydation.“ - -„Und Leben?“ - -„Auch. Auch, Jüngling. Auch Oxydation. Leben ist hauptsächlich auch bloß -Sauerstoffbrand des Zelleneiweiß, da kommt die schöne tierische Wärme -her, von der man manchmal zu viel hat. Tja, Leben ist Sterben, da gibt -es nicht viel zu beschönigen, – _une destruction organique_, wie -irgendein Franzos es in seiner angeborenen Leichtfertigkeit mal genannt -hat. Es riecht auch danach, das Leben. Wenn es uns anders vorkommt, so -ist unser Urteil bestochen.“ - -„Und wenn man sich für das Leben interessiert,“ sagte Hans Castorp, „so -interessiert man sich namentlich für den Tod. Tut man das nicht?“ - -„Na, so eine Art von Unterschied bleibt da ja immerhin. Leben ist, daß -im Wechsel der Materie die Form erhalten bleibt.“ - -„Wozu die Form erhalten“, sagte Hans Castorp. - -„Wozu? Hören Sie mal, das ist aber kein bißchen humanistisch, was Sie da -sagen.“ - -„Form ist ete-pe-tete.“ - -„Sie haben entschieden was Unternehmendes heute. Förmlich was -Durchgängerisches. Aber ich falle nun ab“, sagte der Hofrat. „Ich werde -nun melancholisch“, sagte er und legte seine riesige Hand über die -Augen. „Sehen Sie, das kommt so über mich. Da habe ich nun Kaffee mit -Ihnen getrunken, und es hat mir geschmeckt, und auf einmal kommt es über -mich, daß ich melancholisch werde. Die Herren müssen mich nun schon -entschuldigen. Es war mir was Besonderes und hat mir allen möglichen -Spaß gemacht ...“ - -Die Vettern waren aufgesprungen. Sie machten sich Vorwürfe, sagten sie, -den Herrn Hofrat so lange ... Er gab beruhigende Gegenversicherungen. -Hans Castorp beeilte sich, Frau Chauchats Porträt ins Nebenzimmer zu -tragen und wieder an seinen Platz zu hängen. Sie betraten den Garten -nicht mehr, um in ihr Quartier zu gelangen. Behrens wies ihnen den Weg -durch das Gebäude, indem er sie bis zur Verbindungsglastür geleitete. -Sein Nacken schien stärker als sonst herauszutreten in dem -Gemütszustand, der plötzlich über ihn gekommen war, er blinzelte mit -seinen Quellaugen, und sein infolge der einseitigen Lippenschürzung -schiefes Schnurrbärtchen hatte einen kläglichen Ausdruck gewonnen. - -Während sie über Korridore und Treppen gingen, sagte Hans Castorp: - -„Gib zu, daß das eine gute Idee von mir war.“ - -„Jedenfalls war es eine Abwechslung“, erwiderte Joachim. „Und -ausgesprochen habt ihr euch ja über mancherlei Dinge bei dieser -Gelegenheit, das muß man sagen. Mir ging es sogar ein bißchen zu sehr -drüber und drunter. Es ist nun hohe Zeit, daß wir vorm Tee doch -wenigstens noch auf zwanzig Minuten in den Liegedienst kommen. Du -findest es vielleicht ete-pe-tete von mir, daß ich so darauf halte, – -durchgängerisch, wie du neuerdings bist. Aber du hast es ja schließlich -auch nicht so nötig wie ich.“ - - - Forschungen - -So kam, was kommen mußte, und was hier zu erleben Hans Castorp noch vor -kurzem sich nicht hätte träumen lassen: der Winter fiel ein, der hiesige -Winter, den Joachim schon kannte, da der vorige noch in voller -Herrschaft gewesen, als er hier eingetroffen war, vor dem aber Hans -Castorp sich etwas fürchtete, obgleich er sich ja bestens dafür gerüstet -wußte. Sein Vetter suchte ihn zu beruhigen. - -„Du mußt es dir nicht allzu grimmig vorstellen,“ sagte er, „nicht gerade -arktisch. Man spürt die Kälte wenig wegen der Lufttrockenheit und der -Windstille. Wenn man sich gut verpackt, kann man bis tief in die Nacht -auf dem Balkon bleiben, ohne zu frieren. Es ist die Geschichte mit der -Temperaturumkehr oberhalb der Nebelgrenze, es wird wärmer in höheren -Lagen, man hat das früher nicht so gewußt. Eher ist es schon kalt, wenn -es regnet. Aber du hast ja nun deinen Liegesack, und geheizt wird auch -ein bißchen, wenn Not an den Mann kommt.“ - -Übrigens konnte von Überrumpelung und Gewalttätigkeit nicht die Rede -sein, der Winter kam gelinde, er sah vorderhand nicht sehr anders aus, -als mancher Tag, den auch der Hochsommer schon mit sich geführt hatte. -Ein paar Tage lang hatte Südwind geweht, die Sonne drückte, das Tal -schien verkürzt und verengt, nahe und nüchtern lagen die Alpenkulissen -des Ausgangs. Dann zogen Wolken auf, drangen vom Piz Michel und -Tinzenhorn gegen Nordosten vor, und das Tal verdunkelte sich. Dann -regnete es schwer. Dann wurde der Regen unrein, weißlichgrau, Schnee -hatte sich dareingemischt, es war schließlich nur noch Schnee, das Tal -war angefüllt mit Gestöber, und da das reichlich lange so ging, auch die -Temperatur unterdessen beträchtlich gefallen war, so konnte der Schnee -nicht ganz wegschmelzen, er war naß, aber er blieb liegen, das Tal lag -in dünnem, feuchtem, schadhaftem weißen Gewand, gegen welches das -Nadelrauh der Lehnen schwarz abstach; im Speisesaal erwärmten die Röhren -sich laulich. Das war Anfang November, um Allerseelen, und es war nicht -neu. Auch im August war es schon so gewesen, und längst hatte man sich -entwöhnt, den Schnee als ein Vorrecht des Winters zu betrachten. Stets -und bei jeder Witterung, wenn auch nur von ferne, hatte man welchen vor -Augen gehabt, denn immer schimmerten Reste und Spuren davon in den -Spalten und Schründen der felsigen Rätikonkette, die dem Taleingang -vorzuliegen schien, und immer hatten die fernsten Bergmajestäten des -Südens im Schnee herübergegrüßt. Aber beides hielt an, der Schneefall -und der Wärmerückgang. Der Himmel hing blaßgrau und niedrig über dem -Tal, löste sich in Flocken hin, die lautlos und unaufhörlich fielen, in -übertriebener und leicht beunruhigender Ausgiebigkeit, und stündlich -wurde es kälter. Es kam der Morgen, da Hans Castorp in seinem Zimmer -sieben Grad hatte, und am folgenden waren es nur noch fünf. Das war der -Frost, und er hielt sich in Grenzen, aber er hielt sich. Es hatte bei -Nacht gefroren, nun fror es auch am Tage, und zwar von morgens bis -abends, wobei es weiterschneite, mit kurzen Unterbrechungen den vierten -und fünften, den siebenten Tag. Der Schnee sammelte sich nun mächtig an, -nachgerade wurde er zur Verlegenheit. Man hatte auf dem Dienstwege zur -Bank am Wasserlauf, sowie auf dem Fahrweg hinab ins Tal, Gehbahnen -geschaufelt; aber sie waren schmal, es gab kein Ausweichen darauf, bei -Begegnungen mußte man in den Schneedamm zur Seite treten und versank bis -zum Knie. Eine Schneewalze aus Stein, von einem Pferde gezogen, das ein -Mann am Halfter führte, rollte den ganzen Tag über die Straßen des -Kurortes drunten, und eine Schlittentram, gelb und von altfränkisch -postkutschenhafter Gestalt, mit einem Schneepfluge vorn, der die weißen -Massen schaufelnd beiseite warf, verkehrte zwischen dem Kurhausviertel -und dem „Dorf“ genannten nördlichen Teil der Siedelung. Die Welt, die -enge, hohe und abgeschiedene Welt Derer hier oben, erschien nun dick -bepelzt und gepolstert, es war kein Pfeiler und Pfahl, der nicht eine -weiße Haube trug, die Treppenstufen zum Berghofportal verschwanden, -verwandelten sich in eine schiefe Ebene, schwere, humoristisch geformte -Kissen lasteten überall auf den Zweigen der Kiefern, da und dort -rutschte die Masse ab, zerstäubte und zog als Wolke und weißer Nebel -zwischen den Stämmen dahin. Verschneit lag rings das Gebirge, rauh in -den unteren Bezirken, weich zugedeckt die über die Baumgrenze -hinausragenden, verschieden gestalteten Gipfel. Es war dunkel, die Sonne -stand nur als ein bleicher Schein hinter dem Geschleier. Aber der Schnee -gab ein indirektes und mildes Licht, eine milchige Helligkeit, die Welt -und Menschen gut kleidete, wenn auch die Nasen unter den weißen oder -farbigen Wollmützen rot waren. - -Im Speisesaal, an den sieben Tischen, beherrschte der Anbruch des -Winters, der großen Jahreszeit dieser Gegenden, das Gespräch. Viele -Touristen und Sportsleute, hieß es, seien eingetroffen und bevölkerten -die Hotels von „Dorf“ und „Platz“. Man schätzte die Höhe des geworfenen -Schnees auf sechzig Zentimeter, und seine Beschaffenheit sei ideal im -Sinne des Skiläufers. An der Bobbahn, die drüben am nordwestlichen Hange -von der Schatzalp zu Tal führte, werde eifrig gearbeitet, schon in den -nächsten Tagen könne sie eröffnet werden, vorausgesetzt, daß nicht der -Föhn einen Strich durch die Rechnung mache. Man freute sich auf das -Treiben der Gesunden, der Gäste von unten, das nun sich hier wieder -entwickeln werde, auf die Sportsfeste und Rennen, denen man auch gegen -Verbot beizuwohnen gedachte, indem man die Liegekur schwänzte und -entwischte. Es gab etwas Neues, hörte Hans Castorp, eine Erfindung aus -Norden, das Skikjöring, ein Rennen, wobei sich die Teilnehmer auf Skiern -stehend von Pferden ziehen lassen würden. Dazu wollte man entwischen. – -Auch von Weihnachten war die Rede. - -Von Weihnachten! Nein, daran hatte Hans Castorp noch nicht gedacht. Er -hatte leicht sagen und schreiben können, daß er kraft ärztlichen -Befundes mit Joachim den Winter hier werde zubringen müssen. Aber das -schloß ein, wie sich nun zeigte, daß er hier Weihnachten verleben -sollte, und das hatte ohne Zweifel etwas Erschreckendes für das Gemüt, -schon deshalb, aber nicht ganz allein deshalb, weil er diese Zeit -überhaupt noch niemals anderswo als in der Heimat, im Schoß der Familie, -verlebt hatte. In Gottes Namen denn, das wollte nun in den Kauf genommen -sein. Er war kein Kind mehr, Joachim schien auch weiter keinen Anstoß -daran zu nehmen, sondern sich ohne Weinerlichkeit damit abzufinden, und -wo nicht überall und unter welchen Umständen war in der Welt schon -Weihnachten begangen worden! - -Bei alldem schien es ihm etwas übereilt, vor dem ersten Advent von -Weihnachten zu reden; es waren ja noch reichlich sechs Wochen bis dahin. -Diese aber übersprang und verschlang man im Speisesaal, – ein inneres -Verfahren, auf das Hans Castorp ja schon auf eigene Hand sich verstehen -gelernt hatte, wenn er es auch noch nicht in so kühnem Stile zu üben -gewöhnt war wie die älter eingesessenen Lebensgenossen. Solche Etappen -im Jahreslauf, wie das Weihnachtsfest, schienen ihnen eben recht als -Anhaltspunkte und Turngeräte, woran sich über leere Zwischenzeiten -behende hinwegvoltigieren ließ. Sie hatten alle Fieber, ihr Stoffumsatz -war erhöht, ihr Körperleben verstärkt und beschleunigt, – es mochte am -Ende wohl damit zusammenhängen, daß sie die Zeit so rasch und massenhaft -durchtrieben. Er hätte sich nicht gewundert, wenn sie Weihnachten schon -als zurückgelegt betrachtet und gleich von Neujahr und Fastnacht -gesprochen hätten. Aber so leichtlebig und ungesetzt war man mitnichten -im Berghofspeisesaal. Bei Weihnachten machte man halt, es gab Anlaß zu -Sorgen und Kopfzerbrechen. Man beriet über das gemeinsame Geschenk, das -nach bestehender Anstaltsübung dem Chef, Hofrat Behrens, am heiligen -Abend überreicht werden sollte, und für das eine allgemeine Sammlung -eingeleitet war. Voriges Jahr hatte man einen Reisekoffer geschenkt, wie -diejenigen überlieferten, die seit mehr als Jahresfrist hier waren. Man -sprach für diesmal von einem neuen Operationstisch, einer Malstaffelei, -einem Gehpelz, einem Schaukelstuhl, einem elfenbeinernen und irgendwie -„eingelegten“ Hörrohr, und Settembrini empfahl auf Befragen die -Schenkung eines angeblich im Entstehen begriffenen lexikographischen -Werkes, genannt „Soziologie der Leiden“; doch fiel ihm einzig ein -Buchhändler bei, der seit kurzem am Tische der Kleefeld saß. Einigung -hatte sich noch nicht ergeben wollen. Die Verständigung mit den -russischen Gästen bot Schwierigkeiten. Die Sammlung spaltete sich. Die -Moskowiter erklärten, Behrens auf eigene Hand beschenken zu wollen. Frau -Stöhr zeigte sich tagelang in größter Unruhe wegen eines Geldbetrages, -zehn Franken, die sie bei der Sammlung leichtsinnigerweise für Frau -Iltis ausgelegt hatte, und die diese ihr zurückzuerstatten „vergaß“. Sie -„vergaß“ es, – die Betonungen, mit denen Frau Stöhr dies Wort versah, -waren vielfach abgestuft und sämtlich darauf berechnet, den tiefsten -Unglauben an eine Vergeßlichkeit zu bekunden, die allen Anspielungen und -feinen Gedächtnisstachelungen, an denen es Frau Stöhr, wie sie -versicherte, nicht fehlen ließ, Trotz bieten zu wollen schien. Mehrfach -verzichtete Frau Stöhr und erklärte, der Iltis die schuldige Summe zu -schenken. „Ich zahle also für mich und für sie,“ sagte sie; „gut, nicht -mein ist die Schande!“ Endlich aber war sie auf einen Ausweg verfallen, -von dem sie der Tischgesellschaft zu allgemeiner Heiterkeit Mitteilung -machte: sie hatte sich die zehn Franken auf der „Verwaltung“ auszahlen -und der Iltis in Rechnung stellen lassen, – womit die träge Schuldnerin -denn überlistet und wenigstens diese Sache ins gleiche gebracht war. - -Es hatte zu schneien aufgehört. Teilweise öffnete der Himmel sich; -graublaue Wolken, die sich geschieden, ließen Sonnenblicke einfallen, -die die Landschaft bläulich färbten. Dann wurde es völlig heiter. Klarer -Frost herrschte, reine, gesicherte Winterspracht um Mitte November, und -das Panorama hinter den Bogen der Balkonloge, die bepuderten Wälder, die -weichgefüllten Schlüfte, das weiße, sonnige Tal unter dem -blaustrahlenden Himmel war herrlich. Abends gar, wenn der fast gerundete -Mond erschien, verzauberte sich die Welt und ward wunderbar. -Kristallisches Geflimmer, diamantnes Glitzern herrschte weit und breit. -Sehr weiß und schwarz standen die Wälder. Die dem Monde fernen -Himmelsgegenden lagen dunkel, mit Sternen bestickt. Scharfe, genaue und -intensive Schatten, die wirklicher und bedeutender schienen als die -Dinge selbst, fielen von den Häusern, den Bäumen, den Telegraphenstangen -auf die blitzende Fläche. Es hatte sieben oder acht Grad Frost ein paar -Stunden nach Sonnenuntergang. In eisige Reinheit schien die Welt -gebannt, ihre natürliche Unsauberkeit zugedeckt und erstarrt im Traum -eines phantastischen Todeszaubers. - -Hans Castorp hielt sich bis spät in die Nacht in seiner Balkonloge über -dem verwunschenen Wintertal, weit länger als Joachim, der sich um zehn, -oder doch nicht viel später, zurückzog. Sein vorzüglicher Liegestuhl mit -dem dreiteiligen Polster und der Nackenrolle war nahe an das -Holzgeländer gerückt, auf dem ein Kissen von Schnee sich hinzog; auf dem -weißen Tischchen daneben brannte die elektrische Lampe und stand neben -einem Stapel Bücher ein Glas fetter Milch, die Abendmilch, die allen -Bewohnern des „Berghofs“ noch um neun Uhr aufs Zimmer gebracht wurde, -und in die Hans Castorp sich einen Schuß Kognak goß, um sie sich -mundgerechter zu machen. Schon hatte er alle verfügbaren Schutzmittel -gegen die Kälte aufgeboten, den ganzen Apparat. Bis über die Brust stak -er in dem knöpfbaren Pelzsack, den er in einem einschlägigen Geschäft -des Kurorts rechtzeitig erstanden, und hatte um diesen die beiden -Kamelhaardecken nach dem Ritus geschlagen. Dazu trug er über dem -Winteranzug seine kurze Pelzjacke, auf dem Kopf eine wollene Mütze, -Filzstiefel an den Füßen und an den Händen dickgefütterte Handschuhe, -die aber freilich das Erstarren der Finger nicht hindern konnten. - -Was ihn so lange draußen hielt, bis gegen und über Mitternacht (wenn das -schlechte Russenpaar die Nachbarloge längst verlassen hatte), war wohl -auch der Zauber der Winternacht, zumal sich bis elf Uhr Musik darein -wob, die von näher und ferner her aus dem Tale heraufdrang, – -hauptsächlich aber Trägheit und Angeregtheit, beides zugleich und im -Verein: nämlich die Trägheit und bewegungsfeindliche Müdigkeit seines -Körpers und die beschäftigte Angeregtheit seines Geistes, der über -gewissen neuen und fesselnden Studien, auf die der junge Mann sich -eingelassen, nicht zur Ruhe kommen wollte. Die Witterung setzte ihm zu, -der Frost wirkte anstrengend und konsumierend auf seinen Organismus. Er -aß viel, nutzte die gewaltigen Berghofmahlzeiten, bei denen auf -garniertes Roastbeef gebratene Gänse folgten, mit jenem übergewöhnlichen -Appetit, der hier durchaus und im Winter, wie sich zeigte, noch mehr als -im Sommer, an der Tagesordnung war. Gleichzeitig beherrschte ihn -Schlafsucht, so daß er bei Tage wie an den mondlichten Abenden über den -Büchern, die er wälzte, und die wir kennzeichnen werden, oftmals -einschlief, um nach einigen Minuten der Bewußtlosigkeit seine -Forschungen fortzusetzen. Lebhaftes Sprechen – und er neigte hier mehr -als ehemals im Tiefland zu schnellem, rückhaltlosem und selbst gewagtem -Plaudern – lebhaftes Sprechen also mit Joachim während ihrer Dienstgänge -im Schnee erschöpfte ihn sehr; Schwindel und Zittern, ein Gefühl von -Betäubung und Trunkenheit kam ihn an, und sein Kopf stand in Hitze. -Seine Kurve war angestiegen seit Einfall des Winters, und Hofrat Behrens -hatte etwas von Injektionen fallen lassen, die er bei hartnäckiger -Übertemperatur anzuwenden pflegte, und denen zwei Drittel der Gäste, -auch Joachim, sich regelmäßig zu unterziehen hatten. Mit der -gesteigerten Wärmeerzeugung seines Körpers aber, dachte Hans Castorp, -hatte gewiß die geistige Erregung und Rührigkeit zu tun, die ihn an -ihrem Teil bis tief in die glitzernde Frostnacht auf seinem Liegestuhl -festhielt. Die Lektüre, die ihn fesselte, legte ihm solche Erklärungen -nah. - -Es wurde nicht wenig gelesen auf den Liegehallen und Privatbalkons des -internationalen Sanatoriums „Berghof“, – namentlich von Anfängern und -Kurzfristigen; denn die Vielmonatigen oder gar Mehrjährigen hatten -längst gelernt, auch ohne Zerstreuung und Beschäftigung des Kopfes die -Zeit zu vernichten und kraft inneren Virtuosentums hinter sich zu -bringen, ja, sie erklärten es für das Ungeschick von Stümpern, sich -dabei an ein Buch zu klammern. Allenfalls möge man eines auf dem Schoß -oder dem Beitischchen liegen haben, das genüge vollauf, sich versorgt zu -fühlen. Die Anstaltsbücherei, polyglott und an Bilderwerken reich, der -erweiterte Unterhaltungsbestand eines zahnärztlichen Wartezimmers, bot -sich der freien Benutzung an. Romanbände aus der Leihbibliothek von -„Platz“ wurden ausgetauscht. Dann und wann trat ein Buch, eine Schrift -auf, um die man sich riß, nach der auch die nicht mehr Lesenden mit nur -erheucheltem Phlegma die Hände streckten. Zu dem Zeitpunkt, wo wir -halten, ging ein schlecht gedrucktes Heft von Hand zu Hand, das Herr -Albin eingeführt hatte und das „Die Kunst, zu verführen“ betitelt war. -Es war sehr wörtlich aus dem Französischen übersetzt, ja selbst die -Syntax dieser Sprache war in der Übertragung beibehalten, wodurch der -Vortrag viel Haltung und prickelnde Eleganz gewann, und entwickelte -die Philosophie der Leibesliebe und Wollust im Geist eines -weltmännisch-lebensfreundlichen Heidentums. Frau Stöhr hatte es bald -gelesen und fand es „berauschend“. Frau Magnus, dieselbe, die Eiweiß -verlor, pflichtete ihr rückhaltlos bei. Ihr Gatte, der Bierbrauer, -wollte für seine Person bei der Lektüre manches profitiert haben, -bedauerte aber, daß Frau Magnus die Schrift in sich aufgenommen, denn -dergleichen „verhätschele“ die Frauen und bringe ihnen unbescheidene -Begriffe bei. Diese Äußerung verstärkte die Begierde nach dem Buchwerk -nicht wenig. Zwischen zwei im Oktober zugereisten Damen der unteren -Liegehalle, Frau Redisch, der Gattin eines polnischen Industriellen und -einer gewissen Witwe Hessenfeld aus Berlin, von denen jede behauptete, -sie habe sich vor der anderen zur Lektüre gemeldet, kam es nach dem -Diner zu einer mehr als unerquicklichen, eigentlich gewalttätigen Szene, -der Hans Castorp in seiner Balkonloge zuzuhören hatte, und die mit einem -hysterischen Schreikrampf einer der beiden Damen – es konnte die -Redisch, konnte aber auch die Hessenfeld sein – und der Verbringung der -Wuterkrankten auf ihr Zimmer endigte. Die Jugend hatte sich des -Traktates früher bemächtigt als die reiferen Jahrgänge. Sie studierte es -teilweise gemeinsam nach dem Souper auf verschiedenen Zimmern. Hans -Castorp sah, wie der Junge mit dem Fingernagel es im Speisesaal einer -jungen, frisch eingetroffenen Leichtkranken, Fränzchen Oberdank, -einhändigte, einem blond gescheitelten Haustöchterchen, das erst -kürzlich von seiner Mutter heraufgebracht worden war. - -Vielleicht gab es Ausnahmen, vielleicht solche, die die Stunden des -Liegedienstes mit irgendeiner ernsten geistigen Beschäftigung, einem -irgendwie förderlichen Studium erfüllten, sei es auch nur, um dadurch -eine Verbindung mit dem Leben der Ebene zu bewahren oder der Zeit ein -wenig Schwere und Tiefgang, damit sie nicht reine Zeit und sonst -überhaupt nichts sei, zu verleihen. Vielleicht war außer Herrn -Settembrini, mit seinen Bestrebungen, die Leiden auszumerzen, und dem -ehrliebenden Joachim mit seinen russischen Übungsbüchern, noch dieser -und jener, der es so hielt, wenn nicht unter den Insassen des -Speisesaals, was wirklich unwahrscheinlich war, so möglicherweise gerade -unter den Bettlägrigen und Moribunden – Hans Castorp war geneigt, es zu -glauben. Ihn selbst angehend, so hatte er sich seinerzeit, da _Ocean -steamships_ ihm nichts mehr zu sagen hatte, zusammen mit seinem -Winterbedarf, auch einige in seinen Lebensberuf einschlagende Bücher, -Ingenieur-Wissenschaftliches, Schiffsbautechnisches, von zuhause -heraufkommen lassen. Diese Bände lagen aber vernachlässigt zugunsten -anderer, einer ganz verschiedenen Sparte und Fakultät angehöriger -Lehrwerke, zu deren Materie der junge Hans Castorp Lust gefaßt. Es waren -solche der Anatomie, Physiologie und Lebenskunde, abgefaßt in -verschiedenen Sprachen, auf deutsch, französisch und englisch, und sie -wurden ihm eines Tages vom Buchhändler des Ortes heraufgeschickt, -offenbar, weil er sie bestellt hatte, und zwar auf eigene Hand, -stillschweigend, gelegentlich eines Spazierganges, den er ohne Joachim -(da dieser gerade zur Injektion oder zum Wiegen bestellt gewesen) nach -„Platz“ hinunter gemacht hatte. Joachim sah die Bücher mit Überraschung -in seines Vetters Händen. Sie waren teuer gewesen, wie wissenschaftliche -Werke sind; die Preise standen noch an den Innenseiten der Deckel und -auf den Umschlägen vermerkt. Er fragte, warum Hans Castorp sie sich -nicht, wenn er dergleichen schon lesen wolle, vom Hofrat geliehen habe, -der diese Literatur doch sicher in guter Auswahl besitze. Aber Hans -Castorp erwiderte, er wolle sie selber besitzen, es sei ein ganz anderes -Lesen, wenn das Buch einem gehöre; auch liebe er es, mit dem Bleistift -dareinzufahren und anzustreichen. Stundenlang hörte Joachim in seines -Vetters Loge das Geräusch, mit dem das Papiermesser die Blätter -broschierter Bogen trennt. - -Die Bände waren schwer, unhandlich; Hans Castorp stützte sie im Liegen -mit dem unteren Rande gegen die Brust, den Magen. Es drückte, aber er -nahm das in Kauf; halboffenen Mundes ließ er seine Augen über die -gelehrten Seiten hinuntersteigen, die fast unnötigerweise vom rötlichen -Schein des beschirmten Lämpchens erhellt waren, da sie notfalls im -starken Mondlicht lesbar gewesen wären, – folgte mit dem Kopf, bis sein -Kinn auf der Brust lag, eine Haltung, worin der Lesende, bevor er das -Gesicht zur nächsten Seite hob, wohl nachdenkend, schlummernd oder im -Halbschlummer nachdenkend etwas verweilte. Er forschte tief, er las, -während der Mond über das kristallisch glitzernde Hochgebirgstal seinen -gemessenen Weg ging, von der organisierten Materie, den Eigenschaften -des Protoplasmas, der zwischen Aufbau und Zersetzung in sonderbarer -Seinsschwebe sich erhaltenden empfindlichen Substanz und ihrer -Gestaltbildung aus anfänglichen, doch immer gegenwärtigen Grundformen, -las mit dringlichem Anteil vom Leben und seinem heilig-unreinen -Geheimnis. - -Was war das Leben? Man wußte es nicht. Es war sich seiner bewußt, -unzweifelhaft, sobald es Leben war, aber es wußte nicht, was es sei. -Bewußtsein als Reizempfindlichkeit, unzweifelhaft, erwachte bis zu einem -gewissen Grade schon auf den niedrigsten, ungebildetsten Stufen seines -Vorkommens, es war unmöglich, das erste Auftreten bewußter Vorgänge an -irgendeinen Punkt seiner allgemeinen oder individuellen Geschichte zu -binden, Bewußtsein etwa durch das Vorhandensein eines Nervensystems zu -bedingen. Die niedersten Tierformen hatten kein Nervensystem, geschweige -daß sie ein Großhirn gehabt hätten, doch wagte es niemand, ihnen die -Fähigkeit der Empfindung von Reizen abzusprechen. Auch konnte man das -Leben betäuben, dieses selbst, nicht nur besondere Organe der -Reizempfänglichkeit, die es etwa ausbildete, nicht nur die Nerven. Man -konnte die Reizbarkeit jedes mit Leben begabten Stoffes im Pflanzen- wie -im Tierreich vorübergehend aufheben, konnte Eier und Samenfäden mit -Chloroform, Chloralhydrat oder Morphium narkotisieren. Bewußtsein -seinerselbst war also schlechthin eine Funktion der zum Leben geordneten -Materie, und bei höherer Verstärkung wandte die Funktion sich gegen -ihren eigenen Träger, ward zum Trachten nach Ergründung und Erklärung -des Phänomens, das sie zeitigte, einem hoffnungsvoll-hoffnungslosen -Trachten des Lebens nach Selbsterkenntnis, einem Sich-in-sich-Wühlen der -Natur, vergeblich am Ende, da Natur in Erkenntnis nicht aufgehen, Leben -im Letzten sich nicht belauschen kann. - -Was war das Leben? Niemand wußte es. Niemand kannte den natürlichen -Punkt, an dem es entsprang und sich entzündete. Nichts war unvermittelt -oder nur schlecht vermittelt im Bereiche des Lebens von jenem Punkte an; -aber das Leben selbst erschien unvermittelt. Wenn sich etwas darüber -aussagen ließ, so war es dies: es müsse von so hoch entwickelter Bauart -sein, daß in der unbelebten Welt auch nicht entfernt seinesgleichen -vorkomme. Zwischen der scheinfüßigen Amöbe und dem Wirbeltier war der -Abstand geringfügig, unwesentlich, im Vergleiche mit dem zwischen der -einfachsten Erscheinung des Lebens und jener Natur, die nicht einmal -verdiente, tot genannt zu werden, weil sie unorganisch war. Denn der Tod -war nur die logische Verneinung des Lebens; zwischen Leben und -unbelebter Natur aber klaffte ein Abgrund, den die Forschung vergebens -zu überbrücken strebte. Man mühte sich, ihn mit Theorien zu schließen, -die er verschlang, ohne an Tiefe und Breite im geringsten dadurch -einzubüßen. Man hatte sich, um ein Bindeglied zu finden, zu dem -Widersinn der Annahme strukturloser Lebensmaterie, unorganisierter -Organismen herbeigelassen, die in der Eiweißlösung von selbst -zusammenschössen, wie der Kristall in der Mutterlauge, – während doch -organische Differenziertheit zugleich Vorbedingung und Äußerung alles -Lebens blieb, und während kein Lebewesen aufzuweisen war, das nicht -einer Elternzeugung sein Dasein verdankt hätte. Das Ende des Jubels, mit -dem man den Urschleim aus den äußersten Tiefen des Meeres gefischt -hatte, war Beschämung gewesen. Es zeigte sich, daß man Gipsniederschläge -für Protoplasma gehalten. Um aber nicht vor einem Wunder haltmachen zu -müssen – denn das Leben, das aus denselben Stoffen sich aufbaute und in -dieselben Stoffe zerfiel wie die unorganische Natur, wäre, unvermittelt, -ein Wunder gewesen –, war man trotzdem genötigt, an Urzeugung, das hieß -an die Entstehung des Organischen aus dem Unorganischen, zu glauben, die -übrigens ebenfalls ein Wunder war. So fuhr man fort, Zwischenstufen und -Übergänge zu ersinnen, das Dasein von Organismen anzunehmen, die -niedriger standen, als alle bekannten, ihrerseits aber noch -ursprünglichere Lebensversuche der Natur zu Vorläufern hatten, Probien, -die niemand je sehen würde, da sie sich unter aller mikroskopischen -Größe hielten, und vor deren gedachter Entstehung die Synthese von -Eiweißverbindungen sich vollzogen haben mußte ... - -Was war also das Leben? Es war Wärme, das Wärmeprodukt formerhaltender -Bestandlosigkeit, ein Fieber der Materie, von welchem der Prozeß -unaufhörlicher Zersetzung und Wiederherstellung unhaltbar verwickelt, -unhaltbar kunstreich aufgebauter Eiweißmolekel begleitet war. Es war das -Sein des eigentlich Nicht-sein-Könnenden, des nur in diesem -verschränkten und fiebrigen Prozeß von Zerfall und Erneuerung mit -süß-schmerzlich-genauer Not auf dem Punkte des Seins Balancierenden. Es -war nicht materiell, und es war nicht Geist. Es war etwas zwischen -beidem, ein Phänomen, getragen von Materie, gleich dem Regenbogen auf -dem Wasserfall und gleich der Flamme. Aber wiewohl nicht materiell, war -es sinnlich bis zur Lust und zum Ekel, die Schamlosigkeit der -selbstempfindlich-reizbar gewordenen Materie, die unzüchtige Form des -Seins. Es war ein heimlich-fühlsames Sichregen in der keuschen Kälte des -Alls, eine wollüstig-verstohlene Unsauberkeit von Nährsaugung und -Ausscheidung, ein exkretorischer Atemhauch von Kohlensäure und üblen -Stoffen verborgener Herkunft und Beschaffenheit. Es war das durch -Überausgleich seiner Unbeständigkeit ermöglichte und in eingeborene -Bildungsgesetze gebannte Wuchern, Sichentfalten und Gestaltbilden von -etwas Gedunsenem aus Wasser, Eiweiß, Salz und Fetten, welches man -Fleisch nannte, und das zur Form, zum hohen Bilde, zur Schönheit wurde, -dabei jedoch der Inbegriff der Sinnlichkeit und der Begierde war. Denn -diese Form und Schönheit war nicht geistgetragen, wie in den Werken der -Dichtung und Musik, auch nicht getragen von einem neutralen und -geistverzehrten, den Geist auf eine unschuldige Art versinnlichenden -Stoff, wie die Form und Schönheit der Bildwerke. Vielmehr war sie -getragen und ausgebildet von der auf unbekannte Art zur Wollust -erwachten Substanz, der organischen, verwesend-wesenden Materie selbst, -dem riechenden Fleische ... - -Dem jungen Hans Castorp, der über dem glitzernden Tal in seiner von Pelz -und Wolle gesparten Körperwärme ruhte, zeigte sich in der vom Scheine -des toten Gestirnes erhellten Frostnacht das Bild des Lebens. Es -schwebte ihm vor, irgendwo im Raume, entrückt und doch sinnennah, der -Leib, der Körper, matt weißlich, ausduftend, dampfend, klebrig, die -Haut, in aller Unreinigkeit und Makelhaftigkeit ihrer Natur, mit -Flecken, Papillen, Gilbungen, Rissen und körnig-schuppigen Gegenden, -überzogen von den zarten Strömen und Wirbeln des rudimentären -Lanugoflaums. Es lehnte, abgesondert von der Kälte des Unbelebten, in -seiner Dunstsphäre, lässig, das Haupt gekränzt mit etwas Kühlem, -Hornigem, Pigmentiertem, das ein Produkt seiner Haut war, die Hände im -Nacken verschränkt, und blickte unter gesenkten Lidern hervor, aus -Augen, die eine Varietät der Lidhautbildung schief erscheinen ließ, mit -halb geöffneten, ein wenig aufgeworfenen Lippen dem Anschauenden -entgegen, gestützt auf das eine Bein, so daß der tragende Hüftknochen in -seinem Fleische stark hervortrat, während das Knie des schlaffen Beins, -leicht abgebogen, bei auf die Zehen gestelltem Fuß sich gegen die -Innenseite des belasteten schmiegte. Es stand so, lächelnd gedreht, in -seiner Anmut lehnend, die schimmernden Ellbogen vorwärts gespreizt, in -der paarigen Symmetrie seines Gliederbaus, seiner Leibesmale. Dem scharf -dünstenden Dunkel der Achselhöhlen entsprach in mystischem Dreieck die -Nacht des Schoßes, wie den Augen die rot-epithelische Mundöffnung, den -roten Blüten der Brust der senkrecht in die Länge gedehnte Nabel -entsprach. Unter dem Antriebe eines Zentralorgans und im Rückenmark -entspringender motorischer Nerven regten sich Bauch und Brustkorb, die -Pleuroperitonealhöhle blähte sich und zog sich zusammen, der Atemhauch, -erwärmt und befeuchtet von den Schleimhäuten des Atmungskanals, mit -Ausscheidungsstoffen gesättigt, strömte zwischen den Lippen aus, nachdem -er in den Luftzellen der Lunge seinen Sauerstoff an das Hämoglobin des -Blutes zur inneren Atmung gebunden. Denn Hans Castorp verstand, daß -dieser Lebenskörper in dem geheimnisvollen Gleichmaß seines -blutgenährten, von Nerven, Venen, Arterien, Haarfiltern durchzweigten, -von Lymphe durchsickerten Gliederbaus, mit seinem inneren Gerüst von -fettmarkgefüllten Röhrenknochen, von Blatt-, Wirbel- und Wurzelknochen, -die aus der ursprünglichen Stützsubstanz, dem Gallertgewebe, mit Hilfe -von Kalksalzen und Leim sich befestigt hatten, um ihn zu tragen; mit den -Kapseln und schlüpfrig geschmierten Höhlen, Bändern und Knorpeln seiner -Gelenke, seinen mehr als zweihundert Muskeln, seinen zentralen, der -Ernährung, Atmung, Reizmeldung und Reizentsendung dienenden -Organbildungen, seinen Schutzhäuten, serösen Höhlen, absonderungsreichen -Drüsen, dem Röhren- und Spaltenwerk seiner verwickelten, durch -Leibesöffnungen in die äußere Natur mündenden Innenfläche: daß dieses -Ich eine Lebenseinheit von hoher Ordnung war, bei weitem nicht mehr von -der Art jener einfachsten Wesen, die mit ihrer ganzen Körperoberfläche -atmeten, sich ernährten und sogar dachten, sondern aufgebaut aus -Myriaden solcher Kleinorganisationen, die von einer einzigen her ihren -Ursprung genommen, sich durch immer wiederkehrende Teilung -vervielfältigt, sich zu verschiedenen Dienststellungen und Verbänden -geordnet, gesondert, eigens ausgebildet und Formen hervorgetrieben -hatten, die Bedingung und Wirkung ihres Wachstums waren. - -Der Leib, der ihm vorschwebte, dies Einzelwesen und Lebens-Ich war also -eine ungeheuere Vielheit atmender und sich ernährender Individuen, -welche, durch organische Einordnung und Sonderzweckgestaltung, des -ichhaften Seins, der Freiheit und Lebensunmittelbarkeit in so hohem -Grade verlustig gegangen, so sehr zu anatomischen Elementen geworden -waren, daß die Verrichtung einiger sich einzig auf Reizempfindlichkeit -gegen Licht, Schall, Berührung, Wärme beschränkte, andere es nur noch -verstanden, ihre Form durch Zusammenziehung zu verändern oder -Verdauungssekrete zu erzeugen, wieder andere zum Schutz, zur Stütze, zur -Beförderung der Säfte oder zur Fortpflanzung einseitig ausgebildet und -tüchtig waren. Es gab Lockerungen dieser zum hohen Ich vereinigten -organischen Pluralität, Fälle, in denen die Vielzahl der Unterindividuen -nur auf leichte und zweifelhafte Art zur höheren Lebenseinheit -zusammengefaßt war. Der Studierende grübelte über der Erscheinung der -Zellkolonien, er vernahm von Halborganismen, Algen, deren einzelne -Zellen, nur in einen Mantel von Gallerte eingehüllt, oft weit -voneinander lagen, mehrzellige Bildungen immerhin, die aber, zur Rede -gestellt, nicht zu sagen gewußt hätten, ob sie als Siedelung einzelliger -Individuen oder als Einheitswesen gewürdigt werden wollten und in ihrer -Selbstaussage zwischen dem Ich und dem Wir wunderlich geschwankt haben -würden. Hier wies die Natur einen Mittelstand auf zwischen der -hochsozialen Vereinigung zahlloser Elementarindividuen zu Geweben und -Organen einer übergeordneten Ichheit – und der freien Einzelexistenz -dieser Einfachheiten: der vielzellige Organismus war nur eine -Erscheinungsform des zyklischen Prozesses, in dem das Leben sich -abspielte, und der ein Kreislauf von Zeugung zu Zeugung war. Der -Befruchtungsakt, das geschlechtliche Verschmelzen zweier Zellenleiber, -stand am Anfange des Aufbaues jedes pluralischen Individuums, wie er am -Anfange jeder Generationenreihe einzeln lebender Elementargeschöpfe -stand und zu sich selbst zurückführte. Denn dieser Akt war nachhaltig -durch viele Geschlechter, die seiner nicht bedurften, um sich in immer -wiederholter Teilung zu vermehren, bis ein Augenblick kam, wo die -ungeschlechtlich entstandenen Nachkommen zur Erneuerung des -Kopulationsgeschäftes sich wieder angehalten fanden, und der Kreis sich -schloß. So war der vielfache Lebensstaat, entsprungen aus der -Kernverschmelzung zweier elterlicher Zellen, das Zusammenleben vieler -ungeschlechtlich entstandener Generationen von Zellindividuen; sein -Wachstum war ihre Vermehrung, und der Zeugungskreis schloß sich, wenn -Geschlechtszellen, zum Sonderzwecke der Fortpflanzung ausgebildete -Elemente, sich in ihm hergestellt hatten und den Weg zu einer das Leben -neu antreibenden Vermischung fanden. - -Ein embryologisches Volumen in die Herzgrube gestützt, verfolgte der -junge Abenteurer die Entwicklung des Organismus von dem Augenblick an, -wo der Samenfaden, einer von vielen und dieser zuerst, sich antreibend -durch die peitschenden Bewegungen seines Hinterleibes, mit seiner -Kopfspitze an die Gallerthülle des Eies stieß und sich in den -Empfängnishügel einbohrte, den das Protoplasma der Eirinde seiner -Annäherung entgegenwölbte. Keine Fratze und Farce war auszudenken, in -der die Natur bei der Abwandlung dieses stehenden Herganges sich nicht -ernstlich gefallen hätte. Es gab Tiere, bei denen das Männchen im Darm -des Weibchens schmarotzte. Es gab andere, bei denen der Arm des -Erzeugers der Erzeugerin durch den Rachenschlund in das Innere griff, um -seine Sämereien dort niederzulegen, worauf er, abgebissen und -ausgespien, allein auf seinen Fingern davonlief, zur Betörung der -Wissenschaft, die ihn lange auf Griechisch-Latein als selbständiges -Lebewesen ansprechen zu müssen geglaubt hatte. Hans Castorp hörte die -Gelehrtenschulen der Ovisten und Animalculisten sich zanken, von denen -die einen behauptet hatten, das Ei sei ein in sich vollendeter kleiner -Frosch, Hund oder Mensch und der Samen nur der Erreger seines Wachstums, -während die anderen im Samenfaden, der Kopf, Arme und Beine besaß, ein -vorgebildetes Lebewesen sahen, dem das Ei nur als Nährboden diente, – -bis man übereingekommen war, der Ei- und der Samenzelle, die aus -ursprünglich ununterscheidbaren Fortpflanzungszellen entstanden waren, -gleiche Verdienstlichkeit einzuräumen. Er sah den einzelligen Organismus -des befruchteten Eies auf dem Wege, sich in einen vielzelligen -umzuwandeln, indem es sich furchte und teilte, sah die Zellenleiber zur -Schleimhautlamelle sich zusammenschmiegen, die Keimblase sich einstülpen -und einen Becher und Hohlraum bilden, der das Geschäft der -Nahrungsaufnahme und Verdauung begann. Das war die Darmlarve, das -Urtier, die Gastrula, Grundform alles tierischen Lebens, Grundform der -fleischgetragenen Schönheit. Ihre beiden Epithellagen, die äußere und -die innere, das Hautsinnesblatt und das Darmdrüsenblatt, erwiesen sich -als Primitivorgane, aus denen durch Ein- und Ausstülpungen die Drüsen, -die Gewebe, die Sinneswerkzeuge, die Körperfortsätze sich bildeten. Ein -Streifen des äußeren Keimblattes verdickte sich, faltete sich zur Rinne, -schloß sich zum Nervenrohr und wurde zur Wirbelsäule, zum Gehirn. Und -wie der fötale Schleim sich zu faserigem Bindegewebe, zu Knorpel -befestigte, indem die Gallertzellen statt Mucin Leimsubstanz zu erzeugen -begannen, sah er an gewissen Orten die Bindegewebszellen Kalksalze und -Fette aus den umspülenden Säften an sich ziehen und verknöchern. Der -Embryo des Menschen kauerte in sich gebückt, geschwänzt, von dem des -Schweines durch nichts zu unterscheiden, mit ungeheurem Bauchstiel und -stummelhaft formlosen Extremitäten, die Gesichtslarve auf den geblähten -Wanst gebeugt, und sein Werden erschien einer Wissenschaft, deren -Wahrheitsvorstellung unschmeichelhaft und düster war, als die flüchtige -Wiederholung einer zoologischen Stammesgeschichte. Vorübergehend hatte -er Kiementaschen wie ein Roche. Es schien erlaubt oder notwendig, aus -den Entwicklungsstadien, die er durchlief, auf den wenig humanistischen -Anblick zu schließen, den der vollendete Mensch in Urzeiten geboten -hatte. Seine Haut war mit zuckenden Muskeln zur Abwehr der Insekten -ausgestattet und dicht behaart, die Ausdehnung seiner Riechschleimhaut -gewaltig, seine abstehenden, beweglichen, am Mienenspiel lebhaft -beteiligten Ohren zum Schallfang geschickter gewesen als gegenwärtig. -Damals hatten seine Augen, von einem dritten, nickenden Lide geschützt, -seitlich am Kopfe gestanden, mit Ausnahme des dritten, dessen Rudiment -die Zirbeldrüse war, und das die oberen Lüfte zu überwachen vermocht -hatte. Dieser Mensch hatte außerdem ein sehr langes Darmrohr, viele -Mahlzähne und Schallsäcke am Kehlkopf zum Brüllen besessen und auch die -männlichen Geschlechtsdrüsen im Innern des Bauchraumes getragen. - -Die Anatomie enthäutete und präparierte unserem Forscher die Gliedmaßen -des Menschenleibes, sie zeigte ihm ihre oberflächlichen und ihre tiefen, -hinteren Muskeln, Sehnen und Bänder: diejenigen der Schenkel, des Fußes -und namentlich der Arme, des Ober- und Unterarms, lehrte ihn die -lateinischen Namen, mit denen die Medizin, diese Abschattung des -humanistischen Geistes, sie nobler- und galanterweise benannt und -unterschieden hatte, und ließ ihn vordringen bis zum Skelett, dessen -Ausbildung ihm neue Gesichtspunkte lieferte, unter denen die Einheit -alles Menschlichen, die Beschlossenheit aller Disziplinen darin sich -betrachten ließ. Denn hier fand er sich aufs merkwürdigste an seinen -eigentlichen – oder muß man sagen: früheren – Beruf, die -wissenschaftliche Charge erinnert, als deren Zugehöriger er bei seiner -Ankunft hier oben sich den Begegnenden (Herrn Dr. Krokowski, Herrn -Settembrini) vorgestellt hatte. Um irgendetwas zu lernen – es war recht -gleichgültig gewesen, was –, hatte er auf Hochschulen dies und das von -Statik, von biegungsfähigen Stützen, von Belastung und von der -Konstruktion als einer vorteilhaften Bewirtschaftung des mechanischen -Materials gelernt. Es wäre wohl kindlich gewesen, zu meinen, daß die -Ingenieurwissenschaften, die Regeln der Mechanik auf die organische -Natur Anwendung gefunden hätten, aber ebensowenig konnte man sagen, daß -sie davon abgeleitet worden seien. Sie fanden sich einfach darin -wiederholt und bekräftigt. Das Prinzip des Hohlzylinders herrschte im -Bau der langen Röhrenknochen dergestalt, daß mit dem genauen Minimum von -solider Substanz den statischen Ansprüchen Genüge geschah. Ein Körper, -hatte Hans Castorp gelernt, der den Anforderungen gemäß, die durch Zug -und Druck an ihn gestellt werden sollen, nur aus Stäben und Bändern -eines mechanisch brauchbaren Materials zusammengesetzt wird, kann -dieselbe Belastung ertragen wie ein massiver Körper des gleichen -Stoffes. So auch ließ bei der Entstehung der Röhrenknochen sich -verfolgen, wie, schritthaltend mit der Bildung kompakter Substanz an -ihrer Oberfläche, die inneren Teile, da sie mechanisch unnötig -wurden, sich in Fettgewebe, das gelbe Mark, verwandelten. Der -Oberschenkelknochen war ein Kran, bei dessen Konstruktion die organische -Natur durch die Richtung, die sie den Knochenbälkchen gegeben, auf ein -Haar die gleichen Zug- und Druckkurven ausgeführt hatte, die Hans -Castorp bei der graphischen Darstellung eines so in Anspruch genommenen -Gerätes korrekterweise einzutragen gehabt hätte. Er sah es mit -Wohlgefallen, denn er fand sich zum Femur, oder zur organischen Natur -überhaupt, nun schon in dreierlei Verhältnis stehen: dem lyrischen, dem -medizinischen und dem technischen, – so groß war seine Angeregtheit; und -diese drei Verhältnisse, fand er, waren eines im Menschlichen, sie waren -Abwandlungen eines und desselben dringlichen Anliegens, humanistische -Fakultäten ... - -Bei alldem blieben die Leistungen des Protoplasmas ganz unerklärlich, -dem Leben schien es verwehrt, sich selbst zu begreifen. Die Mehrzahl der -biochemischen Vorgänge war nicht nur unbekannt, sondern es lag in ihrer -Natur, sich der Einsicht zu entziehen. Man wußte von dem Aufbau, der -Zusammensetzung der Lebenseinheit, die man die „Zelle“ nannte, fast -nichts. Was half es, die Bestandteile des toten Muskels aufzuweisen? Der -lebende ließ sich chemisch nicht untersuchen; schon jene Veränderungen, -die die Totenstarre hervorrief, genügten, um alles Experimentieren -nichtssagend zu machen. Niemand verstand den Stoffwechsel, niemand das -Wesen der Nervenfunktion. Welchen Eigenschaften verdankten die -schmeckenden Körper ihren Geschmack? Worin bestand die verschiedenartige -Erregung gewisser Sinnesnerven durch die Riechstoffe? Worin die -Riechbarkeit überhaupt? Der spezifische Geruch der Tiere und Menschen -beruhte auf der Verdunstung von Substanzen, die niemand zu nennen gewußt -hätte. Die Zusammensetzung des Sekrets, das man Schweiß nannte, war -wenig geklärt. Die Drüsen, die es absonderten, erzeugten Aromata, die -unter Säugetieren zweifellos eine wichtige Rolle spielten, und über -deren Bedeutung beim Menschen man nicht unterrichtet zu sein erklärte. -Die physiologische Bedeutung offenbar wichtiger Teile des Körpers war in -Dunkel gehüllt. Man konnte den Blinddarm beiseite lassen, der ein -Mysterium war, und den man beim Kaninchen regelmäßig mit einem breiigen -Inhalt angefüllt fand, von dem nicht zu sagen war, wie er wieder -hinausgelangen oder sich erneuern mochte. Aber was hatte es auf sich mit -der weißen und grauen Substanz des Kopfmarks, was mit dem Sehhügel, der -mit dem Optikus kommunizierte, und mit den grauen Einlagerungen der -„Brücke“? Die Hirn- und Rückenmarksubstanz war dermaßen zersetzlich, daß -keine Hoffnung bestand, je ihren Aufbau zu ergründen. Was enthob beim -Einschlafen die Großhirnrinde ihrer Tätigkeit? Was hinderte die -Selbstverdauung des Magens, die sich bei Leichen in der Tat zuweilen -ereignete? Man antwortete: das Leben; eine besondere Widerstandskraft -des lebenden Protoplasmas, – und tat, als bemerke man nicht, daß das -eine mystische Erklärung war. Die Theorie einer so alltäglichen -Erscheinung wie des Fiebers war widerspruchsvoll. Der gesteigerte -Stoffumsatz hatte erhöhte Wärmeproduktion zur Folge. Aber warum -steigerte sich nicht, wie sonst, kompensatorisch die Wärmeausgabe? -Beruhte die Lähmung der Schweißsekretion auf Kontraktionszuständen der -Haut? Aber nur bei Fieberfrost waren solche nachweisbar, denn sonst war -die Haut vielmehr heiß. Der „Wärmestich“ kennzeichnete das -Zentralnervensystem als Sitz der Ursachen für den erhöhten Umsatz wie -für eine Hautbeschaffenheit, die man abnorm zu nennen sich begnügte, da -man sie nicht zu bestimmen wußte. - -Aber was bedeutete all dieses Unwissen im Vergleich mit der -Ratlosigkeit, in der man vor Erscheinungen wie der des Gedächtnisses -oder jenes weiteren und erstaunlicheren Gedächtnisses stand, das die -Vererbung erworbener Eigenschaften hieß? Die Unmöglichkeit, auch nur die -Ahnung einer mechanischen Erklärbarkeit solcher Leistungen der -Zellsubstanz zu fassen, war vollkommen. Der Samenfaden, der zahllose und -verwickelte Art- und Individualeigenschaften des Vaters auf das Ei -übertrug, war nur mikroskopisch sichtbar, und auch die stärkste -Vergrößerung reichte nicht hin, ihn anders denn als homogenen Körper -erscheinen zu lassen und die Bestimmung seiner Abkunft zu ermöglichen; -denn bei einem Tier sah er aus wie beim anderen. Das waren -Organisationsverhältnisse, die zu der Annahme zwangen, daß es sich mit -der Zelle nicht anders verhielt als mit dem höheren Leib, den sie -aufbaute; daß also auch sie schon ein übergeordneter Organismus war, der -seinerseits und wiederum sich aus lebenden Teilungskörpern, -individuellen Lebenseinheiten zusammensetzte. Man schritt also vom -angeblich Kleinsten zum abermals Kleineren vor, man löste notgedrungen -das Elementare in Unterelemente auf. Kein Zweifel, wie das Tierreich aus -verschiedenen Spezies von Tieren, wie der tierisch-menschliche -Organismus aus einem ganzen Tierreich von Zellenspezies, so bestand -derjenige der Zelle aus einem neuen und vielfältigen Tierreich -elementarer Lebenseinheiten, deren Größe tief unter der Grenze des -mikroskopisch Sichtbaren lag, die selbsttätig wuchsen, selbsttätig, nach -dem Gesetz, daß jede nur ihresgleichen hervorbringen konnte, sich -vermehrten und nach dem Grundsatz der Arbeitsteilung gemeinsam der -nächsthöheren Lebensordnung dienten. - -Das waren die Genen, die Bioblasten, die Biophoren, – Hans Castorp war -erfreut, in der Frostnacht ihre namentliche Bekanntschaft zu machen. Nur -fragte er sich in seiner Angeregtheit, wie es bei abermals verbesserter -Beleuchtung um ihre Elementarnatur bestellt sein mochte. Da sie Leben -trugen, mußten sie organisiert sein, denn Leben beruhte auf -Organisation; wenn sie aber organisiert waren, so konnten sie nicht -elementar sein, denn ein Organismus ist nicht elementar, er ist -vielfach. Sie waren Lebenseinheiten unterhalb der Lebenseinheit der -Zelle, die sie organisch aufbauten. Wenn dem aber so war, so mußten sie, -obgleich über alle Begriffe klein, selber „aufgebaut“, und zwar -organisch, als Lebensordnung, „aufgebaut“ sein; denn der Begriff der -Lebenseinheit war identisch mit dem des Aufbaues aus kleineren, -untergeordneten, das hieß: zu höherem Leben geordneten Lebenseinheiten. -Solange die Teilung organische Einheiten ergab, die die Eigenschaften -des Lebens, nämlich die Fähigkeiten der Assimilation, des Wachstums und -der Vermehrung besaßen, waren ihr keine Grenzen gesetzt. Solange von -Lebenseinheiten die Rede war, konnte nur fälschlich von -Elementareinheiten die Rede sein, denn der Begriff der Einheit umschloß -_ad infinitum_ den Mitbegriff der untergeordnet-aufbauenden Einheit, und -elementares Leben, also etwas, was schon Leben, aber noch elementar war, -gab es nicht. - -Aber obschon ohne logische Existenz, mußte zuletzt dergleichen irgendwie -wirklich sein, denn die Idee der Urzeugung, das hieß: der Entstehung des -Lebens aus dem Nichtlebenden, war ja nicht von der Hand zu weisen, und -jene Kluft, die man in der äußeren Natur vergebens zu schließen suchte, -die nämlich zwischen Leben und Leblosigkeit, mußte sich im organischen -Inneren der Natur auf irgendeine Weise ausfüllen oder überbrücken. -Irgendwann mußte die Teilung zu „Einheiten“ führen, die, zwar -zusammengesetzt, aber noch nicht organisiert, zwischen Leben und -Nichtleben vermittelten, Molekülgruppen, den Übergang bildend zwischen -Lebensordnung und bloßer Chemie. Allein beim chemischen Molekül -angekommen, fand man sich bereits in der Nähe eines Abgrundes, der weit -mysteriöser gähnte als der zwischen organischer und unorganischer Natur: -nahe dem Abgrund zwischen dem Materiellen und dem Nichtmateriellen. Denn -das Molekül setzte sich ja aus Atomen zusammen, und das Atom war bei -weitem nicht mehr groß genug, um auch nur als außerordentlich klein -bezeichnet werden zu können. Es war dermaßen klein, eine derart winzige, -frühe und übergängliche Ballung des Unstofflichen, des noch nicht -Stofflichen, aber schon Stoffähnlichen, der Energie, daß es kaum schon -oder kaum noch als materiell, vielmehr als Mittel und Grenzpunkt -zwischen dem Materiellen und dem Immateriellen gedacht werden mußte. Das -Problem einer anderen Urzeugung, weit rätselhafter und abenteuerlicher -noch als die organische, warf sich auf: der Urzeugung des Stoffes aus -dem Unstofflichen. In der Tat verlangte die Kluft zwischen Materie und -Nichtmaterie ebenso dringlich, ja noch dringlicher nach Ausfüllung als -die zwischen organischer und anorganischer Natur. Notwendig mußte es -eine Chemie des Immateriellen geben, unstoffliche Verbindungen, aus -denen das Stoffliche entsprang, wie die Organismen aus unorganischen -Verbindungen entsprangen, und die Atome mochten die Probien und Moneren -der Materie darstellen, – stofflich ihrer Natur nach und auch wieder -noch nicht. Aber angelangt beim „nicht einmal mehr klein“, entglitt der -Maßstab; „nicht einmal mehr klein“, das galt bereits soviel wie -„ungeheuer groß“; und der Schritt zum Atom erwies sich ohne Übertreibung -als im höchsten Grade verhängnisvoll. Denn im Augenblick letzter -Zerteilung und Verwinzigung des Materiellen tat sich plötzlich der -astronomische Kosmos auf! - -Das Atom war ein energiegeladenes kosmisches System, worin Weltkörper -rotierend um ein sonnenhaftes Zentrum rasten, und durch dessen Ätherraum -mit Lichtjahrgeschwindigkeit Kometen fuhren, welche die Kraft des -Zentralkörpers in ihre exzentrischen Bahnen zwang. Das war so wenig nur -ein Vergleich, wie es nur ein solcher war, wenn man den Leib der -vielzelligen Wesen einen „Zellenstaat“ nannte. Die Stadt, der Staat, die -nach dem Prinzip der Arbeitsteilung geordnete soziale Gemeinschaft war -dem organischen Leben nicht nur zu vergleichen, sie wiederholte es. So -wiederholte sich im Innersten der Natur, in weitester Spiegelung, die -makrokosmische Sternenwelt, deren Schwärme, Haufen, Gruppen, Figuren, -bleich vom Monde, zu Häupten des vermummten Adepten über dem -frostglitzernden Tale schwebten. War es unerlaubt, zu denken, daß -gewisse Planeten des atomischen Sonnensystems – dieser Heere und -Milchstraßen von Sonnensystemen, die die Materie aufbauten, – daß also -einer oder der andere dieser innerweltlichen Weltkörper sich in einem -Zustande befand, der demjenigen entsprach, der die Erde zu einer -Wohnstätte des _Lebens_ machte? Für einen im Zentrum etwas beschwipsten -jungen Adepten von „abnormer“ Hautbeschaffenheit, der im Gebiete des -Unerlaubten ja nicht mehr all und jeder Erfahrung entbehrte, war das -eine nicht nur nicht ungereimte, sondern sogar bis zur Aufdringlichkeit -sich nahelegende, höchst einleuchtende Spekulation von logischem -Wahrheitsgepräge. Die „Kleinheit“ der innerweltlichen Sternkörper wäre -ein sehr unsachgemäßer Einwand gewesen, denn der Maßstab von Groß und -Klein war spätestens damals abhanden gekommen, als der kosmische -Charakter der „kleinsten“ Stoffteile sich offenbart hatte, und die -Begriffe des Außen und Innen hatten nachgerade gleichfalls in ihrer -Standfestigkeit gelitten. Die Welt des Atoms war ein Außen, wie -höchstwahrscheinlich der Erdenstern, den wir bewohnten, organisch -betrachtet, ein tiefes Innen war. Hatte nicht die träumerische Kühnheit -eines Forschers von „Milchstraßentieren“ gesprochen, – kosmischen -Ungeheuern, deren Fleisch, Bein und Gehirn sich aus Sonnensystemen -aufbaute? War dem aber so, wie Hans Castorp dachte, dann fing in dem -Augenblick, da man geglaubt hatte, zu Rande gekommen zu sein, das Ganze -von vorn an! Dann lag vielleicht im Innersten und Aberinnersten seiner -Natur er selbst, der junge Hans Castorp, noch einmal, noch hundertmal, -warm eingehüllt, in einer Balkonloge mit Aussicht in die mondhelle -Hochgebirgsfrostnacht und studierte mit erstarrten Fingern und heißem -Gesicht aus humanistisch-medizinischer Anteilnahme das Körperleben? - -Die pathologische Anatomie, von der er einen Band seitlich in den roten -Schein seines Tischlämpchens hielt, belehrte ihn durch einen Text, der -mit Abbildungen durchsetzt war, über das Wesen der parasitischen -Zellvereinigung und der Infektionsgeschwülste. Diese waren Gewebsformen -– und zwar besonders üppige Gewebsformen –, hervorgerufen durch das -Eindringen fremdartiger Zellen in einen Organismus, der sich für sie -aufnahmelustig erwiesen hatte und ihrem Gedeihen auf irgendeine Weise – -aber man mußte wohl sagen: auf eine irgendwie liederliche Weise – -günstige Bedingungen bot. Weniger, daß der Parasit dem umgebenden Gewebe -Nahrung entzogen hätte; aber er erzeugte, indem er, wie jede Zelle, -Stoff wechselte, organische Verbindungen, die sich für die Zellen des -Wirtsorganismus als erstaunlich giftig, als unweigerlich -verderbenbringend erwiesen. Man hatte von einigen Mikroorganismen die -Toxine zu isolieren und in konzentriertem Zustande darzustellen -verstanden, und es verwunderlich gefunden, in welchen geringen Dosen -diese Stoffe, die einfach in die Reihe der Eiweißverbindungen gehörten, -in den Kreislauf eines Tieres gebracht, die allergefährlichsten -Vergiftungserscheinungen, reißende Verderbnis bewirkten. Das äußere -Wesen dieser Korruption war Gewebswucherung, die pathologische -Geschwulst, nämlich als Reaktionswirkung der Zellen auf den Reiz, den -die zwischen ihnen angesiedelten Bazillen auf sie ausübten. -Hirsekorngroße Knötchen bildeten sich, zusammengesetzt aus -schleimhautgewebartigen Zellen, zwischen denen oder in denen die -Bazillen nisteten, und von welchen einige außerordentlich reich an -Protoplasma, riesengroß und von vielen Kernen erfüllt waren. Diese -Lustbarkeit aber führte gar bald zum Ruin, denn nun begannen die Kerne -der Monstrezellen zu schrumpfen und zu zerfallen, ihr Protoplasma an -Gerinnung zugrunde zu gehen; weitere Gewebsteile der Umgebung wurden von -der fremden Reizwirkung ergriffen; entzündliche Vorgänge griffen um sich -und zogen die angrenzenden Gefäße in Mitleidenschaft; weiße -Blutkörperchen wanderten, angelockt von der Unheilsstätte, herzu; das -Gerinnungssterben schritt fort; und unterdessen hatten längst die -löslichen Bakteriengifte die Nervenzentren berauscht, der Organismus -stand in Hochtemperatur, mit wogendem Busen, sozusagen, taumelte er -seiner Auflösung entgegen. - -So weit die Pathologie, die Lehre von der Krankheit, der Schmerzbetonung -des Körpers, die aber, _als_ Betonung des Körperlichen, zugleich eine -Lustbetonung war, – Krankheit war die unzüchtige Form des Lebens. Und -das Leben für sein Teil? War es vielleicht nur eine infektiöse -Erkrankung der Materie, – wie das, was man die Urzeugung der Materie -nennen durfte, vielleicht nur Krankheit, eine Reizwucherung des -Immateriellen war? Der anfänglichste Schritt zum Bösen, zur Lust und zum -Tode war zweifellos da anzusetzen, wo, hervorgerufen durch den Kitzel -einer unbekannten Infiltration, jene erste Dichtigkeitszunahme des -Geistigen, jene pathologisch üppige Wucherung seines Gewebes sich -vollzog, die, halb Vergnügen, halb Abwehr, die früheste Vorstufe des -Substanziellen, den Übergang des Unstofflichen zum Stofflichen bildete. -Das war der Sündenfall. Die zweite Urzeugung, die Geburt des Organischen -aus dem Unorganischen, war nur noch eine schlimme Steigerung der -Körperlichkeit zum Bewußtsein, wie die Krankheit des Organismus eine -rauschhafte Steigerung und ungesittete Überbetonung seiner -Körperlichkeit war –: nur noch ein Folgeschritt war das Leben auf dem -Abenteuerpfade des unehrbar gewordenen Geistes, Schamwärmereflex der zur -Fühlsamkeit geweckten Materie, die für den Erwecker aufnahmelustig -gewesen war ... - -Die Bücher lagen zuhauf auf dem Lampentischchen, eins lag am Boden, -neben dem Liegestuhl, auf der Matte der Loggia, und dasjenige, worin -Hans Castorp zuletzt geforscht, lag ihm auf dem Magen und drückte, -beschwerte ihm sehr den Atem, doch ohne daß von seiner Hirnrinde an die -zuständigen Muskeln Order ergangen wäre, es zu entfernen. Er hatte die -Seite hinunter gelesen, sein Kinn hatte die Brust erreicht, die Lider -waren ihm über die einfachen blauen Augen gefallen. Er sah das Bild des -Lebens, seinen blühenden Gliederbau, die fleischgetragene Schönheit. Sie -hatte die Hände aus dem Nacken gelöst, und ihre Arme, die sie öffnete, -und an deren Innenseite, namentlich unter der zarten Haut des -Ellbogengelenks, die Gefäße, die beiden Äste der großen Venen, sich -bläulich abzeichneten, – diese Arme waren von unaussprechlicher -Süßigkeit. Sie neigte sich ihm, neigte sich zu ihm, über ihn, er spürte -ihren organischen Duft, spürte den Spitzenstoß ihres Herzens. Heiße -Zartheit umschlang seinen Hals, und während er, vergehend vor Lust und -Grauen, seine Hände an ihre äußeren Oberarme legte, dorthin, wo die den -_triceps_ überspannende, körnige Haut von wonniger Kühle war, fühlte er -auf seinen Lippen die feuchte Ansaugung ihres Kusses. - - - Totentanz - -Kurz nach Weihnachten starb der Herrenreiter ... Aber vorher spielte -eben noch Weihnachten sich ab, diese beiden Festtage, oder, wenn man den -Tag des heiligen Abends mitzählte, diese drei, denen Hans Castorp mit -einigem Schrecken und der kopfschüttelnden Erwartung entgegengesehen -hatte, wie sie sich hier wohl ausnehmen würden, und die dann, als -natürliche Tage mit Morgen, Mittag, Abend und mittlerer Zufallswitterung -(es taute etwas), auch nicht anders, als andere ihrer Gattung, -heraufgekommen und verblichen waren: – äußerlich ein wenig geschmückt -und ausgezeichnet, hatten sie während der ihnen zugemessenen Frist ihre -Bewußtseinsherrschaft in den Köpfen und Herzen der Menschen geübt und -waren unter Zurücklassung eines Niederschlages unalltäglicher Eindrücke -zu naher und fernerer Vergangenheit geworden ... - -Der Sohn des Hofrates, Knut mit Namen, kam auf Ferienbesuch und wohnte -bei seinem Vater im Seitenflügel, – ein hübscher, junger Mann, dem aber -ebenfalls schon der Nacken etwas zu sehr heraustrat. Man spürte die -Anwesenheit des jungen Behrens in der Atmosphäre; die Damen legten -Lachlust, Putzsucht und Reizbarkeit an den Tag, und in ihren Gesprächen -handelte es sich um Begegnungen mit Knut im Garten, im Walde oder im -Kurhausviertel. Übrigens erhielt er selbst Besuch: eine Anzahl seiner -Universitätskameraden kam in das Tal herauf, sechs oder sieben -Studenten, die im Orte wohnten, aber beim Hofrat die Mahlzeiten nahmen -und, zum Trupp verbunden, mit ihrem Kommilitonen die Gegend -durchstreiften. Hans Castorp mied sie. Er mied diese jungen Leute und -wich ihnen mit Joachim aus, wenn es nötig war, unlustig, ihnen zu -begegnen. Den Zugehörigen Derer hier oben trennte eine Welt von diesen -Sängern, Wanderern und Stöckeschwingern, er wollte von ihnen nichts -hören und wissen. Außerdem schienen die meisten von ihnen aus dem Norden -zu stammen, womöglich waren Landsleute darunter, und Hans Castorp fühlte -die größte Scheu vor Landsleuten, oft erwog er mit Widerwillen die -Möglichkeit, daß irgendwelche Hamburger im „Berghof“ eintreffen könnten, -zumal Behrens gesagt hatte, diese Stadt stelle der Anstalt immer ein -stattliches Kontingent. Vielleicht befanden sich welche unter den -Schweren und Moribunden, die man nicht sah. Zu sehen war nur ein -hohlwangiger Kaufmann, der seit ein paar Wochen am Tische der Iltis saß, -und der aus Cuxhaven sein sollte. Hans Castorp freute sich im Hinblick -auf ihn, daß man mit Nicht-Tischgenossen hierorts so schwer in Berührung -kam, und ferner darüber, daß sein Heimatsgebiet groß und sphärenreich -war. Die gleichgültige Anwesenheit dieses Kaufmanns entkräftete in hohem -Grade die Besorgnisse, die er an das Vorkommen von Hamburgern hier oben -geknüpft hatte. - -Der heilige Abend also näherte sich, stand eines Tages vor der Tür und -hatte am nächsten Tage Gegenwart gewonnen ... Es waren noch reichlich -sechs Wochen bis zu ihm gewesen, damals, als Hans Castorp sich gewundert -hatte, daß man hier schon von Weihnachten sprach: so viel Zeit also -noch, rechnerisch genommen, wie die ganze Dauer seines Aufenthalts nach -ihrer ursprünglichen Veranschlagung, zusammen mit der Dauer seiner -Bettlägrigkeit betragen hatte. Trotzdem war das damals eine große Menge -Zeit gewesen, namentlich die erste Hälfte, wie es Hans Castorp -nachträglich schien, – während die rechnerisch gleiche Menge jetzt sehr -wenig bedeutete, beinahe nichts: die im Speisesaal, so fand er nun, -hatten recht gehabt, sie so gering zu achten. Sechs Wochen, nicht einmal -so viele also, wie die Woche Tage hatte: was war auch das in Anbetracht -der weiteren Frage, was denn so eine Woche, so ein kleiner Rundlauf vom -Montag zum Sonntag und wieder Montag war. Man brauchte nur immer nach -Wert und Bedeutung der nächstkleineren Einheit zu fragen, um zu -verstehen, daß bei der Summierung nicht viel herauskommen konnte, deren -Wirkung überdies und zugleich ja auch eine sehr starke Verkürzung, -Verwischung, Schrumpfung und Zernichtung war. Was war ein Tag, gerechnet -etwa von dem Augenblick an, wo man sich zum Mittagessen setzte, bis zu -dem Wiedereintritt dieses Augenblicks in vierundzwanzig Stunden? Nichts, -– obgleich es doch vierundzwanzig Stunden waren. Was war denn aber auch -eine Stunde, verbracht etwa in der Liegekur, auf einem Spaziergang oder -beim Essen, – womit die Möglichkeiten, diese Einheit zu verbringen, so -gut wie erschöpft waren? Wiederum nichts. Aber die Summierung des Nichts -war wenig ernst ihrer Natur nach. Am ernstesten wurde die Sache, wenn -man ins Kleinste stieg: jene sieben mal sechzig Sekunden, während derer -man das Thermometer zwischen den Lippen hielt, um die Kurve fortführen -zu können, waren überaus zählebig und gewichtig; sie weiteten sich zu -einer kleinen Ewigkeit, bildeten Einlagerungen von höchster Solidität in -dem schattenhaften Huschen der großen Zeit ... - -Das Fest vermochte die Lebensordnung der Berghofbewohner kaum zu stören. -Eine wohlgewachsene Tanne war schon einige Tage zuvor an der rechten -Schmalseite des Speisesaals, beim Schlechten Russentisch, aufgerichtet -worden, und ihr Duft, der durch den Brodem der reichen Gänge hindurch -die Speisenden zuweilen berührte, rief etwas wie Nachdenklichkeit in den -Augen einzelner Personen an den sieben Tischen hervor. Beim Abendessen -des 24. Dezembers zeigte der Baum sich bunt geschmückt mit Lametta, -Glaskugeln, vergoldeten Tannenzapfen, kleinen Äpfeln, die in Netzen -hingen, und vielerlei Konfekt, und seine farbigen Wachskerzen brannten -während der Mahlzeit und nachher. Auch in den Zimmern der Bettlägrigen, -hieß es, brannten Bäumchen; jedes hatte das seine. Und die Paketpost war -reich gewesen schon in den letzten Tagen. Auch Joachim Ziemßen und Hans -Castorp hatten Sendungen aus der fernen und tiefen Heimat bekommen, -sorglich verpackte Bescherungen, die sie in ihren Zimmern ausgebreitet -hatten: sinnreiche Kleidungsstücke, Krawatten, Luxusgegenstände in Leder -und Nickel, sowie viel Festgebäck, Nüsse, Äpfel und Marzipan, – Vorräte, -die die Vettern mit zweifelnden Blicken betrachteten, indem sie sich -fragten, wann hier je der Augenblick kommen werde, davon zu genießen. -Schalleen hatte Hans Castorps Paket hergestellt, wie er wußte, und auch, -nach sachlicher Besprechung mit den Onkeln, die Geschenke besorgt. Ein -Brief von James Tienappel lag bei, auf dickem Privatpapier, doch in -Maschinenschrift. Der Onkel übermittelte darin des Großonkels und seine -eigenen Fest- und Genesungswünsche und fügte aus praktischen Gründen -gleich die nächstens fälligen Neujahrsgratulationen hinzu, wie übrigens -auch Hans Castorp verfahren war, als er rechtzeitig seinen -Weihnachtsbrief nebst klinischem Rapport an Konsul Tienappel liegend -aufgesetzt hatte. - -Der Baum im Speisesaal brannte, knisterte, duftete und hielt in den -Köpfen und Herzen das Bewußtsein der Stunde wach. Man hatte Toilette -gemacht, die Herren trugen Gesellschaftsanzug, man sah an den Frauen -Schmuckstücke, die ihnen von liebender Gattenhand aus den Ländern der -Ebene gekommen sein mochten. Auch Clawdia Chauchat hatte den -ortsüblichen Wollsweater gegen ein Salonkleid vertauscht, das aber einen -Stich ins Willkürliche oder vielmehr ins Nationale hatte: es war ein -helles, gesticktes Gürtelkostüm von bäuerlich-russischem, oder doch -balkanischem, vielleicht bulgarischem Grundcharakter, mit kleinen -Goldflittern besetzt, dessen Faltigkeit ihrer Erscheinung eine ungewohnt -weiche Fülle verlieh und ausgezeichnet mit dem zusammenstimmte, was -Settembrini ihre „tatarische Physiognomie“, insbesondere ihre -„Steppenwolfslichter“ zu nennen beliebte. Man war sehr heiter am Guten -Russentisch; dort zuerst knallte der Champagner, der dann fast an allen -Tischen getrunken wurde. An dem der Vettern war es die Großtante, die -ihn für ihre Nichte und für Marusja bestellte, und sie traktierte alle -damit. Das Menü war gewählt, es endete mit Käsegebäck und Bonbons; man -schloß Kaffee an und Liköre, und dann und wann rief ein aufflammender -Tannenzweig, der Löscharbeit forderte, eine schrille, übermäßige Panik -hervor. Settembrini, gekleidet wie immer, saß gegen Ende des Festessens -eine Weile mit seinem Zahnstocher am Tische der Vettern, hänselte Frau -Stöhr und sprach dann einiges über den Tischlerssohn und -Menschheits-Rabbi, dessen Geburtstag man heute fingiere. Ob jener -wirklich gelebt habe, sei ungewiß. Was aber damals geboren worden sei -und seinen bis heute ununterbrochenen Siegeslauf begonnen habe, das sei -die Idee des Wertes der Einzelseele, zusammen mit der der Gleichheit -gewesen, – mit einem Worte die individualistische Demokratie. In diesem -Sinne leere er das Glas, das man ihm zugeschoben. Frau Stöhr fand seine -Ausdrucksweise „equivok und gemütlos“. Sie erhob sich unter Protest, und -da man ohnedies die Gesellschaftsräume aufzusuchen begonnen hatte, so -folgten die Tischgenossen ihrem Beispiel. - -Die Geselligkeit dieses Abends erhielt Gewicht und Leben durch die -Überreichung der Geschenke an den Hofrat, der mit Knut und der Mylendonk -auf eine halbe Stunde herüberkam. Die Handlung vollzog sich in dem Salon -mit den optischen Scherzapparaten. Die Sondergabe der Russen bestand in -etwas Silbernem, einem sehr großen, runden Teller, in dessen Mitte das -Monogramm des Empfängers eingraviert war, und dessen vollkommene -Unverwendbarkeit in die Augen sprang. Auf der Chaiselongue, die die -übrigen Gäste gestiftet hatten, konnte man wenigstens liegen, obgleich -sie noch ohne Decke und Kissen war, nur eben mit Tuch überzogen. Doch -war ihr Kopfende verstellbar, und Behrens probierte ihre Bequemlichkeit, -indem er sich, seinen nutzlosen Teller unter dem Arm, der Länge nach -darauf ausstreckte, die Augen schloß und zu schnarchen begann wie ein -Sägewerk, unter der Angabe, er sei Fafnir mit dem Hort. Der Jubel war -allgemein. Auch Frau Chauchat lachte sehr über diese Aufführung, wobei -ihre Augen sich zusammenzogen und ihr Mund offen stand, beides genau auf -dieselbe Weise, so fand Hans Castorp, wie es bei Pribislav Hippe, wenn -er lachte, der Fall gewesen war. - -Gleich nach dem Abgange des Chefs setzte man sich an die Spieltische. -Die russische Gesellschaft bezog, wie immer, den kleinen Salon. Einige -Gäste umstanden im Saale den Weihnachtsbaum, sahen dem Erlöschen der -Lichtstümpfchen in ihren kleinen Metallhülsen zu und naschten von dem -Aufgehängten. An den Tischen, die schon für das erste Frühstück gedeckt -waren, saßen vereinzelte Personen, weit voneinander entfernt, -verschiedentlich aufgestützt, in getrenntem Schweigen. - -Der erste Weihnachtstag war feucht und neblig. Es seien Wolken, sagte -Behrens, in denen man sitze; Nebel gäbe es nicht hier oben. Aber Wolken -oder Nebel, auf jeden Fall war die Nässe empfindlich. Der liegende -Schnee taute oberflächlich an, wurde porös und klebrig. Gesicht und -Hände erstarrten im Kurdienst weit peinlicher als bei sonnigem Frost. - -Der Tag war ausgezeichnet durch eine musikalische Veranstaltung am -Abend, ein richtiges Konzert mit Stuhlreihen und gedruckten Programmen, -das Denen hier oben vom Hause „Berghof“ geboten wurde. Es war ein -Liederabend, gegeben von einer am Orte ansässigen und Unterricht -erteilenden Berufssängerin mit zwei Medaillen seitlich unter dem -Ausschnitt ihres Ballkleides, Armen, die Stöcken glichen, und einer -Stimme, deren eigentümliche Tonlosigkeit über die Gründe ihrer -Ansiedelung hier oben betrübende Auskunft gab. Sie sang: - - „Ich trage meine Minne - mit mir herum.“ - -Der Pianist, der sie begleitete, war ebenfalls ortsansässig ... Frau -Chauchat saß in der ersten Reihe, benutzte jedoch die Pause, um sich -zurückzuziehen, so daß Hans Castorp von da an der Musik (es war Musik -unter allen Umständen) mit ruhigem Herzen lauschen konnte, indem er -während des Gesanges den Text der Lieder mitlas, der auf dem Programm -gedruckt stand. Eine Weile saß Settembrini an seiner Seite, verschwand -aber ebenfalls, nachdem er über den dumpfen _bel canto_ der Ansässigen -einiges Pralle, Plastische angemerkt und sein satirisches Behagen -darüber ausgedrückt, daß man auch heute abend so treu und traulich unter -sich sei. Die Wahrheit zu sagen, spürte Hans Castorp Erleichterung, als -sie beide fort waren, die Schmaläugige und der Pädagog, und er in -Freiheit den Liedern seine Aufmerksamkeit widmen konnte. Er fand es gut, -daß in der ganzen Welt und noch unter den besondersten Umständen Musik -gemacht wurde, wahrscheinlich sogar auf Polarexpeditionen. - -Der zweite Weihnachtstag unterschied sich durch nichts mehr, als durch -das leichte Bewußtsein seiner Gegenwart, von einem gewöhnlichen Sonn- -oder auch nur Wochentag, und als er vorüber war, da lag das -Weihnachtsfest im Vergangenen, – oder, ebenso richtig, es lag wieder in -ferner Zukunft, in jahresferner: zwölf Monate waren nun wieder bis -dahin, wo es sich im Kreislauf erneuern würde, – schließlich nur sieben -Monate mehr, als Hans Castorp hier schon verbracht hatte. - -Aber gleich nach dem diesjährigen Weihnachten, noch vor Neujahr, starb -denn also der Herrenreiter. Die Vettern erfuhren es von Alfreda -Schildknecht, genannt Schwester Berta, der Pflegerin des armen Fritz -Rotbein, die ihnen das diskrete Vorkommnis auf dem Gange erzählte. Hans -Castorp nahm eindringlich Anteil daran, teils weil die Lebensäußerungen -des Herrenreiters zu den ersten Eindrücken gehört hatten, die er hier -oben empfangen, – zu denen, die zuerst, wie ihm schien, den Wärmereflex -in seiner Gesichtshaut hervorgerufen hatten, der seitdem nicht mehr -daraus hatte weichen wollen, – teils aus moralischen, man möchte sagen: -geistlichen Gründen. Er hielt Joachim lange im Gespräch mit der -Diakonissin fest, die Ansprache und Austausch mit klammernder -Dankbarkeit genoß. Es sei ein Wunder, sagte sie, daß der Herrenreiter -das Fest noch erlebt habe. Längst habe er sich als zäher Kavalier -erwiesen gehabt, allein womit er zuletzt noch geatmet, sei keinem -begreiflich gewesen. Seit Tagen schon habe er sich freilich nur mit -Hilfe gewaltiger Mengen Sauerstoffes gehalten: gestern allein habe er -vierzig Ballons konsumiert, das Stück zu sechs Franken. Das müsse ins -Geld gelaufen sein, wie die Herren sich ausrechnen könnten, und dabei -sei zu bedenken, daß seine Gemahlin, in deren Armen er danach -verschieden, völlig mittellos hinterbleibe. Joachim mißbilligte diesen -Aufwand. Wozu die Quälerei und kostspielig künstliche Hinfristung in -einem ganz aussichtslosen Fall? Dem Mann sei es nicht zu verargen, daß -er das teure Lebensgas blindlings verzehrt, da man es ihm aufgenötigt -hatte. Dagegen die Behandelnden hätten vernünftiger denken und ihn in -Gottes Namen seines unvermeidlichen Weges ziehen lassen sollen, ganz -abgesehen von den Verhältnissen und gar nun mit Rücksicht auf diese. Die -Lebenden hätten doch auch ein Recht und so weiter. Dem widersprach Hans -Castorp mit Nachdruck. Sein Vetter rede ja fast schon wie Settembrini, -ohne Achtung und Scheu vor dem Leiden. Der Herrenreiter sei doch am Ende -gestorben, da höre der Spaß auf, man könne nichts weiter tun, um seinen -Ernst zu erweisen, und einem Sterbenden gebühre jeder Respekt und -Ehrenaufwand, darauf bestehe Hans Castorp. Er wolle nur hoffen, daß -Behrens den Herrenreiter zuletzt nicht angeschrien und pietätloserweise -gescholten habe? Kein Anlaß, erklärte die Schildknecht. Einen kleinen, -unbesonnenen Versuch zu entwischen habe der Herrenreiter zwar zuletzt -noch gemacht und aus dem Bett springen wollen; aber ein leichter Hinweis -auf die Zwecklosigkeit solchen Beginnens habe genügt, ihn ein für -allemal davon abstehen zu lassen. - -Hans Castorp nahm den Verblichenen in Augenschein. Er tat es aus Trotz -gegen das herrschende System der Verheimlichung, weil er das egoistische -Nichts-wissen-, Nichts-sehen-und-hören-wollen der andern verachtete und -ihm durch die Tat zu widersprechen wünschte. Bei Tische hatte er den -Todesfall zur Sprache zu bringen versucht, war aber auf einmütige und so -verstockte Ablehnung dieses Themas gestoßen, daß es ihn beschämt und -empört hatte. Frau Stöhr war geradezu grob geworden. Was ihm einfalle, -von so etwas anzufangen, hatte sie gefragt, und was er denn eigentlich -für eine Kinderstube genossen. Die Ordnung des Hauses schütze sie, die -Patientenschaft, sorgfältig davor, von solchen Geschichten berührt zu -werden, und da komme nun so ein Grünschnabel und rede ganz laut davon, -noch dazu beim Braten und dazu wieder in Gegenwart des Dr. Blumenkohl, -den es täglich ereilen könne. (Dies hinter der Hand.) Wiederhole sich -das, so werde sie klagbar werden. Da war es, daß der Gescholtene den -Entschluß gefaßt und ihm auch Ausdruck verliehen hatte, für seine Person -dem abgeschiedenen Hausgenossen durch einen Besuch und stille -Andachtsverrichtung an seinem Lager die letzte Ehre zu erweisen, und -auch Joachim hatte er bestimmt, das zu tun. - -Durch Vermittlung Schwester Alfredas erlangten sie Eintritt in das -Sterbezimmer, das im ersten Stock unter ihren eigenen Zimmern gelegen -war. Die Witwe empfing sie, eine kleine, zerzauste, von Nachtwachen -mitgenommene Blonde, das Taschentuch vor dem Munde, mit roter Nase und -in dickem Plaidmantel, dessen Kragen sie aufgestellt hatte, denn es war -sehr kalt im Zimmer. Die Heizung war abgestellt, die Balkontür offen. -Gedämpft sagten die jungen Leute das Erforderliche und gingen dann, -durch eine Handbewegung schmerzlich eingeladen, durch das Zimmer zum -Bett, – mit ehrerbietig vorwärts wiegenden Schritten gingen sie, ohne -Benutzung der Stiefelabsätze, und standen in Betrachtung am Lager des -Toten, ein jeder nach seiner Art: Joachim dienstlich geschlossen, in -salutierender Halbverbeugung, Hans Castorp gelöst und versunken, die -Hände vor sich gekreuzt, den Kopf auf der Schulter, mit einer Miene, -ähnlich derjenigen, mit der er Musik zu hören pflegte. Des Herrenreiters -Kopf lag hoch gebettet, so daß der Körper, dieser lange Aufbau und -vielfache Zeugungskreis des Lebens, mit der Erhöhung der Füße am Ende -unter der Decke, desto flacher, fast brettartig flach erschien. Ein -Blumengewinde lag in der Gegend der Knie, und der daraus hervorragende -Palmzweig berührte die großen, gelben, knöchernen Hände, die auf der -eingefallenen Brust gefaltet waren. Gelb und knöchern war auch das -Gesicht mit dem kahlen Schädel, der gehöckerten Nase, den scharfen -Backenknochen und dem buschigen, rotblonden Schnurrbart, dessen Dicke -die grauen, stoppligen Höhlen der Wangen noch stärker vertiefte. Die -Augen waren auf eine gewisse unnatürlich feste Weise geschlossen, – -zugedrückt, mußte Hans Castorp denken, nicht zugemacht: den letzten -Liebesdienst nannte man das, obgleich es im Sinne der Überlebenden mehr, -als um des Toten willen geschah. Auch mußte es beizeiten, gleich nach -dem Tode geschehen; denn wenn erst die Myosinbildung in den Muskeln -vorgeschritten war, so ging es nicht mehr, und er lag und starrte, und -um die sinnige Vorstellung des „Schlummers“ war es getan. - -Sachkundig und in mehr als einer Beziehung in seinem Elemente stand Hans -Castorp am Lager, bewandert, aber fromm. „Er scheint zu schlafen“, sagte -er aus Menschlichkeit, obgleich große Unterschiede vorhanden waren. Und -dann begann er mit schicklich gedämpfter Stimme ein Gespräch mit der -Witwe des Herrenreiters, zog über die Leidensgeschichte ihres Gatten, -seine letzten Tage und Augenblicke, den zu bewerkstelligenden Transport -des Körpers nach Kärnten Erkundigungen ein, die von einer teils -medizinischen, teils geistlich-sittlichen Teilnahme und Eingeweihtheit -zeugten. Die Witwe, in ihrer österreichisch schleppenden und näselnden -Sprechweise und zuweilen aufschluchzend, fand es bemerkenswert, daß -junge Leute zur Beschäftigung mit fremdem Kummer sich so aufgelegt -zeigten; worauf Hans Castorp erwiderte, sein Vetter und er, sie seien ja -selber krank, überdies habe er, für seine Person, frühe an den -Sterbebetten naher Angehöriger gestanden, er sei Doppelwaise, von langer -Hand her sei ihm der Tod vertraut, sozusagen. Welchen Beruf er gewählt -habe, fragte sie. Er antwortete, er sei Techniker „gewesen“. – Gewesen? -– Gewesen insofern, als nun ja die Krankheit und ein noch recht -unbestimmt begrenzter Aufenthalt hier oben dazwischengekommen sei, was -doch einen bedeutenden Einschnitt und möglicherweise etwas wie einen -Lebenswendepunkt darstelle, was könne man wissen. (Joachim sah ihn mit -forschendem Schrecken an.) Und sein Herr Vetter? – Der wolle Soldat sein -im Tieflande, er sei Offiziersaspirant. – Oh, sagte sie, das -Kriegerhandwerk sei freilich auch ein Beruf, der zum Ernst anhalte, ein -Soldat müsse damit rechnen, unter Umständen mit dem Tode in nahe -Berührung zu kommen und tue wohl gut, sich frühzeitig an seinen Anblick -zu gewöhnen. Sie beurlaubte die jungen Leute mit Dank und freundlicher -Fassung, die Achtung erwecken mußte in Anbetracht ihrer beklommenen Lage -und besonders der hohen Oxygenrechnung, die der Gatte zurückgelassen. -Die Vettern kehrten in ihr Stockwerk zurück. Hans Castorp zeigte sich -befriedigt von dem Besuch und geistlich angeregt durch die empfangenen -Eindrücke. - -„_Requiescat in pace_“, sagte er. „_Sit tibi terra levis. Requiem -aeternam dona ei, Domine._ Siehst du, wenn es sich um den Tod handelt -und man zu Toten spricht oder von Toten, so tritt auch wieder das Latein -in Kraft, das ist die offizielle Sprache in solchen Fällen, da merkt -man, was für eine besondere Sache es mit dem Tode ist. Aber es ist nicht -aus humanistischer Courtoisie, daß man Lateinisch redet zu seinen Ehren, -die Totensprache ist kein Bildungslatein, verstehst du, sondern von -einem ganz anderen Geist, einem ganz entgegengesetzten, kann man wohl -sagen. Das ist Sakrallatein, Mönchsdialekt, Mittelalter, so ein dumpfer, -eintöniger, unterirdischer Gesang gewissermaßen, – Settembrini fände -kein Gefallen daran, es ist nichts für Humanisten und Republikaner und -solche Pädagogen, es ist von einer anderen Geistesrichtung, der anderen, -die es gibt. Ich finde, man muß sich klar sein über die verschiedenen -Geistesrichtungen oder Geistesstimmungen, wie man wohl richtiger sagen -sollte, es gibt die fromme und die freie. Sie haben beide ihre Vorzüge, -aber was ich gegen die freie, die Settembrinische meine ich, auf dem -Herzen habe, ist nur, daß sie die Menschenwürde so ganz in Pacht zu -haben glaubt, das ist übertrieben. Die andere enthält auch viel -menschliche Würde in ihrer Art und gibt Veranlassung zu einer Menge -Wohlanstand und properer Haltung und nobler Förmlichkeit, mehr sogar als -die ‚freie‘, obgleich sie die menschliche Schwäche und Hinfälligkeit ja -besonders im Auge hat und der Gedanke an Tod und Verwesung eine so -wichtige Rolle darin spielt. Hast du mal im Theater den ‚Don Carlos‘ -gesehen und wie es zuging am spanischen Hof, wenn König Philipp -hereinkommt, ganz in Schwarz, mit dem Hosenbandorden und dem Goldenen -Vließ, und langsam den Hut zieht, der beinahe schon aussieht wie unsere -Melonen, – so nach oben hin zieht er ihn und sagt: ‚Bedeckt euch, meine -Granden‘ oder so ähnlich, – im höchsten Grade gemessen ist das, darf man -wohl sagen, von Gehenlassen und schlottrigen Sitten kann da nicht die -Rede sein, im Gegenteil, und die Königin sagt denn ja auch: ‚In meinem -Frankreich wars doch anders‘, natürlich, der ist es zu akkurat und -umständlich, die möchte es fideler haben, menschlicher. Aber was heißt -menschlich? Menschlich ist alles. Das spanisch Gottesfürchtige und -Demütig-Feierliche und streng Abgezirkelte ist eine sehr würdige Fasson -der Menschlichkeit, sollte ich meinen, und andererseits kann man mit dem -Worte ‚menschlich‘ jede Schlamperei und Schlappheit zudecken, da wirst -du mir recht geben.“ - -„Da gebe ich dir recht,“ sagte Joachim, „Schlappheit und Gehenlassen -kann ich natürlich auch nicht leiden, Disziplin muß sein.“ - -„Ja, das sagst du als Militär, und ich gebe zu, beim Militär versteht -man sich auf diese Dinge. Die Witwe hatte ganz recht, von eurem Handwerk -zu sagen, es habe eine ernsthafte Bewandtnis damit, denn immer müßtet -ihr mit dem äußersten Ernstfalle rechnen und damit, es mit dem Tod zu -tun zu bekommen. Ihr habt die Uniform, die ist knapp und propper und hat -einen steifen Kragen, das gibt euch _bienséance_. Und dann habt ihr die -Rangordnung und den Gehorsam und erweist euch umständlich Ehre -untereinander, das geschieht in spanischem Geiste, aus Frömmigkeit, ich -mag es im Grunde wohl leiden. Bei uns Zivilisten sollte von diesem -Geiste auch mehr herrschen, in unseren Sitten und unserm Gehaben, das -wäre mir lieber, ich fände es passend. Ich finde, die Welt und das Leben -ist danach angetan, daß man sich allgemein schwarz tragen sollte, mit -einer gestärkten Halskrause statt eures Kragens, und ernst, gedämpft und -förmlich miteinander verkehren im Gedanken an den Tod, – so wär es mir -recht, es wäre moralisch. Siehst du, das ist auch so ein Irrtum und -Eigendünkel von Settembrini, noch einer, es ist ganz gut, daß ich -gesprächsweise mal darauf komme. Nicht bloß die Menschenwürde meint er -in Pacht zu haben, sondern auch die Moral, – mit seiner ‚praktischen -Lebensarbeit‘ und seinen Fortschritts-Sonntagsfeiern (als ob man nicht -gerade Sonntags an was anderes zu denken hätte als an den Fortschritt) -und mit seiner systematischen Ausmerzung der Leiden, wovon du übrigens -nichts weißt, aber mir hat er zu meiner Belehrung davon erzählt, – -systematisch will er sie ausmerzen, vermittelst eines Lexikons. Und wenn -mir nun das gerade unmoralisch vorkommt, – was dann? Ihm sage ich es -natürlich nicht, er redet mich ja in Grund und Boden mit seiner -plastischen Mundart und sagt: ‚Ich warne Sie, Ingenieur!‘ Aber denken -dürfen wird man sich ja sein Teil, – Sire, geben Sie Gedankenfreiheit. -Ich will dir was sagen“, schloß er. (Sie waren in Joachims Zimmer -hinaufgelangt, und Joachim machte sich zum Liegen bereit.) „Ich werde -dir sagen, was ich mir vorgenommen habe. Man lebt hier so Tür an Tür mit -sterbenden Leuten und mit dem schwersten Kreuz und Jammer, aber nicht -allein, daß man so tut, als ob es einen nichts anginge, sondern man wird -auch geschont und geschützt, daß man nur ja nicht damit in Berührung -kommt und nichts davon sieht, und den Herrenreiter, den werden sie nun -auch wieder heimlich auf die Seite bringen, während wir vespern oder -frühstücken. Das finde ich unmoralisch. Die Stöhr wurde ja schon wütend, -weil ich den Todesfall nur erwähnte, das ist mir zu albern, und wenn sie -schon ungebildet ist und glaubt, daß ‚Leise, leise, fromme Weise‘ im -‚Tannhäuser‘ vorkommt, wie es ihr neulich bei Tische passierte, so -könnte sie dabei doch etwas moralischer empfinden, und die anderen auch. -Ich habe mir nun vorgenommen, mich in Zukunft etwas mehr um die Schweren -und Moribunden im Hause zu kümmern, das wird mir wohltun, – schon unser -Besuch eben hat mir gewissermaßen gut getan. Der arme Reuter damals, auf -Nr. 25, den ich in meinen ersten Tagen durch die Tür einmal sah, ist -gewiß schon längst _ad penates_ gegangen und heimlich auf die Seite -gebracht worden, – er hatte schon damals so übertrieben große Augen. -Aber dafür sind andere da, das Haus ist voll, es fehlt nie an Zuzug, und -Schwester Alfreda oder auch die Oberin oder sogar Behrens selbst werden -uns gewiß behilflich sein, eine oder die andere Beziehung herzustellen, -das wird sich ja unschwer machen lassen. Nimm an, jemand Moribundes hat -Geburtstag, und wir erfahren es, – das läßt sich ja in Erfahrung -bringen. Gut, wir schicken dem Betreffenden – oder ihr – ihm oder ihr, -je nachdem – einen Blumentopf aufs Zimmer, eine Aufmerksamkeit von zwei -ungenannten Kollegen, – beste Genesungswünsche, – das Wort Genesung -bleibt höflicherweise immer am Platz. Dann werden wir dem Betreffenden -natürlich doch genannt, und er oder sie läßt uns in ihrer Schwäche einen -freundlichen Gruß durch die Tür sagen, und vielleicht lädt sie uns auf -einen Augenblick ins Zimmer ein, und wir wechseln noch ein paar -menschliche Worte mit ihm, bevor er sich auflöst. So denke ich es mir. -Bist du nicht einverstanden? Für mein Teil hab ichs mir jedenfalls -vorgenommen.“ - -Joachim hatte gegen diese Absichten denn auch nicht viel zu erinnern. -„Es ist gegen die Hausordnung,“ sagte er; „du durchbrichst sie -gewissermaßen damit. Aber ausnahmsweise, und wenn du nun einmal den -Wunsch hast, wird Behrens dir wohl Permeß geben, denke ich. Du kannst -dich ja auf dein medizinisches Interesse berufen.“ - -„Ja, unter anderem darauf“, sagte Hans Castorp; denn wirklich waren es -verschlungene Motive, aus denen sein Wunsch erwuchs. Der Protest gegen -den obwaltenden Egoismus war nur eines davon. Was mitsprach, war -namentlich auch das Bedürfnis seines Geistes, Leiden und Tod ernst -nehmen und achten zu dürfen, – ein Bedürfnis, für das er sich von der -Annäherung an die Schweren und Sterbenden Genugtuung und Stärkung -erhoffte, als Gegengewicht gegen vielfache Beleidigungen, denen er es -sonst auf Schritt und Tritt, alltäglich und stündlich ausgesetzt fand, -und durch die gewisse Urteile Settembrinis eine ihn kränkende -Bekräftigung erfuhren. Beispiele bieten sich nur zu zahlreich an; hätte -man Hans Castorp gefragt, er wäre vielleicht zuerst auf solche Personen -im Hause „Berghof“ zu sprechen gekommen, die eingestandenermaßen -überhaupt nicht krank waren und vollkommen freiwillig, unter dem -offiziellen Vorwande leichter Angegriffenheit, in Wirklichkeit aber nur -zu ihrem Vergnügen und weil die Lebensform der Kranken ihnen zusagte, -hier lebten, wie die schon beiläufig erwähnte Witwe Hessenfeld, eine -lebhafte Frau, deren Leidenschaft das Wetten war: sie wettete mit den -Herren, wettete auf alles und um alles, wettete auf das Wetter, das -eintreten, die Gerichte, die es geben würde, auf das Ergebnis von -Generaluntersuchungen und darauf, wieviel Monate jemandem zugelegt -werden würden, auf gewisse Bobs, Eisschlitten, Schlittschuh- oder -Ski-Champions bei sportlichen Konkurrenzen, auf den Verlauf sich -anspinnender Liebesgeschichten unter den Gästen und auf hundert andere, -oft gänzlich unerhebliche und gleichgültige Dinge, wettete um -Schokolade, um Champagner und Kaviar, die dann im Restaurant -festlicherweise verzehrt wurden, um Geld, um Kinobilletts und selbst um -Küsse, zu gebende und zu nehmende, – kurzum, sie brachte mit dieser -ihrer Passion viel Spannung und Leben in den Speisesaal, nur daß ihr -Treiben den jungen Hans Castorp natürlich sehr ernst nicht dünken -wollte, ja, daß ihr bloßes Vorhandensein ihm als Beeinträchtigung der -Würde eines Leidensortes erschien. - -Denn diese Würde zu schützen und vor sich selber aufrecht zu halten, war -er im Innern treulich bestrebt, so schwer es ihm fallen mochte nach -einem nun fast halbjährigen Aufenthalt unter Denen hier oben. Die -Einblicke, die er nach und nach in ihr Leben und Treiben, ihre Sitten -und Anschauungen getan, waren seinem guten Willen wenig behilflich. Da -waren jene beiden mageren Stutzerchen, siebzehn- und achtzehnjährig und -„Max und Moritz“ genannt, deren abendliches Aussteigen zum Zwecke des -Pokerns und der Zechereien in Damengesellschaft dem Gerede viel Stoff -bot. Kürzlich, das heißt etwa acht Tage nach Neujahr (denn man muß -festhalten, daß, während wir erzählen, die Zeit in ihrer still -strömenden Art rastlos fortschreitet), hatte sich beim Frühstück die -Nachricht verbreitet, der Bademeister habe die beiden morgens in -zerknitterten Gesellschaftsanzügen auf ihren Betten betroffen. Auch Hans -Castorp lachte; aber wenn es beschämend für seinen guten Willen war, so -war es noch gar nicht viel im Vergleich mit den Geschichten des -Rechtsanwalts Einhuf aus Jüterbog, eines spitzbärtigen Vierzigers mit -schwarzbehaarten Händen, der seit einiger Zeit an Stelle des genesenen -Schweden am Tisch Settembrinis saß und nicht nur jede Nacht betrunken -nach Hause kam, sondern dies neulich überhaupt nicht getan hatte, -vielmehr auf der Wiese gefunden worden war. Er galt für einen -gefährlichen Liederjahn, und Frau Stöhr konnte auf die – im Tiefland -übrigens verlobte – junge Dame mit ihrem Finger weisen, die man zu einer -bestimmten Stunde aus Einhufs Zimmer hatte treten sehen, bekleidet nur -mit einem Pelz, unter dem sie nichts weiter als eine Reformhose getragen -haben sollte. Das war skandalös, – nicht nur in allgemein moralischem -Sinn, sondern skandalös und beleidigend für Hans Castorp persönlich, im -Sinn seiner geistigen Bemühungen. Es kam aber hinzu, daß er an die -Person des Rechtsanwalts nicht denken konnte, ohne auch Fränzchen -Oberdank mit einzubeziehen, jenes glattgescheitelte Haustöchterchen, das -vor wenigen Wochen von ihrer Mutter, einer würdigen Provinzdame, -heraufgeleitet worden war. Fränzchen Oberdank hatte bei ihrer Ankunft -und nach der ersten Untersuchung für leichtkrank gegolten; aber mochte -sie Fehler begangen haben, mochte ein Fall vorliegen, in dem die Luft -zunächst nicht sowohl _gegen_, als vor allen Dingen einmal _für_ die -Krankheit gut gewesen war, oder mochte die Kleine in irgendwelche -Intrigen und Aufregungen verstrickt worden sein, die ihr geschadet -hatten: vier Wochen nach ihrem Eintritt geschah es, daß sie, von einer -neuen Untersuchung kommend, beim Betreten des Speisesaals ihr -Handtäschchen in die Luft warf und mit heller Stimme ausrief: „Hurra, -ein Jahr muß ich bleiben!!“ – worüber im ganzen Saal ein homerisches -Gelächter sich verbreitet hatte. Aber vierzehn Tage später war die -Nachricht in Umlauf gekommen, daß Rechtsanwalt Einhuf an Fränzchen -Oberdank wie ein Schurke gehandelt habe. Übrigens kommt dieser Ausdruck -auf unsere Rechnung oder allenfalls auf die Hans Castorps; denn den -Trägern der Nachricht schien diese ihrem Wesen nach wohl nicht neu -genug, um zu so starken Worten anzuregen. Auch gaben sie achselzuckend -zu verstehen, daß zu solchen Geschichten ja zweie gehörten, und daß -vermutlich nichts gegen Wunsch und Willen eines Beteiligten geschehen -sei. Wenigstens war dies Frau Stöhrs Verhalten und sittliche Stimmung in -fraglicher Angelegenheit. - -Karoline Stöhr war entsetzlich. Wenn irgend etwas den jungen Hans -Castorp in seinen redlich gemeinten geistigen Bemühungen störte, so war -es das Sein und Wesen dieser Frau. Ihre beständigen Bildungsschnitzer -hätten genügt. Sie sagte „Agonje“ statt „Todeskampf“; „insolvent“, wenn -sie jemandem Frechheit zum Vorwurf machte, und gab über die -astronomischen Vorgänge, die eine Sonnenfinsternis zeitigen, den -greulichsten Unsinn zum besten. Mit den liegenden Schneemassen, sagte -sie, sei es „eine wahre Kapazität“; und eines Tages setzte sie Herrn -Settembrini in lang andauerndes Erstaunen durch die Mitteilung, sie lese -zur Zeit ein der Anstaltsbibliothek entnommenes Buch, das ihn angehe, -nämlich „Benedetto Cenelli in der Übersetzung von Schiller“! Sie liebte -Redensarten, die dem jungen Hans Castorp, ihrer Abgeschmacktheit und -modisch ordinären Verbrauchtheit wegen, auf die Nerven gingen, wie zum -Beispiel: „Das ist die Höhe!“ oder: „Du ahnst es nicht!“ Und da die -Bezeichnung „blendend“, die das Modemaul lange Zeit für „glänzend“ oder -„vorzüglich“ gebraucht hatte, sich als gänzlich ausgelaugt, entkräftet, -prostituiert und sohin veraltet erwies, so warf sie sich auf das -Neueste, nämlich das Wort „verheerend“, und fand nun, im Ernst oder -höhnischerweise, alles „verheerend“, die Schlittenbahn, die Mehlspeise -und ihre eigene Leibeswärme, was ebenfalls ekelhaft anmutete. Hinzu kam -ihre Klatschsucht, die unmäßig war. Mochte sie immerhin erzählen, Frau -Salomon trage heute die kostbarste Spitzenwäsche, denn sie sei zur -Untersuchung bestellt und ziere sich dabei vor den Ärzten mit feinem -Unterzeug: – es hatte seine Richtigkeit damit, Hans Castorp selbst hatte -den Eindruck gewonnen, daß die Prozedur der Untersuchung, unabhängig von -ihrem Ergebnis, den Damen Vergnügen bereite, und daß sie sich kokett -dafür schmückten. Aber was sollte man zu Frau Stöhrs Versicherung sagen, -Frau Redisch aus Posen, die im Verdacht tuberkulösen Rückenmarks stehe, -müsse wöchentlich einmal zehn Minuten lang vollständig nackt vor Hofrat -Behrens im Zimmer hin und her marschieren? Die Unwahrscheinlichkeit -dieser Behauptung kam fast ihrer Anstößigkeit gleich, aber Frau Stöhr -verfocht und beschwor sie aufs äußerste, – obgleich schwer begreiflich -erschien, wie die Arme auf Dinge, wie diese, so viel Eifer, Nachdruck -und Rechthaberei verwenden mochte, da ihre eigensten Angelegenheiten ihr -schwer zu schaffen machten. Denn zwischendurch suchten Anfälle von -feiger und weinerlicher Besorgnis sie heim, deren Anlaß ihre angeblich -zunehmende „Schlaffheit“ oder das Ansteigen ihrer Kurve war. Sie kam -schluchzend zu Tisch, die spröden roten Backen von Tränen überströmt und -heulte in ihr Taschentuch, daß Behrens sie in ihr Bett schicken wolle, -sie aber wolle wissen, was er hinter ihrem Rücken gesagt habe, was ihr -fehle, wie es um sie stehe, sie wolle der Wahrheit ins Auge sehen! Zu -ihrem Entsetzen hatte sie eines Tages bemerkt, daß ihr Bett mit dem -Fußende in der Richtung der Haustür stehe und erlitt fast Krämpfe dieser -Entdeckung wegen. Man verstand ihre Wut, ihr Grauen nicht ohne weiteres, -Hans Castorp im besonderen verstand sich nicht gleich darauf. Nun und? -Wieso? Warum das Bett nicht stehen solle, wie es stehe? – Aber ob er, um -Gottes willen, denn nicht begreife! „_Die Füße voran ...!_“ Sie schlug -verzweifelten Lärm, und sofort mußte das Bett umgestellt werden, -obgleich sie fortan vom Kissen ins Licht sah, was ihren Schlaf -beeinträchtigte. - -Das alles war unernst; es kam Hans Castorps geistigen Bedürfnissen sehr -wenig entgegen. Ein schreckhafter Zwischenfall, der sich um diese Zeit -während einer Mahlzeit ereignete, machte besonderen Eindruck auf den -jungen Mann. Ein noch neuer Patient, der Lehrer Popów, ein magerer und -stiller Mensch, der mit seiner ebenfalls mageren und stillen Braut am -Guten Russentisch Platz gefunden hatte, erwies sich, da eben das Essen -in vollem Gange war, als epileptisch, indem er einen krassen Anfall -dieser Art erlitt, mit jenem Schrei, dessen dämonischer und -außermenschlicher Charakter oft geschildert worden ist, zu Boden stürzte -und neben seinem Stuhle unter den scheußlichsten Verrenkungen mit Armen -und Beinen um sich schlug. Erschwerend wirkte, daß es ein Fischgericht -war, das eben gereicht worden, so daß zu befürchten stand, Popów möchte -in seiner Krampfverzückung an einer Gräte Schaden nehmen. Der Aufruhr -war unbeschreiblich. Die Damen, Frau Stöhr voran, aber ohne daß etwa die -Frauen Salomon, Redisch, Hessenfeld, Magnus, Iltis, Levi und wie sie nun -heißen mochten, ihr etwas nachgegeben hätten, wurden von den -verschiedensten Zuständen betreten, so daß einige es Herrn Popów fast -gleichtaten. Ihre Schreie gellten. Man sah nichts als zugekrampfte -Augen, offene Münder und verdrehte Oberkörper. Eine einzelne gab stiller -Ohnmacht den Vorzug. Erstickungsanfälle, da jedermann von dem wilden -Ereignis im Kauen und Schlucken überrascht worden war, spielten sich ab. -Ein Teil der Tischgesellschaft suchte durch die verfügbaren Ausgänge das -Weite, auch durch die Verandatüren, obgleich es draußen sehr naßkalt -war. Es trug aber der ganze Vorfall ein eigentümliches und außer seiner -Entsetzlichkeit auch anstößiges Tonzeichen, und zwar vermöge einer -allgemein sich aufdrängenden Ideenverbindung, die an den jüngsten -Vortrag Dr. Krokowskis anknüpfte. Der Analytiker war nämlich bei seinen -Ausführungen über die Liebe als krankheitbildende Macht gerade am -letzten Montag auf die Fallsucht zu reden gekommen und hatte dies -Leiden, worin die Menschheit in voranalytischen Zeiten abwechselnd eine -heilige, ja prophetische Heimsuchung und eine Teufelsbesessenheit -gesehen, mit halb poetischen, halb unerbittlich wissenschaftlichen -Worten als Äquivalent der Liebe und Orgasmus des Gehirns angesprochen, -kurz, es in einem solchen Sinne verdächtigt, daß seine Zuhörer die -Aufführung des Lehrers Popów, diese Illustration des Vortrags, als wüste -Offenbarung und mysteriösen Skandal verstehen mußten, so daß denn auch -in dem verhüllten Entfliehen der Damen eine gewisse Schamhaftigkeit sich -ausdrückte. Der Hofrat selbst war bei der Mahlzeit zugegen, und er war -es, der, zusammen mit der Mylendonk und einigen jungen, handfesten -Tafelgenossen, den Ekstatiker, blau, schäumend, steif und verzerrt, wie -er war, aus dem Saal in die Halle schaffte, wo man die Ärzte, die Oberin -und anderes Personal noch längere Zeit an dem Sinnlosen hantieren sah, -der dann auf einer Bahre davongetragen wurde. Ganz kurze Zeit danach -aber sah man Herrn Popów stillvergnügt, in Gesellschaft seiner ebenfalls -stillvergnügten Braut, wieder am Guten Russentisch sitzen und, als sei -nichts geschehen, sein Mittagessen beenden! - -Hans Castorp hatte dem Ereignis mit den äußeren Zeichen respektvollen -Schreckens beigewohnt, im Grunde aber mutete auch dies ihn nicht ernst -an, Gott mochte ihm helfen. Popów hätte an seinem Fischbissen freilich -ersticken können, aber in Wirklichkeit war er ja nicht erstickt, sondern -hatte, bei aller bewußtlosen Wut und Lustbarkeit, im Stillsten wohl -dennoch ein wenig achtgegeben. Nun saß er heiter, aß fertig und tat, als -habe er sich nie wie ein Berserker und rasender Trunkenbold benommen, -erinnerte sich gewiß auch nicht daran. Auch seine Erscheinung aber war -nicht danach angetan, Hans Castorps Ehrfurcht vor dem Leiden zu stärken; -auch sie, in ihrer Art, vermehrte die Eindrücke unernster -Liederlichkeit, denen er sich widerstrebend hier oben ausgesetzt fand, -und denen er durch eine den herrschenden Sitten widersprechende nähere -Beschäftigung mit den Schweren und Moribunden entgegenzuwirken wünschte. - -Auf der Etage der Vettern, nicht weit von ihren Zimmern, lag ein ganz -junges Mädchen, Leila Gerngroß mit Namen, die den Mitteilungen Schwester -Alfredas zufolge im Begriffe war, zu sterben. Sie hatte binnen zehn -Tagen vier heftige Blutungen erlitten, und ihre Eltern waren -heraufgekommen, um sie vielleicht noch lebend heimzubringen; doch schien -das nicht angängig: der Hofrat verneinte die Transportfähigkeit der -armen kleinen Gerngroß. Sie war sechzehn-, siebzehnjährig. Hans Castorp -sah hier die rechte Gelegenheit, seinen Plan mit dem Blumentopf und den -Genesungswünschen zu verwirklichen. Zwar hatte Leila jetzt nicht -Geburtstag, würde diesen auch, menschlicher Voraussicht nach, nicht mehr -erleben, da er, wie Hans Castorp ausgekundschaftet, erst in das Frühjahr -fiel; doch brauchte das seiner Entscheidung nach kein Hindernis für eine -solche barmherzige Huldigung zu sein. Auf einem Mittagsgange in die -Gegend des Kurhauses trat er mit seinem Vetter in einen Blumenladen, -dessen erdig-feuchte und duftüberladene Atmosphäre er mit bewegter Brust -einatmete, und erstand einen hübschen Hortensienstock, den er ohne -Namensnennung, mit einer Karte, auf der nur „Von zwei Hausgenossen, mit -besten Genesungswünschen“ geschrieben stand, der kleinen Moribunden aufs -Zimmer zu schicken Weisung gab. Er handelte freudig, angenehm benommen -vom Pflanzenbrodem, der lauen Wärme des Ortes, die nach der Außenkälte -seine Augen tränen ließ, mit klopfendem Herzen und einem Gefühl der -Abenteuerlichkeit, Kühnheit, Förderlichkeit seines unscheinbaren -Unternehmens, dem er insgeheim eine symbolische Tragweite beimaß. - -Leila Gerngroß genoß keine Privatpflege, sondern unterstand unmittelbar -der Fürsorge Fräulein von Mylendonks und der Ärzte; aber Schwester -Alfreda ging bei ihr aus und ein, und sie erstattete den jungen Leuten -Bericht über die Wirkung ihrer Aufmerksamkeit. Die Kleine, in der -aussichtslosen Beschränktheit ihres Zustandes, hatte sich kindisch -gefreut über den fremden Gruß. Die Pflanze stand an ihrem Bett, sie -liebkoste sie mit Blicken und Händen, sorgte, daß man sie begoß, und -hing selbst noch bei den schlimmsten Hustenanfällen, die sie -heimsuchten, mit ihren gequälten Augen an ihr. Ihre Eltern, Major außer -Diensten Gerngroß und Frau, waren ebenfalls gerührt und erfreut gewesen, -und da sie, ohne jede Bekanntschaft im Hause, die Geber zu erraten nicht -einmal versuchen konnten, so hatte die Schildknecht, wie sie gestand, -sich nicht enthalten können, die Anonymität zu lüften und die Vettern -als Spender namhaft zu machen. Sie überbrachte ihnen die Bitte der drei -Gerngroß um Vorstellung und Dankesentgegennahme, und so traten die -beiden denn übernächsten Tages, von der Diakonissin geführt, auf -Zehenspitzen in Leilas Leidenskammer ein. - -Die Sterbende war ein überaus liebreizendes blondes Geschöpf mit genau -vergißmeinnichtblauen Augen, das trotz furchtbarer Blutverluste und -einer Atmung, die nur vermittelst eines ganz unzulänglichen -Restbestandes von tauglichem Lungengewebe geschah, einen zwar zarten, -aber eigentlich nicht elenden Anblick bot. Sie dankte und plauderte mit -etwas tonarmer, aber angenehmer Stimme. Ein rosiger Schein erstand auf -ihren Wangen und verharrte dort. Hans Castorp, der gegen die anwesenden -Eltern und sie seine Handlungsweise so erläutert, wie man es erwartete, -und sich gewissermaßen entschuldigt hatte, sprach gedämpft und bewegt, -mit zärtlicher Ehrerbietung. Es fehlte nicht viel – der innere Antrieb -dazu war jedenfalls vorhanden –, daß er sich vor dem Bett auf ein Knie -niedergelassen hätte, und lange hielt er Leilas Hand in der seinen fest, -obgleich dies heiße Händchen nicht nur feucht, sondern geradezu naß war, -denn des Kindes Schweißsekretion war übermäßig; beständig verausgabte -sie so viel Wasser, daß ihr Fleisch schon längst hätte eingeschnurrt und -vertrocknet sein müssen, wenn nicht der gierigste Konsum von Limonade, -von der auch eine Karaffe voll auf ihrem Nachttische stand, der -Transsudation ungefähr die Wage gehalten hätte. Die Eltern, gramvoll, -wie sie waren, hielten mit Erkundigungen über die persönlichen Umstände -der Vettern und anderen konversationellen Mitteln die kurze Unterhaltung -nach menschlicher Gesittung aufrecht. Der Major war ein breitschultriger -Mann mit niedriger Stirn und gesträubtem Schnurrbart, – ein Hüne, dessen -organische Unschuld an der Disposition und Aufnahmelustigkeit des -Töchterchens in die Augen stach. Schuld daran war offensichtlich -vielmehr seine Frau, eine kleine Person von entschieden phthisischem -Typus, deren Gewissen denn auch dieser Mitgift wegen belastet schien. -Als nämlich Leila nach zehn Minuten Ermüdungs- oder vielmehr -Überreizungszeichen gab (das Rosenrot ihrer Wangen erhöhte sich, während -ihre Vergißmeinnichtaugen beunruhigend glänzten), und die Vettern, von -Schwester Alfreda mit den Blicken dazu gemahnt, sich verabschiedeten, -geleitete Frau Gerngroß sie bis vor die Tür und erging sich dabei in -Selbstanklagen, die Hans Castorp sonderbar ergriffen. Von ihr, von ihr -allein komme es, versicherte sie zerknirscht; von ihr nur könne das arme -Kind es haben, ihr Mann sei völlig unbeteiligt daran, habe nicht das -geringste damit zu tun. Aber auch sie, könne sie versichern, habe nur -ganz vorübergehend damit zu tun gehabt, nur ein bißchen und obenhin, -ganz kurze Zeit, als junges Mädchen. Dann habe sie es überwunden, ganz -und gar, wie ihr bezeugt worden sei, denn sie habe heiraten wollen, so -gern heiraten und leben, und es sei ihr gelungen, ganz ausgeheilt und -genesen sei sie in die Ehe getreten mit ihrem lieben, baumstarken Mann, -der seinerseits nie auch nur entfernt an solche Geschichten gedacht -habe. Aber so rein und stark er sei, – er habe das Unglück doch nicht -verhindern können mit seinem Einfluß. Denn bei dem Kinde, da sei das -Schreckliche, das Begrabene und Vergessene wieder zum Vorschein -gekommen, und es werde nicht fertig damit, es gehe zugrunde daran, -während sie, die Mutter, darüber hinweggekommen und in ein gefestetes -Alter getreten sei, – es sterbe, das arme, liebe Ding, die Ärzte gäben -keine Hoffnung mehr, und sie allein sei schuld daran mit ihrem Vorleben. - -Die jungen Leute suchten sie zu trösten, machten Worte über die -Möglichkeit einer glücklichen Wendung. Aber die Majorin schluchzte nur -auf und dankte ihnen jedenfalls nochmals für alles, für die Hortensie -und dafür, daß sie das Kind durch ihren Besuch noch ein wenig zerstreut -und beglückt. Da läge die Ärmste in ihrer Qual und Einsamkeit, während -andere junge Dinger sich ihres Lebens freuten und mit hübschen jungen -Herren tanzten, wozu die Krankheit doch keineswegs die Lust ertöte. Sie -hätten ihr ein wenig Sonnenschein gebracht, mein Gott, wohl den letzten. -Die Hortensie sei wie ein Ballerfolg und das Geplauder mit den beiden -stattlichen Kavalieren wie ein netter kleiner Flirt für sie gewesen, das -habe sie, Mutter Gerngroß, wohl gesehen. - -Hiervon war Hans Castorp nun peinlich berührt, besonders da die Majorin -das Wort „Flirt“ obendrein nicht richtig, das heißt nicht englisch, -sondern mit deutschem i ausgesprochen hatte, was ihn maßlos irritierte. -Auch war er kein stattlicher Kavalier, sondern hatte die kleine -Leila aus Protest gegen den herrschenden Egoismus und in -medizinisch-geistlicher Meinung besucht. Kurz, er war etwas verstimmt -über den letzten Ausgang der Sache, soweit die Auffassung der Majorin in -Frage kam, sonst aber sehr belebt und angetan von der Durchführung des -Unternehmens. Namentlich zwei Eindrücke: die erdigen Düfte des -Blumenladens und die Nässe von Leilas Händchen waren ihm davon in Seele -und Sinn zurückgeblieben. Und da ein Anfang gemacht war, verabredete er -noch gleichen Tages mit Schwester Alfreda einen Besuch bei ihrem -Pflegling Fritz Rotbein, der sich nebst seiner Pflegerin so schrecklich -langweilte, obgleich ihm, wenn nicht alle Zeichen trogen, nur noch eine -ganz kurze Weile beschieden war. - -Es half dem guten Joachim nichts, er mußte mithalten. Hans Castorps -Antrieb und charitativer Unternehmungsgeist war stärker als seines -Vetters Abneigung, welche dieser höchstens durch Schweigen und -Niederschlagen der Augen geltend machen konnte, da er sie, ohne Mangel -an Christentum zu bekunden, nicht zu begründen gewußt hätte. Hans -Castorp sah das sehr wohl und zog seinen Nutzen daraus. Er verstand auch -genau den militärischen Sinn dieser Unlust. Aber wenn er selbst sich nun -doch belebt und beglückt fühlte durch solche Unternehmungen, und wenn -sie ihm förderlich schienen? Dann mußte er über Joachims stillen -Widerstand eben hinwegschreiten. Er erwog mit ihm, ob man auch dem -jungen Fritz Rotbein Blumen schicken oder bringen könne, obgleich dieser -Moribundus männlichen Geschlechtes war. Er wünschte sehr, es zu tun; -Blumen, fand er, gehörten dazu; der Streich mit der Hortensie, die -violett und wohlgeformt gewesen war, hatte ihm ausnehmend gefallen; und -so entschied er denn, daß Rotbeins Geschlecht durch seinen finalen -Zustand ausgeglichen werde, und daß er, um Blumenspenden -entgegenzunehmen, auch nicht Geburtstag zu haben brauche, da Sterbende -ohne weiteres und in Permanenz wie Geburtstagskinder zu behandeln seien. -So gesonnen, suchte er mit dem Vetter denn wieder die erdig-warme -Duftatmosphäre des Blumengeschäftes auf und trat bei Herrn Rotbein mit -einem frisch besprengten und duftenden Rosen-, Nelken- und -Levkoiengebinde ein, geführt von Alfreda Schildknecht, die die jungen -Leute gemeldet hatte. - -Der Schwerkranke, kaum zwanzigjährig und dabei schon etwas kahl und grau -auf dem Kopf, wächsern und abgezehrt, mit großen Händen, großer Nase und -großen Ohren, zeigte sich zu Tränen dankbar für Zuspruch und -Zerstreuung, – wirklich weinte er aus Schwäche etwas, als er die beiden -begrüßte und das Bukett entgegennahm, kam dann aber, im Anschluß an -dieses, sofort, wenn auch nur mit fast flüsternder Stimme, auf den -europäischen Blumenhandel und seine immer noch zunehmende -Schwunghaftigkeit zu sprechen, auf den gewaltigen Export der Gärtnereien -von Nizza und Cannes, die Waggonladungen und Postsendungen, die von -diesen Orten täglich nach allen Seiten ausgingen, auf die Engrosmärkte -von Paris und Berlin und die Versorgung Rußlands. Denn er war Kaufmann, -und in dieser Richtung lagen seine Interessen, solange er eben am Leben -war. Sein Vater, der Koburger Puppenfabrikant, hatte ihn zu seiner -Ausbildung nach England geschickt, so flüsterte er, und dort war er -erkrankt. Man hatte aber sein fiebriges Leiden als typhös betrachtet und -dementsprechend behandelt, das hieß: ihn auf Wassersuppendiät gesetzt, -wodurch er so sehr heruntergekommen sei. Hier oben habe er essen dürfen, -und er habe es getan: im Schweiße seines Angesichts habe er im Bette -gesessen und sich zu nähren gesucht. Allein es sei zu spät gewesen, sein -Darm sei leider in Mitleidenschaft gezogen, vergebens schicke man ihm -von zu Hause Zunge und Spickaal, er vertrage nichts mehr. Nun sei sein -Vater im Anreisen von Koburg, von Behrens telegraphisch berufen. Denn es -solle ja nun ein entscheidender Eingriff, die Rippenresektion, bei ihm -vorgenommen werden, man wolle es jedenfalls damit versuchen, obgleich -die Chancen verschwindend seien. Rotbein flüsterte sehr sachlich -hierüber und nahm auch die Frage der Operation durchaus von der -geschäftlichen Seite, – solange er eben lebte, würde er die Dinge unter -diesem Gesichtswinkel betrachten. Der Kostenpunkt, flüsterte er, sei, -die Rückenmarksanästhesie mit eingerechnet, auf tausend Franken fixiert, -denn so gut wie der ganze Brustkorb käme in Betracht, sechs bis acht -Rippen, und es frage sich nun, ob das eine irgendwie lohnende Anlage -sein werde. Behrens rede ihm zu, aber sein Interesse sei eindeutig, -während das seine zweifelhaft scheine und man nicht wissen könne, ob er -nicht klüger täte, ruhig mit seinen Rippen zu sterben. - -Es war schwer, ihm zu raten. Die Vettern meinten, man müsse die -hervorragende chirurgische Geschicklichkeit des Hofrats bei der -Kalkulation in Anschlag bringen. Man kam überein, die Meinung des im -Anrollen begriffenen alten Rotbein den Ausschlag geben zu lassen. Bei -der Verabschiedung weinte der junge Fritz wieder etwas, und obgleich es -nur aus Schwäche geschah, standen die Tränen, die er vergoß, in -sonderbarem Gegensatz zu der trockenen Sachlichkeit seiner Denk- und -Sprechweise. Er bat, die Herren möchten den Besuch wiederholen, und sie -versprachen es bereitwillig, kamen aber nicht mehr dazu. Denn da abends -der Puppenfabrikant eingetroffen, war man am nächsten Vormittag zur -Operation geschritten, nach welcher der junge Fritz nicht mehr -empfangsfähig gewesen war. Und zwei Tage später sah Hans Castorp im -Vorbeigehen mit Joachim, daß in dem Rotbeinschen Zimmer gestöbert wurde. -Schwester Alfreda hatte mit ihrem Köfferchen Haus Berghof schon -verlassen, da sie eilig zu einem anderen Moribundus in einer anderen -Anstalt bestellt worden war, und seufzend, ihr Kneiferband hinter dem -Ohr, hatte sie sich zu ihm begeben, da dies eben die Perspektive war, -die sich ihr einzig eröffnete. - -Ein „verlassenes“, ein freigewordenes Zimmer, worin bei aufeinander -getürmten Möbeln und offener Doppeltür gestöbert wurde, wie man -bemerkte, wenn man auf dem Weg in den Speisesaal oder ins Freie daran -vorüberkam, – war ein vielsagender, dabei aber so gewohnter Anblick, daß -er einem kaum noch viel sagte, besonders wenn man selbst, seinerzeit, -von einem soeben auf solche Art „freigewordenen“ und gestöberten Zimmer -Besitz ergriffen hatte und darin heimisch geworden war. Zuweilen wußte -man, wer auf der betreffenden Nummer gewohnt hatte, was dann immerhin zu -denken gab: so diesmal und so auch acht Tage später, als Hans Castorp im -Vorbeigehen das Zimmer der kleinen Gerngroß in demselben Zustand -erblickte. In diesem Fall sträubte sein Verständnis sich beim ersten -Augenschein gegen den Sinn der dort drinnen herrschenden Geschäftigkeit. -Er stand und schaute, versonnen und betroffen, als eben der Hofrat des -Weges kam. - -„Ich stehe hier und sehe stöbern“, sagte Hans Castorp. „Guten Tag, Herr -Hofrat. Die kleine Leila ...“ - -„Tja –“, antwortete Behrens und zuckte die Achseln. Nach einem -Silentium, währenddessen diese Gebärde sich auswirkte, setzte er hinzu: - -„Sie haben ihr ja schnell vor Torschluß noch ganz regulär den Hof -gemacht? Gefällt mir von Ihnen, daß Sie sich meiner Lungenpfeiferchen in -ihren Käfigen ein bißchen annehmen, relativ rüstig wie Sie persönlich -sind. Hübscher Zug Ihrerseits, nee, nee, lassen wir das mal seine -Richtigkeit haben, daß es ein ganz hübscher Zug ist in Ihrem -Charakterbild. Soll ich Sie gelegentlich ein bißchen einführen dann und -wann? Ich habe da noch allerlei Zeisige sitzen, – wenn es Sie -interessiert. Jetzt gehe ich zum Beispiel auf einen Sprung zu meiner -‚Überfüllten‘. Kommen Sie mit? Ich stelle Sie einfach als teilnehmenden -Leidensgenossen vor.“ - -Hans Castorp sagte, der Hofrat habe ihm das Wort vom Munde genommen und -ihm genau das angeboten, um was er ihn eben habe bitten wollen. Dankbar -mache er Gebrauch von der Erlaubnis und schließe sich an. Aber wer das -denn sei, die „Überfüllte“, und wie er den Namen verstehen solle. - -„Wörtlich“, sagte der Hofrat. „Ganz präzise und unmetaphorisch. Lassen -Sie sichs von ihr selber erzählen.“ Mit wenigen Schritten waren sie am -Zimmer der „Überfüllten“. Der Hofrat drang durch die Doppeltür, indem er -seinem Begleiter zu warten befahl. Kurzatmig bedrängtes, aber helles und -lustiges Lachen und Sprechen klang bei Behrens’ Eintritt aus dem Zimmer -und ward dann abgesperrt. Aber auch dem teilnehmenden Besucher klang es -wieder entgegen, als ihm einige Minuten später Einlaß gewährt wurde und -Behrens ihn der im Bette liegenden blonden Dame vorstellte, die ihn aus -blauen Augen neugierig betrachtete, – Kissen im Rücken, lag sie halb -sitzend, in Unruhe, und lachte beständig perlend, ganz hoch und -silberhell, indem sie nach Atem rang, erregt und gekitzelt, wie es -schien, von ihrer Beklemmung. Auch über des Hofrats Redensarten lachte -sie wohl, womit er ihr den Besucher präsentierte, rief dem Abgehenden -vielmals Adieu und Schönen Dank und Auf Wiedersehn nach, indem sie mit -der Hand hinter ihm drein winkte, seufzte klingend, lachte silberne -Läufe, stemmte die Hände gegen die unter dem Batisthemd wogende Brust -und konnte die Beine nicht ruhig halten. Sie hieß Frau Zimmermann. - -Hans Castorp kannte sie flüchtig von Ansehen. Sie hatte einige Wochen -lang am Tisch der Salomon und des gefräßigen Schülers gesessen und immer -viel gelacht. Dann war sie verschwunden, ohne daß der junge Mann sich -weiter darum gekümmert hätte. Sie mochte abgereist sein, hatte er -gemeint, soweit er sich eine Meinung über ihr Unsichtbarwerden gebildet -hatte. Nun fand er sie hier, unter dem Namen der „Überfüllten“, auf -dessen Erklärung er wartete. - -„Hahahaha“, perlte sie gekitzelt, mit fliegender Brust. „Furchtbar -komischer Mann, dieser Behrens, fabelhaft komischer und amüsanter Mann, -zum Schief- und Kranklachen. Setzen Sie sich doch, Herr Kasten, Herr -Carsten, oder wie Sie heißen, Sie heißen so komisch, ha, ha, hi, hi, -entschuldigen Sie! Setzen Sie sich auf den Stuhl da zu meinen Füßen, -aber erlauben Sie, daß ich strample, ich kann es – ha...a“, seufzte sie -offenen Mundes und perlte dann wieder, „ich kann es unmöglich lassen.“ - -Sie war nahezu hübsch, hatte klare, etwas zu ausgeprägte, aber angenehme -Züge und ein kleines Doppelkinn. Aber ihre Lippen waren bläulich, und -auch die Nasenspitze wies diese Tönung auf, zweifellos infolge -Luftmangels. Ihre Hände, die von sympathischer Magerkeit waren, und die -die Spitzenmanschetten des Nachthemdes gut kleideten, vermochten sich -ebensowenig ruhig zu halten wie die Füße. Ihr Hals war mädchenhaft, mit -„Salzfässern“ über den zarten Schlüsselbeinen, und auch die Brust, unter -dem Linnen von Gelächter und Atemnot in unruhig knapper und ringender -Bewegung gehalten, schien zart und jung. Hans Castorp beschloß, auch ihr -schöne Blumen zu schicken oder zu bringen, aus den Exportgärtnereien von -Nizza und Cannes, besprengte und duftende. Mit einiger Besorgnis stimmte -er in Frau Zimmermanns fliegende und bedrängte Heiterkeit ein. - -„Und Sie besuchen hier also die Hochgradigen?“ fragte sie. „Wie amüsant -und freundlich von Ihnen, ha, ha, ha, ha! Denken Sie aber, ich bin gar -nicht hochgradig, das heißt, ich war es eigentlich gar nicht, noch bis -vor kurzem, nicht im geringsten ... Bis mir neulich diese Geschichte ... -Hören Sie nur, ob es nicht das Komischste ist, was Ihnen in Ihrem ganzen -Leben ...“ Und nach Luft ringend, unter Tirili und Trillern, erzählte -sie ihm, was ihr zugestoßen war. - -Ein wenig krank war sie heraufgekommen, – krank immerhin, denn sonst -wäre sie nicht gekommen, nicht _ganz_ leicht vielleicht sogar, aber eher -leicht als schwer. Der Pneumothorax, diese noch junge und rasch zu -großer Beliebtheit gelangte Errungenschaft der chirurgischen Technik, -hatte sich auch in ihrem Falle glänzend bewährt. Der Eingriff war -vollkommen gelungen, Frau Zimmermanns Zustand und Befinden machte die -erfreulichsten Fortschritte, ihr Mann – denn sie war verheiratet, wenn -auch kinderlos – durfte sie in drei bis vier Monaten zurückerwarten. Da -machte sie, um sich zu amüsieren, einen Ausflug nach Zürich, – es lag -kein anderer Grund vor für diese Reise als der des Amüsements. Sie hatte -sich auch amüsiert nach Herzenslust, war aber dabei der Notwendigkeit -innegeworden, sich auffüllen zu lassen und hatte mit diesem Geschäft -einen dortigen Arzt betraut. Ein netter, komischer junger Mensch, -hahaha, hahaha, aber was war geschehen? Er hatte sie überfüllt! Es gab -keine andere Bezeichnung dafür, das Wort sagte alles. Er hatte es zu gut -mit ihr gemeint, hatte die Sache wohl nicht so recht verstanden, und -kurz und gut: in überfülltem Zustande, das heißt unter Herzbeklemmungen -und Atemnot – ha! hihihi – war sie hier oben wieder eingetroffen und von -Behrens, der mordsmäßig gewettert hatte, sofort ins Bett gesteckt -worden. Denn nun sei sie schwerkrank, – nicht hochgradig eigentlich, -aber verpfuscht, verpatzt, – hahaha, sein Gesicht, was er denn für ein -komisches Gesicht mache? Und sie lachte, indem sie mit dem Finger -hineindeutete, so sehr über dies Gesicht, daß nun auch ihre Stirn sich -blau zu färben begann. Aber am allerkomischsten, sagte sie, sei Behrens -mit seinem Gewetter und seiner Grobheit, – schon im voraus habe sie -darüber lachen müssen, als sie gemerkt habe, daß sie überfüllt sei. „Sie -schweben in absoluter Lebensgefahr“, habe er sie angeschrien ohne -Umschweife und Einkleidung, so ein Bär, hahaha, hihihi, entschuldigen -Sie. - -Es blieb zweifelhaft, in welchem Sinn sie über des Hofrats Erklärung so -perlend lachte, – ob nur ihrer „Grobheit“ wegen und weil sie nicht daran -glaubte, oder obgleich sie daran glaubte – denn das mußte sie doch wohl -tun –, aber die Sache selbst, das heißt die Lebensgefahr, in der sie -schwebte, eben nur furchtbar komisch fand. Hans Castorp hatte den -Eindruck, daß dies letztere zutreffe, und daß sie wirklich nur aus -kindischem Leichtsinn und dem Unverstand ihres Vogelhirns perle, -trillere und tiriliere, was er mißbilligte. Trotzdem schickte er ihr -Blumen, sah aber auch die lachlustige Frau Zimmermann nicht wieder. Denn -nachdem sie noch einige Tage lang unter Sauerstoff gehalten worden, war -sie im Arm ihres telegraphisch herbeigerufenen Gatten denn richtig -gestorben, – eine Gans in Folio, wie der Hofrat, von dem Hans Castorp es -hörte, von sich aus hinzufügte. - -Aber schon vorher hatte Hans Castorps teilnehmender Unternehmungsgeist -mit Hilfe des Hofrats und des Pflegepersonals weitere Beziehungen zu den -Schwerkranken des Hauses angeknüpft, und Joachim mußte mit. Er mußte mit -zu dem Sohne von „_Tous les deux_“, dem zweiten, der noch übrig war, -nachdem bei dem anderen nebenan schon längst gestöbert und mit H₂CO -geräuchert worden. Ferner zu dem Knaben Teddy, der kürzlich aus dem -„Fridericianum“ genannten Erziehungsinstitut, für das sein Fall zu -schwer gewesen, heraufgekommen war. Ferner zu dem deutsch-russischen -Versicherungsbeamten Anton Karlowitsch Ferge, einem gutmütigen Dulder. -Ferner zu der unglückseligen und dabei so gefallsüchtigen Frau von -Mallinckrodt, die ebenfalls Blumen bekam wie die Vorgenannten, und die -von Hans Castorp in Joachims Gegenwart sogar mehrmals mit Brei gefüttert -wurde ... Nachgerade gelangten sie in den Ruf von Samaritern und -barmherzigen Brüdern. Auch redete Settembrini Hans Castorp eines Tages -in diesem Sinne an. - -„Sapperlot, Ingenieur, ich höre Auffälliges von Ihrem Wandel. Sie haben -sich auf die Mildtätigkeit geworfen? Sie suchen Rechtfertigung durch -gute Werke?“ - -„Nicht der Rede wert, Herr Settembrini. Gar nichts dabei, wovon es -lohnte, Aufhebens zu machen. Mein Vetter und ich ...“ - -„Aber lassen Sie doch Ihren Vetter aus dem Spiel! Man hat es mit Ihnen -zu tun, wenn Sie beide von sich reden machen, das ist gewiß. Der -Leutnant ist eine respektable, aber einfache und geistig unbedrohte -Natur, die dem Erzieher wenig Unruhe verursacht. Sie werden mich an -seine Führerschaft nicht glauben machen. Der Bedeutendere, aber auch der -Gefährdetere sind Sie. Sie sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein -Sorgenkind des Lebens, – man muß sich um Sie kümmern. Übrigens haben Sie -mir erlaubt, mich um Sie zu kümmern.“ - -„Gewiß, Herr Settembrini. Ein für allemal. Sehr freundlich von Ihnen. -Und ‚Sorgenkind des Lebens‘ ist hübsch. Worauf so ein Schriftsteller -nicht gleich verfällt! Ich weiß nicht recht, ob ich mir etwas einbilden -soll auf diesen Titel, aber hübsch klingt er, das muß ich sagen. Ja, und -ich gebe mich nun also ein bißchen mit den ‚Kindern des Todes‘ ab, das -ist es ja wohl, was Sie meinen. Ich sehe mich hie und da, wenn ich Zeit -habe, ganz nebenbei, der Kurdienst leidet so gut wie gar nicht darunter, -nach den Schweren und Ernsten um, verstehen Sie, die nicht zu ihrem -Amüsement hier sind und es liederlich treiben, sondern die sterben.“ - -„Es steht jedoch geschrieben: Laßt die Toten ihre Toten begraben“, sagte -der Italiener. - -Hans Castorp hob die Arme und drückte mit seiner Miene aus, daß gar so -manches geschrieben stehe, dies und auch wieder jenes, so daß es schwer -sei, das Rechte herauszufinden und es zu befolgen. Selbstverständlich -hatte der Drehorgelmann einen störenden Gesichtspunkt geltend gemacht, -das war zu erwarten gewesen. Aber wenn auch Hans Castorp nach wie vor -bereit war, ihm ein Ohr zu leihen, seine Lehren unverbindlicherweise -hörenswert zu finden und sich zum Versuche pädagogisch beeinflussen zu -lassen, so war er doch weit entfernt, um irgendwelcher erzieherischer -Gesichtspunkte willen auf Unternehmungen zu verzichten, die ihm, trotz -Mutter Gerngroß und ihrer Redensart vom „netten kleinen Flirt“, trotz -auch dem nüchternen Wesen des armen Rotbein und dem törichten Tirili der -Überfüllten, noch immer auf unbestimmte Art förderlich und von -bedeutender Tragweite erschienen. - -Der Sohn _Tous-les-deux’_ hieß Lauro. Er hatte Blumen erhalten, erdig -duftende Nizzaveilchen, „von zwei teilnehmenden Hausgenossen, mit besten -Genesungswünschen“, und da die Anonymität zur reinen Formsache geworden -war und jedermann wußte, von wem diese Spenden ausgingen, so redete -_Tous-les-deux_ selbst, die schwarzbleiche Mutter aus Mexiko, bei einer -Begegnung auf dem Korridor die Vettern dankend an, indem sie sie mit -rasselnden Worten, hauptsächlich aber durch ein gramvoll einladendes -Gebärdenspiel aufforderte, den Dank ihres Sohnes – _de son seul et -dernier fils qui allait mourir aussi_ – persönlich entgegenzunehmen. Das -geschah auf der Stelle. Lauro erwies sich als ein erstaunlich schöner -junger Mann mit Glutaugen, einer Adlernase, deren Nüstern flogen, und -prachtvollen Lippen, über denen ein schwarzes Schnurrbärtchen sproßte, – -zeigte dabei aber ein so prahlerisch-dramatisches Gebaren, daß die -Besucher, Hans Castorp wirklich nicht weniger als Joachim Ziemßen, froh -waren, als sich die Tür des Krankenzimmers wieder hinter ihnen schloß. -Denn während _Tous-les-deux_ in ihrem schwarzen Kaschmirtuch, den -schwarzen Schleier unter dem Kinn geknotet, Querfalten auf ihrer engen -Stirn und ungeheure Hautsäcke unter ihren jettschwarzen Augen, mit -krummen Knien wandernd den Raum durchmaß, den einen Winkel ihres großen -Mundes harmvoll tief hinabhängen ließ und dann und wann sich den am -Bette Sitzenden näherte, um ihren tragischen Papageienspruch zu -wiederholen: „_Tous les dé, vous comprenez, messiés ... Premièrement -l’un et maintenant l’autre_“ – erging sich der schöne Lauro, ebenfalls -auf französisch, in rollenden, rasselnden und unerträglich hochtrabenden -Redereien, des Inhalts, daß er wie ein Held zu sterben gedenke, _comme -héros, à l’espagnol_, gleich seinem Bruder, _de même que son fier jeune -frère Fernando_, der ebenfalls wie ein spanischer Held gestorben sei, – -gestikulierte, riß sich das Hemd auf, um den Streichen des Todes die -gelbe Brust zu bieten, und betrug sich so fort, bis ein Hustenanfall, -der ihm dünnen, rosafarbenen Schaum auf die Lippen trieb, seine -Rodomontaden erstickte und die Vettern veranlaßte, auf den Zehenspitzen -hinauszugehen. - -Sie sprachen nicht weiter über den Besuch bei Lauro, und auch im -stillen, jeder für sich, enthielten sie sich des Urteils über sein -Gehaben. Besser aber gefiel es allen beiden bei Anton Karlowitsch Ferge -aus Petersburg, der mit seinem großen gutmütigen Schnurrbart und seinem -ebenfalls mit gutmütigem Ausdruck vorragenden Kehlkopf im Bette lag und -sich nur langsam und schwer von dem Versuch erholte, den Pneumothorax -bei sich herstellen zu lassen, was ihm, Herrn Ferge, um ein Haar auf der -Stelle das Leben gekostet hätte. Er hatte einen heftigen Chok dabei -erlitten, den Pleurachok, als Zwischenfall bekannt bei diesem modischen -Eingriff. Bei ihm aber war der Pleurachok in ausnehmend gefährlicher -Form, als vollständiger Kollaps und bedenklichste Ohnmacht, mit einem -Worte so schwer aufgetreten, daß man die Operation hatte unterbrechen -und vorläufig vertagen müssen. - -Herrn Ferges gutmütige graue Augen erweiterten sich, und sein Gesicht -wurde fahl, sooft er auf den Vorgang zu sprechen kam, der für ihn -grauenhaft gewesen sein mußte. „Ohne Narkose, meine Herren. Gut, -unsereiner verträgt das nicht, es verbietet sich in diesem Fall, man -begreift und findet sich als vernünftiger Mensch in die Sache. Aber das -Örtliche reicht nicht tief, meine Herren, nur das äußere Fleisch macht -es stumpf, man spürt, wenn man aufgemacht wird, allerdings nur ein -Drücken und Quetschen. Ich liege mit zugedecktem Gesicht, damit ich -nichts sehe, und der Assistent hält mich rechts und die Oberin links. Es -ist so, als ob ich gedrückt und gequetscht würde, das ist das Fleisch, -das geöffnet und mit Klammern zurückgezwängt wird. Aber da höre ich den -Herrn Hofrat sagen: ‚So!‘ und in dem Augenblick, meine Herren, fängt er -an, mit einem stumpfen Instrument – es muß stumpf sein, damit es nicht -vorzeitig durchsticht – das Rippenfell abzutasten: er tastet es ab, um -die rechte Stelle zu finden, wo er durchstechen und das Gas einlassen -kann, und wie er das tut, wie er mit dem Instrument auf meinem -Rippenfell herumfährt, – meine Herren, meine Herren! da war es um mich -geschehen, es war aus mit mir, es erging mir ganz unbeschreiblich. Das -Rippenfell, meine Herren, das soll nicht berührt werden, das darf und -will nicht berührt werden, das ist tabu, das ist mit Fleisch zugedeckt, -isoliert und unnahbar, ein für allemal. Und nun hatte er es bloßgelegt -und tastete es ab. Meine Herren, da wurde mir übel. Entsetzlich, -entsetzlich, meine Herren, – nie hätte ich gedacht, daß so ein siebenmal -scheußliches und hundsföttisch gemeines Gefühl auf Erden und abgesehen -von der Hölle überhaupt vorkomme! Ich fiel in Ohnmacht, – in drei -Ohnmachten auf einmal, eine grüne, eine braune und eine violette. -Außerdem stank es in dieser Ohnmacht, der Pleurachok warf sich mir auf -den Geruchsinn, meine Herren, es roch über alle Maßen nach -Schwefelwasserstoff, wie es in der Hölle riechen muß, und bei alldem -hörte ich mich lachen, während ich abschnappte, aber nicht wie ein -Mensch lacht, sondern das war die unanständigste und ekelhafteste Lache, -die ich in meinem Leben je gehört habe, denn das Abgetastetwerden des -Rippenfells, meine Herren, das ist ja, als ob man auf die allerinfamste, -übertriebenste und unmenschlichste Weise gekitzelt würde, so und nicht -anders ist es mit dieser verdammten Schande und Qual, und das ist der -Pleurachok, den der liebe Gott Ihnen erspare.“ - -Oft und nicht anders als mit fahlem Grauen kam Anton Karlowitsch Ferge -auf dies „hundsföttische“ Erlebnis zurück und ängstigte sich nicht wenig -vor seiner Wiederholung. Übrigens hatte er sich von vornherein als einen -einfachen Menschen bekannt, dem alles „Hohe“ vollständig fernliege und -an den man besondere Ansprüche geistiger und gemütlicher Art nicht -stellen dürfe, wie auch er solche Ansprüche an niemanden stelle. Dies -vereinbart, erzählte er gar nicht uninteressant von seinem früheren -Leben, aus dem die Krankheit ihn dann geworfen, dem Leben eines -Reisenden im Dienst einer Feuerversicherungsgesellschaft: von Petersburg -aus hatte er in weitläufigen Kreuz- und Querfahrten durch ganz Rußland -die assekurierten Fabriken besucht und die wirtschaftlich zweifelhaften -auszukundschaften gehabt; denn es sei statistisch, daß in den gerade -schlecht gehenden Industrien die meisten Fabrikbrände vorkämen. Darum -sei er denn ausgesandt worden, um unter diesem und jenem Vorwande einen -Betrieb zu sondieren und seiner Bank Bericht zu erstatten, damit zu -rechter Zeit durch verstärkte Rückversicherung oder Prämienteilung -empfindlichem Verlust habe vorgebeugt werden können. Von winterlichen -Reisen durch das weite Reich erzählte er, von Fahrten die Nächte -hindurch bei ungeheuerem Frost, im Liegeschlitten, unter -Schaffelldecken, und wie er erwachend die Augen der Wölfe gleich Sternen -über dem Schnee habe glühen sehen. Gefrorenen Proviant, so Kohlsuppe wie -Weißbrot, hatte er im Kasten mit sich geführt, die an den Stationen, -beim Pferdewechsel, zum Genusse aufgetaut worden waren, wobei sich das -Brot als frisch wie am ersten Tage erwiesen hatte. Und schlimm nur, wenn -unterwegs plötzlich Tauwetter eingefallen war: dann war ihm die in -Stücken mitgenommene Kohlsuppe ausgelaufen. - -In dieser Weise erzählte Herr Ferge, indem er sich hin und wieder -seufzend mit der Bemerkung unterbrach, das sei alles recht schön, aber -wenn nur nicht noch einmal der Versuch mit dem Pneumothorax bei ihm -gemacht werden müsse. Es war nichts Höheres, was er vorbrachte, aber -faktischer Natur und ganz gut zu hören, besonders für Hans Castorp, dem -es förderlich schien, vom russischen Reich und seinem Lebensstil zu -vernehmen, von Samowaren, Piroggen, Kosaken und hölzernen Kirchen mit so -vielen Zwiebelturmköpfen, daß sie Pilzkolonien glichen. Auch von der -dortigen Menschenart, ihrer nördlichen und darum in seinen Augen desto -abenteuerlicheren Exotik, ließ er Herrn Ferge erzählen, von dem -asiatischen Einschuß ihres Geblütes, den vortretenden Backenknochen, dem -finnisch-mongolischen Augensitz, und lauschte mit anthropologischem -Anteil, ließ sich auch Russisch vorsprechen, – rasch, verwaschen, -wildfremd und knochenlos ging das östliche Idiom unter Herrn Ferges -gutmütigem Schnurrbart, aus seinem gutmütig vorstehenden Kehlkopf hervor -–, und desto besser (wie einmal die Jugend ist) fand sich Hans Castorp -von alldem unterhalten, als es pädagogisch verbotenes Gebiet war, auf -dem er sich tummelte. - -Sie sprachen öfters auf eine Viertelstunde bei Anton Karlowitsch Ferge -vor. Dazwischen besuchten sie den Knaben Teddy aus dem „Fridericianum“, -einen eleganten Vierzehnjährigen, blond und fein, mit Privatpflegerin -und in weißseidenem, verschnürtem Pyjama. Er war Waise und reich, wie er -selbst erzählte. In Erwartung eines tieferen operativen Eingriffs, der -Entfernung wurmstichiger Teile, womit man es probieren wollte, verließ -er, wenn er sich besser fühlte, zuweilen auf eine Stunde sein Bett, um -sich in seinem hübschen Sportanzug an der unteren Geselligkeit zu -beteiligen. Die Damen schäkerten gern mit ihm, und er hörte ihren -Gesprächen zu, zum Beispiel denen, die sich mit Rechtsanwalt Einhuf, dem -Fräulein in der Reformhose und Fränzchen Oberdank beschäftigten. Dann -legte er sich wieder. So lebte der Knabe Teddy elegant in den Tag -hinein, indem er durchblicken ließ, daß er vom Leben nichts anderes -mehr, als eben immer nur dies, erwarte. - -Aber auf Nummer fünfzig lag Frau von Mallinckrodt, Natalie mit Vornamen, -mit schwarzen Augen und goldenen Ringen in den Ohren, kokett, -putzsüchtig und dabei ein weiblicher Lazarus und Hiob, von Gott mit -jederlei Bresthaftigkeit geschlagen. Ihr Organismus schien mit -Giftstoffen überschwemmt, so daß alle möglichen Krankheiten sie -abwechselnd und gleichzeitig heimsuchten. Sehr in Mitleidenschaft -gezogen war ihr Hautorgan, das zu großen Teilen von einem qualvoll -juckenden, da und dort wunden Ekzem überzogen war, auch am Munde, woraus -der Einführung des Löffels Schwierigkeiten erwuchsen. Innere -Entzündungen, solche des Rippenfells, der Nieren, der Lungen, der -Knochenhäute und selbst des Hirns, so daß Bewußtlosigkeit einfiel, -lösten einander ab bei Frau von Mallinckrodt, und Herzschwäche, -hervorgerufen durch Fieber und Schmerzen, schuf ihr große Ängste, -bewirkte zum Beispiel, daß sie beim Schlucken das Essen nicht ordentlich -hinunterbrachte: gleich oben in der Speiseröhre blieb es ihr stecken. -Kurzum, die Frau war gräßlich daran und außerdem ganz allein in der -Welt; denn nachdem sie Mann und Kinder um eines anderen Mannes, das -heißt eines halben Knaben, willen verlassen, war sie ihrerseits von -ihrem Geliebten verlassen worden, wie die Vettern von ihr selbst -erfuhren, und war nun heimatlos, wenn auch nicht ohne Mittel, da der -Ehemann sie mit solchen versah. Sie machte ohne unangebrachten Stolz von -seiner Anständigkeit oder seiner fortdauernden Verliebtheit Gebrauch, da -sie sich selber nicht ernst nahm, sondern einsah, daß sie nur ein -ehrloses, sündhaftes Weibchen war, und trug denn auf dieser Basis alle -ihre Hiobsplagen mit erstaunlicher Geduld und Zähigkeit, der elementaren -Widerstandskraft ihrer Rasse-Weiblichkeit, die über das Elend ihres -bräunlichen Körpers triumphierte und noch aus dem weißen Gazeverband, -den sie aus irgendeinem schlimmen Grunde um den Kopf tragen mußte, ein -kleidsames Kostümstück machte. Beständig wechselte sie den Schmuck, -begann in der Frühe mit Korallen und endete abends mit Perlen. Erfreut -durch Hans Castorps Blumensendung, der sie offensichtlich eine mehr -galante als charitative Bedeutung beilegte, ließ sie die jungen Herren -zum Tee an ihr Lager bitten, den sie aus einer Schnabeltasse trank, die -Finger ohne Ausnahme der Daumen und bis zu den Gelenken mit Opalen, -Amethysten und Smaragden bedeckt. Bald, während die goldenen Ringe an -ihren Ohren schaukelten, hatte sie den Vettern erzählt, wie alles sich -mit ihr zugetragen: von ihrem anständigen, aber langweiligen Mann, ihren -ebenfalls anständigen und langweiligen Kindern, die ganz dem Vater -nacharteten und für die sie sich niemals sonderlich hatte erwärmen -können, und von dem halben Knaben, mit dem sie das Weite gesucht und -dessen poetische Zärtlichkeit sie sehr zu rühmen wußte. Aber seine -Verwandten hätten ihn mit List und Gewalt von ihr losgemacht, und dann -habe sich der Kleine auch wohl vor ihrer Krankheit geekelt, die damals -vielfältig und stürmisch zum Ausbruch gekommen. Ob die Herren sich etwa -auch ekelten, fragte sie kokettierend; und ihre Rasse-Weiblichkeit -triumphierte über das Ekzem, das ihr das halbe Gesicht überzog. - -Hans Castorp dachte geringschätzig über den Kleinen, der sich geekelt -hatte, und gab dieser Empfindung auch durch ein Achselzucken Ausdruck. -Was ihn betraf, so ließ er sich den Weichmut des poetischen Halbknaben -zum Ansporn in entgegengesetzter Richtung dienen, und nahm Gelegenheit, -der unglückseligen Frau von Mallinckrodt bei wiederholten Besuchen -kleine Pflegerdienste zu leisten, zu denen keine Vorkenntnisse gehörten, -das heißt: ihr behutsam den Mittagsbrei einzuführen, wenn er eben -serviert wurde, ihr aus der Schnabeltasse zu trinken zu geben, wenn der -Bissen ihr steckenblieb, oder ihr beim Umlagern im Bette behilflich zu -sein; denn zu allem übrigen erschwerte eine Operationswunde ihr auch das -Liegen. In diesen Handreichungen übte er sich, wenn er auf dem Wege zum -Speisesaal oder von einem Spaziergange heimkehrend bei ihr einsprach, -indem er Joachim aufforderte, immer voranzugehen, er wolle nur rasch den -Fall auf Nummer fünfzig ein bißchen kontrollieren, – und empfand eine -beglückende Ausdehnung seines Wesens dabei, eine Freude, die auf dem -Gefühl von der Förderlichkeit und heimlichen Tragweite seines Tuns -beruhte, sich übrigens auch mit einem gewissen diebischen Vergnügen an -dem untadelig christlichen Gepräge dieses Tuns und Treibens mischte, -einem so frommen, milden und lobenswerten Gepräge in der Tat, daß weder -vom militärischen noch vom humanistisch-pädagogischen Standpunkte irgend -etwas Ernstliches dagegen erinnert werden konnte. - -Von Karen Karstedt war noch nicht die Rede, und doch nahmen Hans Castorp -und Joachim sich ihrer sogar besonders an. Sie war eine auswärtige -Privatpatientin des Hofrats, von ihm der Charität der Vettern empfohlen. -Seit vier Jahren hier oben, war die Mittellose von harten Verwandten -abhängig, die sie schon einmal, da sie doch sterben müsse, von hier -fortgenommen und nur auf Einspruch des Hofrats wieder heraufgeschickt -hatten. Sie domizilierte im „Dorf“, in einer billigen Pension, – -neunzehnjährig und schmächtig, mit glattem, geöltem Haar, Augen, die -zaghaft einen Glanz zu verbergen suchten, der mit der hektischen -Erhöhung ihrer Wangen übereinstimmte, und einer charakteristisch -belegten, dabei aber sympathisch lautenden Stimme. Sie hustete fast ohne -Unterbrechung, und ihre sämtlichen Fingerspitzen waren verpflastert, da -sie infolge der Vergiftung offen waren. - -Ihr also widmeten die beiden auf Fürbitte des Hofrats, da sie nun einmal -so gutherzige Kerle seien, sich ganz besonders. Mit einer Blumensendung -begann es, dann folgte ein Besuch bei der armen Karen auf ihrem kleinen -Balkon in „Dorf“ und hierauf diese und jene außerordentliche -Unternehmung zu dritt: die Besichtigung einer Eislaufkonkurrenz, eines -Bobsleighrennens. Denn es war nun die Wintersport-Jahreszeit unseres -Hochtales auf voller Höhe, eine Festwoche wurde begangen, die -Veranstaltungen häuften sich, diese Lustbarkeiten und Schauspiele, denen -die Vettern bisher keine andere als nur eine gelegentlich-flüchtige -Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Joachim war ja allen Zerstreuungen hier -oben abhold. Nicht um solcher willen war er hier, – war überhaupt nicht -hier, um zu leben und sich mit dem Aufenthalt abzufinden, indem er ihn -angenehm und abwechslungsreich gestaltete, sondern einzig und ganz -allein, um sich möglichst rasch zu entgiften, damit er in der Ebene -Dienst machen könne, wirklichen Dienst statt des Kurdienstes, der ein -Ersatzmittel war, aber an dem er einen Raub nur widerwillig duldete. -Sich tätig an der Winterlust zu beteiligen, war ihm verboten, und den -Gaffer zu spielen, hatte ihm mißfallen. Was aber Hans Castorp betraf, so -fühlte er sich zu sehr, in einem zu strengen und intimen Verstande, als -Mitglied Derer hier oben, um Sinn und Blick zu haben für das Treiben von -Leuten, die in diesem Tale ein Sportgelände sahen. - -Die charitative Teilnahme nun aber für das arme Fräulein Karstedt -brachte hierin einige Änderung hervor, – ohne unchristlich zu -erscheinen, konnte Joachim keine Einwände dagegen erheben. Sie holten -die Kranke aus ihrer dürftigen Wohnung in „Dorf“ und führten sie bei -prächtig heiß durchsonntem Frostwetter durch das nach dem Hotel -d’Angleterre genannte Englische Viertel, zwischen den Luxusläden der -Hauptstraße hin, auf der Schlitten läuteten, reiche Genießer und -Tagediebe aus aller Welt, Bewohner des Kurhauses und der anderen großen -Hotels, barhaupt in modischem Sportdreß aus edlen und teueren Stoffen, -mit Gesichtern, bronziert von Wintersonnenbrand und Schneestrahlung, -sich ergingen, und hinab auf den nicht weit vom Kurhause in der Tiefe -des Tales gelegenen Eisplatz, der im Sommer eine zum Fußballspiel -benutzte Wiese gewesen. Musik erscholl; die Kurkapelle konzertierte auf -der Empore des hölzernen Pavillongebäudes zu Häupten der viereckig -gestreckten Bahn, hinter welchem die verschneiten Berge im Dunkelblauen -standen. Sie nahmen Einlaß, drängten sich durch das Publikum, das von -drei Seiten, auf ansteigenden Sitzen, die Bahn umgab, fanden Plätze und -schauten. Die Kunstläufer, in knapper Tracht, schwarzen Trikots, -Pelzwerk an den Tressenjacken, wiegten sich, schwebten, zogen Figuren, -sprangen und kreiselten. Ein virtuoses Paar, Herr und Dame, -Professionals und außer Konkurrenz, vollführte etwas in der ganzen Welt -nur von ihm Vermochtes, entfesselte Tusch und Händeklatschen. Im Kampf -um den Schnelligkeitspreis arbeiteten sich sechs junge Männer -verschiedener Nationalität, gebückt, die Hände auf dem Rücken, zuweilen -das Taschentuch vor dem Munde, sechsmal um das weite Viereck. Man -läutete mit einer Glocke in die Musik hinein. Zuweilen brandete die -Menge in anfeuernden Zurufen und Beifall auf. - -Es war eine bunte Versammlung, in der die drei Kranken, die Vettern und -ihr Schützling sich umsahen. Engländer mit schottischen Mützen und -weißen Zähnen sprachen Französisch mit penetrant duftenden Damen, die -von oben bis unten in bunte Wolle gekleidet waren, und von denen einige -in Hosen gingen. Kleinköpfige Amerikaner, das Haar glatt angeklebt, die -Shagpfeife im Munde, trugen Pelze, deren Rauhseite nach außen gekehrt -war. Russen, bärtig und elegant, barbarisch reichen Ansehens, und -Holländer von malaischem Kreuzungstyp saßen zwischen deutschem und -schweizerischem Publikum, während allerlei Unbestimmtes, französisch -Redendes, vom Balkan oder der Levante, abenteuerliche Welt, für die Hans -Castorp eine gewisse Schwäche an den Tag legte, und die von Joachim als -zweideutig und charakterlos abgelehnt wurde, überall eingesprengt war. -Kinder konkurrierten zwischendurch in scherzhaften Aufgaben, stolperten -über die Bahn, am einen Fuß einen Schnee-, am anderen einen -Schlittschuh, oder indem die Knaben ihre Dämchen auf Schaufeln vor sich -her schoben. Sie liefen mit brennenden Kerzen, wobei Sieger war, wer -sein Licht, noch brennend, zum Ziele trug, mußten im Laufe Hindernisse -überklettern oder Kartoffeln mit Zinnlöffeln in aufgestellte Gießkannen -lesen. Die große Welt jubelte. Man zeigte sich die reichsten, -berühmtesten und anmutigsten unter den Kindern, das Töchterchen eines -holländischen Multimillionärs, den Sohn eines preußischen Prinzen und -einen Zwölfjährigen, der den Namen einer weltbekannten Champagnerfirma -trug. Die arme Karen jubelte ebenfalls und hustete dabei. Sie klatschte -vor Freude in ihre Hände mit den offenen Fingerspitzen. Sie war so -dankbar. - -Auch zum Bobsleighrennen führten die Vettern sie: es war nicht weit zum -Ziel, weder vom „Berghof“ noch auch von Karen Karstedts Wohnung, denn -die Bahn, von der Schatzalp herunterkommend, endete in „Dorf“ zwischen -den Siedelungen des westlichen Hanges. Ein Kontrollhäuschen war dort -errichtet, wohin die Abfahrt eines jeden Gefährts vom Start telephonisch -gemeldet wurde. Zwischen den vereisten Schneebarrieren, auf den -metallisch glänzenden Kurven der Bahn steuerten die flachen Gerüste, -bemannt mit Männern und Frauen in weißer Wolle, Schärpen in allerlei -Landesfarben um die Brust, einzeln, in größeren Abständen, aus der Höhe -daher. Man sah rote, angestrengte Gesichter, in die es hineinschneite. -Stürze, Schlitten, die aneckten, sich überschlugen und ihre Mannschaft -in den Schnee entleerten, wurden vom Publikum photographiert. Musik -spielte auch hier. Die Zuschauer saßen auf kleinen Tribünen oder schoben -sich auf dem schmalen Gehpfade hin, der neben der Bahn geschaufelt war. -Holzbrücken, über die er später führte, die die Bahn überspannten, und -unter denen von Zeit zu Zeit ein konkurrierender Bobsleigh dahinsauste, -waren ebenfalls mit Menschen besetzt. Die Leichen des Sanatoriums droben -nahmen den gleichen Weg, im Saus unter den Brücken dahin, die Kurven -hinab, zu Tale, zu Tale, dachte Hans Castorp und sprach auch davon. - -Selbst ins Bioskop-Theater von „Platz“ führten sie Karen Karstedt eines -Nachmittags, da sie das alles so sehr genoß. In der schlechten Luft, die -alle drei physisch stark befremdete, da sie nur das Reinste gewohnt -waren, sich ihnen schwer auf die Brust legte und einen trüben Nebel in -ihren Köpfen erzeugte, flirrte eine Menge Leben, kleingehackt, -kurzweilig und beeilt, in aufspringender, zappelnd verweilender und -wegzuckender Unruhe, zu einer kleinen Musik, die ihre gegenwärtige -Zeitgliederung auf die Erscheinungsflucht der Vergangenheit anwandte und -bei beschränkten Mitteln alle Register der Feierlichkeit und des Pompes, -der Leidenschaft, Wildheit und girrenden Sinnlichkeit zu ziehen wußte, -auf der Leinwand vor ihren schmerzenden Augen vorüber. Es war eine -aufgeregte Liebes- und Mordgeschichte, die sie sahen, stumm sich -abhaspelnd am Hofe eines orientalischen Despoten, gejagte Vorgänge voll -Pracht und Nacktheit, voll Herrscherbrunst und religiöser Wut der -Unterwürfigkeit, voll Grausamkeit, Begierde, tödlicher Lust und von -verweilender Anschaulichkeit, wenn es die Muskulatur von Henkersarmen zu -besichtigen galt, – kurz, hergestellt aus sympathetischer Vertrautheit -mit den geheimen Wünschen der zuschauenden internationalen Zivilisation. -Settembrini, als Mann des Urteils, hätte die humanitätswidrige -Darbietung wohl scharf verneinen, mit gerader und klassischer Ironie den -Mißbrauch der Technik zur Belebung so menschenverächterischer -Vorstellungen geißeln müssen, dachte sich Hans Castorp und flüsterte -dergleichen seinem Vetter auch zu. Frau Stöhr dagegen, die ebenfalls -anwesend war und nicht weit von den Dreien saß, erschien ganz Hingabe; -ihr rotes, ungebildetes Gesicht war im Genusse verzerrt. - -Übrigens verhielt es sich ähnlich mit allen Gesichtern, in die man -blickte. Wenn aber das letzte Flimmerbild einer Szenenfolge wegzuckte, -im Saale das Licht aufging und das Feld der Visionen als leere Tafel vor -der Menge stand, so konnte es nicht einmal Beifall geben. Niemand war -da, dem man durch Applaus hätte danken, den man für seine Kunstleistung -hätte hervorrufen können. Die Schauspieler, die sich zu dem Spiele, das -man genossen, zusammengefunden, waren längst in alle Winde zerstoben; -nur die Schattenbilder ihrer Produktion hatte man gesehen, Millionen -Bilder und kürzeste Fixierungen, in die man ihr Handeln aufnehmend -zerlegt hatte, um es beliebig oft, zu rasch blinzelndem Ablauf, dem -Elemente der Zeit zurückzugeben. Das Schweigen der Menge nach der -Illusion hatte etwas Nervloses und Widerwärtiges. Die Hände lagen -ohnmächtig vor dem Nichts. Man rieb sich die Augen, stierte vor sich -hin, schämte sich der Helligkeit und verlangte zurück ins Dunkel, um -wieder zu schauen, um Dinge, die ihre Zeit gehabt, in frische Zeit -verpflanzt und aufgeschminkt mit Musik, sich wieder begeben zu sehen. - -Der Despot starb unter dem Messer, mit einem Gebrüll aus offenem Munde, -das man nicht hörte. Man sah dann Bilder aus aller Welt: den Präsidenten -der französischen Republik in Zylinder und Großkordon, vom Sitze des -Landauers auf eine Begrüßungsansprache erwidernd; den Vizekönig von -Indien bei der Hochzeit eines Radscha; den deutschen Kronprinzen auf -einem Kasernenhofe zu Potsdam. Man sah das Leben und Treiben in einem -Eingeborenendorf von Neumecklenburg, einen Hahnenkampf auf Borneo, -nackte Wilde, die auf Nasenflöten bliesen, das Einfangen wilder -Elefanten, eine Zeremonie am siamesischen Königshof, eine Bordellstraße -in Japan, wo Geishas hinter hölzernen Käfiggittern saßen. Man sah -vermummte Samojeden im Renntierschlitten durch eine nordasiatische -Schneeöde kutschieren, russische Pilger zu Hebron anbeten, an einem -persischen Delinquenten die Bastonade vollziehen. Man war zugegen bei -alldem; der Raum war vernichtet, die Zeit zurückgestellt, das Dort und -Damals in ein huschendes, gaukelndes, von Musik umspieltes Hier und -Jetzt verwandelt. Ein junges marokkanisches Weib, in gestreifter Seide, -aufgeschirrt mit Ketten, Spangen und Ringen, die strotzende Brust halb -entblößt, ward plötzlich in Lebensgröße angenähert. Ihre Nüstern waren -breit, ihre Augen voll tierischen Lebens, ihre Züge in Bewegung; sie -lachte mit weißen Zähnen, hielt eine ihrer Hände, deren Nägel heller -schienen, als das Fleisch, als Schirm über die Augen und winkte mit der -anderen ins Publikum. Man starrte verlegen in das Gesicht des reizvollen -Schattens, der zu sehen schien und nicht sah, der von den Blicken gar -nicht berührt wurde, und dessen Lachen und Winken nicht die Gegenwart -meinte, sondern im Dort und Damals zu Hause war, so daß es sinnlos -gewesen wäre, es zu erwidern. Dies mischte, wie gesagt, der Lust ein -Gefühl der Ohnmacht bei. Dann verschwand das Phantom. Leere Helligkeit -überzog die Tafel, das Wort „Ende“ ward darauf geworfen, der Zyklus der -Darbietungen hatte sich geschlossen, und stumm räumte man das Theater, -während von außen neues Publikum hereindrängte, das eine Wiederholung -des Ablaufs zu genießen begehrte. - -Ermuntert durch Frau Stöhr, die sich ihnen anschloß, besuchte man -hierauf noch, der armen Karen zu Gefallen, die vor Dankbarkeit die Hände -gefaltet hielt, das Café des Kurhauses. Auch hier gab es Musik. Ein -kleines, rotbefracktes Orchester spielte unter der Führung eines -tschechischen oder ungarischen Primgeigers, der, von der Truppe gelöst, -zwischen tanzenden Paaren stand und unter feurigen Körperwindungen sein -Instrument bearbeitete. Mondänes Leben herrschte an den Tischen. Es -wurden seltene Getränke herumgetragen. Die Vettern bestellten Orangeade -zur Kühlung für sich und ihren Schützling, denn es war heiß und staubig, -während Frau Stöhr süßen Schnaps zu sich nahm. Um diese Stunde, sagte -sie, sei es mit dem Betriebe hier noch nicht völlig das Rechte. Der Tanz -belebe sich noch bedeutend bei vorrückendem Abend; zahlreiche Patienten -der diversen Heilanstalten und wildlebende Kranke aus den Hotels und dem -Kurhause selbst, viel mehr noch, als jetzt, beteiligten sich später -daran, und schon manche Hochgradige sei hier in die Ewigkeit -hinübergetanzt, indem sie den Becher der Lebenslust gekippt und den -finalen Blutsturz in _dulci jubilo_ erlitten habe. Was Frau Stöhrs große -Unbildung aus dem „_dulci jubilo_“ machte, war ganz außerordentlich; das -erste Wort entlehnte sie dem italienisch-musikalischen Vokabular ihres -Gatten und sprach also „_dolce_“, das zweite aber erinnerte an Feuerjo, -Jubeljahr oder Gott wußte woran, – die Vettern schnappten gleichzeitig -nach den Strohhalmen in ihren Gläsern, als dieses Latein in Kraft trat, -doch focht das die Stöhr nicht an. Vielmehr suchte sie auf dem Wege der -Anspielungen und Sticheleien, die Hasenzähne störrisch entblößt, dem -Verhältnis der drei jungen Leute auf den Grund zu kommen, der ihr ganz -deutlich nur war, soweit die arme Karen in Frage stand, welcher es, so -sagte Frau Stöhr, wohl passen mochte, bei ihrem leichten Wandel von zwei -so flotten Rittern zugleich chaperoniert zu werden. Weniger klar -erschien ihr der Fall von seiten der Vettern aus gesehen; aber bei aller -Dummheit und Unbildung verhalf die Intuition ihrer Weiblichkeit ihr doch -zu einiger Einsicht, wenn auch nur zu einer halben und ordinären. Denn -sie verstand und gab dem stichelnderweise Ausdruck, daß hier der wahre -und eigentliche Ritter Hans Castorp sei, während der junge Ziemßen bloß -assistiere, und daß Hans Castorp, dessen innere Richtung gegen Frau -Chauchat ihr bekannt war, die kümmerliche Karstedt nur ersatzweise -chaperonierte, da er sich jener anderen offenbar nicht zu nähern wußte, -– eine Einsicht, Frau Stöhrs nur zu würdig und ganz ohne sittliche -Tiefe, sehr unzulänglich und von ordinärer Intuition, weshalb Hans -Castorp denn auch nur mit einem müden und verächtlichen Blick darauf -erwiderte, als sie sie platt-neckisch zu erkennen gab. Denn allerdings -bedeutete ihm der Verkehr mit der armen Karen eine Art von Ersatz- und -unbestimmt förderlichem Hilfsmittel, wie alle seine charitativen -Unternehmungen ihm dergleichen bedeuteten. Aber zugleich waren sie doch -auch Zweck ihrer selbst, diese frommen Unternehmungen, und die -Zufriedenheit, die er empfand, wenn er die bresthafte Mallinckrodt mit -Brei fütterte, sich von Herrn Ferge den infernalischen Pleurachok -beschreiben ließ oder die arme Karen vor Freude und Dankbarkeit in die -Hände mit den verpflasterten Fingerspitzen klatschen sah, war, wenn auch -von übertragener und beziehungsvoller, so doch zugleich auch von -unmittelbarer und reiner Art; sie entstammte einem Bildungsgeiste, -entgegengesetzt demjenigen, den Herr Settembrini pädagogisch vertrat, -indessen wohl wert, das _Placet experiri_ darauf anzuwenden, wie es dem -jungen Hans Castorp schien. - -Das Häuschen, worin Karen Karstedt wohnte, lag unweit des Wasserlaufs -und des Bahngeleises an dem gegen „Dorf“ führenden Wege, und so hatten -die Vettern es bequem, sie abzuholen, wenn sie sie nach dem Frühstück -auf ihren dienstlichen Lustwandel mitnehmen wollten. Gingen sie so gegen -Dorf, um die Hauptpromenade zu gewinnen, so sahen sie vor sich das -kleine Schiahorn, dann weiter rechts drei Zinken, welche die Grünen -Türme hießen, jetzt aber ebenfalls unter blendend besonntem Schnee -lagen, und noch weiter rechts die Kuppe des Dorfberges. Auf Viertelhöhe -seiner Wand sah man den Friedhof liegen, den Friedhof von „Dorf“, von -einer Mauer umgeben und offenbar mit schönem Blick, vermutlich auf den -See, weshalb er als Zielpunkt eines Spazierganges wohl ins Auge zu -fassen war. Sie wanderten denn auch einmal hinauf, die drei, an einem -schönen Vormittag, – und alle Tage waren nun schön: windstill und -sonnig, tiefblau, heiß-frostig und glitzerweiß. Die Vettern, der eine -ziegelrot im Gesicht, der andere bronziert, gingen im baren Anzug, da -Mäntel lästig gewesen wären in diesem Sonnenprall, – der junge Ziemßen -in Sportdreß mit Gummischneeschuhen, Hans Castorp gleichfalls in -solchen, aber in langen Hosen, da er nicht körperlich genug gesinnt war, -um kurze zu tragen. Es war zwischen Anfang und Mitte Februar, im neuen -Jahre. Ganz recht, die Jahreszahl hatte gewechselt, seitdem Hans Castorp -heraufgekommen; man schrieb eine andere jetzt, die nächste. Ein großer -Zeiger der Weltzeitenuhr war um eine Einheit weiter gefallen: nicht -gerade einer der allergrößten, nicht etwa der, welcher die Jahrtausende -maß, – sehr wenige, die lebten, würden das noch erleben; auch der nicht, -der die Jahrhunderte anmerkte oder nur die Jahrzehnte, das nicht. Der -Jahreszeiger aber war kürzlich gefallen, obgleich Hans Castorp ja noch -kein Jahr, sondern erst wenig mehr als ein halbes, hier oben war, und -stand nun fest nach Art der nur von fünf zu fünf Minuten fallenden -Minutenzeiger gewisser großer Uhren, bis er wieder vorrücken würde. Bis -dahin aber mußte der Monatszeiger noch zehnmal vorrücken, ein paarmal -öfter, als er es getan, seitdem Hans Castorp hier oben war, – den -Februar zählte er nicht mehr mit, denn angebrochen war abgetan, -gleichwie gewechselt so gut wie ausgegeben. - -Auch zu dem Friedhof am Dorfberge also gingen die drei einmal spazieren, -– exakter Rechenschaft halber sei auch dieser Ausflug noch angeführt. -Die Anregung dazu war von Hans Castorp ausgegangen, und Joachim hatte -wohl anfangs der armen Karen wegen Bedenken gehabt, dann aber eingesehen -und zugegeben, daß es zwecklos gewesen wäre, mit ihr Verstecken zu -spielen und sie im Sinne der feigen Stöhr vor allem, was an den _exitus_ -erinnerte, ängstlich zu bewahren. Karen Karstedt gab sich noch nicht den -Selbsttäuschungen des letzten Stadiums hin, sondern wußte Bescheid, wie -es mit ihr stand und was es mit der Nekrose ihrer Fingerspitzen auf sich -hatte. Sie wußte ferner, daß ihre harten Verwandten vom Luxus des -Heimtransportes kaum würden etwas wissen wollen, sondern daß ihr nach -dem Exitus ein bescheidenes Plätzchen dort oben zum Quartier würde -angewiesen werden. Und kurz, man konnte wohl finden, daß dieses -Wanderziel moralisch passender für sie war, als manches andere, zum -Beispiel der Bobstart oder das Kino, – wie es denn übrigens nicht mehr -als ein anständiger Akt der Kameradschaft war, Denen dort oben einmal -einen Besuch zu machen, gesetzt, daß man den Friedhof nicht einfach als -Sehenswürdigkeit und neutrales Spaziergebiet betrachten wollte. - -Im Gänsemarsch gingen sie langsam hinauf, denn der geschaufelte Pfad -gestattete nur ein einzelnes Gehen, ließen die letzten, an der Lehne -zuhöchst gelegenen Villen hinter und unter sich und sahen im Steigen das -vertraute Landschaftsbild in seiner Winterpracht sich wieder einmal -perspektivisch ein wenig verschieben und öffnen: es weitete sich nach -Nordost, gegen den Taleingang, der erwartete Blick auf den See tat sich -auf, dessen umwaldetes Rund zugefroren und mit Schnee bedeckt war, und -hinter seinem fernsten Ufer schienen Bergschrägen sich am Boden zu -treffen, hinter denen fremde Gipfel, verschneit, einander vor dem -Himmelsblau überhöhten. Sie sahen das an, im Schnee vor dem steinernen -Tore stehend, das den Eingang zum Friedhof bildete, und betraten die -Stätte dann durch die eiserne Gittertür, die dem Steintore eingefügt und -nur angelehnt war. - -Auch hier fanden sie Pfade geschaufelt, die zwischen den umgitterten, -schneebepolsterten Gräbererhöhungen, diesen wohl und ebenmäßig -aufgemachten Bettlagern mit ihren Kreuzen aus Stein und Metall, ihren -kleinen, medaillon- und inschriftgeschmückten Monumenten dahinführten; -doch ließ kein Mensch sich sehen noch hören. Die Stille, -Abgeschiedenheit, Ungestörtheit des Ortes schien tief und heimlich in -mancherlei Sinn; ein kleiner steinerner Engel oder Puttengott, der, eine -Schneemütze etwas schief auf dem Köpfchen, irgendwo im Gebüsche stand -und mit dem Finger die Lippen schloß, mochte wohl als sein Genius -gelten, – will sagen: als der des Schweigens, und zwar eines Schweigens, -das man sehr stark als Gegenteil und Widerspiel des Redens, als -Verstummen also, keineswegs aber als inhaltsleer und ereignislos -empfand. Für die beiden männlichen Gäste wäre es wohl eine Gelegenheit -gewesen, die Hüte abzunehmen, wenn sie welche aufgehabt hätten. Aber sie -waren ja barhaupt, auch Hans Castorp war es, und so gingen sie denn nur -in ehrerbietiger Haltung, das Körpergewicht auf die Fußballen legend und -gleichsam mit kleinen Verbeugungen nach rechts und links, im Gänsemarsch -hinter Karen Karstedt her, die sie führte. - -Der Friedhof war unregelmäßig in der Form, erstreckte sich anfänglich -als schmales Rechteck gegen Süden und lud dann ebenfalls rechteckig nach -beiden Seiten aus. Ersichtlich hatte mehrfach Vergrößerung sich als -notwendig erwiesen und war Acker angestückt worden. Trotzdem schien das -Gehege auch gegenwärtig wieder so gut wie voll belegt, und zwar entlang -der Mauer sowohl wie auch in seinen inneren, minder bevorzugten Teilen, -– kaum war zu sehen und zu sagen, wo allenfalls noch ein Unterkommen -darin gewesen wäre. Die drei Auswärtigen wanderten längere Zeit diskret -in den schmalen Gehrinnen und Passagen zwischen den Mälern umher, indem -sie dann und wann stehenblieben, um einen Namen nebst Geburts- und -Sterbedatum zu entziffern. Die Denksteine und Kreuze waren anspruchslos, -bekundeten wenig Aufwand. Was ihre Inschriften betraf, so stammten die -Namen aus allen Winden und Welten, sie lauteten englisch, russisch oder -doch allgemein slawisch, auch deutsch, portugiesisch und anderswie; die -Daten aber trugen zartes Gepräge, ihre Spannweite war im ganzen -auffallend gering, der Jahresabstand zwischen Geburt und Exitus betrug -überall ungefähr zwanzig und nicht viel mehr, fast lauter Jugend und -keine Tugend bevölkerte das Lager, ungefestigtes Volk, das sich aus -aller Welt hier zusammengefunden hatte und zur horizontalen Daseinsform -endgültig eingekehrt war. - -Irgendwo tief im Gedränge der Ruhelager, im Inneren des Angers, gegen -die Mitte zu, gab es ein flaches Plätzchen von Menschenlänge, eben und -unbelegt, zwischen zwei aufgebetteten, um deren Steine Dauerkränze -gehängt waren, und unwillkürlich blieben die drei Besucher davor stehen. -Sie standen, das Fräulein etwas vor ihren Begleitern, und lasen die -zarten Angaben der Steine, – Hans Castorp gelöst, die Hände vor sich -gekreuzt, mit offenem Munde und schläfrigen Augen, der junge Ziemßen -geschlossen und nicht nur gerade, sondern sogar ein wenig nach hinten -abgeneigt, – worauf die Vettern mit gleichzeitiger Neugier von den -Seiten verstohlen in Karen Karstedts Miene blickten. Sie merkte es -dennoch und stand da, verschämt und bescheiden, den Kopf ein wenig -schräg vorgeschoben, und lächelte geziert mit gespitzten Lippen, wobei -sie rasch mit den Augen blinzelte. - - - Walpurgisnacht - -Sieben Monate waren es in den nächsten Tagen, daß der junge Hans Castorp -hier oben verweilte, während Vetter Joachim, der deren fünf auf dem -Buckel gehabt hatte, als jener eingetroffen war, nun auf zwölfe -zurückblickte, auf ein Jährchen also – ein rundes Jahr, – rund in dem -kosmischen Sinn, daß, seit die kleine, zugkräftige Lokomotive ihn hier -abgesetzt, die Erde einmal ihren Sonnenumlauf beendet hatte und zu dem -Punkte von damals zurückgekehrt war. Es war Faschingszeit. Fastnacht -stand vor der Tür, und Hans Castorp erkundigte sich bei dem Jährigen, -wie das denn sei. - -„Magnifik!