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-The Project Gutenberg eBook of Der Zauberberg, by Thomas Mann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Der Zauberberg
- Erster Band
-
-Author: Thomas Mann
-
-Release Date: June 21, 2021 [eBook #65661]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERBERG ***
-
- Thomas Mann
-
- Gesammelte Werke
-
-
- 1924
- S. Fischer / Verlag / Berlin
-
- Thomas Mann
-
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-
-
- Der Zauberberg
-
-
- Roman
-
- Erster Band
-
-
- 1924
- S. Fischer / Verlag / Berlin
-
-
- Erste bis zehnte Auflage
- Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung
- Copyright 1924 by S. Fischer, Verlag, A.-G., Berlin
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- Der Zauberberg
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- Vorsatz
-
-
-Die Geschichte Hans Castorps, die wir erzählen wollen, – nicht um
-seinetwillen (denn der Leser wird einen einfachen, wenn auch
-ansprechenden jungen Menschen in ihm kennenlernen), sondern um der
-Geschichte willen, die uns in hohem Grade erzählenswert scheint (wobei
-zu Hans Castorps Gunsten denn doch erinnert werden sollte, daß es
-_seine_ Geschichte ist, und daß nicht jedem jede Geschichte passiert):
-diese Geschichte ist sehr lange her, sie ist sozusagen schon ganz mit
-historischem Edelrost überzogen und unbedingt in der Zeitform der
-tiefsten Vergangenheit vorzutragen.
-
-Das wäre kein Nachteil für eine Geschichte, sondern eher ein Vorteil;
-denn Geschichten müssen vergangen sein, und je vergangener, könnte man
-sagen, desto besser für sie in ihrer Eigenschaft als Geschichten und für
-den Erzähler, den raunenden Beschwörer des Imperfekts. Es steht jedoch
-so mit ihr, wie es heute auch mit den Menschen und unter diesen nicht
-zum wenigsten mit den Geschichtenerzählern steht: sie ist viel älter als
-ihre Jahre, ihre Betagtheit ist nicht nach Tagen, das Alter, das auf ihr
-liegt, nicht nach Sonnenumläufen zu berechnen; mit einem Worte: sie
-verdankt den Grad ihres Vergangenseins nicht eigentlich der _Zeit_, –
-eine Aussage, womit auf die Fragwürdigkeit und eigentümliche Zwienatur
-dieses geheimnisvollen Elementes im Vorbeigehen angespielt und
-hingewiesen sei.
-
-Um aber einen klaren Sachverhalt nicht künstlich zu verdunkeln: die
-hochgradige Verflossenheit unserer Geschichte rührt daher, daß sie _vor_
-einer gewissen, Leben und Bewußtsein tief zerklüftenden Wende und Grenze
-spielt ... Sie spielt, oder, um jedes Präsens geflissentlich zu
-vermeiden, sie spielte und hat gespielt vormals, ehedem, in den alten
-Tagen, der Welt vor dem großen Kriege, mit dessen Beginn so vieles
-begann, was zu beginnen wohl kaum schon aufgehört hat. Vorher
-also spielt sie, wenn auch nicht lange vorher. Aber ist der
-Vergangenheitscharakter einer Geschichte nicht desto tiefer,
-vollkommener und märchenhafter, je dichter „vorher“ sie spielt? Zudem
-könnte es sein, daß die unsrige mit dem Märchen auch sonst, ihrer
-inneren Natur nach, das eine und andre zu schaffen hat.
-
-Wir werden sie ausführlich erzählen, genau und gründlich, – denn wann
-wäre je die Kurz- oder Langweiligkeit einer Geschichte abhängig gewesen
-von dem Raum und der Zeit, die sie in Anspruch nahm? Ohne Furcht vor dem
-Odium der Peinlichkeit, neigen wir vielmehr der Ansicht zu, daß nur das
-Gründliche wahrhaft unterhaltend sei.
-
-Im Handumdrehen also wird der Erzähler mit Hansens Geschichte nicht
-fertig werden. Die sieben Tage einer Woche werden dazu nicht reichen und
-auch sieben Monate nicht. Am besten ist es, er macht sich im voraus
-nicht klar, wieviel Erdenzeit ihm verstreichen wird, während sie ihn
-umsponnen hält. Es werden, in Gottes Namen, ja nicht geradezu sieben
-Jahre sein!
-
-Und somit fangen wir an.
-
-
-
-
- Erstes Kapitel
-
-
- Ankunft
-
-Ein einfacher junger Mensch reiste im Hochsommer von Hamburg, seiner
-Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen. Er fuhr auf Besuch für
-drei Wochen.
-
-Von Hamburg bis dort hinauf, das ist aber eine weite Reise; zu weit
-eigentlich im Verhältnis zu einem so kurzen Aufenthalt. Es geht durch
-mehrerer Herren Länder, bergauf und bergab, von der süddeutschen
-Hochebene hinunter zum Gestade des Schwäbischen Meeres und zu Schiff
-über seine springenden Wellen hin, dahin über Schlünde, die früher für
-unergründlich galten.
-
-Von da an verzettelt sich die Reise, die solange großzügig, in direkten
-Linien vonstatten ging. Es gibt Aufenthalte und Umständlichkeiten. Beim
-Orte Rorschach, auf schweizerischem Gebiet, vertraut man sich wieder der
-Eisenbahn, gelangt aber vorderhand nur bis Landquart, einer kleinen
-Alpenstation, wo man den Zug zu wechseln gezwungen ist. Es ist eine
-Schmalspurbahn, die man nach längerem Herumstehen in windiger und wenig
-reizvoller Gegend besteigt, und in dem Augenblick, wo die kleine, aber
-offenbar ungewöhnlich zugkräftige Maschine sich in Bewegung setzt,
-beginnt der eigentlich abenteuerliche Teil der Fahrt, ein jäher und
-zäher Aufstieg, der nicht enden zu wollen scheint. Denn Station
-Landquart liegt vergleichsweise noch in mäßiger Höhe; jetzt aber geht es
-auf wilder, drangvoller Felsenstraße allen Ernstes ins Hochgebirge.
-
-Hans Castorp – dies der Name des jungen Mannes – befand sich allein mit
-seiner krokodilsledernen Handtasche, einem Geschenk seines Onkels und
-Pflegevaters, Konsul Tienappel, um auch diesen Namen hier gleich zu
-nennen, – seinem Wintermantel, der an einem Haken schaukelte, und seiner
-Plaidrolle in einem kleinen grau gepolsterten Abteil; er saß bei
-niedergelassenem Fenster, und da der Nachmittag sich mehr und mehr
-verkühlte, so hatte er, Familiensöhnchen und Zärtling, den Kragen seines
-modisch weiten, auf Seide gearbeiteten Sommerüberziehers aufgeschlagen.
-Neben ihm auf der Bank lag ein broschiertes Buch namens „_Ocean
-steamships_“, worin er zu Anfang der Reise bisweilen studiert hatte;
-jetzt aber lag es vernachlässigt da, indes der hereinstreichende Atem
-der schwer keuchenden Lokomotive seinen Umschlag mit Kohlenpartikeln
-verunreinigte.
-
-Zwei Reisetage entfernen den Menschen – und gar den jungen, im Leben
-noch wenig fest wurzelnden Menschen – seiner Alltagswelt, all dem, was
-er seine Pflichten, Interessen, Sorgen, Aussichten nannte, viel mehr,
-als er sich auf der Droschkenfahrt zum Bahnhof wohl träumen ließ. Der
-Raum, der sich drehend und fliehend zwischen ihn und seine Pflanzstätte
-wälzt, bewährt Kräfte, die man gewöhnlich der Zeit vorbehalten glaubt;
-von Stunde zu Stunde stellt er innere Veränderungen her, die den von ihr
-bewirkten sehr ähnlich sind, aber sie in gewisser Weise übertreffen.
-Gleich ihr erzeugt er Vergessen; er tut es aber, indem er die Person des
-Menschen aus ihren Beziehungen löst und ihn in einen freien und
-ursprünglichen Zustand versetzt, – ja, selbst aus dem Pedanten und
-Pfahlbürger macht er im Handumdrehen etwas wie einen Vagabunden. Zeit,
-sagt man, ist Lethe; aber auch Fernluft ist so ein Trank, und sollte sie
-weniger gründlich wirken, so tut sie es dafür desto rascher.
-
-Dergleichen erfuhr auch Hans Castorp. Er hatte nicht beabsichtigt, diese
-Reise sonderlich wichtig zu nehmen, sich innerlich auf sie einzulassen.
-Seine Meinung vielmehr war gewesen, sie rasch abzutun, weil sie abgetan
-werden mußte, ganz als derselbe zurückzukehren, als der er abgefahren
-war, und sein Leben genau dort wieder aufzunehmen, wo er es für einen
-Augenblick hatte liegen lassen müssen. Noch gestern war er völlig in dem
-gewohnten Gedankenkreise befangen gewesen, hatte sich mit dem jüngst
-Zurückliegenden, seinem Examen, und dem unmittelbar Bevorstehenden,
-seinem Eintritt in die Praxis bei Tunder & Wilms (Schiffswerft,
-Maschinenfabrik und Kesselschmiede), beschäftigt und über die nächsten
-drei Wochen mit soviel Ungeduld hinweggeblickt, als seine Gemütsart nur
-immer zuließ. Jetzt aber war ihm doch, als ob die Umstände seine volle
-Aufmerksamkeit erforderten und als ob es nicht angehe, sie auf die
-leichte Achsel zu nehmen. Dieses Emporgehobenwerden in Regionen, wo er
-noch nie geatmet und wo, wie er wußte, völlig ungewohnte, eigentümlich
-dünne und spärliche Lebensbedingungen herrschten, – es fing an, ihn zu
-erregen, ihn mit einer gewissen Ängstlichkeit zu erfüllen. Heimat und
-Ordnung lagen nicht nur weit zurück, sie lagen hauptsächlich klaftertief
-unter ihm, und noch immer stieg er darüber hinaus. Schwebend zwischen
-ihnen und dem Unbekannten fragte er sich, wie es ihm dort oben ergehen
-werde. Vielleicht war es unklug und unzuträglich, daß er, geboren und
-gewohnt, nur ein paar Meter über dem Meeresspiegel zu atmen, sich
-plötzlich in diese extremen Gegenden befördern ließ, ohne wenigstens
-einige Tage an einem Platze von mittlerer Lage verweilt zu haben? Er
-wünschte, am Ziel zu sein, denn einmal oben, dachte er, würde man leben
-wie überall und nicht so wie jetzt im Klimmen daran erinnert sein, in
-welchen unangemessenen Sphären man sich befand. Er sah hinaus: der Zug
-wand sich gebogen auf schmalem Paß; man sah die vorderen Wagen, sah die
-Maschine, die in ihrer Mühe braune, grüne und schwarze Rauchmassen
-ausstieß, die verflatterten. Wasser rauschten in der Tiefe zur Rechten;
-links strebten dunkle Fichten zwischen Felsblöcken gegen einen
-steingrauen Himmel empor. Stockfinstere Tunnel kamen, und wenn es wieder
-Tag wurde, taten weitläufige Abgründe mit Ortschaften in der Tiefe sich
-auf. Sie schlossen sich, neue Engpässe folgten, mit Schneeresten in
-ihren Schründen und Spalten. Es gab Aufenthalte an armseligen
-Bahnhofshäuschen, Kopfstationen, die der Zug in entgegengesetzter
-Richtung verließ, was verwirrend wirkte, da man nicht mehr wußte, wie
-man fuhr und sich der Himmelsgegenden nicht länger entsann. Großartige
-Fernblicke in die heilig-phantasmagorisch sich türmende Gipfelwelt des
-Hochgebirges, in das man hinan- und hineinstrebte, eröffneten sich und
-gingen dem ehrfürchtigen Auge durch Pfadbiegungen wieder verloren. Hans
-Castorp bedachte, daß er die Zone der Laubbäume unter sich gelassen
-habe, auch die der Singvögel wohl, wenn ihm recht war, und dieser
-Gedanke des Aufhörens und der Verarmung bewirkte, daß er, angewandelt
-von einem leichten Schwindel und Übelbefinden, für zwei Sekunden die
-Augen mit der Hand bedeckte. Das ging vorüber. Er sah, daß der Aufstieg
-ein Ende genommen hatte, die Paßhöhe überwunden war. Auf ebener Talsohle
-rollte der Zug nun bequemer dahin.
-
-Es war gegen acht Uhr, noch hielt sich der Tag. Ein See erschien in
-landschaftlicher Ferne, seine Flut war grau, und schwarz stiegen
-Fichtenwälder neben seinen Ufern an den umgebenden Höhen hinan, wurden
-dünn weiter oben, verloren sich und ließen nebelig-kahles Gestein
-zurück. Man hielt an einer kleinen Station, es war Davos-Dorf, wie Hans
-Castorp draußen ausrufen hörte, er würde nun binnen kurzem am Ziele
-sein. Und plötzlich vernahm er neben sich Joachim Ziemßens Stimme,
-seines Vetters gemächliche Hamburger Stimme, die sagte: „Tag, du, nun
-steige nur aus“; und wie er hinaussah, stand unter seinem Fenster
-Joachim selbst auf dem Perron, in braunem Ulster, ganz ohne
-Kopfbedeckung und so gesund aussehend wie in seinem Leben noch nicht. Er
-lachte und sagte wieder:
-
-„Komm nur heraus, du, geniere dich nicht!“
-
-„Ich bin aber noch nicht da“, sagte Hans Castorp verdutzt und noch immer
-sitzend.
-
-„Doch, du bist da. Dies ist das Dorf. Zum Sanatorium ist es näher von
-hier. Ich habe ’nen Wagen mit. Gib mal deine Sachen her.“
-
-Und lachend, verwirrt, in der Aufregung der Ankunft und des Wiedersehens
-reichte Hans Castorp ihm Handtasche und Wintermantel, die Plaidrolle mit
-Stock und Schirm und schließlich auch „_Ocean steamships_“ hinaus. Dann
-lief er über den engen Korridor und sprang auf den Bahnsteig zur
-eigentlichen und sozusagen nun erst persönlichen Begrüßung mit seinem
-Vetter, die sich ohne Überschwang, wie zwischen Leuten von kühlen und
-spröden Sitten, vollzog. Es ist sonderbar zu sagen, aber von jeher
-hatten sie es vermieden, einander beim Vornamen zu nennen, einzig und
-allein aus Scheu vor zu großer Herzenswärme. Da sie sich aber doch nicht
-gut mit Nachnamen anreden konnten, so beschränkten sie sich auf das Du.
-Das war eingewurzelte Gewohnheit zwischen den Vettern.
-
-Ein Mann in Livree, mit Tressenmütze, sah zu, wie sie einander – der
-junge Ziemßen in militärischer Haltung – rasch und ein bißchen verlegen
-die Hände schüttelten, und kam dann heran, um sich Hans Castorps
-Gepäckschein auszubitten; denn er war der Concierge des Internationalen
-Sanatoriums „Berghof“ und zeigte sich willens, den großen Koffer des
-Gastes vom Bahnhof „Platz“ zu holen, indes die Herren direkt mit dem
-Wagen zum Abendbrot fuhren. Der Mann hinkte auffallend, und so war das
-erste, was Hans Castorp Joachim Ziemßen fragte:
-
-„Ist das ein Kriegsveteran? Was hinkt er denn so?“
-
-„Ja, danke!“ erwiderte Joachim etwas bitter. „Ein Kriegsveteran! Der hat
-es im Knie – oder hatte es doch, denn dann hat er sich die Kniescheibe
-herausnehmen lassen.“
-
-Hans Castorp besann sich so rasch er konnte. „Ja, so!“ sagte er, indem
-er im Gehen den Kopf hob und sich flüchtig umblickte. „Du wirst mir doch
-aber nicht weismachen wollen, daß du noch so etwas hast? Du siehst ja
-aus, als ob du dein Portepee schon hättest und gerade aus dem Manöver
-kämst.“ Und er sah den Vetter von der Seite an.
-
-Joachim war größer und breiter als er, ein Bild der Jugendkraft und wie
-für die Uniform geschaffen. Er war von dem sehr braunen Typus, den seine
-blonde Heimat nicht selten hervorbringt, und seine ohnehin dunkle
-Gesichtshaut war durch Verbrennung beinahe bronzefarben geworden. Mit
-seinen großen schwarzen Augen und dem dunklen Schnurrbärtchen über dem
-vollen, gut geschnittenen Munde wäre er geradezu schön gewesen, wenn er
-nicht abstehende Ohren gehabt hätte. Sie waren sein einziger Kummer und
-Lebensschmerz gewesen bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Jetzt hatte er
-andere Sorgen. Hans Castorp fuhr fort:
-
-„Du kommst doch gleich mit mir hinunter? Ich sehe wirklich kein
-Hindernis.“
-
-„Gleich mit dir?“ fragte der Vetter und wandte ihm seine großen Augen
-zu, die immer sanft gewesen waren, in diesen fünf Monaten aber einen
-etwas müden, ja traurigen Ausdruck angenommen hatten. „Gleich wann?“
-
-„Na, in drei Wochen.“
-
-„Ach so, du fährst wohl schon wieder nach Hause in deinen Gedanken“,
-antwortete Joachim. „Nun, warte nur, du kommst ja eben erst an. Drei
-Wochen sind freilich fast nichts für uns hier oben, aber für dich, der
-du zu Besuch hier bist und überhaupt nur drei Wochen bleiben sollst, für
-dich ist es doch eine Menge Zeit. Erst akklimatisiere dich mal, das ist
-gar nicht so leicht, sollst du sehen. Und dann ist das Klima auch nicht
-das einzig Sonderbare bei uns. Du wirst hier mancherlei Neues sehen, paß
-auf. Und was du von mir sagst, das geht denn doch nicht so flott mit
-mir, du, ‚in drei Wochen nach Haus‘, das sind so Ideen von unten. Ich
-bin ja wohl braun, aber das ist hauptsächlich Schneeverbrennung und hat
-nicht viel zu bedeuten, wie Behrens auch immer sagt, und bei der letzten
-Generaluntersuchung hat er gesagt, ein halbes Jahr wird es wohl ziemlich
-sicher noch dauern.“
-
-„Ein halbes Jahr? Bist du toll?“ rief Hans Castorp. Sie hatten sich eben
-vor dem Stationsgebäude, das nicht viel mehr als ein Schuppen war, in
-das gelbe Kabriolett gesetzt, das dort auf steinigem Platze bereit
-stand, und während die beiden Braunen anzogen, warf sich Hans Castorp
-empört auf dem harten Kissen herum. „Ein halbes Jahr? du bist ja schon
-fast ein halbes Jahr hier! Man hat doch nicht so viel Zeit –!“
-
-„Ja, Zeit“, sagte Joachim und nickte mehrmals geradeaus, ohne sich um
-des Vetters ehrliche Entrüstung zu kümmern. „Die springen hier um mit
-der menschlichen Zeit, das glaubst du gar nicht. Drei Wochen sind wie
-ein Tag vor ihnen. Du wirst schon sehen. Du wirst das alles schon
-lernen“, sagte er und setzte hinzu: „Man ändert hier seine Begriffe.“
-
-Hans Castorp betrachtete ihn unausgesetzt von der Seite.
-
-„Du hast dich aber doch prachtvoll erholt“, sagte er kopfschüttelnd.
-
-„Ja, meinst du?“ antwortete Joachim. „Nicht wahr, ich denke doch auch!“
-sagte er und setzte sich höher ins Kissen zurück; doch nahm er gleich
-wieder eine schrägere Stellung ein. „Es geht mir ja besser“, erklärte
-er; „aber gesund bin ich eben noch nicht. Links oben, wo früher Rasseln
-zu hören war, klingt es jetzt nur noch rauh, das ist nicht so schlimm,
-aber unten ist es noch _sehr_ rauh, und dann sind auch im zweiten
-Interkostalraum Geräusche.“
-
-„Wie gelehrt du geworden bist“, sagte Hans Castorp.
-
-„Ja, das ist, weiß Gott, eine nette Gelehrsamkeit. Die hätte ich gern im
-Dienste schon wieder verschwitzt“, erwiderte Joachim. „Aber ich habe
-noch Sputum“, sagte er mit einem zugleich lässigen und heftigen
-Achselzucken, das ihm nicht gut zu Gesichte stand, und ließ seinen
-Vetter etwas sehen, was er aus der ihm zugekehrten Seitentasche seines
-Ulsters zur Hälfte herauszog und gleich wieder verwahrte: eine flache,
-geschweifte Flasche aus blauem Glase mit einem Metallverschluß. „Das
-haben die meisten von uns hier oben“, sagte er. „Es hat auch einen Namen
-bei uns, so einen Spitznamen, ganz fidel. Du siehst dir die Gegend an?“
-
-Das tat Hans Castorp, und er äußerte: „Großartig!“
-
-„Findest du?“ fragte Joachim.
-
-Sie hatten die unregelmäßig bebaute, der Eisenbahn gleichlaufende Straße
-ein Stück in der Richtung der Talachse verfolgt, hatten dann nach links
-hin das schmale Geleise gekreuzt, einen Wasserlauf überquert und
-trotteten nun auf sanft ansteigendem Fahrweg bewaldeten Hängen entgegen,
-dorthin, wo auf niedrig vorspringendem Wiesenplateau, die Front
-südwestlich gewandt, ein langgestrecktes Gebäude mit Kuppelturm, das vor
-lauter Balkonlogen von weitem löcherig und porös wirkte wie ein Schwamm,
-soeben die ersten Lichter aufsteckte. Es dämmerte rasch. Ein leichtes
-Abendrot, das eine Weile den gleichmäßig bedeckten Himmel belebt hatte,
-war schon verblichen, und jener farblose, entseelte und traurige
-Übergangszustand herrschte in der Natur, der dem vollen Einbruch der
-Nacht unmittelbar vorangeht. Das besiedelte Tal, lang hingestreckt und
-etwas gewunden, beleuchtete sich nun überall, auf dem Grunde sowohl wie
-da und dort an den beiderseitigen Lehnen, – an der rechten zumal, die
-auslud, und an der Baulichkeiten terrassenförmig aufstiegen. Links
-liefen Pfade die Wiesenhänge hinan und verloren sich in der stumpfen
-Schwärze der Nadelwälder. Die entfernteren Bergkulissen, hinten am
-Ausgang, gegen den das Tal sich verjüngte, zeigten ein nüchternes
-Schieferblau. Da ein Wind sich aufgemacht hatte, wurde die Abendkühle
-empfindlich.
-
-„Nein, ich finde es offen gestanden nicht so überwältigend“, sagte Hans
-Castorp. „Wo sind denn die Gletscher und Firnen und die gewaltigen
-Bergesriesen? Diese Dinger sind doch nicht sehr hoch, wie mir scheint.“
-
-„Doch, sie sind hoch“, antwortete Joachim. „Du siehst die Baumgrenze
-fast überall, sie markiert sich ja auffallend scharf, die Fichten hören
-auf, und damit hört alles auf, aus ist es, Felsen, wie du bemerkst. Da
-drüben, rechts von dem Schwarzhorn, dieser Zinke dort, hast du sogar
-einen Gletscher, siehst du das Blaue noch? Er ist nicht groß, aber es
-ist ein Gletscher, wie es sich gehört, der Scaletta-Gletscher. Piz
-Michel und Tinzenhorn in der Lücke, du kannst sie von hier aus nicht
-sehen, liegen auch immer im Schnee, das ganze Jahr.“
-
-„In ewigem Schnee“, sagte Hans Castorp.
-
-„Ja, ewig, wenn du willst. Doch, hoch ist das alles schon. Aber wir
-selbst sind scheußlich hoch, mußt du bedenken. Sechzehnhundert Meter
-über dem Meer. Da kommen die Erhebungen nicht so zur Geltung.“
-
-„Ja, war das eine Kletterei! Mir ist angst und bange geworden, kann ich
-dir sagen. Sechzehnhundert Meter! Das sind ja annähernd fünftausend Fuß,
-wenn ich es ausrechne. In meinem Leben war ich noch nicht so hoch.“ Und
-Hans Castorp nahm neugierig einen tiefen, probenden Atemzug von der
-fremden Luft. Sie war frisch – und nichts weiter. Sie entbehrte des
-Duftes, des Inhaltes, der Feuchtigkeit, sie ging leicht ein und sagte
-der Seele nichts.
-
-„Ausgezeichnet!“ bemerkte er höflich.
-
-„Ja, es ist ja eine berühmte Luft. Übrigens präsentiert sich die Gegend
-heute abend nicht vorteilhaft. Manchmal nimmt sie sich besser aus,
-besonders im Schnee. Aber man sieht sich sehr satt an ihr. Wir alle hier
-oben, kannst du mir glauben, haben sie ganz unaussprechlich satt“, sagte
-Joachim, und sein Mund wurde von einem Ausdruck des Ekels verzogen, der
-übertrieben und unbeherrscht wirkte und ihn wiederum nicht gut kleidete.
-
-„Du sprichst so sonderbar“, sagte Hans Castorp.
-
-„Spreche ich sonderbar?“ fragte Joachim mit einer gewissen Besorgnis und
-wandte sich seinem Vetter zu ...
-
-„Nein, nein, verzeih, es kam mir wohl nur einen Augenblick so vor!“
-beeilte sich Hans Castorp zu sagen. Er hatte aber die Wendung „Wir hier
-oben“ gemeint, die Joachim schon zum dritten- oder viertenmal gebraucht
-hatte und die ihn auf irgendeine Weise beklemmend und seltsam anmutete.
-
-„Unser Sanatorium liegt noch höher als der Ort, wie du siehst“, fuhr
-Joachim fort. „Fünfzig Meter. Im Prospekt steht ‚hundert‘, aber es sind
-bloß fünfzig. Am allerhöchsten liegt das Sanatorium Schatzalp dort
-drüben, man kann es nicht sehen. Die müssen im Winter ihre Leichen per
-Bobschlitten herunterbefördern, weil dann die Wege nicht fahrbar sind.“
-
-„Ihre Leichen? Ach so! Na, höre mal!“ rief Hans Castorp. Und plötzlich
-geriet er ins Lachen, in ein heftiges, unbezwingliches Lachen, das seine
-Brust erschütterte und sein vom kühlen Wind etwas steifes Gesicht zu
-einer leise schmerzenden Grimasse verzog. „Auf dem Bobschlitten! Und das
-erzählst du mir so in aller Gemütsruhe? Du bist ja ganz zynisch geworden
-in diesen fünf Monaten!“
-
-„Gar nicht zynisch“, antwortete Joachim achselzuckend. „Wieso denn? Das
-ist den Leichen doch einerlei ... Übrigens kann es wohl sein, daß man
-zynisch wird hier bei uns. Behrens selbst ist auch so ein alter Zyniker
-– ein famoses Huhn nebenbei, alter Korpsstudent und glänzender
-Operateur, wie es scheint, er wird dir gefallen. Dann ist da noch
-Krokowski, der Assistent – ein ganz gescheutes Etwas. Im Prospekt ist
-besonders auf seine Tätigkeit hingewiesen. Er treibt nämlich
-Seelenzergliederung mit den Patienten.“
-
-„Was treibt er? Seelenzergliederung? Das ist ja widerlich!“ rief Hans
-Castorp, und nun nahm seine Heiterkeit überhand. Er war ihrer gar nicht
-mehr Herr, nach allem andern hatte die Seelenzergliederung es ihm
-vollends angetan, und er lachte so sehr, daß die Tränen ihm unter der
-Hand hervorliefen, mit der er, sich vorbeugend, die Augen bedeckte.
-Joachim lachte ebenfalls herzlich – es schien ihm wohlzutun –, und so
-kam es, daß die jungen Leute in großer Aufgeräumtheit aus ihrem Wagen
-stiegen, der sie zuletzt im Schritt, auf steiler, schleifenförmiger
-Anfahrt vor das Portal des Internationalen Sanatoriums Berghof getragen
-hatte.
-
-
- Nr. 34
-
-Gleich zur Rechten, zwischen Haustor und Windfang, war die
-Concierge-Loge gelegen, und von dort kam ein Bediensteter von
-französischem Typus, der, am Telephon sitzend, Zeitungen gelesen hatte,
-in der grauen Livree des hinkenden Mannes am Bahnhof ihnen entgegen und
-führte sie durch die wohlbeleuchtete Halle, an deren linker Seite
-Gesellschaftsräume lagen. Im Vorübergehen blickte Hans Castorp hinein
-und fand sie leer. Wo denn die Gäste seien, fragte er, und sein Vetter
-antwortete:
-
-„In der Liegekur. Ich hatte Ausgang heute, weil ich dich abholen wollte.
-Sonst liege ich auch nach dem Abendbrot auf dem Balkon.“
-
-Es fehlte nicht viel, daß Hans Castorp aufs neue vom Lachen überwältigt
-wurde.
-
-„Was, ihr liegt noch bei Nacht und Nebel auf dem Balkon?“ fragte er mit
-wankender Stimme ...
-
-„Ja, das ist Vorschrift. Von acht bis zehn. Aber komm nun, sieh dir dein
-Zimmer an und wasch’ dir die Hände.“
-
-Sie bestiegen den Lift, dessen elektrisches Triebwerk der Franzose
-bediente. Im Hinaufgleiten trocknete Hans Castorp sich die Augen.
-
-„Ich bin ganz entzwei und erschöpft vor Lachen“, sagte er und atmete
-durch den Mund. „Du hast mir soviel tolles Zeug erzählt ... Das mit der
-Seelenzergliederung war zu stark, das hätte nicht kommen dürfen.
-Außerdem bin ich doch auch wohl ein bißchen abgespannt von der Reise.
-Leidest du auch so an kalten Füßen? Gleichzeitig hat man dann so ein
-heißes Gesicht, das ist unangenehm. Wir essen wohl gleich? Mir scheint,
-ich habe Hunger. Ißt man denn anständig bei euch hier oben?“
-
-Sie gingen geräuschlos den Kokosläufer des schmalen Korridors entlang.
-Glocken aus Milchglas sandten von der Decke ein bleiches Licht. Die
-Wände schimmerten weiß und hart, mit einer lackartigen Ölfarbe
-überzogen. Eine Krankenschwester zeigte sich irgendwo, in weißer Haube
-und einen Zwicker auf der Nase, dessen Schnur sie sich hinter das Ohr
-gelegt hatte. Offenbar war sie protestantischer Konfession, ohne rechte
-Hingabe an ihren Beruf, neugierig und von Langerweile beunruhigt und
-belastet. An zwei Stellen des Ganges, auf dem Fußboden vor den weiß
-lackierten numerierten Türen, standen gewisse Ballons, große, bauchige
-Gefäße mit kurzen Hälsen, nach deren Bedeutung zu fragen Hans Castorp
-fürs erste vergaß.
-
-„Hier bist du“, sagte Joachim. „Nummer Vierunddreißig. Rechts bin ich,
-und links ist ein russisches Ehepaar, – etwas salopp und laut, muß man
-wohl sagen, aber das war nicht anders zu machen. Nun, was sagst du?“
-
-Die Tür war doppelt, mit Kleiderhaken im inneren Hohlraum. Joachim hatte
-das Deckenlicht eingeschaltet, und in seiner zitternden Klarheit zeigte
-das Zimmer sich heiter und friedlich, mit seinen weißen, praktischen
-Möbeln, seinen ebenfalls weißen, starken, waschbaren Tapeten, seinem
-reinlichen Linoleum-Fußbodenbelag und den leinenen Vorhängen, die in
-modernem Geschmacke einfach und lustig bestickt waren. Die Balkontür
-stand offen; man gewahrte die Lichter des Tals und vernahm eine
-entfernte Tanzmusik. Der gute Joachim hatte einige Blumen in eine kleine
-Vase auf die Kommode gestellt, – was eben im zweiten Grase zu finden
-gewesen war, etwas Schafgarbe und ein paar Glockenblumen, von ihm selbst
-am Hange gepflückt.
-
-„Reizend von dir“, sagte Hans Castorp. „Was für ein nettes Zimmer! Hier
-läßt es sich gut und gern ein paar Wochen hausen.“
-
-„Vorgestern ist hier eine Amerikanerin gestorben“, sagte Joachim.
-„Behrens meinte gleich, daß sie fertig sein würde, bis du kämest, und
-daß du das Zimmer dann haben könntest. Ihr Verlobter war bei ihr,
-englischer Marineoffizier, aber er benahm sich nicht gerade stramm.
-Jeden Augenblick kam er auf den Korridor hinaus, um zu weinen, ganz wie
-ein kleiner Junge. Und dann rieb er sich die Backen mit _Cold-cream_
-ein, weil er rasiert war und die Tränen ihn da so brannten. Vorgestern
-abend hatte die Amerikanerin noch zwei Blutstürze ersten Ranges, und
-damit war Schluß. Aber sie ist schon seit gestern morgen fort, und dann
-haben sie hier natürlich gründlich ausgeräuchert, mit Formalin, weißt
-du, das soll so gut sein für solche Zwecke.“
-
-Hans Castorp nahm diese Erzählung mit einer angeregten Zerstreutheit
-auf. Mit zurückgezogenen Ärmeln vor dem geräumigen Waschbecken stehend,
-dessen Nickelhähne im elektrischen Lichte blitzten, warf er kaum einen
-flüchtigen Blick zu der weißmetallenen, reinlich bedeckten Bettstatt
-hinüber.
-
-„Ausgeräuchert, das ist famos“, sagte er gesprächig und etwas ungereimt,
-indem er sich die Hände wusch und trocknete. „Ja, Methylaldehyd, das
-hält die stärkste Bakterie nicht aus, – H₂CO, aber es sticht in die
-Nase, nicht? Selbstverständlich ist strengste Sauberkeit eine
-Grundbedingung ...“ Er sagte „Selbstvers-tändlich“ mit dem getrennten
-st, während sein Vetter sich, seit er Student war, die verbreitetere
-Aussprache angewöhnt hatte, und fuhr mit großer Geläufigkeit fort: „Was
-ich noch sagen wollte ... Wahrscheinlich hatte der Marineoffizier sich
-mit dem Sicherheitsapparat rasiert, möchte ich annehmen, man macht sich
-doch leichter wund mit den Dingern, als mit einem gut abgezogenen
-Messer, das ist wenigstens meine Erfahrung, ich gebrauche abwechselnd
-eins und das andere ... Na, und auf der gereizten Haut tut das
-Salzwasser natürlich weh, da war er wohl vom Dienst her gewöhnt,
-_Cold-cream_ anzuwenden, es fällt mir nichts auf daran ...“ Und er
-plauderte weiter, sagte, daß er zweihundert Stück von _Maria Mancini_ –
-seiner Zigarre – im Koffer habe, – die Revision sei höchst gemütlich
-gewesen – und richtete Grüße von verschiedenen Personen in der Heimat
-aus. „Wird hier denn nicht geheizt?“ rief er plötzlich und lief zu den
-Röhren, um die Hände daran zu legen ...
-
-„Nein, wir werden hier ziemlich kühl gehalten“, antwortete Joachim. „Da
-muß es anders kommen, bis im August die Zentralheizung angezündet wird.“
-
-„August, August!“ sagte Hans Castorp. „Aber mich friert! Mich friert
-abscheulich, nämlich am Körper, denn im Gesicht bin ich auffallend
-echauffiert, – da, fühle doch mal, wie ich brenne!“
-
-Diese Zumutung, man solle sein Gesicht befühlen, paßte ganz und gar
-nicht zu Hans Castorps Natur und berührte ihn selber peinlich. Joachim
-ging auch nicht darauf ein, sondern sagte nur:
-
-„Das ist die Luft und hat nichts zu sagen. Behrens selbst hat den ganzen
-Tag blaue Backen. Manche gewöhnen sich nie. Na, _go on_, wir kriegen
-sonst nichts mehr zu essen.“
-
-Draußen zeigte sich wieder die Krankenschwester, kurzsichtig und
-neugierig nach ihnen spähend. Aber im ersten Stockwerk blieb Hans
-Castorp plötzlich stehen, festgebannt von einem vollkommen gräßlichen
-Geräusch, das in geringer Entfernung hinter einer Biegung des Korridors
-vernehmlich wurde, einem Geräusch, nicht laut, aber so ausgemacht
-abscheulicher Art, daß Hans Castorp eine Grimasse schnitt und seinen
-Vetter mit erweiterten Augen ansah. Es war Husten, offenbar, – eines
-Mannes Husten; aber ein Husten, der keinem anderen ähnelte, den Hans
-Castorp jemals gehört hatte, ja, mit dem verglichen jeder andere ihm
-bekannte Husten eine prächtige und gesunde Lebensäußerung gewesen war, –
-ein Husten ganz ohne Lust und Liebe, der nicht in richtigen Stößen
-geschah, sondern nur wie ein schauerlich kraftloses Wühlen im Brei
-organischer Auflösung klang.
-
-„Ja,“ sagte Joachim, „da sieht es böse aus. Ein österreichischer
-Aristokrat, weißt du, eleganter Mann und ganz wie zum Herrenreiter
-geboren. Und nun steht es so mit ihm. Aber er geht noch herum.“
-
-Während sie ihren Weg fortsetzten, sprach Hans Castorp angelegentlich
-über den Husten des Herrenreiters. „Du mußt bedenken,“ sagte er, „daß
-ich dergleichen nie gehört habe, daß es mir völlig neu ist, da macht es
-natürlich Eindruck auf mich. Es gibt so vielerlei Husten, trockenen und
-losen, und der lose ist eher noch vorteilhafter, wie man allgemein sagt,
-und besser, als wenn man so bellt. Als ich in meiner Jugend („in meiner
-Jugend“ sagte er) Bräune hatte, da bellte ich wie ein Wolf, und sie
-waren alle froh, als es locker wurde, ich kann mich noch dran erinnern.
-Aber so ein Husten, wie dieser, war noch nicht da, für mich wenigstens
-nicht, – das ist ja gar kein lebendiger Husten mehr. Er ist nicht
-trocken, aber lose kann man ihn auch nicht nennen, das ist noch längst
-nicht das Wort. Es ist ja gerade, als ob man dabei in den Menschen
-hineinsähe, wie es da aussieht, – alles ein Matsch und Schlamm ...“
-
-„Na,“ sagte Joachim, „ich höre es ja jeden Tag, du brauchst es mir nicht
-zu beschreiben.“
-
-Aber Hans Castorp konnte sich gar nicht über den vernommenen Husten
-beruhigen, er versicherte wiederholt, daß man förmlich dabei in den
-Herrenreiter hineinsähe, und als sie das Restaurant betraten, hatten
-seine reisemüden Augen einen erregten Glanz.
-
-
- Im Restaurant
-
-Im Restaurant war es hell, elegant und gemütlich. Es lag gleich rechts
-an der Halle, den Konversationsräumen gegenüber, und wurde, wie Joachim
-erklärte, hauptsächlich von neu angekommenen, außer der Zeit speisenden
-Gästen, und von solchen, die Besuch hatten, benutzt. Aber auch
-Geburtstage und bevorstehende Abreisen wurden dort festlich begangen,
-sowie günstige Ergebnisse von Generaluntersuchungen. Manchmal gehe es
-hoch her im Restaurant, sagte Joachim; auch Champagner werde serviert.
-Jetzt saß niemand als eine einzelne etwa dreißigjährige Dame darin, die
-in einem Buche las, aber dabei vor sich hin summte und mit dem
-Mittelfinger der linken Hand immerfort leicht auf das Tischtuch klopfte.
-Als die jungen Leute sich niedergelassen hatten, wechselte sie den
-Platz, um ihnen den Rücken zuzuwenden. Sie sei menschenscheu, erklärte
-Joachim leise, und esse immer mit einem Buche im Restaurant. Man wollte
-wissen, daß sie schon als ganz junges Mädchen in Lungensanatorien
-eingetreten sei und seitdem nicht mehr in der Welt gelebt habe.
-
-„Nun, dann bist du ja noch ein junger Anfänger gegen sie mit deinen fünf
-Monaten und wirst es noch sein, wenn du ein Jahr auf dem Buckel hast“,
-sagte Hans Castorp zu seinem Vetter; worauf Joachim mit jenem
-Achselzucken, das ihm früher nicht eigen gewesen war, zur Menukarte
-griff.
-
-Sie hatten den erhöhten Tisch am Fenster genommen, den hübschesten
-Platz. An dem cremefarbenen Vorhang saßen sie einander gegenüber, die
-Gesichter beglüht vom Schein des rot umhüllten elektrischen
-Tischlämpchens. Hans Castorp faltete seine frisch gewaschenen Hände und
-rieb sie behaglich-erwartungsvoll aneinander, wie er zu tun pflegte,
-wenn er sich zu Tische setzte, – vielleicht weil seine Vorfahren vor der
-Suppe gebetet hatten. Ein freundliches, gaumig sprechendes Mädchen in
-schwarzem Kleide mit weißer Schürze und einem großen Gesicht von überaus
-gesunder Farbe bediente sie, und zu seiner großen Heiterkeit ließ Hans
-Castorp sich belehren, daß man die Kellnerinnen hier „Saaltöchter“
-nenne. Sie bestellten eine Flasche Gruaud Larose bei ihr, die Hans
-Castorp noch einmal fortschickte, um sie besser temperieren zu lassen.
-Das Essen war vorzüglich. Es gab Spargelsuppe, gefüllte Tomaten, Braten
-mit vielerlei Zutat, eine besonders gut bereitete süße Speise, eine
-Käseplatte und Obst. Hans Castorp aß sehr stark, obgleich sein Appetit
-sich nicht als so lebhaft erwies, wie er geglaubt hatte. Aber er war
-gewohnt, viel zu essen, auch wenn er keinen Hunger hatte, und zwar aus
-Selbstachtung.
-
-Joachim tat den Gerichten nicht viel Ehre an. Er hatte die Küche satt,
-sagte er, das hätten sie alle hier oben, und es sei Brauch, auf das
-Essen zu schimpfen; denn wenn man hier ewig und drei Tage sitze ...
-Dagegen trank er mit Vergnügen, ja mit einer gewissen Hingebung von dem
-Wein, und gab unter sorgfältiger Vermeidung allzu gefühlvoller Wendungen
-wiederholt seiner Genugtuung Ausdruck, daß jemand da sei, mit dem man
-ein vernünftiges Wort reden könne.
-
-„Ja, es ist brillant, daß du gekommen bist!“ sagte er, und seine
-gemächliche Stimme war bewegt. „Ich kann wohl sagen, es ist für mich
-geradezu ein Ereignis. Das ist doch einmal eine Abwechslung, – ich
-meine, es ist ein Einschnitt, eine Gliederung in dem ewigen,
-grenzenlosen Einerlei ...“
-
-„Aber die Zeit muß euch eigentlich schnell hier vergehen“, meinte Hans
-Castorp.
-
-„Schnell und langsam, wie du nun willst“, antwortete Joachim. „Sie
-vergeht überhaupt nicht, will ich dir sagen, es ist gar keine Zeit, und
-es ist auch kein Leben, – nein, das ist es nicht“, sagte er
-kopfschüttelnd und griff wieder zum Glase.
-
-Auch Hans Castorp trank, obgleich sein Gesicht nun wie Feuer brannte.
-Aber am Körper war ihm noch immer kalt, und eine besondere freudige und
-doch etwas quälende Unruhe war in seinen Gliedern. Seine Worte
-überhasteten sich, er versprach sich des öfteren und ging mit einer
-wegwerfenden Handbewegung darüber hin. Übrigens war auch Joachim in
-belebter Stimmung, und um so freier und aufgeräumter ging ihr Gespräch,
-als die summende, pochende Dame ganz plötzlich aufgestanden und
-davongegangen war. Sie gestikulierten beim Essen mit den Gabeln,
-machten, einen Bissen in der Backe, wichtige Mienen, lachten, nickten,
-hoben die Schultern und hatten noch nicht ordentlich hinuntergeschluckt,
-wenn sie schon weitersprachen. Joachim wollte von Hamburg hören und
-hatte das Gespräch auf die geplante Elbregulierung gebracht.
-
-„Epochal!“ sagte Hans Castorp. „Epochal für die Entwicklung unserer
-Schiffahrt, – gar nicht zu überschätzen. Wir setzen fünfzig Millionen
-als sofortige einmalige Ausgabe dafür ins Budget, und du kannst
-überzeugt sein, wir wissen genau, was wir tun.“
-
-Übrigens sprang er, bei aller Wichtigkeit, die er der Elbregulierung
-beimaß, gleich wieder ab von diesem Thema und verlangte, daß Joachim ihm
-Weiteres von dem Leben „hier oben“ und von den Gästen erzähle, was auch
-bereitwillig geschah, da Joachim froh war, sich erleichtern und
-mitteilen zu können. Das von den Leichen, die man die Bob-Bahn
-hinuntersandte, mußte er wiederholen und noch einmal ausdrücklich
-versichern, daß es auf Wahrheit beruhe. Da Hans Castorp wieder vom
-Lachen ergriffen wurde, lachte auch er, was er herzlich zu genießen
-schien, und ließ andere komische Dinge hören, um der Ausgelassenheit
-Nahrung zu geben. Eine Dame sitze mit ihm am Tische, namens Frau Stöhr,
-ziemlich krank übrigens, eine Musikersgattin aus Cannstatt, – die sei
-das Ungebildetste, was ihm jemals vorgekommen. „Desinfiszieren“ sage
-sie, – aber in vollstem Ernst. Und den Assistenten Krokowski nenne sie
-den „Fomulus“. Das müsse man nun hinunterschlucken, ohne das Gesicht zu
-verziehen. Außerdem sei sie klatschsüchtig, wie übrigens die meisten
-hier oben, und einer anderen Dame, Frau Iltis, sage sie nach, sie trage
-ein „Sterilett“. „Sterilett nennt sie das, – das ist doch unbezahlbar!“
-Und halb liegend, gegen die Lehnen ihrer Stühle zurückgeworfen, lachten
-sie so sehr, daß ihnen der Leib bebte und sie fast gleichzeitig
-Schluckauf bekamen.
-
-Zwischendurch betrübte Joachim sich und gedachte seines Loses.
-
-„Ja, da sitzen wir nun und lachen,“ sagte er mit schmerzendem Gesicht
-und zuweilen von den Erschütterungen seines Zwerchfelles unterbrochen;
-„und dabei ist gar nicht abzusehen, wann ich hier wegkomme, denn wenn
-Behrens sagt: noch ein halbes Jahr, dann ist es knapp gerechnet, man muß
-sich auf mehr gefaßt machen. Aber es ist doch hart, sage mal selbst, ob
-es nicht traurig für mich ist. Da war ich nun schon genommen, und im
-nächsten Monat könnte ich meine Offiziersprüfung machen. Und nun lungere
-ich hier herum mit dem Thermometer im Mund und zähle die Schnitzer von
-dieser ungebildeten Frau Stöhr und versäume die Zeit. Ein Jahr spielt
-solch eine Rolle in unserem Alter, es bringt im Leben unten so viele
-Veränderungen und Fortschritte mit sich. Und ich muß hier stagnieren wie
-ein Wasserloch, – ja, ganz wie ein fauliger Tümpel, es ist gar kein zu
-krasser Vergleich ...“
-
-Sonderbarerweise antwortete Hans Castorp hierauf nur mit der Frage, ob
-man hier eigentlich Porter bekommen könne, und als sein Vetter ihn etwas
-erstaunt betrachtete, sah er, daß jener im Einschlafen begriffen war, –
-eigentlich schlief er schon.
-
-„Aber du schläfst ja!“ sagte Joachim. „Komm, es ist Zeit, zu Bett zu
-gehen, für uns beide.“
-
-„Es ist überhaupt keine Zeit“, sagte Hans Castorp mit schwerer Zunge.
-Aber er ging doch mit, etwas gebückt und steifbeinig, wie ein Mensch,
-der von Müdigkeit förmlich zu Boden gezogen wird, – nahm sich jedoch
-gewaltsam zusammen, als er in der nur noch matt erleuchteten Halle
-Joachim sagen hörte:
-
-„Da sitzt Krokowski. Ich muß dich, glaube ich, rasch noch vorstellen.“
-
-Dr. Krokowski saß im Hellen, am Kamin des einen Konversationszimmers,
-gleich bei der offenen Schiebetür, und las eine Zeitung. Er stand auf,
-als die jungen Leute auf ihn zutraten und Joachim in militärischer
-Haltung sagte:
-
-„Darf ich Ihnen, bitte, meinen Vetter Castorp aus Hamburg vorstellen,
-Herr Doktor. Er ist eben erst angekommen.“
-
-Dr. Krokowski begrüßte den neuen Hausgenossen mit einer gewissen
-heiteren, stämmigen und aufmunternden Herzhaftigkeit, als wollte er
-andeuten, daß Aug in Auge mit ihm jede Befangenheit überflüssig und
-einzig fröhliches Vertrauen am Platze sei. Er war ungefähr
-fünfunddreißig Jahre alt, breitschultrig, fett, bedeutend kleiner als
-die beiden, die vor ihm standen, so daß er den Kopf schräg zurücklegen
-mußte, um ihnen ins Gesicht zu sehen, – und außerordentlich bleich, von
-durchscheinender, ja phosphoreszierender Blässe, die noch gehoben wurde
-durch die dunkle Glut seiner Augen, die Schwärze seiner Brauen und
-seines ziemlich langen, in zwei Spitzen auslaufenden Vollbartes, der
-bereits ein paar weiße Fäden zeigte. Er trug einen schwarzen,
-zweireihigen, schon etwas abgenutzten Sakkoanzug, schwarze,
-durchbrochene, sandalenartige Halbschuhe zu dicken, grauwollenen Socken
-und einen weich überfallenden Halskragen, wie Hans Castorp ihn bis dahin
-nur bei einem Photographen in Danzig gesehen hatte und welcher der
-Erscheinung Dr. Krokowskis in der Tat ein ateliermäßiges Gepräge
-verlieh. Herzlich lächelnd, so daß in seinem Barte die gelblichen Zähne
-sichtbar wurden, schüttelte er dem jungen Manne die Hand, indem er mit
-baritonaler Stimme und etwas fremdländisch schleppenden Akzenten sagte:
-
-„Seien Sie uns willkommen, Herr Castorp! Möchten Sie sich rasch einleben
-und sich wohlfühlen in unserer Mitte. Sie kommen zu uns als Patient,
-wenn ich mir die Frage erlauben darf?“
-
-Es war rührend zu sehen, wie Hans Castorp arbeitete, um sich artig zu
-erweisen und seiner Schläfrigkeit Herr zu werden. Er ärgerte sich, so
-schlecht in Form zu sein und sah mit dem mißtrauischen Selbstbewußtsein
-junger Leute in dem Lächeln und dem aufmunternden Wesen des Assistenten
-Zeichen nachsichtigen Spottes. Er antwortete, indem er von den drei
-Wochen sprach, auch seines Examens erwähnte und hinzufügte, daß er,
-gottlob, ganz gesund sei.
-
-„Wahrhaftig?“ fragte Dr. Krokowski, indem er seinen Kopf wie neckend
-schräg vorwärts stieß und sein Lächeln verstärkte ... „Aber dann sind
-Sie eine höchst studierenswerte Erscheinung! Mir ist nämlich ein ganz
-gesunder Mensch noch nicht vorgekommen. Was für ein Examen haben Sie
-abgelegt, wenn die Frage erlaubt ist?“
-
-„Ich bin Ingenieur, Herr Doktor“, antwortete Hans Castorp mit
-bescheidener Würde.
-
-„Ah, Ingenieur!“ Und Dr. Krokowskis Lächeln zog sich gleichsam zurück,
-büßte an Kraft und Herzlichkeit für den Augenblick etwas ein. „Das ist
-wacker. Und Sie werden hier also keinerlei ärztliche Behandlung in
-Anspruch nehmen, weder in körperlicher noch in psychischer Hinsicht?“
-
-„Nein, ich danke tausendmal!“ sagte Hans Castorp und wäre fast einen
-Schritt zurückgewichen.
-
-Da brach das Lächeln Dr. Krokowskis wieder siegreich hervor, und indem
-er dem jungen Manne aufs neue die Hand schüttelte, rief er mit lauter
-Stimme:
-
-„Nun, so schlafen Sie denn wohl, Herr Castorp, – im Vollgefühl Ihrer
-untadeligen Gesundheit! Schlafen Sie wohl und auf Wiedersehn!“ – Damit
-entließ er die jungen Leute und setzte sich wieder zu seiner Zeitung
-nieder.
-
-Der Aufzug hatte keine Bedienung mehr, und so legten sie zu Fuß die
-Treppen zurück, schweigend und etwas verwirrt von der Begegnung mit Dr.
-Krokowski. Joachim begleitete Hans Castorp auf Nummer Vierunddreißig, wo
-der Hinkende das Gepäck des Ankömmlings richtig eingeliefert hatte, und
-sie plauderten noch eine Viertelstunde, während Hans Castorp Nacht- und
-Waschzeug auspackte und eine dicke, milde Zigarette dazu rauchte. Zur
-Zigarre kam er heute nicht mehr, was ihm wunderlich und außerordentlich
-erschien.
-
-„Er sieht sehr bedeutend aus“, sagte er, indem er beim Sprechen den
-eingeatmeten Rauch hervorsprudelte. „Wachsbleich ist er. Aber mit seiner
-Chaussure, höre mal, da steht es scheußlich. Grauwollene Socken und dann
-diese Sandalen. War er zum Schluß eigentlich beleidigt?“
-
-„Er ist etwas empfindlich“, gab Joachim zu. „Du hättest die ärztliche
-Behandlung nicht so brüsk zurückweisen sollen, wenigstens nicht die
-psychische. Er sieht es nicht gern, wenn man sich dem entzieht. Auf mich
-ist er auch nicht besonders zu sprechen, weil ich ihm nicht genug
-anvertraue. Aber dann und wann erzähl ich ihm doch einen Traum, damit er
-was zu zergliedern hat.“
-
-„Nun, dann hab ich ihn eben vor den Kopf gestoßen“, sagte Hans Castorp
-verdrießlich; denn es machte ihn unzufrieden mit sich selbst, jemanden
-gekränkt zu haben, und so kam denn die Müdigkeit auch mit erneuter
-Stärke über ihn.
-
-„Gute Nacht“, sagte er. „Ich falle um.“
-
-„Um acht hole ich dich zum Frühstück“, sagte Joachim und ging.
-
-Hans Castorp machte nur flüchtige Nachttoilette. Der Schlaf übermannte
-ihn, kaum daß er das Nachttischlämpchen gelöscht hatte, aber er
-schreckte noch einmal auf, da er sich erinnerte, daß in diesem Bette
-vorgestern jemand gestorben sei. „Es wird nicht das erstemal gewesen
-sein“, sagte er zu sich, als könne ihm das zur Beruhigung dienen. „Es
-ist eben ein Totenbett, ein gewöhnliches Totenbett.“ Und er schlief ein.
-
-Aber sobald er eingeschlafen war, begann er zu träumen und träumte fast
-unaufhörlich bis zum anderen Morgen. Hauptsächlich sah er Joachim
-Ziemßen in sonderbar verrenkter Lage auf einem Bobschlitten eine schräge
-Bahn hinabfahren. Er war so phosphoreszierend bleich wie Dr. Krokowski,
-und vorneauf saß der Herrenreiter, der sehr unbestimmt aussah, wie
-jemand, den man lediglich hat husten hören, und lenkte. „Das ist uns
-doch ganz einerlei, – uns hier oben“, sagte der verrenkte Joachim, und
-dann war er es, nicht der Herrenreiter, der so grauenhaft breiig
-hustete. Darüber mußte Hans Castorp bitterlich weinen und sah ein, daß
-er in die Apotheke laufen müsse, um sich _Cold-cream_ zu besorgen. Aber
-am Wege saß Frau Iltis mit einer spitzen Schnauze und hielt etwas in der
-Hand, was offenbar ihr „Sterilett“ sein sollte, aber nichts weiter war
-als ein Sicherheits-Rasierapparat. Das machte Hans Castorp nun wieder
-lachen, und so wurde er zwischen verschiedenen Gemütsbewegungen hin und
-her geworfen, bis der Morgen durch seine halboffene Balkontür graute und
-ihn weckte.
-
-
-
-
- Zweites Kapitel
-
-
- Von der Taufschale und vom Großvater in zwiefacher Gestalt
-
-Hans Castorp bewahrte an sein eigentliches Elternhaus nur blasse
-Erinnerungen; er hatte Vater und Mutter kaum recht gekannt. Sie starben
-weg in der kurzen Frist zwischen seinem fünften und siebenten
-Lebensjahr, zuerst die Mutter, vollkommen überraschend und in Erwartung
-ihrer Niederkunft, an einer Gefäßverstopfung infolge von
-Nervenentzündung, einer Embolie, wie Dr. Heidekind es bezeichnete, die
-augenblicklich Herzlähmung verursachte, – sie lachte eben, im Bette
-sitzend, es sah so aus, als ob sie vor Lachen umfiele, und dennoch tat
-sie es nur, weil sie tot war. Das war nicht leicht zu verstehen für Hans
-Hermann Castorp, den Vater, und da er sehr innig an seiner Frau gehangen
-hatte, auch seinerseits nicht der Stärkste war, so wußte er nicht
-darüber hinwegzukommen. Sein Geist war verstört und geschmälert seitdem;
-in seiner Benommenheit beging er geschäftliche Fehler, so daß die Firma
-Castorp & Sohn empfindliche Verluste erlitt; im übernächsten Frühjahr
-holte er sich bei einer Speicherinspektion am windigen Hafen die
-Lungenentzündung, und da sein erschüttertes Herz das hohe Fieber nicht
-aushielt, so starb er trotz aller Sorgfalt, die Dr. Heidekind an ihn
-wandte, binnen fünf Tagen und folgte seiner Frau unter ansehnlicher
-Beteiligung der Bürgerschaft ins Castorpsche Erbbegräbnis nach, das auf
-dem St. Katharinenkirchhof sehr schön, mit Blick auf den Botanischen
-Garten, gelegen war.
-
-Sein Vater, der Senator, überlebte ihn, wenn auch nur um ein weniges,
-und die kurze Zeitspanne, bis er auch starb – übrigens gleichfalls an
-einer Lungenentzündung, und zwar unter großen Kämpfen und Qualen, denn
-zum Unterschiede von seinem Sohn war Hans Lorenz Castorp eine schwer zu
-fällende, im Leben zäh wurzelnde Natur – diese Zeitspanne also, es waren
-nur anderthalb Jahre, verlebte der verwaiste Hans Castorp in seines
-Großvaters Hause, einem zu Anfang des abgelaufenen Jahrhunderts auf
-schmalem Grundstück im Geschmack des nordischen Klassizismus erbauten,
-in einer trüben Wetterfarbe gestrichenen Haus an der Esplanade, mit
-Halbsäulen zu beiden Seiten der Eingangstür, in der Mitte des um fünf
-Stufen aufgetreppten Erdgeschosses, und zwei Obergeschossen außer der
-Beletage, wo die Fenster bis zu den Fußböden hinuntergezogen und mit
-gegossenen Eisengittern versehen waren.
-
-Hier lagen ausschließlich Repräsentationsräume, eingerechnet das helle,
-mit Stuck verzierte Eßzimmer, dessen drei weinrot verhangene Fenster auf
-das rückwärtige Gärtchen blickten, und wo während der achtzehn Monate
-Großvater und Enkel alltäglich um 4 Uhr allein miteinander zu Mittag
-aßen, bedient von dem alten Fiete mit den Ohrringen und den silbernen
-Knöpfen am Frack, der zu diesem Frack eine ebensolche battistene
-Halsbinde trug, wie der Hausherr selbst, auch auf ganz ähnliche Art das
-rasierte Kinn darin barg, und den der Großvater duzte, indem er
-plattdeutsch mit ihm sprach; nicht scherzender Weise – er war ohne
-humoristischen Zug –, sondern in aller Sachlichkeit und weil er es
-überhaupt mit Leuten aus dem Volk, mit Speicherarbeitern, Postboten,
-Kutschern und Dienstboten so hielt. Hans Castorp hörte es gern, und sehr
-gern hörte er auch, wie Fiete antwortete, ebenfalls platt, indem er sich
-beim Servieren von links hinter seinem Herrn herumbeugte, um ihm in das
-rechte Ohr zu sprechen, auf dem der Senator bedeutend besser hörte als
-auf dem linken. Der Alte verstand und nickte und aß weiter, sehr
-aufrecht zwischen der hohen Mahagonilehne des Stuhles und dem Tisch,
-kaum über den Teller gebeugt, und der Enkel, ihm gegenüber, betrachtete
-still, mit tiefer und unbewußter Aufmerksamkeit, die knappen, gepflegten
-Bewegungen, mit denen die schönen, weißen, mageren alten Hände des
-Großvaters mit den gewölbten, spitz zulaufenden Nägeln und dem grünen
-Wappenring auf dem rechten Zeigefinger einen Bissen aus Fleisch, Gemüse
-und Kartoffeln auf der Gabelspitze anordneten und unter einem leichten
-Entgegenneigen des Kopfes zum Munde führten. Hans Castorp sah auf seine
-eigenen, noch ungeschickten Hände und fühlte darin die Möglichkeit
-vorgebildet, späterhin ebenso wie der Großvater Messer und Gabel zu
-halten und zu bewegen.
-
-Eine andere Frage war, ob er je dazu gelangen würde, sein Kinn in einer
-solchen Binde zu bergen, wie sie die geräumige Öffnung des sonderbar
-geformten, mit den scharfen Spitzen die Wangen streifenden Halskragens
-des Großvaters ausfüllte. Denn dazu mußte man so alt sein wie dieser,
-und schon heute trug außer ihm und seinem alten Fiete weit und breit
-niemand mehr solche Binden und Kragen. Das war schade, denn dem kleinen
-Hans Castorp gefiel es besonders wohl, wie der Großvater das Kinn in die
-hohe, schneeweiße Binde lehnte; noch in der Erinnerung, als er erwachsen
-war, gefiel es ihm ausgezeichnet: es lag etwas darin, was er aus dem
-Grund seines Wesens billigte.
-
-Wenn sie fertig gegessen und ihre Servietten zusammengelegt, gerollt und
-in die silbernen Ringe gesteckt hatten, ein Geschäft, mit dem Hans
-Castorp damals nicht leicht zu Rande kam, da die Servietten so groß
-waren wie kleine Tischtücher, so stand der Senator vor dem Stuhle auf,
-den Fiete hinter ihm wegzog, und ging mit schlürfenden Schritten ins
-„Kabinett“ hinüber, um sich seine Zigarre zu holen; und zuweilen folgte
-der Enkel ihm dorthin.
-
-Dieses „Kabinett“ war dadurch entstanden, daß man das Eßzimmer
-dreifenstrig gemacht und durch die ganze Breite des Hauses gelegt hatte,
-weshalb nicht, wie sonst bei diesem Haustypus, Raum für drei Salons,
-sondern nur für zwei übriggeblieben war, von denen jedoch der eine,
-senkrecht zum Eßsaal gelegene, mit nur einem Fenster nach der Straße,
-unverhältnismäßig tief ausgefallen wäre. Darum hatte man etwa den
-vierten Teil seiner Länge von ihm abgesondert, eben das „Kabinett“,
-einen schmalen Raum mit Oberlicht, dämmerig und nur mit wenigen
-Gegenständen ausgestattet: einer Etagere, auf der des Senators
-Zigarrenschrank stand, einem Spieltisch, dessen Schublade anziehende
-Dinge enthielt: Whistkarten, Spielmarken, kleine Markierbrettchen mit
-aufklappbaren Zähnchen, eine Schiefertafel nebst Kreidegriffeln,
-papierne Zigarrenspitzen und anderes mehr; endlich mit einem
-Rokoko-Glasschrank aus Palisanderholz in der Ecke, hinter dessen
-Scheiben gelbseidene Vorhänge gespannt waren.
-
-„Großpapa“, konnte der kleine Hans Castorp im Kabinett wohl sagen, indem
-er sich auf die Zehenspitzen erhob und zu dem Ohr des Alten
-emporstrebte, „zeig mir doch, bitte, die Taufschale!“
-
-Und der Großvater, der ohnedies den Schoß seines langen und weichen
-Gehrocks vom Beinkleid zurückgerafft und sein Schlüsselbund aus der
-Tasche gezogen hatte, öffnete damit den Glasschrank, aus dessen Innerem
-es dem Knaben eigentümlich angenehm und merkwürdig entgegenduftete. Es
-waren allerlei außer Gebrauch befindliche und eben darum fesselnde
-Gegenstände darin aufbewahrt: ein Paar geschweifte silberne Armleuchter,
-ein zerbrochenes Barometer mit figürlicher Holzschnitzerei, ein Album
-mit Daguerreotypien, ein Likörkasten aus Zedernholz, ein kleiner Türke,
-hart anzufassen unter seinem buntseidenen Anzug, mit einem Uhrwerk im
-Leibe, das ihn dereinst befähigt hatte, über den Tisch zu laufen, nun
-aber schon lange den Dienst versagte, ein altertümliches Schiffsmodell
-und ganz zu unterst sogar eine Rattenfalle. Der Alte aber nahm von einem
-mittleren Fach eine stark angelaufene runde silberne Schale, die auf
-einem ebenfalls silbernen Teller stand, und wies beide Stücke dem Knaben
-vor, indem er sie voneinander nahm und unter schon oft gegebenen
-Erklärungen einzeln hin und her wandte.
-
-Becken und Teller gehörten ursprünglich nicht zueinander, wie man wohl
-sah, und wie sich der Kleine aufs neue belehren ließ; doch seien sie,
-sagte der Großvater, seit rund hundert Jahren, nämlich seit Anschaffung
-des Beckens, im Gebrauche vereinigt. Die Schale war schön, von
-einfacher, edler Gestalt, geformt von dem strengen Geschmack der
-Frühzeit des letzten Jahrhunderts. Glatt und gediegen, ruhte sie auf
-rundem Fuße und war innen vergoldet; doch war das Gold von der Zeit
-schon zum gelblichen Schimmer verblichen. Als einziger Zierat lief ein
-erhabener Kranz von Rosen und zackigen Blättern um ihren oberen Rand.
-Den Teller angehend, so war sein weit höheres Alter ihm von der
-Innenseite abzulesen. „Sechzehnhundertundfünfzig“ stand dort in
-verschnörkelten Ziffern, und allerlei krause Gravierungen umrahmten
-die Zahl, ausgeführt in der „modernen Manier“ von damals,
-schwülstig-willkürlich, Wappen und Arabesken, die halb Stern und halb
-Blume waren. Auf der Rückseite aber fanden sich in wechselnder
-Schriftart die Namen der Häupter einpunktiert, die im Gange der Zeit des
-Stückes Inhaber gewesen: Es waren ihrer schon sieben, versehen mit der
-Jahreszahl der Erb-Übernahme, und der Alte in der Binde wies mit dem
-beringten Zeigefinger den Enkel auf jeden einzelnen hin. Der Name des
-Vaters war da, der des Großvaters selbst und der des Urgroßvaters, und
-dann verdoppelte, verdreifachte und vervierfachte sich die Vorsilbe „Ur“
-im Munde des Erklärers, und der Junge lauschte seitwärts geneigten
-Kopfes, mit nachdenklich oder auch gedankenlos-träumerisch sich
-festsehenden Augen und andächtig-schläfrigem Munde auf das Ur-Ur-Ur-Ur,
-– diesen dunklen Laut der Gruft und der Zeitverschüttung, welcher
-dennoch zugleich einen fromm gewahrten Zusammenhang zwischen der
-Gegenwart, seinem eigenen Leben und dem tief Versunkenen ausdrückte und
-ganz eigentümlich auf ihn einwirkte: nämlich so, wie es auf seinem
-Gesichte sich ausdrückte. Er meinte modrig-kühle Luft, die Luft der
-Katharinenkirche oder der Michaeliskrypte zu atmen bei diesem Laut, den
-Anhauch von Orten zu spüren, an denen man, den Hut in der Hand, in eine
-gewisse, ehrerbietig vorwärts wiegende Gangart ohne Benutzung der
-Stiefelabsätze verfällt; auch die abgeschiedene, gefriedete Stille
-solcher hallender Orte glaubte er zu hören; geistliche Empfindungen
-mischten sich mit denen des Todes und der Geschichte beim Klang jener
-dumpfen Silbe, und dies alles mutete den Knaben irgendwie wohltuend an,
-ja, es mochte wohl sein, daß er um des Lautes willen, um ihn zu hören
-und nachzusprechen, gebeten hatte, die Taufschale wieder einmal
-betrachten zu dürfen.
-
-Dann stellte der Großvater das Gefäß auf den Teller zurück und ließ den
-Kleinen in die glatte, leicht goldige Höhlung sehen, die aufschimmerte
-von dem einfallenden Oberlicht.
-
-„Nun sind es bald acht Jahre,“ sagte er, „daß wir dich darüber hielten
-und daß das Wasser, mit dem du getauft wurdest, da hinein floß ...
-Küster Lassen von St. Jacobi goß es unserem guten Pastor Bugenhagen in
-die hohle Hand, und von da lief es über deinen Schopf hier in die
-Schale. Aber wir hatten es gewärmt, damit du nicht erschrecken und nicht
-weinen solltest, und das tatst du auch nicht, sondern im Gegenteil, du
-hattest vorher geschrien, so daß Bugenhagen es nicht leicht gehabt hatte
-mit seiner Rede, aber als das Wasser kam, da wurdest du still, und das
-war die Achtung vor dem heiligen Sakrament, wollen wir hoffen. Und
-vierundvierzig Jahre sind es in den nächsten Tagen, da war dein seliger
-Vater der Täufling, und von seinem Kopf floß das Wasser hier hinein. Das
-war hier im Haus, seinem Elternhaus, drüben im Saal, vor dem mittleren
-Fenster, und es war noch der alte Pastor Hesekiel, der ihn taufte,
-derselbe, den die Franzosen als jungen Menschen beinahe erschossen
-hätten, weil er gegen ihre Räubereien und Brandschatzungen gepredigt
-hatte, – der ist nun auch schon lange, lange bei Gott. Aber vor
-fünfundsiebenzig Jahren, da war ich es selber, den sie tauften, auch da
-im Saal, und meinen Kopf hielten sie über die Schale hier, wie sie da
-auf dem Teller steht, und der Geistliche sprach dieselben Worte wie bei
-dir und deinem Vater, und ebenso floß das warme, klare Wasser von meinem
-Haar (es war nicht viel mehr damals, als ich jetzt auf dem Kopfe habe)
-da in das goldene Becken hinein.“
-
-Der Kleine blickte empor auf des Großvaters schmales Greisenhaupt, das
-eben wieder über die Schale geneigt war, wie zu der längst verflossenen
-Stunde, von der er erzählte, und ein schon erprobtes Gefühl kam ihn an,
-die sonderbare, halb träumerische, halb beängstigende Empfindung eines
-zugleich Ziehenden und Stehenden, eines wechselnden Bleibens, das
-Wiederkehr und schwindelige Einerleiheit war, – eine Empfindung, die ihm
-von früheren Gelegenheiten her bekannt war, und von der wieder berührt
-zu werden er erwartet und gewünscht hatte: sie war es zum Teil, um
-derentwillen ihm die Vorzeigung des stehend wandernden Erbstücks
-angelegen gewesen war.
-
-Prüfte der junge Mann sich später, so fand er, daß das Bild seines
-Ältervaters sich ihm viel tiefer, deutlicher und bedeutender eingeprägt
-hatte als das seiner Eltern: was möglicherweise auf Sympathie und
-physischer Sonderverwandtschaft beruhte, denn der Enkel sah dem
-Großvater ähnlich, soweit eben ein rosiger Milchbart einem gebleichten
-und starren Siebziger ähnlich sehen kann. Hauptsächlich aber war es doch
-wohl für den Alten bezeichnend, der ohne Frage die eigentliche
-Charakterfigur, die malerische Persönlichkeit in der Familie gewesen
-war.
-
-Im öffentlichen Sinne gesprochen, so war die Zeit über Hans Lorenz
-Castorps Wesen und Willensmeinungen schon lange vor seinem Abscheiden
-hinweggegangen. Er war ein hochchristlicher Herr gewesen, von der
-reformierten Gemeinde, streng herkömmlich gesinnt, auf aristokratische
-Einengung des gesellschaftlichen Kreises, in dem man regierungsfähig
-war, so hartnäckig bedacht, als lebte er im vierzehnten Jahrhundert, wo
-das Handwerkertum gegen den zähen Widerstand des altfreien Patriziertums
-sich Sitz und Stimme im städtischen Rat zu erobern begonnen hatte, und
-für das Neue zu schwer zu haben. Sein Wirken war in Jahrzehnte eines
-heftigen Aufschwungs und vielfältiger Umwälzungen gefallen, Jahrzehnte
-des Fortschritts in Gewaltmärschen, die an den öffentlichen Opfer- und
-Wagemut beständig so hohe Anforderungen gestellt hatten. An ihm aber,
-dem alten Castorp, das wußte Gott, hatte es nicht gelegen, wenn der
-Geist der Neuzeit die weit bekannten, glänzenden Siege gefeiert hatte.
-Er hatte auf Vätersitte und alte Institutionen weit mehr gehalten
-als auf halsbrecherische Hafenerweiterungen und gottlose
-Großstadt-Alfanzereien, hatte gebremst und abgewiegelt, wo er nur
-konnte, und wäre es nach ihm gegangen, so sah es in der Verwaltung noch
-heutigentages so idyllisch-altfränkisch aus wie seinerzeit in seinem
-eigenen Kontor.
-
-So stellte der Alte, zu seinen Lebzeiten und nachher, sich dem
-bürgerlichen Auge dar, und wenn der kleine Hans Castorp auch nichts von
-Staatsangelegenheiten verstand, so machte sein still anschauendes
-Kinderauge im wesentlichen doch ganz dieselben Wahrnehmungen, – wortlose
-und also unkritische, vielmehr nur lebensvolle Wahrnehmungen, die
-übrigens auch später, als bewußtes Erinnerungsbild, ihr wort- und
-zergliederungsfeindliches, schlechthin bejahendes Gepräge durchaus
-bewahrten. Wie gesagt, war da Sympathie im Spiele, jene ein Glied
-überspringende Nächstverbundenheit und Wesensverwandtschaft, die nichts
-Seltenes ist. Kinder und Enkel schauen an, um zu bewundern, und sie
-bewundern, um zu lernen und auszubilden, was erblicherweise in ihnen
-vorgebildet liegt.
-
-Senator Castorp war hager und hochgewachsen. Die Jahre hatten ihm Rücken
-und Nacken gekrümmt, aber er suchte die Krümmung durch Gegendruck
-auszugleichen, wobei sein Mund, dessen Lippen nicht mehr von Zähnen
-gehalten wurden, sondern unmittelbar auf dem leeren Zahnfleisch ruhten
-(denn sein Gebiß legte er nur zum Essen an), sich auf würdig-mühsame Art
-nach unten zog, und hierdurch eben, wie auch wohl als Mittel gegen eine
-beginnende Unfestigkeit des Kopfes, kam die ehrenstreng aufgeruckte
-Haltung und Kinnstütze zustande, die dem kleinen Hans Castorp so
-zusagte.
-
-Er liebte die Dose – es war eine längliche, mit Gold eingelegte
-Schildpattdose, die er handhabte, – und benutzte aus diesem Grunde rote
-Taschentücher, deren Zipfel ihm aus der hinteren Tasche seines Gehrocks
-zu hängen pflegte. War das eine heitere Schwäche in seiner Erscheinung,
-so wirkte sie doch durchaus als Alterslizenz, als eine Nachlässigkeit,
-wie die Betagtheit sie sich entweder bewußt und jovialerweise gestattet
-oder in ehrwürdiger Unbewußtheit mit sich bringt; und jedenfalls blieb
-sie die einzige, die Hans Castorps kindlicher Scharfblick je an des
-Großvaters Äußerem gewahrte. Für den Siebenjährigen aber sowohl wie
-später in der Erinnerung des Herangewachsenen war die alltägliche
-Erscheinung des Alten nicht seine eigentliche und wirkliche. In
-eigentlicher Wirklichkeit sah er noch anders, weit schöner und richtiger
-aus, als gewöhnlich, – nämlich so, wie er auf einem Gemälde, einem
-lebensgroßen Bildnis erschien, das früher im elterlichen Wohnzimmer
-gehangen hatte und dann zusammen mit dem kleinen Hans Castorp an die
-Esplanade übergesiedelt war, wo es seinen Platz über dem großen
-rotseidenen Sofa im Empfangszimmer erhalten hatte.
-
-Es zeigte Hans Lorenz Castorp in seiner Amtstracht als Ratsherrn der
-Stadt – dieser ernsten, ja frommen Bürgertracht eines verschollenen
-Jahrhunderts, die ein zugleich gravitätisches und verwegenes Gemeinwesen
-durch die Zeiten mitgeführt und in pomphaftem Gebrauch erhalten hatte,
-um zeremoniellerweise die Vergangenheit zur Gegenwart, die Gegenwart zur
-Vergangenheit zu machen und den steten Zusammenhang der Dinge, die
-ehrwürdige Sicherheit ihrer Handlungsunterschrift zu bekunden. Senator
-Castorp stand da in ganzer Figur, auf rötlich gepflastertem Boden, in
-einer Pfeiler- und Spitzbogen-Perspektive. Er stand, das Kinn gesenkt,
-den Mund nach unten gezogen, die blauen, sinnig blickenden Augen mit den
-Tränensäcken darunter ins Weite gerichtet, in dem schwarzen und mehr als
-knielangen, talarartigen Überrock, der, vorne offen, am Rande und Saume
-eine breite Pelzverbrämung zeigte. Aus weiten, hochgepufften und
-bordierten Oberärmeln kamen engere Unterärmel von schlichtem Tuch
-hervor, und Spitzenmanschetten bedeckten die Hände bis zu den Knöcheln.
-Die schlanken Greisenbeine staken in schwarzseidenen Strümpfen, die Füße
-in Schuhen mit silbernen Schnallen. Um den Hals aber lag ihm die breite,
-gestärkte und vielfach gefältete Tellerkrause, vorn niedergedrückt und
-an den Seiten aufwärts geschwungen, unter welcher hervor zum Überfluß
-noch ein gefältetes Batistjabot auf die Weste hing. Unter dem Arme trug
-er den altertümlichen Hut mit breiter Krempe, dessen Kopf sich nach oben
-verjüngte.
-
-Es war ein vortreffliches Bild, von namhafter Künstlerhand geschaffen,
-mit gutem Geschmack in dem altmeisterlichen Stile gehalten, den
-der Gegenstand nahelegte, und in dem Beschauer allerlei
-spanisch-niederländisch-spätmittelalterliche Vorstellungen weckend. Der
-kleine Hans Castorp hatte es oft betrachtet, nicht mit Kunstverstand
-natürlich, aber doch mit einem gewissen allgemeineren und sogar
-eindringlichen Verstande; und obgleich er den Großvater so, wie die
-Leinwand ihn darstellte, in Person nur ein einziges Mal, bei einer
-feierlichen Auffahrt am Rathaus, und auch da nur flüchtig gesehen hatte,
-konnte er, wie wir sagten, nicht umhin, diese seine bildhafte
-Erscheinung als seine eigentliche und wirkliche zu empfinden und in dem
-Großvater des Alltags sozusagen einen Interims-Großvater, einen
-behelfsweise und nur unvollkommen angepaßten zu erblicken. Denn das
-Abweichende und Wunderliche in dieser seiner Alltagserscheinung beruhte
-offenbar auf solcher unvollkommenen, vielleicht etwas ungeschickten
-Anpassung, es waren nicht ganz zu tilgende Reste und Andeutungen seiner
-reinen und wahren Gestalt. So waren die Vatermörder, die hohe weiße
-Binde altmodisch; aber unmöglich war diese Bezeichnung anwendbar auf das
-bewunderungswürdige Kleidungsstück, wovon jene nur die Interimsandeutung
-bildeten, nämlich auf die spanische Krause. Und ebenso verhielt es sich
-mit dem unüblich geschweiften Zylinder, den der Großvater auf der Straße
-trug, und dem in höherer Wirklichkeit der breitkrempige Filzhut des
-Gemäldes entsprach; mit dem langen und faltigen Gehrock, als dessen
-Urbild und Eigentlichkeit dem kleinen Hans Castorp der bordierte,
-pelzverbrämte Talar erschien.
-
-So war er denn auch im Herzen einverstanden, daß der Großvater in seiner
-Richtigkeit und Vollkommenheit prangte, als es eines Tages hieß,
-Abschied von ihm zu nehmen. Das war im Saale, demselben Saal, wo sie so
-oft am Eßtisch einander gegenüber gesessen; in seiner Mitte lag Hans
-Lorenz Castorp nun auf der von Kränzen umstellten und umlagerten Bahre
-im silberbeschlagenen Sarge. Er hatte die Lungenentzündung
-durchgekämpft, hatte zäh und lange gekämpft, obgleich er doch, wie es
-schien, im gegenwärtigen Leben nur anpassungsweise zu Hause gewesen war,
-und lag nun, man wußte nicht recht ob siegreich oder überwunden, auf
-jeden Fall mit streng befriedetem Ausdruck und stark verändert und
-spitznäsig vom Kampfe auf seinem Paradebett, den Unterkörper von einer
-Decke verhüllt, auf welcher ein Palmzweig lag, den Kopf vom seidenen
-Kissen hochgestützt, so daß das Kinn aufs schönste in der vorderen
-Einbuchtung der Ehrenkrause ruhte; und zwischen die halb von
-den Spitzenmanschetten bedeckten Hände, deren Finger bei
-künstlich-natürlicher Anordnung Kälte und Unbelebtheit nicht verhehlten,
-hatte man ihm ein Elfenbeinkreuz gesteckt, auf das er mit gesenkten
-Lidern unverwandt niederzublicken schien.
-
-Hans Castorp hatte den Großvater zu Anfang von dessen letzter Krankheit
-wohl mehrmals, gegen das Ende hin aber nicht mehr gesehen. Mit dem
-Anblick des Kampfes, der auch zu seinem Hauptteile nächtlicherweile vor
-sich gegangen war, hatte man ihn gänzlich verschont, nur mittelbar,
-durch die beklommene Atmosphäre des Hauses, die roten Augen des alten
-Fiete, das An- und Wegfahren der Doktoren, war er davon berührt worden;
-das Ergebnis aber, vor das er sich im Saale gestellt fand, ließ sich
-dahin zusammenfassen, daß der Großvater der Interimsanpassung nun
-feierlich überhoben und in seine eigentliche und angemessene Gestalt
-endgültig eingekehrt war, – ein billigenswertes Ergebnis, wenn auch der
-alte Fiete weinte und ununterbrochen den Kopf schüttelte, und wenn auch
-Hans Castorp selber weinte, wie er beim Anblick seiner unvermittelt
-gestorbenen Mutter und seines bald darauf ebenfalls still und fremd
-daliegenden Vaters geweint hatte.
-
-Denn es war ja nun schon das drittemal binnen so kurzer Zeit und bei so
-jungen Jahren, daß der Tod auf den Geist und die Sinne – namentlich auch
-auf die Sinne – des kleinen Hans Castorp wirkte; neu war ihm der Anblick
-und Eindruck nicht mehr, sondern bereits recht wohl vertraut, und wie er
-schon die beiden ersten Male sich durchaus gesetzt und verläßlich,
-keineswegs nervenschwach, wenn auch mit natürlicher Betrübnis dagegen
-verhalten hatte, so auch jetzt, und in noch höherem Grade. Unkundig der
-praktischen Bedeutung der Ereignisse für sein Leben oder auch kindlich
-gleichgültig dagegen, in dem Vertrauen, daß die Welt schon so oder so
-für ihn sorgen werde, hatte er an den Särgen eine gewisse ebenfalls
-kindliche Kühle und sachliche Aufmerksamkeit an den Tag gelegt, welche
-beim drittenmal durch das Gefühl und den Ausdruck erfahrener
-Kennerschaft noch eine besondere, altkluge Abschattung erhielt, –
-häufiger Tränen der Erschütterung und der Ansteckung durch andere als
-einer selbstverständlichen Rückwirkung nicht weiter zu gedenken. In den
-drei oder vier Monaten, seit sein Vater gestorben war, hatte er den Tod
-vergessen; nun erinnerte er sich, und alle Eindrücke von damals stellten
-sich genau, gleichzeitig und durchdringend in ihrer unvergleichbaren
-Eigentümlichkeit wieder her.
-
-Aufgelöst und in Worte gefaßt, hätten sie sich ungefähr folgendermaßen
-ausgenommen. Es hatte mit dem Tode eine fromme, sinnige und traurig
-schöne, das heißt geistliche Bewandtnis und zugleich eine ganz andere,
-geradezu gegenteilige, sehr körperliche, sehr materielle, die man weder
-als schön, noch als sinnig, noch als fromm, noch auch nur als traurig
-eigentlich ansprechen konnte. Die feierlich-geistliche Bewandtnis
-drückte sich aus in der pomphaften Aufbahrung der Leiche, der
-Blumenpracht und den Palmenwedeln, die bekanntlich den himmlischen
-Frieden bedeuteten; ferner und noch deutlicher in dem Kreuz zwischen den
-gestorbenen Fingern des ehemaligen Großvaters, dem segnenden Heiland von
-Thorwaldsen, der zu Häupten des Sarges stand, und in den zu beiden
-Seiten aufragenden Kandelabern, die bei dieser Gelegenheit ebenfalls
-einen kirchlichen Charakter angenommen hatten. Alle diese Anstalten
-hatten ihren genaueren und guten Sinn offenbar in dem Gedanken, daß der
-Großvater nun auf immer zu seiner eigentlichen und wahren Gestalt
-eingegangen war. Außerdem aber hatten sie, wie der kleine Hans Castorp
-wohl bemerkte, wenn auch nicht mit Worten sich eingestand, allesamt, im
-besonderen aber die Menge der Blumen und unter diesen wieder besonders
-die vielfach vertretenen Tuberosen, noch einen weiteren Sinn und
-nüchternen Zweck, nämlich den, die andere, weder schöne noch eigentlich
-traurige, sondern eher fast unanständige, niedrig körperliche
-Bewandtnis, die es mit dem Tode hatte, zu beschönigen, in Vergessenheit
-zu bringen oder nicht zum Bewußtsein kommen zu lassen.
-
-Mit dieser Bewandtnis hing es zusammen, daß der tote Großvater so fremd,
-ja eigentlich nicht als der Großvater, sondern als eine lebensgroße,
-wächserne Puppe erschien, die der Tod statt seiner Person eingeschoben
-hatte, und mit der nun all dieser fromme und ehrenvolle Aufwand
-getrieben wurde. Der da lag, oder richtiger: _was_ da lag, war also
-nicht der Großvater selbst, sondern eine Hülle, – die, wie Hans Castorp
-wußte, nicht aus Wachs bestand, sondern aus ihrem eigenen Stoff; _nur_
-aus Stoff: das eben war das Unanständige und kaum auch Traurige, –
-traurig so wenig, wie Dinge traurig sind, die mit dem Körper zu tun
-haben und _nur_ mit diesem. Der kleine Hans Castorp betrachtete den
-wachsgelben, glatten und käsig-festen Stoff, aus dem die lebensgroße
-Todesfigur bestand, das Gesicht und die Hände des ehemaligen Großvaters.
-Eben ließ eine Fliege sich auf die unbewegliche Stirne nieder und
-begann, ihren Rüssel auf und ab zu bewegen. Der alte Fiete verscheuchte
-sie vorsichtig, indem er sich hütete, die Stirn dabei zu berühren und
-mit einer ehrbaren Verfinsterung seiner Miene, so, als dürfe und wolle
-er von dem, was er da tat, nichts wissen, – einem Ausdruck von
-Sittsamkeit, der sich offenbar auf die Tatsache bezog, daß der Großvater
-nur noch Körper und nichts weiter mehr war; allein nach schweifendem
-Auffluge nahm die Fliege auf den Fingern des Großvaters, in der Nähe des
-Elfenbeinkreuzes, kurz aufsitzend wieder Platz. Während aber dies
-geschah, glaubte Hans Castorp deutlicher als bisher jene von früher her
-vertraute leise, aber so ganz eigentümlich zähe Ausdünstung zu
-verspüren, die ihn beschämenderweise an einen mit einem lästigen Übel
-behafteten und darum allerseits gemiedenen Schulkameraden erinnerte, und
-die zu übertäuben der Duft der Tuberosen unter der Hand bestimmt war,
-ohne es bei aller schönen Üppigkeit und Strenge imstande zu sein.
-
-Er stand wiederholt an der Leiche: einmal allein mit dem alten Fiete,
-das zweitemal zusammen mit seinem Großonkel Tienappel, dem Weinhändler,
-und den beiden Onkeln James und Peter, und dann noch ein drittes Mal,
-als eine Gruppe von sonntäglich gekleideten Hafenarbeitern einige
-Augenblicke am offenen Sarge stand, um sich von dem ehemaligen Chef des
-Hauses Castorp und Sohn zu verabschieden. Dann kam das Begräbnis, bei
-dem der Saal voller Leute war und Pastor Bugenhagen von der
-Michaeliskirche, derselbe, der Hans Castorp getauft hatte, angetan mit
-der spanischen Halskrause, die Gedächtnisrede hielt und sich nachher in
-der Droschke, der ersten gleich hinter dem Leichenwagen, der dann eine
-lange, lange Reihe folgte, sehr freundlich mit dem kleinen Hans Castorp
-unterhielt, – und dann war auch dieser Lebensabschnitt zu Ende, und Hans
-Castorp wechselte gleich darauf Haus und Umgebung, – zum zweitenmal tat
-er das ja bereits in seinem jungen Leben.
-
-
- Bei Tienappels. Und von Hans Castorps sittlichem Befinden
-
-Zu seinem Schaden geschah es nicht, denn er kam zu Konsul Tienappel ins
-Haus, seinem bestellten Vormund, und hatte da nichts zu vermissen: in
-Hinsicht auf seine Person gewiß nicht, und ebensowenig, was die
-Betreuung seiner weiteren Interessen betraf, von denen er noch nichts
-wußte. Denn Konsul Tienappel, ein Onkel von Hansens seliger Mutter,
-verwaltete die Castorpsche Hinterlassenschaft, er brachte die Immobilien
-zum Verkauf, nahm auch die Liquidation der Firma Castorp und Sohn,
-Import und Export in die Hand, und was er herausschlug, waren noch
-ungefähr vierhunderttausend Mark, Hans Castorps Erbe, das Konsul
-Tienappel in mündelsicheren Papieren anlegte, indem er, seiner
-verwandtschaftlichen Gefühle unbeschadet, an jedem Quartalsbeginn zwei
-Prozent Provision von den fälligen Zinsen für sich in Abzug brachte.
-
-Das Tienappelsche Haus lag im Hintergrunde eines Gartens am
-Harvestehuder Weg und blickte auf eine Rasenfläche, in der auch nicht
-das kleinste Unkraut geduldet wurde, auf öffentliche Rosenanlagen und
-dann auf den Fluß. Der Konsul ging jeden Morgen, obgleich er schönes
-Fuhrwerk besaß, zu Fuß in sein Geschäft in der Altstadt, um doch ein
-bißchen Bewegung zu haben, denn manchmal litt er an Blutstauungen im
-Kopfe, und kehrte um fünf Uhr abends auch so zurück, worauf bei
-Tienappels mit aller Kultur zu Mittag gegessen wurde. Er war ein
-gewichtiger Mann, in beste englische Stoffe gekleidet, mit wasserblau
-vorquellenden Augen hinter der goldenen Brille, einer blühenden Nase,
-grauem Schifferbart und einem feurigen Brillanten an dem gedrungenen
-kleinen Finger seiner Linken. Seine Frau war längst tot. Er hatte zwei
-Söhne, Peter und James, von denen der eine bei der Marine und wenig zu
-Hause, der andere im väterlichen Weinhandel tätig und designierter Erbe
-der Firma war. Den Hausstand führte seit vielen Jahren Schalleen, eine
-Goldschmiedstochter aus Altona mit weißen Stärkrüschen um ihre
-walzenförmigen Handgelenke. Sie stand dafür ein, daß der Frühstücks- und
-Abendtisch reichlich mit kalter Küche, mit Krabben und Lachs, Aal,
-Gänsebrust und Tomato Catsup zum Roastbeef bestellt war; sie hatte ein
-wachsames Auge auf die Lohndiener, wenn Herrendiner bei Konsul Tienappel
-war, und sie war es auch, die bei dem kleinen Hans Castorp, so gut sie
-konnte, Mutterstelle vertrat.
-
-Hans Castorp wuchs auf bei miserablem Wetter, in Wind und Wasserdunst,
-wuchs auf im gelben Gummimantel, wenn man so sagen darf, und fühlte sich
-im ganzen recht munter dabei. Ein bißchen blutarm war er ja wohl von
-Anfang an, das sagte auch Dr. Heidekind und ließ ihm täglich zum dritten
-Frühstück, nach der Schule, ein gutes Glas Porter geben, – ein
-gehaltvolles Getränk, wie man weiß, dem Dr. Heidekind blutbildende
-Wirkung zuschrieb und das jedenfalls Hans Castorps Lebensgeister auf
-eine ihm schätzenswerte Weise besänftigte, seiner Neigung, zu „dösen“,
-wie sein Onkel Tienappel sich ausdrückte, nämlich mit schlaffem Munde
-und ohne einen festen Gedanken ins Leere zu träumen, wohltuend Vorschub
-leistete. Sonst aber war er gesund und richtig, ein brauchbarer
-Tennisspieler und Ruderer, wenn er auch lieber, statt selber die Riemen
-zu handhaben, an Sommerabenden bei Musik und einem guten Getränk auf der
-Terrasse des Uhlenhorster Fährhauses saß und die beleuchteten Boote
-betrachtete, zwischen denen Schwäne auf dem bunt spiegelnden Wasser
-dahinzogen; und wenn man ihn sprechen hörte: gelassen, verständig, ein
-bißchen hohl und eintönig, mit einem Anflug von Platt, ja, wenn man ihn
-auch nur ansah in seiner blonden Korrektheit, mit seinem gut
-geschnittenen, irgendwie altertümlich geprägten Kopf, in dem ein
-ererbter und unbewußter Dünkel sich in Gestalt einer gewissen trockenen
-Schläfrigkeit äußerte, so konnte kein Mensch bezweifeln, daß dieser Hans
-Castorp ein unverfälschtes und rechtschaffenes Erzeugnis hiesigen Bodens
-und glänzend an seinem Platze war, – er selbst hätte es, wenn er sich
-daraufhin auch nur geprüft hätte, nicht einen Augenblick lang
-bezweifelt.
-
-Die Atmosphäre der großen Meerstadt, diese feuchte Atmosphäre aus
-Weltkrämertum und Wohlleben, die seiner Väter Lebensluft gewesen war, er
-atmete sie mit tiefem Einverständnis, mit Selbstverständlichkeit und
-gutem Behagen. Die Ausdünstungen von Wasser, Kohlen und Teer, die
-scharfen Gerüche gehäufter Kolonialwaren in der Nase, sah er an den
-Hafenkais ungeheure Dampfdrehkrane die Ruhe, Intelligenz und Riesenkraft
-dienender Elefanten nachahmen, indem sie Tonnengewichte von Säcken,
-Ballen, Kisten, Fässern und Ballons aus den Bäuchen ruhender Seeschiffe
-in Eisenbahnwagen und Schuppen löschten. Er sah die Kaufmannschaft in
-gelben Gummimänteln, wie er selbst einen trug, um Mittag zur Börse
-strömen, woselbst es scharf herging, seines Wissens, und jemand ganz
-leicht Veranlassung bekommen konnte, in aller Eile Einladungen zu einem
-großen Diner zu verschicken, um seinen Kredit zu fristen. Er sah (und
-hier lag ja später sein besonderes Interessengebiet) das Gewimmel der
-Werften, sah die Mammutleiber gedockter Asien- und Afrikafahrer,
-turmhoch, Kiel und Propeller entblößt, von baumdicken Streben gestützt,
-in ihrer monströsen Unbehilflichkeit auf dem Trockenen, bedeckt mit
-zwerghaften Heeren scheuernder, hämmernder, tünchender Arbeiter; sah auf
-den überdachten Hellings, von rauchigem Nebel umsponnen, die
-Spantenskelette entstehender Schiffe ragen und Ingenieure,
-Konstruktionszeichnung und Lenztafel zur Hand, den Bauleuten ihre
-Weisungen geben, – vertraute Gesichte dies alles für Hans Castorp von
-Jugend auf und lauter Empfindungen gemütlich-heimatlicher Zugehörigkeit
-in ihm erweckend, Empfindungen, die ihren Höhepunkt etwa in jener
-Lebenslage fanden, wenn er Sonntagvormittags mit James Tienappel oder
-seinem Vetter Ziemßen – Joachim Ziemßen – im Alsterpavillon warme
-Rundstücke mit Rauchfleisch nebst einem Glase alten Portweins
-frühstückte, und sich danach, mit Hingebung an seiner Zigarre ziehend,
-im Stuhle zurücklehnte. Denn namentlich darin war er echt, daß er gern
-gut lebte, ja, seines dünnblütig verfeinerten Äußern ungeachtet, innig
-und fest, wie ein schwelgerischer Säugling an der Mutterbrust, an des
-Lebens derben Genüssen hing.
-
-Bequem und nicht ohne Würde trug er auf seinen Schultern die hohe
-Zivilisation, welche die herrschende Oberschicht der handeltreibenden
-Stadtdemokratie ihren Kindern vererbt. Er war so gut gebadet wie ein
-Baby und ließ sich von jenem Schneider kleiden, der das Vertrauen der
-jungen Leute seiner Sphäre besaß. Der kleine, sorgfältig gezeichnete
-Wäscheschatz, den die englischen Züge seines Schrankes bargen, ward von
-Schalleen aufs beste betreut; noch als Hans Castorp auswärts studierte,
-schickte er ihn regelmäßig zur Reinigung und Ausbesserung nach Hause
-(denn seine Maxime war, daß man außer in Hamburg im Reiche nicht zu
-bügeln verstehe), und eine aufgerauhte Stelle an der Manschette eines
-seiner hübschen farbigen Hemden hätte ihn mit heftigem Unbehagen
-erfüllt. Seine Hände, obgleich nicht sonderlich aristokratisch in der
-Form, waren gepflegt und frisch von Haut, mit einem Kettenring aus
-Platin und dem großväterlichen Erbsiegelring geschmückt, und seine
-Zähne, die etwas weich waren und mehrfach Schaden gelitten hatten, mit
-Gold ergänzt.
-
-Im Stehen und Gehen schob er den Unterleib etwas vor, was einen nicht
-eben strammen Eindruck machte; aber seine Haltung bei Tische war
-ausgezeichnet. Er wandte den aufrechten Oberkörper höflich dem Nachbarn
-zu, mit dem er plauderte (verständig und etwas platt), und seine
-Ellenbogen lagen leicht an, während er sein Stück Geflügel zerlegte oder
-geschickt mit dem dazu bestimmten Tafelgerät das rosige Fleisch aus
-einer Hummerschere zog. Sein erstes Bedürfnis nach beendeter Mahlzeit
-war die Fingerschale mit parfümiertem Wasser, das zweite die russische
-Zigarette, die unverzollt war, und die er unterderhand, auf dem Wege
-gemütlicher Durchstecherei bezog. Sie ging der Zigarre voran, einer sehr
-schmackhaften Bremer Marke namens Maria Mancini, von der noch die Rede
-sein wird, und deren würzige Gifte sich so befriedigend mit denen des
-Kaffees vereinigten. Hans Castorp entzog seine Tabakvorräte den
-schädlichen Einflüssen der Dampfheizung, indem er sie im Keller
-aufbewahrte, wohin er jeden Morgen hinabstieg, um seinem Etui den
-Tagesbedarf einzuverleiben. Nur widerstrebend hätte er Butter gegessen,
-die ihm in einem Stück und nicht vielmehr in Form geriefelter Kügelchen
-vorgesetzt worden wäre.
-
-Man sieht, daß wir darauf denken, alles zu sagen, was für ihn einnehmen
-kann, aber wir beurteilen ihn ohne Überschwang und machen ihn weder
-besser noch schlechter, als er war. Hans Castorp war weder ein Genie
-noch ein Dummkopf, und wenn wir das Wort „mittelmäßig“ zu seiner
-Kennzeichnung vermeiden, so geschieht es aus Gründen, die nicht mit
-seiner Intelligenz und kaum etwas mit seiner schlichten Person überhaupt
-zu tun haben, nämlich aus Achtung vor seinem Schicksal, dem wir eine
-gewisse überpersönliche Bedeutung zuzuschreiben geneigt sind. Sein Kopf
-genügte den Anforderungen des Realgymnasiums, ohne sich überanstrengen
-zu müssen, – aber dies zu tun, wäre er auch ganz bestimmt unter keinen
-Umständen und um keines Gegenstandes willen geneigt gewesen: weniger aus
-Furcht, sich weh zu tun, als weil er unbedingt keinen Grund dazu sah
-oder, richtiger gesagt: _keinen unbedingten_ Grund; und eben darum
-vielleicht mögen wir ihn nicht mittelmäßig nennen, weil er das Fehlen
-solcher Gründe auf irgendeine Weise empfand.
-
-Der Mensch lebt nicht nur sein persönliches Leben als Einzelwesen,
-sondern, bewußt oder unbewußt, auch das seiner Epoche und
-Zeitgenossenschaft, und sollte er die allgemeinen und unpersönlichen
-Grundlagen seiner Existenz auch als unbedingt gegeben und
-selbstverständlich betrachten und von dem Einfall, Kritik daran zu üben,
-so weit entfernt sein, wie der gute Hans Castorp es wirklich war, so ist
-doch sehr wohl möglich, daß er sein sittliches Wohlbefinden durch ihre
-Mängel vage beeinträchtigt fühlt. Dem einzelnen Menschen mögen
-mancherlei persönliche Ziele, Zwecke, Hoffnungen, Aussichten vor Augen
-schweben, aus denen er den Impuls zu hoher Anstrengung und Tätigkeit
-schöpft; wenn das Unpersönliche um ihn her, die Zeit selbst der
-Hoffnungen und Aussichten bei aller äußeren Regsamkeit im Grunde
-entbehrt, wenn sie sich ihm als hoffnungslos, aussichtslos und ratlos
-heimlich zu erkennen gibt und der bewußt oder unbewußt gestellten, aber
-doch irgendwie gestellten Frage nach einem letzten, mehr als
-persönlichen, unbedingten Sinn aller Anstrengung und Tätigkeit ein
-hohles Schweigen entgegensetzt, so wird gerade in Fällen redlicheren
-Menschentums eine gewisse lähmende Wirkung solches Sachverhalts fast
-unausbleiblich sein, die sich auf dem Wege über das Seelisch-Sittliche
-geradezu auf das physische und organische Teil des Individuums
-erstrecken mag. Zu bedeutender, das Maß des schlechthin Gebotenen
-überschreitender Leistung aufgelegt zu sein, ohne daß die Zeit auf die
-Frage Wozu? eine befriedigende Antwort wüßte, dazu gehört entweder eine
-sittliche Einsamkeit und Unmittelbarkeit, die selten vorkommt und
-heroischer Natur ist, oder eine sehr robuste Vitalität. Weder das eine
-noch das andere war Hans Castorps Fall, und so war er denn doch wohl
-mittelmäßig, wenn auch in einem recht ehrenwerten Sinn.
-
-Wir haben hier nicht nur von des jungen Mannes innerem Verhalten während
-seiner Schulzeit, sondern auch von den darauffolgenden Jahren
-gesprochen, als er seinen bürgerlichen Beruf schon gewählt hatte. Was
-seine Laufbahn durch die Klassen betraf, so mußte er die eine und andere
-davon sogar repetieren. Im ganzen aber halfen seine Herkunft, die
-Urbanität seiner Sitten und schließlich auch eine hübsche, wenn auch
-leidenschaftslose Begabung für Mathematik ihm vorwärts, und als er das
-Einjährigenzeugnis hatte, beschloß er, die Schule durchzumachen, –
-hauptsächlich, die Wahrheit zu sagen, weil damit ein gewohnter,
-vorläufiger und unentschiedener Zustand verlängert und Zeit zu der
-Überlegung gewonnen wurde, was denn Hans Castorp am liebsten werden
-wollte, denn das wußte er lange nicht recht, wußte es auch in der
-obersten Klasse noch nicht, und als es sich dann entschied (daß nämlich
-_er_ sich entschieden hätte, wäre beinah schon zu viel gesagt), fühlte
-er wohl, daß es sich ebensogut anders hätte entscheiden können.
-
-Aber so viel war ja richtig, daß er an Schiffen immer großes Vergnügen
-gehabt hatte. Als kleiner Junge hatte er die Blätter seiner Notizbücher
-mit Bleistiftzeichnungen von Fischerkuttern, Gemüseevern und Fünfmastern
-gefüllt, und als er mit fünfzehn Jahren von einem bevorzugten Platze aus
-hatte zusehen dürfen, wie der neue Doppelschrauben-Postdampfer „Hansa“
-bei Blohm & Voß vom Stapel lief, da hatte er in Wasserfarben ein
-wohlgetroffenes und bis weit ins Einzelne genaues Bildnis des schlanken
-Schiffes ausgeführt, das Konsul Tienappel in sein Privatkontor gehängt
-hatte, und auf dem namentlich das transparente Glasgrün der rollenden
-See so liebevoll und geschickt behandelt war, daß irgend jemand zu
-Konsul Tienappel gesagt hatte, das sei Talent, und daraus könne ein
-guter Marinemaler werden, – eine Äußerung, die der Konsul seinem
-Pflegesohn ruhig wiedererzählen konnte, denn Hans Castorp lachte bloß
-gutmütig darüber und ließ sich auf Überspanntheiten und
-Hungerleiderideen auch nicht einen Augenblick ein.
-
-„Viel hast du nicht“, sagte sein Onkel Tienappel manchmal zu ihm. „Mein
-Geld bekommen im wesentlichen mal James und Peter, das heißt, es bleibt
-im Geschäft, und Peter bezieht seine Rente. Was dir gehört, liegt ja
-ganz gut und trägt dir was Sicheres. Aber von Zinsen zu leben, dabei ist
-heutzutage kein Spaß mehr, wenn man nicht wenigstens fünfmal so viel
-hat, wie du, und wenn du was vorstellen willst hier in der Stadt und
-leben wie du’s gewohnt bist, dann mußt du ordentlich zuverdienen, das
-merk’ du lieber, min Söhn.“
-
-Hans Castorp merkte es sich und sah sich nach einem Berufe um, mit dem
-er vor sich selbst und den Leuten bestehen könnte. Und als er einmal
-gewählt hatte – es geschah auf Anregung des alten Wilms, in Firma Tunder
-& Wilms, der nämlich am sonnabendlichen Whisttisch zu Konsul Tienappel
-sagte, Hans Castorp solle doch Schiffbau studieren, das sei eine Idee,
-und bei ihm eintreten, dann wolle er wohl auf den Jungen ein Auge haben
-–, da dachte er sehr hoch von seinem Beruf und fand, daß es zwar ein
-verdammt komplizierter und anstrengender, dafür aber auch ein
-ausgezeichneter, wichtiger und großartiger Beruf sei und für seine
-friedliche Person jedenfalls bei weitem dem seines Vetters Ziemßen
-vorzuziehen, Stiefschwestersohns seiner seligen Mutter, der durchaus
-Offizier werden wollte. Dabei war Joachim Ziemßen nicht mal ganz fest
-auf der Brust, aber eben darum mochte ein Freiluft-Beruf, bei dem von
-geistiger Arbeit und Anspannung kaum ernstlich die Rede sein konnte,
-denn wohl das richtige für ihn sein, wie Hans Castorp mit leichter
-Geringschätzung urteilte. Denn vor der Arbeit hatte er den allergrößten
-Respekt, obwohl ihn persönlich die Arbeit ja leicht ermüdete.
-
-Wir kommen hier auf unsere Andeutungen von früher zurück, die nämlich
-auf die Vermutung zielten, daß Beeinträchtigungen des persönlichen
-Lebens durch die Zeit geradezu den physischen Organismus des Menschen zu
-beeinflussen vermöchten. Wie hätte Hans Castorp die Arbeit nicht achten
-sollen? Es wäre unnatürlich gewesen. Wie alles lag, mußte sie ihm als
-das unbedingt Achtungswertste gelten, es gab im Grunde nichts
-Achtenswertes außer ihr, sie war das Prinzip, vor dem man bestand oder
-nicht bestand, das Absolutum der Zeit, sie beantwortete sozusagen sich
-selbst. Seine Achtung vor ihr war also religiöser und, so viel er wußte,
-unzweifelhafter Natur. Aber eine andere Frage war, ob er sie liebte;
-denn das konnte er nicht, so sehr er sie achtete, und zwar aus dem
-einfachen Grunde, weil sie ihm nicht bekam. Angestrengte Arbeit zerrte
-an seinen Nerven, sie erschöpfte ihn bald, und ganz offen gab er zu, daß
-er eigentlich viel mehr die freie Zeit liebe, die unbeschwerte, an der
-nicht die Bleigewichte der Mühsal hingen, die Zeit, die offen vor einem
-gelegen hätte, nicht abgeteilt von zähneknirschend zu überwindenden
-Hindernissen. Dieser Widerstreit in seinem Verhältnis zur Arbeit
-bedürfte genau genommen der Auflösung. War es möglicherweise so, daß
-sein Körper sowohl wie sein Geist – zuerst der Geist und durch ihn auch
-der Körper – zur Arbeit freudiger und nachhaltiger willig gewesen wäre,
-wenn er im Grunde seiner Seele, dort, wo er selbst nicht Bescheid wußte,
-an die Arbeit als unbedingten Wert und sich selbst beantwortendes
-Prinzip zu glauben und sich dabei zu beruhigen vermocht hätte? Es
-wird damit wieder die Frage seiner Mittelmäßigkeit oder
-Mehr-als-Mittelmäßigkeit aufgeworfen, die wir nicht bündig beantworten
-wollen. Denn wir betrachten uns nicht als Hans Castorps Lobredner und
-lassen der Vermutung Raum, daß die Arbeit in seinem Leben einfach dem
-ungetrübten Genuß von Maria Mancini etwas im Wege war. –
-
-Zum militärischen Dienst wurde er seinerseits nicht herangezogen. Seine
-innere Natur widerstrebte dem und wußte es zu verhindern. Auch mochte
-wohl sein, daß Stabsarzt Dr. Eberding, der am Harvestehuder Weg
-verkehrte, von Konsul Tienappel gesprächsweise gehört hatte, daß der
-junge Castorp in der Nötigung sich zu bewaffnen eine empfindliche
-Störung seiner soeben auswärts begonnenen Studien erblicken würde.
-
-Sein Kopf, der langsam und gelassen arbeitete, zumal Hans Castorp die
-beruhigende Gewohnheit des Porterfrühstücks auch auswärts beibehielt,
-füllte sich mit analytischer Geometrie, Differentialrechnung, Mechanik,
-Projektionslehre und Graphostatik, er berechnete geladenes und
-ungeladenes Deplacement, Stabilität, Trimmverlagerung und Metazentrum,
-wenn es ihm zuweilen auch sauer wurde. Seine technischen Zeichnungen,
-diese Spanten-, Wasserlinien- und Längsrisse, waren nicht ganz so gut,
-wie seine malerische Darstellung der „Hansa“ auf hoher See, aber wo es
-galt, die geistige Anschaulichkeit durch die sinnliche zu unterstützen,
-Schatten zu tuschen und Querschnitte in munteren Materialfarben
-anzulegen, tat Hans Castorp es an Geschicklichkeit den meisten zuvor.
-
-Wenn er in den Ferien nach Hause kam, sehr sauber, sehr gut angezogen,
-mit einem kleinen rotblonden Schnurrbart in seinem schläfrigen jungen
-Patriziergesicht und offenbar auf dem Wege zu ansehnlichen
-Lebensstellungen, so sahen die Leute, die sich mit kommunalen Dingen
-befaßten, auch mit Familien- und Personalverhältnissen gut Bescheid
-wußten – und das tun die meisten in einem sich selbst regierenden
-Stadtstaat –, so sahen seine Mitbürger ihn prüfend an, indem sie sich
-fragten, in welche öffentliche Rolle der junge Castorp wohl einmal
-hineinwachsen werde. Er hatte ja Überlieferungen, sein Name war alt und
-gut, und eines Tages, das konnte beinahe nicht fehlen, würde man mit
-seiner Person als mit einem politischen Faktor zu rechnen haben. Er
-würde dann in der Bürgerschaft oder dem Bürgerausschuß sitzen und
-Gesetze machen, würde im Ehrenamt an den Sorgen der Souveränität
-teilnehmen, einer Verwaltungsabteilung, der Finanzdeputation vielleicht
-oder der für das Bauwesen angehören, und seine Stimme würde gehört und
-mitgezählt werden. Man konnte neugierig sein, wie er wohl einmal Partei
-bekennen würde, der junge Castorp. Äußerlichkeiten mochten täuschen,
-aber eigentlich sah er ganz so aus, wie man _nicht_ aussah, wenn die
-Demokraten auf einen rechnen konnten, und die Ähnlichkeit mit dem
-Großvater war unverkennbar. Vielleicht würde er ihm nacharten, ein
-Hemmschuh werden, ein konservatives Element? Das war wohl möglich – und
-ebensowohl auch das Gegenteil. Denn schließlich war er ja Ingenieur, ein
-angehender Schiffbaumeister, ein Mann des Weltverkehrs und der Technik.
-Da konnte es sein, daß Hans Castorp unter die Radikalen ging, ein
-Draufgänger wurde, ein profaner Zerstörer alter Gebäude und
-landschaftlicher Schönheiten, ungebunden wie ein Jude und pietätlos wie
-ein Amerikaner, geneigt, den rücksichtslosen Bruch mit würdig
-Überliefertem einer bedächtigen Ausbildung natürlicher Lebensbedingungen
-vorzuziehen und den Staat in wagehalsige Experimente zu stürzen, – das
-war auch denkbar. Würde er es im Blute haben, daß Ihre Wohlweisheiten,
-vor denen der Doppelposten am Rathaus präsentierte, alles am besten
-wüßten, oder würde er die Opposition in der Bürgerschaft zu unterstützen
-gestimmt sein? In seinen blauen Augen unter den rötlich blonden Brauen
-war keine Antwort auf solche Fragen mitbürgerlicher Neugier zu lesen,
-und er wußte auch wohl noch gar keine, Hans Castorp, dies unbeschriebene
-Blatt.
-
-Als er die Reise antrat, auf der wir ihn betrafen, stand er im
-dreiundzwanzigsten Lebensjahr. Damals hatte er vier Semester Studienzeit
-am Danziger Polytechnikum hinter sich und vier weitere, die er auf den
-Technischen Hochschulen von Braunschweig und Karlsruhe verbracht hatte,
-war kürzlich ohne Glanz und Orchestertusch, aber mit gutem Anstande aus
-der ersten Hauptprüfung gestiegen und schickte sich an, bei Tunder &
-Wilms als Ingenieur-Volontär einzutreten, um auf der Werft seine
-praktische Ausbildung zu empfangen. An diesem Punkt nahm sein Weg nun
-erst einmal folgende Wendung.
-
-Zur Hauptprüfung hatte er scharf und anhaltend arbeiten müssen und sah,
-als er heimkam, denn doch noch matter aus, als es zu seinem Typus paßte.
-Dr. Heidekind schalt, so oft er ihn sah, und forderte Luftveränderung,
-das heißt: eine gründliche. Mit Norderney oder Wyk auf Föhr, sagte er,
-sei es dieses Mal nicht getan, und wenn man ihn frage, so gehörte Hans
-Castorp, bevor er auf die Werft gehe, für ein paar Wochen ins
-Hochgebirge.
-
-Das sei ganz gut, sagte Konsul Tienappel zu seinem Neffen und
-Pflegesohn, aber dann trennten sich diesen Sommer ihre Wege, denn ihn,
-Konsul Tienappel, bekämen ins Hochgebirge keine vier Pferde. Das sei
-nichts für ihn, er brauche einen vernünftigen Luftdruck, sonst kriege er
-Zufälle. Ins Hochgebirge solle Hans Castorp nur freundlichst alleine
-reisen. Er solle doch Joachim Ziemßen besuchen.
-
-Das war ein natürlicher Vorschlag. Joachim Ziemßen nämlich war krank, –
-nicht krank wie Hans Castorp, sondern auf wirklich mißliche Weise krank,
-es war sogar ein großer Schrecken gewesen. Schon immer hatte er zu
-Katarrh und Fieber geneigt, und eines Tages war richtig auch roter
-Auswurf dagewesen, und Hals über Kopf hatte Joachim nach Davos gehen
-müssen, zu seinem größten Leidwesen und Kummer, denn eben stand er am
-Ziel seiner Wünsche. Ein paar Semester lang hatte er nach dem Willen der
-Seinen Jurisprudenz studiert, aber aus unwiderstehlichem Drange hatte er
-umgesattelt und sich als Fahnenjunker gemeldet und war auch schon
-angenommen. Und nun saß er seit über fünf Monaten im Internationalen
-Sanatorium „Berghof“ (dirigierender Arzt: Hofrat Dr. Behrens) und
-langweilte sich halb zu Tode, wie er auf Postkarten schrieb. Wenn also
-Hans Castorp denn schon eine Kleinigkeit für sich tun wollte, bevor er
-bei Tunder & Wilms seinen Posten antrat, so lag nichts näher, als daß er
-auch dort hinauf fuhr, um seinem armen Cousin Gesellschaft zu leisten, –
-für beide Teile war es das angenehmste.
-
-Es war hoher Sommer geworden, als er sich zu der Reise entschloß. Die
-letzten Juli-Tage waren schon da.
-
-Er fuhr auf drei Wochen.
-
-
-
-
- Drittes Kapitel
-
-
- Ehrbare Verfinsterung
-
-Hans Castorp hatte gefürchtet, die Zeit zu verschlafen, da er so überaus
-müde gewesen war, aber er war früher als nötig auf den Beinen und hatte
-Muße im Überfluß, seinen Morgengewohnheiten ausführlich nachzukommen,
-hochzivilisierten Gewohnheiten, unter denen eine Gummiwanne sowie eine
-Holzschale mit grüner Lavendelseife nebst zugehörigem Strohpinsel eine
-Hauptrolle spielten, – und mit den Geschäften der Säuberung und der
-Körperpflege das andere des Auspackens und Einräumens zu verbinden.
-Während er den versilberten Hobel über seine mit parfümiertem Schaum
-bedeckten Wangen führte, erinnerte er sich seiner verworrenen Träume und
-schüttelte nachsichtig lächelnd, mit dem Überlegenheitsgefühl des im
-Tageslicht der Vernunft sich rasierenden Menschen den Kopf über so viel
-Unsinn. Sehr ausgeruht fühlte er sich eben nicht, aber frisch mit dem
-jungen Tage.
-
-Indes er sich die Hände trocknete, trat er mit gepuderten Backen, in
-seiner _file d’écosse_-Unterhose und roten Saffian-Pantoffeln auf den
-Balkon hinaus, der durchlief und nur vermittelst undurchsichtiger, nicht
-ganz bis zum Geländer vortretender Glaswände in einzelne Zimmerbereiche
-geteilt war. Der Morgen war kühl und wolkig. Gestreckte Nebelbänke lagen
-unbeweglich vor den seitlichen Höhen, während massiges Gewölk, weißes
-und graues, auf das fernere Gebirge niederhing. Flecken und Streifen von
-Himmelsblau waren hie und da sichtbar, und wenn ein Sonnenblick einfiel,
-schimmerte die Ortschaft im Talgrunde weiß gegen die dunklen
-Fichtenwälder der Hänge. Irgendwo gab es Morgenmusik, wahrscheinlich in
-demselben Hotel, wo man auch gestern abend Konzert gehabt hatte.
-Choral-Akkorde klangen gedämpft herüber, nach einer Pause folgte ein
-Marsch, und Hans Castorp, der Musik von Herzen liebte, da sie ganz
-ähnlich auf ihn wirkte, wie sein Frühstücksporter, nämlich tief
-beruhigend, betäubend, zum Dösen überredend, lauschte wohlgefällig, den
-Kopf auf die Seite geneigt, mit offenem Munde und etwas geröteten Augen.
-
-Drunten schlang sich die Wegschleife zum Sanatorium herauf, die er
-gestern abend gekommen war. Kurzstieliger, sternförmiger Enzian stand im
-feuchten Grase des Abhangs. Ein Teil der Plattform war als Garten
-eingezäunt; dort gab es Kieswege, Blumenrabatten und eine künstliche
-Felsengrotte zu Füßen einer stattlichen Edeltanne. Eine mit Blech
-gedeckte Halle, in der Liegestühle standen, öffnete sich gegen Süden,
-und daneben war eine rotbraun gestrichene Flaggenstange aufgerichtet, an
-deren Schnur zuweilen das Fahnentuch sich entfaltete, – eine
-Phantasiefahne, grün und weiß, mit dem Emblem der Heilkunde, einem
-Schlangenstab, in der Mitte.
-
-Eine Frau ging im Garten umher, eine ältere Dame von düsterem, ja
-tragischem Aussehen. Vollständig schwarz gekleidet und um das wirre
-schwarzgraue Haar einen schwarzen Schleier gewunden, wanderte sie
-ruhelos und gleichmäßig rasch, mit krummen Knien und steif nach vorn
-hängenden Armen auf den Pfaden dahin und blickte, Querfalten in der
-Stirn, mit kohlschwarzen Augen, unter denen schlaffe Hautsäcke hingen,
-starr von unten geradeaus. Ihr alterndes, südlich blasses Gesicht mit
-dem großen, verhärmten, einseitig abwärts gezogenen Mund erinnerte Hans
-Castorp an das Bild einer berühmten Tragödin, das ihm einmal zu Gesichte
-gekommen, und unheimlich war es zu sehen, wie die schwarzbleiche Frau,
-offenbar ohne es zu wissen, ihre langen, gramvollen Tritte dem Takt der
-herüberklingenden Marschmusik anpaßte.
-
-Nachdenklich teilnehmend blickte Hans Castorp auf sie hinab, und ihm
-war, als verdunkele ihre traurige Erscheinung die Morgensonne.
-Gleichzeitig aber faßte er noch etwas anderes auf, etwas Hörbares,
-Geräusche, die aus dem Nachbarzimmer zur Linken, dem Zimmer des
-russischen Ehepaars, nach Joachims Angabe, kamen und gleichfalls nicht
-zu dem heiteren, frischen Morgen passen wollten, sondern ihn irgendwie
-klebrig zu verunreinigen schienen. Hans Castorp erinnerte sich, daß er
-schon gestern abend dergleichen vernommen, doch hatte seine Müdigkeit
-ihn gehindert, darauf zu achten. Es war ein Ringen, Kichern und Keuchen,
-dessen anstößiges Wesen dem jungen Mann nicht lange verborgen bleiben
-konnte, obgleich er sich anfangs aus Gutmütigkeit bemühte, es harmlos zu
-deuten. Man hätte dieser Gutmütigkeit auch andere Namen geben können,
-zum Beispiel den etwas faden der Seelenreinheit, oder den ernsten und
-schönen der Schamhaftigkeit, oder die herabsetzenden Namen der
-Wahrheitsunlust und der Duckmäuserei, oder selbst den einer mystischen
-Scheu und Frömmigkeit, – von alledem war etwas in Hans Castorps
-Verhalten zu den Geräuschen nebenan, und physiognomisch drückte es sich
-aus in einer ehrbaren Verfinsterung seiner Miene, so, als dürfe und
-wolle er von dem, was er da hörte, nichts wissen: einem Ausdruck von
-Sittsamkeit, der nicht ganz originell war, den er aber bei bestimmten
-Gelegenheiten anzunehmen pflegte.
-
-Mit dieser Miene also zog er sich von dem Balkon ins Zimmer zurück, um
-nicht länger Vorgänge zu belauschen, die ihm ernst, ja erschütternd
-schienen, obgleich sie sich unter Gekicher kundtaten. Aber im Zimmer war
-das Treiben jenseits der Wand nur noch deutlicher zu hören. Es war eine
-Jagd um die Möbel herum, wie es schien, ein Stuhl polterte hin, man
-ergriff einander, es gab ein Klatschen und Küssen, und hierzu kam, daß
-es nun Walzerklänge waren, die verbraucht melodiösen Phrasen eines
-Gassenhauers, die von außen und fernher die unsichtbare Szene
-begleiteten. Hans Castorp stand, das Handtuch in Händen, und horchte
-wider besseren Willen. Und plötzlich errötete er unter seinem Puder,
-denn was er deutlich hatte kommen sehen, war gekommen und das Spiel nun
-ohne allen Zweifel ins Tierische übergegangen. Herrgott, Donnerwetter!
-dachte er, indem er sich abwandte, um mit absichtlich geräuschvollen
-Bewegungen seine Toilette zu beenden. Nun, es sind Eheleute, in Gottes
-Namen, soweit ist die Sache in Ordnung. Aber am hellen Morgen, das ist
-doch stark. Und mir ist ganz, als hätten sie schon gestern abend keinen
-Frieden gehalten. Schließlich sind sie doch krank, da sie hier sind,
-oder wenigstens einer von ihnen, da wäre etwas Schonung am Platze. Aber
-das eigentlich Skandalöse ist selbstverständlich, dachte er zornig, daß
-die Wände so dünn sind und man alles so deutlich hört, das ist doch ein
-unhaltbarer Zustand! Billig gebaut natürlich, schändlich billig gebaut!
-Ob ich die Leute nachher zu sehen bekomme oder ihnen gar vorgestellt
-werde? Das wäre im höchsten Grade peinlich. Und hier wunderte sich Hans
-Castorp, denn er bemerkte, daß die Röte, die ihm vorhin in die frisch
-rasierten Wangen gestiegen war, nicht daraus weichen wollte, oder doch
-nicht das Wärmegefühl, wovon sie begleitet gewesen, sondern fix darin
-stand und nichts anderes als jene trockene Gesichtshitze war, an der er
-gestern abend gelitten, deren er im Schlafe ledig geworden, und die bei
-dieser Gelegenheit sich wieder eingestellt hatte. Das stimmte ihn nicht
-freundlicher gegen die benachbarten Eheleute, vielmehr murmelte er mit
-vorgeschobenen Lippen ein sehr absprechendes Wort gegen sie und beging
-dann den Fehler, sein Gesicht nochmals mit Wasser zu kühlen, was das
-Übel bedeutend verschlimmerte. So geschah es, daß seine Stimme mißmutig
-schwankte, als er seinem Vetter antwortete, der ihm zurufend an die Wand
-geklopft hatte, und daß er bei Joachims Eintritt nicht eben den Eindruck
-eines erfrischten und morgenfrohen Menschen machte.
-
-
- Frühstück
-
-„Tag“, sagte Joachim. „Das war ja nun deine erste Nacht hier oben. Bist
-du zufrieden?“
-
-Er war fertig zum Ausgehen, sportlich gekleidet, in kräftig gearbeiteten
-Stiefeln, und trug über dem Arm seinen Ulster, in dessen Seitentasche
-sich die flache Flasche abzeichnete. Einen Hut hatte er auch heute
-nicht.
-
-„Danke,“ erwiderte Hans Castorp, „es geht. Ich will weiter nicht
-urteilen. Etwas konfus geträumt habe ich, und dann hat das Haus ja den
-Nachteil, daß es sehr hellhörig ist, das ist etwas lästig. Wer ist denn
-die Schwarze da draußen im Garten?“
-
-Joachim wußte sogleich, wer gemeint war.
-
-„Ach, das ist ‚_Tous-les-deux_‘“, sagte er. „So wird sie allgemein
-genannt hier von uns, denn das ist das einzige, was man von ihr zu hören
-bekommt. Mexikanerin, weißt du, kann kein Wort deutsch und auch
-französisch fast gar nicht, nur ein paar Brocken. Sie ist seit fünf
-Wochen hier bei ihrem ältesten Sohn, einem vollständig hoffnungslosen
-Fall, der jetzt ziemlich rasch eingehen wird, – er hat es schon überall,
-durch und durch vergiftet ist er, kann man wohl sagen, das sieht dann
-zuletzt ungefähr wie Typhus aus, sagt Behrens, – scheußlich für alle
-Beteiligten jedenfalls. Vor vierzehn Tagen kam nun der zweite Sohn
-herauf, weil er den Bruder noch sehen wollte –, bildhübscher Kerl
-übrigens, wie auch der andere, – beide sind bildhübsche Kerle, so
-glutäugig, die Damen waren ganz aus dem Häuschen. Na, der jüngere hatte
-unten ja wohl schon ein bißchen gehustet, war aber sonst ganz munter
-gewesen. Und kaum ist er hier, was meinst du, kriegt er Temperatur, –
-aber gleich 39,5, höchstes Fieber, verstehst du, legt sich ins Bett, und
-wenn er noch aufkommt, sagt Behrens, dann hat er mehr Glück als
-Verstand. Jedenfalls sei es die höchste Zeit gewesen, sagt er, daß er
-heraufkam ... Ja, und seitdem geht die Mutter nun so herum, wenn sie
-nicht bei ihnen sitzt, und wenn man sie anspricht, sagt sie immer nur
-‚_Tous les deux!_‘ denn mehr kann sie nicht sagen, und hier ist im
-Augenblick niemand, der spanisch versteht.“
-
-„So ist es also mit der“, sagte Hans Castorp. „Ob sie es wohl auch zu
-mir sagen wird, wenn ich sie kennenlerne? Das wäre doch sonderbar, – ich
-meine, es wäre komisch und unheimlich zu gleicher Zeit“, sagte er, und
-seine Augen waren wie gestern: sie schienen ihm heiß und schwer, als
-habe er lange geweint, und jenen Glanz hatten sie wieder, den der
-neuartige Husten des Herrenreiters darin entzündet. Überhaupt kam es ihm
-vor, als habe er jetzt erst den Anschluß ans Gestrige gefunden, als sei
-er gleichsam wieder im Bilde, was nach seinem Erwachen zunächst so recht
-nicht der Fall gewesen war. Er sei übrigens fertig, erklärte er, indem
-er etwas Lavendelwasser auf sein Taschentuch träufelte und sich die
-Stirn und die Gegend unter den Augen damit betupfte. „Wenn es dir recht
-ist, können wir _tous les deux_ zum Frühstück gehen“, scherzte er mit
-einem Gefühl von ausschweifendem Übermut, worauf Joachim ihn sanft
-anblickte und eigentümlich dazu lächelte, melancholisch und etwas
-spöttisch, wie es schien, – warum, das war seine Sache.
-
-Nachdem Hans Castorp sich überzeugt, daß er zu rauchen bei sich habe,
-nahm er Stock, Mantel und Hut, auch diesen, trotzigerweise, denn er war
-seiner Lebensform und Gesittung allzu gewiß, um sich so leicht und auf
-bloße drei Wochen fremden und neuen Gebräuchen zu fügen –, und so gingen
-sie denn, gingen die Treppen hinab, und auf den Korridoren wies Joachim
-auf diese und jene Tür und nannte die Namen der Inwohner, deutsche Namen
-und solche von allerlei fremdem Klang, indem er kurze Anmerkungen über
-ihren Charakter und die Schwere ihres Falles hinzufügte.
-
-Sie begegneten auch Personen, die schon vom Frühstück zurückkehrten, und
-wenn Joachim jemandem Guten Morgen sagte, lüftete Hans Castorp höflich
-den Hut. Er war gespannt und nervös wie ein junger Mensch, der im
-Begriffe ist, sich vielen fremden Leuten zu präsentieren und der dabei
-von dem deutlichen Gefühl geplagt ist, trübe Augen und ein rotes Gesicht
-zu haben, was übrigens nur teilweise zutraf, denn er war vielmehr blaß.
-
-„Ehe ich es vergesse!“ sagte er plötzlich mit einem gewissen blinden
-Eifer. „Du kannst mich gern der Dame im Garten vorstellen, wenn es sich
-gerade so macht, dagegen habe ich nichts. Sie soll nur immerhin ‚_tous
-les deux_‘ zu mir sagen, das macht mir gar nichts, ich bin ja
-vorbereitet und verstehe den Sinn und werde schon das richtige Gesicht
-dazu machen. Aber mit dem russischen Ehepaar wünsche ich nicht
-bekanntzuwerden, hörst du? Das will ich ausdrücklich nicht. Es sind
-überaus unmanierliche Leute, und wenn ich schon drei Wochen lang neben
-ihnen wohnen soll und es nicht anders einzurichten war, so will ich sie
-doch nicht kennen, das ist mein gutes Recht, daß ich mir das mit aller
-Bestimmtheit verbitte ...“
-
-„Schön“, sagte Joachim. „Haben sie dich denn so gestört? Ja, es sind
-gewissermaßen Barbaren, unzivilisiert mit einem Wort, ich hab es dir ja
-im voraus gesagt. Er kommt immer in einer Lederjoppe zum Essen, –
-abgeschabt sage ich dir, mich wundert immer, daß Behrens nicht dagegen
-einschreitet. Und sie ist auch nicht die Propperste, trotz ihrem
-Federhut ... Übrigens kannst du ganz unbesorgt sein, sie sitzen weit von
-uns fort, am Schlechten Russentisch, denn es gibt einen Guten
-Russentisch, wo nur feinere Russen sitzen –, und es ist kaum eine
-Möglichkeit, daß du mit ihnen zusammentriffst, selbst wenn du wolltest.
-Es ist überhaupt nicht leicht, Bekanntschaften zu machen, schon weil so
-viele Ausländer unter den Gästen sind, und ich selbst kenne persönlich
-nur wenige, so lange ich hier bin.“
-
-„Wer ist denn krank von den beiden?“ fragte Hans Castorp. „Er oder sie?“
-
-„Er, glaube ich. Ja, nur er“, sagte Joachim merklich zerstreut, während
-sie an den Garderobeständern vorm Speisesaal ablegten. Und dann traten
-sie ein in den hellen, flachgewölbten Raum, wo Stimmen schwirrten, Gerät
-klapperte und die Saaltöchter mit dampfenden Kannen umhereilten.
-
-Sieben Tische standen im Speisesaal, die meisten in Längsrichtung, nur
-zwei in die Quere. Es waren größere Tafeln, für zehn Personen jede, wenn
-auch die Gedecke nicht überall vollzählig waren. Nur ein paar Schritte
-schräg in den Saal hinein, und Hans Castorp war schon an seinem Platz:
-er war ihm an der Schmalseite des Tisches bereitet, der mitten vorn
-stand, zwischen den beiden querstehenden. Aufrecht hinter seinem Stuhle,
-verbeugte Hans Castorp sich steif und freundlich gegen die
-Tischgenossen, mit denen Joachim ihn zeremoniell bekannt machte, und die
-er kaum sah, geschweige, daß ihm ihre Namen ins Bewußtsein gedrungen
-wären. Einzig Frau Stöhrs Person und Namen faßte er auf, und daß sie ein
-rotes Gesicht und fettige aschblonde Haare hatte. Man konnte ihr die
-Bildungsschnitzer wohl zutrauen, so störrisch unwissend war ihr
-Gesichtsausdruck. Dann setzte er sich und nahm beifällig wahr, daß man
-das erste Frühstück hier als eine ernste Mahlzeit behandelte.
-
-Es gab da Töpfe mit Marmeladen und Honig, Schüsseln mit Milchreis und
-Haferbrei, Platten mit Rührei und kaltem Fleisch; Butter war freigebig
-aufgestellt, jemand lüftete die Glasglocke über einem tränenden
-Schweizer Käse, um davon abzuschneiden, und eine Schale mit frischem und
-trockenem Obst stand obendrein in der Mitte des Tisches. Eine
-Saaltochter in Schwarz und Weiß fragte Hans Castorp, was er zu trinken
-wünsche: Kakao, Kaffee oder Tee. Sie war klein wie ein Kind, mit einem
-alten, langen Gesicht, – eine Zwergin, wie er mit Schrecken erkannte. Er
-sah seinen Vetter an, aber da dieser nur gleichmütig mit Schultern und
-Brauen zuckte, als wollte er sagen: „Ja, nun, was weiter?“ so fügte er
-sich in die Tatsachen, bat mit besonderer Höflichkeit um Tee, da es eine
-Zwergin war, die ihn fragte, und begann Milchreis mit Zimt und Zucker zu
-essen, während seine Augen über die anderen Speisen hingingen, von denen
-zu kosten ihn verlangte, und über die Gästeschaft an den sieben Tischen,
-Joachims Kollegen und Schicksalsgenossen, die alle innerlich krank waren
-und schwatzend frühstückten.
-
-Der Saal war in jenem neuzeitlichen Geschmack gehalten, welcher der
-sachlichsten Einfachheit einen gewissen phantastischen Einschlag zu
-geben weiß. Er war nicht sehr tief im Verhältnis zu seiner Länge und von
-einer Art Wandelgang umlaufen, in dem Anrichten standen und der sich in
-großen Bögen gegen den Innenraum mit den Tischen öffnete. Die Pfeiler,
-bis zu halber Höhe mit Holz in Sandelpolitur bekleidet, dann glatt
-geweißt, wie der obere Teil der Wände und die Decke, wiesen buntfarbige
-Bandstreifen auf, einfältige und lustige Schablonen, die sich an den
-weitgespannten Gurten des flachen Gewölbes fortsetzten. Mehrere
-Kronenleuchter, elektrisch, aus blankem Messing, schmückten den Saal,
-bestehend aus je drei übereinander gelagerten Reifen, welche mit
-zierlichem Flechtwerk verbunden waren und an deren unterstem wie kleine
-Monde Milchglasglocken im Kreise gingen. Es waren vier Glastüren da, –
-an der entgegengesetzten Breitseite zwei, die hinaus auf eine
-vorgelagerte Veranda gingen, eine dritte vorn links, die geradeswegs in
-die vordere Halle führte, und dann jene, durch die Hans Castorp von
-einem Flur aus eingetreten war, da Joachim ihn eine andere Treppe
-hinabgeführt hatte, als gestern abend.
-
-Er hatte zur Rechten ein unansehnliches Wesen in Schwarz mit flaumigem
-Teint und matt erhitzten Backen, in der er etwas wie eine Nähterin oder
-Hausschneiderin sah, wohl auch weil sie ausschließlich Kaffee mit
-Buttersemmeln frühstückte und weil er die Vorstellung einer
-Hausschneiderin von jeher mit derjenigen von Kaffee und Buttersemmeln
-verbunden hatte. Zur Linken saß ihm ein englisches Fräulein, schon
-angejahrt gleichfalls, sehr häßlich, mit dürren, verfrorenen Fingern,
-die rundlich geschriebene Briefe aus der Heimat las und einen
-blutfarbenen Tee dazu trank. Neben ihr folgte Joachim und dann Frau
-Stöhr in einer schottischen Wollbluse. Die linke Hand hielt sie geballt
-in der Nähe ihrer Wange, während sie speiste, und bemühte sich
-sichtlich, beim Sprechen eine feingebildete Miene zu machen, indem sie
-die Oberlippe von ihren schmalen und langen Hasenzähnen zurückzog. Ein
-junger Mann mit dünnem Schnurrbart und einem Gesichtsausdruck, als habe
-er etwas Schlechtschmeckendes im Munde, setzte sich neben sie und
-frühstückte vollständig schweigend. Er kam herein, als Hans Castorp
-schon saß, senkte im Gehen und ohne jemanden anzublicken einmal zum
-Gruße das Kinn auf die Brust und nahm Platz, indem er es durch sein
-Verhalten rundweg ablehnte, sich mit dem neuen Gaste bekannt machen zu
-lassen. Vielleicht war er zu krank, um für solche Äußerlichkeiten noch
-Sinn und Achtung zu haben oder überhaupt an seiner Umgebung Interesse zu
-nehmen. Einen Augenblick saß ihm gegenüber ein außerordentlich mageres,
-hellblondes junges Mädchen, das eine Flasche Yoghurt auf seinen Teller
-entleerte, die Milchspeise auflöffelte und sich unverzüglich wieder
-entfernte.
-
-Die Unterhaltung am Tisch war nicht lebhaft. Joachim plauderte formell
-mit Frau Stöhr, er erkundigte sich nach ihrem Befinden und vernahm mit
-korrektem Bedauern, daß es zu wünschen übrig lasse. Sie klagte über
-„Schlaffheit“. „Ich bin so schlaff!“ sagte sie gedehnt und zierte sich
-auf ungebildete Weise. Auch habe sie beim Aufstehen schon 37,3 gehabt,
-und wie werde es da erst nachmittags sein. Die Hausschneiderin bekannte
-sich zu derselben Körpertemperatur, erklärte aber, daß sie sich im
-Gegenteil aufgeregt fühle, innerlich gespannt und rastlos, so, als
-stände ihr etwas Besonderes und Entscheidendes bevor, was doch gar nicht
-der Fall sei, sondern es sei eine körperliche Erregung ohne seelische
-Ursachen. Sie war doch wohl keine Hausschneiderin, denn sie sprach sehr
-richtig und fast gelehrt. Übrigens fand Hans Castorp diese Aufgeregtheit
-oder doch die Äußerung davon irgendwie unangemessen, ja fast anstößig
-bei einem so unscheinbaren und geringen Geschöpf. Er fragte nacheinander
-die Nähterin und Frau Stöhr, wie lange sie schon hier oben seien (jene
-lebte seit fünf Monaten, diese seit sieben in der Anstalt), suchte
-hierauf sein Englisch zusammen, um von seiner Nachbarin zur Rechten zu
-erfahren, was für einen Tee sie da trinke (es war Hagebuttentee) und ob
-er denn gut schmecke, was sie fast stürmisch bejahte, und sah dann in
-den Saal hinein, in dem man kam und ging: das erste Frühstück war keine
-streng gemeinsame Mahlzeit.
-
-Er hatte ein wenig Furcht vor schreckhaften Eindrücken gehabt, aber er
-fand sich enttäuscht: es ging ganz aufgeräumt zu hier im Saale, man
-hatte nicht das Gefühl, sich an einer Stätte des Jammers zu befinden.
-Gebräunte junge Leute beiderlei Geschlechts kamen trällernd herein,
-sprachen mit den Saaltöchtern und hieben mit robustem Appetit in das
-Frühstück ein. Auch reifere Personen waren da, Ehepaare, eine ganze
-Familie mit Kindern, die Russisch sprach, auch halbwüchsige Jungen. Die
-Frauen trugen fast sämtlich eng anliegende Jacken aus Wolle oder Seide,
-sogenannte Sweater, weiß oder farbig, mit Fallkragen und Seitentaschen,
-und es sah hübsch aus, wenn sie, beide Hände in diese Seitentaschen
-vergraben, standen und plauderten. An mehreren Tischen wurden
-Photographien herumgezeigt, neue, selbst angefertigte Aufnahmen ohne
-Zweifel; an einem anderen tauschte man Briefmarken. Es wurde vom Wetter
-gesprochen, davon, wie man geschlafen und wieviel man morgens im Munde
-gemessen. Die meisten waren lustig, – ohne besonderen Grund
-wahrscheinlich, sondern nur, weil sie keine unmittelbaren Sorgen hatten
-und zahlreich beisammen waren. Einzelne freilich saßen, den Kopf in die
-Hände gestützt, am Tische und starrten vor sich hin. Man ließ sie
-starren und achtete nicht auf sie.
-
-Plötzlich zuckte Hans Castorp geärgert und beleidigt zusammen. Eine Tür
-war zugefallen, es war die Tür links vorn, die gleich in die Halle
-führte, – jemand hatte sie zufallen lassen oder gar hinter sich ins
-Schloß geworfen, und das war ein Geräusch, das Hans Castorp auf den Tod
-nicht leiden konnte, das er von jeher gehaßt hatte. Vielleicht beruhte
-dieser Haß auf Erziehung, vielleicht auf angeborener Idiosynkrasie, –
-genug, er verabscheute das Türenwerfen und hätte jeden schlagen können,
-der es sich vor seinen Ohren zuschulden kommen ließ. In diesem Fall war
-die Tür obendrein mit kleinen Glasscheiben gefüllt, und das verstärkte
-den Chok: es war ein Schmettern und Klirren. Pfui, dachte Hans Castorp
-wütend, was ist denn das für eine verdammte Schlamperei! Da übrigens in
-demselben Augenblick die Nähterin das Wort an ihn richtete, so hatte er
-keine Zeit, festzustellen, wer der Missetäter gewesen sei. Doch standen
-Falten zwischen seinen blonden Brauen, und sein Gesicht war peinlich
-verzerrt, während er der Nähterin antwortete.
-
-Joachim fragte, ob die Ärzte schon durchgekommen seien. Ja, zum
-erstenmal seien sie dagewesen, antwortete jemand, – sie hätten den Saal
-verlassen fast in dem Augenblick, als die Vettern gekommen seien. Dann
-wollten sie gehen und nicht warten, meinte Joachim. Eine Gelegenheit zur
-Vorstellung werde sich im Laufe des Tages ja finden. Aber an der Tür
-wären sie fast mit Hofrat Behrens zusammengestoßen, der, gefolgt von Dr.
-Krokowski, im Geschwindschritt hereinkam.
-
-„Hoppla, Achtung die Herren!“ sagte Behrens. „Das hätte leicht schlecht
-ablaufen können für die beiderseitigen Hühneraugen.“ Er sprach stark
-niedersächsisch, breit und kauend. „So das sind _Sie_“, sagte er zu Hans
-Castorp, den Joachim mit zusammengezogenen Absätzen präsentierte; „na,
-freut mich.“ Und er gab dem jungen Mann seine Hand, die groß war wie
-eine Schaufel. Er war ein knochiger Mann, wohl drei Köpfe höher als Dr.
-Krokowski, schon ganz weiß auf dem Kopf, mit heraustretendem Genick,
-großen, vorquellenden und blutunterlaufenen blauen Augen, in denen
-Tränen schwammen, einer aufgeworfenen Nase und kurzgeschnittenem
-Schnurrbärtchen, das schief gezogen war, und zwar infolge einer
-einseitigen Schürzung der Oberlippe. Was Joachim von seinen Backen
-gesagt hatte, bewahrheitete sich vollkommen, sie waren blau; und so
-wirkte sein Kopf denn recht farbig gegen den weißen Chirurgenrock, den
-er trug, einen über die Knie reichenden Gurtkittel, der unten seine
-gestreiften Hosen und ein paar kolossale Füße in gelben und etwas
-abgenutzten Schnürstiefeln sehen ließ. Auch Dr. Krokowski war im
-Berufskleide, allein sein Kittel war schwarz, aus einem schwarzen
-Lüsterstoff, hemdartig, mit Gummizügen an den Handgelenken, und hob
-seine Blässe nicht wenig. Er verhielt sich rein assistierend und
-beteiligte sich auf keine Weise an der Begrüßung, doch ließ eine
-kritische Spannung seines Mundes erkennen, daß er sein untergeordnetes
-Verhältnis als wunderlich empfinde.
-
-„Vettern?“ fragte der Hofrat, indem er mit der Hand zwischen den jungen
-Leuten hin und her deutete und mit seinen blutunterlaufenen blauen Augen
-von unten blickte ... „Na, will er denn auch zum Kalbsfell schwören?“
-sagte er zu Joachim und wies mit dem Kopf auf Hans Castorp ... „I, Gott
-bewahre, – was? Ich habe doch gleich gesehen“ – und er sprach nun direkt
-zu Hans Castorp –, „daß Sie so was Ziviles haben, so was Komfortables, –
-nichts so Waffenrasselndes wie dieser Rottenführer da. Sie wären ein
-besserer Patient als der, da möcht ich doch wetten. Das sehe ich jedem
-gleich an, ob er einen brauchbaren Patienten abgeben kann, denn dazu
-gehört Talent, Talent gehört zu allem, und dieser Myrmidon hier hat auch
-kein bißchen Talent. Zum Exerzieren, das weiß ich nicht, aber zum
-Kranksein gar nicht. Wollen Sie glauben, daß er immer weg will? Immerzu
-will er weg, tirrt mich und plagt mich und kann es nicht erwarten, sich
-da unten schinden zu lassen. So ein Biereifer! Kein halbes Jährchen will
-er uns schenken. Und dabei ist es doch ganz schön hier bei uns, – nun
-sagen Sie mal selbst, Ziemßen, ob es nicht ganz schön hier ist! Na, Ihr
-Herr Vetter wird uns schon besser zu würdigen wissen, wird sich schon
-amüsieren. Damenmangel ist auch nicht, – allerliebste Damen haben wir
-hier. Wenigstens von außen sind manche ganz malerisch. Aber _Sie_
-sollten sich etwas mehr Couleur anschaffen, hören Sie mal, sonst fallen
-Sie ab bei den Damen! Grün ist ja wohl des Lebens goldner Baum, aber als
-Gesichtsfarbe ist grün doch nicht ganz das Richtige. Total anämisch
-natürlich“, sagte er, indem er ohne weiteres auf Hans Castorp zutrat und
-ihm mit Zeige- und Mittelfinger ein Augenlid herunterzog.
-„Selbstverständlich total anämisch, wie ich sagte. Wissen Sie was? Das
-war gar nicht so dumm von Ihnen, daß Sie Ihr Hamburg mal auf einige Zeit
-sich selbst überließen. Ist ja eine höchst dankenswerte Einrichtung,
-dieses Hamburg; stellt uns immer ein nettes Kontingent mit seiner
-feuchtfröhlichen Meteorologie. Aber wenn ich Ihnen bei dieser
-Gelegenheit einen unmaßgeblichen Rat geben darf – ganz _sine pecunia_,
-wissen Sie –, so machen Sie, solange Sie hier sind, mal alles mit, was
-Ihr Vetter macht. In Ihrem Fall kann man gar nichts Schlaueres tun, als
-einige Zeit zu leben wie bei leichter _tuberculosis pulmonum_, und ein
-bißchen Eiweiß anzusetzen. Das ist nämlich kurios hier bei uns mit dem
-Eiweißstoffwechsel ... Obgleich die Allgemeinverbrennung erhöht ist,
-setzt der Körper doch Eiweiß an ... Na, und Sie haben schön geschlafen,
-Ziemßen? Fein, was? Also nun mal los mit dem Lustwandel! Aber nicht mehr
-als ’ne halbe Stunde! Und nachher die Quecksilberzigarre ins Gesicht
-gesteckt! Immer hübsch aufschreiben, Ziemßen! Dienstlich! Gewissenhaft!
-Sonnabend will ich die Kurve sehen! Ihr Herr Vetter soll auch gleich
-mitmessen. Messen kann nie was schaden. Morgen, die Herren! Gute
-Unterhaltung! Morgen ... Morgen ...“ Und Dr. Krokowski schloß sich ihm
-an, der weiter segelte, mit den Armen schlenkernd, die Handflächen ganz
-nach hinten gekehrt, indem er nach rechts und links die Frage richtete,
-ob man „schön“ geschlafen habe, was allgemein bejaht wurde.
-
-
- Neckerei. Viatikum. Unterbrochene Heiterkeit
-
-„Sehr netter Mann“, sagte Hans Castorp, als sie nach freundschaftlicher
-Begrüßung mit dem hinkenden Concierge, der in seiner Loge Briefe
-ordnete, durch das Portal hinaus ins Freie traten. Das Portal war an der
-Südostflanke des weißgetünchten Gebäudes gelegen, dessen mittlerer Teil
-die beiden Flügel um ein Stockwerk überragte und von einem kurzen, mit
-schieferfarbenem Eisenblech gedeckten Uhrturm gekrönt war. Man berührte
-den eingezäunten Garten nicht, wenn man das Haus hier verließ, sondern
-war gleich im Freien, angesichts schräger Bergwiesen, die von
-vereinzelten, mäßig hohen Fichten und auf den Boden geduckten
-Krummholzkiefern bestanden waren. Der Weg, den sie einschlugen –
-eigentlich war es der einzige, der in Betracht kam, außer der zu Tale
-abfallenden Fahrstraße –, leitete sie leicht ansteigend nach links an
-der Rückseite des Sanatoriums vorbei, der Küchen- und Wirtschaftsseite,
-wo eiserne Abfalltonnen an den Gittern der Kellertreppen standen, lief
-noch ein gutes Stück in derselben Richtung fort, beschrieb dann ein
-scharfes Knie und führte steiler nach rechts hin den dünn bewaldeten
-Hang hinan. Es war ein harter, rötlich gefärbter, noch etwas feuchter
-Weg, an dessen Saume zuweilen Steinblöcke lagen. Die Vettern sahen sich
-keineswegs allein auf der Promenade. Gäste, die gleich nach ihnen ihr
-Frühstück beendet, folgten ihnen auf dem Fuße, und ganze Gruppen, auf
-dem Rückweg, kamen ihnen mit den stapfenden Tritten absteigender Leute
-entgegen.
-
-„Sehr netter Mann!“ wiederholte Hans Castorp. „So eine flotte Redeweise
-hat er, es machte mir Spaß, ihm zuzuhören. ‚Quecksilberzigarre‘ für
-‚Thermometer‘ ist doch ausgezeichnet, ich habe es gleich verstanden ...
-Aber ich zünde mir nun eine richtige an,“ sagte er stehenbleibend, „ich
-halte es nicht mehr aus! Seit gestern mittag habe ich nichts
-Ordentliches mehr geraucht ... Entschuldige mal!“ Und er entnahm seinem
-automobilledernen und mit silbernem Monogramm geschmückten Etui ein
-Exemplar von Maria Mancini, ein schönes Exemplar der obersten Lage, an
-einer Seite abgeplattet, wie er es besonders liebte, kupierte die Spitze
-mit einem kleinen, eckig schneidenden Instrument, das er an der Uhrkette
-trug, ließ seinen Taschenzündapparat aufflammen und setzte die ziemlich
-lange, vorn stumpfe Zigarre mit einigen hingebungsvoll paffenden Zügen
-in Brand. „So!“ sagte er. „Nun können wir meinethalben den Lustwandel
-fortsetzen. Du rauchst natürlich nicht vor lauter Biereifer.“
-
-„Ich rauche ja nie“, antwortete Joachim. „Warum sollt ich denn gerade
-hier rauchen.“
-
-„Das verstehe ich nicht!“ sagte Hans Castorp. „Ich verstehe es nicht,
-wie jemand nicht rauchen kann, – er bringt sich doch, sozusagen, um des
-Lebens bestes Teil und jedenfalls um ein ganz eminentes Vergnügen! Wenn
-ich aufwache, so freue ich mich, daß ich tagüber werde rauchen dürfen,
-und wenn ich esse, so freue ich mich wieder darauf, ja ich kann sagen,
-daß ich eigentlich bloß esse, um rauchen zu können, wenn ich damit
-natürlich auch etwas übertreibe. Aber ein Tag ohne Tabak, das wäre für
-mich der Gipfel der Schalheit, ein vollständig öder und reizloser Tag,
-und wenn ich mir morgens sagen müßte: heut gibt’s nichts zu rauchen, –
-ich glaube, ich fände den Mut gar nicht, aufzustehen, wahrhaftig, ich
-bliebe liegen. Siehst du: hat man eine gut brennende Zigarre –
-selbstverständlich darf sie nicht Nebenluft haben oder schlecht ziehen,
-das ist im höchsten Grade ärgerlich – ich meine: hat man eine gute
-Zigarre, dann ist man eigentlich geborgen, es kann einem buchstäblich
-nichts geschehn. Es ist genau, wie wenn man an der See liegt, dann liegt
-man eben an der See, nicht wahr, und braucht nichts weiter, weder Arbeit
-noch Unterhaltung ... Gott sei Dank raucht man ja in der ganzen Welt, es
-ist nirgendwo unbekannt, soviel ich weiß, wohin man auch etwa
-verschlagen werden sollte. Selbst die Polarforscher statten sich
-reichlich mit Rauchvorrat aus für ihre Strapazen, und das hat mich immer
-sympathisch berührt, wenn ich es las. Denn es kann einem sehr schlecht
-gehen, – nehmen wir mal an, es ginge mir miserabel; aber solange ich
-noch meine Zigarre hätte, hielte ich’s aus, das weiß ich, sie brächte
-mich drüber weg.“
-
-„Immerhin ist es etwas schlapp,“ sagte Joachim, „daß du so daran hängst.
-Behrens hat ganz recht: Du bist ein Zivilist – er meinte es ja wohl mehr
-als Lob, aber du bist ein heilloser Zivilist, das ist die Sache.
-Übrigens bist du ja gesund und kannst tun, was du willst“, sagte er, und
-seine Augen wurden müde.
-
-„Ja, gesund bis auf die Anämie“, sagte Hans Castorp. „Reichlich geradezu
-war es ja, wie er es mir so sagte, daß ich grün aussehe. Aber es stimmt,
-es ist mir selber aufgefallen, daß ich im Vergleich mit euch hier oben
-förmlich grün bin, zu Hause hab ich es nicht so bemerkt. Und dann ist es
-ja auch wieder nett von ihm, daß er mir so ohne weiteres Ratschläge
-gibt, ganz _sine pecunia_, wie er sich ausdrückt. Ich will mir gern
-vornehmen, es zu machen, wie er sagt, und mich ganz nach deiner
-Lebensweise richten, – was sollt’ ich denn sonst auch wohl tun bei euch
-hier oben, und es kann ja nicht schaden, wenn ich in Gottes Namen Eiweiß
-ansetze, obgleich es etwas widerlich klingt, das mußt du mir zugeben.“
-
-Joachim hüstelte ein paarmal im Gehen, – die Steigung schien ihn doch
-anzustrengen. Als er zum drittenmal ansetzte, blieb er mit gerunzelten
-Brauen stehen. „Geh nur voran“, sagte er. Hans Castorp beeilte sich,
-weiterzugehen und sah sich nicht um. Dann verlangsamte er seinen Schritt
-und blieb schließlich fast stehen, da ihm war, als müsse er einen
-bedeutenden Vorsprung vor Joachim gewonnen haben. Aber er sah sich nicht
-um.
-
-Ein Trupp von Gästen beiderlei Geschlechtes kam ihm entgegen, – er hatte
-sie droben auf halber Höhe des Hanges den ebenen Weg entlang kommen
-sehen, jetzt stapften sie abwärts, gerade auf ihn zu und ließen ihre
-verschiedenartigen Stimmen ertönen. Es waren sechs oder sieben Personen
-gemischten Alters, die einen blutjung, ein paar schon etwas weiter an
-Jahren. Er sah sie sich an mit seitwärts geneigtem Kopfe, während er an
-Joachim dachte. Sie waren barhaupt und braun, die Damen in farbigen
-Sweaters, die Herren meist ohne Überzieher und selbst ohne Stöcke, wie
-Leute, die ohne Umstände und die Hände in den Taschen ein paar Schritte
-vors Haus machen. Da sie bergab gingen, was keine ernsthaft tragende
-Anstrengung, sondern nur ein lustiges Bremsen und Anstemmen der Beine
-erfordert, damit man nicht ins Laufen und Stolpern gerät, ja eigentlich
-nichts weiter als ein Sichfallenlassen ist, hatte ihre Gangart etwas
-Beschwingtes und Leichtsinniges, was sich ihren Mienen, ihrer ganzen
-Erscheinung mitteilte, so daß man wohl wünschen konnte, zu ihnen zu
-gehören.
-
-Nun waren sie bei ihm, Hans Castorp sah ihre Gesichter genau. Sie waren
-nicht alle gebräunt, zwei Damen stachen durch Blässe ab: die eine dünn
-wie ein Stock und elfenbeinern von Angesicht, die andere kleiner und
-fett, von Leberflecken verunziert. Sie sahen ihn alle an, mit einem
-gemeinsamen, dreisten Lächeln. Ein langes junges Mädchen in grünem
-Sweater, mit schlecht frisiertem Haar und dummen, nur halb geöffneten
-Augen strich dicht an Hans Castorp vorbei, indem es ihn fast mit dem
-Arme berührte. Und dabei pfiff sie ... Nein, das war verrückt! Sie pfiff
-ihn an, doch nicht mit dem Mund, den spitzte sie gar nicht, sie hielt
-ihn im Gegenteil fest geschlossen. Es pfiff aus ihr, indes sie ihn
-ansah, dumm und mit halbgeschlossenen Augen, – ein außerordentlich
-unangenehmes Pfeifen, rauh, scharf und doch hohl, gedehnt und gegen
-das Ende im Tone abfallend, so daß es an die Musik jener
-Jahrmarktsschweinchen aus Gummi erinnerte, die klagend ihre eingeblasene
-Luft fahren lassen und zusammensinken, drang irgendwie und
-unbegreiflicherweise aus ihrer Brust hervor, und dann war sie mit ihrer
-Gesellschaft vorüber.
-
-Hans Castorp stand starr und blickte ins Weite. Dann wandte er sich
-hastig um und begriff wenigstens so viel, daß das Abscheuliche ein
-Scherz, eine abgekartete Fopperei gewesen sein mußte, denn er sah an den
-Schultern der Abziehenden, daß sie lachten, und ein untersetzter
-Jüngling mit Wulstlippen, welcher, beide Hände in den Hosentaschen, auf
-ziemlich unschickliche Art seine Jacke emporgerafft hielt, drehte sogar
-unverhohlen den Kopf nach ihm und lachte ... Joachim war herangekommen.
-Er grüßte die Gruppe, indem er nach seiner ritterlichen Gewohnheit
-beinahe Front machte und sich mit zusammengezogenen Absätzen verbeugte,
-und trat dann sanft blickend zu seinem Vetter.
-
-„Was machst du denn für ein Gesicht?“ fragte er.
-
-„Sie pfiff!“ antwortete Hans Castorp. „Sie pfiff aus dem Bauche, als sie
-an mir vorüberkam, willst du mir das erklären?“
-
-„Ach“, sagte Joachim und lachte wegwerfend. „Nicht aus dem Bauche,
-Unsinn. Das war die Kleefeld, Hermine Kleefeld, die pfeift mit dem
-Pneumothorax.“
-
-„Womit?“ fragte Hans Castorp. Er war außerordentlich erregt und wußte
-nicht recht in welchem Sinne. Er schwankte zwischen Lachen und Weinen,
-als er hinzufügte: „Du kannst nicht verlangen, daß ich euer Rotwelsch
-verstehe.“
-
-„So komm doch weiter!“ sagte Joachim. „Ich kann es dir doch auch im
-Gehen erklären. Du bist ja wie angewurzelt! Es ist etwas aus der
-Chirurgie, wie du dir denken kannst, eine Operation, die hier oben
-häufig ausgeführt wird. Behrens hat große Übung darin ... Wenn eine
-Lunge sehr mitgenommen ist, verstehst du, die andere aber gesund oder
-vergleichsweise gesund, so wird die kranke mal einige Zeit von ihrer
-Tätigkeit dispensiert, um sie zu schonen ... Das heißt: man wird hier
-aufgeschnitten, hier irgendwo seitwärts, – ich kenne die Stelle ja nicht
-genau, aber Behrens hat es großartig los. Und dann wird Gas in einen
-hineingelassen, Stickstoff, weißt du, und so der verkäste Lungenflügel
-außer Betrieb gesetzt. Das Gas hält natürlich nicht lange vor,
-halbmonatlich etwa muß es erneuert werden, – man wird gleichsam
-aufgefüllt, so mußt du dirs vorstellen. Und wenn das ein Jahr lang
-geschieht oder länger, und alles geht gut, so kann die Lunge durch Ruhe
-zur Heilung kommen. Nicht immer, versteht sich, es ist wohl sogar eine
-gewagte Sache. Aber es sollen schon schöne Erfolge mit dem Pneumothorax
-erzielt worden sein. Alle haben ihn, die du da eben sahst. Frau Iltis
-war auch dabei – die mit den Leberflecken – und Fräulein Levi, die
-magere, du erinnerst dich, – sie hat so lange zu Bett gelegen. Sie haben
-sich zusammengefunden, denn so etwas wie der Pneumothorax verbindet die
-Menschen natürlich, und nennen sich ‚Verein Halbe Lunge‘, unter diesem
-Namen sind sie bekannt. Aber der Stolz des Vereins ist Hermine Kleefeld,
-weil sie mit dem Pneumothorax pfeifen kann, – das ist eine Gabe von ihr,
-es kann es durchaus nicht jeder. Wie sie es fertig bringt, das kann ich
-dir auch nicht sagen, sie selbst kann es nicht deutlich beschreiben.
-Aber wenn sie rasch gegangen ist, dann kann sie aus ihrem Inneren
-pfeifen, und das benutzt sie natürlich, um die Leute zu erschrecken,
-besonders die neuangekommenen Kranken. Ich glaube übrigens, daß sie
-Stickstoff dabei verschwendet, denn alle acht Tage muß sie aufgefüllt
-werden.“
-
-Nun lachte Hans Castorp; seine Erregung hatte sich bei Joachims Worten
-zum Heiteren entschieden, und indem er im Gehen die Augen mit der Hand
-bedeckte und sich vorneigte, wurden seine Schultern von einem raschen
-und leisen Kichern erschüttert.
-
-„Sind sie auch eingetragen?“ fragte er, und das Sprechen wurde ihm nicht
-leicht; es klang vor zurückgehaltenem Lachen weinerlich und leise
-jammernd. „Haben sie Statuten? Schade, daß du nicht Mitglied bist, du,
-dann könnten sie mich als Ehrengast zulassen oder als ... Konkneipant
-... Du solltest Behrens bitten, daß er dich teilweise außer Betrieb
-setzt. Vielleicht würdest du auch pfeifen können, wenn du’s drauf
-anlegtest, es muß doch schließlich zu lernen sein ... Das ist das
-Komischste, was ich in meinem Leben gehört habe!“ sagte er tief
-aufseufzend. „Ja, verzeih, daß ich so davon spreche, aber sie selbst
-sind ja in der besten Laune, deine pneumatischen Freunde! Wie sie
-daherkamen ... Und zu denken, daß es der ‚Verein Halbe Lunge‘ war!
-‚Tiuu‘ pfeift sie mich an, – eine tolle Person! Aber das ist doch heller
-Übermut! Warum sind sie so übermütig, du, willst du mir das mal sagen?“
-
-Joachim suchte nach einer Antwort. „Gott,“ sagte er, „sie sind so _frei_
-... Ich meine, es sind ja junge Leute, und die Zeit spielt keine Rolle
-für sie, und dann sterben sie womöglich. Warum sollen sie da ernste
-Gesichter schneiden. Ich denke manchmal: Krankheit und Sterben sind
-eigentlich nicht ernst, sie sind mehr so eine Art Bummelei, Ernst gibt
-es genau genommen nur im Leben da unten. Ich glaube, daß du das mit der
-Zeit schon verstehen wirst, wenn du erst länger hier oben bist.“
-
-„Sicher“, sagte Hans Castorp. „Das glaube ich sogar sicher. Ich habe
-schon sehr viel Interesse gefaßt für euch hier oben, und wenn man sich
-interessiert, nicht wahr, dann kommt das Verstehen von selber ... Aber
-wie ist mir denn nur, – sie schmeckt nicht!“ sagte er und betrachtete
-seine Zigarre. „Ich frage mich die ganze Zeit, was mir fehlt, und nun
-merke ich, daß es Maria ist, die mir nicht schmeckt. Sie schmeckt wie
-Papiermaché, ich versichere dich, es ist gerade, wie wenn man einen
-völlig verdorbenen Magen hat. Das ist doch unbegreiflich! Ich habe ja
-ungewöhnlich viel zum Frühstück gegessen, aber das kann der Grund nicht
-sein, denn wenn man zu viel gegessen hat, so schmeckt sie zunächst sogar
-besonders gut. Meinst du, es kann daher kommen, daß ich so unruhig
-geschlafen habe? Vielleicht bin ich dadurch in Unordnung geraten. Nein,
-ich muß sie geradezu wegwerfen!“ sagte er nach einem neuen Versuch.
-„Jeder Zug ist eine Enttäuschung; es hat keinen Zweck, daß ich es
-forciere.“ Und nachdem er noch einen Augenblick gezögert, warf er die
-Zigarre den Abhang hinab zwischen das feuchte Nadelholz. „Weißt du,
-womit es meiner Überzeugung nach zusammenhängt?“ fragte er ... „Meiner
-festen Überzeugung nach hängt es mit dieser verdammten Gesichtshitze
-zusammen, an der ich nun schon wieder seit dem Aufstehen laboriere. Weiß
-der Teufel, mir ist immer, als wäre ich schamrot im Gesicht ... Hast du
-das auch so gehabt, als du ankamst?“
-
-„Ja“, sagte Joachim. „Mir war auch zuerst etwas sonderbar. Mach dir
-nichts draus! Ich habe dir ja gesagt, daß es nicht so leicht ist, sich
-einzuleben bei uns. Aber du kommst schon wieder in Ordnung. Siehst du,
-die Bank steht hübsch. Wir wollen uns etwas setzen und dann nach Hause
-gehen, ich muß in die Liegekur.“
-
-Der Weg war eben geworden. Er lief nun in der Richtung auf Platz Davos,
-etwa in Drittelhöhe des Hanges, und gewährte zwischen hohen, schmal
-gewachsenen und windschiefen Kiefern den Blick auf den Ort, der weißlich
-in hellerem Lichte lag. Die schlicht gezimmerte Bank, auf der sie sich
-setzten, lehnte sich an die steile Bergwand. Neben ihnen fiel ein Wasser
-in offener Holzrinne gurgelnd und plätschernd zu Tal.
-
-Joachim wollte den Vetter über die Namen der umwölkten Alpenhäupter
-unterrichten, die das Tal im Süden zu schließen schienen, indem er mit
-der Spitze seines Bergstockes auf sie wies. Aber Hans Castorp blickte
-nur flüchtig hin, er saß vornüber gebeugt, zeichnete mit der Zwinge
-seines städtischen, silberbeschlagenen Stockes Figuren im Sand und
-verlangte anderes zu wissen.
-
-„Was ich dich fragen wollte –“, fing er an ... „Der Fall in meinem
-Zimmer war also gerade eingegangen, als ich kam. Sind sonst schon viele
-Todesfälle vorgekommen, seit du hier oben bist?“
-
-„Mehrere sicher“, antwortete Joachim. „Aber sie werden diskret
-behandelt, verstehst du, man erfährt nichts davon oder nur gelegentlich,
-später, es geht im strengsten Geheimnis vor sich, wenn einer stirbt, aus
-Rücksicht auf die Patienten und namentlich auch auf die Damen, die sonst
-leicht Zufälle bekämen. Wenn neben dir jemand stirbt, das merkst du gar
-nicht. Und der Sarg wird in aller Frühe gebracht, wenn du noch schläfst,
-und abgeholt wird der Betreffende auch nur zu solchen Zeiten, zum
-Beispiel während des Essens.“
-
-„Hm“, sagte Hans Castorp und zeichnete weiter. „Hinter den Kulissen also
-geht so etwas vor sich.“
-
-„Ja, so kann man sagen. Aber neulich, es ist nun, warte mal,
-möglicherweise acht Wochen her –“
-
-„Dann kannst du nicht neulich sagen“, bemerkte Hans Castorp trocken und
-wachsam.
-
-„Wie? Also nicht neulich. Du bist aber genau. Ich habe die Zahl ja nur
-so geraten. Also vor einiger Zeit, da habe ich doch einmal hinter die
-Kulissen gesehen, aus reinem Zufall, ich weiß es wie heute. Das war, als
-sie der kleinen Hujus, einer Katholischen, Barbara Hujus, das Viatikum
-brachten, das Sterbesakrament, weißt du, die letzte Ölung. Sie war noch
-auf, als ich hier ankam, und ausgelassen lustig konnte sie sein, so
-dalberig, recht wie ein Backfisch. Aber dann ging es rapide mit ihr, sie
-stand nicht mehr auf, drei Zimmer von meinem lag sie, und ihre Eltern
-kamen, und nun kam denn also der Priester. Er kam, während alles beim
-Tee war, nachmittags, es war kein Mensch auf den Gängen. Aber stelle dir
-vor, ich hatte verschlafen, ich war in der Hauptliegekur eingeschlafen
-und hatte das Gong überhört und mich um eine Viertelstunde verspätet. Da
-war ich nun im entscheidenden Augenblick nicht, wo alle waren, sondern
-war hinter die Kulissen geraten, wie du sagst, und wie ich über den
-Korridor gehe, da kommen sie mir entgegen, in Spitzenhemden und ein
-Kreuz voran, ein goldenes Kreuz mit Laternen, der eine trug es voran wie
-den Schellenbaum vor der Janitscharenmusik.“
-
-„Das ist kein Vergleich“, sagte Hans Castorp nicht ohne Strenge.
-
-„Es kam mir so vor. Ich wurde unwillkürlich daran erinnert. Aber höre
-nur weiter. Sie kommen also auf mich zu, marsch, marsch, im
-Geschwindschritt, zu dritt, wenn ich nicht irre, voran der Mann mit dem
-Kreuz, darauf der Geistliche, eine Brille auf der Nase, und dann noch
-ein Junge mit einem Räucherfäßchen. Der Geistliche hielt das Viatikum an
-der Brust, es war zugedeckt, und er hielt recht demütig den Kopf schief,
-es ist ja ihr Allerheiligstes.“
-
-„Eben darum“, sagte Hans Castorp. „Eben aus diesem Grunde wundere ich
-mich, daß du von Schellenbaum sprechen magst.“
-
-„Ja, ja. Aber warte nur, wenn du dabei gewesen wärst, wüßtest du auch
-nicht, was du für ein Gesicht machen solltest in der Erinnerung. Es war,
-daß man davon träumen könnte –“
-
-„In welcher Hinsicht?“
-
-„Folgendermaßen. Ich frage mich also, wie ich mich zu verhalten habe
-unter diesen Umständen. Einen Hut zum Abnehmen hatte ich nicht auf –“
-
-„Siehst du wohl!“ unterbrach ihn Hans Castorp rasch noch einmal. „Siehst
-du wohl, daß man einen Hut aufhaben soll! Es ist mir natürlich
-aufgefallen, daß ihr keinen tragt hier oben. Man soll aber einen
-aufsetzen, damit man ihn abnehmen kann, bei Gelegenheiten, wo es sich
-schickt. Aber was denn nun weiter?“
-
-„Ich stellte mich an die Wand,“ sagte Joachim, „in anständiger Haltung,
-und verbeugte mich etwas, als sie bei mir waren, – es war gerade vor dem
-Zimmer der kleinen Hujus, Nummer achtundzwanzig. Ich glaube, der
-Geistliche freute sich, daß ich grüßte; er dankte sehr höflich und nahm
-seine Kappe ab. Aber zugleich machen sie auch schon halt, und der
-Ministrantenjunge mit dem Räucherfaß klopft an, und dann klinkt er auf
-und läßt seinem Chef den Vortritt ins Zimmer. Und nun stelle dir vor und
-male dir meinen Schrecken aus und meine Empfindungen! In dem Augenblick,
-wo der Priester den Fuß über die Schwelle setzt, geht da drinnen ein
-Zetermordio an, ein Gekreisch, du hast nie so etwas gehört, drei,
-viermal hintereinander, und danach ein Schreien ohne Pause und Absatz,
-aus weit offenem Munde offenbar, ahhh, es lag ein Jammer darin und ein
-Entsetzen und Widerspruch, daß es nicht zu beschreiben ist, und so ein
-greuliches Betteln war es auch zwischendurch, und auf einen Schlag wird
-es hohl und dumpf, als ob es in die Erde versunken wäre und tief aus dem
-Keller käme.“
-
-Hans Castorp hatte sich seinem Vetter heftig zugewandt. „War das die
-Hujus?“ fragte er aufgebracht. „Und wieso: ‚aus dem Keller‘?“
-
-„Sie war unter die Decke gekrochen!“ sagte Joachim. „Stelle dir meine
-Empfindungen vor! Der Geistliche stand dicht an der Schwelle und sagte
-beruhigende Worte, ich sehe ihn noch, er schob immer den Kopf dabei vor
-und zog ihn dann wieder zurück. Der Kreuzträger und der Ministrant
-standen noch zwischen Tür und Angel und konnten nicht eintreten. Und ich
-konnte zwischen ihnen hindurch ins Zimmer sehen. Es ist ja ein Zimmer
-wie deins und meins, das Bett steht links von der Tür an der Seitenwand,
-und am Kopfende standen Leute, die Angehörigen natürlich, die Eltern,
-und redeten auch beschwichtigend auf das Bett hinunter, man sah nichts
-als eine formlose Masse darin, die bettelte und grauenhaft protestierte
-und mit den Beinen strampelte.“
-
-„Sagst du, daß sie mit den Beinen strampelte?“
-
-„Aus Leibeskräften! Aber es nützte ihr nichts, das Sterbesakrament mußte
-sie haben. Der Pfarrer ging auf sie zu, und auch die beiden anderen
-traten ein, und die Tür wurde zugezogen. Aber vorher sah ich noch: der
-Kopf von der Hujus kommt für eine Sekunde zum Vorschein, mit wirrem
-hellblonden Haar, und starrt den Priester mit weitaufgerissenen Augen
-an, so blassen Augen, ganz ohne Farbe und fährt mit Ah und Huh wieder
-unters Laken.“
-
-„Und das erzählst du mir jetzt erst?“ sagte Hans Castorp nach einer
-Pause. „Ich verstehe nicht, daß du nicht schon gestern abend darauf zu
-sprechen gekommen bist. Aber, mein Gott, sie mußte doch noch eine Menge
-Kraft haben, so wie sie sich wehrte. Dazu gehören doch Kräfte. Man
-sollte den Priester nicht holen lassen, bevor einer ganz schwach ist.“
-
-„Sie war auch schwach“, erwiderte Joachim. „... Ach, zu erzählen gäbe es
-viel; es ist schwer, die erste Auswahl zu treffen ... Schwach war sie
-schon, es war nur die Angst, die ihr soviel Kräfte gab. Sie ängstigte
-sich eben fürchterlich, weil sie merkte, daß sie sterben sollte. Sie war
-ja ein junges Mädchen, da muß man es schließlich entschuldigen. Aber
-auch Männer führen sich manchmal so auf, was natürlich eine
-unverzeihliche Schlappheit ist. Behrens weiß übrigens mit ihnen
-umzugehen, er hat den richtigen Ton in solchen Fällen.“
-
-„Was für einen Ton?“ fragte Hans Castorp mit zusammengezogenen Brauen.
-
-„‚Stellen Sie sich nicht so an!‘ sagt er“, antwortete Joachim.
-„Wenigstens hat er es neulich zu einem gesagt, – wir wissen es von der
-Oberin, die dabei war und den Sterbenden festhalten half. Es war so
-einer, der zu guter Letzt eine scheußliche Szene machte und absolut
-nicht sterben wollte. Da hat Behrens ihn angefahren: ‚Stellen Sie sich
-gefälligst nicht so an!‘ hat er gesagt, und sofort ist der Patient still
-geworden und ist ganz ruhig gestorben.“
-
-Hans Castorp schlug sich mit der Hand auf den Schenkel und warf sich
-gegen die Rückenlehne der Bank, indem er zum Himmel aufblickte.
-
-„Na, höre mal, das ist doch stark!“ rief er. „Fährt auf ihn los und sagt
-einfach zu ihm: ‚Stellen Sie sich nicht so an!‘ Zu einem Sterbenden! Das
-ist doch stark! Ein Sterbender ist doch gewissermaßen ehrwürdig. Man
-kann ihn doch nicht so mir nichts, dir nichts ... Ein Sterbender ist
-doch sozusagen heilig, sollte ich meinen!“
-
-„Das will ich nicht leugnen“, sagte Joachim. „Aber wenn er sich nun doch
-dermaßen schlapp benimmt ...“
-
-„Nein!“ beharrte Hans Castorp mit einer Heftigkeit, die zu dem
-Widerstand, den man ihm leistete, in keinem Verhältnis stand. „Das lasse
-ich mir nicht ausreden, daß ein Sterbender etwas Vornehmeres ist, als
-irgend so ein Lümmel, der herumgeht und lacht und Geld verdient und sich
-den Bauch vollschlägt! Das geht nicht –“ und seine Stimme schwankte
-höchst sonderbar. „Das geht nicht, daß man ihn so mir nichts, dir nichts
-–“ und seine Worte erstickten im Lachen, das ihn ergriff und ihn
-überwältigte, dem Lachen von gestern, einem tief heraufquellenden,
-leiberschütternden, grenzenlosen Gelächter, das ihm die Augen schloß und
-Tränen zwischen den Lidern hervorpreßte.
-
-„Pst!“ machte Joachim plötzlich. „Sei still!“ flüsterte er und stieß den
-haltlos Lachenden heimlich in die Seite. Hans Castorp blickte in Tränen
-auf.
-
-Auf dem Wege von links kam ein Fremder daher, ein zierlicher brünetter
-Herr mit schön gedrehtem schwarzen Schnurrbart und in hellkariertem
-Beinkleid, der, herangekommen, mit Joachim einen Morgengruß tauschte –
-der seine war präzis und wohllautend – und mit gekreuzten Füßen, auf
-seinen Stock gestützt, in anmutiger Haltung vor ihm stehen blieb.
-
-
- Satana
-
-Sein Alter wäre schwer zu schätzen gewesen, zwischen dreißig und vierzig
-mußte es wohl liegen, denn wenn auch seine Gesamterscheinung jugendlich
-wirkte, so war sein Haupthaar doch an den Schläfen schon silbrig
-durchsetzt und weiter oben merklich gelichtet: zwei kahle Buchten
-sprangen neben dem schmalen, spärlichen Scheitel ein und erhöhten die
-Stirn. Sein Anzug, diese weiten, hellgelblich karierten Hosen und ein
-flausartiger, zu langer Rock mit zwei Reihen Knöpfen und sehr großen
-Aufschlägen, war weit entfernt, Anspruch auf Eleganz zu erheben; auch
-zeigte sein rund umgebogener Stehkragen sich von häufiger Wäsche an den
-Kanten schon etwas aufgerauht, seine schwarze Krawatte war abgenutzt,
-und Manschetten trug er offenbar überhaupt nicht, – Hans Castorp
-erkannte es an der schlaffen Art, in der die Ärmel ihm um das Handgelenk
-hingen. Trotzdem sah er wohl, daß er einen Herrn vor sich habe; der
-gebildete Gesichtsausdruck des Fremden, seine freie, ja schöne Haltung
-ließen keinen Zweifel daran. Diese Mischung aber von Schäbigkeit und
-Anmut, schwarze Augen dazu und der weich geschwungene Schnurrbart,
-erinnerten Hans Castorp sogleich an gewisse ausländische Musikanten, die
-zur Weihnachtszeit in den heimischen Höfen aufspielten und mit
-emporgerichteten Sammetaugen ihren Schlapphut hinhielten, damit man
-ihnen Zehnpfennigstücke aus den Fenstern hineinwürfe. „Ein
-Drehorgelmann!“ dachte er. Und so wunderte er sich nicht über den Namen,
-den er zu hören bekam, als Joachim sich von der Bank erhob und in
-einiger Befangenheit vorstellte:
-
-„Mein Vetter Castorp, – Herr Settembrini.“
-
-Hans Castorp war ebenfalls zur Begrüßung aufgestanden, die Spuren seiner
-Heiterkeitsausschreitung noch im Gesicht. Aber der Italiener bat beide
-in höflichen Worten, sich nicht in ihrer Bequemlichkeit stören zu lassen
-und nötigte sie auf ihre Plätze zurück, während er selbst in seiner
-angenehmen Pose vor ihnen stehen blieb. Er lächelte, wie er da stand und
-die Vettern, namentlich aber Hans Castorp, betrachtete, und diese feine,
-etwas spöttische Vertiefung und Kräuselung seines einen Mundwinkels
-unter dem vollen Schnurrbart, dort, wo er sich in schöner Rundung
-aufwärts bog, war von eigentümlicher Wirkung, es hielt gewissermaßen zur
-Geistesklarheit und Wachsamkeit an und ernüchterte den trunkenen Hans
-Castorp im Augenblick, so daß er sich schämte. Settembrini sagte:
-
-„Die Herren sind aufgeräumt, – mit Grund, mit Grund. Ein prächtiger
-Morgen! Der Himmel ist blau, die Sonne lacht –“ und er hob mit einem
-leichten und gelungenen Schwung seines Armes die kleine, gelbliche Hand
-zum Himmel, während er zugleich einen schrägen, heiteren Blick ebenfalls
-dort hinaufsandte. „Man könnte in der Tat vergessen, wo man sich
-befindet.“
-
-Er sprach ohne fremden Akzent, nur an der Genauigkeit seiner Lautbildung
-hätte man allenfalls den Ausländer erkennen können. Seine Lippen formten
-die Worte mit einer gewissen Lust. Man hörte ihn mit Vergnügen.
-
-„Und der Herr hat eine angenehme Reise zu uns gehabt?“ wandte er sich an
-Hans Castorp ... „Ist man schon im Besitz seines Urteils? Ich meine: hat
-die düstere Zeremonie der ersten Untersuchung schon stattgehabt?“ – Hier
-hätte er schweigen und warten müssen, wenn es ihm darauf ankam, zu
-hören; denn er hatte seine Frage gestellt, und Hans Castorp schickte
-sich an, zu antworten. Aber der Fremde fragte gleich weiter: „Ist sie
-glimpflich verlaufen? Aus Ihrer Lachlust –“ und er schwieg einen
-Augenblick, indes die Kräuselung seines Mundwinkels sich vertiefte,
-„lassen sich ungleichartige Schlüsse ziehen. Wieviel Monate haben unsere
-Minos und Radamanth Ihnen aufgebrummt?“ – Das Wort „aufgebrummt“ nahm
-sich in seinem Munde besonders drollig aus. – „Soll ich schätzen? Sechs?