“ antwortete Settembrini, dem die Vettern wieder einmal bei -der Vormittagsmotion begegnet waren. „Splendide!“ antwortete er. „Das -ist so lustig wie im Prater, Sie werden sehen, Ingenieur. Dann sind wir -gleich im Reihen hier die glänzenden Galanten“, sprach er, und fuhr dann -prallen Mundes zu medisieren fort, indem er seine Hechelreden mit -gelungenen Arm-, Kopf- und Schulterbewegungen begleitete: „Was wollen -Sie, auch in der _maison de santé_ finden bisweilen ja Bälle statt, für -die Narren und Blöden, wie ich gelesen habe, – warum nicht auch hier? -Das Programm umfaßt die verschiedensten _danses macabres_, wie Sie sich -denken können. Leider kann ein gewisser Teil der vorjährigen -Festteilnehmer diesmal nicht erscheinen, da das Fest schon um 9½ Uhr -sein Ende findet ...“ - -„Sie meinen ... Ach so, vorzüglich!“ lachte Hans Castorp. „Sind Sie ein -Witzbold –! ‚Um 9½‘, – hast dus gehört, du? Allzu früh nämlich, als daß -‚ein gewisser Teil‘ der Vorjährigen noch ein Stündchen teilnehmen -könnte, meint Herr Settembrini. Ha, ha, unheimlich. Das ist nämlich der -Teil, der dem ‚Fleisch‘ unterdessen schon endgültig valet gesagt hat. -Verstehst du mein Wortspiel? Aber da bin ich denn doch gespannt“, sagte -er. „Ich finde es richtig, daß wir hier so die Feste feiern, wie sie -fallen, und auf die übliche Art die Etappen markieren, die Einschnitte -also, damit es kein ungegliedertes Einerlei gibt, das wäre zu sonderbar. -Da haben wir Weihnachten gehabt und wußten, daß Neujahr war, und nun -kommt also Fastnacht. Dann rückt Palmsonntag heran (gibt es hier -Kringel?), die Karwoche, Ostern und Pfingsten, was sechs Wochen später -ist, und dann ist ja bald schon der längste Tag, Sommersonnenwende, -verstehen Sie, und es geht auf den Herbst ...“ - -„Halt! halt! halt!“, rief Settembrini, indem er das Gesicht gen Himmel -hob und die Handteller gegen die Schläfen preßte. „Schweigen Sie! Ich -verbiete Ihnen, sich in dieser Weise die Zügel schießen zu lassen!“ - -„Entschuldigen Sie, ich sage ja im Gegenteil ... Übrigens wird Behrens -sich am Ende nun doch wohl zu den Injektionen entschließen, um meine -Entgiftung zu erzielen, denn ich habe unentwegt siebenunddreißig-vier, --fünf, -sechs und auch -sieben. Das will sich nicht ändern. Ich bin und -bleibe nun mal ein Sorgenkind des Lebens. Langfristig bin ich ja nicht, -Radamanth hat mir nie was Bestimmtes aufgebrummt, aber er sagt, es wäre -sinnlos, die Kur vor der Zeit zu unterbrechen, wo ich nun doch schon so -lange hier oben bin und soviel Zeit investiert habe, sozusagen. Was -nützte es auch, wenn er mir einen Termin setzte? Das hätte nicht viel zu -bedeuten, denn wenn er zum Beispiel sagt: ein halbes Jährchen, so ist es -sehr knapp gerechnet, man muß sich auf mehr gefaßt machen. Das sieht man -an meinem Vetter, der sollte Anfang des Monats fertig sein – fertig im -Sinne von ausgeheilt –, aber das letztemal hat Behrens ihm vier Monate -zugelegt, zu seiner völligen Ausheilung, – na, und was haben wir dann? -Dann haben wir Sommersonnenwende, wie ich sagte, ohne daß ich Sie reizen -wollte, und es geht wieder auf den Winter zu. Aber für den Augenblick -haben wir nun freilich erst einmal Fastnacht, – Sie hören ja, ich finde -es gut und schön, daß wir hier alles der Reihe nach, und wie’s im -Kalender steht, begehen. Frau Stöhr sagte, daß es in der Conciergeloge -Kindertrompeten zu kaufen gibt?“ - -Das traf zu. Schon beim ersten Frühstück am Faschingsdienstag, der -sofort da war, ehe man ihn von weitem nur recht ins Auge gefaßt, – schon -in der Frühe gab es im Speisesaal allerlei Töne aus scherzhaften -Blasinstrumenten, schnarrend und tutend; beim Mittagessen flogen vom -Tische Gänsers, Rasmussens und der Kleefeld bereits Papierschlangen, und -mehrere Personen, zum Beispiel die rundäugige Marusja, trugen papierne -Kopfbedeckungen, die ebenfalls bei dem Hinkenden vorn in der Loge zu -kaufen waren; aber abends entfaltete sich im Saal und in den -Konversationsräumen eine Festgeselligkeit, die in ihrem Verlauf ... Nur -wir wissen vorderhand, wozu, dank Hans Castorps Unternehmungsgeist, -diese Fastnachtsgeselligkeit in ihrem Verlaufe führte. Aber wir lassen -uns durch unser Wissen nicht hin- und nicht aus unserer Bedächtigkeit -reißen, sondern geben der Zeit die Ehre, die ihr gebührt, und -überstürzen nichts, – vielleicht sogar zögern wir die Ereignisse hin, -weil wir die sittliche Scheu des jungen Hans Castorp teilen, die den -Eintritt dieser Ereignisse so lange hintangehalten hatte. - -Allgemein war man nachmittags nach „Platz“ gepilgert, um das -Faschingsstraßenleben zu sehen. Masken waren unterwegs gewesen, -Pierrotten und Harlekine, die klappernde Pritschen gehandhabt hatten, -und zwischen den Fußgängern und den ebenfalls maskierten Insassen der -vorüberläutenden, geschmückten Schlitten waren Konfetti-Scharmützel -geliefert worden. Schon sehr hochgestimmt fand man sich zur -Abendmahlzeit an den sieben Tischen ein, entschlossen, den öffentlichen -Geist in geschlossenem Kreise fortzupflegen. Die Papiermützen, Schnarren -und Tuten des Concierge hatten starken Abgang gefunden, und Staatsanwalt -Paravant hatte mit weiterer Travestierung den Anfang gemacht, indem er -einen Damenkimono und einen falschen, laut vielseitigem Zuruf, der -Generalkonsulin Wurmbrandt gehörigen Zopf angelegt, auch seinen -Schnurrbart mit einem Brenneisen schräg nach unten gezogen hatte und so -wirklich aufs Haar einem Chinesen glich. Die Verwaltung war nicht -zurückgestanden. Sie hatte jeden der sieben Tische mit einem -Papierlampion geschmückt, einem farbigen Mond mit brennender Kerze im -Inneren, so daß Settembrini beim Eintritt in den Saal, an Hans Castorps -Tische vorbeistreifend, einen auf diese Illumination bezüglichen -Dichterspruch zitierte: - - „Da sieh nur, welche bunten Flammen! - Es ist ein muntrer Klub beisammen“, - -äußerte er mit feinem und trockenem Lächeln, indem er zu seinem Platze -weiterschlenderte, um dort mit kleinen Wurfgeschossen empfangen zu -werden, dünnwandigen und mit einer wohlriechenden Flüssigkeit gefüllten -Kügelchen, die beim Anprall zerbrachen und den Getroffenen mit Parfüm -überschütteten. - -Kurzum, die Festlaune war von Anfang an sehr ausgesprochen. Gelächter -herrschte, Papierschlangen, von den Kronleuchtern herabhängend, wehten -im Luftzuge hin und her, in der Bratensauce schwammen Konfetti, bald sah -man die Zwergin mit dem ersten Eiskübel, der ersten Champagnerflasche -geschäftig vorübereilen, man mischte den Sekt mit Burgunder, wozu -Rechtsanwalt Einhuf das Signal gegeben, und als nun gar gegen Ende der -Mahlzeit das Deckenlicht ausging und nur noch die Lampions den -Speisesaal mit buntem Dämmer italienisch-nächtig erleuchteten, war die -Stimmung vollkommen, und es erregte am Tische Hans Castorps viel -Zustimmung, als Settembrini einen Zettel herübersandte (er händigte ihn -der ihm zunächstsitzenden, mit einer Jockei-Mütze aus grünem -Seidenpapier geschmückten Marusja ein), auf den er mit Bleistift -geschrieben hatte: - - „Allein bedenkt! Der Berg ist heute zaubertoll, - Und wenn ein Irrlicht Euch die Wege weisen soll, - So müßt Ihr’s so genau nicht nehmen.“ - -Doktor Blumenkohl, dem es eben wieder sehr schlecht ging, murmelte mit -jenem ihm eigentümlichen Gesichts- oder eigentlich Lippenausdruck etwas -vor sich hin, woraus man entnehmen konnte, was das für Verse seien. Hans -Castorp seinerseits meinte die Antwort nicht schuldig bleiben zu dürfen, -fühlte sich scherzhaft verpflichtet, eine Replik auf den Zettel zu -schreiben, die freilich nur höchst unbedeutend hätte ausfallen können. -Er suchte in seinen Taschen nach einem Bleistift, fand aber keinen und -konnte auch von Joachim und der Lehrerin keinen erhalten. Seine -rot geäderten Augen gingen nach Aushilfe gen Osten, in den -links-rückwärtigen Winkel des Saales, und man sah, wie sein flüchtiges -Vorhaben in so weitläufigen Assoziationen ausartete, daß er erbleichte -und seine Grundabsicht überhaupt vergaß. - -Zum Erbleichen gab es Gründe auch sonst. Frau Chauchat dort hinten hatte -zur Fastnacht Toilette gemacht, sie trug ein neues Kleid, jedenfalls ein -Kleid, das Hans Castorp noch nicht an ihr gesehen, – aus leichter und -dunkler, ja schwarzer, nur manchmal ein wenig goldbräunlich -aufschimmernder Seide, das am Halse einen mädchenhaft kleinen -Rundausschnitt zeigte, kaum so tief, daß die Kehle, der Ansatz der -Schlüsselbeine und hinten die bei leicht vorgeschobener Kopfhaltung -etwas heraustretenden Genickwirbel unter dem lockeren Nackenhaar -sichtbar blieben, das aber Clawdias Arme bis zu den Schultern hinauf -frei ließ, – ihre Arme, die zart und voll waren zugleich, – kühl dabei, -aller Mutmaßung nach, und außerordentlich weiß gegen die seidige -Dunkelheit des Kleides abstachen, auf eine so erschütternde Art, daß -Hans Castorp, die Augen schließend, in sich hineinflüsterte: „Mein -Gott!“ – Er hatte diese Art Kleiderschnitt noch nie gesehen. Er kannte -Balltoiletten, festlich statthafte, ja vorschriftsmäßige Enthüllungen, -die weit umfassender gewesen waren als diese hier, ohne im entferntesten -so sensationell zu wirken. Als Irrtum erwies sich vor allem die ältere -Annahme des armen Hans Castorp, daß die Lockung, die vernunftwidrige -Lockung dieser Arme, deren Bekanntschaft er durch dünne Gaze hindurch -bereits gemacht hatte, ohne eine so ahndevolle „Verklärung“, wie er es -damals genannt, sich vielleicht als weniger tief erweisen werde. Irrtum! -Verhängnisvolle Selbsttäuschung! Die volle, hochbetonte und blendende -Nacktheit dieser herrlichen Glieder eines giftkranken Organismus war ein -Ereignis, weit stärker sich erweisend, als die Verklärung von damals, -eine Erscheinung, auf die es keine andere Antwort gab, als den Kopf zu -senken und lautlos zu wiederholen: „Mein Gott!“ - -Etwas später kam noch ein Zettel, auf dem es hieß: - - „Gesellschaft, wie man wünschen kann. - Wahrhaftig, lauter Bräute! - Und Junggesellen Mann für Mann, - Die hoffnungsvollsten Leute!“ - -„Bravo, bravo!“ wurde gerufen. Man war schon beim Mokka, der in kleinen -irden-braunen Kännchen serviert wurde, beziehungsweise auch bei den -Likören, zum Beispiel Frau Stöhr, die Süß-Geistiges für ihr Leben gern -schlürfte. Die Gesellschaft begann sich aufzulösen, zu zirkulieren. Man -besuchte einander, wechselte die Tische. Ein Teil der Gäste hatte sich -schon in die Konversationsräume verzogen, während ein anderer seßhaft -blieb, dem Weingemisch weiter zusprechend. Settembrini kam nun -persönlich herüber, sein Kaffeetäßchen in der Hand, den Zahnstocher -zwischen den Lippen, und setzte sich hospitierend an die Tischecke -zwischen Hans Castorp und die Lehrerin. - -„Harzgebirg“, sagte er. „Gegend von Schierke und Elend. Habe ich Ihnen -zu viel versprochen, Ingenieur? Heiß ich mir das doch eine Messe! Aber -warten Sie nur, unser Witz erschöpft sich nicht so bald, wir sind noch -nicht auf der Höhe, geschweige am Ende. Nach allem, was man hört, wird -es noch mehr Masken geben. Gewisse Personen haben sich zurückgezogen, – -das berechtigt zu allerlei Erwartungen, Sie werden sehen.“ - -Wirklich tauchten neue Verkleidungen auf: Damen in Herrentracht, -operettenhaft und unwahrscheinlich durch ausladende Formen, die -Gesichter bärtig geschwärzt mit angekohltem Flaschenkork; Herren, -umgekehrt, die Frauenroben angelegt hatten, über deren Röcke sie -strauchelten, wie zum Beispiel Studiosus Rasmussen, welcher, in -schwarzer, jettübersäter Toilette, ein pickliges Dekolleté zur Schau -stellte, das er sich mit einem Papierfächer kühlte, und zwar auch den -Rücken. Ein Bettelmann erschien knickbeinig, an einer Krücke hängend. -Jemand hatte sich aus weißem Unterzeug und einem Damenfilz ein -Pierrotkostüm hergestellt, das Gesicht gepudert, so daß seine Augen ein -unnatürliches Aussehen gewannen, und den Mund mit Lippenpomade blutig -aufgehöht. Es war der Junge mit dem Fingernagel. Ein Grieche vom -Schlechten Russentisch, mit schönen Beinen, stolzierte in lila -Trikotunterhosen, mit Mäntelchen, Papierkrause und einem Stockdegen als -spanischer Grande oder Märchenprinz daher. Alle diese Masken waren nach -Schluß der Mahlzeit eilig improvisiert worden. Es litt Frau Stöhr nicht -länger auf ihrem Stuhl. Sie verschwand, um nach kurzer Zeit als -Scheuerweib wiederzukehren, mit geschürztem Rock und aufgestülpten -Ärmeln, die Bänder ihrer Papierhaube unter dem Kinn geknotet und -bewaffnet mit Eimer und Besen, die sie zu handhaben begann, indem sie -mit dem nassen Schrubber unter die Tische, den Sitzenden zwischen die -Füße fuhr. - - „Die alte Baubo kommt allein“, - -rezitierte Settembrini bei ihrem Anblick und fügte auch den Reimvers -hinzu, klar und plastisch. Sie hörte es, nannte ihn „welscher Hahn“ und -forderte ihn auf, seine „Zötchen“ für sich zu behalten, wobei sie ihn im -Geiste der Maskenfreiheit duzte; denn diese Verkehrsform war schon -während des Essens allgemein aufgenommen worden. Er schickte sich an, -ihr zu antworten, als Lärm und Gelächter von der Halle her ihn -unterbrachen und Aufsehen im Saal erregten. - -Gefolgt von Gästen, die aus den Konversationsräumen kamen, hielten zwei -sonderbare Figuren ihren Einzug, die mit der Kostümierung wohl eben erst -fertig geworden waren. Die eine war als Diakonissin angezogen, doch war -ihr schwarzes Habit vom Hals bis zum Saume mit weißen Bandstreifen quer -benäht, kurzen, die nahe untereinander lagen, und seltneren, die über -jene hinausragten, nach Art der Liniatur eines Thermometers. Sie hielt -den Zeigefinger vor ihren bleichen Mund und trug in der Rechten eine -Fiebertabelle. Die andere Maske erschien blau in Blau: mit blau -gefärbten Lippen und Brauen, auch sonst im Gesicht und am Halse noch -blau bemalt, eine blaue Wollmütze schief übers Ohr gezogen und bekleidet -mit einem An- oder Überzuge aus blauem Glanzleinen, der, aus einem Stück -gearbeitet, an den Knöcheln mit Bändern zugezogen und in der Mitte zum -Rundbauche ausgestopft war. Man erkannte Frau Iltis und Herrn Albin. -Beide trugen Pappschilder umgehängt, auf denen geschrieben stand: „Die -stumme Schwester“ und: „Der blaue Heinrich“. In einer Art Wackelschritt -zogen sie selbander um den Saal. - -Das gab einen Beifall! Die Zurufe schwirrten. Frau Stöhr, ihren Besen -unter dem Arm, die Hände auf den Knien, lachte maßlos und ordinär nach -Herzenslust, unter Vorwendung ihrer Rolle als Scheuerweib. Nur -Settembrini zeigte sich unzugänglich. Seine Lippen, unter dem schön -geschwungenen Schnurrbart, wurden äußerst schmal, nachdem er einen -kurzen Blick auf das erfolgreiche Maskenpaar geworfen. - -Unter denen, die im Gefolge des Blauen und der Stummen aus den -Konversationszimmern wieder herübergekommen waren, befand sich auch -Clawdia Chauchat. Zusammen mit der wollhaarigen Tamara und jenem -Tischgenossen mit dem konkaven Brustkasten, einem gewissen Buligin, der -Abendanzug trug, strich sie in ihrem neuen Kleid an Hans Castorps Tische -vorbei und bewegte sich schräg hinüber zu dem des jungen Gänser und der -Kleefeld, wo sie, die Hände auf dem Rücken, mit schmalen Augen lachend -und plaudernd stehen blieb, während ihre Begleiter den allegorischen -Gespenstern weiter folgten und mit ihnen den Saal wieder verließen. Auch -Frau Chauchat hatte sich mit einer Faschingsmütze geschmückt, – es war -nicht einmal eine gekaufte, sondern von der Art, wie man sie Kindern -anfertigt, aus weißem Papiere einfach zum Dreispitz zurechtgefaltet, und -kleidete sie übrigens, quer aufgesetzt, vorzüglich. Das dunkelgoldbraune -Seidenkleid war fußfrei, der Rock etwas bauschig gearbeitet. Wir sagen -von den Armen hier nichts mehr. Sie waren nackt bis zu den Schultern -hinauf. - -„Betrachte sie genau!“ hörte Hans Castorp Herrn Settembrini wie von -weitem sagen, während er ihr, die bald weiterging, gegen die Glastür, -zum Saal hinaus, mit den Blicken folgte. „Lilith ist das.“ - -„Wer?“ fragte Hans Castorp. - -Der Literat freute sich. Er replizierte: - -„Adams erste Frau. Nimm dich in acht ...“ - -Außer ihnen beiden saß nur noch Dr. Blumenkohl am Tische, an seinem -entfernten Platz. Die übrige Speisegesellschaft, auch Joachim, war in -die Konversationsräume übergesiedelt. Hans Castorp sagte: - -„Du steckst heute voller Poesie und Versen. Was ist nun das wieder für -eine Lilli? War Adam also zweimal verheiratet? Ich hatte keine Ahnung -...“ - -„Die hebräische Sage will es so. Diese Lilith ist zum Nachtspuk -geworden, gefährlich für junge Männer besonders durch ihre schönen -Haare.“ - -„Pfui Teufel! Ein Nachtspuk mit schönen Haaren. So etwas kannst du nicht -leiden, was? Da kommst du und drehst das elektrische Licht an, -sozusagen, um die jungen Männer auf den rechten Weg zu bringen, – tust -du das nicht?“ sagte Hans Castorp phantastisch. Er hatte ziemlich viel -von der Weinmischung getrunken. - -„Hören Sie, Ingenieur, lassen Sie das!“ befahl Settembrini mit -zusammengezogenen Brauen. „Bedienen Sie sich der im gebildeten -Abendlande üblichen Form der Anrede, der dritten Person _pluralis_, wenn -ich bitten darf! Es steht Ihnen gar nicht zu Gesicht, worin Sie sich da -versuchen.“ - -„Aber wieso? Wir haben Karneval! Es ist allgemein akzeptiert heute abend -...“ - -„Ja, um eines ungesitteten Reizes willen. Das ‚Du‘ unter Fremden, das -heißt unter Personen, die einander von Rechtes wegen ‚Sie‘ nennen, ist -eine widerwärtige Wildheit, ein Spiel mit dem Urstande, ein liederliches -Spiel, das ich verabscheue, weil es sich im Grunde gegen Zivilisation -und entwickelte Menschlichkeit richtet, – sich frech und schamlos -dagegen richtet. Ich habe Sie auch nicht ‚Du‘ genannt, bilden Sie sich -das nicht ein! Ich zitierte eine Stelle aus dem Meisterwerk Ihrer -Nationalliteratur. Ich sprach also poetischerweise ...“ - -„Ich auch! Ich spreche auch gewissermaßen poetischerweise, – weil mir -der Augenblick danach angetan zu sein scheint, darum spreche ich so. Ich -sage gar nicht, daß es mir so ganz natürlich ist und leicht fällt, dich -‚Du‘ zu nennen, im Gegenteil, es kostet mich eine gewisse -Selbstüberwindung, ich muß mir einen Ruck geben, um es zu tun, aber -diesen Ruck gebe ich mir gern, ich gebe ihn mir freudig und von Herzen -...“ - -„Von Herzen?“ - -„Von Herzen, ja, das kannst du mir glauben. Wir sind nun schon so lange -beieinander hier oben, – sieben Monate, wenn du nachrechnest; das ist ja -für unsere Verhältnisse hier oben noch nicht einmal sehr viel, aber für -untere Begriffe, wenn ich zurückdenke, ist es doch eine Menge Zeit. Nun, -und die haben wir nun miteinander verbracht, weil das Leben uns hier -zusammenführte, und haben uns fast täglich gesehen und interessante -Gespräche miteinander geführt, zum Teil über Gegenstände, von denen ich -unten überhaupt keinen Deut begriffen hätte. Aber hier sehr wohl; hier -waren sie mir sehr wichtig und naheliegend, so daß ich immer, wenn wir -diskutierten, in höchstem Grade bei der Sache war. Oder vielmehr, wenn -du mir die Dinge als _homo humanus_ expliziertest; denn ich hatte -natürlich aus meiner bisherigen Unerfahrenheit nicht viel beizutragen -und konnte immer nur außerordentlich hörenswert finden, was du sagtest. -Durch dich habe ich so viel erfahren und verstanden ... Das mit Carducci -war das Wenigste, aber wie beispielsweise die Republik mit dem schönen -Stil zusammenhängt oder die Zeit mit dem Menschheitsfortschritt, – -wohingegen, wenn keine Zeit wäre, auch kein Menschheitsfortschritt sein -könnte, sondern die Welt nur ein stagnierendes Wasserloch und ein -fauliger Tümpel wäre, – was wüßte ich davon, wenn du nicht gewesen -wärst! Ich nenne dich einfach ‚Du‘ und rede dich sonst nicht weiter an, -entschuldige, weil ich nicht wüßte, wie das geschehen sollte, – ich kann -es nicht gut. Da sitzest du, und ich sage einfach ‚Du‘ zu dir, das -genügt. Du bist nicht irgend ein Mensch mit einem Namen, du bist ein -Vertreter, Herr Settembrini, ein Vertreter hierorts und an meiner Seite, -– das bist du“, bestätigte Hans Castorp und schlug mit der flachen Hand -auf das Tischtuch. „Und nun will ich dir einmal danken,“ fuhr er fort -und schob seinen Glasbecher mit Sekt und Burgunder an Herrn Settembrinis -Kaffeetäßchen heran, gleichsam, um auf dem Tisch mit ihm anzustoßen, – -„dafür, daß du dich in diesen sieben Monaten so freundlich meiner -angenommen hast und mir jungem _mulus_, auf den so viel Neues eindrang, -zur Hand gegangen bist bei meinen Übungen und Experimenten und -berichtigend auf mich einzuwirken gesucht hast, ganz _sine pecunia_, -teils mit Geschichten und teils in abstrakter Form. Ich habe das -deutliche Gefühl, daß der Augenblick gekommen ist, dir dafür und für all -das zu danken und dich um Verzeihung zu bitten, wenn ich ein schlechter -Schüler war, ein ‚Sorgenkind des Lebens‘, wie du sagtest. Es hat mich -sehr gerührt, wie du das sagtest, und jedesmal, wenn ich daran denke, -rührt es mich wieder. Ein Sorgenkind, das war ich wohl auch für dich und -deine pädagogische Ader, auf die du damals gleich am ersten Tage zu -sprechen kamst, – natürlich, das ist auch einer von den Zusammenhängen, -die du mich gelehrt hast, der von Humanismus und Pädagogik, – es würden -mir mit der Zeit gewiß noch mehrere einfallen. Verzeih mir also und -denke meiner nicht im Bösen! Dein Wohl, Herr Settembrini, sollst leben! -Ich leere mein Glas zu Ehren deiner literarischen Anstrengungen zur -Ausmerzung der menschlichen Leiden!“ schloß er, trank, hintenüber -geneigt, mit ein paar großen Schlucken sein Weingemisch aus und stand -auf. „Nun wollen wir zu den anderen hinübergehn.“ - -„Hören Sie, Ingenieur, was ist Ihnen in die Krone gefahren?“ sagte der -Italiener, die Augen voller Erstaunen, und verließ gleichfalls den -Tisch. „Das klingt wie Abschied ...“ - -„Nein, warum Abschied?“ wich Hans Castorp aus. Er wich nicht nur -figürlich aus, mit seinen Worten, sondern auch körperlich, indem er mit -dem Oberkörper einen Bogen beschrieb, und hielt sich an die Lehrerin, -Fräulein Engelhart, die eben kam, sie zu holen. Der Hofrat verzapfe im -Klavierzimmer mit eigener Hand einen Fastnachtspunsch, den die -Verwaltung gestiftet habe, meldete sie. Die Herren, sagte sie, möchten -gleich kommen, wenn sie auch noch ein Glas zu erwischen wünschten. So -gingen sie hinüber. - -Wirklich stand dort drinnen, umdrängt von der Gästeschaft, die ihm -kleine Henkelgläser entgegenhielt, Hofrat Behrens an dem runden Tisch in -der Mitte, der weiß gedeckt war, und hob mit einem Schöpflöffel -dampfendes Getränk aus einer Terrine. Auch er hatte sein Äußeres ein -wenig karnevalistisch aufgemuntert, indem er nämlich zu dem klinischen -Kittel, den er auch heute trug, da seine Tätigkeit ja niemals ruhte, -einen echten türkischen Fez, karminrot, mit schwarzer Troddel, die ihm -über das Ohr baumelte, aufgesetzt hatte, – Kostüm genug für ihn, dies -beides zusammen; es reichte hin, seine ohnehin markante Erscheinung ins -durchaus Wunderliche und Ausgelassene zu steigern. Der weiße Langkittel -übertrieb des Hofrats Größe; brachte man die Nackenbeugung in Anschlag, -indem man sie in Gedanken beseitigte und seine Gestalt zur vollen Höhe -aufrichtete, so erschien er geradezu überlebensgroß, mit kleinem, buntem -Kopf von eigentümlichstem Gepräge. Dem jungen Hans Castorp wenigstens -war dies Gesicht noch nie so sonderbar vorgekommen, wie heute unter der -närrischen Bedeckung: diese stutznäsig flache und bläulich hitzige -Physiognomie, in der unter weißblonden Brauen die blauen Augen tränend -quollen und über dem bogenförmigen, nach oben sich bäumenden Mund das -helle und schief geschürzte Schnurrbärtchen stand. Abgeneigt von dem -Dampfe, der vor ihm aus der Terrine wirbelte, ließ er das braune -Getränk, einen zuckerigen Arrak-Punsch, im Bogen aus der Schöpfkelle in -die dargereichten Gläser rinnen, unaufhörlich in seinem aufgeräumten -Kauderwelsch sich ergehend, sodaß Lachsalven rund um den Tisch den -Ausschank begleiteten. - -„Herr Urian sitzt oben auf“, erläuterte Settembrini leise mit einer -Handbewegung gegen den Hofrat und wurde dann nach Hans Castorps Seite -fortgezogen. Auch Dr. Krokowski war anwesend. Klein, stämmig und kernig, -sein schwarzes Lüsterhemd mit leeren Ärmeln um die Schultern gehängt, -sodaß es dominoartig wirkte, hielt er sein Glas mit gedrehter Hand in -Augenhöhe und plauderte fröhlich mit einer Gruppe von Masken -travestierten Geschlechts. Musik setzte ein. Die Patientin mit dem -Tapirgesicht spielte, von dem Mannheimer pianistisch begleitet, auf der -Geige das Largo von Händel und danach eine Sonate von Grieg, deren -Charakter national und salonmäßig war. Man applaudierte wohlwollend, -auch an den beiden Bridge-Tischen, die aufgeschlagen waren, und an denen -Maskierte und Unmaskierte saßen, Flaschen in Eiskühlern neben sich. Die -Türen standen offen; auch in der Halle hielten sich Gäste auf. Eine -Gruppe um den Rundtisch mit der Bowle sah dem Hofrat zu, der den -Anführer zu einem Gesellschaftsspiel machte. Er zeichnete mit -geschlossenen Augen, im Stehen, über den Tisch gebückt, dabei aber -zurückgelegten Kopfes, damit alle sehen konnten, daß er die Augen -geschlossen hielt, zeichnete auf die Rückseite einer Visitenkarte mit -Bleistift blindlings eine Figur, – es waren die Umrisse eines -Schweinchens, die seine riesige Hand ohne Zuhilfenahme der Augen -hinmalte, eines Schweinchens im Profil, – etwas einfach und mehr ideell -als lebenswahr, aber es war unverkennbar die Grundgestalt eines -Schweinchens, die er unter so erschwerenden Bedingungen zusammenzog. Das -war ein Kunststück, und er konnte es. Das Schlitzäuglein kam ungefähr -dort zu sitzen, wohin es gehörte, etwas zu weit vorn am Rüssel, aber -doch ungefähr an seinen Platz; es verhielt sich nicht anders mit dem -Spitzohr am Kopf, den Beinchen, die an dem gerundeten Bäuchlein hingen; -und als Fortsetzung der ebenso gerundeten Rückenlinie ringelte das -Schwänzchen sich sehr artig in sich selber. Man rief „Ah!“ als das Werk -getan, und drängte sich zu dem Versuch, von Ehrgeiz ergriffen, es dem -Meister gleichzutun. Allein die Wenigsten hätten ein Schweinchen mit -offenen Augen zu zeichnen vermocht, geschweige bei geschlossenen. Was -kamen da für Mißgeburten zustande! Es fehlte an allem Zusammenhang. Das -Äuglein fiel außerhalb des Kopfes, die Beinchen ins Innere des Wanstes, -der seinerseits weit entfernt war, sich zu schließen, und das -Schwänzchen ringelte sich irgendwo abseits, ganz ohne organische -Beziehung zur verworrenen Hauptgestalt, als selbständige Arabeske. Man -wollte sich ausschütten vor Lachen. Die Gruppe fand Zuzug. Aufsehen -entstand an den Bridgetischen, und die Spieler kamen, ihre Karten -fächerförmig in der Hand, neugierig herüber. Die Umstehenden sahen dem, -der sich erprobte, auf die Augenlider, ob er nicht blinzle, wozu einige -durch das Gefühl ihrer Ohnmacht sich verführen ließen, kicherten und -prusteten, solange er seine blinden Irrtümer beging, und brachen in -Jubel aus, wenn er, die Augen aufreißend, auf sein absurdes Machwerk -niederblickte. Trügerisches Selbstvertrauen trieb jeden zum Wettstreit. -Die Karte, obgleich geräumig, war rasch auf beiden Seiten überfüllt, -sodaß die verfehlten Figuren sich überschnitten. Aber der Hofrat opferte -aus seinem Portefeuille eine zweite, auf welcher Staatsanwalt Paravant, -nach heimlicher Überlegung, das Schweinchen _in einem Zuge_ hinzumalen -versuchte, – mit dem Ergebnis, daß sein Mißerfolg alle vorangegangenen -übertraf: das Ornament, das er schuf, wies nicht nur mit keinem -Schweinchen, sondern überhaupt mit nichts in der Welt die entfernteste -Ähnlichkeit auf. Hallo, Gelächter und stürmische Glückwünsche! Man -brachte Menükarten aus dem Speisesaal herzu, – so konnten nun mehrere -Personen, Damen und Herren, auf einmal zeichnen, und jeder -Konkurrierende hatte seine Aufpasser und Zuschauer, von denen wiederum -ein jeder Anwärter auf den Stift war, der eben gehandhabt wurde. Es -waren drei Bleistifte da, die man sich aus den Händen riß. Sie gehörten -Gästen. Der Hofrat, nachdem er das neue Spiel in die Wege geleitet und -bestens im Gange sah, war mit dem Adlaten verschwunden. - -Hans Castorp, im Gedränge, sah über Joachims Schulter einem Zeichnenden -zu, indem er sich mit dem Ellbogen auf diese Schulter stützte, sein Kinn -mit allen fünf Fingern erfaßt hielt und die andere Hand in die Hüfte -stemmte. Er redete und lachte. Er wollte ebenfalls zeichnen, verlangte -laut danach und erhielt den Bleistift, ein schon ganz kurzes Ding, man -konnte ihn nur noch mit Daumen und Zeigefinger führen. Er schimpfte auf -den Stummel, das blinde Gesicht zur Decke erhoben, schimpfte laut und -verfluchte die Undienlichkeit des Stiftes, indem er mit fliegender Hand -einen gräulichen Unsinn auf den Karton warf, schließlich sogar diesen -verfehlte und auf das Tischtuch geriet. „Das gilt nicht!“ rief er in das -verdiente Gelächter hinein. „Wie soll man mit einem solchen – zum Teufel -damit!“ Und er warf den beschuldigten Stummel in die Punschbowle. „Wer -hat einen vernünftigen Bleistift? Wer leiht mir einen? Ich muß noch -einmal zeichnen! Einen Bleistift, einen Bleistift! Wer hat noch einen?“ -rief er nach beiden Seiten aus, den linken Unterarm noch auf die -Tischplatte gestützt und die rechte Hand hoch in der Luft schüttelnd. Er -bekam keinen. Da wandte er sich um und ging ins Zimmer hinein, indem er -zu rufen fortfuhr, – ging gerade auf Clawdia Chauchat zu, die, wie er -gewußt hatte, nicht weit von der Portiere zum kleinen Salon stand und -von hier aus dem Treiben am Bowlentisch lächelnd zugesehen hatte. - -Hinter sich hörte er rufen, wohllautende ausländische Worte: „_Eh! -Ingegnere! Aspetti! Che cosa fa! Ingegnere! Un po di raggione, sa! Ma è -matto questo ragazzo!_“ Aber er übertönte diese Stimme mit der seinen, -und so sah man Herrn Settembrini, eine Hand mit gespreiztem Arm über den -Kopf geworfen – eine in seiner Heimat übliche Gebärde, deren Sinn nicht -leicht auf ein Wort zu bringen wäre, und die von einem langgezogenen -„_Ehh –!_“ begleitet war – die Fastnachtsgeselligkeit verlassen. – Hans -Castorp aber stand auf dem Klinkerhof, blickte aus nächster Nähe in die -blau-grau-grünen Epicanthus-Augen über den vortretenden Backenknochen -und sprach: - -„Hast _du_ nicht vielleicht einen Bleistift?“ - -Er war totenbleich, so bleich wie damals, als er blutbesudelt von seinem -Einzelspaziergang zur Konferenz gekommen war. Die Gefäßnervenleitung -nach seinem Gesichte spielte mit dem Erfolg, daß die entblutete Haut -dieses jungen Gesichtes blaßkalt einfiel, die Nase spitz erschien und -die Partie unter den Augen ganz so bleifarben wie bei einer Leiche -aussah. Aber Hans Castorps Herz ließ der Sympathikus in einer Gangart -trommeln, daß von geregelter Atmung überhaupt nicht mehr die Rede sein -konnte, und Schauer überliefen den jungen Menschen als Veranstaltung der -Hautsalbendrüsen seines Körpers, die sich mitsamt ihren Haarbälgen -aufrichteten. - -Die im Papierdreispitz betrachtete ihn von oben bis unten mit einem -Lächeln, worin keinerlei Mitleid, keinerlei Besorgnis angesichts der -Verwüstung seines Äußeren zu erkennen war. Dies Geschlecht kennt ein -solches Mitleid und eine solche Besorgnis überhaupt nicht vor den -Schrecken der Leidenschaft, – eines Elementes, ihm offenbar viel -vertrauter, als dem Mann, der von Natur keineswegs darin zu Hause ist -und den es nie ohne Spott und Schadenfreude darin begrüßt. Übrigens -würde er sich für Mitleid und Besorgnis ja freilich auch bedanken. - -„Ich?“ antwortete die bloßarmige Kranke auf das „Du“ ... „Ja, -vielleicht“. Und allenfalls war in ihrem Lächeln und ihrer Stimme etwas -von der Erregung, die auftritt, wenn nach langem, stummem Verhältnis die -erste Anrede fällt, – einer listigen Erregung, die alles Vorangegangene -in den Augenblick heimlich einbezieht. „Du bist sehr ehrgeizig ... Du -bist ... sehr ... eifrig“, fuhr sie in ihrer exotischen Aussprache mit -fremdem r und fremdem, zu offenem e zu spotten fort, wobei ihre leicht -verschleierte, angenehm heisere Stimme das Wort „ehrgeizig“ auch noch -auf der zweiten Silbe betonte, so daß es völlig fremdsprachig klang, – -und kramte in ihrem Ledertäschchen, blickte suchend hinein und zog unter -einem Taschentuch, das sie zuerst zutage gefördert, ein -kleines silbernes Crayon hervor, dünn und zerbrechlich, ein -Galanteriesächelchen, zu ernsthafter Tätigkeit kaum zu gebrauchen. Der -Bleistift von damals, der erste, war handlich-rechtschaffener gewesen. - -„_Voilà_“, sagte sie und hielt ihm das Stiftchen vor die Augen, indem -sie es zwischen Daumen und Zeigefinger an der Spitze hielt und leicht -hin und her schlenkerte. - -Da sie es ihm zugleich gab und vorenthielt, nahm er es, ohne es zu -empfangen, das heißt: hielt die Hand in der Höhe des Stiftes, dicht -daran, die Finger zum Greifen bereit, aber nicht vollends zugreifend, -und blickte aus seinen bleifarbenen Augenhöhlen abwechselnd auf den -Gegenstand und in Clawdias tatarisches Gesicht. Seine blutlosen Lippen -standen offen, und sie blieben so, er benutzte sie nicht zum Sprechen, -als er sagte: - -„Siehst du wohl, ich wußte doch, daß du einen haben würdest.“ - -„_Prenez garde, il est un peu fragile_“, sagte sie. „_C’est à visser, tu -sais._“ - -Und indem ihre Köpfe sich darüber neigten, zeigte sie ihm die -landläufige Mechanik des Stiftes, aus dem ein nadeldünnes, -wahrscheinlich hartes, nichts abgebendes Graphitstänglein fiel, wenn man -die Schraube öffnete. - -Sie standen nahe gegeneinander geneigt. Da er im Gesellschaftsanzug war, -trug er heute abend einen steifen Kragen und konnte das Kinn darauf -stützen. - -„Klein, aber dein“, sagte er, Stirn an Stirn mit ihr, auf den Stift -hinunter mit unbewegten Lippen und folglich unter Auslassung des -Labiallautes. - -„Oh, auch witzig bist du“, antwortete sie mit kurzem Lachen, indem sie -sich aufrichtete und ihm das Crayon nun überließ. (Übrigens mochte Gott -wissen, womit er witzig war, da er ja offensichtlich keinen Tropfen Blut -im Kopfe hatte.) „Also geh, spute dich, zeichne, zeichne gut, zeichne -dich aus!“ Witzig auch ihrerseits schien sie ihn fortzutreiben. - -„Nein, _du_ hast noch nicht gezeichnet. _Du_ mußt zeichnen“, sagte er -unter Auslassung des m von „mußt“ und trat auf ziehende Art einen -Schritt zurück. - -„Ich?“ wiederholte sie wieder mit einem Erstaunen, das etwas anderem -mehr als seiner Forderung zu gelten schien. In einer gewissen Verwirrung -lächelnd blieb sie noch stehen, folgte aber dann seiner magnetisierenden -Rückwärtsbewegung ein paar Schritte gegen den Bowlentisch. - -Es zeigte sich jedoch, daß die Unterhaltung dort nicht mehr vorhielt, in -den letzten Zügen lag. Jemand zeichnete noch, hatte aber keine Zuschauer -mehr. Die Karten waren mit Unsinn bedeckt, jedermann hatte seine -Ohnmacht erprobt, der Tisch stand fast verlassen, zumal eine -Gegenströmung eingesetzt hatte. Da man gewahr geworden, daß die Ärzte -fort waren, lautete plötzlich die Parole auf Tanz. Schon wurde der Tisch -beiseite geschleppt. Man postierte Späher an die Türen des Schreib- und -des Klavierzimmers, mit der Anweisung, durch ein Zeichen den Ball zum -Stehen zu bringen, falls etwa „der Alte“, Krokowski oder die Oberin sich -wieder zeigen sollten. Ein slawischer Jüngling griff mit Ausdruck in die -Tastatur des kleinen Nußbaumpianinos. Die ersten Paare drehten sich im -Inneren eines unregelmäßigen Kreises von Sesseln und Stühlen, auf denen -Zuschauer saßen. - -Hans Castorp verabschiedete sich von dem eben fortschwebenden Tisch mit -der Handbewegung: „Fahr hin!“ Mit dem Kinn deutete er dann auf freie -Sitzgelegenheiten, die er im kleinen Salon gewahrte, und auf die -geschützte Zimmerecke rechts neben der Portiere. Er sagte nichts, -vielleicht, weil ihm die Musik zu laut war. Er zog einen Stuhl – es war -ein sogenannter Triumphstuhl, mit Holzrahmen und einer Plüschbespannung -– für Frau Chauchat an den Ort, den er vorher pantomimisch bezeichnet -hatte, und eignete sich selbst einen knisternden, krachenden Korbstuhl -mit gerollten Armlehnen an, auf den er sich zu ihr setzte, gegen sie -vorgebeugt, die Arme auf den Lehnen, ihr Crayon in den Händen, die Füße -weit unter dem Stuhl. Sie ihrerseits lag allzu tief in dem -Plüschgehänge, ihre Knie waren emporgehoben, doch schlug sie trotzdem -das eine über das andere und ließ ihren Fuß in der Höhe wippen, dessen -Knöchel über dem Rande des schwarzen Lackschuhs von der ebenfalls -schwarzen Seide des Strumpfes überspannt war. Vor ihnen saßen andere -Leute, standen auf, um zu tanzen und machten solchen Platz, die müde -waren. Es war ein Kommen und Gehen. - -„Du hast ein neues Kleid“, sagte er, um sie betrachten zu dürfen, und -hörte sie antworten: - -„Neu? Du bist bewandert in meiner Toilette?“ - -„Habe ich nicht recht?“ - -„Doch. Ich habe es mir kürzlich hier machen lassen, bei Lukaček im Dorf. -Er arbeitet viel für Damen hier oben. Es gefällt dir?“ - -„Sehr gut“, sagte er, indem er sie mit dem Blick noch einmal umfaßte und -ihn dann niederschlug. „Willst du tanzen?“ fügte er hinzu. - -„Würdest du wollen?“ fragte sie mit erhobenen Brauen lächelnd dagegen, -und er antwortete: - -„Ich täte es schon, wenn du Lust hättest.“ - -„Das ist weniger brav, als ich dachte, daß du seist“, sagte sie, und da -er wegwerfend auflachte, fügte sie hinzu: „Dein Vetter ist schon -gegangen.“ - -„Ja, er ist mein Vetter“, bestätigte er unnötigerweise. „Ich sah auch -vorhin, daß er fort ist. Er wird sich gelegt haben.“ - -„_C’est un jeune homme très étroit, très honnête, très allemand._“ - -„_Étroit? Honnête?_“ wiederholte er. „Ich verstehe Französisch besser, -als ich es spreche. Du willst sagen, daß er pedantisch ist. Hältst du -uns Deutsche für pedantisch – _nous autres allemands_?“ - -„_Nous causons de votre cousin. Mais c’est vrai_, ihr seid ein wenig -bourgeois. _Vous aimez l’ordre mieux que la liberté, toute l’Europe le -sait._“ - -„_Aimer ... aimer ... Qu’est-ce que c’est! Ça manque de définition, ce -mot-là._ Der Eine hat’s, der Andere liebt’s, _comme nous disons -proverbialement_“, behauptete Hans Castorp. „Ich habe in letzter Zeit,“ -fuhr er fort, „manchmal über die Freiheit nachgedacht. Das heißt, ich -hörte das Wort so oft, und so dachte ich darüber nach. _Je te le dirai -en français_, was ich mir dachte. _Ce que toute l’Europe nomme la -liberté, est peut-être une chose assez pédante et assez bourgeoise en -comparaison de notre besoin d’ordre – c’est ça!_“ - -„_Tiens! C’est amusant. C’est ton cousin à qui tu penses en disant des -choses étranges comme ça?_“ - -„Nein, _c’est vraiment une bonne âme_, eine einfache, unbedrohte Natur, -_tu sais. Mais il n’est pas bourgeois, il est militaire._“ - -„Unbedroht?“ wiederholte sie mühsam ... „_Tu veux dire: une nature tout -à fait ferme, sûre d’elle-même? Mais il est sérieusement malade, ton -pauvre cousin._“ - -„Wer hat das gesagt?“ - -„Man weiß hier voneinander.“ - -„Hat Hofrat Behrens dir das gesagt?“ - -„_Peut-être en me faisant voir ses tableaux._“ - -„_C’est-à-dire: en faisant ton portrait!_“ - -„_Pourquoi pas. Tu l’as trouvé réussi, mon portrait?_“ - -„_Mais oui, extrêmement. Behrens a très exactement rendu ta peau, oh -vraiment très fidèlement. J’aimerais beaucoup être portraitiste, moi -aussi, pour avoir l’occasion d’étudier ta peau comme lui._“ - -„_Parlez allemand, s’il vous plaît!_“ - -„Oh, ich spreche Deutsch, auch auf Französisch. _C’est une sorte d’étude -artistique et médicale – en un mot: il s’agit des lettres humaines, tu -comprends._ Wie ist es nun, willst du nicht tanzen?“ - -„Aber nein, das ist kindisch. _En cachette des médecins. Aussitôt que -Behrens reviendra, tout le monde va se précipiter sur les chaises. Ce -sera fort ridicule._“ - -„Hast du so großen Respekt vor ihm?“ - -„Vor wem?“ sagte sie, das Fragewort kurz und fremdartig sprechend. - -„Vor Behrens.“ - -„_Mais va donc avec ton Behrens!_ Es ist auch viel zu eng zum Tanzen. -_Et puis sur le tapis_ ... Wollen wir zusehen, dem Tanze.“ - -„Ja, das wollen wir“, pflichtete er bei und schaute neben ihr hin, mit -seinem bleichen Gesicht, mit den blauen, sinnig blickenden Augen seines -Großvaters, in das Gehüpf der maskierten Patienten hier im Salon und -drüben im Schreibzimmer. Da hüpfte die Stumme Schwester mit dem Blauen -Heinrich, und Frau Salomon, die als Ballherr, in Frack und weiße Weste, -gekleidet war, mit hochgewölbter Hemdbrust, gemaltem Schnurrbart und -Monokel, drehte sich auf kleinen Lack-Stöckelschuhen, die -unnatürlicherweise aus ihren schwarzen Herrenhosen hervorkamen, mit dem -Pierrot, dessen Lippen blutrot in seinem geweißten Antlitz leuchteten, -und dessen Augen denen eines Albino-Kaninchens glichen. Der Grieche im -Mäntelchen schwang das Ebenmaß seiner lila Trikotbeine um den -dekolletierten und dunkel glitzernden Rasmussen; der Staatsanwalt im -Kimono, die Generalkonsulin Wurmbrand und der junge Gänser tanzten sogar -selbdritt, indem sie sich mit den Armen umschlungen hielten; und was die -Stöhr betraf, so tanzte sie mit ihrem Besen, den sie ans Herz drückte -und dessen Borsten sie liebkoste, als wären sie eines Menschen aufrecht -stehendes Haupthaar gewesen. - -„Das wollen wir“, wiederholte Hans Castorp mechanisch. Sie sprachen -leise, unter den Tönen des Klaviers. „Wir wollen hier sitzen und zusehen -wie im Traum. Das ist für mich wie ein Traum, mußt du wissen, daß wir so -sitzen, – _comme un rêve singulièrement profond, car il faut dormir très -profondément pour rêver comme cela ... Je veux dire: C’est un rêve bien -connu, rêvé de tout temps, long, éternel, oui, être assis près de toi -comme à présent, voilà l’éternité._“ - -„_Poète!_“ sagte sie. „_Bourgeois, humaniste et poète, – voilà -l’allemand au complet, comme il faut!_“ - -„_Je crains, que nous ne soyons pas du tout et nullement comme il -faut_“, antwortete er. „_Sous aucun égard. Nous sommes peut-être des_ -Sorgenkinder des Lebens, _tout simplement_.“ - -„_Joli mot. Dis-moi donc ... Il n’aurait pas été fort difficile de rêver -ce rêve-là plus tôt. C’est un peu tard, que monsieur se résout -d’adresser la parole à son humble servante._“ - -„_Pourquoi des paroles?_“ sagte er. „_Pourquoi parler? Parler, -discourir, c’est une chose bien républicaine, je le concède. Mais je -doute, que ce soit poétique au même degré. Un de nos pensionnaires, qui -est un peu devenu mon ami, M. Settembrini ..._“ - -„_Il vient de te lancer quelques paroles._“ - -„_Eh bien, c’est un grand parleur sans doute, il aime même beaucoup à -réciter de beaux vers, – mais est-ce un poète, cet homme-là?_“ - -„_Je regrette sincèrement de n’avoir jamais eu le plaisir de faire la -connaissance de ce chevalier._“ - -„_Je le crois bien._“ - -„_Ah! Tu le crois._“ - -„_Comment? C’était une phrase tout-à-fait indifférente, ce que j’ai dit -là. Moi, tu le remarques bien, je ne parle guère le français. Pourtant, -avec toi je préfère cette langue à la mienne, car pour moi, parler -français, c’est parler sans parler, en quelque manière, – sans -responsabilité, ou comme nous parlons en rêve. Tu comprends?_“ - -„_A peu près._“ - -„_Ça suffit ... Parler_“, fuhr Hans Castorp fort, „_– pauvre affaire! -Dans l’éternité, on ne parle point. Dans l’éternité, tu sais, on fait -comme en dessinant un petit cochon: on penche la tête en arrière et on -ferme les yeux._“ - -„_Pas mal, ça! Tu es chez toi dans l’éternité, sans aucun doute, tu la -connais à fond. Il faut avouer, que tu es un petit rêveur assez -curieux._“ - -„_Et puis_“, sagte Hans Castorp, „_si je t’avais parlé plus tôt, il -m’aurait fallu te dire »vous«!_“ - -„_Eh bien, est-ce que tu as l’intention de me tutoyer pour toujours?_“ - -„_Mais oui. Je t’ai tutoyée de tout temps et je te tutoierai -éternellement._“ - -„_C’est un peu fort, par exemple. En tout cas tu n’auras pas trop -longtemps l’occasion de me dire »tu«. Je vais partir._“ - -Das Wort brauchte einige Zeit, bis es ihm ins Bewußtsein drang. Dann -fuhr er auf, wirr um sich blickend, wie ein aus dem Schlaf Gestörter. -Ihr Gespräch war ziemlich langsam vonstatten gegangen, da Hans Castorp -das Französische schwerfällig und wie in zögerndem Sinnen sprach. Das -Klavier, das kurze Zeit geschwiegen hatte, tönte wieder, nunmehr unter -den Händen des Mannheimers, der den Slawenjüngling abgelöst und Noten -aufgelegt hatte. Fräulein Engelhart saß bei ihm und blätterte um. Der -Ball hatte sich gelichtet. Eine größere Anzahl der Pensionäre schien -horizontale Lage eingenommen zu haben. Vor ihnen saß niemand mehr. Im -Lesezimmer spielte man Karten. - -„Was tust du?“ fragte Hans Castorp entgeistert ... - -„Ich reise ab“, wiederholte sie, scheinbar verwundert lächelnd über sein -Erstarren. - -„Nicht möglich“, sagte er. „Das ist nur Scherz.“ - -„Durchaus nicht. Es ist mein vollkommener Ernst. Ich reise.“ - -„Wann?“ - -„Aber morgen. _Après dîner._“ - -In ihm ereignete sich ein umfangreicher Zusammensturz. Er sagte: - -„Wohin?“ - -„Sehr weit fort.“ - -„Nach Daghestan?“ - -„_Tu n’es pas mal instruit. Peut-être, pour le moment ..._“ - -„Bist du denn geheilt?“ - -„_Quant à ça ... non._ Aber Behrens meint, es sei vorläufig hier nicht -mehr viel für mich zu erreichen. _C’est pourquoi je vais risquer un -petit changement d’air._“ - -„Du kommst also wieder!“ - -„Das fragt sich. Es fragt sich vor allem, wann. _Quant à moi, tu sais, -j’aime la liberté avant tout et notamment celle de choisir mon domicile. -Tu ne comprends guère ce que c’est: être obsédé d’indépendance. C’est de -ma race, peut-être._“ - -„_Et ton mari au Daghestan te l’accorde, – ta liberté?_“ - -„_C’est la maladie qui me la rend. Me voilà à cet endroit pour la -troisième fois. J’ai passé un an ici, cette fois. Possible que je -revienne. Mais alors tu seras bien loin depuis longtemps._“ - -„Glaubst du, Clawdia?“ - -„_Mon prénom aussi! Vraiment tu les prends bien au sérieux les coutumes -du carnaval!_“ - -„Weißt du denn, wie krank ich bin?“ - -„_Oui – non – comme on sait ces choses ici. Tu as une petite tache -humide là dedans et un peu de fièvre, n’est-ce pas?_“ - -„_Trente-sept et huit ou neuf l’après-midi_“, sagte Hans Castorp. „Und -du?“ - -„_Oh, mon cas, tu sais, c’est un peu plus compliqué ... pas tout-à-fait -simple._“ - -„_Il y a quelque chose dans cette branche de lettres humaines dite la -médecine_,“ sagte Hans Castorp, „_qu’on appelle bouchement tuberculeux -des vases de lymphe._“ - -„_Ah! Tu as mouchardé, mon cher, on le voit bien._“ - -„_Et toi ..._ Verzeih mir! Laß mich dich jetzt etwas fragen, dich -dringlich und auf Deutsch etwas fragen! Als ich damals von Tische zur -Untersuchung ging, vor sechs Monaten ... Du blicktest dich um nach mir, -erinnerst du dich?“ - -„_Quelle question? Il y a six mois!_“ - -„Wußtest du, wohin ich ging?“ - -„_Certes, c’était tout-à-fait par hasard ..._“ - -„Du wußtest es von Behrens?“ - -„_Toujours ce Behrens!_“ - -„_Oh, il a représenté ta peau d’une façon tellement exacte ... -D’ailleurs, c’est un veuf aux joues ardentes et qui possède un service à -café très remarquable ... Je crois bien qu’il connaît ton corps non -seulement comme médecin, mais aussi comme adepte d’une autre discipline -de lettres humaines._“ - -„_Tu as décidément raison de dire, que tu parles en rêve, mon ami._“ - -„_Soit ... Laisse-moi rêver de nouveau après m’avoir réveillé si -cruellement par cette cloche d’alarme de ton départ. Sept mois sous tes -yeux ... Et à présent, où en réalité j’ai fait ta connaissance, tu me -parles de départ!_“ - -„_Je te répète, que nous aurions pu causer plus tôt._“ - -„Du hättest es gewünscht?“ - -„_Moi? Tu ne m’échapperas pas, mon petit. Il s’agit de tes intérêts, à -toi. Est-ce que tu étais trop timide pour t’approcher d’une femme à qui -tu parles en rêve maintenant, ou est-ce qu’il y avait quelqu’un qui t’en -a empêché?_“ - -„_Je te l’ai dit. Je ne voulais pas te dire »vous«._“ - -„_Farceur. Réponds donc, – ce monsieur beau parleur, cet italien-là qui -a quitté la soirée, – qu’est-ce qu’il t’a lancé tantôt?_“ - -„_Je n’en ai entendu absolument rien. Je me soucie très peu de ce -monsieur, quand mes yeux te voient. Mais tu oublies ... il n’aurait pas -été si facile du tout de faire ta connaissance dans le monde. Il y avait -encore mon cousin avec qui j’étais lié et qui incline très peu à -s’amuser ici: Il ne pense à rien qu’à son retour dans les plaines, pour -se faire soldat._“ - -„_Pauvre diable. Il est, en effet, plus malade qu’il ne sait. Ton ami -italien du reste ne va pas trop bien non plus._“ - -„_Il le dit lui-même. Mais mon cousin ... Est-ce vrai? Tu m’effraies._“ - -„_Fort possible qu’il va mourir, s’il essaye d’être soldat dans les -plaines._“ - -„_Qu’il va mourir. La mort. Terrible mot, n’est-ce pas? Mais c’est -étrange, il ne m’impressionne pas tellement aujourd’hui, ce mot. C’était -une façon de parler bien conventionnelle, lorsque je disais »Tu -m’effraies«. L’idée de la mort ne m’effraie pas. Elle me laisse -tranquille. Je n’ai pas pitié – ni de mon bon Joachim ni de moi-même, en -entendant qu’il va peut-être mourir. Si c’est vrai, son état ressemble -beaucoup au mien et je ne le trouve pas particulièrement imposant. Il -est moribond, et moi, je suis amoureux, eh bien! – Tu as parlé à mon -cousin à l’atelier de photographie intime, dans l’antichambre, tu te -souviens._“ - -„_Je me souviens un peu._“ - -„_Donc ce jour-là Behrens a fait ton portrait transparent!_“ - -„_Mais oui._“ - -„_Mon dieu. Et l’as-tu sur toi?_“ - -„_Non, je l’ai dans ma chambre._“ - -„_Ah, dans ta chambre. Quant au mien, je l’ai toujours dans mon -portefeuille. Veux-tu que je te le fasse voir?_“ - -„_Mille remerciements. Ma curiosité n’est pas invincible. Ce sera un -aspect très innocent._“ - -„_Moi, j’ai vu ton portrait extérieur. J’aimerais beaucoup mieux voir -ton portrait intérieur qui est enfermé dans ta chambre ... Laisse-moi -demander autre chose! Parfois un monsieur russe qui loge en ville vient -te voir. Qui est-ce? Dans quel but vient-il, cet homme?_“ - -„_Tu es joliment fort en espionnage, je l’avoue. Eh bien, je réponds. -Oui, c’est un compatriote souffrant, un ami. J’ai fait sa connaissance à -une autre station balnéaire, il y a quelques années déjà. Nos relations? -Les voilà: nous prenons notre thé ensemble, nous fumons deux ou trois -papiros, et nous bavardons, nous philosophons, nous parlons de l’homme, -de Dieu, de la vie, de la morale, de mille choses. Voilà mon compte -rendu. Es-tu satisfait?_“ - -„_De la morale aussi! Et qu’est-ce que vous avez trouvé en fait de -morale, par exemple?_“ - -„_La morale? Cela t’intéresse? Eh bien, il nous semble, qu’il faudrait -chercher la morale non dans la vertu, c’est-à-dire dans la raison, la -discipline, les bonnes mœurs, l’honnêteté, – mais plutôt dans le -contraire, je veux dire: dans le péché, en s’abandonnant au danger, à ce -qui est nuisible, à ce qui nous consume. Il nous semble qu’il est plus -moral de se perdre et même de se laisser dépérir que de se conserver. -Les grands moralistes n’étaient point des vertueux, mais des aventuriers -dans le mal, des vicieux, des grands pécheurs qui nous enseignent à nous -incliner chrétiennement devant la misère. Tout ça doit te déplaire -beaucoup, n’est-ce pas?_“ - -Er schwieg. Er saß noch immer wie anfangs, die verschlungenen Füße tief -unter seinem knisternden Stuhl, vorgeneigt gegen die Liegende im -Papierdreispitz, ihr Crayon zwischen den Fingern, und blickte aus Hans -Lorenz Castorps blauen Augen von unten in das Zimmer, das leer geworden -war. Zerstoben die Gästeschaft. Das Klavier, in der schräg -gegenüberliegenden Ecke, tönte nur noch leise und abgebrochen, gespielt -mit einer Hand von dem mannheimischen Kranken, an dessen Seite die -Lehrerin saß und in einem Notenbuch blätterte, das sie auf den Knien -hielt. Als das Gespräch zwischen Hans Castorp und Clawdia Chauchat -verstummte, hörte der Pianist vollends zu spielen auf und legte auch die -Hand, mit der er die Tasten leicht gerührt hatte, in den Schoß, während -Fräulein Engelhart fortfuhr, in ihre Noten zu blicken. Die vier von der -Fastnachtsgeselligkeit übriggebliebenen Personen saßen unbeweglich. Die -Stille dauerte mehrere Minuten. Langsam neigten sich unter ihrem Druck -die Köpfe des Paares am Pianino tiefer und tiefer, der des Mannheimers -gegen die Klaviatur hinab, der Fräulein Engelharts auf das Notenheft. -Endlich, beide gleichzeitig, wie nach geheimer Verständigung, standen -sie vorsichtig auf, und leise, auf den Zehen, indem sie es künstlich -vermieden, sich nach der anderen noch belebten Zimmerecke umzusehen, die -Köpfe eingezogen und die Arme steif am Leibe, verschwanden der -Mannheimer und die Lehrerin miteinander durch das Schreib- und -Lesezimmer. „_Tout le monde se retire_“, sagte Frau Chauchat. -„_C’étaient les derniers; il se fait tard. Eh bien, la fête de carnaval -est finie._“ Und sie hob die Arme, um mit beiden Händen die Papiermütze -von ihrem rötlichen Haar zu nehmen, dessen Zopf als Kranz um den Kopf -geschlungen war. „_Vous connaissez les conséquences, monsieur._“ - -Aber Hans Castorp verneinte mit geschlossenen Augen, ohne im übrigen -seine Stellung zu verändern. Er antwortete: - -„_Jamais, Clawdia. Jamais je te dirai »vous«, jamais de la vie ni de la -mort_, wenn man so sagen kann, – man sollte es können. _Cette forme de -s’adresser à une personne, qui est celle de l’Occident cultivé et de la -civilisation humanitaire, me semble fort bourgeoise et pédante. -Pourquoi, au fond, de la forme? La forme, c’est la pédanterie elle-même! -Tout ce que vous avez fixé à l’égard de la morale, toi et ton -compatriote souffrant, – tu veux sérieusement que ça me surprenne? Pour -quel sot me prends-tu? Dis donc, qu’est-ce que tu penses de moi?_“ - -„_C’est un sujet qui ne donne pas beaucoup à penser. Tu es un petit -bonhomme convenable, de bonne famille, d’une tenue appétissante, -disciple docile de ses précepteurs et qui retournera bientôt dans les -plaines, pour oublier complètement qu’il a jamais parlé en rêve ici et -pour aider à rendre son pays grand et puissant par son travail honnête -sur le chantier. Voilà ta photographie intime, faite sans appareil. Tu -la trouves exacte, j’espère?_“ - -„_Il y manque quelques détails que Behrens y a trouvés._“ - -„_Ah, les médecins en trouvent toujours, ils s’y connaissent ..._“ - -„_Tu parles comme M. Settembrini. Et ma fièvre? D’où vient-elle?_“ - -„_Allons donc, c’est un incident sans conséquence qui passera vite._“ - -„_Non, Clawdia, tu sais bien que ce que tu dis là n’est pas vrai et tu -le dis sans conviction, j’en suis sûr. La fièvre de mon corps et le -battement de mon cœur harassé et le frissonnement de mes membres, c’est -le contraire d’un incident, car ce n’est rien d’autre_ –“ und sein -bleiches Gesicht mit den zuckenden Lippen beugte sich tiefer zu dem -ihren – „_rien d’autre que mon amour pour toi, oui, cet amour qui m’a -saisi à l’instant, où mes yeux t’ont vue, ou, plutôt, que j’ai reconnu, -quand je t’ai reconnue toi, – et c’était lui, évidemment, qui m’a mené à -cet endroit ..._“ - -„_Quelle folie!_“ - -„_Oh, l’amour n’est rien, s’il n’est pas de la folie, une chose -insensée, défendue et une aventure dans le mal. Autrement c’est une -banalité agréable, bonne pour en faire de petites chansons paisibles -dans les plaines. Mais quant à ce que je t’ai reconnue et que j’ai -reconnu mon amour pour toi, – oui, c’est vrai, je t’ai déjà connue, -anciennement, toi et tes yeux merveilleusement obliques et ta bouche et -ta voix, avec laquelle tu parles, – une fois déjà, lorsque j’étais -collégien, je t’ai demandé ton crayon, pour faire enfin ta connaissance -mondaine, parce que je t’aimais irraisonnablement, et c’est de là, sans -doute, c’est de mon ancien amour pour toi, que ces marques me restent -que Behrens a trouvées dans mon corps, et qui indiquent que jadis aussi -j’étais malade ..._“ - -Seine Zähne schlugen aufeinander. Er hatte den einen Fuß unter seinem -knisternden Stuhl hervorgezogen, während er phantasierte, und indem er -ihn vorschob, diesen Fuß, berührte er mit dem anderen Knie schon den -Boden, so daß er denn also neben ihr kniete, gebeugten Kopfes und am -ganzen Körper zitternd. „_Je t’aime_,“ lallte er, „_je t’ai aimée de -tout temps, car tu es le Toi de ma vie, mon rêve, mon sort, mon envie, -mon éternel désir ..._“ - -„_Allons, allons!_“ sagte sie. „_Si tes précepteurs te voyaient ..._“ - -Aber er schüttelte verzweifelt den Kopf, das Gesicht über den Teppich, -und antwortete: - -„_Je m’en ficherais, je me fiche de tous ces Carducci et de la -République éloquente et du progrès humain dans le temps, car je -t’aime!_“ - -Sie streichelte ihm leicht mit der Hand das kurzgeschorene Haar am -Hinterkopf. - -„_Petit bourgeois!_“ sagte sie. „_Joli bourgeois à la petite tache -humide. Est-ce vrai que tu m’aimes tant?_“ - -Und begeistert von ihrer Berührung, nun auf beiden Knien, den Kopf im -Nacken und mit geschlossenen Augen fuhr er zu sprechen fort: - -„_Oh, l’amour, tu sais ... Le corps, l’amour, la mort, ces trois ne font -qu’un. Car le corps, c’est la maladie et la volupté, et c’est lui qui -fait la mort, oui, ils sont charnels tous deux, l’amour et la mort, et -voilà leur terreur et leur grande magie! Mais la mort, tu comprends, -c’est d’une part une chose mal famée, impudente qui fait rougir de -honte; et d’autre part c’est une puissance très solennelle et très -majestueuse, – beaucoup plus haute que la vie riante gagnant de la -monnaie et farcissant sa panse, – beaucoup plus vénérable que le progrès -qui bavarde par les temps, – parce qu’elle est l’histoire et la noblesse -et la piété et l’éternel et le sacré qui nous fait tirer le chapeau et -marcher sur la pointe des pieds ... Or, de même, le corps, lui aussi, et -l’amour du corps, sont une affaire indécente et fâcheuse, et le corps -rougit et pâlit à sa surface par frayeur et honte de lui-même. Mais -aussi il est une grande gloire adorable, image miraculeuse de la vie -organique, sainte merveille de la forme et de la beauté, et l’amour pour -lui, pour le corps humain, c’est de même un intérêt extrêmement -humanitaire et une puissance plus éducative que toute la pédagogie du -monde! ... Oh, enchantante beauté organique qui ne se compose ni de -teinture à l’huile ni de pierre, mais de matière vivante et corruptible, -pleine du secret fébrile de la vie et de la pourriture! Regarde la -symétrie merveilleuse de l’édifice humain, les épaules et les hanches et -les mamelons fleurissants de part et d’autre sur la poitrine, et les -côtes arrangées par paires, et le nombril au milieu dans la mollesse du -ventre, et le sexe obscur entre les cuisses! Regarde les omoplates se -remuer sous la peau soyeuse du dos, et l’échine qui descend vers la -luxuriance double et fraîche des fesses, et les grandes branches des -vases et des nerfs qui passent du tronc aux rameaux par les aisselles, -et comme la structure des bras correspond à celle des jambes. Oh, les -douces régions de la jointure intérieure du coude et du jarret avec leur -abondance de délicatesses organiques sous leurs coussins de chair! -Quelle fête immense de les caresser ces endroits délicieux du corps -humain! Fête à mourir sans plainte après! Oui, mon dieu, laisse-moi -sentir l’odeur de la peau de ta rotule, sous laquelle l’ingénieuse -capsule articulaire sécrète son huile glissante! Laisse-moi toucher -dévotement de ma bouche l’Arteria femoralis qui bat au front de ta -cuisse et qui se divise plus bas en les deux artères du tibia! -Laisse-moi ressentir l’exhalation de tes pores et tâter ton duvet, image -humaine d’eau et d’albumine, destinée pour l’anatomie du tombeau, et -laisse-moi périr, mes lèvres aux tiennes!_“ - -Er öffnete die Augen nicht, nachdem er gesprochen; er blieb, wie er war, -den Kopf im Nacken, die Hände mit dem Silberstiftchen von sich -gestreckt, auf seinen Knien bebend und schwankend. Sie sagte: - -„_Tu es en effet un galant qui sait solliciter d’une manière profonde, à -l’allemande._“ - -Und sie setzte ihm die Papiermütze auf. - -„_Adieu, mon prince Carnaval! Vous aurez une mauvaise ligne de fièvre ce -soir, je vous le prédis._“ - -Damit glitt sie vom Stuhl, glitt über den Teppich zur Tür, in deren -Rahmen sie zögerte, halb rückwärts gewandt, einen ihrer nackten Arme -erhoben, die Hand an der Türangel. Über die Schulter sagte sie leise: - -„_N’oubliez pas de me rendre mon crayon._“ - -Und trat hinaus. - - - Druck vom Bibliographischen Institut in Leipzig - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die -Schreibweise häufig vorkommender Namen wurde vereinheitlicht. Weitere -Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme späterer Auflagen, sind hier -aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 36]: - ... verschiedene Gemütsbewegungen hin und her geworfen, bis ... - ... verschiedenen Gemütsbewegungen hin und her geworfen, bis ... - - [S. 39]: - ... die Wangen streifenden Halskragen des Großvaters ausfüllte. ... - ... die Wangen streifenden Halskragens des Großvaters - ausfüllte. ... - - [S. 58]: - ... gegeben und selbstverständlich betrachten und vor dem - Einfall, ... - ... gegeben und selbstverständlich betrachten und von dem - Einfall, ... - - [S. 81]: - ... Vetter macht. In ihrem Fall kann man gar nichts Schlaueres ... - ... Vetter macht. In Ihrem Fall kann man gar nichts Schlaueres ... - - [S. 90]: - ... auf Platz Davos, etwa in Drittelhöhe des Ganges, und - gewährte ... - ... auf Platz Davos, etwa in Drittelhöhe des Hanges, und - gewährte ... - - [S. 104]: - ... „Wie heißt es doch in der Oper ihres Meisters? ‚Der - Vogelfänger ... - ... „Wie heißt es doch in der Oper Ihres Meisters? ‚Der - Vogelfänger ... - - [S. 136]: - ... den Revolver von ihrer Schläfe weg, es ist nicht anzusehen! ... - ... den Revolver von Ihrer Schläfe weg, es ist nicht anzusehen! ... - - [S. 147]: - ... Ihnen nicht zuträglich zu sein scheint, da sie sich - körperlich und, ... - ... Ihnen nicht zuträglich zu sein scheint, da Sie sich - körperlich und, ... - - [S. 155]: - ... Vorhaben erwachte, seinen Vetter Joachim morgen von diesem ... - ... Vorhaben erwachte, seinem Vetter Joachim morgen von diesem ... - - [S. 165]: - ... als Sie sich den Anschein geben, da sie offenbar Geist - besitzen. ... - ... als Sie sich den Anschein geben, da Sie offenbar Geist - besitzen. ... - - [S. 165]: - ... So entspricht es ihrem Alter, welches männlicher - Entschlossenheit ... - ... So entspricht es Ihrem Alter, welches männlicher - Entschlossenheit ... - - [S. 173]: - ... die Griffe übte, die man ihm lehrte. Nur einige ... - ... die Griffe übte, die man ihn lehrte. Nur einige ... - - [S. 190]: - ... Ingenieur. Sie sind in ihrem Elemente, das freut mich. ... - ... Ingenieur. Sie sind in Ihrem Elemente, das freut mich. ... - - [S. 198]: - ... und dann schräg hin und ziemlich steil den rechtsseitigen - Gang ... - ... und dann schräg hin und ziemlich steil den rechtsseitigen - Hang ... - - [S. 269]: - ... Humanität überhaupt, alte Menschenwürde, Menschenachtung ... - ... Humanität überhaupt, alle Menschenwürde, Menschenachtung ... - - [S. 303]: - ... wie sie sich anspielen.“ Und wie vorhin begann er sein - Klopfen. ... - ... wie Sie sich anspielen.“ Und wie vorhin begann er sein - Klopfen. ... - - [S. 330]: - ... Wir wollen hoffen, daß sie bei Ihrem Mann im Osten wieder ... - ... Wir wollen hoffen, daß sie bei ihrem Mann im Osten wieder ... - - [S. 353]: - ... Palmzweige auf dem Vorderdeckel. Dieser nun, so bemerkte ... - ... Palmzweigen auf dem Vorderdeckel. Dieser nun, so bemerkte ... - - [S. 383]: - ... Wunsch in ihm gezeitigt hätten, des Rausches ledig zu - werden. ... - ... Wunsch in ihm gezeitigt hätte, des Rausches ledig zu werden. ... - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERBERG *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for an eBook, except by following -the terms of the trademark license, including paying royalties for use -of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for -copies of this eBook, complying with the trademark license is very -easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation -of derivative works, reports, performances and research. Project -Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may -do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected -by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our website which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This website includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/65661-h/65661-h.htm b/old/65661-h/65661-h.htm deleted file mode 100644 index 1d9c23b..0000000 --- a/old/65661-h/65661-h.htm +++ /dev/null @@ -1,23081 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" -"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> -<head> -<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> -<title>The Project Gutenberg eBook of Der Zauberberg. Band 1, by Thomas Mann</title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <!-- TITLE="Der Zauberberg. Band 1" --> - <!-- AUTHOR="Thomas Mann" --> - <!-- LANGUAGE="de" --> - <!-- PUBLISHER="Fischer, Berlin" --> - <!-- DATE="1924" --> - <!-- COVER="images/cover.jpg" --> - -<style type='text/css'> - -body { margin-left:15%; margin-right:15%; } - -div.frontmatter .aut { text-indent:0; text-align:center; margin-top:1em; - margin-bottom:1em; font-weight:bold; } -div.frontmatter .ser { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:5em; - margin-top:0; font-size:1.5em; font-weight:bold; } -div.frontmatter h1.title { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; - margin-top:0; font-size:1.5em; font-weight:bold; } -div.frontmatter .subt { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:2em; - font-size:0.8em; } -div.frontmatter .vol { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:2em; - font-size:0.8em; } -div.frontmatter .logo { margin-bottom:1em; } -div.frontmatter .pub { text-indent:0; text-align:center; line-height:2em; } -div.frontmatter .pub .line2{ display:inline-block; border-top:2px solid black; 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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Fischer / Verlag / Berlin</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="aut"> -Thomas Mann -</p> - -<h1 class="title"> -Der Zauberberg -</h1> - -<p class="subt"> -Roman -</p> - -<p class="vol"> -Erster Band -</p> - -<div class="centerpic logo"> -<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> - -<p class="pub"> -<span class="line1">1924</span><br /> -<span class="line2">S. Fischer / Verlag / Berlin</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="cop"> -Erste bis zehnte Auflage<br /> -Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung<br /> -Copyright 1924 by S. Fischer, Verlag, A.-G., Berlin -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="tit"> -Der Zauberberg -</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="intro" id="chapter-0-1"> -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -Vorsatz -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Die Geschichte Hans Castorps, die wir erzählen wollen, – -nicht um seinetwillen (denn der Leser wird einen einfachen, -wenn auch ansprechenden jungen Menschen in ihm kennenlernen), -sondern um der Geschichte willen, die uns in hohem -Grade erzählenswert scheint (wobei zu Hans Castorps Gunsten -denn doch erinnert werden sollte, daß es <em>seine</em> Geschichte ist, -und daß nicht jedem jede Geschichte passiert): diese Geschichte -ist sehr lange her, sie ist sozusagen schon ganz mit historischem -Edelrost überzogen und unbedingt in der Zeitform der tiefsten -Vergangenheit vorzutragen. -</p> - -<p> -Das wäre kein Nachteil für eine Geschichte, sondern eher -ein Vorteil; denn Geschichten müssen vergangen sein, und je -vergangener, könnte man sagen, desto besser für sie in ihrer -Eigenschaft als Geschichten und für den Erzähler, den raunenden -Beschwörer des Imperfekts. Es steht jedoch so mit ihr, -wie es heute auch mit den Menschen und unter diesen nicht -zum wenigsten mit den Geschichtenerzählern steht: sie ist viel -älter als ihre Jahre, ihre Betagtheit ist nicht nach Tagen, das -Alter, das auf ihr liegt, nicht nach Sonnenumläufen zu berechnen; -mit einem Worte: sie verdankt den Grad ihres Vergangenseins -nicht eigentlich der <em>Zeit</em>, – eine Aussage, womit auf die -Fragwürdigkeit und eigentümliche Zwienatur dieses geheimnisvollen -Elementes im Vorbeigehen angespielt und hingewiesen -sei. -</p> - -<p> -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -Um aber einen klaren Sachverhalt nicht künstlich zu verdunkeln: -die hochgradige Verflossenheit unserer Geschichte -rührt daher, daß sie <em>vor</em> einer gewissen, Leben und Bewußtsein -tief zerklüftenden Wende und Grenze spielt ... Sie spielt, oder, -um jedes Präsens geflissentlich zu vermeiden, sie spielte und -hat gespielt vormals, ehedem, in den alten Tagen, der Welt -vor dem großen Kriege, mit dessen Beginn so vieles begann, -was zu beginnen wohl kaum schon aufgehört hat. Vorher -also spielt sie, wenn auch nicht lange vorher. Aber ist der Vergangenheitscharakter -einer Geschichte nicht desto tiefer, vollkommener -und märchenhafter, je dichter „vorher“ sie spielt? -Zudem könnte es sein, daß die unsrige mit dem Märchen -auch sonst, ihrer inneren Natur nach, das eine und andre zu -schaffen hat. -</p> - -<p> -Wir werden sie ausführlich erzählen, genau und gründlich, – -denn wann wäre je die Kurz- oder Langweiligkeit einer Geschichte -abhängig gewesen von dem Raum und der Zeit, die -sie in Anspruch nahm? Ohne Furcht vor dem Odium der -Peinlichkeit, neigen wir vielmehr der Ansicht zu, daß nur das -Gründliche wahrhaft unterhaltend sei. -</p> - -<p> -Im Handumdrehen also wird der Erzähler mit Hansens -Geschichte nicht fertig werden. Die sieben Tage einer Woche -werden dazu nicht reichen und auch sieben Monate nicht. Am -besten ist es, er macht sich im voraus nicht klar, wieviel Erdenzeit -ihm verstreichen wird, während sie ihn umsponnen hält. Es -werden, in Gottes Namen, ja nicht geradezu sieben Jahre sein! -</p> - -<p> -Und somit fangen wir an. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-2"> -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -Erstes Kapitel -</h2> - -</div> - -<h3 class="section1" id="subchap-0-2-1"> -Ankunft -</h3> - -<p class="first"> -Ein einfacher junger Mensch reiste im Hochsommer von -Hamburg, seiner Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen. -Er fuhr auf Besuch für drei Wochen. -</p> - -<p> -Von Hamburg bis dort hinauf, das ist aber eine weite Reise; -zu weit eigentlich im Verhältnis zu einem so kurzen Aufenthalt. -Es geht durch mehrerer Herren Länder, bergauf und bergab, -von der süddeutschen Hochebene hinunter zum Gestade des -Schwäbischen Meeres und zu Schiff über seine springenden -Wellen hin, dahin über Schlünde, die früher für unergründlich -galten. -</p> - -<p> -Von da an verzettelt sich die Reise, die solange großzügig, -in direkten Linien vonstatten ging. Es gibt Aufenthalte und -Umständlichkeiten. Beim Orte Rorschach, auf schweizerischem -Gebiet, vertraut man sich wieder der Eisenbahn, gelangt aber -vorderhand nur bis Landquart, einer kleinen Alpenstation, wo -man den Zug zu wechseln gezwungen ist. Es ist eine Schmalspurbahn, -die man nach längerem Herumstehen in windiger -und wenig reizvoller Gegend besteigt, und in dem Augenblick, -wo die kleine, aber offenbar ungewöhnlich zugkräftige Maschine -sich in Bewegung setzt, beginnt der eigentlich abenteuerliche Teil -der Fahrt, ein jäher und zäher Aufstieg, der nicht enden zu -wollen scheint. Denn Station Landquart liegt vergleichsweise -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -noch in mäßiger Höhe; jetzt aber geht es auf wilder, drangvoller -Felsenstraße allen Ernstes ins Hochgebirge. -</p> - -<p> -Hans Castorp – dies der Name des jungen Mannes – befand -sich allein mit seiner krokodilsledernen Handtasche, einem -Geschenk seines Onkels und Pflegevaters, Konsul Tienappel, -um auch diesen Namen hier gleich zu nennen, – seinem Wintermantel, -der an einem Haken schaukelte, und seiner Plaidrolle -in einem kleinen grau gepolsterten Abteil; er saß bei niedergelassenem -Fenster, und da der Nachmittag sich mehr und mehr -verkühlte, so hatte er, Familiensöhnchen und Zärtling, den -Kragen seines modisch weiten, auf Seide gearbeiteten Sommerüberziehers -aufgeschlagen. Neben ihm auf der Bank lag ein -broschiertes Buch namens „<span class="antiqua" lang="en">Ocean steamships</span>“, worin er zu -Anfang der Reise bisweilen studiert hatte; jetzt aber lag es -vernachlässigt da, indes der hereinstreichende Atem der schwer -keuchenden Lokomotive seinen Umschlag mit Kohlenpartikeln -verunreinigte. -</p> - -<p> -Zwei Reisetage entfernen den Menschen – und gar den -jungen, im Leben noch wenig fest wurzelnden Menschen – -seiner Alltagswelt, all dem, was er seine Pflichten, Interessen, -Sorgen, Aussichten nannte, viel mehr, als er sich auf der Droschkenfahrt zum -Bahnhof wohl träumen ließ. Der Raum, der sich -drehend und fliehend zwischen ihn und seine Pflanzstätte wälzt, -bewährt Kräfte, die man gewöhnlich der Zeit vorbehalten -glaubt; von Stunde zu Stunde stellt er innere Veränderungen -her, die den von ihr bewirkten sehr ähnlich sind, aber sie in gewisser -Weise übertreffen. Gleich ihr erzeugt er Vergessen; er tut es -aber, indem er die Person des Menschen aus ihren Beziehungen -löst und ihn in einen freien und ursprünglichen Zustand versetzt, -– ja, selbst aus dem Pedanten und Pfahlbürger macht er -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -im Handumdrehen etwas wie einen Vagabunden. Zeit, sagt -man, ist Lethe; aber auch Fernluft ist so ein Trank, und sollte -sie weniger gründlich wirken, so tut sie es dafür desto rascher. -</p> - -<p> -Dergleichen erfuhr auch Hans Castorp. Er hatte nicht beabsichtigt, -diese Reise sonderlich wichtig zu nehmen, sich innerlich -auf sie einzulassen. Seine Meinung vielmehr war gewesen, -sie rasch abzutun, weil sie abgetan werden mußte, ganz als -derselbe zurückzukehren, als der er abgefahren war, und sein -Leben genau dort wieder aufzunehmen, wo er es für einen -Augenblick hatte liegen lassen müssen. Noch gestern war er -völlig in dem gewohnten Gedankenkreise befangen gewesen, -hatte sich mit dem jüngst Zurückliegenden, seinem Examen, -und dem unmittelbar Bevorstehenden, seinem Eintritt in die -Praxis bei Tunder & Wilms (Schiffswerft, Maschinenfabrik und -Kesselschmiede), beschäftigt und über die nächsten drei Wochen -mit soviel Ungeduld hinweggeblickt, als seine Gemütsart nur -immer zuließ. Jetzt aber war ihm doch, als ob die Umstände -seine volle Aufmerksamkeit erforderten und als ob es nicht angehe, -sie auf die leichte Achsel zu nehmen. Dieses Emporgehobenwerden -in Regionen, wo er noch nie geatmet und wo, wie -er wußte, völlig ungewohnte, eigentümlich dünne und spärliche -Lebensbedingungen herrschten, – es fing an, ihn zu erregen, ihn -mit einer gewissen Ängstlichkeit zu erfüllen. Heimat und Ordnung -lagen nicht nur weit zurück, sie lagen hauptsächlich klaftertief -unter ihm, und noch immer stieg er darüber hinaus. Schwebend -zwischen ihnen und dem Unbekannten fragte er sich, wie es -ihm dort oben ergehen werde. Vielleicht war es unklug und unzuträglich, -daß er, geboren und gewohnt, nur ein paar Meter -über dem Meeresspiegel zu atmen, sich plötzlich in diese extremen -Gegenden befördern ließ, ohne wenigstens einige Tage an -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -einem Platze von mittlerer Lage verweilt zu haben? Er wünschte, -am Ziel zu sein, denn einmal oben, dachte er, würde man leben -wie überall und nicht so wie jetzt im Klimmen daran erinnert -sein, in welchen unangemessenen Sphären man sich befand. Er -sah hinaus: der Zug wand sich gebogen auf schmalem Paß; -man sah die vorderen Wagen, sah die Maschine, die in ihrer -Mühe braune, grüne und schwarze Rauchmassen ausstieß, -die verflatterten. Wasser rauschten in der Tiefe zur Rechten; -links strebten dunkle Fichten zwischen Felsblöcken gegen einen -steingrauen Himmel empor. Stockfinstere Tunnel kamen, und -wenn es wieder Tag wurde, taten weitläufige Abgründe mit -Ortschaften in der Tiefe sich auf. Sie schlossen sich, neue -Engpässe folgten, mit Schneeresten in ihren Schründen und -Spalten. Es gab Aufenthalte an armseligen Bahnhofshäuschen, -Kopfstationen, die der Zug in entgegengesetzter -Richtung verließ, was verwirrend wirkte, da man nicht mehr -wußte, wie man fuhr und sich der Himmelsgegenden nicht -länger entsann. Großartige Fernblicke in die heilig-phantasmagorisch -sich türmende Gipfelwelt des Hochgebirges, in das -man hinan- und hineinstrebte, eröffneten sich und gingen dem -ehrfürchtigen Auge durch Pfadbiegungen wieder verloren. -Hans Castorp bedachte, daß er die Zone der Laubbäume unter -sich gelassen habe, auch die der Singvögel wohl, wenn ihm -recht war, und dieser Gedanke des Aufhörens und der Verarmung -bewirkte, daß er, angewandelt von einem leichten -Schwindel und Übelbefinden, für zwei Sekunden die Augen -mit der Hand bedeckte. Das ging vorüber. Er sah, daß der -Aufstieg ein Ende genommen hatte, die Paßhöhe überwunden -war. Auf ebener Talsohle rollte der Zug nun bequemer -dahin. -</p> - -<p> -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -Es war gegen acht Uhr, noch hielt sich der Tag. Ein See -erschien in landschaftlicher Ferne, seine Flut war grau, und -schwarz stiegen Fichtenwälder neben seinen Ufern an den umgebenden -Höhen hinan, wurden dünn weiter oben, verloren -sich und ließen nebelig-kahles Gestein zurück. Man hielt an -einer kleinen Station, es war Davos-Dorf, wie Hans Castorp -draußen ausrufen hörte, er würde nun binnen kurzem am -Ziele sein. Und plötzlich vernahm er neben sich Joachim -Ziemßens Stimme, seines Vetters gemächliche Hamburger -Stimme, die sagte: „Tag, du, nun steige nur aus“; und wie -er hinaussah, stand unter seinem Fenster Joachim selbst auf -dem Perron, in braunem Ulster, ganz ohne Kopfbedeckung und -so gesund aussehend wie in seinem Leben noch nicht. Er lachte -und sagte wieder: -</p> - -<p> -„Komm nur heraus, du, geniere dich nicht!“ -</p> - -<p> -„Ich bin aber noch nicht da“, sagte Hans Castorp verdutzt -und noch immer sitzend. -</p> - -<p> -„Doch, du bist da. Dies ist das Dorf. Zum Sanatorium -ist es näher von hier. Ich habe ’nen Wagen mit. Gib mal -deine Sachen her.“ -</p> - -<p> -Und lachend, verwirrt, in der Aufregung der Ankunft und -des Wiedersehens reichte Hans Castorp ihm Handtasche und -Wintermantel, die Plaidrolle mit Stock und Schirm und -schließlich auch „<span class="antiqua" lang="en">Ocean steamships</span>“ hinaus. Dann lief er -über den engen Korridor und sprang auf den Bahnsteig zur -eigentlichen und sozusagen nun erst persönlichen Begrüßung -mit seinem Vetter, die sich ohne Überschwang, wie zwischen -Leuten von kühlen und spröden Sitten, vollzog. Es ist sonderbar -zu sagen, aber von jeher hatten sie es vermieden, einander -beim Vornamen zu nennen, einzig und allein aus Scheu vor -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -zu großer Herzenswärme. Da sie sich aber doch nicht gut mit -Nachnamen anreden konnten, so beschränkten sie sich auf das -Du. Das war eingewurzelte Gewohnheit zwischen den Vettern. -</p> - -<p> -Ein Mann in Livree, mit Tressenmütze, sah zu, wie sie einander -– der junge Ziemßen in militärischer Haltung – rasch -und ein bißchen verlegen die Hände schüttelten, und kam dann -heran, um sich Hans Castorps Gepäckschein auszubitten; denn -er war der Concierge des Internationalen Sanatoriums „Berghof“ -und zeigte sich willens, den großen Koffer des Gastes vom -Bahnhof „Platz“ zu holen, indes die Herren direkt mit dem -Wagen zum Abendbrot fuhren. Der Mann hinkte auffallend, -und so war das erste, was Hans Castorp Joachim Ziemßen -fragte: -</p> - -<p> -„Ist das ein Kriegsveteran? Was hinkt er denn so?“ -</p> - -<p> -„Ja, danke!“ erwiderte Joachim etwas bitter. „Ein Kriegsveteran! -Der hat es im Knie – oder hatte es doch, denn dann -hat er sich die Kniescheibe herausnehmen lassen.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp besann sich so rasch er konnte. „Ja, so!“ -sagte er, indem er im Gehen den Kopf hob und sich flüchtig umblickte. -„Du wirst mir doch aber nicht weismachen wollen, -daß du noch so etwas hast? Du siehst ja aus, als ob du dein -Portepee schon hättest und gerade aus dem Manöver kämst.“ -Und er sah den Vetter von der Seite an. -</p> - -<p> -Joachim war größer und breiter als er, ein Bild der Jugendkraft -und wie für die Uniform geschaffen. Er war von dem -sehr braunen Typus, den seine blonde Heimat nicht selten hervorbringt, -und seine ohnehin dunkle Gesichtshaut war durch -Verbrennung beinahe bronzefarben geworden. Mit seinen -großen schwarzen Augen und dem dunklen Schnurrbärtchen -über dem vollen, gut geschnittenen Munde wäre er geradezu -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -schön gewesen, wenn er nicht abstehende Ohren gehabt hätte. -Sie waren sein einziger Kummer und Lebensschmerz gewesen -bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Jetzt hatte er andere Sorgen. -Hans Castorp fuhr fort: -</p> - -<p> -„Du kommst doch gleich mit mir hinunter? Ich sehe wirklich -kein Hindernis.“ -</p> - -<p> -„Gleich mit dir?“ fragte der Vetter und wandte ihm seine -großen Augen zu, die immer sanft gewesen waren, in diesen -fünf Monaten aber einen etwas müden, ja traurigen Ausdruck -angenommen hatten. „Gleich wann?“ -</p> - -<p> -„Na, in drei Wochen.“ -</p> - -<p> -„Ach so, du fährst wohl schon wieder nach Hause in deinen -Gedanken“, antwortete Joachim. „Nun, warte nur, du kommst -ja eben erst an. Drei Wochen sind freilich fast nichts für uns -hier oben, aber für dich, der du zu Besuch hier bist und überhaupt -nur drei Wochen bleiben sollst, für dich ist es doch eine -Menge Zeit. Erst akklimatisiere dich mal, das ist gar nicht so -leicht, sollst du sehen. Und dann ist das Klima auch nicht das -einzig Sonderbare bei uns. Du wirst hier mancherlei Neues -sehen, paß auf. Und was du von mir sagst, das geht denn -doch nicht so flott mit mir, du, ‚in drei Wochen nach Haus‘, -das sind so Ideen von unten. Ich bin ja wohl braun, aber -das ist hauptsächlich Schneeverbrennung und hat nicht viel -zu bedeuten, wie Behrens auch immer sagt, und bei der letzten -Generaluntersuchung hat er gesagt, ein halbes Jahr wird es -wohl ziemlich sicher noch dauern.“ -</p> - -<p> -„Ein halbes Jahr? Bist du toll?“ rief Hans Castorp. Sie -hatten sich eben vor dem Stationsgebäude, das nicht viel -mehr als ein Schuppen war, in das gelbe Kabriolett gesetzt, -das dort auf steinigem Platze bereit stand, und während -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -die beiden Braunen anzogen, warf sich Hans Castorp empört -auf dem harten Kissen herum. „Ein halbes Jahr? du -bist ja schon fast ein halbes Jahr hier! Man hat doch nicht -so viel Zeit –!“ -</p> - -<p> -„Ja, Zeit“, sagte Joachim und nickte mehrmals geradeaus, -ohne sich um des Vetters ehrliche Entrüstung zu kümmern. „Die -springen hier um mit der menschlichen Zeit, das glaubst du gar -nicht. Drei Wochen sind wie ein Tag vor ihnen. Du wirst -schon sehen. Du wirst das alles schon lernen“, sagte er und -setzte hinzu: „Man ändert hier seine Begriffe.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp betrachtete ihn unausgesetzt von der Seite. -</p> - -<p> -„Du hast dich aber doch prachtvoll erholt“, sagte er kopfschüttelnd. -</p> - -<p> -„Ja, meinst du?“ antwortete Joachim. „Nicht wahr, ich -denke doch auch!“ sagte er und setzte sich höher ins Kissen zurück; -doch nahm er gleich wieder eine schrägere Stellung ein. -„Es geht mir ja besser“, erklärte er; „aber gesund bin ich eben -noch nicht. Links oben, wo früher Rasseln zu hören war, klingt -es jetzt nur noch rauh, das ist nicht so schlimm, aber unten ist -es noch <em>sehr</em> rauh, und dann sind auch im zweiten Interkostalraum -Geräusche.“ -</p> - -<p> -„Wie gelehrt du geworden bist“, sagte Hans Castorp. -</p> - -<p> -„Ja, das ist, weiß Gott, eine nette Gelehrsamkeit. Die hätte -ich gern im Dienste schon wieder verschwitzt“, erwiderte -Joachim. „Aber ich habe noch Sputum“, sagte er mit einem -zugleich lässigen und heftigen Achselzucken, das ihm nicht gut -zu Gesichte stand, und ließ seinen Vetter etwas sehen, was er -aus der ihm zugekehrten Seitentasche seines Ulsters zur Hälfte -herauszog und gleich wieder verwahrte: eine flache, geschweifte -Flasche aus blauem Glase mit einem Metallverschluß. „Das -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -haben die meisten von uns hier oben“, sagte er. „Es hat auch -einen Namen bei uns, so einen Spitznamen, ganz fidel. Du -siehst dir die Gegend an?“ -</p> - -<p> -Das tat Hans Castorp, und er äußerte: „Großartig!“ -</p> - -<p> -„Findest du?“ fragte Joachim. -</p> - -<p> -Sie hatten die unregelmäßig bebaute, der Eisenbahn gleichlaufende -Straße ein Stück in der Richtung der Talachse verfolgt, -hatten dann nach links hin das schmale Geleise gekreuzt, -einen Wasserlauf überquert und trotteten nun auf sanft ansteigendem -Fahrweg bewaldeten Hängen entgegen, dorthin, -wo auf niedrig vorspringendem Wiesenplateau, die Front -südwestlich gewandt, ein langgestrecktes Gebäude mit Kuppelturm, -das vor lauter Balkonlogen von weitem löcherig -und porös wirkte wie ein Schwamm, soeben die ersten Lichter -aufsteckte. Es dämmerte rasch. Ein leichtes Abendrot, das eine -Weile den gleichmäßig bedeckten Himmel belebt hatte, war -schon verblichen, und jener farblose, entseelte und traurige Übergangszustand -herrschte in der Natur, der dem vollen Einbruch -der Nacht unmittelbar vorangeht. Das besiedelte Tal, lang -hingestreckt und etwas gewunden, beleuchtete sich nun überall, -auf dem Grunde sowohl wie da und dort an den beiderseitigen -Lehnen, – an der rechten zumal, die auslud, und an der Baulichkeiten -terrassenförmig aufstiegen. Links liefen Pfade die -Wiesenhänge hinan und verloren sich in der stumpfen Schwärze -der Nadelwälder. Die entfernteren Bergkulissen, hinten am -Ausgang, gegen den das Tal sich verjüngte, zeigten ein nüchternes -Schieferblau. Da ein Wind sich aufgemacht hatte, wurde -die Abendkühle empfindlich. -</p> - -<p> -„Nein, ich finde es offen gestanden nicht so überwältigend“, -sagte Hans Castorp. „Wo sind denn die Gletscher und Firnen -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -und die gewaltigen Bergesriesen? Diese Dinger sind doch nicht -sehr hoch, wie mir scheint.“ -</p> - -<p> -„Doch, sie sind hoch“, antwortete Joachim. „Du siehst die -Baumgrenze fast überall, sie markiert sich ja auffallend scharf, -die Fichten hören auf, und damit hört alles auf, aus ist es, -Felsen, wie du bemerkst. Da drüben, rechts von dem Schwarzhorn, -dieser Zinke dort, hast du sogar einen Gletscher, siehst du -das Blaue noch? Er ist nicht groß, aber es ist ein Gletscher, wie -es sich gehört, der Scaletta-Gletscher. Piz Michel und Tinzenhorn -in der Lücke, du kannst sie von hier aus nicht sehen, -liegen auch immer im Schnee, das ganze Jahr.“ -</p> - -<p> -„In ewigem Schnee“, sagte Hans Castorp. -</p> - -<p> -„Ja, ewig, wenn du willst. Doch, hoch ist das alles schon. -Aber wir selbst sind scheußlich hoch, mußt du bedenken. Sechzehnhundert -Meter über dem Meer. Da kommen die Erhebungen -nicht so zur Geltung.“ -</p> - -<p> -„Ja, war das eine Kletterei! Mir ist angst und bange geworden, -kann ich dir sagen. Sechzehnhundert Meter! Das -sind ja annähernd fünftausend Fuß, wenn ich es ausrechne. -In meinem Leben war ich noch nicht so hoch.“ Und Hans -Castorp nahm neugierig einen tiefen, probenden Atemzug von -der fremden Luft. Sie war frisch – und nichts weiter. Sie -entbehrte des Duftes, des Inhaltes, der Feuchtigkeit, sie ging -leicht ein und sagte der Seele nichts. -</p> - -<p> -„Ausgezeichnet!“ bemerkte er höflich. -</p> - -<p> -„Ja, es ist ja eine berühmte Luft. Übrigens präsentiert sich -die Gegend heute abend nicht vorteilhaft. Manchmal nimmt -sie sich besser aus, besonders im Schnee. Aber man sieht sich -sehr satt an ihr. Wir alle hier oben, kannst du mir glauben, -haben sie ganz unaussprechlich satt“, sagte Joachim, und sein -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -Mund wurde von einem Ausdruck des Ekels verzogen, der -übertrieben und unbeherrscht wirkte und ihn wiederum nicht -gut kleidete. -</p> - -<p> -„Du sprichst so sonderbar“, sagte Hans Castorp. -</p> - -<p> -„Spreche ich sonderbar?“ fragte Joachim mit einer gewissen -Besorgnis und wandte sich seinem Vetter zu ... -</p> - -<p> -„Nein, nein, verzeih, es kam mir wohl nur einen Augenblick -so vor!“ beeilte sich Hans Castorp zu sagen. Er hatte -aber die Wendung „Wir hier oben“ gemeint, die Joachim -schon zum dritten- oder viertenmal gebraucht hatte und die -ihn auf irgendeine Weise beklemmend und seltsam anmutete. -</p> - -<p> -„Unser Sanatorium liegt noch höher als der Ort, wie du -siehst“, fuhr Joachim fort. „Fünfzig Meter. Im Prospekt -steht ‚hundert‘, aber es sind bloß fünfzig. Am allerhöchsten -liegt das Sanatorium Schatzalp dort drüben, man kann es -nicht sehen. Die müssen im Winter ihre Leichen per Bobschlitten -herunterbefördern, weil dann die Wege nicht fahrbar sind.“ -</p> - -<p> -„Ihre Leichen? Ach so! Na, höre mal!“ rief Hans Castorp. -Und plötzlich geriet er ins Lachen, in ein heftiges, unbezwingliches -Lachen, das seine Brust erschütterte und sein vom kühlen -Wind etwas steifes Gesicht zu einer leise schmerzenden Grimasse -verzog. „Auf dem Bobschlitten! Und das erzählst du -mir so in aller Gemütsruhe? Du bist ja ganz zynisch geworden -in diesen fünf Monaten!“ -</p> - -<p> -„Gar nicht zynisch“, antwortete Joachim achselzuckend. -„Wieso denn? Das ist den Leichen doch einerlei ... Übrigens -kann es wohl sein, daß man zynisch wird hier bei uns. Behrens -selbst ist auch so ein alter Zyniker – ein famoses Huhn -nebenbei, alter Korpsstudent und glänzender Operateur, wie -es scheint, er wird dir gefallen. Dann ist da noch Krokowski, -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -der Assistent – ein ganz gescheutes Etwas. Im Prospekt ist -besonders auf seine Tätigkeit hingewiesen. Er treibt nämlich -Seelenzergliederung mit den Patienten.“ -</p> - -<p> -„Was treibt er? Seelenzergliederung? Das ist ja widerlich!“ -rief Hans Castorp, und nun nahm seine Heiterkeit überhand. -Er war ihrer gar nicht mehr Herr, nach allem andern -hatte die Seelenzergliederung es ihm vollends angetan, und -er lachte so sehr, daß die Tränen ihm unter der Hand hervorliefen, -mit der er, sich vorbeugend, die Augen bedeckte. -Joachim lachte ebenfalls herzlich – es schien ihm wohlzutun –, -und so kam es, daß die jungen Leute in großer Aufgeräumtheit -aus ihrem Wagen stiegen, der sie zuletzt im Schritt, auf -steiler, schleifenförmiger Anfahrt vor das Portal des Internationalen -Sanatoriums Berghof getragen hatte. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-2-2"> -Nr. 34 -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Gleich zur Rechten, zwischen Haustor und Windfang, war -die Concierge-Loge gelegen, und von dort kam ein Bediensteter -von französischem Typus, der, am Telephon sitzend, Zeitungen -gelesen hatte, in der grauen Livree des hinkenden Mannes am -Bahnhof ihnen entgegen und führte sie durch die wohlbeleuchtete -Halle, an deren linker Seite Gesellschaftsräume lagen. Im -Vorübergehen blickte Hans Castorp hinein und fand sie leer. -Wo denn die Gäste seien, fragte er, und sein Vetter antwortete: -</p> - -<p> -„In der Liegekur. Ich hatte Ausgang heute, weil ich dich -abholen wollte. Sonst liege ich auch nach dem Abendbrot auf -dem Balkon.“ -</p> - -<p> -Es fehlte nicht viel, daß Hans Castorp aufs neue vom Lachen -überwältigt wurde. -</p> - -<p> -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -„Was, ihr liegt noch bei Nacht und Nebel auf dem Balkon?“ -fragte er mit wankender Stimme ... -</p> - -<p> -„Ja, das ist Vorschrift. Von acht bis zehn. Aber komm -nun, sieh dir dein Zimmer an und wasch’ dir die Hände.“ -</p> - -<p> -Sie bestiegen den Lift, dessen elektrisches Triebwerk der Franzose -bediente. Im Hinaufgleiten trocknete Hans Castorp sich -die Augen. -</p> - -<p> -„Ich bin ganz entzwei und erschöpft vor Lachen“, sagte er -und atmete durch den Mund. „Du hast mir soviel tolles Zeug -erzählt ... Das mit der Seelenzergliederung war zu stark, das -hätte nicht kommen dürfen. Außerdem bin ich doch auch wohl -ein bißchen abgespannt von der Reise. Leidest du auch so -an kalten Füßen? Gleichzeitig hat man dann so ein heißes -Gesicht, das ist unangenehm. Wir essen wohl gleich? Mir -scheint, ich habe Hunger. Ißt man denn anständig bei euch -hier oben?“ -</p> - -<p> -Sie gingen geräuschlos den Kokosläufer des schmalen Korridors -entlang. Glocken aus Milchglas sandten von der Decke -ein bleiches Licht. Die Wände schimmerten weiß und hart, mit -einer lackartigen Ölfarbe überzogen. Eine Krankenschwester -zeigte sich irgendwo, in weißer Haube und einen Zwicker auf -der Nase, dessen Schnur sie sich hinter das Ohr gelegt hatte. -Offenbar war sie protestantischer Konfession, ohne rechte Hingabe -an ihren Beruf, neugierig und von Langerweile beunruhigt -und belastet. An zwei Stellen des Ganges, auf dem -Fußboden vor den weiß lackierten numerierten Türen, standen -gewisse Ballons, große, bauchige Gefäße mit kurzen Hälsen, -nach deren Bedeutung zu fragen Hans Castorp fürs erste -vergaß. -</p> - -<p> -„Hier bist du“, sagte Joachim. „Nummer Vierunddreißig. -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -Rechts bin ich, und links ist ein russisches Ehepaar, – etwas -salopp und laut, muß man wohl sagen, aber das war nicht -anders zu machen. Nun, was sagst du?“ -</p> - -<p> -Die Tür war doppelt, mit Kleiderhaken im inneren Hohlraum. -Joachim hatte das Deckenlicht eingeschaltet, und in -seiner zitternden Klarheit zeigte das Zimmer sich heiter und -friedlich, mit seinen weißen, praktischen Möbeln, seinen ebenfalls -weißen, starken, waschbaren Tapeten, seinem reinlichen -Linoleum-Fußbodenbelag und den leinenen Vorhängen, die -in modernem Geschmacke einfach und lustig bestickt waren. -Die Balkontür stand offen; man gewahrte die Lichter des Tals -und vernahm eine entfernte Tanzmusik. Der gute Joachim -hatte einige Blumen in eine kleine Vase auf die Kommode -gestellt, – was eben im zweiten Grase zu finden gewesen war, -etwas Schafgarbe und ein paar Glockenblumen, von ihm -selbst am Hange gepflückt. -</p> - -<p> -„Reizend von dir“, sagte Hans Castorp. „Was für ein -nettes Zimmer! Hier läßt es sich gut und gern ein paar Wochen -hausen.“ -</p> - -<p> -„Vorgestern ist hier eine Amerikanerin gestorben“, sagte -Joachim. „Behrens meinte gleich, daß sie fertig sein würde, -bis du kämest, und daß du das Zimmer dann haben könntest. -Ihr Verlobter war bei ihr, englischer Marineoffizier, aber er -benahm sich nicht gerade stramm. Jeden Augenblick kam er -auf den Korridor hinaus, um zu weinen, ganz wie ein kleiner -Junge. Und dann rieb er sich die Backen mit <span class="antiqua" lang="en">Cold-cream</span> ein, -weil er rasiert war und die Tränen ihn da so brannten. Vorgestern -abend hatte die Amerikanerin noch zwei Blutstürze -ersten Ranges, und damit war Schluß. Aber sie ist schon seit -gestern morgen fort, und dann haben sie hier natürlich gründlich -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -ausgeräuchert, mit Formalin, weißt du, das soll so gut sein -für solche Zwecke.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp nahm diese Erzählung mit einer angeregten -Zerstreutheit auf. Mit zurückgezogenen Ärmeln vor dem geräumigen -Waschbecken stehend, dessen Nickelhähne im elektrischen -Lichte blitzten, warf er kaum einen flüchtigen Blick zu der -weißmetallenen, reinlich bedeckten Bettstatt hinüber. -</p> - -<p> -„Ausgeräuchert, das ist famos“, sagte er gesprächig und -etwas ungereimt, indem er sich die Hände wusch und trocknete. -„Ja, Methylaldehyd, das hält die stärkste Bakterie nicht aus, -– <span class="ss">H₂CO</span>, aber es sticht in die Nase, nicht? Selbstverständlich -ist strengste Sauberkeit eine Grundbedingung ...“ Er sagte -„Selbstvers-tändlich“ mit dem getrennten st, während sein -Vetter sich, seit er Student war, die verbreitetere Aussprache -angewöhnt hatte, und fuhr mit großer Geläufigkeit fort: „Was -ich noch sagen wollte ... Wahrscheinlich hatte der Marineoffizier -sich mit dem Sicherheitsapparat rasiert, möchte ich annehmen, -man macht sich doch leichter wund mit den Dingern, -als mit einem gut abgezogenen Messer, das ist wenigstens -meine Erfahrung, ich gebrauche abwechselnd eins und das andere -... Na, und auf der gereizten Haut tut das Salzwasser -natürlich weh, da war er wohl vom Dienst her gewöhnt, <span class="antiqua" lang="en">Cold-cream</span> -anzuwenden, es fällt mir nichts auf daran ...“ Und er -plauderte weiter, sagte, daß er zweihundert Stück von <span class="antiqua" lang="es">Maria -Mancini</span> – seiner Zigarre – im Koffer habe, – die Revision sei -höchst gemütlich gewesen – und richtete Grüße von verschiedenen -Personen in der Heimat aus. „Wird hier denn nicht -geheizt?“ rief er plötzlich und lief zu den Röhren, um die Hände -daran zu legen ... -</p> - -<p> -„Nein, wir werden hier ziemlich kühl gehalten“, antwortete -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -Joachim. „Da muß es anders kommen, bis im August die -Zentralheizung angezündet wird.“ -</p> - -<p> -„August, August!“ sagte Hans Castorp. „Aber mich friert! -Mich friert abscheulich, nämlich am Körper, denn im Gesicht -bin ich auffallend echauffiert, – da, fühle doch mal, wie ich -brenne!“ -</p> - -<p> -Diese Zumutung, man solle sein Gesicht befühlen, paßte -ganz und gar nicht zu Hans Castorps Natur und berührte -ihn selber peinlich. Joachim ging auch nicht darauf ein, sondern -sagte nur: -</p> - -<p> -„Das ist die Luft und hat nichts zu sagen. Behrens selbst -hat den ganzen Tag blaue Backen. Manche gewöhnen sich -nie. Na, <span class="antiqua" lang="en">go on</span>, wir kriegen sonst nichts mehr zu essen.“ -</p> - -<p> -Draußen zeigte sich wieder die Krankenschwester, kurzsichtig -und neugierig nach ihnen spähend. Aber im ersten Stockwerk -blieb Hans Castorp plötzlich stehen, festgebannt von einem -vollkommen gräßlichen Geräusch, das in geringer Entfernung -hinter einer Biegung des Korridors vernehmlich wurde, einem -Geräusch, nicht laut, aber so ausgemacht abscheulicher Art, -daß Hans Castorp eine Grimasse schnitt und seinen Vetter mit -erweiterten Augen ansah. Es war Husten, offenbar, – eines -Mannes Husten; aber ein Husten, der keinem anderen ähnelte, -den Hans Castorp jemals gehört hatte, ja, mit dem verglichen -jeder andere ihm bekannte Husten eine prächtige und gesunde -Lebensäußerung gewesen war, – ein Husten ganz ohne Lust -und Liebe, der nicht in richtigen Stößen geschah, sondern nur -wie ein schauerlich kraftloses Wühlen im Brei organischer Auflösung -klang. -</p> - -<p> -„Ja,“ sagte Joachim, „da sieht es böse aus. Ein österreichischer -Aristokrat, weißt du, eleganter Mann und ganz wie -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -zum Herrenreiter geboren. Und nun steht es so mit ihm. Aber -er geht noch herum.“ -</p> - -<p> -Während sie ihren Weg fortsetzten, sprach Hans Castorp -angelegentlich über den Husten des Herrenreiters. „Du mußt -bedenken,“ sagte er, „daß ich dergleichen nie gehört habe, daß -es mir völlig neu ist, da macht es natürlich Eindruck auf mich. -Es gibt so vielerlei Husten, trockenen und losen, und der lose -ist eher noch vorteilhafter, wie man allgemein sagt, und besser, -als wenn man so bellt. Als ich in meiner Jugend („in meiner -Jugend“ sagte er) Bräune hatte, da bellte ich wie ein -Wolf, und sie waren alle froh, als es locker wurde, ich kann -mich noch dran erinnern. Aber so ein Husten, wie dieser, war -noch nicht da, für mich wenigstens nicht, – das ist ja gar kein -lebendiger Husten mehr. Er ist nicht trocken, aber lose kann -man ihn auch nicht nennen, das ist noch längst nicht das Wort. -Es ist ja gerade, als ob man dabei in den Menschen hineinsähe, -wie es da aussieht, – alles ein Matsch und Schlamm ...“ -</p> - -<p> -„Na,“ sagte Joachim, „ich höre es ja jeden Tag, du brauchst -es mir nicht zu beschreiben.“ -</p> - -<p> -Aber Hans Castorp konnte sich gar nicht über den vernommenen -Husten beruhigen, er versicherte wiederholt, daß man -förmlich dabei in den Herrenreiter hineinsähe, und als sie das -Restaurant betraten, hatten seine reisemüden Augen einen erregten -Glanz. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-2-3"> -Im Restaurant -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Im Restaurant war es hell, elegant und gemütlich. Es lag -gleich rechts an der Halle, den Konversationsräumen gegenüber, -und wurde, wie Joachim erklärte, hauptsächlich von neu -angekommenen, außer der Zeit speisenden Gästen, und von -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -solchen, die Besuch hatten, benutzt. Aber auch Geburtstage und -bevorstehende Abreisen wurden dort festlich begangen, sowie -günstige Ergebnisse von Generaluntersuchungen. Manchmal -gehe es hoch her im Restaurant, sagte Joachim; auch Champagner -werde serviert. Jetzt saß niemand als eine einzelne -etwa dreißigjährige Dame darin, die in einem Buche las, aber -dabei vor sich hin summte und mit dem Mittelfinger der linken -Hand immerfort leicht auf das Tischtuch klopfte. Als die -jungen Leute sich niedergelassen hatten, wechselte sie den Platz, -um ihnen den Rücken zuzuwenden. Sie sei menschenscheu, erklärte -Joachim leise, und esse immer mit einem Buche im Restaurant. -Man wollte wissen, daß sie schon als ganz junges -Mädchen in Lungensanatorien eingetreten sei und seitdem nicht -mehr in der Welt gelebt habe. -</p> - -<p> -„Nun, dann bist du ja noch ein junger Anfänger gegen sie -mit deinen fünf Monaten und wirst es noch sein, wenn du -ein Jahr auf dem Buckel hast“, sagte Hans Castorp zu seinem -Vetter; worauf Joachim mit jenem Achselzucken, das -ihm früher nicht eigen gewesen war, zur Menukarte griff. -</p> - -<p> -Sie hatten den erhöhten Tisch am Fenster genommen, den -hübschesten Platz. An dem cremefarbenen Vorhang saßen sie -einander gegenüber, die Gesichter beglüht vom Schein des -rot umhüllten elektrischen Tischlämpchens. Hans Castorp faltete -seine frisch gewaschenen Hände und rieb sie behaglich-erwartungsvoll -aneinander, wie er zu tun pflegte, wenn er -sich zu Tische setzte, – vielleicht weil seine Vorfahren vor der -Suppe gebetet hatten. Ein freundliches, gaumig sprechendes -Mädchen in schwarzem Kleide mit weißer Schürze und einem -großen Gesicht von überaus gesunder Farbe bediente sie, und -zu seiner großen Heiterkeit ließ Hans Castorp sich belehren, -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -daß man die Kellnerinnen hier „Saaltöchter“ nenne. Sie bestellten -eine Flasche Gruaud Larose bei ihr, die Hans Castorp -noch einmal fortschickte, um sie besser temperieren zu lassen. -Das Essen war vorzüglich. Es gab Spargelsuppe, gefüllte -Tomaten, Braten mit vielerlei Zutat, eine besonders gut bereitete -süße Speise, eine Käseplatte und Obst. Hans Castorp -aß sehr stark, obgleich sein Appetit sich nicht als so lebhaft erwies, -wie er geglaubt hatte. Aber er war gewohnt, viel zu -essen, auch wenn er keinen Hunger hatte, und zwar aus Selbstachtung. -</p> - -<p> -Joachim tat den Gerichten nicht viel Ehre an. Er hatte die -Küche satt, sagte er, das hätten sie alle hier oben, und es sei -Brauch, auf das Essen zu schimpfen; denn wenn man hier -ewig und drei Tage sitze ... Dagegen trank er mit Vergnügen, -ja mit einer gewissen Hingebung von dem Wein, und gab -unter sorgfältiger Vermeidung allzu gefühlvoller Wendungen -wiederholt seiner Genugtuung Ausdruck, daß jemand da sei, -mit dem man ein vernünftiges Wort reden könne. -</p> - -<p> -„Ja, es ist brillant, daß du gekommen bist!“ sagte er, und -seine gemächliche Stimme war bewegt. „Ich kann wohl sagen, -es ist für mich geradezu ein Ereignis. Das ist doch einmal -eine Abwechslung, – ich meine, es ist ein Einschnitt, eine Gliederung -in dem ewigen, grenzenlosen Einerlei ...“ -</p> - -<p> -„Aber die Zeit muß euch eigentlich schnell hier vergehen“, -meinte Hans Castorp. -</p> - -<p> -„Schnell und langsam, wie du nun willst“, antwortete -Joachim. „Sie vergeht überhaupt nicht, will ich dir sagen, -es ist gar keine Zeit, und es ist auch kein Leben, – nein, das -ist es nicht“, sagte er kopfschüttelnd und griff wieder zum -Glase. -</p> - -<p> -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -Auch Hans Castorp trank, obgleich sein Gesicht nun wie -Feuer brannte. Aber am Körper war ihm noch immer kalt, -und eine besondere freudige und doch etwas quälende Unruhe -war in seinen Gliedern. Seine Worte überhasteten sich, er -versprach sich des öfteren und ging mit einer wegwerfenden -Handbewegung darüber hin. Übrigens war auch Joachim -in belebter Stimmung, und um so freier und aufgeräumter -ging ihr Gespräch, als die summende, pochende Dame ganz -plötzlich aufgestanden und davongegangen war. Sie gestikulierten -beim Essen mit den Gabeln, machten, einen Bissen in -der Backe, wichtige Mienen, lachten, nickten, hoben die Schultern -und hatten noch nicht ordentlich hinuntergeschluckt, wenn -sie schon weitersprachen. Joachim wollte von Hamburg hören -und hatte das Gespräch auf die geplante Elbregulierung gebracht. -</p> - -<p> -„Epochal!“ sagte Hans Castorp. „Epochal für die Entwicklung -unserer Schiffahrt, – gar nicht zu überschätzen. Wir -setzen fünfzig Millionen als sofortige einmalige Ausgabe dafür -ins Budget, und du kannst überzeugt sein, wir wissen genau, -was wir tun.“ -</p> - -<p> -Übrigens sprang er, bei aller Wichtigkeit, die er der Elbregulierung -beimaß, gleich wieder ab von diesem Thema und -verlangte, daß Joachim ihm Weiteres von dem Leben „hier -oben“ und von den Gästen erzähle, was auch bereitwillig -geschah, da Joachim froh war, sich erleichtern und mitteilen -zu können. Das von den Leichen, die man die Bob-Bahn -hinuntersandte, mußte er wiederholen und noch einmal ausdrücklich -versichern, daß es auf Wahrheit beruhe. Da Hans -Castorp wieder vom Lachen ergriffen wurde, lachte auch er, -was er herzlich zu genießen schien, und ließ andere komische -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -Dinge hören, um der Ausgelassenheit Nahrung zu geben. -Eine Dame sitze mit ihm am Tische, namens Frau Stöhr, -ziemlich krank übrigens, eine Musikersgattin aus Cannstatt, – -die sei das Ungebildetste, was ihm jemals vorgekommen. -„Desinfiszieren“ sage sie, – aber in vollstem Ernst. Und den -Assistenten Krokowski nenne sie den „Fomulus“. Das müsse -man nun hinunterschlucken, ohne das Gesicht zu verziehen. -Außerdem sei sie klatschsüchtig, wie übrigens die meisten hier -oben, und einer anderen Dame, Frau Iltis, sage sie nach, -sie trage ein „Sterilett“. „Sterilett nennt sie das, – das ist -doch unbezahlbar!“ Und halb liegend, gegen die Lehnen ihrer -Stühle zurückgeworfen, lachten sie so sehr, daß ihnen der Leib -bebte und sie fast gleichzeitig Schluckauf bekamen. -</p> - -<p> -Zwischendurch betrübte Joachim sich und gedachte seines -Loses. -</p> - -<p> -„Ja, da sitzen wir nun und lachen,“ sagte er mit schmerzendem -Gesicht und zuweilen von den Erschütterungen seines -Zwerchfelles unterbrochen; „und dabei ist gar nicht abzusehen, -wann ich hier wegkomme, denn wenn Behrens sagt: noch ein -halbes Jahr, dann ist es knapp gerechnet, man muß sich auf -mehr gefaßt machen. Aber es ist doch hart, sage mal selbst, -ob es nicht traurig für mich ist. Da war ich nun schon genommen, -und im nächsten Monat könnte ich meine Offiziersprüfung -machen. Und nun lungere ich hier herum mit dem -Thermometer im Mund und zähle die Schnitzer von dieser -ungebildeten Frau Stöhr und versäume die Zeit. Ein Jahr -spielt solch eine Rolle in unserem Alter, es bringt im Leben -unten so viele Veränderungen und Fortschritte mit sich. Und -ich muß hier stagnieren wie ein Wasserloch, – ja, ganz wie -ein fauliger Tümpel, es ist gar kein zu krasser Vergleich ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -Sonderbarerweise antwortete Hans Castorp hierauf nur -mit der Frage, ob man hier eigentlich Porter bekommen könne, -und als sein Vetter ihn etwas erstaunt betrachtete, sah er, daß -jener im Einschlafen begriffen war, – eigentlich schlief er schon. -</p> - -<p> -„Aber du schläfst ja!“ sagte Joachim. „Komm, es ist Zeit, -zu Bett zu gehen, für uns beide.“ -</p> - -<p> -„Es ist überhaupt keine Zeit“, sagte Hans Castorp mit -schwerer Zunge. Aber er ging doch mit, etwas gebückt und -steifbeinig, wie ein Mensch, der von Müdigkeit förmlich zu -Boden gezogen wird, – nahm sich jedoch gewaltsam zusammen, -als er in der nur noch matt erleuchteten Halle Joachim -sagen hörte: -</p> - -<p> -„Da sitzt Krokowski. Ich muß dich, glaube ich, rasch noch -vorstellen.“ -</p> - -<p> -Dr. Krokowski saß im Hellen, am Kamin des einen Konversationszimmers, -gleich bei der offenen Schiebetür, und las -eine Zeitung. Er stand auf, als die jungen Leute auf ihn zutraten -und Joachim in militärischer Haltung sagte: -</p> - -<p> -„Darf ich Ihnen, bitte, meinen Vetter Castorp aus Hamburg -vorstellen, Herr Doktor. Er ist eben erst angekommen.“ -</p> - -<p> -Dr. Krokowski begrüßte den neuen Hausgenossen mit einer -gewissen heiteren, stämmigen und aufmunternden Herzhaftigkeit, -als wollte er andeuten, daß Aug in Auge mit ihm jede -Befangenheit überflüssig und einzig fröhliches Vertrauen am -Platze sei. Er war ungefähr fünfunddreißig Jahre alt, breitschultrig, -fett, bedeutend kleiner als die beiden, die vor ihm -standen, so daß er den Kopf schräg zurücklegen mußte, um -ihnen ins Gesicht zu sehen, – und außerordentlich bleich, von -durchscheinender, ja phosphoreszierender Blässe, die noch gehoben -wurde durch die dunkle Glut seiner Augen, die Schwärze -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -seiner Brauen und seines ziemlich langen, in zwei Spitzen -auslaufenden Vollbartes, der bereits ein paar weiße Fäden -zeigte. Er trug einen schwarzen, zweireihigen, schon etwas -abgenutzten Sakkoanzug, schwarze, durchbrochene, sandalenartige -Halbschuhe zu dicken, grauwollenen Socken und einen -weich überfallenden Halskragen, wie Hans Castorp ihn bis dahin -nur bei einem Photographen in Danzig gesehen hatte und -welcher der Erscheinung Dr. Krokowskis in der Tat ein ateliermäßiges -Gepräge verlieh. Herzlich lächelnd, so daß in seinem -Barte die gelblichen Zähne sichtbar wurden, schüttelte er dem -jungen Manne die Hand, indem er mit baritonaler Stimme -und etwas fremdländisch schleppenden Akzenten sagte: -</p> - -<p> -„Seien Sie uns willkommen, Herr Castorp! Möchten Sie -sich rasch einleben und sich wohlfühlen in unserer Mitte. Sie -kommen zu uns als Patient, wenn ich mir die Frage erlauben -darf?“ -</p> - -<p> -Es war rührend zu sehen, wie Hans Castorp arbeitete, um -sich artig zu erweisen und seiner Schläfrigkeit Herr zu werden. -Er ärgerte sich, so schlecht in Form zu sein und sah mit dem -mißtrauischen Selbstbewußtsein junger Leute in dem Lächeln -und dem aufmunternden Wesen des Assistenten Zeichen nachsichtigen -Spottes. Er antwortete, indem er von den drei Wochen -sprach, auch seines Examens erwähnte und hinzufügte, -daß er, gottlob, ganz gesund sei. -</p> - -<p> -„Wahrhaftig?“ fragte Dr. Krokowski, indem er seinen Kopf -wie neckend schräg vorwärts stieß und sein Lächeln verstärkte ... -„Aber dann sind Sie eine höchst studierenswerte Erscheinung! -Mir ist nämlich ein ganz gesunder Mensch noch nicht vorgekommen. -Was für ein Examen haben Sie abgelegt, wenn -die Frage erlaubt ist?“ -</p> - -<p> -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -„Ich bin Ingenieur, Herr Doktor“, antwortete Hans Castorp -mit bescheidener Würde. -</p> - -<p> -„Ah, Ingenieur!“ Und Dr. Krokowskis Lächeln zog sich -gleichsam zurück, büßte an Kraft und Herzlichkeit für den -Augenblick etwas ein. „Das ist wacker. Und Sie werden hier -also keinerlei ärztliche Behandlung in Anspruch nehmen, weder -in körperlicher noch in psychischer Hinsicht?“ -</p> - -<p> -„Nein, ich danke tausendmal!“ sagte Hans Castorp und -wäre fast einen Schritt zurückgewichen. -</p> - -<p> -Da brach das Lächeln Dr. Krokowskis wieder siegreich hervor, -und indem er dem jungen Manne aufs neue die Hand -schüttelte, rief er mit lauter Stimme: -</p> - -<p> -„Nun, so schlafen Sie denn wohl, Herr Castorp, – im Vollgefühl -Ihrer untadeligen Gesundheit! Schlafen Sie wohl -und auf Wiedersehn!“ – Damit entließ er die jungen Leute -und setzte sich wieder zu seiner Zeitung nieder. -</p> - -<p> -Der Aufzug hatte keine Bedienung mehr, und so legten sie -zu Fuß die Treppen zurück, schweigend und etwas verwirrt von -der Begegnung mit Dr. Krokowski. Joachim begleitete Hans -Castorp auf Nummer Vierunddreißig, wo der Hinkende das -Gepäck des Ankömmlings richtig eingeliefert hatte, und sie -plauderten noch eine Viertelstunde, während Hans Castorp -Nacht- und Waschzeug auspackte und eine dicke, milde Zigarette -dazu rauchte. Zur Zigarre kam er heute nicht mehr, was -ihm wunderlich und außerordentlich erschien. -</p> - -<p> -„Er sieht sehr bedeutend aus“, sagte er, indem er beim -Sprechen den eingeatmeten Rauch hervorsprudelte. „Wachsbleich -ist er. Aber mit seiner Chaussure, höre mal, da steht es -scheußlich. Grauwollene Socken und dann diese Sandalen. -War er zum Schluß eigentlich beleidigt?“ -</p> - -<p> -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -„Er ist etwas empfindlich“, gab Joachim zu. „Du hättest -die ärztliche Behandlung nicht so brüsk zurückweisen sollen, -wenigstens nicht die psychische. Er sieht es nicht gern, wenn -man sich dem entzieht. Auf mich ist er auch nicht besonders -zu sprechen, weil ich ihm nicht genug anvertraue. Aber dann -und wann erzähl ich ihm doch einen Traum, damit er was zu -zergliedern hat.“ -</p> - -<p> -„Nun, dann hab ich ihn eben vor den Kopf gestoßen“, sagte -Hans Castorp verdrießlich; denn es machte ihn unzufrieden -mit sich selbst, jemanden gekränkt zu haben, und so kam denn -die Müdigkeit auch mit erneuter Stärke über ihn. -</p> - -<p> -„Gute Nacht“, sagte er. „Ich falle um.“ -</p> - -<p> -„Um acht hole ich dich zum Frühstück“, sagte Joachim und -ging. -</p> - -<p> -Hans Castorp machte nur flüchtige Nachttoilette. Der -Schlaf übermannte ihn, kaum daß er das Nachttischlämpchen -gelöscht hatte, aber er schreckte noch einmal auf, da er sich erinnerte, -daß in diesem Bette vorgestern jemand gestorben sei. -„Es wird nicht das erstemal gewesen sein“, sagte er zu sich, -als könne ihm das zur Beruhigung dienen. „Es ist eben ein -Totenbett, ein gewöhnliches Totenbett.“ Und er schlief ein. -</p> - -<p> -Aber sobald er eingeschlafen war, begann er zu träumen und -träumte fast unaufhörlich bis zum anderen Morgen. Hauptsächlich -sah er Joachim Ziemßen in sonderbar verrenkter Lage -auf einem Bobschlitten eine schräge Bahn hinabfahren. Er -war so phosphoreszierend bleich wie Dr. Krokowski, und vorneauf -saß der Herrenreiter, der sehr unbestimmt aussah, wie jemand, -den man lediglich hat husten hören, und lenkte. „Das -ist uns doch ganz einerlei, – uns hier oben“, sagte der verrenkte -Joachim, und dann war er es, nicht der Herrenreiter, der so -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -grauenhaft breiig hustete. Darüber mußte Hans Castorp -bitterlich weinen und sah ein, daß er in die Apotheke laufen -müsse, um sich <span class="antiqua" lang="en">Cold-cream</span> zu besorgen. Aber am Wege saß -Frau Iltis mit einer spitzen Schnauze und hielt etwas in der -Hand, was offenbar ihr „Sterilett“ sein sollte, aber nichts -weiter war als ein Sicherheits-Rasierapparat. Das machte -Hans Castorp nun wieder lachen, und so wurde er zwischen -<a id="corr-5"></a>verschiedenen Gemütsbewegungen hin und her geworfen, bis -der Morgen durch seine halboffene Balkontür graute und ihn -weckte. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-3"> -Zweites Kapitel -</h2> - -</div> - -<h3 class="section1" id="subchap-0-3-1"> -Von der Taufschale und vom Großvater in zwiefacher -Gestalt -</h3> - -<p class="first"> -Hans Castorp bewahrte an sein eigentliches Elternhaus nur -blasse Erinnerungen; er hatte Vater und Mutter kaum recht -gekannt. Sie starben weg in der kurzen Frist zwischen seinem -fünften und siebenten Lebensjahr, zuerst die Mutter, vollkommen -überraschend und in Erwartung ihrer Niederkunft, -an einer Gefäßverstopfung infolge von Nervenentzündung, -einer Embolie, wie Dr. Heidekind es bezeichnete, die augenblicklich -Herzlähmung verursachte, – sie lachte eben, im Bette -sitzend, es sah so aus, als ob sie vor Lachen umfiele, und dennoch -tat sie es nur, weil sie tot war. Das war nicht leicht zu -verstehen für Hans Hermann Castorp, den Vater, und da er -sehr innig an seiner Frau gehangen hatte, auch seinerseits nicht -der Stärkste war, so wußte er nicht darüber hinwegzukommen. -Sein Geist war verstört und geschmälert seitdem; in seiner -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -Benommenheit beging er geschäftliche Fehler, so daß die Firma -Castorp & Sohn empfindliche Verluste erlitt; im übernächsten -Frühjahr holte er sich bei einer Speicherinspektion am windigen -Hafen die Lungenentzündung, und da sein erschüttertes Herz -das hohe Fieber nicht aushielt, so starb er trotz aller Sorgfalt, -die Dr. Heidekind an ihn wandte, binnen fünf Tagen und -folgte seiner Frau unter ansehnlicher Beteiligung der Bürgerschaft -ins Castorpsche Erbbegräbnis nach, das auf dem St. -Katharinenkirchhof sehr schön, mit Blick auf den Botanischen -Garten, gelegen war. -</p> - -<p> -Sein Vater, der Senator, überlebte ihn, wenn auch nur -um ein weniges, und die kurze Zeitspanne, bis er auch starb – -übrigens gleichfalls an einer Lungenentzündung, und zwar -unter großen Kämpfen und Qualen, denn zum Unterschiede -von seinem Sohn war Hans Lorenz Castorp eine schwer zu -fällende, im Leben zäh wurzelnde Natur – diese Zeitspanne -also, es waren nur anderthalb Jahre, verlebte der verwaiste -Hans Castorp in seines Großvaters Hause, einem zu Anfang -des abgelaufenen Jahrhunderts auf schmalem Grundstück im -Geschmack des nordischen Klassizismus erbauten, in einer -trüben Wetterfarbe gestrichenen Haus an der Esplanade, mit -Halbsäulen zu beiden Seiten der Eingangstür, in der Mitte -des um fünf Stufen aufgetreppten Erdgeschosses, und zwei -Obergeschossen außer der Beletage, wo die Fenster bis zu den -Fußböden hinuntergezogen und mit gegossenen Eisengittern -versehen waren. -</p> - -<p> -Hier lagen ausschließlich Repräsentationsräume, eingerechnet -das helle, mit Stuck verzierte Eßzimmer, dessen drei weinrot -verhangene Fenster auf das rückwärtige Gärtchen blickten, -und wo während der achtzehn Monate Großvater und Enkel -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -alltäglich um 4 Uhr allein miteinander zu Mittag aßen, bedient -von dem alten Fiete mit den Ohrringen und den silbernen -Knöpfen am Frack, der zu diesem Frack eine ebensolche -battistene Halsbinde trug, wie der Hausherr selbst, auch auf -ganz ähnliche Art das rasierte Kinn darin barg, und den der -Großvater duzte, indem er plattdeutsch mit ihm sprach; nicht -scherzender Weise – er war ohne humoristischen Zug –, sondern -in aller Sachlichkeit und weil er es überhaupt mit Leuten -aus dem Volk, mit Speicherarbeitern, Postboten, Kutschern -und Dienstboten so hielt. Hans Castorp hörte es gern, und -sehr gern hörte er auch, wie Fiete antwortete, ebenfalls platt, -indem er sich beim Servieren von links hinter seinem Herrn -herumbeugte, um ihm in das rechte Ohr zu sprechen, auf dem -der Senator bedeutend besser hörte als auf dem linken. Der -Alte verstand und nickte und aß weiter, sehr aufrecht zwischen -der hohen Mahagonilehne des Stuhles und dem Tisch, kaum -über den Teller gebeugt, und der Enkel, ihm gegenüber, betrachtete -still, mit tiefer und unbewußter Aufmerksamkeit, die -knappen, gepflegten Bewegungen, mit denen die schönen, -weißen, mageren alten Hände des Großvaters mit den gewölbten, -spitz zulaufenden Nägeln und dem grünen Wappenring -auf dem rechten Zeigefinger einen Bissen aus Fleisch, Gemüse -und Kartoffeln auf der Gabelspitze anordneten und unter -einem leichten Entgegenneigen des Kopfes zum Munde führten. -Hans Castorp sah auf seine eigenen, noch ungeschickten -Hände und fühlte darin die Möglichkeit vorgebildet, späterhin -ebenso wie der Großvater Messer und Gabel zu halten und -zu bewegen. -</p> - -<p> -Eine andere Frage war, ob er je dazu gelangen würde, sein -Kinn in einer solchen Binde zu bergen, wie sie die geräumige -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -Öffnung des sonderbar geformten, mit den scharfen Spitzen -die Wangen streifenden Hals<a id="corr-6"></a>kragens des Großvaters ausfüllte. -Denn dazu mußte man so alt sein wie dieser, und schon heute -trug außer ihm und seinem alten Fiete weit und breit niemand -mehr solche Binden und Kragen. Das war schade, denn dem -kleinen Hans Castorp gefiel es besonders wohl, wie der Großvater -das Kinn in die hohe, schneeweiße Binde lehnte; noch -in der Erinnerung, als er erwachsen war, gefiel es ihm ausgezeichnet: -es lag etwas darin, was er aus dem Grund seines -Wesens billigte. -</p> - -<p> -Wenn sie fertig gegessen und ihre Servietten zusammengelegt, -gerollt und in die silbernen Ringe gesteckt hatten, ein -Geschäft, mit dem Hans Castorp damals nicht leicht zu Rande -kam, da die Servietten so groß waren wie kleine Tischtücher, -so stand der Senator vor dem Stuhle auf, den Fiete hinter ihm -wegzog, und ging mit schlürfenden Schritten ins „Kabinett“ -hinüber, um sich seine Zigarre zu holen; und zuweilen folgte -der Enkel ihm dorthin. -</p> - -<p> -Dieses „Kabinett“ war dadurch entstanden, daß man das -Eßzimmer dreifenstrig gemacht und durch die ganze Breite des -Hauses gelegt hatte, weshalb nicht, wie sonst bei diesem Haustypus, -Raum für drei Salons, sondern nur für zwei übriggeblieben -war, von denen jedoch der eine, senkrecht zum Eßsaal -gelegene, mit nur einem Fenster nach der Straße, unverhältnismäßig -tief ausgefallen wäre. Darum hatte man -etwa den vierten Teil seiner Länge von ihm abgesondert, eben -das „Kabinett“, einen schmalen Raum mit Oberlicht, dämmerig -und nur mit wenigen Gegenständen ausgestattet: einer Etagere, -auf der des Senators Zigarrenschrank stand, einem Spieltisch, -dessen Schublade anziehende Dinge enthielt: Whistkarten, -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -Spielmarken, kleine Markierbrettchen mit aufklappbaren -Zähnchen, eine Schiefertafel nebst Kreidegriffeln, papierne -Zigarrenspitzen und anderes mehr; endlich mit einem Rokoko-Glasschrank -aus Palisanderholz in der Ecke, hinter dessen -Scheiben gelbseidene Vorhänge gespannt waren. -</p> - -<p> -„Großpapa“, konnte der kleine Hans Castorp im Kabinett -wohl sagen, indem er sich auf die Zehenspitzen erhob und zu -dem Ohr des Alten emporstrebte, „zeig mir doch, bitte, die -Taufschale!“ -</p> - -<p> -Und der Großvater, der ohnedies den Schoß seines langen -und weichen Gehrocks vom Beinkleid zurückgerafft und sein -Schlüsselbund aus der Tasche gezogen hatte, öffnete damit -den Glasschrank, aus dessen Innerem es dem Knaben eigentümlich -angenehm und merkwürdig entgegenduftete. Es waren -allerlei außer Gebrauch befindliche und eben darum fesselnde -Gegenstände darin aufbewahrt: ein Paar geschweifte silberne -Armleuchter, ein zerbrochenes Barometer mit figürlicher Holzschnitzerei, -ein Album mit Daguerreotypien, ein Likörkasten -aus Zedernholz, ein kleiner Türke, hart anzufassen unter seinem -buntseidenen Anzug, mit einem Uhrwerk im Leibe, das -ihn dereinst befähigt hatte, über den Tisch zu laufen, nun aber -schon lange den Dienst versagte, ein altertümliches Schiffsmodell -und ganz zu unterst sogar eine Rattenfalle. Der Alte -aber nahm von einem mittleren Fach eine stark angelaufene -runde silberne Schale, die auf einem ebenfalls silbernen Teller -stand, und wies beide Stücke dem Knaben vor, indem er sie -voneinander nahm und unter schon oft gegebenen Erklärungen -einzeln hin und her wandte. -</p> - -<p> -Becken und Teller gehörten ursprünglich nicht zueinander, -wie man wohl sah, und wie sich der Kleine aufs neue belehren -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -ließ; doch seien sie, sagte der Großvater, seit rund hundert -Jahren, nämlich seit Anschaffung des Beckens, im Gebrauche -vereinigt. Die Schale war schön, von einfacher, edler Gestalt, -geformt von dem strengen Geschmack der Frühzeit des letzten -Jahrhunderts. Glatt und gediegen, ruhte sie auf rundem -Fuße und war innen vergoldet; doch war das Gold von der -Zeit schon zum gelblichen Schimmer verblichen. Als einziger -Zierat lief ein erhabener Kranz von Rosen und zackigen Blättern -um ihren oberen Rand. Den Teller angehend, so war -sein weit höheres Alter ihm von der Innenseite abzulesen. -„Sechzehnhundertundfünfzig“ stand dort in verschnörkelten -Ziffern, und allerlei krause Gravierungen umrahmten die Zahl, -ausgeführt in der „modernen Manier“ von damals, schwülstig-willkürlich, -Wappen und Arabesken, die halb Stern und -halb Blume waren. Auf der Rückseite aber fanden sich in -wechselnder Schriftart die Namen der Häupter einpunktiert, -die im Gange der Zeit des Stückes Inhaber gewesen: Es waren -ihrer schon sieben, versehen mit der Jahreszahl der Erb-Übernahme, -und der Alte in der Binde wies mit dem beringten -Zeigefinger den Enkel auf jeden einzelnen hin. Der Name des -Vaters war da, der des Großvaters selbst und der des Urgroßvaters, -und dann verdoppelte, verdreifachte und vervierfachte -sich die Vorsilbe „Ur“ im Munde des Erklärers, und -der Junge lauschte seitwärts geneigten Kopfes, mit nachdenklich -oder auch gedankenlos-träumerisch sich festsehenden Augen -und andächtig-schläfrigem Munde auf das Ur-Ur-Ur-Ur, – -diesen dunklen Laut der Gruft und der Zeitverschüttung, welcher -dennoch zugleich einen fromm gewahrten Zusammenhang -zwischen der Gegenwart, seinem eigenen Leben und dem tief Versunkenen -ausdrückte und ganz eigentümlich auf ihn einwirkte: -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -nämlich so, wie es auf seinem Gesichte sich ausdrückte. Er -meinte modrig-kühle Luft, die Luft der Katharinenkirche oder -der Michaeliskrypte zu atmen bei diesem Laut, den Anhauch -von Orten zu spüren, an denen man, den Hut in der Hand, -in eine gewisse, ehrerbietig vorwärts wiegende Gangart ohne -Benutzung der Stiefelabsätze verfällt; auch die abgeschiedene, -gefriedete Stille solcher hallender Orte glaubte er zu hören; -geistliche Empfindungen mischten sich mit denen des Todes -und der Geschichte beim Klang jener dumpfen Silbe, und dies -alles mutete den Knaben irgendwie wohltuend an, ja, es mochte -wohl sein, daß er um des Lautes willen, um ihn zu hören und -nachzusprechen, gebeten hatte, die Taufschale wieder einmal -betrachten zu dürfen. -</p> - -<p> -Dann stellte der Großvater das Gefäß auf den Teller zurück -und ließ den Kleinen in die glatte, leicht goldige Höhlung -sehen, die aufschimmerte von dem einfallenden Oberlicht. -</p> - -<p> -„Nun sind es bald acht Jahre,“ sagte er, „daß wir dich -darüber hielten und daß das Wasser, mit dem du getauft wurdest, -da hinein floß ... Küster Lassen von St. Jacobi goß es -unserem guten Pastor Bugenhagen in die hohle Hand, und -von da lief es über deinen Schopf hier in die Schale. Aber -wir hatten es gewärmt, damit du nicht erschrecken und nicht -weinen solltest, und das tatst du auch nicht, sondern im Gegenteil, -du hattest vorher geschrien, so daß Bugenhagen es nicht -leicht gehabt hatte mit seiner Rede, aber als das Wasser kam, -da wurdest du still, und das war die Achtung vor dem heiligen -Sakrament, wollen wir hoffen. Und vierundvierzig Jahre -sind es in den nächsten Tagen, da war dein seliger Vater der -Täufling, und von seinem Kopf floß das Wasser hier hinein. -Das war hier im Haus, seinem Elternhaus, drüben im Saal, -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -vor dem mittleren Fenster, und es war noch der alte Pastor -Hesekiel, der ihn taufte, derselbe, den die Franzosen als jungen -Menschen beinahe erschossen hätten, weil er gegen ihre Räubereien -und Brandschatzungen gepredigt hatte, – der ist nun -auch schon lange, lange bei Gott. Aber vor fünfundsiebenzig -Jahren, da war ich es selber, den sie tauften, auch da im Saal, -und meinen Kopf hielten sie über die Schale hier, wie sie da -auf dem Teller steht, und der Geistliche sprach dieselben Worte -wie bei dir und deinem Vater, und ebenso floß das warme, -klare Wasser von meinem Haar (es war nicht viel mehr damals, -als ich jetzt auf dem Kopfe habe) da in das goldene Becken -hinein.“ -</p> - -<p> -Der Kleine blickte empor auf des Großvaters schmales Greisenhaupt, -das eben wieder über die Schale geneigt war, wie -zu der längst verflossenen Stunde, von der er erzählte, und ein -schon erprobtes Gefühl kam ihn an, die sonderbare, halb träumerische, -halb beängstigende Empfindung eines zugleich Ziehenden -und Stehenden, eines wechselnden Bleibens, das Wiederkehr -und schwindelige Einerleiheit war, – eine Empfindung, -die ihm von früheren Gelegenheiten her bekannt war, und -von der wieder berührt zu werden er erwartet und gewünscht -hatte: sie war es zum Teil, um derentwillen ihm die Vorzeigung -des stehend wandernden Erbstücks angelegen gewesen -war. -</p> - -<p> -Prüfte der junge Mann sich später, so fand er, daß das -Bild seines Ältervaters sich ihm viel tiefer, deutlicher und bedeutender -eingeprägt hatte als das seiner Eltern: was möglicherweise -auf Sympathie und physischer Sonderverwandtschaft -beruhte, denn der Enkel sah dem Großvater ähnlich, soweit -eben ein rosiger Milchbart einem gebleichten und starren -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -Siebziger ähnlich sehen kann. Hauptsächlich aber war es doch -wohl für den Alten bezeichnend, der ohne Frage die eigentliche -Charakterfigur, die malerische Persönlichkeit in der Familie -gewesen war. -</p> - -<p> -Im öffentlichen Sinne gesprochen, so war die Zeit über -Hans Lorenz Castorps Wesen und Willensmeinungen schon -lange vor seinem Abscheiden hinweggegangen. Er war ein -hochchristlicher Herr gewesen, von der reformierten Gemeinde, -streng herkömmlich gesinnt, auf aristokratische Einengung des -gesellschaftlichen Kreises, in dem man regierungsfähig war, -so hartnäckig bedacht, als lebte er im vierzehnten Jahrhundert, -wo das Handwerkertum gegen den zähen Widerstand des altfreien -Patriziertums sich Sitz und Stimme im städtischen Rat -zu erobern begonnen hatte, und für das Neue zu schwer zu -haben. Sein Wirken war in Jahrzehnte eines heftigen Aufschwungs -und vielfältiger Umwälzungen gefallen, Jahrzehnte -des Fortschritts in Gewaltmärschen, die an den öffentlichen -Opfer- und Wagemut beständig so hohe Anforderungen gestellt -hatten. An ihm aber, dem alten Castorp, das wußte Gott, -hatte es nicht gelegen, wenn der Geist der Neuzeit die weit bekannten, -glänzenden Siege gefeiert hatte. Er hatte auf Vätersitte -und alte Institutionen weit mehr gehalten als auf halsbrecherische -Hafenerweiterungen und gottlose Großstadt-Alfanzereien, -hatte gebremst und abgewiegelt, wo er nur konnte, -und wäre es nach ihm gegangen, so sah es in der Verwaltung -noch heutigentages so idyllisch-altfränkisch aus wie seinerzeit -in seinem eigenen Kontor. -</p> - -<p> -So stellte der Alte, zu seinen Lebzeiten und nachher, sich dem -bürgerlichen Auge dar, und wenn der kleine Hans Castorp auch -nichts von Staatsangelegenheiten verstand, so machte sein -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -still anschauendes Kinderauge im wesentlichen doch ganz dieselben -Wahrnehmungen, – wortlose und also unkritische, vielmehr -nur lebensvolle Wahrnehmungen, die übrigens auch -später, als bewußtes Erinnerungsbild, ihr wort- und zergliederungsfeindliches, -schlechthin bejahendes Gepräge durchaus -bewahrten. Wie gesagt, war da Sympathie im Spiele, jene -ein Glied überspringende Nächstverbundenheit und Wesensverwandtschaft, -die nichts Seltenes ist. Kinder und Enkel -schauen an, um zu bewundern, und sie bewundern, um zu -lernen und auszubilden, was erblicherweise in ihnen vorgebildet -liegt. -</p> - -<p> -Senator Castorp war hager und hochgewachsen. Die Jahre -hatten ihm Rücken und Nacken gekrümmt, aber er suchte die -Krümmung durch Gegendruck auszugleichen, wobei sein Mund, -dessen Lippen nicht mehr von Zähnen gehalten wurden, sondern -unmittelbar auf dem leeren Zahnfleisch ruhten (denn -sein Gebiß legte er nur zum Essen an), sich auf würdig-mühsame -Art nach unten zog, und hierdurch eben, wie auch wohl -als Mittel gegen eine beginnende Unfestigkeit des Kopfes, kam -die ehrenstreng aufgeruckte Haltung und Kinnstütze zustande, -die dem kleinen Hans Castorp so zusagte. -</p> - -<p> -Er liebte die Dose – es war eine längliche, mit Gold eingelegte -Schildpattdose, die er handhabte, – und benutzte aus -diesem Grunde rote Taschentücher, deren Zipfel ihm aus der -hinteren Tasche seines Gehrocks zu hängen pflegte. War das -eine heitere Schwäche in seiner Erscheinung, so wirkte sie doch -durchaus als Alterslizenz, als eine Nachlässigkeit, wie die Betagtheit -sie sich entweder bewußt und jovialerweise gestattet -oder in ehrwürdiger Unbewußtheit mit sich bringt; und jedenfalls -blieb sie die einzige, die Hans Castorps kindlicher Scharfblick -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -je an des Großvaters Äußerem gewahrte. Für den Siebenjährigen -aber sowohl wie später in der Erinnerung des Herangewachsenen -war die alltägliche Erscheinung des Alten nicht -seine eigentliche und wirkliche. In eigentlicher Wirklichkeit sah -er noch anders, weit schöner und richtiger aus, als gewöhnlich, -– nämlich so, wie er auf einem Gemälde, einem lebensgroßen -Bildnis erschien, das früher im elterlichen Wohnzimmer -gehangen hatte und dann zusammen mit dem kleinen -Hans Castorp an die Esplanade übergesiedelt war, wo es seinen -Platz über dem großen rotseidenen Sofa im Empfangszimmer -erhalten hatte. -</p> - -<p> -Es zeigte Hans Lorenz Castorp in seiner Amtstracht als -Ratsherrn der Stadt – dieser ernsten, ja frommen Bürgertracht -eines verschollenen Jahrhunderts, die ein zugleich gravitätisches -und verwegenes Gemeinwesen durch die Zeiten mitgeführt -und in pomphaftem Gebrauch erhalten hatte, um zeremoniellerweise -die Vergangenheit zur Gegenwart, die Gegenwart -zur Vergangenheit zu machen und den steten Zusammenhang -der Dinge, die ehrwürdige Sicherheit ihrer Handlungsunterschrift -zu bekunden. Senator Castorp stand da in ganzer Figur, -auf rötlich gepflastertem Boden, in einer Pfeiler- und Spitzbogen-Perspektive. -Er stand, das Kinn gesenkt, den Mund -nach unten gezogen, die blauen, sinnig blickenden Augen mit -den Tränensäcken darunter ins Weite gerichtet, in dem schwarzen -und mehr als knielangen, talarartigen Überrock, der, vorne -offen, am Rande und Saume eine breite Pelzverbrämung -zeigte. Aus weiten, hochgepufften und bordierten Oberärmeln -kamen engere Unterärmel von schlichtem Tuch hervor, und -Spitzenmanschetten bedeckten die Hände bis zu den Knöcheln. -Die schlanken Greisenbeine staken in schwarzseidenen Strümpfen, -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -die Füße in Schuhen mit silbernen Schnallen. Um den -Hals aber lag ihm die breite, gestärkte und vielfach gefältete -Tellerkrause, vorn niedergedrückt und an den Seiten aufwärts -geschwungen, unter welcher hervor zum Überfluß noch ein gefältetes -Batistjabot auf die Weste hing. Unter dem Arme -trug er den altertümlichen Hut mit breiter Krempe, dessen -Kopf sich nach oben verjüngte. -</p> - -<p> -Es war ein vortreffliches Bild, von namhafter Künstlerhand -geschaffen, mit gutem Geschmack in dem altmeisterlichen Stile -gehalten, den der Gegenstand nahelegte, und in dem Beschauer -allerlei spanisch-niederländisch-spätmittelalterliche Vorstellungen -weckend. Der kleine Hans Castorp hatte es oft betrachtet, -nicht mit Kunstverstand natürlich, aber doch mit einem gewissen -allgemeineren und sogar eindringlichen Verstande; und -obgleich er den Großvater so, wie die Leinwand ihn darstellte, -in Person nur ein einziges Mal, bei einer feierlichen Auffahrt -am Rathaus, und auch da nur flüchtig gesehen hatte, konnte -er, wie wir sagten, nicht umhin, diese seine bildhafte Erscheinung -als seine eigentliche und wirkliche zu empfinden und in -dem Großvater des Alltags sozusagen einen Interims-Großvater, -einen behelfsweise und nur unvollkommen angepaßten -zu erblicken. Denn das Abweichende und Wunderliche in dieser -seiner Alltagserscheinung beruhte offenbar auf solcher unvollkommenen, -vielleicht etwas ungeschickten Anpassung, es waren -nicht ganz zu tilgende Reste und Andeutungen seiner reinen -und wahren Gestalt. So waren die Vatermörder, die hohe -weiße Binde altmodisch; aber unmöglich war diese Bezeichnung -anwendbar auf das bewunderungswürdige Kleidungsstück, -wovon jene nur die Interimsandeutung bildeten, nämlich -auf die spanische Krause. Und ebenso verhielt es sich mit -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -dem unüblich geschweiften Zylinder, den der Großvater auf -der Straße trug, und dem in höherer Wirklichkeit der breitkrempige -Filzhut des Gemäldes entsprach; mit dem langen -und faltigen Gehrock, als dessen Urbild und Eigentlichkeit -dem kleinen Hans Castorp der bordierte, pelzverbrämte Talar -erschien. -</p> - -<p> -So war er denn auch im Herzen einverstanden, daß der -Großvater in seiner Richtigkeit und Vollkommenheit prangte, -als es eines Tages hieß, Abschied von ihm zu nehmen. Das -war im Saale, demselben Saal, wo sie so oft am Eßtisch einander -gegenüber gesessen; in seiner Mitte lag Hans Lorenz -Castorp nun auf der von Kränzen umstellten und umlagerten -Bahre im silberbeschlagenen Sarge. Er hatte die Lungenentzündung -durchgekämpft, hatte zäh und lange gekämpft, obgleich -er doch, wie es schien, im gegenwärtigen Leben nur anpassungsweise -zu Hause gewesen war, und lag nun, man wußte -nicht recht ob siegreich oder überwunden, auf jeden Fall mit -streng befriedetem Ausdruck und stark verändert und spitznäsig -vom Kampfe auf seinem Paradebett, den Unterkörper von -einer Decke verhüllt, auf welcher ein Palmzweig lag, den Kopf -vom seidenen Kissen hochgestützt, so daß das Kinn aufs schönste -in der vorderen Einbuchtung der Ehrenkrause ruhte; und zwischen -die halb von den Spitzenmanschetten bedeckten Hände, -deren Finger bei künstlich-natürlicher Anordnung Kälte und -Unbelebtheit nicht verhehlten, hatte man ihm ein Elfenbeinkreuz -gesteckt, auf das er mit gesenkten Lidern unverwandt -niederzublicken schien. -</p> - -<p> -Hans Castorp hatte den Großvater zu Anfang von dessen -letzter Krankheit wohl mehrmals, gegen das Ende hin aber -nicht mehr gesehen. Mit dem Anblick des Kampfes, der auch -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -zu seinem Hauptteile nächtlicherweile vor sich gegangen war, -hatte man ihn gänzlich verschont, nur mittelbar, durch die beklommene -Atmosphäre des Hauses, die roten Augen des alten -Fiete, das An- und Wegfahren der Doktoren, war er davon -berührt worden; das Ergebnis aber, vor das er sich im Saale -gestellt fand, ließ sich dahin zusammenfassen, daß der Großvater -der Interimsanpassung nun feierlich überhoben und in -seine eigentliche und angemessene Gestalt endgültig eingekehrt -war, – ein billigenswertes Ergebnis, wenn auch der alte Fiete -weinte und ununterbrochen den Kopf schüttelte, und wenn -auch Hans Castorp selber weinte, wie er beim Anblick seiner -unvermittelt gestorbenen Mutter und seines bald darauf ebenfalls -still und fremd daliegenden Vaters geweint hatte. -</p> - -<p> -Denn es war ja nun schon das drittemal binnen so kurzer -Zeit und bei so jungen Jahren, daß der Tod auf den Geist -und die Sinne – namentlich auch auf die Sinne – des kleinen -Hans Castorp wirkte; neu war ihm der Anblick und Eindruck -nicht mehr, sondern bereits recht wohl vertraut, und wie er -schon die beiden ersten Male sich durchaus gesetzt und verläßlich, -keineswegs nervenschwach, wenn auch mit natürlicher Betrübnis -dagegen verhalten hatte, so auch jetzt, und in noch -höherem Grade. Unkundig der praktischen Bedeutung der Ereignisse -für sein Leben oder auch kindlich gleichgültig dagegen, -in dem Vertrauen, daß die Welt schon so oder so für ihn sorgen -werde, hatte er an den Särgen eine gewisse ebenfalls kindliche -Kühle und sachliche Aufmerksamkeit an den Tag gelegt, -welche beim drittenmal durch das Gefühl und den Ausdruck -erfahrener Kennerschaft noch eine besondere, altkluge Abschattung -erhielt, – häufiger Tränen der Erschütterung und -der Ansteckung durch andere als einer selbstverständlichen -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -Rückwirkung nicht weiter zu gedenken. In den drei oder vier -Monaten, seit sein Vater gestorben war, hatte er den Tod vergessen; -nun erinnerte er sich, und alle Eindrücke von damals -stellten sich genau, gleichzeitig und durchdringend in ihrer unvergleichbaren -Eigentümlichkeit wieder her. -</p> - -<p> -Aufgelöst und in Worte gefaßt, hätten sie sich ungefähr -folgendermaßen ausgenommen. Es hatte mit dem Tode eine -fromme, sinnige und traurig schöne, das heißt geistliche Bewandtnis -und zugleich eine ganz andere, geradezu gegenteilige, -sehr körperliche, sehr materielle, die man weder als schön, noch -als sinnig, noch als fromm, noch auch nur als traurig eigentlich -ansprechen konnte. Die feierlich-geistliche Bewandtnis -drückte sich aus in der pomphaften Aufbahrung der Leiche, -der Blumenpracht und den Palmenwedeln, die bekanntlich -den himmlischen Frieden bedeuteten; ferner und noch deutlicher -in dem Kreuz zwischen den gestorbenen Fingern des ehemaligen -Großvaters, dem segnenden Heiland von Thorwaldsen, -der zu Häupten des Sarges stand, und in den zu beiden -Seiten aufragenden Kandelabern, die bei dieser Gelegenheit -ebenfalls einen kirchlichen Charakter angenommen hatten. Alle -diese Anstalten hatten ihren genaueren und guten Sinn offenbar -in dem Gedanken, daß der Großvater nun auf immer zu -seiner eigentlichen und wahren Gestalt eingegangen war. Außerdem -aber hatten sie, wie der kleine Hans Castorp wohl bemerkte, -wenn auch nicht mit Worten sich eingestand, allesamt, -im besonderen aber die Menge der Blumen und unter diesen -wieder besonders die vielfach vertretenen Tuberosen, noch einen -weiteren Sinn und nüchternen Zweck, nämlich den, die andere, -weder schöne noch eigentlich traurige, sondern eher fast unanständige, -niedrig körperliche Bewandtnis, die es mit dem Tode -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -hatte, zu beschönigen, in Vergessenheit zu bringen oder nicht -zum Bewußtsein kommen zu lassen. -</p> - -<p> -Mit dieser Bewandtnis hing es zusammen, daß der tote -Großvater so fremd, ja eigentlich nicht als der Großvater, sondern -als eine lebensgroße, wächserne Puppe erschien, die der -Tod statt seiner Person eingeschoben hatte, und mit der nun -all dieser fromme und ehrenvolle Aufwand getrieben wurde. -Der da lag, oder richtiger: <em>was</em> da lag, war also nicht der -Großvater selbst, sondern eine Hülle, – die, wie Hans Castorp -wußte, nicht aus Wachs bestand, sondern aus ihrem eigenen -Stoff; <em>nur</em> aus Stoff: das eben war das Unanständige und -kaum auch Traurige, – traurig so wenig, wie Dinge traurig -sind, die mit dem Körper zu tun haben und <em>nur</em> mit diesem. -Der kleine Hans Castorp betrachtete den wachsgelben, glatten -und käsig-festen Stoff, aus dem die lebensgroße Todesfigur -bestand, das Gesicht und die Hände des ehemaligen Großvaters. -Eben ließ eine Fliege sich auf die unbewegliche Stirne nieder -und begann, ihren Rüssel auf und ab zu bewegen. Der alte -Fiete verscheuchte sie vorsichtig, indem er sich hütete, die Stirn -dabei zu berühren und mit einer ehrbaren Verfinsterung seiner -Miene, so, als dürfe und wolle er von dem, was er da tat, -nichts wissen, – einem Ausdruck von Sittsamkeit, der sich offenbar -auf die Tatsache bezog, daß der Großvater nur noch Körper -und nichts weiter mehr war; allein nach schweifendem Auffluge -nahm die Fliege auf den Fingern des Großvaters, in -der Nähe des Elfenbeinkreuzes, kurz aufsitzend wieder Platz. -Während aber dies geschah, glaubte Hans Castorp deutlicher -als bisher jene von früher her vertraute leise, aber so ganz -eigentümlich zähe Ausdünstung zu verspüren, die ihn beschämenderweise -an einen mit einem lästigen Übel behafteten und -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -darum allerseits gemiedenen Schulkameraden erinnerte, und -die zu übertäuben der Duft der Tuberosen unter der Hand -bestimmt war, ohne es bei aller schönen Üppigkeit und Strenge -imstande zu sein. -</p> - -<p> -Er stand wiederholt an der Leiche: einmal allein mit dem -alten Fiete, das zweitemal zusammen mit seinem Großonkel -Tienappel, dem Weinhändler, und den beiden Onkeln James -und Peter, und dann noch ein drittes Mal, als eine Gruppe -von sonntäglich gekleideten Hafenarbeitern einige Augenblicke -am offenen Sarge stand, um sich von dem ehemaligen Chef -des Hauses Castorp und Sohn zu verabschieden. Dann kam -das Begräbnis, bei dem der Saal voller Leute war und Pastor -Bugenhagen von der Michaeliskirche, derselbe, der Hans Castorp -getauft hatte, angetan mit der spanischen Halskrause, -die Gedächtnisrede hielt und sich nachher in der Droschke, der -ersten gleich hinter dem Leichenwagen, der dann eine lange, -lange Reihe folgte, sehr freundlich mit dem kleinen Hans Castorp -unterhielt, – und dann war auch dieser Lebensabschnitt -zu Ende, und Hans Castorp wechselte gleich darauf Haus und -Umgebung, – zum zweitenmal tat er das ja bereits in seinem -jungen Leben. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-3-2"> -Bei Tienappels. Und von Hans Castorps sittlichem -Befinden -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Zu seinem Schaden geschah es nicht, denn er kam zu Konsul -Tienappel ins Haus, seinem bestellten Vormund, und hatte -da nichts zu vermissen: in Hinsicht auf seine Person gewiß nicht, -und ebensowenig, was die Betreuung seiner weiteren Interessen -betraf, von denen er noch nichts wußte. Denn Konsul -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -Tienappel, ein Onkel von Hansens seliger Mutter, verwaltete -die Castorpsche Hinterlassenschaft, er brachte die Immobilien -zum Verkauf, nahm auch die Liquidation der Firma Castorp -und Sohn, Import und Export in die Hand, und was er -herausschlug, waren noch ungefähr vierhunderttausend Mark, -Hans Castorps Erbe, das Konsul Tienappel in mündelsicheren -Papieren anlegte, indem er, seiner verwandtschaftlichen -Gefühle unbeschadet, an jedem Quartalsbeginn zwei Prozent -Provision von den fälligen Zinsen für sich in Abzug brachte. -</p> - -<p> -Das Tienappelsche Haus lag im Hintergrunde eines Gartens -am Harvestehuder Weg und blickte auf eine Rasenfläche, -in der auch nicht das kleinste Unkraut geduldet wurde, auf -öffentliche Rosenanlagen und dann auf den Fluß. Der Konsul -ging jeden Morgen, obgleich er schönes Fuhrwerk besaß, -zu Fuß in sein Geschäft in der Altstadt, um doch ein bißchen -Bewegung zu haben, denn manchmal litt er an Blutstauungen -im Kopfe, und kehrte um fünf Uhr abends auch so zurück, -worauf bei Tienappels mit aller Kultur zu Mittag gegessen -wurde. Er war ein gewichtiger Mann, in beste englische Stoffe -gekleidet, mit wasserblau vorquellenden Augen hinter der goldenen -Brille, einer blühenden Nase, grauem Schifferbart und -einem feurigen Brillanten an dem gedrungenen kleinen Finger -seiner Linken. Seine Frau war längst tot. Er hatte zwei Söhne, -Peter und James, von denen der eine bei der Marine und -wenig zu Hause, der andere im väterlichen Weinhandel tätig -und designierter Erbe der Firma war. Den Hausstand führte -seit vielen Jahren Schalleen, eine Goldschmiedstochter aus -Altona mit weißen Stärkrüschen um ihre walzenförmigen -Handgelenke. Sie stand dafür ein, daß der Frühstücks- und -Abendtisch reichlich mit kalter Küche, mit Krabben und Lachs, -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -Aal, Gänsebrust und Tomato Catsup zum Roastbeef bestellt -war; sie hatte ein wachsames Auge auf die Lohndiener, wenn -Herrendiner bei Konsul Tienappel war, und sie war es auch, -die bei dem kleinen Hans Castorp, so gut sie konnte, Mutterstelle -vertrat. -</p> - -<p> -Hans Castorp wuchs auf bei miserablem Wetter, in Wind -und Wasserdunst, wuchs auf im gelben Gummimantel, wenn -man so sagen darf, und fühlte sich im ganzen recht munter -dabei. Ein bißchen blutarm war er ja wohl von Anfang an, -das sagte auch Dr. Heidekind und ließ ihm täglich zum dritten -Frühstück, nach der Schule, ein gutes Glas Porter geben, – -ein gehaltvolles Getränk, wie man weiß, dem Dr. Heidekind -blutbildende Wirkung zuschrieb und das jedenfalls Hans Castorps -Lebensgeister auf eine ihm schätzenswerte Weise besänftigte, -seiner Neigung, zu „dösen“, wie sein Onkel Tienappel -sich ausdrückte, nämlich mit schlaffem Munde und ohne einen -festen Gedanken ins Leere zu träumen, wohltuend Vorschub -leistete. Sonst aber war er gesund und richtig, ein brauchbarer -Tennisspieler und Ruderer, wenn er auch lieber, statt selber -die Riemen zu handhaben, an Sommerabenden bei Musik -und einem guten Getränk auf der Terrasse des Uhlenhorster -Fährhauses saß und die beleuchteten Boote betrachtete, zwischen -denen Schwäne auf dem bunt spiegelnden Wasser dahinzogen; -und wenn man ihn sprechen hörte: gelassen, verständig, -ein bißchen hohl und eintönig, mit einem Anflug von -Platt, ja, wenn man ihn auch nur ansah in seiner blonden -Korrektheit, mit seinem gut geschnittenen, irgendwie altertümlich -geprägten Kopf, in dem ein ererbter und unbewußter -Dünkel sich in Gestalt einer gewissen trockenen Schläfrigkeit -äußerte, so konnte kein Mensch bezweifeln, daß dieser Hans -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -Castorp ein unverfälschtes und rechtschaffenes Erzeugnis hiesigen -Bodens und glänzend an seinem Platze war, – er selbst -hätte es, wenn er sich daraufhin auch nur geprüft hätte, nicht -einen Augenblick lang bezweifelt. -</p> - -<p> -Die Atmosphäre der großen Meerstadt, diese feuchte Atmosphäre -aus Weltkrämertum und Wohlleben, die seiner Väter -Lebensluft gewesen war, er atmete sie mit tiefem Einverständnis, -mit Selbstverständlichkeit und gutem Behagen. Die Ausdünstungen -von Wasser, Kohlen und Teer, die scharfen Gerüche -gehäufter Kolonialwaren in der Nase, sah er an den -Hafenkais ungeheure Dampfdrehkrane die Ruhe, Intelligenz -und Riesenkraft dienender Elefanten nachahmen, indem sie -Tonnengewichte von Säcken, Ballen, Kisten, Fässern und -Ballons aus den Bäuchen ruhender Seeschiffe in Eisenbahnwagen -und Schuppen löschten. Er sah die Kaufmannschaft -in gelben Gummimänteln, wie er selbst einen trug, um Mittag -zur Börse strömen, woselbst es scharf herging, seines Wissens, -und jemand ganz leicht Veranlassung bekommen konnte, -in aller Eile Einladungen zu einem großen Diner zu verschicken, -um seinen Kredit zu fristen. Er sah (und hier lag ja später -sein besonderes Interessengebiet) das Gewimmel der Werften, -sah die Mammutleiber gedockter Asien- und Afrikafahrer, -turmhoch, Kiel und Propeller entblößt, von baumdicken Streben -gestützt, in ihrer monströsen Unbehilflichkeit auf dem -Trockenen, bedeckt mit zwerghaften Heeren scheuernder, hämmernder, -tünchender Arbeiter; sah auf den überdachten Hellings, -von rauchigem Nebel umsponnen, die Spantenskelette -entstehender Schiffe ragen und Ingenieure, Konstruktionszeichnung -und Lenztafel zur Hand, den Bauleuten ihre Weisungen -geben, – vertraute Gesichte dies alles für Hans Castorp -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -von Jugend auf und lauter Empfindungen gemütlich-heimatlicher -Zugehörigkeit in ihm erweckend, Empfindungen, -die ihren Höhepunkt etwa in jener Lebenslage fanden, wenn -er Sonntagvormittags mit James Tienappel oder seinem -Vetter Ziemßen – Joachim Ziemßen – im Alsterpavillon warme -Rundstücke mit Rauchfleisch nebst einem Glase alten Portweins -frühstückte, und sich danach, mit Hingebung an seiner -Zigarre ziehend, im Stuhle zurücklehnte. Denn namentlich -darin war er echt, daß er gern gut lebte, ja, seines dünnblütig -verfeinerten Äußern ungeachtet, innig und fest, wie ein schwelgerischer -Säugling an der Mutterbrust, an des Lebens derben -Genüssen hing. -</p> - -<p> -Bequem und nicht ohne Würde trug er auf seinen Schultern -die hohe Zivilisation, welche die herrschende Oberschicht -der handeltreibenden Stadtdemokratie ihren Kindern vererbt. -Er war so gut gebadet wie ein Baby und ließ sich von jenem -Schneider kleiden, der das Vertrauen der jungen Leute seiner -Sphäre besaß. Der kleine, sorgfältig gezeichnete Wäscheschatz, -den die englischen Züge seines Schrankes bargen, ward von -Schalleen aufs beste betreut; noch als Hans Castorp auswärts -studierte, schickte er ihn regelmäßig zur Reinigung und Ausbesserung -nach Hause (denn seine Maxime war, daß man -außer in Hamburg im Reiche nicht zu bügeln verstehe), und -eine aufgerauhte Stelle an der Manschette eines seiner hübschen -farbigen Hemden hätte ihn mit heftigem Unbehagen erfüllt. -Seine Hände, obgleich nicht sonderlich aristokratisch in -der Form, waren gepflegt und frisch von Haut, mit einem -Kettenring aus Platin und dem großväterlichen Erbsiegelring -geschmückt, und seine Zähne, die etwas weich waren und mehrfach -Schaden gelitten hatten, mit Gold ergänzt. -</p> - -<p> -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -Im Stehen und Gehen schob er den Unterleib etwas vor, -was einen nicht eben strammen Eindruck machte; aber seine -Haltung bei Tische war ausgezeichnet. Er wandte den aufrechten -Oberkörper höflich dem Nachbarn zu, mit dem er plauderte -(verständig und etwas platt), und seine Ellenbogen lagen -leicht an, während er sein Stück Geflügel zerlegte oder geschickt -mit dem dazu bestimmten Tafelgerät das rosige Fleisch aus -einer Hummerschere zog. Sein erstes Bedürfnis nach beendeter -Mahlzeit war die Fingerschale mit parfümiertem Wasser, das -zweite die russische Zigarette, die unverzollt war, und die er -unterderhand, auf dem Wege gemütlicher Durchstecherei bezog. -Sie ging der Zigarre voran, einer sehr schmackhaften -Bremer Marke namens Maria Mancini, von der noch die -Rede sein wird, und deren würzige Gifte sich so befriedigend -mit denen des Kaffees vereinigten. Hans Castorp entzog seine -Tabakvorräte den schädlichen Einflüssen der Dampfheizung, -indem er sie im Keller aufbewahrte, wohin er jeden Morgen -hinabstieg, um seinem Etui den Tagesbedarf einzuverleiben. -Nur widerstrebend hätte er Butter gegessen, die ihm in einem -Stück und nicht vielmehr in Form geriefelter Kügelchen vorgesetzt -worden wäre. -</p> - -<p> -Man sieht, daß wir darauf denken, alles zu sagen, was -für ihn einnehmen kann, aber wir beurteilen ihn ohne Überschwang -und machen ihn weder besser noch schlechter, als er -war. Hans Castorp war weder ein Genie noch ein Dummkopf, -und wenn wir das Wort „mittelmäßig“ zu seiner Kennzeichnung -vermeiden, so geschieht es aus Gründen, die nicht mit seiner Intelligenz -und kaum etwas mit seiner schlichten Person überhaupt -zu tun haben, nämlich aus Achtung vor seinem Schicksal, dem -wir eine gewisse überpersönliche Bedeutung zuzuschreiben -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -geneigt sind. Sein Kopf genügte den Anforderungen des Realgymnasiums, -ohne sich überanstrengen zu müssen, – aber dies -zu tun, wäre er auch ganz bestimmt unter keinen Umständen -und um keines Gegenstandes willen geneigt gewesen: weniger -aus Furcht, sich weh zu tun, als weil er unbedingt keinen Grund -dazu sah oder, richtiger gesagt: <em>keinen unbedingten</em> Grund; -und eben darum vielleicht mögen wir ihn nicht mittelmäßig -nennen, weil er das Fehlen solcher Gründe auf irgendeine -Weise empfand. -</p> - -<p> -Der Mensch lebt nicht nur sein persönliches Leben als Einzelwesen, -sondern, bewußt oder unbewußt, auch das seiner Epoche -und Zeitgenossenschaft, und sollte er die allgemeinen und unpersönlichen -Grundlagen seiner Existenz auch als unbedingt -gegeben und selbstverständlich betrachten und <a id="corr-7"></a>von dem Einfall, -Kritik daran zu üben, so weit entfernt sein, wie der gute -Hans Castorp es wirklich war, so ist doch sehr wohl möglich, -daß er sein sittliches Wohlbefinden durch ihre Mängel vage -beeinträchtigt fühlt. Dem einzelnen Menschen mögen mancherlei -persönliche Ziele, Zwecke, Hoffnungen, Aussichten vor Augen -schweben, aus denen er den Impuls zu hoher Anstrengung -und Tätigkeit schöpft; wenn das Unpersönliche um ihn her, -die Zeit selbst der Hoffnungen und Aussichten bei aller äußeren -Regsamkeit im Grunde entbehrt, wenn sie sich ihm als hoffnungslos, -aussichtslos und ratlos heimlich zu erkennen gibt -und der bewußt oder unbewußt gestellten, aber doch irgendwie -gestellten Frage nach einem letzten, mehr als persönlichen, unbedingten -Sinn aller Anstrengung und Tätigkeit ein hohles -Schweigen entgegensetzt, so wird gerade in Fällen redlicheren -Menschentums eine gewisse lähmende Wirkung solches Sachverhalts -fast unausbleiblich sein, die sich auf dem Wege über -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -das Seelisch-Sittliche geradezu auf das physische und organische -Teil des Individuums erstrecken mag. Zu bedeutender, -das Maß des schlechthin Gebotenen überschreitender Leistung -aufgelegt zu sein, ohne daß die Zeit auf die Frage Wozu? -eine befriedigende Antwort wüßte, dazu gehört entweder eine -sittliche Einsamkeit und Unmittelbarkeit, die selten vorkommt -und heroischer Natur ist, oder eine sehr robuste Vitalität. Weder -das eine noch das andere war Hans Castorps Fall, und so -war er denn doch wohl mittelmäßig, wenn auch in einem recht -ehrenwerten Sinn. -</p> - -<p> -Wir haben hier nicht nur von des jungen Mannes innerem -Verhalten während seiner Schulzeit, sondern auch von den -darauffolgenden Jahren gesprochen, als er seinen bürgerlichen -Beruf schon gewählt hatte. Was seine Laufbahn durch die -Klassen betraf, so mußte er die eine und andere davon sogar -repetieren. Im ganzen aber halfen seine Herkunft, die Urbanität -seiner Sitten und schließlich auch eine hübsche, wenn auch -leidenschaftslose Begabung für Mathematik ihm vorwärts, -und als er das Einjährigenzeugnis hatte, beschloß er, die Schule -durchzumachen, – hauptsächlich, die Wahrheit zu sagen, weil -damit ein gewohnter, vorläufiger und unentschiedener Zustand -verlängert und Zeit zu der Überlegung gewonnen wurde, was -denn Hans Castorp am liebsten werden wollte, denn das wußte -er lange nicht recht, wußte es auch in der obersten Klasse noch -nicht, und als es sich dann entschied (daß nämlich <em>er</em> sich entschieden -hätte, wäre beinah schon zu viel gesagt), fühlte er wohl, -daß es sich ebensogut anders hätte entscheiden können. -</p> - -<p> -Aber so viel war ja richtig, daß er an Schiffen immer großes -Vergnügen gehabt hatte. Als kleiner Junge hatte er die Blätter -seiner Notizbücher mit Bleistiftzeichnungen von Fischerkuttern, -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -Gemüseevern und Fünfmastern gefüllt, und als er mit fünfzehn -Jahren von einem bevorzugten Platze aus hatte zusehen -dürfen, wie der neue Doppelschrauben-Postdampfer „Hansa“ -bei Blohm & Voß vom Stapel lief, da hatte er in Wasserfarben -ein wohlgetroffenes und bis weit ins Einzelne genaues -Bildnis des schlanken Schiffes ausgeführt, das Konsul -Tienappel in sein Privatkontor gehängt hatte, und auf -dem namentlich das transparente Glasgrün der rollenden See -so liebevoll und geschickt behandelt war, daß irgend jemand -zu Konsul Tienappel gesagt hatte, das sei Talent, und daraus -könne ein guter Marinemaler werden, – eine Äußerung, die -der Konsul seinem Pflegesohn ruhig wiedererzählen konnte, -denn Hans Castorp lachte bloß gutmütig darüber und ließ sich -auf Überspanntheiten und Hungerleiderideen auch nicht einen -Augenblick ein. -</p> - -<p> -„Viel hast du nicht“, sagte sein Onkel Tienappel manchmal -zu ihm. „Mein Geld bekommen im wesentlichen mal James -und Peter, das heißt, es bleibt im Geschäft, und Peter bezieht -seine Rente. Was dir gehört, liegt ja ganz gut und trägt dir -was Sicheres. Aber von Zinsen zu leben, dabei ist heutzutage -kein Spaß mehr, wenn man nicht wenigstens fünfmal so viel -hat, wie du, und wenn du was vorstellen willst hier in der -Stadt und leben wie du’s gewohnt bist, dann mußt du ordentlich -zuverdienen, das merk’ du lieber, min Söhn.