-Oder gleich neun? Man ist ja nicht knauserig ...“
-
-Hans Castorp lachte erstaunt, wobei er sich zu erinnern suchte, wer
-Minos und Radamanth doch gleich noch gewesen seien. Er antwortete:
-
-„Aber wieso. Nein, Sie sind im Irrtum, Herr Septem–“
-
-„Settembrini“, verbesserte der Italiener klar und mit Schwung, indem er
-sich humoristisch verneigte.
-
-„Herr Settembrini, – Verzeihung. Nein, also Sie irren. Ich bin gar nicht
-krank. Ich besuche nur meinen Vetter Ziemßen auf ein paar Wochen und
-will mich bei dieser Gelegenheit auch ein bißchen erholen –“
-
-„Potztausend, Sie sind nicht von den Unsrigen? Sie sind gesund, Sie
-hospitieren hier nur, wie Odysseus im Schattenreich? Welche Kühnheit,
-hinab in die Tiefe zu steigen, wo Tote nichtig und sinnlos wohnen –“
-
-„In die Tiefe, Herr Settembrini? Da muß ich doch bitten! Ich bin ja rund
-fünftausend Fuß hoch geklettert zu Ihnen herauf –“
-
-„Das schien Ihnen nur so! Auf mein Wort, das war Täuschung“, sagte der
-Italiener mit einer entscheidenden Handbewegung. „Wir sind tief
-gesunkene Wesen, nicht wahr, Leutnant“, wandte er sich an Joachim, der
-sich über diese Anrede nicht wenig freute, dies aber zu verbergen suchte
-und besonnen erwiderte:
-
-„Wir sind wohl wirklich etwas versimpelt. Aber man kann sich schließlich
-wieder zusammenreißen.“
-
-„Ja, Ihnen traue ich’s zu; Sie sind ein anständiger Mensch“, sagte
-Settembrini. „So, so, so“, sagte er dreimal mit scharfem S, indem er
-sich wieder gegen Hans Castorp wandte, und schnalzte dann ebensooft mit
-der Zunge leise am oberen Gaumen. „Sieh, sieh, sieh“, sagte er hierauf,
-ebenfalls dreimal und mit scharfem S-Laut, indem er dem Neuling so
-unverwandt ins Gesicht blickte, daß seine Augen in eine fixe und blinde
-Einstellung gerieten, und fuhr dann, seinen Blick wieder belebend, fort:
-
-„Ganz freiwillig kommen Sie also herauf zu uns Heruntergekommenen und
-wollen uns einige Zeit das Vergnügen Ihrer Gesellschaft gönnen. Nun, das
-ist schön. Und welche Frist haben Sie in Aussicht genommen? Ich frage
-nicht fein. Aber es soll mich doch wundernehmen, zu hören, wieviel man
-sich zudiktiert, wenn man selbst zu bestimmen hat und nicht Radamanth!“
-
-„Drei Wochen“, sagte Hans Castorp mit etwas eitler Leichtigkeit, da er
-merkte, daß er beneidet wurde.
-
-„_O dio_, drei Wochen! Haben Sie gehört, Leutnant? Hat es nicht fast
-etwas Impertinentes, zu sagen: Ich komme auf drei Wochen hierher und
-reise dann wieder? Wir kennen das Wochenmaß nicht, mein Herr, wenn ich
-Sie belehren darf. Unsere kleinste Zeiteinheit ist der Monat. Wir
-rechnen im großen Stil, – das ist ein Vorrecht der Schatten. Wir haben
-noch andere, und sie sind alle von ähnlicher Qualität. Darf ich fragen,
-welchen Beruf Sie ausüben drunten im Leben – oder wohl richtiger: auf
-welchen Sie sich vorbereiten? Sie sehen, wir legen unserer Neugier keine
-Fesseln an. Auch die Neugier rechnen wir zu unseren Vorrechten.“
-
-„Bitte recht sehr“, sagte Hans Castorp. Und er gab Auskunft.
-
-„Ein Schiffsbaumeister! Aber das ist großartig!“ rief Settembrini.
-„Seien Sie überzeugt, daß ich das großartig finde, obgleich meine
-eigenen Fähigkeiten in anderer Richtung liegen.“
-
-„Herr Settembrini ist Literat“, sagte Joachim erläuternd und etwas
-verlegen. „Er hat für deutsche Blätter den Nachruf für Carducci
-geschrieben, – Carducci, weißt du.“ Und er wurde noch verlegener, da
-sein Vetter ihn verwundert ansah und zu sagen schien: Was weißt denn du
-von Carducci? Ebenso wenig wie ich, sollte ich meinen.
-
-„Das ist richtig“, sagte der Italiener kopfnickend. „Ich hatte die Ehre,
-Ihren Landsleuten von dem Leben dieses großen Poeten und Freidenkers zu
-erzählen, als es abgeschlossen war. Ich kannte ihn, ich darf mich seinen
-Schüler nennen. In Bologna habe ich zu seinen Füßen gesessen. Ihm
-verdanke ich, was ich an Bildung und Frohsinn mein eigen nenne. Aber wir
-sprachen von Ihnen. Ein Schiffsbaumeister! Wissen Sie, daß Sie zusehends
-emporwachsen in meinen Augen? Sie sitzen da plötzlich, als der Vertreter
-einer ganzen Welt der Arbeit und des praktischen Genies!“
-
-„Aber Herr Settembrini – ich bin ja eigentlich noch Student und fange
-erst an.“
-
-„Gewiß, und aller Anfang ist schwer. Überhaupt, alle Arbeit ist schwer,
-die diesen Namen verdient, nicht wahr?“
-
-„Ja, das weiß der Teufel!“ sagte Hans Castorp, und es kam ihm von
-Herzen.
-
-Settembrini zog rasch die Brauen empor.
-
-„Sogar den Teufel rufen Sie an,“ sagte er, „um das zu bekräftigen? Den
-leibhaftigen Satan? Wissen Sie auch, daß mein großer Lehrer eine Hymne
-an ihn gerichtet hat?“
-
-„Erlauben Sie,“ sagte Hans Castorp, „an den Teufel?“
-
-„An ihn selbst. Sie wird in meiner Heimat zuweilen gesungen, bei
-festlichen Gelegenheiten. _O salute, o Satana, o Ribellione, o forza
-vindice della Ragione ..._ Ein herrliches Lied! Aber dieser Teufel war
-es wohl kaum, den Sie im Sinne hatten, denn er steht mit der Arbeit auf
-ausgezeichnetem Fuß. Der, den Sie meinten, und der die Arbeit
-verabscheut, weil er sie zu fürchten hat, ist vermutlich jener andere,
-von dem es heißt, daß man ihm nicht den kleinen Finger reichen soll –“
-
-Das alles wirkte recht sonderbar auf den guten Hans Castorp. Italienisch
-verstand er nicht, und das Übrige war ihm auch nicht behaglicher. Es
-schmeckte nach Sonntagspredigt, obgleich es in leichtem und scherzhaftem
-Plauderton vorgetragen wurde. Er sah seinen Vetter an, der die Augen
-niederschlug, und sagte dann:
-
-„Ach, Herr Settembrini, Sie nehmen meine Worte viel zu genau. Das mit
-dem Teufel war nur so eine Redewendung von mir, ich versichere Sie!“
-
-„Irgend jemand muß Geist haben“, sagte Settembrini, indem er
-melancholisch in die Luft blickte. Aber sich wieder belebend, erheiternd
-und anmutig einlenkend fuhr er fort:
-
-„Jedenfalls schließe ich wohl mit Recht aus Ihren Worten, daß Sie da
-einen ebenso anstrengenden wie ehrenvollen Beruf erwählt haben. Mein
-Gott, ich bin Humanist, ein homo humanus, ich verstehe nichts von
-ingeniösen Dingen, so aufrichtig der Respekt ist, den ich Ihnen zolle.
-Aber vorstellen kann ich mir wohl, daß die Theorie Ihres Faches einen
-klaren und scharfen Kopf und seine Praxis einen ganzen Mann verlangt, –
-ist es nicht so?“
-
-„Gewiß ist es so, ja, da kann ich Ihnen unbedingt zustimmen“, antwortete
-Hans Castorp, indem er sich unwillkürlich bemühte, ein wenig beredt zu
-sprechen. „Die Anforderungen sind kolossal heutzutage, man darf es sich
-gar nicht so klar machen, wie scharf sie sind, sonst könnte man
-wahrhaftig den Mut verlieren. Nein, ein Spaß ist es nicht. Und wenn man
-nun auch nicht der Stärkste ist ... Ich bin ja hier nur zu Gaste, aber
-der Stärkste bin ich doch auch nicht gerade, und da müßte ich lügen,
-wenn ich behaupten wollte, daß mir das Arbeiten so ausgezeichnet bekäme.
-Vielmehr nimmt es mich ziemlich mit, das muß ich sagen. Recht gesund
-fühle ich mich eigentlich nur, wenn ich gar nichts tue –“
-
-„Zum Beispiel jetzt?“
-
-„Jetzt? Oh, jetzt bin ich noch so neu hier oben, – etwas verwirrt,
-können Sie sich denken.“
-
-„Ah, – verwirrt.“
-
-„Ja, ich habe auch nicht ganz richtig geschlafen, und dann war das erste
-Frühstück wirklich zu ausgiebig ... Ich bin ja ein ordentliches
-Frühstück gewöhnt, aber das heutige war doch, wie es scheint, zu kompakt
-für mich, _too rich_, wie die Engländer sagen. Kurz, ich fühle mich
-etwas beklommen, und besonders wollte mir heute morgen meine Zigarre
-nicht schmecken, – denken Sie! Das passiert mir so gut wie nie, nur,
-wenn ich ernstlich krank bin, – und nun schmeckte sie mir heute wie
-Leder. Ich mußte sie wegwerfen, es hatte keinen Zweck, daß ich es
-forcierte. Sind Sie Raucher, wenn ich fragen darf? Nicht? Dann können
-Sie sich nicht vorstellen, was für ein Ärger und eine Enttäuschung das
-für jemanden ist, der von Jugend auf so besonders gern raucht, wie ich
-...“
-
-„Ich bin ohne Erfahrung auf diesem Gebiet,“ erwiderte Settembrini, „und
-befinde mich übrigens mit dieser Unerfahrenheit in keiner schlechten
-Gesellschaft. Eine Reihe von edlen und nüchternen Geistern haben den
-Rauchtabak verabscheut. Auch Carducci liebte ihn nicht. Aber da werden
-Sie bei unserem Radamanth Verständnis finden. Er ist ein Anhänger Ihres
-Lasters.“
-
-„Nun, – Laster, Herr Settembrini ...“
-
-„Warum nicht? Man muß die Dinge mit Wahrheit und Kraft bezeichnen. Das
-verstärkt und erhöht das Leben. Auch ich habe Laster.“
-
-„Und Hofrat Behrens ist also Zigarrenkenner? Ein reizender Mann.“
-
-„Sie finden? Ah, Sie haben also schon seine Bekanntschaft gemacht?“
-
-„Ja, vorhin, als wir fortgingen. Es war beinahe so etwas wie eine
-Konsultation, aber _sine pecunia_, wissen Sie. Er sah gleich, daß ich
-ziemlich anämisch bin. Und dann riet er mir, hier ganz so zu leben, wie
-mein Vetter, viel auf dem Balkon zu liegen, und messen soll ich mich
-auch gleich mit, hat er gesagt.“
-
-„Wahrhaftig?“ rief Settembrini ... „Vorzüglich!“ rief er nach oben in
-die Luft hinein, indem er sich lachend zurückneigte. „Wie heißt es doch
-in der Oper Ihres Meisters? ‚Der Vogelfänger bin ich ja, stets lustig,
-heisa, hopsassa!‘ Kurz, das ist sehr amüsant. Sie werden seinen Rat
-befolgen? Zweifelsohne. Wie sollten Sie nicht. Ein Satanskerl, dieser
-Radamanth! Und wirklich ‚stets lustig‘, wenn auch zuweilen ein wenig
-gezwungen. Er neigt zur Schwermut. Sein Laster bekommt ihm nicht – sonst
-wäre es übrigens kein Laster –, der Rauchtabak macht ihn schwermütig, –
-weshalb unsere verehrungswürdige Frau Oberin die Vorräte in Verwahrung
-genommen hat und ihm nur kleine Tagesrationen zuteilt. Es soll
-vorkommen, daß er der Versuchung unterliegt, sie zu bestehlen, und dann
-verfällt er der Schwermut. Mit einem Wort: eine verworrene Seele. Sie
-kennen auch unsere Oberin schon? Nicht? Aber das ist ein Fehler! Sie tun
-unrecht, sich nicht um ihre Bekanntschaft zu bewerben. Aus dem
-Geschlechte derer von Mylendonk, mein Herr! Von der mediceischen Venus
-unterscheidet sie sich dadurch, daß sie dort, wo sich bei der Göttin der
-Busen befindet, ein Kreuz zu tragen pflegt ...“
-
-„Ha, ha, ausgezeichnet!“ lachte Hans Castorp.
-
-„Mit Vornamen heißt sie Adriatica.“
-
-„Auch das noch?“ rief Hans Castorp ... „Hören Sie, das ist merkwürdig!
-Von Mylendonk und dann Adriatica. Es klingt, als müßte sie längst
-gestorben sein. Geradezu mittelalterlich mutet es an.“
-
-„Mein geehrter Herr,“ antwortete Settembrini, „hier gibt es manches, was
-‚mittelalterlich anmutet‘, wie Sie sich auszudrücken belieben. Ich für
-meine Person bin überzeugt, daß unser Radamanth einzig und allein aus
-künstlerischem Stilgefühl dieses Petrefakt zur Oberaufseherin seines
-Schreckenspalastes gemacht hat. Er ist nämlich Künstler, – das wissen
-Sie nicht? Er malt in Öl. Was wollen Sie, das ist nicht verboten, nicht
-wahr, es steht jedem frei ... Frau Adriatica sagt es jedem, der es hören
-will, und den andern auch, daß eine Mylendonk Mitte des dreizehnten
-Jahrhunderts Äbtissin eines Stiftes zu Bonn am Rheine war. Sie selbst
-kann nicht lange nach diesem Zeitpunkt das Licht der Welt erblickt haben
-...“
-
-„Ha, ha, ha! Ich finde Sie aber spöttisch, Herr Settembrini.“
-
-„Spöttisch? Sie meinen: boshaft. Ja, boshaft bin ich ein wenig –“, sagte
-Settembrini. „Mein Kummer ist, daß ich verurteilt bin, meine Bosheit an
-so elende Gegenstände zu verschwenden. Ich hoffe, Sie haben nichts gegen
-die Bosheit, Ingenieur? In meinen Augen ist sie die glänzendste Waffe
-der Vernunft gegen die Mächte der Finsternis und der Häßlichkeit.
-Bosheit, mein Herr, ist der Geist der Kritik, und Kritik bedeutet den
-Ursprung des Fortschrittes und der Aufklärung.“ Und im Nu begann er von
-Petrarca zu reden, den er den „Vater der Neuzeit“ nannte.
-
-„Wir müssen nun aber in die Liegekur“, sagte Joachim besonnen.
-
-Der Literat hatte seine Worte mit anmutigen Handbewegungen begleitet.
-Nun rundete er dies Gestenspiel mit einer Gebärde ab, die auf Joachim
-hinwies, und sagte:
-
-„Unser Leutnant treibt zum Dienst. Gehen wir also. Wir haben den
-gleichen Weg, – ‚rechtshin, welcher zu Dis, des Gewaltigen, Mauern
-hinanstrebt‘. Ah, Virgil, Virgil! Meine Herren, er ist unübertroffen.
-Ich glaube an den Fortschritt, gewiß. Aber Virgil verfügt über
-Beiwörter, wie kein Moderner sie hat ...“ Und während sie sich auf den
-Heimweg machten, fing er an, lateinische Verse in italienischer
-Aussprache vorzutragen, unterbrach sich jedoch, als irgendein junges
-Mädchen, eine Tochter des Städtchens, wie es schien, und durchaus nicht
-sonderlich hübsch, ihnen entgegenkam, und verlegte sich auf ein
-schwerenöterhaftes Lächeln und Trällern. „T, t, t“, schnalzte er. „Ei,
-ei, ei! La, la, la! Du süßes Käferchen, willst du die Meine sein? Seht
-doch, ‚es funkelt ihr Auge in schlüpfrigem Licht‘“, zitierte er – Gott
-wußte, was es war – und sandte dem verlegenen Rücken des Mädchens eine
-Kußhand nach.
-
-Das ist ja ein rechter Windbeutel, dachte Hans Castorp, und dabei blieb
-er auch, als Settembrini nach seiner galanten Anwandlung wieder zu
-medisieren begann. Hauptsächlich hatte er es auf Hofrat Behrens
-abgesehen, stichelte auf den Umfang seiner Füße und hielt sich bei
-seinem Titel auf, den er von einem an Gehirntuberkulose leidenden
-Prinzen erhalten habe. Von dem skandalösen Lebenswandel dieses Prinzen
-spreche noch heute die ganze Gegend, aber Radamanth habe ein Auge
-zugedrückt, beide Augen, jeder Zoll ein Hofrat. Ob die Herren übrigens
-wußten, daß er der Erfinder der Sommersaison sei? Ja, er, und kein
-anderer. Dem Verdienste seine Krone. Früher hätten im Sommer nur die
-Treuesten der Treuen in diesem Tale ausgeharrt. Da habe „unser Humorist“
-mit unbestechlichem Scharfblick erkannt, daß dieser Mißstand nichts als
-die Frucht eines Vorurteils sei. Er habe die Lehre aufgestellt, daß,
-wenigstens so weit _sein_ Institut in Frage komme, die sommerliche Kur
-nicht nur nicht weniger empfehlenswert, sondern sogar besonders wirksam
-und geradezu unentbehrlich sei. Und er habe dieses Theorem unter die
-Leute zu bringen gewußt, habe populäre Artikel darüber verfaßt und sie
-in die Presse lanciert. Seitdem gehe das Geschäft im Sommer so flott wie
-im Winter. „Genie!“ sagte Settembrini. „In-tu-i-tion!“ sagte er. Und
-dann hechelte er die übrigen Heilanstalten des Platzes durch und lobte
-auf beißende Art den Erwerbssinn ihrer Inhaber. Da sei Professor Kafka
-... Alljährlich, zur kritischen Zeit der Schneeschmelze, wenn viele
-Patienten abzureisen verlangten, finde Professor Kafka sich gezwungen,
-rasch noch auf acht Tage zu verreisen, wobei er verspreche, nach seiner
-Rückkehr die Entlassungen vorzunehmen. Dann aber bleibe er sechs Wochen
-aus, und die Ärmsten warteten, wobei sich, am Rande bemerkt, ihre
-Rechnungen vergrößerten. Bis nach Fiume lasse man Kafka kommen, er aber
-reise nicht, bevor man fünftausend gute Schweizer Franken
-sichergestellt, worüber vierzehn Tage vergingen. Einen Tag nach der
-Ankunft des Celebrissimo sterbe alsdann der Kranke. Was Doktor Salzmann
-betreffe, so sage er dem Professor Kafka nach, daß er seine Spritzen
-nicht rein genug halte und den Kranken Mischinfektionen beibringe. Er
-fahre auf Gummi, sage Salzmann, damit seine Toten ihn nicht hörten, –
-wogegen wiederum Kafka behaupte, bei Salzmann werde den Patienten „des
-Rebstocks erheiternde Gabe“ in solchen Mengen aufgenötigt – nämlich
-ebenfalls behufs Abrundung ihrer Rechnungen –, daß die Leute wie die
-Fliegen stürben, und zwar nicht an Phthise, sondern an Trinkerleber ...
-
-So ging es weiter, und Hans Castorp lachte herzlich und gutmütig über
-diesen Sturzbach zungenfertiger Lästerungen. Die Suade des Italieners
-lautete eigentümlich angenehm in ihrer unbedingten, von jeder Mundart
-freien Reinheit und Richtigkeit. Die Worte kamen prall, nett und wie
-neuschaffen von seinen beweglichen Lippen, er genoß die gebildeten,
-bissig behenden Wendungen und Formen, deren er sich bediente, ja selbst
-die grammatische Beugung und Abwandlung der Wörter mit einem
-offensichtlichen, sich mitteilenden und heiter stimmenden Behagen und
-schien viel zu klaren und gegenwärtigen Geistes, um sich auch nur ein
-einziges Mal zu versprechen.
-
-„Sie sprechen so drollig, Herr Settembrini,“ sagte Hans Castorp, „so
-lebhaft, – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll.“
-
-„Plastisch, wie?“ entgegnete der Italiener und fächelte sich mit dem
-Taschentuch, obgleich es ja eher kühl war. „Das wird das Wort sein, das
-Sie suchen. Ich habe eine plastische Art zu sprechen, wollen Sie sagen.
-Aber halt!“ rief er. „Was sehe ich! Dort wandeln unsere Höllenrichter!
-Welch ein Anblick!“
-
-Die Spaziergänger hatten die Wegbiegung schon wieder zurückgelegt. War
-es den Reden Settembrinis, dem Gefälle der Straße zu danken, oder hatten
-sie sich in Wahrheit weniger weit vom Sanatorium entfernt, als Hans
-Castorp geglaubt hatte, – denn ein Weg, den wir zum ersten Male gehen,
-ist bedeutend länger als derselbe, wenn wir ihn schon kennen –:
-jedenfalls war der Rückmarsch überraschend geschwind vonstatten
-gegangen. Settembrini hatte recht, es war das Ärztepaar, das dort unten
-auf dem freien Platz die Rückseite des Sanatoriums entlang strebte,
-voran der Hofrat im weißen Kittel, mit heraustretendem Genick und die
-Hände wie Ruder bewegend, auf seiner Fährte Dr. Krokowski im schwarzen
-Überhemd und desto selbstbewußter um sich blickend, als der klinische
-Brauch ihn nötigte, sich auf Dienstgängen hinter dem Chef zu halten.
-
-„Ah, Krokowski!“ rief Settembrini. „Dort geht er und weiß alle
-Geheimnisse unserer Damen. Man bittet, die feine Symbolik seiner
-Kleidung zu beachten. Er trägt sich schwarz, um anzudeuten, daß sein
-eigenstes Studiengebiet die Nacht ist. Dieser Mann hat in seinem Kopf
-nur einen Gedanken, und der ist schmutzig. Ingenieur, wie kommt es, daß
-wir von ihm noch gar nicht gesprochen haben! Sie haben seine
-Bekanntschaft gemacht?“
-
-Hans Castorp bejahte.
-
-„Nun, und? Ich fange an, zu vermuten, daß auch er Ihnen gefallen hat.“
-
-„Ich weiß wirklich nicht, Herr Settembrini. Ich bin ihm nur erst
-flüchtig begegnet. Und dann bin ich auch nicht sehr rasch von Urteil.
-Ich sehe mir die Leute an und denke: So bist du also? Nun gut.“
-
-„Das ist Dumpfsinn!“ antwortete der Italiener. „Urteilen Sie! Dafür hat
-die Natur Ihnen Augen und Verstand gegeben. Sie fanden, ich spräche
-boshaft; aber wenn ich es tat, so geschah es vielleicht nicht ohne
-pädagogische Absicht. Wir Humanisten haben alle eine pädagogische Ader
-... Meine Herren, der historische Zusammenhang von Humanismus und
-Pädagogik beweist ihren psychologischen. Man soll dem Humanisten das Amt
-der Erziehung nicht nehmen, – man kann es ihm nicht nehmen, denn nur bei
-ihm ist die Überlieferung von der Würde und Schönheit des
-Menschen. Einst löste er den Priester ab, der sich in trüben und
-menschenfeindlichen Zeiten die Führung der Jugend anmaßen durfte.
-Seitdem, meine Herren, ist schlechterdings kein neuer Erziehertyp mehr
-erstanden. Das humanistische Gymnasium, – nennen Sie mich
-rückschrittlich, Ingenieur, aber grundsätzlich, _in abstracto_, ich
-bitte, mich wohl zu verstehen, bleibe ich sein Anhänger ...“
-
-Noch im Lift führte er dies weiter aus und verstummte erst, als die
-Vettern im zweiten Stockwerk den Aufzug verließen. Er selber fuhr bis
-zum dritten weiter, wo er, wie Joachim erzählte, ein kleines Zimmer nach
-hinten hinaus bewohnte.
-
-„Er hat wohl kein Geld?“ fragte Hans Castorp, der Joachim begleitete. Es
-sah bei Joachim genau so aus wie drüben bei ihm.
-
-„Nein,“ sagte Joachim, „das hat er wohl nicht. Oder doch nur gerade so
-viel, um den Aufenthalt hier bestreiten zu können. Sein Vater war auch
-schon Literat, weißt du, und ich glaube, der Großvater auch.“
-
-„Ja, dann“, sagte Hans Castorp. „Ist er denn eigentlich ernsthaft
-krank?“
-
-„Es ist nicht gefährlich, soviel ich weiß, aber hartnäckig und kommt
-immer wieder. Er hat es schon seit Jahren und war zwischendurch mal
-fort, mußte aber bald wieder einrücken.“
-
-„Armer Kerl! Wo er doch so fürs Arbeiten zu schwärmen scheint. Riesig
-gesprächig ist er dabei, so leicht kommt er von einem aufs andere. Mit
-dem Mädchen war er ja etwas frech, es genierte mich momentan. Aber was
-er nachher von der menschlichen Würde sagte, klang doch famos, ganz wie
-bei einem Festakt. Bist du denn öfter mit ihm zusammen?“
-
-
- Gedankenschärfe
-
-Aber Joachim konnte nur noch behindert und undeutlich antworten. Er
-hatte aus einem rotledernen, mit Samt gefütterten Etui, das auf seinem
-Tische lag, ein kleines Thermometer genommen und das untere, mit
-Quecksilber gefüllte Ende in den Mund gesteckt. Links unter der Zunge
-hielt er es, so, daß ihm das gläserne Instrument schräg aufwärts aus dem
-Munde hervorragte. Dann machte er Haustoilette, zog Schuhe und eine
-litewkaartige Joppe an, nahm eine gedruckte Tabelle nebst Bleistift vom
-Tisch, ferner ein Buch, eine russische Grammatik – denn er trieb
-Russisch, weil er, wie er sagte, dienstlichen Vorteil davon erhoffte –,
-und so ausgerüstet nahm er draußen auf dem Balkon im Liegestuhl Platz,
-indem er eine Kamelhaardecke nur leicht über die Füße warf.
-
-Sie war kaum nötig: schon während der letzten Viertelstunde war die
-Wolkenschicht dünner und dünner geworden, und die Sonne brach durch, so
-sommerlich warm und blendend, daß Joachim seinen Kopf mit einem
-weißleinenen Schirm schützte, der vermittelst einer kleinen, sinnreichen
-Vorrichtung an der Armlehne des Stuhles zu befestigen und dem Stande der
-Sonne nach zu verstellen war. Hans Castorp lobte diese Erfindung. Er
-wollte das Ergebnis der Messung abwarten und sah unterdessen zu, wie
-alles gemacht wurde, betrachtete auch den Pelzsack, der in einem Winkel
-der Loggia lehnte (Joachim bediente sich seiner an kalten Tagen) und
-blickte, die Ellenbogen auf der Brüstung, in den Garten hinab, wo die
-allgemeine Liegehalle nun von lesend, schreibend und plaudernd
-ausgestreckten Patienten bevölkert war. Übrigens sah man nur einen Teil
-des Inneren, etwa fünf Stühle.
-
-„Aber wie lange dauert denn das?“ fragte Hans Castorp und wandte sich
-um.
-
-Joachim hob sieben Finger empor.
-
-„Die müssen doch um sein – sieben Minuten!“
-
-Joachim schüttelte den Kopf. Etwas später nahm er das Thermometer aus
-dem Mund, betrachtete es und sagte dabei:
-
-„Ja, wenn man ihr aufpaßt, der Zeit, dann vergeht sie sehr langsam. Ich
-habe das Messen, viermal am Tage, ordentlich gern, weil man doch dabei
-merkt, was das eigentlich ist: eine Minute oder gar ganze sieben, – wo
-man sich hier die sieben Tage der Woche so gräßlich um die Ohren
-schlägt.“
-
-„Du sagst ‚eigentlich‘. ‚Eigentlich‘ kannst du nicht sagen“, entgegnete
-Hans Castorp. Er saß mit einem Schenkel auf der Brüstung, und das Weiße
-seiner Augen war rot geädert. „Die Zeit ist doch überhaupt nicht
-‚eigentlich‘. Wenn sie einem lang vorkommt, so ist sie lang, und wenn
-sie einem kurz vorkommt, so ist sie kurz, aber wie lang oder kurz sie in
-Wirklichkeit ist, das weiß doch niemand.“ Er war durchaus nicht gewohnt,
-zu philosophieren und fühlte dennoch den Drang dazu.
-
-Joachim widersprach.
-
-„Wieso denn. Nein. Wir messen sie doch. Wir haben doch Uhren und
-Kalender, und wenn ein Monat um ist, dann ist er für dich und mich und
-uns alle um.“
-
-„Dann paß auf“, sagte Hans Castorp und hielt sogar den Zeigefinger neben
-seine trüben Augen. „Eine Minute ist also so lang, wie sie dir vorkommt,
-wenn du dich mißt?“
-
-„Eine Minute ist so lang ... sie _dauert_ so lange, wie der
-Sekundenzeiger braucht, um seinen Kreis zu beschreiben.“
-
-„Aber er braucht ja ganz verschieden lange – für unser Gefühl! Und
-tatsächlich ... ich sage: tatsächlich genommen“, wiederholte Hans
-Castorp und drückte den Zeigefinger so fest gegen die Nase, daß er ihre
-Spitze vollständig umbog, „ist das eine Bewegung, eine räumliche
-Bewegung, nicht wahr? Halt, warte! Wir messen also die Zeit mit dem
-Raume. Aber das ist doch ebenso, als wollten wir den Raum an der Zeit
-messen, – was doch nur ganz unwissenschaftliche Leute tun. Von Hamburg
-nach Davos sind zwanzig Stunden, – ja, mit der Eisenbahn. Aber zu Fuß,
-wie lange ist es da? Und in Gedanken? Keine Sekunde!“
-
-„Hör mal,“ sagte Joachim, „was hast du denn? Ich glaube, es greift dich
-an hier bei uns?“
-
-„Sei still! Ich bin sehr scharf im Kopf heute. Was ist denn die Zeit?“
-fragte Hans Castorp und bog seine Nasenspitze so gewaltsam zur Seite,
-daß sie weiß und blutleer wurde. „Willst du mir das mal sagen? Den Raum
-nehmen wir doch mit unseren Organen wahr, mit dem Gesichtssinn und dem
-Tastsinn. Schön. Aber welches ist denn unser Zeitorgan? Willst du mir
-das mal eben angeben? Siehst du, da sitzst du fest. Aber wie wollen wir
-denn etwas messen, wovon wir genau genommen rein gar nichts, nicht eine
-einzige Eigenschaft auszusagen wissen! Wir sagen: die Zeit läuft ab.
-Schön, soll sie also mal ablaufen. Aber um sie messen zu können ...
-warte! Um meßbar zu sein, müßte sie doch _gleichmäßig_ ablaufen, und wo
-steht denn das geschrieben, daß sie das tut? Für unser Bewußtsein tut
-sie es nicht, wir nehmen es nur der Ordnung halber an, daß sie es tut,
-und unsere Maße sind doch bloß Konvention, erlaube mir mal ...“
-
-„Gut,“ sagte Joachim, „dann ist es wohl auch bloß Konvention, daß ich
-hier vier Striche zuviel habe auf meinem Thermometer! Aber wegen dieser
-fünf Striche muß ich mich hier herumräkeln und kann nicht Dienst machen,
-das ist eine ekelhafte Tatsache!“
-
-„Hast du 37,5?“
-
-„Es geht schon wieder herunter.“ Und Joachim machte die Eintragung in
-seine Tabelle. „Gestern abend waren es fast 38, das machte deine
-Ankunft. Alle, die Besuch bekommen, haben Erhöhung. Aber es ist doch
-eine Wohltat.“
-
-„Ich gehe ja nun auch“, sagte Hans Castorp. „Ich habe noch eine Menge
-Gedanken über die Zeit im Kopf, – es ist ein ganzer Komplex, kann ich
-wohl sagen. Aber ich will dich jetzt nicht damit aufregen, da du sowieso
-zuviel Striche hast. Ich werde es schon alles behalten, und wir können
-später darauf zurückkommen, vielleicht nach dem Frühstück. Wenn es
-Frühstückszeit ist, rufst du mich wohl. Ich gehe jetzt auch in die
-Liegekur, es tut ja nicht weh, gottlob.“ Und damit ging er an der
-gläsernen Scheidewand vorbei in seine eigene Loge hinüber, wo
-gleichfalls ein Liegestuhl nebst Tischchen aufgeschlagen war, holte sich
-„_Ocean steamships_“ und sein schönes, weiches, dunkelrot und grün
-gewürfeltes Plaid aus dem reinlich aufgeräumten Zimmer und ließ sich
-nieder.
-
-Auch er mußte sehr bald den Schirm aufspannen; sowie man lag, wurde der
-Sonnenbrand unerträglich. Man lag aber ganz ungewöhnlich bequem, das
-stellte Hans Castorp sogleich mit Vergnügen fest, – er erinnerte sich
-nicht, daß ihm je ein so angenehmer Liegestuhl vorgekommen sei. Das
-Gestell, ein wenig altmodisch in der Form – was aber nur eine
-Geschmacksspielerei war, denn der Stuhl war offenbar neu –, bestand aus
-rotbraun poliertem Holz, und eine Matratze mit weichem, kattunartigen
-Überzug, eigentlich aus drei hohen Polstern zusammengesetzt, reichte vom
-Fußende bis über die Rückenlehne hinauf. Außerdem war vermittelst einer
-Schnur eine weder zu feste noch zu nachgiebige Nackenrolle mit
-gesticktem Leinenüberzug daran befestigt, die von besonders wohltuender
-Wirkung war. Hans Castorp stützte einen Arm auf die breite, glatte
-Fläche der Seitenlehne, blinzelte und ruhte, ohne „_Ocean steamships_“
-zu seiner Unterhaltung in Anspruch zu nehmen. Durch die Bögen der Loggia
-gesehen, wirkte die harte und karge, aber hell besonnte Landschaft
-draußen gemäldeartig und wie eingerahmt. Hans Castorp betrachtete sie
-gedankenvoll. Plötzlich fiel ihm etwas ein, und er sagte laut in der
-Stille:
-
-„Es war ja eine Zwergin, die uns beim ersten Frühstück bediente.“
-
-„Pst“, machte Joachim. „Leise doch. Ja, eine Zwergin. Und?“
-
-„Nichts. Wir hatten uns noch gar nicht darüber ausgesprochen.“
-
-Und dann träumte er weiter. Es war schon zehn Uhr gewesen, als er sich
-niedergelegt hatte. Eine Stunde verging. Es war eine gewöhnliche Stunde,
-nicht lang, nicht kurz. Als sie verflossen war, tönte ein Gong durch
-Haus und Garten, erst fern, dann näher, dann wieder fern.
-
-„Frühstück“, sagte Joachim, und man hörte, daß er aufstand.
-
-Auch Hans Castorp beendete für diesmal die Liegekur und ging ins Zimmer,
-um sich ein wenig zurechtzumachen. Die Vettern trafen sich auf dem
-Korridor und gingen hinunter. Hans Castorp sagte:
-
-„Nun, es lag sich ja ausgezeichnet. Was sind denn das für Stühle? Wenn
-es die hier zu kaufen gibt, dann nehme ich mir einen mit nach Hamburg,
-man liegt ja darauf wie im Himmel. Oder meinst du, daß Behrens sie
-eigens nach seinen Angaben hat anfertigen lassen?“
-
-Joachim wußte das nicht. Sie legten ab und betraten zum zweiten Male den
-Speisesaal, wo die Mahlzeit schon wieder in vollem Gange war.
-
-Es schimmerte weiß im Saale vor lauter Milch: an jedem Platz stand ein
-großes Glas, wohl ein halber Liter voll.
-
-„Nein“, sagte Hans Castorp, als er wieder an seinem Tischende zwischen
-der Nähterin und der Engländerin Platz genommen und ergeben seine
-Serviette entfaltet hatte, obgleich er noch so schwer belastet vom
-ersten Frühstück war. „Nein,“ sagte er, „Gott steh mir bei, Milch kann
-ich überhaupt nicht trinken und am wenigsten jetzt. Ist nicht vielleicht
-Porter da?“ Und er wandte sich zuerst höflich und zart an die Zwergin
-mit dieser Frage. Leider war keiner da. Aber sie versprach, Kulmbacher
-Bier zu bringen und brachte es auch. Es war dick, schwarz, braunschaumig
-und ersetzte den Porter aufs beste. Hans Castorp trank durstig davon aus
-einem hohen Halbliterglase. Er aß kalten Aufschnitt dazu auf Röstbrot.
-Wieder war Haferbrei aufgestellt und wieder viel Butter und Obst. Er
-ließ wenigstens seine Augen darauf ruhen, da er nicht fähig war, sich
-davon zuzuführen. Auch betrachtete er die Gästeschaft, – die Massen
-begannen sich für ihn zu teilen; Einzelpersonen traten hervor.
-
-Sein eigener Tisch war komplett, bis auf den oberen Platz ihm gegenüber,
-welcher, wie er sich belehren ließ, der Doktorplatz war. Denn die Ärzte,
-wenn ihre Zeit es irgend erlaubte, beteiligten sich an den gemeinsamen
-Mahlzeiten und wechselten dabei die Tische: an einem jeden war zu oberst
-ein solcher Doktorplatz freigehalten. Jetzt war keiner von beiden
-anwesend; man sagte, sie seien bei einer Operation. Wieder kam der junge
-Mann mit dem Schnurrbart herein, senkte einmal das Kinn auf die Brust
-und setzte sich mit sorgenvoll-verschlossener Miene. Wieder saß die
-Hellblonde, Magere an ihrem Platze und löffelte Yoghurt, als ob dies
-ihre einzige Speise wäre. Neben ihr saß diesmal eine kleine, muntere
-alte Dame, die in russischer Zunge auf den stillen jungen Mann
-einredete, der sie sorgenvoll anblickte und nicht anders als mit
-Kopfnicken antwortete, wobei er jenes Gesicht machte, als habe er etwas
-Schlechtschmeckendes im Munde. Ihm gegenüber, an der anderen Seite der
-alten Dame, war ein weiteres junges Mädchen placiert, – hübsch war sie,
-von blühender Gesichtsfarbe und hoher Brust, mit kastanienbraunem,
-angenehm wellig geordnetem Haar, runden, braunen, kindlichen Augen und
-einem kleinen Rubin an ihrer schönen Hand. Sie lachte viel und sprach
-ebenfalls Russisch, nur Russisch. Sie hieß Marusja, wie Hans Castorp
-hörte. Ferner bemerkte er beiläufig, daß Joachim mit strengem Ausdruck
-die Augen niederschlug, wenn sie lachte und sprach.
-
-Settembrini erschien durch den Seiteneingang und schritt
-schnurrbartkräuselnd zu seinem Platze, der am Ende des Tisches gelegen
-war, der schräg vor demjenigen Hans Castorps stand. Seine Tischgenossen
-brachen in schallendes Lachen aus, als er sich niedersetzte;
-wahrscheinlich hatte er eine Bosheit gesagt. Auch die Mitglieder des
-„Vereins Halbe Lunge“ erkannte Hans Castorp wieder. Hermine Kleefeld
-schob mit dummen Augen zu ihrem Tische dort drüben vor der einen
-Verandatür und begrüßte den wulstlippigen Jüngling, der vorhin so
-unschicklich seine Jacke emporgerafft hatte. Die elfenbeinfarbene Levi
-saß neben der fetten und leberfleckigen Iltis unter Unbekannten an dem
-querstehenden Tische rechts von Hans Castorp.
-
-„Da sind deine Nachbarn“, sagte Joachim leise zu seinem Vetter, indem er
-sich vorneigte ... Das Paar ging dicht an Hans Castorp vorbei zu dem
-letzten Tisch rechts, dem „Schlechten Russentisch“ also, wo schon eine
-Familie mit einem häßlichen Knaben große Haufen Porridge verschlang. Der
-Mann war schmächtig gebaut und hatte graue und hohle Wangen. Er trug
-eine braune Lederjoppe und an den Füßen plumpe Filzstiefel mit
-Spangenverschluß. Seine Ehefrau, ebenfalls klein und zierlich, in
-wippendem Federhut, trippelte auf winzigen, hochgestöckelten
-Juchtenstiefelchen; eine unsaubere Boa aus Vogelfedern lag um ihren
-Hals. Hans Castorp betrachtete die beiden mit einer Rücksichtslosigkeit,
-die ihm sonst fremd war und die er selbst als brutal empfand; doch war
-es eben das Brutale daran, das ihm plötzlich ein gewisses Vergnügen
-verursachte. Seine Augen waren zugleich stumpf und zudringlich. Als in
-demselben Augenblick die Glastür zur Linken zufiel, schmetternd und
-klirrend, wie beim ersten Frühstück, zuckte er nicht zusammen wie heute
-früh, sondern schnitt nur eine träge Grimasse; und als er den Kopf nach
-jener Seite wenden wollte, fand er, daß ihm dies allzu schwer falle und
-daß es die Mühe nicht lohne. So kam es, daß er auch diesmal nicht zu der
-Feststellung gelangte, wer mit der Tür denn so liederlich umgehe.
-
-Die Sache war die, daß das Frühstücksbier, sonst nur von mäßig
-benebelnder Wirkung auf seine Natur, den jungen Mann heute vollständig
-betäubte und lähmte, – es zeitigte Folgen, als hätte er einen Schlag vor
-die Stirn bekommen. Seine Lider waren wie Blei so schwer, die Zunge
-gehorchte dem einfachen Gedanken nicht recht, als er aus Artigkeit mit
-der Engländerin zu plaudern versuchte; auch nur die Richtung des Blicks
-zu verändern, erforderte große Selbstüberwindung, und hinzu kam, daß der
-abscheuliche Gesichtsbrand den gestrigen Grad nun wieder vollauf
-erreicht hatte: seine Wangen schienen ihm gedunsen vor Hitze, er atmete
-schwer, sein Herz pochte wie ein umwickelter Hammer, und wenn er unter
-all dem nicht sonderlich litt, so war es deshalb, weil sein Kopf sich in
-einem Zustand befand, als habe er zwei oder drei Atemzüge von Chloroform
-getan. Daß Dr. Krokowski doch noch beim Frühstück erschien und an seiner
-Tafel, ihm gegenüber, Platz nahm, bemerkte er nur traumweise, obgleich
-der Doktor ihn wiederholentlich scharf ins Auge faßte, während er mit
-den Damen zu seiner Rechten russisch konversierte, – wobei die jungen
-Mädchen, nämlich die blühende Marusja sowohl wie auch die magere
-Yoghurtesserin, unterwürfig und schamhaft die Augen vor ihm
-niederschlugen. Übrigens hielt Hans Castorp sich redlich, wie sich von
-selbst versteht, schwieg, da seine Zunge sich widerspenstig zeigte,
-lieber still und handhabte Messer und Gabel sogar mit besonderem
-Anstand. Als sein Vetter ihm zunickte und sich erhob, stand er ebenfalls
-auf, verneigte sich blind gegen die Tischgenossen und ging bestimmten
-Schrittes hinter Joachim hinaus.
-
-„Wann ist denn wieder Liegekur?“ fragte er, als sie das Haus verließen.
-„Das ist das Beste hier, soviel ich sehe. Ich wollte, ich läge schon
-wieder auf meinem vorzüglichen Stuhl. Gehen wir weit spazieren?“
-
-
- Ein Wort zuviel
-
-„Nein,“ sagte Joachim, „weit darf ich ja gar nicht gehen. Um diese Zeit
-gehe ich immer ein bißchen hinunter, durchs Dorf und bis Platz, wenn ich
-Zeit habe. Man sieht Läden und Leute und kauft ein, was man braucht. Man
-liegt vor Tische noch eine Stunde, und dann liegt man wieder bis vier
-Uhr, sei ganz unbesorgt.“
-
-Sie gingen im Sonnenschein die Anfahrt hinab und überschritten den
-Wasserlauf und das schmale Geleise, die Berggestalten der rechten
-Tallehne vor Augen: das „Kleine Schiahorn“, die „Grünen Türme“ und den
-„Dorfberg“, die Joachim bei Namen nannte. Dort drüben, in einiger Höhe,
-lag der ummauerte Friedhof von Davos-Dorf, – auf diesen ebenfalls wies
-Joachim mit seinem Stocke hin. Und sie gewannen die Hauptstraße, die um
-ein Stockwerk über die Talsohle erhöht, die terrassierte Lehne entlang
-führte.
-
-Von einem Dorf konnte übrigens nicht gut die Rede sein; jedenfalls war
-nichts davon als der Name übrig. Der Kurort hatte es aufgezehrt, indem
-er sich immerfort gegen den Taleingang hin ausdehnte, und der Teil der
-gesamten Siedelung, welcher „Dorf“ hieß, ging unmerklich und ohne
-Unterschied in den als „Davos Platz“ bezeichneten über. Hotels und
-Pensionen, alle mit gedeckten Veranden, Balkons und Liegehallen
-reichlich versehen, auch kleine Privathäuser, in denen Zimmer zu
-vermieten waren, lagen zu beiden Seiten; hier und da kamen Neubauten;
-manchmal setzte auch die Bebauung aus, und die Straße gewährte den Blick
-in die offenen Wiesengründe des Tals ...
-
-Hans Castorp, in seinem Verlangen nach dem gewohnten, geliebten
-Lebensreiz, hatte sich wieder eine Zigarre angezündet, und
-wahrscheinlich dank dem vorangegangenen Biere vermochte er zu seiner
-unaussprechlichen Genugtuung hier und da etwas von dem ersehnten Aroma
-zu verspüren: nur selten und schwach freilich, – es war eine gewisse
-nervöse Anstrengung nötig, um eine Ahnung des Vergnügens zu empfangen,
-und der abscheuliche Ledergeschmack herrschte bei weitem vor. Unfähig,
-sich in seine Ohnmacht zu finden, rang er eine Weile nach dem Genuß, der
-sich ihm entweder versagte oder nur spottend ahnungsweise von ferne
-zeigte, und warf die Zigarre endlich ermüdet und angewidert fort. Trotz
-seiner Benommenheit fühlte er die Höflichkeitsverpflichtung,
-Konversation zu machen, und suchte sich zu diesem Zwecke der
-ausgezeichneten Dinge zu erinnern, die er vorhin über die „Zeit“ zu
-sagen gehabt hatte. Allein es erwies sich, daß er den ganzen „Komplex“
-ohne Rest vergessen hatte und über die Zeit auch nicht den geringsten
-Gedanken mehr in seinem Kopfe beherbergte. Dafür begann er von
-körperlichen Angelegenheiten zu reden, und zwar etwas sonderbar.
-
-„Wann mißt du dich denn wieder?“ fragte er. „Nach dem Essen? Ja, das ist
-gut. Da ist der Organismus in voller Tätigkeit, da muß es sich zeigen.
-Daß Behrens von mir verlangte, ich sollte mich ebenfalls messen, das war
-doch wohl nur Spaß, höre mal, – Settembrini lachte ja auch aus vollem
-Halse darüber, es hätte doch absolut keinen Sinn. Ich habe ja auch nicht
-mal ein Thermometer.“
-
-„Nun,“ sagte Joachim, „das wäre das wenigste. Du brauchst dir nur einen
-zu kaufen. Hier sind überall Thermometer zu haben, beinahe in jedem
-Laden.“
-
-„Aber wozu denn! Nein, die Liegekur, die lasse ich mir gefallen, die
-will ich wohl mitmachen, aber das Messen wäre zuviel für einen
-Hospitanten, das überlasse ich denn doch lieber euch hier oben. Wenn ich
-nur wüßte,“ fuhr Hans Castorp fort, indem er beide Hände zum Herzen
-führte wie ein Verliebter, „warum ich die ganze Zeit solches Herzklopfen
-habe, – es ist so beunruhigend, ich denke schon länger darüber nach.
-Siehst du, man hat Herzklopfen, wenn einem eine ganz besondere Freude
-bevorsteht oder wenn man sich ängstigt, kurz, bei Gemütsbewegungen,
-nicht? Aber wenn einem das Herz nun ganz von selber klopft, grundlos und
-sinnlos und sozusagen auf eigene Hand, das finde ich geradezu
-unheimlich, versteh mich recht, es ist ja so, als ob der Körper seine
-eigenen Wege ginge und keinen Zusammenhang mit der Seele mehr hätte,
-gewissermaßen wie ein toter Körper, der ja auch nicht wirklich tot ist –
-das gibt es gar nicht –, sondern sogar ein sehr lebhaftes Leben führt,
-nämlich auf eigene Hand: es wachsen ihm noch die Haare und Nägel, und
-auch sonst soll physikalisch und chemisch, wie ich mir habe sagen
-lassen, ein überaus munterer Betrieb darin herrschen ...“
-
-„Was sind denn das für Ausdrücke“, sagte Joachim besonnen verweisend.
-„Ein munterer Betrieb!“ Und vielleicht rächte er sich damit ein wenig
-für den Verweis, den er heute früh wegen des „Schellenbaums“ erhalten.
-
-„Aber es ist doch so! Es _ist_ ein sehr munterer Betrieb! Warum nimmst
-du denn Anstoß daran?“ fragte Hans Castorp. „Übrigens erwähnte ich das
-nur nebenbei. Ich wollte nichts weiter sagen, als: es ist unheimlich und
-quälend, wenn der Körper auf eigene Hand und ohne Zusammenhang mit der
-Seele lebt und sich wichtig macht, wie bei solchem unmotivierten
-Herzklopfen. Man sucht förmlich nach einem Sinn dafür, einer
-Gemütsbewegung, die dazu gehört, einem Gefühl der Freude oder der Angst,
-wodurch es sozusagen gerechtfertigt würde, – so geht es wenigstens mir,
-ich kann nur von mir reden.“
-
-„Ja, ja,“ sagte Joachim seufzend, „es ist wohl so ähnlich, wie wenn man
-Fieber hat – dabei herrscht auch ein besonders ‚munterer Betrieb‘ im
-Körper, um deinen Ausdruck zu gebrauchen, und da mag es schon sein, daß
-man sich unwillkürlich nach einer Gemütsbewegung umsieht, wie du sagst,
-wodurch der Betrieb einen halbwegs vernünftigen Sinn bekommt ... Aber
-wir reden so unangenehmes Zeug“, sagte er mit bebender Stimme und brach
-ab; worauf Hans Castorp nur mit den Achseln zuckte, und zwar ganz so,
-wie er es gestern abend zuerst bei Joachim gesehen hatte.
-
-Sie gingen eine Weile schweigend. Dann fragte Joachim:
-
-„Nun, wie gefallen dir denn die Leute hier? Ich meine die an unserem
-Tisch?“
-
-Hans Castorp machte ein gleichgültig musterndes Gesicht.
-
-„Gott,“ sagte er, „sie scheinen mir nicht sehr interessant. An den
-anderen Tischen sitzen, glaube ich, interessantere, aber das kommt einem
-vielleicht nur so vor. Frau Stöhr sollte sich das Haar waschen lassen,
-es ist so fett. Und diese Mazurka da, oder wie sie heißt, kommt mir
-etwas albern vor. Immer muß sie sich das Taschentuch in den Mund stopfen
-vor lauter Kichern.“
-
-Joachim lachte laut über die Namensverdrehung.
-
-„‚Mazurka‘ ist ausgezeichnet!“ rief er. „Marusja heißt sie, wenn du
-erlaubst, – das ist soviel wie Marie. Ja, sie ist wirklich zu
-ausgelassen“, sagte er. „Und dabei hätte sie allen Grund, gesetzter zu
-sein, denn sie ist gar nicht wenig krank.“
-
-„Das sollte man nicht denken“, sagte Hans Castorp. „Sie ist so gut im
-Stand. Gerade für brustkrank sollte man sie nicht halten.“ Und er
-versuchte mit dem Vetter einen flotten Blick zu tauschen, fand aber, daß
-Joachims sonnverbranntes Gesicht eine fleckige Färbung zeigte, wie
-sonnverbrannte Gesichter sie annehmen, wenn das Blut daraus weicht, und
-daß sein Mund sich auf ganz eigentümlich klägliche Weise verzerrt hatte,
-– zu einem Ausdruck, der dem jungen Hans Castorp einen unbestimmten
-Schrecken einflößte und ihn veranlaßte, sofort den Gegenstand zu
-wechseln und sich nach anderen Personen zu erkundigen, wobei er Marusja
-und Joachims Gesichtsausdruck rasch zu vergessen suchte, was ihm auch
-völlig gelang.
-
-Die Engländerin mit dem Hagebuttentee hieß Miß Robinson. Die Nähterin
-war keine Nähterin, sondern Lehrerin an einer staatlichen höheren
-Töchterschule in Königsberg, und dies war der Grund, weshalb sie sich so
-richtig ausdrückte. Sie hieß Fräulein Engelhart. Was die muntere alte
-Dame betraf, so wußte Joachim selber nicht, wie sie hieß, wie lange er
-auch schon hier oben war. Jedenfalls war sie die Großtante des Yoghurt
-essenden jungen Mädchens, mit dem sie beständig im Sanatorium lebte.
-Aber am kränksten von denen am Tisch war Dr. Blumenkohl, Leo Blumenkohl
-aus Odessa, – jener junge Mann mit dem Schnurrbart und der sorgenvoll
-verschlossenen Miene. Schon ganze Jahre war er hier oben ...
-
-Es war jetzt städtisches Trottoir, auf dem sie gingen, – die Hauptstraße
-eines internationalen Treffpunktes, das sah man wohl. Flanierende
-Kurgäste begegneten ihnen, junge Leute zumeist, Kavaliere in
-Sportanzügen und ohne Hut, Damen, ebenfalls ohne Hut und in weißen
-Röcken. Man hörte Russisch und Englisch sprechen. Läden mit schmucken
-Schaufenstern reihten sich rechts und links, und Hans Castorp, dessen
-Neugier heftig mit seiner glühenden Müdigkeit kämpfte, zwang seine
-Augen, zu sehen und verweilte lange vor einem Herrenmodegeschäft, um
-festzustellen, daß die Auslage durchaus auf der Höhe sei.
-
-Dann kam eine Rotunde mit gedeckter Galerie, in der eine Kapelle
-konzertierte. Hier war das Kurhaus. Auf mehreren Tennisplätzen waren
-Partien im Gange. Langbeinige, rasierte Jünglinge in scharf gebügelten
-Flanellhosen, auf Gummisohlen und mit entblößten Unterarmen spielten
-gebräunten und weiß gekleideten Mädchen gegenüber, die anlaufend sich in
-der Sonne steil emporreckten, um den kreideweißen Ball hoch aus der Luft
-zu schlagen. Wie Mehlstaub lag es über den gepflegten Sportfeldern. Die
-Vettern setzten sich auf eine freie Bank, um dem Spiele zuzusehen und es
-zu kritisieren.
-
-„Du spielst hier wohl nicht?“ fragte Hans Castorp.
-
-„Ich darf ja nicht“, antwortete Joachim. „Wir müssen liegen, immer
-liegen ... Settembrini sagt immer, wir lebten horizontal, – wir seien
-Horizontale, sagt er, das ist so ein fauler Witz von ihm. – Es sind
-Gesunde, die da spielen, oder sie tun es verbotenerweise. Übrigens
-spielen sie ja nicht sehr ernsthaft, – mehr des Kostüms wegen ... Und
-was das Verbotensein betrifft, da gibt es noch mehr Verbotenes, was hier
-gespielt wird, Poker, verstehst du, und in dem und jenem Hotel auch
-_petits chevaux_, – bei uns steht Ausweisung darauf, es soll das
-allerschädlichste sein. Aber manche laufen noch nach der Abendkontrolle
-hinunter und pointieren. Der Prinz, von dem Behrens seinen Titel hat,
-soll es auch immer getan haben.“
-
-Hans Castorp hörte das kaum. Der Mund stand ihm offen, denn er konnte
-nicht recht durch die Nase atmen, ohne daß er übrigens Schnupfen gehabt
-hätte. Sein Herz hämmerte in falschem Takte zu der Musik, was er dumpf
-als quälend empfand. Und in diesem Gefühl von Unordnung und Widerstreit
-begann er einzuschlafen, als Joachim zum Heimgehen mahnte.
-
-Sie legten den Weg fast schweigend zurück. Hans Castorp stolperte sogar
-ein paarmal auf der ebenen Straße und lächelte wehmütig darüber, indem
-er den Kopf schüttelte. Der Hinkende fuhr sie im Lift in ihr Stockwerk.
-Sie trennten sich vor Nummer vierunddreißig mit einem kurzen „Auf
-Wiedersehn“. Hans Castorp steuerte durch sein Zimmer auf den Balkon
-hinaus, wo er sich, wie er ging und stand, auf den Liegestuhl fallen
-ließ und ohne die einmal eingenommene Lage zu verbessern in einen
-schweren, von dem raschen Schlage seines Herzens peinlich belebten
-Halbschlummer sank.
-
-
- Natürlich, ein Frauenzimmer!
-
-Wie lange das dauerte, wußte er nicht. Als der Zeitpunkt gekommen war,
-ertönte das Gong. Aber es rief noch nicht unmittelbar zur Mahlzeit, es
-mahnte nur, sich bereit zu machen, wie Hans Castorp wußte, und so blieb
-er noch liegen, bis das metallische Dröhnen zum zweitenmal anschwoll und
-sich entfernte. Als Joachim durch das Zimmer kam, um ihn zu holen,
-wollte Hans Castorp sich umziehen, aber nun erlaubte Joachim es nicht
-mehr. Er haßte und verachtete Unpünktlichkeit. Wie man denn vorwärts
-kommen wolle und gesund werden, um Dienst machen zu können, sagte er,
-wenn man sogar zu schlapp sei, um die Essenszeit einzuhalten. Da hatte
-er natürlich recht, und Hans Castorp konnte lediglich darauf hinweisen,
-daß er ja nicht krank, dafür aber im höchsten Grade schläfrig sei. Er
-wusch sich nur rasch die Hände; dann gingen sie in den Saal hinunter,
-zum drittenmal.
-
-Durch beide Eingänge strömten die Gäste herein. Auch durch die
-Verandatüren dort drüben, die offen standen, kamen sie, und bald saßen
-sie alle an den sieben Tischen, als seien sie nie davon aufgestanden.
-Dies war wenigstens Hans Castorps Eindruck, – ein rein träumerischer und
-vernunftwidriger Eindruck natürlich, dessen sein umnebelter Kopf sich
-jedoch einen Augenblick nicht erwehren konnte und an dem er sogar ein
-gewisses Gefallen fand; denn mehrmals im Laufe der Mahlzeit suchte er
-ihn sich zurückzurufen, und zwar mit dem Erfolge vollkommener Täuschung.
-Die muntere alte Dame redete wieder in ihrer verwischten Sprache auf den
-ihr schräg gegenübersitzenden Dr. Blumenkohl ein, der ihr mit besorgter
-Miene zuhörte. Ihre magere Großnichte aß endlich etwas anderes als
-Yoghurt, nämlich die seimige _Crème d’orge_, welche die Saaltöchter in
-Tellern serviert hatten; doch nahm sie nur wenige Löffel davon und ließ
-sie dann stehen. Die hübsche Marusja stopfte ihr Taschentüchlein, das
-ein Apfelsinenparfüm ausströmte, in den Mund, um ihr Kichern zu
-ersticken. Miß Robinson las dieselben rundlich geschriebenen Briefe, die
-sie schon heute morgen gelesen hatte. Offenbar konnte sie kein Wort
-deutsch und wollte es auch nicht können. Joachim sagte in ritterlicher
-Haltung etwas auf englisch zu ihr über das Wetter, was sie einsilbig
-kauend beantwortete, um dann ins Schweigen zurückzukehren. Was Frau
-Stöhr in ihrer schottischen Wollbluse betraf, so war sie heute vormittag
-untersucht worden und berichtete darüber, indem sie sich auf ungebildete
-Weise zierte und die Oberlippe von ihren Hasenzähnen zurückzog. Rechts
-oben, so klagte sie, habe sie Geräusch, außerdem klinge es unter der
-linken Achsel noch sehr verkürzt, und fünf Monate, habe „der Alte“
-gesagt, müsse sie noch bleiben. In ihrer Unbildung nannte sie Hofrat
-Behrens „den Alten“. Übrigens zeigte sie sich empört darüber, daß „der
-Alte“ heute nicht an ihrem Tische sitze. Der „Tournee“ zufolge (sie
-meinte wohl „Turnus“) sei ihr Tisch heute mittag an der Reihe, während
-„der Alte“ schon wieder am Nebentische links sitze – (wirklich saß
-Hofrat Behrens dort und faltete seine riesigen Hände vor seinem Teller).
-Aber freilich, dort habe ja die dicke Frau Salomon aus Brüssel ihren
-Platz, die jeden Wochentag dekolletiert zum Essen komme, und daran finde
-„der Alte“ offenbar Gefallen, obgleich sie, Frau Stöhr, es nicht
-begreifen könne, denn bei jeder Untersuchung sähe er ja beliebig viel
-von Frau Salomon. Später erzählte sie in erregtem Flüstertone, daß
-gestern abend in der oberen gemeinsamen Liegehalle – der nämlich, die
-sich auf dem Dache befinde – das Licht ausgelöscht worden sei, und zwar
-zu Zwecken, die Frau Stöhr als „durchsichtig“ bezeichnete. „Der Alte“
-habe es gemerkt und so gewettert, daß es in der ganzen Anstalt zu hören
-gewesen sei. Aber den Schuldigen habe er natürlich wieder nicht
-ausfindig gemacht, während man doch nicht auf der Universität studiert
-zu haben brauche, um zu erraten, daß es natürlich dieser Hauptmann
-Miklosich aus Bukarest gewesen sei, dem es in Damengesellschaft
-überhaupt nie dunkel genug sein könne, – ein Mensch ohne all und jede
-Bildung, obgleich er ein Korsett trage, und seinem Wesen nach einfach
-ein Raubtier, – ja, ein Raubtier, wiederholte Frau Stöhr mit erstickter
-Stimme, indem ihr auf Stirn und Oberlippe der Schweiß ausbrach. In
-welchen Beziehungen Frau Generalkonsul Wurmbrand aus Wien zu ihm stehe,
-das wisse ja Dorf und Platz, – man könne wohl kaum noch von
-_geheimnisvollen_ Beziehungen sprechen. Denn nicht genug, daß der
-Hauptmann zuweilen schon morgens zu der Generalkonsulin aufs Zimmer
-komme, wenn diese noch im Bett liege, worauf er dann ihrer ganzen
-Toilette beiwohne, sondern am vorigen Dienstag habe er das Zimmer der
-Wurmbrand überhaupt erst morgens um vier Uhr _verlassen_, – die
-Pflegerin des jungen Franz auf Nummer neunzehn, bei dem neulich der
-Pneumothorax mißglückt sei, habe ihn selbst dabei betroffen und vor
-Scham die gesuchte Tür verfehlt, so daß sie sich plötzlich in dem Zimmer
-des Staatsanwalts Paravant aus Dortmund gesehen habe ... Schließlich
-erging Frau Stöhr sich längere Zeit über eine „kosmische Anstalt“, die
-sich drunten im Ort befinde, und in der sie ihr Zahnwasser kaufe, –
-Joachim blickte starr auf seinen Teller nieder ...
-
-Das Mittagessen war sowohl meisterhaft zubereitet wie auch im höchsten
-Grade ausgiebig. Die nahrhafte Suppe eingerechnet, bestand es aus nicht
-weniger als sechs Gängen. Dem Fisch folgte ein gediegenes Fleischgericht
-mit Beilagen, hierauf eine besondere Gemüseplatte, gebratenes Geflügel
-dann, eine Mehlspeise, die jener von gestern abend an Schmackhaftigkeit
-nicht nachstand, und endlich Käse und Obst. Jede Schüssel ward zweimal
-gereicht – und nicht vergebens. Man füllte die Teller und aß an den
-sieben Tischen, – ein Löwenappetit herrschte im Gewölbe, ein Heißhunger,
-dem zuzusehen wohl ein Vergnügen gewesen wäre, wenn er nicht
-gleichzeitig auf irgendeine Weise unheimlich, ja abscheulich gewirkt
-hätte. Nicht nur die Munteren legten ihn an den Tag, die schwatzten und
-einander mit Brotkügelchen warfen, nein, auch die Stillen und Finsteren,
-die in den Pausen den Kopf in die Hände stützten und starrten. Ein
-halbwüchsiger Mensch am Nebentisch links, ein Schuljunge seinen Jahren
-nach, mit zu kurzen Ärmeln und dicken, kreisrunden Brillengläsern,
-schnitt alles, was er sich auf den Teller häufte, im voraus zu einem
-Brei und Gemengsel zusammen; dann beugte er sich darüber und schlang,
-indem er zuweilen mit der Serviette hinter die Brille fuhr, um sich die
-Augen zu wischen, – man wußte nicht, was da zu trocknen war, ob Schweiß
-oder Tränen.
-
-Zwei Zwischenfälle ereigneten sich während der großen Mahlzeit und
-erregten Hans Castorps Aufmerksamkeit, soweit sein Befinden dies zuließ.
-Erstens fiel wieder die Glastür zu, – es war beim Fisch. Hans Castorp
-zuckte erbittert und sagte dann in zornigem Eifer zu sich selbst, daß er
-unbedingt diesmal den Täter feststellen müsse. Er dachte es nicht nur,
-er sagte es auch mit den Lippen, so ernst war es ihm. Ich muß es wissen!
-flüsterte er mit übertriebener Leidenschaftlichkeit, so daß Miß Robinson
-sowohl wie die Lehrerin ihn verwundert anblickten. Und dabei wandte er
-den ganzen Oberkörper nach links und riß seine blutüberfüllten Augen
-auf.
-
-Es war eine Dame, die da durch den Saal ging, eine Frau, ein junges
-Mädchen wohl eher, nur mittelgroß, in weißem Sweater und farbigem Rock,
-mit rötlichblondem Haar, das sie einfach in Zöpfen um den Kopf gelegt
-trug. Hans Castorp sah nur wenig von ihrem Profil, fast gar nichts. Sie
-ging ohne Laut, was zu dem Lärm ihres Eintritts in wunderlichem
-Gegensatz stand, ging eigentümlich schleichend und etwas vorgeschobenen
-Kopfes zum äußersten Tische links, der senkrecht zur Verandatür stand,
-dem „Guten Russentisch“ nämlich, wobei sie die eine Hand in der Tasche
-der anliegenden Wolljacke hielt, die andere aber, das Haar stützend und
-ordnend, zum Hinterkopf führte. Hans Castorp blickte auf diese Hand, –
-er hatte viel Sinn und kritische Aufmerksamkeit für Hände und war
-gewöhnt, auf diesen Körperteil zuerst, wenn er neue Bekanntschaften
-machte, sein Augenmerk zu richten. Sie war nicht sonderlich damenhaft,
-die Hand, die das Haar stützte, nicht so gepflegt und veredelt, wie
-Frauenhände in des jungen Hans Castorp gesellschaftlicher Sphäre zu sein
-pflegten. Ziemlich breit und kurzfingrig, hatte sie etwas Primitives und
-Kindliches, etwas von der Hand eines Schulmädchens; ihre Nägel wußten
-offenbar nichts von Maniküre, sie waren schlecht und recht beschnitten,
-ebenfalls wie bei einem Schulmädchen, und an ihren Seiten schien die
-Haut etwas aufgerauht, fast so, als werde hier das kleine Laster des
-Fingerkauens gepflegt. Übrigens erkannte Hans Castorp dies eher
-ahnungsweise, als daß er es eigentlich gesehen hätte, – die Entfernung
-war doch zu bedeutend. Mit einem Kopfnicken begrüßte die Nachzüglerin
-ihre Tischgesellschaft, und indem sie sich setzte, an die Innenseite des
-Tisches, den Rücken gegen den Saal, zur Seite Dr. Krokowskis, der dort
-den Vorsitz hatte, wandte sie, noch immer die Hand am Haar, den Kopf
-über die Schulter und überblickte das Publikum, – wobei Hans Castorp
-flüchtig bemerkte, daß sie breite Backenknochen und schmale Augen hatte
-... Eine vage Erinnerung an irgendetwas und irgendwen berührte ihn
-leicht und vorübergehend, als er das sah ...
-
-Natürlich, ein Frauenzimmer! dachte Hans Castorp, und wieder murmelte er
-es ausdrücklich vor sich hin, so daß die Lehrerin, Fräulein Engelhart,
-verstand, was er sagte. Die dürftige alte Jungfer lächelte gerührt.
-
-„Das ist Madame Chauchat“, sagte sie. „Sie ist so lässig. Eine
-entzückende Frau.“ Und dabei verstärkte sich die flaumige Röte auf
-Fräulein Engelharts Wangen um eine Schattierung, – was übrigens immer
-der Fall war, sobald sie den Mund öffnete.
-
-„Französin?“ fragte Hans Castorp streng.
-
-„Nein, sie ist Russin“, sagte die Engelhart. „Vielleicht ist der Mann
-Franzose oder französischer Abkunft, das weiß ich nicht sicher.“
-
-Ob es _der_ dort sei, fragte Hans Castorp noch immer gereizt und deutete
-auf einen Herrn mit vorhängenden Schultern am Guten Russentisch.
-
-O nein, er sei nicht hier, entgegnete die Lehrerin. Er sei überhaupt
-noch nicht hier gewesen, sei hier ganz unbekannt.
-
-„Sie sollte die Tür ordentlich zumachen!“ sagte Hans Castorp. „Immer
-läßt sie sie zufallen. Das ist doch eine Unmanier.“
-
-Und da die Lehrerin den Verweis demütig lächelnd einsteckte, als sei sie
-selber die Schuldige, so war nicht weiter die Rede von Madame Chauchat.
-–
-
-Das zweite Vorkommnis bestand darin, daß Dr. Blumenkohl vorübergehend
-den Saal verließ, – weiter war es nichts. Plötzlich verstärkte sich der
-leise angewiderte Ausdruck seines Gesichtes, sorgenvoller als sonst
-blickte er auf einen Punkt, schob dann mit bescheidener Bewegung seinen
-Stuhl zurück und ging hinaus. Hier aber zeigte sich Frau Stöhrs große
-Unbildung im vollsten Licht, denn wahrscheinlich aus gemeiner Genugtuung
-darüber, daß sie weniger krank war als Blumenkohl, begleitete sie seinen
-Weggang mit halb mitleidigen, halb verächtlichen Glossen. „Der Ärmste!“
-sagte sie. „Der pfeift bald aus dem letzten Loch. Schon wieder muß er
-sich mit dem Blauen Heinrich besprechen.“ Ganz ohne Überwindung, mit
-störrisch unwissender Miene, brachte sie die fratzenhafte Bezeichnung
-„der blaue Heinrich“ über die Lippen, und Hans Castorp empfand ein
-Gemisch von Schrecken und Lachreiz, als sie es sagte. Übrigens kehrte
-Dr. Blumenkohl nach wenigen Minuten in der gleichen bescheidenen Haltung
-zurück, in der er hinausgegangen war, nahm wieder Platz und fuhr fort,
-zu essen. Auch er aß sehr viel, von jedem Gerichte zweimal, stumm und
-mit sorgenvoll verschlossener Miene.
-
-Dann war das Mittagessen beendet: dank einer gewandten Bedienung – denn
-die Zwergin besonders war ein sonderbar raschfüßiges Wesen – hatte es
-nur eine gute Stunde gedauert. Hans Castorp, schwer atmend, und ohne
-recht zu wissen, wie er heraufgekommen war, lag wieder auf dem
-vorzüglichen Stuhl in seiner Balkonloge, denn nach dem Essen war
-Liegekur bis zum Tee, – sogar die wichtigste des Tages und streng
-einzuhalten. Zwischen den undurchsichtigen Glaswänden, die ihn von
-Joachim einerseits und dem russischen Ehepaar andererseits trennten, lag
-er und dämmerte mit pochendem Herzen, indem er Luft durch den Mund
-holte. Als er sein Taschentuch benutzte, fand er es von Blut gerötet,
-aber er hatte nicht die Kraft, sich Gedanken darüber zu machen, obgleich
-er ja etwas ängstlich mit sich war und von Natur ein wenig zu
-hypochondrischen Grillen neigte. Wieder hatte er sich eine Maria Mancini
-angezündet, und diesmal rauchte er sie zu Ende, mochte sie nun wie immer
-schmecken. Schwindelig, beklommen und träumerisch bedachte er, wie sehr
-sonderbar es ihm hier oben ergehe. Zwei- oder dreimal ward seine Brust
-von innerem Lachen erschüttert über die schauderhafte Bezeichnung, deren
-Frau Stöhr sich in ihrer Unbildung bedient hatte.
-
-
- Herr Albin
-
-Drunten im Garten hob sich das Phantasie-Fahnentuch mit dem
-Schlangenstabe zuweilen im Windhauch. Der Himmel hatte sich wieder
-gleichmäßig bedeckt. Die Sonne war fort, und sogleich war es fast
-unwirtlich kühl geworden. Die gemeinsame Liegehalle schien voll besetzt;
-es herrschte Gespräch und Gekicher dort unten.
-
-„Herr Albin, ich flehe Sie an, legen Sie das Messer fort, stecken Sie es
-ein, es geschieht ein Unglück damit!“ klagte eine hohe, schwankende
-Damenstimme. Und:
-
-„Bester Herr Albin, um Gottes willen, schonen Sie unsere Nerven und
-bringen Sie uns das entsetzliche Mordding aus den Augen!“ mischte sich
-eine zweite darein, – worauf ein blondköpfiger junger Mann, welcher,
-eine Zigarette im Munde, seitwärts auf dem vordersten Liegestuhl saß, in
-frechem Tone erwiderte:
-
-„Fällt mir nicht ein! Die Damen werden mir doch wohl erlauben, etwas mit
-meinem Messer zu spielen! Nun ja, gewiß, es ist ein besonders scharfes
-Messer. Ich habe es in Kalkutta einem blinden Zauberer abgekauft ... Er
-konnte es verschlucken, und gleich darauf grub sein Boy es fünfzig
-Schritte von ihm entfernt aus dem Boden ... Wollen Sie sehen? Es ist
-viel schärfer als ein Rasiermesser. Man braucht die Schneide nur zu
-berühren, und sie geht einem ins Fleisch wie durch Butter. Warten Sie,
-ich zeige es Ihnen näher ...“ Und Herr Albin stand auf. Ein Gekreisch
-erhob sich. „Nein, jetzt hole ich meinen Revolver!“ sagte Herr Albin.
-„Das wird Sie mehr interessieren. Ein ganz verflixtes Ding. Von einer
-Durchschlagskraft ... Ich hole ihn aus meinem Zimmer.“
-
-„Herr Albin, Herr Albin, tun Sie es nicht!“ zeterten mehrere Stimmen.
-Aber Herr Albin kam schon aus der Liegehalle hervor, um auf sein Zimmer
-zu gehen, – blutjung und schlenkricht, mit rosigem Kindergesicht und
-kleinen Backenbartstreifen neben den Ohren.
-
-„Herr Albin,“ rief eine Dame hinter ihm drein, „holen Sie lieber Ihren
-Paletot, ziehen Sie ihn an, tun Sie es mir zuliebe! Sechs Wochen haben
-Sie mit Lungenentzündung gelegen, und nun sitzen Sie hier ohne
-Überzieher und decken sich nicht einmal zu und rauchen Zigaretten! Das
-heißt Gott versuchen, Herr Albin, mein Ehrenwort!“
-
-Aber er lachte nur höhnisch im Weggehen, und schon nach wenigen Minuten
-kehrte er mit dem Revolver zurück. Da kreischten sie noch alberner als
-vorhin, und man hörte, daß mehrere von den Stühlen springen wollten,
-sich in ihre Decken verwickelten und stürzten.
-
-„Sehen Sie, wie klein und blank er ist,“ sagte Herr Albin, „aber wenn
-ich hier drücke, so beißt er zu ...“ Ein neues Gekreisch. „Er ist
-natürlich scharf geladen“, fuhr Herr Albin fort. „In dieser Scheibe hier
-stecken die sechs Patronen, die dreht sich bei jedem Schuß um ein Loch
-weiter ... Übrigens halte ich mir das Ding nicht zum Spaß“, sagte er, da
-er bemerkte, daß die Wirkung sich abnutzte, ließ den Revolver in die
-Brusttasche gleiten und setzte sich wieder mit übergeschlagenem Bein auf
-seinen Stuhl, indem er sich eine frische Zigarette anzündete. „Durchaus
-nicht zum Spaß“, wiederholte er und preßte die Lippen zusammen.
-
-„Wozu denn? Wozu denn?“ fragten ahnungsvoll bebende Stimmen.
-„Entsetzlich!“ schrie plötzlich eine einzelne, und da nickte Herr Albin.
-
-„Ich sehe, Sie fangen an, zu begreifen“, sagte er. „In der Tat, dazu
-halte ich ihn mir“, fuhr er leichthin fort, nachdem er trotz der
-überstandenen Lungenentzündung eine Menge Rauch eingezogen und wieder
-von sich geblasen hatte. „Ich halte ihn in Bereitschaft für den Tag, wo
-mir dieser Trödel hier zu langweilig wird und wo ich die Ehre haben
-werde, mich ergebenst zu empfehlen. Die Sache ist ziemlich einfach ...
-Ich habe einiges Studium darauf verwandt und bin mit mir im reinen
-darüber, wie sie am besten zu deichseln ist. (Bei dem Worte „deichseln“
-ertönte ein Schrei.) Die Herzpartie schaltet aus ... Der Ansatz ist mir
-da nicht recht bequem ... Auch ziehe ich es vor, das Bewußtsein an Ort
-und Stelle auszulöschen, nämlich indem ich mir so einen hübschen kleinen
-Fremdkörper in dieses interessante Organ appliziere ...“ Und Herr Albin
-deutete mit dem Zeigefinger auf seinen kurzgeschorenen Blondschädel.
-„Man muß hier ansetzen –“ Herr Albin zog den vernickelten Revolver
-wieder aus der Tasche und klopfte mit der Mündung an seine Schläfe –
-„hier oberhalb der Schlagader ... Sogar ohne Spiegel ist es eine glatte
-Sache ...“
-
-Mehrstimmiger, flehender Protest ward laut, in den sich sogar ein
-heftiges Schluchzen mischte.
-
-„Herr Albin, Herr Albin, den Revolver weg, nehmen Sie den Revolver von
-Ihrer Schläfe weg, es ist nicht anzusehen! Herr Albin, Sie sind jung,
-Sie werden gesund werden, Sie werden ins Leben zurückkehren und sich der
-allgemeinen Beliebtheit erfreuen, mein Ehrenwort! Ziehen Sie nur Ihren
-Mantel an, legen Sie sich hin, decken Sie sich zu, machen Sie Kur! Jagen
-Sie den Bademeister nicht wieder fort, wenn er kommt, um Sie mit Alkohol
-abzureiben! Lassen Sie das Zigarettenrauchen, Herr Albin, hören Sie, wir
-bitten um Ihr Leben, Ihr junges, kostbares Leben!“
-
-Aber Herr Albin war unerbittlich.
-
-„Nein, nein,“ sagte er, „lassen Sie mich, es ist gut, ich danke Ihnen.
-Ich habe noch nie einer Dame etwas abgeschlagen, aber Sie werden
-einsehen, daß es unnütz ist, dem Schicksal in die Speichen zu fallen.
-Ich bin im dritten Jahr hier ... ich habe es satt und spiele nicht mehr
-mit, – können Sie mir das verargen? Unheilbar, meine Damen, – sehen Sie
-mich an, wie ich hier sitze, bin ich unheilbar, – der Hofrat selbst
-macht kaum noch ehren- und schandenhalber ein Hehl daraus. Gönnen Sie
-mir das bißchen Ungebundenheit, das für mich aus dieser Tatsache
-resultiert! Es ist wie auf dem Gymnasium, wenn es entschieden war, daß
-man sitzen blieb und nicht mehr gefragt wurde und nichts mehr zu tun
-brauchte. Zu diesem glücklichen Zustand bin ich nun endgültig wieder
-gediehen. Ich brauche nichts mehr zu tun, ich komme nicht mehr in
-Betracht, ich lache über das Ganze. Wollen Sie Schokolade? Bedienen Sie
-sich! Nein, Sie berauben mich nicht, ich habe massenweise Schokolade auf
-meinem Zimmer. Acht Bonbonnieren, fünf Tafeln Gala-Peter und vier Pfund
-Lindschokolade habe ich da oben, – das alles haben die Damen des
-Sanatoriums mir während meiner Lungenentzündung zustellen lassen ...“
-
-Irgendwoher gebot eine Baßstimme Ruhe. Herr Albin lachte kurz auf, – es
-war ein flatternd-abgerissenes Lachen. Dann ward es still in der
-Liegehalle, so still, als sei ein Traum oder Spuk zerstoben; und
-sonderbar klangen die gesprochenen Worte im Schweigen nach. Hans Castorp
-lauschte ihnen, bis sie völlig erstorben waren, und obwohl ihm
-unbestimmt schien, als ob Herr Albin ein Laffe sei, so konnte er sich
-doch nicht eines gewissen Neides auf ihn erwehren. Namentlich jenes dem
-Schulleben entnommene Gleichnis hatte ihm Eindruck gemacht, denn er
-selbst war ja in Untersekunda sitzen geblieben, und er erinnerte sich
-wohl des etwas schimpflichen aber humoristischen, angenehm verwahrlosten
-Zustandes, dessen er genossen hatte, als er im vierten Quartal das
-Rennen aufgegeben und „über das Ganze“ hatte lachen können. Da seine
-Betrachtungen dumpf und verworren waren, so ist es schwer, sie zu
-präzisieren. Hauptsächlich schien ihm, daß die Ehre bedeutende Vorteile
-für sich habe, aber die Schande nicht minder, ja, daß die Vorteile der
-letzteren geradezu grenzenloser Art seien. Und indem er sich probeweise
-in Herrn Albins Zustand versetzte und sich vergegenwärtigte, wie es sein
-müsse, wenn man endgültig des Druckes der Ehre ledig war und auf immer
-die bodenlosen Vorteile der Schande genoß, erschreckte den jungen Mann
-ein Gefühl von wüster Süßigkeit, das sein Herz vorübergehend zu noch
-hastigerem Gange erregte.
-
-
- Satana macht ehrrührige Vorschläge
-
-Später verlor er das Bewußtsein. Nach seiner Taschenuhr war es halb
-vier, als Gespräch hinter der linken Glaswand ihn weckte: Dr. Krokowski,
-der um diese Zeit ohne den Hofrat die Runde machte, sprach dort russisch
-mit dem unmanierlichen Ehepaar, erkundigte sich, wie es schien, nach dem
-Befinden des Gatten und ließ sich seine Fiebertabelle zeigen. Dann aber
-setzte er seinen Weg nicht durch die Balkonlogen fort, sondern umging
-Hans Castorps Abteil, indem er sich auf den Korridor zurückbegab und
-durch die Zimmertür bei Joachim eintrat. Daß man solchergestalt einen
-Bogen um ihn beschrieb und ihn links liegen ließ, empfand Hans Castorp
-denn doch als etwas verletzend, obgleich ihn nach einem Zusammensein
-unter vier Augen mit Dr. Krokowski ja durchaus nicht verlangte.
-Freilich, er war eben gesund und zählte nicht mit, – denn bei denen hier
-oben, dachte er, lagen die Dinge so, daß derjenige nicht in Betracht kam
-und nicht gefragt wurde, der die Ehre hatte, gesund zu sein, und das
-ärgerte den jungen Castorp.
-
-Nachdem Dr. Krokowski sich bei Joachim zwei oder drei Minuten verweilt
-hatte, ging er den Balkon entlang weiter, und Hans Castorp hörte den
-Vetter sagen, daß man nun aufstehen und sich zur Vespermahlzeit bereit
-machen könne. „Schön“, sagte er und stand auf. Aber es schwindelte ihn
-sehr vom langen Liegen, und der unerquickliche Halbschlaf hatte ihm das
-Gesicht aufs neue peinlich erhitzt, während er übrigens zum Frösteln
-neigte, – vielleicht hatte er sich nicht warm genug zugedeckt.
-
-Er wusch sich Augen und Hände, ordnete sein Haar und seine Kleider und
-traf mit Joachim auf dem Korridor zusammen.
-
-„Hast du diesen Herrn Albin gehört?“ fragte er, als sie die Treppen
-hinunter gingen ...
-
-„Natürlich“, sagte Joachim. „Der Mensch müßte diszipliniert werden.
-Stört da die ganze Mittagsruhe mit seinem Geschwätz und regt die Damen
-so auf, daß er sie um Wochen zurückbringt. Eine grobe Insubordination.
-Aber wer will denn den Denunzianten machen. Und außerdem sind solche
-Reden ja den meisten als Unterhaltung willkommen.“
-
-„Hältst du es für möglich,“ fragte Hans Castorp, „daß er Ernst macht mit
-seiner ‚glatten Sache‘, wie er sich ausdrückt, und sich einen
-Fremdkörper appliziert?“
-
-„Ach, doch,“ antwortete Joachim, „ganz unmöglich ist es nicht.
-Dergleichen kommt vor hier oben. Zwei Monate bevor ich kam hat sich ein
-Student, der schon lange hier war, nach einer Generaluntersuchung im
-Walde drüben aufgehängt. Es war in meinen ersten Tagen noch viel die
-Rede davon.“
-
-Hans Castorp gähnte erregt.
-
-„Ja, gut fühle ich mich nicht bei euch,“ erklärte er, „das kann ich
-nicht sagen. Ich halte es für möglich, daß ich nicht bleiben kann, du,
-daß ich abreisen muß, – würdest du es mir weiter übelnehmen?“
-
-„Abreisen? Was fällt dir ein!“ rief Joachim. „Unsinn. Wo du gerade erst
-angekommen bist. Wie willst du denn urteilen nach dem ersten Tage!“
-
-„Gott, ist noch immer der erste Tag? Mir ist ganz, als wäre ich schon
-lange – lange bei euch hier oben.“
-
-„Nun fange nur nicht wieder an, über die Zeit zu spintisieren!“ sagte
-Joachim. „Ganz konfus hast du mich heute morgen gemacht.“
-
-„Nein, sei beruhigt, ich habe alles vergessen“, erwiderte Hans Castorp.
-„Den ganzen Komplex. Jetzt bin ich auch kein bißchen scharf mehr im
-Kopfe, das ist vorüber ... Nun gibt es also Tee.“
-
-„Ja, und dann gehen wir wieder bis zu der Bank von heute morgen.“
-
-„In Gottes Namen. Aber hoffentlich treffen wir Settembrini nicht wieder.
-Ich kann mich heute an keinem gebildeten Gespräch mehr beteiligen, das
-sage ich dir im voraus.“
-
-Im Speisesaal wurden alle Getränke geschenkt, die zu dieser Stunde nur
-irgend in Betracht kommen. Miß Robinson trank wieder ihren blutroten
-Hagebuttentee, während die Großnichte Yoghurt löffelte. Außerdem gab es
-Milch, Tee, Kaffee, Schokolade, ja sogar Fleischbrühe, und überall waren
-die Gäste, die seit dem üppigen Mittagsmahl zwei Stunden liegend
-verbracht hatten, eifrig beschäftigt, Butter auf große Schnitten
-Rosinenkuchen zu streichen.
-
-Hans Castorp hatte sich Tee geben lassen und tauchte Zwieback hinein.
-Auch etwas Marmelade versuchte er. Den Rosinenkuchen betrachtete er
-genau, doch erzitterte er buchstäblich bei dem Gedanken, davon zu essen.
-Abermals saß er an seinem Platze im Saal mit dem einfältig bunten
-Gewölbe, den sieben Tischen, – zum viertenmal. Etwas später, um sieben
-Uhr, saß er zum fünftenmal dort, und da galt es das Abendessen. In die
-Zwischenzeit, welche kurz und nichtig war, fiel ein Spaziergang zu jener
-Bank an der Bergwand, beim Wasserrinnsal – der Weg war jetzt dicht
-belebt von Patienten, so daß die Vettern häufig zu grüßen hatten – und
-eine neuerliche Liegekur auf dem Balkon, von flüchtigen und gehaltlosen
-anderthalb Stunden. Hans Castorp fröstelte heftig dabei.
-
-Zur Abendmahlzeit kleidete er sich gewissenhaft um und aß dann zwischen
-Miß Robinson und der Lehrerin Juliennesuppe, gebackenes und gebratenes
-Fleisch nebst Zubehör, zwei Stücke von einer Torte, in der alles vorkam:
-Makronenteig, Buttercreme, Schokolade, Fruchtmus und Marzipan, und sehr
-guten Käse auf Pumpernickel. Wieder ließ er sich eine Flasche Kulmbacher
-dazu geben. Als er jedoch sein hohes Glas zur Hälfte geleert hatte,
-erkannte er klar und deutlich, daß er ins Bett gehöre. In seinem Kopfe
-rauschte es, seine Augenlider waren wie Blei, sein Herz ging wie eine
-kleine Pauke, und zu seiner Qual bildete er sich ein, daß die hübsche
-Marusja, die, vornüber geneigt, ihr Gesicht in der Hand mit dem kleinen
-Rubin verbarg, über _ihn_ lache, obgleich er sich so angestrengt bemüht
-hatte, keinerlei Veranlassung dazu zu geben. Wie aus weiter Ferne hörte
-er Frau Stöhr etwas erzählen oder behaupten, was ihm als so tolles Zeug
-erschien, daß er in verwirrte Zweifel geriet, ob er noch richtig höre
-oder ob Frau Stöhrs Äußerungen sich vielleicht in seinem Kopfe zu Unsinn
-verwandelten. Sie erklärte, daß sie achtundzwanzig verschiedene
-Fischsaucen zu bereiten verstehe, – sie habe den Mut, dafür einzustehen,
-obgleich ihr eigener Mann sie gewarnt habe, davon zu sprechen. „Sprich
-nicht davon!“ habe er gesagt. „Niemand wird es dir glauben, und wenn man
-es glaubt, so wird man es lächerlich finden!“ Und doch wolle sie es
-heute einmal sagen und offen bekennen, daß es achtundzwanzig Fischsaucen
-seien, die sie machen könne. Das schien dem armen Hans Castorp
-entsetzlich; er erschrak, griff sich mit der Hand an die Stirn und
-vergaß vollkommen, einen Bissen Pumpernickel mit Chester, den er im
-Munde hatte, fertig zu kauen und hinunterzuschlucken. Noch als man von
-Tische aufstand, hatte er ihn im Munde.
-
-Man ging durch die Glastür zur Linken hinaus, jene fatale, die immer
-zufiel und die geradewegs in die vordere Halle führte. Fast alle Gäste
-nahmen diesen Weg, denn es zeigte sich, daß um die Stunde nach dem Diner
-in der Halle und den anliegenden Salons eine Art von Geselligkeit
-stattfand. Die Mehrzahl der Patienten stand in kleinen Gruppen plaudernd
-umher. An zwei grün ausgeschlagenen Klapptischen lag man dem Spiele ob;
-es war Domino an dem einen, Bridge an dem anderen Tische, und hier waren
-es nur junge Leute, die spielten, darunter Herr Albin und Hermine
-Kleefeld. Ferner gab es ein paar unterhaltende optische Gegenstände im
-ersten Salon: einen stereoskopischen Guckkasten, durch dessen Linsen man
-die in seinem Innern aufgestellten Photographien, zum Beispiel einen
-venezianischen Gondolier, in starrer und blutloser Körperlichkeit
-erblickte; zweitens ein fernrohrförmiges Kaleidoskop, an dessen Linse
-man ein Auge legte, um sich, nur durch leichte Handhabung eines Rades,
-buntfarbige Sterne und Arabesken in zauberhafter Abwechslung
-vorzugaukeln; eine drehende Trommel endlich, in die man
-kinematographische Filmstreifen legte und durch deren Öffnungen, wenn
-man seitlich hineinsah, ein Müller, der sich mit einem Schornsteinfeger
-prügelte, ein Schulmeister, einen Knaben züchtigend, ein springender
-Seiltänzer und ein Bauernpärchen im Ländlertanz zu beobachten waren.
-Hans Castorp, die kalten Hände auf den Knien, blickte längere Zeit in
-jeden der Apparate. Er verweilte sich auch ein wenig am Bridgetische, wo
-der unheilbare Herr Albin mit hängenden Mundwinkeln und weltmännisch
-wegwerfenden Bewegungen die Karten handhabte. In einem Winkel saß Dr.
-Krokowski, begriffen in frischem und herzlichem Gespräch mit einem
-Halbkreise von Damen, zu welchem Frau Stöhr, Frau Iltis und Fräulein
-Levi gehörten. Die Inhaber des Guten Russentisches hatten sich in den
-anstoßenden kleineren Salon zurückgezogen, der nur durch Portieren vom
-Spielzimmer getrennt war, und bildeten dort eine intime Clique. Es waren
-außer Madame Chauchat: ein blondbärtiger, schlaffer Herr mit konkavem
-Brustkasten und glotzenden Augäpfeln; ein tief brünettes Mädchen von
-originellem und humoristischem Typus, mit goldenen Ohrringen und wirrem
-Wollhaar; ferner Dr. Blumenkohl, der sich ihnen zugesellt hatte, und
-noch zwei hängeschultrige Jünglinge. Madame Chauchat trug ein blaues
-Kleid mit weißem Spitzenkragen. Sie saß, als Mittelpunkt ihrer Gruppe,
-auf dem Sofa hinter dem runden Tisch, im Hintergrunde des kleinen
-Gemaches, das Gesicht dem Spielzimmer zugewandt. Hans Castorp, der die
-ungezogene Frau nicht ohne Mißbilligung betrachten konnte, dachte bei
-sich: Sie erinnert mich an irgend etwas, doch kann ich nicht sagen, an
-was ... Ein langer Mensch von etwa dreißig Jahren und mit gelichtetem
-Haupthaar spielte an dem kleinen braunen Pianoforte dreimal
-hintereinander den Hochzeitsmarsch aus dem „Sommernachtstraum“, und als
-einige Damen ihn darum baten, begann er das melodiöse Stück zum
-viertenmal, nachdem er einer nach der anderen tief und schweigend in die
-Augen geblickt hatte.
-
-„Ist es erlaubt, sich nach Ihrem Befinden zu erkundigen, Ingenieur?“
-fragte Settembrini, welcher, die Hände in den Hosentaschen, zwischen den
-Gästen umhergeschlendert war und nun vor Hans Castorp hintrat ... Noch
-immer trug er seinen grauen, flausartigen Rock und die hell karierten
-Beinkleider. Er lächelte bei seiner Anrede, und wieder empfand Hans
-Castorp etwas wie Ernüchterung beim Anblick dieses fein und spöttisch
-gekräuselten Mundwinkels unter der Biegung des schwarzen Schnurrbartes.
-Übrigens blickte er den Italiener ziemlich blöde, mit schlaffem Munde
-und rotgeäderten Augen an.
-
-„Ach, Sie sind es“, sagte er. „Der Herr vom Morgenspaziergang, den wir
-bei dieser Bank da oben ... beim Wasserlauf ... Natürlich, ich habe Sie
-sofort wieder erkannt. Wollen Sie glauben,“ fuhr er fort, obgleich er
-wohl einsah, daß er es nicht hätte sagen dürfen, „daß ich Sie damals im
-ersten Augenblick für einen Drehorgelmann gehalten habe? ... Das war
-natürlich der reine Unsinn,“ setzte er hinzu, da er sah, daß
-Settembrini’s Blick einen kühl forschenden Ausdruck annahm, „– eine
-furchtbare Dummheit mit einem Wort! Es _ist_ mir sogar vollständig
-unbegreiflich, wie in aller Welt ich ...“
-
-„Beunruhigen Sie sich nicht, es hat nichts zu sagen“, erwiderte
-Settembrini, nachdem er den jungen Mann noch einen Augenblick schweigend
-betrachtet hatte. „Und wie haben Sie also Ihren Tag verbracht, – den
-ersten Ihres Aufenthaltes an diesem Lustorte?“
-
-„Ich danke sehr. Ganz vorschriftsmäßig“, antwortete Hans Castorp.
-„Vorwiegend auf ‚horizontale Art‘, wie Sie es mit Vorliebe nennen
-sollen.“
-
-Settembrini lächelte.
-
-„Es mag sein, daß ich mich gelegentlich so ausgedrückt habe“, sagte er.
-„Nun, und Sie fanden sie kurzweilig, diese Lebensweise?“
-
-„Kurzweilig und langweilig, wie Sie nun wollen“, erwiderte Hans Castorp.
-„Das ist zuweilen schwer zu unterscheiden, wissen Sie. Ich habe mich
-durchaus nicht gelangweilt, – dazu ist es doch ein allzu munterer
-Betrieb bei Ihnen hier oben. Man bekommt so viel Neues und Merkwürdiges
-zu hören und zu sehen ... Und doch ist mir auch andererseits wieder, als
-ob ich nicht nur einen Tag, sondern schon längere Zeit hier wäre, –
-geradezu, als ob ich hier schon älter und klüger geworden wäre, so kommt
-es mir vor.“
-
-„Klüger auch?“ sagte Settembrini und zog die Brauen hoch. „Wollen Sie
-mir die Frage erlauben: Wie alt sind Sie eigentlich?“
-
-Aber siehe da, Hans Castorp wußte es nicht! Er wußte im Augenblick
-nicht, wie alt er sei, trotz heftiger, ja verzweifelter Anstrengungen,
-sich darauf zu besinnen. Um Zeit zu gewinnen, ließ er sich die Frage
-wiederholen und sagte dann:
-
-„... Ich ... wie alt? Ich bin natürlich im vierundzwanzigsten. Demnächst
-werde ich vierundzwanzig. Verzeihen Sie, ich bin müde!“ sagte er. „Und
-Müdigkeit ist noch gar nicht der Ausdruck für meinen Zustand. Kennen Sie
-das, wenn man träumt und weiß, daß man träumt und zu erwachen sucht und
-nicht aufwachen kann? Genau so ist mir zumut. Unbedingt muß ich Fieber
-haben, anders kann ich es mir gar nicht erklären. Wollen Sie glauben,
-daß ich bis zu den Knien hinauf kalte Füße habe? Wenn man so sagen darf,
-denn die Knie sind ja natürlich nicht mehr die Füße, – entschuldigen
-Sie, ich bin im höchsten Grade konfus, und das ist ja auch am Ende kein
-Wunder, wenn man schon am frühen Morgen mit dem ... mit dem Pneumothorax
-angepfiffen wird und nachher die Reden dieses Herrn Albin mit anhört und
-obendrein in horizontaler Lage. Denken Sie, mir ist immer, als dürfte
-ich meinen fünf Sinnen nicht mehr recht trauen, und ich muß sagen, das
-geniert mich noch mehr, als die Hitze im Gesicht und die kalten Füße.
-Sagen Sie mir offen: halten Sie es für möglich, daß Frau Stöhr
-achtundzwanzig Fischsaucen zu machen versteht? Ich meine nicht, ob sie
-sie wirklich machen kann – das halte ich für ausgeschlossen – sondern ob
-sie es auch nur wirklich vorhin bei Tische behauptet hat oder ob es mir
-nur so vorkam, – nur das möchte ich wissen.“
-
-Settembrini sah ihn an. Er schien nicht zugehört zu haben. Wieder hatten
-seine Augen „sich festgesehen“, waren in eine fixe und blinde
-Einstellung geraten, und wie heute morgen sagte er je dreimal „so, so,
-so“ und „sieh, sieh, sieh“, – spöttisch-nachdenklich und mit scharfem
-S-Laut.
-
-„Vierundzwanzig sagten Sie?“ fragte er dann ...
-
-„Nein, achtundzwanzig!“ sagte Hans Castorp. „Achtundzwanzig Fischsaucen!
-Nicht Saucen im allgemeinen, sondern speziell Fischsaucen, das ist das
-Ungeheuerliche.“
-
-„Ingenieur!“ sagte Settembrini zornig und ermahnend. „Nehmen Sie sich
-zusammen und lassen Sie mich mit diesem liederlichen Unsinn in Ruhe! Ich
-weiß nichts davon und will nichts davon wissen. – Im vierundzwanzigsten,
-sagten Sie? Hm ... gestatten Sie mir noch eine Frage oder einen
-unmaßgeblichen Vorschlag, wenn Sie so wollen. Da der Aufenthalt Ihnen
-nicht zuträglich zu sein scheint, da Sie sich körperlich und, wenn mich
-nicht alles täuscht, auch seelisch nicht wohl bei uns befinden, – wie
-wäre es denn da, wenn Sie darauf verzichteten, hier älter zu werden,
-kurz, wenn Sie noch heute nacht wieder aufpackten und sich morgen mit
-den fahrplanmäßigen Schnellzügen auf- und davonmachten?“
-
-„Sie meinen, ich sollte abreisen?“ fragte Hans Castorp ... „Wo ich
-gerade erst angekommen bin? Aber nein, wie will ich denn urteilen nach
-dem ersten Tage!“
-
-Zufällig blickte er ins Nebenzimmer bei diesen Worten und sah dort Frau
-Chauchat von vorn, ihre schmalen Augen und breiten Backenknochen. Woran,
-dachte er, woran und an wen in aller Welt erinnert sie mich nur. Aber
-sein müder Kopf wußte die Frage trotz einiger Anstrengung nicht zu
-beantworten.
-
-„Natürlich fällt es mir nicht so ganz leicht, mich bei Ihnen hier oben
-zu akklimatisieren,“ fuhr er fort, „das war doch vorauszusehen, und
-deshalb gleich die Flinte ins Korn zu werfen, nur weil ich vielleicht
-ein paar Tage ein bißchen verwirrt und heiß sein werde, da müßte ich
-mich ja schämen, geradezu feig würde ich mir vorkommen und außerdem
-ginge es gegen alle Vernunft, – nein, sagen Sie selbst ...“
-
-Er sprach auf einmal sehr eindringlich, mit erregten Schulterbewegungen,
-und schien den Italiener bestimmen zu wollen, seinen Vorschlag in aller
-Form zurückzunehmen.
-
-„Ich salutiere der Vernunft“, antwortete Settembrini. „Ich salutiere
-übrigens auch dem Mute. Was Sie sagen, läßt sich wohl hören, es dürfte
-schwer sein, etwas Triftiges dagegen einzuwenden. Auch habe ich wirklich
-schöne Fälle von Akklimatisation beobachtet. Da war im vorigen Jahre
-Fräulein Kneifer, Ottilie Kneifer, durchaus von Familie, die Tochter
-eines höheren Staatsfunktionärs. Sie war wohl anderthalb Jahre hier und
-hatte sich so vortrefflich eingelebt, daß sie, als ihre Gesundheit
-vollkommen hergestellt war – denn das kommt vor, man wird zuweilen
-gesund hier oben –, daß sie auch dann noch um keinen Preis fort wollte.
-Sie bat den Hofrat von ganzer Seele, noch bleiben zu dürfen, sie könne
-und möge nicht heim, hier sei sie zu Hause, hier sei sie glücklich; da
-aber lebhafter Zudrang herrschte und man ihr Zimmer benötigte, so war
-ihr Flehen umsonst, und man beharrte darauf, sie als gesund zu
-entlassen. Ottilie bekam hohes Fieber, sie ließ ihre Kurve tüchtig
-ansteigen. Allein man entlarvte sie, indem man ihr das gebräuchliche
-Thermometer mit einer ‚Stummen Schwester‘ vertauschte, – Sie wissen noch
-nicht, was das ist, es ist ein Thermometer ohne Bezifferung, der Arzt
-kontrolliert ihn, indem er ein Maß daran legt und zeichnet die Kurve
-dann selbst. Ottilie, mein Herr, hatte 36,9, Ottilie war fieberfrei. Da
-badete sie im See, – wir schrieben Anfang Mai damals, wir hatten
-Nachtfröste, der See war nicht geradezu eiskalt, er hatte genau genommen
-ein paar Grad über Null. Sie blieb eine gute Weile im Wasser, um dies
-oder jenes abzubekommen, – allein der Erfolg? Sie war und blieb gesund.
-Sie schied in Schmerz und Verzweiflung, unzugänglich den Trostworten
-ihrer Eltern. ‚Was soll ich da unten?‘ rief sie wiederholt. ‚Hier ist
-meine Heimat!‘ Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist ... Aber mir
-scheint, Sie hören mich nicht, Ingenieur? Es kostet Sie Mühe, sich auf
-den Beinen zu halten, wenn mich nicht alles täuscht. Leutnant, hier
-haben Sie Ihren Vetter!“ wandte er sich zu Joachim, der eben herantrat.
-„Führen Sie ihn zu Bette! Er vereinigt Vernunft und Mut, aber heute
-abend ist er ein wenig hinfällig.“
-
-„Nein, wirklich, ich habe alles verstanden!“ beteuerte Hans Castorp.
-„Die Stumme Schwester ist also nur eine Quecksilbersäule, ganz ohne
-Bezifferung, – Sie sehen, ich habe es vollkommen aufgefaßt!“ Aber dann
-fuhr er doch mit Joachim im Lift hinauf, zusammen mit mehreren anderen
-Patienten, – die Geselligkeit war beendet für heute, man ging
-auseinander und suchte Hallen und Loggien auf, zur abendlichen Liegekur.
-Hans Castorp ging mit auf Joachims Zimmer. Der Boden des Korridors mit
-dem Kokosläufer vollführte sanfte Wellenbewegungen unter seinen Füßen,
-aber er empfand es nicht weiter unangenehm. Er setzte sich in Joachims
-großen geblümten Lehnstuhl – ein solcher Stuhl stand auch in seinem
-eigenen Zimmer – und zündete sich eine Maria Mancini an. Sie schmeckte
-nach Leim, nach Kohle und manchem anderen, nur nicht, wie sie sollte;
-doch fuhr er trotzdem fort, sie zu rauchen, während er zusah, wie
-Joachim sich zur Liegekur fertig machte, seine litewkaartige Hausjoppe
-anlegte, darüber einen älteren Paletot zog und dann mit der
-Nachttischlampe und seinem russischen Übungsbuch auf den Balkon
-hinausging, wo er das Lämpchen einschaltete und auf dem Liegestuhl, das
-Thermometer im Munde, sich mit erstaunlicher Gewandtheit in zwei große
-Kamelhaardecken zu wickeln begann, die über den Stuhl gebreitet waren.
-Hans Castorp sah mit aufrichtiger Bewunderung, wie geschickt er es
-ausführte. Er schlug die Decken, eine nach der anderen, zuerst von links
-der Länge nach bis unter die Achsel über sich, hierauf von unten über
-die Füße und dann von rechts, so daß er endlich ein vollkommen
-ebenmäßiges und glattes Paket bildete, aus dem nur Kopf, Schultern und
-Arme hervorsahen.
-
-„Das machst du ja ausgezeichnet“, sagte Hans Castorp.
-
-„Es ist die Übung“, antwortete Joachim, indem er beim Sprechen das
-Thermometer mit den Zähnen festhielt. „Du lernst es auch. Morgen müssen
-wir uns unbedingt ein paar Decken für dich besorgen. Du kannst sie unten
-schon wieder brauchen, und hier bei uns sind sie unerläßlich, besonders
-da du ja keinen Pelzsack hast.“
-
-„Ich lege mich aber bei Nacht nicht auf den Balkon“, erklärte Hans
-Castorp. „Das tue ich nicht, ich sage es dir gleich. Es würde mir gar zu
-sonderbar vorkommen. Alles hat seine Grenzen. Und irgendwie muß ich ja
-schließlich auch markieren, daß ich nur zu Besuch bin bei euch hier
-oben. Ich sitze hier noch etwas und rauche meine Zigarre, wie es sich
-gehört. Sie schmeckt miserabel, aber ich weiß, daß sie gut ist, und das
-muß mir für heute genügen. Jetzt ist die Uhr gleich neun, – allerdings,
-leider ist es noch nicht mal neun. Aber wenn es halb zehn ist, dann ist
-es ja schon so weit, daß man halbwegs normalerweise zu Bett gehen kann.“
-
-Ein Frostschauer überlief ihn, – einer und dann mehrere rasch
-hintereinander. Hans Castorp sprang auf und lief zum Wandthermometer,
-als gelte es, ihn _in flagranti_ ertappen. Nach Réaumur waren neun Grad
-im Zimmer. Er faßte die Röhren an und fand sie tot und kalt. Er murmelte
-etwas Ungeordnetes, des Inhalts, wenn auch August sei, so sei es doch
-eine Schande, daß nicht geheizt werde, denn nicht auf den Monatsnamen
-komme es an, den man eben schreibe, sondern auf die herrschende
-Temperatur, und die sei so, daß ihn friere wie einen Hund. Aber sein
-Gesicht brannte. Er setzte sich wieder, stand nochmals auf, bat murmelnd
-um Erlaubnis, Joachims Bettdecke nehmen zu dürfen und breitete sie sich,
-im Stuhle sitzend, über den Unterkörper. So saß er, hitzig und
-fröstelnd, und quälte sich mit der widerlich schmeckenden Zigarre. Ein
-großes Elendsgefühl überkam ihn; ihm war, als sei es ihm noch nie im
-Leben so schlecht ergangen. „Das ist ja ein Elend!“ murmelte er.
-Dazwischen aber berührte ihn plötzlich ein ganz absonderlich
-ausschweifendes Gefühl der Freude und Hoffnung, und als er es empfunden
-hatte, saß er nur noch da, um zu warten, ob es nicht vielleicht
-wiederkäme. Es kam aber nicht wieder; nur das Elend blieb. Und so stand
-er denn schließlich auf, warf Joachims Decke aufs Bett zurück, murmelte
-verzerrten Mundes etwas wie „Gute Nacht!“ und „Erfriere nur nicht!“ und
-„Zum Frühstück holst du mich ja wohl wieder“ und schwankte über den
-Korridor in sein Zimmer hinüber.
-
-Beim Auskleiden sang er vor sich hin, jedoch nicht aus Fröhlichkeit.
-Mechanisch und ohne den rechten Bedacht erledigte er die kleinen
-Handgriffe und kulturellen Pflichten der Nachttoilette, goß hellrotes
-Mundwasser aus dem Reiseflakon ins Glas und gurgelte diskret, wusch sich
-die Hände mit seiner guten und milden Veilchenseife und zog das lange
-Batisthemd an, das auf der Brusttasche mit den Buchstaben H C bestickt
-war. Dann legte er sich und löschte das Licht, indem er seinen heißen,
-verstörten Kopf auf das Sterbekissen der Amerikanerin zurückfallen ließ.
-
-Aufs bestimmteste hatte er erwartet, daß er sogleich in Schlaf sinken
-werde, doch stellte sich das als Irrtum heraus, und seine Lider, die er
-vorhin kaum offenzuhalten vermocht hatte, – jetzt wollten sie durchaus
-nicht geschlossen bleiben, sondern öffneten sich unruhig zuckend, sobald
-er sie senkte. Es war noch nicht seine gewohnte Schlafenszeit, sagte er
-sich, und dann hatte er wohl tagüber zuviel gelegen. Auch wurde draußen
-ein Teppich geklopft, – was ja wenig wahrscheinlich und in der Tat
-überhaupt nicht der Fall war; sondern es erwies sich, daß sein Herz es
-war, dessen Schlag er außer sich und weit fort im Freien hörte, genau
-so, als werde dort draußen ein Teppich mit einem geflochtenen
-Rohrklopfer bearbeitet.
-
-Es war im Zimmer noch nicht völlig dunkel geworden; der Schein der
-Lämpchen draußen in den Logen, bei Joachim und bei dem Paare vom
-Schlechten Russentisch, fiel durch die offene Balkontür herein. Und
-während Hans Castorp mit blinzelnden Lidern auf dem Rücken lag, erneute
-sich ihm plötzlich ein Eindruck, ein einzelner des Tages, eine
-Beobachtung, die er mit Schrecken und Zartgefühl sogleich zu vergessen
-gesucht hatte. Es war der Ausdruck, den Joachims Gesicht angenommen
-hatte, als von Marusja und ihren körperlichen Eigenschaften die Rede
-gewesen war, – diese ganz eigentümlich klägliche Verzerrung seines
-Mundes nebst fleckigem Erblassen seiner gebräunten Wangen. Hans Castorp
-verstand und durchschaute, was es bedeutete, verstand und durchschaute
-es auf eine so neue, eingehende und intime Art, daß der Rohrklopfer da
-draußen seine Schläge sowohl der Schnelligkeit wie der Stärke nach
-verdoppelte und beinahe die Klänge des Abendständchens in „Platz“
-übertäubte – denn es war wieder Konzert in jenem Hotel dort unten; eine
-symmetrisch gebaute und abgeschmackte Operettenmelodie klang durch das
-Dunkel herüber, und Hans Castorp pfiff sie im Flüstertone mit (man kann
-ja flüsternd pfeifen), während er mit seinen kalten Füßen unter dem
-Federdeckbett den Takt dazu schlug.
-
-Das war natürlich die rechte Art nicht einzuschlafen, und Hans Castorp
-spürte jetzt auch gar keine Neigung dazu. Seit er auf so neuartige und
-lebhafte Weise verstanden, warum Joachim sich verfärbt hatte, schien die
-Welt ihm neu, und jenes Gefühl ausschweifender Freude und Hoffnung
-berührte ihn wieder in seinem Innersten. Übrigens wartete er noch auf
-etwas, ohne sich recht zu fragen, worauf. Als er aber hörte, wie die
-Nachbarn zur Rechten und Linken die abendliche Liegekur beendeten und
-ihre Zimmer aufsuchten, um die horizontale Lage draußen mit derjenigen
-drinnen zu vertauschen, gab er vor sich selbst der Überzeugung Ausdruck,
-daß das barbarische Ehepaar Frieden halten werde. Ich kann ruhig
-einschlafen, dachte er. Sie werden heute abend Frieden halten, das
-erwarte ich aufs Bestimmteste! Aber sie taten es nicht, und Hans Castorp
-hatte es auch gar nicht aufrichtig gedacht, ja, die Wahrheit zu sagen,
-hätte er es persönlich und seinerseits nicht einmal verstanden, wenn sie
-Frieden gegeben hätten. Trotzdem erging er sich in tonlos
-hervorgestoßenen Ausrufen des heftigsten Erstaunens über das, was er
-hörte. „Unerhört!“ rief er ohne Stimme. „Das ist enorm! Wer hätte
-dergleichen für möglich gehalten?“ Und zwischendurch beteiligte er sich
-wieder mit flüsternden Lippen an der abgeschmackten Operettenmelodie,
-die hartnäckig herübertönte.
-
-Später kam der Schlummer. Aber mit ihm kamen die krausen Traumbilder,
-noch krausere, als in der ersten Nacht, aus denen er des öfteren
-schreckhaft oder einem wirren Einfall nachjagend emporfuhr. Ihm träumte,
-er sähe Hofrat Behrens mit krummen Knien und steif nach vorn hängenden
-Armen die Gartenpfade dahinwandeln, indem er seine langen und gleichsam
-öde anmutenden Schritte einer fernen Marschmusik anpaßte. Als der Hofrat
-vor Hans Castorp stehenblieb, trug er eine Brille mit dicken,
-kreisrunden Gläsern und faselte Ungereimtes. „Zivilist natürlich“, sagte
-er und zog, ohne um Erlaubnis zu bitten, Hans Castorps Augenlid mit
-Zeige- und Mittelfinger seiner riesigen Hand herunter. „Ehrsamer
-Zivilist, wie ich gleich bemerkte. Aber nicht ohne Talent, gar nicht
-ohne Talent zur erhöhten Allgemeinverbrennung! Würde mit den Jährchen
-nicht geizen, den flotten Dienstjährchen bei uns hier oben! Na, nun mal
-hoppla die Herren und los mit dem Lustwandel!“ rief er, indem er seine
-beiden enormen Zeigefinger in den Mund steckte und so eigentümlich
-wohllautend darauf pfiff, daß von verschiedenen Seiten und in
-verkleinerter Gestalt die Lehrerin und Miß Robinson durch die Lüfte
-geflogen kamen und sich ihm rechts und links auf die Schultern setzten,
-wie sie im Speisesaal rechts und links von Hans Castorp saßen. So ging
-der Hofrat mit hüpfenden Tritten davon, wobei er mit einer Serviette
-hinter die Brille fuhr, um sich die Augen zu wischen, – man wußte nicht,
-was da zu trocknen war, ob Schweiß oder Tränen.
-
-Dann schien es dem Träumenden, als befinde er sich auf dem Schulhof, wo
-er so viele Jahre hindurch die Pausen zwischen den Unterrichtsstunden
-verbracht, und sei im Begriffe, sich von Madame Chauchat, die ebenfalls
-zugegen war, einen Bleistift zu leihen. Sie gab ihm den rotgefärbten,
-nur noch halblangen in einem silbernen Crayon steckenden Stift, indem
-sie Hans Castorp mit angenehm heiserer Stimme ermahnte, ihn ihr nach der
-Stunde bestimmt zurückzugeben, und als sie ihn ansah, mit ihren schmalen
-blaugraugrünen Augen über den breiten Backenknochen, da riß er sich
-gewaltsam aus dem Traum empor, denn nun hatte er es und wollte es
-festhalten, woran und an wen sie ihn eigentlich so lebhaft erinnerte.
-Eilig brachte er die Erkenntnis für morgen in Sicherheit, denn er
-fühlte, daß Schlaf und Traum ihn wieder umfingen, und sah sich alsbald
-in der Lage, Zuflucht vor Dr. Krokowski suchen zu müssen, der ihm
-nachstellte, um Seelenzergliederung mit ihm vorzunehmen, wovor Hans
-Castorp eine tolle, eine wahrhaft unsinnige Angst empfand. Er floh vor
-dem Doktor behinderten Fußes an den Glaswänden vorbei durch die
-Balkonlogen, sprang mit Gefahr seines Lebens in den Garten hinab, suchte
-in seiner Not sogar die rotbraune Flaggenstange zu erklettern und
-erwachte schwitzend in dem Augenblick, als der Verfolger ihn am
-Hosenbein packte.
-
-Kaum jedoch hatte er sich ein wenig beruhigt und war wieder
-eingeschlummert, als sich der Sachverhalt folgendermaßen für ihn
-gestaltete. Er bemühte sich, mit der Schulter Settembrini vom Fleck zu
-drängen, welcher dastand und lächelte, – fein, trocken und spöttisch,
-unter dem vollen, schwarzen Schnurrbart, dort, wo er sich in schöner
-Rundung aufwärts bog, und dieses Lächeln eben war es, was Hans Castorp
-als Beeinträchtigung empfand. „Sie stören!“ hörte er sich deutlich
-sagen. „Fort mit Ihnen! Sie sind nur ein Drehorgelmann, und Sie stören
-hier!“ Allein Settembrini ließ sich nicht von der Stelle drängen, und
-Hans Castorp stand noch, um nachzudenken, was hier zu tun sei, als ihm
-ganz unverhofft die ausgezeichnete Einsicht zuteil wurde, was eigentlich
-die Zeit sei: nämlich nichts anderes, als einfach eine Stumme Schwester,
-eine Quecksilbersäule ganz ohne Bezifferung, für diejenigen, welche
-mogeln wollten, – worüber er mit dem bestimmten Vorhaben erwachte,
-seinem Vetter Joachim morgen von diesem Funde Mitteilung zu machen.
-
-Unter solchen Abenteuern und Entdeckungen verging die Nacht, und auch
-Hermine Kleefeld sowie Herr Albin und Hauptmann Miklosich, welch
-letzterer Frau Stöhr in seinem Rachen davontrug und von Staatsanwalt
-Paravant mit einem Speere durchbohrt wurde, spielten ihre verworrene
-Rolle dabei. Einen Traum aber träumte Hans Castorp sogar zweimal in
-dieser Nacht und zwar beide Male genau in derselben Form, – das
-letztemal gegen Morgen. Er saß im Saal mit den sieben Tischen, als unter
-dem größten Geschmetter die Glastür ins Schloß fiel und Madame Chauchat
-hereinkam, im weißen Sweater, die eine Hand in der Tasche, die andere am
-Hinterkopf. Statt aber zum Guten Russentische zu gehen, bewegte die
-unerzogene Frau sich ohne Laut auf Hans Castorp zu und reichte ihm
-schweigend die Hand zum Kusse, – aber nicht den Handrücken reichte sie
-ihm, sondern das Innere, und Hans Castorp küßte sie in die Hand, in ihre
-unveredelte, ein wenig breite und kurzfingerige Hand mit der
-aufgerauhten Haut zu Seiten der Nägel. Da durchdrang ihn wieder von Kopf
-bis zu Fuß jenes Gefühl von wüster Süßigkeit, das in ihm aufgestiegen
-war, als er zur Probe sich des Druckes der Ehre ledig gefühlt und die
-bodenlosen Vorteile der Schande genossen hatte, – dies empfand er nun
-wieder in seinem Traum, nur ungeheuer viel stärker.
-
-
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-
- Viertes Kapitel
-
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- Notwendiger Einkauf
-
-„Ist jetzt euer Sommer zu Ende?“ fragte Hans Castorp am dritten Tage
-ironisch seinen Vetter ...
-
-Es war ein schrecklicher Wettersturz.
-
-Der zweite Tag, den der Hospitant vollständig hier oben verlebt hatte,
-war prächtig-sommerlich gewesen. Tiefblau leuchtete der Himmel über den
-lanzenartigen Wipfeltrieben der Fichten, während die Ortschaft im
-Talgrunde grell in der Hitze schimmerte und das Geläut der Kühe, die
-umherwandelnd das kurze, erwärmte Mattengras der Lehnen rupften,
-heiter-beschaulich die Lüfte erfüllte. Die Damen waren schon zum ersten
-Frühstück in zarten Waschblusen erschienen, einige sogar mit
-durchbrochenen Ärmeln, was nicht alle gleich gut gekleidet hatte, – Frau
-Stöhr zum Beispiel kleidete es entschieden schlecht, ihre Arme waren zu
-schwammig, Duftigkeit der Kleidung eignete sich nun einmal nicht für
-sie. Auch die Herrenwelt des Sanatoriums hatte der schönen Witterung auf
-verschiedene Weise in ihrem Äußeren Rechnung getragen. Lüsterjacken und
-leinene Anzüge waren aufgetaucht, und Joachim Ziemßen hatte
-elfenbeinfarbene Flanellhosen zu seinem blauen Rock getragen, eine
-Zusammenstellung, die seiner Erscheinung ein vollständig militärisches
-Gepräge verlieh. Was Settembrini betraf, so hatte er zwar wiederholt das
-Vorhaben geäußert, den Anzug zu wechseln. „Teufel!“ hatte er gesagt, als
-er nach dem Lunch mit den Vettern in den Ort hinunterpromenierte, „wie
-die Sonne brennt! Ich sehe, ich werde mich leichter kleiden müssen.“
-Aber trotzdem es gewählt ausgedrückt war, hatte er nach wie vor seinen
-langen Flaus mit den großen Aufschlägen und seine gewürfelten
-Beinkleider anbehalten, – wahrscheinlich war das alles, was er an
-Garderobe besaß.
-
-Am dritten Tage jedoch war es genau, als ob die Natur zu Falle gebracht
-und jede Ordnung auf den Kopf gestellt würde; Hans Castorp traute seinen
-Augen nicht. Es war nach der Hauptmahlzeit, und man befand sich seit
-zwanzig Minuten in der Liegekur, als die Sonne sich eilig verbarg,
-häßlich torfbraunes Gewölk über die südöstlichen Kämme heraufzog und ein
-Wind von fremder Luftbeschaffenheit, kalt und das Gebein erschreckend,
-als käme er aus unbekannten, eisigen Gegenden, plötzlich durch das Tal
-fegte, die Temperatur umstürzte und ein ganz neues Regiment eröffnete.
-
-„Schnee“, sagte Joachims Stimme hinter der Glaswand.
-
-„Was meinst du mit ‚Schnee‘?“ fragte Hans Castorp darauf. „Du willst
-doch nicht sagen, daß es jetzt schneien wird?“
-
-„Sicher“, antwortete Joachim. „Den Wind, den kennen wir. Wenn der kommt,
-dann gibt es Schlittenbahn.“
-
-„Unsinn!“ sagte Hans Castorp. „Wenn mir recht ist, so schreiben wir
-Anfang August.“
-
-Aber Joachim hatte wahr gesprochen, eingeweiht, wie er war in die
-Verhältnisse. Denn binnen wenigen Augenblicken setzte unter wiederholten
-Gewitterschlägen ein gewaltiges Schneetreiben ein, – ein Gestöber, so
-dicht, daß alles in weißen Dampf gehüllt erschien und man von Ortschaft
-und Tal fast nichts mehr erblickte.
-
-Es schneite den ganzen Nachmittag fort. Die Zentralheizung ward
-angezündet, und während Joachim seinen Pelzsack in Benutzung nahm und
-sich im Kurdienste nicht stören ließ, flüchtete sich Hans Castorp in das
-Innere seines Zimmers, rückte einen Stuhl an die erwärmten Röhren und
-blickte von dort unter häufigem Kopfschütteln in das Unwesen hinaus. Am
-nächsten Morgen schneite es nicht mehr; aber obgleich das
-Außenthermometer einige Wärmegrade zeigte, war der Schnee doch fußhoch
-liegen geblieben, so daß eine vollkommene Winterlandschaft sich vor Hans
-Castorps verwunderten Blicken ausbreitete. Man hatte die Heizung wieder
-ausgehen lassen. Die Zimmertemperatur betrug sechs Grad über Null.
-
-„Ist jetzt euer Sommer zu Ende?“ fragte Hans Castorp seinen Vetter mit
-bitterer Ironie ...
-
-„Das kann man nicht sagen“, erwiderte Joachim sachlich. „Will’s Gott, so
-wird es noch schöne Sommertage geben. Selbst im September ist das noch
-sehr wohl möglich. Aber die Sache ist die, daß die Jahreszeiten hier
-nicht so sehr voneinander verschieden sind, weißt du, sie vermischen
-sich sozusagen und halten sich nicht an den Kalender. Im Winter ist oft
-die Sonne so stark, daß man schwitzt und den Rock auszieht beim
-Spazierengehen, und im Sommer, nun, das siehst du ja schon, wie es im
-Sommer hier manchmal ist. Und dann der Schnee – er bringt alles
-durcheinander. Es schneit im Januar, aber im Mai nicht viel weniger, und
-im August schneit es auch, wie du bemerkst. Im ganzen kann man sagen,
-daß kein Monat vergeht, ohne daß es schneit, das ist ein Satz, an dem
-man festhalten kann. Kurz, es gibt Wintertage und Sommertage und
-Frühlings- und Herbsttage, aber so richtige Jahreszeiten, die gibt es
-eigentlich nicht bei uns hier oben.“
-
-„Das ist ja eine schöne Konfusion“, sagte Hans Castorp. Er ging in
-Überschuhen und Winterpaletot mit seinem Vetter in den Ort hinab, um
-sich Decken für die Liegekur zu besorgen, denn es war klar, daß er bei
-dieser Witterung mit seinem Plaid nicht auskommen werde. Vorübergehend
-erwog er sogar, ob er nicht zum Kauf eines Pelzsackes schreiten solle,
-nahm dann aber Abstand davon, ja, schreckte gewissermaßen vor dem
-Gedanken zurück.
-
-„Nein, nein,“ sagte er, „bleiben wir bei den Decken! Ich werde unten
-schon wieder Verwendung für sie haben, und Decken hat man ja überall, es
-ist weiter nichts so Besonderes oder Aufregendes dabei. Aber so ein
-Pelzsack ist etwas gar zu Spezielles, – versteh’ mich recht, wenn ich
-mir einen Pelzsack anschaffe, käme ich mir selber vor, als ob ich mich
-hier häuslich niederlassen wollte und schon gewissermaßen zu euch
-gehörte ... Kurz, ich will nichts weiter sagen, als daß es ja absolut
-nicht lohnen würde, für die paar Wochen eigens einen Pelzsack zu
-kaufen.“
-
-Joachim stimmte dem zu, und so erstanden sie denn in einem hübschen,
-reichhaltigen Geschäft des Englischen Viertels zwei solche
-Kamelhaardecken, wie Joachim sie hatte, ein besonders langes und
-breites, angenehm weiches Fabrikat in Naturfarbe, und gaben Order, daß
-sie sofort ins Sanatorium gesandt werden sollten, ins Internationale
-Sanatorium „Berghof“, Zimmertür 34. Gleich heute nachmittag wollte Hans
-Castorp sie zum erstenmal in Gebrauch nehmen.
-
-Natürlich war es um die Zeit nach dem zweiten Frühstück, denn sonst bot
-die Tagesordnung keine Gelegenheit, in den Ort hinunterzugehen. Es
-regnete jetzt, und der Schnee auf den Straßen hatte sich in spritzenden
-Eisbrei verwandelt. Auf dem Heimwege holten sie Settembrini ein, welcher
-unter einem Regenschirm, wenn auch barhäuptig, ebenfalls dem Sanatorium
-zustrebte. Der Italiener sah gelb aus und befand sich ersichtlich in
-elegischer Stimmung. In reinen und wohlgeformten Worten jammerte er über
-die Kälte, die Nässe, unter der er so bitter litt. Wenn wenigstens
-geheizt würde! Aber diese elenden Machthaber ließen die Heizung ja
-ausgehen, sobald es zu schneien aufhöre, – eine stumpfsinnige Regel, ein
-Hohn auf alle Vernunft! Und als Hans Castorp einwandte, er denke sich,
-daß eine mäßige Zimmertemperatur wohl zu den Kurprinzipien gehöre, – man
-wolle einer Verwöhnung der Patienten offenbar damit vorbeugen, da
-antwortete Settembrini mit dem heftigsten Spott. Ei, in der Tat, die
-Kurprinzipien. Die hehren und unantastbaren Kurprinzipien! Hans Castorp
-spreche wahrhaftig in dem richtigen Tone von ihnen, nämlich in dem der
-Religiosität und der Unterwürfigkeit. Nur auffallend – wenn auch in
-einem durchaus erfreulichen Sinne auffallend, – daß gerade diejenigen
-unter ihnen so unbedingte Verehrung genössen, die mit den ökonomischen
-Interessen der Gewalthaber genau übereinstimmten, – während man denen
-gegenüber, bei denen dies weniger zutreffe, ein Auge zuzudrücken geneigt
-sei ... Und während die Vettern lachten, kam Settembrini auf seinen
-verstorbenen Vater zu sprechen, im Zusammenhang mit der Wärme, nach der
-er sich sehnte.
-
-„Mein Vater,“ sagte er gedehnt und schwärmerisch, – „er war ein so
-feiner Mann, – empfindlich am Körper wie an der Seele! Wie liebte er im
-Winter sein kleines, warmes Studierstübchen, von Herzen liebte er es,
-stets mußten zwanzig Grad Réaumur darin herrschen, vermöge eines
-rotglühenden Öfchens, und wenn man an naßkalten Tagen oder an solchen,
-wenn der schneidende Tramontanawind ging, vom Flure des Häuschens her
-eintrat, so legte die Wärme sich einem wie ein linder Mantel um die
-Schultern, und die Augen füllten sich mit wohligen Tränen. Vollgepfropft
-war das Stübchen mit Büchern und Handschriften, worunter sich große
-Kostbarkeiten befanden, und zwischen den Geistesschätzen stand er in
-seinem Schlafrock aus blauem Flanell am schmalen Pult und widmete sich
-der Literatur, – zierlich und klein von Person, einen guten Kopf kleiner
-als ich, stellen Sie sich vor! aber mit dicken Büscheln aus grauem Haar
-an den Schläfen und einer Nase, so lang und fein ... Welch ein Romanist,
-meine Herren! Einer der Ersten seiner Zeit, ein Kenner unserer Sprache
-wie wenige, ein lateinischer Stilist wie sonst keiner mehr, ein _uomo
-letterato_ nach Boccaccios Herzen ... Von weither kamen die Gelehrten,
-um sich mit ihm zu besprechen, der eine aus Haparanda, ein anderer aus
-Krakau, sie kamen ausdrücklich nach Padua, unserer Stadt, um ihm
-Hochachtung zu erweisen, und er empfing sie mit freundlicher Würde. Auch
-ein Dichter von Distinktion war er, welcher in seinen Mußestunden
-Erzählungen in der elegantesten toskanischen Prosa verfaßte, – ein
-Meister des _idioma gentile_“, sagte Settembrini mit äußerstem Genuß,
-indem er die heimatlichen Silben langsam auf der Zunge zergehen ließ und
-den Kopf dabei hin und her bewegte. „Sein Gärtchen baute er nach dem
-Beispiele Vergils,“ fuhr er fort, „und was er sprach, war gesund und
-schön. Aber warm, warm mußte er es haben in seinem Stübchen, sonst
-zitterte er und konnte wohl Tränen vergießen vor Ärger, daß man ihn
-frieren ließ. Und nun stellen Sie sich vor, Ingenieur, und Sie,
-Leutnant, was ich, der Sohn meines Vaters, an diesem verdammten und
-barbarischen Orte leiden muß, wo der Körper im hohen Sommer vor Kälte
-zittert und erniedrigende Eindrücke beständig die Seele foltern! Ach, es
-ist hart! Welche Typen, die uns umgeben! Dieser närrische Teufelsknecht
-von Hofrat. Krokowski“ – und Settembrini tat, als müsse er sich die
-Zunge zerbrechen – „Krokowski, dieser schamlose Beichtvater, der mich
-haßt, weil meine Menschenwürde mir verbietet, mich zu seinem pfäffischen
-Unwesen herzugeben ... Und an meinem Tische ... Welche Gesellschaft, in
-der ich zu speisen gezwungen bin! Zu meiner Rechten sitzt ein Bierbrauer
-aus Halle – Magnus ist sein Name – mit einem Schnurrbart, der einem
-Heubündel ähnelt. ‚Lassen Sie mich mit der Literatur in Ruhe!‘ sagt er.
-‚Was bietet sie? Schöne Charaktere! Was fang ich mit schönen Charakteren
-an! Ich bin ein praktischer Mann, und schöne Charaktere kommen im Leben
-fast gar nicht vor.‘ Dies ist die Vorstellung, die er sich von der
-Literatur gebildet hat. Schöne Charaktere ... o Mutter Gottes! Seine
-Frau, ihm gegenüber, sitzt da und verliert Eiweiß, während sie mehr und
-mehr in Stumpfsinn versinkt. Es ist ein schmutziger Jammer ...“
-
-Ohne daß sie sich miteinander verständigt hätten, waren Joachim und Hans
-Castorp eines Sinnes über diese Reden: sie fanden sie wehleidig und
-unangenehm aufrührerisch, freilich auch unterhaltsam, ja bildend in
-ihrer kecken und wortscharfen Aufsässigkeit. Hans Castorp lachte
-gutmütig über das „Heubündel“ und auch über die „schönen Charaktere“,
-oder vielmehr über die drollig verzweifelte Art, in der Settembrini
-davon sprach. Dann sagte er:
-
-„Gott, ja, die Gesellschaft ist wohl ein bißchen gemischt in so einer
-Anstalt. Man kann sich die Tischnachbarn nicht aussuchen, – wohin sollte
-denn das auch führen. An unserem Tisch sitzt auch so eine Dame ... Frau
-Stöhr, – ich denke mir, daß Sie sie kennen? Mörderlich ungebildet ist
-sie, das muß man ja sagen, und manchmal weiß man nicht recht, wo man
-hinsehen soll, wenn sie so plappert. Und dabei klagt sie sehr über ihre
-Temperatur und daß sie so schlaff ist, und ist wohl leider gar kein ganz
-leichter Fall. Das ist so sonderbar, – krank und dumm – ich weiß nicht,
-ob ich mich richtig ausdrücke, aber mich mutet es ganz eigentümlich an,
-wenn einer dumm ist und dann auch noch krank, wenn das so zusammenkommt,
-das ist wohl das Trübseligste auf der Welt. Man weiß absolut nicht, was
-man für ein Gesicht dazu machen soll, denn einem Kranken möchte man doch
-Ernst und Achtung entgegenbringen, nicht wahr, Krankheit ist doch
-gewissermaßen etwas Ehrwürdiges, wenn ich so sagen darf. Aber wenn nun
-immer die Dummheit dazwischen kommt mit ‚Fomulus‘ und ‚kosmische
-Anstalt‘ und solchen Schnitzern, da weiß man wahrhaftig nicht mehr, ob
-man weinen oder lachen soll, es ist ein Dilemma für das menschliche
-Gefühl und so kläglich, daß ich es gar nicht sagen kann. Ich meine, es
-reimt sich nicht, es paßt nicht zusammen, man ist nicht gewöhnt, es sich
-zusammen vorzustellen. Man denkt, ein dummer Mensch muß gesund und
-gewöhnlich sein, und Krankheit muß den Menschen fein und klug und
-besonders machen. So denkt man es sich in der Regel. Oder nicht? Ich
-sage da wohl mehr, als ich verantworten kann“, schloß er. „Es ist nur,
-weil wir zufällig darauf kamen ...“ Und er verwirrte sich.
-
-Auch Joachim war etwas verlegen, und Settembrini schwieg mit erhobenen
-Augenbrauen, indem er sich den Anschein gab, als warte er aus
-Höflichkeit das Ende der Rede ab. In Wirklichkeit hatte er es darauf
-abgesehen, Hans Castorp erst völlig aus dem Konzept kommen zu lassen,
-bevor er antwortete:
-
-„Sapristi, Ingenieur, Sie legen da philosophische Gaben an den Tag,
-deren ich mich gar nicht von Ihnen versehen hätte! Ihrer Theorie zufolge
-müßten Sie weniger gesund sein, als Sie sich den Anschein geben, da Sie
-offenbar Geist besitzen. Erlauben Sie mir aber, Ihnen zu bemerken, daß
-ich Ihren Deduktionen nicht folgen kann, daß ich sie ablehne, ja ihnen
-in wirklicher Feindseligkeit gegenüberstehe. Ich bin, wie Sie mich da
-sehen, ein wenig unduldsam in geistigen Dingen und lasse mich lieber
-einen Pedanten schelten, als daß ich Ansichten unbekämpft ließe, die mir
-so bekämpfenswert scheinen wie die von Ihnen entwickelten ...“
-
-„Aber, Herr Settembrini ...“
-
-„Ge–statten Sie mir ... Ich weiß, was Sie sagen wollen. Sie wollen
-sagen, daß Sie es so ernst nicht gemeint haben, daß die von Ihnen
-vertretenen Anschauungen nicht ohne Weiteres die Ihren sind, sondern daß
-Sie gleichsam nur eine der möglichen und in der Luft schwebenden
-Anschauungen aufgriffen, um sich unverantwortlicherweise einmal darin zu
-versuchen. So entspricht es Ihrem Alter, welches männlicher
-Entschlossenheit noch entraten und vorderhand mit allerlei Standpunkten
-Versuche anstellen mag. _Placet experiri_“, sagte er, indem er das _c_
-von „_Placet_“ weich, nach italienischer Mundart sprach. „Ein guter
-Satz. Was mich stutzig macht, ist eben nur die Tatsache, daß Ihr
-Experiment sich gerade in dieser Richtung bewegt. Ich bezweifle, daß
-hier Zufall waltet. Ich befürchte das Vorhandensein einer Neigung, die
-sich charaktermäßig zu befestigen droht, wenn man ihr nicht
-entgegentritt. Darum fühle ich mich verpflichtet, Sie zu korrigieren.
-Sie äußerten, Krankheit mit Dummheit gepaart sei das Trübseligste auf
-der Welt. Ich kann Ihnen das zugeben. Auch mir ist ein geistreicher
-Kranker lieber als ein schwindsüchtiger Dummkopf. Aber mein Protest
-beginnt, wenn Sie Krankheit mit Dummheit im Verein gewissermaßen als
-einen Stilfehler betrachten, als eine Geschmacksverirrung der Natur und
-ein _Dilemma für das menschliche Gefühl_, wie Sie sich auszudrücken
-beliebten. Wenn Sie Krankheit für etwas so Vornehmes und – wie sagten
-Sie doch – _Ehrwürdiges_ zu halten scheinen, daß sie sich mit Dummheit
-schlechterdings _nicht zusammenreimt_. Dies war ebenfalls Ihr Ausdruck.
-Nun denn, nein! Krankheit ist durchaus nicht vornehm, durchaus nicht
-ehrwürdig, – diese Auffassung ist selbst Krankheit oder sie führt dazu.
-Vielleicht rufe ich am sichersten Ihren Abscheu gegen sie wach, wenn ich
-Ihnen sage, daß sie betagt und häßlich ist. Sie rührt aus abergläubisch
-zerknirschten Zeiten her, in denen die Idee des Menschlichen zum
-Zerrbild entartet und entwürdigt war, angstvollen Zeiten, denen Harmonie
-und Wohlsein als verdächtig und teuflisch galten, während
-Bresthaftigkeit damals einem Freibrief zum Himmelreich gleichkam.
-Vernunft und Aufklärung jedoch haben diese Schatten vertrieben, welche
-auf der Seele der Menschheit lagerten, – noch nicht völlig, sie liegen
-noch heute im Kampfe mit ihnen; dieser Kampf aber heißt Arbeit, mein
-Herr, irdische Arbeit, Arbeit für die Erde, für die Ehre und die
-Interessen der Menschheit, und täglich aufs neue gestählt in solchem
-Kampfe, werden jene Mächte den Menschen vollends befreien und ihn auf
-den Wegen des Fortschrittes und der Zivilisation einem immer helleren,
-milderen und reineren Lichte entgegenleiten.“
-
-Donnerwetter, dachte Hans Castorp bestürzt und beschämt, das ist ja eine
-Arie! Womit habe ich denn das herausgefordert? Etwas trocken kommt es
-mir übrigens vor. Und was er nur immer mit der Arbeit will. Immer hat er
-es mit der Arbeit, obgleich es doch wenig hierher paßt. Und er sagte:
-
-„Sehr schön, Herr Settembrini. Es ist geradezu hörenswert, wie Sie das
-so zu sagen wissen. Man könnte es gar nicht ... gar nicht plastischer
-ausdrücken, meine ich.“
-
-„Rückneigung,“ setzte Settembrini wieder ein, indem er seinen
-Regenschirm über den Kopf eines Vorübergehenden hinweghob, „geistige
-Rückneigung in die Anschauungen jener finsteren, gequälten Zeiten –
-glauben Sie mir, Ingenieur, das ist Krankheit, – eine sattsam erforschte
-Krankheit, für welche die Wissenschaft verschiedene Namen besitzt, einen
-aus der Sprache der Schönheits- und Seelenlehre und einen aus der der
-Politik, – Schulausdrücke, die nichts zur Sache tun und deren Sie gern
-entraten mögen. Da aber im Geistesleben alles zusammenhängt und eines
-sich aus dem andern ergibt, da man dem Teufel nicht den kleinen Finger
-reichen darf, ohne daß er die ganze Hand nimmt und den ganzen Menschen
-dazu ... da andererseits ein gesundes Prinzip immer nur lauter Gesundes
-zeitigen kann, gleichviel, welches man nun an den Anfang stelle, – so
-prägen Sie es sich ein, daß Krankheit, weit entfernt, etwas Vornehmes,
-etwas allzu Ehrwürdiges zu sein, um mit Dummheit leidlicherweise
-verbunden sein zu dürfen, vielmehr _Erniedrigung_ bedeutet, – ja, eine
-schmerzliche, die Idee verletzende Erniedrigung des Menschen, die man im
-Einzelfalle schonen und betreuen möge, aber die geistig zu ehren
-_Verirrung_ – prägen Sie sich das ein! – eine Verirrung und aller
-geistigen Verirrung Anfang ist. Diese Frau, deren Sie Erwähnung taten, –
-ich verzichte darauf, mich ihres Namens zu entsinnen – Frau Stöhr also,
-ich danke sehr – kurzum, diese lächerliche Frau, – nicht ihr Fall ist
-es, wie mir scheint, der das menschliche Gefühl, wie Sie sagten, in ein
-Dilemma versetzt. Krank und dumm, – in Gottes Namen, das ist die Misere
-selbst, die Sache ist einfach, es bleibt nichts als Erbarmen und
-Achselzucken. Das Dilemma, mein Herr, die _Tragik_ beginnt, wo die Natur
-grausam genug war, die Harmonie der Persönlichkeit zu brechen – oder von
-vornherein unmöglich zu machen –, indem sie einen edlen und
-lebenswilligen Geist mit einem zum Leben nicht tauglichen Körper
-verband. Kennen Sie Leopardi, Ingenieur, oder Sie, Leutnant? Ein
-unglücklicher Dichter meines Landes, ein bucklichter, kränklicher Mann
-mit ursprünglich großer, durch das Elend seines Körpers aber beständig
-gedemütigter und in die Niederungen der Ironie herabgezogener Seele,
-deren Klagen das Herz zerreißen. Hören Sie dieses!“
-
-Und Settembrini begann, italienisch zu rezitieren, indem er die schönen
-Silben auf der Zunge zergehen ließ, den Kopf hin und her bewegte und
-zuweilen die Augen schloß, unbekümmert darum, daß seine Begleiter kein
-Wort verstanden. Sichtlich war es ihm darum zu tun, sein Gedächtnis und
-seine Aussprache selbst zu genießen und vor den Zuhörern zur Geltung zu
-bringen. Endlich sagte er:
-
-„Aber Sie verstehen nicht, Sie hören, ohne den schmerzlichen Sinn zu
-erfassen. Der Krüppel Leopardi, meine Herren, empfinden Sie dies ganz,
-entbehrte vor allem der Frauenliebe, und dies war es wohl namentlich,
-was ihn unfähig machte, der Verkümmerung seiner Seele zu steuern. Der
-Glanz des Ruhmes und der Tugend verblaßte ihm, die Natur erschien ihm
-böse – übrigens _ist_ sie böse, dumm und böse, ich gebe ihm recht hierin
-– und er verzweifelte – es ist furchtbar zu sagen – er verzweifelte an
-Wissenschaft und Fortschritt! Hier haben Sie Tragik, Ingenieur. Hier
-haben Sie Ihr ‚Dilemma für das menschliche Gefühl‘, – nicht bei jener
-Frau dort, – ich lehne es ab, mein Gedächtnis um ihren Namen zu bemühen
-... Sprechen Sie mir nicht von der ‚Vergeistigung‘, die durch Krankheit
-hervorgebracht werden kann, um Gottes willen, tun Sie es nicht! Eine
-Seele ohne Körper ist so unmenschlich und entsetzlich, wie ein Körper
-ohne Seele, und übrigens ist das erstere die seltene Ausnahme und das
-zweite die Regel. In der Regel ist es der Körper, der überwuchert, der
-alle Wichtigkeit, alles Leben an sich reißt und sich aufs widerwärtigste
-emanzipiert. Ein Mensch, der als Kranker lebt, ist _nur_ Körper, das ist
-das Widermenschliche und Erniedrigende, – er ist in den meisten Fällen
-nichts Besseres als ein Kadaver ...“
-
-„Komisch“, sagte Joachim plötzlich, indem er sich vorbeugte, um seinen
-Vetter anzusehen, der an Settembrinis anderer Seite ging. „Etwas ganz
-ähnliches hast du doch neulich auch gesagt.“
-
-„So?“ sagte Hans Castorp. „Ja, es kann ja wohl sein, daß mir was
-ähnliches auch schon durch den Kopf ging.“
-
-Settembrini schwieg während einiger Schritte. Dann sagte er:
-
-„Desto besser, meine Herren. Desto besser, wenn dem so ist. Die Absicht
-lag mir fern, Ihnen irgendwelche Originalphilosophie vorzutragen, – das
-ist nicht meines Amtes. Wenn unser Ingenieur schon seinerseits
-Übereinstimmendes angemerkt hat, so bestätigt dies nur meine Mutmaßung,
-daß er geistig dilettiert, daß er nach Art begabter Jugend mit den
-möglichen Anschauungen vorläufig nur Versuche anstellt. Der begabte
-junge Mensch ist kein unbeschriebenes Blatt, er ist vielmehr ein Blatt,
-auf dem gleichsam mit sympathetischer Tinte alles schon geschrieben
-steht, das Rechte wie das Schlechte, und Sache des Erziehers ist es, das
-Rechte entschieden zu entwickeln, das Falsche aber, das hervortreten
-will, durch sachgemäße Einwirkung auf immer auszulöschen. Die Herren
-haben Einkäufe gemacht?“ fragte er veränderten, leichten Tones ...
-
-„Nein, nichts weiter,“ sagte Hans Castorp, „das heißt ...“
-
-„Wir haben ein paar Decken für meinen Vetter besorgt“, antwortete
-Joachim gleichgültig.
-
-„Für die Liegekur ... Bei dieser Hundekälte ... Ich soll ja mitmachen
-die paar Wochen“, sagte Hans Castorp lachend und sah zu Boden.
-
-„Ah, Decken, Liegekur“, sagte Settembrini. „So, so, so. Ei, ei, ei. In
-der Tat: _Placet experiri_!“ wiederholte er mit italienischer Aussprache
-und verabschiedete sich, denn sie hatten, begrüßt von dem hinkenden
-Concierge, das Sanatorium betreten, und in der Halle schwenkte
-Settembrini in die Konversationsräume ab, um vor Tische die Zeitungen zu
-lesen, wie er sagte. Die zweite Liegekur schien er schwänzen zu wollen.
-
-„Gott bewahre!“ sagte Hans Castorp, als er mit Joachim im Lift stand.
-„Das ist wirklich ein Pädagog, – er sagte es ja neulich schon selbst,
-daß er so eine Ader habe. Man muß furchtbar aufpassen mit ihm, daß man
-kein Wort zu viel sagt, sonst gibt es ausführliche Lehren. Aber
-hörenswert ist es ja, wie er zu sprechen versteht, jedes Wort springt
-ihm so rund und appetitlich vom Munde, – ich muß immer an frische
-Semmeln denken, wenn ich ihm zuhöre.“
-
-Joachim lachte.
-
-„Das sage ihm lieber nicht. Ich glaube doch, er wäre enttäuscht, zu
-erfahren, daß du an Semmeln denkst bei seinen Lehren.“
-
-„Meinst du? Ja, das ist noch gar nicht mal sicher. Ich habe immer den
-Eindruck, daß es ihm nicht ganz allein um die Lehren zu tun ist,
-vielleicht um sie erst in zweiter Linie, sondern besonders um das
-Sprechen, wie er die Worte springen und rollen läßt ... so elastisch,
-wie Gummibälle ... und daß es ihm gar nicht unangenehm ist, wenn man
-namentlich auch darauf achtet. Bierbrauer Magnus ist ja wohl etwas dumm
-mit seinen ‚schönen Charakteren‘, aber Settembrini hätte doch sagen
-sollen, worauf es denn eigentlich ankommt in der Literatur. Ich mochte
-nicht fragen, um mir keine Blöße zu geben, ich verstehe mich ja auch
-nicht weiter darauf und hatte bis jetzt noch nie einen Literaten
-gesehen. Aber wenn es nicht auf die schönen Charaktere ankommt, so kommt
-es offenbar auf die schönen Worte an, das ist mein Eindruck in
-Settembrinis Gesellschaft. Was er für Vokabeln gebraucht! Ganz ohne sich
-zu genieren spricht er von ‚Tugend‘ – ich bitte dich! Mein ganzes Leben
-lang habe ich das Wort noch nicht in den Mund genommen, und selbst in
-der Schule haben wir immer bloß ‚Tapferkeit‘ gesagt, wenn ‚_virtus_‘ im
-Buche stand. Es zog sich etwas zusammen in mir, das muß ich sagen. Und
-dann macht es mich etwas nervös, wenn er so schimpft, auf die Kälte und
-auf Behrens und auf Frau Magnus, weil sie Eiweiß verliert, und kurz, auf
-alles. Er ist ein Oppositionsmann, darüber war ich mir gleich im klaren.
-Er hackt auf alles Bestehende, und das hat immer etwas Verwahrlostes,
-ich kann mir nicht helfen.“
-
-„Das sagst du so“, antwortete Joachim bedächtig. „Aber dann hat es doch
-wieder auch etwas Stolzes, was gar nicht verwahrlost anmutet, sondern im
-Gegenteil, er ist doch ein Mensch, der auf sich hält, oder auf die
-Menschen im allgemeinen, und das gefällt mir an ihm, das hat was
-Anständiges in meinen Augen.“
-
-„Da hast du recht“, sagte Hans Castorp. „Er hat sogar etwas _Strenges_,
-– es wird einem öfter ganz ungemütlich, weil man sich – sagen wir mal:
-kontrolliert fühlt, doch, das ist gar keine schlechte Bezeichnung.
-Willst du glauben, daß ich immer das Gefühl hatte, er wäre nicht
-einverstanden damit, daß ich mir Decken zum Liegen gekauft habe, er
-hätte etwas dagegen und hielte sich irgendwie darüber auf?“
-
-„Nein“, sagte Joachim erstaunt und besonnen. „Wie könnte das wohl sein.
-Das kann ich mir doch nicht denken.“ Und dann ging er, das Thermometer
-im Munde, mit Sack und Pack in die Liegekur, während Hans Castorp gleich
-begann, sich für die Mittagsmahlzeit zu säubern und umzukleiden, – es
-war ohnedies nur noch ein knappes Stündchen bis dahin.
-
-
- Exkurs über den Zeitsinn
-
-Als sie vom Essen wieder heraufkamen, lag das Paket mit den Decken schon
-in Hans Castorps Zimmer auf einem Stuhl, und zum erstenmal machte er an
-diesem Tage Gebrauch davon, – der geübte Joachim erteilte ihm Unterricht
-in der Kunst, sich einzupacken, wie es alle hier oben machten und jeder
-Neuling es gleich erlernen mußte. Man breitete die Decken, eine und dann
-die andere, über das Stuhllager, so daß sie am Fußende ein reichliches
-Stück auf den Boden hingen. Dann nahm man Platz und begann, die innere
-um sich zu schlagen: zuerst der Länge nach bis unter die Achsel, hierauf
-von unten über die Füße, wobei man sich sitzend bücken und das gefaltete
-Ende doppelt fassen mußte, und dann von der anderen Seite, wobei der
-doppelte Fußzipfel gut an den Längsrand zu passen war, wenn die
-größtmögliche Glätte und Ebenmäßigkeit erzielt werden sollte. Danach
-beobachtete man genau dasselbe Verfahren bei der äußeren Decke, – ihre
-Handhabung war etwas schwieriger, und Hans Castorp, als Stümper und
-Anfänger, ächzte nicht wenig, indem er, sich bückend und wieder
-ausstreckend, die Griffe übte, die man ihn lehrte. Nur einige wenige
-Altgediente, sagte Joachim, könnten _beide Decken gleichzeitig_ mit drei
-sicheren Bewegungen um sich schleudern, aber das sei eine seltene und
-geneidete Fertigkeit, zu der nicht nur langjährige Übung, sondern auch
-eine natürliche Anlage gehöre. Über dies Wort mußte Hans Castorp lachen,
-während er mit schmerzendem Rücken sich zurückfallen ließ, und Joachim,
-der nicht gleich verstand, was hier komisch war, sah ihn unsicher an,
-lachte dann aber auch.
-
-„So,“ sagte er, als Hans Castorp ungegliedert und walzenförmig, die
-nachgiebige Rolle im Nacken und erschöpft von all der Gymnastik im
-Stuhle lag, „wenn es nun zwanzig Grad Kälte hätte, so könnte dir auch
-nichts passieren.“ Und dann ging er hinter die Glaswand, um sich
-ebenfalls einzupacken.
-
-Das mit den zwanzig Grad Kälte bezweifelte Hans Castorp, denn ihn fror
-entschieden, Schauer überliefen ihn wiederholt, während er durch die
-Holzbögen in die sickernde, nieselnde Nässe dort draußen blickte, die
-jeden Augenblick auf dem Punkte schien, wieder in Schneefall
-überzugehen. Wie sonderbar übrigens, daß er bei all der Feuchtigkeit
-immer noch so trockenhitzige Backen hatte, als säße er in einem
-überheizten Zimmer. Auch fühlte er sich lächerlich angegriffen von den
-Übungen mit den Decken, – wahrhaftig, „_Ocean steamships_“ zitterte ihm
-in den Händen, sobald er es vor die Augen führte. So überaus gesund war
-er doch eben auch nicht, – total anämisch, wie Hofrat Behrens gesagt
-hatte, und deswegen neigte er wohl auch so zum Froste. Die unangenehmen
-Empfindungen jedoch wurden aufgewogen durch die große Bequemlichkeit
-seiner Lage, die schwer zu zergliedernden und fast geheimnisvollen
-Eigenschaften des Liegestuhles, die Hans Castorp beim ersten Versuche
-schon mit höchstem Beifall empfunden hatte, und die sich wieder und
-wieder aufs glücklichste bewährten. Lag es an der Beschaffenheit der
-Polster, der richtigen Neigung der Rückenlehne, der passenden Höhe und
-Breite der Armstützen oder auch nur der zweckmäßigen Konsistenz der
-Nackenrolle, genug, es konnte für das Wohlsein ruhender Glieder
-überhaupt nicht humaner gesorgt sein, als durch diesen vorzüglichen
-Liegestuhl. Und so war denn Zufriedenheit in Hans Castorps Herzen
-darüber, daß zwei leere und sicher gefriedete Stunden vor ihm lagen,
-diese durch die Hausordnung geheiligten Stunden der Hauptliegekur, die
-er, obgleich nur zu Gaste hier oben, als eine ihm ganz gemäße
-Einrichtung empfand. Denn er war geduldig von Natur, konnte lange ohne
-Beschäftigung wohl bestehen und liebte, wie wir uns erinnern, die freie
-Zeit, die von betäubender Tätigkeit nicht vergessen gemacht, verzehrt
-und verscheucht wird. Um vier erfolgte der Vespertee mit Kuchen und
-Eingemachtem, etwas Bewegung im Freien sodann, hierauf abermals Ruhe im
-Stuhl, um sieben das Abendessen, welches, wie überhaupt die Mahlzeiten,
-gewisse Spannungen und Sehenswürdigkeiten mit sich brachte, auf die man
-sich freuen konnte, danach ein oder der andere Blick in den
-stereoskopischen Guckkasten, das kaleidoskopische Fernrohr und die
-kinematographische Trommel ... Hans Castorp hatte den Tageslauf bereits
-am Schnürchen, wenn es auch viel zu viel gesagt wäre, daß er schon
-„eingelebt“, wie man es nennt, gewesen sei.
-
-Im Grunde hat es eine merkwürdige Bewandtnis mit diesem Sicheinleben an
-fremdem Orte, dieser – sei es auch – mühseligen Anpassung und
-Umgewöhnung, welcher man sich beinahe um ihrer selbst willen und in der
-bestimmten Absicht unterzieht, sie, kaum daß sie vollendet ist, oder
-doch bald danach, wieder aufzugeben und zum vorigen Zustande
-zurückzukehren. Man schaltet dergleichen als Unterbrechung und
-Zwischenspiel in den Hauptzusammenhang des Lebens ein, und zwar zum
-Zweck der „Erholung“, das heißt: der erneuernden, umwälzenden Übung des
-Organismus, welcher Gefahr lief und schon im Begriffe war, im
-ungegliederten Einerlei der Lebensführung sich zu verwöhnen, zu
-erschlaffen und abzustumpfen. Worauf beruht dann aber diese Erschlaffung
-und Abstumpfung bei zu langer nicht aufgehobener Regel? Es ist nicht so
-sehr körperlich-geistige Ermüdung und Abnutzung durch die Anforderungen
-des Lebens, worauf sie beruht (denn für diese wäre ja einfache Ruhe das
-wiederherstellende Heilmittel); es ist vielmehr etwas Seelisches, es ist
-das Erlebnis der Zeit, – welches bei ununterbrochenem Gleichmaß abhanden
-zu kommen droht und mit dem Lebensgefühle selbst so nahe verwandt und
-verbunden ist, daß das eine nicht geschwächt werden kann, ohne daß auch
-das andere eine kümmerliche Beeinträchtigung erführe. Über das Wesen der
-Langenweile sind vielfach irrige Vorstellungen verbreitet. Man glaubt im
-ganzen, daß Interessantheit und Neuheit des Gehaltes die Zeit
-„vertreibe“, das heißt: verkürze, während Monotonie und Leere ihren Gang
-beschwere und hemme. Das ist nicht unbedingt zutreffend. Leere und
-Monotonie mögen zwar den Augenblick und die Stunde dehnen und
-„langweilig“ machen, aber die großen und größten Zeitmassen verkürzen
-und verflüchtigen sie sogar bis zur Nichtigkeit. Umgekehrt ist ein
-reicher und interessanter Gehalt wohl imstande, die Stunde und selbst
-noch den Tag zu verkürzen und zu beschwingen, ins Große gerechnet jedoch
-verleiht er dem Zeitgange Breite, Gewicht und Solidität, so daß
-ereignisreiche Jahre viel langsamer vergehen als jene armen, leeren,
-leichten, die der Wind vor sich her bläst, und die verfliegen. Was man
-Langeweile nennt, ist also eigentlich vielmehr eine krankhafte
-Kurzweiligkeit der Zeit infolge von Monotonie: große Zeiträume
-schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit auf eine das Herz zu
-Tode erschreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind
-sie alle wie einer; und bei vollkommener Einförmigkeit würde das längste
-Leben als ganz kurz erlebt werden und unversehens verflogen sein.
-Gewöhnung ist ein Einschlafen oder doch ein Mattwerden des Zeitsinnes,
-und wenn die Jugendjahre langsam erlebt werden, das spätere Leben aber
-immer hurtiger abläuft und hineilt, so muß auch das auf Gewöhnung
-beruhen. Wir wissen wohl, daß die Einschaltung von Um- und
-Neugewöhnungen das einzige Mittel ist, unser Leben zu halten, unseren
-Zeitsinn aufzufrischen, eine Verjüngung, Verstärkung, Verlangsamung
-unseres Zeiterlebnisses und damit die Erneuerung unseres Lebensgefühls
-überhaupt zu erzielen. Dies ist der Zweck des Orts- und Luftwechsels,
-der Badereise, die Erholsamkeit der Abwechslung und der Episode. Die
-ersten Tage an einem neuen Aufenthalt haben jugendlichen, das heißt
-starken und breiten Gang, – es sind etwa sechs bis acht. Dann, in dem
-Maße, wie man „sich einlebt“, macht sich allmähliche Verkürzung
-bemerkbar: wer am Leben hängt oder, besser gesagt, sich ans Leben hängen
-möchte, mag mit Grauen gewahren, wie die Tage wieder leicht zu werden
-und zu _huschen_ beginnen; und die letzte Woche, etwa von vieren, hat
-unheimliche Rapidität und Flüchtigkeit. Freilich wirkt die Erfrischung
-des Zeitsinnes dann über die Einschaltung hinaus, macht sich, wenn man
-zur Regel zurückgekehrt ist, aufs neue geltend: die ersten Tage zu Hause
-werden ebenfalls, nach der Abwechslung, wieder neu, breit und jugendlich
-erlebt, aber nur einige wenige: denn in die Regel lebt man sich rascher
-wieder ein, als in ihre Aufhebung, und wenn der Zeitsinn durch Alter
-schon müde ist oder – ein Zeichen von ursprünglicher Lebensschwäche –
-nie stark entwickelt war, so schläft er sehr rasch wieder ein, und schon
-nach vierundzwanzig Stunden ist es, als sei man nie weg gewesen, und als
-sei die Reise der Traum einer Nacht.
-
-Diese Bemerkungen werden nur deshalb hier eingefügt, weil der junge Hans
-Castorp ähnliches im Sinne hatte, als er nach einigen Tagen zu seinem
-Vetter sagte (und ihn dabei mit rotgeäderten Augen ansah):
-
-„Komisch ist und bleibt es, wie die Zeit einem lang wird zu Anfang, an
-einem fremden Ort. Das heißt ... Selbstverständlich kann keine Rede
-davon sein, daß ich mich langweile, im Gegenteil, ich kann wohl sagen,
-ich amüsiere mich königlich. Aber wenn ich mich umsehe, retrospektiv
-also, versteh’ mich recht, kommt es mir vor, als ob ich schon wer weiß
-wie lange hier oben wäre, und bis dahin zurück, wo ich ankam und nicht
-gleich verstand, daß ich da war, und du noch sagtest: ‚Steige nur aus!‘
-– erinnerst du dich? – das scheint mir eine ganze Ewigkeit. Mit Messen
-und überhaupt mit dem Verstand hat das ja absolut nichts zu tun, es ist
-eine reine Gefühlssache. Natürlich wäre es albern, zu sagen: ‚Ich glaube
-schon zwei Monate hier zu sein‘, – das wäre ja Nonsens. Sondern ich kann
-eben nur sagen: ‚Sehr lange‘.“
-
-„Ja,“ antwortete Joachim, das Thermometer im Munde, „ich habe auch gut
-davon, ich kann mich gewissermaßen an dir festhalten, seit du da bist.“
-Und Hans Castorp lachte darüber, daß Joachim dies so einfach, ohne
-Erklärung, sagte.
-
-
- Er versucht sich in französischer Konversation
-
-Nein, eingelebt war er noch keineswegs, weder was die Kenntnis des
-hiesigen Lebens in all seiner Eigentümlichkeit betraf, – eine Kenntnis,
-die er in so wenigen Tagen unmöglich gewinnen konnte und, wie er sich
-sagte (und es auch gegen Joachim aussprach), selbst in drei Wochen
-leider nicht würde gewinnen können; noch auch in bezug auf die Anpassung
-seines Organismus an die so sehr eigentümlichen atmosphärischen
-Verhältnisse bei „denen hier oben“, denn diese Anpassung wurde ihm
-sauer, überaus sauer, ja, wie ihm schien, wollte sie überhaupt nicht
-vonstatten gehen.
-
-Der Normaltag war klar gegliedert und fürsorglich organisiert, man kam
-rasch in Trott und gewann Geläufigkeit, wenn man sich seinem Getriebe
-einfügte. Im Rahmen der Woche jedoch und größerer Zeiteinheiten unterlag
-er gewissen regelmäßigen Abwandlungen, die sich erst nach und nach
-einfanden, die eine zum erstenmal, nachdem die andere sich schon
-wiederholt hatte; und auch was die alltägliche Einzelerscheinung von
-Dingen und Gesichtern betraf, so hatte Hans Castorp noch auf Schritt und
-Tritt zu lernen, obenhin Angeschautes genauer zu bemerken und Neues mit
-jugendlicher Empfänglichkeit in sich aufzunehmen.
-
-Jene bauchigen Gefäße mit kurzen Hälsen zum Beispiel, die auf den Gängen
-vor einzelnen Türen standen und auf die gleich am Abend seiner Ankunft
-sein Auge gefallen war, enthielten Sauerstoff, – Joachim erklärte es ihm
-auf Befragen. Reiner Sauerstoff war darin, zu sechs Franken der Ballon,
-und das belebende Gas wurde den Sterbenden zum Zweck einer letzten
-Anfeuerung und Hinhaltung ihrer Kräfte zugeführt, – sie schlürften es
-durch einen Schlauch. Denn hinter den Türen, vor denen solche Ballons
-standen, lagen Sterbende oder „_moribundi_“, wie Hofrat Behrens sagte,
-als Hans Castorp ihm einmal im ersten Stockwerk begegnete, – der Hofrat
-kam in weißem Kittel und mit blauen Backen den Korridor entlanggerudert,
-und sie gingen zusammen die Treppe hinauf.
-
-„Na, Sie unbeteiligter Zuschauer Sie!“ sagte Behrens. „Was machen Sie
-denn, finden wir Gnade vor Ihren prüfenden Blicken? Ehrt uns, ehrt uns.
-Ja, unsere Sommersaison, die hats in sich, die ist nicht von schlechten
-Eltern. Habe es mir auch was kosten lassen, um sie ein bißchen zu
-poussieren. Aber schade ist es doch, daß Sie den Winter nicht mitmachen
-wollen bei uns, – Sie wollen ja bloß acht Wochen bleiben, hab ich
-gehört? Ach, drei? Das ist aber eine Stippvisite, das lohnt ja das
-Ablegen gar nicht; na, wie Sie meinen. Aber schade ist es doch, daß Sie
-den Winter nicht mitmachen, denn was so die Hotevoleh ist,“ sagte er mit
-scherzhaft unmöglicher Aussprache, „die internationale Hotevoleh da
-unten in Platz, die kommt doch nun mal erst im Winter, und die müßten
-Sie sehen, da täten Sie was für Ihre Bildung. Zum Kugeln, wenn die Kerls
-so Sprünge machen auf ihren Fußbrettern. Und dann die Damen, herrje, die
-Damen! Bunt wie die Paradiesvögel, sag ich Ihnen, und mächtig galant ...
-Nun muß ich aber zu meinem Moribundus,“ sagte er, „auf siebenundzwanzig
-hier. Finales Stadium, wissen Sie. Durch die Mitte ab. Fünf Dutzend
-Fiaskos Oxygen hat er gestern und heute noch ausgekneipt, der Schlemmer.
-Aber bis Mittag wird er wohl _ad penates_ gehen. Na, lieber Reuter,“
-sagte er, indem er eintrat, „wie wäre es, wenn wir noch einer den Hals
-brächen ...“ Seine Worte verloren sich hinter der Tür, die er zuzog.
-Aber einen Augenblick hatte Hans Castorp im Hintergrunde des Zimmers auf
-dem Kissen das wächserne Profil eines jungen Mannes mit dünnem Kinnbart
-gesehen, der langsam seine sehr großen Augäpfel zur Tür gerollt hatte.
-
-Es war der erste Moribundus, den Hans Castorp in seinem Leben zu sehen
-bekam, denn seine Eltern sowohl wie der Großvater waren ja damals
-gleichsam hinter seinem Rücken gestorben. Wie würdevoll der Kopf des
-jungen Mannes mit aufwärts geschobenem Kinnbart auf dem Kissen gelegen
-hatte! Wie bedeutend der Blick seiner übergroßen Augen gewesen war, als
-er sie langsam zur Tür gedreht hatte! Hans Castorp, noch ganz vertieft
-in den flüchtigen Anblick, versuchte unwillkürlich, ebenso große,
-bedeutende und langsame Augen wie der Moribundus zu machen, während er
-weiter zur Treppe ging, und mit diesen Augen blickte er eine Dame an,
-die hinter ihm aus einer Tür getreten war und ihn am Treppenkopf
-überholte. Er erkannte nicht gleich, daß es Madame Chauchat war. Sie
-lächelte leise über die Augen, die er machte, stützte dann mit der Hand
-die Flechte an ihrem Hinterkopf und ging vor ihm die Treppe hinunter,
-geräuschlos, schmiegsam und etwas vorgeschobenen Kopfes.
-
- * * * * *
-
-Bekanntschaften machte er fast keine in diesen ersten Tagen und auch
-später noch lange nicht. Die Tagesordnung war dem im ganzen nicht
-günstig; auch war Hans Castorp ja zurückhaltenden Wesens, fühlte sich
-überdies als Gast und „unbeteiligter Zuschauer“ hier oben, wie Hofrat
-Behrens gesagt hatte, und ließ sich an Joachims Gespräch und
-Gesellschaft in der Hauptsache gern genügen. Die Krankenschwester auf
-dem Korridor freilich reckte so lange den Hals nach ihnen, bis Joachim,
-der ihr schon früher manchmal kleine Plaudereien gewährt hatte, seinen
-Vetter mit ihr bekannt machte. Das Kneiferband hinter dem Ohr, sprach
-sie nicht nur geziert, sondern geradezu gequält und machte bei näherer
-Prüfung den Eindruck, als habe unter der Folter der Langenweile ihr
-Verstand gelitten. Es war sehr schwer, wieder von ihr loszukommen, da
-sie vor der Beendigung des Gespräches eine krankhafte Furcht an den Tag
-legte und, sobald die jungen Leute Miene machten, weiterzugehen, sich
-mit hastigen Worten und Blicken, auch einem verzweifelten Lächeln an sie
-klammerte, so daß sie aus Erbarmen noch bei ihr stehen blieben. Sie
-sprach des langen und breiten von ihrem Papa, welcher Jurist, und ihrem
-Cousin, der Arzt sei, – offenbar um sich in ein vorteilhaftes Licht zu
-setzen und ihre Herkunft aus gebildeter Gesellschaftsschicht zu
-bekunden. Was ihren Pflegling dort hinter der Tür betraf, so war er der
-Sohn eines Koburger Puppenfabrikanten, Rotbein mit Namen, und neuerdings
-habe es sich bei dem jungen Fritz auf den Darm geworfen. Das sei hart
-für alle Beteiligten, wie die Herren sich wohl vorstellen könnten;
-namentlich wenn man nun einmal aus akademischem Hause stamme und die
-Feinfühligkeit der höheren Klassen besitze, so sei es hart. Und nicht
-den Rücken dürfe man kehren ... Neulich, was glaubten die Herren, komme
-sie von einem kurzen Ausgange zurück, nichts als ein wenig Zahnpulver
-habe sie sich besorgt, und finde den Kranken in seinem Bette sitzend,
-vor sich ein Glas dickes, dunkles Bier, eine Salamiwurst, ein derbes
-Stück Schwarzbrot und eine Gurke! All diese heimischen Leckerbissen
-hätten die Seinen ihm zugesandt zu seiner Kräftigung. Aber am nächsten
-Tage sei er natürlich mehr tot als lebendig gewesen. Er selbst
-beschleunige sein Ende. Aber das werde die Erlösung ja nur für ihn
-bedeuten, nicht auch für sie – Schwester Berta sei übrigens ihr Name, in
-Wirklichkeit Alfreda Schildknecht –, denn _sie_ komme dann eben zu einem
-anderen Kranken, in mehr oder weniger vorgeschrittenem Stadium, hier
-oder in einem anderen Sanatorium, das sei die Perspektive, die sich ihr
-eröffne, und eine andere eröffne sich eben nicht.
-
-Ja, sagte Hans Castorp, ihr Beruf sei gewiß schwer, aber doch auch
-befriedigend, sollte er denken.
-
-Gewiß, antwortete sie, befriedigend sei er, – befriedigend, aber sehr
-schwer.
-
-Nun, alles Gute für Herrn Rotbein. Und die Vettern wollten gehen.
-
-Aber da klammerte sie sich an sie mit Worten und Blicken, und so
-jammervoll war es zu sehen, wie sie sich anstrengte, die jungen Leute
-ein wenig länger zu fesseln, daß es grausam gewesen wäre, ihr nicht noch
-eine Frist zu gewähren.
-
-„Er schläft!“ sagte sie. „Er braucht mich nicht. Da bin ich für einige
-kurze Minuten auf den Gang hinausgetreten ...“ Und sie begann über
-Hofrat Behrens zu klagen und den Ton, in dem er mit ihr verkehre und der
-allzu zwanglos sei, um ihrer Herkunft zu entsprechen. Bei weitem gab sie
-Herrn Dr. Krokowski den Vorzug, – ihn nannte sie seelenvoll. Dann kam
-sie wieder auf ihren Papa und ihren Cousin. Ihr Hirn gab nichts weiter
-her. Vergebens rang sie danach, die Vettern noch ein wenig zu fesseln,
-indem sie plötzlich mit einem Anlauf die Stimme erhob und beinahe zu
-schreien begann, wenn sie gehen wollten, – sie entschlüpften ihr endlich
-und gingen. Aber die Schwester sah ihnen noch eine Weile mit
-vorgebeugtem Oberkörper und saugenden Blicken nach, als wollte sie sie
-mit den Augen zu sich zurückziehen. Dann entrang sich ein Seufzer ihrer
-Brust, und sie kehrte zu ihrem Pflegling ins Zimmer zurück.
-
-Sonst wurde Hans Castorp in diesen Tagen nur noch mit der
-schwarzbleichen Dame bekannt, jener Mexikanerin, die er im Garten
-gesehen hatte und die „_Tous les deux_“ genannt wurde. Es geschah
-wirklich, daß auch er aus ihrem Munde die trübselige Formel hörte, die
-ihr zum Spitznamen geworden war; aber da er sich vorbereitet hatte, so
-bewahrte er gute Haltung dabei und konnte nachher zufrieden mit sich
-sein. Die Vettern trafen sie vor dem Hauptportal, als sie nach dem
-ersten Frühstück den vorgeschriebenen Morgenspaziergang antraten. In ein
-schwarzes Kaschmirtuch gehüllt, mit krummen Knien und langen, ruhelos
-wandernden Tritten erging sie sich dort, und gegen den schwarzen
-Schleier, der um ihr silbern durchzogenes Haar geschlungen und unter dem
-Kinn zusammengebunden war, schimmerte mattweiß ihr alterndes Gesicht mit
-dem großen, verhärmten Munde. Joachim, ohne Hut wie gewöhnlich, begrüßte
-sie durch Verneigung, und sie dankte langsam, während beim Schauen die
-Querfalten in ihrer engen Stirn sich vertieften. Sie blieb stehen, da
-sie ein neues Gesicht bemerkte, und erwartete, leise mit dem Kopfe
-nickend, die Annäherung der jungen Leute; denn offenbar hielt sie es für
-notwendig zu hören, ob der Fremde von ihrem Schicksal wisse, und seine
-Äußerung darüber entgegenzunehmen. Joachim stellte seinen Vetter vor.
-Sie reichte dem Gast aus der Mantille heraus die Hand, eine magere,
-gelbliche, hoch geäderte, mit Ringen geschmückte Hand, und fuhr fort,
-ihn nickend anzublicken. Dann kam es:
-
-„_Tous les dé, monsieur_“, sagte sie. „_Tous les dé vous savez ..._“
-
-„_Je le sais, madame_“, antwortete Hans Castorp gedämpft. „_Et je le
-regrette beaucoup._“
-
-Die schlaffen Hautsäcke unter ihren jettschwarzen Augen waren so groß
-und schwer, wie er es noch bei keinem Menschen gesehen. Ein leiser,
-welker Duft ging von ihr aus. Es war ihm sanft und ernst um das Herz.
-
-„_Merci_“, sagte sie mit einer rasselnden Aussprache, die sonderbar zu
-der Gebrochenheit ihres Wesens stimmte, und der eine Winkel ihres großen
-Mundes hing tragisch tief hinab. Dann zog sie die Hand unter die
-Mantille zurück, neigte den Kopf und machte sich wieder ans Wandern.
-Hans Castorp aber sagte im Weitergehen:
-
-„Du siehst, es hat mir nichts gemacht, ich bin ganz gut mit ihr fertig
-geworden. Ich werde überhaupt mit solchen Leuten ganz gut fertig, glaube
-ich, ich verstehe mich von Natur auf den Umgang mit ihnen, – meinst du
-nicht auch? Ich glaube sogar, ich komme mit traurigen Menschen im ganzen
-besser aus, als mit lustigen, weiß Gott, woran es liegt, vielleicht
-daran, daß ich doch Waise bin und meine Eltern so früh verloren habe,
-aber wenn die Leute ernst und traurig sind und der Tod im Spiele ist,
-das bedrückt mich eigentlich nicht und macht mich nicht verlegen,
-sondern ich fühle mich dabei in meinem Element und jedenfalls besser,
-als wenn es so forsch zugeht, das liegt mir weniger. Neulich dachte ich:
-Es ist doch eine Albernheit von den hiesigen Damen, sich dermaßen vor
-dem Tode zu graulen und allem, was damit zusammenhängt, daß man sie
-ängstlich davor bewahren muß und das Viatikum bringt, wenn sie gerade
-essen. Nein, pfui, das ist läppisch. Siehst du nicht ganz gern einen
-Sarg? Ich sehe ganz gern mal einen. Ich finde, ein Sarg ist ein geradezu
-schönes Möbel, schon wenn er leer ist, aber wenn jemand darin liegt,
-dann ist es direkt feierlich in meinen Augen. Begräbnisse haben so etwas
-Erbauliches, – ich habe schon manchmal gedacht, man sollte, statt in die
-Kirche, zu einem Begräbnis gehen, wenn man sich ein bißchen erbauen
-will. Die Leute haben gutes schwarzes Zeug an und nehmen die Hüte ab und
-sehen auf den Sarg und halten sich ernst und andächtig, und niemand darf
-faule Witze machen, wie sonst im Leben. Das habe ich sehr gern, wenn sie
-endlich mal ein bißchen andächtig sind. Manchmal habe ich mich schon
-gefragt, ob ich nicht Pastor hätte werden sollen, – in gewisser Weise
-hätte das, glaube ich, nicht schlecht für mich gepaßt ... Hoffentlich
-habe ich keinen Fehler im Französischen gemacht bei dem, was ich sagte?“
-
-„Nein“, sagte Joachim. „_Je le regrette beaucoup_ war ja soweit ganz
-richtig.“
-
-
- Politisch verdächtig!
-
-Regelmäßige Abwandlungen des Normaltages fanden sich ein: zuerst ein
-Sonntag – und zwar ein Sonntag mit Kurmusik auf der Terrasse, wie er
-vierzehntägig erschien, eine Markierung der Doppelwoche also, in deren
-zweite Hälfte Hans Castorp von außen eingetreten war. An einem Dienstag
-war er gekommen, und so war es der fünfte Tag, ein Tag von
-Frühlingscharakter nach jenem abenteuerlichen Wettersturz und Rückfall
-in den Winter, – zart und frisch, mit reinlichen Wolken am hellblauen
-Himmel und mäßigem Sonnenschein über Hängen und Tal, die wieder ein
-ordnungsgemäßes Sommergrün angenommen hatten, da der Neuschnee denn doch
-zu raschem Versickern verurteilt gewesen war.
-
-Es war deutlich, daß jedermann sich befliß, den Sonntag zu ehren und
-auszuzeichnen; Verwaltung und Gäste unterstützten einander in diesem
-Bestreben. Gleich zum Morgentee gab es Streußelkuchen, an jedem Platz
-stand ein Gläschen mit ein paar Blumen, wilden Gebirgsnelken und sogar
-Alpenrosen, welche die Herren sich in das Knopfloch des Aufschlages
-steckten (Staatsanwalt Paravant aus Dortmund hatte sogar einen schwarzen
-Schwalbenschwanz mit punktierter Weste angelegt), die Damentoiletten
-trugen das Gepräge festlicher Duftigkeit – Frau Chauchat erschien zum
-Frühstück in einer fließenden Spitzenmatinee mit offenen Ärmeln, worin
-sie, während die Glastür ins Schloß schmetterte, erst einmal Front
-machte und sich dem Saal gleichsam anmutig präsentierte, bevor sie sich
-schleichenden Schrittes zu ihrem Tisch begab, und die sie so
-ausgezeichnet kleidete, daß Hans Castorps Nachbarin, die Lehrerin aus
-Königsberg, sich ganz begeistert darüber zeigte – und sogar das
-barbarische Ehepaar vom Schlechten Russentisch hatte dem Gottestag
-Rechnung getragen, indem nämlich der männliche Teil seine Lederjoppe mit
-einer Art von kurzem Gehrock und die Filzstiefel mit Lederschuhwerk
-vertauscht hatte, _sie_ freilich auch heute ihre unsaubere Federboa,
-darunter aber eine grünseidene Bluse mit Halskrause trug ... Hans
-Castorp runzelte die Brauen, als er der beiden ansichtig wurde, und
-verfärbte sich, wozu er hier auffallend neigte.
-
-Gleich nach dem zweiten Frühstück begann die Kurmusik auf der Terrasse;
-allerlei Blech- und Holzbläser fanden sich dort ein und spielten
-abwechselnd flott und getragen, fast bis zum Mittagessen. Während des
-Konzertes war die Liegekur nicht streng obligatorisch. Zwar genossen
-einige den Ohrenschmaus auf ihren Balkons, und auch in der Gartenhalle
-waren drei oder vier Stühle besetzt; aber die Mehrzahl der Gäste saß an
-den kleinen, weißen Tischen auf der gedeckten Plattform, während leichte
-Lebewelt, der es zu ehrbar scheinen mochte, auf Stühlen zu sitzen, die
-steinernen Stufen besetzt hielt, die in den Garten hinunterführten, und
-dort viel Frohsinn entfaltete: jugendliche Kranke beiderlei Geschlechts,
-von denen Hans Castorp die meisten schon dem Namen nach oder von Ansehen
-kannte. Hermine Kleefeld gehörte dazu, sowie Herr Albin, der eine große
-geblümte Schachtel mit Schokolade herumgehen und alle daraus essen ließ,
-während er selbst nicht aß, sondern mit väterlicher Miene Zigaretten mit
-goldenem Mundstück rauchte; ferner der wulstlippige Jüngling vom „Verein
-Halbe Lunge“, Fräulein Levi, dünn und elfenbeinfarben, wie sie war, ein
-aschblonder junger Mann, der auf den Namen Rasmussen hörte und seine
-Hände nach Art von Flossen aus schlaffen Gelenken in Brusthöhe hängen
-ließ, Frau Salomon aus Amsterdam, eine rot gekleidete Frau von reicher
-Körperlichkeit, die sich ebenfalls der Jugend beigesellt hatte und in
-deren bräunlichen Nacken jener lange Mensch mit gelichtetem Haar, der
-aus dem „Sommernachtstraum“ spielen konnte und nun, mit den Armen seine
-spitzen Knie umschlingend, hinter ihr saß, unablässig seine trüben
-Blicke gerichtet hielt; ein rothaariges Fräulein aus Griechenland, ein
-anderes unbekannter Herkunft mit dem Gesicht eines Tapirs, der gefräßige
-Junge mit den dicken Brillengläsern, ein weiterer fünfzehn- oder
-sechzehnjähriger Junge, der ein Monokel eingeklemmt hatte und beim
-Hüsteln den lang gewachsenen, salzlöffelähnlichen Nagel seines kleinen
-Fingers zum Munde führte, ein kapitaler Esel offenbar – und noch andere
-mehr.