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp merkte es sich und sah sich nach einem Berufe -um, mit dem er vor sich selbst und den Leuten bestehen könnte. -Und als er einmal gewählt hatte – es geschah auf Anregung -des alten Wilms, in Firma Tunder & Wilms, der nämlich am -sonnabendlichen Whisttisch zu Konsul Tienappel sagte, Hans -Castorp solle doch Schiffbau studieren, das sei eine Idee, und -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -bei ihm eintreten, dann wolle er wohl auf den Jungen ein -Auge haben –, da dachte er sehr hoch von seinem Beruf und -fand, daß es zwar ein verdammt komplizierter und anstrengender, -dafür aber auch ein ausgezeichneter, wichtiger und großartiger -Beruf sei und für seine friedliche Person jedenfalls bei -weitem dem seines Vetters Ziemßen vorzuziehen, Stiefschwestersohns -seiner seligen Mutter, der durchaus Offizier werden -wollte. Dabei war Joachim Ziemßen nicht mal ganz fest auf -der Brust, aber eben darum mochte ein Freiluft-Beruf, bei -dem von geistiger Arbeit und Anspannung kaum ernstlich die -Rede sein konnte, denn wohl das richtige für ihn sein, wie Hans -Castorp mit leichter Geringschätzung urteilte. Denn vor der -Arbeit hatte er den allergrößten Respekt, obwohl ihn persönlich -die Arbeit ja leicht ermüdete. -</p> - -<p> -Wir kommen hier auf unsere Andeutungen von früher zurück, -die nämlich auf die Vermutung zielten, daß Beeinträchtigungen -des persönlichen Lebens durch die Zeit geradezu den -physischen Organismus des Menschen zu beeinflussen vermöchten. -Wie hätte Hans Castorp die Arbeit nicht achten -sollen? Es wäre unnatürlich gewesen. Wie alles lag, mußte -sie ihm als das unbedingt Achtungswertste gelten, es gab im -Grunde nichts Achtenswertes außer ihr, sie war das Prinzip, -vor dem man bestand oder nicht bestand, das Absolutum -der Zeit, sie beantwortete sozusagen sich selbst. Seine Achtung -vor ihr war also religiöser und, so viel er wußte, unzweifelhafter -Natur. Aber eine andere Frage war, ob er sie -liebte; denn das konnte er nicht, so sehr er sie achtete, und zwar -aus dem einfachen Grunde, weil sie ihm nicht bekam. Angestrengte -Arbeit zerrte an seinen Nerven, sie erschöpfte ihn bald, -und ganz offen gab er zu, daß er eigentlich viel mehr die freie -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -Zeit liebe, die unbeschwerte, an der nicht die Bleigewichte der -Mühsal hingen, die Zeit, die offen vor einem gelegen hätte, -nicht abgeteilt von zähneknirschend zu überwindenden Hindernissen. -Dieser Widerstreit in seinem Verhältnis zur Arbeit bedürfte -genau genommen der Auflösung. War es möglicherweise -so, daß sein Körper sowohl wie sein Geist – zuerst der -Geist und durch ihn auch der Körper – zur Arbeit freudiger -und nachhaltiger willig gewesen wäre, wenn er im Grunde -seiner Seele, dort, wo er selbst nicht Bescheid wußte, an die -Arbeit als unbedingten Wert und sich selbst beantwortendes -Prinzip zu glauben und sich dabei zu beruhigen vermocht hätte? -Es wird damit wieder die Frage seiner Mittelmäßigkeit oder -Mehr-als-Mittelmäßigkeit aufgeworfen, die wir nicht bündig -beantworten wollen. Denn wir betrachten uns nicht als Hans -Castorps Lobredner und lassen der Vermutung Raum, daß -die Arbeit in seinem Leben einfach dem ungetrübten Genuß -von Maria Mancini etwas im Wege war. – -</p> - -<p> -Zum militärischen Dienst wurde er seinerseits nicht herangezogen. -Seine innere Natur widerstrebte dem und wußte es zu verhindern. -Auch mochte wohl sein, daß Stabsarzt Dr. Eberding, -der am Harvestehuder Weg verkehrte, von Konsul Tienappel -gesprächsweise gehört hatte, daß der junge Castorp in der -Nötigung sich zu bewaffnen eine empfindliche Störung seiner -soeben auswärts begonnenen Studien erblicken würde. -</p> - -<p> -Sein Kopf, der langsam und gelassen arbeitete, zumal Hans -Castorp die beruhigende Gewohnheit des Porterfrühstücks auch -auswärts beibehielt, füllte sich mit analytischer Geometrie, Differentialrechnung, -Mechanik, Projektionslehre und Graphostatik, -er berechnete geladenes und ungeladenes Deplacement, Stabilität, -Trimmverlagerung und Metazentrum, wenn es ihm -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -zuweilen auch sauer wurde. Seine technischen Zeichnungen, -diese Spanten-, Wasserlinien- und Längsrisse, waren nicht ganz -so gut, wie seine malerische Darstellung der „Hansa“ auf hoher -See, aber wo es galt, die geistige Anschaulichkeit durch die -sinnliche zu unterstützen, Schatten zu tuschen und Querschnitte -in munteren Materialfarben anzulegen, tat Hans Castorp es -an Geschicklichkeit den meisten zuvor. -</p> - -<p> -Wenn er in den Ferien nach Hause kam, sehr sauber, sehr -gut angezogen, mit einem kleinen rotblonden Schnurrbart in -seinem schläfrigen jungen Patriziergesicht und offenbar auf dem -Wege zu ansehnlichen Lebensstellungen, so sahen die Leute, die -sich mit kommunalen Dingen befaßten, auch mit Familien- und -Personalverhältnissen gut Bescheid wußten – und das tun -die meisten in einem sich selbst regierenden Stadtstaat –, so -sahen seine Mitbürger ihn prüfend an, indem sie sich fragten, -in welche öffentliche Rolle der junge Castorp wohl einmal hineinwachsen -werde. Er hatte ja Überlieferungen, sein Name war -alt und gut, und eines Tages, das konnte beinahe nicht fehlen, -würde man mit seiner Person als mit einem politischen Faktor -zu rechnen haben. Er würde dann in der Bürgerschaft oder dem -Bürgerausschuß sitzen und Gesetze machen, würde im Ehrenamt -an den Sorgen der Souveränität teilnehmen, einer Verwaltungsabteilung, -der Finanzdeputation vielleicht oder der -für das Bauwesen angehören, und seine Stimme würde gehört -und mitgezählt werden. Man konnte neugierig sein, wie -er wohl einmal Partei bekennen würde, der junge Castorp. -Äußerlichkeiten mochten täuschen, aber eigentlich sah er ganz -so aus, wie man <em>nicht</em> aussah, wenn die Demokraten auf einen -rechnen konnten, und die Ähnlichkeit mit dem Großvater war -unverkennbar. Vielleicht würde er ihm nacharten, ein Hemmschuh -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -werden, ein konservatives Element? Das war wohl -möglich – und ebensowohl auch das Gegenteil. Denn schließlich -war er ja Ingenieur, ein angehender Schiffbaumeister, -ein Mann des Weltverkehrs und der Technik. Da konnte es -sein, daß Hans Castorp unter die Radikalen ging, ein Draufgänger -wurde, ein profaner Zerstörer alter Gebäude und landschaftlicher -Schönheiten, ungebunden wie ein Jude und pietätlos -wie ein Amerikaner, geneigt, den rücksichtslosen Bruch mit -würdig Überliefertem einer bedächtigen Ausbildung natürlicher -Lebensbedingungen vorzuziehen und den Staat in wagehalsige -Experimente zu stürzen, – das war auch denkbar. Würde er -es im Blute haben, daß Ihre Wohlweisheiten, vor denen der -Doppelposten am Rathaus präsentierte, alles am besten wüßten, -oder würde er die Opposition in der Bürgerschaft zu unterstützen -gestimmt sein? In seinen blauen Augen unter den -rötlich blonden Brauen war keine Antwort auf solche Fragen -mitbürgerlicher Neugier zu lesen, und er wußte auch wohl noch -gar keine, Hans Castorp, dies unbeschriebene Blatt. -</p> - -<p> -Als er die Reise antrat, auf der wir ihn betrafen, stand er -im dreiundzwanzigsten Lebensjahr. Damals hatte er vier Semester -Studienzeit am Danziger Polytechnikum hinter sich und -vier weitere, die er auf den Technischen Hochschulen von Braunschweig -und Karlsruhe verbracht hatte, war kürzlich ohne Glanz -und Orchestertusch, aber mit gutem Anstande aus der ersten -Hauptprüfung gestiegen und schickte sich an, bei Tunder & Wilms -als Ingenieur-Volontär einzutreten, um auf der Werft seine -praktische Ausbildung zu empfangen. An diesem Punkt nahm -sein Weg nun erst einmal folgende Wendung. -</p> - -<p> -Zur Hauptprüfung hatte er scharf und anhaltend arbeiten -müssen und sah, als er heimkam, denn doch noch matter aus, -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -als es zu seinem Typus paßte. Dr. Heidekind schalt, so oft -er ihn sah, und forderte Luftveränderung, das heißt: eine -gründliche. Mit Norderney oder Wyk auf Föhr, sagte er, sei -es dieses Mal nicht getan, und wenn man ihn frage, so gehörte -Hans Castorp, bevor er auf die Werft gehe, für ein paar -Wochen ins Hochgebirge. -</p> - -<p> -Das sei ganz gut, sagte Konsul Tienappel zu seinem Neffen -und Pflegesohn, aber dann trennten sich diesen Sommer ihre -Wege, denn ihn, Konsul Tienappel, bekämen ins Hochgebirge -keine vier Pferde. Das sei nichts für ihn, er brauche einen vernünftigen -Luftdruck, sonst kriege er Zufälle. Ins Hochgebirge -solle Hans Castorp nur freundlichst alleine reisen. Er solle doch -Joachim Ziemßen besuchen. -</p> - -<p> -Das war ein natürlicher Vorschlag. Joachim Ziemßen nämlich -war krank, – nicht krank wie Hans Castorp, sondern auf -wirklich mißliche Weise krank, es war sogar ein großer Schrecken -gewesen. Schon immer hatte er zu Katarrh und Fieber geneigt, -und eines Tages war richtig auch roter Auswurf dagewesen, -und Hals über Kopf hatte Joachim nach Davos -gehen müssen, zu seinem größten Leidwesen und Kummer, denn -eben stand er am Ziel seiner Wünsche. Ein paar Semester lang -hatte er nach dem Willen der Seinen Jurisprudenz studiert, -aber aus unwiderstehlichem Drange hatte er umgesattelt und -sich als Fahnenjunker gemeldet und war auch schon angenommen. -Und nun saß er seit über fünf Monaten im Internationalen -Sanatorium „Berghof“ (dirigierender Arzt: Hofrat -Dr. Behrens) und langweilte sich halb zu Tode, wie er -auf Postkarten schrieb. Wenn also Hans Castorp denn schon -eine Kleinigkeit für sich tun wollte, bevor er bei Tunder & Wilms -seinen Posten antrat, so lag nichts näher, als daß er auch dort -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -hinauf fuhr, um seinem armen Cousin Gesellschaft zu leisten, – -für beide Teile war es das angenehmste. -</p> - -<p> -Es war hoher Sommer geworden, als er sich zu der Reise -entschloß. Die letzten Juli-Tage waren schon da. -</p> - -<p> -Er fuhr auf drei Wochen. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-4"> -Drittes Kapitel -</h2> - -</div> - -<h3 class="section1" id="subchap-0-4-1"> -Ehrbare Verfinsterung -</h3> - -<p class="first"> -Hans Castorp hatte gefürchtet, die Zeit zu verschlafen, da -er so überaus müde gewesen war, aber er war früher als nötig -auf den Beinen und hatte Muße im Überfluß, seinen Morgengewohnheiten -ausführlich nachzukommen, hochzivilisierten Gewohnheiten, -unter denen eine Gummiwanne sowie eine Holzschale -mit grüner Lavendelseife nebst zugehörigem Strohpinsel -eine Hauptrolle spielten, – und mit den Geschäften der Säuberung -und der Körperpflege das andere des Auspackens und -Einräumens zu verbinden. Während er den versilberten Hobel -über seine mit parfümiertem Schaum bedeckten Wangen führte, -erinnerte er sich seiner verworrenen Träume und schüttelte nachsichtig -lächelnd, mit dem Überlegenheitsgefühl des im Tageslicht -der Vernunft sich rasierenden Menschen den Kopf über -so viel Unsinn. Sehr ausgeruht fühlte er sich eben nicht, aber -frisch mit dem jungen Tage. -</p> - -<p> -Indes er sich die Hände trocknete, trat er mit gepuderten -Backen, in seiner <span class="antiqua" lang="fr">file d’écosse</span>-Unterhose und roten Saffian-Pantoffeln -auf den Balkon hinaus, der durchlief und nur vermittelst -undurchsichtiger, nicht ganz bis zum Geländer vortretender -Glaswände in einzelne Zimmerbereiche geteilt war. -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -Der Morgen war kühl und wolkig. Gestreckte Nebelbänke -lagen unbeweglich vor den seitlichen Höhen, während massiges -Gewölk, weißes und graues, auf das fernere Gebirge niederhing. -Flecken und Streifen von Himmelsblau waren hie und -da sichtbar, und wenn ein Sonnenblick einfiel, schimmerte die -Ortschaft im Talgrunde weiß gegen die dunklen Fichtenwälder -der Hänge. Irgendwo gab es Morgenmusik, wahrscheinlich -in demselben Hotel, wo man auch gestern abend Konzert gehabt -hatte. Choral-Akkorde klangen gedämpft herüber, nach -einer Pause folgte ein Marsch, und Hans Castorp, der Musik -von Herzen liebte, da sie ganz ähnlich auf ihn wirkte, wie sein -Frühstücksporter, nämlich tief beruhigend, betäubend, zum -Dösen überredend, lauschte wohlgefällig, den Kopf auf die -Seite geneigt, mit offenem Munde und etwas geröteten Augen. -</p> - -<p> -Drunten schlang sich die Wegschleife zum Sanatorium herauf, -die er gestern abend gekommen war. Kurzstieliger, sternförmiger -Enzian stand im feuchten Grase des Abhangs. Ein -Teil der Plattform war als Garten eingezäunt; dort gab es -Kieswege, Blumenrabatten und eine künstliche Felsengrotte zu -Füßen einer stattlichen Edeltanne. Eine mit Blech gedeckte Halle, -in der Liegestühle standen, öffnete sich gegen Süden, und daneben -war eine rotbraun gestrichene Flaggenstange aufgerichtet, -an deren Schnur zuweilen das Fahnentuch sich entfaltete, – eine -Phantasiefahne, grün und weiß, mit dem Emblem der Heilkunde, -einem Schlangenstab, in der Mitte. -</p> - -<p> -Eine Frau ging im Garten umher, eine ältere Dame von -düsterem, ja tragischem Aussehen. Vollständig schwarz gekleidet -und um das wirre schwarzgraue Haar einen schwarzen -Schleier gewunden, wanderte sie ruhelos und gleichmäßig rasch, -mit krummen Knien und steif nach vorn hängenden Armen -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -auf den Pfaden dahin und blickte, Querfalten in der Stirn, -mit kohlschwarzen Augen, unter denen schlaffe Hautsäcke hingen, -starr von unten geradeaus. Ihr alterndes, südlich blasses Gesicht -mit dem großen, verhärmten, einseitig abwärts gezogenen -Mund erinnerte Hans Castorp an das Bild einer berühmten -Tragödin, das ihm einmal zu Gesichte gekommen, und unheimlich -war es zu sehen, wie die schwarzbleiche Frau, offenbar ohne -es zu wissen, ihre langen, gramvollen Tritte dem Takt der herüberklingenden -Marschmusik anpaßte. -</p> - -<p> -Nachdenklich teilnehmend blickte Hans Castorp auf sie hinab, -und ihm war, als verdunkele ihre traurige Erscheinung die -Morgensonne. Gleichzeitig aber faßte er noch etwas anderes -auf, etwas Hörbares, Geräusche, die aus dem Nachbarzimmer -zur Linken, dem Zimmer des russischen Ehepaars, nach Joachims -Angabe, kamen und gleichfalls nicht zu dem heiteren, frischen -Morgen passen wollten, sondern ihn irgendwie klebrig zu verunreinigen -schienen. Hans Castorp erinnerte sich, daß er schon -gestern abend dergleichen vernommen, doch hatte seine Müdigkeit -ihn gehindert, darauf zu achten. Es war ein Ringen, -Kichern und Keuchen, dessen anstößiges Wesen dem jungen -Mann nicht lange verborgen bleiben konnte, obgleich er sich -anfangs aus Gutmütigkeit bemühte, es harmlos zu deuten. -Man hätte dieser Gutmütigkeit auch andere Namen geben -können, zum Beispiel den etwas faden der Seelenreinheit, oder -den ernsten und schönen der Schamhaftigkeit, oder die herabsetzenden -Namen der Wahrheitsunlust und der Duckmäuserei, -oder selbst den einer mystischen Scheu und Frömmigkeit, – von -alledem war etwas in Hans Castorps Verhalten zu den Geräuschen -nebenan, und physiognomisch drückte es sich aus in -einer ehrbaren Verfinsterung seiner Miene, so, als dürfe und -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -wolle er von dem, was er da hörte, nichts wissen: einem Ausdruck -von Sittsamkeit, der nicht ganz originell war, den er -aber bei bestimmten Gelegenheiten anzunehmen pflegte. -</p> - -<p> -Mit dieser Miene also zog er sich von dem Balkon ins -Zimmer zurück, um nicht länger Vorgänge zu belauschen, die -ihm ernst, ja erschütternd schienen, obgleich sie sich unter Gekicher -kundtaten. Aber im Zimmer war das Treiben jenseits -der Wand nur noch deutlicher zu hören. Es war eine Jagd -um die Möbel herum, wie es schien, ein Stuhl polterte hin, -man ergriff einander, es gab ein Klatschen und Küssen, und -hierzu kam, daß es nun Walzerklänge waren, die verbraucht -melodiösen Phrasen eines Gassenhauers, die von außen und -fernher die unsichtbare Szene begleiteten. Hans Castorp stand, -das Handtuch in Händen, und horchte wider besseren Willen. -Und plötzlich errötete er unter seinem Puder, denn was er -deutlich hatte kommen sehen, war gekommen und das Spiel -nun ohne allen Zweifel ins Tierische übergegangen. Herrgott, -Donnerwetter! dachte er, indem er sich abwandte, um -mit absichtlich geräuschvollen Bewegungen seine Toilette zu -beenden. Nun, es sind Eheleute, in Gottes Namen, soweit -ist die Sache in Ordnung. Aber am hellen Morgen, das ist -doch stark. Und mir ist ganz, als hätten sie schon gestern abend -keinen Frieden gehalten. Schließlich sind sie doch krank, da sie -hier sind, oder wenigstens einer von ihnen, da wäre etwas -Schonung am Platze. Aber das eigentlich Skandalöse ist -selbstverständlich, dachte er zornig, daß die Wände so dünn sind -und man alles so deutlich hört, das ist doch ein unhaltbarer -Zustand! Billig gebaut natürlich, schändlich billig gebaut! -Ob ich die Leute nachher zu sehen bekomme oder ihnen gar -vorgestellt werde? Das wäre im höchsten Grade peinlich. -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -Und hier wunderte sich Hans Castorp, denn er bemerkte, daß -die Röte, die ihm vorhin in die frisch rasierten Wangen gestiegen -war, nicht daraus weichen wollte, oder doch nicht das -Wärmegefühl, wovon sie begleitet gewesen, sondern fix darin -stand und nichts anderes als jene trockene Gesichtshitze war, -an der er gestern abend gelitten, deren er im Schlafe ledig geworden, -und die bei dieser Gelegenheit sich wieder eingestellt -hatte. Das stimmte ihn nicht freundlicher gegen die benachbarten -Eheleute, vielmehr murmelte er mit vorgeschobenen -Lippen ein sehr absprechendes Wort gegen sie und beging dann -den Fehler, sein Gesicht nochmals mit Wasser zu kühlen, was -das Übel bedeutend verschlimmerte. So geschah es, daß seine -Stimme mißmutig schwankte, als er seinem Vetter antwortete, -der ihm zurufend an die Wand geklopft hatte, und daß er bei -Joachims Eintritt nicht eben den Eindruck eines erfrischten -und morgenfrohen Menschen machte. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-4-2"> -Frühstück -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -„Tag“, sagte Joachim. „Das war ja nun deine erste Nacht -hier oben. Bist du zufrieden?“ -</p> - -<p> -Er war fertig zum Ausgehen, sportlich gekleidet, in kräftig -gearbeiteten Stiefeln, und trug über dem Arm seinen Ulster, -in dessen Seitentasche sich die flache Flasche abzeichnete. Einen -Hut hatte er auch heute nicht. -</p> - -<p> -„Danke,“ erwiderte Hans Castorp, „es geht. Ich will weiter -nicht urteilen. Etwas konfus geträumt habe ich, und dann -hat das Haus ja den Nachteil, daß es sehr hellhörig ist, das -ist etwas lästig. Wer ist denn die Schwarze da draußen im -Garten?“ -</p> - -<p> -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -Joachim wußte sogleich, wer gemeint war. -</p> - -<p> -„Ach, das ist ‚<span class="antiqua" lang="fr">Tous-les-deux</span>‘“, sagte er. „So wird sie -allgemein genannt hier von uns, denn das ist das einzige, was -man von ihr zu hören bekommt. Mexikanerin, weißt du, kann -kein Wort deutsch und auch französisch fast gar nicht, nur ein -paar Brocken. Sie ist seit fünf Wochen hier bei ihrem ältesten -Sohn, einem vollständig hoffnungslosen Fall, der jetzt ziemlich -rasch eingehen wird, – er hat es schon überall, durch und durch -vergiftet ist er, kann man wohl sagen, das sieht dann zuletzt -ungefähr wie Typhus aus, sagt Behrens, – scheußlich für -alle Beteiligten jedenfalls. Vor vierzehn Tagen kam nun der -zweite Sohn herauf, weil er den Bruder noch sehen wollte –, -bildhübscher Kerl übrigens, wie auch der andere, – beide sind -bildhübsche Kerle, so glutäugig, die Damen waren ganz aus -dem Häuschen. Na, der jüngere hatte unten ja wohl schon -ein bißchen gehustet, war aber sonst ganz munter gewesen. -Und kaum ist er hier, was meinst du, kriegt er Temperatur, – -aber gleich 39,5, höchstes Fieber, verstehst du, legt sich ins Bett, -und wenn er noch aufkommt, sagt Behrens, dann hat er mehr -Glück als Verstand. Jedenfalls sei es die höchste Zeit gewesen, -sagt er, daß er heraufkam ... Ja, und seitdem geht -die Mutter nun so herum, wenn sie nicht bei ihnen sitzt, und -wenn man sie anspricht, sagt sie immer nur ‚<span class="antiqua" lang="fr">Tous les deux!</span>‘ -denn mehr kann sie nicht sagen, und hier ist im Augenblick -niemand, der spanisch versteht.“ -</p> - -<p> -„So ist es also mit der“, sagte Hans Castorp. „Ob sie es -wohl auch zu mir sagen wird, wenn ich sie kennenlerne? Das -wäre doch sonderbar, – ich meine, es wäre komisch und unheimlich -zu gleicher Zeit“, sagte er, und seine Augen waren -wie gestern: sie schienen ihm heiß und schwer, als habe er lange -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -geweint, und jenen Glanz hatten sie wieder, den der neuartige -Husten des Herrenreiters darin entzündet. Überhaupt kam es -ihm vor, als habe er jetzt erst den Anschluß ans Gestrige gefunden, -als sei er gleichsam wieder im Bilde, was nach seinem Erwachen -zunächst so recht nicht der Fall gewesen war. Er sei -übrigens fertig, erklärte er, indem er etwas Lavendelwasser auf -sein Taschentuch träufelte und sich die Stirn und die Gegend -unter den Augen damit betupfte. „Wenn es dir recht ist, können -wir <span class="antiqua" lang="fr">tous les deux</span> zum Frühstück gehen“, scherzte er mit einem -Gefühl von ausschweifendem Übermut, worauf Joachim ihn -sanft anblickte und eigentümlich dazu lächelte, melancholisch und -etwas spöttisch, wie es schien, – warum, das war seine Sache. -</p> - -<p> -Nachdem Hans Castorp sich überzeugt, daß er zu rauchen -bei sich habe, nahm er Stock, Mantel und Hut, auch diesen, -trotzigerweise, denn er war seiner Lebensform und Gesittung -allzu gewiß, um sich so leicht und auf bloße drei Wochen fremden -und neuen Gebräuchen zu fügen –, und so gingen sie -denn, gingen die Treppen hinab, und auf den Korridoren wies -Joachim auf diese und jene Tür und nannte die Namen der -Inwohner, deutsche Namen und solche von allerlei fremdem -Klang, indem er kurze Anmerkungen über ihren Charakter -und die Schwere ihres Falles hinzufügte. -</p> - -<p> -Sie begegneten auch Personen, die schon vom Frühstück -zurückkehrten, und wenn Joachim jemandem Guten Morgen -sagte, lüftete Hans Castorp höflich den Hut. Er war gespannt -und nervös wie ein junger Mensch, der im Begriffe ist, sich -vielen fremden Leuten zu präsentieren und der dabei von dem -deutlichen Gefühl geplagt ist, trübe Augen und ein rotes Gesicht -zu haben, was übrigens nur teilweise zutraf, denn er war -vielmehr blaß. -</p> - -<p> -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -„Ehe ich es vergesse!“ sagte er plötzlich mit einem gewissen -blinden Eifer. „Du kannst mich gern der Dame im Garten -vorstellen, wenn es sich gerade so macht, dagegen habe ich -nichts. Sie soll nur immerhin ‚<span class="antiqua" lang="fr">tous les deux</span>‘ zu mir sagen, -das macht mir gar nichts, ich bin ja vorbereitet und verstehe -den Sinn und werde schon das richtige Gesicht dazu machen. -Aber mit dem russischen Ehepaar wünsche ich nicht bekanntzuwerden, -hörst du? Das will ich ausdrücklich nicht. Es sind -überaus unmanierliche Leute, und wenn ich schon drei Wochen -lang neben ihnen wohnen soll und es nicht anders einzurichten -war, so will ich sie doch nicht kennen, das ist mein gutes Recht, -daß ich mir das mit aller Bestimmtheit verbitte ...“ -</p> - -<p> -„Schön“, sagte Joachim. „Haben sie dich denn so gestört? -Ja, es sind gewissermaßen Barbaren, unzivilisiert mit einem -Wort, ich hab es dir ja im voraus gesagt. Er kommt immer -in einer Lederjoppe zum Essen, – abgeschabt sage ich dir, mich -wundert immer, daß Behrens nicht dagegen einschreitet. Und -sie ist auch nicht die Propperste, trotz ihrem Federhut ... Übrigens -kannst du ganz unbesorgt sein, sie sitzen weit von uns fort, -am Schlechten Russentisch, denn es gibt einen Guten Russentisch, -wo nur feinere Russen sitzen –, und es ist kaum eine -Möglichkeit, daß du mit ihnen zusammentriffst, selbst wenn -du wolltest. Es ist überhaupt nicht leicht, Bekanntschaften -zu machen, schon weil so viele Ausländer unter den Gästen -sind, und ich selbst kenne persönlich nur wenige, so lange ich -hier bin.“ -</p> - -<p> -„Wer ist denn krank von den beiden?“ fragte Hans Castorp. -„Er oder sie?“ -</p> - -<p> -„Er, glaube ich. Ja, nur er“, sagte Joachim merklich zerstreut, -während sie an den Garderobeständern vorm Speisesaal -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -ablegten. Und dann traten sie ein in den hellen, flachgewölbten -Raum, wo Stimmen schwirrten, Gerät klapperte und die -Saaltöchter mit dampfenden Kannen umhereilten. -</p> - -<p> -Sieben Tische standen im Speisesaal, die meisten in Längsrichtung, -nur zwei in die Quere. Es waren größere Tafeln, -für zehn Personen jede, wenn auch die Gedecke nicht überall -vollzählig waren. Nur ein paar Schritte schräg in den Saal -hinein, und Hans Castorp war schon an seinem Platz: er war -ihm an der Schmalseite des Tisches bereitet, der mitten vorn -stand, zwischen den beiden querstehenden. Aufrecht hinter -seinem Stuhle, verbeugte Hans Castorp sich steif und freundlich -gegen die Tischgenossen, mit denen Joachim ihn zeremoniell -bekannt machte, und die er kaum sah, geschweige, daß ihm -ihre Namen ins Bewußtsein gedrungen wären. Einzig Frau -Stöhrs Person und Namen faßte er auf, und daß sie ein -rotes Gesicht und fettige aschblonde Haare hatte. Man konnte -ihr die Bildungsschnitzer wohl zutrauen, so störrisch unwissend -war ihr Gesichtsausdruck. Dann setzte er sich und nahm beifällig -wahr, daß man das erste Frühstück hier als eine ernste -Mahlzeit behandelte. -</p> - -<p> -Es gab da Töpfe mit Marmeladen und Honig, Schüsseln -mit Milchreis und Haferbrei, Platten mit Rührei und kaltem -Fleisch; Butter war freigebig aufgestellt, jemand lüftete die -Glasglocke über einem tränenden Schweizer Käse, um davon -abzuschneiden, und eine Schale mit frischem und trockenem -Obst stand obendrein in der Mitte des Tisches. Eine Saaltochter -in Schwarz und Weiß fragte Hans Castorp, was er zu -trinken wünsche: Kakao, Kaffee oder Tee. Sie war klein wie -ein Kind, mit einem alten, langen Gesicht, – eine Zwergin, -wie er mit Schrecken erkannte. Er sah seinen Vetter an, aber -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -da dieser nur gleichmütig mit Schultern und Brauen zuckte, als -wollte er sagen: „Ja, nun, was weiter?“ so fügte er sich in -die Tatsachen, bat mit besonderer Höflichkeit um Tee, da es -eine Zwergin war, die ihn fragte, und begann Milchreis mit -Zimt und Zucker zu essen, während seine Augen über die -anderen Speisen hingingen, von denen zu kosten ihn verlangte, -und über die Gästeschaft an den sieben Tischen, Joachims -Kollegen und Schicksalsgenossen, die alle innerlich krank waren -und schwatzend frühstückten. -</p> - -<p> -Der Saal war in jenem neuzeitlichen Geschmack gehalten, -welcher der sachlichsten Einfachheit einen gewissen phantastischen -Einschlag zu geben weiß. Er war nicht sehr tief im -Verhältnis zu seiner Länge und von einer Art Wandelgang -umlaufen, in dem Anrichten standen und der sich in großen -Bögen gegen den Innenraum mit den Tischen öffnete. Die -Pfeiler, bis zu halber Höhe mit Holz in Sandelpolitur bekleidet, -dann glatt geweißt, wie der obere Teil der Wände und die Decke, -wiesen buntfarbige Bandstreifen auf, einfältige und lustige -Schablonen, die sich an den weitgespannten Gurten des flachen -Gewölbes fortsetzten. Mehrere Kronenleuchter, elektrisch, aus -blankem Messing, schmückten den Saal, bestehend aus je drei -übereinander gelagerten Reifen, welche mit zierlichem Flechtwerk -verbunden waren und an deren unterstem wie kleine -Monde Milchglasglocken im Kreise gingen. Es waren vier -Glastüren da, – an der entgegengesetzten Breitseite zwei, die -hinaus auf eine vorgelagerte Veranda gingen, eine dritte vorn -links, die geradeswegs in die vordere Halle führte, und dann -jene, durch die Hans Castorp von einem Flur aus eingetreten -war, da Joachim ihn eine andere Treppe hinabgeführt hatte, -als gestern abend. -</p> - -<p> -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -Er hatte zur Rechten ein unansehnliches Wesen in Schwarz -mit flaumigem Teint und matt erhitzten Backen, in der er etwas -wie eine Nähterin oder Hausschneiderin sah, wohl auch -weil sie ausschließlich Kaffee mit Buttersemmeln frühstückte -und weil er die Vorstellung einer Hausschneiderin von jeher -mit derjenigen von Kaffee und Buttersemmeln verbunden -hatte. Zur Linken saß ihm ein englisches Fräulein, schon angejahrt -gleichfalls, sehr häßlich, mit dürren, verfrorenen Fingern, -die rundlich geschriebene Briefe aus der Heimat las und -einen blutfarbenen Tee dazu trank. Neben ihr folgte Joachim -und dann Frau Stöhr in einer schottischen Wollbluse. Die -linke Hand hielt sie geballt in der Nähe ihrer Wange, während -sie speiste, und bemühte sich sichtlich, beim Sprechen eine feingebildete -Miene zu machen, indem sie die Oberlippe von ihren -schmalen und langen Hasenzähnen zurückzog. Ein junger -Mann mit dünnem Schnurrbart und einem Gesichtsausdruck, -als habe er etwas Schlechtschmeckendes im Munde, setzte sich -neben sie und frühstückte vollständig schweigend. Er kam -herein, als Hans Castorp schon saß, senkte im Gehen und ohne -jemanden anzublicken einmal zum Gruße das Kinn auf die -Brust und nahm Platz, indem er es durch sein Verhalten -rundweg ablehnte, sich mit dem neuen Gaste bekannt machen -zu lassen. Vielleicht war er zu krank, um für solche Äußerlichkeiten -noch Sinn und Achtung zu haben oder überhaupt an -seiner Umgebung Interesse zu nehmen. Einen Augenblick saß -ihm gegenüber ein außerordentlich mageres, hellblondes junges -Mädchen, das eine Flasche Yoghurt auf seinen Teller entleerte, -die Milchspeise auflöffelte und sich unverzüglich wieder entfernte. -</p> - -<p> -Die Unterhaltung am Tisch war nicht lebhaft. Joachim -plauderte formell mit Frau Stöhr, er erkundigte sich nach -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -ihrem Befinden und vernahm mit korrektem Bedauern, daß -es zu wünschen übrig lasse. Sie klagte über „Schlaffheit“. -„Ich bin so schlaff!“ sagte sie gedehnt und zierte sich auf ungebildete -Weise. Auch habe sie beim Aufstehen schon 37,3 gehabt, -und wie werde es da erst nachmittags sein. Die Hausschneiderin -bekannte sich zu derselben Körpertemperatur, erklärte -aber, daß sie sich im Gegenteil aufgeregt fühle, innerlich -gespannt und rastlos, so, als stände ihr etwas Besonderes -und Entscheidendes bevor, was doch gar nicht der Fall sei, sondern -es sei eine körperliche Erregung ohne seelische Ursachen. -Sie war doch wohl keine Hausschneiderin, denn sie sprach sehr -richtig und fast gelehrt. Übrigens fand Hans Castorp diese -Aufgeregtheit oder doch die Äußerung davon irgendwie unangemessen, -ja fast anstößig bei einem so unscheinbaren und -geringen Geschöpf. Er fragte nacheinander die Nähterin und -Frau Stöhr, wie lange sie schon hier oben seien (jene lebte -seit fünf Monaten, diese seit sieben in der Anstalt), suchte hierauf -sein Englisch zusammen, um von seiner Nachbarin zur -Rechten zu erfahren, was für einen Tee sie da trinke (es war -Hagebuttentee) und ob er denn gut schmecke, was sie fast -stürmisch bejahte, und sah dann in den Saal hinein, in dem -man kam und ging: das erste Frühstück war keine streng gemeinsame -Mahlzeit. -</p> - -<p> -Er hatte ein wenig Furcht vor schreckhaften Eindrücken gehabt, -aber er fand sich enttäuscht: es ging ganz aufgeräumt -zu hier im Saale, man hatte nicht das Gefühl, sich an einer -Stätte des Jammers zu befinden. Gebräunte junge Leute -beiderlei Geschlechts kamen trällernd herein, sprachen mit den -Saaltöchtern und hieben mit robustem Appetit in das Frühstück -ein. Auch reifere Personen waren da, Ehepaare, eine -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -ganze Familie mit Kindern, die Russisch sprach, auch halbwüchsige -Jungen. Die Frauen trugen fast sämtlich eng anliegende -Jacken aus Wolle oder Seide, sogenannte Sweater, weiß oder -farbig, mit Fallkragen und Seitentaschen, und es sah hübsch -aus, wenn sie, beide Hände in diese Seitentaschen vergraben, -standen und plauderten. An mehreren Tischen wurden Photographien -herumgezeigt, neue, selbst angefertigte Aufnahmen -ohne Zweifel; an einem anderen tauschte man Briefmarken. -Es wurde vom Wetter gesprochen, davon, wie man geschlafen -und wieviel man morgens im Munde gemessen. Die meisten -waren lustig, – ohne besonderen Grund wahrscheinlich, sondern -nur, weil sie keine unmittelbaren Sorgen hatten und zahlreich -beisammen waren. Einzelne freilich saßen, den Kopf in -die Hände gestützt, am Tische und starrten vor sich hin. Man -ließ sie starren und achtete nicht auf sie. -</p> - -<p> -Plötzlich zuckte Hans Castorp geärgert und beleidigt zusammen. -Eine Tür war zugefallen, es war die Tür links vorn, -die gleich in die Halle führte, – jemand hatte sie zufallen lassen -oder gar hinter sich ins Schloß geworfen, und das war ein -Geräusch, das Hans Castorp auf den Tod nicht leiden konnte, -das er von jeher gehaßt hatte. Vielleicht beruhte dieser Haß -auf Erziehung, vielleicht auf angeborener Idiosynkrasie, – -genug, er verabscheute das Türenwerfen und hätte jeden schlagen -können, der es sich vor seinen Ohren zuschulden kommen -ließ. In diesem Fall war die Tür obendrein mit kleinen Glasscheiben -gefüllt, und das verstärkte den Chok: es war ein Schmettern -und Klirren. Pfui, dachte Hans Castorp wütend, was ist -denn das für eine verdammte Schlamperei! Da übrigens in -demselben Augenblick die Nähterin das Wort an ihn richtete, -so hatte er keine Zeit, festzustellen, wer der Missetäter gewesen -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -sei. Doch standen Falten zwischen seinen blonden Brauen, -und sein Gesicht war peinlich verzerrt, während er der Nähterin -antwortete. -</p> - -<p> -Joachim fragte, ob die Ärzte schon durchgekommen seien. -Ja, zum erstenmal seien sie dagewesen, antwortete jemand, – -sie hätten den Saal verlassen fast in dem Augenblick, als die -Vettern gekommen seien. Dann wollten sie gehen und nicht -warten, meinte Joachim. Eine Gelegenheit zur Vorstellung -werde sich im Laufe des Tages ja finden. Aber an der Tür -wären sie fast mit Hofrat Behrens zusammengestoßen, der, -gefolgt von Dr. Krokowski, im Geschwindschritt hereinkam. -</p> - -<p> -„Hoppla, Achtung die Herren!“ sagte Behrens. „Das hätte -leicht schlecht ablaufen können für die beiderseitigen Hühneraugen.“ -Er sprach stark niedersächsisch, breit und kauend. „So -das sind <em>Sie</em>“, sagte er zu Hans Castorp, den Joachim mit -zusammengezogenen Absätzen präsentierte; „na, freut mich.“ -Und er gab dem jungen Mann seine Hand, die groß war wie -eine Schaufel. Er war ein knochiger Mann, wohl drei Köpfe -höher als Dr. Krokowski, schon ganz weiß auf dem Kopf, mit -heraustretendem Genick, großen, vorquellenden und blutunterlaufenen -blauen Augen, in denen Tränen schwammen, einer -aufgeworfenen Nase und kurzgeschnittenem Schnurrbärtchen, -das schief gezogen war, und zwar infolge einer einseitigen -Schürzung der Oberlippe. Was Joachim von seinen Backen -gesagt hatte, bewahrheitete sich vollkommen, sie waren blau; -und so wirkte sein Kopf denn recht farbig gegen den weißen -Chirurgenrock, den er trug, einen über die Knie reichenden Gurtkittel, -der unten seine gestreiften Hosen und ein paar kolossale -Füße in gelben und etwas abgenutzten Schnürstiefeln sehen -ließ. Auch Dr. Krokowski war im Berufskleide, allein sein -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -Kittel war schwarz, aus einem schwarzen Lüsterstoff, hemdartig, -mit Gummizügen an den Handgelenken, und hob seine -Blässe nicht wenig. Er verhielt sich rein assistierend und beteiligte -sich auf keine Weise an der Begrüßung, doch ließ eine -kritische Spannung seines Mundes erkennen, daß er sein untergeordnetes -Verhältnis als wunderlich empfinde. -</p> - -<p> -„Vettern?“ fragte der Hofrat, indem er mit der Hand zwischen -den jungen Leuten hin und her deutete und mit seinen -blutunterlaufenen blauen Augen von unten blickte ... „Na, -will er denn auch zum Kalbsfell schwören?“ sagte er zu -Joachim und wies mit dem Kopf auf Hans Castorp ... „I, -Gott bewahre, – was? Ich habe doch gleich gesehen“ – und -er sprach nun direkt zu Hans Castorp –, „daß Sie so was -Ziviles haben, so was Komfortables, – nichts so Waffenrasselndes -wie dieser Rottenführer da. Sie wären ein besserer Patient -als der, da möcht ich doch wetten. Das sehe ich jedem -gleich an, ob er einen brauchbaren Patienten abgeben kann, -denn dazu gehört Talent, Talent gehört zu allem, und dieser -Myrmidon hier hat auch kein bißchen Talent. Zum Exerzieren, -das weiß ich nicht, aber zum Kranksein gar nicht. Wollen -Sie glauben, daß er immer weg will? Immerzu will er weg, -tirrt mich und plagt mich und kann es nicht erwarten, sich da -unten schinden zu lassen. So ein Biereifer! Kein halbes Jährchen -will er uns schenken. Und dabei ist es doch ganz schön hier -bei uns, – nun sagen Sie mal selbst, Ziemßen, ob es nicht ganz -schön hier ist! Na, Ihr Herr Vetter wird uns schon besser zu -würdigen wissen, wird sich schon amüsieren. Damenmangel -ist auch nicht, – allerliebste Damen haben wir hier. Wenigstens -von außen sind manche ganz malerisch. Aber <em>Sie</em> sollten -sich etwas mehr Couleur anschaffen, hören Sie mal, sonst -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -fallen Sie ab bei den Damen! Grün ist ja wohl des Lebens goldner -Baum, aber als Gesichtsfarbe ist grün doch nicht ganz das -Richtige. Total anämisch natürlich“, sagte er, indem er ohne -weiteres auf Hans Castorp zutrat und ihm mit Zeige- und -Mittelfinger ein Augenlid herunterzog. „Selbstverständlich -total anämisch, wie ich sagte. Wissen Sie was? Das war -gar nicht so dumm von Ihnen, daß Sie Ihr Hamburg mal -auf einige Zeit sich selbst überließen. Ist ja eine höchst dankenswerte -Einrichtung, dieses Hamburg; stellt uns immer ein -nettes Kontingent mit seiner feuchtfröhlichen Meteorologie. -Aber wenn ich Ihnen bei dieser Gelegenheit einen unmaßgeblichen -Rat geben darf – ganz <span class="antiqua" lang="la">sine pecunia</span>, wissen Sie –, -so machen Sie, solange Sie hier sind, mal alles mit, was Ihr -Vetter macht. In <a id="corr-8"></a>Ihrem Fall kann man gar nichts Schlaueres -tun, als einige Zeit zu leben wie bei leichter <span class="antiqua" lang="la">tuberculosis pulmonum</span>, -und ein bißchen Eiweiß anzusetzen. Das ist nämlich -kurios hier bei uns mit dem Eiweißstoffwechsel ... Obgleich -die Allgemeinverbrennung erhöht ist, setzt der Körper doch Eiweiß -an ... Na, und Sie haben schön geschlafen, Ziemßen? -Fein, was? Also nun mal los mit dem Lustwandel! Aber -nicht mehr als ’ne halbe Stunde! Und nachher die Quecksilberzigarre -ins Gesicht gesteckt! Immer hübsch aufschreiben, -Ziemßen! Dienstlich! Gewissenhaft! Sonnabend will ich die -Kurve sehen! Ihr Herr Vetter soll auch gleich mitmessen. -Messen kann nie was schaden. Morgen, die Herren! Gute -Unterhaltung! Morgen ... Morgen ...“ Und Dr. Krokowski -schloß sich ihm an, der weiter segelte, mit den Armen -schlenkernd, die Handflächen ganz nach hinten gekehrt, indem -er nach rechts und links die Frage richtete, ob man „schön“ -geschlafen habe, was allgemein bejaht wurde. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-4-3"> -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -Neckerei. Viatikum. Unterbrochene Heiterkeit -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -„Sehr netter Mann“, sagte Hans Castorp, als sie nach -freundschaftlicher Begrüßung mit dem hinkenden Concierge, -der in seiner Loge Briefe ordnete, durch das Portal hinaus ins -Freie traten. Das Portal war an der Südostflanke des weißgetünchten -Gebäudes gelegen, dessen mittlerer Teil die beiden -Flügel um ein Stockwerk überragte und von einem kurzen, -mit schieferfarbenem Eisenblech gedeckten Uhrturm gekrönt -war. Man berührte den eingezäunten Garten nicht, wenn -man das Haus hier verließ, sondern war gleich im Freien, angesichts -schräger Bergwiesen, die von vereinzelten, mäßig hohen -Fichten und auf den Boden geduckten Krummholzkiefern bestanden -waren. Der Weg, den sie einschlugen – eigentlich war -es der einzige, der in Betracht kam, außer der zu Tale abfallenden -Fahrstraße –, leitete sie leicht ansteigend nach links an -der Rückseite des Sanatoriums vorbei, der Küchen- und Wirtschaftsseite, -wo eiserne Abfalltonnen an den Gittern der Kellertreppen -standen, lief noch ein gutes Stück in derselben Richtung -fort, beschrieb dann ein scharfes Knie und führte steiler nach -rechts hin den dünn bewaldeten Hang hinan. Es war ein harter, -rötlich gefärbter, noch etwas feuchter Weg, an dessen Saume -zuweilen Steinblöcke lagen. Die Vettern sahen sich keineswegs -allein auf der Promenade. Gäste, die gleich nach ihnen ihr -Frühstück beendet, folgten ihnen auf dem Fuße, und ganze -Gruppen, auf dem Rückweg, kamen ihnen mit den stapfenden -Tritten absteigender Leute entgegen. -</p> - -<p> -„Sehr netter Mann!“ wiederholte Hans Castorp. „So eine -flotte Redeweise hat er, es machte mir Spaß, ihm zuzuhören. -‚Quecksilberzigarre‘ für ‚Thermometer‘ ist doch ausgezeichnet, -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -ich habe es gleich verstanden ... Aber ich zünde mir nun eine -richtige an,“ sagte er stehenbleibend, „ich halte es nicht mehr -aus! Seit gestern mittag habe ich nichts Ordentliches mehr -geraucht ... Entschuldige mal!“ Und er entnahm seinem -automobilledernen und mit silbernem Monogramm geschmückten -Etui ein Exemplar von Maria Mancini, ein schönes Exemplar -der obersten Lage, an einer Seite abgeplattet, wie er es -besonders liebte, kupierte die Spitze mit einem kleinen, eckig -schneidenden Instrument, das er an der Uhrkette trug, ließ seinen -Taschenzündapparat aufflammen und setzte die ziemlich -lange, vorn stumpfe Zigarre mit einigen hingebungsvoll paffenden -Zügen in Brand. „So!“ sagte er. „Nun können wir -meinethalben den Lustwandel fortsetzen. Du rauchst natürlich -nicht vor lauter Biereifer.“ -</p> - -<p> -„Ich rauche ja nie“, antwortete Joachim. „Warum sollt -ich denn gerade hier rauchen.“ -</p> - -<p> -„Das verstehe ich nicht!“ sagte Hans Castorp. „Ich verstehe -es nicht, wie jemand nicht rauchen kann, – er bringt sich -doch, sozusagen, um des Lebens bestes Teil und jedenfalls um -ein ganz eminentes Vergnügen! Wenn ich aufwache, so freue -ich mich, daß ich tagüber werde rauchen dürfen, und wenn ich -esse, so freue ich mich wieder darauf, ja ich kann sagen, daß ich -eigentlich bloß esse, um rauchen zu können, wenn ich damit natürlich -auch etwas übertreibe. Aber ein Tag ohne Tabak, das -wäre für mich der Gipfel der Schalheit, ein vollständig öder und -reizloser Tag, und wenn ich mir morgens sagen müßte: heut -gibt’s nichts zu rauchen, – ich glaube, ich fände den Mut gar -nicht, aufzustehen, wahrhaftig, ich bliebe liegen. Siehst du: -hat man eine gut brennende Zigarre – selbstverständlich darf -sie nicht Nebenluft haben oder schlecht ziehen, das ist im höchsten -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -Grade ärgerlich – ich meine: hat man eine gute Zigarre, -dann ist man eigentlich geborgen, es kann einem buchstäblich -nichts geschehn. Es ist genau, wie wenn man an der See -liegt, dann liegt man eben an der See, nicht wahr, und -braucht nichts weiter, weder Arbeit noch Unterhaltung ... -Gott sei Dank raucht man ja in der ganzen Welt, es ist nirgendwo -unbekannt, soviel ich weiß, wohin man auch etwa -verschlagen werden sollte. Selbst die Polarforscher statten -sich reichlich mit Rauchvorrat aus für ihre Strapazen, und -das hat mich immer sympathisch berührt, wenn ich es las. -Denn es kann einem sehr schlecht gehen, – nehmen wir mal -an, es ginge mir miserabel; aber solange ich noch meine Zigarre -hätte, hielte ich’s aus, das weiß ich, sie brächte mich -drüber weg.“ -</p> - -<p> -„Immerhin ist es etwas schlapp,“ sagte Joachim, „daß du -so daran hängst. Behrens hat ganz recht: Du bist ein Zivilist -– er meinte es ja wohl mehr als Lob, aber du bist ein heilloser -Zivilist, das ist die Sache. Übrigens bist du ja gesund und -kannst tun, was du willst“, sagte er, und seine Augen wurden -müde. -</p> - -<p> -„Ja, gesund bis auf die Anämie“, sagte Hans Castorp. -„Reichlich geradezu war es ja, wie er es mir so sagte, daß ich -grün aussehe. Aber es stimmt, es ist mir selber aufgefallen, -daß ich im Vergleich mit euch hier oben förmlich grün bin, -zu Hause hab ich es nicht so bemerkt. Und dann ist es ja auch -wieder nett von ihm, daß er mir so ohne weiteres Ratschläge -gibt, ganz <span class="antiqua" lang="la">sine pecunia</span>, wie er sich ausdrückt. Ich will mir -gern vornehmen, es zu machen, wie er sagt, und mich ganz -nach deiner Lebensweise richten, – was sollt’ ich denn sonst -auch wohl tun bei euch hier oben, und es kann ja nicht schaden, -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -wenn ich in Gottes Namen Eiweiß ansetze, obgleich es etwas -widerlich klingt, das mußt du mir zugeben.“ -</p> - -<p> -Joachim hüstelte ein paarmal im Gehen, – die Steigung -schien ihn doch anzustrengen. Als er zum drittenmal ansetzte, -blieb er mit gerunzelten Brauen stehen. „Geh nur voran“, -sagte er. Hans Castorp beeilte sich, weiterzugehen und sah -sich nicht um. Dann verlangsamte er seinen Schritt und blieb -schließlich fast stehen, da ihm war, als müsse er einen bedeutenden -Vorsprung vor Joachim gewonnen haben. Aber er -sah sich nicht um. -</p> - -<p> -Ein Trupp von Gästen beiderlei Geschlechtes kam ihm entgegen, -– er hatte sie droben auf halber Höhe des Hanges den -ebenen Weg entlang kommen sehen, jetzt stapften sie abwärts, -gerade auf ihn zu und ließen ihre verschiedenartigen Stimmen -ertönen. Es waren sechs oder sieben Personen gemischten Alters, -die einen blutjung, ein paar schon etwas weiter an Jahren. -Er sah sie sich an mit seitwärts geneigtem Kopfe, während er -an Joachim dachte. Sie waren barhaupt und braun, die Damen -in farbigen Sweaters, die Herren meist ohne Überzieher -und selbst ohne Stöcke, wie Leute, die ohne Umstände und die -Hände in den Taschen ein paar Schritte vors Haus machen. Da -sie bergab gingen, was keine ernsthaft tragende Anstrengung, -sondern nur ein lustiges Bremsen und Anstemmen der Beine -erfordert, damit man nicht ins Laufen und Stolpern gerät, -ja eigentlich nichts weiter als ein Sichfallenlassen ist, hatte -ihre Gangart etwas Beschwingtes und Leichtsinniges, was sich -ihren Mienen, ihrer ganzen Erscheinung mitteilte, so daß man -wohl wünschen konnte, zu ihnen zu gehören. -</p> - -<p> -Nun waren sie bei ihm, Hans Castorp sah ihre Gesichter -genau. Sie waren nicht alle gebräunt, zwei Damen stachen -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -durch Blässe ab: die eine dünn wie ein Stock und elfenbeinern -von Angesicht, die andere kleiner und fett, von Leberflecken -verunziert. Sie sahen ihn alle an, mit einem gemeinsamen, -dreisten Lächeln. Ein langes junges Mädchen in grünem -Sweater, mit schlecht frisiertem Haar und dummen, nur halb -geöffneten Augen strich dicht an Hans Castorp vorbei, indem -es ihn fast mit dem Arme berührte. Und dabei pfiff sie ... -Nein, das war verrückt! Sie pfiff ihn an, doch nicht mit dem -Mund, den spitzte sie gar nicht, sie hielt ihn im Gegenteil fest -geschlossen. Es pfiff aus ihr, indes sie ihn ansah, dumm und -mit halbgeschlossenen Augen, – ein außerordentlich unangenehmes -Pfeifen, rauh, scharf und doch hohl, gedehnt und gegen -das Ende im Tone abfallend, so daß es an die Musik jener -Jahrmarktsschweinchen aus Gummi erinnerte, die klagend ihre -eingeblasene Luft fahren lassen und zusammensinken, drang -irgendwie und unbegreiflicherweise aus ihrer Brust hervor, -und dann war sie mit ihrer Gesellschaft vorüber. -</p> - -<p> -Hans Castorp stand starr und blickte ins Weite. Dann -wandte er sich hastig um und begriff wenigstens so viel, daß -das Abscheuliche ein Scherz, eine abgekartete Fopperei gewesen -sein mußte, denn er sah an den Schultern der Abziehenden, -daß sie lachten, und ein untersetzter Jüngling mit Wulstlippen, -welcher, beide Hände in den Hosentaschen, auf ziemlich unschickliche -Art seine Jacke emporgerafft hielt, drehte sogar unverhohlen -den Kopf nach ihm und lachte ... Joachim war -herangekommen. Er grüßte die Gruppe, indem er nach seiner -ritterlichen Gewohnheit beinahe Front machte und sich mit zusammengezogenen -Absätzen verbeugte, und trat dann sanft -blickend zu seinem Vetter. -</p> - -<p> -„Was machst du denn für ein Gesicht?“ fragte er. -</p> - -<p> -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -„Sie pfiff!“ antwortete Hans Castorp. „Sie pfiff aus dem -Bauche, als sie an mir vorüberkam, willst du mir das erklären?“ -</p> - -<p> -„Ach“, sagte Joachim und lachte wegwerfend. „Nicht aus -dem Bauche, Unsinn. Das war die Kleefeld, Hermine Kleefeld, -die pfeift mit dem Pneumothorax.“ -</p> - -<p> -„Womit?“ fragte Hans Castorp. Er war außerordentlich -erregt und wußte nicht recht in welchem Sinne. Er schwankte -zwischen Lachen und Weinen, als er hinzufügte: „Du kannst -nicht verlangen, daß ich euer Rotwelsch verstehe.“ -</p> - -<p> -„So komm doch weiter!“ sagte Joachim. „Ich kann es -dir doch auch im Gehen erklären. Du bist ja wie angewurzelt! -Es ist etwas aus der Chirurgie, wie du dir denken kannst, eine -Operation, die hier oben häufig ausgeführt wird. Behrens -hat große Übung darin ... Wenn eine Lunge sehr mitgenommen -ist, verstehst du, die andere aber gesund oder vergleichsweise -gesund, so wird die kranke mal einige Zeit von -ihrer Tätigkeit dispensiert, um sie zu schonen ... Das heißt: -man wird hier aufgeschnitten, hier irgendwo seitwärts, – ich -kenne die Stelle ja nicht genau, aber Behrens hat es großartig -los. Und dann wird Gas in einen hineingelassen, Stickstoff, -weißt du, und so der verkäste Lungenflügel außer Betrieb -gesetzt. Das Gas hält natürlich nicht lange vor, halbmonatlich -etwa muß es erneuert werden, – man wird gleichsam aufgefüllt, -so mußt du dirs vorstellen. Und wenn das ein Jahr -lang geschieht oder länger, und alles geht gut, so kann die -Lunge durch Ruhe zur Heilung kommen. Nicht immer, versteht -sich, es ist wohl sogar eine gewagte Sache. Aber es sollen -schon schöne Erfolge mit dem Pneumothorax erzielt worden -sein. Alle haben ihn, die du da eben sahst. Frau Iltis war -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -auch dabei – die mit den Leberflecken – und Fräulein Levi, -die magere, du erinnerst dich, – sie hat so lange zu Bett gelegen. -Sie haben sich zusammengefunden, denn so etwas wie -der Pneumothorax verbindet die Menschen natürlich, und -nennen sich ‚Verein Halbe Lunge‘, unter diesem Namen sind -sie bekannt. Aber der Stolz des Vereins ist Hermine Kleefeld, -weil sie mit dem Pneumothorax pfeifen kann, – das ist eine -Gabe von ihr, es kann es durchaus nicht jeder. Wie sie es fertig -bringt, das kann ich dir auch nicht sagen, sie selbst kann es nicht -deutlich beschreiben. Aber wenn sie rasch gegangen ist, dann -kann sie aus ihrem Inneren pfeifen, und das benutzt sie natürlich, -um die Leute zu erschrecken, besonders die neuangekommenen -Kranken. Ich glaube übrigens, daß sie Stickstoff dabei -verschwendet, denn alle acht Tage muß sie aufgefüllt werden.“ -</p> - -<p> -Nun lachte Hans Castorp; seine Erregung hatte sich bei -Joachims Worten zum Heiteren entschieden, und indem er im -Gehen die Augen mit der Hand bedeckte und sich vorneigte, -wurden seine Schultern von einem raschen und leisen Kichern -erschüttert. -</p> - -<p> -„Sind sie auch eingetragen?“ fragte er, und das Sprechen -wurde ihm nicht leicht; es klang vor zurückgehaltenem Lachen -weinerlich und leise jammernd. „Haben sie Statuten? Schade, -daß du nicht Mitglied bist, du, dann könnten sie mich als -Ehrengast zulassen oder als ... Konkneipant ... Du solltest -Behrens bitten, daß er dich teilweise außer Betrieb setzt. Vielleicht -würdest du auch pfeifen können, wenn du’s drauf anlegtest, -es muß doch schließlich zu lernen sein ... Das ist das -Komischste, was ich in meinem Leben gehört habe!“ sagte er -tief aufseufzend. „Ja, verzeih, daß ich so davon spreche, aber -sie selbst sind ja in der besten Laune, deine pneumatischen -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -Freunde! Wie sie daherkamen ... Und zu denken, daß es der -‚Verein Halbe Lunge‘ war! ‚Tiuu‘ pfeift sie mich an, – eine -tolle Person! Aber das ist doch heller Übermut! Warum sind -sie so übermütig, du, willst du mir das mal sagen?“ -</p> - -<p> -Joachim suchte nach einer Antwort. „Gott,“ sagte er, „sie -sind so <em>frei</em> ... Ich meine, es sind ja junge Leute, und die -Zeit spielt keine Rolle für sie, und dann sterben sie womöglich. -Warum sollen sie da ernste Gesichter schneiden. Ich denke -manchmal: Krankheit und Sterben sind eigentlich nicht ernst, -sie sind mehr so eine Art Bummelei, Ernst gibt es genau genommen -nur im Leben da unten. Ich glaube, daß du das -mit der Zeit schon verstehen wirst, wenn du erst länger hier -oben bist.“ -</p> - -<p> -„Sicher“, sagte Hans Castorp. „Das glaube ich sogar -sicher. Ich habe schon sehr viel Interesse gefaßt für euch hier -oben, und wenn man sich interessiert, nicht wahr, dann kommt -das Verstehen von selber ... Aber wie ist mir denn nur, – -sie schmeckt nicht!“ sagte er und betrachtete seine Zigarre. „Ich -frage mich die ganze Zeit, was mir fehlt, und nun merke ich, -daß es Maria ist, die mir nicht schmeckt. Sie schmeckt wie -Papiermaché, ich versichere dich, es ist gerade, wie wenn man -einen völlig verdorbenen Magen hat. Das ist doch unbegreiflich! -Ich habe ja ungewöhnlich viel zum Frühstück gegessen, -aber das kann der Grund nicht sein, denn wenn man zu viel -gegessen hat, so schmeckt sie zunächst sogar besonders gut. -Meinst du, es kann daher kommen, daß ich so unruhig geschlafen -habe? Vielleicht bin ich dadurch in Unordnung geraten. -Nein, ich muß sie geradezu wegwerfen!“ sagte er nach -einem neuen Versuch. „Jeder Zug ist eine Enttäuschung; es -hat keinen Zweck, daß ich es forciere.“ Und nachdem er noch -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -einen Augenblick gezögert, warf er die Zigarre den Abhang -hinab zwischen das feuchte Nadelholz. „Weißt du, womit es -meiner Überzeugung nach zusammenhängt?“ fragte er ... -„Meiner festen Überzeugung nach hängt es mit dieser verdammten -Gesichtshitze zusammen, an der ich nun schon wieder -seit dem Aufstehen laboriere. Weiß der Teufel, mir ist immer, -als wäre ich schamrot im Gesicht ... Hast du das auch so gehabt, -als du ankamst?“ -</p> - -<p> -„Ja“, sagte Joachim. „Mir war auch zuerst etwas sonderbar. -Mach dir nichts draus! Ich habe dir ja gesagt, daß es -nicht so leicht ist, sich einzuleben bei uns. Aber du kommst -schon wieder in Ordnung. Siehst du, die Bank steht hübsch. -Wir wollen uns etwas setzen und dann nach Hause gehen, ich -muß in die Liegekur.“ -</p> - -<p> -Der Weg war eben geworden. Er lief nun in der Richtung -auf Platz Davos, etwa in Drittelhöhe des <a id="corr-10"></a>Hanges, und gewährte -zwischen hohen, schmal gewachsenen und windschiefen -Kiefern den Blick auf den Ort, der weißlich in hellerem Lichte -lag. Die schlicht gezimmerte Bank, auf der sie sich setzten, -lehnte sich an die steile Bergwand. Neben ihnen fiel ein Wasser -in offener Holzrinne gurgelnd und plätschernd zu Tal. -</p> - -<p> -Joachim wollte den Vetter über die Namen der umwölkten -Alpenhäupter unterrichten, die das Tal im Süden zu schließen -schienen, indem er mit der Spitze seines Bergstockes auf sie -wies. Aber Hans Castorp blickte nur flüchtig hin, er saß vornüber -gebeugt, zeichnete mit der Zwinge seines städtischen, silberbeschlagenen -Stockes Figuren im Sand und verlangte anderes -zu wissen. -</p> - -<p> -„Was ich dich fragen wollte –“, fing er an ... „Der Fall -in meinem Zimmer war also gerade eingegangen, als ich kam. -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -Sind sonst schon viele Todesfälle vorgekommen, seit du hier -oben bist?“ -</p> - -<p> -„Mehrere sicher“, antwortete Joachim. „Aber sie werden -diskret behandelt, verstehst du, man erfährt nichts davon oder -nur gelegentlich, später, es geht im strengsten Geheimnis vor -sich, wenn einer stirbt, aus Rücksicht auf die Patienten und -namentlich auch auf die Damen, die sonst leicht Zufälle bekämen. -Wenn neben dir jemand stirbt, das merkst du gar nicht. -Und der Sarg wird in aller Frühe gebracht, wenn du noch -schläfst, und abgeholt wird der Betreffende auch nur zu solchen -Zeiten, zum Beispiel während des Essens.“ -</p> - -<p> -„Hm“, sagte Hans Castorp und zeichnete weiter. „Hinter -den Kulissen also geht so etwas vor sich.“ -</p> - -<p> -„Ja, so kann man sagen. Aber neulich, es ist nun, warte -mal, möglicherweise acht Wochen her –“ -</p> - -<p> -„Dann kannst du nicht neulich sagen“, bemerkte Hans Castorp -trocken und wachsam. -</p> - -<p> -„Wie? Also nicht neulich. Du bist aber genau. Ich habe die -Zahl ja nur so geraten. Also vor einiger Zeit, da habe ich doch -einmal hinter die Kulissen gesehen, aus reinem Zufall, ich weiß -es wie heute. Das war, als sie der kleinen Hujus, einer Katholischen, -Barbara Hujus, das Viatikum brachten, das Sterbesakrament, -weißt du, die letzte Ölung. Sie war noch auf, als -ich hier ankam, und ausgelassen lustig konnte sie sein, so dalberig, -recht wie ein Backfisch. Aber dann ging es rapide mit -ihr, sie stand nicht mehr auf, drei Zimmer von meinem lag sie, -und ihre Eltern kamen, und nun kam denn also der Priester. -Er kam, während alles beim Tee war, nachmittags, es war -kein Mensch auf den Gängen. Aber stelle dir vor, ich hatte -verschlafen, ich war in der Hauptliegekur eingeschlafen und -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -hatte das Gong überhört und mich um eine Viertelstunde verspätet. -Da war ich nun im entscheidenden Augenblick nicht, -wo alle waren, sondern war hinter die Kulissen geraten, wie -du sagst, und wie ich über den Korridor gehe, da kommen sie -mir entgegen, in Spitzenhemden und ein Kreuz voran, ein -goldenes Kreuz mit Laternen, der eine trug es voran wie den -Schellenbaum vor der Janitscharenmusik.“ -</p> - -<p> -„Das ist kein Vergleich“, sagte Hans Castorp nicht ohne -Strenge. -</p> - -<p> -„Es kam mir so vor. Ich wurde unwillkürlich daran erinnert. -Aber höre nur weiter. Sie kommen also auf mich zu, -marsch, marsch, im Geschwindschritt, zu dritt, wenn ich nicht -irre, voran der Mann mit dem Kreuz, darauf der Geistliche, -eine Brille auf der Nase, und dann noch ein Junge mit einem -Räucherfäßchen. Der Geistliche hielt das Viatikum an der -Brust, es war zugedeckt, und er hielt recht demütig den Kopf -schief, es ist ja ihr Allerheiligstes.“ -</p> - -<p> -„Eben darum“, sagte Hans Castorp. „Eben aus diesem -Grunde wundere ich mich, daß du von Schellenbaum sprechen -magst.“ -</p> - -<p> -„Ja, ja. Aber warte nur, wenn du dabei gewesen wärst, -wüßtest du auch nicht, was du für ein Gesicht machen solltest -in der Erinnerung. Es war, daß man davon träumen könnte –“ -</p> - -<p> -„In welcher Hinsicht?“ -</p> - -<p> -„Folgendermaßen. Ich frage mich also, wie ich mich zu -verhalten habe unter diesen Umständen. Einen Hut zum Abnehmen -hatte ich nicht auf –“ -</p> - -<p> -„Siehst du wohl!“ unterbrach ihn Hans Castorp rasch noch -einmal. „Siehst du wohl, daß man einen Hut aufhaben soll! -Es ist mir natürlich aufgefallen, daß ihr keinen tragt hier oben. -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -Man soll aber einen aufsetzen, damit man ihn abnehmen kann, -bei Gelegenheiten, wo es sich schickt. Aber was denn nun -weiter?“ -</p> - -<p> -„Ich stellte mich an die Wand,“ sagte Joachim, „in anständiger -Haltung, und verbeugte mich etwas, als sie bei mir -waren, – es war gerade vor dem Zimmer der kleinen Hujus, -Nummer achtundzwanzig. Ich glaube, der Geistliche freute sich, -daß ich grüßte; er dankte sehr höflich und nahm seine Kappe -ab. Aber zugleich machen sie auch schon halt, und der Ministrantenjunge -mit dem Räucherfaß klopft an, und dann klinkt -er auf und läßt seinem Chef den Vortritt ins Zimmer. Und -nun stelle dir vor und male dir meinen Schrecken aus und meine -Empfindungen! In dem Augenblick, wo der Priester den Fuß -über die Schwelle setzt, geht da drinnen ein Zetermordio an, -ein Gekreisch, du hast nie so etwas gehört, drei, viermal hintereinander, -und danach ein Schreien ohne Pause und Absatz, -aus weit offenem Munde offenbar, ahhh, es lag ein Jammer -darin und ein Entsetzen und Widerspruch, daß es nicht zu -beschreiben ist, und so ein greuliches Betteln war es auch -zwischendurch, und auf einen Schlag wird es hohl und dumpf, -als ob es in die Erde versunken wäre und tief aus dem Keller -käme.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp hatte sich seinem Vetter heftig zugewandt. -„War das die Hujus?“ fragte er aufgebracht. „Und wieso: -‚aus dem Keller‘?“ -</p> - -<p> -„Sie war unter die Decke gekrochen!“ sagte Joachim. -„Stelle dir meine Empfindungen vor! Der Geistliche stand -dicht an der Schwelle und sagte beruhigende Worte, ich sehe -ihn noch, er schob immer den Kopf dabei vor und zog ihn -dann wieder zurück. Der Kreuzträger und der Ministrant -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -standen noch zwischen Tür und Angel und konnten nicht eintreten. -Und ich konnte zwischen ihnen hindurch ins Zimmer -sehen. Es ist ja ein Zimmer wie deins und meins, das Bett -steht links von der Tür an der Seitenwand, und am Kopfende -standen Leute, die Angehörigen natürlich, die Eltern, und redeten -auch beschwichtigend auf das Bett hinunter, man sah -nichts als eine formlose Masse darin, die bettelte und grauenhaft -protestierte und mit den Beinen strampelte.“ -</p> - -<p> -„Sagst du, daß sie mit den Beinen strampelte?“ -</p> - -<p> -„Aus Leibeskräften! Aber es nützte ihr nichts, das Sterbesakrament -mußte sie haben. Der Pfarrer ging auf sie zu, und -auch die beiden anderen traten ein, und die Tür wurde zugezogen. -Aber vorher sah ich noch: der Kopf von der Hujus -kommt für eine Sekunde zum Vorschein, mit wirrem hellblonden -Haar, und starrt den Priester mit weitaufgerissenen -Augen an, so blassen Augen, ganz ohne Farbe und fährt mit -Ah und Huh wieder unters Laken.“ -</p> - -<p> -„Und das erzählst du mir jetzt erst?“ sagte Hans Castorp -nach einer Pause. „Ich verstehe nicht, daß du nicht schon -gestern abend darauf zu sprechen gekommen bist. Aber, mein -Gott, sie mußte doch noch eine Menge Kraft haben, so wie -sie sich wehrte. Dazu gehören doch Kräfte. Man sollte den -Priester nicht holen lassen, bevor einer ganz schwach ist.“ -</p> - -<p> -„Sie war auch schwach“, erwiderte Joachim. „... Ach, zu -erzählen gäbe es viel; es ist schwer, die erste Auswahl zu treffen -... Schwach war sie schon, es war nur die Angst, die ihr -soviel Kräfte gab. Sie ängstigte sich eben fürchterlich, weil sie -merkte, daß sie sterben sollte. Sie war ja ein junges Mädchen, -da muß man es schließlich entschuldigen. Aber auch Männer -führen sich manchmal so auf, was natürlich eine unverzeihliche -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -Schlappheit ist. Behrens weiß übrigens mit ihnen umzugehen, -er hat den richtigen Ton in solchen Fällen.“ -</p> - -<p> -„Was für einen Ton?“ fragte Hans Castorp mit zusammengezogenen -Brauen. -</p> - -<p> -„‚Stellen Sie sich nicht so an!‘ sagt er“, antwortete Joachim. -„Wenigstens hat er es neulich zu einem gesagt, – wir wissen -es von der Oberin, die dabei war und den Sterbenden festhalten -half. Es war so einer, der zu guter Letzt eine scheußliche -Szene machte und absolut nicht sterben wollte. Da hat Behrens -ihn angefahren: ‚Stellen Sie sich gefälligst nicht so an!‘ hat -er gesagt, und sofort ist der Patient still geworden und ist ganz -ruhig gestorben.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp schlug sich mit der Hand auf den Schenkel -und warf sich gegen die Rückenlehne der Bank, indem er zum -Himmel aufblickte. -</p> - -<p> -„Na, höre mal, das ist doch stark!“ rief er. „Fährt auf -ihn los und sagt einfach zu ihm: ‚Stellen Sie sich nicht so -an!‘ Zu einem Sterbenden! Das ist doch stark! Ein Sterbender -ist doch gewissermaßen ehrwürdig. Man kann ihn doch -nicht so mir nichts, dir nichts ... Ein Sterbender ist doch sozusagen -heilig, sollte ich meinen!“ -</p> - -<p> -„Das will ich nicht leugnen“, sagte Joachim. „Aber wenn -er sich nun doch dermaßen schlapp benimmt ...“ -</p> - -<p> -„Nein!“ beharrte Hans Castorp mit einer Heftigkeit, die zu -dem Widerstand, den man ihm leistete, in keinem Verhältnis -stand. „Das lasse ich mir nicht ausreden, daß ein Sterbender -etwas Vornehmeres ist, als irgend so ein Lümmel, der herumgeht -und lacht und Geld verdient und sich den Bauch vollschlägt! -Das geht nicht –“ und seine Stimme schwankte höchst -sonderbar. „Das geht nicht, daß man ihn so mir nichts, dir -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -nichts –“ und seine Worte erstickten im Lachen, das ihn ergriff -und ihn überwältigte, dem Lachen von gestern, einem tief heraufquellenden, -leiberschütternden, grenzenlosen Gelächter, das -ihm die Augen schloß und Tränen zwischen den Lidern hervorpreßte. -</p> - -<p> -„Pst!“ machte Joachim plötzlich. „Sei still!“ flüsterte er -und stieß den haltlos Lachenden heimlich in die Seite. Hans -Castorp blickte in Tränen auf. -</p> - -<p> -Auf dem Wege von links kam ein Fremder daher, ein zierlicher -brünetter Herr mit schön gedrehtem schwarzen Schnurrbart -und in hellkariertem Beinkleid, der, herangekommen, mit -Joachim einen Morgengruß tauschte – der seine war präzis -und wohllautend – und mit gekreuzten Füßen, auf seinen Stock -gestützt, in anmutiger Haltung vor ihm stehen blieb. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-4-4"> -Satana -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Sein Alter wäre schwer zu schätzen gewesen, zwischen dreißig -und vierzig mußte es wohl liegen, denn wenn auch seine Gesamterscheinung -jugendlich wirkte, so war sein Haupthaar -doch an den Schläfen schon silbrig durchsetzt und weiter oben -merklich gelichtet: zwei kahle Buchten sprangen neben dem -schmalen, spärlichen Scheitel ein und erhöhten die Stirn. Sein -Anzug, diese weiten, hellgelblich karierten Hosen und ein flausartiger, -zu langer Rock mit zwei Reihen Knöpfen und sehr -großen Aufschlägen, war weit entfernt, Anspruch auf Eleganz -zu erheben; auch zeigte sein rund umgebogener Stehkragen -sich von häufiger Wäsche an den Kanten schon etwas aufgerauht, -seine schwarze Krawatte war abgenutzt, und Manschetten -trug er offenbar überhaupt nicht, – Hans Castorp erkannte -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -es an der schlaffen Art, in der die Ärmel ihm um das Handgelenk -hingen. Trotzdem sah er wohl, daß er einen Herrn vor -sich habe; der gebildete Gesichtsausdruck des Fremden, seine -freie, ja schöne Haltung ließen keinen Zweifel daran. Diese -Mischung aber von Schäbigkeit und Anmut, schwarze Augen -dazu und der weich geschwungene Schnurrbart, erinnerten -Hans Castorp sogleich an gewisse ausländische Musikanten, -die zur Weihnachtszeit in den heimischen Höfen aufspielten -und mit emporgerichteten Sammetaugen ihren Schlapphut -hinhielten, damit man ihnen Zehnpfennigstücke aus den Fenstern -hineinwürfe. „Ein Drehorgelmann!“ dachte er. Und so -wunderte er sich nicht über den Namen, den er zu hören bekam, -als Joachim sich von der Bank erhob und in einiger Befangenheit -vorstellte: -</p> - -<p> -„Mein Vetter Castorp, – Herr Settembrini.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp war ebenfalls zur Begrüßung aufgestanden, -die Spuren seiner Heiterkeitsausschreitung noch im Gesicht. -Aber der Italiener bat beide in höflichen Worten, sich nicht -in ihrer Bequemlichkeit stören zu lassen und nötigte sie auf ihre -Plätze zurück, während er selbst in seiner angenehmen Pose -vor ihnen stehen blieb. Er lächelte, wie er da stand und die -Vettern, namentlich aber Hans Castorp, betrachtete, und diese -feine, etwas spöttische Vertiefung und Kräuselung seines einen -Mundwinkels unter dem vollen Schnurrbart, dort, wo er sich -in schöner Rundung aufwärts bog, war von eigentümlicher -Wirkung, es hielt gewissermaßen zur Geistesklarheit und Wachsamkeit -an und ernüchterte den trunkenen Hans Castorp im -Augenblick, so daß er sich schämte. Settembrini sagte: -</p> - -<p> -„Die Herren sind aufgeräumt, – mit Grund, mit Grund. -Ein prächtiger Morgen! Der Himmel ist blau, die Sonne -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -lacht –“ und er hob mit einem leichten und gelungenen -Schwung seines Armes die kleine, gelbliche Hand zum Himmel, -während er zugleich einen schrägen, heiteren Blick ebenfalls -dort hinaufsandte. „Man könnte in der Tat vergessen, -wo man sich befindet.“ -</p> - -<p> -Er sprach ohne fremden Akzent, nur an der Genauigkeit -seiner Lautbildung hätte man allenfalls den Ausländer erkennen -können. Seine Lippen formten die Worte mit einer gewissen -Lust. Man hörte ihn mit Vergnügen. -</p> - -<p> -„Und der Herr hat eine angenehme Reise zu uns gehabt?“ -wandte er sich an Hans Castorp ... „Ist man schon im Besitz -seines Urteils? Ich meine: hat die düstere Zeremonie der -ersten Untersuchung schon stattgehabt?“ – Hier hätte er schweigen -und warten müssen, wenn es ihm darauf ankam, zu hören; -denn er hatte seine Frage gestellt, und Hans Castorp schickte -sich an, zu antworten. Aber der Fremde fragte gleich weiter: -„Ist sie glimpflich verlaufen? Aus Ihrer Lachlust –“ und -er schwieg einen Augenblick, indes die Kräuselung seines Mundwinkels -sich vertiefte, „lassen sich ungleichartige Schlüsse ziehen. -Wieviel Monate haben unsere Minos und Radamanth Ihnen -aufgebrummt?“ – Das Wort „aufgebrummt“ nahm sich in -seinem Munde besonders drollig aus. – „Soll ich schätzen? -Sechs? Oder gleich neun? Man ist ja nicht knauserig ...“ -</p> - -<p> -Hans Castorp lachte erstaunt, wobei er sich zu erinnern suchte, -wer Minos und Radamanth doch gleich noch gewesen seien. -Er antwortete: -</p> - -<p> -„Aber wieso. Nein, Sie sind im Irrtum, Herr Septem–“ -</p> - -<p> -„Settembrini“, verbesserte der Italiener klar und mit -Schwung, indem er sich humoristisch verneigte. -</p> - -<p> -„Herr Settembrini, – Verzeihung. Nein, also Sie irren. -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -Ich bin gar nicht krank. Ich besuche nur meinen Vetter Ziemßen -auf ein paar Wochen und will mich bei dieser Gelegenheit auch -ein bißchen erholen –“ -</p> - -<p> -„Potztausend, Sie sind nicht von den Unsrigen? Sie sind -gesund, Sie hospitieren hier nur, wie Odysseus im Schattenreich? -Welche Kühnheit, hinab in die Tiefe zu steigen, wo -Tote nichtig und sinnlos wohnen –“ -</p> - -<p> -„In die Tiefe, Herr Settembrini? Da muß ich doch bitten! -Ich bin ja rund fünftausend Fuß hoch geklettert zu Ihnen -herauf –“ -</p> - -<p> -„Das schien Ihnen nur so! Auf mein Wort, das war Täuschung“, -sagte der Italiener mit einer entscheidenden Handbewegung. -„Wir sind tief gesunkene Wesen, nicht wahr, Leutnant“, -wandte er sich an Joachim, der sich über diese Anrede nicht -wenig freute, dies aber zu verbergen suchte und besonnen erwiderte: -</p> - -<p> -„Wir sind wohl wirklich etwas versimpelt. Aber man kann -sich schließlich wieder zusammenreißen.“ -</p> - -<p> -„Ja, Ihnen traue ich’s zu; Sie sind ein anständiger Mensch“, -sagte Settembrini. „So, so, so“, sagte er dreimal mit scharfem -S, indem er sich wieder gegen Hans Castorp wandte, und -schnalzte dann ebensooft mit der Zunge leise am oberen Gaumen. -„Sieh, sieh, sieh“, sagte er hierauf, ebenfalls dreimal -und mit scharfem S-Laut, indem er dem Neuling so unverwandt -ins Gesicht blickte, daß seine Augen in eine fixe und -blinde Einstellung gerieten, und fuhr dann, seinen Blick wieder -belebend, fort: -</p> - -<p> -„Ganz freiwillig kommen Sie also herauf zu uns Heruntergekommenen -und wollen uns einige Zeit das Vergnügen Ihrer -Gesellschaft gönnen. Nun, das ist schön. Und welche Frist -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -haben Sie in Aussicht genommen? Ich frage nicht fein. Aber -es soll mich doch wundernehmen, zu hören, wieviel man sich -zudiktiert, wenn man selbst zu bestimmen hat und nicht Radamanth!“ -</p> - -<p> -„Drei Wochen“, sagte Hans Castorp mit etwas eitler Leichtigkeit, -da er merkte, daß er beneidet wurde. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="it">O dio</span>, drei Wochen! Haben Sie gehört, Leutnant? Hat -es nicht fast etwas Impertinentes, zu sagen: Ich komme auf -drei Wochen hierher und reise dann wieder? Wir kennen das -Wochenmaß nicht, mein Herr, wenn ich Sie belehren darf. -Unsere kleinste Zeiteinheit ist der Monat. Wir rechnen im -großen Stil, – das ist ein Vorrecht der Schatten. Wir haben -noch andere, und sie sind alle von ähnlicher Qualität. Darf -ich fragen, welchen Beruf Sie ausüben drunten im Leben – -oder wohl richtiger: auf welchen Sie sich vorbereiten? Sie -sehen, wir legen unserer Neugier keine Fesseln an. Auch die -Neugier rechnen wir zu unseren Vorrechten.“ -</p> - -<p> -„Bitte recht sehr“, sagte Hans Castorp. Und er gab Auskunft. -</p> - -<p> -„Ein Schiffsbaumeister! Aber das ist großartig!“ rief Settembrini. -„Seien Sie überzeugt, daß ich das großartig finde, -obgleich meine eigenen Fähigkeiten in anderer Richtung liegen.“ -</p> - -<p> -„Herr Settembrini ist Literat“, sagte Joachim erläuternd -und etwas verlegen. „Er hat für deutsche Blätter den Nachruf -für Carducci geschrieben, – Carducci, weißt du.“ Und er -wurde noch verlegener, da sein Vetter ihn verwundert ansah -und zu sagen schien: Was weißt denn du von Carducci? Ebenso -wenig wie ich, sollte ich meinen. -</p> - -<p> -„Das ist richtig“, sagte der Italiener kopfnickend. „Ich -hatte die Ehre, Ihren Landsleuten von dem Leben dieses großen -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -Poeten und Freidenkers zu erzählen, als es abgeschlossen war. -Ich kannte ihn, ich darf mich seinen Schüler nennen. In Bologna -habe ich zu seinen Füßen gesessen. Ihm verdanke ich, -was ich an Bildung und Frohsinn mein eigen nenne. Aber -wir sprachen von Ihnen. Ein Schiffsbaumeister! Wissen Sie, -daß Sie zusehends emporwachsen in meinen Augen? Sie -sitzen da plötzlich, als der Vertreter einer ganzen Welt der Arbeit -und des praktischen Genies!“ -</p> - -<p> -„Aber Herr Settembrini – ich bin ja eigentlich noch Student -und fange erst an.“ -</p> - -<p> -„Gewiß, und aller Anfang ist schwer. Überhaupt, alle Arbeit -ist schwer, die diesen Namen verdient, nicht wahr?“ -</p> - -<p> -„Ja, das weiß der Teufel!“ sagte Hans Castorp, und es -kam ihm von Herzen. -</p> - -<p> -Settembrini zog rasch die Brauen empor. -</p> - -<p> -„Sogar den Teufel rufen Sie an,“ sagte er, „um das zu bekräftigen? -Den leibhaftigen Satan? Wissen Sie auch, daß -mein großer Lehrer eine Hymne an ihn gerichtet hat?“ -</p> - -<p> -„Erlauben Sie,“ sagte Hans Castorp, „an den Teufel?“ -</p> - -<p> -„An ihn selbst. Sie wird in meiner Heimat zuweilen gesungen, -bei festlichen Gelegenheiten. <span class="antiqua" lang="it">O salute, o Satana, o -Ribellione, o forza vindice della Ragione ...</span> Ein herrliches -Lied! Aber dieser Teufel war es wohl kaum, den Sie im Sinne -hatten, denn er steht mit der Arbeit auf ausgezeichnetem Fuß. -Der, den Sie meinten, und der die Arbeit verabscheut, weil er -sie zu fürchten hat, ist vermutlich jener andere, von dem es -heißt, daß man ihm nicht den kleinen Finger reichen soll –“ -</p> - -<p> -Das alles wirkte recht sonderbar auf den guten Hans Castorp. -Italienisch verstand er nicht, und das Übrige war ihm -auch nicht behaglicher. Es schmeckte nach Sonntagspredigt, -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -obgleich es in leichtem und scherzhaftem Plauderton vorgetragen -wurde. Er sah seinen Vetter an, der die Augen niederschlug, -und sagte dann: -</p> - -<p> -„Ach, Herr Settembrini, Sie nehmen meine Worte viel zu -genau. Das mit dem Teufel war nur so eine Redewendung -von mir, ich versichere Sie!“ -</p> - -<p> -„Irgend jemand muß Geist haben“, sagte Settembrini, -indem er melancholisch in die Luft blickte. Aber sich wieder -belebend, erheiternd und anmutig einlenkend fuhr er fort: -</p> - -<p> -„Jedenfalls schließe ich wohl mit Recht aus Ihren Worten, -daß Sie da einen ebenso anstrengenden wie ehrenvollen Beruf -erwählt haben. Mein Gott, ich bin Humanist, ein homo -humanus, ich verstehe nichts von ingeniösen Dingen, so aufrichtig -der Respekt ist, den ich Ihnen zolle. Aber vorstellen kann -ich mir wohl, daß die Theorie Ihres Faches einen klaren und -scharfen Kopf und seine Praxis einen ganzen Mann verlangt, -– ist es nicht so?“ -</p> - -<p> -„Gewiß ist es so, ja, da kann ich Ihnen unbedingt zustimmen“, -antwortete Hans Castorp, indem er sich unwillkürlich -bemühte, ein wenig beredt zu sprechen. „Die Anforderungen -sind kolossal heutzutage, man darf es sich gar nicht so klar -machen, wie scharf sie sind, sonst könnte man wahrhaftig den -Mut verlieren. Nein, ein Spaß ist es nicht. Und wenn man -nun auch nicht der Stärkste ist ... Ich bin ja hier nur zu -Gaste, aber der Stärkste bin ich doch auch nicht gerade, und -da müßte ich lügen, wenn ich behaupten wollte, daß mir das -Arbeiten so ausgezeichnet bekäme. Vielmehr nimmt es mich -ziemlich mit, das muß ich sagen. Recht gesund fühle ich mich -eigentlich nur, wenn ich gar nichts tue –“ -</p> - -<p> -„Zum Beispiel jetzt?“ -</p> - -<p> -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -„Jetzt? Oh, jetzt bin ich noch so neu hier oben, – etwas verwirrt, -können Sie sich denken.“ -</p> - -<p> -„Ah, – verwirrt.“ -</p> - -<p> -„Ja, ich habe auch nicht ganz richtig geschlafen, und dann -war das erste Frühstück wirklich zu ausgiebig ... Ich bin ja -ein ordentliches Frühstück gewöhnt, aber das heutige war -doch, wie es scheint, zu kompakt für mich, <span class="antiqua" lang="en">too rich</span>, wie -die Engländer sagen. Kurz, ich fühle mich etwas beklommen, -und besonders wollte mir heute morgen meine Zigarre -nicht schmecken, – denken Sie! Das passiert mir so gut -wie nie, nur, wenn ich ernstlich krank bin, – und nun schmeckte -sie mir heute wie Leder. Ich mußte sie wegwerfen, es hatte -keinen Zweck, daß ich es forcierte. Sind Sie Raucher, wenn -ich fragen darf? Nicht? Dann können Sie sich nicht vorstellen, -was für ein Ärger und eine Enttäuschung das für -jemanden ist, der von Jugend auf so besonders gern raucht, -wie ich ...“ -</p> - -<p> -„Ich bin ohne Erfahrung auf diesem Gebiet,“ erwiderte -Settembrini, „und befinde mich übrigens mit dieser Unerfahrenheit -in keiner schlechten Gesellschaft. Eine Reihe von edlen -und nüchternen Geistern haben den Rauchtabak verabscheut. -Auch Carducci liebte ihn nicht. Aber da werden Sie bei unserem -Radamanth Verständnis finden. Er ist ein Anhänger -Ihres Lasters.“ -</p> - -<p> -„Nun, – Laster, Herr Settembrini ...“ -</p> - -<p> -„Warum nicht? Man muß die Dinge mit Wahrheit und -Kraft bezeichnen. Das verstärkt und erhöht das Leben. Auch -ich habe Laster.“ -</p> - -<p> -„Und Hofrat Behrens ist also Zigarrenkenner? Ein reizender -Mann.“ -</p> - -<p> -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -„Sie finden? Ah, Sie haben also schon seine Bekanntschaft -gemacht?“ -</p> - -<p> -„Ja, vorhin, als wir fortgingen. Es war beinahe so etwas -wie eine Konsultation, aber <span class="antiqua" lang="la">sine pecunia</span>, wissen Sie. Er sah -gleich, daß ich ziemlich anämisch bin. Und dann riet er mir, -hier ganz so zu leben, wie mein Vetter, viel auf dem Balkon -zu liegen, und messen soll ich mich auch gleich mit, hat er gesagt.“ -</p> - -<p> -„Wahrhaftig?“ rief Settembrini ... „Vorzüglich!“ rief er -nach oben in die Luft hinein, indem er sich lachend zurückneigte. -„Wie heißt es doch in der Oper <a id="corr-14"></a>Ihres Meisters? ‚Der Vogelfänger -bin ich ja, stets lustig, heisa, hopsassa!‘ Kurz, das ist -sehr amüsant. Sie werden seinen Rat befolgen? Zweifelsohne. -Wie sollten Sie nicht. Ein Satanskerl, dieser Radamanth! -Und wirklich ‚stets lustig‘, wenn auch zuweilen ein -wenig gezwungen. Er neigt zur Schwermut. Sein Laster bekommt -ihm nicht – sonst wäre es übrigens kein Laster –, der -Rauchtabak macht ihn schwermütig, – weshalb unsere verehrungswürdige -Frau Oberin die Vorräte in Verwahrung genommen -hat und ihm nur kleine Tagesrationen zuteilt. Es -soll vorkommen, daß er der Versuchung unterliegt, sie zu bestehlen, -und dann verfällt er der Schwermut. Mit einem Wort: -eine verworrene Seele. Sie kennen auch unsere Oberin schon? -Nicht? Aber das ist ein Fehler! Sie tun unrecht, sich nicht -um ihre Bekanntschaft zu bewerben. Aus dem Geschlechte -derer von Mylendonk, mein Herr! Von der mediceischen Venus -unterscheidet sie sich dadurch, daß sie dort, wo sich bei der -Göttin der Busen befindet, ein Kreuz zu tragen pflegt ...“ -</p> - -<p> -„Ha, ha, ausgezeichnet!“ lachte Hans Castorp. -</p> - -<p> -„Mit Vornamen heißt sie Adriatica.“ -</p> - -<p> -„Auch das noch?“ rief Hans Castorp ... „Hören Sie, das -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -ist merkwürdig! Von Mylendonk und dann Adriatica. Es -klingt, als müßte sie längst gestorben sein. Geradezu mittelalterlich -mutet es an.“ -</p> - -<p> -„Mein geehrter Herr,“ antwortete Settembrini, „hier gibt -es manches, was ‚mittelalterlich anmutet‘, wie Sie sich auszudrücken -belieben. Ich für meine Person bin überzeugt, daß -unser Radamanth einzig und allein aus künstlerischem Stilgefühl -dieses Petrefakt zur Oberaufseherin seines Schreckenspalastes -gemacht hat. Er ist nämlich Künstler, – das wissen -Sie nicht? Er malt in Öl. Was wollen Sie, das ist nicht -verboten, nicht wahr, es steht jedem frei ... Frau Adriatica -sagt es jedem, der es hören will, und den andern auch, daß -eine Mylendonk Mitte des dreizehnten Jahrhunderts Äbtissin -eines Stiftes zu Bonn am Rheine war. Sie selbst kann -nicht lange nach diesem Zeitpunkt das Licht der Welt erblickt -haben ...“ -</p> - -<p> -„Ha, ha, ha! Ich finde Sie aber spöttisch, Herr Settembrini.“ -</p> - -<p> -„Spöttisch? Sie meinen: boshaft. Ja, boshaft bin ich ein -wenig –“, sagte Settembrini. „Mein Kummer ist, daß ich -verurteilt bin, meine Bosheit an so elende Gegenstände zu -verschwenden. Ich hoffe, Sie haben nichts gegen die Bosheit, -Ingenieur? In meinen Augen ist sie die glänzendste Waffe -der Vernunft gegen die Mächte der Finsternis und der Häßlichkeit. -Bosheit, mein Herr, ist der Geist der Kritik, und Kritik -bedeutet den Ursprung des Fortschrittes und der Aufklärung.“ -Und im Nu begann er von Petrarca zu reden, den er den „Vater -der Neuzeit“ nannte. -</p> - -<p> -„Wir müssen nun aber in die Liegekur“, sagte Joachim -besonnen. -</p> - -<p> -Der Literat hatte seine Worte mit anmutigen Handbewegungen -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -begleitet. Nun rundete er dies Gestenspiel mit einer -Gebärde ab, die auf Joachim hinwies, und sagte: -</p> - -<p> -„Unser Leutnant treibt zum Dienst. Gehen wir also. Wir -haben den gleichen Weg, – ‚rechtshin, welcher zu Dis, des -Gewaltigen, Mauern hinanstrebt‘. Ah, Virgil, Virgil! Meine -Herren, er ist unübertroffen. Ich glaube an den Fortschritt, -gewiß. Aber Virgil verfügt über Beiwörter, wie kein Moderner -sie hat ...“ Und während sie sich auf den Heimweg machten, -fing er an, lateinische Verse in italienischer Aussprache vorzutragen, -unterbrach sich jedoch, als irgendein junges Mädchen, -eine Tochter des Städtchens, wie es schien, und durchaus nicht -sonderlich hübsch, ihnen entgegenkam, und verlegte sich auf -ein schwerenöterhaftes Lächeln und Trällern. „T, t, t“, schnalzte -er. „Ei, ei, ei! La, la, la! Du süßes Käferchen, willst du die -Meine sein? Seht doch, ‚es funkelt ihr Auge in schlüpfrigem -Licht‘“, zitierte er – Gott wußte, was es war – und sandte -dem verlegenen Rücken des Mädchens eine Kußhand nach. -</p> - -<p> -Das ist ja ein rechter Windbeutel, dachte Hans Castorp, -und dabei blieb er auch, als Settembrini nach seiner galanten -Anwandlung wieder zu medisieren begann. Hauptsächlich hatte -er es auf Hofrat Behrens abgesehen, stichelte auf den Umfang -seiner Füße und hielt sich bei seinem Titel auf, den er von einem -an Gehirntuberkulose leidenden Prinzen erhalten habe. Von -dem skandalösen Lebenswandel dieses Prinzen spreche noch -heute die ganze Gegend, aber Radamanth habe ein Auge zugedrückt, -beide Augen, jeder Zoll ein Hofrat. Ob die Herren -übrigens wußten, daß er der Erfinder der Sommersaison sei? -Ja, er, und kein anderer. Dem Verdienste seine Krone. Früher -hätten im Sommer nur die Treuesten der Treuen in diesem -Tale ausgeharrt. Da habe „unser Humorist“ mit unbestechlichem -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -Scharfblick erkannt, daß dieser Mißstand nichts als die -Frucht eines Vorurteils sei. Er habe die Lehre aufgestellt, daß, -wenigstens so weit <em>sein</em> Institut in Frage komme, die sommerliche -Kur nicht nur nicht weniger empfehlenswert, sondern -sogar besonders wirksam und geradezu unentbehrlich sei. Und -er habe dieses Theorem unter die Leute zu bringen gewußt, -habe populäre Artikel darüber verfaßt und sie in die Presse -lanciert. Seitdem gehe das Geschäft im Sommer so flott wie -im Winter. „Genie!“ sagte Settembrini. „In-tu-i-tion!“ sagte -er. Und dann hechelte er die übrigen Heilanstalten des Platzes -durch und lobte auf beißende Art den Erwerbssinn ihrer Inhaber. -Da sei Professor Kafka ... Alljährlich, zur kritischen -Zeit der Schneeschmelze, wenn viele Patienten abzureisen verlangten, -finde Professor Kafka sich gezwungen, rasch noch auf -acht Tage zu verreisen, wobei er verspreche, nach seiner Rückkehr -die Entlassungen vorzunehmen. Dann aber bleibe er sechs -Wochen aus, und die Ärmsten warteten, wobei sich, am Rande -bemerkt, ihre Rechnungen vergrößerten. Bis nach Fiume lasse -man Kafka kommen, er aber reise nicht, bevor man fünftausend -gute Schweizer Franken sichergestellt, worüber vierzehn Tage -vergingen. Einen Tag nach der Ankunft des Celebrissimo sterbe -alsdann der Kranke. Was Doktor Salzmann betreffe, so sage er -dem Professor Kafka nach, daß er seine Spritzen nicht rein -genug halte und den Kranken Mischinfektionen beibringe. Er -fahre auf Gummi, sage Salzmann, damit seine Toten ihn -nicht hörten, – wogegen wiederum Kafka behaupte, bei Salzmann -werde den Patienten „des Rebstocks erheiternde Gabe“ -in solchen Mengen aufgenötigt – nämlich ebenfalls behufs -Abrundung ihrer Rechnungen –, daß die Leute wie die Fliegen -stürben, und zwar nicht an Phthise, sondern an Trinkerleber ... -</p> - -<p> -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -So ging es weiter, und Hans Castorp lachte herzlich und -gutmütig über diesen Sturzbach zungenfertiger Lästerungen. -Die Suade des Italieners lautete eigentümlich angenehm in -ihrer unbedingten, von jeder Mundart freien Reinheit und -Richtigkeit. Die Worte kamen prall, nett und wie neuschaffen -von seinen beweglichen Lippen, er genoß die gebildeten, bissig -behenden Wendungen und Formen, deren er sich bediente, ja -selbst die grammatische Beugung und Abwandlung der Wörter -mit einem offensichtlichen, sich mitteilenden und heiter stimmenden -Behagen und schien viel zu klaren und gegenwärtigen -Geistes, um sich auch nur ein einziges Mal zu versprechen. -</p> - -<p> -„Sie sprechen so drollig, Herr Settembrini,“ sagte Hans -Castorp, „so lebhaft, – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll.“ -</p> - -<p> -„Plastisch, wie?“ entgegnete der Italiener und fächelte sich -mit dem Taschentuch, obgleich es ja eher kühl war. „Das -wird das Wort sein, das Sie suchen. Ich habe eine plastische -Art zu sprechen, wollen Sie sagen. Aber halt!“ rief er. „Was -sehe ich! Dort wandeln unsere Höllenrichter! Welch ein Anblick!“ -</p> - -<p> -Die Spaziergänger hatten die Wegbiegung schon wieder -zurückgelegt. War es den Reden Settembrinis, dem Gefälle -der Straße zu danken, oder hatten sie sich in Wahrheit weniger -weit vom Sanatorium entfernt, als Hans Castorp geglaubt -hatte, – denn ein Weg, den wir zum ersten Male gehen, ist -bedeutend länger als derselbe, wenn wir ihn schon kennen –: -jedenfalls war der Rückmarsch überraschend geschwind vonstatten -gegangen. Settembrini hatte recht, es war das Ärztepaar, -das dort unten auf dem freien Platz die Rückseite des -Sanatoriums entlang strebte, voran der Hofrat im weißen -Kittel, mit heraustretendem Genick und die Hände wie Ruder -bewegend, auf seiner Fährte Dr. Krokowski im schwarzen -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -Überhemd und desto selbstbewußter um sich blickend, als der -klinische Brauch ihn nötigte, sich auf Dienstgängen hinter dem -Chef zu halten. -</p> - -<p> -„Ah, Krokowski!“ rief Settembrini. „Dort geht er und -weiß alle Geheimnisse unserer Damen. Man bittet, die feine -Symbolik seiner Kleidung zu beachten. Er trägt sich schwarz, -um anzudeuten, daß sein eigenstes Studiengebiet die Nacht ist. -Dieser Mann hat in seinem Kopf nur einen Gedanken, und -der ist schmutzig. Ingenieur, wie kommt es, daß wir von ihm -noch gar nicht gesprochen haben! Sie haben seine Bekanntschaft -gemacht?“ -</p> - -<p> -Hans Castorp bejahte. -</p> - -<p> -„Nun, und? Ich fange an, zu vermuten, daß auch er Ihnen -gefallen hat.“ -</p> - -<p> -„Ich weiß wirklich nicht, Herr Settembrini. Ich bin ihm -nur erst flüchtig begegnet. Und dann bin ich auch nicht sehr -rasch von Urteil. Ich sehe mir die Leute an und denke: So -bist du also? Nun gut.“ -</p> - -<p> -„Das ist Dumpfsinn!“ antwortete der Italiener. „Urteilen -Sie! Dafür hat die Natur Ihnen Augen und Verstand gegeben. -Sie fanden, ich spräche boshaft; aber wenn ich es tat, -so geschah es vielleicht nicht ohne pädagogische Absicht. Wir -Humanisten haben alle eine pädagogische Ader ... Meine -Herren, der historische Zusammenhang von Humanismus und -Pädagogik beweist ihren psychologischen. Man soll dem -Humanisten das Amt der Erziehung nicht nehmen, – man -kann es ihm nicht nehmen, denn nur bei ihm ist die Überlieferung -von der Würde und Schönheit des Menschen. Einst -löste er den Priester ab, der sich in trüben und menschenfeindlichen -Zeiten die Führung der Jugend anmaßen durfte. Seitdem, -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -meine Herren, ist schlechterdings kein neuer Erziehertyp -mehr erstanden. Das humanistische Gymnasium, – nennen Sie -mich rückschrittlich, Ingenieur, aber grundsätzlich, <span class="antiqua" lang="la">in abstracto</span>, -ich bitte, mich wohl zu verstehen, bleibe ich sein Anhänger ...“ -</p> - -<p> -Noch im Lift führte er dies weiter aus und verstummte erst, -als die Vettern im zweiten Stockwerk den Aufzug verließen. -Er selber fuhr bis zum dritten weiter, wo er, wie Joachim -erzählte, ein kleines Zimmer nach hinten hinaus bewohnte. -</p> - -<p> -„Er hat wohl kein Geld?“ fragte Hans Castorp, der Joachim -begleitete. Es sah bei Joachim genau so aus wie drüben bei ihm. -</p> - -<p> -„Nein,“ sagte Joachim, „das hat er wohl nicht. Oder doch -nur gerade so viel, um den Aufenthalt hier bestreiten zu können. -Sein Vater war auch schon Literat, weißt du, und ich glaube, -der Großvater auch.“ -</p> - -<p> -„Ja, dann“, sagte Hans Castorp. „Ist er denn eigentlich -ernsthaft krank?“ -</p> - -<p> -„Es ist nicht gefährlich, soviel ich weiß, aber hartnäckig -und kommt immer wieder. Er hat es schon seit Jahren und -war zwischendurch mal fort, mußte aber bald wieder einrücken.“ -</p> - -<p> -„Armer Kerl! Wo er doch so fürs Arbeiten zu schwärmen -scheint. Riesig gesprächig ist er dabei, so leicht kommt er von -einem aufs andere. Mit dem Mädchen war er ja etwas frech, -es genierte mich momentan. Aber was er nachher von der -menschlichen Würde sagte, klang doch famos, ganz wie bei -einem Festakt. Bist du denn öfter mit ihm zusammen?“ -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-4-5"> -Gedankenschärfe -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Aber Joachim konnte nur noch behindert und undeutlich -antworten. Er hatte aus einem rotledernen, mit Samt gefütterten -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -Etui, das auf seinem Tische lag, ein kleines Thermometer -genommen und das untere, mit Quecksilber gefüllte Ende -in den Mund gesteckt. Links unter der Zunge hielt er es, so, -daß ihm das gläserne Instrument schräg aufwärts aus dem -Munde hervorragte. Dann machte er Haustoilette, zog Schuhe -und eine litewkaartige Joppe an, nahm eine gedruckte Tabelle -nebst Bleistift vom Tisch, ferner ein Buch, eine russische Grammatik -– denn er trieb Russisch, weil er, wie er sagte, dienstlichen -Vorteil davon erhoffte –, und so ausgerüstet nahm er draußen -auf dem Balkon im Liegestuhl Platz, indem er eine Kamelhaardecke -nur leicht über die Füße warf. -</p> - -<p> -Sie war kaum nötig: schon während der letzten Viertelstunde -war die Wolkenschicht dünner und dünner geworden, -und die Sonne brach durch, so sommerlich warm und blendend, -daß Joachim seinen Kopf mit einem weißleinenen Schirm -schützte, der vermittelst einer kleinen, sinnreichen Vorrichtung -an der Armlehne des Stuhles zu befestigen und dem Stande -der Sonne nach zu verstellen war. Hans Castorp lobte diese -Erfindung. Er wollte das Ergebnis der Messung abwarten -und sah unterdessen zu, wie alles gemacht wurde, betrachtete -auch den Pelzsack, der in einem Winkel der Loggia lehnte -(Joachim bediente sich seiner an kalten Tagen) und blickte, die -Ellenbogen auf der Brüstung, in den Garten hinab, wo die -allgemeine Liegehalle nun von lesend, schreibend und plaudernd -ausgestreckten Patienten bevölkert war. Übrigens sah man -nur einen Teil des Inneren, etwa fünf Stühle. -</p> - -<p> -„Aber wie lange dauert denn das?“ fragte Hans Castorp -und wandte sich um. -</p> - -<p> -Joachim hob sieben Finger empor. -</p> - -<p> -„Die müssen doch um sein – sieben Minuten!“ -</p> - -<p> -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -Joachim schüttelte den Kopf. Etwas später nahm er das -Thermometer aus dem Mund, betrachtete es und sagte dabei: -</p> - -<p> -„Ja, wenn man ihr aufpaßt, der Zeit, dann vergeht sie sehr -langsam. Ich habe das Messen, viermal am Tage, ordentlich -gern, weil man doch dabei merkt, was das eigentlich ist: -eine Minute oder gar ganze sieben, – wo man sich hier die -sieben Tage der Woche so gräßlich um die Ohren schlägt.“ -</p> - -<p> -„Du sagst ‚eigentlich‘. ‚Eigentlich‘ kannst du nicht sagen“, -entgegnete Hans Castorp. Er saß mit einem Schenkel auf der -Brüstung, und das Weiße seiner Augen war rot geädert. „Die -Zeit ist doch überhaupt nicht ‚eigentlich‘. Wenn sie einem lang -vorkommt, so ist sie lang, und wenn sie einem kurz vorkommt, -so ist sie kurz, aber wie lang oder kurz sie in Wirklichkeit ist, -das weiß doch niemand.“ Er war durchaus nicht gewohnt, -zu philosophieren und fühlte dennoch den Drang dazu. -</p> - -<p> -Joachim widersprach. -</p> - -<p> -„Wieso denn. Nein. Wir messen sie doch. Wir haben doch -Uhren und Kalender, und wenn ein Monat um ist, dann ist -er für dich und mich und uns alle um.“ -</p> - -<p> -„Dann paß auf“, sagte Hans Castorp und hielt sogar den -Zeigefinger neben seine trüben Augen. „Eine Minute ist also -so lang, wie sie dir vorkommt, wenn du dich mißt?“ -</p> - -<p> -„Eine Minute ist so lang ... sie <em>dauert</em> so lange, wie der -Sekundenzeiger braucht, um seinen Kreis zu beschreiben.“ -</p> - -<p> -„Aber er braucht ja ganz verschieden lange – für unser Gefühl! -Und tatsächlich ... ich sage: tatsächlich genommen“, -wiederholte Hans Castorp und drückte den Zeigefinger so fest -gegen die Nase, daß er ihre Spitze vollständig umbog, „ist -das eine Bewegung, eine räumliche Bewegung, nicht wahr? -Halt, warte! Wir messen also die Zeit mit dem Raume. Aber -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -das ist doch ebenso, als wollten wir den Raum an der Zeit -messen, – was doch nur ganz unwissenschaftliche Leute tun. -Von Hamburg nach Davos sind zwanzig Stunden, – ja, mit -der Eisenbahn. Aber zu Fuß, wie lange ist es da? Und in -Gedanken? Keine Sekunde!“ -</p> - -<p> -„Hör mal,“ sagte Joachim, „was hast du denn? Ich glaube, -es greift dich an hier bei uns?“ -</p> - -<p> -„Sei still! Ich bin sehr scharf im Kopf heute. Was ist denn die -Zeit?“ fragte Hans Castorp und bog seine Nasenspitze so gewaltsam -zur Seite, daß sie weiß und blutleer wurde. „Willst -du mir das mal sagen? Den Raum nehmen wir doch mit -unseren Organen wahr, mit dem Gesichtssinn und dem Tastsinn. -Schön. Aber welches ist denn unser Zeitorgan? Willst -du mir das mal eben angeben? Siehst du, da sitzst du fest. -Aber wie wollen wir denn etwas messen, wovon wir genau -genommen rein gar nichts, nicht eine einzige Eigenschaft auszusagen -wissen! Wir sagen: die Zeit läuft ab. Schön, soll sie -also mal ablaufen. Aber um sie messen zu können ... warte! -Um meßbar zu sein, müßte sie doch <em>gleichmäßig</em> ablaufen, -und wo steht denn das geschrieben, daß sie das tut? Für unser -Bewußtsein tut sie es nicht, wir nehmen es nur der Ordnung -halber an, daß sie es tut, und unsere Maße sind doch bloß Konvention, -erlaube mir mal ...“ -</p> - -<p> -„Gut,“ sagte Joachim, „dann ist es wohl auch bloß Konvention, -daß ich hier vier Striche zuviel habe auf meinem -Thermometer! Aber wegen dieser fünf Striche muß ich mich -hier herumräkeln und kann nicht Dienst machen, das ist eine -ekelhafte Tatsache!“ -</p> - -<p> -„Hast du 37,5?“ -</p> - -<p> -„Es geht schon wieder herunter.“ Und Joachim machte die -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -Eintragung in seine Tabelle. „Gestern abend waren es fast -38, das machte deine Ankunft. Alle, die Besuch bekommen, -haben Erhöhung. Aber es ist doch eine Wohltat.“ -</p> - -<p> -„Ich gehe ja nun auch“, sagte Hans Castorp. „Ich habe -noch eine Menge Gedanken über die Zeit im Kopf, – es ist -ein ganzer Komplex, kann ich wohl sagen. Aber ich will dich -jetzt nicht damit aufregen, da du sowieso zuviel Striche hast. -Ich werde es schon alles behalten, und wir können später darauf -zurückkommen, vielleicht nach dem Frühstück. Wenn es -Frühstückszeit ist, rufst du mich wohl. Ich gehe jetzt auch -in die Liegekur, es tut ja nicht weh, gottlob.“ Und damit ging -er an der gläsernen Scheidewand vorbei in seine eigene Loge -hinüber, wo gleichfalls ein Liegestuhl nebst Tischchen aufgeschlagen -war, holte sich „<span class="antiqua" lang="en">Ocean steamships</span>“ und sein schönes, -weiches, dunkelrot und grün gewürfeltes Plaid aus dem -reinlich aufgeräumten Zimmer und ließ sich nieder. -</p> - -<p> -Auch er mußte sehr bald den Schirm aufspannen; sowie -man lag, wurde der Sonnenbrand unerträglich. Man lag -aber ganz ungewöhnlich bequem, das stellte Hans Castorp sogleich -mit Vergnügen fest, – er erinnerte sich nicht, daß ihm -je ein so angenehmer Liegestuhl vorgekommen sei. Das Gestell, -ein wenig altmodisch in der Form – was aber nur eine -Geschmacksspielerei war, denn der Stuhl war offenbar neu –, -bestand aus rotbraun poliertem Holz, und eine Matratze mit -weichem, kattunartigen Überzug, eigentlich aus drei hohen -Polstern zusammengesetzt, reichte vom Fußende bis über die -Rückenlehne hinauf. Außerdem war vermittelst einer Schnur -eine weder zu feste noch zu nachgiebige Nackenrolle mit gesticktem -Leinenüberzug daran befestigt, die von besonders wohltuender -Wirkung war. Hans Castorp stützte einen Arm auf -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -die breite, glatte Fläche der Seitenlehne, blinzelte und ruhte, -ohne „<span class="antiqua" lang="en">Ocean steamships</span>“ zu seiner Unterhaltung in Anspruch -zu nehmen. Durch die Bögen der Loggia gesehen, wirkte die -harte und karge, aber hell besonnte Landschaft draußen gemäldeartig -und wie eingerahmt. Hans Castorp betrachtete -sie gedankenvoll. Plötzlich fiel ihm etwas ein, und er sagte -laut in der Stille: -</p> - -<p> -„Es war ja eine Zwergin, die uns beim ersten Frühstück -bediente.“ -</p> - -<p> -„Pst“, machte Joachim. „Leise doch. Ja, eine Zwergin. -Und?“ -</p> - -<p> -„Nichts. Wir hatten uns noch gar nicht darüber ausgesprochen.“ -</p> - -<p> -Und dann träumte er weiter. Es war schon zehn Uhr gewesen, -als er sich niedergelegt hatte. Eine Stunde verging. -Es war eine gewöhnliche Stunde, nicht lang, nicht kurz. Als -sie verflossen war, tönte ein Gong durch Haus und Garten, -erst fern, dann näher, dann wieder fern. -</p> - -<p> -„Frühstück“, sagte Joachim, und man hörte, daß er aufstand. -</p> - -<p> -Auch Hans Castorp beendete für diesmal die Liegekur und -ging ins Zimmer, um sich ein wenig zurechtzumachen. Die -Vettern trafen sich auf dem Korridor und gingen hinunter. -Hans Castorp sagte: -</p> - -<p> -„Nun, es lag sich ja ausgezeichnet. Was sind denn das für -Stühle? Wenn es die hier zu kaufen gibt, dann nehme ich mir -einen mit nach Hamburg, man liegt ja darauf wie im Himmel. -Oder meinst du, daß Behrens sie eigens nach seinen Angaben -hat anfertigen lassen?“ -</p> - -<p> -Joachim wußte das nicht. Sie legten ab und betraten zum -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -zweiten Male den Speisesaal, wo die Mahlzeit schon wieder -in vollem Gange war. -</p> - -<p> -Es schimmerte weiß im Saale vor lauter Milch: an jedem -Platz stand ein großes Glas, wohl ein halber Liter voll. -</p> - -<p> -„Nein“, sagte Hans Castorp, als er wieder an seinem Tischende -zwischen der Nähterin und der Engländerin Platz genommen -und ergeben seine Serviette entfaltet hatte, obgleich -er noch so schwer belastet vom ersten Frühstück war. „Nein,“ -sagte er, „Gott steh mir bei, Milch kann ich überhaupt nicht -trinken und am wenigsten jetzt. Ist nicht vielleicht Porter da?“ -Und er wandte sich zuerst höflich und zart an die Zwergin mit -dieser Frage. Leider war keiner da. Aber sie versprach, Kulmbacher -Bier zu bringen und brachte es auch. Es war dick, -schwarz, braunschaumig und ersetzte den Porter aufs beste. -Hans Castorp trank durstig davon aus einem hohen Halbliterglase. -Er aß kalten Aufschnitt dazu auf Röstbrot. Wieder -war Haferbrei aufgestellt und wieder viel Butter und Obst. -Er ließ wenigstens seine Augen darauf ruhen, da er nicht fähig -war, sich davon zuzuführen. Auch betrachtete er die Gästeschaft, -– die Massen begannen sich für ihn zu teilen; Einzelpersonen -traten hervor. -</p> - -<p> -Sein eigener Tisch war komplett, bis auf den oberen Platz -ihm gegenüber, welcher, wie er sich belehren ließ, der Doktorplatz -war. Denn die Ärzte, wenn ihre Zeit es irgend erlaubte, -beteiligten sich an den gemeinsamen Mahlzeiten und wechselten -dabei die Tische: an einem jeden war zu oberst ein solcher -Doktorplatz freigehalten. Jetzt war keiner von beiden anwesend; -man sagte, sie seien bei einer Operation. Wieder -kam der junge Mann mit dem Schnurrbart herein, senkte einmal -das Kinn auf die Brust und setzte sich mit sorgenvoll-verschlossener -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -Miene. Wieder saß die Hellblonde, Magere an -ihrem Platze und löffelte Yoghurt, als ob dies ihre einzige -Speise wäre. Neben ihr saß diesmal eine kleine, muntere alte -Dame, die in russischer Zunge auf den stillen jungen Mann -einredete, der sie sorgenvoll anblickte und nicht anders als mit -Kopfnicken antwortete, wobei er jenes Gesicht machte, als habe -er etwas Schlechtschmeckendes im Munde. Ihm gegenüber, -an der anderen Seite der alten Dame, war ein weiteres junges -Mädchen placiert, – hübsch war sie, von blühender Gesichtsfarbe -und hoher Brust, mit kastanienbraunem, angenehm wellig -geordnetem Haar, runden, braunen, kindlichen Augen und -einem kleinen Rubin an ihrer schönen Hand. Sie lachte viel -und sprach ebenfalls Russisch, nur Russisch. Sie hieß Marusja, -wie Hans Castorp hörte. Ferner bemerkte er beiläufig, daß -Joachim mit strengem Ausdruck die Augen niederschlug, wenn -sie lachte und sprach. -</p> - -<p> -Settembrini erschien durch den Seiteneingang und schritt -schnurrbartkräuselnd zu seinem Platze, der am Ende des Tisches -gelegen war, der schräg vor demjenigen Hans Castorps stand. -Seine Tischgenossen brachen in schallendes Lachen aus, als er -sich niedersetzte; wahrscheinlich hatte er eine Bosheit gesagt. -Auch die Mitglieder des „Vereins Halbe Lunge“ erkannte Hans -Castorp wieder. Hermine Kleefeld schob mit dummen Augen -zu ihrem Tische dort drüben vor der einen Verandatür und -begrüßte den wulstlippigen Jüngling, der vorhin so unschicklich -seine Jacke emporgerafft hatte. Die elfenbeinfarbene Levi -saß neben der fetten und leberfleckigen Iltis unter Unbekannten -an dem querstehenden Tische rechts von Hans Castorp. -</p> - -<p> -„Da sind deine Nachbarn“, sagte Joachim leise zu seinem -Vetter, indem er sich vorneigte ... Das Paar ging dicht an -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -Hans Castorp vorbei zu dem letzten Tisch rechts, dem „Schlechten -Russentisch“ also, wo schon eine Familie mit einem häßlichen -Knaben große Haufen Porridge verschlang. Der Mann war -schmächtig gebaut und hatte graue und hohle Wangen. Er -trug eine braune Lederjoppe und an den Füßen plumpe Filzstiefel -mit Spangenverschluß. Seine Ehefrau, ebenfalls klein -und zierlich, in wippendem Federhut, trippelte auf winzigen, -hochgestöckelten Juchtenstiefelchen; eine unsaubere Boa aus -Vogelfedern lag um ihren Hals. Hans Castorp betrachtete -die beiden mit einer Rücksichtslosigkeit, die ihm sonst fremd -war und die er selbst als brutal empfand; doch war es eben -das Brutale daran, das ihm plötzlich ein gewisses Vergnügen -verursachte. Seine Augen waren zugleich stumpf und zudringlich. -Als in demselben Augenblick die Glastür zur Linken zufiel, -schmetternd und klirrend, wie beim ersten Frühstück, zuckte -er nicht zusammen wie heute früh, sondern schnitt nur eine -träge Grimasse; und als er den Kopf nach jener Seite wenden -wollte, fand er, daß ihm dies allzu schwer falle und daß es die -Mühe nicht lohne. So kam es, daß er auch diesmal nicht zu -der Feststellung gelangte, wer mit der Tür denn so liederlich -umgehe. -</p> - -<p> -Die Sache war die, daß das Frühstücksbier, sonst nur von -mäßig benebelnder Wirkung auf seine Natur, den jungen -Mann heute vollständig betäubte und lähmte, – es zeitigte -Folgen, als hätte er einen Schlag vor die Stirn bekommen. -Seine Lider waren wie Blei so schwer, die Zunge gehorchte -dem einfachen Gedanken nicht recht, als er aus Artigkeit mit -der Engländerin zu plaudern versuchte; auch nur die Richtung -des Blicks zu verändern, erforderte große Selbstüberwindung, -und hinzu kam, daß der abscheuliche Gesichtsbrand den gestrigen -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -Grad nun wieder vollauf erreicht hatte: seine Wangen -schienen ihm gedunsen vor Hitze, er atmete schwer, sein Herz -pochte wie ein umwickelter Hammer, und wenn er unter all -dem nicht sonderlich litt, so war es deshalb, weil sein Kopf sich -in einem Zustand befand, als habe er zwei oder drei Atemzüge -von Chloroform getan. Daß Dr. Krokowski doch noch -beim Frühstück erschien und an seiner Tafel, ihm gegenüber, -Platz nahm, bemerkte er nur traumweise, obgleich der Doktor -ihn wiederholentlich scharf ins Auge faßte, während er mit -den Damen zu seiner Rechten russisch konversierte, – wobei -die jungen Mädchen, nämlich die blühende Marusja sowohl -wie auch die magere Yoghurtesserin, unterwürfig und schamhaft -die Augen vor ihm niederschlugen. Übrigens hielt Hans -Castorp sich redlich, wie sich von selbst versteht, schwieg, da seine -Zunge sich widerspenstig zeigte, lieber still und handhabte -Messer und Gabel sogar mit besonderem Anstand. Als sein -Vetter ihm zunickte und sich erhob, stand er ebenfalls auf, -verneigte sich blind gegen die Tischgenossen und ging bestimmten -Schrittes hinter Joachim hinaus. -</p> - -<p> -„Wann ist denn wieder Liegekur?“ fragte er, als sie das -Haus verließen. „Das ist das Beste hier, soviel ich sehe. Ich -wollte, ich läge schon wieder auf meinem vorzüglichen Stuhl. -Gehen wir weit spazieren?“ -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-4-6"> -Ein Wort zuviel -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -„Nein,“ sagte Joachim, „weit darf ich ja gar nicht gehen. -Um diese Zeit gehe ich immer ein bißchen hinunter, durchs Dorf -und bis Platz, wenn ich Zeit habe. Man sieht Läden und -Leute und kauft ein, was man braucht. Man liegt vor Tische -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -noch eine Stunde, und dann liegt man wieder bis vier Uhr, -sei ganz unbesorgt.“ -</p> - -<p> -Sie gingen im Sonnenschein die Anfahrt hinab und überschritten -den Wasserlauf und das schmale Geleise, die Berggestalten -der rechten Tallehne vor Augen: das „Kleine Schiahorn“, -die „Grünen Türme“ und den „Dorfberg“, die Joachim -bei Namen nannte. Dort drüben, in einiger Höhe, lag der -ummauerte Friedhof von Davos-Dorf, – auf diesen ebenfalls -wies Joachim mit seinem Stocke hin. Und sie gewannen die -Hauptstraße, die um ein Stockwerk über die Talsohle erhöht, -die terrassierte Lehne entlang führte. -</p> - -<p> -Von einem Dorf konnte übrigens nicht gut die Rede sein; -jedenfalls war nichts davon als der Name übrig. Der Kurort -hatte es aufgezehrt, indem er sich immerfort gegen den Taleingang -hin ausdehnte, und der Teil der gesamten Siedelung, -welcher „Dorf“ hieß, ging unmerklich und ohne Unterschied in -den als „Davos Platz“ bezeichneten über. Hotels und Pensionen, -alle mit gedeckten Veranden, Balkons und Liegehallen -reichlich versehen, auch kleine Privathäuser, in denen Zimmer -zu vermieten waren, lagen zu beiden Seiten; hier und da kamen -Neubauten; manchmal setzte auch die Bebauung aus, und die -Straße gewährte den Blick in die offenen Wiesengründe des -Tals ... -</p> - -<p> -Hans Castorp, in seinem Verlangen nach dem gewohnten, -geliebten Lebensreiz, hatte sich wieder eine Zigarre angezündet, -und wahrscheinlich dank dem vorangegangenen Biere vermochte -er zu seiner unaussprechlichen Genugtuung hier und -da etwas von dem ersehnten Aroma zu verspüren: nur selten -und schwach freilich, – es war eine gewisse nervöse Anstrengung -nötig, um eine Ahnung des Vergnügens zu empfangen, und -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -der abscheuliche Ledergeschmack herrschte bei weitem vor. Unfähig, -sich in seine Ohnmacht zu finden, rang er eine Weile nach -dem Genuß, der sich ihm entweder versagte oder nur spottend -ahnungsweise von ferne zeigte, und warf die Zigarre endlich -ermüdet und angewidert fort. Trotz seiner Benommenheit -fühlte er die Höflichkeitsverpflichtung, Konversation zu machen, -und suchte sich zu diesem Zwecke der ausgezeichneten Dinge zu -erinnern, die er vorhin über die „Zeit“ zu sagen gehabt hatte. -Allein es erwies sich, daß er den ganzen „Komplex“ ohne Rest -vergessen hatte und über die Zeit auch nicht den geringsten -Gedanken mehr in seinem Kopfe beherbergte. Dafür begann -er von körperlichen Angelegenheiten zu reden, und zwar etwas -sonderbar. -</p> - -<p> -„Wann mißt du dich denn wieder?“ fragte er. „Nach dem -Essen? Ja, das ist gut. Da ist der Organismus in voller -Tätigkeit, da muß es sich zeigen. Daß Behrens von mir verlangte, -ich sollte mich ebenfalls messen, das war doch wohl nur -Spaß, höre mal, – Settembrini lachte ja auch aus vollem Halse -darüber, es hätte doch absolut keinen Sinn. Ich habe ja auch -nicht mal ein Thermometer.“ -</p> - -<p> -„Nun,“ sagte Joachim, „das wäre das wenigste. Du -brauchst dir nur einen zu kaufen. Hier sind überall Thermometer -zu haben, beinahe in jedem Laden.“ -</p> - -<p> -„Aber wozu denn! Nein, die Liegekur, die lasse ich mir gefallen, -die will ich wohl mitmachen, aber das Messen wäre -zuviel für einen Hospitanten, das überlasse ich denn doch lieber -euch hier oben. Wenn ich nur wüßte,“ fuhr Hans Castorp -fort, indem er beide Hände zum Herzen führte wie ein Verliebter, -„warum ich die ganze Zeit solches Herzklopfen habe, – -es ist so beunruhigend, ich denke schon länger darüber nach. -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -Siehst du, man hat Herzklopfen, wenn einem eine ganz besondere -Freude bevorsteht oder wenn man sich ängstigt, kurz, -bei Gemütsbewegungen, nicht? Aber wenn einem das Herz -nun ganz von selber klopft, grundlos und sinnlos und sozusagen -auf eigene Hand, das finde ich geradezu unheimlich, -versteh mich recht, es ist ja so, als ob der Körper seine eigenen -Wege ginge und keinen Zusammenhang mit der Seele mehr -hätte, gewissermaßen wie ein toter Körper, der ja auch nicht -wirklich tot ist – das gibt es gar nicht –, sondern sogar ein -sehr lebhaftes Leben führt, nämlich auf eigene Hand: es wachsen -ihm noch die Haare und Nägel, und auch sonst soll physikalisch -und chemisch, wie ich mir habe sagen lassen, ein überaus -munterer Betrieb darin herrschen ...“ -</p> - -<p> -„Was sind denn das für Ausdrücke“, sagte Joachim besonnen -verweisend. „Ein munterer Betrieb!“ Und vielleicht -rächte er sich damit ein wenig für den Verweis, den er heute -früh wegen des „Schellenbaums“ erhalten. -</p> - -<p> -„Aber es ist doch so! Es <em>ist</em> ein sehr munterer Betrieb! -Warum nimmst du denn Anstoß daran?“ fragte Hans Castorp. -„Übrigens erwähnte ich das nur nebenbei. Ich wollte -nichts weiter sagen, als: es ist unheimlich und quälend, wenn -der Körper auf eigene Hand und ohne Zusammenhang mit -der Seele lebt und sich wichtig macht, wie bei solchem unmotivierten -Herzklopfen. Man sucht förmlich nach einem Sinn -dafür, einer Gemütsbewegung, die dazu gehört, einem Gefühl -der Freude oder der Angst, wodurch es sozusagen gerechtfertigt -würde, – so geht es wenigstens mir, ich kann nur von mir -reden.“ -</p> - -<p> -„Ja, ja,“ sagte Joachim seufzend, „es ist wohl so ähnlich, -wie wenn man Fieber hat – dabei herrscht auch ein besonders -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -‚munterer Betrieb‘ im Körper, um deinen Ausdruck zu gebrauchen, -und da mag es schon sein, daß man sich unwillkürlich -nach einer Gemütsbewegung umsieht, wie du sagst, wodurch -der Betrieb einen halbwegs vernünftigen Sinn bekommt ... -Aber wir reden so unangenehmes Zeug“, sagte er mit bebender -Stimme und brach ab; worauf Hans Castorp nur mit den -Achseln zuckte, und zwar ganz so, wie er es gestern abend zuerst -bei Joachim gesehen hatte. -</p> - -<p> -Sie gingen eine Weile schweigend. Dann fragte Joachim: -</p> - -<p> -„Nun, wie gefallen dir denn die Leute hier? Ich meine die -an unserem Tisch?“ -</p> - -<p> -Hans Castorp machte ein gleichgültig musterndes Gesicht. -</p> - -<p> -„Gott,“ sagte er, „sie scheinen mir nicht sehr interessant. -An den anderen Tischen sitzen, glaube ich, interessantere, aber -das kommt einem vielleicht nur so vor. Frau Stöhr sollte sich -das Haar waschen lassen, es ist so fett. Und diese Mazurka da, -oder wie sie heißt, kommt mir etwas albern vor. Immer muß -sie sich das Taschentuch in den Mund stopfen vor lauter -Kichern.“ -</p> - -<p> -Joachim lachte laut über die Namensverdrehung. -</p> - -<p> -„‚Mazurka‘ ist ausgezeichnet!“ rief er. „Marusja heißt sie, -wenn du erlaubst, – das ist soviel wie Marie. Ja, sie ist -wirklich zu ausgelassen“, sagte er. „Und dabei hätte sie allen -Grund, gesetzter zu sein, denn sie ist gar nicht wenig krank.“ -</p> - -<p> -„Das sollte man nicht denken“, sagte Hans Castorp. „Sie -ist so gut im Stand. Gerade für brustkrank sollte man sie -nicht halten.“ Und er versuchte mit dem Vetter einen flotten -Blick zu tauschen, fand aber, daß Joachims sonnverbranntes -Gesicht eine fleckige Färbung zeigte, wie sonnverbrannte Gesichter -sie annehmen, wenn das Blut daraus weicht, und daß -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -sein Mund sich auf ganz eigentümlich klägliche Weise verzerrt -hatte, – zu einem Ausdruck, der dem jungen Hans Castorp -einen unbestimmten Schrecken einflößte und ihn veranlaßte, -sofort den Gegenstand zu wechseln und sich nach anderen Personen -zu erkundigen, wobei er Marusja und Joachims Gesichtsausdruck -rasch zu vergessen suchte, was ihm auch völlig -gelang. -</p> - -<p> -Die Engländerin mit dem Hagebuttentee hieß Miß Robinson. -Die Nähterin war keine Nähterin, sondern Lehrerin an -einer staatlichen höheren Töchterschule in Königsberg, und dies -war der Grund, weshalb sie sich so richtig ausdrückte. Sie -hieß Fräulein Engelhart. Was die muntere alte Dame betraf, -so wußte Joachim selber nicht, wie sie hieß, wie lange er -auch schon hier oben war. Jedenfalls war sie die Großtante -des Yoghurt essenden jungen Mädchens, mit dem sie beständig -im Sanatorium lebte. Aber am kränksten von denen am Tisch -war Dr. Blumenkohl, Leo Blumenkohl aus Odessa, – jener -junge Mann mit dem Schnurrbart und der sorgenvoll verschlossenen -Miene. Schon ganze Jahre war er hier oben ... -</p> - -<p> -Es war jetzt städtisches Trottoir, auf dem sie gingen, – die -Hauptstraße eines internationalen Treffpunktes, das sah man -wohl. Flanierende Kurgäste begegneten ihnen, junge Leute zumeist, -Kavaliere in Sportanzügen und ohne Hut, Damen, -ebenfalls ohne Hut und in weißen Röcken. Man hörte Russisch -und Englisch sprechen. Läden mit schmucken Schaufenstern -reihten sich rechts und links, und Hans Castorp, dessen -Neugier heftig mit seiner glühenden Müdigkeit kämpfte, zwang -seine Augen, zu sehen und verweilte lange vor einem Herrenmodegeschäft, -um festzustellen, daß die Auslage durchaus auf -der Höhe sei. -</p> - -<p> -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -Dann kam eine Rotunde mit gedeckter Galerie, in der eine -Kapelle konzertierte. Hier war das Kurhaus. Auf mehreren -Tennisplätzen waren Partien im Gange. Langbeinige, rasierte -Jünglinge in scharf gebügelten Flanellhosen, auf Gummisohlen -und mit entblößten Unterarmen spielten gebräunten -und weiß gekleideten Mädchen gegenüber, die anlaufend sich -in der Sonne steil emporreckten, um den kreideweißen Ball -hoch aus der Luft zu schlagen. Wie Mehlstaub lag es über -den gepflegten Sportfeldern. Die Vettern setzten sich auf eine -freie Bank, um dem Spiele zuzusehen und es zu kritisieren. -</p> - -<p> -„Du spielst hier wohl nicht?“ fragte Hans Castorp. -</p> - -<p> -„Ich darf ja nicht“, antwortete Joachim. „Wir müssen -liegen, immer liegen ... Settembrini sagt immer, wir lebten -horizontal, – wir seien Horizontale, sagt er, das ist so ein fauler -Witz von ihm. – Es sind Gesunde, die da spielen, oder sie -tun es verbotenerweise. Übrigens spielen sie ja nicht sehr ernsthaft, -– mehr des Kostüms wegen ... Und was das Verbotensein -betrifft, da gibt es noch mehr Verbotenes, was hier -gespielt wird, Poker, verstehst du, und in dem und jenem Hotel -auch <span class="antiqua" lang="fr">petits chevaux</span>, – bei uns steht Ausweisung darauf, es -soll das allerschädlichste sein. Aber manche laufen noch nach -der Abendkontrolle hinunter und pointieren. Der Prinz, von -dem Behrens seinen Titel hat, soll es auch immer getan -haben.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp hörte das kaum. Der Mund stand ihm offen, -denn er konnte nicht recht durch die Nase atmen, ohne daß er -übrigens Schnupfen gehabt hätte. Sein Herz hämmerte in -falschem Takte zu der Musik, was er dumpf als quälend empfand. -Und in diesem Gefühl von Unordnung und Widerstreit -begann er einzuschlafen, als Joachim zum Heimgehen mahnte. -</p> - -<p> -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -Sie legten den Weg fast schweigend zurück. Hans Castorp -stolperte sogar ein paarmal auf der ebenen Straße und lächelte -wehmütig darüber, indem er den Kopf schüttelte. Der Hinkende -fuhr sie im Lift in ihr Stockwerk. Sie trennten sich vor -Nummer vierunddreißig mit einem kurzen „Auf Wiedersehn“. -Hans Castorp steuerte durch sein Zimmer auf den Balkon -hinaus, wo er sich, wie er ging und stand, auf den Liegestuhl -fallen ließ und ohne die einmal eingenommene Lage zu verbessern -in einen schweren, von dem raschen Schlage seines -Herzens peinlich belebten Halbschlummer sank. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-4-7"> -Natürlich, ein Frauenzimmer! -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Wie lange das dauerte, wußte er nicht. Als der Zeitpunkt -gekommen war, ertönte das Gong. Aber es rief noch nicht -unmittelbar zur Mahlzeit, es mahnte nur, sich bereit zu machen, -wie Hans Castorp wußte, und so blieb er noch liegen, bis das -metallische Dröhnen zum zweitenmal anschwoll und sich entfernte. -Als Joachim durch das Zimmer kam, um ihn zu holen, -wollte Hans Castorp sich umziehen, aber nun erlaubte Joachim -es nicht mehr. Er haßte und verachtete Unpünktlichkeit. -Wie man denn vorwärts kommen wolle und gesund werden, -um Dienst machen zu können, sagte er, wenn man sogar zu -schlapp sei, um die Essenszeit einzuhalten. Da hatte er natürlich -recht, und Hans Castorp konnte lediglich darauf hinweisen, -daß er ja nicht krank, dafür aber im höchsten Grade schläfrig -sei. Er wusch sich nur rasch die Hände; dann gingen sie in den -Saal hinunter, zum drittenmal. -</p> - -<p> -Durch beide Eingänge strömten die Gäste herein. Auch durch -die Verandatüren dort drüben, die offen standen, kamen sie, -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -und bald saßen sie alle an den sieben Tischen, als seien sie nie -davon aufgestanden. Dies war wenigstens Hans Castorps -Eindruck, – ein rein träumerischer und vernunftwidriger Eindruck -natürlich, dessen sein umnebelter Kopf sich jedoch einen -Augenblick nicht erwehren konnte und an dem er sogar ein gewisses -Gefallen fand; denn mehrmals im Laufe der Mahlzeit -suchte er ihn sich zurückzurufen, und zwar mit dem Erfolge -vollkommener Täuschung. Die muntere alte Dame redete -wieder in ihrer verwischten Sprache auf den ihr schräg gegenübersitzenden -Dr. Blumenkohl ein, der ihr mit besorgter Miene -zuhörte. Ihre magere Großnichte aß endlich etwas anderes -als Yoghurt, nämlich die seimige <span class="antiqua" lang="fr">Crème d’orge</span>, welche die -Saaltöchter in Tellern serviert hatten; doch nahm sie nur wenige -Löffel davon und ließ sie dann stehen. Die hübsche Marusja -stopfte ihr Taschentüchlein, das ein Apfelsinenparfüm -ausströmte, in den Mund, um ihr Kichern zu ersticken. Miß -Robinson las dieselben rundlich geschriebenen Briefe, die sie -schon heute morgen gelesen hatte. Offenbar konnte sie kein -Wort deutsch und wollte es auch nicht können. Joachim sagte -in ritterlicher Haltung etwas auf englisch zu ihr über das Wetter, -was sie einsilbig kauend beantwortete, um dann ins Schweigen -zurückzukehren. Was Frau Stöhr in ihrer schottischen -Wollbluse betraf, so war sie heute vormittag untersucht worden -und berichtete darüber, indem sie sich auf ungebildete Weise -zierte und die Oberlippe von ihren Hasenzähnen zurückzog. -Rechts oben, so klagte sie, habe sie Geräusch, außerdem klinge -es unter der linken Achsel noch sehr verkürzt, und fünf Monate, -habe „der Alte“ gesagt, müsse sie noch bleiben. In ihrer -Unbildung nannte sie Hofrat Behrens „den Alten“. Übrigens -zeigte sie sich empört darüber, daß „der Alte“ heute nicht an -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -ihrem Tische sitze. Der „Tournee“ zufolge (sie meinte wohl -„Turnus“) sei ihr Tisch heute mittag an der Reihe, während -„der Alte“ schon wieder am Nebentische links sitze – (wirklich -saß Hofrat Behrens dort und faltete seine riesigen Hände vor -seinem Teller). Aber freilich, dort habe ja die dicke Frau Salomon -aus Brüssel ihren Platz, die jeden Wochentag dekolletiert -zum Essen komme, und daran finde „der Alte“ offenbar Gefallen, -obgleich sie, Frau Stöhr, es nicht begreifen könne, denn -bei jeder Untersuchung sähe er ja beliebig viel von Frau Salomon. -Später erzählte sie in erregtem Flüstertone, daß gestern -abend in der oberen gemeinsamen Liegehalle – der nämlich, -die sich auf dem Dache befinde – das Licht ausgelöscht worden -sei, und zwar zu Zwecken, die Frau Stöhr als „durchsichtig“ -bezeichnete. „Der Alte“ habe es gemerkt und so gewettert, daß -es in der ganzen Anstalt zu hören gewesen sei. Aber den Schuldigen -habe er natürlich wieder nicht ausfindig gemacht, während -man doch nicht auf der Universität studiert zu haben -brauche, um zu erraten, daß es natürlich dieser Hauptmann -Miklosich aus Bukarest gewesen sei, dem es in Damengesellschaft -überhaupt nie dunkel genug sein könne, – ein Mensch -ohne all und jede Bildung, obgleich er ein Korsett trage, und -seinem Wesen nach einfach ein Raubtier, – ja, ein Raubtier, -wiederholte Frau Stöhr mit erstickter Stimme, indem ihr auf -Stirn und Oberlippe der Schweiß ausbrach. In welchen Beziehungen -Frau Generalkonsul Wurmbrand aus Wien zu ihm -stehe, das wisse ja Dorf und Platz, – man könne wohl kaum -noch von <em>geheimnisvollen</em> Beziehungen sprechen. Denn -nicht genug, daß der Hauptmann zuweilen schon morgens zu -der Generalkonsulin aufs Zimmer komme, wenn diese noch im -Bett liege, worauf er dann ihrer ganzen Toilette beiwohne, -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -sondern am vorigen Dienstag habe er das Zimmer der Wurmbrand -überhaupt erst morgens um vier Uhr <em>verlassen</em>, – die -Pflegerin des jungen Franz auf Nummer neunzehn, bei dem -neulich der Pneumothorax mißglückt sei, habe ihn selbst dabei -betroffen und vor Scham die gesuchte Tür verfehlt, so daß -sie sich plötzlich in dem Zimmer des Staatsanwalts Paravant -aus Dortmund gesehen habe ... Schließlich erging Frau -Stöhr sich längere Zeit über eine „kosmische Anstalt“, die sich -drunten im Ort befinde, und in der sie ihr Zahnwasser kaufe, – -Joachim blickte starr auf seinen Teller nieder ... -</p> - -<p> -Das Mittagessen war sowohl meisterhaft zubereitet wie -auch im höchsten Grade ausgiebig. Die nahrhafte Suppe eingerechnet, -bestand es aus nicht weniger als sechs Gängen. -Dem Fisch folgte ein gediegenes Fleischgericht mit Beilagen, -hierauf eine besondere Gemüseplatte, gebratenes Geflügel dann, -eine Mehlspeise, die jener von gestern abend an Schmackhaftigkeit -nicht nachstand, und endlich Käse und Obst. Jede Schüssel -ward zweimal gereicht – und nicht vergebens. Man füllte -die Teller und aß an den sieben Tischen, – ein Löwenappetit -herrschte im Gewölbe, ein Heißhunger, dem zuzusehen wohl -ein Vergnügen gewesen wäre, wenn er nicht gleichzeitig auf -irgendeine Weise unheimlich, ja abscheulich gewirkt hätte. -Nicht nur die Munteren legten ihn an den Tag, die schwatzten -und einander mit Brotkügelchen warfen, nein, auch die Stillen -und Finsteren, die in den Pausen den Kopf in die Hände stützten -und starrten. Ein halbwüchsiger Mensch am Nebentisch -links, ein Schuljunge seinen Jahren nach, mit zu kurzen Ärmeln -und dicken, kreisrunden Brillengläsern, schnitt alles, was -er sich auf den Teller häufte, im voraus zu einem Brei und -Gemengsel zusammen; dann beugte er sich darüber und schlang, -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -indem er zuweilen mit der Serviette hinter die Brille fuhr, um -sich die Augen zu wischen, – man wußte nicht, was da zu -trocknen war, ob Schweiß oder Tränen. -</p> - -<p> -Zwei Zwischenfälle ereigneten sich während der großen -Mahlzeit und erregten Hans Castorps Aufmerksamkeit, soweit -sein Befinden dies zuließ. Erstens fiel wieder die Glastür -zu, – es war beim Fisch. Hans Castorp zuckte erbittert und -sagte dann in zornigem Eifer zu sich selbst, daß er unbedingt -diesmal den Täter feststellen müsse. Er dachte es nicht nur, -er sagte es auch mit den Lippen, so ernst war es ihm. Ich -muß es wissen! flüsterte er mit übertriebener Leidenschaftlichkeit, -so daß Miß Robinson sowohl wie die Lehrerin ihn verwundert -anblickten. Und dabei wandte er den ganzen Oberkörper -nach links und riß seine blutüberfüllten Augen auf. -</p> - -<p> -Es war eine Dame, die da durch den Saal ging, eine Frau, -ein junges Mädchen wohl eher, nur mittelgroß, in weißem -Sweater und farbigem Rock, mit rötlichblondem Haar, das -sie einfach in Zöpfen um den Kopf gelegt trug. Hans Castorp -sah nur wenig von ihrem Profil, fast gar nichts. Sie ging ohne -Laut, was zu dem Lärm ihres Eintritts in wunderlichem Gegensatz -stand, ging eigentümlich schleichend und etwas vorgeschobenen -Kopfes zum äußersten Tische links, der senkrecht zur -Verandatür stand, dem „Guten Russentisch“ nämlich, wobei -sie die eine Hand in der Tasche der anliegenden Wolljacke hielt, -die andere aber, das Haar stützend und ordnend, zum Hinterkopf -führte. Hans Castorp blickte auf diese Hand, – er hatte -viel Sinn und kritische Aufmerksamkeit für Hände und war -gewöhnt, auf diesen Körperteil zuerst, wenn er neue Bekanntschaften -machte, sein Augenmerk zu richten. Sie war nicht -sonderlich damenhaft, die Hand, die das Haar stützte, nicht so -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -gepflegt und veredelt, wie Frauenhände in des jungen Hans -Castorp gesellschaftlicher Sphäre zu sein pflegten. Ziemlich -breit und kurzfingrig, hatte sie etwas Primitives und Kindliches, -etwas von der Hand eines Schulmädchens; ihre Nägel -wußten offenbar nichts von Maniküre, sie waren schlecht und -recht beschnitten, ebenfalls wie bei einem Schulmädchen, und -an ihren Seiten schien die Haut etwas aufgerauht, fast so, als -werde hier das kleine Laster des Fingerkauens gepflegt. Übrigens -erkannte Hans Castorp dies eher ahnungsweise, als daß -er es eigentlich gesehen hätte, – die Entfernung war doch zu -bedeutend. Mit einem Kopfnicken begrüßte die Nachzüglerin -ihre Tischgesellschaft, und indem sie sich setzte, an die Innenseite -des Tisches, den Rücken gegen den Saal, zur Seite Dr. -Krokowskis, der dort den Vorsitz hatte, wandte sie, noch immer -die Hand am Haar, den Kopf über die Schulter und überblickte -das Publikum, – wobei Hans Castorp flüchtig bemerkte, -daß sie breite Backenknochen und schmale Augen hatte ... -Eine vage Erinnerung an irgendetwas und irgendwen berührte -ihn leicht und vorübergehend, als er das sah ... -</p> - -<p> -Natürlich, ein Frauenzimmer! dachte Hans Castorp, und -wieder murmelte er es ausdrücklich vor sich hin, so daß die -Lehrerin, Fräulein Engelhart, verstand, was er sagte. Die -dürftige alte Jungfer lächelte gerührt. -</p> - -<p> -„Das ist Madame Chauchat“, sagte sie. „Sie ist so lässig. -Eine entzückende Frau.“ Und dabei verstärkte sich die flaumige -Röte auf Fräulein Engelharts Wangen um eine Schattierung, -– was übrigens immer der Fall war, sobald sie den Mund -öffnete. -</p> - -<p> -„Französin?“ fragte Hans Castorp streng. -</p> - -<p> -„Nein, sie ist Russin“, sagte die Engelhart. „Vielleicht ist -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -der Mann Franzose oder französischer Abkunft, das weiß ich -nicht sicher.“ -</p> - -<p> -Ob es <em>der</em> dort sei, fragte Hans Castorp noch immer gereizt -und deutete auf einen Herrn mit vorhängenden Schultern am -Guten Russentisch. -</p> - -<p> -O nein, er sei nicht hier, entgegnete die Lehrerin. Er sei überhaupt -noch nicht hier gewesen, sei hier ganz unbekannt. -</p> - -<p> -„Sie sollte die Tür ordentlich zumachen!“ sagte Hans Castorp. -„Immer läßt sie sie zufallen. Das ist doch eine Unmanier.“ -</p> - -<p> -Und da die Lehrerin den Verweis demütig lächelnd einsteckte, -als sei sie selber die Schuldige, so war nicht weiter die Rede -von Madame Chauchat. – -</p> - -<p> -Das zweite Vorkommnis bestand darin, daß Dr. Blumenkohl -vorübergehend den Saal verließ, – weiter war es nichts. -Plötzlich verstärkte sich der leise angewiderte Ausdruck seines -Gesichtes, sorgenvoller als sonst blickte er auf einen Punkt, -schob dann mit bescheidener Bewegung seinen Stuhl zurück -und ging hinaus. Hier aber zeigte sich Frau Stöhrs große -Unbildung im vollsten Licht, denn wahrscheinlich aus gemeiner -Genugtuung darüber, daß sie weniger krank war als Blumenkohl, -begleitete sie seinen Weggang mit halb mitleidigen, halb -verächtlichen Glossen. „Der Ärmste!“ sagte sie. „Der pfeift -bald aus dem letzten Loch. Schon wieder muß er sich mit dem -Blauen Heinrich besprechen.“ Ganz ohne Überwindung, mit -störrisch unwissender Miene, brachte sie die fratzenhafte Bezeichnung -„der blaue Heinrich“ über die Lippen, und Hans -Castorp empfand ein Gemisch von Schrecken und Lachreiz, als -sie es sagte. Übrigens kehrte Dr. Blumenkohl nach wenigen -Minuten in der gleichen bescheidenen Haltung zurück, in der -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -er hinausgegangen war, nahm wieder Platz und fuhr fort, zu -essen. Auch er aß sehr viel, von jedem Gerichte zweimal, stumm -und mit sorgenvoll verschlossener Miene. -</p> - -<p> -Dann war das Mittagessen beendet: dank einer gewandten -Bedienung – denn die Zwergin besonders war ein sonderbar -raschfüßiges Wesen – hatte es nur eine gute Stunde gedauert. -Hans Castorp, schwer atmend, und ohne recht zu wissen, wie -er heraufgekommen war, lag wieder auf dem vorzüglichen -Stuhl in seiner Balkonloge, denn nach dem Essen war Liegekur -bis zum Tee, – sogar die wichtigste des Tages und streng -einzuhalten. Zwischen den undurchsichtigen Glaswänden, die -ihn von Joachim einerseits und dem russischen Ehepaar andererseits -trennten, lag er und dämmerte mit pochendem Herzen, -indem er Luft durch den Mund holte. Als er sein Taschentuch -benutzte, fand er es von Blut gerötet, aber er hatte nicht -die Kraft, sich Gedanken darüber zu machen, obgleich er ja -etwas ängstlich mit sich war und von Natur ein wenig zu -hypochondrischen Grillen neigte. Wieder hatte er sich eine -Maria Mancini angezündet, und diesmal rauchte er sie zu -Ende, mochte sie nun wie immer schmecken. Schwindelig, beklommen -und träumerisch bedachte er, wie sehr sonderbar es -ihm hier oben ergehe. Zwei- oder dreimal ward seine Brust -von innerem Lachen erschüttert über die schauderhafte Bezeichnung, -deren Frau Stöhr sich in ihrer Unbildung bedient hatte. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-4-8"> -Herr Albin -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Drunten im Garten hob sich das Phantasie-Fahnentuch mit -dem Schlangenstabe zuweilen im Windhauch. Der Himmel -hatte sich wieder gleichmäßig bedeckt. Die Sonne war fort, -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -und sogleich war es fast unwirtlich kühl geworden. Die gemeinsame -Liegehalle schien voll besetzt; es herrschte Gespräch -und Gekicher dort unten. -</p> - -<p> -„Herr Albin, ich flehe Sie an, legen Sie das Messer fort, -stecken Sie es ein, es geschieht ein Unglück damit!“ klagte eine -hohe, schwankende Damenstimme. Und: -</p> - -<p> -„Bester Herr Albin, um Gottes willen, schonen Sie unsere -Nerven und bringen Sie uns das entsetzliche Mordding aus -den Augen!“ mischte sich eine zweite darein, – worauf ein -blondköpfiger junger Mann, welcher, eine Zigarette im Munde, -seitwärts auf dem vordersten Liegestuhl saß, in frechem Tone -erwiderte: -</p> - -<p> -„Fällt mir nicht ein! Die Damen werden mir doch wohl -erlauben, etwas mit meinem Messer zu spielen! Nun ja, gewiß, -es ist ein besonders scharfes Messer. Ich habe es in Kalkutta -einem blinden Zauberer abgekauft ... Er konnte es -verschlucken, und gleich darauf grub sein Boy es fünfzig Schritte -von ihm entfernt aus dem Boden ... Wollen Sie sehen? -Es ist viel schärfer als ein Rasiermesser. Man braucht die -Schneide nur zu berühren, und sie geht einem ins Fleisch wie -durch Butter. Warten Sie, ich zeige es Ihnen näher ...“ -Und Herr Albin stand auf. Ein Gekreisch erhob sich. „Nein, -jetzt hole ich meinen Revolver!“ sagte Herr Albin. „Das wird -Sie mehr interessieren. Ein ganz verflixtes Ding. Von einer -Durchschlagskraft ... Ich hole ihn aus meinem Zimmer.“ -</p> - -<p> -„Herr Albin, Herr Albin, tun Sie es nicht!“ zeterten mehrere -Stimmen. Aber Herr Albin kam schon aus der Liegehalle hervor, -um auf sein Zimmer zu gehen, – blutjung und schlenkricht, -mit rosigem Kindergesicht und kleinen Backenbartstreifen neben -den Ohren. -</p> - -<p> -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -„Herr Albin,“ rief eine Dame hinter ihm drein, „holen Sie -lieber Ihren Paletot, ziehen Sie ihn an, tun Sie es mir zuliebe! -Sechs Wochen haben Sie mit Lungenentzündung gelegen, und -nun sitzen Sie hier ohne Überzieher und decken sich nicht einmal -zu und rauchen Zigaretten! Das heißt Gott versuchen, -Herr Albin, mein Ehrenwort!“ -</p> - -<p> -Aber er lachte nur höhnisch im Weggehen, und schon nach -wenigen Minuten kehrte er mit dem Revolver zurück. Da -kreischten sie noch alberner als vorhin, und man hörte, daß -mehrere von den Stühlen springen wollten, sich in ihre Decken -verwickelten und stürzten. -</p> - -<p> -„Sehen Sie, wie klein und blank er ist,“ sagte Herr Albin, -„aber wenn ich hier drücke, so beißt er zu ...“ Ein neues Gekreisch. -„Er ist natürlich scharf geladen“, fuhr Herr Albin fort. -„In dieser Scheibe hier stecken die sechs Patronen, die dreht -sich bei jedem Schuß um ein Loch weiter ... Übrigens halte -ich mir das Ding nicht zum Spaß“, sagte er, da er bemerkte, -daß die Wirkung sich abnutzte, ließ den Revolver in die Brusttasche -gleiten und setzte sich wieder mit übergeschlagenem Bein -auf seinen Stuhl, indem er sich eine frische Zigarette anzündete. -„Durchaus nicht zum Spaß“, wiederholte er und preßte -die Lippen zusammen. -</p> - -<p> -„Wozu denn? Wozu denn?“ fragten ahnungsvoll bebende -Stimmen. „Entsetzlich!“ schrie plötzlich eine einzelne, und da -nickte Herr Albin. -</p> - -<p> -„Ich sehe, Sie fangen an, zu begreifen“, sagte er. „In der -Tat, dazu halte ich ihn mir“, fuhr er leichthin fort, nachdem -er trotz der überstandenen Lungenentzündung eine Menge -Rauch eingezogen und wieder von sich geblasen hatte. „Ich -halte ihn in Bereitschaft für den Tag, wo mir dieser Trödel -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -hier zu langweilig wird und wo ich die Ehre haben werde, mich -ergebenst zu empfehlen. Die Sache ist ziemlich einfach ... Ich -habe einiges Studium darauf verwandt und bin mit mir im -reinen darüber, wie sie am besten zu deichseln ist. (Bei dem -Worte „deichseln“ ertönte ein Schrei.) Die Herzpartie schaltet -aus ... Der Ansatz ist mir da nicht recht bequem ... Auch -ziehe ich es vor, das Bewußtsein an Ort und Stelle auszulöschen, -nämlich indem ich mir so einen hübschen kleinen Fremdkörper -in dieses interessante Organ appliziere ...“ Und Herr -Albin deutete mit dem Zeigefinger auf seinen kurzgeschorenen -Blondschädel. „Man muß hier ansetzen –“ Herr Albin zog -den vernickelten Revolver wieder aus der Tasche und klopfte -mit der Mündung an seine Schläfe – „hier oberhalb der Schlagader -... Sogar ohne Spiegel ist es eine glatte Sache ...“ -</p> - -<p> -Mehrstimmiger, flehender Protest ward laut, in den sich -sogar ein heftiges Schluchzen mischte. -</p> - -<p> -„Herr Albin, Herr Albin, den Revolver weg, nehmen Sie -den Revolver von <a id="corr-18"></a>Ihrer Schläfe weg, es ist nicht anzusehen! -Herr Albin, Sie sind jung, Sie werden gesund werden, Sie -werden ins Leben zurückkehren und sich der allgemeinen Beliebtheit -erfreuen, mein Ehrenwort! Ziehen Sie nur Ihren -Mantel an, legen Sie sich hin, decken Sie sich zu, machen Sie -Kur! Jagen Sie den Bademeister nicht wieder fort, wenn -er kommt, um Sie mit Alkohol abzureiben! Lassen Sie das -Zigarettenrauchen, Herr Albin, hören Sie, wir bitten um Ihr -Leben, Ihr junges, kostbares Leben!“ -</p> - -<p> -Aber Herr Albin war unerbittlich. -</p> - -<p> -„Nein, nein,“ sagte er, „lassen Sie mich, es ist gut, ich danke -Ihnen. Ich habe noch nie einer Dame etwas abgeschlagen, -aber Sie werden einsehen, daß es unnütz ist, dem Schicksal -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -in die Speichen zu fallen. Ich bin im dritten Jahr hier ... -ich habe es satt und spiele nicht mehr mit, – können Sie mir -das verargen? Unheilbar, meine Damen, – sehen Sie mich -an, wie ich hier sitze, bin ich unheilbar, – der Hofrat selbst -macht kaum noch ehren- und schandenhalber ein Hehl daraus. -Gönnen Sie mir das bißchen Ungebundenheit, das für mich -aus dieser Tatsache resultiert! Es ist wie auf dem Gymnasium, -wenn es entschieden war, daß man sitzen blieb und nicht mehr -gefragt wurde und nichts mehr zu tun brauchte. Zu diesem -glücklichen Zustand bin ich nun endgültig wieder gediehen. -Ich brauche nichts mehr zu tun, ich komme nicht mehr in Betracht, -ich lache über das Ganze. Wollen Sie Schokolade? -Bedienen Sie sich! Nein, Sie berauben mich nicht, ich habe -massenweise Schokolade auf meinem Zimmer. Acht Bonbonnieren, -fünf Tafeln Gala-Peter und vier Pfund Lindschokolade -habe ich da oben, – das alles haben die Damen des -Sanatoriums mir während meiner Lungenentzündung zustellen -lassen ...“ -</p> - -<p> -Irgendwoher gebot eine Baßstimme Ruhe. Herr Albin -lachte kurz auf, – es war ein flatternd-abgerissenes Lachen. -Dann ward es still in der Liegehalle, so still, als sei ein Traum -oder Spuk zerstoben; und sonderbar klangen die gesprochenen -Worte im Schweigen nach. Hans Castorp lauschte ihnen, bis -sie völlig erstorben waren, und obwohl ihm unbestimmt schien, -als ob Herr Albin ein Laffe sei, so konnte er sich doch nicht eines -gewissen Neides auf ihn erwehren. Namentlich jenes dem -Schulleben entnommene Gleichnis hatte ihm Eindruck gemacht, -denn er selbst war ja in Untersekunda sitzen geblieben, und er -erinnerte sich wohl des etwas schimpflichen aber humoristischen, -angenehm verwahrlosten Zustandes, dessen er genossen hatte, -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -als er im vierten Quartal das Rennen aufgegeben und „über -das Ganze“ hatte lachen können. Da seine Betrachtungen -dumpf und verworren waren, so ist es schwer, sie zu präzisieren. -Hauptsächlich schien ihm, daß die Ehre bedeutende Vorteile -für sich habe, aber die Schande nicht minder, ja, daß die Vorteile -der letzteren geradezu grenzenloser Art seien. Und indem -er sich probeweise in Herrn Albins Zustand versetzte und sich -vergegenwärtigte, wie es sein müsse, wenn man endgültig des -Druckes der Ehre ledig war und auf immer die bodenlosen -Vorteile der Schande genoß, erschreckte den jungen Mann -ein Gefühl von wüster Süßigkeit, das sein Herz vorübergehend -zu noch hastigerem Gange erregte. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-4-9"> -Satana macht ehrrührige Vorschläge -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Später verlor er das Bewußtsein. Nach seiner Taschenuhr -war es halb vier, als Gespräch hinter der linken Glaswand -ihn weckte: Dr. Krokowski, der um diese Zeit ohne den -Hofrat die Runde machte, sprach dort russisch mit dem unmanierlichen -Ehepaar, erkundigte sich, wie es schien, nach dem -Befinden des Gatten und ließ sich seine Fiebertabelle zeigen. -Dann aber setzte er seinen Weg nicht durch die Balkonlogen -fort, sondern umging Hans Castorps Abteil, indem er sich auf -den Korridor zurückbegab und durch die Zimmertür bei Joachim -eintrat. Daß man solchergestalt einen Bogen um ihn beschrieb -und ihn links liegen ließ, empfand Hans Castorp denn doch -als etwas verletzend, obgleich ihn nach einem Zusammensein -unter vier Augen mit Dr. Krokowski ja durchaus nicht verlangte. -Freilich, er war eben gesund und zählte nicht mit, – -denn bei denen hier oben, dachte er, lagen die Dinge so, daß -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -derjenige nicht in Betracht kam und nicht gefragt wurde, der die -Ehre hatte, gesund zu sein, und das ärgerte den jungen Castorp. -</p> - -<p> -Nachdem Dr. Krokowski sich bei Joachim zwei oder drei Minuten -verweilt hatte, ging er den Balkon entlang weiter, und -Hans Castorp hörte den Vetter sagen, daß man nun aufstehen -und sich zur Vespermahlzeit bereit machen könne. „Schön“, -sagte er und stand auf. Aber es schwindelte ihn sehr vom -langen Liegen, und der unerquickliche Halbschlaf hatte ihm -das Gesicht aufs neue peinlich erhitzt, während er übrigens -zum Frösteln neigte, – vielleicht hatte er sich nicht warm genug -zugedeckt. -</p> - -<p> -Er wusch sich Augen und Hände, ordnete sein Haar und -seine Kleider und traf mit Joachim auf dem Korridor zusammen. -</p> - -<p> -„Hast du diesen Herrn Albin gehört?“ fragte er, als sie die -Treppen hinunter gingen ... -</p> - -<p> -„Natürlich“, sagte Joachim. „Der Mensch müßte diszipliniert -werden. Stört da die ganze Mittagsruhe mit seinem -Geschwätz und regt die Damen so auf, daß er sie um Wochen -zurückbringt. Eine grobe Insubordination. Aber wer will -denn den Denunzianten machen. Und außerdem sind solche -Reden ja den meisten als Unterhaltung willkommen.“ -</p> - -<p> -„Hältst du es für möglich,“ fragte Hans Castorp, „daß -er Ernst macht mit seiner ‚glatten Sache‘, wie er sich ausdrückt, -und sich einen Fremdkörper appliziert?“ -</p> - -<p> -„Ach, doch,“ antwortete Joachim, „ganz unmöglich ist es -nicht. Dergleichen kommt vor hier oben. Zwei Monate bevor -ich kam hat sich ein Student, der schon lange hier war, nach -einer Generaluntersuchung im Walde drüben aufgehängt. Es -war in meinen ersten Tagen noch viel die Rede davon.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp gähnte erregt. -</p> - -<p> -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -„Ja, gut fühle ich mich nicht bei euch,“ erklärte er, „das -kann ich nicht sagen. Ich halte es für möglich, daß ich nicht -bleiben kann, du, daß ich abreisen muß, – würdest du es mir -weiter übelnehmen?“ -</p> - -<p> -„Abreisen? Was fällt dir ein!“ rief Joachim. „Unsinn. -Wo du gerade erst angekommen bist. Wie willst du denn urteilen -nach dem ersten Tage!“ -</p> - -<p> -„Gott, ist noch immer der erste Tag? Mir ist ganz, als wäre -ich schon lange – lange bei euch hier oben.“ -</p> - -<p> -„Nun fange nur nicht wieder an, über die Zeit zu spintisieren!“ -sagte Joachim. „Ganz konfus hast du mich heute -morgen gemacht.“ -</p> - -<p> -„Nein, sei beruhigt, ich habe alles vergessen“, erwiderte Hans -Castorp. „Den ganzen Komplex. Jetzt bin ich auch kein bißchen -scharf mehr im Kopfe, das ist vorüber ... Nun gibt es -also Tee.“ -</p> - -<p> -„Ja, und dann gehen wir wieder bis zu der Bank von -heute morgen.“ -</p> - -<p> -„In Gottes Namen. Aber hoffentlich treffen wir Settembrini -nicht wieder. Ich kann mich heute an keinem gebildeten -Gespräch mehr beteiligen, das sage ich dir im voraus.“ -</p> - -<p> -Im Speisesaal wurden alle Getränke geschenkt, die zu dieser -Stunde nur irgend in Betracht kommen. Miß Robinson trank -wieder ihren blutroten Hagebuttentee, während die Großnichte -Yoghurt löffelte. Außerdem gab es Milch, Tee, Kaffee, Schokolade, -ja sogar Fleischbrühe, und überall waren die Gäste, die -seit dem üppigen Mittagsmahl zwei Stunden liegend verbracht -hatten, eifrig beschäftigt, Butter auf große Schnitten Rosinenkuchen -zu streichen. -</p> - -<p> -Hans Castorp hatte sich Tee geben lassen und tauchte Zwieback -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -hinein. Auch etwas Marmelade versuchte er. Den Rosinenkuchen -betrachtete er genau, doch erzitterte er buchstäblich bei -dem Gedanken, davon zu essen. Abermals saß er an seinem -Platze im Saal mit dem einfältig bunten Gewölbe, den sieben -Tischen, – zum viertenmal. Etwas später, um sieben Uhr, -saß er zum fünftenmal dort, und da galt es das Abendessen. -In die Zwischenzeit, welche kurz und nichtig war, fiel ein Spaziergang -zu jener Bank an der Bergwand, beim Wasserrinnsal -– der Weg war jetzt dicht belebt von Patienten, so daß -die Vettern häufig zu grüßen hatten – und eine neuerliche -Liegekur auf dem Balkon, von flüchtigen und gehaltlosen anderthalb -Stunden. Hans Castorp fröstelte heftig dabei. -</p> - -<p> -Zur Abendmahlzeit kleidete er sich gewissenhaft um und aß -dann zwischen Miß Robinson und der Lehrerin Juliennesuppe, -gebackenes und gebratenes Fleisch nebst Zubehör, zwei Stücke -von einer Torte, in der alles vorkam: Makronenteig, Buttercreme, -Schokolade, Fruchtmus und Marzipan, und sehr guten -Käse auf Pumpernickel. Wieder ließ er sich eine Flasche Kulmbacher -dazu geben. Als er jedoch sein hohes Glas zur Hälfte -geleert hatte, erkannte er klar und deutlich, daß er ins Bett -gehöre. In seinem Kopfe rauschte es, seine Augenlider waren -wie Blei, sein Herz ging wie eine kleine Pauke, und zu seiner -Qual bildete er sich ein, daß die hübsche Marusja, die, vornüber -geneigt, ihr Gesicht in der Hand mit dem kleinen Rubin verbarg, -über <em>ihn</em> lache, obgleich er sich so angestrengt bemüht hatte, -keinerlei Veranlassung dazu zu geben. Wie aus weiter Ferne -hörte er Frau Stöhr etwas erzählen oder behaupten, was ihm -als so tolles Zeug erschien, daß er in verwirrte Zweifel geriet, -ob er noch richtig höre oder ob Frau Stöhrs Äußerungen -sich vielleicht in seinem Kopfe zu Unsinn verwandelten. Sie -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -erklärte, daß sie achtundzwanzig verschiedene Fischsaucen zu -bereiten verstehe, – sie habe den Mut, dafür einzustehen, obgleich -ihr eigener Mann sie gewarnt habe, davon zu sprechen. -„Sprich nicht davon!“ habe er gesagt. „Niemand wird es dir -glauben, und wenn man es glaubt, so wird man es lächerlich -finden!“ Und doch wolle sie es heute einmal sagen und offen -bekennen, daß es achtundzwanzig Fischsaucen seien, die sie -machen könne. Das schien dem armen Hans Castorp entsetzlich; -er erschrak, griff sich mit der Hand an die Stirn und vergaß -vollkommen, einen Bissen Pumpernickel mit Chester, den -er im Munde hatte, fertig zu kauen und hinunterzuschlucken. -Noch als man von Tische aufstand, hatte er ihn im Munde. -</p> - -<p> -Man ging durch die Glastür zur Linken hinaus, jene fatale, -die immer zufiel und die geradewegs in die vordere Halle führte. -Fast alle Gäste nahmen diesen Weg, denn es zeigte sich, daß -um die Stunde nach dem Diner in der Halle und den anliegenden -Salons eine Art von Geselligkeit stattfand. Die -Mehrzahl der Patienten stand in kleinen Gruppen plaudernd -umher. An zwei grün ausgeschlagenen Klapptischen lag man -dem Spiele ob; es war Domino an dem einen, Bridge an dem -anderen Tische, und hier waren es nur junge Leute, die spielten, -darunter Herr Albin und Hermine Kleefeld. Ferner gab es -ein paar unterhaltende optische Gegenstände im ersten Salon: -einen stereoskopischen Guckkasten, durch dessen Linsen man die -in seinem Innern aufgestellten Photographien, zum Beispiel -einen venezianischen Gondolier, in starrer und blutloser Körperlichkeit -erblickte; zweitens ein fernrohrförmiges Kaleidoskop, -an dessen Linse man ein Auge legte, um sich, nur durch leichte -Handhabung eines Rades, buntfarbige Sterne und Arabesken -in zauberhafter Abwechslung vorzugaukeln; eine drehende -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -Trommel endlich, in die man kinematographische Filmstreifen -legte und durch deren Öffnungen, wenn man seitlich hineinsah, -ein Müller, der sich mit einem Schornsteinfeger prügelte, -ein Schulmeister, einen Knaben züchtigend, ein springender -Seiltänzer und ein Bauernpärchen im Ländlertanz zu beobachten -waren. Hans Castorp, die kalten Hände auf den Knien, -blickte längere Zeit in jeden der Apparate. Er verweilte sich -auch ein wenig am Bridgetische, wo der unheilbare Herr -Albin mit hängenden Mundwinkeln und weltmännisch wegwerfenden -Bewegungen die Karten handhabte. In einem -Winkel saß Dr. Krokowski, begriffen in frischem und herzlichem -Gespräch mit einem Halbkreise von Damen, zu welchem Frau -Stöhr, Frau Iltis und Fräulein Levi gehörten. Die Inhaber -des Guten Russentisches hatten sich in den anstoßenden kleineren -Salon zurückgezogen, der nur durch Portieren vom Spielzimmer -getrennt war, und bildeten dort eine intime Clique. Es -waren außer Madame Chauchat: ein blondbärtiger, schlaffer -Herr mit konkavem Brustkasten und glotzenden Augäpfeln; -ein tief brünettes Mädchen von originellem und humoristischem -Typus, mit goldenen Ohrringen und wirrem Wollhaar; ferner -Dr. Blumenkohl, der sich ihnen zugesellt hatte, und noch zwei -hängeschultrige Jünglinge. Madame Chauchat trug ein blaues -Kleid mit weißem Spitzenkragen. Sie saß, als Mittelpunkt -ihrer Gruppe, auf dem Sofa hinter dem runden Tisch, im -Hintergrunde des kleinen Gemaches, das Gesicht dem Spielzimmer -zugewandt. Hans Castorp, der die ungezogene Frau -nicht ohne Mißbilligung betrachten konnte, dachte bei sich: -Sie erinnert mich an irgend etwas, doch kann ich nicht sagen, -an was ... Ein langer Mensch von etwa dreißig Jahren und -mit gelichtetem Haupthaar spielte an dem kleinen braunen -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -Pianoforte dreimal hintereinander den Hochzeitsmarsch aus -dem „Sommernachtstraum“, und als einige Damen ihn darum -baten, begann er das melodiöse Stück zum viertenmal, nachdem -er einer nach der anderen tief und schweigend in die Augen -geblickt hatte. -</p> - -<p> -„Ist es erlaubt, sich nach Ihrem Befinden zu erkundigen, -Ingenieur?“ fragte Settembrini, welcher, die Hände in den -Hosentaschen, zwischen den Gästen umhergeschlendert war und -nun vor Hans Castorp hintrat ... Noch immer trug er seinen -grauen, flausartigen Rock und die hell karierten Beinkleider. -Er lächelte bei seiner Anrede, und wieder empfand Hans Castorp -etwas wie Ernüchterung beim Anblick dieses fein und spöttisch -gekräuselten Mundwinkels unter der Biegung des schwarzen -Schnurrbartes. Übrigens blickte er den Italiener ziemlich blöde, -mit schlaffem Munde und rotgeäderten Augen an. -</p> - -<p> -„Ach, Sie sind es“, sagte er. „Der Herr vom Morgenspaziergang, -den wir bei dieser Bank da oben ... beim Wasserlauf -... Natürlich, ich habe Sie sofort wieder erkannt. Wollen -Sie glauben,“ fuhr er fort, obgleich er wohl einsah, daß er -es nicht hätte sagen dürfen, „daß ich Sie damals im ersten -Augenblick für einen Drehorgelmann gehalten habe? ... Das -war natürlich der reine Unsinn,“ setzte er hinzu, da er sah, daß -Settembrini’s Blick einen kühl forschenden Ausdruck annahm, -„– eine furchtbare Dummheit mit einem Wort! Es <em>ist</em> mir -sogar vollständig unbegreiflich, wie in aller Welt ich ...“ -</p> - -<p> -„Beunruhigen Sie sich nicht, es hat nichts zu sagen“, erwiderte -Settembrini, nachdem er den jungen Mann noch -einen Augenblick schweigend betrachtet hatte. „Und wie haben -Sie also Ihren Tag verbracht, – den ersten Ihres Aufenthaltes -an diesem Lustorte?“ -</p> - -<p> -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -„Ich danke sehr. Ganz vorschriftsmäßig“, antwortete Hans -Castorp. „Vorwiegend auf ‚horizontale Art‘, wie Sie es mit -Vorliebe nennen sollen.“ -</p> - -<p> -Settembrini lächelte. -</p> - -<p> -„Es mag sein, daß ich mich gelegentlich so ausgedrückt -habe“, sagte er. „Nun, und Sie fanden sie kurzweilig, diese -Lebensweise?“ -</p> - -<p> -„Kurzweilig und langweilig, wie Sie nun wollen“, erwiderte -Hans Castorp. „Das ist zuweilen schwer zu unterscheiden, -wissen Sie. Ich habe mich durchaus nicht gelangweilt, – dazu -ist es doch ein allzu munterer Betrieb bei Ihnen hier oben. -Man bekommt so viel Neues und Merkwürdiges zu hören -und zu sehen ... Und doch ist mir auch andererseits wieder, -als ob ich nicht nur einen Tag, sondern schon längere Zeit hier -wäre, – geradezu, als ob ich hier schon älter und klüger geworden -wäre, so kommt es mir vor.“ -</p> - -<p> -„Klüger auch?“ sagte Settembrini und zog die Brauen -hoch. „Wollen Sie mir die Frage erlauben: Wie alt sind -Sie eigentlich?“ -</p> - -<p> -Aber siehe da, Hans Castorp wußte es nicht! Er wußte im -Augenblick nicht, wie alt er sei, trotz heftiger, ja verzweifelter -Anstrengungen, sich darauf zu besinnen. Um Zeit zu gewinnen, -ließ er sich die Frage wiederholen und sagte dann: -</p> - -<p> -„... Ich ... wie alt? Ich bin natürlich im vierundzwanzigsten. -Demnächst werde ich vierundzwanzig. Verzeihen Sie, -ich bin müde!“ sagte er. „Und Müdigkeit ist noch gar nicht -der Ausdruck für meinen Zustand. Kennen Sie das, wenn -man träumt und weiß, daß man träumt und zu erwachen sucht -und nicht aufwachen kann? Genau so ist mir zumut. Unbedingt -muß ich Fieber haben, anders kann ich es mir gar nicht -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -erklären. Wollen Sie glauben, daß ich bis zu den Knien hinauf -kalte Füße habe? Wenn man so sagen darf, denn die -Knie sind ja natürlich nicht mehr die Füße, – entschuldigen -Sie, ich bin im höchsten Grade konfus, und das ist ja auch -am Ende kein Wunder, wenn man schon am frühen Morgen -mit dem ... mit dem Pneumothorax angepfiffen wird und -nachher die Reden dieses Herrn Albin mit anhört und obendrein -in horizontaler Lage. Denken Sie, mir ist immer, als dürfte -ich meinen fünf Sinnen nicht mehr recht trauen, und ich muß -sagen, das geniert mich noch mehr, als die Hitze im Gesicht und -die kalten Füße. Sagen Sie mir offen: halten Sie es für möglich, -daß Frau Stöhr achtundzwanzig Fischsaucen zu machen -versteht? Ich meine nicht, ob sie sie wirklich machen kann – -das halte ich für ausgeschlossen – sondern ob sie es auch nur -wirklich vorhin bei Tische behauptet hat oder ob es mir nur so -vorkam, – nur das möchte ich wissen.“ -</p> - -<p> -Settembrini sah ihn an. Er schien nicht zugehört zu haben. -Wieder hatten seine Augen „sich festgesehen“, waren in eine -fixe und blinde Einstellung geraten, und wie heute morgen -sagte er je dreimal „so, so, so“ und „sieh, sieh, sieh“, – spöttisch-nachdenklich -und mit scharfem S-Laut. -</p> - -<p> -„Vierundzwanzig sagten Sie?“ fragte er dann ... -</p> - -<p> -„Nein, achtundzwanzig!“ sagte Hans Castorp. „Achtundzwanzig -Fischsaucen! Nicht Saucen im allgemeinen, sondern -speziell Fischsaucen, das ist das Ungeheuerliche.“ -</p> - -<p> -„Ingenieur!“ sagte Settembrini zornig und ermahnend. -„Nehmen Sie sich zusammen und lassen Sie mich mit diesem -liederlichen Unsinn in Ruhe! Ich weiß nichts davon und will -nichts davon wissen. – Im vierundzwanzigsten, sagten Sie? -Hm ... gestatten Sie mir noch eine Frage oder einen unmaßgeblichen -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -Vorschlag, wenn Sie so wollen. Da der Aufenthalt -Ihnen nicht zuträglich zu sein scheint, da <a id="corr-21"></a>Sie sich körperlich und, -wenn mich nicht alles täuscht, auch seelisch nicht wohl bei uns -befinden, – wie wäre es denn da, wenn Sie darauf verzichteten, -hier älter zu werden, kurz, wenn Sie noch heute nacht -wieder aufpackten und sich morgen mit den fahrplanmäßigen -Schnellzügen auf- und davonmachten?“ -</p> - -<p> -„Sie meinen, ich sollte abreisen?“ fragte Hans Castorp ... -„Wo ich gerade erst angekommen bin? Aber nein, wie will -ich denn urteilen nach dem ersten Tage!“ -</p> - -<p> -Zufällig blickte er ins Nebenzimmer bei diesen Worten und -sah dort Frau Chauchat von vorn, ihre schmalen Augen und -breiten Backenknochen. Woran, dachte er, woran und an wen -in aller Welt erinnert sie mich nur. Aber sein müder Kopf -wußte die Frage trotz einiger Anstrengung nicht zu beantworten. -</p> - -<p> -„Natürlich fällt es mir nicht so ganz leicht, mich bei Ihnen -hier oben zu akklimatisieren,“ fuhr er fort, „das war doch vorauszusehen, -und deshalb gleich die Flinte ins Korn zu werfen, -nur weil ich vielleicht ein paar Tage ein bißchen verwirrt und -heiß sein werde, da müßte ich mich ja schämen, geradezu feig -würde ich mir vorkommen und außerdem ginge es gegen alle -Vernunft, – nein, sagen Sie selbst ...“ -</p> - -<p> -Er sprach auf einmal sehr eindringlich, mit erregten Schulterbewegungen, -und schien den Italiener bestimmen zu wollen, -seinen Vorschlag in aller Form zurückzunehmen. -</p> - -<p> -„Ich salutiere der Vernunft“, antwortete Settembrini. -„Ich salutiere übrigens auch dem Mute. Was Sie sagen, -läßt sich wohl hören, es dürfte schwer sein, etwas Triftiges dagegen -einzuwenden. Auch habe ich wirklich schöne Fälle von -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -Akklimatisation beobachtet. Da war im vorigen Jahre Fräulein -Kneifer, Ottilie Kneifer, durchaus von Familie, die Tochter -eines höheren Staatsfunktionärs. Sie war wohl anderthalb -Jahre hier und hatte sich so vortrefflich eingelebt, daß -sie, als ihre Gesundheit vollkommen hergestellt war – denn -das kommt vor, man wird zuweilen gesund hier oben –, daß -sie auch dann noch um keinen Preis fort wollte. Sie bat den -Hofrat von ganzer Seele, noch bleiben zu dürfen, sie könne -und möge nicht heim, hier sei sie zu Hause, hier sei sie glücklich; -da aber lebhafter Zudrang herrschte und man ihr Zimmer benötigte, -so war ihr Flehen umsonst, und man beharrte darauf, -sie als gesund zu entlassen. Ottilie bekam hohes Fieber, sie -ließ ihre Kurve tüchtig ansteigen. Allein man entlarvte sie, -indem man ihr das gebräuchliche Thermometer mit einer -‚Stummen Schwester‘ vertauschte, – Sie wissen noch nicht, -was das ist, es ist ein Thermometer ohne Bezifferung, der Arzt -kontrolliert ihn, indem er ein Maß daran legt und zeichnet die -Kurve dann selbst. Ottilie, mein Herr, hatte 36,9, Ottilie war -fieberfrei. Da badete sie im See, – wir schrieben Anfang -Mai damals, wir hatten Nachtfröste, der See war nicht geradezu -eiskalt, er hatte genau genommen ein paar Grad -über Null. Sie blieb eine gute Weile im Wasser, um dies -oder jenes abzubekommen, – allein der Erfolg? Sie war -und blieb gesund. Sie schied in Schmerz und Verzweiflung, -unzugänglich den Trostworten ihrer Eltern. ‚Was soll ich da -unten?‘ rief sie wiederholt. ‚Hier ist meine Heimat!‘ Ich weiß -nicht, was aus ihr geworden ist ... Aber mir scheint, Sie -hören mich nicht, Ingenieur? Es kostet Sie Mühe, sich auf -den Beinen zu halten, wenn mich nicht alles täuscht. Leutnant, -hier haben Sie Ihren Vetter!“ wandte er sich zu Joachim, -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -der eben herantrat. „Führen Sie ihn zu Bette! Er vereinigt -Vernunft und Mut, aber heute abend ist er ein wenig hinfällig.“ -</p> - -<p> -„Nein, wirklich, ich habe alles verstanden!“ beteuerte Hans -Castorp. „Die Stumme Schwester ist also nur eine Quecksilbersäule, -ganz ohne Bezifferung, – Sie sehen, ich habe es -vollkommen aufgefaßt!“ Aber dann fuhr er doch mit Joachim -im Lift hinauf, zusammen mit mehreren anderen Patienten, – -die Geselligkeit war beendet für heute, man ging auseinander -und suchte Hallen und Loggien auf, zur abendlichen Liegekur. -Hans Castorp ging mit auf Joachims Zimmer. Der Boden -des Korridors mit dem Kokosläufer vollführte sanfte Wellenbewegungen -unter seinen Füßen, aber er empfand es nicht -weiter unangenehm. Er setzte sich in Joachims großen geblümten -Lehnstuhl – ein solcher Stuhl stand auch in seinem -eigenen Zimmer – und zündete sich eine Maria Mancini an. -Sie schmeckte nach Leim, nach Kohle und manchem anderen, -nur nicht, wie sie sollte; doch fuhr er trotzdem fort, sie zu rauchen, -während er zusah, wie Joachim sich zur Liegekur fertig -machte, seine litewkaartige Hausjoppe anlegte, darüber einen -älteren Paletot zog und dann mit der Nachttischlampe und -seinem russischen Übungsbuch auf den Balkon hinausging, -wo er das Lämpchen einschaltete und auf dem Liegestuhl, das -Thermometer im Munde, sich mit erstaunlicher Gewandtheit -in zwei große Kamelhaardecken zu wickeln begann, die über -den Stuhl gebreitet waren. Hans Castorp sah mit aufrichtiger -Bewunderung, wie geschickt er es ausführte. Er schlug die -Decken, eine nach der anderen, zuerst von links der Länge nach -bis unter die Achsel über sich, hierauf von unten über die Füße -und dann von rechts, so daß er endlich ein vollkommen ebenmäßiges -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -und glattes Paket bildete, aus dem nur Kopf, Schultern -und Arme hervorsahen. -</p> - -<p> -„Das machst du ja ausgezeichnet“, sagte Hans Castorp. -</p> - -<p> -„Es ist die Übung“, antwortete Joachim, indem er beim -Sprechen das Thermometer mit den Zähnen festhielt. „Du -lernst es auch. Morgen müssen wir uns unbedingt ein paar -Decken für dich besorgen. Du kannst sie unten schon wieder -brauchen, und hier bei uns sind sie unerläßlich, besonders da -du ja keinen Pelzsack hast.“ -</p> - -<p> -„Ich lege mich aber bei Nacht nicht auf den Balkon“, erklärte -Hans Castorp. „Das tue ich nicht, ich sage es dir gleich. -Es würde mir gar zu sonderbar vorkommen. Alles hat seine -Grenzen. Und irgendwie muß ich ja schließlich auch markieren, -daß ich nur zu Besuch bin bei euch hier oben. Ich sitze hier -noch etwas und rauche meine Zigarre, wie es sich gehört. Sie -schmeckt miserabel, aber ich weiß, daß sie gut ist, und das muß -mir für heute genügen. Jetzt ist die Uhr gleich neun, – allerdings, -leider ist es noch nicht mal neun. Aber wenn es halb -zehn ist, dann ist es ja schon so weit, daß man halbwegs normalerweise -zu Bett gehen kann.“ -</p> - -<p> -Ein Frostschauer überlief ihn, – einer und dann mehrere -rasch hintereinander. Hans Castorp sprang auf und lief zum -Wandthermometer, als gelte es, ihn <span class="antiqua" lang="la">in flagranti</span> ertappen. -Nach Réaumur waren neun Grad im Zimmer. Er faßte die -Röhren an und fand sie tot und kalt. Er murmelte etwas -Ungeordnetes, des Inhalts, wenn auch August sei, so sei es -doch eine Schande, daß nicht geheizt werde, denn nicht auf den -Monatsnamen komme es an, den man eben schreibe, sondern -auf die herrschende Temperatur, und die sei so, daß ihn friere -wie einen Hund. Aber sein Gesicht brannte. Er setzte sich -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -wieder, stand nochmals auf, bat murmelnd um Erlaubnis, -Joachims Bettdecke nehmen zu dürfen und breitete sie sich, im -Stuhle sitzend, über den Unterkörper. So saß er, hitzig und -fröstelnd, und quälte sich mit der widerlich schmeckenden Zigarre. -Ein großes Elendsgefühl überkam ihn; ihm war, als -sei es ihm noch nie im Leben so schlecht ergangen. „Das ist ja -ein Elend!“ murmelte er. Dazwischen aber berührte ihn plötzlich -ein ganz absonderlich ausschweifendes Gefühl der Freude -und Hoffnung, und als er es empfunden hatte, saß er nur noch -da, um zu warten, ob es nicht vielleicht wiederkäme. Es kam -aber nicht wieder; nur das Elend blieb. Und so stand er denn -schließlich auf, warf Joachims Decke aufs Bett zurück, murmelte -verzerrten Mundes etwas wie „Gute Nacht!“ und „Erfriere -nur nicht!“ und „Zum Frühstück holst du mich ja wohl -wieder“ und schwankte über den Korridor in sein Zimmer -hinüber. -</p> - -<p> -Beim Auskleiden sang er vor sich hin, jedoch nicht aus -Fröhlichkeit. Mechanisch und ohne den rechten Bedacht erledigte -er die kleinen Handgriffe und kulturellen Pflichten der -Nachttoilette, goß hellrotes Mundwasser aus dem Reiseflakon -ins Glas und gurgelte diskret, wusch sich die Hände mit seiner -guten und milden Veilchenseife und zog das lange Batisthemd -an, das auf der Brusttasche mit den Buchstaben H C bestickt -war. Dann legte er sich und löschte das Licht, indem er seinen -heißen, verstörten Kopf auf das Sterbekissen der Amerikanerin -zurückfallen ließ. -</p> - -<p> -Aufs bestimmteste hatte er erwartet, daß er sogleich in Schlaf -sinken werde, doch stellte sich das als Irrtum heraus, und seine -Lider, die er vorhin kaum offenzuhalten vermocht hatte, – -jetzt wollten sie durchaus nicht geschlossen bleiben, sondern -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -öffneten sich unruhig zuckend, sobald er sie senkte. Es war noch -nicht seine gewohnte Schlafenszeit, sagte er sich, und dann -hatte er wohl tagüber zuviel gelegen. Auch wurde draußen -ein Teppich geklopft, – was ja wenig wahrscheinlich und in -der Tat überhaupt nicht der Fall war; sondern es erwies sich, -daß sein Herz es war, dessen Schlag er außer sich und weit -fort im Freien hörte, genau so, als werde dort draußen ein -Teppich mit einem geflochtenen Rohrklopfer bearbeitet. -</p> - -<p> -Es war im Zimmer noch nicht völlig dunkel geworden; der -Schein der Lämpchen draußen in den Logen, bei Joachim und -bei dem Paare vom Schlechten Russentisch, fiel durch die offene -Balkontür herein. Und während Hans Castorp mit blinzelnden -Lidern auf dem Rücken lag, erneute sich ihm plötzlich ein -Eindruck, ein einzelner des Tages, eine Beobachtung, die er -mit Schrecken und Zartgefühl sogleich zu vergessen gesucht -hatte. Es war der Ausdruck, den Joachims Gesicht angenommen -hatte, als von Marusja und ihren körperlichen Eigenschaften -die Rede gewesen war, – diese ganz eigentümlich -klägliche Verzerrung seines Mundes nebst fleckigem Erblassen -seiner gebräunten Wangen. Hans Castorp verstand und durchschaute, -was es bedeutete, verstand und durchschaute es auf -eine so neue, eingehende und intime Art, daß der Rohrklopfer -da draußen seine Schläge sowohl der Schnelligkeit wie der -Stärke nach verdoppelte und beinahe die Klänge des Abendständchens -in „Platz“ übertäubte – denn es war wieder Konzert -in jenem Hotel dort unten; eine symmetrisch gebaute und -abgeschmackte Operettenmelodie klang durch das Dunkel herüber, -und Hans Castorp pfiff sie im Flüstertone mit (man -kann ja flüsternd pfeifen), während er mit seinen kalten Füßen -unter dem Federdeckbett den Takt dazu schlug. -</p> - -<p> -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -Das war natürlich die rechte Art nicht einzuschlafen, und -Hans Castorp spürte jetzt auch gar keine Neigung dazu. Seit -er auf so neuartige und lebhafte Weise verstanden, warum -Joachim sich verfärbt hatte, schien die Welt ihm neu, und jenes -Gefühl ausschweifender Freude und Hoffnung berührte ihn -wieder in seinem Innersten. Übrigens wartete er noch auf -etwas, ohne sich recht zu fragen, worauf. Als er aber hörte, -wie die Nachbarn zur Rechten und Linken die abendliche Liegekur -beendeten und ihre Zimmer aufsuchten, um die horizontale -Lage draußen mit derjenigen drinnen zu vertauschen, gab er -vor sich selbst der Überzeugung Ausdruck, daß das barbarische -Ehepaar Frieden halten werde. Ich kann ruhig einschlafen, -dachte er. Sie werden heute abend Frieden halten, das erwarte -ich aufs Bestimmteste! Aber sie taten es nicht, und -Hans Castorp hatte es auch gar nicht aufrichtig gedacht, ja, -die Wahrheit zu sagen, hätte er es persönlich und seinerseits -nicht einmal verstanden, wenn sie Frieden gegeben hätten. -Trotzdem erging er sich in tonlos hervorgestoßenen Ausrufen -des heftigsten Erstaunens über das, was er hörte. „Unerhört!“ -rief er ohne Stimme. „Das ist enorm! Wer hätte dergleichen -für möglich gehalten?“ Und zwischendurch beteiligte er sich -wieder mit flüsternden Lippen an der abgeschmackten Operettenmelodie, -die hartnäckig herübertönte. -</p> - -<p> -Später kam der Schlummer. Aber mit ihm kamen die -krausen Traumbilder, noch krausere, als in der ersten Nacht, -aus denen er des öfteren schreckhaft oder einem wirren Einfall -nachjagend emporfuhr. Ihm träumte, er sähe Hofrat -Behrens mit krummen Knien und steif nach vorn hängenden -Armen die Gartenpfade dahinwandeln, indem er seine langen -und gleichsam öde anmutenden Schritte einer fernen Marschmusik -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -anpaßte. Als der Hofrat vor Hans Castorp stehenblieb, -trug er eine Brille mit dicken, kreisrunden Gläsern und -faselte Ungereimtes. „Zivilist natürlich“, sagte er und zog, -ohne um Erlaubnis zu bitten, Hans Castorps Augenlid mit -Zeige- und Mittelfinger seiner riesigen Hand herunter. „Ehrsamer -Zivilist, wie ich gleich bemerkte. Aber nicht ohne Talent, -gar nicht ohne Talent zur erhöhten Allgemeinverbrennung! -Würde mit den Jährchen nicht geizen, den flotten Dienstjährchen -bei uns hier oben! Na, nun mal hoppla die Herren und los -mit dem Lustwandel!“ rief er, indem er seine beiden enormen -Zeigefinger in den Mund steckte und so eigentümlich wohllautend -darauf pfiff, daß von verschiedenen Seiten und in -verkleinerter Gestalt die Lehrerin und Miß Robinson durch die -Lüfte geflogen kamen und sich ihm rechts und links auf die -Schultern setzten, wie sie im Speisesaal rechts und links von -Hans Castorp saßen. So ging der Hofrat mit hüpfenden -Tritten davon, wobei er mit einer Serviette hinter die Brille -fuhr, um sich die Augen zu wischen, – man wußte nicht, was -da zu trocknen war, ob Schweiß oder Tränen. -</p> - -<p> -Dann schien es dem Träumenden, als befinde er sich auf -dem Schulhof, wo er so viele Jahre hindurch die Pausen -zwischen den Unterrichtsstunden verbracht, und sei im Begriffe, -sich von Madame Chauchat, die ebenfalls zugegen war, einen -Bleistift zu leihen. Sie gab ihm den rotgefärbten, nur noch -halblangen in einem silbernen Crayon steckenden Stift, indem -sie Hans Castorp mit angenehm heiserer Stimme ermahnte, -ihn ihr nach der Stunde bestimmt zurückzugeben, und als sie -ihn ansah, mit ihren schmalen blaugraugrünen Augen über -den breiten Backenknochen, da riß er sich gewaltsam aus dem -Traum empor, denn nun hatte er es und wollte es festhalten, -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -woran und an wen sie ihn eigentlich so lebhaft erinnerte. Eilig -brachte er die Erkenntnis für morgen in Sicherheit, denn er -fühlte, daß Schlaf und Traum ihn wieder umfingen, und sah -sich alsbald in der Lage, Zuflucht vor Dr. Krokowski suchen zu -müssen, der ihm nachstellte, um Seelenzergliederung mit ihm -vorzunehmen, wovor Hans Castorp eine tolle, eine wahrhaft -unsinnige Angst empfand. Er floh vor dem Doktor behinderten -Fußes an den Glaswänden vorbei durch die Balkonlogen, -sprang mit Gefahr seines Lebens in den Garten hinab, suchte -in seiner Not sogar die rotbraune Flaggenstange zu erklettern -und erwachte schwitzend in dem Augenblick, als der Verfolger -ihn am Hosenbein packte. -</p> - -<p> -Kaum jedoch hatte er sich ein wenig beruhigt und war wieder -eingeschlummert, als sich der Sachverhalt folgendermaßen -für ihn gestaltete. Er bemühte sich, mit der Schulter Settembrini -vom Fleck zu drängen, welcher dastand und lächelte, – -fein, trocken und spöttisch, unter dem vollen, schwarzen -Schnurrbart, dort, wo er sich in schöner Rundung aufwärts -bog, und dieses Lächeln eben war es, was Hans Castorp als -Beeinträchtigung empfand. „Sie stören!“ hörte er sich deutlich -sagen. „Fort mit Ihnen! Sie sind nur ein Drehorgelmann, -und Sie stören hier!“ Allein Settembrini ließ sich nicht -von der Stelle drängen, und Hans Castorp stand noch, um -nachzudenken, was hier zu tun sei, als ihm ganz unverhofft -die ausgezeichnete Einsicht zuteil wurde, was eigentlich die Zeit -sei: nämlich nichts anderes, als einfach eine Stumme Schwester, -eine Quecksilbersäule ganz ohne Bezifferung, für diejenigen, -welche mogeln wollten, – worüber er mit dem bestimmten -Vorhaben erwachte, <a id="corr-22"></a>seinem Vetter Joachim morgen von diesem -Funde Mitteilung zu machen. -</p> - -<p> -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -Unter solchen Abenteuern und Entdeckungen verging die -Nacht, und auch Hermine Kleefeld sowie Herr Albin und -Hauptmann Miklosich, welch letzterer Frau Stöhr in seinem -Rachen davontrug und von Staatsanwalt Paravant mit -einem Speere durchbohrt wurde, spielten ihre verworrene Rolle -dabei. Einen Traum aber träumte Hans Castorp sogar zweimal -in dieser Nacht und zwar beide Male genau in derselben -Form, – das letztemal gegen Morgen. Er saß im Saal mit -den sieben Tischen, als unter dem größten Geschmetter die -Glastür ins Schloß fiel und Madame Chauchat hereinkam, -im weißen Sweater, die eine Hand in der Tasche, die andere -am Hinterkopf. Statt aber zum Guten Russentische zu gehen, -bewegte die unerzogene Frau sich ohne Laut auf Hans Castorp -zu und reichte ihm schweigend die Hand zum Kusse, – aber -nicht den Handrücken reichte sie ihm, sondern das Innere, und -Hans Castorp küßte sie in die Hand, in ihre unveredelte, ein -wenig breite und kurzfingerige Hand mit der aufgerauhten -Haut zu Seiten der Nägel. Da durchdrang ihn wieder von -Kopf bis zu Fuß jenes Gefühl von wüster Süßigkeit, das in -ihm aufgestiegen war, als er zur Probe sich des Druckes der -Ehre ledig gefühlt und die bodenlosen Vorteile der Schande -genossen hatte, – dies empfand er nun wieder in seinem Traum, -nur ungeheuer viel stärker. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-5"> -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -Viertes Kapitel -</h2> - -</div> - -<h3 class="section1" id="subchap-0-5-1"> -Notwendiger Einkauf -</h3> - -<p class="first"> -„Ist jetzt euer Sommer zu Ende?“ fragte Hans Castorp -am dritten Tage ironisch seinen Vetter ... -</p> - -<p> -Es war ein schrecklicher Wettersturz. -</p> - -<p> -Der zweite Tag, den der Hospitant vollständig hier oben -verlebt hatte, war prächtig-sommerlich gewesen. Tiefblau -leuchtete der Himmel über den lanzenartigen Wipfeltrieben der -Fichten, während die Ortschaft im Talgrunde grell in der Hitze -schimmerte und das Geläut der Kühe, die umherwandelnd das -kurze, erwärmte Mattengras der Lehnen rupften, heiter-beschaulich -die Lüfte erfüllte. Die Damen waren schon zum ersten -Frühstück in zarten Waschblusen erschienen, einige sogar mit -durchbrochenen Ärmeln, was nicht alle gleich gut gekleidet -hatte, – Frau Stöhr zum Beispiel kleidete es entschieden schlecht, -ihre Arme waren zu schwammig, Duftigkeit der Kleidung eignete -sich nun einmal nicht für sie. Auch die Herrenwelt des -Sanatoriums hatte der schönen Witterung auf verschiedene -Weise in ihrem Äußeren Rechnung getragen. Lüsterjacken und -leinene Anzüge waren aufgetaucht, und Joachim Ziemßen -hatte elfenbeinfarbene Flanellhosen zu seinem blauen Rock getragen, -eine Zusammenstellung, die seiner Erscheinung ein vollständig -militärisches Gepräge verlieh. Was Settembrini betraf, -so hatte er zwar wiederholt das Vorhaben geäußert, den -Anzug zu wechseln. „Teufel!“ hatte er gesagt, als er nach dem -Lunch mit den Vettern in den Ort hinunterpromenierte, „wie -die Sonne brennt! Ich sehe, ich werde mich leichter kleiden -müssen.“ Aber trotzdem es gewählt ausgedrückt war, hatte er -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -nach wie vor seinen langen Flaus mit den großen Aufschlägen -und seine gewürfelten Beinkleider anbehalten, – wahrscheinlich -war das alles, was er an Garderobe besaß. -</p> - -<p> -Am dritten Tage jedoch war es genau, als ob die Natur zu -Falle gebracht und jede Ordnung auf den Kopf gestellt würde; -Hans Castorp traute seinen Augen nicht. Es war nach der -Hauptmahlzeit, und man befand sich seit zwanzig Minuten in -der Liegekur, als die Sonne sich eilig verbarg, häßlich torfbraunes -Gewölk über die südöstlichen Kämme heraufzog und -ein Wind von fremder Luftbeschaffenheit, kalt und das Gebein -erschreckend, als käme er aus unbekannten, eisigen Gegenden, -plötzlich durch das Tal fegte, die Temperatur umstürzte und -ein ganz neues Regiment eröffnete. -</p> - -<p> -„Schnee“, sagte Joachims Stimme hinter der Glaswand. -</p> - -<p> -„Was meinst du mit ‚Schnee‘?“ fragte Hans Castorp darauf. -„Du willst doch nicht sagen, daß es jetzt schneien wird?“ -</p> - -<p> -„Sicher“, antwortete Joachim. „Den Wind, den kennen -wir. Wenn der kommt, dann gibt es Schlittenbahn.“ -</p> - -<p> -„Unsinn!“ sagte Hans Castorp. „Wenn mir recht ist, so -schreiben wir Anfang August.“ -</p> - -<p> -Aber Joachim hatte wahr gesprochen, eingeweiht, wie er -war in die Verhältnisse. Denn binnen wenigen Augenblicken -setzte unter wiederholten Gewitterschlägen ein gewaltiges -Schneetreiben ein, – ein Gestöber, so dicht, daß alles in weißen -Dampf gehüllt erschien und man von Ortschaft und Tal fast -nichts mehr erblickte. -</p> - -<p> -Es schneite den ganzen Nachmittag fort. Die Zentralheizung -ward angezündet, und während Joachim seinen Pelzsack in -Benutzung nahm und sich im Kurdienste nicht stören ließ, -flüchtete sich Hans Castorp in das Innere seines Zimmers, -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -rückte einen Stuhl an die erwärmten Röhren und blickte von -dort unter häufigem Kopfschütteln in das Unwesen hinaus. -Am nächsten Morgen schneite es nicht mehr; aber obgleich das -Außenthermometer einige Wärmegrade zeigte, war der Schnee -doch fußhoch liegen geblieben, so daß eine vollkommene Winterlandschaft -sich vor Hans Castorps verwunderten Blicken ausbreitete. -Man hatte die Heizung wieder ausgehen lassen. Die -Zimmertemperatur betrug sechs Grad über Null. -</p> - -<p> -„Ist jetzt euer Sommer zu Ende?“ fragte Hans Castorp -seinen Vetter mit bitterer Ironie ... -</p> - -<p> -„Das kann man nicht sagen“, erwiderte Joachim sachlich. -„Will’s Gott, so wird es noch schöne Sommertage geben. -Selbst im September ist das noch sehr wohl möglich. Aber -die Sache ist die, daß die Jahreszeiten hier nicht so sehr voneinander -verschieden sind, weißt du, sie vermischen sich sozusagen -und halten sich nicht an den Kalender. Im Winter ist -oft die Sonne so stark, daß man schwitzt und den Rock auszieht -beim Spazierengehen, und im Sommer, nun, das siehst -du ja schon, wie es im Sommer hier manchmal ist. Und dann -der Schnee – er bringt alles durcheinander. Es schneit im -Januar, aber im Mai nicht viel weniger, und im August -schneit es auch, wie du bemerkst. Im ganzen kann man sagen, -daß kein Monat vergeht, ohne daß es schneit, das ist ein Satz, -an dem man festhalten kann. Kurz, es gibt Wintertage und -Sommertage und Frühlings- und Herbsttage, aber so richtige -Jahreszeiten, die gibt es eigentlich nicht bei uns hier oben.“ -</p> - -<p> -„Das ist ja eine schöne Konfusion“, sagte Hans Castorp. -Er ging in Überschuhen und Winterpaletot mit seinem Vetter -in den Ort hinab, um sich Decken für die Liegekur zu besorgen, -denn es war klar, daß er bei dieser Witterung mit seinem Plaid -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -nicht auskommen werde. Vorübergehend erwog er sogar, ob -er nicht zum Kauf eines Pelzsackes schreiten solle, nahm dann -aber Abstand davon, ja, schreckte gewissermaßen vor dem Gedanken -zurück. -</p> - -<p> -„Nein, nein,“ sagte er, „bleiben wir bei den Decken! Ich -werde unten schon wieder Verwendung für sie haben, und -Decken hat man ja überall, es ist weiter nichts so Besonderes -oder Aufregendes dabei. Aber so ein Pelzsack ist etwas gar -zu Spezielles, – versteh’ mich recht, wenn ich mir einen Pelzsack -anschaffe, käme ich mir selber vor, als ob ich mich hier -häuslich niederlassen wollte und schon gewissermaßen zu euch -gehörte ... Kurz, ich will nichts weiter sagen, als daß es ja -absolut nicht lohnen würde, für die paar Wochen eigens einen -Pelzsack zu kaufen.“ -</p> - -<p> -Joachim stimmte dem zu, und so erstanden sie denn in einem -hübschen, reichhaltigen Geschäft des Englischen Viertels zwei -solche Kamelhaardecken, wie Joachim sie hatte, ein besonders -langes und breites, angenehm weiches Fabrikat in Naturfarbe, -und gaben Order, daß sie sofort ins Sanatorium gesandt -werden sollten, ins Internationale Sanatorium „Berghof“, -Zimmertür 34. Gleich heute nachmittag wollte Hans Castorp -sie zum erstenmal in Gebrauch nehmen. -</p> - -<p> -Natürlich war es um die Zeit nach dem zweiten Frühstück, -denn sonst bot die Tagesordnung keine Gelegenheit, in den -Ort hinunterzugehen. Es regnete jetzt, und der Schnee auf -den Straßen hatte sich in spritzenden Eisbrei verwandelt. Auf -dem Heimwege holten sie Settembrini ein, welcher unter einem -Regenschirm, wenn auch barhäuptig, ebenfalls dem Sanatorium -zustrebte. Der Italiener sah gelb aus und befand sich -ersichtlich in elegischer Stimmung. In reinen und wohlgeformten -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -Worten jammerte er über die Kälte, die Nässe, unter -der er so bitter litt. Wenn wenigstens geheizt würde! Aber -diese elenden Machthaber ließen die Heizung ja ausgehen, sobald -es zu schneien aufhöre, – eine stumpfsinnige Regel, ein -Hohn auf alle Vernunft! Und als Hans Castorp einwandte, -er denke sich, daß eine mäßige Zimmertemperatur wohl zu den -Kurprinzipien gehöre, – man wolle einer Verwöhnung der -Patienten offenbar damit vorbeugen, da antwortete Settembrini -mit dem heftigsten Spott. Ei, in der Tat, die Kurprinzipien. -Die hehren und unantastbaren Kurprinzipien! Hans -Castorp spreche wahrhaftig in dem richtigen Tone von ihnen, -nämlich in dem der Religiosität und der Unterwürfigkeit. Nur -auffallend – wenn auch in einem durchaus erfreulichen Sinne -auffallend, – daß gerade diejenigen unter ihnen so unbedingte -Verehrung genössen, die mit den ökonomischen Interessen der -Gewalthaber genau übereinstimmten, – während man denen -gegenüber, bei denen dies weniger zutreffe, ein Auge zuzudrücken -geneigt sei ... Und während die Vettern lachten, kam -Settembrini auf seinen verstorbenen Vater zu sprechen, im Zusammenhang -mit der Wärme, nach der er sich sehnte. -</p> - -<p> -„Mein Vater,“ sagte er gedehnt und schwärmerisch, – „er -war ein so feiner Mann, – empfindlich am Körper wie an -der Seele! Wie liebte er im Winter sein kleines, warmes Studierstübchen, -von Herzen liebte er es, stets mußten zwanzig -Grad Réaumur darin herrschen, vermöge eines rotglühenden -Öfchens, und wenn man an naßkalten Tagen oder an solchen, -wenn der schneidende Tramontanawind ging, vom Flure des -Häuschens her eintrat, so legte die Wärme sich einem wie ein -linder Mantel um die Schultern, und die Augen füllten sich -mit wohligen Tränen. Vollgepfropft war das Stübchen mit -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -Büchern und Handschriften, worunter sich große Kostbarkeiten -befanden, und zwischen den Geistesschätzen stand er in seinem -Schlafrock aus blauem Flanell am schmalen Pult und widmete -sich der Literatur, – zierlich und klein von Person, einen -guten Kopf kleiner als ich, stellen Sie sich vor! aber mit dicken -Büscheln aus grauem Haar an den Schläfen und einer Nase, -so lang und fein ... Welch ein Romanist, meine Herren! -Einer der Ersten seiner Zeit, ein Kenner unserer Sprache wie -wenige, ein lateinischer Stilist wie sonst keiner mehr, ein <span class="antiqua" lang="it">uomo -letterato</span> nach Boccaccios Herzen ... Von weither kamen -die Gelehrten, um sich mit ihm zu besprechen, der eine aus -Haparanda, ein anderer aus Krakau, sie kamen ausdrücklich -nach Padua, unserer Stadt, um ihm Hochachtung zu erweisen, -und er empfing sie mit freundlicher Würde. Auch ein Dichter -von Distinktion war er, welcher in seinen Mußestunden Erzählungen -in der elegantesten toskanischen Prosa verfaßte, – -ein Meister des <span class="antiqua" lang="it">idioma gentile</span>“, sagte Settembrini mit -äußerstem Genuß, indem er die heimatlichen Silben langsam -auf der Zunge zergehen ließ und den Kopf dabei hin und her -bewegte. „Sein Gärtchen baute er nach dem Beispiele Vergils,“ -fuhr er fort, „und was er sprach, war gesund und schön. -Aber warm, warm mußte er es haben in seinem Stübchen, -sonst zitterte er und konnte wohl Tränen vergießen vor Ärger, -daß man ihn frieren ließ. Und nun stellen Sie sich vor, Ingenieur, -und Sie, Leutnant, was ich, der Sohn meines Vaters, -an diesem verdammten und barbarischen Orte leiden muß, wo -der Körper im hohen Sommer vor Kälte zittert und erniedrigende -Eindrücke beständig die Seele foltern! Ach, es ist hart! -Welche Typen, die uns umgeben! Dieser närrische Teufelsknecht -von Hofrat. Krokowski“ – und Settembrini tat, als -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -müsse er sich die Zunge zerbrechen – „Krokowski, dieser schamlose -Beichtvater, der mich haßt, weil meine Menschenwürde -mir verbietet, mich zu seinem pfäffischen Unwesen herzugeben ... -Und an meinem Tische ... Welche Gesellschaft, in der ich zu -speisen gezwungen bin! Zu meiner Rechten sitzt ein Bierbrauer -aus Halle – Magnus ist sein Name – mit einem Schnurrbart, -der einem Heubündel ähnelt. ‚Lassen Sie mich mit der -Literatur in Ruhe!‘ sagt er. ‚Was bietet sie? Schöne Charaktere! -Was fang ich mit schönen Charakteren an! Ich bin ein -praktischer Mann, und schöne Charaktere kommen im Leben -fast gar nicht vor.‘ Dies ist die Vorstellung, die er sich von der -Literatur gebildet hat. Schöne Charaktere ... o Mutter Gottes! -Seine Frau, ihm gegenüber, sitzt da und verliert Eiweiß, -während sie mehr und mehr in Stumpfsinn versinkt. Es ist -ein schmutziger Jammer ...“ -</p> - -<p> -Ohne daß sie sich miteinander verständigt hätten, waren -Joachim und Hans Castorp eines Sinnes über diese Reden: -sie fanden sie wehleidig und unangenehm aufrührerisch, freilich -auch unterhaltsam, ja bildend in ihrer kecken und wortscharfen -Aufsässigkeit. Hans Castorp lachte gutmütig über -das „Heubündel“ und auch über die „schönen Charaktere“, -oder vielmehr über die drollig verzweifelte Art, in der Settembrini -davon sprach. Dann sagte er: -</p> - -<p> -„Gott, ja, die Gesellschaft ist wohl ein bißchen gemischt in -so einer Anstalt. Man kann sich die Tischnachbarn nicht aussuchen, -– wohin sollte denn das auch führen. An unserem -Tisch sitzt auch so eine Dame ... Frau Stöhr, – ich denke -mir, daß Sie sie kennen? Mörderlich ungebildet ist sie, das -muß man ja sagen, und manchmal weiß man nicht recht, wo -man hinsehen soll, wenn sie so plappert. Und dabei klagt sie -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -sehr über ihre Temperatur und daß sie so schlaff ist, und ist -wohl leider gar kein ganz leichter Fall. Das ist so sonderbar, -– krank und dumm – ich weiß nicht, ob ich mich richtig ausdrücke, -aber mich mutet es ganz eigentümlich an, wenn einer -dumm ist und dann auch noch krank, wenn das so zusammenkommt, -das ist wohl das Trübseligste auf der Welt. Man -weiß absolut nicht, was man für ein Gesicht dazu machen soll, -denn einem Kranken möchte man doch Ernst und Achtung entgegenbringen, -nicht wahr, Krankheit ist doch gewissermaßen -etwas Ehrwürdiges, wenn ich so sagen darf. Aber wenn nun -immer die Dummheit dazwischen kommt mit ‚Fomulus‘ und -‚kosmische Anstalt‘ und solchen Schnitzern, da weiß man wahrhaftig -nicht mehr, ob man weinen oder lachen soll, es ist ein -Dilemma für das menschliche Gefühl und so kläglich, daß ich -es gar nicht sagen kann. Ich meine, es reimt sich nicht, es paßt -nicht zusammen, man ist nicht gewöhnt, es sich zusammen vorzustellen. -Man denkt, ein dummer Mensch muß gesund und -gewöhnlich sein, und Krankheit muß den Menschen fein und -klug und besonders machen. So denkt man es sich in der -Regel. Oder nicht? Ich sage da wohl mehr, als ich verantworten -kann“, schloß er. „Es ist nur, weil wir zufällig darauf -kamen ...“ Und er verwirrte sich. -</p> - -<p> -Auch Joachim war etwas verlegen, und Settembrini schwieg -mit erhobenen Augenbrauen, indem er sich den Anschein gab, -als warte er aus Höflichkeit das Ende der Rede ab. In Wirklichkeit -hatte er es darauf abgesehen, Hans Castorp erst völlig -aus dem Konzept kommen zu lassen, bevor er antwortete: -</p> - -<p> -„Sapristi, Ingenieur, Sie legen da philosophische Gaben -an den Tag, deren ich mich gar nicht von Ihnen versehen -hätte! Ihrer Theorie zufolge müßten Sie weniger gesund sein, -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -als Sie sich den Anschein geben, da <a id="corr-23"></a>Sie offenbar Geist besitzen. -Erlauben Sie mir aber, Ihnen zu bemerken, daß ich Ihren -Deduktionen nicht folgen kann, daß ich sie ablehne, ja ihnen -in wirklicher Feindseligkeit gegenüberstehe. Ich bin, wie Sie -mich da sehen, ein wenig unduldsam in geistigen Dingen und -lasse mich lieber einen Pedanten schelten, als daß ich Ansichten -unbekämpft ließe, die mir so bekämpfenswert scheinen wie die -von Ihnen entwickelten ...“ -</p> - -<p> -„Aber, Herr Settembrini ...“ -</p> - -<p> -„Ge–statten Sie mir ... Ich weiß, was Sie sagen wollen. -Sie wollen sagen, daß Sie es so ernst nicht gemeint haben, -daß die von Ihnen vertretenen Anschauungen nicht ohne Weiteres -die Ihren sind, sondern daß Sie gleichsam nur eine der -möglichen und in der Luft schwebenden Anschauungen aufgriffen, -um sich unverantwortlicherweise einmal darin zu versuchen. -So entspricht es <a id="corr-24"></a>Ihrem Alter, welches männlicher Entschlossenheit -noch entraten und vorderhand mit allerlei Standpunkten -Versuche anstellen mag. <span class="antiqua" lang="la">Placet experiri</span>“, sagte er, -indem er das <span class="antiqua">c</span> von „<span class="antiqua" lang="la">Placet</span>“ weich, nach italienischer Mundart -sprach. „Ein guter Satz. Was mich stutzig macht, ist eben -nur die Tatsache, daß Ihr Experiment sich gerade in dieser -Richtung bewegt. Ich bezweifle, daß hier Zufall waltet. Ich -befürchte das Vorhandensein einer Neigung, die sich charaktermäßig -zu befestigen droht, wenn man ihr nicht entgegentritt. -Darum fühle ich mich verpflichtet, Sie zu korrigieren. Sie -äußerten, Krankheit mit Dummheit gepaart sei das Trübseligste -auf der Welt. Ich kann Ihnen das zugeben. Auch -mir ist ein geistreicher Kranker lieber als ein schwindsüchtiger -Dummkopf. Aber mein Protest beginnt, wenn Sie Krankheit -mit Dummheit im Verein gewissermaßen als einen Stilfehler -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -betrachten, als eine Geschmacksverirrung der Natur und ein -<em>Dilemma für das menschliche Gefühl</em>, wie Sie sich auszudrücken -beliebten. Wenn Sie Krankheit für etwas so Vornehmes -und – wie sagten Sie doch – <em>Ehrwürdiges</em> zu -halten scheinen, daß sie sich mit Dummheit schlechterdings -<em>nicht zusammenreimt</em>. Dies war ebenfalls Ihr Ausdruck. -Nun denn, nein! Krankheit ist durchaus nicht vornehm, durchaus -nicht ehrwürdig, – diese Auffassung ist selbst Krankheit -oder sie führt dazu. Vielleicht rufe ich am sichersten Ihren -Abscheu gegen sie wach, wenn ich Ihnen sage, daß sie betagt -und häßlich ist. Sie rührt aus abergläubisch zerknirschten -Zeiten her, in denen die Idee des Menschlichen zum Zerrbild -entartet und entwürdigt war, angstvollen Zeiten, denen Harmonie -und Wohlsein als verdächtig und teuflisch galten, während -Bresthaftigkeit damals einem Freibrief zum Himmelreich -gleichkam. Vernunft und Aufklärung jedoch haben diese Schatten -vertrieben, welche auf der Seele der Menschheit lagerten, -– noch nicht völlig, sie liegen noch heute im Kampfe mit ihnen; -dieser Kampf aber heißt Arbeit, mein Herr, irdische Arbeit, -Arbeit für die Erde, für die Ehre und die Interessen der -Menschheit, und täglich aufs neue gestählt in solchem -Kampfe, werden jene Mächte den Menschen vollends befreien -und ihn auf den Wegen des Fortschrittes und der Zivilisation -einem immer helleren, milderen und reineren Lichte -entgegenleiten.“ -</p> - -<p> -Donnerwetter, dachte Hans Castorp bestürzt und beschämt, -das ist ja eine Arie! Womit habe ich denn das herausgefordert? -Etwas trocken kommt es mir übrigens vor. Und was -er nur immer mit der Arbeit will. Immer hat er es mit der -Arbeit, obgleich es doch wenig hierher paßt. Und er sagte: -</p> - -<p> -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -„Sehr schön, Herr Settembrini. Es ist geradezu hörenswert, -wie Sie das so zu sagen wissen. Man könnte es gar nicht -... gar nicht plastischer ausdrücken, meine ich.“ -</p> - -<p> -„Rückneigung,“ setzte Settembrini wieder ein, indem er -seinen Regenschirm über den Kopf eines Vorübergehenden hinweghob, -„geistige Rückneigung in die Anschauungen jener -finsteren, gequälten Zeiten – glauben Sie mir, Ingenieur, das -ist Krankheit, – eine sattsam erforschte Krankheit, für welche -die Wissenschaft verschiedene Namen besitzt, einen aus der -Sprache der Schönheits- und Seelenlehre und einen aus der -der Politik, – Schulausdrücke, die nichts zur Sache tun und -deren Sie gern entraten mögen. Da aber im Geistesleben alles -zusammenhängt und eines sich aus dem andern ergibt, da -man dem Teufel nicht den kleinen Finger reichen darf, ohne -daß er die ganze Hand nimmt und den ganzen Menschen dazu -... da andererseits ein gesundes Prinzip immer nur lauter -Gesundes zeitigen kann, gleichviel, welches man nun an den -Anfang stelle, – so prägen Sie es sich ein, daß Krankheit, weit -entfernt, etwas Vornehmes, etwas allzu Ehrwürdiges zu sein, -um mit Dummheit leidlicherweise verbunden sein zu dürfen, -vielmehr <em>Erniedrigung</em> bedeutet, – ja, eine schmerzliche, die -Idee verletzende Erniedrigung des Menschen, die man im Einzelfalle -schonen und betreuen möge, aber die geistig zu ehren -<em>Verirrung</em> – prägen Sie sich das ein! – eine Verirrung -und aller geistigen Verirrung Anfang ist. Diese Frau, deren -Sie Erwähnung taten, – ich verzichte darauf, mich ihres Namens -zu entsinnen – Frau Stöhr also, ich danke sehr – kurzum, -diese lächerliche Frau, – nicht ihr Fall ist es, wie mir scheint, -der das menschliche Gefühl, wie Sie sagten, in ein Dilemma -versetzt. Krank und dumm, – in Gottes Namen, das ist die -<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> -Misere selbst, die Sache ist einfach, es bleibt nichts als Erbarmen -und Achselzucken. Das Dilemma, mein Herr, die <em>Tragik</em> beginnt, -wo die Natur grausam genug war, die Harmonie der -Persönlichkeit zu brechen – oder von vornherein unmöglich -zu machen –, indem sie einen edlen und lebenswilligen Geist -mit einem zum Leben nicht tauglichen Körper verband. Kennen -Sie Leopardi, Ingenieur, oder Sie, Leutnant? Ein unglücklicher -Dichter meines Landes, ein bucklichter, kränklicher Mann -mit ursprünglich großer, durch das Elend seines Körpers aber -beständig gedemütigter und in die Niederungen der Ironie -herabgezogener Seele, deren Klagen das Herz zerreißen. Hören -Sie dieses!“ -</p> - -<p> -Und Settembrini begann, italienisch zu rezitieren, indem er -die schönen Silben auf der Zunge zergehen ließ, den Kopf hin -und her bewegte und zuweilen die Augen schloß, unbekümmert -darum, daß seine Begleiter kein Wort verstanden. Sichtlich -war es ihm darum zu tun, sein Gedächtnis und seine Aussprache -selbst zu genießen und vor den Zuhörern zur Geltung zu bringen. -Endlich sagte er: -</p> - -<p> -„Aber Sie verstehen nicht, Sie hören, ohne den schmerzlichen -Sinn zu erfassen. Der Krüppel Leopardi, meine Herren, empfinden -Sie dies ganz, entbehrte vor allem der Frauenliebe, und -dies war es wohl namentlich, was ihn unfähig machte, der -Verkümmerung seiner Seele zu steuern. Der Glanz des Ruhmes -und der Tugend verblaßte ihm, die Natur erschien ihm böse – -übrigens <em>ist</em> sie böse, dumm und böse, ich gebe ihm recht hierin – -und er verzweifelte – es ist furchtbar zu sagen – er verzweifelte -an Wissenschaft und Fortschritt! Hier haben Sie Tragik, -Ingenieur. Hier haben Sie Ihr ‚Dilemma für das menschliche -Gefühl‘, – nicht bei jener Frau dort, – ich lehne es ab, -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -mein Gedächtnis um ihren Namen zu bemühen ... Sprechen -Sie mir nicht von der ‚Vergeistigung‘, die durch Krankheit -hervorgebracht werden kann, um Gottes willen, tun Sie es -nicht! Eine Seele ohne Körper ist so unmenschlich und entsetzlich, -wie ein Körper ohne Seele, und übrigens ist das erstere -die seltene Ausnahme und das zweite die Regel. In der Regel -ist es der Körper, der überwuchert, der alle Wichtigkeit, alles -Leben an sich reißt und sich aufs widerwärtigste emanzipiert. -Ein Mensch, der als Kranker lebt, ist <em>nur</em> Körper, das ist das -Widermenschliche und Erniedrigende, – er ist in den meisten -Fällen nichts Besseres als ein Kadaver ...“ -</p> - -<p> -„Komisch“, sagte Joachim plötzlich, indem er sich vorbeugte, -um seinen Vetter anzusehen, der an Settembrinis anderer -Seite ging. „Etwas ganz ähnliches hast du doch neulich auch -gesagt.“ -</p> - -<p> -„So?“ sagte Hans Castorp. „Ja, es kann ja wohl sein, -daß mir was ähnliches auch schon durch den Kopf ging.“ -</p> - -<p> -Settembrini schwieg während einiger Schritte. Dann sagte er: -</p> - -<p> -„Desto besser, meine Herren. Desto besser, wenn dem so ist. -Die Absicht lag mir fern, Ihnen irgendwelche Originalphilosophie -vorzutragen, – das ist nicht meines Amtes. Wenn unser -Ingenieur schon seinerseits Übereinstimmendes angemerkt hat, -so bestätigt dies nur meine Mutmaßung, daß er geistig dilettiert, -daß er nach Art begabter Jugend mit den möglichen Anschauungen -vorläufig nur Versuche anstellt. Der begabte junge -Mensch ist kein unbeschriebenes Blatt, er ist vielmehr ein Blatt, -auf dem gleichsam mit sympathetischer Tinte alles schon geschrieben -steht, das Rechte wie das Schlechte, und Sache des -Erziehers ist es, das Rechte entschieden zu entwickeln, das Falsche -aber, das hervortreten will, durch sachgemäße Einwirkung auf -<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -immer auszulöschen. Die Herren haben Einkäufe gemacht?“ -fragte er veränderten, leichten Tones ... -</p> - -<p> -„Nein, nichts weiter,“ sagte Hans Castorp, „das heißt ...“ -</p> - -<p> -„Wir haben ein paar Decken für meinen Vetter besorgt“, -antwortete Joachim gleichgültig. -</p> - -<p> -„Für die Liegekur ... Bei dieser Hundekälte ... Ich soll ja -mitmachen die paar Wochen“, sagte Hans Castorp lachend -und sah zu Boden. -</p> - -<p> -„Ah, Decken, Liegekur“, sagte Settembrini. „So, so, so. -Ei, ei, ei. In der Tat: <span class="antiqua" lang="la">Placet experiri</span>!“ wiederholte er mit -italienischer Aussprache und verabschiedete sich, denn sie hatten, -begrüßt von dem hinkenden Concierge, das Sanatorium betreten, -und in der Halle schwenkte Settembrini in die Konversationsräume -ab, um vor Tische die Zeitungen zu lesen, -wie er sagte. Die zweite Liegekur schien er schwänzen zu -wollen. -</p> - -<p> -„Gott bewahre!“ sagte Hans Castorp, als er mit Joachim -im Lift stand. „Das ist wirklich ein Pädagog, – er sagte es -ja neulich schon selbst, daß er so eine Ader habe. Man muß -furchtbar aufpassen mit ihm, daß man kein Wort zu viel sagt, -sonst gibt es ausführliche Lehren. Aber hörenswert ist es ja, -wie er zu sprechen versteht, jedes Wort springt ihm so rund -und appetitlich vom Munde, – ich muß immer an frische Semmeln -denken, wenn ich ihm zuhöre.“ -</p> - -<p> -Joachim lachte. -</p> - -<p> -„Das sage ihm lieber nicht. Ich glaube doch, er wäre enttäuscht, -zu erfahren, daß du an Semmeln denkst bei seinen -Lehren.“ -</p> - -<p> -„Meinst du? Ja, das ist noch gar nicht mal sicher. Ich -habe immer den Eindruck, daß es ihm nicht ganz allein um -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -die Lehren zu tun ist, vielleicht um sie erst in zweiter Linie, -sondern besonders um das Sprechen, wie er die Worte springen -und rollen läßt ... so elastisch, wie Gummibälle ... und daß -es ihm gar nicht unangenehm ist, wenn man namentlich auch -darauf achtet. Bierbrauer Magnus ist ja wohl etwas dumm -mit seinen ‚schönen Charakteren‘, aber Settembrini hätte doch -sagen sollen, worauf es denn eigentlich ankommt in der Literatur. -Ich mochte nicht fragen, um mir keine Blöße zu geben, -ich verstehe mich ja auch nicht weiter darauf und hatte bis jetzt -noch nie einen Literaten gesehen. Aber wenn es nicht auf -die schönen Charaktere ankommt, so kommt es offenbar auf -die schönen Worte an, das ist mein Eindruck in Settembrinis -Gesellschaft. Was er für Vokabeln gebraucht! Ganz ohne -sich zu genieren spricht er von ‚Tugend‘ – ich bitte dich! Mein -ganzes Leben lang habe ich das Wort noch nicht in den Mund -genommen, und selbst in der Schule haben wir immer bloß -‚Tapferkeit‘ gesagt, wenn ‚<span class="antiqua" lang="la">virtus</span>‘ im Buche stand. Es zog -sich etwas zusammen in mir, das muß ich sagen. Und dann -macht es mich etwas nervös, wenn er so schimpft, auf die -Kälte und auf Behrens und auf Frau Magnus, weil sie Eiweiß -verliert, und kurz, auf alles. Er ist ein Oppositionsmann, darüber -war ich mir gleich im klaren. Er hackt auf alles Bestehende, -und das hat immer etwas Verwahrlostes, ich kann -mir nicht helfen.“ -</p> - -<p> -„Das sagst du so“, antwortete Joachim bedächtig. „Aber -dann hat es doch wieder auch etwas Stolzes, was gar nicht -verwahrlost anmutet, sondern im Gegenteil, er ist doch ein -Mensch, der auf sich hält, oder auf die Menschen im allgemeinen, -und das gefällt mir an ihm, das hat was Anständiges -in meinen Augen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -„Da hast du recht“, sagte Hans Castorp. „Er hat sogar -etwas <em>Strenges</em>, – es wird einem öfter ganz ungemütlich, -weil man sich – sagen wir mal: kontrolliert fühlt, doch, das -ist gar keine schlechte Bezeichnung. Willst du glauben, daß -ich immer das Gefühl hatte, er wäre nicht einverstanden damit, -daß ich mir Decken zum Liegen gekauft habe, er hätte etwas -dagegen und hielte sich irgendwie darüber auf?“ -</p> - -<p> -„Nein“, sagte Joachim erstaunt und besonnen. „Wie könnte -das wohl sein. Das kann ich mir doch nicht denken.“ Und -dann ging er, das Thermometer im Munde, mit Sack und -Pack in die Liegekur, während Hans Castorp gleich begann, -sich für die Mittagsmahlzeit zu säubern und umzukleiden, – -es war ohnedies nur noch ein knappes Stündchen bis dahin. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-5-2"> -Exkurs über den Zeitsinn -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Als sie vom Essen wieder heraufkamen, lag das Paket mit -den Decken schon in Hans Castorps Zimmer auf einem Stuhl, -und zum erstenmal machte er an diesem Tage Gebrauch davon, -– der geübte Joachim erteilte ihm Unterricht in der Kunst, -sich einzupacken, wie es alle hier oben machten und jeder Neuling -es gleich erlernen mußte. Man breitete die Decken, eine und -dann die andere, über das Stuhllager, so daß sie am Fußende -ein reichliches Stück auf den Boden hingen. Dann nahm man -Platz und begann, die innere um sich zu schlagen: zuerst der -Länge nach bis unter die Achsel, hierauf von unten über die -Füße, wobei man sich sitzend bücken und das gefaltete Ende -doppelt fassen mußte, und dann von der anderen Seite, wobei -der doppelte Fußzipfel gut an den Längsrand zu passen war, -wenn die größtmögliche Glätte und Ebenmäßigkeit erzielt -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -werden sollte. Danach beobachtete man genau dasselbe Verfahren -bei der äußeren Decke, – ihre Handhabung war etwas -schwieriger, und Hans Castorp, als Stümper und Anfänger, -ächzte nicht wenig, indem er, sich bückend und wieder ausstreckend, -die Griffe übte, die man <a id="corr-25"></a>ihn lehrte. Nur einige -wenige Altgediente, sagte Joachim, könnten <em>beide Decken -gleichzeitig</em> mit drei sicheren Bewegungen um sich schleudern, -aber das sei eine seltene und geneidete Fertigkeit, zu der nicht -nur langjährige Übung, sondern auch eine natürliche Anlage -gehöre. Über dies Wort mußte Hans Castorp lachen, während -er mit schmerzendem Rücken sich zurückfallen ließ, und Joachim, -der nicht gleich verstand, was hier komisch war, sah ihn unsicher -an, lachte dann aber auch. -</p> - -<p> -„So,“ sagte er, als Hans Castorp ungegliedert und walzenförmig, -die nachgiebige Rolle im Nacken und erschöpft von -all der Gymnastik im Stuhle lag, „wenn es nun zwanzig Grad -Kälte hätte, so könnte dir auch nichts passieren.“ Und dann -ging er hinter die Glaswand, um sich ebenfalls einzupacken. -</p> - -<p> -Das mit den zwanzig Grad Kälte bezweifelte Hans Castorp, -denn ihn fror entschieden, Schauer überliefen ihn wiederholt, -während er durch die Holzbögen in die sickernde, nieselnde Nässe -dort draußen blickte, die jeden Augenblick auf dem Punkte schien, -wieder in Schneefall überzugehen. Wie sonderbar übrigens, -daß er bei all der Feuchtigkeit immer noch so trockenhitzige -Backen hatte, als säße er in einem überheizten Zimmer. Auch -fühlte er sich lächerlich angegriffen von den Übungen mit den -Decken, – wahrhaftig, „<span class="antiqua" lang="en">Ocean steamships</span>“ zitterte ihm in -den Händen, sobald er es vor die Augen führte. So überaus -gesund war er doch eben auch nicht, – total anämisch, wie Hofrat -Behrens gesagt hatte, und deswegen neigte er wohl auch -<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> -so zum Froste. Die unangenehmen Empfindungen jedoch wurden -aufgewogen durch die große Bequemlichkeit seiner Lage, -die schwer zu zergliedernden und fast geheimnisvollen Eigenschaften -des Liegestuhles, die Hans Castorp beim ersten Versuche -schon mit höchstem Beifall empfunden hatte, und die sich -wieder und wieder aufs glücklichste bewährten. Lag es an der -Beschaffenheit der Polster, der richtigen Neigung der Rückenlehne, -der passenden Höhe und Breite der Armstützen oder auch -nur der zweckmäßigen Konsistenz der Nackenrolle, genug, es -konnte für das Wohlsein ruhender Glieder überhaupt nicht -humaner gesorgt sein, als durch diesen vorzüglichen Liegestuhl. -Und so war denn Zufriedenheit in Hans Castorps Herzen -darüber, daß zwei leere und sicher gefriedete Stunden vor ihm -lagen, diese durch die Hausordnung geheiligten Stunden der -Hauptliegekur, die er, obgleich nur zu Gaste hier oben, als eine -ihm ganz gemäße Einrichtung empfand. Denn er war geduldig -von Natur, konnte lange ohne Beschäftigung wohl bestehen -und liebte, wie wir uns erinnern, die freie Zeit, die -von betäubender Tätigkeit nicht vergessen gemacht, verzehrt -und verscheucht wird. Um vier erfolgte der Vespertee mit -Kuchen und Eingemachtem, etwas Bewegung im Freien sodann, -hierauf abermals Ruhe im Stuhl, um sieben das Abendessen, -welches, wie überhaupt die Mahlzeiten, gewisse Spannungen -und Sehenswürdigkeiten mit sich brachte, auf die man -sich freuen konnte, danach ein oder der andere Blick in den -stereoskopischen Guckkasten, das kaleidoskopische Fernrohr und -die kinematographische Trommel ... Hans Castorp hatte den -Tageslauf bereits am Schnürchen, wenn es auch viel zu viel -gesagt wäre, daß er schon „eingelebt“, wie man es nennt, -gewesen sei. -</p> - -<p> -<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> -Im Grunde hat es eine merkwürdige Bewandtnis mit diesem -Sicheinleben an fremdem Orte, dieser – sei es auch – mühseligen -Anpassung und Umgewöhnung, welcher man sich beinahe -um ihrer selbst willen und in der bestimmten Absicht -unterzieht, sie, kaum daß sie vollendet ist, oder doch bald danach, -wieder aufzugeben und zum vorigen Zustande zurückzukehren. -Man schaltet dergleichen als Unterbrechung und Zwischenspiel -in den Hauptzusammenhang des Lebens ein, und zwar zum -Zweck der „Erholung“, das heißt: der erneuernden, umwälzenden -Übung des Organismus, welcher Gefahr lief und schon -im Begriffe war, im ungegliederten Einerlei der Lebensführung -sich zu verwöhnen, zu erschlaffen und abzustumpfen. Worauf -beruht dann aber diese Erschlaffung und Abstumpfung bei zu -langer nicht aufgehobener Regel? Es ist nicht so sehr körperlich-geistige -Ermüdung und Abnutzung durch die Anforderungen -des Lebens, worauf sie beruht (denn für diese wäre -ja einfache Ruhe das wiederherstellende Heilmittel); es ist vielmehr -etwas Seelisches, es ist das Erlebnis der Zeit, – welches -bei ununterbrochenem Gleichmaß abhanden zu kommen droht -und mit dem Lebensgefühle selbst so nahe verwandt und verbunden -ist, daß das eine nicht geschwächt werden kann, ohne -daß auch das andere eine kümmerliche Beeinträchtigung erführe. -Über das Wesen der Langenweile sind vielfach irrige -Vorstellungen verbreitet. Man glaubt im ganzen, daß Interessantheit -und Neuheit des Gehaltes die Zeit „vertreibe“, das -heißt: verkürze, während Monotonie und Leere ihren Gang -beschwere und hemme. Das ist nicht unbedingt zutreffend. -Leere und Monotonie mögen zwar den Augenblick und die -Stunde dehnen und „langweilig“ machen, aber die großen -und größten Zeitmassen verkürzen und verflüchtigen sie sogar -<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> -bis zur Nichtigkeit. Umgekehrt ist ein reicher und interessanter -Gehalt wohl imstande, die Stunde und selbst noch den Tag zu -verkürzen und zu beschwingen, ins Große gerechnet jedoch verleiht -er dem Zeitgange Breite, Gewicht und Solidität, so daß -ereignisreiche Jahre viel langsamer vergehen als jene armen, -leeren, leichten, die der Wind vor sich her bläst, und die verfliegen. -Was man Langeweile nennt, ist also eigentlich vielmehr eine -krankhafte Kurzweiligkeit der Zeit infolge von Monotonie: -große Zeiträume schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit -auf eine das Herz zu Tode erschreckende Weise -zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind sie alle wie -einer; und bei vollkommener Einförmigkeit würde das längste -Leben als ganz kurz erlebt werden und unversehens verflogen -sein. Gewöhnung ist ein Einschlafen oder doch ein -Mattwerden des Zeitsinnes, und wenn die Jugendjahre langsam -erlebt werden, das spätere Leben aber immer hurtiger -abläuft und hineilt, so muß auch das auf Gewöhnung beruhen. -Wir wissen wohl, daß die Einschaltung von Um- und -Neugewöhnungen das einzige Mittel ist, unser Leben zu halten, -unseren Zeitsinn aufzufrischen, eine Verjüngung, Verstärkung, -Verlangsamung unseres Zeiterlebnisses und damit die Erneuerung -unseres Lebensgefühls überhaupt zu erzielen. Dies ist -der Zweck des Orts- und Luftwechsels, der Badereise, die Erholsamkeit -der Abwechslung und der Episode. Die ersten Tage -an einem neuen Aufenthalt haben jugendlichen, das heißt starken -und breiten Gang, – es sind etwa sechs bis acht. Dann, in -dem Maße, wie man „sich einlebt“, macht sich allmähliche -Verkürzung bemerkbar: wer am Leben hängt oder, besser -gesagt, sich ans Leben hängen möchte, mag mit Grauen gewahren, -wie die Tage wieder leicht zu werden und zu <em>huschen</em> -<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -beginnen; und die letzte Woche, etwa von vieren, hat unheimliche -Rapidität und Flüchtigkeit. Freilich wirkt die Erfrischung -des Zeitsinnes dann über die Einschaltung hinaus, macht sich, -wenn man zur Regel zurückgekehrt ist, aufs neue geltend: die -ersten Tage zu Hause werden ebenfalls, nach der Abwechslung, -wieder neu, breit und jugendlich erlebt, aber nur einige wenige: -denn in die Regel lebt man sich rascher wieder ein, als in ihre -Aufhebung, und wenn der Zeitsinn durch Alter schon müde ist -oder – ein Zeichen von ursprünglicher Lebensschwäche – nie -stark entwickelt war, so schläft er sehr rasch wieder ein, und -schon nach vierundzwanzig Stunden ist es, als sei man nie -weg gewesen, und als sei die Reise der Traum einer Nacht. -</p> - -<p> -Diese Bemerkungen werden nur deshalb hier eingefügt, weil -der junge Hans Castorp ähnliches im Sinne hatte, als er nach -einigen Tagen zu seinem Vetter sagte (und ihn dabei mit rotgeäderten -Augen ansah): -</p> - -<p> -„Komisch ist und bleibt es, wie die Zeit einem lang wird -zu Anfang, an einem fremden Ort. Das heißt ... Selbstverständlich -kann keine Rede davon sein, daß ich mich langweile, -im Gegenteil, ich kann wohl sagen, ich amüsiere mich -königlich. Aber wenn ich mich umsehe, retrospektiv also, versteh’ -mich recht, kommt es mir vor, als ob ich schon wer weiß -wie lange hier oben wäre, und bis dahin zurück, wo ich ankam -und nicht gleich verstand, daß ich da war, und du noch -sagtest: ‚Steige nur aus!‘ – erinnerst du dich? – das scheint -mir eine ganze Ewigkeit. Mit Messen und überhaupt mit -dem Verstand hat das ja absolut nichts zu tun, es ist eine -reine Gefühlssache. Natürlich wäre es albern, zu sagen: ‚Ich -glaube schon zwei Monate hier zu sein‘, – das wäre ja Nonsens. -Sondern ich kann eben nur sagen: ‚Sehr lange‘.“ -</p> - -<p> -<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> -„Ja,“ antwortete Joachim, das Thermometer im Munde, -„ich habe auch gut davon, ich kann mich gewissermaßen an -dir festhalten, seit du da bist.“ Und Hans Castorp lachte darüber, -daß Joachim dies so einfach, ohne Erklärung, sagte. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-5-3"> -Er versucht sich in französischer Konversation -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Nein, eingelebt war er noch keineswegs, weder was die -Kenntnis des hiesigen Lebens in all seiner Eigentümlichkeit betraf, -– eine Kenntnis, die er in so wenigen Tagen unmöglich -gewinnen konnte und, wie er sich sagte (und es auch gegen -Joachim aussprach), selbst in drei Wochen leider nicht würde -gewinnen können; noch auch in bezug auf die Anpassung seines -Organismus an die so sehr eigentümlichen atmosphärischen -Verhältnisse bei „denen hier oben“, denn diese Anpassung -wurde ihm sauer, überaus sauer, ja, wie ihm schien, wollte sie -überhaupt nicht vonstatten gehen. -</p> - -<p> -Der Normaltag war klar gegliedert und fürsorglich organisiert, -man kam rasch in Trott und gewann Geläufigkeit, wenn -man sich seinem Getriebe einfügte. Im Rahmen der Woche -jedoch und größerer Zeiteinheiten unterlag er gewissen regelmäßigen -Abwandlungen, die sich erst nach und nach einfanden, -die eine zum erstenmal, nachdem die andere sich schon wiederholt -hatte; und auch was die alltägliche Einzelerscheinung von -Dingen und Gesichtern betraf, so hatte Hans Castorp noch auf -Schritt und Tritt zu lernen, obenhin Angeschautes genauer zu -bemerken und Neues mit jugendlicher Empfänglichkeit in sich -aufzunehmen. -</p> - -<p> -Jene bauchigen Gefäße mit kurzen Hälsen zum Beispiel, die -auf den Gängen vor einzelnen Türen standen und auf die -<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -gleich am Abend seiner Ankunft sein Auge gefallen war, enthielten -Sauerstoff, – Joachim erklärte es ihm auf Befragen. -Reiner Sauerstoff war darin, zu sechs Franken der Ballon, -und das belebende Gas wurde den Sterbenden zum Zweck -einer letzten Anfeuerung und Hinhaltung ihrer Kräfte zugeführt, -– sie schlürften es durch einen Schlauch. Denn hinter -den Türen, vor denen solche Ballons standen, lagen Sterbende -oder „<span class="antiqua" lang="la">moribundi</span>“, wie Hofrat Behrens sagte, als Hans Castorp -ihm einmal im ersten Stockwerk begegnete, – der Hofrat -kam in weißem Kittel und mit blauen Backen den Korridor -entlanggerudert, und sie gingen zusammen die Treppe -hinauf. -</p> - -<p> -„Na, Sie unbeteiligter Zuschauer Sie!“ sagte Behrens. -„Was machen Sie denn, finden wir Gnade vor Ihren prüfenden -Blicken? Ehrt uns, ehrt uns. Ja, unsere Sommersaison, die -hats in sich, die ist nicht von schlechten Eltern. Habe es mir -auch was kosten lassen, um sie ein bißchen zu poussieren. Aber -schade ist es doch, daß Sie den Winter nicht mitmachen wollen -bei uns, – Sie wollen ja bloß acht Wochen bleiben, hab ich -gehört? Ach, drei? Das ist aber eine Stippvisite, das lohnt -ja das Ablegen gar nicht; na, wie Sie meinen. Aber schade -ist es doch, daß Sie den Winter nicht mitmachen, denn was so -die Hotevoleh ist,“ sagte er mit scherzhaft unmöglicher Aussprache, -„die internationale Hotevoleh da unten in Platz, die -kommt doch nun mal erst im Winter, und die müßten Sie -sehen, da täten Sie was für Ihre Bildung. Zum Kugeln, -wenn die Kerls so Sprünge machen auf ihren Fußbrettern. -Und dann die Damen, herrje, die Damen! Bunt wie die -Paradiesvögel, sag ich Ihnen, und mächtig galant ... Nun -muß ich aber zu meinem Moribundus,“ sagte er, „auf siebenundzwanzig -<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> -hier. Finales Stadium, wissen Sie. Durch die -Mitte ab. Fünf Dutzend Fiaskos Oxygen hat er gestern und -heute noch ausgekneipt, der Schlemmer. Aber bis Mittag -wird er wohl <span class="antiqua" lang="la">ad penates</span> gehen. Na, lieber Reuter,“ sagte -er, indem er eintrat, „wie wäre es, wenn wir noch einer den -Hals brächen ...“ Seine Worte verloren sich hinter der Tür, -die er zuzog. Aber einen Augenblick hatte Hans Castorp im -Hintergrunde des Zimmers auf dem Kissen das wächserne -Profil eines jungen Mannes mit dünnem Kinnbart gesehen, -der langsam seine sehr großen Augäpfel zur Tür gerollt hatte. -</p> - -<p> -Es war der erste Moribundus, den Hans Castorp in seinem -Leben zu sehen bekam, denn seine Eltern sowohl wie der Großvater -waren ja damals gleichsam hinter seinem Rücken gestorben. -Wie würdevoll der Kopf des jungen Mannes mit -aufwärts geschobenem Kinnbart auf dem Kissen gelegen hatte! -Wie bedeutend der Blick seiner übergroßen Augen gewesen -war, als er sie langsam zur Tür gedreht hatte! Hans Castorp, -noch ganz vertieft in den flüchtigen Anblick, versuchte unwillkürlich, -ebenso große, bedeutende und langsame Augen wie der -Moribundus zu machen, während er weiter zur Treppe ging, -und mit diesen Augen blickte er eine Dame an, die hinter ihm -aus einer Tür getreten war und ihn am Treppenkopf überholte. -Er erkannte nicht gleich, daß es Madame Chauchat -war. Sie lächelte leise über die Augen, die er machte, stützte -dann mit der Hand die Flechte an ihrem Hinterkopf und ging -vor ihm die Treppe hinunter, geräuschlos, schmiegsam und -etwas vorgeschobenen Kopfes. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Bekanntschaften machte er fast keine in diesen ersten Tagen -und auch später noch lange nicht. Die Tagesordnung war -<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> -dem im ganzen nicht günstig; auch war Hans Castorp ja zurückhaltenden -Wesens, fühlte sich überdies als Gast und „unbeteiligter -Zuschauer“ hier oben, wie Hofrat Behrens gesagt -hatte, und ließ sich an Joachims Gespräch und Gesellschaft in -der Hauptsache gern genügen. Die Krankenschwester auf dem -Korridor freilich reckte so lange den Hals nach ihnen, bis -Joachim, der ihr schon früher manchmal kleine Plaudereien -gewährt hatte, seinen Vetter mit ihr bekannt machte. Das -Kneiferband hinter dem Ohr, sprach sie nicht nur geziert, sondern -geradezu gequält und machte bei näherer Prüfung den -Eindruck, als habe unter der Folter der Langenweile ihr Verstand -gelitten. Es war sehr schwer, wieder von ihr loszukommen, -da sie vor der Beendigung des Gespräches eine krankhafte -Furcht an den Tag legte und, sobald die jungen Leute -Miene machten, weiterzugehen, sich mit hastigen Worten und -Blicken, auch einem verzweifelten Lächeln an sie klammerte, so -daß sie aus Erbarmen noch bei ihr stehen blieben. Sie sprach -des langen und breiten von ihrem Papa, welcher Jurist, und -ihrem Cousin, der Arzt sei, – offenbar um sich in ein vorteilhaftes -Licht zu setzen und ihre Herkunft aus gebildeter Gesellschaftsschicht -zu bekunden. Was ihren Pflegling dort hinter -der Tür betraf, so war er der Sohn eines Koburger Puppenfabrikanten, -Rotbein mit Namen, und neuerdings habe es sich -bei dem jungen Fritz auf den Darm geworfen. Das sei hart -für alle Beteiligten, wie die Herren sich wohl vorstellen könnten; -namentlich wenn man nun einmal aus akademischem -Hause stamme und die Feinfühligkeit der höheren Klassen besitze, -so sei es hart. Und nicht den Rücken dürfe man kehren ... -Neulich, was glaubten die Herren, komme sie von einem kurzen -Ausgange zurück, nichts als ein wenig Zahnpulver habe sie -<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -sich besorgt, und finde den Kranken in seinem Bette sitzend, -vor sich ein Glas dickes, dunkles Bier, eine Salamiwurst, ein -derbes Stück Schwarzbrot und eine Gurke! All diese heimischen -Leckerbissen hätten die Seinen ihm zugesandt zu seiner -Kräftigung. Aber am nächsten Tage sei er natürlich mehr tot -als lebendig gewesen. Er selbst beschleunige sein Ende. Aber -das werde die Erlösung ja nur für ihn bedeuten, nicht auch -für sie – Schwester Berta sei übrigens ihr Name, in Wirklichkeit -Alfreda Schildknecht –, denn <em>sie</em> komme dann eben zu -einem anderen Kranken, in mehr oder weniger vorgeschrittenem -Stadium, hier oder in einem anderen Sanatorium, das sei die -Perspektive, die sich ihr eröffne, und eine andere eröffne sich -eben nicht. -</p> - -<p> -Ja, sagte Hans Castorp, ihr Beruf sei gewiß schwer, aber -doch auch befriedigend, sollte er denken. -</p> - -<p> -Gewiß, antwortete sie, befriedigend sei er, – befriedigend, -aber sehr schwer. -</p> - -<p> -Nun, alles Gute für Herrn Rotbein. Und die Vettern -wollten gehen. -</p> - -<p> -Aber da klammerte sie sich an sie mit Worten und Blicken, -und so jammervoll war es zu sehen, wie sie sich anstrengte, die -jungen Leute ein wenig länger zu fesseln, daß es grausam gewesen -wäre, ihr nicht noch eine Frist zu gewähren. -</p> - -<p> -„Er schläft!“ sagte sie. „Er braucht mich nicht. Da bin ich -für einige kurze Minuten auf den Gang hinausgetreten ...“ -Und sie begann über Hofrat Behrens zu klagen und den Ton, -in dem er mit ihr verkehre und der allzu zwanglos sei, um -ihrer Herkunft zu entsprechen. Bei weitem gab sie Herrn Dr. -Krokowski den Vorzug, – ihn nannte sie seelenvoll. Dann -kam sie wieder auf ihren Papa und ihren Cousin. Ihr Hirn -<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -gab nichts weiter her. Vergebens rang sie danach, die Vettern -noch ein wenig zu fesseln, indem sie plötzlich mit einem Anlauf -die Stimme erhob und beinahe zu schreien begann, wenn sie -gehen wollten, – sie entschlüpften ihr endlich und gingen. Aber -die Schwester sah ihnen noch eine Weile mit vorgebeugtem -Oberkörper und saugenden Blicken nach, als wollte sie sie mit -den Augen zu sich zurückziehen. Dann entrang sich ein Seufzer -ihrer Brust, und sie kehrte zu ihrem Pflegling ins Zimmer -zurück. -</p> - -<p> -Sonst wurde Hans Castorp in diesen Tagen nur noch mit -der schwarzbleichen Dame bekannt, jener Mexikanerin, die er -im Garten gesehen hatte und die „<span class="antiqua" lang="fr">Tous les deux</span>“ genannt -wurde. Es geschah wirklich, daß auch er aus ihrem Munde -die trübselige Formel hörte, die ihr zum Spitznamen geworden -war; aber da er sich vorbereitet hatte, so bewahrte er gute -Haltung dabei und konnte nachher zufrieden mit sich sein. Die -Vettern trafen sie vor dem Hauptportal, als sie nach dem -ersten Frühstück den vorgeschriebenen Morgenspaziergang antraten. -In ein schwarzes Kaschmirtuch gehüllt, mit krummen -Knien und langen, ruhelos wandernden Tritten erging sie sich -dort, und gegen den schwarzen Schleier, der um ihr silbern -durchzogenes Haar geschlungen und unter dem Kinn zusammengebunden -war, schimmerte mattweiß ihr alterndes Gesicht -mit dem großen, verhärmten Munde. Joachim, ohne Hut -wie gewöhnlich, begrüßte sie durch Verneigung, und sie dankte -langsam, während beim Schauen die Querfalten in ihrer engen -Stirn sich vertieften. Sie blieb stehen, da sie ein neues Gesicht -bemerkte, und erwartete, leise mit dem Kopfe nickend, die Annäherung -der jungen Leute; denn offenbar hielt sie es für notwendig -zu hören, ob der Fremde von ihrem Schicksal wisse, -<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> -und seine Äußerung darüber entgegenzunehmen. Joachim -stellte seinen Vetter vor. Sie reichte dem Gast aus der Mantille -heraus die Hand, eine magere, gelbliche, hoch geäderte, -mit Ringen geschmückte Hand, und fuhr fort, ihn nickend anzublicken. -Dann kam es: -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Tous les dé, monsieur</span>“, sagte sie. „<span class="antiqua" lang="fr">Tous les dé vous -savez ...</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Je le sais, madame</span>“, antwortete Hans Castorp gedämpft. -„<span class="antiqua" lang="fr">Et je le regrette beaucoup.</span>“ -</p> - -<p> -Die schlaffen Hautsäcke unter ihren jettschwarzen Augen -waren so groß und schwer, wie er es noch bei keinem Menschen -gesehen. Ein leiser, welker Duft ging von ihr aus. Es -war ihm sanft und ernst um das Herz. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Merci</span>“, sagte sie mit einer rasselnden Aussprache, die -sonderbar zu der Gebrochenheit ihres Wesens stimmte, und der -eine Winkel ihres großen Mundes hing tragisch tief hinab. -Dann zog sie die Hand unter die Mantille zurück, neigte den -Kopf und machte sich wieder ans Wandern. Hans Castorp aber -sagte im Weitergehen: -</p> - -<p> -„Du siehst, es hat mir nichts gemacht, ich bin ganz gut mit -ihr fertig geworden. Ich werde überhaupt mit solchen Leuten -ganz gut fertig, glaube ich, ich verstehe mich von Natur auf -den Umgang mit ihnen, – meinst du nicht auch? Ich glaube -sogar, ich komme mit traurigen Menschen im ganzen besser -aus, als mit lustigen, weiß Gott, woran es liegt, vielleicht -daran, daß ich doch Waise bin und meine Eltern so früh verloren -habe, aber wenn die Leute ernst und traurig sind und der -Tod im Spiele ist, das bedrückt mich eigentlich nicht und macht -mich nicht verlegen, sondern ich fühle mich dabei in meinem Element -und jedenfalls besser, als wenn es so forsch zugeht, das -<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> -liegt mir weniger. Neulich dachte ich: Es ist doch eine Albernheit -von den hiesigen Damen, sich dermaßen vor dem Tode zu -graulen und allem, was damit zusammenhängt, daß man sie -ängstlich davor bewahren muß und das Viatikum bringt, -wenn sie gerade essen. Nein, pfui, das ist läppisch. Siehst du -nicht ganz gern einen Sarg? Ich sehe ganz gern mal einen. -Ich finde, ein Sarg ist ein geradezu schönes Möbel, schon -wenn er leer ist, aber wenn jemand darin liegt, dann ist es -direkt feierlich in meinen Augen. Begräbnisse haben so etwas -Erbauliches, – ich habe schon manchmal gedacht, man sollte, -statt in die Kirche, zu einem Begräbnis gehen, wenn man sich -ein bißchen erbauen will. Die Leute haben gutes schwarzes -Zeug an und nehmen die Hüte ab und sehen auf den Sarg und -halten sich ernst und andächtig, und niemand darf faule Witze -machen, wie sonst im Leben. Das habe ich sehr gern, wenn sie -endlich mal ein bißchen andächtig sind. Manchmal habe ich -mich schon gefragt, ob ich nicht Pastor hätte werden sollen, – -in gewisser Weise hätte das, glaube ich, nicht schlecht für mich -gepaßt ... Hoffentlich habe ich keinen Fehler im Französischen -gemacht bei dem, was ich sagte?“ -</p> - -<p> -„Nein“, sagte Joachim. „<span class="antiqua" lang="fr">Je le regrette beaucoup</span> war -ja soweit ganz richtig.“ -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-5-4"> -Politisch verdächtig! -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Regelmäßige Abwandlungen des Normaltages fanden sich -ein: zuerst ein Sonntag – und zwar ein Sonntag mit Kurmusik -auf der Terrasse, wie er vierzehntägig erschien, eine -Markierung der Doppelwoche also, in deren zweite Hälfte -Hans Castorp von außen eingetreten war. An einem Dienstag -<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> -war er gekommen, und so war es der fünfte Tag, ein Tag -von Frühlingscharakter nach jenem abenteuerlichen Wettersturz -und Rückfall in den Winter, – zart und frisch, mit -reinlichen Wolken am hellblauen Himmel und mäßigem -Sonnenschein über Hängen und Tal, die wieder ein ordnungsgemäßes -Sommergrün angenommen hatten, da der -Neuschnee denn doch zu raschem Versickern verurteilt gewesen -war. -</p> - -<p> -Es war deutlich, daß jedermann sich befliß, den Sonntag zu -ehren und auszuzeichnen; Verwaltung und Gäste unterstützten -einander in diesem Bestreben. Gleich zum Morgentee gab es -Streußelkuchen, an jedem Platz stand ein Gläschen mit ein -paar Blumen, wilden Gebirgsnelken und sogar Alpenrosen, -welche die Herren sich in das Knopfloch des Aufschlages steckten -(Staatsanwalt Paravant aus Dortmund hatte sogar -einen schwarzen Schwalbenschwanz mit punktierter Weste angelegt), -die Damentoiletten trugen das Gepräge festlicher -Duftigkeit – Frau Chauchat erschien zum Frühstück in einer -fließenden Spitzenmatinee mit offenen Ärmeln, worin sie, während -die Glastür ins Schloß schmetterte, erst einmal Front -machte und sich dem Saal gleichsam anmutig präsentierte, bevor -sie sich schleichenden Schrittes zu ihrem Tisch begab, und -die sie so ausgezeichnet kleidete, daß Hans Castorps Nachbarin, -die Lehrerin aus Königsberg, sich ganz begeistert darüber -zeigte – und sogar das barbarische Ehepaar vom Schlechten -Russentisch hatte dem Gottestag Rechnung getragen, indem -nämlich der männliche Teil seine Lederjoppe mit einer Art -von kurzem Gehrock und die Filzstiefel mit Lederschuhwerk vertauscht -hatte, <em>sie</em> freilich auch heute ihre unsaubere Federboa, -darunter aber eine grünseidene Bluse mit Halskrause trug ... -<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> -Hans Castorp runzelte die Brauen, als er der beiden ansichtig -wurde, und verfärbte sich, wozu er hier auffallend neigte. -</p> - -<p> -Gleich nach dem zweiten Frühstück begann die Kurmusik auf -der Terrasse; allerlei Blech- und Holzbläser fanden sich dort -ein und spielten abwechselnd flott und getragen, fast bis zum -Mittagessen. Während des Konzertes war die Liegekur nicht -streng obligatorisch. Zwar genossen einige den Ohrenschmaus -auf ihren Balkons, und auch in der Gartenhalle waren drei -oder vier Stühle besetzt; aber die Mehrzahl der Gäste saß an -den kleinen, weißen Tischen auf der gedeckten Plattform, -während leichte Lebewelt, der es zu ehrbar scheinen mochte, auf -Stühlen zu sitzen, die steinernen Stufen besetzt hielt, die in den -Garten hinunterführten, und dort viel Frohsinn entfaltete: -jugendliche Kranke beiderlei Geschlechts, von denen Hans Castorp -die meisten schon dem Namen nach oder von Ansehen -kannte. Hermine Kleefeld gehörte dazu, sowie Herr Albin, der -eine große geblümte Schachtel mit Schokolade herumgehen und -alle daraus essen ließ, während er selbst nicht aß, sondern mit -väterlicher Miene Zigaretten mit goldenem Mundstück rauchte; -ferner der wulstlippige Jüngling vom „Verein Halbe Lunge“, -Fräulein Levi, dünn und elfenbeinfarben, wie sie war, ein aschblonder -junger Mann, der auf den Namen Rasmussen hörte -und seine Hände nach Art von Flossen aus schlaffen Gelenken -in Brusthöhe hängen ließ, Frau Salomon aus Amsterdam, eine -rot gekleidete Frau von reicher Körperlichkeit, die sich ebenfalls -der Jugend beigesellt hatte und in deren bräunlichen Nacken -jener lange Mensch mit gelichtetem Haar, der aus dem „Sommernachtstraum“ -spielen konnte und nun, mit den Armen -seine spitzen Knie umschlingend, hinter ihr saß, unablässig seine -trüben Blicke gerichtet hielt; ein rothaariges Fräulein aus -<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> -Griechenland, ein anderes unbekannter Herkunft mit dem Gesicht -eines Tapirs, der gefräßige Junge mit den dicken Brillengläsern, -ein weiterer fünfzehn- oder sechzehnjähriger Junge, -der ein Monokel eingeklemmt hatte und beim Hüsteln den lang -gewachsenen, salzlöffelähnlichen Nagel seines kleinen Fingers -zum Munde führte, ein kapitaler Esel offenbar – und noch -andere mehr. -</p> - -<p> -Dieser Junge mit dem Fingernagel, erzählte Joachim leise, -sei nur ganz wenig leidend gewesen, als er gekommen sei, – -ohne Temperatur, und nur der Vorsicht halber sei er von seinem -Vater, einem Arzt, heraufgeschickt worden und habe nach -des Hofrats Urteile etwa drei Monate bleiben sollen. Jetzt, -nach drei Monaten, habe er 37,8 bis 38 und sei recht krank. -Aber er lebe ja auch so unvernünftig, daß er Maulschellen -verdiene. -</p> - -<p> -Die Vettern hatten ein Tischchen für sich, etwas abseits von -den übrigen, denn Hans Castorp rauchte zu seinem schwarzen -Bier, das er vom Frühstück mit herausgenommen hatte, und -von Zeit zu Zeit schmeckte ihm seine Zigarre ein wenig. Benommen -vom Biere und von der Musik, die wie immer bewirkte, -daß sein Mund sich öffnete und sein Kopf sich auf die -Seite legte, betrachtete er mit geröteten Augen das sorglose -Badeleben ringsumher, wobei das Bewußtsein ihn durchaus -nicht störte, sondern im Gegenteil dem Ganzen eine erhöhte -Merkwürdigkeit, einen gewissen geistigen Reiz verlieh, daß alle -diese Leute in ihrem Inneren von einem schwer aufzuhaltenden -Zerfall ergriffen waren und daß die meisten von ihnen -in leichtem Fieber standen ... Man trank perlende Kunstlimonade -an den Tischchen, und auf der Freitreppe wurde photographiert. -Andere tauschten dort Briefmarken, und das rothaarige -<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> -Fräulein aus Griechenland zeichnete Herrn Rasmussen -auf einem Block, wollte ihm dann aber das Bild nicht zeigen, -sondern wandte sich, mit breiten, weit auseinander stehenden -Zähnen lachend, hin und her, so daß er es lange nicht vermochte, -ihr den Block zu entreißen. Hermine Kleefeld saß mit nur halb -geöffneten Augen auf ihrer Stufe und schlug mit einer zusammengerollten -Zeitung den Takt zur Musik, während sie sich -von Herrn Albin ein Sträußchen Wiesenblumen an ihrer Bluse -befestigen ließ, und der Wulstlippige, zu Frau Salomons -Füßen sitzend, plauderte gedrehten Halses zu ihr empor, indes -der dünnhaarige Pianist ihr von hinten unverwandt in den -Nacken blickte. -</p> - -<p> -Die Ärzte kamen und mischten sich unter die Kurgesellschaft, -Hofrat Behrens in weißem und Dr. Krokowski in schwarzem -Kittel. Sie gingen die Reihe der Tischchen entlang, wobei der -Hofrat beinahe an jedem ein gemütliches Witzwort fallen -ließ, so daß ein Kielwasser heiterer Bewegung seinen Weg -bezeichnete, und stiegen dann zur Jugend hinab, deren weiblicher -Teil sich sofort mit Wippen und schrägen Blicken um -Dr. Krokowski scharte, während der Hofrat dem Sonntage -zu Ehren der Herrenwelt das Kunststück mit seinem Schnürstiefel -zeigte: er setzte seinen gewaltigen Fuß auf eine höhere -Stufe, löste die Bänder, ergriff sie nach einer besonderen Praktik -mit einer Hand und wußte sie, ohne die andere zu Hilfe zu -nehmen, mit solcher Fertigkeit kreuzweise einzuhaken, daß alle -sich wunderten und mehrere umsonst versuchten, es ihm gleichzutun. -</p> - -<p> -Später erschien auch Settembrini auf der Terrasse, – er kam, -auf seinen Spazierstock gestützt, aus dem Speisesaal, auch -heute in seinem Flaus und seinen gelblichen Hosen, mit feiner, -<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> -geweckter und kritischer Miene, sah sich um und näherte sich -dem Tische der Vettern, indem er „Ah, bravo!“ sagte und um -die Erlaubnis bat, sich zu ihnen setzen zu dürfen. -</p> - -<p> -„Bier, Tabak und Musik“, sagte er. „Da haben wir Ihr -Vaterland! Ich sehe, Sie haben Sinn für nationale Stimmung, -Ingenieur. Sie sind in <a id="corr-27"></a>Ihrem Elemente, das freut mich. -Lassen Sie mich etwas teilnehmen an der Harmonie Ihres -Zustandes!“ -</p> - -<p> -Hans Castorp nahm seine Züge zusammen, – hatte es schon -getan, als er des Italieners nur ansichtig geworden war. -Er sagte: -</p> - -<p> -„Sie kommen aber spät zum Konzert, Herr Settembrini, -es muß ja bald aus sein. Hören Sie nicht gern Musik?“ -</p> - -<p> -„Nicht gern auf Kommando“, erwiderte Settembrini. „Nicht -nach dem Wochenkalender. Nicht gern, wenn sie nach Apotheke -riecht und mir von oben herab aus sanitären Gründen -zugemessen wird. Ich halte ein wenig auf meine Freiheit oder -doch auf jenen Rest von Freiheit und Menschenwürde, der -unsereinem übrigbleibt. Bei solchen Veranstaltungen hospitiere -ich, wie Sie im großen bei uns hospitieren, – ich komme -auf eine Viertelstunde und gehe wieder meiner Wege. Das -gibt mir die Illusion der Unabhängigkeit ... Ich sage nicht, -daß es mehr ist, als eine Illusion, aber was wollen Sie, wenn -sie mir eine gewisse Genugtuung bereitet! Mit Ihrem Vetter, -das ist etwas anderes. Für ihn ist es Dienst. Nicht wahr, Leutnant, -Sie betrachten es als zum Dienst gehörig. Oh, ich weiß, -Sie kennen den Trick, in der Sklaverei Ihren Stolz zu bewahren. -Ein verwirrender Trick. Nicht jedermann in Europa -versteht sich darauf. Musik? Fragten Sie nicht, ob ich mich -als Liebhaber der Musik bekenne? Nun, wenn Sie ‚Liebhaber‘ -<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> -sagen (eigentlich entsann Hans Castorp sich nicht, so gesagt -zu haben), der Ausdruck ist nicht übel gewählt, er hat einen -Anflug zärtlicher Leichtfertigkeit. Gut denn, ich schlage ein. -Ja, ich bin ein Liebhaber der Musik, – womit nicht gesagt -sein soll, daß ich sie sonderlich achte, – so etwa, wie ich das -Wort achte und liebe, den Träger des Geistes, das Werkzeug, -die glänzende Pflugschar des Fortschritts ... Musik ... sie -ist das halb Artikulierte, das Zweifelhafte, das Unverantwortliche, -das Indifferente. Vermutlich werden Sie mir einwenden, -daß sie klar sein könne. Aber auch die Natur kann klar -sein, auch ein Bächlein kann klar sein, und was hilft uns das? -Es ist nicht die wahre Klarheit, es ist eine träumerische, nichtssagende -und zu nichts verpflichtende Klarheit, eine Klarheit -ohne Konsequenzen, gefährlich deshalb, weil sie dazu verführt, -sich bei ihr zu beruhigen ... Lassen Sie die Musik die Gebärde -der Hochherzigkeit annehmen. Gut! Sie wird damit -unser Gefühl entflammen. Es kommt jedoch darauf an, die -Vernunft zu entflammen! Die Musik ist scheinbar die Bewegung -selbst, – gleichwohl habe ich sie im Verdachte des -Quietismus. Lassen Sie mich die Sache auf die Spitze stellen: -Ich hege eine politische Abneigung gegen die Musik.“ -</p> - -<p> -Hier konnte Hans Castorp nicht umhin, sich aufs Knie zu -schlagen und auszurufen, so etwas habe er denn doch in seinem -Leben noch nicht gehört. -</p> - -<p> -„Ziehen Sie es trotzdem in Erwägung!“ sagte Settembrini -lächelnd. „Die Musik ist unschätzbar als letztes Begeisterungsmittel, -als aufwärts und vorwärts reißende Macht, wenn sie -den Geist für ihre Wirkungen vorgebildet findet. Aber die -Literatur muß ihr vorangegangen sein. Musik allein bringt -die Welt nicht vorwärts. Musik allein ist gefährlich. Für Sie -<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> -persönlich, Ingenieur, ist sie unbedingt gefährlich. Ich sah es -sofort an Ihren Gesichtszügen, als ich kam.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp lachte. -</p> - -<p> -„Ach, mein Gesicht dürfen Sie nicht ansehen, Herr Settembrini. -Sie glauben nicht, wie die Luft bei Ihnen hier oben -mir zusetzt. Es fällt mir schwerer, als ich dachte, mich zu akklimatisieren.“ -</p> - -<p> -„Ich fürchte, Sie täuschen sich.“ -</p> - -<p> -„Nein, wieso! Weiß der Teufel, wie müde und heiß ich -noch immer bin.“ -</p> - -<p> -„Ich finde doch, daß man der Direktion für die Konzerte -dankbar sein muß“, sagte Joachim besonnen. „Sie betrachten -die Sache ja von einem höheren Standpunkt, Herr Settembrini, -sozusagen als Schriftsteller, und da will ich Ihnen nicht -widersprechen. Aber ich finde doch, daß man hier dankbar -sein muß für ein bißchen Musik. Ich bin gar nicht besonders -musikalisch, und dann sind die Stücke, die gespielt werden, ja -auch nicht weiter großartig, – weder klassisch noch modern, -sondern nur einfach Blechmusik. Aber es ist doch eine erfreuliche -Abwechslung. Es füllt ein paar Stunden so anständig -aus, ich meine: es teilt sie ein und füllt sie im einzelnen aus, -so daß doch etwas daran ist, während man sich hier sonst die -Stunden und Tage und Wochen so schauderhaft um die -Ohren schlägt ... Sehen Sie, so eine anspruchslose Konzertnummer -dauert vielleicht sieben Minuten, nicht wahr, und die -sind etwas für sich, sie haben Anfang und Ende, sie heben sich ab -und sind gewissermaßen bewahrt davor, so unversehens im allgemeinen -Schlendrian unterzugehen. Außerdem sind sie ja wieder -noch vielfach eingeteilt, durch die Figuren des Stückes, und -die wieder in Takte, so daß immer was los ist und jeder Augenblick -<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> -einen gewissen Sinn bekommt, an den man sich halten -kann, während sonst ... Ich weiß nicht, ob ich mich richtig ...“ -</p> - -<p> -„Bravo!“ rief Settembrini. „Bravo, Leutnant! Sie bezeichnen -sehr gut ein unzweifelhaft sittliches Moment im Wesen -der Musik, nämlich dieses, daß sie dem Zeitablaufe durch eine -ganz eigentümlich lebensvolle Messung Wachheit, Geist und -Kostbarkeit verleiht. Die Musik weckt die Zeit, sie weckt uns -zum feinsten Genusse der Zeit, sie weckt ... insofern ist sie -sittlich. Die Kunst ist sittlich, sofern sie weckt. Aber wie, wenn -sie das Gegenteil tut? Wenn sie betäubt, einschläfert, der -Aktivität und dem Fortschritt entgegenarbeitet? Auch das kann -die Musik, auch auf die Wirkung der Opiate versteht sie sich -aus dem Grunde. Eine teuflische Wirkung, meine Herren! -Das Opiat ist vom Teufel, denn es schafft Dumpfsinn, Beharrung, -Untätigkeit, knechtischen Stillstand ... Es ist etwas -Bedenkliches um die Musik, meine Herren. Ich bleibe dabei, -daß sie zweideutigen Wesens ist. Ich gehe nicht zu weit, wenn -ich sie für politisch verdächtig erkläre.“ -</p> - -<p> -Er sprach noch weiter in dieser Art, und Hans Castorp hörte -auch zu, vermochte aber so recht nicht zu folgen, erstens seiner -Müdigkeit wegen, und dann auch, weil er abgelenkt war durch -die geselligen Vorgänge unter der leichten Jugend dort auf -den Stufen. Sah er recht oder wie war das eigentlich? Das -Fräulein mit dem Tapirgesicht war beschäftigt, dem Jungen -mit dem Monokel einen Knopf an den Kniebund seiner Sporthose -zu nähen! Und dabei ging ihr der Atem schwer und heiß -vor Asthma, während <em>er</em> seinen salzlöffelähnlichen Fingernagel -hüstelnd zum Munde führte! Sie waren ja krank, alle beide, -aber trotzdem zeugte es von sonderbaren Verkehrssitten unter -den jungen Leuten hier oben. Die Musik spielte eine Polka ... -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-5-5"> -<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> -Hippe -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -So hob der Sonntag sich ab. Sein Nachmittag war überdies -gekennzeichnet durch Wagenfahrten, die von verschiedenen -Gästegruppen unternommen wurden: mehrere Zweispänner -schleppten sich nach dem Tee die Wegschleife herauf und hielten -vorm Hauptportal, um ihre Besteller aufzunehmen, Russen -hauptsächlich, und zwar russische Damen. -</p> - -<p> -„Russen fahren immer spazieren“, sagte Joachim zu Hans -Castorp, – sie standen zusammen vor dem Portal und sahen -zu ihrer Unterhaltung den Abfahrten zu. „Nun fahren sie nach -Clavadell oder nach dem See oder ins Flüelatal oder nach -Klosters, das sind so die Ziele. Wir können auch mal fahren -während deiner Anwesenheit, wenn du Lust hast. Aber ich -glaube, vorläufig hast du genug zu tun, um dich einzuleben, -und brauchst keine Unternehmungen.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp stimmte dem bei. Er hatte eine Zigarette im -Munde und die Hände in den Hosentaschen. So sah er zu, wie -die kleine, muntere, alte russische Dame mit ihrer mageren Großnichte -und zwei anderen Damen in einem Wagen Platz nahm; es -waren Marusja und Madame Chauchat. Diese hatte einen dünnen -Staubmantel, mit einem Gurt im Rücken, angelegt, war -jedoch ohne Hut. Sie setzte sich neben die Alte in den Fond des -Wagens, während die jungen Mädchen die Rückplätze einnahmen. -Alle vier waren lustig und regten unaufhörlich die -Münder in ihrer weichen, gleichsam knochenlosen Sprache. -Sie sprachen und lachten über die Wagendecke, in die sie sich -unter Schwierigkeiten teilten, über das russische Konfekt, das -die Großtante als Mundvorrat in einem mit Watte und Papierspitzen -gepolsterten Holzkistchen mitführte und schon jetzt -<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> -präsentierte ... Hans Castorp unterschied mit Anteil Frau -Chauchats verschleierte Stimme. Wie immer, wenn ihm die -nachlässige Frau vor Augen kam, bekräftigte sich ihm aufs -neue jene Ähnlichkeit, nach der er eine Weile gesucht hatte -und die ihm im Traume aufgegangen war ... Marusjas -Lachen aber, der Anblick ihrer runden, braunen Augen, die kindlich -über das Tüchlein hinwegblickten, womit sie den Mund -bedeckte, und ihrer hohen Brust, die innerlich gar nicht wenig -krank sein sollte, erinnerte ihn an etwas Anderes, Erschütterndes, -was er neulich gesehen hatte, und so blickte er vorsichtig und -ohne den Kopf zu bewegen zur Seite auf Joachim. Nein, -gottlob, so fleckig im Gesicht sah Joachim nicht aus wie damals, -und auch seine Lippen waren jetzt nicht so kläglich verzerrt. -Aber er sah Marusja an – und zwar in einer Haltung, -mit einem Augenausdruck, die unmöglich militärisch genannt -werden konnten, vielmehr so trüb und selbstvergessen erschienen, -daß man sie als ausgemacht zivilistisch ansprechen mußte. Dann -raffte er sich übrigens zusammen und blickte rasch nach Hans -Castorp, so daß dieser eben noch Zeit hatte, seine Augen von -ihm fortzutun und sie irgendwohin in die Lüfte zu senden. Er -fühlte sein Herz klopfen dabei, – unmotiviert und auf eigene -Hand, wie es das hier nun einmal tat. -</p> - -<p> -Der Rest des Sonntags bot nichts Außerordentliches, abgesehen -vielleicht von den Mahlzeiten, die, da sie reicher als -gewöhnlich nicht wohl gestaltet werden konnten, wenigstens -eine erhöhte Feinheit der Gerichte aufwiesen. (Zum Mittagessen -gab es ein <span class="antiqua" lang="fr">Chaud-froid</span> von Hühnern, mit Krebsen und -halbierten Kirschen verziert; zum Gefrorenen Patisserie in -Körbchen, die aus gesponnenem Zucker geflochten waren, und -dann auch noch frische Ananas.) Abends, nachdem er sein -<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> -Bier getrunken, fühlte Hans Castorp sich noch erschöpfter, -frostiger und schwerer von Gliedern, als die Tage vorher, sagte -seinem Vetter schon gegen neun Uhr gute Nacht, zog eilig das -Federbett bis über das Kinn und schlief ein wie erschlagen. -</p> - -<p> -Allein schon der folgende Tag, der erste Montag also, den -der Hospitant hier oben verlebte, brachte eine weitere regelmäßig -wiederkehrende Abwandlung des Tageslaufes: nämlich -einen jener Vorträge, die Dr. Krokowski vierzehntägig -im Speisesaal vor dem gesamten volljährigen, der deutschen -Sprache kundigen und nicht moribunden Publikum des „Berghofes“ -hielt. Es handelte sich, wie Hans Castorp von seinem -Vetter hörte, um eine Reihe zusammenhängender Kollegien, -einen populär-wissenschaftlichen Kursus unter dem Generaltitel -„Die Liebe als krankheitbildende Macht“. Die belehrende -Unterhaltung fand nach dem zweiten Frühstück statt, und es -war, wie wiederum Joachim sagte, nicht zulässig, wurde zum -mindesten höchst ungern gesehen, daß man sich davon ausschlösse, -– weshalb es denn auch als erstaunliche Frechheit galt, -daß Settembrini, obgleich des Deutschen mächtiger als irgend -jemand, die Vorträge nicht nur niemals besuchte, sondern sich -auch in den abschätzigsten Äußerungen darüber erging. Was -Hans Castorp betraf, so war er vor allem aus Höflichkeit, -dann aber auch aus unverhohlener Neugier sofort entschlossen, -sich einzufinden. Vorher jedoch tat er etwas ganz Verkehrtes -und Fehlerhaftes: er ließ sich einfallen, auf eigene Hand einen -ausgedehnten Spaziergang zu machen, was ihm über alles -Vermuten schlecht bekam. -</p> - -<p> -„Jetzt paß auf!“ waren seine ersten Worte, als Joachim -morgens in sein Zimmer trat. „Ich sehe, daß es mit mir nicht -so weitergeht. Ich habe die horizontale Lebensweise nun satt, -<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> -– das Blut schläft einem ja dabei ein. Mit dir ist es selbstverständlich -was anderes, du bist Patient, dich will ich durchaus -nicht verführen. Aber ich will nun mal gleich nach dem -Frühstück einen ordentlichen Spaziergang unternehmen, wenn -du es mir nicht übel nimmst, so ein paar Stunden aufs Geratewohl -in die Welt hinein. Ich stecke mir einen Bissen zum -Frühstück in die Tasche, dann bin ich unabhängig. Wir wollen -doch sehen, ob ich nicht ein anderer Kerl bin, wenn ich nach -Hause komme.“ -</p> - -<p> -„Schön!“ sagte Joachim, da er sah, daß es dem anderen -ernst war mit seinem Begehren und Vorsatz. „Aber übertreibe -es nicht, das rate ich dir. Es ist hier anders als wie zu -Hause. Und dann sei pünktlich zum Vortrag zurück!“ -</p> - -<p> -In Wirklichkeit waren es noch andere Gründe, als nur der -körperliche, die dem jungen Hans Castorp sein Vorhaben eingegeben -hatten. Ihm war, als ob an seinem hitzigen Kopf, -dem schlechten Geschmack, den er meistens im Munde hatte, -und dem willkürlichen Klopfen seines Herzens viel weniger die -Schwierigkeiten der Akklimatisation schuld seien, als solche -Dinge, wie das Treiben des russischen Ehepaars nebenan, die -Reden der kranken und dummen Frau Stöhr bei Tische, des -Herrenreiters weicher Husten, den er täglich auf den Korridoren -vernahm, die Äußerungen Herrn Albins, die Eindrücke, -die er von den Verkehrssitten der leidenden Jugend empfangen -hatte, der Gesichtsausdruck Joachims, wenn er Marusja betrachtete, -und dergleichen Wahrnehmungen mehr. Er dachte, -es müsse gut sein, dem Bannkreise des „Berghofes“ einmal -zu entkommen, im Freien tief aufzuatmen und sich tüchtig zu -rühren, um, wenn man abends müde war, doch wenigstens -zu wissen, warum. Und so trennte er sich denn unternehmend -<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> -von Joachim, als dieser nach dem Frühstück seinen dienstlich -abgemessenen Lustwandel nach der Bank an der Wasserrinne -antrat, und marschierte stockschwenkend die Fahrstraße hinab -seine eigenen Wege. -</p> - -<p> -Es war ein kühler, bedeckter Morgen – gegen halb neun -Uhr. Wie er es sich vorgenommen, atmete Hans Castorp tief -die reine Frühluft, diese frische und leichte Atmosphäre, die -mühelos einging und ohne Feuchtigkeitsduft, ohne Gehalt, -ohne Erinnerungen war ... Er überschritt den Wasserlauf -und das Schmalspurgeleise, gelangte auf die unregelmäßig -bebaute Straße, verließ sie gleich wieder und schlug einen -Wiesenpfad ein, der nur ein kurzes Stück zu ebener Erde lief -und dann schräg hin und ziemlich steil den rechtsseitigen <a id="corr-28"></a>Hang -emporführte. Das Steigen freute Hans Castorp, seine Brust -weitete sich, er schob mit der Stockkrücke den Hut aus der -Stirn, und als er, aus einiger Höhe zurückblickend, in der Ferne -den Spiegel des Sees gewahrte, an dem er auf der Herreise -vorübergekommen war, begann er zu singen. -</p> - -<p> -Er sang die Stücke, über die er eben verfügte, allerlei volkstümlich -empfindsame Lieder, wie sie in Kommers- und Turnliederbüchern -stehen, unter anderem eines, worin die Zeilen -vorkamen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Die Barden sollen Lieb und Wein,</p> - <p class="verse">Doch öfter Tugend preisen“ –</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -sang sie anfangs leise und summend, dann laut und aus ganzer -Kraft. Sein Bariton war spröde, aber heute fand er ihn -schön, und das Singen begeisterte ihn mehr und mehr. Hatte -er zu hoch eingesetzt, so verlegte er sich auf fistelnde Kopftöne, -und auch diese erschienen ihm schön. Wenn sein Gedächtnis -ihn im Stiche ließ, so half er sich damit, daß er der Melodie -<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> -irgendwelche sinnlose Silben und Worte unterlegte, die er nach -Art der Kunstsänger formenden Mundes und mit prunkendem -Gaumen-R in die Lüfte sandte, und ging schließlich dazu über, -sowohl was den Text als auch was die Töne betraf, nur noch -zu phantasieren und seine Produktion sogar mit opernhaften -Armbewegungen zu begleiten. Da es sehr anstrengend ist, zugleich -zu steigen und zu singen, so wurde ihm bald der Atem -knapp und fehlte ihm immer mehr. Aber aus Idealismus, um -der Schönheit des Gesanges willen, bezwang er die Not und -gab unter häufigen Seufzern sein Letztes her, bis er sich endlich -in äußerster Kurzluftigkeit, blind, nur ein farbiges Flimmern -vor Augen und mit fliegenden Pulsen unter einer dicken Kiefer -niedersinken ließ, – nach so großer Erhebung plötzlich die Beute -durchgreifender Verstimmung, eines Katzenjammers, der an -Verzweiflung grenzte. -</p> - -<p> -Als er mit leidlich wieder befestigten Nerven sich aufmachte, -um seinen Spaziergang fortzusetzen, zitterte sein Genick sehr -lebhaft, so daß er bei so jungen Jahren genau auf dieselbe -Weise mit dem Kopfe wackelte, wie der alte Hans Lorenz -Castorp es dereinst getan hatte. Er selbst fand sich durch die -Erscheinung an seinen verstorbenen Großvater herzlich erinnert, -und ohne sie als widerwärtig zu empfinden, gefiel er sich -darin, die ehrwürdige Kinnstütze nachzuahmen, womit der Alte -dem Kopfzittern zu steuern gesucht und die dem Knaben einst -so zugesagt hatte. -</p> - -<p> -Er stieg noch höher, in Serpentinen. Kuhglockengeläut zog -ihn an, und er fand auch die Herde; sie graste in der Nähe -einer Blockhütte, deren Dach mit Steinen beschwert war. -Zwei bärtige Männer kamen ihm entgegen, mit Äxten auf den -Schultern, und trennten sich, als sie nahe herangekommen. -<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> -„Nun, so leb wohl und hab Dank!“ sagte der eine zum andern -mit tiefer, gaumiger Stimme, legte seine Axt auf die andere -Schulter und begann ohne Weg und mit knackenden Tritten -zwischen den Fichten zu Tal zu schreiten. Es hatte so sonderbar -in der Einsamkeit geklungen, dieses „Leb wohl und hab -Dank“ und träumerisch Hans Castorps vom Steigen und -Singen benommenen Sinn berührt. Er sprach es leise nach, -indem er sich bemühte, die gutturale und feierlich-unbeholfene -Mundart des Gebirglers nachzuahmen, und stieg noch ein -Stück über die Almhütte hinaus, da es ihm darum zu tun -war, die Baumgrenze zu erreichen; doch ließ er nach einem Blick -auf die Uhr von diesem Vorhaben ab. -</p> - -<p> -Er folgte linkshin, in der Richtung gegen den Ort, einem -Pfade, der eben lief und dann abwärts führte. Hochstämmiger -Nadelwald nahm ihn auf, und indem er ihn durchwanderte, -begann er sogar wieder ein wenig zu singen, wenn auch mit -Vorsicht und obgleich seine Knie beim Abstiege noch befremdlicher -zitterten als vorher. Aber aus dem Gehölz hervortretend, -stand er überrascht vor einer prächtigen Szenerie, die sich ihm -öffnete, einer intim geschlossenen Landschaft von friedlich-großartiger -Bildmäßigkeit. -</p> - -<p> -In flachem, steinigem Bett kam ein Bergwasser die rechtsseitige -Höhe herab, ergoß sich schäumend über terrassenförmig -gelagerte Blöcke und floß dann ruhiger gegen das Tal hin -weiter, von einem Stege mit schlicht gezimmertem Geländer -malerisch überbrückt. Der Grund war blau von den Glockenblüten -einer staudenartigen Pflanze, die überall wucherte. -Ernste Fichten, riesig und ebenmäßig von Wuchs, standen -einzeln und in Gruppen auf dem Boden der Schlucht sowie -die Höhen hinan, und eine davon, zur Seite des Wildbaches -<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> -schräg im Gehänge wurzelnd, ragte schief und bizarr in das -Bild hinein. Rauschende Abgeschiedenheit waltete über dem -schönen, einsamen Ort. Jenseits des Baches bemerkte Hans -Castorp eine Ruhebank. -</p> - -<p> -Er überschritt den Steg und setzte sich, um sich vom Anblick -des Wassersturzes, des treibenden Schaums unterhalten zu -lassen, dem idyllisch gesprächigen, einförmigen und doch innerlich -abwechslungsvollen Geräusche zu lauschen; denn rauschendes -Wasser liebte Hans Castorp ebensosehr wie Musik, ja -vielleicht noch mehr. Aber kaum hatte er sichs bequem gemacht, -als ein Nasenbluten ihn so plötzlich befiel, daß er seinen Anzug -nicht ganz vor Verunreinigung schützen konnte. Die -Blutung war heftig, hartnäckig und machte ihm wohl eine -halbe Stunde lang zu schaffen, indem sie ihn zwang, beständig -zwischen Bach und Bank hin und her zu laufen, sein Schnupftuch -zu spülen, Wasser aufzuschnauben und sich wieder flach -auf den Brettersitz hinzustrecken, das feuchte Tuch auf der -Nase. So blieb er liegen als endlich das Blut versiegte – lag -still, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, mit hochgezogenen -Knien, die Augen geschlossen, die Ohren erfüllt vom -Rauschen, nicht unwohl, eher besänftigt vom reichlichen Aderlaß -und in einem Zustande sonderbar herabgesetzter Lebenstätigkeit; -denn wenn er ausgeatmet hatte, fühlte er lange kein -Bedürfnis, neue Luft einzuholen, sondern ließ mit stillgestelltem -Leibe ruhig sein Herz eine Reihe von Schlägen tun, bis er -spät und träge wieder einen oberflächlichen Atemzug aufnahm. -</p> - -<p> -Da fand er sich auf einmal in jene frühe Lebenslage versetzt, -die das Urbild eines nach neuesten Eindrücken gemodelten -Traumes war, den er vor einigen Nächten geträumt ... Aber -so stark, so restlos, so bis zur Aufhebung des Raumes und der -<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> -Zeit war er ins Dort und Damals entrückt, daß man hätte -sagen können, ein lebloser Körper liege hier oben beim Gießbache -auf der Bank, während der eigentliche Hans Castorp -weit fort in früherer Zeit und Umgebung stünde, und zwar in -einer bei aller Einfachheit gewagten und herzberauschenden -Situation. -</p> - -<p> -Er war dreizehn Jahre alt, Untertertianer, ein Junge in -kurzen Hosen, und stand auf dem Schulhof im Gespräch mit -einem anderen, ungefähr gleichaltrigen Jungen aus einer -anderen Klasse, – einem Gespräch, das Hans Castorp ziemlich -willkürlich vom Zaune gebrochen hatte, und das ihn, obgleich -es seines sachlichen und knapp umschriebenen Gegenstandes -wegen nur ganz kurz sein konnte, doch im höchsten Grade erfreute. -Es war die Pause zwischen der vorletzten und letzten -Stunde, einer Geschichts- und einer Zeichenstunde für Hans -Castorps Klasse. Auf dem Hofe, der mit roten Klinkern gepflastert -und von einer mit Schindeln gedeckten und mit zwei -Eingangstoren versehenen Mauer gegen die Straße abgetrennt -war, gingen die Schüler in Reihen auf und nieder, standen -in Gruppen, lehnten halb sitzend an den glasierten Mauervorsprüngen -des Gebäudes. Es herrschte Stimmengewirr. -Ein Lehrer im Schlapphut beaufsichtigte das Treiben, indem -er in eine Schinkensemmel biß. -</p> - -<p> -Der Knabe, mit dem Hans Castorp sprach, hieß Hippe, mit -Vornamen Pribislav. Als Merkwürdigkeit kam hinzu, daß -das r dieses Vornamens wie sch auszusprechen war: es hieß -„Pschibislav“; und dieser absonderliche Vorname stimmte -nicht schlecht zu seinem Äußeren, das nicht ganz durchschnittsmäßig, -entschieden etwas fremdartig war. Hippe, Sohn eines -Historikers und Gymnasialprofessors, notorischer Musterschüler -<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> -folglich und schon eine Klasse weiter als Hans Castorp, -obgleich kaum älter als dieser, stammte aus Mecklenburg und -war für seine Person offenbar das Produkt einer alten Rassenmischung, -einer Versetzung germanischen Blutes mit wendisch-slawischem – oder -auch umgekehrt. Zwar war er blond, – sein -Haar war ganz kurz über dem Rundschädel geschoren. Aber -seine Augen, blaugrau oder graublau von Farbe – es war -eine etwas unbestimmte und mehrdeutige Farbe, die Farbe -etwa eines fernen Gebirges –, zeigten einen eigentümlichen, -schmalen und genau genommen sogar etwas schiefen Schnitt, -und gleich darunter saßen die Backenknochen, vortretend und -stark ausgeprägt, – eine Gesichtsbildung, die in seinem Falle -durchaus nicht entstellend, sondern sogar recht ansprechend -wirkte, die aber genügt hatte, ihm bei seinen Kameraden den -Spitznamen „der Kirgise“ einzutragen. Übrigens trug Hippe -schon lange Hosen und dazu eine hochgeschlossene, blaue, im -Rücken gezogene Joppe, auf deren Kragen einige Schuppen -von seiner Kopfhaut zu liegen pflegten. -</p> - -<p> -Nun war die Sache die, daß Hans Castorp schon von langer -Hand her sein Augenmerk auf diesen Pribislav gerichtet, – aus -dem ganzen ihm bekannten und unbekannten Gewimmel -des Schulhofes ihn erlesen hatte, sich für ihn interessierte, ihm -mit den Blicken folgte, soll man sagen: ihn bewunderte? auf -jeden Fall ihn mit ausnehmendem Anteil betrachtete und sich -schon auf dem Schulwege darauf freute, ihn im Verkehre mit -seinen Klassengenossen zu beobachten, ihn sprechen und lachen -zu sehen und von weitem seine Stimme zu unterscheiden, die -angenehm belegt, verschleiert, etwas heiser war. Zugegeben, -daß für diese Teilnahme kein recht zureichender Grund vorhanden -war, wenn man nicht etwa den heidnischen Vornamen, -<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> -das Musterschülertum (das aber unmöglich ins Gewicht fallen -konnte) oder endlich die Kirgisenaugen für einen solchen nehmen -wollte, – Augen, die sich zuweilen, bei einem gewissen Seitenblick, -der nicht zum Sehen diente, auf eine schmelzende Weise -ins Schleierig-Nächtige verdunkeln konnten – so machte -Hans Castorp sich doch wenig Sorge um die geistige Rechtfertigung -seiner Empfindungen oder gar darum, wie sie etwa -notfalls zu benennen gewesen wären. Denn von Freundschaft -konnte nicht gut die Rede sein, da er Hippe ja gar nicht -„kannte“. Aber erstens lag nicht die geringste Nötigung zur -Namengebung vor, da kein Gedanke daran war, daß der -Gegenstand je zur Sprache gebracht werden könnte, – dazu -eignete er sich nicht und verlangte auch nicht danach. Und -zweitens bedeutet ein Name ja, wenn nicht Kritik, so doch Bestimmung, -das heißt Unterbringung im Bekannten und Gewohnten, -während Hans Castorp doch von der unbewußten -Überzeugung durchdrungen war, daß ein inneres Gut, wie -dieses, vor solcher Bestimmung und Unterbringung ein für -allemal geschützt sein sollte. -</p> - -<p> -Aber gut oder schlecht begründet, jedenfalls waren diese dem -Namen und der Mitteilung so fernen Empfindungen von -solcher Lebenskraft, daß Hans Castorp sich schon fast seit einem -Jahr – ungefähr seit einem Jahr, denn genau waren ihre -Anfänge nicht aufzufinden – im stillen damit trug, was zum -mindesten für die Treue und Beständigkeit seines Charakters -sprach, wenn man erwägt, welche riesige Zeitmasse ein Jahr -in diesem Lebensalter bedeutet. Leider wohnt den Bezeichnungen -von Charaktereigenschaften regelmäßig ein moralisches -Urteil inne, sei es im lobenden oder tadelnden Sinn, obgleich -sie alle ihre zwei Seiten haben. Hans Castorps „Treue“, auf -<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> -die er sich übrigens weiter nichts zugute tat, bestand, ohne -Wertung gesprochen, in einer gewissen Schwerfälligkeit, Langsamkeit -und Beharrlichkeit seines Gemütes, einer erhaltenden -Grundstimmung, die ihm Zustände und Lebensverhältnisse der -Anhänglichkeit und des Fortbestandes desto würdiger erscheinen -ließ, je länger sie bestanden. Auch war er geneigt, an die unendliche -Dauer des Zustandes, der Verfassung zu glauben, -worin er sich gerade befand, schätzte sie eben darum und war -nicht auf Veränderung erpicht. So hatte er sich an sein stilles -und fernes Verhältnis zu Pribislav Hippe im Herzen gewöhnt -und hielt es im Grunde für eine bleibende Einrichtung seines -Lebens. Er liebte die Gemütsbewegungen, die es mit sich -brachte, die Spannung, ob jener ihm heute begegnen, dicht an -ihm vorübergehen, vielleicht ihn anblicken werde, die lautlosen, -zarten Erfüllungen, mit denen sein Geheimnis ihn beschenkte, -und sogar die Enttäuschungen, die zur Sache gehörten und -deren größte war, wenn Pribislav „fehlte“: dann war der -Schulhof verödet, der Tag aller Würze bar, aber die hinhaltende -Hoffnung blieb. -</p> - -<p> -Das dauerte ein Jahr, bis es auf jenen abenteuerlichen -Höhepunkt gelangte, dann dauerte es noch ein Jahr, dank der -bewahrenden Treue Hans Castorps, und dann hörte es auf – -und zwar ohne daß er mehr von der Lockerung und Auflösung -der Bande merkte, die ihn an Pribislav Hippe knüpften, -als er von ihrer Entstehung gemerkt hatte. Auch verließ -Pribislav, infolge der Versetzung seines Vaters, Schule und -Stadt; aber das beachtete Hans Castorp kaum noch; er hatte -ihn schon vorher vergessen. Man kann sagen, daß die Gestalt -des „Kirgisen“ unmerklich aus Nebeln in sein Leben getreten -war, langsam immer mehr Deutlichkeit und Greifbarkeit -<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> -gewonnen hatte, bis zu jenem Augenblick der größten Nähe und -Körperlichkeit, auf dem Hofe, eine Weile so im Vordergrunde -gestanden hatte und dann allmählich wieder zurückgetreten und -ohne Abschiedsweh in den Nebeln entschwunden war. -</p> - -<p> -Jener Augenblick aber, die gewagte und abenteuerliche -Situation, in die Hans Castorp sich nun wieder versetzt fand, -das Gespräch, ein wirkliches Gespräch mit Pribislav Hippe, -kam folgendermaßen zustande. Die Zeichenstunde war an der -Reihe, und Hans Castorp bemerkte, daß er seinen Bleistift nicht -bei sich hatte. Jeder seiner Klassengenossen brauchte den seinen; -aber er hatte ja unter den Angehörigen anderer Klassen diesen -und jenen Bekannten, den er um einen Stift hätte angehen -können. Am bekanntesten jedoch, fand er, war ihm Pribislav, -am nächsten stand ihm dieser, mit dem er im stillen schon so -viel zu tun gehabt hatte; und mit einem freudigen Aufschwunge -seines Wesens beschloß er, die Gelegenheit – eine Gelegenheit -nannte er es – zu benutzen und Pribislav um einen Bleistift -zu bitten. Daß das ein ziemlich sonderbarer Streich sein werde, -da er Hippe in Wirklichkeit ja nicht kannte, das entging ihm, -oder er kümmerte sich doch nicht darum, verblendet von merkwürdiger -Rücksichtslosigkeit. Und so stand er denn nun im -Gewühle des Klinkerhofes wirklich vor Pribislav Hippe und -sagte zu ihm: -</p> - -<p> -„Entschuldige, kannst du mir einen Bleistift leihen?“ -</p> - -<p> -Und Pribislav sah ihn an mit seinen Kirgisenaugen über den -vorstehenden Backenknochen und sprach zu ihm mit seiner angenehm -heiseren Stimme, ohne Verwunderung oder doch ohne -Verwunderung an den Tag zu legen. -</p> - -<p> -„Gern“, sagte er. „Du mußt ihn mir nach der Stunde -aber bestimmt zurückgeben.“ Und zog sein Crayon aus der -<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> -Tasche, ein versilbertes Crayon mit einem Ring, den man aufwärts -schieben mußte, damit der rot gefärbte Stift aus der -Metallhülse wachse. Er erläuterte den einfachen Mechanismus, -während ihre beiden Köpfe sich darüberneigten. -</p> - -<p> -„Aber mach ihn nicht entzwei!“ sagte er noch. -</p> - -<p> -Wo dachte er hin? Als ob Hans Castorp die Absicht gehabt -hätte, den Stift etwa <em>nicht</em> zurückzuerstatten oder gar -ihn fahrlässig zu behandeln. -</p> - -<p> -Dann sahen sie einander lächelnd an, und da nichts mehr -zu sagen blieb, so kehrten sie sich erst die Schultern und dann -die Rücken zu und gingen. -</p> - -<p> -Das war alles. Aber vergnügter war Hans Castorp in -seinem Leben nie gewesen, als in dieser Zeichenstunde, da er -mit Pribislav Hippes Bleistift zeichnete, – mit der Aussicht -obendrein, ihn nachher seinem Besitzer wieder einzuhändigen, -was als reine Dreingabe zwanglos und selbstverständlich aus -dem vorhergehenden folgte. Er war so frei, den Bleistift etwas -zuzuspitzen, und von den rot lackierten Schnitzeln, die abfielen, -bewahrte er drei oder vier fast ein ganzes Jahr lang -in einer inneren Schublade seines Pultes auf, – niemand, der -sie gesehen hätte, würde geahnt haben, wie Bedeutendes es -damit auf sich hatte. Übrigens vollzog die Rückgabe sich in -den einfachsten Formen, was aber ganz nach Hans Castorps -Sinne war, ja, worauf er sich sogar etwas Besonderes zugute -tat, – abgestumpft und verwöhnt, wie er war, durch den intimen -Verkehr mit Hippe. -</p> - -<p> -„Da“, sagte er. „Danke sehr.“ -</p> - -<p> -Und Pribislav sagte gar nichts, sondern revidierte nur -flüchtig den Mechanismus und schob das Crayon in die -Tasche ... -</p> - -<p> -<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> -Dann hatten sie nie wieder miteinander gesprochen, aber -dies eine Mal, dank Hans Castorps Unternehmungsgeist, war -es eben doch geschehen ... -</p> - -<p> -Er riß die Augen auf, verwirrt von der Tiefe seiner Entrücktheit. -„Ich glaube, ich habe geträumt!“ dachte er. „Ja, -das war Pribislav. Lange habe ich nicht mehr an ihn gedacht. -Wo sind die Schnitzel hingekommen? Das Pult ist auf dem -Boden, zu Hause bei Onkel Tienappel. Sie müssen noch in -der inneren kleinen Schublade links hinten sein. Ich habe sie -nie herausgenommen. Nicht einmal soviel Aufmerksamkeit, -sie wegzuwerfen, erwies ich ihnen ... Es war ganz Pribislav, -wie er leibte und lebte. Ich hätte nicht gedacht, daß ich ihn -je so deutlich wiedersehen würde. Wie merkwürdig ähnlich er -ihr sah, – dieser hier oben! Darum also interessiere ich mich so -für sie? Oder vielleicht auch: habe ich mich darum so für <em>ihn</em> -interessiert? Unsinn! Ein schöner Unsinn. Ich muß übrigens -gehen, und zwar schleunigst.“ Aber er blieb doch noch liegen, -sinnend und sich erinnernd. Dann richtete er sich auf. „Nun, -so leb wohl und hab Dank!“ sagte er und bekam Tränen in -die Augen, während er lächelte. Damit wollte er aufbrechen; -aber er setzte sich, Hut und Stock in der Hand, rasch noch einmal -nieder, denn er hatte bemerken müssen, daß seine Knie -ihn nicht recht trugen. „Hoppla,“ dachte er, „ich glaube, das -wird nicht gehen! Und dabei soll ich Punkt elf Uhr zum Vortrag -im Eßsaal sein. Das Spazierengehen hat hier sein Schönes, -aber auch seine Schwierigkeiten, wie es scheint. Ja, ja, -aber hierbleiben kann ich nicht. Es ist nur, daß ich vom Liegen -etwas lahm geworden bin; in der Bewegung wird es schon -besser werden.“ Und er versuchte nochmals, auf die Beine -zu kommen, und da er sich gehörig zusammennahm, so ging es. -</p> - -<p> -<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> -Immerhin wurde es eine klägliche Heimkehr, nach einem so -hochgemuten Auszug. Wiederholt mußte er am Wege rasten, da -er fühlte, daß sein Gesicht plötzlich weiß wurde, kalter Schweiß -ihm auf die Stirne trat und das regellose Verhalten seines -Herzens ihm den Atem benahm. Kümmerlich kämpfte er sich -so die Serpentinen hinab; als er aber in der Nähe des Kurhauses -das Tal erreichte, sah er klar und deutlich, daß er die -gedehnte Wegstrecke zum „Berghof“ unmöglich noch aus -eigener Kraft werde überwinden können, und da es keine Trambahn -gab und kein Mietsfuhrwerk sich zeigte, so bat er einen -Fuhrmann, der einen Stellwagen mit leeren Kisten gegen -„Dorf“ hin lenkte, ihn aufsitzen zu lassen. Rücken an Rücken -mit dem Kutscher, die Beine vom Wagen hängend, von den -Passanten mit verwunderter Teilnahme betrachtet, schwankend -und nickend im Halbschlaf und unter den Stößen des Gefährtes, -zog er dahin, stieg ab beim Bahnübergange, gab Geld hin, -ohne zu sehen, wie viel und wie wenig, und hastete kopfüber -die Wegschleife hinan. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Dépêchez-vous, monsieur!</span>“ sagte der französische Türhüter. -„<span class="antiqua" lang="fr">La conférence de M. Krokowski vient de commencer.</span>“ -Und Hans Castorp warf Hut und Stock in die Garderobe -und zwängte sich hastig-behutsam, die Zunge zwischen -den Zähnen, durch die kaum geöffnete Glastür in den Speisesaal, -wo die Kurgesellschaft reihenweise auf Stühlen saß, während -an der rechten Schmalseite Dr. Krokowski im Gehrock -hinter einem gedeckten und mit einer Wasserkaraffe geschmückten -Tische stand und sprach ... -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-5-6"> -<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> -Analyse -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Ein freier Eckplatz winkte glücklicherweise in der Nähe der -Tür. Er stahl sich seitlich darauf und nahm eine Miene an, -als hätte er hier schon immer gesessen. Das Publikum, mit -erster Aufmerksamkeit an Dr. Krokowskis Lippen hängend, -beachtete ihn kaum; und das war gut, denn er sah schrecklich -aus. Sein Gesicht war bleich wie Leinen und sein Anzug mit -Blut befleckt, so daß er einem von frischer Tat kommenden -Mörder glich. Die Dame vor ihm freilich wandte den Kopf, -als er sich setzte, und musterte ihn mit schmalen Augen. Es -war Madame Chauchat, er erkannte sie mit einer Art von -Erbitterung. Aber das war doch des Teufels! Sollte er -denn nicht zur Ruhe kommen? Er hatte gedacht, hier still -am Ziele sitzen und sich ein wenig erholen zu können, und da -mußte er sie nun gerade vor der Nase haben, – ein Zufall, -über den er sich unter anderen Umständen ja möglicherweise -gefreut hätte, aber müde und abgehetzt, wie er war, was sollte -es ihm da? Es stellte nur neue Anforderungen an sein Herz -und würde ihn während des ganzen Vortrags in Atem halten. -Genau mit Pribislavs Augen hatte sie ihn angesehen, in sein -Gesicht und auf die Blutflecke seines Anzugs geblickt, – ziemlich -rücksichtslos und zudringlich übrigens, wie es zu den Manieren -einer Frau paßte, die mit den Türen warf. Wie schlecht -sie sich hielt! Nicht wie die Frauen in Hans Castorps heimischer -Sphäre, die aufrechten Rückens den Kopf ihrem Tischherrn -zuwandten, indes sie mit den Spitzen der Lippen sprachen. -Frau Chauchat saß zusammengesunken und schlaff, ihr Rücken -war rund, sie ließ die Schultern nach vorne hängen, und außerdem -hielt sie auch noch den Kopf vorgeschoben, so daß der -<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> -Wirbelknochen im Nackenausschnitt ihrer weißen Bluse hervortrat. -Auch Pribislav hatte den Kopf so ähnlich gehalten; er -jedoch war ein Musterschüler gewesen, der in Ehren gelebt -hatte (obgleich nicht dies der Grund gewesen war, weshalb -Hans Castorp sich den Bleistift von ihm geliehen hatte), – -während es klar und deutlich war, daß Frau Chauchats nachlässige -Haltung, ihr Türenwerfen, die Rücksichtslosigkeit ihres -Blickes mit ihrem Kranksein zusammenhingen, ja, es drückten -sich darin die Ungebundenheit, jene nicht ehrenvollen, aber geradezu -grenzenlosen Vorteile aus, deren der junge Herr Albin -sich gerühmt hatte ... -</p> - -<p> -Hans Castorps Gedanken verwirrten sich, während er auf -Frau Chauchats schlaffen Rücken blickte, sie hörten auf, Gedanken -zu sein, und wurden zur Träumerei, in welche Dr. Krokowskis -schleppender Bariton, sein weich anschlagendes r wie -aus weiter Ferne hereintönte. Aber die Stille im Saal, die -tiefe Aufmerksamkeit, die ringsumher alles in Bann hielt, wirkte -auf ihn, sie weckte ihn förmlich aus seinem Dämmern. Er -blickte um sich ... Neben ihm saß der dünnhaarige Pianist, -den Kopf im Nacken und lauschte mit offenem Munde und -gekreuzten Armen. Die Lehrerin, Fräulein Engelhart, weiter -drüben, hatte gierige Augen und rotflaumige Flecke auf -beiden Wangen, – eine Hitze, die sich auf den Gesichtern anderer -Damen wiederfand, die Hans Castorp ins Auge faßte, auch -auf dem der Frau Salomon dort, neben Herrn Albin, und -der Bierbrauersgattin Frau Magnus, derselben, die Eiweiß -verlor. Auf Frau Stöhrs Gesicht, etwas weiter zurück, malte -sich eine so ungebildete Schwärmerei, daß es ein Jammer war, -während die elfenbeinfarbene Levi, mit halbgeschlossenen Augen -und die flachen Hände im Schoß an der Stuhllehne ruhend, -<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> -vollständig einer Toten geglichen hätte, wenn nicht ihre Brust -sich so stark und taktmäßig gehoben und gesenkt hätte, wodurch -sie Hans Castorp vielmehr an eine weibliche Wachsfigur -erinnerte, die er einst im Panoptikum gesehen und die ein mechanisches -Triebwerk im Busen gehabt hatte. Mehrere Gäste -hielten die hohle Hand an die Ohrmuschel, oder deuteten dies -wenigstens an, indem sie die Hand bis halbwegs zum Ohre -erhoben hielten, als seien sie mitten in der Bewegung vor Aufmerksamkeit -erstarrt. Staatsanwalt Paravant, ein brauner, -scheinbar urkräftiger Mann, schüttelte sogar sein eines Ohr -mit dem Zeigefinger, um es hellhöriger zu machen, und hielt -es dann wieder Dr. Krokowskis Redeflusse hin. -</p> - -<p> -Was redete denn Dr. Krokowski? In welchem Gedankengange -bewegte er sich? Hans Castorp nahm seinen Verstand -zusammen, um aufs laufende zu kommen, was ihm nicht gleich -gelang, da er den Anfang nicht gehört und beim Nachdenken -über Frau Chauchats schlaffen Rücken Weiteres versäumt hatte. -Es handelte sich um eine Macht ... jene Macht ... kurzum, -es war die Macht der Liebe, um die es sich handelte. Selbstverständlich! -Das Thema lag ja im Generaltitel des Vortragszyklus, -und wovon sollte Dr. Krokowski denn auch sonst wohl -sprechen, da dies nun einmal sein Gebiet war. Etwas wunderlich -war es ja, auf einmal ein Kolleg über die Liebe zu hören, -während sonst immer nur von Dingen wie dem Übersetzungsgetriebe -im Schiffbau die Rede gewesen war. Wie fing man -es an, einen Gegenstand von so spröder und verschwiegener -Beschaffenheit am hellen Vormittag vor Damen und Herren -zu erörtern? Dr. Krokowski erörterte ihn in einer gemischten Ausdrucksweise, -in zugleich poetischem und gelehrtem Stile, rücksichtslos -wissenschaftlich, dabei aber gesanghaft schwingenden -<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> -Tones, was den jungen Hans Castorp etwas unordentlich anmutete, -obgleich gerade dies der Grund sein mochte, weshalb -die Damen so hitzige Wangen hatten und die Herren ihre Ohren -schüttelten. Insonderheit gebrauchte der Redner das Wort -„Liebe“ beständig in einem leise schwankenden Sinn, so daß -man niemals recht wußte, woran man damit war, und ob es -Frommes oder Leidenschaftlich-Fleischliches bedeute, – was ein -leichtes Gefühl von Seekrankheit erzeugte. Nie in seinem Leben -hatte Hans Castorp dieses Wort so oft hintereinander aussprechen -hören, wie hier und heute, ja, wenn er nachdachte, -so schien ihm, daß er selbst es noch niemals ausgesprochen oder -aus fremdem Munde vernommen habe. Das mochte ein Irrtum -sein, – jedenfalls fand er nicht, daß so häufige Wiederholung -dem Worte zustatten käme. Im Gegenteil, diese schlüpfrigen -anderthalb Silben mit dem Zungen-, dem Lippenlaut -und dem dünnen Vokal in der Mitte wurden ihm auf die -Dauer recht widerwärtig, eine Vorstellung verband sich für -ihn damit wie von gewässerter Milch, – etwas Weißbläulichem, -Labberigem, zumal im Vergleich mit all dem Kräftigen, was -Dr. Krokowski genau genommen darüber zum besten gab. -Denn so viel ward deutlich, daß man starke Stücke sagen konnte, -ohne die Leute aus dem Saale zu treiben, wenn man es anfing -wie er. Keineswegs begnügte er sich damit, allgemein -bekannte, doch gemeinhin in Schweigen gehüllte Dinge mit -einer Art von berauschendem Takt zur Sprache zu bringen; -er zerstörte Illusionen, er gab unerbittlich der Erkenntnis die -Ehre, er ließ keinen Raum für empfindsamen Glauben an die -Würde des Silberhaares und die Engelsreinheit des zarten -Kindes. Übrigens trug er auch zum Gehrock seinen weichen -Fallkragen und seine Sandalen über den grauen Socken, was -<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> -einen grundsätzlichen und idealistischen Eindruck machte, wenn -auch Hans Castorp etwas darüber erschrak. Indem er an -der Hand von Büchern und losen Blättern, die vor ihm auf -dem Tische lagen, seine Aufstellungen durch allerlei Beispiele -und Anekdoten stützte und mehrmals sogar Verse rezitierte, -handelte Dr. Krokowski von erschreckenden Formen der Liebe, -wunderlichen, leidvollen und unheimlichen Abwandlungen ihrer -Erscheinung und Allgewalt. Unter allen Naturtrieben, sagte -er, sei sie der schwankendste und gefährdetste, von Grund aus -zur Verirrung und heillosen Verkehrtheit geneigt, und das -dürfe nicht wundernehmen. Denn dieser mächtige Impuls -sei nichts Einfaches, er sei seiner Natur nach vielfach zusammengesetzt, -und zwar, so rechtmäßig wie er als Ganzes auch immer -sei, – zusammengesetzt sei er aus lauter Verkehrtheiten. Da -man nun aber, und zwar mit Recht, so fuhr Dr. Krokowski -fort, da man es nun aber richtigerweise ablehne, aus der Verkehrtheit -der Bestandteile auf die Verkehrtheit des Ganzen zu -schließen, so sei man unweigerlich genötigt, einen Teil der Rechtmäßigkeit -des Ganzen, wenn nicht seine ganze Rechtmäßigkeit, -auch für die einzelne Verkehrtheit in Anspruch zu nehmen. -Das sei eine Forderung der Logik, und daran bitte er seine -Zuhörer festzuhalten. Seelische Widerstände und Korrektive -seien es, anständige und ordnende Instinkte von – fast hätte -er sagen mögen bürgerlicher Art, unter deren ausgleichender -und einschränkender Wirkung die verkehrten Bestandteile zum -regelrechten und nützlichen Ganzen verschmölzen, – ein immerhin -häufiger und begrüßenswerter Prozeß, dessen Ergebnis -jedoch (wie Dr. Krokowski etwas wegwerfend hinzufügte) -den Arzt und Denker weiter nichts angehe. In einem anderen -Falle dagegen gelinge er nicht, dieser Prozeß, wolle und solle -<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> -er nicht gelingen, und wer, so fragte Dr. Krokowski, vermöge -zu sagen, ob dies nicht vielleicht den edleren, seelisch -kostbareren Fall bedeute? In diesem Falle nämlich eigne -beiden Kräftegruppen, dem Liebesdrange sowohl wie jenen -gegnerischen Impulsen, unter denen Scham und Ekel besonders -zu nennen seien, eine außerordentliche, das bürgerlich-übliche -Maß überschreitende Anspannung und Leidenschaft, -und, in den Untergründen der Seele geführt, verhindere der -Kampf zwischen ihnen jene Einfriedung, Sicherung und Sittigung -der irrenden Triebe, die zur üblichen Harmonie, zum -vorschriftsmäßigen Liebesleben führe. Dieser Widerstreit zwischen -den Mächten der Keuschheit und der Liebe – denn um -einen solchen handle es sich –, wie gehe er aus? Er endige -scheinbar mit dem Siege der Keuschheit. Furcht, Wohlanstand, -züchtiger Abscheu, zitterndes Reinheitsbedürfnis, sie -unterdrückten die Liebe, hielten sie in Dunkelheiten gefesselt, -ließen ihre wirren Forderungen höchstens teilweise, aber bei -weitem nicht nach ihrer ganzen Vielfalt und Kraft ins Bewußtsein -und zur Betätigung zu. Allein dieser Sieg der Keuschheit -sei nur ein Schein- und Pyrrhussieg, denn der Liebesbefehl -lasse sich nicht knebeln, nicht vergewaltigen, die unterdrückte -Liebe sei nicht tot, sie lebe, sie trachte im Dunklen und Tiefgeheimen -auch ferner sich zu erfüllen, sie durchbreche den Keuschheitsbann -und erscheine wieder, wenn auch in verwandelter, -unkenntlicher Gestalt ... Und welches sei denn nun die Gestalt -und Maske, worin die nicht zugelassene und unterdrückte Liebe -wiedererscheine? So fragte Dr. Krokowski und blickte die -Reihen entlang, als erwarte er die Antwort ernstlich von seinen -Zuhörern. Ja, das mußte er nun auch noch selber sagen, -nachdem er schon so manches gesagt hatte. Niemand außer -<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> -ihm wußte es, aber er würde bestimmt auch dies noch wissen, -das sah man ihm an. Mit seinen glühenden Augen, seiner -Wachsblässe und seinem schwarzen Bart, dazu den Mönchssandalen -über grauwollenen Socken, schien er selbst in seiner -Person den Kampf zwischen Keuschheit und Leidenschaft zu -versinnbildlichen, von dem er gesprochen hatte. Wenigstens -war dies Hans Castorps Eindruck, während er wie alle Welt -mit größter Spannung die Antwort darauf erwartete, in -welcher Gestalt die unzugelassene Liebe wiederkehre. Die Frauen -atmeten kaum. Staatsanwalt Paravant schüttelte rasch noch -einmal sein Ohr, damit es im entscheidenden Augenblick offen -und aufnahmefähig wäre. Da sagte Dr. Krokowski: In Gestalt -der Krankheit! Das Krankheitssymptom sei verkappte -Liebesbetätigung und alle Krankheit verwandelte Liebe. -</p> - -<p> -Nun wußte man es, wenn auch wohl nicht alle es ganz zu -würdigen vermochten. Ein Seufzer ging durch den Saal, -und Staatsanwalt Paravant nickte bedeutsamen Beifall, während -Dr. Krokowski fortfuhr, seine These zu entwickeln. Hans -Castorp seinerseits senkte den Kopf, um zu bedenken, was er -gehört hatte, und sich zu erforschen, ob er es verstünde. Aber -ungeübt, wie er war in solchen Gedankengängen, und außerdem -wenig geisteskräftig infolge seines unbekömmlichen Spazierganges, -war er leicht abzulenken und wurde dann auch sogleich -abgelenkt durch den Rücken vor ihm und den zugehörigen -Arm, der sich hob und rückwärts bog, um mit der Hand, dicht -vor Hans Castorps Augen, von unten das geflochtene Haar -zu stützen. -</p> - -<p> -Es war beklemmend, die Hand so nahe vor Augen zu haben, – -man mußte sie betrachten, ob man wollte oder nicht, sie studieren -in allen Makeln und Menschlichkeiten, die ihr anhafteten, -<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> -als habe man sie unter dem Vergrößerungsglas. Nein, -sie hatte durchaus nichts Aristokratisches, diese zu gedrungene -Schulmädchenhand mit den schlecht und recht beschnittenen -Nägeln, – man war nicht einmal sicher, ob sie an den äußeren -Fingergelenken ganz sauber war, und die Haut neben den -Nägeln war zerbissen, das konnte gar keinem Zweifel unterliegen. -Hans Castorps Mund verzog sich, aber seine Augen -blieben haften an Madame Chauchats Hand, und eine halbe -und unbestimmte Erinnerung ging ihm durch den Sinn an -das, was Dr. Krokowski über die bürgerlichen Widerstände, -die sich der Liebe entgegenstellten, gesagt hatte ... Der Arm -war schöner, dieser weich hinter den Kopf gebogene Arm, -der kaum bekleidet war, denn der Stoff der Ärmel war dünner -als der der Bluse, – die leichteste Gaze, so daß der Arm nur -eine gewisse duftige Verklärung dadurch erfuhr und ganz ohne -Umhüllung wahrscheinlich weniger anmutig gewesen wäre. -Er war zugleich zart und voll – und kühl, aller Mutmaßung -nach. Es konnte hinsichtlich seiner von keinerlei bürgerlichen -Widerständen die Rede sein. -</p> - -<p> -Hans Castorp träumte, den Blick auf Frau Chauchats Arm -gerichtet. Wie die Frauen sich kleideten! Sie zeigten dies und -jenes von ihrem Nacken und ihrer Brust, sie verklärten ihre -Arme mit durchsichtiger Gaze ... Das taten sie in der ganzen -Welt, um unser sehnsüchtiges Verlangen zu erregen. Mein -Gott, das Leben war schön! Es war schön gerade durch solche -Selbstverständlichkeit, wie daß die Frauen sich verlockend kleideten, -– denn selbstverständlich war es ja und so allgemein -üblich und anerkannt, daß man kaum daran dachte und es -sich unbewußt und ohne Aufhebens gefallen ließ. Man sollte -aber daran denken, meinte Hans Castorp innerlich, um sich -<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> -des Lebens recht zu freuen, und sich vergegenwärtigen, daß es -eine beglückende und im Grunde fast märchenhafte Einrichtung -war. Versteht sich, es war um eines gewissen Zweckes -willen, daß die Frauen sich märchenhaft und beglückend kleiden -durften, ohne dadurch gegen die Schicklichkeit zu verstoßen; es -handelte sich um die nächste Generation, um die Fortpflanzung -des Menschengeschlechts, jawohl. Aber wie, wenn die Frau -nun innerlich krank war, so daß sie gar nicht zur Mutterschaft -taugte, – was dann? Hatte es dann einen Sinn, daß sie -Gazeärmel trug, um die Männer neugierig auf ihren Körper -zu machen, – ihren innerlich kranken Körper? Das hatte -offenbar <em>keinen</em> Sinn und hätte eigentlich für unschicklich -gelten und untersagt werden müssen. Denn daß ein Mann -sich für eine kranke Frau interessierte, dabei war doch entschieden -nicht mehr Vernunft, als ... nun, als seinerzeit bei -Hans Castorps stillem Interesse für Pribislav Hippe gewesen -war. Ein dummer Vergleich, eine etwas peinliche Erinnerung. -Aber sie hatte sich ungerufen und ohne sein Zutun eingestellt. -Übrigens brach seine träumerische Betrachtung an diesem -Punkte ab, hauptsächlich weil seine Aufmerksamkeit wieder -auf Dr. Krokowski hingelenkt wurde, dessen Stimme sich auffallend -erhoben hatte. Wahrhaftig, er stand da mit ausgebreiteten -Armen und schräg geneigtem Kopf hinter seinem -Tischchen und sah trotz seines Gehrockes beinahe aus wie der -Herr Jesus am Kreuz! -</p> - -<p> -Es stellte sich heraus, daß Dr. Krokowski am Schlusse seines -Vortrages große Propaganda für die Seelenzergliederung -machte und mit offenen Armen alle aufforderte, zu ihm zu kommen. -Kommet her zu mir, sagte er mit anderen Worten, die -ihr mühselig und beladen seid! Und er ließ keinen Zweifel an -<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> -seiner Überzeugung, daß alle ohne Ausnahme mühselig und -beladen waren. Er sprach von verborgenem Leide, von Scham -und Gram, von der erlösenden Wirkung der Analyse; er pries -die Durchleuchtung des Unbewußten, lehrte die Wiederverwandlung -der Krankheit in den bewußt gemachten Affekt, -mahnte zum Vertrauen, verhieß Genesung. Dann ließ er die -Arme sinken, stellte seinen Kopf wieder gerade, raffte die Druckschriften -zusammen, die ihm bei seinem Vortrage gedient hatten, -und indem er das Päckchen, ganz wie ein Lehrer, mit der -linken Hand gegen die Schulter lehnte, entfernte er sich erhobenen -Hauptes durch den Wandelgang. -</p> - -<p> -Alle standen auf, rückten die Stühle und begannen, sich langsam -gegen denselben Ausgang zu bewegen, durch den der -Doktor den Saal verlassen hatte. Es sah aus, als drängten -sie ihm konzentrisch nach, von allen Seiten, zögernd, doch willenlos -und in benommener Einhelligkeit, wie das Gewimmel hinter -dem Rattenfänger. Hans Castorp blieb stehen im Strom, -seine Stuhllehne in der Hand. Ich bin nur zu Besuch hier, -dachte er; ich bin gesund und komme gottlob überhaupt nicht -in Betracht, und den nächsten Vortrag erlebe ich gar nicht -mehr hier. Er sah Frau Chauchat hinausgehen, schleichend, -mit vorgeschobenem Kopfe. Ob auch sie sich zergliedern läßt? -dachte er, und sein Herz begann zu pochen ... Dabei bemerkte -er nicht, daß Joachim zwischen den Stühlen auf ihn zu kam, -und zuckte nervös zusammen, als der Vetter das Wort an ihn -richtete. -</p> - -<p> -„Du kamst aber im letzten Augenblick“, sagte Joachim. -„Bist du weit gewesen? Wie war es denn?“ -</p> - -<p> -„Oh, nett“, erwiderte Hans Castorp. „Doch, ich war ziemlich -weit. Aber ich muß gestehen, es hat mir weniger gut getan, -<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> -als ich erwartete. Es war wohl verfrüht oder überhaupt verfehlt. -Ich werde es vorläufig nicht wieder tun.“ -</p> - -<p> -Ob ihm der Vortrag gefallen, fragte Joachim nicht, und -Hans Castorp äußerte sich nicht dazu. Wie nach schweigender -Übereinkunft erwähnten sie des Vortrages auch nachher -mit keinem Worte. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-5-7"> -Zweifel und Erwägungen -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Am Dienstag war unser Held nun also seit einer Woche -bei denen hier oben, und so fand er denn, als er vom Morgenspaziergang -zurückkehrte, in seinem Zimmer die Rechnung vor, -seine erste Wochenrechnung, ein reinlich ausgeführtes kaufmännisches -Dokument, in einen grünlichen Umschlag verschlossen, -mit illustriertem Kopf (das Berghofgebäude war bestechend -abgebildet dort oben) und links seitwärts geschmückt -mit einem in schmaler Kolonne angeordneten Auszuge aus -dem Prospekt, worin auch der „psychischen Behandlung nach -modernsten Prinzipien“ in Sperrdruck Erwähnung geschah. -Die kalligraphischen Aufstellungen selbst betrugen ziemlich genau -180 Franken, und zwar entfielen auf die Verpflegung -nebst ärztlicher Behandlung 12 und auf das Zimmer 8 Franken -für den Tag, ferner auf den Posten „Eintrittsgeld“ 20 -Franken und auf die Desinfektion des Zimmers 10 Franken, -während kleinere Sporteln für Wäsche, Bier und den zum -ersten Abendessen genossenen Wein die Summe abrundeten. -</p> - -<p> -Hans Castorp fand nichts zu beanstanden, als er mit Joachim -die Addition überprüfte. „Ja, von der ärztlichen Behandlung -mache ich keinen Gebrauch,“ sagte er, „aber das ist meine -Sache; sie ist einbegriffen in den Pensionspreis, und ich kann -<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> -nicht verlangen, daß sie in Abzug gebracht wird, wie sollte das -auch geschehen? Bei der Desinfektion machen sie einen Schnitt, -denn für 10 Franken <span class="ss">H₂CO</span> können sie unmöglich verpulvert -haben, um die Amerikanerin auszuräuchern. Aber im ganzen -muß ich sagen, ich finde es eher billig als teuer, in Anbetracht -dessen, was geboten wird.“ Und so gingen sie denn vor dem -zweiten Frühstück auf die „Verwaltung“, um die Schuld zu -bereinigen. -</p> - -<p> -Die „Verwaltung“ befand sich zu ebener Erde: wenn man, -jenseits der Halle, an der Garderobe und den Küchen- und -Anrichteräumen vorüber den Flurgang verfolgte, konnte man -die Tür nicht verfehlen, zumal sie durch ein Porzellanschild -ausgezeichnet war. Hans Castorp gewann dort mit Interesse -einen gewissen Einblick in das kaufmännische Zentrum des -Anstaltsbetriebes. Es war ein richtiges kleines Kontor: ein -Schreibmaschinenfräulein war tätig, und drei männliche Angestellte -saßen über Pulte gebückt, während im anstoßenden -Raum ein Herr von dem höheren Ansehen eines Chefs oder -Direktors an einem frei stehenden Zylinderbureau arbeitete -und nur über sein Augenglas hinweg einen kalten und sachlich -musternden Blick auf die Klienten warf. Während man -sie am Schalter abfertigte, einen Schein wechselte, kassierte, -quittierte, bewahrten sie eine ernst-bescheidene, schweigsame, -ja botmäßige Haltung, wie junge Deutsche, die die Achtung -vor der Behörde, der Amtsstube auf jedes Schreib- und Dienstlokal -übertragen; aber draußen, auf dem Wege zum Frühstück -und später im Laufe des Tages plauderten sie einiges über die -Verfassung des Berghof-Instituts, wobei Joachim als der -Eingesessene und Kundige die Fragen seines Vetters beantwortete. -</p> - -<p> -<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> -Hofrat Behrens war keineswegs Inhaber und Besitzer der -Anstalt, – obgleich man wohl diesen Eindruck gewinnen konnte. -Über und hinter ihm standen unsichtbare Mächte, die sich eben -nur in Gestalt des Bureaus bis zu einem gewissen Grade -manifestierten: ein Aufsichtsrat, eine Aktiengesellschaft, der anzugehören -nicht übel sein mochte, da sie nach Joachims glaubwürdiger Versicherung -trotz hoher Ärztegehälter und liberalster -Wirtschaftsprinzipien alljährlich eine saftige Dividende unter -ihre Mitglieder verteilen konnte. Der Hofrat also war kein -selbständiger Mann, er war nichts als ein Agent, ein Funktionär, -ein Verwandter höherer Gewalten, der erste und oberste -freilich, die Seele des Ganzen, von bestimmendem Einfluß -auf die gesamte Organisation, die Intendantur nicht ausgeschlossen, -obgleich er als dirigierender Arzt über jede Beschäftigung -mit dem kaufmännischen Teil des Betriebes natürlich -erhaben war. Aus dem Nordwesten Deutschlands gebürtig, -war er, wie man wußte, wider Absicht und Lebensplan vor -Jahren in diese Stellung gelangt: heraufgeführt durch seine -Frau, deren Reste schon längst der Friedhof von „Dorf“ umfing, -– der malerische Friedhof von Dorf Davos dort oben -am rechtsseitigen Hange, weiter zurück gegen den Eingang -des Tales. Sie war eine sehr liebliche, wenn auch überäugige -und asthenische Erscheinung gewesen, den Photographien nach -zu urteilen, die überall in des Hofrats Dienstwohnung standen, -sowie auch den Ölbildnissen zufolge, die, von seiner eigenen Liebhaberhand -stammend, dort an den Wänden hingen. Nachdem -sie ihm zwei Kinder geschenkt, einen Sohn und eine Tochter, -war ihr leichter, von Hitze ergriffener Körper in diese Gegenden -heraufgezogen worden, und in wenigen Monaten hatte seine -Aus- und Aufzehrung sich vollendet. Man sagte, Behrens, -<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> -der sie vergöttert habe, sei durch den Schlag so schwer getroffen -worden, daß er vorübergehend in Tiefsinn und Wunderlichkeit -verfallen sei und sich auf der Straße durch Kichern, -Gestenspiel und Selbstgespräch auffällig gemacht habe. Er -war dann nicht mehr in seinen ursprünglichen Lebenskreis zurückgekehrt, -sondern an Ort und Stelle geblieben: gewiß auch -darum, weil er sich von dem Grabe nicht trennen mochte; den -Ausschlag aber hatte wohl der weniger sentimentale Grund -gegeben, daß er selbst etwas abbekommen hatte und seiner -eigenen wissenschaftlichen Einsicht nach einfach hierher <em>gehörte</em>. -So hatte er sich eingebürgert als einer der Ärzte, die -Leidensgenossen derjenigen sind, deren Aufenthalt sie überwachen; -die nicht, von der Krankheit unabhängig, sie aus dem -freien Stande persönlicher Intaktheit bekämpfen, sondern selber -ihr Zeichen tragen, – ein eigentümlicher, aber durchaus nicht -vereinzelter Fall, der ohne Zweifel seine Vorzüge wie sein Bedenkliches -hat. Kameradschaft des Arztes mit dem Patienten -ist gewiß zu begrüßen, und es läßt sich hören, daß nur der -Leidende des Leidenden Führer und Heiland zu sein vermag. -Aber ist rechte geistige Herrschaft über eine Macht denn möglich -bei dem, der selber zu ihren Sklaven zählt? Kann befreien, -wer selbst unterworfen ist? Der kranke Arzt bleibt ein Paradoxon -für das einfache Gefühl, eine problematische Erscheinung. -Wird nicht vielleicht sein geistiges Wissen um die Krankheit -durch das erfahrungsmäßige nicht so sehr bereichert und -sittlich gestärkt als getrübt und verwirrt? Er blickt der Krankheit -nicht in klarer Gegnerschaft ins Auge, er ist befangen, -ist nicht eindeutig als Partei; und mit aller gebotenen Vorsicht -muß man fragen, ob ein der Krankheitswelt Zugehöriger -an der Heilung oder auch nur Bewahrung anderer eigentlich -<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> -in dem Sinne interessiert sein kann, wie ein Mann der Gesundheit -... -</p> - -<p> -Von diesen Zweifeln und Erwägungen sprach Hans Castorp -auf seine Weise einiges aus, als er mit Joachim vom -„Berghof“ und seinem ärztlichen Leiter schwatzte, aber Joachim -bemerkte dagegen, man wisse ja gar nicht, ob Hofrat -Behrens heute noch selber Patient sei, – wahrscheinlich sei er -schon längst genesen. Daß er hier zu praktizieren begonnen -hatte, war lange her, – er hatte es eine Weile auf eigene Hand -getrieben und sich als feinhöriger Auskultator wie auch als -sicherer Pneumotom rasch einen Namen gemacht. Dann hatte -der „Berghof“ sich seiner Person versichert, das Institut, mit -dem er nun bald seit einem Jahrzehnt so eng verwachsen -war ... Dort hinten, am Ende des nordwestlichen Flügels, -lag seine Wohnung (Dr. Krokowski hauste nicht weit davon), -und jene altadelige Dame, die Schwester-Oberin, von der -Settembrini so höhnisch gesprochen und die Hans Castorp -bisher nur flüchtig gesehen hatte, stand dem kleinen Witwerhaushalte -vor. Im übrigen war der Hofrat allein, denn sein -Sohn studierte an reichsdeutschen Universitäten, und seine -Tochter war schon vermählt: nämlich an einen Advokaten im -französischen Teile der Schweiz. Der junge Behrens kam in -den Ferien zuweilen zu Besuch, was sich während Joachims -Aufenthalt schon einmal ereignet hatte, und er sagte, die Damen -der Anstalt seien dann sehr bewegt, die Temperaturen stiegen, -Eifersüchteleien führten zu Zank und Streit auf den Liegehallen, -und erhöhter Zudrang herrsche zu Dr. Krokowskis -besonderer Sprechstunde ... -</p> - -<p> -Dem Assistenten war für seine Privatordinationen ein -eigenes Zimmer eingeräumt, das, wie der große Untersuchungsraum, -<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> -das Laboratorium, der Operationssaal und das Durchstrahlungsatelier, -in dem gut belichteten Kellergeschoß des -Anstaltsgebäudes gelegen war. Wir sprechen von einem Kellergeschoß, -weil die steinerne Treppe, die vom Erdgeschoß dorthin -führte, in der Tat die Vorstellung erweckte, daß man sich -in einen Keller begebe, – was aber beinahe ganz auf Täuschung -beruhte. Denn erstens war das Erdgeschoß ziemlich -hoch gelegen, das Berghofgebäude aber zweitens, im ganzen, -auf abschüssigem Grunde, am Berge errichtet, und jene „Keller“-Räumlichkeiten -schauten nach vorn, gegen den Garten -und das Tal: Umstände, durch die Wirkung und Sinn der -Treppe gewissermaßen durchkreuzt und aufgehoben wurden. -Denn man glaubte wohl über ihre Stufen von ebener Erde -hinabzusteigen, befand sich aber drunten immer noch und -wiederum zu ebener Erde oder doch nur ein paar Schuh darunter, -– ein belustigender Eindruck für Hans Castorp, als er -seinen Vetter, der sich vom Bademeister wiegen lassen sollte, -nachmittags einmal in diese Sphäre „hinunter“-begleitete. Es -herrschte klinische Helligkeit und Sauberkeit dort; alles war -weiß in weiß gehalten, und in weißem Lack schimmerten die -Türen, auch die zu Dr. Krokowskis Empfangszimmer, an der -die Visitenkarte des Gelehrten mit einem Reißnagel befestigt -war, und zu der noch eigens zwei Stufen von der Höhe des -Flurganges hinabführten, so daß der dahinter liegende Raum -einen gelaßartigen Charakter erhielt. Sie lag rechts von der -Treppe, diese Tür, am Ende des Ganges, und Hans Castorp -hatte ein besonderes Auge auf sie, während er, auf Joachim -wartend, den Korridor auf und nieder ging. Er sah auch jemanden -herauskommen, eine Dame, die kürzlich eingetroffen -war und deren Namen er noch nicht kannte, eine Kleine, -<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> -Zierliche mit Stirnlöckchen und goldenen Ohrringen. Sie bückte -sich tief, die Stufen ersteigend, und raffte ihren Rock, indes -sie mit der anderen kleinen, beringten Hand ihr Tüchlein an -den Mund preßte und darüberhin aus ihrer gebückten Haltung -mit großen blassen, verstörten Augen ins Leere blickte. -So eilte sie mit engen Trittchen, bei denen ihr Unterrock -rauschte, zur Treppe, blieb plötzlich stehen, als besänne sie sich -auf etwas, setzte sich trippelnd wieder in Lauf und verschwand -im Stiegenhause, immer gebückt und ohne das Tüchlein von -den Lippen zu nehmen. -</p> - -<p> -Hinter ihr, als die Tür sich geöffnet hatte, war es viel dunkler -gewesen als auf dem weißen Korridor: die klinische Helligkeit -dieser unteren Räume reichte offenbar nicht bis dorthinein; -verhülltes Halblicht, tiefe Dämmerung herrschte, wie Hans -Castorp bemerkte, in Dr. Krokowskis analytischem Kabinett. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-5-8"> -Tischgespräche -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Bei den Mahlzeiten im bunten Speisesaal bereitete es dem -jungen Hans Castorp einige Verlegenheit, daß ihm von jenem -auf eigene Hand unternommenen Spaziergang das großväterliche -Kopfzittern zurückgeblieben war, – gerade bei Tisch -stellte es sich fast regelmäßig wieder ein und war dann nicht -zu verhindern und schwer zu verbergen. Außer der würdigen -Kinnstütze, die nicht dauernd festzuhalten war, machte er verschiedene -Mittel ausfindig, die Schwäche zu maskieren, – zum -Beispiel hielt er tunlichst den Kopf in Bewegung, indem er -nach rechts und links konversierte, oder er drückte, etwa wenn -er den Suppenlöffel zum Munde führte, den linken Unterarm -fest auf den Tisch, um sich Haltung zu geben, stellte auch -<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> -wohl den Ellenbogen auf in den Pausen und stützte den Kopf -mit der Hand, obgleich dies eine Flegelei war in seinen eigenen -Augen und nur in ungebundener Krankengesellschaft -allenfalls durchgehen mochte. Aber das alles war lästig und -es fehlte nicht viel, daß es ihm die Mahlzeiten vollständig verleidet -hätte, die er doch sonst, um der Spannungen und Sehenswürdigkeiten -willen, die sie mit sich brachten, so wohl zu -schätzen wußte. -</p> - -<p> -Es lag aber so – und Hans Castorp wußte das auch genau -–, daß die blamable Erscheinung, mit der er kämpfte, -nicht nur körperlicher Herkunft, nicht nur auf die hiesige Luft -und die Anstrengung der Akklimatisation zurückzuführen war, -sondern eine innere Erregung ausdrückte und mit jenen Spannungen -und Sehenswürdigkeiten selbst unmittelbar zusammenhing. -</p> - -<p> -Madame Chauchat kam fast immer zu spät zu Tische, und -bis sie kam, saß Hans Castorp und konnte die Füße nicht -ruhig halten, denn er wartete auf das Schmettern der Glastür, -von dem ihr Eintritt unweigerlich begleitet war, und wußte, -daß er dabei zusammenfahren und sein Gesicht würde kalt -werden fühlen, was denn auch regelmäßig geschah. Anfangs -hatte er jedesmal ergrimmt den Kopf herumgeworfen und -die fahrlässige Nachzüglerin mit zornigen Augen zu ihrem -Platze am „Guten“ Russentisch begleitet, auch wohl ihr halblaut -und zwischen den Zähnen ein Scheltwort, einen Ruf empörter -Mißbilligung nachgesandt. Das unterließ er jetzt, beugte -den Kopf tiefer über den Teller, wobei er sich wohl gar auf die -Lippe biß, oder wandte ihn absichtlich und künstlich nach der -anderen Seite; denn ihm war, als komme der Zorn ihm nicht -mehr zu, als sei er zum Tadel nicht so recht frei, sondern -<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> -mitschuldig an dem Ärgernis und mitverantwortlich dafür vor -den anderen, – kurzum, er schämte sich, und zwar wäre es -ungenau gewesen, zu sagen, daß er sich für Frau Chauchat -schämte, sondern ganz persönlich schämte er sich vor den Leuten, -– was er sich übrigens hätte sparen können, da niemand im -Saale sich um Frau Chauchats Laster noch um Hans Castorps -Scham darüber kümmerte, ausgenommen etwa die Lehrerin, -Fräulein Engelhart, zu seiner Rechten. -</p> - -<p> -Das kümmerliche Wesen hatte begriffen, daß dank Hans -Castorps Empfindlichkeit gegen das Türenwerfen eine gewisse -affekthafte Beziehung des jungen Tischnachbarn zu der Russin -entstanden war, ferner, daß es wenig auf den Charakter einer -solchen Beziehung ankomme, wenn sie nur überhaupt vorhanden -war, und endlich, daß seine geheuchelte – und zwar -aus Mangel an schauspielerischer Übung und Begabung sehr -schlecht geheuchelte – Gleichgültigkeit keine Abschwächung, -sondern eine Verstärkung, eine höhere Phase des Verhältnisses -bedeutete. Ohne Anspruch und Hoffnung für ihre eigene Person, -erging Fräulein Engelhart sich beständig in selbstlos entzückten -Reden über Frau Chauchat, – wobei das Merkwürdige -war, daß Hans Castorp ihr hetzerisches Betreiben, wenn nicht -sofort, so doch auf die Dauer, vollkommen klar erkannte und -durchschaute, ja, daß es ihn sogar anwiderte, ohne daß er sich -darum weniger willig hätte davon beeinflussen und betören -lassen. -</p> - -<p> -„Pardauz!“ sagte das alte Mädchen. „Das ist <em>sie</em>. Man -braucht nicht aufzusehen, um sich zu überzeugen, wer da hereingekommen -ist. Natürlich, da geht sie, – und wie reizend sie -geht, – ganz wie ein Kätzchen zur Milchschüssel schleicht! Ich -wollte, wir könnten die Plätze tauschen, damit Sie sie so -<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> -ungezwungen und bequem betrachten könnten, wie ich es kann. -Ich verstehe es ja, daß Sie nicht immer den Kopf nach ihr -drehen mögen, – Gott weiß, was sie sich schließlich einbilden -würde, wenn sie es merkte ... Jetzt sagt sie ihren Leuten -Guten Tag ... Sie sollten doch einmal hinsehen, es ist so erquickend, -sie zu beobachten. Wenn sie so lächelt und spricht -wie jetzt, bekommt sie ein Grübchen in die eine Wange, aber -nicht immer, nur wenn sie will. Ja, das ist ein Goldkind von -einer Frau, ein verzogenes Geschöpf, daher ist sie so lässig. -Solche Menschen muß man lieben, ob man will oder nicht, -denn wenn sie einen ärgern durch ihre Lässigkeit, so ist auch -der Ärger nur ein Anreiz mehr, ihnen zugetan zu sein, es ist so -beglückend, sich zu ärgern und dennoch lieben zu müssen ...“ -</p> - -<p> -So raunte die Lehrerin hinter der Hand und ungehört von -den anderen, während die flaumige Röte auf ihren Altjungferwangen -an ihre übernormale Körpertemperatur erinnerte; und -ihre wollüstigen Redereien gingen dem armen Hans Castorp -in Mark und Blut. Eine gewisse Unselbständigkeit schuf ihm -das Bedürfnis, von dritter Seite bestätigt zu erhalten, daß -Madame Chauchat eine entzückende Frau sei, und außerdem -wünschte der junge Mann, sich von außen zur Hingabe an -Empfindungen ermutigen zu lassen, denen seine Vernunft und -sein Gewissen störende Widerstände entgegensetzten. -</p> - -<p> -Übrigens erwiesen sich diese Unterhaltungen in sachlicher Beziehung -nur wenig fruchtbar, denn Fräulein Engelhart wußte -beim besten Willen nichts Näheres über Frau Chauchat auszusagen, -nicht mehr als jedermann im Sanatorium; sie kannte -sie nicht, konnte sich nicht einmal einer Bekanntschaft rühmen, -die sie mit ihr gemeinsam gehabt hätte, und das einzige, womit -sie sich vor Hans Castorp ein Ansehen geben konnte, war, -<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> -daß sie in Königsberg – also nicht gar so sehr weit von der -russischen Grenze – zu Hause war und einige Brocken Russisch -kannte, – dürftige Eigenschaften, in denen Hans Castorp aber -etwas wie weitläufige persönliche Beziehungen zu Frau Chauchat -zu sehen bereit war. -</p> - -<p> -„Sie trägt keinen Ring,“ sagte er, „keinen Ehering, wie ich -sehe. Wie ist denn das? Sie ist doch eine verheiratete Frau, -haben Sie mir gesagt?“ -</p> - -<p> -Die Lehrerin geriet in Verlegenheit, als sei sie in die Enge -getrieben und müsse sich herausreden, so sehr verantwortlich -fühlte sie sich für Frau Chauchat Hans Castorp gegenüber. -</p> - -<p> -„Das dürfen Sie nicht so genau nehmen“, sagte sie. „Zuverlässig -ist sie verheiratet. Daran ist kein Zweifel möglich. -Daß sie sich Madame nennt, geschieht nicht nur der größeren -Ansehnlichkeit wegen, wie ausländische Fräulein es machen, -wenn sie ein wenig reifer sind, sondern wir alle wissen es, daß -sie wirklich einen Mann hat irgendwo in Rußland, das ist im -ganzen Orte bekannt. Von Hause aus hat sie einen anderen -Namen, einen russischen und keinen französischen, einen auf --anow oder -ukow, ich habe ihn schon gewußt und nur wieder -vergessen; wenn Sie wollen, erkundige ich mich danach; es -gibt sicher mehrere Personen hier, die den Namen kennen. -Einen Ring? Nein, sie trägt keinen, es ist mir auch schon aufgefallen. -Lieber Himmel, vielleicht kleidet er sie nicht, vielleicht -macht er ihr eine breite Hand. Oder sie findet es spießbürgerlich, -einen Ehering zu tragen, so einen glatten Reif ... es fehlt -nur der Schlüsselkorb ... nein, dazu ist sie gewiß zu großzügig ... -Ich kenne das, die russischen Frauen haben alle so -etwas Freies und Großzügiges in ihrem Wesen. Außerdem hat -so ein Ring etwas geradezu Abweisendes und Ernüchterndes, -<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> -er ist doch ein Symbol der Hörigkeit, möchte ich sagen, er -gibt einer Frau direkt etwas Nonnenhaftes, das reine Blümchen -Rührmichnichtan macht er aus ihr. Ich wundere mich -gar nicht, wenn das nicht nach Frau Chauchats Sinne ist ... -Eine so reizende Frau, in der Blüte der Jahre ... Wahrscheinlich -hat sie weder Grund noch Lust, jeden Herrn, dem sie -die Hand gibt, gleich ihre eheliche Gebundenheit fühlen zu -lassen ...“ -</p> - -<p> -Großer Gott, wie die Lehrerin sich ins Zeug legte! Hans -Castorp sah ihr ganz erschreckt ins Gesicht, aber sie trotzte seinem -Blick mit einer Art von wilder Verlegenheit. Dann schwiegen -beide eine Weile, um sich zu erholen. Hans Castorp aß und -unterdrückte das Zittern seines Kopfes. Endlich sagte er: -</p> - -<p> -„Und der Mann? Er kümmert sich gar nicht um sie? Er -besucht sie niemals hier oben? Was ist er denn eigentlich?“ -</p> - -<p> -„Beamter. Russischer Administrationsbeamter, in einem -ganz entlegenen Gouvernement, Daghestan, wissen Sie, das -liegt ganz östlich über den Kaukasus hinaus, dahin ist er -kommandiert. Nein, ich sagte Ihnen ja, daß noch nie ihn jemand -hier oben gesehen hat. Und dabei ist sie schon wieder -im dritten Monat hier.“ -</p> - -<p> -„Sie ist also nicht zum erstenmal hier?“ -</p> - -<p> -„O nein, schon das drittemal. Und zwischendurch ist sie -wieder wo anders, an ähnlichen Orten. – Umgekehrt, <em>sie</em> besucht -<em>ihn</em> zuweilen, nicht oft, einmal im Jahre auf einige Zeit. -Sie leben getrennt, kann man sagen, und sie besucht ihn zuweilen.“ -</p> - -<p> -„Nun ja, da sie krank ist ...“ -</p> - -<p> -„Gewiß, krank ist sie. Aber doch nicht <em>so</em>. Doch nicht so -ernstlich krank, daß sie geradezu immer in Sanatorien und von -<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> -ihrem Manne getrennt leben müßte. Das muß schon weitere -und andere Gründe haben. Hier nimmt man allgemein an, -daß es noch andere hat. Vielleicht gefällt es ihr nicht in -Daghestan hinter dem Kaukasus, einer so wilden, entfernten -Gegend, das wäre am Ende nicht zu verwundern. Aber ein -wenig muß es doch auch an dem Manne liegen, wenn es ihr -so gar nicht bei ihm gefällt. Er hat ja einen französischen -Namen, aber darum ist er doch ein russischer Beamter, und -das ist ein roher Menschenschlag, wie Sie mir glauben können. -Ich habe einmal einen davon gesehen, er hatte so einen eisenfarbenen -Backenbart und so ein rotes Gesicht ... Im höchsten -Grade bestechlich sind sie, und dann haben sie es alle mit dem -Wutki, dem Branntwein, wissen Sie ... Anstandshalber -lassen sie sich eine Kleinigkeit zu essen geben, ein paar marinierte -Pilze oder ein Stückchen Stör, und dazu trinken sie – einfach -im Übermaß. Das nennen sie dann einen Imbiß ...“ -</p> - -<p> -„Sie schieben alles auf ihn“, sagte Hans Castorp. „Wir -wissen aber doch nicht, ob es nicht vielleicht an ihr liegt, wenn -sie nicht gut miteinander leben. Man muß gerecht sein. -Wenn ich sie mir so ansehe und diese Unmanier mit dem Türenwerfen -... ich halte sie für keinen Engel, das nehmen Sie mir, -bitte, nicht übel, ich traue ihr nicht über den Weg. Aber Sie -sind nicht unparteiisch, Sie sitzen ja bis über die Ohren in -Vorurteilen zu ihren Gunsten ...“ -</p> - -<p> -So machte er es zuweilen. Mit einer Schlauheit, die seiner -Natur eigentlich fremd war, stellte er es so hin, als bedeute -Fräulein Engelharts Schwärmerei für Frau Chauchat nicht -das, was sie, wie er sehr wohl wußte, in Wirklichkeit bedeutete, -sondern als sei diese Schwärmerei eine selbständige, drollige -Tatsache, mit welcher er, der unabhängige Hans Castorp, die -<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> -alte Jungfer aus kühlem und humoristischem Abstande necken -konnte. Und da er sicher war, daß seine Helfershelferin diese -dreiste Verdrehung gelten und sich gefallen lassen werde, so -war nichts damit gewagt. -</p> - -<p> -„Guten Morgen!“ sagte er. „Haben Sie wohl geruht? -Ich hoffe, Sie haben von Ihrer schönen Minka geträumt? ... -Nein, wie Sie gleich rot werden, wenn man sie nur erwähnt! -Ganz vernarrt sind Sie in sie, das leugnen Sie nur lieber -nicht!“ -</p> - -<p> -Und die Lehrerin, die wirklich errötet war und sich tief über -ihre Tasse beugte, raunte aus ihrem linken Mundwinkel: -</p> - -<p> -„Aber nein, pfui, Herr Castorp! Das ist nicht schön von -Ihnen, daß Sie mich so in Verlegenheit bringen mit Ihren -Anspielungen. Alle merken es ja, daß wir es auf sie abgesehen -haben, und daß Sie mir Dinge sagen, über die ich rot werden -muß ...