-
-Dieser Junge mit dem Fingernagel, erzählte Joachim leise, sei nur ganz
-wenig leidend gewesen, als er gekommen sei, – ohne Temperatur, und nur
-der Vorsicht halber sei er von seinem Vater, einem Arzt, heraufgeschickt
-worden und habe nach des Hofrats Urteile etwa drei Monate bleiben
-sollen. Jetzt, nach drei Monaten, habe er 37,8 bis 38 und sei recht
-krank. Aber er lebe ja auch so unvernünftig, daß er Maulschellen
-verdiene.
-
-Die Vettern hatten ein Tischchen für sich, etwas abseits von den
-übrigen, denn Hans Castorp rauchte zu seinem schwarzen Bier, das er vom
-Frühstück mit herausgenommen hatte, und von Zeit zu Zeit schmeckte ihm
-seine Zigarre ein wenig. Benommen vom Biere und von der Musik, die wie
-immer bewirkte, daß sein Mund sich öffnete und sein Kopf sich auf die
-Seite legte, betrachtete er mit geröteten Augen das sorglose Badeleben
-ringsumher, wobei das Bewußtsein ihn durchaus nicht störte, sondern im
-Gegenteil dem Ganzen eine erhöhte Merkwürdigkeit, einen gewissen
-geistigen Reiz verlieh, daß alle diese Leute in ihrem Inneren von einem
-schwer aufzuhaltenden Zerfall ergriffen waren und daß die meisten von
-ihnen in leichtem Fieber standen ... Man trank perlende Kunstlimonade an
-den Tischchen, und auf der Freitreppe wurde photographiert. Andere
-tauschten dort Briefmarken, und das rothaarige Fräulein aus Griechenland
-zeichnete Herrn Rasmussen auf einem Block, wollte ihm dann aber das Bild
-nicht zeigen, sondern wandte sich, mit breiten, weit auseinander
-stehenden Zähnen lachend, hin und her, so daß er es lange nicht
-vermochte, ihr den Block zu entreißen. Hermine Kleefeld saß mit nur halb
-geöffneten Augen auf ihrer Stufe und schlug mit einer zusammengerollten
-Zeitung den Takt zur Musik, während sie sich von Herrn Albin ein
-Sträußchen Wiesenblumen an ihrer Bluse befestigen ließ, und der
-Wulstlippige, zu Frau Salomons Füßen sitzend, plauderte gedrehten Halses
-zu ihr empor, indes der dünnhaarige Pianist ihr von hinten unverwandt in
-den Nacken blickte.
-
-Die Ärzte kamen und mischten sich unter die Kurgesellschaft, Hofrat
-Behrens in weißem und Dr. Krokowski in schwarzem Kittel. Sie gingen die
-Reihe der Tischchen entlang, wobei der Hofrat beinahe an jedem ein
-gemütliches Witzwort fallen ließ, so daß ein Kielwasser heiterer
-Bewegung seinen Weg bezeichnete, und stiegen dann zur Jugend hinab,
-deren weiblicher Teil sich sofort mit Wippen und schrägen Blicken um Dr.
-Krokowski scharte, während der Hofrat dem Sonntage zu Ehren der
-Herrenwelt das Kunststück mit seinem Schnürstiefel zeigte: er setzte
-seinen gewaltigen Fuß auf eine höhere Stufe, löste die Bänder, ergriff
-sie nach einer besonderen Praktik mit einer Hand und wußte sie, ohne die
-andere zu Hilfe zu nehmen, mit solcher Fertigkeit kreuzweise einzuhaken,
-daß alle sich wunderten und mehrere umsonst versuchten, es ihm
-gleichzutun.
-
-Später erschien auch Settembrini auf der Terrasse, – er kam, auf seinen
-Spazierstock gestützt, aus dem Speisesaal, auch heute in seinem Flaus
-und seinen gelblichen Hosen, mit feiner, geweckter und kritischer Miene,
-sah sich um und näherte sich dem Tische der Vettern, indem er „Ah,
-bravo!“ sagte und um die Erlaubnis bat, sich zu ihnen setzen zu dürfen.
-
-„Bier, Tabak und Musik“, sagte er. „Da haben wir Ihr Vaterland! Ich
-sehe, Sie haben Sinn für nationale Stimmung, Ingenieur. Sie sind in
-Ihrem Elemente, das freut mich. Lassen Sie mich etwas teilnehmen an der
-Harmonie Ihres Zustandes!“
-
-Hans Castorp nahm seine Züge zusammen, – hatte es schon getan, als er
-des Italieners nur ansichtig geworden war. Er sagte:
-
-„Sie kommen aber spät zum Konzert, Herr Settembrini, es muß ja bald aus
-sein. Hören Sie nicht gern Musik?“
-
-„Nicht gern auf Kommando“, erwiderte Settembrini. „Nicht nach dem
-Wochenkalender. Nicht gern, wenn sie nach Apotheke riecht und mir von
-oben herab aus sanitären Gründen zugemessen wird. Ich halte ein wenig
-auf meine Freiheit oder doch auf jenen Rest von Freiheit und
-Menschenwürde, der unsereinem übrigbleibt. Bei solchen Veranstaltungen
-hospitiere ich, wie Sie im großen bei uns hospitieren, – ich komme auf
-eine Viertelstunde und gehe wieder meiner Wege. Das gibt mir die
-Illusion der Unabhängigkeit ... Ich sage nicht, daß es mehr ist, als
-eine Illusion, aber was wollen Sie, wenn sie mir eine gewisse Genugtuung
-bereitet! Mit Ihrem Vetter, das ist etwas anderes. Für ihn ist es
-Dienst. Nicht wahr, Leutnant, Sie betrachten es als zum Dienst gehörig.
-Oh, ich weiß, Sie kennen den Trick, in der Sklaverei Ihren Stolz zu
-bewahren. Ein verwirrender Trick. Nicht jedermann in Europa versteht
-sich darauf. Musik? Fragten Sie nicht, ob ich mich als Liebhaber der
-Musik bekenne? Nun, wenn Sie ‚Liebhaber‘ sagen (eigentlich entsann Hans
-Castorp sich nicht, so gesagt zu haben), der Ausdruck ist nicht übel
-gewählt, er hat einen Anflug zärtlicher Leichtfertigkeit. Gut denn, ich
-schlage ein. Ja, ich bin ein Liebhaber der Musik, – womit nicht gesagt
-sein soll, daß ich sie sonderlich achte, – so etwa, wie ich das Wort
-achte und liebe, den Träger des Geistes, das Werkzeug, die glänzende
-Pflugschar des Fortschritts ... Musik ... sie ist das halb Artikulierte,
-das Zweifelhafte, das Unverantwortliche, das Indifferente. Vermutlich
-werden Sie mir einwenden, daß sie klar sein könne. Aber auch die Natur
-kann klar sein, auch ein Bächlein kann klar sein, und was hilft uns das?
-Es ist nicht die wahre Klarheit, es ist eine träumerische, nichtssagende
-und zu nichts verpflichtende Klarheit, eine Klarheit ohne Konsequenzen,
-gefährlich deshalb, weil sie dazu verführt, sich bei ihr zu beruhigen
-... Lassen Sie die Musik die Gebärde der Hochherzigkeit annehmen. Gut!
-Sie wird damit unser Gefühl entflammen. Es kommt jedoch darauf an, die
-Vernunft zu entflammen! Die Musik ist scheinbar die Bewegung selbst, –
-gleichwohl habe ich sie im Verdachte des Quietismus. Lassen Sie mich die
-Sache auf die Spitze stellen: Ich hege eine politische Abneigung gegen
-die Musik.“
-
-Hier konnte Hans Castorp nicht umhin, sich aufs Knie zu schlagen und
-auszurufen, so etwas habe er denn doch in seinem Leben noch nicht
-gehört.
-
-„Ziehen Sie es trotzdem in Erwägung!“ sagte Settembrini lächelnd. „Die
-Musik ist unschätzbar als letztes Begeisterungsmittel, als aufwärts und
-vorwärts reißende Macht, wenn sie den Geist für ihre Wirkungen
-vorgebildet findet. Aber die Literatur muß ihr vorangegangen sein. Musik
-allein bringt die Welt nicht vorwärts. Musik allein ist gefährlich. Für
-Sie persönlich, Ingenieur, ist sie unbedingt gefährlich. Ich sah es
-sofort an Ihren Gesichtszügen, als ich kam.“
-
-Hans Castorp lachte.
-
-„Ach, mein Gesicht dürfen Sie nicht ansehen, Herr Settembrini. Sie
-glauben nicht, wie die Luft bei Ihnen hier oben mir zusetzt. Es fällt
-mir schwerer, als ich dachte, mich zu akklimatisieren.“
-
-„Ich fürchte, Sie täuschen sich.“
-
-„Nein, wieso! Weiß der Teufel, wie müde und heiß ich noch immer bin.“
-
-„Ich finde doch, daß man der Direktion für die Konzerte dankbar sein
-muß“, sagte Joachim besonnen. „Sie betrachten die Sache ja von einem
-höheren Standpunkt, Herr Settembrini, sozusagen als Schriftsteller, und
-da will ich Ihnen nicht widersprechen. Aber ich finde doch, daß man hier
-dankbar sein muß für ein bißchen Musik. Ich bin gar nicht besonders
-musikalisch, und dann sind die Stücke, die gespielt werden, ja auch
-nicht weiter großartig, – weder klassisch noch modern, sondern nur
-einfach Blechmusik. Aber es ist doch eine erfreuliche Abwechslung. Es
-füllt ein paar Stunden so anständig aus, ich meine: es teilt sie ein und
-füllt sie im einzelnen aus, so daß doch etwas daran ist, während man
-sich hier sonst die Stunden und Tage und Wochen so schauderhaft um die
-Ohren schlägt ... Sehen Sie, so eine anspruchslose Konzertnummer dauert
-vielleicht sieben Minuten, nicht wahr, und die sind etwas für sich, sie
-haben Anfang und Ende, sie heben sich ab und sind gewissermaßen bewahrt
-davor, so unversehens im allgemeinen Schlendrian unterzugehen. Außerdem
-sind sie ja wieder noch vielfach eingeteilt, durch die Figuren des
-Stückes, und die wieder in Takte, so daß immer was los ist und jeder
-Augenblick einen gewissen Sinn bekommt, an den man sich halten kann,
-während sonst ... Ich weiß nicht, ob ich mich richtig ...“
-
-„Bravo!“ rief Settembrini. „Bravo, Leutnant! Sie bezeichnen sehr gut ein
-unzweifelhaft sittliches Moment im Wesen der Musik, nämlich dieses, daß
-sie dem Zeitablaufe durch eine ganz eigentümlich lebensvolle Messung
-Wachheit, Geist und Kostbarkeit verleiht. Die Musik weckt die Zeit, sie
-weckt uns zum feinsten Genusse der Zeit, sie weckt ... insofern ist sie
-sittlich. Die Kunst ist sittlich, sofern sie weckt. Aber wie, wenn sie
-das Gegenteil tut? Wenn sie betäubt, einschläfert, der Aktivität und dem
-Fortschritt entgegenarbeitet? Auch das kann die Musik, auch auf die
-Wirkung der Opiate versteht sie sich aus dem Grunde. Eine teuflische
-Wirkung, meine Herren! Das Opiat ist vom Teufel, denn es schafft
-Dumpfsinn, Beharrung, Untätigkeit, knechtischen Stillstand ... Es ist
-etwas Bedenkliches um die Musik, meine Herren. Ich bleibe dabei, daß sie
-zweideutigen Wesens ist. Ich gehe nicht zu weit, wenn ich sie für
-politisch verdächtig erkläre.“
-
-Er sprach noch weiter in dieser Art, und Hans Castorp hörte auch zu,
-vermochte aber so recht nicht zu folgen, erstens seiner Müdigkeit wegen,
-und dann auch, weil er abgelenkt war durch die geselligen Vorgänge unter
-der leichten Jugend dort auf den Stufen. Sah er recht oder wie war das
-eigentlich? Das Fräulein mit dem Tapirgesicht war beschäftigt, dem
-Jungen mit dem Monokel einen Knopf an den Kniebund seiner Sporthose zu
-nähen! Und dabei ging ihr der Atem schwer und heiß vor Asthma, während
-_er_ seinen salzlöffelähnlichen Fingernagel hüstelnd zum Munde führte!
-Sie waren ja krank, alle beide, aber trotzdem zeugte es von sonderbaren
-Verkehrssitten unter den jungen Leuten hier oben. Die Musik spielte eine
-Polka ...
-
-
- Hippe
-
-So hob der Sonntag sich ab. Sein Nachmittag war überdies gekennzeichnet
-durch Wagenfahrten, die von verschiedenen Gästegruppen unternommen
-wurden: mehrere Zweispänner schleppten sich nach dem Tee die Wegschleife
-herauf und hielten vorm Hauptportal, um ihre Besteller aufzunehmen,
-Russen hauptsächlich, und zwar russische Damen.
-
-„Russen fahren immer spazieren“, sagte Joachim zu Hans Castorp, – sie
-standen zusammen vor dem Portal und sahen zu ihrer Unterhaltung den
-Abfahrten zu. „Nun fahren sie nach Clavadell oder nach dem See oder ins
-Flüelatal oder nach Klosters, das sind so die Ziele. Wir können auch mal
-fahren während deiner Anwesenheit, wenn du Lust hast. Aber ich glaube,
-vorläufig hast du genug zu tun, um dich einzuleben, und brauchst keine
-Unternehmungen.“
-
-Hans Castorp stimmte dem bei. Er hatte eine Zigarette im Munde und die
-Hände in den Hosentaschen. So sah er zu, wie die kleine, muntere, alte
-russische Dame mit ihrer mageren Großnichte und zwei anderen Damen in
-einem Wagen Platz nahm; es waren Marusja und Madame Chauchat. Diese
-hatte einen dünnen Staubmantel, mit einem Gurt im Rücken, angelegt, war
-jedoch ohne Hut. Sie setzte sich neben die Alte in den Fond des Wagens,
-während die jungen Mädchen die Rückplätze einnahmen. Alle vier waren
-lustig und regten unaufhörlich die Münder in ihrer weichen, gleichsam
-knochenlosen Sprache. Sie sprachen und lachten über die Wagendecke, in
-die sie sich unter Schwierigkeiten teilten, über das russische Konfekt,
-das die Großtante als Mundvorrat in einem mit Watte und Papierspitzen
-gepolsterten Holzkistchen mitführte und schon jetzt präsentierte ...
-Hans Castorp unterschied mit Anteil Frau Chauchats verschleierte Stimme.
-Wie immer, wenn ihm die nachlässige Frau vor Augen kam, bekräftigte sich
-ihm aufs neue jene Ähnlichkeit, nach der er eine Weile gesucht hatte und
-die ihm im Traume aufgegangen war ... Marusjas Lachen aber, der Anblick
-ihrer runden, braunen Augen, die kindlich über das Tüchlein
-hinwegblickten, womit sie den Mund bedeckte, und ihrer hohen Brust, die
-innerlich gar nicht wenig krank sein sollte, erinnerte ihn an etwas
-Anderes, Erschütterndes, was er neulich gesehen hatte, und so blickte er
-vorsichtig und ohne den Kopf zu bewegen zur Seite auf Joachim. Nein,
-gottlob, so fleckig im Gesicht sah Joachim nicht aus wie damals, und
-auch seine Lippen waren jetzt nicht so kläglich verzerrt. Aber er sah
-Marusja an – und zwar in einer Haltung, mit einem Augenausdruck, die
-unmöglich militärisch genannt werden konnten, vielmehr so trüb und
-selbstvergessen erschienen, daß man sie als ausgemacht zivilistisch
-ansprechen mußte. Dann raffte er sich übrigens zusammen und blickte
-rasch nach Hans Castorp, so daß dieser eben noch Zeit hatte, seine Augen
-von ihm fortzutun und sie irgendwohin in die Lüfte zu senden. Er fühlte
-sein Herz klopfen dabei, – unmotiviert und auf eigene Hand, wie es das
-hier nun einmal tat.
-
-Der Rest des Sonntags bot nichts Außerordentliches, abgesehen vielleicht
-von den Mahlzeiten, die, da sie reicher als gewöhnlich nicht wohl
-gestaltet werden konnten, wenigstens eine erhöhte Feinheit der Gerichte
-aufwiesen. (Zum Mittagessen gab es ein _Chaud-froid_ von Hühnern, mit
-Krebsen und halbierten Kirschen verziert; zum Gefrorenen Patisserie in
-Körbchen, die aus gesponnenem Zucker geflochten waren, und dann auch
-noch frische Ananas.) Abends, nachdem er sein Bier getrunken, fühlte
-Hans Castorp sich noch erschöpfter, frostiger und schwerer von Gliedern,
-als die Tage vorher, sagte seinem Vetter schon gegen neun Uhr gute
-Nacht, zog eilig das Federbett bis über das Kinn und schlief ein wie
-erschlagen.
-
-Allein schon der folgende Tag, der erste Montag also, den der Hospitant
-hier oben verlebte, brachte eine weitere regelmäßig wiederkehrende
-Abwandlung des Tageslaufes: nämlich einen jener Vorträge, die Dr.
-Krokowski vierzehntägig im Speisesaal vor dem gesamten volljährigen, der
-deutschen Sprache kundigen und nicht moribunden Publikum des „Berghofes“
-hielt. Es handelte sich, wie Hans Castorp von seinem Vetter hörte, um
-eine Reihe zusammenhängender Kollegien, einen populär-wissenschaftlichen
-Kursus unter dem Generaltitel „Die Liebe als krankheitbildende Macht“.
-Die belehrende Unterhaltung fand nach dem zweiten Frühstück statt, und
-es war, wie wiederum Joachim sagte, nicht zulässig, wurde zum mindesten
-höchst ungern gesehen, daß man sich davon ausschlösse, – weshalb es denn
-auch als erstaunliche Frechheit galt, daß Settembrini, obgleich des
-Deutschen mächtiger als irgend jemand, die Vorträge nicht nur niemals
-besuchte, sondern sich auch in den abschätzigsten Äußerungen darüber
-erging. Was Hans Castorp betraf, so war er vor allem aus Höflichkeit,
-dann aber auch aus unverhohlener Neugier sofort entschlossen, sich
-einzufinden. Vorher jedoch tat er etwas ganz Verkehrtes und
-Fehlerhaftes: er ließ sich einfallen, auf eigene Hand einen ausgedehnten
-Spaziergang zu machen, was ihm über alles Vermuten schlecht bekam.
-
-„Jetzt paß auf!“ waren seine ersten Worte, als Joachim morgens in sein
-Zimmer trat. „Ich sehe, daß es mit mir nicht so weitergeht. Ich habe die
-horizontale Lebensweise nun satt, – das Blut schläft einem ja dabei ein.
-Mit dir ist es selbstverständlich was anderes, du bist Patient, dich
-will ich durchaus nicht verführen. Aber ich will nun mal gleich nach dem
-Frühstück einen ordentlichen Spaziergang unternehmen, wenn du es mir
-nicht übel nimmst, so ein paar Stunden aufs Geratewohl in die Welt
-hinein. Ich stecke mir einen Bissen zum Frühstück in die Tasche, dann
-bin ich unabhängig. Wir wollen doch sehen, ob ich nicht ein anderer Kerl
-bin, wenn ich nach Hause komme.“
-
-„Schön!“ sagte Joachim, da er sah, daß es dem anderen ernst war mit
-seinem Begehren und Vorsatz. „Aber übertreibe es nicht, das rate ich
-dir. Es ist hier anders als wie zu Hause. Und dann sei pünktlich zum
-Vortrag zurück!“
-
-In Wirklichkeit waren es noch andere Gründe, als nur der körperliche,
-die dem jungen Hans Castorp sein Vorhaben eingegeben hatten. Ihm war,
-als ob an seinem hitzigen Kopf, dem schlechten Geschmack, den er
-meistens im Munde hatte, und dem willkürlichen Klopfen seines Herzens
-viel weniger die Schwierigkeiten der Akklimatisation schuld seien, als
-solche Dinge, wie das Treiben des russischen Ehepaars nebenan, die Reden
-der kranken und dummen Frau Stöhr bei Tische, des Herrenreiters weicher
-Husten, den er täglich auf den Korridoren vernahm, die Äußerungen Herrn
-Albins, die Eindrücke, die er von den Verkehrssitten der leidenden
-Jugend empfangen hatte, der Gesichtsausdruck Joachims, wenn er Marusja
-betrachtete, und dergleichen Wahrnehmungen mehr. Er dachte, es müsse gut
-sein, dem Bannkreise des „Berghofes“ einmal zu entkommen, im Freien tief
-aufzuatmen und sich tüchtig zu rühren, um, wenn man abends müde war,
-doch wenigstens zu wissen, warum. Und so trennte er sich denn
-unternehmend von Joachim, als dieser nach dem Frühstück seinen
-dienstlich abgemessenen Lustwandel nach der Bank an der Wasserrinne
-antrat, und marschierte stockschwenkend die Fahrstraße hinab seine
-eigenen Wege.
-
-Es war ein kühler, bedeckter Morgen – gegen halb neun Uhr. Wie er es
-sich vorgenommen, atmete Hans Castorp tief die reine Frühluft, diese
-frische und leichte Atmosphäre, die mühelos einging und ohne
-Feuchtigkeitsduft, ohne Gehalt, ohne Erinnerungen war ... Er überschritt
-den Wasserlauf und das Schmalspurgeleise, gelangte auf die unregelmäßig
-bebaute Straße, verließ sie gleich wieder und schlug einen Wiesenpfad
-ein, der nur ein kurzes Stück zu ebener Erde lief und dann schräg hin
-und ziemlich steil den rechtsseitigen Hang emporführte. Das Steigen
-freute Hans Castorp, seine Brust weitete sich, er schob mit der
-Stockkrücke den Hut aus der Stirn, und als er, aus einiger Höhe
-zurückblickend, in der Ferne den Spiegel des Sees gewahrte, an dem er
-auf der Herreise vorübergekommen war, begann er zu singen.
-
-Er sang die Stücke, über die er eben verfügte, allerlei volkstümlich
-empfindsame Lieder, wie sie in Kommers- und Turnliederbüchern stehen,
-unter anderem eines, worin die Zeilen vorkamen:
-
- „Die Barden sollen Lieb und Wein,
- Doch öfter Tugend preisen“ –
-
-sang sie anfangs leise und summend, dann laut und aus ganzer Kraft. Sein
-Bariton war spröde, aber heute fand er ihn schön, und das Singen
-begeisterte ihn mehr und mehr. Hatte er zu hoch eingesetzt, so verlegte
-er sich auf fistelnde Kopftöne, und auch diese erschienen ihm schön.
-Wenn sein Gedächtnis ihn im Stiche ließ, so half er sich damit, daß er
-der Melodie irgendwelche sinnlose Silben und Worte unterlegte, die er
-nach Art der Kunstsänger formenden Mundes und mit prunkendem Gaumen-R in
-die Lüfte sandte, und ging schließlich dazu über, sowohl was den Text
-als auch was die Töne betraf, nur noch zu phantasieren und seine
-Produktion sogar mit opernhaften Armbewegungen zu begleiten. Da es sehr
-anstrengend ist, zugleich zu steigen und zu singen, so wurde ihm bald
-der Atem knapp und fehlte ihm immer mehr. Aber aus Idealismus, um der
-Schönheit des Gesanges willen, bezwang er die Not und gab unter häufigen
-Seufzern sein Letztes her, bis er sich endlich in äußerster
-Kurzluftigkeit, blind, nur ein farbiges Flimmern vor Augen und mit
-fliegenden Pulsen unter einer dicken Kiefer niedersinken ließ, – nach so
-großer Erhebung plötzlich die Beute durchgreifender Verstimmung, eines
-Katzenjammers, der an Verzweiflung grenzte.
-
-Als er mit leidlich wieder befestigten Nerven sich aufmachte, um seinen
-Spaziergang fortzusetzen, zitterte sein Genick sehr lebhaft, so daß er
-bei so jungen Jahren genau auf dieselbe Weise mit dem Kopfe wackelte,
-wie der alte Hans Lorenz Castorp es dereinst getan hatte. Er selbst fand
-sich durch die Erscheinung an seinen verstorbenen Großvater herzlich
-erinnert, und ohne sie als widerwärtig zu empfinden, gefiel er sich
-darin, die ehrwürdige Kinnstütze nachzuahmen, womit der Alte dem
-Kopfzittern zu steuern gesucht und die dem Knaben einst so zugesagt
-hatte.
-
-Er stieg noch höher, in Serpentinen. Kuhglockengeläut zog ihn an, und er
-fand auch die Herde; sie graste in der Nähe einer Blockhütte, deren Dach
-mit Steinen beschwert war. Zwei bärtige Männer kamen ihm entgegen, mit
-Äxten auf den Schultern, und trennten sich, als sie nahe herangekommen.
-„Nun, so leb wohl und hab Dank!“ sagte der eine zum andern mit tiefer,
-gaumiger Stimme, legte seine Axt auf die andere Schulter und begann ohne
-Weg und mit knackenden Tritten zwischen den Fichten zu Tal zu schreiten.
-Es hatte so sonderbar in der Einsamkeit geklungen, dieses „Leb wohl und
-hab Dank“ und träumerisch Hans Castorps vom Steigen und Singen
-benommenen Sinn berührt. Er sprach es leise nach, indem er sich bemühte,
-die gutturale und feierlich-unbeholfene Mundart des Gebirglers
-nachzuahmen, und stieg noch ein Stück über die Almhütte hinaus, da es
-ihm darum zu tun war, die Baumgrenze zu erreichen; doch ließ er nach
-einem Blick auf die Uhr von diesem Vorhaben ab.
-
-Er folgte linkshin, in der Richtung gegen den Ort, einem Pfade, der eben
-lief und dann abwärts führte. Hochstämmiger Nadelwald nahm ihn auf, und
-indem er ihn durchwanderte, begann er sogar wieder ein wenig zu singen,
-wenn auch mit Vorsicht und obgleich seine Knie beim Abstiege noch
-befremdlicher zitterten als vorher. Aber aus dem Gehölz hervortretend,
-stand er überrascht vor einer prächtigen Szenerie, die sich ihm öffnete,
-einer intim geschlossenen Landschaft von friedlich-großartiger
-Bildmäßigkeit.
-
-In flachem, steinigem Bett kam ein Bergwasser die rechtsseitige Höhe
-herab, ergoß sich schäumend über terrassenförmig gelagerte Blöcke und
-floß dann ruhiger gegen das Tal hin weiter, von einem Stege mit schlicht
-gezimmertem Geländer malerisch überbrückt. Der Grund war blau von den
-Glockenblüten einer staudenartigen Pflanze, die überall wucherte. Ernste
-Fichten, riesig und ebenmäßig von Wuchs, standen einzeln und in Gruppen
-auf dem Boden der Schlucht sowie die Höhen hinan, und eine davon, zur
-Seite des Wildbaches schräg im Gehänge wurzelnd, ragte schief und bizarr
-in das Bild hinein. Rauschende Abgeschiedenheit waltete über dem
-schönen, einsamen Ort. Jenseits des Baches bemerkte Hans Castorp eine
-Ruhebank.
-
-Er überschritt den Steg und setzte sich, um sich vom Anblick des
-Wassersturzes, des treibenden Schaums unterhalten zu lassen,
-dem idyllisch gesprächigen, einförmigen und doch innerlich
-abwechslungsvollen Geräusche zu lauschen; denn rauschendes Wasser liebte
-Hans Castorp ebensosehr wie Musik, ja vielleicht noch mehr. Aber kaum
-hatte er sichs bequem gemacht, als ein Nasenbluten ihn so plötzlich
-befiel, daß er seinen Anzug nicht ganz vor Verunreinigung schützen
-konnte. Die Blutung war heftig, hartnäckig und machte ihm wohl eine
-halbe Stunde lang zu schaffen, indem sie ihn zwang, beständig zwischen
-Bach und Bank hin und her zu laufen, sein Schnupftuch zu spülen, Wasser
-aufzuschnauben und sich wieder flach auf den Brettersitz hinzustrecken,
-das feuchte Tuch auf der Nase. So blieb er liegen als endlich das Blut
-versiegte – lag still, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, mit
-hochgezogenen Knien, die Augen geschlossen, die Ohren erfüllt vom
-Rauschen, nicht unwohl, eher besänftigt vom reichlichen Aderlaß und in
-einem Zustande sonderbar herabgesetzter Lebenstätigkeit; denn wenn er
-ausgeatmet hatte, fühlte er lange kein Bedürfnis, neue Luft einzuholen,
-sondern ließ mit stillgestelltem Leibe ruhig sein Herz eine Reihe von
-Schlägen tun, bis er spät und träge wieder einen oberflächlichen Atemzug
-aufnahm.
-
-Da fand er sich auf einmal in jene frühe Lebenslage versetzt, die das
-Urbild eines nach neuesten Eindrücken gemodelten Traumes war, den er vor
-einigen Nächten geträumt ... Aber so stark, so restlos, so bis zur
-Aufhebung des Raumes und der Zeit war er ins Dort und Damals entrückt,
-daß man hätte sagen können, ein lebloser Körper liege hier oben beim
-Gießbache auf der Bank, während der eigentliche Hans Castorp weit fort
-in früherer Zeit und Umgebung stünde, und zwar in einer bei aller
-Einfachheit gewagten und herzberauschenden Situation.
-
-Er war dreizehn Jahre alt, Untertertianer, ein Junge in kurzen Hosen,
-und stand auf dem Schulhof im Gespräch mit einem anderen, ungefähr
-gleichaltrigen Jungen aus einer anderen Klasse, – einem Gespräch, das
-Hans Castorp ziemlich willkürlich vom Zaune gebrochen hatte, und das
-ihn, obgleich es seines sachlichen und knapp umschriebenen Gegenstandes
-wegen nur ganz kurz sein konnte, doch im höchsten Grade erfreute. Es war
-die Pause zwischen der vorletzten und letzten Stunde, einer Geschichts-
-und einer Zeichenstunde für Hans Castorps Klasse. Auf dem Hofe, der mit
-roten Klinkern gepflastert und von einer mit Schindeln gedeckten und mit
-zwei Eingangstoren versehenen Mauer gegen die Straße abgetrennt war,
-gingen die Schüler in Reihen auf und nieder, standen in Gruppen, lehnten
-halb sitzend an den glasierten Mauervorsprüngen des Gebäudes. Es
-herrschte Stimmengewirr. Ein Lehrer im Schlapphut beaufsichtigte das
-Treiben, indem er in eine Schinkensemmel biß.
-
-Der Knabe, mit dem Hans Castorp sprach, hieß Hippe, mit Vornamen
-Pribislav. Als Merkwürdigkeit kam hinzu, daß das r dieses Vornamens wie
-sch auszusprechen war: es hieß „Pschibislav“; und dieser absonderliche
-Vorname stimmte nicht schlecht zu seinem Äußeren, das nicht ganz
-durchschnittsmäßig, entschieden etwas fremdartig war. Hippe, Sohn eines
-Historikers und Gymnasialprofessors, notorischer Musterschüler folglich
-und schon eine Klasse weiter als Hans Castorp, obgleich kaum älter als
-dieser, stammte aus Mecklenburg und war für seine Person offenbar das
-Produkt einer alten Rassenmischung, einer Versetzung germanischen Blutes
-mit wendisch-slawischem – oder auch umgekehrt. Zwar war er blond, – sein
-Haar war ganz kurz über dem Rundschädel geschoren. Aber seine Augen,
-blaugrau oder graublau von Farbe – es war eine etwas unbestimmte und
-mehrdeutige Farbe, die Farbe etwa eines fernen Gebirges –, zeigten einen
-eigentümlichen, schmalen und genau genommen sogar etwas schiefen
-Schnitt, und gleich darunter saßen die Backenknochen, vortretend und
-stark ausgeprägt, – eine Gesichtsbildung, die in seinem Falle durchaus
-nicht entstellend, sondern sogar recht ansprechend wirkte, die aber
-genügt hatte, ihm bei seinen Kameraden den Spitznamen „der Kirgise“
-einzutragen. Übrigens trug Hippe schon lange Hosen und dazu eine
-hochgeschlossene, blaue, im Rücken gezogene Joppe, auf deren Kragen
-einige Schuppen von seiner Kopfhaut zu liegen pflegten.
-
-Nun war die Sache die, daß Hans Castorp schon von langer Hand her sein
-Augenmerk auf diesen Pribislav gerichtet, – aus dem ganzen ihm bekannten
-und unbekannten Gewimmel des Schulhofes ihn erlesen hatte, sich für ihn
-interessierte, ihm mit den Blicken folgte, soll man sagen: ihn
-bewunderte? auf jeden Fall ihn mit ausnehmendem Anteil betrachtete und
-sich schon auf dem Schulwege darauf freute, ihn im Verkehre mit seinen
-Klassengenossen zu beobachten, ihn sprechen und lachen zu sehen und von
-weitem seine Stimme zu unterscheiden, die angenehm belegt, verschleiert,
-etwas heiser war. Zugegeben, daß für diese Teilnahme kein recht
-zureichender Grund vorhanden war, wenn man nicht etwa den heidnischen
-Vornamen, das Musterschülertum (das aber unmöglich ins Gewicht fallen
-konnte) oder endlich die Kirgisenaugen für einen solchen nehmen wollte,
-– Augen, die sich zuweilen, bei einem gewissen Seitenblick, der nicht
-zum Sehen diente, auf eine schmelzende Weise ins Schleierig-Nächtige
-verdunkeln konnten – so machte Hans Castorp sich doch wenig Sorge um die
-geistige Rechtfertigung seiner Empfindungen oder gar darum, wie sie etwa
-notfalls zu benennen gewesen wären. Denn von Freundschaft konnte nicht
-gut die Rede sein, da er Hippe ja gar nicht „kannte“. Aber erstens lag
-nicht die geringste Nötigung zur Namengebung vor, da kein Gedanke daran
-war, daß der Gegenstand je zur Sprache gebracht werden könnte, – dazu
-eignete er sich nicht und verlangte auch nicht danach. Und zweitens
-bedeutet ein Name ja, wenn nicht Kritik, so doch Bestimmung, das heißt
-Unterbringung im Bekannten und Gewohnten, während Hans Castorp doch von
-der unbewußten Überzeugung durchdrungen war, daß ein inneres Gut, wie
-dieses, vor solcher Bestimmung und Unterbringung ein für allemal
-geschützt sein sollte.
-
-Aber gut oder schlecht begründet, jedenfalls waren diese dem Namen und
-der Mitteilung so fernen Empfindungen von solcher Lebenskraft, daß Hans
-Castorp sich schon fast seit einem Jahr – ungefähr seit einem Jahr, denn
-genau waren ihre Anfänge nicht aufzufinden – im stillen damit trug, was
-zum mindesten für die Treue und Beständigkeit seines Charakters sprach,
-wenn man erwägt, welche riesige Zeitmasse ein Jahr in diesem Lebensalter
-bedeutet. Leider wohnt den Bezeichnungen von Charaktereigenschaften
-regelmäßig ein moralisches Urteil inne, sei es im lobenden oder
-tadelnden Sinn, obgleich sie alle ihre zwei Seiten haben. Hans Castorps
-„Treue“, auf die er sich übrigens weiter nichts zugute tat, bestand,
-ohne Wertung gesprochen, in einer gewissen Schwerfälligkeit, Langsamkeit
-und Beharrlichkeit seines Gemütes, einer erhaltenden Grundstimmung, die
-ihm Zustände und Lebensverhältnisse der Anhänglichkeit und des
-Fortbestandes desto würdiger erscheinen ließ, je länger sie bestanden.
-Auch war er geneigt, an die unendliche Dauer des Zustandes, der
-Verfassung zu glauben, worin er sich gerade befand, schätzte sie eben
-darum und war nicht auf Veränderung erpicht. So hatte er sich an sein
-stilles und fernes Verhältnis zu Pribislav Hippe im Herzen gewöhnt und
-hielt es im Grunde für eine bleibende Einrichtung seines Lebens. Er
-liebte die Gemütsbewegungen, die es mit sich brachte, die Spannung, ob
-jener ihm heute begegnen, dicht an ihm vorübergehen, vielleicht ihn
-anblicken werde, die lautlosen, zarten Erfüllungen, mit denen sein
-Geheimnis ihn beschenkte, und sogar die Enttäuschungen, die zur Sache
-gehörten und deren größte war, wenn Pribislav „fehlte“: dann war der
-Schulhof verödet, der Tag aller Würze bar, aber die hinhaltende Hoffnung
-blieb.
-
-Das dauerte ein Jahr, bis es auf jenen abenteuerlichen Höhepunkt
-gelangte, dann dauerte es noch ein Jahr, dank der bewahrenden Treue Hans
-Castorps, und dann hörte es auf – und zwar ohne daß er mehr von der
-Lockerung und Auflösung der Bande merkte, die ihn an Pribislav Hippe
-knüpften, als er von ihrer Entstehung gemerkt hatte. Auch verließ
-Pribislav, infolge der Versetzung seines Vaters, Schule und Stadt; aber
-das beachtete Hans Castorp kaum noch; er hatte ihn schon vorher
-vergessen. Man kann sagen, daß die Gestalt des „Kirgisen“ unmerklich aus
-Nebeln in sein Leben getreten war, langsam immer mehr Deutlichkeit und
-Greifbarkeit gewonnen hatte, bis zu jenem Augenblick der größten Nähe
-und Körperlichkeit, auf dem Hofe, eine Weile so im Vordergrunde
-gestanden hatte und dann allmählich wieder zurückgetreten und ohne
-Abschiedsweh in den Nebeln entschwunden war.
-
-Jener Augenblick aber, die gewagte und abenteuerliche Situation, in die
-Hans Castorp sich nun wieder versetzt fand, das Gespräch, ein wirkliches
-Gespräch mit Pribislav Hippe, kam folgendermaßen zustande. Die
-Zeichenstunde war an der Reihe, und Hans Castorp bemerkte, daß er seinen
-Bleistift nicht bei sich hatte. Jeder seiner Klassengenossen brauchte
-den seinen; aber er hatte ja unter den Angehörigen anderer Klassen
-diesen und jenen Bekannten, den er um einen Stift hätte angehen können.
-Am bekanntesten jedoch, fand er, war ihm Pribislav, am nächsten stand
-ihm dieser, mit dem er im stillen schon so viel zu tun gehabt hatte; und
-mit einem freudigen Aufschwunge seines Wesens beschloß er, die
-Gelegenheit – eine Gelegenheit nannte er es – zu benutzen und Pribislav
-um einen Bleistift zu bitten. Daß das ein ziemlich sonderbarer Streich
-sein werde, da er Hippe in Wirklichkeit ja nicht kannte, das entging
-ihm, oder er kümmerte sich doch nicht darum, verblendet von merkwürdiger
-Rücksichtslosigkeit. Und so stand er denn nun im Gewühle des
-Klinkerhofes wirklich vor Pribislav Hippe und sagte zu ihm:
-
-„Entschuldige, kannst du mir einen Bleistift leihen?“
-
-Und Pribislav sah ihn an mit seinen Kirgisenaugen über den vorstehenden
-Backenknochen und sprach zu ihm mit seiner angenehm heiseren Stimme,
-ohne Verwunderung oder doch ohne Verwunderung an den Tag zu legen.
-
-„Gern“, sagte er. „Du mußt ihn mir nach der Stunde aber bestimmt
-zurückgeben.“ Und zog sein Crayon aus der Tasche, ein versilbertes
-Crayon mit einem Ring, den man aufwärts schieben mußte, damit der rot
-gefärbte Stift aus der Metallhülse wachse. Er erläuterte den einfachen
-Mechanismus, während ihre beiden Köpfe sich darüberneigten.
-
-„Aber mach ihn nicht entzwei!“ sagte er noch.
-
-Wo dachte er hin? Als ob Hans Castorp die Absicht gehabt hätte, den
-Stift etwa _nicht_ zurückzuerstatten oder gar ihn fahrlässig zu
-behandeln.
-
-Dann sahen sie einander lächelnd an, und da nichts mehr zu sagen blieb,
-so kehrten sie sich erst die Schultern und dann die Rücken zu und
-gingen.
-
-Das war alles. Aber vergnügter war Hans Castorp in seinem Leben nie
-gewesen, als in dieser Zeichenstunde, da er mit Pribislav Hippes
-Bleistift zeichnete, – mit der Aussicht obendrein, ihn nachher seinem
-Besitzer wieder einzuhändigen, was als reine Dreingabe zwanglos und
-selbstverständlich aus dem vorhergehenden folgte. Er war so frei, den
-Bleistift etwas zuzuspitzen, und von den rot lackierten Schnitzeln, die
-abfielen, bewahrte er drei oder vier fast ein ganzes Jahr lang in einer
-inneren Schublade seines Pultes auf, – niemand, der sie gesehen hätte,
-würde geahnt haben, wie Bedeutendes es damit auf sich hatte. Übrigens
-vollzog die Rückgabe sich in den einfachsten Formen, was aber ganz nach
-Hans Castorps Sinne war, ja, worauf er sich sogar etwas Besonderes
-zugute tat, – abgestumpft und verwöhnt, wie er war, durch den intimen
-Verkehr mit Hippe.
-
-„Da“, sagte er. „Danke sehr.“
-
-Und Pribislav sagte gar nichts, sondern revidierte nur flüchtig den
-Mechanismus und schob das Crayon in die Tasche ...
-
-Dann hatten sie nie wieder miteinander gesprochen, aber dies eine Mal,
-dank Hans Castorps Unternehmungsgeist, war es eben doch geschehen ...
-
-Er riß die Augen auf, verwirrt von der Tiefe seiner Entrücktheit. „Ich
-glaube, ich habe geträumt!“ dachte er. „Ja, das war Pribislav. Lange
-habe ich nicht mehr an ihn gedacht. Wo sind die Schnitzel hingekommen?
-Das Pult ist auf dem Boden, zu Hause bei Onkel Tienappel. Sie müssen
-noch in der inneren kleinen Schublade links hinten sein. Ich habe sie
-nie herausgenommen. Nicht einmal soviel Aufmerksamkeit, sie wegzuwerfen,
-erwies ich ihnen ... Es war ganz Pribislav, wie er leibte und lebte. Ich
-hätte nicht gedacht, daß ich ihn je so deutlich wiedersehen würde. Wie
-merkwürdig ähnlich er ihr sah, – dieser hier oben! Darum also
-interessiere ich mich so für sie? Oder vielleicht auch: habe ich mich
-darum so für _ihn_ interessiert? Unsinn! Ein schöner Unsinn. Ich muß
-übrigens gehen, und zwar schleunigst.“ Aber er blieb doch noch liegen,
-sinnend und sich erinnernd. Dann richtete er sich auf. „Nun, so leb wohl
-und hab Dank!“ sagte er und bekam Tränen in die Augen, während er
-lächelte. Damit wollte er aufbrechen; aber er setzte sich, Hut und Stock
-in der Hand, rasch noch einmal nieder, denn er hatte bemerken müssen,
-daß seine Knie ihn nicht recht trugen. „Hoppla,“ dachte er, „ich glaube,
-das wird nicht gehen! Und dabei soll ich Punkt elf Uhr zum Vortrag im
-Eßsaal sein. Das Spazierengehen hat hier sein Schönes, aber auch seine
-Schwierigkeiten, wie es scheint. Ja, ja, aber hierbleiben kann ich
-nicht. Es ist nur, daß ich vom Liegen etwas lahm geworden bin; in der
-Bewegung wird es schon besser werden.“ Und er versuchte nochmals, auf
-die Beine zu kommen, und da er sich gehörig zusammennahm, so ging es.
-
-Immerhin wurde es eine klägliche Heimkehr, nach einem so hochgemuten
-Auszug. Wiederholt mußte er am Wege rasten, da er fühlte, daß sein
-Gesicht plötzlich weiß wurde, kalter Schweiß ihm auf die Stirne trat und
-das regellose Verhalten seines Herzens ihm den Atem benahm. Kümmerlich
-kämpfte er sich so die Serpentinen hinab; als er aber in der Nähe des
-Kurhauses das Tal erreichte, sah er klar und deutlich, daß er die
-gedehnte Wegstrecke zum „Berghof“ unmöglich noch aus eigener Kraft werde
-überwinden können, und da es keine Trambahn gab und kein Mietsfuhrwerk
-sich zeigte, so bat er einen Fuhrmann, der einen Stellwagen mit leeren
-Kisten gegen „Dorf“ hin lenkte, ihn aufsitzen zu lassen. Rücken an
-Rücken mit dem Kutscher, die Beine vom Wagen hängend, von den Passanten
-mit verwunderter Teilnahme betrachtet, schwankend und nickend im
-Halbschlaf und unter den Stößen des Gefährtes, zog er dahin, stieg ab
-beim Bahnübergange, gab Geld hin, ohne zu sehen, wie viel und wie wenig,
-und hastete kopfüber die Wegschleife hinan.
-
-„_Dépêchez-vous, monsieur!_“ sagte der französische Türhüter. „_La
-conférence de M. Krokowski vient de commencer._“ Und Hans Castorp warf
-Hut und Stock in die Garderobe und zwängte sich hastig-behutsam, die
-Zunge zwischen den Zähnen, durch die kaum geöffnete Glastür in den
-Speisesaal, wo die Kurgesellschaft reihenweise auf Stühlen saß, während
-an der rechten Schmalseite Dr. Krokowski im Gehrock hinter einem
-gedeckten und mit einer Wasserkaraffe geschmückten Tische stand und
-sprach ...
-
-
- Analyse
-
-Ein freier Eckplatz winkte glücklicherweise in der Nähe der Tür. Er
-stahl sich seitlich darauf und nahm eine Miene an, als hätte er hier
-schon immer gesessen. Das Publikum, mit erster Aufmerksamkeit an Dr.
-Krokowskis Lippen hängend, beachtete ihn kaum; und das war gut, denn er
-sah schrecklich aus. Sein Gesicht war bleich wie Leinen und sein Anzug
-mit Blut befleckt, so daß er einem von frischer Tat kommenden Mörder
-glich. Die Dame vor ihm freilich wandte den Kopf, als er sich setzte,
-und musterte ihn mit schmalen Augen. Es war Madame Chauchat, er erkannte
-sie mit einer Art von Erbitterung. Aber das war doch des Teufels! Sollte
-er denn nicht zur Ruhe kommen? Er hatte gedacht, hier still am Ziele
-sitzen und sich ein wenig erholen zu können, und da mußte er sie nun
-gerade vor der Nase haben, – ein Zufall, über den er sich unter anderen
-Umständen ja möglicherweise gefreut hätte, aber müde und abgehetzt, wie
-er war, was sollte es ihm da? Es stellte nur neue Anforderungen an sein
-Herz und würde ihn während des ganzen Vortrags in Atem halten. Genau mit
-Pribislavs Augen hatte sie ihn angesehen, in sein Gesicht und auf die
-Blutflecke seines Anzugs geblickt, – ziemlich rücksichtslos und
-zudringlich übrigens, wie es zu den Manieren einer Frau paßte, die mit
-den Türen warf. Wie schlecht sie sich hielt! Nicht wie die Frauen in
-Hans Castorps heimischer Sphäre, die aufrechten Rückens den Kopf ihrem
-Tischherrn zuwandten, indes sie mit den Spitzen der Lippen sprachen.
-Frau Chauchat saß zusammengesunken und schlaff, ihr Rücken war rund, sie
-ließ die Schultern nach vorne hängen, und außerdem hielt sie auch noch
-den Kopf vorgeschoben, so daß der Wirbelknochen im Nackenausschnitt
-ihrer weißen Bluse hervortrat. Auch Pribislav hatte den Kopf so ähnlich
-gehalten; er jedoch war ein Musterschüler gewesen, der in Ehren gelebt
-hatte (obgleich nicht dies der Grund gewesen war, weshalb Hans Castorp
-sich den Bleistift von ihm geliehen hatte), – während es klar und
-deutlich war, daß Frau Chauchats nachlässige Haltung, ihr Türenwerfen,
-die Rücksichtslosigkeit ihres Blickes mit ihrem Kranksein
-zusammenhingen, ja, es drückten sich darin die Ungebundenheit, jene
-nicht ehrenvollen, aber geradezu grenzenlosen Vorteile aus, deren der
-junge Herr Albin sich gerühmt hatte ...
-
-Hans Castorps Gedanken verwirrten sich, während er auf Frau Chauchats
-schlaffen Rücken blickte, sie hörten auf, Gedanken zu sein, und wurden
-zur Träumerei, in welche Dr. Krokowskis schleppender Bariton, sein weich
-anschlagendes r wie aus weiter Ferne hereintönte. Aber die Stille im
-Saal, die tiefe Aufmerksamkeit, die ringsumher alles in Bann hielt,
-wirkte auf ihn, sie weckte ihn förmlich aus seinem Dämmern. Er blickte
-um sich ... Neben ihm saß der dünnhaarige Pianist, den Kopf im Nacken
-und lauschte mit offenem Munde und gekreuzten Armen. Die Lehrerin,
-Fräulein Engelhart, weiter drüben, hatte gierige Augen und rotflaumige
-Flecke auf beiden Wangen, – eine Hitze, die sich auf den Gesichtern
-anderer Damen wiederfand, die Hans Castorp ins Auge faßte, auch auf dem
-der Frau Salomon dort, neben Herrn Albin, und der Bierbrauersgattin Frau
-Magnus, derselben, die Eiweiß verlor. Auf Frau Stöhrs Gesicht, etwas
-weiter zurück, malte sich eine so ungebildete Schwärmerei, daß es ein
-Jammer war, während die elfenbeinfarbene Levi, mit halbgeschlossenen
-Augen und die flachen Hände im Schoß an der Stuhllehne ruhend,
-vollständig einer Toten geglichen hätte, wenn nicht ihre Brust sich so
-stark und taktmäßig gehoben und gesenkt hätte, wodurch sie Hans Castorp
-vielmehr an eine weibliche Wachsfigur erinnerte, die er einst im
-Panoptikum gesehen und die ein mechanisches Triebwerk im Busen gehabt
-hatte. Mehrere Gäste hielten die hohle Hand an die Ohrmuschel, oder
-deuteten dies wenigstens an, indem sie die Hand bis halbwegs zum Ohre
-erhoben hielten, als seien sie mitten in der Bewegung vor Aufmerksamkeit
-erstarrt. Staatsanwalt Paravant, ein brauner, scheinbar urkräftiger
-Mann, schüttelte sogar sein eines Ohr mit dem Zeigefinger, um es
-hellhöriger zu machen, und hielt es dann wieder Dr. Krokowskis
-Redeflusse hin.
-
-Was redete denn Dr. Krokowski? In welchem Gedankengange bewegte er sich?
-Hans Castorp nahm seinen Verstand zusammen, um aufs laufende zu kommen,
-was ihm nicht gleich gelang, da er den Anfang nicht gehört und beim
-Nachdenken über Frau Chauchats schlaffen Rücken Weiteres versäumt hatte.
-Es handelte sich um eine Macht ... jene Macht ... kurzum, es war die
-Macht der Liebe, um die es sich handelte. Selbstverständlich! Das Thema
-lag ja im Generaltitel des Vortragszyklus, und wovon sollte Dr.
-Krokowski denn auch sonst wohl sprechen, da dies nun einmal sein Gebiet
-war. Etwas wunderlich war es ja, auf einmal ein Kolleg über die Liebe zu
-hören, während sonst immer nur von Dingen wie dem Übersetzungsgetriebe
-im Schiffbau die Rede gewesen war. Wie fing man es an, einen Gegenstand
-von so spröder und verschwiegener Beschaffenheit am hellen Vormittag vor
-Damen und Herren zu erörtern? Dr. Krokowski erörterte ihn in einer
-gemischten Ausdrucksweise, in zugleich poetischem und gelehrtem Stile,
-rücksichtslos wissenschaftlich, dabei aber gesanghaft schwingenden
-Tones, was den jungen Hans Castorp etwas unordentlich anmutete, obgleich
-gerade dies der Grund sein mochte, weshalb die Damen so hitzige Wangen
-hatten und die Herren ihre Ohren schüttelten. Insonderheit gebrauchte
-der Redner das Wort „Liebe“ beständig in einem leise schwankenden Sinn,
-so daß man niemals recht wußte, woran man damit war, und ob es Frommes
-oder Leidenschaftlich-Fleischliches bedeute, – was ein leichtes Gefühl
-von Seekrankheit erzeugte. Nie in seinem Leben hatte Hans Castorp dieses
-Wort so oft hintereinander aussprechen hören, wie hier und heute, ja,
-wenn er nachdachte, so schien ihm, daß er selbst es noch niemals
-ausgesprochen oder aus fremdem Munde vernommen habe. Das mochte ein
-Irrtum sein, – jedenfalls fand er nicht, daß so häufige Wiederholung dem
-Worte zustatten käme. Im Gegenteil, diese schlüpfrigen anderthalb Silben
-mit dem Zungen-, dem Lippenlaut und dem dünnen Vokal in der Mitte wurden
-ihm auf die Dauer recht widerwärtig, eine Vorstellung verband sich für
-ihn damit wie von gewässerter Milch, – etwas Weißbläulichem, Labberigem,
-zumal im Vergleich mit all dem Kräftigen, was Dr. Krokowski genau
-genommen darüber zum besten gab. Denn so viel ward deutlich, daß man
-starke Stücke sagen konnte, ohne die Leute aus dem Saale zu treiben,
-wenn man es anfing wie er. Keineswegs begnügte er sich damit, allgemein
-bekannte, doch gemeinhin in Schweigen gehüllte Dinge mit einer Art von
-berauschendem Takt zur Sprache zu bringen; er zerstörte Illusionen, er
-gab unerbittlich der Erkenntnis die Ehre, er ließ keinen Raum für
-empfindsamen Glauben an die Würde des Silberhaares und die
-Engelsreinheit des zarten Kindes. Übrigens trug er auch zum Gehrock
-seinen weichen Fallkragen und seine Sandalen über den grauen Socken, was
-einen grundsätzlichen und idealistischen Eindruck machte, wenn auch Hans
-Castorp etwas darüber erschrak. Indem er an der Hand von Büchern und
-losen Blättern, die vor ihm auf dem Tische lagen, seine Aufstellungen
-durch allerlei Beispiele und Anekdoten stützte und mehrmals sogar Verse
-rezitierte, handelte Dr. Krokowski von erschreckenden Formen der Liebe,
-wunderlichen, leidvollen und unheimlichen Abwandlungen ihrer Erscheinung
-und Allgewalt. Unter allen Naturtrieben, sagte er, sei sie der
-schwankendste und gefährdetste, von Grund aus zur Verirrung und
-heillosen Verkehrtheit geneigt, und das dürfe nicht wundernehmen. Denn
-dieser mächtige Impuls sei nichts Einfaches, er sei seiner Natur nach
-vielfach zusammengesetzt, und zwar, so rechtmäßig wie er als Ganzes auch
-immer sei, – zusammengesetzt sei er aus lauter Verkehrtheiten. Da man
-nun aber, und zwar mit Recht, so fuhr Dr. Krokowski fort, da man es nun
-aber richtigerweise ablehne, aus der Verkehrtheit der Bestandteile auf
-die Verkehrtheit des Ganzen zu schließen, so sei man unweigerlich
-genötigt, einen Teil der Rechtmäßigkeit des Ganzen, wenn nicht seine
-ganze Rechtmäßigkeit, auch für die einzelne Verkehrtheit in Anspruch zu
-nehmen. Das sei eine Forderung der Logik, und daran bitte er seine
-Zuhörer festzuhalten. Seelische Widerstände und Korrektive seien es,
-anständige und ordnende Instinkte von – fast hätte er sagen mögen
-bürgerlicher Art, unter deren ausgleichender und einschränkender Wirkung
-die verkehrten Bestandteile zum regelrechten und nützlichen Ganzen
-verschmölzen, – ein immerhin häufiger und begrüßenswerter Prozeß, dessen
-Ergebnis jedoch (wie Dr. Krokowski etwas wegwerfend hinzufügte) den Arzt
-und Denker weiter nichts angehe. In einem anderen Falle dagegen gelinge
-er nicht, dieser Prozeß, wolle und solle er nicht gelingen, und wer, so
-fragte Dr. Krokowski, vermöge zu sagen, ob dies nicht vielleicht den
-edleren, seelisch kostbareren Fall bedeute? In diesem Falle nämlich
-eigne beiden Kräftegruppen, dem Liebesdrange sowohl wie jenen
-gegnerischen Impulsen, unter denen Scham und Ekel besonders zu nennen
-seien, eine außerordentliche, das bürgerlich-übliche Maß überschreitende
-Anspannung und Leidenschaft, und, in den Untergründen der Seele geführt,
-verhindere der Kampf zwischen ihnen jene Einfriedung, Sicherung und
-Sittigung der irrenden Triebe, die zur üblichen Harmonie, zum
-vorschriftsmäßigen Liebesleben führe. Dieser Widerstreit zwischen den
-Mächten der Keuschheit und der Liebe – denn um einen solchen handle es
-sich –, wie gehe er aus? Er endige scheinbar mit dem Siege der
-Keuschheit. Furcht, Wohlanstand, züchtiger Abscheu, zitterndes
-Reinheitsbedürfnis, sie unterdrückten die Liebe, hielten sie in
-Dunkelheiten gefesselt, ließen ihre wirren Forderungen höchstens
-teilweise, aber bei weitem nicht nach ihrer ganzen Vielfalt und Kraft
-ins Bewußtsein und zur Betätigung zu. Allein dieser Sieg der Keuschheit
-sei nur ein Schein- und Pyrrhussieg, denn der Liebesbefehl lasse sich
-nicht knebeln, nicht vergewaltigen, die unterdrückte Liebe sei nicht
-tot, sie lebe, sie trachte im Dunklen und Tiefgeheimen auch ferner sich
-zu erfüllen, sie durchbreche den Keuschheitsbann und erscheine wieder,
-wenn auch in verwandelter, unkenntlicher Gestalt ... Und welches sei
-denn nun die Gestalt und Maske, worin die nicht zugelassene und
-unterdrückte Liebe wiedererscheine? So fragte Dr. Krokowski und blickte
-die Reihen entlang, als erwarte er die Antwort ernstlich von seinen
-Zuhörern. Ja, das mußte er nun auch noch selber sagen, nachdem er schon
-so manches gesagt hatte. Niemand außer ihm wußte es, aber er würde
-bestimmt auch dies noch wissen, das sah man ihm an. Mit seinen glühenden
-Augen, seiner Wachsblässe und seinem schwarzen Bart, dazu den
-Mönchssandalen über grauwollenen Socken, schien er selbst in seiner
-Person den Kampf zwischen Keuschheit und Leidenschaft zu
-versinnbildlichen, von dem er gesprochen hatte. Wenigstens war dies Hans
-Castorps Eindruck, während er wie alle Welt mit größter Spannung die
-Antwort darauf erwartete, in welcher Gestalt die unzugelassene Liebe
-wiederkehre. Die Frauen atmeten kaum. Staatsanwalt Paravant schüttelte
-rasch noch einmal sein Ohr, damit es im entscheidenden Augenblick offen
-und aufnahmefähig wäre. Da sagte Dr. Krokowski: In Gestalt der
-Krankheit! Das Krankheitssymptom sei verkappte Liebesbetätigung und alle
-Krankheit verwandelte Liebe.
-
-Nun wußte man es, wenn auch wohl nicht alle es ganz zu würdigen
-vermochten. Ein Seufzer ging durch den Saal, und Staatsanwalt Paravant
-nickte bedeutsamen Beifall, während Dr. Krokowski fortfuhr, seine These
-zu entwickeln. Hans Castorp seinerseits senkte den Kopf, um zu bedenken,
-was er gehört hatte, und sich zu erforschen, ob er es verstünde. Aber
-ungeübt, wie er war in solchen Gedankengängen, und außerdem wenig
-geisteskräftig infolge seines unbekömmlichen Spazierganges, war er
-leicht abzulenken und wurde dann auch sogleich abgelenkt durch den
-Rücken vor ihm und den zugehörigen Arm, der sich hob und rückwärts bog,
-um mit der Hand, dicht vor Hans Castorps Augen, von unten das
-geflochtene Haar zu stützen.
-
-Es war beklemmend, die Hand so nahe vor Augen zu haben, – man mußte sie
-betrachten, ob man wollte oder nicht, sie studieren in allen Makeln und
-Menschlichkeiten, die ihr anhafteten, als habe man sie unter dem
-Vergrößerungsglas. Nein, sie hatte durchaus nichts Aristokratisches,
-diese zu gedrungene Schulmädchenhand mit den schlecht und recht
-beschnittenen Nägeln, – man war nicht einmal sicher, ob sie an den
-äußeren Fingergelenken ganz sauber war, und die Haut neben den Nägeln
-war zerbissen, das konnte gar keinem Zweifel unterliegen. Hans Castorps
-Mund verzog sich, aber seine Augen blieben haften an Madame Chauchats
-Hand, und eine halbe und unbestimmte Erinnerung ging ihm durch den Sinn
-an das, was Dr. Krokowski über die bürgerlichen Widerstände, die sich
-der Liebe entgegenstellten, gesagt hatte ... Der Arm war schöner, dieser
-weich hinter den Kopf gebogene Arm, der kaum bekleidet war, denn der
-Stoff der Ärmel war dünner als der der Bluse, – die leichteste Gaze, so
-daß der Arm nur eine gewisse duftige Verklärung dadurch erfuhr und ganz
-ohne Umhüllung wahrscheinlich weniger anmutig gewesen wäre. Er war
-zugleich zart und voll – und kühl, aller Mutmaßung nach. Es konnte
-hinsichtlich seiner von keinerlei bürgerlichen Widerständen die Rede
-sein.
-
-Hans Castorp träumte, den Blick auf Frau Chauchats Arm gerichtet. Wie
-die Frauen sich kleideten! Sie zeigten dies und jenes von ihrem Nacken
-und ihrer Brust, sie verklärten ihre Arme mit durchsichtiger Gaze ...
-Das taten sie in der ganzen Welt, um unser sehnsüchtiges Verlangen zu
-erregen. Mein Gott, das Leben war schön! Es war schön gerade durch
-solche Selbstverständlichkeit, wie daß die Frauen sich verlockend
-kleideten, – denn selbstverständlich war es ja und so allgemein üblich
-und anerkannt, daß man kaum daran dachte und es sich unbewußt und ohne
-Aufhebens gefallen ließ. Man sollte aber daran denken, meinte Hans
-Castorp innerlich, um sich des Lebens recht zu freuen, und sich
-vergegenwärtigen, daß es eine beglückende und im Grunde fast
-märchenhafte Einrichtung war. Versteht sich, es war um eines gewissen
-Zweckes willen, daß die Frauen sich märchenhaft und beglückend kleiden
-durften, ohne dadurch gegen die Schicklichkeit zu verstoßen; es handelte
-sich um die nächste Generation, um die Fortpflanzung des
-Menschengeschlechts, jawohl. Aber wie, wenn die Frau nun innerlich krank
-war, so daß sie gar nicht zur Mutterschaft taugte, – was dann? Hatte es
-dann einen Sinn, daß sie Gazeärmel trug, um die Männer neugierig auf
-ihren Körper zu machen, – ihren innerlich kranken Körper? Das hatte
-offenbar _keinen_ Sinn und hätte eigentlich für unschicklich gelten und
-untersagt werden müssen. Denn daß ein Mann sich für eine kranke Frau
-interessierte, dabei war doch entschieden nicht mehr Vernunft, als ...
-nun, als seinerzeit bei Hans Castorps stillem Interesse für Pribislav
-Hippe gewesen war. Ein dummer Vergleich, eine etwas peinliche
-Erinnerung. Aber sie hatte sich ungerufen und ohne sein Zutun
-eingestellt. Übrigens brach seine träumerische Betrachtung an diesem
-Punkte ab, hauptsächlich weil seine Aufmerksamkeit wieder auf Dr.
-Krokowski hingelenkt wurde, dessen Stimme sich auffallend erhoben hatte.
-Wahrhaftig, er stand da mit ausgebreiteten Armen und schräg geneigtem
-Kopf hinter seinem Tischchen und sah trotz seines Gehrockes beinahe aus
-wie der Herr Jesus am Kreuz!
-
-Es stellte sich heraus, daß Dr. Krokowski am Schlusse seines Vortrages
-große Propaganda für die Seelenzergliederung machte und mit offenen
-Armen alle aufforderte, zu ihm zu kommen. Kommet her zu mir, sagte er
-mit anderen Worten, die ihr mühselig und beladen seid! Und er ließ
-keinen Zweifel an seiner Überzeugung, daß alle ohne Ausnahme mühselig
-und beladen waren. Er sprach von verborgenem Leide, von Scham und Gram,
-von der erlösenden Wirkung der Analyse; er pries die Durchleuchtung des
-Unbewußten, lehrte die Wiederverwandlung der Krankheit in den bewußt
-gemachten Affekt, mahnte zum Vertrauen, verhieß Genesung. Dann ließ er
-die Arme sinken, stellte seinen Kopf wieder gerade, raffte die
-Druckschriften zusammen, die ihm bei seinem Vortrage gedient hatten, und
-indem er das Päckchen, ganz wie ein Lehrer, mit der linken Hand gegen
-die Schulter lehnte, entfernte er sich erhobenen Hauptes durch den
-Wandelgang.
-
-Alle standen auf, rückten die Stühle und begannen, sich langsam gegen
-denselben Ausgang zu bewegen, durch den der Doktor den Saal verlassen
-hatte. Es sah aus, als drängten sie ihm konzentrisch nach, von allen
-Seiten, zögernd, doch willenlos und in benommener Einhelligkeit, wie das
-Gewimmel hinter dem Rattenfänger. Hans Castorp blieb stehen im Strom,
-seine Stuhllehne in der Hand. Ich bin nur zu Besuch hier, dachte er; ich
-bin gesund und komme gottlob überhaupt nicht in Betracht, und den
-nächsten Vortrag erlebe ich gar nicht mehr hier. Er sah Frau Chauchat
-hinausgehen, schleichend, mit vorgeschobenem Kopfe. Ob auch sie sich
-zergliedern läßt? dachte er, und sein Herz begann zu pochen ... Dabei
-bemerkte er nicht, daß Joachim zwischen den Stühlen auf ihn zu kam, und
-zuckte nervös zusammen, als der Vetter das Wort an ihn richtete.
-
-„Du kamst aber im letzten Augenblick“, sagte Joachim. „Bist du weit
-gewesen? Wie war es denn?“
-
-„Oh, nett“, erwiderte Hans Castorp. „Doch, ich war ziemlich weit. Aber
-ich muß gestehen, es hat mir weniger gut getan, als ich erwartete. Es
-war wohl verfrüht oder überhaupt verfehlt. Ich werde es vorläufig nicht
-wieder tun.“
-
-Ob ihm der Vortrag gefallen, fragte Joachim nicht, und Hans Castorp
-äußerte sich nicht dazu. Wie nach schweigender Übereinkunft erwähnten
-sie des Vortrages auch nachher mit keinem Worte.
-
-
- Zweifel und Erwägungen
-
-Am Dienstag war unser Held nun also seit einer Woche bei denen hier
-oben, und so fand er denn, als er vom Morgenspaziergang zurückkehrte, in
-seinem Zimmer die Rechnung vor, seine erste Wochenrechnung, ein reinlich
-ausgeführtes kaufmännisches Dokument, in einen grünlichen Umschlag
-verschlossen, mit illustriertem Kopf (das Berghofgebäude war bestechend
-abgebildet dort oben) und links seitwärts geschmückt mit einem in
-schmaler Kolonne angeordneten Auszuge aus dem Prospekt, worin auch der
-„psychischen Behandlung nach modernsten Prinzipien“ in Sperrdruck
-Erwähnung geschah. Die kalligraphischen Aufstellungen selbst betrugen
-ziemlich genau 180 Franken, und zwar entfielen auf die Verpflegung nebst
-ärztlicher Behandlung 12 und auf das Zimmer 8 Franken für den Tag,
-ferner auf den Posten „Eintrittsgeld“ 20 Franken und auf die
-Desinfektion des Zimmers 10 Franken, während kleinere Sporteln für
-Wäsche, Bier und den zum ersten Abendessen genossenen Wein die Summe
-abrundeten.
-
-Hans Castorp fand nichts zu beanstanden, als er mit Joachim die Addition
-überprüfte. „Ja, von der ärztlichen Behandlung mache ich keinen
-Gebrauch,“ sagte er, „aber das ist meine Sache; sie ist einbegriffen in
-den Pensionspreis, und ich kann nicht verlangen, daß sie in Abzug
-gebracht wird, wie sollte das auch geschehen? Bei der Desinfektion
-machen sie einen Schnitt, denn für 10 Franken H₂CO können sie unmöglich
-verpulvert haben, um die Amerikanerin auszuräuchern. Aber im ganzen muß
-ich sagen, ich finde es eher billig als teuer, in Anbetracht dessen, was
-geboten wird.“ Und so gingen sie denn vor dem zweiten Frühstück auf die
-„Verwaltung“, um die Schuld zu bereinigen.
-
-Die „Verwaltung“ befand sich zu ebener Erde: wenn man, jenseits der
-Halle, an der Garderobe und den Küchen- und Anrichteräumen vorüber den
-Flurgang verfolgte, konnte man die Tür nicht verfehlen, zumal sie durch
-ein Porzellanschild ausgezeichnet war. Hans Castorp gewann dort mit
-Interesse einen gewissen Einblick in das kaufmännische Zentrum des
-Anstaltsbetriebes. Es war ein richtiges kleines Kontor: ein
-Schreibmaschinenfräulein war tätig, und drei männliche Angestellte saßen
-über Pulte gebückt, während im anstoßenden Raum ein Herr von dem höheren
-Ansehen eines Chefs oder Direktors an einem frei stehenden
-Zylinderbureau arbeitete und nur über sein Augenglas hinweg einen kalten
-und sachlich musternden Blick auf die Klienten warf. Während man sie am
-Schalter abfertigte, einen Schein wechselte, kassierte, quittierte,
-bewahrten sie eine ernst-bescheidene, schweigsame, ja botmäßige Haltung,
-wie junge Deutsche, die die Achtung vor der Behörde, der Amtsstube auf
-jedes Schreib- und Dienstlokal übertragen; aber draußen, auf dem Wege
-zum Frühstück und später im Laufe des Tages plauderten sie einiges über
-die Verfassung des Berghof-Instituts, wobei Joachim als der Eingesessene
-und Kundige die Fragen seines Vetters beantwortete.
-
-Hofrat Behrens war keineswegs Inhaber und Besitzer der Anstalt, –
-obgleich man wohl diesen Eindruck gewinnen konnte. Über und hinter ihm
-standen unsichtbare Mächte, die sich eben nur in Gestalt des Bureaus bis
-zu einem gewissen Grade manifestierten: ein Aufsichtsrat, eine
-Aktiengesellschaft, der anzugehören nicht übel sein mochte, da sie nach
-Joachims glaubwürdiger Versicherung trotz hoher Ärztegehälter und
-liberalster Wirtschaftsprinzipien alljährlich eine saftige Dividende
-unter ihre Mitglieder verteilen konnte. Der Hofrat also war kein
-selbständiger Mann, er war nichts als ein Agent, ein Funktionär, ein
-Verwandter höherer Gewalten, der erste und oberste freilich, die Seele
-des Ganzen, von bestimmendem Einfluß auf die gesamte Organisation, die
-Intendantur nicht ausgeschlossen, obgleich er als dirigierender Arzt
-über jede Beschäftigung mit dem kaufmännischen Teil des Betriebes
-natürlich erhaben war. Aus dem Nordwesten Deutschlands gebürtig, war er,
-wie man wußte, wider Absicht und Lebensplan vor Jahren in diese Stellung
-gelangt: heraufgeführt durch seine Frau, deren Reste schon längst der
-Friedhof von „Dorf“ umfing, – der malerische Friedhof von Dorf Davos
-dort oben am rechtsseitigen Hange, weiter zurück gegen den Eingang des
-Tales. Sie war eine sehr liebliche, wenn auch überäugige und asthenische
-Erscheinung gewesen, den Photographien nach zu urteilen, die überall in
-des Hofrats Dienstwohnung standen, sowie auch den Ölbildnissen zufolge,
-die, von seiner eigenen Liebhaberhand stammend, dort an den Wänden
-hingen. Nachdem sie ihm zwei Kinder geschenkt, einen Sohn und eine
-Tochter, war ihr leichter, von Hitze ergriffener Körper in diese
-Gegenden heraufgezogen worden, und in wenigen Monaten hatte seine Aus-
-und Aufzehrung sich vollendet. Man sagte, Behrens, der sie vergöttert
-habe, sei durch den Schlag so schwer getroffen worden, daß er
-vorübergehend in Tiefsinn und Wunderlichkeit verfallen sei und sich auf
-der Straße durch Kichern, Gestenspiel und Selbstgespräch auffällig
-gemacht habe. Er war dann nicht mehr in seinen ursprünglichen
-Lebenskreis zurückgekehrt, sondern an Ort und Stelle geblieben: gewiß
-auch darum, weil er sich von dem Grabe nicht trennen mochte; den
-Ausschlag aber hatte wohl der weniger sentimentale Grund gegeben, daß er
-selbst etwas abbekommen hatte und seiner eigenen wissenschaftlichen
-Einsicht nach einfach hierher _gehörte_. So hatte er sich eingebürgert
-als einer der Ärzte, die Leidensgenossen derjenigen sind, deren
-Aufenthalt sie überwachen; die nicht, von der Krankheit unabhängig, sie
-aus dem freien Stande persönlicher Intaktheit bekämpfen, sondern selber
-ihr Zeichen tragen, – ein eigentümlicher, aber durchaus nicht
-vereinzelter Fall, der ohne Zweifel seine Vorzüge wie sein Bedenkliches
-hat. Kameradschaft des Arztes mit dem Patienten ist gewiß zu begrüßen,
-und es läßt sich hören, daß nur der Leidende des Leidenden Führer und
-Heiland zu sein vermag. Aber ist rechte geistige Herrschaft über eine
-Macht denn möglich bei dem, der selber zu ihren Sklaven zählt? Kann
-befreien, wer selbst unterworfen ist? Der kranke Arzt bleibt ein
-Paradoxon für das einfache Gefühl, eine problematische Erscheinung. Wird
-nicht vielleicht sein geistiges Wissen um die Krankheit durch das
-erfahrungsmäßige nicht so sehr bereichert und sittlich gestärkt als
-getrübt und verwirrt? Er blickt der Krankheit nicht in klarer
-Gegnerschaft ins Auge, er ist befangen, ist nicht eindeutig als Partei;
-und mit aller gebotenen Vorsicht muß man fragen, ob ein der
-Krankheitswelt Zugehöriger an der Heilung oder auch nur Bewahrung
-anderer eigentlich in dem Sinne interessiert sein kann, wie ein Mann der
-Gesundheit ...
-
-Von diesen Zweifeln und Erwägungen sprach Hans Castorp auf seine Weise
-einiges aus, als er mit Joachim vom „Berghof“ und seinem ärztlichen
-Leiter schwatzte, aber Joachim bemerkte dagegen, man wisse ja gar nicht,
-ob Hofrat Behrens heute noch selber Patient sei, – wahrscheinlich sei er
-schon längst genesen. Daß er hier zu praktizieren begonnen hatte, war
-lange her, – er hatte es eine Weile auf eigene Hand getrieben und sich
-als feinhöriger Auskultator wie auch als sicherer Pneumotom rasch einen
-Namen gemacht. Dann hatte der „Berghof“ sich seiner Person versichert,
-das Institut, mit dem er nun bald seit einem Jahrzehnt so eng verwachsen
-war ... Dort hinten, am Ende des nordwestlichen Flügels, lag seine
-Wohnung (Dr. Krokowski hauste nicht weit davon), und jene altadelige
-Dame, die Schwester-Oberin, von der Settembrini so höhnisch gesprochen
-und die Hans Castorp bisher nur flüchtig gesehen hatte, stand dem
-kleinen Witwerhaushalte vor. Im übrigen war der Hofrat allein, denn sein
-Sohn studierte an reichsdeutschen Universitäten, und seine Tochter war
-schon vermählt: nämlich an einen Advokaten im französischen Teile der
-Schweiz. Der junge Behrens kam in den Ferien zuweilen zu Besuch, was
-sich während Joachims Aufenthalt schon einmal ereignet hatte, und er
-sagte, die Damen der Anstalt seien dann sehr bewegt, die Temperaturen
-stiegen, Eifersüchteleien führten zu Zank und Streit auf den
-Liegehallen, und erhöhter Zudrang herrsche zu Dr. Krokowskis besonderer
-Sprechstunde ...
-
-Dem Assistenten war für seine Privatordinationen ein eigenes Zimmer
-eingeräumt, das, wie der große Untersuchungsraum, das Laboratorium, der
-Operationssaal und das Durchstrahlungsatelier, in dem gut belichteten
-Kellergeschoß des Anstaltsgebäudes gelegen war. Wir sprechen von einem
-Kellergeschoß, weil die steinerne Treppe, die vom Erdgeschoß dorthin
-führte, in der Tat die Vorstellung erweckte, daß man sich in einen
-Keller begebe, – was aber beinahe ganz auf Täuschung beruhte. Denn
-erstens war das Erdgeschoß ziemlich hoch gelegen, das Berghofgebäude
-aber zweitens, im ganzen, auf abschüssigem Grunde, am Berge errichtet,
-und jene „Keller“-Räumlichkeiten schauten nach vorn, gegen den Garten
-und das Tal: Umstände, durch die Wirkung und Sinn der Treppe
-gewissermaßen durchkreuzt und aufgehoben wurden. Denn man glaubte wohl
-über ihre Stufen von ebener Erde hinabzusteigen, befand sich aber
-drunten immer noch und wiederum zu ebener Erde oder doch nur ein paar
-Schuh darunter, – ein belustigender Eindruck für Hans Castorp, als er
-seinen Vetter, der sich vom Bademeister wiegen lassen sollte,
-nachmittags einmal in diese Sphäre „hinunter“-begleitete. Es herrschte
-klinische Helligkeit und Sauberkeit dort; alles war weiß in weiß
-gehalten, und in weißem Lack schimmerten die Türen, auch die zu Dr.
-Krokowskis Empfangszimmer, an der die Visitenkarte des Gelehrten mit
-einem Reißnagel befestigt war, und zu der noch eigens zwei Stufen von
-der Höhe des Flurganges hinabführten, so daß der dahinter liegende Raum
-einen gelaßartigen Charakter erhielt. Sie lag rechts von der Treppe,
-diese Tür, am Ende des Ganges, und Hans Castorp hatte ein besonderes
-Auge auf sie, während er, auf Joachim wartend, den Korridor auf und
-nieder ging. Er sah auch jemanden herauskommen, eine Dame, die kürzlich
-eingetroffen war und deren Namen er noch nicht kannte, eine Kleine,
-Zierliche mit Stirnlöckchen und goldenen Ohrringen. Sie bückte sich
-tief, die Stufen ersteigend, und raffte ihren Rock, indes sie mit der
-anderen kleinen, beringten Hand ihr Tüchlein an den Mund preßte und
-darüberhin aus ihrer gebückten Haltung mit großen blassen, verstörten
-Augen ins Leere blickte. So eilte sie mit engen Trittchen, bei denen ihr
-Unterrock rauschte, zur Treppe, blieb plötzlich stehen, als besänne sie
-sich auf etwas, setzte sich trippelnd wieder in Lauf und verschwand im
-Stiegenhause, immer gebückt und ohne das Tüchlein von den Lippen zu
-nehmen.
-
-Hinter ihr, als die Tür sich geöffnet hatte, war es viel dunkler gewesen
-als auf dem weißen Korridor: die klinische Helligkeit dieser unteren
-Räume reichte offenbar nicht bis dorthinein; verhülltes Halblicht, tiefe
-Dämmerung herrschte, wie Hans Castorp bemerkte, in Dr. Krokowskis
-analytischem Kabinett.
-
-
- Tischgespräche
-
-Bei den Mahlzeiten im bunten Speisesaal bereitete es dem jungen Hans
-Castorp einige Verlegenheit, daß ihm von jenem auf eigene Hand
-unternommenen Spaziergang das großväterliche Kopfzittern zurückgeblieben
-war, – gerade bei Tisch stellte es sich fast regelmäßig wieder ein und
-war dann nicht zu verhindern und schwer zu verbergen. Außer der würdigen
-Kinnstütze, die nicht dauernd festzuhalten war, machte er verschiedene
-Mittel ausfindig, die Schwäche zu maskieren, – zum Beispiel hielt er
-tunlichst den Kopf in Bewegung, indem er nach rechts und links
-konversierte, oder er drückte, etwa wenn er den Suppenlöffel zum Munde
-führte, den linken Unterarm fest auf den Tisch, um sich Haltung zu
-geben, stellte auch wohl den Ellenbogen auf in den Pausen und stützte
-den Kopf mit der Hand, obgleich dies eine Flegelei war in seinen eigenen
-Augen und nur in ungebundener Krankengesellschaft allenfalls durchgehen
-mochte. Aber das alles war lästig und es fehlte nicht viel, daß es ihm
-die Mahlzeiten vollständig verleidet hätte, die er doch sonst, um der
-Spannungen und Sehenswürdigkeiten willen, die sie mit sich brachten, so
-wohl zu schätzen wußte.
-
-Es lag aber so – und Hans Castorp wußte das auch genau –, daß die
-blamable Erscheinung, mit der er kämpfte, nicht nur körperlicher
-Herkunft, nicht nur auf die hiesige Luft und die Anstrengung der
-Akklimatisation zurückzuführen war, sondern eine innere Erregung
-ausdrückte und mit jenen Spannungen und Sehenswürdigkeiten selbst
-unmittelbar zusammenhing.
-
-Madame Chauchat kam fast immer zu spät zu Tische, und bis sie kam, saß
-Hans Castorp und konnte die Füße nicht ruhig halten, denn er wartete auf
-das Schmettern der Glastür, von dem ihr Eintritt unweigerlich begleitet
-war, und wußte, daß er dabei zusammenfahren und sein Gesicht würde kalt
-werden fühlen, was denn auch regelmäßig geschah. Anfangs hatte er
-jedesmal ergrimmt den Kopf herumgeworfen und die fahrlässige
-Nachzüglerin mit zornigen Augen zu ihrem Platze am „Guten“ Russentisch
-begleitet, auch wohl ihr halblaut und zwischen den Zähnen ein
-Scheltwort, einen Ruf empörter Mißbilligung nachgesandt. Das unterließ
-er jetzt, beugte den Kopf tiefer über den Teller, wobei er sich wohl gar
-auf die Lippe biß, oder wandte ihn absichtlich und künstlich nach der
-anderen Seite; denn ihm war, als komme der Zorn ihm nicht mehr zu, als
-sei er zum Tadel nicht so recht frei, sondern mitschuldig an dem
-Ärgernis und mitverantwortlich dafür vor den anderen, – kurzum, er
-schämte sich, und zwar wäre es ungenau gewesen, zu sagen, daß er sich
-für Frau Chauchat schämte, sondern ganz persönlich schämte er sich vor
-den Leuten, – was er sich übrigens hätte sparen können, da niemand im
-Saale sich um Frau Chauchats Laster noch um Hans Castorps Scham darüber
-kümmerte, ausgenommen etwa die Lehrerin, Fräulein Engelhart, zu seiner
-Rechten.
-
-Das kümmerliche Wesen hatte begriffen, daß dank Hans Castorps
-Empfindlichkeit gegen das Türenwerfen eine gewisse affekthafte Beziehung
-des jungen Tischnachbarn zu der Russin entstanden war, ferner, daß es
-wenig auf den Charakter einer solchen Beziehung ankomme, wenn sie nur
-überhaupt vorhanden war, und endlich, daß seine geheuchelte – und zwar
-aus Mangel an schauspielerischer Übung und Begabung sehr schlecht
-geheuchelte – Gleichgültigkeit keine Abschwächung, sondern eine
-Verstärkung, eine höhere Phase des Verhältnisses bedeutete. Ohne
-Anspruch und Hoffnung für ihre eigene Person, erging Fräulein Engelhart
-sich beständig in selbstlos entzückten Reden über Frau Chauchat, – wobei
-das Merkwürdige war, daß Hans Castorp ihr hetzerisches Betreiben, wenn
-nicht sofort, so doch auf die Dauer, vollkommen klar erkannte und
-durchschaute, ja, daß es ihn sogar anwiderte, ohne daß er sich darum
-weniger willig hätte davon beeinflussen und betören lassen.
-
-„Pardauz!“ sagte das alte Mädchen. „Das ist _sie_. Man braucht nicht
-aufzusehen, um sich zu überzeugen, wer da hereingekommen ist. Natürlich,
-da geht sie, – und wie reizend sie geht, – ganz wie ein Kätzchen zur
-Milchschüssel schleicht! Ich wollte, wir könnten die Plätze tauschen,
-damit Sie sie so ungezwungen und bequem betrachten könnten, wie ich es
-kann. Ich verstehe es ja, daß Sie nicht immer den Kopf nach ihr drehen
-mögen, – Gott weiß, was sie sich schließlich einbilden würde, wenn sie
-es merkte ... Jetzt sagt sie ihren Leuten Guten Tag ... Sie sollten doch
-einmal hinsehen, es ist so erquickend, sie zu beobachten. Wenn sie so
-lächelt und spricht wie jetzt, bekommt sie ein Grübchen in die eine
-Wange, aber nicht immer, nur wenn sie will. Ja, das ist ein Goldkind von
-einer Frau, ein verzogenes Geschöpf, daher ist sie so lässig. Solche
-Menschen muß man lieben, ob man will oder nicht, denn wenn sie einen
-ärgern durch ihre Lässigkeit, so ist auch der Ärger nur ein Anreiz mehr,
-ihnen zugetan zu sein, es ist so beglückend, sich zu ärgern und dennoch
-lieben zu müssen ...“
-
-So raunte die Lehrerin hinter der Hand und ungehört von den anderen,
-während die flaumige Röte auf ihren Altjungferwangen an ihre übernormale
-Körpertemperatur erinnerte; und ihre wollüstigen Redereien gingen dem
-armen Hans Castorp in Mark und Blut. Eine gewisse Unselbständigkeit
-schuf ihm das Bedürfnis, von dritter Seite bestätigt zu erhalten, daß
-Madame Chauchat eine entzückende Frau sei, und außerdem wünschte der
-junge Mann, sich von außen zur Hingabe an Empfindungen ermutigen zu
-lassen, denen seine Vernunft und sein Gewissen störende Widerstände
-entgegensetzten.
-
-Übrigens erwiesen sich diese Unterhaltungen in sachlicher Beziehung nur
-wenig fruchtbar, denn Fräulein Engelhart wußte beim besten Willen nichts
-Näheres über Frau Chauchat auszusagen, nicht mehr als jedermann im
-Sanatorium; sie kannte sie nicht, konnte sich nicht einmal einer
-Bekanntschaft rühmen, die sie mit ihr gemeinsam gehabt hätte, und das
-einzige, womit sie sich vor Hans Castorp ein Ansehen geben konnte, war,
-daß sie in Königsberg – also nicht gar so sehr weit von der russischen
-Grenze – zu Hause war und einige Brocken Russisch kannte, – dürftige
-Eigenschaften, in denen Hans Castorp aber etwas wie weitläufige
-persönliche Beziehungen zu Frau Chauchat zu sehen bereit war.
-
-„Sie trägt keinen Ring,“ sagte er, „keinen Ehering, wie ich sehe. Wie
-ist denn das? Sie ist doch eine verheiratete Frau, haben Sie mir
-gesagt?“
-
-Die Lehrerin geriet in Verlegenheit, als sei sie in die Enge getrieben
-und müsse sich herausreden, so sehr verantwortlich fühlte sie sich für
-Frau Chauchat Hans Castorp gegenüber.
-
-„Das dürfen Sie nicht so genau nehmen“, sagte sie. „Zuverlässig ist sie
-verheiratet. Daran ist kein Zweifel möglich. Daß sie sich Madame nennt,
-geschieht nicht nur der größeren Ansehnlichkeit wegen, wie ausländische
-Fräulein es machen, wenn sie ein wenig reifer sind, sondern wir alle
-wissen es, daß sie wirklich einen Mann hat irgendwo in Rußland, das ist
-im ganzen Orte bekannt. Von Hause aus hat sie einen anderen Namen, einen
-russischen und keinen französischen, einen auf -anow oder -ukow, ich
-habe ihn schon gewußt und nur wieder vergessen; wenn Sie wollen,
-erkundige ich mich danach; es gibt sicher mehrere Personen hier, die den
-Namen kennen. Einen Ring? Nein, sie trägt keinen, es ist mir auch schon
-aufgefallen. Lieber Himmel, vielleicht kleidet er sie nicht, vielleicht
-macht er ihr eine breite Hand. Oder sie findet es spießbürgerlich, einen
-Ehering zu tragen, so einen glatten Reif ... es fehlt nur der
-Schlüsselkorb ... nein, dazu ist sie gewiß zu großzügig ... Ich kenne
-das, die russischen Frauen haben alle so etwas Freies und Großzügiges in
-ihrem Wesen. Außerdem hat so ein Ring etwas geradezu Abweisendes und
-Ernüchterndes, er ist doch ein Symbol der Hörigkeit, möchte ich sagen,
-er gibt einer Frau direkt etwas Nonnenhaftes, das reine Blümchen
-Rührmichnichtan macht er aus ihr. Ich wundere mich gar nicht, wenn das
-nicht nach Frau Chauchats Sinne ist ... Eine so reizende Frau, in der
-Blüte der Jahre ... Wahrscheinlich hat sie weder Grund noch Lust, jeden
-Herrn, dem sie die Hand gibt, gleich ihre eheliche Gebundenheit fühlen
-zu lassen ...“
-
-Großer Gott, wie die Lehrerin sich ins Zeug legte! Hans Castorp sah ihr
-ganz erschreckt ins Gesicht, aber sie trotzte seinem Blick mit einer Art
-von wilder Verlegenheit. Dann schwiegen beide eine Weile, um sich zu
-erholen. Hans Castorp aß und unterdrückte das Zittern seines Kopfes.
-Endlich sagte er:
-
-„Und der Mann? Er kümmert sich gar nicht um sie? Er besucht sie niemals
-hier oben? Was ist er denn eigentlich?“
-
-„Beamter. Russischer Administrationsbeamter, in einem ganz entlegenen
-Gouvernement, Daghestan, wissen Sie, das liegt ganz östlich über den
-Kaukasus hinaus, dahin ist er kommandiert. Nein, ich sagte Ihnen ja, daß
-noch nie ihn jemand hier oben gesehen hat. Und dabei ist sie schon
-wieder im dritten Monat hier.“
-
-„Sie ist also nicht zum erstenmal hier?“
-
-„O nein, schon das drittemal. Und zwischendurch ist sie wieder wo
-anders, an ähnlichen Orten. – Umgekehrt, _sie_ besucht _ihn_ zuweilen,
-nicht oft, einmal im Jahre auf einige Zeit. Sie leben getrennt, kann man
-sagen, und sie besucht ihn zuweilen.“
-
-„Nun ja, da sie krank ist ...“
-
-„Gewiß, krank ist sie. Aber doch nicht _so_. Doch nicht so ernstlich
-krank, daß sie geradezu immer in Sanatorien und von ihrem Manne getrennt
-leben müßte. Das muß schon weitere und andere Gründe haben. Hier nimmt
-man allgemein an, daß es noch andere hat. Vielleicht gefällt es ihr
-nicht in Daghestan hinter dem Kaukasus, einer so wilden, entfernten
-Gegend, das wäre am Ende nicht zu verwundern. Aber ein wenig muß es doch
-auch an dem Manne liegen, wenn es ihr so gar nicht bei ihm gefällt. Er
-hat ja einen französischen Namen, aber darum ist er doch ein russischer
-Beamter, und das ist ein roher Menschenschlag, wie Sie mir glauben
-können. Ich habe einmal einen davon gesehen, er hatte so einen
-eisenfarbenen Backenbart und so ein rotes Gesicht ... Im höchsten Grade
-bestechlich sind sie, und dann haben sie es alle mit dem Wutki, dem
-Branntwein, wissen Sie ... Anstandshalber lassen sie sich eine
-Kleinigkeit zu essen geben, ein paar marinierte Pilze oder ein Stückchen
-Stör, und dazu trinken sie – einfach im Übermaß. Das nennen sie dann
-einen Imbiß ...“
-
-„Sie schieben alles auf ihn“, sagte Hans Castorp. „Wir wissen aber doch
-nicht, ob es nicht vielleicht an ihr liegt, wenn sie nicht gut
-miteinander leben. Man muß gerecht sein. Wenn ich sie mir so ansehe und
-diese Unmanier mit dem Türenwerfen ... ich halte sie für keinen Engel,
-das nehmen Sie mir, bitte, nicht übel, ich traue ihr nicht über den Weg.
-Aber Sie sind nicht unparteiisch, Sie sitzen ja bis über die Ohren in
-Vorurteilen zu ihren Gunsten ...“
-
-So machte er es zuweilen. Mit einer Schlauheit, die seiner Natur
-eigentlich fremd war, stellte er es so hin, als bedeute Fräulein
-Engelharts Schwärmerei für Frau Chauchat nicht das, was sie, wie er sehr
-wohl wußte, in Wirklichkeit bedeutete, sondern als sei diese Schwärmerei
-eine selbständige, drollige Tatsache, mit welcher er, der unabhängige
-Hans Castorp, die alte Jungfer aus kühlem und humoristischem Abstande
-necken konnte. Und da er sicher war, daß seine Helfershelferin diese
-dreiste Verdrehung gelten und sich gefallen lassen werde, so war nichts
-damit gewagt.
-
-„Guten Morgen!“ sagte er. „Haben Sie wohl geruht? Ich hoffe, Sie haben
-von Ihrer schönen Minka geträumt? ... Nein, wie Sie gleich rot werden,
-wenn man sie nur erwähnt! Ganz vernarrt sind Sie in sie, das leugnen Sie
-nur lieber nicht!“
-
-Und die Lehrerin, die wirklich errötet war und sich tief über ihre Tasse
-beugte, raunte aus ihrem linken Mundwinkel:
-
-„Aber nein, pfui, Herr Castorp! Das ist nicht schön von Ihnen, daß Sie
-mich so in Verlegenheit bringen mit Ihren Anspielungen. Alle merken es
-ja, daß wir es auf sie abgesehen haben, und daß Sie mir Dinge sagen,
-über die ich rot werden muß ...“
-
-Es war sonderbar, was die beiden Tischnachbarn da trieben. Beide wußten,
-daß sie doppelt und dreifach logen, daß Hans Castorp nur, um von Frau
-Chauchat sprechen zu können, die Lehrerin mit ihr neckte, dabei aber ein
-ungesundes und übertragenes Vergnügen darin fand, mit dem alten Mädchen
-zu schäkern, – welches ihrerseits darauf einging: erstens aus
-kupplerischen Gründen, dann auch, weil sie sich dem jungen Manne zu
-Gefallen wohl wirklich etwas in Frau Chauchat vergafft hatte, und
-endlich, weil sie es kümmerlich genoß, sich irgendwie von ihm necken und
-rot machen zu lassen. Dies wußten sie beide von sich und vom anderen und
-wußten auch, daß jeder es von sich und vom anderen wisse, und das alles
-war verwickelt und unsauber. Aber obgleich Hans Castorp von verwickelten
-und unsauberen Dingen im ganzen angewidert wurde und sich auch in diesem
-Falle davon angewidert fühlte, so fuhr er doch fort, in dem trüben
-Elemente zu plätschern, indem er sich zur Beruhigung sagte, daß er ja
-nur zu Besuch hier oben sei und demnächst wieder abreisen werde. Mit
-erkünstelter Sachlichkeit beurteilte er kennerhaft das Äußere der
-„lässigen“ Frau, stellte fest, daß sie von vorn gesehen entschieden
-jünger und hübscher wirke als im Profil, daß ihre Augen zu weit
-auseinander lägen und ihre Haltung viel zu wünschen übriglasse, wofür
-allerdings ihre Arme schön und „weich geformt“ seien. Und indem er dies
-sagte, suchte er das Zittern seines Kopfes zu verbergen, wobei er aber
-nicht nur erkennen mußte, daß die Lehrerin seine vergebliche Anstrengung
-bemerkte, sondern auch mit dem größten Widerwillen die Wahrnehmung
-machte, daß sie selber ebenfalls mit dem Kopfe zitterte. Auch war es
-nichts als Politik und unnatürliche Schlauheit gewesen, daß er Frau
-Chauchat als „schöne Minka“ bezeichnet hatte; denn so konnte er weiter
-fragen:
-
-„Ich sage ‚Minka‘, aber wie heißt sie denn eigentlich in Wirklichkeit.
-Ich meine mit Vornamen. So vernarrt, wie Sie unstreitig in sie sind,
-müssen Sie doch unbedingt ihren Vornamen wissen.“
-
-Die Lehrerin dachte nach.
-
-„Warten Sie, ich weiß ihn“, sagte sie. „Ich habe ihn gewußt. Heißt sie
-nicht Tatjana? Nein, das war es nicht, und auch nicht Natascha. Natascha
-Chauchat? Nein, so habe ichs nicht gehört. Halt, ich habe es! Awdotja
-heißt sie. Oder es war doch etwas in diesem Charakter. Denn Katjenka
-oder Ninotschka heißt sie nun einmal bestimmt nicht. Es ist mir
-wahrhaftig entfallen. Aber ich kann es mit Leichtigkeit in Erfahrung
-bringen, wenn Ihnen daran gelegen ist.“
-
-Wirklich wußte sie am nächsten Tage den Namen. Sie sprach ihn beim
-Mittagessen aus, als die Glastür ins Schloß schmetterte. Frau Chauchat
-hieß Clawdia.
-
-Hans Castorp verstand nicht gleich. Er ließ sich den Namen wiederholen
-und buchstabieren, bevor er ihn auffaßte. Dann sprach er ihn mehrmals
-nach, indem er dabei mit rot geäderten Augen zu Frau Chauchat
-hinüberblickte und ihn ihr gewissermaßen anprobierte.
-
-„Clawdia,“ sagte er, „ja, so mag sie wohl heißen, es stimmt ganz gut.“
-Er machte kein Hehl aus seiner Freude über die intime Kenntnis und
-sprach jetzt nur noch von „Clawdia“, wenn er Frau Chauchat meinte. „Ihre
-Clawdia dreht ja Brotkugeln, habe ich eben gesehen. Fein ist das nicht.“
-„Es kommt darauf an, wer es tut“, antwortete die Lehrerin. „Clawdia
-steht es.“
-
-Ja, die Mahlzeiten im Saal mit den sieben Tischen hatten den
-allergrößten Reiz für Hans Castorp. Er bedauerte es, wenn eine davon zu
-Ende ging, aber sein Trost war, daß er sehr bald, in zwei oder
-zweieinhalb Stunden, wieder hier sitzen werde, und wenn er wieder hier
-saß, so war es, als sei er nie aufgestanden. Was lag dazwischen? Nichts.
-Ein kurzer Spaziergang zum Wasserlauf oder ins Englische Viertel, ein
-wenig Ruhe im Stuhl. Das war keine ernste Unterbrechung, kein schwer zu
-nehmendes Hindernis. Etwas anderes, wenn Arbeit, irgendwelche Sorgen und
-Mühen sich vorgelagert hätten, die im Geiste nicht leicht zu übersehen,
-zu übergehen gewesen wären. Dies war jedoch nicht der Fall im klug und
-glücklich geregelten Leben des „Berghofs“. Hans Castorp konnte sich,
-wenn er von einer gemeinsamen Mahlzeit aufstand, ganz unmittelbar auf
-die nächste freuen, – sofern nämlich „sich freuen“ das richtige Wort war
-für die Art von Erwartung, mit der er dem neuen Zusammensein mit der
-kranken Frau Clawdia Chauchat entgegensah, und nicht ein zu leichtes,
-vergnügtes, einfältiges und gewöhnliches. Möglicherweise ist der Leser
-geneigt, nur solche Ausdrücke, nämlich vergnügte und gewöhnliche, in
-bezug auf Hans Castorps Person und sein Innenleben als passend und
-zulässig zu erachten; aber wir erinnern daran, daß er sich als ein
-junger Mann von Vernunft und Gewissen auf den Anblick und die Nähe Frau
-Chauchats nicht einfach „freuen“ konnte und, da wir es wissen müssen,
-stellen wir fest, daß er dies Wort, wenn man es ihm angeboten hätte,
-achselzuckend verworfen haben würde.
-
-Ja, er wurde hochnäsig gegen gewisse Ausdrucksmittel, – das ist eine
-Einzelheit, die angemerkt zu werden verdient. Er ging umher, indes seine
-Wangen in trockener Hitze standen, und sang vor sich hin, sang in sich
-hinein, denn sein Befinden war musikalisch und sensitiv. Er summte ein
-Liedchen, das er, wer weiß wo und wann, in einer Gesellschaft oder bei
-einem Wohltätigkeitskonzert einmal von einer kleinen Sopranstimme gehört
-und jetzt in sich vorgefunden hatte, – einen sanften Unsinn, der anfing:
-
- „Wie berührt mich wundersam
- Oft ein Wort von dir“,
-
-und er war im Begriffe, hinzuzusetzen:
-
- „Das von deiner Lippe kam
- Und zum Herzen mir!“ –
-
-als er plötzlich die Achseln zuckte, „lächerlich“ sagte und das zarte
-Liedchen als abgeschmackt und läppisch empfindsam verwarf und von sich
-wies, – es mit einer gewissen Melancholie und Strenge von sich wies. An
-solchem innigen Liedchen mochte irgendein junger Mann Genüge und
-Gefallen finden, der „sein Herz“, wie man zu sagen pflegt, erlaubter-,
-friedlicher- und aussichtsreicherweise irgendeinem gesunden Gänschen
-dort unten im Flachlande „geschenkt“ hatte und sich nun seinen
-erlaubten, aussichtsreichen, vernünftigen und im Grunde vergnügten
-Empfindungen überließ. Für ihn und sein Verhältnis zu Madame Chauchat –
-das Wort „Verhältnis“ kommt auf seine Rechnung, wir lehnen die
-Verantwortung dafür ab – schickte sich ein solches Gedichtchen
-entschieden nicht; in seinem Liegestuhl fand er sich bewogen, das
-ästhetische Urteil „albern!“ darüber zu fällen und brach in der Mitte
-ab, indem er die Nase rümpfte, obgleich er nichts Geeigneteres dafür
-einzusetzen wußte.
-
-Eins aber bereitete ihm Genugtuung, wenn er lag und auf sein Herz, sein
-körperliches Herz achtete, das rasch und vernehmlich in der Stille
-pochte, – der vorschriftsmäßigen Hausordnungsstille, die während der
-Haupt- und Schlafliegekur über dem ganzen „Berghof“ waltete. Es pochte
-hartnäckig und vordringlich, sein Herz, wie es das fast beständig tat,
-seitdem er hier oben war; doch nahm Hans Castorp neuerdings weniger
-Anstoß daran als in den ersten Tagen. Man konnte jetzt nicht mehr sagen,
-daß es auf eigene Hand, grundlos und ohne Zusammenhang mit der Seele
-klopfte. Ein solcher Zusammenhang war vorhanden oder doch unschwer
-herzustellen; eine rechtfertigende Gemütsbewegung ließ sich der
-exaltierten Körpertätigkeit zwanglos unterlegen. Hans Castorp brauchte
-nur an Frau Chauchat zu denken – und er dachte an sie –, so besaß er zum
-Herzklopfen das zugehörige Gefühl.
-
-
- Aufsteigende Angst. Von den beiden Großvätern und der Kahnfahrt
- im Zwielicht
-
-Das Wetter war spottschlecht, – in dieser Beziehung hatte Hans Castorp
-kein Glück mit seinem flüchtigen Aufenthalt in diesen Gegenden. Es
-schneite nicht gerade, aber es regnete tagelang schwer und häßlich,
-dicke Nebel erfüllten das Tal, und Gewitter von lächerlicher
-Überflüssigkeit – denn es war ohnehin so kalt, daß man im Speisesaal
-sogar geheizt hatte – entluden sich mit umständlich ausrollendem
-Widerhall.
-
-„Schade“, sagte Joachim. „Ich hatte gedacht, wir wollten mal mit dem
-Frühstück auf die Schatzalp oder sonst etwas unternehmen. Aber es
-scheint, es soll nicht sein. Hoffentlich wird deine letzte Woche
-besser.“
-
-Aber Hans Castorp antwortete:
-
-„Laß nur. Ich brenne gar nicht auf Unternehmungen. Meine erste ist mir
-nicht sonderlich bekommen. Ich erhole mich am besten, wenn ich so in den
-Tag hineinlebe, ohne viel Abwechslung. Abwechslung ist für die
-Langjährigen. Aber ich mit meinen drei Wochen, was brauche ich
-Abwechslung.“
-
-So war es, er fühlte sich ausgefüllt und beschäftigt an Ort und Stelle.
-Wenn er Hoffnungen hegte, so blühten Erfüllung wie Enttäuschung ihm
-hier, und nicht auf irgendeiner Schatzalp. Langeweile war es nicht, was
-ihn plagte; im Gegenteil begann er zu fürchten, das Ende seines
-Aufenthalts möchte allzu beschwingt erscheinen. Die zweite Woche schritt
-vor, zwei Drittel seiner Zeit würden bald abgelebt sein, und brach erst
-das dritte an, so dachte man schon an den Koffer. Die erste Auffrischung
-von Hans Castorps Zeitsinn war längst vorbei; schon begannen die Tage
-dahinzufliegen, und das taten sie, obgleich jeder einzelne von ihnen
-sich in immer erneuter Erwartung dehnte und von stillen, verschwiegenen
-Erlebnissen schwoll ... Ja, die Zeit ist ein rätselhaftes Ding, es hat
-eine schwer klarzustellende Bewandtnis mit ihr!
-
-Wird es nötig sein, jene verschwiegenen Erlebnisse, die Hans Castorps
-Tage zugleich beschwerten und beschwingten, näher zu kennzeichnen? Aber
-jedermann kennt sie, es waren durchaus die gewöhnlichen in ihrer
-sensiblen Nichtigkeit, und in einem vernünftiger und aussichtsreicher
-gelagerten Fall, auf den das abgeschmackte Liedchen „Wie berührt mich
-wundersam“ anwendbar gewesen wäre, hätten sie sich auch nicht anders
-abspielen können.
-
-Unmöglich, daß Madame Chauchat von den Fäden, die sich von einem
-gewissen Tische zu ihrem spannen, nicht irgend etwas hätte bemerken
-sollen; und daß sie etwas, ja möglichst viel davon bemerke, lag
-zügelloserweise durchaus in Hans Castorps Absichten. Wir nennen das
-zügellos, weil er sich über die Vernunftwidrigkeit seines Falles völlig
-im klaren war. Aber um wen es steht, wie es um ihn stand oder zu stehen
-begann, der will, daß man drüben von seinem Zustande Kenntnis habe, auch
-wenn kein Sinn und Verstand bei der Sache ist. So ist der Mensch.
-
-Nachdem also Frau Chauchat sich zwei- oder dreimal zufällig oder unter
-magnetischer Einwirkung beim Essen nach jenem Tisch umgewandt hatte und
-jedesmal den Augen Hans Castorps begegnet war, blickte sie zum
-viertenmal mit Vorbedacht hinüber und begegnete seinen Augen auch
-diesmal. In einem fünften Fall ertappte sie ihn zwar nicht unmittelbar;
-er war gerade nicht auf dem Posten. Doch fühlte er es sofort, daß sie
-ihn ansah, und blickte ihr so eifrig entgegen, daß sie sich lächelnd
-abwandte. Mißtrauen und Entzücken erfüllten ihn angesichts dieses
-Lächelns. Wenn sie ihn für kindlich hielt, so täuschte sie sich. Sein
-Bedürfnis nach Verfeinerung war bedeutend. Bei sechster Gelegenheit, als
-er ahnte, spürte, die innere Kunde gewann, daß sie herüberblickte, tat
-er, als betrachte er mit eindringlichem Mißfallen eine finnige Dame, die
-an seinen Tisch getreten war, um mit der Großtante zu plaudern, hielt
-eisern durch, wohl zwei oder drei Minuten lang, und gab nicht nach, bis
-er sicher war, daß die Kirgisenaugen dort drüben von ihm abgelassen
-hatten, – eine wunderliche Schauspielerei, die Frau Chauchat nicht nur
-durchschauen mochte, sondern ausdrücklich durchschauen _sollte_, damit
-Hans Castorps große Feinheit und Selbstbeherrschung sie nachdenklich
-stimme ... Es kam zu folgendem. In einer Eßpause wandte Frau Chauchat
-sich nachlässig um und musterte den Saal. Hans Castorp war auf dem
-Posten gewesen: ihre Blicke trafen sich. Indes sie einander ansehen –
-die Kranke unbestimmt spähend und spöttisch, Hans Castorp mit erregter
-Festigkeit (er biß sogar die Zähne zusammen, während er ihren Augen
-standhielt) – will ihr die Serviette entfallen, ist im Begriffe, ihr vom
-Schoße zu Boden zu gleiten. Nervös zusammenzuckend greift sie danach,
-aber auch ihm fährt es in die Glieder, es reißt ihn halbwegs vom Stuhle
-empor, und blindlings will er über acht Meter Raum hinweg und um einen
-zwischenstehenden Tisch herum ihr zu Hilfe stürzen, als würde es eine
-Katastrophe bedeuten, wenn die Serviette den Boden erreichte ... Knapp
-über dem Estrich wird sie ihrer noch habhaft. Aber aus ihrer gebückten
-Haltung, überquer zu Boden geneigt, die Serviette am Zipfel und mit
-verfinsterter Miene, offenbar ärgerlich über die unvernünftige kleine
-Panik, der sie unterlegen und an der sie ihm, wie es scheint, die Schuld
-gibt, – blickt sie noch einmal nach ihm zurück, bemerkt seine
-Sprungstellung, seine emporgerissenen Brauen und wendet sich lächelnd
-ab.
-
-Über dies Vorkommnis triumphierte Hans Castorp bis zur Ausgelassenheit.
-Jedoch blieb der Rückschlag nicht aus, denn Madame Chauchat wandte sich
-nun volle zwei Tage lang, also während der Dauer von zehn Mahlzeiten,
-überhaupt nicht mehr nach dem Saale um, ja, unterließ es sogar, sich bei
-ihrem Eintritt, wie es sonst ihre Gepflogenheiten gewesen, dem Publikum
-zu „präsentieren“. Das war hart. Aber da diese Unterlassungen sich ganz
-ohne Zweifel auf ihn bezogen, so war eine Beziehung eben doch deutlich
-vorhanden, wenn auch in negativer Gestalt; und das mochte genügen.
-
-Er sah wohl, daß Joachim vollständig recht gehabt hatte mit seiner
-Bemerkung, es sei gar nicht leicht, hier Bekanntschaft zu machen, außer
-mit Tischgenossen. Denn während der einzigen knappen Stunde nach dem
-Diner, in der eine gewisse Geselligkeit regelmäßig statthatte, die aber
-oft auf zwanzig Minuten zusammenschrumpfte, saß Madame Chauchat ohne
-Ausnahme mit ihrer Umgebung, dem hohlbrüstigen Herrn, der humoristischen
-Wollhaarigen, dem stillen Dr. Blumenkohl und den hängeschultrigen
-Jünglingen, im Hintergrunde des kleinen Salons, der dem „Guten
-Russentisch“ vorbehalten schien. Auch drängte Joachim stets bald zum
-Aufbruch, um die Abendliegekur nicht zu verkürzen, wie er sagte, und
-vielleicht noch aus anderen diätetischen Gründen, die er nicht anführte,
-die aber Hans Castorp ahnte und achtete. Wir erhoben den Vorwurf der
-Zügellosigkeit gegen ihn, aber wohin seine Wünsche nun immer gehen
-mochten, die gesellschaftliche Bekanntschaft mit Frau Chauchat war es
-nicht, was er anstrebte, und mit den Umständen, die dagegen wirkten, war
-er im Grunde einverstanden. Die unbestimmt gespannten Beziehungen, die
-sein Schauen und Betreiben zwischen ihm und der Russin hergestellt
-hatte, waren außergesellschaftlicher Natur, sie verpflichteten zu nichts
-und durften zu nichts verpflichten. Denn ein beträchtliches Maß von
-gesellschaftlicher Ablehnung vertrug sich wohl mit ihnen, auf seiner
-Seite, und die Tatsache, daß er den Gedanken an „Clawdia“ dem Klopfen
-seines Herzens unterlegte, genügte bei weitem nicht, den Enkel Hans
-Lorenz Castorps in der Überzeugung wankend zu machen, daß er mit dieser
-Fremden, die ihr Leben getrennt von ihrem Mann und ohne Trauring am
-Finger an allen möglichen Kurorten verbrachte, sich mangelhaft hielt,
-die Tür hinter sich zufallen ließ, Brotkugeln drehte und zweifellos an
-den Fingern kaute, – daß er, sagen wir, in Wirklichkeit, das heißt: über
-jene geheimen Beziehungen hinaus, nichts mit ihr zu schaffen haben
-könne, daß tiefe Klüfte ihre Existenz von der seinen trennten, und daß
-er vor keiner Kritik, die er anerkannte, mit ihr bestehen würde.
-Einsichtigerweise war Hans Castorp ganz ohne persönlichen Hochmut; aber
-ein Hochmut allgemeiner und weiter hergeleiteter Art stand ihm ja auf
-der Stirn und um die etwas schläfrig blickenden Augen geschrieben, und
-aus ihm entsprang das Überlegenheitsgefühl, dessen er sich beim Anblick
-von Frau Chauchats Sein und Wesen nicht entschlagen konnte noch wollte.
-Es war sonderbar, daß er sich dieses weitläufigen Überlegenheitsgefühls
-besonders lebhaft und vielleicht überhaupt zum erstenmal bewußt wurde,
-als er Frau Chauchat eines Tages Deutsch sprechen hörte, – sie stand,
-beide Hände in den Taschen ihres Sweaters, nach Schluß einer Mahlzeit im
-Saale, und mühte sich, wie Hans Castorp im Vorübergehen wahrnahm, im
-Gespräch mit einer anderen Patientin, einer Liegehallengenossin
-wahrscheinlich, auf übrigens reizende Art um die deutsche Sprache, Hans
-Castorps Muttersprache, wie er mit plötzlichem und nie gekanntem Stolze
-empfand, – wenn auch nicht ohne gleichzeitige Neigung, diesen Stolz dem
-Entzücken aufzuopfern, womit ihr anmutiges Stümpern und Radebrechen ihn
-erfüllte.
-
-Mit einem Worte: Hans Castorp sah in seinem stillen Verhältnis zu dem
-nachlässigen Mitgliede Derer hier oben ein Ferienabenteuer, das vor dem
-Tribunal der Vernunft – seines eigenen vernünftigen Gewissens –
-keinerlei Anspruch auf Billigung erheben konnte: hauptsächlich deshalb
-nicht, weil Frau Chauchat ja krank war, schlaff, fiebrig und innerlich
-wurmstichig, ein Umstand, der mit der Zweifelhaftigkeit ihrer
-Gesamtexistenz nahe zusammenhing und auch an Hans Castorps Vorsichts-
-und Abstandsgefühlen stark beteiligt war ... Nein, ihre wirkliche
-Bekanntschaft zu suchen, kam ihm nicht in den Sinn, und was das andere
-betraf, so würde es ja in anderthalb Wochen, wenn er bei Tunder & Wilms
-in die Praxis trat, wohl oder übel folgenlos beendet sein.
-
-Vorderhand allerdings stand es so mit ihm, daß er angefangen hatte, die
-Gemütsbewegungen, Spannungen, Erfüllungen und Enttäuschungen, die ihm
-aus seinen zarten Beziehungen zu der Patientin erwuchsen, als den
-eigentlichen Sinn und Inhalt seines Ferienaufenthaltes zu betrachten,
-ganz ihnen zu leben und seine Laune von ihrem Gedeihen abhängig zu
-machen. Die Umstände leisteten ihrer Pflege den wohlwollendsten
-Vorschub, denn man lebte bei feststehender und jedermann bindender
-Tagesordnung auf beschränktem Raum beieinander, und wenn auch Frau
-Chauchat in einem anderen Stockwerk – im ersten – zu Hause war (sie
-hielt übrigens ihre Liegekur, wie Hans Castorp von der Lehrerin hörte,
-in einer gemeinsamen Liegehalle, nämlich der, die sich auf dem Dache
-befand, derselben, in der Hauptmann Miklosich neulich das Licht
-abgedreht hatte), so war doch allein schon durch die fünf Mahlzeiten,
-aber auch sonst auf Schritt und Tritt, vom Morgen bis zum Abend die
-Möglichkeit, ja Unumgänglichkeit der Begegnung gegeben. Und auch dies,
-ebenso wie das andere, daß keine Sorgen und Mühen die Aussicht
-versperrten, fand Hans Castorp famos, wenn auch solches Eingesperrtsein
-mit dem günstigen Ungefähr zugleich etwas Beklemmendes hatte.
-
-Doch half er sogar noch ein bißchen nach, rechnete und stellte seinen
-Kopf in den Dienst der Sache, um das Glück zu verbessern. Da Frau
-Chauchat gewohnheitsmäßig verspätet zu Tische kam, so legte er es darauf
-an, ebenfalls zu spät zu kommen, um ihr unterwegs zu begegnen. Er
-versäumte sich bei der Toilette, war nicht fertig, wenn Joachim eintrat,
-um ihn abzuholen, ließ den Vetter vorangehen und sagte, er käme gleich
-nach. Beraten von dem Instinkt seines Zustandes, wartete er einen
-gewissen Augenblick ab, der ihm der richtige schien, und eilte ins erste
-Stockwerk hinab, wo er nicht die Treppe benutzte, die die Fortsetzung
-derjenigen bildete, die ihn herabgeführt hatte, sondern den Korridor
-fast bis ans Ende, bis zur anderen Treppe verfolgte, die einer längst
-bekannten Zimmertür – es war die von Nr. 7 – nahegelegen war. Auf diesem
-Wege, den Korridor entlang, von einer Treppe zur anderen, bot sozusagen
-jeder Schritt eine Chance, denn jeden Augenblick konnte die bewußte Tür
-sich öffnen, – und das tat sie wiederholt: krachend fiel sie hinter Frau
-Chauchat zu, die für ihre Person lautlos hervorgetreten war und lautlos
-zur Treppe glitt ... Dann ging sie vor ihm her und stützte das Haar mit
-der Hand, oder Hans Castorp ging vor ihr her und fühlte ihren Blick in
-seinem Rücken, wobei er ein Reißen in den Gliedern sowie ein
-Ameisenlaufen den Rücken hinunter verspürte, in dem Wunsche aber, sich
-vor ihr aufzuspielen, so tat, als wisse er nichts von ihr und führe sein
-Einzelleben in kräftiger Unabhängigkeit, – die Hände in die Rocktaschen
-grub und ganz unnötigerweise die Schultern rollte oder sich heftig
-räusperte und sich dabei mit der Faust vor die Brust schlug, – alles, um
-seine Unbefangenheit zu bekunden.
-
-Zweimal trieb er die Abgefeimtheit noch weiter. Nachdem er am Eßtisch
-schon Platz genommen, sagte er bestürzt und ärgerlich, indem er sich mit
-beiden Händen betastete: „Da, ich habe mein Taschentuch vergessen! Jetzt
-heißt es, sich noch einmal hinaufbequemen.“ Und er ging zurück, damit er
-und „Clawdia“ einander _begegneten_, was denn doch noch etwas anderes,
-gefährlicher und von schärferen Reizen war, als wenn sie vor oder hinter
-ihm ging. Das erstemal, als er dies Manöver ausgeführt, maß sie ihn zwar
-aus einiger Entfernung mit den Augen, und zwar recht rücksichtslos und
-ohne Verschämtheit, von oben bis unten, wandte aber, herangekommen,
-gleichgültig das Gesicht ab und ging so vorüber, so daß das Ergebnis
-dieses Zusammentreffens nicht hoch zu veranschlagen war. Beim zweitenmal
-aber sah sie ihn an, und nicht nur von weitem, – die ganze Zeit sah sie
-ihn an, während des ganzen Vorganges, blickte ihm fest und sogar etwas
-finster in das Gesicht und drehte im Vorübergehen sogar noch den Kopf
-nach ihm, – es ging dem armen Hans Castorp durch Mark und Bein. Übrigens
-sollte man ihn nicht bedauern, da er es nicht anders gewollt und alles
-selbst in die Wege geleitet hatte. Aber die Begegnung ergriff ihn
-gewaltig, sowohl während sie sich abspielte wie namentlich noch
-nachträglich; denn erst als alles vorüber war, sah er recht deutlich,
-wie es gewesen. Noch niemals hatte er Frau Chauchats Gesicht so nahe, so
-in allen Einzelheiten klar erkennbar vor sich gehabt: er hatte die
-kurzen Härchen unterscheiden können, die sich aus dem Geflecht ihres
-blonden, ein wenig ins Metallisch-Rötliche spielenden und einfach um den
-Kopf geschlungenen Zopfes lösten, und nur ein paar Handbreit Raum war
-gewesen zwischen seinem Gesicht und dem ihren in seiner wundersamen, ihm
-aber von langer Hand her vertrauten Bildung, die ihm zusagte wie nichts
-in der Welt: einer Bildung, fremdartig und charaktervoll (denn nur das
-Fremde scheint uns Charakter zu haben), von nördlicher Exotik und
-geheimnisreich, zur Ergründung auffordernd, insofern ihre Merkmale und
-Verhältnisse nicht leicht zu bestimmen waren. Das Entscheidende war wohl
-die Betontheit der hochsitzenden Wangenknochenpartie: sie bedrängte die
-ungewohnt flach, ungewohnt weit voneinander liegenden Augen und trieb
-sie ein wenig ins Schiefe, während sie zugleich die Ursache abgab für
-das weiche Konkav der Wangen, das wiederum, von seiner Seite und
-mittelbar, die leicht aufgeworfene Üppigkeit der Lippen bewirkte. Dann
-aber waren da namentlich die Augen selbst gewesen, diese schmal und (so
-fand Hans Castorp) schlechthin zauberhaft geschnittenen Kirgisenaugen,
-deren Farbe das Graublau oder Blaugrau ferner Berge war, und die sich
-zuweilen, bei einem gewissen Seitenblick, der nicht zum Sehen diente,
-auf eine schmelzende Weise völlig ins Schleierig-Nächtige verdunkeln
-konnten, – Clawdias Augen, die ihn rücksichtslos und etwas finster aus
-nächster Nähe betrachtet hatten und nach Stellung, Farbe, Ausdruck denen
-Pribislav Hippes so auffallend und erschreckend ähnlich waren! „Ähnlich“
-war gar nicht das richtige Wort, – es waren dieselben Augen; und auch
-die Breite der oberen Gesichtshälfte, die eingedrückte Nase, alles, bis
-auf die gerötete Weiße der Haut, die gesunde Farbe der Wangen, die bei
-Frau Chauchat ja aber Gesundheit nur vortäuschte und, wie bei allen hier
-oben, nichts als ein oberflächliches Erzeugnis der Liegekur im Freien
-war, – alles war ganz wie bei Pribislav, und nicht anders hatte dieser
-ihn angesehen, wenn sie auf dem Schulhof aneinander vorübergingen.
-
-Das war erschütternd in jedem Sinn; Hans Castorp war begeistert von der
-Begegnung, und zugleich spürte er etwas wie aufsteigende Angst, eine
-Beklemmung derselben Art, wie das Eingesperrtsein mit dem günstigen
-Ungefähr auf engem Raum ihm verursachte: auch dies, daß der längst
-vergessene Pribislav ihm hier oben als Frau Chauchat wieder begegnete
-und ihn mit Kirgisenaugen ansah, war wie ein Eingesperrtsein mit
-Unumgänglichem oder Unentrinnbarem, – in beglückendem und ängstlichem
-Sinn Unentrinnbarem. Es war hoffnungsreich und zugleich auch unheimlich,
-ja bedrohlich, und ein Gefühl der Hilfsbedürftigkeit kam den jungen Hans
-Castorp an, – in seinem Inneren vollzogen sich unbestimmte und
-instinktmäßige Bewegungen, die man als ein Sichumsehen, als ein Tasten
-und Suchen nach Hilfe, nach Rat und Stütze hätte ansprechen mögen; er
-dachte nacheinander an verschiedene Personen, an die zu denken etwa
-zuträglich sein mochte.
-
-Da war Joachim, der gute, ehrenfeste Joachim an seiner Seite, dessen
-Augen in diesen Monaten einen so traurigen Ausdruck angenommen, und der
-zuweilen so wegwerfend-heftig mit den Achseln zuckte, wie er es früher
-nie und nimmer getan, – Joachim mit dem „Blauen Heinrich“ in der Tasche,
-wie Frau Stöhr dies Gerät zu bezeichnen pflegte: mit einem so störrisch
-schamlosen Gesicht, daß es Hans Castorp jedesmal in der Seele entsetzte
-... Der redliche Joachim also war da, der Hofrat Behrens tirrte und
-plagte, um fortzukommen und in der „Ebene“ oder im „Flachlande“, wie man
-hier die Welt der Gesunden mit einem leisen, aber deutlichen Akzent von
-Geringschätzung nannte, seinen ersehnten Dienst tun zu können. Damit er
-schneller dazu gelange und Zeit spare, mit der man hier so
-verschwenderisch umging, hielt er denn vorerst einmal mit aller
-Gewissenhaftigkeit den Kurdienst ein, – tat es um seiner baldigen
-Genesung willen, ohne Frage, aber, wie Hans Castorp manchmal zu spüren
-glaubte, ein wenig doch auch um des Kurdienstes willen, der am Ende ein
-Dienst war wie ein anderer, und Pflichterfüllung war Pflichterfüllung.
-So drängte denn Joachim abends schon nach einer Viertelstunde aus der
-Geselligkeit fort in die Liegekur, und das war gut, denn
-seine militärische Genauigkeit kam dem zivilen Sinn Hans
-Castorps gewissermaßen zu Hilfe, der sich sonst wohl, sinn- und
-aussichtsloserweise, gern noch des längeren an der Geselligkeit
-beteiligt hätte, mit Aussicht auf den kleinen Russensalon. Daß aber
-Joachim so dringlich darauf bedacht war, die Abendgeselligkeit
-abzukürzen, das hatte noch einen anderen, verschwiegenen Grund, auf den
-sich Hans Castorp genau verstand, seit er Joachims fleckiges Erblassen
-und jene eigentümlich klägliche Art, in der sein Mund sich in gewissen
-Augenblicken verzerrte, so genau verstehen gelernt hatte. Denn auch
-Marusja, die ewig lachlustige Marusja mit dem kleinen Rubin an ihrem
-schönen Finger, dem Apfelsinenparfüm und der hohen, wurmstichigen Brust
-war ja bei der Geselligkeit meistens zugegen, und Hans Castorp begriff,
-daß dieser Umstand Joachim forttrieb, weil er ihn allzusehr, auf eine
-schreckliche Weise anzog. War auch Joachim „eingesperrt“, – noch enger
-und beklemmender sogar als er selbst, da ja Marusja mit ihrem
-Apfelsinentüchlein zu allem Überfluß auch noch fünfmal am Tage mit ihnen
-zusammen an demselben Eßtisch saß? Jedenfalls hatte Joachim viel zu viel
-mit sich selbst zu tun, als daß sein Dasein eigentlich innerlich
-hilfreich für Hans Castorp hätte sein können. Seine tägliche Flucht aus
-der Geselligkeit wirkte zwar ehrenhaft, aber nichts weniger als
-beruhigend auf diesen, und dann kam es ihm augenblicksweise auch vor,
-als ob Joachims gutes Beispiel in bezug auf die Pflichttreue im
-Kurdienst, die kundige Anleitung dazu, die er ihm zuteil werden ließ,
-ihr Bedenkliches hätten.
-
-Hans Castorp war noch nicht zwei Wochen an Ort und Stelle, aber es
-schien ihm länger, und die Tagesordnung Derer hier oben, die Joachim an
-seiner Seite so dienstfromm beobachtete, hatte angefangen, in seinen
-Augen das Gepräge einer heilig-selbstverständlichen Unverbrüchlichkeit
-anzunehmen, so daß ihm das Leben im Flachlande drunten, von hier
-gesehen, fast sonderbar und verkehrt erschien. Schon hatte er in der
-Handhabung der beiden Decken, mit denen man bei kalter Witterung in der
-Liegekur ein ebenmäßig Paket, eine richtige Mumie aus sich machte,
-schöne Gewandtheit gewonnen; es fehlte nicht viel, so tat er es Joachim
-gleich in der sicheren Fertigkeit und Kunst, sie vorschriftsmäßig um
-sich zu schlagen, und fast mußte er sich wundern bei dem Gedanken, daß
-in der Ebene drunten niemand etwas von dieser Kunst und Vorschrift
-wußte. Ja, das war wunderlich; – aber zugleich wunderte sich Hans
-Castorp darüber, daß er es wunderlich fand, und jene Unruhe, die ihn
-innerlich nach Rat und Stütze sich umsehen ließ, stieg neuerdings in ihm
-auf.
-
-Er mußte an Hofrat Behrens denken und an seinen _sine pecunia_ erteilten
-Rat, ganz so zu leben wie die Patientenschaft und sich sogar auch zu
-messen, – und an Settembrini, der über diesen Rat so laut in die Luft
-hinein gelacht und dann etwas aus der „Zauberflöte“ zitiert hatte. Ja,
-auch an diese beiden dachte er probeweise, um zu sehen, ob es ihm gut
-täte. Hofrat Behrens war ja ein weißhaariger Mann, er hätte Hans
-Castorps Vater sein können. Dazu war er Vorsteher der Anstalt, die
-höchste Autorität, – und väterliche Autorität war es, wonach der junge
-Hans Castorp ein unruhiges Herzensbedürfnis empfand. Und doch wollte es
-ihm nicht gelingen, wenn er es versuchte, des Hofrats mit kindlichem
-Vertrauen zu gedenken. Er hatte hier seine Frau begraben, ein Kummer,
-von dem er vorübergehend etwas wunderlich geworden war, und dann war er
-am Orte geblieben, weil das Grab ihn band, und außerdem weil er selbst
-etwas abbekommen hatte. War es nun vorbei damit? War er gesund und
-unzweideutig gesonnen, die Leute gesund zu machen, damit sie recht bald
-ins Flachland zurückkehren und Dienst tun könnten? Seine Backen waren
-beständig blau, und eigentlich sah er aus, als hätte er Übertemperatur.
-Aber das mochte auf Täuschung beruhen und nur die Luft schuld sein an
-dieser Gesichtsfarbe: Hans Castorp selber spürte hier ja tagein, tagaus
-eine trockene Hitze, ohne Fieber zu haben, soweit er es ohne Thermometer
-beurteilen konnte. Zwar, wenn man den Hofrat reden hörte, konnte man
-wieder zuweilen an Übertemperatur glauben; es war nicht ganz richtig mit
-seiner Redeweise: sie klang so forsch und fidel und gemütlich, aber es
-war etwas Sonderbares darin, etwas Exaltiertes, besonders wenn man die
-blauen Backen mit in Betracht zog, sowie die tränenden Augen, die
-aussahen, als weine er immer noch über seine Frau. Hans Castorp
-erinnerte sich dessen, was Settembrini über des Hofrats „Schwermut“ und
-„Lasterhaftigkeit“ ausgesagt, und daß er ihn eine „verworrene Seele“
-genannt hatte. Das mochte Bosheit sein und Windbeutelei; aber er fand
-trotzdem, daß es nicht sonderlich stärkend sei, an Hofrat Behrens zu
-denken.
-
-Aber da war denn freilich noch dieser Settembrini selbst, der
-Oppositionsmann, Windbeutel und „_homo humanus_“, wie er sich selber
-nannte, der es ihm mit vielen prallen Worten verwiesen hatte, Krankheit
-und Dummheit zusammen einen Widerspruch und ein Dilemma für das
-menschliche Gefühl zu nennen. Wie stand es mit ihm? Und war es
-zuträglich, an ihn zu denken? Hans Castorp erinnerte sich wohl, wie er
-in mehreren der übermäßig lebhaften Träume, die hier oben seine Nächte
-erfüllten, Ärgernis genommen an dem feinen, trockenen Lächeln des
-Italieners, das sich unter der schönen Rundung seines Schnurrbartes
-kräuselte, wie er ihn einen Drehorgelmann gescholten und ihn
-wegzudrängen versucht hatte, weil er hier störe. Aber das war im Traum
-gewesen, und der wachende Hans Castorp war ein anderer, weniger
-ungehemmt als der des Traumes. Im Wachen mochte es etwas anderes sein, –
-vielleicht tat er gut daran, es innerlich mit Settembrinis neuartigem
-Wesen zu versuchen, – mit seiner Aufsässigkeit und Kritik, obgleich sie
-larmoyant und geschwätzig war. Er selbst hatte sich ja einen Pädagogen
-genannt; offenbar wünschte er Einfluß zu nehmen; und den jungen Hans
-Castorp verlangte es herzlich, beeinflußt zu werden, – was ja freilich
-so weit nicht zu gehen brauchte, daß er sich von Settembrini bestimmen
-ließ, seinen Koffer zu packen und vor der Zeit abzureisen, wie jener es
-neulich allen Ernstes in Vorschlag gebracht hatte.
-
-_Placet experiri_, dachte er bei sich lächelnd, denn so viel Latein
-verstand er auch noch, ohne sich einen _homo humanus_ nennen zu dürfen.
-Und so hatte er denn ein Auge auf Settembrini und hörte bereitwillig und
-nicht ohne prüfende Aufmerksamkeit auf das, was er alles zum besten gab
-bei Begegnungen, wie sie bei den gemessenen Kurpromenaden zur Bank an
-der Bergwand oder nach „Platz“ hinab sich beiläufig ereigneten, oder bei
-anderer Gelegenheit, zum Beispiel wenn Settembrini nach beendeter
-Mahlzeit sich als erster erhob und in seinen karierten Beinkleidern,
-einen Zahnstocher zwischen den Lippen, durch den Saal mit den sieben
-Tischen schlenderte, um gegen alle Vorschrift und Übung ein wenig am
-Tische der Vettern zu hospitieren. Er tat es, indem er in anmutiger
-Haltung, mit gekreuzten Füßen, Aufstellung nahm und mit dem Zahnstocher
-gestikulierend plauderte. Oder er zog auch einen Stuhl heran, nahm Platz
-an einer Ecke zwischen Hans Castorp und der Lehrerin einerseits oder
-zwischen Hans Castorp und Miß Robinson andererseits und sah zu, wie die
-neun Tischgenossen ihren Nachtisch verzehrten, auf den er verzichtet zu
-haben schien.
-
-„Ich bitte um Zutritt in diesen edlen Kreis“, sagte er, indem er den
-Vettern die Hand schüttelte und die übrigen Personen mit einer
-Verbeugung umfaßte. „Dieser Bierbrauer dort drüben ... von dem
-verzweiflungsvollen Anblick der Bierbrauerin zu schweigen. Aber dieser
-Herr Magnus, – soeben hat er einen völkerpsychologischen Vortrag
-gehalten. Wollen Sie hören? ‚Unser liebes Deutschland ist eine große
-Kaserne, gewiß. Aber es steckt viel Tüchtigkeit dahinter, und ich
-tausche unsere Gediegenheit für die Höflichkeit der andern nicht ein.
-Was hilft mir alle Höflichkeit, wenn ich vorn und hinten betrogen
-werde?‘ In diesem Stile. Ich bin am Rand meiner Kräfte. Dann sitzt da
-mir gegenüber ein armes Wesen mit Friedhofsrosen auf den Backen, eine
-alte Jungfer aus Siebenbürgen, die ohne Unterbrechung von ihrem
-‚Schwager‘ spricht, einem Menschen, von dem niemand etwas weiß, noch
-wissen will. Kurzum, ich kann nicht mehr, ich habe mich aus dem Staub
-gemacht.“
-
-„Fluchtartig haben Sie das Panier ergriffen,“ sagte Frau Stöhr; „das
-kann ich mir denken.“
-
-„Exakt!“ rief Settembrini. „Das Panier! Ich sehe, hier weht ein anderer
-Wind, – kein Zweifel, ich bin vor die rechte Schmiede gekommen.
-Fluchtartig also ergriff ich es ... Wer so seine Worte zu setzen wüßte!
-– Darf ich mich nach den Fortschritten Ihrer Gesundheit erkundigen, Frau
-Stöhr?“
-
-Es war entsetzlich, wie Frau Stöhr sich zierte. „Großer Gott,“ sagte
-sie, „es ist immer dasselbe, der Herr wissen ja selbst. Man tut zwei
-Schritte vorwärts und drei zurück, – hat man fünf Monate abgesessen, so
-kommt der Alte und legt einem ein halbes Jahr zu. Ach, es sind
-Tantalusqualen. Man schiebt und schiebt, und glaubt man, oben zu sein
-...“
-
-„Oh, das ist schön von Ihnen! Sie gönnen dem armen Tantalus endlich
-einige Abwechslung! Sie lassen ihn austauschweise einmal den berühmten
-Marmor wälzen! Das nenne ich wahre Herzensgüte. Aber wie ist es, Madame,
-es gehen geheimnisvolle Dinge mit Ihnen vor. Man hat Geschichten von
-Doppelgängerei, Astralleibern ... Ich habe daran nicht geglaubt bisher,
-aber was sich mit Ihnen zuträgt, macht mich irre ...“
-
-„Es scheint, der Herr will seine Ergötzlichkeit mit mir treiben.“
-
-„Durchaus nicht! Ich denke nicht daran! Beruhigen Sie mich zuerst über
-gewisse dunkle Seiten Ihrer Existenz, und wir werden von Ergötzlichkeit
-reden können! Ich mache mir gestern abend zwischen halb zehn und zehn
-Uhr ein wenig Bewegung im Garten – ich blicke dabei die Balkons entlang
-– das elektrische Lämpchen auf dem Ihren glüht durch das Dunkel. Sie
-befanden sich folglich in der Liegekur, nach Pflicht, Vernunft und
-Vorschrift. ‚Da liegt unsere schöne Kranke‘, sage ich zu mir selbst,
-‚und beobachtet treulich die Verordnung, um baldigst heimkehren zu
-können in die Arme des Herrn Stöhr.‘ Und vor wenigen Minuten, was höre
-ich? Daß Sie zu derselben Stunde im _cinematógrafo_ (Herr Settembrini
-sprach das Wort italienisch aus, mit dem Akzent auf der vierten Silbe) –
-im _cinematógrafo_ der Kurhausarkaden gesehen worden sind und hernach
-noch in der Konditorei bei Süßwein und irgendwelchen Baisers, und zwar
-...“
-
-Die Stöhr wand sich in den Schultern, kicherte in ihre Serviette, stieß
-Joachim Ziemßen und den stillen Dr. Blumenkohl mit den Ellenbogen in die
-Seiten, zwinkerte listig-vertraulich und gab auf alle Weise eine
-stockdumme Selbstgefälligkeit zu erkennen. Sie pflegte abends zur
-Täuschung der Aufsicht ihr brennendes Tischlämpchen auf den Balkon
-hinauszustellen, sich heimlich davonzumachen und drunten im Englischen
-Viertel ihrer Zerstreuung nachzugehen. Ihr Mann wartete in Cannstatt auf
-sie. Übrigens war sie nicht der einzige Patient, der diese Praktik übte.
-
-„... und zwar,“ fuhr Settembrini fort, „hätten Sie diese Baisers – in
-wessen Gesellschaft gekostet? In der Gesellschaft des Hauptmanns
-Miklosich aus Bukarest! Man versichert mir, er trage ein Korsett, aber
-mein Gott, wie wenig fällt das hier ins Gewicht! Ich beschwöre Sie,
-Madame, wo waren Sie? Sie sind doppelt! Jedenfalls waren Sie
-eingeschlafen, und während der irdische Teil Ihres Wesens einsam
-Liegekur machte, erlustierte sich der spirituelle in der Gesellschaft
-des Hauptmanns Miklosich und an seinen Baisers ...“
-
-Frau Stöhr wand und sträubte sich, wie jemand, den man kitzelt.
-
-„Man weiß nicht, ob man das Umgekehrte wünschen soll“, sagte
-Settembrini. „Daß Sie die Baisers allein genossen und die Liegekur mit
-dem Hauptmann Miklosich ausgeübt hätten ...“
-
-„Hi, hi, hi ...“
-
-„Kennen die Herrschaften die vorgestrige Geschichte?“ fragte der
-Italiener unvermittelt. „Jemand ist abgeholt worden, – vom Teufel
-geholt, oder eigentlich von seiner Frau Mutter, einer tatkräftigen Dame,
-sie hat mir gefallen. Es ist der junge Schneermann, Anton Schneermann,
-der dort vorn am Tische von Mademoiselle Kleefeld saß, – Sie sehen, sein
-Platz ist leer. Er wird bald genug wieder besetzt sein, ich mache mir
-keine Sorge, aber Anton ist fort auf Sturmesschwingen, im Hui und eh ers
-gedacht. Anderthalb Jahre war er hier – mit seinen sechzehn; es waren
-ihm eben noch sechs Monate zugelegt worden. Und was geschieht? Ich weiß
-nicht, wer Madame Schneermann ein Wort hatte zufließen lassen, auf jeden
-Fall hatte sie Wind bekommen von dem Wandel ihres Söhnchens in _Baccho
-et ceteris_. Unangemeldet erscheint sie auf dem Plan, eine Matrone –
-drei Köpfe größer als ich, weißhaarig und zornmütig, zieht Herrn Anton,
-ohne zu reden, ein paar Ohrfeigen herunter, nimmt ihn beim Kragen und
-setzt ihn auf die Bahn. ‚Soll er zu Grund gehen,‘ sagt sie, ‚so kann ers
-auch unten.‘ Und fort gehts nach Hause.“
-
-Man lachte, soweit man in Hörweite saß, denn Herr Settembrini erzählte
-drollig. Er zeigte sich auf dem Laufenden über die letzten Neuigkeiten,
-obgleich er sich doch gegen das Gemeinschaftsleben Derer hier oben so
-kritisch-spöttisch verhielt. Er wußte alles. Er kannte die Namen und
-ungefähr auch die Lebensumstände Neuangekommener; er berichtete, daß
-gestern bei dem und dem oder der und der eine Rippenresektion
-vorgenommen worden und hatte es aus bester Quelle, daß vom Herbst an
-Kranke über 38,5 Grad nicht mehr aufgenommen werden würden. In der
-letzten Nacht hatte sich, seiner Erzählung nach, das Hündchen der Madame
-Capatsoulias aus Mytilene auf den Knopf des elektrischen Lichtsignals
-auf dem Nachttisch seiner Herrin gesetzt, woraus viel Rennerei und
-Tumult entstanden war, besonders, da man Madame Capatsoulias nicht
-allein, sondern in Gesellschaft des Assessors Düstmund aus
-Friedrichshagen gefunden habe. Selbst Dr. Blumenkohl mußte lächeln über
-diese Geschichte, die hübsche Marusja wollte in ihrem Orangentüchlein
-fast ersticken, und Frau Stöhr schrie gellend, indem sie die linke Brust
-mit beiden Händen preßte.
-
-Aber mit den Vettern sprach Lodovico Settembrini auch von sich selbst
-und seiner Herkunft, sei es auf den Spaziergängen, gelegentlich der
-Abendgeselligkeit oder nach beendetem Mittagstisch, wenn die große
-Mehrzahl der Patienten den Saal schon verlassen hatte und die drei
-Herren noch eine Weile an ihrem Tafelende sitzenblieben, während die
-Saaltöchter abräumten und Hans Castorp seine Maria Mancini rauchte,
-deren Würze er in der dritten Woche wieder ein wenig zu schmecken
-begann. Aufmerksam prüfend, befremdet, aber willig sich beeinflussen zu
-lassen, hörte er den Erzählungen des Italieners zu, die ihm eine
-sonderbare, durchaus neuartige Welt eröffneten.
-
-Settembrini sprach von seinem Großvater, der zu Mailand Advokat,
-hauptsächlich aber ein großer Patriot gewesen und etwas wie einen
-politischen Agitator, Redner und Zeitschriften-Mitarbeiter vorgestellt
-hatte, – auch er ein Oppositionsmann, gleich dem Enkel, doch hatte er
-das Ding in größerem, kühnerem Stile betrieben. Denn während Lodovico,
-wie er selber mit Bitterkeit bemerkte, sich darauf angewiesen fand, das
-Leben und Treiben im Internationalen Sanatorium Berghof zu hecheln,
-höhnische Kritik daran zu üben und im Namen einer schönen und tatfrohen
-Menschlichkeit Verwahrung dagegen einzulegen, hatte jener den
-Regierungen zu schaffen gemacht, gegen Österreich und die Heilige
-Allianz konspiriert, die damals sein zerstückeltes Vaterland im Banne
-dumpfer Knechtschaft gehalten hatten, und war eifriges Mitglied
-gewisser, über Italien verbreiteter geheimer Gesellschaften gewesen, –
-ein Carbonaro, wie Settembrini mit plötzlich gesenkter Stimme erklärte,
-als sei es auch jetzt noch gefährlich, davon zu sprechen. Kurz, dieser
-Giuseppe Settembrini stellte sich, nach den Erzählungen des Enkels, den
-beiden Zuhörern als eine dunkle, leidenschaftliche und wühlerische
-Existenz, als ein Rädelsführer und Verschwörer dar, und bei aller
-Achtung, deren sie sich höflicherweise befleißigten, gelang es ihnen
-nicht ganz, einen Ausdruck mißtrauischer Abneigung, ja des Widerwillens
-aus ihren Zügen zu verbannen. Freilich lagen die Dinge besonders: was
-sie hörten, war lange her, fast hundert Jahre, es war Geschichte, und
-aus der Geschichte, namentlich der alten, war ihnen das Wesen, von dem
-sie hier vernahmen, die Erscheinung verzweifelten Freiheitsmutes und
-unbeugsamen Tyrannenhasses theoretisch vertraut, obwohl sie nie gedacht
-hatten, so menschlich unmittelbar mit ihm in Berührung zu kommen. Auch
-hatte sich mit dem Aufrührer- und Konspirantentum dieses Großvaters, wie
-sie hörten, eine große Liebe zu seinem Vaterlande verbunden, das er
-einig und frei wissen wollte, – ja, sein umstürzlerisches Betreiben war
-Frucht und Ausfluß dieser achtbaren Verbundenheit gewesen, und wie
-sonderbar die Mischung von Aufrührerei und Patriotismus die Vettern,
-einen wie den andern, auch anmutete – denn sie waren gewohnt,
-vaterländische Gesinnung mit einem erhaltenden Ordnungssinn
-gleichzusetzen –, so mußten sie bei sich selber doch zugeben, daß, wie
-dort und damals alles sich verhalten hatte, Rebellion mit Bürgertugend
-und loyale Gesetztheit mit träger Gleichgültigkeit gegen das öffentliche
-Wesen mochte gleichbedeutend gewesen sein.
-
-Aber nicht nur ein italienischer Patriot war Großvater Settembrini
-gewesen, sondern Mitbürger und Mitstreiter aller nach Freiheit
-dürstenden Völker. Denn nach dem Scheitern eines gewissen Hand- und
-Staatsstreichversuches, den man in Turin unternommen, und an dem er mit
-Wort und Tat beteiligt gewesen, nur mit genauer Not den Häschern des
-Fürsten Metternich entkommen, hatte er die Zeit seiner Verbannung dazu
-benutzt, in Spanien für die Konstitution und in Griechenland für die
-Unabhängigkeit des hellenischen Volkes zu kämpfen und zu bluten. Hier
-war Settembrinis Vater zur Welt gekommen, – weshalb er denn wohl auch
-ein so großer Humanist und Liebhaber des klassischen Altertums geworden
-war, – geboren übrigens von einer Mutter deutschen Blutes, denn Giuseppe
-hatte das Mädchen in der Schweiz geheiratet und bei seinen weiteren
-Abenteuern mit sich geführt. Später, nach zehnjähriger Landflüchtigkeit,
-hatte er in die Heimat zurückkehren können und zu Mailand als Advokat
-gewirkt, keineswegs aber darauf verzichtet, die Nation durch das
-gesprochene und geschriebene Wort, in Vers und Prosa zur Freiheit und
-zur Herstellung der einheitlichen Republik aufzurufen, staatsumwälzende
-Programme mit leidenschaftlich diktatorischem Schwung zu entwerfen und
-klaren Stiles die Vereinigung der befreiten Völker zur Errichtung des
-allgemeinen Glückes zu verkünden. Eine Einzelheit, deren Settembrini,
-der Enkel, erwähnte, machte besonderen Eindruck auf den jungen Hans
-Castorp: daß nämlich Großvater Giuseppe sich zeit seines Lebens
-ausschließlich in schwarzer Trauerkleidung unter seinen Mitbürgern
-gezeigt habe, denn er sei ein Leidtragender, habe er gesagt, um Italien,
-sein Vaterland, das in Elend und Knechtschaft dahinschmachte. Bei dieser
-Nachricht mußte Hans Castorp, wie er es übrigens schon vorher ein
-paarmal vergleichend getan hatte, an seinen eigenen Großvater denken,
-der ebenfalls, solange der Enkel ihn kannte, sich allezeit schwarz
-getragen hatte, aber in gründlich anderem Sinne, als dieser Großvater
-hier: an die altmodische Tracht dachte er, mit der Hans Lorenz Castorps
-eigentliches, einer vergangenen Zeit angehöriges Wesen sich behelfsweise
-und unter Andeutung seiner Unzugehörigkeit der Gegenwart angepaßt hatte,
-bis es im Tode zu seiner wahren und angemessenen Gestalt (mit der
-Tellerkrause) feierlich eingegangen war. Zwei auffallend
-verschiedenartige Großväter waren das wahrhaftig gewesen! Hans Castorp
-dachte darüber nach, indes seine Augen sich festsahen und er vorsichtig
-den Kopf schüttelte, so, daß es ebensogut als ein Zeichen der
-Bewunderung für Giuseppe Settembrini, wie auch als Befremdung und
-Verneinung gedeutet werden konnte. Auch hütete er sich redlich, das
-Fremdartige zu verurteilen, sondern hielt sich an, es bei Vergleich und
-Feststellung bewenden zu lassen. Er sah den schmalen Kopf des alten Hans
-Lorenz im Saale sich sinnend über das schwachgoldene Rund der
-Taufschale, des stehend-wandernden Erbstückes neigen, – gerundeten
-Mundes, denn seine Lippen bildeten die Vorsilbe „Ur“, diesen dumpfen und
-frommen Laut, der an Orte erinnerte, an denen man in eine ehrerbietig
-vorwärts wiegende Gangart verfiel. Und er sah Giuseppe Settembrini, die
-Trikolore im Arm, mit geschwungenem Säbel und den schwarzen Blick
-gelobend gen Himmel gewandt, einer Schar von Freiheitskämpfern voran
-gegen die Phalanx des Despotismus stürmen. Beides hatte wohl seine
-Schönheit und Ehre, dachte er, um Billigkeit desto mehr bemüht, als er
-sich persönlich oder halb persönlich ein wenig Partei fühlte. Denn
-Großvater Settembrini hatte ja um politische Rechte gestritten, seinem
-eigenen Großvater aber oder doch dessen Vorvätern hatten ursprünglich
-alle Rechte gehört, und die Krapüle hatte sie ihnen im Laufe von vier
-Jahrhunderten mit Gewalt und Redensarten entrissen ... Da waren sie nun
-beide immer in Schwarz gegangen, der Großvater im Norden und der im
-Süden, und beide zu dem Zweck, einen strengen Abstand zwischen sich und
-die schlechte Gegenwart zu legen. Aber der eine hatte es aus Frömmigkeit
-getan, der Vergangenheit und dem Tode zu Ehren, denen sein Wesen
-angehörte; der andere dagegen aus Rebellion und zu Ehren eines
-frömmigkeitsfeindlichen Fortschritts. Ja, das waren zwei Welten oder
-Himmelsgegenden, dachte Hans Castorp, und wie er gleichsam zwischen
-ihnen stand, während Herr Settembrini erzählte, und prüfend bald in die
-eine, bald in die andere blickte, so, meinte er, habe er es schon einmal
-erfahren. Er erinnerte sich einer einsamen Kahnfahrt im Abendzwielicht
-auf einem holsteinischen See, im Spätsommer, vor einigen Jahren. Um
-sieben Uhr war es gewesen, die Sonne war schon hinab, der annähernd
-volle Mond im Osten über den buschigen Ufern schon aufgegangen. Da hatte
-zehn Minuten lang, während Hans Castorp sich über die stillen Wasser
-dahinruderte, eine verwirrende und träumerische Konstellation
-geherrscht. Im Westen war heller Tag gewesen, ein glasig nüchternes,
-entschiedenes Tageslicht; aber wandte er den Kopf, so hatte er in eine
-ebenso ausgemachte, höchst zauberhafte, von feuchten Nebeln
-durchsponnene Mondnacht geblickt. Das sonderbare Verhältnis hatte wohl
-eine knappe Viertelstunde bestanden, bevor es sich zugunsten der Nacht
-und des Mondes ausgeglichen, und mit heiterem Staunen waren Hans
-Castorps geblendete und vexierte Augen von einer Beleuchtung und
-Landschaft zur anderen, vom Tage in die Nacht und aus der Nacht wieder
-in den Tag gegangen. Daran also mußte er denken.
-
-Ein großer Rechtsgelehrter, dachte er ferner, konnte Advokat Settembrini
-bei seiner Lebensführung und seinem ausgedehnten Betreiben nicht gut
-geworden sein. Aber der allgemeine Grundsatz des Rechtes hatte ihn, wie
-der Enkel glaubhaft machte, von Kindesbeinen bis an sein Lebensende
-beseelt, und Hans Castorp, obgleich zur Zeit nicht eben scharf im Kopfe
-und von einer sechsgängigen Berghof-Mahlzeit organisch stark in Anspruch
-genommen, bemühte sich, zu verstehen, wie Settembrini es meinte, wenn er
-diesen Grundsatz „die Quelle der Freiheit und des Fortschritts“ nannte.
-Unter dem letzteren hatte Hans Castorp bisher so etwas verstanden, wie
-die Entwicklung des Hebezeug-Wesens im neunzehnten Jahrhundert; und er
-fand denn auch, daß Herr Settembrini solche Dinge nicht niedrig
-einschätzte, was offenbar auch sein Großvater nicht getan. Der Italiener
-erzeigte dem Vaterlande seiner beiden Zuhörer hohe Ehre in Hinsicht
-darauf, daß dort das Schießpulver erfunden worden sei, welches den
-Harnisch des Feudalismus zum Gerümpel gemacht habe, sowie die
-Druckerpresse: denn diese habe die demokratische Verbreitung der Ideen –
-das heiße: die Verbreitung der demokratischen Ideen ermöglicht. Er lobte
-also Deutschland in diesem Betracht und, soweit die Vergangenheit in
-Frage kam, wenn er auch seinem eigenen Lande billig die Palme glaubte
-reichen zu sollen, da es, während die anderen Völker noch in Aberglauben
-und Knechtschaft dämmerten, als erstes die Fahne der Aufklärung, Bildung
-und Freiheit entrollt habe. Wenn er aber der Technik und dem Verkehr,
-Hans Castorps persönlichem Arbeitsgebiet, viel Reverenz erwies, wie er
-es schon bei seiner ersten Begegnung mit den Vettern bei der Bank am
-Abhange getan, so schien es doch nicht um dieser Mächte selbst willen zu
-geschehen, sondern in Anbetracht ihrer Bedeutung für die moralische
-Vervollkommnung der Menschen, – denn eine solche Bedeutung erklärte er
-freudig ihnen beizumessen. Indem die Technik, sagte er, mehr und mehr
-die Natur sich unterwerfe, durch die Verbindungen, welche sie schaffe,
-den Ausbau der Straßennetze und Telegraphen, die klimatischen
-Unterschiede besiege, erweise sie sich als das verlässigste Mittel, die
-Völker einander nahe zu bringen, ihre gegenseitige Bekanntschaft zu
-fördern, menschlichen Ausgleich zwischen ihnen anzubahnen, ihre
-Vorurteile zu zerstören und endlich ihre allgemeine Vereinigung
-herbeizuführen. Das Menschengeschlecht komme aus Dunkel, Furcht und Haß,
-jedoch auf glänzendem Wege bewege es sich vorwärts und aufwärts einem
-Endzustande der Sympathie, der inneren Helligkeit, der Güte und des
-Glückes entgegen, und auf diesem Wege sei die Technik das förderlichste
-Vehikel, sagte er. Aber indem er so sprach, faßte er in _einer_
-Auslassung des Atems Kategorien zusammen, die Hans Castorp bisher nur
-weit voneinander getrennt zu denken gewohnt gewesen war. Technik und
-Sittlichkeit! sagte er. Und dann sprach er wahrhaftig vom Heilande des
-Christentums, der das Prinzip der Gleichheit und der Vereinigung zuerst
-offenbart, worauf die Druckerpresse die Verbreitung dieses Prinzipes
-mächtig gefördert und endlich die große französische Staatsumwälzung es
-zum Gesetz erhoben habe. Das mutete den jungen Hans Castorp, wenn auch
-aus unbestimmten Gründen, so doch in der Tat auf das allerbestimmteste
-konfus an, obwohl Herr Settembrini es in so klare und pralle Worte
-faßte. Einmal, erzählte dieser, einmal in seinem Leben, und zwar zu
-Beginn seines besten Mannesalters, habe sein Großvater sich recht von
-Herzen glücklich gefühlt, und das sei zur Zeit der Pariser
-Juli-Revolution gewesen. Laut und öffentlich habe er damals das Wort
-gesprochen, daß alle Menschen dereinst jene drei Tage von Paris neben
-die sechs Tage der Weltschöpfung stellen würden. Hier konnte Hans
-Castorp nicht umhin, mit der Hand auf den Tisch zu schlagen und sich bis
-in den Grund seiner Seele zu wundern. Daß man drei Sommertage des Jahres
-1830, an welchen die Pariser sich eine neue Verfassung gegeben, neben
-die sechs stellen solle, in denen Gott der Herr die Feste von den
-Wassern geschieden und die ewigen Himmelslichter sowie Blumen, Bäume,
-Vögel, Fische und alles Leben geschaffen hatte, schien ihm stark, und
-noch nachher, allein mit seinem Vetter Joachim, ausdrücklich und
-gesprächsweise, fand er es überaus stark, ja geradezu anstößig.
-
-Aber er war guten Willens, sich beeinflussen zu lassen, im Sinne des
-Wortes, daß es angenehm sei, Versuche anzustellen, und so legte er dem
-Proteste, den seine Pietät und sein Geschmack gegen die Settembrinische
-Anordnung der Dinge erhoben, Zügel an, in der Erwägung, daß, was ihm
-lästerlich vorkam, Kühnheit genannt werden könne und, was ihn
-abgeschmackt anmutete, Hochherzigkeit und edelmütiger Überschwang
-wenigstens dort und damals gewesen sein mochte: so zum Beispiel, wenn
-Großvater Settembrini die Barrikaden den „Volksthron“ genannt und
-erklärt hatte, es gelte, „die Pike des Bürgers am Altar der Menschheit
-zu weihen“.
-
-Hans Castorp wußte, warum er Herrn Settembrini zuhörte, nicht
-ausdrücklich, aber er wußte es. Etwas wie Pflichtgefühl war dabei, außer
-jener Ferien-Verantwortungslosigkeit des Reisenden und Hospitanten, der
-sich gegen keinen Eindruck verhärtet und die Dinge an sich herankommen
-läßt, in dem Bewußtsein, daß er morgen oder übermorgen wieder die Flügel
-lüften und in die gewohnte Ordnung zurückkehren wird: – etwas wie eine
-Gewissensvorschrift also, und zwar, um genau zu sein, die Vorschrift und
-Mahnung eines irgendwie schlechten Gewissens, bestimmte ihn, dem
-Italiener zuzuhören, ein Bein über das andere geschlagen und an seiner
-Maria Mancini ziehend, oder wenn sie zu dritt vom Englischen Viertel
-gegen den Berghof emporstiegen.
-
-Nach Settembrinis Anordnung und Darstellung lagen zwei Prinzipien im
-Kampf um die Welt: die Macht und das Recht, die Tyrannei und die
-Freiheit, der Aberglaube und das Wissen, das Prinzip des Beharrens und
-dasjenige der gärenden Bewegung, des Fortschritts. Man konnte das eine
-das asiatische Prinzip, das andere aber das europäische nennen, denn
-Europa war das Land der Rebellion, der Kritik und der umgestaltenden
-Tätigkeit, während der östliche Erdteil die Unbeweglichkeit, die
-untätige Ruhe verkörperte. Gar kein Zweifel, welcher der beiden Mächte
-endlich der Sieg zufallen würde, – es war die der Aufklärung, der
-vernunftgemäßen Vervollkommnung. Denn immer neue Völker raffte die
-Menschlichkeit auf ihrem glänzenden Wege mit fort, immer mehr Erde
-eroberte sie in Europa selbst und begann, nach Asien vorzudringen. Doch
-fehlte noch viel an ihrem vollen Siege, und noch große und edelmütige
-Anstrengungen waren von den Wohlgesinnten, von denen, welche das Licht
-erhalten hatten, zu machen, bis nur erst der Tag kam, wo auch in den
-Ländern unseres Erdteils, die in Wahrheit weder ein achtzehntes
-Jahrhundert noch ein 1789 erlebt hatten, die Monarchien und Religionen
-zusammenstürzen würden. Aber dieser Tag werde kommen, sagte Settembrini
-und lächelte fein unter seinem Schnurrbart, – er werde, wenn nicht auf
-Taubenfüßen, so auf Adlersschwingen kommen und anbrechen als die
-Morgenröte der allgemeinen Völkerverbrüderung im Zeichen der Vernunft,
-der Wissenschaft und des Rechtes; die heilige Allianz der bürgerlichen
-Demokratie werde er bringen, das leuchtende Gegenstück zu jener dreimal
-infamen Allianz der Fürsten und Kabinette, deren persönlicher Todfeind
-Großvater Giuseppe gewesen, – mit einem Worte die Weltrepublik. Zu
-diesem Endziele aber war vor allem erforderlich, das asiatische, das
-knechtische Prinzip der Beharrung im Mittelpunkte und Lebensnerv seines
-Widerstandes zu treffen, nämlich in Wien. Österreich gelte es aufs Haupt
-zu schlagen und zu zerstören, einmal um Rache zu nehmen für Vergangenes
-und dann, um die Herrschaft des Rechtes und Glückes auf Erden in die
-Wege zu leiten.
-
-Diese letzte Wendung und Schlußfolgerung von Settembrinis wohllautenden
-Ergießungen interessierte Hans Castorp nun gar nicht mehr, sie mißfiel
-ihm, ja berührte ihn peinlich wie eine persönliche oder nationale
-Verbissenheit, sooft sie wiederkehrte, – von Joachim Ziemßen zu
-schweigen, der, wenn der Italiener in dieses Fahrwasser geriet, mit
-verfinsterten Brauen den Kopf abwandte und nicht mehr zuhörte, auch wohl
-zum Kurdienste mahnte oder das Gespräch abzulenken suchte. Auch Hans
-Castorp fühlte sich nicht gehalten, solchen Abwegigkeiten Aufmerksamkeit
-zu schenken, – offenbar lagen sie außer der Grenze dessen, wovon
-versuchsweise sich beeinflussen zu lassen eine Gewissensvorschrift ihn
-mahnte, und zwar so vernehmbar mahnte, daß er selbst, wenn Herr
-Settembrini sich zu ihnen setzte oder im Freien sich ihnen anschloß, ihn
-aufforderte, sich über seine Ideen zu äußern.
-
-Diese Ideen, Ideale und Willensstrebungen, bemerkte Settembrini, seien
-Familienüberlieferung in seinem Hause. Denn alle drei hätten sie ihnen
-ihr Leben und ihre Geisteskräfte gewidmet, der Großvater, Vater und
-Enkel, ein jeder nach seiner Art: der Vater nicht weniger als der
-Großvater Giuseppe, obgleich er nicht, wie dieser, ein politischer
-Agitator und Freiheitskämpfer, sondern ein stiller und zarter Gelehrter,
-ein Humanist an seinem Pulte gewesen sei. Was aber sei denn der
-Humanismus? Liebe zum Menschen sei er, nichts weiter, und damit sei er
-auch Politik, sei er auch Rebellion gegen alles, was die Idee des
-Menschen besudele und entwürdige. Man habe ihm eine übertriebene
-Schätzung der Form zum Vorwurf gemacht; aber auch die schöne Form pflege
-er lediglich um der Würde des Menschen willen, im glänzenden Gegensatze
-zum Mittelalter, das nicht allein in Menschenfeindschaft und
-Aberglauben, sondern auch in schimpfliche Formlosigkeit versunken
-gewesen sei, und von allem Anbeginn habe er die Sache des Menschen, die
-irdischen Interessen, habe er Gedankenfreiheit und Lebensfreude
-verfochten und dafür gehalten, daß der Himmel billig den Spatzen zu
-überlassen sei. Prometheus! Er sei der erste Humanist gewesen, und er
-sei identisch mit jenem Satanas, auf den Carducci seine Hymne gedichtet
-... Ach, mein Gott, die Vettern hätten den alten Kirchenfeind zu Bologna
-gegen die christliche Empfindsamkeit der Romantiker sollen sticheln und
-wettern hören! Gegen Manzonis heilige Gesänge! Gegen die Schatten- und
-Mondscheinpoesie des Romanticismo, den er der „bleichen Himmelsnonne
-Luna“ verglichen habe! _Per Bacco_, es sei ein Hochgenuß gewesen! Und
-hören sollen hätten sie auch, wie er, Carducci, Dante ausgelegt habe, –
-als Bürger einer Großstadt habe er ihn gefeiert, der gegen Askese und
-Weltverneinung die Tatkraft, die umwälzende und weltverbessernde,
-verteidigt habe. Denn nicht den kränklichen und mystagogischen Schatten
-der Beatrice habe der Dichter mit dem Namen der „_Donna gentile e
-pietosa_“ geehrt; so heiße vielmehr seine Gattin, die im Gedicht das
-Prinzip der diesseitigen Erkenntnis, der praktischen Lebensarbeit
-verkörpere ...
-
-Da hatte Hans Castorp nun auch dies und das über Dante gehört, und zwar
-aus bester Quelle. Ganz fest verließ er sich nicht darauf, in Anbetracht
-der Windbeutelei des Vermittlers; aber hörenswert war es immerhin, daß
-Dante ein geweckter Großstädter gewesen sei. Und dann hörte er weiter
-zu, wie Settembrini von sich selber sprach und erklärte, in seiner, des
-Enkels Lodovico, Person nun aber hätten die Tendenzen seiner
-unmittelbaren Vorfahren, die staatsbürgerliche des Großvaters und die
-humanistische des Vaters, sich vereinigt, indem er nämlich ein Literat,
-ein freier Schriftsteller geworden sei. Denn die Literatur sei nichts
-anderes als eben dies: sie sei die Vereinigung von Humanismus und
-Politik, welche sich um so zwangloser vollziehe, als ja Humanismus
-selber schon Politik und Politik Humanismus sei ... Hier horchte Hans
-Castorp auf und gab sich Mühe, es recht zu verstehen; denn er durfte nun
-hoffen, Bierbrauer Magnussens ganze Unbelehrtheit einzusehen und zu
-erfahren, inwiefern die Literatur denn doch noch etwas anderes sei als
-„schöne Charaktere“. Ob, fragte Settembrini, seine Zuhörer je von Herrn
-Brunetto gehört hätten, Brunetto Latini, Stadtschreiber von Florenz um
-1250, der ein Buch über die Tugenden und die Laster geschrieben? Dieser
-Meister zuerst habe den Florentinern Schliff gegeben und sie das
-Sprechen gelehrt sowie die Kunst, ihre Republik nach den Regeln der
-Politik zu lenken. „Da haben Sie es, meine Herren!“ rief Settembrini.
-„Da haben Sie es!“ Und er sprach vom „Worte“, vom Kultus des Wortes, der
-Eloquenz, die er den Triumph der Menschlichkeit nannte. Denn das Wort
-sei die Ehre des Menschen, und nur dieses mache das Leben
-menschenwürdig. Nicht nur der Humanismus, – Humanität überhaupt, alle
-Menschenwürde, Menschenachtung und menschliche Selbstachtung sei
-untrennbar mit dem Worte, mit Literatur verbunden – („Siehst du wohl,“
-sagte Hans Castorp später zu seinem Vetter, „siehst du wohl, daß es in
-der Literatur auf die schönen Worte ankommt? Ich habe es gleich
-gemerkt.“), – und so sei auch die Politik mit ihr verbunden, oder
-vielmehr: sie gehe hervor aus dem Bündnis, der Einheit von Humanität und
-Literatur, denn das schöne Wort erzeuge die schöne Tat. „Sie hatten in
-Ihrem Lande,“ sagte Settembrini, „vor zweihundert Jahren einen Dichter,
-einen prächtigen alten Plauderer, der großes Gewicht auf eine schöne
-Handschrift legte, weil er meinte, daß eine solche zum schönen Stile
-führe. Er hätte ein wenig weiter gehen sollen und sagen, daß ein schöner
-Stil zu schönen Handlungen führe.“ Schön schreiben, das heiße beinahe
-auch schon schön denken, und von da sei nicht weit mehr zum schönen
-Handeln. Alle Sittigung und sittliche Vervollkommnung entstamme dem
-Geiste der Literatur, diesem Geiste der Menschenehre, welcher zugleich
-auch der Geist der Humanität und der Politik sei. Ja, dies alles sei
-eins, sei ein und dieselbe Macht und Idee, und in _einen_ Namen könne
-man es zusammenfassen. Wie dieser Name laute? Nun, dieser Name setze
-sich aus vertrauten Silben zusammen, deren Sinn und Majestät die Vettern
-aber gewiß so recht noch niemals begriffen hätten, – er laute:
-Zivilisation! Und indem Settembrini dies Wort von den Lippen ließ, warf
-er seine kleine, gelbe Rechte empor, wie jemand, der einen Toast
-ausbringt.
-
-Dies alles fand der junge Hans Castorp hörenswert, zwar
-unverbindlicherweise und mehr zum Versuch, doch hörenswert auf alle
-Fälle fand er, daß es sei, und sprach sich in diesem Sinne auch gegen
-Joachim Ziemßen darüber aus, der aber gerade das Thermometer im Munde
-hatte und also nur undeutlich antworten konnte, danach auch allzu
-beschäftigt war, die Ziffer abzulesen und in die Tabelle einzutragen, um
-sich zu Settembrinis Aspekten äußern zu können. Hans Castorp, wie wir
-sagten, nahm gutwillig Kenntnis davon und öffnete ihnen zur Prüfung sein
-Inneres: woraus vor allem erhellt, wie vorteilhaft der wachende Mensch
-sich von dem blöde träumenden unterscheidet, – als welcher Hans Castorp
-Herrn Settembrini schon mehrmals ins Gesicht hinein einen Drehorgelmann
-geschimpft und ihn aus allen Kräften von der Stelle zu drängen versucht
-hatte, weil er „hier störe“; als Wachender aber hörte er ihm höflich und
-aufmerksam zu und suchte rechtlich gesinnt die Widerstände auszugleichen
-und niederzuhalten, die sich gegen des Mentors Anordnungen und
-Darstellungen in ihm erheben wollten. Denn daß gewisse Widerstände in
-seiner Seele sich regten, soll nicht geleugnet werden: es waren solche,
-die von früher her, ursprünglich und immer schon darin vorhanden
-gewesen, wie auch solche, die sich aus der gegenwärtigen Sachlage
-besonders ergaben, aus seinen teils mittelbaren, teils verschwiegenen
-Erlebnissen bei Denen hier oben.
-
-Was ist der Mensch, wie leicht betrügt sich doch sein Gewissen! Wie
-versteht er es, noch aus der Stimme der Pflicht die Erlaubnis zur
-Leidenschaft herauszuhören! Aus Pflichtgefühl, um der Billigkeit, des
-Gleichgewichts willen hörte Hans Castorp Herrn Settembrini zu und prüfte
-wohlmeinend seine Aspekten über die Vernunft, die Republik und den
-schönen Stil, bereit, sich davon beeinflussen zu lassen. Desto
-statthafter aber fand er es hinterdrein, seinen Gedanken und Träumen
-wieder in anderer, in _entgegengesetzter_ Richtung freien Lauf zu
-lassen, – ja, um unseren ganzen Verdacht oder unsere ganze Einsicht
-auszusprechen, so hatte er wohl gar Herrn Settembrini nur zu dem
-_Zwecke_ gelauscht, von seinem Gewissen einen Freibrief zu erlangen, den
-es ihm ursprünglich nicht hatte ausfertigen wollen. Was oder wer aber
-befand sich auf dieser anderen, dem Patriotismus, der Menschenwürde und
-der schönen Literatur entgegengesetzten Seite, wohin Hans Castorp sein
-Sinnen und Betreiben nun wieder lenken zu dürfen glaubte? Dort befand
-sich ... Clawdia Chauchat, – schlaff, wurmstichig und kirgisenäugig; und
-indem Hans Castorp ihrer gedachte (übrigens ist „gedenken“ ein allzu
-gezügelter Ausdruck für seine Art, sich ihr innerlich zuzuwenden), war
-es ihm wieder, als säße er im Kahn auf jenem holsteinischen See und
-blicke aus der glasigen Tageshelle des westlichen Ufers vexierten und
-geblendeten Auges hinüber in die nebeldurchsponnene Mondnacht der
-östlichen Himmel.
-
-
- Das Thermometer
-
-Hans Castorps Woche lief hier von Dienstag bis Dienstag, denn an einem
-Dienstag war er ja angekommen. Daß er im Bureau seine zweite
-Wochenrechnung beglichen hatte, lag schon ein paar Tage zurück, – die
-bescheidene Wochenrechnung von rund 160 Franken, bescheiden und billig
-nach seinem Urteil, selbst wenn man die Unbezahlbarkeiten des hiesigen
-Aufenthalts, eben ihrer Unbezahlbarkeit wegen, überhaupt nicht in
-Anschlag brachte, auch nicht gewisse Darbietungen, die wohl berechenbar
-gewesen wären, wenn man gewollt hätte, wie zum Exempel die
-vierzehntägige Kurmusik und die Vorträge Dr. Krokowskis, sondern allein
-und ausschließlich die eigentliche Bewirtung und gasthausmäßige
-Leistung, das bequeme Logis, die fünf übergewaltigen Mahlzeiten.
-
-„Es ist nicht viel, es ist eher billig, du kannst nicht klagen, daß man
-dich überfordert hier oben“, sagte der Hospitant zu dem Eingesessenen.
-„Du brauchst also rund 650 Franken den Monat für Wohnung und Essen, und
-dabei ist ja die ärztliche Behandlung schon einbegriffen. Gut. Nimm an,
-du wirfst im Monat noch dreißig Franken für Trinkgelder aus, wenn du
-anständig bist und Wert legst auf freundliche Gesichter. Das sind 680
-Franken. Gut. Du wirst mir sagen, daß es noch Spesen und Sporteln gibt.
-Man hat Auslagen für Getränke, für Kosmetik, für Zigarren, man macht mal
-einen Ausflug, eine Wagenfahrt, wenn du willst, und dann und wann gibt
-es eine Schuster- oder Schneiderrechnung. Gut, aber bei alldem bringst
-du mit dem besten Willen noch keine tausend Franken im Monat unter! Noch
-keine achthundert Mark! Das sind noch keine 10000 Mark im Jahr. Mehr ist
-es auf keinen Fall. Davon lebst du.“
-
-„Kopfrechnen lobenswert“, sagte Joachim. „Ich wußte gar nicht, daß du so
-gewandt darin bist. Und daß du gleich die Jahreskalkulation aufstellst,
-das finde ich großzügig von dir, entschieden hast du schon etwas gelernt
-hier oben. Übrigens rechnest du zu hoch. Ich rauche ja keine Zigarren,
-und Anzüge hoffe ich mir hier auch nicht machen lassen zu müssen, ich
-danke!“
-
-„Also sogar noch zu hoch“, sagte Hans Castorp etwas verwirrt. Aber wie
-es nun gekommen sein mochte, daß er seinem Vetter Zigarren und neue
-Anzüge in Rechnung gestellt hatte, – was sein behendes Kopfrechnen
-betraf, so war das nichts weiter als Blendwerk und Irreführung über
-seine natürlichen Gaben. Denn wie in allen Stücken, war er auch hierin
-eher langsam und bar des Feuers, und seine rasche Übersicht in diesem
-Falle war keine Stegreifleistung, sondern beruhte auf Vorbereitung, und
-zwar auf _schriftlicher_ Vorbereitung, indem nämlich Hans Castorp eines
-Abends während der Liegekur (denn er legte sich abends nun doch hinaus,
-da alle es taten) eigens von seinem vorzüglichen Liegestuhl aufgestanden
-war, um sich, einem plötzlichen Einfall folgend, aus dem Zimmer Papier
-und Bleistift zum Rechnen zu holen. Damit hatte er denn festgestellt,
-daß sein Vetter, oder vielmehr, daß man überhaupt hier alles in allem
-12000 Franken pro Jahr benötige und sich zum Spaße innerlich
-klargemacht, daß er für seine Person dem Leben hier oben wirtschaftlich
-mehr als gewachsen sei, da er sich als einen Mann von 18-19000 Franken
-jährlich betrachten durfte.
-
-Seine zweite Wochenrechnung also war vor drei Tagen gegen Dank und
-Quittung geregelt worden, was so viel heißen will, wie daß er sich
-mitten in der dritten und plangemäß letzten Woche seines Aufenthaltes
-hier oben befand. Am kommenden Sonntag würde er noch eines der
-vierzehntägig wiederkehrenden Kurkonzerte hier miterleben und am Montag
-noch einem der ebenfalls vierzehntägig sich wiederholenden Vorträge Dr.
-Krokowskis beiwohnen, – sagte er zu sich selbst und zu seinem Vetter; am
-Dienstag oder Mittwoch aber würde er reisen und Joachim wieder allein
-hier zurücklassen, den armen Joachim, dem Radamanth noch wer weiß wie
-viele Monate zudiktiert hatte, und dessen sanfte, schwarze Augen sich
-jedesmal wehmütig verschleierten, wenn von Hans Castorps rapid
-heranrückender Abreise die Rede war. Ja, großer Gott, wo war diese
-Ferienzeit geblieben! Verronnen, verflogen, enteilt, – man wußte
-wahrhaftig nicht recht zu sagen, wie. Es waren doch schließlich
-einundzwanzig Tage gewesen, die sie hatten miteinander verleben sollen,
-eine lange Reihe, nicht leicht zu übersehen am Anfang. Und nun waren auf
-einmal nur noch drei, vier geringfügige Tage davon übrig, ein wenig
-beträchtlicher Restbestand, etwas beschwert allerdings durch die beiden
-periodischen Abwandlungen des Normaltages, aber schon erfüllt von Pack-
-und Abschiedsgedanken. Drei Wochen waren eben so gut wie nichts hier
-oben, – sie hatten es ihm ja alle gleich gesagt. Die kleinste
-Zeiteinheit war hier der Monat, hatte Settembrini gesagt, und da Hans
-Castorps Aufenthalt sich unter dieser Größe hielt, so war er eben ein
-Nichts von einem Aufenthalt und eine Stippvisite, wie Hofrat Behrens
-sich ausgedrückt hatte. Ob es vielleicht an der erhöhten
-Allgemeinverbrennung lag, daß die Zeit hier so im Handumdrehen verging?
-Solche Raschlebigkeit war ja ein Trost für Joachim in Hinsicht auf die
-fünf Monate, die ihm noch bevorstanden, falls es bei fünfen sein
-Bewenden haben würde. Aber während dieser drei Wochen hätten sie der
-Zeit etwas besser aufpassen sollen, so, wie es während des Messens
-geschah, wo dann die vorgeschriebenen sieben Minuten zu einer so
-bedeutenden Zeitspanne wurden ... Hans Castorp fühlte herzliches Mitleid
-mit seinem Vetter, dem die Trauer über den nahe bevorstehenden Verlust
-des menschlichen Gesellschafters in den Augen zu lesen war, – fühlte in
-der Tat das stärkste Mitleid mit ihm, wenn er bedachte, daß der Arme nun
-immerfort ohne ihn hierbleiben sollte, während er selbst wieder im
-Flachland lebte und im Dienste der völkerverbindenden Verkehrstechnik
-tätig war: ein geradezu brennendes Mitleid, schmerzhaft für die Brust in
-gewissen Augenblicken und, kurz, so lebhaft, daß er zuweilen ernstlich
-daran zweifelte, ob er es über sich gewinnen und Joachim allein würde
-hier oben lassen können. So sehr also brannte ihn manchmal das Mitleid,
-und dies war denn auch wohl der Grund, weshalb er selbst, von sich aus,
-weniger und weniger von seiner Abreise sprach: Joachim war es, der hin
-und wieder das Gespräch darauf brachte; Hans Castorp, wie wir sagten,
-schien aus natürlichem Takt und Feingefühl bis zum letzten Augenblick
-nicht daran denken zu wollen.
-
-„Nun wollen wir wenigstens hoffen,“ sagte Joachim, „daß du dich erholt
-hast bei uns und die Erfrischung spürst, wenn du hinunterkommst.“
-
-„Ja, ich werde also allerseits grüßen,“ erwiderte Hans Castorp, „und
-sagen, daß du spätestens in fünf Monaten nachkommst. Erholt? Du meinst,
-ob _ich_ mich erholt habe in diesen paar Tagen? Das will ich doch
-annehmen. Eine gewisse Erholung muß selbst in so kurzer Zeit doch am
-Ende wohl stattgefunden haben. Allerdings waren es ja so neuartige
-Eindrücke hier oben, neuartig in jeder Beziehung, sehr anregend, aber
-auch anstrengend für den Geist und den Körper, ich habe nicht das
-Gefühl, mit ihnen schon fertig geworden zu sein und mich akklimatisiert
-zu haben, was doch wohl die Vorbedingung aller Erholung wäre. Maria ist
-gottlob die alte, seit einigen Tagen bin ich ihr wieder auf den
-Geschmack gekommen. Aber von Zeit zu Zeit wird immer noch mein
-Taschentuch rot, wenn ich es benutze, und die verdammte Hitze im Gesicht
-mitsamt dem sinnlosen Herzklopfen werde ich auch, wie es scheint, bis
-zum Schluß nicht mehr loswerden. Nein, nein, von Akklimatisation kann
-man bei mir nicht gut reden, wie sollte man auch nach so kurzer Zeit. Da
-brauchte es länger, um sich hier zu akklimatisieren und mit den
-Eindrücken fertig zu werden, und dann könnte die Erholung beginnen und
-das Ansetzen von Eiweiß. Schade. Ich sage ‚schade‘, weil es entschieden
-fehlerhaft war, daß ich mir nicht mehr Zeit für diesen Aufenthalt
-vorbehielt, – zur Verfügung wär sie ja schließlich gewesen. So ist mir
-zumute, als ob ich mich zu Hause im Flachland vor allem einmal von der
-Erholung werde erholen müssen und drei Wochen schlafen, so abgearbeitet
-komme ich mir manchmal vor. Und nun kommt ja ärgerlicherweise dieser
-Katarrh hinzu ...“
-
-Es hatte nämlich den Anschein gewonnen, als ob Hans Castorp mit einem
-Schnupfen erster Klasse im Flachlande wieder eintreffen sollte. Er hatte
-sich erkältet, wahrscheinlich in der Liegekur, und zwar, um nochmals zu
-mutmaßen, in der Abendliegekur, an der er sich seit etwa einer Woche
-beteiligte, trotz des naßkalten Wetters, das sich vor seiner Abreise
-nicht mehr bessern zu wollen schien. Er hatte aber erfahren, daß es als
-schlecht nicht anerkannt wurde; der Begriff des schlechten Wetters
-bestand überhaupt nicht zu Recht hier oben, man fürchtete kein Wetter,
-man nahm kaum Rücksicht darauf, und mit der weichen Gelehrigkeit der
-Jugend, ihrer ganzen Anpassungswilligkeit an die Gedanken und Gebräuche
-der Umgebung, in die sie sich eben versetzt findet, hatte Hans Castorp
-angefangen, sich diese Gleichgültigkeit zu eigen zu machen. Wenn es wie
-aus Kannen goß, so durfte man nicht glauben, daß deshalb die Luft
-weniger trocken sei. Das war sie wohl wirklich nicht, denn nach wie vor
-hatte man einen so heißen Kopf davon, wie von der einer überheizten
-Stube, oder als ob man viel Wein getrunken. Was aber die Kälte anging,
-die erheblich war, so hätte es wenig Vernunft gehabt, sich vor ihr ins
-Zimmer zu flüchten; denn da es nicht schneite, wurde nicht geheizt, und
-im Zimmer zu sitzen war keineswegs behaglicher, als, im Winterpaletot
-und nach der Kunst in seine zwei guten Kamelhaardecken verpackt, in der
-Balkonloge zu liegen. Im Gegenteile und umgekehrt: dies letztere war das
-ganz unvergleichlich Behaglichere, es war, schlechthin geurteilt, die
-ansprechendste Lebenslage, die Hans Castorp je erprobt zu haben sich
-erinnerte, – ein Urteil, in dem er sich dadurch nicht beirren ließ, daß
-irgendein Schriftsteller und Carbonaro sie mit einem boshaften Unter-
-und Nebensinn die „horizontale“ Lebenslage nannte. Namentlich am Abend
-fand er sie ansprechend, wenn neben einem auf dem Tischchen das Lämpchen
-glühte und man, warm in den Decken, die wieder schmeckende Maria
-zwischen den Lippen und im Genuß aller schwer bestimmbaren Vorzüge des
-hiesigen Liegestuhltypus, mit freilich eisiger Nasenspitze und ein Buch
-– es war immer noch „_Ocean steamships_“ – in den freilich arg
-verklammten, rot angelaufenen Händen, durch die Bogen der Loggia über
-das dunkelnde, mit hier zerstreuten, dort dicht zusammentretenden
-Lichtern geschmückte Tal hinblickte, aus welchem fast jeden Abend und
-wenigstens eine Stunde lang, Musik herauftönte, angenehm abgedämpfte,
-vertraut melodische Klänge: Opernfragmente waren es, Stücke aus
-„Carmen“, aus dem „Troubadour“ oder dem „Freischütz“, wohlgebaute,
-zügige Walzer sodann, Märsche, bei denen man hochgemut den Kopf hin und
-her wandte, und muntere Mazurken. Mazurka? Marusja hieß sie eigentlich,
-die mit dem kleinen Rubin, und in der Nachbarloge, hinter der dicken
-Milchglaswand, lag Joachim, – dann und wann wechselte Hans Castorp ein
-vorsichtiges Wort mit ihm, unter voller Rücksichtnahme auf die anderen
-Horizontalen. Joachim hatte es in seiner Loge ebensogut wie Hans
-Castorp, wenn er auch unmusikalisch war und sich an den Abendkonzerten
-nicht so zu freuen verstand. Schade für ihn; er las wohl statt dessen in
-seiner russischen Grammatik. Hans Castorp aber ließ „_Ocean steamships_“
-auf der Decke liegen und lauschte mit herzlicher Teilnahme auf die
-Musik, blickte wohlgefällig in die durchsichtige Tiefe ihrer Faktur und
-empfand so inniges Vergnügen an einer charakter- und stimmungsvollen
-melodischen Eingebung, daß er sich zwischendurch nur mit Feindseligkeit
-an Settembrinis Äußerungen über die Musik erinnerte, Äußerungen, so
-ärgerlich wie die, daß die Musik politisch verdächtig sei, – was in der
-Tat nicht viel besser war, als Großvater Giuseppes Redensart von der
-Julirevolution und den sechs Tagen der Weltschöpfung ...