“ -</p> - -<p> -Es war sonderbar, was die beiden Tischnachbarn da trieben. -Beide wußten, daß sie doppelt und dreifach logen, daß Hans -Castorp nur, um von Frau Chauchat sprechen zu können, die -Lehrerin mit ihr neckte, dabei aber ein ungesundes und übertragenes -Vergnügen darin fand, mit dem alten Mädchen zu -schäkern, – welches ihrerseits darauf einging: erstens aus -kupplerischen Gründen, dann auch, weil sie sich dem jungen -Manne zu Gefallen wohl wirklich etwas in Frau Chauchat -vergafft hatte, und endlich, weil sie es kümmerlich genoß, sich -irgendwie von ihm necken und rot machen zu lassen. Dies -wußten sie beide von sich und vom anderen und wußten auch, -daß jeder es von sich und vom anderen wisse, und das alles -war verwickelt und unsauber. Aber obgleich Hans Castorp von -verwickelten und unsauberen Dingen im ganzen angewidert -<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> -wurde und sich auch in diesem Falle davon angewidert -fühlte, so fuhr er doch fort, in dem trüben Elemente zu plätschern, -indem er sich zur Beruhigung sagte, daß er ja nur zu -Besuch hier oben sei und demnächst wieder abreisen werde. -Mit erkünstelter Sachlichkeit beurteilte er kennerhaft das -Äußere der „lässigen“ Frau, stellte fest, daß sie von vorn gesehen -entschieden jünger und hübscher wirke als im Profil, daß -ihre Augen zu weit auseinander lägen und ihre Haltung viel -zu wünschen übriglasse, wofür allerdings ihre Arme schön und -„weich geformt“ seien. Und indem er dies sagte, suchte er das -Zittern seines Kopfes zu verbergen, wobei er aber nicht nur -erkennen mußte, daß die Lehrerin seine vergebliche Anstrengung -bemerkte, sondern auch mit dem größten Widerwillen die Wahrnehmung -machte, daß sie selber ebenfalls mit dem Kopfe -zitterte. Auch war es nichts als Politik und unnatürliche -Schlauheit gewesen, daß er Frau Chauchat als „schöne Minka“ -bezeichnet hatte; denn so konnte er weiter fragen: -</p> - -<p> -„Ich sage ‚Minka‘, aber wie heißt sie denn eigentlich in -Wirklichkeit. Ich meine mit Vornamen. So vernarrt, wie -Sie unstreitig in sie sind, müssen Sie doch unbedingt ihren -Vornamen wissen.“ -</p> - -<p> -Die Lehrerin dachte nach. -</p> - -<p> -„Warten Sie, ich weiß ihn“, sagte sie. „Ich habe ihn gewußt. -Heißt sie nicht Tatjana? Nein, das war es nicht, und -auch nicht Natascha. Natascha Chauchat? Nein, so habe -ichs nicht gehört. Halt, ich habe es! Awdotja heißt sie. Oder -es war doch etwas in diesem Charakter. Denn Katjenka oder -Ninotschka heißt sie nun einmal bestimmt nicht. Es ist mir -wahrhaftig entfallen. Aber ich kann es mit Leichtigkeit in Erfahrung -bringen, wenn Ihnen daran gelegen ist.“ -</p> - -<p> -<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> -Wirklich wußte sie am nächsten Tage den Namen. Sie -sprach ihn beim Mittagessen aus, als die Glastür ins Schloß -schmetterte. Frau Chauchat hieß Clawdia. -</p> - -<p> -Hans Castorp verstand nicht gleich. Er ließ sich den Namen -wiederholen und buchstabieren, bevor er ihn auffaßte. Dann -sprach er ihn mehrmals nach, indem er dabei mit rot geäderten -Augen zu Frau Chauchat hinüberblickte und ihn ihr gewissermaßen -anprobierte. -</p> - -<p> -„Clawdia,“ sagte er, „ja, so mag sie wohl heißen, es stimmt -ganz gut.“ Er machte kein Hehl aus seiner Freude über die -intime Kenntnis und sprach jetzt nur noch von „Clawdia“, -wenn er Frau Chauchat meinte. „Ihre Clawdia dreht ja -Brotkugeln, habe ich eben gesehen. Fein ist das nicht.“ „Es -kommt darauf an, wer es tut“, antwortete die Lehrerin. -„Clawdia steht es.“ -</p> - -<p> -Ja, die Mahlzeiten im Saal mit den sieben Tischen hatten -den allergrößten Reiz für Hans Castorp. Er bedauerte es, -wenn eine davon zu Ende ging, aber sein Trost war, daß er -sehr bald, in zwei oder zweieinhalb Stunden, wieder hier sitzen -werde, und wenn er wieder hier saß, so war es, als sei er nie -aufgestanden. Was lag dazwischen? Nichts. Ein kurzer -Spaziergang zum Wasserlauf oder ins Englische Viertel, ein -wenig Ruhe im Stuhl. Das war keine ernste Unterbrechung, -kein schwer zu nehmendes Hindernis. Etwas anderes, wenn -Arbeit, irgendwelche Sorgen und Mühen sich vorgelagert -hätten, die im Geiste nicht leicht zu übersehen, zu übergehen -gewesen wären. Dies war jedoch nicht der Fall im klug und -glücklich geregelten Leben des „Berghofs“. Hans Castorp -konnte sich, wenn er von einer gemeinsamen Mahlzeit aufstand, -ganz unmittelbar auf die nächste freuen, – sofern nämlich -<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> -„sich freuen“ das richtige Wort war für die Art von Erwartung, -mit der er dem neuen Zusammensein mit der kranken -Frau Clawdia Chauchat entgegensah, und nicht ein zu leichtes, -vergnügtes, einfältiges und gewöhnliches. Möglicherweise ist -der Leser geneigt, nur solche Ausdrücke, nämlich vergnügte -und gewöhnliche, in bezug auf Hans Castorps Person und sein -Innenleben als passend und zulässig zu erachten; aber wir erinnern -daran, daß er sich als ein junger Mann von Vernunft -und Gewissen auf den Anblick und die Nähe Frau Chauchats -nicht einfach „freuen“ konnte und, da wir es wissen müssen, -stellen wir fest, daß er dies Wort, wenn man es ihm angeboten -hätte, achselzuckend verworfen haben würde. -</p> - -<p> -Ja, er wurde hochnäsig gegen gewisse Ausdrucksmittel, – -das ist eine Einzelheit, die angemerkt zu werden verdient. Er -ging umher, indes seine Wangen in trockener Hitze standen, -und sang vor sich hin, sang in sich hinein, denn sein Befinden -war musikalisch und sensitiv. Er summte ein Liedchen, das er, -wer weiß wo und wann, in einer Gesellschaft oder bei einem -Wohltätigkeitskonzert einmal von einer kleinen Sopranstimme -gehört und jetzt in sich vorgefunden hatte, – einen sanften -Unsinn, der anfing: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Wie berührt mich wundersam</p> - <p class="verse">Oft ein Wort von dir“,</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -und er war im Begriffe, hinzuzusetzen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Das von deiner Lippe kam</p> - <p class="verse">Und zum Herzen mir!“ –</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -als er plötzlich die Achseln zuckte, „lächerlich“ sagte und das -zarte Liedchen als abgeschmackt und läppisch empfindsam verwarf -und von sich wies, – es mit einer gewissen Melancholie -und Strenge von sich wies. An solchem innigen Liedchen -<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> -mochte irgendein junger Mann Genüge und Gefallen finden, -der „sein Herz“, wie man zu sagen pflegt, erlaubter-, friedlicher- -und aussichtsreicherweise irgendeinem gesunden Gänschen -dort unten im Flachlande „geschenkt“ hatte und sich nun -seinen erlaubten, aussichtsreichen, vernünftigen und im Grunde -vergnügten Empfindungen überließ. Für ihn und sein Verhältnis -zu Madame Chauchat – das Wort „Verhältnis“ -kommt auf seine Rechnung, wir lehnen die Verantwortung dafür -ab – schickte sich ein solches Gedichtchen entschieden nicht; -in seinem Liegestuhl fand er sich bewogen, das ästhetische Urteil -„albern!“ darüber zu fällen und brach in der Mitte ab, indem -er die Nase rümpfte, obgleich er nichts Geeigneteres dafür -einzusetzen wußte. -</p> - -<p> -Eins aber bereitete ihm Genugtuung, wenn er lag und auf -sein Herz, sein körperliches Herz achtete, das rasch und vernehmlich -in der Stille pochte, – der vorschriftsmäßigen Hausordnungsstille, -die während der Haupt- und Schlafliegekur -über dem ganzen „Berghof“ waltete. Es pochte hartnäckig -und vordringlich, sein Herz, wie es das fast beständig tat, seitdem -er hier oben war; doch nahm Hans Castorp neuerdings -weniger Anstoß daran als in den ersten Tagen. Man konnte -jetzt nicht mehr sagen, daß es auf eigene Hand, grundlos und -ohne Zusammenhang mit der Seele klopfte. Ein solcher Zusammenhang -war vorhanden oder doch unschwer herzustellen; -eine rechtfertigende Gemütsbewegung ließ sich der exaltierten -Körpertätigkeit zwanglos unterlegen. Hans Castorp brauchte -nur an Frau Chauchat zu denken – und er dachte an sie –, -so besaß er zum Herzklopfen das zugehörige Gefühl. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-5-9"> -<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> -Aufsteigende Angst. Von den beiden Großvätern -und der Kahnfahrt im Zwielicht -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Das Wetter war spottschlecht, – in dieser Beziehung hatte -Hans Castorp kein Glück mit seinem flüchtigen Aufenthalt in -diesen Gegenden. Es schneite nicht gerade, aber es regnete -tagelang schwer und häßlich, dicke Nebel erfüllten das Tal, und -Gewitter von lächerlicher Überflüssigkeit – denn es war ohnehin -so kalt, daß man im Speisesaal sogar geheizt hatte – entluden -sich mit umständlich ausrollendem Widerhall. -</p> - -<p> -„Schade“, sagte Joachim. „Ich hatte gedacht, wir wollten -mal mit dem Frühstück auf die Schatzalp oder sonst etwas -unternehmen. Aber es scheint, es soll nicht sein. Hoffentlich -wird deine letzte Woche besser.“ -</p> - -<p> -Aber Hans Castorp antwortete: -</p> - -<p> -„Laß nur. Ich brenne gar nicht auf Unternehmungen. -Meine erste ist mir nicht sonderlich bekommen. Ich erhole -mich am besten, wenn ich so in den Tag hineinlebe, ohne viel -Abwechslung. Abwechslung ist für die Langjährigen. Aber -ich mit meinen drei Wochen, was brauche ich Abwechslung.“ -</p> - -<p> -So war es, er fühlte sich ausgefüllt und beschäftigt an Ort -und Stelle. Wenn er Hoffnungen hegte, so blühten Erfüllung -wie Enttäuschung ihm hier, und nicht auf irgendeiner Schatzalp. -Langeweile war es nicht, was ihn plagte; im Gegenteil -begann er zu fürchten, das Ende seines Aufenthalts möchte -allzu beschwingt erscheinen. Die zweite Woche schritt vor, -zwei Drittel seiner Zeit würden bald abgelebt sein, und brach -erst das dritte an, so dachte man schon an den Koffer. Die -erste Auffrischung von Hans Castorps Zeitsinn war längst vorbei; -schon begannen die Tage dahinzufliegen, und das taten -<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> -sie, obgleich jeder einzelne von ihnen sich in immer erneuter -Erwartung dehnte und von stillen, verschwiegenen Erlebnissen -schwoll ... Ja, die Zeit ist ein rätselhaftes Ding, es hat eine -schwer klarzustellende Bewandtnis mit ihr! -</p> - -<p> -Wird es nötig sein, jene verschwiegenen Erlebnisse, die Hans -Castorps Tage zugleich beschwerten und beschwingten, näher -zu kennzeichnen? Aber jedermann kennt sie, es waren durchaus -die gewöhnlichen in ihrer sensiblen Nichtigkeit, und in -einem vernünftiger und aussichtsreicher gelagerten Fall, auf -den das abgeschmackte Liedchen „Wie berührt mich wundersam“ -anwendbar gewesen wäre, hätten sie sich auch nicht -anders abspielen können. -</p> - -<p> -Unmöglich, daß Madame Chauchat von den Fäden, die -sich von einem gewissen Tische zu ihrem spannen, nicht irgend -etwas hätte bemerken sollen; und daß sie etwas, ja möglichst -viel davon bemerke, lag zügelloserweise durchaus in Hans -Castorps Absichten. Wir nennen das zügellos, weil er sich -über die Vernunftwidrigkeit seines Falles völlig im klaren -war. Aber um wen es steht, wie es um ihn stand oder zu -stehen begann, der will, daß man drüben von seinem Zustande -Kenntnis habe, auch wenn kein Sinn und Verstand bei der -Sache ist. So ist der Mensch. -</p> - -<p> -Nachdem also Frau Chauchat sich zwei- oder dreimal zufällig -oder unter magnetischer Einwirkung beim Essen nach -jenem Tisch umgewandt hatte und jedesmal den Augen Hans -Castorps begegnet war, blickte sie zum viertenmal mit Vorbedacht -hinüber und begegnete seinen Augen auch diesmal. -In einem fünften Fall ertappte sie ihn zwar nicht unmittelbar; -er war gerade nicht auf dem Posten. Doch fühlte er es sofort, -daß sie ihn ansah, und blickte ihr so eifrig entgegen, daß sie -<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> -sich lächelnd abwandte. Mißtrauen und Entzücken erfüllten -ihn angesichts dieses Lächelns. Wenn sie ihn für kindlich hielt, -so täuschte sie sich. Sein Bedürfnis nach Verfeinerung war -bedeutend. Bei sechster Gelegenheit, als er ahnte, spürte, die -innere Kunde gewann, daß sie herüberblickte, tat er, als betrachte -er mit eindringlichem Mißfallen eine finnige Dame, -die an seinen Tisch getreten war, um mit der Großtante zu -plaudern, hielt eisern durch, wohl zwei oder drei Minuten -lang, und gab nicht nach, bis er sicher war, daß die Kirgisenaugen -dort drüben von ihm abgelassen hatten, – eine wunderliche -Schauspielerei, die Frau Chauchat nicht nur durchschauen -mochte, sondern ausdrücklich durchschauen <em>sollte</em>, damit Hans -Castorps große Feinheit und Selbstbeherrschung sie nachdenklich -stimme ... Es kam zu folgendem. In einer Eßpause -wandte Frau Chauchat sich nachlässig um und musterte den -Saal. Hans Castorp war auf dem Posten gewesen: ihre Blicke -trafen sich. Indes sie einander ansehen – die Kranke unbestimmt -spähend und spöttisch, Hans Castorp mit erregter -Festigkeit (er biß sogar die Zähne zusammen, während er -ihren Augen standhielt) – will ihr die Serviette entfallen, ist -im Begriffe, ihr vom Schoße zu Boden zu gleiten. Nervös -zusammenzuckend greift sie danach, aber auch ihm fährt es -in die Glieder, es reißt ihn halbwegs vom Stuhle empor, und -blindlings will er über acht Meter Raum hinweg und um einen -zwischenstehenden Tisch herum ihr zu Hilfe stürzen, als würde -es eine Katastrophe bedeuten, wenn die Serviette den Boden -erreichte ... Knapp über dem Estrich wird sie ihrer noch habhaft. -Aber aus ihrer gebückten Haltung, überquer zu Boden -geneigt, die Serviette am Zipfel und mit verfinsterter Miene, -offenbar ärgerlich über die unvernünftige kleine Panik, der sie -<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> -unterlegen und an der sie ihm, wie es scheint, die Schuld gibt, – -blickt sie noch einmal nach ihm zurück, bemerkt seine Sprungstellung, -seine emporgerissenen Brauen und wendet sich lächelnd -ab. -</p> - -<p> -Über dies Vorkommnis triumphierte Hans Castorp bis zur -Ausgelassenheit. Jedoch blieb der Rückschlag nicht aus, denn -Madame Chauchat wandte sich nun volle zwei Tage lang, -also während der Dauer von zehn Mahlzeiten, überhaupt nicht -mehr nach dem Saale um, ja, unterließ es sogar, sich bei ihrem -Eintritt, wie es sonst ihre Gepflogenheiten gewesen, dem Publikum -zu „präsentieren“. Das war hart. Aber da diese -Unterlassungen sich ganz ohne Zweifel auf ihn bezogen, so -war eine Beziehung eben doch deutlich vorhanden, wenn auch -in negativer Gestalt; und das mochte genügen. -</p> - -<p> -Er sah wohl, daß Joachim vollständig recht gehabt hatte -mit seiner Bemerkung, es sei gar nicht leicht, hier Bekanntschaft -zu machen, außer mit Tischgenossen. Denn während -der einzigen knappen Stunde nach dem Diner, in der eine gewisse -Geselligkeit regelmäßig statthatte, die aber oft auf zwanzig -Minuten zusammenschrumpfte, saß Madame Chauchat -ohne Ausnahme mit ihrer Umgebung, dem hohlbrüstigen -Herrn, der humoristischen Wollhaarigen, dem stillen Dr. Blumenkohl -und den hängeschultrigen Jünglingen, im Hintergrunde -des kleinen Salons, der dem „Guten Russentisch“ vorbehalten -schien. Auch drängte Joachim stets bald zum Aufbruch, -um die Abendliegekur nicht zu verkürzen, wie er sagte, -und vielleicht noch aus anderen diätetischen Gründen, die er -nicht anführte, die aber Hans Castorp ahnte und achtete. Wir -erhoben den Vorwurf der Zügellosigkeit gegen ihn, aber wohin -seine Wünsche nun immer gehen mochten, die gesellschaftliche -<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> -Bekanntschaft mit Frau Chauchat war es nicht, was er anstrebte, -und mit den Umständen, die dagegen wirkten, war -er im Grunde einverstanden. Die unbestimmt gespannten Beziehungen, -die sein Schauen und Betreiben zwischen ihm und -der Russin hergestellt hatte, waren außergesellschaftlicher Natur, -sie verpflichteten zu nichts und durften zu nichts verpflichten. -Denn ein beträchtliches Maß von gesellschaftlicher Ablehnung -vertrug sich wohl mit ihnen, auf seiner Seite, und die Tatsache, -daß er den Gedanken an „Clawdia“ dem Klopfen seines -Herzens unterlegte, genügte bei weitem nicht, den Enkel Hans -Lorenz Castorps in der Überzeugung wankend zu machen, daß -er mit dieser Fremden, die ihr Leben getrennt von ihrem Mann -und ohne Trauring am Finger an allen möglichen Kurorten -verbrachte, sich mangelhaft hielt, die Tür hinter sich zufallen -ließ, Brotkugeln drehte und zweifellos an den Fingern kaute, – -daß er, sagen wir, in Wirklichkeit, das heißt: über jene geheimen -Beziehungen hinaus, nichts mit ihr zu schaffen haben -könne, daß tiefe Klüfte ihre Existenz von der seinen trennten, -und daß er vor keiner Kritik, die er anerkannte, mit ihr bestehen -würde. Einsichtigerweise war Hans Castorp ganz ohne -persönlichen Hochmut; aber ein Hochmut allgemeiner und -weiter hergeleiteter Art stand ihm ja auf der Stirn und um -die etwas schläfrig blickenden Augen geschrieben, und aus ihm -entsprang das Überlegenheitsgefühl, dessen er sich beim Anblick -von Frau Chauchats Sein und Wesen nicht entschlagen -konnte noch wollte. Es war sonderbar, daß er sich dieses weitläufigen -Überlegenheitsgefühls besonders lebhaft und vielleicht -überhaupt zum erstenmal bewußt wurde, als er Frau Chauchat -eines Tages Deutsch sprechen hörte, – sie stand, beide Hände -in den Taschen ihres Sweaters, nach Schluß einer Mahlzeit -<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> -im Saale, und mühte sich, wie Hans Castorp im Vorübergehen -wahrnahm, im Gespräch mit einer anderen Patientin, -einer Liegehallengenossin wahrscheinlich, auf übrigens reizende -Art um die deutsche Sprache, Hans Castorps Muttersprache, -wie er mit plötzlichem und nie gekanntem Stolze empfand, – -wenn auch nicht ohne gleichzeitige Neigung, diesen Stolz dem -Entzücken aufzuopfern, womit ihr anmutiges Stümpern und -Radebrechen ihn erfüllte. -</p> - -<p> -Mit einem Worte: Hans Castorp sah in seinem stillen Verhältnis -zu dem nachlässigen Mitgliede Derer hier oben ein -Ferienabenteuer, das vor dem Tribunal der Vernunft – seines -eigenen vernünftigen Gewissens – keinerlei Anspruch auf -Billigung erheben konnte: hauptsächlich deshalb nicht, weil -Frau Chauchat ja krank war, schlaff, fiebrig und innerlich -wurmstichig, ein Umstand, der mit der Zweifelhaftigkeit ihrer -Gesamtexistenz nahe zusammenhing und auch an Hans Castorps -Vorsichts- und Abstandsgefühlen stark beteiligt war ... -Nein, ihre wirkliche Bekanntschaft zu suchen, kam ihm nicht -in den Sinn, und was das andere betraf, so würde es ja in -anderthalb Wochen, wenn er bei Tunder & Wilms in die -Praxis trat, wohl oder übel folgenlos beendet sein. -</p> - -<p> -Vorderhand allerdings stand es so mit ihm, daß er angefangen -hatte, die Gemütsbewegungen, Spannungen, Erfüllungen -und Enttäuschungen, die ihm aus seinen zarten Beziehungen -zu der Patientin erwuchsen, als den eigentlichen Sinn -und Inhalt seines Ferienaufenthaltes zu betrachten, ganz ihnen -zu leben und seine Laune von ihrem Gedeihen abhängig zu -machen. Die Umstände leisteten ihrer Pflege den wohlwollendsten -Vorschub, denn man lebte bei feststehender und jedermann -bindender Tagesordnung auf beschränktem Raum beieinander, -<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> -und wenn auch Frau Chauchat in einem anderen Stockwerk – -im ersten – zu Hause war (sie hielt übrigens ihre Liegekur, wie -Hans Castorp von der Lehrerin hörte, in einer gemeinsamen -Liegehalle, nämlich der, die sich auf dem Dache befand, derselben, -in der Hauptmann Miklosich neulich das Licht abgedreht -hatte), so war doch allein schon durch die fünf Mahlzeiten, -aber auch sonst auf Schritt und Tritt, vom Morgen -bis zum Abend die Möglichkeit, ja Unumgänglichkeit der Begegnung -gegeben. Und auch dies, ebenso wie das andere, -daß keine Sorgen und Mühen die Aussicht versperrten, fand -Hans Castorp famos, wenn auch solches Eingesperrtsein mit -dem günstigen Ungefähr zugleich etwas Beklemmendes hatte. -</p> - -<p> -Doch half er sogar noch ein bißchen nach, rechnete und -stellte seinen Kopf in den Dienst der Sache, um das Glück zu -verbessern. Da Frau Chauchat gewohnheitsmäßig verspätet -zu Tische kam, so legte er es darauf an, ebenfalls zu spät zu -kommen, um ihr unterwegs zu begegnen. Er versäumte sich -bei der Toilette, war nicht fertig, wenn Joachim eintrat, um -ihn abzuholen, ließ den Vetter vorangehen und sagte, er käme -gleich nach. Beraten von dem Instinkt seines Zustandes, wartete -er einen gewissen Augenblick ab, der ihm der richtige schien, -und eilte ins erste Stockwerk hinab, wo er nicht die Treppe -benutzte, die die Fortsetzung derjenigen bildete, die ihn herabgeführt -hatte, sondern den Korridor fast bis ans Ende, bis -zur anderen Treppe verfolgte, die einer längst bekannten Zimmertür -– es war die von Nr. 7 – nahegelegen war. Auf -diesem Wege, den Korridor entlang, von einer Treppe zur -anderen, bot sozusagen jeder Schritt eine Chance, denn jeden -Augenblick konnte die bewußte Tür sich öffnen, – und das -tat sie wiederholt: krachend fiel sie hinter Frau Chauchat zu, -<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> -die für ihre Person lautlos hervorgetreten war und lautlos -zur Treppe glitt ... Dann ging sie vor ihm her und stützte -das Haar mit der Hand, oder Hans Castorp ging vor ihr her -und fühlte ihren Blick in seinem Rücken, wobei er ein Reißen -in den Gliedern sowie ein Ameisenlaufen den Rücken hinunter -verspürte, in dem Wunsche aber, sich vor ihr aufzuspielen, so -tat, als wisse er nichts von ihr und führe sein Einzelleben in -kräftiger Unabhängigkeit, – die Hände in die Rocktaschen -grub und ganz unnötigerweise die Schultern rollte oder sich -heftig räusperte und sich dabei mit der Faust vor die Brust -schlug, – alles, um seine Unbefangenheit zu bekunden. -</p> - -<p> -Zweimal trieb er die Abgefeimtheit noch weiter. Nachdem -er am Eßtisch schon Platz genommen, sagte er bestürzt und -ärgerlich, indem er sich mit beiden Händen betastete: „Da, ich -habe mein Taschentuch vergessen! Jetzt heißt es, sich noch einmal -hinaufbequemen.“ Und er ging zurück, damit er und -„Clawdia“ einander <em>begegneten</em>, was denn doch noch etwas -anderes, gefährlicher und von schärferen Reizen war, als -wenn sie vor oder hinter ihm ging. Das erstemal, als er -dies Manöver ausgeführt, maß sie ihn zwar aus einiger Entfernung -mit den Augen, und zwar recht rücksichtslos und ohne -Verschämtheit, von oben bis unten, wandte aber, herangekommen, -gleichgültig das Gesicht ab und ging so vorüber, so -daß das Ergebnis dieses Zusammentreffens nicht hoch zu veranschlagen -war. Beim zweitenmal aber sah sie ihn an, und -nicht nur von weitem, – die ganze Zeit sah sie ihn an, während -des ganzen Vorganges, blickte ihm fest und sogar etwas -finster in das Gesicht und drehte im Vorübergehen sogar noch -den Kopf nach ihm, – es ging dem armen Hans Castorp -durch Mark und Bein. Übrigens sollte man ihn nicht bedauern, -<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> -da er es nicht anders gewollt und alles selbst in die Wege -geleitet hatte. Aber die Begegnung ergriff ihn gewaltig, sowohl -während sie sich abspielte wie namentlich noch nachträglich; -denn erst als alles vorüber war, sah er recht deutlich, wie -es gewesen. Noch niemals hatte er Frau Chauchats Gesicht -so nahe, so in allen Einzelheiten klar erkennbar vor sich gehabt: -er hatte die kurzen Härchen unterscheiden können, die -sich aus dem Geflecht ihres blonden, ein wenig ins Metallisch-Rötliche -spielenden und einfach um den Kopf geschlungenen -Zopfes lösten, und nur ein paar Handbreit Raum war gewesen -zwischen seinem Gesicht und dem ihren in seiner wundersamen, -ihm aber von langer Hand her vertrauten Bildung, -die ihm zusagte wie nichts in der Welt: einer Bildung, fremdartig -und charaktervoll (denn nur das Fremde scheint uns -Charakter zu haben), von nördlicher Exotik und geheimnisreich, -zur Ergründung auffordernd, insofern ihre Merkmale und -Verhältnisse nicht leicht zu bestimmen waren. Das Entscheidende -war wohl die Betontheit der hochsitzenden Wangenknochenpartie: -sie bedrängte die ungewohnt flach, ungewohnt -weit voneinander liegenden Augen und trieb sie ein wenig ins -Schiefe, während sie zugleich die Ursache abgab für das weiche -Konkav der Wangen, das wiederum, von seiner Seite und -mittelbar, die leicht aufgeworfene Üppigkeit der Lippen bewirkte. -Dann aber waren da namentlich die Augen selbst gewesen, -diese schmal und (so fand Hans Castorp) schlechthin zauberhaft -geschnittenen Kirgisenaugen, deren Farbe das Graublau -oder Blaugrau ferner Berge war, und die sich zuweilen, -bei einem gewissen Seitenblick, der nicht zum Sehen diente, auf -eine schmelzende Weise völlig ins Schleierig-Nächtige verdunkeln -konnten, – Clawdias Augen, die ihn rücksichtslos und -<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> -etwas finster aus nächster Nähe betrachtet hatten und nach Stellung, -Farbe, Ausdruck denen Pribislav Hippes so auffallend -und erschreckend ähnlich waren! „Ähnlich“ war gar nicht das -richtige Wort, – es waren dieselben Augen; und auch die -Breite der oberen Gesichtshälfte, die eingedrückte Nase, alles, -bis auf die gerötete Weiße der Haut, die gesunde Farbe der -Wangen, die bei Frau Chauchat ja aber Gesundheit nur vortäuschte -und, wie bei allen hier oben, nichts als ein oberflächliches -Erzeugnis der Liegekur im Freien war, – alles war ganz -wie bei Pribislav, und nicht anders hatte dieser ihn angesehen, -wenn sie auf dem Schulhof aneinander vorübergingen. -</p> - -<p> -Das war erschütternd in jedem Sinn; Hans Castorp war -begeistert von der Begegnung, und zugleich spürte er etwas -wie aufsteigende Angst, eine Beklemmung derselben Art, wie -das Eingesperrtsein mit dem günstigen Ungefähr auf engem -Raum ihm verursachte: auch dies, daß der längst vergessene -Pribislav ihm hier oben als Frau Chauchat wieder begegnete -und ihn mit Kirgisenaugen ansah, war wie ein Eingesperrtsein -mit Unumgänglichem oder Unentrinnbarem, – in beglückendem -und ängstlichem Sinn Unentrinnbarem. Es war -hoffnungsreich und zugleich auch unheimlich, ja bedrohlich, und -ein Gefühl der Hilfsbedürftigkeit kam den jungen Hans Castorp -an, – in seinem Inneren vollzogen sich unbestimmte -und instinktmäßige Bewegungen, die man als ein Sichumsehen, -als ein Tasten und Suchen nach Hilfe, nach Rat und -Stütze hätte ansprechen mögen; er dachte nacheinander an -verschiedene Personen, an die zu denken etwa zuträglich sein -mochte. -</p> - -<p> -Da war Joachim, der gute, ehrenfeste Joachim an seiner -Seite, dessen Augen in diesen Monaten einen so traurigen -<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> -Ausdruck angenommen, und der zuweilen so wegwerfend-heftig -mit den Achseln zuckte, wie er es früher nie und nimmer -getan, – Joachim mit dem „Blauen Heinrich“ in der Tasche, -wie Frau Stöhr dies Gerät zu bezeichnen pflegte: mit einem -so störrisch schamlosen Gesicht, daß es Hans Castorp jedesmal -in der Seele entsetzte ... Der redliche Joachim also war -da, der Hofrat Behrens tirrte und plagte, um fortzukommen -und in der „Ebene“ oder im „Flachlande“, wie man hier die -Welt der Gesunden mit einem leisen, aber deutlichen Akzent -von Geringschätzung nannte, seinen ersehnten Dienst tun zu -können. Damit er schneller dazu gelange und Zeit spare, mit -der man hier so verschwenderisch umging, hielt er denn vorerst -einmal mit aller Gewissenhaftigkeit den Kurdienst ein, – -tat es um seiner baldigen Genesung willen, ohne Frage, aber, -wie Hans Castorp manchmal zu spüren glaubte, ein wenig -doch auch um des Kurdienstes willen, der am Ende ein Dienst -war wie ein anderer, und Pflichterfüllung war Pflichterfüllung. -So drängte denn Joachim abends schon nach einer -Viertelstunde aus der Geselligkeit fort in die Liegekur, und das -war gut, denn seine militärische Genauigkeit kam dem zivilen -Sinn Hans Castorps gewissermaßen zu Hilfe, der sich sonst -wohl, sinn- und aussichtsloserweise, gern noch des längeren -an der Geselligkeit beteiligt hätte, mit Aussicht auf den kleinen -Russensalon. Daß aber Joachim so dringlich darauf bedacht -war, die Abendgeselligkeit abzukürzen, das hatte noch einen -anderen, verschwiegenen Grund, auf den sich Hans Castorp -genau verstand, seit er Joachims fleckiges Erblassen und jene -eigentümlich klägliche Art, in der sein Mund sich in gewissen -Augenblicken verzerrte, so genau verstehen gelernt hatte. Denn -auch Marusja, die ewig lachlustige Marusja mit dem kleinen -<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> -Rubin an ihrem schönen Finger, dem Apfelsinenparfüm und -der hohen, wurmstichigen Brust war ja bei der Geselligkeit -meistens zugegen, und Hans Castorp begriff, daß dieser Umstand -Joachim forttrieb, weil er ihn allzusehr, auf eine schreckliche -Weise anzog. War auch Joachim „eingesperrt“, – noch -enger und beklemmender sogar als er selbst, da ja Marusja -mit ihrem Apfelsinentüchlein zu allem Überfluß auch noch fünfmal -am Tage mit ihnen zusammen an demselben Eßtisch saß? -Jedenfalls hatte Joachim viel zu viel mit sich selbst zu tun, -als daß sein Dasein eigentlich innerlich hilfreich für Hans Castorp -hätte sein können. Seine tägliche Flucht aus der Geselligkeit -wirkte zwar ehrenhaft, aber nichts weniger als beruhigend -auf diesen, und dann kam es ihm augenblicksweise -auch vor, als ob Joachims gutes Beispiel in bezug auf die -Pflichttreue im Kurdienst, die kundige Anleitung dazu, die er -ihm zuteil werden ließ, ihr Bedenkliches hätten. -</p> - -<p> -Hans Castorp war noch nicht zwei Wochen an Ort und -Stelle, aber es schien ihm länger, und die Tagesordnung Derer -hier oben, die Joachim an seiner Seite so dienstfromm beobachtete, -hatte angefangen, in seinen Augen das Gepräge einer -heilig-selbstverständlichen Unverbrüchlichkeit anzunehmen, so -daß ihm das Leben im Flachlande drunten, von hier gesehen, -fast sonderbar und verkehrt erschien. Schon hatte er in der -Handhabung der beiden Decken, mit denen man bei kalter -Witterung in der Liegekur ein ebenmäßig Paket, eine richtige -Mumie aus sich machte, schöne Gewandtheit gewonnen; es -fehlte nicht viel, so tat er es Joachim gleich in der sicheren -Fertigkeit und Kunst, sie vorschriftsmäßig um sich zu schlagen, -und fast mußte er sich wundern bei dem Gedanken, daß in der -Ebene drunten niemand etwas von dieser Kunst und Vorschrift -<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> -wußte. Ja, das war wunderlich; – aber zugleich wunderte sich -Hans Castorp darüber, daß er es wunderlich fand, und jene -Unruhe, die ihn innerlich nach Rat und Stütze sich umsehen -ließ, stieg neuerdings in ihm auf. -</p> - -<p> -Er mußte an Hofrat Behrens denken und an seinen <span class="antiqua" lang="la">sine -pecunia</span> erteilten Rat, ganz so zu leben wie die Patientenschaft -und sich sogar auch zu messen, – und an Settembrini, -der über diesen Rat so laut in die Luft hinein gelacht und dann -etwas aus der „Zauberflöte“ zitiert hatte. Ja, auch an diese -beiden dachte er probeweise, um zu sehen, ob es ihm gut täte. -Hofrat Behrens war ja ein weißhaariger Mann, er hätte -Hans Castorps Vater sein können. Dazu war er Vorsteher -der Anstalt, die höchste Autorität, – und väterliche Autorität -war es, wonach der junge Hans Castorp ein unruhiges Herzensbedürfnis -empfand. Und doch wollte es ihm nicht gelingen, -wenn er es versuchte, des Hofrats mit kindlichem Vertrauen -zu gedenken. Er hatte hier seine Frau begraben, ein -Kummer, von dem er vorübergehend etwas wunderlich geworden -war, und dann war er am Orte geblieben, weil das -Grab ihn band, und außerdem weil er selbst etwas abbekommen -hatte. War es nun vorbei damit? War er gesund und -unzweideutig gesonnen, die Leute gesund zu machen, damit -sie recht bald ins Flachland zurückkehren und Dienst tun könnten? -Seine Backen waren beständig blau, und eigentlich sah -er aus, als hätte er Übertemperatur. Aber das mochte auf -Täuschung beruhen und nur die Luft schuld sein an dieser Gesichtsfarbe: -Hans Castorp selber spürte hier ja tagein, tagaus -eine trockene Hitze, ohne Fieber zu haben, soweit er es ohne -Thermometer beurteilen konnte. Zwar, wenn man den Hofrat -reden hörte, konnte man wieder zuweilen an Übertemperatur -<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> -glauben; es war nicht ganz richtig mit seiner Redeweise: sie -klang so forsch und fidel und gemütlich, aber es war etwas -Sonderbares darin, etwas Exaltiertes, besonders wenn man -die blauen Backen mit in Betracht zog, sowie die tränenden -Augen, die aussahen, als weine er immer noch über seine -Frau. Hans Castorp erinnerte sich dessen, was Settembrini -über des Hofrats „Schwermut“ und „Lasterhaftigkeit“ ausgesagt, -und daß er ihn eine „verworrene Seele“ genannt -hatte. Das mochte Bosheit sein und Windbeutelei; aber er -fand trotzdem, daß es nicht sonderlich stärkend sei, an Hofrat -Behrens zu denken. -</p> - -<p> -Aber da war denn freilich noch dieser Settembrini selbst, -der Oppositionsmann, Windbeutel und „<span class="antiqua" lang="la">homo humanus</span>“, -wie er sich selber nannte, der es ihm mit vielen prallen Worten -verwiesen hatte, Krankheit und Dummheit zusammen -einen Widerspruch und ein Dilemma für das menschliche Gefühl -zu nennen. Wie stand es mit ihm? Und war es zuträglich, -an ihn zu denken? Hans Castorp erinnerte sich wohl, -wie er in mehreren der übermäßig lebhaften Träume, die hier -oben seine Nächte erfüllten, Ärgernis genommen an dem feinen, -trockenen Lächeln des Italieners, das sich unter der schönen -Rundung seines Schnurrbartes kräuselte, wie er ihn einen -Drehorgelmann gescholten und ihn wegzudrängen versucht -hatte, weil er hier störe. Aber das war im Traum gewesen, -und der wachende Hans Castorp war ein anderer, weniger -ungehemmt als der des Traumes. Im Wachen mochte es -etwas anderes sein, – vielleicht tat er gut daran, es innerlich -mit Settembrinis neuartigem Wesen zu versuchen, – mit seiner -Aufsässigkeit und Kritik, obgleich sie larmoyant und -geschwätzig war. Er selbst hatte sich ja einen Pädagogen -<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> -genannt; offenbar wünschte er Einfluß zu nehmen; und den -jungen Hans Castorp verlangte es herzlich, beeinflußt zu werden, -– was ja freilich so weit nicht zu gehen brauchte, daß er -sich von Settembrini bestimmen ließ, seinen Koffer zu packen -und vor der Zeit abzureisen, wie jener es neulich allen Ernstes -in Vorschlag gebracht hatte. -</p> - -<p> -<span class="antiqua" lang="la">Placet experiri</span>, dachte er bei sich lächelnd, denn so viel -Latein verstand er auch noch, ohne sich einen <span class="antiqua" lang="la">homo humanus</span> -nennen zu dürfen. Und so hatte er denn ein Auge auf Settembrini -und hörte bereitwillig und nicht ohne prüfende Aufmerksamkeit -auf das, was er alles zum besten gab bei Begegnungen, -wie sie bei den gemessenen Kurpromenaden zur Bank -an der Bergwand oder nach „Platz“ hinab sich beiläufig ereigneten, -oder bei anderer Gelegenheit, zum Beispiel wenn -Settembrini nach beendeter Mahlzeit sich als erster erhob und -in seinen karierten Beinkleidern, einen Zahnstocher zwischen -den Lippen, durch den Saal mit den sieben Tischen schlenderte, -um gegen alle Vorschrift und Übung ein wenig am Tische -der Vettern zu hospitieren. Er tat es, indem er in anmutiger -Haltung, mit gekreuzten Füßen, Aufstellung nahm und mit -dem Zahnstocher gestikulierend plauderte. Oder er zog auch -einen Stuhl heran, nahm Platz an einer Ecke zwischen Hans -Castorp und der Lehrerin einerseits oder zwischen Hans Castorp -und Miß Robinson andererseits und sah zu, wie die -neun Tischgenossen ihren Nachtisch verzehrten, auf den er verzichtet -zu haben schien. -</p> - -<p> -„Ich bitte um Zutritt in diesen edlen Kreis“, sagte er, indem -er den Vettern die Hand schüttelte und die übrigen Personen -mit einer Verbeugung umfaßte. „Dieser Bierbrauer -dort drüben ... von dem verzweiflungsvollen Anblick der -<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> -Bierbrauerin zu schweigen. Aber dieser Herr Magnus, – -soeben hat er einen völkerpsychologischen Vortrag gehalten. -Wollen Sie hören? ‚Unser liebes Deutschland ist eine große -Kaserne, gewiß. Aber es steckt viel Tüchtigkeit dahinter, und -ich tausche unsere Gediegenheit für die Höflichkeit der andern -nicht ein. Was hilft mir alle Höflichkeit, wenn ich vorn und -hinten betrogen werde?‘ In diesem Stile. Ich bin am Rand -meiner Kräfte. Dann sitzt da mir gegenüber ein armes Wesen -mit Friedhofsrosen auf den Backen, eine alte Jungfer aus -Siebenbürgen, die ohne Unterbrechung von ihrem ‚Schwager‘ -spricht, einem Menschen, von dem niemand etwas weiß, -noch wissen will. Kurzum, ich kann nicht mehr, ich habe mich -aus dem Staub gemacht.“ -</p> - -<p> -„Fluchtartig haben Sie das Panier ergriffen,“ sagte Frau -Stöhr; „das kann ich mir denken.“ -</p> - -<p> -„Exakt!“ rief Settembrini. „Das Panier! Ich sehe, hier -weht ein anderer Wind, – kein Zweifel, ich bin vor die rechte -Schmiede gekommen. Fluchtartig also ergriff ich es ... Wer -so seine Worte zu setzen wüßte! – Darf ich mich nach den -Fortschritten Ihrer Gesundheit erkundigen, Frau Stöhr?“ -</p> - -<p> -Es war entsetzlich, wie Frau Stöhr sich zierte. „Großer -Gott,“ sagte sie, „es ist immer dasselbe, der Herr wissen ja -selbst. Man tut zwei Schritte vorwärts und drei zurück, – -hat man fünf Monate abgesessen, so kommt der Alte und -legt einem ein halbes Jahr zu. Ach, es sind Tantalusqualen. -Man schiebt und schiebt, und glaubt man, oben zu sein ...“ -</p> - -<p> -„Oh, das ist schön von Ihnen! Sie gönnen dem armen -Tantalus endlich einige Abwechslung! Sie lassen ihn austauschweise -einmal den berühmten Marmor wälzen! Das -nenne ich wahre Herzensgüte. Aber wie ist es, Madame, es -<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> -gehen geheimnisvolle Dinge mit Ihnen vor. Man hat Geschichten -von Doppelgängerei, Astralleibern ... Ich habe -daran nicht geglaubt bisher, aber was sich mit Ihnen zuträgt, -macht mich irre ...“ -</p> - -<p> -„Es scheint, der Herr will seine Ergötzlichkeit mit mir -treiben.“ -</p> - -<p> -„Durchaus nicht! Ich denke nicht daran! Beruhigen Sie -mich zuerst über gewisse dunkle Seiten Ihrer Existenz, und -wir werden von Ergötzlichkeit reden können! Ich mache mir -gestern abend zwischen halb zehn und zehn Uhr ein wenig Bewegung -im Garten – ich blicke dabei die Balkons entlang – -das elektrische Lämpchen auf dem Ihren glüht durch das -Dunkel. Sie befanden sich folglich in der Liegekur, nach Pflicht, -Vernunft und Vorschrift. ‚Da liegt unsere schöne Kranke‘, -sage ich zu mir selbst, ‚und beobachtet treulich die Verordnung, -um baldigst heimkehren zu können in die Arme des Herrn -Stöhr.‘ Und vor wenigen Minuten, was höre ich? Daß Sie -zu derselben Stunde im <span class="antiqua" lang="it">cinematógrafo</span> (Herr Settembrini -sprach das Wort italienisch aus, mit dem Akzent auf der vierten -Silbe) – im <span class="antiqua" lang="it">cinematógrafo</span> der Kurhausarkaden gesehen -worden sind und hernach noch in der Konditorei bei Süßwein -und irgendwelchen Baisers, und zwar ...“ -</p> - -<p> -Die Stöhr wand sich in den Schultern, kicherte in ihre -Serviette, stieß Joachim Ziemßen und den stillen Dr. Blumenkohl -mit den Ellenbogen in die Seiten, zwinkerte listig-vertraulich -und gab auf alle Weise eine stockdumme Selbstgefälligkeit -zu erkennen. Sie pflegte abends zur Täuschung der -Aufsicht ihr brennendes Tischlämpchen auf den Balkon hinauszustellen, -sich heimlich davonzumachen und drunten im Englischen -Viertel ihrer Zerstreuung nachzugehen. Ihr Mann -<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> -wartete in Cannstatt auf sie. Übrigens war sie nicht der -einzige Patient, der diese Praktik übte. -</p> - -<p> -„... und zwar,“ fuhr Settembrini fort, „hätten Sie diese -Baisers – in wessen Gesellschaft gekostet? In der Gesellschaft -des Hauptmanns Miklosich aus Bukarest! Man versichert -mir, er trage ein Korsett, aber mein Gott, wie wenig fällt das -hier ins Gewicht! Ich beschwöre Sie, Madame, wo waren -Sie? Sie sind doppelt! Jedenfalls waren Sie eingeschlafen, -und während der irdische Teil Ihres Wesens einsam Liegekur -machte, erlustierte sich der spirituelle in der Gesellschaft des -Hauptmanns Miklosich und an seinen Baisers ...“ -</p> - -<p> -Frau Stöhr wand und sträubte sich, wie jemand, den man -kitzelt. -</p> - -<p> -„Man weiß nicht, ob man das Umgekehrte wünschen soll“, -sagte Settembrini. „Daß Sie die Baisers allein genossen -und die Liegekur mit dem Hauptmann Miklosich ausgeübt -hätten ...“ -</p> - -<p> -„Hi, hi, hi ...“ -</p> - -<p> -„Kennen die Herrschaften die vorgestrige Geschichte?“ -fragte der Italiener unvermittelt. „Jemand ist abgeholt -worden, – vom Teufel geholt, oder eigentlich von seiner Frau -Mutter, einer tatkräftigen Dame, sie hat mir gefallen. Es ist -der junge Schneermann, Anton Schneermann, der dort vorn -am Tische von Mademoiselle Kleefeld saß, – Sie sehen, sein -Platz ist leer. Er wird bald genug wieder besetzt sein, ich mache -mir keine Sorge, aber Anton ist fort auf Sturmesschwingen, -im Hui und eh ers gedacht. Anderthalb Jahre war er hier – -mit seinen sechzehn; es waren ihm eben noch sechs Monate -zugelegt worden. Und was geschieht? Ich weiß nicht, wer -Madame Schneermann ein Wort hatte zufließen lassen, auf -<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> -jeden Fall hatte sie Wind bekommen von dem Wandel ihres -Söhnchens in <span class="antiqua" lang="la">Baccho et ceteris</span>. Unangemeldet erscheint sie -auf dem Plan, eine Matrone – drei Köpfe größer als ich, -weißhaarig und zornmütig, zieht Herrn Anton, ohne zu reden, -ein paar Ohrfeigen herunter, nimmt ihn beim Kragen und -setzt ihn auf die Bahn. ‚Soll er zu Grund gehen,‘ sagt sie, ‚so -kann ers auch unten.‘ Und fort gehts nach Hause.“ -</p> - -<p> -Man lachte, soweit man in Hörweite saß, denn Herr Settembrini -erzählte drollig. Er zeigte sich auf dem Laufenden über -die letzten Neuigkeiten, obgleich er sich doch gegen das Gemeinschaftsleben -Derer hier oben so kritisch-spöttisch verhielt. -Er wußte alles. Er kannte die Namen und ungefähr auch die -Lebensumstände Neuangekommener; er berichtete, daß gestern -bei dem und dem oder der und der eine Rippenresektion vorgenommen -worden und hatte es aus bester Quelle, daß vom -Herbst an Kranke über 38,5 Grad nicht mehr aufgenommen -werden würden. In der letzten Nacht hatte sich, seiner Erzählung -nach, das Hündchen der Madame Capatsoulias aus -Mytilene auf den Knopf des elektrischen Lichtsignals auf dem -Nachttisch seiner Herrin gesetzt, woraus viel Rennerei und -Tumult entstanden war, besonders, da man Madame Capatsoulias -nicht allein, sondern in Gesellschaft des Assessors -Düstmund aus Friedrichshagen gefunden habe. Selbst Dr. -Blumenkohl mußte lächeln über diese Geschichte, die hübsche -Marusja wollte in ihrem Orangentüchlein fast ersticken, und -Frau Stöhr schrie gellend, indem sie die linke Brust mit beiden -Händen preßte. -</p> - -<p> -Aber mit den Vettern sprach Lodovico Settembrini auch von -sich selbst und seiner Herkunft, sei es auf den Spaziergängen, -gelegentlich der Abendgeselligkeit oder nach beendetem Mittagstisch, -<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> -wenn die große Mehrzahl der Patienten den Saal -schon verlassen hatte und die drei Herren noch eine Weile an -ihrem Tafelende sitzenblieben, während die Saaltöchter abräumten -und Hans Castorp seine Maria Mancini rauchte, -deren Würze er in der dritten Woche wieder ein wenig zu -schmecken begann. Aufmerksam prüfend, befremdet, aber -willig sich beeinflussen zu lassen, hörte er den Erzählungen des -Italieners zu, die ihm eine sonderbare, durchaus neuartige -Welt eröffneten. -</p> - -<p> -Settembrini sprach von seinem Großvater, der zu Mailand -Advokat, hauptsächlich aber ein großer Patriot gewesen und -etwas wie einen politischen Agitator, Redner und Zeitschriften-Mitarbeiter -vorgestellt hatte, – auch er ein Oppositionsmann, -gleich dem Enkel, doch hatte er das Ding in größerem, -kühnerem Stile betrieben. Denn während Lodovico, wie er -selber mit Bitterkeit bemerkte, sich darauf angewiesen fand, -das Leben und Treiben im Internationalen Sanatorium Berghof -zu hecheln, höhnische Kritik daran zu üben und im Namen -einer schönen und tatfrohen Menschlichkeit Verwahrung dagegen -einzulegen, hatte jener den Regierungen zu schaffen gemacht, -gegen Österreich und die Heilige Allianz konspiriert, -die damals sein zerstückeltes Vaterland im Banne dumpfer -Knechtschaft gehalten hatten, und war eifriges Mitglied gewisser, -über Italien verbreiteter geheimer Gesellschaften gewesen, -– ein Carbonaro, wie Settembrini mit plötzlich gesenkter -Stimme erklärte, als sei es auch jetzt noch gefährlich, -davon zu sprechen. Kurz, dieser Giuseppe Settembrini stellte -sich, nach den Erzählungen des Enkels, den beiden Zuhörern -als eine dunkle, leidenschaftliche und wühlerische Existenz, als -ein Rädelsführer und Verschwörer dar, und bei aller Achtung, -<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> -deren sie sich höflicherweise befleißigten, gelang es ihnen nicht -ganz, einen Ausdruck mißtrauischer Abneigung, ja des Widerwillens -aus ihren Zügen zu verbannen. Freilich lagen die -Dinge besonders: was sie hörten, war lange her, fast hundert -Jahre, es war Geschichte, und aus der Geschichte, namentlich -der alten, war ihnen das Wesen, von dem sie hier vernahmen, -die Erscheinung verzweifelten Freiheitsmutes und unbeugsamen -Tyrannenhasses theoretisch vertraut, obwohl sie nie -gedacht hatten, so menschlich unmittelbar mit ihm in Berührung -zu kommen. Auch hatte sich mit dem Aufrührer- und -Konspirantentum dieses Großvaters, wie sie hörten, eine große -Liebe zu seinem Vaterlande verbunden, das er einig und frei -wissen wollte, – ja, sein umstürzlerisches Betreiben war Frucht -und Ausfluß dieser achtbaren Verbundenheit gewesen, und wie -sonderbar die Mischung von Aufrührerei und Patriotismus -die Vettern, einen wie den andern, auch anmutete – denn -sie waren gewohnt, vaterländische Gesinnung mit einem erhaltenden -Ordnungssinn gleichzusetzen –, so mußten sie bei -sich selber doch zugeben, daß, wie dort und damals alles sich -verhalten hatte, Rebellion mit Bürgertugend und loyale Gesetztheit -mit träger Gleichgültigkeit gegen das öffentliche Wesen -mochte gleichbedeutend gewesen sein. -</p> - -<p> -Aber nicht nur ein italienischer Patriot war Großvater -Settembrini gewesen, sondern Mitbürger und Mitstreiter -aller nach Freiheit dürstenden Völker. Denn nach dem Scheitern -eines gewissen Hand- und Staatsstreichversuches, den -man in Turin unternommen, und an dem er mit Wort und -Tat beteiligt gewesen, nur mit genauer Not den Häschern des -Fürsten Metternich entkommen, hatte er die Zeit seiner Verbannung -dazu benutzt, in Spanien für die Konstitution und -<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> -in Griechenland für die Unabhängigkeit des hellenischen Volkes -zu kämpfen und zu bluten. Hier war Settembrinis Vater zur -Welt gekommen, – weshalb er denn wohl auch ein so großer -Humanist und Liebhaber des klassischen Altertums geworden -war, – geboren übrigens von einer Mutter deutschen Blutes, -denn Giuseppe hatte das Mädchen in der Schweiz geheiratet -und bei seinen weiteren Abenteuern mit sich geführt. Später, -nach zehnjähriger Landflüchtigkeit, hatte er in die Heimat -zurückkehren können und zu Mailand als Advokat gewirkt, -keineswegs aber darauf verzichtet, die Nation durch das gesprochene -und geschriebene Wort, in Vers und Prosa zur -Freiheit und zur Herstellung der einheitlichen Republik aufzurufen, -staatsumwälzende Programme mit leidenschaftlich -diktatorischem Schwung zu entwerfen und klaren Stiles die -Vereinigung der befreiten Völker zur Errichtung des allgemeinen -Glückes zu verkünden. Eine Einzelheit, deren Settembrini, -der Enkel, erwähnte, machte besonderen Eindruck auf -den jungen Hans Castorp: daß nämlich Großvater Giuseppe -sich zeit seines Lebens ausschließlich in schwarzer Trauerkleidung -unter seinen Mitbürgern gezeigt habe, denn er sei ein -Leidtragender, habe er gesagt, um Italien, sein Vaterland, -das in Elend und Knechtschaft dahinschmachte. Bei dieser -Nachricht mußte Hans Castorp, wie er es übrigens schon vorher -ein paarmal vergleichend getan hatte, an seinen eigenen -Großvater denken, der ebenfalls, solange der Enkel ihn kannte, -sich allezeit schwarz getragen hatte, aber in gründlich anderem -Sinne, als dieser Großvater hier: an die altmodische Tracht -dachte er, mit der Hans Lorenz Castorps eigentliches, einer -vergangenen Zeit angehöriges Wesen sich behelfsweise und -unter Andeutung seiner Unzugehörigkeit der Gegenwart -<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> -angepaßt hatte, bis es im Tode zu seiner wahren und angemessenen -Gestalt (mit der Tellerkrause) feierlich eingegangen war. -Zwei auffallend verschiedenartige Großväter waren das wahrhaftig -gewesen! Hans Castorp dachte darüber nach, indes -seine Augen sich festsahen und er vorsichtig den Kopf schüttelte, -so, daß es ebensogut als ein Zeichen der Bewunderung für -Giuseppe Settembrini, wie auch als Befremdung und Verneinung -gedeutet werden konnte. Auch hütete er sich redlich, -das Fremdartige zu verurteilen, sondern hielt sich an, es bei -Vergleich und Feststellung bewenden zu lassen. Er sah den -schmalen Kopf des alten Hans Lorenz im Saale sich sinnend -über das schwachgoldene Rund der Taufschale, des stehend-wandernden -Erbstückes neigen, – gerundeten Mundes, denn -seine Lippen bildeten die Vorsilbe „Ur“, diesen dumpfen und -frommen Laut, der an Orte erinnerte, an denen man in eine -ehrerbietig vorwärts wiegende Gangart verfiel. Und er sah -Giuseppe Settembrini, die Trikolore im Arm, mit geschwungenem -Säbel und den schwarzen Blick gelobend gen Himmel -gewandt, einer Schar von Freiheitskämpfern voran gegen die -Phalanx des Despotismus stürmen. Beides hatte wohl seine -Schönheit und Ehre, dachte er, um Billigkeit desto mehr bemüht, -als er sich persönlich oder halb persönlich ein wenig -Partei fühlte. Denn Großvater Settembrini hatte ja um -politische Rechte gestritten, seinem eigenen Großvater aber -oder doch dessen Vorvätern hatten ursprünglich alle Rechte -gehört, und die Krapüle hatte sie ihnen im Laufe von vier -Jahrhunderten mit Gewalt und Redensarten entrissen ... -Da waren sie nun beide immer in Schwarz gegangen, der -Großvater im Norden und der im Süden, und beide zu dem -Zweck, einen strengen Abstand zwischen sich und die schlechte -<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> -Gegenwart zu legen. Aber der eine hatte es aus Frömmigkeit -getan, der Vergangenheit und dem Tode zu Ehren, denen sein -Wesen angehörte; der andere dagegen aus Rebellion und zu -Ehren eines frömmigkeitsfeindlichen Fortschritts. Ja, das -waren zwei Welten oder Himmelsgegenden, dachte Hans -Castorp, und wie er gleichsam zwischen ihnen stand, während -Herr Settembrini erzählte, und prüfend bald in die eine, bald -in die andere blickte, so, meinte er, habe er es schon einmal -erfahren. Er erinnerte sich einer einsamen Kahnfahrt im -Abendzwielicht auf einem holsteinischen See, im Spätsommer, -vor einigen Jahren. Um sieben Uhr war es gewesen, die -Sonne war schon hinab, der annähernd volle Mond im Osten -über den buschigen Ufern schon aufgegangen. Da hatte zehn -Minuten lang, während Hans Castorp sich über die stillen -Wasser dahinruderte, eine verwirrende und träumerische Konstellation -geherrscht. Im Westen war heller Tag gewesen, -ein glasig nüchternes, entschiedenes Tageslicht; aber wandte -er den Kopf, so hatte er in eine ebenso ausgemachte, höchst -zauberhafte, von feuchten Nebeln durchsponnene Mondnacht -geblickt. Das sonderbare Verhältnis hatte wohl eine knappe -Viertelstunde bestanden, bevor es sich zugunsten der Nacht -und des Mondes ausgeglichen, und mit heiterem Staunen -waren Hans Castorps geblendete und vexierte Augen von einer -Beleuchtung und Landschaft zur anderen, vom Tage in die -Nacht und aus der Nacht wieder in den Tag gegangen. -Daran also mußte er denken. -</p> - -<p> -Ein großer Rechtsgelehrter, dachte er ferner, konnte Advokat -Settembrini bei seiner Lebensführung und seinem ausgedehnten -Betreiben nicht gut geworden sein. Aber der allgemeine Grundsatz -des Rechtes hatte ihn, wie der Enkel glaubhaft machte, -<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> -von Kindesbeinen bis an sein Lebensende beseelt, und Hans -Castorp, obgleich zur Zeit nicht eben scharf im Kopfe und von -einer sechsgängigen Berghof-Mahlzeit organisch stark in Anspruch -genommen, bemühte sich, zu verstehen, wie Settembrini -es meinte, wenn er diesen Grundsatz „die Quelle der Freiheit -und des Fortschritts“ nannte. Unter dem letzteren hatte Hans -Castorp bisher so etwas verstanden, wie die Entwicklung des -Hebezeug-Wesens im neunzehnten Jahrhundert; und er fand -denn auch, daß Herr Settembrini solche Dinge nicht niedrig -einschätzte, was offenbar auch sein Großvater nicht getan. Der -Italiener erzeigte dem Vaterlande seiner beiden Zuhörer hohe -Ehre in Hinsicht darauf, daß dort das Schießpulver erfunden -worden sei, welches den Harnisch des Feudalismus zum Gerümpel -gemacht habe, sowie die Druckerpresse: denn diese habe -die demokratische Verbreitung der Ideen – das heiße: die Verbreitung -der demokratischen Ideen ermöglicht. Er lobte also -Deutschland in diesem Betracht und, soweit die Vergangenheit -in Frage kam, wenn er auch seinem eigenen Lande billig die -Palme glaubte reichen zu sollen, da es, während die anderen -Völker noch in Aberglauben und Knechtschaft dämmerten, als -erstes die Fahne der Aufklärung, Bildung und Freiheit entrollt -habe. Wenn er aber der Technik und dem Verkehr, Hans -Castorps persönlichem Arbeitsgebiet, viel Reverenz erwies, wie -er es schon bei seiner ersten Begegnung mit den Vettern bei -der Bank am Abhange getan, so schien es doch nicht um dieser -Mächte selbst willen zu geschehen, sondern in Anbetracht -ihrer Bedeutung für die moralische Vervollkommnung der -Menschen, – denn eine solche Bedeutung erklärte er freudig -ihnen beizumessen. Indem die Technik, sagte er, mehr und -mehr die Natur sich unterwerfe, durch die Verbindungen, -<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> -welche sie schaffe, den Ausbau der Straßennetze und Telegraphen, -die klimatischen Unterschiede besiege, erweise sie sich -als das verlässigste Mittel, die Völker einander nahe zu bringen, -ihre gegenseitige Bekanntschaft zu fördern, menschlichen Ausgleich -zwischen ihnen anzubahnen, ihre Vorurteile zu zerstören -und endlich ihre allgemeine Vereinigung herbeizuführen. -Das Menschengeschlecht komme aus Dunkel, Furcht und Haß, -jedoch auf glänzendem Wege bewege es sich vorwärts und aufwärts -einem Endzustande der Sympathie, der inneren Helligkeit, -der Güte und des Glückes entgegen, und auf diesem Wege -sei die Technik das förderlichste Vehikel, sagte er. Aber indem -er so sprach, faßte er in <em>einer</em> Auslassung des Atems Kategorien -zusammen, die Hans Castorp bisher nur weit voneinander -getrennt zu denken gewohnt gewesen war. Technik -und Sittlichkeit! sagte er. Und dann sprach er wahrhaftig vom -Heilande des Christentums, der das Prinzip der Gleichheit und -der Vereinigung zuerst offenbart, worauf die Druckerpresse -die Verbreitung dieses Prinzipes mächtig gefördert und endlich -die große französische Staatsumwälzung es zum Gesetz -erhoben habe. Das mutete den jungen Hans Castorp, wenn -auch aus unbestimmten Gründen, so doch in der Tat auf das -allerbestimmteste konfus an, obwohl Herr Settembrini es in -so klare und pralle Worte faßte. Einmal, erzählte dieser, einmal -in seinem Leben, und zwar zu Beginn seines besten Mannesalters, -habe sein Großvater sich recht von Herzen glücklich -gefühlt, und das sei zur Zeit der Pariser Juli-Revolution gewesen. -Laut und öffentlich habe er damals das Wort gesprochen, -daß alle Menschen dereinst jene drei Tage von Paris neben -die sechs Tage der Weltschöpfung stellen würden. Hier konnte -Hans Castorp nicht umhin, mit der Hand auf den Tisch zu -<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> -schlagen und sich bis in den Grund seiner Seele zu wundern. -Daß man drei Sommertage des Jahres 1830, an welchen die -Pariser sich eine neue Verfassung gegeben, neben die sechs -stellen solle, in denen Gott der Herr die Feste von den Wassern -geschieden und die ewigen Himmelslichter sowie Blumen, -Bäume, Vögel, Fische und alles Leben geschaffen hatte, schien -ihm stark, und noch nachher, allein mit seinem Vetter Joachim, -ausdrücklich und gesprächsweise, fand er es überaus stark, ja -geradezu anstößig. -</p> - -<p> -Aber er war guten Willens, sich beeinflussen zu lassen, im -Sinne des Wortes, daß es angenehm sei, Versuche anzustellen, -und so legte er dem Proteste, den seine Pietät und sein Geschmack -gegen die Settembrinische Anordnung der Dinge erhoben, -Zügel an, in der Erwägung, daß, was ihm lästerlich -vorkam, Kühnheit genannt werden könne und, was ihn abgeschmackt -anmutete, Hochherzigkeit und edelmütiger Überschwang -wenigstens dort und damals gewesen sein mochte: -so zum Beispiel, wenn Großvater Settembrini die Barrikaden -den „Volksthron“ genannt und erklärt hatte, es gelte, „die -Pike des Bürgers am Altar der Menschheit zu weihen“. -</p> - -<p> -Hans Castorp wußte, warum er Herrn Settembrini zuhörte, -nicht ausdrücklich, aber er wußte es. Etwas wie Pflichtgefühl -war dabei, außer jener Ferien-Verantwortungslosigkeit des -Reisenden und Hospitanten, der sich gegen keinen Eindruck -verhärtet und die Dinge an sich herankommen läßt, in dem -Bewußtsein, daß er morgen oder übermorgen wieder die Flügel -lüften und in die gewohnte Ordnung zurückkehren wird: – -etwas wie eine Gewissensvorschrift also, und zwar, um genau -zu sein, die Vorschrift und Mahnung eines irgendwie schlechten -Gewissens, bestimmte ihn, dem Italiener zuzuhören, ein Bein -<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> -über das andere geschlagen und an seiner Maria Mancini -ziehend, oder wenn sie zu dritt vom Englischen Viertel gegen -den Berghof emporstiegen. -</p> - -<p> -Nach Settembrinis Anordnung und Darstellung lagen zwei -Prinzipien im Kampf um die Welt: die Macht und das Recht, -die Tyrannei und die Freiheit, der Aberglaube und das Wissen, -das Prinzip des Beharrens und dasjenige der gärenden Bewegung, -des Fortschritts. Man konnte das eine das asiatische -Prinzip, das andere aber das europäische nennen, denn Europa -war das Land der Rebellion, der Kritik und der umgestaltenden -Tätigkeit, während der östliche Erdteil die Unbeweglichkeit, -die untätige Ruhe verkörperte. Gar kein Zweifel, -welcher der beiden Mächte endlich der Sieg zufallen würde, – -es war die der Aufklärung, der vernunftgemäßen Vervollkommnung. -Denn immer neue Völker raffte die Menschlichkeit -auf ihrem glänzenden Wege mit fort, immer mehr Erde -eroberte sie in Europa selbst und begann, nach Asien vorzudringen. -Doch fehlte noch viel an ihrem vollen Siege, und -noch große und edelmütige Anstrengungen waren von den -Wohlgesinnten, von denen, welche das Licht erhalten hatten, -zu machen, bis nur erst der Tag kam, wo auch in den Ländern -unseres Erdteils, die in Wahrheit weder ein achtzehntes Jahrhundert -noch ein 1789 erlebt hatten, die Monarchien und -Religionen zusammenstürzen würden. Aber dieser Tag werde -kommen, sagte Settembrini und lächelte fein unter seinem -Schnurrbart, – er werde, wenn nicht auf Taubenfüßen, so -auf Adlersschwingen kommen und anbrechen als die Morgenröte -der allgemeinen Völkerverbrüderung im Zeichen der Vernunft, -der Wissenschaft und des Rechtes; die heilige Allianz -der bürgerlichen Demokratie werde er bringen, das leuchtende -<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> -Gegenstück zu jener dreimal infamen Allianz der Fürsten und -Kabinette, deren persönlicher Todfeind Großvater Giuseppe -gewesen, – mit einem Worte die Weltrepublik. Zu diesem -Endziele aber war vor allem erforderlich, das asiatische, das -knechtische Prinzip der Beharrung im Mittelpunkte und Lebensnerv -seines Widerstandes zu treffen, nämlich in Wien. Österreich -gelte es aufs Haupt zu schlagen und zu zerstören, einmal -um Rache zu nehmen für Vergangenes und dann, um die -Herrschaft des Rechtes und Glückes auf Erden in die Wege -zu leiten. -</p> - -<p> -Diese letzte Wendung und Schlußfolgerung von Settembrinis -wohllautenden Ergießungen interessierte Hans Castorp -nun gar nicht mehr, sie mißfiel ihm, ja berührte ihn peinlich -wie eine persönliche oder nationale Verbissenheit, sooft sie -wiederkehrte, – von Joachim Ziemßen zu schweigen, der, wenn -der Italiener in dieses Fahrwasser geriet, mit verfinsterten -Brauen den Kopf abwandte und nicht mehr zuhörte, auch -wohl zum Kurdienste mahnte oder das Gespräch abzulenken -suchte. Auch Hans Castorp fühlte sich nicht gehalten, solchen -Abwegigkeiten Aufmerksamkeit zu schenken, – offenbar lagen -sie außer der Grenze dessen, wovon versuchsweise sich beeinflussen -zu lassen eine Gewissensvorschrift ihn mahnte, und -zwar so vernehmbar mahnte, daß er selbst, wenn Herr Settembrini -sich zu ihnen setzte oder im Freien sich ihnen anschloß, ihn -aufforderte, sich über seine Ideen zu äußern. -</p> - -<p> -Diese Ideen, Ideale und Willensstrebungen, bemerkte Settembrini, -seien Familienüberlieferung in seinem Hause. Denn -alle drei hätten sie ihnen ihr Leben und ihre Geisteskräfte gewidmet, -der Großvater, Vater und Enkel, ein jeder nach seiner -Art: der Vater nicht weniger als der Großvater Giuseppe, -<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> -obgleich er nicht, wie dieser, ein politischer Agitator und Freiheitskämpfer, -sondern ein stiller und zarter Gelehrter, ein Humanist -an seinem Pulte gewesen sei. Was aber sei denn der -Humanismus? Liebe zum Menschen sei er, nichts weiter, und -damit sei er auch Politik, sei er auch Rebellion gegen alles, -was die Idee des Menschen besudele und entwürdige. Man -habe ihm eine übertriebene Schätzung der Form zum Vorwurf -gemacht; aber auch die schöne Form pflege er lediglich um der -Würde des Menschen willen, im glänzenden Gegensatze zum -Mittelalter, das nicht allein in Menschenfeindschaft und Aberglauben, -sondern auch in schimpfliche Formlosigkeit versunken -gewesen sei, und von allem Anbeginn habe er die Sache des -Menschen, die irdischen Interessen, habe er Gedankenfreiheit -und Lebensfreude verfochten und dafür gehalten, daß -der Himmel billig den Spatzen zu überlassen sei. Prometheus! -Er sei der erste Humanist gewesen, und er sei identisch mit -jenem Satanas, auf den Carducci seine Hymne gedichtet ... -Ach, mein Gott, die Vettern hätten den alten Kirchenfeind zu -Bologna gegen die christliche Empfindsamkeit der Romantiker -sollen sticheln und wettern hören! Gegen Manzonis heilige -Gesänge! Gegen die Schatten- und Mondscheinpoesie des -Romanticismo, den er der „bleichen Himmelsnonne Luna“ -verglichen habe! <span class="antiqua" lang="it">Per Bacco</span>, es sei ein Hochgenuß gewesen! -Und hören sollen hätten sie auch, wie er, Carducci, Dante -ausgelegt habe, – als Bürger einer Großstadt habe er ihn -gefeiert, der gegen Askese und Weltverneinung die Tatkraft, -die umwälzende und weltverbessernde, verteidigt habe. Denn -nicht den kränklichen und mystagogischen Schatten der Beatrice -habe der Dichter mit dem Namen der „<span class="antiqua" lang="it">Donna gentile -e pietosa</span>“ geehrt; so heiße vielmehr seine Gattin, die im -<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> -Gedicht das Prinzip der diesseitigen Erkenntnis, der praktischen -Lebensarbeit verkörpere ... -</p> - -<p> -Da hatte Hans Castorp nun auch dies und das über Dante -gehört, und zwar aus bester Quelle. Ganz fest verließ er sich -nicht darauf, in Anbetracht der Windbeutelei des Vermittlers; -aber hörenswert war es immerhin, daß Dante ein geweckter -Großstädter gewesen sei. Und dann hörte er weiter zu, wie -Settembrini von sich selber sprach und erklärte, in seiner, des -Enkels Lodovico, Person nun aber hätten die Tendenzen seiner -unmittelbaren Vorfahren, die staatsbürgerliche des Großvaters -und die humanistische des Vaters, sich vereinigt, indem -er nämlich ein Literat, ein freier Schriftsteller geworden sei. -Denn die Literatur sei nichts anderes als eben dies: sie sei die -Vereinigung von Humanismus und Politik, welche sich um so -zwangloser vollziehe, als ja Humanismus selber schon Politik -und Politik Humanismus sei ... Hier horchte Hans Castorp -auf und gab sich Mühe, es recht zu verstehen; denn er durfte -nun hoffen, Bierbrauer Magnussens ganze Unbelehrtheit einzusehen -und zu erfahren, inwiefern die Literatur denn doch -noch etwas anderes sei als „schöne Charaktere“. Ob, fragte -Settembrini, seine Zuhörer je von Herrn Brunetto gehört -hätten, Brunetto Latini, Stadtschreiber von Florenz um 1250, -der ein Buch über die Tugenden und die Laster geschrieben? -Dieser Meister zuerst habe den Florentinern Schliff gegeben -und sie das Sprechen gelehrt sowie die Kunst, ihre Republik -nach den Regeln der Politik zu lenken. „Da haben Sie es, -meine Herren!“ rief Settembrini. „Da haben Sie es!“ Und -er sprach vom „Worte“, vom Kultus des Wortes, der Eloquenz, -die er den Triumph der Menschlichkeit nannte. Denn -das Wort sei die Ehre des Menschen, und nur dieses mache -<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> -das Leben menschenwürdig. Nicht nur der Humanismus, – -Humanität überhaupt, <a id="corr-41"></a>alle Menschenwürde, Menschenachtung -und menschliche Selbstachtung sei untrennbar mit dem -Worte, mit Literatur verbunden – („Siehst du wohl,“ sagte -Hans Castorp später zu seinem Vetter, „siehst du wohl, daß -es in der Literatur auf die schönen Worte ankommt? Ich -habe es gleich gemerkt.“), – und so sei auch die Politik mit -ihr verbunden, oder vielmehr: sie gehe hervor aus dem Bündnis, -der Einheit von Humanität und Literatur, denn das schöne -Wort erzeuge die schöne Tat. „Sie hatten in Ihrem Lande,“ -sagte Settembrini, „vor zweihundert Jahren einen Dichter, -einen prächtigen alten Plauderer, der großes Gewicht auf eine -schöne Handschrift legte, weil er meinte, daß eine solche zum -schönen Stile führe. Er hätte ein wenig weiter gehen sollen -und sagen, daß ein schöner Stil zu schönen Handlungen führe.“ -Schön schreiben, das heiße beinahe auch schon schön denken, -und von da sei nicht weit mehr zum schönen Handeln. Alle -Sittigung und sittliche Vervollkommnung entstamme dem -Geiste der Literatur, diesem Geiste der Menschenehre, welcher -zugleich auch der Geist der Humanität und der Politik sei. -Ja, dies alles sei eins, sei ein und dieselbe Macht und Idee, -und in <em>einen</em> Namen könne man es zusammenfassen. Wie -dieser Name laute? Nun, dieser Name setze sich aus vertrauten -Silben zusammen, deren Sinn und Majestät die Vettern -aber gewiß so recht noch niemals begriffen hätten, – er -laute: Zivilisation! Und indem Settembrini dies Wort von -den Lippen ließ, warf er seine kleine, gelbe Rechte empor, wie -jemand, der einen Toast ausbringt. -</p> - -<p> -Dies alles fand der junge Hans Castorp hörenswert, zwar -unverbindlicherweise und mehr zum Versuch, doch hörenswert -<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> -auf alle Fälle fand er, daß es sei, und sprach sich in diesem -Sinne auch gegen Joachim Ziemßen darüber aus, der -aber gerade das Thermometer im Munde hatte und also nur -undeutlich antworten konnte, danach auch allzu beschäftigt -war, die Ziffer abzulesen und in die Tabelle einzutragen, um -sich zu Settembrinis Aspekten äußern zu können. Hans Castorp, -wie wir sagten, nahm gutwillig Kenntnis davon und -öffnete ihnen zur Prüfung sein Inneres: woraus vor allem -erhellt, wie vorteilhaft der wachende Mensch sich von dem -blöde träumenden unterscheidet, – als welcher Hans Castorp -Herrn Settembrini schon mehrmals ins Gesicht hinein einen -Drehorgelmann geschimpft und ihn aus allen Kräften von -der Stelle zu drängen versucht hatte, weil er „hier störe“; als -Wachender aber hörte er ihm höflich und aufmerksam zu und -suchte rechtlich gesinnt die Widerstände auszugleichen und -niederzuhalten, die sich gegen des Mentors Anordnungen und -Darstellungen in ihm erheben wollten. Denn daß gewisse -Widerstände in seiner Seele sich regten, soll nicht geleugnet -werden: es waren solche, die von früher her, ursprünglich und -immer schon darin vorhanden gewesen, wie auch solche, die -sich aus der gegenwärtigen Sachlage besonders ergaben, aus -seinen teils mittelbaren, teils verschwiegenen Erlebnissen bei -Denen hier oben. -</p> - -<p> -Was ist der Mensch, wie leicht betrügt sich doch sein Gewissen! -Wie versteht er es, noch aus der Stimme der Pflicht -die Erlaubnis zur Leidenschaft herauszuhören! Aus Pflichtgefühl, -um der Billigkeit, des Gleichgewichts willen hörte -Hans Castorp Herrn Settembrini zu und prüfte wohlmeinend -seine Aspekten über die Vernunft, die Republik und den schönen -Stil, bereit, sich davon beeinflussen zu lassen. Desto statthafter -<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> -aber fand er es hinterdrein, seinen Gedanken und Träumen -wieder in anderer, in <em>entgegengesetzter</em> Richtung freien -Lauf zu lassen, – ja, um unseren ganzen Verdacht oder unsere -ganze Einsicht auszusprechen, so hatte er wohl gar Herrn Settembrini -nur zu dem <em>Zwecke</em> gelauscht, von seinem Gewissen -einen Freibrief zu erlangen, den es ihm ursprünglich nicht -hatte ausfertigen wollen. Was oder wer aber befand sich auf -dieser anderen, dem Patriotismus, der Menschenwürde und -der schönen Literatur entgegengesetzten Seite, wohin Hans -Castorp sein Sinnen und Betreiben nun wieder lenken zu dürfen -glaubte? Dort befand sich ... Clawdia Chauchat, – -schlaff, wurmstichig und kirgisenäugig; und indem Hans Castorp -ihrer gedachte (übrigens ist „gedenken“ ein allzu gezügelter -Ausdruck für seine Art, sich ihr innerlich zuzuwenden), -war es ihm wieder, als säße er im Kahn auf jenem holsteinischen -See und blicke aus der glasigen Tageshelle des westlichen -Ufers vexierten und geblendeten Auges hinüber in die -nebeldurchsponnene Mondnacht der östlichen Himmel. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-5-10"> -Das Thermometer -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Hans Castorps Woche lief hier von Dienstag bis Dienstag, -denn an einem Dienstag war er ja angekommen. Daß er im -Bureau seine zweite Wochenrechnung beglichen hatte, lag schon -ein paar Tage zurück, – die bescheidene Wochenrechnung -von rund 160 Franken, bescheiden und billig nach seinem Urteil, -selbst wenn man die Unbezahlbarkeiten des hiesigen Aufenthalts, -eben ihrer Unbezahlbarkeit wegen, überhaupt nicht -in Anschlag brachte, auch nicht gewisse Darbietungen, die wohl -berechenbar gewesen wären, wenn man gewollt hätte, wie -<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> -zum Exempel die vierzehntägige Kurmusik und die Vorträge -Dr. Krokowskis, sondern allein und ausschließlich die eigentliche -Bewirtung und gasthausmäßige Leistung, das bequeme -Logis, die fünf übergewaltigen Mahlzeiten. -</p> - -<p> -„Es ist nicht viel, es ist eher billig, du kannst nicht klagen, -daß man dich überfordert hier oben“, sagte der Hospitant zu -dem Eingesessenen. „Du brauchst also rund 650 Franken den -Monat für Wohnung und Essen, und dabei ist ja die ärztliche -Behandlung schon einbegriffen. Gut. Nimm an, du wirfst -im Monat noch dreißig Franken für Trinkgelder aus, wenn -du anständig bist und Wert legst auf freundliche Gesichter. -Das sind 680 Franken. Gut. Du wirst mir sagen, daß es -noch Spesen und Sporteln gibt. Man hat Auslagen für Getränke, -für Kosmetik, für Zigarren, man macht mal einen -Ausflug, eine Wagenfahrt, wenn du willst, und dann und -wann gibt es eine Schuster- oder Schneiderrechnung. Gut, -aber bei alldem bringst du mit dem besten Willen noch keine -tausend Franken im Monat unter! Noch keine achthundert -Mark! Das sind noch keine 10000 Mark im Jahr. Mehr -ist es auf keinen Fall. Davon lebst du.“ -</p> - -<p> -„Kopfrechnen lobenswert“, sagte Joachim. „Ich wußte -gar nicht, daß du so gewandt darin bist. Und daß du gleich -die Jahreskalkulation aufstellst, das finde ich großzügig von -dir, entschieden hast du schon etwas gelernt hier oben. Übrigens -rechnest du zu hoch. Ich rauche ja keine Zigarren, und -Anzüge hoffe ich mir hier auch nicht machen lassen zu müssen, -ich danke!“ -</p> - -<p> -„Also sogar noch zu hoch“, sagte Hans Castorp etwas verwirrt. -Aber wie es nun gekommen sein mochte, daß er seinem -Vetter Zigarren und neue Anzüge in Rechnung gestellt hatte, -<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> -– was sein behendes Kopfrechnen betraf, so war das nichts -weiter als Blendwerk und Irreführung über seine natürlichen -Gaben. Denn wie in allen Stücken, war er auch hierin eher -langsam und bar des Feuers, und seine rasche Übersicht in -diesem Falle war keine Stegreifleistung, sondern beruhte auf -Vorbereitung, und zwar auf <em>schriftlicher</em> Vorbereitung, indem -nämlich Hans Castorp eines Abends während der Liegekur -(denn er legte sich abends nun doch hinaus, da alle es -taten) eigens von seinem vorzüglichen Liegestuhl aufgestanden -war, um sich, einem plötzlichen Einfall folgend, aus dem Zimmer -Papier und Bleistift zum Rechnen zu holen. Damit hatte -er denn festgestellt, daß sein Vetter, oder vielmehr, daß man -überhaupt hier alles in allem 12000 Franken pro Jahr benötige -und sich zum Spaße innerlich klargemacht, daß er für -seine Person dem Leben hier oben wirtschaftlich mehr als gewachsen -sei, da er sich als einen Mann von 18-19000 Franken -jährlich betrachten durfte. -</p> - -<p> -Seine zweite Wochenrechnung also war vor drei Tagen -gegen Dank und Quittung geregelt worden, was so viel heißen -will, wie daß er sich mitten in der dritten und plangemäß -letzten Woche seines Aufenthaltes hier oben befand. Am -kommenden Sonntag würde er noch eines der vierzehntägig -wiederkehrenden Kurkonzerte hier miterleben und am Montag -noch einem der ebenfalls vierzehntägig sich wiederholenden -Vorträge Dr. Krokowskis beiwohnen, – sagte er zu -sich selbst und zu seinem Vetter; am Dienstag oder Mittwoch -aber würde er reisen und Joachim wieder allein hier -zurücklassen, den armen Joachim, dem Radamanth noch wer -weiß wie viele Monate zudiktiert hatte, und dessen sanfte, -schwarze Augen sich jedesmal wehmütig verschleierten, wenn -<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> -von Hans Castorps rapid heranrückender Abreise die Rede -war. Ja, großer Gott, wo war diese Ferienzeit geblieben! -Verronnen, verflogen, enteilt, – man wußte wahrhaftig nicht -recht zu sagen, wie. Es waren doch schließlich einundzwanzig -Tage gewesen, die sie hatten miteinander verleben sollen, eine -lange Reihe, nicht leicht zu übersehen am Anfang. Und nun -waren auf einmal nur noch drei, vier geringfügige Tage davon -übrig, ein wenig beträchtlicher Restbestand, etwas beschwert -allerdings durch die beiden periodischen Abwandlungen -des Normaltages, aber schon erfüllt von Pack- und Abschiedsgedanken. -Drei Wochen waren eben so gut wie nichts -hier oben, – sie hatten es ihm ja alle gleich gesagt. Die kleinste -Zeiteinheit war hier der Monat, hatte Settembrini gesagt, -und da Hans Castorps Aufenthalt sich unter dieser Größe -hielt, so war er eben ein Nichts von einem Aufenthalt und -eine Stippvisite, wie Hofrat Behrens sich ausgedrückt hatte. -Ob es vielleicht an der erhöhten Allgemeinverbrennung lag, -daß die Zeit hier so im Handumdrehen verging? Solche -Raschlebigkeit war ja ein Trost für Joachim in Hinsicht auf -die fünf Monate, die ihm noch bevorstanden, falls es bei -fünfen sein Bewenden haben würde. Aber während dieser -drei Wochen hätten sie der Zeit etwas besser aufpassen sollen, -so, wie es während des Messens geschah, wo dann die vorgeschriebenen -sieben Minuten zu einer so bedeutenden Zeitspanne -wurden ... Hans Castorp fühlte herzliches Mitleid -mit seinem Vetter, dem die Trauer über den nahe bevorstehenden -Verlust des menschlichen Gesellschafters in den Augen zu -lesen war, – fühlte in der Tat das stärkste Mitleid mit ihm, -wenn er bedachte, daß der Arme nun immerfort ohne ihn hierbleiben -sollte, während er selbst wieder im Flachland lebte -<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> -und im Dienste der völkerverbindenden Verkehrstechnik tätig -war: ein geradezu brennendes Mitleid, schmerzhaft für die -Brust in gewissen Augenblicken und, kurz, so lebhaft, daß er -zuweilen ernstlich daran zweifelte, ob er es über sich gewinnen -und Joachim allein würde hier oben lassen können. So sehr -also brannte ihn manchmal das Mitleid, und dies war denn -auch wohl der Grund, weshalb er selbst, von sich aus, weniger -und weniger von seiner Abreise sprach: Joachim war -es, der hin und wieder das Gespräch darauf brachte; Hans -Castorp, wie wir sagten, schien aus natürlichem Takt und -Feingefühl bis zum letzten Augenblick nicht daran denken zu -wollen. -</p> - -<p> -„Nun wollen wir wenigstens hoffen,“ sagte Joachim, „daß -du dich erholt hast bei uns und die Erfrischung spürst, wenn -du hinunterkommst.“ -</p> - -<p> -„Ja, ich werde also allerseits grüßen,“ erwiderte Hans Castorp, -„und sagen, daß du spätestens in fünf Monaten nachkommst. -Erholt? Du meinst, ob <em>ich</em> mich erholt habe in diesen -paar Tagen? Das will ich doch annehmen. Eine gewisse Erholung -muß selbst in so kurzer Zeit doch am Ende wohl stattgefunden -haben. Allerdings waren es ja so neuartige Eindrücke -hier oben, neuartig in jeder Beziehung, sehr anregend, -aber auch anstrengend für den Geist und den Körper, ich habe -nicht das Gefühl, mit ihnen schon fertig geworden zu sein und -mich akklimatisiert zu haben, was doch wohl die Vorbedingung -aller Erholung wäre. Maria ist gottlob die alte, seit -einigen Tagen bin ich ihr wieder auf den Geschmack gekommen. -Aber von Zeit zu Zeit wird immer noch mein Taschentuch -rot, wenn ich es benutze, und die verdammte Hitze im Gesicht -mitsamt dem sinnlosen Herzklopfen werde ich auch, wie -<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> -es scheint, bis zum Schluß nicht mehr loswerden. Nein, nein, -von Akklimatisation kann man bei mir nicht gut reden, wie -sollte man auch nach so kurzer Zeit. Da brauchte es länger, -um sich hier zu akklimatisieren und mit den Eindrücken fertig -zu werden, und dann könnte die Erholung beginnen und das -Ansetzen von Eiweiß. Schade. Ich sage ‚schade‘, weil es entschieden -fehlerhaft war, daß ich mir nicht mehr Zeit für diesen -Aufenthalt vorbehielt, – zur Verfügung wär sie ja schließlich -gewesen. So ist mir zumute, als ob ich mich zu Hause im -Flachland vor allem einmal von der Erholung werde erholen -müssen und drei Wochen schlafen, so abgearbeitet komme ich -mir manchmal vor. Und nun kommt ja ärgerlicherweise dieser -Katarrh hinzu ...“ -</p> - -<p> -Es hatte nämlich den Anschein gewonnen, als ob Hans Castorp -mit einem Schnupfen erster Klasse im Flachlande wieder -eintreffen sollte. Er hatte sich erkältet, wahrscheinlich in der -Liegekur, und zwar, um nochmals zu mutmaßen, in der Abendliegekur, -an der er sich seit etwa einer Woche beteiligte, trotz -des naßkalten Wetters, das sich vor seiner Abreise nicht mehr -bessern zu wollen schien. Er hatte aber erfahren, daß es als -schlecht nicht anerkannt wurde; der Begriff des schlechten Wetters -bestand überhaupt nicht zu Recht hier oben, man fürchtete -kein Wetter, man nahm kaum Rücksicht darauf, und -mit der weichen Gelehrigkeit der Jugend, ihrer ganzen Anpassungswilligkeit -an die Gedanken und Gebräuche der Umgebung, -in die sie sich eben versetzt findet, hatte Hans Castorp -angefangen, sich diese Gleichgültigkeit zu eigen zu machen. -Wenn es wie aus Kannen goß, so durfte man nicht glauben, -daß deshalb die Luft weniger trocken sei. Das war sie wohl -wirklich nicht, denn nach wie vor hatte man einen so heißen -<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> -Kopf davon, wie von der einer überheizten Stube, oder als -ob man viel Wein getrunken. Was aber die Kälte anging, -die erheblich war, so hätte es wenig Vernunft gehabt, sich -vor ihr ins Zimmer zu flüchten; denn da es nicht schneite, -wurde nicht geheizt, und im Zimmer zu sitzen war keineswegs -behaglicher, als, im Winterpaletot und nach der Kunst in seine -zwei guten Kamelhaardecken verpackt, in der Balkonloge zu -liegen. Im Gegenteile und umgekehrt: dies letztere war das -ganz unvergleichlich Behaglichere, es war, schlechthin geurteilt, -die ansprechendste Lebenslage, die Hans Castorp je erprobt -zu haben sich erinnerte, – ein Urteil, in dem er sich dadurch -nicht beirren ließ, daß irgendein Schriftsteller und Carbonaro -sie mit einem boshaften Unter- und Nebensinn die „horizontale“ -Lebenslage nannte. Namentlich am Abend fand er sie -ansprechend, wenn neben einem auf dem Tischchen das Lämpchen -glühte und man, warm in den Decken, die wieder schmeckende -Maria zwischen den Lippen und im Genuß aller schwer -bestimmbaren Vorzüge des hiesigen Liegestuhltypus, mit freilich -eisiger Nasenspitze und ein Buch – es war immer noch -„<span class="antiqua" lang="en">Ocean steamships</span>“ – in den freilich arg verklammten, rot -angelaufenen Händen, durch die Bogen der Loggia über das -dunkelnde, mit hier zerstreuten, dort dicht zusammentretenden -Lichtern geschmückte Tal hinblickte, aus welchem fast jeden -Abend und wenigstens eine Stunde lang, Musik herauftönte, -angenehm abgedämpfte, vertraut melodische Klänge: Opernfragmente -waren es, Stücke aus „Carmen“, aus dem „Troubadour“ -oder dem „Freischütz“, wohlgebaute, zügige Walzer -sodann, Märsche, bei denen man hochgemut den Kopf hin und -her wandte, und muntere Mazurken. Mazurka? Marusja -hieß sie eigentlich, die mit dem kleinen Rubin, und in der Nachbarloge, -<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> -hinter der dicken Milchglaswand, lag Joachim, – -dann und wann wechselte Hans Castorp ein vorsichtiges Wort -mit ihm, unter voller Rücksichtnahme auf die anderen Horizontalen. -Joachim hatte es in seiner Loge ebensogut wie -Hans Castorp, wenn er auch unmusikalisch war und sich an -den Abendkonzerten nicht so zu freuen verstand. Schade für -ihn; er las wohl statt dessen in seiner russischen Grammatik. -Hans Castorp aber ließ „<span class="antiqua" lang="en">Ocean steamships</span>“ auf der Decke -liegen und lauschte mit herzlicher Teilnahme auf die Musik, -blickte wohlgefällig in die durchsichtige Tiefe ihrer Faktur und -empfand so inniges Vergnügen an einer charakter- und stimmungsvollen -melodischen Eingebung, daß er sich zwischendurch -nur mit Feindseligkeit an Settembrinis Äußerungen über die -Musik erinnerte, Äußerungen, so ärgerlich wie die, daß die -Musik politisch verdächtig sei, – was in der Tat nicht viel -besser war, als Großvater Giuseppes Redensart von der Julirevolution -und den sechs Tagen der Weltschöpfung ... -</p> - -<p> -Joachim also war des musikalischen Genusses nicht so teilhaftig, -und auch die würzige Unterhaltung des Rauchens war -ihm fremd; sonst aber lag er ebenso wohlgeborgen in seiner -Loge, geborgen und befriedet. Der Tag war zu Ende, für diesmal -war alles zu Ende, man war sicher, daß heute nichts mehr -geschehen, keine Erschütterungen sich mehr ereignen, keine Zumutungen -an die Herzmuskulatur mehr gestellt werden würden. -Zugleich aber war man sicher, daß <em>morgen</em> dies alles -mit all der Wahrscheinlichkeit, die sich aus der Enge, Gunst -und Regelmäßigkeit der Umstände ergab, wieder der Fall sein -und von vorn beginnen werde; und diese doppelte Sicherheit -und Geborgenheit war überaus behaglich, sie gestaltete zusammen -mit der Musik und der wiedergefundenen Würze -<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> -Marias die Abendliegekur für Hans Castorp zu einer wahrhaft -glücklichen Lebenslage. -</p> - -<p> -Das alles nun aber hatte also nicht gehindert, daß der Hospitant -und weiche Neuling sich in der Liegekur (oder wie und -wo nun immer) tüchtig erkältet hatte. Ein schwerer Schnupfen -schien im Anzuge, er saß ihm in der Stirnhöhle und drückte, -das Zäpfchen im Halse war weh und wund, die Luft ging ihm -nicht wie sonst durch den von der Natur hierzu vorgesehenen -Kanal, sondern strich kalt, behindert und Hustenkrampf unaufhörlich -erregend hindurch; seine Stimme hatte über Nacht -die Klangfarbe eines dumpfen und wie von starken Getränken -verbrannten Basses angenommen, und seiner Aussage nach -hatte er in eben dieser Nacht kein Auge zugetan, da eine erstickende -Trockenheit des Schlundes ihn je und je hatte vom -Kissen auffahren lassen. -</p> - -<p> -„Höchst ärgerlich,“ sagte Joachim, „ist das und beinahe peinlich. -Erkältungen, mußt du wissen, sind hier nicht <span class="antiqua" lang="fr">reçus</span>, man -leugnet sie, sie kommen offiziell bei der großen Lufttrockenheit -nicht vor, und als Patient würde man übel anlaufen bei Behrens, -wenn man sich erkältet melden wollte. Aber bei dir ist -es ja etwas anderes, du hast am Ende das Recht dazu. Es wäre -doch gut, wenn wir den Katarrh noch abschneiden könnten, -im Flachlande kennt man ja Praktiken, hier aber – ich zweifle, -ob man sich hier genügend dafür interessieren wird. Krank soll -man hier lieber nicht werden, es kümmert sich niemand darum. -Das ist eine alte Lehre, du erfährst es nun auch noch zu guter -Letzt. Als ich ankam, war hier eine Dame, die hielt sich die ganze -Woche ihr Ohr und jammerte über Schmerzen, und schließlich -sah Behrens es an. ‚Sie können ganz beruhigt sein,‘ sagt’ er, -‚tuberkulös ist es nicht.‘ Dabei hatte es sein Bewenden. Ja, -<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> -wir müssen sehn, was sich tun läßt. Ich werde es morgen -früh dem Bademeister sagen, wenn er zu mir kommt. Das -ist der Dienstweg, und er wird es schon weitergeben, so daß -dann doch vielleicht etwas für dich geschieht.“ -</p> - -<p> -So Joachim; und der Dienstweg bewährte sich. Schon als -Hans Castorp am Freitag von der Morgenmotion in sein -Zimmer zurückkehrte, klopfte es bei ihm, und es ergab sich für -ihn die persönliche Bekanntschaft mit dem Fräulein von Mylendonk -oder der „Frau Oberin“, wie sie genannt wurde, – -bisher hatte er die offenbar Vielbeschäftigte immer nur von -weitem erblickt, wie sie, aus einem Krankenzimmer kommend, -den Korridor überquerte, um in ein gegenüberliegendes einzutreten, -oder sie flüchtig im Speisesaal auftauchen sehen und -ihre quäkende Stimme vernommen. Nun also galt ihm selbst -ihr Besuch; durch seinen Katarrh herbeigezogen, klopfte sie -knöchern hart und kurz an seine Stubentür und trat ein, fast -bevor er Herein gesagt, indem sie sich auf der Schwelle noch -einmal zurückbeugte, um sich der Zimmernummer gewiß zu -machen. -</p> - -<p> -„Dreiundvierzig“, quäkte sie ungedämpft. „Es stimmt. -Menschenskind, <span class="antiqua" lang="fr">on me dit, que vous avez pris froid</span>, <span class="antiqua" lang="en">I hear, -you have caught a cold</span>, <span class="antiqua">Wy, kaschetsja, prostudilisj</span>, ich -höre, Sie sind erkältet? Wie soll ich reden mit Ihnen? Deutsch, -ich sehe schon. Ach, der Besuch vom jungen Ziemßen, ich sehe -schon. Ich muß in den Operationssaal. Da ist einer, der wird -chloroformiert und hat Bohnensalat gegessen. Wenn man -seine Augen nicht überall hat ... Und Sie, Menschenskind, -wollen sich hier erkältet haben?“ -</p> - -<p> -Hans Castorp war verblüfft über diese Redeweise einer altadligen -Dame. Während sie sprach, ging sie über ihre eigenen -<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> -Worte hinweg, indem sie unruhig, in rollender, schleifenförmiger -Bewegung den Kopf mit suchend erhobener Nase hin -und her wandte, wie Raubtiere im Käfig tun, und ihre sommersprossige -Rechte, leicht geschlossen und den Daumen nach -oben, vor sich im Handgelenk schlenkerte, als wollte sie sagen: -„Rasch, rasch, rasch! Hören Sie nicht auf das, was ich sage, -sondern reden Sie selbst, daß ich fortkomme!“ Sie war eine -Vierzigerin, kümmerlichen Wuchses, ohne Formen, angetan -mit einem weißen, gegürteten, klinischen Schürzenkleid, auf -dessen Brust ein Granatkreuz lag. Unter ihrer Schwesternhaube -kam spärliches rötliches Haar hervor, ihre wasserblauen, -entzündeten Augen, an deren einem zum Überfluß ein -in der Entwicklung sehr weit vorgeschrittenes Gerstenkorn -saß, waren unsteten Blicks, die Nase aufgeworfen, der Mund -froschmäßig, außerdem mit schief vorstehender Unterlippe, -die sie beim Sprechen schaufelnd bewegte. Indessen Hans -Castorp betrachtete sie mit all der bescheiden duldsamen -und vertrauensvollen Menschenfreundlichkeit, die ihm angeboren -war. -</p> - -<p> -„Was ist denn das für eine Erkältung, he?“ fragte die -Oberin wieder, indem sie ihre Augen durchdringend zu machen -suchte, was aber nicht gelang, da sie abschweiften. „Wir lieben -solche Erkältungen nicht. Sind Sie öfter erkältet? War Ihr -Vetter nicht auch so oft erkältet? Wie alt sind Sie denn? -Vierundzwanzig? Das Alter hat’s in sich. Und nun kommen -Sie hier herauf und sind erkältet? Wir sollten hier nicht von ‚Erkältung‘ -reden, geehrtes Menschenskind, das ist so ein Schnickschnack -von unten. (Das Wort „Schnickschnack“ nahm sich -ganz abscheulich und abenteuerlich aus in ihrem Munde, wie -sie es mit der Unterlippe schaufelnd hervorbrachte.) Sie haben -<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> -den wunderschönsten Katarrh der Luftwege, das gebe ich zu, -das sieht man Ihnen an den Augen an – (Und wieder machte -sie den sonderbaren Versuch, ihm durchdringend in die Augen -zu blicken, ohne daß es ihr recht gelingen wollte.) Aber -Katarrhe kommen nicht von der Kälte, sondern sie kommen -von einer Infektion, für die man aufnahmelustig war, und -es fragt sich nur, ob eine unschuldige Infektion vorliegt oder -eine weniger unschuldige, alles andere ist Schnickschnack. -(Schon wieder das schauderhafte „Schnickschnack“!) Ist ja -möglich, daß Ihre Aufnahmelustigkeit mehr zum Harmlosen -neigt“, sagte sie und sah ihn an mit ihrem vorgeschrittenen -Gerstenkorn, er wußte nicht, wie. „Hier haben Sie ein harmloses -Antiseptikum. Wird Ihnen möglicherweise gut tun.“ -Und sie holte aus der schwarzen Ledertasche, die ihr am Gürtel -hing, ein Päckchen hervor, das sie auf den Tisch stellte. Es -war Formamint. „Übrigens sehen Sie angeregt aus; als ob -Sie Hitze hätten.“ Und sie ließ nicht ab, ihm in das Gesicht -zu blicken, aber immer mit etwas beiseite gehenden Augen. -„Haben Sie sich gemessen?“ -</p> - -<p> -Er verneinte. -</p> - -<p> -„Warum nicht?“ fragte sie und ließ ihre schräg vorgeschobene -Unterlippe in der Luft stehen ... -</p> - -<p> -Er verstummte. Der Gute war noch so jung, er hatte sich -noch das Verstummen des Schuljungen bewahrt, der in der -Bank steht, nichts weiß und schweigt. -</p> - -<p> -„Messen Sie sich etwa überhaupt nie?“ -</p> - -<p> -„Doch, Frau Oberin. Wenn ich Fieber habe.“ -</p> - -<p> -„Menschenskind, man mißt sich in erster Linie, um zu sehen, -<em>ob</em> man Fieber hat. Und jetzt haben Sie Ihrer Meinung -nach keins?“ -</p> - -<p> -<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> -„Ich weiß nicht recht, Frau Oberin; ich kann es nicht recht -unterscheiden. Ein bißchen heiß und frostig bin ich schon seit -meiner Ankunft hier oben.“ -</p> - -<p> -„Aha. Und wo haben Sie Ihr Thermometer?“ -</p> - -<p> -„Ich habe keins bei mir, Frau Oberin. Wozu, ich bin ja -nur zu Besuch hier, ich bin gesund.“ -</p> - -<p> -„Schnickschnack! Haben Sie mich gerufen, weil Sie gesund -sind?“ -</p> - -<p> -„Nein,“ lachte er höflich, „sondern weil ich mich etwas –“ -</p> - -<p> -„– Erkältet habe. Solche Erkältungen sind uns schon öfter -vorgekommen. Hier!“ sagte sie und kramte wieder in ihrer -Tasche, um zwei längliche Lederetuis zum Vorschein zu bringen, -ein schwarzes und ein rotes, die sie ebenfalls auf den Tisch -legte. „Dieser hier kostet drei Franken fünfzig und der hier -fünf Franken. Besser fahren Sie natürlich mit dem zu fünf. -Das ist etwas fürs Leben, wenn Sie ordentlich damit umgehen.“ -</p> - -<p> -Er nahm lächelnd das rote Etui vom Tisch und öffnete es. -Schmuck wie ein Geschmeide lag das gläserne Gerät in die -genau nach seiner Figur ausgesparte Vertiefung der roten -Samtpolsterung gebettet. Die ganzen Grade waren mit -roten, die Zehntelgrade mit schwarzen Strichen markiert. Die -Bezifferung war rot, der untere, verjüngte Teil mit spiegelig -glänzendem Quecksilber gefüllt. Die Säule stand tief und kühl, -weit unter dem Normalgrade tierischer Wärme. -</p> - -<p> -Hans Castorp wußte, was er sich und seinem Ansehen schuldig -war. -</p> - -<p> -„Ich nehme diesen“, sagte er, ohne dem anderen nur Beachtung -zu schenken. „Den hier zu fünf. Darf ich Ihnen sofort ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a> -„Abgemacht!“ quäkte die Oberin. „Nur nicht knausern bei -wichtigen Anschaffungen! Eilt nicht, es kommt auf die Rechnung. -Geben Sie her, wir wollen ihn erst noch recht klein -machen, ganz hinunterjagen – so.“ Und sie nahm ihm das -Thermometer aus der Hand, stieß es wiederholt in die Luft -und trieb so das Quecksilber noch tiefer, bis unter 35 hinab. -„Wird schon steigen, wird schon emporwandern, der Merkurius!“ -sagte sie. „Hier haben Sie Ihre Erwerbung! Sie wissen -doch wohl, wie es gemacht wird bei uns? Unter die werte -Zunge damit, auf sieben Minuten, viermal am Tag, und gut -die geschätzten Lippen drum schließen. Adieu, Menschenskind! -Wünsche gute Ergebnisse!“ Und sie war aus dem Zimmer. -</p> - -<p> -Hans Castorp, der sich verbeugt hatte, stand am Tische und -sah auf die Tür, durch die sie verschwunden war, und auf -das Instrument, das sie zurückgelassen. „Das war nun die -Oberin von Mylendonk“, dachte er. „Settembrini mag sie -nicht, und wahr ist es, sie hat ihre Unannehmlichkeiten. Das -Gerstenkorn ist nicht schön, übrigens hat sie es ja wohl nicht -immer. Aber warum nennt sie mich immer ‚Menschenskind‘, -noch dazu mit einem s in der Mitte? Es ist burschikos und -sonderbar. Und da hat sie mir nun ein Thermometer verkauft, -sie hat immer ein paar in der Tasche. Es soll ja hier überall -welche geben, in allen Läden, auch da, wo man es gar nicht -erwarten sollte, Joachim sagte es. Aber ich habe mich nicht -zu bemühen brauchen, es ist mir von selbst in den Schoß gefallen.“ -Er nahm das zierliche Gerät aus dem Futteral, betrachtete -es und ging dann mehrmals in Unruhe damit durch -das Zimmer. Sein Herz klopfte rasch und stark. Er sah sich -nach der offenen Balkontür um und machte eine Bewegung -gegen die Zimmertür, aus dem Antriebe, Joachim aufzusuchen, -<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> -unterließ es aber dann und blieb wieder am Tische stehen, indem -er sich räusperte, um die Dumpfheit seiner Stimme zu -prüfen. Hierauf hustete er. „Ja, ich muß nun sehn, ob ich -Schnupfenfieber habe“, sagte er und führte rasch das Thermometer -in den Mund, die Quecksilberspitze unter die Zunge, so -daß das Instrument ihm schräg aufwärts zwischen den Lippen -hervorragte, die er fest darum schloß, um keine Außenluft -zuzulassen. Dann sah er nach seiner Armbanduhr: es war -sechs Minuten nach halb zehn. Und er begann, auf den Ablauf -von sieben Minuten zu warten. -</p> - -<p> -„Keine überflüssige Sekunde,“ dachte er, „und keine zu wenig. -Auf mich ist Verlaß, nach oben wie nach unten. Man braucht -ihn mir nicht mit einer Stummen Schwester zu vertauschen, -wie der Person, von der Settembrini erzählte, Ottilie Kneifer.“ -Und er ging im Zimmer umher, das Instrument mit der Zunge -niederdrückend. -</p> - -<p> -Die Zeit schlich, die Frist schien endlos. Erst zweiundeinehalbe -Minute waren verstrichen, als er nach den Zeigern sah, -schon besorgt, er könnte den Augenblick verpassen. Er tat tausend -Dinge, nahm Gegenstände auf und setzte sie nieder, trat -auf den Balkon hinaus, ohne sich seinem Vetter bemerklich zu -machen, überblickte die Landschaft, dies Hochtal, seinem Sinn -schon urvertraut in allen Gestaltungen: mit seinen Hörnern, -Kammlinien und Wänden, mit der links vorgelagerten Kulisse -des „Brembühl“, dessen Rücken schräg gegen den Ort hin abfiel -und dessen Flanke der rauhe Mattenwald bedeckte, mit den -Bergformationen zur Rechten, deren Namen ihm ebenfalls geläufig -geworden waren, und der Alteinwand, die das Tal, von -hier aus gesehen, im Süden zu schließen schien, – sah hinab auf -die Wege und Beete der Gartenplattform, die Felsengrotte, die -<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a> -Edeltanne, lauschte auf ein Flüstern, das aus der Liegehalle -drang, wo Kur gemacht wurde, und wandte sich ins Zimmer -zurück, wobei er die Lage des Instrumentes im Munde zu verbessern -suchte, um dann wieder durch Vorrecken des Armes den -Ärmel vom Handgelenk zu ziehen und den Unterarm vor das -Gesicht zu biegen. Mit Mühe und Anstrengung, unter Schieben, -Stoßen und Fußtritten gleichsam, waren sechs Minuten -vertrieben. Da er nun aber, mitten im Zimmer stehend, ins -Träumen verfiel und seine Gedanken wandern ließ, so verhuschte -die letzte noch übrige ihm unvermerkt auf Katzenpfötchen, -eine neue Armbewegung offenbarte ihm ihr heimliches -Entkommen, und es war ein wenig zu spät, die achte lag schon -zu einem Dritteile im Vergangenen, als er mit dem Gedanken, -daß das nichts schade, für das Ergebnis nichts ausmache und -zu bedeuten habe, das Thermometer aus dem Munde riß und -mit verwirrten Augen darauf niederstarrte. -</p> - -<p> -Er ward nicht unmittelbar klug aus seiner Angabe, der Glanz -des Quecksilbers fiel mit dem Lichtreflex des flachrunden Glasmantels -zusammen, die Säule schien bald ganz hoch oben zu -stehen, bald überhaupt nicht vorhanden zu sein, er führte das -Instrument nahe vor die Augen, drehte es hin und her und -erkannte nichts. Endlich, nach einer glücklichen Wendung, wurde -das Bild ihm deutlich, er hielt es fest und bearbeitete es hastig -mit dem Verstande. In der Tat, Merkurius hatte sich ausgedehnt, -er hatte sich stark ausgedehnt, die Säule war ziemlich -hoch gestiegen, sie stand mehrere Zehntelstriche über der -Grenze normaler Blutwärme, Hans Castorp hatte 37,6. -</p> - -<p> -Am hellen Vormittag zwischen zehn und halb elf Uhr 37,6, – -das war zuviel, es war „Temperatur“, Fieber als Folge einer -Infektion, für die er aufnahmelustig gewesen, und es fragte -<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> -sich nur, was für eine Art Infektion das war. 37,6, – mehr -hatte auch Joachim nicht, mehr hatte hier niemand, der nicht -als schwerkrank oder moribund das Bett hütete, weder die -Kleefeld mit dem Pneumothorax noch ... noch auch Madame -Chauchat. Es war natürlich in seinem Falle wohl nicht ganz das -Rechte, – bloßes Schnupfenfieber, wie man es unten nannte. -Aber genau zu unterscheiden und auseinanderzuhalten war das -nicht, Hans Castorp bezweifelte, daß er diese Temperatur erst -bekommen, seit er sich erkältet hatte, und er mußte bedauern, -Merkurius nicht schon früher befragt zu haben, gleich anfangs, -wie der Hofrat es ihm nahegelegt hatte. Ganz vernünftig -war dieser Ratschlag gewesen, das zeigte sich nun, und Settembrini -hatte völlig unrecht getan, so höhnisch darüber in -die Lüfte zu lachen, – Settembrini mit der Republik und dem -schönen Stil. Hans Castorp verachtete die Republik und den -schönen Stil, während er immer wieder die Aussage des Thermometers -prüfte, die ihm mehrmals durch die Blendung verloren -ging und die er dann durch eifriges Drehen und Wenden des -Instruments wieder herstellte: sie lautete auf 37,6, und das -am frühesten Vormittag! -</p> - -<p> -Seine Bewegung war mächtig. Er ging ein paarmal durch -das Zimmer, das Thermometer in der Hand, wobei er es jedoch -wagerecht hielt, um nicht durch senkrechte Erschütterung -eine Störung hervorzurufen, legte es dann mit aller Bewahrsamkeit -auf die Waschtischplatte nieder und ging vorerst einmal -mit Paletot und Decken in die Liegekur. Sitzend warf er -die Decken um sich, wie er es gelernt hatte, von den Seiten -und von unten, eine nach der anderen, mit schon geübter Hand, -und lag dann still, die Stunde des zweiten Frühstücks und -Joachims Eintritt erwartend. Zuweilen lächelte er, und es -<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a> -war, als lächle er jemandem zu. Zuweilen hob sich seine Brust -mit einem beklommenen Beben, und dann mußte er husten -aus seiner katarrhalischen Brust. -</p> - -<p> -Joachim fand ihn noch liegend, als er um elf Uhr, nach dem -Tönen des Gongs, zu ihm herüberkam, um ihn zum Frühstück -abzuholen. -</p> - -<p> -„Nun?“ fragte er verwundert, indem er neben den Stuhl -trat ... -</p> - -<p> -Hans Castorp schwieg noch eine Weile und sah vor sich hin. -Dann gab er zur Antwort: -</p> - -<p> -„Ja, das Neueste ist also, daß ich etwas Temperatur habe.“ -</p> - -<p> -„Was soll das heißen?“ fragte Joachim. „Fühlst du dich -fiebrig?“ -</p> - -<p> -Hans Castorp ließ wieder ein wenig auf die Antwort -warten und gab hierauf mit einer gewissen Trägheit die -folgende: -</p> - -<p> -„Fiebrig, mein Lieber, fühle ich mich schon längst, schon die -ganze Zeit. Aber jetzt handelt es sich nicht um subjektive Empfindungen, -sondern um eine exakte Feststellung. Ich habe mich -gemessen.“ -</p> - -<p> -„Du hast dich gemessen?! Womit?!“ rief Joachim erschrocken. -</p> - -<p> -„Selbstverständlich mit einem Thermometer“, antwortete -Hans Castorp nicht ohne Spott und Strenge. „Die Oberin -hat mir eines verkauft. Warum sie einen immer ‚Menschenskind‘ -anredet, das weiß ich nicht; korrekt ist es nicht. Aber ein -sehr gutes Thermometer hat sie mir in aller Eile verkauft, -und wenn du dich überzeugen willst, wieviel es zeigt, so liegt -es da drinnen auf dem Waschtisch. Es ist eine minimale Erhöhung.“ -</p> - -<p> -<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> -Joachim machte kurz kehrt und ging ins Zimmer. Als er -zurückkehrte, sagte er zögernd: -</p> - -<p> -„Ja, das sind 37 Komma 5½.“ -</p> - -<p> -„Dann ist es etwas zurückgegangen!“ versetzte Hans Castorp -rasch. „Es waren sechs.“ -</p> - -<p> -„Keinesfalls kann man das minimal nennen für den Vormittag“, -sagte Joachim. „Eine schöne Bescherung“, sagte er -und stand an seines Vetters Lager, wie man eben vor einer -„schönen Bescherung“ steht, die Arme in die Seiten gestemmt -und mit gesenktem Kopfe. „Du wirst ins Bett müssen.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp hatte darauf seine Antwort bereit. -</p> - -<p> -„Ich sehe nicht ein,“ sagte er, „warum ich mich mit 37,6 -ins Bett legen soll, wo doch du und so viele andere, die auch -nicht weniger haben, – wo ihr alle hier frei herumlauft.“ -</p> - -<p> -„Das ist aber doch etwas anderes“, sagte Joachim. „Bei -dir ist es akut und harmlos. Du hast Schnupfenfieber.“ -</p> - -<p> -„Erstens,“ erwiderte Hans Castorp und teilte seine Rede -nun sogar in erstens und zweitens ein, „verstehe ich nicht, -warum man mit harmlosem Fieber – ich will einmal annehmen, -daß es so etwas gibt – mit harmlosem Fieber das -Bett hüten muß, mit anderem aber nicht. Und zweitens sage -ich dir ja, daß der Schnupfen mich nicht heißer gemacht hat, -als ich schon vorher war. Ich stehe auf dem Standpunkt,“ -schloß er, „daß 37,6 gleich 37,6 ist. Könnt ihr damit herumlaufen, -kann ich es auch.“ -</p> - -<p> -„Ich habe aber vier Wochen liegen müssen, als ich ankam,“ -wandte Joachim ein; „und erst als sich zeigte, daß die -Temperatur durch Bettruhe nicht verschwand, durfte ich aufstehen.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp lächelte. -</p> - -<p> -<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a> -„Nun und?“ fragte er. „Ich denke, bei dir war es etwas -anderes? Mir scheint, du verwickelst dich in Widersprüche. -Erst unterscheidest du, und dann stellst du gleich. Das ist doch -Schnickschnack ...“ -</p> - -<p> -Joachim drehte sich auf dem Absatz um, und als er sich seinem -Vetter wieder zukehrte, sah man, daß sein gebräuntes -Gesicht noch eine Schattierung dunkler geworden war. -</p> - -<p> -„Nein,“ sagte er, „ich stelle nicht gleich, du bist ein Konfusionsrat. -Ich meine nur, du bist elend erkältet, man hört -es ja an deiner Stimme, und du solltest dich legen, um den -Prozeß abzukürzen, da du nächste Woche nach Hause willst. -Wenn du aber nicht willst, – ich meine: wenn du dich nicht -legen willst, so kannst du es ja lassen. Ich mache dir keine -Vorschriften. Jedenfalls müssen wir jetzt zum Frühstück. -Mach, es ist über die Zeit!“ -</p> - -<p> -„Richtig. Los!“ sagte Hans Castorp und warf die Decken -von sich. Er ging ins Zimmer, um sich mit der Bürste übers -Haar zu fahren, und während er es tat, sah Joachim noch -einmal nach dem Thermometer auf dem Waschtisch, wobei -Hans Castorp ihn von weitem beobachtete. Dann gingen sie, -schweigend, und saßen wieder einmal an ihren Plätzen im -Speisesaal, wo es, wie immer um diese Stunde, weiß schimmerte -vor lauter Milch. -</p> - -<p> -Als die Zwergin das Kulmbacher Bier für Hans Castorp -brachte, lehnte er es mit ernstem Verzichte ab. Er trinke heute -lieber kein Bier, trinke überhaupt nichts, nein, danke sehr, -höchstens einen Schluck Wasser. Das erregte Aufsehen. Wieso? -Was für Neuerungen! Warum kein Bier? – Er habe -ein bißchen Temperatur, warf Hans Castorp hin. 37,6. -Minimal. -</p> - -<p> -<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> -Da drohten sie ihm mit den Zeigefingern, – es war sehr -sonderbar. Sie wurden schelmisch, legten den Kopf auf die -Seite, kniffen ein Auge zu und rührten die Zeigefinger in Höhe -des Ohres, als kämen kecke, pikante Dinge an den Tag von -einem, der den Unschuldigen gespielt hatte. „Na, na, Sie“, -sagte die Lehrerin, und der Flaum ihrer Wangen rötete sich, -indes sie lächelnd drohte. „Saubere Geschichten hört man, -ausgelassene. Wart, wart, wart.“ – „Ei, ei, ei“, machte auch -Frau Stöhr und drohte mit ihrem kurzen und roten Stummel, -indem sie ihn neben die Nase hielt. „Tempus hat er, der -Herr Besuch. Sie sind mir einer, – der Rechte sind Sie mir, -ein Bruder Lustig!“ – Selbst die Großtante am oberen Tischende -drohte ihm scherzhaft und verschlagen zu, als die Nachricht -zu ihr drang; die hübsche Marusja, die ihm bisher kaum -je Beachtung geschenkt, beugte sich gegen ihn vor und sah ihn, -das Apfelsinentüchlein gegen die Lippen gepreßt, mit ihren -kugelrunden braunen Augen an, indes sie drohte; auch Dr. -Blumenkohl, dem Frau Stöhr die Sache erzählte, konnte nicht -umhin, sich der allgemeinen Gebärde anzuschließen, ohne freilich -Hans Castorp dabei anzusehen, und nur Miß Robinson -zeigte sich teilnahmslos und verschlossenen Sinnes wie immer. -Joachim hielt mit anständiger Miene die Augen gesenkt. -</p> - -<p> -Hans Castorp, geschmeichelt von so viel Neckerei, glaubte -bescheiden ablehnen zu müssen. „Nein, nein,“ sagte er, „Sie -irren sich, mein Fall ist der denkbar harmloseste, ich habe -Schnupfen, Sie sehen: die Augen gehen mir über, meine Brust -ist verstockt, ich huste die halbe Nacht, es ist unangenehm genug -...“ Aber sie nahmen seine Entschuldigungen nicht an, -sie lachten und winkten ihm mit den Händen ab, rufend: „Ja, -ja, ja, Flausen, Ausreden, Schnupfenfieber, kennen wir, kennen -<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a> -wir!“ Und dann forderten sie alle auf einmal, daß Hans Castorp -sich unverzüglich zur Untersuchung melde. Sie waren -belebt von der Nachricht; unter den sieben Tischen war an -diesem während des Frühstücks die Unterhaltung am muntersten. -Frau Stöhr insbesondere, hochroten, störrischen Gesichts -über ihrer Halsrüsche und kleine Sprünge in der Wangenhaut, -legte eine fast wilde Gesprächigkeit an den Tag und erging -sich über die Vergnüglichkeit des Hustens, – ja, es habe -unbedingt eine unterhaltliche und genußreiche Bewandtnis -damit, wenn in den Gründen der Brust der Kitzel sich mehre -und wachse und man mit Krampf und Pressung so recht tief -hinunterlange, um dem Reiz zu genügen: ein ähnlicher Spaß -sei das wie das Niesen, wenn die Lust dazu gewaltig anschwelle -und unwiderstehlich werde und man mit berauschter -Miene ein paarmal stürmisch aus- und einatme, sich wonnig -ergäbe und über dem gesegneten Ausbruch die ganze Welt -vergäße. Und manchmal komme es zwei-, dreimal hintereinander. -Das seien kostenfreie Genüsse des Lebens, wie beispielsweise -auch noch, sich im Frühling die Frostbeulen zu kratzen, -wenn sie so süßlich juckten, – sich so recht innig und grausam -zu kratzen bis aufs Blut in Wut und Vergnügen, und wenn -man zufällig in den Spiegel sähe dabei, dann sähe man eine -Teufelsfratze. -</p> - -<p> -So schauderhaft eingehend redete die ungebildete Stöhr, -bis die kurze, wenn auch reichhaltige Zwischenmahlzeit beendigt -war und die Vettern ihren zweiten Vormittagsgang -antraten, den Gang hinunter nach Platz Davos. Joachim -war in sich gekehrt unterwegs, und Hans Castorp ächzte vor -Schnupfen und räusperte sich aus rostiger Brust. Auf dem -Heimwege sagte Joachim: -</p> - -<p> -<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> -„Ich mache dir einen Vorschlag. Heute ist Freitag, – -morgen nach Tische habe ich Monatsuntersuchung. Es ist -keine Generaluntersuchung, aber Behrens klopft mich ein bißchen -ab und läßt Krokowski ein paar Notizen machen. Da -könntest du mitkommen und bitten, dich auch bei der Gelegenheit -rasch zu behorchen. Es ist ja lächerlich, – wenn du zu -Hause wärst, du ließest Heidekind kommen. Und hier, wo zwei -Spezialisten im Hause sind, läufst du herum und weißt nicht, -woran du bist, und wie tief es sitzt bei dir, und ob du nicht -besser tätest, dich hinzulegen.“ -</p> - -<p> -„Schön“, sagte Hans Castorp. „Wie du meinst. Natürlich, -so kann ich es machen. Und es ist ja auch interessant für -mich, mal einer Untersuchung beizuwohnen.“ -</p> - -<p> -So kamen sie überein; und als sie hinauf vor das Sanatorium -gelangten, wollte es der Zufall, daß sie mit Hofrat -Behrens persönlich zusammentrafen und günstige Gelegenheit -fanden, stehenden Fußes ihr Anliegen vorzubringen. -</p> - -<p> -Behrens kam aus dem Vorbau, lang und hochnackig, einen -steifen Hut auf dem Hinterkopf und eine Zigarre im Munde, -blaubackig und quelläugig, so recht im Zuge der Tätigkeit, -im Begriffe, seiner Privatpraxis nachzugehen, Besuche im Ort -zu machen, nachdem er soeben im Operationssaal am Werke -gewesen, wie er erklärte. -</p> - -<p> -„Mahlzeit, die Herren!“ sagte er. „Immer auf der Walze? -War wohl fein in der großen Welt? Ich komme gerade von -einem ungleichen Zweikampf auf Messer und Knochensäge, – -große Sache, wissen Sie, Rippenresektion. Früher blieben -fünfzig Prozent dabei auf dem Tisch des Hauses. Jetzt haben -wirs besser raus, aber öfters muß man doch <span class="antiqua" lang="la">mortis causa</span> vorzeitig -einpacken. Na, der von heute konnte ja Spaß verstehen, -<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> -blieb für den Augenblick ganz stramm bei der Stange ... -Doll, so ein Menschenthorax, der keiner mehr ist. Weichteil, -wissen Sie, unkleidsam, leichte Trübung der Idee, sozusagen. -Na, und Sie? Was macht die werte Befindität? Ist wohl -ein fidelerer Lebenswandel zu zweien, was, Ziemßen, alter -Schlauberger? Warum weinen Sie denn, Sie Vergnügungsreisender?“ -wandte er sich auf einmal an Hans Castorp. -„Öffentliches Weinen ist hier nicht erlaubt. Hausordnungsverbot. -Da könnte jeder kommen.“ -</p> - -<p> -„Das ist mein Schnupfen, Herr Hofrat“, antwortete Hans -Castorp. „Ich weiß nicht, wie es möglich war, aber ich habe -mir einen enormen Katarrh geholt. Husten habe ich auch, -und ordentlich auf der Brust liegt es mir.“ -</p> - -<p> -„So?“ sagte Behrens. „Dann sollten Sie mal einen verständigen -Arzt zu Rate ziehen.“ -</p> - -<p> -Die beiden lachten, und Joachim antwortete, indem er die -Absätze zusammenzog: -</p> - -<p> -„Wir sind im Begriffe, Herr Hofrat. Ich habe ja morgen -Untersuchung, und da wollten wir fragen, ob Sie die Güte -hätten, auch meinen Vetter gleich einmal dranzunehmen. Es -handelt sich darum, ob er Dienstag wird reisen können ...“ -</p> - -<p> -„M. w.!“ sagte Behrens. „M. w. m. F.! Machen wir -mit Vergnügen! Hätten wir längst mal machen sollen. Wenn -man schon hier ist, soll man das immer mitnehmen. Aber -man mag sich ja natürlich nicht aufdrängen. Also morgen -um zwei, gleich wenn Sie von der Krippe kommen!“ -</p> - -<p> -„Denn ich habe nämlich auch etwas Fieber“, merkte Hans -Castorp noch an. -</p> - -<p> -„Was Sie sagen!“ rief Behrens. „Sie wollen mir wohl -Neuigkeiten erzählen? Glauben Sie, ich habe keine Augen -<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> -im Kopf?“ Und er deutete mit dem gewaltigen Zeigefinger -auf seine beiden blutunterlaufenen, blau quellenden, tränenden -Augäpfel. „Wieviel ist es denn übrigens?“ -</p> - -<p> -Hans Castorp nannte bescheiden die Ziffer. -</p> - -<p> -„Vormittags? Hm, nicht übel. Für den Anfang gar nicht -so unbegabt. Na, also paarweise angetreten morgen um -zwei! Soll mir eine Auszeichnung sein. Gesegnete Nahrungsaufnahme!“ -Und mit krummen Knien und rudernden Händen -begann er den abschüssigen Weg hinabzustapfen, indes -eine Rauchfahne von seiner Zigarre rückwärts wehte. -</p> - -<p> -„Das wäre also nach deinem Wunsche verabredet“, sagte -Hans Castorp. „Glücklicher konnte es sich ja gar nicht treffen, -und nun bin ich gemeldet. Er wird ja weiter auch nicht viel -tun können in der Sache, als mir vielleicht einen Lakritzensaft -oder Brusttee verschreiben, aber angenehm ist es doch, ein -bißchen ärztlichen Zuspruch zu haben, wenn man sich fühlt -wie ich. Aber warum er nur immer so unmäßig forsch daherredet!“ -sagte er. „Anfangs machte es mir Spaß, aber auf -die Länge ist es mir unlieb. ‚Gesegnete Nahrungsaufnahme‘! -Was für ein Kauderwelsch. Man kann sagen: ‚Gesegnete -Mahlzeit‘! denn ‚Mahlzeit‘ ist ein poetisches Wort sozusagen, -wie ‚tägliches Brot‘, und verträgt sich ganz gut mit ‚gesegnet‘. -Aber ‚Nahrungsaufnahme‘ ist ja die reine Physiologie, und -dazu Segen zu wünschen, das ist doch ein höhnisches Gerede. -Ich sehe es auch nicht gern, wenn er raucht, es hat -etwas Beängstigendes für mich, weil ich weiß, daß es ihm -nicht bekommt und ihn melancholisch macht. Settembrini -sagte von ihm, seine Lustigkeit sei gezwungen, und Settembrini -ist ein Kritiker, ein Mann des Urteils, das muß man ihm -lassen. Ich sollte vielleicht auch mehr urteilen und nicht alles -<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> -nehmen, wie es ist, er hat ganz recht. Aber manchmal fängt -man mit Urteil und Tadel und gerechtem Ärgernis an, und -dann kommt ganz anderes dazwischen, was mit Urteilen gar -nichts zu tun hat, und dann ist es aus mit der Sittenstrenge, -und die Republik und der schöne Stil kommen einem auch nur -noch abgeschmackt vor ...“ -</p> - -<p> -Er murmelte Undeutliches, schien selbst nicht ganz klar über -das, was er meinte. Auch sah ihn sein Vetter denn nur von -der Seite an und sagte „Auf Wiedersehn“, worauf ein jeder -auf sein Zimmer und in seine Balkonloge ging. -</p> - -<p> -„Wieviel?“ fragte Joachim nach einer Weile gedämpft, -obgleich er nicht gesehen, daß Hans Castorp sein Thermometer -wieder zu Rate gezogen hatte ... Und Hans Castorp antwortete -gleichgültigen Tones: -</p> - -<p> -„Nichts Neues.“ -</p> - -<p> -Wirklich hatte er gleich bei seinem Eintritt seinen zierlichen -Erwerb von heute morgen vom Waschtisch genommen, hatte -die 37,6, die nun ihre Rolle ausgespielt hatten, durch senkrechte -Stöße zerstört und sich ganz wie ein Alter, die gläserne -Zigarre im Munde, in die Liegekur verfügt. Aber allzu hochfliegenden -Erwartungen entgegen und obgleich er das Instrument -volle acht Minuten unter der Zunge behalten, hatte -Merkurius sich nicht weiter ausgedehnt, als wieder nur bis -37,6, – was ja übrigens Fieber war, wenn auch kein höheres, -als schon am früheren Vormittage vorhanden gewesen. Nach -Tische stieg das schimmernde Säulchen auf 37,7, verharrte -abends, als der Patient nach den Erregungen und Neuigkeiten -des Tages sehr müde war, auf 37,5, und zeigte in der nächsten -Morgenfrühe gar nur auf 37, um gegen Mittag die gestrige -Höhe wieder zu erreichen. Unter diesen Ergebnissen kam die -<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> -Hauptmahlzeit des folgenden Tages und mit ihrer Beendigung -die Stunde des Rendezvous heran. -</p> - -<p> -Hans Castorp erinnerte sich später, daß Madame Chauchat -während dieser Mahlzeit einen goldgelben Sweater mit großen -Knöpfen und bordierten Taschen getragen hatte, der neu, -jedenfalls neu für Hans Castorp gewesen war, und worin sie -bei ihrem wie immer verspäteten Eintritt, in der Art, die Hans -Castorp so wohl an ihr kannte, einen Augenblick Front gegen -den Saal gemacht hatte. Dann war sie, wie täglich fünfmal, -zu ihrem Tische geglitten, hatte sich mit weichen Bewegungen -niedergelassen und plaudernd zu essen begonnen: Hans Castorp -hatte, wie jeden Tag, aber doch mit besonderer Aufmerksamkeit, -ihren Kopf sich beim Sprechen bewegen sehen -und aufs neue die Rundung ihres Nackens, die schlaffe -Haltung ihres Rückens bemerkt, wenn er hinter dem Settembrinis -vorbei, der am Ende des schräg zwischenstehenden -Tisches saß, zum Guten Russentisch hinübergeblickt hatte. Frau -Chauchat ihrerseits hatte sich während des Mittagessens kein -einziges Mal nach dem Saale umgeblickt. Als aber der Nachtisch -eingenommen gewesen war und die große Ketten- und -Pendeluhr an der rechten Schmalseite des Saals, dort, wo der -Schlechte Russentisch stand, zwei geschlagen hatte, da war es zu -Hans Castorps rätselhafter Erschütterung dennoch geschehen: -während die Uhr zwei schlug – eins und zwei – hatte die anmutige -Kranke langsam den Kopf und ein wenig auch den -Oberkörper gewandt und über die Schulter deutlich und unverhohlen -zu Hans Castorps Tische – und nicht nur im allgemeinen -zu seinem Tische, nein, unmißverständlich und streng -persönlich zu <em>ihm</em> herübergeblickt, ein Lächeln um die geschlossenen -Lippen und in ihren schmalgeschnittenen Pribislav-Augen, -<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a> -als wollte sie sagen: „Nun? Es ist Zeit. Wirst du gehen?“ -(denn wenn nur die Augen sprechen, geht ja die Rede per Du, -auch wenn der Mund noch nicht einmal „Sie“ gesagt hat) -– und das war ein Zwischenfall gewesen, der Hans Castorp -in tiefster Seele verwirrt und entsetzt hatte, – kaum hatte er -seinen Sinnen getraut und entgeistert zuerst in Frau Chauchats -Angesicht und dann, die Augen hebend, über ihre Stirn und -ihr Haar hin ins Leere geblickt. Wußte sie denn, daß er sich -auf zwei Uhr zur Untersuchung hatte bestellen lassen? Genau -so hatte es ausgesehen. Und doch war es fast ebenso unwahrscheinlich, -wie daß sie hätte wissen sollen, daß er soeben -noch, in der jüngstvergangenen Minute, sich gefragt hatte, -ob er nicht dem Hofrat durch Joachim sagen lassen sollte, seine -Erkältung habe sich schon gebessert und er betrachte die Untersuchung -als überflüssig: ein Gedanke, dessen Vorzüge unter -jenem fragenden Lächeln freilich dahingewelkt waren und sich -in lauter abstoßende Langweiligkeit verwandelt hatten. In -der nächsten Sekunde hatte denn Joachim auch schon seine -gerollte Serviette auf den Tisch gelegt, hatte ihm mit erhobenen -Brauen zugewinkt, sich gegen die Umsitzenden verneigt -und den Tisch verlassen, – worauf Hans Castorp innerlich -taumelnd, wenn auch äußerlich festen Schrittes, und mit dem -Gefühl, daß jenes Blicken und Lächeln immer noch auf ihm -läge, dem Vetter zum Saal hinaus folgte. -</p> - -<p> -Sie hatten seit gestern vormittag nicht mehr über ihr heutiges -Vorhaben gesprochen, und auch jetzt gingen sie in schweigendem -Einverständnis. Joachim beeilte sich: es war schon -über die vereinbarte Stunde, und Hofrat Behrens bestand auf -Pünktlichkeit. Es ging vom Speisesaal den ebenerdigen Korridor -entlang, an der „Verwaltung“ vorbei und die reinliche, -<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a> -mit gebohntem Linoleum belegte Treppe zum Kellergeschoß -„hinab“. Joachim klopfte an die Tür, die sich, der Treppe -gleich gegenüber, durch ein Porzellanschild als Eingang zum -Ordinationszimmer zu erkennen gab. -</p> - -<p> -„<em>Her</em>ein!“ rief Behrens, indem er die erste Silbe stark betonte. -Er stand inmitten des Raumes, im Kittel, in der Rechten -das schwarze Hörrohr, mit dem er sich gegen den Schenkel -klopfte. -</p> - -<p> -„Tempo, Tempo“, sagte er und richtete seine quellenden -Augen auf die Wanduhr. „<span class="antiqua" lang="it">Un poco più presto, Signori!</span> -Wir sind nicht ganz ausschließlich für Eure Hochwohlgeboren -vorhanden.“ -</p> - -<p> -Am doppelten Schreibtisch vorm Fenster saß Dr. Krokowski, -bleich gegen sein schwarzes Lüsterhemd, die Ellenbogen auf -der Platte, in der einen Hand die Feder, die andere im Bart, -vor sich Papiere, wahrscheinlich den Krankenakt, und blickte -den Eintretenden mit dem stumpfen Ausdruck einer Persönlichkeit, -die nur assistierenderweise anwesend ist, entgegen. -</p> - -<p> -„Na, her mit der Konduite!“ antwortete der Hofrat auf -Joachims Entschuldigungen und nahm ihm die Fieberkurve -aus der Hand, um sie durchzusehen, während der Patient sich -beeilte, seinen Oberkörper freizumachen und die abgelegten -Kleidungsstücke an den neben der Tür stehenden Garderobeständer -zu hängen. Um Hans Castorp kümmerte man sich -nicht. Er stand eine Weile zuschauend und ließ sich später auf -einem altmodischen kleinen Fauteuil mit Troddeln an den Armlehnen -zur Seite eines Tischchens mit Wasserkaraffe nieder. -Bücherschränke mit breitrückigen medizinischen Werken und -Aktenfaszikeln standen an den Wänden. An Möbeln war -sonst nur noch eine mit weißem Wachstuch überzogene, höher -<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a> -und niedriger zu kurbelnde Chaiselongue vorhanden, über -deren Kopfpolster eine Papierserviette gebreitet war. -</p> - -<p> -„Komma 7, Komma 9, Komma 8“, sagte Behrens, die -Wochenkarten durchblätternd, in die Joachim die Ergebnisse -seiner täglich fünfmaligen Messungen treulich eingetragen. -„Immer noch ein bißchen illuminiert, lieber Ziemßen, können -nicht gerade behaupten, daß Sie seit neulich solider geworden -sind. („Neulich“, das war vor vier Wochen gewesen.) Nicht -entgiftet, nicht entgiftet“, sagte er. „Na, das geht natürlich -nicht so von heute auf morgen, hexen können wir auch nicht.“ -</p> - -<p> -Joachim nickte und zuckte mit seinen bloßen Schultern, obgleich -er hätte einwenden können, daß er ja keineswegs erst -seit gestern hier oben sei. -</p> - -<p> -„Wie steht es denn mit den Stichen am rechten Hilus, wo -es immer verschärft klang? Besser? Na, kommen Sie her! -Wollen mal höflich bei Ihnen anklopfen.“ Und die Auskultation -begann. -</p> - -<p> -Hofrat Behrens, breitbeinig und rückwärts geneigt, den -Hörer unter dem Arme, klopfte zuerst ganz oben an Joachims -rechter Schulter, klopfte aus dem Handgelenk, indem er sich -des gewaltigen Mittelfingers seiner Rechten als Hammer bediente -und die Linke zur Stütze gebrauchte. Dann ging er -unter das Schulterblatt hinab und klopfte seitlich am mittleren -und unteren Rücken, worauf Joachim, der wohlabgerichtet -war, den Arm hob, um auch unter der Achsel klopfen zu lassen. -Hierauf wiederholte das Ganze sich linkerseits, und damit fertig, -kommandierte der Hofrat „Kehrt!“ zur Beklopfung der -Brustseite. Er klopfte gleich unter dem Halse beim Schlüsselbein, -klopfte über und unter der Brust, zuerst rechts und dann -links. Als er aber sattsam geklopft hatte, ging er zum Horchen -<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a> -über, indem er sein Hörrohr, das Ohr an der Muschel, auf -Joachims Brust und Rücken setzte, überallhin, wo er vorhin -geklopft hatte. Dabei mußte Joachim abwechselnd stark -atmen und künstlich husten, was ihn sehr anzustrengen schien, -denn er geriet außer Atem, und in die Augen traten ihm Tränen. -Hofrat Behrens aber meldete alles, was er dort innen -hörte, dem Assistenten in kurzen, feststehenden Worten zum -Schreibtisch hinüber, derart, daß Hans Castorp nicht umhin -konnte, an den Vorgang beim Schneider zu denken, wenn -der wohlgekleidete Herr einem zu einem Anzuge das Maß -nimmt, in herkömmlicher Reihenfolge dem Besteller das Meterband -da und dort um den Rumpf und an die Glieder legt und -dem gebückt sitzenden Gehilfen die gewonnenen Ziffern in die -Feder diktiert. „Kurz“, „verkürzt“, diktierte Hofrat Behrens. -„Vesikulär“, sagte er, und abermals: „Vesikulär“ (das war -gut, offenbar). „Rauh“, sagte er und schnitt ein Gesicht. -„<em>Sehr</em> rauh.“ „Geräusch.“ Und Dr. Krokowski trug alles -ein, wie der Angestellte die Ziffern des Zuschneiders. -</p> - -<p> -Hans Castorp folgte den Vorgängen seitwärts geneigten -Kopfes, nachdenklich versunken in die Betrachtung von Joachims -Oberkörper, dessen Rippen (gottlob war er im Besitz -seiner Rippen) sich beim Schnaufen unter der gespannten -Haut hoch über den zurückfallenden Magen hoben, – diesem -schlanken, gelblich-brünetten Jünglingsoberkörper mit den -schwarzen Haaren am Brustknochen und an den übrigens -kräftigen Armen, deren einer ein goldenes Kettenarmband um -das Handgelenk trug. Turnerarme sind das, dachte Hans -Castorp; er hat immer gern geturnt, während ich mir nichts -daraus machte, und das hing mit seiner Lust zum Soldatenstande -zusammen. Immer war er gut körperlich gesinnt, viel -<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a> -mehr als ich, oder doch auf andere Weise; denn ich war immer -ein Zivilist, und es war mir mehr um warm baden und gut -essen und trinken zu tun, ihm aber um männliche Anforderungen -und Leistungen. Und nun ist auf so ganz andere Weise -sein Körper in den Vordergrund getreten und hat sich selbständig -und wichtig gemacht, nämlich durch Krankheit. Illuminiert -ist er und will sich nicht entgiften und solide werden, -so gern der arme Joachim auch Soldat sein möchte im Flachland. -Sieh an, er ist gewachsen, wie es im Buche steht, der -reine Apollo von Belvedere, bis auf die Haare. Aber innerlich -ist er krank und außen zu warm vor Krankheit; denn -Krankheit macht den Menschen viel körperlicher, sie macht -ihn gänzlich zum Körper ... Und wie er dies dachte, erschrak -er und blickte rasch und forschend von Joachims bloßem Oberleib -zu seinen Augen hinauf, seinen großen, schwarzen und -sanften Augen, die vom künstlichen Atmen und Husten in -Tränen standen und bei der Untersuchung mit traurigem Ausdruck -über den Zuschauer hin ins Leere sahen. -</p> - -<p> -Unterdessen aber war Hofrat Behrens zu Ende gekommen. -</p> - -<p> -„Na, is gut, Ziemßen“, sagte er. „Alles in Ordnung, so -weit es möglich ist. Nächstes Mal“ (das war in vier Wochen), -„wird es gewiß überall wieder ein bißchen besser sein.“ -</p> - -<p> -„Wie lange meinen Herr Hofrat, daß –“ -</p> - -<p> -„Wollen Sie schon wieder drängeln? Sie können Ihre -Kerls doch nicht in angeheitertem Zustand kujonieren! Ein -halbes Jährchen habe ich neulich gesagt, – rechnen Sie meinetwegen -von neulich an, aber betrachten Sie es als Minimum. -Schließlich läßt sich ja leben hier, Sie müssen auch höflich -sein. Wir sind ja doch kein Bagno und kein ... sibirisches -Bergwerk! Oder wollen Sie sagen, daß wir mit so was -<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a> -Ähnlichkeit haben? Is gut, Ziemßen! Wegtreten! Weiter, wer -da noch Lust hat!“ rief er und sah in die Luft. Mit ausgestrecktem -Arme reichte er dabei sein Hörrohr zu Dr. Krokowski -hinüber, der aufstand und es ergriff, um eine kleine Assistenten-Nachprüfung -bei Joachim vorzunehmen. -</p> - -<p> -Auch Hans Castorp war aufgesprungen, und die Augen -an die Person des Hofrats gefesselt, der, breitbeinig dastehend, -offenen Mundes in Gedanken versunken schien, begann er, -sich eilig in Bereitschaft zu setzen. Er überhastete sich, fand -nicht gleich aus seinem punktierten Manschettenhemd heraus, -als er es sich über den Kopf zog. Und dann stand er, weiß, -blond und schmal, vor Hofrat Behrens, – von zivilerer Bildung -schien er als Joachim Ziemßen. -</p> - -<p> -Aber der Hofrat ließ ihn stehen, in Gedanken noch immer. -Dr. Krokowski hatte schon wieder Platz genommen und Joachim -sich ans Ankleiden gemacht, als Behrens sich endlich entschloß, -von dem, der da auch noch Lust hatte, Notiz zu nehmen. -</p> - -<p> -„Ach so, das wären nun <em>Sie</em>!“ sagte er, faßte Hans Castorp -mit seiner riesigen Hand am Oberarm, rückte ihn von -sich und betrachtete ihn scharf. Nicht ins Gesicht blickte er -ihm, wie man einen Menschen ansieht, sondern auf den Körper; -drehte ihn um, wie man einen Körper umdreht, und betrachtete -auch seinen Rücken. „Hm“, sagte er. „Na, wollen mal sehen, -wie <a id="corr-45"></a>Sie sich anspielen.“ Und wie vorhin begann er sein Klopfen. -</p> - -<p> -Er klopfte überall, wo er es bei Joachim Ziemßen getan, -und kehrte zu verschiedenen Stellen mehrmals zurück. Längere -Zeit klopfte er abwechselnd und zu Vergleichszwecken links oben -beim Schlüsselbein und etwas weiter unten. -</p> - -<p> -„Hören Sie?“ fragte er dabei zu Dr. Krokowski hinüber ... -Und Dr. Krokowski, fünf Schritte entfernt am Schreibtisch -<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a> -sitzend, bekundete durch eine Kopfneigung, daß er höre: ernst -senkte er das Kinn auf die Brust, so daß sein Bart eingedrückt -wurde und die Spitzen sich aufwärts bogen. -</p> - -<p> -„Tief atmen! Husten!“ kommandierte der Hofrat, der nun -das Hörrohr wieder zur Hand genommen; und Hans Castorp -arbeitete schwer, wohl acht oder zehn Minuten lang, während -der Hofrat ihn abhorchte. Er sprach kein Wort dabei, setzte -das Hörrohr nur dahin und dorthin und horchte namentlich -und wiederholt an den Punkten, wo er vorhin schon mit Klopfen -verweilt hatte. Dann schob er das Instrument unter den -Arm, legte die Hände auf den Rücken und blickte zwischen sich -und Hans Castorp auf den Fußboden nieder. -</p> - -<p> -„Ja, Castorp,“ sagte er – und es geschah zum erstenmal, -daß er den jungen Mann einfach mit Nachnamen nannte –, -„die Sache verhält sich so <span class="antiqua" lang="la">praeter-propter</span>, wie ich sie mir schon -immer gedacht hatte. Ich habe Sie auf dem Strich gehabt, -Castorp, nun kann ichs Ihnen ja sagen, – von vornherein, -schon seit ich zuerst die unverdiente Auszeichnung hatte, Sie -kennenzulernen, – und ziemlich sicher vermutet, daß Sie im -stillen ein Hiesiger wären und das auch noch einsehen würden, -wie schon so mancher, der zum Spaß hier heraufkam -und sich mit erhobener Nase umsah und eines Tages erfuhr, -daß er gut täte – und nicht bloß ‚gut täte‘, bitte mich wohl -zu verstehen – hier ganz ohne unbeteiligte Neugiersallüre eine -etwas ausgiebigere Station zu machen.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp hatte sich verfärbt, und Joachim, im Begriffe, -sich die Hosenträger zu knöpfen, hielt inne, wie er da -eben stand, und lauschte ... -</p> - -<p> -„Sie haben da einen so netten, sympathischen Vetter,“ -fuhr der Hofrat fort, indem er mit dem Kopfe nach Joachims -<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a> -Seite deutete und sich dabei auf Fußballen und Absätzen schaukelte, -„– der nun ja hoffentlich bald wird sagen können, daß -er einmal krank <em>gewesen</em> ist, aber wenn wir so weit sind, so -wird er doch eben immer noch früher einmal krank <em>gewesen</em> -sein, Ihr Herr rechter Vetter, und das wirft <span class="antiqua" lang="la">a priori</span>, wie der -Denker sagt, so ein gewisses Licht auch auf Sie, lieber Castorp -...“ -</p> - -<p> -„Er ist aber nur ein Stiefvetter von mir, Herr Hofrat.“ -</p> - -<p> -„Nanu, nanu. Sie werden doch Ihren Cousin nicht verleugnen -wollen. Stief oder nicht, er bleibt doch immer ein -Blutsverwandter. Von welcher Seite denn?“ -</p> - -<p> -„Von mütterlicher, Herr Hofrat. Er ist der Sohn einer -Stief–“ -</p> - -<p> -„Und Ihre Frau Mama ist vergnügt?“ -</p> - -<p> -„Nein, sie ist tot. Sie starb, als ich noch klein war.“ -</p> - -<p> -„Oh, warum denn?“ -</p> - -<p> -„An einem Blutpfropf, Herr Hofrat.“ -</p> - -<p> -„Blutpfropf? Na, es ist ja schon lange her. Und Ihr -Herr Vater?“ -</p> - -<p> -„Der ist an der Lungenentzündung gestorben –,“ sagte -Hans Castorp, „und mein Großvater auch –“, setzte er -hinzu. -</p> - -<p> -„So, der auch? Na, soviel von Ihren Vorfahren. Was -nun Sie betrifft, so waren Sie ja wohl immer ziemlich bleichsüchtig, -nicht? Aber müde wurden Sie gar nicht leicht bei -körperlicher und geistiger Arbeit? Doch? Und haben viel -Herzklopfen? Neuerdings erst? Schön, und außerdem liegt -ja offenbar eine lebhafte Neigung zu Katarrhen der Luftwege -vor. Wissen Sie, daß Sie früher schon krank waren?“ -</p> - -<p> -„Ich?“ -</p> - -<p> -<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a> -„Ja, ich habe Sie persönlich im Auge. Hören Sie den -Unterschied?“ Und der Hofrat klopfte abwechselnd links oben -an der Brust und etwas weiter unten. -</p> - -<p> -„Da klingt es etwas dumpfer als hier“, sagte Hans Castorp. -</p> - -<p> -„Sehr gut. Sie sollten Spezialist werden. Das ist also -eine Dämpfung, und Dämpfungen beruhen auf veralteten -Stellen, wo schon Verkalkung eingetreten ist, Vernarbung, -wenn Sie wollen. Sie sind ein alter Patient, Castorp, aber -wir wollen es niemandem übelnehmen, daß Sie es nicht erfuhren. -Die Frühdiagnose ist schwierig, – zumal für die Herren -Kollegen im Flachland. Ich will nicht mal sagen, daß wir -feinere Ohren haben, obgleich ja die Spezialübung einiges -ausmacht. Aber die Luft hilft uns hören, verstehen Sie, die -dünne, trockene Luft hier oben.“ -</p> - -<p> -„Gewiß, natürlich“, sagte Hans Castorp. -</p> - -<p> -„Schön, Castorp. Und nun hören Sie mal zu, mein Junge, -ich will nun mal mehrere goldene Worte sprechen. Wenn es -weiter nichts wäre mit Ihnen, verstehen Sie, und es bei den -Dämpfungen und Narben an Ihrem Äolusschlauch da drinnen -und mit den kalkigen Fremdkörpern darin sein Bewenden -hätte, so würde ich Sie zu Ihren Laren und Penaten schicken -und mich auch keinen Deut mehr um Sie kümmern, verstehen -Sie wohl? Wie aber die Dinge liegen und weiterhin noch -der Befund ist, und wo Sie nun einmal hier bei uns sind, -– so lohnt es die Heimreise nicht, Hans Castorp, – in kurzem -müßten Sie doch wieder antreten.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp fühlte aufs neue sein Blut zum Herzen strömen, -so daß es hämmerte, und Joachim stand immer noch, -die Hände an hinteren Knöpfen, und hatte die Augen niedergeschlagen. -</p> - -<p> -<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a> -„Denn außer den Dämpfungen,“ sagte der Hofrat, „haben -Sie da links oben auch eine Rauhigkeit, die beinahe schon ein -Geräusch ist und zweifellos von einer frischen Stelle kommt, -– ich will noch nicht von einem Erweichungsherd reden, aber -es ist bestimmt eine feuchte Stelle, und wenn Sie’s da unten -so weiter treiben, mein Lieber, so geht Ihnen, was hast du -was kannst du, der ganze Lungenlappen zum Teufel.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp stand ohne Regung, um seinen Mund zuckte -es sonderbar, und deutlich konnte man sein Herz gegen die -Rippen pulsieren sehen. Er blickte zu Joachim hinüber, dessen -Augen er nicht fand, und dann wieder in des Hofrats Gesicht -mit den blauen Backen, den ebenfalls blauen Quellaugen und -dem einseitig geschürzten Schnurrbärtchen. -</p> - -<p> -„Als objektive Bestätigung,“ fuhr Behrens fort, „haben -wir da noch Ihre Temperatur: 37,6 zehn Uhr früh, das entspricht -so ziemlich den akustischen Wahrnehmungen.“ -</p> - -<p> -„Ich dachte nur,“ sagte Hans Castorp, „das Fieber käme -von meinem Katarrh.“ -</p> - -<p> -„Und der Katarrh?“ versetzte der Hofrat ... „Wovon kommt -der? Lassen Sie sich mal was erzählen, Castorp, und passen -Sie auf, Sie verfügen ja über hinlänglich zahlreiche Hirnwindungen, -soviel ich weiß. Also die Luft hier bei uns, die ist gut -gegen die Krankheit, meinen Sie, nicht wahr? Und das ist -auch so. Aber sie ist auch gut <em>für</em> die Krankheit, verstehen Sie -mich, sie fördert sie erst einmal, sie revolutioniert den Körper, -sie bringt die latente Krankheit zum Ausbruch, und so ein Ausbruch, -nichts für ungut, ist Ihr Katarrh. Ich weiß nicht, ob Sie -schon unten im Tieflande febril gewesen sind, aber hier oben sind -Sie es jedenfalls gleich am ersten Tage geworden und nicht -erst durch Ihren Katarrh, – um meine Meinung zu sagen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a> -„Ja,“ sagte Hans Castorp, „ja, das glaube ich wirklich auch.“ -</p> - -<p> -„Sofort waren Sie wahrscheinlich beschwipst“, bekräftigte -der Hofrat. „Das sind die löslichen Gifte, die von den Bakterien -erzeugt werden; die wirken berauschend auf das Zentralnervensystem, -verstehen Sie, und dann kriegt man heitere -Bäckchen. Sie gehen nun erst einmal in die Klappe, Castorp; -wir müssen sehen, ob wir Sie durch ein paar Wochen Bettruhe -nüchtern kriegen. Das Weitere kann nachher kommen. -Wir nehmen eine schöne Innenansicht von Ihnen auf – es -wird Ihnen Spaß machen, so Einblick zu gewinnen in Ihre -eigne Person. Das sage ich Ihnen aber gleich: ein Fall wie -Ihrer heilt nicht von heute bis übermorgen, Reklameerfolge -und Wunderkuren sind dabei nicht aufzuweisen. Es kam mir -doch gleich so vor, als ob Sie ein besserer Patient sein würden, -mit mehr Talent zum Kranksein, als der Brigadegeneral -da, der immer gleich weg will, wenn er mal ein paar Striche -weniger hat. Als ob Stillgelegen nicht ein ebenso gutes Kommando -wäre wie Stillgestanden! Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, -und Ungeduld schadet bloß. Daß Sie mich also nicht -enttäuschen, Castorp, und meine Menschenkenntnis nicht Lügen -strafen, bitt’ ich mir aus! Und nun marsch, in die Remise -mit Ihnen!“ -</p> - -<p> -Damit schloß Hofrat Behrens die Unterredung und setzte -sich an den Schreibtisch, um als Mann von vielen Geschäften -die Pause bis zur nächsten Untersuchung mit schriftlicher Arbeit -auszufüllen. Dr. Krokowski aber erhob sich von seinem -Platze, schritt auf Hans Castorp zu, und, den Kopf schräg -zurückgelegt, eine Hand auf der Schulter des jungen Mannes -und kernig lächelnd, so daß in seinem Barte die gelblichen -Zähne sichtbar wurden, schüttelte er ihm herzhaft die Rechte. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-6"> -<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a> -Fünftes Kapitel -</h2> - -</div> - -<h3 class="section1" id="subchap-0-6-1"> -Ewigkeitssuppe und plötzliche Klarheit -</h3> - -<p class="first"> -Hier steht eine Erscheinung bevor, über die der Erzähler sich -selbst zu wundern gut tut, damit nicht der Leser auf eigene -Hand sich allzusehr darüber wundere. Während nämlich unser -Rechenschaftsbericht über die ersten drei Wochen von Hans -Castorps Aufenthalt bei denen hier oben (einundzwanzig Hochsommertage, -auf die sich menschlicher Voraussicht nach dieser -Aufenthalt überhaupt hatte beschränken sollen) Räume und -Zeitmengen verschlungen hat, deren Ausdehnung unseren eigenen -halb eingestandenen Erwartungen nur zu sehr entspricht, -– wird die Bewältigung der nächsten drei Wochen seines Besuches -an diesem Orte kaum so viele Zeilen, ja Worte und -Augenblicke erfordern, als jener Seiten, Bogen, Stunden und -Tagewerke gekostet hat: im Nu, das sehen wir kommen, werden -diese drei Wochen hinter uns gebracht und beigesetzt sein. -</p> - -<p> -Dies also könnte wundernehmen; und doch ist es in der Ordnung -und entspricht den Gesetzen des Erzählens und Zuhörens. -Denn in der Ordnung ist es und diesen Gesetzen entspricht es, -daß uns die Zeit genau so lang oder kurz wird, für unser Erlebnis -sich genau ebenso breit macht oder zusammenschrumpft, -wie dem auf so unerwartete Art vom Schicksal mit Beschlag -belegten Helden unserer Geschichte, dem jungen Hans Castorp; -und es mag nützlich sein, den Leser in Ansehung des Zeitgeheimnisses -auf noch ganz andere Wunder und Phänomene, -als das hier auffallende, vorzubereiten, die uns in seiner Gesellschaft -zustoßen werden. Für jetzt genügt es, daß jedermann -sich erinnert, wie rasch eine Reihe, ja eine „lange“ Reihe von -Tagen vergeht, die man als Kranker im Bette verbringt: es -<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a> -ist immer derselbe Tag, der sich wiederholt; aber da es immer -derselbe ist, so ist es im Grunde wenig korrekt, von „Wiederholung“ -zu sprechen; es sollte von Einerleiheit, von einem -stehenden Jetzt oder von der Ewigkeit die Rede sein. Man bringt -dir die Mittagssuppe, wie man sie dir gestern brachte und sie -dir morgen bringen wird. Und in demselben Augenblick weht -es dich an – du weißt nicht, wie und woher; dir schwindelt, -indes du die Suppe kommen siehst, die Zeitformen verschwimmen -dir, rinnen ineinander, und was sich als wahre Form des -Seins dir enthüllt, ist eine ausdehnungslose Gegenwart, in -welcher man dir ewig die Suppe bringt. Mit Bezug auf die -Ewigkeit aber von Langerweile zu sprechen, wäre sehr paradox; -und Paradoxe wollen wir meiden, besonders im Zusammenleben -mit diesem Helden. -</p> - -<p> -Hans Castorp also war bettlägrig seit Sonnabendnachmittag, -da Hofrat Behrens, die oberste Autorität in der Welt, -die uns einschließt, es so angeordnet hatte. Da lag er, sein -Monogramm auf der Brusttasche seines Nachthemds, die -Hände hinter dem Kopf gefaltet, in seinem reinlichen, weißen -Bett, dem Totenbett der Amerikanerin und wahrscheinlich -noch mancher anderen Person, und blickte mit einfachen, vom -Schnupfen getrübten blauen Augen zur Zimmerdecke empor, -die Sonderbarkeit seiner Lebenslage betrachtend. Dabei ist -nicht anzunehmen, daß seine Augen ohne Schnupfen klar, hell -und unzweideutig geblickt hätten, denn so sah es in seinem -Inneren, wie einfach dieses auch sein mochte, nicht aus, sondern -in der Tat sehr trübe, verworren, undeutlich-halbaufrichtig -und zweifelhaft. Bald erschütterte, wie er so dalag, -ein tolles, tief aufsteigendes Triumphgelächter von innen her -seine Brust, und sein Herz stockte und schmerzte von einer nie -<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a> -gekannten, ausschweifenden Freude und Hoffnung; bald wieder -erblaßte er vor Schrecken und Bangen, und es waren die -Schläge des Gewissens selbst, mit denen sein Herz in raschem, -fliegendem Takt gegen die Rippen pochte. -</p> - -<p> -Joachim ließ ihn am ersten Tage ganz in Ruhe und vermied -jede Erörterung. Schonend trat er ein paarmal ins -Krankenzimmer, nickte dem Liegenden zu und fragte der guten -Form wegen, ob ihm was abgehe. Übrigens fiel es ihm -um so leichter, Hans Castorps Scheu vor einer Auseinandersetzung -zu erkennen und zu achten, als er sie teilte und sich nach -seiner Auffassung sogar in einer peinlicheren Lage befand als -dieser. -</p> - -<p> -Aber am Sonntagvormittag, nach seiner Rückkehr von dem -wie früher allein zurückgelegten Morgenspaziergang, verschob -er es trotzdem nicht länger, das nun unmittelbar Notwendigste -mit seinem Vetter zu beraten. Er stellte sich an dessen -Bett und sagte aufseufzend: -</p> - -<p> -„Ja, es hilft alles nichts, es müssen nun Schritte geschehen. -Sie erwarten dich ja zu Hause.“ -</p> - -<p> -„Noch nicht“, antwortete Hans Castorp. -</p> - -<p> -„Nein, aber in den nächsten Tagen, Mittwoch oder Donnerstag.“ -</p> - -<p> -„Ach,“ sagte Hans Castorp, „sie erwarten mich überhaupt -nicht so genau auf den Tag. Die haben anderes zu tun, als -auf mich zu warten und die Tage zu zählen, bis ich wiederkomme. -Wenn ich komme, so bin ich da, und Onkel Tienappel -sagt: ‚Da bist du ja auch wieder!‘ und Onkel James sagt: -‚Na, war’s schön.‘ Und wenn ich nicht komme, so dauert es -lange, bis es ihnen auffällt, da kannst du sicher sein. Selbstverständlich -müßte man sie mit der Zeit benachrichtigen ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a> -„Du kannst dir denken,“ sagte Joachim und seufzte wieder, -„wie unangenehm mir die Sache ist! Was soll denn jetzt -werden? Natürlich fühle ich mich doch sozusagen verantwortlich. -Du kommst hier herauf, um mich zu besuchen, und -ich führe dich ein hier oben, und nun sitzst du fest, und niemand -weiß, wann du wieder loskommst und deine Stelle antreten -kannst. Du mußt einsehen, daß mir das im höchsten -Grade peinlich ist.“ -</p> - -<p> -„Erlaube mir!“ sagte Hans Castorp, immer die Hände unter -dem Kopf. „Was machst denn du dir für Kopfzerbrechen? -Das ist doch Unsinn. Bin ich heraufgekommen, um dich zu -besuchen? Auch; aber in erster Linie doch schließlich, um mich -zu erholen, auf Vorschrift von Heidekind. Na, und nun zeigt -sich eben, daß ich erholungsbedürftiger bin, als er und wir -alle uns haben träumen lassen. Ich bin ja wohl nicht der -erste, der glaubte, hier eine Stippvisite zu machen, und für -den es dann anders kam. Denke doch nur zum Beispiel an -<span class="antiqua" lang="fr">Tous les deux’</span> zweiten Sohn, und wie es den hier denn doch -noch ganz anders getroffen hat, – ich weiß nicht, ob er noch -lebt, vielleicht haben sie ihn abgeholt während einer Mahlzeit. -Daß ich etwas krank bin, ist mir ja eine Überraschung, -ich muß mich erst darein finden, mich hier als Patient und -richtig als einer von euch zu fühlen, statt, wie bisher, nur als -Gast. Und dann überrascht es mich doch auch wieder fast gar -nicht, denn so recht prachtvoll instand habe ich mich eigentlich -niemals gefühlt, und wenn ich denke, wie früh meine beiden -Eltern gestorben sind, – woher sollte die Pracht denn schließlich -auch kommen! Daß du einen kleinen Knacks hast, nicht -wahr, wenn er nun auch so gut wie kuriert ist, darüber machen -wir uns ja alle nichts vor, und also kann es ja sein, daß es -<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a> -ein bißchen in unsrer Familie liegt, Behrens wenigstens machte -so eine Bemerkung. Jedenfalls liege ich hier schon seit gestern -und überlege mir, wie mir doch eigentlich immer zumute war -und wie ich mich zu dem Ganzen verhielt, zum Leben, weißt -du, und seinen Anforderungen. Ein gewisser Ernst und eine -gewisse Abneigung gegen robustes und lautes Wesen lag immer -in meiner Natur, – wir sprachen noch neulich davon, und -daß ich manchmal fast Lust gehabt hätte, geistlich zu werden, -aus Interesse für traurige und erbauliche Dinge, – so ein -schwarzes Tuch, weißt du, mit einem silbernen Kreuz darauf -oder <span class="antiqua" lang="la">R. I. P.</span> ... <span class="antiqua" lang="la">Requiescat in pace</span> ... das ist eigentlich -das schönste Wort und mir viel sympathischer als ‚Hoch soll -er leben‘, was doch mehr ein Radau ist. Das alles, denke ich -mir, kommt wohl daher, daß ich selbst einen Knacks habe und -mich von Anfang an auf die Krankheit verstehe, – es zeigt sich -bei dieser Gelegenheit. Aber wenn es sich nun doch so verhält, -so kann ich ja von Glück sagen, daß ich heraufgekommen bin -und mich habe untersuchen lassen; du brauchst dir nicht die -geringsten Vorwürfe deswegen zu machen. Denn du hast ja -gehört: wenn ich es im Flachland noch eine Weile so weiter -getrieben hätte, so wäre womöglich mir nichts dir nichts mein -ganzer Lungenlappen zum Teufel gegangen.“ -</p> - -<p> -„Das kann man nicht wissen!“ sagte Joachim. „Das ist -es ja eben, daß man das gar nicht wissen kann! Du sollst ja -früher schon Stellen gehabt haben, um die sich niemand gekümmert -hat und die ganz von selbst verheilt sind, so daß du -jetzt nur noch ein paar gleichgültige Dämpfungen davon hast. -So wäre es möglicherweise auch mit der feuchten Stelle gegangen, -die du jetzt haben sollst, wenn du nicht zufällig zu -mir heraufgekommen wärst, – man kann es nicht wissen!“ -</p> - -<p> -<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a> -„Nein, wissen kann man gar nichts“, antwortete Hans -Castorp. „Und darum hat man kein Recht, das Ärgerlichste -in Ansatz zu bringen, zum Beispiel auch was die Dauer meines -Kuraufenthaltes betrifft. Du sagst, niemand weiß, wann -ich loskomme und auf der Werft eintreten kann, aber du sagst -es im pessimistischen Sinn, und das finde ich voreilig, da man -es ja eben nicht wissen kann. Behrens hat keinen Termin genannt, -er ist ein besonnener Mann und spielt nicht den Wahrsager. -Es hat ja auch die Durchleuchtung und photographische -Aufnahme noch gar nicht stattgefunden, die erst den Sachverhalt -objektiv klarstellen wird, und wer weiß, ob da etwas -Nennenswertes zutage kommt und ob ich nicht vorher schon -fieberfrei bin und euch Adieu sagen kann. Ich bin dafür, daß -wir uns nicht vor der Zeit aufspielen und denen zu Hause -nicht gleich die größten Räubergeschichten erzählen. Es genügt, -wenn wir nächstens mal schreiben – ich kann selbst schreiben, -mit der Füllfeder hier, wenn ich mich etwas aufsetze –, -daß ich stark erkältet und febril und bettlägrig bin und vorderhand -noch nicht reisen kann. Das Weitere findet sich.“ -</p> - -<p> -„Gut,“ sagte Joachim, „so können wir’s vorläufig machen. -Und dann können wir ja auch mit dem anderen noch etwas -zuwarten.“ -</p> - -<p> -„Mit welchem anderen?“ -</p> - -<p> -„Sei nicht so gedankenlos! Du bist doch nur auf drei -Wochen eingerichtet mit deinem Kajütenkoffer. Du brauchst -Wäsche, Unter- und Oberwäsche und Winterkleider, und -brauchst mehr Schuhzeug. Schließlich, auch Geld mußt du -dir kommen lassen.“ -</p> - -<p> -„<em>Wenn</em>,“ sagte Hans Castorp, „<em>wenn</em> ich das alles -brauche.“ -</p> - -<p> -<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a> -„Gut, warten wir’s ab. Aber wir sollten ... nein,“ sagte -Joachim und ging in Bewegung durchs Zimmer, „wir sollten -uns keine Illusionen machen! Ich bin zu lange hier, um -nicht Bescheid zu wissen. Wenn Behrens sagt, daß da eine -rauhe Stelle ist, beinah ein Geräusch ... Aber selbstverständlich, -wir können ja zusehen!“ – -</p> - -<p> -Dabei blieb es für diesmal, und vorderhand traten die acht- -und vierzehntägigen Abwandlungen des Normaltages in ihre -Rechte, – auch in seiner gegenwärtigen Lage hatte Hans Castorp -teil daran, wo nicht durch unmittelbaren Mitgenuß, so -durch Berichte, die Joachim abstattete, wenn er ihn besuchte -und sich für eine Viertelstunde auf seine Bettkante setzte. -</p> - -<p> -Das Teebrett, worauf man ihm am Sonntagmorgen sein -Frühstück brachte, war mit einem Blumenväschen geschmückt, -und man hatte nicht versäumt, ihm von dem Feingebäck zu -schicken, das heute im Saale gereicht wurde. Später wurde -es drunten im Garten und auf der Terrasse lebendig, und mit -Trara und Klarinettengenäsel setzte das vierzehntägige Sonntagskonzert -ein, zu dem Joachim sich bei seinem Vetter einfand: -er nahm die Darbietung bei offener Balkontür draußen -in der Loge entgegen, während Hans Castorp von seinem -Bette aus, halb sitzend, den Kopf auf die Seite gelegt und -liebevoll-andächtig verschwimmenden Blickes den heraufdrängenden -Harmonien lauschte, nicht ohne innerlich achselzuckend -der Redereien Settembrinis von der „politischen Verdächtigkeit“ -der Musik zu gedenken. -</p> - -<p> -Im übrigen, wie wir sagten, ließ er sich von Joachim über -die Erscheinungen und Veranstaltungen dieser Tage Bericht -erstatten, fragte ihn aus, ob der Sonntag festliche Toiletten -gebracht habe, Spitzenmatinees oder dergleichen (für Spitzenmatinees -<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a> -war es jedoch zu kalt gewesen); auch ob nachmittags -Wagenfahrten stattgefunden hätten (wirklich waren -welche unternommen worden: der Verein „Halbe Lunge“ war -<span class="antiqua" lang="la">in corpore</span> nach Clavadell ausgeflogen); und am Montag -verlangte er, von Dr. Krokowskis Conférence zu hören, als -Joachim davon zurückkehrte und, bevor er in die Mittagsliegekur -ging, bei ihm vorsprach. Joachim zeigte sich mundfaul -und abgeneigt, über den Vortrag zu berichten, – wie ja -auch von dem vorigen weiter nicht zwischen den beiden die -Rede gewesen war. Aber Hans Castorp bestand darauf, -Einzelheiten zu hören. „Ich liege hier und zahle den vollen -Preis“, sagte er. „Ich will auch etwas haben von dem, was -geboten wird.“ Er erinnerte sich an den Montag vor vierzehn -Tagen, an seinen selbständigen Spaziergang, der ihm so wenig -gut getan, und gab der bestimmten Vermutung Ausdruck, -daß er es eigentlich gewesen sei, der revolutionierend auf seinen -Körper gewirkt und die still vorhandene Krankheit zum Ausbruch -gebracht habe. „Aber wie die Leute hier reden,“ rief -er; „das niedere Volk, – so würdig und feierlich: es klingt -zuweilen wie Poesie. ‚Nun, so leb’ wohl und hab’ Dank!‘“ -wiederholte er, indem er die Sprechweise des Holzknechtes -nachahmte. „So habe ich es im Walde gehört, und ich vergesse -es meiner Lebtage nicht. Dergleichen verbindet sich dann -mit anderen Eindrücken oder Erinnerungen, weißt du, und -man behält es bis an sein Lebensende im Ohr. – Und Krokowski -hat also wieder von ‚Liebe‘ gesprochen?“ fragte er und -schnitt ein Gesicht bei dem Wort. -</p> - -<p> -„Selbstredend“, sagte Joachim. „Wovon denn sonst. Es -ist ja nun einmal sein Thema.“ -</p> - -<p> -„Was sagte er denn heute davon?“ -</p> - -<p> -<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a> -„Ach, nichts Besonderes. Du weißt ja selbst, vom vorigen -Mal, wie er sich ausdrückt.“ -</p> - -<p> -„Aber was gab er denn Neues zum besten?“ -</p> - -<p> -„Nichts weiter Neues ... Ja, es war die reine Chemie, -was er heute verzapfte“, ließ Joachim sich widerstrebend herbei, -zu berichten. Es handele sich „dabei“ um eine Art von -Vergiftung, von Selbstvergiftung des Organismus, habe -Dr. Krokowski gesagt, die so entstehe, daß ein noch unbekannter, -im Körper verbreiteter Stoff Zersetzung erfahre; und die -Produkte dieser Zersetzung wirkten berauschend auf gewisse -Rückenmarkszentren ein, nicht anders, als wie es sich bei der -gewohnheitsmäßigen Einführung von fremden Giftstoffen, -Morphin oder Kokain, verhalte. -</p> - -<p> -„Und dann kriegt man heitere Bäckchen!“ sagte Hans Castorp. -„Sieh an, das ist ja hörenswert. Was der nicht alles -weiß –. Er hat es mit Löffeln gegessen. Warte nur, eines -Tages entdeckt er dir noch den unbekannten Stoff, der im -ganzen Körper verbreitet ist, und stellt die löslichen Gifte her, -die berauschend aufs Zentrum wirken, dann kann er die Leute -auf eine besondere Weise beschwipsen. Vielleicht war man -früher schon einmal so weit. Wenn man ihn hört, so könnte -man denken, daß etwas Wahres ist an den Geschichten von -Liebestränken und solchem Zeug, wovon in den Sagenbüchern -die Rede ist ... Gehst du schon?“ -</p> - -<p> -„Ja,“ sagte Joachim, „ich muß unbedingt noch etwas -liegen. Ich habe ansteigende Kurve seit gestern. Die Sache -mit dir hat mir doch etwas zugesetzt.“ – -</p> - -<p> -Das war der Sonntag, der Montag. Aus Abend und -Morgen wurde der dritte Tag von Hans Castorps Aufenthalt -in der „Remise“, ein Wochentag ohne Auszeichnung, der -<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a> -Dienstag. Es war aber der Tag seiner Ankunft hier oben, -er war nun rund drei Wochen an diesem Ort, und so trieb -es ihn doch, den Brief nach Hause zu schreiben und seine -Onkel wenigstens obenhin und für den Augenblick über den -Stand der Dinge zu unterrichten. Sein Plumeau im Rücken, -schrieb er auf einem Briefbogen der Anstalt, daß seine Abreise -von hier sich planwidrig verzögere. Er liege mit einer -fieberigen Erkältung, die von Hofrat Behrens, übergewissenhaft, -wie er wohl sei, offenbar nicht ganz auf die leichte -Achsel genommen werde, da er sie mit seiner, des Schreibers, -Konstitution überhaupt in Zusammenhang bringe. Denn -gleich bei der ersten Bekanntschaft habe der dirigierende Arzt -ihn stark anämisch gefunden, und alles in allem scheine es, -als ob maßgeblicherseits die von ihm, Hans Castorp, zu seiner -Erholung angesetzte Frist nicht für recht ausreichend erachtet -werde. Weiteres ehetunlichst. – So ist es gut, dachte -Hans Castorp. Da ist kein Wort zu viel und doch hält es auf -jeden Fall eine Weile vor. – Der Brief wurde dem Hausdiener -übergeben, der ihn unter Vermeidung des Umweges -über den Kasten unmittelbar zum nächsten fahrplanmäßigen -Zug beförderte. -</p> - -<p> -Hiernach schien unserem Abenteurer vieles geordnet, und -mit beschwichtigtem Gemüt, wenn auch geplagt von Husten -und Schnupfendumpfheit, lebte er abwartend in den Tag -hinein, den vielfach in kurze Stückchen geteilten und in seiner -feststehenden Einförmigkeit weder kurz- noch langweiligen -Normaltag, der immer derselbe war. Morgens trat nach -mächtigem Anklopfen der Bademeister herein, ein nerviges -Individuum namens Turnherr, mit aufgerollten Hemdärmeln, -hochgeäderten Unterarmen und einer gurgelnden, schwer -<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a> -behinderten Sprechart, der Hans Castorp, wie alle Patienten, -mit seiner Zimmernummer anredete und ihn mit Alkohol abrieb. -Nicht lange nach seinem Abgang erschien Joachim, fertig -angezogen, um Guten Morgen zu sagen, nach seines Vetters -Sieben-Uhr-früh-Temperatur zu fragen und seine eigene mitzuteilen. -Während er drunten frühstückte, tat Hans Castorp, -sein Plumeau im Rücken, mit dem Appetit, den eine neue -Lebenslage erzeugt, dasselbe –, kaum gestört durch den geschäftig-geschäftsmäßigen -Einbruch der Ärzte, die um diese -Zeit den Speisesaal passiert hatten und ihren Rundgang durch -die Zimmer der Bettlägrigen und Moribunden im Geschwindschritt -zurücklegten. Den Mund voll Eingemachtem, bekundete -er, „schön“ geschlafen zu haben, sah über den Rand seiner -Tasse hin zu, wie der Hofrat, der seine Fäuste auf die Platte -des Mitteltisches stemmte, rasch die dort aufliegende Fiebertabelle -prüfte, und erwiderte gleichmütig gedehnten Tones -den Morgengruß der Abziehenden. Dann zündete er sich eine -Zigarette an und sah Joachim schon von seinem morgendlichen -Dienstgang wieder zurückkehren, wenn er kaum gedacht -hatte, daß er fortgegangen sei. Wieder plauderten sie dies -und das, und der Zeit-Zwischenraum bis zum zweiten Frühstück -– Joachim hielt Liegekur unterdessen – war so kurz, daß -selbst ein ausgemachter Hohlkopf und Geistesarmer es nicht -zur Langenweile gebracht haben würde, – während doch Hans -Castorp an den Eindrücken seiner ersten drei Wochen hier oben -reichlich zu zehren, auch seine gegenwärtige Lebenslage und -was etwa daraus werden mochte, innerlich zu bearbeiten hatte -und der beiden dicken Bände einer illustrierten Zeitschrift kaum -bedurft hätte, die, der Anstaltsbibliothek entstammend, auf -seinem Nachttisch lagen. -</p> - -<p> -<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a> -Nichts anderes gilt für die Zeitspanne, während der Joachim -seinen zweiten Gang nach Platz Davos absolvierte, ein -leichtes Stündchen. Er sprach dann wieder vor bei Hans Castorp -und erzählte von dem und jenem, was ihm im Spazieren -auffällig geworden, stand oder saß einen Augenblick am Krankenbette, -bevor er in die Mittagsliegekur ging, – und wie -lange dauerte die? Nur wieder ein Stündchen! Man hatte -kaum, die Hände hinter dem Kopf gefaltet, ein wenig zur -Decke geblickt und einem Gedanken nachgehangen, so dröhnte -das Gong, das die nicht Bettlägrigen und Moribunden aufforderte, -sich zur großen Mahlzeit instandzusetzen. -</p> - -<p> -Joachim ging, und es kam die „Mittagssuppe“: ein einfältig -symbolischer Name für das, was kam! Denn Hans -Castorp war nicht auf Krankenkost gesetzt, – warum auch -hätte man ihn darauf setzen sollen? Krankenkost, schmale -Kost war auf keine Art indiziert bei seinem Zustande. Er lag -hier und zahlte den vollen Preis, und was man ihm bringt -in der stehenden Ewigkeit dieser Stunde, das ist keine „Mittagssuppe“, -es ist das sechsgängige Berghof-Diner ohne Abzug -und in aller Ausführlichkeit, – am Alltage üppig, am -Sonntage ein Gala-, Lust- und Parademahl, von einem -europäisch erzogenen Chef in der Luxushotelküche der Anstalt -bereitet. Die Saaltochter, deren Amt es war, die Bettlägrigen -zu versorgen, brachte es ihm unter vernickelten Hohldeckeln -und in leckeren Tiegeln; sie schob den Krankentisch, der sich eingefunden, -dies einbeinige Wunder von Gleichgewichtskonstruktion, -quer über sein Bett vor ihn hin, und Hans Castorp tafelte -daran wie der Sohn des Schneiders am Tischlein deck dich. -</p> - -<p> -Kaum hatte er abgespeist, so kehrte auch Joachim zurück, -und bis dieser in seine Loggia ging und die Stille der großen -<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a> -Liegekur sich über Haus „Berghof“ senkte, war es soviel wie -halb drei geworden. Nicht ganz, vielleicht; genau genommen -wohl erst ein Viertel über zwei. Aber solche überzähligen -Viertelstunden außerhalb runder Einheiten werden nicht mitgerechnet, -sondern nebenbei verschlungen, wo großzügige Zeitwirtschaft -herrscht, wie etwa auf Reisen, bei vielstündiger -Bahnfahrt oder sonst in leerem, wartendem Zustande, wenn -alles Streben und Leben aufs Hinbringen und Zurücklegen -von Zeit zurückgeführt ist. Ein Viertel über zwei Uhr – das -gilt für halb drei; es gilt in Gottes Namen auch gleich für drei -Uhr, da schon die Drei im Spiele ist. Die dreißig Minuten -werden als Auftakt zur runden Stunde von drei bis vier Uhr -verstanden und innerlich beseitigt: so macht man es unter -solchen Umständen. Und so beschränkte sich denn die Dauer -der großen Liegekur schließlich und eigentlich wieder auf eine -Stunde, – die übrigens an ihrem Ende vermindert, weggestutzt -und gleichsam apostrophiert wurde. Der Apostroph war Dr. -Krokowski. -</p> - -<p> -Ja, Dr. Krokowski beschrieb auf seinem selbständigen Nachmittagsrundgang -keinen Bogen mehr um Hans Castorp. -Dieser zählte nun mit, er war nicht länger ein Intervall und -Hiatus, er war Patient, er wurde gefragt und nicht links -liegengelassen, wie es zu seinem geheimen und leichten, aber -täglich wieder empfundenen Ärger so lange geschehen war. -Es war am Montag gewesen, daß Dr. Krokowski zum erstenmal -im Zimmer erschienen war, – wir sagen „erschienen“, -denn das ist das rechte Wort für den sonderbaren und sogar -etwas entsetzlichen Eindruck, dessen Hans Castorp sich damals -nicht hatte erwehren können. Er hatte im Halb- oder Viertelschlummer -gelegen, als er aufschreckend gewahrte, daß der -<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a> -Assistent im Zimmer war, ohne durch die Tür hereingelangt -zu sein, und von der Außenseite her auf ihn zuschritt. Denn -sein Weg war nicht über den Korridor, sondern durch die -äußeren Loggien gewesen, und durch die offene Balkontür war -er eingetreten, so daß sich die Vorstellung aufdrängte, als sei -er durch die Lüfte gekommen. Da hatte er nun jedenfalls an -Hans Castorps Lager gestanden, schwarzbleich, breitschultrig -und stämmig, der Apostroph der Stunde, und in seinem geteilten -Bart waren gelblich und mannhaft lächelnd die Zähne -zu sehen gewesen. -</p> - -<p> -„Sie scheinen überrascht, mich zu sehen, Herr Castorp,“ -hatte er mit baritonaler Milde, schleppend, unbedingt etwas -geziert und mit einem exotischen Gaumen-r gesprochen, das er -jedoch nicht rollte, sondern durch ein nur einmaliges Anschlagen -der Zunge gleich hinter den oberen Vorderzähnen erzeugte; -„ich erfülle aber lediglich eine angenehme Pflicht, wenn ich bei -Ihnen nun auch nach dem Rechten sehe. Ihr Verhältnis zu -uns ist in eine neue Phase getreten, über Nacht ist aus dem -Gaste ein Kamerad geworden ...