-
-Joachim also war des musikalischen Genusses nicht so teilhaftig, und
-auch die würzige Unterhaltung des Rauchens war ihm fremd; sonst aber lag
-er ebenso wohlgeborgen in seiner Loge, geborgen und befriedet. Der Tag
-war zu Ende, für diesmal war alles zu Ende, man war sicher, daß heute
-nichts mehr geschehen, keine Erschütterungen sich mehr ereignen, keine
-Zumutungen an die Herzmuskulatur mehr gestellt werden würden. Zugleich
-aber war man sicher, daß _morgen_ dies alles mit all der
-Wahrscheinlichkeit, die sich aus der Enge, Gunst und Regelmäßigkeit der
-Umstände ergab, wieder der Fall sein und von vorn beginnen werde; und
-diese doppelte Sicherheit und Geborgenheit war überaus behaglich, sie
-gestaltete zusammen mit der Musik und der wiedergefundenen Würze Marias
-die Abendliegekur für Hans Castorp zu einer wahrhaft glücklichen
-Lebenslage.
-
-Das alles nun aber hatte also nicht gehindert, daß der Hospitant und
-weiche Neuling sich in der Liegekur (oder wie und wo nun immer) tüchtig
-erkältet hatte. Ein schwerer Schnupfen schien im Anzuge, er saß ihm in
-der Stirnhöhle und drückte, das Zäpfchen im Halse war weh und wund, die
-Luft ging ihm nicht wie sonst durch den von der Natur hierzu
-vorgesehenen Kanal, sondern strich kalt, behindert und Hustenkrampf
-unaufhörlich erregend hindurch; seine Stimme hatte über Nacht die
-Klangfarbe eines dumpfen und wie von starken Getränken verbrannten
-Basses angenommen, und seiner Aussage nach hatte er in eben dieser Nacht
-kein Auge zugetan, da eine erstickende Trockenheit des Schlundes ihn je
-und je hatte vom Kissen auffahren lassen.
-
-„Höchst ärgerlich,“ sagte Joachim, „ist das und beinahe peinlich.
-Erkältungen, mußt du wissen, sind hier nicht _reçus_, man leugnet sie,
-sie kommen offiziell bei der großen Lufttrockenheit nicht vor, und als
-Patient würde man übel anlaufen bei Behrens, wenn man sich erkältet
-melden wollte. Aber bei dir ist es ja etwas anderes, du hast am Ende das
-Recht dazu. Es wäre doch gut, wenn wir den Katarrh noch abschneiden
-könnten, im Flachlande kennt man ja Praktiken, hier aber – ich zweifle,
-ob man sich hier genügend dafür interessieren wird. Krank soll man hier
-lieber nicht werden, es kümmert sich niemand darum. Das ist eine alte
-Lehre, du erfährst es nun auch noch zu guter Letzt. Als ich ankam, war
-hier eine Dame, die hielt sich die ganze Woche ihr Ohr und jammerte über
-Schmerzen, und schließlich sah Behrens es an. ‚Sie können ganz beruhigt
-sein,‘ sagt’ er, ‚tuberkulös ist es nicht.‘ Dabei hatte es sein
-Bewenden. Ja, wir müssen sehn, was sich tun läßt. Ich werde es morgen
-früh dem Bademeister sagen, wenn er zu mir kommt. Das ist der Dienstweg,
-und er wird es schon weitergeben, so daß dann doch vielleicht etwas für
-dich geschieht.“
-
-So Joachim; und der Dienstweg bewährte sich. Schon als Hans Castorp am
-Freitag von der Morgenmotion in sein Zimmer zurückkehrte, klopfte es bei
-ihm, und es ergab sich für ihn die persönliche Bekanntschaft mit dem
-Fräulein von Mylendonk oder der „Frau Oberin“, wie sie genannt wurde, –
-bisher hatte er die offenbar Vielbeschäftigte immer nur von weitem
-erblickt, wie sie, aus einem Krankenzimmer kommend, den Korridor
-überquerte, um in ein gegenüberliegendes einzutreten, oder sie flüchtig
-im Speisesaal auftauchen sehen und ihre quäkende Stimme vernommen. Nun
-also galt ihm selbst ihr Besuch; durch seinen Katarrh herbeigezogen,
-klopfte sie knöchern hart und kurz an seine Stubentür und trat ein, fast
-bevor er Herein gesagt, indem sie sich auf der Schwelle noch einmal
-zurückbeugte, um sich der Zimmernummer gewiß zu machen.
-
-„Dreiundvierzig“, quäkte sie ungedämpft. „Es stimmt. Menschenskind, _on
-me dit, que vous avez pris froid_, _I hear, you have caught a cold_,
-_Wy, kaschetsja, prostudilisj_, ich höre, Sie sind erkältet? Wie soll
-ich reden mit Ihnen? Deutsch, ich sehe schon. Ach, der Besuch vom jungen
-Ziemßen, ich sehe schon. Ich muß in den Operationssaal. Da ist einer,
-der wird chloroformiert und hat Bohnensalat gegessen. Wenn man seine
-Augen nicht überall hat ... Und Sie, Menschenskind, wollen sich hier
-erkältet haben?“
-
-Hans Castorp war verblüfft über diese Redeweise einer altadligen Dame.
-Während sie sprach, ging sie über ihre eigenen Worte hinweg, indem sie
-unruhig, in rollender, schleifenförmiger Bewegung den Kopf mit suchend
-erhobener Nase hin und her wandte, wie Raubtiere im Käfig tun, und ihre
-sommersprossige Rechte, leicht geschlossen und den Daumen nach oben, vor
-sich im Handgelenk schlenkerte, als wollte sie sagen: „Rasch, rasch,
-rasch! Hören Sie nicht auf das, was ich sage, sondern reden Sie selbst,
-daß ich fortkomme!“ Sie war eine Vierzigerin, kümmerlichen Wuchses, ohne
-Formen, angetan mit einem weißen, gegürteten, klinischen Schürzenkleid,
-auf dessen Brust ein Granatkreuz lag. Unter ihrer Schwesternhaube kam
-spärliches rötliches Haar hervor, ihre wasserblauen, entzündeten Augen,
-an deren einem zum Überfluß ein in der Entwicklung sehr weit
-vorgeschrittenes Gerstenkorn saß, waren unsteten Blicks, die Nase
-aufgeworfen, der Mund froschmäßig, außerdem mit schief vorstehender
-Unterlippe, die sie beim Sprechen schaufelnd bewegte. Indessen Hans
-Castorp betrachtete sie mit all der bescheiden duldsamen und
-vertrauensvollen Menschenfreundlichkeit, die ihm angeboren war.
-
-„Was ist denn das für eine Erkältung, he?“ fragte die Oberin wieder,
-indem sie ihre Augen durchdringend zu machen suchte, was aber nicht
-gelang, da sie abschweiften. „Wir lieben solche Erkältungen nicht. Sind
-Sie öfter erkältet? War Ihr Vetter nicht auch so oft erkältet? Wie alt
-sind Sie denn? Vierundzwanzig? Das Alter hat’s in sich. Und nun kommen
-Sie hier herauf und sind erkältet? Wir sollten hier nicht von
-‚Erkältung‘ reden, geehrtes Menschenskind, das ist so ein Schnickschnack
-von unten. (Das Wort „Schnickschnack“ nahm sich ganz abscheulich und
-abenteuerlich aus in ihrem Munde, wie sie es mit der Unterlippe
-schaufelnd hervorbrachte.) Sie haben den wunderschönsten Katarrh der
-Luftwege, das gebe ich zu, das sieht man Ihnen an den Augen an – (Und
-wieder machte sie den sonderbaren Versuch, ihm durchdringend in die
-Augen zu blicken, ohne daß es ihr recht gelingen wollte.) Aber Katarrhe
-kommen nicht von der Kälte, sondern sie kommen von einer Infektion, für
-die man aufnahmelustig war, und es fragt sich nur, ob eine unschuldige
-Infektion vorliegt oder eine weniger unschuldige, alles andere ist
-Schnickschnack. (Schon wieder das schauderhafte „Schnickschnack“!) Ist
-ja möglich, daß Ihre Aufnahmelustigkeit mehr zum Harmlosen neigt“, sagte
-sie und sah ihn an mit ihrem vorgeschrittenen Gerstenkorn, er wußte
-nicht, wie. „Hier haben Sie ein harmloses Antiseptikum. Wird Ihnen
-möglicherweise gut tun.“ Und sie holte aus der schwarzen Ledertasche,
-die ihr am Gürtel hing, ein Päckchen hervor, das sie auf den Tisch
-stellte. Es war Formamint. „Übrigens sehen Sie angeregt aus; als ob Sie
-Hitze hätten.“ Und sie ließ nicht ab, ihm in das Gesicht zu blicken,
-aber immer mit etwas beiseite gehenden Augen. „Haben Sie sich gemessen?“
-
-Er verneinte.
-
-„Warum nicht?“ fragte sie und ließ ihre schräg vorgeschobene Unterlippe
-in der Luft stehen ...
-
-Er verstummte. Der Gute war noch so jung, er hatte sich noch das
-Verstummen des Schuljungen bewahrt, der in der Bank steht, nichts weiß
-und schweigt.
-
-„Messen Sie sich etwa überhaupt nie?“
-
-„Doch, Frau Oberin. Wenn ich Fieber habe.“
-
-„Menschenskind, man mißt sich in erster Linie, um zu sehen, _ob_ man
-Fieber hat. Und jetzt haben Sie Ihrer Meinung nach keins?“
-
-„Ich weiß nicht recht, Frau Oberin; ich kann es nicht recht
-unterscheiden. Ein bißchen heiß und frostig bin ich schon seit meiner
-Ankunft hier oben.“
-
-„Aha. Und wo haben Sie Ihr Thermometer?“
-
-„Ich habe keins bei mir, Frau Oberin. Wozu, ich bin ja nur zu Besuch
-hier, ich bin gesund.“
-
-„Schnickschnack! Haben Sie mich gerufen, weil Sie gesund sind?“
-
-„Nein,“ lachte er höflich, „sondern weil ich mich etwas –“
-
-„– Erkältet habe. Solche Erkältungen sind uns schon öfter vorgekommen.
-Hier!“ sagte sie und kramte wieder in ihrer Tasche, um zwei längliche
-Lederetuis zum Vorschein zu bringen, ein schwarzes und ein rotes, die
-sie ebenfalls auf den Tisch legte. „Dieser hier kostet drei Franken
-fünfzig und der hier fünf Franken. Besser fahren Sie natürlich mit dem
-zu fünf. Das ist etwas fürs Leben, wenn Sie ordentlich damit umgehen.“
-
-Er nahm lächelnd das rote Etui vom Tisch und öffnete es. Schmuck wie ein
-Geschmeide lag das gläserne Gerät in die genau nach seiner Figur
-ausgesparte Vertiefung der roten Samtpolsterung gebettet. Die ganzen
-Grade waren mit roten, die Zehntelgrade mit schwarzen Strichen markiert.
-Die Bezifferung war rot, der untere, verjüngte Teil mit spiegelig
-glänzendem Quecksilber gefüllt. Die Säule stand tief und kühl, weit
-unter dem Normalgrade tierischer Wärme.
-
-Hans Castorp wußte, was er sich und seinem Ansehen schuldig war.
-
-„Ich nehme diesen“, sagte er, ohne dem anderen nur Beachtung zu
-schenken. „Den hier zu fünf. Darf ich Ihnen sofort ...“
-
-„Abgemacht!“ quäkte die Oberin. „Nur nicht knausern bei wichtigen
-Anschaffungen! Eilt nicht, es kommt auf die Rechnung. Geben Sie her, wir
-wollen ihn erst noch recht klein machen, ganz hinunterjagen – so.“ Und
-sie nahm ihm das Thermometer aus der Hand, stieß es wiederholt in die
-Luft und trieb so das Quecksilber noch tiefer, bis unter 35 hinab. „Wird
-schon steigen, wird schon emporwandern, der Merkurius!“ sagte sie. „Hier
-haben Sie Ihre Erwerbung! Sie wissen doch wohl, wie es gemacht wird bei
-uns? Unter die werte Zunge damit, auf sieben Minuten, viermal am Tag,
-und gut die geschätzten Lippen drum schließen. Adieu, Menschenskind!
-Wünsche gute Ergebnisse!“ Und sie war aus dem Zimmer.
-
-Hans Castorp, der sich verbeugt hatte, stand am Tische und sah auf die
-Tür, durch die sie verschwunden war, und auf das Instrument, das sie
-zurückgelassen. „Das war nun die Oberin von Mylendonk“, dachte er.
-„Settembrini mag sie nicht, und wahr ist es, sie hat ihre
-Unannehmlichkeiten. Das Gerstenkorn ist nicht schön, übrigens hat sie es
-ja wohl nicht immer. Aber warum nennt sie mich immer ‚Menschenskind‘,
-noch dazu mit einem s in der Mitte? Es ist burschikos und sonderbar. Und
-da hat sie mir nun ein Thermometer verkauft, sie hat immer ein paar in
-der Tasche. Es soll ja hier überall welche geben, in allen Läden, auch
-da, wo man es gar nicht erwarten sollte, Joachim sagte es. Aber ich habe
-mich nicht zu bemühen brauchen, es ist mir von selbst in den Schoß
-gefallen.“ Er nahm das zierliche Gerät aus dem Futteral, betrachtete es
-und ging dann mehrmals in Unruhe damit durch das Zimmer. Sein Herz
-klopfte rasch und stark. Er sah sich nach der offenen Balkontür um und
-machte eine Bewegung gegen die Zimmertür, aus dem Antriebe, Joachim
-aufzusuchen, unterließ es aber dann und blieb wieder am Tische stehen,
-indem er sich räusperte, um die Dumpfheit seiner Stimme zu prüfen.
-Hierauf hustete er. „Ja, ich muß nun sehn, ob ich Schnupfenfieber habe“,
-sagte er und führte rasch das Thermometer in den Mund, die
-Quecksilberspitze unter die Zunge, so daß das Instrument ihm schräg
-aufwärts zwischen den Lippen hervorragte, die er fest darum schloß, um
-keine Außenluft zuzulassen. Dann sah er nach seiner Armbanduhr: es war
-sechs Minuten nach halb zehn. Und er begann, auf den Ablauf von sieben
-Minuten zu warten.
-
-„Keine überflüssige Sekunde,“ dachte er, „und keine zu wenig. Auf mich
-ist Verlaß, nach oben wie nach unten. Man braucht ihn mir nicht mit
-einer Stummen Schwester zu vertauschen, wie der Person, von der
-Settembrini erzählte, Ottilie Kneifer.“ Und er ging im Zimmer umher, das
-Instrument mit der Zunge niederdrückend.
-
-Die Zeit schlich, die Frist schien endlos. Erst zweiundeinehalbe Minute
-waren verstrichen, als er nach den Zeigern sah, schon besorgt, er könnte
-den Augenblick verpassen. Er tat tausend Dinge, nahm Gegenstände auf und
-setzte sie nieder, trat auf den Balkon hinaus, ohne sich seinem Vetter
-bemerklich zu machen, überblickte die Landschaft, dies Hochtal, seinem
-Sinn schon urvertraut in allen Gestaltungen: mit seinen Hörnern,
-Kammlinien und Wänden, mit der links vorgelagerten Kulisse des
-„Brembühl“, dessen Rücken schräg gegen den Ort hin abfiel und dessen
-Flanke der rauhe Mattenwald bedeckte, mit den Bergformationen zur
-Rechten, deren Namen ihm ebenfalls geläufig geworden waren, und der
-Alteinwand, die das Tal, von hier aus gesehen, im Süden zu schließen
-schien, – sah hinab auf die Wege und Beete der Gartenplattform, die
-Felsengrotte, die Edeltanne, lauschte auf ein Flüstern, das aus der
-Liegehalle drang, wo Kur gemacht wurde, und wandte sich ins Zimmer
-zurück, wobei er die Lage des Instrumentes im Munde zu verbessern
-suchte, um dann wieder durch Vorrecken des Armes den Ärmel vom
-Handgelenk zu ziehen und den Unterarm vor das Gesicht zu biegen. Mit
-Mühe und Anstrengung, unter Schieben, Stoßen und Fußtritten gleichsam,
-waren sechs Minuten vertrieben. Da er nun aber, mitten im Zimmer
-stehend, ins Träumen verfiel und seine Gedanken wandern ließ, so
-verhuschte die letzte noch übrige ihm unvermerkt auf Katzenpfötchen,
-eine neue Armbewegung offenbarte ihm ihr heimliches Entkommen, und es
-war ein wenig zu spät, die achte lag schon zu einem Dritteile im
-Vergangenen, als er mit dem Gedanken, daß das nichts schade, für das
-Ergebnis nichts ausmache und zu bedeuten habe, das Thermometer aus dem
-Munde riß und mit verwirrten Augen darauf niederstarrte.
-
-Er ward nicht unmittelbar klug aus seiner Angabe, der Glanz des
-Quecksilbers fiel mit dem Lichtreflex des flachrunden Glasmantels
-zusammen, die Säule schien bald ganz hoch oben zu stehen, bald überhaupt
-nicht vorhanden zu sein, er führte das Instrument nahe vor die Augen,
-drehte es hin und her und erkannte nichts. Endlich, nach einer
-glücklichen Wendung, wurde das Bild ihm deutlich, er hielt es fest und
-bearbeitete es hastig mit dem Verstande. In der Tat, Merkurius hatte
-sich ausgedehnt, er hatte sich stark ausgedehnt, die Säule war ziemlich
-hoch gestiegen, sie stand mehrere Zehntelstriche über der Grenze
-normaler Blutwärme, Hans Castorp hatte 37,6.
-
-Am hellen Vormittag zwischen zehn und halb elf Uhr 37,6, – das war
-zuviel, es war „Temperatur“, Fieber als Folge einer Infektion, für die
-er aufnahmelustig gewesen, und es fragte sich nur, was für eine Art
-Infektion das war. 37,6, – mehr hatte auch Joachim nicht, mehr hatte
-hier niemand, der nicht als schwerkrank oder moribund das Bett hütete,
-weder die Kleefeld mit dem Pneumothorax noch ... noch auch Madame
-Chauchat. Es war natürlich in seinem Falle wohl nicht ganz das Rechte, –
-bloßes Schnupfenfieber, wie man es unten nannte. Aber genau zu
-unterscheiden und auseinanderzuhalten war das nicht, Hans Castorp
-bezweifelte, daß er diese Temperatur erst bekommen, seit er sich
-erkältet hatte, und er mußte bedauern, Merkurius nicht schon früher
-befragt zu haben, gleich anfangs, wie der Hofrat es ihm nahegelegt
-hatte. Ganz vernünftig war dieser Ratschlag gewesen, das zeigte sich
-nun, und Settembrini hatte völlig unrecht getan, so höhnisch darüber in
-die Lüfte zu lachen, – Settembrini mit der Republik und dem schönen
-Stil. Hans Castorp verachtete die Republik und den schönen Stil, während
-er immer wieder die Aussage des Thermometers prüfte, die ihm mehrmals
-durch die Blendung verloren ging und die er dann durch eifriges Drehen
-und Wenden des Instruments wieder herstellte: sie lautete auf 37,6, und
-das am frühesten Vormittag!
-
-Seine Bewegung war mächtig. Er ging ein paarmal durch das Zimmer, das
-Thermometer in der Hand, wobei er es jedoch wagerecht hielt, um nicht
-durch senkrechte Erschütterung eine Störung hervorzurufen, legte es dann
-mit aller Bewahrsamkeit auf die Waschtischplatte nieder und ging vorerst
-einmal mit Paletot und Decken in die Liegekur. Sitzend warf er die
-Decken um sich, wie er es gelernt hatte, von den Seiten und von unten,
-eine nach der anderen, mit schon geübter Hand, und lag dann still, die
-Stunde des zweiten Frühstücks und Joachims Eintritt erwartend. Zuweilen
-lächelte er, und es war, als lächle er jemandem zu. Zuweilen hob sich
-seine Brust mit einem beklommenen Beben, und dann mußte er husten aus
-seiner katarrhalischen Brust.
-
-Joachim fand ihn noch liegend, als er um elf Uhr, nach dem Tönen des
-Gongs, zu ihm herüberkam, um ihn zum Frühstück abzuholen.
-
-„Nun?“ fragte er verwundert, indem er neben den Stuhl trat ...
-
-Hans Castorp schwieg noch eine Weile und sah vor sich hin. Dann gab er
-zur Antwort:
-
-„Ja, das Neueste ist also, daß ich etwas Temperatur habe.“
-
-„Was soll das heißen?“ fragte Joachim. „Fühlst du dich fiebrig?“
-
-Hans Castorp ließ wieder ein wenig auf die Antwort warten und gab
-hierauf mit einer gewissen Trägheit die folgende:
-
-„Fiebrig, mein Lieber, fühle ich mich schon längst, schon die ganze
-Zeit. Aber jetzt handelt es sich nicht um subjektive Empfindungen,
-sondern um eine exakte Feststellung. Ich habe mich gemessen.“
-
-„Du hast dich gemessen?! Womit?!“ rief Joachim erschrocken.
-
-„Selbstverständlich mit einem Thermometer“, antwortete Hans Castorp
-nicht ohne Spott und Strenge. „Die Oberin hat mir eines verkauft. Warum
-sie einen immer ‚Menschenskind‘ anredet, das weiß ich nicht; korrekt ist
-es nicht. Aber ein sehr gutes Thermometer hat sie mir in aller Eile
-verkauft, und wenn du dich überzeugen willst, wieviel es zeigt, so liegt
-es da drinnen auf dem Waschtisch. Es ist eine minimale Erhöhung.“
-
-Joachim machte kurz kehrt und ging ins Zimmer. Als er zurückkehrte,
-sagte er zögernd:
-
-„Ja, das sind 37 Komma 5½.“
-
-„Dann ist es etwas zurückgegangen!“ versetzte Hans Castorp rasch. „Es
-waren sechs.“
-
-„Keinesfalls kann man das minimal nennen für den Vormittag“, sagte
-Joachim. „Eine schöne Bescherung“, sagte er und stand an seines Vetters
-Lager, wie man eben vor einer „schönen Bescherung“ steht, die Arme in
-die Seiten gestemmt und mit gesenktem Kopfe. „Du wirst ins Bett müssen.“
-
-Hans Castorp hatte darauf seine Antwort bereit.
-
-„Ich sehe nicht ein,“ sagte er, „warum ich mich mit 37,6 ins Bett legen
-soll, wo doch du und so viele andere, die auch nicht weniger haben, – wo
-ihr alle hier frei herumlauft.“
-
-„Das ist aber doch etwas anderes“, sagte Joachim. „Bei dir ist es akut
-und harmlos. Du hast Schnupfenfieber.“
-
-„Erstens,“ erwiderte Hans Castorp und teilte seine Rede nun sogar in
-erstens und zweitens ein, „verstehe ich nicht, warum man mit harmlosem
-Fieber – ich will einmal annehmen, daß es so etwas gibt – mit harmlosem
-Fieber das Bett hüten muß, mit anderem aber nicht. Und zweitens sage ich
-dir ja, daß der Schnupfen mich nicht heißer gemacht hat, als ich schon
-vorher war. Ich stehe auf dem Standpunkt,“ schloß er, „daß 37,6 gleich
-37,6 ist. Könnt ihr damit herumlaufen, kann ich es auch.“
-
-„Ich habe aber vier Wochen liegen müssen, als ich ankam,“ wandte Joachim
-ein; „und erst als sich zeigte, daß die Temperatur durch Bettruhe nicht
-verschwand, durfte ich aufstehen.“
-
-Hans Castorp lächelte.
-
-„Nun und?“ fragte er. „Ich denke, bei dir war es etwas anderes? Mir
-scheint, du verwickelst dich in Widersprüche. Erst unterscheidest du,
-und dann stellst du gleich. Das ist doch Schnickschnack ...“
-
-Joachim drehte sich auf dem Absatz um, und als er sich seinem Vetter
-wieder zukehrte, sah man, daß sein gebräuntes Gesicht noch eine
-Schattierung dunkler geworden war.
-
-„Nein,“ sagte er, „ich stelle nicht gleich, du bist ein Konfusionsrat.
-Ich meine nur, du bist elend erkältet, man hört es ja an deiner Stimme,
-und du solltest dich legen, um den Prozeß abzukürzen, da du nächste
-Woche nach Hause willst. Wenn du aber nicht willst, – ich meine: wenn du
-dich nicht legen willst, so kannst du es ja lassen. Ich mache dir keine
-Vorschriften. Jedenfalls müssen wir jetzt zum Frühstück. Mach, es ist
-über die Zeit!“
-
-„Richtig. Los!“ sagte Hans Castorp und warf die Decken von sich. Er ging
-ins Zimmer, um sich mit der Bürste übers Haar zu fahren, und während er
-es tat, sah Joachim noch einmal nach dem Thermometer auf dem Waschtisch,
-wobei Hans Castorp ihn von weitem beobachtete. Dann gingen sie,
-schweigend, und saßen wieder einmal an ihren Plätzen im Speisesaal, wo
-es, wie immer um diese Stunde, weiß schimmerte vor lauter Milch.
-
-Als die Zwergin das Kulmbacher Bier für Hans Castorp brachte, lehnte er
-es mit ernstem Verzichte ab. Er trinke heute lieber kein Bier, trinke
-überhaupt nichts, nein, danke sehr, höchstens einen Schluck Wasser. Das
-erregte Aufsehen. Wieso? Was für Neuerungen! Warum kein Bier? – Er habe
-ein bißchen Temperatur, warf Hans Castorp hin. 37,6. Minimal.
-
-Da drohten sie ihm mit den Zeigefingern, – es war sehr sonderbar. Sie
-wurden schelmisch, legten den Kopf auf die Seite, kniffen ein Auge zu
-und rührten die Zeigefinger in Höhe des Ohres, als kämen kecke, pikante
-Dinge an den Tag von einem, der den Unschuldigen gespielt hatte. „Na,
-na, Sie“, sagte die Lehrerin, und der Flaum ihrer Wangen rötete sich,
-indes sie lächelnd drohte. „Saubere Geschichten hört man, ausgelassene.
-Wart, wart, wart.“ – „Ei, ei, ei“, machte auch Frau Stöhr und drohte mit
-ihrem kurzen und roten Stummel, indem sie ihn neben die Nase hielt.
-„Tempus hat er, der Herr Besuch. Sie sind mir einer, – der Rechte sind
-Sie mir, ein Bruder Lustig!“ – Selbst die Großtante am oberen Tischende
-drohte ihm scherzhaft und verschlagen zu, als die Nachricht zu ihr
-drang; die hübsche Marusja, die ihm bisher kaum je Beachtung geschenkt,
-beugte sich gegen ihn vor und sah ihn, das Apfelsinentüchlein gegen die
-Lippen gepreßt, mit ihren kugelrunden braunen Augen an, indes sie
-drohte; auch Dr. Blumenkohl, dem Frau Stöhr die Sache erzählte, konnte
-nicht umhin, sich der allgemeinen Gebärde anzuschließen, ohne freilich
-Hans Castorp dabei anzusehen, und nur Miß Robinson zeigte sich
-teilnahmslos und verschlossenen Sinnes wie immer. Joachim hielt mit
-anständiger Miene die Augen gesenkt.
-
-Hans Castorp, geschmeichelt von so viel Neckerei, glaubte bescheiden
-ablehnen zu müssen. „Nein, nein,“ sagte er, „Sie irren sich, mein Fall
-ist der denkbar harmloseste, ich habe Schnupfen, Sie sehen: die Augen
-gehen mir über, meine Brust ist verstockt, ich huste die halbe Nacht, es
-ist unangenehm genug ...“ Aber sie nahmen seine Entschuldigungen nicht
-an, sie lachten und winkten ihm mit den Händen ab, rufend: „Ja, ja, ja,
-Flausen, Ausreden, Schnupfenfieber, kennen wir, kennen wir!“ Und dann
-forderten sie alle auf einmal, daß Hans Castorp sich unverzüglich zur
-Untersuchung melde. Sie waren belebt von der Nachricht; unter den sieben
-Tischen war an diesem während des Frühstücks die Unterhaltung am
-muntersten. Frau Stöhr insbesondere, hochroten, störrischen Gesichts
-über ihrer Halsrüsche und kleine Sprünge in der Wangenhaut, legte eine
-fast wilde Gesprächigkeit an den Tag und erging sich über die
-Vergnüglichkeit des Hustens, – ja, es habe unbedingt eine unterhaltliche
-und genußreiche Bewandtnis damit, wenn in den Gründen der Brust der
-Kitzel sich mehre und wachse und man mit Krampf und Pressung so recht
-tief hinunterlange, um dem Reiz zu genügen: ein ähnlicher Spaß sei das
-wie das Niesen, wenn die Lust dazu gewaltig anschwelle und
-unwiderstehlich werde und man mit berauschter Miene ein paarmal
-stürmisch aus- und einatme, sich wonnig ergäbe und über dem gesegneten
-Ausbruch die ganze Welt vergäße. Und manchmal komme es zwei-, dreimal
-hintereinander. Das seien kostenfreie Genüsse des Lebens, wie
-beispielsweise auch noch, sich im Frühling die Frostbeulen zu kratzen,
-wenn sie so süßlich juckten, – sich so recht innig und grausam zu
-kratzen bis aufs Blut in Wut und Vergnügen, und wenn man zufällig in den
-Spiegel sähe dabei, dann sähe man eine Teufelsfratze.
-
-So schauderhaft eingehend redete die ungebildete Stöhr, bis die kurze,
-wenn auch reichhaltige Zwischenmahlzeit beendigt war und die Vettern
-ihren zweiten Vormittagsgang antraten, den Gang hinunter nach Platz
-Davos. Joachim war in sich gekehrt unterwegs, und Hans Castorp ächzte
-vor Schnupfen und räusperte sich aus rostiger Brust. Auf dem Heimwege
-sagte Joachim:
-
-„Ich mache dir einen Vorschlag. Heute ist Freitag, – morgen nach Tische
-habe ich Monatsuntersuchung. Es ist keine Generaluntersuchung, aber
-Behrens klopft mich ein bißchen ab und läßt Krokowski ein paar Notizen
-machen. Da könntest du mitkommen und bitten, dich auch bei der
-Gelegenheit rasch zu behorchen. Es ist ja lächerlich, – wenn du zu Hause
-wärst, du ließest Heidekind kommen. Und hier, wo zwei Spezialisten im
-Hause sind, läufst du herum und weißt nicht, woran du bist, und wie tief
-es sitzt bei dir, und ob du nicht besser tätest, dich hinzulegen.“
-
-„Schön“, sagte Hans Castorp. „Wie du meinst. Natürlich, so kann ich es
-machen. Und es ist ja auch interessant für mich, mal einer Untersuchung
-beizuwohnen.“
-
-So kamen sie überein; und als sie hinauf vor das Sanatorium gelangten,
-wollte es der Zufall, daß sie mit Hofrat Behrens persönlich
-zusammentrafen und günstige Gelegenheit fanden, stehenden Fußes ihr
-Anliegen vorzubringen.
-
-Behrens kam aus dem Vorbau, lang und hochnackig, einen steifen Hut auf
-dem Hinterkopf und eine Zigarre im Munde, blaubackig und quelläugig, so
-recht im Zuge der Tätigkeit, im Begriffe, seiner Privatpraxis
-nachzugehen, Besuche im Ort zu machen, nachdem er soeben im
-Operationssaal am Werke gewesen, wie er erklärte.
-
-„Mahlzeit, die Herren!“ sagte er. „Immer auf der Walze? War wohl fein in
-der großen Welt? Ich komme gerade von einem ungleichen Zweikampf auf
-Messer und Knochensäge, – große Sache, wissen Sie, Rippenresektion.
-Früher blieben fünfzig Prozent dabei auf dem Tisch des Hauses. Jetzt
-haben wirs besser raus, aber öfters muß man doch _mortis causa_
-vorzeitig einpacken. Na, der von heute konnte ja Spaß verstehen, blieb
-für den Augenblick ganz stramm bei der Stange ... Doll, so ein
-Menschenthorax, der keiner mehr ist. Weichteil, wissen Sie, unkleidsam,
-leichte Trübung der Idee, sozusagen. Na, und Sie? Was macht die werte
-Befindität? Ist wohl ein fidelerer Lebenswandel zu zweien, was, Ziemßen,
-alter Schlauberger? Warum weinen Sie denn, Sie Vergnügungsreisender?“
-wandte er sich auf einmal an Hans Castorp. „Öffentliches Weinen ist hier
-nicht erlaubt. Hausordnungsverbot. Da könnte jeder kommen.“
-
-„Das ist mein Schnupfen, Herr Hofrat“, antwortete Hans Castorp. „Ich
-weiß nicht, wie es möglich war, aber ich habe mir einen enormen Katarrh
-geholt. Husten habe ich auch, und ordentlich auf der Brust liegt es
-mir.“
-
-„So?“ sagte Behrens. „Dann sollten Sie mal einen verständigen Arzt zu
-Rate ziehen.“
-
-Die beiden lachten, und Joachim antwortete, indem er die Absätze
-zusammenzog:
-
-„Wir sind im Begriffe, Herr Hofrat. Ich habe ja morgen Untersuchung, und
-da wollten wir fragen, ob Sie die Güte hätten, auch meinen Vetter gleich
-einmal dranzunehmen. Es handelt sich darum, ob er Dienstag wird reisen
-können ...“
-
-„M. w.!“ sagte Behrens. „M. w. m. F.! Machen wir mit Vergnügen! Hätten
-wir längst mal machen sollen. Wenn man schon hier ist, soll man das
-immer mitnehmen. Aber man mag sich ja natürlich nicht aufdrängen. Also
-morgen um zwei, gleich wenn Sie von der Krippe kommen!“
-
-„Denn ich habe nämlich auch etwas Fieber“, merkte Hans Castorp noch an.
-
-„Was Sie sagen!“ rief Behrens. „Sie wollen mir wohl Neuigkeiten
-erzählen? Glauben Sie, ich habe keine Augen im Kopf?“ Und er deutete mit
-dem gewaltigen Zeigefinger auf seine beiden blutunterlaufenen, blau
-quellenden, tränenden Augäpfel. „Wieviel ist es denn übrigens?“
-
-Hans Castorp nannte bescheiden die Ziffer.
-
-„Vormittags? Hm, nicht übel. Für den Anfang gar nicht so unbegabt. Na,
-also paarweise angetreten morgen um zwei! Soll mir eine Auszeichnung
-sein. Gesegnete Nahrungsaufnahme!“ Und mit krummen Knien und rudernden
-Händen begann er den abschüssigen Weg hinabzustapfen, indes eine
-Rauchfahne von seiner Zigarre rückwärts wehte.
-
-„Das wäre also nach deinem Wunsche verabredet“, sagte Hans Castorp.
-„Glücklicher konnte es sich ja gar nicht treffen, und nun bin ich
-gemeldet. Er wird ja weiter auch nicht viel tun können in der Sache, als
-mir vielleicht einen Lakritzensaft oder Brusttee verschreiben, aber
-angenehm ist es doch, ein bißchen ärztlichen Zuspruch zu haben, wenn man
-sich fühlt wie ich. Aber warum er nur immer so unmäßig forsch
-daherredet!“ sagte er. „Anfangs machte es mir Spaß, aber auf die Länge
-ist es mir unlieb. ‚Gesegnete Nahrungsaufnahme‘! Was für ein
-Kauderwelsch. Man kann sagen: ‚Gesegnete Mahlzeit‘! denn ‚Mahlzeit‘ ist
-ein poetisches Wort sozusagen, wie ‚tägliches Brot‘, und verträgt sich
-ganz gut mit ‚gesegnet‘. Aber ‚Nahrungsaufnahme‘ ist ja die reine
-Physiologie, und dazu Segen zu wünschen, das ist doch ein höhnisches
-Gerede. Ich sehe es auch nicht gern, wenn er raucht, es hat etwas
-Beängstigendes für mich, weil ich weiß, daß es ihm nicht bekommt und ihn
-melancholisch macht. Settembrini sagte von ihm, seine Lustigkeit sei
-gezwungen, und Settembrini ist ein Kritiker, ein Mann des Urteils, das
-muß man ihm lassen. Ich sollte vielleicht auch mehr urteilen und nicht
-alles nehmen, wie es ist, er hat ganz recht. Aber manchmal fängt man mit
-Urteil und Tadel und gerechtem Ärgernis an, und dann kommt ganz anderes
-dazwischen, was mit Urteilen gar nichts zu tun hat, und dann ist es aus
-mit der Sittenstrenge, und die Republik und der schöne Stil kommen einem
-auch nur noch abgeschmackt vor ...“
-
-Er murmelte Undeutliches, schien selbst nicht ganz klar über das, was er
-meinte. Auch sah ihn sein Vetter denn nur von der Seite an und sagte
-„Auf Wiedersehn“, worauf ein jeder auf sein Zimmer und in seine
-Balkonloge ging.
-
-„Wieviel?“ fragte Joachim nach einer Weile gedämpft, obgleich er nicht
-gesehen, daß Hans Castorp sein Thermometer wieder zu Rate gezogen hatte
-... Und Hans Castorp antwortete gleichgültigen Tones:
-
-„Nichts Neues.“
-
-Wirklich hatte er gleich bei seinem Eintritt seinen zierlichen Erwerb
-von heute morgen vom Waschtisch genommen, hatte die 37,6, die nun ihre
-Rolle ausgespielt hatten, durch senkrechte Stöße zerstört und sich ganz
-wie ein Alter, die gläserne Zigarre im Munde, in die Liegekur verfügt.
-Aber allzu hochfliegenden Erwartungen entgegen und obgleich er das
-Instrument volle acht Minuten unter der Zunge behalten, hatte Merkurius
-sich nicht weiter ausgedehnt, als wieder nur bis 37,6, – was ja übrigens
-Fieber war, wenn auch kein höheres, als schon am früheren Vormittage
-vorhanden gewesen. Nach Tische stieg das schimmernde Säulchen auf 37,7,
-verharrte abends, als der Patient nach den Erregungen und Neuigkeiten
-des Tages sehr müde war, auf 37,5, und zeigte in der nächsten
-Morgenfrühe gar nur auf 37, um gegen Mittag die gestrige Höhe wieder zu
-erreichen. Unter diesen Ergebnissen kam die Hauptmahlzeit des folgenden
-Tages und mit ihrer Beendigung die Stunde des Rendezvous heran.
-
-Hans Castorp erinnerte sich später, daß Madame Chauchat während dieser
-Mahlzeit einen goldgelben Sweater mit großen Knöpfen und bordierten
-Taschen getragen hatte, der neu, jedenfalls neu für Hans Castorp gewesen
-war, und worin sie bei ihrem wie immer verspäteten Eintritt, in der Art,
-die Hans Castorp so wohl an ihr kannte, einen Augenblick Front gegen den
-Saal gemacht hatte. Dann war sie, wie täglich fünfmal, zu ihrem Tische
-geglitten, hatte sich mit weichen Bewegungen niedergelassen und
-plaudernd zu essen begonnen: Hans Castorp hatte, wie jeden Tag, aber
-doch mit besonderer Aufmerksamkeit, ihren Kopf sich beim Sprechen
-bewegen sehen und aufs neue die Rundung ihres Nackens, die schlaffe
-Haltung ihres Rückens bemerkt, wenn er hinter dem Settembrinis vorbei,
-der am Ende des schräg zwischenstehenden Tisches saß, zum Guten
-Russentisch hinübergeblickt hatte. Frau Chauchat ihrerseits hatte sich
-während des Mittagessens kein einziges Mal nach dem Saale umgeblickt.
-Als aber der Nachtisch eingenommen gewesen war und die große Ketten- und
-Pendeluhr an der rechten Schmalseite des Saals, dort, wo der Schlechte
-Russentisch stand, zwei geschlagen hatte, da war es zu Hans Castorps
-rätselhafter Erschütterung dennoch geschehen: während die Uhr zwei
-schlug – eins und zwei – hatte die anmutige Kranke langsam den Kopf und
-ein wenig auch den Oberkörper gewandt und über die Schulter deutlich und
-unverhohlen zu Hans Castorps Tische – und nicht nur im allgemeinen zu
-seinem Tische, nein, unmißverständlich und streng persönlich zu _ihm_
-herübergeblickt, ein Lächeln um die geschlossenen Lippen und in ihren
-schmalgeschnittenen Pribislav-Augen, als wollte sie sagen: „Nun? Es ist
-Zeit. Wirst du gehen?“ (denn wenn nur die Augen sprechen, geht ja die
-Rede per Du, auch wenn der Mund noch nicht einmal „Sie“ gesagt hat) –
-und das war ein Zwischenfall gewesen, der Hans Castorp in tiefster Seele
-verwirrt und entsetzt hatte, – kaum hatte er seinen Sinnen getraut und
-entgeistert zuerst in Frau Chauchats Angesicht und dann, die Augen
-hebend, über ihre Stirn und ihr Haar hin ins Leere geblickt. Wußte sie
-denn, daß er sich auf zwei Uhr zur Untersuchung hatte bestellen lassen?
-Genau so hatte es ausgesehen. Und doch war es fast ebenso
-unwahrscheinlich, wie daß sie hätte wissen sollen, daß er soeben noch,
-in der jüngstvergangenen Minute, sich gefragt hatte, ob er nicht dem
-Hofrat durch Joachim sagen lassen sollte, seine Erkältung habe sich
-schon gebessert und er betrachte die Untersuchung als überflüssig: ein
-Gedanke, dessen Vorzüge unter jenem fragenden Lächeln freilich
-dahingewelkt waren und sich in lauter abstoßende Langweiligkeit
-verwandelt hatten. In der nächsten Sekunde hatte denn Joachim auch schon
-seine gerollte Serviette auf den Tisch gelegt, hatte ihm mit erhobenen
-Brauen zugewinkt, sich gegen die Umsitzenden verneigt und den Tisch
-verlassen, – worauf Hans Castorp innerlich taumelnd, wenn auch äußerlich
-festen Schrittes, und mit dem Gefühl, daß jenes Blicken und Lächeln
-immer noch auf ihm läge, dem Vetter zum Saal hinaus folgte.
-
-Sie hatten seit gestern vormittag nicht mehr über ihr heutiges Vorhaben
-gesprochen, und auch jetzt gingen sie in schweigendem Einverständnis.
-Joachim beeilte sich: es war schon über die vereinbarte Stunde, und
-Hofrat Behrens bestand auf Pünktlichkeit. Es ging vom Speisesaal den
-ebenerdigen Korridor entlang, an der „Verwaltung“ vorbei und die
-reinliche, mit gebohntem Linoleum belegte Treppe zum Kellergeschoß
-„hinab“. Joachim klopfte an die Tür, die sich, der Treppe gleich
-gegenüber, durch ein Porzellanschild als Eingang zum Ordinationszimmer
-zu erkennen gab.
-
-„_Her_ein!“ rief Behrens, indem er die erste Silbe stark betonte. Er
-stand inmitten des Raumes, im Kittel, in der Rechten das schwarze
-Hörrohr, mit dem er sich gegen den Schenkel klopfte.
-
-„Tempo, Tempo“, sagte er und richtete seine quellenden Augen auf die
-Wanduhr. „_Un poco più presto, Signori!_ Wir sind nicht ganz
-ausschließlich für Eure Hochwohlgeboren vorhanden.“
-
-Am doppelten Schreibtisch vorm Fenster saß Dr. Krokowski, bleich gegen
-sein schwarzes Lüsterhemd, die Ellenbogen auf der Platte, in der einen
-Hand die Feder, die andere im Bart, vor sich Papiere, wahrscheinlich den
-Krankenakt, und blickte den Eintretenden mit dem stumpfen Ausdruck einer
-Persönlichkeit, die nur assistierenderweise anwesend ist, entgegen.
-
-„Na, her mit der Konduite!“ antwortete der Hofrat auf Joachims
-Entschuldigungen und nahm ihm die Fieberkurve aus der Hand, um sie
-durchzusehen, während der Patient sich beeilte, seinen Oberkörper
-freizumachen und die abgelegten Kleidungsstücke an den neben der Tür
-stehenden Garderobeständer zu hängen. Um Hans Castorp kümmerte man sich
-nicht. Er stand eine Weile zuschauend und ließ sich später auf einem
-altmodischen kleinen Fauteuil mit Troddeln an den Armlehnen zur Seite
-eines Tischchens mit Wasserkaraffe nieder. Bücherschränke mit
-breitrückigen medizinischen Werken und Aktenfaszikeln standen an den
-Wänden. An Möbeln war sonst nur noch eine mit weißem Wachstuch
-überzogene, höher und niedriger zu kurbelnde Chaiselongue vorhanden,
-über deren Kopfpolster eine Papierserviette gebreitet war.
-
-„Komma 7, Komma 9, Komma 8“, sagte Behrens, die Wochenkarten
-durchblätternd, in die Joachim die Ergebnisse seiner täglich fünfmaligen
-Messungen treulich eingetragen. „Immer noch ein bißchen illuminiert,
-lieber Ziemßen, können nicht gerade behaupten, daß Sie seit neulich
-solider geworden sind. („Neulich“, das war vor vier Wochen gewesen.)
-Nicht entgiftet, nicht entgiftet“, sagte er. „Na, das geht natürlich
-nicht so von heute auf morgen, hexen können wir auch nicht.“
-
-Joachim nickte und zuckte mit seinen bloßen Schultern, obgleich er hätte
-einwenden können, daß er ja keineswegs erst seit gestern hier oben sei.
-
-„Wie steht es denn mit den Stichen am rechten Hilus, wo es immer
-verschärft klang? Besser? Na, kommen Sie her! Wollen mal höflich bei
-Ihnen anklopfen.“ Und die Auskultation begann.
-
-Hofrat Behrens, breitbeinig und rückwärts geneigt, den Hörer unter dem
-Arme, klopfte zuerst ganz oben an Joachims rechter Schulter, klopfte aus
-dem Handgelenk, indem er sich des gewaltigen Mittelfingers seiner
-Rechten als Hammer bediente und die Linke zur Stütze gebrauchte. Dann
-ging er unter das Schulterblatt hinab und klopfte seitlich am mittleren
-und unteren Rücken, worauf Joachim, der wohlabgerichtet war, den Arm
-hob, um auch unter der Achsel klopfen zu lassen. Hierauf wiederholte das
-Ganze sich linkerseits, und damit fertig, kommandierte der Hofrat
-„Kehrt!“ zur Beklopfung der Brustseite. Er klopfte gleich unter dem
-Halse beim Schlüsselbein, klopfte über und unter der Brust, zuerst
-rechts und dann links. Als er aber sattsam geklopft hatte, ging er zum
-Horchen über, indem er sein Hörrohr, das Ohr an der Muschel, auf
-Joachims Brust und Rücken setzte, überallhin, wo er vorhin geklopft
-hatte. Dabei mußte Joachim abwechselnd stark atmen und künstlich husten,
-was ihn sehr anzustrengen schien, denn er geriet außer Atem, und in die
-Augen traten ihm Tränen. Hofrat Behrens aber meldete alles, was er dort
-innen hörte, dem Assistenten in kurzen, feststehenden Worten zum
-Schreibtisch hinüber, derart, daß Hans Castorp nicht umhin konnte, an
-den Vorgang beim Schneider zu denken, wenn der wohlgekleidete Herr einem
-zu einem Anzuge das Maß nimmt, in herkömmlicher Reihenfolge dem
-Besteller das Meterband da und dort um den Rumpf und an die Glieder legt
-und dem gebückt sitzenden Gehilfen die gewonnenen Ziffern in die Feder
-diktiert. „Kurz“, „verkürzt“, diktierte Hofrat Behrens. „Vesikulär“,
-sagte er, und abermals: „Vesikulär“ (das war gut, offenbar). „Rauh“,
-sagte er und schnitt ein Gesicht. „_Sehr_ rauh.“ „Geräusch.“ Und Dr.
-Krokowski trug alles ein, wie der Angestellte die Ziffern des
-Zuschneiders.
-
-Hans Castorp folgte den Vorgängen seitwärts geneigten Kopfes,
-nachdenklich versunken in die Betrachtung von Joachims Oberkörper,
-dessen Rippen (gottlob war er im Besitz seiner Rippen) sich beim
-Schnaufen unter der gespannten Haut hoch über den zurückfallenden Magen
-hoben, – diesem schlanken, gelblich-brünetten Jünglingsoberkörper mit
-den schwarzen Haaren am Brustknochen und an den übrigens kräftigen
-Armen, deren einer ein goldenes Kettenarmband um das Handgelenk trug.
-Turnerarme sind das, dachte Hans Castorp; er hat immer gern geturnt,
-während ich mir nichts daraus machte, und das hing mit seiner Lust zum
-Soldatenstande zusammen. Immer war er gut körperlich gesinnt, viel mehr
-als ich, oder doch auf andere Weise; denn ich war immer ein Zivilist,
-und es war mir mehr um warm baden und gut essen und trinken zu tun, ihm
-aber um männliche Anforderungen und Leistungen. Und nun ist auf so ganz
-andere Weise sein Körper in den Vordergrund getreten und hat sich
-selbständig und wichtig gemacht, nämlich durch Krankheit. Illuminiert
-ist er und will sich nicht entgiften und solide werden, so gern der arme
-Joachim auch Soldat sein möchte im Flachland. Sieh an, er ist gewachsen,
-wie es im Buche steht, der reine Apollo von Belvedere, bis auf die
-Haare. Aber innerlich ist er krank und außen zu warm vor Krankheit; denn
-Krankheit macht den Menschen viel körperlicher, sie macht ihn gänzlich
-zum Körper ... Und wie er dies dachte, erschrak er und blickte rasch und
-forschend von Joachims bloßem Oberleib zu seinen Augen hinauf, seinen
-großen, schwarzen und sanften Augen, die vom künstlichen Atmen und
-Husten in Tränen standen und bei der Untersuchung mit traurigem Ausdruck
-über den Zuschauer hin ins Leere sahen.
-
-Unterdessen aber war Hofrat Behrens zu Ende gekommen.
-
-„Na, is gut, Ziemßen“, sagte er. „Alles in Ordnung, so weit es möglich
-ist. Nächstes Mal“ (das war in vier Wochen), „wird es gewiß überall
-wieder ein bißchen besser sein.“
-
-„Wie lange meinen Herr Hofrat, daß –“
-
-„Wollen Sie schon wieder drängeln? Sie können Ihre Kerls doch nicht in
-angeheitertem Zustand kujonieren! Ein halbes Jährchen habe ich neulich
-gesagt, – rechnen Sie meinetwegen von neulich an, aber betrachten Sie es
-als Minimum. Schließlich läßt sich ja leben hier, Sie müssen auch
-höflich sein. Wir sind ja doch kein Bagno und kein ... sibirisches
-Bergwerk! Oder wollen Sie sagen, daß wir mit so was Ähnlichkeit haben?
-Is gut, Ziemßen! Wegtreten! Weiter, wer da noch Lust hat!“ rief er und
-sah in die Luft. Mit ausgestrecktem Arme reichte er dabei sein Hörrohr
-zu Dr. Krokowski hinüber, der aufstand und es ergriff, um eine kleine
-Assistenten-Nachprüfung bei Joachim vorzunehmen.
-
-Auch Hans Castorp war aufgesprungen, und die Augen an die Person des
-Hofrats gefesselt, der, breitbeinig dastehend, offenen Mundes in
-Gedanken versunken schien, begann er, sich eilig in Bereitschaft zu
-setzen. Er überhastete sich, fand nicht gleich aus seinem punktierten
-Manschettenhemd heraus, als er es sich über den Kopf zog. Und dann stand
-er, weiß, blond und schmal, vor Hofrat Behrens, – von zivilerer Bildung
-schien er als Joachim Ziemßen.
-
-Aber der Hofrat ließ ihn stehen, in Gedanken noch immer. Dr. Krokowski
-hatte schon wieder Platz genommen und Joachim sich ans Ankleiden
-gemacht, als Behrens sich endlich entschloß, von dem, der da auch noch
-Lust hatte, Notiz zu nehmen.
-
-„Ach so, das wären nun _Sie_!“ sagte er, faßte Hans Castorp mit seiner
-riesigen Hand am Oberarm, rückte ihn von sich und betrachtete ihn
-scharf. Nicht ins Gesicht blickte er ihm, wie man einen Menschen
-ansieht, sondern auf den Körper; drehte ihn um, wie man einen Körper
-umdreht, und betrachtete auch seinen Rücken. „Hm“, sagte er. „Na, wollen
-mal sehen, wie Sie sich anspielen.“ Und wie vorhin begann er sein
-Klopfen.
-
-Er klopfte überall, wo er es bei Joachim Ziemßen getan, und kehrte zu
-verschiedenen Stellen mehrmals zurück. Längere Zeit klopfte er
-abwechselnd und zu Vergleichszwecken links oben beim Schlüsselbein und
-etwas weiter unten.
-
-„Hören Sie?“ fragte er dabei zu Dr. Krokowski hinüber ... Und Dr.
-Krokowski, fünf Schritte entfernt am Schreibtisch sitzend, bekundete
-durch eine Kopfneigung, daß er höre: ernst senkte er das Kinn auf die
-Brust, so daß sein Bart eingedrückt wurde und die Spitzen sich aufwärts
-bogen.
-
-„Tief atmen! Husten!“ kommandierte der Hofrat, der nun das Hörrohr
-wieder zur Hand genommen; und Hans Castorp arbeitete schwer, wohl acht
-oder zehn Minuten lang, während der Hofrat ihn abhorchte. Er sprach kein
-Wort dabei, setzte das Hörrohr nur dahin und dorthin und horchte
-namentlich und wiederholt an den Punkten, wo er vorhin schon mit Klopfen
-verweilt hatte. Dann schob er das Instrument unter den Arm, legte die
-Hände auf den Rücken und blickte zwischen sich und Hans Castorp auf den
-Fußboden nieder.
-
-„Ja, Castorp,“ sagte er – und es geschah zum erstenmal, daß er den
-jungen Mann einfach mit Nachnamen nannte –, „die Sache verhält sich so
-_praeter-propter_, wie ich sie mir schon immer gedacht hatte. Ich habe
-Sie auf dem Strich gehabt, Castorp, nun kann ichs Ihnen ja sagen, – von
-vornherein, schon seit ich zuerst die unverdiente Auszeichnung hatte,
-Sie kennenzulernen, – und ziemlich sicher vermutet, daß Sie im stillen
-ein Hiesiger wären und das auch noch einsehen würden, wie schon so
-mancher, der zum Spaß hier heraufkam und sich mit erhobener Nase umsah
-und eines Tages erfuhr, daß er gut täte – und nicht bloß ‚gut täte‘,
-bitte mich wohl zu verstehen – hier ganz ohne unbeteiligte
-Neugiersallüre eine etwas ausgiebigere Station zu machen.“
-
-Hans Castorp hatte sich verfärbt, und Joachim, im Begriffe, sich die
-Hosenträger zu knöpfen, hielt inne, wie er da eben stand, und lauschte
-...
-
-„Sie haben da einen so netten, sympathischen Vetter,“ fuhr der Hofrat
-fort, indem er mit dem Kopfe nach Joachims Seite deutete und sich dabei
-auf Fußballen und Absätzen schaukelte, „– der nun ja hoffentlich bald
-wird sagen können, daß er einmal krank _gewesen_ ist, aber wenn wir so
-weit sind, so wird er doch eben immer noch früher einmal krank _gewesen_
-sein, Ihr Herr rechter Vetter, und das wirft _a priori_, wie der Denker
-sagt, so ein gewisses Licht auch auf Sie, lieber Castorp ...“
-
-„Er ist aber nur ein Stiefvetter von mir, Herr Hofrat.“
-
-„Nanu, nanu. Sie werden doch Ihren Cousin nicht verleugnen wollen. Stief
-oder nicht, er bleibt doch immer ein Blutsverwandter. Von welcher Seite
-denn?“
-
-„Von mütterlicher, Herr Hofrat. Er ist der Sohn einer Stief–“
-
-„Und Ihre Frau Mama ist vergnügt?“
-
-„Nein, sie ist tot. Sie starb, als ich noch klein war.“
-
-„Oh, warum denn?“
-
-„An einem Blutpfropf, Herr Hofrat.“
-
-„Blutpfropf? Na, es ist ja schon lange her. Und Ihr Herr Vater?“
-
-„Der ist an der Lungenentzündung gestorben –,“ sagte Hans Castorp, „und
-mein Großvater auch –“, setzte er hinzu.
-
-„So, der auch? Na, soviel von Ihren Vorfahren. Was nun Sie betrifft, so
-waren Sie ja wohl immer ziemlich bleichsüchtig, nicht? Aber müde wurden
-Sie gar nicht leicht bei körperlicher und geistiger Arbeit? Doch? Und
-haben viel Herzklopfen? Neuerdings erst? Schön, und außerdem liegt ja
-offenbar eine lebhafte Neigung zu Katarrhen der Luftwege vor. Wissen
-Sie, daß Sie früher schon krank waren?“
-
-„Ich?“
-
-„Ja, ich habe Sie persönlich im Auge. Hören Sie den Unterschied?“ Und
-der Hofrat klopfte abwechselnd links oben an der Brust und etwas weiter
-unten.
-
-„Da klingt es etwas dumpfer als hier“, sagte Hans Castorp.
-
-„Sehr gut. Sie sollten Spezialist werden. Das ist also eine Dämpfung,
-und Dämpfungen beruhen auf veralteten Stellen, wo schon Verkalkung
-eingetreten ist, Vernarbung, wenn Sie wollen. Sie sind ein alter
-Patient, Castorp, aber wir wollen es niemandem übelnehmen, daß Sie es
-nicht erfuhren. Die Frühdiagnose ist schwierig, – zumal für die Herren
-Kollegen im Flachland. Ich will nicht mal sagen, daß wir feinere Ohren
-haben, obgleich ja die Spezialübung einiges ausmacht. Aber die Luft
-hilft uns hören, verstehen Sie, die dünne, trockene Luft hier oben.“
-
-„Gewiß, natürlich“, sagte Hans Castorp.
-
-„Schön, Castorp. Und nun hören Sie mal zu, mein Junge, ich will nun mal
-mehrere goldene Worte sprechen. Wenn es weiter nichts wäre mit Ihnen,
-verstehen Sie, und es bei den Dämpfungen und Narben an Ihrem
-Äolusschlauch da drinnen und mit den kalkigen Fremdkörpern darin sein
-Bewenden hätte, so würde ich Sie zu Ihren Laren und Penaten schicken und
-mich auch keinen Deut mehr um Sie kümmern, verstehen Sie wohl? Wie aber
-die Dinge liegen und weiterhin noch der Befund ist, und wo Sie nun
-einmal hier bei uns sind, – so lohnt es die Heimreise nicht, Hans
-Castorp, – in kurzem müßten Sie doch wieder antreten.“
-
-Hans Castorp fühlte aufs neue sein Blut zum Herzen strömen, so daß es
-hämmerte, und Joachim stand immer noch, die Hände an hinteren Knöpfen,
-und hatte die Augen niedergeschlagen.
-
-„Denn außer den Dämpfungen,“ sagte der Hofrat, „haben Sie da links oben
-auch eine Rauhigkeit, die beinahe schon ein Geräusch ist und zweifellos
-von einer frischen Stelle kommt, – ich will noch nicht von einem
-Erweichungsherd reden, aber es ist bestimmt eine feuchte Stelle, und
-wenn Sie’s da unten so weiter treiben, mein Lieber, so geht Ihnen, was
-hast du was kannst du, der ganze Lungenlappen zum Teufel.“
-
-Hans Castorp stand ohne Regung, um seinen Mund zuckte es sonderbar, und
-deutlich konnte man sein Herz gegen die Rippen pulsieren sehen. Er
-blickte zu Joachim hinüber, dessen Augen er nicht fand, und dann wieder
-in des Hofrats Gesicht mit den blauen Backen, den ebenfalls blauen
-Quellaugen und dem einseitig geschürzten Schnurrbärtchen.
-
-„Als objektive Bestätigung,“ fuhr Behrens fort, „haben wir da noch Ihre
-Temperatur: 37,6 zehn Uhr früh, das entspricht so ziemlich den
-akustischen Wahrnehmungen.“
-
-„Ich dachte nur,“ sagte Hans Castorp, „das Fieber käme von meinem
-Katarrh.“
-
-„Und der Katarrh?“ versetzte der Hofrat ... „Wovon kommt der? Lassen Sie
-sich mal was erzählen, Castorp, und passen Sie auf, Sie verfügen ja über
-hinlänglich zahlreiche Hirnwindungen, soviel ich weiß. Also die Luft
-hier bei uns, die ist gut gegen die Krankheit, meinen Sie, nicht wahr?
-Und das ist auch so. Aber sie ist auch gut _für_ die Krankheit,
-verstehen Sie mich, sie fördert sie erst einmal, sie revolutioniert den
-Körper, sie bringt die latente Krankheit zum Ausbruch, und so ein
-Ausbruch, nichts für ungut, ist Ihr Katarrh. Ich weiß nicht, ob Sie
-schon unten im Tieflande febril gewesen sind, aber hier oben sind Sie es
-jedenfalls gleich am ersten Tage geworden und nicht erst durch Ihren
-Katarrh, – um meine Meinung zu sagen.“
-
-„Ja,“ sagte Hans Castorp, „ja, das glaube ich wirklich auch.“
-
-„Sofort waren Sie wahrscheinlich beschwipst“, bekräftigte der Hofrat.
-„Das sind die löslichen Gifte, die von den Bakterien erzeugt werden; die
-wirken berauschend auf das Zentralnervensystem, verstehen Sie, und dann
-kriegt man heitere Bäckchen. Sie gehen nun erst einmal in die Klappe,
-Castorp; wir müssen sehen, ob wir Sie durch ein paar Wochen Bettruhe
-nüchtern kriegen. Das Weitere kann nachher kommen. Wir nehmen eine
-schöne Innenansicht von Ihnen auf – es wird Ihnen Spaß machen, so
-Einblick zu gewinnen in Ihre eigne Person. Das sage ich Ihnen aber
-gleich: ein Fall wie Ihrer heilt nicht von heute bis übermorgen,
-Reklameerfolge und Wunderkuren sind dabei nicht aufzuweisen. Es kam mir
-doch gleich so vor, als ob Sie ein besserer Patient sein würden, mit
-mehr Talent zum Kranksein, als der Brigadegeneral da, der immer gleich
-weg will, wenn er mal ein paar Striche weniger hat. Als ob Stillgelegen
-nicht ein ebenso gutes Kommando wäre wie Stillgestanden! Ruhe ist die
-erste Bürgerpflicht, und Ungeduld schadet bloß. Daß Sie mich also nicht
-enttäuschen, Castorp, und meine Menschenkenntnis nicht Lügen strafen,
-bitt’ ich mir aus! Und nun marsch, in die Remise mit Ihnen!“
-
-Damit schloß Hofrat Behrens die Unterredung und setzte sich an den
-Schreibtisch, um als Mann von vielen Geschäften die Pause bis zur
-nächsten Untersuchung mit schriftlicher Arbeit auszufüllen. Dr.
-Krokowski aber erhob sich von seinem Platze, schritt auf Hans Castorp
-zu, und, den Kopf schräg zurückgelegt, eine Hand auf der Schulter des
-jungen Mannes und kernig lächelnd, so daß in seinem Barte die gelblichen
-Zähne sichtbar wurden, schüttelte er ihm herzhaft die Rechte.
-
-
-
-
- Fünftes Kapitel
-
-
- Ewigkeitssuppe und plötzliche Klarheit
-
-Hier steht eine Erscheinung bevor, über die der Erzähler sich selbst zu
-wundern gut tut, damit nicht der Leser auf eigene Hand sich allzusehr
-darüber wundere. Während nämlich unser Rechenschaftsbericht über die
-ersten drei Wochen von Hans Castorps Aufenthalt bei denen hier oben
-(einundzwanzig Hochsommertage, auf die sich menschlicher Voraussicht
-nach dieser Aufenthalt überhaupt hatte beschränken sollen) Räume und
-Zeitmengen verschlungen hat, deren Ausdehnung unseren eigenen halb
-eingestandenen Erwartungen nur zu sehr entspricht, – wird die
-Bewältigung der nächsten drei Wochen seines Besuches an diesem Orte kaum
-so viele Zeilen, ja Worte und Augenblicke erfordern, als jener Seiten,
-Bogen, Stunden und Tagewerke gekostet hat: im Nu, das sehen wir kommen,
-werden diese drei Wochen hinter uns gebracht und beigesetzt sein.
-
-Dies also könnte wundernehmen; und doch ist es in der Ordnung und
-entspricht den Gesetzen des Erzählens und Zuhörens. Denn in der Ordnung
-ist es und diesen Gesetzen entspricht es, daß uns die Zeit genau so lang
-oder kurz wird, für unser Erlebnis sich genau ebenso breit macht oder
-zusammenschrumpft, wie dem auf so unerwartete Art vom Schicksal mit
-Beschlag belegten Helden unserer Geschichte, dem jungen Hans Castorp;
-und es mag nützlich sein, den Leser in Ansehung des Zeitgeheimnisses auf
-noch ganz andere Wunder und Phänomene, als das hier auffallende,
-vorzubereiten, die uns in seiner Gesellschaft zustoßen werden. Für jetzt
-genügt es, daß jedermann sich erinnert, wie rasch eine Reihe, ja eine
-„lange“ Reihe von Tagen vergeht, die man als Kranker im Bette verbringt:
-es ist immer derselbe Tag, der sich wiederholt; aber da es immer
-derselbe ist, so ist es im Grunde wenig korrekt, von „Wiederholung“ zu
-sprechen; es sollte von Einerleiheit, von einem stehenden Jetzt oder von
-der Ewigkeit die Rede sein. Man bringt dir die Mittagssuppe, wie man sie
-dir gestern brachte und sie dir morgen bringen wird. Und in demselben
-Augenblick weht es dich an – du weißt nicht, wie und woher; dir
-schwindelt, indes du die Suppe kommen siehst, die Zeitformen
-verschwimmen dir, rinnen ineinander, und was sich als wahre Form des
-Seins dir enthüllt, ist eine ausdehnungslose Gegenwart, in welcher man
-dir ewig die Suppe bringt. Mit Bezug auf die Ewigkeit aber von
-Langerweile zu sprechen, wäre sehr paradox; und Paradoxe wollen wir
-meiden, besonders im Zusammenleben mit diesem Helden.
-
-Hans Castorp also war bettlägrig seit Sonnabendnachmittag, da Hofrat
-Behrens, die oberste Autorität in der Welt, die uns einschließt, es so
-angeordnet hatte. Da lag er, sein Monogramm auf der Brusttasche seines
-Nachthemds, die Hände hinter dem Kopf gefaltet, in seinem reinlichen,
-weißen Bett, dem Totenbett der Amerikanerin und wahrscheinlich noch
-mancher anderen Person, und blickte mit einfachen, vom Schnupfen
-getrübten blauen Augen zur Zimmerdecke empor, die Sonderbarkeit seiner
-Lebenslage betrachtend. Dabei ist nicht anzunehmen, daß seine Augen ohne
-Schnupfen klar, hell und unzweideutig geblickt hätten, denn so sah es in
-seinem Inneren, wie einfach dieses auch sein mochte, nicht aus, sondern
-in der Tat sehr trübe, verworren, undeutlich-halbaufrichtig und
-zweifelhaft. Bald erschütterte, wie er so dalag, ein tolles, tief
-aufsteigendes Triumphgelächter von innen her seine Brust, und sein Herz
-stockte und schmerzte von einer nie gekannten, ausschweifenden Freude
-und Hoffnung; bald wieder erblaßte er vor Schrecken und Bangen, und es
-waren die Schläge des Gewissens selbst, mit denen sein Herz in raschem,
-fliegendem Takt gegen die Rippen pochte.
-
-Joachim ließ ihn am ersten Tage ganz in Ruhe und vermied jede
-Erörterung. Schonend trat er ein paarmal ins Krankenzimmer, nickte dem
-Liegenden zu und fragte der guten Form wegen, ob ihm was abgehe.
-Übrigens fiel es ihm um so leichter, Hans Castorps Scheu vor einer
-Auseinandersetzung zu erkennen und zu achten, als er sie teilte und sich
-nach seiner Auffassung sogar in einer peinlicheren Lage befand als
-dieser.
-
-Aber am Sonntagvormittag, nach seiner Rückkehr von dem wie früher allein
-zurückgelegten Morgenspaziergang, verschob er es trotzdem nicht länger,
-das nun unmittelbar Notwendigste mit seinem Vetter zu beraten. Er
-stellte sich an dessen Bett und sagte aufseufzend:
-
-„Ja, es hilft alles nichts, es müssen nun Schritte geschehen. Sie
-erwarten dich ja zu Hause.“
-
-„Noch nicht“, antwortete Hans Castorp.
-
-„Nein, aber in den nächsten Tagen, Mittwoch oder Donnerstag.“
-
-„Ach,“ sagte Hans Castorp, „sie erwarten mich überhaupt nicht so genau
-auf den Tag. Die haben anderes zu tun, als auf mich zu warten und die
-Tage zu zählen, bis ich wiederkomme. Wenn ich komme, so bin ich da, und
-Onkel Tienappel sagt: ‚Da bist du ja auch wieder!‘ und Onkel James sagt:
-‚Na, war’s schön.‘ Und wenn ich nicht komme, so dauert es lange, bis es
-ihnen auffällt, da kannst du sicher sein. Selbstverständlich müßte man
-sie mit der Zeit benachrichtigen ...“
-
-„Du kannst dir denken,“ sagte Joachim und seufzte wieder, „wie
-unangenehm mir die Sache ist! Was soll denn jetzt werden? Natürlich
-fühle ich mich doch sozusagen verantwortlich. Du kommst hier herauf, um
-mich zu besuchen, und ich führe dich ein hier oben, und nun sitzst du
-fest, und niemand weiß, wann du wieder loskommst und deine Stelle
-antreten kannst. Du mußt einsehen, daß mir das im höchsten Grade
-peinlich ist.“
-
-„Erlaube mir!“ sagte Hans Castorp, immer die Hände unter dem Kopf. „Was
-machst denn du dir für Kopfzerbrechen? Das ist doch Unsinn. Bin ich
-heraufgekommen, um dich zu besuchen? Auch; aber in erster Linie doch
-schließlich, um mich zu erholen, auf Vorschrift von Heidekind. Na, und
-nun zeigt sich eben, daß ich erholungsbedürftiger bin, als er und wir
-alle uns haben träumen lassen. Ich bin ja wohl nicht der erste, der
-glaubte, hier eine Stippvisite zu machen, und für den es dann anders
-kam. Denke doch nur zum Beispiel an _Tous les deux’_ zweiten Sohn, und
-wie es den hier denn doch noch ganz anders getroffen hat, – ich weiß
-nicht, ob er noch lebt, vielleicht haben sie ihn abgeholt während einer
-Mahlzeit. Daß ich etwas krank bin, ist mir ja eine Überraschung, ich muß
-mich erst darein finden, mich hier als Patient und richtig als einer von
-euch zu fühlen, statt, wie bisher, nur als Gast. Und dann überrascht es
-mich doch auch wieder fast gar nicht, denn so recht prachtvoll instand
-habe ich mich eigentlich niemals gefühlt, und wenn ich denke, wie früh
-meine beiden Eltern gestorben sind, – woher sollte die Pracht denn
-schließlich auch kommen! Daß du einen kleinen Knacks hast, nicht wahr,
-wenn er nun auch so gut wie kuriert ist, darüber machen wir uns ja alle
-nichts vor, und also kann es ja sein, daß es ein bißchen in unsrer
-Familie liegt, Behrens wenigstens machte so eine Bemerkung. Jedenfalls
-liege ich hier schon seit gestern und überlege mir, wie mir doch
-eigentlich immer zumute war und wie ich mich zu dem Ganzen verhielt, zum
-Leben, weißt du, und seinen Anforderungen. Ein gewisser Ernst und eine
-gewisse Abneigung gegen robustes und lautes Wesen lag immer in meiner
-Natur, – wir sprachen noch neulich davon, und daß ich manchmal fast Lust
-gehabt hätte, geistlich zu werden, aus Interesse für traurige und
-erbauliche Dinge, – so ein schwarzes Tuch, weißt du, mit einem silbernen
-Kreuz darauf oder _R. I. P._ ... _Requiescat in pace_ ... das ist
-eigentlich das schönste Wort und mir viel sympathischer als ‚Hoch soll
-er leben‘, was doch mehr ein Radau ist. Das alles, denke ich mir, kommt
-wohl daher, daß ich selbst einen Knacks habe und mich von Anfang an auf
-die Krankheit verstehe, – es zeigt sich bei dieser Gelegenheit. Aber
-wenn es sich nun doch so verhält, so kann ich ja von Glück sagen, daß
-ich heraufgekommen bin und mich habe untersuchen lassen; du brauchst dir
-nicht die geringsten Vorwürfe deswegen zu machen. Denn du hast ja
-gehört: wenn ich es im Flachland noch eine Weile so weiter getrieben
-hätte, so wäre womöglich mir nichts dir nichts mein ganzer Lungenlappen
-zum Teufel gegangen.“
-
-„Das kann man nicht wissen!“ sagte Joachim. „Das ist es ja eben, daß man
-das gar nicht wissen kann! Du sollst ja früher schon Stellen gehabt
-haben, um die sich niemand gekümmert hat und die ganz von selbst
-verheilt sind, so daß du jetzt nur noch ein paar gleichgültige
-Dämpfungen davon hast. So wäre es möglicherweise auch mit der feuchten
-Stelle gegangen, die du jetzt haben sollst, wenn du nicht zufällig zu
-mir heraufgekommen wärst, – man kann es nicht wissen!“
-
-„Nein, wissen kann man gar nichts“, antwortete Hans Castorp. „Und darum
-hat man kein Recht, das Ärgerlichste in Ansatz zu bringen, zum Beispiel
-auch was die Dauer meines Kuraufenthaltes betrifft. Du sagst, niemand
-weiß, wann ich loskomme und auf der Werft eintreten kann, aber du sagst
-es im pessimistischen Sinn, und das finde ich voreilig, da man es ja
-eben nicht wissen kann. Behrens hat keinen Termin genannt, er ist ein
-besonnener Mann und spielt nicht den Wahrsager. Es hat ja auch die
-Durchleuchtung und photographische Aufnahme noch gar nicht
-stattgefunden, die erst den Sachverhalt objektiv klarstellen wird, und
-wer weiß, ob da etwas Nennenswertes zutage kommt und ob ich nicht vorher
-schon fieberfrei bin und euch Adieu sagen kann. Ich bin dafür, daß wir
-uns nicht vor der Zeit aufspielen und denen zu Hause nicht gleich die
-größten Räubergeschichten erzählen. Es genügt, wenn wir nächstens mal
-schreiben – ich kann selbst schreiben, mit der Füllfeder hier, wenn ich
-mich etwas aufsetze –, daß ich stark erkältet und febril und bettlägrig
-bin und vorderhand noch nicht reisen kann. Das Weitere findet sich.“
-
-„Gut,“ sagte Joachim, „so können wir’s vorläufig machen. Und dann können
-wir ja auch mit dem anderen noch etwas zuwarten.“
-
-„Mit welchem anderen?“
-
-„Sei nicht so gedankenlos! Du bist doch nur auf drei Wochen eingerichtet
-mit deinem Kajütenkoffer. Du brauchst Wäsche, Unter- und Oberwäsche und
-Winterkleider, und brauchst mehr Schuhzeug. Schließlich, auch Geld mußt
-du dir kommen lassen.“
-
-„_Wenn_,“ sagte Hans Castorp, „_wenn_ ich das alles brauche.“
-
-„Gut, warten wir’s ab. Aber wir sollten ... nein,“ sagte Joachim und
-ging in Bewegung durchs Zimmer, „wir sollten uns keine Illusionen
-machen! Ich bin zu lange hier, um nicht Bescheid zu wissen. Wenn Behrens
-sagt, daß da eine rauhe Stelle ist, beinah ein Geräusch ... Aber
-selbstverständlich, wir können ja zusehen!“ –
-
-Dabei blieb es für diesmal, und vorderhand traten die acht- und
-vierzehntägigen Abwandlungen des Normaltages in ihre Rechte, – auch in
-seiner gegenwärtigen Lage hatte Hans Castorp teil daran, wo nicht durch
-unmittelbaren Mitgenuß, so durch Berichte, die Joachim abstattete, wenn
-er ihn besuchte und sich für eine Viertelstunde auf seine Bettkante
-setzte.
-
-Das Teebrett, worauf man ihm am Sonntagmorgen sein Frühstück brachte,
-war mit einem Blumenväschen geschmückt, und man hatte nicht versäumt,
-ihm von dem Feingebäck zu schicken, das heute im Saale gereicht wurde.
-Später wurde es drunten im Garten und auf der Terrasse lebendig, und mit
-Trara und Klarinettengenäsel setzte das vierzehntägige Sonntagskonzert
-ein, zu dem Joachim sich bei seinem Vetter einfand: er nahm die
-Darbietung bei offener Balkontür draußen in der Loge entgegen, während
-Hans Castorp von seinem Bette aus, halb sitzend, den Kopf auf die Seite
-gelegt und liebevoll-andächtig verschwimmenden Blickes den
-heraufdrängenden Harmonien lauschte, nicht ohne innerlich achselzuckend
-der Redereien Settembrinis von der „politischen Verdächtigkeit“ der
-Musik zu gedenken.
-
-Im übrigen, wie wir sagten, ließ er sich von Joachim über die
-Erscheinungen und Veranstaltungen dieser Tage Bericht erstatten, fragte
-ihn aus, ob der Sonntag festliche Toiletten gebracht habe,
-Spitzenmatinees oder dergleichen (für Spitzenmatinees war es jedoch zu
-kalt gewesen); auch ob nachmittags Wagenfahrten stattgefunden hätten
-(wirklich waren welche unternommen worden: der Verein „Halbe Lunge“ war
-_in corpore_ nach Clavadell ausgeflogen); und am Montag verlangte er,
-von Dr. Krokowskis Conférence zu hören, als Joachim davon zurückkehrte
-und, bevor er in die Mittagsliegekur ging, bei ihm vorsprach. Joachim
-zeigte sich mundfaul und abgeneigt, über den Vortrag zu berichten, – wie
-ja auch von dem vorigen weiter nicht zwischen den beiden die Rede
-gewesen war. Aber Hans Castorp bestand darauf, Einzelheiten zu hören.
-„Ich liege hier und zahle den vollen Preis“, sagte er. „Ich will auch
-etwas haben von dem, was geboten wird.“ Er erinnerte sich an den Montag
-vor vierzehn Tagen, an seinen selbständigen Spaziergang, der ihm so
-wenig gut getan, und gab der bestimmten Vermutung Ausdruck, daß er es
-eigentlich gewesen sei, der revolutionierend auf seinen Körper gewirkt
-und die still vorhandene Krankheit zum Ausbruch gebracht habe. „Aber wie
-die Leute hier reden,“ rief er; „das niedere Volk, – so würdig und
-feierlich: es klingt zuweilen wie Poesie. ‚Nun, so leb’ wohl und hab’
-Dank!‘“ wiederholte er, indem er die Sprechweise des Holzknechtes
-nachahmte. „So habe ich es im Walde gehört, und ich vergesse es meiner
-Lebtage nicht. Dergleichen verbindet sich dann mit anderen Eindrücken
-oder Erinnerungen, weißt du, und man behält es bis an sein Lebensende im
-Ohr. – Und Krokowski hat also wieder von ‚Liebe‘ gesprochen?“ fragte er
-und schnitt ein Gesicht bei dem Wort.
-
-„Selbstredend“, sagte Joachim. „Wovon denn sonst. Es ist ja nun einmal
-sein Thema.“
-
-„Was sagte er denn heute davon?“
-
-„Ach, nichts Besonderes. Du weißt ja selbst, vom vorigen Mal, wie er
-sich ausdrückt.“
-
-„Aber was gab er denn Neues zum besten?“
-
-„Nichts weiter Neues ... Ja, es war die reine Chemie, was er heute
-verzapfte“, ließ Joachim sich widerstrebend herbei, zu berichten. Es
-handele sich „dabei“ um eine Art von Vergiftung, von Selbstvergiftung
-des Organismus, habe Dr. Krokowski gesagt, die so entstehe, daß ein noch
-unbekannter, im Körper verbreiteter Stoff Zersetzung erfahre; und die
-Produkte dieser Zersetzung wirkten berauschend auf gewisse
-Rückenmarkszentren ein, nicht anders, als wie es sich bei der
-gewohnheitsmäßigen Einführung von fremden Giftstoffen, Morphin oder
-Kokain, verhalte.
-
-„Und dann kriegt man heitere Bäckchen!“ sagte Hans Castorp. „Sieh an,
-das ist ja hörenswert. Was der nicht alles weiß –. Er hat es mit Löffeln
-gegessen. Warte nur, eines Tages entdeckt er dir noch den unbekannten
-Stoff, der im ganzen Körper verbreitet ist, und stellt die löslichen
-Gifte her, die berauschend aufs Zentrum wirken, dann kann er die Leute
-auf eine besondere Weise beschwipsen. Vielleicht war man früher schon
-einmal so weit. Wenn man ihn hört, so könnte man denken, daß etwas
-Wahres ist an den Geschichten von Liebestränken und solchem Zeug, wovon
-in den Sagenbüchern die Rede ist ... Gehst du schon?“
-
-„Ja,“ sagte Joachim, „ich muß unbedingt noch etwas liegen. Ich habe
-ansteigende Kurve seit gestern. Die Sache mit dir hat mir doch etwas
-zugesetzt.“ –
-
-Das war der Sonntag, der Montag. Aus Abend und Morgen wurde der dritte
-Tag von Hans Castorps Aufenthalt in der „Remise“, ein Wochentag ohne
-Auszeichnung, der Dienstag. Es war aber der Tag seiner Ankunft hier
-oben, er war nun rund drei Wochen an diesem Ort, und so trieb es ihn
-doch, den Brief nach Hause zu schreiben und seine Onkel wenigstens
-obenhin und für den Augenblick über den Stand der Dinge zu unterrichten.
-Sein Plumeau im Rücken, schrieb er auf einem Briefbogen der Anstalt, daß
-seine Abreise von hier sich planwidrig verzögere. Er liege mit einer
-fieberigen Erkältung, die von Hofrat Behrens, übergewissenhaft, wie er
-wohl sei, offenbar nicht ganz auf die leichte Achsel genommen werde, da
-er sie mit seiner, des Schreibers, Konstitution überhaupt in
-Zusammenhang bringe. Denn gleich bei der ersten Bekanntschaft habe der
-dirigierende Arzt ihn stark anämisch gefunden, und alles in allem
-scheine es, als ob maßgeblicherseits die von ihm, Hans Castorp, zu
-seiner Erholung angesetzte Frist nicht für recht ausreichend erachtet
-werde. Weiteres ehetunlichst. – So ist es gut, dachte Hans Castorp. Da
-ist kein Wort zu viel und doch hält es auf jeden Fall eine Weile vor. –
-Der Brief wurde dem Hausdiener übergeben, der ihn unter Vermeidung des
-Umweges über den Kasten unmittelbar zum nächsten fahrplanmäßigen Zug
-beförderte.
-
-Hiernach schien unserem Abenteurer vieles geordnet, und mit
-beschwichtigtem Gemüt, wenn auch geplagt von Husten und
-Schnupfendumpfheit, lebte er abwartend in den Tag hinein, den vielfach
-in kurze Stückchen geteilten und in seiner feststehenden Einförmigkeit
-weder kurz- noch langweiligen Normaltag, der immer derselbe war. Morgens
-trat nach mächtigem Anklopfen der Bademeister herein, ein nerviges
-Individuum namens Turnherr, mit aufgerollten Hemdärmeln, hochgeäderten
-Unterarmen und einer gurgelnden, schwer behinderten Sprechart, der Hans
-Castorp, wie alle Patienten, mit seiner Zimmernummer anredete und ihn
-mit Alkohol abrieb. Nicht lange nach seinem Abgang erschien Joachim,
-fertig angezogen, um Guten Morgen zu sagen, nach seines Vetters
-Sieben-Uhr-früh-Temperatur zu fragen und seine eigene mitzuteilen.
-Während er drunten frühstückte, tat Hans Castorp, sein Plumeau im
-Rücken, mit dem Appetit, den eine neue Lebenslage erzeugt, dasselbe –,
-kaum gestört durch den geschäftig-geschäftsmäßigen Einbruch der Ärzte,
-die um diese Zeit den Speisesaal passiert hatten und ihren Rundgang
-durch die Zimmer der Bettlägrigen und Moribunden im Geschwindschritt
-zurücklegten. Den Mund voll Eingemachtem, bekundete er, „schön“
-geschlafen zu haben, sah über den Rand seiner Tasse hin zu, wie der
-Hofrat, der seine Fäuste auf die Platte des Mitteltisches stemmte, rasch
-die dort aufliegende Fiebertabelle prüfte, und erwiderte gleichmütig
-gedehnten Tones den Morgengruß der Abziehenden. Dann zündete er sich
-eine Zigarette an und sah Joachim schon von seinem morgendlichen
-Dienstgang wieder zurückkehren, wenn er kaum gedacht hatte, daß er
-fortgegangen sei. Wieder plauderten sie dies und das, und der
-Zeit-Zwischenraum bis zum zweiten Frühstück – Joachim hielt Liegekur
-unterdessen – war so kurz, daß selbst ein ausgemachter Hohlkopf und
-Geistesarmer es nicht zur Langenweile gebracht haben würde, – während
-doch Hans Castorp an den Eindrücken seiner ersten drei Wochen hier oben
-reichlich zu zehren, auch seine gegenwärtige Lebenslage und was etwa
-daraus werden mochte, innerlich zu bearbeiten hatte und der beiden
-dicken Bände einer illustrierten Zeitschrift kaum bedurft hätte, die,
-der Anstaltsbibliothek entstammend, auf seinem Nachttisch lagen.
-
-Nichts anderes gilt für die Zeitspanne, während der Joachim seinen
-zweiten Gang nach Platz Davos absolvierte, ein leichtes Stündchen. Er
-sprach dann wieder vor bei Hans Castorp und erzählte von dem und jenem,
-was ihm im Spazieren auffällig geworden, stand oder saß einen Augenblick
-am Krankenbette, bevor er in die Mittagsliegekur ging, – und wie lange
-dauerte die? Nur wieder ein Stündchen! Man hatte kaum, die Hände hinter
-dem Kopf gefaltet, ein wenig zur Decke geblickt und einem Gedanken
-nachgehangen, so dröhnte das Gong, das die nicht Bettlägrigen und
-Moribunden aufforderte, sich zur großen Mahlzeit instandzusetzen.
-
-Joachim ging, und es kam die „Mittagssuppe“: ein einfältig symbolischer
-Name für das, was kam! Denn Hans Castorp war nicht auf Krankenkost
-gesetzt, – warum auch hätte man ihn darauf setzen sollen? Krankenkost,
-schmale Kost war auf keine Art indiziert bei seinem Zustande. Er lag
-hier und zahlte den vollen Preis, und was man ihm bringt in der
-stehenden Ewigkeit dieser Stunde, das ist keine „Mittagssuppe“, es ist
-das sechsgängige Berghof-Diner ohne Abzug und in aller Ausführlichkeit,
-– am Alltage üppig, am Sonntage ein Gala-, Lust- und Parademahl, von
-einem europäisch erzogenen Chef in der Luxushotelküche der Anstalt
-bereitet. Die Saaltochter, deren Amt es war, die Bettlägrigen zu
-versorgen, brachte es ihm unter vernickelten Hohldeckeln und in leckeren
-Tiegeln; sie schob den Krankentisch, der sich eingefunden, dies
-einbeinige Wunder von Gleichgewichtskonstruktion, quer über sein Bett
-vor ihn hin, und Hans Castorp tafelte daran wie der Sohn des Schneiders
-am Tischlein deck dich.
-
-Kaum hatte er abgespeist, so kehrte auch Joachim zurück, und bis dieser
-in seine Loggia ging und die Stille der großen Liegekur sich über Haus
-„Berghof“ senkte, war es soviel wie halb drei geworden. Nicht ganz,
-vielleicht; genau genommen wohl erst ein Viertel über zwei. Aber solche
-überzähligen Viertelstunden außerhalb runder Einheiten werden nicht
-mitgerechnet, sondern nebenbei verschlungen, wo großzügige
-Zeitwirtschaft herrscht, wie etwa auf Reisen, bei vielstündiger
-Bahnfahrt oder sonst in leerem, wartendem Zustande, wenn alles Streben
-und Leben aufs Hinbringen und Zurücklegen von Zeit zurückgeführt ist.
-Ein Viertel über zwei Uhr – das gilt für halb drei; es gilt in Gottes
-Namen auch gleich für drei Uhr, da schon die Drei im Spiele ist. Die
-dreißig Minuten werden als Auftakt zur runden Stunde von drei bis vier
-Uhr verstanden und innerlich beseitigt: so macht man es unter solchen
-Umständen. Und so beschränkte sich denn die Dauer der großen Liegekur
-schließlich und eigentlich wieder auf eine Stunde, – die übrigens an
-ihrem Ende vermindert, weggestutzt und gleichsam apostrophiert wurde.
-Der Apostroph war Dr. Krokowski.
-
-Ja, Dr. Krokowski beschrieb auf seinem selbständigen Nachmittagsrundgang
-keinen Bogen mehr um Hans Castorp. Dieser zählte nun mit, er war nicht
-länger ein Intervall und Hiatus, er war Patient, er wurde gefragt und
-nicht links liegengelassen, wie es zu seinem geheimen und leichten, aber
-täglich wieder empfundenen Ärger so lange geschehen war. Es war am
-Montag gewesen, daß Dr. Krokowski zum erstenmal im Zimmer erschienen
-war, – wir sagen „erschienen“, denn das ist das rechte Wort für den
-sonderbaren und sogar etwas entsetzlichen Eindruck, dessen Hans Castorp
-sich damals nicht hatte erwehren können. Er hatte im Halb- oder
-Viertelschlummer gelegen, als er aufschreckend gewahrte, daß der
-Assistent im Zimmer war, ohne durch die Tür hereingelangt zu sein, und
-von der Außenseite her auf ihn zuschritt. Denn sein Weg war nicht über
-den Korridor, sondern durch die äußeren Loggien gewesen, und durch die
-offene Balkontür war er eingetreten, so daß sich die Vorstellung
-aufdrängte, als sei er durch die Lüfte gekommen. Da hatte er nun
-jedenfalls an Hans Castorps Lager gestanden, schwarzbleich,
-breitschultrig und stämmig, der Apostroph der Stunde, und in seinem
-geteilten Bart waren gelblich und mannhaft lächelnd die Zähne zu sehen
-gewesen.
-
-„Sie scheinen überrascht, mich zu sehen, Herr Castorp,“ hatte er mit
-baritonaler Milde, schleppend, unbedingt etwas geziert und mit einem
-exotischen Gaumen-r gesprochen, das er jedoch nicht rollte, sondern
-durch ein nur einmaliges Anschlagen der Zunge gleich hinter den oberen
-Vorderzähnen erzeugte; „ich erfülle aber lediglich eine angenehme
-Pflicht, wenn ich bei Ihnen nun auch nach dem Rechten sehe. Ihr
-Verhältnis zu uns ist in eine neue Phase getreten, über Nacht ist aus
-dem Gaste ein Kamerad geworden ...“ (Das Wort „Kamerad“ hatte Hans
-Castorp etwas geängstigt.) „Wer hätte es gedacht!“ hatte Dr. Krokowski
-kameradschaftlich gescherzt ... „Wer hätte es gedacht an dem Abend, als
-ich Sie zuerst begrüßen durfte und Sie meiner irrigen Auffassung –
-damals war sie irrig – mit der Erklärung begegneten, Sie seien
-vollkommen gesund. Ich glaube, ich drückte damals etwas wie einen
-Zweifel aus, aber, ich versichere Sie, ich meinte es nicht so! Ich will
-mich nicht scharfsichtiger hinstellen, als ich bin, ich dachte damals an
-keine feuchte Stelle, ich meinte es anders, allgemeiner,
-philosophischer, ich verlautbarte meinen Zweifel daran, daß ‚Mensch‘ und
-‚vollkommene Gesundheit‘ überhaupt Reimworte seien. Und auch heute noch,
-auch nach dem Verlauf Ihrer Untersuchung, kann ich, wie ich nun einmal
-bin, und im Unterschiede von meinem verehrten Chef, diese feuchte Stelle
-da“ – und er hatte mit der Fingerspitze leicht Hans Castorps Schulter
-berührt – „nicht als im Vordergrunde des Interesses stehend erachten.
-Sie ist für mich eine sekundäre Erscheinung ... Das Organische ist immer
-sekundär ...“
-
-Hans Castorp war zusammengezuckt.
-
-„... Und also ist Ihr Katarrh in meinen Augen eine Erscheinung dritter
-Ordnung“, hatte Dr. Krokowski sehr leicht hinzugefügt. „Wie steht es
-damit? Die Bettruhe wird in dieser Hinsicht gewiß rasch das ihre tun.
-Was haben Sie heute gemessen?“ Und von da an hatte der Besuch des
-Assistenten den Charakter einer harmlosen Kontrollvisite getragen, wie
-er ihn denn auch in den folgenden Tagen und Wochen beständig trug: Dr.
-Krokowski kam ¾4 Uhr oder auch schon etwas früher über den Balkon
-herein, begrüßte den Liegenden auf mannhaft heitere Art, stellte die
-einfachsten ärztlichen Fragen, leitete auch wohl ein kurzes,
-persönlicher bestimmtes Geplauder ein, scherzte kameradschaftlich, – und
-wenn alles dies eines Anfluges von Bedenklichkeit nicht entbehrte, so
-gewöhnt man sich endlich auch an das Bedenkliche, falls es in seinen
-Grenzen bleibt, und Hans Castorp fand bald nichts mehr gegen das
-regelmäßige Erscheinen Dr. Krokowskis zu erinnern, das nun einmal zum
-stehenden Normaltage gehörte und die Stunde der großen Liegekur
-apostrophierte.
-
-Es war also 4 Uhr, wenn der Assistent wieder auf den Balkon zurücktrat,
-– das heißt tiefer Nachmittag! Plötzlich und eh mans gedacht, war es
-tiefer Nachmittag, – der sich übrigens ungesäumt ins annähernd
-Abendliche vertiefte: denn bis der Tee getrunken war, drunten im Saal
-und auf Nummer 34, ging es stärkstens auf 5 Uhr und, bis Joachim von
-seinem dritten Dienstgange zurückkehrte und bei seinem Vetter wieder
-vorsprach, immerhin so stark auf 6, daß sich die Liegekur bis zum
-Abendessen, wenn man nur ein wenig rund rechnete, wieder auf eine Stunde
-beschränkte, – eine spielend aus dem Felde zu schlagende
-Zeitgegnerschaft, wenn man Gedanken im Kopf und außerdem einen ganzen
-_orbis pictus_ auf dem Nachttische hat.
-
-Joachim verabschiedete sich zur Mahlzeit. Das Essen wurde gebracht. Das
-Tal hatte sich längst mit Schatten gefüllt, und während Hans Castorp aß,
-dunkelte es zusehens im weißen Zimmer. Er saß, wenn er fertig war, in
-sein Plumeau gelehnt, vor dem abgegessenen Tischleindeckdich und blickte
-in die rasch zunehmende Dämmerung, die Dämmerung von heute, die von der
-gestrigen, vorgestrigen oder der vor acht Tagen nur schwer zu
-unterscheiden war. Es war Abend, – nachdem es eben noch Morgen gewesen.
-Der zerkleinerte und künstlich kurzweilig gemachte Tag war ihm
-buchstäblich unter den Händen zerbröckelt und zunichte geworden, wie er
-mit heiterer Verwunderung oder allenfalls nachdenklich bemerkte; denn
-Grauen hiervor war seinen Jahren noch fremd. Ihm war nur, als blicke er
-„immer noch“.
-
-Eines Tages, es mochten zehn oder zwölf vergangen sein, seit Hans
-Castorp bettlägrig geworden war, pochte es um diese Stunde, das heißt:
-bevor Joachim vom Abendessen und von der Geselligkeit zurückgekehrt war,
-an die Stubentür, und auf Hans Castorps fragendes Herein erschien
-Lodovico Settembrini auf der Schwelle, – wobei es mit einem Schlage
-blendend hell im Zimmer wurde. Denn des Besuchers erste Bewegung, bei
-noch offener Tür, war gewesen, daß er das Deckenlicht eingeschaltet
-hatte, welches, von dem Weiß der Decke, der Möbel zurückgeworfen, den
-Raum im Nu mit zitternder Klarheit überfüllte.
-
-Der Italiener war die einzige Persönlichkeit unter den Kurgästen, nach
-der Hans Castorp sich in diesen Tagen ausdrücklich und namentlich bei
-Joachim erkundigt hatte. Joachim berichtete ihm ja ohnedies, sooft er
-für zehn Minuten auf seines Vetters Bettrand saß oder neben ihm stand –
-und das geschah zehnmal am Tage – von den kleinen Vorkommnissen und
-Schwankungen im Alltagsleben der Anstalt, und soweit Hans Castorp Fragen
-gestellt hatte, waren sie allgemeiner und unpersönlicher Art gewesen.
-Die Neugier des Isolierten ging dahin, zu wissen, ob etwa neue Gäste
-angekommen oder von den vertrauten Physiognomien jemand abgereist sei;
-und es schien ihn zu befriedigen, daß nur jenes der Fall war. Ein
-„Neuer“ war eingetroffen, ein junger Mann, grünlich und hohl von
-Gesicht, und hatte seinen Platz am Tische der elfenbeinernen Levi und
-der Frau Iltis, gleich rechts von dem der Vettern erhalten. Nun, Hans
-Castorp konnte es erwarten, ihn in Augenschein zu nehmen. Abgereist war
-also niemand? Joachim verneinte kurz, indem er die Augen niederschlug.
-Aber er mußte die Frage mehrmals beantworten, eigentlich jeden zweiten
-Tag, obgleich er schließlich, eine gewisse Ungeduld in der Stimme, ein
-für allemal Bescheid zu geben versucht und gesagt hatte, seines Wissens
-stehe niemand vor der Abreise, so schlankerhand werde hier überhaupt ja
-nicht abgereist.
-
-Was Settembrini betraf, so hatte also Hans Castorp persönlich nach ihm
-gefragt und zu hören verlangt, was jener „dazu gesagt“ habe. Wozu? „Nun,
-daß ich hier liege und krank sein soll.“ Wirklich hatte Settembrini sich
-geäußert, wenn auch sehr knapp. Gleich am Tage von Hans Castorps
-Verschwinden war er an Joachim mit der Frage nach dem Verbleib des
-Gastes herangetreten, wobei er sichtlich zu erfahren bereit gewesen war,
-daß Hans Castorp abgereist sei. Auf Joachims Erklärungen hatte er nur
-mit zwei italienischen Wörtern erwidert: zuerst hatte er „_Ecco_“ und
-dann „_Poveretto_“ gesagt, zu deutsch: „da haben wir’s“ und „armer
-Kleiner“, – man brauchte nicht mehr Italienisch zu verstehen als die
-beiden jungen Leute, um den Sinn dieser beiden Äußerungen zu erfassen.
-„Wieso ‚_poveretto_‘?“ hatte Hans Castorp gesagt. „Er sitzt doch auch
-hier oben mit seiner Literatur, die aus Humanismus und Politik besteht,
-und kann die irdischen Lebensinteressen wenig fördern. Er sollte mich
-nur nicht so von oben herab bemitleiden, ich komme immer noch früher ins
-Flachland als er.“
-
-Nun also stand Herr Settembrini im jäh erleuchteten Zimmer, – Hans
-Castorp, der sich auf den Ellbogen gestützt und zur Tür gewandt hatte,
-erkannte ihn blinzelnd und errötete, als er ihn erkannte. Wie immer trug
-Settembrini seinen dicken Rock mit den großen Aufschlägen, einen etwas
-schadhaften Umlegekragen dazu und die karierten Hosen. Da er vom
-Essen kam, hielt er nach seiner Gewohnheit einen hölzernen
-Zahnstocher zwischen den Lippen. Sein Mundwinkel unter der schönen
-Schnurrbartbiegung war zu dem bekannten feinen, nüchternen und
-kritischen Lächeln gespannt.
-
-„Guten Abend, Ingenieur! Ist es erlaubt, sich nach Ihnen umzusehen? Wenn
-ja, so bedarf es dazu des Lichtes, – verzeihen Sie meine
-Eigenmächtigkeit!“ sagte er, indem er die kleine Hand schwunghaft zur
-Deckenlampe emporwarf. „Sie kontemplierten, – ich möchte beileibe nicht
-stören. Neigung zur Nachdenklichkeit wäre mir ganz begreiflich in Ihrem
-Fall, und zum Plaudern haben Sie schließlich Ihren Vetter. Sie sehen,
-meine Überflüssigkeit ist mir vollkommen deutlich. Trotzdem, man lebt
-auf so engem Raum beieinander, man faßt Teilnahme von Mensch zu Mensch,
-geistige Teilnahme, Herzensteilnahme ... Es ist eine gute Woche, daß man
-Sie nicht sieht. Ich fing wahrhaftig an, mir einzubilden, Sie seien
-abgereist, als ich Ihren Platz drunten im Refektorium leer sah. Der
-Leutnant belehrte mich eines Besseren, hm, eines weniger Guten, wenn das
-nicht unhöflich klingt ... Kurz, wie geht es? Was treiben Sie? Wie
-fühlen Sie sich? Doch nicht allzu niedergeschlagen?“
-
-„Sie sind es, Herr Settembrini! Das ist ja freundlich. Ha, ha,
-‚Refektorium‘? Da haben Sie gleich wieder einen Witz gemacht. Nehmen Sie
-den Stuhl, bitte. Sie stören mich keine Spur. Ich lag da und sinnierte,
-– sinnieren ist schon viel zu viel gesagt. Ich war einfach zu faul, das
-Licht anzudrehen. Danke vielmals, es geht mir subjektiv so gut wie
-normal. Mein Schnupfen ist beinahe behoben durch die Bettruhe, aber er
-soll ja eine sekundäre Erscheinung sein, wie ich allgemein höre. Die
-Temperatur ist eben immer noch nicht, wie sie sein sollte, mal 37,5, mal
-37,7, das hat sich in diesen Tagen noch nicht geändert.“
-
-„Sie nehmen regelmäßig Messungen vor?“
-
-„Ja, sechsmal am Tage, ganz wie sie alle hier oben. Haha, entschuldigen
-Sie, ich muß noch lachen darüber, daß Sie unsern Speisesaal
-‚Refektorium‘ nannten. So sagt man doch im Kloster, nicht? Davon hat es
-hier wirklich etwas, – ich war ja noch nie in einem Kloster, aber so
-ähnlich stelle ich es mir vor. Und die ‚Regeln‘ habe ich auch schon am
-Schnürchen und beobachte sie ganz genau.“
-
-„Wie ein frommer Bruder. Man kann sagen, Ihr Noviziat ist beendet, Sie
-haben Profeß getan. Meine feierliche Gratulation. Sie sagen ja auch
-schon ‚unser Speisesaal‘. Übrigens – ohne Ihrer Manneswürde zu nahe
-treten zu wollen – erinnern Sie mich fast mehr an ein junges Nönnlein
-als an einen Mönch, – an so ein eben geschorenes, unschuldiges Bräutchen
-Christi mit großen Opferaugen. Ich habe früher hie und da solche Lämmer
-gesehen nie ohne ... nie ohne eine gewisse Sentimentalität. Ah, ja, ja,
-Ihr Herr Vetter hat mir alles erzählt. Sie haben sich also im letzten
-Moment noch untersuchen lassen.“
-
-„Da ich febril war –. Ich bitte Sie, Herr Settembrini, bei einem solchen
-Katarrh hätte ich mich in der Ebene an unseren Arzt gewandt. Und hier,
-wo man sozusagen an der Quelle sitzt, wo zwei Spezialisten im Hause
-sind, – es wäre doch komisch gewesen ...“
-
-„Versteht sich, versteht sich. Und gemessen hatten Sie sich also schon,
-bevor man es Ihnen aufgetragen. Man hatte es Ihnen übrigens sofort
-empfohlen. Das Thermometer hat Ihnen die Mylendonk zugesteckt?“
-
-„Zugesteckt? Da der Bedarfsfall vorlag, habe ich ihr eines abgekauft.“
-
-„Ich verstehe. Ein einwandfreies Handelsgeschäft. Und wieviel Monate hat
-der Chef Ihnen aufgebrummt? ... Großer Gott, so habe ich Sie schon
-einmal gefragt! Erinnern Sie sich? Sie waren frisch angekommen. Sie
-antworteten so keck damals ...“
-
-„Natürlich weiß ich das noch, Herr Settembrini. Viel Neues habe ich
-seitdem erlebt, aber das weiß ich doch noch wie heute. Gleich damals
-waren Sie so amüsant und machten Hofrat Behrens zum Höllenrichter ...
-Rhadames ... Nein, warten Sie, das ist was anderes ...“
-
-„Rhadamanthys? Mag sein, daß ich ihn beiläufig so nannte. Ich behalte
-nicht alles, was mein Kopf gelegentlich hervorsprudelt.“
-
-„Rhadamanthys, natürlich! Minos und Rhadamanthys! Auch von Carducci
-erzählten Sie uns damals gleich ...“
-
-„Erlauben Sie, lieber Freund, _den_ wollen wir beiseite lassen. _Der_
-Name nimmt sich in diesem Augenblick gar zu fremdartig aus in Ihrem
-Munde!“
-
-„Auch gut“, lachte Hans Castorp. „Ich habe durch Sie aber doch viel über
-ihn gelernt. Ja, damals hatte ich keine Ahnung und antwortete Ihnen, ich
-sei auf drei Wochen gekommen, anders wußte ich’s nicht. Gerade hatte die
-Kleefeld mich zur Begrüßung mit dem Pneumothorax angepfiffen, davon war
-ich etwas außer mir. Aber auch febril fühlte ich mich damals gleich,
-denn die Luft hier ist ja nicht nur gut _gegen_ die Krankheit, sie ist
-auch gut _für_ die Krankheit, manchmal bringt sie sie erst zum Ausbruch,
-und das ist am Ende wohl nötig, wenn Heilung eintreten soll.“
-
-„Eine bestechende Hypothese. Hat Hofrat Behrens Ihnen auch von der
-Deutschrussin erzählt, die wir voriges Jahr, – nein: vorvoriges Jahr
-fünf Monate hier hatten? Nicht? Das hätte er tun sollen. Eine
-liebenswürdige Dame, deutschrussisch ihrer Abstammung nach, verheiratet,
-junge Mutter. Sie kam aus dem Osten hierher, lymphatisch, blutarm, es
-lag auch wohl etwas Ernsthafteres vor. Nun, sie lebt einen Monat hier
-und klagt, sie fühle sich schlecht. Nur Geduld! Es vergeht ein zweiter
-Monat, und sie behauptet fortgesetzt, daß es ihr nicht besser, sondern
-schlechter geht. Ihr wird bedeutet, wie es ihr _gehe_, könne einzig und
-allein der Arzt beurteilen; sie könne nur angeben, wie sie sich _fühle_,
-– und daran sei wenig gelegen. Mit ihrer Lunge sei man zufrieden. Gut,
-sie schweigt, sie macht Kur und verliert allwöchentlich an Gewicht. Im
-vierten Monat wird sie bei Untersuchungen ohnmächtig. Das schade nichts,
-erklärt Behrens; mit ihrer Lunge sei er recht wohl zufrieden. Als sie
-aber im fünften Monat nicht mehr gehen kann, schreibt sie dies ihrem
-Manne nach Osten, und Behrens bekommt einen Brief von ihm, – es stand
-‚Persönlich‘ und ‚Dringlich‘ darauf in markiger Schrift, ich habe ihn
-selbst gesehen. Ja, sagt Behrens nun und zuckt die Achseln, es scheine
-sich ja herauszustellen, daß sie offenbar das Klima hier nicht vertrage.
-Die Frau war außer sich. Das hätte er ihr doch früher sagen müssen, rief
-sie, sie habe es immer gefühlt, ganz und gar verdorben habe sie sich!
-... Wir wollen hoffen, daß sie bei ihrem Mann im Osten wieder zu Kräften
-gekommen ist.“
-
-„Ausgezeichnet! Sie erzählen so hübsch, Herr Settembrini, geradezu
-plastisch ist jedes Ihrer Worte. Auch über die Geschichte mit dem
-Fräulein, das im See badete, und der man die Stumme Schwester gab, habe
-ich noch oft im stillen lachen müssen. Ja, was alles vorkommt. Man lernt
-gewiß nicht aus. Mein eigener Fall liegt übrigens noch ganz im
-Ungewissen. Der Hofrat will ja eine Kleinigkeit bei mir gefunden haben,
-– die alten Stellen, wo ich früher schon krank war, ohne es zu wissen,
-habe ich selbst beim Klopfen gehört, und nun soll auch eine frische hier
-irgendwo zu hören sein – ha, ‚frisch‘ ist übrigens eigentümlich gesagt
-in diesem Zusammenhang. Aber bis jetzt handelt es sich ja nur um
-akustische Wahrnehmungen, und die rechte diagnostische Sicherheit werden
-wir erst haben, wenn ich wieder auf bin und die Durchleuchtung und
-photographische Aufnahme stattgefunden hat. Dann werden wir positiv
-Bescheid wissen.“
-
-„Meinen Sie? – Wissen Sie, daß die photographische Platte oft Flecken
-zeigt, die man für Kavernen hält, während sie bloß Schatten sind, und
-daß sie da, _wo_ etwas ist, zuweilen _keine Flecken_ zeigt? Madonna, die
-photographische Platte! Hier war ein junger Numismatiker, der fieberte;
-und da er fieberte, sah man deutlich Kavernen auf der photographischen
-Platte. Man wollte sie sogar gehört haben! Er wurde auf Phthisis
-behandelt, und darüber starb er. Die Obduktion lehrte, daß seiner Lunge
-nichts fehlte, und daß er an irgendwelchen Kokken gestorben war.“
-
-„Nun, hören Sie, Herr Settembrini, gleich von Obduktion reden Sie!
-Soweit ist es mit mir denn doch wohl noch nicht.“
-
-„Ingenieur, Sie sind ein Schalk.“
-
-„Und Sie sind durch und durch ein Kritiker und Zweifler, das muß man
-sagen! Nicht einmal an die exakte Wissenschaft glauben Sie. Zeigt denn
-bei _Ihnen_ die Platte Flecken?“
-
-„Ja, sie zeigt welche.“
-
-„Und sind Sie wirklich etwas krank?“
-
-„Ja, ich bin leider ziemlich krank“, erwiderte Herr Settembrini und ließ
-das Haupt sinken. Es trat eine Pause ein, in der er hüstelte. Hans
-Castorp blickte aus seiner Ruhelage auf den zum Schweigen gebrachten
-Gast. Ihm war, als hätte er mit seinen beiden sehr einfachen Fragen
-alles mögliche widerlegt und zum Verstummen gebracht, sogar die Republik
-und den schönen Stil. Von seiner Seite tat er nichts, um das Gespräch
-wieder in Gang zu bringen.
-
-Nach einer Weile richtete Herr Settembrini sich lächelnd wieder auf.
-
-„Erzählen Sie mir nun, Ingenieur,“ sagte er, „wie haben die Ihren die
-Nachricht aufgenommen?“
-
-„Das heißt, welche Nachricht? Von der Verzögerung meiner Abreise? Ach,
-die Meinen, wissen Sie, die Meinen zu Hause bestehen aus drei Onkels,
-einem Großonkel und zwei Söhnen von ihm, zu denen ich mehr in
-Vetternverhältnis stehe. Weiter habe ich keine Meinen, ich bin ja sehr
-früh Doppelwaise geworden. Aufgenommen? Sie wissen ja noch nicht viel,
-nicht mehr, als ich selbst. Zu Anfang, als ich mich legen mußte, habe
-ich ihnen geschrieben, ich sei stark erkältet und könne nicht reisen.
-Und gestern, da es nun doch ein bißchen lange dauerte, habe ich noch
-einmal geschrieben und gesagt, Hofrat Behrens sei durch den Katarrh auf
-den Zustand meiner Brust aufmerksam geworden und dringe darauf, daß ich
-meinen Aufenthalt verlängere, bis Klarheit darüber geschaffen ist. Davon
-werden sie sehr ruhigen Blutes Kenntnis genommen haben.“
-
-„Und Ihr Posten? Sie sprachen von einem praktischen Wirkungskreis, in
-den Sie eben einzutreten gedachten.“
-
-„Ja, als Volontär. Ich habe gebeten, mich vorläufig auf der Werft zu
-entschuldigen. Sie müssen nicht denken, daß deswegen da Verzweiflung
-herrscht. Die können sich beliebig lange auch ohne Volontär behelfen.“
-
-„Sehr gut! Von dieser Seite betrachtet, ist also alles in Ordnung.
-Phlegma auf der ganzen Linie. Man ist überhaupt phlegmatisch bei Ihnen
-zu Lande, nicht wahr? Aber auch energisch!“
-
-„O ja, energisch auch, doch, sehr energisch“, sagte Hans Castorp. Er
-prüfte die heimatliche Lebensstimmung aus der Entfernung und fand, daß
-sein Unterredner sie richtig kennzeichne. „Phlegmatisch und energisch,
-so sind sie wohl.“
-
-„Nun,“ fuhr Herr Settembrini fort, „sollten Sie länger bleiben, so wird
-es ja nicht fehlen, daß wir hier oben die Bekanntschaft Ihres Herrn
-Onkels – ich meine den Großonkel – machen. Zweifellos wird er
-heraufkommen, sich nach Ihnen umzusehen.“
-
-„Ausgeschlossen!“ rief Hans Castorp. „Unter gar keinen Umständen! Keine
-zehn Pferde bringen ihn hier herauf! Mein Onkel ist stark apoplektisch,
-wissen Sie, er hat fast keinen Hals. Nein, der braucht einen
-vernünftigen Luftdruck, es würde ihm hier noch schlimmer ergehen als
-Ihrer Dame aus dem Osten, alle Zustände würde er kriegen.“
-
-„Das enttäuscht mich. Apoplektisch also? Was nützen mir da Phlegma und
-Energie. – Ihr Herr Onkel ist wohl reich? Auch Sie sind reich? Man ist
-reich bei Ihnen zu Hause.“
-
-Hans Castorp lächelte über Herrn Settembrinis schriftstellerische
-Verallgemeinerung, und dann blickte er wieder aus seiner Ruhelage ins
-Weite, in die heimatliche Sphäre, der er entrückt war. Er erinnerte
-sich, er versuchte, unpersönlich zu urteilen, die Distanz ermunterte und
-befähigte ihn dazu. Er antwortete:
-
-„Man ist reich, ja, – oder man ist es nicht. Und wenn nicht, – desto
-schlimmer. Ich? Ich bin kein Millionär, aber das meine ist mir
-sichergestellt, ich bin unabhängig, ich habe zu leben. Sehen wir von mir
-mal ab. Wenn Sie gesagt hätten: Man _muß_ reich sein da hinten, – dann
-hätte ich Ihnen zugestimmt. Denn angenommen, man ist _nicht_ reich, oder
-hört auf, es zu sein, – dann wehe. ‚Der? Hat der denn noch Geld?‘ fragen
-sie ... Wörtlich so und mit genau solchem Gesicht; ich habe es oft
-gehört, und ich merke, daß es sich mir eingeprägt hat. Also muß es mir
-doch wohl sonderbar vorgekommen sein, obgleich ich gewöhnt war, es zu
-hören, – sonst hätte es sich mir nicht eingeprägt. Oder wie meinen Sie.
-Nein, ich glaube nicht, daß es zum Beispiel Ihnen, als _homo humanus_,
-zusagen würde bei uns; selbst mir, der ich doch dort zu Hause bin, ist
-es öfters kraß vorgekommen, wie ich nachträglich merke, obgleich ich
-persönlich ja nicht darunter zu leiden gehabt habe. Wer nicht die
-besten, teuersten Weine servieren läßt bei seinen Diners, zu dem geht
-man überhaupt nicht, und seine Töchter bleiben sitzen. So sind die
-Leute. Wie ich hier so liege und es von weitem sehe, kommt es mir kraß
-vor. Was brauchten Sie für Ausdrücke, – phlegmatisch und? Und energisch!
-Gut, aber was heißt das? Das heißt hart, kalt. Und was heißt hart und
-kalt? Das heißt grausam. Es ist eine grausame Luft da unten,
-unerbittlich. Wenn man so liegt und es von weitem sieht, kann es einem
-davor grauen.“
-
-Settembrini hörte ihm zu und nickte. Er tat dies noch, als Hans Castorp
-vorläufig mit seiner Kritik zu Rande gekommen war und nicht mehr sprach.
-Dann atmete er auf und sagte:
-
-„Ich will die besonderen Erscheinungsformen, die die natürliche
-Grausamkeit des Lebens innerhalb Ihrer Gesellschaft annimmt, nicht
-beschönigen. Einerlei, der Vorwurf der Grausamkeit bleibt ein ziemlich
-sentimentaler Vorwurf. Sie würden ihn an Ort und Stelle kaum erhoben
-haben, aus Furcht, vor sich selber lächerlich zu werden. Sie haben ihn
-mit Recht den Drückebergern des Lebens überlassen. Daß Sie ihn jetzt
-erheben, zeugt von einer gewissen Entfremdung, die ich ungern anwachsen
-sehen würde, denn wer sich gewöhnt, ihn zu erheben, kann ganz leicht dem
-Leben, der Lebensform, für die er geboren ist, verloren gehen. Wissen
-Sie, Ingenieur, was das heißt: ‚Dem Leben verloren gehen‘? Ich, ich weiß
-es, ich sehe es hier alle Tage. Spätestens nach einem halben Jahr hat
-der junge Mensch, der heraufkommt (und es sind fast lauter junge
-Menschen, die heraufkommen), keinen anderen Gedanken mehr im Kopf als
-Flirt und Temperatur. Und spätestens nach einem Jahr wird er auch nie
-wieder einen anderen fassen können, sondern jeden anderen als ‚grausam‘
-oder, besser gesagt, als fehlerhaft und unwissend empfinden. Sie lieben
-Geschichten, – ich könnte Ihnen aufwarten. Ich könnte Ihnen von dem Sohn
-und Ehemann erzählen, der elf Monate hier war, und den ich kannte. Er
-war ein wenig älter als Sie, glaube ich, – sogar schon etwas älter. Man
-entließ ihn probeweise als gebessert, er kehrte nach Hause zurück in die
-Arme seiner Lieben; es waren keine Onkel, es waren Mutter und Gattin.
-Den ganzen Tag lag er mit dem Thermometer im Munde und wußte von nichts
-anderem. ‚Das versteht ihr nicht‘, sagte er. ‚Dazu muß man oben gelebt
-haben, um zu wissen, wie es sein muß. Hier unten fehlen die
-Grundbegriffe.‘ Es endete damit, daß seine Mutter entschied: ‚Geh nur
-wieder hinauf. Mit dir ist nichts mehr anzufangen.‘ Und er ging wieder
-hinauf. Er kehrte in die ‚Heimat‘ zurück, – Sie wissen doch, man nennt
-dies ‚Heimat‘, wenn man einmal hier gelebt hat. Seiner jungen Frau war
-er völlig entfremdet, es fehlten ihr die ‚Grundbegriffe‘, und sie
-verzichtete. Sie sah ein, daß er in der Heimat eine Genossin mit
-übereinstimmenden ‚Grundbegriffen‘ finden und dableiben werde.“
-
-Hans Castorp schien nur mit halbem Ohre zugehört zu haben. Noch immer
-schaute er in die Glühlichtklarheit des weißen Zimmers hinein wie in
-eine Weite. Er lachte verspätet und sagte:
-
-„Die Heimat nannte er es? Das ist wohl wirklich etwas sentimental, wie
-Sie sagen. Ja, Geschichten wissen Sie ohne Zahl. Ich dachte eben noch
-weiter nach über das, was wir von Härte und Grausamkeit sprachen, ich
-habe es mir in diesen Tagen schon verschiedentlich durch den Kopf gehen
-lassen. Sehen Sie, man muß wohl eine ziemlich dicke Haut haben, um von
-Natur so ganz einverstanden zu sein mit der Denkungsart der Leute da
-unten im Tieflande und mit solchen Fragen, wie ‚Hat der denn noch Geld?‘
-und dem Gesicht, das sie dazu machen. Mir war es eigentlich nie ganz
-natürlich, obgleich ich nicht einmal ein _homo humanus_ bin, – ich merke
-nachträglich, daß es mir immer auffallend vorgekommen ist. Vielleicht
-hing es mit meiner unbewußten Neigung zur Krankheit zusammen, daß es mir
-nicht natürlich war, – ich habe die alten Stellen ja selbst gehört, und
-nun hat Behrens angeblich eine frische Kleinigkeit bei mir gefunden. Es
-kam mir wohl überraschend, und doch habe ich mich im Grunde nicht sehr
-darüber gewundert. Geradezu felsenfest habe ich mich eigentlich nie
-gefühlt; und dann sind meine beiden Eltern so früh gestorben, – ich bin
-von Kind auf Doppelwaise, wissen Sie ...“
-
-Herr Settembrini beschrieb mit Kopf, Schultern und Händen eine
-einheitliche Gebärde, die die Frage „Nun, und? Was weiter?“ heiter und
-artig anschaulich machte.
-
-„Sie sind doch Schriftsteller,“ sagte Hans Castorp, „– Literat; Sie
-müssen sich auf so etwas doch verstehen und einsehen, daß man unter
-diesen Umständen nicht so recht derb gesinnt sein und die Grausamkeit
-der Leute ganz natürlich finden kann, – der gewöhnlichen Leute, wissen
-Sie, die herumgehen und lachen und Geld verdienen und sich den Bauch
-vollschlagen ... Ich weiß nicht, ob ich mich richtig ...“
-
-Settembrini verbeugte sich. „Sie wollen sagen,“ erläuterte er, „daß die
-frühe und wiederholte Berührung mit dem Tode eine Grundstimmung des
-Gemütes zeitigt, die gegen die Härten und Kruditäten des unbedachten
-Weltlebens, sagen wir: gegen seinen Zynismus reizbar und empfindlich
-macht.“
-
-„Genau so!“ rief Hans Castorp in aufrichtiger Begeisterung. „Tadellos
-ausgedrückt bis aufs i-Tüpfelchen, Herr Settembrini! Mit dem Tode –! Ich
-wußte es ja, daß Sie als Literat ...“
-
-Settembrini streckte die Hand gegen ihn aus, indem er den Kopf auf die
-Seite legte und die Augen schloß, – eine sehr schöne und sanfte Gebärde
-des Einhalttuns und der Bitte um weiteres Gehör. Er verharrte mehrere
-Sekunden in dieser Stellung, auch als Hans Castorp schon lange schwieg
-und in einiger Verlegenheit der Dinge wartete, die da kommen sollten.
-Endlich schlug er seine schwarzen Augen – die Augen der Drehorgelmänner
-– wieder auf und sprach:
-
-„Gestatten Sie. Gestatten Sie mir, Ingenieur, Ihnen zu sagen und Ihnen
-ans Herz zu legen, daß die einzig gesunde und edle, übrigens auch – ich
-will das ausdrücklich hinzufügen – auch die einzig _religiöse_ Art, den
-Tod zu betrachten, die ist, ihn als Bestandteil und Zubehör, als heilige
-Bedingung des Lebens zu begreifen und zu empfinden, _nicht_ aber – was
-das Gegenteil von gesund, edel, vernünftig und religiös wäre – ihn
-geistig irgendwie davon zu scheiden, ihn in Gegensatz dazu zu bringen
-und ihn etwa gar widerwärtigerweise dagegen auszuspielen. Die Alten
-schmückten ihre Sarkophage mit Sinnbildern des Lebens und der Zeugung,
-sogar mit obszönen Symbolen, – das Heilige war der antiken Religiosität
-ja sehr häufig eins mit dem Obszönen. Diese Menschen wußten den Tod zu
-ehren. Der Tod ist ehrwürdig als Wiege des Lebens, als Mutterschoß der
-Erneuerung. Vom Leben getrennt gesehen, wird er zum Gespenst, zur Fratze
-– und zu etwas noch Schlimmerem. Denn der Tod als selbständige geistige
-Macht ist eine höchst liederliche Macht, deren lasterhafte
-Anziehungskraft zweifellos sehr stark ist, aber mit der zu
-sympathisieren ebenso unzweifelhaft die gräulichste Verirrung des
-Menschengeistes bedeutet.“
-
-Hier schwieg Herr Settembrini. Er blieb bei dieser Allgemeinheit stehen
-und endete auf das bestimmteste. Es war ihm Ernst; nicht
-unterhaltungsweise hatte er geredet, hatte es verschmäht, seinem Partner
-Gelegenheit zur Anknüpfung und Gegenrede zu bieten, sondern am Ende
-seiner Aufstellungen die Stimme sinken lassen und einen Punkt gemacht.
-Er saß geschlossenen Mundes, die gekreuzten Hände im Schoß, ein Bein in
-der karierten Hose über das andere geschlagen, und wippte nur leicht mit
-dem in der Luft schwebenden Fuß, den er streng betrachtete.
-
-Auch Hans Castorp schwieg denn also. In seinem Plumeau sitzend, wandte
-er den Kopf zur Wand und trommelte leicht mit den Fingerspitzen auf der
-Steppdecke. Er kam sich belehrt, zurechtgewiesen, ja gescholten vor, und
-in seinem Schweigen lag viel kindliche Verstocktheit. Die Gesprächspause
-dauerte ziemlich lange.
-
-Endlich hob Herr Settembrini wieder das Haupt und sagte lächelnd:
-
-„Erinnern Sie sich wohl, Ingenieur, daß wir einen ähnlichen Disput schon
-einmal geführt haben – man kann sagen: denselben? Wir plauderten damals
-– ich glaube, es war auf einem Spaziergang – über Krankheit und
-Dummheit, deren Vereinigung Sie für eine Paradoxie erklärten, und zwar
-aus Hochachtung vor der Krankheit. Ich nannte diese Hochachtung eine
-düstere Grille, mit der man den Gedanken des Menschen entehre, und Sie
-schienen zu meinem Vergnügen denn doch nicht ganz abgeneigt, meinen
-Einwand in Erwägung zu ziehen. Wir sprachen auch von der Neutralität und
-geistigen Unschlüssigkeit der Jugend, von ihrer Wahlfreiheit, ihrer
-Neigung, mit den möglichen Standpunkten Versuche anzustellen, und davon,
-daß man solche Versuche noch nicht als endgültige und lebensernste
-Optionen betrachten dürfe, – zu betrachten brauche. Wollen Sie mir –,“
-und Herr Settembrini beugte sich lächelnd auf seinem Stuhle vor, die
-Füße nebeneinander am Boden, die zusammengelegten Hände zwischen den
-Knien, den Kopf gleichfalls etwas schräg vorgeschoben – „wollen Sie mir
-auch fernerhin,“ sagte er, und es war eine leichte Bewegung in seiner
-Stimme, „erlauben, Ihnen bei Ihren Übungen und Experimenten ein wenig
-zur Hand zu gehen und berichtigend auf Sie einzuwirken, wenn die Gefahr
-verderblicher Fixierungen droht?“
-
-„Aber gewiß, Herr Settembrini!“ Hans Castorp beeilte sich, seine
-befangene und halb trotzige Abkehr aufzugeben, das Trommeln auf der
-Bettdecke zu unterlassen und sich seinem Gaste mit bestürzter
-Freundlichkeit zuzuwenden. „Es ist sogar außerordentlich liebenswürdig
-von Ihnen ... Ich frage mich wirklich, ob ich ... Das heißt, ob es sich
-bei mir ...“
-
-„Ganz _sine pecunia_“, zitierte Herr Settembrini, indem er aufstand.
-„Wer will sich denn lumpen lassen.“ Sie lachten. Man hörte die äußere
-Doppeltür gehen, und im nächsten Augenblick wurde auch die innere
-geklinkt. Es war Joachim, der aus der Abendgeselligkeit zurückkehrte.
-Beim Anblick des Italieners errötete auch er, wie Hans Castorp für sein
-Teil es vorhin getan: die verbrannte Dunkelheit seines Gesichtes
-vertiefte sich um eine Schattierung.
-
-„Oh, du hast Besuch“, sagte er. „Wie angenehm für dich. Ich bin
-aufgehalten worden. Sie haben mich zu einer Partie Bridge gepreßt, –
-Bridge nennen sie das nach außen hin,“ sagte er kopfschüttelnd, „und
-dabei war es schließlich ganz was anderes. Ich habe fünf Mark gewonnen
-...“
-
-„Daß das nur keine lasterhafte Anziehungskraft für dich bekommt“, sagte
-Hans Castorp. „Hm, hm. Herr Settembrini hat mir unterdessen so schön die
-Zeit vertrieben ... was übrigens gar kein Ausdruck ist. Es gilt
-allenfalls von euerem falschen Bridge, aber Herr Settembrini hat mir die
-Zeit so bedeutend ausgefüllt ... Als anständiger Mensch müßte man ja mit
-Händen und Füßen trachten, hier fortzukommen, – wo es nun schon mit
-falschem Bridge losgeht in euerer Mitte. Aber um Herrn Settembrini noch
-recht oft zu hören und mir von ihm gesprächsweise zur Hand gehen zu
-lassen, könnte ich beinahe wünschen, unabsehbar lange febril zu bleiben
-und hier bei euch festzusitzen ... Am Ende muß man mir noch eine Stumme
-Schwester geben, damit ich nicht mogle.“
-
-„Ich wiederhole, Ingenieur, daß Sie ein Schalk sind“, sagte der
-Italiener. Er empfahl sich in den angenehmsten Formen. Mit seinem Vetter
-allein geblieben, seufzte Hans Castorp auf.
-
-„Ist das ein Pädagog!“ sagte er ... „Ein humanistischer Pädagog, das muß
-man gestehen. Immerfort wirkt er berichtigend auf dich ein, abwechselnd
-in Form von Geschichten und in abstrakter Form. Und auf Dinge kommt man
-mit ihm zu sprechen, – nie hätte man gedacht, daß man darüber reden oder
-sie auch nur verstehen könnte. Und wenn ich unten im Flachlande mit ihm
-zusammengetroffen wäre, so _würde_ ich sie auch nicht verstanden haben“,
-fügte er hinzu.
-
-Joachim blieb um diese Zeit eine Weile bei ihm; er opferte zwei, drei
-Viertelstunden von seiner Abendliegekur. Manchmal spielten sie Schach
-auf Hans Castorps Eßtischplatte, – Joachim hatte ein Spiel von unten
-heraufgebracht. Später begab er sich mit Sack und Pack, das Thermometer
-im Munde, auf seinen Balkon, und auch Hans Castorp maß sich ein letztes
-Mal, während leichte Musik von näher oder fernher aus dem nächtlichen
-Tale heraufklang. Um zehn Uhr wurde die Liegekur beendigt; man hörte
-Joachim; man hörte das Ehepaar vom Schlechten Russentisch ... Und Hans
-Castorp nahm Seitenlage ein, in Erwartung des Schlafes.
-
-Die Nacht war die schwierigere Hälfte des Tages, denn Hans Castorp
-erwachte oft und lag nicht selten stundenlang wach, sei es, weil seine
-nicht ganz korrekte Blutwärme ihn munter hielt, oder weil Lust und Kraft
-zum Schlafe durch seine derzeit völlig horizontale Lebensweise Einbuße
-erlitten. Dafür waren die Stunden des Schlummers von abwechslungsreichen
-und sehr lebensvollen Träumen belebt, denen er nachhängen konnte,
-während er wach lag. Und wenn die vielfache Gliederung und Einteilung
-des Tages diesen kurzweilig machte, so war es bei Nacht die
-verschwimmende Einförmigkeit der schreitenden Stunden, was in der
-gleichen Richtung wirkte. Nahte sich aber erst einmal der Morgen, so war
-es unterhaltend, das allmähliche Ergrauen und Erscheinen des Zimmers,
-das Hervortreten und Entschleiertwerden der Dinge zu beobachten, den Tag
-draußen in trüb schwelender oder heiterer Glut sich entzünden zu sehen;
-und eh mans gedacht, war wieder der Augenblick da, wo das handfeste
-Klopfen des Bademeisters das Inkrafttreten der Tagesordnung verkündete.
-
-Hans Castorp hatte keinen Kalender auf seinen Ausflug mitgenommen, und
-so fand er sich in betreff des Datums nicht immer ganz genau auf dem
-laufenden. Dann und wann forderte er Auskunft von seinem Vetter, der
-aber in diesem Punkte auch nicht jederzeit seiner Sache eben sicher war.
-Immerhin boten die Sonntage, besonders der zweite, vierzehntägige mit
-Konzert, den Hans Castorp auf diese Weise verbrachte, einigen Anhalt,
-und so viel war gewiß, daß der September nachgerade ziemlich weit, bis
-gegen seine Mitte hin, vorgeschritten war. Draußen im Tale war, seitdem
-Hans Castorp Bettlage eingenommen, das trübe und kalte Wetter, das
-damals geherrscht hatte, herrlichen Hochsommertagen gewichen,
-ungezählten solcher Tage, einer ganzen Serie davon, so daß Joachim
-allmorgendlich in weißen Hosen bei seinem Vetter eingetreten war und
-dieser ein redliches Bedauern, ein Bedauern der Seele und seiner jungen
-Muskeln, über den Verlust solcher Prachtzeit nicht hatte unterdrücken
-können. Sogar eine „Schande“ hatte er es einmal mit leiser Stimme
-genannt, daß er sie solcherart versäume, – dann aber zu seiner
-Beschwichtigung hinzugefügt, daß er ja auf freiem Fuße auch nicht viel
-mehr als jetzt damit anzufangen gewußt hätte, da sich ihm ausgiebige
-Bewegung hier erfahrungsgemäß verbiete. Und einigen Anteil an dem warmen
-Schimmer dort draußen gewährte die breite, weit offene Balkontür ihm
-immerhin.
-
-Aber gegen das Ende der ihm auferlegten Zurückgezogenheit schlug wieder
-das Wetter um. Über Nacht war es neblig und kalt geworden, das Tal
-hüllte sich in nasses Schneegestöber, und der trockene Hauch der
-Dampfheizung erfüllte das Zimmer. So war es auch an dem Tage, als Hans
-Castorp bei der Morgenvisite der Ärzte den Hofrat erinnerte, daß er
-heute drei Wochen liege, und um die Erlaubnis bat, aufzustehen.
-
-„Was Kuckuck, sind Sie schon fertig?“ sagte Behrens. „Lassen Sie mal
-sehen; wahrhaftig, es stimmt. Gott, wie man alt wird. Geändert hat sich
-mit Ihnen ja nicht gerade viel unterdessen. Was, gestern war es normal?
-Ja, bis auf die 6-Uhr-Nachmittagsmessung. Na, Castorp, dann will ich ja
-auch nicht so sein und will Sie der menschlichen Sozietät
-zurückerstatten. Stehen Sie auf und wandeln Sie, Mann! In den gegebenen
-Grenzen und Maßen natürlich. Wir machen nächstens Ihr Innenkonterfei.
-Vormerken!“ sagte er im Hinausgehen zu Dr. Krokowski, indem er mit
-seinem riesigen Daumen über die Schulter auf Hans Castorp deutete und
-den bleichen Assistenten mit seinen blutigen, tränenden blauen Augen
-ansah ... Hans Castorp verließ die „Remise“.
-
-Mit hochgeschlagenem Mantelkragen und in Gummischuhen begleitete er
-seinen Vetter zum ersten Male wieder zur Bank am Wasserlauf und zurück,
-nicht ohne unterwegs die Frage aufzuwerfen, wie lange der Hofrat ihn
-wohl hätte liegen lassen, wenn er die Frist nicht als abgelaufen
-gemeldet hätte. Und Joachim, gebrochenen Blickes, den Mund wie zu einem
-hoffnungslosen „Ach“ geöffnet, machte in die Luft hinein die Gebärde des
-Unabsehbaren.
-
-
- „Mein Gott, ich sehe!“
-
-Es dauerte eine Woche, bis Hans Castorp durch die Oberin von Mylendonk
-ins Durchleuchtungslaboratorium bestellt wurde. Er mochte nicht drängen.
-Man war beschäftigt im Hause „Berghof“, offenbar hatten Ärzte und
-Personal alle Hände voll zu tun. Neue Gäste waren in den letzten Tagen
-angelangt: zwei russische Studenten mit dickem Haar und geschlossenen
-schwarzen Blusen, die keinen Schimmer von Wäsche sehen ließen; ein
-holländisches Ehepaar, dem an Settembrinis Tische Plätze angewiesen
-wurden; ein buckliger Mexikaner, der die Tischgesellschaft durch
-furchtbare Anfälle von Atemnot in Schrecken setzte: er klammerte sich
-dabei mit ehernem Griff seiner langen Hände an seine Nachbarn, ob Herr
-oder Dame, hielt fest wie ein Schraubstock und zog die entsetzt
-Widerstrebenden, um Hilfe Rufenden so in seine Ängste hinein. Kurzum,
-der Speisesaal war beinahe voll besetzt, obgleich die Wintersaison erst
-mit dem Oktober begann. Und die Schwere von Hans Castorps Fall, sein
-Krankheitsgrad, gab ihm kaum ein Recht, besonderen Anspruch auf
-Beachtung zu erheben. Frau Stöhr etwa war in all ihrer Dummheit und
-Unbildung ohne Zweifel viel kränker als er, von Dr. Blumenkohl ganz zu
-schweigen. Man hätte jedes Sinnes für Rangordnung und Abstand entbehren
-müssen, um in Hans Castorps Fall nicht bescheidene Zurückhaltung zu
-üben, – besonders da eine solche Gesinnung zum Geiste des Hauses
-gehörte. Leichtkranke galten nicht viel, er hatte es öfters aus den
-Gesprächen herausgehört. Man sprach mit Geringschätzung von ihnen, nach
-dem hierorts geltenden Maßstab, sie wurden über die Achsel angesehen,
-und zwar nicht allein von den Höher- und Hochgradigen, sondern auch von
-solchen, die selbst nur „leicht“ waren: womit diese freilich
-Geringschätzung auch ihrerselbst an den Tag legten, aber eine höhere
-Selbstachtung retteten, indem sie dem Maßstab sich unterwarfen. So ist
-es menschlich. „Ach, der!“ konnten sie wohl voneinander sagen, „dem
-fehlt eigentlich nichts, kaum daß er das Recht hat, hier zu sein. Nicht
-mal eine Kaverne hat er ...“ Dies war der Geist; er war aristokratisch
-in seinem besonderen Sinn, und Hans Castorp salutierte ihn aus
-angeborener Achtung vor Gesetz und Ordnung jeder Art. Ländlich,
-sittlich, heißt es. Reisende zeigen sich wenig gebildet, wenn sie über
-die Sitten und Werte ihrer Wirtsvölker sich lustig machen, und der
-Eigenschaften, die Ehre schaffen, gibt es diese und jene. Sogar gegen
-Joachim selbst beobachtete Hans Castorp eine gewisse Ehrerbietung und
-Rücksicht, – nicht sowohl, weil dieser der länger Eingesessene war und
-sein Anleiter und Cicerone in dieser Welt –, sondern namentlich, weil er
-der zweifellos „Schwerere“ war. Da aber alles so lag, war es
-begreiflich, daß man dazu neigte, aus seinem Falle das Mögliche zu
-machen und in Hinsicht auf ihn auch wohl zu übertreiben, um zur
-Aristokratie zu gehören oder ihr näher zu kommen. Auch Hans Castorp,
-wenn er bei Tische gefragt wurde, nannte wohl ein paar Striche mehr, als
-er in Wahrheit gemessen, und konnte unmöglich umhin, sich geschmeichelt
-zu fühlen, wenn man ihm mit dem Finger drohte, wie einem, der es
-faustdick hinter den Ohren hat. Aber auch, wenn er ein wenig auftrug,
-blieb er immer noch, eigentlich gesprochen, eine Person von geringen
-Graden, und so waren Geduld und Zurückhaltung denn sicherlich das ihm
-zukommende Betragen.
-
-Er hatte die Lebensweise seiner ersten drei Wochen, dies schon
-vertraute, gleichmäßige und genau geregelte Leben an Joachims Seite
-wieder aufgenommen, und es ging wie am Schnürchen vom ersten Tage an,
-als sei es nie unterbrochen worden. In der Tat war diese Unterbrechung
-nichtig gewesen; er bekam es gleich gelegentlich seines ersten
-Wiedererscheinens bei Tische deutlich zu spüren. Zwar hatte Joachim, der
-auf solche Markierungen ein ganz bestimmtes und geflissentliches Gewicht
-legte, Sorge getragen, daß ein paar Blumen den Platz des Erstandenen
-schmückten. Aber die Begrüßung durch die Tischgenossen war wenig
-festlich, unterschied sich von früheren, denen eine Trennung nicht von
-drei Wochen, sondern von drei Stunden vorangegangen war, nur
-unwesentlich: weniger aus Gleichgültigkeit gegen seine einfache und
-sympathische Person und weil diese Leute allzusehr mit sich selbst, das
-heißt: mit ihrem interessanten Körper beschäftigt waren, als darum, weil
-ihnen die Zwischenzeit nicht bewußt geworden war. Und Hans Castorp
-konnte ihnen darin ohne Schwierigkeit folgen, denn er selbst saß an
-seinem Platz am Tischende, zwischen der Lehrerin und Miß Robinson, nicht
-anders, als habe er spätestens gestern zuletzt hier gesessen.
-
-Wenn man aber am Tische selbst von der Beendigung seiner
-Zurückgezogenheit nicht viel Aufhebens gemacht hatte, – wie hätte man
-im weiteren Saal welches davon machen sollen? Dort hatte
-buchstäblich niemand auch nur Notiz davon genommen, – mit
-alleiniger Ausnahme Settembrinis, der nach Schluß der Mahlzeit zu
-spaßhaft-freundschaftlicher Begrüßung herangekommen war. Hans Castorp
-hätte freilich noch eine weitere Einschränkung gemacht, deren
-Berechtigung wir dahinstellen müssen. Er behauptete bei sich, daß
-Clawdia Chauchat sein Wiedererscheinen bemerkt –, gleich bei ihrem, wie
-immer, verspäteten Eintreten, nach dem Zufallen der Glastür, ihren
-schmalen Blick habe auf ihm ruhen lassen, dem er mit seinem begegnet
-war, und kaum, daß sie sich niedergesetzt, noch einmal über die Schulter
-sich lächelnd nach ihm umgesehen habe: lächelnd, wie vor drei Wochen,
-bevor er zur Untersuchung gegangen. Und eine so unverhohlene und
-rücksichtslose Bewegung war das gewesen – rücksichtslos in betreff
-seinerselbst wie auch der übrigen Gästeschaft –, daß er nicht gewußt
-hatte, ob er sich darüber entzücken oder es als ein Zeichen von
-Geringschätzung verstehen und sich darüber ärgern sollte. Auf jeden Fall
-hatte sein Herz sich zusammengekrampft unter diesen Blicken, welche die
-zwischen der Kranken und ihm obwaltende gesellschaftliche
-Unbekanntschaft auf eine in seinen Augen ungeheuerliche und berauschende
-Weise verleugnet und Lügen gestraft hatte, – sich fast schmerzhaft
-zusammengekrampft schon, als die Glastür klirrte, denn auf diesen
-Augenblick hatte er mit kurz gehendem Atem gewartet.
-
-Es will nachgetragen sein, daß Hans Castorps innere Beziehungen zu der
-Patientin vom Guten Russentisch, die Teilnahme seiner Sinne und seines
-bescheidenen Geistes an ihrer mittelgroßen, weich schleichenden,
-kirgisenäugigen Person, kurzum seine Verliebtheit (das Wort habe Statt,
-obgleich es ein Wort von „unten“, ein Wort der Ebene ist und die
-Vorstellung erwecken könnte, als sei das Liedchen „Wie berührt mich
-wundersam“ hier irgendwie anwendbar gewesen) – während seiner
-Zurückgezogenheit sehr starke Fortschritte gemacht hatte. Ihr Bild hatte
-ihm vorgeschwebt, wenn er, frühwach, in das sich zögernd entschleiernde
-Zimmer, oder, am Abend, in die dichter werdende Dämmerung geblickt hatte
-(auch zu jener Stunde, als Settembrini unter plötzlichem Aufflammen des
-Lichtes bei ihm eingetreten war, hatte es ihm überaus deutlich
-vorgeschwebt, und dies war der Grund gewesen, weshalb er bei dem Anblick
-des Humanisten errötet war); an ihren Mund, ihre Wangenknochen, ihre
-Augen, deren Farbe, Form, Stellung ihm in die Seele schnitt, ihren
-schlaffen Rücken, ihre Kopfhaltung, den Halswirbel im Nackenausschnitt
-ihrer Bluse, ihre von dünnster Gaze verklärten Arme hatte er gedacht
-während der einzelnen Stunden des zerkleinerten Tages, – und wenn wir
-verschwiegen, daß dies das Mittel gewesen, wodurch ihm die Stunden so
-mühelos vergingen, so geschah es, weil wir sympathisch teilnehmen an der
-Gewissensunruhe, die sich in das erschreckende Glück dieser Bilder und
-Gesichte mischte. Ja, es war Schreck, Erschütterung damit verbunden,
-eine ins Unbestimmte, Unbegrenzte und vollständig Abenteuerliche
-ausschweifende Hoffnung, Freude und Angst, die namenlos war, aber des
-jungen Mannes Herz – sein Herz im eigentlichen und körperlichen Sinn –
-zuweilen so jäh zusammenpreßte, daß er die eine Hand in die Gegend
-dieses Organs, die andere aber zur Stirn führte (sie wie einen Schirm
-über die Augen legte) und flüsterte:
-
-„Mein Gott!“
-
-Denn hinter der Stirn waren Gedanken oder Halbgedanken, die den Bildern
-und Gesichten ihre zu weit gehende Süßigkeit eigentlich erst verliehen,
-und die sich auf Madame Chauchats Nachlässigkeit und Rücksichtslosigkeit
-bezogen, auf ihr Kranksein, die Steigerung und Betonung ihres Körpers
-durch die Krankheit, die Verkörperlichung ihres Wesens durch die
-Krankheit, an der er, Hans Castorp, laut ärztlichen Spruches nun
-teilhaben sollte. Er begriff hinter seiner Stirn die abenteuerliche
-Freiheit, mit der Frau Chauchat durch ihr Umblicken und Lächeln die
-zwischen ihnen bestehende gesellschaftliche Unbekanntschaft außer acht
-ließ, so, als seien sie überhaupt keine gesellschaftlichen Wesen und als
-sei es nicht einmal nötig, daß sie miteinander _sprächen_ ... und
-ebendies war es, worüber er erschrak: in demselben Sinne erschrak wie
-damals im Untersuchungszimmer, als er von Joachims Oberkörper eilig
-suchend zu seinen Augen emporgeblickt hatte, – mit dem Unterschiede, daß
-damals Mitleid und Sorge die Gründe seines Erschreckens gewesen, hier
-aber ganz anderes im Spiele war.
-
-Nun also ging das Berghof-Leben, dies gunstreiche und wohlgeregelte
-Leben auf engem Schauplatz wieder seinen gleichmäßigen Gang, – Hans
-Castorp, in Erwartung der Innenaufnahme, fuhr fort, es mit dem guten
-Joachim zu teilen, indem er es Stunde für Stunde genau so trieb wie
-dieser; und diese Nachbarschaft war wohl gut für den jungen Mann. Denn
-obgleich es nur eine Krankennachbarschaft war, so war viel militärische
-Ehrbarkeit darin: eine Ehrbarkeit, die freilich, ohne es gewahr zu
-werden, schon im Begriffe stand, im Kurdienste Genüge zu finden, so daß
-dieser gleichsam zum Ersatzmittel tiefländischer Pflichterfüllung und
-zum untergeschobenen Berufe wurde, – Hans Castorp war nicht so dumm, es
-nicht ganz genau zu bemerken. Doch aber fühlte er wohl ihre zügelnde,
-zurückhaltende Wirkung auf sein zivilistisches Gemüt, – sogar mochte es
-diese Nachbarschaft sein, ihr Beispiel und die Beaufsichtigung durch
-sie, was ihn von äußeren Schritten und blinden Unternehmungen
-zurückhielt. Denn er sah wohl, was der brave Joachim von einer gewissen,
-täglich auf ihn eindringenden Apfelsinenatmosphäre, worin es runde
-braune Augen, einen kleinen Rubin, viel schwach gerechtfertigte Lachlust
-und eine äußerlich wohlgebildete Brust gab, auszustehen hatte, und die
-Vernunft und Ehrliebe, mit der Joachim den Einfluß dieser Atmosphäre
-scheute und floh, ergriff Hans Castorp, hielt ihn selbst in einiger
-Zucht und Ordnung und hinderte ihn, sich von der Schmaläugigen sozusagen
-„einen Bleistift zu leihen“, – wozu er ohne die disziplinierende
-Nachbarschaft aller Erfahrung nach sehr bereitgewesen wäre.
-
-Joachim sprach niemals von der lachlustigen Marusja, und so verbot es
-sich auch für Hans Castorp, mit ihm von Clawdia Chauchat zu sprechen. Er
-hielt sich schadlos durch verstohlenen Austausch mit der Lehrerin zu
-seiner Rechten bei Tische, wobei er das alte Mädchen durch Neckereien
-mit ihrer Schwäche für die schmiegsame Kranke zum Erröten brachte und
-unterdessen die Kinn- und Würdenstütze des alten Castorp nachahmte. Auch
-drang er in sie, über Madame Chauchats persönliche Verhältnisse, über
-ihre Herkunft, ihren Mann, ihr Alter, die Art ihres Krankheitsfalles
-Neues und Wissenswertes in Erfahrung zu bringen. Ob sie denn Kinder
-habe, wollte er wissen. – Aber nein doch, sie hatte keine. Was sollte
-eine Frau wie sie wohl mit Kindern beginnen? Wahrscheinlich war es ihr
-streng untersagt, welche zu haben – und andererseits: was würden denn
-das auch wohl für Kinder sein? Hans Castorp mußte dem beipflichten.
-Nachgerade sei es auch wohl zu spät dafür, vermutete er mit gewaltsamer
-Sachlichkeit. Zuweilen, im Profil, scheine Madame Chauchats Gesicht ihm
-fast schon ein wenig scharf. Ob sie wohl über dreißig sei? – Fräulein
-Engelhart widersprach heftig. Clawdia dreißig? Allerschlimmstenfalls sei
-sie achtundzwanzig. Und was das Profil betraf, so verbot sie ihrem
-Tischnachbar, so etwas zu sagen. Clawdias Profil sei von der weichsten
-Jugendlichkeit und Süße, wenn es natürlich auch ein interessantes Profil
-sei und nicht das irgendeiner gesunden Gans. Und zur Strafe fügte
-Fräulein Engelhart ohne Pause hinzu, sie wisse, daß Frau Chauchat öfters
-Herrenbesuch empfange, den Besuch eines in „Platz“ wohnenden
-Landsmannes: sie empfange ihn nachmittags auf ihrem Zimmer.
-
-Das war gut gezielt. Hans Castorps Gesicht verzerrte sich gegen alle
-Bemühung, und auch die auf „Was nicht gar“ und „Sehe einer an“
-gestimmten Redensarten, mit denen er die Eröffnung zu behandeln
-versuchte, waren verzerrt. Unfähig, das Vorhandensein dieses Landsmannes
-auf die leichte Achsel zu nehmen, wie er sich anfangs den Anschein hatte
-geben wollen, kam er mit zuckenden Lippen beständig auf ihn zurück. Ein
-jüngerer Mann? – Jung und ansehnlich, nach allem, was sie höre,
-erwiderte die Lehrerin; denn nach eigenem Augenschein konnte sie nicht
-urteilen. – Krank? – Höchstens leichtkrank! – Er wolle hoffen, sagte
-Hans Castorp höhnisch, daß mehr Wäsche an ihm zu sehen sei als bei den
-Landsleuten am Schlechten Russentisch, – wofür die Engelhart, noch immer
-zur Strafe, einstehen zu wollen erklärte. Da gab er zu, es sei eine
-Angelegenheit, um die man sich kümmern müsse, und beauftragte sie
-ernstlich, in Erfahrung zu bringen, was es mit diesem aus und ein
-gehenden Landsmann auf sich habe. Statt ihm aber Nachrichten hierüber zu
-bringen, wußte sie einige Tage später etwas völlig Neues.
-
-Sie wußte, daß Clawdia Chauchat gemalt werde, porträtiert – und fragte
-Hans Castorp, ob er es auch wisse. Wenn nicht, so könne er trotzdem
-überzeugt davon sein, sie habe es aus sicherster Quelle. Seit längerem
-sitze sie hier im Hause jemandem Modell zu ihrem Bildnis – und zwar wem?
-Dem Hofrat! Herrn Hofrat Behrens, der sie zu diesem Zweck beinahe
-täglich in seiner Privatwohnung bei sich sehe.
-
-Diese Kunde ergriff Hans Castorp noch mehr als die vorige. Er machte
-fortan viele verzerrte Späße darüber. Nun, gewiß, es sei ja bekannt, daß
-der Hofrat in Öl male, – was die Lehrerin denn wolle, das sei nicht
-verboten, und so stehe es jedermann frei. In des Hofrats Witwerheim
-also? Hoffentlich sei wenigstens Fräulein von Mylendonk bei den
-Sitzungen anwesend. – Die habe wohl keine Zeit. – „Mehr Zeit als die
-Oberin sollte auch Behrens nicht haben“, sagte Hans Castorp streng. Aber
-obgleich damit etwas Endgültiges über die Sache gesagt schien, war er
-weit entfernt, sie fallen zu lassen, sondern erschöpfte sich in Fragen
-nach Näherem und Weiterem: über das Bild, sein Format und ob es ein
-Kopf- oder Kniestück sei; auch über die Stunde der Sitzungen, – während
-doch Fräulein Engelhart mit Einzelheiten auch hier nicht dienen konnte
-und ihn auf die Ergebnisse weiterer Nachforschungen vertrösten mußte.
-
-Hans Castorp maß 37,7 nach dem Empfang dieser Nachricht. Weit mehr noch,
-als die Besuche, die Frau Chauchat empfing, schmerzten und beunruhigten
-ihn diejenigen, die sie machte. Frau Chauchats Privat- und Eigenleben
-als solches an und für sich und schon unabhängig von seinem Inhalt hatte
-angefangen, ihm Schmerz und Unruhe zu bereiten, und wie sehr mußte sich
-beides erst verschärfen, da ihm Mehrdeutigkeiten über diesen Inhalt zu
-Ohren kamen! Zwar schien es allgemein möglich, daß die Beziehungen des
-russischen Besuchers zu seiner Landsmännin nüchterner und harmloser
-Natur waren; aber Hans Castorp war seit einiger Zeit geneigt,
-Nüchternheit und Harmlosigkeit für Schnickschnack zu halten, – wie er
-sich denn auch nicht überwinden oder bereden konnte, die Ölmalerei als
-Beziehung zwischen einem forsch redenden Witwer und einer
-schmaläugig-leisetreterischen jungen Frau für etwas anderes anzusehen.
-Der Geschmack, den der Hofrat mit der Wahl seines Modells bekundete,
-entsprach zu sehr seinem eigenen, als daß er hier an Nüchternheit hätte
-glauben können, worin ihn die Vorstellung von des Hofrats blauen Backen
-und seinen rot geäderten Quellaugen denn auch nur wenig unterstützte.
-
-Eine Wahrnehmung, die er in diesen Tagen auf eigene Hand und zufällig
-machte, wirkte in anderer Weise auf ihn ein, obgleich es sich abermals
-um eine Bestätigung seines Geschmackes handelte. Es war da am
-querstehenden Tische der Frau Salomon und des gefräßigen Schülers mit
-der Brille, links von dem der Vettern, nächst der seitlichen Glastür,
-ein Kranker, Mannheimer seiner Herkunft nach, wie Hans Castorp gehört
-hatte, etwa dreißigjährig, mit gelichtetem Haupthaar, kariösen Zähnen
-und einer zaghaften Redeweise, – derselbe, der zuweilen während der
-Abendgeselligkeit auf dem Piano spielte, und zwar meistens den
-Hochzeitsmarsch aus dem „Sommernachtstraum“. Er sollte sehr fromm sein,
-wie es begreiflicherweise nicht selten unter Denen hier oben der Fall
-sei, so hatte Hans Castorp sagen hören. Allsonntäglich sollte er den
-Gottesdienst drunten in „Platz“ besuchen und in der Liegekur andächtige
-Bücher lesen, Bücher mit einem Kelch oder Palmzweigen auf dem
-Vorderdeckel. Dieser nun, so bemerkte Hans Castorp eines Tages, hatte
-seine Blicke ebendort, wo er selbst sie hatte, – hing mit ihnen an
-Madame Chauchats schmiegsamer Person, und zwar auf eine Art, die scheu
-und zudringlich bis zum Hündischen war. Nachdem Hans Castorp es einmal
-beobachtet, konnte er nicht umhin, es wieder und wieder festzustellen.
-Er sah ihn abends im Spielzimmer inmitten der Gäste stehen, trübe
-verloren in den Anblick der lieblichen, wenn auch schadhaften Frau, die
-drüben im kleinen Salon auf dem Sofa saß und mit der wollhaarigen Tamara
-(so hieß das humoristische Mädchen), mit Dr. Blumenkohl und den konkaven
-und hängeschultrigen Herren ihres Tisches plauderte; sah ihn sich
-abwenden, sich herumdrücken und wieder langsam, mit seitlich gedrehten
-Augäpfeln und kläglich geschürzter Oberlippe den Kopf über die Schulter
-dorthin wenden. Er sah ihn sich verfärben und _nicht_ aufblicken, dann
-aber dennoch aufblicken und gierig schauen, wenn die Glastür fiel und
-Frau Chauchat zu ihrem Platze glitt. Und mehrmals sah er, wie der Arme
-sich nach Tische zwischen Ausgang und Gutem Russentisch aufstellte, um
-Frau Chauchat an sich vorübergehen zu lassen und sie, die seiner nicht
-achtete, aus unmittelbarer Nähe mit Augen zu verschlingen, die bis zum
-Grunde mit Traurigkeit angefüllt waren.
-
-Auch diese Entdeckung also setzte dem jungen Hans Castorp nicht wenig
-zu, obgleich die klägliche Schaubegier des Mannheimers ihn nicht in dem
-Sinne beunruhigen konnte, wie der Privatverkehr Clawdia Chauchats mit
-Hofrat Behrens, einem ihm an Alter, Person und Lebensstellung so
-übergeordneten Mann. Clawdia kümmerte sich gar nicht um den Mannheimer,
-– es wäre Hans Castorps innerer Geschärftheit nicht entgangen, wenn es
-der Fall gewesen wäre, und nicht der widrige Stachel der Eifersucht war
-es also in diesem Falle, den er in der Seele spürte. Aber er erprobte
-alle Empfindungen, die Rausch und Leidenschaft eben erproben, wenn sie
-in der Außenwelt ihrer selbst ansichtig werden, und die das sonderbarste
-Gemisch aus Ekel- und Gemeinschaftsgefühlen bilden. Unmöglich, alles zu
-ergründen und auseinanderzulegen, wenn wir von der Stelle kommen wollen.
-Auf jeden Fall war es viel auf einmal für seine Verhältnisse, was auch
-die Beobachtung des Mannheimers dem armen Hans Castorp zu durchkosten
-gab.
-
-So vergingen die acht Tage bis zu Hans Castorps Durchleuchtung. Er hatte
-nicht gewußt, daß sie bis dahin vergehen würden, aber als er eines
-Morgens beim ersten Frühstück durch die Oberin (sie hatte schon wieder
-ein Gerstenkorn, es konnte nicht mehr dasselbe sein, offenbar war dies
-harmlose, aber entstellende Leiden in ihrer Verfassung gelegen) den
-Befehl erhielt, sich nachmittags im Laboratorium einzufinden, da waren
-sie eben vergangen. Zusammen mit seinem Vetter sollte Hans Castorp sich
-stellen, eine halbe Stunde vor dem Tee; denn auch von Joachim sollte bei
-dieser Gelegenheit wieder eine Innenansicht aufgenommen werden, – die
-letzte mußte schon für veraltet gelten.
-
-So hatten sie heute die große Nachmittagsliegekur um dreißig Minuten
-abgekürzt, waren mit dem Schlage halb vier die steinerne Treppe in das
-falsche Kellergeschoß „hinab“gestiegen und saßen zusammen in dem kleinen
-Warteraum, der das Ordinationszimmer vom Durchleuchtungslaboratorium
-trennte, – Joachim, dem nichts Neues bevorstand, in guter Ruhe, Hans
-Castorp etwas fiebrig erwartungsvoll, da man bisher noch niemals
-Einblick in sein organisches Innenleben genommen. Sie waren nicht
-allein: mehrere Gäste hatten, zerrissene illustrierte Zeitschriften auf
-den Knien, schon im Zimmer gesessen, als sie eingetreten waren, und
-warteten mit ihnen: ein reckenhafter junger Schwede, der im Speisesaal
-an Settembrinis Tische saß, und von dem man sagte, er sei bei seiner
-Ankunft im April so krank gewesen, daß man ihn kaum habe aufnehmen
-wollen; nun aber habe er achtzig Pfund zugenommen und sei im Begriffe,
-als völlig geheilt entlassen zu werden; ferner eine Frau vom Schlechten
-Russentisch, eine Mutter, selbst kümmerlich, mit ihrem noch
-kümmerlicheren, langnäsigen und häßlichen Knaben namens Sascha. Diese
-Personen also warteten schon länger als die Vettern; offenbar hatten sie
-in der Reihenfolge der Bestellungen den Vorrang vor ihnen, Verspätung
-schien eingerissen nebenan im Durchleuchtungsraum, und so stand kalter
-Tee in Aussicht.
-
-Im Laboratorium war man beschäftigt. Die Stimme des Hofrats war zu
-hören, der Anweisungen gab. Es war halb vier Uhr oder etwas darüber, als
-die Tür sich öffnete, – ein technischer Assistent, der hier unten tätig
-war, öffnete sie – und nur erst der schwedische Recke und Glückspilz
-eingelassen wurde: offenbar hatte man seinen Vorgänger durch einen
-anderen Ausgang entlassen. Die Geschäfte wickelten sich nun schneller
-ab. Nach zehn Minuten schon hörte man den völlig genesenen Skandinavier,
-diese wandelnde Empfehlung des Ortes und der Heilanstalt, sich starken
-Schrittes über den Korridor entfernen, und die russische Mutter nebst
-Sascha wurden empfangen. Wiederum, wie schon beim Eintritt des Schweden,
-bemerkte Hans Castorp, daß im Durchleuchtungsraum Halbdunkel, das heißt
-künstliches Halblicht herrschte, – gerade wie andererseits in Dr.
-Krokowskis analytischem Kabinett. Die Fenster waren verhüllt, das
-Tageslicht abgesperrt, und ein paar elektrische Lampen brannten. Während
-man aber Sascha und seine Mutter einließ und Hans Castorp ihnen
-nachblickte, – gleichzeitig also hiermit ging die Korridortür auf, und
-der nächstbestellte Patient betrat den Warteraum, verfrüht, da
-Verspätung obwaltete, es war Madame Chauchat.
-
-Es war Clawdia Chauchat, die sich plötzlich im Zimmerchen befand; Hans
-Castorp erkannte sie mit aufgerissenen Augen, indem er deutlich fühlte,
-wie das Blut ihm aus dem Gesichte wich und sein Unterkiefer erschlaffte,
-so daß sein Mund im Begriffe war, sich zu öffnen. Clawdias Eintritt
-hatte sich so nebenbei, so unversehens vollzogen, – auf einmal teilte
-sie den engen Aufenthalt mit den Vettern, nachdem sie eben noch
-keineswegs dagewesen. Joachim blickte rasch auf Hans Castorp und schlug
-dann nicht nur die Augen nieder, sondern nahm das illustrierte Blatt,
-das er schon fortgelegt hatte, wieder vom Tisch und verbarg sein Gesicht
-dahinter. Hans Castorp fand nicht die Entschlußkraft, ein gleiches zu
-tun. Nach dem Erblassen war er sehr rot geworden, und sein Herz
-hämmerte.
-
-Frau Chauchat nahm bei der Tür zum Laboratorium in einem rundlichen
-kleinen Sessel mit stummelhaften, gleichsam rudimentären Armlehnen
-Platz, schlug, zurückgelehnt, leicht ein Bein über das andere und
-blickte ins Leere, wobei ihre Pribislav-Augen, die durch das Bewußtsein,
-daß man sie beobachtete, aus ihrer Blickrichtung nervös abgelenkt
-wurden, etwas schielten. Sie trug einen weißen Sweater und einen blauen
-Rock und hielt ein Buch auf dem Schoß, einen Leihbibliotheksband, wie es
-schien, während sie mit der Sohle des am Boden stehenden Fußes leise
-aufpochte.
-
-Schon nach anderthalb Minuten änderte sie ihre Haltung, blickte um sich,
-stand auf mit einer Miene, als wisse sie nicht, woran sie sei und wohin
-sie sich zu wenden habe – und begann zu sprechen. Sie fragte etwas,
-richtete eine Frage an Joachim, obgleich dieser in seine illustrierte
-Zeitung vertieft schien, während Hans Castorp unbeschäftigt dasaß, –
-bildete Worte mit ihrem Munde und gab Stimme dazu aus ihrer weißen
-Kehle: es war die nicht tiefe, aber eine kleine Schärfe enthaltende,
-angenehm belegte Stimme, die Hans Castorp kannte – von langer Hand her
-kannte und einmal sogar aus unmittelbarer Nähe vernommen hatte: damals,
-als mit dieser Stimme für ihn selbst gesagt worden war: „Gern. Du mußt
-ihn mir nach der Stunde aber bestimmt zurückgeben.“ Das war jedoch
-fließender und bestimmter hingesprochen worden; jetzt kamen die Worte
-etwas schleppend und gebrochen, die Sprechende hatte kein natürliches
-Anrecht darauf, sie lieh sie nur, wie Hans Castorp sie schon ein paarmal
-hatte tun hören, mit einer Art von Überlegenheitsgefühl, das aber von
-demütigem Entzücken umwogt war. Eine Hand in der Tasche ihrer Wolljacke
-und die andere am Hinterkopf, fragte Frau Chauchat:
-
-„Ich bitte, auf wieviel Uhr sind Sie bestellt?“
-
-Und Joachim, der einen schnellen Blick auf seinen Vetter geworfen hatte,
-antwortete, indem er sitzend die Absätze zusammenzog:
-
-„Auf halb vier Uhr.“
-
-Sie sprach wieder:
-
-„Ich auf drei Viertel. Was gibt es denn? Es ist gleich vier. Es sind
-Personen eben noch eingetreten, nicht wahr?“
-
-„Ja, zwei Personen“, antwortete Joachim. „Sie waren vor uns an der
-Reihe. Der Dienst hat Verspätung. Es scheint, das Ganze hat sich um eine
-halbe Stunde verschoben.“
-
-„Das ist unangenehm!“ sagte sie und betastete nervös ihr Haar.
-
-„Eher“, erwiderte Joachim. „Wir warten auch schon fast eine halbe
-Stunde.“
-
-So sprachen sie miteinander, und wie im Traum hörte Hans Castorp zu. Daß
-Joachim mit Frau Chauchat sprach, war beinahe dasselbe, wie wenn er
-selbst mit ihr gesprochen hätte, – wenn freilich auch wieder etwas ganz
-und gar anderes. Das „Eher“ hatte Hans Castorp beleidigt, es kam ihm
-frech und mindestens befremdend gleichmütig vor in Anbetracht der
-Umstände. Aber Joachim konnte am Ende so sprechen, – er konnte
-_überhaupt_ mit ihr sprechen und tat sich vielleicht vor ihm noch etwas
-zugute darauf mit seinem kecken „Eher“, – ungefähr wie er selbst vor
-Joachim und Settembrini sich aufgespielt hatte, als man ihn gefragt, wie
-lange er zu bleiben gedenke und er „drei Wochen“ geantwortet hatte. An
-Joachim, obgleich er die Zeitung vor das Gesicht gehalten, hatte sie
-sich gewandt mit ihrer Anrede, – gewiß weil er der älter Eingesessene,
-ihr länger von Ansehen Bekannte war; aber doch auch aus jenem anderen
-Grunde, weil ein Verkehr auf gesittetem Fuße, ein artikulierter
-Austausch in ihrem Falle am Platze war und nichts Wildes, Tiefes,
-Schreckliches und Geheimnisvolles zwischen ihnen waltete. Hätte jemand
-Braunäugiges mit Rubinring und Orangenparfüm hier mit ihnen gewartet, so
-wäre es an ihm, Hans Castorp, gewesen, das Wort zu führen und „Eher“ zu
-sagen, – unabhängig und rein, wie er ihr gegenüberstand. „Gewiß, eher
-unangenehm, wertes Fräulein!“ hätte er gesagt und vielleicht sein
-Taschentuch mit einem Schwung aus der Brusttasche gezogen, um sich zu
-schneuzen. „Bitte, Geduld zu üben. Wir sind in keiner besseren Lage.“
-Und Joachim hätte gestaunt über seine Leichtlebigkeit, – wahrscheinlich
-aber, ohne sich ernstlich an seine Stelle zu wünschen. Nein, auch Hans
-Castorp war nicht eifersüchtig auf Joachim, wie die Dinge lagen,
-obgleich dieser es war, der mit Frau Chauchat sprechen durfte. Er war
-einverstanden damit, daß sie sich an ihn gewandt hatte; sie hatte den
-Umständen Rechnung getragen, indem sie es tat, und so zu erkennen
-gegeben, daß sie sich dieser Umstände bewußt war ... Sein Herz hämmerte.
-
-Nach der gelassenen Behandlung, die Frau Chauchat durch Joachim
-erfahren, und in der Hans Castorp sogar etwas wie eine leise
-Feindseligkeit auf seiten des guten Joachim gegen die Mitpatientin
-gespürt hatte, eine Feindseligkeit, über die er bei aller Erschütterung
-lächeln mußte, – versuchte „Clawdia“ einen Gang durch das Zimmer zu tun;
-doch fehlte es an Raum dazu, und so nahm auch sie ein illustriertes Heft
-vom Tische und kehrte damit in den Sessel mit den rudimentären Armlehnen
-zurück. Hans Castorp saß und sah sie an, indem er die Kinnstütze seines
-Großvaters nachahmte und so dem Alten wirklich lächerlich ähnlich sah.
-Da Frau Chauchat wieder ein Bein über das andere gelegt hatte, zeichnete
-sich ihr Knie, ja, die ganze schlanke Linie ihres Beines unter dem
-blauen Tuchrock ab. Sie war nur von mittlerer Größe, einer in Hans
-Castorps Augen höchst angenehmen und richtigen Größe, aber
-verhältnismäßig hochbeinig und nicht breit in den Hüften. Sie saß nicht
-zurückgelehnt, sondern vorgebeugt, die gekreuzten Unterarme auf den
-Oberschenkel des übergeschlagenen Beines gestützt, mit gerundetem Rücken
-und vorfallenden Schultern, so daß die Nackenwirbel hervortraten, ja,
-unter dem anliegenden Sweater beinahe das Rückgrat zu erkennen war und
-ihre Brust, die nicht so hoch und üppig entwickelt wie bei Marusja,
-sondern klein und mädchenhaft war, von beiden Seiten zusammengepreßt
-wurde. Plötzlich erinnerte sich Hans Castorp, daß auch sie hier in der
-Erwartung saß, durchleuchtet zu werden. Der Hofrat malte sie; er gab
-ihre äußere Erscheinung mit Öl und Farbstoffen auf der Leinwand wieder.
-Jetzt aber würde er im Halbdunkel Lichtstrahlen auf sie lenken, die ihm
-das Innere ihres Körpers bloßlegten. Und indem Hans Castorp dies dachte,
-wandte er mit einer ehrbaren Verfinsterung seiner Miene den Kopf
-beiseite, einem Ausdruck von Diskretion und Sittsamkeit, den vor sich
-selber anzunehmen ihm bei dieser Vorstellung angemessen schien.
-
-Das Beisammensein zu dritt in dem Wartezimmerchen währte nicht lange.
-Man hatte drinnen mit Sascha und seiner Mutter wohl nicht viel
-Federlesens gemacht, man sputete sich, die Verspätung wieder einzuholen.
-Neuerdings öffnete der Techniker im weißen Kittel die Tür, Joachim warf
-aufstehend sein Zeitungsblatt auf den Tisch zurück, und Hans Castorp
-folgte ihm, wenn auch nicht ohne inneres Zögern, zur Tür. Ritterliche
-Bedenken regten sich in ihm zusammen mit der Versuchung, dennoch auf
-gesittete Art zu Frau Chauchat zu sprechen und ihr den Vortritt
-anzubieten; vielleicht sogar auf Französisch, wenn es sich machen ließ;
-und hastig suchte er bei sich nach den Vokabeln, der Satzbildung. Aber
-er wußte nicht, ob solche Höflichkeiten hier ortsüblich waren, ob nicht
-die angesetzte Reihenfolge hoch über Ritterlichkeiten erhaben war.
-Joachim mußte es wissen, und da er nicht Miene machte, vor der
-anwesenden Dame zurückzustehen, obgleich Hans Castorp ihn bewegt und
-dringlich anblickte, so folgte dieser ihm denn an Frau Chauchat vorbei,
-die nur flüchtig aus ihrer gebückten Haltung aufschaute, und durch die
-Tür ins Laboratorium.
-
-Er war zu benommen von dem, was er hinter sich ließ, von den Abenteuern
-der letzten zehn Minuten, als daß mit dem Übertritt in den
-Durchleuchtungsraum auch seine innere Gegenwart sich sogleich hätte
-umstellen können. Er sah nichts oder nur sehr Allgemeines im künstlichen
-Halblicht. Er hörte Frau Chauchats angenehm verschleierte Stimme, mit
-der sie gesagt hatte: „Was gibt es denn ... Es sind Personen eben noch
-eingetreten ... Das ist unangenehm ...“, und dieser Stimmklang schauerte
-ihm als ein süßer Reiz den Rücken hinunter. Er sah ihr Knie unter dem
-Tuchrock sich abbilden, sah an ihrem gebeugten Nacken, unter dem kurzen
-rötlichblonden Haar, das dort lose hing, ohne in die Zopffrisur
-aufgenommen worden zu sein, die Halswirbel hervortreten, und abermals
-überlief ihn der Schauder. Er sah Hofrat Behrens, abgewandt von den
-Eintretenden, vor einem Schrank oder regalförmigen Einbau stehen und
-eine schwärzliche Platte betrachten, die er mit ausgestrecktem Arm gegen
-das matte Deckenlicht hielt. An ihm vorbei gingen sie tiefer in den Raum
-hinein, überholt von dem Gehilfen, der Vorbereitungen zu ihrer
-Behandlung und Abfertigung traf. Es roch eigentümlich hier. Eine Art von
-abgestandenem Ozon erfüllte die Atmosphäre. Zwischen den
-schwarzverhängten Fenstern vorspringend, teilte der Einbau das
-Laboratorium in zwei ungleiche Hälften. Man unterschied physikalische
-Apparate, Hohlgläser, Schaltbretter, aufrecht ragende Meßinstrumente,
-aber auch einen kameraartigen Kasten auf rollbarem Gestell, gläserne
-Diapositive, die reihenweise in die Wand eingelassen waren, – man wußte
-nicht, war man in dem Atelier eines Photographen, einer Dunkelkammer
-oder einer Erfinderwerkstatt und technischen Hexenoffizin.
-
-Joachim hatte ohne weiteres begonnen, seinen Oberkörper freizumachen.
-Der Gehilfe, ein jüngerer, gedrungener und rotbäckiger Eingeborener in
-weißem Kittel, wies Hans Castorp an, ein gleiches zu tun. Es gehe
-schnell, er sei sofort an der Reihe ... Während Hans Castorp die Weste
-auszog, kam Behrens aus dem kleinen Abteil, wo er gestanden, in den
-geräumigeren herüber.
-
-„Hallo!“ sagte er. „Das sind ja unsere Dioskuren! Castorp und Pollux ...
-Bitte, Wehelaute zu unterdrücken! Warten Sie nur, gleich werden wir Sie
-alle beide durchschaut haben. Ich glaube, Sie haben Angst, Castorp, uns
-Ihr Inneres zu eröffnen? Seien Sie ruhig, es geht ganz ästhetisch zu.
-Hier, haben Sie meine Privatgalerie schon gesehen?“ Und er zog Hans
-Castorp am Arm vor die Reihen der dunklen Gläser, hinter denen er
-knipsend Licht einschaltete. Da erhellten sie sich, zeigten ihre Bilder.
-Hans Castorp sah Gliedmaßen: Hände, Füße, Kniescheiben, Ober- und
-Unterschenkel, Arme und Beckenteile. Aber die rundliche Lebensform
-dieser Bruchstücke des Menschenleibes war schemenhaft und dunstig von
-Kontur; wie ein Nebel und bleicher Schein umgab sie ungewiß ihren klar,
-minutiös und entschieden hervortretenden Kern, das Skelett.
-
-„Sehr interessant“, sagte Hans Castorp.
-
-„Das ist allerdings interessant!“ erwiderte der Hofrat. „Nützlicher
-Anschauungsunterricht für junge Leute. Lichtanatomie, verstehen Sie,
-Triumph der Neuzeit. Das ist ein Frauenarm, Sie ersehen es aus seiner
-Niedlichkeit. Damit umfangen sie einen beim Schäferstündchen, verstehen
-Sie.“ Und er lachte, wobei seine Oberlippe mit dem gestutzten
-Schnurrbärtchen sich einseitig höher schürzte. Die Bilder erloschen.
-Hans Castorp wandte sich zur Seite, dorthin, wo Joachims Innenaufnahme
-sich vorbereitete.
-
-Es geschah vor jenem Einbau, an dessen anderer Seite der Hofrat anfangs
-gestanden. Joachim hatte auf einer Art von Schustersessel vor einem
-Brett Platz genommen, gegen das er die Brust preßte, wobei er es
-außerdem mit den Armen umschlang; und mit knetenden Bewegungen
-verbesserte der Gehilfe seine Stellung, indem er Joachims Schultern
-weiter nach vorn drückte, seinen Rücken massierte. Hierauf begab er sich
-hinter die Kamera, um, wie irgend ein Photograph, gebückt, breitbeinig,
-die Ansicht zu prüfen, drückte seine Zufriedenheit aus und mahnte
-Joachim, beiseite gehend, tief einzuatmen und, bis alles vorüber, die
-Luft anzuhalten. Joachims gerundeter Rücken dehnte sich und blieb
-stehen. In diesem Augenblick hatte der Gehilfe am Schaltbrett den
-nötigen Handgriff getan. Zwei Sekunden lang spielten fürchterliche
-Kräfte, deren Aufwand erforderlich war, um die Materie zu durchdringen,
-Ströme von Tausenden von Volt, von hunderttausend, Hans Castorp glaubte
-sich zu erinnern. Kaum zum Zwecke gebändigt, suchten die Gewalten auf
-Nebenwegen sich Luft zu machen. Entladungen knallten wie Schüsse. Es
-knatterte blau am Meßapparat. Lange Blitze fuhren knisternd die Wand
-entlang. Irgendwo blickte ein rotes Licht, einem Auge gleich, still und
-drohend in den Raum, und eine Phiole in Joachims Rücken füllte sich
-grün. Dann beruhigte sich alles; die Lichterscheinungen verschwanden,
-und Joachim ließ seufzend den Atem aus. Es war geschehen.
-
-„Nächster Delinquent!“ sagte Behrens und stieß Hans Castorp mit dem
-Ellenbogen. „Nur keine Müdigkeit vorschützen! Sie kriegen ein
-Freiexemplar, Castorp. Dann können Sie noch Kindern und Enkeln die
-Geheimnisse Ihres Busens an die Wand projizieren!“
-
-Joachim war abgetreten; der Techniker wechselte die Platte. Hofrat
-Behrens unterwies den Neuling persönlich, wie er sich zu setzen, zu
-halten habe. „Umarmen!“ sagte er. „Das Brett umarmen! Stellen Sie sich
-meinetwegen was anderes darunter vor! Und gut die Brust andrücken, als
-ob Glücksempfindungen damit verbunden wären! Recht so. Einatmen!
-Stillgehalten!“ kommandierte er. „Bitte, recht freundlich!“ Hans Castorp
-wartete blinzelnd, die Lunge voller Luft. Hinter ihm brach das Gewitter
-los, knisterte, knatterte, knallte und beruhigte sich. Das Objektiv
-hatte in sein Inneres geblickt.
-
-Er stieg ab, verwirrt und betäubt von dem, was mit ihm geschehen,
-obgleich ja die Durchdringung ihm nicht im geringsten empfindlich
-geworden war. „Brav“, sagte der Hofrat. „Nun werden wir selber sehen.“
-Und schon hatte Joachim, bewandert wie er war, sich weiter hinbegeben,
-näher der Ausgangstür an einem Stativ Aufstellung genommen, im Rücken
-den weitläufig sich aufbauenden Apparat, auf dessen Rückenhöhe man eine
-halb mit Wasser gefüllte Glasblase mit Verdunstungsröhre gewahrte, vor
-sich, in Brusthöhe, einen gerahmten Schirm, der an Rollzügen schwebte.
-Zu seiner Linken, inmitten eines Schaltbretts und Instrumentariums,
-erhob sich eine rote Lampenglocke. Der Hofrat, vor dem hängenden Schirm
-auf einem Schemel reitend, entzündete sie. Das Deckenlicht erlosch, nur
-das Rubinlicht noch erhellte die Szene. Dann hob der Meister auch dieses
-mit kurzem Handgriff auf, und dichteste Finsternis hüllte die Laboranten
-ein.