“ (Das Wort „Kamerad“ -hatte Hans Castorp etwas geängstigt.) „Wer hätte es gedacht!“ -hatte Dr. Krokowski kameradschaftlich gescherzt ... -„Wer hätte es gedacht an dem Abend, als ich Sie zuerst begrüßen -durfte und Sie meiner irrigen Auffassung – damals -war sie irrig – mit der Erklärung begegneten, Sie seien vollkommen -gesund. Ich glaube, ich drückte damals etwas wie -einen Zweifel aus, aber, ich versichere Sie, ich meinte es nicht -so! Ich will mich nicht scharfsichtiger hinstellen, als ich bin, -ich dachte damals an keine feuchte Stelle, ich meinte es anders, -allgemeiner, philosophischer, ich verlautbarte meinen Zweifel -daran, daß ‚Mensch‘ und ‚vollkommene Gesundheit‘ überhaupt -<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a> -Reimworte seien. Und auch heute noch, auch nach dem Verlauf -Ihrer Untersuchung, kann ich, wie ich nun einmal bin, -und im Unterschiede von meinem verehrten Chef, diese feuchte -Stelle da“ – und er hatte mit der Fingerspitze leicht Hans -Castorps Schulter berührt – „nicht als im Vordergrunde des -Interesses stehend erachten. Sie ist für mich eine sekundäre -Erscheinung ... Das Organische ist immer sekundär ...“ -</p> - -<p> -Hans Castorp war zusammengezuckt. -</p> - -<p> -„... Und also ist Ihr Katarrh in meinen Augen eine Erscheinung -dritter Ordnung“, hatte Dr. Krokowski sehr leicht -hinzugefügt. „Wie steht es damit? Die Bettruhe wird in -dieser Hinsicht gewiß rasch das ihre tun. Was haben Sie -heute gemessen?“ Und von da an hatte der Besuch des Assistenten -den Charakter einer harmlosen Kontrollvisite getragen, -wie er ihn denn auch in den folgenden Tagen und Wochen -beständig trug: Dr. Krokowski kam ¾4 Uhr oder auch schon -etwas früher über den Balkon herein, begrüßte den Liegenden -auf mannhaft heitere Art, stellte die einfachsten ärztlichen -Fragen, leitete auch wohl ein kurzes, persönlicher bestimmtes -Geplauder ein, scherzte kameradschaftlich, – und wenn alles -dies eines Anfluges von Bedenklichkeit nicht entbehrte, so gewöhnt -man sich endlich auch an das Bedenkliche, falls es in -seinen Grenzen bleibt, und Hans Castorp fand bald nichts -mehr gegen das regelmäßige Erscheinen Dr. Krokowskis zu -erinnern, das nun einmal zum stehenden Normaltage gehörte -und die Stunde der großen Liegekur apostrophierte. -</p> - -<p> -Es war also 4 Uhr, wenn der Assistent wieder auf den -Balkon zurücktrat, – das heißt tiefer Nachmittag! Plötzlich -und eh mans gedacht, war es tiefer Nachmittag, – der sich -übrigens ungesäumt ins annähernd Abendliche vertiefte: denn -<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a> -bis der Tee getrunken war, drunten im Saal und auf Nummer -34, ging es stärkstens auf 5 Uhr und, bis Joachim von -seinem dritten Dienstgange zurückkehrte und bei seinem Vetter -wieder vorsprach, immerhin so stark auf 6, daß sich die Liegekur -bis zum Abendessen, wenn man nur ein wenig rund rechnete, -wieder auf eine Stunde beschränkte, – eine spielend aus -dem Felde zu schlagende Zeitgegnerschaft, wenn man Gedanken -im Kopf und außerdem einen ganzen <span class="antiqua" lang="la">orbis pictus</span> auf -dem Nachttische hat. -</p> - -<p> -Joachim verabschiedete sich zur Mahlzeit. Das Essen wurde -gebracht. Das Tal hatte sich längst mit Schatten gefüllt, und -während Hans Castorp aß, dunkelte es zusehens im weißen -Zimmer. Er saß, wenn er fertig war, in sein Plumeau gelehnt, -vor dem abgegessenen Tischleindeckdich und blickte in die -rasch zunehmende Dämmerung, die Dämmerung von heute, -die von der gestrigen, vorgestrigen oder der vor acht Tagen -nur schwer zu unterscheiden war. Es war Abend, – nachdem -es eben noch Morgen gewesen. Der zerkleinerte und künstlich -kurzweilig gemachte Tag war ihm buchstäblich unter den Händen -zerbröckelt und zunichte geworden, wie er mit heiterer Verwunderung -oder allenfalls nachdenklich bemerkte; denn Grauen -hiervor war seinen Jahren noch fremd. Ihm war nur, als -blicke er „immer noch“. -</p> - -<p> -Eines Tages, es mochten zehn oder zwölf vergangen sein, -seit Hans Castorp bettlägrig geworden war, pochte es um -diese Stunde, das heißt: bevor Joachim vom Abendessen und -von der Geselligkeit zurückgekehrt war, an die Stubentür, und -auf Hans Castorps fragendes Herein erschien Lodovico Settembrini -auf der Schwelle, – wobei es mit einem Schlage -blendend hell im Zimmer wurde. Denn des Besuchers erste -<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a> -Bewegung, bei noch offener Tür, war gewesen, daß er das -Deckenlicht eingeschaltet hatte, welches, von dem Weiß der -Decke, der Möbel zurückgeworfen, den Raum im Nu mit -zitternder Klarheit überfüllte. -</p> - -<p> -Der Italiener war die einzige Persönlichkeit unter den Kurgästen, -nach der Hans Castorp sich in diesen Tagen ausdrücklich -und namentlich bei Joachim erkundigt hatte. Joachim -berichtete ihm ja ohnedies, sooft er für zehn Minuten auf -seines Vetters Bettrand saß oder neben ihm stand – und das -geschah zehnmal am Tage – von den kleinen Vorkommnissen -und Schwankungen im Alltagsleben der Anstalt, und soweit -Hans Castorp Fragen gestellt hatte, waren sie allgemeiner -und unpersönlicher Art gewesen. Die Neugier des Isolierten -ging dahin, zu wissen, ob etwa neue Gäste angekommen oder -von den vertrauten Physiognomien jemand abgereist sei; und -es schien ihn zu befriedigen, daß nur jenes der Fall war. Ein -„Neuer“ war eingetroffen, ein junger Mann, grünlich und -hohl von Gesicht, und hatte seinen Platz am Tische der elfenbeinernen -Levi und der Frau Iltis, gleich rechts von dem der -Vettern erhalten. Nun, Hans Castorp konnte es erwarten, -ihn in Augenschein zu nehmen. Abgereist war also niemand? -Joachim verneinte kurz, indem er die Augen niederschlug. -Aber er mußte die Frage mehrmals beantworten, eigentlich -jeden zweiten Tag, obgleich er schließlich, eine gewisse Ungeduld -in der Stimme, ein für allemal Bescheid zu geben versucht -und gesagt hatte, seines Wissens stehe niemand vor der -Abreise, so schlankerhand werde hier überhaupt ja nicht abgereist. -</p> - -<p> -Was Settembrini betraf, so hatte also Hans Castorp persönlich -nach ihm gefragt und zu hören verlangt, was jener -<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a> -„dazu gesagt“ habe. Wozu? „Nun, daß ich hier liege und -krank sein soll.“ Wirklich hatte Settembrini sich geäußert, -wenn auch sehr knapp. Gleich am Tage von Hans Castorps -Verschwinden war er an Joachim mit der Frage nach dem -Verbleib des Gastes herangetreten, wobei er sichtlich zu erfahren -bereit gewesen war, daß Hans Castorp abgereist sei. -Auf Joachims Erklärungen hatte er nur mit zwei italienischen -Wörtern erwidert: zuerst hatte er „<span class="antiqua" lang="it">Ecco</span>“ und dann „<span class="antiqua" lang="it">Poveretto</span>“ -gesagt, zu deutsch: „da haben wir’s“ und „armer -Kleiner“, – man brauchte nicht mehr Italienisch zu verstehen -als die beiden jungen Leute, um den Sinn dieser beiden -Äußerungen zu erfassen. „Wieso ‚<span class="antiqua" lang="it">poveretto</span>‘?“ hatte Hans -Castorp gesagt. „Er sitzt doch auch hier oben mit seiner Literatur, -die aus Humanismus und Politik besteht, und kann -die irdischen Lebensinteressen wenig fördern. Er sollte mich -nur nicht so von oben herab bemitleiden, ich komme immer -noch früher ins Flachland als er.“ -</p> - -<p> -Nun also stand Herr Settembrini im jäh erleuchteten Zimmer, -– Hans Castorp, der sich auf den Ellbogen gestützt und -zur Tür gewandt hatte, erkannte ihn blinzelnd und errötete, -als er ihn erkannte. Wie immer trug Settembrini seinen dicken -Rock mit den großen Aufschlägen, einen etwas schadhaften -Umlegekragen dazu und die karierten Hosen. Da er vom -Essen kam, hielt er nach seiner Gewohnheit einen hölzernen -Zahnstocher zwischen den Lippen. Sein Mundwinkel unter -der schönen Schnurrbartbiegung war zu dem bekannten feinen, -nüchternen und kritischen Lächeln gespannt. -</p> - -<p> -„Guten Abend, Ingenieur! Ist es erlaubt, sich nach Ihnen -umzusehen? Wenn ja, so bedarf es dazu des Lichtes, – verzeihen -Sie meine Eigenmächtigkeit!“ sagte er, indem er die -<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a> -kleine Hand schwunghaft zur Deckenlampe emporwarf. „Sie -kontemplierten, – ich möchte beileibe nicht stören. Neigung -zur Nachdenklichkeit wäre mir ganz begreiflich in Ihrem Fall, -und zum Plaudern haben Sie schließlich Ihren Vetter. Sie -sehen, meine Überflüssigkeit ist mir vollkommen deutlich. -Trotzdem, man lebt auf so engem Raum beieinander, man -faßt Teilnahme von Mensch zu Mensch, geistige Teilnahme, -Herzensteilnahme ... Es ist eine gute Woche, daß man Sie -nicht sieht. Ich fing wahrhaftig an, mir einzubilden, Sie seien -abgereist, als ich Ihren Platz drunten im Refektorium leer -sah. Der Leutnant belehrte mich eines Besseren, hm, eines -weniger Guten, wenn das nicht unhöflich klingt ... Kurz, -wie geht es? Was treiben Sie? Wie fühlen Sie sich? Doch -nicht allzu niedergeschlagen?“ -</p> - -<p> -„Sie sind es, Herr Settembrini! Das ist ja freundlich. -Ha, ha, ‚Refektorium‘? Da haben Sie gleich wieder einen -Witz gemacht. Nehmen Sie den Stuhl, bitte. Sie stören mich -keine Spur. Ich lag da und sinnierte, – sinnieren ist schon -viel zu viel gesagt. Ich war einfach zu faul, das Licht anzudrehen. -Danke vielmals, es geht mir subjektiv so gut wie -normal. Mein Schnupfen ist beinahe behoben durch die Bettruhe, -aber er soll ja eine sekundäre Erscheinung sein, wie ich -allgemein höre. Die Temperatur ist eben immer noch nicht, -wie sie sein sollte, mal 37,5, mal 37,7, das hat sich in diesen -Tagen noch nicht geändert.“ -</p> - -<p> -„Sie nehmen regelmäßig Messungen vor?“ -</p> - -<p> -„Ja, sechsmal am Tage, ganz wie sie alle hier oben. Haha, -entschuldigen Sie, ich muß noch lachen darüber, daß Sie -unsern Speisesaal ‚Refektorium‘ nannten. So sagt man doch -im Kloster, nicht? Davon hat es hier wirklich etwas, – ich -<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a> -war ja noch nie in einem Kloster, aber so ähnlich stelle ich es -mir vor. Und die ‚Regeln‘ habe ich auch schon am Schnürchen -und beobachte sie ganz genau.“ -</p> - -<p> -„Wie ein frommer Bruder. Man kann sagen, Ihr Noviziat -ist beendet, Sie haben Profeß getan. Meine feierliche -Gratulation. Sie sagen ja auch schon ‚unser Speisesaal‘. -Übrigens – ohne Ihrer Manneswürde zu nahe treten zu -wollen – erinnern Sie mich fast mehr an ein junges Nönnlein -als an einen Mönch, – an so ein eben geschorenes, unschuldiges -Bräutchen Christi mit großen Opferaugen. Ich habe -früher hie und da solche Lämmer gesehen nie ohne ... nie -ohne eine gewisse Sentimentalität. Ah, ja, ja, Ihr Herr Vetter -hat mir alles erzählt. Sie haben sich also im letzten Moment -noch untersuchen lassen.“ -</p> - -<p> -„Da ich febril war –. Ich bitte Sie, Herr Settembrini, bei -einem solchen Katarrh hätte ich mich in der Ebene an unseren -Arzt gewandt. Und hier, wo man sozusagen an der Quelle -sitzt, wo zwei Spezialisten im Hause sind, – es wäre doch -komisch gewesen ...“ -</p> - -<p> -„Versteht sich, versteht sich. Und gemessen hatten Sie sich -also schon, bevor man es Ihnen aufgetragen. Man hatte es -Ihnen übrigens sofort empfohlen. Das Thermometer hat -Ihnen die Mylendonk zugesteckt?“ -</p> - -<p> -„Zugesteckt? Da der Bedarfsfall vorlag, habe ich ihr eines -abgekauft.“ -</p> - -<p> -„Ich verstehe. Ein einwandfreies Handelsgeschäft. Und -wieviel Monate hat der Chef Ihnen aufgebrummt? ... -Großer Gott, so habe ich Sie schon einmal gefragt! Erinnern -Sie sich? Sie waren frisch angekommen. Sie antworteten -so keck damals ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a> -„Natürlich weiß ich das noch, Herr Settembrini. Viel -Neues habe ich seitdem erlebt, aber das weiß ich doch noch -wie heute. Gleich damals waren Sie so amüsant und machten -Hofrat Behrens zum Höllenrichter ... Rhadames ... Nein, -warten Sie, das ist was anderes ...“ -</p> - -<p> -„Rhadamanthys? Mag sein, daß ich ihn beiläufig so -nannte. Ich behalte nicht alles, was mein Kopf gelegentlich -hervorsprudelt.“ -</p> - -<p> -„Rhadamanthys, natürlich! Minos und Rhadamanthys! -Auch von Carducci erzählten Sie uns damals gleich ...“ -</p> - -<p> -„Erlauben Sie, lieber Freund, <em>den</em> wollen wir beiseite lassen. -<em>Der</em> Name nimmt sich in diesem Augenblick gar zu -fremdartig aus in Ihrem Munde!“ -</p> - -<p> -„Auch gut“, lachte Hans Castorp. „Ich habe durch Sie -aber doch viel über ihn gelernt. Ja, damals hatte ich keine -Ahnung und antwortete Ihnen, ich sei auf drei Wochen gekommen, -anders wußte ich’s nicht. Gerade hatte die Kleefeld -mich zur Begrüßung mit dem Pneumothorax angepfiffen, davon -war ich etwas außer mir. Aber auch febril fühlte ich mich -damals gleich, denn die Luft hier ist ja nicht nur gut <em>gegen</em> -die Krankheit, sie ist auch gut <em>für</em> die Krankheit, manchmal -bringt sie sie erst zum Ausbruch, und das ist am Ende wohl -nötig, wenn Heilung eintreten soll.“ -</p> - -<p> -„Eine bestechende Hypothese. Hat Hofrat Behrens Ihnen -auch von der Deutschrussin erzählt, die wir voriges Jahr, – -nein: vorvoriges Jahr fünf Monate hier hatten? Nicht? -Das hätte er tun sollen. Eine liebenswürdige Dame, deutschrussisch -ihrer Abstammung nach, verheiratet, junge Mutter. -Sie kam aus dem Osten hierher, lymphatisch, blutarm, es -lag auch wohl etwas Ernsthafteres vor. Nun, sie lebt einen -<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a> -Monat hier und klagt, sie fühle sich schlecht. Nur Geduld! -Es vergeht ein zweiter Monat, und sie behauptet fortgesetzt, -daß es ihr nicht besser, sondern schlechter geht. Ihr wird bedeutet, -wie es ihr <em>gehe</em>, könne einzig und allein der Arzt beurteilen; -sie könne nur angeben, wie sie sich <em>fühle</em>, – und -daran sei wenig gelegen. Mit ihrer Lunge sei man zufrieden. -Gut, sie schweigt, sie macht Kur und verliert allwöchentlich an -Gewicht. Im vierten Monat wird sie bei Untersuchungen ohnmächtig. -Das schade nichts, erklärt Behrens; mit ihrer Lunge -sei er recht wohl zufrieden. Als sie aber im fünften Monat -nicht mehr gehen kann, schreibt sie dies ihrem Manne nach -Osten, und Behrens bekommt einen Brief von ihm, – es stand -‚Persönlich‘ und ‚Dringlich‘ darauf in markiger Schrift, ich -habe ihn selbst gesehen. Ja, sagt Behrens nun und zuckt die -Achseln, es scheine sich ja herauszustellen, daß sie offenbar das -Klima hier nicht vertrage. Die Frau war außer sich. Das -hätte er ihr doch früher sagen müssen, rief sie, sie habe es -immer gefühlt, ganz und gar verdorben habe sie sich! ... -Wir wollen hoffen, daß sie bei <a id="corr-49"></a>ihrem Mann im Osten wieder -zu Kräften gekommen ist.“ -</p> - -<p> -„Ausgezeichnet! Sie erzählen so hübsch, Herr Settembrini, -geradezu plastisch ist jedes Ihrer Worte. Auch über die Geschichte -mit dem Fräulein, das im See badete, und der man -die Stumme Schwester gab, habe ich noch oft im stillen -lachen müssen. Ja, was alles vorkommt. Man lernt gewiß -nicht aus. Mein eigener Fall liegt übrigens noch ganz im -Ungewissen. Der Hofrat will ja eine Kleinigkeit bei mir gefunden -haben, – die alten Stellen, wo ich früher schon krank -war, ohne es zu wissen, habe ich selbst beim Klopfen gehört, -und nun soll auch eine frische hier irgendwo zu hören sein – -<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a> -ha, ‚frisch‘ ist übrigens eigentümlich gesagt in diesem Zusammenhang. -Aber bis jetzt handelt es sich ja nur um akustische -Wahrnehmungen, und die rechte diagnostische Sicherheit werden -wir erst haben, wenn ich wieder auf bin und die Durchleuchtung -und photographische Aufnahme stattgefunden hat. -Dann werden wir positiv Bescheid wissen.“ -</p> - -<p> -„Meinen Sie? – Wissen Sie, daß die photographische -Platte oft Flecken zeigt, die man für Kavernen hält, während -sie bloß Schatten sind, und daß sie da, <em>wo</em> etwas ist, zuweilen -<em>keine Flecken</em> zeigt? Madonna, die photographische Platte! -Hier war ein junger Numismatiker, der fieberte; und da er -fieberte, sah man deutlich Kavernen auf der photographischen -Platte. Man wollte sie sogar gehört haben! Er wurde auf -Phthisis behandelt, und darüber starb er. Die Obduktion lehrte, -daß seiner Lunge nichts fehlte, und daß er an irgendwelchen -Kokken gestorben war.“ -</p> - -<p> -„Nun, hören Sie, Herr Settembrini, gleich von Obduktion -reden Sie! Soweit ist es mit mir denn doch wohl noch nicht.“ -</p> - -<p> -„Ingenieur, Sie sind ein Schalk.“ -</p> - -<p> -„Und Sie sind durch und durch ein Kritiker und Zweifler, -das muß man sagen! Nicht einmal an die exakte Wissenschaft -glauben Sie. Zeigt denn bei <em>Ihnen</em> die Platte Flecken?“ -</p> - -<p> -„Ja, sie zeigt welche.“ -</p> - -<p> -„Und sind Sie wirklich etwas krank?“ -</p> - -<p> -„Ja, ich bin leider ziemlich krank“, erwiderte Herr Settembrini -und ließ das Haupt sinken. Es trat eine Pause ein, in -der er hüstelte. Hans Castorp blickte aus seiner Ruhelage auf -den zum Schweigen gebrachten Gast. Ihm war, als hätte -er mit seinen beiden sehr einfachen Fragen alles mögliche -widerlegt und zum Verstummen gebracht, sogar die Republik -<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a> -und den schönen Stil. Von seiner Seite tat er nichts, um -das Gespräch wieder in Gang zu bringen. -</p> - -<p> -Nach einer Weile richtete Herr Settembrini sich lächelnd -wieder auf. -</p> - -<p> -„Erzählen Sie mir nun, Ingenieur,“ sagte er, „wie haben -die Ihren die Nachricht aufgenommen?“ -</p> - -<p> -„Das heißt, welche Nachricht? Von der Verzögerung meiner -Abreise? Ach, die Meinen, wissen Sie, die Meinen zu Hause -bestehen aus drei Onkels, einem Großonkel und zwei Söhnen -von ihm, zu denen ich mehr in Vetternverhältnis stehe. Weiter -habe ich keine Meinen, ich bin ja sehr früh Doppelwaise geworden. -Aufgenommen? Sie wissen ja noch nicht viel, nicht -mehr, als ich selbst. Zu Anfang, als ich mich legen mußte, habe -ich ihnen geschrieben, ich sei stark erkältet und könne nicht reisen. -Und gestern, da es nun doch ein bißchen lange dauerte, habe -ich noch einmal geschrieben und gesagt, Hofrat Behrens sei -durch den Katarrh auf den Zustand meiner Brust aufmerksam -geworden und dringe darauf, daß ich meinen Aufenthalt verlängere, -bis Klarheit darüber geschaffen ist. Davon werden -sie sehr ruhigen Blutes Kenntnis genommen haben.“ -</p> - -<p> -„Und Ihr Posten? Sie sprachen von einem praktischen -Wirkungskreis, in den Sie eben einzutreten gedachten.“ -</p> - -<p> -„Ja, als Volontär. Ich habe gebeten, mich vorläufig auf -der Werft zu entschuldigen. Sie müssen nicht denken, daß deswegen -da Verzweiflung herrscht. Die können sich beliebig -lange auch ohne Volontär behelfen.“ -</p> - -<p> -„Sehr gut! Von dieser Seite betrachtet, ist also alles in -Ordnung. Phlegma auf der ganzen Linie. Man ist überhaupt -phlegmatisch bei Ihnen zu Lande, nicht wahr? Aber -auch energisch!“ -</p> - -<p> -<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a> -„O ja, energisch auch, doch, sehr energisch“, sagte Hans Castorp. -Er prüfte die heimatliche Lebensstimmung aus der Entfernung -und fand, daß sein Unterredner sie richtig kennzeichne. -„Phlegmatisch und energisch, so sind sie wohl.“ -</p> - -<p> -„Nun,“ fuhr Herr Settembrini fort, „sollten Sie länger -bleiben, so wird es ja nicht fehlen, daß wir hier oben die Bekanntschaft -Ihres Herrn Onkels – ich meine den Großonkel – -machen. Zweifellos wird er heraufkommen, sich nach Ihnen -umzusehen.“ -</p> - -<p> -„Ausgeschlossen!“ rief Hans Castorp. „Unter gar keinen -Umständen! Keine zehn Pferde bringen ihn hier herauf! Mein -Onkel ist stark apoplektisch, wissen Sie, er hat fast keinen Hals. -Nein, der braucht einen vernünftigen Luftdruck, es würde ihm -hier noch schlimmer ergehen als Ihrer Dame aus dem Osten, -alle Zustände würde er kriegen.“ -</p> - -<p> -„Das enttäuscht mich. Apoplektisch also? Was nützen mir -da Phlegma und Energie. – Ihr Herr Onkel ist wohl reich? -Auch Sie sind reich? Man ist reich bei Ihnen zu Hause.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp lächelte über Herrn Settembrinis schriftstellerische -Verallgemeinerung, und dann blickte er wieder aus seiner -Ruhelage ins Weite, in die heimatliche Sphäre, der er entrückt -war. Er erinnerte sich, er versuchte, unpersönlich zu urteilen, -die Distanz ermunterte und befähigte ihn dazu. Er antwortete: -</p> - -<p> -„Man ist reich, ja, – oder man ist es nicht. Und wenn nicht, -– desto schlimmer. Ich? Ich bin kein Millionär, aber das -meine ist mir sichergestellt, ich bin unabhängig, ich habe zu -leben. Sehen wir von mir mal ab. Wenn Sie gesagt hätten: -Man <em>muß</em> reich sein da hinten, – dann hätte ich Ihnen zugestimmt. -Denn angenommen, man ist <em>nicht</em> reich, oder hört -auf, es zu sein, – dann wehe. ‚Der? Hat der denn noch Geld?‘ -<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a> -fragen sie ... Wörtlich so und mit genau solchem Gesicht; -ich habe es oft gehört, und ich merke, daß es sich mir eingeprägt -hat. Also muß es mir doch wohl sonderbar vorgekommen -sein, obgleich ich gewöhnt war, es zu hören, – sonst hätte -es sich mir nicht eingeprägt. Oder wie meinen Sie. Nein, ich -glaube nicht, daß es zum Beispiel Ihnen, als <span class="antiqua" lang="la">homo humanus</span>, -zusagen würde bei uns; selbst mir, der ich doch dort zu Hause -bin, ist es öfters kraß vorgekommen, wie ich nachträglich merke, -obgleich ich persönlich ja nicht darunter zu leiden gehabt habe. -Wer nicht die besten, teuersten Weine servieren läßt bei seinen -Diners, zu dem geht man überhaupt nicht, und seine Töchter -bleiben sitzen. So sind die Leute. Wie ich hier so liege und -es von weitem sehe, kommt es mir kraß vor. Was brauchten -Sie für Ausdrücke, – phlegmatisch und? Und energisch! Gut, -aber was heißt das? Das heißt hart, kalt. Und was heißt -hart und kalt? Das heißt grausam. Es ist eine grausame -Luft da unten, unerbittlich. Wenn man so liegt und es von -weitem sieht, kann es einem davor grauen.“ -</p> - -<p> -Settembrini hörte ihm zu und nickte. Er tat dies noch, als -Hans Castorp vorläufig mit seiner Kritik zu Rande gekommen -war und nicht mehr sprach. Dann atmete er auf und sagte: -</p> - -<p> -„Ich will die besonderen Erscheinungsformen, die die natürliche -Grausamkeit des Lebens innerhalb Ihrer Gesellschaft annimmt, -nicht beschönigen. Einerlei, der Vorwurf der Grausamkeit -bleibt ein ziemlich sentimentaler Vorwurf. Sie würden -ihn an Ort und Stelle kaum erhoben haben, aus Furcht, -vor sich selber lächerlich zu werden. Sie haben ihn mit Recht -den Drückebergern des Lebens überlassen. Daß Sie ihn jetzt -erheben, zeugt von einer gewissen Entfremdung, die ich ungern -anwachsen sehen würde, denn wer sich gewöhnt, ihn zu -<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a> -erheben, kann ganz leicht dem Leben, der Lebensform, für die -er geboren ist, verloren gehen. Wissen Sie, Ingenieur, was -das heißt: ‚Dem Leben verloren gehen‘? Ich, ich weiß es, ich -sehe es hier alle Tage. Spätestens nach einem halben Jahr -hat der junge Mensch, der heraufkommt (und es sind fast -lauter junge Menschen, die heraufkommen), keinen anderen -Gedanken mehr im Kopf als Flirt und Temperatur. Und -spätestens nach einem Jahr wird er auch nie wieder einen -anderen fassen können, sondern jeden anderen als ‚grausam‘ -oder, besser gesagt, als fehlerhaft und unwissend empfinden. -Sie lieben Geschichten, – ich könnte Ihnen aufwarten. Ich -könnte Ihnen von dem Sohn und Ehemann erzählen, der elf -Monate hier war, und den ich kannte. Er war ein wenig -älter als Sie, glaube ich, – sogar schon etwas älter. Man -entließ ihn probeweise als gebessert, er kehrte nach Hause zurück -in die Arme seiner Lieben; es waren keine Onkel, es waren -Mutter und Gattin. Den ganzen Tag lag er mit dem Thermometer -im Munde und wußte von nichts anderem. ‚Das versteht -ihr nicht‘, sagte er. ‚Dazu muß man oben gelebt haben, -um zu wissen, wie es sein muß. Hier unten fehlen die Grundbegriffe.‘ -Es endete damit, daß seine Mutter entschied: ‚Geh -nur wieder hinauf. Mit dir ist nichts mehr anzufangen.‘ Und -er ging wieder hinauf. Er kehrte in die ‚Heimat‘ zurück, – -Sie wissen doch, man nennt dies ‚Heimat‘, wenn man einmal -hier gelebt hat. Seiner jungen Frau war er völlig entfremdet, -es fehlten ihr die ‚Grundbegriffe‘, und sie verzichtete. Sie -sah ein, daß er in der Heimat eine Genossin mit übereinstimmenden -‚Grundbegriffen‘ finden und dableiben werde.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp schien nur mit halbem Ohre zugehört zu -haben. Noch immer schaute er in die Glühlichtklarheit des -<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a> -weißen Zimmers hinein wie in eine Weite. Er lachte verspätet -und sagte: -</p> - -<p> -„Die Heimat nannte er es? Das ist wohl wirklich etwas -sentimental, wie Sie sagen. Ja, Geschichten wissen Sie ohne -Zahl. Ich dachte eben noch weiter nach über das, was wir -von Härte und Grausamkeit sprachen, ich habe es mir in diesen -Tagen schon verschiedentlich durch den Kopf gehen lassen. -Sehen Sie, man muß wohl eine ziemlich dicke Haut haben, -um von Natur so ganz einverstanden zu sein mit der Denkungsart -der Leute da unten im Tieflande und mit solchen -Fragen, wie ‚Hat der denn noch Geld?‘ und dem Gesicht, das -sie dazu machen. Mir war es eigentlich nie ganz natürlich, -obgleich ich nicht einmal ein <span class="antiqua" lang="la">homo humanus</span> bin, – ich merke -nachträglich, daß es mir immer auffallend vorgekommen ist. -Vielleicht hing es mit meiner unbewußten Neigung zur Krankheit -zusammen, daß es mir nicht natürlich war, – ich habe -die alten Stellen ja selbst gehört, und nun hat Behrens angeblich -eine frische Kleinigkeit bei mir gefunden. Es kam mir -wohl überraschend, und doch habe ich mich im Grunde nicht -sehr darüber gewundert. Geradezu felsenfest habe ich mich -eigentlich nie gefühlt; und dann sind meine beiden Eltern so -früh gestorben, – ich bin von Kind auf Doppelwaise, wissen -Sie ...“ -</p> - -<p> -Herr Settembrini beschrieb mit Kopf, Schultern und Händen -eine einheitliche Gebärde, die die Frage „Nun, und? Was -weiter?“ heiter und artig anschaulich machte. -</p> - -<p> -„Sie sind doch Schriftsteller,“ sagte Hans Castorp, „– Literat; -Sie müssen sich auf so etwas doch verstehen und einsehen, -daß man unter diesen Umständen nicht so recht derb gesinnt -sein und die Grausamkeit der Leute ganz natürlich finden kann, -<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a> -– der gewöhnlichen Leute, wissen Sie, die herumgehen und -lachen und Geld verdienen und sich den Bauch vollschlagen ... -Ich weiß nicht, ob ich mich richtig ...“ -</p> - -<p> -Settembrini verbeugte sich. „Sie wollen sagen,“ erläuterte -er, „daß die frühe und wiederholte Berührung mit dem Tode -eine Grundstimmung des Gemütes zeitigt, die gegen die Härten -und Kruditäten des unbedachten Weltlebens, sagen wir: -gegen seinen Zynismus reizbar und empfindlich macht.“ -</p> - -<p> -„Genau so!“ rief Hans Castorp in aufrichtiger Begeisterung. -„Tadellos ausgedrückt bis aufs i-Tüpfelchen, Herr -Settembrini! Mit dem Tode –! Ich wußte es ja, daß Sie -als Literat ...“ -</p> - -<p> -Settembrini streckte die Hand gegen ihn aus, indem er den -Kopf auf die Seite legte und die Augen schloß, – eine sehr -schöne und sanfte Gebärde des Einhalttuns und der Bitte -um weiteres Gehör. Er verharrte mehrere Sekunden in dieser -Stellung, auch als Hans Castorp schon lange schwieg und in -einiger Verlegenheit der Dinge wartete, die da kommen sollten. -Endlich schlug er seine schwarzen Augen – die Augen -der Drehorgelmänner – wieder auf und sprach: -</p> - -<p> -„Gestatten Sie. Gestatten Sie mir, Ingenieur, Ihnen zu -sagen und Ihnen ans Herz zu legen, daß die einzig gesunde -und edle, übrigens auch – ich will das ausdrücklich hinzufügen -– auch die einzig <em>religiöse</em> Art, den Tod zu betrachten, die ist, -ihn als Bestandteil und Zubehör, als heilige Bedingung des -Lebens zu begreifen und zu empfinden, <em>nicht</em> aber – was das -Gegenteil von gesund, edel, vernünftig und religiös wäre – -ihn geistig irgendwie davon zu scheiden, ihn in Gegensatz dazu -zu bringen und ihn etwa gar widerwärtigerweise dagegen auszuspielen. -Die Alten schmückten ihre Sarkophage mit Sinnbildern -<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a> -des Lebens und der Zeugung, sogar mit obszönen Symbolen, -– das Heilige war der antiken Religiosität ja sehr häufig -eins mit dem Obszönen. Diese Menschen wußten den Tod zu -ehren. Der Tod ist ehrwürdig als Wiege des Lebens, als Mutterschoß -der Erneuerung. Vom Leben getrennt gesehen, wird er -zum Gespenst, zur Fratze – und zu etwas noch Schlimmerem. -Denn der Tod als selbständige geistige Macht ist eine höchst -liederliche Macht, deren lasterhafte Anziehungskraft zweifellos -sehr stark ist, aber mit der zu sympathisieren ebenso unzweifelhaft -die gräulichste Verirrung des Menschengeistes bedeutet.“ -</p> - -<p> -Hier schwieg Herr Settembrini. Er blieb bei dieser Allgemeinheit -stehen und endete auf das bestimmteste. Es war ihm -Ernst; nicht unterhaltungsweise hatte er geredet, hatte es verschmäht, -seinem Partner Gelegenheit zur Anknüpfung und -Gegenrede zu bieten, sondern am Ende seiner Aufstellungen -die Stimme sinken lassen und einen Punkt gemacht. Er saß -geschlossenen Mundes, die gekreuzten Hände im Schoß, ein -Bein in der karierten Hose über das andere geschlagen, und -wippte nur leicht mit dem in der Luft schwebenden Fuß, den -er streng betrachtete. -</p> - -<p> -Auch Hans Castorp schwieg denn also. In seinem Plumeau -sitzend, wandte er den Kopf zur Wand und trommelte leicht -mit den Fingerspitzen auf der Steppdecke. Er kam sich belehrt, -zurechtgewiesen, ja gescholten vor, und in seinem Schweigen -lag viel kindliche Verstocktheit. Die Gesprächspause dauerte -ziemlich lange. -</p> - -<p> -Endlich hob Herr Settembrini wieder das Haupt und sagte -lächelnd: -</p> - -<p> -„Erinnern Sie sich wohl, Ingenieur, daß wir einen ähnlichen -Disput schon einmal geführt haben – man kann sagen: -<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a> -denselben? Wir plauderten damals – ich glaube, es war auf -einem Spaziergang – über Krankheit und Dummheit, deren -Vereinigung Sie für eine Paradoxie erklärten, und zwar aus -Hochachtung vor der Krankheit. Ich nannte diese Hochachtung -eine düstere Grille, mit der man den Gedanken des Menschen -entehre, und Sie schienen zu meinem Vergnügen denn -doch nicht ganz abgeneigt, meinen Einwand in Erwägung zu -ziehen. Wir sprachen auch von der Neutralität und geistigen -Unschlüssigkeit der Jugend, von ihrer Wahlfreiheit, ihrer Neigung, -mit den möglichen Standpunkten Versuche anzustellen, -und davon, daß man solche Versuche noch nicht als endgültige -und lebensernste Optionen betrachten dürfe, – zu betrachten -brauche. Wollen Sie mir –,“ und Herr Settembrini beugte -sich lächelnd auf seinem Stuhle vor, die Füße nebeneinander -am Boden, die zusammengelegten Hände zwischen den Knien, -den Kopf gleichfalls etwas schräg vorgeschoben – „wollen -Sie mir auch fernerhin,“ sagte er, und es war eine leichte -Bewegung in seiner Stimme, „erlauben, Ihnen bei Ihren -Übungen und Experimenten ein wenig zur Hand zu gehen -und berichtigend auf Sie einzuwirken, wenn die Gefahr verderblicher -Fixierungen droht?“ -</p> - -<p> -„Aber gewiß, Herr Settembrini!“ Hans Castorp beeilte -sich, seine befangene und halb trotzige Abkehr aufzugeben, das -Trommeln auf der Bettdecke zu unterlassen und sich seinem -Gaste mit bestürzter Freundlichkeit zuzuwenden. „Es ist sogar -außerordentlich liebenswürdig von Ihnen ... Ich frage mich -wirklich, ob ich ... Das heißt, ob es sich bei mir ...“ -</p> - -<p> -„Ganz <span class="antiqua" lang="la">sine pecunia</span>“, zitierte Herr Settembrini, indem er -aufstand. „Wer will sich denn lumpen lassen.“ Sie lachten. -Man hörte die äußere Doppeltür gehen, und im nächsten -<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a> -Augenblick wurde auch die innere geklinkt. Es war Joachim, -der aus der Abendgeselligkeit zurückkehrte. Beim Anblick des -Italieners errötete auch er, wie Hans Castorp für sein Teil -es vorhin getan: die verbrannte Dunkelheit seines Gesichtes -vertiefte sich um eine Schattierung. -</p> - -<p> -„Oh, du hast Besuch“, sagte er. „Wie angenehm für dich. -Ich bin aufgehalten worden. Sie haben mich zu einer Partie -Bridge gepreßt, – Bridge nennen sie das nach außen hin,“ -sagte er kopfschüttelnd, „und dabei war es schließlich ganz -was anderes. Ich habe fünf Mark gewonnen ...“ -</p> - -<p> -„Daß das nur keine lasterhafte Anziehungskraft für dich -bekommt“, sagte Hans Castorp. „Hm, hm. Herr Settembrini -hat mir unterdessen so schön die Zeit vertrieben ... was -übrigens gar kein Ausdruck ist. Es gilt allenfalls von euerem -falschen Bridge, aber Herr Settembrini hat mir die Zeit so -bedeutend ausgefüllt ... Als anständiger Mensch müßte man -ja mit Händen und Füßen trachten, hier fortzukommen, – wo -es nun schon mit falschem Bridge losgeht in euerer Mitte. -Aber um Herrn Settembrini noch recht oft zu hören und mir -von ihm gesprächsweise zur Hand gehen zu lassen, könnte ich -beinahe wünschen, unabsehbar lange febril zu bleiben und hier -bei euch festzusitzen ... Am Ende muß man mir noch eine -Stumme Schwester geben, damit ich nicht mogle.“ -</p> - -<p> -„Ich wiederhole, Ingenieur, daß Sie ein Schalk sind“, sagte -der Italiener. Er empfahl sich in den angenehmsten Formen. -Mit seinem Vetter allein geblieben, seufzte Hans Castorp auf. -</p> - -<p> -„Ist das ein Pädagog!“ sagte er ... „Ein humanistischer -Pädagog, das muß man gestehen. Immerfort wirkt er berichtigend -auf dich ein, abwechselnd in Form von Geschichten -und in abstrakter Form. Und auf Dinge kommt man mit ihm -<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a> -zu sprechen, – nie hätte man gedacht, daß man darüber reden -oder sie auch nur verstehen könnte. Und wenn ich unten im -Flachlande mit ihm zusammengetroffen wäre, so <em>würde</em> ich -sie auch nicht verstanden haben“, fügte er hinzu. -</p> - -<p> -Joachim blieb um diese Zeit eine Weile bei ihm; er opferte -zwei, drei Viertelstunden von seiner Abendliegekur. Manchmal -spielten sie Schach auf Hans Castorps Eßtischplatte, – -Joachim hatte ein Spiel von unten heraufgebracht. Später -begab er sich mit Sack und Pack, das Thermometer im Munde, -auf seinen Balkon, und auch Hans Castorp maß sich ein letztes -Mal, während leichte Musik von näher oder fernher aus dem -nächtlichen Tale heraufklang. Um zehn Uhr wurde die Liegekur -beendigt; man hörte Joachim; man hörte das Ehepaar -vom Schlechten Russentisch ... Und Hans Castorp nahm -Seitenlage ein, in Erwartung des Schlafes. -</p> - -<p> -Die Nacht war die schwierigere Hälfte des Tages, denn -Hans Castorp erwachte oft und lag nicht selten stundenlang -wach, sei es, weil seine nicht ganz korrekte Blutwärme ihn -munter hielt, oder weil Lust und Kraft zum Schlafe durch -seine derzeit völlig horizontale Lebensweise Einbuße erlitten. -Dafür waren die Stunden des Schlummers von abwechslungsreichen -und sehr lebensvollen Träumen belebt, denen er -nachhängen konnte, während er wach lag. Und wenn die vielfache -Gliederung und Einteilung des Tages diesen kurzweilig -machte, so war es bei Nacht die verschwimmende Einförmigkeit -der schreitenden Stunden, was in der gleichen Richtung -wirkte. Nahte sich aber erst einmal der Morgen, so war es -unterhaltend, das allmähliche Ergrauen und Erscheinen des -Zimmers, das Hervortreten und Entschleiertwerden der Dinge -zu beobachten, den Tag draußen in trüb schwelender oder heiterer -<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a> -Glut sich entzünden zu sehen; und eh mans gedacht, war -wieder der Augenblick da, wo das handfeste Klopfen des Bademeisters -das Inkrafttreten der Tagesordnung verkündete. -</p> - -<p> -Hans Castorp hatte keinen Kalender auf seinen Ausflug -mitgenommen, und so fand er sich in betreff des Datums nicht -immer ganz genau auf dem laufenden. Dann und wann forderte -er Auskunft von seinem Vetter, der aber in diesem Punkte -auch nicht jederzeit seiner Sache eben sicher war. Immerhin -boten die Sonntage, besonders der zweite, vierzehntägige mit -Konzert, den Hans Castorp auf diese Weise verbrachte, einigen -Anhalt, und so viel war gewiß, daß der September nachgerade -ziemlich weit, bis gegen seine Mitte hin, vorgeschritten war. -Draußen im Tale war, seitdem Hans Castorp Bettlage eingenommen, -das trübe und kalte Wetter, das damals geherrscht -hatte, herrlichen Hochsommertagen gewichen, ungezählten solcher -Tage, einer ganzen Serie davon, so daß Joachim allmorgendlich -in weißen Hosen bei seinem Vetter eingetreten -war und dieser ein redliches Bedauern, ein Bedauern der Seele -und seiner jungen Muskeln, über den Verlust solcher Prachtzeit -nicht hatte unterdrücken können. Sogar eine „Schande“ -hatte er es einmal mit leiser Stimme genannt, daß er sie solcherart -versäume, – dann aber zu seiner Beschwichtigung hinzugefügt, -daß er ja auf freiem Fuße auch nicht viel mehr als -jetzt damit anzufangen gewußt hätte, da sich ihm ausgiebige -Bewegung hier erfahrungsgemäß verbiete. Und einigen Anteil -an dem warmen Schimmer dort draußen gewährte die -breite, weit offene Balkontür ihm immerhin. -</p> - -<p> -Aber gegen das Ende der ihm auferlegten Zurückgezogenheit -schlug wieder das Wetter um. Über Nacht war es neblig -und kalt geworden, das Tal hüllte sich in nasses Schneegestöber, -<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a> -und der trockene Hauch der Dampfheizung erfüllte -das Zimmer. So war es auch an dem Tage, als Hans Castorp -bei der Morgenvisite der Ärzte den Hofrat erinnerte, daß er -heute drei Wochen liege, und um die Erlaubnis bat, aufzustehen. -</p> - -<p> -„Was Kuckuck, sind Sie schon fertig?“ sagte Behrens. -„Lassen Sie mal sehen; wahrhaftig, es stimmt. Gott, wie -man alt wird. Geändert hat sich mit Ihnen ja nicht gerade -viel unterdessen. Was, gestern war es normal? Ja, bis auf -die 6-Uhr-Nachmittagsmessung. Na, Castorp, dann will ich -ja auch nicht so sein und will Sie der menschlichen Sozietät -zurückerstatten. Stehen Sie auf und wandeln Sie, Mann! -In den gegebenen Grenzen und Maßen natürlich. Wir machen -nächstens Ihr Innenkonterfei. Vormerken!“ sagte er im Hinausgehen -zu Dr. Krokowski, indem er mit seinem riesigen Daumen -über die Schulter auf Hans Castorp deutete und den bleichen -Assistenten mit seinen blutigen, tränenden blauen Augen -ansah ... Hans Castorp verließ die „Remise“. -</p> - -<p> -Mit hochgeschlagenem Mantelkragen und in Gummischuhen -begleitete er seinen Vetter zum ersten Male wieder zur Bank -am Wasserlauf und zurück, nicht ohne unterwegs die Frage -aufzuwerfen, wie lange der Hofrat ihn wohl hätte liegen lassen, -wenn er die Frist nicht als abgelaufen gemeldet hätte. Und -Joachim, gebrochenen Blickes, den Mund wie zu einem hoffnungslosen -„Ach“ geöffnet, machte in die Luft hinein die Gebärde -des Unabsehbaren. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-6-2"> -„Mein Gott, ich sehe!“ -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Es dauerte eine Woche, bis Hans Castorp durch die Oberin -von Mylendonk ins Durchleuchtungslaboratorium bestellt -<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a> -wurde. Er mochte nicht drängen. Man war beschäftigt im -Hause „Berghof“, offenbar hatten Ärzte und Personal alle -Hände voll zu tun. Neue Gäste waren in den letzten Tagen -angelangt: zwei russische Studenten mit dickem Haar und geschlossenen -schwarzen Blusen, die keinen Schimmer von Wäsche -sehen ließen; ein holländisches Ehepaar, dem an Settembrinis -Tische Plätze angewiesen wurden; ein buckliger Mexikaner, der -die Tischgesellschaft durch furchtbare Anfälle von Atemnot in -Schrecken setzte: er klammerte sich dabei mit ehernem Griff -seiner langen Hände an seine Nachbarn, ob Herr oder Dame, -hielt fest wie ein Schraubstock und zog die entsetzt Widerstrebenden, -um Hilfe Rufenden so in seine Ängste hinein. Kurzum, -der Speisesaal war beinahe voll besetzt, obgleich die Wintersaison -erst mit dem Oktober begann. Und die Schwere von -Hans Castorps Fall, sein Krankheitsgrad, gab ihm kaum -ein Recht, besonderen Anspruch auf Beachtung zu erheben. -Frau Stöhr etwa war in all ihrer Dummheit und Unbildung -ohne Zweifel viel kränker als er, von Dr. Blumenkohl ganz zu -schweigen. Man hätte jedes Sinnes für Rangordnung und -Abstand entbehren müssen, um in Hans Castorps Fall nicht -bescheidene Zurückhaltung zu üben, – besonders da eine solche -Gesinnung zum Geiste des Hauses gehörte. Leichtkranke galten -nicht viel, er hatte es öfters aus den Gesprächen herausgehört. -Man sprach mit Geringschätzung von ihnen, nach -dem hierorts geltenden Maßstab, sie wurden über die Achsel -angesehen, und zwar nicht allein von den Höher- und Hochgradigen, -sondern auch von solchen, die selbst nur „leicht“ -waren: womit diese freilich Geringschätzung auch ihrerselbst -an den Tag legten, aber eine höhere Selbstachtung retteten, -indem sie dem Maßstab sich unterwarfen. So ist es menschlich. -<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a> -„Ach, der!“ konnten sie wohl voneinander sagen, „dem -fehlt eigentlich nichts, kaum daß er das Recht hat, hier zu sein. -Nicht mal eine Kaverne hat er ...“ Dies war der Geist; er -war aristokratisch in seinem besonderen Sinn, und Hans Castorp -salutierte ihn aus angeborener Achtung vor Gesetz und -Ordnung jeder Art. Ländlich, sittlich, heißt es. Reisende zeigen -sich wenig gebildet, wenn sie über die Sitten und Werte ihrer -Wirtsvölker sich lustig machen, und der Eigenschaften, die Ehre -schaffen, gibt es diese und jene. Sogar gegen Joachim selbst -beobachtete Hans Castorp eine gewisse Ehrerbietung und Rücksicht, -– nicht sowohl, weil dieser der länger Eingesessene war -und sein Anleiter und Cicerone in dieser Welt –, sondern namentlich, -weil er der zweifellos „Schwerere“ war. Da aber -alles so lag, war es begreiflich, daß man dazu neigte, aus seinem -Falle das Mögliche zu machen und in Hinsicht auf ihn -auch wohl zu übertreiben, um zur Aristokratie zu gehören oder -ihr näher zu kommen. Auch Hans Castorp, wenn er bei Tische -gefragt wurde, nannte wohl ein paar Striche mehr, als er in -Wahrheit gemessen, und konnte unmöglich umhin, sich geschmeichelt -zu fühlen, wenn man ihm mit dem Finger drohte, -wie einem, der es faustdick hinter den Ohren hat. Aber auch, -wenn er ein wenig auftrug, blieb er immer noch, eigentlich gesprochen, -eine Person von geringen Graden, und so waren Geduld -und Zurückhaltung denn sicherlich das ihm zukommende -Betragen. -</p> - -<p> -Er hatte die Lebensweise seiner ersten drei Wochen, dies -schon vertraute, gleichmäßige und genau geregelte Leben an -Joachims Seite wieder aufgenommen, und es ging wie am -Schnürchen vom ersten Tage an, als sei es nie unterbrochen -worden. In der Tat war diese Unterbrechung nichtig gewesen; -<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a> -er bekam es gleich gelegentlich seines ersten Wiedererscheinens -bei Tische deutlich zu spüren. Zwar hatte Joachim, der auf -solche Markierungen ein ganz bestimmtes und geflissentliches -Gewicht legte, Sorge getragen, daß ein paar Blumen den -Platz des Erstandenen schmückten. Aber die Begrüßung durch -die Tischgenossen war wenig festlich, unterschied sich von früheren, -denen eine Trennung nicht von drei Wochen, sondern von -drei Stunden vorangegangen war, nur unwesentlich: weniger -aus Gleichgültigkeit gegen seine einfache und sympathische Person -und weil diese Leute allzusehr mit sich selbst, das heißt: -mit ihrem interessanten Körper beschäftigt waren, als darum, -weil ihnen die Zwischenzeit nicht bewußt geworden war. Und -Hans Castorp konnte ihnen darin ohne Schwierigkeit folgen, -denn er selbst saß an seinem Platz am Tischende, zwischen der -Lehrerin und Miß Robinson, nicht anders, als habe er spätestens -gestern zuletzt hier gesessen. -</p> - -<p> -Wenn man aber am Tische selbst von der Beendigung seiner -Zurückgezogenheit nicht viel Aufhebens gemacht hatte, – -wie hätte man im weiteren Saal welches davon machen sollen? -Dort hatte buchstäblich niemand auch nur Notiz davon genommen, -– mit alleiniger Ausnahme Settembrinis, der nach -Schluß der Mahlzeit zu spaßhaft-freundschaftlicher Begrüßung -herangekommen war. Hans Castorp hätte freilich noch -eine weitere Einschränkung gemacht, deren Berechtigung wir -dahinstellen müssen. Er behauptete bei sich, daß Clawdia -Chauchat sein Wiedererscheinen bemerkt –, gleich bei ihrem, -wie immer, verspäteten Eintreten, nach dem Zufallen der Glastür, -ihren schmalen Blick habe auf ihm ruhen lassen, dem er -mit seinem begegnet war, und kaum, daß sie sich niedergesetzt, -noch einmal über die Schulter sich lächelnd nach ihm umgesehen -<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a> -habe: lächelnd, wie vor drei Wochen, bevor er zur Untersuchung -gegangen. Und eine so unverhohlene und rücksichtslose -Bewegung war das gewesen – rücksichtslos in betreff -seinerselbst wie auch der übrigen Gästeschaft –, daß er nicht -gewußt hatte, ob er sich darüber entzücken oder es als ein Zeichen -von Geringschätzung verstehen und sich darüber ärgern -sollte. Auf jeden Fall hatte sein Herz sich zusammengekrampft -unter diesen Blicken, welche die zwischen der Kranken und ihm -obwaltende gesellschaftliche Unbekanntschaft auf eine in seinen -Augen ungeheuerliche und berauschende Weise verleugnet -und Lügen gestraft hatte, – sich fast schmerzhaft zusammengekrampft -schon, als die Glastür klirrte, denn auf diesen Augenblick -hatte er mit kurz gehendem Atem gewartet. -</p> - -<p> -Es will nachgetragen sein, daß Hans Castorps innere Beziehungen -zu der Patientin vom Guten Russentisch, die Teilnahme -seiner Sinne und seines bescheidenen Geistes an ihrer -mittelgroßen, weich schleichenden, kirgisenäugigen Person, -kurzum seine Verliebtheit (das Wort habe Statt, obgleich es -ein Wort von „unten“, ein Wort der Ebene ist und die Vorstellung -erwecken könnte, als sei das Liedchen „Wie berührt -mich wundersam“ hier irgendwie anwendbar gewesen) – während -seiner Zurückgezogenheit sehr starke Fortschritte gemacht -hatte. Ihr Bild hatte ihm vorgeschwebt, wenn er, frühwach, -in das sich zögernd entschleiernde Zimmer, oder, am Abend, in -die dichter werdende Dämmerung geblickt hatte (auch zu jener -Stunde, als Settembrini unter plötzlichem Aufflammen des -Lichtes bei ihm eingetreten war, hatte es ihm überaus deutlich -vorgeschwebt, und dies war der Grund gewesen, weshalb er -bei dem Anblick des Humanisten errötet war); an ihren Mund, -ihre Wangenknochen, ihre Augen, deren Farbe, Form, Stellung -<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a> -ihm in die Seele schnitt, ihren schlaffen Rücken, ihre Kopfhaltung, -den Halswirbel im Nackenausschnitt ihrer Bluse, ihre -von dünnster Gaze verklärten Arme hatte er gedacht während -der einzelnen Stunden des zerkleinerten Tages, – und wenn -wir verschwiegen, daß dies das Mittel gewesen, wodurch ihm -die Stunden so mühelos vergingen, so geschah es, weil wir -sympathisch teilnehmen an der Gewissensunruhe, die sich in -das erschreckende Glück dieser Bilder und Gesichte mischte. Ja, -es war Schreck, Erschütterung damit verbunden, eine ins Unbestimmte, -Unbegrenzte und vollständig Abenteuerliche ausschweifende -Hoffnung, Freude und Angst, die namenlos war, -aber des jungen Mannes Herz – sein Herz im eigentlichen und -körperlichen Sinn – zuweilen so jäh zusammenpreßte, daß er -die eine Hand in die Gegend dieses Organs, die andere aber -zur Stirn führte (sie wie einen Schirm über die Augen legte) -und flüsterte: -</p> - -<p> -„Mein Gott!“ -</p> - -<p> -Denn hinter der Stirn waren Gedanken oder Halbgedanken, -die den Bildern und Gesichten ihre zu weit gehende Süßigkeit -eigentlich erst verliehen, und die sich auf Madame Chauchats -Nachlässigkeit und Rücksichtslosigkeit bezogen, auf ihr Kranksein, -die Steigerung und Betonung ihres Körpers durch die -Krankheit, die Verkörperlichung ihres Wesens durch die Krankheit, -an der er, Hans Castorp, laut ärztlichen Spruches nun -teilhaben sollte. Er begriff hinter seiner Stirn die abenteuerliche -Freiheit, mit der Frau Chauchat durch ihr Umblicken und -Lächeln die zwischen ihnen bestehende gesellschaftliche Unbekanntschaft -außer acht ließ, so, als seien sie überhaupt keine -gesellschaftlichen Wesen und als sei es nicht einmal nötig, daß -sie miteinander <em>sprächen</em> ... und ebendies war es, worüber -<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a> -er erschrak: in demselben Sinne erschrak wie damals im Untersuchungszimmer, -als er von Joachims Oberkörper eilig suchend -zu seinen Augen emporgeblickt hatte, – mit dem Unterschiede, -daß damals Mitleid und Sorge die Gründe seines Erschreckens -gewesen, hier aber ganz anderes im Spiele war. -</p> - -<p> -Nun also ging das Berghof-Leben, dies gunstreiche und -wohlgeregelte Leben auf engem Schauplatz wieder seinen -gleichmäßigen Gang, – Hans Castorp, in Erwartung der -Innenaufnahme, fuhr fort, es mit dem guten Joachim zu -teilen, indem er es Stunde für Stunde genau so trieb wie -dieser; und diese Nachbarschaft war wohl gut für den jungen -Mann. Denn obgleich es nur eine Krankennachbarschaft war, -so war viel militärische Ehrbarkeit darin: eine Ehrbarkeit, die -freilich, ohne es gewahr zu werden, schon im Begriffe stand, -im Kurdienste Genüge zu finden, so daß dieser gleichsam zum -Ersatzmittel tiefländischer Pflichterfüllung und zum untergeschobenen -Berufe wurde, – Hans Castorp war nicht so dumm, -es nicht ganz genau zu bemerken. Doch aber fühlte er wohl -ihre zügelnde, zurückhaltende Wirkung auf sein zivilistisches -Gemüt, – sogar mochte es diese Nachbarschaft sein, ihr Beispiel -und die Beaufsichtigung durch sie, was ihn von äußeren -Schritten und blinden Unternehmungen zurückhielt. Denn -er sah wohl, was der brave Joachim von einer gewissen, täglich -auf ihn eindringenden Apfelsinenatmosphäre, worin es -runde braune Augen, einen kleinen Rubin, viel schwach gerechtfertigte -Lachlust und eine äußerlich wohlgebildete Brust -gab, auszustehen hatte, und die Vernunft und Ehrliebe, mit -der Joachim den Einfluß dieser Atmosphäre scheute und floh, -ergriff Hans Castorp, hielt ihn selbst in einiger Zucht und Ordnung -und hinderte ihn, sich von der Schmaläugigen sozusagen -<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a> -„einen Bleistift zu leihen“, – wozu er ohne die disziplinierende -Nachbarschaft aller Erfahrung nach sehr bereitgewesen -wäre. -</p> - -<p> -Joachim sprach niemals von der lachlustigen Marusja, und -so verbot es sich auch für Hans Castorp, mit ihm von Clawdia -Chauchat zu sprechen. Er hielt sich schadlos durch verstohlenen -Austausch mit der Lehrerin zu seiner Rechten bei Tische, wobei -er das alte Mädchen durch Neckereien mit ihrer Schwäche -für die schmiegsame Kranke zum Erröten brachte und unterdessen -die Kinn- und Würdenstütze des alten Castorp nachahmte. -Auch drang er in sie, über Madame Chauchats persönliche -Verhältnisse, über ihre Herkunft, ihren Mann, ihr -Alter, die Art ihres Krankheitsfalles Neues und Wissenswertes -in Erfahrung zu bringen. Ob sie denn Kinder habe, wollte -er wissen. – Aber nein doch, sie hatte keine. Was sollte eine -Frau wie sie wohl mit Kindern beginnen? Wahrscheinlich -war es ihr streng untersagt, welche zu haben – und andererseits: -was würden denn das auch wohl für Kinder sein? Hans -Castorp mußte dem beipflichten. Nachgerade sei es auch wohl -zu spät dafür, vermutete er mit gewaltsamer Sachlichkeit. -Zuweilen, im Profil, scheine Madame Chauchats Gesicht ihm -fast schon ein wenig scharf. Ob sie wohl über dreißig sei? – -Fräulein Engelhart widersprach heftig. Clawdia dreißig? -Allerschlimmstenfalls sei sie achtundzwanzig. Und was das -Profil betraf, so verbot sie ihrem Tischnachbar, so etwas zu -sagen. Clawdias Profil sei von der weichsten Jugendlichkeit -und Süße, wenn es natürlich auch ein interessantes Profil sei -und nicht das irgendeiner gesunden Gans. Und zur Strafe -fügte Fräulein Engelhart ohne Pause hinzu, sie wisse, daß -Frau Chauchat öfters Herrenbesuch empfange, den Besuch -<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a> -eines in „Platz“ wohnenden Landsmannes: sie empfange ihn -nachmittags auf ihrem Zimmer. -</p> - -<p> -Das war gut gezielt. Hans Castorps Gesicht verzerrte sich -gegen alle Bemühung, und auch die auf „Was nicht gar“ -und „Sehe einer an“ gestimmten Redensarten, mit denen er -die Eröffnung zu behandeln versuchte, waren verzerrt. Unfähig, -das Vorhandensein dieses Landsmannes auf die leichte -Achsel zu nehmen, wie er sich anfangs den Anschein hatte geben -wollen, kam er mit zuckenden Lippen beständig auf ihn zurück. -Ein jüngerer Mann? – Jung und ansehnlich, nach allem, -was sie höre, erwiderte die Lehrerin; denn nach eigenem Augenschein -konnte sie nicht urteilen. – Krank? – Höchstens leichtkrank! -– Er wolle hoffen, sagte Hans Castorp höhnisch, daß -mehr Wäsche an ihm zu sehen sei als bei den Landsleuten am -Schlechten Russentisch, – wofür die Engelhart, noch immer zur -Strafe, einstehen zu wollen erklärte. Da gab er zu, es sei eine -Angelegenheit, um die man sich kümmern müsse, und beauftragte -sie ernstlich, in Erfahrung zu bringen, was es mit diesem -aus und ein gehenden Landsmann auf sich habe. Statt ihm -aber Nachrichten hierüber zu bringen, wußte sie einige Tage -später etwas völlig Neues. -</p> - -<p> -Sie wußte, daß Clawdia Chauchat gemalt werde, porträtiert -– und fragte Hans Castorp, ob er es auch wisse. Wenn -nicht, so könne er trotzdem überzeugt davon sein, sie habe es -aus sicherster Quelle. Seit längerem sitze sie hier im Hause -jemandem Modell zu ihrem Bildnis – und zwar wem? Dem -Hofrat! Herrn Hofrat Behrens, der sie zu diesem Zweck beinahe -täglich in seiner Privatwohnung bei sich sehe. -</p> - -<p> -Diese Kunde ergriff Hans Castorp noch mehr als die vorige. -Er machte fortan viele verzerrte Späße darüber. Nun, gewiß, -<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a> -es sei ja bekannt, daß der Hofrat in Öl male, – was die -Lehrerin denn wolle, das sei nicht verboten, und so stehe es -jedermann frei. In des Hofrats Witwerheim also? Hoffentlich -sei wenigstens Fräulein von Mylendonk bei den Sitzungen -anwesend. – Die habe wohl keine Zeit. – „Mehr Zeit als die -Oberin sollte auch Behrens nicht haben“, sagte Hans Castorp -streng. Aber obgleich damit etwas Endgültiges über die Sache -gesagt schien, war er weit entfernt, sie fallen zu lassen, sondern -erschöpfte sich in Fragen nach Näherem und Weiterem: über -das Bild, sein Format und ob es ein Kopf- oder Kniestück sei; -auch über die Stunde der Sitzungen, – während doch Fräulein -Engelhart mit Einzelheiten auch hier nicht dienen konnte -und ihn auf die Ergebnisse weiterer Nachforschungen vertrösten -mußte. -</p> - -<p> -Hans Castorp maß 37,7 nach dem Empfang dieser Nachricht. -Weit mehr noch, als die Besuche, die Frau Chauchat -empfing, schmerzten und beunruhigten ihn diejenigen, die sie -machte. Frau Chauchats Privat- und Eigenleben als solches -an und für sich und schon unabhängig von seinem Inhalt -hatte angefangen, ihm Schmerz und Unruhe zu bereiten, und -wie sehr mußte sich beides erst verschärfen, da ihm Mehrdeutigkeiten -über diesen Inhalt zu Ohren kamen! Zwar schien -es allgemein möglich, daß die Beziehungen des russischen Besuchers -zu seiner Landsmännin nüchterner und harmloser Natur -waren; aber Hans Castorp war seit einiger Zeit geneigt, -Nüchternheit und Harmlosigkeit für Schnickschnack zu halten, -– wie er sich denn auch nicht überwinden oder bereden -konnte, die Ölmalerei als Beziehung zwischen einem forsch redenden -Witwer und einer schmaläugig-leisetreterischen jungen -Frau für etwas anderes anzusehen. Der Geschmack, den der -<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a> -Hofrat mit der Wahl seines Modells bekundete, entsprach -zu sehr seinem eigenen, als daß er hier an Nüchternheit hätte -glauben können, worin ihn die Vorstellung von des Hofrats -blauen Backen und seinen rot geäderten Quellaugen denn -auch nur wenig unterstützte. -</p> - -<p> -Eine Wahrnehmung, die er in diesen Tagen auf eigene Hand -und zufällig machte, wirkte in anderer Weise auf ihn ein, obgleich -es sich abermals um eine Bestätigung seines Geschmackes -handelte. Es war da am querstehenden Tische der Frau Salomon -und des gefräßigen Schülers mit der Brille, links von -dem der Vettern, nächst der seitlichen Glastür, ein Kranker, -Mannheimer seiner Herkunft nach, wie Hans Castorp gehört -hatte, etwa dreißigjährig, mit gelichtetem Haupthaar, -kariösen Zähnen und einer zaghaften Redeweise, – derselbe, -der zuweilen während der Abendgeselligkeit auf dem Piano -spielte, und zwar meistens den Hochzeitsmarsch aus dem -„Sommernachtstraum“. Er sollte sehr fromm sein, wie es -begreiflicherweise nicht selten unter Denen hier oben der Fall -sei, so hatte Hans Castorp sagen hören. Allsonntäglich sollte -er den Gottesdienst drunten in „Platz“ besuchen und in der -Liegekur andächtige Bücher lesen, Bücher mit einem Kelch oder -Palm<a id="corr-51"></a>zweigen auf dem Vorderdeckel. Dieser nun, so bemerkte -Hans Castorp eines Tages, hatte seine Blicke ebendort, wo er -selbst sie hatte, – hing mit ihnen an Madame Chauchats -schmiegsamer Person, und zwar auf eine Art, die scheu und zudringlich -bis zum Hündischen war. Nachdem Hans Castorp -es einmal beobachtet, konnte er nicht umhin, es wieder und -wieder festzustellen. Er sah ihn abends im Spielzimmer inmitten -der Gäste stehen, trübe verloren in den Anblick der lieblichen, -wenn auch schadhaften Frau, die drüben im kleinen -<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a> -Salon auf dem Sofa saß und mit der wollhaarigen Tamara -(so hieß das humoristische Mädchen), mit Dr. Blumenkohl -und den konkaven und hängeschultrigen Herren ihres Tisches -plauderte; sah ihn sich abwenden, sich herumdrücken und -wieder langsam, mit seitlich gedrehten Augäpfeln und kläglich -geschürzter Oberlippe den Kopf über die Schulter dorthin -wenden. Er sah ihn sich verfärben und <em>nicht</em> aufblicken, dann -aber dennoch aufblicken und gierig schauen, wenn die Glastür -fiel und Frau Chauchat zu ihrem Platze glitt. Und mehrmals -sah er, wie der Arme sich nach Tische zwischen Ausgang -und Gutem Russentisch aufstellte, um Frau Chauchat an sich -vorübergehen zu lassen und sie, die seiner nicht achtete, aus -unmittelbarer Nähe mit Augen zu verschlingen, die bis zum -Grunde mit Traurigkeit angefüllt waren. -</p> - -<p> -Auch diese Entdeckung also setzte dem jungen Hans Castorp -nicht wenig zu, obgleich die klägliche Schaubegier des Mannheimers -ihn nicht in dem Sinne beunruhigen konnte, wie der -Privatverkehr Clawdia Chauchats mit Hofrat Behrens, einem -ihm an Alter, Person und Lebensstellung so übergeordneten -Mann. Clawdia kümmerte sich gar nicht um den Mannheimer, -– es wäre Hans Castorps innerer Geschärftheit nicht -entgangen, wenn es der Fall gewesen wäre, und nicht der -widrige Stachel der Eifersucht war es also in diesem Falle, den -er in der Seele spürte. Aber er erprobte alle Empfindungen, -die Rausch und Leidenschaft eben erproben, wenn sie in der -Außenwelt ihrer selbst ansichtig werden, und die das sonderbarste -Gemisch aus Ekel- und Gemeinschaftsgefühlen bilden. -Unmöglich, alles zu ergründen und auseinanderzulegen, wenn -wir von der Stelle kommen wollen. Auf jeden Fall war es -viel auf einmal für seine Verhältnisse, was auch die Beobachtung -<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a> -des Mannheimers dem armen Hans Castorp zu durchkosten -gab. -</p> - -<p> -So vergingen die acht Tage bis zu Hans Castorps Durchleuchtung. -Er hatte nicht gewußt, daß sie bis dahin vergehen -würden, aber als er eines Morgens beim ersten Frühstück -durch die Oberin (sie hatte schon wieder ein Gerstenkorn, es -konnte nicht mehr dasselbe sein, offenbar war dies harmlose, -aber entstellende Leiden in ihrer Verfassung gelegen) den Befehl -erhielt, sich nachmittags im Laboratorium einzufinden, da -waren sie eben vergangen. Zusammen mit seinem Vetter -sollte Hans Castorp sich stellen, eine halbe Stunde vor dem -Tee; denn auch von Joachim sollte bei dieser Gelegenheit -wieder eine Innenansicht aufgenommen werden, – die letzte -mußte schon für veraltet gelten. -</p> - -<p> -So hatten sie heute die große Nachmittagsliegekur um -dreißig Minuten abgekürzt, waren mit dem Schlage halb vier -die steinerne Treppe in das falsche Kellergeschoß „hinab“gestiegen -und saßen zusammen in dem kleinen Warteraum, der -das Ordinationszimmer vom Durchleuchtungslaboratorium -trennte, – Joachim, dem nichts Neues bevorstand, in guter -Ruhe, Hans Castorp etwas fiebrig erwartungsvoll, da man -bisher noch niemals Einblick in sein organisches Innenleben -genommen. Sie waren nicht allein: mehrere Gäste hatten, -zerrissene illustrierte Zeitschriften auf den Knien, schon im -Zimmer gesessen, als sie eingetreten waren, und warteten mit -ihnen: ein reckenhafter junger Schwede, der im Speisesaal an -Settembrinis Tische saß, und von dem man sagte, er sei bei -seiner Ankunft im April so krank gewesen, daß man ihn kaum -habe aufnehmen wollen; nun aber habe er achtzig Pfund zugenommen -und sei im Begriffe, als völlig geheilt entlassen zu -<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a> -werden; ferner eine Frau vom Schlechten Russentisch, eine -Mutter, selbst kümmerlich, mit ihrem noch kümmerlicheren, -langnäsigen und häßlichen Knaben namens Sascha. Diese -Personen also warteten schon länger als die Vettern; offenbar -hatten sie in der Reihenfolge der Bestellungen den Vorrang -vor ihnen, Verspätung schien eingerissen nebenan im -Durchleuchtungsraum, und so stand kalter Tee in Aussicht. -</p> - -<p> -Im Laboratorium war man beschäftigt. Die Stimme des -Hofrats war zu hören, der Anweisungen gab. Es war halb vier -Uhr oder etwas darüber, als die Tür sich öffnete, – ein technischer -Assistent, der hier unten tätig war, öffnete sie – und -nur erst der schwedische Recke und Glückspilz eingelassen wurde: -offenbar hatte man seinen Vorgänger durch einen anderen -Ausgang entlassen. Die Geschäfte wickelten sich nun schneller -ab. Nach zehn Minuten schon hörte man den völlig genesenen -Skandinavier, diese wandelnde Empfehlung des Ortes und -der Heilanstalt, sich starken Schrittes über den Korridor entfernen, -und die russische Mutter nebst Sascha wurden empfangen. -Wiederum, wie schon beim Eintritt des Schweden, -bemerkte Hans Castorp, daß im Durchleuchtungsraum Halbdunkel, -das heißt künstliches Halblicht herrschte, – gerade wie -andererseits in Dr. Krokowskis analytischem Kabinett. Die -Fenster waren verhüllt, das Tageslicht abgesperrt, und ein -paar elektrische Lampen brannten. Während man aber Sascha -und seine Mutter einließ und Hans Castorp ihnen nachblickte, -– gleichzeitig also hiermit ging die Korridortür auf, -und der nächstbestellte Patient betrat den Warteraum, verfrüht, -da Verspätung obwaltete, es war Madame Chauchat. -</p> - -<p> -Es war Clawdia Chauchat, die sich plötzlich im Zimmerchen -befand; Hans Castorp erkannte sie mit aufgerissenen Augen, -<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a> -indem er deutlich fühlte, wie das Blut ihm aus dem Gesichte -wich und sein Unterkiefer erschlaffte, so daß sein Mund im -Begriffe war, sich zu öffnen. Clawdias Eintritt hatte sich so -nebenbei, so unversehens vollzogen, – auf einmal teilte sie den -engen Aufenthalt mit den Vettern, nachdem sie eben noch -keineswegs dagewesen. Joachim blickte rasch auf Hans Castorp -und schlug dann nicht nur die Augen nieder, sondern -nahm das illustrierte Blatt, das er schon fortgelegt hatte, -wieder vom Tisch und verbarg sein Gesicht dahinter. Hans -Castorp fand nicht die Entschlußkraft, ein gleiches zu tun. -Nach dem Erblassen war er sehr rot geworden, und sein Herz -hämmerte. -</p> - -<p> -Frau Chauchat nahm bei der Tür zum Laboratorium in -einem rundlichen kleinen Sessel mit stummelhaften, gleichsam -rudimentären Armlehnen Platz, schlug, zurückgelehnt, leicht -ein Bein über das andere und blickte ins Leere, wobei ihre -Pribislav-Augen, die durch das Bewußtsein, daß man sie beobachtete, -aus ihrer Blickrichtung nervös abgelenkt wurden, -etwas schielten. Sie trug einen weißen Sweater und einen -blauen Rock und hielt ein Buch auf dem Schoß, einen Leihbibliotheksband, -wie es schien, während sie mit der Sohle des -am Boden stehenden Fußes leise aufpochte. -</p> - -<p> -Schon nach anderthalb Minuten änderte sie ihre Haltung, -blickte um sich, stand auf mit einer Miene, als wisse sie nicht, -woran sie sei und wohin sie sich zu wenden habe – und begann -zu sprechen. Sie fragte etwas, richtete eine Frage an -Joachim, obgleich dieser in seine illustrierte Zeitung vertieft -schien, während Hans Castorp unbeschäftigt dasaß, – bildete -Worte mit ihrem Munde und gab Stimme dazu aus ihrer -weißen Kehle: es war die nicht tiefe, aber eine kleine Schärfe -<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a> -enthaltende, angenehm belegte Stimme, die Hans Castorp -kannte – von langer Hand her kannte und einmal sogar aus -unmittelbarer Nähe vernommen hatte: damals, als mit dieser -Stimme für ihn selbst gesagt worden war: „Gern. Du mußt -ihn mir nach der Stunde aber bestimmt zurückgeben.“ Das -war jedoch fließender und bestimmter hingesprochen worden; -jetzt kamen die Worte etwas schleppend und gebrochen, die -Sprechende hatte kein natürliches Anrecht darauf, sie lieh sie -nur, wie Hans Castorp sie schon ein paarmal hatte tun hören, -mit einer Art von Überlegenheitsgefühl, das aber von demütigem -Entzücken umwogt war. Eine Hand in der Tasche ihrer -Wolljacke und die andere am Hinterkopf, fragte Frau Chauchat: -</p> - -<p> -„Ich bitte, auf wieviel Uhr sind Sie bestellt?“ -</p> - -<p> -Und Joachim, der einen schnellen Blick auf seinen Vetter -geworfen hatte, antwortete, indem er sitzend die Absätze zusammenzog: -</p> - -<p> -„Auf halb vier Uhr.“ -</p> - -<p> -Sie sprach wieder: -</p> - -<p> -„Ich auf drei Viertel. Was gibt es denn? Es ist gleich -vier. Es sind Personen eben noch eingetreten, nicht wahr?“ -</p> - -<p> -„Ja, zwei Personen“, antwortete Joachim. „Sie waren -vor uns an der Reihe. Der Dienst hat Verspätung. Es scheint, -das Ganze hat sich um eine halbe Stunde verschoben.“ -</p> - -<p> -„Das ist unangenehm!“ sagte sie und betastete nervös ihr -Haar. -</p> - -<p> -„Eher“, erwiderte Joachim. „Wir warten auch schon fast -eine halbe Stunde.“ -</p> - -<p> -So sprachen sie miteinander, und wie im Traum hörte Hans -Castorp zu. Daß Joachim mit Frau Chauchat sprach, war -<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a> -beinahe dasselbe, wie wenn er selbst mit ihr gesprochen hätte, -– wenn freilich auch wieder etwas ganz und gar anderes. -Das „Eher“ hatte Hans Castorp beleidigt, es kam ihm frech -und mindestens befremdend gleichmütig vor in Anbetracht -der Umstände. Aber Joachim konnte am Ende so sprechen, -– er konnte <em>überhaupt</em> mit ihr sprechen und tat sich vielleicht -vor ihm noch etwas zugute darauf mit seinem kecken -„Eher“, – ungefähr wie er selbst vor Joachim und Settembrini -sich aufgespielt hatte, als man ihn gefragt, wie lange -er zu bleiben gedenke und er „drei Wochen“ geantwortet hatte. -An Joachim, obgleich er die Zeitung vor das Gesicht gehalten, -hatte sie sich gewandt mit ihrer Anrede, – gewiß weil er der -älter Eingesessene, ihr länger von Ansehen Bekannte war; -aber doch auch aus jenem anderen Grunde, weil ein Verkehr -auf gesittetem Fuße, ein artikulierter Austausch in ihrem Falle -am Platze war und nichts Wildes, Tiefes, Schreckliches und -Geheimnisvolles zwischen ihnen waltete. Hätte jemand Braunäugiges -mit Rubinring und Orangenparfüm hier mit ihnen -gewartet, so wäre es an ihm, Hans Castorp, gewesen, das -Wort zu führen und „Eher“ zu sagen, – unabhängig und -rein, wie er ihr gegenüberstand. „Gewiß, eher unangenehm, -wertes Fräulein!“ hätte er gesagt und vielleicht sein Taschentuch -mit einem Schwung aus der Brusttasche gezogen, um -sich zu schneuzen. „Bitte, Geduld zu üben. Wir sind in keiner -besseren Lage.“ Und Joachim hätte gestaunt über seine Leichtlebigkeit, -– wahrscheinlich aber, ohne sich ernstlich an seine -Stelle zu wünschen. Nein, auch Hans Castorp war nicht -eifersüchtig auf Joachim, wie die Dinge lagen, obgleich dieser -es war, der mit Frau Chauchat sprechen durfte. Er war -einverstanden damit, daß sie sich an ihn gewandt hatte; sie -<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a> -hatte den Umständen Rechnung getragen, indem sie es tat, -und so zu erkennen gegeben, daß sie sich dieser Umstände bewußt -war ... Sein Herz hämmerte. -</p> - -<p> -Nach der gelassenen Behandlung, die Frau Chauchat durch -Joachim erfahren, und in der Hans Castorp sogar etwas wie -eine leise Feindseligkeit auf seiten des guten Joachim gegen die -Mitpatientin gespürt hatte, eine Feindseligkeit, über die er bei -aller Erschütterung lächeln mußte, – versuchte „Clawdia“ -einen Gang durch das Zimmer zu tun; doch fehlte es an Raum -dazu, und so nahm auch sie ein illustriertes Heft vom Tische -und kehrte damit in den Sessel mit den rudimentären Armlehnen -zurück. Hans Castorp saß und sah sie an, indem er -die Kinnstütze seines Großvaters nachahmte und so dem Alten -wirklich lächerlich ähnlich sah. Da Frau Chauchat wieder ein -Bein über das andere gelegt hatte, zeichnete sich ihr Knie, ja, -die ganze schlanke Linie ihres Beines unter dem blauen Tuchrock -ab. Sie war nur von mittlerer Größe, einer in Hans -Castorps Augen höchst angenehmen und richtigen Größe, aber -verhältnismäßig hochbeinig und nicht breit in den Hüften. -Sie saß nicht zurückgelehnt, sondern vorgebeugt, die gekreuzten -Unterarme auf den Oberschenkel des übergeschlagenen -Beines gestützt, mit gerundetem Rücken und vorfallenden -Schultern, so daß die Nackenwirbel hervortraten, ja, unter -dem anliegenden Sweater beinahe das Rückgrat zu erkennen -war und ihre Brust, die nicht so hoch und üppig entwickelt -wie bei Marusja, sondern klein und mädchenhaft war, von -beiden Seiten zusammengepreßt wurde. Plötzlich erinnerte -sich Hans Castorp, daß auch sie hier in der Erwartung saß, -durchleuchtet zu werden. Der Hofrat malte sie; er gab ihre -äußere Erscheinung mit Öl und Farbstoffen auf der Leinwand -<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a> -wieder. Jetzt aber würde er im Halbdunkel Lichtstrahlen auf -sie lenken, die ihm das Innere ihres Körpers bloßlegten. Und -indem Hans Castorp dies dachte, wandte er mit einer ehrbaren -Verfinsterung seiner Miene den Kopf beiseite, einem Ausdruck -von Diskretion und Sittsamkeit, den vor sich selber anzunehmen -ihm bei dieser Vorstellung angemessen schien. -</p> - -<p> -Das Beisammensein zu dritt in dem Wartezimmerchen -währte nicht lange. Man hatte drinnen mit Sascha und seiner -Mutter wohl nicht viel Federlesens gemacht, man sputete sich, -die Verspätung wieder einzuholen. Neuerdings öffnete der -Techniker im weißen Kittel die Tür, Joachim warf aufstehend -sein Zeitungsblatt auf den Tisch zurück, und Hans Castorp -folgte ihm, wenn auch nicht ohne inneres Zögern, zur Tür. -Ritterliche Bedenken regten sich in ihm zusammen mit der Versuchung, -dennoch auf gesittete Art zu Frau Chauchat zu sprechen -und ihr den Vortritt anzubieten; vielleicht sogar auf Französisch, -wenn es sich machen ließ; und hastig suchte er bei sich -nach den Vokabeln, der Satzbildung. Aber er wußte nicht, -ob solche Höflichkeiten hier ortsüblich waren, ob nicht die angesetzte -Reihenfolge hoch über Ritterlichkeiten erhaben war. -Joachim mußte es wissen, und da er nicht Miene machte, vor -der anwesenden Dame zurückzustehen, obgleich Hans Castorp -ihn bewegt und dringlich anblickte, so folgte dieser ihm denn -an Frau Chauchat vorbei, die nur flüchtig aus ihrer gebückten -Haltung aufschaute, und durch die Tür ins Laboratorium. -</p> - -<p> -Er war zu benommen von dem, was er hinter sich ließ, von -den Abenteuern der letzten zehn Minuten, als daß mit dem -Übertritt in den Durchleuchtungsraum auch seine innere Gegenwart -sich sogleich hätte umstellen können. Er sah nichts oder -nur sehr Allgemeines im künstlichen Halblicht. Er hörte Frau -<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a> -Chauchats angenehm verschleierte Stimme, mit der sie gesagt -hatte: „Was gibt es denn ... Es sind Personen eben noch -eingetreten ... Das ist unangenehm ...“, und dieser Stimmklang -schauerte ihm als ein süßer Reiz den Rücken hinunter. -Er sah ihr Knie unter dem Tuchrock sich abbilden, sah an ihrem -gebeugten Nacken, unter dem kurzen rötlichblonden Haar, -das dort lose hing, ohne in die Zopffrisur aufgenommen worden -zu sein, die Halswirbel hervortreten, und abermals überlief -ihn der Schauder. Er sah Hofrat Behrens, abgewandt -von den Eintretenden, vor einem Schrank oder regalförmigen -Einbau stehen und eine schwärzliche Platte betrachten, die er -mit ausgestrecktem Arm gegen das matte Deckenlicht hielt. -An ihm vorbei gingen sie tiefer in den Raum hinein, überholt -von dem Gehilfen, der Vorbereitungen zu ihrer Behandlung -und Abfertigung traf. Es roch eigentümlich hier. Eine Art -von abgestandenem Ozon erfüllte die Atmosphäre. Zwischen -den schwarzverhängten Fenstern vorspringend, teilte der Einbau -das Laboratorium in zwei ungleiche Hälften. Man unterschied -physikalische Apparate, Hohlgläser, Schaltbretter, aufrecht -ragende Meßinstrumente, aber auch einen kameraartigen -Kasten auf rollbarem Gestell, gläserne Diapositive, die reihenweise -in die Wand eingelassen waren, – man wußte nicht, -war man in dem Atelier eines Photographen, einer Dunkelkammer -oder einer Erfinderwerkstatt und technischen Hexenoffizin. -</p> - -<p> -Joachim hatte ohne weiteres begonnen, seinen Oberkörper -freizumachen. Der Gehilfe, ein jüngerer, gedrungener und -rotbäckiger Eingeborener in weißem Kittel, wies Hans Castorp -an, ein gleiches zu tun. Es gehe schnell, er sei sofort an der -Reihe ... Während Hans Castorp die Weste auszog, kam -<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a> -Behrens aus dem kleinen Abteil, wo er gestanden, in den geräumigeren -herüber. -</p> - -<p> -„Hallo!“ sagte er. „Das sind ja unsere Dioskuren! Castorp -und Pollux ... Bitte, Wehelaute zu unterdrücken! Warten -Sie nur, gleich werden wir Sie alle beide durchschaut haben. -Ich glaube, Sie haben Angst, Castorp, uns Ihr Inneres zu -eröffnen? Seien Sie ruhig, es geht ganz ästhetisch zu. Hier, -haben Sie meine Privatgalerie schon gesehen?“ Und er zog -Hans Castorp am Arm vor die Reihen der dunklen Gläser, -hinter denen er knipsend Licht einschaltete. Da erhellten sie sich, -zeigten ihre Bilder. Hans Castorp sah Gliedmaßen: Hände, -Füße, Kniescheiben, Ober- und Unterschenkel, Arme und Beckenteile. -Aber die rundliche Lebensform dieser Bruchstücke des -Menschenleibes war schemenhaft und dunstig von Kontur; -wie ein Nebel und bleicher Schein umgab sie ungewiß ihren -klar, minutiös und entschieden hervortretenden Kern, das -Skelett. -</p> - -<p> -„Sehr interessant“, sagte Hans Castorp. -</p> - -<p> -„Das ist allerdings interessant!“ erwiderte der Hofrat. „Nützlicher -Anschauungsunterricht für junge Leute. Lichtanatomie, -verstehen Sie, Triumph der Neuzeit. Das ist ein Frauenarm, -Sie ersehen es aus seiner Niedlichkeit. Damit umfangen sie -einen beim Schäferstündchen, verstehen Sie.“ Und er lachte, -wobei seine Oberlippe mit dem gestutzten Schnurrbärtchen -sich einseitig höher schürzte. Die Bilder erloschen. Hans Castorp -wandte sich zur Seite, dorthin, wo Joachims Innenaufnahme -sich vorbereitete. -</p> - -<p> -Es geschah vor jenem Einbau, an dessen anderer Seite der -Hofrat anfangs gestanden. Joachim hatte auf einer Art von -Schustersessel vor einem Brett Platz genommen, gegen das -<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a> -er die Brust preßte, wobei er es außerdem mit den Armen umschlang; -und mit knetenden Bewegungen verbesserte der Gehilfe -seine Stellung, indem er Joachims Schultern weiter nach -vorn drückte, seinen Rücken massierte. Hierauf begab er sich -hinter die Kamera, um, wie irgend ein Photograph, gebückt, -breitbeinig, die Ansicht zu prüfen, drückte seine Zufriedenheit -aus und mahnte Joachim, beiseite gehend, tief einzuatmen -und, bis alles vorüber, die Luft anzuhalten. Joachims gerundeter -Rücken dehnte sich und blieb stehen. In diesem Augenblick -hatte der Gehilfe am Schaltbrett den nötigen Handgriff -getan. Zwei Sekunden lang spielten fürchterliche Kräfte, deren -Aufwand erforderlich war, um die Materie zu durchdringen, -Ströme von Tausenden von Volt, von hunderttausend, Hans -Castorp glaubte sich zu erinnern. Kaum zum Zwecke gebändigt, -suchten die Gewalten auf Nebenwegen sich Luft zu machen. -Entladungen knallten wie Schüsse. Es knatterte blau am -Meßapparat. Lange Blitze fuhren knisternd die Wand entlang. -Irgendwo blickte ein rotes Licht, einem Auge gleich, still -und drohend in den Raum, und eine Phiole in Joachims -Rücken füllte sich grün. Dann beruhigte sich alles; die Lichterscheinungen -verschwanden, und Joachim ließ seufzend den -Atem aus. Es war geschehen. -</p> - -<p> -„Nächster Delinquent!“ sagte Behrens und stieß Hans Castorp -mit dem Ellenbogen. „Nur keine Müdigkeit vorschützen! -Sie kriegen ein Freiexemplar, Castorp. Dann können Sie -noch Kindern und Enkeln die Geheimnisse Ihres Busens an -die Wand projizieren!“ -</p> - -<p> -Joachim war abgetreten; der Techniker wechselte die Platte. -Hofrat Behrens unterwies den Neuling persönlich, wie er sich -zu setzen, zu halten habe. „Umarmen!“ sagte er. „Das Brett -<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a> -umarmen! Stellen Sie sich meinetwegen was anderes darunter -vor! Und gut die Brust andrücken, als ob Glücksempfindungen -damit verbunden wären! Recht so. Einatmen! -Stillgehalten!“ kommandierte er. „Bitte, recht freundlich!“ -Hans Castorp wartete blinzelnd, die Lunge voller Luft. Hinter -ihm brach das Gewitter los, knisterte, knatterte, knallte und -beruhigte sich. Das Objektiv hatte in sein Inneres geblickt. -</p> - -<p> -Er stieg ab, verwirrt und betäubt von dem, was mit ihm -geschehen, obgleich ja die Durchdringung ihm nicht im geringsten -empfindlich geworden war. „Brav“, sagte der Hofrat. -„Nun werden wir selber sehen.“ Und schon hatte Joachim, -bewandert wie er war, sich weiter hinbegeben, näher der -Ausgangstür an einem Stativ Aufstellung genommen, im -Rücken den weitläufig sich aufbauenden Apparat, auf dessen -Rückenhöhe man eine halb mit Wasser gefüllte Glasblase -mit Verdunstungsröhre gewahrte, vor sich, in Brusthöhe, einen -gerahmten Schirm, der an Rollzügen schwebte. Zu seiner -Linken, inmitten eines Schaltbretts und Instrumentariums, -erhob sich eine rote Lampenglocke. Der Hofrat, vor dem -hängenden Schirm auf einem Schemel reitend, entzündete sie. -Das Deckenlicht erlosch, nur das Rubinlicht noch erhellte die -Szene. Dann hob der Meister auch dieses mit kurzem Handgriff -auf, und dichteste Finsternis hüllte die Laboranten ein. -</p> - -<p> -„Erst müssen die Augen sich gewöhnen“, hörte man den -Hofrat im Dunkel sagen. „Ganz große Pupillen müssen wir -erst kriegen, wie die Katzen, um zu sehen, was wir sehen wollen. -Das verstehen Sie ja wohl, daß wir es so ohne weiteres mit -unseren gewöhnlichen Tagaugen nicht ordentlich sehen könnten. -Den hellen Tag mit seinen fidelen Bildern müssen wir -uns erst mal aus dem Sinn schlagen zu dem Behuf.“ -</p> - -<p> -<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a> -„Selbstredend“, sagte Hans Castorp, der hinter des Hofrats -Schulter stand, und schloß die Augen, da es ganz gleichgültig -war, ob man sie offen hielt, oder nicht, so schwarz war die Nacht. -„Erst müssen wir uns mal die Augen mit Finsternis waschen, -um so was zu sehen, das ist doch klar. Ich finde es sogar -gut und richtig, daß wir uns vorher ein bißchen sammeln, sozusagen -in stillem Gebet. Ich stehe hier und habe die Augen -geschlossen, es ist mir angenehm schläfrig zu Sinn. Aber wonach -riecht es hier nur?“ -</p> - -<p> -„Sauerstoff“, sagte der Hofrat. „Das ist Oxygen, was Sie -in den Lüften spüren. Atmosphärisches Produkt des Stubengewitters, -verstehen Sie mich ... Augen auf!“ sagte er. „Jetzt -fängt die Beschwörung an.“ Hans Castorp gehorchte eilig. -</p> - -<p> -Man hörte das Umlegen eines Hebels. Ein Motor sprang -auf und sang wütend in die Höhe, wurde aber durch einen -neuen Handgriff zur Stetigkeit gebändigt. Der Fußboden -bebte gleichmäßig. Das rote Lichtlein, länglich und senkrecht, -blickte mit stillem Drohen herüber. Irgendwo knisterte ein -Blitz. Und langsam, mit milchigem Schein, ein sich erhellendes -Fenster, trat aus dem Dunkel das bleiche Viereck des Leuchtschirms -hervor, vor welchem Hofrat Behrens auf seinem Schusterschemel -ritt, die Schenkel gespreizt, die Fäuste daraufgestemmt, -die Stumpfnase dicht an der Scheibe, die Einblick in -eines Menschen organisches Inneres gewährte. -</p> - -<p> -„Sehen Sie, Jüngling?“ fragte er ... Hans Castorp beugte -sich über seine Schulter, hob aber noch einmal den Kopf, dorthin, -wo im Dunkel Joachims Augen zu vermuten waren, die -sanft und traurig blicken mochten, wie damals bei der Untersuchung, -und fragte: -</p> - -<p> -„Du erlaubst doch?“ -</p> - -<p> -<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a> -„Bitte, bitte“, antwortete Joachim liberal aus seiner Finsternis. -Und beim Schüttern des Erdbodens, im Knistern und -Rumoren der spielenden Kräfte spähte Hans Castorp gebückt -durch das bleiche Fenster, spähte durch Joachim Ziemßens -leeres Gebein. Der Brustknochen fiel mit dem Rückgrat zur -dunklen, knorpeligen Säule zusammen. Das vordere Rippengerüst -wurde von dem des Rückens überschnitten, das blasser -erschien. Geschwungen zweigten oben die Schlüsselbeine nach -beiden Seiten ab, und in der weichen Lichthülle der Fleischesform -zeigten sich dürr und scharf das Schulterskelett, der Ansatz -von Joachims Oberarmknochen. Es war hell im Brustraum, -aber man unterschied ein Geäder, dunkle Flecke, ein -schwärzliches Gekräusel. -</p> - -<p> -„Klares Bild“, sagte der Hofrat. „Das ist die anständige -Magerkeit, die militärische Jugend. Ich habe hier Wänste -gehabt, – undurchdringlich, beinahe nichts zu erkennen. Die -Strahlen müßte man erst mal entdecken, die durch so eine Fettschicht -gehen ... Dies hier ist saubere Arbeit. Sehen Sie das -Zwerchfell?“ sagte er und wies mit dem Finger auf den dunklen -Bogen, der sich unten im Fenster hob und senkte ... „Sehen -Sie die Buckel hier linkerseits, die Erhöhungen? Das ist die -Rippenfellentzündung, die er mit fünfzehn Jahren hatte. Tief -atmen!“ kommandierte er. „Tiefer! Ich sage <em>tief</em>!“ Und -Joachims Zwerchfell hob sich zitternd, so hoch es konnte, Aufhellung -war in den oberen Lungenteilen zu bemerken, aber der -Hofrat war nicht befriedigt. „Ungenügend!“ sagte er. „Sehen -Sie die Hilusdrüsen? Sehen Sie die Verwachsungen? Sehen -Sie die Kavernen hier? Da kommen die Gifte her, die ihn -beschwipsen.“ Aber Hans Castorps Aufmerksamkeit war in -Anspruch genommen von etwas Sackartigem, ungestalt -<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a> -Tierischem, dunkel hinter dem Mittelstamme Sichtbarem, und -zwar größerenteils zur Rechten, vom Beschauer aus gesehen, -– das sich gleichmäßig ausdehnte und wieder zusammenzog, -ein wenig nach Art einer rudernden Qualle. -</p> - -<p> -„Sehen Sie sein Herz?“ fragte der Hofrat, indem er abermals -die riesige Hand vom Schenkel löste und mit dem Zeigefinger -auf das pulsierende Gehänge wies ... Großer Gott, es -war das Herz, Joachims ehrliebendes Herz, was Hans Castorp -sah! -</p> - -<p> -„Ich sehe dein Herz!“ sagte er mit gepreßter Stimme. -</p> - -<p> -„Bitte, bitte“, antwortete Joachim wieder, und wahrscheinlich -lächelte er ergeben dort oben im Dunklen. Aber der Hofrat -gebot ihnen, zu schweigen und keine Empfindsamkeiten zu -tauschen. Er studierte die Flecke und Linien, das schwarze Gekräusel -im inneren Brustraum, während auch sein Mitspäher -nicht müde wurde, Joachims Grabesgestalt und Totenbein -zu betrachten, dies kahle Gerüst und spindeldürre Memento. -Andacht und Schrecken erfüllten ihn. „Jawohl, jawohl, ich -sehe“, sagte er mehrmals. „Mein Gott, ich sehe!“ Er hatte -von einer Frau gehört, einer längst verstorbenen Verwandten -von Tienappelscher Seite, – sie sollte mit einer schweren Gabe -ausgestattet oder geschlagen gewesen sein, die sie in Demut -getragen, und die darin bestanden hatte, daß Leute, die baldigst -sterben sollten, ihren Augen als Gerippe erschienen waren. -So sah nun Hans Castorp den guten Joachim, wenn auch -mit Hilfe und auf Veranstaltung der physikalisch-optischen -Wissenschaft, so daß es nichts zu bedeuten hatte und alles -mit rechten Dingen zuging, zumal er Joachims Zustimmung -ausdrücklich eingezogen. Dennoch wandelte Verständnis ihn -an für die Melancholie im Schicksal jener seherischen Tante. -<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a> -Heftig bewegt von dem, was er sah, oder eigentlich davon, -daß er es sah, fühlte er sein Gemüt von geheimen Zweifeln -gestachelt, ob es rechte Dinge seien, mit denen dies zugehe, -Zweifeln an der Erlaubtheit seines Schauens im schütternden, -knisternden Dunkel; und die zerrende Lust der Indiskretion -mischte sich in seiner Brust mit Gefühlen der Rührung und -Frömmigkeit. -</p> - -<p> -Aber wenige Minuten später stand er selbst im Gewitter am -Pranger, während Joachim, wieder geschlossenen Leibes, sich -ankleidete. Abermals spähte der Hofrat durch die milchige -Scheibe, diesmal in Hans Castorps Inneres, und aus seinen -halblauten Äußerungen, abgerissenen Schimpfereien und Redensarten -schien hervorzugehen, daß der Befund seinen Erwartungen -entsprach. Er war dann noch so freundlich, zu erlauben, -daß der Patient seine eigene Hand durch den Leuchtschirm -betrachte, da er dringend darum gebeten hatte. Und -Hans Castorp sah, was zu sehen er hatte erwarten müssen, -was aber eigentlich dem Menschen zu sehen nicht bestimmt ist, -und wovon auch er niemals gedacht hatte, daß ihm bestimmt -sein könne, es zu sehen: er sah in sein eigenes Grab. Das spätere -Geschäft der Verwesung sah er vorweggenommen durch -die Kraft des Lichtes, das Fleisch, worin er wandelte, zersetzt, -vertilgt, zu nichtigem Nebel gelöst, und darin das kleinlich gedrechselte -Skelett seiner rechten Hand, um deren oberes Ringfingerglied -sein Siegelring, vom Großvater her ihm vermacht, -schwarz und lose schwebte: ein hartes Ding dieser Erde, womit -der Mensch seinen Leib schmückt, der bestimmt ist, darunter -wegzuschmelzen, so daß es frei wird und weiter geht an -ein Fleisch, das es eine Weile wieder tragen kann. Mit den -Augen jener Tienappelschen Vorfahrin erblickte er einen vertrauten -<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a> -Teil seines Körpers, durchschauenden, voraussehenden -Augen, und zum erstenmal in seinem Leben verstand er, daß -er sterben werde. Dazu machte er ein Gesicht, wie er es zu -machen pflegte, wenn er Musik hörte, – ziemlich dumm, schläfrig -und fromm, den Kopf halb offenen Mundes gegen die -Schulter geneigt. Der Hofrat sagte: -</p> - -<p> -„Spukhaft, was? Ja, ein Einschlag von Spukhaftigkeit -ist nicht zu verkennen.“ -</p> - -<p> -Und dann tat er den Kräften Einhalt. Der Fußboden kam -zur Ruhe, die Lichterscheinungen schwanden, das magische -Fenster hüllte sich wieder in Dunkel. Das Deckenlicht ging an. -Und während auch Hans Castorp sich in die Kleider warf, gab -Behrens den jungen Leuten einige Auskunft über seine Beobachtungen, -unter Berücksichtigung ihrer laienhaften Auffassungsfähigkeit. -Was im besonderen Hans Castorp betraf, so -hatte der optische Befund den akustischen so genau bestätigt, -wie die Ehre der Wissenschaft es nur irgend verlangte. Es -seien die alten Stellen sowohl wie die frische zu sehen gewesen, -und „Stränge“ zögen sich von den Bronchien aus ziemlich -weit in das Organ hinein, – „Stränge mit Knötchen“. -Hans Castorp werde es selbst auf dem Diapositivbildchen nachprüfen -können, das ihm, wie gesagt, demnächst werde eingehändigt -werden. Also Ruhe, Geduld, Mannszucht, messen, -essen, liegen, abwarten und Tee trinken. Er wandte ihnen den -Rücken. Sie gingen. Hans Castorp, hinter Joachim, blickte -im Hinausgehen über die Schulter. Vom Techniker eingelassen, -betrat Frau Chauchat das Laboratorium. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-6-3"> -<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a> -Freiheit -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Wie kam es dem jungen Hans Castorp eigentlich vor? Etwa -so, als ob die sieben Wochen, die er nun nachweislich und ohne -allen Zweifel schon bei Denen hier oben verbracht hatte, nur -sieben Tage gewesen wären? Oder schien ihm im Gegenteil, -daß er schon viel, viel länger, als wirklich zutraf, an diesem -Orte lebe? Er fragte sich selbst danach, sowohl innerlich, wie -auch in der Form, daß er Joachim danach fragte, konnte aber -zu keiner Entscheidung kommen. Es war wohl beides der Fall: -zugleich unnatürlich kurz und unnatürlich lang erschien ihm im -Rückblick die hier verbrachte Zeit, nur eben wie es wirklich damit -war, so wollte es ihm nicht scheinen, – wobei vorausgesetzt -wird, daß Zeit überhaupt Natur, und daß es statthaft ist, -den Begriff der Wirklichkeit mit ihr in Verbindung zu bringen. -</p> - -<p> -Auf jeden Fall stand der Oktober vor der Tür, jeden Tag -konnte er eintreten. Es war ein leichtes für Hans Castorp, -sich das auszurechnen, und außerdem wurde er durch Gespräche -seiner Mitpatienten darauf hingewiesen, denen er zuhörte. -„Wissen Sie, daß in fünf Tagen wieder einmal der Erste ist?“ -hörte er Hermine Kleefeld zu zwei jungen Herren ihrer Gesellschaft -sagen, dem Studenten Rasmussen und jenem Wulstlippigen, -dessen Name Gänser war. Man stand nach der -Hauptmahlzeit im Speisedunst zwischen den Tischen herum -und zögerte plaudernd, in die Liegekur zu gehen. „Der erste -Oktober, ich habe es in der Verwaltung auf dem Kalender -gesehen. Das ist der zweite seiner Art, den ich an diesem Lustort -verlebe. Schön, der Sommer ist hin, soweit er vorhanden -war, man ist um ihn betrogen, wie man um das Leben -betrogen ist, im ganzen und überhaupt.“ Und sie seufzte aus -<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a> -ihrer halben Lunge, indem sie kopfschüttelnd ihre von Dummheit -umschleierten Augen zur Decke richtete. „Lustig, Rasmussen!“ -sagte sie hierauf und schlug ihrem Kameraden auf -die abfallende Schulter. „Machen Sie Witze!“ „Ich weiß -nur wenige“, erwiderte Rasmussen und ließ die Hände wie -Flossen in Brusthöhe hängen; „die aber wollen mir nicht vonstatten -gehn, ich bin immer so müde.“ „Es möchte kein Hund,“ -sagte Gänser hinter den Zähnen, „so oder ähnlich noch viel -länger leben.“ Und sie lachten achselzuckend. -</p> - -<p> -Aber auch Settembrini, seinen Zahnstocher zwischen den -Lippen, hatte in der Nähe gestanden, und im Hinausgehen -sagte er zu Hans Castorp: -</p> - -<p> -„Glauben Sie ihnen nicht, Ingenieur, glauben Sie ihnen -niemals, wenn sie schimpfen! Das tun sie alle ohne Ausnahme, -obgleich sie sich nur zu sehr zu Hause fühlen. Führen ein Lotterleben -und erheben auch noch Anspruch auf Mitleid, dünken -sich zur Bitterkeit berechtigt, zur Ironie, zum Zynismus! ‚An -diesem Lustort!‘ Ist es vielleicht kein Lustort? Ich will meinen, -daß es einer ist, und zwar in des Wortes zweifelhaftester -Bedeutung! ‚Betrogen‘, sagt dies Frauenzimmer; ‚an diesem -Lustort um das Leben betrogen.‘ Aber entlassen Sie sie in die -Ebene, und ihr Lebenswandel dort unten wird keinen Zweifel -darüber lassen, daß sie es darauf anlegt, baldmöglichst wieder -heraufzukommen. Ach ja, die Ironie! Hüten Sie sich vor der -hier gedeihenden Ironie, Ingenieur! Hüten Sie sich überhaupt -vor dieser geistigen Haltung! Wo sie nicht ein gerades und -klassisches Mittel der Redekunst ist, dem gesunden Sinn keinen -Augenblick mißverständlich, da wird sie zur Liederlichkeit, -zum Hindernis der Zivilisation, zur unsauberen Liebelei mit -dem Stillstand, dem Ungeist, dem Laster. Da die Atmosphäre, -<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a> -in der wir leben, dem Gedeihen dieses Sumpfgewächses offenbar -sehr günstig ist, darf ich hoffen oder muß fürchten, daß -Sie mich verstehen.“ -</p> - -<p> -Wirklich waren des Italieners Worte von der Art derer, die -noch vor sieben Wochen im Tieflande für Hans Castorp nur -Schall gewesen wären, für deren Bedeutung aber der Aufenthalt -hier oben seinen Geist empfänglich gemacht hatte: empfänglich -im Sinne intellektuellen Verständnisses, nicht ohne -weiteres auch in dem der Sympathie, was vielleicht noch mehr -besagen will. Denn obgleich er im Grunde seiner Seele froh -war, daß Settembrini auch jetzt noch, trotz allem, was geschehen, -fortfuhr, zu ihm zu sprechen, wie er es tat, ihn weiter -belehrte, warnte und Einfluß auf ihn zu nehmen suchte, ging -seine Auffassungsfähigkeit sogar so weit, daß er seine Worte -beurteilte und ihnen seine Zustimmung, wenigstens bis zu einem -gewissen Grade, vorenthielt. „Sieh an,“ dachte er, „er spricht -von der Ironie ganz ähnlich wie von der Musik, es fehlt nur, -daß er sie ‚politisch verdächtig‘ nennt, nämlich von dem Moment -an, wo sie aufhört, ein ‚gerades und klassisches Lehrmittel‘ -zu sein. Aber eine Ironie, die ‚keinen Augenblick mißverständlich‘ -ist, – was wäre denn das für eine Ironie, frage -ich in Gottes Namen, wenn ich schon mitreden soll? Eine -Trockenheit und Schulmeisterei wäre sie!“ – So undankbar -ist Jugend, die sich bildet. Sie läßt sich beschenken, um dann -das Geschenk zu bemäkeln. -</p> - -<p> -Seine Widersetzlichkeit in Worte zu fassen, wäre ihm immerhin -zu abenteuerlich erschienen. Er beschränkte seine Einwände -auf Herrn Settembrinis Urteil über Hermine Kleefeld, das ihm -ungerecht erschien oder das er aus bestimmten Gründen sich -so erscheinen lassen wollte. -</p> - -<p> -<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a> -„Aber das Fräulein ist krank!“ sagte er. „Sie ist ja wahr- -und wahrhaftig schwer krank und hat allen Grund, verzweifelt -zu sein! Was wollen Sie eigentlich von ihr?“ -</p> - -<p> -„Krankheit und Verzweiflung,“ sagte Settembrini, „sind -auch oft nur Formen der Liederlichkeit.“ -</p> - -<p> -„Und Leopardi,“ dachte Hans Castorp, „der ausdrücklich -sogar an Wissenschaft und Fortschritt verzweifelte? Und er -selbst, der Herr Schulmeister? Er ist doch auch krank und -kommt immer wieder herauf, und Carducci hätte wenig Freude -an ihm.“ Laut sagte er: -</p> - -<p> -„Sie sind gut. Das Fräulein kann jeden Tag ins Gras -beißen, und das nennen Sie Liederlichkeit! Da müssen Sie sich -schon näher erklären. Wenn Sie mir sagten: Krankheit ist bisweilen -eine Folge der Liederlichkeit, so wäre das plausibel ...“ -</p> - -<p> -„Sehr plausibel“, schaltete Settembrini ein. „Meiner Treu, -es wäre Ihnen recht, wenn ich dabei stehen bliebe?“ -</p> - -<p> -„Oder wenn Sie sagten: Krankheit muß der Liederlichkeit -manchmal zum Vorwand dienen, – auch das ließe ich mir gefallen.“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="it">Grazie tanto!</span>“ -</p> - -<p> -„Aber Krankheit eine <em>Form</em> der Liederlichkeit? Das heißt: -nicht aus der Liederlichkeit entstanden, sondern selbst Liederlichkeit? -Das ist doch paradox!“ -</p> - -<p> -„Oh, ich bitte, Ingenieur, keine Unterstellungen! Ich verachte -die Paradoxe, ich hasse sie! Lassen Sie sich alles, was ich -Ihnen über die Ironie bemerkte, auch vom Paradoxon gesagt -sein, und noch einiges mehr! Das Paradoxon ist die Giftblüte -des Quietismus, das Schillern des faulig gewordenen Geistes, -die größte Liederlichkeit von allen! Im übrigen stelle ich fest, -daß Sie wieder einmal die Krankheit in Schutz nehmen ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a> -„Nein, was Sie sagen, interessiert mich. Es erinnert geradezu -an manches, was Dr. Krokowski an seinen Montagen -vorbringt. Auch er erklärt die organische Krankheit für eine -sekundäre Erscheinung.“ -</p> - -<p> -„Kein ganz reinlicher Idealist.“ -</p> - -<p> -„Was haben Sie gegen ihn?“ -</p> - -<p> -„Eben dies.“ -</p> - -<p> -„Sind Sie schlecht auf die Analyse zu sprechen?“ -</p> - -<p> -„Nicht jeden Tag. – Sehr schlecht und sehr gut, beides abwechselnd, -Ingenieur.“ -</p> - -<p> -„Wie soll ich das verstehen?“ -</p> - -<p> -„Die Analyse ist gut als Werkzeug der Aufklärung und der -Zivilisation, gut, insofern sie dumme Überzeugungen erschüttert, -natürliche Vorurteile auflöst und die Autorität unterwühlt, -gut, mit anderen Worten, indem sie befreit, verfeinert, -vermenschlicht und Knechte reif macht zur Freiheit. Sie ist -schlecht, sehr schlecht, insofern sie die Tat verhindert, das Leben -an den Wurzeln schädigt, unfähig, es zu gestalten. Die Analyse -kann eine sehr unappetitliche Sache sein, unappetitlich wie -der Tod, zu dem sie denn doch wohl eigentlich gehören mag, – -verwandt dem Grabe und seiner anrüchigen Anatomie ...“ -</p> - -<p> -„Gut gebrüllt, Löwe“, konnte Hans Castorp nicht umhin -zu denken, wie gewöhnlich, wenn Herr Settembrini etwas -Pädagogisches geäußert. Er sagte aber nur: -</p> - -<p> -„Lichtanatomie haben wir neulich getrieben in unserem Parterrekeller. -Behrens nannte es so, als er uns durchleuchtete.“ -</p> - -<p> -„Ah, auch diese Station haben Sie schon erstiegen. Nun, -und?“ -</p> - -<p> -„Ich habe das Skelett meiner Hand gesehen“, sagte Hans -Castorp, indem er sich die Empfindungen zurückzurufen suchte, -<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a> -die bei diesem Anblick in ihm aufgestiegen waren. „Haben -Sie sich Ihres auch einmal zeigen lassen?“ -</p> - -<p> -„Nein, ich interessiere mich nicht im geringsten für mein -Skelett. Und das ärztliche Ergebnis?“ -</p> - -<p> -„Er hat Stränge gesehen, Stränge mit Knötchen.“ -</p> - -<p> -„Teufelsknecht.“ -</p> - -<p> -„So haben Sie Hofrat Behrens schon einmal genannt. -Was meinen Sie damit?“ -</p> - -<p> -„Seien Sie überzeugt, daß es eine gewählte Bezeichnung ist!“ -</p> - -<p> -„Nein, Sie sind ungerecht, Herr Settembrini! Ich gebe -zu, daß der Mann seine Schwächen hat. Seine Redeweise ist -mir selbst auf die Dauer nicht angenehm; sie hat zuweilen -was Gewaltsames, besonders wenn man sich erinnert, daß -er den großen Kummer gehabt hat, seine Frau hier oben einzubüßen. -Aber was für ein verdienter und achtbarer Mann -ist er doch alles in allem, ein Wohltäter der leidenden Menschheit! -Neulich begegnete ich ihm, als er eben von einer Operation -kam, einer Rippenresektion, einer Sache, bei der es auf -Biegen oder Brechen gegangen war. Es machte großen Eindruck -auf mich, wie ich ihn so von seiner schwierigen, nützlichen -Arbeit kommen sah, auf die er sich so gut versteht. Noch ganz -erhitzt war er und hatte sich zur Belohnung eine Zigarre angezündet. -Ich war neidisch auf ihn.“ -</p> - -<p> -„Das war schön von Ihnen. Aber Ihr Strafmaß?“ -</p> - -<p> -„Er hat mir keine bestimmte Frist gesetzt.“ -</p> - -<p> -„Auch nicht übel. Legen wir uns also, Ingenieur. Beziehen -wir unsere Stellungen.“ -</p> - -<p> -Sie verabschiedeten sich vor Nummer 34. -</p> - -<p> -„Nun gehen Sie auf Ihr Dach hinauf, Herr Settembrini. -Es muß lustiger sein, so in Gesellschaft zu liegen, als allein. -<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a> -Unterhalten Sie sich? Sind es interessante Leute, mit denen -Sie Kur machen?“ -</p> - -<p> -„Ach, das sind lauter Parther und Skythen!“ -</p> - -<p> -„Sie meinen Russen?“ -</p> - -<p> -„Und Russinnen“, sagte Herr Settembrini, und sein Mundwinkel -spannte sich. „Adieu, Ingenieur!“ -</p> - -<p> -Das war mit Bedeutung gesagt, unzweifelhaft. Hans -Castorp betrat in Verwirrung sein Zimmer. Wußte Settembrini, -wie es um ihn stand? Wahrscheinlich hatte er ihm erzieherisch -nachgespürt und die Wege verfolgt, die seine Augen -gingen. Hans Castorp war zornig auf den Italiener und auch -auf sich selbst, weil er unbeherrschterweise den Stich herausgefordert -hatte. Während er sein Schreibzeug zusammensuchte, -um es mit in die Liegekur zu nehmen – denn nun galt -kein Zögern mehr, der Brief nach Hause, der dritte, wollte geschrieben -sein –, fuhr er fort, sich zu ärgern, murmelte dies -und das vor sich hin gegen diesen Windbeutel und Räsonneur, -der sich in Dinge mischte, die ihn nichts angingen, während er -selbst die Mädchen auf der Straße anträllerte, – und fühlte -sich zu der schriftlichen Arbeit gar nicht mehr aufgelegt, – -dieser Drehorgelmann hatte ihm mit seinen Anspielungen -förmlich die Stimmung dazu verdorben. Aber so oder so, er -mußte Winterzeug haben, Geld, Wäsche, Schuhwerk, kurz -alles, was er mitgenommen haben würde, wenn er gewußt -hätte, daß er nicht für drei Hochsommerwochen, sondern ... -sondern für eine noch unbestimmte Frist kam, die aber jedenfalls -ein Stück in den Winter hineinreichen, ja, wie bei Uns -hier oben die Begriffe und Zeitverhältnisse nun einmal waren, -ihn wohl gar einschließen würde. Dies eben wollte, wenigstens -als Möglichkeit, nach Hause mitgeteilt sein. Es galt -<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a> -diesmal ganze Arbeit zu tun, Denen dort unten reinen Wein -einzuschenken und weder sich noch ihnen länger etwas vorzumachen -... -</p> - -<p> -In diesem Geiste schrieb er denn, unter Beobachtung der -Technik, die er Joachim mehrmals hatte üben sehen: im Liegestuhl, -mit dem Füllfederhalter, die Reisemappe auf den hochgezogenen -Knien. Er schrieb auf einem Briefbogen der Anstalt, -von denen ein Vorrat in der Tischschublade bereit lag, -an James Tienappel, der ihm unter den drei Onkels am nächsten -stand, und bat ihn, den Konsul zu unterrichten. Er sprach -von einem leidigen Zwischenfall, von Befürchtungen, die sich -bewahrheitet hätten, von der ärztlicherseits erklärten Notwendigkeit, -einen Teil des Winters, vielleicht den ganzen hier -oben zu verbringen, denn Fälle wie der seinige seien oft hartnäckiger -als solche, die sich pompöser anließen, und es gelte -doch, nachdrücklich einzugreifen und beizeiten ein für allemal -vorzubauen. Unter diesem Gesichtspunkt, meinte er, sei es ja -ein Glück und eine günstige Fügung, daß er zufällig jetzt heraufgekommen -und veranlaßt worden sei, sich untersuchen zu -lassen; denn sonst wäre er wohl noch lange über seinen Zustand -im unklaren geblieben und später vielleicht auf viel -empfindlichere Art darüber belehrt worden. Was die voraussichtliche -Dauer der Kur betreffe, so möge man sich nicht -wundern, daß er sich wahrscheinlich den Winter werde um die -Ohren schlagen müssen und kaum früher als Joachim in die -Ebene werde zurückkehren können. Die Zeitbegriffe seien hier -andere, als die sonst wohl für Badereisen und Kuraufenthalte -gültigen; der Monat sei sozusagen die kleinste Zeiteinheit, und -einzeln spiele er gar keine Rolle ... -</p> - -<p> -Es war kühl, er schrieb im Paletot, in eine Decke gehüllt, -<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a> -mit geröteten Händen. Manchmal blickte er auf von seinem -Papier, das sich mit vernünftigen und überzeugenden Sätzen -bedeckte, und blickte in die vertraute Landschaft, die er kaum -noch sah, dieses gestreckte Tal mit dem heute glasig-bleichen -Gipfelgeschiebe am Ausgang, dem hell besiedelten Grunde, der -manchmal sonnig aufglänzte, und den teils waldrauhen, teils -wiesigen Lehnen, von denen Kuhgeläut kam. Er schrieb mit -wachsender Leichtigkeit und verstand nicht mehr, wie er sich -vor dem Brief hatte fürchten können. Im Schreiben begriff -er selbst, daß nichts einleuchtender sein konnte, als seine Darlegungen, -und daß sie zu Hause selbstverständlich das vollkommenste -Einverständnis finden würden. Ein junger Mann -seiner Klasse und in seinen Verhältnissen tat etwas für sich, -wenn es sich als ratsam erwies, er machte Gebrauch von den -eigens für seinesgleichen bereitgestellten Bequemlichkeiten. So -gehörte es sich. Wäre er heimgereist, – man hätte ihn auf -seinen Bericht hin wieder heraufgeschickt. Er bat, ihm zukommen -zu lassen, was er brauchte. Auch um regelmäßige -Anweisung der nötigen Geldmittel bat er zum Schluß; mit -800 Mark monatlich sei alles zu decken. -</p> - -<p> -Er unterschrieb. Das war getan. Dieser dritte Brief nach -Hause war ausgiebig, er hielt vor, – nicht nach den Zeitbegriffen -von unten, sondern nach den hier oben herrschenden; -er befestigte Hans Castorps <em>Freiheit</em>. Dies war das Wort, -das er anwandte, nicht ausdrücklich, nicht, indem er auch nur -innerlich seine Silben gebildet hätte, aber er empfand seinen -weitläufigsten Sinn, wie er es während seines hiesigen Aufenthaltes -zu tun gelernt hatte, – einen Sinn, der mit demjenigen, -den Settembrini diesem Worte beilegte, nur wenig zu -schaffen hatte, – und eine ihm schon bekannte Welle des -<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a> -Schreckens und der Erregung ging über ihn hin, die seine Brust -beim Aufseufzen erzittern ließ. -</p> - -<p> -Er hatte den Kopf voller Blut vom Schreiben, seine Backen -brannten. Er nahm Merkurius vom Lampentischchen und -maß sich, als gelte es, eine Gelegenheit zu benutzen. Merkurius -stieg auf 37,8. -</p> - -<p> -„Seht ihr?“ dachte Hans Castorp. Und er fügte das Postskriptum -hinzu: „Der Brief hat mich doch angestrengt. Ich -messe 37,8. Ich sehe, daß ich mich vorläufig sehr ruhig verhalten -muß. Ihr müßt entschuldigen, wenn ich selten schreibe.“ -Dann lag er und hob seine Hand gegen den Himmel, das -Innere nach außen, so, wie er sie hinter den Leuchtschirm gehalten. -Aber das Himmelslicht ließ ihre Lebensform unberührt, -sogar noch dunkler und undurchsichtiger wurde ihr Stoff -vor seiner Helle, und nur ihre äußersten Umrisse zeigten sich -rötlich durchleuchtet. Es war die Lebenshand, die er zu sehen, -zu säubern, zu benutzen gewohnt war – nicht jenes fremde -Gerüst, das er im Schirme erblickt –, die analytische Grube, -die er damals offen gesehen, hatte sich wieder geschlossen. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-6-4"> -Launen des Merkur -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Der Oktober brach an, wie neue Monate anzubrechen -pflegen, – es ist an und für sich ein vollkommen bescheidenes -und geräuschloses Anbrechen, ohne Zeichen und Feuermale, -ein stilles Sicheinschleichen also eigentlich, das der Aufmerksamkeit, -wenn sie nicht strenge Ordnung hält, leicht entgeht. -Die Zeit hat in Wirklichkeit keine Einschnitte, es gibt -kein Gewitter oder Drommetengetön beim Beginn eines -<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a> -neuen Monats oder Jahres, und selbst bei dem eines neuen -Säkulums sind es nur wir Menschen, die schießen und läuten. -</p> - -<p> -In Hans Castorps Fall glich der erste Oktobertag auf ein -Haar dem letzten Septembertage; er war ebenso kalt und unfreundlich -wie dieser, und die nächstfolgenden waren es auch. -Man brauchte den Winterpaletot und beide Kamelhaardecken -in der Liegekur, nicht nur abends, sondern auch am Tage; die -Finger, mit denen man sein Buch hielt, waren feucht und steif, -wenn auch die Backen in trockener Hitze standen, und Joachim -war sehr versucht, seinen Pelzsack in Gebrauch zu nehmen; er -unterließ es nur, um sich nicht vorzeitig zu verwöhnen. -</p> - -<p> -Aber einige Tage später, man hielt schon zwischen Anfang -und Mitte des Monats, änderte sich alles, und ein nachträglicher -Sommer fiel ein von solcher Pracht, daß es zum Verwundern -war. Nicht umsonst hatte Hans Castorp den Oktober -dieser Gegenden rühmen hören; wohl zweieinhalb Wochen -lang herrschte Himmelsherrlichkeit über Berg und Tal, ein Tag -überbot den anderen an blauender Reinheit, und mit so unvermittelter -Kraft brannte die Sonne darein, daß jedermann sich -veranlaßt fand, das leichteste Sommerzeug, Musselinkleider -und Leinwandhosen, die schon verworfen gewesen, wieder hervorzusuchen -und selbst der große Segeltuchschirm ohne Krücke, -den man vermittelst einer sinnreichen Vorrichtung, einem mehrfach -gelochten Pflock, an der Armlehne des Liegestuhles befestigte, -in den mittleren Tagesstunden nur ungenügenden -Schutz gegen die Glut des Gestirnes bot. -</p> - -<p> -„Schön, daß ich das hier noch mitmache“, sagte Hans -Castorp zu seinem Vetter. „Wir haben es manchmal so elend -gehabt, – es ist ja ganz, als hätten wir den Winter schon -hinter uns und nun käme die gute Zeit.“ Er hatte recht. -<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a> -Wenige Merkmale deuteten auf den wahren Sachverhalt, -und auch diese waren unscheinbar. Nahm man ein paar gepflanzte -Ahorne beiseite, die unten in „Platz“ nur eben ihr -Leben fristeten und längst mutlos ihre Blätter hatten fallen -lassen, so gab es keine Laubbäume hier, deren Zustand der -Landschaft das Gepräge der Jahreszeit aufgedrückt hätte, und -nur die zwittrige Alpenerle, die weiche Nadeln trägt und diese -wie Blätter wechselt, zeigte sich herbstlich kahl. Der übrige -Baumschmuck der Gegend, ob ragend oder geduckt, war -immergrünes Nadelholz, fest gegen den Winter, der, undeutlich -eingeschränkt, seine Schneestürme hier über das ganze Jahr -verteilen darf; und nur ein mehrfach gestufter, roströtlicher -Ton über dem Forst ließ trotz dem Sommerbrande des Himmels -das sinkende Jahr erkennen. Freilich waren da, näher -zugesehen, noch die Wiesenblumen, die gleichfalls leise zur -Sache redeten. Es gab das orchideenähnliche Knabenkraut, -die staudenförmige Akelei nicht mehr, die bei des Besuchers -Ankunft noch das Gehänge geschmückt hatten, und auch die -wilde Nelke war nicht mehr da. Nur noch der Enzian, die -kurzaufsitzende Herbstzeitlose waren zu sehen und gaben Bescheid -über eine gewisse innere Frische der oberflächlich erhitzten -Atmosphäre, eine Kühle, die dem Ruhenden, äußerlich fast -Versengten plötzlich ans Gebein treten konnte, wie ein Frostschauer -dem Fieberglühenden. -</p> - -<p> -Hans Castorp also hielt innerlich nicht jene Ordnung, womit -der die Zeit bewirtschaftende Mensch ihren Ablauf beaufsichtigt, -ihre Einheiten abteilt, zählt und benennt. Er hatte -auf den stillen Anbruch des zehnten Monats nicht achtgehabt; -nur das Sinnliche berührte ihn, die Sonnenglut mit der geheimen -Frostfrische darin und darunter, – eine Empfindung, -<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a> -die ihm in dieser Stärke neu war und ihn zu einem kulinarischen -Vergleich anregte: sie erinnerte ihn, einer Äußerung zufolge, -die er gegen Joachim tat, an eine „<span class="antiqua" lang="fr">Omelette en surprise</span>“ -mit Gefrorenem unter dem heißen Eierschaum. Er sagte öfter -solche Dinge, sagte sie rasch, geläufig und mit bewegter Stimme, -wie ein Mensch spricht, den es fröstelt bei heißer Haut. Dazwischen -freilich war er auch schweigsam, um nicht zu sagen: -in sich gekehrt; denn seine Aufmerksamkeit war wohl nach -außen gerichtet, aber auf einen Punkt; das übrige, Menschen -wie Dinge, verschwamm im Nebel, einem in Hans Castorps -Hirn erzeugten Nebel, den Hofrat Behrens und Dr. Krokowski -zweifellos als das Produkt löslicher Gifte angesprochen haben -würden, wie der Benebelte sich selber sagte, ohne daß diese -Einsicht das Vermögen oder auch nur im entferntesten den -Wunsch in ihm gezeitigt <a id="corr-58"></a>hätte, des Rausches ledig zu werden. -</p> - -<p> -Denn das ist ein Rausch, dem es um sich selber zu tun ist, -und dem nichts unerwünschter und verabscheuenswürdiger -scheint, als die Ernüchterung. Er behauptet sich auch gegen -dämpfende Eindrücke, er läßt sie nicht zu, um sich zu bewahren. -Hans Castorp wußte und hatte es früher selbst zur Sprache -gebracht, daß Frau Chauchat im Profil nicht günstig aussah, -etwas scharf, nicht mehr ganz jung. Die Folge? Er vermied -es, sie im Profil zu betrachten, schloß buchstäblich die Augen, -wenn sie ihm zufällig von fern oder nah diese Ansicht bot, es -tat ihm weh. Warum? Seine Vernunft hätte freudig die -Gelegenheit wahrnehmen sollen, sich zur Geltung zu bringen! -Aber was verlangt man ... Er wurde blaß vor Entzücken, -als Clawdia in diesen glänzenden Tagen zum zweiten Frühstück -wieder einmal in der weißen Spitzenmatinee erschien, die -sie bei warmem Wetter trug, und die sie so außerordentlich -<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a> -reizvoll machte, – verspätet und türschmetternd darin erschien -und lächelnd, die Arme leicht zu ungleicher Höhe erhoben, -gegen den Saal Front machte, um sich zu präsentieren. Aber -er war entzückt nicht sowohl dadurch, daß sie so günstig aussah, -sondern <em>darüber</em>, daß es so war, weil das den süßen -Nebel in seinem Kopf verstärkte, den Rausch, der sich selber -wollte, und dem es darum zu tun war, gerechtfertigt und genährt -zu werden. -</p> - -<p> -Ein Gutachter von der Denkungsart Lodovico Settembrinis -hätte angesichts eines solchen Mangels an gutem Willen geradezu -von Liederlichkeit, von „einer Form der Liederlichkeit“ -sprechen mögen. Hans Castorp gedachte zuweilen der schriftstellerischen -Dinge, die jener über „Krankheit und Verzweiflung“ -geäußert, und die er unbegreiflich gefunden oder so zu -finden sich den Anschein gegeben hatte. Er sah Clawdia Chauchat -an, die Schlaffheit ihres Rückens, die vorgeschobene Haltung -ihres Kopfes; er sah sie beständig mit großer Verspätung -zu Tisch kommen, ohne Grund und Entschuldigung, einzig -aus Mangel an Ordnung und gesitteter Energie; sah sie aus -eben diesem grundlegenden Mangel jede Tür hinter sich zufallen -lassen, durch die sie aus oder ein ging, Brotkugeln drehen -und gelegentlich an den seitlichen Fingerspitzen kauen, – und -eine wortlose Ahnung stieg in ihm auf, daß, wenn sie krank -war, und das war sie wohl, fast hoffnungslos krank, da sie -ja schon so lange und oft hier oben hatte leben müssen, – -ihre Krankheit, wenn nicht gänzlich, so doch zu einem guten -Teile moralischer Natur, und zwar wirklich, wie Settembrini -gesagt hatte, nicht Ursache oder Folge ihrer „Lässigkeit“, -sondern mit ihr ein und dasselbe war. Er erinnerte sich auch -der wegwerfenden Gebärde, womit der Humanist von den -<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a> -„Parthern und Skythen“ gesprochen hatte, mit denen er Liegekur -halten müsse, einer Gebärde natürlicher und unmittelbarer, -nicht erst zu begründender Geringschätzung und Ablehnung, -auf die Hans Castorp sich von früher her wohl verstand, – -von damals her, als er, der sich bei Tische sehr gerade hielt, -das Türenwerfen aus Herzensgrund haßte und nicht einmal -in Versuchung kam, an den Fingern zu kauen (schon darum -nicht, weil ihm statt dessen Maria Mancini gegeben war), an -den Ungezogenheiten Frau Chauchats schweren Anstoß genommen -und sich eines Gefühls der Überlegenheit nicht hatte -entschlagen können, als er die schmaläugige Fremde in seiner -Muttersprache sich hatte versuchen hören. -</p> - -<p> -Solcher Empfindungen hatte Hans Castorp sich nun, auf -Grund der inneren Sachlage, fast ganz begeben, und der -Italiener war es viel mehr, an dem er sich ärgerte, weil dieser -in seinem Dünkel von „Parthern und Skythen“ gesprochen, – -während er doch nicht einmal Personen vom „Schlechten“ -Russentisch im Auge gehabt hatte, demjenigen, an dem die -Studenten mit dem allzu dicken Haar und der unsichtbaren -Wäsche saßen und unaufhörlich in ihrer wildfremden Sprache -disputierten, außer der sie sich offenbar in keiner auszudrücken -wußten, und deren knochenloser Charakter an einen Thorax -ohne Rippen erinnerte, wie Hofrat Behrens es neulich beschrieben -hatte. Es war richtig, daß die Sitten dieser Leute -einem Humanisten wohl lebhafte Abstandsgefühle erregen -konnten. Sie aßen mit dem Messer und besudelten auf nicht -wiederzugebende Weise die Toilette. Settembrini behauptete, -daß einer von ihrer Gesellschaft, ein Mediziner in höheren Semestern, -sich des Lateinischen vollkommen unkundig erwiesen, -beispielsweise nicht gewußt habe, was ein <span class="antiqua" lang="la">vacuum</span> sei, und -<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a> -nach Hans Castorps eigenen täglichen Erfahrungen log Frau -Stöhr wahrscheinlich nicht, wenn sie bei Tische erzählte, das -Ehepaar auf Nr. 32 empfange den Bademeister morgens, -wenn er zur Abreibung komme, zusammen im Bette liegend. -</p> - -<p> -Mochte dies alles zutreffen, so bestand doch die augenfällige -Scheidung von „gut“ und „schlecht“ nicht umsonst, und -Hans Castorp versicherte sich selbst, er habe nur ein Achselzucken -für irgendeinen Propagandisten der Republik und des schönen -Stils, der, hochnäsig und nüchtern – namentlich nüchtern, -obgleich auch er febril und beschwipst war –, die beiden Tischgesellschaften -unter dem Namen von Parthern und Skythen -zusammenfaßte. Wie es gemeint war, verstand der junge Hans -Castorp sehr weitgehend, er hatte ja auch angefangen, sich -auf die Zusammenhänge von Frau Chauchats Krankheit mit -ihrer „Lässigkeit“ zu verstehen. Aber es verhielt sich, wie er -selbst eines Tages zu Joachim gesagt hatte: man beginnt -mit Ärgernis und Abstandsgefühlen, auf einmal aber „kommt -ganz anderes dazwischen“, was „mit Urteilen gar nichts zu -tun hat“, und die Sittenstrenge hat ausgespielt, – man ist -pädagogischen Einflüssen republikanischer und eloquenter Art -kaum noch zugänglich. Was ist aber das, fragen wir, wahrscheinlich -auch in Lodovico Settembrinis Sinn, was ist das -für ein fragwürdiges Zwischenkommnis, das des Menschen -Urteil lahmlegt und ausschaltet, ihn des Rechtes darauf beraubt -oder vielmehr ihn bestimmt, sich dieses Rechtes mit unsinnigem -Entzücken zu begeben? Wir fragen nicht nach seinem -Namen, denn diesen kennt jeder. Wir erkundigen uns nach -seiner moralischen Beschaffenheit, – und erwarten, offen gestanden, -keine sehr hochgemute Antwort darauf. In Hans -Castorps Fall bewährte sich diese Beschaffenheit in dem Grade, -<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a> -daß er nicht allein aufhörte, zu urteilen, sondern auch begann, -mit der Lebensform, die es ihm angetan, seinerseits Versuche -anzustellen. Er versuchte, wie es sei, wenn man bei Tische -zusammengesunken, mit schlaffem Rücken dasäße, und fand, -daß es eine große Erleichterung für die Beckenmuskeln bedeute. -Ferner probierte er es, eine Tür, durch die er schritt, nicht umständlich -hinter sich zu schließen, sondern sie zufallen zu lassen; -und auch dies erwies sich sowohl als bequem wie als angemessen: -es entsprach im Ausdruck jenem Achselzucken, mit dem -Joachim ihn seinerzeit gleich am Bahnhof begrüßt, und das -er seitdem so oft bei Denen hier oben gefunden hatte. -</p> - -<p> -Schlicht gesagt, war unser Reisender nun also über beide -Ohren in Clawdia Chauchat verliebt, – wir gebrauchen nochmals -dies Wort, da wir dem Mißverständnis, das es erregen -könnte, hinlänglich vorgebeugt zu haben meinen. Freundlich -gemütvolle Wehmut im Geist jenes Liedchens war es also -nicht, was das Wesen seiner Verliebtheit ausmachte. Vielmehr -war das eine ziemlich riskierte und unbehauste Abart -dieser Betörung, aus Frost und Hitze gemischt wie das Befinden -eines Febrilen oder wie ein Oktobertag in oberen Sphären; -und was fehlte, war eben ein gemüthaftes Mittel, das ihre -extremen Bestandteile verbunden hätte. Sie bezog sich einerseits -mit einer Unmittelbarkeit, die den jungen Mann erblassen -ließ und seine Gesichtszüge verzerrte, auf Frau Chauchats Knie -und die Linie ihres Beines, auf ihren Rücken, ihre Nackenwirbel -und ihre Oberarme, von denen die kleine Brust zusammengepreßt -wurde, – mit einem Worte auf ihren Körper, -ihren lässigen und gesteigerten, durch die Krankheit ungeheuer -betonten und noch einmal zum Körper gemachten Körper. -Und sie war andererseits etwas äußerst Flüchtiges und -<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a> -Ausgedehntes, ein Gedanke, nein, ein Traum, der schreckhafte -und grenzenlos verlockende Traum eines jungen Mannes, dem -auf bestimmte, wenn auch unbewußt gestellte Fragen nur ein -hohles Schweigen geantwortet hatte. Wie jedermann, nehmen -wir das Recht in Anspruch, uns bei der hier laufenden Erzählung -unsere privaten Gedanken zu machen, und wir äußern -die Mutmaßung, daß Hans Castorp die für seinen Aufenthalt -bei Denen hier oben ursprünglich angesetzte Frist nicht einmal -bis zu dem gegenwärtig erreichten Punkt überschritten hätte, -wenn seiner schlichten Seele aus den Tiefen der Zeit über Sinn -und Zweck des Lebensdienstes eine irgendwie befriedigende -Auskunft zuteil geworden wäre. -</p> - -<p> -Im übrigen fügte seine Verliebtheit ihm all die Schmerzen -zu und gewährte ihm all die Freuden, die dieser Zustand überall -und unter allen Umständen mit sich bringt. Der Schmerz ist -durchdringend; er enthält ein entehrendes Element, wie jeder -Schmerz, und bedeutet eine solche Erschütterung des Nervensystems, -daß er den Atem verschlägt und einem erwachsenen -Manne bittere Tränen entpressen kann. Um auch den Freuden -gerecht zu werden, so waren sie zahlreich und, obgleich aus -unscheinbaren Anlässen entstehend, nicht weniger eindringlich -als die Leiden. Fast jeder Augenblick des Berghof-Tages war -fähig, sie zu zeitigen. Zum Beispiel: im Begriff, den Speisesaal -zu betreten, bemerkt Hans Castorp den Gegenstand seiner -Träume hinter sich. Das Ergebnis ist im voraus klar und -von größter Simplizität, aber innerlich entzückend bis zu ebenfalls -tränentreibender Wirkung. Ihre Augen begegnen sich -nahe, die seinen und ihre graugrünen, deren leicht asiatischer -Sitz und Schnitt ihm das Mark bezaubern. Er ist besinnungslos, -aber auch ohne Besinnung tritt er seitlich zurück, um ihr -<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a> -zuerst den Weg durch die Tür freizugeben. Mit halbem -Lächeln und einem halblauten „<span class="antiqua" lang="fr">Merci</span>“ macht sie Gebrauch -von seinem nicht mehr als gesitteten Anerbieten, geht vorbei -und hindurch. Im Hauch ihrer vorüberstreichenden Person -steht er, närrisch vor Glück über das Zusammentreffen und -darüber, daß ein Wort ihres Mundes, nämlich das <span class="antiqua" lang="fr">Merci</span>, -ihm direkt und persönlich gegolten. Er folgt ihr, er schwankt -rechtshin zu seinem Tische, und indem er auf seinen Stuhl sinkt, -darf er wahrnehmen, daß „Clawdia“ drüben, ebenfalls Platz -nehmend, sich nach ihm umblickt, – mit einem Ausdruck des -Nachdenkens über die Begegnung an der Tür, wie ihm scheint. -O unglaubwürdiges Abenteuer! O Jubel, Triumph und -grenzenloses Frohlocken! Nein, diesen Rausch phantastischer -Genugtuung hätte Hans Castorp nicht erprobt bei dem Blick -irgendeines gesunden Gänschens, dem er drunten im Flachlande -erlaubter-, friedlicher- und aussichtsreicherweise, im Sinne -jenes Liedchens, „sein Herz geschenkt“ hätte. Mit fiebriger -Aufgeräumtheit begrüßt er die Lehrerin, die alles gesehen hat -und flaumig errötet ist, – worauf er Miß Robinson mit englischer -Konversation von solcher Sinnlosigkeit berennt, daß das -Fräulein, im Ekstatischen nicht bewandert, sogar zurückprallt -und ihn mit Blicken voller Befürchtungen mißt. -</p> - -<p> -Ein andermal fallen beim Abendessen die Strahlen der klar -untergehenden Sonne auf den Guten Russentisch. Man hat -die Vorhänge vor die Verandatüren und Fenster gezogen, -aber irgendwo klafft da ein Spalt, und durch ihn findet der -rote Schein kühl, aber blendend seinen Weg und trifft genau -Frau Chauchats Kopf, so daß sie, im Gespräch mit dem konkaven -Landsmann zu ihrer Rechten, sich mit der Hand dagegen -schützen muß. Das ist eine Belästigung, aber keine schwere; -<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a> -niemand kümmert sich darum, die Betroffene selbst ist sich der -Unbequemlichkeit wohl nicht einmal bewußt. Aber Hans Castorp -sieht es über den Saal hinweg, – auch er sieht es eine -Weile mit an. Er überprüft die Sachlage, verfolgt den Weg -des Strahles, stellt den Ort seines Einfalles fest. Es ist das -Bogenfenster dort hinten rechts, in der Ecke zwischen der einen -Verandatür und dem Schlechten Russentisch, weit von Frau -Chauchats Platze entfernt und fast genau ebensoweit von -dem Hans Castorps. Und er faßt seine Entschlüsse. Ohne ein -Wort steht er auf, geht, seine Serviette in der Hand, schräg -zwischen den Tischen hin durch den Saal, schlägt da hinten -die cremefarbenen Vorhänge gut übereinander, überzeugt sich -durch einen Blick über die Schulter, daß der Abendschein ausgesperrt -und Frau Chauchat befreit ist – und begibt sich unter -Aufbietung vielen Gleichmutes auf den Rückweg. Ein aufmerksamer -junger Mann, der das Notwendige tut, da sonst -niemand darauf verfällt, es zu tun. Die wenigsten hatten -auf sein Eingreifen geachtet, aber Frau Chauchat hatte die -Erleichterung sofort gespürt und sich umgeblickt, – sie blieb -in dieser Haltung, bis Hans Castorp seinen Platz wieder erreicht -hatte und, sich setzend, zu ihr hinübersah, worauf sie mit -freundlich erstauntem Lächeln dankte, das heißt: ihren Kopf -mehr vorschob als neigte. Er quittierte mit einer Verbeugung. -Sein Herz war unbeweglich, es schien überhaupt nicht zu schlagen. -Erst später, als alles vorüber war, begann es zu hämmern, -und da bemerkte er erst, daß Joachim die Augen still auf -seinen Teller gerichtet hielt, – wie ihm auch nachträglich deutlich -wurde, daß Frau Stöhr Dr. Blumenkohl in die Seite gestoßen -hatte und überall am eigenen Tische und an den anderen -mit geducktem Lachen nach mitwissenden Blicken suchte ... -</p> - -<p> -<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a> -Wir schildern Alltägliches; aber das Alltägliche wird sonderbar, -wenn es auf sonderbarer Grundlage gedeiht. Es gab -Spannungen und wohltätige Lösungen zwischen ihnen, – oder -wenn nicht zwischen ihnen (denn wie weit Madame Chauchat -davon berührt wurde, wollen wir dahingestellt sein lassen), -so doch für Hans Castorps Phantasie und Gefühl. Nach dem -Mittagessen pflegte in diesen schönen Tagen ein größerer Teil -der Kurgesellschaft sich auf die dem Speisesaal vorgelagerte -Veranda hinaus zu begeben, um eine Viertelstunde gruppenweise -in der Sonne zu verweilen. Es ging da zu, und ein Bild -entwickelte sich, ähnlich wie bei der vierzehntägigen Sonntagsblechmusik. -Die jungen Leute, absolut müßig, übermäßig gesättigt -mit Fleischspeisen und Süßigkeiten, und alle leicht fiebernd, -plauderten, schäkerten, äugten. Frau Salomon aus Amsterdam -mochte wohl an der Balustrade sitzen, – hart mit den -Knien bedrängt von dem wulstlippigen Gänser auf der einen -und dem schwedischen Recken auf der anderen Seite, der, obgleich -völlig genesen, seinen Aufenthalt zu einer kleinen Nachkur -noch etwas verlängerte. Frau Iltis schien Witwe zu sein, denn -sie erfreute sich seit kurzem der Gesellschaft eines „Bräutigams“, -von übrigens zugleich melancholischer und untergeordneter Erscheinung, -dessen Vorhandensein sie denn auch nicht hinderte, -gleichzeitig die Huldigungen des Hauptmanns Miklosich, eines -Mannes mit Hakennase, gewichstem Schnurrbart, erhabener -Brust und drohenden Augen, entgegenzunehmen. Es waren -da Liegehallendamen verschiedener Nationalität, neue Figuren -darunter, erst seit dem 1. Oktober sichtbar geworden, die Hans -Castorp kaum schon bei Namen zu nennen gewußt hätte, untermischt -mit Kavalieren vom Schlage des Herrn Albin; monokeltragenden -Siebzehnjährigen; einem bebrillten jungen Holländer -<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a> -mit rosigem Gesicht und monomanischer Leidenschaft für -den Briefmarkentausch; verschiedenen Griechen, pomadisiert -und mandeläugig, bei Tische zu Übergriffen geneigt; zwei eng zusammengehörigen -Stutzerchen, die „Max und Moritz“ genannt -wurden und für große Ausbrecher galten ... Der bucklige Mexikaner, -dem Nichtkenntnis der hier vertretenen Sprachen den -Gesichtsausdruck eines Tauben verlieh, nahm unaufhörlich -photographische Aufnahmen vor, indem er sein Stativ mit -schnurriger Behendigkeit von einem Punkt der Terrasse zum -andern schleppte. Auch der Hofrat mochte sich wohl einfinden, -um das Kunststück mit den Stiefelbändern aufzuführen. Irgendwo -aber drückte sich einsam der mannheimische Religiöse -in die Menge, und seine bis in den Grund hinein traurigen -Augen gingen zu Hans Castorps Ekel heimlich gewisse Wege. -</p> - -<p> -Um denn mit einem oder dem anderen Beispiel auf jene -„Spannungen und Lösungen“ zurückzukommen, so mochte -bei einer solchen Gelegenheit Hans Castorp auf einem lackierten -Gartenstuhl und in gesprächiger Unterhaltung mit Joachim, -den er trotz seines Widerstrebens gezwungen hatte, mit herauszukommen, -an der Hauswand sitzen, während vor ihm Frau -Chauchat mit ihren Tischgenossen eine Zigarette rauchend an -der Brüstung stand. Er sprach für sie, damit sie ihn höre. -Sie wandte ihm den Rücken zu ... Man sieht, wir haben -jetzt einen bestimmten Fall im Auge. Des Vetters Gespräch -hatte ihm nicht genügt für seine affektierte Redseligkeit, er -hatte absichtlich eine Bekanntschaft gemacht, – welche? Die -Bekanntschaft Hermine Kleefelds – hatte wie von ungefähr -das Wort an die junge Dame gerichtet, sich selbst und Joachim -ihr namentlich vorgestellt und auch ihr einen lackierten -Stuhl herangezogen, um sich zu dritt besser aufspielen zu -<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a> -können. Ob sie noch wisse, fragte er, wie teufelsmäßig sie ihn -damals erschreckt habe, bei ihrer ersten Begegnung seinerzeit -auf der Morgenpromenade. Ja, das sei <em>er</em> gewesen, den sie -damals so herzerfrischend zum Willkomm angepfiffen! Und -ihren Zweck habe sie erreicht, das wolle er freiwillig gestehen, -er sei wie mit einer Keule vor den Kopf geschlagen gewesen, -sie solle nur seinen Vetter fragen. Ha, ha, mit dem Pneumothorax -zu pfeifen und harmlose Wanderer damit zu erschrecken! -Ein frevles Spiel nenne er das, als sündhaften Mißbrauch -bezeichne er es freierdings und in gerechtem Zorne ... Und -während Joachim im Bewußtsein seiner werkzeughaften -Rolle mit niedergeschlagenen Augen saß und auch die Kleefeld -aus Hans Castorps blinden und abschweifenden Blicken -allmählich für ihre Person das kränkende Gefühl gewann, -nur als Mittel zum Zwecke zu dienen, schmollte Hans Castorp -und zierte sich und drechselte Redensarten und gab sich eine -wohllautende Stimme, bis er es wirklich erreichte, daß Frau -Chauchat sich nach dem auffällig Redenden umwandte und -ihm ins Gesicht blickte, – aber nur einen Augenblick. Denn -so gestaltete es sich, daß ihre Pribislav-Augen an seiner mit -übergeschlagenem Beine sitzenden Figur rasch hinunterglitten -und mit einem Ausdruck von so geflissentlicher Gleichgültigkeit, -daß er wie Verachtung aussah, genau wie Verachtung, -eine Weile auf seinem gelben Stiefel haften blieben, – worauf -sie sich phlegmatisch und vielleicht mit einem Lächeln in ihrer -Tiefe wieder zurückzogen. -</p> - -<p> -Ein schwerer, schwerer Unglücksfall! Hans Castorp redete -noch eine Weile fieberhaft weiter; dann, als er dieses Blickes -auf seinen Stiefel innerlich recht ansichtig geworden, verstummte -er beinahe mitten im Wort und sank in Gram. Die Kleefeld, -<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a> -gelangweilt und beleidigt, ging ihrer Wege. Nicht ohne Gereiztheit -in der Stimme meinte Joachim, nun könnten sie ja -wohl Liegekur machen. Und ein Gebrochener antwortete ihm -bleichen Mundes, das könnten sie. -</p> - -<p> -Hans Castorp litt grausam unter diesem Vorfall zwei Tage -lang; denn nichts geschah unterdessen, was Balsam für seine -brennende Wunde gewesen wäre. Warum dieser Blick? -Warum ihm ihre Verachtung in des dreifaltigen Gottes Namen? -Sah sie ihn an wie einen gesunden Gimpel von unten, -dessen Aufnahmelustigkeit nur zum Harmlosen neigte? Wie -eine Unschuld aus dem Flachlande, sozusagen, einen gewöhnlichen -Kerl, der herumging und lachte und sich den Bauch vollschlug -und Geld verdiente, – einen Musterschüler des Lebens, -der sich auf nichts als auf die langweiligen Vorteile der Ehre -verstand? War er ein windiger Hospitant auf drei Wochen, -unteilhaft ihrer Sphäre, oder hatte er nicht Profeß getan -auf Grund einer feuchten Stelle, – war er nicht eingereiht -und zugehörig, einer von Uns hier oben, mit guten zwei Monaten -auf dem Buckel, und war nicht Merkurius noch gestern -abend wieder auf 37,8 gestiegen? ... Aber das eben war es, -das machte sein Leiden vollständig! Merkurius stieg nicht -mehr! Die furchtbare Niedergeschlagenheit dieser Tage bewirkte -eine Erkältung, Ernüchterung und Abspannung von -Hans Castorps Natur, die sich zu seiner bitteren Beschämung -in sehr niedrigen, kaum übernormalen Meßergebnissen äußerte, -und grausam war es für ihn, zu gewahren, wie sein Kummer -und Gram nichts weiter vermochte, als ihn von Clawdias -Sein und Wesen immer nur weiter noch zu entfernen. -</p> - -<p> -Der dritte Tag brachte die zarte Erlösung, brachte sie gleich -in der Frühe. Es war ein herrlicher Herbstmorgen, sonnig -<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a> -und frisch, mit grausilbrig übersponnenen Wiesen. Sonne -und abnehmender Mond standen gleichzeitig ziemlich gleich hoch -am reinen Himmel. Die Vettern waren früher als gewöhnlich -aufgestanden, um dem schönen Tag zu Ehren ihren Morgenspaziergang -ein wenig über die Vorschrift auszudehnen, -auf dem Waldwege, an dem die Bank neben der Wasserrinne -stand, etwas weiter vorzudringen. Joachim, dessen Kurve gerade -ebenfalls einen erfreulichen Abstieg aufwies, hatte die erfrischende -Unregelmäßigkeit befürwortet und Hans Castorp -nicht nein gesagt. „Wir sind ja genesene Leute,“ hatte er gesagt, -„abgefiebert und entgiftet, so gut wie reif für das Flachland. -Warum sollten wir nicht ausschlagen wie die Füllen.“ -So wanderten sie barhaupt – denn seit er Profeß getan, hatte -Hans Castorp sich in Gottes Namen der herrschenden Sitte -anbequemt, ohne Hut zu gehen, so sicher er sich anfangs, diesem -Brauch gegenüber, seiner Lebensform und Gesittung gefühlt -hatte – und setzten ihre Stöcke. Sie hatten aber den ansteigenden -Teil des rötlichen Weges noch nicht zurückgelegt, waren -erst ungefähr bis zu dem Punkte gelangt, wo damals der -pneumatische Trupp dem Neuling begegnet war, als sie vor -sich in einiger Entfernung, langsam steigend, Frau Chauchat -gewahrten, Frau Chauchat in Weiß, in weißem Sweater, -weißem Flanellrock, und sogar in weißen Schuhen, das rötliche -Haar von der Morgensonne erleuchtet. Genauer gesagt: -Hans Castorp hatte sie erkannt; Joachim fand sich erst durch -ein unangenehmes Gefühl des Ziehens und Zerrens an seiner -Seite auf die Umstände hingewiesen, – ein Gefühl, hervorgebracht -durch die antreibend beschwingtere Gangart, die sein -Begleiter plötzlich angeschlagen, nachdem er zuvor seine Schritte -jäh gehemmt hatte und beinahe stehengeblieben war. Solches -<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a> -Gehetztwerden empfand Joachim als äußerst unzuträglich -und ärgerlich; sein Atem verkürzte sich rasch, und er hüstelte. -Aber den zielbewußten Hans Castorp, dessen Organe prachtvoll -zu arbeiten schienen, kümmerte das wenig; und da sein -Vetter der Sachlage innegeworden, zog er nur schweigend die -Brauen zusammen und hielt Schritt, denn unmöglich konnte -er jenen allein voranlaufen lassen. -</p> - -<p> -Den jungen Hans Castorp belebte der schöne Morgen. Auch -hatten in der Depression seine Seelenkräfte sich heimlich ausgeruht, -und klar leuchtete vor seinem Geist die Gewißheit, daß -der Augenblick gekommen war, da der Bann, der auf ihm gelegen, -gebrochen werden sollte. So griff er aus, den keuchenden, -auch sonst widerstrebenden Joachim mit sich ziehend, und -vor der Biegung des Weges, wo er eben ward und rechtshin -den bewaldeten Hügel entlang führte, hatten sie Frau Chauchat -so gut wie erreicht. Da verlangsamte Hans Castorp das -Tempo wieder, um nicht in einem von Anstrengung verwilderten -Zustand sein Vorhaben auszuführen. Und jenseits des -Wegknies, zwischen Abhang und Bergwand, zwischen den -rostig gefärbten Fichten, durch deren Zweige Sonnenlichter -fielen, trug es sich zu und begab sich wunderbar, daß Hans -Castorp, links von Joachim, die liebliche Kranke überholte, -daß er mit männlichen Tritten an ihr vorüber ging, und in -dem Augenblick, da er sich rechts neben ihr befand, mit einer -hutlosen Verneigung und einem mit halber Stimme gesprochenen -„Guten Morgen“ sie <em>ehrerbietig</em> (wieso eigentlich: -ehrerbietig) begrüßte und Antwort von ihr empfing: mit -freundlicher, nicht weiter erstaunter Kopfneigung dankte sie, -sagte auch ihrerseits guten Morgen in seiner Sprache, wobei -ihre Augen lächelten, – und das alles war etwas anderes, -<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a> -etwas gründlich und beseligend anderes als der Blick auf -seinen Stiefel, es war ein Glücksfall und eine Wendung der -Dinge zum Guten und Allerbesten, ganz beispielloser Art und -fast die Fassungskraft überschreitend; es war die Erlösung. -</p> - -<p> -Auf Flügelsohlen, geblendet von vernunftloser Freude, im -Besitz des Grußes, des Wortes, des Lächelns, eilte Hans Castorp -an des mißbrauchten Joachim Seite vorwärts, der -schweigend von jenem fort den Abhang hinunter blickte. Ein -Streich war es gewesen, ein ziemlich ausgelassener, und wohl -sogar etwas wie Verrat und Tücke in Joachims Augen, das -wußte Hans Castorp sehr gut. Es war nicht geradeso, wie -wenn er jemand Wildfremdes um einen Bleistift ersucht hätte, -– vielmehr wäre es beinahe ungehobelt gewesen, an einer -Dame, mit der man seit Monaten unter demselben Dache -lebte, steif und ohne Ehrenbezeigung vorüberzugehen; und war -nicht neulich im Wartezimmer Clawdia sogar ins Gespräch mit -ihnen gekommen? Darum mußte Joachim schweigen. Aber -Hans Castorp verstand wohl, weshalb der ehrliebende Joachim -sonst noch schwieg und abgewendeten Kopfes ging, während -er selbst über seinen gelungenen Streich so ausbündig -und durchgängerisch glücklich war. Glücklicher konnte nicht -sein, wer etwa im Flachlande erlaubter-, aussichtsreicher- und -im Grunde vergnügterweise einem gesunden Gänschen „sein -Herz geschenkt“ und großen Erfolg dabei gehabt hatte, – -nein, <em>so glücklich</em>, wie er nun über das wenige, das er sich -in guter Stunde geraubt und gesichert, konnte ein solcher nicht -sein ... Darum schlug er nach einer Weile seinen Vetter mit -Macht auf die Schulter und sagte: -</p> - -<p> -„Hallo, du, was ist mit dir? Es ist so schönes Wetter! -Nachher wollen wir zum Kurhaus hinunter, da machen sie -<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a> -wahrscheinlich Musik, bedenke mal! Vielleicht spielen sie ‚Hier -an dem Herzen treu geborgen, die Blume, sieh, von jenem Morgen‘ -aus ‚Carmen‘. Was ist dir über die Leber gelaufen?“ -</p> - -<p> -„Nichts“, sagte Joachim. „Aber du siehst so heiß aus, ich -fürchte, mit deiner Senkung ist es zu Ende.“ -</p> - -<p> -Es <em>war</em> zu Ende damit. Die beschämende Herabstimmung -von Hans Castorps Natur war überwunden durch den Gruß, -den er mit Clawdia Chauchat getauscht hatte, und ganz genau -genommen, war es dies Bewußtsein, dem eigentlich seine -Genugtuung galt. Ja, Joachim hatte recht gehabt: Merkurius -stieg wieder! Er stieg, als Hans Castorp ihn nach dem -Spaziergang zu Rate zog, auf rund 38 Grad. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-6-5"> -Enzyklopädie -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Wenn gewisse Anspielungen Herrn Settembrinis Hans -Castorp geärgert hatten, – verwundern durfte er sich nicht -darüber und hatte kein Recht, den Humanisten erzieherischer -Spürsucht zu zeihen. Ein Blinder hätte bemerken müssen, wie -es um ihn stand: er selbst tat nichts, um es geheimzuhalten, -eine gewisse Hochherzigkeit und noble Einfalt hinderte ihn einfach, -aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen, worin -er sich immerhin – und vorteilhaft, wenn man will, – von -dem dünnhaarigen Verliebten aus Mannheim und seinem -schleichenden Wesen unterschied. Wir erinnern und wiederholen, -daß dem Zustande, in dem er sich befand, in der Regel ein -Drang und Zwang, sich zu offenbaren, eingeboren ist, ein Trieb -zum Bekenntnis und Geständnis, eine blinde Eingenommenheit -von sich selbst und eine Sucht, die Welt mit sich zu erfüllen, -– desto befremdlicher für uns Nüchterne, je weniger Sinn, -<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a> -Vernunft und Hoffnung offenbar bei der Sache ist. Wie solche -Leute es eigentlich anfangen, sich zu verraten, ist schwer zu -sagen; sie können, scheint es, nichts tun und lassen, was sie -nicht verriete, – besonders nun gar in einer Gesellschaft, von -der ein urteilender Kopf bemerkt hatte, sie habe im ganzen nur -zwei Dinge im Sinn, nämlich erstens Temperatur und dann – -nochmals Temperatur, das heißt zum Beispiel die Frage, mit -wem Frau Generalkonsul Wurmbrandt aus Wien sich für die -Flatterhaftigkeit des Hauptmanns Miklosich schadlos halte: -ob mit dem völlig genesenen schwedischen Recken oder mit dem -Staatsanwalt Paravant aus Dortmund oder drittens mit -beiden zugleich. Denn daß die Bande, die den Staatsanwalt -und Frau Salomon aus Amsterdam mehrere Monate lang -verknüpft hatten, nach gütlicher Übereinkunft gelöst worden -waren und Frau Salomon, dem Zuge ihrer Jahre folgend, -sich den zarteren Semestern zugewandt und den wulstlippigen -Gänser vom Tische der Kleefeld unter ihre Fittiche genommen -oder, wie Frau Stöhr es in einer Art von Kanzleistil, dabei -aber nicht ohne Anschaulichkeit ausdrückte, ihn „sich beigebogen“ -hatte, – das war sicher und bekannt, so daß folglich der -Staatsanwalt freie Hand hatte, sich der Generalkonsulin wegen -mit dem Schweden zu schlagen oder zu vertragen. -</p> - -<p> -Diese Prozesse also, die in der Berghofgesellschaft und besonders -unter der febrilen Jugend anhängig waren, und bei -denen die Balkondurchgänge (an den Glaswänden vorbei und -das Geländer entlang) offenbar eine bedeutende Rolle spielten: -diese Vorgänge hatte man im Sinn, sie bildeten einen Hauptbestandteil -der hiesigen Lebensluft, – und auch damit ist das, -was hier vorschwebt, nicht eigentlich ausgedrückt. Hans Castorp -hatte nämlich den eigentümlichen Eindruck, daß auf einer -<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a> -Grundangelegenheit, welcher überall in der Welt eine hinlängliche, -in Ernst und Scherz sich äußernde Wichtigkeit zugebilligt -wird, hierorts denn doch ein Ton-, Wert- und Bedeutungszeichen -lag, so schwer und vor Schwere so neu, daß -es die Sache selbst in einem völlig neuen und, wenn nicht -schrecklichen, so doch in seiner Neuheit erschreckenden Lichte erscheinen -ließ. Indem wir dies aussagen, verändern wir unsere -Mienen und bemerken, daß, wenn wir von den fraglichen Beziehungen -bisher in einem leichten und spaßhaften Ton gesprochen -haben sollten, es aus denselben geheimen Gründen geschehen -wäre, aus denen es so oft geschieht, ohne daß für die -Leichtigkeit oder Spaßhaftigkeit der Sache damit irgendetwas -bewiesen wäre; und in der Sphäre, wo wir uns befinden, wäre -das in der Tat noch weniger der Fall als anderwärts. Hans Castorp -hatte geglaubt, sich auf jene gern bewitzelte Grundangelegenheit -im üblichen Maße zu verstehen, und mochte mit Recht -so geglaubt haben. Nun erkannte er, daß er sich im Flachlande -nur sehr unzulänglich darauf verstanden, eigentlich sich in einfältiger -Unwissenheit darüber befunden hatte, – während hier -persönliche Erfahrungen, deren Natur wir mehrfach anzudeuten -versuchten, und die ihm in gewissen Augenblicken den -Ausruf „Mein Gott!“ abpreßten, ihn allerdings von innen -her befähigten, den steigernden Akzent des Unerhörten, Abenteuerlich-Namenlosen -wahrzunehmen und zu begreifen, den -unter Denen hier oben die Sache allgemein und für jeden trug. -Nicht daß man nicht auch hier darüber gewitzelt hätte. Aber -weit mehr noch als unten trug hier diese Manier das Gepräge -des Unsachgemäßen, sie hatte etwas Zähneklapperndes und -Kurzatmiges, was sie als durchsichtigen Deckmantel für die -darunter verborgene oder vielmehr nicht zu verbergende Not -<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a> -allzu deutlich kennzeichnete. Hans Castorp erinnerte sich des -fleckigen Erblassens, das Joachim gezeigt hatte, als jener zum -ersten und einzigen Mal in der unschuldig neckenden Art des -Tieflandes die Rede auf Marusjas Körperlichkeit gebracht -hatte. Er erinnerte sich auch der kalten Blässe, die, als er Frau -Chauchat vom einfallenden Abendlichte befreit, sein eigenes -Gesicht überzogen hatte, – und daran, daß er sie vorher und -nachher bei verschiedenen Gelegenheiten auf manchem fremden -Gesicht gewahr geworden war: auf zweien zugleich in der -Regel, zum Beispiel auf den Gesichtern der Frau Salomon -und des jungen Gänser in jenen Tagen, da das, was Frau -Stöhr so redensartlich bezeichnet, sich zwischen ihnen angebahnt -hatte. Er erinnerte sich, sagen wir, daran und verstand, daß -es unter solchen Umständen nicht nur sehr schwer gewesen -wäre, sich nicht zu „verraten“, sondern daß auch die Bemühung -darum nur wenig gelohnt haben würde. Mit anderen -Worten: es mochte denn doch wohl nicht allein Hoch- und -Treuherzigkeit, sondern auch eine gewisse Ermutigung durch -die Atmosphäre im Spiele sein, wenn Hans Castorp sich wenig -bemüßigt fand, seinen Empfindungen Zwang anzutun und -aus seinem Zustande ein Hehl zu machen. -</p> - -<p> -Wäre nicht die von Joachim sofort hervorgehobene -Schwierigkeit gewesen, hier Bekanntschaften zu machen, diese -Schwierigkeit, die man hauptsächlich darauf zurückführen -muß, daß die Vettern in der Kurgesellschaft sozusagen eine -Partie und Miniaturgruppe für sich bildeten, und daß der -militärische Joachim, auf nichts als rasche Genesung bedacht, -der näheren Berührung und Gemeinschaft mit den Leidensgenossen -grundsätzlich abhold war: so hätte Hans Castorp -noch weit mehr Gelegenheit gehabt und genommen, seine -<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a> -Gefühle hochherzig-zügellos unter die Leute zu bringen. Immerhin -konnte Joachim ihn eines Abends während der Salongeselligkeit -betreffen, wie er mit Hermine Kleefeld, ihren -beiden Tischherren Gänser und Rasmussen und viertens dem -Jungen mit dem Einglas und dem Fingernagel zusammenstand -und mit Augen, die ihren übernormalen Glanz nicht -verleugneten, mit bewegter Stimme eine Stegreifrede über -Frau Chauchats eigen- und fremdartige Gesichtsbildung hielt, -während seine Zuhörer Blicke tauschten, sich anstießen und -kicherten. -</p> - -<p> -Das war peinigend für Joachim; aber der Urheber solcher -Lustbarkeit war unempfindlich gegen die Enthüllung seines -Zustandes, er mochte meinen, daß derselbe, unbeachtet und verborgen, -nicht zu seinem Rechte gekommen wäre. Des allgemeinen -Verständnisses dafür durfte er sicher sein. Die Schadenfreude, -die sich darein mischte, nahm er in den Kauf. Nicht -nur von seinem eigenen Tisch, sondern nachgerade auch von -anderen, benachbarten blickte man auf ihn, um sich an seinem -Erbleichen und Erröten zu weiden, wenn nach Beginn einer -Mahlzeit die Glastür ins Schloß schmetterte, und auch hiermit -war er wohl gar noch zufrieden, da es ihm schien, daß -seinem Rausch, indem er Aufmerksamkeit erregte, eine gewisse -Anerkennung und Bestätigung von außen zuteil werde, geeignet, -seine Sache zu fördern, seine unbestimmten und unvernünftigen -Hoffnungen zu ermutigen, – und das beglückte -ihn sogar. Es kam dahin, daß man sich buchstäblich versammelte, -um dem Verblendeten zuzusehen. Das war etwa -nach Tische auf der Terrasse oder am Sonntag nachmittag -vor der Conciergeloge, wenn die Kurgäste dort ihre Post in -Empfang nahmen, die an diesem Tage nicht auf die Zimmer -<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a> -verteilt wurde. Vielfach wußte man, daß da ein kolossal Beschwipster -und Hochilluminierter sei, der sich alles anmerken -ließ, und so standen etwa Frau Stöhr, Fräulein Engelhart, -die Kleefeld nebst ihrer Freundin mit dem Tapirgesicht, der -unheilbare Herr Albin, der junge Mann mit dem Fingernagel -und noch dieses oder jenes Mitglied der Patientenschaft, – -standen mit hinuntergezogenen Mündern und durch die Nase -pruschend und sahen ihm zu, der, verloren und leidenschaftlich -lächelnd, jene Hitze auf den Wangen, die ihn sofort am ersten -Abend seines Hierseins ergriffen, jenen Glanz in den Augen, -den schon der Husten des Herrenreiters darin entzündet, in -einer bestimmten Richtung blickte ... -</p> - -<p> -Eigentlich war es schön von Herrn Settembrini, daß er -unter solchen Umständen auf Hans Castorp zutrat, um ihn in -ein Gespräch zu ziehen und nach seinem Ergehen zu fragen; -aber es ist zweifelhaft, ob dieser die menschenfreundliche Vorurteilslosigkeit, -die darin lag, dankbar zu würdigen wußte. -Es mochte im Vestibül sein, am Sonntag nachmittag. Beim -Concierge drängten sich die Gäste und streckten die Hände -nach ihrer Post. Auch Joachim war dort vorn. Sein Vetter -war zurückgeblieben und trachtete in der beschriebenen Verfassung, -einen Blick Clawdia Chauchats zu gewinnen, die mit -ihrer Tischgesellschaft in der Nähe stand, wartend, daß das -Gedräng an der Loge sich lichten möge. Es war eine Stunde, -die die Kurgäste durcheinandermischte, eine Stunde der Gelegenheiten, -geliebt und ersehnt aus diesem Grunde von dem -jungen Hans Castorp. Vor acht Tagen war er am Schalter -in sehr nahe Berührung mit Madame Chauchat gekommen, -so daß sie ihn sogar etwas gestoßen und mit flüchtiger Kopfwendung -„<span class="antiqua" lang="fr">Pardon</span>“ zu ihm gesagt hatte, – worauf er kraft -<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a> -einer febrilen Geistesgegenwart, die er segnete, zu antworten -vermocht hatte: -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Pas de quoi, madame!</span>“ -</p> - -<p> -Welche Lebensgunst, dachte er, daß jeden Sonntag nachmittag -mit Sicherheit in der Vorhalle Postverteilung stattfand! -Man kann sagen, daß er die Woche konsumiert hatte, -indem er auf die Wiederkehr derselben Stunde in sieben Tagen -wartete, und Warten heißt: Voraneilen, heißt: Zeit und Gegenwart -nicht als Geschenk, sondern nur als Hindernis empfinden, -ihren Eigenwert verneinen und vernichten und sie im Geist -überspringen. Warten, sagt man, sei langweilig. Es ist jedoch -ebensowohl oder sogar eigentlich kurzweilig, indem es Zeitmengen -verschlingt, ohne sie um ihrer selbst willen zu leben -und auszunutzen. Man könnte sagen, der Nichts-als-Wartende -gleiche einem Fresser, dessen Verdauungsapparat die Speisen, -ohne ihre Nähr- und Nutzwerte zu verarbeiten, massenhaft -durchtriebe. Man könnte weitergehen und sagen: wie unverdaute -Speise ihren Mann nicht stärker mache, so mache verwartete -Zeit nicht älter. Freilich kommt reines und unvermischtes -Warten praktisch nicht vor. -</p> - -<p> -Es war also die Woche verschlungen und die Sonntagnachmittagspoststunde -wieder in Kraft getreten, nicht anders, -als wäre es immer noch die von vor sieben Tagen. Aufs erregendste -fuhr sie fort, Gelegenheit zu machen, barg und bot -in jeder Minute die Möglichkeit, mit Frau Chauchat in gesellschaftliche -Beziehungen zu treten: Möglichkeiten, von denen -Hans Castorp sich das Herz pressen und jagen ließ, ohne sie -ins Wirkliche übertreten zu lassen. Dem standen Hemmungen -entgegen, die teils militärischer, teils zivilistischer Natur waren: -– teils nämlich mit der Gegenwart des ehrenhaften Joachim -<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a> -und mit Hans Castorps eigener Ehre und Pflicht zusammenhingen, -teils aber auch in dem Gefühl ihren Grund hatten, -daß gesellschaftliche Beziehungen zu Clawdia Chauchat, <em>gesittete</em> -Beziehungen, bei denen man „Sie“ sagte und Verbeugungen -machte und womöglich Französisch sprach, – nicht -nötig, nicht wünschenswert, nicht das Richtige seien ... Er -stand und sah sie lachend sprechen, genau wie Pribislav Hippe -dereinst auf dem Schulhof sprechend gelacht hatte: ihr Mund -öffnete sich ziemlich weit dabei, und ihre schiefstehenden graugrünen -Augen über den Backenknochen zogen sich zu schmalen -Ritzen zusammen. Das war durchaus nicht „schön“; aber -es war, wie es war, und bei der Verliebtheit kommt das -ästhetische Vernunfturteil so wenig zu seinem Recht, wie das -moralische. – -</p> - -<p> -„Sie erwarten ebenfalls Briefschaften, Ingenieur?“ -</p> - -<p> -So redete nur einer, ein Störender. Hans Castorp fuhr -zusammen und wandte sich Herrn Settembrini zu, der lächelnd -vor ihm stand. Es war das feine und humanistische Lächeln, -mit dem er dereinst bei der Bank am Wasserlauf den Ankömmling -zuerst begrüßt hatte, und wie damals schämte Hans -Castorp sich, als er es sah. Aber wie oft er auch im Traume -den „Drehorgelmann“ von der Stelle zu drängen gesucht -hatte, weil er „hier störe“, – der wachende Mensch ist besser -als der träumende, und nicht nur zu seiner Beschämung und -Ernüchterung wurde Hans Castorp dieses Lächelns wieder ansichtig, -sondern auch mit Gefühlen dankbarer Bedürftigkeit. -Er sagte: -</p> - -<p> -„Gott, Briefschaften, Herr Settembrini. Ich bin doch kein -Ambassadeur! Vielleicht ist eine Postkarte da für einen von -uns. Mein Vetter sieht eben mal nach.“ -</p> - -<p> -<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a> -„Mir hat der hinkende Teufel da vorn meine kleinen Korrespondenzen -schon ausgehändigt“, sagte Settembrini und führte -die Hand zur Seitentasche seines unvermeidlichen Flausrockes. -„Interessante Dinge, Dinge von literarischer und sozialer -Tragweite, ich leugne es nicht. Es handelt sich um ein enzyklopädisches -Werk, an dem mitzuarbeiten ein humanitäres -Institut mich würdigt ... Kurz, um schöne Arbeit.“ Herr -Settembrini brach ab. „Aber Ihre Angelegenheiten?“ fragte -er. „Wie steht es damit? Wie weit ist beispielsweise der -Akklimatisierungsprozeß gediehen? Sie weilen alles in allem -so lange noch nicht in unserer Mitte, daß die Frage nicht mehr -an der Tagesordnung wäre.“ -</p> - -<p> -„Danke, Herr Settembrini; es hat nach wie vor seine -Schwierigkeiten damit. Ich halte für möglich, daß es das bis -zum letzten Tage haben wird. Manche gewöhnen sich nie, -sagte mein Vetter mir gleich, als ich ankam. Aber man gewöhnt -sich daran, daß man sich nicht gewöhnt.“ -</p> - -<p> -„Ein verwickelter Vorgang“, lachte der Italiener. „Eine -sonderbare Art der Einbürgerung. Natürlich, die Jugend ist -zu allem fähig. Sie gewöhnt sich nicht, aber sie schlägt -Wurzeln.“ -</p> - -<p> -„Und schließlich ist das ja kein sibirisches Bergwerk hier.“ -</p> - -<p> -„Nein. Oh, Sie bevorzugen östliche Vergleiche. Sehr begreiflich. -Asien verschlingt uns. Wohin man blickt: tatarische -Gesichter.“ Und Herr Settembrini wandte diskret den -Kopf über die Schulter. „Dschingis-Khan,“ sagte er, „Steppenwolfslichter, -Schnee und Schnaps, Knute, Schlüsselburg -und Christentum. Man sollte der Pallas Athene hier in der -Vorhalle einen Altar errichten, – im Sinne der Abwehr. -Sehen Sie, da vorn ist so ein Iwan Iwanowitsch ohne -<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a> -Weißzeug mit dem Staatsanwalt Paravant in Streit geraten. -Jeder will vor dem anderen an der Reihe sein, seine Post zu -empfangen. Ich weiß nicht, wer recht hat, aber für mein -Gefühl steht der Staatsanwalt im Schutze der Göttin. Er ist -zwar ein Esel, aber er versteht wenigstens Latein.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp lachte, – was Herr Settembrini niemals tat. -Man konnte ihn sich herzlich lachend gar nicht vorstellen; -über die feine und trockene Spannung seines Mundwinkels -brachte er es nicht hinaus. Er sah dem jungen Manne beim -Lachen zu und fragte dann: -</p> - -<p> -„Ihr Diapositiv – haben Sie bekommen?“ -</p> - -<p> -„Das habe ich bekommen!“ bestätigte Hans Castorp -wichtig. „Schon neulich. Hier ist es.“ Und er griff in die -innere Brusttasche. -</p> - -<p> -„Ah, Sie tragen es im Portefeuille. Wie einen Ausweis -sozusagen, einen Paß oder eine Mitgliedskarte. Sehr gut. -Lassen Sie sehen!“ Und Herr Settembrini hob die kleine, -mit schwarzen Papierstreifen gerahmte Glasplatte gegen das -Licht, indem er sie zwischen Daumen und Zeigefinger seiner -Linken hielt, – eine oft gesehene, sehr übliche Bewegung hier -oben. Sein Gesicht mit den schwarzen Mandelaugen grimassierte -ein wenig, während er das funebre Lichtbild prüfte, – -ohne ganz deutlich werden zu lassen, ob es nur des genaueren -Sehens wegen oder aus anderen Gründen geschah. -</p> - -<p> -„Ja, ja“, sagte er dann. „Hier haben Sie Ihre Legitimation, -ich danke bestens.“ Und er reichte das Glas seinem -Besitzer zurück, reichte es ihm von der Seite, gewissermaßen -über den eigenen Arm hinüber und abgewandten Gesichtes. -</p> - -<p> -„Haben Sie die Stränge gesehen?“ fragte Hans Castorp. -„Und die Knötchen?“ -</p> - -<p> -<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a> -„Sie wissen,“ antwortete Herr Settembrini schleppend, „wie -ich über den Wert dieser Produkte denke. Sie wissen auch, daß -die Flecke und Dunkelheiten da im Inneren zum allergrößten -Teil physiologisch sind. Ich habe hundert Bilder gesehen, die -ungefähr aussahen wie Ihres, und die die Entscheidung, ob -sie wirklich einen ‚Ausweis‘ bildeten oder nicht, einigermaßen -in das Belieben des Beurteilers stellten. Ich rede als Laie, -aber immerhin als ein langjähriger Laie.“ -</p> - -<p> -„Sieht Ihr eigener Ausweis schlimmer aus?“ -</p> - -<p> -„Ja, etwas schlimmer. – Übrigens ist mir bekannt, daß auch -unsere Herren und Meister auf dieses Spielzeug allein keine -Diagnose gründen. – Und Sie beabsichtigen nun also, bei uns -zu überwintern?“ -</p> - -<p> -„Ja, lieber Gott ... Ich fange an, mich an den Gedanken -zu gewöhnen, daß ich erst mit meinem Vetter zusammen wieder -hinunterfahren werde.“ -</p> - -<p> -„Das heißt, Sie gewöhnen sich daran, daß Sie sich nicht ... -Sie formulierten das sehr witzig. Ich hoffe, Sie haben Ihre -Sachen erhalten, – warme Kleider, solides Schuhwerk?“ -</p> - -<p> -„Alles. Alles in schönster Ordnung, Herr Settembrini. Ich -habe meine Verwandten informiert, und unsere Haushälterin -hat mir alles als Eilgut geschickt. Ich kann es nun aushalten.“ -</p> - -<p> -„Das beruhigt mich. Aber halt, Sie brauchen einen Sack, -einen Pelzsack, – wo haben wir unsere Gedanken! Dieser Nachsommer -ist trügerisch; in einer Stunde kann es tiefer Winter -sein. Sie werden hier die kältesten Monate verbringen ...