-
-„Erst müssen die Augen sich gewöhnen“, hörte man den Hofrat im Dunkel
-sagen. „Ganz große Pupillen müssen wir erst kriegen, wie die Katzen, um
-zu sehen, was wir sehen wollen. Das verstehen Sie ja wohl, daß wir es so
-ohne weiteres mit unseren gewöhnlichen Tagaugen nicht ordentlich sehen
-könnten. Den hellen Tag mit seinen fidelen Bildern müssen wir uns erst
-mal aus dem Sinn schlagen zu dem Behuf.“
-
-„Selbstredend“, sagte Hans Castorp, der hinter des Hofrats Schulter
-stand, und schloß die Augen, da es ganz gleichgültig war, ob man sie
-offen hielt, oder nicht, so schwarz war die Nacht. „Erst müssen wir uns
-mal die Augen mit Finsternis waschen, um so was zu sehen, das ist doch
-klar. Ich finde es sogar gut und richtig, daß wir uns vorher ein bißchen
-sammeln, sozusagen in stillem Gebet. Ich stehe hier und habe die Augen
-geschlossen, es ist mir angenehm schläfrig zu Sinn. Aber wonach riecht
-es hier nur?“
-
-„Sauerstoff“, sagte der Hofrat. „Das ist Oxygen, was Sie in den Lüften
-spüren. Atmosphärisches Produkt des Stubengewitters, verstehen Sie mich
-... Augen auf!“ sagte er. „Jetzt fängt die Beschwörung an.“ Hans Castorp
-gehorchte eilig.
-
-Man hörte das Umlegen eines Hebels. Ein Motor sprang auf und sang wütend
-in die Höhe, wurde aber durch einen neuen Handgriff zur Stetigkeit
-gebändigt. Der Fußboden bebte gleichmäßig. Das rote Lichtlein, länglich
-und senkrecht, blickte mit stillem Drohen herüber. Irgendwo knisterte
-ein Blitz. Und langsam, mit milchigem Schein, ein sich erhellendes
-Fenster, trat aus dem Dunkel das bleiche Viereck des Leuchtschirms
-hervor, vor welchem Hofrat Behrens auf seinem Schusterschemel ritt, die
-Schenkel gespreizt, die Fäuste daraufgestemmt, die Stumpfnase dicht an
-der Scheibe, die Einblick in eines Menschen organisches Inneres
-gewährte.
-
-„Sehen Sie, Jüngling?“ fragte er ... Hans Castorp beugte sich über seine
-Schulter, hob aber noch einmal den Kopf, dorthin, wo im Dunkel Joachims
-Augen zu vermuten waren, die sanft und traurig blicken mochten, wie
-damals bei der Untersuchung, und fragte:
-
-„Du erlaubst doch?“
-
-„Bitte, bitte“, antwortete Joachim liberal aus seiner Finsternis. Und
-beim Schüttern des Erdbodens, im Knistern und Rumoren der spielenden
-Kräfte spähte Hans Castorp gebückt durch das bleiche Fenster, spähte
-durch Joachim Ziemßens leeres Gebein. Der Brustknochen fiel mit dem
-Rückgrat zur dunklen, knorpeligen Säule zusammen. Das vordere
-Rippengerüst wurde von dem des Rückens überschnitten, das blasser
-erschien. Geschwungen zweigten oben die Schlüsselbeine nach beiden
-Seiten ab, und in der weichen Lichthülle der Fleischesform zeigten sich
-dürr und scharf das Schulterskelett, der Ansatz von Joachims
-Oberarmknochen. Es war hell im Brustraum, aber man unterschied ein
-Geäder, dunkle Flecke, ein schwärzliches Gekräusel.
-
-„Klares Bild“, sagte der Hofrat. „Das ist die anständige Magerkeit, die
-militärische Jugend. Ich habe hier Wänste gehabt, – undurchdringlich,
-beinahe nichts zu erkennen. Die Strahlen müßte man erst mal entdecken,
-die durch so eine Fettschicht gehen ... Dies hier ist saubere Arbeit.
-Sehen Sie das Zwerchfell?“ sagte er und wies mit dem Finger auf den
-dunklen Bogen, der sich unten im Fenster hob und senkte ... „Sehen Sie
-die Buckel hier linkerseits, die Erhöhungen? Das ist die
-Rippenfellentzündung, die er mit fünfzehn Jahren hatte. Tief atmen!“
-kommandierte er. „Tiefer! Ich sage _tief_!“ Und Joachims Zwerchfell hob
-sich zitternd, so hoch es konnte, Aufhellung war in den oberen
-Lungenteilen zu bemerken, aber der Hofrat war nicht befriedigt.
-„Ungenügend!“ sagte er. „Sehen Sie die Hilusdrüsen? Sehen Sie die
-Verwachsungen? Sehen Sie die Kavernen hier? Da kommen die Gifte her, die
-ihn beschwipsen.“ Aber Hans Castorps Aufmerksamkeit war in Anspruch
-genommen von etwas Sackartigem, ungestalt Tierischem, dunkel hinter dem
-Mittelstamme Sichtbarem, und zwar größerenteils zur Rechten, vom
-Beschauer aus gesehen, – das sich gleichmäßig ausdehnte und wieder
-zusammenzog, ein wenig nach Art einer rudernden Qualle.
-
-„Sehen Sie sein Herz?“ fragte der Hofrat, indem er abermals die riesige
-Hand vom Schenkel löste und mit dem Zeigefinger auf das pulsierende
-Gehänge wies ... Großer Gott, es war das Herz, Joachims ehrliebendes
-Herz, was Hans Castorp sah!
-
-„Ich sehe dein Herz!“ sagte er mit gepreßter Stimme.
-
-„Bitte, bitte“, antwortete Joachim wieder, und wahrscheinlich lächelte
-er ergeben dort oben im Dunklen. Aber der Hofrat gebot ihnen, zu
-schweigen und keine Empfindsamkeiten zu tauschen. Er studierte die
-Flecke und Linien, das schwarze Gekräusel im inneren Brustraum, während
-auch sein Mitspäher nicht müde wurde, Joachims Grabesgestalt und
-Totenbein zu betrachten, dies kahle Gerüst und spindeldürre Memento.
-Andacht und Schrecken erfüllten ihn. „Jawohl, jawohl, ich sehe“, sagte
-er mehrmals. „Mein Gott, ich sehe!“ Er hatte von einer Frau gehört,
-einer längst verstorbenen Verwandten von Tienappelscher Seite, – sie
-sollte mit einer schweren Gabe ausgestattet oder geschlagen gewesen
-sein, die sie in Demut getragen, und die darin bestanden hatte, daß
-Leute, die baldigst sterben sollten, ihren Augen als Gerippe erschienen
-waren. So sah nun Hans Castorp den guten Joachim, wenn auch mit Hilfe
-und auf Veranstaltung der physikalisch-optischen Wissenschaft, so daß es
-nichts zu bedeuten hatte und alles mit rechten Dingen zuging, zumal er
-Joachims Zustimmung ausdrücklich eingezogen. Dennoch wandelte
-Verständnis ihn an für die Melancholie im Schicksal jener seherischen
-Tante. Heftig bewegt von dem, was er sah, oder eigentlich davon, daß er
-es sah, fühlte er sein Gemüt von geheimen Zweifeln gestachelt, ob es
-rechte Dinge seien, mit denen dies zugehe, Zweifeln an der Erlaubtheit
-seines Schauens im schütternden, knisternden Dunkel; und die zerrende
-Lust der Indiskretion mischte sich in seiner Brust mit Gefühlen der
-Rührung und Frömmigkeit.
-
-Aber wenige Minuten später stand er selbst im Gewitter am Pranger,
-während Joachim, wieder geschlossenen Leibes, sich ankleidete. Abermals
-spähte der Hofrat durch die milchige Scheibe, diesmal in Hans Castorps
-Inneres, und aus seinen halblauten Äußerungen, abgerissenen
-Schimpfereien und Redensarten schien hervorzugehen, daß der Befund
-seinen Erwartungen entsprach. Er war dann noch so freundlich, zu
-erlauben, daß der Patient seine eigene Hand durch den Leuchtschirm
-betrachte, da er dringend darum gebeten hatte. Und Hans Castorp sah, was
-zu sehen er hatte erwarten müssen, was aber eigentlich dem Menschen zu
-sehen nicht bestimmt ist, und wovon auch er niemals gedacht hatte, daß
-ihm bestimmt sein könne, es zu sehen: er sah in sein eigenes Grab. Das
-spätere Geschäft der Verwesung sah er vorweggenommen durch die Kraft des
-Lichtes, das Fleisch, worin er wandelte, zersetzt, vertilgt, zu
-nichtigem Nebel gelöst, und darin das kleinlich gedrechselte Skelett
-seiner rechten Hand, um deren oberes Ringfingerglied sein Siegelring,
-vom Großvater her ihm vermacht, schwarz und lose schwebte: ein hartes
-Ding dieser Erde, womit der Mensch seinen Leib schmückt, der bestimmt
-ist, darunter wegzuschmelzen, so daß es frei wird und weiter geht an ein
-Fleisch, das es eine Weile wieder tragen kann. Mit den Augen jener
-Tienappelschen Vorfahrin erblickte er einen vertrauten Teil seines
-Körpers, durchschauenden, voraussehenden Augen, und zum erstenmal in
-seinem Leben verstand er, daß er sterben werde. Dazu machte er ein
-Gesicht, wie er es zu machen pflegte, wenn er Musik hörte, – ziemlich
-dumm, schläfrig und fromm, den Kopf halb offenen Mundes gegen die
-Schulter geneigt. Der Hofrat sagte:
-
-„Spukhaft, was? Ja, ein Einschlag von Spukhaftigkeit ist nicht zu
-verkennen.“
-
-Und dann tat er den Kräften Einhalt. Der Fußboden kam zur Ruhe, die
-Lichterscheinungen schwanden, das magische Fenster hüllte sich wieder in
-Dunkel. Das Deckenlicht ging an. Und während auch Hans Castorp sich in
-die Kleider warf, gab Behrens den jungen Leuten einige Auskunft über
-seine Beobachtungen, unter Berücksichtigung ihrer laienhaften
-Auffassungsfähigkeit. Was im besonderen Hans Castorp betraf, so hatte
-der optische Befund den akustischen so genau bestätigt, wie die Ehre der
-Wissenschaft es nur irgend verlangte. Es seien die alten Stellen sowohl
-wie die frische zu sehen gewesen, und „Stränge“ zögen sich von den
-Bronchien aus ziemlich weit in das Organ hinein, – „Stränge mit
-Knötchen“. Hans Castorp werde es selbst auf dem Diapositivbildchen
-nachprüfen können, das ihm, wie gesagt, demnächst werde eingehändigt
-werden. Also Ruhe, Geduld, Mannszucht, messen, essen, liegen, abwarten
-und Tee trinken. Er wandte ihnen den Rücken. Sie gingen. Hans Castorp,
-hinter Joachim, blickte im Hinausgehen über die Schulter. Vom Techniker
-eingelassen, betrat Frau Chauchat das Laboratorium.
-
-
- Freiheit
-
-Wie kam es dem jungen Hans Castorp eigentlich vor? Etwa so, als ob die
-sieben Wochen, die er nun nachweislich und ohne allen Zweifel schon bei
-Denen hier oben verbracht hatte, nur sieben Tage gewesen wären? Oder
-schien ihm im Gegenteil, daß er schon viel, viel länger, als wirklich
-zutraf, an diesem Orte lebe? Er fragte sich selbst danach, sowohl
-innerlich, wie auch in der Form, daß er Joachim danach fragte, konnte
-aber zu keiner Entscheidung kommen. Es war wohl beides der Fall:
-zugleich unnatürlich kurz und unnatürlich lang erschien ihm im Rückblick
-die hier verbrachte Zeit, nur eben wie es wirklich damit war, so wollte
-es ihm nicht scheinen, – wobei vorausgesetzt wird, daß Zeit überhaupt
-Natur, und daß es statthaft ist, den Begriff der Wirklichkeit mit ihr in
-Verbindung zu bringen.
-
-Auf jeden Fall stand der Oktober vor der Tür, jeden Tag konnte er
-eintreten. Es war ein leichtes für Hans Castorp, sich das auszurechnen,
-und außerdem wurde er durch Gespräche seiner Mitpatienten darauf
-hingewiesen, denen er zuhörte. „Wissen Sie, daß in fünf Tagen wieder
-einmal der Erste ist?“ hörte er Hermine Kleefeld zu zwei jungen Herren
-ihrer Gesellschaft sagen, dem Studenten Rasmussen und jenem
-Wulstlippigen, dessen Name Gänser war. Man stand nach der Hauptmahlzeit
-im Speisedunst zwischen den Tischen herum und zögerte plaudernd, in die
-Liegekur zu gehen. „Der erste Oktober, ich habe es in der Verwaltung auf
-dem Kalender gesehen. Das ist der zweite seiner Art, den ich an diesem
-Lustort verlebe. Schön, der Sommer ist hin, soweit er vorhanden war, man
-ist um ihn betrogen, wie man um das Leben betrogen ist, im ganzen und
-überhaupt.“ Und sie seufzte aus ihrer halben Lunge, indem sie
-kopfschüttelnd ihre von Dummheit umschleierten Augen zur Decke richtete.
-„Lustig, Rasmussen!“ sagte sie hierauf und schlug ihrem Kameraden auf
-die abfallende Schulter. „Machen Sie Witze!“ „Ich weiß nur wenige“,
-erwiderte Rasmussen und ließ die Hände wie Flossen in Brusthöhe hängen;
-„die aber wollen mir nicht vonstatten gehn, ich bin immer so müde.“ „Es
-möchte kein Hund,“ sagte Gänser hinter den Zähnen, „so oder ähnlich noch
-viel länger leben.“ Und sie lachten achselzuckend.
-
-Aber auch Settembrini, seinen Zahnstocher zwischen den Lippen, hatte in
-der Nähe gestanden, und im Hinausgehen sagte er zu Hans Castorp:
-
-„Glauben Sie ihnen nicht, Ingenieur, glauben Sie ihnen niemals, wenn sie
-schimpfen! Das tun sie alle ohne Ausnahme, obgleich sie sich nur zu sehr
-zu Hause fühlen. Führen ein Lotterleben und erheben auch noch Anspruch
-auf Mitleid, dünken sich zur Bitterkeit berechtigt, zur Ironie, zum
-Zynismus! ‚An diesem Lustort!‘ Ist es vielleicht kein Lustort? Ich will
-meinen, daß es einer ist, und zwar in des Wortes zweifelhaftester
-Bedeutung! ‚Betrogen‘, sagt dies Frauenzimmer; ‚an diesem Lustort um das
-Leben betrogen.‘ Aber entlassen Sie sie in die Ebene, und ihr
-Lebenswandel dort unten wird keinen Zweifel darüber lassen, daß sie es
-darauf anlegt, baldmöglichst wieder heraufzukommen. Ach ja, die Ironie!
-Hüten Sie sich vor der hier gedeihenden Ironie, Ingenieur! Hüten Sie
-sich überhaupt vor dieser geistigen Haltung! Wo sie nicht ein gerades
-und klassisches Mittel der Redekunst ist, dem gesunden Sinn keinen
-Augenblick mißverständlich, da wird sie zur Liederlichkeit, zum
-Hindernis der Zivilisation, zur unsauberen Liebelei mit dem Stillstand,
-dem Ungeist, dem Laster. Da die Atmosphäre, in der wir leben, dem
-Gedeihen dieses Sumpfgewächses offenbar sehr günstig ist, darf ich
-hoffen oder muß fürchten, daß Sie mich verstehen.“
-
-Wirklich waren des Italieners Worte von der Art derer, die noch vor
-sieben Wochen im Tieflande für Hans Castorp nur Schall gewesen wären,
-für deren Bedeutung aber der Aufenthalt hier oben seinen Geist
-empfänglich gemacht hatte: empfänglich im Sinne intellektuellen
-Verständnisses, nicht ohne weiteres auch in dem der Sympathie, was
-vielleicht noch mehr besagen will. Denn obgleich er im Grunde seiner
-Seele froh war, daß Settembrini auch jetzt noch, trotz allem, was
-geschehen, fortfuhr, zu ihm zu sprechen, wie er es tat, ihn weiter
-belehrte, warnte und Einfluß auf ihn zu nehmen suchte, ging seine
-Auffassungsfähigkeit sogar so weit, daß er seine Worte beurteilte und
-ihnen seine Zustimmung, wenigstens bis zu einem gewissen Grade,
-vorenthielt. „Sieh an,“ dachte er, „er spricht von der Ironie ganz
-ähnlich wie von der Musik, es fehlt nur, daß er sie ‚politisch
-verdächtig‘ nennt, nämlich von dem Moment an, wo sie aufhört, ein
-‚gerades und klassisches Lehrmittel‘ zu sein. Aber eine Ironie, die
-‚keinen Augenblick mißverständlich‘ ist, – was wäre denn das für eine
-Ironie, frage ich in Gottes Namen, wenn ich schon mitreden soll? Eine
-Trockenheit und Schulmeisterei wäre sie!“ – So undankbar ist Jugend, die
-sich bildet. Sie läßt sich beschenken, um dann das Geschenk zu bemäkeln.
-
-Seine Widersetzlichkeit in Worte zu fassen, wäre ihm immerhin zu
-abenteuerlich erschienen. Er beschränkte seine Einwände auf Herrn
-Settembrinis Urteil über Hermine Kleefeld, das ihm ungerecht erschien
-oder das er aus bestimmten Gründen sich so erscheinen lassen wollte.
-
-„Aber das Fräulein ist krank!“ sagte er. „Sie ist ja wahr- und
-wahrhaftig schwer krank und hat allen Grund, verzweifelt zu sein! Was
-wollen Sie eigentlich von ihr?“
-
-„Krankheit und Verzweiflung,“ sagte Settembrini, „sind auch oft nur
-Formen der Liederlichkeit.“
-
-„Und Leopardi,“ dachte Hans Castorp, „der ausdrücklich sogar an
-Wissenschaft und Fortschritt verzweifelte? Und er selbst, der Herr
-Schulmeister? Er ist doch auch krank und kommt immer wieder herauf, und
-Carducci hätte wenig Freude an ihm.“ Laut sagte er:
-
-„Sie sind gut. Das Fräulein kann jeden Tag ins Gras beißen, und das
-nennen Sie Liederlichkeit! Da müssen Sie sich schon näher erklären. Wenn
-Sie mir sagten: Krankheit ist bisweilen eine Folge der Liederlichkeit,
-so wäre das plausibel ...“
-
-„Sehr plausibel“, schaltete Settembrini ein. „Meiner Treu, es wäre Ihnen
-recht, wenn ich dabei stehen bliebe?“
-
-„Oder wenn Sie sagten: Krankheit muß der Liederlichkeit manchmal zum
-Vorwand dienen, – auch das ließe ich mir gefallen.“
-
-„_Grazie tanto!_“
-
-„Aber Krankheit eine _Form_ der Liederlichkeit? Das heißt: nicht aus der
-Liederlichkeit entstanden, sondern selbst Liederlichkeit? Das ist doch
-paradox!“
-
-„Oh, ich bitte, Ingenieur, keine Unterstellungen! Ich verachte die
-Paradoxe, ich hasse sie! Lassen Sie sich alles, was ich Ihnen über die
-Ironie bemerkte, auch vom Paradoxon gesagt sein, und noch einiges mehr!
-Das Paradoxon ist die Giftblüte des Quietismus, das Schillern des faulig
-gewordenen Geistes, die größte Liederlichkeit von allen! Im übrigen
-stelle ich fest, daß Sie wieder einmal die Krankheit in Schutz nehmen
-...“
-
-„Nein, was Sie sagen, interessiert mich. Es erinnert geradezu an
-manches, was Dr. Krokowski an seinen Montagen vorbringt. Auch er erklärt
-die organische Krankheit für eine sekundäre Erscheinung.“
-
-„Kein ganz reinlicher Idealist.“
-
-„Was haben Sie gegen ihn?“
-
-„Eben dies.“
-
-„Sind Sie schlecht auf die Analyse zu sprechen?“
-
-„Nicht jeden Tag. – Sehr schlecht und sehr gut, beides abwechselnd,
-Ingenieur.“
-
-„Wie soll ich das verstehen?“
-
-„Die Analyse ist gut als Werkzeug der Aufklärung und der Zivilisation,
-gut, insofern sie dumme Überzeugungen erschüttert, natürliche Vorurteile
-auflöst und die Autorität unterwühlt, gut, mit anderen Worten, indem sie
-befreit, verfeinert, vermenschlicht und Knechte reif macht zur Freiheit.
-Sie ist schlecht, sehr schlecht, insofern sie die Tat verhindert, das
-Leben an den Wurzeln schädigt, unfähig, es zu gestalten. Die Analyse
-kann eine sehr unappetitliche Sache sein, unappetitlich wie der Tod, zu
-dem sie denn doch wohl eigentlich gehören mag, – verwandt dem Grabe und
-seiner anrüchigen Anatomie ...“
-
-„Gut gebrüllt, Löwe“, konnte Hans Castorp nicht umhin zu denken, wie
-gewöhnlich, wenn Herr Settembrini etwas Pädagogisches geäußert. Er sagte
-aber nur:
-
-„Lichtanatomie haben wir neulich getrieben in unserem Parterrekeller.
-Behrens nannte es so, als er uns durchleuchtete.“
-
-„Ah, auch diese Station haben Sie schon erstiegen. Nun, und?“
-
-„Ich habe das Skelett meiner Hand gesehen“, sagte Hans Castorp, indem er
-sich die Empfindungen zurückzurufen suchte, die bei diesem Anblick in
-ihm aufgestiegen waren. „Haben Sie sich Ihres auch einmal zeigen
-lassen?“
-
-„Nein, ich interessiere mich nicht im geringsten für mein Skelett. Und
-das ärztliche Ergebnis?“
-
-„Er hat Stränge gesehen, Stränge mit Knötchen.“
-
-„Teufelsknecht.“
-
-„So haben Sie Hofrat Behrens schon einmal genannt. Was meinen Sie
-damit?“
-
-„Seien Sie überzeugt, daß es eine gewählte Bezeichnung ist!“
-
-„Nein, Sie sind ungerecht, Herr Settembrini! Ich gebe zu, daß der Mann
-seine Schwächen hat. Seine Redeweise ist mir selbst auf die Dauer nicht
-angenehm; sie hat zuweilen was Gewaltsames, besonders wenn man sich
-erinnert, daß er den großen Kummer gehabt hat, seine Frau hier oben
-einzubüßen. Aber was für ein verdienter und achtbarer Mann ist er doch
-alles in allem, ein Wohltäter der leidenden Menschheit! Neulich
-begegnete ich ihm, als er eben von einer Operation kam, einer
-Rippenresektion, einer Sache, bei der es auf Biegen oder Brechen
-gegangen war. Es machte großen Eindruck auf mich, wie ich ihn so von
-seiner schwierigen, nützlichen Arbeit kommen sah, auf die er sich so gut
-versteht. Noch ganz erhitzt war er und hatte sich zur Belohnung eine
-Zigarre angezündet. Ich war neidisch auf ihn.“
-
-„Das war schön von Ihnen. Aber Ihr Strafmaß?“
-
-„Er hat mir keine bestimmte Frist gesetzt.“
-
-„Auch nicht übel. Legen wir uns also, Ingenieur. Beziehen wir unsere
-Stellungen.“
-
-Sie verabschiedeten sich vor Nummer 34.
-
-„Nun gehen Sie auf Ihr Dach hinauf, Herr Settembrini. Es muß lustiger
-sein, so in Gesellschaft zu liegen, als allein. Unterhalten Sie sich?
-Sind es interessante Leute, mit denen Sie Kur machen?“
-
-„Ach, das sind lauter Parther und Skythen!“
-
-„Sie meinen Russen?“
-
-„Und Russinnen“, sagte Herr Settembrini, und sein Mundwinkel spannte
-sich. „Adieu, Ingenieur!“
-
-Das war mit Bedeutung gesagt, unzweifelhaft. Hans Castorp betrat in
-Verwirrung sein Zimmer. Wußte Settembrini, wie es um ihn stand?
-Wahrscheinlich hatte er ihm erzieherisch nachgespürt und die Wege
-verfolgt, die seine Augen gingen. Hans Castorp war zornig auf den
-Italiener und auch auf sich selbst, weil er unbeherrschterweise den
-Stich herausgefordert hatte. Während er sein Schreibzeug zusammensuchte,
-um es mit in die Liegekur zu nehmen – denn nun galt kein Zögern mehr,
-der Brief nach Hause, der dritte, wollte geschrieben sein –, fuhr er
-fort, sich zu ärgern, murmelte dies und das vor sich hin gegen diesen
-Windbeutel und Räsonneur, der sich in Dinge mischte, die ihn nichts
-angingen, während er selbst die Mädchen auf der Straße anträllerte, –
-und fühlte sich zu der schriftlichen Arbeit gar nicht mehr aufgelegt, –
-dieser Drehorgelmann hatte ihm mit seinen Anspielungen förmlich die
-Stimmung dazu verdorben. Aber so oder so, er mußte Winterzeug haben,
-Geld, Wäsche, Schuhwerk, kurz alles, was er mitgenommen haben würde,
-wenn er gewußt hätte, daß er nicht für drei Hochsommerwochen, sondern
-... sondern für eine noch unbestimmte Frist kam, die aber jedenfalls ein
-Stück in den Winter hineinreichen, ja, wie bei Uns hier oben die
-Begriffe und Zeitverhältnisse nun einmal waren, ihn wohl gar
-einschließen würde. Dies eben wollte, wenigstens als Möglichkeit, nach
-Hause mitgeteilt sein. Es galt diesmal ganze Arbeit zu tun, Denen dort
-unten reinen Wein einzuschenken und weder sich noch ihnen länger etwas
-vorzumachen ...
-
-In diesem Geiste schrieb er denn, unter Beobachtung der Technik, die er
-Joachim mehrmals hatte üben sehen: im Liegestuhl, mit dem
-Füllfederhalter, die Reisemappe auf den hochgezogenen Knien. Er schrieb
-auf einem Briefbogen der Anstalt, von denen ein Vorrat in der
-Tischschublade bereit lag, an James Tienappel, der ihm unter den drei
-Onkels am nächsten stand, und bat ihn, den Konsul zu unterrichten. Er
-sprach von einem leidigen Zwischenfall, von Befürchtungen, die sich
-bewahrheitet hätten, von der ärztlicherseits erklärten Notwendigkeit,
-einen Teil des Winters, vielleicht den ganzen hier oben zu verbringen,
-denn Fälle wie der seinige seien oft hartnäckiger als solche, die sich
-pompöser anließen, und es gelte doch, nachdrücklich einzugreifen und
-beizeiten ein für allemal vorzubauen. Unter diesem Gesichtspunkt, meinte
-er, sei es ja ein Glück und eine günstige Fügung, daß er zufällig jetzt
-heraufgekommen und veranlaßt worden sei, sich untersuchen zu lassen;
-denn sonst wäre er wohl noch lange über seinen Zustand im unklaren
-geblieben und später vielleicht auf viel empfindlichere Art darüber
-belehrt worden. Was die voraussichtliche Dauer der Kur betreffe, so möge
-man sich nicht wundern, daß er sich wahrscheinlich den Winter werde um
-die Ohren schlagen müssen und kaum früher als Joachim in die Ebene werde
-zurückkehren können. Die Zeitbegriffe seien hier andere, als die sonst
-wohl für Badereisen und Kuraufenthalte gültigen; der Monat sei sozusagen
-die kleinste Zeiteinheit, und einzeln spiele er gar keine Rolle ...
-
-Es war kühl, er schrieb im Paletot, in eine Decke gehüllt, mit geröteten
-Händen. Manchmal blickte er auf von seinem Papier, das sich mit
-vernünftigen und überzeugenden Sätzen bedeckte, und blickte in die
-vertraute Landschaft, die er kaum noch sah, dieses gestreckte Tal mit
-dem heute glasig-bleichen Gipfelgeschiebe am Ausgang, dem hell
-besiedelten Grunde, der manchmal sonnig aufglänzte, und den teils
-waldrauhen, teils wiesigen Lehnen, von denen Kuhgeläut kam. Er schrieb
-mit wachsender Leichtigkeit und verstand nicht mehr, wie er sich vor dem
-Brief hatte fürchten können. Im Schreiben begriff er selbst, daß nichts
-einleuchtender sein konnte, als seine Darlegungen, und daß sie zu Hause
-selbstverständlich das vollkommenste Einverständnis finden würden. Ein
-junger Mann seiner Klasse und in seinen Verhältnissen tat etwas für
-sich, wenn es sich als ratsam erwies, er machte Gebrauch von den eigens
-für seinesgleichen bereitgestellten Bequemlichkeiten. So gehörte es
-sich. Wäre er heimgereist, – man hätte ihn auf seinen Bericht hin wieder
-heraufgeschickt. Er bat, ihm zukommen zu lassen, was er brauchte. Auch
-um regelmäßige Anweisung der nötigen Geldmittel bat er zum Schluß; mit
-800 Mark monatlich sei alles zu decken.
-
-Er unterschrieb. Das war getan. Dieser dritte Brief nach Hause war
-ausgiebig, er hielt vor, – nicht nach den Zeitbegriffen von unten,
-sondern nach den hier oben herrschenden; er befestigte Hans Castorps
-_Freiheit_. Dies war das Wort, das er anwandte, nicht ausdrücklich,
-nicht, indem er auch nur innerlich seine Silben gebildet hätte, aber er
-empfand seinen weitläufigsten Sinn, wie er es während seines hiesigen
-Aufenthaltes zu tun gelernt hatte, – einen Sinn, der mit demjenigen, den
-Settembrini diesem Worte beilegte, nur wenig zu schaffen hatte, – und
-eine ihm schon bekannte Welle des Schreckens und der Erregung ging über
-ihn hin, die seine Brust beim Aufseufzen erzittern ließ.
-
-Er hatte den Kopf voller Blut vom Schreiben, seine Backen brannten. Er
-nahm Merkurius vom Lampentischchen und maß sich, als gelte es, eine
-Gelegenheit zu benutzen. Merkurius stieg auf 37,8.
-
-„Seht ihr?“ dachte Hans Castorp. Und er fügte das Postskriptum hinzu:
-„Der Brief hat mich doch angestrengt. Ich messe 37,8. Ich sehe, daß ich
-mich vorläufig sehr ruhig verhalten muß. Ihr müßt entschuldigen, wenn
-ich selten schreibe.“ Dann lag er und hob seine Hand gegen den Himmel,
-das Innere nach außen, so, wie er sie hinter den Leuchtschirm gehalten.
-Aber das Himmelslicht ließ ihre Lebensform unberührt, sogar noch dunkler
-und undurchsichtiger wurde ihr Stoff vor seiner Helle, und nur ihre
-äußersten Umrisse zeigten sich rötlich durchleuchtet. Es war die
-Lebenshand, die er zu sehen, zu säubern, zu benutzen gewohnt war – nicht
-jenes fremde Gerüst, das er im Schirme erblickt –, die analytische
-Grube, die er damals offen gesehen, hatte sich wieder geschlossen.
-
-
- Launen des Merkur
-
-Der Oktober brach an, wie neue Monate anzubrechen pflegen, – es ist an
-und für sich ein vollkommen bescheidenes und geräuschloses Anbrechen,
-ohne Zeichen und Feuermale, ein stilles Sicheinschleichen also
-eigentlich, das der Aufmerksamkeit, wenn sie nicht strenge Ordnung hält,
-leicht entgeht. Die Zeit hat in Wirklichkeit keine Einschnitte, es gibt
-kein Gewitter oder Drommetengetön beim Beginn eines neuen Monats oder
-Jahres, und selbst bei dem eines neuen Säkulums sind es nur wir
-Menschen, die schießen und läuten.
-
-In Hans Castorps Fall glich der erste Oktobertag auf ein Haar dem
-letzten Septembertage; er war ebenso kalt und unfreundlich wie dieser,
-und die nächstfolgenden waren es auch. Man brauchte den Winterpaletot
-und beide Kamelhaardecken in der Liegekur, nicht nur abends, sondern
-auch am Tage; die Finger, mit denen man sein Buch hielt, waren feucht
-und steif, wenn auch die Backen in trockener Hitze standen, und Joachim
-war sehr versucht, seinen Pelzsack in Gebrauch zu nehmen; er unterließ
-es nur, um sich nicht vorzeitig zu verwöhnen.
-
-Aber einige Tage später, man hielt schon zwischen Anfang und Mitte des
-Monats, änderte sich alles, und ein nachträglicher Sommer fiel ein von
-solcher Pracht, daß es zum Verwundern war. Nicht umsonst hatte Hans
-Castorp den Oktober dieser Gegenden rühmen hören; wohl zweieinhalb
-Wochen lang herrschte Himmelsherrlichkeit über Berg und Tal, ein Tag
-überbot den anderen an blauender Reinheit, und mit so unvermittelter
-Kraft brannte die Sonne darein, daß jedermann sich veranlaßt fand, das
-leichteste Sommerzeug, Musselinkleider und Leinwandhosen, die schon
-verworfen gewesen, wieder hervorzusuchen und selbst der große
-Segeltuchschirm ohne Krücke, den man vermittelst einer sinnreichen
-Vorrichtung, einem mehrfach gelochten Pflock, an der Armlehne des
-Liegestuhles befestigte, in den mittleren Tagesstunden nur ungenügenden
-Schutz gegen die Glut des Gestirnes bot.
-
-„Schön, daß ich das hier noch mitmache“, sagte Hans Castorp zu seinem
-Vetter. „Wir haben es manchmal so elend gehabt, – es ist ja ganz, als
-hätten wir den Winter schon hinter uns und nun käme die gute Zeit.“ Er
-hatte recht. Wenige Merkmale deuteten auf den wahren Sachverhalt, und
-auch diese waren unscheinbar. Nahm man ein paar gepflanzte Ahorne
-beiseite, die unten in „Platz“ nur eben ihr Leben fristeten und längst
-mutlos ihre Blätter hatten fallen lassen, so gab es keine Laubbäume
-hier, deren Zustand der Landschaft das Gepräge der Jahreszeit
-aufgedrückt hätte, und nur die zwittrige Alpenerle, die weiche Nadeln
-trägt und diese wie Blätter wechselt, zeigte sich herbstlich kahl. Der
-übrige Baumschmuck der Gegend, ob ragend oder geduckt, war immergrünes
-Nadelholz, fest gegen den Winter, der, undeutlich eingeschränkt, seine
-Schneestürme hier über das ganze Jahr verteilen darf; und nur ein
-mehrfach gestufter, roströtlicher Ton über dem Forst ließ trotz dem
-Sommerbrande des Himmels das sinkende Jahr erkennen. Freilich waren da,
-näher zugesehen, noch die Wiesenblumen, die gleichfalls leise zur Sache
-redeten. Es gab das orchideenähnliche Knabenkraut, die staudenförmige
-Akelei nicht mehr, die bei des Besuchers Ankunft noch das Gehänge
-geschmückt hatten, und auch die wilde Nelke war nicht mehr da. Nur noch
-der Enzian, die kurzaufsitzende Herbstzeitlose waren zu sehen und gaben
-Bescheid über eine gewisse innere Frische der oberflächlich erhitzten
-Atmosphäre, eine Kühle, die dem Ruhenden, äußerlich fast Versengten
-plötzlich ans Gebein treten konnte, wie ein Frostschauer dem
-Fieberglühenden.
-
-Hans Castorp also hielt innerlich nicht jene Ordnung, womit der die Zeit
-bewirtschaftende Mensch ihren Ablauf beaufsichtigt, ihre Einheiten
-abteilt, zählt und benennt. Er hatte auf den stillen Anbruch des zehnten
-Monats nicht achtgehabt; nur das Sinnliche berührte ihn, die Sonnenglut
-mit der geheimen Frostfrische darin und darunter, – eine Empfindung, die
-ihm in dieser Stärke neu war und ihn zu einem kulinarischen Vergleich
-anregte: sie erinnerte ihn, einer Äußerung zufolge, die er gegen Joachim
-tat, an eine „_Omelette en surprise_“ mit Gefrorenem unter dem heißen
-Eierschaum. Er sagte öfter solche Dinge, sagte sie rasch, geläufig und
-mit bewegter Stimme, wie ein Mensch spricht, den es fröstelt bei heißer
-Haut. Dazwischen freilich war er auch schweigsam, um nicht zu sagen: in
-sich gekehrt; denn seine Aufmerksamkeit war wohl nach außen gerichtet,
-aber auf einen Punkt; das übrige, Menschen wie Dinge, verschwamm im
-Nebel, einem in Hans Castorps Hirn erzeugten Nebel, den Hofrat Behrens
-und Dr. Krokowski zweifellos als das Produkt löslicher Gifte
-angesprochen haben würden, wie der Benebelte sich selber sagte, ohne daß
-diese Einsicht das Vermögen oder auch nur im entferntesten den Wunsch in
-ihm gezeitigt hätte, des Rausches ledig zu werden.
-
-Denn das ist ein Rausch, dem es um sich selber zu tun ist, und dem
-nichts unerwünschter und verabscheuenswürdiger scheint, als die
-Ernüchterung. Er behauptet sich auch gegen dämpfende Eindrücke, er läßt
-sie nicht zu, um sich zu bewahren. Hans Castorp wußte und hatte es
-früher selbst zur Sprache gebracht, daß Frau Chauchat im Profil nicht
-günstig aussah, etwas scharf, nicht mehr ganz jung. Die Folge? Er
-vermied es, sie im Profil zu betrachten, schloß buchstäblich die Augen,
-wenn sie ihm zufällig von fern oder nah diese Ansicht bot, es tat ihm
-weh. Warum? Seine Vernunft hätte freudig die Gelegenheit wahrnehmen
-sollen, sich zur Geltung zu bringen! Aber was verlangt man ... Er wurde
-blaß vor Entzücken, als Clawdia in diesen glänzenden Tagen zum zweiten
-Frühstück wieder einmal in der weißen Spitzenmatinee erschien, die sie
-bei warmem Wetter trug, und die sie so außerordentlich reizvoll machte,
-– verspätet und türschmetternd darin erschien und lächelnd, die Arme
-leicht zu ungleicher Höhe erhoben, gegen den Saal Front machte, um sich
-zu präsentieren. Aber er war entzückt nicht sowohl dadurch, daß sie so
-günstig aussah, sondern _darüber_, daß es so war, weil das den süßen
-Nebel in seinem Kopf verstärkte, den Rausch, der sich selber wollte, und
-dem es darum zu tun war, gerechtfertigt und genährt zu werden.
-
-Ein Gutachter von der Denkungsart Lodovico Settembrinis hätte angesichts
-eines solchen Mangels an gutem Willen geradezu von Liederlichkeit, von
-„einer Form der Liederlichkeit“ sprechen mögen. Hans Castorp gedachte
-zuweilen der schriftstellerischen Dinge, die jener über „Krankheit und
-Verzweiflung“ geäußert, und die er unbegreiflich gefunden oder so zu
-finden sich den Anschein gegeben hatte. Er sah Clawdia Chauchat an, die
-Schlaffheit ihres Rückens, die vorgeschobene Haltung ihres Kopfes; er
-sah sie beständig mit großer Verspätung zu Tisch kommen, ohne Grund und
-Entschuldigung, einzig aus Mangel an Ordnung und gesitteter Energie; sah
-sie aus eben diesem grundlegenden Mangel jede Tür hinter sich zufallen
-lassen, durch die sie aus oder ein ging, Brotkugeln drehen und
-gelegentlich an den seitlichen Fingerspitzen kauen, – und eine wortlose
-Ahnung stieg in ihm auf, daß, wenn sie krank war, und das war sie wohl,
-fast hoffnungslos krank, da sie ja schon so lange und oft hier oben
-hatte leben müssen, – ihre Krankheit, wenn nicht gänzlich, so doch zu
-einem guten Teile moralischer Natur, und zwar wirklich, wie Settembrini
-gesagt hatte, nicht Ursache oder Folge ihrer „Lässigkeit“, sondern mit
-ihr ein und dasselbe war. Er erinnerte sich auch der wegwerfenden
-Gebärde, womit der Humanist von den „Parthern und Skythen“ gesprochen
-hatte, mit denen er Liegekur halten müsse, einer Gebärde natürlicher und
-unmittelbarer, nicht erst zu begründender Geringschätzung und Ablehnung,
-auf die Hans Castorp sich von früher her wohl verstand, – von damals
-her, als er, der sich bei Tische sehr gerade hielt, das Türenwerfen aus
-Herzensgrund haßte und nicht einmal in Versuchung kam, an den Fingern zu
-kauen (schon darum nicht, weil ihm statt dessen Maria Mancini gegeben
-war), an den Ungezogenheiten Frau Chauchats schweren Anstoß genommen und
-sich eines Gefühls der Überlegenheit nicht hatte entschlagen können, als
-er die schmaläugige Fremde in seiner Muttersprache sich hatte versuchen
-hören.
-
-Solcher Empfindungen hatte Hans Castorp sich nun, auf Grund der inneren
-Sachlage, fast ganz begeben, und der Italiener war es viel mehr, an dem
-er sich ärgerte, weil dieser in seinem Dünkel von „Parthern und Skythen“
-gesprochen, – während er doch nicht einmal Personen vom „Schlechten“
-Russentisch im Auge gehabt hatte, demjenigen, an dem die Studenten mit
-dem allzu dicken Haar und der unsichtbaren Wäsche saßen und unaufhörlich
-in ihrer wildfremden Sprache disputierten, außer der sie sich offenbar
-in keiner auszudrücken wußten, und deren knochenloser Charakter an einen
-Thorax ohne Rippen erinnerte, wie Hofrat Behrens es neulich beschrieben
-hatte. Es war richtig, daß die Sitten dieser Leute einem Humanisten wohl
-lebhafte Abstandsgefühle erregen konnten. Sie aßen mit dem Messer und
-besudelten auf nicht wiederzugebende Weise die Toilette. Settembrini
-behauptete, daß einer von ihrer Gesellschaft, ein Mediziner in höheren
-Semestern, sich des Lateinischen vollkommen unkundig erwiesen,
-beispielsweise nicht gewußt habe, was ein _vacuum_ sei, und nach Hans
-Castorps eigenen täglichen Erfahrungen log Frau Stöhr wahrscheinlich
-nicht, wenn sie bei Tische erzählte, das Ehepaar auf Nr. 32 empfange den
-Bademeister morgens, wenn er zur Abreibung komme, zusammen im Bette
-liegend.
-
-Mochte dies alles zutreffen, so bestand doch die augenfällige Scheidung
-von „gut“ und „schlecht“ nicht umsonst, und Hans Castorp versicherte
-sich selbst, er habe nur ein Achselzucken für irgendeinen Propagandisten
-der Republik und des schönen Stils, der, hochnäsig und nüchtern –
-namentlich nüchtern, obgleich auch er febril und beschwipst war –, die
-beiden Tischgesellschaften unter dem Namen von Parthern und Skythen
-zusammenfaßte. Wie es gemeint war, verstand der junge Hans Castorp sehr
-weitgehend, er hatte ja auch angefangen, sich auf die Zusammenhänge von
-Frau Chauchats Krankheit mit ihrer „Lässigkeit“ zu verstehen. Aber es
-verhielt sich, wie er selbst eines Tages zu Joachim gesagt hatte: man
-beginnt mit Ärgernis und Abstandsgefühlen, auf einmal aber „kommt ganz
-anderes dazwischen“, was „mit Urteilen gar nichts zu tun hat“, und die
-Sittenstrenge hat ausgespielt, – man ist pädagogischen Einflüssen
-republikanischer und eloquenter Art kaum noch zugänglich. Was ist aber
-das, fragen wir, wahrscheinlich auch in Lodovico Settembrinis Sinn, was
-ist das für ein fragwürdiges Zwischenkommnis, das des Menschen Urteil
-lahmlegt und ausschaltet, ihn des Rechtes darauf beraubt oder vielmehr
-ihn bestimmt, sich dieses Rechtes mit unsinnigem Entzücken zu begeben?
-Wir fragen nicht nach seinem Namen, denn diesen kennt jeder. Wir
-erkundigen uns nach seiner moralischen Beschaffenheit, – und erwarten,
-offen gestanden, keine sehr hochgemute Antwort darauf. In Hans Castorps
-Fall bewährte sich diese Beschaffenheit in dem Grade, daß er nicht
-allein aufhörte, zu urteilen, sondern auch begann, mit der Lebensform,
-die es ihm angetan, seinerseits Versuche anzustellen. Er versuchte, wie
-es sei, wenn man bei Tische zusammengesunken, mit schlaffem Rücken
-dasäße, und fand, daß es eine große Erleichterung für die Beckenmuskeln
-bedeute. Ferner probierte er es, eine Tür, durch die er schritt, nicht
-umständlich hinter sich zu schließen, sondern sie zufallen zu lassen;
-und auch dies erwies sich sowohl als bequem wie als angemessen: es
-entsprach im Ausdruck jenem Achselzucken, mit dem Joachim ihn seinerzeit
-gleich am Bahnhof begrüßt, und das er seitdem so oft bei Denen hier oben
-gefunden hatte.
-
-Schlicht gesagt, war unser Reisender nun also über beide Ohren in
-Clawdia Chauchat verliebt, – wir gebrauchen nochmals dies Wort, da wir
-dem Mißverständnis, das es erregen könnte, hinlänglich vorgebeugt zu
-haben meinen. Freundlich gemütvolle Wehmut im Geist jenes Liedchens war
-es also nicht, was das Wesen seiner Verliebtheit ausmachte. Vielmehr war
-das eine ziemlich riskierte und unbehauste Abart dieser Betörung, aus
-Frost und Hitze gemischt wie das Befinden eines Febrilen oder wie ein
-Oktobertag in oberen Sphären; und was fehlte, war eben ein gemüthaftes
-Mittel, das ihre extremen Bestandteile verbunden hätte. Sie bezog sich
-einerseits mit einer Unmittelbarkeit, die den jungen Mann erblassen ließ
-und seine Gesichtszüge verzerrte, auf Frau Chauchats Knie und die Linie
-ihres Beines, auf ihren Rücken, ihre Nackenwirbel und ihre Oberarme, von
-denen die kleine Brust zusammengepreßt wurde, – mit einem Worte auf
-ihren Körper, ihren lässigen und gesteigerten, durch die Krankheit
-ungeheuer betonten und noch einmal zum Körper gemachten Körper. Und sie
-war andererseits etwas äußerst Flüchtiges und Ausgedehntes, ein Gedanke,
-nein, ein Traum, der schreckhafte und grenzenlos verlockende Traum eines
-jungen Mannes, dem auf bestimmte, wenn auch unbewußt gestellte Fragen
-nur ein hohles Schweigen geantwortet hatte. Wie jedermann, nehmen wir
-das Recht in Anspruch, uns bei der hier laufenden Erzählung unsere
-privaten Gedanken zu machen, und wir äußern die Mutmaßung, daß Hans
-Castorp die für seinen Aufenthalt bei Denen hier oben ursprünglich
-angesetzte Frist nicht einmal bis zu dem gegenwärtig erreichten Punkt
-überschritten hätte, wenn seiner schlichten Seele aus den Tiefen der
-Zeit über Sinn und Zweck des Lebensdienstes eine irgendwie befriedigende
-Auskunft zuteil geworden wäre.
-
-Im übrigen fügte seine Verliebtheit ihm all die Schmerzen zu und
-gewährte ihm all die Freuden, die dieser Zustand überall und unter allen
-Umständen mit sich bringt. Der Schmerz ist durchdringend; er enthält ein
-entehrendes Element, wie jeder Schmerz, und bedeutet eine solche
-Erschütterung des Nervensystems, daß er den Atem verschlägt und einem
-erwachsenen Manne bittere Tränen entpressen kann. Um auch den Freuden
-gerecht zu werden, so waren sie zahlreich und, obgleich aus
-unscheinbaren Anlässen entstehend, nicht weniger eindringlich als die
-Leiden. Fast jeder Augenblick des Berghof-Tages war fähig, sie zu
-zeitigen. Zum Beispiel: im Begriff, den Speisesaal zu betreten, bemerkt
-Hans Castorp den Gegenstand seiner Träume hinter sich. Das Ergebnis ist
-im voraus klar und von größter Simplizität, aber innerlich entzückend
-bis zu ebenfalls tränentreibender Wirkung. Ihre Augen begegnen sich
-nahe, die seinen und ihre graugrünen, deren leicht asiatischer Sitz und
-Schnitt ihm das Mark bezaubern. Er ist besinnungslos, aber auch ohne
-Besinnung tritt er seitlich zurück, um ihr zuerst den Weg durch die Tür
-freizugeben. Mit halbem Lächeln und einem halblauten „_Merci_“ macht sie
-Gebrauch von seinem nicht mehr als gesitteten Anerbieten, geht vorbei
-und hindurch. Im Hauch ihrer vorüberstreichenden Person steht er,
-närrisch vor Glück über das Zusammentreffen und darüber, daß ein Wort
-ihres Mundes, nämlich das _Merci_, ihm direkt und persönlich gegolten.
-Er folgt ihr, er schwankt rechtshin zu seinem Tische, und indem er auf
-seinen Stuhl sinkt, darf er wahrnehmen, daß „Clawdia“ drüben, ebenfalls
-Platz nehmend, sich nach ihm umblickt, – mit einem Ausdruck des
-Nachdenkens über die Begegnung an der Tür, wie ihm scheint. O
-unglaubwürdiges Abenteuer! O Jubel, Triumph und grenzenloses Frohlocken!
-Nein, diesen Rausch phantastischer Genugtuung hätte Hans Castorp nicht
-erprobt bei dem Blick irgendeines gesunden Gänschens, dem er drunten im
-Flachlande erlaubter-, friedlicher- und aussichtsreicherweise, im Sinne
-jenes Liedchens, „sein Herz geschenkt“ hätte. Mit fiebriger
-Aufgeräumtheit begrüßt er die Lehrerin, die alles gesehen hat und
-flaumig errötet ist, – worauf er Miß Robinson mit englischer
-Konversation von solcher Sinnlosigkeit berennt, daß das Fräulein, im
-Ekstatischen nicht bewandert, sogar zurückprallt und ihn mit Blicken
-voller Befürchtungen mißt.
-
-Ein andermal fallen beim Abendessen die Strahlen der klar untergehenden
-Sonne auf den Guten Russentisch. Man hat die Vorhänge vor die
-Verandatüren und Fenster gezogen, aber irgendwo klafft da ein Spalt, und
-durch ihn findet der rote Schein kühl, aber blendend seinen Weg und
-trifft genau Frau Chauchats Kopf, so daß sie, im Gespräch mit dem
-konkaven Landsmann zu ihrer Rechten, sich mit der Hand dagegen schützen
-muß. Das ist eine Belästigung, aber keine schwere; niemand kümmert sich
-darum, die Betroffene selbst ist sich der Unbequemlichkeit wohl nicht
-einmal bewußt. Aber Hans Castorp sieht es über den Saal hinweg, – auch
-er sieht es eine Weile mit an. Er überprüft die Sachlage, verfolgt den
-Weg des Strahles, stellt den Ort seines Einfalles fest. Es ist das
-Bogenfenster dort hinten rechts, in der Ecke zwischen der einen
-Verandatür und dem Schlechten Russentisch, weit von Frau Chauchats
-Platze entfernt und fast genau ebensoweit von dem Hans Castorps. Und er
-faßt seine Entschlüsse. Ohne ein Wort steht er auf, geht, seine
-Serviette in der Hand, schräg zwischen den Tischen hin durch den Saal,
-schlägt da hinten die cremefarbenen Vorhänge gut übereinander, überzeugt
-sich durch einen Blick über die Schulter, daß der Abendschein
-ausgesperrt und Frau Chauchat befreit ist – und begibt sich unter
-Aufbietung vielen Gleichmutes auf den Rückweg. Ein aufmerksamer junger
-Mann, der das Notwendige tut, da sonst niemand darauf verfällt, es zu
-tun. Die wenigsten hatten auf sein Eingreifen geachtet, aber Frau
-Chauchat hatte die Erleichterung sofort gespürt und sich umgeblickt, –
-sie blieb in dieser Haltung, bis Hans Castorp seinen Platz wieder
-erreicht hatte und, sich setzend, zu ihr hinübersah, worauf sie mit
-freundlich erstauntem Lächeln dankte, das heißt: ihren Kopf mehr
-vorschob als neigte. Er quittierte mit einer Verbeugung. Sein Herz war
-unbeweglich, es schien überhaupt nicht zu schlagen. Erst später, als
-alles vorüber war, begann es zu hämmern, und da bemerkte er erst, daß
-Joachim die Augen still auf seinen Teller gerichtet hielt, – wie ihm
-auch nachträglich deutlich wurde, daß Frau Stöhr Dr. Blumenkohl in die
-Seite gestoßen hatte und überall am eigenen Tische und an den anderen
-mit geducktem Lachen nach mitwissenden Blicken suchte ...
-
-Wir schildern Alltägliches; aber das Alltägliche wird sonderbar, wenn es
-auf sonderbarer Grundlage gedeiht. Es gab Spannungen und wohltätige
-Lösungen zwischen ihnen, – oder wenn nicht zwischen ihnen (denn wie weit
-Madame Chauchat davon berührt wurde, wollen wir dahingestellt sein
-lassen), so doch für Hans Castorps Phantasie und Gefühl. Nach dem
-Mittagessen pflegte in diesen schönen Tagen ein größerer Teil der
-Kurgesellschaft sich auf die dem Speisesaal vorgelagerte Veranda hinaus
-zu begeben, um eine Viertelstunde gruppenweise in der Sonne zu
-verweilen. Es ging da zu, und ein Bild entwickelte sich, ähnlich wie bei
-der vierzehntägigen Sonntagsblechmusik. Die jungen Leute, absolut müßig,
-übermäßig gesättigt mit Fleischspeisen und Süßigkeiten, und alle leicht
-fiebernd, plauderten, schäkerten, äugten. Frau Salomon aus Amsterdam
-mochte wohl an der Balustrade sitzen, – hart mit den Knien bedrängt von
-dem wulstlippigen Gänser auf der einen und dem schwedischen Recken auf
-der anderen Seite, der, obgleich völlig genesen, seinen Aufenthalt zu
-einer kleinen Nachkur noch etwas verlängerte. Frau Iltis schien Witwe zu
-sein, denn sie erfreute sich seit kurzem der Gesellschaft eines
-„Bräutigams“, von übrigens zugleich melancholischer und untergeordneter
-Erscheinung, dessen Vorhandensein sie denn auch nicht hinderte,
-gleichzeitig die Huldigungen des Hauptmanns Miklosich, eines Mannes mit
-Hakennase, gewichstem Schnurrbart, erhabener Brust und drohenden Augen,
-entgegenzunehmen. Es waren da Liegehallendamen verschiedener
-Nationalität, neue Figuren darunter, erst seit dem 1. Oktober sichtbar
-geworden, die Hans Castorp kaum schon bei Namen zu nennen gewußt hätte,
-untermischt mit Kavalieren vom Schlage des Herrn Albin; monokeltragenden
-Siebzehnjährigen; einem bebrillten jungen Holländer mit rosigem Gesicht
-und monomanischer Leidenschaft für den Briefmarkentausch; verschiedenen
-Griechen, pomadisiert und mandeläugig, bei Tische zu Übergriffen
-geneigt; zwei eng zusammengehörigen Stutzerchen, die „Max und Moritz“
-genannt wurden und für große Ausbrecher galten ... Der bucklige
-Mexikaner, dem Nichtkenntnis der hier vertretenen Sprachen den
-Gesichtsausdruck eines Tauben verlieh, nahm unaufhörlich photographische
-Aufnahmen vor, indem er sein Stativ mit schnurriger Behendigkeit von
-einem Punkt der Terrasse zum andern schleppte. Auch der Hofrat mochte
-sich wohl einfinden, um das Kunststück mit den Stiefelbändern
-aufzuführen. Irgendwo aber drückte sich einsam der mannheimische
-Religiöse in die Menge, und seine bis in den Grund hinein traurigen
-Augen gingen zu Hans Castorps Ekel heimlich gewisse Wege.
-
-Um denn mit einem oder dem anderen Beispiel auf jene „Spannungen und
-Lösungen“ zurückzukommen, so mochte bei einer solchen Gelegenheit Hans
-Castorp auf einem lackierten Gartenstuhl und in gesprächiger
-Unterhaltung mit Joachim, den er trotz seines Widerstrebens gezwungen
-hatte, mit herauszukommen, an der Hauswand sitzen, während vor ihm Frau
-Chauchat mit ihren Tischgenossen eine Zigarette rauchend an der Brüstung
-stand. Er sprach für sie, damit sie ihn höre. Sie wandte ihm den Rücken
-zu ... Man sieht, wir haben jetzt einen bestimmten Fall im Auge. Des
-Vetters Gespräch hatte ihm nicht genügt für seine affektierte
-Redseligkeit, er hatte absichtlich eine Bekanntschaft gemacht, – welche?
-Die Bekanntschaft Hermine Kleefelds – hatte wie von ungefähr das Wort an
-die junge Dame gerichtet, sich selbst und Joachim ihr namentlich
-vorgestellt und auch ihr einen lackierten Stuhl herangezogen, um sich zu
-dritt besser aufspielen zu können. Ob sie noch wisse, fragte er, wie
-teufelsmäßig sie ihn damals erschreckt habe, bei ihrer ersten Begegnung
-seinerzeit auf der Morgenpromenade. Ja, das sei _er_ gewesen, den sie
-damals so herzerfrischend zum Willkomm angepfiffen! Und ihren Zweck habe
-sie erreicht, das wolle er freiwillig gestehen, er sei wie mit einer
-Keule vor den Kopf geschlagen gewesen, sie solle nur seinen Vetter
-fragen. Ha, ha, mit dem Pneumothorax zu pfeifen und harmlose Wanderer
-damit zu erschrecken! Ein frevles Spiel nenne er das, als sündhaften
-Mißbrauch bezeichne er es freierdings und in gerechtem Zorne ... Und
-während Joachim im Bewußtsein seiner werkzeughaften Rolle mit
-niedergeschlagenen Augen saß und auch die Kleefeld aus Hans Castorps
-blinden und abschweifenden Blicken allmählich für ihre Person das
-kränkende Gefühl gewann, nur als Mittel zum Zwecke zu dienen, schmollte
-Hans Castorp und zierte sich und drechselte Redensarten und gab sich
-eine wohllautende Stimme, bis er es wirklich erreichte, daß Frau
-Chauchat sich nach dem auffällig Redenden umwandte und ihm ins Gesicht
-blickte, – aber nur einen Augenblick. Denn so gestaltete es sich, daß
-ihre Pribislav-Augen an seiner mit übergeschlagenem Beine sitzenden
-Figur rasch hinunterglitten und mit einem Ausdruck von so
-geflissentlicher Gleichgültigkeit, daß er wie Verachtung aussah, genau
-wie Verachtung, eine Weile auf seinem gelben Stiefel haften blieben, –
-worauf sie sich phlegmatisch und vielleicht mit einem Lächeln in ihrer
-Tiefe wieder zurückzogen.
-
-Ein schwerer, schwerer Unglücksfall! Hans Castorp redete noch eine Weile
-fieberhaft weiter; dann, als er dieses Blickes auf seinen Stiefel
-innerlich recht ansichtig geworden, verstummte er beinahe mitten im Wort
-und sank in Gram. Die Kleefeld, gelangweilt und beleidigt, ging ihrer
-Wege. Nicht ohne Gereiztheit in der Stimme meinte Joachim, nun könnten
-sie ja wohl Liegekur machen. Und ein Gebrochener antwortete ihm bleichen
-Mundes, das könnten sie.
-
-Hans Castorp litt grausam unter diesem Vorfall zwei Tage lang; denn
-nichts geschah unterdessen, was Balsam für seine brennende Wunde gewesen
-wäre. Warum dieser Blick? Warum ihm ihre Verachtung in des dreifaltigen
-Gottes Namen? Sah sie ihn an wie einen gesunden Gimpel von unten, dessen
-Aufnahmelustigkeit nur zum Harmlosen neigte? Wie eine Unschuld aus dem
-Flachlande, sozusagen, einen gewöhnlichen Kerl, der herumging und lachte
-und sich den Bauch vollschlug und Geld verdiente, – einen Musterschüler
-des Lebens, der sich auf nichts als auf die langweiligen Vorteile der
-Ehre verstand? War er ein windiger Hospitant auf drei Wochen, unteilhaft
-ihrer Sphäre, oder hatte er nicht Profeß getan auf Grund einer feuchten
-Stelle, – war er nicht eingereiht und zugehörig, einer von Uns hier
-oben, mit guten zwei Monaten auf dem Buckel, und war nicht Merkurius
-noch gestern abend wieder auf 37,8 gestiegen? ... Aber das eben war es,
-das machte sein Leiden vollständig! Merkurius stieg nicht mehr! Die
-furchtbare Niedergeschlagenheit dieser Tage bewirkte eine Erkältung,
-Ernüchterung und Abspannung von Hans Castorps Natur, die sich zu seiner
-bitteren Beschämung in sehr niedrigen, kaum übernormalen Meßergebnissen
-äußerte, und grausam war es für ihn, zu gewahren, wie sein Kummer und
-Gram nichts weiter vermochte, als ihn von Clawdias Sein und Wesen immer
-nur weiter noch zu entfernen.
-
-Der dritte Tag brachte die zarte Erlösung, brachte sie gleich in der
-Frühe. Es war ein herrlicher Herbstmorgen, sonnig und frisch, mit
-grausilbrig übersponnenen Wiesen. Sonne und abnehmender Mond standen
-gleichzeitig ziemlich gleich hoch am reinen Himmel. Die Vettern waren
-früher als gewöhnlich aufgestanden, um dem schönen Tag zu Ehren ihren
-Morgenspaziergang ein wenig über die Vorschrift auszudehnen, auf dem
-Waldwege, an dem die Bank neben der Wasserrinne stand, etwas weiter
-vorzudringen. Joachim, dessen Kurve gerade ebenfalls einen erfreulichen
-Abstieg aufwies, hatte die erfrischende Unregelmäßigkeit befürwortet und
-Hans Castorp nicht nein gesagt. „Wir sind ja genesene Leute,“ hatte er
-gesagt, „abgefiebert und entgiftet, so gut wie reif für das Flachland.
-Warum sollten wir nicht ausschlagen wie die Füllen.“ So wanderten sie
-barhaupt – denn seit er Profeß getan, hatte Hans Castorp sich in Gottes
-Namen der herrschenden Sitte anbequemt, ohne Hut zu gehen, so sicher er
-sich anfangs, diesem Brauch gegenüber, seiner Lebensform und Gesittung
-gefühlt hatte – und setzten ihre Stöcke. Sie hatten aber den
-ansteigenden Teil des rötlichen Weges noch nicht zurückgelegt, waren
-erst ungefähr bis zu dem Punkte gelangt, wo damals der pneumatische
-Trupp dem Neuling begegnet war, als sie vor sich in einiger Entfernung,
-langsam steigend, Frau Chauchat gewahrten, Frau Chauchat in Weiß, in
-weißem Sweater, weißem Flanellrock, und sogar in weißen Schuhen, das
-rötliche Haar von der Morgensonne erleuchtet. Genauer gesagt: Hans
-Castorp hatte sie erkannt; Joachim fand sich erst durch ein unangenehmes
-Gefühl des Ziehens und Zerrens an seiner Seite auf die Umstände
-hingewiesen, – ein Gefühl, hervorgebracht durch die antreibend
-beschwingtere Gangart, die sein Begleiter plötzlich angeschlagen,
-nachdem er zuvor seine Schritte jäh gehemmt hatte und beinahe
-stehengeblieben war. Solches Gehetztwerden empfand Joachim als äußerst
-unzuträglich und ärgerlich; sein Atem verkürzte sich rasch, und er
-hüstelte. Aber den zielbewußten Hans Castorp, dessen Organe prachtvoll
-zu arbeiten schienen, kümmerte das wenig; und da sein Vetter der
-Sachlage innegeworden, zog er nur schweigend die Brauen zusammen und
-hielt Schritt, denn unmöglich konnte er jenen allein voranlaufen lassen.
-
-Den jungen Hans Castorp belebte der schöne Morgen. Auch hatten in der
-Depression seine Seelenkräfte sich heimlich ausgeruht, und klar
-leuchtete vor seinem Geist die Gewißheit, daß der Augenblick gekommen
-war, da der Bann, der auf ihm gelegen, gebrochen werden sollte. So griff
-er aus, den keuchenden, auch sonst widerstrebenden Joachim mit sich
-ziehend, und vor der Biegung des Weges, wo er eben ward und rechtshin
-den bewaldeten Hügel entlang führte, hatten sie Frau Chauchat so gut wie
-erreicht. Da verlangsamte Hans Castorp das Tempo wieder, um nicht in
-einem von Anstrengung verwilderten Zustand sein Vorhaben auszuführen.
-Und jenseits des Wegknies, zwischen Abhang und Bergwand, zwischen den
-rostig gefärbten Fichten, durch deren Zweige Sonnenlichter fielen, trug
-es sich zu und begab sich wunderbar, daß Hans Castorp, links von
-Joachim, die liebliche Kranke überholte, daß er mit männlichen Tritten
-an ihr vorüber ging, und in dem Augenblick, da er sich rechts neben ihr
-befand, mit einer hutlosen Verneigung und einem mit halber Stimme
-gesprochenen „Guten Morgen“ sie _ehrerbietig_ (wieso eigentlich:
-ehrerbietig) begrüßte und Antwort von ihr empfing: mit freundlicher,
-nicht weiter erstaunter Kopfneigung dankte sie, sagte auch ihrerseits
-guten Morgen in seiner Sprache, wobei ihre Augen lächelten, – und das
-alles war etwas anderes, etwas gründlich und beseligend anderes als der
-Blick auf seinen Stiefel, es war ein Glücksfall und eine Wendung der
-Dinge zum Guten und Allerbesten, ganz beispielloser Art und fast die
-Fassungskraft überschreitend; es war die Erlösung.
-
-Auf Flügelsohlen, geblendet von vernunftloser Freude, im Besitz des
-Grußes, des Wortes, des Lächelns, eilte Hans Castorp an des mißbrauchten
-Joachim Seite vorwärts, der schweigend von jenem fort den Abhang
-hinunter blickte. Ein Streich war es gewesen, ein ziemlich
-ausgelassener, und wohl sogar etwas wie Verrat und Tücke in Joachims
-Augen, das wußte Hans Castorp sehr gut. Es war nicht geradeso, wie wenn
-er jemand Wildfremdes um einen Bleistift ersucht hätte, – vielmehr wäre
-es beinahe ungehobelt gewesen, an einer Dame, mit der man seit Monaten
-unter demselben Dache lebte, steif und ohne Ehrenbezeigung
-vorüberzugehen; und war nicht neulich im Wartezimmer Clawdia sogar ins
-Gespräch mit ihnen gekommen? Darum mußte Joachim schweigen. Aber Hans
-Castorp verstand wohl, weshalb der ehrliebende Joachim sonst noch
-schwieg und abgewendeten Kopfes ging, während er selbst über seinen
-gelungenen Streich so ausbündig und durchgängerisch glücklich war.
-Glücklicher konnte nicht sein, wer etwa im Flachlande erlaubter-,
-aussichtsreicher- und im Grunde vergnügterweise einem gesunden Gänschen
-„sein Herz geschenkt“ und großen Erfolg dabei gehabt hatte, – nein, _so
-glücklich_, wie er nun über das wenige, das er sich in guter Stunde
-geraubt und gesichert, konnte ein solcher nicht sein ... Darum schlug er
-nach einer Weile seinen Vetter mit Macht auf die Schulter und sagte:
-
-„Hallo, du, was ist mit dir? Es ist so schönes Wetter! Nachher wollen
-wir zum Kurhaus hinunter, da machen sie wahrscheinlich Musik, bedenke
-mal! Vielleicht spielen sie ‚Hier an dem Herzen treu geborgen, die
-Blume, sieh, von jenem Morgen‘ aus ‚Carmen‘. Was ist dir über die Leber
-gelaufen?“
-
-„Nichts“, sagte Joachim. „Aber du siehst so heiß aus, ich fürchte, mit
-deiner Senkung ist es zu Ende.“
-
-Es _war_ zu Ende damit. Die beschämende Herabstimmung von Hans Castorps
-Natur war überwunden durch den Gruß, den er mit Clawdia Chauchat
-getauscht hatte, und ganz genau genommen, war es dies Bewußtsein, dem
-eigentlich seine Genugtuung galt. Ja, Joachim hatte recht gehabt:
-Merkurius stieg wieder! Er stieg, als Hans Castorp ihn nach dem
-Spaziergang zu Rate zog, auf rund 38 Grad.
-
-
- Enzyklopädie
-
-Wenn gewisse Anspielungen Herrn Settembrinis Hans Castorp geärgert
-hatten, – verwundern durfte er sich nicht darüber und hatte kein Recht,
-den Humanisten erzieherischer Spürsucht zu zeihen. Ein Blinder hätte
-bemerken müssen, wie es um ihn stand: er selbst tat nichts, um es
-geheimzuhalten, eine gewisse Hochherzigkeit und noble Einfalt hinderte
-ihn einfach, aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen, worin er sich
-immerhin – und vorteilhaft, wenn man will, – von dem dünnhaarigen
-Verliebten aus Mannheim und seinem schleichenden Wesen unterschied. Wir
-erinnern und wiederholen, daß dem Zustande, in dem er sich befand, in
-der Regel ein Drang und Zwang, sich zu offenbaren, eingeboren ist, ein
-Trieb zum Bekenntnis und Geständnis, eine blinde Eingenommenheit von
-sich selbst und eine Sucht, die Welt mit sich zu erfüllen, – desto
-befremdlicher für uns Nüchterne, je weniger Sinn, Vernunft und Hoffnung
-offenbar bei der Sache ist. Wie solche Leute es eigentlich anfangen,
-sich zu verraten, ist schwer zu sagen; sie können, scheint es, nichts
-tun und lassen, was sie nicht verriete, – besonders nun gar in einer
-Gesellschaft, von der ein urteilender Kopf bemerkt hatte, sie habe im
-ganzen nur zwei Dinge im Sinn, nämlich erstens Temperatur und dann –
-nochmals Temperatur, das heißt zum Beispiel die Frage, mit wem Frau
-Generalkonsul Wurmbrandt aus Wien sich für die Flatterhaftigkeit des
-Hauptmanns Miklosich schadlos halte: ob mit dem völlig genesenen
-schwedischen Recken oder mit dem Staatsanwalt Paravant aus Dortmund oder
-drittens mit beiden zugleich. Denn daß die Bande, die den Staatsanwalt
-und Frau Salomon aus Amsterdam mehrere Monate lang verknüpft hatten,
-nach gütlicher Übereinkunft gelöst worden waren und Frau Salomon, dem
-Zuge ihrer Jahre folgend, sich den zarteren Semestern zugewandt und den
-wulstlippigen Gänser vom Tische der Kleefeld unter ihre Fittiche
-genommen oder, wie Frau Stöhr es in einer Art von Kanzleistil, dabei
-aber nicht ohne Anschaulichkeit ausdrückte, ihn „sich beigebogen“ hatte,
-– das war sicher und bekannt, so daß folglich der Staatsanwalt freie
-Hand hatte, sich der Generalkonsulin wegen mit dem Schweden zu schlagen
-oder zu vertragen.
-
-Diese Prozesse also, die in der Berghofgesellschaft und besonders unter
-der febrilen Jugend anhängig waren, und bei denen die Balkondurchgänge
-(an den Glaswänden vorbei und das Geländer entlang) offenbar eine
-bedeutende Rolle spielten: diese Vorgänge hatte man im Sinn, sie
-bildeten einen Hauptbestandteil der hiesigen Lebensluft, – und auch
-damit ist das, was hier vorschwebt, nicht eigentlich ausgedrückt. Hans
-Castorp hatte nämlich den eigentümlichen Eindruck, daß auf einer
-Grundangelegenheit, welcher überall in der Welt eine hinlängliche, in
-Ernst und Scherz sich äußernde Wichtigkeit zugebilligt wird, hierorts
-denn doch ein Ton-, Wert- und Bedeutungszeichen lag, so schwer und vor
-Schwere so neu, daß es die Sache selbst in einem völlig neuen und, wenn
-nicht schrecklichen, so doch in seiner Neuheit erschreckenden Lichte
-erscheinen ließ. Indem wir dies aussagen, verändern wir unsere Mienen
-und bemerken, daß, wenn wir von den fraglichen Beziehungen bisher in
-einem leichten und spaßhaften Ton gesprochen haben sollten, es aus
-denselben geheimen Gründen geschehen wäre, aus denen es so oft
-geschieht, ohne daß für die Leichtigkeit oder Spaßhaftigkeit der Sache
-damit irgendetwas bewiesen wäre; und in der Sphäre, wo wir uns befinden,
-wäre das in der Tat noch weniger der Fall als anderwärts. Hans Castorp
-hatte geglaubt, sich auf jene gern bewitzelte Grundangelegenheit im
-üblichen Maße zu verstehen, und mochte mit Recht so geglaubt haben. Nun
-erkannte er, daß er sich im Flachlande nur sehr unzulänglich darauf
-verstanden, eigentlich sich in einfältiger Unwissenheit darüber befunden
-hatte, – während hier persönliche Erfahrungen, deren Natur wir mehrfach
-anzudeuten versuchten, und die ihm in gewissen Augenblicken den Ausruf
-„Mein Gott!“ abpreßten, ihn allerdings von innen her befähigten, den
-steigernden Akzent des Unerhörten, Abenteuerlich-Namenlosen wahrzunehmen
-und zu begreifen, den unter Denen hier oben die Sache allgemein und für
-jeden trug. Nicht daß man nicht auch hier darüber gewitzelt hätte. Aber
-weit mehr noch als unten trug hier diese Manier das Gepräge des
-Unsachgemäßen, sie hatte etwas Zähneklapperndes und Kurzatmiges, was sie
-als durchsichtigen Deckmantel für die darunter verborgene oder vielmehr
-nicht zu verbergende Not allzu deutlich kennzeichnete. Hans Castorp
-erinnerte sich des fleckigen Erblassens, das Joachim gezeigt hatte, als
-jener zum ersten und einzigen Mal in der unschuldig neckenden Art des
-Tieflandes die Rede auf Marusjas Körperlichkeit gebracht hatte. Er
-erinnerte sich auch der kalten Blässe, die, als er Frau Chauchat vom
-einfallenden Abendlichte befreit, sein eigenes Gesicht überzogen hatte,
-– und daran, daß er sie vorher und nachher bei verschiedenen
-Gelegenheiten auf manchem fremden Gesicht gewahr geworden war: auf
-zweien zugleich in der Regel, zum Beispiel auf den Gesichtern der Frau
-Salomon und des jungen Gänser in jenen Tagen, da das, was Frau Stöhr so
-redensartlich bezeichnet, sich zwischen ihnen angebahnt hatte. Er
-erinnerte sich, sagen wir, daran und verstand, daß es unter solchen
-Umständen nicht nur sehr schwer gewesen wäre, sich nicht zu „verraten“,
-sondern daß auch die Bemühung darum nur wenig gelohnt haben würde. Mit
-anderen Worten: es mochte denn doch wohl nicht allein Hoch- und
-Treuherzigkeit, sondern auch eine gewisse Ermutigung durch die
-Atmosphäre im Spiele sein, wenn Hans Castorp sich wenig bemüßigt fand,
-seinen Empfindungen Zwang anzutun und aus seinem Zustande ein Hehl zu
-machen.
-
-Wäre nicht die von Joachim sofort hervorgehobene Schwierigkeit gewesen,
-hier Bekanntschaften zu machen, diese Schwierigkeit, die man
-hauptsächlich darauf zurückführen muß, daß die Vettern in der
-Kurgesellschaft sozusagen eine Partie und Miniaturgruppe für sich
-bildeten, und daß der militärische Joachim, auf nichts als rasche
-Genesung bedacht, der näheren Berührung und Gemeinschaft mit den
-Leidensgenossen grundsätzlich abhold war: so hätte Hans Castorp noch
-weit mehr Gelegenheit gehabt und genommen, seine Gefühle
-hochherzig-zügellos unter die Leute zu bringen. Immerhin konnte Joachim
-ihn eines Abends während der Salongeselligkeit betreffen, wie er mit
-Hermine Kleefeld, ihren beiden Tischherren Gänser und Rasmussen und
-viertens dem Jungen mit dem Einglas und dem Fingernagel zusammenstand
-und mit Augen, die ihren übernormalen Glanz nicht verleugneten, mit
-bewegter Stimme eine Stegreifrede über Frau Chauchats eigen- und
-fremdartige Gesichtsbildung hielt, während seine Zuhörer Blicke
-tauschten, sich anstießen und kicherten.
-
-Das war peinigend für Joachim; aber der Urheber solcher Lustbarkeit war
-unempfindlich gegen die Enthüllung seines Zustandes, er mochte meinen,
-daß derselbe, unbeachtet und verborgen, nicht zu seinem Rechte gekommen
-wäre. Des allgemeinen Verständnisses dafür durfte er sicher sein. Die
-Schadenfreude, die sich darein mischte, nahm er in den Kauf. Nicht nur
-von seinem eigenen Tisch, sondern nachgerade auch von anderen,
-benachbarten blickte man auf ihn, um sich an seinem Erbleichen und
-Erröten zu weiden, wenn nach Beginn einer Mahlzeit die Glastür ins
-Schloß schmetterte, und auch hiermit war er wohl gar noch zufrieden, da
-es ihm schien, daß seinem Rausch, indem er Aufmerksamkeit erregte, eine
-gewisse Anerkennung und Bestätigung von außen zuteil werde, geeignet,
-seine Sache zu fördern, seine unbestimmten und unvernünftigen Hoffnungen
-zu ermutigen, – und das beglückte ihn sogar. Es kam dahin, daß man sich
-buchstäblich versammelte, um dem Verblendeten zuzusehen. Das war etwa
-nach Tische auf der Terrasse oder am Sonntag nachmittag vor der
-Conciergeloge, wenn die Kurgäste dort ihre Post in Empfang nahmen, die
-an diesem Tage nicht auf die Zimmer verteilt wurde. Vielfach wußte man,
-daß da ein kolossal Beschwipster und Hochilluminierter sei, der sich
-alles anmerken ließ, und so standen etwa Frau Stöhr, Fräulein Engelhart,
-die Kleefeld nebst ihrer Freundin mit dem Tapirgesicht, der unheilbare
-Herr Albin, der junge Mann mit dem Fingernagel und noch dieses oder
-jenes Mitglied der Patientenschaft, – standen mit hinuntergezogenen
-Mündern und durch die Nase pruschend und sahen ihm zu, der, verloren und
-leidenschaftlich lächelnd, jene Hitze auf den Wangen, die ihn sofort am
-ersten Abend seines Hierseins ergriffen, jenen Glanz in den Augen, den
-schon der Husten des Herrenreiters darin entzündet, in einer bestimmten
-Richtung blickte ...
-
-Eigentlich war es schön von Herrn Settembrini, daß er unter solchen
-Umständen auf Hans Castorp zutrat, um ihn in ein Gespräch zu ziehen und
-nach seinem Ergehen zu fragen; aber es ist zweifelhaft, ob dieser die
-menschenfreundliche Vorurteilslosigkeit, die darin lag, dankbar zu
-würdigen wußte. Es mochte im Vestibül sein, am Sonntag nachmittag. Beim
-Concierge drängten sich die Gäste und streckten die Hände nach ihrer
-Post. Auch Joachim war dort vorn. Sein Vetter war zurückgeblieben und
-trachtete in der beschriebenen Verfassung, einen Blick Clawdia Chauchats
-zu gewinnen, die mit ihrer Tischgesellschaft in der Nähe stand, wartend,
-daß das Gedräng an der Loge sich lichten möge. Es war eine Stunde, die
-die Kurgäste durcheinandermischte, eine Stunde der Gelegenheiten,
-geliebt und ersehnt aus diesem Grunde von dem jungen Hans Castorp. Vor
-acht Tagen war er am Schalter in sehr nahe Berührung mit Madame Chauchat
-gekommen, so daß sie ihn sogar etwas gestoßen und mit flüchtiger
-Kopfwendung „_Pardon_“ zu ihm gesagt hatte, – worauf er kraft einer
-febrilen Geistesgegenwart, die er segnete, zu antworten vermocht hatte:
-
-„_Pas de quoi, madame!_“
-
-Welche Lebensgunst, dachte er, daß jeden Sonntag nachmittag mit
-Sicherheit in der Vorhalle Postverteilung stattfand! Man kann sagen, daß
-er die Woche konsumiert hatte, indem er auf die Wiederkehr derselben
-Stunde in sieben Tagen wartete, und Warten heißt: Voraneilen, heißt:
-Zeit und Gegenwart nicht als Geschenk, sondern nur als Hindernis
-empfinden, ihren Eigenwert verneinen und vernichten und sie im Geist
-überspringen. Warten, sagt man, sei langweilig. Es ist jedoch ebensowohl
-oder sogar eigentlich kurzweilig, indem es Zeitmengen verschlingt, ohne
-sie um ihrer selbst willen zu leben und auszunutzen. Man könnte sagen,
-der Nichts-als-Wartende gleiche einem Fresser, dessen Verdauungsapparat
-die Speisen, ohne ihre Nähr- und Nutzwerte zu verarbeiten, massenhaft
-durchtriebe. Man könnte weitergehen und sagen: wie unverdaute Speise
-ihren Mann nicht stärker mache, so mache verwartete Zeit nicht älter.
-Freilich kommt reines und unvermischtes Warten praktisch nicht vor.
-
-Es war also die Woche verschlungen und die Sonntagnachmittagspoststunde
-wieder in Kraft getreten, nicht anders, als wäre es immer noch die von
-vor sieben Tagen. Aufs erregendste fuhr sie fort, Gelegenheit zu machen,
-barg und bot in jeder Minute die Möglichkeit, mit Frau Chauchat in
-gesellschaftliche Beziehungen zu treten: Möglichkeiten, von denen Hans
-Castorp sich das Herz pressen und jagen ließ, ohne sie ins Wirkliche
-übertreten zu lassen. Dem standen Hemmungen entgegen, die teils
-militärischer, teils zivilistischer Natur waren: – teils nämlich mit der
-Gegenwart des ehrenhaften Joachim und mit Hans Castorps eigener Ehre und
-Pflicht zusammenhingen, teils aber auch in dem Gefühl ihren Grund
-hatten, daß gesellschaftliche Beziehungen zu Clawdia Chauchat,
-_gesittete_ Beziehungen, bei denen man „Sie“ sagte und Verbeugungen
-machte und womöglich Französisch sprach, – nicht nötig, nicht
-wünschenswert, nicht das Richtige seien ... Er stand und sah sie lachend
-sprechen, genau wie Pribislav Hippe dereinst auf dem Schulhof sprechend
-gelacht hatte: ihr Mund öffnete sich ziemlich weit dabei, und ihre
-schiefstehenden graugrünen Augen über den Backenknochen zogen sich zu
-schmalen Ritzen zusammen. Das war durchaus nicht „schön“; aber es war,
-wie es war, und bei der Verliebtheit kommt das ästhetische
-Vernunfturteil so wenig zu seinem Recht, wie das moralische. –
-
-„Sie erwarten ebenfalls Briefschaften, Ingenieur?“
-
-So redete nur einer, ein Störender. Hans Castorp fuhr zusammen und
-wandte sich Herrn Settembrini zu, der lächelnd vor ihm stand. Es war das
-feine und humanistische Lächeln, mit dem er dereinst bei der Bank am
-Wasserlauf den Ankömmling zuerst begrüßt hatte, und wie damals schämte
-Hans Castorp sich, als er es sah. Aber wie oft er auch im Traume den
-„Drehorgelmann“ von der Stelle zu drängen gesucht hatte, weil er „hier
-störe“, – der wachende Mensch ist besser als der träumende, und nicht
-nur zu seiner Beschämung und Ernüchterung wurde Hans Castorp dieses
-Lächelns wieder ansichtig, sondern auch mit Gefühlen dankbarer
-Bedürftigkeit. Er sagte:
-
-„Gott, Briefschaften, Herr Settembrini. Ich bin doch kein Ambassadeur!
-Vielleicht ist eine Postkarte da für einen von uns. Mein Vetter sieht
-eben mal nach.“
-
-„Mir hat der hinkende Teufel da vorn meine kleinen Korrespondenzen schon
-ausgehändigt“, sagte Settembrini und führte die Hand zur Seitentasche
-seines unvermeidlichen Flausrockes. „Interessante Dinge, Dinge von
-literarischer und sozialer Tragweite, ich leugne es nicht. Es handelt
-sich um ein enzyklopädisches Werk, an dem mitzuarbeiten ein humanitäres
-Institut mich würdigt ... Kurz, um schöne Arbeit.“ Herr Settembrini
-brach ab. „Aber Ihre Angelegenheiten?“ fragte er. „Wie steht es damit?
-Wie weit ist beispielsweise der Akklimatisierungsprozeß gediehen? Sie
-weilen alles in allem so lange noch nicht in unserer Mitte, daß die
-Frage nicht mehr an der Tagesordnung wäre.“
-
-„Danke, Herr Settembrini; es hat nach wie vor seine Schwierigkeiten
-damit. Ich halte für möglich, daß es das bis zum letzten Tage haben
-wird. Manche gewöhnen sich nie, sagte mein Vetter mir gleich, als ich
-ankam. Aber man gewöhnt sich daran, daß man sich nicht gewöhnt.“
-
-„Ein verwickelter Vorgang“, lachte der Italiener. „Eine sonderbare Art
-der Einbürgerung. Natürlich, die Jugend ist zu allem fähig. Sie gewöhnt
-sich nicht, aber sie schlägt Wurzeln.“
-
-„Und schließlich ist das ja kein sibirisches Bergwerk hier.“
-
-„Nein. Oh, Sie bevorzugen östliche Vergleiche. Sehr begreiflich. Asien
-verschlingt uns. Wohin man blickt: tatarische Gesichter.“ Und Herr
-Settembrini wandte diskret den Kopf über die Schulter. „Dschingis-Khan,“
-sagte er, „Steppenwolfslichter, Schnee und Schnaps, Knute, Schlüsselburg
-und Christentum. Man sollte der Pallas Athene hier in der Vorhalle einen
-Altar errichten, – im Sinne der Abwehr. Sehen Sie, da vorn ist so ein
-Iwan Iwanowitsch ohne Weißzeug mit dem Staatsanwalt Paravant in Streit
-geraten. Jeder will vor dem anderen an der Reihe sein, seine Post zu
-empfangen. Ich weiß nicht, wer recht hat, aber für mein Gefühl steht der
-Staatsanwalt im Schutze der Göttin. Er ist zwar ein Esel, aber er
-versteht wenigstens Latein.“
-
-Hans Castorp lachte, – was Herr Settembrini niemals tat. Man konnte ihn
-sich herzlich lachend gar nicht vorstellen; über die feine und trockene
-Spannung seines Mundwinkels brachte er es nicht hinaus. Er sah dem
-jungen Manne beim Lachen zu und fragte dann:
-
-„Ihr Diapositiv – haben Sie bekommen?“
-
-„Das habe ich bekommen!“ bestätigte Hans Castorp wichtig. „Schon
-neulich. Hier ist es.“ Und er griff in die innere Brusttasche.
-
-„Ah, Sie tragen es im Portefeuille. Wie einen Ausweis sozusagen, einen
-Paß oder eine Mitgliedskarte. Sehr gut. Lassen Sie sehen!“ Und Herr
-Settembrini hob die kleine, mit schwarzen Papierstreifen gerahmte
-Glasplatte gegen das Licht, indem er sie zwischen Daumen und Zeigefinger
-seiner Linken hielt, – eine oft gesehene, sehr übliche Bewegung hier
-oben. Sein Gesicht mit den schwarzen Mandelaugen grimassierte ein wenig,
-während er das funebre Lichtbild prüfte, – ohne ganz deutlich werden zu
-lassen, ob es nur des genaueren Sehens wegen oder aus anderen Gründen
-geschah.
-
-„Ja, ja“, sagte er dann. „Hier haben Sie Ihre Legitimation, ich danke
-bestens.“ Und er reichte das Glas seinem Besitzer zurück, reichte es ihm
-von der Seite, gewissermaßen über den eigenen Arm hinüber und
-abgewandten Gesichtes.
-
-„Haben Sie die Stränge gesehen?“ fragte Hans Castorp. „Und die
-Knötchen?“
-
-„Sie wissen,“ antwortete Herr Settembrini schleppend, „wie ich über den
-Wert dieser Produkte denke. Sie wissen auch, daß die Flecke und
-Dunkelheiten da im Inneren zum allergrößten Teil physiologisch sind. Ich
-habe hundert Bilder gesehen, die ungefähr aussahen wie Ihres, und die
-die Entscheidung, ob sie wirklich einen ‚Ausweis‘ bildeten oder nicht,
-einigermaßen in das Belieben des Beurteilers stellten. Ich rede als
-Laie, aber immerhin als ein langjähriger Laie.“
-
-„Sieht Ihr eigener Ausweis schlimmer aus?“
-
-„Ja, etwas schlimmer. – Übrigens ist mir bekannt, daß auch unsere Herren
-und Meister auf dieses Spielzeug allein keine Diagnose gründen. – Und
-Sie beabsichtigen nun also, bei uns zu überwintern?“
-
-„Ja, lieber Gott ... Ich fange an, mich an den Gedanken zu gewöhnen, daß
-ich erst mit meinem Vetter zusammen wieder hinunterfahren werde.“
-
-„Das heißt, Sie gewöhnen sich daran, daß Sie sich nicht ... Sie
-formulierten das sehr witzig. Ich hoffe, Sie haben Ihre Sachen erhalten,
-– warme Kleider, solides Schuhwerk?“
-
-„Alles. Alles in schönster Ordnung, Herr Settembrini. Ich habe meine
-Verwandten informiert, und unsere Haushälterin hat mir alles als Eilgut
-geschickt. Ich kann es nun aushalten.“
-
-„Das beruhigt mich. Aber halt, Sie brauchen einen Sack, einen Pelzsack,
-– wo haben wir unsere Gedanken! Dieser Nachsommer ist trügerisch; in
-einer Stunde kann es tiefer Winter sein. Sie werden hier die kältesten
-Monate verbringen ...“
-
-„Ja, der Liegesack,“ sagte Hans Castorp, „der ist wohl ein Zubehör. Ich
-habe auch schon flüchtig daran gedacht, daß wir in den nächsten Tagen
-mal, mein Vetter und ich, in den Ort gehen müssen und einen kaufen. Man
-braucht das Ding später nie wieder, aber schließlich für vier bis sechs
-Monate lohnt es.“
-
-„Es lohnt, es lohnt. – Ingenieur!“ sagte Herr Settembrini leise, indem
-er näher an den jungen Mann herantrat. „Wissen Sie nicht, daß es
-grauenhaft ist, wie Sie mit den Monaten herumwerfen? Grauenhaft, weil
-unnatürlich und Ihrem Wesen fremd, nur auf der Gelehrigkeit Ihrer Jahre
-beruhend. Ach, diese übergroße Gelehrigkeit der Jugend! – sie ist die
-Verzweiflung der Erzieher, denn vor allem ist sie bereit, sich im
-Schlimmen zu bewähren. Reden Sie nicht, wie es in der Luft liegt, junger
-Mensch, sondern wie es Ihrer europäischen Lebensform angemessen ist!
-Hier liegt vor allem viel Asien in der Luft, – nicht umsonst wimmelt es
-von Typen aus der moskowitischen Mongolei! Diese Leute“ – und Herr
-Settembrini deutete mit dem Kinn über die Schulter hinter sich –
-„richten Sie sich innerlich nicht nach ihnen, lassen Sie sich von ihren
-Begriffen nicht infizieren, setzen Sie vielmehr Ihr Wesen, Ihr _höheres_
-Wesen gegen das ihre, und halten Sie heilig, was Ihnen, dem Sohn des
-Westens, des göttlichen Westens, – dem Sohn der Zivilisation, nach Natur
-und Herkunft heilig ist, zum Beispiel die Zeit! Diese Freigebigkeit,
-diese barbarische Großartigkeit im Zeitverbrauch ist asiatischer Stil, –
-das mag ein Grund sein, weshalb es den Kindern des Ostens an diesem Orte
-behagt. Haben Sie nie bemerkt, daß, wenn ein Russe ‚vier Stunden‘ sagt,
-es nicht mehr ist, als wenn unsereins ‚eine‘ sagt? Leicht zu denken, daß
-die Nonchalance dieser Menschen im Verhältnis zur Zeit mit der wilden
-Weiträumigkeit ihres Landes zusammenhängt. Wo viel Raum ist, da ist viel
-Zeit, – man sagt ja, daß sie das Volk sind, das Zeit hat und warten
-kann. Wir Europäer, wir können es nicht. Wir haben so wenig Zeit, wie
-unser edler und zierlich gegliederter Erdteil Raum hat, wir sind auf
-genaue Bewirtschaftung des einen wie des anderen angewiesen, auf
-Nutzung, Nutzung, Ingenieur! Nehmen Sie unsere großen Städte als
-Sinnbild, diese Zentren und Brennpunkte der Zivilisation, diese
-Mischkessel des Gedankens! In demselben Maße, wie der Boden sich dort
-verteuert, Raumverschwendung zur Unmöglichkeit wird, in demselben Maße,
-bemerken Sie das, wird dort auch die Zeit immer kostbarer. _Carpe diem!_
-Das sang ein Großstädter. Die Zeit ist eine Göttergabe, dem Menschen
-verliehen, damit er sie nutze – sie nutze, Ingenieur, im Dienste des
-Menschheitsfortschritts.“
-
-Selbst dieses letzte Wort, so viele Hindernisse es seiner mediterranen
-Zunge bieten mochte, hatte Herr Settembrini auf erfreuliche Art, klar,
-wohllautend und – man kann wohl sagen – plastisch zu Gehör gebracht.
-Hans Castorp antwortete nicht anders, als mit der kurzen, steifen und
-befangenen Verbeugung eines Schülers, der eine verweisartige Belehrung
-entgegennimmt. Was hätte er erwidern sollen? Dies Privatissimum, das
-Herr Settembrini ihm insgeheim, mit dem Rücken gegen die ganze übrige
-Gästeschaft und beinahe flüsternd, gehalten, hatte zu sachlichen, zu
-ungesellschaftlichen, zu wenig gesprächsmäßigen Charakter getragen, als
-daß der Takt erlaubt hätte, auch nur Beifall zu äußern. Man antwortet
-einem Lehrer nicht: „Das haben Sie schön gesagt.“ Hans Castorp hatte es
-wohl früher manchmal getan, gewissermaßen um das gesellschaftliche
-Gleichheitsverhältnis zu wahren; allein so dringlich erzieherisch hatte
-der Humanist noch niemals gesprochen; es blieb nichts übrig, als die
-Vermahnung einzustecken, – benommen wie ein Schuljunge von soviel Moral.
-
-Man sah übrigens Herrn Settembrini an, daß seine Gedankentätigkeit auch
-im Schweigen noch ihren Fortgang nahm. Noch immer stand er dicht vor
-Hans Castorp, so daß dieser sich sogar ein wenig zurückbeugte, und seine
-schwarzen Augen waren in fixer und sinnend blinder Einstellung auf des
-jungen Mannes Gesicht gerichtet.
-
-„Sie leiden, Ingenieur!“ fuhr er fort. „Sie leiden wie ein Verirrter, –
-wer sähe es Ihnen nicht an? Aber auch Ihr Verhalten zum Leiden sollte
-ein europäisches Verhalten sein, – nicht das des Ostens, der, weil er
-weich und zur Krankheit geneigt ist, diesen Ort so ausgiebig beschickt
-... Mitleid und unermeßliche Geduld, das ist seine Art, dem Leiden zu
-begegnen. Es kann, es darf die unsrige, die Ihre nicht sein! ... Wir
-sprachen von meiner Post ... Sehen Sie, hier ... Oder besser noch, –
-kommen Sie! Es ist unmöglich, hier ... Wir ziehen uns zurück, wir treten
-dort drüben ein. Ich mache Ihnen Eröffnungen, welche ... Kommen Sie!“
-Und sich umwendend, zog er Hans Castorp fort aus dem Vestibül, in das
-erste, dem Portal am nächsten gelegene der Gesellschaftszimmer, das als
-Schreib- und Leseraum eingerichtet und jetzt leer von Gästen war. Es
-zeigte eichene Wandtäfelungen unter seinem hellen Gewölbe,
-Bücherschränke, einen von Stühlen umgebenen, mit gerahmten Zeitungen
-belegten Tisch in der Mitte und Schreibgelegenheiten unter den Bögen der
-Fensternischen. Herr Settembrini schritt bis in die Nähe eines der
-Fenster vor, Hans Castorp folgte ihm. Die Tür blieb offen.
-
-„Diese Papiere,“ sagte der Italiener, indem er aus der beutelartigen
-Seitentasche seines Flauses mit fliegender Hand ein Konvolut, ein
-umfangreiches, schon geöffnetes Briefkuvert zog und seinen Inhalt,
-verschiedene Drucksachen nebst einem Schreiben, vor Hans Castorps Augen
-durch die Finger gleiten ließ, „diese Papiere tragen in französischer
-Sprache den Aufdruck: ‚Internationaler Bund für Organisierung des
-Fortschritts.‘ Man sendet sie mir aus Lugano, wo sich ein Filialbureau
-des Bundes befindet. Sie fragen mich nach seinen Grundsätzen, seinen
-Zielen? Ich gebe sie Ihnen in zwei Worten. Die Liga für Organisierung
-des Fortschritts leitet aus der Entwicklungslehre Darwins die
-philosophische Anschauung ab, daß der innerste Naturberuf der Menschheit
-ihre Selbstvervollkommnung ist. Sie folgert daraus weiter, daß es
-Pflicht eines jeden ist, der seinem Naturberuf genügen will, am
-Menschheitsfortschritt tätig mitzuarbeiten. Viele sind ihrem Rufe
-gefolgt; die Zahl ihrer Mitglieder in Frankreich, Italien, Spanien, der
-Türkei und selbst in Deutschland ist bedeutend. Auch ich habe die Ehre,
-in den Bundesregistern geführt zu werden. Ein wissenschaftlich
-ausgearbeitetes Reformprogramm großen Stils ist entworfen, das alle
-augenblicklichen Vervollkommnungsmöglichkeiten des menschlichen
-Organismus umfaßt. Das Problem der Gesundheit unserer Rasse wird
-studiert, man prüft alle Methoden zur Bekämpfung der Degeneration, die
-ohne Zweifel eine beklagenswerte Begleiterscheinung der zunehmenden
-Industrialisierung ist. Ferner betreibt der Bund die Gründung von
-Volksuniversitäten, die Überwindung der Klassenkämpfe durch alle die
-sozialen Verbesserungen, die sich zu diesem Zwecke empfehlen, endlich
-die Beseitigung der Völkerkämpfe, des Krieges durch die Entwicklung des
-internationalen Rechts. Sie sehen, die Anstrengungen der Liga sind
-hochherzig und umfassend. Mehrere internationale Zeitschriften zeugen
-von ihrer Tätigkeit, – Monatsrevuen, die in drei oder vier Weltsprachen
-höchst anregend über die fortschrittliche Entwicklung der
-Kulturmenschheit berichten. Zahlreiche Ortsgruppen sind in den
-verschiedenen Ländern gegründet worden, die durch Diskussionsabende und
-Sonntagsfeiern im Sinne des menschlichen Fortschrittsideals aufklärend
-und erbaulich wirken sollen. Vor allem beeifert sich der Bund, den
-politischen Fortschrittsparteien aller Länder mit seinem Material zur
-Hand zu gehen ... Sie folgen meinen Worten, Ingenieur?“
-
-„Absolut!“ antwortete Hans Castorp heftig und überstürzt. Er hatte bei
-diesem Wort das Gefühl eines Menschen, der ausgleitet und sich eben noch
-glücklich auf den Füßen hält.
-
-Herr Settembrini schien befriedigt.
-
-„Ich nehme an, es sind neue, überraschende Einblicke, die Sie da tun?“
-
-„Ja, ich muß gestehen, es ist das erste, was ich über diese ... diese
-Anstrengungen höre.“
-
-„Hätten Sie nur,“ rief Settembrini leise, „hätten Sie nur früher davon
-gehört! Aber vielleicht hören Sie noch nicht zu spät davon. Nun, diese
-Druckschriften ... Sie wollen wissen, was sie behandeln ... Hören Sie
-weiter! Im Frühjahr war eine feierliche Hauptversammlung des Bundes nach
-Barcelona einberufen, – Sie wissen, daß diese Stadt sich besonderer
-Beziehungen zur politischen Fortschrittsidee rühmen kann. Der Kongreß
-tagte eine Woche lang unter Banketten und Festlichkeiten. Guter Gott,
-ich wollte hinreisen, es verlangte mich sehnlichst, an den Beratungen
-teilzunehmen. Aber dieser Schuft von Hofrat verbot es mir unter
-Todesdrohungen, – und, was wollen Sie, ich fürchtete den Tod und reiste
-nicht. Ich war verzweifelt, wie Sie sich denken können, über den
-Streich, den meine unzulängliche Gesundheit mir spielte. Nichts ist
-schmerzhafter, als wenn unser organisches, unser tierisches Teil uns
-hindert, der Vernunft zu dienen. Desto lebhafter ist meine Befriedigung
-über diese Zuschrift des Bureaus von Lugano ... Sie sind neugierig auf
-ihren Inhalt? Das glaube ich gern! Ein paar flüchtige Informationen ...
-Der ‚Bund zur Organisierung des Fortschritts‘, eingedenk der Wahrheit,
-daß seine Aufgabe darin besteht, das Glück der Menschheit
-herbeizuführen, mit anderen Worten: das menschliche Leiden durch
-zweckvolle soziale Arbeit zu bekämpfen und am Ende völlig auszumerzen, –
-eingedenk ferner der Wahrheit, daß diese höchste Aufgabe nur mit Hilfe
-der soziologischen Wissenschaft gelöst werden kann, deren Endziel der
-vollkommene Staat ist, – der Bund also hat in Barcelona die Herstellung
-eines vielbändigen Buchwerkes beschlossen, das den Titel ‚Soziologie der
-Leiden‘ führen wird, und worin die menschlichen Leiden nach allen ihren
-Klassen und Gattungen in genauer und erschöpfender Systematik bearbeitet
-werden sollen. Sie werden mir einwenden: was nützen Klassen, Gattungen,
-Systeme! Ich antworte Ihnen: Ordnung und Sichtung sind der Anfang der
-Beherrschung, und der eigentlich furchtbare Feind ist der unbekannte.
-Man muß das Menschengeschlecht aus den primitiven Stadien der Furcht und
-der duldenden Dumpfheit herausführen und sie zur Phase zielbewußter
-Tätigkeit leiten. Man muß sie darüber aufklären, daß Wirkungen hinfällig
-werden, deren Ursachen man zuerst erkennt und dann aufhebt, und daß fast
-alle Leiden des Individuums Krankheiten des sozialen Organismus sind.
-Gut! Dies ist die Absicht der ‚Soziologischen Pathologie‘. Sie wird also
-in etwa zwanzig Bänden von Lexikonformat alle menschlichen Leidensfälle
-aufführen und behandeln, die sich überhaupt erdenken lassen, von den
-persönlichsten und intimsten bis zu den großen Gruppenkonflikten, den
-Leiden, die aus Klassenfeindschaften und internationalen Zusammenstößen
-erwachsen, sie wird, kurz gesagt, die chemischen Elemente aufzeigen, aus
-deren vielfältiger Mischung und Verbindung sich alles menschliche Leiden
-zusammensetzt, und indem sie die Würde und das Glück der Menschheit zur
-Richtschnur nimmt, wird sie ihr in jedem Falle die Mittel und Maßnahmen
-an die Hand geben, die ihr zur Beseitigung der Leidensursachen angezeigt
-scheinen. Berufene Fachmänner der europäischen Gelehrtenwelt, Ärzte,
-Volkswirte und Psychologen, werden sich in die Ausarbeitung dieser
-Enzyklopädie der Leiden teilen, und das General-Redaktionsbureau zu
-Lugano wird das Sammelbecken sein, in dem die Artikel zusammenfließen.
-Sie fragen mich mit den Augen, welche Rolle nun mir bei all dem zufallen
-soll? Lassen Sie mich zu Ende reden! Auch den schönen Geist will dieses
-große Werk nicht vernachlässigen, soweit er eben menschliches Leiden zum
-Gegenstande hat. Darum ist ein eigener Band vorgesehen, der, den
-Leidenden zu Trost und Belehrung, eine Zusammenstellung und kurzgefaßte
-Analyse aller für jeden einzelnen Konflikt in Betracht kommenden
-Meisterwerke der Weltliteratur enthalten soll; und – dies ist die
-Aufgabe, mit der man in dem Schreiben, das Sie hier sehen, Ihren
-ergebensten Diener betraut.“
-
-„Was Sie sagen, Herr Settembrini! Da erlauben Sie mir aber, Sie herzlich
-zu beglückwünschen! Das ist ja ein großartiger Auftrag und ganz wie für
-Sie gemacht, wie mir scheint. Es wundert mich keinen Augenblick, daß die
-Liga an Sie gedacht hat. Und wie muß es Sie freuen, daß Sie da nun
-behilflich sein können, die menschlichen Leiden auszumerzen!“
-
-„Es ist eine weitläufige Arbeit,“ sagte Herr Settembrini sinnend, „zu
-der viel Umsicht und Lektüre erforderlich ist. Zumal,“ fügte er hinzu,
-während sein Blick sich in der Vielfältigkeit seiner Aufgabe zu
-verlieren schien, „zumal in der Tat der schöne Geist sich fast
-regelmäßig das Leiden zum Gegenstande gesetzt hat und selbst
-Meisterwerke zweiten und dritten Ranges sich irgendwie damit
-beschäftigen. Gleichviel oder desto besser! So umfassend die Aufgabe
-immer sein möge, auf jeden Fall ist sie von der Art, daß ich mich ihrer
-zur Not auch an diesem verfluchten Aufenthalt entledigen kann, obgleich
-ich nicht hoffen will, daß ich gezwungen sein werde, sie hier zu
-beenden. Man kann dasselbe,“ fuhr er fort, indem er wieder näher an Hans
-Castorp herantrat und die Stimme beinahe zum Flüstern dämpfte, „man kann
-dasselbe von den Pflichten nicht sagen, die _Ihnen_ die Natur auferlegt,
-Ingenieur! Das ist es, worauf ich hinauswollte, woran ich Sie mahnen
-wollte. Sie wissen, wie sehr ich Ihren Beruf bewundere, aber da er ein
-praktischer, kein geistiger Beruf ist, so können Sie ihm, anders als
-ich, nur in der Welt drunten nachkommen. Nur im Tiefland können Sie
-Europäer sein, das Leiden auf Ihre Art aktiv bekämpfen, den Fortschritt
-fördern, die Zeit nutzen. Ich habe Ihnen von der mir zugefallenen
-Aufgabe nur erzählt, um Sie zu erinnern, um Sie zu sich zu bringen, um
-Ihre Begriffe richtigzustellen, die sich offenbar unter atmosphärischen
-Einflüssen zu verwirren beginnen. Ich dringe in Sie: Halten Sie auf
-sich! Seien Sie stolz und verlieren Sie sich nicht an das Fremde! Meiden
-Sie diesen Sumpf, dies Eiland der Kirke, auf dem ungestraft zu hausen
-Sie nicht Odysseus genug sind. Sie werden auf allen Vieren gehen, Sie
-neigen sich schon auf Ihre vorderen Extremitäten, bald werden Sie zu
-grunzen beginnen, – hüten Sie sich!“
-
-Der Humanist hatte bei seinen leisen Ermahnungen den Kopf eindringlich
-geschüttelt. Er schwieg mit niedergeschlagenen Augen und
-zusammengezogenen Brauen. Es war unmöglich, ihm scherzhaft und
-ausweichend zu antworten, wie Hans Castorp es zu tun gewohnt war und wie
-er es auch jetzt einen Augenblick als Möglichkeit erwog. Auch er stand
-mit gesenkten Lidern. Dann hob er die Schultern und sagte ebenso leise:
-
-„Was soll ich tun?“
-
-„Was ich Ihnen sagte.“
-
-„Das heißt: abreisen?“
-
-Herr Settembrini schwieg.
-
-„Wollen Sie sagen, daß ich nach Hause reisen soll?“
-
-„Das habe ich Ihnen gleich am ersten Abend geraten, Ingenieur.“
-
-„Ja, und damals war ich frei, es zu tun, obgleich ich es unvernünftig
-fand, die Flinte ins Korn zu werfen, nur weil die hiesige Luft mir ein
-bißchen zusetzte. Seitdem hat sich die Sachlage aber doch geändert.
-Seitdem hat sich diese Untersuchung ergeben, nach der Hofrat Behrens mir
-klipp und klar gesagt hat, es lohnte die Heimreise nicht, in kurzem
-müßte ich doch wieder antreten, und wenn ich’s da unten so weitertriebe,
-so ginge mir, was hast du, was kannst du, der ganze Lungenlappen zum
-Teufel.“
-
-„Ich weiß, jetzt haben Sie Ihren Ausweis in der Tasche.“
-
-„Ja, das sagen Sie so ironisch ... mit der richtigen Ironie natürlich,
-die keinen Augenblick mißverständlich ist, sondern ein gerades und
-klassisches Mittel der Redekunst, – Sie sehen, ich merke mir Ihre Worte.
-Aber können Sie es denn verantworten, mir auf diese Photographie hin und
-nach dem Ergebnis der Durchleuchtung und nach der Diagnose des Hofrats
-die Heimreise anzuraten?“
-
-Herr Settembrini zögerte einen Augenblick. Dann richtete er sich auf,
-schlug auch die Augen auf, die er fest und schwarz auf Hans Castorp
-richtete, und erwiderte mit einer Betonung, die des theatralischen und
-effekthaften Einschlages nicht entbehrte:
-
-„Ja, Ingenieur. Ich will es verantworten.“
-
-Aber auch Hans Castorps Haltung hatte sich nun gestrafft. Er hielt die
-Absätze geschlossen und sah Herrn Settembrini ebenfalls gerade an.
-Diesmal war es ein Gefecht. Hans Castorp stand seinen Mann. Einflüsse
-aus der Nähe „stärkten“ ihn. Da war ein Pädagog, und dort draußen war
-eine schmaläugige Frau. Er entschuldigte sich nicht einmal für das, was
-er sagte; er fügte nicht hinzu: „Nehmen Sie es mir nicht übel.“ Er
-antwortete:
-
-„Dann sind Sie vorsichtiger für sich als für andere Leute! _Sie_ sind
-nicht gegen ärztliches Verbot nach Barcelona zum Fortschrittskongreß
-gereist. Sie fürchteten den Tod und blieben hier.“
-
-Bis zu einem gewissen Grade war dadurch Herrn Settembrinis Pose
-unzweifelhaft zerstört. Er lächelte nicht ganz mühelos und sagte:
-
-„Ich weiß eine schlagfertige Antwort zu schätzen, selbst wenn Ihre Logik
-der Sophisterei nicht fern ist. Es ekelt mich, in einem hier üblichen
-abscheulichen Wettstreit zu konkurrieren, sonst würde ich Ihnen
-erwidern, daß ich bedeutend kränker bin als Sie, – leider in der Tat so
-krank, daß ich die Hoffnung, diesen Ort je wieder verlassen und in die
-untere Welt zurückkehren zu können, nur künstlicher- und ein wenig
-selbstbetrügerischerweise hinfriste. In dem Augenblick, wo es sich als
-völlig unanständig erweisen wird, sie aufrechtzuhalten, werde ich dieser
-Anstalt den Rücken kehren und für den Rest meiner Tage irgendwo im Tal
-ein Privatlogis beziehen. Das wird traurig sein, aber da meine
-Arbeitssphäre die freieste und geistigste ist, wird es mich nicht
-hindern, bis zu meinem letzten Atemzuge der Sache der Menschheit zu
-dienen und dem Geist der Krankheit die Stirn zu bieten. Ich habe Sie auf
-den Unterschied, der in dieser Beziehung zwischen uns besteht, bereits
-aufmerksam gemacht. Ingenieur, Sie sind nicht der Mann, Ihr besseres
-Wesen hier zu behaupten, das sah ich bei unserer ersten Begegnung. Sie
-halten mir vor, ich sei nicht nach Barcelona gereist. Ich habe mich dem
-Verbot unterworfen, um mich nicht vorzeitig zu zerstören. Aber ich tat
-es unter dem stärksten Vorbehalt, unter dem stolzesten und
-schmerzlichsten Protest meines Geistes gegen das Diktat meines
-armseligen Körpers. Ob dieser Protest auch in Ihnen lebendig ist, indem
-Sie den Vorschriften der hiesigen Mächte Folge leisten, – ob es nicht
-vielmehr _der Körper_ ist und sein böser Hang, dem Sie nur zu
-bereitwillig gehorchen ...“
-
-„Was haben Sie gegen den Körper?“ unterbrach Hans Castorp ihn rasch und
-blickte ihn groß an mit seinen blauen Augen, deren Weißes von roten
-Adern durchzogen war. Ihm schwindelte vor seiner Tollkühnheit, und man
-sah es ihm an. „Wovon spreche ich?“ dachte er. „Es wird ungeheuerlich.
-Aber ich habe mich einmal auf Kriegsfuß mit ihm gestellt und werde ihm,
-so lange es irgend geht, das letzte Wort nicht lassen. Natürlich wird er
-es haben, aber das macht nichts, ich werde immerhin dabei profitieren.
-Ich werde ihn reizen.“ Er ergänzte seinen Einwand:
-
-„Sie sind doch Humanist? Wie können Sie schlecht auf den Körper zu
-sprechen sein?“
-
-Settembrini lächelte, diesmal ungezwungen und selbstgewiß.
-
-„‚Was haben Sie gegen die Analyse?‘“ zitierte er, den Kopf auf der
-Schulter. „‚Sind Sie schlecht auf die Analyse zu sprechen?‘ – Sie werden
-mich immer bereit finden, Ihnen Rede zu stehen, Ingenieur,“ sagte er mit
-Verbeugung und einer salutierenden Handbewegung gegen den Fußboden,
-„besonders wenn Ihre Einwendungen Geist haben. Sie parieren nicht ohne
-Eleganz. Humanist, – gewiß, ich bin es. Asketischer Neigungen werden Sie
-mich niemals überführen. Ich bejahe, ich ehre und liebe den Körper, wie
-ich die Form, die Schönheit, die Freiheit, die Heiterkeit und den Genuß
-bejahe, ehre und liebe, – wie ich die ‚Welt‘, die Interessen des Lebens
-vertrete gegen sentimentale Weltflucht, – den Classicismo gegen die
-Romantik. Ich denke, meine Stellungnahme ist eindeutig. Eine Macht, ein
-Prinzip aber gibt es, dem meine höchste Bejahung, meine höchste und
-letzte Ehrerbietung und Liebe gilt, und diese Macht, dieses Prinzip ist
-der Geist. Wie sehr ich es verabscheue, irgendein verdächtiges
-Mondscheingespinst und -gespenst, das man ‚die Seele‘ nennt, gegen den
-Leib ausgespielt zu sehen, – innerhalb der Antithese von Körper _und
-Geist_ bedeutet der Körper das böse, das teuflische Prinzip, denn der
-Körper ist Natur, und die Natur – innerhalb ihres Gegensatzes zum
-Geiste, zur Vernunft, ich wiederhole das! – ist böse, – mystisch und
-böse. ‚Sie sind Humanist!‘ Allerdings bin ich es, denn ich bin ein
-Freund des Menschen, wie Prometheus es war, ein Liebhaber der Menschheit
-und ihres Adels. Dieser Adel aber ist beschlossen im Geiste, in der
-Vernunft, und darum werden Sie ganz vergebens den Vorwurf des
-christlichen Obskurantismus erheben ...“
-
-Hans Castorp wehrte ab.
-
-„... Sie werden,“ beharrte Settembrini, „diesen Vorwurf ganz vergebens
-erheben, wenn humanistischer Adelsstolz die Gebundenheit des Geistes an
-das Körperliche, an die Natur eines Tages als Erniedrigung, als Schimpf
-empfinden lernt. Wissen Sie, daß von dem großen Plotinus die Äußerung
-überliefert ist, er schäme sich, einen Körper zu haben?“ fragte
-Settembrini und verlangte so ernstlich eine Antwort, daß Hans Castorp
-genötigt war, zu gestehen, das sei das erste, was er höre.
-
-„Porphyrius überliefert es. Eine absurde Äußerung, wenn Sie wollen. Aber
-das Absurde, das ist das geistig Ehrenhafte, und nichts kann im Grunde
-ärmlicher sein, als der Einwand der Absurdität, dort, wo der Geist gegen
-die Natur seine Würde behaupten will, sich weigert, vor ihr abzudanken
-... Haben Sie von dem Erdbeben zu Lissabon gehört?“
-
-„Nein, – ein Erdbeben? Ich sehe hier keine Zeitungen ...“
-
-„Sie mißverstehen mich. Nebenbei bemerkt, ist es bedauerlich – und
-kennzeichnend für diesen Ort, – daß Sie es hier versäumen, die Presse zu
-lesen. Aber Sie mißverstehen mich, das Naturereignis, von dem ich
-spreche, ist nicht aktuell, es fand vor beiläufig hundertundfünfzig
-Jahren statt ...“
-
-„Ja so! Oh, warten Sie, – richtig! Ich habe gelesen, daß Goethe damals
-nachts in Weimar in seinem Schlafzimmer zu seinem Diener sagte ...“
-
-„Ah, – nicht davon wollte ich reden“, unterbrach ihn Settembrini, indem
-er die Augen schloß und seine kleine braune Hand in der Luft schüttelte.
-„Übrigens vermengen Sie die Katastrophen. Sie haben das Erdbeben von
-Messina im Sinn. Ich meine die Erschütterung, die Lissabon heimsuchte,
-im Jahre 1755.“
-
-„Entschuldigen Sie.“
-
-„Nun, Voltaire empörte sich dagegen.“
-
-„Das heißt ... wie? Er empörte sich?“
-
-„Er revoltierte, ja. Er nahm das brutale Fatum und Faktum nicht hin, er
-weigerte sich, davor abzudanken. Er protestierte im Namen des Geistes
-und der Vernunft gegen diesen skandalösen Unfug der Natur, dem drei
-Viertel einer blühenden Stadt und Tausende von Menschenleben zum Opfer
-fielen ... Sie staunen? Sie lächeln? Mögen Sie immerhin staunen, was das
-Lächeln betrifft, so nehme ich mir die Freiheit, es Ihnen zu verweisen!
-Voltaires Haltung war die eines echten Nachkömmlings jener alten
-Gallier, die ihre Pfeile gegen den Himmel schleuderten ... Sehen Sie,
-Ingenieur, da haben Sie die Feindschaft des Geistes gegen die Natur,
-sein stolzes Mißtrauen gegen sie, sein hochherziges Bestehen auf dem
-Rechte zur Kritik an ihr und ihrer bösen, vernunftwidrigen Macht. Denn
-sie ist die Macht, und es ist knechtisch, die Macht hinzunehmen, sich
-mit ihr abzufinden ... wohlgemerkt, sich _innerlich_ mit ihr abzufinden.
-Da haben Sie aber auch jene Humanität, die sich schlechterdings in
-keinen Widerspruch verstrickt, sich keines Rückfalls in christliche
-Duckmäuserei schuldig macht, wenn sie im Körper das böse, das
-widersacherische Prinzip zu erblicken sich entschließt. Der Widerspruch,
-den Sie zu sehen meinen, ist im Grunde immer derselbe. ‚Was haben Sie
-gegen die Analyse?‘ Nichts ... wenn sie Sache der Belehrung, der
-Befreiung und des Fortschritts ist. Alles ... wenn ihr der scheußliche
-_haut-goût_ des Grabes anhaftet. Es ist mit dem Körper nicht anders. Man
-muß ihn ehren und verteidigen, wenn es sich um seine Emanzipation und
-Schönheit handelt, um die Freiheit der Sinne, um Glück, um Lust. Man muß
-ihn verachten, sofern er als Prinzip der Schwere und der Trägheit sich
-der Bewegung zum Lichte entgegensetzt, ihn verabscheuen, sofern er gar
-das Prinzip der Krankheit und des Todes vertritt, sofern sein
-spezifischer Geist der Geist der Verkehrtheit ist, der Geist der
-Verwesung, der Wollust und der Schande ...“
-
-Settembrini hatte die letzten Worte, dicht vor Hans Castorp stehend,
-fast ohne Ton und sehr rasch gesprochen, um fertig zu werden. Entsatz
-näherte sich für Hans Castorp: Joachim betrat, zwei Postkarten in der
-Hand, das Lesezimmer, die Rede des Literaten brach ab, und die
-Gewandtheit, mit der sein Ausdruck ins gesellschaftlich Leichte
-hinüberwechselte, verfehlte nicht ihren Eindruck auf seinen Schüler, –
-wenn man Hans Castorp so nennen konnte.
-
-„Da sind Sie, Leutnant! Sie werden Ihren Vetter gesucht haben, –
-verzeihen Sie! Wir waren da in ein Gespräch geraten, – wenn mir recht
-ist, hatten wir sogar einen kleinen Zwist. Er ist kein übler Räsonneur,
-Ihr Vetter, ein durchaus nicht ungefährlicher Gegner im Wortstreit, wenn
-es ihm darauf ankommt.“
-
-
- Humaniora
-
-Hans Castorp und Joachim Ziemßen saßen in weißen Hosen und blauen Jacken
-nach dem Diner im Garten. Es war noch einer dieser gepriesenen
-Oktobertage, ein Tag, heiß und leicht, festlich und herb zugleich, mit
-südlich dunkler Himmelsbläue über dem Tal, dessen von Wegen durchzogene
-und besiedelte Triften im Grunde noch heiter grünten, und von dessen
-rauh bewaldeten Lehnen Kuhgeläut kam, – dieser blechern-friedliche,
-einfältig-musikalische Laut, der klar und ungestört durch die stillen,
-dünnen, leeren Lüfte schwebte, die Feierstimmung vertiefend, die über
-hohen Gegenden waltet.
-
-Die Vettern saßen auf einer Bank am Ende des Gartens vor einem Rondell
-junger Tannen. – Der Platz lag am nordwestlichen Rande der eingezäunten,
-um fünfzig Meter über das Tal erhöhten Plattform, die das Postament des
-Berghofgeländes bildete. Sie schwiegen. Hans Castorp rauchte. Er haderte
-innerlich mit Joachim, weil dieser nach Tische nicht an der Geselligkeit
-auf der Veranda hatte teilnehmen wollen, sondern ihn gegen Wunsch und
-Willen in die Stille des Gartens genötigt hatte, bevor sie den
-Liegedienst aufnehmen würden. Das war tyrannisch von Joachim. Genau
-genommen, waren sie nicht die siamesischen Zwillinge. Sie konnten sich
-trennen, wenn ihre Neigungen auseinandergingen. Hans Castorp war ja
-nicht hier, um Joachim Gesellschaft zu leisten, sondern er war selbst
-Patient. Er schmollte in diesem Sinne, und er konnte es aushalten, zu
-schmollen, da er Maria Mancini hatte. Die Hände in den Seitentaschen
-seiner Jacke, die braunbeschuhten Füße von sich gestreckt, hielt er die
-lange, mattgraue Zigarre, die sich noch im ersten Stadium der Konsumtion
-befand, das heißt: von deren stumpfer Spitze er die Asche noch nicht
-abgestreift hatte, in der Mitte der Lippen, so daß sie etwas abwärts
-hing, und genoß nach der starken Mahlzeit ihr Aroma, dessen er nun
-völlig wieder habhaft geworden war. Mochte sonst seine Eingewöhnung hier
-oben nur in der Gewöhnung daran bestehen, daß er sich nicht gewöhnte, –
-was den Chemismus seines Magens, die Nerven seiner trockenen und zu
-Blutungen neigenden Schleimhäute betraf, so hatte offenbar die Anpassung
-sich endlich doch vollzogen: unmerklich und ohne daß er den Fortschritt
-hatte verfolgen können, hatte sich im Wandel der Tage, dieser
-fünfundsechzig oder siebzig Tage, sein ganzes organisches Behagen an dem
-wohlfabrizierten pflanzlichen Reiz- oder Betäubungsmittel wieder
-hergestellt. Er freute sich des wiedergekehrten Vermögens. Die
-moralische Genugtuung verstärkte den physischen Genuß. Während seiner
-Bettlägrigkeit hatte er an dem mitgebrachten Vorrat von zweihundert
-Stück gespart; Restbestände davon waren noch vorhanden. Aber zugleich
-mit der Wäsche, den Winterkleidern hatte er sich von Schalleen auch
-weitere fünfhundert Stück der Bremer Ware kommen lassen, um eingedeckt
-zu sein. Es waren schöne lackierte Kistchen mit einem Globus, vielen
-Medaillen und einem von Fahnen umflatterten Ausstellungsgebäude in Gold
-geschmückt.
-
-Wie sie saßen, siehe, so kam Hofrat Behrens durch den Garten. Er hatte
-heute am Mittagessen im Saale teilgenommen; am Tische der Frau Salomon
-hatte man ihn die riesigen Hände vor seinem Teller falten sehen. Dann
-hatte er sich wohl auf der Terrasse verweilt, persönliche Töne
-angeschlagen, wahrscheinlich das Stiefelbandkunststück ausgeführt, für
-jemanden, der es noch nicht gesehen. Nun kam er auf dem Kieswege
-schlendernd heran, ohne Ärztekittel, in kleinkariertem Schwalbenschwanz,
-den steifen Hut im Nacken, eine Zigarre auch seinerseits im Munde, die
-sehr schwarz war, und aus der er große, weißliche Rauchwolken sog. Sein
-Kopf, sein Gesicht mit den bläulich erhitzten Backen, der Stumpfnase,
-den feuchten, blauen Augen und dem geschürzten Bärtchen waren klein im
-Verhältnis zu der langen, leicht gebückten und geknickten Gestalt und zu
-dem Umfange seiner Hände und Füße. Er war nervös, sichtlich schrak er
-zusammen, als er die Vettern bemerkte, und blieb sogar etwas verlegen,
-da er gerade auf sie zugehen mußte. Er begrüßte sie in der gewohnten
-Weise, aufgeräumt und redensartlich, mit „Sieh da, sieh da, Timotheus!“
-und Segenswünschen für ihren Stoffwechsel, indem er sie nötigte,
-sitzenzubleiben, da sie sich zu seinen Ehren erheben wollten.
-
-„Geschenkt, geschenkt. Keine Umstände weiter mit mir schlichtem Manne.
-Kommt mir gar nicht zu, sintemalen Sie Patienten sind, einer wie der
-andere. Sie haben so was nicht nötig. Nichts zu sagen gegen die
-Situation, wie sie ist.“
-
-Und er blieb vor ihnen stehen, die Zigarre zwischen Zeige- und
-Mittelfinger seiner riesigen Rechten.
-
-„Wie schmeckt der Krautwickel, Castorp? Lassen Sie mal sehen, ich bin
-Kenner und Liebhaber. Die Asche ist gut: was ist denn das für eine
-bräunliche Schöne?“
-
-„Maria Mancini, _Postre de Banquett_ aus Bremen, Herr Hofrat. Kostet
-wenig oder nichts, neunzehn Pfennig in reinen Farben, hat aber ein
-Bukett, wie es sonst in dieser Preislage nicht vorkommt.
-Sumatra-Havanna, Sandblattdecker, wie Sie sehen. Ich habe mich sehr an
-sie gewöhnt. Es ist eine mittelvolle Mischung und sehr würzig, aber
-leicht auf der Zunge. Sie hat es gern, wenn man ihr lange die Asche
-läßt, ich streife nur höchstens zweimal ab. Natürlich hat sie ihre
-kleinen Launen, aber die Kontrolle bei der Herstellung muß besonders
-genau sein, denn Maria ist sehr zuverlässig in ihren Eigenschaften und
-luftet vollkommen gleichmäßig. Darf ich Ihnen eine anbieten?“
-
-„Danke, wir können ja mal tauschen.“ Und sie zogen ihre Etuis.
-
-„Die hat Rasse“, sagte der Hofrat, indem er seine Marke hinreichte.
-„Temperament, wissen Sie, Saft und Kraft. St. Felix-Brasil, ich habe es
-immer mit diesem Charakter gehalten. Ein rechter Sorgenbrecher, brennt
-ein wie Schnaps, und namentlich gegen das Ende hat sie was Fulminantes.
-Einige Zurückhaltung im Verkehr wird empfohlen, man kann nicht eine an
-der anderen anzünden, das geht über Manneskraft. Aber lieber mal einen
-ordentlichen Happen, als den ganzen Tag Wasserdampf ...“
-
-Sie drehten die gewechselten Geschenke zwischen den Fingern, prüften mit
-sachlicher Kennerschaft diese schlanken Körper, die mit den schräg
-gleichlaufenden Rippen ihrer erhöhten, hie und da etwas gelüfteten
-Wickelränder, ihrem aufliegenden Geäder, das zu pulsen schien, den
-kleinen Unebenheiten ihrer Haut, dem Spiel des Lichtes auf ihren Flächen
-und Kanten etwas organisch Lebendiges hatten. Hans Castorp sprach es
-aus:
-
-„So eine Zigarre hat Leben. Sie atmet regelrecht. Zu Hause ließ ich es
-mir mal einfallen, Maria in einer luftdichten Blechkiste aufzubewahren,
-um sie vor Feuchtigkeit zu schützen. Wollen Sie glauben, daß sie starb?
-Sie kam um und war tot binnen Wochenfrist, – lauter ledrige Leichen.“
-
-Und sie tauschten ihre Erfahrungen aus über die beste Art, Zigarren
-aufzubewahren, namentlich Importen. Der Hofrat liebte Importen, er hätte
-am liebsten immer nur schwere Havannas geraucht. Nur leider vertrug er
-sie nicht, und zwei kleine Henry Clays, die er einmal in einer
-Gesellschaft ans Herz genommen, hätten ihn, wie er erzählte, um ein Haar
-unter den Rasen gebracht. „Ich rauche sie zum Kaffee,“ sagte er, „eine
-nach der anderen, und denke mir wenig dabei. Aber wie ich fertig bin, da
-steigt mir die Frage auf, wie mir eigentlich zu Sinne wird. Ganz anders
-jedenfalls, total fremdartig, wie noch nie im Leben. Nach Hause zu
-kommen, war keine Kleinigkeit, und wie ich da bin, da denke ich erst
-recht, mich laust der Affe. Eisbeine, wissen Sie, kalter Schweiß, wo Sie
-wollen, linnenweiß das Gesicht, das Herz in allen Zuständen, ein Puls, –
-mal fadenförmig und kaum zu fühlen, mal holterdipolter, über Stock und
-Stein, verstehen Sie, und das Gehirn in einer Aufregung ... Ich war
-überzeugt, daß ich abtanzen sollte. Ich sage: abtanzen, weil das das
-Wort ist, das mir damals einfiel, und das ich brauchte zur Kennzeichnung
-meines Befindens. Denn eigentlich war es höchst fidel und eine rechte
-Festivität, obgleich ich kolossale Angst hatte oder, richtiger gesagt,
-ganz und gar aus Angst bestand. Aber Angst und Festivität schließen sich
-ja nicht aus, das weiß jeder. Der Bengel, der zum erstenmal ein Mädchen
-haben soll, hat auch Angst, und sie auch, und dabei schmelzen sie nur so
-vor Vergnüglichkeit. Na, ich wäre ebenfalls beinahe geschmolzen, mit
-wogendem Busen wollte ich abtanzen. Aber die Mylendonk brachte mich mit
-ihren Anwendungen aus der Stimmung. Eiskompressen, Bürstenfrottage,
-einer Kampferinjektion, und so blieb ich der Menschheit erhalten.“
-
-Hans Castorp, sitzend in seiner Eigenschaft als Patient, blickte mit
-einer Miene, die von Gedankentätigkeit zeugte, zu Behrens auf, dessen
-blaue, quellende Augen sich beim Erzählen mit Tränen gefüllt hatten.
-
-„Sie malen doch manchmal, Herr Hofrat“, sagte er plötzlich.
-
-Der Hofrat tat, als pralle er zurück.
-
-„Nanu? Jüngling, wie kommen Sie mir vor?“
-
-„Verzeihung. Ich habe es gelegentlich erwähnen hören. Es fiel mir eben
-ein.“
-
-„Na, dann will ich mich mal nicht aufs Leugnen verlegen. Wir sind
-allzumal schwächliche Menschen. Ja, so was ist vorgekommen. _Anch’ io
-sono pittore_, wie jener Spanier zu sagen pflegte.“
-
-„Landschaften?“ fragte Hans Castorp kurz und gönnerhaft. Die Umstände
-verleiteten ihn zu diesem Tone.
-
-„Soviel Sie wollen!“ antwortete der Hofrat mit verlegener Prahlerei.
-„Landschaften, Stilleben, Tiere, – was ein Kerl ist, schreckt überhaupt
-vor gar nichts zurück.“
-
-„Aber keine Porträts?“
-
-„Auch ein Porträt ist wohl mal mit untergelaufen. Wollen Sie mir Ihres
-in Auftrag geben?“
-
-„Ha, ha, nein. Aber es wäre sehr freundlich, wenn Herr Hofrat uns Ihre
-Bilder bei Gelegenheit mal zeigen würden.“
-
-Auch Joachim, nachdem er den Vetter erstaunt betrachtet, beeilte sich zu
-versichern, daß das sehr freundlich sein würde.
-
-Behrens war entzückt, geschmeichelt bis zur Begeisterung. Er wurde sogar
-rot vor Vergnügen, und seine Augen schienen ihre Tränen diesmal
-vergießen zu wollen.
-
-„Aber gern!“ rief er. „Aber mit dem allergrößten Pläsier! Aber gleich
-auf der Stelle, wenns Ihnen Spaß macht! Kommen Sie her, kommen Sie mit,
-ich braue uns einen türkischen Kaffee auf meiner Bude!“ Und er nahm die
-jungen Leute am Arm, zog sie von der Bank und führte sie, eingehängt
-zwischen ihnen, den Kiesweg entlang gegen seine Wohnung, die, wie sie
-wußten, in dem nahen nordwestlichen Flügel des Berghofgebäudes gelegen
-war.
-
-„Ich habe mich ja selbst,“ erklärte Hans Castorp, „früher hie und da in
-dieser Richtung versucht.“
-
-„Was Sie sagen. Ganz solide in Öl?“
-
-„Nein, nein, über das eine oder andere Aquarell hab ichs nicht
-hinausgebracht. Mal ein Schiff, ein Seestück, Kindereien. Aber ich sehe
-Bilder sehr gern, und darum war ich so frei ...“
-
-Namentlich Joachim fand sich einigermaßen beruhigt und aufgeklärt über
-seines Vetters befremdende Neugier durch diese Erläuterung, – und mehr
-für ihn, als für den Hofrat, hatte Hans Castorp sich denn auch auf seine
-eigenen künstlerischen Versuche berufen. Sie langten an: es gab kein so
-prächtiges, von Laternen flankiertes Portal an dieser Seite, wie drüben
-an der Auffahrt. Ein paar gerundete Stufen führten zu der eichenen
-Haustür empor, die der Hofrat mit einem Drücker seines reichhaltigen
-Schlüsselbundes öffnete. Seine Hand zitterte dabei; entschieden war er
-nervös. Ein Vorraum, als Garderobe ausgestattet, nahm sie auf, wo
-Behrens seinen steifen Hut an den Nagel hing. Drinnen, auf dem kurzen,
-vom allgemeinen Teil des Gebäudes durch eine Glastür abgetrennten
-Korridor, an dessen beiden Seiten die Räumlichkeiten der kleinen
-Privatwohnung lagen, rief er nach dem Dienstmädchen und machte seine
-Bestellung. Dann ließ er seine Gäste unter jovialen und ermutigenden
-Redensarten eintreten, – durch eine der Türen zur Rechten.
-
-Ein paar banal-bürgerlich möblierte Räume, nach vorn, gegen das Tal
-blickend, gingen ineinander, ohne Verbindungstüren, nur durch Portieren
-getrennt: ein „altdeutsches“ Eßzimmer, ein Wohn- und Arbeitszimmer mit
-Schreibtisch, über dem eine Studentenmütze und gekreuzte Schläger
-hingen, wolligen Teppichen, Bibliothek und Sofaarrangement und noch ein
-Rauchkabinett, das „türkisch“ eingerichtet war. Überall hingen Bilder,
-die Bilder des Hofrats, – höflich und zur Bewunderung bereit gingen die
-Augen der Eintretenden sogleich darüberhin. Des Hofrats entschwebte
-Gattin war mehrmals zu sehen: in Öl und auch als Photographie auf dem
-Schreibtisch. Es war eine dünn und fließend gekleidete, etwas
-rätselhafte Blondine, welche, die Hände an der linken Schulter gefaltet
-– und zwar nicht fest gefaltet, sondern nur so, daß die oberen
-Fingerglieder schwach ineinander lagen –, ihre Augen entweder gen Himmel
-gerichtet oder tief niedergeschlagen und unter den langen, schräg von
-den Lidern abstehenden Wimpern versteckt hielt: nur geradeaus und dem
-Beschauer entgegen blickte die Selige niemals. Sonst gab es
-hauptsächlich gebirgige Landschaftsmotive, Berge im Schnee und im
-Tannengrün, Berge, von Höhenqualm umwogt, und Berge, deren trockene und
-scharfe Umrisse unter dem Einflusse Segantinis in einen tiefblauen
-Himmel schnitten. Ferner waren da Sennhütten, wammige Kühe auf besonnter
-Weide stehend und lagernd, ein gerupftes Huhn, das seinen verdrehten
-Hals zwischen Gemüsen von einer Tischplatte hängen ließ, Blumenstücke,
-Gebirglertypen und anderes mehr, – gemalt dies alles mit einem gewissen
-flotten Dilettantismus, in keck aufgeklecksten Farben, die öfters
-aussahen, als seien sie unmittelbar aus der Tube auf die Leinwand
-gedrückt, und die lange gebraucht haben mußten, bis sie getrocknet waren
-– bei groben Fehlern war es zuweilen wirksam.
-
-Anschauend wie in einer Ausstellung gingen sie die Wände entlang,
-begleitet vom Hausherrn, der dann und wann ein Motiv bei Namen nannte,
-meistens aber schweigend, in der stolzen Beklommenheit des Künstlers, es
-genoß, seine Augen zusammen mit denen Fremder auf seinen Werken ruhen zu
-lassen. Das Porträt Clawdia Chauchats hing im Wohnzimmer an der
-Fensterwand, – Hans Castorp hatte es schon beim Eintreten mit raschem
-Blicke erspäht, obgleich es nur eine entfernte Ähnlichkeit aufwies.
-Absichtlich mied er die Stelle, hielt seine Begleiter im Eßzimmer fest,
-wo er einen grünen Blick ins Sergital mit bläulichen Gletschern im
-Hintergrunde zu bewundern vorgab, steuerte dann aus eigener
-Machtvollkommenheit zuerst ins türkische Kabinett hinüber, das er, Lob
-auf den Lippen, ebenfalls gründlich durchmusterte, und besichtigte dann
-die Eingangswand des Wohnzimmers, auch Joachim manchmal zur
-Beifallsäußerung auffordernd. Endlich wandte er sich um und fragte mit
-Maßen stutzend:
-
-„Da ist doch ein bekanntes Gesicht?“
-
-„Erkennen Sie sie?“ wollte Behrens hören.
-
-„Doch, da ist wohl eine Täuschung nicht möglich. Das ist die Dame vom
-Guten Russentisch, mit dem französischen Namen ...“
-
-„Stimmt, die Chauchat. Freut mich, daß Sie sie ähnlich finden.“
-
-„Sprechend!“ log Hans Castorp, weniger aus Falschheit, als in dem
-Bewußtsein, daß er, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, das
-Modell gar nicht hätte erkennen dürfen, – so wenig, wie Joachim es aus
-eigenen Kräften jemals erkannt hätte, der gute, überlistete Joachim, dem
-nun freilich ein Licht aufging, das wahre Licht nach dem falschen, das
-Hans Castorp ihm vorher angezündet. „Ja so“, sagte er leise und schickte
-sich darein, das Bild betrachten zu helfen. Sein Vetter hatte sich für
-ihr Fernbleiben von der Verandageselligkeit schadlos zu halten gewußt.
-
-Es war ein Bruststück in Halbprofil, etwas unter Lebensgröße,
-dekolletiert, mit einer Schleierdraperie um Schultern und Busen, in
-einen breiten, schwarzen, nach innen abfallenden und am Rande der
-Leinwand mit einer Goldleiste verzierten Rahmen gefaßt. Frau
-Chauchat erschien da zehn Jahre älter, als sie war, wie das bei
-Dilettantenporträts, die charakteristisch sein wollen, zu gehen pflegt.
-Im ganzen Gesicht war zuviel Rot, die Nase war arg verzeichnet, die
-Haarfarbe nicht getroffen, zu strohig, der Mund verzerrt, der besondere
-Reiz der Physiognomie nicht gesehen oder nicht herausgebracht, durch
-Vergröberung seiner Ursachen verfehlt, das Ganze ein ziemlich
-pfuscherhaftes Produkt, als Bildnis seinem Gegenstande nur weitläufig
-verwandt. Aber Hans Castorp nahm es mit der Ähnlichkeit nicht weiter
-genau, die Beziehungen dieser Leinwand zu Frau Chauchats Person waren
-ihm eng genug, das Bild _sollte_ Frau Chauchat darstellen, sie selbst
-hatte in diesen Räumen dazu Modell gesessen, das genügte ihm, bewegt
-wiederholte er:
-
-„Wie sie leibt und lebt!“
-
-„Sagen Sie das nicht“, wehrte der Hofrat ab. „Es war ein klotziges Stück
-Arbeit, ich bilde mir nicht ein, so recht damit fertig geworden zu sein,
-obgleich wir wohl zwanzig Sitzungen gehabt haben, – wie wollen Sie denn
-fertig werden mit einer so vertrackten Visage. Man denkt, sie muß leicht
-zu erwischen sein, mit ihren hyperboreischen Jochbeinen und den Augen,
-wie aufgesprungene Schnitte in Hefegebäck. Ja, hat sich was. Macht man
-die Einzelheit richtig, verpatzt man das Ganze. Das reine Vexierrätsel.
-Kennen Sie sie? Möglicherweise sollte man sie nicht abmalen, sondern
-nach dem Gedächtnis arbeiten. Kennen Sie sie denn?“
-
-„Ja, nein, oberflächlich, wie man hier die Leute so kennt ...“
-
-„Na, ich kenne sie ja mehr inwendig, subkutan, verstehen Sie, über
-arteriellen Blutdruck, Gewebsspannung und Lymphbewegung, da weiß ich bei
-ihr so ziemlich Bescheid – aus bestimmten Gründen. Das Oberflächliche
-bietet größere Schwierigkeiten. Haben Sie sie schon manchmal gehen
-sehen? Wie sie geht, so ist ihr Gesicht. Eine Schleicherin. Nehmen Sie
-zum Exempel die Augen, – ich rede nicht von der Farbe, die auch ihre
-Tücken hat; ich meine den Sitz, den Schnitt. Die Lidspalte, sagen Sie,
-ist geschlitzt, schief. Das scheint Ihnen aber nur so. Was Sie täuscht,
-ist der Epikanthus, das heißt eine Varietät, die bei gewissen Rassen
-vorkommt und darin besteht, daß ein Hautüberschuß, der von dem flachen
-Nasensattel dieser Leute herrührt, von der Deckfalte des Lides über den
-inneren Augenwinkel hinabreicht. Ziehen Sie die Haut über der
-Nasenwurzel straff an, und Sie haben ein Auge ganz wie von unsereinem.
-Eine pikante Mystifikation also, übrigens nicht weiter ehrenvoll; denn
-bei Lichte besehen, läuft der Epikanthus auf eine atavistische
-Hemmungsbildung hinaus.“
-
-„So verhält sich das also“, sagte Hans Castorp. „Ich wußte es nicht,
-aber es interessiert mich schon längst, was es mit solchen Augen auf
-sich hat.“
-
-„Vexation, Täuschung“, bekräftigte der Hofrat. „Zeichnen Sie sie einfach
-schief und geschlitzt, so sind Sie verloren. Sie müssen die Schiefheit
-und Geschlitztheit zuwege bringen, wie die Natur sie zuwege bringt,
-Illusion in der Illusion treiben, sozusagen, und dazu ist natürlich
-nötig, daß Sie über den Epikanthus Bescheid wissen. Wissen kann
-überhaupt nicht schaden. Sehen Sie sich die Haut an, die Körperhaut
-hier. Ist das anschaulich, oder ist es nicht so besonders anschaulich
-Ihrer Meinung nach?“
-
-„Enorm,“ sagte Hans Castorp, „enorm anschaulich ist sie gemalt, die
-Haut. Ich glaube, ähnlich gut gemalte ist mir nie vorgekommen. Man meint
-die Poren zu sehen.“ Und er fuhr leicht mit dem Handrande über das
-Dekolleté des Bildes, das sehr weiß gegen die übertriebene Rötung des
-Gesichtes abstach, wie ein Körperteil, der gewöhnlich dem Lichte nicht
-ausgesetzt ist, und so, absichtlich oder nicht, die Vorstellung des
-Entblößtseins aufdringlich hervorrief, – ein jedenfalls ziemlich plumper
-Effekt.
-
-Trotzdem war Hans Castorps Lob berechtigt. Die matt schimmernde Weiße
-dieser zarten, aber nicht mageren Büste, die sich in der bläulichen
-Schleierdraperie verlor, hatte viel Natur; sichtlich war sie mit Gefühl
-gemalt, aber unbeschadet einer gewissen Süßigkeit, die davon ausging,
-hatte der Künstler ihr eine Art von wissenschaftlicher Realität und
-lebendiger Genauigkeit zu verleihen gewußt. Er hatte sich des körnigen
-Charakters der Leinwand bedient, um ihn, namentlich in der Gegend der
-zart hervortretenden Schlüsselbeine, durch die Ölfarbe hindurch als
-natürliche Unebenheit der Hautoberfläche wirken zu lassen. Ein
-Leberfleckchen links, wo die Brust sich zu teilen begann, war nicht
-außer acht gelassen, und zwischen den Erhebungen glaubte man
-schwach-bläuliches Geäder durchscheinen zu sehen. Es war, als ginge
-unter dem Blick des Betrachters ein kaum merklicher Schauer von
-Sensitivität über diese Nacktheit, – gewagt zu sagen: man mochte sich
-einbilden, die Perspiration, den unsichtbaren Lebensdunst dieses
-Fleisches wahrzunehmen, so, als würde man, wenn man etwa die Lippen
-darauf drückte, nicht den Geruch von Farbe und Firnis, sondern den des
-menschlichen Körpers verspüren. Wir geben mit alldem die Eindrücke Hans
-Castorps wieder: aber wenn er besonders bereit war, solche Eindrücke zu
-empfangen, so ist doch sachlich festzustellen, daß Frau Chauchats
-Dekolleté das bei weitem bemerkenswerteste Stück Malerei in diesen
-Zimmern war.
-
-Hofrat Behrens schaukelte sich, die Hände in den Hosentaschen, auf
-Absätzen und Fußballen, während er seine Arbeit zugleich mit den
-Besuchern betrachtete.
-
-„Freut mich, Herr Kollege,“ sagte er, „freut mich, daß es Ihnen
-einleuchtet. Es ist eben gut und kann gar nicht schaden, wenn man auch
-unter der Epidermis ein bißchen Bescheid weiß und mitmalen kann, was
-nicht zu sehen ist, – mit anderen Worten: wenn man zur Natur noch in
-einem andern Verhältnis steht als bloß dem lyrischen, wollen wir mal
-sagen; wenn man zum Beispiel im Nebenamt Arzt ist, Physiolog, Anatom und
-von den Dessous auch noch so seine stillen Kenntnisse hat, – das kann
-von Vorteil sein, sagen Sie, was Sie wollen, es gibt entschieden ein
-Prä. Die Körperpelle da hat Wissenschaft, die können Sie mit dem
-Mikroskop auf ihre organische Richtigkeit untersuchen. Da sehen Sie
-nicht bloß die Schleim- und Hornschichten der Oberhaut, sondern darunter
-ist das Lederhautgewebe gedacht mit seinen Salbendrüsen und
-Schweißdrüsen und Blutgefäßen und Wärzchen, – und darunter wieder die
-Fetthaut, die Polsterung, wissen Sie, die Unterlage, die mit ihren
-vielen Fettzellen die holdseligen weiblichen Formen zustande bringt. Was
-aber mitgewußt und mitgedacht ist, das spricht auch mit. Es fließt Ihnen
-in die Hand und tut seine Wirkung, ist nicht da und irgendwie doch da,
-und das gibt Anschaulichkeit.“
-
-Hans Castorp war Feuer und Flamme für dies Gespräch, seine Stirn war
-gerötet, seine Augen eiferten, er wußte nicht, was er zuerst erwidern
-sollte, denn er hatte vieles zu sagen. Erstens beabsichtigte er, das
-Bild von der beschatteten Fensterwand fort an einen günstigeren Platz zu
-schaffen, zweitens wollte er unbedingt an des Hofrats Äußerungen über
-die Natur der Haut anknüpfen, die ihn dringlich interessierten, drittens
-aber einen eigenen allgemeinen und philosophischen Gedanken auszudrücken
-versuchen, der ihm ebenfalls höchlichst am Herzen lag. Während er schon
-die Hände an das Porträt legte, um es abzuhängen, fing er hastig an:
-
-„Jawohl, jawohl! Sehr gut, das ist wichtig. Ich möchte sagen ... Das
-heißt, Herr Hofrat sagten: ‚Noch in einem anderen Verhältnis.‘ Es wäre
-gut, wenn außer dem lyrischen – so, glaube ich, sagten Sie –, dem
-künstlerischen Verhältnis noch ein anderes vorhanden wäre, wenn man die
-Dinge, kurz gesagt, noch unter einem anderen Gesichtswinkel auffaßte,
-zum Beispiel dem medizinischen. Das ist kolossal zutreffend –
-entschuldigen Herr Hofrat –, ich meine, es ist darum so hervorragend
-richtig, weil es sich da eigentlich gar nicht um grundverschiedene
-Verhältnisse und Gesichtswinkel handelt, sondern genau genommen immer um
-ein und denselben – bloß um Spielarten davon, ich meine: Schattierungen,
-ich meine also: Variationen von ein und demselben allgemeinen Interesse,
-von dem auch die künstlerische Beschäftigung bloß ein Teil und ein
-Ausdruck ist, wenn ich so sagen darf. Ja, entschuldigen Sie, ich hänge
-das Bild ab, es hat ja hier absolut kein Licht, Sie werden sehen, ich
-trage es mal eben zum Sofa hinüber, ob es denn da nicht doch ganz anders
-... Ich wollte sagen: Womit beschäftigt sich die medizinische
-Wissenschaft? Ich verstehe ja natürlich nichts davon, aber sie
-beschäftigt sich doch mit dem Menschen. Und die Juristerei, die
-Gesetzgebung und Rechtsprechung? Auch mit dem Menschen. Und die
-Sprachforschung, mit der ja meistenteils die Ausübung des pädagogischen
-Berufs verbunden ist? Und die Theologie, die Seelsorge, das geistliche
-Hirtenamt? Alle mit dem Menschen, es sind alles bloß Abschattierungen
-von ein und demselben wichtigen und ... hauptsächlichen Interesse,
-nämlich dem Interesse am Menschen, es sind die humanistischen Berufe,
-mit einem Wort, und wenn man sie studieren will, so lernt man als
-Grundlage vor allem einmal die alten Sprachen, nicht wahr, der formalen
-Bildung halber, wie man sagt. Sie wundern sich vielleicht, daß ich so
-davon rede, ich bin ja bloß Realist, Techniker. Aber ich habe noch
-neulich im Liegen darüber nachgedacht: es ist doch ausgezeichnet, eine
-ausgezeichnete Einrichtung in der Welt, daß man jeder Art von
-humanistischem Beruf das Formale, die Idee der Form, der schönen Form,
-wissen Sie, zugrunde legt, – das bringt so etwas Nobles und
-Überflüssiges in die Sache und außerdem so etwas von Gefühl und ...
-Höflichkeit, – das Interesse wird dadurch beinahe schon zu etwas
-wie einem galanten Anliegen ... Das heißt, ich drücke mich
-höchstwahrscheinlich unpassend aus, aber man sieht da, wie das Geistige
-und das Schöne sich vermischen und eigentlich immer schon eines waren,
-mit anderen Worten: die Wissenschaft und die Kunst, und daß also die
-künstlerische Beschäftigung unbedingt auch dazu gehört, als fünfte
-Fakultät gewissermaßen, daß sie auch gar nichts anderes ist, als ein
-humanistischer Beruf, eine Abschattierung des humanistischen Interesses,
-insofern ihr wichtigstes Thema oder Anliegen doch auch wieder der Mensch
-ist, das werden Sie mir zugeben. Ich habe ja bloß Schiffe und Wasser
-gemalt, wenn ich mich in meiner Jugend mal in dieser Richtung versuchte,
-aber das Anziehendste in der Malerei ist und bleibt in meinen Augen doch
-das Porträt, weil es unmittelbar den Menschen zum Gegenstand hat, darum
-fragte ich gleich, ob Herr Hofrat sich auch auf diesem Gebiet betätigten
-... Würde es hier nun nicht doch ganz erheblich günstiger hängen?“
-
-Beide, Behrens sowohl wie Joachim, sahen ihn an, ob er sich dessen nicht
-schäme, was er da aus dem Stegreif zusammengeredet. Aber Hans Castorp
-war viel zu sehr bei der Sache, um verlegen zu werden. Er hielt das Bild
-an die Sofawand und verlangte Antwort, ob es da nicht bedeutend besser
-belichtet sei. Gleichzeitig brachte das Dienstmädchen auf einem Brett
-heißes Wasser, einen Spirituskocher und Kaffeetäßchen. Der Hofrat wies
-sie ins Kabinett und sagte:
-
-„Dann müßten Sie sich aber eigentlich nicht so sehr für Malerei
-interessieren, als in erster Linie für Skulptur ... Doch, da hat es
-natürlich mehr Licht. Wenn Sie meinen, daß es soviel davon verträgt ...
-Für Plastik, meine ich, weil die es doch am reinsten und
-ausschließlichsten mit dem Menschen im allgemeinen zu tun hat. Daß uns
-aber das Wasser nicht wegkocht.“
-
-„Sehr wahr, die Plastik“, sagte Hans Castorp, während sie hinübergingen,
-und vergaß, das Bild wieder aufzuhängen oder abzustellen: er nahm es
-mit, trug es bei Fuß ins anstoßende Zimmer. „Sicher, so eine griechische
-Venus oder so ein Athlet, da zeigt sich das Humanistische zweifellos am
-deutlichsten, es ist wohl im Grunde das Wahre, die eigentlich
-humanistische Art von Kunst, wenn man es sich überlegt.“
-
-„Na, was die kleine Chauchat betrifft,“ bemerkte der Hofrat, „so ist das
-wohl jedenfalls mehr ein Gegenstand für die Malerei, ich glaube, Phidias
-oder der andere mit der mosaischen Namensendung, die hätten die Nase
-gerümpft über ihre Art von Physiognomie ... Was machen Sie denn, was
-schleppen Sie sich denn mit dem Schinken?“
-
-„Danke, ich stelle es erst mal hier an mein Stuhlbein, da steht es ja
-für den Augenblick ganz gut. Die griechischen Plastiker kümmerten sich
-aber nicht viel um den Kopf, es kam ihnen auf den Körper an, das war
-vielleicht gerade das Humanistische ... Und die weibliche Plastik, das
-ist also Fett?“
-
-„Das ist Fett!“ sagte endgültig der Hofrat, der einen Wandschrank
-aufgeschlossen und ihm das Zubehör zur Kaffeebereitung entnommen hatte,
-eine röhrenförmige türkische Mühle, den langgestielten Kochbecher, das
-Doppelgefäß für Zucker und gemahlenen Kaffee, alles aus Messing.
-„Palmitin, Stearin, Oleïn“, sagte er und schüttete Kaffeebohnen aus
-einer Blechbüchse in die Mühle, deren Kurbel er zu drehen begann. „Die
-Herren sehen, ich mache alles selbst, von Anfang an, es schmeckt noch
-mal so gut. – Was dachten Sie denn? Daß es Ambrosia wäre?“
-
-„Nein, ich wußte es schon selber. Es ist nur merkwürdig, es so zu
-hören“, sagte Hans Castorp.
-
-Sie saßen im Winkel zwischen Tür und Fenster, an einem Bambustaburett
-mit orientalisch ornamentierter Messingplatte, auf der das Kaffeegerät
-zwischen Rauchutensilien Platz gefunden hatte: Joachim neben Behrens auf
-der reichlich mit seidenen Kissen ausgestatteten Ottomane, Hans Castorp
-in einem Klubsessel auf Rollen, gegen den er Frau Chauchats Porträt
-gelehnt hatte. Ein bunter Teppich lag unter ihnen. Der Hofrat löffelte
-Kaffee und Zucker in den gestielten Becher, goß Wasser nach und ließ das
-Getränk über der Spiritusflamme aufkochen. Es schäumte braun in den
-Zwiebeltäßchen und erwies sich beim Nippen als ebenso stark wie süß.
-
-„Ihre übrigens auch“, sagte Behrens. „Ihre Plastik, soweit davon die
-Rede sein kann, ist natürlich auch Fett, wenn auch nicht in dem Grade
-wie bei den Weibern. Bei unsereinem macht das Fett gewöhnlich bloß den
-zwanzigsten Teil vom Körpergewicht aus, bei den Weibern den sechzehnten.
-Ohne das Unterhautzellgewebe, da wären wir alle bloß Morcheln. Mit den
-Jahren schwindet es ja, und dann gibt es den bekannten unästhetischen
-Faltenwurf. Am dicksten und fettesten ist es an der weiblichen Brust und
-am Bauch, an den Oberschenkeln, kurz, überall, wo ein bißchen was los
-ist für Herz und Hand. Auch an den Fußsohlen ist es fett und kitzlich.“
-
-Hans Castorp drehte die röhrenförmige Kaffeemühle zwischen den Händen.
-Sie war, wie die ganze Garnitur, wohl eher indischer oder persischer,
-als türkischer Herkunft: der Stil der in das Messing gearbeiteten
-Gravierungen, deren Flächen blank aus dem matt gehaltenen Grunde traten,
-deutete darauf hin. Hans Castorp betrachtete die Ornamentik, ohne gleich
-klug daraus werden zu können. Als er klug daraus geworden war, errötete
-er unversehens.
-
-„Ja, das ist so ein Gerät für alleinstehende Herren“, sagte Behrens.
-„Darum halte ich es unter Verschluß, wissen Sie. Meine Küchenfee könnte
-sich die Augen daran verderben. Sie werden ja wohl weiter keinen Schaden
-davontragen. Ich habe es mal von einer Patientin geschenkt bekommen,
-einer ägyptischen Prinzessin, die uns ein Jährchen die Ehre schenkte.
-Sie sehen, das Muster wiederholt sich an jedem Stück. Ulkig, was?“
-
-„Ja, das ist merkwürdig“, erwiderte Hans Castorp. „Ha nein, mir macht es
-natürlich nichts. Man kann es ja sogar ernst und feierlich nehmen, wenn
-man will, – obgleich es dann am Ende auf einer Kaffeegarnitur nicht ganz
-am Platz ist. Die Alten sollen ja so etwas gelegentlich auf ihren Särgen
-angebracht haben. Das Obszöne und das Heilige war ihnen gewissermaßen
-ein und dasselbe.“
-
-„Na, was die Prinzessin betrifft,“ sagte Behrens, „die war nun, glaub
-ich, mehr für das erstere. Sehr schöne Zigaretten habe ich übrigens auch
-noch von ihr, das ist was Extrafeines, wird nur bei erstklassigen
-Gelegenheiten aufgefahren.“ Und er holte die grellbunte Schachtel aus
-dem Wandschrank, um sie anzubieten. Joachim enthielt sich, indem er die
-Absätze zusammenzog. Hans Castorp griff zu und rauchte die ungewöhnlich
-große und breite, mit einer Sphinx in Golddruck geschmückte Zigarette
-an, die in der Tat wundervoll war.
-
-„Erzählen Sie uns doch noch etwas von der Haut,“ bat er, „wenn Sie so
-freundlich sein wollen, Herr Hofrat!“ Er hatte Frau Chauchats Porträt
-wieder an sich genommen, hatte es auf sein Knie gestellt und betrachtete
-es, in den Stuhl zurückgelehnt, die Zigarette zwischen den Lippen.
-„Nicht gerade von der Fetthaut, das wissen wir ja nun, was es damit auf
-sich hat. Aber von der menschlichen Haut im allgemeinen, die Sie so gut
-zu malen verstehn.“
-
-„Von der Haut? Interessieren Sie sich für Physiologie?“
-
-„Sehr! Ja, dafür habe ich mich schon immer im höchsten Grade
-interessiert. Der menschliche Körper, für den habe ich immer
-hervorragend viel Sinn gehabt. Manchmal habe ich mich schon gefragt, ob
-ich nicht Arzt hätte werden sollen, – in gewisser Weise hätte das,
-glaube ich, nicht schlecht für mich gepaßt. Denn wer sich für den Körper
-interessiert, der interessiert sich ja auch für die Krankheit, –
-namentlich sogar für die, – tut er das nicht? Übrigens hat es nicht viel
-zu sagen, ich hätte Verschiedenes werden können. Ich hätte zum Beispiel
-auch Geistlicher werden können.“
-
-„Nanu?“
-
-„Ja, vorübergehend ist es mir schon manchmal so vorgekommen, als ob ich
-dabei eigentlich ganz in meinem Element gewesen wäre.“
-
-„Warum sind Sie denn Ingenieur geworden?“
-
-„Aus Zufall. Das waren wohl mehr oder weniger die äußeren Umstände, die
-darin den Ausschlag gaben.“
-
-„Na, von der Haut? Was soll ich Ihnen denn von Ihrem Sinnesblatt
-erzählen. Das ist Ihr Außenhirn, verstehen Sie, – ontogenetisch ganz
-desselben Ursprungs wie der Apparat für die sogenannten höheren
-Sinnesorgane da oben in Ihrem Schädel: das zentrale Nervensystem, müssen
-Sie wissen, ist bloß eine leichte Umbildung der äußeren Hautschicht, und
-bei den niederen Tieren, da gibts den Unterschied zwischen zentral und
-peripher überhaupt noch nicht, die riechen und schmecken mit der Haut,
-müssen Sie sich vorstellen, die haben überhaupt bloß Hautsinnlichkeit, –
-muß ganz behaglich sein, wenn man sich so hineinversetzt. Dagegen bei so
-hoch differenzierten Lebewesen, wie Sie und ich, da beschränkt sich der
-Ehrgeiz der Haut auf die Kitzlichkeit, da ist sie bloß noch Schutz- und
-Meldeorgan, aber höllisch auf dem Posten gegen alles, was dem Körper zu
-nahe treten will, – sie streckt ja sogar noch Tastapparate über sich
-hinaus, die Haare nämlich, die Körperhärchen, die bloß aus verhornten
-Hautzellen bestehen und eine Annäherung schon spüren lassen, bevor die
-Haut selbst noch berührt ist. Unter uns gesagt, es ist sogar möglich,
-daß sich der Schutz- und Abwehrberuf der Haut nicht bloß aufs
-Körperliche erstreckt ... Wissen Sie, wie Sie rot und blaß werden?“
-
-„Ungenau.“
-
-„Ja, ganz genau wissen wir es, offen gestanden, auch nicht, wenigstens
-was das Schamrotwerden betrifft. Die Sache ist nicht ganz aufgehellt,
-denn erweiternde Muskeln, die durch die vasomotorischen Nerven in
-Bewegung gesetzt werden könnten, haben sich bis dato an den Gefäßen
-nicht nachweisen lassen. Wieso dem Hahn eigentlich der Kamm schwillt –
-oder was sich sonst für renommistische Beispiele anführen ließen –, das
-ist sozusagen mysteriös, besonders da es sich um psychische Einwirkung
-handelt. Wir nehmen an, daß Verbindungen zwischen der Großhirnrinde und
-dem Gefäßzentrum im Kopfmark bestehen. Und bei gewissen Reizen also, zum
-Exempel: Sie schämen sich mächtig, da spielt diese Verbindung, und die
-Gefäßnerven nach dem Gesichte spielen, und dann dehnen und füllen die
-dortigen Blutgefäße sich, daß Sie einen Kopf kriegen wie ein Puter, ganz
-hochgeschwollen von Blut sind Sie da und können nicht aus den Augen
-sehen. Dagegen in anderen Fällen, Gott weiß, was Ihnen bevorsteht, was
-ganz gefährlich Schönes möglicherweise, – da ziehen die Blutgefäße der
-Haut sich zusammen, und die Haut wird blaß und kalt und fällt ein, und
-dann sehen Sie aus wie ’ne Leiche vor lauter Emotion, mit bleifarbenen
-Augenhöhlen und einer weißen, spitzen Nase. Aber das Herz läßt der
-Sympathikus ordentlich trommeln.“
-
-„So kommt das also“, sagte Hans Castorp.
-
-„So ungefähr. Das sind Reaktionen, wissen Sie. Da aber alle Reaktionen
-und Reflexe von Hause aus einen Zweck haben, so vermuten wir Physiologen
-beinah, daß auch diese Begleiterscheinungen psychischer Affekte
-eigentlich zweckmäßige Schutzmittel sind, Abwehrreflexe des Körpers, wie
-die Gänsehaut. Wissen Sie, wie Sie eine Gänsehaut kriegen?“
-
-„Auch nicht so recht.“
-
-„Das ist nämlich eine Veranstaltung der Hauttalgdrüsen, die die
-Hautschmiere absondern, so ein eiweißhaltiges, fettiges Sekret, wissen
-Sie, nicht gerade appetitlich, aber es hält die Haut geschmeidig, damit
-sie vor Dürre nicht reißt und springt und angenehm anzufassen ist, – es
-ist ja nicht auszudenken, wie die menschliche Haut anzufassen wäre ohne
-die Cholesterinschmiere. Diese Hautsalbendrüsen haben kleine organische
-Muskeln, die die Drüsen aufrichten können, und wenn sie das tun, dann
-wird Ihnen wie dem Jungen, dem die Prinzessin den Eimer mit den
-Gründlingen über den Leib goß, wie ein Reibeisen wird Ihre Haut, und
-wenn der Reiz stark ist, so richten auch die Haarbälge sich auf, – die
-Haare sträuben sich Ihnen auf dem Kopf und die Härchen am Leibe, wie
-einem Stachelschwein, das sich wehrt, und Sie können sagen, Sie haben
-das Gruseln gelernt.“
-
-„Oh, ich“, sagte Hans Castorp, „ich habe das schon manchmal gelernt. Mir
-gruselt es sogar ziemlich leicht, bei den verschiedensten Gelegenheiten.
-Was mich wundert, ist nur, daß die Drüsen bei so verschiedenen
-Gelegenheiten sich aufrichten. Wenn einer mit einem Griffel über Glas
-fährt, so kriegt man eine Gänsehaut, und bei besonders schöner Musik
-kriegt man auch plötzlich eine, und als ich bei meiner Konfirmation das
-Abendmahl nahm, da kriegte ich eine über die andere, das Graupeln und
-Prickeln wollte gar nicht mehr aufhören. Es ist doch sonderbar, wodurch
-nicht alles die kleinen Muskeln in Bewegung gesetzt werden.“
-
-„Ja,“ sagte Behrens, „Reiz ist Reiz. Der Inhalt des Reizes kümmert den
-Körper den Teufel was. Ob Gründlinge oder Abendmahl, die Talgdrüsen
-richten sich eben auf.“
-
-„Herr Hofrat,“ sagte Hans Castorp und betrachtete das Bild auf seinen
-Knien; „worauf ich noch zurückkommen wollte. Sie sprachen vorhin von
-inneren Vorgängen, Lymphbewegung und dergleichen ... Was ist es damit?
-Ich würde gern mehr davon hören, von der Lymphbewegung zum Beispiel,
-wenn Sie die Liebenswürdigkeit hätten, es interessiert mich sehr.“
-
-„Das will ich glauben“, erwiderte Behrens. „Die Lymphe, das ist das
-Allerfeinste, Intimste und Zarteste in dem ganzen Körperbetrieb, – es
-schwebt Ihnen wohl vermutungsweise so vor, wenn Sie fragen. Man spricht
-immer vom Blut und seinen Mysterien und nennt es einen besonderen Saft.
-Aber die Lymphe, die ist ja erst der Saft des Saftes, die Essenz, wissen
-Sie, Blutmilch, eine ganz deliziöse Tropfbarkeit, – nach Fettnahrung
-sieht sie übrigens wirklich wie Milch aus.“ Und aufgeräumt und
-redensartlich begann er zu schildern, wie das Blut, diese
-theatermantelrote, durch Atmung und Verdauung bereitete, mit Gasen
-gesättigte, mit Mauserschlacke beladene Fett-, Eiweiß-, Eisen-, Zucker-
-und Salzbrühe, die achtunddreißig Grad heiß von der Herzpumpe durch die
-Gefäße gedrückt werde und überall im Körper den Stoffwechsel, die
-tierische Wärme, mit einem Worte das liebe Leben in Gang halte, – wie
-also das Blut nicht unmittelbar an die Zellen herankomme, sondern wie
-der Druck, unter dem es stehe, einen Extrakt und Milchsaft davon durch
-die Gefäßwände schwitzen lasse und ihn in die Gewebe presse, so daß er
-überall hindringe, als Gewebsflüssigkeit jedes Spältchen fülle und das
-elastische Zellgewebe dehne und spanne. Das sei die Gewebsspannung, der
-Turgor, und wieder der Turgor seinerseits mache, daß die Lymphe, wenn
-sie die Zellen lieblich bespült und Stoff mit ihnen getauscht habe, in
-die Lymphgefäße getrieben werde, die _vasa lymphatica_, und zurück in
-das Blut fließe, es seien täglich anderthalb Liter. Er beschrieb das
-Röhren- und Saugadersystem der Lymphgefäße, redete von dem
-Brustmilchgang, der die Lymphe der Beine, des Bauches und der Brust,
-eines Armes und einer Kopfseite sammle, von zarten Filterorganen sodann,
-welche vielerorts in den Lymphgefäßen ausgebildet seien, Lymphdrüsen
-genannt und gelegen am Halse, in der Achselhöhle, den Ellbogengelenken,
-der Kniekehle und an ähnlich intimen und zärtlichen Körperstellen. „Da
-können nun Schwellungen vorkommen,“ erklärte Behrens, „und davon gingen
-wir ja wohl aus, – Verdickungen der Lymphdrüsen, sagen wir mal: in den
-Kniekehlen und den Armgelenken, wassersuchtähnliche Geschwülste da und
-dort, und das hat immer einen Grund, wenn auch nicht gerade einen
-schönen. Unter Umständen wird einem der Verdacht der tuberkulösen
-Lymphgefäßverstopfung näher als nahgelegt.“
-
-Hans Castorp schwieg. „Ja,“ sagte er leise nach einer Pause, „es ist so,
-ich hätte gut Arzt werden können. Der Brustmilchgang ... Die Lymphe der
-Beine ... Das interessiert mich sehr. – Was ist der Körper!“ rief er auf
-einmal stürmisch ausbrechend. „Was ist das Fleisch! Was ist der Leib des
-Menschen! Woraus besteht er! Sagen Sie uns das heute nachmittag, Herr
-Hofrat! Sagen Sie es uns ein für allemal und genau, damit wir es
-wissen!“
-
-„Aus Wasser“, antwortete Behrens. „Für organische Chemie interessieren
-Sie sich also auch? Das ist allergrößtenteils Wasser, woraus der
-humanistische Menschenleib besteht, nichts Besseres und nichts
-Schlechteres, es ist keine Ursache, heftig zu werden. Die
-Trockensubstanz beträgt bloß fünfundzwanzig Prozent, und davon sind
-zwanzig Prozent gewöhnliches Hühnereiweiß, Proteinstoffe, wenn Sie es
-ein bißchen nobler ausdrücken wollen, denen eigentlich nur noch ein
-bißchen Fett und Salz zugesetzt ist, das ist so gut wie alles.“
-
-„Aber das Hühnereiweiß. Was ist das?“
-
-„Allerlei Elementares. Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff,
-Schwefel. Manchmal auch Phosphor. Sie entwickeln ja eine ausschweifende
-Wißbegier. Manche Eiweiße sind auch mit Kohlehydraten verbunden, das
-heißt mit Traubenzucker und Stärke. Im Alter wird das Fleisch zäh, das
-kommt, weil das Kollagen im Bindegewebe zunimmt, der Leim, wissen Sie,
-wichtigster Bestandteil der Knochen und Knorpel. Was soll ich Ihnen denn
-noch erzählen? Da haben wir im Muskelplasma ein Eiweiß, das Myosinogen,
-das im Tode zu Muskelfibrin gerinnt und die Totenstarre erzeugt.“
-
-„Ja so, die Totenstarre“, sagte Hans Castorp munter. „Sehr gut, sehr
-gut. Und dann kommt die Generalanalyse, die Anatomie des Grabes.“
-
-„Na, selbstredend. Das haben Sie übrigens schön gesagt. Dann wird die
-Sache weitläufig. Man fließt auseinander, sozusagen. Bedenken Sie all
-das Wasser! Und die anderen Ingredienzien sind ohne Leben ja wenig
-haltbar, sie werden durch die Fäulnis in simplere Verbindungen zerlegt,
-in anorganische.“
-
-„Fäulnis, Verwesung,“ sagte Hans Castorp, „das ist doch Verbrennung,
-Verbindung mit Sauerstoff, soviel ich weiß.“
-
-„Auffallend richtig. Oxydation.“
-
-„Und Leben?“
-
-„Auch. Auch, Jüngling. Auch Oxydation. Leben ist hauptsächlich auch bloß
-Sauerstoffbrand des Zelleneiweiß, da kommt die schöne tierische Wärme
-her, von der man manchmal zu viel hat. Tja, Leben ist Sterben, da gibt
-es nicht viel zu beschönigen, – _une destruction organique_, wie
-irgendein Franzos es in seiner angeborenen Leichtfertigkeit mal genannt
-hat. Es riecht auch danach, das Leben. Wenn es uns anders vorkommt, so
-ist unser Urteil bestochen.“
-
-„Und wenn man sich für das Leben interessiert,“ sagte Hans Castorp, „so
-interessiert man sich namentlich für den Tod. Tut man das nicht?“
-
-„Na, so eine Art von Unterschied bleibt da ja immerhin. Leben ist, daß
-im Wechsel der Materie die Form erhalten bleibt.“
-
-„Wozu die Form erhalten“, sagte Hans Castorp.
-
-„Wozu? Hören Sie mal, das ist aber kein bißchen humanistisch, was Sie da
-sagen.“
-
-„Form ist ete-pe-tete.“
-
-„Sie haben entschieden was Unternehmendes heute. Förmlich was
-Durchgängerisches. Aber ich falle nun ab“, sagte der Hofrat. „Ich werde
-nun melancholisch“, sagte er und legte seine riesige Hand über die
-Augen. „Sehen Sie, das kommt so über mich. Da habe ich nun Kaffee mit
-Ihnen getrunken, und es hat mir geschmeckt, und auf einmal kommt es über
-mich, daß ich melancholisch werde. Die Herren müssen mich nun schon
-entschuldigen. Es war mir was Besonderes und hat mir allen möglichen
-Spaß gemacht ...“
-
-Die Vettern waren aufgesprungen. Sie machten sich Vorwürfe, sagten sie,
-den Herrn Hofrat so lange ... Er gab beruhigende Gegenversicherungen.
-Hans Castorp beeilte sich, Frau Chauchats Porträt ins Nebenzimmer zu
-tragen und wieder an seinen Platz zu hängen. Sie betraten den Garten
-nicht mehr, um in ihr Quartier zu gelangen. Behrens wies ihnen den Weg
-durch das Gebäude, indem er sie bis zur Verbindungsglastür geleitete.
-Sein Nacken schien stärker als sonst herauszutreten in dem
-Gemütszustand, der plötzlich über ihn gekommen war, er blinzelte mit
-seinen Quellaugen, und sein infolge der einseitigen Lippenschürzung
-schiefes Schnurrbärtchen hatte einen kläglichen Ausdruck gewonnen.
-
-Während sie über Korridore und Treppen gingen, sagte Hans Castorp:
-
-„Gib zu, daß das eine gute Idee von mir war.“
-
-„Jedenfalls war es eine Abwechslung“, erwiderte Joachim. „Und
-ausgesprochen habt ihr euch ja über mancherlei Dinge bei dieser
-Gelegenheit, das muß man sagen. Mir ging es sogar ein bißchen zu sehr
-drüber und drunter. Es ist nun hohe Zeit, daß wir vorm Tee doch
-wenigstens noch auf zwanzig Minuten in den Liegedienst kommen. Du
-findest es vielleicht ete-pe-tete von mir, daß ich so darauf halte, –
-durchgängerisch, wie du neuerdings bist. Aber du hast es ja schließlich
-auch nicht so nötig wie ich.“
-
-
- Forschungen
-
-So kam, was kommen mußte, und was hier zu erleben Hans Castorp noch vor
-kurzem sich nicht hätte träumen lassen: der Winter fiel ein, der hiesige
-Winter, den Joachim schon kannte, da der vorige noch in voller
-Herrschaft gewesen, als er hier eingetroffen war, vor dem aber Hans
-Castorp sich etwas fürchtete, obgleich er sich ja bestens dafür gerüstet
-wußte. Sein Vetter suchte ihn zu beruhigen.
-
-„Du mußt es dir nicht allzu grimmig vorstellen,“ sagte er, „nicht gerade
-arktisch. Man spürt die Kälte wenig wegen der Lufttrockenheit und der
-Windstille. Wenn man sich gut verpackt, kann man bis tief in die Nacht
-auf dem Balkon bleiben, ohne zu frieren. Es ist die Geschichte mit der
-Temperaturumkehr oberhalb der Nebelgrenze, es wird wärmer in höheren
-Lagen, man hat das früher nicht so gewußt. Eher ist es schon kalt, wenn
-es regnet. Aber du hast ja nun deinen Liegesack, und geheizt wird auch
-ein bißchen, wenn Not an den Mann kommt.“
-
-Übrigens konnte von Überrumpelung und Gewalttätigkeit nicht die Rede
-sein, der Winter kam gelinde, er sah vorderhand nicht sehr anders aus,
-als mancher Tag, den auch der Hochsommer schon mit sich geführt hatte.
-Ein paar Tage lang hatte Südwind geweht, die Sonne drückte, das Tal
-schien verkürzt und verengt, nahe und nüchtern lagen die Alpenkulissen
-des Ausgangs. Dann zogen Wolken auf, drangen vom Piz Michel und
-Tinzenhorn gegen Nordosten vor, und das Tal verdunkelte sich. Dann
-regnete es schwer. Dann wurde der Regen unrein, weißlichgrau, Schnee
-hatte sich dareingemischt, es war schließlich nur noch Schnee, das Tal
-war angefüllt mit Gestöber, und da das reichlich lange so ging, auch die
-Temperatur unterdessen beträchtlich gefallen war, so konnte der Schnee
-nicht ganz wegschmelzen, er war naß, aber er blieb liegen, das Tal lag
-in dünnem, feuchtem, schadhaftem weißen Gewand, gegen welches das
-Nadelrauh der Lehnen schwarz abstach; im Speisesaal erwärmten die Röhren
-sich laulich. Das war Anfang November, um Allerseelen, und es war nicht
-neu. Auch im August war es schon so gewesen, und längst hatte man sich
-entwöhnt, den Schnee als ein Vorrecht des Winters zu betrachten. Stets
-und bei jeder Witterung, wenn auch nur von ferne, hatte man welchen vor
-Augen gehabt, denn immer schimmerten Reste und Spuren davon in den
-Spalten und Schründen der felsigen Rätikonkette, die dem Taleingang
-vorzuliegen schien, und immer hatten die fernsten Bergmajestäten des
-Südens im Schnee herübergegrüßt. Aber beides hielt an, der Schneefall
-und der Wärmerückgang. Der Himmel hing blaßgrau und niedrig über dem
-Tal, löste sich in Flocken hin, die lautlos und unaufhörlich fielen, in
-übertriebener und leicht beunruhigender Ausgiebigkeit, und stündlich
-wurde es kälter. Es kam der Morgen, da Hans Castorp in seinem Zimmer
-sieben Grad hatte, und am folgenden waren es nur noch fünf. Das war der
-Frost, und er hielt sich in Grenzen, aber er hielt sich. Es hatte bei
-Nacht gefroren, nun fror es auch am Tage, und zwar von morgens bis
-abends, wobei es weiterschneite, mit kurzen Unterbrechungen den vierten
-und fünften, den siebenten Tag. Der Schnee sammelte sich nun mächtig an,
-nachgerade wurde er zur Verlegenheit. Man hatte auf dem Dienstwege zur
-Bank am Wasserlauf, sowie auf dem Fahrweg hinab ins Tal, Gehbahnen
-geschaufelt; aber sie waren schmal, es gab kein Ausweichen darauf, bei
-Begegnungen mußte man in den Schneedamm zur Seite treten und versank bis
-zum Knie. Eine Schneewalze aus Stein, von einem Pferde gezogen, das ein
-Mann am Halfter führte, rollte den ganzen Tag über die Straßen des
-Kurortes drunten, und eine Schlittentram, gelb und von altfränkisch
-postkutschenhafter Gestalt, mit einem Schneepfluge vorn, der die weißen
-Massen schaufelnd beiseite warf, verkehrte zwischen dem Kurhausviertel
-und dem „Dorf“ genannten nördlichen Teil der Siedelung. Die Welt, die
-enge, hohe und abgeschiedene Welt Derer hier oben, erschien nun dick
-bepelzt und gepolstert, es war kein Pfeiler und Pfahl, der nicht eine
-weiße Haube trug, die Treppenstufen zum Berghofportal verschwanden,
-verwandelten sich in eine schiefe Ebene, schwere, humoristisch geformte
-Kissen lasteten überall auf den Zweigen der Kiefern, da und dort
-rutschte die Masse ab, zerstäubte und zog als Wolke und weißer Nebel
-zwischen den Stämmen dahin. Verschneit lag rings das Gebirge, rauh in
-den unteren Bezirken, weich zugedeckt die über die Baumgrenze
-hinausragenden, verschieden gestalteten Gipfel. Es war dunkel, die Sonne
-stand nur als ein bleicher Schein hinter dem Geschleier. Aber der Schnee
-gab ein indirektes und mildes Licht, eine milchige Helligkeit, die Welt
-und Menschen gut kleidete, wenn auch die Nasen unter den weißen oder
-farbigen Wollmützen rot waren.
-
-Im Speisesaal, an den sieben Tischen, beherrschte der Anbruch des
-Winters, der großen Jahreszeit dieser Gegenden, das Gespräch. Viele
-Touristen und Sportsleute, hieß es, seien eingetroffen und bevölkerten
-die Hotels von „Dorf“ und „Platz“. Man schätzte die Höhe des geworfenen
-Schnees auf sechzig Zentimeter, und seine Beschaffenheit sei ideal im
-Sinne des Skiläufers. An der Bobbahn, die drüben am nordwestlichen Hange
-von der Schatzalp zu Tal führte, werde eifrig gearbeitet, schon in den
-nächsten Tagen könne sie eröffnet werden, vorausgesetzt, daß nicht der
-Föhn einen Strich durch die Rechnung mache. Man freute sich auf das
-Treiben der Gesunden, der Gäste von unten, das nun sich hier wieder
-entwickeln werde, auf die Sportsfeste und Rennen, denen man auch gegen
-Verbot beizuwohnen gedachte, indem man die Liegekur schwänzte und
-entwischte. Es gab etwas Neues, hörte Hans Castorp, eine Erfindung aus
-Norden, das Skikjöring, ein Rennen, wobei sich die Teilnehmer auf Skiern
-stehend von Pferden ziehen lassen würden. Dazu wollte man entwischen. –
-Auch von Weihnachten war die Rede.
-
-Von Weihnachten! Nein, daran hatte Hans Castorp noch nicht gedacht. Er
-hatte leicht sagen und schreiben können, daß er kraft ärztlichen
-Befundes mit Joachim den Winter hier werde zubringen müssen. Aber das
-schloß ein, wie sich nun zeigte, daß er hier Weihnachten verleben
-sollte, und das hatte ohne Zweifel etwas Erschreckendes für das Gemüt,
-schon deshalb, aber nicht ganz allein deshalb, weil er diese Zeit
-überhaupt noch niemals anderswo als in der Heimat, im Schoß der Familie,
-verlebt hatte. In Gottes Namen denn, das wollte nun in den Kauf genommen
-sein. Er war kein Kind mehr, Joachim schien auch weiter keinen Anstoß
-daran zu nehmen, sondern sich ohne Weinerlichkeit damit abzufinden, und
-wo nicht überall und unter welchen Umständen war in der Welt schon
-Weihnachten begangen worden!
-
-Bei alldem schien es ihm etwas übereilt, vor dem ersten Advent von
-Weihnachten zu reden; es waren ja noch reichlich sechs Wochen bis dahin.
-Diese aber übersprang und verschlang man im Speisesaal, – ein inneres
-Verfahren, auf das Hans Castorp ja schon auf eigene Hand sich verstehen
-gelernt hatte, wenn er es auch noch nicht in so kühnem Stile zu üben
-gewöhnt war wie die älter eingesessenen Lebensgenossen. Solche Etappen
-im Jahreslauf, wie das Weihnachtsfest, schienen ihnen eben recht als
-Anhaltspunkte und Turngeräte, woran sich über leere Zwischenzeiten
-behende hinwegvoltigieren ließ. Sie hatten alle Fieber, ihr Stoffumsatz
-war erhöht, ihr Körperleben verstärkt und beschleunigt, – es mochte am
-Ende wohl damit zusammenhängen, daß sie die Zeit so rasch und massenhaft
-durchtrieben. Er hätte sich nicht gewundert, wenn sie Weihnachten schon
-als zurückgelegt betrachtet und gleich von Neujahr und Fastnacht
-gesprochen hätten. Aber so leichtlebig und ungesetzt war man mitnichten
-im Berghofspeisesaal. Bei Weihnachten machte man halt, es gab Anlaß zu
-Sorgen und Kopfzerbrechen. Man beriet über das gemeinsame Geschenk, das
-nach bestehender Anstaltsübung dem Chef, Hofrat Behrens, am heiligen
-Abend überreicht werden sollte, und für das eine allgemeine Sammlung
-eingeleitet war. Voriges Jahr hatte man einen Reisekoffer geschenkt, wie
-diejenigen überlieferten, die seit mehr als Jahresfrist hier waren. Man
-sprach für diesmal von einem neuen Operationstisch, einer Malstaffelei,
-einem Gehpelz, einem Schaukelstuhl, einem elfenbeinernen und irgendwie
-„eingelegten“ Hörrohr, und Settembrini empfahl auf Befragen die
-Schenkung eines angeblich im Entstehen begriffenen lexikographischen
-Werkes, genannt „Soziologie der Leiden“; doch fiel ihm einzig ein
-Buchhändler bei, der seit kurzem am Tische der Kleefeld saß. Einigung
-hatte sich noch nicht ergeben wollen. Die Verständigung mit den
-russischen Gästen bot Schwierigkeiten. Die Sammlung spaltete sich. Die
-Moskowiter erklärten, Behrens auf eigene Hand beschenken zu wollen. Frau
-Stöhr zeigte sich tagelang in größter Unruhe wegen eines Geldbetrages,
-zehn Franken, die sie bei der Sammlung leichtsinnigerweise für Frau
-Iltis ausgelegt hatte, und die diese ihr zurückzuerstatten „vergaß“. Sie
-„vergaß“ es, – die Betonungen, mit denen Frau Stöhr dies Wort versah,
-waren vielfach abgestuft und sämtlich darauf berechnet, den tiefsten
-Unglauben an eine Vergeßlichkeit zu bekunden, die allen Anspielungen und
-feinen Gedächtnisstachelungen, an denen es Frau Stöhr, wie sie
-versicherte, nicht fehlen ließ, Trotz bieten zu wollen schien. Mehrfach
-verzichtete Frau Stöhr und erklärte, der Iltis die schuldige Summe zu
-schenken. „Ich zahle also für mich und für sie,“ sagte sie; „gut, nicht
-mein ist die Schande!“ Endlich aber war sie auf einen Ausweg verfallen,
-von dem sie der Tischgesellschaft zu allgemeiner Heiterkeit Mitteilung
-machte: sie hatte sich die zehn Franken auf der „Verwaltung“ auszahlen
-und der Iltis in Rechnung stellen lassen, – womit die träge Schuldnerin
-denn überlistet und wenigstens diese Sache ins gleiche gebracht war.
-
-Es hatte zu schneien aufgehört. Teilweise öffnete der Himmel sich;
-graublaue Wolken, die sich geschieden, ließen Sonnenblicke einfallen,
-die die Landschaft bläulich färbten. Dann wurde es völlig heiter. Klarer
-Frost herrschte, reine, gesicherte Winterspracht um Mitte November, und
-das Panorama hinter den Bogen der Balkonloge, die bepuderten Wälder, die
-weichgefüllten Schlüfte, das weiße, sonnige Tal unter dem
-blaustrahlenden Himmel war herrlich. Abends gar, wenn der fast gerundete
-Mond erschien, verzauberte sich die Welt und ward wunderbar.
-Kristallisches Geflimmer, diamantnes Glitzern herrschte weit und breit.
-Sehr weiß und schwarz standen die Wälder. Die dem Monde fernen
-Himmelsgegenden lagen dunkel, mit Sternen bestickt. Scharfe, genaue und
-intensive Schatten, die wirklicher und bedeutender schienen als die
-Dinge selbst, fielen von den Häusern, den Bäumen, den Telegraphenstangen
-auf die blitzende Fläche. Es hatte sieben oder acht Grad Frost ein paar
-Stunden nach Sonnenuntergang. In eisige Reinheit schien die Welt
-gebannt, ihre natürliche Unsauberkeit zugedeckt und erstarrt im Traum
-eines phantastischen Todeszaubers.
-
-Hans Castorp hielt sich bis spät in die Nacht in seiner Balkonloge über
-dem verwunschenen Wintertal, weit länger als Joachim, der sich um zehn,
-oder doch nicht viel später, zurückzog. Sein vorzüglicher Liegestuhl mit
-dem dreiteiligen Polster und der Nackenrolle war nahe an das
-Holzgeländer gerückt, auf dem ein Kissen von Schnee sich hinzog; auf dem
-weißen Tischchen daneben brannte die elektrische Lampe und stand neben
-einem Stapel Bücher ein Glas fetter Milch, die Abendmilch, die allen
-Bewohnern des „Berghofs“ noch um neun Uhr aufs Zimmer gebracht wurde,
-und in die Hans Castorp sich einen Schuß Kognak goß, um sie sich
-mundgerechter zu machen. Schon hatte er alle verfügbaren Schutzmittel
-gegen die Kälte aufgeboten, den ganzen Apparat. Bis über die Brust stak
-er in dem knöpfbaren Pelzsack, den er in einem einschlägigen Geschäft
-des Kurorts rechtzeitig erstanden, und hatte um diesen die beiden
-Kamelhaardecken nach dem Ritus geschlagen. Dazu trug er über dem
-Winteranzug seine kurze Pelzjacke, auf dem Kopf eine wollene Mütze,
-Filzstiefel an den Füßen und an den Händen dickgefütterte Handschuhe,
-die aber freilich das Erstarren der Finger nicht hindern konnten.
-
-Was ihn so lange draußen hielt, bis gegen und über Mitternacht (wenn das
-schlechte Russenpaar die Nachbarloge längst verlassen hatte), war wohl
-auch der Zauber der Winternacht, zumal sich bis elf Uhr Musik darein
-wob, die von näher und ferner her aus dem Tale heraufdrang, –
-hauptsächlich aber Trägheit und Angeregtheit, beides zugleich und im
-Verein: nämlich die Trägheit und bewegungsfeindliche Müdigkeit seines
-Körpers und die beschäftigte Angeregtheit seines Geistes, der über
-gewissen neuen und fesselnden Studien, auf die der junge Mann sich
-eingelassen, nicht zur Ruhe kommen wollte. Die Witterung setzte ihm zu,
-der Frost wirkte anstrengend und konsumierend auf seinen Organismus. Er
-aß viel, nutzte die gewaltigen Berghofmahlzeiten, bei denen auf
-garniertes Roastbeef gebratene Gänse folgten, mit jenem übergewöhnlichen
-Appetit, der hier durchaus und im Winter, wie sich zeigte, noch mehr als
-im Sommer, an der Tagesordnung war. Gleichzeitig beherrschte ihn
-Schlafsucht, so daß er bei Tage wie an den mondlichten Abenden über den
-Büchern, die er wälzte, und die wir kennzeichnen werden, oftmals
-einschlief, um nach einigen Minuten der Bewußtlosigkeit seine
-Forschungen fortzusetzen. Lebhaftes Sprechen – und er neigte hier mehr
-als ehemals im Tiefland zu schnellem, rückhaltlosem und selbst gewagtem
-Plaudern – lebhaftes Sprechen also mit Joachim während ihrer Dienstgänge
-im Schnee erschöpfte ihn sehr; Schwindel und Zittern, ein Gefühl von
-Betäubung und Trunkenheit kam ihn an, und sein Kopf stand in Hitze.
-Seine Kurve war angestiegen seit Einfall des Winters, und Hofrat Behrens
-hatte etwas von Injektionen fallen lassen, die er bei hartnäckiger
-Übertemperatur anzuwenden pflegte, und denen zwei Drittel der Gäste,
-auch Joachim, sich regelmäßig zu unterziehen hatten. Mit der
-gesteigerten Wärmeerzeugung seines Körpers aber, dachte Hans Castorp,
-hatte gewiß die geistige Erregung und Rührigkeit zu tun, die ihn an
-ihrem Teil bis tief in die glitzernde Frostnacht auf seinem Liegestuhl
-festhielt. Die Lektüre, die ihn fesselte, legte ihm solche Erklärungen
-nah.
-
-Es wurde nicht wenig gelesen auf den Liegehallen und Privatbalkons des
-internationalen Sanatoriums „Berghof“, – namentlich von Anfängern und
-Kurzfristigen; denn die Vielmonatigen oder gar Mehrjährigen hatten
-längst gelernt, auch ohne Zerstreuung und Beschäftigung des Kopfes die
-Zeit zu vernichten und kraft inneren Virtuosentums hinter sich zu
-bringen, ja, sie erklärten es für das Ungeschick von Stümpern, sich
-dabei an ein Buch zu klammern. Allenfalls möge man eines auf dem Schoß
-oder dem Beitischchen liegen haben, das genüge vollauf, sich versorgt zu
-fühlen. Die Anstaltsbücherei, polyglott und an Bilderwerken reich, der
-erweiterte Unterhaltungsbestand eines zahnärztlichen Wartezimmers, bot
-sich der freien Benutzung an. Romanbände aus der Leihbibliothek von
-„Platz“ wurden ausgetauscht. Dann und wann trat ein Buch, eine Schrift
-auf, um die man sich riß, nach der auch die nicht mehr Lesenden mit nur
-erheucheltem Phlegma die Hände streckten. Zu dem Zeitpunkt, wo wir
-halten, ging ein schlecht gedrucktes Heft von Hand zu Hand, das Herr
-Albin eingeführt hatte und das „Die Kunst, zu verführen“ betitelt war.
-Es war sehr wörtlich aus dem Französischen übersetzt, ja selbst die
-Syntax dieser Sprache war in der Übertragung beibehalten, wodurch der
-Vortrag viel Haltung und prickelnde Eleganz gewann, und entwickelte
-die Philosophie der Leibesliebe und Wollust im Geist eines
-weltmännisch-lebensfreundlichen Heidentums. Frau Stöhr hatte es bald
-gelesen und fand es „berauschend“. Frau Magnus, dieselbe, die Eiweiß
-verlor, pflichtete ihr rückhaltlos bei. Ihr Gatte, der Bierbrauer,
-wollte für seine Person bei der Lektüre manches profitiert haben,
-bedauerte aber, daß Frau Magnus die Schrift in sich aufgenommen, denn
-dergleichen „verhätschele“ die Frauen und bringe ihnen unbescheidene
-Begriffe bei. Diese Äußerung verstärkte die Begierde nach dem Buchwerk
-nicht wenig. Zwischen zwei im Oktober zugereisten Damen der unteren
-Liegehalle, Frau Redisch, der Gattin eines polnischen Industriellen und
-einer gewissen Witwe Hessenfeld aus Berlin, von denen jede behauptete,
-sie habe sich vor der anderen zur Lektüre gemeldet, kam es nach dem
-Diner zu einer mehr als unerquicklichen, eigentlich gewalttätigen Szene,
-der Hans Castorp in seiner Balkonloge zuzuhören hatte, und die mit einem
-hysterischen Schreikrampf einer der beiden Damen – es konnte die
-Redisch, konnte aber auch die Hessenfeld sein – und der Verbringung der
-Wuterkrankten auf ihr Zimmer endigte. Die Jugend hatte sich des
-Traktates früher bemächtigt als die reiferen Jahrgänge. Sie studierte es
-teilweise gemeinsam nach dem Souper auf verschiedenen Zimmern. Hans
-Castorp sah, wie der Junge mit dem Fingernagel es im Speisesaal einer
-jungen, frisch eingetroffenen Leichtkranken, Fränzchen Oberdank,
-einhändigte, einem blond gescheitelten Haustöchterchen, das erst
-kürzlich von seiner Mutter heraufgebracht worden war.
-
-Vielleicht gab es Ausnahmen, vielleicht solche, die die Stunden des
-Liegedienstes mit irgendeiner ernsten geistigen Beschäftigung, einem
-irgendwie förderlichen Studium erfüllten, sei es auch nur, um dadurch
-eine Verbindung mit dem Leben der Ebene zu bewahren oder der Zeit ein
-wenig Schwere und Tiefgang, damit sie nicht reine Zeit und sonst
-überhaupt nichts sei, zu verleihen. Vielleicht war außer Herrn
-Settembrini, mit seinen Bestrebungen, die Leiden auszumerzen, und dem
-ehrliebenden Joachim mit seinen russischen Übungsbüchern, noch dieser
-und jener, der es so hielt, wenn nicht unter den Insassen des
-Speisesaals, was wirklich unwahrscheinlich war, so möglicherweise gerade
-unter den Bettlägrigen und Moribunden – Hans Castorp war geneigt, es zu
-glauben. Ihn selbst angehend, so hatte er sich seinerzeit, da _Ocean
-steamships_ ihm nichts mehr zu sagen hatte, zusammen mit seinem
-Winterbedarf, auch einige in seinen Lebensberuf einschlagende Bücher,
-Ingenieur-Wissenschaftliches, Schiffsbautechnisches, von zuhause
-heraufkommen lassen. Diese Bände lagen aber vernachlässigt zugunsten
-anderer, einer ganz verschiedenen Sparte und Fakultät angehöriger
-Lehrwerke, zu deren Materie der junge Hans Castorp Lust gefaßt. Es waren
-solche der Anatomie, Physiologie und Lebenskunde, abgefaßt in
-verschiedenen Sprachen, auf deutsch, französisch und englisch, und sie
-wurden ihm eines Tages vom Buchhändler des Ortes heraufgeschickt,
-offenbar, weil er sie bestellt hatte, und zwar auf eigene Hand,
-stillschweigend, gelegentlich eines Spazierganges, den er ohne Joachim
-(da dieser gerade zur Injektion oder zum Wiegen bestellt gewesen) nach
-„Platz“ hinunter gemacht hatte. Joachim sah die Bücher mit Überraschung
-in seines Vetters Händen. Sie waren teuer gewesen, wie wissenschaftliche
-Werke sind; die Preise standen noch an den Innenseiten der Deckel und
-auf den Umschlägen vermerkt. Er fragte, warum Hans Castorp sie sich
-nicht, wenn er dergleichen schon lesen wolle, vom Hofrat geliehen habe,
-der diese Literatur doch sicher in guter Auswahl besitze. Aber Hans
-Castorp erwiderte, er wolle sie selber besitzen, es sei ein ganz anderes
-Lesen, wenn das Buch einem gehöre; auch liebe er es, mit dem Bleistift
-dareinzufahren und anzustreichen. Stundenlang hörte Joachim in seines
-Vetters Loge das Geräusch, mit dem das Papiermesser die Blätter
-broschierter Bogen trennt.
-
-Die Bände waren schwer, unhandlich; Hans Castorp stützte sie im Liegen
-mit dem unteren Rande gegen die Brust, den Magen. Es drückte, aber er
-nahm das in Kauf; halboffenen Mundes ließ er seine Augen über die
-gelehrten Seiten hinuntersteigen, die fast unnötigerweise vom rötlichen
-Schein des beschirmten Lämpchens erhellt waren, da sie notfalls im
-starken Mondlicht lesbar gewesen wären, – folgte mit dem Kopf, bis sein
-Kinn auf der Brust lag, eine Haltung, worin der Lesende, bevor er das
-Gesicht zur nächsten Seite hob, wohl nachdenkend, schlummernd oder im
-Halbschlummer nachdenkend etwas verweilte. Er forschte tief, er las,
-während der Mond über das kristallisch glitzernde Hochgebirgstal seinen
-gemessenen Weg ging, von der organisierten Materie, den Eigenschaften
-des Protoplasmas, der zwischen Aufbau und Zersetzung in sonderbarer
-Seinsschwebe sich erhaltenden empfindlichen Substanz und ihrer
-Gestaltbildung aus anfänglichen, doch immer gegenwärtigen Grundformen,
-las mit dringlichem Anteil vom Leben und seinem heilig-unreinen
-Geheimnis.
-
-Was war das Leben? Man wußte es nicht. Es war sich seiner bewußt,
-unzweifelhaft, sobald es Leben war, aber es wußte nicht, was es sei.
-Bewußtsein als Reizempfindlichkeit, unzweifelhaft, erwachte bis zu einem
-gewissen Grade schon auf den niedrigsten, ungebildetsten Stufen seines
-Vorkommens, es war unmöglich, das erste Auftreten bewußter Vorgänge an
-irgendeinen Punkt seiner allgemeinen oder individuellen Geschichte zu
-binden, Bewußtsein etwa durch das Vorhandensein eines Nervensystems zu
-bedingen. Die niedersten Tierformen hatten kein Nervensystem, geschweige
-daß sie ein Großhirn gehabt hätten, doch wagte es niemand, ihnen die
-Fähigkeit der Empfindung von Reizen abzusprechen. Auch konnte man das
-Leben betäuben, dieses selbst, nicht nur besondere Organe der
-Reizempfänglichkeit, die es etwa ausbildete, nicht nur die Nerven. Man
-konnte die Reizbarkeit jedes mit Leben begabten Stoffes im Pflanzen- wie
-im Tierreich vorübergehend aufheben, konnte Eier und Samenfäden mit
-Chloroform, Chloralhydrat oder Morphium narkotisieren. Bewußtsein
-seinerselbst war also schlechthin eine Funktion der zum Leben geordneten
-Materie, und bei höherer Verstärkung wandte die Funktion sich gegen
-ihren eigenen Träger, ward zum Trachten nach Ergründung und Erklärung
-des Phänomens, das sie zeitigte, einem hoffnungsvoll-hoffnungslosen
-Trachten des Lebens nach Selbsterkenntnis, einem Sich-in-sich-Wühlen der
-Natur, vergeblich am Ende, da Natur in Erkenntnis nicht aufgehen, Leben
-im Letzten sich nicht belauschen kann.
-
-Was war das Leben? Niemand wußte es. Niemand kannte den natürlichen
-Punkt, an dem es entsprang und sich entzündete. Nichts war unvermittelt
-oder nur schlecht vermittelt im Bereiche des Lebens von jenem Punkte an;
-aber das Leben selbst erschien unvermittelt. Wenn sich etwas darüber
-aussagen ließ, so war es dies: es müsse von so hoch entwickelter Bauart
-sein, daß in der unbelebten Welt auch nicht entfernt seinesgleichen
-vorkomme. Zwischen der scheinfüßigen Amöbe und dem Wirbeltier war der
-Abstand geringfügig, unwesentlich, im Vergleiche mit dem zwischen der
-einfachsten Erscheinung des Lebens und jener Natur, die nicht einmal
-verdiente, tot genannt zu werden, weil sie unorganisch war. Denn der Tod
-war nur die logische Verneinung des Lebens; zwischen Leben und
-unbelebter Natur aber klaffte ein Abgrund, den die Forschung vergebens
-zu überbrücken strebte. Man mühte sich, ihn mit Theorien zu schließen,
-die er verschlang, ohne an Tiefe und Breite im geringsten dadurch
-einzubüßen. Man hatte sich, um ein Bindeglied zu finden, zu dem
-Widersinn der Annahme strukturloser Lebensmaterie, unorganisierter
-Organismen herbeigelassen, die in der Eiweißlösung von selbst
-zusammenschössen, wie der Kristall in der Mutterlauge, – während doch
-organische Differenziertheit zugleich Vorbedingung und Äußerung alles
-Lebens blieb, und während kein Lebewesen aufzuweisen war, das nicht
-einer Elternzeugung sein Dasein verdankt hätte. Das Ende des Jubels, mit
-dem man den Urschleim aus den äußersten Tiefen des Meeres gefischt
-hatte, war Beschämung gewesen. Es zeigte sich, daß man Gipsniederschläge
-für Protoplasma gehalten. Um aber nicht vor einem Wunder haltmachen zu
-müssen – denn das Leben, das aus denselben Stoffen sich aufbaute und in
-dieselben Stoffe zerfiel wie die unorganische Natur, wäre, unvermittelt,
-ein Wunder gewesen –, war man trotzdem genötigt, an Urzeugung, das hieß
-an die Entstehung des Organischen aus dem Unorganischen, zu glauben, die
-übrigens ebenfalls ein Wunder war. So fuhr man fort, Zwischenstufen und
-Übergänge zu ersinnen, das Dasein von Organismen anzunehmen, die
-niedriger standen, als alle bekannten, ihrerseits aber noch
-ursprünglichere Lebensversuche der Natur zu Vorläufern hatten, Probien,
-die niemand je sehen würde, da sie sich unter aller mikroskopischen
-Größe hielten, und vor deren gedachter Entstehung die Synthese von
-Eiweißverbindungen sich vollzogen haben mußte ...
-
-Was war also das Leben? Es war Wärme, das Wärmeprodukt formerhaltender
-Bestandlosigkeit, ein Fieber der Materie, von welchem der Prozeß
-unaufhörlicher Zersetzung und Wiederherstellung unhaltbar verwickelt,
-unhaltbar kunstreich aufgebauter Eiweißmolekel begleitet war. Es war das
-Sein des eigentlich Nicht-sein-Könnenden, des nur in diesem
-verschränkten und fiebrigen Prozeß von Zerfall und Erneuerung mit
-süß-schmerzlich-genauer Not auf dem Punkte des Seins Balancierenden. Es
-war nicht materiell, und es war nicht Geist. Es war etwas zwischen
-beidem, ein Phänomen, getragen von Materie, gleich dem Regenbogen auf
-dem Wasserfall und gleich der Flamme. Aber wiewohl nicht materiell, war
-es sinnlich bis zur Lust und zum Ekel, die Schamlosigkeit der
-selbstempfindlich-reizbar gewordenen Materie, die unzüchtige Form des
-Seins. Es war ein heimlich-fühlsames Sichregen in der keuschen Kälte des
-Alls, eine wollüstig-verstohlene Unsauberkeit von Nährsaugung und
-Ausscheidung, ein exkretorischer Atemhauch von Kohlensäure und üblen
-Stoffen verborgener Herkunft und Beschaffenheit. Es war das durch
-Überausgleich seiner Unbeständigkeit ermöglichte und in eingeborene
-Bildungsgesetze gebannte Wuchern, Sichentfalten und Gestaltbilden von
-etwas Gedunsenem aus Wasser, Eiweiß, Salz und Fetten, welches man
-Fleisch nannte, und das zur Form, zum hohen Bilde, zur Schönheit wurde,
-dabei jedoch der Inbegriff der Sinnlichkeit und der Begierde war. Denn
-diese Form und Schönheit war nicht geistgetragen, wie in den Werken der
-Dichtung und Musik, auch nicht getragen von einem neutralen und
-geistverzehrten, den Geist auf eine unschuldige Art versinnlichenden
-Stoff, wie die Form und Schönheit der Bildwerke. Vielmehr war sie
-getragen und ausgebildet von der auf unbekannte Art zur Wollust
-erwachten Substanz, der organischen, verwesend-wesenden Materie selbst,
-dem riechenden Fleische ...
-
-Dem jungen Hans Castorp, der über dem glitzernden Tal in seiner von Pelz
-und Wolle gesparten Körperwärme ruhte, zeigte sich in der vom Scheine
-des toten Gestirnes erhellten Frostnacht das Bild des Lebens. Es
-schwebte ihm vor, irgendwo im Raume, entrückt und doch sinnennah, der
-Leib, der Körper, matt weißlich, ausduftend, dampfend, klebrig, die
-Haut, in aller Unreinigkeit und Makelhaftigkeit ihrer Natur, mit
-Flecken, Papillen, Gilbungen, Rissen und körnig-schuppigen Gegenden,
-überzogen von den zarten Strömen und Wirbeln des rudimentären
-Lanugoflaums. Es lehnte, abgesondert von der Kälte des Unbelebten, in
-seiner Dunstsphäre, lässig, das Haupt gekränzt mit etwas Kühlem,
-Hornigem, Pigmentiertem, das ein Produkt seiner Haut war, die Hände im
-Nacken verschränkt, und blickte unter gesenkten Lidern hervor, aus
-Augen, die eine Varietät der Lidhautbildung schief erscheinen ließ, mit
-halb geöffneten, ein wenig aufgeworfenen Lippen dem Anschauenden
-entgegen, gestützt auf das eine Bein, so daß der tragende Hüftknochen in
-seinem Fleische stark hervortrat, während das Knie des schlaffen Beins,
-leicht abgebogen, bei auf die Zehen gestelltem Fuß sich gegen die
-Innenseite des belasteten schmiegte. Es stand so, lächelnd gedreht, in
-seiner Anmut lehnend, die schimmernden Ellbogen vorwärts gespreizt, in
-der paarigen Symmetrie seines Gliederbaus, seiner Leibesmale. Dem scharf
-dünstenden Dunkel der Achselhöhlen entsprach in mystischem Dreieck die
-Nacht des Schoßes, wie den Augen die rot-epithelische Mundöffnung, den
-roten Blüten der Brust der senkrecht in die Länge gedehnte Nabel
-entsprach. Unter dem Antriebe eines Zentralorgans und im Rückenmark
-entspringender motorischer Nerven regten sich Bauch und Brustkorb, die
-Pleuroperitonealhöhle blähte sich und zog sich zusammen, der Atemhauch,
-erwärmt und befeuchtet von den Schleimhäuten des Atmungskanals, mit
-Ausscheidungsstoffen gesättigt, strömte zwischen den Lippen aus, nachdem
-er in den Luftzellen der Lunge seinen Sauerstoff an das Hämoglobin des
-Blutes zur inneren Atmung gebunden. Denn Hans Castorp verstand, daß
-dieser Lebenskörper in dem geheimnisvollen Gleichmaß seines
-blutgenährten, von Nerven, Venen, Arterien, Haarfiltern durchzweigten,
-von Lymphe durchsickerten Gliederbaus, mit seinem inneren Gerüst von
-fettmarkgefüllten Röhrenknochen, von Blatt-, Wirbel- und Wurzelknochen,
-die aus der ursprünglichen Stützsubstanz, dem Gallertgewebe, mit Hilfe
-von Kalksalzen und Leim sich befestigt hatten, um ihn zu tragen; mit den
-Kapseln und schlüpfrig geschmierten Höhlen, Bändern und Knorpeln seiner
-Gelenke, seinen mehr als zweihundert Muskeln, seinen zentralen, der
-Ernährung, Atmung, Reizmeldung und Reizentsendung dienenden
-Organbildungen, seinen Schutzhäuten, serösen Höhlen, absonderungsreichen
-Drüsen, dem Röhren- und Spaltenwerk seiner verwickelten, durch
-Leibesöffnungen in die äußere Natur mündenden Innenfläche: daß dieses
-Ich eine Lebenseinheit von hoher Ordnung war, bei weitem nicht mehr von
-der Art jener einfachsten Wesen, die mit ihrer ganzen Körperoberfläche
-atmeten, sich ernährten und sogar dachten, sondern aufgebaut aus
-Myriaden solcher Kleinorganisationen, die von einer einzigen her ihren
-Ursprung genommen, sich durch immer wiederkehrende Teilung
-vervielfältigt, sich zu verschiedenen Dienststellungen und Verbänden
-geordnet, gesondert, eigens ausgebildet und Formen hervorgetrieben
-hatten, die Bedingung und Wirkung ihres Wachstums waren.
-
-Der Leib, der ihm vorschwebte, dies Einzelwesen und Lebens-Ich war also
-eine ungeheuere Vielheit atmender und sich ernährender Individuen,
-welche, durch organische Einordnung und Sonderzweckgestaltung, des
-ichhaften Seins, der Freiheit und Lebensunmittelbarkeit in so hohem
-Grade verlustig gegangen, so sehr zu anatomischen Elementen geworden
-waren, daß die Verrichtung einiger sich einzig auf Reizempfindlichkeit
-gegen Licht, Schall, Berührung, Wärme beschränkte, andere es nur noch
-verstanden, ihre Form durch Zusammenziehung zu verändern oder
-Verdauungssekrete zu erzeugen, wieder andere zum Schutz, zur Stütze, zur
-Beförderung der Säfte oder zur Fortpflanzung einseitig ausgebildet und
-tüchtig waren. Es gab Lockerungen dieser zum hohen Ich vereinigten
-organischen Pluralität, Fälle, in denen die Vielzahl der Unterindividuen
-nur auf leichte und zweifelhafte Art zur höheren Lebenseinheit
-zusammengefaßt war. Der Studierende grübelte über der Erscheinung der
-Zellkolonien, er vernahm von Halborganismen, Algen, deren einzelne
-Zellen, nur in einen Mantel von Gallerte eingehüllt, oft weit
-voneinander lagen, mehrzellige Bildungen immerhin, die aber, zur Rede
-gestellt, nicht zu sagen gewußt hätten, ob sie als Siedelung einzelliger
-Individuen oder als Einheitswesen gewürdigt werden wollten und in ihrer
-Selbstaussage zwischen dem Ich und dem Wir wunderlich geschwankt haben
-würden. Hier wies die Natur einen Mittelstand auf zwischen der
-hochsozialen Vereinigung zahlloser Elementarindividuen zu Geweben und
-Organen einer übergeordneten Ichheit – und der freien Einzelexistenz
-dieser Einfachheiten: der vielzellige Organismus war nur eine
-Erscheinungsform des zyklischen Prozesses, in dem das Leben sich
-abspielte, und der ein Kreislauf von Zeugung zu Zeugung war. Der
-Befruchtungsakt, das geschlechtliche Verschmelzen zweier Zellenleiber,
-stand am Anfange des Aufbaues jedes pluralischen Individuums, wie er am
-Anfange jeder Generationenreihe einzeln lebender Elementargeschöpfe
-stand und zu sich selbst zurückführte. Denn dieser Akt war nachhaltig
-durch viele Geschlechter, die seiner nicht bedurften, um sich in immer
-wiederholter Teilung zu vermehren, bis ein Augenblick kam, wo die
-ungeschlechtlich entstandenen Nachkommen zur Erneuerung des
-Kopulationsgeschäftes sich wieder angehalten fanden, und der Kreis sich
-schloß. So war der vielfache Lebensstaat, entsprungen aus der
-Kernverschmelzung zweier elterlicher Zellen, das Zusammenleben vieler
-ungeschlechtlich entstandener Generationen von Zellindividuen; sein
-Wachstum war ihre Vermehrung, und der Zeugungskreis schloß sich, wenn
-Geschlechtszellen, zum Sonderzwecke der Fortpflanzung ausgebildete
-Elemente, sich in ihm hergestellt hatten und den Weg zu einer das Leben
-neu antreibenden Vermischung fanden.
-
-Ein embryologisches Volumen in die Herzgrube gestützt, verfolgte der
-junge Abenteurer die Entwicklung des Organismus von dem Augenblick an,
-wo der Samenfaden, einer von vielen und dieser zuerst, sich antreibend
-durch die peitschenden Bewegungen seines Hinterleibes, mit seiner
-Kopfspitze an die Gallerthülle des Eies stieß und sich in den
-Empfängnishügel einbohrte, den das Protoplasma der Eirinde seiner
-Annäherung entgegenwölbte. Keine Fratze und Farce war auszudenken, in
-der die Natur bei der Abwandlung dieses stehenden Herganges sich nicht
-ernstlich gefallen hätte. Es gab Tiere, bei denen das Männchen im Darm
-des Weibchens schmarotzte. Es gab andere, bei denen der Arm des
-Erzeugers der Erzeugerin durch den Rachenschlund in das Innere griff, um
-seine Sämereien dort niederzulegen, worauf er, abgebissen und
-ausgespien, allein auf seinen Fingern davonlief, zur Betörung der
-Wissenschaft, die ihn lange auf Griechisch-Latein als selbständiges
-Lebewesen ansprechen zu müssen geglaubt hatte. Hans Castorp hörte die
-Gelehrtenschulen der Ovisten und Animalculisten sich zanken, von denen
-die einen behauptet hatten, das Ei sei ein in sich vollendeter kleiner
-Frosch, Hund oder Mensch und der Samen nur der Erreger seines Wachstums,
-während die anderen im Samenfaden, der Kopf, Arme und Beine besaß, ein
-vorgebildetes Lebewesen sahen, dem das Ei nur als Nährboden diente, –
-bis man übereingekommen war, der Ei- und der Samenzelle, die aus
-ursprünglich ununterscheidbaren Fortpflanzungszellen entstanden waren,
-gleiche Verdienstlichkeit einzuräumen. Er sah den einzelligen Organismus
-des befruchteten Eies auf dem Wege, sich in einen vielzelligen
-umzuwandeln, indem es sich furchte und teilte, sah die Zellenleiber zur
-Schleimhautlamelle sich zusammenschmiegen, die Keimblase sich einstülpen
-und einen Becher und Hohlraum bilden, der das Geschäft der
-Nahrungsaufnahme und Verdauung begann. Das war die Darmlarve, das
-Urtier, die Gastrula, Grundform alles tierischen Lebens, Grundform der
-fleischgetragenen Schönheit. Ihre beiden Epithellagen, die äußere und
-die innere, das Hautsinnesblatt und das Darmdrüsenblatt, erwiesen sich
-als Primitivorgane, aus denen durch Ein- und Ausstülpungen die Drüsen,
-die Gewebe, die Sinneswerkzeuge, die Körperfortsätze sich bildeten. Ein
-Streifen des äußeren Keimblattes verdickte sich, faltete sich zur Rinne,
-schloß sich zum Nervenrohr und wurde zur Wirbelsäule, zum Gehirn. Und
-wie der fötale Schleim sich zu faserigem Bindegewebe, zu Knorpel
-befestigte, indem die Gallertzellen statt Mucin Leimsubstanz zu erzeugen
-begannen, sah er an gewissen Orten die Bindegewebszellen Kalksalze und
-Fette aus den umspülenden Säften an sich ziehen und verknöchern. Der
-Embryo des Menschen kauerte in sich gebückt, geschwänzt, von dem des
-Schweines durch nichts zu unterscheiden, mit ungeheurem Bauchstiel und
-stummelhaft formlosen Extremitäten, die Gesichtslarve auf den geblähten
-Wanst gebeugt, und sein Werden erschien einer Wissenschaft, deren
-Wahrheitsvorstellung unschmeichelhaft und düster war, als die flüchtige
-Wiederholung einer zoologischen Stammesgeschichte. Vorübergehend hatte
-er Kiementaschen wie ein Roche. Es schien erlaubt oder notwendig, aus
-den Entwicklungsstadien, die er durchlief, auf den wenig humanistischen
-Anblick zu schließen, den der vollendete Mensch in Urzeiten geboten
-hatte. Seine Haut war mit zuckenden Muskeln zur Abwehr der Insekten
-ausgestattet und dicht behaart, die Ausdehnung seiner Riechschleimhaut
-gewaltig, seine abstehenden, beweglichen, am Mienenspiel lebhaft
-beteiligten Ohren zum Schallfang geschickter gewesen als gegenwärtig.
-Damals hatten seine Augen, von einem dritten, nickenden Lide geschützt,
-seitlich am Kopfe gestanden, mit Ausnahme des dritten, dessen Rudiment
-die Zirbeldrüse war, und das die oberen Lüfte zu überwachen vermocht
-hatte. Dieser Mensch hatte außerdem ein sehr langes Darmrohr, viele
-Mahlzähne und Schallsäcke am Kehlkopf zum Brüllen besessen und auch die
-männlichen Geschlechtsdrüsen im Innern des Bauchraumes getragen.
-
-Die Anatomie enthäutete und präparierte unserem Forscher die Gliedmaßen
-des Menschenleibes, sie zeigte ihm ihre oberflächlichen und ihre tiefen,
-hinteren Muskeln, Sehnen und Bänder: diejenigen der Schenkel, des Fußes
-und namentlich der Arme, des Ober- und Unterarms, lehrte ihn die
-lateinischen Namen, mit denen die Medizin, diese Abschattung des
-humanistischen Geistes, sie nobler- und galanterweise benannt und
-unterschieden hatte, und ließ ihn vordringen bis zum Skelett, dessen
-Ausbildung ihm neue Gesichtspunkte lieferte, unter denen die Einheit
-alles Menschlichen, die Beschlossenheit aller Disziplinen darin sich
-betrachten ließ. Denn hier fand er sich aufs merkwürdigste an seinen
-eigentlichen – oder muß man sagen: früheren – Beruf, die
-wissenschaftliche Charge erinnert, als deren Zugehöriger er bei seiner
-Ankunft hier oben sich den Begegnenden (Herrn Dr. Krokowski, Herrn
-Settembrini) vorgestellt hatte. Um irgendetwas zu lernen – es war recht
-gleichgültig gewesen, was –, hatte er auf Hochschulen dies und das von
-Statik, von biegungsfähigen Stützen, von Belastung und von der
-Konstruktion als einer vorteilhaften Bewirtschaftung des mechanischen
-Materials gelernt. Es wäre wohl kindlich gewesen, zu meinen, daß die
-Ingenieurwissenschaften, die Regeln der Mechanik auf die organische
-Natur Anwendung gefunden hätten, aber ebensowenig konnte man sagen, daß
-sie davon abgeleitet worden seien. Sie fanden sich einfach darin
-wiederholt und bekräftigt. Das Prinzip des Hohlzylinders herrschte im
-Bau der langen Röhrenknochen dergestalt, daß mit dem genauen Minimum von
-solider Substanz den statischen Ansprüchen Genüge geschah. Ein Körper,
-hatte Hans Castorp gelernt, der den Anforderungen gemäß, die durch Zug
-und Druck an ihn gestellt werden sollen, nur aus Stäben und Bändern
-eines mechanisch brauchbaren Materials zusammengesetzt wird, kann
-dieselbe Belastung ertragen wie ein massiver Körper des gleichen
-Stoffes. So auch ließ bei der Entstehung der Röhrenknochen sich
-verfolgen, wie, schritthaltend mit der Bildung kompakter Substanz an
-ihrer Oberfläche, die inneren Teile, da sie mechanisch unnötig
-wurden, sich in Fettgewebe, das gelbe Mark, verwandelten. Der
-Oberschenkelknochen war ein Kran, bei dessen Konstruktion die organische
-Natur durch die Richtung, die sie den Knochenbälkchen gegeben, auf ein
-Haar die gleichen Zug- und Druckkurven ausgeführt hatte, die Hans
-Castorp bei der graphischen Darstellung eines so in Anspruch genommenen
-Gerätes korrekterweise einzutragen gehabt hätte. Er sah es mit
-Wohlgefallen, denn er fand sich zum Femur, oder zur organischen Natur
-überhaupt, nun schon in dreierlei Verhältnis stehen: dem lyrischen, dem
-medizinischen und dem technischen, – so groß war seine Angeregtheit; und
-diese drei Verhältnisse, fand er, waren eines im Menschlichen, sie waren
-Abwandlungen eines und desselben dringlichen Anliegens, humanistische
-Fakultäten ...
-
-Bei alldem blieben die Leistungen des Protoplasmas ganz unerklärlich,
-dem Leben schien es verwehrt, sich selbst zu begreifen. Die Mehrzahl der
-biochemischen Vorgänge war nicht nur unbekannt, sondern es lag in ihrer
-Natur, sich der Einsicht zu entziehen. Man wußte von dem Aufbau, der
-Zusammensetzung der Lebenseinheit, die man die „Zelle“ nannte, fast
-nichts. Was half es, die Bestandteile des toten Muskels aufzuweisen? Der
-lebende ließ sich chemisch nicht untersuchen; schon jene Veränderungen,
-die die Totenstarre hervorrief, genügten, um alles Experimentieren
-nichtssagend zu machen. Niemand verstand den Stoffwechsel, niemand das
-Wesen der Nervenfunktion. Welchen Eigenschaften verdankten die
-schmeckenden Körper ihren Geschmack? Worin bestand die verschiedenartige
-Erregung gewisser Sinnesnerven durch die Riechstoffe? Worin die
-Riechbarkeit überhaupt? Der spezifische Geruch der Tiere und Menschen
-beruhte auf der Verdunstung von Substanzen, die niemand zu nennen gewußt
-hätte. Die Zusammensetzung des Sekrets, das man Schweiß nannte, war
-wenig geklärt. Die Drüsen, die es absonderten, erzeugten Aromata, die
-unter Säugetieren zweifellos eine wichtige Rolle spielten, und über
-deren Bedeutung beim Menschen man nicht unterrichtet zu sein erklärte.
-Die physiologische Bedeutung offenbar wichtiger Teile des Körpers war in
-Dunkel gehüllt. Man konnte den Blinddarm beiseite lassen, der ein
-Mysterium war, und den man beim Kaninchen regelmäßig mit einem breiigen
-Inhalt angefüllt fand, von dem nicht zu sagen war, wie er wieder
-hinausgelangen oder sich erneuern mochte. Aber was hatte es auf sich mit
-der weißen und grauen Substanz des Kopfmarks, was mit dem Sehhügel, der
-mit dem Optikus kommunizierte, und mit den grauen Einlagerungen der
-„Brücke“? Die Hirn- und Rückenmarksubstanz war dermaßen zersetzlich, daß
-keine Hoffnung bestand, je ihren Aufbau zu ergründen. Was enthob beim
-Einschlafen die Großhirnrinde ihrer Tätigkeit? Was hinderte die
-Selbstverdauung des Magens, die sich bei Leichen in der Tat zuweilen
-ereignete? Man antwortete: das Leben; eine besondere Widerstandskraft
-des lebenden Protoplasmas, – und tat, als bemerke man nicht, daß das
-eine mystische Erklärung war. Die Theorie einer so alltäglichen
-Erscheinung wie des Fiebers war widerspruchsvoll. Der gesteigerte
-Stoffumsatz hatte erhöhte Wärmeproduktion zur Folge. Aber warum
-steigerte sich nicht, wie sonst, kompensatorisch die Wärmeausgabe?
-Beruhte die Lähmung der Schweißsekretion auf Kontraktionszuständen der
-Haut? Aber nur bei Fieberfrost waren solche nachweisbar, denn sonst war
-die Haut vielmehr heiß. Der „Wärmestich“ kennzeichnete das
-Zentralnervensystem als Sitz der Ursachen für den erhöhten Umsatz wie
-für eine Hautbeschaffenheit, die man abnorm zu nennen sich begnügte, da
-man sie nicht zu bestimmen wußte.
-
-Aber was bedeutete all dieses Unwissen im Vergleich mit der
-Ratlosigkeit, in der man vor Erscheinungen wie der des Gedächtnisses
-oder jenes weiteren und erstaunlicheren Gedächtnisses stand, das die
-Vererbung erworbener Eigenschaften hieß? Die Unmöglichkeit, auch nur die
-Ahnung einer mechanischen Erklärbarkeit solcher Leistungen der
-Zellsubstanz zu fassen, war vollkommen. Der Samenfaden, der zahllose und
-verwickelte Art- und Individualeigenschaften des Vaters auf das Ei
-übertrug, war nur mikroskopisch sichtbar, und auch die stärkste
-Vergrößerung reichte nicht hin, ihn anders denn als homogenen Körper
-erscheinen zu lassen und die Bestimmung seiner Abkunft zu ermöglichen;
-denn bei einem Tier sah er aus wie beim anderen. Das waren
-Organisationsverhältnisse, die zu der Annahme zwangen, daß es sich mit
-der Zelle nicht anders verhielt als mit dem höheren Leib, den sie
-aufbaute; daß also auch sie schon ein übergeordneter Organismus war, der
-seinerseits und wiederum sich aus lebenden Teilungskörpern,
-individuellen Lebenseinheiten zusammensetzte. Man schritt also vom
-angeblich Kleinsten zum abermals Kleineren vor, man löste notgedrungen
-das Elementare in Unterelemente auf. Kein Zweifel, wie das Tierreich aus
-verschiedenen Spezies von Tieren, wie der tierisch-menschliche
-Organismus aus einem ganzen Tierreich von Zellenspezies, so bestand
-derjenige der Zelle aus einem neuen und vielfältigen Tierreich
-elementarer Lebenseinheiten, deren Größe tief unter der Grenze des
-mikroskopisch Sichtbaren lag, die selbsttätig wuchsen, selbsttätig, nach
-dem Gesetz, daß jede nur ihresgleichen hervorbringen konnte, sich
-vermehrten und nach dem Grundsatz der Arbeitsteilung gemeinsam der
-nächsthöheren Lebensordnung dienten.
-
-Das waren die Genen, die Bioblasten, die Biophoren, – Hans Castorp war
-erfreut, in der Frostnacht ihre namentliche Bekanntschaft zu machen. Nur
-fragte er sich in seiner Angeregtheit, wie es bei abermals verbesserter
-Beleuchtung um ihre Elementarnatur bestellt sein mochte. Da sie Leben
-trugen, mußten sie organisiert sein, denn Leben beruhte auf
-Organisation; wenn sie aber organisiert waren, so konnten sie nicht
-elementar sein, denn ein Organismus ist nicht elementar, er ist
-vielfach. Sie waren Lebenseinheiten unterhalb der Lebenseinheit der
-Zelle, die sie organisch aufbauten. Wenn dem aber so war, so mußten sie,
-obgleich über alle Begriffe klein, selber „aufgebaut“, und zwar
-organisch, als Lebensordnung, „aufgebaut“ sein; denn der Begriff der
-Lebenseinheit war identisch mit dem des Aufbaues aus kleineren,
-untergeordneten, das hieß: zu höherem Leben geordneten Lebenseinheiten.
-Solange die Teilung organische Einheiten ergab, die die Eigenschaften
-des Lebens, nämlich die Fähigkeiten der Assimilation, des Wachstums und
-der Vermehrung besaßen, waren ihr keine Grenzen gesetzt. Solange von
-Lebenseinheiten die Rede war, konnte nur fälschlich von
-Elementareinheiten die Rede sein, denn der Begriff der Einheit umschloß
-_ad infinitum_ den Mitbegriff der untergeordnet-aufbauenden Einheit, und
-elementares Leben, also etwas, was schon Leben, aber noch elementar war,
-gab es nicht.
-
-Aber obschon ohne logische Existenz, mußte zuletzt dergleichen irgendwie
-wirklich sein, denn die Idee der Urzeugung, das hieß: der Entstehung des
-Lebens aus dem Nichtlebenden, war ja nicht von der Hand zu weisen, und
-jene Kluft, die man in der äußeren Natur vergebens zu schließen suchte,
-die nämlich zwischen Leben und Leblosigkeit, mußte sich im organischen
-Inneren der Natur auf irgendeine Weise ausfüllen oder überbrücken.
-Irgendwann mußte die Teilung zu „Einheiten“ führen, die, zwar
-zusammengesetzt, aber noch nicht organisiert, zwischen Leben und
-Nichtleben vermittelten, Molekülgruppen, den Übergang bildend zwischen
-Lebensordnung und bloßer Chemie. Allein beim chemischen Molekül
-angekommen, fand man sich bereits in der Nähe eines Abgrundes, der weit
-mysteriöser gähnte als der zwischen organischer und unorganischer Natur:
-nahe dem Abgrund zwischen dem Materiellen und dem Nichtmateriellen. Denn
-das Molekül setzte sich ja aus Atomen zusammen, und das Atom war bei
-weitem nicht mehr groß genug, um auch nur als außerordentlich klein
-bezeichnet werden zu können. Es war dermaßen klein, eine derart winzige,
-frühe und übergängliche Ballung des Unstofflichen, des noch nicht
-Stofflichen, aber schon Stoffähnlichen, der Energie, daß es kaum schon
-oder kaum noch als materiell, vielmehr als Mittel und Grenzpunkt
-zwischen dem Materiellen und dem Immateriellen gedacht werden mußte. Das
-Problem einer anderen Urzeugung, weit rätselhafter und abenteuerlicher
-noch als die organische, warf sich auf: der Urzeugung des Stoffes aus
-dem Unstofflichen. In der Tat verlangte die Kluft zwischen Materie und
-Nichtmaterie ebenso dringlich, ja noch dringlicher nach Ausfüllung als
-die zwischen organischer und anorganischer Natur. Notwendig mußte es
-eine Chemie des Immateriellen geben, unstoffliche Verbindungen, aus
-denen das Stoffliche entsprang, wie die Organismen aus unorganischen
-Verbindungen entsprangen, und die Atome mochten die Probien und Moneren
-der Materie darstellen, – stofflich ihrer Natur nach und auch wieder
-noch nicht. Aber angelangt beim „nicht einmal mehr klein“, entglitt der
-Maßstab; „nicht einmal mehr klein“, das galt bereits soviel wie
-„ungeheuer groß“; und der Schritt zum Atom erwies sich ohne Übertreibung
-als im höchsten Grade verhängnisvoll. Denn im Augenblick letzter
-Zerteilung und Verwinzigung des Materiellen tat sich plötzlich der
-astronomische Kosmos auf!
-
-Das Atom war ein energiegeladenes kosmisches System, worin Weltkörper
-rotierend um ein sonnenhaftes Zentrum rasten, und durch dessen Ätherraum
-mit Lichtjahrgeschwindigkeit Kometen fuhren, welche die Kraft des
-Zentralkörpers in ihre exzentrischen Bahnen zwang. Das war so wenig nur
-ein Vergleich, wie es nur ein solcher war, wenn man den Leib der
-vielzelligen Wesen einen „Zellenstaat“ nannte. Die Stadt, der Staat, die
-nach dem Prinzip der Arbeitsteilung geordnete soziale Gemeinschaft war
-dem organischen Leben nicht nur zu vergleichen, sie wiederholte es. So
-wiederholte sich im Innersten der Natur, in weitester Spiegelung, die
-makrokosmische Sternenwelt, deren Schwärme, Haufen, Gruppen, Figuren,
-bleich vom Monde, zu Häupten des vermummten Adepten über dem
-frostglitzernden Tale schwebten. War es unerlaubt, zu denken, daß
-gewisse Planeten des atomischen Sonnensystems – dieser Heere und
-Milchstraßen von Sonnensystemen, die die Materie aufbauten, – daß also
-einer oder der andere dieser innerweltlichen Weltkörper sich in einem
-Zustande befand, der demjenigen entsprach, der die Erde zu einer
-Wohnstätte des _Lebens_ machte? Für einen im Zentrum etwas beschwipsten
-jungen Adepten von „abnormer“ Hautbeschaffenheit, der im Gebiete des
-Unerlaubten ja nicht mehr all und jeder Erfahrung entbehrte, war das
-eine nicht nur nicht ungereimte, sondern sogar bis zur Aufdringlichkeit
-sich nahelegende, höchst einleuchtende Spekulation von logischem
-Wahrheitsgepräge. Die „Kleinheit“ der innerweltlichen Sternkörper wäre
-ein sehr unsachgemäßer Einwand gewesen, denn der Maßstab von Groß und
-Klein war spätestens damals abhanden gekommen, als der kosmische
-Charakter der „kleinsten“ Stoffteile sich offenbart hatte, und die
-Begriffe des Außen und Innen hatten nachgerade gleichfalls in ihrer
-Standfestigkeit gelitten. Die Welt des Atoms war ein Außen, wie
-höchstwahrscheinlich der Erdenstern, den wir bewohnten, organisch
-betrachtet, ein tiefes Innen war. Hatte nicht die träumerische Kühnheit
-eines Forschers von „Milchstraßentieren“ gesprochen, – kosmischen
-Ungeheuern, deren Fleisch, Bein und Gehirn sich aus Sonnensystemen
-aufbaute? War dem aber so, wie Hans Castorp dachte, dann fing in dem
-Augenblick, da man geglaubt hatte, zu Rande gekommen zu sein, das Ganze
-von vorn an! Dann lag vielleicht im Innersten und Aberinnersten seiner
-Natur er selbst, der junge Hans Castorp, noch einmal, noch hundertmal,
-warm eingehüllt, in einer Balkonloge mit Aussicht in die mondhelle
-Hochgebirgsfrostnacht und studierte mit erstarrten Fingern und heißem
-Gesicht aus humanistisch-medizinischer Anteilnahme das Körperleben?
-
-Die pathologische Anatomie, von der er einen Band seitlich in den roten
-Schein seines Tischlämpchens hielt, belehrte ihn durch einen Text, der
-mit Abbildungen durchsetzt war, über das Wesen der parasitischen
-Zellvereinigung und der Infektionsgeschwülste. Diese waren Gewebsformen
-– und zwar besonders üppige Gewebsformen –, hervorgerufen durch das
-Eindringen fremdartiger Zellen in einen Organismus, der sich für sie
-aufnahmelustig erwiesen hatte und ihrem Gedeihen auf irgendeine Weise –
-aber man mußte wohl sagen: auf eine irgendwie liederliche Weise –
-günstige Bedingungen bot. Weniger, daß der Parasit dem umgebenden Gewebe
-Nahrung entzogen hätte; aber er erzeugte, indem er, wie jede Zelle,
-Stoff wechselte, organische Verbindungen, die sich für die Zellen des
-Wirtsorganismus als erstaunlich giftig, als unweigerlich
-verderbenbringend erwiesen. Man hatte von einigen Mikroorganismen die
-Toxine zu isolieren und in konzentriertem Zustande darzustellen
-verstanden, und es verwunderlich gefunden, in welchen geringen Dosen
-diese Stoffe, die einfach in die Reihe der Eiweißverbindungen gehörten,
-in den Kreislauf eines Tieres gebracht, die allergefährlichsten
-Vergiftungserscheinungen, reißende Verderbnis bewirkten. Das äußere
-Wesen dieser Korruption war Gewebswucherung, die pathologische
-Geschwulst, nämlich als Reaktionswirkung der Zellen auf den Reiz, den
-die zwischen ihnen angesiedelten Bazillen auf sie ausübten.
-Hirsekorngroße Knötchen bildeten sich, zusammengesetzt aus
-schleimhautgewebartigen Zellen, zwischen denen oder in denen die
-Bazillen nisteten, und von welchen einige außerordentlich reich an
-Protoplasma, riesengroß und von vielen Kernen erfüllt waren. Diese
-Lustbarkeit aber führte gar bald zum Ruin, denn nun begannen die Kerne
-der Monstrezellen zu schrumpfen und zu zerfallen, ihr Protoplasma an
-Gerinnung zugrunde zu gehen; weitere Gewebsteile der Umgebung wurden von
-der fremden Reizwirkung ergriffen; entzündliche Vorgänge griffen um sich
-und zogen die angrenzenden Gefäße in Mitleidenschaft; weiße
-Blutkörperchen wanderten, angelockt von der Unheilsstätte, herzu; das
-Gerinnungssterben schritt fort; und unterdessen hatten längst die
-löslichen Bakteriengifte die Nervenzentren berauscht, der Organismus
-stand in Hochtemperatur, mit wogendem Busen, sozusagen, taumelte er
-seiner Auflösung entgegen.
-
-So weit die Pathologie, die Lehre von der Krankheit, der Schmerzbetonung
-des Körpers, die aber, _als_ Betonung des Körperlichen, zugleich eine
-Lustbetonung war, – Krankheit war die unzüchtige Form des Lebens. Und
-das Leben für sein Teil? War es vielleicht nur eine infektiöse
-Erkrankung der Materie, – wie das, was man die Urzeugung der Materie
-nennen durfte, vielleicht nur Krankheit, eine Reizwucherung des
-Immateriellen war? Der anfänglichste Schritt zum Bösen, zur Lust und zum
-Tode war zweifellos da anzusetzen, wo, hervorgerufen durch den Kitzel
-einer unbekannten Infiltration, jene erste Dichtigkeitszunahme des
-Geistigen, jene pathologisch üppige Wucherung seines Gewebes sich
-vollzog, die, halb Vergnügen, halb Abwehr, die früheste Vorstufe des
-Substanziellen, den Übergang des Unstofflichen zum Stofflichen bildete.
-Das war der Sündenfall. Die zweite Urzeugung, die Geburt des Organischen
-aus dem Unorganischen, war nur noch eine schlimme Steigerung der
-Körperlichkeit zum Bewußtsein, wie die Krankheit des Organismus eine
-rauschhafte Steigerung und ungesittete Überbetonung seiner
-Körperlichkeit war –: nur noch ein Folgeschritt war das Leben auf dem
-Abenteuerpfade des unehrbar gewordenen Geistes, Schamwärmereflex der zur
-Fühlsamkeit geweckten Materie, die für den Erwecker aufnahmelustig
-gewesen war ...
-
-Die Bücher lagen zuhauf auf dem Lampentischchen, eins lag am Boden,
-neben dem Liegestuhl, auf der Matte der Loggia, und dasjenige, worin
-Hans Castorp zuletzt geforscht, lag ihm auf dem Magen und drückte,
-beschwerte ihm sehr den Atem, doch ohne daß von seiner Hirnrinde an die
-zuständigen Muskeln Order ergangen wäre, es zu entfernen. Er hatte die
-Seite hinunter gelesen, sein Kinn hatte die Brust erreicht, die Lider
-waren ihm über die einfachen blauen Augen gefallen. Er sah das Bild des
-Lebens, seinen blühenden Gliederbau, die fleischgetragene Schönheit. Sie
-hatte die Hände aus dem Nacken gelöst, und ihre Arme, die sie öffnete,
-und an deren Innenseite, namentlich unter der zarten Haut des
-Ellbogengelenks, die Gefäße, die beiden Äste der großen Venen, sich
-bläulich abzeichneten, – diese Arme waren von unaussprechlicher
-Süßigkeit. Sie neigte sich ihm, neigte sich zu ihm, über ihn, er spürte
-ihren organischen Duft, spürte den Spitzenstoß ihres Herzens. Heiße
-Zartheit umschlang seinen Hals, und während er, vergehend vor Lust und
-Grauen, seine Hände an ihre äußeren Oberarme legte, dorthin, wo die den
-_triceps_ überspannende, körnige Haut von wonniger Kühle war, fühlte er
-auf seinen Lippen die feuchte Ansaugung ihres Kusses.
-
-
- Totentanz
-
-Kurz nach Weihnachten starb der Herrenreiter ... Aber vorher spielte
-eben noch Weihnachten sich ab, diese beiden Festtage, oder, wenn man den
-Tag des heiligen Abends mitzählte, diese drei, denen Hans Castorp mit
-einigem Schrecken und der kopfschüttelnden Erwartung entgegengesehen
-hatte, wie sie sich hier wohl ausnehmen würden, und die dann, als
-natürliche Tage mit Morgen, Mittag, Abend und mittlerer Zufallswitterung
-(es taute etwas), auch nicht anders, als andere ihrer Gattung,
-heraufgekommen und verblichen waren: – äußerlich ein wenig geschmückt
-und ausgezeichnet, hatten sie während der ihnen zugemessenen Frist ihre
-Bewußtseinsherrschaft in den Köpfen und Herzen der Menschen geübt und
-waren unter Zurücklassung eines Niederschlages unalltäglicher Eindrücke
-zu naher und fernerer Vergangenheit geworden ...
-
-Der Sohn des Hofrates, Knut mit Namen, kam auf Ferienbesuch und wohnte
-bei seinem Vater im Seitenflügel, – ein hübscher, junger Mann, dem aber
-ebenfalls schon der Nacken etwas zu sehr heraustrat. Man spürte die
-Anwesenheit des jungen Behrens in der Atmosphäre; die Damen legten
-Lachlust, Putzsucht und Reizbarkeit an den Tag, und in ihren Gesprächen
-handelte es sich um Begegnungen mit Knut im Garten, im Walde oder im
-Kurhausviertel. Übrigens erhielt er selbst Besuch: eine Anzahl seiner
-Universitätskameraden kam in das Tal herauf, sechs oder sieben
-Studenten, die im Orte wohnten, aber beim Hofrat die Mahlzeiten nahmen
-und, zum Trupp verbunden, mit ihrem Kommilitonen die Gegend
-durchstreiften. Hans Castorp mied sie. Er mied diese jungen Leute und
-wich ihnen mit Joachim aus, wenn es nötig war, unlustig, ihnen zu
-begegnen. Den Zugehörigen Derer hier oben trennte eine Welt von diesen
-Sängern, Wanderern und Stöckeschwingern, er wollte von ihnen nichts
-hören und wissen. Außerdem schienen die meisten von ihnen aus dem Norden
-zu stammen, womöglich waren Landsleute darunter, und Hans Castorp fühlte
-die größte Scheu vor Landsleuten, oft erwog er mit Widerwillen die
-Möglichkeit, daß irgendwelche Hamburger im „Berghof“ eintreffen könnten,
-zumal Behrens gesagt hatte, diese Stadt stelle der Anstalt immer ein
-stattliches Kontingent. Vielleicht befanden sich welche unter den
-Schweren und Moribunden, die man nicht sah. Zu sehen war nur ein
-hohlwangiger Kaufmann, der seit ein paar Wochen am Tische der Iltis saß,
-und der aus Cuxhaven sein sollte. Hans Castorp freute sich im Hinblick
-auf ihn, daß man mit Nicht-Tischgenossen hierorts so schwer in Berührung
-kam, und ferner darüber, daß sein Heimatsgebiet groß und sphärenreich
-war. Die gleichgültige Anwesenheit dieses Kaufmanns entkräftete in hohem
-Grade die Besorgnisse, die er an das Vorkommen von Hamburgern hier oben
-geknüpft hatte.
-
-Der heilige Abend also näherte sich, stand eines Tages vor der Tür und
-hatte am nächsten Tage Gegenwart gewonnen ... Es waren noch reichlich
-sechs Wochen bis zu ihm gewesen, damals, als Hans Castorp sich gewundert
-hatte, daß man hier schon von Weihnachten sprach: so viel Zeit also
-noch, rechnerisch genommen, wie die ganze Dauer seines Aufenthalts nach
-ihrer ursprünglichen Veranschlagung, zusammen mit der Dauer seiner
-Bettlägrigkeit betragen hatte. Trotzdem war das damals eine große Menge
-Zeit gewesen, namentlich die erste Hälfte, wie es Hans Castorp
-nachträglich schien, – während die rechnerisch gleiche Menge jetzt sehr
-wenig bedeutete, beinahe nichts: die im Speisesaal, so fand er nun,
-hatten recht gehabt, sie so gering zu achten. Sechs Wochen, nicht einmal
-so viele also, wie die Woche Tage hatte: was war auch das in Anbetracht
-der weiteren Frage, was denn so eine Woche, so ein kleiner Rundlauf vom
-Montag zum Sonntag und wieder Montag war. Man brauchte nur immer nach
-Wert und Bedeutung der nächstkleineren Einheit zu fragen, um zu
-verstehen, daß bei der Summierung nicht viel herauskommen konnte, deren
-Wirkung überdies und zugleich ja auch eine sehr starke Verkürzung,
-Verwischung, Schrumpfung und Zernichtung war. Was war ein Tag, gerechnet
-etwa von dem Augenblick an, wo man sich zum Mittagessen setzte, bis zu
-dem Wiedereintritt dieses Augenblicks in vierundzwanzig Stunden? Nichts,
-– obgleich es doch vierundzwanzig Stunden waren. Was war denn aber auch
-eine Stunde, verbracht etwa in der Liegekur, auf einem Spaziergang oder
-beim Essen, – womit die Möglichkeiten, diese Einheit zu verbringen, so
-gut wie erschöpft waren? Wiederum nichts. Aber die Summierung des Nichts
-war wenig ernst ihrer Natur nach. Am ernstesten wurde die Sache, wenn
-man ins Kleinste stieg: jene sieben mal sechzig Sekunden, während derer
-man das Thermometer zwischen den Lippen hielt, um die Kurve fortführen
-zu können, waren überaus zählebig und gewichtig; sie weiteten sich zu
-einer kleinen Ewigkeit, bildeten Einlagerungen von höchster Solidität in
-dem schattenhaften Huschen der großen Zeit ...
-
-Das Fest vermochte die Lebensordnung der Berghofbewohner kaum zu stören.
-Eine wohlgewachsene Tanne war schon einige Tage zuvor an der rechten
-Schmalseite des Speisesaals, beim Schlechten Russentisch, aufgerichtet
-worden, und ihr Duft, der durch den Brodem der reichen Gänge hindurch
-die Speisenden zuweilen berührte, rief etwas wie Nachdenklichkeit in den
-Augen einzelner Personen an den sieben Tischen hervor. Beim Abendessen
-des 24. Dezembers zeigte der Baum sich bunt geschmückt mit Lametta,
-Glaskugeln, vergoldeten Tannenzapfen, kleinen Äpfeln, die in Netzen
-hingen, und vielerlei Konfekt, und seine farbigen Wachskerzen brannten
-während der Mahlzeit und nachher. Auch in den Zimmern der Bettlägrigen,
-hieß es, brannten Bäumchen; jedes hatte das seine. Und die Paketpost war
-reich gewesen schon in den letzten Tagen. Auch Joachim Ziemßen und Hans
-Castorp hatten Sendungen aus der fernen und tiefen Heimat bekommen,
-sorglich verpackte Bescherungen, die sie in ihren Zimmern ausgebreitet
-hatten: sinnreiche Kleidungsstücke, Krawatten, Luxusgegenstände in Leder
-und Nickel, sowie viel Festgebäck, Nüsse, Äpfel und Marzipan, – Vorräte,
-die die Vettern mit zweifelnden Blicken betrachteten, indem sie sich
-fragten, wann hier je der Augenblick kommen werde, davon zu genießen.
-Schalleen hatte Hans Castorps Paket hergestellt, wie er wußte, und auch,
-nach sachlicher Besprechung mit den Onkeln, die Geschenke besorgt. Ein
-Brief von James Tienappel lag bei, auf dickem Privatpapier, doch in
-Maschinenschrift. Der Onkel übermittelte darin des Großonkels und seine
-eigenen Fest- und Genesungswünsche und fügte aus praktischen Gründen
-gleich die nächstens fälligen Neujahrsgratulationen hinzu, wie übrigens
-auch Hans Castorp verfahren war, als er rechtzeitig seinen
-Weihnachtsbrief nebst klinischem Rapport an Konsul Tienappel liegend
-aufgesetzt hatte.
-
-Der Baum im Speisesaal brannte, knisterte, duftete und hielt in den
-Köpfen und Herzen das Bewußtsein der Stunde wach. Man hatte Toilette
-gemacht, die Herren trugen Gesellschaftsanzug, man sah an den Frauen
-Schmuckstücke, die ihnen von liebender Gattenhand aus den Ländern der
-Ebene gekommen sein mochten. Auch Clawdia Chauchat hatte den
-ortsüblichen Wollsweater gegen ein Salonkleid vertauscht, das aber einen
-Stich ins Willkürliche oder vielmehr ins Nationale hatte: es war ein
-helles, gesticktes Gürtelkostüm von bäuerlich-russischem, oder doch
-balkanischem, vielleicht bulgarischem Grundcharakter, mit kleinen
-Goldflittern besetzt, dessen Faltigkeit ihrer Erscheinung eine ungewohnt
-weiche Fülle verlieh und ausgezeichnet mit dem zusammenstimmte, was
-Settembrini ihre „tatarische Physiognomie“, insbesondere ihre
-„Steppenwolfslichter“ zu nennen beliebte. Man war sehr heiter am Guten
-Russentisch; dort zuerst knallte der Champagner, der dann fast an allen
-Tischen getrunken wurde. An dem der Vettern war es die Großtante, die
-ihn für ihre Nichte und für Marusja bestellte, und sie traktierte alle
-damit. Das Menü war gewählt, es endete mit Käsegebäck und Bonbons; man
-schloß Kaffee an und Liköre, und dann und wann rief ein aufflammender
-Tannenzweig, der Löscharbeit forderte, eine schrille, übermäßige Panik
-hervor. Settembrini, gekleidet wie immer, saß gegen Ende des Festessens
-eine Weile mit seinem Zahnstocher am Tische der Vettern, hänselte Frau
-Stöhr und sprach dann einiges über den Tischlerssohn und
-Menschheits-Rabbi, dessen Geburtstag man heute fingiere. Ob jener
-wirklich gelebt habe, sei ungewiß. Was aber damals geboren worden sei
-und seinen bis heute ununterbrochenen Siegeslauf begonnen habe, das sei
-die Idee des Wertes der Einzelseele, zusammen mit der der Gleichheit
-gewesen, – mit einem Worte die individualistische Demokratie. In diesem
-Sinne leere er das Glas, das man ihm zugeschoben. Frau Stöhr fand seine
-Ausdrucksweise „equivok und gemütlos“. Sie erhob sich unter Protest, und
-da man ohnedies die Gesellschaftsräume aufzusuchen begonnen hatte, so
-folgten die Tischgenossen ihrem Beispiel.
-
-Die Geselligkeit dieses Abends erhielt Gewicht und Leben durch die
-Überreichung der Geschenke an den Hofrat, der mit Knut und der Mylendonk
-auf eine halbe Stunde herüberkam. Die Handlung vollzog sich in dem Salon
-mit den optischen Scherzapparaten. Die Sondergabe der Russen bestand in
-etwas Silbernem, einem sehr großen, runden Teller, in dessen Mitte das
-Monogramm des Empfängers eingraviert war, und dessen vollkommene
-Unverwendbarkeit in die Augen sprang. Auf der Chaiselongue, die die
-übrigen Gäste gestiftet hatten, konnte man wenigstens liegen, obgleich
-sie noch ohne Decke und Kissen war, nur eben mit Tuch überzogen. Doch
-war ihr Kopfende verstellbar, und Behrens probierte ihre Bequemlichkeit,
-indem er sich, seinen nutzlosen Teller unter dem Arm, der Länge nach
-darauf ausstreckte, die Augen schloß und zu schnarchen begann wie ein
-Sägewerk, unter der Angabe, er sei Fafnir mit dem Hort. Der Jubel war
-allgemein. Auch Frau Chauchat lachte sehr über diese Aufführung, wobei
-ihre Augen sich zusammenzogen und ihr Mund offen stand, beides genau auf
-dieselbe Weise, so fand Hans Castorp, wie es bei Pribislav Hippe, wenn
-er lachte, der Fall gewesen war.
-
-Gleich nach dem Abgange des Chefs setzte man sich an die Spieltische.
-Die russische Gesellschaft bezog, wie immer, den kleinen Salon. Einige
-Gäste umstanden im Saale den Weihnachtsbaum, sahen dem Erlöschen der
-Lichtstümpfchen in ihren kleinen Metallhülsen zu und naschten von dem
-Aufgehängten. An den Tischen, die schon für das erste Frühstück gedeckt
-waren, saßen vereinzelte Personen, weit voneinander entfernt,
-verschiedentlich aufgestützt, in getrenntem Schweigen.
-
-Der erste Weihnachtstag war feucht und neblig. Es seien Wolken, sagte
-Behrens, in denen man sitze; Nebel gäbe es nicht hier oben. Aber Wolken
-oder Nebel, auf jeden Fall war die Nässe empfindlich. Der liegende
-Schnee taute oberflächlich an, wurde porös und klebrig. Gesicht und
-Hände erstarrten im Kurdienst weit peinlicher als bei sonnigem Frost.
-
-Der Tag war ausgezeichnet durch eine musikalische Veranstaltung am
-Abend, ein richtiges Konzert mit Stuhlreihen und gedruckten Programmen,
-das Denen hier oben vom Hause „Berghof“ geboten wurde. Es war ein
-Liederabend, gegeben von einer am Orte ansässigen und Unterricht
-erteilenden Berufssängerin mit zwei Medaillen seitlich unter dem
-Ausschnitt ihres Ballkleides, Armen, die Stöcken glichen, und einer
-Stimme, deren eigentümliche Tonlosigkeit über die Gründe ihrer
-Ansiedelung hier oben betrübende Auskunft gab. Sie sang:
-
- „Ich trage meine Minne
- mit mir herum.“
-
-Der Pianist, der sie begleitete, war ebenfalls ortsansässig ... Frau
-Chauchat saß in der ersten Reihe, benutzte jedoch die Pause, um sich
-zurückzuziehen, so daß Hans Castorp von da an der Musik (es war Musik
-unter allen Umständen) mit ruhigem Herzen lauschen konnte, indem er
-während des Gesanges den Text der Lieder mitlas, der auf dem Programm
-gedruckt stand. Eine Weile saß Settembrini an seiner Seite, verschwand
-aber ebenfalls, nachdem er über den dumpfen _bel canto_ der Ansässigen
-einiges Pralle, Plastische angemerkt und sein satirisches Behagen
-darüber ausgedrückt, daß man auch heute abend so treu und traulich unter
-sich sei. Die Wahrheit zu sagen, spürte Hans Castorp Erleichterung, als
-sie beide fort waren, die Schmaläugige und der Pädagog, und er in
-Freiheit den Liedern seine Aufmerksamkeit widmen konnte. Er fand es gut,
-daß in der ganzen Welt und noch unter den besondersten Umständen Musik
-gemacht wurde, wahrscheinlich sogar auf Polarexpeditionen.
-
-Der zweite Weihnachtstag unterschied sich durch nichts mehr, als durch
-das leichte Bewußtsein seiner Gegenwart, von einem gewöhnlichen Sonn-
-oder auch nur Wochentag, und als er vorüber war, da lag das
-Weihnachtsfest im Vergangenen, – oder, ebenso richtig, es lag wieder in
-ferner Zukunft, in jahresferner: zwölf Monate waren nun wieder bis
-dahin, wo es sich im Kreislauf erneuern würde, – schließlich nur sieben
-Monate mehr, als Hans Castorp hier schon verbracht hatte.
-
-Aber gleich nach dem diesjährigen Weihnachten, noch vor Neujahr, starb
-denn also der Herrenreiter. Die Vettern erfuhren es von Alfreda
-Schildknecht, genannt Schwester Berta, der Pflegerin des armen Fritz
-Rotbein, die ihnen das diskrete Vorkommnis auf dem Gange erzählte. Hans
-Castorp nahm eindringlich Anteil daran, teils weil die Lebensäußerungen
-des Herrenreiters zu den ersten Eindrücken gehört hatten, die er hier
-oben empfangen, – zu denen, die zuerst, wie ihm schien, den Wärmereflex
-in seiner Gesichtshaut hervorgerufen hatten, der seitdem nicht mehr
-daraus hatte weichen wollen, – teils aus moralischen, man möchte sagen:
-geistlichen Gründen. Er hielt Joachim lange im Gespräch mit der
-Diakonissin fest, die Ansprache und Austausch mit klammernder
-Dankbarkeit genoß. Es sei ein Wunder, sagte sie, daß der Herrenreiter
-das Fest noch erlebt habe. Längst habe er sich als zäher Kavalier
-erwiesen gehabt, allein womit er zuletzt noch geatmet, sei keinem
-begreiflich gewesen. Seit Tagen schon habe er sich freilich nur mit
-Hilfe gewaltiger Mengen Sauerstoffes gehalten: gestern allein habe er
-vierzig Ballons konsumiert, das Stück zu sechs Franken. Das müsse ins
-Geld gelaufen sein, wie die Herren sich ausrechnen könnten, und dabei
-sei zu bedenken, daß seine Gemahlin, in deren Armen er danach
-verschieden, völlig mittellos hinterbleibe. Joachim mißbilligte diesen
-Aufwand. Wozu die Quälerei und kostspielig künstliche Hinfristung in
-einem ganz aussichtslosen Fall? Dem Mann sei es nicht zu verargen, daß
-er das teure Lebensgas blindlings verzehrt, da man es ihm aufgenötigt
-hatte. Dagegen die Behandelnden hätten vernünftiger denken und ihn in
-Gottes Namen seines unvermeidlichen Weges ziehen lassen sollen, ganz
-abgesehen von den Verhältnissen und gar nun mit Rücksicht auf diese. Die
-Lebenden hätten doch auch ein Recht und so weiter. Dem widersprach Hans
-Castorp mit Nachdruck. Sein Vetter rede ja fast schon wie Settembrini,
-ohne Achtung und Scheu vor dem Leiden. Der Herrenreiter sei doch am Ende
-gestorben, da höre der Spaß auf, man könne nichts weiter tun, um seinen
-Ernst zu erweisen, und einem Sterbenden gebühre jeder Respekt und
-Ehrenaufwand, darauf bestehe Hans Castorp. Er wolle nur hoffen, daß
-Behrens den Herrenreiter zuletzt nicht angeschrien und pietätloserweise
-gescholten habe? Kein Anlaß, erklärte die Schildknecht. Einen kleinen,
-unbesonnenen Versuch zu entwischen habe der Herrenreiter zwar zuletzt
-noch gemacht und aus dem Bett springen wollen; aber ein leichter Hinweis
-auf die Zwecklosigkeit solchen Beginnens habe genügt, ihn ein für
-allemal davon abstehen zu lassen.
-
-Hans Castorp nahm den Verblichenen in Augenschein. Er tat es aus Trotz
-gegen das herrschende System der Verheimlichung, weil er das egoistische
-Nichts-wissen-, Nichts-sehen-und-hören-wollen der andern verachtete und
-ihm durch die Tat zu widersprechen wünschte. Bei Tische hatte er den
-Todesfall zur Sprache zu bringen versucht, war aber auf einmütige und so
-verstockte Ablehnung dieses Themas gestoßen, daß es ihn beschämt und
-empört hatte. Frau Stöhr war geradezu grob geworden. Was ihm einfalle,
-von so etwas anzufangen, hatte sie gefragt, und was er denn eigentlich
-für eine Kinderstube genossen. Die Ordnung des Hauses schütze sie, die
-Patientenschaft, sorgfältig davor, von solchen Geschichten berührt zu
-werden, und da komme nun so ein Grünschnabel und rede ganz laut davon,
-noch dazu beim Braten und dazu wieder in Gegenwart des Dr. Blumenkohl,
-den es täglich ereilen könne. (Dies hinter der Hand.) Wiederhole sich
-das, so werde sie klagbar werden. Da war es, daß der Gescholtene den
-Entschluß gefaßt und ihm auch Ausdruck verliehen hatte, für seine Person
-dem abgeschiedenen Hausgenossen durch einen Besuch und stille
-Andachtsverrichtung an seinem Lager die letzte Ehre zu erweisen, und
-auch Joachim hatte er bestimmt, das zu tun.
-
-Durch Vermittlung Schwester Alfredas erlangten sie Eintritt in das
-Sterbezimmer, das im ersten Stock unter ihren eigenen Zimmern gelegen
-war. Die Witwe empfing sie, eine kleine, zerzauste, von Nachtwachen
-mitgenommene Blonde, das Taschentuch vor dem Munde, mit roter Nase und
-in dickem Plaidmantel, dessen Kragen sie aufgestellt hatte, denn es war
-sehr kalt im Zimmer. Die Heizung war abgestellt, die Balkontür offen.
-Gedämpft sagten die jungen Leute das Erforderliche und gingen dann,
-durch eine Handbewegung schmerzlich eingeladen, durch das Zimmer zum
-Bett, – mit ehrerbietig vorwärts wiegenden Schritten gingen sie, ohne
-Benutzung der Stiefelabsätze, und standen in Betrachtung am Lager des
-Toten, ein jeder nach seiner Art: Joachim dienstlich geschlossen, in
-salutierender Halbverbeugung, Hans Castorp gelöst und versunken, die
-Hände vor sich gekreuzt, den Kopf auf der Schulter, mit einer Miene,
-ähnlich derjenigen, mit der er Musik zu hören pflegte. Des Herrenreiters
-Kopf lag hoch gebettet, so daß der Körper, dieser lange Aufbau und
-vielfache Zeugungskreis des Lebens, mit der Erhöhung der Füße am Ende
-unter der Decke, desto flacher, fast brettartig flach erschien. Ein
-Blumengewinde lag in der Gegend der Knie, und der daraus hervorragende
-Palmzweig berührte die großen, gelben, knöchernen Hände, die auf der
-eingefallenen Brust gefaltet waren. Gelb und knöchern war auch das
-Gesicht mit dem kahlen Schädel, der gehöckerten Nase, den scharfen
-Backenknochen und dem buschigen, rotblonden Schnurrbart, dessen Dicke
-die grauen, stoppligen Höhlen der Wangen noch stärker vertiefte. Die
-Augen waren auf eine gewisse unnatürlich feste Weise geschlossen, –
-zugedrückt, mußte Hans Castorp denken, nicht zugemacht: den letzten
-Liebesdienst nannte man das, obgleich es im Sinne der Überlebenden mehr,
-als um des Toten willen geschah. Auch mußte es beizeiten, gleich nach
-dem Tode geschehen; denn wenn erst die Myosinbildung in den Muskeln
-vorgeschritten war, so ging es nicht mehr, und er lag und starrte, und
-um die sinnige Vorstellung des „Schlummers“ war es getan.
-
-Sachkundig und in mehr als einer Beziehung in seinem Elemente stand Hans
-Castorp am Lager, bewandert, aber fromm. „Er scheint zu schlafen“, sagte
-er aus Menschlichkeit, obgleich große Unterschiede vorhanden waren. Und
-dann begann er mit schicklich gedämpfter Stimme ein Gespräch mit der
-Witwe des Herrenreiters, zog über die Leidensgeschichte ihres Gatten,
-seine letzten Tage und Augenblicke, den zu bewerkstelligenden Transport
-des Körpers nach Kärnten Erkundigungen ein, die von einer teils
-medizinischen, teils geistlich-sittlichen Teilnahme und Eingeweihtheit
-zeugten. Die Witwe, in ihrer österreichisch schleppenden und näselnden
-Sprechweise und zuweilen aufschluchzend, fand es bemerkenswert, daß
-junge Leute zur Beschäftigung mit fremdem Kummer sich so aufgelegt
-zeigten; worauf Hans Castorp erwiderte, sein Vetter und er, sie seien ja
-selber krank, überdies habe er, für seine Person, frühe an den
-Sterbebetten naher Angehöriger gestanden, er sei Doppelwaise, von langer
-Hand her sei ihm der Tod vertraut, sozusagen. Welchen Beruf er gewählt
-habe, fragte sie. Er antwortete, er sei Techniker „gewesen“. – Gewesen?
-– Gewesen insofern, als nun ja die Krankheit und ein noch recht
-unbestimmt begrenzter Aufenthalt hier oben dazwischengekommen sei, was
-doch einen bedeutenden Einschnitt und möglicherweise etwas wie einen
-Lebenswendepunkt darstelle, was könne man wissen. (Joachim sah ihn mit
-forschendem Schrecken an.) Und sein Herr Vetter? – Der wolle Soldat sein
-im Tieflande, er sei Offiziersaspirant. – Oh, sagte sie, das
-Kriegerhandwerk sei freilich auch ein Beruf, der zum Ernst anhalte, ein
-Soldat müsse damit rechnen, unter Umständen mit dem Tode in nahe
-Berührung zu kommen und tue wohl gut, sich frühzeitig an seinen Anblick
-zu gewöhnen. Sie beurlaubte die jungen Leute mit Dank und freundlicher
-Fassung, die Achtung erwecken mußte in Anbetracht ihrer beklommenen Lage
-und besonders der hohen Oxygenrechnung, die der Gatte zurückgelassen.
-Die Vettern kehrten in ihr Stockwerk zurück. Hans Castorp zeigte sich
-befriedigt von dem Besuch und geistlich angeregt durch die empfangenen
-Eindrücke.
-
-„_Requiescat in pace_“, sagte er. „_Sit tibi terra levis. Requiem
-aeternam dona ei, Domine._ Siehst du, wenn es sich um den Tod handelt
-und man zu Toten spricht oder von Toten, so tritt auch wieder das Latein
-in Kraft, das ist die offizielle Sprache in solchen Fällen, da merkt
-man, was für eine besondere Sache es mit dem Tode ist. Aber es ist nicht
-aus humanistischer Courtoisie, daß man Lateinisch redet zu seinen Ehren,
-die Totensprache ist kein Bildungslatein, verstehst du, sondern von
-einem ganz anderen Geist, einem ganz entgegengesetzten, kann man wohl
-sagen. Das ist Sakrallatein, Mönchsdialekt, Mittelalter, so ein dumpfer,
-eintöniger, unterirdischer Gesang gewissermaßen, – Settembrini fände
-kein Gefallen daran, es ist nichts für Humanisten und Republikaner und
-solche Pädagogen, es ist von einer anderen Geistesrichtung, der anderen,
-die es gibt. Ich finde, man muß sich klar sein über die verschiedenen
-Geistesrichtungen oder Geistesstimmungen, wie man wohl richtiger sagen
-sollte, es gibt die fromme und die freie. Sie haben beide ihre Vorzüge,
-aber was ich gegen die freie, die Settembrinische meine ich, auf dem
-Herzen habe, ist nur, daß sie die Menschenwürde so ganz in Pacht zu
-haben glaubt, das ist übertrieben. Die andere enthält auch viel
-menschliche Würde in ihrer Art und gibt Veranlassung zu einer Menge
-Wohlanstand und properer Haltung und nobler Förmlichkeit, mehr sogar als
-die ‚freie‘, obgleich sie die menschliche Schwäche und Hinfälligkeit ja
-besonders im Auge hat und der Gedanke an Tod und Verwesung eine so
-wichtige Rolle darin spielt. Hast du mal im Theater den ‚Don Carlos‘
-gesehen und wie es zuging am spanischen Hof, wenn König Philipp
-hereinkommt, ganz in Schwarz, mit dem Hosenbandorden und dem Goldenen
-Vließ, und langsam den Hut zieht, der beinahe schon aussieht wie unsere
-Melonen, – so nach oben hin zieht er ihn und sagt: ‚Bedeckt euch, meine
-Granden‘ oder so ähnlich, – im höchsten Grade gemessen ist das, darf man
-wohl sagen, von Gehenlassen und schlottrigen Sitten kann da nicht die
-Rede sein, im Gegenteil, und die Königin sagt denn ja auch: ‚In meinem
-Frankreich wars doch anders‘, natürlich, der ist es zu akkurat und
-umständlich, die möchte es fideler haben, menschlicher. Aber was heißt
-menschlich? Menschlich ist alles. Das spanisch Gottesfürchtige und
-Demütig-Feierliche und streng Abgezirkelte ist eine sehr würdige Fasson
-der Menschlichkeit, sollte ich meinen, und andererseits kann man mit dem
-Worte ‚menschlich‘ jede Schlamperei und Schlappheit zudecken, da wirst
-du mir recht geben.“
-
-„Da gebe ich dir recht,“ sagte Joachim, „Schlappheit und Gehenlassen
-kann ich natürlich auch nicht leiden, Disziplin muß sein.“
-
-„Ja, das sagst du als Militär, und ich gebe zu, beim Militär versteht
-man sich auf diese Dinge. Die Witwe hatte ganz recht, von eurem Handwerk
-zu sagen, es habe eine ernsthafte Bewandtnis damit, denn immer müßtet
-ihr mit dem äußersten Ernstfalle rechnen und damit, es mit dem Tod zu
-tun zu bekommen. Ihr habt die Uniform, die ist knapp und propper und hat
-einen steifen Kragen, das gibt euch _bienséance_. Und dann habt ihr die
-Rangordnung und den Gehorsam und erweist euch umständlich Ehre
-untereinander, das geschieht in spanischem Geiste, aus Frömmigkeit, ich
-mag es im Grunde wohl leiden. Bei uns Zivilisten sollte von diesem
-Geiste auch mehr herrschen, in unseren Sitten und unserm Gehaben, das
-wäre mir lieber, ich fände es passend. Ich finde, die Welt und das Leben
-ist danach angetan, daß man sich allgemein schwarz tragen sollte, mit
-einer gestärkten Halskrause statt eures Kragens, und ernst, gedämpft und
-förmlich miteinander verkehren im Gedanken an den Tod, – so wär es mir
-recht, es wäre moralisch. Siehst du, das ist auch so ein Irrtum und
-Eigendünkel von Settembrini, noch einer, es ist ganz gut, daß ich
-gesprächsweise mal darauf komme. Nicht bloß die Menschenwürde meint er
-in Pacht zu haben, sondern auch die Moral, – mit seiner ‚praktischen
-Lebensarbeit‘ und seinen Fortschritts-Sonntagsfeiern (als ob man nicht
-gerade Sonntags an was anderes zu denken hätte als an den Fortschritt)
-und mit seiner systematischen Ausmerzung der Leiden, wovon du übrigens
-nichts weißt, aber mir hat er zu meiner Belehrung davon erzählt, –
-systematisch will er sie ausmerzen, vermittelst eines Lexikons. Und wenn
-mir nun das gerade unmoralisch vorkommt, – was dann? Ihm sage ich es
-natürlich nicht, er redet mich ja in Grund und Boden mit seiner
-plastischen Mundart und sagt: ‚Ich warne Sie, Ingenieur!‘ Aber denken
-dürfen wird man sich ja sein Teil, – Sire, geben Sie Gedankenfreiheit.
-Ich will dir was sagen“, schloß er. (Sie waren in Joachims Zimmer
-hinaufgelangt, und Joachim machte sich zum Liegen bereit.) „Ich werde
-dir sagen, was ich mir vorgenommen habe. Man lebt hier so Tür an Tür mit
-sterbenden Leuten und mit dem schwersten Kreuz und Jammer, aber nicht
-allein, daß man so tut, als ob es einen nichts anginge, sondern man wird
-auch geschont und geschützt, daß man nur ja nicht damit in Berührung
-kommt und nichts davon sieht, und den Herrenreiter, den werden sie nun
-auch wieder heimlich auf die Seite bringen, während wir vespern oder
-frühstücken. Das finde ich unmoralisch. Die Stöhr wurde ja schon wütend,
-weil ich den Todesfall nur erwähnte, das ist mir zu albern, und wenn sie
-schon ungebildet ist und glaubt, daß ‚Leise, leise, fromme Weise‘ im
-‚Tannhäuser‘ vorkommt, wie es ihr neulich bei Tische passierte, so
-könnte sie dabei doch etwas moralischer empfinden, und die anderen auch.
-Ich habe mir nun vorgenommen, mich in Zukunft etwas mehr um die Schweren
-und Moribunden im Hause zu kümmern, das wird mir wohltun, – schon unser
-Besuch eben hat mir gewissermaßen gut getan. Der arme Reuter damals, auf
-Nr. 25, den ich in meinen ersten Tagen durch die Tür einmal sah, ist
-gewiß schon längst _ad penates_ gegangen und heimlich auf die Seite
-gebracht worden, – er hatte schon damals so übertrieben große Augen.
-Aber dafür sind andere da, das Haus ist voll, es fehlt nie an Zuzug, und
-Schwester Alfreda oder auch die Oberin oder sogar Behrens selbst werden
-uns gewiß behilflich sein, eine oder die andere Beziehung herzustellen,
-das wird sich ja unschwer machen lassen. Nimm an, jemand Moribundes hat
-Geburtstag, und wir erfahren es, – das läßt sich ja in Erfahrung
-bringen. Gut, wir schicken dem Betreffenden – oder ihr – ihm oder ihr,
-je nachdem – einen Blumentopf aufs Zimmer, eine Aufmerksamkeit von zwei
-ungenannten Kollegen, – beste Genesungswünsche, – das Wort Genesung
-bleibt höflicherweise immer am Platz. Dann werden wir dem Betreffenden
-natürlich doch genannt, und er oder sie läßt uns in ihrer Schwäche einen
-freundlichen Gruß durch die Tür sagen, und vielleicht lädt sie uns auf
-einen Augenblick ins Zimmer ein, und wir wechseln noch ein paar
-menschliche Worte mit ihm, bevor er sich auflöst. So denke ich es mir.
-Bist du nicht einverstanden? Für mein Teil hab ichs mir jedenfalls
-vorgenommen.“
-
-Joachim hatte gegen diese Absichten denn auch nicht viel zu erinnern.
-„Es ist gegen die Hausordnung,“ sagte er; „du durchbrichst sie
-gewissermaßen damit. Aber ausnahmsweise, und wenn du nun einmal den
-Wunsch hast, wird Behrens dir wohl Permeß geben, denke ich. Du kannst
-dich ja auf dein medizinisches Interesse berufen.“
-
-„Ja, unter anderem darauf“, sagte Hans Castorp; denn wirklich waren es
-verschlungene Motive, aus denen sein Wunsch erwuchs. Der Protest gegen
-den obwaltenden Egoismus war nur eines davon. Was mitsprach, war
-namentlich auch das Bedürfnis seines Geistes, Leiden und Tod ernst
-nehmen und achten zu dürfen, – ein Bedürfnis, für das er sich von der
-Annäherung an die Schweren und Sterbenden Genugtuung und Stärkung
-erhoffte, als Gegengewicht gegen vielfache Beleidigungen, denen er es
-sonst auf Schritt und Tritt, alltäglich und stündlich ausgesetzt fand,
-und durch die gewisse Urteile Settembrinis eine ihn kränkende
-Bekräftigung erfuhren. Beispiele bieten sich nur zu zahlreich an; hätte
-man Hans Castorp gefragt, er wäre vielleicht zuerst auf solche Personen
-im Hause „Berghof“ zu sprechen gekommen, die eingestandenermaßen
-überhaupt nicht krank waren und vollkommen freiwillig, unter dem
-offiziellen Vorwande leichter Angegriffenheit, in Wirklichkeit aber nur
-zu ihrem Vergnügen und weil die Lebensform der Kranken ihnen zusagte,
-hier lebten, wie die schon beiläufig erwähnte Witwe Hessenfeld, eine
-lebhafte Frau, deren Leidenschaft das Wetten war: sie wettete mit den
-Herren, wettete auf alles und um alles, wettete auf das Wetter, das
-eintreten, die Gerichte, die es geben würde, auf das Ergebnis von
-Generaluntersuchungen und darauf, wieviel Monate jemandem zugelegt
-werden würden, auf gewisse Bobs, Eisschlitten, Schlittschuh- oder
-Ski-Champions bei sportlichen Konkurrenzen, auf den Verlauf sich
-anspinnender Liebesgeschichten unter den Gästen und auf hundert andere,
-oft gänzlich unerhebliche und gleichgültige Dinge, wettete um
-Schokolade, um Champagner und Kaviar, die dann im Restaurant
-festlicherweise verzehrt wurden, um Geld, um Kinobilletts und selbst um
-Küsse, zu gebende und zu nehmende, – kurzum, sie brachte mit dieser
-ihrer Passion viel Spannung und Leben in den Speisesaal, nur daß ihr
-Treiben den jungen Hans Castorp natürlich sehr ernst nicht dünken
-wollte, ja, daß ihr bloßes Vorhandensein ihm als Beeinträchtigung der
-Würde eines Leidensortes erschien.
-
-Denn diese Würde zu schützen und vor sich selber aufrecht zu halten, war
-er im Innern treulich bestrebt, so schwer es ihm fallen mochte nach
-einem nun fast halbjährigen Aufenthalt unter Denen hier oben. Die
-Einblicke, die er nach und nach in ihr Leben und Treiben, ihre Sitten
-und Anschauungen getan, waren seinem guten Willen wenig behilflich. Da
-waren jene beiden mageren Stutzerchen, siebzehn- und achtzehnjährig und
-„Max und Moritz“ genannt, deren abendliches Aussteigen zum Zwecke des
-Pokerns und der Zechereien in Damengesellschaft dem Gerede viel Stoff
-bot. Kürzlich, das heißt etwa acht Tage nach Neujahr (denn man muß
-festhalten, daß, während wir erzählen, die Zeit in ihrer still
-strömenden Art rastlos fortschreitet), hatte sich beim Frühstück die
-Nachricht verbreitet, der Bademeister habe die beiden morgens in
-zerknitterten Gesellschaftsanzügen auf ihren Betten betroffen. Auch Hans
-Castorp lachte; aber wenn es beschämend für seinen guten Willen war, so
-war es noch gar nicht viel im Vergleich mit den Geschichten des
-Rechtsanwalts Einhuf aus Jüterbog, eines spitzbärtigen Vierzigers mit
-schwarzbehaarten Händen, der seit einiger Zeit an Stelle des genesenen
-Schweden am Tisch Settembrinis saß und nicht nur jede Nacht betrunken
-nach Hause kam, sondern dies neulich überhaupt nicht getan hatte,
-vielmehr auf der Wiese gefunden worden war. Er galt für einen
-gefährlichen Liederjahn, und Frau Stöhr konnte auf die – im Tiefland
-übrigens verlobte – junge Dame mit ihrem Finger weisen, die man zu einer
-bestimmten Stunde aus Einhufs Zimmer hatte treten sehen, bekleidet nur
-mit einem Pelz, unter dem sie nichts weiter als eine Reformhose getragen
-haben sollte. Das war skandalös, – nicht nur in allgemein moralischem
-Sinn, sondern skandalös und beleidigend für Hans Castorp persönlich, im
-Sinn seiner geistigen Bemühungen. Es kam aber hinzu, daß er an die
-Person des Rechtsanwalts nicht denken konnte, ohne auch Fränzchen
-Oberdank mit einzubeziehen, jenes glattgescheitelte Haustöchterchen, das
-vor wenigen Wochen von ihrer Mutter, einer würdigen Provinzdame,
-heraufgeleitet worden war. Fränzchen Oberdank hatte bei ihrer Ankunft
-und nach der ersten Untersuchung für leichtkrank gegolten; aber mochte
-sie Fehler begangen haben, mochte ein Fall vorliegen, in dem die Luft
-zunächst nicht sowohl _gegen_, als vor allen Dingen einmal _für_ die
-Krankheit gut gewesen war, oder mochte die Kleine in irgendwelche
-Intrigen und Aufregungen verstrickt worden sein, die ihr geschadet
-hatten: vier Wochen nach ihrem Eintritt geschah es, daß sie, von einer
-neuen Untersuchung kommend, beim Betreten des Speisesaals ihr
-Handtäschchen in die Luft warf und mit heller Stimme ausrief: „Hurra,
-ein Jahr muß ich bleiben!!“ – worüber im ganzen Saal ein homerisches
-Gelächter sich verbreitet hatte. Aber vierzehn Tage später war die
-Nachricht in Umlauf gekommen, daß Rechtsanwalt Einhuf an Fränzchen
-Oberdank wie ein Schurke gehandelt habe. Übrigens kommt dieser Ausdruck
-auf unsere Rechnung oder allenfalls auf die Hans Castorps; denn den
-Trägern der Nachricht schien diese ihrem Wesen nach wohl nicht neu
-genug, um zu so starken Worten anzuregen. Auch gaben sie achselzuckend
-zu verstehen, daß zu solchen Geschichten ja zweie gehörten, und daß
-vermutlich nichts gegen Wunsch und Willen eines Beteiligten geschehen
-sei. Wenigstens war dies Frau Stöhrs Verhalten und sittliche Stimmung in
-fraglicher Angelegenheit.
-
-Karoline Stöhr war entsetzlich. Wenn irgend etwas den jungen Hans
-Castorp in seinen redlich gemeinten geistigen Bemühungen störte, so war
-es das Sein und Wesen dieser Frau. Ihre beständigen Bildungsschnitzer
-hätten genügt. Sie sagte „Agonje“ statt „Todeskampf“; „insolvent“, wenn
-sie jemandem Frechheit zum Vorwurf machte, und gab über die
-astronomischen Vorgänge, die eine Sonnenfinsternis zeitigen, den
-greulichsten Unsinn zum besten. Mit den liegenden Schneemassen, sagte
-sie, sei es „eine wahre Kapazität“; und eines Tages setzte sie Herrn
-Settembrini in lang andauerndes Erstaunen durch die Mitteilung, sie lese
-zur Zeit ein der Anstaltsbibliothek entnommenes Buch, das ihn angehe,
-nämlich „Benedetto Cenelli in der Übersetzung von Schiller“! Sie liebte
-Redensarten, die dem jungen Hans Castorp, ihrer Abgeschmacktheit und
-modisch ordinären Verbrauchtheit wegen, auf die Nerven gingen, wie zum
-Beispiel: „Das ist die Höhe!“ oder: „Du ahnst es nicht!“ Und da die
-Bezeichnung „blendend“, die das Modemaul lange Zeit für „glänzend“ oder
-„vorzüglich“ gebraucht hatte, sich als gänzlich ausgelaugt, entkräftet,
-prostituiert und sohin veraltet erwies, so warf sie sich auf das
-Neueste, nämlich das Wort „verheerend“, und fand nun, im Ernst oder
-höhnischerweise, alles „verheerend“, die Schlittenbahn, die Mehlspeise
-und ihre eigene Leibeswärme, was ebenfalls ekelhaft anmutete. Hinzu kam
-ihre Klatschsucht, die unmäßig war. Mochte sie immerhin erzählen, Frau
-Salomon trage heute die kostbarste Spitzenwäsche, denn sie sei zur
-Untersuchung bestellt und ziere sich dabei vor den Ärzten mit feinem
-Unterzeug: – es hatte seine Richtigkeit damit, Hans Castorp selbst hatte
-den Eindruck gewonnen, daß die Prozedur der Untersuchung, unabhängig von
-ihrem Ergebnis, den Damen Vergnügen bereite, und daß sie sich kokett
-dafür schmückten. Aber was sollte man zu Frau Stöhrs Versicherung sagen,
-Frau Redisch aus Posen, die im Verdacht tuberkulösen Rückenmarks stehe,
-müsse wöchentlich einmal zehn Minuten lang vollständig nackt vor Hofrat
-Behrens im Zimmer hin und her marschieren? Die Unwahrscheinlichkeit
-dieser Behauptung kam fast ihrer Anstößigkeit gleich, aber Frau Stöhr
-verfocht und beschwor sie aufs äußerste, – obgleich schwer begreiflich
-erschien, wie die Arme auf Dinge, wie diese, so viel Eifer, Nachdruck
-und Rechthaberei verwenden mochte, da ihre eigensten Angelegenheiten ihr
-schwer zu schaffen machten. Denn zwischendurch suchten Anfälle von
-feiger und weinerlicher Besorgnis sie heim, deren Anlaß ihre angeblich
-zunehmende „Schlaffheit“ oder das Ansteigen ihrer Kurve war. Sie kam
-schluchzend zu Tisch, die spröden roten Backen von Tränen überströmt und
-heulte in ihr Taschentuch, daß Behrens sie in ihr Bett schicken wolle,
-sie aber wolle wissen, was er hinter ihrem Rücken gesagt habe, was ihr
-fehle, wie es um sie stehe, sie wolle der Wahrheit ins Auge sehen! Zu
-ihrem Entsetzen hatte sie eines Tages bemerkt, daß ihr Bett mit dem
-Fußende in der Richtung der Haustür stehe und erlitt fast Krämpfe dieser
-Entdeckung wegen. Man verstand ihre Wut, ihr Grauen nicht ohne weiteres,
-Hans Castorp im besonderen verstand sich nicht gleich darauf. Nun und?
-Wieso? Warum das Bett nicht stehen solle, wie es stehe? – Aber ob er, um
-Gottes willen, denn nicht begreife! „_Die Füße voran ...!_“ Sie schlug
-verzweifelten Lärm, und sofort mußte das Bett umgestellt werden,
-obgleich sie fortan vom Kissen ins Licht sah, was ihren Schlaf
-beeinträchtigte.
-
-Das alles war unernst; es kam Hans Castorps geistigen Bedürfnissen sehr
-wenig entgegen. Ein schreckhafter Zwischenfall, der sich um diese Zeit
-während einer Mahlzeit ereignete, machte besonderen Eindruck auf den
-jungen Mann. Ein noch neuer Patient, der Lehrer Popów, ein magerer und
-stiller Mensch, der mit seiner ebenfalls mageren und stillen Braut am
-Guten Russentisch Platz gefunden hatte, erwies sich, da eben das Essen
-in vollem Gange war, als epileptisch, indem er einen krassen Anfall
-dieser Art erlitt, mit jenem Schrei, dessen dämonischer und
-außermenschlicher Charakter oft geschildert worden ist, zu Boden stürzte
-und neben seinem Stuhle unter den scheußlichsten Verrenkungen mit Armen
-und Beinen um sich schlug. Erschwerend wirkte, daß es ein Fischgericht
-war, das eben gereicht worden, so daß zu befürchten stand, Popów möchte
-in seiner Krampfverzückung an einer Gräte Schaden nehmen. Der Aufruhr
-war unbeschreiblich. Die Damen, Frau Stöhr voran, aber ohne daß etwa die
-Frauen Salomon, Redisch, Hessenfeld, Magnus, Iltis, Levi und wie sie nun
-heißen mochten, ihr etwas nachgegeben hätten, wurden von den
-verschiedensten Zuständen betreten, so daß einige es Herrn Popów fast
-gleichtaten. Ihre Schreie gellten. Man sah nichts als zugekrampfte
-Augen, offene Münder und verdrehte Oberkörper. Eine einzelne gab stiller
-Ohnmacht den Vorzug. Erstickungsanfälle, da jedermann von dem wilden
-Ereignis im Kauen und Schlucken überrascht worden war, spielten sich ab.
-Ein Teil der Tischgesellschaft suchte durch die verfügbaren Ausgänge das
-Weite, auch durch die Verandatüren, obgleich es draußen sehr naßkalt
-war. Es trug aber der ganze Vorfall ein eigentümliches und außer seiner
-Entsetzlichkeit auch anstößiges Tonzeichen, und zwar vermöge einer
-allgemein sich aufdrängenden Ideenverbindung, die an den jüngsten
-Vortrag Dr. Krokowskis anknüpfte. Der Analytiker war nämlich bei seinen
-Ausführungen über die Liebe als krankheitbildende Macht gerade am
-letzten Montag auf die Fallsucht zu reden gekommen und hatte dies
-Leiden, worin die Menschheit in voranalytischen Zeiten abwechselnd eine
-heilige, ja prophetische Heimsuchung und eine Teufelsbesessenheit
-gesehen, mit halb poetischen, halb unerbittlich wissenschaftlichen
-Worten als Äquivalent der Liebe und Orgasmus des Gehirns angesprochen,
-kurz, es in einem solchen Sinne verdächtigt, daß seine Zuhörer die
-Aufführung des Lehrers Popów, diese Illustration des Vortrags, als wüste
-Offenbarung und mysteriösen Skandal verstehen mußten, so daß denn auch
-in dem verhüllten Entfliehen der Damen eine gewisse Schamhaftigkeit sich
-ausdrückte. Der Hofrat selbst war bei der Mahlzeit zugegen, und er war
-es, der, zusammen mit der Mylendonk und einigen jungen, handfesten
-Tafelgenossen, den Ekstatiker, blau, schäumend, steif und verzerrt, wie
-er war, aus dem Saal in die Halle schaffte, wo man die Ärzte, die Oberin
-und anderes Personal noch längere Zeit an dem Sinnlosen hantieren sah,
-der dann auf einer Bahre davongetragen wurde. Ganz kurze Zeit danach
-aber sah man Herrn Popów stillvergnügt, in Gesellschaft seiner ebenfalls
-stillvergnügten Braut, wieder am Guten Russentisch sitzen und, als sei
-nichts geschehen, sein Mittagessen beenden!
-
-Hans Castorp hatte dem Ereignis mit den äußeren Zeichen respektvollen
-Schreckens beigewohnt, im Grunde aber mutete auch dies ihn nicht ernst
-an, Gott mochte ihm helfen. Popów hätte an seinem Fischbissen freilich
-ersticken können, aber in Wirklichkeit war er ja nicht erstickt, sondern
-hatte, bei aller bewußtlosen Wut und Lustbarkeit, im Stillsten wohl
-dennoch ein wenig achtgegeben. Nun saß er heiter, aß fertig und tat, als
-habe er sich nie wie ein Berserker und rasender Trunkenbold benommen,
-erinnerte sich gewiß auch nicht daran. Auch seine Erscheinung aber war
-nicht danach angetan, Hans Castorps Ehrfurcht vor dem Leiden zu stärken;
-auch sie, in ihrer Art, vermehrte die Eindrücke unernster
-Liederlichkeit, denen er sich widerstrebend hier oben ausgesetzt fand,
-und denen er durch eine den herrschenden Sitten widersprechende nähere
-Beschäftigung mit den Schweren und Moribunden entgegenzuwirken wünschte.
-
-Auf der Etage der Vettern, nicht weit von ihren Zimmern, lag ein ganz
-junges Mädchen, Leila Gerngroß mit Namen, die den Mitteilungen Schwester
-Alfredas zufolge im Begriffe war, zu sterben. Sie hatte binnen zehn
-Tagen vier heftige Blutungen erlitten, und ihre Eltern waren
-heraufgekommen, um sie vielleicht noch lebend heimzubringen; doch schien
-das nicht angängig: der Hofrat verneinte die Transportfähigkeit der
-armen kleinen Gerngroß. Sie war sechzehn-, siebzehnjährig. Hans Castorp
-sah hier die rechte Gelegenheit, seinen Plan mit dem Blumentopf und den
-Genesungswünschen zu verwirklichen. Zwar hatte Leila jetzt nicht
-Geburtstag, würde diesen auch, menschlicher Voraussicht nach, nicht mehr
-erleben, da er, wie Hans Castorp ausgekundschaftet, erst in das Frühjahr
-fiel; doch brauchte das seiner Entscheidung nach kein Hindernis für eine
-solche barmherzige Huldigung zu sein. Auf einem Mittagsgange in die
-Gegend des Kurhauses trat er mit seinem Vetter in einen Blumenladen,
-dessen erdig-feuchte und duftüberladene Atmosphäre er mit bewegter Brust
-einatmete, und erstand einen hübschen Hortensienstock, den er ohne
-Namensnennung, mit einer Karte, auf der nur „Von zwei Hausgenossen, mit
-besten Genesungswünschen“ geschrieben stand, der kleinen Moribunden aufs
-Zimmer zu schicken Weisung gab. Er handelte freudig, angenehm benommen
-vom Pflanzenbrodem, der lauen Wärme des Ortes, die nach der Außenkälte
-seine Augen tränen ließ, mit klopfendem Herzen und einem Gefühl der
-Abenteuerlichkeit, Kühnheit, Förderlichkeit seines unscheinbaren
-Unternehmens, dem er insgeheim eine symbolische Tragweite beimaß.
-
-Leila Gerngroß genoß keine Privatpflege, sondern unterstand unmittelbar
-der Fürsorge Fräulein von Mylendonks und der Ärzte; aber Schwester
-Alfreda ging bei ihr aus und ein, und sie erstattete den jungen Leuten
-Bericht über die Wirkung ihrer Aufmerksamkeit. Die Kleine, in der
-aussichtslosen Beschränktheit ihres Zustandes, hatte sich kindisch
-gefreut über den fremden Gruß. Die Pflanze stand an ihrem Bett, sie
-liebkoste sie mit Blicken und Händen, sorgte, daß man sie begoß, und
-hing selbst noch bei den schlimmsten Hustenanfällen, die sie
-heimsuchten, mit ihren gequälten Augen an ihr. Ihre Eltern, Major außer
-Diensten Gerngroß und Frau, waren ebenfalls gerührt und erfreut gewesen,
-und da sie, ohne jede Bekanntschaft im Hause, die Geber zu erraten nicht
-einmal versuchen konnten, so hatte die Schildknecht, wie sie gestand,
-sich nicht enthalten können, die Anonymität zu lüften und die Vettern
-als Spender namhaft zu machen. Sie überbrachte ihnen die Bitte der drei
-Gerngroß um Vorstellung und Dankesentgegennahme, und so traten die
-beiden denn übernächsten Tages, von der Diakonissin geführt, auf
-Zehenspitzen in Leilas Leidenskammer ein.
-
-Die Sterbende war ein überaus liebreizendes blondes Geschöpf mit genau
-vergißmeinnichtblauen Augen, das trotz furchtbarer Blutverluste und
-einer Atmung, die nur vermittelst eines ganz unzulänglichen
-Restbestandes von tauglichem Lungengewebe geschah, einen zwar zarten,
-aber eigentlich nicht elenden Anblick bot. Sie dankte und plauderte mit
-etwas tonarmer, aber angenehmer Stimme. Ein rosiger Schein erstand auf
-ihren Wangen und verharrte dort. Hans Castorp, der gegen die anwesenden
-Eltern und sie seine Handlungsweise so erläutert, wie man es erwartete,
-und sich gewissermaßen entschuldigt hatte, sprach gedämpft und bewegt,
-mit zärtlicher Ehrerbietung. Es fehlte nicht viel – der innere Antrieb
-dazu war jedenfalls vorhanden –, daß er sich vor dem Bett auf ein Knie
-niedergelassen hätte, und lange hielt er Leilas Hand in der seinen fest,
-obgleich dies heiße Händchen nicht nur feucht, sondern geradezu naß war,
-denn des Kindes Schweißsekretion war übermäßig; beständig verausgabte
-sie so viel Wasser, daß ihr Fleisch schon längst hätte eingeschnurrt und
-vertrocknet sein müssen, wenn nicht der gierigste Konsum von Limonade,
-von der auch eine Karaffe voll auf ihrem Nachttische stand, der
-Transsudation ungefähr die Wage gehalten hätte. Die Eltern, gramvoll,
-wie sie waren, hielten mit Erkundigungen über die persönlichen Umstände
-der Vettern und anderen konversationellen Mitteln die kurze Unterhaltung
-nach menschlicher Gesittung aufrecht. Der Major war ein breitschultriger
-Mann mit niedriger Stirn und gesträubtem Schnurrbart, – ein Hüne, dessen
-organische Unschuld an der Disposition und Aufnahmelustigkeit des
-Töchterchens in die Augen stach. Schuld daran war offensichtlich
-vielmehr seine Frau, eine kleine Person von entschieden phthisischem
-Typus, deren Gewissen denn auch dieser Mitgift wegen belastet schien.
-Als nämlich Leila nach zehn Minuten Ermüdungs- oder vielmehr
-Überreizungszeichen gab (das Rosenrot ihrer Wangen erhöhte sich, während
-ihre Vergißmeinnichtaugen beunruhigend glänzten), und die Vettern, von
-Schwester Alfreda mit den Blicken dazu gemahnt, sich verabschiedeten,
-geleitete Frau Gerngroß sie bis vor die Tür und erging sich dabei in
-Selbstanklagen, die Hans Castorp sonderbar ergriffen. Von ihr, von ihr
-allein komme es, versicherte sie zerknirscht; von ihr nur könne das arme
-Kind es haben, ihr Mann sei völlig unbeteiligt daran, habe nicht das
-geringste damit zu tun. Aber auch sie, könne sie versichern, habe nur
-ganz vorübergehend damit zu tun gehabt, nur ein bißchen und obenhin,
-ganz kurze Zeit, als junges Mädchen. Dann habe sie es überwunden, ganz
-und gar, wie ihr bezeugt worden sei, denn sie habe heiraten wollen, so
-gern heiraten und leben, und es sei ihr gelungen, ganz ausgeheilt und
-genesen sei sie in die Ehe getreten mit ihrem lieben, baumstarken Mann,
-der seinerseits nie auch nur entfernt an solche Geschichten gedacht
-habe. Aber so rein und stark er sei, – er habe das Unglück doch nicht
-verhindern können mit seinem Einfluß. Denn bei dem Kinde, da sei das
-Schreckliche, das Begrabene und Vergessene wieder zum Vorschein
-gekommen, und es werde nicht fertig damit, es gehe zugrunde daran,
-während sie, die Mutter, darüber hinweggekommen und in ein gefestetes
-Alter getreten sei, – es sterbe, das arme, liebe Ding, die Ärzte gäben
-keine Hoffnung mehr, und sie allein sei schuld daran mit ihrem Vorleben.
-
-Die jungen Leute suchten sie zu trösten, machten Worte über die
-Möglichkeit einer glücklichen Wendung. Aber die Majorin schluchzte nur
-auf und dankte ihnen jedenfalls nochmals für alles, für die Hortensie
-und dafür, daß sie das Kind durch ihren Besuch noch ein wenig zerstreut
-und beglückt. Da läge die Ärmste in ihrer Qual und Einsamkeit, während
-andere junge Dinger sich ihres Lebens freuten und mit hübschen jungen
-Herren tanzten, wozu die Krankheit doch keineswegs die Lust ertöte. Sie
-hätten ihr ein wenig Sonnenschein gebracht, mein Gott, wohl den letzten.
-Die Hortensie sei wie ein Ballerfolg und das Geplauder mit den beiden
-stattlichen Kavalieren wie ein netter kleiner Flirt für sie gewesen, das
-habe sie, Mutter Gerngroß, wohl gesehen.
-
-Hiervon war Hans Castorp nun peinlich berührt, besonders da die Majorin
-das Wort „Flirt“ obendrein nicht richtig, das heißt nicht englisch,
-sondern mit deutschem i ausgesprochen hatte, was ihn maßlos irritierte.
-Auch war er kein stattlicher Kavalier, sondern hatte die kleine
-Leila aus Protest gegen den herrschenden Egoismus und in
-medizinisch-geistlicher Meinung besucht. Kurz, er war etwas verstimmt
-über den letzten Ausgang der Sache, soweit die Auffassung der Majorin in
-Frage kam, sonst aber sehr belebt und angetan von der Durchführung des
-Unternehmens. Namentlich zwei Eindrücke: die erdigen Düfte des
-Blumenladens und die Nässe von Leilas Händchen waren ihm davon in Seele
-und Sinn zurückgeblieben. Und da ein Anfang gemacht war, verabredete er
-noch gleichen Tages mit Schwester Alfreda einen Besuch bei ihrem
-Pflegling Fritz Rotbein, der sich nebst seiner Pflegerin so schrecklich
-langweilte, obgleich ihm, wenn nicht alle Zeichen trogen, nur noch eine
-ganz kurze Weile beschieden war.
-
-Es half dem guten Joachim nichts, er mußte mithalten. Hans Castorps
-Antrieb und charitativer Unternehmungsgeist war stärker als seines
-Vetters Abneigung, welche dieser höchstens durch Schweigen und
-Niederschlagen der Augen geltend machen konnte, da er sie, ohne Mangel
-an Christentum zu bekunden, nicht zu begründen gewußt hätte. Hans
-Castorp sah das sehr wohl und zog seinen Nutzen daraus. Er verstand auch
-genau den militärischen Sinn dieser Unlust. Aber wenn er selbst sich nun
-doch belebt und beglückt fühlte durch solche Unternehmungen, und wenn
-sie ihm förderlich schienen? Dann mußte er über Joachims stillen
-Widerstand eben hinwegschreiten. Er erwog mit ihm, ob man auch dem
-jungen Fritz Rotbein Blumen schicken oder bringen könne, obgleich dieser
-Moribundus männlichen Geschlechtes war. Er wünschte sehr, es zu tun;
-Blumen, fand er, gehörten dazu; der Streich mit der Hortensie, die
-violett und wohlgeformt gewesen war, hatte ihm ausnehmend gefallen; und
-so entschied er denn, daß Rotbeins Geschlecht durch seinen finalen
-Zustand ausgeglichen werde, und daß er, um Blumenspenden
-entgegenzunehmen, auch nicht Geburtstag zu haben brauche, da Sterbende
-ohne weiteres und in Permanenz wie Geburtstagskinder zu behandeln seien.
-So gesonnen, suchte er mit dem Vetter denn wieder die erdig-warme
-Duftatmosphäre des Blumengeschäftes auf und trat bei Herrn Rotbein mit
-einem frisch besprengten und duftenden Rosen-, Nelken- und
-Levkoiengebinde ein, geführt von Alfreda Schildknecht, die die jungen
-Leute gemeldet hatte.
-
-Der Schwerkranke, kaum zwanzigjährig und dabei schon etwas kahl und grau
-auf dem Kopf, wächsern und abgezehrt, mit großen Händen, großer Nase und
-großen Ohren, zeigte sich zu Tränen dankbar für Zuspruch und
-Zerstreuung, – wirklich weinte er aus Schwäche etwas, als er die beiden
-begrüßte und das Bukett entgegennahm, kam dann aber, im Anschluß an
-dieses, sofort, wenn auch nur mit fast flüsternder Stimme, auf den
-europäischen Blumenhandel und seine immer noch zunehmende
-Schwunghaftigkeit zu sprechen, auf den gewaltigen Export der Gärtnereien
-von Nizza und Cannes, die Waggonladungen und Postsendungen, die von
-diesen Orten täglich nach allen Seiten ausgingen, auf die Engrosmärkte
-von Paris und Berlin und die Versorgung Rußlands. Denn er war Kaufmann,
-und in dieser Richtung lagen seine Interessen, solange er eben am Leben
-war. Sein Vater, der Koburger Puppenfabrikant, hatte ihn zu seiner
-Ausbildung nach England geschickt, so flüsterte er, und dort war er
-erkrankt. Man hatte aber sein fiebriges Leiden als typhös betrachtet und
-dementsprechend behandelt, das hieß: ihn auf Wassersuppendiät gesetzt,
-wodurch er so sehr heruntergekommen sei. Hier oben habe er essen dürfen,
-und er habe es getan: im Schweiße seines Angesichts habe er im Bette
-gesessen und sich zu nähren gesucht. Allein es sei zu spät gewesen, sein
-Darm sei leider in Mitleidenschaft gezogen, vergebens schicke man ihm
-von zu Hause Zunge und Spickaal, er vertrage nichts mehr. Nun sei sein
-Vater im Anreisen von Koburg, von Behrens telegraphisch berufen. Denn es
-solle ja nun ein entscheidender Eingriff, die Rippenresektion, bei ihm
-vorgenommen werden, man wolle es jedenfalls damit versuchen, obgleich
-die Chancen verschwindend seien. Rotbein flüsterte sehr sachlich
-hierüber und nahm auch die Frage der Operation durchaus von der
-geschäftlichen Seite, – solange er eben lebte, würde er die Dinge unter
-diesem Gesichtswinkel betrachten. Der Kostenpunkt, flüsterte er, sei,
-die Rückenmarksanästhesie mit eingerechnet, auf tausend Franken fixiert,
-denn so gut wie der ganze Brustkorb käme in Betracht, sechs bis acht
-Rippen, und es frage sich nun, ob das eine irgendwie lohnende Anlage
-sein werde. Behrens rede ihm zu, aber sein Interesse sei eindeutig,
-während das seine zweifelhaft scheine und man nicht wissen könne, ob er
-nicht klüger täte, ruhig mit seinen Rippen zu sterben.
-
-Es war schwer, ihm zu raten. Die Vettern meinten, man müsse die
-hervorragende chirurgische Geschicklichkeit des Hofrats bei der
-Kalkulation in Anschlag bringen. Man kam überein, die Meinung des im
-Anrollen begriffenen alten Rotbein den Ausschlag geben zu lassen. Bei
-der Verabschiedung weinte der junge Fritz wieder etwas, und obgleich es
-nur aus Schwäche geschah, standen die Tränen, die er vergoß, in
-sonderbarem Gegensatz zu der trockenen Sachlichkeit seiner Denk- und
-Sprechweise. Er bat, die Herren möchten den Besuch wiederholen, und sie
-versprachen es bereitwillig, kamen aber nicht mehr dazu. Denn da abends
-der Puppenfabrikant eingetroffen, war man am nächsten Vormittag zur
-Operation geschritten, nach welcher der junge Fritz nicht mehr
-empfangsfähig gewesen war. Und zwei Tage später sah Hans Castorp im
-Vorbeigehen mit Joachim, daß in dem Rotbeinschen Zimmer gestöbert wurde.
-Schwester Alfreda hatte mit ihrem Köfferchen Haus Berghof schon
-verlassen, da sie eilig zu einem anderen Moribundus in einer anderen
-Anstalt bestellt worden war, und seufzend, ihr Kneiferband hinter dem
-Ohr, hatte sie sich zu ihm begeben, da dies eben die Perspektive war,
-die sich ihr einzig eröffnete.
-
-Ein „verlassenes“, ein freigewordenes Zimmer, worin bei aufeinander
-getürmten Möbeln und offener Doppeltür gestöbert wurde, wie man
-bemerkte, wenn man auf dem Weg in den Speisesaal oder ins Freie daran
-vorüberkam, – war ein vielsagender, dabei aber so gewohnter Anblick, daß
-er einem kaum noch viel sagte, besonders wenn man selbst, seinerzeit,
-von einem soeben auf solche Art „freigewordenen“ und gestöberten Zimmer
-Besitz ergriffen hatte und darin heimisch geworden war. Zuweilen wußte
-man, wer auf der betreffenden Nummer gewohnt hatte, was dann immerhin zu
-denken gab: so diesmal und so auch acht Tage später, als Hans Castorp im
-Vorbeigehen das Zimmer der kleinen Gerngroß in demselben Zustand
-erblickte. In diesem Fall sträubte sein Verständnis sich beim ersten
-Augenschein gegen den Sinn der dort drinnen herrschenden Geschäftigkeit.
-Er stand und schaute, versonnen und betroffen, als eben der Hofrat des
-Weges kam.
-
-„Ich stehe hier und sehe stöbern“, sagte Hans Castorp. „Guten Tag, Herr
-Hofrat. Die kleine Leila ...“
-
-„Tja –“, antwortete Behrens und zuckte die Achseln. Nach einem
-Silentium, währenddessen diese Gebärde sich auswirkte, setzte er hinzu:
-
-„Sie haben ihr ja schnell vor Torschluß noch ganz regulär den Hof
-gemacht? Gefällt mir von Ihnen, daß Sie sich meiner Lungenpfeiferchen in
-ihren Käfigen ein bißchen annehmen, relativ rüstig wie Sie persönlich
-sind. Hübscher Zug Ihrerseits, nee, nee, lassen wir das mal seine
-Richtigkeit haben, daß es ein ganz hübscher Zug ist in Ihrem
-Charakterbild. Soll ich Sie gelegentlich ein bißchen einführen dann und
-wann? Ich habe da noch allerlei Zeisige sitzen, – wenn es Sie
-interessiert. Jetzt gehe ich zum Beispiel auf einen Sprung zu meiner
-‚Überfüllten‘. Kommen Sie mit? Ich stelle Sie einfach als teilnehmenden
-Leidensgenossen vor.“
-
-Hans Castorp sagte, der Hofrat habe ihm das Wort vom Munde genommen und
-ihm genau das angeboten, um was er ihn eben habe bitten wollen. Dankbar
-mache er Gebrauch von der Erlaubnis und schließe sich an. Aber wer das
-denn sei, die „Überfüllte“, und wie er den Namen verstehen solle.
-
-„Wörtlich“, sagte der Hofrat. „Ganz präzise und unmetaphorisch. Lassen
-Sie sichs von ihr selber erzählen.“ Mit wenigen Schritten waren sie am
-Zimmer der „Überfüllten“. Der Hofrat drang durch die Doppeltür, indem er
-seinem Begleiter zu warten befahl. Kurzatmig bedrängtes, aber helles und
-lustiges Lachen und Sprechen klang bei Behrens’ Eintritt aus dem Zimmer
-und ward dann abgesperrt. Aber auch dem teilnehmenden Besucher klang es
-wieder entgegen, als ihm einige Minuten später Einlaß gewährt wurde und
-Behrens ihn der im Bette liegenden blonden Dame vorstellte, die ihn aus
-blauen Augen neugierig betrachtete, – Kissen im Rücken, lag sie halb
-sitzend, in Unruhe, und lachte beständig perlend, ganz hoch und
-silberhell, indem sie nach Atem rang, erregt und gekitzelt, wie es
-schien, von ihrer Beklemmung. Auch über des Hofrats Redensarten lachte
-sie wohl, womit er ihr den Besucher präsentierte, rief dem Abgehenden
-vielmals Adieu und Schönen Dank und Auf Wiedersehn nach, indem sie mit
-der Hand hinter ihm drein winkte, seufzte klingend, lachte silberne
-Läufe, stemmte die Hände gegen die unter dem Batisthemd wogende Brust
-und konnte die Beine nicht ruhig halten. Sie hieß Frau Zimmermann.
-
-Hans Castorp kannte sie flüchtig von Ansehen. Sie hatte einige Wochen
-lang am Tisch der Salomon und des gefräßigen Schülers gesessen und immer
-viel gelacht. Dann war sie verschwunden, ohne daß der junge Mann sich
-weiter darum gekümmert hätte. Sie mochte abgereist sein, hatte er
-gemeint, soweit er sich eine Meinung über ihr Unsichtbarwerden gebildet
-hatte. Nun fand er sie hier, unter dem Namen der „Überfüllten“, auf
-dessen Erklärung er wartete.
-
-„Hahahaha“, perlte sie gekitzelt, mit fliegender Brust. „Furchtbar
-komischer Mann, dieser Behrens, fabelhaft komischer und amüsanter Mann,
-zum Schief- und Kranklachen. Setzen Sie sich doch, Herr Kasten, Herr
-Carsten, oder wie Sie heißen, Sie heißen so komisch, ha, ha, hi, hi,
-entschuldigen Sie! Setzen Sie sich auf den Stuhl da zu meinen Füßen,
-aber erlauben Sie, daß ich strample, ich kann es – ha...a“, seufzte sie
-offenen Mundes und perlte dann wieder, „ich kann es unmöglich lassen.“
-
-Sie war nahezu hübsch, hatte klare, etwas zu ausgeprägte, aber angenehme
-Züge und ein kleines Doppelkinn. Aber ihre Lippen waren bläulich, und
-auch die Nasenspitze wies diese Tönung auf, zweifellos infolge
-Luftmangels. Ihre Hände, die von sympathischer Magerkeit waren, und die
-die Spitzenmanschetten des Nachthemdes gut kleideten, vermochten sich
-ebensowenig ruhig zu halten wie die Füße. Ihr Hals war mädchenhaft, mit
-„Salzfässern“ über den zarten Schlüsselbeinen, und auch die Brust, unter
-dem Linnen von Gelächter und Atemnot in unruhig knapper und ringender
-Bewegung gehalten, schien zart und jung. Hans Castorp beschloß, auch ihr
-schöne Blumen zu schicken oder zu bringen, aus den Exportgärtnereien von
-Nizza und Cannes, besprengte und duftende. Mit einiger Besorgnis stimmte
-er in Frau Zimmermanns fliegende und bedrängte Heiterkeit ein.
-
-„Und Sie besuchen hier also die Hochgradigen?“ fragte sie. „Wie amüsant
-und freundlich von Ihnen, ha, ha, ha, ha! Denken Sie aber, ich bin gar
-nicht hochgradig, das heißt, ich war es eigentlich gar nicht, noch bis
-vor kurzem, nicht im geringsten ... Bis mir neulich diese Geschichte ...
-Hören Sie nur, ob es nicht das Komischste ist, was Ihnen in Ihrem ganzen
-Leben ...“ Und nach Luft ringend, unter Tirili und Trillern, erzählte
-sie ihm, was ihr zugestoßen war.
-
-Ein wenig krank war sie heraufgekommen, – krank immerhin, denn sonst
-wäre sie nicht gekommen, nicht _ganz_ leicht vielleicht sogar, aber eher
-leicht als schwer. Der Pneumothorax, diese noch junge und rasch zu
-großer Beliebtheit gelangte Errungenschaft der chirurgischen Technik,
-hatte sich auch in ihrem Falle glänzend bewährt. Der Eingriff war
-vollkommen gelungen, Frau Zimmermanns Zustand und Befinden machte die
-erfreulichsten Fortschritte, ihr Mann – denn sie war verheiratet, wenn
-auch kinderlos – durfte sie in drei bis vier Monaten zurückerwarten. Da
-machte sie, um sich zu amüsieren, einen Ausflug nach Zürich, – es lag
-kein anderer Grund vor für diese Reise als der des Amüsements. Sie hatte
-sich auch amüsiert nach Herzenslust, war aber dabei der Notwendigkeit
-innegeworden, sich auffüllen zu lassen und hatte mit diesem Geschäft
-einen dortigen Arzt betraut. Ein netter, komischer junger Mensch,
-hahaha, hahaha, aber was war geschehen? Er hatte sie überfüllt! Es gab
-keine andere Bezeichnung dafür, das Wort sagte alles. Er hatte es zu gut
-mit ihr gemeint, hatte die Sache wohl nicht so recht verstanden, und
-kurz und gut: in überfülltem Zustande, das heißt unter Herzbeklemmungen
-und Atemnot – ha! hihihi – war sie hier oben wieder eingetroffen und von
-Behrens, der mordsmäßig gewettert hatte, sofort ins Bett gesteckt
-worden. Denn nun sei sie schwerkrank, – nicht hochgradig eigentlich,
-aber verpfuscht, verpatzt, – hahaha, sein Gesicht, was er denn für ein
-komisches Gesicht mache? Und sie lachte, indem sie mit dem Finger
-hineindeutete, so sehr über dies Gesicht, daß nun auch ihre Stirn sich
-blau zu färben begann. Aber am allerkomischsten, sagte sie, sei Behrens
-mit seinem Gewetter und seiner Grobheit, – schon im voraus habe sie
-darüber lachen müssen, als sie gemerkt habe, daß sie überfüllt sei. „Sie
-schweben in absoluter Lebensgefahr“, habe er sie angeschrien ohne
-Umschweife und Einkleidung, so ein Bär, hahaha, hihihi, entschuldigen
-Sie.
-
-Es blieb zweifelhaft, in welchem Sinn sie über des Hofrats Erklärung so
-perlend lachte, – ob nur ihrer „Grobheit“ wegen und weil sie nicht daran
-glaubte, oder obgleich sie daran glaubte – denn das mußte sie doch wohl
-tun –, aber die Sache selbst, das heißt die Lebensgefahr, in der sie
-schwebte, eben nur furchtbar komisch fand. Hans Castorp hatte den
-Eindruck, daß dies letztere zutreffe, und daß sie wirklich nur aus
-kindischem Leichtsinn und dem Unverstand ihres Vogelhirns perle,
-trillere und tiriliere, was er mißbilligte. Trotzdem schickte er ihr
-Blumen, sah aber auch die lachlustige Frau Zimmermann nicht wieder. Denn
-nachdem sie noch einige Tage lang unter Sauerstoff gehalten worden, war
-sie im Arm ihres telegraphisch herbeigerufenen Gatten denn richtig
-gestorben, – eine Gans in Folio, wie der Hofrat, von dem Hans Castorp es
-hörte, von sich aus hinzufügte.
-
-Aber schon vorher hatte Hans Castorps teilnehmender Unternehmungsgeist
-mit Hilfe des Hofrats und des Pflegepersonals weitere Beziehungen zu den
-Schwerkranken des Hauses angeknüpft, und Joachim mußte mit. Er mußte mit
-zu dem Sohne von „_Tous les deux_“, dem zweiten, der noch übrig war,
-nachdem bei dem anderen nebenan schon längst gestöbert und mit H₂CO
-geräuchert worden. Ferner zu dem Knaben Teddy, der kürzlich aus dem
-„Fridericianum“ genannten Erziehungsinstitut, für das sein Fall zu
-schwer gewesen, heraufgekommen war. Ferner zu dem deutsch-russischen
-Versicherungsbeamten Anton Karlowitsch Ferge, einem gutmütigen Dulder.
-Ferner zu der unglückseligen und dabei so gefallsüchtigen Frau von
-Mallinckrodt, die ebenfalls Blumen bekam wie die Vorgenannten, und die
-von Hans Castorp in Joachims Gegenwart sogar mehrmals mit Brei gefüttert
-wurde ... Nachgerade gelangten sie in den Ruf von Samaritern und
-barmherzigen Brüdern. Auch redete Settembrini Hans Castorp eines Tages
-in diesem Sinne an.
-
-„Sapperlot, Ingenieur, ich höre Auffälliges von Ihrem Wandel. Sie haben
-sich auf die Mildtätigkeit geworfen? Sie suchen Rechtfertigung durch
-gute Werke?“
-
-„Nicht der Rede wert, Herr Settembrini. Gar nichts dabei, wovon es
-lohnte, Aufhebens zu machen. Mein Vetter und ich ...“
-
-„Aber lassen Sie doch Ihren Vetter aus dem Spiel! Man hat es mit Ihnen
-zu tun, wenn Sie beide von sich reden machen, das ist gewiß. Der
-Leutnant ist eine respektable, aber einfache und geistig unbedrohte
-Natur, die dem Erzieher wenig Unruhe verursacht. Sie werden mich an
-seine Führerschaft nicht glauben machen. Der Bedeutendere, aber auch der
-Gefährdetere sind Sie. Sie sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein
-Sorgenkind des Lebens, – man muß sich um Sie kümmern. Übrigens haben Sie
-mir erlaubt, mich um Sie zu kümmern.“
-
-„Gewiß, Herr Settembrini. Ein für allemal. Sehr freundlich von Ihnen.
-Und ‚Sorgenkind des Lebens‘ ist hübsch. Worauf so ein Schriftsteller
-nicht gleich verfällt! Ich weiß nicht recht, ob ich mir etwas einbilden
-soll auf diesen Titel, aber hübsch klingt er, das muß ich sagen. Ja, und
-ich gebe mich nun also ein bißchen mit den ‚Kindern des Todes‘ ab, das
-ist es ja wohl, was Sie meinen. Ich sehe mich hie und da, wenn ich Zeit
-habe, ganz nebenbei, der Kurdienst leidet so gut wie gar nicht darunter,
-nach den Schweren und Ernsten um, verstehen Sie, die nicht zu ihrem
-Amüsement hier sind und es liederlich treiben, sondern die sterben.“
-
-„Es steht jedoch geschrieben: Laßt die Toten ihre Toten begraben“, sagte
-der Italiener.
-
-Hans Castorp hob die Arme und drückte mit seiner Miene aus, daß gar so
-manches geschrieben stehe, dies und auch wieder jenes, so daß es schwer
-sei, das Rechte herauszufinden und es zu befolgen. Selbstverständlich
-hatte der Drehorgelmann einen störenden Gesichtspunkt geltend gemacht,
-das war zu erwarten gewesen. Aber wenn auch Hans Castorp nach wie vor
-bereit war, ihm ein Ohr zu leihen, seine Lehren unverbindlicherweise
-hörenswert zu finden und sich zum Versuche pädagogisch beeinflussen zu
-lassen, so war er doch weit entfernt, um irgendwelcher erzieherischer
-Gesichtspunkte willen auf Unternehmungen zu verzichten, die ihm, trotz
-Mutter Gerngroß und ihrer Redensart vom „netten kleinen Flirt“, trotz
-auch dem nüchternen Wesen des armen Rotbein und dem törichten Tirili der
-Überfüllten, noch immer auf unbestimmte Art förderlich und von
-bedeutender Tragweite erschienen.
-
-Der Sohn _Tous-les-deux’_ hieß Lauro. Er hatte Blumen erhalten, erdig
-duftende Nizzaveilchen, „von zwei teilnehmenden Hausgenossen, mit besten
-Genesungswünschen“, und da die Anonymität zur reinen Formsache geworden
-war und jedermann wußte, von wem diese Spenden ausgingen, so redete
-_Tous-les-deux_ selbst, die schwarzbleiche Mutter aus Mexiko, bei einer
-Begegnung auf dem Korridor die Vettern dankend an, indem sie sie mit
-rasselnden Worten, hauptsächlich aber durch ein gramvoll einladendes
-Gebärdenspiel aufforderte, den Dank ihres Sohnes – _de son seul et
-dernier fils qui allait mourir aussi_ – persönlich entgegenzunehmen. Das
-geschah auf der Stelle. Lauro erwies sich als ein erstaunlich schöner
-junger Mann mit Glutaugen, einer Adlernase, deren Nüstern flogen, und
-prachtvollen Lippen, über denen ein schwarzes Schnurrbärtchen sproßte, –
-zeigte dabei aber ein so prahlerisch-dramatisches Gebaren, daß die
-Besucher, Hans Castorp wirklich nicht weniger als Joachim Ziemßen, froh
-waren, als sich die Tür des Krankenzimmers wieder hinter ihnen schloß.
-Denn während _Tous-les-deux_ in ihrem schwarzen Kaschmirtuch, den
-schwarzen Schleier unter dem Kinn geknotet, Querfalten auf ihrer engen
-Stirn und ungeheure Hautsäcke unter ihren jettschwarzen Augen, mit
-krummen Knien wandernd den Raum durchmaß, den einen Winkel ihres großen
-Mundes harmvoll tief hinabhängen ließ und dann und wann sich den am
-Bette Sitzenden näherte, um ihren tragischen Papageienspruch zu
-wiederholen: „_Tous les dé, vous comprenez, messiés ... Premièrement
-l’un et maintenant l’autre_“ – erging sich der schöne Lauro, ebenfalls
-auf französisch, in rollenden, rasselnden und unerträglich hochtrabenden
-Redereien, des Inhalts, daß er wie ein Held zu sterben gedenke, _comme
-héros, à l’espagnol_, gleich seinem Bruder, _de même que son fier jeune
-frère Fernando_, der ebenfalls wie ein spanischer Held gestorben sei, –
-gestikulierte, riß sich das Hemd auf, um den Streichen des Todes die
-gelbe Brust zu bieten, und betrug sich so fort, bis ein Hustenanfall,
-der ihm dünnen, rosafarbenen Schaum auf die Lippen trieb, seine
-Rodomontaden erstickte und die Vettern veranlaßte, auf den Zehenspitzen
-hinauszugehen.
-
-Sie sprachen nicht weiter über den Besuch bei Lauro, und auch im
-stillen, jeder für sich, enthielten sie sich des Urteils über sein
-Gehaben. Besser aber gefiel es allen beiden bei Anton Karlowitsch Ferge
-aus Petersburg, der mit seinem großen gutmütigen Schnurrbart und seinem
-ebenfalls mit gutmütigem Ausdruck vorragenden Kehlkopf im Bette lag und
-sich nur langsam und schwer von dem Versuch erholte, den Pneumothorax
-bei sich herstellen zu lassen, was ihm, Herrn Ferge, um ein Haar auf der
-Stelle das Leben gekostet hätte. Er hatte einen heftigen Chok dabei
-erlitten, den Pleurachok, als Zwischenfall bekannt bei diesem modischen
-Eingriff. Bei ihm aber war der Pleurachok in ausnehmend gefährlicher
-Form, als vollständiger Kollaps und bedenklichste Ohnmacht, mit einem
-Worte so schwer aufgetreten, daß man die Operation hatte unterbrechen
-und vorläufig vertagen müssen.
-
-Herrn Ferges gutmütige graue Augen erweiterten sich, und sein Gesicht
-wurde fahl, sooft er auf den Vorgang zu sprechen kam, der für ihn
-grauenhaft gewesen sein mußte. „Ohne Narkose, meine Herren. Gut,
-unsereiner verträgt das nicht, es verbietet sich in diesem Fall, man
-begreift und findet sich als vernünftiger Mensch in die Sache. Aber das
-Örtliche reicht nicht tief, meine Herren, nur das äußere Fleisch macht
-es stumpf, man spürt, wenn man aufgemacht wird, allerdings nur ein
-Drücken und Quetschen. Ich liege mit zugedecktem Gesicht, damit ich
-nichts sehe, und der Assistent hält mich rechts und die Oberin links. Es
-ist so, als ob ich gedrückt und gequetscht würde, das ist das Fleisch,
-das geöffnet und mit Klammern zurückgezwängt wird. Aber da höre ich den
-Herrn Hofrat sagen: ‚So!‘ und in dem Augenblick, meine Herren, fängt er
-an, mit einem stumpfen Instrument – es muß stumpf sein, damit es nicht
-vorzeitig durchsticht – das Rippenfell abzutasten: er tastet es ab, um
-die rechte Stelle zu finden, wo er durchstechen und das Gas einlassen
-kann, und wie er das tut, wie er mit dem Instrument auf meinem
-Rippenfell herumfährt, – meine Herren, meine Herren! da war es um mich
-geschehen, es war aus mit mir, es erging mir ganz unbeschreiblich. Das
-Rippenfell, meine Herren, das soll nicht berührt werden, das darf und
-will nicht berührt werden, das ist tabu, das ist mit Fleisch zugedeckt,
-isoliert und unnahbar, ein für allemal. Und nun hatte er es bloßgelegt
-und tastete es ab. Meine Herren, da wurde mir übel. Entsetzlich,
-entsetzlich, meine Herren, – nie hätte ich gedacht, daß so ein siebenmal
-scheußliches und hundsföttisch gemeines Gefühl auf Erden und abgesehen
-von der Hölle überhaupt vorkomme! Ich fiel in Ohnmacht, – in drei
-Ohnmachten auf einmal, eine grüne, eine braune und eine violette.
-Außerdem stank es in dieser Ohnmacht, der Pleurachok warf sich mir auf
-den Geruchsinn, meine Herren, es roch über alle Maßen nach
-Schwefelwasserstoff, wie es in der Hölle riechen muß, und bei alldem
-hörte ich mich lachen, während ich abschnappte, aber nicht wie ein
-Mensch lacht, sondern das war die unanständigste und ekelhafteste Lache,
-die ich in meinem Leben je gehört habe, denn das Abgetastetwerden des
-Rippenfells, meine Herren, das ist ja, als ob man auf die allerinfamste,
-übertriebenste und unmenschlichste Weise gekitzelt würde, so und nicht
-anders ist es mit dieser verdammten Schande und Qual, und das ist der
-Pleurachok, den der liebe Gott Ihnen erspare.“
-
-Oft und nicht anders als mit fahlem Grauen kam Anton Karlowitsch Ferge
-auf dies „hundsföttische“ Erlebnis zurück und ängstigte sich nicht wenig
-vor seiner Wiederholung. Übrigens hatte er sich von vornherein als einen
-einfachen Menschen bekannt, dem alles „Hohe“ vollständig fernliege und
-an den man besondere Ansprüche geistiger und gemütlicher Art nicht
-stellen dürfe, wie auch er solche Ansprüche an niemanden stelle. Dies
-vereinbart, erzählte er gar nicht uninteressant von seinem früheren
-Leben, aus dem die Krankheit ihn dann geworfen, dem Leben eines
-Reisenden im Dienst einer Feuerversicherungsgesellschaft: von Petersburg
-aus hatte er in weitläufigen Kreuz- und Querfahrten durch ganz Rußland
-die assekurierten Fabriken besucht und die wirtschaftlich zweifelhaften
-auszukundschaften gehabt; denn es sei statistisch, daß in den gerade
-schlecht gehenden Industrien die meisten Fabrikbrände vorkämen. Darum
-sei er denn ausgesandt worden, um unter diesem und jenem Vorwande einen
-Betrieb zu sondieren und seiner Bank Bericht zu erstatten, damit zu
-rechter Zeit durch verstärkte Rückversicherung oder Prämienteilung
-empfindlichem Verlust habe vorgebeugt werden können. Von winterlichen
-Reisen durch das weite Reich erzählte er, von Fahrten die Nächte
-hindurch bei ungeheuerem Frost, im Liegeschlitten, unter
-Schaffelldecken, und wie er erwachend die Augen der Wölfe gleich Sternen
-über dem Schnee habe glühen sehen. Gefrorenen Proviant, so Kohlsuppe wie
-Weißbrot, hatte er im Kasten mit sich geführt, die an den Stationen,
-beim Pferdewechsel, zum Genusse aufgetaut worden waren, wobei sich das
-Brot als frisch wie am ersten Tage erwiesen hatte. Und schlimm nur, wenn
-unterwegs plötzlich Tauwetter eingefallen war: dann war ihm die in
-Stücken mitgenommene Kohlsuppe ausgelaufen.
-
-In dieser Weise erzählte Herr Ferge, indem er sich hin und wieder
-seufzend mit der Bemerkung unterbrach, das sei alles recht schön, aber
-wenn nur nicht noch einmal der Versuch mit dem Pneumothorax bei ihm
-gemacht werden müsse. Es war nichts Höheres, was er vorbrachte, aber
-faktischer Natur und ganz gut zu hören, besonders für Hans Castorp, dem
-es förderlich schien, vom russischen Reich und seinem Lebensstil zu
-vernehmen, von Samowaren, Piroggen, Kosaken und hölzernen Kirchen mit so
-vielen Zwiebelturmköpfen, daß sie Pilzkolonien glichen. Auch von der
-dortigen Menschenart, ihrer nördlichen und darum in seinen Augen desto
-abenteuerlicheren Exotik, ließ er Herrn Ferge erzählen, von dem
-asiatischen Einschuß ihres Geblütes, den vortretenden Backenknochen, dem
-finnisch-mongolischen Augensitz, und lauschte mit anthropologischem
-Anteil, ließ sich auch Russisch vorsprechen, – rasch, verwaschen,
-wildfremd und knochenlos ging das östliche Idiom unter Herrn Ferges
-gutmütigem Schnurrbart, aus seinem gutmütig vorstehenden Kehlkopf hervor
-–, und desto besser (wie einmal die Jugend ist) fand sich Hans Castorp
-von alldem unterhalten, als es pädagogisch verbotenes Gebiet war, auf
-dem er sich tummelte.
-
-Sie sprachen öfters auf eine Viertelstunde bei Anton Karlowitsch Ferge
-vor. Dazwischen besuchten sie den Knaben Teddy aus dem „Fridericianum“,
-einen eleganten Vierzehnjährigen, blond und fein, mit Privatpflegerin
-und in weißseidenem, verschnürtem Pyjama. Er war Waise und reich, wie er
-selbst erzählte. In Erwartung eines tieferen operativen Eingriffs, der
-Entfernung wurmstichiger Teile, womit man es probieren wollte, verließ
-er, wenn er sich besser fühlte, zuweilen auf eine Stunde sein Bett, um
-sich in seinem hübschen Sportanzug an der unteren Geselligkeit zu
-beteiligen. Die Damen schäkerten gern mit ihm, und er hörte ihren
-Gesprächen zu, zum Beispiel denen, die sich mit Rechtsanwalt Einhuf, dem
-Fräulein in der Reformhose und Fränzchen Oberdank beschäftigten. Dann
-legte er sich wieder. So lebte der Knabe Teddy elegant in den Tag
-hinein, indem er durchblicken ließ, daß er vom Leben nichts anderes
-mehr, als eben immer nur dies, erwarte.
-
-Aber auf Nummer fünfzig lag Frau von Mallinckrodt, Natalie mit Vornamen,
-mit schwarzen Augen und goldenen Ringen in den Ohren, kokett,
-putzsüchtig und dabei ein weiblicher Lazarus und Hiob, von Gott mit
-jederlei Bresthaftigkeit geschlagen. Ihr Organismus schien mit
-Giftstoffen überschwemmt, so daß alle möglichen Krankheiten sie
-abwechselnd und gleichzeitig heimsuchten. Sehr in Mitleidenschaft
-gezogen war ihr Hautorgan, das zu großen Teilen von einem qualvoll
-juckenden, da und dort wunden Ekzem überzogen war, auch am Munde, woraus
-der Einführung des Löffels Schwierigkeiten erwuchsen. Innere
-Entzündungen, solche des Rippenfells, der Nieren, der Lungen, der
-Knochenhäute und selbst des Hirns, so daß Bewußtlosigkeit einfiel,
-lösten einander ab bei Frau von Mallinckrodt, und Herzschwäche,
-hervorgerufen durch Fieber und Schmerzen, schuf ihr große Ängste,
-bewirkte zum Beispiel, daß sie beim Schlucken das Essen nicht ordentlich
-hinunterbrachte: gleich oben in der Speiseröhre blieb es ihr stecken.
-Kurzum, die Frau war gräßlich daran und außerdem ganz allein in der
-Welt; denn nachdem sie Mann und Kinder um eines anderen Mannes, das
-heißt eines halben Knaben, willen verlassen, war sie ihrerseits von
-ihrem Geliebten verlassen worden, wie die Vettern von ihr selbst
-erfuhren, und war nun heimatlos, wenn auch nicht ohne Mittel, da der
-Ehemann sie mit solchen versah. Sie machte ohne unangebrachten Stolz von
-seiner Anständigkeit oder seiner fortdauernden Verliebtheit Gebrauch, da
-sie sich selber nicht ernst nahm, sondern einsah, daß sie nur ein
-ehrloses, sündhaftes Weibchen war, und trug denn auf dieser Basis alle
-ihre Hiobsplagen mit erstaunlicher Geduld und Zähigkeit, der elementaren
-Widerstandskraft ihrer Rasse-Weiblichkeit, die über das Elend ihres
-bräunlichen Körpers triumphierte und noch aus dem weißen Gazeverband,
-den sie aus irgendeinem schlimmen Grunde um den Kopf tragen mußte, ein
-kleidsames Kostümstück machte. Beständig wechselte sie den Schmuck,
-begann in der Frühe mit Korallen und endete abends mit Perlen. Erfreut
-durch Hans Castorps Blumensendung, der sie offensichtlich eine mehr
-galante als charitative Bedeutung beilegte, ließ sie die jungen Herren
-zum Tee an ihr Lager bitten, den sie aus einer Schnabeltasse trank, die
-Finger ohne Ausnahme der Daumen und bis zu den Gelenken mit Opalen,
-Amethysten und Smaragden bedeckt. Bald, während die goldenen Ringe an
-ihren Ohren schaukelten, hatte sie den Vettern erzählt, wie alles sich
-mit ihr zugetragen: von ihrem anständigen, aber langweiligen Mann, ihren
-ebenfalls anständigen und langweiligen Kindern, die ganz dem Vater
-nacharteten und für die sie sich niemals sonderlich hatte erwärmen
-können, und von dem halben Knaben, mit dem sie das Weite gesucht und
-dessen poetische Zärtlichkeit sie sehr zu rühmen wußte. Aber seine
-Verwandten hätten ihn mit List und Gewalt von ihr losgemacht, und dann
-habe sich der Kleine auch wohl vor ihrer Krankheit geekelt, die damals
-vielfältig und stürmisch zum Ausbruch gekommen. Ob die Herren sich etwa
-auch ekelten, fragte sie kokettierend; und ihre Rasse-Weiblichkeit
-triumphierte über das Ekzem, das ihr das halbe Gesicht überzog.
-
-Hans Castorp dachte geringschätzig über den Kleinen, der sich geekelt
-hatte, und gab dieser Empfindung auch durch ein Achselzucken Ausdruck.
-Was ihn betraf, so ließ er sich den Weichmut des poetischen Halbknaben
-zum Ansporn in entgegengesetzter Richtung dienen, und nahm Gelegenheit,
-der unglückseligen Frau von Mallinckrodt bei wiederholten Besuchen
-kleine Pflegerdienste zu leisten, zu denen keine Vorkenntnisse gehörten,
-das heißt: ihr behutsam den Mittagsbrei einzuführen, wenn er eben
-serviert wurde, ihr aus der Schnabeltasse zu trinken zu geben, wenn der
-Bissen ihr steckenblieb, oder ihr beim Umlagern im Bette behilflich zu
-sein; denn zu allem übrigen erschwerte eine Operationswunde ihr auch das
-Liegen. In diesen Handreichungen übte er sich, wenn er auf dem Wege zum
-Speisesaal oder von einem Spaziergange heimkehrend bei ihr einsprach,
-indem er Joachim aufforderte, immer voranzugehen, er wolle nur rasch den
-Fall auf Nummer fünfzig ein bißchen kontrollieren, – und empfand eine
-beglückende Ausdehnung seines Wesens dabei, eine Freude, die auf dem
-Gefühl von der Förderlichkeit und heimlichen Tragweite seines Tuns
-beruhte, sich übrigens auch mit einem gewissen diebischen Vergnügen an
-dem untadelig christlichen Gepräge dieses Tuns und Treibens mischte,
-einem so frommen, milden und lobenswerten Gepräge in der Tat, daß weder
-vom militärischen noch vom humanistisch-pädagogischen Standpunkte irgend
-etwas Ernstliches dagegen erinnert werden konnte.
-
-Von Karen Karstedt war noch nicht die Rede, und doch nahmen Hans Castorp
-und Joachim sich ihrer sogar besonders an. Sie war eine auswärtige
-Privatpatientin des Hofrats, von ihm der Charität der Vettern empfohlen.
-Seit vier Jahren hier oben, war die Mittellose von harten Verwandten
-abhängig, die sie schon einmal, da sie doch sterben müsse, von hier
-fortgenommen und nur auf Einspruch des Hofrats wieder heraufgeschickt
-hatten. Sie domizilierte im „Dorf“, in einer billigen Pension, –
-neunzehnjährig und schmächtig, mit glattem, geöltem Haar, Augen, die
-zaghaft einen Glanz zu verbergen suchten, der mit der hektischen
-Erhöhung ihrer Wangen übereinstimmte, und einer charakteristisch
-belegten, dabei aber sympathisch lautenden Stimme. Sie hustete fast ohne
-Unterbrechung, und ihre sämtlichen Fingerspitzen waren verpflastert, da
-sie infolge der Vergiftung offen waren.
-
-Ihr also widmeten die beiden auf Fürbitte des Hofrats, da sie nun einmal
-so gutherzige Kerle seien, sich ganz besonders. Mit einer Blumensendung
-begann es, dann folgte ein Besuch bei der armen Karen auf ihrem kleinen
-Balkon in „Dorf“ und hierauf diese und jene außerordentliche
-Unternehmung zu dritt: die Besichtigung einer Eislaufkonkurrenz, eines
-Bobsleighrennens. Denn es war nun die Wintersport-Jahreszeit unseres
-Hochtales auf voller Höhe, eine Festwoche wurde begangen, die
-Veranstaltungen häuften sich, diese Lustbarkeiten und Schauspiele, denen
-die Vettern bisher keine andere als nur eine gelegentlich-flüchtige
-Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Joachim war ja allen Zerstreuungen hier
-oben abhold. Nicht um solcher willen war er hier, – war überhaupt nicht
-hier, um zu leben und sich mit dem Aufenthalt abzufinden, indem er ihn
-angenehm und abwechslungsreich gestaltete, sondern einzig und ganz
-allein, um sich möglichst rasch zu entgiften, damit er in der Ebene
-Dienst machen könne, wirklichen Dienst statt des Kurdienstes, der ein
-Ersatzmittel war, aber an dem er einen Raub nur widerwillig duldete.
-Sich tätig an der Winterlust zu beteiligen, war ihm verboten, und den
-Gaffer zu spielen, hatte ihm mißfallen. Was aber Hans Castorp betraf, so
-fühlte er sich zu sehr, in einem zu strengen und intimen Verstande, als
-Mitglied Derer hier oben, um Sinn und Blick zu haben für das Treiben von
-Leuten, die in diesem Tale ein Sportgelände sahen.
-
-Die charitative Teilnahme nun aber für das arme Fräulein Karstedt
-brachte hierin einige Änderung hervor, – ohne unchristlich zu
-erscheinen, konnte Joachim keine Einwände dagegen erheben. Sie holten
-die Kranke aus ihrer dürftigen Wohnung in „Dorf“ und führten sie bei
-prächtig heiß durchsonntem Frostwetter durch das nach dem Hotel
-d’Angleterre genannte Englische Viertel, zwischen den Luxusläden der
-Hauptstraße hin, auf der Schlitten läuteten, reiche Genießer und
-Tagediebe aus aller Welt, Bewohner des Kurhauses und der anderen großen
-Hotels, barhaupt in modischem Sportdreß aus edlen und teueren Stoffen,
-mit Gesichtern, bronziert von Wintersonnenbrand und Schneestrahlung,
-sich ergingen, und hinab auf den nicht weit vom Kurhause in der Tiefe
-des Tales gelegenen Eisplatz, der im Sommer eine zum Fußballspiel
-benutzte Wiese gewesen. Musik erscholl; die Kurkapelle konzertierte auf
-der Empore des hölzernen Pavillongebäudes zu Häupten der viereckig
-gestreckten Bahn, hinter welchem die verschneiten Berge im Dunkelblauen
-standen. Sie nahmen Einlaß, drängten sich durch das Publikum, das von
-drei Seiten, auf ansteigenden Sitzen, die Bahn umgab, fanden Plätze und
-schauten. Die Kunstläufer, in knapper Tracht, schwarzen Trikots,
-Pelzwerk an den Tressenjacken, wiegten sich, schwebten, zogen Figuren,
-sprangen und kreiselten. Ein virtuoses Paar, Herr und Dame,
-Professionals und außer Konkurrenz, vollführte etwas in der ganzen Welt
-nur von ihm Vermochtes, entfesselte Tusch und Händeklatschen. Im Kampf
-um den Schnelligkeitspreis arbeiteten sich sechs junge Männer
-verschiedener Nationalität, gebückt, die Hände auf dem Rücken, zuweilen
-das Taschentuch vor dem Munde, sechsmal um das weite Viereck. Man
-läutete mit einer Glocke in die Musik hinein. Zuweilen brandete die
-Menge in anfeuernden Zurufen und Beifall auf.
-
-Es war eine bunte Versammlung, in der die drei Kranken, die Vettern und
-ihr Schützling sich umsahen. Engländer mit schottischen Mützen und
-weißen Zähnen sprachen Französisch mit penetrant duftenden Damen, die
-von oben bis unten in bunte Wolle gekleidet waren, und von denen einige
-in Hosen gingen. Kleinköpfige Amerikaner, das Haar glatt angeklebt, die
-Shagpfeife im Munde, trugen Pelze, deren Rauhseite nach außen gekehrt
-war. Russen, bärtig und elegant, barbarisch reichen Ansehens, und
-Holländer von malaischem Kreuzungstyp saßen zwischen deutschem und
-schweizerischem Publikum, während allerlei Unbestimmtes, französisch
-Redendes, vom Balkan oder der Levante, abenteuerliche Welt, für die Hans
-Castorp eine gewisse Schwäche an den Tag legte, und die von Joachim als
-zweideutig und charakterlos abgelehnt wurde, überall eingesprengt war.
-Kinder konkurrierten zwischendurch in scherzhaften Aufgaben, stolperten
-über die Bahn, am einen Fuß einen Schnee-, am anderen einen
-Schlittschuh, oder indem die Knaben ihre Dämchen auf Schaufeln vor sich
-her schoben. Sie liefen mit brennenden Kerzen, wobei Sieger war, wer
-sein Licht, noch brennend, zum Ziele trug, mußten im Laufe Hindernisse
-überklettern oder Kartoffeln mit Zinnlöffeln in aufgestellte Gießkannen
-lesen. Die große Welt jubelte. Man zeigte sich die reichsten,
-berühmtesten und anmutigsten unter den Kindern, das Töchterchen eines
-holländischen Multimillionärs, den Sohn eines preußischen Prinzen und
-einen Zwölfjährigen, der den Namen einer weltbekannten Champagnerfirma
-trug. Die arme Karen jubelte ebenfalls und hustete dabei. Sie klatschte
-vor Freude in ihre Hände mit den offenen Fingerspitzen. Sie war so
-dankbar.
-
-Auch zum Bobsleighrennen führten die Vettern sie: es war nicht weit zum
-Ziel, weder vom „Berghof“ noch auch von Karen Karstedts Wohnung, denn
-die Bahn, von der Schatzalp herunterkommend, endete in „Dorf“ zwischen
-den Siedelungen des westlichen Hanges. Ein Kontrollhäuschen war dort
-errichtet, wohin die Abfahrt eines jeden Gefährts vom Start telephonisch
-gemeldet wurde. Zwischen den vereisten Schneebarrieren, auf den
-metallisch glänzenden Kurven der Bahn steuerten die flachen Gerüste,
-bemannt mit Männern und Frauen in weißer Wolle, Schärpen in allerlei
-Landesfarben um die Brust, einzeln, in größeren Abständen, aus der Höhe
-daher. Man sah rote, angestrengte Gesichter, in die es hineinschneite.
-Stürze, Schlitten, die aneckten, sich überschlugen und ihre Mannschaft
-in den Schnee entleerten, wurden vom Publikum photographiert. Musik
-spielte auch hier. Die Zuschauer saßen auf kleinen Tribünen oder schoben
-sich auf dem schmalen Gehpfade hin, der neben der Bahn geschaufelt war.
-Holzbrücken, über die er später führte, die die Bahn überspannten, und
-unter denen von Zeit zu Zeit ein konkurrierender Bobsleigh dahinsauste,
-waren ebenfalls mit Menschen besetzt. Die Leichen des Sanatoriums droben
-nahmen den gleichen Weg, im Saus unter den Brücken dahin, die Kurven
-hinab, zu Tale, zu Tale, dachte Hans Castorp und sprach auch davon.
-
-Selbst ins Bioskop-Theater von „Platz“ führten sie Karen Karstedt eines
-Nachmittags, da sie das alles so sehr genoß. In der schlechten Luft, die
-alle drei physisch stark befremdete, da sie nur das Reinste gewohnt
-waren, sich ihnen schwer auf die Brust legte und einen trüben Nebel in
-ihren Köpfen erzeugte, flirrte eine Menge Leben, kleingehackt,
-kurzweilig und beeilt, in aufspringender, zappelnd verweilender und
-wegzuckender Unruhe, zu einer kleinen Musik, die ihre gegenwärtige
-Zeitgliederung auf die Erscheinungsflucht der Vergangenheit anwandte und
-bei beschränkten Mitteln alle Register der Feierlichkeit und des Pompes,
-der Leidenschaft, Wildheit und girrenden Sinnlichkeit zu ziehen wußte,
-auf der Leinwand vor ihren schmerzenden Augen vorüber. Es war eine
-aufgeregte Liebes- und Mordgeschichte, die sie sahen, stumm sich
-abhaspelnd am Hofe eines orientalischen Despoten, gejagte Vorgänge voll
-Pracht und Nacktheit, voll Herrscherbrunst und religiöser Wut der
-Unterwürfigkeit, voll Grausamkeit, Begierde, tödlicher Lust und von
-verweilender Anschaulichkeit, wenn es die Muskulatur von Henkersarmen zu
-besichtigen galt, – kurz, hergestellt aus sympathetischer Vertrautheit
-mit den geheimen Wünschen der zuschauenden internationalen Zivilisation.
-Settembrini, als Mann des Urteils, hätte die humanitätswidrige
-Darbietung wohl scharf verneinen, mit gerader und klassischer Ironie den
-Mißbrauch der Technik zur Belebung so menschenverächterischer
-Vorstellungen geißeln müssen, dachte sich Hans Castorp und flüsterte
-dergleichen seinem Vetter auch zu. Frau Stöhr dagegen, die ebenfalls
-anwesend war und nicht weit von den Dreien saß, erschien ganz Hingabe;
-ihr rotes, ungebildetes Gesicht war im Genusse verzerrt.
-
-Übrigens verhielt es sich ähnlich mit allen Gesichtern, in die man
-blickte. Wenn aber das letzte Flimmerbild einer Szenenfolge wegzuckte,
-im Saale das Licht aufging und das Feld der Visionen als leere Tafel vor
-der Menge stand, so konnte es nicht einmal Beifall geben. Niemand war
-da, dem man durch Applaus hätte danken, den man für seine Kunstleistung
-hätte hervorrufen können. Die Schauspieler, die sich zu dem Spiele, das
-man genossen, zusammengefunden, waren längst in alle Winde zerstoben;
-nur die Schattenbilder ihrer Produktion hatte man gesehen, Millionen
-Bilder und kürzeste Fixierungen, in die man ihr Handeln aufnehmend
-zerlegt hatte, um es beliebig oft, zu rasch blinzelndem Ablauf, dem
-Elemente der Zeit zurückzugeben. Das Schweigen der Menge nach der
-Illusion hatte etwas Nervloses und Widerwärtiges. Die Hände lagen
-ohnmächtig vor dem Nichts. Man rieb sich die Augen, stierte vor sich
-hin, schämte sich der Helligkeit und verlangte zurück ins Dunkel, um
-wieder zu schauen, um Dinge, die ihre Zeit gehabt, in frische Zeit
-verpflanzt und aufgeschminkt mit Musik, sich wieder begeben zu sehen.
-
-Der Despot starb unter dem Messer, mit einem Gebrüll aus offenem Munde,
-das man nicht hörte. Man sah dann Bilder aus aller Welt: den Präsidenten
-der französischen Republik in Zylinder und Großkordon, vom Sitze des
-Landauers auf eine Begrüßungsansprache erwidernd; den Vizekönig von
-Indien bei der Hochzeit eines Radscha; den deutschen Kronprinzen auf
-einem Kasernenhofe zu Potsdam. Man sah das Leben und Treiben in einem
-Eingeborenendorf von Neumecklenburg, einen Hahnenkampf auf Borneo,
-nackte Wilde, die auf Nasenflöten bliesen, das Einfangen wilder
-Elefanten, eine Zeremonie am siamesischen Königshof, eine Bordellstraße
-in Japan, wo Geishas hinter hölzernen Käfiggittern saßen. Man sah
-vermummte Samojeden im Renntierschlitten durch eine nordasiatische
-Schneeöde kutschieren, russische Pilger zu Hebron anbeten, an einem
-persischen Delinquenten die Bastonade vollziehen. Man war zugegen bei
-alldem; der Raum war vernichtet, die Zeit zurückgestellt, das Dort und
-Damals in ein huschendes, gaukelndes, von Musik umspieltes Hier und
-Jetzt verwandelt. Ein junges marokkanisches Weib, in gestreifter Seide,
-aufgeschirrt mit Ketten, Spangen und Ringen, die strotzende Brust halb
-entblößt, ward plötzlich in Lebensgröße angenähert. Ihre Nüstern waren
-breit, ihre Augen voll tierischen Lebens, ihre Züge in Bewegung; sie
-lachte mit weißen Zähnen, hielt eine ihrer Hände, deren Nägel heller
-schienen, als das Fleisch, als Schirm über die Augen und winkte mit der
-anderen ins Publikum. Man starrte verlegen in das Gesicht des reizvollen
-Schattens, der zu sehen schien und nicht sah, der von den Blicken gar
-nicht berührt wurde, und dessen Lachen und Winken nicht die Gegenwart
-meinte, sondern im Dort und Damals zu Hause war, so daß es sinnlos
-gewesen wäre, es zu erwidern. Dies mischte, wie gesagt, der Lust ein
-Gefühl der Ohnmacht bei. Dann verschwand das Phantom. Leere Helligkeit
-überzog die Tafel, das Wort „Ende“ ward darauf geworfen, der Zyklus der
-Darbietungen hatte sich geschlossen, und stumm räumte man das Theater,
-während von außen neues Publikum hereindrängte, das eine Wiederholung
-des Ablaufs zu genießen begehrte.
-
-Ermuntert durch Frau Stöhr, die sich ihnen anschloß, besuchte man
-hierauf noch, der armen Karen zu Gefallen, die vor Dankbarkeit die Hände
-gefaltet hielt, das Café des Kurhauses. Auch hier gab es Musik. Ein
-kleines, rotbefracktes Orchester spielte unter der Führung eines
-tschechischen oder ungarischen Primgeigers, der, von der Truppe gelöst,
-zwischen tanzenden Paaren stand und unter feurigen Körperwindungen sein
-Instrument bearbeitete. Mondänes Leben herrschte an den Tischen. Es
-wurden seltene Getränke herumgetragen. Die Vettern bestellten Orangeade
-zur Kühlung für sich und ihren Schützling, denn es war heiß und staubig,
-während Frau Stöhr süßen Schnaps zu sich nahm. Um diese Stunde, sagte
-sie, sei es mit dem Betriebe hier noch nicht völlig das Rechte. Der Tanz
-belebe sich noch bedeutend bei vorrückendem Abend; zahlreiche Patienten
-der diversen Heilanstalten und wildlebende Kranke aus den Hotels und dem
-Kurhause selbst, viel mehr noch, als jetzt, beteiligten sich später
-daran, und schon manche Hochgradige sei hier in die Ewigkeit
-hinübergetanzt, indem sie den Becher der Lebenslust gekippt und den
-finalen Blutsturz in _dulci jubilo_ erlitten habe. Was Frau Stöhrs große
-Unbildung aus dem „_dulci jubilo_“ machte, war ganz außerordentlich; das
-erste Wort entlehnte sie dem italienisch-musikalischen Vokabular ihres
-Gatten und sprach also „_dolce_“, das zweite aber erinnerte an Feuerjo,
-Jubeljahr oder Gott wußte woran, – die Vettern schnappten gleichzeitig
-nach den Strohhalmen in ihren Gläsern, als dieses Latein in Kraft trat,
-doch focht das die Stöhr nicht an. Vielmehr suchte sie auf dem Wege der
-Anspielungen und Sticheleien, die Hasenzähne störrisch entblößt, dem
-Verhältnis der drei jungen Leute auf den Grund zu kommen, der ihr ganz
-deutlich nur war, soweit die arme Karen in Frage stand, welcher es, so
-sagte Frau Stöhr, wohl passen mochte, bei ihrem leichten Wandel von zwei
-so flotten Rittern zugleich chaperoniert zu werden. Weniger klar
-erschien ihr der Fall von seiten der Vettern aus gesehen; aber bei aller
-Dummheit und Unbildung verhalf die Intuition ihrer Weiblichkeit ihr doch
-zu einiger Einsicht, wenn auch nur zu einer halben und ordinären. Denn
-sie verstand und gab dem stichelnderweise Ausdruck, daß hier der wahre
-und eigentliche Ritter Hans Castorp sei, während der junge Ziemßen bloß
-assistiere, und daß Hans Castorp, dessen innere Richtung gegen Frau
-Chauchat ihr bekannt war, die kümmerliche Karstedt nur ersatzweise
-chaperonierte, da er sich jener anderen offenbar nicht zu nähern wußte,
-– eine Einsicht, Frau Stöhrs nur zu würdig und ganz ohne sittliche
-Tiefe, sehr unzulänglich und von ordinärer Intuition, weshalb Hans
-Castorp denn auch nur mit einem müden und verächtlichen Blick darauf
-erwiderte, als sie sie platt-neckisch zu erkennen gab. Denn allerdings
-bedeutete ihm der Verkehr mit der armen Karen eine Art von Ersatz- und
-unbestimmt förderlichem Hilfsmittel, wie alle seine charitativen
-Unternehmungen ihm dergleichen bedeuteten. Aber zugleich waren sie doch
-auch Zweck ihrer selbst, diese frommen Unternehmungen, und die
-Zufriedenheit, die er empfand, wenn er die bresthafte Mallinckrodt mit
-Brei fütterte, sich von Herrn Ferge den infernalischen Pleurachok
-beschreiben ließ oder die arme Karen vor Freude und Dankbarkeit in die
-Hände mit den verpflasterten Fingerspitzen klatschen sah, war, wenn auch
-von übertragener und beziehungsvoller, so doch zugleich auch von
-unmittelbarer und reiner Art; sie entstammte einem Bildungsgeiste,
-entgegengesetzt demjenigen, den Herr Settembrini pädagogisch vertrat,
-indessen wohl wert, das _Placet experiri_ darauf anzuwenden, wie es dem
-jungen Hans Castorp schien.
-
-Das Häuschen, worin Karen Karstedt wohnte, lag unweit des Wasserlaufs
-und des Bahngeleises an dem gegen „Dorf“ führenden Wege, und so hatten
-die Vettern es bequem, sie abzuholen, wenn sie sie nach dem Frühstück
-auf ihren dienstlichen Lustwandel mitnehmen wollten. Gingen sie so gegen
-Dorf, um die Hauptpromenade zu gewinnen, so sahen sie vor sich das
-kleine Schiahorn, dann weiter rechts drei Zinken, welche die Grünen
-Türme hießen, jetzt aber ebenfalls unter blendend besonntem Schnee
-lagen, und noch weiter rechts die Kuppe des Dorfberges. Auf Viertelhöhe
-seiner Wand sah man den Friedhof liegen, den Friedhof von „Dorf“, von
-einer Mauer umgeben und offenbar mit schönem Blick, vermutlich auf den
-See, weshalb er als Zielpunkt eines Spazierganges wohl ins Auge zu
-fassen war. Sie wanderten denn auch einmal hinauf, die drei, an einem
-schönen Vormittag, – und alle Tage waren nun schön: windstill und
-sonnig, tiefblau, heiß-frostig und glitzerweiß. Die Vettern, der eine
-ziegelrot im Gesicht, der andere bronziert, gingen im baren Anzug, da
-Mäntel lästig gewesen wären in diesem Sonnenprall, – der junge Ziemßen
-in Sportdreß mit Gummischneeschuhen, Hans Castorp gleichfalls in
-solchen, aber in langen Hosen, da er nicht körperlich genug gesinnt war,
-um kurze zu tragen. Es war zwischen Anfang und Mitte Februar, im neuen
-Jahre. Ganz recht, die Jahreszahl hatte gewechselt, seitdem Hans Castorp
-heraufgekommen; man schrieb eine andere jetzt, die nächste. Ein großer
-Zeiger der Weltzeitenuhr war um eine Einheit weiter gefallen: nicht
-gerade einer der allergrößten, nicht etwa der, welcher die Jahrtausende
-maß, – sehr wenige, die lebten, würden das noch erleben; auch der nicht,
-der die Jahrhunderte anmerkte oder nur die Jahrzehnte, das nicht. Der
-Jahreszeiger aber war kürzlich gefallen, obgleich Hans Castorp ja noch
-kein Jahr, sondern erst wenig mehr als ein halbes, hier oben war, und
-stand nun fest nach Art der nur von fünf zu fünf Minuten fallenden
-Minutenzeiger gewisser großer Uhren, bis er wieder vorrücken würde. Bis
-dahin aber mußte der Monatszeiger noch zehnmal vorrücken, ein paarmal
-öfter, als er es getan, seitdem Hans Castorp hier oben war, – den
-Februar zählte er nicht mehr mit, denn angebrochen war abgetan,
-gleichwie gewechselt so gut wie ausgegeben.
-
-Auch zu dem Friedhof am Dorfberge also gingen die drei einmal spazieren,
-– exakter Rechenschaft halber sei auch dieser Ausflug noch angeführt.
-Die Anregung dazu war von Hans Castorp ausgegangen, und Joachim hatte
-wohl anfangs der armen Karen wegen Bedenken gehabt, dann aber eingesehen
-und zugegeben, daß es zwecklos gewesen wäre, mit ihr Verstecken zu
-spielen und sie im Sinne der feigen Stöhr vor allem, was an den _exitus_
-erinnerte, ängstlich zu bewahren. Karen Karstedt gab sich noch nicht den
-Selbsttäuschungen des letzten Stadiums hin, sondern wußte Bescheid, wie
-es mit ihr stand und was es mit der Nekrose ihrer Fingerspitzen auf sich
-hatte. Sie wußte ferner, daß ihre harten Verwandten vom Luxus des
-Heimtransportes kaum würden etwas wissen wollen, sondern daß ihr nach
-dem Exitus ein bescheidenes Plätzchen dort oben zum Quartier würde
-angewiesen werden. Und kurz, man konnte wohl finden, daß dieses
-Wanderziel moralisch passender für sie war, als manches andere, zum
-Beispiel der Bobstart oder das Kino, – wie es denn übrigens nicht mehr
-als ein anständiger Akt der Kameradschaft war, Denen dort oben einmal
-einen Besuch zu machen, gesetzt, daß man den Friedhof nicht einfach als
-Sehenswürdigkeit und neutrales Spaziergebiet betrachten wollte.
-
-Im Gänsemarsch gingen sie langsam hinauf, denn der geschaufelte Pfad
-gestattete nur ein einzelnes Gehen, ließen die letzten, an der Lehne
-zuhöchst gelegenen Villen hinter und unter sich und sahen im Steigen das
-vertraute Landschaftsbild in seiner Winterpracht sich wieder einmal
-perspektivisch ein wenig verschieben und öffnen: es weitete sich nach
-Nordost, gegen den Taleingang, der erwartete Blick auf den See tat sich
-auf, dessen umwaldetes Rund zugefroren und mit Schnee bedeckt war, und
-hinter seinem fernsten Ufer schienen Bergschrägen sich am Boden zu
-treffen, hinter denen fremde Gipfel, verschneit, einander vor dem
-Himmelsblau überhöhten. Sie sahen das an, im Schnee vor dem steinernen
-Tore stehend, das den Eingang zum Friedhof bildete, und betraten die
-Stätte dann durch die eiserne Gittertür, die dem Steintore eingefügt und
-nur angelehnt war.
-
-Auch hier fanden sie Pfade geschaufelt, die zwischen den umgitterten,
-schneebepolsterten Gräbererhöhungen, diesen wohl und ebenmäßig
-aufgemachten Bettlagern mit ihren Kreuzen aus Stein und Metall, ihren
-kleinen, medaillon- und inschriftgeschmückten Monumenten dahinführten;
-doch ließ kein Mensch sich sehen noch hören. Die Stille,
-Abgeschiedenheit, Ungestörtheit des Ortes schien tief und heimlich in
-mancherlei Sinn; ein kleiner steinerner Engel oder Puttengott, der, eine
-Schneemütze etwas schief auf dem Köpfchen, irgendwo im Gebüsche stand
-und mit dem Finger die Lippen schloß, mochte wohl als sein Genius
-gelten, – will sagen: als der des Schweigens, und zwar eines Schweigens,
-das man sehr stark als Gegenteil und Widerspiel des Redens, als
-Verstummen also, keineswegs aber als inhaltsleer und ereignislos
-empfand. Für die beiden männlichen Gäste wäre es wohl eine Gelegenheit
-gewesen, die Hüte abzunehmen, wenn sie welche aufgehabt hätten. Aber sie
-waren ja barhaupt, auch Hans Castorp war es, und so gingen sie denn nur
-in ehrerbietiger Haltung, das Körpergewicht auf die Fußballen legend und
-gleichsam mit kleinen Verbeugungen nach rechts und links, im Gänsemarsch
-hinter Karen Karstedt her, die sie führte.
-
-Der Friedhof war unregelmäßig in der Form, erstreckte sich anfänglich
-als schmales Rechteck gegen Süden und lud dann ebenfalls rechteckig nach
-beiden Seiten aus. Ersichtlich hatte mehrfach Vergrößerung sich als
-notwendig erwiesen und war Acker angestückt worden. Trotzdem schien das
-Gehege auch gegenwärtig wieder so gut wie voll belegt, und zwar entlang
-der Mauer sowohl wie auch in seinen inneren, minder bevorzugten Teilen,
-– kaum war zu sehen und zu sagen, wo allenfalls noch ein Unterkommen
-darin gewesen wäre. Die drei Auswärtigen wanderten längere Zeit diskret
-in den schmalen Gehrinnen und Passagen zwischen den Mälern umher, indem
-sie dann und wann stehenblieben, um einen Namen nebst Geburts- und
-Sterbedatum zu entziffern. Die Denksteine und Kreuze waren anspruchslos,
-bekundeten wenig Aufwand. Was ihre Inschriften betraf, so stammten die
-Namen aus allen Winden und Welten, sie lauteten englisch, russisch oder
-doch allgemein slawisch, auch deutsch, portugiesisch und anderswie; die
-Daten aber trugen zartes Gepräge, ihre Spannweite war im ganzen
-auffallend gering, der Jahresabstand zwischen Geburt und Exitus betrug
-überall ungefähr zwanzig und nicht viel mehr, fast lauter Jugend und
-keine Tugend bevölkerte das Lager, ungefestigtes Volk, das sich aus
-aller Welt hier zusammengefunden hatte und zur horizontalen Daseinsform
-endgültig eingekehrt war.
-
-Irgendwo tief im Gedränge der Ruhelager, im Inneren des Angers, gegen
-die Mitte zu, gab es ein flaches Plätzchen von Menschenlänge, eben und
-unbelegt, zwischen zwei aufgebetteten, um deren Steine Dauerkränze
-gehängt waren, und unwillkürlich blieben die drei Besucher davor stehen.
-Sie standen, das Fräulein etwas vor ihren Begleitern, und lasen die
-zarten Angaben der Steine, – Hans Castorp gelöst, die Hände vor sich
-gekreuzt, mit offenem Munde und schläfrigen Augen, der junge Ziemßen
-geschlossen und nicht nur gerade, sondern sogar ein wenig nach hinten
-abgeneigt, – worauf die Vettern mit gleichzeitiger Neugier von den
-Seiten verstohlen in Karen Karstedts Miene blickten. Sie merkte es
-dennoch und stand da, verschämt und bescheiden, den Kopf ein wenig
-schräg vorgeschoben, und lächelte geziert mit gespitzten Lippen, wobei
-sie rasch mit den Augen blinzelte.
-
-
- Walpurgisnacht
-
-Sieben Monate waren es in den nächsten Tagen, daß der junge Hans Castorp
-hier oben verweilte, während Vetter Joachim, der deren fünf auf dem
-Buckel gehabt hatte, als jener eingetroffen war, nun auf zwölfe
-zurückblickte, auf ein Jährchen also – ein rundes Jahr, – rund in dem
-kosmischen Sinn, daß, seit die kleine, zugkräftige Lokomotive ihn hier
-abgesetzt, die Erde einmal ihren Sonnenumlauf beendet hatte und zu dem
-Punkte von damals zurückgekehrt war. Es war Faschingszeit. Fastnacht
-stand vor der Tür, und Hans Castorp erkundigte sich bei dem Jährigen,
-wie das denn sei.
-
-„Magnifik!“ antwortete Settembrini, dem die Vettern wieder einmal bei
-der Vormittagsmotion begegnet waren. „Splendide!“ antwortete er. „Das
-ist so lustig wie im Prater, Sie werden sehen, Ingenieur. Dann sind wir
-gleich im Reihen hier die glänzenden Galanten“, sprach er, und fuhr dann
-prallen Mundes zu medisieren fort, indem er seine Hechelreden mit
-gelungenen Arm-, Kopf- und Schulterbewegungen begleitete: „Was wollen
-Sie, auch in der _maison de santé_ finden bisweilen ja Bälle statt, für
-die Narren und Blöden, wie ich gelesen habe, – warum nicht auch hier?