“ -</p> - -<p> -„Ja, der Liegesack,“ sagte Hans Castorp, „der ist wohl ein -Zubehör. Ich habe auch schon flüchtig daran gedacht, daß -wir in den nächsten Tagen mal, mein Vetter und ich, in den -Ort gehen müssen und einen kaufen. Man braucht das Ding -<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a> -später nie wieder, aber schließlich für vier bis sechs Monate -lohnt es.“ -</p> - -<p> -„Es lohnt, es lohnt. – Ingenieur!“ sagte Herr Settembrini -leise, indem er näher an den jungen Mann herantrat. „Wissen -Sie nicht, daß es grauenhaft ist, wie Sie mit den Monaten -herumwerfen? Grauenhaft, weil unnatürlich und Ihrem -Wesen fremd, nur auf der Gelehrigkeit Ihrer Jahre beruhend. -Ach, diese übergroße Gelehrigkeit der Jugend! – sie ist die Verzweiflung -der Erzieher, denn vor allem ist sie bereit, sich im -Schlimmen zu bewähren. Reden Sie nicht, wie es in der -Luft liegt, junger Mensch, sondern wie es Ihrer europäischen -Lebensform angemessen ist! Hier liegt vor allem viel Asien -in der Luft, – nicht umsonst wimmelt es von Typen aus der -moskowitischen Mongolei! Diese Leute“ – und Herr Settembrini -deutete mit dem Kinn über die Schulter hinter sich – -„richten Sie sich innerlich nicht nach ihnen, lassen Sie sich von -ihren Begriffen nicht infizieren, setzen Sie vielmehr Ihr Wesen, -Ihr <em>höheres</em> Wesen gegen das ihre, und halten Sie heilig, -was Ihnen, dem Sohn des Westens, des göttlichen Westens, -– dem Sohn der Zivilisation, nach Natur und Herkunft -heilig ist, zum Beispiel die Zeit! Diese Freigebigkeit, diese barbarische -Großartigkeit im Zeitverbrauch ist asiatischer Stil, – -das mag ein Grund sein, weshalb es den Kindern des Ostens -an diesem Orte behagt. Haben Sie nie bemerkt, daß, wenn -ein Russe ‚vier Stunden‘ sagt, es nicht mehr ist, als wenn -unsereins ‚eine‘ sagt? Leicht zu denken, daß die Nonchalance -dieser Menschen im Verhältnis zur Zeit mit der wilden Weiträumigkeit -ihres Landes zusammenhängt. Wo viel Raum ist, -da ist viel Zeit, – man sagt ja, daß sie das Volk sind, das Zeit -hat und warten kann. Wir Europäer, wir können es nicht. -<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a> -Wir haben so wenig Zeit, wie unser edler und zierlich gegliederter -Erdteil Raum hat, wir sind auf genaue Bewirtschaftung -des einen wie des anderen angewiesen, auf Nutzung, -Nutzung, Ingenieur! Nehmen Sie unsere großen Städte als -Sinnbild, diese Zentren und Brennpunkte der Zivilisation, diese -Mischkessel des Gedankens! In demselben Maße, wie der -Boden sich dort verteuert, Raumverschwendung zur Unmöglichkeit -wird, in demselben Maße, bemerken Sie das, wird -dort auch die Zeit immer kostbarer. <span class="antiqua" lang="la">Carpe diem!</span> Das sang -ein Großstädter. Die Zeit ist eine Göttergabe, dem Menschen -verliehen, damit er sie nutze – sie nutze, Ingenieur, im Dienste -des Menschheitsfortschritts.“ -</p> - -<p> -Selbst dieses letzte Wort, so viele Hindernisse es seiner mediterranen -Zunge bieten mochte, hatte Herr Settembrini auf erfreuliche -Art, klar, wohllautend und – man kann wohl sagen – -plastisch zu Gehör gebracht. Hans Castorp antwortete nicht -anders, als mit der kurzen, steifen und befangenen Verbeugung -eines Schülers, der eine verweisartige Belehrung entgegennimmt. -Was hätte er erwidern sollen? Dies Privatissimum, -das Herr Settembrini ihm insgeheim, mit dem Rücken -gegen die ganze übrige Gästeschaft und beinahe flüsternd, gehalten, -hatte zu sachlichen, zu ungesellschaftlichen, zu wenig -gesprächsmäßigen Charakter getragen, als daß der Takt erlaubt -hätte, auch nur Beifall zu äußern. Man antwortet einem -Lehrer nicht: „Das haben Sie schön gesagt.“ Hans Castorp -hatte es wohl früher manchmal getan, gewissermaßen um -das gesellschaftliche Gleichheitsverhältnis zu wahren; allein so -dringlich erzieherisch hatte der Humanist noch niemals gesprochen; -es blieb nichts übrig, als die Vermahnung einzustecken, -– benommen wie ein Schuljunge von soviel Moral. -</p> - -<p> -<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a> -Man sah übrigens Herrn Settembrini an, daß seine Gedankentätigkeit -auch im Schweigen noch ihren Fortgang nahm. -Noch immer stand er dicht vor Hans Castorp, so daß dieser -sich sogar ein wenig zurückbeugte, und seine schwarzen Augen -waren in fixer und sinnend blinder Einstellung auf des jungen -Mannes Gesicht gerichtet. -</p> - -<p> -„Sie leiden, Ingenieur!“ fuhr er fort. „Sie leiden wie ein -Verirrter, – wer sähe es Ihnen nicht an? Aber auch Ihr Verhalten -zum Leiden sollte ein europäisches Verhalten sein, – -nicht das des Ostens, der, weil er weich und zur Krankheit geneigt -ist, diesen Ort so ausgiebig beschickt ... Mitleid und unermeßliche -Geduld, das ist seine Art, dem Leiden zu begegnen. -Es kann, es darf die unsrige, die Ihre nicht sein! ... Wir sprachen -von meiner Post ... Sehen Sie, hier ... Oder besser -noch, – kommen Sie! Es ist unmöglich, hier ... Wir ziehen -uns zurück, wir treten dort drüben ein. Ich mache Ihnen Eröffnungen, -welche ... Kommen Sie!“ Und sich umwendend, -zog er Hans Castorp fort aus dem Vestibül, in das erste, dem -Portal am nächsten gelegene der Gesellschaftszimmer, das als -Schreib- und Leseraum eingerichtet und jetzt leer von Gästen -war. Es zeigte eichene Wandtäfelungen unter seinem hellen -Gewölbe, Bücherschränke, einen von Stühlen umgebenen, mit -gerahmten Zeitungen belegten Tisch in der Mitte und Schreibgelegenheiten -unter den Bögen der Fensternischen. Herr Settembrini -schritt bis in die Nähe eines der Fenster vor, Hans -Castorp folgte ihm. Die Tür blieb offen. -</p> - -<p> -„Diese Papiere,“ sagte der Italiener, indem er aus der -beutelartigen Seitentasche seines Flauses mit fliegender Hand -ein Konvolut, ein umfangreiches, schon geöffnetes Briefkuvert -zog und seinen Inhalt, verschiedene Drucksachen nebst einem -<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a> -Schreiben, vor Hans Castorps Augen durch die Finger gleiten -ließ, „diese Papiere tragen in französischer Sprache den -Aufdruck: ‚Internationaler Bund für Organisierung des Fortschritts.‘ -Man sendet sie mir aus Lugano, wo sich ein Filialbureau -des Bundes befindet. Sie fragen mich nach seinen -Grundsätzen, seinen Zielen? Ich gebe sie Ihnen in zwei Worten. -Die Liga für Organisierung des Fortschritts leitet aus der Entwicklungslehre -Darwins die philosophische Anschauung ab, -daß der innerste Naturberuf der Menschheit ihre Selbstvervollkommnung -ist. Sie folgert daraus weiter, daß es Pflicht -eines jeden ist, der seinem Naturberuf genügen will, am Menschheitsfortschritt -tätig mitzuarbeiten. Viele sind ihrem Rufe gefolgt; -die Zahl ihrer Mitglieder in Frankreich, Italien, Spanien, -der Türkei und selbst in Deutschland ist bedeutend. Auch -ich habe die Ehre, in den Bundesregistern geführt zu werden. -Ein wissenschaftlich ausgearbeitetes Reformprogramm großen -Stils ist entworfen, das alle augenblicklichen Vervollkommnungsmöglichkeiten -des menschlichen Organismus umfaßt. -Das Problem der Gesundheit unserer Rasse wird studiert, man -prüft alle Methoden zur Bekämpfung der Degeneration, die -ohne Zweifel eine beklagenswerte Begleiterscheinung der zunehmenden -Industrialisierung ist. Ferner betreibt der Bund -die Gründung von Volksuniversitäten, die Überwindung der -Klassenkämpfe durch alle die sozialen Verbesserungen, die sich -zu diesem Zwecke empfehlen, endlich die Beseitigung der Völkerkämpfe, -des Krieges durch die Entwicklung des internationalen -Rechts. Sie sehen, die Anstrengungen der Liga sind -hochherzig und umfassend. Mehrere internationale Zeitschriften -zeugen von ihrer Tätigkeit, – Monatsrevuen, die in drei -oder vier Weltsprachen höchst anregend über die fortschrittliche -<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a> -Entwicklung der Kulturmenschheit berichten. Zahlreiche -Ortsgruppen sind in den verschiedenen Ländern gegründet -worden, die durch Diskussionsabende und Sonntagsfeiern im -Sinne des menschlichen Fortschrittsideals aufklärend und erbaulich -wirken sollen. Vor allem beeifert sich der Bund, den -politischen Fortschrittsparteien aller Länder mit seinem Material -zur Hand zu gehen ... Sie folgen meinen Worten, Ingenieur?“ -</p> - -<p> -„Absolut!“ antwortete Hans Castorp heftig und überstürzt. -Er hatte bei diesem Wort das Gefühl eines Menschen, der -ausgleitet und sich eben noch glücklich auf den Füßen hält. -</p> - -<p> -Herr Settembrini schien befriedigt. -</p> - -<p> -„Ich nehme an, es sind neue, überraschende Einblicke, die -Sie da tun?“ -</p> - -<p> -„Ja, ich muß gestehen, es ist das erste, was ich über diese ... -diese Anstrengungen höre.“ -</p> - -<p> -„Hätten Sie nur,“ rief Settembrini leise, „hätten Sie nur -früher davon gehört! Aber vielleicht hören Sie noch nicht zu -spät davon. Nun, diese Druckschriften ... Sie wollen wissen, -was sie behandeln ... Hören Sie weiter! Im Frühjahr war -eine feierliche Hauptversammlung des Bundes nach Barcelona -einberufen, – Sie wissen, daß diese Stadt sich besonderer Beziehungen -zur politischen Fortschrittsidee rühmen kann. Der -Kongreß tagte eine Woche lang unter Banketten und Festlichkeiten. -Guter Gott, ich wollte hinreisen, es verlangte mich -sehnlichst, an den Beratungen teilzunehmen. Aber dieser Schuft -von Hofrat verbot es mir unter Todesdrohungen, – und, was -wollen Sie, ich fürchtete den Tod und reiste nicht. Ich war -verzweifelt, wie Sie sich denken können, über den Streich, den -meine unzulängliche Gesundheit mir spielte. Nichts ist schmerzhafter, -<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a> -als wenn unser organisches, unser tierisches Teil uns -hindert, der Vernunft zu dienen. Desto lebhafter ist meine Befriedigung -über diese Zuschrift des Bureaus von Lugano ... -Sie sind neugierig auf ihren Inhalt? Das glaube ich gern! -Ein paar flüchtige Informationen ... Der ‚Bund zur Organisierung -des Fortschritts‘, eingedenk der Wahrheit, daß seine -Aufgabe darin besteht, das Glück der Menschheit herbeizuführen, -mit anderen Worten: das menschliche Leiden durch -zweckvolle soziale Arbeit zu bekämpfen und am Ende völlig auszumerzen, -– eingedenk ferner der Wahrheit, daß diese höchste -Aufgabe nur mit Hilfe der soziologischen Wissenschaft gelöst -werden kann, deren Endziel der vollkommene Staat ist, – der -Bund also hat in Barcelona die Herstellung eines vielbändigen -Buchwerkes beschlossen, das den Titel ‚Soziologie der -Leiden‘ führen wird, und worin die menschlichen Leiden nach -allen ihren Klassen und Gattungen in genauer und erschöpfender -Systematik bearbeitet werden sollen. Sie werden mir -einwenden: was nützen Klassen, Gattungen, Systeme! Ich -antworte Ihnen: Ordnung und Sichtung sind der Anfang -der Beherrschung, und der eigentlich furchtbare Feind ist der -unbekannte. Man muß das Menschengeschlecht aus den primitiven -Stadien der Furcht und der duldenden Dumpfheit -herausführen und sie zur Phase zielbewußter Tätigkeit leiten. -Man muß sie darüber aufklären, daß Wirkungen hinfällig -werden, deren Ursachen man zuerst erkennt und dann aufhebt, -und daß fast alle Leiden des Individuums Krankheiten -des sozialen Organismus sind. Gut! Dies ist die Absicht der -‚Soziologischen Pathologie‘. Sie wird also in etwa zwanzig -Bänden von Lexikonformat alle menschlichen Leidensfälle aufführen -und behandeln, die sich überhaupt erdenken lassen, von -<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a> -den persönlichsten und intimsten bis zu den großen Gruppenkonflikten, -den Leiden, die aus Klassenfeindschaften und internationalen -Zusammenstößen erwachsen, sie wird, kurz gesagt, -die chemischen Elemente aufzeigen, aus deren vielfältiger Mischung -und Verbindung sich alles menschliche Leiden zusammensetzt, -und indem sie die Würde und das Glück der Menschheit -zur Richtschnur nimmt, wird sie ihr in jedem Falle die -Mittel und Maßnahmen an die Hand geben, die ihr zur Beseitigung -der Leidensursachen angezeigt scheinen. Berufene -Fachmänner der europäischen Gelehrtenwelt, Ärzte, Volkswirte -und Psychologen, werden sich in die Ausarbeitung dieser -Enzyklopädie der Leiden teilen, und das General-Redaktionsbureau -zu Lugano wird das Sammelbecken sein, in dem -die Artikel zusammenfließen. Sie fragen mich mit den Augen, -welche Rolle nun mir bei all dem zufallen soll? Lassen Sie -mich zu Ende reden! Auch den schönen Geist will dieses große -Werk nicht vernachlässigen, soweit er eben menschliches Leiden -zum Gegenstande hat. Darum ist ein eigener Band vorgesehen, -der, den Leidenden zu Trost und Belehrung, eine Zusammenstellung -und kurzgefaßte Analyse aller für jeden einzelnen Konflikt -in Betracht kommenden Meisterwerke der Weltliteratur -enthalten soll; und – dies ist die Aufgabe, mit der man in dem -Schreiben, das Sie hier sehen, Ihren ergebensten Diener betraut.“ -</p> - -<p> -„Was Sie sagen, Herr Settembrini! Da erlauben Sie mir -aber, Sie herzlich zu beglückwünschen! Das ist ja ein großartiger -Auftrag und ganz wie für Sie gemacht, wie mir scheint. -Es wundert mich keinen Augenblick, daß die Liga an Sie gedacht -hat. Und wie muß es Sie freuen, daß Sie da nun behilflich -sein können, die menschlichen Leiden auszumerzen!“ -</p> - -<p> -<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a> -„Es ist eine weitläufige Arbeit,“ sagte Herr Settembrini -sinnend, „zu der viel Umsicht und Lektüre erforderlich ist. Zumal,“ -fügte er hinzu, während sein Blick sich in der Vielfältigkeit -seiner Aufgabe zu verlieren schien, „zumal in der Tat der -schöne Geist sich fast regelmäßig das Leiden zum Gegenstande -gesetzt hat und selbst Meisterwerke zweiten und dritten Ranges -sich irgendwie damit beschäftigen. Gleichviel oder desto besser! -So umfassend die Aufgabe immer sein möge, auf jeden Fall ist -sie von der Art, daß ich mich ihrer zur Not auch an diesem verfluchten -Aufenthalt entledigen kann, obgleich ich nicht hoffen -will, daß ich gezwungen sein werde, sie hier zu beenden. Man -kann dasselbe,“ fuhr er fort, indem er wieder näher an Hans Castorp -herantrat und die Stimme beinahe zum Flüstern dämpfte, -„man kann dasselbe von den Pflichten nicht sagen, die <em>Ihnen</em> -die Natur auferlegt, Ingenieur! Das ist es, worauf ich hinauswollte, -woran ich Sie mahnen wollte. Sie wissen, wie sehr ich -Ihren Beruf bewundere, aber da er ein praktischer, kein geistiger -Beruf ist, so können Sie ihm, anders als ich, nur in der -Welt drunten nachkommen. Nur im Tiefland können Sie Europäer -sein, das Leiden auf Ihre Art aktiv bekämpfen, den Fortschritt -fördern, die Zeit nutzen. Ich habe Ihnen von der mir -zugefallenen Aufgabe nur erzählt, um Sie zu erinnern, um Sie -zu sich zu bringen, um Ihre Begriffe richtigzustellen, die sich -offenbar unter atmosphärischen Einflüssen zu verwirren beginnen. -Ich dringe in Sie: Halten Sie auf sich! Seien Sie stolz -und verlieren Sie sich nicht an das Fremde! Meiden Sie diesen -Sumpf, dies Eiland der Kirke, auf dem ungestraft zu hausen -Sie nicht Odysseus genug sind. Sie werden auf allen Vieren -gehen, Sie neigen sich schon auf Ihre vorderen Extremitäten, -bald werden Sie zu grunzen beginnen, – hüten Sie sich!“ -</p> - -<p> -<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a> -Der Humanist hatte bei seinen leisen Ermahnungen den -Kopf eindringlich geschüttelt. Er schwieg mit niedergeschlagenen -Augen und zusammengezogenen Brauen. Es war unmöglich, -ihm scherzhaft und ausweichend zu antworten, wie -Hans Castorp es zu tun gewohnt war und wie er es auch jetzt -einen Augenblick als Möglichkeit erwog. Auch er stand mit -gesenkten Lidern. Dann hob er die Schultern und sagte ebenso -leise: -</p> - -<p> -„Was soll ich tun?“ -</p> - -<p> -„Was ich Ihnen sagte.“ -</p> - -<p> -„Das heißt: abreisen?“ -</p> - -<p> -Herr Settembrini schwieg. -</p> - -<p> -„Wollen Sie sagen, daß ich nach Hause reisen soll?“ -</p> - -<p> -„Das habe ich Ihnen gleich am ersten Abend geraten, -Ingenieur.“ -</p> - -<p> -„Ja, und damals war ich frei, es zu tun, obgleich ich es unvernünftig -fand, die Flinte ins Korn zu werfen, nur weil die -hiesige Luft mir ein bißchen zusetzte. Seitdem hat sich die Sachlage -aber doch geändert. Seitdem hat sich diese Untersuchung -ergeben, nach der Hofrat Behrens mir klipp und klar gesagt -hat, es lohnte die Heimreise nicht, in kurzem müßte ich doch wieder -antreten, und wenn ich’s da unten so weitertriebe, so ginge -mir, was hast du, was kannst du, der ganze Lungenlappen zum -Teufel.“ -</p> - -<p> -„Ich weiß, jetzt haben Sie Ihren Ausweis in der Tasche.“ -</p> - -<p> -„Ja, das sagen Sie so ironisch ... mit der richtigen Ironie -natürlich, die keinen Augenblick mißverständlich ist, sondern ein -gerades und klassisches Mittel der Redekunst, – Sie sehen, -ich merke mir Ihre Worte. Aber können Sie es denn verantworten, -mir auf diese Photographie hin und nach dem -<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a> -Ergebnis der Durchleuchtung und nach der Diagnose des Hofrats -die Heimreise anzuraten?“ -</p> - -<p> -Herr Settembrini zögerte einen Augenblick. Dann richtete -er sich auf, schlug auch die Augen auf, die er fest und schwarz -auf Hans Castorp richtete, und erwiderte mit einer Betonung, -die des theatralischen und effekthaften Einschlages nicht entbehrte: -</p> - -<p> -„Ja, Ingenieur. Ich will es verantworten.“ -</p> - -<p> -Aber auch Hans Castorps Haltung hatte sich nun gestrafft. -Er hielt die Absätze geschlossen und sah Herrn Settembrini -ebenfalls gerade an. Diesmal war es ein Gefecht. Hans Castorp -stand seinen Mann. Einflüsse aus der Nähe „stärkten“ -ihn. Da war ein Pädagog, und dort draußen war eine schmaläugige -Frau. Er entschuldigte sich nicht einmal für das, was -er sagte; er fügte nicht hinzu: „Nehmen Sie es mir nicht übel.“ -Er antwortete: -</p> - -<p> -„Dann sind Sie vorsichtiger für sich als für andere Leute! -<em>Sie</em> sind nicht gegen ärztliches Verbot nach Barcelona zum -Fortschrittskongreß gereist. Sie fürchteten den Tod und blieben -hier.“ -</p> - -<p> -Bis zu einem gewissen Grade war dadurch Herrn Settembrinis -Pose unzweifelhaft zerstört. Er lächelte nicht ganz mühelos -und sagte: -</p> - -<p> -„Ich weiß eine schlagfertige Antwort zu schätzen, selbst wenn -Ihre Logik der Sophisterei nicht fern ist. Es ekelt mich, in -einem hier üblichen abscheulichen Wettstreit zu konkurrieren, -sonst würde ich Ihnen erwidern, daß ich bedeutend kränker -bin als Sie, – leider in der Tat so krank, daß ich die Hoffnung, -diesen Ort je wieder verlassen und in die untere Welt -zurückkehren zu können, nur künstlicher- und ein wenig selbstbetrügerischerweise -<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a> -hinfriste. In dem Augenblick, wo es sich -als völlig unanständig erweisen wird, sie aufrechtzuhalten, -werde ich dieser Anstalt den Rücken kehren und für den Rest -meiner Tage irgendwo im Tal ein Privatlogis beziehen. Das -wird traurig sein, aber da meine Arbeitssphäre die freieste -und geistigste ist, wird es mich nicht hindern, bis zu meinem -letzten Atemzuge der Sache der Menschheit zu dienen und dem -Geist der Krankheit die Stirn zu bieten. Ich habe Sie auf -den Unterschied, der in dieser Beziehung zwischen uns besteht, -bereits aufmerksam gemacht. Ingenieur, Sie sind nicht der -Mann, Ihr besseres Wesen hier zu behaupten, das sah ich -bei unserer ersten Begegnung. Sie halten mir vor, ich sei nicht -nach Barcelona gereist. Ich habe mich dem Verbot unterworfen, -um mich nicht vorzeitig zu zerstören. Aber ich tat es -unter dem stärksten Vorbehalt, unter dem stolzesten und -schmerzlichsten Protest meines Geistes gegen das Diktat meines -armseligen Körpers. Ob dieser Protest auch in Ihnen lebendig -ist, indem Sie den Vorschriften der hiesigen Mächte Folge -leisten, – ob es nicht vielmehr <em>der Körper</em> ist und sein böser -Hang, dem Sie nur zu bereitwillig gehorchen ...“ -</p> - -<p> -„Was haben Sie gegen den Körper?“ unterbrach Hans -Castorp ihn rasch und blickte ihn groß an mit seinen blauen -Augen, deren Weißes von roten Adern durchzogen war. Ihm -schwindelte vor seiner Tollkühnheit, und man sah es ihm an. -„Wovon spreche ich?“ dachte er. „Es wird ungeheuerlich. -Aber ich habe mich einmal auf Kriegsfuß mit ihm gestellt und -werde ihm, so lange es irgend geht, das letzte Wort nicht lassen. -Natürlich wird er es haben, aber das macht nichts, ich werde -immerhin dabei profitieren. Ich werde ihn reizen.“ Er ergänzte -seinen Einwand: -</p> - -<p> -<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a> -„Sie sind doch Humanist? Wie können Sie schlecht auf -den Körper zu sprechen sein?“ -</p> - -<p> -Settembrini lächelte, diesmal ungezwungen und selbstgewiß. -</p> - -<p> -„‚Was haben Sie gegen die Analyse?‘“ zitierte er, den Kopf -auf der Schulter. „‚Sind Sie schlecht auf die Analyse zu sprechen?‘ -– Sie werden mich immer bereit finden, Ihnen Rede -zu stehen, Ingenieur,“ sagte er mit Verbeugung und einer -salutierenden Handbewegung gegen den Fußboden, „besonders -wenn Ihre Einwendungen Geist haben. Sie parieren -nicht ohne Eleganz. Humanist, – gewiß, ich bin es. Asketischer -Neigungen werden Sie mich niemals überführen. Ich bejahe, -ich ehre und liebe den Körper, wie ich die Form, die Schönheit, -die Freiheit, die Heiterkeit und den Genuß bejahe, ehre -und liebe, – wie ich die ‚Welt‘, die Interessen des Lebens vertrete -gegen sentimentale Weltflucht, – den Classicismo gegen -die Romantik. Ich denke, meine Stellungnahme ist eindeutig. -Eine Macht, ein Prinzip aber gibt es, dem meine höchste Bejahung, -meine höchste und letzte Ehrerbietung und Liebe gilt, -und diese Macht, dieses Prinzip ist der Geist. Wie sehr ich es -verabscheue, irgendein verdächtiges Mondscheingespinst und --gespenst, das man ‚die Seele‘ nennt, gegen den Leib ausgespielt -zu sehen, – innerhalb der Antithese von Körper <em>und -Geist</em> bedeutet der Körper das böse, das teuflische Prinzip, -denn der Körper ist Natur, und die Natur – innerhalb ihres -Gegensatzes zum Geiste, zur Vernunft, ich wiederhole das! – -ist böse, – mystisch und böse. ‚Sie sind Humanist!‘ Allerdings -bin ich es, denn ich bin ein Freund des Menschen, wie Prometheus -es war, ein Liebhaber der Menschheit und ihres Adels. -Dieser Adel aber ist beschlossen im Geiste, in der Vernunft, -<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a> -und darum werden Sie ganz vergebens den Vorwurf des -christlichen Obskurantismus erheben ...“ -</p> - -<p> -Hans Castorp wehrte ab. -</p> - -<p> -„... Sie werden,“ beharrte Settembrini, „diesen Vorwurf -ganz vergebens erheben, wenn humanistischer Adelsstolz die -Gebundenheit des Geistes an das Körperliche, an die Natur -eines Tages als Erniedrigung, als Schimpf empfinden lernt. -Wissen Sie, daß von dem großen Plotinus die Äußerung überliefert -ist, er schäme sich, einen Körper zu haben?“ fragte Settembrini -und verlangte so ernstlich eine Antwort, daß Hans -Castorp genötigt war, zu gestehen, das sei das erste, was -er höre. -</p> - -<p> -„Porphyrius überliefert es. Eine absurde Äußerung, wenn -Sie wollen. Aber das Absurde, das ist das geistig Ehrenhafte, -und nichts kann im Grunde ärmlicher sein, als der Einwand -der Absurdität, dort, wo der Geist gegen die Natur seine Würde -behaupten will, sich weigert, vor ihr abzudanken ... Haben -Sie von dem Erdbeben zu Lissabon gehört?“ -</p> - -<p> -„Nein, – ein Erdbeben? Ich sehe hier keine Zeitungen ...“ -</p> - -<p> -„Sie mißverstehen mich. Nebenbei bemerkt, ist es bedauerlich -– und kennzeichnend für diesen Ort, – daß Sie es hier versäumen, -die Presse zu lesen. Aber Sie mißverstehen mich, das -Naturereignis, von dem ich spreche, ist nicht aktuell, es fand -vor beiläufig hundertundfünfzig Jahren statt ...“ -</p> - -<p> -„Ja so! Oh, warten Sie, – richtig! Ich habe gelesen, daß -Goethe damals nachts in Weimar in seinem Schlafzimmer -zu seinem Diener sagte ...“ -</p> - -<p> -„Ah, – nicht davon wollte ich reden“, unterbrach ihn Settembrini, -indem er die Augen schloß und seine kleine braune -Hand in der Luft schüttelte. „Übrigens vermengen Sie die -<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a> -Katastrophen. Sie haben das Erdbeben von Messina im -Sinn. Ich meine die Erschütterung, die Lissabon heimsuchte, -im Jahre 1755.“ -</p> - -<p> -„Entschuldigen Sie.“ -</p> - -<p> -„Nun, Voltaire empörte sich dagegen.“ -</p> - -<p> -„Das heißt ... wie? Er empörte sich?“ -</p> - -<p> -„Er revoltierte, ja. Er nahm das brutale Fatum und Faktum -nicht hin, er weigerte sich, davor abzudanken. Er protestierte -im Namen des Geistes und der Vernunft gegen diesen -skandalösen Unfug der Natur, dem drei Viertel einer blühenden -Stadt und Tausende von Menschenleben zum Opfer -fielen ... Sie staunen? Sie lächeln? Mögen Sie immerhin -staunen, was das Lächeln betrifft, so nehme ich mir die -Freiheit, es Ihnen zu verweisen! Voltaires Haltung war die -eines echten Nachkömmlings jener alten Gallier, die ihre Pfeile -gegen den Himmel schleuderten ... Sehen Sie, Ingenieur, -da haben Sie die Feindschaft des Geistes gegen die Natur, -sein stolzes Mißtrauen gegen sie, sein hochherziges Bestehen -auf dem Rechte zur Kritik an ihr und ihrer bösen, vernunftwidrigen -Macht. Denn sie ist die Macht, und es ist knechtisch, -die Macht hinzunehmen, sich mit ihr abzufinden ... wohlgemerkt, -sich <em>innerlich</em> mit ihr abzufinden. Da haben Sie aber -auch jene Humanität, die sich schlechterdings in keinen Widerspruch -verstrickt, sich keines Rückfalls in christliche Duckmäuserei -schuldig macht, wenn sie im Körper das böse, das widersacherische -Prinzip zu erblicken sich entschließt. Der Widerspruch, -den Sie zu sehen meinen, ist im Grunde immer derselbe. ‚Was -haben Sie gegen die Analyse?‘ Nichts ... wenn sie Sache -der Belehrung, der Befreiung und des Fortschritts ist. Alles ... -wenn ihr der scheußliche <span class="antiqua" lang="fr">haut-goût</span> des Grabes anhaftet. Es -<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a> -ist mit dem Körper nicht anders. Man muß ihn ehren und -verteidigen, wenn es sich um seine Emanzipation und Schönheit -handelt, um die Freiheit der Sinne, um Glück, um Lust. -Man muß ihn verachten, sofern er als Prinzip der Schwere -und der Trägheit sich der Bewegung zum Lichte entgegensetzt, -ihn verabscheuen, sofern er gar das Prinzip der Krankheit und -des Todes vertritt, sofern sein spezifischer Geist der Geist der -Verkehrtheit ist, der Geist der Verwesung, der Wollust und der -Schande ...“ -</p> - -<p> -Settembrini hatte die letzten Worte, dicht vor Hans Castorp -stehend, fast ohne Ton und sehr rasch gesprochen, um fertig -zu werden. Entsatz näherte sich für Hans Castorp: Joachim -betrat, zwei Postkarten in der Hand, das Lesezimmer, die Rede -des Literaten brach ab, und die Gewandtheit, mit der sein Ausdruck -ins gesellschaftlich Leichte hinüberwechselte, verfehlte nicht -ihren Eindruck auf seinen Schüler, – wenn man Hans Castorp -so nennen konnte. -</p> - -<p> -„Da sind Sie, Leutnant! Sie werden Ihren Vetter gesucht -haben, – verzeihen Sie! Wir waren da in ein Gespräch geraten, -– wenn mir recht ist, hatten wir sogar einen kleinen -Zwist. Er ist kein übler Räsonneur, Ihr Vetter, ein durchaus -nicht ungefährlicher Gegner im Wortstreit, wenn es ihm darauf -ankommt.“ -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-6-6"> -Humaniora -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Hans Castorp und Joachim Ziemßen saßen in weißen Hosen -und blauen Jacken nach dem Diner im Garten. Es war noch -einer dieser gepriesenen Oktobertage, ein Tag, heiß und leicht, -festlich und herb zugleich, mit südlich dunkler Himmelsbläue -über dem Tal, dessen von Wegen durchzogene und besiedelte -<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a> -Triften im Grunde noch heiter grünten, und von dessen rauh -bewaldeten Lehnen Kuhgeläut kam, – dieser blechern-friedliche, -einfältig-musikalische Laut, der klar und ungestört durch die -stillen, dünnen, leeren Lüfte schwebte, die Feierstimmung vertiefend, -die über hohen Gegenden waltet. -</p> - -<p> -Die Vettern saßen auf einer Bank am Ende des Gartens -vor einem Rondell junger Tannen. – Der Platz lag am nordwestlichen -Rande der eingezäunten, um fünfzig Meter über das -Tal erhöhten Plattform, die das Postament des Berghofgeländes -bildete. Sie schwiegen. Hans Castorp rauchte. Er -haderte innerlich mit Joachim, weil dieser nach Tische nicht -an der Geselligkeit auf der Veranda hatte teilnehmen wollen, -sondern ihn gegen Wunsch und Willen in die Stille des Gartens -genötigt hatte, bevor sie den Liegedienst aufnehmen würden. -Das war tyrannisch von Joachim. Genau genommen, -waren sie nicht die siamesischen Zwillinge. Sie konnten sich -trennen, wenn ihre Neigungen auseinandergingen. Hans Castorp -war ja nicht hier, um Joachim Gesellschaft zu leisten, -sondern er war selbst Patient. Er schmollte in diesem Sinne, -und er konnte es aushalten, zu schmollen, da er Maria Mancini -hatte. Die Hände in den Seitentaschen seiner Jacke, die -braunbeschuhten Füße von sich gestreckt, hielt er die lange, -mattgraue Zigarre, die sich noch im ersten Stadium der Konsumtion -befand, das heißt: von deren stumpfer Spitze er die -Asche noch nicht abgestreift hatte, in der Mitte der Lippen, so -daß sie etwas abwärts hing, und genoß nach der starken Mahlzeit -ihr Aroma, dessen er nun völlig wieder habhaft geworden -war. Mochte sonst seine Eingewöhnung hier oben nur in der -Gewöhnung daran bestehen, daß er sich nicht gewöhnte, – -was den Chemismus seines Magens, die Nerven seiner -<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a> -trockenen und zu Blutungen neigenden Schleimhäute betraf, -so hatte offenbar die Anpassung sich endlich doch vollzogen: -unmerklich und ohne daß er den Fortschritt hatte verfolgen -können, hatte sich im Wandel der Tage, dieser fünfundsechzig -oder siebzig Tage, sein ganzes organisches Behagen an dem -wohlfabrizierten pflanzlichen Reiz- oder Betäubungsmittel -wieder hergestellt. Er freute sich des wiedergekehrten Vermögens. -Die moralische Genugtuung verstärkte den physischen -Genuß. Während seiner Bettlägrigkeit hatte er an dem mitgebrachten -Vorrat von zweihundert Stück gespart; Restbestände -davon waren noch vorhanden. Aber zugleich mit der -Wäsche, den Winterkleidern hatte er sich von Schalleen auch -weitere fünfhundert Stück der Bremer Ware kommen lassen, -um eingedeckt zu sein. Es waren schöne lackierte Kistchen mit -einem Globus, vielen Medaillen und einem von Fahnen umflatterten -Ausstellungsgebäude in Gold geschmückt. -</p> - -<p> -Wie sie saßen, siehe, so kam Hofrat Behrens durch den -Garten. Er hatte heute am Mittagessen im Saale teilgenommen; -am Tische der Frau Salomon hatte man ihn die riesigen -Hände vor seinem Teller falten sehen. Dann hatte er sich wohl -auf der Terrasse verweilt, persönliche Töne angeschlagen, -wahrscheinlich das Stiefelbandkunststück ausgeführt, für jemanden, -der es noch nicht gesehen. Nun kam er auf dem -Kieswege schlendernd heran, ohne Ärztekittel, in kleinkariertem -Schwalbenschwanz, den steifen Hut im Nacken, eine Zigarre -auch seinerseits im Munde, die sehr schwarz war, und aus -der er große, weißliche Rauchwolken sog. Sein Kopf, sein Gesicht -mit den bläulich erhitzten Backen, der Stumpfnase, den -feuchten, blauen Augen und dem geschürzten Bärtchen waren -klein im Verhältnis zu der langen, leicht gebückten und geknickten -<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a> -Gestalt und zu dem Umfange seiner Hände und Füße. Er -war nervös, sichtlich schrak er zusammen, als er die Vettern bemerkte, -und blieb sogar etwas verlegen, da er gerade auf sie -zugehen mußte. Er begrüßte sie in der gewohnten Weise, aufgeräumt -und redensartlich, mit „Sieh da, sieh da, Timotheus!“ -und Segenswünschen für ihren Stoffwechsel, indem er sie nötigte, -sitzenzubleiben, da sie sich zu seinen Ehren erheben wollten. -</p> - -<p> -„Geschenkt, geschenkt. Keine Umstände weiter mit mir -schlichtem Manne. Kommt mir gar nicht zu, sintemalen Sie -Patienten sind, einer wie der andere. Sie haben so was nicht -nötig. Nichts zu sagen gegen die Situation, wie sie ist.“ -</p> - -<p> -Und er blieb vor ihnen stehen, die Zigarre zwischen Zeige- -und Mittelfinger seiner riesigen Rechten. -</p> - -<p> -„Wie schmeckt der Krautwickel, Castorp? Lassen Sie mal -sehen, ich bin Kenner und Liebhaber. Die Asche ist gut: was -ist denn das für eine bräunliche Schöne?“ -</p> - -<p> -„Maria Mancini, <span class="antiqua" lang="es">Postre de Banquett</span> aus Bremen, Herr -Hofrat. Kostet wenig oder nichts, neunzehn Pfennig in reinen -Farben, hat aber ein Bukett, wie es sonst in dieser Preislage -nicht vorkommt. Sumatra-Havanna, Sandblattdecker, wie -Sie sehen. Ich habe mich sehr an sie gewöhnt. Es ist eine -mittelvolle Mischung und sehr würzig, aber leicht auf der -Zunge. Sie hat es gern, wenn man ihr lange die Asche läßt, -ich streife nur höchstens zweimal ab. Natürlich hat sie ihre -kleinen Launen, aber die Kontrolle bei der Herstellung muß -besonders genau sein, denn Maria ist sehr zuverlässig in ihren -Eigenschaften und luftet vollkommen gleichmäßig. Darf ich -Ihnen eine anbieten?“ -</p> - -<p> -„Danke, wir können ja mal tauschen.“ Und sie zogen -ihre Etuis. -</p> - -<p> -<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a> -„Die hat Rasse“, sagte der Hofrat, indem er seine Marke -hinreichte. „Temperament, wissen Sie, Saft und Kraft. -St. Felix-Brasil, ich habe es immer mit diesem Charakter gehalten. -Ein rechter Sorgenbrecher, brennt ein wie Schnaps, -und namentlich gegen das Ende hat sie was Fulminantes. -Einige Zurückhaltung im Verkehr wird empfohlen, man kann -nicht eine an der anderen anzünden, das geht über Manneskraft. -Aber lieber mal einen ordentlichen Happen, als den -ganzen Tag Wasserdampf ...“ -</p> - -<p> -Sie drehten die gewechselten Geschenke zwischen den Fingern, -prüften mit sachlicher Kennerschaft diese schlanken Körper, -die mit den schräg gleichlaufenden Rippen ihrer erhöhten, hie -und da etwas gelüfteten Wickelränder, ihrem aufliegenden -Geäder, das zu pulsen schien, den kleinen Unebenheiten ihrer -Haut, dem Spiel des Lichtes auf ihren Flächen und Kanten etwas -organisch Lebendiges hatten. Hans Castorp sprach es aus: -</p> - -<p> -„So eine Zigarre hat Leben. Sie atmet regelrecht. Zu -Hause ließ ich es mir mal einfallen, Maria in einer luftdichten -Blechkiste aufzubewahren, um sie vor Feuchtigkeit zu schützen. -Wollen Sie glauben, daß sie starb? Sie kam um und war -tot binnen Wochenfrist, – lauter ledrige Leichen.“ -</p> - -<p> -Und sie tauschten ihre Erfahrungen aus über die beste Art, -Zigarren aufzubewahren, namentlich Importen. Der Hofrat -liebte Importen, er hätte am liebsten immer nur schwere Havannas -geraucht. Nur leider vertrug er sie nicht, und zwei -kleine Henry Clays, die er einmal in einer Gesellschaft ans -Herz genommen, hätten ihn, wie er erzählte, um ein Haar -unter den Rasen gebracht. „Ich rauche sie zum Kaffee,“ sagte -er, „eine nach der anderen, und denke mir wenig dabei. Aber -wie ich fertig bin, da steigt mir die Frage auf, wie mir eigentlich -<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a> -zu Sinne wird. Ganz anders jedenfalls, total fremdartig, -wie noch nie im Leben. Nach Hause zu kommen, war keine -Kleinigkeit, und wie ich da bin, da denke ich erst recht, mich -laust der Affe. Eisbeine, wissen Sie, kalter Schweiß, wo Sie -wollen, linnenweiß das Gesicht, das Herz in allen Zuständen, -ein Puls, – mal fadenförmig und kaum zu fühlen, mal holterdipolter, -über Stock und Stein, verstehen Sie, und das Gehirn -in einer Aufregung ... Ich war überzeugt, daß ich abtanzen -sollte. Ich sage: abtanzen, weil das das Wort ist, das -mir damals einfiel, und das ich brauchte zur Kennzeichnung -meines Befindens. Denn eigentlich war es höchst fidel und -eine rechte Festivität, obgleich ich kolossale Angst hatte oder, -richtiger gesagt, ganz und gar aus Angst bestand. Aber Angst -und Festivität schließen sich ja nicht aus, das weiß jeder. Der -Bengel, der zum erstenmal ein Mädchen haben soll, hat auch -Angst, und sie auch, und dabei schmelzen sie nur so vor Vergnüglichkeit. -Na, ich wäre ebenfalls beinahe geschmolzen, -mit wogendem Busen wollte ich abtanzen. Aber die Mylendonk -brachte mich mit ihren Anwendungen aus der Stimmung. -Eiskompressen, Bürstenfrottage, einer Kampferinjektion, und -so blieb ich der Menschheit erhalten.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp, sitzend in seiner Eigenschaft als Patient, -blickte mit einer Miene, die von Gedankentätigkeit zeugte, zu -Behrens auf, dessen blaue, quellende Augen sich beim Erzählen -mit Tränen gefüllt hatten. -</p> - -<p> -„Sie malen doch manchmal, Herr Hofrat“, sagte er plötzlich. -</p> - -<p> -Der Hofrat tat, als pralle er zurück. -</p> - -<p> -„Nanu? Jüngling, wie kommen Sie mir vor?“ -</p> - -<p> -„Verzeihung. Ich habe es gelegentlich erwähnen hören. -Es fiel mir eben ein.“ -</p> - -<p> -<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a> -„Na, dann will ich mich mal nicht aufs Leugnen verlegen. -Wir sind allzumal schwächliche Menschen. Ja, so was ist vorgekommen. -<span class="antiqua" lang="it">Anch’ io sono pittore</span>, wie jener Spanier zu -sagen pflegte.“ -</p> - -<p> -„Landschaften?“ fragte Hans Castorp kurz und gönnerhaft. -Die Umstände verleiteten ihn zu diesem Tone. -</p> - -<p> -„Soviel Sie wollen!“ antwortete der Hofrat mit verlegener -Prahlerei. „Landschaften, Stilleben, Tiere, – was ein Kerl -ist, schreckt überhaupt vor gar nichts zurück.“ -</p> - -<p> -„Aber keine Porträts?“ -</p> - -<p> -„Auch ein Porträt ist wohl mal mit untergelaufen. Wollen -Sie mir Ihres in Auftrag geben?“ -</p> - -<p> -„Ha, ha, nein. Aber es wäre sehr freundlich, wenn Herr -Hofrat uns Ihre Bilder bei Gelegenheit mal zeigen würden.“ -</p> - -<p> -Auch Joachim, nachdem er den Vetter erstaunt betrachtet, -beeilte sich zu versichern, daß das sehr freundlich sein würde. -</p> - -<p> -Behrens war entzückt, geschmeichelt bis zur Begeisterung. -Er wurde sogar rot vor Vergnügen, und seine Augen schienen -ihre Tränen diesmal vergießen zu wollen. -</p> - -<p> -„Aber gern!“ rief er. „Aber mit dem allergrößten Pläsier! -Aber gleich auf der Stelle, wenns Ihnen Spaß macht! -Kommen Sie her, kommen Sie mit, ich braue uns einen türkischen -Kaffee auf meiner Bude!“ Und er nahm die jungen -Leute am Arm, zog sie von der Bank und führte sie, eingehängt -zwischen ihnen, den Kiesweg entlang gegen seine Wohnung, -die, wie sie wußten, in dem nahen nordwestlichen Flügel des -Berghofgebäudes gelegen war. -</p> - -<p> -„Ich habe mich ja selbst,“ erklärte Hans Castorp, „früher -hie und da in dieser Richtung versucht.“ -</p> - -<p> -„Was Sie sagen. Ganz solide in Öl?“ -</p> - -<p> -<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a> -„Nein, nein, über das eine oder andere Aquarell hab ichs -nicht hinausgebracht. Mal ein Schiff, ein Seestück, Kindereien. -Aber ich sehe Bilder sehr gern, und darum war ich so frei ...“ -</p> - -<p> -Namentlich Joachim fand sich einigermaßen beruhigt und -aufgeklärt über seines Vetters befremdende Neugier durch -diese Erläuterung, – und mehr für ihn, als für den Hofrat, -hatte Hans Castorp sich denn auch auf seine eigenen künstlerischen -Versuche berufen. Sie langten an: es gab kein so -prächtiges, von Laternen flankiertes Portal an dieser Seite, -wie drüben an der Auffahrt. Ein paar gerundete Stufen -führten zu der eichenen Haustür empor, die der Hofrat mit -einem Drücker seines reichhaltigen Schlüsselbundes öffnete. -Seine Hand zitterte dabei; entschieden war er nervös. Ein -Vorraum, als Garderobe ausgestattet, nahm sie auf, wo -Behrens seinen steifen Hut an den Nagel hing. Drinnen, auf -dem kurzen, vom allgemeinen Teil des Gebäudes durch eine -Glastür abgetrennten Korridor, an dessen beiden Seiten die -Räumlichkeiten der kleinen Privatwohnung lagen, rief er nach -dem Dienstmädchen und machte seine Bestellung. Dann ließ -er seine Gäste unter jovialen und ermutigenden Redensarten -eintreten, – durch eine der Türen zur Rechten. -</p> - -<p> -Ein paar banal-bürgerlich möblierte Räume, nach vorn, -gegen das Tal blickend, gingen ineinander, ohne Verbindungstüren, -nur durch Portieren getrennt: ein „altdeutsches“ Eßzimmer, -ein Wohn- und Arbeitszimmer mit Schreibtisch, über -dem eine Studentenmütze und gekreuzte Schläger hingen, -wolligen Teppichen, Bibliothek und Sofaarrangement und -noch ein Rauchkabinett, das „türkisch“ eingerichtet war. Überall -hingen Bilder, die Bilder des Hofrats, – höflich und zur -Bewunderung bereit gingen die Augen der Eintretenden sogleich -<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a> -darüberhin. Des Hofrats entschwebte Gattin war mehrmals -zu sehen: in Öl und auch als Photographie auf dem -Schreibtisch. Es war eine dünn und fließend gekleidete, etwas -rätselhafte Blondine, welche, die Hände an der linken Schulter -gefaltet – und zwar nicht fest gefaltet, sondern nur so, daß -die oberen Fingerglieder schwach ineinander lagen –, ihre -Augen entweder gen Himmel gerichtet oder tief niedergeschlagen -und unter den langen, schräg von den Lidern abstehenden -Wimpern versteckt hielt: nur geradeaus und dem Beschauer -entgegen blickte die Selige niemals. Sonst gab es hauptsächlich -gebirgige Landschaftsmotive, Berge im Schnee und im -Tannengrün, Berge, von Höhenqualm umwogt, und Berge, -deren trockene und scharfe Umrisse unter dem Einflusse Segantinis -in einen tiefblauen Himmel schnitten. Ferner waren da -Sennhütten, wammige Kühe auf besonnter Weide stehend und -lagernd, ein gerupftes Huhn, das seinen verdrehten Hals zwischen -Gemüsen von einer Tischplatte hängen ließ, Blumenstücke, -Gebirglertypen und anderes mehr, – gemalt dies alles -mit einem gewissen flotten Dilettantismus, in keck aufgeklecksten -Farben, die öfters aussahen, als seien sie unmittelbar aus der -Tube auf die Leinwand gedrückt, und die lange gebraucht -haben mußten, bis sie getrocknet waren – bei groben Fehlern -war es zuweilen wirksam. -</p> - -<p> -Anschauend wie in einer Ausstellung gingen sie die Wände -entlang, begleitet vom Hausherrn, der dann und wann ein -Motiv bei Namen nannte, meistens aber schweigend, in der -stolzen Beklommenheit des Künstlers, es genoß, seine Augen -zusammen mit denen Fremder auf seinen Werken ruhen zu -lassen. Das Porträt Clawdia Chauchats hing im Wohnzimmer -an der Fensterwand, – Hans Castorp hatte es schon -<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a> -beim Eintreten mit raschem Blicke erspäht, obgleich es nur eine -entfernte Ähnlichkeit aufwies. Absichtlich mied er die Stelle, -hielt seine Begleiter im Eßzimmer fest, wo er einen grünen -Blick ins Sergital mit bläulichen Gletschern im Hintergrunde -zu bewundern vorgab, steuerte dann aus eigener Machtvollkommenheit -zuerst ins türkische Kabinett hinüber, das er, Lob -auf den Lippen, ebenfalls gründlich durchmusterte, und besichtigte -dann die Eingangswand des Wohnzimmers, auch -Joachim manchmal zur Beifallsäußerung auffordernd. Endlich -wandte er sich um und fragte mit Maßen stutzend: -</p> - -<p> -„Da ist doch ein bekanntes Gesicht?“ -</p> - -<p> -„Erkennen Sie sie?“ wollte Behrens hören. -</p> - -<p> -„Doch, da ist wohl eine Täuschung nicht möglich. Das ist -die Dame vom Guten Russentisch, mit dem französischen -Namen ...“ -</p> - -<p> -„Stimmt, die Chauchat. Freut mich, daß Sie sie ähnlich -finden.“ -</p> - -<p> -„Sprechend!“ log Hans Castorp, weniger aus Falschheit, -als in dem Bewußtsein, daß er, wenn alles mit rechten Dingen -zugegangen wäre, das Modell gar nicht hätte erkennen dürfen, -– so wenig, wie Joachim es aus eigenen Kräften jemals -erkannt hätte, der gute, überlistete Joachim, dem nun freilich -ein Licht aufging, das wahre Licht nach dem falschen, das -Hans Castorp ihm vorher angezündet. „Ja so“, sagte er leise -und schickte sich darein, das Bild betrachten zu helfen. Sein -Vetter hatte sich für ihr Fernbleiben von der Verandageselligkeit -schadlos zu halten gewußt. -</p> - -<p> -Es war ein Bruststück in Halbprofil, etwas unter Lebensgröße, -dekolletiert, mit einer Schleierdraperie um Schultern -und Busen, in einen breiten, schwarzen, nach innen abfallenden -<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a> -und am Rande der Leinwand mit einer Goldleiste verzierten -Rahmen gefaßt. Frau Chauchat erschien da zehn Jahre -älter, als sie war, wie das bei Dilettantenporträts, die charakteristisch -sein wollen, zu gehen pflegt. Im ganzen Gesicht war -zuviel Rot, die Nase war arg verzeichnet, die Haarfarbe nicht -getroffen, zu strohig, der Mund verzerrt, der besondere Reiz -der Physiognomie nicht gesehen oder nicht herausgebracht, -durch Vergröberung seiner Ursachen verfehlt, das Ganze ein -ziemlich pfuscherhaftes Produkt, als Bildnis seinem Gegenstande -nur weitläufig verwandt. Aber Hans Castorp nahm -es mit der Ähnlichkeit nicht weiter genau, die Beziehungen -dieser Leinwand zu Frau Chauchats Person waren ihm eng -genug, das Bild <em>sollte</em> Frau Chauchat darstellen, sie selbst -hatte in diesen Räumen dazu Modell gesessen, das genügte -ihm, bewegt wiederholte er: -</p> - -<p> -„Wie sie leibt und lebt!“ -</p> - -<p> -„Sagen Sie das nicht“, wehrte der Hofrat ab. „Es war -ein klotziges Stück Arbeit, ich bilde mir nicht ein, so recht damit -fertig geworden zu sein, obgleich wir wohl zwanzig Sitzungen -gehabt haben, – wie wollen Sie denn fertig werden mit einer -so vertrackten Visage. Man denkt, sie muß leicht zu erwischen -sein, mit ihren hyperboreischen Jochbeinen und den Augen, -wie aufgesprungene Schnitte in Hefegebäck. Ja, hat sich -was. Macht man die Einzelheit richtig, verpatzt man das -Ganze. Das reine Vexierrätsel. Kennen Sie sie? Möglicherweise -sollte man sie nicht abmalen, sondern nach dem Gedächtnis -arbeiten. Kennen Sie sie denn?“ -</p> - -<p> -„Ja, nein, oberflächlich, wie man hier die Leute so kennt ...“ -</p> - -<p> -„Na, ich kenne sie ja mehr inwendig, subkutan, verstehen -Sie, über arteriellen Blutdruck, Gewebsspannung und Lymphbewegung, -<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a> -da weiß ich bei ihr so ziemlich Bescheid – aus -bestimmten Gründen. Das Oberflächliche bietet größere -Schwierigkeiten. Haben Sie sie schon manchmal gehen sehen? -Wie sie geht, so ist ihr Gesicht. Eine Schleicherin. Nehmen -Sie zum Exempel die Augen, – ich rede nicht von der Farbe, -die auch ihre Tücken hat; ich meine den Sitz, den Schnitt. -Die Lidspalte, sagen Sie, ist geschlitzt, schief. Das scheint -Ihnen aber nur so. Was Sie täuscht, ist der Epikanthus, das -heißt eine Varietät, die bei gewissen Rassen vorkommt und -darin besteht, daß ein Hautüberschuß, der von dem flachen -Nasensattel dieser Leute herrührt, von der Deckfalte des Lides -über den inneren Augenwinkel hinabreicht. Ziehen Sie die Haut -über der Nasenwurzel straff an, und Sie haben ein Auge ganz -wie von unsereinem. Eine pikante Mystifikation also, übrigens -nicht weiter ehrenvoll; denn bei Lichte besehen, läuft der Epikanthus -auf eine atavistische Hemmungsbildung hinaus.“ -</p> - -<p> -„So verhält sich das also“, sagte Hans Castorp. „Ich -wußte es nicht, aber es interessiert mich schon längst, was es -mit solchen Augen auf sich hat.“ -</p> - -<p> -„Vexation, Täuschung“, bekräftigte der Hofrat. „Zeichnen -Sie sie einfach schief und geschlitzt, so sind Sie verloren. Sie -müssen die Schiefheit und Geschlitztheit zuwege bringen, wie -die Natur sie zuwege bringt, Illusion in der Illusion treiben, -sozusagen, und dazu ist natürlich nötig, daß Sie über den -Epikanthus Bescheid wissen. Wissen kann überhaupt nicht -schaden. Sehen Sie sich die Haut an, die Körperhaut hier. -Ist das anschaulich, oder ist es nicht so besonders anschaulich -Ihrer Meinung nach?“ -</p> - -<p> -„Enorm,“ sagte Hans Castorp, „enorm anschaulich ist sie -gemalt, die Haut. Ich glaube, ähnlich gut gemalte ist mir -<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a> -nie vorgekommen. Man meint die Poren zu sehen.“ Und er -fuhr leicht mit dem Handrande über das Dekolleté des Bildes, -das sehr weiß gegen die übertriebene Rötung des Gesichtes -abstach, wie ein Körperteil, der gewöhnlich dem Lichte nicht -ausgesetzt ist, und so, absichtlich oder nicht, die Vorstellung -des Entblößtseins aufdringlich hervorrief, – ein jedenfalls -ziemlich plumper Effekt. -</p> - -<p> -Trotzdem war Hans Castorps Lob berechtigt. Die matt -schimmernde Weiße dieser zarten, aber nicht mageren Büste, -die sich in der bläulichen Schleierdraperie verlor, hatte viel -Natur; sichtlich war sie mit Gefühl gemalt, aber unbeschadet -einer gewissen Süßigkeit, die davon ausging, hatte der Künstler -ihr eine Art von wissenschaftlicher Realität und lebendiger -Genauigkeit zu verleihen gewußt. Er hatte sich des körnigen -Charakters der Leinwand bedient, um ihn, namentlich in -der Gegend der zart hervortretenden Schlüsselbeine, durch -die Ölfarbe hindurch als natürliche Unebenheit der Hautoberfläche -wirken zu lassen. Ein Leberfleckchen links, wo die -Brust sich zu teilen begann, war nicht außer acht gelassen, -und zwischen den Erhebungen glaubte man schwach-bläuliches -Geäder durchscheinen zu sehen. Es war, als ginge unter dem -Blick des Betrachters ein kaum merklicher Schauer von Sensitivität -über diese Nacktheit, – gewagt zu sagen: man mochte -sich einbilden, die Perspiration, den unsichtbaren Lebensdunst -dieses Fleisches wahrzunehmen, so, als würde man, wenn man -etwa die Lippen darauf drückte, nicht den Geruch von Farbe -und Firnis, sondern den des menschlichen Körpers verspüren. -Wir geben mit alldem die Eindrücke Hans Castorps wieder: -aber wenn er besonders bereit war, solche Eindrücke zu empfangen, -so ist doch sachlich festzustellen, daß Frau Chauchats -<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a> -Dekolleté das bei weitem bemerkenswerteste Stück Malerei -in diesen Zimmern war. -</p> - -<p> -Hofrat Behrens schaukelte sich, die Hände in den Hosentaschen, -auf Absätzen und Fußballen, während er seine Arbeit -zugleich mit den Besuchern betrachtete. -</p> - -<p> -„Freut mich, Herr Kollege,“ sagte er, „freut mich, daß es -Ihnen einleuchtet. Es ist eben gut und kann gar nicht schaden, -wenn man auch unter der Epidermis ein bißchen Bescheid -weiß und mitmalen kann, was nicht zu sehen ist, – mit anderen -Worten: wenn man zur Natur noch in einem andern Verhältnis -steht als bloß dem lyrischen, wollen wir mal sagen; -wenn man zum Beispiel im Nebenamt Arzt ist, Physiolog, -Anatom und von den Dessous auch noch so seine stillen -Kenntnisse hat, – das kann von Vorteil sein, sagen Sie, was -Sie wollen, es gibt entschieden ein Prä. Die Körperpelle da -hat Wissenschaft, die können Sie mit dem Mikroskop auf -ihre organische Richtigkeit untersuchen. Da sehen Sie nicht -bloß die Schleim- und Hornschichten der Oberhaut, sondern -darunter ist das Lederhautgewebe gedacht mit seinen Salbendrüsen -und Schweißdrüsen und Blutgefäßen und Wärzchen, – -und darunter wieder die Fetthaut, die Polsterung, wissen Sie, -die Unterlage, die mit ihren vielen Fettzellen die holdseligen -weiblichen Formen zustande bringt. Was aber mitgewußt -und mitgedacht ist, das spricht auch mit. Es fließt Ihnen in -die Hand und tut seine Wirkung, ist nicht da und irgendwie -doch da, und das gibt Anschaulichkeit.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp war Feuer und Flamme für dies Gespräch, -seine Stirn war gerötet, seine Augen eiferten, er wußte nicht, -was er zuerst erwidern sollte, denn er hatte vieles zu sagen. -Erstens beabsichtigte er, das Bild von der beschatteten Fensterwand -<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a> -fort an einen günstigeren Platz zu schaffen, zweitens -wollte er unbedingt an des Hofrats Äußerungen über die Natur -der Haut anknüpfen, die ihn dringlich interessierten, drittens -aber einen eigenen allgemeinen und philosophischen Gedanken -auszudrücken versuchen, der ihm ebenfalls höchlichst am Herzen -lag. Während er schon die Hände an das Porträt legte, -um es abzuhängen, fing er hastig an: -</p> - -<p> -„Jawohl, jawohl! Sehr gut, das ist wichtig. Ich möchte -sagen ... Das heißt, Herr Hofrat sagten: ‚Noch in einem -anderen Verhältnis.‘ Es wäre gut, wenn außer dem lyrischen -– so, glaube ich, sagten Sie –, dem künstlerischen Verhältnis -noch ein anderes vorhanden wäre, wenn man die Dinge, kurz -gesagt, noch unter einem anderen Gesichtswinkel auffaßte, zum -Beispiel dem medizinischen. Das ist kolossal zutreffend – entschuldigen -Herr Hofrat –, ich meine, es ist darum so hervorragend -richtig, weil es sich da eigentlich gar nicht um grundverschiedene -Verhältnisse und Gesichtswinkel handelt, sondern -genau genommen immer um ein und denselben – bloß um -Spielarten davon, ich meine: Schattierungen, ich meine also: -Variationen von ein und demselben allgemeinen Interesse, von -dem auch die künstlerische Beschäftigung bloß ein Teil und ein -Ausdruck ist, wenn ich so sagen darf. Ja, entschuldigen Sie, -ich hänge das Bild ab, es hat ja hier absolut kein Licht, Sie -werden sehen, ich trage es mal eben zum Sofa hinüber, ob es -denn da nicht doch ganz anders ... Ich wollte sagen: Womit -beschäftigt sich die medizinische Wissenschaft? Ich verstehe -ja natürlich nichts davon, aber sie beschäftigt sich doch mit dem -Menschen. Und die Juristerei, die Gesetzgebung und Rechtsprechung? -Auch mit dem Menschen. Und die Sprachforschung, -mit der ja meistenteils die Ausübung des pädagogischen -<a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a> -Berufs verbunden ist? Und die Theologie, die Seelsorge, -das geistliche Hirtenamt? Alle mit dem Menschen, es sind -alles bloß Abschattierungen von ein und demselben wichtigen -und ... hauptsächlichen Interesse, nämlich dem Interesse -am Menschen, es sind die humanistischen Berufe, mit -einem Wort, und wenn man sie studieren will, so lernt man -als Grundlage vor allem einmal die alten Sprachen, nicht -wahr, der formalen Bildung halber, wie man sagt. Sie wundern -sich vielleicht, daß ich so davon rede, ich bin ja bloß Realist, -Techniker. Aber ich habe noch neulich im Liegen darüber -nachgedacht: es ist doch ausgezeichnet, eine ausgezeichnete Einrichtung -in der Welt, daß man jeder Art von humanistischem -Beruf das Formale, die Idee der Form, der schönen Form, -wissen Sie, zugrunde legt, – das bringt so etwas Nobles und -Überflüssiges in die Sache und außerdem so etwas von Gefühl -und ... Höflichkeit, – das Interesse wird dadurch beinahe -schon zu etwas wie einem galanten Anliegen ... Das heißt, -ich drücke mich höchstwahrscheinlich unpassend aus, aber man -sieht da, wie das Geistige und das Schöne sich vermischen und -eigentlich immer schon eines waren, mit anderen Worten: die -Wissenschaft und die Kunst, und daß also die künstlerische Beschäftigung -unbedingt auch dazu gehört, als fünfte Fakultät -gewissermaßen, daß sie auch gar nichts anderes ist, als ein -humanistischer Beruf, eine Abschattierung des humanistischen -Interesses, insofern ihr wichtigstes Thema oder Anliegen doch -auch wieder der Mensch ist, das werden Sie mir zugeben. Ich -habe ja bloß Schiffe und Wasser gemalt, wenn ich mich in -meiner Jugend mal in dieser Richtung versuchte, aber das -Anziehendste in der Malerei ist und bleibt in meinen Augen -doch das Porträt, weil es unmittelbar den Menschen zum -<a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a> -Gegenstand hat, darum fragte ich gleich, ob Herr Hofrat sich -auch auf diesem Gebiet betätigten ... Würde es hier nun -nicht doch ganz erheblich günstiger hängen?“ -</p> - -<p> -Beide, Behrens sowohl wie Joachim, sahen ihn an, ob er -sich dessen nicht schäme, was er da aus dem Stegreif zusammengeredet. -Aber Hans Castorp war viel zu sehr bei der Sache, -um verlegen zu werden. Er hielt das Bild an die Sofawand -und verlangte Antwort, ob es da nicht bedeutend besser belichtet -sei. Gleichzeitig brachte das Dienstmädchen auf einem -Brett heißes Wasser, einen Spirituskocher und Kaffeetäßchen. -Der Hofrat wies sie ins Kabinett und sagte: -</p> - -<p> -„Dann müßten Sie sich aber eigentlich nicht so sehr für -Malerei interessieren, als in erster Linie für Skulptur ... Doch, -da hat es natürlich mehr Licht. Wenn Sie meinen, daß es soviel -davon verträgt ... Für Plastik, meine ich, weil die es doch -am reinsten und ausschließlichsten mit dem Menschen im allgemeinen -zu tun hat. Daß uns aber das Wasser nicht wegkocht.“ -</p> - -<p> -„Sehr wahr, die Plastik“, sagte Hans Castorp, während -sie hinübergingen, und vergaß, das Bild wieder aufzuhängen -oder abzustellen: er nahm es mit, trug es bei Fuß ins anstoßende -Zimmer. „Sicher, so eine griechische Venus oder so -ein Athlet, da zeigt sich das Humanistische zweifellos am deutlichsten, -es ist wohl im Grunde das Wahre, die eigentlich humanistische -Art von Kunst, wenn man es sich überlegt.“ -</p> - -<p> -„Na, was die kleine Chauchat betrifft,“ bemerkte der Hofrat, -„so ist das wohl jedenfalls mehr ein Gegenstand für die -Malerei, ich glaube, Phidias oder der andere mit der mosaischen -Namensendung, die hätten die Nase gerümpft über ihre -Art von Physiognomie ... Was machen Sie denn, was schleppen -Sie sich denn mit dem Schinken?“ -</p> - -<p> -<a id="page-440" class="pagenum" title="440"></a> -„Danke, ich stelle es erst mal hier an mein Stuhlbein, da -steht es ja für den Augenblick ganz gut. Die griechischen Plastiker -kümmerten sich aber nicht viel um den Kopf, es kam -ihnen auf den Körper an, das war vielleicht gerade das Humanistische -... Und die weibliche Plastik, das ist also Fett?“ -</p> - -<p> -„Das ist Fett!“ sagte endgültig der Hofrat, der einen Wandschrank -aufgeschlossen und ihm das Zubehör zur Kaffeebereitung -entnommen hatte, eine röhrenförmige türkische Mühle, -den langgestielten Kochbecher, das Doppelgefäß für Zucker -und gemahlenen Kaffee, alles aus Messing. „Palmitin, -Stearin, Oleïn“, sagte er und schüttete Kaffeebohnen aus einer -Blechbüchse in die Mühle, deren Kurbel er zu drehen begann. -„Die Herren sehen, ich mache alles selbst, von Anfang an, es -schmeckt noch mal so gut. – Was dachten Sie denn? Daß es -Ambrosia wäre?“ -</p> - -<p> -„Nein, ich wußte es schon selber. Es ist nur merkwürdig, -es so zu hören“, sagte Hans Castorp. -</p> - -<p> -Sie saßen im Winkel zwischen Tür und Fenster, an einem -Bambustaburett mit orientalisch ornamentierter Messingplatte, -auf der das Kaffeegerät zwischen Rauchutensilien Platz -gefunden hatte: Joachim neben Behrens auf der reichlich mit -seidenen Kissen ausgestatteten Ottomane, Hans Castorp in -einem Klubsessel auf Rollen, gegen den er Frau Chauchats -Porträt gelehnt hatte. Ein bunter Teppich lag unter ihnen. -Der Hofrat löffelte Kaffee und Zucker in den gestielten Becher, -goß Wasser nach und ließ das Getränk über der Spiritusflamme -aufkochen. Es schäumte braun in den Zwiebeltäßchen -und erwies sich beim Nippen als ebenso stark wie süß. -</p> - -<p> -„Ihre übrigens auch“, sagte Behrens. „Ihre Plastik, soweit -davon die Rede sein kann, ist natürlich auch Fett, wenn -<a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a> -auch nicht in dem Grade wie bei den Weibern. Bei unsereinem -macht das Fett gewöhnlich bloß den zwanzigsten Teil -vom Körpergewicht aus, bei den Weibern den sechzehnten. -Ohne das Unterhautzellgewebe, da wären wir alle bloß Morcheln. -Mit den Jahren schwindet es ja, und dann gibt es -den bekannten unästhetischen Faltenwurf. Am dicksten und -fettesten ist es an der weiblichen Brust und am Bauch, -an den Oberschenkeln, kurz, überall, wo ein bißchen was los -ist für Herz und Hand. Auch an den Fußsohlen ist es fett -und kitzlich.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp drehte die röhrenförmige Kaffeemühle zwischen -den Händen. Sie war, wie die ganze Garnitur, wohl -eher indischer oder persischer, als türkischer Herkunft: der Stil -der in das Messing gearbeiteten Gravierungen, deren Flächen -blank aus dem matt gehaltenen Grunde traten, deutete darauf -hin. Hans Castorp betrachtete die Ornamentik, ohne gleich -klug daraus werden zu können. Als er klug daraus geworden -war, errötete er unversehens. -</p> - -<p> -„Ja, das ist so ein Gerät für alleinstehende Herren“, sagte -Behrens. „Darum halte ich es unter Verschluß, wissen Sie. -Meine Küchenfee könnte sich die Augen daran verderben. Sie -werden ja wohl weiter keinen Schaden davontragen. Ich habe -es mal von einer Patientin geschenkt bekommen, einer ägyptischen -Prinzessin, die uns ein Jährchen die Ehre schenkte. Sie -sehen, das Muster wiederholt sich an jedem Stück. Ulkig, was?“ -</p> - -<p> -„Ja, das ist merkwürdig“, erwiderte Hans Castorp. „Ha -nein, mir macht es natürlich nichts. Man kann es ja sogar -ernst und feierlich nehmen, wenn man will, – obgleich es dann -am Ende auf einer Kaffeegarnitur nicht ganz am Platz ist. -Die Alten sollen ja so etwas gelegentlich auf ihren Särgen -<a id="page-442" class="pagenum" title="442"></a> -angebracht haben. Das Obszöne und das Heilige war ihnen -gewissermaßen ein und dasselbe.“ -</p> - -<p> -„Na, was die Prinzessin betrifft,“ sagte Behrens, „die war -nun, glaub ich, mehr für das erstere. Sehr schöne Zigaretten -habe ich übrigens auch noch von ihr, das ist was Extrafeines, -wird nur bei erstklassigen Gelegenheiten aufgefahren.“ Und -er holte die grellbunte Schachtel aus dem Wandschrank, um -sie anzubieten. Joachim enthielt sich, indem er die Absätze zusammenzog. -Hans Castorp griff zu und rauchte die ungewöhnlich -große und breite, mit einer Sphinx in Golddruck -geschmückte Zigarette an, die in der Tat wundervoll war. -</p> - -<p> -„Erzählen Sie uns doch noch etwas von der Haut,“ bat -er, „wenn Sie so freundlich sein wollen, Herr Hofrat!“ Er -hatte Frau Chauchats Porträt wieder an sich genommen, hatte -es auf sein Knie gestellt und betrachtete es, in den Stuhl zurückgelehnt, -die Zigarette zwischen den Lippen. „Nicht gerade von -der Fetthaut, das wissen wir ja nun, was es damit auf sich -hat. Aber von der menschlichen Haut im allgemeinen, die Sie -so gut zu malen verstehn.“ -</p> - -<p> -„Von der Haut? Interessieren Sie sich für Physiologie?“ -</p> - -<p> -„Sehr! Ja, dafür habe ich mich schon immer im höchsten -Grade interessiert. Der menschliche Körper, für den habe ich -immer hervorragend viel Sinn gehabt. Manchmal habe ich -mich schon gefragt, ob ich nicht Arzt hätte werden sollen, – -in gewisser Weise hätte das, glaube ich, nicht schlecht für mich -gepaßt. Denn wer sich für den Körper interessiert, der interessiert -sich ja auch für die Krankheit, – namentlich sogar für -die, – tut er das nicht? Übrigens hat es nicht viel zu sagen, -ich hätte Verschiedenes werden können. Ich hätte zum Beispiel -auch Geistlicher werden können.“ -</p> - -<p> -<a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a> -„Nanu?“ -</p> - -<p> -„Ja, vorübergehend ist es mir schon manchmal so vorgekommen, -als ob ich dabei eigentlich ganz in meinem Element -gewesen wäre.“ -</p> - -<p> -„Warum sind Sie denn Ingenieur geworden?“ -</p> - -<p> -„Aus Zufall. Das waren wohl mehr oder weniger die äußeren -Umstände, die darin den Ausschlag gaben.“ -</p> - -<p> -„Na, von der Haut? Was soll ich Ihnen denn von Ihrem -Sinnesblatt erzählen. Das ist Ihr Außenhirn, verstehen Sie, -– ontogenetisch ganz desselben Ursprungs wie der Apparat -für die sogenannten höheren Sinnesorgane da oben in Ihrem -Schädel: das zentrale Nervensystem, müssen Sie wissen, ist -bloß eine leichte Umbildung der äußeren Hautschicht, und bei -den niederen Tieren, da gibts den Unterschied zwischen zentral -und peripher überhaupt noch nicht, die riechen und schmecken -mit der Haut, müssen Sie sich vorstellen, die haben überhaupt -bloß Hautsinnlichkeit, – muß ganz behaglich sein, wenn man -sich so hineinversetzt. Dagegen bei so hoch differenzierten Lebewesen, -wie Sie und ich, da beschränkt sich der Ehrgeiz der Haut -auf die Kitzlichkeit, da ist sie bloß noch Schutz- und Meldeorgan, -aber höllisch auf dem Posten gegen alles, was dem -Körper zu nahe treten will, – sie streckt ja sogar noch Tastapparate -über sich hinaus, die Haare nämlich, die Körperhärchen, -die bloß aus verhornten Hautzellen bestehen und eine -Annäherung schon spüren lassen, bevor die Haut selbst noch -berührt ist. Unter uns gesagt, es ist sogar möglich, daß -sich der Schutz- und Abwehrberuf der Haut nicht bloß aufs -Körperliche erstreckt ... Wissen Sie, wie Sie rot und blaß -werden?“ -</p> - -<p> -„Ungenau.“ -</p> - -<p> -<a id="page-444" class="pagenum" title="444"></a> -„Ja, ganz genau wissen wir es, offen gestanden, auch nicht, -wenigstens was das Schamrotwerden betrifft. Die Sache ist -nicht ganz aufgehellt, denn erweiternde Muskeln, die durch die -vasomotorischen Nerven in Bewegung gesetzt werden könnten, -haben sich bis dato an den Gefäßen nicht nachweisen -lassen. Wieso dem Hahn eigentlich der Kamm schwillt – oder -was sich sonst für renommistische Beispiele anführen ließen –, -das ist sozusagen mysteriös, besonders da es sich um psychische -Einwirkung handelt. Wir nehmen an, daß Verbindungen zwischen -der Großhirnrinde und dem Gefäßzentrum im Kopfmark -bestehen. Und bei gewissen Reizen also, zum Exempel: Sie -schämen sich mächtig, da spielt diese Verbindung, und die Gefäßnerven -nach dem Gesichte spielen, und dann dehnen und -füllen die dortigen Blutgefäße sich, daß Sie einen Kopf kriegen -wie ein Puter, ganz hochgeschwollen von Blut sind Sie -da und können nicht aus den Augen sehen. Dagegen in anderen -Fällen, Gott weiß, was Ihnen bevorsteht, was ganz -gefährlich Schönes möglicherweise, – da ziehen die Blutgefäße -der Haut sich zusammen, und die Haut wird blaß und kalt und -fällt ein, und dann sehen Sie aus wie ’ne Leiche vor lauter -Emotion, mit bleifarbenen Augenhöhlen und einer weißen, -spitzen Nase. Aber das Herz läßt der Sympathikus ordentlich -trommeln.“ -</p> - -<p> -„So kommt das also“, sagte Hans Castorp. -</p> - -<p> -„So ungefähr. Das sind Reaktionen, wissen Sie. Da aber -alle Reaktionen und Reflexe von Hause aus einen Zweck haben, -so vermuten wir Physiologen beinah, daß auch diese Begleiterscheinungen -psychischer Affekte eigentlich zweckmäßige Schutzmittel -sind, Abwehrreflexe des Körpers, wie die Gänsehaut. -Wissen Sie, wie Sie eine Gänsehaut kriegen?“ -</p> - -<p> -<a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a> -„Auch nicht so recht.“ -</p> - -<p> -„Das ist nämlich eine Veranstaltung der Hauttalgdrüsen, -die die Hautschmiere absondern, so ein eiweißhaltiges, fettiges -Sekret, wissen Sie, nicht gerade appetitlich, aber es hält die -Haut geschmeidig, damit sie vor Dürre nicht reißt und springt -und angenehm anzufassen ist, – es ist ja nicht auszudenken, -wie die menschliche Haut anzufassen wäre ohne die Cholesterinschmiere. -Diese Hautsalbendrüsen haben kleine organische -Muskeln, die die Drüsen aufrichten können, und wenn -sie das tun, dann wird Ihnen wie dem Jungen, dem die Prinzessin -den Eimer mit den Gründlingen über den Leib goß, wie -ein Reibeisen wird Ihre Haut, und wenn der Reiz stark ist, so -richten auch die Haarbälge sich auf, – die Haare sträuben sich -Ihnen auf dem Kopf und die Härchen am Leibe, wie einem -Stachelschwein, das sich wehrt, und Sie können sagen, Sie -haben das Gruseln gelernt.“ -</p> - -<p> -„Oh, ich“, sagte Hans Castorp, „ich habe das schon manchmal -gelernt. Mir gruselt es sogar ziemlich leicht, bei den verschiedensten -Gelegenheiten. Was mich wundert, ist nur, daß -die Drüsen bei so verschiedenen Gelegenheiten sich aufrichten. -Wenn einer mit einem Griffel über Glas fährt, so kriegt man -eine Gänsehaut, und bei besonders schöner Musik kriegt man -auch plötzlich eine, und als ich bei meiner Konfirmation das -Abendmahl nahm, da kriegte ich eine über die andere, das -Graupeln und Prickeln wollte gar nicht mehr aufhören. Es -ist doch sonderbar, wodurch nicht alles die kleinen Muskeln -in Bewegung gesetzt werden.“ -</p> - -<p> -„Ja,“ sagte Behrens, „Reiz ist Reiz. Der Inhalt des -Reizes kümmert den Körper den Teufel was. Ob Gründlinge -oder Abendmahl, die Talgdrüsen richten sich eben auf.“ -</p> - -<p> -<a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a> -„Herr Hofrat,“ sagte Hans Castorp und betrachtete das -Bild auf seinen Knien; „worauf ich noch zurückkommen wollte. -Sie sprachen vorhin von inneren Vorgängen, Lymphbewegung -und dergleichen ... Was ist es damit? Ich würde -gern mehr davon hören, von der Lymphbewegung zum Beispiel, -wenn Sie die Liebenswürdigkeit hätten, es interessiert -mich sehr.“ -</p> - -<p> -„Das will ich glauben“, erwiderte Behrens. „Die Lymphe, -das ist das Allerfeinste, Intimste und Zarteste in dem ganzen -Körperbetrieb, – es schwebt Ihnen wohl vermutungsweise so -vor, wenn Sie fragen. Man spricht immer vom Blut und -seinen Mysterien und nennt es einen besonderen Saft. Aber -die Lymphe, die ist ja erst der Saft des Saftes, die Essenz, -wissen Sie, Blutmilch, eine ganz deliziöse Tropfbarkeit, – -nach Fettnahrung sieht sie übrigens wirklich wie Milch aus.“ -Und aufgeräumt und redensartlich begann er zu schildern, wie -das Blut, diese theatermantelrote, durch Atmung und Verdauung -bereitete, mit Gasen gesättigte, mit Mauserschlacke -beladene Fett-, Eiweiß-, Eisen-, Zucker- und Salzbrühe, die -achtunddreißig Grad heiß von der Herzpumpe durch die Gefäße -gedrückt werde und überall im Körper den Stoffwechsel, -die tierische Wärme, mit einem Worte das liebe Leben in Gang -halte, – wie also das Blut nicht unmittelbar an die Zellen -herankomme, sondern wie der Druck, unter dem es stehe, einen -Extrakt und Milchsaft davon durch die Gefäßwände schwitzen -lasse und ihn in die Gewebe presse, so daß er überall hindringe, -als Gewebsflüssigkeit jedes Spältchen fülle und das -elastische Zellgewebe dehne und spanne. Das sei die Gewebsspannung, -der Turgor, und wieder der Turgor seinerseits -mache, daß die Lymphe, wenn sie die Zellen lieblich bespült -<a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a> -und Stoff mit ihnen getauscht habe, in die Lymphgefäße getrieben -werde, die <span class="antiqua" lang="la">vasa lymphatica</span>, und zurück in das Blut -fließe, es seien täglich anderthalb Liter. Er beschrieb das -Röhren- und Saugadersystem der Lymphgefäße, redete von -dem Brustmilchgang, der die Lymphe der Beine, des Bauches -und der Brust, eines Armes und einer Kopfseite sammle, von -zarten Filterorganen sodann, welche vielerorts in den Lymphgefäßen -ausgebildet seien, Lymphdrüsen genannt und gelegen -am Halse, in der Achselhöhle, den Ellbogengelenken, der Kniekehle -und an ähnlich intimen und zärtlichen Körperstellen. „Da -können nun Schwellungen vorkommen,“ erklärte Behrens, -„und davon gingen wir ja wohl aus, – Verdickungen der -Lymphdrüsen, sagen wir mal: in den Kniekehlen und den -Armgelenken, wassersuchtähnliche Geschwülste da und dort, -und das hat immer einen Grund, wenn auch nicht gerade einen -schönen. Unter Umständen wird einem der Verdacht der -tuberkulösen Lymphgefäßverstopfung näher als nahgelegt.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp schwieg. „Ja,“ sagte er leise nach einer -Pause, „es ist so, ich hätte gut Arzt werden können. Der -Brustmilchgang ... Die Lymphe der Beine ... Das interessiert -mich sehr. – Was ist der Körper!“ rief er auf einmal stürmisch -ausbrechend. „Was ist das Fleisch! Was ist der Leib -des Menschen! Woraus besteht er! Sagen Sie uns das -heute nachmittag, Herr Hofrat! Sagen Sie es uns ein für -allemal und genau, damit wir es wissen!“ -</p> - -<p> -„Aus Wasser“, antwortete Behrens. „Für organische Chemie -interessieren Sie sich also auch? Das ist allergrößtenteils -Wasser, woraus der humanistische Menschenleib besteht, nichts -Besseres und nichts Schlechteres, es ist keine Ursache, heftig -zu werden. Die Trockensubstanz beträgt bloß fünfundzwanzig -<a id="page-448" class="pagenum" title="448"></a> -Prozent, und davon sind zwanzig Prozent gewöhnliches -Hühnereiweiß, Proteinstoffe, wenn Sie es ein bißchen nobler -ausdrücken wollen, denen eigentlich nur noch ein bißchen Fett -und Salz zugesetzt ist, das ist so gut wie alles.“ -</p> - -<p> -„Aber das Hühnereiweiß. Was ist das?“ -</p> - -<p> -„Allerlei Elementares. Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, -Sauerstoff, Schwefel. Manchmal auch Phosphor. Sie entwickeln -ja eine ausschweifende Wißbegier. Manche Eiweiße -sind auch mit Kohlehydraten verbunden, das heißt mit Traubenzucker -und Stärke. Im Alter wird das Fleisch zäh, das -kommt, weil das Kollagen im Bindegewebe zunimmt, der -Leim, wissen Sie, wichtigster Bestandteil der Knochen und -Knorpel. Was soll ich Ihnen denn noch erzählen? Da haben -wir im Muskelplasma ein Eiweiß, das Myosinogen, das im -Tode zu Muskelfibrin gerinnt und die Totenstarre erzeugt.“ -</p> - -<p> -„Ja so, die Totenstarre“, sagte Hans Castorp munter. -„Sehr gut, sehr gut. Und dann kommt die Generalanalyse, -die Anatomie des Grabes.“ -</p> - -<p> -„Na, selbstredend. Das haben Sie übrigens schön gesagt. -Dann wird die Sache weitläufig. Man fließt auseinander, -sozusagen. Bedenken Sie all das Wasser! Und die anderen -Ingredienzien sind ohne Leben ja wenig haltbar, sie werden -durch die Fäulnis in simplere Verbindungen zerlegt, in anorganische.“ -</p> - -<p> -„Fäulnis, Verwesung,“ sagte Hans Castorp, „das ist doch -Verbrennung, Verbindung mit Sauerstoff, soviel ich weiß.“ -</p> - -<p> -„Auffallend richtig. Oxydation.“ -</p> - -<p> -„Und Leben?“ -</p> - -<p> -„Auch. Auch, Jüngling. Auch Oxydation. Leben ist hauptsächlich -auch bloß Sauerstoffbrand des Zelleneiweiß, da kommt -<a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a> -die schöne tierische Wärme her, von der man manchmal zu -viel hat. Tja, Leben ist Sterben, da gibt es nicht viel zu beschönigen, -– <span class="antiqua" lang="fr">une destruction organique</span>, wie irgendein -Franzos es in seiner angeborenen Leichtfertigkeit mal genannt -hat. Es riecht auch danach, das Leben. Wenn es uns anders -vorkommt, so ist unser Urteil bestochen.“ -</p> - -<p> -„Und wenn man sich für das Leben interessiert,“ sagte -Hans Castorp, „so interessiert man sich namentlich für den -Tod. Tut man das nicht?“ -</p> - -<p> -„Na, so eine Art von Unterschied bleibt da ja immerhin. -Leben ist, daß im Wechsel der Materie die Form erhalten -bleibt.“ -</p> - -<p> -„Wozu die Form erhalten“, sagte Hans Castorp. -</p> - -<p> -„Wozu? Hören Sie mal, das ist aber kein bißchen humanistisch, -was Sie da sagen.“ -</p> - -<p> -„Form ist ete-pe-tete.“ -</p> - -<p> -„Sie haben entschieden was Unternehmendes heute. Förmlich -was Durchgängerisches. Aber ich falle nun ab“, sagte -der Hofrat. „Ich werde nun melancholisch“, sagte er und -legte seine riesige Hand über die Augen. „Sehen Sie, das -kommt so über mich. Da habe ich nun Kaffee mit Ihnen -getrunken, und es hat mir geschmeckt, und auf einmal kommt -es über mich, daß ich melancholisch werde. Die Herren müssen -mich nun schon entschuldigen. Es war mir was Besonderes -und hat mir allen möglichen Spaß gemacht ...“ -</p> - -<p> -Die Vettern waren aufgesprungen. Sie machten sich Vorwürfe, -sagten sie, den Herrn Hofrat so lange ... Er gab beruhigende -Gegenversicherungen. Hans Castorp beeilte sich, -Frau Chauchats Porträt ins Nebenzimmer zu tragen und -wieder an seinen Platz zu hängen. Sie betraten den Garten -<a id="page-450" class="pagenum" title="450"></a> -nicht mehr, um in ihr Quartier zu gelangen. Behrens wies -ihnen den Weg durch das Gebäude, indem er sie bis zur Verbindungsglastür -geleitete. Sein Nacken schien stärker als -sonst herauszutreten in dem Gemütszustand, der plötzlich über -ihn gekommen war, er blinzelte mit seinen Quellaugen, und -sein infolge der einseitigen Lippenschürzung schiefes Schnurrbärtchen -hatte einen kläglichen Ausdruck gewonnen. -</p> - -<p> -Während sie über Korridore und Treppen gingen, sagte -Hans Castorp: -</p> - -<p> -„Gib zu, daß das eine gute Idee von mir war.“ -</p> - -<p> -„Jedenfalls war es eine Abwechslung“, erwiderte Joachim. -„Und ausgesprochen habt ihr euch ja über mancherlei Dinge -bei dieser Gelegenheit, das muß man sagen. Mir ging es sogar -ein bißchen zu sehr drüber und drunter. Es ist nun hohe Zeit, -daß wir vorm Tee doch wenigstens noch auf zwanzig Minuten -in den Liegedienst kommen. Du findest es vielleicht ete-pe-tete -von mir, daß ich so darauf halte, – durchgängerisch, wie du -neuerdings bist. Aber du hast es ja schließlich auch nicht so -nötig wie ich.“ -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-6-7"> -Forschungen -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -So kam, was kommen mußte, und was hier zu erleben -Hans Castorp noch vor kurzem sich nicht hätte träumen lassen: -der Winter fiel ein, der hiesige Winter, den Joachim schon -kannte, da der vorige noch in voller Herrschaft gewesen, als -er hier eingetroffen war, vor dem aber Hans Castorp sich etwas -fürchtete, obgleich er sich ja bestens dafür gerüstet wußte. -Sein Vetter suchte ihn zu beruhigen. -</p> - -<p> -„Du mußt es dir nicht allzu grimmig vorstellen,“ sagte er, -„nicht gerade arktisch. Man spürt die Kälte wenig wegen der -<a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a> -Lufttrockenheit und der Windstille. Wenn man sich gut verpackt, -kann man bis tief in die Nacht auf dem Balkon bleiben, -ohne zu frieren. Es ist die Geschichte mit der Temperaturumkehr -oberhalb der Nebelgrenze, es wird wärmer in höheren -Lagen, man hat das früher nicht so gewußt. Eher ist es schon -kalt, wenn es regnet. Aber du hast ja nun deinen Liegesack, -und geheizt wird auch ein bißchen, wenn Not an den Mann -kommt.“ -</p> - -<p> -Übrigens konnte von Überrumpelung und Gewalttätigkeit -nicht die Rede sein, der Winter kam gelinde, er sah vorderhand -nicht sehr anders aus, als mancher Tag, den auch der Hochsommer -schon mit sich geführt hatte. Ein paar Tage lang -hatte Südwind geweht, die Sonne drückte, das Tal schien -verkürzt und verengt, nahe und nüchtern lagen die Alpenkulissen -des Ausgangs. Dann zogen Wolken auf, drangen -vom Piz Michel und Tinzenhorn gegen Nordosten vor, und -das Tal verdunkelte sich. Dann regnete es schwer. Dann -wurde der Regen unrein, weißlichgrau, Schnee hatte sich dareingemischt, -es war schließlich nur noch Schnee, das Tal war -angefüllt mit Gestöber, und da das reichlich lange so ging, -auch die Temperatur unterdessen beträchtlich gefallen war, so -konnte der Schnee nicht ganz wegschmelzen, er war naß, aber -er blieb liegen, das Tal lag in dünnem, feuchtem, schadhaftem -weißen Gewand, gegen welches das Nadelrauh der Lehnen -schwarz abstach; im Speisesaal erwärmten die Röhren sich -laulich. Das war Anfang November, um Allerseelen, und es -war nicht neu. Auch im August war es schon so gewesen, und -längst hatte man sich entwöhnt, den Schnee als ein Vorrecht -des Winters zu betrachten. Stets und bei jeder Witterung, -wenn auch nur von ferne, hatte man welchen vor Augen -<a id="page-452" class="pagenum" title="452"></a> -gehabt, denn immer schimmerten Reste und Spuren davon in -den Spalten und Schründen der felsigen Rätikonkette, die dem -Taleingang vorzuliegen schien, und immer hatten die fernsten -Bergmajestäten des Südens im Schnee herübergegrüßt. Aber -beides hielt an, der Schneefall und der Wärmerückgang. Der -Himmel hing blaßgrau und niedrig über dem Tal, löste sich -in Flocken hin, die lautlos und unaufhörlich fielen, in übertriebener -und leicht beunruhigender Ausgiebigkeit, und stündlich -wurde es kälter. Es kam der Morgen, da Hans Castorp -in seinem Zimmer sieben Grad hatte, und am folgenden waren -es nur noch fünf. Das war der Frost, und er hielt sich in -Grenzen, aber er hielt sich. Es hatte bei Nacht gefroren, nun -fror es auch am Tage, und zwar von morgens bis abends, -wobei es weiterschneite, mit kurzen Unterbrechungen den vierten -und fünften, den siebenten Tag. Der Schnee sammelte sich -nun mächtig an, nachgerade wurde er zur Verlegenheit. Man -hatte auf dem Dienstwege zur Bank am Wasserlauf, sowie -auf dem Fahrweg hinab ins Tal, Gehbahnen geschaufelt; -aber sie waren schmal, es gab kein Ausweichen darauf, bei Begegnungen -mußte man in den Schneedamm zur Seite treten -und versank bis zum Knie. Eine Schneewalze aus Stein, von -einem Pferde gezogen, das ein Mann am Halfter führte, -rollte den ganzen Tag über die Straßen des Kurortes drunten, -und eine Schlittentram, gelb und von altfränkisch postkutschenhafter -Gestalt, mit einem Schneepfluge vorn, der die weißen -Massen schaufelnd beiseite warf, verkehrte zwischen dem Kurhausviertel -und dem „Dorf“ genannten nördlichen Teil der -Siedelung. Die Welt, die enge, hohe und abgeschiedene Welt -Derer hier oben, erschien nun dick bepelzt und gepolstert, es -war kein Pfeiler und Pfahl, der nicht eine weiße Haube trug, -<a id="page-453" class="pagenum" title="453"></a> -die Treppenstufen zum Berghofportal verschwanden, verwandelten -sich in eine schiefe Ebene, schwere, humoristisch -geformte Kissen lasteten überall auf den Zweigen der Kiefern, -da und dort rutschte die Masse ab, zerstäubte und zog -als Wolke und weißer Nebel zwischen den Stämmen dahin. -Verschneit lag rings das Gebirge, rauh in den unteren Bezirken, -weich zugedeckt die über die Baumgrenze hinausragenden, -verschieden gestalteten Gipfel. Es war dunkel, die -Sonne stand nur als ein bleicher Schein hinter dem Geschleier. -Aber der Schnee gab ein indirektes und mildes Licht, eine -milchige Helligkeit, die Welt und Menschen gut kleidete, wenn -auch die Nasen unter den weißen oder farbigen Wollmützen -rot waren. -</p> - -<p> -Im Speisesaal, an den sieben Tischen, beherrschte der Anbruch -des Winters, der großen Jahreszeit dieser Gegenden, -das Gespräch. Viele Touristen und Sportsleute, hieß es, seien -eingetroffen und bevölkerten die Hotels von „Dorf“ und -„Platz“. Man schätzte die Höhe des geworfenen Schnees auf -sechzig Zentimeter, und seine Beschaffenheit sei ideal im Sinne -des Skiläufers. An der Bobbahn, die drüben am nordwestlichen -Hange von der Schatzalp zu Tal führte, werde eifrig -gearbeitet, schon in den nächsten Tagen könne sie eröffnet -werden, vorausgesetzt, daß nicht der Föhn einen Strich durch -die Rechnung mache. Man freute sich auf das Treiben der -Gesunden, der Gäste von unten, das nun sich hier wieder entwickeln -werde, auf die Sportsfeste und Rennen, denen man -auch gegen Verbot beizuwohnen gedachte, indem man die -Liegekur schwänzte und entwischte. Es gab etwas Neues, -hörte Hans Castorp, eine Erfindung aus Norden, das Skikjöring, -ein Rennen, wobei sich die Teilnehmer auf Skiern -<a id="page-454" class="pagenum" title="454"></a> -stehend von Pferden ziehen lassen würden. Dazu wollte man -entwischen. – Auch von Weihnachten war die Rede. -</p> - -<p> -Von Weihnachten! Nein, daran hatte Hans Castorp noch -nicht gedacht. Er hatte leicht sagen und schreiben können, daß -er kraft ärztlichen Befundes mit Joachim den Winter hier -werde zubringen müssen. Aber das schloß ein, wie sich nun -zeigte, daß er hier Weihnachten verleben sollte, und das hatte -ohne Zweifel etwas Erschreckendes für das Gemüt, schon deshalb, -aber nicht ganz allein deshalb, weil er diese Zeit überhaupt -noch niemals anderswo als in der Heimat, im Schoß -der Familie, verlebt hatte. In Gottes Namen denn, das wollte -nun in den Kauf genommen sein. Er war kein Kind mehr, -Joachim schien auch weiter keinen Anstoß daran zu nehmen, -sondern sich ohne Weinerlichkeit damit abzufinden, und wo -nicht überall und unter welchen Umständen war in der Welt -schon Weihnachten begangen worden! -</p> - -<p> -Bei alldem schien es ihm etwas übereilt, vor dem ersten -Advent von Weihnachten zu reden; es waren ja noch reichlich -sechs Wochen bis dahin. Diese aber übersprang und verschlang -man im Speisesaal, – ein inneres Verfahren, auf das -Hans Castorp ja schon auf eigene Hand sich verstehen gelernt -hatte, wenn er es auch noch nicht in so kühnem Stile zu üben -gewöhnt war wie die älter eingesessenen Lebensgenossen. -Solche Etappen im Jahreslauf, wie das Weihnachtsfest, -schienen ihnen eben recht als Anhaltspunkte und Turngeräte, -woran sich über leere Zwischenzeiten behende hinwegvoltigieren -ließ. Sie hatten alle Fieber, ihr Stoffumsatz war erhöht, ihr -Körperleben verstärkt und beschleunigt, – es mochte am Ende -wohl damit zusammenhängen, daß sie die Zeit so rasch und -massenhaft durchtrieben. Er hätte sich nicht gewundert, wenn -<a id="page-455" class="pagenum" title="455"></a> -sie Weihnachten schon als zurückgelegt betrachtet und gleich -von Neujahr und Fastnacht gesprochen hätten. Aber so leichtlebig -und ungesetzt war man mitnichten im Berghofspeisesaal. -Bei Weihnachten machte man halt, es gab Anlaß zu -Sorgen und Kopfzerbrechen. Man beriet über das gemeinsame -Geschenk, das nach bestehender Anstaltsübung dem Chef, -Hofrat Behrens, am heiligen Abend überreicht werden sollte, -und für das eine allgemeine Sammlung eingeleitet war. Voriges -Jahr hatte man einen Reisekoffer geschenkt, wie diejenigen -überlieferten, die seit mehr als Jahresfrist hier waren. Man -sprach für diesmal von einem neuen Operationstisch, einer -Malstaffelei, einem Gehpelz, einem Schaukelstuhl, einem elfenbeinernen -und irgendwie „eingelegten“ Hörrohr, und Settembrini -empfahl auf Befragen die Schenkung eines angeblich -im Entstehen begriffenen lexikographischen Werkes, genannt -„Soziologie der Leiden“; doch fiel ihm einzig ein Buchhändler -bei, der seit kurzem am Tische der Kleefeld saß. Einigung hatte -sich noch nicht ergeben wollen. Die Verständigung mit den -russischen Gästen bot Schwierigkeiten. Die Sammlung spaltete -sich. Die Moskowiter erklärten, Behrens auf eigene Hand -beschenken zu wollen. Frau Stöhr zeigte sich tagelang in größter -Unruhe wegen eines Geldbetrages, zehn Franken, die sie -bei der Sammlung leichtsinnigerweise für Frau Iltis ausgelegt -hatte, und die diese ihr zurückzuerstatten „vergaß“. Sie -„vergaß“ es, – die Betonungen, mit denen Frau Stöhr dies -Wort versah, waren vielfach abgestuft und sämtlich darauf -berechnet, den tiefsten Unglauben an eine Vergeßlichkeit zu -bekunden, die allen Anspielungen und feinen Gedächtnisstachelungen, -an denen es Frau Stöhr, wie sie versicherte, nicht -fehlen ließ, Trotz bieten zu wollen schien. Mehrfach verzichtete -<a id="page-456" class="pagenum" title="456"></a> -Frau Stöhr und erklärte, der Iltis die schuldige Summe zu -schenken. „Ich zahle also für mich und für sie,“ sagte sie; -„gut, nicht mein ist die Schande!“ Endlich aber war sie auf -einen Ausweg verfallen, von dem sie der Tischgesellschaft zu -allgemeiner Heiterkeit Mitteilung machte: sie hatte sich die -zehn Franken auf der „Verwaltung“ auszahlen und der Iltis -in Rechnung stellen lassen, – womit die träge Schuldnerin denn -überlistet und wenigstens diese Sache ins gleiche gebracht war. -</p> - -<p> -Es hatte zu schneien aufgehört. Teilweise öffnete der Himmel -sich; graublaue Wolken, die sich geschieden, ließen Sonnenblicke -einfallen, die die Landschaft bläulich färbten. Dann -wurde es völlig heiter. Klarer Frost herrschte, reine, gesicherte -Winterspracht um Mitte November, und das Panorama -hinter den Bogen der Balkonloge, die bepuderten Wälder, die -weichgefüllten Schlüfte, das weiße, sonnige Tal unter dem -blaustrahlenden Himmel war herrlich. Abends gar, wenn der -fast gerundete Mond erschien, verzauberte sich die Welt und -ward wunderbar. Kristallisches Geflimmer, diamantnes Glitzern -herrschte weit und breit. Sehr weiß und schwarz standen -die Wälder. Die dem Monde fernen Himmelsgegenden lagen -dunkel, mit Sternen bestickt. Scharfe, genaue und intensive -Schatten, die wirklicher und bedeutender schienen als die Dinge -selbst, fielen von den Häusern, den Bäumen, den Telegraphenstangen -auf die blitzende Fläche. Es hatte sieben oder acht -Grad Frost ein paar Stunden nach Sonnenuntergang. In -eisige Reinheit schien die Welt gebannt, ihre natürliche Unsauberkeit -zugedeckt und erstarrt im Traum eines phantastischen -Todeszaubers. -</p> - -<p> -Hans Castorp hielt sich bis spät in die Nacht in seiner Balkonloge -über dem verwunschenen Wintertal, weit länger als -<a id="page-457" class="pagenum" title="457"></a> -Joachim, der sich um zehn, oder doch nicht viel später, zurückzog. -Sein vorzüglicher Liegestuhl mit dem dreiteiligen Polster -und der Nackenrolle war nahe an das Holzgeländer gerückt, -auf dem ein Kissen von Schnee sich hinzog; auf dem -weißen Tischchen daneben brannte die elektrische Lampe und -stand neben einem Stapel Bücher ein Glas fetter Milch, die -Abendmilch, die allen Bewohnern des „Berghofs“ noch um -neun Uhr aufs Zimmer gebracht wurde, und in die Hans Castorp -sich einen Schuß Kognak goß, um sie sich mundgerechter -zu machen. Schon hatte er alle verfügbaren Schutzmittel -gegen die Kälte aufgeboten, den ganzen Apparat. Bis über -die Brust stak er in dem knöpfbaren Pelzsack, den er in einem -einschlägigen Geschäft des Kurorts rechtzeitig erstanden, und -hatte um diesen die beiden Kamelhaardecken nach dem Ritus -geschlagen. Dazu trug er über dem Winteranzug seine kurze -Pelzjacke, auf dem Kopf eine wollene Mütze, Filzstiefel an den -Füßen und an den Händen dickgefütterte Handschuhe, die aber -freilich das Erstarren der Finger nicht hindern konnten. -</p> - -<p> -Was ihn so lange draußen hielt, bis gegen und über Mitternacht -(wenn das schlechte Russenpaar die Nachbarloge -längst verlassen hatte), war wohl auch der Zauber der Winternacht, -zumal sich bis elf Uhr Musik darein wob, die von näher -und ferner her aus dem Tale heraufdrang, – hauptsächlich -aber Trägheit und Angeregtheit, beides zugleich und im Verein: -nämlich die Trägheit und bewegungsfeindliche Müdigkeit seines -Körpers und die beschäftigte Angeregtheit seines Geistes, -der über gewissen neuen und fesselnden Studien, auf die der -junge Mann sich eingelassen, nicht zur Ruhe kommen wollte. -Die Witterung setzte ihm zu, der Frost wirkte anstrengend und -konsumierend auf seinen Organismus. Er aß viel, nutzte die -<a id="page-458" class="pagenum" title="458"></a> -gewaltigen Berghofmahlzeiten, bei denen auf garniertes Roastbeef -gebratene Gänse folgten, mit jenem übergewöhnlichen -Appetit, der hier durchaus und im Winter, wie sich zeigte, noch -mehr als im Sommer, an der Tagesordnung war. Gleichzeitig -beherrschte ihn Schlafsucht, so daß er bei Tage wie an -den mondlichten Abenden über den Büchern, die er wälzte, -und die wir kennzeichnen werden, oftmals einschlief, um nach -einigen Minuten der Bewußtlosigkeit seine Forschungen fortzusetzen. -Lebhaftes Sprechen – und er neigte hier mehr als -ehemals im Tiefland zu schnellem, rückhaltlosem und selbst -gewagtem Plaudern – lebhaftes Sprechen also mit Joachim -während ihrer Dienstgänge im Schnee erschöpfte ihn sehr; -Schwindel und Zittern, ein Gefühl von Betäubung und Trunkenheit -kam ihn an, und sein Kopf stand in Hitze. Seine -Kurve war angestiegen seit Einfall des Winters, und Hofrat -Behrens hatte etwas von Injektionen fallen lassen, die er bei -hartnäckiger Übertemperatur anzuwenden pflegte, und denen -zwei Drittel der Gäste, auch Joachim, sich regelmäßig zu unterziehen -hatten. Mit der gesteigerten Wärmeerzeugung seines -Körpers aber, dachte Hans Castorp, hatte gewiß die geistige -Erregung und Rührigkeit zu tun, die ihn an ihrem Teil bis -tief in die glitzernde Frostnacht auf seinem Liegestuhl festhielt. -Die Lektüre, die ihn fesselte, legte ihm solche Erklärungen nah. -</p> - -<p> -Es wurde nicht wenig gelesen auf den Liegehallen und Privatbalkons -des internationalen Sanatoriums „Berghof“, – namentlich -von Anfängern und Kurzfristigen; denn die Vielmonatigen -oder gar Mehrjährigen hatten längst gelernt, auch -ohne Zerstreuung und Beschäftigung des Kopfes die Zeit zu -vernichten und kraft inneren Virtuosentums hinter sich zu -bringen, ja, sie erklärten es für das Ungeschick von Stümpern, -<a id="page-459" class="pagenum" title="459"></a> -sich dabei an ein Buch zu klammern. Allenfalls möge man -eines auf dem Schoß oder dem Beitischchen liegen haben, das -genüge vollauf, sich versorgt zu fühlen. Die Anstaltsbücherei, -polyglott und an Bilderwerken reich, der erweiterte Unterhaltungsbestand -eines zahnärztlichen Wartezimmers, bot sich -der freien Benutzung an. Romanbände aus der Leihbibliothek -von „Platz“ wurden ausgetauscht. Dann und wann -trat ein Buch, eine Schrift auf, um die man sich riß, nach der -auch die nicht mehr Lesenden mit nur erheucheltem Phlegma -die Hände streckten. Zu dem Zeitpunkt, wo wir halten, ging -ein schlecht gedrucktes Heft von Hand zu Hand, das Herr -Albin eingeführt hatte und das „Die Kunst, zu verführen“ -betitelt war. Es war sehr wörtlich aus dem Französischen -übersetzt, ja selbst die Syntax dieser Sprache war in der Übertragung -beibehalten, wodurch der Vortrag viel Haltung -und prickelnde Eleganz gewann, und entwickelte die Philosophie -der Leibesliebe und Wollust im Geist eines weltmännisch-lebensfreundlichen -Heidentums. Frau Stöhr hatte es bald gelesen -und fand es „berauschend“. Frau Magnus, dieselbe, die -Eiweiß verlor, pflichtete ihr rückhaltlos bei. Ihr Gatte, der -Bierbrauer, wollte für seine Person bei der Lektüre manches -profitiert haben, bedauerte aber, daß Frau Magnus die Schrift -in sich aufgenommen, denn dergleichen „verhätschele“ die -Frauen und bringe ihnen unbescheidene Begriffe bei. Diese -Äußerung verstärkte die Begierde nach dem Buchwerk nicht -wenig. Zwischen zwei im Oktober zugereisten Damen der -unteren Liegehalle, Frau Redisch, der Gattin eines polnischen -Industriellen und einer gewissen Witwe Hessenfeld aus Berlin, -von denen jede behauptete, sie habe sich vor der anderen zur -Lektüre gemeldet, kam es nach dem Diner zu einer mehr als -<a id="page-460" class="pagenum" title="460"></a> -unerquicklichen, eigentlich gewalttätigen Szene, der Hans Castorp -in seiner Balkonloge zuzuhören hatte, und die mit einem -hysterischen Schreikrampf einer der beiden Damen – es konnte -die Redisch, konnte aber auch die Hessenfeld sein – und der -Verbringung der Wuterkrankten auf ihr Zimmer endigte. Die -Jugend hatte sich des Traktates früher bemächtigt als die -reiferen Jahrgänge. Sie studierte es teilweise gemeinsam nach -dem Souper auf verschiedenen Zimmern. Hans Castorp sah, -wie der Junge mit dem Fingernagel es im Speisesaal einer -jungen, frisch eingetroffenen Leichtkranken, Fränzchen Oberdank, -einhändigte, einem blond gescheitelten Haustöchterchen, -das erst kürzlich von seiner Mutter heraufgebracht worden -war. -</p> - -<p> -Vielleicht gab es Ausnahmen, vielleicht solche, die die Stunden -des Liegedienstes mit irgendeiner ernsten geistigen Beschäftigung, -einem irgendwie förderlichen Studium erfüllten, -sei es auch nur, um dadurch eine Verbindung mit dem Leben -der Ebene zu bewahren oder der Zeit ein wenig Schwere und -Tiefgang, damit sie nicht reine Zeit und sonst überhaupt nichts -sei, zu verleihen. Vielleicht war außer Herrn Settembrini, -mit seinen Bestrebungen, die Leiden auszumerzen, und dem -ehrliebenden Joachim mit seinen russischen Übungsbüchern, -noch dieser und jener, der es so hielt, wenn nicht unter den -Insassen des Speisesaals, was wirklich unwahrscheinlich war, -so möglicherweise gerade unter den Bettlägrigen und Moribunden -– Hans Castorp war geneigt, es zu glauben. Ihn -selbst angehend, so hatte er sich seinerzeit, da <span class="antiqua" lang="en">Ocean steamships</span> -ihm nichts mehr zu sagen hatte, zusammen mit seinem -Winterbedarf, auch einige in seinen Lebensberuf einschlagende -Bücher, Ingenieur-Wissenschaftliches, Schiffsbautechnisches, -<a id="page-461" class="pagenum" title="461"></a> -von zuhause heraufkommen lassen. Diese Bände lagen aber -vernachlässigt zugunsten anderer, einer ganz verschiedenen -Sparte und Fakultät angehöriger Lehrwerke, zu deren Materie -der junge Hans Castorp Lust gefaßt. Es waren solche der -Anatomie, Physiologie und Lebenskunde, abgefaßt in verschiedenen -Sprachen, auf deutsch, französisch und englisch, -und sie wurden ihm eines Tages vom Buchhändler des Ortes -heraufgeschickt, offenbar, weil er sie bestellt hatte, und zwar -auf eigene Hand, stillschweigend, gelegentlich eines Spazierganges, -den er ohne Joachim (da dieser gerade zur Injektion -oder zum Wiegen bestellt gewesen) nach „Platz“ hinunter gemacht -hatte. Joachim sah die Bücher mit Überraschung in -seines Vetters Händen. Sie waren teuer gewesen, wie wissenschaftliche -Werke sind; die Preise standen noch an den Innenseiten -der Deckel und auf den Umschlägen vermerkt. Er fragte, -warum Hans Castorp sie sich nicht, wenn er dergleichen schon -lesen wolle, vom Hofrat geliehen habe, der diese Literatur doch -sicher in guter Auswahl besitze. Aber Hans Castorp erwiderte, -er wolle sie selber besitzen, es sei ein ganz anderes Lesen, wenn -das Buch einem gehöre; auch liebe er es, mit dem Bleistift -dareinzufahren und anzustreichen. Stundenlang hörte Joachim -in seines Vetters Loge das Geräusch, mit dem das Papiermesser -die Blätter broschierter Bogen trennt. -</p> - -<p> -Die Bände waren schwer, unhandlich; Hans Castorp stützte -sie im Liegen mit dem unteren Rande gegen die Brust, den -Magen. Es drückte, aber er nahm das in Kauf; halboffenen -Mundes ließ er seine Augen über die gelehrten Seiten hinuntersteigen, -die fast unnötigerweise vom rötlichen Schein des -beschirmten Lämpchens erhellt waren, da sie notfalls im starken -Mondlicht lesbar gewesen wären, – folgte mit dem Kopf, -<a id="page-462" class="pagenum" title="462"></a> -bis sein Kinn auf der Brust lag, eine Haltung, worin der -Lesende, bevor er das Gesicht zur nächsten Seite hob, wohl -nachdenkend, schlummernd oder im Halbschlummer nachdenkend -etwas verweilte. Er forschte tief, er las, während der -Mond über das kristallisch glitzernde Hochgebirgstal seinen -gemessenen Weg ging, von der organisierten Materie, den -Eigenschaften des Protoplasmas, der zwischen Aufbau und -Zersetzung in sonderbarer Seinsschwebe sich erhaltenden empfindlichen -Substanz und ihrer Gestaltbildung aus anfänglichen, -doch immer gegenwärtigen Grundformen, las mit dringlichem -Anteil vom Leben und seinem heilig-unreinen Geheimnis. -</p> - -<p> -Was war das Leben? Man wußte es nicht. Es war sich -seiner bewußt, unzweifelhaft, sobald es Leben war, aber es -wußte nicht, was es sei. Bewußtsein als Reizempfindlichkeit, -unzweifelhaft, erwachte bis zu einem gewissen Grade schon -auf den niedrigsten, ungebildetsten Stufen seines Vorkommens, -es war unmöglich, das erste Auftreten bewußter Vorgänge -an irgendeinen Punkt seiner allgemeinen oder individuellen -Geschichte zu binden, Bewußtsein etwa durch das Vorhandensein -eines Nervensystems zu bedingen. Die niedersten -Tierformen hatten kein Nervensystem, geschweige daß sie ein -Großhirn gehabt hätten, doch wagte es niemand, ihnen die -Fähigkeit der Empfindung von Reizen abzusprechen. Auch -konnte man das Leben betäuben, dieses selbst, nicht nur besondere -Organe der Reizempfänglichkeit, die es etwa ausbildete, -nicht nur die Nerven. Man konnte die Reizbarkeit jedes -mit Leben begabten Stoffes im Pflanzen- wie im Tierreich -vorübergehend aufheben, konnte Eier und Samenfäden mit -Chloroform, Chloralhydrat oder Morphium narkotisieren. -Bewußtsein seinerselbst war also schlechthin eine Funktion der -<a id="page-463" class="pagenum" title="463"></a> -zum Leben geordneten Materie, und bei höherer Verstärkung -wandte die Funktion sich gegen ihren eigenen Träger, ward -zum Trachten nach Ergründung und Erklärung des Phänomens, -das sie zeitigte, einem hoffnungsvoll-hoffnungslosen -Trachten des Lebens nach Selbsterkenntnis, einem Sich-in-sich-Wühlen -der Natur, vergeblich am Ende, da Natur in Erkenntnis -nicht aufgehen, Leben im Letzten sich nicht belauschen kann. -</p> - -<p> -Was war das Leben? Niemand wußte es. Niemand kannte -den natürlichen Punkt, an dem es entsprang und sich entzündete. -Nichts war unvermittelt oder nur schlecht vermittelt im -Bereiche des Lebens von jenem Punkte an; aber das Leben -selbst erschien unvermittelt. Wenn sich etwas darüber aussagen -ließ, so war es dies: es müsse von so hoch entwickelter -Bauart sein, daß in der unbelebten Welt auch nicht entfernt -seinesgleichen vorkomme. Zwischen der scheinfüßigen Amöbe -und dem Wirbeltier war der Abstand geringfügig, unwesentlich, -im Vergleiche mit dem zwischen der einfachsten Erscheinung -des Lebens und jener Natur, die nicht einmal verdiente, -tot genannt zu werden, weil sie unorganisch war. Denn der Tod -war nur die logische Verneinung des Lebens; zwischen Leben -und unbelebter Natur aber klaffte ein Abgrund, den die Forschung -vergebens zu überbrücken strebte. Man mühte sich, ihn -mit Theorien zu schließen, die er verschlang, ohne an Tiefe und -Breite im geringsten dadurch einzubüßen. Man hatte sich, -um ein Bindeglied zu finden, zu dem Widersinn der Annahme -strukturloser Lebensmaterie, unorganisierter Organismen herbeigelassen, -die in der Eiweißlösung von selbst zusammenschössen, -wie der Kristall in der Mutterlauge, – während doch organische -Differenziertheit zugleich Vorbedingung und Äußerung -alles Lebens blieb, und während kein Lebewesen aufzuweisen -<a id="page-464" class="pagenum" title="464"></a> -war, das nicht einer Elternzeugung sein Dasein verdankt -hätte. Das Ende des Jubels, mit dem man den Urschleim -aus den äußersten Tiefen des Meeres gefischt hatte, -war Beschämung gewesen. Es zeigte sich, daß man Gipsniederschläge -für Protoplasma gehalten. Um aber nicht vor -einem Wunder haltmachen zu müssen – denn das Leben, das -aus denselben Stoffen sich aufbaute und in dieselben Stoffe -zerfiel wie die unorganische Natur, wäre, unvermittelt, ein -Wunder gewesen –, war man trotzdem genötigt, an Urzeugung, -das hieß an die Entstehung des Organischen aus dem -Unorganischen, zu glauben, die übrigens ebenfalls ein Wunder -war. So fuhr man fort, Zwischenstufen und Übergänge -zu ersinnen, das Dasein von Organismen anzunehmen, die -niedriger standen, als alle bekannten, ihrerseits aber noch ursprünglichere -Lebensversuche der Natur zu Vorläufern hatten, -Probien, die niemand je sehen würde, da sie sich unter -aller mikroskopischen Größe hielten, und vor deren gedachter -Entstehung die Synthese von Eiweißverbindungen sich vollzogen -haben mußte ... -</p> - -<p> -Was war also das Leben? Es war Wärme, das Wärmeprodukt -formerhaltender Bestandlosigkeit, ein Fieber der Materie, -von welchem der Prozeß unaufhörlicher Zersetzung und -Wiederherstellung unhaltbar verwickelt, unhaltbar kunstreich -aufgebauter Eiweißmolekel begleitet war. Es war das Sein -des eigentlich Nicht-sein-Könnenden, des nur in diesem verschränkten -und fiebrigen Prozeß von Zerfall und Erneuerung -mit süß-schmerzlich-genauer Not auf dem Punkte des Seins -Balancierenden. Es war nicht materiell, und es war nicht Geist. -Es war etwas zwischen beidem, ein Phänomen, getragen von -Materie, gleich dem Regenbogen auf dem Wasserfall und -<a id="page-465" class="pagenum" title="465"></a> -gleich der Flamme. Aber wiewohl nicht materiell, war es sinnlich -bis zur Lust und zum Ekel, die Schamlosigkeit der selbstempfindlich-reizbar -gewordenen Materie, die unzüchtige Form -des Seins. Es war ein heimlich-fühlsames Sichregen in der -keuschen Kälte des Alls, eine wollüstig-verstohlene Unsauberkeit -von Nährsaugung und Ausscheidung, ein exkretorischer -Atemhauch von Kohlensäure und üblen Stoffen verborgener -Herkunft und Beschaffenheit. Es war das durch Überausgleich -seiner Unbeständigkeit ermöglichte und in eingeborene Bildungsgesetze -gebannte Wuchern, Sichentfalten und Gestaltbilden -von etwas Gedunsenem aus Wasser, Eiweiß, Salz und -Fetten, welches man Fleisch nannte, und das zur Form, zum -hohen Bilde, zur Schönheit wurde, dabei jedoch der Inbegriff -der Sinnlichkeit und der Begierde war. Denn diese Form und -Schönheit war nicht geistgetragen, wie in den Werken der -Dichtung und Musik, auch nicht getragen von einem neutralen -und geistverzehrten, den Geist auf eine unschuldige Art versinnlichenden -Stoff, wie die Form und Schönheit der Bildwerke. -Vielmehr war sie getragen und ausgebildet von der -auf unbekannte Art zur Wollust erwachten Substanz, der organischen, -verwesend-wesenden Materie selbst, dem riechenden -Fleische ... -</p> - -<p> -Dem jungen Hans Castorp, der über dem glitzernden Tal -in seiner von Pelz und Wolle gesparten Körperwärme ruhte, -zeigte sich in der vom Scheine des toten Gestirnes erhellten -Frostnacht das Bild des Lebens. Es schwebte ihm vor, irgendwo -im Raume, entrückt und doch sinnennah, der Leib, der Körper, -matt weißlich, ausduftend, dampfend, klebrig, die Haut, -in aller Unreinigkeit und Makelhaftigkeit ihrer Natur, mit -Flecken, Papillen, Gilbungen, Rissen und körnig-schuppigen -<a id="page-466" class="pagenum" title="466"></a> -Gegenden, überzogen von den zarten Strömen und Wirbeln des -rudimentären Lanugoflaums. Es lehnte, abgesondert von der -Kälte des Unbelebten, in seiner Dunstsphäre, lässig, das Haupt -gekränzt mit etwas Kühlem, Hornigem, Pigmentiertem, das -ein Produkt seiner Haut war, die Hände im Nacken verschränkt, -und blickte unter gesenkten Lidern hervor, aus Augen, die eine -Varietät der Lidhautbildung schief erscheinen ließ, mit halb -geöffneten, ein wenig aufgeworfenen Lippen dem Anschauenden -entgegen, gestützt auf das eine Bein, so daß der tragende -Hüftknochen in seinem Fleische stark hervortrat, während das -Knie des schlaffen Beins, leicht abgebogen, bei auf die Zehen -gestelltem Fuß sich gegen die Innenseite des belasteten schmiegte. -Es stand so, lächelnd gedreht, in seiner Anmut lehnend, die -schimmernden Ellbogen vorwärts gespreizt, in der paarigen -Symmetrie seines Gliederbaus, seiner Leibesmale. Dem scharf -dünstenden Dunkel der Achselhöhlen entsprach in mystischem -Dreieck die Nacht des Schoßes, wie den Augen die rot-epithelische -Mundöffnung, den roten Blüten der Brust der senkrecht -in die Länge gedehnte Nabel entsprach. Unter dem Antriebe -eines Zentralorgans und im Rückenmark entspringender motorischer -Nerven regten sich Bauch und Brustkorb, die Pleuroperitonealhöhle -blähte sich und zog sich zusammen, der Atemhauch, -erwärmt und befeuchtet von den Schleimhäuten des -Atmungskanals, mit Ausscheidungsstoffen gesättigt, strömte -zwischen den Lippen aus, nachdem er in den Luftzellen der Lunge -seinen Sauerstoff an das Hämoglobin des Blutes zur inneren -Atmung gebunden. Denn Hans Castorp verstand, daß dieser -Lebenskörper in dem geheimnisvollen Gleichmaß seines blutgenährten, -von Nerven, Venen, Arterien, Haarfiltern durchzweigten, -von Lymphe durchsickerten Gliederbaus, mit seinem -<a id="page-467" class="pagenum" title="467"></a> -inneren Gerüst von fettmarkgefüllten Röhrenknochen, von -Blatt-, Wirbel- und Wurzelknochen, die aus der ursprünglichen -Stützsubstanz, dem Gallertgewebe, mit Hilfe von Kalksalzen -und Leim sich befestigt hatten, um ihn zu tragen; mit -den Kapseln und schlüpfrig geschmierten Höhlen, Bändern und -Knorpeln seiner Gelenke, seinen mehr als zweihundert Muskeln, -seinen zentralen, der Ernährung, Atmung, Reizmeldung -und Reizentsendung dienenden Organbildungen, seinen Schutzhäuten, -serösen Höhlen, absonderungsreichen Drüsen, dem -Röhren- und Spaltenwerk seiner verwickelten, durch Leibesöffnungen -in die äußere Natur mündenden Innenfläche: daß -dieses Ich eine Lebenseinheit von hoher Ordnung war, bei weitem -nicht mehr von der Art jener einfachsten Wesen, die mit -ihrer ganzen Körperoberfläche atmeten, sich ernährten und sogar -dachten, sondern aufgebaut aus Myriaden solcher Kleinorganisationen, -die von einer einzigen her ihren Ursprung genommen, -sich durch immer wiederkehrende Teilung vervielfältigt, -sich zu verschiedenen Dienststellungen und Verbänden -geordnet, gesondert, eigens ausgebildet und Formen hervorgetrieben -hatten, die Bedingung und Wirkung ihres Wachstums -waren. -</p> - -<p> -Der Leib, der ihm vorschwebte, dies Einzelwesen und Lebens-Ich -war also eine ungeheuere Vielheit atmender und sich ernährender -Individuen, welche, durch organische Einordnung -und Sonderzweckgestaltung, des ichhaften Seins, der Freiheit -und Lebensunmittelbarkeit in so hohem Grade verlustig gegangen, -so sehr zu anatomischen Elementen geworden waren, -daß die Verrichtung einiger sich einzig auf Reizempfindlichkeit -gegen Licht, Schall, Berührung, Wärme beschränkte, andere -es nur noch verstanden, ihre Form durch Zusammenziehung -<a id="page-468" class="pagenum" title="468"></a> -zu verändern oder Verdauungssekrete zu erzeugen, wieder andere -zum Schutz, zur Stütze, zur Beförderung der Säfte oder -zur Fortpflanzung einseitig ausgebildet und tüchtig waren. Es -gab Lockerungen dieser zum hohen Ich vereinigten organischen -Pluralität, Fälle, in denen die Vielzahl der Unterindividuen -nur auf leichte und zweifelhafte Art zur höheren Lebenseinheit -zusammengefaßt war. Der Studierende grübelte über der Erscheinung -der Zellkolonien, er vernahm von Halborganismen, -Algen, deren einzelne Zellen, nur in einen Mantel von Gallerte -eingehüllt, oft weit voneinander lagen, mehrzellige Bildungen -immerhin, die aber, zur Rede gestellt, nicht zu sagen -gewußt hätten, ob sie als Siedelung einzelliger Individuen -oder als Einheitswesen gewürdigt werden wollten und in ihrer -Selbstaussage zwischen dem Ich und dem Wir wunderlich geschwankt -haben würden. Hier wies die Natur einen Mittelstand -auf zwischen der hochsozialen Vereinigung zahlloser Elementarindividuen -zu Geweben und Organen einer übergeordneten -Ichheit – und der freien Einzelexistenz dieser Einfachheiten: -der vielzellige Organismus war nur eine Erscheinungsform -des zyklischen Prozesses, in dem das Leben sich abspielte, -und der ein Kreislauf von Zeugung zu Zeugung war. Der -Befruchtungsakt, das geschlechtliche Verschmelzen zweier Zellenleiber, -stand am Anfange des Aufbaues jedes pluralischen -Individuums, wie er am Anfange jeder Generationenreihe -einzeln lebender Elementargeschöpfe stand und zu sich selbst -zurückführte. Denn dieser Akt war nachhaltig durch viele Geschlechter, -die seiner nicht bedurften, um sich in immer wiederholter -Teilung zu vermehren, bis ein Augenblick kam, wo die -ungeschlechtlich entstandenen Nachkommen zur Erneuerung -des Kopulationsgeschäftes sich wieder angehalten fanden, und -<a id="page-469" class="pagenum" title="469"></a> -der Kreis sich schloß. So war der vielfache Lebensstaat, entsprungen -aus der Kernverschmelzung zweier elterlicher Zellen, -das Zusammenleben vieler ungeschlechtlich entstandener Generationen -von Zellindividuen; sein Wachstum war ihre Vermehrung, -und der Zeugungskreis schloß sich, wenn Geschlechtszellen, -zum Sonderzwecke der Fortpflanzung ausgebildete Elemente, -sich in ihm hergestellt hatten und den Weg zu einer das -Leben neu antreibenden Vermischung fanden. -</p> - -<p> -Ein embryologisches Volumen in die Herzgrube gestützt, -verfolgte der junge Abenteurer die Entwicklung des Organismus -von dem Augenblick an, wo der Samenfaden, einer von -vielen und dieser zuerst, sich antreibend durch die peitschenden -Bewegungen seines Hinterleibes, mit seiner Kopfspitze an die -Gallerthülle des Eies stieß und sich in den Empfängnishügel -einbohrte, den das Protoplasma der Eirinde seiner Annäherung -entgegenwölbte. Keine Fratze und Farce war auszudenken, -in der die Natur bei der Abwandlung dieses stehenden -Herganges sich nicht ernstlich gefallen hätte. Es gab Tiere, -bei denen das Männchen im Darm des Weibchens schmarotzte. -Es gab andere, bei denen der Arm des Erzeugers der Erzeugerin -durch den Rachenschlund in das Innere griff, um seine -Sämereien dort niederzulegen, worauf er, abgebissen und ausgespien, -allein auf seinen Fingern davonlief, zur Betörung der -Wissenschaft, die ihn lange auf Griechisch-Latein als selbständiges -Lebewesen ansprechen zu müssen geglaubt hatte. Hans -Castorp hörte die Gelehrtenschulen der Ovisten und Animalculisten -sich zanken, von denen die einen behauptet hatten, das -Ei sei ein in sich vollendeter kleiner Frosch, Hund oder Mensch -und der Samen nur der Erreger seines Wachstums, während -die anderen im Samenfaden, der Kopf, Arme und Beine -<a id="page-470" class="pagenum" title="470"></a> -besaß, ein vorgebildetes Lebewesen sahen, dem das Ei nur als -Nährboden diente, – bis man übereingekommen war, der Ei- -und der Samenzelle, die aus ursprünglich ununterscheidbaren -Fortpflanzungszellen entstanden waren, gleiche Verdienstlichkeit -einzuräumen. Er sah den einzelligen Organismus des befruchteten -Eies auf dem Wege, sich in einen vielzelligen umzuwandeln, -indem es sich furchte und teilte, sah die Zellenleiber -zur Schleimhautlamelle sich zusammenschmiegen, die Keimblase -sich einstülpen und einen Becher und Hohlraum bilden, -der das Geschäft der Nahrungsaufnahme und Verdauung -begann. Das war die Darmlarve, das Urtier, die Gastrula, -Grundform alles tierischen Lebens, Grundform der fleischgetragenen -Schönheit. Ihre beiden Epithellagen, die äußere und -die innere, das Hautsinnesblatt und das Darmdrüsenblatt, erwiesen -sich als Primitivorgane, aus denen durch Ein- und Ausstülpungen -die Drüsen, die Gewebe, die Sinneswerkzeuge, die -Körperfortsätze sich bildeten. Ein Streifen des äußeren Keimblattes -verdickte sich, faltete sich zur Rinne, schloß sich zum -Nervenrohr und wurde zur Wirbelsäule, zum Gehirn. Und -wie der fötale Schleim sich zu faserigem Bindegewebe, zu -Knorpel befestigte, indem die Gallertzellen statt Mucin Leimsubstanz -zu erzeugen begannen, sah er an gewissen Orten die -Bindegewebszellen Kalksalze und Fette aus den umspülenden -Säften an sich ziehen und verknöchern. Der Embryo des Menschen -kauerte in sich gebückt, geschwänzt, von dem des Schweines -durch nichts zu unterscheiden, mit ungeheurem Bauchstiel -und stummelhaft formlosen Extremitäten, die Gesichtslarve -auf den geblähten Wanst gebeugt, und sein Werden erschien -einer Wissenschaft, deren Wahrheitsvorstellung unschmeichelhaft -und düster war, als die flüchtige Wiederholung einer zoologischen -<a id="page-471" class="pagenum" title="471"></a> -Stammesgeschichte. Vorübergehend hatte er Kiementaschen -wie ein Roche. Es schien erlaubt oder notwendig, aus -den Entwicklungsstadien, die er durchlief, auf den wenig humanistischen -Anblick zu schließen, den der vollendete Mensch in Urzeiten -geboten hatte. Seine Haut war mit zuckenden Muskeln -zur Abwehr der Insekten ausgestattet und dicht behaart, die -Ausdehnung seiner Riechschleimhaut gewaltig, seine abstehenden, -beweglichen, am Mienenspiel lebhaft beteiligten Ohren -zum Schallfang geschickter gewesen als gegenwärtig. Damals -hatten seine Augen, von einem dritten, nickenden Lide geschützt, -seitlich am Kopfe gestanden, mit Ausnahme des dritten, dessen -Rudiment die Zirbeldrüse war, und das die oberen Lüfte zu -überwachen vermocht hatte. Dieser Mensch hatte außerdem -ein sehr langes Darmrohr, viele Mahlzähne und Schallsäcke -am Kehlkopf zum Brüllen besessen und auch die männlichen -Geschlechtsdrüsen im Innern des Bauchraumes getragen. -</p> - -<p> -Die Anatomie enthäutete und präparierte unserem Forscher -die Gliedmaßen des Menschenleibes, sie zeigte ihm ihre oberflächlichen -und ihre tiefen, hinteren Muskeln, Sehnen und -Bänder: diejenigen der Schenkel, des Fußes und namentlich -der Arme, des Ober- und Unterarms, lehrte ihn die lateinischen -Namen, mit denen die Medizin, diese Abschattung des humanistischen -Geistes, sie nobler- und galanterweise benannt und -unterschieden hatte, und ließ ihn vordringen bis zum Skelett, -dessen Ausbildung ihm neue Gesichtspunkte lieferte, unter -denen die Einheit alles Menschlichen, die Beschlossenheit aller -Disziplinen darin sich betrachten ließ. Denn hier fand er sich -aufs merkwürdigste an seinen eigentlichen – oder muß man -sagen: früheren – Beruf, die wissenschaftliche Charge erinnert, -als deren Zugehöriger er bei seiner Ankunft hier oben -<a id="page-472" class="pagenum" title="472"></a> -sich den Begegnenden (Herrn Dr. Krokowski, Herrn Settembrini) -vorgestellt hatte. Um irgendetwas zu lernen – es war -recht gleichgültig gewesen, was –, hatte er auf Hochschulen -dies und das von Statik, von biegungsfähigen Stützen, von -Belastung und von der Konstruktion als einer vorteilhaften -Bewirtschaftung des mechanischen Materials gelernt. Es -wäre wohl kindlich gewesen, zu meinen, daß die Ingenieurwissenschaften, -die Regeln der Mechanik auf die organische -Natur Anwendung gefunden hätten, aber ebensowenig konnte -man sagen, daß sie davon abgeleitet worden seien. Sie fanden -sich einfach darin wiederholt und bekräftigt. Das Prinzip des -Hohlzylinders herrschte im Bau der langen Röhrenknochen -dergestalt, daß mit dem genauen Minimum von solider Substanz -den statischen Ansprüchen Genüge geschah. Ein Körper, -hatte Hans Castorp gelernt, der den Anforderungen gemäß, -die durch Zug und Druck an ihn gestellt werden sollen, nur -aus Stäben und Bändern eines mechanisch brauchbaren -Materials zusammengesetzt wird, kann dieselbe Belastung ertragen -wie ein massiver Körper des gleichen Stoffes. So -auch ließ bei der Entstehung der Röhrenknochen sich verfolgen, -wie, schritthaltend mit der Bildung kompakter Substanz an -ihrer Oberfläche, die inneren Teile, da sie mechanisch unnötig -wurden, sich in Fettgewebe, das gelbe Mark, verwandelten. -Der Oberschenkelknochen war ein Kran, bei dessen Konstruktion -die organische Natur durch die Richtung, die sie den Knochenbälkchen -gegeben, auf ein Haar die gleichen Zug- und Druckkurven -ausgeführt hatte, die Hans Castorp bei der graphischen -Darstellung eines so in Anspruch genommenen Gerätes korrekterweise -einzutragen gehabt hätte. Er sah es mit Wohlgefallen, -denn er fand sich zum Femur, oder zur organischen -<a id="page-473" class="pagenum" title="473"></a> -Natur überhaupt, nun schon in dreierlei Verhältnis stehen: -dem lyrischen, dem medizinischen und dem technischen, – so -groß war seine Angeregtheit; und diese drei Verhältnisse, fand -er, waren eines im Menschlichen, sie waren Abwandlungen -eines und desselben dringlichen Anliegens, humanistische Fakultäten -... -</p> - -<p> -Bei alldem blieben die Leistungen des Protoplasmas ganz -unerklärlich, dem Leben schien es verwehrt, sich selbst zu begreifen. -Die Mehrzahl der biochemischen Vorgänge war -nicht nur unbekannt, sondern es lag in ihrer Natur, sich der -Einsicht zu entziehen. Man wußte von dem Aufbau, der Zusammensetzung -der Lebenseinheit, die man die „Zelle“ nannte, -fast nichts. Was half es, die Bestandteile des toten Muskels -aufzuweisen? Der lebende ließ sich chemisch nicht untersuchen; -schon jene Veränderungen, die die Totenstarre hervorrief, genügten, -um alles Experimentieren nichtssagend zu machen. -Niemand verstand den Stoffwechsel, niemand das Wesen -der Nervenfunktion. Welchen Eigenschaften verdankten die -schmeckenden Körper ihren Geschmack? Worin bestand die -verschiedenartige Erregung gewisser Sinnesnerven durch die -Riechstoffe? Worin die Riechbarkeit überhaupt? Der spezifische -Geruch der Tiere und Menschen beruhte auf der Verdunstung -von Substanzen, die niemand zu nennen gewußt -hätte. Die Zusammensetzung des Sekrets, das man Schweiß -nannte, war wenig geklärt. Die Drüsen, die es absonderten, -erzeugten Aromata, die unter Säugetieren zweifellos eine -wichtige Rolle spielten, und über deren Bedeutung beim -Menschen man nicht unterrichtet zu sein erklärte. Die physiologische -Bedeutung offenbar wichtiger Teile des Körpers war -in Dunkel gehüllt. Man konnte den Blinddarm beiseite lassen, -<a id="page-474" class="pagenum" title="474"></a> -der ein Mysterium war, und den man beim Kaninchen regelmäßig -mit einem breiigen Inhalt angefüllt fand, von dem -nicht zu sagen war, wie er wieder hinausgelangen oder sich -erneuern mochte. Aber was hatte es auf sich mit der weißen -und grauen Substanz des Kopfmarks, was mit dem Sehhügel, -der mit dem Optikus kommunizierte, und mit den grauen -Einlagerungen der „Brücke“? Die Hirn- und Rückenmarksubstanz -war dermaßen zersetzlich, daß keine Hoffnung bestand, -je ihren Aufbau zu ergründen. Was enthob beim -Einschlafen die Großhirnrinde ihrer Tätigkeit? Was hinderte -die Selbstverdauung des Magens, die sich bei Leichen in der -Tat zuweilen ereignete? Man antwortete: das Leben; eine -besondere Widerstandskraft des lebenden Protoplasmas, – -und tat, als bemerke man nicht, daß das eine mystische Erklärung -war. Die Theorie einer so alltäglichen Erscheinung -wie des Fiebers war widerspruchsvoll. Der gesteigerte Stoffumsatz -hatte erhöhte Wärmeproduktion zur Folge. Aber -warum steigerte sich nicht, wie sonst, kompensatorisch die -Wärmeausgabe? Beruhte die Lähmung der Schweißsekretion -auf Kontraktionszuständen der Haut? Aber nur bei Fieberfrost -waren solche nachweisbar, denn sonst war die Haut vielmehr -heiß. Der „Wärmestich“ kennzeichnete das Zentralnervensystem -als Sitz der Ursachen für den erhöhten Umsatz -wie für eine Hautbeschaffenheit, die man abnorm zu nennen -sich begnügte, da man sie nicht zu bestimmen wußte. -</p> - -<p> -Aber was bedeutete all dieses Unwissen im Vergleich mit -der Ratlosigkeit, in der man vor Erscheinungen wie der des Gedächtnisses -oder jenes weiteren und erstaunlicheren Gedächtnisses -stand, das die Vererbung erworbener Eigenschaften hieß? -Die Unmöglichkeit, auch nur die Ahnung einer mechanischen -<a id="page-475" class="pagenum" title="475"></a> -Erklärbarkeit solcher Leistungen der Zellsubstanz zu fassen, -war vollkommen. Der Samenfaden, der zahllose und verwickelte -Art- und Individualeigenschaften des Vaters auf das -Ei übertrug, war nur mikroskopisch sichtbar, und auch die -stärkste Vergrößerung reichte nicht hin, ihn anders denn als -homogenen Körper erscheinen zu lassen und die Bestimmung -seiner Abkunft zu ermöglichen; denn bei einem Tier sah er -aus wie beim anderen. Das waren Organisationsverhältnisse, -die zu der Annahme zwangen, daß es sich mit der Zelle -nicht anders verhielt als mit dem höheren Leib, den sie aufbaute; -daß also auch sie schon ein übergeordneter Organismus -war, der seinerseits und wiederum sich aus lebenden Teilungskörpern, -individuellen Lebenseinheiten zusammensetzte. Man -schritt also vom angeblich Kleinsten zum abermals Kleineren -vor, man löste notgedrungen das Elementare in Unterelemente -auf. Kein Zweifel, wie das Tierreich aus verschiedenen Spezies -von Tieren, wie der tierisch-menschliche Organismus aus -einem ganzen Tierreich von Zellenspezies, so bestand derjenige -der Zelle aus einem neuen und vielfältigen Tierreich elementarer -Lebenseinheiten, deren Größe tief unter der Grenze des -mikroskopisch Sichtbaren lag, die selbsttätig wuchsen, selbsttätig, -nach dem Gesetz, daß jede nur ihresgleichen hervorbringen -konnte, sich vermehrten und nach dem Grundsatz der -Arbeitsteilung gemeinsam der nächsthöheren Lebensordnung -dienten. -</p> - -<p> -Das waren die Genen, die Bioblasten, die Biophoren, – -Hans Castorp war erfreut, in der Frostnacht ihre namentliche -Bekanntschaft zu machen. Nur fragte er sich in seiner Angeregtheit, -wie es bei abermals verbesserter Beleuchtung um -ihre Elementarnatur bestellt sein mochte. Da sie Leben trugen, -<a id="page-476" class="pagenum" title="476"></a> -mußten sie organisiert sein, denn Leben beruhte auf Organisation; -wenn sie aber organisiert waren, so konnten sie nicht -elementar sein, denn ein Organismus ist nicht elementar, er -ist vielfach. Sie waren Lebenseinheiten unterhalb der Lebenseinheit -der Zelle, die sie organisch aufbauten. Wenn dem aber -so war, so mußten sie, obgleich über alle Begriffe klein, selber -„aufgebaut“, und zwar organisch, als Lebensordnung, „aufgebaut“ -sein; denn der Begriff der Lebenseinheit war identisch -mit dem des Aufbaues aus kleineren, untergeordneten, das hieß: -zu höherem Leben geordneten Lebenseinheiten. Solange die -Teilung organische Einheiten ergab, die die Eigenschaften des -Lebens, nämlich die Fähigkeiten der Assimilation, des Wachstums -und der Vermehrung besaßen, waren ihr keine Grenzen -gesetzt. Solange von Lebenseinheiten die Rede war, konnte -nur fälschlich von Elementareinheiten die Rede sein, denn der -Begriff der Einheit umschloß <span class="antiqua" lang="la">ad infinitum</span> den Mitbegriff der -untergeordnet-aufbauenden Einheit, und elementares Leben, -also etwas, was schon Leben, aber noch elementar war, gab -es nicht. -</p> - -<p> -Aber obschon ohne logische Existenz, mußte zuletzt dergleichen -irgendwie wirklich sein, denn die Idee der Urzeugung, -das hieß: der Entstehung des Lebens aus dem Nichtlebenden, -war ja nicht von der Hand zu weisen, und jene Kluft, die -man in der äußeren Natur vergebens zu schließen suchte, die -nämlich zwischen Leben und Leblosigkeit, mußte sich im organischen -Inneren der Natur auf irgendeine Weise ausfüllen oder -überbrücken. Irgendwann mußte die Teilung zu „Einheiten“ -führen, die, zwar zusammengesetzt, aber noch nicht organisiert, -zwischen Leben und Nichtleben vermittelten, Molekülgruppen, -den Übergang bildend zwischen Lebensordnung und bloßer -<a id="page-477" class="pagenum" title="477"></a> -Chemie. Allein beim chemischen Molekül angekommen, fand -man sich bereits in der Nähe eines Abgrundes, der weit -mysteriöser gähnte als der zwischen organischer und unorganischer -Natur: nahe dem Abgrund zwischen dem Materiellen -und dem Nichtmateriellen. Denn das Molekül setzte sich ja -aus Atomen zusammen, und das Atom war bei weitem nicht -mehr groß genug, um auch nur als außerordentlich klein bezeichnet -werden zu können. Es war dermaßen klein, eine derart -winzige, frühe und übergängliche Ballung des Unstofflichen, -des noch nicht Stofflichen, aber schon Stoffähnlichen, -der Energie, daß es kaum schon oder kaum noch als materiell, -vielmehr als Mittel und Grenzpunkt zwischen dem Materiellen -und dem Immateriellen gedacht werden mußte. Das Problem -einer anderen Urzeugung, weit rätselhafter und abenteuerlicher -noch als die organische, warf sich auf: der Urzeugung des -Stoffes aus dem Unstofflichen. In der Tat verlangte die -Kluft zwischen Materie und Nichtmaterie ebenso dringlich, -ja noch dringlicher nach Ausfüllung als die zwischen organischer -und anorganischer Natur. Notwendig mußte es eine -Chemie des Immateriellen geben, unstoffliche Verbindungen, -aus denen das Stoffliche entsprang, wie die Organismen aus -unorganischen Verbindungen entsprangen, und die Atome -mochten die Probien und Moneren der Materie darstellen, – -stofflich ihrer Natur nach und auch wieder noch nicht. Aber -angelangt beim „nicht einmal mehr klein“, entglitt der Maßstab; -„nicht einmal mehr klein“, das galt bereits soviel wie -„ungeheuer groß“; und der Schritt zum Atom erwies sich -ohne Übertreibung als im höchsten Grade verhängnisvoll. -Denn im Augenblick letzter Zerteilung und Verwinzigung des -Materiellen tat sich plötzlich der astronomische Kosmos auf! -</p> - -<p> -<a id="page-478" class="pagenum" title="478"></a> -Das Atom war ein energiegeladenes kosmisches System, -worin Weltkörper rotierend um ein sonnenhaftes Zentrum -rasten, und durch dessen Ätherraum mit Lichtjahrgeschwindigkeit -Kometen fuhren, welche die Kraft des Zentralkörpers in -ihre exzentrischen Bahnen zwang. Das war so wenig nur ein -Vergleich, wie es nur ein solcher war, wenn man den Leib -der vielzelligen Wesen einen „Zellenstaat“ nannte. Die Stadt, -der Staat, die nach dem Prinzip der Arbeitsteilung geordnete -soziale Gemeinschaft war dem organischen Leben nicht nur zu -vergleichen, sie wiederholte es. So wiederholte sich im Innersten -der Natur, in weitester Spiegelung, die makrokosmische -Sternenwelt, deren Schwärme, Haufen, Gruppen, Figuren, -bleich vom Monde, zu Häupten des vermummten Adepten -über dem frostglitzernden Tale schwebten. War es unerlaubt, -zu denken, daß gewisse Planeten des atomischen Sonnensystems -– dieser Heere und Milchstraßen von Sonnensystemen, -die die Materie aufbauten, – daß also einer oder der andere -dieser innerweltlichen Weltkörper sich in einem Zustande befand, -der demjenigen entsprach, der die Erde zu einer Wohnstätte -des <em>Lebens</em> machte? Für einen im Zentrum etwas beschwipsten -jungen Adepten von „abnormer“ Hautbeschaffenheit, -der im Gebiete des Unerlaubten ja nicht mehr all und jeder -Erfahrung entbehrte, war das eine nicht nur nicht ungereimte, -sondern sogar bis zur Aufdringlichkeit sich nahelegende, höchst -einleuchtende Spekulation von logischem Wahrheitsgepräge. -Die „Kleinheit“ der innerweltlichen Sternkörper wäre ein -sehr unsachgemäßer Einwand gewesen, denn der Maßstab -von Groß und Klein war spätestens damals abhanden gekommen, -als der kosmische Charakter der „kleinsten“ Stoffteile -sich offenbart hatte, und die Begriffe des Außen und -<a id="page-479" class="pagenum" title="479"></a> -Innen hatten nachgerade gleichfalls in ihrer Standfestigkeit -gelitten. Die Welt des Atoms war ein Außen, wie höchstwahrscheinlich -der Erdenstern, den wir bewohnten, organisch -betrachtet, ein tiefes Innen war. Hatte nicht die träumerische -Kühnheit eines Forschers von „Milchstraßentieren“ gesprochen, -– kosmischen Ungeheuern, deren Fleisch, Bein und Gehirn -sich aus Sonnensystemen aufbaute? War dem aber so, -wie Hans Castorp dachte, dann fing in dem Augenblick, da -man geglaubt hatte, zu Rande gekommen zu sein, das Ganze -von vorn an! Dann lag vielleicht im Innersten und Aberinnersten -seiner Natur er selbst, der junge Hans Castorp, noch -einmal, noch hundertmal, warm eingehüllt, in einer Balkonloge -mit Aussicht in die mondhelle Hochgebirgsfrostnacht und -studierte mit erstarrten Fingern und heißem Gesicht aus humanistisch-medizinischer -Anteilnahme das Körperleben? -</p> - -<p> -Die pathologische Anatomie, von der er einen Band seitlich -in den roten Schein seines Tischlämpchens hielt, belehrte ihn -durch einen Text, der mit Abbildungen durchsetzt war, über -das Wesen der parasitischen Zellvereinigung und der Infektionsgeschwülste. -Diese waren Gewebsformen – und zwar -besonders üppige Gewebsformen –, hervorgerufen durch das -Eindringen fremdartiger Zellen in einen Organismus, der sich -für sie aufnahmelustig erwiesen hatte und ihrem Gedeihen auf -irgendeine Weise – aber man mußte wohl sagen: auf eine -irgendwie liederliche Weise – günstige Bedingungen bot. -Weniger, daß der Parasit dem umgebenden Gewebe Nahrung -entzogen hätte; aber er erzeugte, indem er, wie jede Zelle, Stoff -wechselte, organische Verbindungen, die sich für die Zellen des -Wirtsorganismus als erstaunlich giftig, als unweigerlich verderbenbringend -erwiesen. Man hatte von einigen Mikroorganismen -<a id="page-480" class="pagenum" title="480"></a> -die Toxine zu isolieren und in konzentriertem Zustande -darzustellen verstanden, und es verwunderlich gefunden, -in welchen geringen Dosen diese Stoffe, die einfach in die -Reihe der Eiweißverbindungen gehörten, in den Kreislauf -eines Tieres gebracht, die allergefährlichsten Vergiftungserscheinungen, -reißende Verderbnis bewirkten. Das äußere -Wesen dieser Korruption war Gewebswucherung, die pathologische -Geschwulst, nämlich als Reaktionswirkung der Zellen -auf den Reiz, den die zwischen ihnen angesiedelten Bazillen -auf sie ausübten. Hirsekorngroße Knötchen bildeten sich, zusammengesetzt -aus schleimhautgewebartigen Zellen, zwischen -denen oder in denen die Bazillen nisteten, und von welchen -einige außerordentlich reich an Protoplasma, riesengroß und -von vielen Kernen erfüllt waren. Diese Lustbarkeit aber -führte gar bald zum Ruin, denn nun begannen die Kerne der -Monstrezellen zu schrumpfen und zu zerfallen, ihr Protoplasma -an Gerinnung zugrunde zu gehen; weitere Gewebsteile -der Umgebung wurden von der fremden Reizwirkung -ergriffen; entzündliche Vorgänge griffen um sich und zogen -die angrenzenden Gefäße in Mitleidenschaft; weiße Blutkörperchen -wanderten, angelockt von der Unheilsstätte, herzu; -das Gerinnungssterben schritt fort; und unterdessen hatten -längst die löslichen Bakteriengifte die Nervenzentren berauscht, -der Organismus stand in Hochtemperatur, mit wogendem -Busen, sozusagen, taumelte er seiner Auflösung entgegen. -</p> - -<p> -So weit die Pathologie, die Lehre von der Krankheit, der -Schmerzbetonung des Körpers, die aber, <em>als</em> Betonung des -Körperlichen, zugleich eine Lustbetonung war, – Krankheit -war die unzüchtige Form des Lebens. Und das Leben für -sein Teil? War es vielleicht nur eine infektiöse Erkrankung -<a id="page-481" class="pagenum" title="481"></a> -der Materie, – wie das, was man die Urzeugung der Materie -nennen durfte, vielleicht nur Krankheit, eine Reizwucherung -des Immateriellen war? Der anfänglichste Schritt zum -Bösen, zur Lust und zum Tode war zweifellos da anzusetzen, -wo, hervorgerufen durch den Kitzel einer unbekannten Infiltration, -jene erste Dichtigkeitszunahme des Geistigen, jene -pathologisch üppige Wucherung seines Gewebes sich vollzog, -die, halb Vergnügen, halb Abwehr, die früheste Vorstufe des -Substanziellen, den Übergang des Unstofflichen zum Stofflichen -bildete. Das war der Sündenfall. Die zweite Urzeugung, -die Geburt des Organischen aus dem Unorganischen, -war nur noch eine schlimme Steigerung der Körperlichkeit -zum Bewußtsein, wie die Krankheit des Organismus eine -rauschhafte Steigerung und ungesittete Überbetonung seiner -Körperlichkeit war –: nur noch ein Folgeschritt war das -Leben auf dem Abenteuerpfade des unehrbar gewordenen -Geistes, Schamwärmereflex der zur Fühlsamkeit geweckten -Materie, die für den Erwecker aufnahmelustig gewesen war ... -</p> - -<p> -Die Bücher lagen zuhauf auf dem Lampentischchen, eins -lag am Boden, neben dem Liegestuhl, auf der Matte der Loggia, -und dasjenige, worin Hans Castorp zuletzt geforscht, lag ihm -auf dem Magen und drückte, beschwerte ihm sehr den Atem, -doch ohne daß von seiner Hirnrinde an die zuständigen Muskeln -Order ergangen wäre, es zu entfernen. Er hatte die Seite -hinunter gelesen, sein Kinn hatte die Brust erreicht, die Lider -waren ihm über die einfachen blauen Augen gefallen. Er sah -das Bild des Lebens, seinen blühenden Gliederbau, die fleischgetragene -Schönheit. Sie hatte die Hände aus dem Nacken -gelöst, und ihre Arme, die sie öffnete, und an deren Innenseite, -namentlich unter der zarten Haut des Ellbogengelenks, -<a id="page-482" class="pagenum" title="482"></a> -die Gefäße, die beiden Äste der großen Venen, sich bläulich -abzeichneten, – diese Arme waren von unaussprechlicher -Süßigkeit. Sie neigte sich ihm, neigte sich zu ihm, über ihn, -er spürte ihren organischen Duft, spürte den Spitzenstoß ihres -Herzens. Heiße Zartheit umschlang seinen Hals, und während -er, vergehend vor Lust und Grauen, seine Hände an ihre äußeren -Oberarme legte, dorthin, wo die den <span class="antiqua" lang="la">triceps</span> überspannende, -körnige Haut von wonniger Kühle war, fühlte er auf -seinen Lippen die feuchte Ansaugung ihres Kusses. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-6-8"> -Totentanz -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Kurz nach Weihnachten starb der Herrenreiter ... Aber -vorher spielte eben noch Weihnachten sich ab, diese beiden -Festtage, oder, wenn man den Tag des heiligen Abends mitzählte, -diese drei, denen Hans Castorp mit einigem Schrecken -und der kopfschüttelnden Erwartung entgegengesehen hatte, -wie sie sich hier wohl ausnehmen würden, und die dann, als -natürliche Tage mit Morgen, Mittag, Abend und mittlerer -Zufallswitterung (es taute etwas), auch nicht anders, als andere -ihrer Gattung, heraufgekommen und verblichen waren: -– äußerlich ein wenig geschmückt und ausgezeichnet, hatten -sie während der ihnen zugemessenen Frist ihre Bewußtseinsherrschaft -in den Köpfen und Herzen der Menschen geübt -und waren unter Zurücklassung eines Niederschlages unalltäglicher -Eindrücke zu naher und fernerer Vergangenheit geworden ... -</p> - -<p> -Der Sohn des Hofrates, Knut mit Namen, kam auf Ferienbesuch -und wohnte bei seinem Vater im Seitenflügel, – ein -hübscher, junger Mann, dem aber ebenfalls schon der Nacken -<a id="page-483" class="pagenum" title="483"></a> -etwas zu sehr heraustrat. Man spürte die Anwesenheit des -jungen Behrens in der Atmosphäre; die Damen legten Lachlust, -Putzsucht und Reizbarkeit an den Tag, und in ihren Gesprächen -handelte es sich um Begegnungen mit Knut im Garten, -im Walde oder im Kurhausviertel. Übrigens erhielt er -selbst Besuch: eine Anzahl seiner Universitätskameraden kam -in das Tal herauf, sechs oder sieben Studenten, die im Orte -wohnten, aber beim Hofrat die Mahlzeiten nahmen und, zum -Trupp verbunden, mit ihrem Kommilitonen die Gegend durchstreiften. -Hans Castorp mied sie. Er mied diese jungen Leute -und wich ihnen mit Joachim aus, wenn es nötig war, unlustig, -ihnen zu begegnen. Den Zugehörigen Derer hier oben -trennte eine Welt von diesen Sängern, Wanderern und Stöckeschwingern, -er wollte von ihnen nichts hören und wissen. Außerdem -schienen die meisten von ihnen aus dem Norden zu stammen, -womöglich waren Landsleute darunter, und Hans Castorp -fühlte die größte Scheu vor Landsleuten, oft erwog er -mit Widerwillen die Möglichkeit, daß irgendwelche Hamburger -im „Berghof“ eintreffen könnten, zumal Behrens gesagt hatte, -diese Stadt stelle der Anstalt immer ein stattliches Kontingent. -Vielleicht befanden sich welche unter den Schweren und Moribunden, -die man nicht sah. Zu sehen war nur ein hohlwangiger Kaufmann, -der seit ein paar Wochen am Tische der -Iltis saß, und der aus Cuxhaven sein sollte. Hans Castorp -freute sich im Hinblick auf ihn, daß man mit Nicht-Tischgenossen -hierorts so schwer in Berührung kam, und ferner darüber, -daß sein Heimatsgebiet groß und sphärenreich war. Die -gleichgültige Anwesenheit dieses Kaufmanns entkräftete in -hohem Grade die Besorgnisse, die er an das Vorkommen von -Hamburgern hier oben geknüpft hatte. -</p> - -<p> -<a id="page-484" class="pagenum" title="484"></a> -Der heilige Abend also näherte sich, stand eines Tages vor -der Tür und hatte am nächsten Tage Gegenwart gewonnen ... -Es waren noch reichlich sechs Wochen bis zu ihm gewesen, damals, -als Hans Castorp sich gewundert hatte, daß man hier -schon von Weihnachten sprach: so viel Zeit also noch, rechnerisch -genommen, wie die ganze Dauer seines Aufenthalts -nach ihrer ursprünglichen Veranschlagung, zusammen mit der -Dauer seiner Bettlägrigkeit betragen hatte. Trotzdem war -das damals eine große Menge Zeit gewesen, namentlich die -erste Hälfte, wie es Hans Castorp nachträglich schien, – während -die rechnerisch gleiche Menge jetzt sehr wenig bedeutete, -beinahe nichts: die im Speisesaal, so fand er nun, hatten recht -gehabt, sie so gering zu achten. Sechs Wochen, nicht einmal -so viele also, wie die Woche Tage hatte: was war auch das -in Anbetracht der weiteren Frage, was denn so eine Woche, -so ein kleiner Rundlauf vom Montag zum Sonntag und -wieder Montag war. Man brauchte nur immer nach Wert -und Bedeutung der nächstkleineren Einheit zu fragen, um zu -verstehen, daß bei der Summierung nicht viel herauskommen -konnte, deren Wirkung überdies und zugleich ja auch eine sehr -starke Verkürzung, Verwischung, Schrumpfung und Zernichtung -war. Was war ein Tag, gerechnet etwa von dem Augenblick -an, wo man sich zum Mittagessen setzte, bis zu dem -Wiedereintritt dieses Augenblicks in vierundzwanzig Stunden? -Nichts, – obgleich es doch vierundzwanzig Stunden waren. -Was war denn aber auch eine Stunde, verbracht etwa in -der Liegekur, auf einem Spaziergang oder beim Essen, – womit -die Möglichkeiten, diese Einheit zu verbringen, so gut -wie erschöpft waren? Wiederum nichts. Aber die Summierung -des Nichts war wenig ernst ihrer Natur nach. Am -<a id="page-485" class="pagenum" title="485"></a> -ernstesten wurde die Sache, wenn man ins Kleinste stieg: jene -sieben mal sechzig Sekunden, während derer man das Thermometer -zwischen den Lippen hielt, um die Kurve fortführen -zu können, waren überaus zählebig und gewichtig; sie weiteten -sich zu einer kleinen Ewigkeit, bildeten Einlagerungen von -höchster Solidität in dem schattenhaften Huschen der großen -Zeit ... -</p> - -<p> -Das Fest vermochte die Lebensordnung der Berghofbewohner -kaum zu stören. Eine wohlgewachsene Tanne war schon -einige Tage zuvor an der rechten Schmalseite des Speisesaals, -beim Schlechten Russentisch, aufgerichtet worden, und ihr Duft, -der durch den Brodem der reichen Gänge hindurch die Speisenden -zuweilen berührte, rief etwas wie Nachdenklichkeit in -den Augen einzelner Personen an den sieben Tischen hervor. -Beim Abendessen des 24. Dezembers zeigte der Baum sich bunt -geschmückt mit Lametta, Glaskugeln, vergoldeten Tannenzapfen, -kleinen Äpfeln, die in Netzen hingen, und vielerlei Konfekt, -und seine farbigen Wachskerzen brannten während der Mahlzeit -und nachher. Auch in den Zimmern der Bettlägrigen, -hieß es, brannten Bäumchen; jedes hatte das seine. Und die -Paketpost war reich gewesen schon in den letzten Tagen. Auch -Joachim Ziemßen und Hans Castorp hatten Sendungen aus -der fernen und tiefen Heimat bekommen, sorglich verpackte -Bescherungen, die sie in ihren Zimmern ausgebreitet hatten: -sinnreiche Kleidungsstücke, Krawatten, Luxusgegenstände in -Leder und Nickel, sowie viel Festgebäck, Nüsse, Äpfel und -Marzipan, – Vorräte, die die Vettern mit zweifelnden Blicken -betrachteten, indem sie sich fragten, wann hier je der Augenblick -kommen werde, davon zu genießen. Schalleen hatte -Hans Castorps Paket hergestellt, wie er wußte, und auch, nach -<a id="page-486" class="pagenum" title="486"></a> -sachlicher Besprechung mit den Onkeln, die Geschenke besorgt. -Ein Brief von James Tienappel lag bei, auf dickem Privatpapier, -doch in Maschinenschrift. Der Onkel übermittelte darin -des Großonkels und seine eigenen Fest- und Genesungswünsche -und fügte aus praktischen Gründen gleich die nächstens fälligen -Neujahrsgratulationen hinzu, wie übrigens auch Hans Castorp -verfahren war, als er rechtzeitig seinen Weihnachtsbrief -nebst klinischem Rapport an Konsul Tienappel liegend aufgesetzt -hatte. -</p> - -<p> -Der Baum im Speisesaal brannte, knisterte, duftete und -hielt in den Köpfen und Herzen das Bewußtsein der Stunde -wach. Man hatte Toilette gemacht, die Herren trugen Gesellschaftsanzug, -man sah an den Frauen Schmuckstücke, die -ihnen von liebender Gattenhand aus den Ländern der Ebene -gekommen sein mochten. Auch Clawdia Chauchat hatte den -ortsüblichen Wollsweater gegen ein Salonkleid vertauscht, -das aber einen Stich ins Willkürliche oder vielmehr ins Nationale -hatte: es war ein helles, gesticktes Gürtelkostüm von -bäuerlich-russischem, oder doch balkanischem, vielleicht bulgarischem -Grundcharakter, mit kleinen Goldflittern besetzt, dessen -Faltigkeit ihrer Erscheinung eine ungewohnt weiche Fülle verlieh -und ausgezeichnet mit dem zusammenstimmte, was Settembrini -ihre „tatarische Physiognomie“, insbesondere ihre -„Steppenwolfslichter“ zu nennen beliebte. Man war sehr -heiter am Guten Russentisch; dort zuerst knallte der Champagner, -der dann fast an allen Tischen getrunken wurde. An -dem der Vettern war es die Großtante, die ihn für ihre Nichte -und für Marusja bestellte, und sie traktierte alle damit. Das -Menü war gewählt, es endete mit Käsegebäck und Bonbons; -man schloß Kaffee an und Liköre, und dann und wann rief ein -<a id="page-487" class="pagenum" title="487"></a> -aufflammender Tannenzweig, der Löscharbeit forderte, eine -schrille, übermäßige Panik hervor. Settembrini, gekleidet wie -immer, saß gegen Ende des Festessens eine Weile mit seinem -Zahnstocher am Tische der Vettern, hänselte Frau Stöhr und -sprach dann einiges über den Tischlerssohn und Menschheits-Rabbi, -dessen Geburtstag man heute fingiere. Ob jener wirklich -gelebt habe, sei ungewiß. Was aber damals geboren worden -sei und seinen bis heute ununterbrochenen Siegeslauf begonnen -habe, das sei die Idee des Wertes der Einzelseele, zusammen -mit der der Gleichheit gewesen, – mit einem Worte die individualistische -Demokratie. In diesem Sinne leere er das -Glas, das man ihm zugeschoben. Frau Stöhr fand seine Ausdrucksweise -„equivok und gemütlos“. Sie erhob sich unter -Protest, und da man ohnedies die Gesellschaftsräume aufzusuchen -begonnen hatte, so folgten die Tischgenossen ihrem -Beispiel. -</p> - -<p> -Die Geselligkeit dieses Abends erhielt Gewicht und Leben -durch die Überreichung der Geschenke an den Hofrat, der mit -Knut und der Mylendonk auf eine halbe Stunde herüberkam. -Die Handlung vollzog sich in dem Salon mit den optischen -Scherzapparaten. Die Sondergabe der Russen bestand -in etwas Silbernem, einem sehr großen, runden Teller, in -dessen Mitte das Monogramm des Empfängers eingraviert -war, und dessen vollkommene Unverwendbarkeit in die Augen -sprang. Auf der Chaiselongue, die die übrigen Gäste gestiftet -hatten, konnte man wenigstens liegen, obgleich sie noch ohne -Decke und Kissen war, nur eben mit Tuch überzogen. Doch -war ihr Kopfende verstellbar, und Behrens probierte ihre Bequemlichkeit, -indem er sich, seinen nutzlosen Teller unter dem -Arm, der Länge nach darauf ausstreckte, die Augen schloß und -<a id="page-488" class="pagenum" title="488"></a> -zu schnarchen begann wie ein Sägewerk, unter der Angabe, -er sei Fafnir mit dem Hort. Der Jubel war allgemein. Auch -Frau Chauchat lachte sehr über diese Aufführung, wobei ihre -Augen sich zusammenzogen und ihr Mund offen stand, beides -genau auf dieselbe Weise, so fand Hans Castorp, wie es bei -Pribislav Hippe, wenn er lachte, der Fall gewesen war. -</p> - -<p> -Gleich nach dem Abgange des Chefs setzte man sich an die -Spieltische. Die russische Gesellschaft bezog, wie immer, den -kleinen Salon. Einige Gäste umstanden im Saale den Weihnachtsbaum, -sahen dem Erlöschen der Lichtstümpfchen in ihren -kleinen Metallhülsen zu und naschten von dem Aufgehängten. -An den Tischen, die schon für das erste Frühstück gedeckt waren, -saßen vereinzelte Personen, weit voneinander entfernt, verschiedentlich -aufgestützt, in getrenntem Schweigen. -</p> - -<p> -Der erste Weihnachtstag war feucht und neblig. Es seien -Wolken, sagte Behrens, in denen man sitze; Nebel gäbe es -nicht hier oben. Aber Wolken oder Nebel, auf jeden Fall war -die Nässe empfindlich. Der liegende Schnee taute oberflächlich -an, wurde porös und klebrig. Gesicht und Hände erstarrten -im Kurdienst weit peinlicher als bei sonnigem Frost. -</p> - -<p> -Der Tag war ausgezeichnet durch eine musikalische Veranstaltung -am Abend, ein richtiges Konzert mit Stuhlreihen -und gedruckten Programmen, das Denen hier oben vom Hause -„Berghof“ geboten wurde. Es war ein Liederabend, gegeben -von einer am Orte ansässigen und Unterricht erteilenden Berufssängerin -mit zwei Medaillen seitlich unter dem Ausschnitt -ihres Ballkleides, Armen, die Stöcken glichen, und einer -Stimme, deren eigentümliche Tonlosigkeit über die Gründe -ihrer Ansiedelung hier oben betrübende Auskunft gab. Sie -sang: -</p> - -<div class="poem-container"> -<a id="page-489" class="pagenum" title="489"></a> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Ich trage meine Minne</p> - <p class="verse">mit mir herum.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Der Pianist, der sie begleitete, war ebenfalls ortsansässig ... -Frau Chauchat saß in der ersten Reihe, benutzte jedoch die -Pause, um sich zurückzuziehen, so daß Hans Castorp von da -an der Musik (es war Musik unter allen Umständen) mit -ruhigem Herzen lauschen konnte, indem er während des Gesanges -den Text der Lieder mitlas, der auf dem Programm -gedruckt stand. Eine Weile saß Settembrini an seiner Seite, -verschwand aber ebenfalls, nachdem er über den dumpfen -<span class="antiqua" lang="it">bel canto</span> der Ansässigen einiges Pralle, Plastische angemerkt -und sein satirisches Behagen darüber ausgedrückt, daß man -auch heute abend so treu und traulich unter sich sei. Die Wahrheit -zu sagen, spürte Hans Castorp Erleichterung, als sie beide -fort waren, die Schmaläugige und der Pädagog, und er in -Freiheit den Liedern seine Aufmerksamkeit widmen konnte. Er -fand es gut, daß in der ganzen Welt und noch unter den besondersten -Umständen Musik gemacht wurde, wahrscheinlich -sogar auf Polarexpeditionen. -</p> - -<p> -Der zweite Weihnachtstag unterschied sich durch nichts mehr, -als durch das leichte Bewußtsein seiner Gegenwart, von einem -gewöhnlichen Sonn- oder auch nur Wochentag, und als er -vorüber war, da lag das Weihnachtsfest im Vergangenen, – -oder, ebenso richtig, es lag wieder in ferner Zukunft, in jahresferner: -zwölf Monate waren nun wieder bis dahin, wo es -sich im Kreislauf erneuern würde, – schließlich nur sieben -Monate mehr, als Hans Castorp hier schon verbracht hatte. -</p> - -<p> -Aber gleich nach dem diesjährigen Weihnachten, noch vor -Neujahr, starb denn also der Herrenreiter. Die Vettern erfuhren -es von Alfreda Schildknecht, genannt Schwester Berta, -<a id="page-490" class="pagenum" title="490"></a> -der Pflegerin des armen Fritz Rotbein, die ihnen das diskrete -Vorkommnis auf dem Gange erzählte. Hans Castorp nahm -eindringlich Anteil daran, teils weil die Lebensäußerungen des -Herrenreiters zu den ersten Eindrücken gehört hatten, die er -hier oben empfangen, – zu denen, die zuerst, wie ihm schien, -den Wärmereflex in seiner Gesichtshaut hervorgerufen hatten, -der seitdem nicht mehr daraus hatte weichen wollen, – teils -aus moralischen, man möchte sagen: geistlichen Gründen. Er -hielt Joachim lange im Gespräch mit der Diakonissin fest, die -Ansprache und Austausch mit klammernder Dankbarkeit genoß. -Es sei ein Wunder, sagte sie, daß der Herrenreiter das -Fest noch erlebt habe. Längst habe er sich als zäher Kavalier -erwiesen gehabt, allein womit er zuletzt noch geatmet, sei keinem -begreiflich gewesen. Seit Tagen schon habe er sich freilich -nur mit Hilfe gewaltiger Mengen Sauerstoffes gehalten: -gestern allein habe er vierzig Ballons konsumiert, das Stück -zu sechs Franken. Das müsse ins Geld gelaufen sein, wie die -Herren sich ausrechnen könnten, und dabei sei zu bedenken, -daß seine Gemahlin, in deren Armen er danach verschieden, -völlig mittellos hinterbleibe. Joachim mißbilligte diesen Aufwand. -Wozu die Quälerei und kostspielig künstliche Hinfristung -in einem ganz aussichtslosen Fall? Dem Mann sei es nicht -zu verargen, daß er das teure Lebensgas blindlings verzehrt, -da man es ihm aufgenötigt hatte. Dagegen die Behandelnden -hätten vernünftiger denken und ihn in Gottes Namen seines -unvermeidlichen Weges ziehen lassen sollen, ganz abgesehen -von den Verhältnissen und gar nun mit Rücksicht auf diese. -Die Lebenden hätten doch auch ein Recht und so weiter. Dem -widersprach Hans Castorp mit Nachdruck. Sein Vetter rede -ja fast schon wie Settembrini, ohne Achtung und Scheu vor -<a id="page-491" class="pagenum" title="491"></a> -dem Leiden. Der Herrenreiter sei doch am Ende gestorben, da -höre der Spaß auf, man könne nichts weiter tun, um seinen -Ernst zu erweisen, und einem Sterbenden gebühre jeder Respekt -und Ehrenaufwand, darauf bestehe Hans Castorp. Er -wolle nur hoffen, daß Behrens den Herrenreiter zuletzt nicht -angeschrien und pietätloserweise gescholten habe? Kein Anlaß, -erklärte die Schildknecht. Einen kleinen, unbesonnenen -Versuch zu entwischen habe der Herrenreiter zwar zuletzt noch -gemacht und aus dem Bett springen wollen; aber ein leichter -Hinweis auf die Zwecklosigkeit solchen Beginnens habe genügt, -ihn ein für allemal davon abstehen zu lassen. -</p> - -<p> -Hans Castorp nahm den Verblichenen in Augenschein. Er -tat es aus Trotz gegen das herrschende System der Verheimlichung, -weil er das egoistische Nichts-wissen-, Nichts-sehen-und-hören-wollen -der andern verachtete und ihm durch die -Tat zu widersprechen wünschte. Bei Tische hatte er den Todesfall -zur Sprache zu bringen versucht, war aber auf einmütige -und so verstockte Ablehnung dieses Themas gestoßen, daß es -ihn beschämt und empört hatte. Frau Stöhr war geradezu -grob geworden. Was ihm einfalle, von so etwas anzufangen, -hatte sie gefragt, und was er denn eigentlich für eine Kinderstube -genossen. Die Ordnung des Hauses schütze sie, die Patientenschaft, -sorgfältig davor, von solchen Geschichten berührt -zu werden, und da komme nun so ein Grünschnabel und rede -ganz laut davon, noch dazu beim Braten und dazu wieder in -Gegenwart des Dr. Blumenkohl, den es täglich ereilen könne. -(Dies hinter der Hand.) Wiederhole sich das, so werde sie klagbar -werden. Da war es, daß der Gescholtene den Entschluß -gefaßt und ihm auch Ausdruck verliehen hatte, für seine Person -dem abgeschiedenen Hausgenossen durch einen Besuch und -<a id="page-492" class="pagenum" title="492"></a> -stille Andachtsverrichtung an seinem Lager die letzte Ehre zu -erweisen, und auch Joachim hatte er bestimmt, das zu tun. -</p> - -<p> -Durch Vermittlung Schwester Alfredas erlangten sie Eintritt -in das Sterbezimmer, das im ersten Stock unter ihren -eigenen Zimmern gelegen war. Die Witwe empfing sie, eine -kleine, zerzauste, von Nachtwachen mitgenommene Blonde, das -Taschentuch vor dem Munde, mit roter Nase und in dickem -Plaidmantel, dessen Kragen sie aufgestellt hatte, denn es war -sehr kalt im Zimmer. Die Heizung war abgestellt, die Balkontür -offen. Gedämpft sagten die jungen Leute das Erforderliche -und gingen dann, durch eine Handbewegung schmerzlich -eingeladen, durch das Zimmer zum Bett, – mit ehrerbietig vorwärts -wiegenden Schritten gingen sie, ohne Benutzung der -Stiefelabsätze, und standen in Betrachtung am Lager des Toten, -ein jeder nach seiner Art: Joachim dienstlich geschlossen, -in salutierender Halbverbeugung, Hans Castorp gelöst und -versunken, die Hände vor sich gekreuzt, den Kopf auf der -Schulter, mit einer Miene, ähnlich derjenigen, mit der er Musik -zu hören pflegte. Des Herrenreiters Kopf lag hoch gebettet, -so daß der Körper, dieser lange Aufbau und vielfache Zeugungskreis -des Lebens, mit der Erhöhung der Füße am Ende -unter der Decke, desto flacher, fast brettartig flach erschien. Ein -Blumengewinde lag in der Gegend der Knie, und der daraus -hervorragende Palmzweig berührte die großen, gelben, knöchernen -Hände, die auf der eingefallenen Brust gefaltet waren. -Gelb und knöchern war auch das Gesicht mit dem kahlen Schädel, -der gehöckerten Nase, den scharfen Backenknochen und dem -buschigen, rotblonden Schnurrbart, dessen Dicke die grauen, -stoppligen Höhlen der Wangen noch stärker vertiefte. Die Augen -waren auf eine gewisse unnatürlich feste Weise geschlossen, -<a id="page-493" class="pagenum" title="493"></a> -– zugedrückt, mußte Hans Castorp denken, nicht zugemacht: -den letzten Liebesdienst nannte man das, obgleich es im Sinne -der Überlebenden mehr, als um des Toten willen geschah. Auch -mußte es beizeiten, gleich nach dem Tode geschehen; denn wenn -erst die Myosinbildung in den Muskeln vorgeschritten war, -so ging es nicht mehr, und er lag und starrte, und um die sinnige -Vorstellung des „Schlummers“ war es getan. -</p> - -<p> -Sachkundig und in mehr als einer Beziehung in seinem Elemente -stand Hans Castorp am Lager, bewandert, aber fromm. -„Er scheint zu schlafen“, sagte er aus Menschlichkeit, obgleich -große Unterschiede vorhanden waren. Und dann begann er -mit schicklich gedämpfter Stimme ein Gespräch mit der Witwe -des Herrenreiters, zog über die Leidensgeschichte ihres Gatten, -seine letzten Tage und Augenblicke, den zu bewerkstelligenden -Transport des Körpers nach Kärnten Erkundigungen ein, die -von einer teils medizinischen, teils geistlich-sittlichen Teilnahme -und Eingeweihtheit zeugten. Die Witwe, in ihrer österreichisch -schleppenden und näselnden Sprechweise und zuweilen aufschluchzend, -fand es bemerkenswert, daß junge Leute zur Beschäftigung -mit fremdem Kummer sich so aufgelegt zeigten; -worauf Hans Castorp erwiderte, sein Vetter und er, sie seien -ja selber krank, überdies habe er, für seine Person, frühe an -den Sterbebetten naher Angehöriger gestanden, er sei Doppelwaise, -von langer Hand her sei ihm der Tod vertraut, sozusagen. -Welchen Beruf er gewählt habe, fragte sie. Er antwortete, -er sei Techniker „gewesen“. – Gewesen? – Gewesen -insofern, als nun ja die Krankheit und ein noch recht unbestimmt -begrenzter Aufenthalt hier oben dazwischengekommen -sei, was doch einen bedeutenden Einschnitt und möglicherweise -etwas wie einen Lebenswendepunkt darstelle, was könne man -<a id="page-494" class="pagenum" title="494"></a> -wissen. (Joachim sah ihn mit forschendem Schrecken an.) Und -sein Herr Vetter? – Der wolle Soldat sein im Tieflande, er -sei Offiziersaspirant. – Oh, sagte sie, das Kriegerhandwerk sei -freilich auch ein Beruf, der zum Ernst anhalte, ein Soldat -müsse damit rechnen, unter Umständen mit dem Tode in nahe -Berührung zu kommen und tue wohl gut, sich frühzeitig an -seinen Anblick zu gewöhnen. Sie beurlaubte die jungen Leute -mit Dank und freundlicher Fassung, die Achtung erwecken -mußte in Anbetracht ihrer beklommenen Lage und besonders -der hohen Oxygenrechnung, die der Gatte zurückgelassen. Die -Vettern kehrten in ihr Stockwerk zurück. Hans Castorp zeigte -sich befriedigt von dem Besuch und geistlich angeregt durch die -empfangenen Eindrücke. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="la">Requiescat in pace</span>“, sagte er. „<span class="antiqua" lang="la">Sit tibi terra levis. -Requiem aeternam dona ei, Domine.</span> Siehst du, wenn es -sich um den Tod handelt und man zu Toten spricht oder von -Toten, so tritt auch wieder das Latein in Kraft, das ist die offizielle -Sprache in solchen Fällen, da merkt man, was für eine -besondere Sache es mit dem Tode ist. Aber es ist nicht aus -humanistischer Courtoisie, daß man Lateinisch redet zu seinen -Ehren, die Totensprache ist kein Bildungslatein, verstehst du, -sondern von einem ganz anderen Geist, einem ganz entgegengesetzten, -kann man wohl sagen. Das ist Sakrallatein, Mönchsdialekt, -Mittelalter, so ein dumpfer, eintöniger, unterirdischer -Gesang gewissermaßen, – Settembrini fände kein Gefallen -daran, es ist nichts für Humanisten und Republikaner und -solche Pädagogen, es ist von einer anderen Geistesrichtung, -der anderen, die es gibt. Ich finde, man muß sich klar sein -über die verschiedenen Geistesrichtungen oder Geistesstimmungen, -wie man wohl richtiger sagen sollte, es gibt die fromme -<a id="page-495" class="pagenum" title="495"></a> -und die freie. Sie haben beide ihre Vorzüge, aber was ich -gegen die freie, die Settembrinische meine ich, auf dem Herzen -habe, ist nur, daß sie die Menschenwürde so ganz in Pacht zu -haben glaubt, das ist übertrieben. Die andere enthält auch -viel menschliche Würde in ihrer Art und gibt Veranlassung zu -einer Menge Wohlanstand und properer Haltung und nobler -Förmlichkeit, mehr sogar als die ‚freie‘, obgleich sie die menschliche -Schwäche und Hinfälligkeit ja besonders im Auge hat -und der Gedanke an Tod und Verwesung eine so wichtige Rolle -darin spielt. Hast du mal im Theater den ‚Don Carlos‘ gesehen -und wie es zuging am spanischen Hof, wenn König -Philipp hereinkommt, ganz in Schwarz, mit dem Hosenbandorden -und dem Goldenen Vließ, und langsam den Hut zieht, -der beinahe schon aussieht wie unsere Melonen, – so nach oben -hin zieht er ihn und sagt: ‚Bedeckt euch, meine Granden‘ oder -so ähnlich, – im höchsten Grade gemessen ist das, darf man -wohl sagen, von Gehenlassen und schlottrigen Sitten kann da -nicht die Rede sein, im Gegenteil, und die Königin sagt denn -ja auch: ‚In meinem Frankreich wars doch anders‘, natürlich, -der ist es zu akkurat und umständlich, die möchte es fideler -haben, menschlicher. Aber was heißt menschlich? Menschlich -ist alles. Das spanisch Gottesfürchtige und Demütig-Feierliche -und streng Abgezirkelte ist eine sehr würdige Fasson der -Menschlichkeit, sollte ich meinen, und andererseits kann man -mit dem Worte ‚menschlich‘ jede Schlamperei und Schlappheit -zudecken, da wirst du mir recht geben.“ -</p> - -<p> -„Da gebe ich dir recht,“ sagte Joachim, „Schlappheit und Gehenlassen -kann ich natürlich auch nicht leiden, Disziplin muß sein.