-Das Programm umfaßt die verschiedensten _danses macabres_, wie Sie sich
-denken können. Leider kann ein gewisser Teil der vorjährigen
-Festteilnehmer diesmal nicht erscheinen, da das Fest schon um 9½ Uhr
-sein Ende findet ...“
-
-„Sie meinen ... Ach so, vorzüglich!“ lachte Hans Castorp. „Sind Sie ein
-Witzbold –! ‚Um 9½‘, – hast dus gehört, du? Allzu früh nämlich, als daß
-‚ein gewisser Teil‘ der Vorjährigen noch ein Stündchen teilnehmen
-könnte, meint Herr Settembrini. Ha, ha, unheimlich. Das ist nämlich der
-Teil, der dem ‚Fleisch‘ unterdessen schon endgültig valet gesagt hat.
-Verstehst du mein Wortspiel? Aber da bin ich denn doch gespannt“, sagte
-er. „Ich finde es richtig, daß wir hier so die Feste feiern, wie sie
-fallen, und auf die übliche Art die Etappen markieren, die Einschnitte
-also, damit es kein ungegliedertes Einerlei gibt, das wäre zu sonderbar.
-Da haben wir Weihnachten gehabt und wußten, daß Neujahr war, und nun
-kommt also Fastnacht. Dann rückt Palmsonntag heran (gibt es hier
-Kringel?), die Karwoche, Ostern und Pfingsten, was sechs Wochen später
-ist, und dann ist ja bald schon der längste Tag, Sommersonnenwende,
-verstehen Sie, und es geht auf den Herbst ...“
-
-„Halt! halt! halt!“, rief Settembrini, indem er das Gesicht gen Himmel
-hob und die Handteller gegen die Schläfen preßte. „Schweigen Sie! Ich
-verbiete Ihnen, sich in dieser Weise die Zügel schießen zu lassen!“
-
-„Entschuldigen Sie, ich sage ja im Gegenteil ... Übrigens wird Behrens
-sich am Ende nun doch wohl zu den Injektionen entschließen, um meine
-Entgiftung zu erzielen, denn ich habe unentwegt siebenunddreißig-vier,
--fünf, -sechs und auch -sieben. Das will sich nicht ändern. Ich bin und
-bleibe nun mal ein Sorgenkind des Lebens. Langfristig bin ich ja nicht,
-Radamanth hat mir nie was Bestimmtes aufgebrummt, aber er sagt, es wäre
-sinnlos, die Kur vor der Zeit zu unterbrechen, wo ich nun doch schon so
-lange hier oben bin und soviel Zeit investiert habe, sozusagen. Was
-nützte es auch, wenn er mir einen Termin setzte? Das hätte nicht viel zu
-bedeuten, denn wenn er zum Beispiel sagt: ein halbes Jährchen, so ist es
-sehr knapp gerechnet, man muß sich auf mehr gefaßt machen. Das sieht man
-an meinem Vetter, der sollte Anfang des Monats fertig sein – fertig im
-Sinne von ausgeheilt –, aber das letztemal hat Behrens ihm vier Monate
-zugelegt, zu seiner völligen Ausheilung, – na, und was haben wir dann?
-Dann haben wir Sommersonnenwende, wie ich sagte, ohne daß ich Sie reizen
-wollte, und es geht wieder auf den Winter zu. Aber für den Augenblick
-haben wir nun freilich erst einmal Fastnacht, – Sie hören ja, ich finde
-es gut und schön, daß wir hier alles der Reihe nach, und wie’s im
-Kalender steht, begehen. Frau Stöhr sagte, daß es in der Conciergeloge
-Kindertrompeten zu kaufen gibt?“
-
-Das traf zu. Schon beim ersten Frühstück am Faschingsdienstag, der
-sofort da war, ehe man ihn von weitem nur recht ins Auge gefaßt, – schon
-in der Frühe gab es im Speisesaal allerlei Töne aus scherzhaften
-Blasinstrumenten, schnarrend und tutend; beim Mittagessen flogen vom
-Tische Gänsers, Rasmussens und der Kleefeld bereits Papierschlangen, und
-mehrere Personen, zum Beispiel die rundäugige Marusja, trugen papierne
-Kopfbedeckungen, die ebenfalls bei dem Hinkenden vorn in der Loge zu
-kaufen waren; aber abends entfaltete sich im Saal und in den
-Konversationsräumen eine Festgeselligkeit, die in ihrem Verlauf ... Nur
-wir wissen vorderhand, wozu, dank Hans Castorps Unternehmungsgeist,
-diese Fastnachtsgeselligkeit in ihrem Verlaufe führte. Aber wir lassen
-uns durch unser Wissen nicht hin- und nicht aus unserer Bedächtigkeit
-reißen, sondern geben der Zeit die Ehre, die ihr gebührt, und
-überstürzen nichts, – vielleicht sogar zögern wir die Ereignisse hin,
-weil wir die sittliche Scheu des jungen Hans Castorp teilen, die den
-Eintritt dieser Ereignisse so lange hintangehalten hatte.
-
-Allgemein war man nachmittags nach „Platz“ gepilgert, um das
-Faschingsstraßenleben zu sehen. Masken waren unterwegs gewesen,
-Pierrotten und Harlekine, die klappernde Pritschen gehandhabt hatten,
-und zwischen den Fußgängern und den ebenfalls maskierten Insassen der
-vorüberläutenden, geschmückten Schlitten waren Konfetti-Scharmützel
-geliefert worden. Schon sehr hochgestimmt fand man sich zur
-Abendmahlzeit an den sieben Tischen ein, entschlossen, den öffentlichen
-Geist in geschlossenem Kreise fortzupflegen. Die Papiermützen, Schnarren
-und Tuten des Concierge hatten starken Abgang gefunden, und Staatsanwalt
-Paravant hatte mit weiterer Travestierung den Anfang gemacht, indem er
-einen Damenkimono und einen falschen, laut vielseitigem Zuruf, der
-Generalkonsulin Wurmbrandt gehörigen Zopf angelegt, auch seinen
-Schnurrbart mit einem Brenneisen schräg nach unten gezogen hatte und so
-wirklich aufs Haar einem Chinesen glich. Die Verwaltung war nicht
-zurückgestanden. Sie hatte jeden der sieben Tische mit einem
-Papierlampion geschmückt, einem farbigen Mond mit brennender Kerze im
-Inneren, so daß Settembrini beim Eintritt in den Saal, an Hans Castorps
-Tische vorbeistreifend, einen auf diese Illumination bezüglichen
-Dichterspruch zitierte:
-
- „Da sieh nur, welche bunten Flammen!
- Es ist ein muntrer Klub beisammen“,
-
-äußerte er mit feinem und trockenem Lächeln, indem er zu seinem Platze
-weiterschlenderte, um dort mit kleinen Wurfgeschossen empfangen zu
-werden, dünnwandigen und mit einer wohlriechenden Flüssigkeit gefüllten
-Kügelchen, die beim Anprall zerbrachen und den Getroffenen mit Parfüm
-überschütteten.
-
-Kurzum, die Festlaune war von Anfang an sehr ausgesprochen. Gelächter
-herrschte, Papierschlangen, von den Kronleuchtern herabhängend, wehten
-im Luftzuge hin und her, in der Bratensauce schwammen Konfetti, bald sah
-man die Zwergin mit dem ersten Eiskübel, der ersten Champagnerflasche
-geschäftig vorübereilen, man mischte den Sekt mit Burgunder, wozu
-Rechtsanwalt Einhuf das Signal gegeben, und als nun gar gegen Ende der
-Mahlzeit das Deckenlicht ausging und nur noch die Lampions den
-Speisesaal mit buntem Dämmer italienisch-nächtig erleuchteten, war die
-Stimmung vollkommen, und es erregte am Tische Hans Castorps viel
-Zustimmung, als Settembrini einen Zettel herübersandte (er händigte ihn
-der ihm zunächstsitzenden, mit einer Jockei-Mütze aus grünem
-Seidenpapier geschmückten Marusja ein), auf den er mit Bleistift
-geschrieben hatte:
-
- „Allein bedenkt! Der Berg ist heute zaubertoll,
- Und wenn ein Irrlicht Euch die Wege weisen soll,
- So müßt Ihr’s so genau nicht nehmen.“
-
-Doktor Blumenkohl, dem es eben wieder sehr schlecht ging, murmelte mit
-jenem ihm eigentümlichen Gesichts- oder eigentlich Lippenausdruck etwas
-vor sich hin, woraus man entnehmen konnte, was das für Verse seien. Hans
-Castorp seinerseits meinte die Antwort nicht schuldig bleiben zu dürfen,
-fühlte sich scherzhaft verpflichtet, eine Replik auf den Zettel zu
-schreiben, die freilich nur höchst unbedeutend hätte ausfallen können.
-Er suchte in seinen Taschen nach einem Bleistift, fand aber keinen und
-konnte auch von Joachim und der Lehrerin keinen erhalten. Seine
-rot geäderten Augen gingen nach Aushilfe gen Osten, in den
-links-rückwärtigen Winkel des Saales, und man sah, wie sein flüchtiges
-Vorhaben in so weitläufigen Assoziationen ausartete, daß er erbleichte
-und seine Grundabsicht überhaupt vergaß.
-
-Zum Erbleichen gab es Gründe auch sonst. Frau Chauchat dort hinten hatte
-zur Fastnacht Toilette gemacht, sie trug ein neues Kleid, jedenfalls ein
-Kleid, das Hans Castorp noch nicht an ihr gesehen, – aus leichter und
-dunkler, ja schwarzer, nur manchmal ein wenig goldbräunlich
-aufschimmernder Seide, das am Halse einen mädchenhaft kleinen
-Rundausschnitt zeigte, kaum so tief, daß die Kehle, der Ansatz der
-Schlüsselbeine und hinten die bei leicht vorgeschobener Kopfhaltung
-etwas heraustretenden Genickwirbel unter dem lockeren Nackenhaar
-sichtbar blieben, das aber Clawdias Arme bis zu den Schultern hinauf
-frei ließ, – ihre Arme, die zart und voll waren zugleich, – kühl dabei,
-aller Mutmaßung nach, und außerordentlich weiß gegen die seidige
-Dunkelheit des Kleides abstachen, auf eine so erschütternde Art, daß
-Hans Castorp, die Augen schließend, in sich hineinflüsterte: „Mein
-Gott!“ – Er hatte diese Art Kleiderschnitt noch nie gesehen. Er kannte
-Balltoiletten, festlich statthafte, ja vorschriftsmäßige Enthüllungen,
-die weit umfassender gewesen waren als diese hier, ohne im entferntesten
-so sensationell zu wirken. Als Irrtum erwies sich vor allem die ältere
-Annahme des armen Hans Castorp, daß die Lockung, die vernunftwidrige
-Lockung dieser Arme, deren Bekanntschaft er durch dünne Gaze hindurch
-bereits gemacht hatte, ohne eine so ahndevolle „Verklärung“, wie er es
-damals genannt, sich vielleicht als weniger tief erweisen werde. Irrtum!
-Verhängnisvolle Selbsttäuschung! Die volle, hochbetonte und blendende
-Nacktheit dieser herrlichen Glieder eines giftkranken Organismus war ein
-Ereignis, weit stärker sich erweisend, als die Verklärung von damals,
-eine Erscheinung, auf die es keine andere Antwort gab, als den Kopf zu
-senken und lautlos zu wiederholen: „Mein Gott!“
-
-Etwas später kam noch ein Zettel, auf dem es hieß:
-
- „Gesellschaft, wie man wünschen kann.
- Wahrhaftig, lauter Bräute!
- Und Junggesellen Mann für Mann,
- Die hoffnungsvollsten Leute!“
-
-„Bravo, bravo!“ wurde gerufen. Man war schon beim Mokka, der in kleinen
-irden-braunen Kännchen serviert wurde, beziehungsweise auch bei den
-Likören, zum Beispiel Frau Stöhr, die Süß-Geistiges für ihr Leben gern
-schlürfte. Die Gesellschaft begann sich aufzulösen, zu zirkulieren. Man
-besuchte einander, wechselte die Tische. Ein Teil der Gäste hatte sich
-schon in die Konversationsräume verzogen, während ein anderer seßhaft
-blieb, dem Weingemisch weiter zusprechend. Settembrini kam nun
-persönlich herüber, sein Kaffeetäßchen in der Hand, den Zahnstocher
-zwischen den Lippen, und setzte sich hospitierend an die Tischecke
-zwischen Hans Castorp und die Lehrerin.
-
-„Harzgebirg“, sagte er. „Gegend von Schierke und Elend. Habe ich Ihnen
-zu viel versprochen, Ingenieur? Heiß ich mir das doch eine Messe! Aber
-warten Sie nur, unser Witz erschöpft sich nicht so bald, wir sind noch
-nicht auf der Höhe, geschweige am Ende. Nach allem, was man hört, wird
-es noch mehr Masken geben. Gewisse Personen haben sich zurückgezogen, –
-das berechtigt zu allerlei Erwartungen, Sie werden sehen.“
-
-Wirklich tauchten neue Verkleidungen auf: Damen in Herrentracht,
-operettenhaft und unwahrscheinlich durch ausladende Formen, die
-Gesichter bärtig geschwärzt mit angekohltem Flaschenkork; Herren,
-umgekehrt, die Frauenroben angelegt hatten, über deren Röcke sie
-strauchelten, wie zum Beispiel Studiosus Rasmussen, welcher, in
-schwarzer, jettübersäter Toilette, ein pickliges Dekolleté zur Schau
-stellte, das er sich mit einem Papierfächer kühlte, und zwar auch den
-Rücken. Ein Bettelmann erschien knickbeinig, an einer Krücke hängend.
-Jemand hatte sich aus weißem Unterzeug und einem Damenfilz ein
-Pierrotkostüm hergestellt, das Gesicht gepudert, so daß seine Augen ein
-unnatürliches Aussehen gewannen, und den Mund mit Lippenpomade blutig
-aufgehöht. Es war der Junge mit dem Fingernagel. Ein Grieche vom
-Schlechten Russentisch, mit schönen Beinen, stolzierte in lila
-Trikotunterhosen, mit Mäntelchen, Papierkrause und einem Stockdegen als
-spanischer Grande oder Märchenprinz daher. Alle diese Masken waren nach
-Schluß der Mahlzeit eilig improvisiert worden. Es litt Frau Stöhr nicht
-länger auf ihrem Stuhl. Sie verschwand, um nach kurzer Zeit als
-Scheuerweib wiederzukehren, mit geschürztem Rock und aufgestülpten
-Ärmeln, die Bänder ihrer Papierhaube unter dem Kinn geknotet und
-bewaffnet mit Eimer und Besen, die sie zu handhaben begann, indem sie
-mit dem nassen Schrubber unter die Tische, den Sitzenden zwischen die
-Füße fuhr.
-
- „Die alte Baubo kommt allein“,
-
-rezitierte Settembrini bei ihrem Anblick und fügte auch den Reimvers
-hinzu, klar und plastisch. Sie hörte es, nannte ihn „welscher Hahn“ und
-forderte ihn auf, seine „Zötchen“ für sich zu behalten, wobei sie ihn im
-Geiste der Maskenfreiheit duzte; denn diese Verkehrsform war schon
-während des Essens allgemein aufgenommen worden. Er schickte sich an,
-ihr zu antworten, als Lärm und Gelächter von der Halle her ihn
-unterbrachen und Aufsehen im Saal erregten.
-
-Gefolgt von Gästen, die aus den Konversationsräumen kamen, hielten zwei
-sonderbare Figuren ihren Einzug, die mit der Kostümierung wohl eben erst
-fertig geworden waren. Die eine war als Diakonissin angezogen, doch war
-ihr schwarzes Habit vom Hals bis zum Saume mit weißen Bandstreifen quer
-benäht, kurzen, die nahe untereinander lagen, und seltneren, die über
-jene hinausragten, nach Art der Liniatur eines Thermometers. Sie hielt
-den Zeigefinger vor ihren bleichen Mund und trug in der Rechten eine
-Fiebertabelle. Die andere Maske erschien blau in Blau: mit blau
-gefärbten Lippen und Brauen, auch sonst im Gesicht und am Halse noch
-blau bemalt, eine blaue Wollmütze schief übers Ohr gezogen und bekleidet
-mit einem An- oder Überzuge aus blauem Glanzleinen, der, aus einem Stück
-gearbeitet, an den Knöcheln mit Bändern zugezogen und in der Mitte zum
-Rundbauche ausgestopft war. Man erkannte Frau Iltis und Herrn Albin.
-Beide trugen Pappschilder umgehängt, auf denen geschrieben stand: „Die
-stumme Schwester“ und: „Der blaue Heinrich“. In einer Art Wackelschritt
-zogen sie selbander um den Saal.
-
-Das gab einen Beifall! Die Zurufe schwirrten. Frau Stöhr, ihren Besen
-unter dem Arm, die Hände auf den Knien, lachte maßlos und ordinär nach
-Herzenslust, unter Vorwendung ihrer Rolle als Scheuerweib. Nur
-Settembrini zeigte sich unzugänglich. Seine Lippen, unter dem schön
-geschwungenen Schnurrbart, wurden äußerst schmal, nachdem er einen
-kurzen Blick auf das erfolgreiche Maskenpaar geworfen.
-
-Unter denen, die im Gefolge des Blauen und der Stummen aus den
-Konversationszimmern wieder herübergekommen waren, befand sich auch
-Clawdia Chauchat. Zusammen mit der wollhaarigen Tamara und jenem
-Tischgenossen mit dem konkaven Brustkasten, einem gewissen Buligin, der
-Abendanzug trug, strich sie in ihrem neuen Kleid an Hans Castorps Tische
-vorbei und bewegte sich schräg hinüber zu dem des jungen Gänser und der
-Kleefeld, wo sie, die Hände auf dem Rücken, mit schmalen Augen lachend
-und plaudernd stehen blieb, während ihre Begleiter den allegorischen
-Gespenstern weiter folgten und mit ihnen den Saal wieder verließen. Auch
-Frau Chauchat hatte sich mit einer Faschingsmütze geschmückt, – es war
-nicht einmal eine gekaufte, sondern von der Art, wie man sie Kindern
-anfertigt, aus weißem Papiere einfach zum Dreispitz zurechtgefaltet, und
-kleidete sie übrigens, quer aufgesetzt, vorzüglich. Das dunkelgoldbraune
-Seidenkleid war fußfrei, der Rock etwas bauschig gearbeitet. Wir sagen
-von den Armen hier nichts mehr. Sie waren nackt bis zu den Schultern
-hinauf.
-
-„Betrachte sie genau!“ hörte Hans Castorp Herrn Settembrini wie von
-weitem sagen, während er ihr, die bald weiterging, gegen die Glastür,
-zum Saal hinaus, mit den Blicken folgte. „Lilith ist das.“
-
-„Wer?“ fragte Hans Castorp.
-
-Der Literat freute sich. Er replizierte:
-
-„Adams erste Frau. Nimm dich in acht ...“
-
-Außer ihnen beiden saß nur noch Dr. Blumenkohl am Tische, an seinem
-entfernten Platz. Die übrige Speisegesellschaft, auch Joachim, war in
-die Konversationsräume übergesiedelt. Hans Castorp sagte:
-
-„Du steckst heute voller Poesie und Versen. Was ist nun das wieder für
-eine Lilli? War Adam also zweimal verheiratet? Ich hatte keine Ahnung
-...“
-
-„Die hebräische Sage will es so. Diese Lilith ist zum Nachtspuk
-geworden, gefährlich für junge Männer besonders durch ihre schönen
-Haare.“
-
-„Pfui Teufel! Ein Nachtspuk mit schönen Haaren. So etwas kannst du nicht
-leiden, was? Da kommst du und drehst das elektrische Licht an,
-sozusagen, um die jungen Männer auf den rechten Weg zu bringen, – tust
-du das nicht?“ sagte Hans Castorp phantastisch. Er hatte ziemlich viel
-von der Weinmischung getrunken.
-
-„Hören Sie, Ingenieur, lassen Sie das!“ befahl Settembrini mit
-zusammengezogenen Brauen. „Bedienen Sie sich der im gebildeten
-Abendlande üblichen Form der Anrede, der dritten Person _pluralis_, wenn
-ich bitten darf! Es steht Ihnen gar nicht zu Gesicht, worin Sie sich da
-versuchen.“
-
-„Aber wieso? Wir haben Karneval! Es ist allgemein akzeptiert heute abend
-...“
-
-„Ja, um eines ungesitteten Reizes willen. Das ‚Du‘ unter Fremden, das
-heißt unter Personen, die einander von Rechtes wegen ‚Sie‘ nennen, ist
-eine widerwärtige Wildheit, ein Spiel mit dem Urstande, ein liederliches
-Spiel, das ich verabscheue, weil es sich im Grunde gegen Zivilisation
-und entwickelte Menschlichkeit richtet, – sich frech und schamlos
-dagegen richtet. Ich habe Sie auch nicht ‚Du‘ genannt, bilden Sie sich
-das nicht ein! Ich zitierte eine Stelle aus dem Meisterwerk Ihrer
-Nationalliteratur. Ich sprach also poetischerweise ...“
-
-„Ich auch! Ich spreche auch gewissermaßen poetischerweise, – weil mir
-der Augenblick danach angetan zu sein scheint, darum spreche ich so. Ich
-sage gar nicht, daß es mir so ganz natürlich ist und leicht fällt, dich
-‚Du‘ zu nennen, im Gegenteil, es kostet mich eine gewisse
-Selbstüberwindung, ich muß mir einen Ruck geben, um es zu tun, aber
-diesen Ruck gebe ich mir gern, ich gebe ihn mir freudig und von Herzen
-...“
-
-„Von Herzen?“
-
-„Von Herzen, ja, das kannst du mir glauben. Wir sind nun schon so lange
-beieinander hier oben, – sieben Monate, wenn du nachrechnest; das ist ja
-für unsere Verhältnisse hier oben noch nicht einmal sehr viel, aber für
-untere Begriffe, wenn ich zurückdenke, ist es doch eine Menge Zeit. Nun,
-und die haben wir nun miteinander verbracht, weil das Leben uns hier
-zusammenführte, und haben uns fast täglich gesehen und interessante
-Gespräche miteinander geführt, zum Teil über Gegenstände, von denen ich
-unten überhaupt keinen Deut begriffen hätte. Aber hier sehr wohl; hier
-waren sie mir sehr wichtig und naheliegend, so daß ich immer, wenn wir
-diskutierten, in höchstem Grade bei der Sache war. Oder vielmehr, wenn
-du mir die Dinge als _homo humanus_ expliziertest; denn ich hatte
-natürlich aus meiner bisherigen Unerfahrenheit nicht viel beizutragen
-und konnte immer nur außerordentlich hörenswert finden, was du sagtest.
-Durch dich habe ich so viel erfahren und verstanden ... Das mit Carducci
-war das Wenigste, aber wie beispielsweise die Republik mit dem schönen
-Stil zusammenhängt oder die Zeit mit dem Menschheitsfortschritt, –
-wohingegen, wenn keine Zeit wäre, auch kein Menschheitsfortschritt sein
-könnte, sondern die Welt nur ein stagnierendes Wasserloch und ein
-fauliger Tümpel wäre, – was wüßte ich davon, wenn du nicht gewesen
-wärst! Ich nenne dich einfach ‚Du‘ und rede dich sonst nicht weiter an,
-entschuldige, weil ich nicht wüßte, wie das geschehen sollte, – ich kann
-es nicht gut. Da sitzest du, und ich sage einfach ‚Du‘ zu dir, das
-genügt. Du bist nicht irgend ein Mensch mit einem Namen, du bist ein
-Vertreter, Herr Settembrini, ein Vertreter hierorts und an meiner Seite,
-– das bist du“, bestätigte Hans Castorp und schlug mit der flachen Hand
-auf das Tischtuch. „Und nun will ich dir einmal danken,“ fuhr er fort
-und schob seinen Glasbecher mit Sekt und Burgunder an Herrn Settembrinis
-Kaffeetäßchen heran, gleichsam, um auf dem Tisch mit ihm anzustoßen, –
-„dafür, daß du dich in diesen sieben Monaten so freundlich meiner
-angenommen hast und mir jungem _mulus_, auf den so viel Neues eindrang,
-zur Hand gegangen bist bei meinen Übungen und Experimenten und
-berichtigend auf mich einzuwirken gesucht hast, ganz _sine pecunia_,
-teils mit Geschichten und teils in abstrakter Form. Ich habe das
-deutliche Gefühl, daß der Augenblick gekommen ist, dir dafür und für all
-das zu danken und dich um Verzeihung zu bitten, wenn ich ein schlechter
-Schüler war, ein ‚Sorgenkind des Lebens‘, wie du sagtest. Es hat mich
-sehr gerührt, wie du das sagtest, und jedesmal, wenn ich daran denke,
-rührt es mich wieder. Ein Sorgenkind, das war ich wohl auch für dich und
-deine pädagogische Ader, auf die du damals gleich am ersten Tage zu
-sprechen kamst, – natürlich, das ist auch einer von den Zusammenhängen,
-die du mich gelehrt hast, der von Humanismus und Pädagogik, – es würden
-mir mit der Zeit gewiß noch mehrere einfallen. Verzeih mir also und
-denke meiner nicht im Bösen! Dein Wohl, Herr Settembrini, sollst leben!
-Ich leere mein Glas zu Ehren deiner literarischen Anstrengungen zur
-Ausmerzung der menschlichen Leiden!“ schloß er, trank, hintenüber
-geneigt, mit ein paar großen Schlucken sein Weingemisch aus und stand
-auf. „Nun wollen wir zu den anderen hinübergehn.“
-
-„Hören Sie, Ingenieur, was ist Ihnen in die Krone gefahren?“ sagte der
-Italiener, die Augen voller Erstaunen, und verließ gleichfalls den
-Tisch. „Das klingt wie Abschied ...“
-
-„Nein, warum Abschied?“ wich Hans Castorp aus. Er wich nicht nur
-figürlich aus, mit seinen Worten, sondern auch körperlich, indem er mit
-dem Oberkörper einen Bogen beschrieb, und hielt sich an die Lehrerin,
-Fräulein Engelhart, die eben kam, sie zu holen. Der Hofrat verzapfe im
-Klavierzimmer mit eigener Hand einen Fastnachtspunsch, den die
-Verwaltung gestiftet habe, meldete sie. Die Herren, sagte sie, möchten
-gleich kommen, wenn sie auch noch ein Glas zu erwischen wünschten. So
-gingen sie hinüber.
-
-Wirklich stand dort drinnen, umdrängt von der Gästeschaft, die ihm
-kleine Henkelgläser entgegenhielt, Hofrat Behrens an dem runden Tisch in
-der Mitte, der weiß gedeckt war, und hob mit einem Schöpflöffel
-dampfendes Getränk aus einer Terrine. Auch er hatte sein Äußeres ein
-wenig karnevalistisch aufgemuntert, indem er nämlich zu dem klinischen
-Kittel, den er auch heute trug, da seine Tätigkeit ja niemals ruhte,
-einen echten türkischen Fez, karminrot, mit schwarzer Troddel, die ihm
-über das Ohr baumelte, aufgesetzt hatte, – Kostüm genug für ihn, dies
-beides zusammen; es reichte hin, seine ohnehin markante Erscheinung ins
-durchaus Wunderliche und Ausgelassene zu steigern. Der weiße Langkittel
-übertrieb des Hofrats Größe; brachte man die Nackenbeugung in Anschlag,
-indem man sie in Gedanken beseitigte und seine Gestalt zur vollen Höhe
-aufrichtete, so erschien er geradezu überlebensgroß, mit kleinem, buntem
-Kopf von eigentümlichstem Gepräge. Dem jungen Hans Castorp wenigstens
-war dies Gesicht noch nie so sonderbar vorgekommen, wie heute unter der
-närrischen Bedeckung: diese stutznäsig flache und bläulich hitzige
-Physiognomie, in der unter weißblonden Brauen die blauen Augen tränend
-quollen und über dem bogenförmigen, nach oben sich bäumenden Mund das
-helle und schief geschürzte Schnurrbärtchen stand. Abgeneigt von dem
-Dampfe, der vor ihm aus der Terrine wirbelte, ließ er das braune
-Getränk, einen zuckerigen Arrak-Punsch, im Bogen aus der Schöpfkelle in
-die dargereichten Gläser rinnen, unaufhörlich in seinem aufgeräumten
-Kauderwelsch sich ergehend, sodaß Lachsalven rund um den Tisch den
-Ausschank begleiteten.
-
-„Herr Urian sitzt oben auf“, erläuterte Settembrini leise mit einer
-Handbewegung gegen den Hofrat und wurde dann nach Hans Castorps Seite
-fortgezogen. Auch Dr. Krokowski war anwesend. Klein, stämmig und kernig,
-sein schwarzes Lüsterhemd mit leeren Ärmeln um die Schultern gehängt,
-sodaß es dominoartig wirkte, hielt er sein Glas mit gedrehter Hand in
-Augenhöhe und plauderte fröhlich mit einer Gruppe von Masken
-travestierten Geschlechts. Musik setzte ein. Die Patientin mit dem
-Tapirgesicht spielte, von dem Mannheimer pianistisch begleitet, auf der
-Geige das Largo von Händel und danach eine Sonate von Grieg, deren
-Charakter national und salonmäßig war. Man applaudierte wohlwollend,
-auch an den beiden Bridge-Tischen, die aufgeschlagen waren, und an denen
-Maskierte und Unmaskierte saßen, Flaschen in Eiskühlern neben sich. Die
-Türen standen offen; auch in der Halle hielten sich Gäste auf. Eine
-Gruppe um den Rundtisch mit der Bowle sah dem Hofrat zu, der den
-Anführer zu einem Gesellschaftsspiel machte. Er zeichnete mit
-geschlossenen Augen, im Stehen, über den Tisch gebückt, dabei aber
-zurückgelegten Kopfes, damit alle sehen konnten, daß er die Augen
-geschlossen hielt, zeichnete auf die Rückseite einer Visitenkarte mit
-Bleistift blindlings eine Figur, – es waren die Umrisse eines
-Schweinchens, die seine riesige Hand ohne Zuhilfenahme der Augen
-hinmalte, eines Schweinchens im Profil, – etwas einfach und mehr ideell
-als lebenswahr, aber es war unverkennbar die Grundgestalt eines
-Schweinchens, die er unter so erschwerenden Bedingungen zusammenzog. Das
-war ein Kunststück, und er konnte es. Das Schlitzäuglein kam ungefähr
-dort zu sitzen, wohin es gehörte, etwas zu weit vorn am Rüssel, aber
-doch ungefähr an seinen Platz; es verhielt sich nicht anders mit dem
-Spitzohr am Kopf, den Beinchen, die an dem gerundeten Bäuchlein hingen;
-und als Fortsetzung der ebenso gerundeten Rückenlinie ringelte das
-Schwänzchen sich sehr artig in sich selber. Man rief „Ah!“ als das Werk
-getan, und drängte sich zu dem Versuch, von Ehrgeiz ergriffen, es dem
-Meister gleichzutun. Allein die Wenigsten hätten ein Schweinchen mit
-offenen Augen zu zeichnen vermocht, geschweige bei geschlossenen. Was
-kamen da für Mißgeburten zustande! Es fehlte an allem Zusammenhang. Das
-Äuglein fiel außerhalb des Kopfes, die Beinchen ins Innere des Wanstes,
-der seinerseits weit entfernt war, sich zu schließen, und das
-Schwänzchen ringelte sich irgendwo abseits, ganz ohne organische
-Beziehung zur verworrenen Hauptgestalt, als selbständige Arabeske. Man
-wollte sich ausschütten vor Lachen. Die Gruppe fand Zuzug. Aufsehen
-entstand an den Bridgetischen, und die Spieler kamen, ihre Karten
-fächerförmig in der Hand, neugierig herüber. Die Umstehenden sahen dem,
-der sich erprobte, auf die Augenlider, ob er nicht blinzle, wozu einige
-durch das Gefühl ihrer Ohnmacht sich verführen ließen, kicherten und
-prusteten, solange er seine blinden Irrtümer beging, und brachen in
-Jubel aus, wenn er, die Augen aufreißend, auf sein absurdes Machwerk
-niederblickte. Trügerisches Selbstvertrauen trieb jeden zum Wettstreit.
-Die Karte, obgleich geräumig, war rasch auf beiden Seiten überfüllt,
-sodaß die verfehlten Figuren sich überschnitten. Aber der Hofrat opferte
-aus seinem Portefeuille eine zweite, auf welcher Staatsanwalt Paravant,
-nach heimlicher Überlegung, das Schweinchen _in einem Zuge_ hinzumalen
-versuchte, – mit dem Ergebnis, daß sein Mißerfolg alle vorangegangenen
-übertraf: das Ornament, das er schuf, wies nicht nur mit keinem
-Schweinchen, sondern überhaupt mit nichts in der Welt die entfernteste
-Ähnlichkeit auf. Hallo, Gelächter und stürmische Glückwünsche! Man
-brachte Menükarten aus dem Speisesaal herzu, – so konnten nun mehrere
-Personen, Damen und Herren, auf einmal zeichnen, und jeder
-Konkurrierende hatte seine Aufpasser und Zuschauer, von denen wiederum
-ein jeder Anwärter auf den Stift war, der eben gehandhabt wurde. Es
-waren drei Bleistifte da, die man sich aus den Händen riß. Sie gehörten
-Gästen. Der Hofrat, nachdem er das neue Spiel in die Wege geleitet und
-bestens im Gange sah, war mit dem Adlaten verschwunden.
-
-Hans Castorp, im Gedränge, sah über Joachims Schulter einem Zeichnenden
-zu, indem er sich mit dem Ellbogen auf diese Schulter stützte, sein Kinn
-mit allen fünf Fingern erfaßt hielt und die andere Hand in die Hüfte
-stemmte. Er redete und lachte. Er wollte ebenfalls zeichnen, verlangte
-laut danach und erhielt den Bleistift, ein schon ganz kurzes Ding, man
-konnte ihn nur noch mit Daumen und Zeigefinger führen. Er schimpfte auf
-den Stummel, das blinde Gesicht zur Decke erhoben, schimpfte laut und
-verfluchte die Undienlichkeit des Stiftes, indem er mit fliegender Hand
-einen gräulichen Unsinn auf den Karton warf, schließlich sogar diesen
-verfehlte und auf das Tischtuch geriet. „Das gilt nicht!“ rief er in das
-verdiente Gelächter hinein. „Wie soll man mit einem solchen – zum Teufel
-damit!“ Und er warf den beschuldigten Stummel in die Punschbowle. „Wer
-hat einen vernünftigen Bleistift? Wer leiht mir einen? Ich muß noch
-einmal zeichnen! Einen Bleistift, einen Bleistift! Wer hat noch einen?“
-rief er nach beiden Seiten aus, den linken Unterarm noch auf die
-Tischplatte gestützt und die rechte Hand hoch in der Luft schüttelnd. Er
-bekam keinen. Da wandte er sich um und ging ins Zimmer hinein, indem er
-zu rufen fortfuhr, – ging gerade auf Clawdia Chauchat zu, die, wie er
-gewußt hatte, nicht weit von der Portiere zum kleinen Salon stand und
-von hier aus dem Treiben am Bowlentisch lächelnd zugesehen hatte.
-
-Hinter sich hörte er rufen, wohllautende ausländische Worte: „_Eh!
-Ingegnere! Aspetti! Che cosa fa! Ingegnere! Un po di raggione, sa! Ma è
-matto questo ragazzo!_“ Aber er übertönte diese Stimme mit der seinen,
-und so sah man Herrn Settembrini, eine Hand mit gespreiztem Arm über den
-Kopf geworfen – eine in seiner Heimat übliche Gebärde, deren Sinn nicht
-leicht auf ein Wort zu bringen wäre, und die von einem langgezogenen
-„_Ehh –!_“ begleitet war – die Fastnachtsgeselligkeit verlassen. – Hans
-Castorp aber stand auf dem Klinkerhof, blickte aus nächster Nähe in die
-blau-grau-grünen Epicanthus-Augen über den vortretenden Backenknochen
-und sprach:
-
-„Hast _du_ nicht vielleicht einen Bleistift?“
-
-Er war totenbleich, so bleich wie damals, als er blutbesudelt von seinem
-Einzelspaziergang zur Konferenz gekommen war. Die Gefäßnervenleitung
-nach seinem Gesichte spielte mit dem Erfolg, daß die entblutete Haut
-dieses jungen Gesichtes blaßkalt einfiel, die Nase spitz erschien und
-die Partie unter den Augen ganz so bleifarben wie bei einer Leiche
-aussah. Aber Hans Castorps Herz ließ der Sympathikus in einer Gangart
-trommeln, daß von geregelter Atmung überhaupt nicht mehr die Rede sein
-konnte, und Schauer überliefen den jungen Menschen als Veranstaltung der
-Hautsalbendrüsen seines Körpers, die sich mitsamt ihren Haarbälgen
-aufrichteten.
-
-Die im Papierdreispitz betrachtete ihn von oben bis unten mit einem
-Lächeln, worin keinerlei Mitleid, keinerlei Besorgnis angesichts der
-Verwüstung seines Äußeren zu erkennen war. Dies Geschlecht kennt ein
-solches Mitleid und eine solche Besorgnis überhaupt nicht vor den
-Schrecken der Leidenschaft, – eines Elementes, ihm offenbar viel
-vertrauter, als dem Mann, der von Natur keineswegs darin zu Hause ist
-und den es nie ohne Spott und Schadenfreude darin begrüßt. Übrigens
-würde er sich für Mitleid und Besorgnis ja freilich auch bedanken.
-
-„Ich?“ antwortete die bloßarmige Kranke auf das „Du“ ... „Ja,
-vielleicht“. Und allenfalls war in ihrem Lächeln und ihrer Stimme etwas
-von der Erregung, die auftritt, wenn nach langem, stummem Verhältnis die
-erste Anrede fällt, – einer listigen Erregung, die alles Vorangegangene
-in den Augenblick heimlich einbezieht. „Du bist sehr ehrgeizig ... Du
-bist ... sehr ... eifrig“, fuhr sie in ihrer exotischen Aussprache mit
-fremdem r und fremdem, zu offenem e zu spotten fort, wobei ihre leicht
-verschleierte, angenehm heisere Stimme das Wort „ehrgeizig“ auch noch
-auf der zweiten Silbe betonte, so daß es völlig fremdsprachig klang, –
-und kramte in ihrem Ledertäschchen, blickte suchend hinein und zog unter
-einem Taschentuch, das sie zuerst zutage gefördert, ein
-kleines silbernes Crayon hervor, dünn und zerbrechlich, ein
-Galanteriesächelchen, zu ernsthafter Tätigkeit kaum zu gebrauchen. Der
-Bleistift von damals, der erste, war handlich-rechtschaffener gewesen.
-
-„_Voilà_“, sagte sie und hielt ihm das Stiftchen vor die Augen, indem
-sie es zwischen Daumen und Zeigefinger an der Spitze hielt und leicht
-hin und her schlenkerte.
-
-Da sie es ihm zugleich gab und vorenthielt, nahm er es, ohne es zu
-empfangen, das heißt: hielt die Hand in der Höhe des Stiftes, dicht
-daran, die Finger zum Greifen bereit, aber nicht vollends zugreifend,
-und blickte aus seinen bleifarbenen Augenhöhlen abwechselnd auf den
-Gegenstand und in Clawdias tatarisches Gesicht. Seine blutlosen Lippen
-standen offen, und sie blieben so, er benutzte sie nicht zum Sprechen,
-als er sagte:
-
-„Siehst du wohl, ich wußte doch, daß du einen haben würdest.“
-
-„_Prenez garde, il est un peu fragile_“, sagte sie. „_C’est à visser, tu
-sais._“
-
-Und indem ihre Köpfe sich darüber neigten, zeigte sie ihm die
-landläufige Mechanik des Stiftes, aus dem ein nadeldünnes,
-wahrscheinlich hartes, nichts abgebendes Graphitstänglein fiel, wenn man
-die Schraube öffnete.
-
-Sie standen nahe gegeneinander geneigt. Da er im Gesellschaftsanzug war,
-trug er heute abend einen steifen Kragen und konnte das Kinn darauf
-stützen.
-
-„Klein, aber dein“, sagte er, Stirn an Stirn mit ihr, auf den Stift
-hinunter mit unbewegten Lippen und folglich unter Auslassung des
-Labiallautes.
-
-„Oh, auch witzig bist du“, antwortete sie mit kurzem Lachen, indem sie
-sich aufrichtete und ihm das Crayon nun überließ. (Übrigens mochte Gott
-wissen, womit er witzig war, da er ja offensichtlich keinen Tropfen Blut
-im Kopfe hatte.) „Also geh, spute dich, zeichne, zeichne gut, zeichne
-dich aus!“ Witzig auch ihrerseits schien sie ihn fortzutreiben.
-
-„Nein, _du_ hast noch nicht gezeichnet. _Du_ mußt zeichnen“, sagte er
-unter Auslassung des m von „mußt“ und trat auf ziehende Art einen
-Schritt zurück.
-
-„Ich?“ wiederholte sie wieder mit einem Erstaunen, das etwas anderem
-mehr als seiner Forderung zu gelten schien. In einer gewissen Verwirrung
-lächelnd blieb sie noch stehen, folgte aber dann seiner magnetisierenden
-Rückwärtsbewegung ein paar Schritte gegen den Bowlentisch.
-
-Es zeigte sich jedoch, daß die Unterhaltung dort nicht mehr vorhielt, in
-den letzten Zügen lag. Jemand zeichnete noch, hatte aber keine Zuschauer
-mehr. Die Karten waren mit Unsinn bedeckt, jedermann hatte seine
-Ohnmacht erprobt, der Tisch stand fast verlassen, zumal eine
-Gegenströmung eingesetzt hatte. Da man gewahr geworden, daß die Ärzte
-fort waren, lautete plötzlich die Parole auf Tanz. Schon wurde der Tisch
-beiseite geschleppt. Man postierte Späher an die Türen des Schreib- und
-des Klavierzimmers, mit der Anweisung, durch ein Zeichen den Ball zum
-Stehen zu bringen, falls etwa „der Alte“, Krokowski oder die Oberin sich
-wieder zeigen sollten. Ein slawischer Jüngling griff mit Ausdruck in die
-Tastatur des kleinen Nußbaumpianinos. Die ersten Paare drehten sich im
-Inneren eines unregelmäßigen Kreises von Sesseln und Stühlen, auf denen
-Zuschauer saßen.
-
-Hans Castorp verabschiedete sich von dem eben fortschwebenden Tisch mit
-der Handbewegung: „Fahr hin!“ Mit dem Kinn deutete er dann auf freie
-Sitzgelegenheiten, die er im kleinen Salon gewahrte, und auf die
-geschützte Zimmerecke rechts neben der Portiere. Er sagte nichts,
-vielleicht, weil ihm die Musik zu laut war. Er zog einen Stuhl – es war
-ein sogenannter Triumphstuhl, mit Holzrahmen und einer Plüschbespannung
-– für Frau Chauchat an den Ort, den er vorher pantomimisch bezeichnet
-hatte, und eignete sich selbst einen knisternden, krachenden Korbstuhl
-mit gerollten Armlehnen an, auf den er sich zu ihr setzte, gegen sie
-vorgebeugt, die Arme auf den Lehnen, ihr Crayon in den Händen, die Füße
-weit unter dem Stuhl. Sie ihrerseits lag allzu tief in dem
-Plüschgehänge, ihre Knie waren emporgehoben, doch schlug sie trotzdem
-das eine über das andere und ließ ihren Fuß in der Höhe wippen, dessen
-Knöchel über dem Rande des schwarzen Lackschuhs von der ebenfalls
-schwarzen Seide des Strumpfes überspannt war. Vor ihnen saßen andere
-Leute, standen auf, um zu tanzen und machten solchen Platz, die müde
-waren. Es war ein Kommen und Gehen.
-
-„Du hast ein neues Kleid“, sagte er, um sie betrachten zu dürfen, und
-hörte sie antworten:
-
-„Neu? Du bist bewandert in meiner Toilette?“
-
-„Habe ich nicht recht?“
-
-„Doch. Ich habe es mir kürzlich hier machen lassen, bei Lukaček im Dorf.
-Er arbeitet viel für Damen hier oben. Es gefällt dir?“
-
-„Sehr gut“, sagte er, indem er sie mit dem Blick noch einmal umfaßte und
-ihn dann niederschlug. „Willst du tanzen?“ fügte er hinzu.
-
-„Würdest du wollen?“ fragte sie mit erhobenen Brauen lächelnd dagegen,
-und er antwortete:
-
-„Ich täte es schon, wenn du Lust hättest.“
-
-„Das ist weniger brav, als ich dachte, daß du seist“, sagte sie, und da
-er wegwerfend auflachte, fügte sie hinzu: „Dein Vetter ist schon
-gegangen.“
-
-„Ja, er ist mein Vetter“, bestätigte er unnötigerweise. „Ich sah auch
-vorhin, daß er fort ist. Er wird sich gelegt haben.“
-
-„_C’est un jeune homme très étroit, très honnête, très allemand._“
-
-„_Étroit? Honnête?_“ wiederholte er. „Ich verstehe Französisch besser,
-als ich es spreche. Du willst sagen, daß er pedantisch ist. Hältst du
-uns Deutsche für pedantisch – _nous autres allemands_?“
-
-„_Nous causons de votre cousin. Mais c’est vrai_, ihr seid ein wenig
-bourgeois. _Vous aimez l’ordre mieux que la liberté, toute l’Europe le
-sait._“
-
-„_Aimer ... aimer ... Qu’est-ce que c’est! Ça manque de définition, ce
-mot-là._ Der Eine hat’s, der Andere liebt’s, _comme nous disons
-proverbialement_“, behauptete Hans Castorp. „Ich habe in letzter Zeit,“
-fuhr er fort, „manchmal über die Freiheit nachgedacht. Das heißt, ich
-hörte das Wort so oft, und so dachte ich darüber nach. _Je te le dirai
-en français_, was ich mir dachte. _Ce que toute l’Europe nomme la
-liberté, est peut-être une chose assez pédante et assez bourgeoise en
-comparaison de notre besoin d’ordre – c’est ça!_“
-
-„_Tiens! C’est amusant. C’est ton cousin à qui tu penses en disant des
-choses étranges comme ça?_“
-
-„Nein, _c’est vraiment une bonne âme_, eine einfache, unbedrohte Natur,
-_tu sais. Mais il n’est pas bourgeois, il est militaire._“
-
-„Unbedroht?“ wiederholte sie mühsam ... „_Tu veux dire: une nature tout
-à fait ferme, sûre d’elle-même? Mais il est sérieusement malade, ton
-pauvre cousin._“
-
-„Wer hat das gesagt?“
-
-„Man weiß hier voneinander.“
-
-„Hat Hofrat Behrens dir das gesagt?“
-
-„_Peut-être en me faisant voir ses tableaux._“
-
-„_C’est-à-dire: en faisant ton portrait!_“
-
-„_Pourquoi pas. Tu l’as trouvé réussi, mon portrait?_“
-
-„_Mais oui, extrêmement. Behrens a très exactement rendu ta peau, oh
-vraiment très fidèlement. J’aimerais beaucoup être portraitiste, moi
-aussi, pour avoir l’occasion d’étudier ta peau comme lui._“
-
-„_Parlez allemand, s’il vous plaît!_“
-
-„Oh, ich spreche Deutsch, auch auf Französisch. _C’est une sorte d’étude
-artistique et médicale – en un mot: il s’agit des lettres humaines, tu
-comprends._ Wie ist es nun, willst du nicht tanzen?“
-
-„Aber nein, das ist kindisch. _En cachette des médecins. Aussitôt que
-Behrens reviendra, tout le monde va se précipiter sur les chaises. Ce
-sera fort ridicule._“
-
-„Hast du so großen Respekt vor ihm?“
-
-„Vor wem?“ sagte sie, das Fragewort kurz und fremdartig sprechend.
-
-„Vor Behrens.“
-
-„_Mais va donc avec ton Behrens!_ Es ist auch viel zu eng zum Tanzen.
-_Et puis sur le tapis_ ... Wollen wir zusehen, dem Tanze.“
-
-„Ja, das wollen wir“, pflichtete er bei und schaute neben ihr hin, mit
-seinem bleichen Gesicht, mit den blauen, sinnig blickenden Augen seines
-Großvaters, in das Gehüpf der maskierten Patienten hier im Salon und
-drüben im Schreibzimmer. Da hüpfte die Stumme Schwester mit dem Blauen
-Heinrich, und Frau Salomon, die als Ballherr, in Frack und weiße Weste,
-gekleidet war, mit hochgewölbter Hemdbrust, gemaltem Schnurrbart und
-Monokel, drehte sich auf kleinen Lack-Stöckelschuhen, die
-unnatürlicherweise aus ihren schwarzen Herrenhosen hervorkamen, mit dem
-Pierrot, dessen Lippen blutrot in seinem geweißten Antlitz leuchteten,
-und dessen Augen denen eines Albino-Kaninchens glichen. Der Grieche im
-Mäntelchen schwang das Ebenmaß seiner lila Trikotbeine um den
-dekolletierten und dunkel glitzernden Rasmussen; der Staatsanwalt im
-Kimono, die Generalkonsulin Wurmbrand und der junge Gänser tanzten sogar
-selbdritt, indem sie sich mit den Armen umschlungen hielten; und was die
-Stöhr betraf, so tanzte sie mit ihrem Besen, den sie ans Herz drückte
-und dessen Borsten sie liebkoste, als wären sie eines Menschen aufrecht
-stehendes Haupthaar gewesen.
-
-„Das wollen wir“, wiederholte Hans Castorp mechanisch. Sie sprachen
-leise, unter den Tönen des Klaviers. „Wir wollen hier sitzen und zusehen
-wie im Traum. Das ist für mich wie ein Traum, mußt du wissen, daß wir so
-sitzen, – _comme un rêve singulièrement profond, car il faut dormir très
-profondément pour rêver comme cela ... Je veux dire: C’est un rêve bien
-connu, rêvé de tout temps, long, éternel, oui, être assis près de toi
-comme à présent, voilà l’éternité._“
-
-„_Poète!_“ sagte sie. „_Bourgeois, humaniste et poète, – voilà
-l’allemand au complet, comme il faut!_“
-
-„_Je crains, que nous ne soyons pas du tout et nullement comme il
-faut_“, antwortete er. „_Sous aucun égard. Nous sommes peut-être des_
-Sorgenkinder des Lebens, _tout simplement_.“
-
-„_Joli mot. Dis-moi donc ... Il n’aurait pas été fort difficile de rêver
-ce rêve-là plus tôt. C’est un peu tard, que monsieur se résout
-d’adresser la parole à son humble servante._“
-
-„_Pourquoi des paroles?_“ sagte er. „_Pourquoi parler? Parler,
-discourir, c’est une chose bien républicaine, je le concède. Mais je
-doute, que ce soit poétique au même degré. Un de nos pensionnaires, qui
-est un peu devenu mon ami, M. Settembrini ..._“
-
-„_Il vient de te lancer quelques paroles._“
-
-„_Eh bien, c’est un grand parleur sans doute, il aime même beaucoup à
-réciter de beaux vers, – mais est-ce un poète, cet homme-là?_“
-
-„_Je regrette sincèrement de n’avoir jamais eu le plaisir de faire la
-connaissance de ce chevalier._“
-
-„_Je le crois bien._“
-
-„_Ah! Tu le crois._“
-
-„_Comment? C’était une phrase tout-à-fait indifférente, ce que j’ai dit
-là. Moi, tu le remarques bien, je ne parle guère le français. Pourtant,
-avec toi je préfère cette langue à la mienne, car pour moi, parler
-français, c’est parler sans parler, en quelque manière, – sans
-responsabilité, ou comme nous parlons en rêve. Tu comprends?_“
-
-„_A peu près._“
-
-„_Ça suffit ... Parler_“, fuhr Hans Castorp fort, „_– pauvre affaire!
-Dans l’éternité, on ne parle point. Dans l’éternité, tu sais, on fait
-comme en dessinant un petit cochon: on penche la tête en arrière et on
-ferme les yeux._“
-
-„_Pas mal, ça! Tu es chez toi dans l’éternité, sans aucun doute, tu la
-connais à fond. Il faut avouer, que tu es un petit rêveur assez
-curieux._“
-
-„_Et puis_“, sagte Hans Castorp, „_si je t’avais parlé plus tôt, il
-m’aurait fallu te dire »vous«!_“
-
-„_Eh bien, est-ce que tu as l’intention de me tutoyer pour toujours?_“
-
-„_Mais oui. Je t’ai tutoyée de tout temps et je te tutoierai
-éternellement._“
-
-„_C’est un peu fort, par exemple. En tout cas tu n’auras pas trop
-longtemps l’occasion de me dire »tu«. Je vais partir._“
-
-Das Wort brauchte einige Zeit, bis es ihm ins Bewußtsein drang. Dann
-fuhr er auf, wirr um sich blickend, wie ein aus dem Schlaf Gestörter.
-Ihr Gespräch war ziemlich langsam vonstatten gegangen, da Hans Castorp
-das Französische schwerfällig und wie in zögerndem Sinnen sprach. Das
-Klavier, das kurze Zeit geschwiegen hatte, tönte wieder, nunmehr unter
-den Händen des Mannheimers, der den Slawenjüngling abgelöst und Noten
-aufgelegt hatte. Fräulein Engelhart saß bei ihm und blätterte um. Der
-Ball hatte sich gelichtet. Eine größere Anzahl der Pensionäre schien
-horizontale Lage eingenommen zu haben. Vor ihnen saß niemand mehr. Im
-Lesezimmer spielte man Karten.
-
-„Was tust du?“ fragte Hans Castorp entgeistert ...
-
-„Ich reise ab“, wiederholte sie, scheinbar verwundert lächelnd über sein
-Erstarren.
-
-„Nicht möglich“, sagte er. „Das ist nur Scherz.“
-
-„Durchaus nicht. Es ist mein vollkommener Ernst. Ich reise.“
-
-„Wann?“
-
-„Aber morgen. _Après dîner._“
-
-In ihm ereignete sich ein umfangreicher Zusammensturz. Er sagte:
-
-„Wohin?“
-
-„Sehr weit fort.“
-
-„Nach Daghestan?“
-
-„_Tu n’es pas mal instruit. Peut-être, pour le moment ..._“
-
-„Bist du denn geheilt?“
-
-„_Quant à ça ... non._ Aber Behrens meint, es sei vorläufig hier nicht
-mehr viel für mich zu erreichen. _C’est pourquoi je vais risquer un
-petit changement d’air._“
-
-„Du kommst also wieder!“
-
-„Das fragt sich. Es fragt sich vor allem, wann. _Quant à moi, tu sais,
-j’aime la liberté avant tout et notamment celle de choisir mon domicile.
-Tu ne comprends guère ce que c’est: être obsédé d’indépendance. C’est de
-ma race, peut-être._“
-
-„_Et ton mari au Daghestan te l’accorde, – ta liberté?_“
-
-„_C’est la maladie qui me la rend. Me voilà à cet endroit pour la
-troisième fois. J’ai passé un an ici, cette fois. Possible que je
-revienne. Mais alors tu seras bien loin depuis longtemps._“
-
-„Glaubst du, Clawdia?“
-
-„_Mon prénom aussi! Vraiment tu les prends bien au sérieux les coutumes
-du carnaval!_“
-
-„Weißt du denn, wie krank ich bin?“
-
-„_Oui – non – comme on sait ces choses ici. Tu as une petite tache
-humide là dedans et un peu de fièvre, n’est-ce pas?_“
-
-„_Trente-sept et huit ou neuf l’après-midi_“, sagte Hans Castorp. „Und
-du?“
-
-„_Oh, mon cas, tu sais, c’est un peu plus compliqué ... pas tout-à-fait
-simple._“
-
-„_Il y a quelque chose dans cette branche de lettres humaines dite la
-médecine_,“ sagte Hans Castorp, „_qu’on appelle bouchement tuberculeux
-des vases de lymphe._“
-
-„_Ah! Tu as mouchardé, mon cher, on le voit bien._“
-
-„_Et toi ..._ Verzeih mir! Laß mich dich jetzt etwas fragen, dich
-dringlich und auf Deutsch etwas fragen! Als ich damals von Tische zur
-Untersuchung ging, vor sechs Monaten ... Du blicktest dich um nach mir,
-erinnerst du dich?“
-
-„_Quelle question? Il y a six mois!_“
-
-„Wußtest du, wohin ich ging?“
-
-„_Certes, c’était tout-à-fait par hasard ..._“
-
-„Du wußtest es von Behrens?“
-
-„_Toujours ce Behrens!_“
-
-„_Oh, il a représenté ta peau d’une façon tellement exacte ...
-D’ailleurs, c’est un veuf aux joues ardentes et qui possède un service à
-café très remarquable ... Je crois bien qu’il connaît ton corps non
-seulement comme médecin, mais aussi comme adepte d’une autre discipline
-de lettres humaines._“
-
-„_Tu as décidément raison de dire, que tu parles en rêve, mon ami._“
-
-„_Soit ... Laisse-moi rêver de nouveau après m’avoir réveillé si
-cruellement par cette cloche d’alarme de ton départ. Sept mois sous tes
-yeux ... Et à présent, où en réalité j’ai fait ta connaissance, tu me
-parles de départ!_“
-
-„_Je te répète, que nous aurions pu causer plus tôt._“
-
-„Du hättest es gewünscht?“
-
-„_Moi? Tu ne m’échapperas pas, mon petit. Il s’agit de tes intérêts, à
-toi. Est-ce que tu étais trop timide pour t’approcher d’une femme à qui
-tu parles en rêve maintenant, ou est-ce qu’il y avait quelqu’un qui t’en
-a empêché?_“
-
-„_Je te l’ai dit. Je ne voulais pas te dire »vous«._“
-
-„_Farceur. Réponds donc, – ce monsieur beau parleur, cet italien-là qui
-a quitté la soirée, – qu’est-ce qu’il t’a lancé tantôt?_“
-
-„_Je n’en ai entendu absolument rien. Je me soucie très peu de ce
-monsieur, quand mes yeux te voient. Mais tu oublies ... il n’aurait pas
-été si facile du tout de faire ta connaissance dans le monde. Il y avait
-encore mon cousin avec qui j’étais lié et qui incline très peu à
-s’amuser ici: Il ne pense à rien qu’à son retour dans les plaines, pour
-se faire soldat._“
-
-„_Pauvre diable. Il est, en effet, plus malade qu’il ne sait. Ton ami
-italien du reste ne va pas trop bien non plus._“
-
-„_Il le dit lui-même. Mais mon cousin ... Est-ce vrai? Tu m’effraies._“
-
-„_Fort possible qu’il va mourir, s’il essaye d’être soldat dans les
-plaines._“
-
-„_Qu’il va mourir. La mort. Terrible mot, n’est-ce pas? Mais c’est
-étrange, il ne m’impressionne pas tellement aujourd’hui, ce mot. C’était
-une façon de parler bien conventionnelle, lorsque je disais »Tu
-m’effraies«. L’idée de la mort ne m’effraie pas. Elle me laisse
-tranquille. Je n’ai pas pitié – ni de mon bon Joachim ni de moi-même, en
-entendant qu’il va peut-être mourir. Si c’est vrai, son état ressemble
-beaucoup au mien et je ne le trouve pas particulièrement imposant. Il
-est moribond, et moi, je suis amoureux, eh bien! – Tu as parlé à mon
-cousin à l’atelier de photographie intime, dans l’antichambre, tu te
-souviens._“
-
-„_Je me souviens un peu._“
-
-„_Donc ce jour-là Behrens a fait ton portrait transparent!_“
-
-„_Mais oui._“
-
-„_Mon dieu. Et l’as-tu sur toi?_“
-
-„_Non, je l’ai dans ma chambre._“
-
-„_Ah, dans ta chambre. Quant au mien, je l’ai toujours dans mon
-portefeuille. Veux-tu que je te le fasse voir?_“
-
-„_Mille remerciements. Ma curiosité n’est pas invincible. Ce sera un
-aspect très innocent._“
-
-„_Moi, j’ai vu ton portrait extérieur. J’aimerais beaucoup mieux voir
-ton portrait intérieur qui est enfermé dans ta chambre ... Laisse-moi
-demander autre chose! Parfois un monsieur russe qui loge en ville vient
-te voir. Qui est-ce? Dans quel but vient-il, cet homme?_“
-
-„_Tu es joliment fort en espionnage, je l’avoue. Eh bien, je réponds.
-Oui, c’est un compatriote souffrant, un ami. J’ai fait sa connaissance à
-une autre station balnéaire, il y a quelques années déjà. Nos relations?
-Les voilà: nous prenons notre thé ensemble, nous fumons deux ou trois
-papiros, et nous bavardons, nous philosophons, nous parlons de l’homme,
-de Dieu, de la vie, de la morale, de mille choses. Voilà mon compte
-rendu. Es-tu satisfait?_“
-
-„_De la morale aussi! Et qu’est-ce que vous avez trouvé en fait de
-morale, par exemple?_“
-
-„_La morale? Cela t’intéresse? Eh bien, il nous semble, qu’il faudrait
-chercher la morale non dans la vertu, c’est-à-dire dans la raison, la
-discipline, les bonnes mœurs, l’honnêteté, – mais plutôt dans le
-contraire, je veux dire: dans le péché, en s’abandonnant au danger, à ce
-qui est nuisible, à ce qui nous consume. Il nous semble qu’il est plus
-moral de se perdre et même de se laisser dépérir que de se conserver.
-Les grands moralistes n’étaient point des vertueux, mais des aventuriers
-dans le mal, des vicieux, des grands pécheurs qui nous enseignent à nous
-incliner chrétiennement devant la misère. Tout ça doit te déplaire
-beaucoup, n’est-ce pas?_“
-
-Er schwieg. Er saß noch immer wie anfangs, die verschlungenen Füße tief
-unter seinem knisternden Stuhl, vorgeneigt gegen die Liegende im
-Papierdreispitz, ihr Crayon zwischen den Fingern, und blickte aus Hans
-Lorenz Castorps blauen Augen von unten in das Zimmer, das leer geworden
-war. Zerstoben die Gästeschaft. Das Klavier, in der schräg
-gegenüberliegenden Ecke, tönte nur noch leise und abgebrochen, gespielt
-mit einer Hand von dem mannheimischen Kranken, an dessen Seite die
-Lehrerin saß und in einem Notenbuch blätterte, das sie auf den Knien
-hielt. Als das Gespräch zwischen Hans Castorp und Clawdia Chauchat
-verstummte, hörte der Pianist vollends zu spielen auf und legte auch die
-Hand, mit der er die Tasten leicht gerührt hatte, in den Schoß, während
-Fräulein Engelhart fortfuhr, in ihre Noten zu blicken. Die vier von der
-Fastnachtsgeselligkeit übriggebliebenen Personen saßen unbeweglich. Die
-Stille dauerte mehrere Minuten. Langsam neigten sich unter ihrem Druck
-die Köpfe des Paares am Pianino tiefer und tiefer, der des Mannheimers
-gegen die Klaviatur hinab, der Fräulein Engelharts auf das Notenheft.
-Endlich, beide gleichzeitig, wie nach geheimer Verständigung, standen
-sie vorsichtig auf, und leise, auf den Zehen, indem sie es künstlich
-vermieden, sich nach der anderen noch belebten Zimmerecke umzusehen, die
-Köpfe eingezogen und die Arme steif am Leibe, verschwanden der
-Mannheimer und die Lehrerin miteinander durch das Schreib- und
-Lesezimmer. „_Tout le monde se retire_“, sagte Frau Chauchat.
-„_C’étaient les derniers; il se fait tard. Eh bien, la fête de carnaval
-est finie._“ Und sie hob die Arme, um mit beiden Händen die Papiermütze
-von ihrem rötlichen Haar zu nehmen, dessen Zopf als Kranz um den Kopf
-geschlungen war. „_Vous connaissez les conséquences, monsieur._“
-
-Aber Hans Castorp verneinte mit geschlossenen Augen, ohne im übrigen
-seine Stellung zu verändern. Er antwortete:
-
-„_Jamais, Clawdia. Jamais je te dirai »vous«, jamais de la vie ni de la
-mort_, wenn man so sagen kann, – man sollte es können. _Cette forme de
-s’adresser à une personne, qui est celle de l’Occident cultivé et de la
-civilisation humanitaire, me semble fort bourgeoise et pédante.
-Pourquoi, au fond, de la forme? La forme, c’est la pédanterie elle-même!
-Tout ce que vous avez fixé à l’égard de la morale, toi et ton
-compatriote souffrant, – tu veux sérieusement que ça me surprenne? Pour
-quel sot me prends-tu? Dis donc, qu’est-ce que tu penses de moi?_“
-
-„_C’est un sujet qui ne donne pas beaucoup à penser. Tu es un petit
-bonhomme convenable, de bonne famille, d’une tenue appétissante,
-disciple docile de ses précepteurs et qui retournera bientôt dans les
-plaines, pour oublier complètement qu’il a jamais parlé en rêve ici et
-pour aider à rendre son pays grand et puissant par son travail honnête
-sur le chantier. Voilà ta photographie intime, faite sans appareil. Tu
-la trouves exacte, j’espère?_“
-
-„_Il y manque quelques détails que Behrens y a trouvés._“
-
-„_Ah, les médecins en trouvent toujours, ils s’y connaissent ..._“
-
-„_Tu parles comme M. Settembrini. Et ma fièvre? D’où vient-elle?_“
-
-„_Allons donc, c’est un incident sans conséquence qui passera vite._“
-
-„_Non, Clawdia, tu sais bien que ce que tu dis là n’est pas vrai et tu
-le dis sans conviction, j’en suis sûr. La fièvre de mon corps et le
-battement de mon cœur harassé et le frissonnement de mes membres, c’est
-le contraire d’un incident, car ce n’est rien d’autre_ –“ und sein
-bleiches Gesicht mit den zuckenden Lippen beugte sich tiefer zu dem
-ihren – „_rien d’autre que mon amour pour toi, oui, cet amour qui m’a
-saisi à l’instant, où mes yeux t’ont vue, ou, plutôt, que j’ai reconnu,
-quand je t’ai reconnue toi, – et c’était lui, évidemment, qui m’a mené à
-cet endroit ..._“
-
-„_Quelle folie!_“
-
-„_Oh, l’amour n’est rien, s’il n’est pas de la folie, une chose
-insensée, défendue et une aventure dans le mal. Autrement c’est une
-banalité agréable, bonne pour en faire de petites chansons paisibles
-dans les plaines. Mais quant à ce que je t’ai reconnue et que j’ai
-reconnu mon amour pour toi, – oui, c’est vrai, je t’ai déjà connue,
-anciennement, toi et tes yeux merveilleusement obliques et ta bouche et
-ta voix, avec laquelle tu parles, – une fois déjà, lorsque j’étais
-collégien, je t’ai demandé ton crayon, pour faire enfin ta connaissance
-mondaine, parce que je t’aimais irraisonnablement, et c’est de là, sans
-doute, c’est de mon ancien amour pour toi, que ces marques me restent
-que Behrens a trouvées dans mon corps, et qui indiquent que jadis aussi
-j’étais malade ..._“
-
-Seine Zähne schlugen aufeinander. Er hatte den einen Fuß unter seinem
-knisternden Stuhl hervorgezogen, während er phantasierte, und indem er
-ihn vorschob, diesen Fuß, berührte er mit dem anderen Knie schon den
-Boden, so daß er denn also neben ihr kniete, gebeugten Kopfes und am
-ganzen Körper zitternd. „_Je t’aime_,“ lallte er, „_je t’ai aimée de
-tout temps, car tu es le Toi de ma vie, mon rêve, mon sort, mon envie,
-mon éternel désir ..._“
-
-„_Allons, allons!_“ sagte sie. „_Si tes précepteurs te voyaient ..._“
-
-Aber er schüttelte verzweifelt den Kopf, das Gesicht über den Teppich,
-und antwortete:
-
-„_Je m’en ficherais, je me fiche de tous ces Carducci et de la
-République éloquente et du progrès humain dans le temps, car je
-t’aime!_“
-
-Sie streichelte ihm leicht mit der Hand das kurzgeschorene Haar am
-Hinterkopf.
-
-„_Petit bourgeois!_“ sagte sie. „_Joli bourgeois à la petite tache
-humide. Est-ce vrai que tu m’aimes tant?_“
-
-Und begeistert von ihrer Berührung, nun auf beiden Knien, den Kopf im
-Nacken und mit geschlossenen Augen fuhr er zu sprechen fort:
-
-„_Oh, l’amour, tu sais ... Le corps, l’amour, la mort, ces trois ne font
-qu’un. Car le corps, c’est la maladie et la volupté, et c’est lui qui
-fait la mort, oui, ils sont charnels tous deux, l’amour et la mort, et
-voilà leur terreur et leur grande magie! Mais la mort, tu comprends,
-c’est d’une part une chose mal famée, impudente qui fait rougir de
-honte; et d’autre part c’est une puissance très solennelle et très
-majestueuse, – beaucoup plus haute que la vie riante gagnant de la
-monnaie et farcissant sa panse, – beaucoup plus vénérable que le progrès
-qui bavarde par les temps, – parce qu’elle est l’histoire et la noblesse
-et la piété et l’éternel et le sacré qui nous fait tirer le chapeau et
-marcher sur la pointe des pieds ... Or, de même, le corps, lui aussi, et
-l’amour du corps, sont une affaire indécente et fâcheuse, et le corps
-rougit et pâlit à sa surface par frayeur et honte de lui-même. Mais
-aussi il est une grande gloire adorable, image miraculeuse de la vie
-organique, sainte merveille de la forme et de la beauté, et l’amour pour
-lui, pour le corps humain, c’est de même un intérêt extrêmement
-humanitaire et une puissance plus éducative que toute la pédagogie du
-monde! ... Oh, enchantante beauté organique qui ne se compose ni de
-teinture à l’huile ni de pierre, mais de matière vivante et corruptible,
-pleine du secret fébrile de la vie et de la pourriture! Regarde la
-symétrie merveilleuse de l’édifice humain, les épaules et les hanches et
-les mamelons fleurissants de part et d’autre sur la poitrine, et les
-côtes arrangées par paires, et le nombril au milieu dans la mollesse du
-ventre, et le sexe obscur entre les cuisses! Regarde les omoplates se
-remuer sous la peau soyeuse du dos, et l’échine qui descend vers la
-luxuriance double et fraîche des fesses, et les grandes branches des
-vases et des nerfs qui passent du tronc aux rameaux par les aisselles,
-et comme la structure des bras correspond à celle des jambes. Oh, les
-douces régions de la jointure intérieure du coude et du jarret avec leur
-abondance de délicatesses organiques sous leurs coussins de chair!
-Quelle fête immense de les caresser ces endroits délicieux du corps
-humain! Fête à mourir sans plainte après! Oui, mon dieu, laisse-moi
-sentir l’odeur de la peau de ta rotule, sous laquelle l’ingénieuse
-capsule articulaire sécrète son huile glissante! Laisse-moi toucher
-dévotement de ma bouche l’Arteria femoralis qui bat au front de ta
-cuisse et qui se divise plus bas en les deux artères du tibia!
-Laisse-moi ressentir l’exhalation de tes pores et tâter ton duvet, image
-humaine d’eau et d’albumine, destinée pour l’anatomie du tombeau, et
-laisse-moi périr, mes lèvres aux tiennes!_“
-
-Er öffnete die Augen nicht, nachdem er gesprochen; er blieb, wie er war,
-den Kopf im Nacken, die Hände mit dem Silberstiftchen von sich
-gestreckt, auf seinen Knien bebend und schwankend. Sie sagte:
-
-„_Tu es en effet un galant qui sait solliciter d’une manière profonde, à
-l’allemande._“
-
-Und sie setzte ihm die Papiermütze auf.
-
-„_Adieu, mon prince Carnaval! Vous aurez une mauvaise ligne de fièvre ce
-soir, je vous le prédis._“
-
-Damit glitt sie vom Stuhl, glitt über den Teppich zur Tür, in deren
-Rahmen sie zögerte, halb rückwärts gewandt, einen ihrer nackten Arme
-erhoben, die Hand an der Türangel. Über die Schulter sagte sie leise:
-
-„_N’oubliez pas de me rendre mon crayon._“
-
-Und trat hinaus.
-
-
- Druck vom Bibliographischen Institut in Leipzig
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
-Schreibweise häufig vorkommender Namen wurde vereinheitlicht. Weitere
-Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme späterer Auflagen, sind hier
-aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 36]:
- ... verschiedene Gemütsbewegungen hin und her geworfen, bis ...
- ... verschiedenen Gemütsbewegungen hin und her geworfen, bis ...
-
- [S. 39]:
- ... die Wangen streifenden Halskragen des Großvaters ausfüllte. ...
- ... die Wangen streifenden Halskragens des Großvaters
- ausfüllte. ...
-
- [S. 58]:
- ... gegeben und selbstverständlich betrachten und vor dem
- Einfall, ...
- ... gegeben und selbstverständlich betrachten und von dem
- Einfall, ...
-
- [S. 81]:
- ... Vetter macht. In ihrem Fall kann man gar nichts Schlaueres ...
- ... Vetter macht. In Ihrem Fall kann man gar nichts Schlaueres ...
-
- [S. 90]:
- ... auf Platz Davos, etwa in Drittelhöhe des Ganges, und
- gewährte ...
- ... auf Platz Davos, etwa in Drittelhöhe des Hanges, und
- gewährte ...
-
- [S. 104]:
- ... „Wie heißt es doch in der Oper ihres Meisters? ‚Der
- Vogelfänger ...
- ... „Wie heißt es doch in der Oper Ihres Meisters? ‚Der
- Vogelfänger ...
-
- [S. 136]:
- ... den Revolver von ihrer Schläfe weg, es ist nicht anzusehen! ...
- ... den Revolver von Ihrer Schläfe weg, es ist nicht anzusehen! ...
-
- [S. 147]:
- ... Ihnen nicht zuträglich zu sein scheint, da sie sich
- körperlich und, ...
- ... Ihnen nicht zuträglich zu sein scheint, da Sie sich
- körperlich und, ...
-
- [S. 155]:
- ... Vorhaben erwachte, seinen Vetter Joachim morgen von diesem ...
- ... Vorhaben erwachte, seinem Vetter Joachim morgen von diesem ...
-
- [S. 165]:
- ... als Sie sich den Anschein geben, da sie offenbar Geist
- besitzen. ...
- ... als Sie sich den Anschein geben, da Sie offenbar Geist
- besitzen. ...
-
- [S. 165]:
- ... So entspricht es ihrem Alter, welches männlicher
- Entschlossenheit ...
- ... So entspricht es Ihrem Alter, welches männlicher
- Entschlossenheit ...
-
- [S. 173]:
- ... die Griffe übte, die man ihm lehrte. Nur einige ...
- ... die Griffe übte, die man ihn lehrte. Nur einige ...
-
- [S. 190]:
- ... Ingenieur. Sie sind in ihrem Elemente, das freut mich. ...
- ... Ingenieur. Sie sind in Ihrem Elemente, das freut mich. ...
-
- [S. 198]:
- ... und dann schräg hin und ziemlich steil den rechtsseitigen
- Gang ...
- ... und dann schräg hin und ziemlich steil den rechtsseitigen
- Hang ...
-
- [S. 269]:
- ... Humanität überhaupt, alte Menschenwürde, Menschenachtung ...
- ... Humanität überhaupt, alle Menschenwürde, Menschenachtung ...
-
- [S. 303]:
- ... wie sie sich anspielen.“ Und wie vorhin begann er sein
- Klopfen. ...
- ... wie Sie sich anspielen.“ Und wie vorhin begann er sein
- Klopfen. ...
-
- [S. 330]:
- ... Wir wollen hoffen, daß sie bei Ihrem Mann im Osten wieder ...
- ... Wir wollen hoffen, daß sie bei ihrem Mann im Osten wieder ...
-
- [S. 353]:
- ... Palmzweige auf dem Vorderdeckel. Dieser nun, so bemerkte ...
- ... Palmzweigen auf dem Vorderdeckel. Dieser nun, so bemerkte ...
-
- [S. 383]:
- ... Wunsch in ihm gezeitigt hätten, des Rausches ledig zu
- werden. ...
- ... Wunsch in ihm gezeitigt hätte, des Rausches ledig zu werden. ...
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERBERG ***
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Der Zauberberg. Band 1, by Thomas Mann</title>
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-<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of Der Zauberberg, by Thomas Mann</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
-at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
-are not located in the United States, you will have to check the laws of the
-country where you are located before using this eBook.
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-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Der Zauberberg</p>
-<p style='display:block; margin-top:0; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:0;'>Erster Band</p>
-
-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Thomas Mann</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: June 21, 2021 [eBook #65661]</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
-
-<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</div>
-
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERBERG ***</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="aut">
-Thomas Mann
-</p>
-
-<p class="ser">
-Gesammelte Werke
-</p>
-
-<div class="centerpic logo">
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-
-<p class="pub">
-<span class="line1">1924</span><br />
-<span class="line2">S. Fischer / Verlag / Berlin</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="aut">
-Thomas Mann
-</p>
-
-<h1 class="title">
-Der Zauberberg
-</h1>
-
-<p class="subt">
-Roman
-</p>
-
-<p class="vol">
-Erster Band
-</p>
-
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-<p class="pub">
-<span class="line1">1924</span><br />
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-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="cop">
-Erste bis zehnte Auflage<br />
-Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung<br />
-Copyright 1924 by S. Fischer, Verlag, A.-G., Berlin
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="tit">
-Der Zauberberg
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="intro" id="chapter-0-1">
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-Vorsatz
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Die Geschichte Hans Castorps, die wir erzählen wollen, –
-nicht um seinetwillen (denn der Leser wird einen einfachen,
-wenn auch ansprechenden jungen Menschen in ihm kennenlernen),
-sondern um der Geschichte willen, die uns in hohem
-Grade erzählenswert scheint (wobei zu Hans Castorps Gunsten
-denn doch erinnert werden sollte, daß es <em>seine</em> Geschichte ist,
-und daß nicht jedem jede Geschichte passiert): diese Geschichte
-ist sehr lange her, sie ist sozusagen schon ganz mit historischem
-Edelrost überzogen und unbedingt in der Zeitform der tiefsten
-Vergangenheit vorzutragen.
-</p>
-
-<p>
-Das wäre kein Nachteil für eine Geschichte, sondern eher
-ein Vorteil; denn Geschichten müssen vergangen sein, und je
-vergangener, könnte man sagen, desto besser für sie in ihrer
-Eigenschaft als Geschichten und für den Erzähler, den raunenden
-Beschwörer des Imperfekts. Es steht jedoch so mit ihr,
-wie es heute auch mit den Menschen und unter diesen nicht
-zum wenigsten mit den Geschichtenerzählern steht: sie ist viel
-älter als ihre Jahre, ihre Betagtheit ist nicht nach Tagen, das
-Alter, das auf ihr liegt, nicht nach Sonnenumläufen zu berechnen;
-mit einem Worte: sie verdankt den Grad ihres Vergangenseins
-nicht eigentlich der <em>Zeit</em>, – eine Aussage, womit auf die
-Fragwürdigkeit und eigentümliche Zwienatur dieses geheimnisvollen
-Elementes im Vorbeigehen angespielt und hingewiesen
-sei.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-Um aber einen klaren Sachverhalt nicht künstlich zu verdunkeln:
-die hochgradige Verflossenheit unserer Geschichte
-rührt daher, daß sie <em>vor</em> einer gewissen, Leben und Bewußtsein
-tief zerklüftenden Wende und Grenze spielt ... Sie spielt, oder,
-um jedes Präsens geflissentlich zu vermeiden, sie spielte und
-hat gespielt vormals, ehedem, in den alten Tagen, der Welt
-vor dem großen Kriege, mit dessen Beginn so vieles begann,
-was zu beginnen wohl kaum schon aufgehört hat. Vorher
-also spielt sie, wenn auch nicht lange vorher. Aber ist der Vergangenheitscharakter
-einer Geschichte nicht desto tiefer, vollkommener
-und märchenhafter, je dichter „vorher“ sie spielt?
-Zudem könnte es sein, daß die unsrige mit dem Märchen
-auch sonst, ihrer inneren Natur nach, das eine und andre zu
-schaffen hat.
-</p>
-
-<p>
-Wir werden sie ausführlich erzählen, genau und gründlich, –
-denn wann wäre je die Kurz- oder Langweiligkeit einer Geschichte
-abhängig gewesen von dem Raum und der Zeit, die
-sie in Anspruch nahm? Ohne Furcht vor dem Odium der
-Peinlichkeit, neigen wir vielmehr der Ansicht zu, daß nur das
-Gründliche wahrhaft unterhaltend sei.
-</p>
-
-<p>
-Im Handumdrehen also wird der Erzähler mit Hansens
-Geschichte nicht fertig werden. Die sieben Tage einer Woche
-werden dazu nicht reichen und auch sieben Monate nicht. Am
-besten ist es, er macht sich im voraus nicht klar, wieviel Erdenzeit
-ihm verstreichen wird, während sie ihn umsponnen hält. Es
-werden, in Gottes Namen, ja nicht geradezu sieben Jahre sein!
-</p>
-
-<p>
-Und somit fangen wir an.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-2">
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-Erstes Kapitel
-</h2>
-
-</div>
-
-<h3 class="section1" id="subchap-0-2-1">
-Ankunft
-</h3>
-
-<p class="first">
-Ein einfacher junger Mensch reiste im Hochsommer von
-Hamburg, seiner Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen.
-Er fuhr auf Besuch für drei Wochen.
-</p>
-
-<p>
-Von Hamburg bis dort hinauf, das ist aber eine weite Reise;
-zu weit eigentlich im Verhältnis zu einem so kurzen Aufenthalt.
-Es geht durch mehrerer Herren Länder, bergauf und bergab,
-von der süddeutschen Hochebene hinunter zum Gestade des
-Schwäbischen Meeres und zu Schiff über seine springenden
-Wellen hin, dahin über Schlünde, die früher für unergründlich
-galten.
-</p>
-
-<p>
-Von da an verzettelt sich die Reise, die solange großzügig,
-in direkten Linien vonstatten ging. Es gibt Aufenthalte und
-Umständlichkeiten. Beim Orte Rorschach, auf schweizerischem
-Gebiet, vertraut man sich wieder der Eisenbahn, gelangt aber
-vorderhand nur bis Landquart, einer kleinen Alpenstation, wo
-man den Zug zu wechseln gezwungen ist. Es ist eine Schmalspurbahn,
-die man nach längerem Herumstehen in windiger
-und wenig reizvoller Gegend besteigt, und in dem Augenblick,
-wo die kleine, aber offenbar ungewöhnlich zugkräftige Maschine
-sich in Bewegung setzt, beginnt der eigentlich abenteuerliche Teil
-der Fahrt, ein jäher und zäher Aufstieg, der nicht enden zu
-wollen scheint. Denn Station Landquart liegt vergleichsweise
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-noch in mäßiger Höhe; jetzt aber geht es auf wilder, drangvoller
-Felsenstraße allen Ernstes ins Hochgebirge.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp – dies der Name des jungen Mannes – befand
-sich allein mit seiner krokodilsledernen Handtasche, einem
-Geschenk seines Onkels und Pflegevaters, Konsul Tienappel,
-um auch diesen Namen hier gleich zu nennen, – seinem Wintermantel,
-der an einem Haken schaukelte, und seiner Plaidrolle
-in einem kleinen grau gepolsterten Abteil; er saß bei niedergelassenem
-Fenster, und da der Nachmittag sich mehr und mehr
-verkühlte, so hatte er, Familiensöhnchen und Zärtling, den
-Kragen seines modisch weiten, auf Seide gearbeiteten Sommerüberziehers
-aufgeschlagen. Neben ihm auf der Bank lag ein
-broschiertes Buch namens „<span class="antiqua" lang="en">Ocean steamships</span>“, worin er zu
-Anfang der Reise bisweilen studiert hatte; jetzt aber lag es
-vernachlässigt da, indes der hereinstreichende Atem der schwer
-keuchenden Lokomotive seinen Umschlag mit Kohlenpartikeln
-verunreinigte.
-</p>
-
-<p>
-Zwei Reisetage entfernen den Menschen – und gar den
-jungen, im Leben noch wenig fest wurzelnden Menschen –
-seiner Alltagswelt, all dem, was er seine Pflichten, Interessen,
-Sorgen, Aussichten nannte, viel mehr, als er sich auf der Droschkenfahrt zum
-Bahnhof wohl träumen ließ. Der Raum, der sich
-drehend und fliehend zwischen ihn und seine Pflanzstätte wälzt,
-bewährt Kräfte, die man gewöhnlich der Zeit vorbehalten
-glaubt; von Stunde zu Stunde stellt er innere Veränderungen
-her, die den von ihr bewirkten sehr ähnlich sind, aber sie in gewisser
-Weise übertreffen. Gleich ihr erzeugt er Vergessen; er tut es
-aber, indem er die Person des Menschen aus ihren Beziehungen
-löst und ihn in einen freien und ursprünglichen Zustand versetzt,
-– ja, selbst aus dem Pedanten und Pfahlbürger macht er
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-im Handumdrehen etwas wie einen Vagabunden. Zeit, sagt
-man, ist Lethe; aber auch Fernluft ist so ein Trank, und sollte
-sie weniger gründlich wirken, so tut sie es dafür desto rascher.
-</p>
-
-<p>
-Dergleichen erfuhr auch Hans Castorp. Er hatte nicht beabsichtigt,
-diese Reise sonderlich wichtig zu nehmen, sich innerlich
-auf sie einzulassen. Seine Meinung vielmehr war gewesen,
-sie rasch abzutun, weil sie abgetan werden mußte, ganz als
-derselbe zurückzukehren, als der er abgefahren war, und sein
-Leben genau dort wieder aufzunehmen, wo er es für einen
-Augenblick hatte liegen lassen müssen. Noch gestern war er
-völlig in dem gewohnten Gedankenkreise befangen gewesen,
-hatte sich mit dem jüngst Zurückliegenden, seinem Examen,
-und dem unmittelbar Bevorstehenden, seinem Eintritt in die
-Praxis bei Tunder &amp; Wilms (Schiffswerft, Maschinenfabrik und
-Kesselschmiede), beschäftigt und über die nächsten drei Wochen
-mit soviel Ungeduld hinweggeblickt, als seine Gemütsart nur
-immer zuließ. Jetzt aber war ihm doch, als ob die Umstände
-seine volle Aufmerksamkeit erforderten und als ob es nicht angehe,
-sie auf die leichte Achsel zu nehmen. Dieses Emporgehobenwerden
-in Regionen, wo er noch nie geatmet und wo, wie
-er wußte, völlig ungewohnte, eigentümlich dünne und spärliche
-Lebensbedingungen herrschten, – es fing an, ihn zu erregen, ihn
-mit einer gewissen Ängstlichkeit zu erfüllen. Heimat und Ordnung
-lagen nicht nur weit zurück, sie lagen hauptsächlich klaftertief
-unter ihm, und noch immer stieg er darüber hinaus. Schwebend
-zwischen ihnen und dem Unbekannten fragte er sich, wie es
-ihm dort oben ergehen werde. Vielleicht war es unklug und unzuträglich,
-daß er, geboren und gewohnt, nur ein paar Meter
-über dem Meeresspiegel zu atmen, sich plötzlich in diese extremen
-Gegenden befördern ließ, ohne wenigstens einige Tage an
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-einem Platze von mittlerer Lage verweilt zu haben? Er wünschte,
-am Ziel zu sein, denn einmal oben, dachte er, würde man leben
-wie überall und nicht so wie jetzt im Klimmen daran erinnert
-sein, in welchen unangemessenen Sphären man sich befand. Er
-sah hinaus: der Zug wand sich gebogen auf schmalem Paß;
-man sah die vorderen Wagen, sah die Maschine, die in ihrer
-Mühe braune, grüne und schwarze Rauchmassen ausstieß,
-die verflatterten. Wasser rauschten in der Tiefe zur Rechten;
-links strebten dunkle Fichten zwischen Felsblöcken gegen einen
-steingrauen Himmel empor. Stockfinstere Tunnel kamen, und
-wenn es wieder Tag wurde, taten weitläufige Abgründe mit
-Ortschaften in der Tiefe sich auf. Sie schlossen sich, neue
-Engpässe folgten, mit Schneeresten in ihren Schründen und
-Spalten. Es gab Aufenthalte an armseligen Bahnhofshäuschen,
-Kopfstationen, die der Zug in entgegengesetzter
-Richtung verließ, was verwirrend wirkte, da man nicht mehr
-wußte, wie man fuhr und sich der Himmelsgegenden nicht
-länger entsann. Großartige Fernblicke in die heilig-phantasmagorisch
-sich türmende Gipfelwelt des Hochgebirges, in das
-man hinan- und hineinstrebte, eröffneten sich und gingen dem
-ehrfürchtigen Auge durch Pfadbiegungen wieder verloren.
-Hans Castorp bedachte, daß er die Zone der Laubbäume unter
-sich gelassen habe, auch die der Singvögel wohl, wenn ihm
-recht war, und dieser Gedanke des Aufhörens und der Verarmung
-bewirkte, daß er, angewandelt von einem leichten
-Schwindel und Übelbefinden, für zwei Sekunden die Augen
-mit der Hand bedeckte. Das ging vorüber. Er sah, daß der
-Aufstieg ein Ende genommen hatte, die Paßhöhe überwunden
-war. Auf ebener Talsohle rollte der Zug nun bequemer
-dahin.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-Es war gegen acht Uhr, noch hielt sich der Tag. Ein See
-erschien in landschaftlicher Ferne, seine Flut war grau, und
-schwarz stiegen Fichtenwälder neben seinen Ufern an den umgebenden
-Höhen hinan, wurden dünn weiter oben, verloren
-sich und ließen nebelig-kahles Gestein zurück. Man hielt an
-einer kleinen Station, es war Davos-Dorf, wie Hans Castorp
-draußen ausrufen hörte, er würde nun binnen kurzem am
-Ziele sein. Und plötzlich vernahm er neben sich Joachim
-Ziemßens Stimme, seines Vetters gemächliche Hamburger
-Stimme, die sagte: „Tag, du, nun steige nur aus“; und wie
-er hinaussah, stand unter seinem Fenster Joachim selbst auf
-dem Perron, in braunem Ulster, ganz ohne Kopfbedeckung und
-so gesund aussehend wie in seinem Leben noch nicht. Er lachte
-und sagte wieder:
-</p>
-
-<p>
-„Komm nur heraus, du, geniere dich nicht!“
-</p>
-
-<p>
-„Ich bin aber noch nicht da“, sagte Hans Castorp verdutzt
-und noch immer sitzend.
-</p>
-
-<p>
-„Doch, du bist da. Dies ist das Dorf. Zum Sanatorium
-ist es näher von hier. Ich habe ’nen Wagen mit. Gib mal
-deine Sachen her.“
-</p>
-
-<p>
-Und lachend, verwirrt, in der Aufregung der Ankunft und
-des Wiedersehens reichte Hans Castorp ihm Handtasche und
-Wintermantel, die Plaidrolle mit Stock und Schirm und
-schließlich auch „<span class="antiqua" lang="en">Ocean steamships</span>“ hinaus. Dann lief er
-über den engen Korridor und sprang auf den Bahnsteig zur
-eigentlichen und sozusagen nun erst persönlichen Begrüßung
-mit seinem Vetter, die sich ohne Überschwang, wie zwischen
-Leuten von kühlen und spröden Sitten, vollzog. Es ist sonderbar
-zu sagen, aber von jeher hatten sie es vermieden, einander
-beim Vornamen zu nennen, einzig und allein aus Scheu vor
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-zu großer Herzenswärme. Da sie sich aber doch nicht gut mit
-Nachnamen anreden konnten, so beschränkten sie sich auf das
-Du. Das war eingewurzelte Gewohnheit zwischen den Vettern.
-</p>
-
-<p>
-Ein Mann in Livree, mit Tressenmütze, sah zu, wie sie einander
-– der junge Ziemßen in militärischer Haltung – rasch
-und ein bißchen verlegen die Hände schüttelten, und kam dann
-heran, um sich Hans Castorps Gepäckschein auszubitten; denn
-er war der Concierge des Internationalen Sanatoriums „Berghof“
-und zeigte sich willens, den großen Koffer des Gastes vom
-Bahnhof „Platz“ zu holen, indes die Herren direkt mit dem
-Wagen zum Abendbrot fuhren. Der Mann hinkte auffallend,
-und so war das erste, was Hans Castorp Joachim Ziemßen
-fragte:
-</p>
-
-<p>
-„Ist das ein Kriegsveteran? Was hinkt er denn so?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, danke!“ erwiderte Joachim etwas bitter. „Ein Kriegsveteran!
-Der hat es im Knie – oder hatte es doch, denn dann
-hat er sich die Kniescheibe herausnehmen lassen.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp besann sich so rasch er konnte. „Ja, so!“
-sagte er, indem er im Gehen den Kopf hob und sich flüchtig umblickte.
-„Du wirst mir doch aber nicht weismachen wollen,
-daß du noch so etwas hast? Du siehst ja aus, als ob du dein
-Portepee schon hättest und gerade aus dem Manöver kämst.“
-Und er sah den Vetter von der Seite an.
-</p>
-
-<p>
-Joachim war größer und breiter als er, ein Bild der Jugendkraft
-und wie für die Uniform geschaffen. Er war von dem
-sehr braunen Typus, den seine blonde Heimat nicht selten hervorbringt,
-und seine ohnehin dunkle Gesichtshaut war durch
-Verbrennung beinahe bronzefarben geworden. Mit seinen
-großen schwarzen Augen und dem dunklen Schnurrbärtchen
-über dem vollen, gut geschnittenen Munde wäre er geradezu
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-schön gewesen, wenn er nicht abstehende Ohren gehabt hätte.
-Sie waren sein einziger Kummer und Lebensschmerz gewesen
-bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Jetzt hatte er andere Sorgen.
-Hans Castorp fuhr fort:
-</p>
-
-<p>
-„Du kommst doch gleich mit mir hinunter? Ich sehe wirklich
-kein Hindernis.“
-</p>
-
-<p>
-„Gleich mit dir?“ fragte der Vetter und wandte ihm seine
-großen Augen zu, die immer sanft gewesen waren, in diesen
-fünf Monaten aber einen etwas müden, ja traurigen Ausdruck
-angenommen hatten. „Gleich wann?“
-</p>
-
-<p>
-„Na, in drei Wochen.“
-</p>
-
-<p>
-„Ach so, du fährst wohl schon wieder nach Hause in deinen
-Gedanken“, antwortete Joachim. „Nun, warte nur, du kommst
-ja eben erst an. Drei Wochen sind freilich fast nichts für uns
-hier oben, aber für dich, der du zu Besuch hier bist und überhaupt
-nur drei Wochen bleiben sollst, für dich ist es doch eine
-Menge Zeit. Erst akklimatisiere dich mal, das ist gar nicht so
-leicht, sollst du sehen. Und dann ist das Klima auch nicht das
-einzig Sonderbare bei uns. Du wirst hier mancherlei Neues
-sehen, paß auf. Und was du von mir sagst, das geht denn
-doch nicht so flott mit mir, du, ‚in drei Wochen nach Haus‘,
-das sind so Ideen von unten. Ich bin ja wohl braun, aber
-das ist hauptsächlich Schneeverbrennung und hat nicht viel
-zu bedeuten, wie Behrens auch immer sagt, und bei der letzten
-Generaluntersuchung hat er gesagt, ein halbes Jahr wird es
-wohl ziemlich sicher noch dauern.“
-</p>
-
-<p>
-„Ein halbes Jahr? Bist du toll?“ rief Hans Castorp. Sie
-hatten sich eben vor dem Stationsgebäude, das nicht viel
-mehr als ein Schuppen war, in das gelbe Kabriolett gesetzt,
-das dort auf steinigem Platze bereit stand, und während
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-die beiden Braunen anzogen, warf sich Hans Castorp empört
-auf dem harten Kissen herum. „Ein halbes Jahr? du
-bist ja schon fast ein halbes Jahr hier! Man hat doch nicht
-so viel Zeit –!“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, Zeit“, sagte Joachim und nickte mehrmals geradeaus,
-ohne sich um des Vetters ehrliche Entrüstung zu kümmern. „Die
-springen hier um mit der menschlichen Zeit, das glaubst du gar
-nicht. Drei Wochen sind wie ein Tag vor ihnen. Du wirst
-schon sehen. Du wirst das alles schon lernen“, sagte er und
-setzte hinzu: „Man ändert hier seine Begriffe.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp betrachtete ihn unausgesetzt von der Seite.
-</p>
-
-<p>
-„Du hast dich aber doch prachtvoll erholt“, sagte er kopfschüttelnd.
-</p>
-
-<p>
-„Ja, meinst du?“ antwortete Joachim. „Nicht wahr, ich
-denke doch auch!“ sagte er und setzte sich höher ins Kissen zurück;
-doch nahm er gleich wieder eine schrägere Stellung ein.
-„Es geht mir ja besser“, erklärte er; „aber gesund bin ich eben
-noch nicht. Links oben, wo früher Rasseln zu hören war, klingt
-es jetzt nur noch rauh, das ist nicht so schlimm, aber unten ist
-es noch <em>sehr</em> rauh, und dann sind auch im zweiten Interkostalraum
-Geräusche.“
-</p>
-
-<p>
-„Wie gelehrt du geworden bist“, sagte Hans Castorp.
-</p>
-
-<p>
-„Ja, das ist, weiß Gott, eine nette Gelehrsamkeit. Die hätte
-ich gern im Dienste schon wieder verschwitzt“, erwiderte
-Joachim. „Aber ich habe noch Sputum“, sagte er mit einem
-zugleich lässigen und heftigen Achselzucken, das ihm nicht gut
-zu Gesichte stand, und ließ seinen Vetter etwas sehen, was er
-aus der ihm zugekehrten Seitentasche seines Ulsters zur Hälfte
-herauszog und gleich wieder verwahrte: eine flache, geschweifte
-Flasche aus blauem Glase mit einem Metallverschluß. „Das
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-haben die meisten von uns hier oben“, sagte er. „Es hat auch
-einen Namen bei uns, so einen Spitznamen, ganz fidel. Du
-siehst dir die Gegend an?“
-</p>
-
-<p>
-Das tat Hans Castorp, und er äußerte: „Großartig!“
-</p>
-
-<p>
-„Findest du?“ fragte Joachim.
-</p>
-
-<p>
-Sie hatten die unregelmäßig bebaute, der Eisenbahn gleichlaufende
-Straße ein Stück in der Richtung der Talachse verfolgt,
-hatten dann nach links hin das schmale Geleise gekreuzt,
-einen Wasserlauf überquert und trotteten nun auf sanft ansteigendem
-Fahrweg bewaldeten Hängen entgegen, dorthin,
-wo auf niedrig vorspringendem Wiesenplateau, die Front
-südwestlich gewandt, ein langgestrecktes Gebäude mit Kuppelturm,
-das vor lauter Balkonlogen von weitem löcherig
-und porös wirkte wie ein Schwamm, soeben die ersten Lichter
-aufsteckte. Es dämmerte rasch. Ein leichtes Abendrot, das eine
-Weile den gleichmäßig bedeckten Himmel belebt hatte, war
-schon verblichen, und jener farblose, entseelte und traurige Übergangszustand
-herrschte in der Natur, der dem vollen Einbruch
-der Nacht unmittelbar vorangeht. Das besiedelte Tal, lang
-hingestreckt und etwas gewunden, beleuchtete sich nun überall,
-auf dem Grunde sowohl wie da und dort an den beiderseitigen
-Lehnen, – an der rechten zumal, die auslud, und an der Baulichkeiten
-terrassenförmig aufstiegen. Links liefen Pfade die
-Wiesenhänge hinan und verloren sich in der stumpfen Schwärze
-der Nadelwälder. Die entfernteren Bergkulissen, hinten am
-Ausgang, gegen den das Tal sich verjüngte, zeigten ein nüchternes
-Schieferblau. Da ein Wind sich aufgemacht hatte, wurde
-die Abendkühle empfindlich.
-</p>
-
-<p>
-„Nein, ich finde es offen gestanden nicht so überwältigend“,
-sagte Hans Castorp. „Wo sind denn die Gletscher und Firnen
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-und die gewaltigen Bergesriesen? Diese Dinger sind doch nicht
-sehr hoch, wie mir scheint.“
-</p>
-
-<p>
-„Doch, sie sind hoch“, antwortete Joachim. „Du siehst die
-Baumgrenze fast überall, sie markiert sich ja auffallend scharf,
-die Fichten hören auf, und damit hört alles auf, aus ist es,
-Felsen, wie du bemerkst. Da drüben, rechts von dem Schwarzhorn,
-dieser Zinke dort, hast du sogar einen Gletscher, siehst du
-das Blaue noch? Er ist nicht groß, aber es ist ein Gletscher, wie
-es sich gehört, der Scaletta-Gletscher. Piz Michel und Tinzenhorn
-in der Lücke, du kannst sie von hier aus nicht sehen,
-liegen auch immer im Schnee, das ganze Jahr.“
-</p>
-
-<p>
-„In ewigem Schnee“, sagte Hans Castorp.
-</p>
-
-<p>
-„Ja, ewig, wenn du willst. Doch, hoch ist das alles schon.
-Aber wir selbst sind scheußlich hoch, mußt du bedenken. Sechzehnhundert
-Meter über dem Meer. Da kommen die Erhebungen
-nicht so zur Geltung.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, war das eine Kletterei! Mir ist angst und bange geworden,
-kann ich dir sagen. Sechzehnhundert Meter! Das
-sind ja annähernd fünftausend Fuß, wenn ich es ausrechne.
-In meinem Leben war ich noch nicht so hoch.“ Und Hans
-Castorp nahm neugierig einen tiefen, probenden Atemzug von
-der fremden Luft. Sie war frisch – und nichts weiter. Sie
-entbehrte des Duftes, des Inhaltes, der Feuchtigkeit, sie ging
-leicht ein und sagte der Seele nichts.
-</p>
-
-<p>
-„Ausgezeichnet!“ bemerkte er höflich.
-</p>
-
-<p>
-„Ja, es ist ja eine berühmte Luft. Übrigens präsentiert sich
-die Gegend heute abend nicht vorteilhaft. Manchmal nimmt
-sie sich besser aus, besonders im Schnee. Aber man sieht sich
-sehr satt an ihr. Wir alle hier oben, kannst du mir glauben,
-haben sie ganz unaussprechlich satt“, sagte Joachim, und sein
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-Mund wurde von einem Ausdruck des Ekels verzogen, der
-übertrieben und unbeherrscht wirkte und ihn wiederum nicht
-gut kleidete.
-</p>
-
-<p>
-„Du sprichst so sonderbar“, sagte Hans Castorp.
-</p>
-
-<p>
-„Spreche ich sonderbar?“ fragte Joachim mit einer gewissen
-Besorgnis und wandte sich seinem Vetter zu ...
-</p>
-
-<p>
-„Nein, nein, verzeih, es kam mir wohl nur einen Augenblick
-so vor!“ beeilte sich Hans Castorp zu sagen. Er hatte
-aber die Wendung „Wir hier oben“ gemeint, die Joachim
-schon zum dritten- oder viertenmal gebraucht hatte und die
-ihn auf irgendeine Weise beklemmend und seltsam anmutete.
-</p>
-
-<p>
-„Unser Sanatorium liegt noch höher als der Ort, wie du
-siehst“, fuhr Joachim fort. „Fünfzig Meter. Im Prospekt
-steht ‚hundert‘, aber es sind bloß fünfzig. Am allerhöchsten
-liegt das Sanatorium Schatzalp dort drüben, man kann es
-nicht sehen. Die müssen im Winter ihre Leichen per Bobschlitten
-herunterbefördern, weil dann die Wege nicht fahrbar sind.“
-</p>
-
-<p>
-„Ihre Leichen? Ach so! Na, höre mal!“ rief Hans Castorp.
-Und plötzlich geriet er ins Lachen, in ein heftiges, unbezwingliches
-Lachen, das seine Brust erschütterte und sein vom kühlen
-Wind etwas steifes Gesicht zu einer leise schmerzenden Grimasse
-verzog. „Auf dem Bobschlitten! Und das erzählst du
-mir so in aller Gemütsruhe? Du bist ja ganz zynisch geworden
-in diesen fünf Monaten!“
-</p>
-
-<p>
-„Gar nicht zynisch“, antwortete Joachim achselzuckend.
-„Wieso denn? Das ist den Leichen doch einerlei ... Übrigens
-kann es wohl sein, daß man zynisch wird hier bei uns. Behrens
-selbst ist auch so ein alter Zyniker – ein famoses Huhn
-nebenbei, alter Korpsstudent und glänzender Operateur, wie
-es scheint, er wird dir gefallen. Dann ist da noch Krokowski,
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-der Assistent – ein ganz gescheutes Etwas. Im Prospekt ist
-besonders auf seine Tätigkeit hingewiesen. Er treibt nämlich
-Seelenzergliederung mit den Patienten.“
-</p>
-
-<p>
-„Was treibt er? Seelenzergliederung? Das ist ja widerlich!“
-rief Hans Castorp, und nun nahm seine Heiterkeit überhand.
-Er war ihrer gar nicht mehr Herr, nach allem andern
-hatte die Seelenzergliederung es ihm vollends angetan, und
-er lachte so sehr, daß die Tränen ihm unter der Hand hervorliefen,
-mit der er, sich vorbeugend, die Augen bedeckte.
-Joachim lachte ebenfalls herzlich – es schien ihm wohlzutun –,
-und so kam es, daß die jungen Leute in großer Aufgeräumtheit
-aus ihrem Wagen stiegen, der sie zuletzt im Schritt, auf
-steiler, schleifenförmiger Anfahrt vor das Portal des Internationalen
-Sanatoriums Berghof getragen hatte.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-2-2">
-Nr. 34
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Gleich zur Rechten, zwischen Haustor und Windfang, war
-die Concierge-Loge gelegen, und von dort kam ein Bediensteter
-von französischem Typus, der, am Telephon sitzend, Zeitungen
-gelesen hatte, in der grauen Livree des hinkenden Mannes am
-Bahnhof ihnen entgegen und führte sie durch die wohlbeleuchtete
-Halle, an deren linker Seite Gesellschaftsräume lagen. Im
-Vorübergehen blickte Hans Castorp hinein und fand sie leer.
-Wo denn die Gäste seien, fragte er, und sein Vetter antwortete:
-</p>
-
-<p>
-„In der Liegekur. Ich hatte Ausgang heute, weil ich dich
-abholen wollte. Sonst liege ich auch nach dem Abendbrot auf
-dem Balkon.“
-</p>
-
-<p>
-Es fehlte nicht viel, daß Hans Castorp aufs neue vom Lachen
-überwältigt wurde.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-„Was, ihr liegt noch bei Nacht und Nebel auf dem Balkon?“
-fragte er mit wankender Stimme ...
-</p>
-
-<p>
-„Ja, das ist Vorschrift. Von acht bis zehn. Aber komm
-nun, sieh dir dein Zimmer an und wasch’ dir die Hände.“
-</p>
-
-<p>
-Sie bestiegen den Lift, dessen elektrisches Triebwerk der Franzose
-bediente. Im Hinaufgleiten trocknete Hans Castorp sich
-die Augen.
-</p>
-
-<p>
-„Ich bin ganz entzwei und erschöpft vor Lachen“, sagte er
-und atmete durch den Mund. „Du hast mir soviel tolles Zeug
-erzählt ... Das mit der Seelenzergliederung war zu stark, das
-hätte nicht kommen dürfen. Außerdem bin ich doch auch wohl
-ein bißchen abgespannt von der Reise. Leidest du auch so
-an kalten Füßen? Gleichzeitig hat man dann so ein heißes
-Gesicht, das ist unangenehm. Wir essen wohl gleich? Mir
-scheint, ich habe Hunger. Ißt man denn anständig bei euch
-hier oben?“
-</p>
-
-<p>
-Sie gingen geräuschlos den Kokosläufer des schmalen Korridors
-entlang. Glocken aus Milchglas sandten von der Decke
-ein bleiches Licht. Die Wände schimmerten weiß und hart, mit
-einer lackartigen Ölfarbe überzogen. Eine Krankenschwester
-zeigte sich irgendwo, in weißer Haube und einen Zwicker auf
-der Nase, dessen Schnur sie sich hinter das Ohr gelegt hatte.
-Offenbar war sie protestantischer Konfession, ohne rechte Hingabe
-an ihren Beruf, neugierig und von Langerweile beunruhigt
-und belastet. An zwei Stellen des Ganges, auf dem
-Fußboden vor den weiß lackierten numerierten Türen, standen
-gewisse Ballons, große, bauchige Gefäße mit kurzen Hälsen,
-nach deren Bedeutung zu fragen Hans Castorp fürs erste
-vergaß.
-</p>
-
-<p>
-„Hier bist du“, sagte Joachim. „Nummer Vierunddreißig.
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-Rechts bin ich, und links ist ein russisches Ehepaar, – etwas
-salopp und laut, muß man wohl sagen, aber das war nicht
-anders zu machen. Nun, was sagst du?“
-</p>
-
-<p>
-Die Tür war doppelt, mit Kleiderhaken im inneren Hohlraum.
-Joachim hatte das Deckenlicht eingeschaltet, und in
-seiner zitternden Klarheit zeigte das Zimmer sich heiter und
-friedlich, mit seinen weißen, praktischen Möbeln, seinen ebenfalls
-weißen, starken, waschbaren Tapeten, seinem reinlichen
-Linoleum-Fußbodenbelag und den leinenen Vorhängen, die
-in modernem Geschmacke einfach und lustig bestickt waren.
-Die Balkontür stand offen; man gewahrte die Lichter des Tals
-und vernahm eine entfernte Tanzmusik. Der gute Joachim
-hatte einige Blumen in eine kleine Vase auf die Kommode
-gestellt, – was eben im zweiten Grase zu finden gewesen war,
-etwas Schafgarbe und ein paar Glockenblumen, von ihm
-selbst am Hange gepflückt.
-</p>
-
-<p>
-„Reizend von dir“, sagte Hans Castorp. „Was für ein
-nettes Zimmer! Hier läßt es sich gut und gern ein paar Wochen
-hausen.“
-</p>
-
-<p>
-„Vorgestern ist hier eine Amerikanerin gestorben“, sagte
-Joachim. „Behrens meinte gleich, daß sie fertig sein würde,
-bis du kämest, und daß du das Zimmer dann haben könntest.
-Ihr Verlobter war bei ihr, englischer Marineoffizier, aber er
-benahm sich nicht gerade stramm. Jeden Augenblick kam er
-auf den Korridor hinaus, um zu weinen, ganz wie ein kleiner
-Junge. Und dann rieb er sich die Backen mit <span class="antiqua" lang="en">Cold-cream</span> ein,
-weil er rasiert war und die Tränen ihn da so brannten. Vorgestern
-abend hatte die Amerikanerin noch zwei Blutstürze
-ersten Ranges, und damit war Schluß. Aber sie ist schon seit
-gestern morgen fort, und dann haben sie hier natürlich gründlich
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-ausgeräuchert, mit Formalin, weißt du, das soll so gut sein
-für solche Zwecke.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp nahm diese Erzählung mit einer angeregten
-Zerstreutheit auf. Mit zurückgezogenen Ärmeln vor dem geräumigen
-Waschbecken stehend, dessen Nickelhähne im elektrischen
-Lichte blitzten, warf er kaum einen flüchtigen Blick zu der
-weißmetallenen, reinlich bedeckten Bettstatt hinüber.
-</p>
-
-<p>
-„Ausgeräuchert, das ist famos“, sagte er gesprächig und
-etwas ungereimt, indem er sich die Hände wusch und trocknete.
-„Ja, Methylaldehyd, das hält die stärkste Bakterie nicht aus,
-– <span class="ss">H₂CO</span>, aber es sticht in die Nase, nicht? Selbstverständlich
-ist strengste Sauberkeit eine Grundbedingung ...“ Er sagte
-„Selbstvers-tändlich“ mit dem getrennten st, während sein
-Vetter sich, seit er Student war, die verbreitetere Aussprache
-angewöhnt hatte, und fuhr mit großer Geläufigkeit fort: „Was
-ich noch sagen wollte ... Wahrscheinlich hatte der Marineoffizier
-sich mit dem Sicherheitsapparat rasiert, möchte ich annehmen,
-man macht sich doch leichter wund mit den Dingern,
-als mit einem gut abgezogenen Messer, das ist wenigstens
-meine Erfahrung, ich gebrauche abwechselnd eins und das andere
-... Na, und auf der gereizten Haut tut das Salzwasser
-natürlich weh, da war er wohl vom Dienst her gewöhnt, <span class="antiqua" lang="en">Cold-cream</span>
-anzuwenden, es fällt mir nichts auf daran ...“ Und er
-plauderte weiter, sagte, daß er zweihundert Stück von <span class="antiqua" lang="es">Maria
-Mancini</span> – seiner Zigarre – im Koffer habe, – die Revision sei
-höchst gemütlich gewesen – und richtete Grüße von verschiedenen
-Personen in der Heimat aus. „Wird hier denn nicht
-geheizt?“ rief er plötzlich und lief zu den Röhren, um die Hände
-daran zu legen ...
-</p>
-
-<p>
-„Nein, wir werden hier ziemlich kühl gehalten“, antwortete
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-Joachim. „Da muß es anders kommen, bis im August die
-Zentralheizung angezündet wird.“
-</p>
-
-<p>
-„August, August!“ sagte Hans Castorp. „Aber mich friert!
-Mich friert abscheulich, nämlich am Körper, denn im Gesicht
-bin ich auffallend echauffiert, – da, fühle doch mal, wie ich
-brenne!“
-</p>
-
-<p>
-Diese Zumutung, man solle sein Gesicht befühlen, paßte
-ganz und gar nicht zu Hans Castorps Natur und berührte
-ihn selber peinlich. Joachim ging auch nicht darauf ein, sondern
-sagte nur:
-</p>
-
-<p>
-„Das ist die Luft und hat nichts zu sagen. Behrens selbst
-hat den ganzen Tag blaue Backen. Manche gewöhnen sich
-nie. Na, <span class="antiqua" lang="en">go on</span>, wir kriegen sonst nichts mehr zu essen.“
-</p>
-
-<p>
-Draußen zeigte sich wieder die Krankenschwester, kurzsichtig
-und neugierig nach ihnen spähend. Aber im ersten Stockwerk
-blieb Hans Castorp plötzlich stehen, festgebannt von einem
-vollkommen gräßlichen Geräusch, das in geringer Entfernung
-hinter einer Biegung des Korridors vernehmlich wurde, einem
-Geräusch, nicht laut, aber so ausgemacht abscheulicher Art,
-daß Hans Castorp eine Grimasse schnitt und seinen Vetter mit
-erweiterten Augen ansah. Es war Husten, offenbar, – eines
-Mannes Husten; aber ein Husten, der keinem anderen ähnelte,
-den Hans Castorp jemals gehört hatte, ja, mit dem verglichen
-jeder andere ihm bekannte Husten eine prächtige und gesunde
-Lebensäußerung gewesen war, – ein Husten ganz ohne Lust
-und Liebe, der nicht in richtigen Stößen geschah, sondern nur
-wie ein schauerlich kraftloses Wühlen im Brei organischer Auflösung
-klang.
-</p>
-
-<p>
-„Ja,“ sagte Joachim, „da sieht es böse aus. Ein österreichischer
-Aristokrat, weißt du, eleganter Mann und ganz wie
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-zum Herrenreiter geboren. Und nun steht es so mit ihm. Aber
-er geht noch herum.“
-</p>
-
-<p>
-Während sie ihren Weg fortsetzten, sprach Hans Castorp
-angelegentlich über den Husten des Herrenreiters. „Du mußt
-bedenken,“ sagte er, „daß ich dergleichen nie gehört habe, daß
-es mir völlig neu ist, da macht es natürlich Eindruck auf mich.
-Es gibt so vielerlei Husten, trockenen und losen, und der lose
-ist eher noch vorteilhafter, wie man allgemein sagt, und besser,
-als wenn man so bellt. Als ich in meiner Jugend („in meiner
-Jugend“ sagte er) Bräune hatte, da bellte ich wie ein
-Wolf, und sie waren alle froh, als es locker wurde, ich kann
-mich noch dran erinnern. Aber so ein Husten, wie dieser, war
-noch nicht da, für mich wenigstens nicht, – das ist ja gar kein
-lebendiger Husten mehr. Er ist nicht trocken, aber lose kann
-man ihn auch nicht nennen, das ist noch längst nicht das Wort.
-Es ist ja gerade, als ob man dabei in den Menschen hineinsähe,
-wie es da aussieht, – alles ein Matsch und Schlamm ...“
-</p>
-
-<p>
-„Na,“ sagte Joachim, „ich höre es ja jeden Tag, du brauchst
-es mir nicht zu beschreiben.“
-</p>
-
-<p>
-Aber Hans Castorp konnte sich gar nicht über den vernommenen
-Husten beruhigen, er versicherte wiederholt, daß man
-förmlich dabei in den Herrenreiter hineinsähe, und als sie das
-Restaurant betraten, hatten seine reisemüden Augen einen erregten
-Glanz.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-2-3">
-Im Restaurant
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Im Restaurant war es hell, elegant und gemütlich. Es lag
-gleich rechts an der Halle, den Konversationsräumen gegenüber,
-und wurde, wie Joachim erklärte, hauptsächlich von neu
-angekommenen, außer der Zeit speisenden Gästen, und von
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-solchen, die Besuch hatten, benutzt. Aber auch Geburtstage und
-bevorstehende Abreisen wurden dort festlich begangen, sowie
-günstige Ergebnisse von Generaluntersuchungen. Manchmal
-gehe es hoch her im Restaurant, sagte Joachim; auch Champagner
-werde serviert. Jetzt saß niemand als eine einzelne
-etwa dreißigjährige Dame darin, die in einem Buche las, aber
-dabei vor sich hin summte und mit dem Mittelfinger der linken
-Hand immerfort leicht auf das Tischtuch klopfte. Als die
-jungen Leute sich niedergelassen hatten, wechselte sie den Platz,
-um ihnen den Rücken zuzuwenden. Sie sei menschenscheu, erklärte
-Joachim leise, und esse immer mit einem Buche im Restaurant.
-Man wollte wissen, daß sie schon als ganz junges
-Mädchen in Lungensanatorien eingetreten sei und seitdem nicht
-mehr in der Welt gelebt habe.
-</p>
-
-<p>
-„Nun, dann bist du ja noch ein junger Anfänger gegen sie
-mit deinen fünf Monaten und wirst es noch sein, wenn du
-ein Jahr auf dem Buckel hast“, sagte Hans Castorp zu seinem
-Vetter; worauf Joachim mit jenem Achselzucken, das
-ihm früher nicht eigen gewesen war, zur Menukarte griff.
-</p>
-
-<p>
-Sie hatten den erhöhten Tisch am Fenster genommen, den
-hübschesten Platz. An dem cremefarbenen Vorhang saßen sie
-einander gegenüber, die Gesichter beglüht vom Schein des
-rot umhüllten elektrischen Tischlämpchens. Hans Castorp faltete
-seine frisch gewaschenen Hände und rieb sie behaglich-erwartungsvoll
-aneinander, wie er zu tun pflegte, wenn er
-sich zu Tische setzte, – vielleicht weil seine Vorfahren vor der
-Suppe gebetet hatten. Ein freundliches, gaumig sprechendes
-Mädchen in schwarzem Kleide mit weißer Schürze und einem
-großen Gesicht von überaus gesunder Farbe bediente sie, und
-zu seiner großen Heiterkeit ließ Hans Castorp sich belehren,
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-daß man die Kellnerinnen hier „Saaltöchter“ nenne. Sie bestellten
-eine Flasche Gruaud Larose bei ihr, die Hans Castorp
-noch einmal fortschickte, um sie besser temperieren zu lassen.
-Das Essen war vorzüglich. Es gab Spargelsuppe, gefüllte
-Tomaten, Braten mit vielerlei Zutat, eine besonders gut bereitete
-süße Speise, eine Käseplatte und Obst. Hans Castorp
-aß sehr stark, obgleich sein Appetit sich nicht als so lebhaft erwies,
-wie er geglaubt hatte. Aber er war gewohnt, viel zu
-essen, auch wenn er keinen Hunger hatte, und zwar aus Selbstachtung.
-</p>
-
-<p>
-Joachim tat den Gerichten nicht viel Ehre an. Er hatte die
-Küche satt, sagte er, das hätten sie alle hier oben, und es sei
-Brauch, auf das Essen zu schimpfen; denn wenn man hier
-ewig und drei Tage sitze ... Dagegen trank er mit Vergnügen,
-ja mit einer gewissen Hingebung von dem Wein, und gab
-unter sorgfältiger Vermeidung allzu gefühlvoller Wendungen
-wiederholt seiner Genugtuung Ausdruck, daß jemand da sei,
-mit dem man ein vernünftiges Wort reden könne.
-</p>
-
-<p>
-„Ja, es ist brillant, daß du gekommen bist!“ sagte er, und
-seine gemächliche Stimme war bewegt. „Ich kann wohl sagen,
-es ist für mich geradezu ein Ereignis. Das ist doch einmal
-eine Abwechslung, – ich meine, es ist ein Einschnitt, eine Gliederung
-in dem ewigen, grenzenlosen Einerlei ...“
-</p>
-
-<p>
-„Aber die Zeit muß euch eigentlich schnell hier vergehen“,
-meinte Hans Castorp.
-</p>
-
-<p>
-„Schnell und langsam, wie du nun willst“, antwortete
-Joachim. „Sie vergeht überhaupt nicht, will ich dir sagen,
-es ist gar keine Zeit, und es ist auch kein Leben, – nein, das
-ist es nicht“, sagte er kopfschüttelnd und griff wieder zum
-Glase.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-Auch Hans Castorp trank, obgleich sein Gesicht nun wie
-Feuer brannte. Aber am Körper war ihm noch immer kalt,
-und eine besondere freudige und doch etwas quälende Unruhe
-war in seinen Gliedern. Seine Worte überhasteten sich, er
-versprach sich des öfteren und ging mit einer wegwerfenden
-Handbewegung darüber hin. Übrigens war auch Joachim
-in belebter Stimmung, und um so freier und aufgeräumter
-ging ihr Gespräch, als die summende, pochende Dame ganz
-plötzlich aufgestanden und davongegangen war. Sie gestikulierten
-beim Essen mit den Gabeln, machten, einen Bissen in
-der Backe, wichtige Mienen, lachten, nickten, hoben die Schultern
-und hatten noch nicht ordentlich hinuntergeschluckt, wenn
-sie schon weitersprachen. Joachim wollte von Hamburg hören
-und hatte das Gespräch auf die geplante Elbregulierung gebracht.
-</p>
-
-<p>
-„Epochal!“ sagte Hans Castorp. „Epochal für die Entwicklung
-unserer Schiffahrt, – gar nicht zu überschätzen. Wir
-setzen fünfzig Millionen als sofortige einmalige Ausgabe dafür
-ins Budget, und du kannst überzeugt sein, wir wissen genau,
-was wir tun.“
-</p>
-
-<p>
-Übrigens sprang er, bei aller Wichtigkeit, die er der Elbregulierung
-beimaß, gleich wieder ab von diesem Thema und
-verlangte, daß Joachim ihm Weiteres von dem Leben „hier
-oben“ und von den Gästen erzähle, was auch bereitwillig
-geschah, da Joachim froh war, sich erleichtern und mitteilen
-zu können. Das von den Leichen, die man die Bob-Bahn
-hinuntersandte, mußte er wiederholen und noch einmal ausdrücklich
-versichern, daß es auf Wahrheit beruhe. Da Hans
-Castorp wieder vom Lachen ergriffen wurde, lachte auch er,
-was er herzlich zu genießen schien, und ließ andere komische
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-Dinge hören, um der Ausgelassenheit Nahrung zu geben.
-Eine Dame sitze mit ihm am Tische, namens Frau Stöhr,
-ziemlich krank übrigens, eine Musikersgattin aus Cannstatt, –
-die sei das Ungebildetste, was ihm jemals vorgekommen.
-„Desinfiszieren“ sage sie, – aber in vollstem Ernst. Und den
-Assistenten Krokowski nenne sie den „Fomulus“. Das müsse
-man nun hinunterschlucken, ohne das Gesicht zu verziehen.
-Außerdem sei sie klatschsüchtig, wie übrigens die meisten hier
-oben, und einer anderen Dame, Frau Iltis, sage sie nach,
-sie trage ein „Sterilett“. „Sterilett nennt sie das, – das ist
-doch unbezahlbar!“ Und halb liegend, gegen die Lehnen ihrer
-Stühle zurückgeworfen, lachten sie so sehr, daß ihnen der Leib
-bebte und sie fast gleichzeitig Schluckauf bekamen.
-</p>
-
-<p>
-Zwischendurch betrübte Joachim sich und gedachte seines
-Loses.
-</p>
-
-<p>
-„Ja, da sitzen wir nun und lachen,“ sagte er mit schmerzendem
-Gesicht und zuweilen von den Erschütterungen seines
-Zwerchfelles unterbrochen; „und dabei ist gar nicht abzusehen,
-wann ich hier wegkomme, denn wenn Behrens sagt: noch ein
-halbes Jahr, dann ist es knapp gerechnet, man muß sich auf
-mehr gefaßt machen. Aber es ist doch hart, sage mal selbst,
-ob es nicht traurig für mich ist. Da war ich nun schon genommen,
-und im nächsten Monat könnte ich meine Offiziersprüfung
-machen. Und nun lungere ich hier herum mit dem
-Thermometer im Mund und zähle die Schnitzer von dieser
-ungebildeten Frau Stöhr und versäume die Zeit. Ein Jahr
-spielt solch eine Rolle in unserem Alter, es bringt im Leben
-unten so viele Veränderungen und Fortschritte mit sich. Und
-ich muß hier stagnieren wie ein Wasserloch, – ja, ganz wie
-ein fauliger Tümpel, es ist gar kein zu krasser Vergleich ...“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-Sonderbarerweise antwortete Hans Castorp hierauf nur
-mit der Frage, ob man hier eigentlich Porter bekommen könne,
-und als sein Vetter ihn etwas erstaunt betrachtete, sah er, daß
-jener im Einschlafen begriffen war, – eigentlich schlief er schon.
-</p>
-
-<p>
-„Aber du schläfst ja!“ sagte Joachim. „Komm, es ist Zeit,
-zu Bett zu gehen, für uns beide.“
-</p>
-
-<p>
-„Es ist überhaupt keine Zeit“, sagte Hans Castorp mit
-schwerer Zunge. Aber er ging doch mit, etwas gebückt und
-steifbeinig, wie ein Mensch, der von Müdigkeit förmlich zu
-Boden gezogen wird, – nahm sich jedoch gewaltsam zusammen,
-als er in der nur noch matt erleuchteten Halle Joachim
-sagen hörte:
-</p>
-
-<p>
-„Da sitzt Krokowski. Ich muß dich, glaube ich, rasch noch
-vorstellen.“
-</p>
-
-<p>
-Dr. Krokowski saß im Hellen, am Kamin des einen Konversationszimmers,
-gleich bei der offenen Schiebetür, und las
-eine Zeitung. Er stand auf, als die jungen Leute auf ihn zutraten
-und Joachim in militärischer Haltung sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Darf ich Ihnen, bitte, meinen Vetter Castorp aus Hamburg
-vorstellen, Herr Doktor. Er ist eben erst angekommen.“
-</p>
-
-<p>
-Dr. Krokowski begrüßte den neuen Hausgenossen mit einer
-gewissen heiteren, stämmigen und aufmunternden Herzhaftigkeit,
-als wollte er andeuten, daß Aug in Auge mit ihm jede
-Befangenheit überflüssig und einzig fröhliches Vertrauen am
-Platze sei. Er war ungefähr fünfunddreißig Jahre alt, breitschultrig,
-fett, bedeutend kleiner als die beiden, die vor ihm
-standen, so daß er den Kopf schräg zurücklegen mußte, um
-ihnen ins Gesicht zu sehen, – und außerordentlich bleich, von
-durchscheinender, ja phosphoreszierender Blässe, die noch gehoben
-wurde durch die dunkle Glut seiner Augen, die Schwärze
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-seiner Brauen und seines ziemlich langen, in zwei Spitzen
-auslaufenden Vollbartes, der bereits ein paar weiße Fäden
-zeigte. Er trug einen schwarzen, zweireihigen, schon etwas
-abgenutzten Sakkoanzug, schwarze, durchbrochene, sandalenartige
-Halbschuhe zu dicken, grauwollenen Socken und einen
-weich überfallenden Halskragen, wie Hans Castorp ihn bis dahin
-nur bei einem Photographen in Danzig gesehen hatte und
-welcher der Erscheinung Dr. Krokowskis in der Tat ein ateliermäßiges
-Gepräge verlieh. Herzlich lächelnd, so daß in seinem
-Barte die gelblichen Zähne sichtbar wurden, schüttelte er dem
-jungen Manne die Hand, indem er mit baritonaler Stimme
-und etwas fremdländisch schleppenden Akzenten sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Seien Sie uns willkommen, Herr Castorp! Möchten Sie
-sich rasch einleben und sich wohlfühlen in unserer Mitte. Sie
-kommen zu uns als Patient, wenn ich mir die Frage erlauben
-darf?“
-</p>
-
-<p>
-Es war rührend zu sehen, wie Hans Castorp arbeitete, um
-sich artig zu erweisen und seiner Schläfrigkeit Herr zu werden.
-Er ärgerte sich, so schlecht in Form zu sein und sah mit dem
-mißtrauischen Selbstbewußtsein junger Leute in dem Lächeln
-und dem aufmunternden Wesen des Assistenten Zeichen nachsichtigen
-Spottes. Er antwortete, indem er von den drei Wochen
-sprach, auch seines Examens erwähnte und hinzufügte,
-daß er, gottlob, ganz gesund sei.
-</p>
-
-<p>
-„Wahrhaftig?“ fragte Dr. Krokowski, indem er seinen Kopf
-wie neckend schräg vorwärts stieß und sein Lächeln verstärkte ...
-„Aber dann sind Sie eine höchst studierenswerte Erscheinung!
-Mir ist nämlich ein ganz gesunder Mensch noch nicht vorgekommen.
-Was für ein Examen haben Sie abgelegt, wenn
-die Frage erlaubt ist?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-„Ich bin Ingenieur, Herr Doktor“, antwortete Hans Castorp
-mit bescheidener Würde.
-</p>
-
-<p>
-„Ah, Ingenieur!“ Und Dr. Krokowskis Lächeln zog sich
-gleichsam zurück, büßte an Kraft und Herzlichkeit für den
-Augenblick etwas ein. „Das ist wacker. Und Sie werden hier
-also keinerlei ärztliche Behandlung in Anspruch nehmen, weder
-in körperlicher noch in psychischer Hinsicht?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, ich danke tausendmal!“ sagte Hans Castorp und
-wäre fast einen Schritt zurückgewichen.
-</p>
-
-<p>
-Da brach das Lächeln Dr. Krokowskis wieder siegreich hervor,
-und indem er dem jungen Manne aufs neue die Hand
-schüttelte, rief er mit lauter Stimme:
-</p>
-
-<p>
-„Nun, so schlafen Sie denn wohl, Herr Castorp, – im Vollgefühl
-Ihrer untadeligen Gesundheit! Schlafen Sie wohl
-und auf Wiedersehn!“ – Damit entließ er die jungen Leute
-und setzte sich wieder zu seiner Zeitung nieder.
-</p>
-
-<p>
-Der Aufzug hatte keine Bedienung mehr, und so legten sie
-zu Fuß die Treppen zurück, schweigend und etwas verwirrt von
-der Begegnung mit Dr. Krokowski. Joachim begleitete Hans
-Castorp auf Nummer Vierunddreißig, wo der Hinkende das
-Gepäck des Ankömmlings richtig eingeliefert hatte, und sie
-plauderten noch eine Viertelstunde, während Hans Castorp
-Nacht- und Waschzeug auspackte und eine dicke, milde Zigarette
-dazu rauchte. Zur Zigarre kam er heute nicht mehr, was
-ihm wunderlich und außerordentlich erschien.
-</p>
-
-<p>
-„Er sieht sehr bedeutend aus“, sagte er, indem er beim
-Sprechen den eingeatmeten Rauch hervorsprudelte. „Wachsbleich
-ist er. Aber mit seiner Chaussure, höre mal, da steht es
-scheußlich. Grauwollene Socken und dann diese Sandalen.
-War er zum Schluß eigentlich beleidigt?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-„Er ist etwas empfindlich“, gab Joachim zu. „Du hättest
-die ärztliche Behandlung nicht so brüsk zurückweisen sollen,
-wenigstens nicht die psychische. Er sieht es nicht gern, wenn
-man sich dem entzieht. Auf mich ist er auch nicht besonders
-zu sprechen, weil ich ihm nicht genug anvertraue. Aber dann
-und wann erzähl ich ihm doch einen Traum, damit er was zu
-zergliedern hat.“
-</p>
-
-<p>
-„Nun, dann hab ich ihn eben vor den Kopf gestoßen“, sagte
-Hans Castorp verdrießlich; denn es machte ihn unzufrieden
-mit sich selbst, jemanden gekränkt zu haben, und so kam denn
-die Müdigkeit auch mit erneuter Stärke über ihn.
-</p>
-
-<p>
-„Gute Nacht“, sagte er. „Ich falle um.“
-</p>
-
-<p>
-„Um acht hole ich dich zum Frühstück“, sagte Joachim und
-ging.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp machte nur flüchtige Nachttoilette. Der
-Schlaf übermannte ihn, kaum daß er das Nachttischlämpchen
-gelöscht hatte, aber er schreckte noch einmal auf, da er sich erinnerte,
-daß in diesem Bette vorgestern jemand gestorben sei.
-„Es wird nicht das erstemal gewesen sein“, sagte er zu sich,
-als könne ihm das zur Beruhigung dienen. „Es ist eben ein
-Totenbett, ein gewöhnliches Totenbett.“ Und er schlief ein.
-</p>
-
-<p>
-Aber sobald er eingeschlafen war, begann er zu träumen und
-träumte fast unaufhörlich bis zum anderen Morgen. Hauptsächlich
-sah er Joachim Ziemßen in sonderbar verrenkter Lage
-auf einem Bobschlitten eine schräge Bahn hinabfahren. Er
-war so phosphoreszierend bleich wie Dr. Krokowski, und vorneauf
-saß der Herrenreiter, der sehr unbestimmt aussah, wie jemand,
-den man lediglich hat husten hören, und lenkte. „Das
-ist uns doch ganz einerlei, – uns hier oben“, sagte der verrenkte
-Joachim, und dann war er es, nicht der Herrenreiter, der so
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-grauenhaft breiig hustete. Darüber mußte Hans Castorp
-bitterlich weinen und sah ein, daß er in die Apotheke laufen
-müsse, um sich <span class="antiqua" lang="en">Cold-cream</span> zu besorgen. Aber am Wege saß
-Frau Iltis mit einer spitzen Schnauze und hielt etwas in der
-Hand, was offenbar ihr „Sterilett“ sein sollte, aber nichts
-weiter war als ein Sicherheits-Rasierapparat. Das machte
-Hans Castorp nun wieder lachen, und so wurde er zwischen
-<a id="corr-5"></a>verschiedenen Gemütsbewegungen hin und her geworfen, bis
-der Morgen durch seine halboffene Balkontür graute und ihn
-weckte.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-3">
-Zweites Kapitel
-</h2>
-
-</div>
-
-<h3 class="section1" id="subchap-0-3-1">
-Von der Taufschale und vom Großvater in zwiefacher
-Gestalt
-</h3>
-
-<p class="first">
-Hans Castorp bewahrte an sein eigentliches Elternhaus nur
-blasse Erinnerungen; er hatte Vater und Mutter kaum recht
-gekannt. Sie starben weg in der kurzen Frist zwischen seinem
-fünften und siebenten Lebensjahr, zuerst die Mutter, vollkommen
-überraschend und in Erwartung ihrer Niederkunft,
-an einer Gefäßverstopfung infolge von Nervenentzündung,
-einer Embolie, wie Dr. Heidekind es bezeichnete, die augenblicklich
-Herzlähmung verursachte, – sie lachte eben, im Bette
-sitzend, es sah so aus, als ob sie vor Lachen umfiele, und dennoch
-tat sie es nur, weil sie tot war. Das war nicht leicht zu
-verstehen für Hans Hermann Castorp, den Vater, und da er
-sehr innig an seiner Frau gehangen hatte, auch seinerseits nicht
-der Stärkste war, so wußte er nicht darüber hinwegzukommen.
-Sein Geist war verstört und geschmälert seitdem; in seiner
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-Benommenheit beging er geschäftliche Fehler, so daß die Firma
-Castorp &amp; Sohn empfindliche Verluste erlitt; im übernächsten
-Frühjahr holte er sich bei einer Speicherinspektion am windigen
-Hafen die Lungenentzündung, und da sein erschüttertes Herz
-das hohe Fieber nicht aushielt, so starb er trotz aller Sorgfalt,
-die Dr. Heidekind an ihn wandte, binnen fünf Tagen und
-folgte seiner Frau unter ansehnlicher Beteiligung der Bürgerschaft
-ins Castorpsche Erbbegräbnis nach, das auf dem St.
-Katharinenkirchhof sehr schön, mit Blick auf den Botanischen
-Garten, gelegen war.
-</p>
-
-<p>
-Sein Vater, der Senator, überlebte ihn, wenn auch nur
-um ein weniges, und die kurze Zeitspanne, bis er auch starb –
-übrigens gleichfalls an einer Lungenentzündung, und zwar
-unter großen Kämpfen und Qualen, denn zum Unterschiede
-von seinem Sohn war Hans Lorenz Castorp eine schwer zu
-fällende, im Leben zäh wurzelnde Natur – diese Zeitspanne
-also, es waren nur anderthalb Jahre, verlebte der verwaiste
-Hans Castorp in seines Großvaters Hause, einem zu Anfang
-des abgelaufenen Jahrhunderts auf schmalem Grundstück im
-Geschmack des nordischen Klassizismus erbauten, in einer
-trüben Wetterfarbe gestrichenen Haus an der Esplanade, mit
-Halbsäulen zu beiden Seiten der Eingangstür, in der Mitte
-des um fünf Stufen aufgetreppten Erdgeschosses, und zwei
-Obergeschossen außer der Beletage, wo die Fenster bis zu den
-Fußböden hinuntergezogen und mit gegossenen Eisengittern
-versehen waren.
-</p>
-
-<p>
-Hier lagen ausschließlich Repräsentationsräume, eingerechnet
-das helle, mit Stuck verzierte Eßzimmer, dessen drei weinrot
-verhangene Fenster auf das rückwärtige Gärtchen blickten,
-und wo während der achtzehn Monate Großvater und Enkel
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-alltäglich um 4 Uhr allein miteinander zu Mittag aßen, bedient
-von dem alten Fiete mit den Ohrringen und den silbernen
-Knöpfen am Frack, der zu diesem Frack eine ebensolche
-battistene Halsbinde trug, wie der Hausherr selbst, auch auf
-ganz ähnliche Art das rasierte Kinn darin barg, und den der
-Großvater duzte, indem er plattdeutsch mit ihm sprach; nicht
-scherzender Weise – er war ohne humoristischen Zug –, sondern
-in aller Sachlichkeit und weil er es überhaupt mit Leuten
-aus dem Volk, mit Speicherarbeitern, Postboten, Kutschern
-und Dienstboten so hielt. Hans Castorp hörte es gern, und
-sehr gern hörte er auch, wie Fiete antwortete, ebenfalls platt,
-indem er sich beim Servieren von links hinter seinem Herrn
-herumbeugte, um ihm in das rechte Ohr zu sprechen, auf dem
-der Senator bedeutend besser hörte als auf dem linken. Der
-Alte verstand und nickte und aß weiter, sehr aufrecht zwischen
-der hohen Mahagonilehne des Stuhles und dem Tisch, kaum
-über den Teller gebeugt, und der Enkel, ihm gegenüber, betrachtete
-still, mit tiefer und unbewußter Aufmerksamkeit, die
-knappen, gepflegten Bewegungen, mit denen die schönen,
-weißen, mageren alten Hände des Großvaters mit den gewölbten,
-spitz zulaufenden Nägeln und dem grünen Wappenring
-auf dem rechten Zeigefinger einen Bissen aus Fleisch, Gemüse
-und Kartoffeln auf der Gabelspitze anordneten und unter
-einem leichten Entgegenneigen des Kopfes zum Munde führten.
-Hans Castorp sah auf seine eigenen, noch ungeschickten
-Hände und fühlte darin die Möglichkeit vorgebildet, späterhin
-ebenso wie der Großvater Messer und Gabel zu halten und
-zu bewegen.
-</p>
-
-<p>
-Eine andere Frage war, ob er je dazu gelangen würde, sein
-Kinn in einer solchen Binde zu bergen, wie sie die geräumige
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-Öffnung des sonderbar geformten, mit den scharfen Spitzen
-die Wangen streifenden Hals<a id="corr-6"></a>kragens des Großvaters ausfüllte.
-Denn dazu mußte man so alt sein wie dieser, und schon heute
-trug außer ihm und seinem alten Fiete weit und breit niemand
-mehr solche Binden und Kragen. Das war schade, denn dem
-kleinen Hans Castorp gefiel es besonders wohl, wie der Großvater
-das Kinn in die hohe, schneeweiße Binde lehnte; noch
-in der Erinnerung, als er erwachsen war, gefiel es ihm ausgezeichnet:
-es lag etwas darin, was er aus dem Grund seines
-Wesens billigte.
-</p>
-
-<p>
-Wenn sie fertig gegessen und ihre Servietten zusammengelegt,
-gerollt und in die silbernen Ringe gesteckt hatten, ein
-Geschäft, mit dem Hans Castorp damals nicht leicht zu Rande
-kam, da die Servietten so groß waren wie kleine Tischtücher,
-so stand der Senator vor dem Stuhle auf, den Fiete hinter ihm
-wegzog, und ging mit schlürfenden Schritten ins „Kabinett“
-hinüber, um sich seine Zigarre zu holen; und zuweilen folgte
-der Enkel ihm dorthin.
-</p>
-
-<p>
-Dieses „Kabinett“ war dadurch entstanden, daß man das
-Eßzimmer dreifenstrig gemacht und durch die ganze Breite des
-Hauses gelegt hatte, weshalb nicht, wie sonst bei diesem Haustypus,
-Raum für drei Salons, sondern nur für zwei übriggeblieben
-war, von denen jedoch der eine, senkrecht zum Eßsaal
-gelegene, mit nur einem Fenster nach der Straße, unverhältnismäßig
-tief ausgefallen wäre. Darum hatte man
-etwa den vierten Teil seiner Länge von ihm abgesondert, eben
-das „Kabinett“, einen schmalen Raum mit Oberlicht, dämmerig
-und nur mit wenigen Gegenständen ausgestattet: einer Etagere,
-auf der des Senators Zigarrenschrank stand, einem Spieltisch,
-dessen Schublade anziehende Dinge enthielt: Whistkarten,
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-Spielmarken, kleine Markierbrettchen mit aufklappbaren
-Zähnchen, eine Schiefertafel nebst Kreidegriffeln, papierne
-Zigarrenspitzen und anderes mehr; endlich mit einem Rokoko-Glasschrank
-aus Palisanderholz in der Ecke, hinter dessen
-Scheiben gelbseidene Vorhänge gespannt waren.
-</p>
-
-<p>
-„Großpapa“, konnte der kleine Hans Castorp im Kabinett
-wohl sagen, indem er sich auf die Zehenspitzen erhob und zu
-dem Ohr des Alten emporstrebte, „zeig mir doch, bitte, die
-Taufschale!“
-</p>
-
-<p>
-Und der Großvater, der ohnedies den Schoß seines langen
-und weichen Gehrocks vom Beinkleid zurückgerafft und sein
-Schlüsselbund aus der Tasche gezogen hatte, öffnete damit
-den Glasschrank, aus dessen Innerem es dem Knaben eigentümlich
-angenehm und merkwürdig entgegenduftete. Es waren
-allerlei außer Gebrauch befindliche und eben darum fesselnde
-Gegenstände darin aufbewahrt: ein Paar geschweifte silberne
-Armleuchter, ein zerbrochenes Barometer mit figürlicher Holzschnitzerei,
-ein Album mit Daguerreotypien, ein Likörkasten
-aus Zedernholz, ein kleiner Türke, hart anzufassen unter seinem
-buntseidenen Anzug, mit einem Uhrwerk im Leibe, das
-ihn dereinst befähigt hatte, über den Tisch zu laufen, nun aber
-schon lange den Dienst versagte, ein altertümliches Schiffsmodell
-und ganz zu unterst sogar eine Rattenfalle. Der Alte
-aber nahm von einem mittleren Fach eine stark angelaufene
-runde silberne Schale, die auf einem ebenfalls silbernen Teller
-stand, und wies beide Stücke dem Knaben vor, indem er sie
-voneinander nahm und unter schon oft gegebenen Erklärungen
-einzeln hin und her wandte.
-</p>
-
-<p>
-Becken und Teller gehörten ursprünglich nicht zueinander,
-wie man wohl sah, und wie sich der Kleine aufs neue belehren
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-ließ; doch seien sie, sagte der Großvater, seit rund hundert
-Jahren, nämlich seit Anschaffung des Beckens, im Gebrauche
-vereinigt. Die Schale war schön, von einfacher, edler Gestalt,
-geformt von dem strengen Geschmack der Frühzeit des letzten
-Jahrhunderts. Glatt und gediegen, ruhte sie auf rundem
-Fuße und war innen vergoldet; doch war das Gold von der
-Zeit schon zum gelblichen Schimmer verblichen. Als einziger
-Zierat lief ein erhabener Kranz von Rosen und zackigen Blättern
-um ihren oberen Rand. Den Teller angehend, so war
-sein weit höheres Alter ihm von der Innenseite abzulesen.
-„Sechzehnhundertundfünfzig“ stand dort in verschnörkelten
-Ziffern, und allerlei krause Gravierungen umrahmten die Zahl,
-ausgeführt in der „modernen Manier“ von damals, schwülstig-willkürlich,
-Wappen und Arabesken, die halb Stern und
-halb Blume waren. Auf der Rückseite aber fanden sich in
-wechselnder Schriftart die Namen der Häupter einpunktiert,
-die im Gange der Zeit des Stückes Inhaber gewesen: Es waren
-ihrer schon sieben, versehen mit der Jahreszahl der Erb-Übernahme,
-und der Alte in der Binde wies mit dem beringten
-Zeigefinger den Enkel auf jeden einzelnen hin. Der Name des
-Vaters war da, der des Großvaters selbst und der des Urgroßvaters,
-und dann verdoppelte, verdreifachte und vervierfachte
-sich die Vorsilbe „Ur“ im Munde des Erklärers, und
-der Junge lauschte seitwärts geneigten Kopfes, mit nachdenklich
-oder auch gedankenlos-träumerisch sich festsehenden Augen
-und andächtig-schläfrigem Munde auf das Ur-Ur-Ur-Ur, –
-diesen dunklen Laut der Gruft und der Zeitverschüttung, welcher
-dennoch zugleich einen fromm gewahrten Zusammenhang
-zwischen der Gegenwart, seinem eigenen Leben und dem tief Versunkenen
-ausdrückte und ganz eigentümlich auf ihn einwirkte:
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-nämlich so, wie es auf seinem Gesichte sich ausdrückte. Er
-meinte modrig-kühle Luft, die Luft der Katharinenkirche oder
-der Michaeliskrypte zu atmen bei diesem Laut, den Anhauch
-von Orten zu spüren, an denen man, den Hut in der Hand,
-in eine gewisse, ehrerbietig vorwärts wiegende Gangart ohne
-Benutzung der Stiefelabsätze verfällt; auch die abgeschiedene,
-gefriedete Stille solcher hallender Orte glaubte er zu hören;
-geistliche Empfindungen mischten sich mit denen des Todes
-und der Geschichte beim Klang jener dumpfen Silbe, und dies
-alles mutete den Knaben irgendwie wohltuend an, ja, es mochte
-wohl sein, daß er um des Lautes willen, um ihn zu hören und
-nachzusprechen, gebeten hatte, die Taufschale wieder einmal
-betrachten zu dürfen.
-</p>
-
-<p>
-Dann stellte der Großvater das Gefäß auf den Teller zurück
-und ließ den Kleinen in die glatte, leicht goldige Höhlung
-sehen, die aufschimmerte von dem einfallenden Oberlicht.
-</p>
-
-<p>
-„Nun sind es bald acht Jahre,“ sagte er, „daß wir dich
-darüber hielten und daß das Wasser, mit dem du getauft wurdest,
-da hinein floß ... Küster Lassen von St. Jacobi goß es
-unserem guten Pastor Bugenhagen in die hohle Hand, und
-von da lief es über deinen Schopf hier in die Schale. Aber
-wir hatten es gewärmt, damit du nicht erschrecken und nicht
-weinen solltest, und das tatst du auch nicht, sondern im Gegenteil,
-du hattest vorher geschrien, so daß Bugenhagen es nicht
-leicht gehabt hatte mit seiner Rede, aber als das Wasser kam,
-da wurdest du still, und das war die Achtung vor dem heiligen
-Sakrament, wollen wir hoffen. Und vierundvierzig Jahre
-sind es in den nächsten Tagen, da war dein seliger Vater der
-Täufling, und von seinem Kopf floß das Wasser hier hinein.
-Das war hier im Haus, seinem Elternhaus, drüben im Saal,
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-vor dem mittleren Fenster, und es war noch der alte Pastor
-Hesekiel, der ihn taufte, derselbe, den die Franzosen als jungen
-Menschen beinahe erschossen hätten, weil er gegen ihre Räubereien
-und Brandschatzungen gepredigt hatte, – der ist nun
-auch schon lange, lange bei Gott. Aber vor fünfundsiebenzig
-Jahren, da war ich es selber, den sie tauften, auch da im Saal,
-und meinen Kopf hielten sie über die Schale hier, wie sie da
-auf dem Teller steht, und der Geistliche sprach dieselben Worte
-wie bei dir und deinem Vater, und ebenso floß das warme,
-klare Wasser von meinem Haar (es war nicht viel mehr damals,
-als ich jetzt auf dem Kopfe habe) da in das goldene Becken
-hinein.“
-</p>
-
-<p>
-Der Kleine blickte empor auf des Großvaters schmales Greisenhaupt,
-das eben wieder über die Schale geneigt war, wie
-zu der längst verflossenen Stunde, von der er erzählte, und ein
-schon erprobtes Gefühl kam ihn an, die sonderbare, halb träumerische,
-halb beängstigende Empfindung eines zugleich Ziehenden
-und Stehenden, eines wechselnden Bleibens, das Wiederkehr
-und schwindelige Einerleiheit war, – eine Empfindung,
-die ihm von früheren Gelegenheiten her bekannt war, und
-von der wieder berührt zu werden er erwartet und gewünscht
-hatte: sie war es zum Teil, um derentwillen ihm die Vorzeigung
-des stehend wandernden Erbstücks angelegen gewesen
-war.
-</p>
-
-<p>
-Prüfte der junge Mann sich später, so fand er, daß das
-Bild seines Ältervaters sich ihm viel tiefer, deutlicher und bedeutender
-eingeprägt hatte als das seiner Eltern: was möglicherweise
-auf Sympathie und physischer Sonderverwandtschaft
-beruhte, denn der Enkel sah dem Großvater ähnlich, soweit
-eben ein rosiger Milchbart einem gebleichten und starren
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-Siebziger ähnlich sehen kann. Hauptsächlich aber war es doch
-wohl für den Alten bezeichnend, der ohne Frage die eigentliche
-Charakterfigur, die malerische Persönlichkeit in der Familie
-gewesen war.
-</p>
-
-<p>
-Im öffentlichen Sinne gesprochen, so war die Zeit über
-Hans Lorenz Castorps Wesen und Willensmeinungen schon
-lange vor seinem Abscheiden hinweggegangen. Er war ein
-hochchristlicher Herr gewesen, von der reformierten Gemeinde,
-streng herkömmlich gesinnt, auf aristokratische Einengung des
-gesellschaftlichen Kreises, in dem man regierungsfähig war,
-so hartnäckig bedacht, als lebte er im vierzehnten Jahrhundert,
-wo das Handwerkertum gegen den zähen Widerstand des altfreien
-Patriziertums sich Sitz und Stimme im städtischen Rat
-zu erobern begonnen hatte, und für das Neue zu schwer zu
-haben. Sein Wirken war in Jahrzehnte eines heftigen Aufschwungs
-und vielfältiger Umwälzungen gefallen, Jahrzehnte
-des Fortschritts in Gewaltmärschen, die an den öffentlichen
-Opfer- und Wagemut beständig so hohe Anforderungen gestellt
-hatten. An ihm aber, dem alten Castorp, das wußte Gott,
-hatte es nicht gelegen, wenn der Geist der Neuzeit die weit bekannten,
-glänzenden Siege gefeiert hatte. Er hatte auf Vätersitte
-und alte Institutionen weit mehr gehalten als auf halsbrecherische
-Hafenerweiterungen und gottlose Großstadt-Alfanzereien,
-hatte gebremst und abgewiegelt, wo er nur konnte,
-und wäre es nach ihm gegangen, so sah es in der Verwaltung
-noch heutigentages so idyllisch-altfränkisch aus wie seinerzeit
-in seinem eigenen Kontor.
-</p>
-
-<p>
-So stellte der Alte, zu seinen Lebzeiten und nachher, sich dem
-bürgerlichen Auge dar, und wenn der kleine Hans Castorp auch
-nichts von Staatsangelegenheiten verstand, so machte sein
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-still anschauendes Kinderauge im wesentlichen doch ganz dieselben
-Wahrnehmungen, – wortlose und also unkritische, vielmehr
-nur lebensvolle Wahrnehmungen, die übrigens auch
-später, als bewußtes Erinnerungsbild, ihr wort- und zergliederungsfeindliches,
-schlechthin bejahendes Gepräge durchaus
-bewahrten. Wie gesagt, war da Sympathie im Spiele, jene
-ein Glied überspringende Nächstverbundenheit und Wesensverwandtschaft,
-die nichts Seltenes ist. Kinder und Enkel
-schauen an, um zu bewundern, und sie bewundern, um zu
-lernen und auszubilden, was erblicherweise in ihnen vorgebildet
-liegt.
-</p>
-
-<p>
-Senator Castorp war hager und hochgewachsen. Die Jahre
-hatten ihm Rücken und Nacken gekrümmt, aber er suchte die
-Krümmung durch Gegendruck auszugleichen, wobei sein Mund,
-dessen Lippen nicht mehr von Zähnen gehalten wurden, sondern
-unmittelbar auf dem leeren Zahnfleisch ruhten (denn
-sein Gebiß legte er nur zum Essen an), sich auf würdig-mühsame
-Art nach unten zog, und hierdurch eben, wie auch wohl
-als Mittel gegen eine beginnende Unfestigkeit des Kopfes, kam
-die ehrenstreng aufgeruckte Haltung und Kinnstütze zustande,
-die dem kleinen Hans Castorp so zusagte.
-</p>
-
-<p>
-Er liebte die Dose – es war eine längliche, mit Gold eingelegte
-Schildpattdose, die er handhabte, – und benutzte aus
-diesem Grunde rote Taschentücher, deren Zipfel ihm aus der
-hinteren Tasche seines Gehrocks zu hängen pflegte. War das
-eine heitere Schwäche in seiner Erscheinung, so wirkte sie doch
-durchaus als Alterslizenz, als eine Nachlässigkeit, wie die Betagtheit
-sie sich entweder bewußt und jovialerweise gestattet
-oder in ehrwürdiger Unbewußtheit mit sich bringt; und jedenfalls
-blieb sie die einzige, die Hans Castorps kindlicher Scharfblick
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-je an des Großvaters Äußerem gewahrte. Für den Siebenjährigen
-aber sowohl wie später in der Erinnerung des Herangewachsenen
-war die alltägliche Erscheinung des Alten nicht
-seine eigentliche und wirkliche. In eigentlicher Wirklichkeit sah
-er noch anders, weit schöner und richtiger aus, als gewöhnlich,
-– nämlich so, wie er auf einem Gemälde, einem lebensgroßen
-Bildnis erschien, das früher im elterlichen Wohnzimmer
-gehangen hatte und dann zusammen mit dem kleinen
-Hans Castorp an die Esplanade übergesiedelt war, wo es seinen
-Platz über dem großen rotseidenen Sofa im Empfangszimmer
-erhalten hatte.
-</p>
-
-<p>
-Es zeigte Hans Lorenz Castorp in seiner Amtstracht als
-Ratsherrn der Stadt – dieser ernsten, ja frommen Bürgertracht
-eines verschollenen Jahrhunderts, die ein zugleich gravitätisches
-und verwegenes Gemeinwesen durch die Zeiten mitgeführt
-und in pomphaftem Gebrauch erhalten hatte, um zeremoniellerweise
-die Vergangenheit zur Gegenwart, die Gegenwart
-zur Vergangenheit zu machen und den steten Zusammenhang
-der Dinge, die ehrwürdige Sicherheit ihrer Handlungsunterschrift
-zu bekunden. Senator Castorp stand da in ganzer Figur,
-auf rötlich gepflastertem Boden, in einer Pfeiler- und Spitzbogen-Perspektive.
-Er stand, das Kinn gesenkt, den Mund
-nach unten gezogen, die blauen, sinnig blickenden Augen mit
-den Tränensäcken darunter ins Weite gerichtet, in dem schwarzen
-und mehr als knielangen, talarartigen Überrock, der, vorne
-offen, am Rande und Saume eine breite Pelzverbrämung
-zeigte. Aus weiten, hochgepufften und bordierten Oberärmeln
-kamen engere Unterärmel von schlichtem Tuch hervor, und
-Spitzenmanschetten bedeckten die Hände bis zu den Knöcheln.
-Die schlanken Greisenbeine staken in schwarzseidenen Strümpfen,
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-die Füße in Schuhen mit silbernen Schnallen. Um den
-Hals aber lag ihm die breite, gestärkte und vielfach gefältete
-Tellerkrause, vorn niedergedrückt und an den Seiten aufwärts
-geschwungen, unter welcher hervor zum Überfluß noch ein gefältetes
-Batistjabot auf die Weste hing. Unter dem Arme
-trug er den altertümlichen Hut mit breiter Krempe, dessen
-Kopf sich nach oben verjüngte.
-</p>
-
-<p>
-Es war ein vortreffliches Bild, von namhafter Künstlerhand
-geschaffen, mit gutem Geschmack in dem altmeisterlichen Stile
-gehalten, den der Gegenstand nahelegte, und in dem Beschauer
-allerlei spanisch-niederländisch-spätmittelalterliche Vorstellungen
-weckend. Der kleine Hans Castorp hatte es oft betrachtet,
-nicht mit Kunstverstand natürlich, aber doch mit einem gewissen
-allgemeineren und sogar eindringlichen Verstande; und
-obgleich er den Großvater so, wie die Leinwand ihn darstellte,
-in Person nur ein einziges Mal, bei einer feierlichen Auffahrt
-am Rathaus, und auch da nur flüchtig gesehen hatte, konnte
-er, wie wir sagten, nicht umhin, diese seine bildhafte Erscheinung
-als seine eigentliche und wirkliche zu empfinden und in
-dem Großvater des Alltags sozusagen einen Interims-Großvater,
-einen behelfsweise und nur unvollkommen angepaßten
-zu erblicken. Denn das Abweichende und Wunderliche in dieser
-seiner Alltagserscheinung beruhte offenbar auf solcher unvollkommenen,
-vielleicht etwas ungeschickten Anpassung, es waren
-nicht ganz zu tilgende Reste und Andeutungen seiner reinen
-und wahren Gestalt. So waren die Vatermörder, die hohe
-weiße Binde altmodisch; aber unmöglich war diese Bezeichnung
-anwendbar auf das bewunderungswürdige Kleidungsstück,
-wovon jene nur die Interimsandeutung bildeten, nämlich
-auf die spanische Krause. Und ebenso verhielt es sich mit
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-dem unüblich geschweiften Zylinder, den der Großvater auf
-der Straße trug, und dem in höherer Wirklichkeit der breitkrempige
-Filzhut des Gemäldes entsprach; mit dem langen
-und faltigen Gehrock, als dessen Urbild und Eigentlichkeit
-dem kleinen Hans Castorp der bordierte, pelzverbrämte Talar
-erschien.
-</p>
-
-<p>
-So war er denn auch im Herzen einverstanden, daß der
-Großvater in seiner Richtigkeit und Vollkommenheit prangte,
-als es eines Tages hieß, Abschied von ihm zu nehmen. Das
-war im Saale, demselben Saal, wo sie so oft am Eßtisch einander
-gegenüber gesessen; in seiner Mitte lag Hans Lorenz
-Castorp nun auf der von Kränzen umstellten und umlagerten
-Bahre im silberbeschlagenen Sarge. Er hatte die Lungenentzündung
-durchgekämpft, hatte zäh und lange gekämpft, obgleich
-er doch, wie es schien, im gegenwärtigen Leben nur anpassungsweise
-zu Hause gewesen war, und lag nun, man wußte
-nicht recht ob siegreich oder überwunden, auf jeden Fall mit
-streng befriedetem Ausdruck und stark verändert und spitznäsig
-vom Kampfe auf seinem Paradebett, den Unterkörper von
-einer Decke verhüllt, auf welcher ein Palmzweig lag, den Kopf
-vom seidenen Kissen hochgestützt, so daß das Kinn aufs schönste
-in der vorderen Einbuchtung der Ehrenkrause ruhte; und zwischen
-die halb von den Spitzenmanschetten bedeckten Hände,
-deren Finger bei künstlich-natürlicher Anordnung Kälte und
-Unbelebtheit nicht verhehlten, hatte man ihm ein Elfenbeinkreuz
-gesteckt, auf das er mit gesenkten Lidern unverwandt
-niederzublicken schien.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp hatte den Großvater zu Anfang von dessen
-letzter Krankheit wohl mehrmals, gegen das Ende hin aber
-nicht mehr gesehen. Mit dem Anblick des Kampfes, der auch
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-zu seinem Hauptteile nächtlicherweile vor sich gegangen war,
-hatte man ihn gänzlich verschont, nur mittelbar, durch die beklommene
-Atmosphäre des Hauses, die roten Augen des alten
-Fiete, das An- und Wegfahren der Doktoren, war er davon
-berührt worden; das Ergebnis aber, vor das er sich im Saale
-gestellt fand, ließ sich dahin zusammenfassen, daß der Großvater
-der Interimsanpassung nun feierlich überhoben und in
-seine eigentliche und angemessene Gestalt endgültig eingekehrt
-war, – ein billigenswertes Ergebnis, wenn auch der alte Fiete
-weinte und ununterbrochen den Kopf schüttelte, und wenn
-auch Hans Castorp selber weinte, wie er beim Anblick seiner
-unvermittelt gestorbenen Mutter und seines bald darauf ebenfalls
-still und fremd daliegenden Vaters geweint hatte.
-</p>
-
-<p>
-Denn es war ja nun schon das drittemal binnen so kurzer
-Zeit und bei so jungen Jahren, daß der Tod auf den Geist
-und die Sinne – namentlich auch auf die Sinne – des kleinen
-Hans Castorp wirkte; neu war ihm der Anblick und Eindruck
-nicht mehr, sondern bereits recht wohl vertraut, und wie er
-schon die beiden ersten Male sich durchaus gesetzt und verläßlich,
-keineswegs nervenschwach, wenn auch mit natürlicher Betrübnis
-dagegen verhalten hatte, so auch jetzt, und in noch
-höherem Grade. Unkundig der praktischen Bedeutung der Ereignisse
-für sein Leben oder auch kindlich gleichgültig dagegen,
-in dem Vertrauen, daß die Welt schon so oder so für ihn sorgen
-werde, hatte er an den Särgen eine gewisse ebenfalls kindliche
-Kühle und sachliche Aufmerksamkeit an den Tag gelegt,
-welche beim drittenmal durch das Gefühl und den Ausdruck
-erfahrener Kennerschaft noch eine besondere, altkluge Abschattung
-erhielt, – häufiger Tränen der Erschütterung und
-der Ansteckung durch andere als einer selbstverständlichen
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-Rückwirkung nicht weiter zu gedenken. In den drei oder vier
-Monaten, seit sein Vater gestorben war, hatte er den Tod vergessen;
-nun erinnerte er sich, und alle Eindrücke von damals
-stellten sich genau, gleichzeitig und durchdringend in ihrer unvergleichbaren
-Eigentümlichkeit wieder her.
-</p>
-
-<p>
-Aufgelöst und in Worte gefaßt, hätten sie sich ungefähr
-folgendermaßen ausgenommen. Es hatte mit dem Tode eine
-fromme, sinnige und traurig schöne, das heißt geistliche Bewandtnis
-und zugleich eine ganz andere, geradezu gegenteilige,
-sehr körperliche, sehr materielle, die man weder als schön, noch
-als sinnig, noch als fromm, noch auch nur als traurig eigentlich
-ansprechen konnte. Die feierlich-geistliche Bewandtnis
-drückte sich aus in der pomphaften Aufbahrung der Leiche,
-der Blumenpracht und den Palmenwedeln, die bekanntlich
-den himmlischen Frieden bedeuteten; ferner und noch deutlicher
-in dem Kreuz zwischen den gestorbenen Fingern des ehemaligen
-Großvaters, dem segnenden Heiland von Thorwaldsen,
-der zu Häupten des Sarges stand, und in den zu beiden
-Seiten aufragenden Kandelabern, die bei dieser Gelegenheit
-ebenfalls einen kirchlichen Charakter angenommen hatten. Alle
-diese Anstalten hatten ihren genaueren und guten Sinn offenbar
-in dem Gedanken, daß der Großvater nun auf immer zu
-seiner eigentlichen und wahren Gestalt eingegangen war. Außerdem
-aber hatten sie, wie der kleine Hans Castorp wohl bemerkte,
-wenn auch nicht mit Worten sich eingestand, allesamt,
-im besonderen aber die Menge der Blumen und unter diesen
-wieder besonders die vielfach vertretenen Tuberosen, noch einen
-weiteren Sinn und nüchternen Zweck, nämlich den, die andere,
-weder schöne noch eigentlich traurige, sondern eher fast unanständige,
-niedrig körperliche Bewandtnis, die es mit dem Tode
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-hatte, zu beschönigen, in Vergessenheit zu bringen oder nicht
-zum Bewußtsein kommen zu lassen.
-</p>
-
-<p>
-Mit dieser Bewandtnis hing es zusammen, daß der tote
-Großvater so fremd, ja eigentlich nicht als der Großvater, sondern
-als eine lebensgroße, wächserne Puppe erschien, die der
-Tod statt seiner Person eingeschoben hatte, und mit der nun
-all dieser fromme und ehrenvolle Aufwand getrieben wurde.
-Der da lag, oder richtiger: <em>was</em> da lag, war also nicht der
-Großvater selbst, sondern eine Hülle, – die, wie Hans Castorp
-wußte, nicht aus Wachs bestand, sondern aus ihrem eigenen
-Stoff; <em>nur</em> aus Stoff: das eben war das Unanständige und
-kaum auch Traurige, – traurig so wenig, wie Dinge traurig
-sind, die mit dem Körper zu tun haben und <em>nur</em> mit diesem.
-Der kleine Hans Castorp betrachtete den wachsgelben, glatten
-und käsig-festen Stoff, aus dem die lebensgroße Todesfigur
-bestand, das Gesicht und die Hände des ehemaligen Großvaters.
-Eben ließ eine Fliege sich auf die unbewegliche Stirne nieder
-und begann, ihren Rüssel auf und ab zu bewegen. Der alte
-Fiete verscheuchte sie vorsichtig, indem er sich hütete, die Stirn
-dabei zu berühren und mit einer ehrbaren Verfinsterung seiner
-Miene, so, als dürfe und wolle er von dem, was er da tat,
-nichts wissen, – einem Ausdruck von Sittsamkeit, der sich offenbar
-auf die Tatsache bezog, daß der Großvater nur noch Körper
-und nichts weiter mehr war; allein nach schweifendem Auffluge
-nahm die Fliege auf den Fingern des Großvaters, in
-der Nähe des Elfenbeinkreuzes, kurz aufsitzend wieder Platz.
-Während aber dies geschah, glaubte Hans Castorp deutlicher
-als bisher jene von früher her vertraute leise, aber so ganz
-eigentümlich zähe Ausdünstung zu verspüren, die ihn beschämenderweise
-an einen mit einem lästigen Übel behafteten und
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-darum allerseits gemiedenen Schulkameraden erinnerte, und
-die zu übertäuben der Duft der Tuberosen unter der Hand
-bestimmt war, ohne es bei aller schönen Üppigkeit und Strenge
-imstande zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Er stand wiederholt an der Leiche: einmal allein mit dem
-alten Fiete, das zweitemal zusammen mit seinem Großonkel
-Tienappel, dem Weinhändler, und den beiden Onkeln James
-und Peter, und dann noch ein drittes Mal, als eine Gruppe
-von sonntäglich gekleideten Hafenarbeitern einige Augenblicke
-am offenen Sarge stand, um sich von dem ehemaligen Chef
-des Hauses Castorp und Sohn zu verabschieden. Dann kam
-das Begräbnis, bei dem der Saal voller Leute war und Pastor
-Bugenhagen von der Michaeliskirche, derselbe, der Hans Castorp
-getauft hatte, angetan mit der spanischen Halskrause,
-die Gedächtnisrede hielt und sich nachher in der Droschke, der
-ersten gleich hinter dem Leichenwagen, der dann eine lange,
-lange Reihe folgte, sehr freundlich mit dem kleinen Hans Castorp
-unterhielt, – und dann war auch dieser Lebensabschnitt
-zu Ende, und Hans Castorp wechselte gleich darauf Haus und
-Umgebung, – zum zweitenmal tat er das ja bereits in seinem
-jungen Leben.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-3-2">
-Bei Tienappels. Und von Hans Castorps sittlichem
-Befinden
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Zu seinem Schaden geschah es nicht, denn er kam zu Konsul
-Tienappel ins Haus, seinem bestellten Vormund, und hatte
-da nichts zu vermissen: in Hinsicht auf seine Person gewiß nicht,
-und ebensowenig, was die Betreuung seiner weiteren Interessen
-betraf, von denen er noch nichts wußte. Denn Konsul
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-Tienappel, ein Onkel von Hansens seliger Mutter, verwaltete
-die Castorpsche Hinterlassenschaft, er brachte die Immobilien
-zum Verkauf, nahm auch die Liquidation der Firma Castorp
-und Sohn, Import und Export in die Hand, und was er
-herausschlug, waren noch ungefähr vierhunderttausend Mark,
-Hans Castorps Erbe, das Konsul Tienappel in mündelsicheren
-Papieren anlegte, indem er, seiner verwandtschaftlichen
-Gefühle unbeschadet, an jedem Quartalsbeginn zwei Prozent
-Provision von den fälligen Zinsen für sich in Abzug brachte.
-</p>
-
-<p>
-Das Tienappelsche Haus lag im Hintergrunde eines Gartens
-am Harvestehuder Weg und blickte auf eine Rasenfläche,
-in der auch nicht das kleinste Unkraut geduldet wurde, auf
-öffentliche Rosenanlagen und dann auf den Fluß. Der Konsul
-ging jeden Morgen, obgleich er schönes Fuhrwerk besaß,
-zu Fuß in sein Geschäft in der Altstadt, um doch ein bißchen
-Bewegung zu haben, denn manchmal litt er an Blutstauungen
-im Kopfe, und kehrte um fünf Uhr abends auch so zurück,
-worauf bei Tienappels mit aller Kultur zu Mittag gegessen
-wurde. Er war ein gewichtiger Mann, in beste englische Stoffe
-gekleidet, mit wasserblau vorquellenden Augen hinter der goldenen
-Brille, einer blühenden Nase, grauem Schifferbart und
-einem feurigen Brillanten an dem gedrungenen kleinen Finger
-seiner Linken. Seine Frau war längst tot. Er hatte zwei Söhne,
-Peter und James, von denen der eine bei der Marine und
-wenig zu Hause, der andere im väterlichen Weinhandel tätig
-und designierter Erbe der Firma war. Den Hausstand führte
-seit vielen Jahren Schalleen, eine Goldschmiedstochter aus
-Altona mit weißen Stärkrüschen um ihre walzenförmigen
-Handgelenke. Sie stand dafür ein, daß der Frühstücks- und
-Abendtisch reichlich mit kalter Küche, mit Krabben und Lachs,
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-Aal, Gänsebrust und Tomato Catsup zum Roastbeef bestellt
-war; sie hatte ein wachsames Auge auf die Lohndiener, wenn
-Herrendiner bei Konsul Tienappel war, und sie war es auch,
-die bei dem kleinen Hans Castorp, so gut sie konnte, Mutterstelle
-vertrat.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp wuchs auf bei miserablem Wetter, in Wind
-und Wasserdunst, wuchs auf im gelben Gummimantel, wenn
-man so sagen darf, und fühlte sich im ganzen recht munter
-dabei. Ein bißchen blutarm war er ja wohl von Anfang an,
-das sagte auch Dr. Heidekind und ließ ihm täglich zum dritten
-Frühstück, nach der Schule, ein gutes Glas Porter geben, –
-ein gehaltvolles Getränk, wie man weiß, dem Dr. Heidekind
-blutbildende Wirkung zuschrieb und das jedenfalls Hans Castorps
-Lebensgeister auf eine ihm schätzenswerte Weise besänftigte,
-seiner Neigung, zu „dösen“, wie sein Onkel Tienappel
-sich ausdrückte, nämlich mit schlaffem Munde und ohne einen
-festen Gedanken ins Leere zu träumen, wohltuend Vorschub
-leistete. Sonst aber war er gesund und richtig, ein brauchbarer
-Tennisspieler und Ruderer, wenn er auch lieber, statt selber
-die Riemen zu handhaben, an Sommerabenden bei Musik
-und einem guten Getränk auf der Terrasse des Uhlenhorster
-Fährhauses saß und die beleuchteten Boote betrachtete, zwischen
-denen Schwäne auf dem bunt spiegelnden Wasser dahinzogen;
-und wenn man ihn sprechen hörte: gelassen, verständig,
-ein bißchen hohl und eintönig, mit einem Anflug von
-Platt, ja, wenn man ihn auch nur ansah in seiner blonden
-Korrektheit, mit seinem gut geschnittenen, irgendwie altertümlich
-geprägten Kopf, in dem ein ererbter und unbewußter
-Dünkel sich in Gestalt einer gewissen trockenen Schläfrigkeit
-äußerte, so konnte kein Mensch bezweifeln, daß dieser Hans
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-Castorp ein unverfälschtes und rechtschaffenes Erzeugnis hiesigen
-Bodens und glänzend an seinem Platze war, – er selbst
-hätte es, wenn er sich daraufhin auch nur geprüft hätte, nicht
-einen Augenblick lang bezweifelt.
-</p>
-
-<p>
-Die Atmosphäre der großen Meerstadt, diese feuchte Atmosphäre
-aus Weltkrämertum und Wohlleben, die seiner Väter
-Lebensluft gewesen war, er atmete sie mit tiefem Einverständnis,
-mit Selbstverständlichkeit und gutem Behagen. Die Ausdünstungen
-von Wasser, Kohlen und Teer, die scharfen Gerüche
-gehäufter Kolonialwaren in der Nase, sah er an den
-Hafenkais ungeheure Dampfdrehkrane die Ruhe, Intelligenz
-und Riesenkraft dienender Elefanten nachahmen, indem sie
-Tonnengewichte von Säcken, Ballen, Kisten, Fässern und
-Ballons aus den Bäuchen ruhender Seeschiffe in Eisenbahnwagen
-und Schuppen löschten. Er sah die Kaufmannschaft
-in gelben Gummimänteln, wie er selbst einen trug, um Mittag
-zur Börse strömen, woselbst es scharf herging, seines Wissens,
-und jemand ganz leicht Veranlassung bekommen konnte,
-in aller Eile Einladungen zu einem großen Diner zu verschicken,
-um seinen Kredit zu fristen. Er sah (und hier lag ja später
-sein besonderes Interessengebiet) das Gewimmel der Werften,
-sah die Mammutleiber gedockter Asien- und Afrikafahrer,
-turmhoch, Kiel und Propeller entblößt, von baumdicken Streben
-gestützt, in ihrer monströsen Unbehilflichkeit auf dem
-Trockenen, bedeckt mit zwerghaften Heeren scheuernder, hämmernder,
-tünchender Arbeiter; sah auf den überdachten Hellings,
-von rauchigem Nebel umsponnen, die Spantenskelette
-entstehender Schiffe ragen und Ingenieure, Konstruktionszeichnung
-und Lenztafel zur Hand, den Bauleuten ihre Weisungen
-geben, – vertraute Gesichte dies alles für Hans Castorp
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-von Jugend auf und lauter Empfindungen gemütlich-heimatlicher
-Zugehörigkeit in ihm erweckend, Empfindungen,
-die ihren Höhepunkt etwa in jener Lebenslage fanden, wenn
-er Sonntagvormittags mit James Tienappel oder seinem
-Vetter Ziemßen – Joachim Ziemßen – im Alsterpavillon warme
-Rundstücke mit Rauchfleisch nebst einem Glase alten Portweins
-frühstückte, und sich danach, mit Hingebung an seiner
-Zigarre ziehend, im Stuhle zurücklehnte. Denn namentlich
-darin war er echt, daß er gern gut lebte, ja, seines dünnblütig
-verfeinerten Äußern ungeachtet, innig und fest, wie ein schwelgerischer
-Säugling an der Mutterbrust, an des Lebens derben
-Genüssen hing.
-</p>
-
-<p>
-Bequem und nicht ohne Würde trug er auf seinen Schultern
-die hohe Zivilisation, welche die herrschende Oberschicht
-der handeltreibenden Stadtdemokratie ihren Kindern vererbt.
-Er war so gut gebadet wie ein Baby und ließ sich von jenem
-Schneider kleiden, der das Vertrauen der jungen Leute seiner
-Sphäre besaß. Der kleine, sorgfältig gezeichnete Wäscheschatz,
-den die englischen Züge seines Schrankes bargen, ward von
-Schalleen aufs beste betreut; noch als Hans Castorp auswärts
-studierte, schickte er ihn regelmäßig zur Reinigung und Ausbesserung
-nach Hause (denn seine Maxime war, daß man
-außer in Hamburg im Reiche nicht zu bügeln verstehe), und
-eine aufgerauhte Stelle an der Manschette eines seiner hübschen
-farbigen Hemden hätte ihn mit heftigem Unbehagen erfüllt.
-Seine Hände, obgleich nicht sonderlich aristokratisch in
-der Form, waren gepflegt und frisch von Haut, mit einem
-Kettenring aus Platin und dem großväterlichen Erbsiegelring
-geschmückt, und seine Zähne, die etwas weich waren und mehrfach
-Schaden gelitten hatten, mit Gold ergänzt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-Im Stehen und Gehen schob er den Unterleib etwas vor,
-was einen nicht eben strammen Eindruck machte; aber seine
-Haltung bei Tische war ausgezeichnet. Er wandte den aufrechten
-Oberkörper höflich dem Nachbarn zu, mit dem er plauderte
-(verständig und etwas platt), und seine Ellenbogen lagen
-leicht an, während er sein Stück Geflügel zerlegte oder geschickt
-mit dem dazu bestimmten Tafelgerät das rosige Fleisch aus
-einer Hummerschere zog. Sein erstes Bedürfnis nach beendeter
-Mahlzeit war die Fingerschale mit parfümiertem Wasser, das
-zweite die russische Zigarette, die unverzollt war, und die er
-unterderhand, auf dem Wege gemütlicher Durchstecherei bezog.
-Sie ging der Zigarre voran, einer sehr schmackhaften
-Bremer Marke namens Maria Mancini, von der noch die
-Rede sein wird, und deren würzige Gifte sich so befriedigend
-mit denen des Kaffees vereinigten. Hans Castorp entzog seine
-Tabakvorräte den schädlichen Einflüssen der Dampfheizung,
-indem er sie im Keller aufbewahrte, wohin er jeden Morgen
-hinabstieg, um seinem Etui den Tagesbedarf einzuverleiben.
-Nur widerstrebend hätte er Butter gegessen, die ihm in einem
-Stück und nicht vielmehr in Form geriefelter Kügelchen vorgesetzt
-worden wäre.
-</p>
-
-<p>
-Man sieht, daß wir darauf denken, alles zu sagen, was
-für ihn einnehmen kann, aber wir beurteilen ihn ohne Überschwang
-und machen ihn weder besser noch schlechter, als er
-war. Hans Castorp war weder ein Genie noch ein Dummkopf,
-und wenn wir das Wort „mittelmäßig“ zu seiner Kennzeichnung
-vermeiden, so geschieht es aus Gründen, die nicht mit seiner Intelligenz
-und kaum etwas mit seiner schlichten Person überhaupt
-zu tun haben, nämlich aus Achtung vor seinem Schicksal, dem
-wir eine gewisse überpersönliche Bedeutung zuzuschreiben
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-geneigt sind. Sein Kopf genügte den Anforderungen des Realgymnasiums,
-ohne sich überanstrengen zu müssen, – aber dies
-zu tun, wäre er auch ganz bestimmt unter keinen Umständen
-und um keines Gegenstandes willen geneigt gewesen: weniger
-aus Furcht, sich weh zu tun, als weil er unbedingt keinen Grund
-dazu sah oder, richtiger gesagt: <em>keinen unbedingten</em> Grund;
-und eben darum vielleicht mögen wir ihn nicht mittelmäßig
-nennen, weil er das Fehlen solcher Gründe auf irgendeine
-Weise empfand.
-</p>
-
-<p>
-Der Mensch lebt nicht nur sein persönliches Leben als Einzelwesen,
-sondern, bewußt oder unbewußt, auch das seiner Epoche
-und Zeitgenossenschaft, und sollte er die allgemeinen und unpersönlichen
-Grundlagen seiner Existenz auch als unbedingt
-gegeben und selbstverständlich betrachten und <a id="corr-7"></a>von dem Einfall,
-Kritik daran zu üben, so weit entfernt sein, wie der gute
-Hans Castorp es wirklich war, so ist doch sehr wohl möglich,
-daß er sein sittliches Wohlbefinden durch ihre Mängel vage
-beeinträchtigt fühlt. Dem einzelnen Menschen mögen mancherlei
-persönliche Ziele, Zwecke, Hoffnungen, Aussichten vor Augen
-schweben, aus denen er den Impuls zu hoher Anstrengung
-und Tätigkeit schöpft; wenn das Unpersönliche um ihn her,
-die Zeit selbst der Hoffnungen und Aussichten bei aller äußeren
-Regsamkeit im Grunde entbehrt, wenn sie sich ihm als hoffnungslos,
-aussichtslos und ratlos heimlich zu erkennen gibt
-und der bewußt oder unbewußt gestellten, aber doch irgendwie
-gestellten Frage nach einem letzten, mehr als persönlichen, unbedingten
-Sinn aller Anstrengung und Tätigkeit ein hohles
-Schweigen entgegensetzt, so wird gerade in Fällen redlicheren
-Menschentums eine gewisse lähmende Wirkung solches Sachverhalts
-fast unausbleiblich sein, die sich auf dem Wege über
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-das Seelisch-Sittliche geradezu auf das physische und organische
-Teil des Individuums erstrecken mag. Zu bedeutender,
-das Maß des schlechthin Gebotenen überschreitender Leistung
-aufgelegt zu sein, ohne daß die Zeit auf die Frage Wozu?
-eine befriedigende Antwort wüßte, dazu gehört entweder eine
-sittliche Einsamkeit und Unmittelbarkeit, die selten vorkommt
-und heroischer Natur ist, oder eine sehr robuste Vitalität. Weder
-das eine noch das andere war Hans Castorps Fall, und so
-war er denn doch wohl mittelmäßig, wenn auch in einem recht
-ehrenwerten Sinn.
-</p>
-
-<p>
-Wir haben hier nicht nur von des jungen Mannes innerem
-Verhalten während seiner Schulzeit, sondern auch von den
-darauffolgenden Jahren gesprochen, als er seinen bürgerlichen
-Beruf schon gewählt hatte. Was seine Laufbahn durch die
-Klassen betraf, so mußte er die eine und andere davon sogar
-repetieren. Im ganzen aber halfen seine Herkunft, die Urbanität
-seiner Sitten und schließlich auch eine hübsche, wenn auch
-leidenschaftslose Begabung für Mathematik ihm vorwärts,
-und als er das Einjährigenzeugnis hatte, beschloß er, die Schule
-durchzumachen, – hauptsächlich, die Wahrheit zu sagen, weil
-damit ein gewohnter, vorläufiger und unentschiedener Zustand
-verlängert und Zeit zu der Überlegung gewonnen wurde, was
-denn Hans Castorp am liebsten werden wollte, denn das wußte
-er lange nicht recht, wußte es auch in der obersten Klasse noch
-nicht, und als es sich dann entschied (daß nämlich <em>er</em> sich entschieden
-hätte, wäre beinah schon zu viel gesagt), fühlte er wohl,
-daß es sich ebensogut anders hätte entscheiden können.