“ -</p> - -<p> -„Ja, das sagst du als Militär, und ich gebe zu, beim Militär -versteht man sich auf diese Dinge. Die Witwe hatte ganz -<a id="page-496" class="pagenum" title="496"></a> -recht, von eurem Handwerk zu sagen, es habe eine ernsthafte -Bewandtnis damit, denn immer müßtet ihr mit dem äußersten -Ernstfalle rechnen und damit, es mit dem Tod zu tun zu bekommen. -Ihr habt die Uniform, die ist knapp und propper und -hat einen steifen Kragen, das gibt euch <span class="antiqua" lang="fr">bienséance</span>. Und dann -habt ihr die Rangordnung und den Gehorsam und erweist euch -umständlich Ehre untereinander, das geschieht in spanischem -Geiste, aus Frömmigkeit, ich mag es im Grunde wohl leiden. -Bei uns Zivilisten sollte von diesem Geiste auch mehr herrschen, -in unseren Sitten und unserm Gehaben, das wäre mir lieber, -ich fände es passend. Ich finde, die Welt und das Leben ist -danach angetan, daß man sich allgemein schwarz tragen sollte, -mit einer gestärkten Halskrause statt eures Kragens, und ernst, -gedämpft und förmlich miteinander verkehren im Gedanken -an den Tod, – so wär es mir recht, es wäre moralisch. Siehst -du, das ist auch so ein Irrtum und Eigendünkel von Settembrini, -noch einer, es ist ganz gut, daß ich gesprächsweise mal -darauf komme. Nicht bloß die Menschenwürde meint er in -Pacht zu haben, sondern auch die Moral, – mit seiner ‚praktischen -Lebensarbeit‘ und seinen Fortschritts-Sonntagsfeiern -(als ob man nicht gerade Sonntags an was anderes zu denken -hätte als an den Fortschritt) und mit seiner systematischen Ausmerzung -der Leiden, wovon du übrigens nichts weißt, aber mir -hat er zu meiner Belehrung davon erzählt, – systematisch will -er sie ausmerzen, vermittelst eines Lexikons. Und wenn mir nun -das gerade unmoralisch vorkommt, – was dann? Ihm sage -ich es natürlich nicht, er redet mich ja in Grund und Boden -mit seiner plastischen Mundart und sagt: ‚Ich warne Sie, -Ingenieur!‘ Aber denken dürfen wird man sich ja sein Teil, -– Sire, geben Sie Gedankenfreiheit. Ich will dir was sagen“, -<a id="page-497" class="pagenum" title="497"></a> -schloß er. (Sie waren in Joachims Zimmer hinaufgelangt, -und Joachim machte sich zum Liegen bereit.) „Ich werde dir -sagen, was ich mir vorgenommen habe. Man lebt hier so -Tür an Tür mit sterbenden Leuten und mit dem schwersten -Kreuz und Jammer, aber nicht allein, daß man so tut, als ob -es einen nichts anginge, sondern man wird auch geschont und -geschützt, daß man nur ja nicht damit in Berührung kommt -und nichts davon sieht, und den Herrenreiter, den werden sie -nun auch wieder heimlich auf die Seite bringen, während wir -vespern oder frühstücken. Das finde ich unmoralisch. Die Stöhr -wurde ja schon wütend, weil ich den Todesfall nur erwähnte, -das ist mir zu albern, und wenn sie schon ungebildet ist und -glaubt, daß ‚Leise, leise, fromme Weise‘ im ‚Tannhäuser‘ vorkommt, -wie es ihr neulich bei Tische passierte, so könnte sie -dabei doch etwas moralischer empfinden, und die anderen auch. -Ich habe mir nun vorgenommen, mich in Zukunft etwas mehr -um die Schweren und Moribunden im Hause zu kümmern, -das wird mir wohltun, – schon unser Besuch eben hat mir gewissermaßen -gut getan. Der arme Reuter damals, auf Nr. 25, -den ich in meinen ersten Tagen durch die Tür einmal sah, ist -gewiß schon längst <span class="antiqua" lang="la">ad penates</span> gegangen und heimlich auf die -Seite gebracht worden, – er hatte schon damals so übertrieben -große Augen. Aber dafür sind andere da, das Haus ist voll, -es fehlt nie an Zuzug, und Schwester Alfreda oder auch die -Oberin oder sogar Behrens selbst werden uns gewiß behilflich -sein, eine oder die andere Beziehung herzustellen, das wird sich -ja unschwer machen lassen. Nimm an, jemand Moribundes -hat Geburtstag, und wir erfahren es, – das läßt sich ja in -Erfahrung bringen. Gut, wir schicken dem Betreffenden – -oder ihr – ihm oder ihr, je nachdem – einen Blumentopf aufs -<a id="page-498" class="pagenum" title="498"></a> -Zimmer, eine Aufmerksamkeit von zwei ungenannten Kollegen, -– beste Genesungswünsche, – das Wort Genesung bleibt höflicherweise -immer am Platz. Dann werden wir dem Betreffenden -natürlich doch genannt, und er oder sie läßt uns in ihrer -Schwäche einen freundlichen Gruß durch die Tür sagen, und -vielleicht lädt sie uns auf einen Augenblick ins Zimmer ein, -und wir wechseln noch ein paar menschliche Worte mit ihm, -bevor er sich auflöst. So denke ich es mir. Bist du nicht einverstanden? -Für mein Teil hab ichs mir jedenfalls vorgenommen.“ -</p> - -<p> -Joachim hatte gegen diese Absichten denn auch nicht viel -zu erinnern. „Es ist gegen die Hausordnung,“ sagte er; „du -durchbrichst sie gewissermaßen damit. Aber ausnahmsweise, -und wenn du nun einmal den Wunsch hast, wird Behrens -dir wohl Permeß geben, denke ich. Du kannst dich ja auf -dein medizinisches Interesse berufen.“ -</p> - -<p> -„Ja, unter anderem darauf“, sagte Hans Castorp; denn -wirklich waren es verschlungene Motive, aus denen sein -Wunsch erwuchs. Der Protest gegen den obwaltenden Egoismus -war nur eines davon. Was mitsprach, war namentlich -auch das Bedürfnis seines Geistes, Leiden und Tod ernst nehmen -und achten zu dürfen, – ein Bedürfnis, für das er sich -von der Annäherung an die Schweren und Sterbenden Genugtuung -und Stärkung erhoffte, als Gegengewicht gegen -vielfache Beleidigungen, denen er es sonst auf Schritt und -Tritt, alltäglich und stündlich ausgesetzt fand, und durch die -gewisse Urteile Settembrinis eine ihn kränkende Bekräftigung -erfuhren. Beispiele bieten sich nur zu zahlreich an; hätte man -Hans Castorp gefragt, er wäre vielleicht zuerst auf solche -Personen im Hause „Berghof“ zu sprechen gekommen, die -<a id="page-499" class="pagenum" title="499"></a> -eingestandenermaßen überhaupt nicht krank waren und vollkommen -freiwillig, unter dem offiziellen Vorwande leichter -Angegriffenheit, in Wirklichkeit aber nur zu ihrem Vergnügen -und weil die Lebensform der Kranken ihnen zusagte, hier lebten, -wie die schon beiläufig erwähnte Witwe Hessenfeld, eine -lebhafte Frau, deren Leidenschaft das Wetten war: sie wettete -mit den Herren, wettete auf alles und um alles, wettete auf -das Wetter, das eintreten, die Gerichte, die es geben würde, -auf das Ergebnis von Generaluntersuchungen und darauf, -wieviel Monate jemandem zugelegt werden würden, auf gewisse -Bobs, Eisschlitten, Schlittschuh- oder Ski-Champions -bei sportlichen Konkurrenzen, auf den Verlauf sich anspinnender -Liebesgeschichten unter den Gästen und auf hundert andere, -oft gänzlich unerhebliche und gleichgültige Dinge, wettete -um Schokolade, um Champagner und Kaviar, die dann im -Restaurant festlicherweise verzehrt wurden, um Geld, um Kinobilletts -und selbst um Küsse, zu gebende und zu nehmende, -– kurzum, sie brachte mit dieser ihrer Passion viel Spannung -und Leben in den Speisesaal, nur daß ihr Treiben den jungen -Hans Castorp natürlich sehr ernst nicht dünken wollte, ja, -daß ihr bloßes Vorhandensein ihm als Beeinträchtigung der -Würde eines Leidensortes erschien. -</p> - -<p> -Denn diese Würde zu schützen und vor sich selber aufrecht -zu halten, war er im Innern treulich bestrebt, so schwer es -ihm fallen mochte nach einem nun fast halbjährigen Aufenthalt -unter Denen hier oben. Die Einblicke, die er nach und -nach in ihr Leben und Treiben, ihre Sitten und Anschauungen -getan, waren seinem guten Willen wenig behilflich. Da waren -jene beiden mageren Stutzerchen, siebzehn- und achtzehnjährig -und „Max und Moritz“ genannt, deren abendliches Aussteigen -<a id="page-500" class="pagenum" title="500"></a> -zum Zwecke des Pokerns und der Zechereien in Damengesellschaft -dem Gerede viel Stoff bot. Kürzlich, das heißt etwa -acht Tage nach Neujahr (denn man muß festhalten, daß, -während wir erzählen, die Zeit in ihrer still strömenden Art rastlos -fortschreitet), hatte sich beim Frühstück die Nachricht verbreitet, -der Bademeister habe die beiden morgens in zerknitterten -Gesellschaftsanzügen auf ihren Betten betroffen. Auch -Hans Castorp lachte; aber wenn es beschämend für seinen guten -Willen war, so war es noch gar nicht viel im Vergleich mit -den Geschichten des Rechtsanwalts Einhuf aus Jüterbog, -eines spitzbärtigen Vierzigers mit schwarzbehaarten Händen, -der seit einiger Zeit an Stelle des genesenen Schweden am -Tisch Settembrinis saß und nicht nur jede Nacht betrunken -nach Hause kam, sondern dies neulich überhaupt nicht getan -hatte, vielmehr auf der Wiese gefunden worden war. Er galt -für einen gefährlichen Liederjahn, und Frau Stöhr konnte auf -die – im Tiefland übrigens verlobte – junge Dame mit ihrem -Finger weisen, die man zu einer bestimmten Stunde aus Einhufs -Zimmer hatte treten sehen, bekleidet nur mit einem Pelz, -unter dem sie nichts weiter als eine Reformhose getragen -haben sollte. Das war skandalös, – nicht nur in allgemein -moralischem Sinn, sondern skandalös und beleidigend für Hans -Castorp persönlich, im Sinn seiner geistigen Bemühungen. -Es kam aber hinzu, daß er an die Person des Rechtsanwalts -nicht denken konnte, ohne auch Fränzchen Oberdank mit einzubeziehen, -jenes glattgescheitelte Haustöchterchen, das vor -wenigen Wochen von ihrer Mutter, einer würdigen Provinzdame, -heraufgeleitet worden war. Fränzchen Oberdank hatte -bei ihrer Ankunft und nach der ersten Untersuchung für leichtkrank -gegolten; aber mochte sie Fehler begangen haben, mochte -<a id="page-501" class="pagenum" title="501"></a> -ein Fall vorliegen, in dem die Luft zunächst nicht sowohl -<em>gegen</em>, als vor allen Dingen einmal <em>für</em> die Krankheit gut -gewesen war, oder mochte die Kleine in irgendwelche Intrigen -und Aufregungen verstrickt worden sein, die ihr geschadet hatten: -vier Wochen nach ihrem Eintritt geschah es, daß sie, von einer -neuen Untersuchung kommend, beim Betreten des Speisesaals -ihr Handtäschchen in die Luft warf und mit heller Stimme -ausrief: „Hurra, ein Jahr muß ich bleiben!!“ – worüber im -ganzen Saal ein homerisches Gelächter sich verbreitet hatte. -Aber vierzehn Tage später war die Nachricht in Umlauf gekommen, -daß Rechtsanwalt Einhuf an Fränzchen Oberdank -wie ein Schurke gehandelt habe. Übrigens kommt dieser Ausdruck -auf unsere Rechnung oder allenfalls auf die Hans Castorps; -denn den Trägern der Nachricht schien diese ihrem -Wesen nach wohl nicht neu genug, um zu so starken Worten -anzuregen. Auch gaben sie achselzuckend zu verstehen, daß zu -solchen Geschichten ja zweie gehörten, und daß vermutlich nichts -gegen Wunsch und Willen eines Beteiligten geschehen sei. -Wenigstens war dies Frau Stöhrs Verhalten und sittliche -Stimmung in fraglicher Angelegenheit. -</p> - -<p> -Karoline Stöhr war entsetzlich. Wenn irgend etwas den -jungen Hans Castorp in seinen redlich gemeinten geistigen Bemühungen -störte, so war es das Sein und Wesen dieser Frau. -Ihre beständigen Bildungsschnitzer hätten genügt. Sie sagte -„Agonje“ statt „Todeskampf“; „insolvent“, wenn sie jemandem -Frechheit zum Vorwurf machte, und gab über die astronomischen -Vorgänge, die eine Sonnenfinsternis zeitigen, den -greulichsten Unsinn zum besten. Mit den liegenden Schneemassen, -sagte sie, sei es „eine wahre Kapazität“; und eines -Tages setzte sie Herrn Settembrini in lang andauerndes -<a id="page-502" class="pagenum" title="502"></a> -Erstaunen durch die Mitteilung, sie lese zur Zeit ein der Anstaltsbibliothek -entnommenes Buch, das ihn angehe, nämlich -„Benedetto Cenelli in der Übersetzung von Schiller“! Sie -liebte Redensarten, die dem jungen Hans Castorp, ihrer Abgeschmacktheit -und modisch ordinären Verbrauchtheit wegen, -auf die Nerven gingen, wie zum Beispiel: „Das ist die -Höhe!“ oder: „Du ahnst es nicht!“ Und da die Bezeichnung -„blendend“, die das Modemaul lange Zeit für „glänzend“ -oder „vorzüglich“ gebraucht hatte, sich als gänzlich ausgelaugt, -entkräftet, prostituiert und sohin veraltet erwies, so warf sie -sich auf das Neueste, nämlich das Wort „verheerend“, und -fand nun, im Ernst oder höhnischerweise, alles „verheerend“, -die Schlittenbahn, die Mehlspeise und ihre eigene Leibeswärme, -was ebenfalls ekelhaft anmutete. Hinzu kam ihre Klatschsucht, -die unmäßig war. Mochte sie immerhin erzählen, Frau Salomon -trage heute die kostbarste Spitzenwäsche, denn sie sei zur -Untersuchung bestellt und ziere sich dabei vor den Ärzten mit -feinem Unterzeug: – es hatte seine Richtigkeit damit, Hans -Castorp selbst hatte den Eindruck gewonnen, daß die Prozedur -der Untersuchung, unabhängig von ihrem Ergebnis, den -Damen Vergnügen bereite, und daß sie sich kokett dafür -schmückten. Aber was sollte man zu Frau Stöhrs Versicherung -sagen, Frau Redisch aus Posen, die im Verdacht tuberkulösen -Rückenmarks stehe, müsse wöchentlich einmal zehn -Minuten lang vollständig nackt vor Hofrat Behrens im Zimmer -hin und her marschieren? Die Unwahrscheinlichkeit dieser -Behauptung kam fast ihrer Anstößigkeit gleich, aber Frau -Stöhr verfocht und beschwor sie aufs äußerste, – obgleich -schwer begreiflich erschien, wie die Arme auf Dinge, wie -diese, so viel Eifer, Nachdruck und Rechthaberei verwenden -<a id="page-503" class="pagenum" title="503"></a> -mochte, da ihre eigensten Angelegenheiten ihr schwer zu schaffen -machten. Denn zwischendurch suchten Anfälle von feiger und -weinerlicher Besorgnis sie heim, deren Anlaß ihre angeblich -zunehmende „Schlaffheit“ oder das Ansteigen ihrer Kurve -war. Sie kam schluchzend zu Tisch, die spröden roten Backen -von Tränen überströmt und heulte in ihr Taschentuch, daß -Behrens sie in ihr Bett schicken wolle, sie aber wolle wissen, -was er hinter ihrem Rücken gesagt habe, was ihr fehle, wie -es um sie stehe, sie wolle der Wahrheit ins Auge sehen! Zu -ihrem Entsetzen hatte sie eines Tages bemerkt, daß ihr Bett -mit dem Fußende in der Richtung der Haustür stehe und erlitt -fast Krämpfe dieser Entdeckung wegen. Man verstand -ihre Wut, ihr Grauen nicht ohne weiteres, Hans Castorp im -besonderen verstand sich nicht gleich darauf. Nun und? Wieso? -Warum das Bett nicht stehen solle, wie es stehe? – Aber -ob er, um Gottes willen, denn nicht begreife! „<em>Die Füße -voran ...!</em>“ Sie schlug verzweifelten Lärm, und sofort -mußte das Bett umgestellt werden, obgleich sie fortan vom -Kissen ins Licht sah, was ihren Schlaf beeinträchtigte. -</p> - -<p> -Das alles war unernst; es kam Hans Castorps geistigen -Bedürfnissen sehr wenig entgegen. Ein schreckhafter Zwischenfall, -der sich um diese Zeit während einer Mahlzeit ereignete, -machte besonderen Eindruck auf den jungen Mann. Ein noch -neuer Patient, der Lehrer Popów, ein magerer und stiller -Mensch, der mit seiner ebenfalls mageren und stillen Braut -am Guten Russentisch Platz gefunden hatte, erwies sich, da -eben das Essen in vollem Gange war, als epileptisch, indem -er einen krassen Anfall dieser Art erlitt, mit jenem Schrei, dessen -dämonischer und außermenschlicher Charakter oft geschildert -worden ist, zu Boden stürzte und neben seinem Stuhle unter -<a id="page-504" class="pagenum" title="504"></a> -den scheußlichsten Verrenkungen mit Armen und Beinen um -sich schlug. Erschwerend wirkte, daß es ein Fischgericht war, -das eben gereicht worden, so daß zu befürchten stand, Popów -möchte in seiner Krampfverzückung an einer Gräte Schaden -nehmen. Der Aufruhr war unbeschreiblich. Die Damen, -Frau Stöhr voran, aber ohne daß etwa die Frauen Salomon, -Redisch, Hessenfeld, Magnus, Iltis, Levi und wie sie -nun heißen mochten, ihr etwas nachgegeben hätten, wurden -von den verschiedensten Zuständen betreten, so daß einige es -Herrn Popów fast gleichtaten. Ihre Schreie gellten. Man -sah nichts als zugekrampfte Augen, offene Münder und verdrehte -Oberkörper. Eine einzelne gab stiller Ohnmacht den -Vorzug. Erstickungsanfälle, da jedermann von dem wilden -Ereignis im Kauen und Schlucken überrascht worden war, -spielten sich ab. Ein Teil der Tischgesellschaft suchte durch die -verfügbaren Ausgänge das Weite, auch durch die Verandatüren, -obgleich es draußen sehr naßkalt war. Es trug aber -der ganze Vorfall ein eigentümliches und außer seiner Entsetzlichkeit -auch anstößiges Tonzeichen, und zwar vermöge einer -allgemein sich aufdrängenden Ideenverbindung, die an den -jüngsten Vortrag Dr. Krokowskis anknüpfte. Der Analytiker -war nämlich bei seinen Ausführungen über die Liebe als krankheitbildende -Macht gerade am letzten Montag auf die Fallsucht -zu reden gekommen und hatte dies Leiden, worin die -Menschheit in voranalytischen Zeiten abwechselnd eine heilige, -ja prophetische Heimsuchung und eine Teufelsbesessenheit gesehen, -mit halb poetischen, halb unerbittlich wissenschaftlichen -Worten als Äquivalent der Liebe und Orgasmus des Gehirns -angesprochen, kurz, es in einem solchen Sinne verdächtigt, daß -seine Zuhörer die Aufführung des Lehrers Popów, diese Illustration -<a id="page-505" class="pagenum" title="505"></a> -des Vortrags, als wüste Offenbarung und mysteriösen -Skandal verstehen mußten, so daß denn auch in dem -verhüllten Entfliehen der Damen eine gewisse Schamhaftigkeit -sich ausdrückte. Der Hofrat selbst war bei der Mahlzeit -zugegen, und er war es, der, zusammen mit der Mylendonk -und einigen jungen, handfesten Tafelgenossen, den Ekstatiker, -blau, schäumend, steif und verzerrt, wie er war, aus dem Saal -in die Halle schaffte, wo man die Ärzte, die Oberin und anderes -Personal noch längere Zeit an dem Sinnlosen hantieren sah, -der dann auf einer Bahre davongetragen wurde. Ganz kurze -Zeit danach aber sah man Herrn Popów stillvergnügt, in -Gesellschaft seiner ebenfalls stillvergnügten Braut, wieder am -Guten Russentisch sitzen und, als sei nichts geschehen, sein Mittagessen -beenden! -</p> - -<p> -Hans Castorp hatte dem Ereignis mit den äußeren Zeichen -respektvollen Schreckens beigewohnt, im Grunde aber mutete -auch dies ihn nicht ernst an, Gott mochte ihm helfen. Popów -hätte an seinem Fischbissen freilich ersticken können, aber in -Wirklichkeit war er ja nicht erstickt, sondern hatte, bei aller bewußtlosen -Wut und Lustbarkeit, im Stillsten wohl dennoch -ein wenig achtgegeben. Nun saß er heiter, aß fertig und tat, -als habe er sich nie wie ein Berserker und rasender Trunkenbold -benommen, erinnerte sich gewiß auch nicht daran. Auch -seine Erscheinung aber war nicht danach angetan, Hans Castorps -Ehrfurcht vor dem Leiden zu stärken; auch sie, in ihrer -Art, vermehrte die Eindrücke unernster Liederlichkeit, denen er -sich widerstrebend hier oben ausgesetzt fand, und denen er durch -eine den herrschenden Sitten widersprechende nähere Beschäftigung -mit den Schweren und Moribunden entgegenzuwirken -wünschte. -</p> - -<p> -<a id="page-506" class="pagenum" title="506"></a> -Auf der Etage der Vettern, nicht weit von ihren Zimmern, -lag ein ganz junges Mädchen, Leila Gerngroß mit Namen, -die den Mitteilungen Schwester Alfredas zufolge im Begriffe -war, zu sterben. Sie hatte binnen zehn Tagen vier heftige -Blutungen erlitten, und ihre Eltern waren heraufgekommen, -um sie vielleicht noch lebend heimzubringen; doch schien das -nicht angängig: der Hofrat verneinte die Transportfähigkeit -der armen kleinen Gerngroß. Sie war sechzehn-, siebzehnjährig. -Hans Castorp sah hier die rechte Gelegenheit, seinen Plan mit -dem Blumentopf und den Genesungswünschen zu verwirklichen. -Zwar hatte Leila jetzt nicht Geburtstag, würde diesen -auch, menschlicher Voraussicht nach, nicht mehr erleben, da -er, wie Hans Castorp ausgekundschaftet, erst in das Frühjahr -fiel; doch brauchte das seiner Entscheidung nach kein Hindernis -für eine solche barmherzige Huldigung zu sein. Auf einem -Mittagsgange in die Gegend des Kurhauses trat er mit seinem -Vetter in einen Blumenladen, dessen erdig-feuchte und duftüberladene -Atmosphäre er mit bewegter Brust einatmete, und -erstand einen hübschen Hortensienstock, den er ohne Namensnennung, -mit einer Karte, auf der nur „Von zwei Hausgenossen, -mit besten Genesungswünschen“ geschrieben stand, der -kleinen Moribunden aufs Zimmer zu schicken Weisung gab. -Er handelte freudig, angenehm benommen vom Pflanzenbrodem, -der lauen Wärme des Ortes, die nach der Außenkälte -seine Augen tränen ließ, mit klopfendem Herzen und einem -Gefühl der Abenteuerlichkeit, Kühnheit, Förderlichkeit seines -unscheinbaren Unternehmens, dem er insgeheim eine symbolische -Tragweite beimaß. -</p> - -<p> -Leila Gerngroß genoß keine Privatpflege, sondern unterstand -unmittelbar der Fürsorge Fräulein von Mylendonks -<a id="page-507" class="pagenum" title="507"></a> -und der Ärzte; aber Schwester Alfreda ging bei ihr aus und -ein, und sie erstattete den jungen Leuten Bericht über die Wirkung -ihrer Aufmerksamkeit. Die Kleine, in der aussichtslosen -Beschränktheit ihres Zustandes, hatte sich kindisch gefreut über -den fremden Gruß. Die Pflanze stand an ihrem Bett, sie liebkoste -sie mit Blicken und Händen, sorgte, daß man sie begoß, -und hing selbst noch bei den schlimmsten Hustenanfällen, die -sie heimsuchten, mit ihren gequälten Augen an ihr. Ihre -Eltern, Major außer Diensten Gerngroß und Frau, waren -ebenfalls gerührt und erfreut gewesen, und da sie, ohne jede -Bekanntschaft im Hause, die Geber zu erraten nicht einmal versuchen -konnten, so hatte die Schildknecht, wie sie gestand, sich -nicht enthalten können, die Anonymität zu lüften und die Vettern -als Spender namhaft zu machen. Sie überbrachte ihnen -die Bitte der drei Gerngroß um Vorstellung und Dankesentgegennahme, -und so traten die beiden denn übernächsten -Tages, von der Diakonissin geführt, auf Zehenspitzen in Leilas -Leidenskammer ein. -</p> - -<p> -Die Sterbende war ein überaus liebreizendes blondes Geschöpf -mit genau vergißmeinnichtblauen Augen, das trotz -furchtbarer Blutverluste und einer Atmung, die nur vermittelst -eines ganz unzulänglichen Restbestandes von tauglichem Lungengewebe -geschah, einen zwar zarten, aber eigentlich nicht -elenden Anblick bot. Sie dankte und plauderte mit etwas tonarmer, -aber angenehmer Stimme. Ein rosiger Schein erstand -auf ihren Wangen und verharrte dort. Hans Castorp, der -gegen die anwesenden Eltern und sie seine Handlungsweise -so erläutert, wie man es erwartete, und sich gewissermaßen -entschuldigt hatte, sprach gedämpft und bewegt, mit zärtlicher -Ehrerbietung. Es fehlte nicht viel – der innere Antrieb dazu -<a id="page-508" class="pagenum" title="508"></a> -war jedenfalls vorhanden –, daß er sich vor dem Bett auf -ein Knie niedergelassen hätte, und lange hielt er Leilas Hand -in der seinen fest, obgleich dies heiße Händchen nicht nur feucht, -sondern geradezu naß war, denn des Kindes Schweißsekretion -war übermäßig; beständig verausgabte sie so viel Wasser, daß -ihr Fleisch schon längst hätte eingeschnurrt und vertrocknet -sein müssen, wenn nicht der gierigste Konsum von Limonade, -von der auch eine Karaffe voll auf ihrem Nachttische stand, -der Transsudation ungefähr die Wage gehalten hätte. Die -Eltern, gramvoll, wie sie waren, hielten mit Erkundigungen -über die persönlichen Umstände der Vettern und anderen konversationellen -Mitteln die kurze Unterhaltung nach menschlicher -Gesittung aufrecht. Der Major war ein breitschultriger -Mann mit niedriger Stirn und gesträubtem Schnurrbart, – -ein Hüne, dessen organische Unschuld an der Disposition und -Aufnahmelustigkeit des Töchterchens in die Augen stach. -Schuld daran war offensichtlich vielmehr seine Frau, eine kleine -Person von entschieden phthisischem Typus, deren Gewissen -denn auch dieser Mitgift wegen belastet schien. Als nämlich -Leila nach zehn Minuten Ermüdungs- oder vielmehr Überreizungszeichen -gab (das Rosenrot ihrer Wangen erhöhte sich, -während ihre Vergißmeinnichtaugen beunruhigend glänzten), -und die Vettern, von Schwester Alfreda mit den Blicken dazu -gemahnt, sich verabschiedeten, geleitete Frau Gerngroß sie bis -vor die Tür und erging sich dabei in Selbstanklagen, die Hans -Castorp sonderbar ergriffen. Von ihr, von ihr allein komme -es, versicherte sie zerknirscht; von ihr nur könne das arme Kind -es haben, ihr Mann sei völlig unbeteiligt daran, habe nicht -das geringste damit zu tun. Aber auch sie, könne sie versichern, -habe nur ganz vorübergehend damit zu tun gehabt, nur ein -<a id="page-509" class="pagenum" title="509"></a> -bißchen und obenhin, ganz kurze Zeit, als junges Mädchen. -Dann habe sie es überwunden, ganz und gar, wie ihr bezeugt -worden sei, denn sie habe heiraten wollen, so gern heiraten -und leben, und es sei ihr gelungen, ganz ausgeheilt und genesen -sei sie in die Ehe getreten mit ihrem lieben, baumstarken -Mann, der seinerseits nie auch nur entfernt an solche Geschichten -gedacht habe. Aber so rein und stark er sei, – er habe das -Unglück doch nicht verhindern können mit seinem Einfluß. -Denn bei dem Kinde, da sei das Schreckliche, das Begrabene -und Vergessene wieder zum Vorschein gekommen, und es -werde nicht fertig damit, es gehe zugrunde daran, während -sie, die Mutter, darüber hinweggekommen und in ein gefestetes -Alter getreten sei, – es sterbe, das arme, liebe Ding, die Ärzte -gäben keine Hoffnung mehr, und sie allein sei schuld daran -mit ihrem Vorleben. -</p> - -<p> -Die jungen Leute suchten sie zu trösten, machten Worte über -die Möglichkeit einer glücklichen Wendung. Aber die Majorin -schluchzte nur auf und dankte ihnen jedenfalls nochmals für -alles, für die Hortensie und dafür, daß sie das Kind durch -ihren Besuch noch ein wenig zerstreut und beglückt. Da läge -die Ärmste in ihrer Qual und Einsamkeit, während andere -junge Dinger sich ihres Lebens freuten und mit hübschen jungen -Herren tanzten, wozu die Krankheit doch keineswegs die Lust -ertöte. Sie hätten ihr ein wenig Sonnenschein gebracht, mein -Gott, wohl den letzten. Die Hortensie sei wie ein Ballerfolg -und das Geplauder mit den beiden stattlichen Kavalieren wie -ein netter kleiner Flirt für sie gewesen, das habe sie, Mutter -Gerngroß, wohl gesehen. -</p> - -<p> -Hiervon war Hans Castorp nun peinlich berührt, besonders -da die Majorin das Wort „Flirt“ obendrein nicht richtig, das -<a id="page-510" class="pagenum" title="510"></a> -heißt nicht englisch, sondern mit deutschem i ausgesprochen -hatte, was ihn maßlos irritierte. Auch war er kein stattlicher -Kavalier, sondern hatte die kleine Leila aus Protest gegen -den herrschenden Egoismus und in medizinisch-geistlicher -Meinung besucht. Kurz, er war etwas verstimmt über den -letzten Ausgang der Sache, soweit die Auffassung der Majorin -in Frage kam, sonst aber sehr belebt und angetan von der -Durchführung des Unternehmens. Namentlich zwei Eindrücke: -die erdigen Düfte des Blumenladens und die Nässe -von Leilas Händchen waren ihm davon in Seele und Sinn -zurückgeblieben. Und da ein Anfang gemacht war, verabredete -er noch gleichen Tages mit Schwester Alfreda einen -Besuch bei ihrem Pflegling Fritz Rotbein, der sich nebst seiner -Pflegerin so schrecklich langweilte, obgleich ihm, wenn nicht -alle Zeichen trogen, nur noch eine ganz kurze Weile beschieden -war. -</p> - -<p> -Es half dem guten Joachim nichts, er mußte mithalten. -Hans Castorps Antrieb und charitativer Unternehmungsgeist -war stärker als seines Vetters Abneigung, welche dieser höchstens -durch Schweigen und Niederschlagen der Augen geltend -machen konnte, da er sie, ohne Mangel an Christentum zu -bekunden, nicht zu begründen gewußt hätte. Hans Castorp -sah das sehr wohl und zog seinen Nutzen daraus. Er verstand -auch genau den militärischen Sinn dieser Unlust. Aber wenn -er selbst sich nun doch belebt und beglückt fühlte durch solche -Unternehmungen, und wenn sie ihm förderlich schienen? -Dann mußte er über Joachims stillen Widerstand eben hinwegschreiten. -Er erwog mit ihm, ob man auch dem jungen -Fritz Rotbein Blumen schicken oder bringen könne, obgleich -dieser Moribundus männlichen Geschlechtes war. Er wünschte -<a id="page-511" class="pagenum" title="511"></a> -sehr, es zu tun; Blumen, fand er, gehörten dazu; der Streich -mit der Hortensie, die violett und wohlgeformt gewesen war, -hatte ihm ausnehmend gefallen; und so entschied er denn, daß -Rotbeins Geschlecht durch seinen finalen Zustand ausgeglichen -werde, und daß er, um Blumenspenden entgegenzunehmen, -auch nicht Geburtstag zu haben brauche, da Sterbende ohne -weiteres und in Permanenz wie Geburtstagskinder zu behandeln -seien. So gesonnen, suchte er mit dem Vetter denn -wieder die erdig-warme Duftatmosphäre des Blumengeschäftes -auf und trat bei Herrn Rotbein mit einem frisch besprengten -und duftenden Rosen-, Nelken- und Levkoiengebinde -ein, geführt von Alfreda Schildknecht, die die jungen Leute -gemeldet hatte. -</p> - -<p> -Der Schwerkranke, kaum zwanzigjährig und dabei schon -etwas kahl und grau auf dem Kopf, wächsern und abgezehrt, -mit großen Händen, großer Nase und großen Ohren, zeigte -sich zu Tränen dankbar für Zuspruch und Zerstreuung, – -wirklich weinte er aus Schwäche etwas, als er die beiden begrüßte -und das Bukett entgegennahm, kam dann aber, im -Anschluß an dieses, sofort, wenn auch nur mit fast flüsternder -Stimme, auf den europäischen Blumenhandel und seine immer -noch zunehmende Schwunghaftigkeit zu sprechen, auf den gewaltigen -Export der Gärtnereien von Nizza und Cannes, die -Waggonladungen und Postsendungen, die von diesen Orten -täglich nach allen Seiten ausgingen, auf die Engrosmärkte -von Paris und Berlin und die Versorgung Rußlands. Denn -er war Kaufmann, und in dieser Richtung lagen seine Interessen, -solange er eben am Leben war. Sein Vater, der Koburger -Puppenfabrikant, hatte ihn zu seiner Ausbildung nach -England geschickt, so flüsterte er, und dort war er erkrankt. -<a id="page-512" class="pagenum" title="512"></a> -Man hatte aber sein fiebriges Leiden als typhös betrachtet -und dementsprechend behandelt, das hieß: ihn auf Wassersuppendiät -gesetzt, wodurch er so sehr heruntergekommen sei. -Hier oben habe er essen dürfen, und er habe es getan: im -Schweiße seines Angesichts habe er im Bette gesessen und sich -zu nähren gesucht. Allein es sei zu spät gewesen, sein Darm -sei leider in Mitleidenschaft gezogen, vergebens schicke man ihm -von zu Hause Zunge und Spickaal, er vertrage nichts mehr. -Nun sei sein Vater im Anreisen von Koburg, von Behrens -telegraphisch berufen. Denn es solle ja nun ein entscheidender -Eingriff, die Rippenresektion, bei ihm vorgenommen werden, -man wolle es jedenfalls damit versuchen, obgleich die Chancen -verschwindend seien. Rotbein flüsterte sehr sachlich hierüber -und nahm auch die Frage der Operation durchaus von der geschäftlichen -Seite, – solange er eben lebte, würde er die Dinge -unter diesem Gesichtswinkel betrachten. Der Kostenpunkt, -flüsterte er, sei, die Rückenmarksanästhesie mit eingerechnet, -auf tausend Franken fixiert, denn so gut wie der ganze Brustkorb -käme in Betracht, sechs bis acht Rippen, und es frage -sich nun, ob das eine irgendwie lohnende Anlage sein werde. -Behrens rede ihm zu, aber sein Interesse sei eindeutig, während -das seine zweifelhaft scheine und man nicht wissen könne, ob -er nicht klüger täte, ruhig mit seinen Rippen zu sterben. -</p> - -<p> -Es war schwer, ihm zu raten. Die Vettern meinten, man -müsse die hervorragende chirurgische Geschicklichkeit des Hofrats -bei der Kalkulation in Anschlag bringen. Man kam -überein, die Meinung des im Anrollen begriffenen alten Rotbein -den Ausschlag geben zu lassen. Bei der Verabschiedung -weinte der junge Fritz wieder etwas, und obgleich es nur aus -Schwäche geschah, standen die Tränen, die er vergoß, in -<a id="page-513" class="pagenum" title="513"></a> -sonderbarem Gegensatz zu der trockenen Sachlichkeit seiner -Denk- und Sprechweise. Er bat, die Herren möchten den Besuch -wiederholen, und sie versprachen es bereitwillig, kamen -aber nicht mehr dazu. Denn da abends der Puppenfabrikant -eingetroffen, war man am nächsten Vormittag zur Operation -geschritten, nach welcher der junge Fritz nicht mehr empfangsfähig -gewesen war. Und zwei Tage später sah Hans Castorp -im Vorbeigehen mit Joachim, daß in dem Rotbeinschen -Zimmer gestöbert wurde. Schwester Alfreda hatte mit ihrem -Köfferchen Haus Berghof schon verlassen, da sie eilig zu einem -anderen Moribundus in einer anderen Anstalt bestellt worden -war, und seufzend, ihr Kneiferband hinter dem Ohr, hatte sie -sich zu ihm begeben, da dies eben die Perspektive war, die sich -ihr einzig eröffnete. -</p> - -<p> -Ein „verlassenes“, ein freigewordenes Zimmer, worin bei -aufeinander getürmten Möbeln und offener Doppeltür gestöbert -wurde, wie man bemerkte, wenn man auf dem Weg -in den Speisesaal oder ins Freie daran vorüberkam, – war -ein vielsagender, dabei aber so gewohnter Anblick, daß er einem -kaum noch viel sagte, besonders wenn man selbst, seinerzeit, -von einem soeben auf solche Art „freigewordenen“ und gestöberten -Zimmer Besitz ergriffen hatte und darin heimisch -geworden war. Zuweilen wußte man, wer auf der betreffenden -Nummer gewohnt hatte, was dann immerhin zu denken -gab: so diesmal und so auch acht Tage später, als Hans -Castorp im Vorbeigehen das Zimmer der kleinen Gerngroß -in demselben Zustand erblickte. In diesem Fall sträubte sein -Verständnis sich beim ersten Augenschein gegen den Sinn der -dort drinnen herrschenden Geschäftigkeit. Er stand und schaute, -versonnen und betroffen, als eben der Hofrat des Weges kam. -</p> - -<p> -<a id="page-514" class="pagenum" title="514"></a> -„Ich stehe hier und sehe stöbern“, sagte Hans Castorp. -„Guten Tag, Herr Hofrat. Die kleine Leila ...“ -</p> - -<p> -„Tja –“, antwortete Behrens und zuckte die Achseln. Nach -einem Silentium, währenddessen diese Gebärde sich auswirkte, -setzte er hinzu: -</p> - -<p> -„Sie haben ihr ja schnell vor Torschluß noch ganz regulär -den Hof gemacht? Gefällt mir von Ihnen, daß Sie sich -meiner Lungenpfeiferchen in ihren Käfigen ein bißchen annehmen, -relativ rüstig wie Sie persönlich sind. Hübscher Zug -Ihrerseits, nee, nee, lassen wir das mal seine Richtigkeit haben, -daß es ein ganz hübscher Zug ist in Ihrem Charakterbild. -Soll ich Sie gelegentlich ein bißchen einführen dann und -wann? Ich habe da noch allerlei Zeisige sitzen, – wenn es -Sie interessiert. Jetzt gehe ich zum Beispiel auf einen Sprung -zu meiner ‚Überfüllten‘. Kommen Sie mit? Ich stelle Sie -einfach als teilnehmenden Leidensgenossen vor.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp sagte, der Hofrat habe ihm das Wort vom -Munde genommen und ihm genau das angeboten, um was -er ihn eben habe bitten wollen. Dankbar mache er Gebrauch -von der Erlaubnis und schließe sich an. Aber wer das denn -sei, die „Überfüllte“, und wie er den Namen verstehen solle. -</p> - -<p> -„Wörtlich“, sagte der Hofrat. „Ganz präzise und unmetaphorisch. -Lassen Sie sichs von ihr selber erzählen.“ Mit -wenigen Schritten waren sie am Zimmer der „Überfüllten“. -Der Hofrat drang durch die Doppeltür, indem er seinem Begleiter -zu warten befahl. Kurzatmig bedrängtes, aber helles -und lustiges Lachen und Sprechen klang bei Behrens’ Eintritt -aus dem Zimmer und ward dann abgesperrt. Aber auch dem -teilnehmenden Besucher klang es wieder entgegen, als ihm -einige Minuten später Einlaß gewährt wurde und Behrens -<a id="page-515" class="pagenum" title="515"></a> -ihn der im Bette liegenden blonden Dame vorstellte, die ihn aus -blauen Augen neugierig betrachtete, – Kissen im Rücken, lag sie -halb sitzend, in Unruhe, und lachte beständig perlend, ganz hoch -und silberhell, indem sie nach Atem rang, erregt und gekitzelt, -wie es schien, von ihrer Beklemmung. Auch über des Hofrats -Redensarten lachte sie wohl, womit er ihr den Besucher präsentierte, -rief dem Abgehenden vielmals Adieu und Schönen Dank -und Auf Wiedersehn nach, indem sie mit der Hand hinter ihm -drein winkte, seufzte klingend, lachte silberne Läufe, stemmte die -Hände gegen die unter dem Batisthemd wogende Brust und -konnte die Beine nicht ruhig halten. Sie hieß Frau Zimmermann. -</p> - -<p> -Hans Castorp kannte sie flüchtig von Ansehen. Sie hatte -einige Wochen lang am Tisch der Salomon und des gefräßigen -Schülers gesessen und immer viel gelacht. Dann war -sie verschwunden, ohne daß der junge Mann sich weiter darum -gekümmert hätte. Sie mochte abgereist sein, hatte er gemeint, -soweit er sich eine Meinung über ihr Unsichtbarwerden gebildet -hatte. Nun fand er sie hier, unter dem Namen der -„Überfüllten“, auf dessen Erklärung er wartete. -</p> - -<p> -„Hahahaha“, perlte sie gekitzelt, mit fliegender Brust. -„Furchtbar komischer Mann, dieser Behrens, fabelhaft komischer -und amüsanter Mann, zum Schief- und Kranklachen. -Setzen Sie sich doch, Herr Kasten, Herr Carsten, oder wie Sie -heißen, Sie heißen so komisch, ha, ha, hi, hi, entschuldigen Sie! -Setzen Sie sich auf den Stuhl da zu meinen Füßen, aber -erlauben Sie, daß ich strample, ich kann es – ha...a“, seufzte -sie offenen Mundes und perlte dann wieder, „ich kann es unmöglich -lassen.“ -</p> - -<p> -Sie war nahezu hübsch, hatte klare, etwas zu ausgeprägte, -aber angenehme Züge und ein kleines Doppelkinn. Aber ihre -<a id="page-516" class="pagenum" title="516"></a> -Lippen waren bläulich, und auch die Nasenspitze wies diese -Tönung auf, zweifellos infolge Luftmangels. Ihre Hände, -die von sympathischer Magerkeit waren, und die die Spitzenmanschetten -des Nachthemdes gut kleideten, vermochten sich -ebensowenig ruhig zu halten wie die Füße. Ihr Hals war -mädchenhaft, mit „Salzfässern“ über den zarten Schlüsselbeinen, -und auch die Brust, unter dem Linnen von Gelächter -und Atemnot in unruhig knapper und ringender Bewegung -gehalten, schien zart und jung. Hans Castorp beschloß, auch -ihr schöne Blumen zu schicken oder zu bringen, aus den Exportgärtnereien -von Nizza und Cannes, besprengte und duftende. -Mit einiger Besorgnis stimmte er in Frau Zimmermanns -fliegende und bedrängte Heiterkeit ein. -</p> - -<p> -„Und Sie besuchen hier also die Hochgradigen?“ fragte -sie. „Wie amüsant und freundlich von Ihnen, ha, ha, ha, ha! -Denken Sie aber, ich bin gar nicht hochgradig, das heißt, ich -war es eigentlich gar nicht, noch bis vor kurzem, nicht im geringsten -... Bis mir neulich diese Geschichte ... Hören Sie -nur, ob es nicht das Komischste ist, was Ihnen in Ihrem -ganzen Leben ...“ Und nach Luft ringend, unter Tirili und -Trillern, erzählte sie ihm, was ihr zugestoßen war. -</p> - -<p> -Ein wenig krank war sie heraufgekommen, – krank immerhin, -denn sonst wäre sie nicht gekommen, nicht <em>ganz</em> leicht -vielleicht sogar, aber eher leicht als schwer. Der Pneumothorax, -diese noch junge und rasch zu großer Beliebtheit gelangte -Errungenschaft der chirurgischen Technik, hatte sich auch -in ihrem Falle glänzend bewährt. Der Eingriff war vollkommen -gelungen, Frau Zimmermanns Zustand und Befinden -machte die erfreulichsten Fortschritte, ihr Mann – denn sie -war verheiratet, wenn auch kinderlos – durfte sie in drei bis -<a id="page-517" class="pagenum" title="517"></a> -vier Monaten zurückerwarten. Da machte sie, um sich zu -amüsieren, einen Ausflug nach Zürich, – es lag kein anderer -Grund vor für diese Reise als der des Amüsements. Sie hatte -sich auch amüsiert nach Herzenslust, war aber dabei der Notwendigkeit -innegeworden, sich auffüllen zu lassen und hatte -mit diesem Geschäft einen dortigen Arzt betraut. Ein netter, -komischer junger Mensch, hahaha, hahaha, aber was war -geschehen? Er hatte sie überfüllt! Es gab keine andere Bezeichnung -dafür, das Wort sagte alles. Er hatte es zu gut -mit ihr gemeint, hatte die Sache wohl nicht so recht verstanden, -und kurz und gut: in überfülltem Zustande, das heißt unter -Herzbeklemmungen und Atemnot – ha! hihihi – war sie hier -oben wieder eingetroffen und von Behrens, der mordsmäßig -gewettert hatte, sofort ins Bett gesteckt worden. Denn nun -sei sie schwerkrank, – nicht hochgradig eigentlich, aber verpfuscht, -verpatzt, – hahaha, sein Gesicht, was er denn für ein -komisches Gesicht mache? Und sie lachte, indem sie mit dem -Finger hineindeutete, so sehr über dies Gesicht, daß nun auch -ihre Stirn sich blau zu färben begann. Aber am allerkomischsten, -sagte sie, sei Behrens mit seinem Gewetter und seiner Grobheit, -– schon im voraus habe sie darüber lachen müssen, als sie -gemerkt habe, daß sie überfüllt sei. „Sie schweben in absoluter -Lebensgefahr“, habe er sie angeschrien ohne Umschweife und -Einkleidung, so ein Bär, hahaha, hihihi, entschuldigen Sie. -</p> - -<p> -Es blieb zweifelhaft, in welchem Sinn sie über des Hofrats -Erklärung so perlend lachte, – ob nur ihrer „Grobheit“ wegen -und weil sie nicht daran glaubte, oder obgleich sie daran -glaubte – denn das mußte sie doch wohl tun –, aber die -Sache selbst, das heißt die Lebensgefahr, in der sie schwebte, -eben nur furchtbar komisch fand. Hans Castorp hatte den -<a id="page-518" class="pagenum" title="518"></a> -Eindruck, daß dies letztere zutreffe, und daß sie wirklich nur aus -kindischem Leichtsinn und dem Unverstand ihres Vogelhirns -perle, trillere und tiriliere, was er mißbilligte. Trotzdem schickte -er ihr Blumen, sah aber auch die lachlustige Frau Zimmermann -nicht wieder. Denn nachdem sie noch einige Tage lang -unter Sauerstoff gehalten worden, war sie im Arm ihres telegraphisch -herbeigerufenen Gatten denn richtig gestorben, – -eine Gans in Folio, wie der Hofrat, von dem Hans Castorp -es hörte, von sich aus hinzufügte. -</p> - -<p> -Aber schon vorher hatte Hans Castorps teilnehmender -Unternehmungsgeist mit Hilfe des Hofrats und des Pflegepersonals -weitere Beziehungen zu den Schwerkranken des -Hauses angeknüpft, und Joachim mußte mit. Er mußte mit -zu dem Sohne von „<span class="antiqua" lang="fr">Tous les deux</span>“, dem zweiten, der noch -übrig war, nachdem bei dem anderen nebenan schon längst -gestöbert und mit <span class="ss">H₂CO</span> geräuchert worden. Ferner zu dem -Knaben Teddy, der kürzlich aus dem „Fridericianum“ genannten -Erziehungsinstitut, für das sein Fall zu schwer gewesen, -heraufgekommen war. Ferner zu dem deutsch-russischen -Versicherungsbeamten Anton Karlowitsch Ferge, einem gutmütigen -Dulder. Ferner zu der unglückseligen und dabei so -gefallsüchtigen Frau von Mallinckrodt, die ebenfalls Blumen -bekam wie die Vorgenannten, und die von Hans Castorp in -Joachims Gegenwart sogar mehrmals mit Brei gefüttert -wurde ... Nachgerade gelangten sie in den Ruf von Samaritern -und barmherzigen Brüdern. Auch redete Settembrini -Hans Castorp eines Tages in diesem Sinne an. -</p> - -<p> -„Sapperlot, Ingenieur, ich höre Auffälliges von Ihrem -Wandel. Sie haben sich auf die Mildtätigkeit geworfen? -Sie suchen Rechtfertigung durch gute Werke?“ -</p> - -<p> -<a id="page-519" class="pagenum" title="519"></a> -„Nicht der Rede wert, Herr Settembrini. Gar nichts dabei, -wovon es lohnte, Aufhebens zu machen. Mein Vetter -und ich ...“ -</p> - -<p> -„Aber lassen Sie doch Ihren Vetter aus dem Spiel! Man -hat es mit Ihnen zu tun, wenn Sie beide von sich reden -machen, das ist gewiß. Der Leutnant ist eine respektable, aber -einfache und geistig unbedrohte Natur, die dem Erzieher wenig -Unruhe verursacht. Sie werden mich an seine Führerschaft -nicht glauben machen. Der Bedeutendere, aber auch der Gefährdetere -sind Sie. Sie sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, -ein Sorgenkind des Lebens, – man muß sich um Sie kümmern. -Übrigens haben Sie mir erlaubt, mich um Sie zu kümmern.“ -</p> - -<p> -„Gewiß, Herr Settembrini. Ein für allemal. Sehr freundlich -von Ihnen. Und ‚Sorgenkind des Lebens‘ ist hübsch. -Worauf so ein Schriftsteller nicht gleich verfällt! Ich weiß -nicht recht, ob ich mir etwas einbilden soll auf diesen Titel, -aber hübsch klingt er, das muß ich sagen. Ja, und ich gebe -mich nun also ein bißchen mit den ‚Kindern des Todes‘ ab, -das ist es ja wohl, was Sie meinen. Ich sehe mich hie und -da, wenn ich Zeit habe, ganz nebenbei, der Kurdienst leidet so -gut wie gar nicht darunter, nach den Schweren und Ernsten -um, verstehen Sie, die nicht zu ihrem Amüsement hier sind und -es liederlich treiben, sondern die sterben.“ -</p> - -<p> -„Es steht jedoch geschrieben: Laßt die Toten ihre Toten begraben“, -sagte der Italiener. -</p> - -<p> -Hans Castorp hob die Arme und drückte mit seiner Miene -aus, daß gar so manches geschrieben stehe, dies und auch -wieder jenes, so daß es schwer sei, das Rechte herauszufinden -und es zu befolgen. Selbstverständlich hatte der Drehorgelmann -einen störenden Gesichtspunkt geltend gemacht, das war -<a id="page-520" class="pagenum" title="520"></a> -zu erwarten gewesen. Aber wenn auch Hans Castorp nach -wie vor bereit war, ihm ein Ohr zu leihen, seine Lehren unverbindlicherweise -hörenswert zu finden und sich zum Versuche -pädagogisch beeinflussen zu lassen, so war er doch weit entfernt, -um irgendwelcher erzieherischer Gesichtspunkte willen auf -Unternehmungen zu verzichten, die ihm, trotz Mutter Gerngroß -und ihrer Redensart vom „netten kleinen Flirt“, trotz -auch dem nüchternen Wesen des armen Rotbein und dem -törichten Tirili der Überfüllten, noch immer auf unbestimmte -Art förderlich und von bedeutender Tragweite erschienen. -</p> - -<p> -Der Sohn <span class="antiqua" lang="fr">Tous-les-deux’</span> hieß Lauro. Er hatte Blumen -erhalten, erdig duftende Nizzaveilchen, „von zwei teilnehmenden -Hausgenossen, mit besten Genesungswünschen“, und da -die Anonymität zur reinen Formsache geworden war und jedermann -wußte, von wem diese Spenden ausgingen, so redete -<span class="antiqua" lang="fr">Tous-les-deux</span> selbst, die schwarzbleiche Mutter aus Mexiko, -bei einer Begegnung auf dem Korridor die Vettern dankend -an, indem sie sie mit rasselnden Worten, hauptsächlich aber -durch ein gramvoll einladendes Gebärdenspiel aufforderte, den -Dank ihres Sohnes – <span class="antiqua" lang="fr">de son seul et dernier fils qui allait -mourir aussi</span> – persönlich entgegenzunehmen. Das geschah -auf der Stelle. Lauro erwies sich als ein erstaunlich schöner -junger Mann mit Glutaugen, einer Adlernase, deren Nüstern -flogen, und prachtvollen Lippen, über denen ein schwarzes -Schnurrbärtchen sproßte, – zeigte dabei aber ein so prahlerisch-dramatisches -Gebaren, daß die Besucher, Hans Castorp wirklich -nicht weniger als Joachim Ziemßen, froh waren, als sich -die Tür des Krankenzimmers wieder hinter ihnen schloß. Denn -während <span class="antiqua" lang="fr">Tous-les-deux</span> in ihrem schwarzen Kaschmirtuch, -den schwarzen Schleier unter dem Kinn geknotet, Querfalten -<a id="page-521" class="pagenum" title="521"></a> -auf ihrer engen Stirn und ungeheure Hautsäcke unter ihren -jettschwarzen Augen, mit krummen Knien wandernd den Raum -durchmaß, den einen Winkel ihres großen Mundes harmvoll -tief hinabhängen ließ und dann und wann sich den am Bette -Sitzenden näherte, um ihren tragischen Papageienspruch zu -wiederholen: „<span class="antiqua" lang="fr">Tous les dé, vous comprenez, messiés ... -Premièrement l’un et maintenant l’autre</span>“ – erging sich der -schöne Lauro, ebenfalls auf französisch, in rollenden, rasselnden -und unerträglich hochtrabenden Redereien, des Inhalts, -daß er wie ein Held zu sterben gedenke, <span class="antiqua" lang="fr">comme héros, à -l’espagnol</span>, gleich seinem Bruder, <span class="antiqua" lang="fr">de même que son fier -jeune frère Fernando</span>, der ebenfalls wie ein spanischer Held -gestorben sei, – gestikulierte, riß sich das Hemd auf, um den -Streichen des Todes die gelbe Brust zu bieten, und betrug sich -so fort, bis ein Hustenanfall, der ihm dünnen, rosafarbenen -Schaum auf die Lippen trieb, seine Rodomontaden erstickte -und die Vettern veranlaßte, auf den Zehenspitzen hinauszugehen. -</p> - -<p> -Sie sprachen nicht weiter über den Besuch bei Lauro, und -auch im stillen, jeder für sich, enthielten sie sich des Urteils über -sein Gehaben. Besser aber gefiel es allen beiden bei Anton -Karlowitsch Ferge aus Petersburg, der mit seinem großen gutmütigen -Schnurrbart und seinem ebenfalls mit gutmütigem -Ausdruck vorragenden Kehlkopf im Bette lag und sich nur -langsam und schwer von dem Versuch erholte, den Pneumothorax -bei sich herstellen zu lassen, was ihm, Herrn Ferge, -um ein Haar auf der Stelle das Leben gekostet hätte. Er -hatte einen heftigen Chok dabei erlitten, den Pleurachok, als -Zwischenfall bekannt bei diesem modischen Eingriff. Bei ihm -aber war der Pleurachok in ausnehmend gefährlicher Form, -<a id="page-522" class="pagenum" title="522"></a> -als vollständiger Kollaps und bedenklichste Ohnmacht, mit -einem Worte so schwer aufgetreten, daß man die Operation -hatte unterbrechen und vorläufig vertagen müssen. -</p> - -<p> -Herrn Ferges gutmütige graue Augen erweiterten sich, und -sein Gesicht wurde fahl, sooft er auf den Vorgang zu sprechen -kam, der für ihn grauenhaft gewesen sein mußte. „Ohne -Narkose, meine Herren. Gut, unsereiner verträgt das nicht, -es verbietet sich in diesem Fall, man begreift und findet sich -als vernünftiger Mensch in die Sache. Aber das Örtliche -reicht nicht tief, meine Herren, nur das äußere Fleisch macht -es stumpf, man spürt, wenn man aufgemacht wird, allerdings -nur ein Drücken und Quetschen. Ich liege mit zugedecktem -Gesicht, damit ich nichts sehe, und der Assistent hält mich rechts -und die Oberin links. Es ist so, als ob ich gedrückt und gequetscht -würde, das ist das Fleisch, das geöffnet und mit Klammern -zurückgezwängt wird. Aber da höre ich den Herrn Hofrat -sagen: ‚So!‘ und in dem Augenblick, meine Herren, fängt -er an, mit einem stumpfen Instrument – es muß stumpf sein, -damit es nicht vorzeitig durchsticht – das Rippenfell abzutasten: -er tastet es ab, um die rechte Stelle zu finden, wo er durchstechen -und das Gas einlassen kann, und wie er das tut, wie -er mit dem Instrument auf meinem Rippenfell herumfährt, -– meine Herren, meine Herren! da war es um mich geschehen, -es war aus mit mir, es erging mir ganz unbeschreiblich. Das -Rippenfell, meine Herren, das soll nicht berührt werden, das -darf und will nicht berührt werden, das ist tabu, das ist mit -Fleisch zugedeckt, isoliert und unnahbar, ein für allemal. Und -nun hatte er es bloßgelegt und tastete es ab. Meine Herren, -da wurde mir übel. Entsetzlich, entsetzlich, meine Herren, – nie -hätte ich gedacht, daß so ein siebenmal scheußliches und hundsföttisch -<a id="page-523" class="pagenum" title="523"></a> -gemeines Gefühl auf Erden und abgesehen von der -Hölle überhaupt vorkomme! Ich fiel in Ohnmacht, – in drei -Ohnmachten auf einmal, eine grüne, eine braune und eine -violette. Außerdem stank es in dieser Ohnmacht, der Pleurachok -warf sich mir auf den Geruchsinn, meine Herren, es -roch über alle Maßen nach Schwefelwasserstoff, wie es in der -Hölle riechen muß, und bei alldem hörte ich mich lachen, während -ich abschnappte, aber nicht wie ein Mensch lacht, sondern -das war die unanständigste und ekelhafteste Lache, die ich in -meinem Leben je gehört habe, denn das Abgetastetwerden des -Rippenfells, meine Herren, das ist ja, als ob man auf die -allerinfamste, übertriebenste und unmenschlichste Weise gekitzelt -würde, so und nicht anders ist es mit dieser verdammten -Schande und Qual, und das ist der Pleurachok, den der -liebe Gott Ihnen erspare.“ -</p> - -<p> -Oft und nicht anders als mit fahlem Grauen kam Anton -Karlowitsch Ferge auf dies „hundsföttische“ Erlebnis zurück -und ängstigte sich nicht wenig vor seiner Wiederholung. Übrigens -hatte er sich von vornherein als einen einfachen Menschen -bekannt, dem alles „Hohe“ vollständig fernliege und an -den man besondere Ansprüche geistiger und gemütlicher Art -nicht stellen dürfe, wie auch er solche Ansprüche an niemanden -stelle. Dies vereinbart, erzählte er gar nicht uninteressant von -seinem früheren Leben, aus dem die Krankheit ihn dann geworfen, -dem Leben eines Reisenden im Dienst einer Feuerversicherungsgesellschaft: -von Petersburg aus hatte er in -weitläufigen Kreuz- und Querfahrten durch ganz Rußland die -assekurierten Fabriken besucht und die wirtschaftlich zweifelhaften -auszukundschaften gehabt; denn es sei statistisch, daß -in den gerade schlecht gehenden Industrien die meisten Fabrikbrände -<a id="page-524" class="pagenum" title="524"></a> -vorkämen. Darum sei er denn ausgesandt worden, -um unter diesem und jenem Vorwande einen Betrieb zu sondieren -und seiner Bank Bericht zu erstatten, damit zu rechter -Zeit durch verstärkte Rückversicherung oder Prämienteilung -empfindlichem Verlust habe vorgebeugt werden können. Von -winterlichen Reisen durch das weite Reich erzählte er, von -Fahrten die Nächte hindurch bei ungeheuerem Frost, im Liegeschlitten, -unter Schaffelldecken, und wie er erwachend die Augen -der Wölfe gleich Sternen über dem Schnee habe glühen sehen. -Gefrorenen Proviant, so Kohlsuppe wie Weißbrot, hatte er -im Kasten mit sich geführt, die an den Stationen, beim Pferdewechsel, -zum Genusse aufgetaut worden waren, wobei sich -das Brot als frisch wie am ersten Tage erwiesen hatte. Und -schlimm nur, wenn unterwegs plötzlich Tauwetter eingefallen -war: dann war ihm die in Stücken mitgenommene Kohlsuppe -ausgelaufen. -</p> - -<p> -In dieser Weise erzählte Herr Ferge, indem er sich hin und -wieder seufzend mit der Bemerkung unterbrach, das sei alles -recht schön, aber wenn nur nicht noch einmal der Versuch mit -dem Pneumothorax bei ihm gemacht werden müsse. Es war -nichts Höheres, was er vorbrachte, aber faktischer Natur und -ganz gut zu hören, besonders für Hans Castorp, dem es förderlich -schien, vom russischen Reich und seinem Lebensstil zu -vernehmen, von Samowaren, Piroggen, Kosaken und hölzernen -Kirchen mit so vielen Zwiebelturmköpfen, daß sie Pilzkolonien -glichen. Auch von der dortigen Menschenart, ihrer -nördlichen und darum in seinen Augen desto abenteuerlicheren -Exotik, ließ er Herrn Ferge erzählen, von dem asiatischen Einschuß -ihres Geblütes, den vortretenden Backenknochen, dem -finnisch-mongolischen Augensitz, und lauschte mit anthropologischem -<a id="page-525" class="pagenum" title="525"></a> -Anteil, ließ sich auch Russisch vorsprechen, – rasch, -verwaschen, wildfremd und knochenlos ging das östliche Idiom -unter Herrn Ferges gutmütigem Schnurrbart, aus seinem -gutmütig vorstehenden Kehlkopf hervor –, und desto besser -(wie einmal die Jugend ist) fand sich Hans Castorp von alldem -unterhalten, als es pädagogisch verbotenes Gebiet war, -auf dem er sich tummelte. -</p> - -<p> -Sie sprachen öfters auf eine Viertelstunde bei Anton Karlowitsch -Ferge vor. Dazwischen besuchten sie den Knaben Teddy -aus dem „Fridericianum“, einen eleganten Vierzehnjährigen, -blond und fein, mit Privatpflegerin und in weißseidenem, verschnürtem -Pyjama. Er war Waise und reich, wie er selbst erzählte. -In Erwartung eines tieferen operativen Eingriffs, der -Entfernung wurmstichiger Teile, womit man es probieren -wollte, verließ er, wenn er sich besser fühlte, zuweilen auf eine -Stunde sein Bett, um sich in seinem hübschen Sportanzug an -der unteren Geselligkeit zu beteiligen. Die Damen schäkerten -gern mit ihm, und er hörte ihren Gesprächen zu, zum Beispiel -denen, die sich mit Rechtsanwalt Einhuf, dem Fräulein in der -Reformhose und Fränzchen Oberdank beschäftigten. Dann -legte er sich wieder. So lebte der Knabe Teddy elegant in den -Tag hinein, indem er durchblicken ließ, daß er vom Leben nichts -anderes mehr, als eben immer nur dies, erwarte. -</p> - -<p> -Aber auf Nummer fünfzig lag Frau von Mallinckrodt, -Natalie mit Vornamen, mit schwarzen Augen und goldenen -Ringen in den Ohren, kokett, putzsüchtig und dabei ein weiblicher -Lazarus und Hiob, von Gott mit jederlei Bresthaftigkeit -geschlagen. Ihr Organismus schien mit Giftstoffen überschwemmt, -so daß alle möglichen Krankheiten sie abwechselnd -und gleichzeitig heimsuchten. Sehr in Mitleidenschaft gezogen -<a id="page-526" class="pagenum" title="526"></a> -war ihr Hautorgan, das zu großen Teilen von einem qualvoll -juckenden, da und dort wunden Ekzem überzogen war, -auch am Munde, woraus der Einführung des Löffels Schwierigkeiten -erwuchsen. Innere Entzündungen, solche des Rippenfells, -der Nieren, der Lungen, der Knochenhäute und selbst -des Hirns, so daß Bewußtlosigkeit einfiel, lösten einander ab -bei Frau von Mallinckrodt, und Herzschwäche, hervorgerufen -durch Fieber und Schmerzen, schuf ihr große Ängste, bewirkte -zum Beispiel, daß sie beim Schlucken das Essen nicht ordentlich -hinunterbrachte: gleich oben in der Speiseröhre blieb es -ihr stecken. Kurzum, die Frau war gräßlich daran und außerdem -ganz allein in der Welt; denn nachdem sie Mann und -Kinder um eines anderen Mannes, das heißt eines halben -Knaben, willen verlassen, war sie ihrerseits von ihrem Geliebten -verlassen worden, wie die Vettern von ihr selbst erfuhren, -und war nun heimatlos, wenn auch nicht ohne Mittel, da der -Ehemann sie mit solchen versah. Sie machte ohne unangebrachten -Stolz von seiner Anständigkeit oder seiner fortdauernden -Verliebtheit Gebrauch, da sie sich selber nicht ernst nahm, -sondern einsah, daß sie nur ein ehrloses, sündhaftes Weibchen -war, und trug denn auf dieser Basis alle ihre Hiobsplagen -mit erstaunlicher Geduld und Zähigkeit, der elementaren Widerstandskraft -ihrer Rasse-Weiblichkeit, die über das Elend ihres -bräunlichen Körpers triumphierte und noch aus dem weißen -Gazeverband, den sie aus irgendeinem schlimmen Grunde um -den Kopf tragen mußte, ein kleidsames Kostümstück machte. -Beständig wechselte sie den Schmuck, begann in der Frühe -mit Korallen und endete abends mit Perlen. Erfreut durch -Hans Castorps Blumensendung, der sie offensichtlich eine mehr -galante als charitative Bedeutung beilegte, ließ sie die jungen -<a id="page-527" class="pagenum" title="527"></a> -Herren zum Tee an ihr Lager bitten, den sie aus einer Schnabeltasse -trank, die Finger ohne Ausnahme der Daumen und bis -zu den Gelenken mit Opalen, Amethysten und Smaragden -bedeckt. Bald, während die goldenen Ringe an ihren Ohren -schaukelten, hatte sie den Vettern erzählt, wie alles sich mit ihr -zugetragen: von ihrem anständigen, aber langweiligen Mann, -ihren ebenfalls anständigen und langweiligen Kindern, die -ganz dem Vater nacharteten und für die sie sich niemals sonderlich -hatte erwärmen können, und von dem halben Knaben, -mit dem sie das Weite gesucht und dessen poetische Zärtlichkeit -sie sehr zu rühmen wußte. Aber seine Verwandten hätten -ihn mit List und Gewalt von ihr losgemacht, und dann habe -sich der Kleine auch wohl vor ihrer Krankheit geekelt, die damals -vielfältig und stürmisch zum Ausbruch gekommen. Ob -die Herren sich etwa auch ekelten, fragte sie kokettierend; und -ihre Rasse-Weiblichkeit triumphierte über das Ekzem, das ihr -das halbe Gesicht überzog. -</p> - -<p> -Hans Castorp dachte geringschätzig über den Kleinen, der -sich geekelt hatte, und gab dieser Empfindung auch durch ein -Achselzucken Ausdruck. Was ihn betraf, so ließ er sich den -Weichmut des poetischen Halbknaben zum Ansporn in entgegengesetzter -Richtung dienen, und nahm Gelegenheit, der -unglückseligen Frau von Mallinckrodt bei wiederholten Besuchen -kleine Pflegerdienste zu leisten, zu denen keine Vorkenntnisse -gehörten, das heißt: ihr behutsam den Mittagsbrei einzuführen, -wenn er eben serviert wurde, ihr aus der Schnabeltasse -zu trinken zu geben, wenn der Bissen ihr steckenblieb, -oder ihr beim Umlagern im Bette behilflich zu sein; denn zu -allem übrigen erschwerte eine Operationswunde ihr auch das -Liegen. In diesen Handreichungen übte er sich, wenn er auf -<a id="page-528" class="pagenum" title="528"></a> -dem Wege zum Speisesaal oder von einem Spaziergange -heimkehrend bei ihr einsprach, indem er Joachim aufforderte, -immer voranzugehen, er wolle nur rasch den Fall auf Nummer -fünfzig ein bißchen kontrollieren, – und empfand eine beglückende -Ausdehnung seines Wesens dabei, eine Freude, die -auf dem Gefühl von der Förderlichkeit und heimlichen Tragweite -seines Tuns beruhte, sich übrigens auch mit einem gewissen -diebischen Vergnügen an dem untadelig christlichen Gepräge -dieses Tuns und Treibens mischte, einem so frommen, -milden und lobenswerten Gepräge in der Tat, daß weder vom -militärischen noch vom humanistisch-pädagogischen Standpunkte -irgend etwas Ernstliches dagegen erinnert werden -konnte. -</p> - -<p> -Von Karen Karstedt war noch nicht die Rede, und doch -nahmen Hans Castorp und Joachim sich ihrer sogar besonders -an. Sie war eine auswärtige Privatpatientin des Hofrats, -von ihm der Charität der Vettern empfohlen. Seit vier -Jahren hier oben, war die Mittellose von harten Verwandten -abhängig, die sie schon einmal, da sie doch sterben müsse, -von hier fortgenommen und nur auf Einspruch des Hofrats -wieder heraufgeschickt hatten. Sie domizilierte im „Dorf“, in -einer billigen Pension, – neunzehnjährig und schmächtig, mit -glattem, geöltem Haar, Augen, die zaghaft einen Glanz zu verbergen -suchten, der mit der hektischen Erhöhung ihrer Wangen -übereinstimmte, und einer charakteristisch belegten, dabei -aber sympathisch lautenden Stimme. Sie hustete fast ohne -Unterbrechung, und ihre sämtlichen Fingerspitzen waren verpflastert, -da sie infolge der Vergiftung offen waren. -</p> - -<p> -Ihr also widmeten die beiden auf Fürbitte des Hofrats, da -sie nun einmal so gutherzige Kerle seien, sich ganz besonders. -<a id="page-529" class="pagenum" title="529"></a> -Mit einer Blumensendung begann es, dann folgte ein Besuch -bei der armen Karen auf ihrem kleinen Balkon in „Dorf“ -und hierauf diese und jene außerordentliche Unternehmung -zu dritt: die Besichtigung einer Eislaufkonkurrenz, eines Bobsleighrennens. -Denn es war nun die Wintersport-Jahreszeit -unseres Hochtales auf voller Höhe, eine Festwoche wurde begangen, -die Veranstaltungen häuften sich, diese Lustbarkeiten -und Schauspiele, denen die Vettern bisher keine andere als -nur eine gelegentlich-flüchtige Aufmerksamkeit geschenkt hatten. -Joachim war ja allen Zerstreuungen hier oben abhold. Nicht -um solcher willen war er hier, – war überhaupt nicht hier, -um zu leben und sich mit dem Aufenthalt abzufinden, indem er -ihn angenehm und abwechslungsreich gestaltete, sondern einzig -und ganz allein, um sich möglichst rasch zu entgiften, damit -er in der Ebene Dienst machen könne, wirklichen Dienst statt -des Kurdienstes, der ein Ersatzmittel war, aber an dem er einen -Raub nur widerwillig duldete. Sich tätig an der Winterlust zu -beteiligen, war ihm verboten, und den Gaffer zu spielen, hatte -ihm mißfallen. Was aber Hans Castorp betraf, so fühlte er sich -zu sehr, in einem zu strengen und intimen Verstande, als Mitglied -Derer hier oben, um Sinn und Blick zu haben für das -Treiben von Leuten, die in diesem Tale ein Sportgelände sahen. -</p> - -<p> -Die charitative Teilnahme nun aber für das arme Fräulein -Karstedt brachte hierin einige Änderung hervor, – ohne unchristlich -zu erscheinen, konnte Joachim keine Einwände dagegen -erheben. Sie holten die Kranke aus ihrer dürftigen -Wohnung in „Dorf“ und führten sie bei prächtig heiß durchsonntem -Frostwetter durch das nach dem Hotel d’Angleterre -genannte Englische Viertel, zwischen den Luxusläden der Hauptstraße -hin, auf der Schlitten läuteten, reiche Genießer und -<a id="page-530" class="pagenum" title="530"></a> -Tagediebe aus aller Welt, Bewohner des Kurhauses und der -anderen großen Hotels, barhaupt in modischem Sportdreß aus -edlen und teueren Stoffen, mit Gesichtern, bronziert von Wintersonnenbrand -und Schneestrahlung, sich ergingen, und hinab -auf den nicht weit vom Kurhause in der Tiefe des Tales gelegenen -Eisplatz, der im Sommer eine zum Fußballspiel benutzte -Wiese gewesen. Musik erscholl; die Kurkapelle konzertierte -auf der Empore des hölzernen Pavillongebäudes zu Häupten -der viereckig gestreckten Bahn, hinter welchem die verschneiten -Berge im Dunkelblauen standen. Sie nahmen Einlaß, drängten -sich durch das Publikum, das von drei Seiten, auf ansteigenden -Sitzen, die Bahn umgab, fanden Plätze und schauten. -Die Kunstläufer, in knapper Tracht, schwarzen Trikots, -Pelzwerk an den Tressenjacken, wiegten sich, schwebten, zogen -Figuren, sprangen und kreiselten. Ein virtuoses Paar, Herr -und Dame, Professionals und außer Konkurrenz, vollführte -etwas in der ganzen Welt nur von ihm Vermochtes, entfesselte -Tusch und Händeklatschen. Im Kampf um den Schnelligkeitspreis -arbeiteten sich sechs junge Männer verschiedener -Nationalität, gebückt, die Hände auf dem Rücken, zuweilen -das Taschentuch vor dem Munde, sechsmal um das weite -Viereck. Man läutete mit einer Glocke in die Musik hinein. -Zuweilen brandete die Menge in anfeuernden Zurufen und -Beifall auf. -</p> - -<p> -Es war eine bunte Versammlung, in der die drei Kranken, -die Vettern und ihr Schützling sich umsahen. Engländer mit -schottischen Mützen und weißen Zähnen sprachen Französisch -mit penetrant duftenden Damen, die von oben bis unten in -bunte Wolle gekleidet waren, und von denen einige in Hosen -gingen. Kleinköpfige Amerikaner, das Haar glatt angeklebt, -<a id="page-531" class="pagenum" title="531"></a> -die Shagpfeife im Munde, trugen Pelze, deren Rauhseite nach -außen gekehrt war. Russen, bärtig und elegant, barbarisch -reichen Ansehens, und Holländer von malaischem Kreuzungstyp -saßen zwischen deutschem und schweizerischem Publikum, -während allerlei Unbestimmtes, französisch Redendes, vom -Balkan oder der Levante, abenteuerliche Welt, für die Hans -Castorp eine gewisse Schwäche an den Tag legte, und die von -Joachim als zweideutig und charakterlos abgelehnt wurde, -überall eingesprengt war. Kinder konkurrierten zwischendurch -in scherzhaften Aufgaben, stolperten über die Bahn, am einen -Fuß einen Schnee-, am anderen einen Schlittschuh, oder indem -die Knaben ihre Dämchen auf Schaufeln vor sich her schoben. -Sie liefen mit brennenden Kerzen, wobei Sieger war, wer sein -Licht, noch brennend, zum Ziele trug, mußten im Laufe Hindernisse -überklettern oder Kartoffeln mit Zinnlöffeln in aufgestellte -Gießkannen lesen. Die große Welt jubelte. Man zeigte sich -die reichsten, berühmtesten und anmutigsten unter den Kindern, -das Töchterchen eines holländischen Multimillionärs, den -Sohn eines preußischen Prinzen und einen Zwölfjährigen, der -den Namen einer weltbekannten Champagnerfirma trug. Die -arme Karen jubelte ebenfalls und hustete dabei. Sie klatschte -vor Freude in ihre Hände mit den offenen Fingerspitzen. Sie -war so dankbar. -</p> - -<p> -Auch zum Bobsleighrennen führten die Vettern sie: es war -nicht weit zum Ziel, weder vom „Berghof“ noch auch von -Karen Karstedts Wohnung, denn die Bahn, von der Schatzalp -herunterkommend, endete in „Dorf“ zwischen den Siedelungen -des westlichen Hanges. Ein Kontrollhäuschen war -dort errichtet, wohin die Abfahrt eines jeden Gefährts vom -Start telephonisch gemeldet wurde. Zwischen den vereisten -<a id="page-532" class="pagenum" title="532"></a> -Schneebarrieren, auf den metallisch glänzenden Kurven der -Bahn steuerten die flachen Gerüste, bemannt mit Männern -und Frauen in weißer Wolle, Schärpen in allerlei Landesfarben -um die Brust, einzeln, in größeren Abständen, aus der -Höhe daher. Man sah rote, angestrengte Gesichter, in die es -hineinschneite. Stürze, Schlitten, die aneckten, sich überschlugen -und ihre Mannschaft in den Schnee entleerten, wurden vom -Publikum photographiert. Musik spielte auch hier. Die Zuschauer -saßen auf kleinen Tribünen oder schoben sich auf dem -schmalen Gehpfade hin, der neben der Bahn geschaufelt war. -Holzbrücken, über die er später führte, die die Bahn überspannten, -und unter denen von Zeit zu Zeit ein konkurrierender Bobsleigh -dahinsauste, waren ebenfalls mit Menschen besetzt. Die -Leichen des Sanatoriums droben nahmen den gleichen Weg, -im Saus unter den Brücken dahin, die Kurven hinab, zu Tale, -zu Tale, dachte Hans Castorp und sprach auch davon. -</p> - -<p> -Selbst ins Bioskop-Theater von „Platz“ führten sie Karen -Karstedt eines Nachmittags, da sie das alles so sehr genoß. -In der schlechten Luft, die alle drei physisch stark befremdete, -da sie nur das Reinste gewohnt waren, sich ihnen schwer auf -die Brust legte und einen trüben Nebel in ihren Köpfen erzeugte, -flirrte eine Menge Leben, kleingehackt, kurzweilig und -beeilt, in aufspringender, zappelnd verweilender und wegzuckender -Unruhe, zu einer kleinen Musik, die ihre gegenwärtige Zeitgliederung -auf die Erscheinungsflucht der Vergangenheit anwandte -und bei beschränkten Mitteln alle Register der Feierlichkeit -und des Pompes, der Leidenschaft, Wildheit und girrenden -Sinnlichkeit zu ziehen wußte, auf der Leinwand vor ihren -schmerzenden Augen vorüber. Es war eine aufgeregte Liebes- -und Mordgeschichte, die sie sahen, stumm sich abhaspelnd am -<a id="page-533" class="pagenum" title="533"></a> -Hofe eines orientalischen Despoten, gejagte Vorgänge voll -Pracht und Nacktheit, voll Herrscherbrunst und religiöser Wut -der Unterwürfigkeit, voll Grausamkeit, Begierde, tödlicher Lust -und von verweilender Anschaulichkeit, wenn es die Muskulatur -von Henkersarmen zu besichtigen galt, – kurz, hergestellt aus -sympathetischer Vertrautheit mit den geheimen Wünschen -der zuschauenden internationalen Zivilisation. Settembrini, als -Mann des Urteils, hätte die humanitätswidrige Darbietung -wohl scharf verneinen, mit gerader und klassischer Ironie den -Mißbrauch der Technik zur Belebung so menschenverächterischer -Vorstellungen geißeln müssen, dachte sich Hans Castorp -und flüsterte dergleichen seinem Vetter auch zu. Frau Stöhr -dagegen, die ebenfalls anwesend war und nicht weit von den -Dreien saß, erschien ganz Hingabe; ihr rotes, ungebildetes Gesicht -war im Genusse verzerrt. -</p> - -<p> -Übrigens verhielt es sich ähnlich mit allen Gesichtern, in die -man blickte. Wenn aber das letzte Flimmerbild einer Szenenfolge -wegzuckte, im Saale das Licht aufging und das Feld der -Visionen als leere Tafel vor der Menge stand, so konnte es -nicht einmal Beifall geben. Niemand war da, dem man durch -Applaus hätte danken, den man für seine Kunstleistung hätte -hervorrufen können. Die Schauspieler, die sich zu dem Spiele, -das man genossen, zusammengefunden, waren längst in alle -Winde zerstoben; nur die Schattenbilder ihrer Produktion hatte -man gesehen, Millionen Bilder und kürzeste Fixierungen, in -die man ihr Handeln aufnehmend zerlegt hatte, um es beliebig -oft, zu rasch blinzelndem Ablauf, dem Elemente der Zeit zurückzugeben. -Das Schweigen der Menge nach der Illusion hatte -etwas Nervloses und Widerwärtiges. Die Hände lagen ohnmächtig -vor dem Nichts. Man rieb sich die Augen, stierte vor -<a id="page-534" class="pagenum" title="534"></a> -sich hin, schämte sich der Helligkeit und verlangte zurück ins -Dunkel, um wieder zu schauen, um Dinge, die ihre Zeit gehabt, -in frische Zeit verpflanzt und aufgeschminkt mit Musik, sich -wieder begeben zu sehen. -</p> - -<p> -Der Despot starb unter dem Messer, mit einem Gebrüll aus -offenem Munde, das man nicht hörte. Man sah dann Bilder -aus aller Welt: den Präsidenten der französischen Republik in -Zylinder und Großkordon, vom Sitze des Landauers auf eine -Begrüßungsansprache erwidernd; den Vizekönig von Indien -bei der Hochzeit eines Radscha; den deutschen Kronprinzen auf -einem Kasernenhofe zu Potsdam. Man sah das Leben und -Treiben in einem Eingeborenendorf von Neumecklenburg, einen -Hahnenkampf auf Borneo, nackte Wilde, die auf Nasenflöten -bliesen, das Einfangen wilder Elefanten, eine Zeremonie am -siamesischen Königshof, eine Bordellstraße in Japan, wo Geishas -hinter hölzernen Käfiggittern saßen. Man sah vermummte -Samojeden im Renntierschlitten durch eine nordasiatische -Schneeöde kutschieren, russische Pilger zu Hebron anbeten, an -einem persischen Delinquenten die Bastonade vollziehen. Man -war zugegen bei alldem; der Raum war vernichtet, die Zeit -zurückgestellt, das Dort und Damals in ein huschendes, gaukelndes, -von Musik umspieltes Hier und Jetzt verwandelt. Ein -junges marokkanisches Weib, in gestreifter Seide, aufgeschirrt -mit Ketten, Spangen und Ringen, die strotzende Brust halb -entblößt, ward plötzlich in Lebensgröße angenähert. Ihre -Nüstern waren breit, ihre Augen voll tierischen Lebens, ihre -Züge in Bewegung; sie lachte mit weißen Zähnen, hielt eine -ihrer Hände, deren Nägel heller schienen, als das Fleisch, als -Schirm über die Augen und winkte mit der anderen ins Publikum. -Man starrte verlegen in das Gesicht des reizvollen Schattens, -<a id="page-535" class="pagenum" title="535"></a> -der zu sehen schien und nicht sah, der von den Blicken gar -nicht berührt wurde, und dessen Lachen und Winken nicht die -Gegenwart meinte, sondern im Dort und Damals zu Hause -war, so daß es sinnlos gewesen wäre, es zu erwidern. Dies -mischte, wie gesagt, der Lust ein Gefühl der Ohnmacht bei. -Dann verschwand das Phantom. Leere Helligkeit überzog die -Tafel, das Wort „Ende“ ward darauf geworfen, der Zyklus -der Darbietungen hatte sich geschlossen, und stumm räumte man -das Theater, während von außen neues Publikum hereindrängte, -das eine Wiederholung des Ablaufs zu genießen begehrte. -</p> - -<p> -Ermuntert durch Frau Stöhr, die sich ihnen anschloß, besuchte -man hierauf noch, der armen Karen zu Gefallen, die vor -Dankbarkeit die Hände gefaltet hielt, das Café des Kurhauses. -Auch hier gab es Musik. Ein kleines, rotbefracktes Orchester -spielte unter der Führung eines tschechischen oder ungarischen -Primgeigers, der, von der Truppe gelöst, zwischen tanzenden -Paaren stand und unter feurigen Körperwindungen sein Instrument -bearbeitete. Mondänes Leben herrschte an den Tischen. -Es wurden seltene Getränke herumgetragen. Die Vettern bestellten -Orangeade zur Kühlung für sich und ihren Schützling, -denn es war heiß und staubig, während Frau Stöhr süßen -Schnaps zu sich nahm. Um diese Stunde, sagte sie, sei es mit -dem Betriebe hier noch nicht völlig das Rechte. Der Tanz belebe -sich noch bedeutend bei vorrückendem Abend; zahlreiche -Patienten der diversen Heilanstalten und wildlebende Kranke -aus den Hotels und dem Kurhause selbst, viel mehr noch, als -jetzt, beteiligten sich später daran, und schon manche Hochgradige -sei hier in die Ewigkeit hinübergetanzt, indem sie den Becher -der Lebenslust gekippt und den finalen Blutsturz in <span class="antiqua" lang="la">dulci jubilo</span> -<a id="page-536" class="pagenum" title="536"></a> -erlitten habe. Was Frau Stöhrs große Unbildung aus dem -„<span class="antiqua" lang="la">dulci jubilo</span>“ machte, war ganz außerordentlich; das erste -Wort entlehnte sie dem italienisch-musikalischen Vokabular -ihres Gatten und sprach also „<span class="antiqua" lang="it">dolce</span>“, das zweite aber erinnerte -an Feuerjo, Jubeljahr oder Gott wußte woran, – die -Vettern schnappten gleichzeitig nach den Strohhalmen in ihren -Gläsern, als dieses Latein in Kraft trat, doch focht das die -Stöhr nicht an. Vielmehr suchte sie auf dem Wege der Anspielungen -und Sticheleien, die Hasenzähne störrisch entblößt, -dem Verhältnis der drei jungen Leute auf den Grund zu kommen, -der ihr ganz deutlich nur war, soweit die arme Karen in -Frage stand, welcher es, so sagte Frau Stöhr, wohl passen -mochte, bei ihrem leichten Wandel von zwei so flotten Rittern -zugleich chaperoniert zu werden. Weniger klar erschien ihr -der Fall von seiten der Vettern aus gesehen; aber bei aller -Dummheit und Unbildung verhalf die Intuition ihrer Weiblichkeit -ihr doch zu einiger Einsicht, wenn auch nur zu einer halben -und ordinären. Denn sie verstand und gab dem stichelnderweise -Ausdruck, daß hier der wahre und eigentliche Ritter -Hans Castorp sei, während der junge Ziemßen bloß assistiere, -und daß Hans Castorp, dessen innere Richtung gegen Frau -Chauchat ihr bekannt war, die kümmerliche Karstedt nur ersatzweise -chaperonierte, da er sich jener anderen offenbar nicht -zu nähern wußte, – eine Einsicht, Frau Stöhrs nur zu würdig -und ganz ohne sittliche Tiefe, sehr unzulänglich und von -ordinärer Intuition, weshalb Hans Castorp denn auch nur -mit einem müden und verächtlichen Blick darauf erwiderte, als -sie sie platt-neckisch zu erkennen gab. Denn allerdings bedeutete -ihm der Verkehr mit der armen Karen eine Art von Ersatz- -und unbestimmt förderlichem Hilfsmittel, wie alle seine -<a id="page-537" class="pagenum" title="537"></a> -charitativen Unternehmungen ihm dergleichen bedeuteten. Aber -zugleich waren sie doch auch Zweck ihrer selbst, diese frommen -Unternehmungen, und die Zufriedenheit, die er empfand, wenn -er die bresthafte Mallinckrodt mit Brei fütterte, sich von Herrn -Ferge den infernalischen Pleurachok beschreiben ließ oder die -arme Karen vor Freude und Dankbarkeit in die Hände mit den -verpflasterten Fingerspitzen klatschen sah, war, wenn auch von -übertragener und beziehungsvoller, so doch zugleich auch von -unmittelbarer und reiner Art; sie entstammte einem Bildungsgeiste, -entgegengesetzt demjenigen, den Herr Settembrini pädagogisch -vertrat, indessen wohl wert, das <span class="antiqua" lang="la">Placet experiri</span> darauf -anzuwenden, wie es dem jungen Hans Castorp schien. -</p> - -<p> -Das Häuschen, worin Karen Karstedt wohnte, lag unweit -des Wasserlaufs und des Bahngeleises an dem gegen „Dorf“ -führenden Wege, und so hatten die Vettern es bequem, sie -abzuholen, wenn sie sie nach dem Frühstück auf ihren dienstlichen -Lustwandel mitnehmen wollten. Gingen sie so gegen -Dorf, um die Hauptpromenade zu gewinnen, so sahen sie -vor sich das kleine Schiahorn, dann weiter rechts drei -Zinken, welche die Grünen Türme hießen, jetzt aber ebenfalls -unter blendend besonntem Schnee lagen, und noch weiter -rechts die Kuppe des Dorfberges. Auf Viertelhöhe seiner -Wand sah man den Friedhof liegen, den Friedhof von „Dorf“, -von einer Mauer umgeben und offenbar mit schönem Blick, -vermutlich auf den See, weshalb er als Zielpunkt eines Spazierganges -wohl ins Auge zu fassen war. Sie wanderten denn -auch einmal hinauf, die drei, an einem schönen Vormittag, -– und alle Tage waren nun schön: windstill und sonnig, tiefblau, -heiß-frostig und glitzerweiß. Die Vettern, der eine ziegelrot -im Gesicht, der andere bronziert, gingen im baren Anzug, da -<a id="page-538" class="pagenum" title="538"></a> -Mäntel lästig gewesen wären in diesem Sonnenprall, – der -junge Ziemßen in Sportdreß mit Gummischneeschuhen, Hans -Castorp gleichfalls in solchen, aber in langen Hosen, da er -nicht körperlich genug gesinnt war, um kurze zu tragen. Es -war zwischen Anfang und Mitte Februar, im neuen Jahre. -Ganz recht, die Jahreszahl hatte gewechselt, seitdem Hans -Castorp heraufgekommen; man schrieb eine andere jetzt, die -nächste. Ein großer Zeiger der Weltzeitenuhr war um eine -Einheit weiter gefallen: nicht gerade einer der allergrößten, -nicht etwa der, welcher die Jahrtausende maß, – sehr wenige, -die lebten, würden das noch erleben; auch der nicht, der die -Jahrhunderte anmerkte oder nur die Jahrzehnte, das nicht. -Der Jahreszeiger aber war kürzlich gefallen, obgleich Hans -Castorp ja noch kein Jahr, sondern erst wenig mehr als ein -halbes, hier oben war, und stand nun fest nach Art der nur -von fünf zu fünf Minuten fallenden Minutenzeiger gewisser -großer Uhren, bis er wieder vorrücken würde. Bis dahin aber -mußte der Monatszeiger noch zehnmal vorrücken, ein paarmal -öfter, als er es getan, seitdem Hans Castorp hier oben war, -– den Februar zählte er nicht mehr mit, denn angebrochen -war abgetan, gleichwie gewechselt so gut wie ausgegeben. -</p> - -<p> -Auch zu dem Friedhof am Dorfberge also gingen die drei -einmal spazieren, – exakter Rechenschaft halber sei auch dieser -Ausflug noch angeführt. Die Anregung dazu war von Hans -Castorp ausgegangen, und Joachim hatte wohl anfangs der -armen Karen wegen Bedenken gehabt, dann aber eingesehen -und zugegeben, daß es zwecklos gewesen wäre, mit ihr Verstecken -zu spielen und sie im Sinne der feigen Stöhr vor allem, -was an den <span class="antiqua" lang="la">exitus</span> erinnerte, ängstlich zu bewahren. Karen -Karstedt gab sich noch nicht den Selbsttäuschungen des letzten -<a id="page-539" class="pagenum" title="539"></a> -Stadiums hin, sondern wußte Bescheid, wie es mit ihr stand -und was es mit der Nekrose ihrer Fingerspitzen auf sich hatte. -Sie wußte ferner, daß ihre harten Verwandten vom Luxus -des Heimtransportes kaum würden etwas wissen wollen, sondern -daß ihr nach dem Exitus ein bescheidenes Plätzchen dort -oben zum Quartier würde angewiesen werden. Und kurz, man -konnte wohl finden, daß dieses Wanderziel moralisch passender -für sie war, als manches andere, zum Beispiel der Bobstart -oder das Kino, – wie es denn übrigens nicht mehr als -ein anständiger Akt der Kameradschaft war, Denen dort oben -einmal einen Besuch zu machen, gesetzt, daß man den Friedhof -nicht einfach als Sehenswürdigkeit und neutrales Spaziergebiet -betrachten wollte. -</p> - -<p> -Im Gänsemarsch gingen sie langsam hinauf, denn der geschaufelte -Pfad gestattete nur ein einzelnes Gehen, ließen die -letzten, an der Lehne zuhöchst gelegenen Villen hinter und unter -sich und sahen im Steigen das vertraute Landschaftsbild in -seiner Winterpracht sich wieder einmal perspektivisch ein wenig -verschieben und öffnen: es weitete sich nach Nordost, gegen -den Taleingang, der erwartete Blick auf den See tat sich auf, -dessen umwaldetes Rund zugefroren und mit Schnee bedeckt -war, und hinter seinem fernsten Ufer schienen Bergschrägen -sich am Boden zu treffen, hinter denen fremde Gipfel, verschneit, -einander vor dem Himmelsblau überhöhten. Sie sahen -das an, im Schnee vor dem steinernen Tore stehend, das den -Eingang zum Friedhof bildete, und betraten die Stätte dann -durch die eiserne Gittertür, die dem Steintore eingefügt und -nur angelehnt war. -</p> - -<p> -Auch hier fanden sie Pfade geschaufelt, die zwischen den umgitterten, -schneebepolsterten Gräbererhöhungen, diesen wohl -<a id="page-540" class="pagenum" title="540"></a> -und ebenmäßig aufgemachten Bettlagern mit ihren Kreuzen aus -Stein und Metall, ihren kleinen, medaillon- und inschriftgeschmückten -Monumenten dahinführten; doch ließ kein Mensch -sich sehen noch hören. Die Stille, Abgeschiedenheit, Ungestörtheit -des Ortes schien tief und heimlich in mancherlei Sinn; -ein kleiner steinerner Engel oder Puttengott, der, eine Schneemütze -etwas schief auf dem Köpfchen, irgendwo im Gebüsche -stand und mit dem Finger die Lippen schloß, mochte wohl als -sein Genius gelten, – will sagen: als der des Schweigens, und -zwar eines Schweigens, das man sehr stark als Gegenteil und -Widerspiel des Redens, als Verstummen also, keineswegs aber -als inhaltsleer und ereignislos empfand. Für die beiden männlichen -Gäste wäre es wohl eine Gelegenheit gewesen, die Hüte -abzunehmen, wenn sie welche aufgehabt hätten. Aber sie -waren ja barhaupt, auch Hans Castorp war es, und so gingen -sie denn nur in ehrerbietiger Haltung, das Körpergewicht auf -die Fußballen legend und gleichsam mit kleinen Verbeugungen -nach rechts und links, im Gänsemarsch hinter Karen Karstedt -her, die sie führte. -</p> - -<p> -Der Friedhof war unregelmäßig in der Form, erstreckte sich -anfänglich als schmales Rechteck gegen Süden und lud dann -ebenfalls rechteckig nach beiden Seiten aus. Ersichtlich hatte -mehrfach Vergrößerung sich als notwendig erwiesen und war -Acker angestückt worden. Trotzdem schien das Gehege auch -gegenwärtig wieder so gut wie voll belegt, und zwar entlang -der Mauer sowohl wie auch in seinen inneren, minder bevorzugten -Teilen, – kaum war zu sehen und zu sagen, wo allenfalls -noch ein Unterkommen darin gewesen wäre. Die drei -Auswärtigen wanderten längere Zeit diskret in den schmalen -Gehrinnen und Passagen zwischen den Mälern umher, indem -<a id="page-541" class="pagenum" title="541"></a> -sie dann und wann stehenblieben, um einen Namen nebst -Geburts- und Sterbedatum zu entziffern. Die Denksteine und -Kreuze waren anspruchslos, bekundeten wenig Aufwand. Was -ihre Inschriften betraf, so stammten die Namen aus allen -Winden und Welten, sie lauteten englisch, russisch oder doch -allgemein slawisch, auch deutsch, portugiesisch und anderswie; -die Daten aber trugen zartes Gepräge, ihre Spannweite war -im ganzen auffallend gering, der Jahresabstand zwischen Geburt -und Exitus betrug überall ungefähr zwanzig und nicht -viel mehr, fast lauter Jugend und keine Tugend bevölkerte das -Lager, ungefestigtes Volk, das sich aus aller Welt hier zusammengefunden -hatte und zur horizontalen Daseinsform endgültig -eingekehrt war. -</p> - -<p> -Irgendwo tief im Gedränge der Ruhelager, im Inneren -des Angers, gegen die Mitte zu, gab es ein flaches Plätzchen -von Menschenlänge, eben und unbelegt, zwischen zwei aufgebetteten, -um deren Steine Dauerkränze gehängt waren, -und unwillkürlich blieben die drei Besucher davor stehen. Sie -standen, das Fräulein etwas vor ihren Begleitern, und lasen -die zarten Angaben der Steine, – Hans Castorp gelöst, die -Hände vor sich gekreuzt, mit offenem Munde und schläfrigen -Augen, der junge Ziemßen geschlossen und nicht nur gerade, -sondern sogar ein wenig nach hinten abgeneigt, – worauf die -Vettern mit gleichzeitiger Neugier von den Seiten verstohlen -in Karen Karstedts Miene blickten. Sie merkte es dennoch -und stand da, verschämt und bescheiden, den Kopf ein wenig -schräg vorgeschoben, und lächelte geziert mit gespitzten Lippen, -wobei sie rasch mit den Augen blinzelte. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-6-9"> -<a id="page-542" class="pagenum" title="542"></a> -Walpurgisnacht -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Sieben Monate waren es in den nächsten Tagen, daß der -junge Hans Castorp hier oben verweilte, während Vetter -Joachim, der deren fünf auf dem Buckel gehabt hatte, als -jener eingetroffen war, nun auf zwölfe zurückblickte, auf ein -Jährchen also – ein rundes Jahr, – rund in dem kosmischen -Sinn, daß, seit die kleine, zugkräftige Lokomotive ihn hier abgesetzt, -die Erde einmal ihren Sonnenumlauf beendet hatte -und zu dem Punkte von damals zurückgekehrt war. Es war -Faschingszeit. Fastnacht stand vor der Tür, und Hans Castorp -erkundigte sich bei dem Jährigen, wie das denn sei. -</p> - -<p> -„Magnifik!“ antwortete Settembrini, dem die Vettern -wieder einmal bei der Vormittagsmotion begegnet waren. -„Splendide!“ antwortete er. „Das ist so lustig wie im Prater, -Sie werden sehen, Ingenieur. Dann sind wir gleich im Reihen -hier die glänzenden Galanten“, sprach er, und fuhr dann -prallen Mundes zu medisieren fort, indem er seine Hechelreden -mit gelungenen Arm-, Kopf- und Schulterbewegungen begleitete: -„Was wollen Sie, auch in der <span class="antiqua" lang="fr">maison de santé</span> -finden bisweilen ja Bälle statt, für die Narren und Blöden, -wie ich gelesen habe, – warum nicht auch hier? Das Programm -umfaßt die verschiedensten <span class="antiqua" lang="fr">danses macabres</span>, wie Sie -sich denken können. Leider kann ein gewisser Teil der vorjährigen -Festteilnehmer diesmal nicht erscheinen, da das Fest schon -um 9½ Uhr sein Ende findet ...“ -</p> - -<p> -„Sie meinen ... Ach so, vorzüglich!“ lachte Hans Castorp. -„Sind Sie ein Witzbold –! ‚Um 9½‘, – hast dus gehört, -du? Allzu früh nämlich, als daß ‚ein gewisser Teil‘ der Vorjährigen -noch ein Stündchen teilnehmen könnte, meint Herr -<a id="page-543" class="pagenum" title="543"></a> -Settembrini. Ha, ha, unheimlich. Das ist nämlich der Teil, -der dem ‚Fleisch‘ unterdessen schon endgültig valet gesagt hat. -Verstehst du mein Wortspiel? Aber da bin ich denn doch gespannt“, -sagte er. „Ich finde es richtig, daß wir hier so die -Feste feiern, wie sie fallen, und auf die übliche Art die Etappen -markieren, die Einschnitte also, damit es kein ungegliedertes -Einerlei gibt, das wäre zu sonderbar. Da haben wir Weihnachten -gehabt und wußten, daß Neujahr war, und nun -kommt also Fastnacht. Dann rückt Palmsonntag heran (gibt -es hier Kringel?), die Karwoche, Ostern und Pfingsten, was -sechs Wochen später ist, und dann ist ja bald schon der längste -Tag, Sommersonnenwende, verstehen Sie, und es geht auf -den Herbst ...“ -</p> - -<p> -„Halt! halt! halt!“, rief Settembrini, indem er das Gesicht -gen Himmel hob und die Handteller gegen die Schläfen preßte. -„Schweigen Sie! Ich verbiete Ihnen, sich in dieser Weise -die Zügel schießen zu lassen!“ -</p> - -<p> -„Entschuldigen Sie, ich sage ja im Gegenteil ... Übrigens -wird Behrens sich am Ende nun doch wohl zu den Injektionen -entschließen, um meine Entgiftung zu erzielen, denn -ich habe unentwegt siebenunddreißig-vier, -fünf, -sechs und -auch -sieben. Das will sich nicht ändern. Ich bin und bleibe -nun mal ein Sorgenkind des Lebens. Langfristig bin ich ja -nicht, Radamanth hat mir nie was Bestimmtes aufgebrummt, -aber er sagt, es wäre sinnlos, die Kur vor der Zeit zu unterbrechen, -wo ich nun doch schon so lange hier oben bin und -soviel Zeit investiert habe, sozusagen. Was nützte es auch, -wenn er mir einen Termin setzte? Das hätte nicht viel zu bedeuten, -denn wenn er zum Beispiel sagt: ein halbes Jährchen, -so ist es sehr knapp gerechnet, man muß sich auf mehr gefaßt -<a id="page-544" class="pagenum" title="544"></a> -machen. Das sieht man an meinem Vetter, der sollte Anfang -des Monats fertig sein – fertig im Sinne von ausgeheilt –, -aber das letztemal hat Behrens ihm vier Monate zugelegt, -zu seiner völligen Ausheilung, – na, und was haben wir dann? -Dann haben wir Sommersonnenwende, wie ich sagte, ohne -daß ich Sie reizen wollte, und es geht wieder auf den Winter -zu. Aber für den Augenblick haben wir nun freilich erst einmal -Fastnacht, – Sie hören ja, ich finde es gut und schön, -daß wir hier alles der Reihe nach, und wie’s im Kalender steht, -begehen. Frau Stöhr sagte, daß es in der Conciergeloge -Kindertrompeten zu kaufen gibt?“ -</p> - -<p> -Das traf zu. Schon beim ersten Frühstück am Faschingsdienstag, -der sofort da war, ehe man ihn von weitem nur -recht ins Auge gefaßt, – schon in der Frühe gab es im Speisesaal -allerlei Töne aus scherzhaften Blasinstrumenten, schnarrend -und tutend; beim Mittagessen flogen vom Tische Gänsers, -Rasmussens und der Kleefeld bereits Papierschlangen, und -mehrere Personen, zum Beispiel die rundäugige Marusja, -trugen papierne Kopfbedeckungen, die ebenfalls bei dem Hinkenden -vorn in der Loge zu kaufen waren; aber abends entfaltete -sich im Saal und in den Konversationsräumen eine -Festgeselligkeit, die in ihrem Verlauf ... Nur wir wissen -vorderhand, wozu, dank Hans Castorps Unternehmungsgeist, -diese Fastnachtsgeselligkeit in ihrem Verlaufe führte. Aber -wir lassen uns durch unser Wissen nicht hin- und nicht aus unserer -Bedächtigkeit reißen, sondern geben der Zeit die Ehre, die ihr -gebührt, und überstürzen nichts, – vielleicht sogar zögern wir -die Ereignisse hin, weil wir die sittliche Scheu des jungen Hans -Castorp teilen, die den Eintritt dieser Ereignisse so lange hintangehalten -hatte. -</p> - -<p> -<a id="page-545" class="pagenum" title="545"></a> -Allgemein war man nachmittags nach „Platz“ gepilgert, -um das Faschingsstraßenleben zu sehen. Masken waren unterwegs -gewesen, Pierrotten und Harlekine, die klappernde Pritschen -gehandhabt hatten, und zwischen den Fußgängern und -den ebenfalls maskierten Insassen der vorüberläutenden, geschmückten -Schlitten waren Konfetti-Scharmützel geliefert -worden. Schon sehr hochgestimmt fand man sich zur Abendmahlzeit -an den sieben Tischen ein, entschlossen, den öffentlichen -Geist in geschlossenem Kreise fortzupflegen. Die Papiermützen, -Schnarren und Tuten des Concierge hatten starken -Abgang gefunden, und Staatsanwalt Paravant hatte mit -weiterer Travestierung den Anfang gemacht, indem er einen -Damenkimono und einen falschen, laut vielseitigem Zuruf, der -Generalkonsulin Wurmbrandt gehörigen Zopf angelegt, auch -seinen Schnurrbart mit einem Brenneisen schräg nach unten -gezogen hatte und so wirklich aufs Haar einem Chinesen glich. -Die Verwaltung war nicht zurückgestanden. Sie hatte jeden -der sieben Tische mit einem Papierlampion geschmückt, einem -farbigen Mond mit brennender Kerze im Inneren, so daß -Settembrini beim Eintritt in den Saal, an Hans Castorps -Tische vorbeistreifend, einen auf diese Illumination bezüglichen -Dichterspruch zitierte: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Da sieh nur, welche bunten Flammen!</p> - <p class="verse">Es ist ein muntrer Klub beisammen“,</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -äußerte er mit feinem und trockenem Lächeln, indem er zu seinem -Platze weiterschlenderte, um dort mit kleinen Wurfgeschossen -empfangen zu werden, dünnwandigen und mit einer wohlriechenden -Flüssigkeit gefüllten Kügelchen, die beim Anprall zerbrachen -und den Getroffenen mit Parfüm überschütteten. -</p> - -<p> -<a id="page-546" class="pagenum" title="546"></a> -Kurzum, die Festlaune war von Anfang an sehr ausgesprochen. -Gelächter herrschte, Papierschlangen, von den Kronleuchtern -herabhängend, wehten im Luftzuge hin und her, in der -Bratensauce schwammen Konfetti, bald sah man die Zwergin -mit dem ersten Eiskübel, der ersten Champagnerflasche geschäftig -vorübereilen, man mischte den Sekt mit Burgunder, wozu -Rechtsanwalt Einhuf das Signal gegeben, und als nun gar -gegen Ende der Mahlzeit das Deckenlicht ausging und nur noch -die Lampions den Speisesaal mit buntem Dämmer italienisch-nächtig -erleuchteten, war die Stimmung vollkommen, und es -erregte am Tische Hans Castorps viel Zustimmung, als Settembrini -einen Zettel herübersandte (er händigte ihn der ihm zunächstsitzenden, -mit einer Jockei-Mütze aus grünem Seidenpapier -geschmückten Marusja ein), auf den er mit Bleistift -geschrieben hatte: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Allein bedenkt! Der Berg ist heute zaubertoll,</p> - <p class="verse">Und wenn ein Irrlicht Euch die Wege weisen soll,</p> - <p class="verse">So müßt Ihr’s so genau nicht nehmen.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Doktor Blumenkohl, dem es eben wieder sehr schlecht ging, -murmelte mit jenem ihm eigentümlichen Gesichts- oder eigentlich -Lippenausdruck etwas vor sich hin, woraus man entnehmen -konnte, was das für Verse seien. Hans Castorp seinerseits -meinte die Antwort nicht schuldig bleiben zu dürfen, fühlte -sich scherzhaft verpflichtet, eine Replik auf den Zettel zu schreiben, -die freilich nur höchst unbedeutend hätte ausfallen können. -Er suchte in seinen Taschen nach einem Bleistift, fand aber -keinen und konnte auch von Joachim und der Lehrerin keinen -erhalten. Seine rot geäderten Augen gingen nach Aushilfe gen -Osten, in den links-rückwärtigen Winkel des Saales, und man -<a id="page-547" class="pagenum" title="547"></a> -sah, wie sein flüchtiges Vorhaben in so weitläufigen Assoziationen -ausartete, daß er erbleichte und seine Grundabsicht überhaupt -vergaß. -</p> - -<p> -Zum Erbleichen gab es Gründe auch sonst. Frau Chauchat -dort hinten hatte zur Fastnacht Toilette gemacht, sie trug ein -neues Kleid, jedenfalls ein Kleid, das Hans Castorp noch nicht -an ihr gesehen, – aus leichter und dunkler, ja schwarzer, nur -manchmal ein wenig goldbräunlich aufschimmernder Seide, -das am Halse einen mädchenhaft kleinen Rundausschnitt zeigte, -kaum so tief, daß die Kehle, der Ansatz der Schlüsselbeine und -hinten die bei leicht vorgeschobener Kopfhaltung etwas heraustretenden -Genickwirbel unter dem lockeren Nackenhaar sichtbar -blieben, das aber Clawdias Arme bis zu den Schultern -hinauf frei ließ, – ihre Arme, die zart und voll waren zugleich, – -kühl dabei, aller Mutmaßung nach, und außerordentlich weiß -gegen die seidige Dunkelheit des Kleides abstachen, auf eine so -erschütternde Art, daß Hans Castorp, die Augen schließend, in -sich hineinflüsterte: „Mein Gott!“ – Er hatte diese Art Kleiderschnitt -noch nie gesehen. Er kannte Balltoiletten, festlich statthafte, -ja vorschriftsmäßige Enthüllungen, die weit umfassender -gewesen waren als diese hier, ohne im entferntesten so sensationell -zu wirken. Als Irrtum erwies sich vor allem die ältere -Annahme des armen Hans Castorp, daß die Lockung, die vernunftwidrige -Lockung dieser Arme, deren Bekanntschaft er -durch dünne Gaze hindurch bereits gemacht hatte, ohne eine -so ahndevolle „Verklärung“, wie er es damals genannt, sich -vielleicht als weniger tief erweisen werde. Irrtum! Verhängnisvolle -Selbsttäuschung! Die volle, hochbetonte und blendende -Nacktheit dieser herrlichen Glieder eines giftkranken Organismus -war ein Ereignis, weit stärker sich erweisend, als -<a id="page-548" class="pagenum" title="548"></a> -die Verklärung von damals, eine Erscheinung, auf die es keine -andere Antwort gab, als den Kopf zu senken und lautlos zu -wiederholen: „Mein Gott!“ -</p> - -<p> -Etwas später kam noch ein Zettel, auf dem es hieß: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Gesellschaft, wie man wünschen kann.</p> - <p class="verse">Wahrhaftig, lauter Bräute!</p> - <p class="verse">Und Junggesellen Mann für Mann,</p> - <p class="verse">Die hoffnungsvollsten Leute!“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -„Bravo, bravo!“ wurde gerufen. Man war schon beim -Mokka, der in kleinen irden-braunen Kännchen serviert wurde, -beziehungsweise auch bei den Likören, zum Beispiel Frau Stöhr, -die Süß-Geistiges für ihr Leben gern schlürfte. Die Gesellschaft -begann sich aufzulösen, zu zirkulieren. Man besuchte einander, -wechselte die Tische. Ein Teil der Gäste hatte sich schon in die -Konversationsräume verzogen, während ein anderer seßhaft -blieb, dem Weingemisch weiter zusprechend. Settembrini kam -nun persönlich herüber, sein Kaffeetäßchen in der Hand, den -Zahnstocher zwischen den Lippen, und setzte sich hospitierend -an die Tischecke zwischen Hans Castorp und die Lehrerin. -</p> - -<p> -„Harzgebirg“, sagte er. „Gegend von Schierke und Elend. -Habe ich Ihnen zu viel versprochen, Ingenieur? Heiß ich mir -das doch eine Messe! Aber warten Sie nur, unser Witz erschöpft -sich nicht so bald, wir sind noch nicht auf der Höhe, -geschweige am Ende. Nach allem, was man hört, wird es noch -mehr Masken geben. Gewisse Personen haben sich zurückgezogen, -– das berechtigt zu allerlei Erwartungen, Sie werden -sehen.“ -</p> - -<p> -Wirklich tauchten neue Verkleidungen auf: Damen in Herrentracht, -operettenhaft und unwahrscheinlich durch ausladende -<a id="page-549" class="pagenum" title="549"></a> -Formen, die Gesichter bärtig geschwärzt mit angekohltem Flaschenkork; -Herren, umgekehrt, die Frauenroben angelegt hatten, -über deren Röcke sie strauchelten, wie zum Beispiel Studiosus -Rasmussen, welcher, in schwarzer, jettübersäter Toilette, ein -pickliges Dekolleté zur Schau stellte, das er sich mit einem Papierfächer -kühlte, und zwar auch den Rücken. Ein Bettelmann -erschien knickbeinig, an einer Krücke hängend. Jemand hatte -sich aus weißem Unterzeug und einem Damenfilz ein Pierrotkostüm -hergestellt, das Gesicht gepudert, so daß seine Augen -ein unnatürliches Aussehen gewannen, und den Mund mit -Lippenpomade blutig aufgehöht. Es war der Junge mit dem -Fingernagel. Ein Grieche vom Schlechten Russentisch, mit -schönen Beinen, stolzierte in lila Trikotunterhosen, mit Mäntelchen, -Papierkrause und einem Stockdegen als spanischer -Grande oder Märchenprinz daher. Alle diese Masken waren -nach Schluß der Mahlzeit eilig improvisiert worden. Es litt -Frau Stöhr nicht länger auf ihrem Stuhl. Sie verschwand, -um nach kurzer Zeit als Scheuerweib wiederzukehren, mit geschürztem -Rock und aufgestülpten Ärmeln, die Bänder ihrer -Papierhaube unter dem Kinn geknotet und bewaffnet mit Eimer -und Besen, die sie zu handhaben begann, indem sie mit dem -nassen Schrubber unter die Tische, den Sitzenden zwischen die -Füße fuhr. -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Die alte Baubo kommt allein“,</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -rezitierte Settembrini bei ihrem Anblick und fügte auch den -Reimvers hinzu, klar und plastisch. Sie hörte es, nannte ihn -„welscher Hahn“ und forderte ihn auf, seine „Zötchen“ für -sich zu behalten, wobei sie ihn im Geiste der Maskenfreiheit -duzte; denn diese Verkehrsform war schon während des Essens -allgemein aufgenommen worden. Er schickte sich an, ihr zu -<a id="page-550" class="pagenum" title="550"></a> -antworten, als Lärm und Gelächter von der Halle her ihn unterbrachen -und Aufsehen im Saal erregten. -</p> - -<p> -Gefolgt von Gästen, die aus den Konversationsräumen kamen, -hielten zwei sonderbare Figuren ihren Einzug, die mit der -Kostümierung wohl eben erst fertig geworden waren. Die eine -war als Diakonissin angezogen, doch war ihr schwarzes Habit -vom Hals bis zum Saume mit weißen Bandstreifen quer benäht, -kurzen, die nahe untereinander lagen, und seltneren, die -über jene hinausragten, nach Art der Liniatur eines Thermometers. -Sie hielt den Zeigefinger vor ihren bleichen Mund und -trug in der Rechten eine Fiebertabelle. Die andere Maske erschien -blau in Blau: mit blau gefärbten Lippen und Brauen, -auch sonst im Gesicht und am Halse noch blau bemalt, eine blaue -Wollmütze schief übers Ohr gezogen und bekleidet mit einem -An- oder Überzuge aus blauem Glanzleinen, der, aus einem -Stück gearbeitet, an den Knöcheln mit Bändern zugezogen und -in der Mitte zum Rundbauche ausgestopft war. Man erkannte -Frau Iltis und Herrn Albin. Beide trugen Pappschilder umgehängt, -auf denen geschrieben stand: „Die stumme Schwester“ -und: „Der blaue Heinrich“. In einer Art Wackelschritt -zogen sie selbander um den Saal. -</p> - -<p> -Das gab einen Beifall! Die Zurufe schwirrten. Frau Stöhr, -ihren Besen unter dem Arm, die Hände auf den Knien, lachte -maßlos und ordinär nach Herzenslust, unter Vorwendung ihrer -Rolle als Scheuerweib. Nur Settembrini zeigte sich unzugänglich. -Seine Lippen, unter dem schön geschwungenen Schnurrbart, -wurden äußerst schmal, nachdem er einen kurzen Blick -auf das erfolgreiche Maskenpaar geworfen. -</p> - -<p> -Unter denen, die im Gefolge des Blauen und der Stummen -aus den Konversationszimmern wieder herübergekommen waren, -<a id="page-551" class="pagenum" title="551"></a> -befand sich auch Clawdia Chauchat. Zusammen mit der -wollhaarigen Tamara und jenem Tischgenossen mit dem konkaven -Brustkasten, einem gewissen Buligin, der Abendanzug -trug, strich sie in ihrem neuen Kleid an Hans Castorps Tische vorbei -und bewegte sich schräg hinüber zu dem des jungen Gänser -und der Kleefeld, wo sie, die Hände auf dem Rücken, mit schmalen -Augen lachend und plaudernd stehen blieb, während ihre -Begleiter den allegorischen Gespenstern weiter folgten und mit -ihnen den Saal wieder verließen. Auch Frau Chauchat hatte -sich mit einer Faschingsmütze geschmückt, – es war nicht einmal -eine gekaufte, sondern von der Art, wie man sie Kindern -anfertigt, aus weißem Papiere einfach zum Dreispitz zurechtgefaltet, -und kleidete sie übrigens, quer aufgesetzt, vorzüglich. -Das dunkelgoldbraune Seidenkleid war fußfrei, der Rock etwas -bauschig gearbeitet. Wir sagen von den Armen hier nichts mehr. -Sie waren nackt bis zu den Schultern hinauf. -</p> - -<p> -„Betrachte sie genau!“ hörte Hans Castorp Herrn Settembrini -wie von weitem sagen, während er ihr, die bald weiterging, -gegen die Glastür, zum Saal hinaus, mit den Blicken -folgte. „Lilith ist das.“ -</p> - -<p> -„Wer?“ fragte Hans Castorp. -</p> - -<p> -Der Literat freute sich. Er replizierte: -</p> - -<p> -„Adams erste Frau. Nimm dich in acht ...“ -</p> - -<p> -Außer ihnen beiden saß nur noch Dr. Blumenkohl am Tische, -an seinem entfernten Platz. Die übrige Speisegesellschaft, auch -Joachim, war in die Konversationsräume übergesiedelt. Hans -Castorp sagte: -</p> - -<p> -„Du steckst heute voller Poesie und Versen. Was ist nun -das wieder für eine Lilli? War Adam also zweimal verheiratet? -Ich hatte keine Ahnung ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-552" class="pagenum" title="552"></a> -„Die hebräische Sage will es so. Diese Lilith ist zum Nachtspuk -geworden, gefährlich für junge Männer besonders durch -ihre schönen Haare.“ -</p> - -<p> -„Pfui Teufel! Ein Nachtspuk mit schönen Haaren. So etwas -kannst du nicht leiden, was? Da kommst du und drehst das -elektrische Licht an, sozusagen, um die jungen Männer auf den -rechten Weg zu bringen, – tust du das nicht?“ sagte Hans -Castorp phantastisch. Er hatte ziemlich viel von der Weinmischung -getrunken. -</p> - -<p> -„Hören Sie, Ingenieur, lassen Sie das!“ befahl Settembrini -mit zusammengezogenen Brauen. „Bedienen Sie sich der im -gebildeten Abendlande üblichen Form der Anrede, der dritten -Person <span class="antiqua" lang="la">pluralis</span>, wenn ich bitten darf! Es steht Ihnen gar nicht -zu Gesicht, worin Sie sich da versuchen.“ -</p> - -<p> -„Aber wieso? Wir haben Karneval! Es ist allgemein akzeptiert -heute abend ...“ -</p> - -<p> -„Ja, um eines ungesitteten Reizes willen. Das ‚Du‘ unter -Fremden, das heißt unter Personen, die einander von Rechtes -wegen ‚Sie‘ nennen, ist eine widerwärtige Wildheit, ein Spiel mit -dem Urstande, ein liederliches Spiel, das ich verabscheue, weil -es sich im Grunde gegen Zivilisation und entwickelte Menschlichkeit -richtet, – sich frech und schamlos dagegen richtet. Ich -habe Sie auch nicht ‚Du‘ genannt, bilden Sie sich das nicht -ein! Ich zitierte eine Stelle aus dem Meisterwerk Ihrer Nationalliteratur. -Ich sprach also poetischerweise ...“ -</p> - -<p> -„Ich auch! Ich spreche auch gewissermaßen poetischerweise, -– weil mir der Augenblick danach angetan zu sein scheint, darum -spreche ich so. Ich sage gar nicht, daß es mir so ganz natürlich -ist und leicht fällt, dich ‚Du‘ zu nennen, im Gegenteil, es -kostet mich eine gewisse Selbstüberwindung, ich muß mir einen -<a id="page-553" class="pagenum" title="553"></a> -Ruck geben, um es zu tun, aber diesen Ruck gebe ich mir gern, -ich gebe ihn mir freudig und von Herzen ...“ -</p> - -<p> -„Von Herzen?“ -</p> - -<p> -„Von Herzen, ja, das kannst du mir glauben. Wir sind nun -schon so lange beieinander hier oben, – sieben Monate, wenn -du nachrechnest; das ist ja für unsere Verhältnisse hier oben -noch nicht einmal sehr viel, aber für untere Begriffe, wenn ich -zurückdenke, ist es doch eine Menge Zeit. Nun, und die haben -wir nun miteinander verbracht, weil das Leben uns hier zusammenführte, -und haben uns fast täglich gesehen und interessante -Gespräche miteinander geführt, zum Teil über Gegenstände, -von denen ich unten überhaupt keinen Deut begriffen -hätte. Aber hier sehr wohl; hier waren sie mir sehr wichtig -und naheliegend, so daß ich immer, wenn wir diskutierten, in -höchstem Grade bei der Sache war. Oder vielmehr, wenn du -mir die Dinge als <span class="antiqua" lang="la">homo humanus</span> expliziertest; denn ich hatte -natürlich aus meiner bisherigen Unerfahrenheit nicht viel beizutragen -und konnte immer nur außerordentlich hörenswert -finden, was du sagtest. Durch dich habe ich so viel erfahren -und verstanden ... Das mit Carducci war das Wenigste, aber -wie beispielsweise die Republik mit dem schönen Stil zusammenhängt -oder die Zeit mit dem Menschheitsfortschritt, – wohingegen, -wenn keine Zeit wäre, auch kein Menschheitsfortschritt -sein könnte, sondern die Welt nur ein stagnierendes Wasserloch -und ein fauliger Tümpel wäre, – was wüßte ich davon, -wenn du nicht gewesen wärst! Ich nenne dich einfach ‚Du‘ -und rede dich sonst nicht weiter an, entschuldige, weil ich nicht -wüßte, wie das geschehen sollte, – ich kann es nicht gut. Da -sitzest du, und ich sage einfach ‚Du‘ zu dir, das genügt. Du -bist nicht irgend ein Mensch mit einem Namen, du bist ein Vertreter, -<a id="page-554" class="pagenum" title="554"></a> -Herr Settembrini, ein Vertreter hierorts und an meiner -Seite, – das bist du“, bestätigte Hans Castorp und schlug mit -der flachen Hand auf das Tischtuch. „Und nun will ich dir einmal -danken,“ fuhr er fort und schob seinen Glasbecher mit Sekt -und Burgunder an Herrn Settembrinis Kaffeetäßchen heran, -gleichsam, um auf dem Tisch mit ihm anzustoßen, – „dafür, -daß du dich in diesen sieben Monaten so freundlich meiner angenommen -hast und mir jungem <span class="antiqua" lang="la">mulus</span>, auf den so viel Neues -eindrang, zur Hand gegangen bist bei meinen Übungen und Experimenten -und berichtigend auf mich einzuwirken gesucht hast, -ganz <span class="antiqua" lang="la">sine pecunia</span>, teils mit Geschichten und teils in abstrakter -Form. Ich habe das deutliche Gefühl, daß der Augenblick gekommen -ist, dir dafür und für all das zu danken und dich um -Verzeihung zu bitten, wenn ich ein schlechter Schüler war, ein -‚Sorgenkind des Lebens‘, wie du sagtest. Es hat mich sehr gerührt, -wie du das sagtest, und jedesmal, wenn ich daran denke, -rührt es mich wieder. Ein Sorgenkind, das war ich wohl auch für -dich und deine pädagogische Ader, auf die du damals gleich am -ersten Tage zu sprechen kamst, – natürlich, das ist auch einer von -den Zusammenhängen, die du mich gelehrt hast, der von Humanismus -und Pädagogik, – es würden mir mit der Zeit gewiß -noch mehrere einfallen. Verzeih mir also und denke meiner nicht -im Bösen! Dein Wohl, Herr Settembrini, sollst leben! Ich leere -mein Glas zu Ehren deiner literarischen Anstrengungen zur Ausmerzung -der menschlichen Leiden!“ schloß er, trank, hintenüber -geneigt, mit ein paar großen Schlucken sein Weingemisch aus -und stand auf. „Nun wollen wir zu den anderen hinübergehn.“ -</p> - -<p> -„Hören Sie, Ingenieur, was ist Ihnen in die Krone gefahren?“ -sagte der Italiener, die Augen voller Erstaunen, -und verließ gleichfalls den Tisch. „Das klingt wie Abschied ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-555" class="pagenum" title="555"></a> -„Nein, warum Abschied?“ wich Hans Castorp aus. Er -wich nicht nur figürlich aus, mit seinen Worten, sondern auch -körperlich, indem er mit dem Oberkörper einen Bogen beschrieb, -und hielt sich an die Lehrerin, Fräulein Engelhart, die eben -kam, sie zu holen. Der Hofrat verzapfe im Klavierzimmer -mit eigener Hand einen Fastnachtspunsch, den die Verwaltung -gestiftet habe, meldete sie. Die Herren, sagte sie, möchten gleich -kommen, wenn sie auch noch ein Glas zu erwischen wünschten. -So gingen sie hinüber. -</p> - -<p> -Wirklich stand dort drinnen, umdrängt von der Gästeschaft, -die ihm kleine Henkelgläser entgegenhielt, Hofrat Behrens an -dem runden Tisch in der Mitte, der weiß gedeckt war, und hob -mit einem Schöpflöffel dampfendes Getränk aus einer Terrine. -Auch er hatte sein Äußeres ein wenig karnevalistisch aufgemuntert, -indem er nämlich zu dem klinischen Kittel, den er auch -heute trug, da seine Tätigkeit ja niemals ruhte, einen echten -türkischen Fez, karminrot, mit schwarzer Troddel, die ihm über -das Ohr baumelte, aufgesetzt hatte, – Kostüm genug für ihn, -dies beides zusammen; es reichte hin, seine ohnehin markante -Erscheinung ins durchaus Wunderliche und Ausgelassene zu -steigern. Der weiße Langkittel übertrieb des Hofrats Größe; -brachte man die Nackenbeugung in Anschlag, indem man sie -in Gedanken beseitigte und seine Gestalt zur vollen Höhe aufrichtete, -so erschien er geradezu überlebensgroß, mit kleinem, -buntem Kopf von eigentümlichstem Gepräge. Dem jungen Hans -Castorp wenigstens war dies Gesicht noch nie so sonderbar -vorgekommen, wie heute unter der närrischen Bedeckung: diese -stutznäsig flache und bläulich hitzige Physiognomie, in der unter -weißblonden Brauen die blauen Augen tränend quollen und -über dem bogenförmigen, nach oben sich bäumenden Mund -<a id="page-556" class="pagenum" title="556"></a> -das helle und schief geschürzte Schnurrbärtchen stand. Abgeneigt -von dem Dampfe, der vor ihm aus der Terrine wirbelte, -ließ er das braune Getränk, einen zuckerigen Arrak-Punsch, im -Bogen aus der Schöpfkelle in die dargereichten Gläser rinnen, -unaufhörlich in seinem aufgeräumten Kauderwelsch sich ergehend, -sodaß Lachsalven rund um den Tisch den Ausschank -begleiteten. -</p> - -<p> -„Herr Urian sitzt oben auf“, erläuterte Settembrini leise mit -einer Handbewegung gegen den Hofrat und wurde dann nach -Hans Castorps Seite fortgezogen. Auch Dr. Krokowski war -anwesend. Klein, stämmig und kernig, sein schwarzes Lüsterhemd -mit leeren Ärmeln um die Schultern gehängt, sodaß es -dominoartig wirkte, hielt er sein Glas mit gedrehter Hand in -Augenhöhe und plauderte fröhlich mit einer Gruppe von -Masken travestierten Geschlechts. Musik setzte ein. Die -Patientin mit dem Tapirgesicht spielte, von dem Mannheimer -pianistisch begleitet, auf der Geige das Largo von Händel und -danach eine Sonate von Grieg, deren Charakter national und -salonmäßig war. Man applaudierte wohlwollend, auch an -den beiden Bridge-Tischen, die aufgeschlagen waren, und an -denen Maskierte und Unmaskierte saßen, Flaschen in Eiskühlern -neben sich. Die Türen standen offen; auch in der Halle -hielten sich Gäste auf. Eine Gruppe um den Rundtisch mit der -Bowle sah dem Hofrat zu, der den Anführer zu einem Gesellschaftsspiel -machte. Er zeichnete mit geschlossenen Augen, im -Stehen, über den Tisch gebückt, dabei aber zurückgelegten -Kopfes, damit alle sehen konnten, daß er die Augen geschlossen -hielt, zeichnete auf die Rückseite einer Visitenkarte mit Bleistift -blindlings eine Figur, – es waren die Umrisse eines Schweinchens, -die seine riesige Hand ohne Zuhilfenahme der Augen -<a id="page-557" class="pagenum" title="557"></a> -hinmalte, eines Schweinchens im Profil, – etwas einfach und -mehr ideell als lebenswahr, aber es war unverkennbar die -Grundgestalt eines Schweinchens, die er unter so erschwerenden -Bedingungen zusammenzog. Das war ein Kunststück, und er -konnte es. Das Schlitzäuglein kam ungefähr dort zu sitzen, -wohin es gehörte, etwas zu weit vorn am Rüssel, aber doch -ungefähr an seinen Platz; es verhielt sich nicht anders mit dem -Spitzohr am Kopf, den Beinchen, die an dem gerundeten -Bäuchlein hingen; und als Fortsetzung der ebenso gerundeten -Rückenlinie ringelte das Schwänzchen sich sehr artig in sich -selber. Man rief „Ah!“ als das Werk getan, und drängte sich -zu dem Versuch, von Ehrgeiz ergriffen, es dem Meister gleichzutun. -Allein die Wenigsten hätten ein Schweinchen mit offenen -Augen zu zeichnen vermocht, geschweige bei geschlossenen. Was -kamen da für Mißgeburten zustande! Es fehlte an allem Zusammenhang. -Das Äuglein fiel außerhalb des Kopfes, die -Beinchen ins Innere des Wanstes, der seinerseits weit entfernt -war, sich zu schließen, und das Schwänzchen ringelte sich irgendwo -abseits, ganz ohne organische Beziehung zur verworrenen -Hauptgestalt, als selbständige Arabeske. Man wollte sich ausschütten -vor Lachen. Die Gruppe fand Zuzug. Aufsehen entstand -an den Bridgetischen, und die Spieler kamen, ihre Karten -fächerförmig in der Hand, neugierig herüber. Die Umstehenden -sahen dem, der sich erprobte, auf die Augenlider, ob er nicht -blinzle, wozu einige durch das Gefühl ihrer Ohnmacht sich verführen -ließen, kicherten und prusteten, solange er seine blinden -Irrtümer beging, und brachen in Jubel aus, wenn er, die Augen -aufreißend, auf sein absurdes Machwerk niederblickte. Trügerisches -Selbstvertrauen trieb jeden zum Wettstreit. Die Karte, -obgleich geräumig, war rasch auf beiden Seiten überfüllt, sodaß -<a id="page-558" class="pagenum" title="558"></a> -die verfehlten Figuren sich überschnitten. Aber der Hofrat -opferte aus seinem Portefeuille eine zweite, auf welcher Staatsanwalt -Paravant, nach heimlicher Überlegung, das Schweinchen -<em>in einem Zuge</em> hinzumalen versuchte, – mit dem Ergebnis, -daß sein Mißerfolg alle vorangegangenen übertraf: -das Ornament, das er schuf, wies nicht nur mit keinem Schweinchen, -sondern überhaupt mit nichts in der Welt die entfernteste -Ähnlichkeit auf. Hallo, Gelächter und stürmische Glückwünsche! -Man brachte Menükarten aus dem Speisesaal herzu, – so -konnten nun mehrere Personen, Damen und Herren, auf einmal -zeichnen, und jeder Konkurrierende hatte seine Aufpasser -und Zuschauer, von denen wiederum ein jeder Anwärter auf -den Stift war, der eben gehandhabt wurde. Es waren drei -Bleistifte da, die man sich aus den Händen riß. Sie gehörten -Gästen. Der Hofrat, nachdem er das neue Spiel in die Wege -geleitet und bestens im Gange sah, war mit dem Adlaten verschwunden. -</p> - -<p> -Hans Castorp, im Gedränge, sah über Joachims Schulter -einem Zeichnenden zu, indem er sich mit dem Ellbogen auf diese -Schulter stützte, sein Kinn mit allen fünf Fingern erfaßt hielt und -die andere Hand in die Hüfte stemmte. Er redete und lachte. -Er wollte ebenfalls zeichnen, verlangte laut danach und erhielt -den Bleistift, ein schon ganz kurzes Ding, man konnte ihn nur -noch mit Daumen und Zeigefinger führen. Er schimpfte auf -den Stummel, das blinde Gesicht zur Decke erhoben, schimpfte -laut und verfluchte die Undienlichkeit des Stiftes, indem er mit -fliegender Hand einen gräulichen Unsinn auf den Karton warf, -schließlich sogar diesen verfehlte und auf das Tischtuch geriet. -„Das gilt nicht!“ rief er in das verdiente Gelächter hinein. -„Wie soll man mit einem solchen – zum Teufel damit!“ Und -<a id="page-559" class="pagenum" title="559"></a> -er warf den beschuldigten Stummel in die Punschbowle. „Wer -hat einen vernünftigen Bleistift? Wer leiht mir einen? Ich -muß noch einmal zeichnen! Einen Bleistift, einen Bleistift! Wer -hat noch einen?“ rief er nach beiden Seiten aus, den linken -Unterarm noch auf die Tischplatte gestützt und die rechte Hand -hoch in der Luft schüttelnd. Er bekam keinen. Da wandte er -sich um und ging ins Zimmer hinein, indem er zu rufen fortfuhr, -– ging gerade auf Clawdia Chauchat zu, die, wie er gewußt -hatte, nicht weit von der Portiere zum kleinen Salon -stand und von hier aus dem Treiben am Bowlentisch lächelnd -zugesehen hatte. -</p> - -<p> -Hinter sich hörte er rufen, wohllautende ausländische Worte: -„<span class="antiqua" lang="it">Eh! Ingegnere! Aspetti! Che cosa fa! Ingegnere! Un po -di raggione, sa! Ma è matto questo ragazzo!</span>“ Aber er -übertönte diese Stimme mit der seinen, und so sah man Herrn -Settembrini, eine Hand mit gespreiztem Arm über den Kopf -geworfen – eine in seiner Heimat übliche Gebärde, deren Sinn -nicht leicht auf ein Wort zu bringen wäre, und die von einem -langgezogenen „<span class="antiqua" lang="it">Ehh –!</span>“ begleitet war – die Fastnachtsgeselligkeit -verlassen. – Hans Castorp aber stand auf dem Klinkerhof, -blickte aus nächster Nähe in die blau-grau-grünen Epicanthus-Augen -über den vortretenden Backenknochen und sprach: -</p> - -<p> -„Hast <em>du</em> nicht vielleicht einen Bleistift?“ -</p> - -<p> -Er war totenbleich, so bleich wie damals, als er blutbesudelt -von seinem Einzelspaziergang zur Konferenz gekommen war. -Die Gefäßnervenleitung nach seinem Gesichte spielte mit dem -Erfolg, daß die entblutete Haut dieses jungen Gesichtes blaßkalt -einfiel, die Nase spitz erschien und die Partie unter den -Augen ganz so bleifarben wie bei einer Leiche aussah. Aber -Hans Castorps Herz ließ der Sympathikus in einer Gangart -<a id="page-560" class="pagenum" title="560"></a> -trommeln, daß von geregelter Atmung überhaupt nicht mehr -die Rede sein konnte, und Schauer überliefen den jungen -Menschen als Veranstaltung der Hautsalbendrüsen seines -Körpers, die sich mitsamt ihren Haarbälgen aufrichteten. -</p> - -<p> -Die im Papierdreispitz betrachtete ihn von oben bis unten -mit einem Lächeln, worin keinerlei Mitleid, keinerlei Besorgnis -angesichts der Verwüstung seines Äußeren zu erkennen war. -Dies Geschlecht kennt ein solches Mitleid und eine solche Besorgnis -überhaupt nicht vor den Schrecken der Leidenschaft, -– eines Elementes, ihm offenbar viel vertrauter, als dem -Mann, der von Natur keineswegs darin zu Hause ist und den -es nie ohne Spott und Schadenfreude darin begrüßt. Übrigens -würde er sich für Mitleid und Besorgnis ja freilich -auch bedanken. -</p> - -<p> -„Ich?“ antwortete die bloßarmige Kranke auf das „Du“ ... -„Ja, vielleicht“. Und allenfalls war in ihrem Lächeln und -ihrer Stimme etwas von der Erregung, die auftritt, wenn nach -langem, stummem Verhältnis die erste Anrede fällt, – einer -listigen Erregung, die alles Vorangegangene in den Augenblick -heimlich einbezieht. „Du bist sehr ehrgeizig ... Du bist ... -sehr ... eifrig“, fuhr sie in ihrer exotischen Aussprache mit -fremdem r und fremdem, zu offenem e zu spotten fort, wobei -ihre leicht verschleierte, angenehm heisere Stimme das Wort -„ehrgeizig“ auch noch auf der zweiten Silbe betonte, so daß -es völlig fremdsprachig klang, – und kramte in ihrem Ledertäschchen, -blickte suchend hinein und zog unter einem Taschentuch, -das sie zuerst zutage gefördert, ein kleines silbernes Crayon -hervor, dünn und zerbrechlich, ein Galanteriesächelchen, zu ernsthafter -Tätigkeit kaum zu gebrauchen. Der Bleistift von damals, -der erste, war handlich-rechtschaffener gewesen. -</p> - -<p> -<a id="page-561" class="pagenum" title="561"></a> -„<span class="antiqua" lang="fr">Voilà</span>“, sagte sie und hielt ihm das Stiftchen vor die Augen, -indem sie es zwischen Daumen und Zeigefinger an der Spitze -hielt und leicht hin und her schlenkerte. -</p> - -<p> -Da sie es ihm zugleich gab und vorenthielt, nahm er es, ohne -es zu empfangen, das heißt: hielt die Hand in der Höhe des -Stiftes, dicht daran, die Finger zum Greifen bereit, aber nicht -vollends zugreifend, und blickte aus seinen bleifarbenen Augenhöhlen -abwechselnd auf den Gegenstand und in Clawdias -tatarisches Gesicht. Seine blutlosen Lippen standen offen, und -sie blieben so, er benutzte sie nicht zum Sprechen, als er sagte: -</p> - -<p> -„Siehst du wohl, ich wußte doch, daß du einen haben -würdest.“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Prenez garde, il est un peu fragile</span>“, sagte sie. „<span class="antiqua" lang="fr">C’est -à visser, tu sais.</span>“ -</p> - -<p> -Und indem ihre Köpfe sich darüber neigten, zeigte sie ihm -die landläufige Mechanik des Stiftes, aus dem ein nadeldünnes, -wahrscheinlich hartes, nichts abgebendes Graphitstänglein fiel, -wenn man die Schraube öffnete. -</p> - -<p> -Sie standen nahe gegeneinander geneigt. Da er im Gesellschaftsanzug -war, trug er heute abend einen steifen Kragen -und konnte das Kinn darauf stützen. -</p> - -<p> -„Klein, aber dein“, sagte er, Stirn an Stirn mit ihr, auf -den Stift hinunter mit unbewegten Lippen und folglich unter -Auslassung des Labiallautes. -</p> - -<p> -„Oh, auch witzig bist du“, antwortete sie mit kurzem Lachen, -indem sie sich aufrichtete und ihm das Crayon nun überließ. -(Übrigens mochte Gott wissen, womit er witzig war, da er ja -offensichtlich keinen Tropfen Blut im Kopfe hatte.) „Also geh, -spute dich, zeichne, zeichne gut, zeichne dich aus!“ Witzig auch -ihrerseits schien sie ihn fortzutreiben. -</p> - -<p> -<a id="page-562" class="pagenum" title="562"></a> -„Nein, <em>du</em> hast noch nicht gezeichnet. <em>Du</em> mußt zeichnen“, -sagte er unter Auslassung des m von „mußt“ und trat auf -ziehende Art einen Schritt zurück. -</p> - -<p> -„Ich?“ wiederholte sie wieder mit einem Erstaunen, das -etwas anderem mehr als seiner Forderung zu gelten schien. -In einer gewissen Verwirrung lächelnd blieb sie noch stehen, -folgte aber dann seiner magnetisierenden Rückwärtsbewegung -ein paar Schritte gegen den Bowlentisch. -</p> - -<p> -Es zeigte sich jedoch, daß die Unterhaltung dort nicht mehr -vorhielt, in den letzten Zügen lag. Jemand zeichnete noch, hatte -aber keine Zuschauer mehr. Die Karten waren mit Unsinn bedeckt, -jedermann hatte seine Ohnmacht erprobt, der Tisch stand -fast verlassen, zumal eine Gegenströmung eingesetzt hatte. Da -man gewahr geworden, daß die Ärzte fort waren, lautete plötzlich -die Parole auf Tanz. Schon wurde der Tisch beiseite -geschleppt. Man postierte Späher an die Türen des Schreib- -und des Klavierzimmers, mit der Anweisung, durch ein Zeichen -den Ball zum Stehen zu bringen, falls etwa „der Alte“, -Krokowski oder die Oberin sich wieder zeigen sollten. Ein slawischer -Jüngling griff mit Ausdruck in die Tastatur des kleinen -Nußbaumpianinos. Die ersten Paare drehten sich im Inneren -eines unregelmäßigen Kreises von Sesseln und Stühlen, auf -denen Zuschauer saßen. -</p> - -<p> -Hans Castorp verabschiedete sich von dem eben fortschwebenden -Tisch mit der Handbewegung: „Fahr hin!“ Mit dem -Kinn deutete er dann auf freie Sitzgelegenheiten, die er im kleinen -Salon gewahrte, und auf die geschützte Zimmerecke rechts -neben der Portiere. Er sagte nichts, vielleicht, weil ihm die Musik -zu laut war. Er zog einen Stuhl – es war ein sogenannter -Triumphstuhl, mit Holzrahmen und einer Plüschbespannung -<a id="page-563" class="pagenum" title="563"></a> -– für Frau Chauchat an den Ort, den er vorher pantomimisch -bezeichnet hatte, und eignete sich selbst einen knisternden, krachenden -Korbstuhl mit gerollten Armlehnen an, auf den er sich zu -ihr setzte, gegen sie vorgebeugt, die Arme auf den Lehnen, ihr -Crayon in den Händen, die Füße weit unter dem Stuhl. Sie -ihrerseits lag allzu tief in dem Plüschgehänge, ihre Knie waren -emporgehoben, doch schlug sie trotzdem das eine über das andere -und ließ ihren Fuß in der Höhe wippen, dessen Knöchel -über dem Rande des schwarzen Lackschuhs von der ebenfalls -schwarzen Seide des Strumpfes überspannt war. Vor ihnen -saßen andere Leute, standen auf, um zu tanzen und machten solchen -Platz, die müde waren. Es war ein Kommen und Gehen. -</p> - -<p> -„Du hast ein neues Kleid“, sagte er, um sie betrachten zu -dürfen, und hörte sie antworten: -</p> - -<p> -„Neu? Du bist bewandert in meiner Toilette?“ -</p> - -<p> -„Habe ich nicht recht?“ -</p> - -<p> -„Doch. Ich habe es mir kürzlich hier machen lassen, bei -Lukaček im Dorf. Er arbeitet viel für Damen hier oben. Es -gefällt dir?“ -</p> - -<p> -„Sehr gut“, sagte er, indem er sie mit dem Blick noch einmal -umfaßte und ihn dann niederschlug. „Willst du tanzen?“ -fügte er hinzu. -</p> - -<p> -„Würdest du wollen?“ fragte sie mit erhobenen Brauen -lächelnd dagegen, und er antwortete: -</p> - -<p> -„Ich täte es schon, wenn du Lust hättest.“ -</p> - -<p> -„Das ist weniger brav, als ich dachte, daß du seist“, sagte -sie, und da er wegwerfend auflachte, fügte sie hinzu: „Dein -Vetter ist schon gegangen.“ -</p> - -<p> -„Ja, er ist mein Vetter“, bestätigte er unnötigerweise. „Ich -sah auch vorhin, daß er fort ist. Er wird sich gelegt haben.“ -</p> - -<p> -<a id="page-564" class="pagenum" title="564"></a> -„<span class="antiqua" lang="fr">C’est un jeune homme très étroit, très honnête, très -allemand.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Étroit? Honnête?</span>“ wiederholte er. „Ich verstehe Französisch -besser, als ich es spreche. Du willst sagen, daß er pedantisch -ist. Hältst du uns Deutsche für pedantisch – <span class="antiqua" lang="fr">nous autres -allemands</span>?“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Nous causons de votre cousin. Mais c’est vrai</span>, ihr seid -ein wenig bourgeois. <span class="antiqua" lang="fr">Vous aimez l’ordre mieux que la -liberté, toute l’Europe le sait.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Aimer ... aimer ... Qu’est-ce que c’est! Ça manque -de définition, ce mot-là.</span> Der Eine hat’s, der Andere liebt’s, -<span class="antiqua" lang="fr">comme nous disons proverbialement</span>“, behauptete Hans -Castorp. „Ich habe in letzter Zeit,“ fuhr er fort, „manchmal -über die Freiheit nachgedacht. Das heißt, ich hörte das Wort -so oft, und so dachte ich darüber nach. <span class="antiqua" lang="fr">Je te le dirai en français</span>, -was ich mir dachte. <span class="antiqua" lang="fr">Ce que toute l’Europe nomme -la liberté, est peut-être une chose assez pédante et assez -bourgeoise en comparaison de notre besoin d’ordre – -c’est ça!</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Tiens! C’est amusant. C’est ton cousin à qui tu penses -en disant des choses étranges comme ça?</span>“ -</p> - -<p> -„Nein, <span class="antiqua" lang="fr">c’est vraiment une bonne âme</span>, eine einfache, unbedrohte -Natur, <span class="antiqua" lang="fr">tu sais. Mais il n’est pas bourgeois, il est -militaire.</span>“ -</p> - -<p> -„Unbedroht?“ wiederholte sie mühsam ... „<span class="antiqua" lang="fr">Tu veux dire: -une nature tout à fait ferme, sûre d’elle-même? Mais il est -sérieusement malade, ton pauvre cousin.</span>“ -</p> - -<p> -„Wer hat das gesagt?“ -</p> - -<p> -„Man weiß hier voneinander.“ -</p> - -<p> -„Hat Hofrat Behrens dir das gesagt?“ -</p> - -<p> -<a id="page-565" class="pagenum" title="565"></a> -„<span class="antiqua" lang="fr">Peut-être en me faisant voir ses tableaux.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">C’est-à-dire: en faisant ton portrait!</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Pourquoi pas. Tu l’as trouvé réussi, mon portrait?</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Mais oui, extrêmement. Behrens a très exactement -rendu ta peau, oh vraiment très fidèlement. J’aimerais -beaucoup être portraitiste, moi aussi, pour avoir l’occasion -d’étudier ta peau comme lui.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Parlez allemand, s’il vous plaît!</span>“ -</p> - -<p> -„Oh, ich spreche Deutsch, auch auf Französisch. <span class="antiqua" lang="fr">C’est une -sorte d’étude artistique et médicale – en un mot: il s’agit -des lettres humaines, tu comprends.</span> Wie ist es nun, willst -du nicht tanzen?“ -</p> - -<p> -„Aber nein, das ist kindisch. <span class="antiqua" lang="fr">En cachette des médecins. -Aussitôt que Behrens reviendra, tout le monde va se précipiter -sur les chaises. Ce sera fort ridicule.</span>“ -</p> - -<p> -„Hast du so großen Respekt vor ihm?“ -</p> - -<p> -„Vor wem?“ sagte sie, das Fragewort kurz und fremdartig -sprechend. -</p> - -<p> -„Vor Behrens.“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Mais va donc avec ton Behrens!</span> Es ist auch viel zu eng -zum Tanzen. <span class="antiqua" lang="fr">Et puis sur le tapis</span> ... Wollen wir zusehen, -dem Tanze.“ -</p> - -<p> -„Ja, das wollen wir“, pflichtete er bei und schaute neben ihr -hin, mit seinem bleichen Gesicht, mit den blauen, sinnig blickenden -Augen seines Großvaters, in das Gehüpf der maskierten -Patienten hier im Salon und drüben im Schreibzimmer. Da -hüpfte die Stumme Schwester mit dem Blauen Heinrich, und -Frau Salomon, die als Ballherr, in Frack und weiße Weste, -gekleidet war, mit hochgewölbter Hemdbrust, gemaltem -Schnurrbart und Monokel, drehte sich auf kleinen Lack-Stöckelschuhen, -<a id="page-566" class="pagenum" title="566"></a> -die unnatürlicherweise aus ihren schwarzen -Herrenhosen hervorkamen, mit dem Pierrot, dessen Lippen blutrot -in seinem geweißten Antlitz leuchteten, und dessen Augen -denen eines Albino-Kaninchens glichen. Der Grieche im Mäntelchen -schwang das Ebenmaß seiner lila Trikotbeine um den -dekolletierten und dunkel glitzernden Rasmussen; der Staatsanwalt -im Kimono, die Generalkonsulin Wurmbrand und der -junge Gänser tanzten sogar selbdritt, indem sie sich mit den Armen -umschlungen hielten; und was die Stöhr betraf, so tanzte -sie mit ihrem Besen, den sie ans Herz drückte und dessen Borsten -sie liebkoste, als wären sie eines Menschen aufrecht stehendes -Haupthaar gewesen. -</p> - -<p> -„Das wollen wir“, wiederholte Hans Castorp mechanisch. -Sie sprachen leise, unter den Tönen des Klaviers. „Wir wollen -hier sitzen und zusehen wie im Traum. Das ist für mich -wie ein Traum, mußt du wissen, daß wir so sitzen, – <span class="antiqua" lang="fr">comme -un rêve singulièrement profond, car il faut dormir très -profondément pour rêver comme cela ... Je veux dire: -C’est un rêve bien connu, rêvé de tout temps, long, éternel, -oui, être assis près de toi comme à présent, voilà l’éternité.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Poète!</span>“ sagte sie. „<span class="antiqua" lang="fr">Bourgeois, humaniste et poète, – -voilà l’allemand au complet, comme il faut!</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Je crains, que nous ne soyons pas du tout et nullement -comme il faut</span>“, antwortete er. „<span class="antiqua" lang="fr">Sous aucun égard. Nous -sommes peut-être des</span> Sorgenkinder des Lebens, <span class="antiqua" lang="fr">tout simplement</span>.“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Joli mot. Dis-moi donc ... Il n’aurait pas été fort difficile -de rêver ce rêve-là plus tôt. C’est un peu tard, que -monsieur se résout d’adresser la parole à son humble -servante.</span>“ -</p> - -<p> -<a id="page-567" class="pagenum" title="567"></a> -„<span class="antiqua" lang="fr">Pourquoi des paroles?</span>“ sagte er. „<span class="antiqua" lang="fr">Pourquoi parler? -Parler, discourir, c’est une chose bien républicaine, je le -concède. Mais je doute, que ce soit poétique au même -degré. Un de nos pensionnaires, qui est un peu devenu -mon ami, M. Settembrini ...</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Il vient de te lancer quelques paroles.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Eh bien, c’est un grand parleur sans doute, il aime -même beaucoup à réciter de beaux vers, – mais est-ce -un poète, cet homme-là?</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Je regrette sincèrement de n’avoir jamais eu le plaisir -de faire la connaissance de ce chevalier.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Je le crois bien.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Ah! Tu le crois.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Comment? C’était une phrase tout-à-fait indifférente, -ce que j’ai dit là. Moi, tu le remarques bien, je ne parle -guère le français. Pourtant, avec toi je préfère cette -langue à la mienne, car pour moi, parler français, c’est -parler sans parler, en quelque manière, – sans responsabilité, -ou comme nous parlons en rêve. Tu comprends?</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">A peu près.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Ça suffit ... Parler</span>“, fuhr Hans Castorp fort, „<span class="antiqua" lang="fr">– pauvre -affaire! Dans l’éternité, on ne parle point. Dans l’éternité, -tu sais, on fait comme en dessinant un petit cochon: on -penche la tête en arrière et on ferme les yeux.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Pas mal, ça! Tu es chez toi dans l’éternité, sans aucun -doute, tu la connais à fond. Il faut avouer, que tu es un -petit rêveur assez curieux.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Et puis</span>“, sagte Hans Castorp, „<span class="antiqua" lang="fr">si je t’avais parlé plus -tôt, il m’aurait fallu te dire »vous«!</span>“ -</p> - -<p> -<a id="page-568" class="pagenum" title="568"></a> -„<span class="antiqua" lang="fr">Eh bien, est-ce que tu as l’intention de me tutoyer -pour toujours?</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Mais oui. Je t’ai tutoyée de tout temps et je te tutoierai -éternellement.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">C’est un peu fort, par exemple. En tout cas tu n’auras -pas trop longtemps l’occasion de me dire »tu«. Je vais -partir.</span>“ -</p> - -<p> -Das Wort brauchte einige Zeit, bis es ihm ins Bewußtsein -drang. Dann fuhr er auf, wirr um sich blickend, wie ein aus dem -Schlaf Gestörter. Ihr Gespräch war ziemlich langsam vonstatten -gegangen, da Hans Castorp das Französische schwerfällig -und wie in zögerndem Sinnen sprach. Das Klavier, das kurze -Zeit geschwiegen hatte, tönte wieder, nunmehr unter den Händen -des Mannheimers, der den Slawenjüngling abgelöst und -Noten aufgelegt hatte. Fräulein Engelhart saß bei ihm und blätterte -um. Der Ball hatte sich gelichtet. Eine größere Anzahl der -Pensionäre schien horizontale Lage eingenommen zu haben. Vor -ihnen saß niemand mehr. Im Lesezimmer spielte man Karten. -</p> - -<p> -„Was tust du?“ fragte Hans Castorp entgeistert ... -</p> - -<p> -„Ich reise ab“, wiederholte sie, scheinbar verwundert lächelnd -über sein Erstarren. -</p> - -<p> -„Nicht möglich“, sagte er. „Das ist nur Scherz.“ -</p> - -<p> -„Durchaus nicht. Es ist mein vollkommener Ernst. Ich reise.“ -</p> - -<p> -„Wann?“ -</p> - -<p> -„Aber morgen. <span class="antiqua" lang="fr">Après dîner.</span>“ -</p> - -<p> -In ihm ereignete sich ein umfangreicher Zusammensturz. -Er sagte: -</p> - -<p> -„Wohin?“ -</p> - -<p> -„Sehr weit fort.“ -</p> - -<p> -„Nach Daghestan?“ -</p> - -<p> -<a id="page-569" class="pagenum" title="569"></a> -„<span class="antiqua" lang="fr">Tu n’es pas mal instruit. Peut-être, pour le moment ...</span>“ -</p> - -<p> -„Bist du denn geheilt?“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Quant à ça ... non.</span> Aber Behrens meint, es sei vorläufig -hier nicht mehr viel für mich zu erreichen. <span class="antiqua" lang="fr">C’est pourquoi je -vais risquer un petit changement d’air.</span>“ -</p> - -<p> -„Du kommst also wieder!“ -</p> - -<p> -„Das fragt sich. Es fragt sich vor allem, wann. <span class="antiqua" lang="fr">Quant à -moi, tu sais, j’aime la liberté avant tout et notamment -celle de choisir mon domicile. Tu ne comprends guère -ce que c’est: être obsédé d’indépendance. C’est de ma -race, peut-être.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Et ton mari au Daghestan te l’accorde, – ta liberté?</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">C’est la maladie qui me la rend. Me voilà à cet endroit -pour la troisième fois. J’ai passé un an ici, cette fois. -Possible que je revienne. Mais alors tu seras bien loin -depuis longtemps.</span>“ -</p> - -<p> -„Glaubst du, Clawdia?“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Mon prénom aussi! Vraiment tu les prends bien au -sérieux les coutumes du carnaval!</span>“ -</p> - -<p> -„Weißt du denn, wie krank ich bin?“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Oui – non – comme on sait ces choses ici. Tu as une -petite tache humide là dedans et un peu de fièvre, n’est-ce -pas?</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Trente-sept et huit ou neuf l’après-midi</span>“, sagte Hans -Castorp. „Und du?“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Oh, mon cas, tu sais, c’est un peu plus compliqué ... -pas tout-à-fait simple.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Il y a quelque chose dans cette branche de lettres -humaines dite la médecine</span>,“ sagte Hans Castorp, „<span class="antiqua" lang="fr">qu’on -appelle bouchement tuberculeux des vases de lymphe.</span>“ -</p> - -<p> -<a id="page-570" class="pagenum" title="570"></a> -„<span class="antiqua" lang="fr">Ah! Tu as mouchardé, mon cher, on le voit bien.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Et toi ...</span> Verzeih mir! Laß mich dich jetzt etwas fragen, -dich dringlich und auf Deutsch etwas fragen! Als ich damals -von Tische zur Untersuchung ging, vor sechs Monaten ... -Du blicktest dich um nach mir, erinnerst du dich?“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Quelle question? Il y a six mois!</span>“ -</p> - -<p> -„Wußtest du, wohin ich ging?“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Certes, c’était tout-à-fait par hasard ...</span>“ -</p> - -<p> -„Du wußtest es von Behrens?“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Toujours ce Behrens!</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Oh, il a représenté ta peau d’une façon tellement -exacte ... D’ailleurs, c’est un veuf aux joues ardentes et -qui possède un service à café très remarquable ... Je crois -bien qu’il connaît ton corps non seulement comme médecin, -mais aussi comme adepte d’une autre discipline -de lettres humaines.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Tu as décidément raison de dire, que tu parles en -rêve, mon ami.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Soit ... Laisse-moi rêver de nouveau après m’avoir -réveillé si cruellement par cette cloche d’alarme de ton -départ. Sept mois sous tes yeux ... Et à présent, où en -réalité j’ai fait ta connaissance, tu me parles de départ!</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Je te répète, que nous aurions pu causer plus tôt.</span>“ -</p> - -<p> -„Du hättest es gewünscht?“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Moi? Tu ne m’échapperas pas, mon petit. Il s’agit de -tes intérêts, à toi. Est-ce que tu étais trop timide pour -t’approcher d’une femme à qui tu parles en rêve maintenant, -ou est-ce qu’il y avait quelqu’un qui t’en a empêché?</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Je te l’ai dit. Je ne voulais pas te dire »vous«.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Farceur. Réponds donc, – ce monsieur beau parleur, -<a id="page-571" class="pagenum" title="571"></a> -cet italien-là qui a quitté la soirée, – qu’est-ce qu’il t’a -lancé tantôt?</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Je n’en ai entendu absolument rien. Je me soucie très -peu de ce monsieur, quand mes yeux te voient. Mais tu -oublies ... il n’aurait pas été si facile du tout de faire ta -connaissance dans le monde. Il y avait encore mon cousin -avec qui j’étais lié et qui incline très peu à s’amuser ici: -Il ne pense à rien qu’à son retour dans les plaines, pour -se faire soldat.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Pauvre diable. Il est, en effet, plus malade qu’il ne sait. -Ton ami italien du reste ne va pas trop bien non plus.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Il le dit lui-même. Mais mon cousin ... Est-ce vrai? -Tu m’effraies.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Fort possible qu’il va mourir, s’il essaye d’être soldat -dans les plaines.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Qu’il va mourir. La mort. Terrible mot, n’est-ce pas? -Mais c’est étrange, il ne m’impressionne pas tellement aujourd’hui, -ce mot. C’était une façon de parler bien conventionnelle, -lorsque je disais »Tu m’effraies«. L’idée -de la mort ne m’effraie pas. Elle me laisse tranquille. Je -n’ai pas pitié – ni de mon bon Joachim ni de moi-même, -en entendant qu’il va peut-être mourir. Si c’est vrai, -son état ressemble beaucoup au mien et je ne le trouve -pas particulièrement imposant. Il est moribond, et moi, -je suis amoureux, eh bien! – Tu as parlé à mon cousin -à l’atelier de photographie intime, dans l’antichambre, -tu te souviens.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Je me souviens un peu.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Donc ce jour-là Behrens a fait ton portrait transparent!</span>“ -</p> - -<p> -<a id="page-572" class="pagenum" title="572"></a> -„<span class="antiqua" lang="fr">Mais oui.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Mon dieu. Et l’as-tu sur toi?</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Non, je l’ai dans ma chambre.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Ah, dans ta chambre. Quant au mien, je l’ai toujours -dans mon portefeuille. Veux-tu que je te le fasse -voir?</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Mille remerciements. Ma curiosité n’est pas invincible. -Ce sera un aspect très innocent.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Moi, j’ai vu ton portrait extérieur. J’aimerais beaucoup -mieux voir ton portrait intérieur qui est enfermé dans ta -chambre ... Laisse-moi demander autre chose! Parfois -un monsieur russe qui loge en ville vient te voir. Qui -est-ce? Dans quel but vient-il, cet homme?</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Tu es joliment fort en espionnage, je l’avoue. Eh bien, -je réponds. Oui, c’est un compatriote souffrant, un ami. -J’ai fait sa connaissance à une autre station balnéaire, il y a -quelques années déjà. Nos relations? Les voilà: nous prenons -notre thé ensemble, nous fumons deux ou trois papiros, -et nous bavardons, nous philosophons, nous parlons -de l’homme, de Dieu, de la vie, de la morale, de mille -choses. Voilà mon compte rendu. Es-tu satisfait?</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">De la morale aussi! Et qu’est-ce que vous avez trouvé -en fait de morale, par exemple?</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">La morale? Cela t’intéresse? Eh bien, il nous semble, -qu’il faudrait chercher la morale non dans la vertu, c’est-à-dire -dans la raison, la discipline, les bonnes mœurs, -l’honnêteté, – mais plutôt dans le contraire, je veux dire: -dans le péché, en s’abandonnant au danger, à ce qui est -nuisible, à ce qui nous consume. Il nous semble qu’il est -plus moral de se perdre et même de se laisser dépérir -<a id="page-573" class="pagenum" title="573"></a> -que de se conserver. Les grands moralistes n’étaient point -des vertueux, mais des aventuriers dans le mal, des vicieux, -des grands pécheurs qui nous enseignent à nous incliner -chrétiennement devant la misère. Tout ça doit te déplaire -beaucoup, n’est-ce pas?</span>“ -</p> - -<p> -Er schwieg. Er saß noch immer wie anfangs, die verschlungenen -Füße tief unter seinem knisternden Stuhl, vorgeneigt gegen -die Liegende im Papierdreispitz, ihr Crayon zwischen den Fingern, -und blickte aus Hans Lorenz Castorps blauen Augen von unten -in das Zimmer, das leer geworden war. Zerstoben die Gästeschaft. -Das Klavier, in der schräg gegenüberliegenden Ecke, -tönte nur noch leise und abgebrochen, gespielt mit einer Hand -von dem mannheimischen Kranken, an dessen Seite die Lehrerin -saß und in einem Notenbuch blätterte, das sie auf den -Knien hielt. Als das Gespräch zwischen Hans Castorp und -Clawdia Chauchat verstummte, hörte der Pianist vollends zu -spielen auf und legte auch die Hand, mit der er die Tasten leicht -gerührt hatte, in den Schoß, während Fräulein Engelhart fortfuhr, -in ihre Noten zu blicken. Die vier von der Fastnachtsgeselligkeit -übriggebliebenen Personen saßen unbeweglich. Die -Stille dauerte mehrere Minuten. Langsam neigten sich unter -ihrem Druck die Köpfe des Paares am Pianino tiefer und tiefer, -der des Mannheimers gegen die Klaviatur hinab, der Fräulein -Engelharts auf das Notenheft. Endlich, beide gleichzeitig, -wie nach geheimer Verständigung, standen sie vorsichtig auf, -und leise, auf den Zehen, indem sie es künstlich vermieden, sich -nach der anderen noch belebten Zimmerecke umzusehen, die -Köpfe eingezogen und die Arme steif am Leibe, verschwanden -der Mannheimer und die Lehrerin miteinander durch das -Schreib- und Lesezimmer. -<a id="page-574" class="pagenum" title="574"></a> -„<span class="antiqua" lang="fr">Tout le monde se retire</span>“, sagte Frau Chauchat. „<span class="antiqua" lang="fr">C’étaient -les derniers; il se fait tard. Eh bien, la fête de carnaval -est finie.</span>“ Und sie hob die Arme, um mit beiden Händen die -Papiermütze von ihrem rötlichen Haar zu nehmen, dessen Zopf -als Kranz um den Kopf geschlungen war. „<span class="antiqua" lang="fr">Vous connaissez -les conséquences, monsieur.</span>“ -</p> - -<p> -Aber Hans Castorp verneinte mit geschlossenen Augen, ohne -im übrigen seine Stellung zu verändern. Er antwortete: -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Jamais, Clawdia. Jamais je te dirai »vous«, jamais de -la vie ni de la mort</span>, wenn man so sagen kann, – man sollte -es können. <span class="antiqua" lang="fr">Cette forme de s’adresser à une personne, qui -est celle de l’Occident cultivé et de la civilisation humanitaire, -me semble fort bourgeoise et pédante. Pourquoi, -au fond, de la forme? La forme, c’est la pédanterie elle-même! -Tout ce que vous avez fixé à l’égard de la morale, -toi et ton compatriote souffrant, – tu veux sérieusement -que ça me surprenne? Pour quel sot me prends-tu? Dis -donc, qu’est-ce que tu penses de moi?</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">C’est un sujet qui ne donne pas beaucoup à penser. -Tu es un petit bonhomme convenable, de bonne famille, -d’une tenue appétissante, disciple docile de ses précepteurs -et qui retournera bientôt dans les plaines, pour -oublier complètement qu’il a jamais parlé en rêve ici -et pour aider à rendre son pays grand et puissant par -son travail honnête sur le chantier. Voilà ta photographie -intime, faite sans appareil. Tu la trouves exacte, -j’espère?</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Il y manque quelques détails que Behrens y a trouvés.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Ah, les médecins en trouvent toujours, ils s’y connaissent -...</span>“ -</p> - -<p> -<a id="page-575" class="pagenum" title="575"></a> -„<span class="antiqua" lang="fr">Tu parles comme M. Settembrini. Et ma fièvre? D’où -vient-elle?</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Allons donc, c’est un incident sans conséquence qui -passera vite.</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Non, Clawdia, tu sais bien que ce que tu dis là n’est -pas vrai et tu le dis sans conviction, j’en suis sûr. La -fièvre de mon corps et le battement de mon cœur harassé -et le frissonnement de mes membres, c’est le contraire -d’un incident, car ce n’est rien d’autre</span> –“ und sein -bleiches Gesicht mit den zuckenden Lippen beugte sich tiefer -zu dem ihren – „<span class="antiqua" lang="fr">rien d’autre que mon amour pour toi, -oui, cet amour qui m’a saisi à l’instant, où mes yeux -t’ont vue, ou, plutôt, que j’ai reconnu, quand je t’ai reconnue -toi, – et c’était lui, évidemment, qui m’a mené -à cet endroit ...</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Quelle folie!</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Oh, l’amour n’est rien, s’il n’est pas de la folie, une -chose insensée, défendue et une aventure dans le mal. -Autrement c’est une banalité agréable, bonne pour en -faire de petites chansons paisibles dans les plaines. Mais -quant à ce que je t’ai reconnue et que j’ai reconnu mon -amour pour toi, – oui, c’est vrai, je t’ai déjà connue, anciennement, -toi et tes yeux merveilleusement obliques -et ta bouche et ta voix, avec laquelle tu parles, – une fois -déjà, lorsque j’étais collégien, je t’ai demandé ton crayon, -pour faire enfin ta connaissance mondaine, parce que je -t’aimais irraisonnablement, et c’est de là, sans doute, c’est -de mon ancien amour pour toi, que ces marques me restent -que Behrens a trouvées dans mon corps, et qui indiquent -que jadis aussi j’étais malade ...</span>“ -</p> - -<p> -<a id="page-576" class="pagenum" title="576"></a> -Seine Zähne schlugen aufeinander. Er hatte den einen Fuß -unter seinem knisternden Stuhl hervorgezogen, während er -phantasierte, und indem er ihn vorschob, diesen Fuß, berührte -er mit dem anderen Knie schon den Boden, so daß er denn also -neben ihr kniete, gebeugten Kopfes und am ganzen Körper zitternd. -„<span class="antiqua" lang="fr">Je t’aime</span>,“ lallte er, „<span class="antiqua" lang="fr">je t’ai aimée de tout temps, -car tu es le Toi de ma vie, mon rêve, mon sort, mon envie, -mon éternel désir ...</span>“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Allons, allons!</span>“ sagte sie. „<span class="antiqua" lang="fr">Si tes précepteurs te voyaient -...</span>“ -</p> - -<p> -Aber er schüttelte verzweifelt den Kopf, das Gesicht über den -Teppich, und antwortete: -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Je m’en ficherais, je me fiche de tous ces Carducci et -de la République éloquente et du progrès humain dans -le temps, car je t’aime!</span>“ -</p> - -<p> -Sie streichelte ihm leicht mit der Hand das kurzgeschorene -Haar am Hinterkopf. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Petit bourgeois!</span>“ sagte sie. „<span class="antiqua" lang="fr">Joli bourgeois à la petite -tache humide. Est-ce vrai que tu m’aimes tant?</span>“ -</p> - -<p> -Und begeistert von ihrer Berührung, nun auf beiden Knien, -den Kopf im Nacken und mit geschlossenen Augen fuhr er zu -sprechen fort: -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Oh, l’amour, tu sais ... Le corps, l’amour, la mort, -ces trois ne font qu’un. Car le corps, c’est la maladie et -la volupté, et c’est lui qui fait la mort, oui, ils sont charnels -tous deux, l’amour et la mort, et voilà leur terreur -et leur grande magie! Mais la mort, tu comprends, c’est -d’une part une chose mal famée, impudente qui fait rougir -de honte; et d’autre part c’est une puissance très solennelle -et très majestueuse, – beaucoup plus haute que la -<a id="page-577" class="pagenum" title="577"></a> -vie riante gagnant de la monnaie et farcissant sa panse, – -beaucoup plus vénérable que le progrès qui bavarde par -les temps, – parce qu’elle est l’histoire et la noblesse et la -piété et l’éternel et le sacré qui nous fait tirer le chapeau -et marcher sur la pointe des pieds ... Or, de même, le corps, -lui aussi, et l’amour du corps, sont une affaire indécente -et fâcheuse, et le corps rougit et pâlit à sa surface par -frayeur et honte de lui-même. Mais aussi il est une grande -gloire adorable, image miraculeuse de la vie organique, -sainte merveille de la forme et de la beauté, et l’amour -pour lui, pour le corps humain, c’est de même un intérêt -extrêmement humanitaire et une puissance plus éducative -que toute la pédagogie du monde! ... Oh, enchantante -beauté organique qui ne se compose ni de teinture à -l’huile ni de pierre, mais de matière vivante et corruptible, -pleine du secret fébrile de la vie et de la pourriture! -Regarde la symétrie merveilleuse de l’édifice humain, les -épaules et les hanches et les mamelons fleurissants de -part et d’autre sur la poitrine, et les côtes arrangées par -paires, et le nombril au milieu dans la mollesse du ventre, -et le sexe obscur entre les cuisses! Regarde les omoplates -se remuer sous la peau soyeuse du dos, et l’échine qui -descend vers la luxuriance double et fraîche des fesses, -et les grandes branches des vases et des nerfs qui passent -du tronc aux rameaux par les aisselles, et comme la structure -des bras correspond à celle des jambes. Oh, les douces -régions de la jointure intérieure du coude et du jarret -avec leur abondance de délicatesses organiques sous leurs -coussins de chair! Quelle fête immense de les caresser ces -endroits délicieux du corps humain! Fête à mourir sans -<a id="page-578" class="pagenum" title="578"></a> -plainte après! Oui, mon dieu, laisse-moi sentir l’odeur de -la peau de ta rotule, sous laquelle l’ingénieuse capsule articulaire -sécrète son huile glissante! Laisse-moi toucher -dévotement de ma bouche l’Arteria femoralis qui bat au -front de ta cuisse et qui se divise plus bas en les deux -artères du tibia! Laisse-moi ressentir l’exhalation de tes -pores et tâter ton duvet, image humaine d’eau et d’albumine, -destinée pour l’anatomie du tombeau, et laisse-moi -périr, mes lèvres aux tiennes!</span>“ -</p> - -<p> -Er öffnete die Augen nicht, nachdem er gesprochen; er blieb, -wie er war, den Kopf im Nacken, die Hände mit dem Silberstiftchen -von sich gestreckt, auf seinen Knien bebend und schwankend. -Sie sagte: -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Tu es en effet un galant qui sait solliciter d’une manière -profonde, à l’allemande.</span>“ -</p> - -<p> -Und sie setzte ihm die Papiermütze auf. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Adieu, mon prince Carnaval! Vous aurez une mauvaise -ligne de fièvre ce soir, je vous le prédis.</span>“ -</p> - -<p> -Damit glitt sie vom Stuhl, glitt über den Teppich zur Tür, -in deren Rahmen sie zögerte, halb rückwärts gewandt, einen -ihrer nackten Arme erhoben, die Hand an der Türangel. Über -die Schulter sagte sie leise: -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">N’oubliez pas de me rendre mon crayon.</span>“ -</p> - -<p> -Und trat hinaus. -</p> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="printer"> -Druck vom Bibliographischen Institut in Leipzig -</p> - -</div> - -<div class="trnote chapter"> -<p class="transnote"> -Anmerkungen zur Transkription -</p> - -<p> -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Die Schreibweise häufig vorkommender Namen wurde vereinheitlicht. -Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme späterer Auflagen, -sind hier aufgeführt (vorher/nachher): -</p> - - - -<ul> - -<li> -... <span class="underline">verschiedene</span> Gemütsbewegungen hin und her geworfen, bis ...<br /> -... <a href="#corr-5"><span class="underline">verschiedenen</span></a> Gemütsbewegungen hin und her geworfen, bis ...<br /> -</li> - -<li> -... die Wangen streifenden Hals<span class="underline">kragen</span> des Großvaters ausfüllte. ...<br /> -... die Wangen streifenden Hals<a href="#corr-6"><span class="underline">kragens</span></a> des Großvaters ausfüllte. ...<br /> -</li> - -<li> -... gegeben und selbstverständlich betrachten und <span class="underline">vor</span> dem Einfall, ...<br /> -... gegeben und selbstverständlich betrachten und <a href="#corr-7"><span class="underline">von</span></a> dem Einfall, ...<br /> -</li> - -<li> -... Vetter macht. In <span class="underline">ihrem</span> Fall kann man gar nichts Schlaueres ...<br /> -... Vetter macht. In <a href="#corr-8"><span class="underline">Ihrem</span></a> Fall kann man gar nichts Schlaueres ...<br /> -</li> - -<li> -... auf Platz Davos, etwa in Drittelhöhe des <span class="underline">Ganges</span>, und gewährte ...<br /> -... auf Platz Davos, etwa in Drittelhöhe des <a href="#corr-10"><span class="underline">Hanges</span></a>, und gewährte ...<br /> -</li> - -<li> -... „Wie heißt es doch in der Oper <span class="underline">ihres</span> Meisters? ‚Der Vogelfänger ...<br /> -... „Wie heißt es doch in der Oper <a href="#corr-14"><span class="underline">Ihres</span></a> Meisters? ‚Der Vogelfänger ...<br /> -</li> - -<li> -... den Revolver von <span class="underline">ihrer</span> Schläfe weg, es ist nicht anzusehen! ...<br /> -... den Revolver von <a href="#corr-18"><span class="underline">Ihrer</span></a> Schläfe weg, es ist nicht anzusehen! ...<br /> -</li> - -<li> -... Ihnen nicht zuträglich zu sein scheint, da <span class="underline">sie</span> sich körperlich und, ...<br /> -... Ihnen nicht zuträglich zu sein scheint, da <a href="#corr-21"><span class="underline">Sie</span></a> sich körperlich und, ...<br /> -</li> - -<li> -... Vorhaben erwachte, <span class="underline">seinen</span> Vetter Joachim morgen von diesem ...<br /> -... Vorhaben erwachte, <a href="#corr-22"><span class="underline">seinem</span></a> Vetter Joachim morgen von diesem ...<br /> -</li> - -<li> -... als Sie sich den Anschein geben, da <span class="underline">sie</span> offenbar Geist besitzen. ...<br /> -... als Sie sich den Anschein geben, da <a href="#corr-23"><span class="underline">Sie</span></a> offenbar Geist besitzen. ...<br /> -</li> - -<li> -... So entspricht es <span class="underline">ihrem</span> Alter, welches männlicher Entschlossenheit ...<br /> -... So entspricht es <a href="#corr-24"><span class="underline">Ihrem</span></a> Alter, welches männlicher Entschlossenheit ...<br /> -</li> - -<li> -... die Griffe übte, die man <span class="underline">ihm</span> lehrte. Nur einige ...<br /> -... die Griffe übte, die man <a href="#corr-25"><span class="underline">ihn</span></a> lehrte. Nur einige ...<br /> -</li> - -<li> -... Ingenieur. Sie sind in <span class="underline">ihrem</span> Elemente, das freut mich. ...<br /> -... Ingenieur. Sie sind in <a href="#corr-27"><span class="underline">Ihrem</span></a> Elemente, das freut mich. ...<br /> -</li> - -<li> -... und dann schräg hin und ziemlich steil den rechtsseitigen <span class="underline">Gang</span> ...<br /> -... und dann schräg hin und ziemlich steil den rechtsseitigen <a href="#corr-28"><span class="underline">Hang</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... Humanität überhaupt, <span class="underline">alte</span> Menschenwürde, Menschenachtung ...<br /> -... Humanität überhaupt, <a href="#corr-41"><span class="underline">alle</span></a> Menschenwürde, Menschenachtung ...<br /> -</li> - -<li> -... wie <span class="underline">sie</span> sich anspielen.“ Und wie vorhin begann er sein Klopfen. ...<br /> -... wie <a href="#corr-45"><span class="underline">Sie</span></a> sich anspielen.“ Und wie vorhin begann er sein Klopfen. ...<br /> -</li> - -<li> -... Wir wollen hoffen, daß sie bei <span class="underline">Ihrem</span> Mann im Osten wieder ...<br /> -... Wir wollen hoffen, daß sie bei <a href="#corr-49"><span class="underline">ihrem</span></a> Mann im Osten wieder ...<br /> -</li> - -<li> -... Palm<span class="underline">zweige</span> auf dem Vorderdeckel. Dieser nun, so bemerkte ...<br /> -... Palm<a href="#corr-51"><span class="underline">zweigen</span></a> auf dem Vorderdeckel. Dieser nun, so bemerkte ...<br /> -</li> - -<li> -... Wunsch in ihm gezeitigt <span class="underline">hätten</span>, des Rausches ledig zu werden. ...<br /> -... Wunsch in ihm gezeitigt <a href="#corr-58"><span class="underline">hätte</span></a>, des Rausches ledig zu werden. ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERBERG ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™ -concept and trademark. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state -visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> - -</body> -</html> diff --git a/old/65661-h/images/cover.jpg b/old/65661-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index a6fc32b..0000000 --- a/old/65661-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/65661-h/images/logo.jpg b/old/65661-h/images/logo.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index f247af7..0000000 --- a/old/65661-h/images/logo.jpg +++ /dev/null |