-</p>
-
-<p>
-Aber so viel war ja richtig, daß er an Schiffen immer großes
-Vergnügen gehabt hatte. Als kleiner Junge hatte er die Blätter
-seiner Notizbücher mit Bleistiftzeichnungen von Fischerkuttern,
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-Gemüseevern und Fünfmastern gefüllt, und als er mit fünfzehn
-Jahren von einem bevorzugten Platze aus hatte zusehen
-dürfen, wie der neue Doppelschrauben-Postdampfer „Hansa“
-bei Blohm &amp; Voß vom Stapel lief, da hatte er in Wasserfarben
-ein wohlgetroffenes und bis weit ins Einzelne genaues
-Bildnis des schlanken Schiffes ausgeführt, das Konsul
-Tienappel in sein Privatkontor gehängt hatte, und auf
-dem namentlich das transparente Glasgrün der rollenden See
-so liebevoll und geschickt behandelt war, daß irgend jemand
-zu Konsul Tienappel gesagt hatte, das sei Talent, und daraus
-könne ein guter Marinemaler werden, – eine Äußerung, die
-der Konsul seinem Pflegesohn ruhig wiedererzählen konnte,
-denn Hans Castorp lachte bloß gutmütig darüber und ließ sich
-auf Überspanntheiten und Hungerleiderideen auch nicht einen
-Augenblick ein.
-</p>
-
-<p>
-„Viel hast du nicht“, sagte sein Onkel Tienappel manchmal
-zu ihm. „Mein Geld bekommen im wesentlichen mal James
-und Peter, das heißt, es bleibt im Geschäft, und Peter bezieht
-seine Rente. Was dir gehört, liegt ja ganz gut und trägt dir
-was Sicheres. Aber von Zinsen zu leben, dabei ist heutzutage
-kein Spaß mehr, wenn man nicht wenigstens fünfmal so viel
-hat, wie du, und wenn du was vorstellen willst hier in der
-Stadt und leben wie du’s gewohnt bist, dann mußt du ordentlich
-zuverdienen, das merk’ du lieber, min Söhn.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp merkte es sich und sah sich nach einem Berufe
-um, mit dem er vor sich selbst und den Leuten bestehen könnte.
-Und als er einmal gewählt hatte – es geschah auf Anregung
-des alten Wilms, in Firma Tunder &amp; Wilms, der nämlich am
-sonnabendlichen Whisttisch zu Konsul Tienappel sagte, Hans
-Castorp solle doch Schiffbau studieren, das sei eine Idee, und
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-bei ihm eintreten, dann wolle er wohl auf den Jungen ein
-Auge haben –, da dachte er sehr hoch von seinem Beruf und
-fand, daß es zwar ein verdammt komplizierter und anstrengender,
-dafür aber auch ein ausgezeichneter, wichtiger und großartiger
-Beruf sei und für seine friedliche Person jedenfalls bei
-weitem dem seines Vetters Ziemßen vorzuziehen, Stiefschwestersohns
-seiner seligen Mutter, der durchaus Offizier werden
-wollte. Dabei war Joachim Ziemßen nicht mal ganz fest auf
-der Brust, aber eben darum mochte ein Freiluft-Beruf, bei
-dem von geistiger Arbeit und Anspannung kaum ernstlich die
-Rede sein konnte, denn wohl das richtige für ihn sein, wie Hans
-Castorp mit leichter Geringschätzung urteilte. Denn vor der
-Arbeit hatte er den allergrößten Respekt, obwohl ihn persönlich
-die Arbeit ja leicht ermüdete.
-</p>
-
-<p>
-Wir kommen hier auf unsere Andeutungen von früher zurück,
-die nämlich auf die Vermutung zielten, daß Beeinträchtigungen
-des persönlichen Lebens durch die Zeit geradezu den
-physischen Organismus des Menschen zu beeinflussen vermöchten.
-Wie hätte Hans Castorp die Arbeit nicht achten
-sollen? Es wäre unnatürlich gewesen. Wie alles lag, mußte
-sie ihm als das unbedingt Achtungswertste gelten, es gab im
-Grunde nichts Achtenswertes außer ihr, sie war das Prinzip,
-vor dem man bestand oder nicht bestand, das Absolutum
-der Zeit, sie beantwortete sozusagen sich selbst. Seine Achtung
-vor ihr war also religiöser und, so viel er wußte, unzweifelhafter
-Natur. Aber eine andere Frage war, ob er sie
-liebte; denn das konnte er nicht, so sehr er sie achtete, und zwar
-aus dem einfachen Grunde, weil sie ihm nicht bekam. Angestrengte
-Arbeit zerrte an seinen Nerven, sie erschöpfte ihn bald,
-und ganz offen gab er zu, daß er eigentlich viel mehr die freie
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-Zeit liebe, die unbeschwerte, an der nicht die Bleigewichte der
-Mühsal hingen, die Zeit, die offen vor einem gelegen hätte,
-nicht abgeteilt von zähneknirschend zu überwindenden Hindernissen.
-Dieser Widerstreit in seinem Verhältnis zur Arbeit bedürfte
-genau genommen der Auflösung. War es möglicherweise
-so, daß sein Körper sowohl wie sein Geist – zuerst der
-Geist und durch ihn auch der Körper – zur Arbeit freudiger
-und nachhaltiger willig gewesen wäre, wenn er im Grunde
-seiner Seele, dort, wo er selbst nicht Bescheid wußte, an die
-Arbeit als unbedingten Wert und sich selbst beantwortendes
-Prinzip zu glauben und sich dabei zu beruhigen vermocht hätte?
-Es wird damit wieder die Frage seiner Mittelmäßigkeit oder
-Mehr-als-Mittelmäßigkeit aufgeworfen, die wir nicht bündig
-beantworten wollen. Denn wir betrachten uns nicht als Hans
-Castorps Lobredner und lassen der Vermutung Raum, daß
-die Arbeit in seinem Leben einfach dem ungetrübten Genuß
-von Maria Mancini etwas im Wege war. –
-</p>
-
-<p>
-Zum militärischen Dienst wurde er seinerseits nicht herangezogen.
-Seine innere Natur widerstrebte dem und wußte es zu verhindern.
-Auch mochte wohl sein, daß Stabsarzt Dr. Eberding,
-der am Harvestehuder Weg verkehrte, von Konsul Tienappel
-gesprächsweise gehört hatte, daß der junge Castorp in der
-Nötigung sich zu bewaffnen eine empfindliche Störung seiner
-soeben auswärts begonnenen Studien erblicken würde.
-</p>
-
-<p>
-Sein Kopf, der langsam und gelassen arbeitete, zumal Hans
-Castorp die beruhigende Gewohnheit des Porterfrühstücks auch
-auswärts beibehielt, füllte sich mit analytischer Geometrie, Differentialrechnung,
-Mechanik, Projektionslehre und Graphostatik,
-er berechnete geladenes und ungeladenes Deplacement, Stabilität,
-Trimmverlagerung und Metazentrum, wenn es ihm
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-zuweilen auch sauer wurde. Seine technischen Zeichnungen,
-diese Spanten-, Wasserlinien- und Längsrisse, waren nicht ganz
-so gut, wie seine malerische Darstellung der „Hansa“ auf hoher
-See, aber wo es galt, die geistige Anschaulichkeit durch die
-sinnliche zu unterstützen, Schatten zu tuschen und Querschnitte
-in munteren Materialfarben anzulegen, tat Hans Castorp es
-an Geschicklichkeit den meisten zuvor.
-</p>
-
-<p>
-Wenn er in den Ferien nach Hause kam, sehr sauber, sehr
-gut angezogen, mit einem kleinen rotblonden Schnurrbart in
-seinem schläfrigen jungen Patriziergesicht und offenbar auf dem
-Wege zu ansehnlichen Lebensstellungen, so sahen die Leute, die
-sich mit kommunalen Dingen befaßten, auch mit Familien- und
-Personalverhältnissen gut Bescheid wußten – und das tun
-die meisten in einem sich selbst regierenden Stadtstaat –, so
-sahen seine Mitbürger ihn prüfend an, indem sie sich fragten,
-in welche öffentliche Rolle der junge Castorp wohl einmal hineinwachsen
-werde. Er hatte ja Überlieferungen, sein Name war
-alt und gut, und eines Tages, das konnte beinahe nicht fehlen,
-würde man mit seiner Person als mit einem politischen Faktor
-zu rechnen haben. Er würde dann in der Bürgerschaft oder dem
-Bürgerausschuß sitzen und Gesetze machen, würde im Ehrenamt
-an den Sorgen der Souveränität teilnehmen, einer Verwaltungsabteilung,
-der Finanzdeputation vielleicht oder der
-für das Bauwesen angehören, und seine Stimme würde gehört
-und mitgezählt werden. Man konnte neugierig sein, wie
-er wohl einmal Partei bekennen würde, der junge Castorp.
-Äußerlichkeiten mochten täuschen, aber eigentlich sah er ganz
-so aus, wie man <em>nicht</em> aussah, wenn die Demokraten auf einen
-rechnen konnten, und die Ähnlichkeit mit dem Großvater war
-unverkennbar. Vielleicht würde er ihm nacharten, ein Hemmschuh
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-werden, ein konservatives Element? Das war wohl
-möglich – und ebensowohl auch das Gegenteil. Denn schließlich
-war er ja Ingenieur, ein angehender Schiffbaumeister,
-ein Mann des Weltverkehrs und der Technik. Da konnte es
-sein, daß Hans Castorp unter die Radikalen ging, ein Draufgänger
-wurde, ein profaner Zerstörer alter Gebäude und landschaftlicher
-Schönheiten, ungebunden wie ein Jude und pietätlos
-wie ein Amerikaner, geneigt, den rücksichtslosen Bruch mit
-würdig Überliefertem einer bedächtigen Ausbildung natürlicher
-Lebensbedingungen vorzuziehen und den Staat in wagehalsige
-Experimente zu stürzen, – das war auch denkbar. Würde er
-es im Blute haben, daß Ihre Wohlweisheiten, vor denen der
-Doppelposten am Rathaus präsentierte, alles am besten wüßten,
-oder würde er die Opposition in der Bürgerschaft zu unterstützen
-gestimmt sein? In seinen blauen Augen unter den
-rötlich blonden Brauen war keine Antwort auf solche Fragen
-mitbürgerlicher Neugier zu lesen, und er wußte auch wohl noch
-gar keine, Hans Castorp, dies unbeschriebene Blatt.
-</p>
-
-<p>
-Als er die Reise antrat, auf der wir ihn betrafen, stand er
-im dreiundzwanzigsten Lebensjahr. Damals hatte er vier Semester
-Studienzeit am Danziger Polytechnikum hinter sich und
-vier weitere, die er auf den Technischen Hochschulen von Braunschweig
-und Karlsruhe verbracht hatte, war kürzlich ohne Glanz
-und Orchestertusch, aber mit gutem Anstande aus der ersten
-Hauptprüfung gestiegen und schickte sich an, bei Tunder &amp; Wilms
-als Ingenieur-Volontär einzutreten, um auf der Werft seine
-praktische Ausbildung zu empfangen. An diesem Punkt nahm
-sein Weg nun erst einmal folgende Wendung.
-</p>
-
-<p>
-Zur Hauptprüfung hatte er scharf und anhaltend arbeiten
-müssen und sah, als er heimkam, denn doch noch matter aus,
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-als es zu seinem Typus paßte. Dr. Heidekind schalt, so oft
-er ihn sah, und forderte Luftveränderung, das heißt: eine
-gründliche. Mit Norderney oder Wyk auf Föhr, sagte er, sei
-es dieses Mal nicht getan, und wenn man ihn frage, so gehörte
-Hans Castorp, bevor er auf die Werft gehe, für ein paar
-Wochen ins Hochgebirge.
-</p>
-
-<p>
-Das sei ganz gut, sagte Konsul Tienappel zu seinem Neffen
-und Pflegesohn, aber dann trennten sich diesen Sommer ihre
-Wege, denn ihn, Konsul Tienappel, bekämen ins Hochgebirge
-keine vier Pferde. Das sei nichts für ihn, er brauche einen vernünftigen
-Luftdruck, sonst kriege er Zufälle. Ins Hochgebirge
-solle Hans Castorp nur freundlichst alleine reisen. Er solle doch
-Joachim Ziemßen besuchen.
-</p>
-
-<p>
-Das war ein natürlicher Vorschlag. Joachim Ziemßen nämlich
-war krank, – nicht krank wie Hans Castorp, sondern auf
-wirklich mißliche Weise krank, es war sogar ein großer Schrecken
-gewesen. Schon immer hatte er zu Katarrh und Fieber geneigt,
-und eines Tages war richtig auch roter Auswurf dagewesen,
-und Hals über Kopf hatte Joachim nach Davos
-gehen müssen, zu seinem größten Leidwesen und Kummer, denn
-eben stand er am Ziel seiner Wünsche. Ein paar Semester lang
-hatte er nach dem Willen der Seinen Jurisprudenz studiert,
-aber aus unwiderstehlichem Drange hatte er umgesattelt und
-sich als Fahnenjunker gemeldet und war auch schon angenommen.
-Und nun saß er seit über fünf Monaten im Internationalen
-Sanatorium „Berghof“ (dirigierender Arzt: Hofrat
-Dr. Behrens) und langweilte sich halb zu Tode, wie er
-auf Postkarten schrieb. Wenn also Hans Castorp denn schon
-eine Kleinigkeit für sich tun wollte, bevor er bei Tunder &amp; Wilms
-seinen Posten antrat, so lag nichts näher, als daß er auch dort
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-hinauf fuhr, um seinem armen Cousin Gesellschaft zu leisten, –
-für beide Teile war es das angenehmste.
-</p>
-
-<p>
-Es war hoher Sommer geworden, als er sich zu der Reise
-entschloß. Die letzten Juli-Tage waren schon da.
-</p>
-
-<p>
-Er fuhr auf drei Wochen.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-4">
-Drittes Kapitel
-</h2>
-
-</div>
-
-<h3 class="section1" id="subchap-0-4-1">
-Ehrbare Verfinsterung
-</h3>
-
-<p class="first">
-Hans Castorp hatte gefürchtet, die Zeit zu verschlafen, da
-er so überaus müde gewesen war, aber er war früher als nötig
-auf den Beinen und hatte Muße im Überfluß, seinen Morgengewohnheiten
-ausführlich nachzukommen, hochzivilisierten Gewohnheiten,
-unter denen eine Gummiwanne sowie eine Holzschale
-mit grüner Lavendelseife nebst zugehörigem Strohpinsel
-eine Hauptrolle spielten, – und mit den Geschäften der Säuberung
-und der Körperpflege das andere des Auspackens und
-Einräumens zu verbinden. Während er den versilberten Hobel
-über seine mit parfümiertem Schaum bedeckten Wangen führte,
-erinnerte er sich seiner verworrenen Träume und schüttelte nachsichtig
-lächelnd, mit dem Überlegenheitsgefühl des im Tageslicht
-der Vernunft sich rasierenden Menschen den Kopf über
-so viel Unsinn. Sehr ausgeruht fühlte er sich eben nicht, aber
-frisch mit dem jungen Tage.
-</p>
-
-<p>
-Indes er sich die Hände trocknete, trat er mit gepuderten
-Backen, in seiner <span class="antiqua" lang="fr">file d’écosse</span>-Unterhose und roten Saffian-Pantoffeln
-auf den Balkon hinaus, der durchlief und nur vermittelst
-undurchsichtiger, nicht ganz bis zum Geländer vortretender
-Glaswände in einzelne Zimmerbereiche geteilt war.
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-Der Morgen war kühl und wolkig. Gestreckte Nebelbänke
-lagen unbeweglich vor den seitlichen Höhen, während massiges
-Gewölk, weißes und graues, auf das fernere Gebirge niederhing.
-Flecken und Streifen von Himmelsblau waren hie und
-da sichtbar, und wenn ein Sonnenblick einfiel, schimmerte die
-Ortschaft im Talgrunde weiß gegen die dunklen Fichtenwälder
-der Hänge. Irgendwo gab es Morgenmusik, wahrscheinlich
-in demselben Hotel, wo man auch gestern abend Konzert gehabt
-hatte. Choral-Akkorde klangen gedämpft herüber, nach
-einer Pause folgte ein Marsch, und Hans Castorp, der Musik
-von Herzen liebte, da sie ganz ähnlich auf ihn wirkte, wie sein
-Frühstücksporter, nämlich tief beruhigend, betäubend, zum
-Dösen überredend, lauschte wohlgefällig, den Kopf auf die
-Seite geneigt, mit offenem Munde und etwas geröteten Augen.
-</p>
-
-<p>
-Drunten schlang sich die Wegschleife zum Sanatorium herauf,
-die er gestern abend gekommen war. Kurzstieliger, sternförmiger
-Enzian stand im feuchten Grase des Abhangs. Ein
-Teil der Plattform war als Garten eingezäunt; dort gab es
-Kieswege, Blumenrabatten und eine künstliche Felsengrotte zu
-Füßen einer stattlichen Edeltanne. Eine mit Blech gedeckte Halle,
-in der Liegestühle standen, öffnete sich gegen Süden, und daneben
-war eine rotbraun gestrichene Flaggenstange aufgerichtet,
-an deren Schnur zuweilen das Fahnentuch sich entfaltete, – eine
-Phantasiefahne, grün und weiß, mit dem Emblem der Heilkunde,
-einem Schlangenstab, in der Mitte.
-</p>
-
-<p>
-Eine Frau ging im Garten umher, eine ältere Dame von
-düsterem, ja tragischem Aussehen. Vollständig schwarz gekleidet
-und um das wirre schwarzgraue Haar einen schwarzen
-Schleier gewunden, wanderte sie ruhelos und gleichmäßig rasch,
-mit krummen Knien und steif nach vorn hängenden Armen
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-auf den Pfaden dahin und blickte, Querfalten in der Stirn,
-mit kohlschwarzen Augen, unter denen schlaffe Hautsäcke hingen,
-starr von unten geradeaus. Ihr alterndes, südlich blasses Gesicht
-mit dem großen, verhärmten, einseitig abwärts gezogenen
-Mund erinnerte Hans Castorp an das Bild einer berühmten
-Tragödin, das ihm einmal zu Gesichte gekommen, und unheimlich
-war es zu sehen, wie die schwarzbleiche Frau, offenbar ohne
-es zu wissen, ihre langen, gramvollen Tritte dem Takt der herüberklingenden
-Marschmusik anpaßte.
-</p>
-
-<p>
-Nachdenklich teilnehmend blickte Hans Castorp auf sie hinab,
-und ihm war, als verdunkele ihre traurige Erscheinung die
-Morgensonne. Gleichzeitig aber faßte er noch etwas anderes
-auf, etwas Hörbares, Geräusche, die aus dem Nachbarzimmer
-zur Linken, dem Zimmer des russischen Ehepaars, nach Joachims
-Angabe, kamen und gleichfalls nicht zu dem heiteren, frischen
-Morgen passen wollten, sondern ihn irgendwie klebrig zu verunreinigen
-schienen. Hans Castorp erinnerte sich, daß er schon
-gestern abend dergleichen vernommen, doch hatte seine Müdigkeit
-ihn gehindert, darauf zu achten. Es war ein Ringen,
-Kichern und Keuchen, dessen anstößiges Wesen dem jungen
-Mann nicht lange verborgen bleiben konnte, obgleich er sich
-anfangs aus Gutmütigkeit bemühte, es harmlos zu deuten.
-Man hätte dieser Gutmütigkeit auch andere Namen geben
-können, zum Beispiel den etwas faden der Seelenreinheit, oder
-den ernsten und schönen der Schamhaftigkeit, oder die herabsetzenden
-Namen der Wahrheitsunlust und der Duckmäuserei,
-oder selbst den einer mystischen Scheu und Frömmigkeit, – von
-alledem war etwas in Hans Castorps Verhalten zu den Geräuschen
-nebenan, und physiognomisch drückte es sich aus in
-einer ehrbaren Verfinsterung seiner Miene, so, als dürfe und
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-wolle er von dem, was er da hörte, nichts wissen: einem Ausdruck
-von Sittsamkeit, der nicht ganz originell war, den er
-aber bei bestimmten Gelegenheiten anzunehmen pflegte.
-</p>
-
-<p>
-Mit dieser Miene also zog er sich von dem Balkon ins
-Zimmer zurück, um nicht länger Vorgänge zu belauschen, die
-ihm ernst, ja erschütternd schienen, obgleich sie sich unter Gekicher
-kundtaten. Aber im Zimmer war das Treiben jenseits
-der Wand nur noch deutlicher zu hören. Es war eine Jagd
-um die Möbel herum, wie es schien, ein Stuhl polterte hin,
-man ergriff einander, es gab ein Klatschen und Küssen, und
-hierzu kam, daß es nun Walzerklänge waren, die verbraucht
-melodiösen Phrasen eines Gassenhauers, die von außen und
-fernher die unsichtbare Szene begleiteten. Hans Castorp stand,
-das Handtuch in Händen, und horchte wider besseren Willen.
-Und plötzlich errötete er unter seinem Puder, denn was er
-deutlich hatte kommen sehen, war gekommen und das Spiel
-nun ohne allen Zweifel ins Tierische übergegangen. Herrgott,
-Donnerwetter! dachte er, indem er sich abwandte, um
-mit absichtlich geräuschvollen Bewegungen seine Toilette zu
-beenden. Nun, es sind Eheleute, in Gottes Namen, soweit
-ist die Sache in Ordnung. Aber am hellen Morgen, das ist
-doch stark. Und mir ist ganz, als hätten sie schon gestern abend
-keinen Frieden gehalten. Schließlich sind sie doch krank, da sie
-hier sind, oder wenigstens einer von ihnen, da wäre etwas
-Schonung am Platze. Aber das eigentlich Skandalöse ist
-selbstverständlich, dachte er zornig, daß die Wände so dünn sind
-und man alles so deutlich hört, das ist doch ein unhaltbarer
-Zustand! Billig gebaut natürlich, schändlich billig gebaut!
-Ob ich die Leute nachher zu sehen bekomme oder ihnen gar
-vorgestellt werde? Das wäre im höchsten Grade peinlich.
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-Und hier wunderte sich Hans Castorp, denn er bemerkte, daß
-die Röte, die ihm vorhin in die frisch rasierten Wangen gestiegen
-war, nicht daraus weichen wollte, oder doch nicht das
-Wärmegefühl, wovon sie begleitet gewesen, sondern fix darin
-stand und nichts anderes als jene trockene Gesichtshitze war,
-an der er gestern abend gelitten, deren er im Schlafe ledig geworden,
-und die bei dieser Gelegenheit sich wieder eingestellt
-hatte. Das stimmte ihn nicht freundlicher gegen die benachbarten
-Eheleute, vielmehr murmelte er mit vorgeschobenen
-Lippen ein sehr absprechendes Wort gegen sie und beging dann
-den Fehler, sein Gesicht nochmals mit Wasser zu kühlen, was
-das Übel bedeutend verschlimmerte. So geschah es, daß seine
-Stimme mißmutig schwankte, als er seinem Vetter antwortete,
-der ihm zurufend an die Wand geklopft hatte, und daß er bei
-Joachims Eintritt nicht eben den Eindruck eines erfrischten
-und morgenfrohen Menschen machte.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-4-2">
-Frühstück
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-„Tag“, sagte Joachim. „Das war ja nun deine erste Nacht
-hier oben. Bist du zufrieden?“
-</p>
-
-<p>
-Er war fertig zum Ausgehen, sportlich gekleidet, in kräftig
-gearbeiteten Stiefeln, und trug über dem Arm seinen Ulster,
-in dessen Seitentasche sich die flache Flasche abzeichnete. Einen
-Hut hatte er auch heute nicht.
-</p>
-
-<p>
-„Danke,“ erwiderte Hans Castorp, „es geht. Ich will weiter
-nicht urteilen. Etwas konfus geträumt habe ich, und dann
-hat das Haus ja den Nachteil, daß es sehr hellhörig ist, das
-ist etwas lästig. Wer ist denn die Schwarze da draußen im
-Garten?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-Joachim wußte sogleich, wer gemeint war.
-</p>
-
-<p>
-„Ach, das ist ‚<span class="antiqua" lang="fr">Tous-les-deux</span>‘“, sagte er. „So wird sie
-allgemein genannt hier von uns, denn das ist das einzige, was
-man von ihr zu hören bekommt. Mexikanerin, weißt du, kann
-kein Wort deutsch und auch französisch fast gar nicht, nur ein
-paar Brocken. Sie ist seit fünf Wochen hier bei ihrem ältesten
-Sohn, einem vollständig hoffnungslosen Fall, der jetzt ziemlich
-rasch eingehen wird, – er hat es schon überall, durch und durch
-vergiftet ist er, kann man wohl sagen, das sieht dann zuletzt
-ungefähr wie Typhus aus, sagt Behrens, – scheußlich für
-alle Beteiligten jedenfalls. Vor vierzehn Tagen kam nun der
-zweite Sohn herauf, weil er den Bruder noch sehen wollte –,
-bildhübscher Kerl übrigens, wie auch der andere, – beide sind
-bildhübsche Kerle, so glutäugig, die Damen waren ganz aus
-dem Häuschen. Na, der jüngere hatte unten ja wohl schon
-ein bißchen gehustet, war aber sonst ganz munter gewesen.
-Und kaum ist er hier, was meinst du, kriegt er Temperatur, –
-aber gleich 39,5, höchstes Fieber, verstehst du, legt sich ins Bett,
-und wenn er noch aufkommt, sagt Behrens, dann hat er mehr
-Glück als Verstand. Jedenfalls sei es die höchste Zeit gewesen,
-sagt er, daß er heraufkam ... Ja, und seitdem geht
-die Mutter nun so herum, wenn sie nicht bei ihnen sitzt, und
-wenn man sie anspricht, sagt sie immer nur ‚<span class="antiqua" lang="fr">Tous les deux!</span>‘
-denn mehr kann sie nicht sagen, und hier ist im Augenblick
-niemand, der spanisch versteht.“
-</p>
-
-<p>
-„So ist es also mit der“, sagte Hans Castorp. „Ob sie es
-wohl auch zu mir sagen wird, wenn ich sie kennenlerne? Das
-wäre doch sonderbar, – ich meine, es wäre komisch und unheimlich
-zu gleicher Zeit“, sagte er, und seine Augen waren
-wie gestern: sie schienen ihm heiß und schwer, als habe er lange
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-geweint, und jenen Glanz hatten sie wieder, den der neuartige
-Husten des Herrenreiters darin entzündet. Überhaupt kam es
-ihm vor, als habe er jetzt erst den Anschluß ans Gestrige gefunden,
-als sei er gleichsam wieder im Bilde, was nach seinem Erwachen
-zunächst so recht nicht der Fall gewesen war. Er sei
-übrigens fertig, erklärte er, indem er etwas Lavendelwasser auf
-sein Taschentuch träufelte und sich die Stirn und die Gegend
-unter den Augen damit betupfte. „Wenn es dir recht ist, können
-wir <span class="antiqua" lang="fr">tous les deux</span> zum Frühstück gehen“, scherzte er mit einem
-Gefühl von ausschweifendem Übermut, worauf Joachim ihn
-sanft anblickte und eigentümlich dazu lächelte, melancholisch und
-etwas spöttisch, wie es schien, – warum, das war seine Sache.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem Hans Castorp sich überzeugt, daß er zu rauchen
-bei sich habe, nahm er Stock, Mantel und Hut, auch diesen,
-trotzigerweise, denn er war seiner Lebensform und Gesittung
-allzu gewiß, um sich so leicht und auf bloße drei Wochen fremden
-und neuen Gebräuchen zu fügen –, und so gingen sie
-denn, gingen die Treppen hinab, und auf den Korridoren wies
-Joachim auf diese und jene Tür und nannte die Namen der
-Inwohner, deutsche Namen und solche von allerlei fremdem
-Klang, indem er kurze Anmerkungen über ihren Charakter
-und die Schwere ihres Falles hinzufügte.
-</p>
-
-<p>
-Sie begegneten auch Personen, die schon vom Frühstück
-zurückkehrten, und wenn Joachim jemandem Guten Morgen
-sagte, lüftete Hans Castorp höflich den Hut. Er war gespannt
-und nervös wie ein junger Mensch, der im Begriffe ist, sich
-vielen fremden Leuten zu präsentieren und der dabei von dem
-deutlichen Gefühl geplagt ist, trübe Augen und ein rotes Gesicht
-zu haben, was übrigens nur teilweise zutraf, denn er war
-vielmehr blaß.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-„Ehe ich es vergesse!“ sagte er plötzlich mit einem gewissen
-blinden Eifer. „Du kannst mich gern der Dame im Garten
-vorstellen, wenn es sich gerade so macht, dagegen habe ich
-nichts. Sie soll nur immerhin ‚<span class="antiqua" lang="fr">tous les deux</span>‘ zu mir sagen,
-das macht mir gar nichts, ich bin ja vorbereitet und verstehe
-den Sinn und werde schon das richtige Gesicht dazu machen.
-Aber mit dem russischen Ehepaar wünsche ich nicht bekanntzuwerden,
-hörst du? Das will ich ausdrücklich nicht. Es sind
-überaus unmanierliche Leute, und wenn ich schon drei Wochen
-lang neben ihnen wohnen soll und es nicht anders einzurichten
-war, so will ich sie doch nicht kennen, das ist mein gutes Recht,
-daß ich mir das mit aller Bestimmtheit verbitte ...“
-</p>
-
-<p>
-„Schön“, sagte Joachim. „Haben sie dich denn so gestört?
-Ja, es sind gewissermaßen Barbaren, unzivilisiert mit einem
-Wort, ich hab es dir ja im voraus gesagt. Er kommt immer
-in einer Lederjoppe zum Essen, – abgeschabt sage ich dir, mich
-wundert immer, daß Behrens nicht dagegen einschreitet. Und
-sie ist auch nicht die Propperste, trotz ihrem Federhut ... Übrigens
-kannst du ganz unbesorgt sein, sie sitzen weit von uns fort,
-am Schlechten Russentisch, denn es gibt einen Guten Russentisch,
-wo nur feinere Russen sitzen –, und es ist kaum eine
-Möglichkeit, daß du mit ihnen zusammentriffst, selbst wenn
-du wolltest. Es ist überhaupt nicht leicht, Bekanntschaften
-zu machen, schon weil so viele Ausländer unter den Gästen
-sind, und ich selbst kenne persönlich nur wenige, so lange ich
-hier bin.“
-</p>
-
-<p>
-„Wer ist denn krank von den beiden?“ fragte Hans Castorp.
-„Er oder sie?“
-</p>
-
-<p>
-„Er, glaube ich. Ja, nur er“, sagte Joachim merklich zerstreut,
-während sie an den Garderobeständern vorm Speisesaal
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-ablegten. Und dann traten sie ein in den hellen, flachgewölbten
-Raum, wo Stimmen schwirrten, Gerät klapperte und die
-Saaltöchter mit dampfenden Kannen umhereilten.
-</p>
-
-<p>
-Sieben Tische standen im Speisesaal, die meisten in Längsrichtung,
-nur zwei in die Quere. Es waren größere Tafeln,
-für zehn Personen jede, wenn auch die Gedecke nicht überall
-vollzählig waren. Nur ein paar Schritte schräg in den Saal
-hinein, und Hans Castorp war schon an seinem Platz: er war
-ihm an der Schmalseite des Tisches bereitet, der mitten vorn
-stand, zwischen den beiden querstehenden. Aufrecht hinter
-seinem Stuhle, verbeugte Hans Castorp sich steif und freundlich
-gegen die Tischgenossen, mit denen Joachim ihn zeremoniell
-bekannt machte, und die er kaum sah, geschweige, daß ihm
-ihre Namen ins Bewußtsein gedrungen wären. Einzig Frau
-Stöhrs Person und Namen faßte er auf, und daß sie ein
-rotes Gesicht und fettige aschblonde Haare hatte. Man konnte
-ihr die Bildungsschnitzer wohl zutrauen, so störrisch unwissend
-war ihr Gesichtsausdruck. Dann setzte er sich und nahm beifällig
-wahr, daß man das erste Frühstück hier als eine ernste
-Mahlzeit behandelte.
-</p>
-
-<p>
-Es gab da Töpfe mit Marmeladen und Honig, Schüsseln
-mit Milchreis und Haferbrei, Platten mit Rührei und kaltem
-Fleisch; Butter war freigebig aufgestellt, jemand lüftete die
-Glasglocke über einem tränenden Schweizer Käse, um davon
-abzuschneiden, und eine Schale mit frischem und trockenem
-Obst stand obendrein in der Mitte des Tisches. Eine Saaltochter
-in Schwarz und Weiß fragte Hans Castorp, was er zu
-trinken wünsche: Kakao, Kaffee oder Tee. Sie war klein wie
-ein Kind, mit einem alten, langen Gesicht, – eine Zwergin,
-wie er mit Schrecken erkannte. Er sah seinen Vetter an, aber
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-da dieser nur gleichmütig mit Schultern und Brauen zuckte, als
-wollte er sagen: „Ja, nun, was weiter?“ so fügte er sich in
-die Tatsachen, bat mit besonderer Höflichkeit um Tee, da es
-eine Zwergin war, die ihn fragte, und begann Milchreis mit
-Zimt und Zucker zu essen, während seine Augen über die
-anderen Speisen hingingen, von denen zu kosten ihn verlangte,
-und über die Gästeschaft an den sieben Tischen, Joachims
-Kollegen und Schicksalsgenossen, die alle innerlich krank waren
-und schwatzend frühstückten.
-</p>
-
-<p>
-Der Saal war in jenem neuzeitlichen Geschmack gehalten,
-welcher der sachlichsten Einfachheit einen gewissen phantastischen
-Einschlag zu geben weiß. Er war nicht sehr tief im
-Verhältnis zu seiner Länge und von einer Art Wandelgang
-umlaufen, in dem Anrichten standen und der sich in großen
-Bögen gegen den Innenraum mit den Tischen öffnete. Die
-Pfeiler, bis zu halber Höhe mit Holz in Sandelpolitur bekleidet,
-dann glatt geweißt, wie der obere Teil der Wände und die Decke,
-wiesen buntfarbige Bandstreifen auf, einfältige und lustige
-Schablonen, die sich an den weitgespannten Gurten des flachen
-Gewölbes fortsetzten. Mehrere Kronenleuchter, elektrisch, aus
-blankem Messing, schmückten den Saal, bestehend aus je drei
-übereinander gelagerten Reifen, welche mit zierlichem Flechtwerk
-verbunden waren und an deren unterstem wie kleine
-Monde Milchglasglocken im Kreise gingen. Es waren vier
-Glastüren da, – an der entgegengesetzten Breitseite zwei, die
-hinaus auf eine vorgelagerte Veranda gingen, eine dritte vorn
-links, die geradeswegs in die vordere Halle führte, und dann
-jene, durch die Hans Castorp von einem Flur aus eingetreten
-war, da Joachim ihn eine andere Treppe hinabgeführt hatte,
-als gestern abend.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-Er hatte zur Rechten ein unansehnliches Wesen in Schwarz
-mit flaumigem Teint und matt erhitzten Backen, in der er etwas
-wie eine Nähterin oder Hausschneiderin sah, wohl auch
-weil sie ausschließlich Kaffee mit Buttersemmeln frühstückte
-und weil er die Vorstellung einer Hausschneiderin von jeher
-mit derjenigen von Kaffee und Buttersemmeln verbunden
-hatte. Zur Linken saß ihm ein englisches Fräulein, schon angejahrt
-gleichfalls, sehr häßlich, mit dürren, verfrorenen Fingern,
-die rundlich geschriebene Briefe aus der Heimat las und
-einen blutfarbenen Tee dazu trank. Neben ihr folgte Joachim
-und dann Frau Stöhr in einer schottischen Wollbluse. Die
-linke Hand hielt sie geballt in der Nähe ihrer Wange, während
-sie speiste, und bemühte sich sichtlich, beim Sprechen eine feingebildete
-Miene zu machen, indem sie die Oberlippe von ihren
-schmalen und langen Hasenzähnen zurückzog. Ein junger
-Mann mit dünnem Schnurrbart und einem Gesichtsausdruck,
-als habe er etwas Schlechtschmeckendes im Munde, setzte sich
-neben sie und frühstückte vollständig schweigend. Er kam
-herein, als Hans Castorp schon saß, senkte im Gehen und ohne
-jemanden anzublicken einmal zum Gruße das Kinn auf die
-Brust und nahm Platz, indem er es durch sein Verhalten
-rundweg ablehnte, sich mit dem neuen Gaste bekannt machen
-zu lassen. Vielleicht war er zu krank, um für solche Äußerlichkeiten
-noch Sinn und Achtung zu haben oder überhaupt an
-seiner Umgebung Interesse zu nehmen. Einen Augenblick saß
-ihm gegenüber ein außerordentlich mageres, hellblondes junges
-Mädchen, das eine Flasche Yoghurt auf seinen Teller entleerte,
-die Milchspeise auflöffelte und sich unverzüglich wieder entfernte.
-</p>
-
-<p>
-Die Unterhaltung am Tisch war nicht lebhaft. Joachim
-plauderte formell mit Frau Stöhr, er erkundigte sich nach
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-ihrem Befinden und vernahm mit korrektem Bedauern, daß
-es zu wünschen übrig lasse. Sie klagte über „Schlaffheit“.
-„Ich bin so schlaff!“ sagte sie gedehnt und zierte sich auf ungebildete
-Weise. Auch habe sie beim Aufstehen schon 37,3 gehabt,
-und wie werde es da erst nachmittags sein. Die Hausschneiderin
-bekannte sich zu derselben Körpertemperatur, erklärte
-aber, daß sie sich im Gegenteil aufgeregt fühle, innerlich
-gespannt und rastlos, so, als stände ihr etwas Besonderes
-und Entscheidendes bevor, was doch gar nicht der Fall sei, sondern
-es sei eine körperliche Erregung ohne seelische Ursachen.
-Sie war doch wohl keine Hausschneiderin, denn sie sprach sehr
-richtig und fast gelehrt. Übrigens fand Hans Castorp diese
-Aufgeregtheit oder doch die Äußerung davon irgendwie unangemessen,
-ja fast anstößig bei einem so unscheinbaren und
-geringen Geschöpf. Er fragte nacheinander die Nähterin und
-Frau Stöhr, wie lange sie schon hier oben seien (jene lebte
-seit fünf Monaten, diese seit sieben in der Anstalt), suchte hierauf
-sein Englisch zusammen, um von seiner Nachbarin zur
-Rechten zu erfahren, was für einen Tee sie da trinke (es war
-Hagebuttentee) und ob er denn gut schmecke, was sie fast
-stürmisch bejahte, und sah dann in den Saal hinein, in dem
-man kam und ging: das erste Frühstück war keine streng gemeinsame
-Mahlzeit.
-</p>
-
-<p>
-Er hatte ein wenig Furcht vor schreckhaften Eindrücken gehabt,
-aber er fand sich enttäuscht: es ging ganz aufgeräumt
-zu hier im Saale, man hatte nicht das Gefühl, sich an einer
-Stätte des Jammers zu befinden. Gebräunte junge Leute
-beiderlei Geschlechts kamen trällernd herein, sprachen mit den
-Saaltöchtern und hieben mit robustem Appetit in das Frühstück
-ein. Auch reifere Personen waren da, Ehepaare, eine
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-ganze Familie mit Kindern, die Russisch sprach, auch halbwüchsige
-Jungen. Die Frauen trugen fast sämtlich eng anliegende
-Jacken aus Wolle oder Seide, sogenannte Sweater, weiß oder
-farbig, mit Fallkragen und Seitentaschen, und es sah hübsch
-aus, wenn sie, beide Hände in diese Seitentaschen vergraben,
-standen und plauderten. An mehreren Tischen wurden Photographien
-herumgezeigt, neue, selbst angefertigte Aufnahmen
-ohne Zweifel; an einem anderen tauschte man Briefmarken.
-Es wurde vom Wetter gesprochen, davon, wie man geschlafen
-und wieviel man morgens im Munde gemessen. Die meisten
-waren lustig, – ohne besonderen Grund wahrscheinlich, sondern
-nur, weil sie keine unmittelbaren Sorgen hatten und zahlreich
-beisammen waren. Einzelne freilich saßen, den Kopf in
-die Hände gestützt, am Tische und starrten vor sich hin. Man
-ließ sie starren und achtete nicht auf sie.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich zuckte Hans Castorp geärgert und beleidigt zusammen.
-Eine Tür war zugefallen, es war die Tür links vorn,
-die gleich in die Halle führte, – jemand hatte sie zufallen lassen
-oder gar hinter sich ins Schloß geworfen, und das war ein
-Geräusch, das Hans Castorp auf den Tod nicht leiden konnte,
-das er von jeher gehaßt hatte. Vielleicht beruhte dieser Haß
-auf Erziehung, vielleicht auf angeborener Idiosynkrasie, –
-genug, er verabscheute das Türenwerfen und hätte jeden schlagen
-können, der es sich vor seinen Ohren zuschulden kommen
-ließ. In diesem Fall war die Tür obendrein mit kleinen Glasscheiben
-gefüllt, und das verstärkte den Chok: es war ein Schmettern
-und Klirren. Pfui, dachte Hans Castorp wütend, was ist
-denn das für eine verdammte Schlamperei! Da übrigens in
-demselben Augenblick die Nähterin das Wort an ihn richtete,
-so hatte er keine Zeit, festzustellen, wer der Missetäter gewesen
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-sei. Doch standen Falten zwischen seinen blonden Brauen,
-und sein Gesicht war peinlich verzerrt, während er der Nähterin
-antwortete.
-</p>
-
-<p>
-Joachim fragte, ob die Ärzte schon durchgekommen seien.
-Ja, zum erstenmal seien sie dagewesen, antwortete jemand, –
-sie hätten den Saal verlassen fast in dem Augenblick, als die
-Vettern gekommen seien. Dann wollten sie gehen und nicht
-warten, meinte Joachim. Eine Gelegenheit zur Vorstellung
-werde sich im Laufe des Tages ja finden. Aber an der Tür
-wären sie fast mit Hofrat Behrens zusammengestoßen, der,
-gefolgt von Dr. Krokowski, im Geschwindschritt hereinkam.
-</p>
-
-<p>
-„Hoppla, Achtung die Herren!“ sagte Behrens. „Das hätte
-leicht schlecht ablaufen können für die beiderseitigen Hühneraugen.“
-Er sprach stark niedersächsisch, breit und kauend. „So
-das sind <em>Sie</em>“, sagte er zu Hans Castorp, den Joachim mit
-zusammengezogenen Absätzen präsentierte; „na, freut mich.“
-Und er gab dem jungen Mann seine Hand, die groß war wie
-eine Schaufel. Er war ein knochiger Mann, wohl drei Köpfe
-höher als Dr. Krokowski, schon ganz weiß auf dem Kopf, mit
-heraustretendem Genick, großen, vorquellenden und blutunterlaufenen
-blauen Augen, in denen Tränen schwammen, einer
-aufgeworfenen Nase und kurzgeschnittenem Schnurrbärtchen,
-das schief gezogen war, und zwar infolge einer einseitigen
-Schürzung der Oberlippe. Was Joachim von seinen Backen
-gesagt hatte, bewahrheitete sich vollkommen, sie waren blau;
-und so wirkte sein Kopf denn recht farbig gegen den weißen
-Chirurgenrock, den er trug, einen über die Knie reichenden Gurtkittel,
-der unten seine gestreiften Hosen und ein paar kolossale
-Füße in gelben und etwas abgenutzten Schnürstiefeln sehen
-ließ. Auch Dr. Krokowski war im Berufskleide, allein sein
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-Kittel war schwarz, aus einem schwarzen Lüsterstoff, hemdartig,
-mit Gummizügen an den Handgelenken, und hob seine
-Blässe nicht wenig. Er verhielt sich rein assistierend und beteiligte
-sich auf keine Weise an der Begrüßung, doch ließ eine
-kritische Spannung seines Mundes erkennen, daß er sein untergeordnetes
-Verhältnis als wunderlich empfinde.
-</p>
-
-<p>
-„Vettern?“ fragte der Hofrat, indem er mit der Hand zwischen
-den jungen Leuten hin und her deutete und mit seinen
-blutunterlaufenen blauen Augen von unten blickte ... „Na,
-will er denn auch zum Kalbsfell schwören?“ sagte er zu
-Joachim und wies mit dem Kopf auf Hans Castorp ... „I,
-Gott bewahre, – was? Ich habe doch gleich gesehen“ – und
-er sprach nun direkt zu Hans Castorp –, „daß Sie so was
-Ziviles haben, so was Komfortables, – nichts so Waffenrasselndes
-wie dieser Rottenführer da. Sie wären ein besserer Patient
-als der, da möcht ich doch wetten. Das sehe ich jedem
-gleich an, ob er einen brauchbaren Patienten abgeben kann,
-denn dazu gehört Talent, Talent gehört zu allem, und dieser
-Myrmidon hier hat auch kein bißchen Talent. Zum Exerzieren,
-das weiß ich nicht, aber zum Kranksein gar nicht. Wollen
-Sie glauben, daß er immer weg will? Immerzu will er weg,
-tirrt mich und plagt mich und kann es nicht erwarten, sich da
-unten schinden zu lassen. So ein Biereifer! Kein halbes Jährchen
-will er uns schenken. Und dabei ist es doch ganz schön hier
-bei uns, – nun sagen Sie mal selbst, Ziemßen, ob es nicht ganz
-schön hier ist! Na, Ihr Herr Vetter wird uns schon besser zu
-würdigen wissen, wird sich schon amüsieren. Damenmangel
-ist auch nicht, – allerliebste Damen haben wir hier. Wenigstens
-von außen sind manche ganz malerisch. Aber <em>Sie</em> sollten
-sich etwas mehr Couleur anschaffen, hören Sie mal, sonst
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-fallen Sie ab bei den Damen! Grün ist ja wohl des Lebens goldner
-Baum, aber als Gesichtsfarbe ist grün doch nicht ganz das
-Richtige. Total anämisch natürlich“, sagte er, indem er ohne
-weiteres auf Hans Castorp zutrat und ihm mit Zeige- und
-Mittelfinger ein Augenlid herunterzog. „Selbstverständlich
-total anämisch, wie ich sagte. Wissen Sie was? Das war
-gar nicht so dumm von Ihnen, daß Sie Ihr Hamburg mal
-auf einige Zeit sich selbst überließen. Ist ja eine höchst dankenswerte
-Einrichtung, dieses Hamburg; stellt uns immer ein
-nettes Kontingent mit seiner feuchtfröhlichen Meteorologie.
-Aber wenn ich Ihnen bei dieser Gelegenheit einen unmaßgeblichen
-Rat geben darf – ganz <span class="antiqua" lang="la">sine pecunia</span>, wissen Sie –,
-so machen Sie, solange Sie hier sind, mal alles mit, was Ihr
-Vetter macht. In <a id="corr-8"></a>Ihrem Fall kann man gar nichts Schlaueres
-tun, als einige Zeit zu leben wie bei leichter <span class="antiqua" lang="la">tuberculosis pulmonum</span>,
-und ein bißchen Eiweiß anzusetzen. Das ist nämlich
-kurios hier bei uns mit dem Eiweißstoffwechsel ... Obgleich
-die Allgemeinverbrennung erhöht ist, setzt der Körper doch Eiweiß
-an ... Na, und Sie haben schön geschlafen, Ziemßen?
-Fein, was? Also nun mal los mit dem Lustwandel! Aber
-nicht mehr als ’ne halbe Stunde! Und nachher die Quecksilberzigarre
-ins Gesicht gesteckt! Immer hübsch aufschreiben,
-Ziemßen! Dienstlich! Gewissenhaft! Sonnabend will ich die
-Kurve sehen! Ihr Herr Vetter soll auch gleich mitmessen.
-Messen kann nie was schaden. Morgen, die Herren! Gute
-Unterhaltung! Morgen ... Morgen ...“ Und Dr. Krokowski
-schloß sich ihm an, der weiter segelte, mit den Armen
-schlenkernd, die Handflächen ganz nach hinten gekehrt, indem
-er nach rechts und links die Frage richtete, ob man „schön“
-geschlafen habe, was allgemein bejaht wurde.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-4-3">
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-Neckerei. Viatikum. Unterbrochene Heiterkeit
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-„Sehr netter Mann“, sagte Hans Castorp, als sie nach
-freundschaftlicher Begrüßung mit dem hinkenden Concierge,
-der in seiner Loge Briefe ordnete, durch das Portal hinaus ins
-Freie traten. Das Portal war an der Südostflanke des weißgetünchten
-Gebäudes gelegen, dessen mittlerer Teil die beiden
-Flügel um ein Stockwerk überragte und von einem kurzen,
-mit schieferfarbenem Eisenblech gedeckten Uhrturm gekrönt
-war. Man berührte den eingezäunten Garten nicht, wenn
-man das Haus hier verließ, sondern war gleich im Freien, angesichts
-schräger Bergwiesen, die von vereinzelten, mäßig hohen
-Fichten und auf den Boden geduckten Krummholzkiefern bestanden
-waren. Der Weg, den sie einschlugen – eigentlich war
-es der einzige, der in Betracht kam, außer der zu Tale abfallenden
-Fahrstraße –, leitete sie leicht ansteigend nach links an
-der Rückseite des Sanatoriums vorbei, der Küchen- und Wirtschaftsseite,
-wo eiserne Abfalltonnen an den Gittern der Kellertreppen
-standen, lief noch ein gutes Stück in derselben Richtung
-fort, beschrieb dann ein scharfes Knie und führte steiler nach
-rechts hin den dünn bewaldeten Hang hinan. Es war ein harter,
-rötlich gefärbter, noch etwas feuchter Weg, an dessen Saume
-zuweilen Steinblöcke lagen. Die Vettern sahen sich keineswegs
-allein auf der Promenade. Gäste, die gleich nach ihnen ihr
-Frühstück beendet, folgten ihnen auf dem Fuße, und ganze
-Gruppen, auf dem Rückweg, kamen ihnen mit den stapfenden
-Tritten absteigender Leute entgegen.
-</p>
-
-<p>
-„Sehr netter Mann!“ wiederholte Hans Castorp. „So eine
-flotte Redeweise hat er, es machte mir Spaß, ihm zuzuhören.
-‚Quecksilberzigarre‘ für ‚Thermometer‘ ist doch ausgezeichnet,
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-ich habe es gleich verstanden ... Aber ich zünde mir nun eine
-richtige an,“ sagte er stehenbleibend, „ich halte es nicht mehr
-aus! Seit gestern mittag habe ich nichts Ordentliches mehr
-geraucht ... Entschuldige mal!“ Und er entnahm seinem
-automobilledernen und mit silbernem Monogramm geschmückten
-Etui ein Exemplar von Maria Mancini, ein schönes Exemplar
-der obersten Lage, an einer Seite abgeplattet, wie er es
-besonders liebte, kupierte die Spitze mit einem kleinen, eckig
-schneidenden Instrument, das er an der Uhrkette trug, ließ seinen
-Taschenzündapparat aufflammen und setzte die ziemlich
-lange, vorn stumpfe Zigarre mit einigen hingebungsvoll paffenden
-Zügen in Brand. „So!“ sagte er. „Nun können wir
-meinethalben den Lustwandel fortsetzen. Du rauchst natürlich
-nicht vor lauter Biereifer.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich rauche ja nie“, antwortete Joachim. „Warum sollt
-ich denn gerade hier rauchen.“
-</p>
-
-<p>
-„Das verstehe ich nicht!“ sagte Hans Castorp. „Ich verstehe
-es nicht, wie jemand nicht rauchen kann, – er bringt sich
-doch, sozusagen, um des Lebens bestes Teil und jedenfalls um
-ein ganz eminentes Vergnügen! Wenn ich aufwache, so freue
-ich mich, daß ich tagüber werde rauchen dürfen, und wenn ich
-esse, so freue ich mich wieder darauf, ja ich kann sagen, daß ich
-eigentlich bloß esse, um rauchen zu können, wenn ich damit natürlich
-auch etwas übertreibe. Aber ein Tag ohne Tabak, das
-wäre für mich der Gipfel der Schalheit, ein vollständig öder und
-reizloser Tag, und wenn ich mir morgens sagen müßte: heut
-gibt’s nichts zu rauchen, – ich glaube, ich fände den Mut gar
-nicht, aufzustehen, wahrhaftig, ich bliebe liegen. Siehst du:
-hat man eine gut brennende Zigarre – selbstverständlich darf
-sie nicht Nebenluft haben oder schlecht ziehen, das ist im höchsten
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-Grade ärgerlich – ich meine: hat man eine gute Zigarre,
-dann ist man eigentlich geborgen, es kann einem buchstäblich
-nichts geschehn. Es ist genau, wie wenn man an der See
-liegt, dann liegt man eben an der See, nicht wahr, und
-braucht nichts weiter, weder Arbeit noch Unterhaltung ...
-Gott sei Dank raucht man ja in der ganzen Welt, es ist nirgendwo
-unbekannt, soviel ich weiß, wohin man auch etwa
-verschlagen werden sollte. Selbst die Polarforscher statten
-sich reichlich mit Rauchvorrat aus für ihre Strapazen, und
-das hat mich immer sympathisch berührt, wenn ich es las.
-Denn es kann einem sehr schlecht gehen, – nehmen wir mal
-an, es ginge mir miserabel; aber solange ich noch meine Zigarre
-hätte, hielte ich’s aus, das weiß ich, sie brächte mich
-drüber weg.“
-</p>
-
-<p>
-„Immerhin ist es etwas schlapp,“ sagte Joachim, „daß du
-so daran hängst. Behrens hat ganz recht: Du bist ein Zivilist
-– er meinte es ja wohl mehr als Lob, aber du bist ein heilloser
-Zivilist, das ist die Sache. Übrigens bist du ja gesund und
-kannst tun, was du willst“, sagte er, und seine Augen wurden
-müde.
-</p>
-
-<p>
-„Ja, gesund bis auf die Anämie“, sagte Hans Castorp.
-„Reichlich geradezu war es ja, wie er es mir so sagte, daß ich
-grün aussehe. Aber es stimmt, es ist mir selber aufgefallen,
-daß ich im Vergleich mit euch hier oben förmlich grün bin,
-zu Hause hab ich es nicht so bemerkt. Und dann ist es ja auch
-wieder nett von ihm, daß er mir so ohne weiteres Ratschläge
-gibt, ganz <span class="antiqua" lang="la">sine pecunia</span>, wie er sich ausdrückt. Ich will mir
-gern vornehmen, es zu machen, wie er sagt, und mich ganz
-nach deiner Lebensweise richten, – was sollt’ ich denn sonst
-auch wohl tun bei euch hier oben, und es kann ja nicht schaden,
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-wenn ich in Gottes Namen Eiweiß ansetze, obgleich es etwas
-widerlich klingt, das mußt du mir zugeben.“
-</p>
-
-<p>
-Joachim hüstelte ein paarmal im Gehen, – die Steigung
-schien ihn doch anzustrengen. Als er zum drittenmal ansetzte,
-blieb er mit gerunzelten Brauen stehen. „Geh nur voran“,
-sagte er. Hans Castorp beeilte sich, weiterzugehen und sah
-sich nicht um. Dann verlangsamte er seinen Schritt und blieb
-schließlich fast stehen, da ihm war, als müsse er einen bedeutenden
-Vorsprung vor Joachim gewonnen haben. Aber er
-sah sich nicht um.
-</p>
-
-<p>
-Ein Trupp von Gästen beiderlei Geschlechtes kam ihm entgegen,
-– er hatte sie droben auf halber Höhe des Hanges den
-ebenen Weg entlang kommen sehen, jetzt stapften sie abwärts,
-gerade auf ihn zu und ließen ihre verschiedenartigen Stimmen
-ertönen. Es waren sechs oder sieben Personen gemischten Alters,
-die einen blutjung, ein paar schon etwas weiter an Jahren.
-Er sah sie sich an mit seitwärts geneigtem Kopfe, während er
-an Joachim dachte. Sie waren barhaupt und braun, die Damen
-in farbigen Sweaters, die Herren meist ohne Überzieher
-und selbst ohne Stöcke, wie Leute, die ohne Umstände und die
-Hände in den Taschen ein paar Schritte vors Haus machen. Da
-sie bergab gingen, was keine ernsthaft tragende Anstrengung,
-sondern nur ein lustiges Bremsen und Anstemmen der Beine
-erfordert, damit man nicht ins Laufen und Stolpern gerät,
-ja eigentlich nichts weiter als ein Sichfallenlassen ist, hatte
-ihre Gangart etwas Beschwingtes und Leichtsinniges, was sich
-ihren Mienen, ihrer ganzen Erscheinung mitteilte, so daß man
-wohl wünschen konnte, zu ihnen zu gehören.
-</p>
-
-<p>
-Nun waren sie bei ihm, Hans Castorp sah ihre Gesichter
-genau. Sie waren nicht alle gebräunt, zwei Damen stachen
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-durch Blässe ab: die eine dünn wie ein Stock und elfenbeinern
-von Angesicht, die andere kleiner und fett, von Leberflecken
-verunziert. Sie sahen ihn alle an, mit einem gemeinsamen,
-dreisten Lächeln. Ein langes junges Mädchen in grünem
-Sweater, mit schlecht frisiertem Haar und dummen, nur halb
-geöffneten Augen strich dicht an Hans Castorp vorbei, indem
-es ihn fast mit dem Arme berührte. Und dabei pfiff sie ...
-Nein, das war verrückt! Sie pfiff ihn an, doch nicht mit dem
-Mund, den spitzte sie gar nicht, sie hielt ihn im Gegenteil fest
-geschlossen. Es pfiff aus ihr, indes sie ihn ansah, dumm und
-mit halbgeschlossenen Augen, – ein außerordentlich unangenehmes
-Pfeifen, rauh, scharf und doch hohl, gedehnt und gegen
-das Ende im Tone abfallend, so daß es an die Musik jener
-Jahrmarktsschweinchen aus Gummi erinnerte, die klagend ihre
-eingeblasene Luft fahren lassen und zusammensinken, drang
-irgendwie und unbegreiflicherweise aus ihrer Brust hervor,
-und dann war sie mit ihrer Gesellschaft vorüber.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp stand starr und blickte ins Weite. Dann
-wandte er sich hastig um und begriff wenigstens so viel, daß
-das Abscheuliche ein Scherz, eine abgekartete Fopperei gewesen
-sein mußte, denn er sah an den Schultern der Abziehenden,
-daß sie lachten, und ein untersetzter Jüngling mit Wulstlippen,
-welcher, beide Hände in den Hosentaschen, auf ziemlich unschickliche
-Art seine Jacke emporgerafft hielt, drehte sogar unverhohlen
-den Kopf nach ihm und lachte ... Joachim war
-herangekommen. Er grüßte die Gruppe, indem er nach seiner
-ritterlichen Gewohnheit beinahe Front machte und sich mit zusammengezogenen
-Absätzen verbeugte, und trat dann sanft
-blickend zu seinem Vetter.
-</p>
-
-<p>
-„Was machst du denn für ein Gesicht?“ fragte er.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-„Sie pfiff!“ antwortete Hans Castorp. „Sie pfiff aus dem
-Bauche, als sie an mir vorüberkam, willst du mir das erklären?“
-</p>
-
-<p>
-„Ach“, sagte Joachim und lachte wegwerfend. „Nicht aus
-dem Bauche, Unsinn. Das war die Kleefeld, Hermine Kleefeld,
-die pfeift mit dem Pneumothorax.“
-</p>
-
-<p>
-„Womit?“ fragte Hans Castorp. Er war außerordentlich
-erregt und wußte nicht recht in welchem Sinne. Er schwankte
-zwischen Lachen und Weinen, als er hinzufügte: „Du kannst
-nicht verlangen, daß ich euer Rotwelsch verstehe.“
-</p>
-
-<p>
-„So komm doch weiter!“ sagte Joachim. „Ich kann es
-dir doch auch im Gehen erklären. Du bist ja wie angewurzelt!
-Es ist etwas aus der Chirurgie, wie du dir denken kannst, eine
-Operation, die hier oben häufig ausgeführt wird. Behrens
-hat große Übung darin ... Wenn eine Lunge sehr mitgenommen
-ist, verstehst du, die andere aber gesund oder vergleichsweise
-gesund, so wird die kranke mal einige Zeit von
-ihrer Tätigkeit dispensiert, um sie zu schonen ... Das heißt:
-man wird hier aufgeschnitten, hier irgendwo seitwärts, – ich
-kenne die Stelle ja nicht genau, aber Behrens hat es großartig
-los. Und dann wird Gas in einen hineingelassen, Stickstoff,
-weißt du, und so der verkäste Lungenflügel außer Betrieb
-gesetzt. Das Gas hält natürlich nicht lange vor, halbmonatlich
-etwa muß es erneuert werden, – man wird gleichsam aufgefüllt,
-so mußt du dirs vorstellen. Und wenn das ein Jahr
-lang geschieht oder länger, und alles geht gut, so kann die
-Lunge durch Ruhe zur Heilung kommen. Nicht immer, versteht
-sich, es ist wohl sogar eine gewagte Sache. Aber es sollen
-schon schöne Erfolge mit dem Pneumothorax erzielt worden
-sein. Alle haben ihn, die du da eben sahst. Frau Iltis war
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-auch dabei – die mit den Leberflecken – und Fräulein Levi,
-die magere, du erinnerst dich, – sie hat so lange zu Bett gelegen.
-Sie haben sich zusammengefunden, denn so etwas wie
-der Pneumothorax verbindet die Menschen natürlich, und
-nennen sich ‚Verein Halbe Lunge‘, unter diesem Namen sind
-sie bekannt. Aber der Stolz des Vereins ist Hermine Kleefeld,
-weil sie mit dem Pneumothorax pfeifen kann, – das ist eine
-Gabe von ihr, es kann es durchaus nicht jeder. Wie sie es fertig
-bringt, das kann ich dir auch nicht sagen, sie selbst kann es nicht
-deutlich beschreiben. Aber wenn sie rasch gegangen ist, dann
-kann sie aus ihrem Inneren pfeifen, und das benutzt sie natürlich,
-um die Leute zu erschrecken, besonders die neuangekommenen
-Kranken. Ich glaube übrigens, daß sie Stickstoff dabei
-verschwendet, denn alle acht Tage muß sie aufgefüllt werden.“
-</p>
-
-<p>
-Nun lachte Hans Castorp; seine Erregung hatte sich bei
-Joachims Worten zum Heiteren entschieden, und indem er im
-Gehen die Augen mit der Hand bedeckte und sich vorneigte,
-wurden seine Schultern von einem raschen und leisen Kichern
-erschüttert.
-</p>
-
-<p>
-„Sind sie auch eingetragen?“ fragte er, und das Sprechen
-wurde ihm nicht leicht; es klang vor zurückgehaltenem Lachen
-weinerlich und leise jammernd. „Haben sie Statuten? Schade,
-daß du nicht Mitglied bist, du, dann könnten sie mich als
-Ehrengast zulassen oder als ... Konkneipant ... Du solltest
-Behrens bitten, daß er dich teilweise außer Betrieb setzt. Vielleicht
-würdest du auch pfeifen können, wenn du’s drauf anlegtest,
-es muß doch schließlich zu lernen sein ... Das ist das
-Komischste, was ich in meinem Leben gehört habe!“ sagte er
-tief aufseufzend. „Ja, verzeih, daß ich so davon spreche, aber
-sie selbst sind ja in der besten Laune, deine pneumatischen
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-Freunde! Wie sie daherkamen ... Und zu denken, daß es der
-‚Verein Halbe Lunge‘ war! ‚Tiuu‘ pfeift sie mich an, – eine
-tolle Person! Aber das ist doch heller Übermut! Warum sind
-sie so übermütig, du, willst du mir das mal sagen?“
-</p>
-
-<p>
-Joachim suchte nach einer Antwort. „Gott,“ sagte er, „sie
-sind so <em>frei</em> ... Ich meine, es sind ja junge Leute, und die
-Zeit spielt keine Rolle für sie, und dann sterben sie womöglich.
-Warum sollen sie da ernste Gesichter schneiden. Ich denke
-manchmal: Krankheit und Sterben sind eigentlich nicht ernst,
-sie sind mehr so eine Art Bummelei, Ernst gibt es genau genommen
-nur im Leben da unten. Ich glaube, daß du das
-mit der Zeit schon verstehen wirst, wenn du erst länger hier
-oben bist.“
-</p>
-
-<p>
-„Sicher“, sagte Hans Castorp. „Das glaube ich sogar
-sicher. Ich habe schon sehr viel Interesse gefaßt für euch hier
-oben, und wenn man sich interessiert, nicht wahr, dann kommt
-das Verstehen von selber ... Aber wie ist mir denn nur, –
-sie schmeckt nicht!“ sagte er und betrachtete seine Zigarre. „Ich
-frage mich die ganze Zeit, was mir fehlt, und nun merke ich,
-daß es Maria ist, die mir nicht schmeckt. Sie schmeckt wie
-Papiermaché, ich versichere dich, es ist gerade, wie wenn man
-einen völlig verdorbenen Magen hat. Das ist doch unbegreiflich!
-Ich habe ja ungewöhnlich viel zum Frühstück gegessen,
-aber das kann der Grund nicht sein, denn wenn man zu viel
-gegessen hat, so schmeckt sie zunächst sogar besonders gut.
-Meinst du, es kann daher kommen, daß ich so unruhig geschlafen
-habe? Vielleicht bin ich dadurch in Unordnung geraten.
-Nein, ich muß sie geradezu wegwerfen!“ sagte er nach
-einem neuen Versuch. „Jeder Zug ist eine Enttäuschung; es
-hat keinen Zweck, daß ich es forciere.“ Und nachdem er noch
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-einen Augenblick gezögert, warf er die Zigarre den Abhang
-hinab zwischen das feuchte Nadelholz. „Weißt du, womit es
-meiner Überzeugung nach zusammenhängt?“ fragte er ...
-„Meiner festen Überzeugung nach hängt es mit dieser verdammten
-Gesichtshitze zusammen, an der ich nun schon wieder
-seit dem Aufstehen laboriere. Weiß der Teufel, mir ist immer,
-als wäre ich schamrot im Gesicht ... Hast du das auch so gehabt,
-als du ankamst?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja“, sagte Joachim. „Mir war auch zuerst etwas sonderbar.
-Mach dir nichts draus! Ich habe dir ja gesagt, daß es
-nicht so leicht ist, sich einzuleben bei uns. Aber du kommst
-schon wieder in Ordnung. Siehst du, die Bank steht hübsch.
-Wir wollen uns etwas setzen und dann nach Hause gehen, ich
-muß in die Liegekur.“
-</p>
-
-<p>
-Der Weg war eben geworden. Er lief nun in der Richtung
-auf Platz Davos, etwa in Drittelhöhe des <a id="corr-10"></a>Hanges, und gewährte
-zwischen hohen, schmal gewachsenen und windschiefen
-Kiefern den Blick auf den Ort, der weißlich in hellerem Lichte
-lag. Die schlicht gezimmerte Bank, auf der sie sich setzten,
-lehnte sich an die steile Bergwand. Neben ihnen fiel ein Wasser
-in offener Holzrinne gurgelnd und plätschernd zu Tal.
-</p>
-
-<p>
-Joachim wollte den Vetter über die Namen der umwölkten
-Alpenhäupter unterrichten, die das Tal im Süden zu schließen
-schienen, indem er mit der Spitze seines Bergstockes auf sie
-wies. Aber Hans Castorp blickte nur flüchtig hin, er saß vornüber
-gebeugt, zeichnete mit der Zwinge seines städtischen, silberbeschlagenen
-Stockes Figuren im Sand und verlangte anderes
-zu wissen.
-</p>
-
-<p>
-„Was ich dich fragen wollte –“, fing er an ... „Der Fall
-in meinem Zimmer war also gerade eingegangen, als ich kam.
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-Sind sonst schon viele Todesfälle vorgekommen, seit du hier
-oben bist?“
-</p>
-
-<p>
-„Mehrere sicher“, antwortete Joachim. „Aber sie werden
-diskret behandelt, verstehst du, man erfährt nichts davon oder
-nur gelegentlich, später, es geht im strengsten Geheimnis vor
-sich, wenn einer stirbt, aus Rücksicht auf die Patienten und
-namentlich auch auf die Damen, die sonst leicht Zufälle bekämen.
-Wenn neben dir jemand stirbt, das merkst du gar nicht.
-Und der Sarg wird in aller Frühe gebracht, wenn du noch
-schläfst, und abgeholt wird der Betreffende auch nur zu solchen
-Zeiten, zum Beispiel während des Essens.“
-</p>
-
-<p>
-„Hm“, sagte Hans Castorp und zeichnete weiter. „Hinter
-den Kulissen also geht so etwas vor sich.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, so kann man sagen. Aber neulich, es ist nun, warte
-mal, möglicherweise acht Wochen her –“
-</p>
-
-<p>
-„Dann kannst du nicht neulich sagen“, bemerkte Hans Castorp
-trocken und wachsam.
-</p>
-
-<p>
-„Wie? Also nicht neulich. Du bist aber genau. Ich habe die
-Zahl ja nur so geraten. Also vor einiger Zeit, da habe ich doch
-einmal hinter die Kulissen gesehen, aus reinem Zufall, ich weiß
-es wie heute. Das war, als sie der kleinen Hujus, einer Katholischen,
-Barbara Hujus, das Viatikum brachten, das Sterbesakrament,
-weißt du, die letzte Ölung. Sie war noch auf, als
-ich hier ankam, und ausgelassen lustig konnte sie sein, so dalberig,
-recht wie ein Backfisch. Aber dann ging es rapide mit
-ihr, sie stand nicht mehr auf, drei Zimmer von meinem lag sie,
-und ihre Eltern kamen, und nun kam denn also der Priester.
-Er kam, während alles beim Tee war, nachmittags, es war
-kein Mensch auf den Gängen. Aber stelle dir vor, ich hatte
-verschlafen, ich war in der Hauptliegekur eingeschlafen und
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-hatte das Gong überhört und mich um eine Viertelstunde verspätet.
-Da war ich nun im entscheidenden Augenblick nicht,
-wo alle waren, sondern war hinter die Kulissen geraten, wie
-du sagst, und wie ich über den Korridor gehe, da kommen sie
-mir entgegen, in Spitzenhemden und ein Kreuz voran, ein
-goldenes Kreuz mit Laternen, der eine trug es voran wie den
-Schellenbaum vor der Janitscharenmusik.“
-</p>
-
-<p>
-„Das ist kein Vergleich“, sagte Hans Castorp nicht ohne
-Strenge.
-</p>
-
-<p>
-„Es kam mir so vor. Ich wurde unwillkürlich daran erinnert.
-Aber höre nur weiter. Sie kommen also auf mich zu,
-marsch, marsch, im Geschwindschritt, zu dritt, wenn ich nicht
-irre, voran der Mann mit dem Kreuz, darauf der Geistliche,
-eine Brille auf der Nase, und dann noch ein Junge mit einem
-Räucherfäßchen. Der Geistliche hielt das Viatikum an der
-Brust, es war zugedeckt, und er hielt recht demütig den Kopf
-schief, es ist ja ihr Allerheiligstes.“
-</p>
-
-<p>
-„Eben darum“, sagte Hans Castorp. „Eben aus diesem
-Grunde wundere ich mich, daß du von Schellenbaum sprechen
-magst.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, ja. Aber warte nur, wenn du dabei gewesen wärst,
-wüßtest du auch nicht, was du für ein Gesicht machen solltest
-in der Erinnerung. Es war, daß man davon träumen könnte –“
-</p>
-
-<p>
-„In welcher Hinsicht?“
-</p>
-
-<p>
-„Folgendermaßen. Ich frage mich also, wie ich mich zu
-verhalten habe unter diesen Umständen. Einen Hut zum Abnehmen
-hatte ich nicht auf –“
-</p>
-
-<p>
-„Siehst du wohl!“ unterbrach ihn Hans Castorp rasch noch
-einmal. „Siehst du wohl, daß man einen Hut aufhaben soll!
-Es ist mir natürlich aufgefallen, daß ihr keinen tragt hier oben.
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-Man soll aber einen aufsetzen, damit man ihn abnehmen kann,
-bei Gelegenheiten, wo es sich schickt. Aber was denn nun
-weiter?“
-</p>
-
-<p>
-„Ich stellte mich an die Wand,“ sagte Joachim, „in anständiger
-Haltung, und verbeugte mich etwas, als sie bei mir
-waren, – es war gerade vor dem Zimmer der kleinen Hujus,
-Nummer achtundzwanzig. Ich glaube, der Geistliche freute sich,
-daß ich grüßte; er dankte sehr höflich und nahm seine Kappe
-ab. Aber zugleich machen sie auch schon halt, und der Ministrantenjunge
-mit dem Räucherfaß klopft an, und dann klinkt
-er auf und läßt seinem Chef den Vortritt ins Zimmer. Und
-nun stelle dir vor und male dir meinen Schrecken aus und meine
-Empfindungen! In dem Augenblick, wo der Priester den Fuß
-über die Schwelle setzt, geht da drinnen ein Zetermordio an,
-ein Gekreisch, du hast nie so etwas gehört, drei, viermal hintereinander,
-und danach ein Schreien ohne Pause und Absatz,
-aus weit offenem Munde offenbar, ahhh, es lag ein Jammer
-darin und ein Entsetzen und Widerspruch, daß es nicht zu
-beschreiben ist, und so ein greuliches Betteln war es auch
-zwischendurch, und auf einen Schlag wird es hohl und dumpf,
-als ob es in die Erde versunken wäre und tief aus dem Keller
-käme.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp hatte sich seinem Vetter heftig zugewandt.
-„War das die Hujus?“ fragte er aufgebracht. „Und wieso:
-‚aus dem Keller‘?“
-</p>
-
-<p>
-„Sie war unter die Decke gekrochen!“ sagte Joachim.
-„Stelle dir meine Empfindungen vor! Der Geistliche stand
-dicht an der Schwelle und sagte beruhigende Worte, ich sehe
-ihn noch, er schob immer den Kopf dabei vor und zog ihn
-dann wieder zurück. Der Kreuzträger und der Ministrant
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-standen noch zwischen Tür und Angel und konnten nicht eintreten.
-Und ich konnte zwischen ihnen hindurch ins Zimmer
-sehen. Es ist ja ein Zimmer wie deins und meins, das Bett
-steht links von der Tür an der Seitenwand, und am Kopfende
-standen Leute, die Angehörigen natürlich, die Eltern, und redeten
-auch beschwichtigend auf das Bett hinunter, man sah
-nichts als eine formlose Masse darin, die bettelte und grauenhaft
-protestierte und mit den Beinen strampelte.“
-</p>
-
-<p>
-„Sagst du, daß sie mit den Beinen strampelte?“
-</p>
-
-<p>
-„Aus Leibeskräften! Aber es nützte ihr nichts, das Sterbesakrament
-mußte sie haben. Der Pfarrer ging auf sie zu, und
-auch die beiden anderen traten ein, und die Tür wurde zugezogen.
-Aber vorher sah ich noch: der Kopf von der Hujus
-kommt für eine Sekunde zum Vorschein, mit wirrem hellblonden
-Haar, und starrt den Priester mit weitaufgerissenen
-Augen an, so blassen Augen, ganz ohne Farbe und fährt mit
-Ah und Huh wieder unters Laken.“
-</p>
-
-<p>
-„Und das erzählst du mir jetzt erst?“ sagte Hans Castorp
-nach einer Pause. „Ich verstehe nicht, daß du nicht schon
-gestern abend darauf zu sprechen gekommen bist. Aber, mein
-Gott, sie mußte doch noch eine Menge Kraft haben, so wie
-sie sich wehrte. Dazu gehören doch Kräfte. Man sollte den
-Priester nicht holen lassen, bevor einer ganz schwach ist.“
-</p>
-
-<p>
-„Sie war auch schwach“, erwiderte Joachim. „... Ach, zu
-erzählen gäbe es viel; es ist schwer, die erste Auswahl zu treffen
-... Schwach war sie schon, es war nur die Angst, die ihr
-soviel Kräfte gab. Sie ängstigte sich eben fürchterlich, weil sie
-merkte, daß sie sterben sollte. Sie war ja ein junges Mädchen,
-da muß man es schließlich entschuldigen. Aber auch Männer
-führen sich manchmal so auf, was natürlich eine unverzeihliche
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-Schlappheit ist. Behrens weiß übrigens mit ihnen umzugehen,
-er hat den richtigen Ton in solchen Fällen.“
-</p>
-
-<p>
-„Was für einen Ton?“ fragte Hans Castorp mit zusammengezogenen
-Brauen.
-</p>
-
-<p>
-„‚Stellen Sie sich nicht so an!‘ sagt er“, antwortete Joachim.
-„Wenigstens hat er es neulich zu einem gesagt, – wir wissen
-es von der Oberin, die dabei war und den Sterbenden festhalten
-half. Es war so einer, der zu guter Letzt eine scheußliche
-Szene machte und absolut nicht sterben wollte. Da hat Behrens
-ihn angefahren: ‚Stellen Sie sich gefälligst nicht so an!‘ hat
-er gesagt, und sofort ist der Patient still geworden und ist ganz
-ruhig gestorben.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp schlug sich mit der Hand auf den Schenkel
-und warf sich gegen die Rückenlehne der Bank, indem er zum
-Himmel aufblickte.
-</p>
-
-<p>
-„Na, höre mal, das ist doch stark!“ rief er. „Fährt auf
-ihn los und sagt einfach zu ihm: ‚Stellen Sie sich nicht so
-an!‘ Zu einem Sterbenden! Das ist doch stark! Ein Sterbender
-ist doch gewissermaßen ehrwürdig. Man kann ihn doch
-nicht so mir nichts, dir nichts ... Ein Sterbender ist doch sozusagen
-heilig, sollte ich meinen!“
-</p>
-
-<p>
-„Das will ich nicht leugnen“, sagte Joachim. „Aber wenn
-er sich nun doch dermaßen schlapp benimmt ...“
-</p>
-
-<p>
-„Nein!“ beharrte Hans Castorp mit einer Heftigkeit, die zu
-dem Widerstand, den man ihm leistete, in keinem Verhältnis
-stand. „Das lasse ich mir nicht ausreden, daß ein Sterbender
-etwas Vornehmeres ist, als irgend so ein Lümmel, der herumgeht
-und lacht und Geld verdient und sich den Bauch vollschlägt!
-Das geht nicht –“ und seine Stimme schwankte höchst
-sonderbar. „Das geht nicht, daß man ihn so mir nichts, dir
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-nichts –“ und seine Worte erstickten im Lachen, das ihn ergriff
-und ihn überwältigte, dem Lachen von gestern, einem tief heraufquellenden,
-leiberschütternden, grenzenlosen Gelächter, das
-ihm die Augen schloß und Tränen zwischen den Lidern hervorpreßte.
-</p>
-
-<p>
-„Pst!“ machte Joachim plötzlich. „Sei still!“ flüsterte er
-und stieß den haltlos Lachenden heimlich in die Seite. Hans
-Castorp blickte in Tränen auf.
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Wege von links kam ein Fremder daher, ein zierlicher
-brünetter Herr mit schön gedrehtem schwarzen Schnurrbart
-und in hellkariertem Beinkleid, der, herangekommen, mit
-Joachim einen Morgengruß tauschte – der seine war präzis
-und wohllautend – und mit gekreuzten Füßen, auf seinen Stock
-gestützt, in anmutiger Haltung vor ihm stehen blieb.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-4-4">
-Satana
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Sein Alter wäre schwer zu schätzen gewesen, zwischen dreißig
-und vierzig mußte es wohl liegen, denn wenn auch seine Gesamterscheinung
-jugendlich wirkte, so war sein Haupthaar
-doch an den Schläfen schon silbrig durchsetzt und weiter oben
-merklich gelichtet: zwei kahle Buchten sprangen neben dem
-schmalen, spärlichen Scheitel ein und erhöhten die Stirn. Sein
-Anzug, diese weiten, hellgelblich karierten Hosen und ein flausartiger,
-zu langer Rock mit zwei Reihen Knöpfen und sehr
-großen Aufschlägen, war weit entfernt, Anspruch auf Eleganz
-zu erheben; auch zeigte sein rund umgebogener Stehkragen
-sich von häufiger Wäsche an den Kanten schon etwas aufgerauht,
-seine schwarze Krawatte war abgenutzt, und Manschetten
-trug er offenbar überhaupt nicht, – Hans Castorp erkannte
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-es an der schlaffen Art, in der die Ärmel ihm um das Handgelenk
-hingen. Trotzdem sah er wohl, daß er einen Herrn vor
-sich habe; der gebildete Gesichtsausdruck des Fremden, seine
-freie, ja schöne Haltung ließen keinen Zweifel daran. Diese
-Mischung aber von Schäbigkeit und Anmut, schwarze Augen
-dazu und der weich geschwungene Schnurrbart, erinnerten
-Hans Castorp sogleich an gewisse ausländische Musikanten,
-die zur Weihnachtszeit in den heimischen Höfen aufspielten
-und mit emporgerichteten Sammetaugen ihren Schlapphut
-hinhielten, damit man ihnen Zehnpfennigstücke aus den Fenstern
-hineinwürfe. „Ein Drehorgelmann!“ dachte er. Und so
-wunderte er sich nicht über den Namen, den er zu hören bekam,
-als Joachim sich von der Bank erhob und in einiger Befangenheit
-vorstellte:
-</p>
-
-<p>
-„Mein Vetter Castorp, – Herr Settembrini.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp war ebenfalls zur Begrüßung aufgestanden,
-die Spuren seiner Heiterkeitsausschreitung noch im Gesicht.
-Aber der Italiener bat beide in höflichen Worten, sich nicht
-in ihrer Bequemlichkeit stören zu lassen und nötigte sie auf ihre
-Plätze zurück, während er selbst in seiner angenehmen Pose
-vor ihnen stehen blieb. Er lächelte, wie er da stand und die
-Vettern, namentlich aber Hans Castorp, betrachtete, und diese
-feine, etwas spöttische Vertiefung und Kräuselung seines einen
-Mundwinkels unter dem vollen Schnurrbart, dort, wo er sich
-in schöner Rundung aufwärts bog, war von eigentümlicher
-Wirkung, es hielt gewissermaßen zur Geistesklarheit und Wachsamkeit
-an und ernüchterte den trunkenen Hans Castorp im
-Augenblick, so daß er sich schämte. Settembrini sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Die Herren sind aufgeräumt, – mit Grund, mit Grund.
-Ein prächtiger Morgen! Der Himmel ist blau, die Sonne
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-lacht –“ und er hob mit einem leichten und gelungenen
-Schwung seines Armes die kleine, gelbliche Hand zum Himmel,
-während er zugleich einen schrägen, heiteren Blick ebenfalls
-dort hinaufsandte. „Man könnte in der Tat vergessen,
-wo man sich befindet.“
-</p>
-
-<p>
-Er sprach ohne fremden Akzent, nur an der Genauigkeit
-seiner Lautbildung hätte man allenfalls den Ausländer erkennen
-können. Seine Lippen formten die Worte mit einer gewissen
-Lust. Man hörte ihn mit Vergnügen.
-</p>
-
-<p>
-„Und der Herr hat eine angenehme Reise zu uns gehabt?“
-wandte er sich an Hans Castorp ... „Ist man schon im Besitz
-seines Urteils? Ich meine: hat die düstere Zeremonie der
-ersten Untersuchung schon stattgehabt?“ – Hier hätte er schweigen
-und warten müssen, wenn es ihm darauf ankam, zu hören;
-denn er hatte seine Frage gestellt, und Hans Castorp schickte
-sich an, zu antworten. Aber der Fremde fragte gleich weiter:
-„Ist sie glimpflich verlaufen? Aus Ihrer Lachlust –“ und
-er schwieg einen Augenblick, indes die Kräuselung seines Mundwinkels
-sich vertiefte, „lassen sich ungleichartige Schlüsse ziehen.
-Wieviel Monate haben unsere Minos und Radamanth Ihnen
-aufgebrummt?“ – Das Wort „aufgebrummt“ nahm sich in
-seinem Munde besonders drollig aus. – „Soll ich schätzen?
-Sechs? Oder gleich neun? Man ist ja nicht knauserig ...“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp lachte erstaunt, wobei er sich zu erinnern suchte,
-wer Minos und Radamanth doch gleich noch gewesen seien.
-Er antwortete:
-</p>
-
-<p>
-„Aber wieso. Nein, Sie sind im Irrtum, Herr Septem–“
-</p>
-
-<p>
-„Settembrini“, verbesserte der Italiener klar und mit
-Schwung, indem er sich humoristisch verneigte.
-</p>
-
-<p>
-„Herr Settembrini, – Verzeihung. Nein, also Sie irren.
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-Ich bin gar nicht krank. Ich besuche nur meinen Vetter Ziemßen
-auf ein paar Wochen und will mich bei dieser Gelegenheit auch
-ein bißchen erholen –“
-</p>
-
-<p>
-„Potztausend, Sie sind nicht von den Unsrigen? Sie sind
-gesund, Sie hospitieren hier nur, wie Odysseus im Schattenreich?
-Welche Kühnheit, hinab in die Tiefe zu steigen, wo
-Tote nichtig und sinnlos wohnen –“
-</p>
-
-<p>
-„In die Tiefe, Herr Settembrini? Da muß ich doch bitten!
-Ich bin ja rund fünftausend Fuß hoch geklettert zu Ihnen
-herauf –“
-</p>
-
-<p>
-„Das schien Ihnen nur so! Auf mein Wort, das war Täuschung“,
-sagte der Italiener mit einer entscheidenden Handbewegung.
-„Wir sind tief gesunkene Wesen, nicht wahr, Leutnant“,
-wandte er sich an Joachim, der sich über diese Anrede nicht
-wenig freute, dies aber zu verbergen suchte und besonnen erwiderte:
-</p>
-
-<p>
-„Wir sind wohl wirklich etwas versimpelt. Aber man kann
-sich schließlich wieder zusammenreißen.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, Ihnen traue ich’s zu; Sie sind ein anständiger Mensch“,
-sagte Settembrini. „So, so, so“, sagte er dreimal mit scharfem
-S, indem er sich wieder gegen Hans Castorp wandte, und
-schnalzte dann ebensooft mit der Zunge leise am oberen Gaumen.
-„Sieh, sieh, sieh“, sagte er hierauf, ebenfalls dreimal
-und mit scharfem S-Laut, indem er dem Neuling so unverwandt
-ins Gesicht blickte, daß seine Augen in eine fixe und
-blinde Einstellung gerieten, und fuhr dann, seinen Blick wieder
-belebend, fort:
-</p>
-
-<p>
-„Ganz freiwillig kommen Sie also herauf zu uns Heruntergekommenen
-und wollen uns einige Zeit das Vergnügen Ihrer
-Gesellschaft gönnen. Nun, das ist schön. Und welche Frist
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-haben Sie in Aussicht genommen? Ich frage nicht fein. Aber
-es soll mich doch wundernehmen, zu hören, wieviel man sich
-zudiktiert, wenn man selbst zu bestimmen hat und nicht Radamanth!“
-</p>
-
-<p>
-„Drei Wochen“, sagte Hans Castorp mit etwas eitler Leichtigkeit,
-da er merkte, daß er beneidet wurde.
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="it">O dio</span>, drei Wochen! Haben Sie gehört, Leutnant? Hat
-es nicht fast etwas Impertinentes, zu sagen: Ich komme auf
-drei Wochen hierher und reise dann wieder? Wir kennen das
-Wochenmaß nicht, mein Herr, wenn ich Sie belehren darf.
-Unsere kleinste Zeiteinheit ist der Monat. Wir rechnen im
-großen Stil, – das ist ein Vorrecht der Schatten. Wir haben
-noch andere, und sie sind alle von ähnlicher Qualität. Darf
-ich fragen, welchen Beruf Sie ausüben drunten im Leben –
-oder wohl richtiger: auf welchen Sie sich vorbereiten? Sie
-sehen, wir legen unserer Neugier keine Fesseln an. Auch die
-Neugier rechnen wir zu unseren Vorrechten.“
-</p>
-
-<p>
-„Bitte recht sehr“, sagte Hans Castorp. Und er gab Auskunft.
-</p>
-
-<p>
-„Ein Schiffsbaumeister! Aber das ist großartig!“ rief Settembrini.
-„Seien Sie überzeugt, daß ich das großartig finde,
-obgleich meine eigenen Fähigkeiten in anderer Richtung liegen.“
-</p>
-
-<p>
-„Herr Settembrini ist Literat“, sagte Joachim erläuternd
-und etwas verlegen. „Er hat für deutsche Blätter den Nachruf
-für Carducci geschrieben, – Carducci, weißt du.“ Und er
-wurde noch verlegener, da sein Vetter ihn verwundert ansah
-und zu sagen schien: Was weißt denn du von Carducci? Ebenso
-wenig wie ich, sollte ich meinen.
-</p>
-
-<p>
-„Das ist richtig“, sagte der Italiener kopfnickend. „Ich
-hatte die Ehre, Ihren Landsleuten von dem Leben dieses großen
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-Poeten und Freidenkers zu erzählen, als es abgeschlossen war.
-Ich kannte ihn, ich darf mich seinen Schüler nennen. In Bologna
-habe ich zu seinen Füßen gesessen. Ihm verdanke ich,
-was ich an Bildung und Frohsinn mein eigen nenne. Aber
-wir sprachen von Ihnen. Ein Schiffsbaumeister! Wissen Sie,
-daß Sie zusehends emporwachsen in meinen Augen? Sie
-sitzen da plötzlich, als der Vertreter einer ganzen Welt der Arbeit
-und des praktischen Genies!“
-</p>
-
-<p>
-„Aber Herr Settembrini – ich bin ja eigentlich noch Student
-und fange erst an.“
-</p>
-
-<p>
-„Gewiß, und aller Anfang ist schwer. Überhaupt, alle Arbeit
-ist schwer, die diesen Namen verdient, nicht wahr?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, das weiß der Teufel!“ sagte Hans Castorp, und es
-kam ihm von Herzen.
-</p>
-
-<p>
-Settembrini zog rasch die Brauen empor.
-</p>
-
-<p>
-„Sogar den Teufel rufen Sie an,“ sagte er, „um das zu bekräftigen?
-Den leibhaftigen Satan? Wissen Sie auch, daß
-mein großer Lehrer eine Hymne an ihn gerichtet hat?“
-</p>
-
-<p>
-„Erlauben Sie,“ sagte Hans Castorp, „an den Teufel?“
-</p>
-
-<p>
-„An ihn selbst. Sie wird in meiner Heimat zuweilen gesungen,
-bei festlichen Gelegenheiten. <span class="antiqua" lang="it">O salute, o Satana, o
-Ribellione, o forza vindice della Ragione ...</span> Ein herrliches
-Lied! Aber dieser Teufel war es wohl kaum, den Sie im Sinne
-hatten, denn er steht mit der Arbeit auf ausgezeichnetem Fuß.
-Der, den Sie meinten, und der die Arbeit verabscheut, weil er
-sie zu fürchten hat, ist vermutlich jener andere, von dem es
-heißt, daß man ihm nicht den kleinen Finger reichen soll –“
-</p>
-
-<p>
-Das alles wirkte recht sonderbar auf den guten Hans Castorp.
-Italienisch verstand er nicht, und das Übrige war ihm
-auch nicht behaglicher. Es schmeckte nach Sonntagspredigt,
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-obgleich es in leichtem und scherzhaftem Plauderton vorgetragen
-wurde. Er sah seinen Vetter an, der die Augen niederschlug,
-und sagte dann:
-</p>
-
-<p>
-„Ach, Herr Settembrini, Sie nehmen meine Worte viel zu
-genau. Das mit dem Teufel war nur so eine Redewendung
-von mir, ich versichere Sie!“
-</p>
-
-<p>
-„Irgend jemand muß Geist haben“, sagte Settembrini,
-indem er melancholisch in die Luft blickte. Aber sich wieder
-belebend, erheiternd und anmutig einlenkend fuhr er fort:
-</p>
-
-<p>
-„Jedenfalls schließe ich wohl mit Recht aus Ihren Worten,
-daß Sie da einen ebenso anstrengenden wie ehrenvollen Beruf
-erwählt haben. Mein Gott, ich bin Humanist, ein homo
-humanus, ich verstehe nichts von ingeniösen Dingen, so aufrichtig
-der Respekt ist, den ich Ihnen zolle. Aber vorstellen kann
-ich mir wohl, daß die Theorie Ihres Faches einen klaren und
-scharfen Kopf und seine Praxis einen ganzen Mann verlangt,
-– ist es nicht so?“
-</p>
-
-<p>
-„Gewiß ist es so, ja, da kann ich Ihnen unbedingt zustimmen“,
-antwortete Hans Castorp, indem er sich unwillkürlich
-bemühte, ein wenig beredt zu sprechen. „Die Anforderungen
-sind kolossal heutzutage, man darf es sich gar nicht so klar
-machen, wie scharf sie sind, sonst könnte man wahrhaftig den
-Mut verlieren. Nein, ein Spaß ist es nicht. Und wenn man
-nun auch nicht der Stärkste ist ... Ich bin ja hier nur zu
-Gaste, aber der Stärkste bin ich doch auch nicht gerade, und
-da müßte ich lügen, wenn ich behaupten wollte, daß mir das
-Arbeiten so ausgezeichnet bekäme. Vielmehr nimmt es mich
-ziemlich mit, das muß ich sagen. Recht gesund fühle ich mich
-eigentlich nur, wenn ich gar nichts tue –“
-</p>
-
-<p>
-„Zum Beispiel jetzt?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-„Jetzt? Oh, jetzt bin ich noch so neu hier oben, – etwas verwirrt,
-können Sie sich denken.“
-</p>
-
-<p>
-„Ah, – verwirrt.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, ich habe auch nicht ganz richtig geschlafen, und dann
-war das erste Frühstück wirklich zu ausgiebig ... Ich bin ja
-ein ordentliches Frühstück gewöhnt, aber das heutige war
-doch, wie es scheint, zu kompakt für mich, <span class="antiqua" lang="en">too rich</span>, wie
-die Engländer sagen. Kurz, ich fühle mich etwas beklommen,
-und besonders wollte mir heute morgen meine Zigarre
-nicht schmecken, – denken Sie! Das passiert mir so gut
-wie nie, nur, wenn ich ernstlich krank bin, – und nun schmeckte
-sie mir heute wie Leder. Ich mußte sie wegwerfen, es hatte
-keinen Zweck, daß ich es forcierte. Sind Sie Raucher, wenn
-ich fragen darf? Nicht? Dann können Sie sich nicht vorstellen,
-was für ein Ärger und eine Enttäuschung das für
-jemanden ist, der von Jugend auf so besonders gern raucht,
-wie ich ...“
-</p>
-
-<p>
-„Ich bin ohne Erfahrung auf diesem Gebiet,“ erwiderte
-Settembrini, „und befinde mich übrigens mit dieser Unerfahrenheit
-in keiner schlechten Gesellschaft. Eine Reihe von edlen
-und nüchternen Geistern haben den Rauchtabak verabscheut.
-Auch Carducci liebte ihn nicht. Aber da werden Sie bei unserem
-Radamanth Verständnis finden. Er ist ein Anhänger
-Ihres Lasters.“
-</p>
-
-<p>
-„Nun, – Laster, Herr Settembrini ...“
-</p>
-
-<p>
-„Warum nicht? Man muß die Dinge mit Wahrheit und
-Kraft bezeichnen. Das verstärkt und erhöht das Leben. Auch
-ich habe Laster.“
-</p>
-
-<p>
-„Und Hofrat Behrens ist also Zigarrenkenner? Ein reizender
-Mann.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-„Sie finden? Ah, Sie haben also schon seine Bekanntschaft
-gemacht?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, vorhin, als wir fortgingen. Es war beinahe so etwas
-wie eine Konsultation, aber <span class="antiqua" lang="la">sine pecunia</span>, wissen Sie. Er sah
-gleich, daß ich ziemlich anämisch bin. Und dann riet er mir,
-hier ganz so zu leben, wie mein Vetter, viel auf dem Balkon
-zu liegen, und messen soll ich mich auch gleich mit, hat er gesagt.“
-</p>
-
-<p>
-„Wahrhaftig?“ rief Settembrini ... „Vorzüglich!“ rief er
-nach oben in die Luft hinein, indem er sich lachend zurückneigte.
-„Wie heißt es doch in der Oper <a id="corr-14"></a>Ihres Meisters? ‚Der Vogelfänger
-bin ich ja, stets lustig, heisa, hopsassa!‘ Kurz, das ist
-sehr amüsant. Sie werden seinen Rat befolgen? Zweifelsohne.
-Wie sollten Sie nicht. Ein Satanskerl, dieser Radamanth!
-Und wirklich ‚stets lustig‘, wenn auch zuweilen ein
-wenig gezwungen. Er neigt zur Schwermut. Sein Laster bekommt
-ihm nicht – sonst wäre es übrigens kein Laster –, der
-Rauchtabak macht ihn schwermütig, – weshalb unsere verehrungswürdige
-Frau Oberin die Vorräte in Verwahrung genommen
-hat und ihm nur kleine Tagesrationen zuteilt. Es
-soll vorkommen, daß er der Versuchung unterliegt, sie zu bestehlen,
-und dann verfällt er der Schwermut. Mit einem Wort:
-eine verworrene Seele. Sie kennen auch unsere Oberin schon?
-Nicht? Aber das ist ein Fehler! Sie tun unrecht, sich nicht
-um ihre Bekanntschaft zu bewerben. Aus dem Geschlechte
-derer von Mylendonk, mein Herr! Von der mediceischen Venus
-unterscheidet sie sich dadurch, daß sie dort, wo sich bei der
-Göttin der Busen befindet, ein Kreuz zu tragen pflegt ...“
-</p>
-
-<p>
-„Ha, ha, ausgezeichnet!“ lachte Hans Castorp.
-</p>
-
-<p>
-„Mit Vornamen heißt sie Adriatica.“
-</p>
-
-<p>
-„Auch das noch?“ rief Hans Castorp ... „Hören Sie, das
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-ist merkwürdig! Von Mylendonk und dann Adriatica. Es
-klingt, als müßte sie längst gestorben sein. Geradezu mittelalterlich
-mutet es an.“
-</p>
-
-<p>
-„Mein geehrter Herr,“ antwortete Settembrini, „hier gibt
-es manches, was ‚mittelalterlich anmutet‘, wie Sie sich auszudrücken
-belieben. Ich für meine Person bin überzeugt, daß
-unser Radamanth einzig und allein aus künstlerischem Stilgefühl
-dieses Petrefakt zur Oberaufseherin seines Schreckenspalastes
-gemacht hat. Er ist nämlich Künstler, – das wissen
-Sie nicht? Er malt in Öl. Was wollen Sie, das ist nicht
-verboten, nicht wahr, es steht jedem frei ... Frau Adriatica
-sagt es jedem, der es hören will, und den andern auch, daß
-eine Mylendonk Mitte des dreizehnten Jahrhunderts Äbtissin
-eines Stiftes zu Bonn am Rheine war. Sie selbst kann
-nicht lange nach diesem Zeitpunkt das Licht der Welt erblickt
-haben ...“
-</p>
-
-<p>
-„Ha, ha, ha! Ich finde Sie aber spöttisch, Herr Settembrini.“
-</p>
-
-<p>
-„Spöttisch? Sie meinen: boshaft. Ja, boshaft bin ich ein
-wenig –“, sagte Settembrini. „Mein Kummer ist, daß ich
-verurteilt bin, meine Bosheit an so elende Gegenstände zu
-verschwenden. Ich hoffe, Sie haben nichts gegen die Bosheit,
-Ingenieur? In meinen Augen ist sie die glänzendste Waffe
-der Vernunft gegen die Mächte der Finsternis und der Häßlichkeit.
-Bosheit, mein Herr, ist der Geist der Kritik, und Kritik
-bedeutet den Ursprung des Fortschrittes und der Aufklärung.“
-Und im Nu begann er von Petrarca zu reden, den er den „Vater
-der Neuzeit“ nannte.
-</p>
-
-<p>
-„Wir müssen nun aber in die Liegekur“, sagte Joachim
-besonnen.
-</p>
-
-<p>
-Der Literat hatte seine Worte mit anmutigen Handbewegungen
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-begleitet. Nun rundete er dies Gestenspiel mit einer
-Gebärde ab, die auf Joachim hinwies, und sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Unser Leutnant treibt zum Dienst. Gehen wir also. Wir
-haben den gleichen Weg, – ‚rechtshin, welcher zu Dis, des
-Gewaltigen, Mauern hinanstrebt‘. Ah, Virgil, Virgil! Meine
-Herren, er ist unübertroffen. Ich glaube an den Fortschritt,
-gewiß. Aber Virgil verfügt über Beiwörter, wie kein Moderner
-sie hat ...“ Und während sie sich auf den Heimweg machten,
-fing er an, lateinische Verse in italienischer Aussprache vorzutragen,
-unterbrach sich jedoch, als irgendein junges Mädchen,
-eine Tochter des Städtchens, wie es schien, und durchaus nicht
-sonderlich hübsch, ihnen entgegenkam, und verlegte sich auf
-ein schwerenöterhaftes Lächeln und Trällern. „T, t, t“, schnalzte
-er. „Ei, ei, ei! La, la, la! Du süßes Käferchen, willst du die
-Meine sein? Seht doch, ‚es funkelt ihr Auge in schlüpfrigem
-Licht‘“, zitierte er – Gott wußte, was es war – und sandte
-dem verlegenen Rücken des Mädchens eine Kußhand nach.
-</p>
-
-<p>
-Das ist ja ein rechter Windbeutel, dachte Hans Castorp,
-und dabei blieb er auch, als Settembrini nach seiner galanten
-Anwandlung wieder zu medisieren begann. Hauptsächlich hatte
-er es auf Hofrat Behrens abgesehen, stichelte auf den Umfang
-seiner Füße und hielt sich bei seinem Titel auf, den er von einem
-an Gehirntuberkulose leidenden Prinzen erhalten habe. Von
-dem skandalösen Lebenswandel dieses Prinzen spreche noch
-heute die ganze Gegend, aber Radamanth habe ein Auge zugedrückt,
-beide Augen, jeder Zoll ein Hofrat. Ob die Herren
-übrigens wußten, daß er der Erfinder der Sommersaison sei?
-Ja, er, und kein anderer. Dem Verdienste seine Krone. Früher
-hätten im Sommer nur die Treuesten der Treuen in diesem
-Tale ausgeharrt. Da habe „unser Humorist“ mit unbestechlichem
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-Scharfblick erkannt, daß dieser Mißstand nichts als die
-Frucht eines Vorurteils sei. Er habe die Lehre aufgestellt, daß,
-wenigstens so weit <em>sein</em> Institut in Frage komme, die sommerliche
-Kur nicht nur nicht weniger empfehlenswert, sondern
-sogar besonders wirksam und geradezu unentbehrlich sei. Und
-er habe dieses Theorem unter die Leute zu bringen gewußt,
-habe populäre Artikel darüber verfaßt und sie in die Presse
-lanciert. Seitdem gehe das Geschäft im Sommer so flott wie
-im Winter. „Genie!“ sagte Settembrini. „In-tu-i-tion!“ sagte
-er. Und dann hechelte er die übrigen Heilanstalten des Platzes
-durch und lobte auf beißende Art den Erwerbssinn ihrer Inhaber.
-Da sei Professor Kafka ... Alljährlich, zur kritischen
-Zeit der Schneeschmelze, wenn viele Patienten abzureisen verlangten,
-finde Professor Kafka sich gezwungen, rasch noch auf
-acht Tage zu verreisen, wobei er verspreche, nach seiner Rückkehr
-die Entlassungen vorzunehmen. Dann aber bleibe er sechs
-Wochen aus, und die Ärmsten warteten, wobei sich, am Rande
-bemerkt, ihre Rechnungen vergrößerten. Bis nach Fiume lasse
-man Kafka kommen, er aber reise nicht, bevor man fünftausend
-gute Schweizer Franken sichergestellt, worüber vierzehn Tage
-vergingen. Einen Tag nach der Ankunft des Celebrissimo sterbe
-alsdann der Kranke. Was Doktor Salzmann betreffe, so sage er
-dem Professor Kafka nach, daß er seine Spritzen nicht rein
-genug halte und den Kranken Mischinfektionen beibringe. Er
-fahre auf Gummi, sage Salzmann, damit seine Toten ihn
-nicht hörten, – wogegen wiederum Kafka behaupte, bei Salzmann
-werde den Patienten „des Rebstocks erheiternde Gabe“
-in solchen Mengen aufgenötigt – nämlich ebenfalls behufs
-Abrundung ihrer Rechnungen –, daß die Leute wie die Fliegen
-stürben, und zwar nicht an Phthise, sondern an Trinkerleber ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-So ging es weiter, und Hans Castorp lachte herzlich und
-gutmütig über diesen Sturzbach zungenfertiger Lästerungen.
-Die Suade des Italieners lautete eigentümlich angenehm in
-ihrer unbedingten, von jeder Mundart freien Reinheit und
-Richtigkeit. Die Worte kamen prall, nett und wie neuschaffen
-von seinen beweglichen Lippen, er genoß die gebildeten, bissig
-behenden Wendungen und Formen, deren er sich bediente, ja
-selbst die grammatische Beugung und Abwandlung der Wörter
-mit einem offensichtlichen, sich mitteilenden und heiter stimmenden
-Behagen und schien viel zu klaren und gegenwärtigen
-Geistes, um sich auch nur ein einziges Mal zu versprechen.
-</p>
-
-<p>
-„Sie sprechen so drollig, Herr Settembrini,“ sagte Hans
-Castorp, „so lebhaft, – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll.“
-</p>
-
-<p>
-„Plastisch, wie?“ entgegnete der Italiener und fächelte sich
-mit dem Taschentuch, obgleich es ja eher kühl war. „Das
-wird das Wort sein, das Sie suchen. Ich habe eine plastische
-Art zu sprechen, wollen Sie sagen. Aber halt!“ rief er. „Was
-sehe ich! Dort wandeln unsere Höllenrichter! Welch ein Anblick!“
-</p>
-
-<p>
-Die Spaziergänger hatten die Wegbiegung schon wieder
-zurückgelegt. War es den Reden Settembrinis, dem Gefälle
-der Straße zu danken, oder hatten sie sich in Wahrheit weniger
-weit vom Sanatorium entfernt, als Hans Castorp geglaubt
-hatte, – denn ein Weg, den wir zum ersten Male gehen, ist
-bedeutend länger als derselbe, wenn wir ihn schon kennen –:
-jedenfalls war der Rückmarsch überraschend geschwind vonstatten
-gegangen. Settembrini hatte recht, es war das Ärztepaar,
-das dort unten auf dem freien Platz die Rückseite des
-Sanatoriums entlang strebte, voran der Hofrat im weißen
-Kittel, mit heraustretendem Genick und die Hände wie Ruder
-bewegend, auf seiner Fährte Dr. Krokowski im schwarzen
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-Überhemd und desto selbstbewußter um sich blickend, als der
-klinische Brauch ihn nötigte, sich auf Dienstgängen hinter dem
-Chef zu halten.
-</p>
-
-<p>
-„Ah, Krokowski!“ rief Settembrini. „Dort geht er und
-weiß alle Geheimnisse unserer Damen. Man bittet, die feine
-Symbolik seiner Kleidung zu beachten. Er trägt sich schwarz,
-um anzudeuten, daß sein eigenstes Studiengebiet die Nacht ist.
-Dieser Mann hat in seinem Kopf nur einen Gedanken, und
-der ist schmutzig. Ingenieur, wie kommt es, daß wir von ihm
-noch gar nicht gesprochen haben! Sie haben seine Bekanntschaft
-gemacht?“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp bejahte.
-</p>
-
-<p>
-„Nun, und? Ich fange an, zu vermuten, daß auch er Ihnen
-gefallen hat.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich weiß wirklich nicht, Herr Settembrini. Ich bin ihm
-nur erst flüchtig begegnet. Und dann bin ich auch nicht sehr
-rasch von Urteil. Ich sehe mir die Leute an und denke: So
-bist du also? Nun gut.“
-</p>
-
-<p>
-„Das ist Dumpfsinn!“ antwortete der Italiener. „Urteilen
-Sie! Dafür hat die Natur Ihnen Augen und Verstand gegeben.
-Sie fanden, ich spräche boshaft; aber wenn ich es tat,
-so geschah es vielleicht nicht ohne pädagogische Absicht. Wir
-Humanisten haben alle eine pädagogische Ader ... Meine
-Herren, der historische Zusammenhang von Humanismus und
-Pädagogik beweist ihren psychologischen. Man soll dem
-Humanisten das Amt der Erziehung nicht nehmen, – man
-kann es ihm nicht nehmen, denn nur bei ihm ist die Überlieferung
-von der Würde und Schönheit des Menschen. Einst
-löste er den Priester ab, der sich in trüben und menschenfeindlichen
-Zeiten die Führung der Jugend anmaßen durfte. Seitdem,
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-meine Herren, ist schlechterdings kein neuer Erziehertyp
-mehr erstanden. Das humanistische Gymnasium, – nennen Sie
-mich rückschrittlich, Ingenieur, aber grundsätzlich, <span class="antiqua" lang="la">in abstracto</span>,
-ich bitte, mich wohl zu verstehen, bleibe ich sein Anhänger ...“
-</p>
-
-<p>
-Noch im Lift führte er dies weiter aus und verstummte erst,
-als die Vettern im zweiten Stockwerk den Aufzug verließen.
-Er selber fuhr bis zum dritten weiter, wo er, wie Joachim
-erzählte, ein kleines Zimmer nach hinten hinaus bewohnte.
-</p>
-
-<p>
-„Er hat wohl kein Geld?“ fragte Hans Castorp, der Joachim
-begleitete. Es sah bei Joachim genau so aus wie drüben bei ihm.
-</p>
-
-<p>
-„Nein,“ sagte Joachim, „das hat er wohl nicht. Oder doch
-nur gerade so viel, um den Aufenthalt hier bestreiten zu können.
-Sein Vater war auch schon Literat, weißt du, und ich glaube,
-der Großvater auch.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, dann“, sagte Hans Castorp. „Ist er denn eigentlich
-ernsthaft krank?“
-</p>
-
-<p>
-„Es ist nicht gefährlich, soviel ich weiß, aber hartnäckig
-und kommt immer wieder. Er hat es schon seit Jahren und
-war zwischendurch mal fort, mußte aber bald wieder einrücken.“
-</p>
-
-<p>
-„Armer Kerl! Wo er doch so fürs Arbeiten zu schwärmen
-scheint. Riesig gesprächig ist er dabei, so leicht kommt er von
-einem aufs andere. Mit dem Mädchen war er ja etwas frech,
-es genierte mich momentan. Aber was er nachher von der
-menschlichen Würde sagte, klang doch famos, ganz wie bei
-einem Festakt. Bist du denn öfter mit ihm zusammen?“
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-4-5">
-Gedankenschärfe
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Aber Joachim konnte nur noch behindert und undeutlich
-antworten. Er hatte aus einem rotledernen, mit Samt gefütterten
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-Etui, das auf seinem Tische lag, ein kleines Thermometer
-genommen und das untere, mit Quecksilber gefüllte Ende
-in den Mund gesteckt. Links unter der Zunge hielt er es, so,
-daß ihm das gläserne Instrument schräg aufwärts aus dem
-Munde hervorragte. Dann machte er Haustoilette, zog Schuhe
-und eine litewkaartige Joppe an, nahm eine gedruckte Tabelle
-nebst Bleistift vom Tisch, ferner ein Buch, eine russische Grammatik
-– denn er trieb Russisch, weil er, wie er sagte, dienstlichen
-Vorteil davon erhoffte –, und so ausgerüstet nahm er draußen
-auf dem Balkon im Liegestuhl Platz, indem er eine Kamelhaardecke
-nur leicht über die Füße warf.
-</p>
-
-<p>
-Sie war kaum nötig: schon während der letzten Viertelstunde
-war die Wolkenschicht dünner und dünner geworden,
-und die Sonne brach durch, so sommerlich warm und blendend,
-daß Joachim seinen Kopf mit einem weißleinenen Schirm
-schützte, der vermittelst einer kleinen, sinnreichen Vorrichtung
-an der Armlehne des Stuhles zu befestigen und dem Stande
-der Sonne nach zu verstellen war. Hans Castorp lobte diese
-Erfindung. Er wollte das Ergebnis der Messung abwarten
-und sah unterdessen zu, wie alles gemacht wurde, betrachtete
-auch den Pelzsack, der in einem Winkel der Loggia lehnte
-(Joachim bediente sich seiner an kalten Tagen) und blickte, die
-Ellenbogen auf der Brüstung, in den Garten hinab, wo die
-allgemeine Liegehalle nun von lesend, schreibend und plaudernd
-ausgestreckten Patienten bevölkert war. Übrigens sah man
-nur einen Teil des Inneren, etwa fünf Stühle.
-</p>
-
-<p>
-„Aber wie lange dauert denn das?“ fragte Hans Castorp
-und wandte sich um.
-</p>
-
-<p>
-Joachim hob sieben Finger empor.
-</p>
-
-<p>
-„Die müssen doch um sein – sieben Minuten!“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-Joachim schüttelte den Kopf. Etwas später nahm er das
-Thermometer aus dem Mund, betrachtete es und sagte dabei:
-</p>
-
-<p>
-„Ja, wenn man ihr aufpaßt, der Zeit, dann vergeht sie sehr
-langsam. Ich habe das Messen, viermal am Tage, ordentlich
-gern, weil man doch dabei merkt, was das eigentlich ist:
-eine Minute oder gar ganze sieben, – wo man sich hier die
-sieben Tage der Woche so gräßlich um die Ohren schlägt.“
-</p>
-
-<p>
-„Du sagst ‚eigentlich‘. ‚Eigentlich‘ kannst du nicht sagen“,
-entgegnete Hans Castorp. Er saß mit einem Schenkel auf der
-Brüstung, und das Weiße seiner Augen war rot geädert. „Die
-Zeit ist doch überhaupt nicht ‚eigentlich‘. Wenn sie einem lang
-vorkommt, so ist sie lang, und wenn sie einem kurz vorkommt,
-so ist sie kurz, aber wie lang oder kurz sie in Wirklichkeit ist,
-das weiß doch niemand.“ Er war durchaus nicht gewohnt,
-zu philosophieren und fühlte dennoch den Drang dazu.
-</p>
-
-<p>
-Joachim widersprach.
-</p>
-
-<p>
-„Wieso denn. Nein. Wir messen sie doch. Wir haben doch
-Uhren und Kalender, und wenn ein Monat um ist, dann ist
-er für dich und mich und uns alle um.“
-</p>
-
-<p>
-„Dann paß auf“, sagte Hans Castorp und hielt sogar den
-Zeigefinger neben seine trüben Augen. „Eine Minute ist also
-so lang, wie sie dir vorkommt, wenn du dich mißt?“
-</p>
-
-<p>
-„Eine Minute ist so lang ... sie <em>dauert</em> so lange, wie der
-Sekundenzeiger braucht, um seinen Kreis zu beschreiben.“
-</p>
-
-<p>
-„Aber er braucht ja ganz verschieden lange – für unser Gefühl!
-Und tatsächlich ... ich sage: tatsächlich genommen“,
-wiederholte Hans Castorp und drückte den Zeigefinger so fest
-gegen die Nase, daß er ihre Spitze vollständig umbog, „ist
-das eine Bewegung, eine räumliche Bewegung, nicht wahr?
-Halt, warte! Wir messen also die Zeit mit dem Raume. Aber
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-das ist doch ebenso, als wollten wir den Raum an der Zeit
-messen, – was doch nur ganz unwissenschaftliche Leute tun.
-Von Hamburg nach Davos sind zwanzig Stunden, – ja, mit
-der Eisenbahn. Aber zu Fuß, wie lange ist es da? Und in
-Gedanken? Keine Sekunde!“
-</p>
-
-<p>
-„Hör mal,“ sagte Joachim, „was hast du denn? Ich glaube,
-es greift dich an hier bei uns?“
-</p>
-
-<p>
-„Sei still! Ich bin sehr scharf im Kopf heute. Was ist denn die
-Zeit?“ fragte Hans Castorp und bog seine Nasenspitze so gewaltsam
-zur Seite, daß sie weiß und blutleer wurde. „Willst
-du mir das mal sagen? Den Raum nehmen wir doch mit
-unseren Organen wahr, mit dem Gesichtssinn und dem Tastsinn.
-Schön. Aber welches ist denn unser Zeitorgan? Willst
-du mir das mal eben angeben? Siehst du, da sitzst du fest.
-Aber wie wollen wir denn etwas messen, wovon wir genau
-genommen rein gar nichts, nicht eine einzige Eigenschaft auszusagen
-wissen! Wir sagen: die Zeit läuft ab. Schön, soll sie
-also mal ablaufen. Aber um sie messen zu können ... warte!
-Um meßbar zu sein, müßte sie doch <em>gleichmäßig</em> ablaufen,
-und wo steht denn das geschrieben, daß sie das tut? Für unser
-Bewußtsein tut sie es nicht, wir nehmen es nur der Ordnung
-halber an, daß sie es tut, und unsere Maße sind doch bloß Konvention,
-erlaube mir mal ...“
-</p>
-
-<p>
-„Gut,“ sagte Joachim, „dann ist es wohl auch bloß Konvention,
-daß ich hier vier Striche zuviel habe auf meinem
-Thermometer! Aber wegen dieser fünf Striche muß ich mich
-hier herumräkeln und kann nicht Dienst machen, das ist eine
-ekelhafte Tatsache!“
-</p>
-
-<p>
-„Hast du 37,5?“
-</p>
-
-<p>
-„Es geht schon wieder herunter.“ Und Joachim machte die
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-Eintragung in seine Tabelle. „Gestern abend waren es fast
-38, das machte deine Ankunft. Alle, die Besuch bekommen,
-haben Erhöhung. Aber es ist doch eine Wohltat.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich gehe ja nun auch“, sagte Hans Castorp. „Ich habe
-noch eine Menge Gedanken über die Zeit im Kopf, – es ist
-ein ganzer Komplex, kann ich wohl sagen. Aber ich will dich
-jetzt nicht damit aufregen, da du sowieso zuviel Striche hast.
-Ich werde es schon alles behalten, und wir können später darauf
-zurückkommen, vielleicht nach dem Frühstück. Wenn es
-Frühstückszeit ist, rufst du mich wohl. Ich gehe jetzt auch
-in die Liegekur, es tut ja nicht weh, gottlob.“ Und damit ging
-er an der gläsernen Scheidewand vorbei in seine eigene Loge
-hinüber, wo gleichfalls ein Liegestuhl nebst Tischchen aufgeschlagen
-war, holte sich „<span class="antiqua" lang="en">Ocean steamships</span>“ und sein schönes,
-weiches, dunkelrot und grün gewürfeltes Plaid aus dem
-reinlich aufgeräumten Zimmer und ließ sich nieder.
-</p>
-
-<p>
-Auch er mußte sehr bald den Schirm aufspannen; sowie
-man lag, wurde der Sonnenbrand unerträglich. Man lag
-aber ganz ungewöhnlich bequem, das stellte Hans Castorp sogleich
-mit Vergnügen fest, – er erinnerte sich nicht, daß ihm
-je ein so angenehmer Liegestuhl vorgekommen sei. Das Gestell,
-ein wenig altmodisch in der Form – was aber nur eine
-Geschmacksspielerei war, denn der Stuhl war offenbar neu –,
-bestand aus rotbraun poliertem Holz, und eine Matratze mit
-weichem, kattunartigen Überzug, eigentlich aus drei hohen
-Polstern zusammengesetzt, reichte vom Fußende bis über die
-Rückenlehne hinauf. Außerdem war vermittelst einer Schnur
-eine weder zu feste noch zu nachgiebige Nackenrolle mit gesticktem
-Leinenüberzug daran befestigt, die von besonders wohltuender
-Wirkung war. Hans Castorp stützte einen Arm auf
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-die breite, glatte Fläche der Seitenlehne, blinzelte und ruhte,
-ohne „<span class="antiqua" lang="en">Ocean steamships</span>“ zu seiner Unterhaltung in Anspruch
-zu nehmen. Durch die Bögen der Loggia gesehen, wirkte die
-harte und karge, aber hell besonnte Landschaft draußen gemäldeartig
-und wie eingerahmt. Hans Castorp betrachtete
-sie gedankenvoll. Plötzlich fiel ihm etwas ein, und er sagte
-laut in der Stille:
-</p>
-
-<p>
-„Es war ja eine Zwergin, die uns beim ersten Frühstück
-bediente.“
-</p>
-
-<p>
-„Pst“, machte Joachim. „Leise doch. Ja, eine Zwergin.
-Und?“
-</p>
-
-<p>
-„Nichts. Wir hatten uns noch gar nicht darüber ausgesprochen.“
-</p>
-
-<p>
-Und dann träumte er weiter. Es war schon zehn Uhr gewesen,
-als er sich niedergelegt hatte. Eine Stunde verging.
-Es war eine gewöhnliche Stunde, nicht lang, nicht kurz. Als
-sie verflossen war, tönte ein Gong durch Haus und Garten,
-erst fern, dann näher, dann wieder fern.
-</p>
-
-<p>
-„Frühstück“, sagte Joachim, und man hörte, daß er aufstand.
-</p>
-
-<p>
-Auch Hans Castorp beendete für diesmal die Liegekur und
-ging ins Zimmer, um sich ein wenig zurechtzumachen. Die
-Vettern trafen sich auf dem Korridor und gingen hinunter.
-Hans Castorp sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Nun, es lag sich ja ausgezeichnet. Was sind denn das für
-Stühle? Wenn es die hier zu kaufen gibt, dann nehme ich mir
-einen mit nach Hamburg, man liegt ja darauf wie im Himmel.
-Oder meinst du, daß Behrens sie eigens nach seinen Angaben
-hat anfertigen lassen?“
-</p>
-
-<p>
-Joachim wußte das nicht. Sie legten ab und betraten zum
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-zweiten Male den Speisesaal, wo die Mahlzeit schon wieder
-in vollem Gange war.
-</p>
-
-<p>
-Es schimmerte weiß im Saale vor lauter Milch: an jedem
-Platz stand ein großes Glas, wohl ein halber Liter voll.
-</p>
-
-<p>
-„Nein“, sagte Hans Castorp, als er wieder an seinem Tischende
-zwischen der Nähterin und der Engländerin Platz genommen
-und ergeben seine Serviette entfaltet hatte, obgleich
-er noch so schwer belastet vom ersten Frühstück war. „Nein,“
-sagte er, „Gott steh mir bei, Milch kann ich überhaupt nicht
-trinken und am wenigsten jetzt. Ist nicht vielleicht Porter da?“
-Und er wandte sich zuerst höflich und zart an die Zwergin mit
-dieser Frage. Leider war keiner da. Aber sie versprach, Kulmbacher
-Bier zu bringen und brachte es auch. Es war dick,
-schwarz, braunschaumig und ersetzte den Porter aufs beste.
-Hans Castorp trank durstig davon aus einem hohen Halbliterglase.
-Er aß kalten Aufschnitt dazu auf Röstbrot. Wieder
-war Haferbrei aufgestellt und wieder viel Butter und Obst.
-Er ließ wenigstens seine Augen darauf ruhen, da er nicht fähig
-war, sich davon zuzuführen. Auch betrachtete er die Gästeschaft,
-– die Massen begannen sich für ihn zu teilen; Einzelpersonen
-traten hervor.
-</p>
-
-<p>
-Sein eigener Tisch war komplett, bis auf den oberen Platz
-ihm gegenüber, welcher, wie er sich belehren ließ, der Doktorplatz
-war. Denn die Ärzte, wenn ihre Zeit es irgend erlaubte,
-beteiligten sich an den gemeinsamen Mahlzeiten und wechselten
-dabei die Tische: an einem jeden war zu oberst ein solcher
-Doktorplatz freigehalten. Jetzt war keiner von beiden anwesend;
-man sagte, sie seien bei einer Operation. Wieder
-kam der junge Mann mit dem Schnurrbart herein, senkte einmal
-das Kinn auf die Brust und setzte sich mit sorgenvoll-verschlossener
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-Miene. Wieder saß die Hellblonde, Magere an
-ihrem Platze und löffelte Yoghurt, als ob dies ihre einzige
-Speise wäre. Neben ihr saß diesmal eine kleine, muntere alte
-Dame, die in russischer Zunge auf den stillen jungen Mann
-einredete, der sie sorgenvoll anblickte und nicht anders als mit
-Kopfnicken antwortete, wobei er jenes Gesicht machte, als habe
-er etwas Schlechtschmeckendes im Munde. Ihm gegenüber,
-an der anderen Seite der alten Dame, war ein weiteres junges
-Mädchen placiert, – hübsch war sie, von blühender Gesichtsfarbe
-und hoher Brust, mit kastanienbraunem, angenehm wellig
-geordnetem Haar, runden, braunen, kindlichen Augen und
-einem kleinen Rubin an ihrer schönen Hand. Sie lachte viel
-und sprach ebenfalls Russisch, nur Russisch. Sie hieß Marusja,
-wie Hans Castorp hörte. Ferner bemerkte er beiläufig, daß
-Joachim mit strengem Ausdruck die Augen niederschlug, wenn
-sie lachte und sprach.
-</p>
-
-<p>
-Settembrini erschien durch den Seiteneingang und schritt
-schnurrbartkräuselnd zu seinem Platze, der am Ende des Tisches
-gelegen war, der schräg vor demjenigen Hans Castorps stand.
-Seine Tischgenossen brachen in schallendes Lachen aus, als er
-sich niedersetzte; wahrscheinlich hatte er eine Bosheit gesagt.
-Auch die Mitglieder des „Vereins Halbe Lunge“ erkannte Hans
-Castorp wieder. Hermine Kleefeld schob mit dummen Augen
-zu ihrem Tische dort drüben vor der einen Verandatür und
-begrüßte den wulstlippigen Jüngling, der vorhin so unschicklich
-seine Jacke emporgerafft hatte. Die elfenbeinfarbene Levi
-saß neben der fetten und leberfleckigen Iltis unter Unbekannten
-an dem querstehenden Tische rechts von Hans Castorp.
-</p>
-
-<p>
-„Da sind deine Nachbarn“, sagte Joachim leise zu seinem
-Vetter, indem er sich vorneigte ... Das Paar ging dicht an
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-Hans Castorp vorbei zu dem letzten Tisch rechts, dem „Schlechten
-Russentisch“ also, wo schon eine Familie mit einem häßlichen
-Knaben große Haufen Porridge verschlang. Der Mann war
-schmächtig gebaut und hatte graue und hohle Wangen. Er
-trug eine braune Lederjoppe und an den Füßen plumpe Filzstiefel
-mit Spangenverschluß. Seine Ehefrau, ebenfalls klein
-und zierlich, in wippendem Federhut, trippelte auf winzigen,
-hochgestöckelten Juchtenstiefelchen; eine unsaubere Boa aus
-Vogelfedern lag um ihren Hals. Hans Castorp betrachtete
-die beiden mit einer Rücksichtslosigkeit, die ihm sonst fremd
-war und die er selbst als brutal empfand; doch war es eben
-das Brutale daran, das ihm plötzlich ein gewisses Vergnügen
-verursachte. Seine Augen waren zugleich stumpf und zudringlich.
-Als in demselben Augenblick die Glastür zur Linken zufiel,
-schmetternd und klirrend, wie beim ersten Frühstück, zuckte
-er nicht zusammen wie heute früh, sondern schnitt nur eine
-träge Grimasse; und als er den Kopf nach jener Seite wenden
-wollte, fand er, daß ihm dies allzu schwer falle und daß es die
-Mühe nicht lohne. So kam es, daß er auch diesmal nicht zu
-der Feststellung gelangte, wer mit der Tür denn so liederlich
-umgehe.
-</p>
-
-<p>
-Die Sache war die, daß das Frühstücksbier, sonst nur von
-mäßig benebelnder Wirkung auf seine Natur, den jungen
-Mann heute vollständig betäubte und lähmte, – es zeitigte
-Folgen, als hätte er einen Schlag vor die Stirn bekommen.
-Seine Lider waren wie Blei so schwer, die Zunge gehorchte
-dem einfachen Gedanken nicht recht, als er aus Artigkeit mit
-der Engländerin zu plaudern versuchte; auch nur die Richtung
-des Blicks zu verändern, erforderte große Selbstüberwindung,
-und hinzu kam, daß der abscheuliche Gesichtsbrand den gestrigen
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-Grad nun wieder vollauf erreicht hatte: seine Wangen
-schienen ihm gedunsen vor Hitze, er atmete schwer, sein Herz
-pochte wie ein umwickelter Hammer, und wenn er unter all
-dem nicht sonderlich litt, so war es deshalb, weil sein Kopf sich
-in einem Zustand befand, als habe er zwei oder drei Atemzüge
-von Chloroform getan. Daß Dr. Krokowski doch noch
-beim Frühstück erschien und an seiner Tafel, ihm gegenüber,
-Platz nahm, bemerkte er nur traumweise, obgleich der Doktor
-ihn wiederholentlich scharf ins Auge faßte, während er mit
-den Damen zu seiner Rechten russisch konversierte, – wobei
-die jungen Mädchen, nämlich die blühende Marusja sowohl
-wie auch die magere Yoghurtesserin, unterwürfig und schamhaft
-die Augen vor ihm niederschlugen. Übrigens hielt Hans
-Castorp sich redlich, wie sich von selbst versteht, schwieg, da seine
-Zunge sich widerspenstig zeigte, lieber still und handhabte
-Messer und Gabel sogar mit besonderem Anstand. Als sein
-Vetter ihm zunickte und sich erhob, stand er ebenfalls auf,
-verneigte sich blind gegen die Tischgenossen und ging bestimmten
-Schrittes hinter Joachim hinaus.
-</p>
-
-<p>
-„Wann ist denn wieder Liegekur?“ fragte er, als sie das
-Haus verließen. „Das ist das Beste hier, soviel ich sehe. Ich
-wollte, ich läge schon wieder auf meinem vorzüglichen Stuhl.
-Gehen wir weit spazieren?“
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-4-6">
-Ein Wort zuviel
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-„Nein,“ sagte Joachim, „weit darf ich ja gar nicht gehen.
-Um diese Zeit gehe ich immer ein bißchen hinunter, durchs Dorf
-und bis Platz, wenn ich Zeit habe. Man sieht Läden und
-Leute und kauft ein, was man braucht. Man liegt vor Tische
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-noch eine Stunde, und dann liegt man wieder bis vier Uhr,
-sei ganz unbesorgt.“
-</p>
-
-<p>
-Sie gingen im Sonnenschein die Anfahrt hinab und überschritten
-den Wasserlauf und das schmale Geleise, die Berggestalten
-der rechten Tallehne vor Augen: das „Kleine Schiahorn“,
-die „Grünen Türme“ und den „Dorfberg“, die Joachim
-bei Namen nannte. Dort drüben, in einiger Höhe, lag der
-ummauerte Friedhof von Davos-Dorf, – auf diesen ebenfalls
-wies Joachim mit seinem Stocke hin. Und sie gewannen die
-Hauptstraße, die um ein Stockwerk über die Talsohle erhöht,
-die terrassierte Lehne entlang führte.
-</p>
-
-<p>
-Von einem Dorf konnte übrigens nicht gut die Rede sein;
-jedenfalls war nichts davon als der Name übrig. Der Kurort
-hatte es aufgezehrt, indem er sich immerfort gegen den Taleingang
-hin ausdehnte, und der Teil der gesamten Siedelung,
-welcher „Dorf“ hieß, ging unmerklich und ohne Unterschied in
-den als „Davos Platz“ bezeichneten über. Hotels und Pensionen,
-alle mit gedeckten Veranden, Balkons und Liegehallen
-reichlich versehen, auch kleine Privathäuser, in denen Zimmer
-zu vermieten waren, lagen zu beiden Seiten; hier und da kamen
-Neubauten; manchmal setzte auch die Bebauung aus, und die
-Straße gewährte den Blick in die offenen Wiesengründe des
-Tals ...
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp, in seinem Verlangen nach dem gewohnten,
-geliebten Lebensreiz, hatte sich wieder eine Zigarre angezündet,
-und wahrscheinlich dank dem vorangegangenen Biere vermochte
-er zu seiner unaussprechlichen Genugtuung hier und
-da etwas von dem ersehnten Aroma zu verspüren: nur selten
-und schwach freilich, – es war eine gewisse nervöse Anstrengung
-nötig, um eine Ahnung des Vergnügens zu empfangen, und
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-der abscheuliche Ledergeschmack herrschte bei weitem vor. Unfähig,
-sich in seine Ohnmacht zu finden, rang er eine Weile nach
-dem Genuß, der sich ihm entweder versagte oder nur spottend
-ahnungsweise von ferne zeigte, und warf die Zigarre endlich
-ermüdet und angewidert fort. Trotz seiner Benommenheit
-fühlte er die Höflichkeitsverpflichtung, Konversation zu machen,
-und suchte sich zu diesem Zwecke der ausgezeichneten Dinge zu
-erinnern, die er vorhin über die „Zeit“ zu sagen gehabt hatte.
-Allein es erwies sich, daß er den ganzen „Komplex“ ohne Rest
-vergessen hatte und über die Zeit auch nicht den geringsten
-Gedanken mehr in seinem Kopfe beherbergte. Dafür begann
-er von körperlichen Angelegenheiten zu reden, und zwar etwas
-sonderbar.
-</p>
-
-<p>
-„Wann mißt du dich denn wieder?“ fragte er. „Nach dem
-Essen? Ja, das ist gut. Da ist der Organismus in voller
-Tätigkeit, da muß es sich zeigen. Daß Behrens von mir verlangte,
-ich sollte mich ebenfalls messen, das war doch wohl nur
-Spaß, höre mal, – Settembrini lachte ja auch aus vollem Halse
-darüber, es hätte doch absolut keinen Sinn. Ich habe ja auch
-nicht mal ein Thermometer.“
-</p>
-
-<p>
-„Nun,“ sagte Joachim, „das wäre das wenigste. Du
-brauchst dir nur einen zu kaufen. Hier sind überall Thermometer
-zu haben, beinahe in jedem Laden.“
-</p>
-
-<p>
-„Aber wozu denn! Nein, die Liegekur, die lasse ich mir gefallen,
-die will ich wohl mitmachen, aber das Messen wäre
-zuviel für einen Hospitanten, das überlasse ich denn doch lieber
-euch hier oben. Wenn ich nur wüßte,“ fuhr Hans Castorp
-fort, indem er beide Hände zum Herzen führte wie ein Verliebter,
-„warum ich die ganze Zeit solches Herzklopfen habe, –
-es ist so beunruhigend, ich denke schon länger darüber nach.
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-Siehst du, man hat Herzklopfen, wenn einem eine ganz besondere
-Freude bevorsteht oder wenn man sich ängstigt, kurz,
-bei Gemütsbewegungen, nicht? Aber wenn einem das Herz
-nun ganz von selber klopft, grundlos und sinnlos und sozusagen
-auf eigene Hand, das finde ich geradezu unheimlich,
-versteh mich recht, es ist ja so, als ob der Körper seine eigenen
-Wege ginge und keinen Zusammenhang mit der Seele mehr
-hätte, gewissermaßen wie ein toter Körper, der ja auch nicht
-wirklich tot ist – das gibt es gar nicht –, sondern sogar ein
-sehr lebhaftes Leben führt, nämlich auf eigene Hand: es wachsen
-ihm noch die Haare und Nägel, und auch sonst soll physikalisch
-und chemisch, wie ich mir habe sagen lassen, ein überaus
-munterer Betrieb darin herrschen ...“
-</p>
-
-<p>
-„Was sind denn das für Ausdrücke“, sagte Joachim besonnen
-verweisend. „Ein munterer Betrieb!“ Und vielleicht
-rächte er sich damit ein wenig für den Verweis, den er heute
-früh wegen des „Schellenbaums“ erhalten.
-</p>
-
-<p>
-„Aber es ist doch so! Es <em>ist</em> ein sehr munterer Betrieb!
-Warum nimmst du denn Anstoß daran?“ fragte Hans Castorp.
-„Übrigens erwähnte ich das nur nebenbei. Ich wollte
-nichts weiter sagen, als: es ist unheimlich und quälend, wenn
-der Körper auf eigene Hand und ohne Zusammenhang mit
-der Seele lebt und sich wichtig macht, wie bei solchem unmotivierten
-Herzklopfen. Man sucht förmlich nach einem Sinn
-dafür, einer Gemütsbewegung, die dazu gehört, einem Gefühl
-der Freude oder der Angst, wodurch es sozusagen gerechtfertigt
-würde, – so geht es wenigstens mir, ich kann nur von mir
-reden.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, ja,“ sagte Joachim seufzend, „es ist wohl so ähnlich,
-wie wenn man Fieber hat – dabei herrscht auch ein besonders
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-‚munterer Betrieb‘ im Körper, um deinen Ausdruck zu gebrauchen,
-und da mag es schon sein, daß man sich unwillkürlich
-nach einer Gemütsbewegung umsieht, wie du sagst, wodurch
-der Betrieb einen halbwegs vernünftigen Sinn bekommt ...
-Aber wir reden so unangenehmes Zeug“, sagte er mit bebender
-Stimme und brach ab; worauf Hans Castorp nur mit den
-Achseln zuckte, und zwar ganz so, wie er es gestern abend zuerst
-bei Joachim gesehen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Sie gingen eine Weile schweigend. Dann fragte Joachim:
-</p>
-
-<p>
-„Nun, wie gefallen dir denn die Leute hier? Ich meine die
-an unserem Tisch?“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp machte ein gleichgültig musterndes Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-„Gott,“ sagte er, „sie scheinen mir nicht sehr interessant.
-An den anderen Tischen sitzen, glaube ich, interessantere, aber
-das kommt einem vielleicht nur so vor. Frau Stöhr sollte sich
-das Haar waschen lassen, es ist so fett. Und diese Mazurka da,
-oder wie sie heißt, kommt mir etwas albern vor. Immer muß
-sie sich das Taschentuch in den Mund stopfen vor lauter
-Kichern.“
-</p>
-
-<p>
-Joachim lachte laut über die Namensverdrehung.
-</p>
-
-<p>
-„‚Mazurka‘ ist ausgezeichnet!“ rief er. „Marusja heißt sie,
-wenn du erlaubst, – das ist soviel wie Marie. Ja, sie ist
-wirklich zu ausgelassen“, sagte er. „Und dabei hätte sie allen
-Grund, gesetzter zu sein, denn sie ist gar nicht wenig krank.“
-</p>
-
-<p>
-„Das sollte man nicht denken“, sagte Hans Castorp. „Sie
-ist so gut im Stand. Gerade für brustkrank sollte man sie
-nicht halten.“ Und er versuchte mit dem Vetter einen flotten
-Blick zu tauschen, fand aber, daß Joachims sonnverbranntes
-Gesicht eine fleckige Färbung zeigte, wie sonnverbrannte Gesichter
-sie annehmen, wenn das Blut daraus weicht, und daß
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-sein Mund sich auf ganz eigentümlich klägliche Weise verzerrt
-hatte, – zu einem Ausdruck, der dem jungen Hans Castorp
-einen unbestimmten Schrecken einflößte und ihn veranlaßte,
-sofort den Gegenstand zu wechseln und sich nach anderen Personen
-zu erkundigen, wobei er Marusja und Joachims Gesichtsausdruck
-rasch zu vergessen suchte, was ihm auch völlig
-gelang.
-</p>
-
-<p>
-Die Engländerin mit dem Hagebuttentee hieß Miß Robinson.
-Die Nähterin war keine Nähterin, sondern Lehrerin an
-einer staatlichen höheren Töchterschule in Königsberg, und dies
-war der Grund, weshalb sie sich so richtig ausdrückte. Sie
-hieß Fräulein Engelhart. Was die muntere alte Dame betraf,
-so wußte Joachim selber nicht, wie sie hieß, wie lange er
-auch schon hier oben war. Jedenfalls war sie die Großtante
-des Yoghurt essenden jungen Mädchens, mit dem sie beständig
-im Sanatorium lebte. Aber am kränksten von denen am Tisch
-war Dr. Blumenkohl, Leo Blumenkohl aus Odessa, – jener
-junge Mann mit dem Schnurrbart und der sorgenvoll verschlossenen
-Miene. Schon ganze Jahre war er hier oben ...
-</p>
-
-<p>
-Es war jetzt städtisches Trottoir, auf dem sie gingen, – die
-Hauptstraße eines internationalen Treffpunktes, das sah man
-wohl. Flanierende Kurgäste begegneten ihnen, junge Leute zumeist,
-Kavaliere in Sportanzügen und ohne Hut, Damen,
-ebenfalls ohne Hut und in weißen Röcken. Man hörte Russisch
-und Englisch sprechen. Läden mit schmucken Schaufenstern
-reihten sich rechts und links, und Hans Castorp, dessen
-Neugier heftig mit seiner glühenden Müdigkeit kämpfte, zwang
-seine Augen, zu sehen und verweilte lange vor einem Herrenmodegeschäft,
-um festzustellen, daß die Auslage durchaus auf
-der Höhe sei.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-Dann kam eine Rotunde mit gedeckter Galerie, in der eine
-Kapelle konzertierte. Hier war das Kurhaus. Auf mehreren
-Tennisplätzen waren Partien im Gange. Langbeinige, rasierte
-Jünglinge in scharf gebügelten Flanellhosen, auf Gummisohlen
-und mit entblößten Unterarmen spielten gebräunten
-und weiß gekleideten Mädchen gegenüber, die anlaufend sich
-in der Sonne steil emporreckten, um den kreideweißen Ball
-hoch aus der Luft zu schlagen. Wie Mehlstaub lag es über
-den gepflegten Sportfeldern. Die Vettern setzten sich auf eine
-freie Bank, um dem Spiele zuzusehen und es zu kritisieren.
-</p>
-
-<p>
-„Du spielst hier wohl nicht?“ fragte Hans Castorp.
-</p>
-
-<p>
-„Ich darf ja nicht“, antwortete Joachim. „Wir müssen
-liegen, immer liegen ... Settembrini sagt immer, wir lebten
-horizontal, – wir seien Horizontale, sagt er, das ist so ein fauler
-Witz von ihm. – Es sind Gesunde, die da spielen, oder sie
-tun es verbotenerweise. Übrigens spielen sie ja nicht sehr ernsthaft,
-– mehr des Kostüms wegen ... Und was das Verbotensein
-betrifft, da gibt es noch mehr Verbotenes, was hier
-gespielt wird, Poker, verstehst du, und in dem und jenem Hotel
-auch <span class="antiqua" lang="fr">petits chevaux</span>, – bei uns steht Ausweisung darauf, es
-soll das allerschädlichste sein. Aber manche laufen noch nach
-der Abendkontrolle hinunter und pointieren. Der Prinz, von
-dem Behrens seinen Titel hat, soll es auch immer getan
-haben.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp hörte das kaum. Der Mund stand ihm offen,
-denn er konnte nicht recht durch die Nase atmen, ohne daß er
-übrigens Schnupfen gehabt hätte. Sein Herz hämmerte in
-falschem Takte zu der Musik, was er dumpf als quälend empfand.
-Und in diesem Gefühl von Unordnung und Widerstreit
-begann er einzuschlafen, als Joachim zum Heimgehen mahnte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-Sie legten den Weg fast schweigend zurück. Hans Castorp
-stolperte sogar ein paarmal auf der ebenen Straße und lächelte
-wehmütig darüber, indem er den Kopf schüttelte. Der Hinkende
-fuhr sie im Lift in ihr Stockwerk. Sie trennten sich vor
-Nummer vierunddreißig mit einem kurzen „Auf Wiedersehn“.
-Hans Castorp steuerte durch sein Zimmer auf den Balkon
-hinaus, wo er sich, wie er ging und stand, auf den Liegestuhl
-fallen ließ und ohne die einmal eingenommene Lage zu verbessern
-in einen schweren, von dem raschen Schlage seines
-Herzens peinlich belebten Halbschlummer sank.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-4-7">
-Natürlich, ein Frauenzimmer!
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Wie lange das dauerte, wußte er nicht. Als der Zeitpunkt
-gekommen war, ertönte das Gong. Aber es rief noch nicht
-unmittelbar zur Mahlzeit, es mahnte nur, sich bereit zu machen,
-wie Hans Castorp wußte, und so blieb er noch liegen, bis das
-metallische Dröhnen zum zweitenmal anschwoll und sich entfernte.
-Als Joachim durch das Zimmer kam, um ihn zu holen,
-wollte Hans Castorp sich umziehen, aber nun erlaubte Joachim
-es nicht mehr. Er haßte und verachtete Unpünktlichkeit.
-Wie man denn vorwärts kommen wolle und gesund werden,
-um Dienst machen zu können, sagte er, wenn man sogar zu
-schlapp sei, um die Essenszeit einzuhalten. Da hatte er natürlich
-recht, und Hans Castorp konnte lediglich darauf hinweisen,
-daß er ja nicht krank, dafür aber im höchsten Grade schläfrig
-sei. Er wusch sich nur rasch die Hände; dann gingen sie in den
-Saal hinunter, zum drittenmal.
-</p>
-
-<p>
-Durch beide Eingänge strömten die Gäste herein. Auch durch
-die Verandatüren dort drüben, die offen standen, kamen sie,
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-und bald saßen sie alle an den sieben Tischen, als seien sie nie
-davon aufgestanden. Dies war wenigstens Hans Castorps
-Eindruck, – ein rein träumerischer und vernunftwidriger Eindruck
-natürlich, dessen sein umnebelter Kopf sich jedoch einen
-Augenblick nicht erwehren konnte und an dem er sogar ein gewisses
-Gefallen fand; denn mehrmals im Laufe der Mahlzeit
-suchte er ihn sich zurückzurufen, und zwar mit dem Erfolge
-vollkommener Täuschung. Die muntere alte Dame redete
-wieder in ihrer verwischten Sprache auf den ihr schräg gegenübersitzenden
-Dr. Blumenkohl ein, der ihr mit besorgter Miene
-zuhörte. Ihre magere Großnichte aß endlich etwas anderes
-als Yoghurt, nämlich die seimige <span class="antiqua" lang="fr">Crème d’orge</span>, welche die
-Saaltöchter in Tellern serviert hatten; doch nahm sie nur wenige
-Löffel davon und ließ sie dann stehen. Die hübsche Marusja
-stopfte ihr Taschentüchlein, das ein Apfelsinenparfüm
-ausströmte, in den Mund, um ihr Kichern zu ersticken. Miß
-Robinson las dieselben rundlich geschriebenen Briefe, die sie
-schon heute morgen gelesen hatte. Offenbar konnte sie kein
-Wort deutsch und wollte es auch nicht können. Joachim sagte
-in ritterlicher Haltung etwas auf englisch zu ihr über das Wetter,
-was sie einsilbig kauend beantwortete, um dann ins Schweigen
-zurückzukehren. Was Frau Stöhr in ihrer schottischen
-Wollbluse betraf, so war sie heute vormittag untersucht worden
-und berichtete darüber, indem sie sich auf ungebildete Weise
-zierte und die Oberlippe von ihren Hasenzähnen zurückzog.
-Rechts oben, so klagte sie, habe sie Geräusch, außerdem klinge
-es unter der linken Achsel noch sehr verkürzt, und fünf Monate,
-habe „der Alte“ gesagt, müsse sie noch bleiben. In ihrer
-Unbildung nannte sie Hofrat Behrens „den Alten“. Übrigens
-zeigte sie sich empört darüber, daß „der Alte“ heute nicht an
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-ihrem Tische sitze. Der „Tournee“ zufolge (sie meinte wohl
-„Turnus“) sei ihr Tisch heute mittag an der Reihe, während
-„der Alte“ schon wieder am Nebentische links sitze – (wirklich
-saß Hofrat Behrens dort und faltete seine riesigen Hände vor
-seinem Teller). Aber freilich, dort habe ja die dicke Frau Salomon
-aus Brüssel ihren Platz, die jeden Wochentag dekolletiert
-zum Essen komme, und daran finde „der Alte“ offenbar Gefallen,
-obgleich sie, Frau Stöhr, es nicht begreifen könne, denn
-bei jeder Untersuchung sähe er ja beliebig viel von Frau Salomon.
-Später erzählte sie in erregtem Flüstertone, daß gestern
-abend in der oberen gemeinsamen Liegehalle – der nämlich,
-die sich auf dem Dache befinde – das Licht ausgelöscht worden
-sei, und zwar zu Zwecken, die Frau Stöhr als „durchsichtig“
-bezeichnete. „Der Alte“ habe es gemerkt und so gewettert, daß
-es in der ganzen Anstalt zu hören gewesen sei. Aber den Schuldigen
-habe er natürlich wieder nicht ausfindig gemacht, während
-man doch nicht auf der Universität studiert zu haben
-brauche, um zu erraten, daß es natürlich dieser Hauptmann
-Miklosich aus Bukarest gewesen sei, dem es in Damengesellschaft
-überhaupt nie dunkel genug sein könne, – ein Mensch
-ohne all und jede Bildung, obgleich er ein Korsett trage, und
-seinem Wesen nach einfach ein Raubtier, – ja, ein Raubtier,
-wiederholte Frau Stöhr mit erstickter Stimme, indem ihr auf
-Stirn und Oberlippe der Schweiß ausbrach. In welchen Beziehungen
-Frau Generalkonsul Wurmbrand aus Wien zu ihm
-stehe, das wisse ja Dorf und Platz, – man könne wohl kaum
-noch von <em>geheimnisvollen</em> Beziehungen sprechen. Denn
-nicht genug, daß der Hauptmann zuweilen schon morgens zu
-der Generalkonsulin aufs Zimmer komme, wenn diese noch im
-Bett liege, worauf er dann ihrer ganzen Toilette beiwohne,
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-sondern am vorigen Dienstag habe er das Zimmer der Wurmbrand
-überhaupt erst morgens um vier Uhr <em>verlassen</em>, – die
-Pflegerin des jungen Franz auf Nummer neunzehn, bei dem
-neulich der Pneumothorax mißglückt sei, habe ihn selbst dabei
-betroffen und vor Scham die gesuchte Tür verfehlt, so daß
-sie sich plötzlich in dem Zimmer des Staatsanwalts Paravant
-aus Dortmund gesehen habe ... Schließlich erging Frau
-Stöhr sich längere Zeit über eine „kosmische Anstalt“, die sich
-drunten im Ort befinde, und in der sie ihr Zahnwasser kaufe, –
-Joachim blickte starr auf seinen Teller nieder ...
-</p>
-
-<p>
-Das Mittagessen war sowohl meisterhaft zubereitet wie
-auch im höchsten Grade ausgiebig. Die nahrhafte Suppe eingerechnet,
-bestand es aus nicht weniger als sechs Gängen.
-Dem Fisch folgte ein gediegenes Fleischgericht mit Beilagen,
-hierauf eine besondere Gemüseplatte, gebratenes Geflügel dann,
-eine Mehlspeise, die jener von gestern abend an Schmackhaftigkeit
-nicht nachstand, und endlich Käse und Obst. Jede Schüssel
-ward zweimal gereicht – und nicht vergebens. Man füllte
-die Teller und aß an den sieben Tischen, – ein Löwenappetit
-herrschte im Gewölbe, ein Heißhunger, dem zuzusehen wohl
-ein Vergnügen gewesen wäre, wenn er nicht gleichzeitig auf
-irgendeine Weise unheimlich, ja abscheulich gewirkt hätte.
-Nicht nur die Munteren legten ihn an den Tag, die schwatzten
-und einander mit Brotkügelchen warfen, nein, auch die Stillen
-und Finsteren, die in den Pausen den Kopf in die Hände stützten
-und starrten. Ein halbwüchsiger Mensch am Nebentisch
-links, ein Schuljunge seinen Jahren nach, mit zu kurzen Ärmeln
-und dicken, kreisrunden Brillengläsern, schnitt alles, was
-er sich auf den Teller häufte, im voraus zu einem Brei und
-Gemengsel zusammen; dann beugte er sich darüber und schlang,
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-indem er zuweilen mit der Serviette hinter die Brille fuhr, um
-sich die Augen zu wischen, – man wußte nicht, was da zu
-trocknen war, ob Schweiß oder Tränen.
-</p>
-
-<p>
-Zwei Zwischenfälle ereigneten sich während der großen
-Mahlzeit und erregten Hans Castorps Aufmerksamkeit, soweit
-sein Befinden dies zuließ. Erstens fiel wieder die Glastür
-zu, – es war beim Fisch. Hans Castorp zuckte erbittert und
-sagte dann in zornigem Eifer zu sich selbst, daß er unbedingt
-diesmal den Täter feststellen müsse. Er dachte es nicht nur,
-er sagte es auch mit den Lippen, so ernst war es ihm. Ich
-muß es wissen! flüsterte er mit übertriebener Leidenschaftlichkeit,
-so daß Miß Robinson sowohl wie die Lehrerin ihn verwundert
-anblickten. Und dabei wandte er den ganzen Oberkörper
-nach links und riß seine blutüberfüllten Augen auf.
-</p>
-
-<p>
-Es war eine Dame, die da durch den Saal ging, eine Frau,
-ein junges Mädchen wohl eher, nur mittelgroß, in weißem
-Sweater und farbigem Rock, mit rötlichblondem Haar, das
-sie einfach in Zöpfen um den Kopf gelegt trug. Hans Castorp
-sah nur wenig von ihrem Profil, fast gar nichts. Sie ging ohne
-Laut, was zu dem Lärm ihres Eintritts in wunderlichem Gegensatz
-stand, ging eigentümlich schleichend und etwas vorgeschobenen
-Kopfes zum äußersten Tische links, der senkrecht zur
-Verandatür stand, dem „Guten Russentisch“ nämlich, wobei
-sie die eine Hand in der Tasche der anliegenden Wolljacke hielt,
-die andere aber, das Haar stützend und ordnend, zum Hinterkopf
-führte. Hans Castorp blickte auf diese Hand, – er hatte
-viel Sinn und kritische Aufmerksamkeit für Hände und war
-gewöhnt, auf diesen Körperteil zuerst, wenn er neue Bekanntschaften
-machte, sein Augenmerk zu richten. Sie war nicht
-sonderlich damenhaft, die Hand, die das Haar stützte, nicht so
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-gepflegt und veredelt, wie Frauenhände in des jungen Hans
-Castorp gesellschaftlicher Sphäre zu sein pflegten. Ziemlich
-breit und kurzfingrig, hatte sie etwas Primitives und Kindliches,
-etwas von der Hand eines Schulmädchens; ihre Nägel
-wußten offenbar nichts von Maniküre, sie waren schlecht und
-recht beschnitten, ebenfalls wie bei einem Schulmädchen, und
-an ihren Seiten schien die Haut etwas aufgerauht, fast so, als
-werde hier das kleine Laster des Fingerkauens gepflegt. Übrigens
-erkannte Hans Castorp dies eher ahnungsweise, als daß
-er es eigentlich gesehen hätte, – die Entfernung war doch zu
-bedeutend. Mit einem Kopfnicken begrüßte die Nachzüglerin
-ihre Tischgesellschaft, und indem sie sich setzte, an die Innenseite
-des Tisches, den Rücken gegen den Saal, zur Seite Dr.
-Krokowskis, der dort den Vorsitz hatte, wandte sie, noch immer
-die Hand am Haar, den Kopf über die Schulter und überblickte
-das Publikum, – wobei Hans Castorp flüchtig bemerkte,
-daß sie breite Backenknochen und schmale Augen hatte ...
-Eine vage Erinnerung an irgendetwas und irgendwen berührte
-ihn leicht und vorübergehend, als er das sah ...
-</p>
-
-<p>
-Natürlich, ein Frauenzimmer! dachte Hans Castorp, und
-wieder murmelte er es ausdrücklich vor sich hin, so daß die
-Lehrerin, Fräulein Engelhart, verstand, was er sagte. Die
-dürftige alte Jungfer lächelte gerührt.
-</p>
-
-<p>
-„Das ist Madame Chauchat“, sagte sie. „Sie ist so lässig.
-Eine entzückende Frau.“ Und dabei verstärkte sich die flaumige
-Röte auf Fräulein Engelharts Wangen um eine Schattierung,
-– was übrigens immer der Fall war, sobald sie den Mund
-öffnete.
-</p>
-
-<p>
-„Französin?“ fragte Hans Castorp streng.
-</p>
-
-<p>
-„Nein, sie ist Russin“, sagte die Engelhart. „Vielleicht ist
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-der Mann Franzose oder französischer Abkunft, das weiß ich
-nicht sicher.“
-</p>
-
-<p>
-Ob es <em>der</em> dort sei, fragte Hans Castorp noch immer gereizt
-und deutete auf einen Herrn mit vorhängenden Schultern am
-Guten Russentisch.
-</p>
-
-<p>
-O nein, er sei nicht hier, entgegnete die Lehrerin. Er sei überhaupt
-noch nicht hier gewesen, sei hier ganz unbekannt.
-</p>
-
-<p>
-„Sie sollte die Tür ordentlich zumachen!“ sagte Hans Castorp.
-„Immer läßt sie sie zufallen. Das ist doch eine Unmanier.“
-</p>
-
-<p>
-Und da die Lehrerin den Verweis demütig lächelnd einsteckte,
-als sei sie selber die Schuldige, so war nicht weiter die Rede
-von Madame Chauchat. –
-</p>
-
-<p>
-Das zweite Vorkommnis bestand darin, daß Dr. Blumenkohl
-vorübergehend den Saal verließ, – weiter war es nichts.
-Plötzlich verstärkte sich der leise angewiderte Ausdruck seines
-Gesichtes, sorgenvoller als sonst blickte er auf einen Punkt,
-schob dann mit bescheidener Bewegung seinen Stuhl zurück
-und ging hinaus. Hier aber zeigte sich Frau Stöhrs große
-Unbildung im vollsten Licht, denn wahrscheinlich aus gemeiner
-Genugtuung darüber, daß sie weniger krank war als Blumenkohl,
-begleitete sie seinen Weggang mit halb mitleidigen, halb
-verächtlichen Glossen. „Der Ärmste!“ sagte sie. „Der pfeift
-bald aus dem letzten Loch. Schon wieder muß er sich mit dem
-Blauen Heinrich besprechen.“ Ganz ohne Überwindung, mit
-störrisch unwissender Miene, brachte sie die fratzenhafte Bezeichnung
-„der blaue Heinrich“ über die Lippen, und Hans
-Castorp empfand ein Gemisch von Schrecken und Lachreiz, als
-sie es sagte. Übrigens kehrte Dr. Blumenkohl nach wenigen
-Minuten in der gleichen bescheidenen Haltung zurück, in der
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-er hinausgegangen war, nahm wieder Platz und fuhr fort, zu
-essen. Auch er aß sehr viel, von jedem Gerichte zweimal, stumm
-und mit sorgenvoll verschlossener Miene.
-</p>
-
-<p>
-Dann war das Mittagessen beendet: dank einer gewandten
-Bedienung – denn die Zwergin besonders war ein sonderbar
-raschfüßiges Wesen – hatte es nur eine gute Stunde gedauert.
-Hans Castorp, schwer atmend, und ohne recht zu wissen, wie
-er heraufgekommen war, lag wieder auf dem vorzüglichen
-Stuhl in seiner Balkonloge, denn nach dem Essen war Liegekur
-bis zum Tee, – sogar die wichtigste des Tages und streng
-einzuhalten. Zwischen den undurchsichtigen Glaswänden, die
-ihn von Joachim einerseits und dem russischen Ehepaar andererseits
-trennten, lag er und dämmerte mit pochendem Herzen,
-indem er Luft durch den Mund holte. Als er sein Taschentuch
-benutzte, fand er es von Blut gerötet, aber er hatte nicht
-die Kraft, sich Gedanken darüber zu machen, obgleich er ja
-etwas ängstlich mit sich war und von Natur ein wenig zu
-hypochondrischen Grillen neigte. Wieder hatte er sich eine
-Maria Mancini angezündet, und diesmal rauchte er sie zu
-Ende, mochte sie nun wie immer schmecken. Schwindelig, beklommen
-und träumerisch bedachte er, wie sehr sonderbar es
-ihm hier oben ergehe. Zwei- oder dreimal ward seine Brust
-von innerem Lachen erschüttert über die schauderhafte Bezeichnung,
-deren Frau Stöhr sich in ihrer Unbildung bedient hatte.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-4-8">
-Herr Albin
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Drunten im Garten hob sich das Phantasie-Fahnentuch mit
-dem Schlangenstabe zuweilen im Windhauch. Der Himmel
-hatte sich wieder gleichmäßig bedeckt. Die Sonne war fort,
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-und sogleich war es fast unwirtlich kühl geworden. Die gemeinsame
-Liegehalle schien voll besetzt; es herrschte Gespräch
-und Gekicher dort unten.
-</p>
-
-<p>
-„Herr Albin, ich flehe Sie an, legen Sie das Messer fort,
-stecken Sie es ein, es geschieht ein Unglück damit!“ klagte eine
-hohe, schwankende Damenstimme. Und:
-</p>
-
-<p>
-„Bester Herr Albin, um Gottes willen, schonen Sie unsere
-Nerven und bringen Sie uns das entsetzliche Mordding aus
-den Augen!“ mischte sich eine zweite darein, – worauf ein
-blondköpfiger junger Mann, welcher, eine Zigarette im Munde,
-seitwärts auf dem vordersten Liegestuhl saß, in frechem Tone
-erwiderte:
-</p>
-
-<p>
-„Fällt mir nicht ein! Die Damen werden mir doch wohl
-erlauben, etwas mit meinem Messer zu spielen! Nun ja, gewiß,
-es ist ein besonders scharfes Messer. Ich habe es in Kalkutta
-einem blinden Zauberer abgekauft ... Er konnte es
-verschlucken, und gleich darauf grub sein Boy es fünfzig Schritte
-von ihm entfernt aus dem Boden ... Wollen Sie sehen?
-Es ist viel schärfer als ein Rasiermesser. Man braucht die
-Schneide nur zu berühren, und sie geht einem ins Fleisch wie
-durch Butter. Warten Sie, ich zeige es Ihnen näher ...“
-Und Herr Albin stand auf. Ein Gekreisch erhob sich. „Nein,
-jetzt hole ich meinen Revolver!“ sagte Herr Albin. „Das wird
-Sie mehr interessieren. Ein ganz verflixtes Ding. Von einer
-Durchschlagskraft ... Ich hole ihn aus meinem Zimmer.“
-</p>
-
-<p>
-„Herr Albin, Herr Albin, tun Sie es nicht!“ zeterten mehrere
-Stimmen. Aber Herr Albin kam schon aus der Liegehalle hervor,
-um auf sein Zimmer zu gehen, – blutjung und schlenkricht,
-mit rosigem Kindergesicht und kleinen Backenbartstreifen neben
-den Ohren.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-„Herr Albin,“ rief eine Dame hinter ihm drein, „holen Sie
-lieber Ihren Paletot, ziehen Sie ihn an, tun Sie es mir zuliebe!
-Sechs Wochen haben Sie mit Lungenentzündung gelegen, und
-nun sitzen Sie hier ohne Überzieher und decken sich nicht einmal
-zu und rauchen Zigaretten! Das heißt Gott versuchen,
-Herr Albin, mein Ehrenwort!“
-</p>
-
-<p>
-Aber er lachte nur höhnisch im Weggehen, und schon nach
-wenigen Minuten kehrte er mit dem Revolver zurück. Da
-kreischten sie noch alberner als vorhin, und man hörte, daß
-mehrere von den Stühlen springen wollten, sich in ihre Decken
-verwickelten und stürzten.
-</p>
-
-<p>
-„Sehen Sie, wie klein und blank er ist,“ sagte Herr Albin,
-„aber wenn ich hier drücke, so beißt er zu ...“ Ein neues Gekreisch.
-„Er ist natürlich scharf geladen“, fuhr Herr Albin fort.
-„In dieser Scheibe hier stecken die sechs Patronen, die dreht
-sich bei jedem Schuß um ein Loch weiter ... Übrigens halte
-ich mir das Ding nicht zum Spaß“, sagte er, da er bemerkte,
-daß die Wirkung sich abnutzte, ließ den Revolver in die Brusttasche
-gleiten und setzte sich wieder mit übergeschlagenem Bein
-auf seinen Stuhl, indem er sich eine frische Zigarette anzündete.
-„Durchaus nicht zum Spaß“, wiederholte er und preßte
-die Lippen zusammen.
-</p>
-
-<p>
-„Wozu denn? Wozu denn?“ fragten ahnungsvoll bebende
-Stimmen. „Entsetzlich!“ schrie plötzlich eine einzelne, und da
-nickte Herr Albin.
-</p>
-
-<p>
-„Ich sehe, Sie fangen an, zu begreifen“, sagte er. „In der
-Tat, dazu halte ich ihn mir“, fuhr er leichthin fort, nachdem
-er trotz der überstandenen Lungenentzündung eine Menge
-Rauch eingezogen und wieder von sich geblasen hatte. „Ich
-halte ihn in Bereitschaft für den Tag, wo mir dieser Trödel
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-hier zu langweilig wird und wo ich die Ehre haben werde, mich
-ergebenst zu empfehlen. Die Sache ist ziemlich einfach ... Ich
-habe einiges Studium darauf verwandt und bin mit mir im
-reinen darüber, wie sie am besten zu deichseln ist. (Bei dem
-Worte „deichseln“ ertönte ein Schrei.) Die Herzpartie schaltet
-aus ... Der Ansatz ist mir da nicht recht bequem ... Auch
-ziehe ich es vor, das Bewußtsein an Ort und Stelle auszulöschen,
-nämlich indem ich mir so einen hübschen kleinen Fremdkörper
-in dieses interessante Organ appliziere ...“ Und Herr
-Albin deutete mit dem Zeigefinger auf seinen kurzgeschorenen
-Blondschädel. „Man muß hier ansetzen –“ Herr Albin zog
-den vernickelten Revolver wieder aus der Tasche und klopfte
-mit der Mündung an seine Schläfe – „hier oberhalb der Schlagader
-... Sogar ohne Spiegel ist es eine glatte Sache ...“
-</p>
-
-<p>
-Mehrstimmiger, flehender Protest ward laut, in den sich
-sogar ein heftiges Schluchzen mischte.
-</p>
-
-<p>
-„Herr Albin, Herr Albin, den Revolver weg, nehmen Sie
-den Revolver von <a id="corr-18"></a>Ihrer Schläfe weg, es ist nicht anzusehen!
-Herr Albin, Sie sind jung, Sie werden gesund werden, Sie
-werden ins Leben zurückkehren und sich der allgemeinen Beliebtheit
-erfreuen, mein Ehrenwort! Ziehen Sie nur Ihren
-Mantel an, legen Sie sich hin, decken Sie sich zu, machen Sie
-Kur! Jagen Sie den Bademeister nicht wieder fort, wenn
-er kommt, um Sie mit Alkohol abzureiben! Lassen Sie das
-Zigarettenrauchen, Herr Albin, hören Sie, wir bitten um Ihr
-Leben, Ihr junges, kostbares Leben!“
-</p>
-
-<p>
-Aber Herr Albin war unerbittlich.
-</p>
-
-<p>
-„Nein, nein,“ sagte er, „lassen Sie mich, es ist gut, ich danke
-Ihnen. Ich habe noch nie einer Dame etwas abgeschlagen,
-aber Sie werden einsehen, daß es unnütz ist, dem Schicksal
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-in die Speichen zu fallen. Ich bin im dritten Jahr hier ...
-ich habe es satt und spiele nicht mehr mit, – können Sie mir
-das verargen? Unheilbar, meine Damen, – sehen Sie mich
-an, wie ich hier sitze, bin ich unheilbar, – der Hofrat selbst
-macht kaum noch ehren- und schandenhalber ein Hehl daraus.
-Gönnen Sie mir das bißchen Ungebundenheit, das für mich
-aus dieser Tatsache resultiert! Es ist wie auf dem Gymnasium,
-wenn es entschieden war, daß man sitzen blieb und nicht mehr
-gefragt wurde und nichts mehr zu tun brauchte. Zu diesem
-glücklichen Zustand bin ich nun endgültig wieder gediehen.
-Ich brauche nichts mehr zu tun, ich komme nicht mehr in Betracht,
-ich lache über das Ganze. Wollen Sie Schokolade?
-Bedienen Sie sich! Nein, Sie berauben mich nicht, ich habe
-massenweise Schokolade auf meinem Zimmer. Acht Bonbonnieren,
-fünf Tafeln Gala-Peter und vier Pfund Lindschokolade
-habe ich da oben, – das alles haben die Damen des
-Sanatoriums mir während meiner Lungenentzündung zustellen
-lassen ...“
-</p>
-
-<p>
-Irgendwoher gebot eine Baßstimme Ruhe. Herr Albin
-lachte kurz auf, – es war ein flatternd-abgerissenes Lachen.
-Dann ward es still in der Liegehalle, so still, als sei ein Traum
-oder Spuk zerstoben; und sonderbar klangen die gesprochenen
-Worte im Schweigen nach. Hans Castorp lauschte ihnen, bis
-sie völlig erstorben waren, und obwohl ihm unbestimmt schien,
-als ob Herr Albin ein Laffe sei, so konnte er sich doch nicht eines
-gewissen Neides auf ihn erwehren. Namentlich jenes dem
-Schulleben entnommene Gleichnis hatte ihm Eindruck gemacht,
-denn er selbst war ja in Untersekunda sitzen geblieben, und er
-erinnerte sich wohl des etwas schimpflichen aber humoristischen,
-angenehm verwahrlosten Zustandes, dessen er genossen hatte,
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-als er im vierten Quartal das Rennen aufgegeben und „über
-das Ganze“ hatte lachen können. Da seine Betrachtungen
-dumpf und verworren waren, so ist es schwer, sie zu präzisieren.
-Hauptsächlich schien ihm, daß die Ehre bedeutende Vorteile
-für sich habe, aber die Schande nicht minder, ja, daß die Vorteile
-der letzteren geradezu grenzenloser Art seien. Und indem
-er sich probeweise in Herrn Albins Zustand versetzte und sich
-vergegenwärtigte, wie es sein müsse, wenn man endgültig des
-Druckes der Ehre ledig war und auf immer die bodenlosen
-Vorteile der Schande genoß, erschreckte den jungen Mann
-ein Gefühl von wüster Süßigkeit, das sein Herz vorübergehend
-zu noch hastigerem Gange erregte.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-4-9">
-Satana macht ehrrührige Vorschläge
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Später verlor er das Bewußtsein. Nach seiner Taschenuhr
-war es halb vier, als Gespräch hinter der linken Glaswand
-ihn weckte: Dr. Krokowski, der um diese Zeit ohne den
-Hofrat die Runde machte, sprach dort russisch mit dem unmanierlichen
-Ehepaar, erkundigte sich, wie es schien, nach dem
-Befinden des Gatten und ließ sich seine Fiebertabelle zeigen.
-Dann aber setzte er seinen Weg nicht durch die Balkonlogen
-fort, sondern umging Hans Castorps Abteil, indem er sich auf
-den Korridor zurückbegab und durch die Zimmertür bei Joachim
-eintrat. Daß man solchergestalt einen Bogen um ihn beschrieb
-und ihn links liegen ließ, empfand Hans Castorp denn doch
-als etwas verletzend, obgleich ihn nach einem Zusammensein
-unter vier Augen mit Dr. Krokowski ja durchaus nicht verlangte.
-Freilich, er war eben gesund und zählte nicht mit, –
-denn bei denen hier oben, dachte er, lagen die Dinge so, daß
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-derjenige nicht in Betracht kam und nicht gefragt wurde, der die
-Ehre hatte, gesund zu sein, und das ärgerte den jungen Castorp.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem Dr. Krokowski sich bei Joachim zwei oder drei Minuten
-verweilt hatte, ging er den Balkon entlang weiter, und
-Hans Castorp hörte den Vetter sagen, daß man nun aufstehen
-und sich zur Vespermahlzeit bereit machen könne. „Schön“,
-sagte er und stand auf. Aber es schwindelte ihn sehr vom
-langen Liegen, und der unerquickliche Halbschlaf hatte ihm
-das Gesicht aufs neue peinlich erhitzt, während er übrigens
-zum Frösteln neigte, – vielleicht hatte er sich nicht warm genug
-zugedeckt.
-</p>
-
-<p>
-Er wusch sich Augen und Hände, ordnete sein Haar und
-seine Kleider und traf mit Joachim auf dem Korridor zusammen.
-</p>
-
-<p>
-„Hast du diesen Herrn Albin gehört?“ fragte er, als sie die
-Treppen hinunter gingen ...
-</p>
-
-<p>
-„Natürlich“, sagte Joachim. „Der Mensch müßte diszipliniert
-werden. Stört da die ganze Mittagsruhe mit seinem
-Geschwätz und regt die Damen so auf, daß er sie um Wochen
-zurückbringt. Eine grobe Insubordination. Aber wer will
-denn den Denunzianten machen. Und außerdem sind solche
-Reden ja den meisten als Unterhaltung willkommen.“
-</p>
-
-<p>
-„Hältst du es für möglich,“ fragte Hans Castorp, „daß
-er Ernst macht mit seiner ‚glatten Sache‘, wie er sich ausdrückt,
-und sich einen Fremdkörper appliziert?“
-</p>
-
-<p>
-„Ach, doch,“ antwortete Joachim, „ganz unmöglich ist es
-nicht. Dergleichen kommt vor hier oben. Zwei Monate bevor
-ich kam hat sich ein Student, der schon lange hier war, nach
-einer Generaluntersuchung im Walde drüben aufgehängt. Es
-war in meinen ersten Tagen noch viel die Rede davon.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp gähnte erregt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-„Ja, gut fühle ich mich nicht bei euch,“ erklärte er, „das
-kann ich nicht sagen. Ich halte es für möglich, daß ich nicht
-bleiben kann, du, daß ich abreisen muß, – würdest du es mir
-weiter übelnehmen?“
-</p>
-
-<p>
-„Abreisen? Was fällt dir ein!“ rief Joachim. „Unsinn.
-Wo du gerade erst angekommen bist. Wie willst du denn urteilen
-nach dem ersten Tage!“
-</p>
-
-<p>
-„Gott, ist noch immer der erste Tag? Mir ist ganz, als wäre
-ich schon lange – lange bei euch hier oben.“
-</p>
-
-<p>
-„Nun fange nur nicht wieder an, über die Zeit zu spintisieren!“
-sagte Joachim. „Ganz konfus hast du mich heute
-morgen gemacht.“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, sei beruhigt, ich habe alles vergessen“, erwiderte Hans
-Castorp. „Den ganzen Komplex. Jetzt bin ich auch kein bißchen
-scharf mehr im Kopfe, das ist vorüber ... Nun gibt es
-also Tee.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, und dann gehen wir wieder bis zu der Bank von
-heute morgen.“
-</p>
-
-<p>
-„In Gottes Namen. Aber hoffentlich treffen wir Settembrini
-nicht wieder. Ich kann mich heute an keinem gebildeten
-Gespräch mehr beteiligen, das sage ich dir im voraus.“
-</p>
-
-<p>
-Im Speisesaal wurden alle Getränke geschenkt, die zu dieser
-Stunde nur irgend in Betracht kommen. Miß Robinson trank
-wieder ihren blutroten Hagebuttentee, während die Großnichte
-Yoghurt löffelte. Außerdem gab es Milch, Tee, Kaffee, Schokolade,
-ja sogar Fleischbrühe, und überall waren die Gäste, die
-seit dem üppigen Mittagsmahl zwei Stunden liegend verbracht
-hatten, eifrig beschäftigt, Butter auf große Schnitten Rosinenkuchen
-zu streichen.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp hatte sich Tee geben lassen und tauchte Zwieback
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-hinein. Auch etwas Marmelade versuchte er. Den Rosinenkuchen
-betrachtete er genau, doch erzitterte er buchstäblich bei
-dem Gedanken, davon zu essen. Abermals saß er an seinem
-Platze im Saal mit dem einfältig bunten Gewölbe, den sieben
-Tischen, – zum viertenmal. Etwas später, um sieben Uhr,
-saß er zum fünftenmal dort, und da galt es das Abendessen.
-In die Zwischenzeit, welche kurz und nichtig war, fiel ein Spaziergang
-zu jener Bank an der Bergwand, beim Wasserrinnsal
-– der Weg war jetzt dicht belebt von Patienten, so daß
-die Vettern häufig zu grüßen hatten – und eine neuerliche
-Liegekur auf dem Balkon, von flüchtigen und gehaltlosen anderthalb
-Stunden. Hans Castorp fröstelte heftig dabei.
-</p>
-
-<p>
-Zur Abendmahlzeit kleidete er sich gewissenhaft um und aß
-dann zwischen Miß Robinson und der Lehrerin Juliennesuppe,
-gebackenes und gebratenes Fleisch nebst Zubehör, zwei Stücke
-von einer Torte, in der alles vorkam: Makronenteig, Buttercreme,
-Schokolade, Fruchtmus und Marzipan, und sehr guten
-Käse auf Pumpernickel. Wieder ließ er sich eine Flasche Kulmbacher
-dazu geben. Als er jedoch sein hohes Glas zur Hälfte
-geleert hatte, erkannte er klar und deutlich, daß er ins Bett
-gehöre. In seinem Kopfe rauschte es, seine Augenlider waren
-wie Blei, sein Herz ging wie eine kleine Pauke, und zu seiner
-Qual bildete er sich ein, daß die hübsche Marusja, die, vornüber
-geneigt, ihr Gesicht in der Hand mit dem kleinen Rubin verbarg,
-über <em>ihn</em> lache, obgleich er sich so angestrengt bemüht hatte,
-keinerlei Veranlassung dazu zu geben. Wie aus weiter Ferne
-hörte er Frau Stöhr etwas erzählen oder behaupten, was ihm
-als so tolles Zeug erschien, daß er in verwirrte Zweifel geriet,
-ob er noch richtig höre oder ob Frau Stöhrs Äußerungen
-sich vielleicht in seinem Kopfe zu Unsinn verwandelten. Sie
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-erklärte, daß sie achtundzwanzig verschiedene Fischsaucen zu
-bereiten verstehe, – sie habe den Mut, dafür einzustehen, obgleich
-ihr eigener Mann sie gewarnt habe, davon zu sprechen.
-„Sprich nicht davon!“ habe er gesagt. „Niemand wird es dir
-glauben, und wenn man es glaubt, so wird man es lächerlich
-finden!“ Und doch wolle sie es heute einmal sagen und offen
-bekennen, daß es achtundzwanzig Fischsaucen seien, die sie
-machen könne. Das schien dem armen Hans Castorp entsetzlich;
-er erschrak, griff sich mit der Hand an die Stirn und vergaß
-vollkommen, einen Bissen Pumpernickel mit Chester, den
-er im Munde hatte, fertig zu kauen und hinunterzuschlucken.
-Noch als man von Tische aufstand, hatte er ihn im Munde.
-</p>
-
-<p>
-Man ging durch die Glastür zur Linken hinaus, jene fatale,
-die immer zufiel und die geradewegs in die vordere Halle führte.
-Fast alle Gäste nahmen diesen Weg, denn es zeigte sich, daß
-um die Stunde nach dem Diner in der Halle und den anliegenden
-Salons eine Art von Geselligkeit stattfand. Die
-Mehrzahl der Patienten stand in kleinen Gruppen plaudernd
-umher. An zwei grün ausgeschlagenen Klapptischen lag man
-dem Spiele ob; es war Domino an dem einen, Bridge an dem
-anderen Tische, und hier waren es nur junge Leute, die spielten,
-darunter Herr Albin und Hermine Kleefeld. Ferner gab es
-ein paar unterhaltende optische Gegenstände im ersten Salon:
-einen stereoskopischen Guckkasten, durch dessen Linsen man die
-in seinem Innern aufgestellten Photographien, zum Beispiel
-einen venezianischen Gondolier, in starrer und blutloser Körperlichkeit
-erblickte; zweitens ein fernrohrförmiges Kaleidoskop,
-an dessen Linse man ein Auge legte, um sich, nur durch leichte
-Handhabung eines Rades, buntfarbige Sterne und Arabesken
-in zauberhafter Abwechslung vorzugaukeln; eine drehende
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-Trommel endlich, in die man kinematographische Filmstreifen
-legte und durch deren Öffnungen, wenn man seitlich hineinsah,
-ein Müller, der sich mit einem Schornsteinfeger prügelte,
-ein Schulmeister, einen Knaben züchtigend, ein springender
-Seiltänzer und ein Bauernpärchen im Ländlertanz zu beobachten
-waren. Hans Castorp, die kalten Hände auf den Knien,
-blickte längere Zeit in jeden der Apparate. Er verweilte sich
-auch ein wenig am Bridgetische, wo der unheilbare Herr
-Albin mit hängenden Mundwinkeln und weltmännisch wegwerfenden
-Bewegungen die Karten handhabte. In einem
-Winkel saß Dr. Krokowski, begriffen in frischem und herzlichem
-Gespräch mit einem Halbkreise von Damen, zu welchem Frau
-Stöhr, Frau Iltis und Fräulein Levi gehörten. Die Inhaber
-des Guten Russentisches hatten sich in den anstoßenden kleineren
-Salon zurückgezogen, der nur durch Portieren vom Spielzimmer
-getrennt war, und bildeten dort eine intime Clique. Es
-waren außer Madame Chauchat: ein blondbärtiger, schlaffer
-Herr mit konkavem Brustkasten und glotzenden Augäpfeln;
-ein tief brünettes Mädchen von originellem und humoristischem
-Typus, mit goldenen Ohrringen und wirrem Wollhaar; ferner
-Dr. Blumenkohl, der sich ihnen zugesellt hatte, und noch zwei
-hängeschultrige Jünglinge. Madame Chauchat trug ein blaues
-Kleid mit weißem Spitzenkragen. Sie saß, als Mittelpunkt
-ihrer Gruppe, auf dem Sofa hinter dem runden Tisch, im
-Hintergrunde des kleinen Gemaches, das Gesicht dem Spielzimmer
-zugewandt. Hans Castorp, der die ungezogene Frau
-nicht ohne Mißbilligung betrachten konnte, dachte bei sich:
-Sie erinnert mich an irgend etwas, doch kann ich nicht sagen,
-an was ... Ein langer Mensch von etwa dreißig Jahren und
-mit gelichtetem Haupthaar spielte an dem kleinen braunen
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-Pianoforte dreimal hintereinander den Hochzeitsmarsch aus
-dem „Sommernachtstraum“, und als einige Damen ihn darum
-baten, begann er das melodiöse Stück zum viertenmal, nachdem
-er einer nach der anderen tief und schweigend in die Augen
-geblickt hatte.
-</p>
-
-<p>
-„Ist es erlaubt, sich nach Ihrem Befinden zu erkundigen,
-Ingenieur?“ fragte Settembrini, welcher, die Hände in den
-Hosentaschen, zwischen den Gästen umhergeschlendert war und
-nun vor Hans Castorp hintrat ... Noch immer trug er seinen
-grauen, flausartigen Rock und die hell karierten Beinkleider.
-Er lächelte bei seiner Anrede, und wieder empfand Hans Castorp
-etwas wie Ernüchterung beim Anblick dieses fein und spöttisch
-gekräuselten Mundwinkels unter der Biegung des schwarzen
-Schnurrbartes. Übrigens blickte er den Italiener ziemlich blöde,
-mit schlaffem Munde und rotgeäderten Augen an.
-</p>
-
-<p>
-„Ach, Sie sind es“, sagte er. „Der Herr vom Morgenspaziergang,
-den wir bei dieser Bank da oben ... beim Wasserlauf
-... Natürlich, ich habe Sie sofort wieder erkannt. Wollen
-Sie glauben,“ fuhr er fort, obgleich er wohl einsah, daß er
-es nicht hätte sagen dürfen, „daß ich Sie damals im ersten
-Augenblick für einen Drehorgelmann gehalten habe? ... Das
-war natürlich der reine Unsinn,“ setzte er hinzu, da er sah, daß
-Settembrini’s Blick einen kühl forschenden Ausdruck annahm,
-„– eine furchtbare Dummheit mit einem Wort! Es <em>ist</em> mir
-sogar vollständig unbegreiflich, wie in aller Welt ich ...“
-</p>
-
-<p>
-„Beunruhigen Sie sich nicht, es hat nichts zu sagen“, erwiderte
-Settembrini, nachdem er den jungen Mann noch
-einen Augenblick schweigend betrachtet hatte. „Und wie haben
-Sie also Ihren Tag verbracht, – den ersten Ihres Aufenthaltes
-an diesem Lustorte?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-„Ich danke sehr. Ganz vorschriftsmäßig“, antwortete Hans
-Castorp. „Vorwiegend auf ‚horizontale Art‘, wie Sie es mit
-Vorliebe nennen sollen.“
-</p>
-
-<p>
-Settembrini lächelte.
-</p>
-
-<p>
-„Es mag sein, daß ich mich gelegentlich so ausgedrückt
-habe“, sagte er. „Nun, und Sie fanden sie kurzweilig, diese
-Lebensweise?“
-</p>
-
-<p>
-„Kurzweilig und langweilig, wie Sie nun wollen“, erwiderte
-Hans Castorp. „Das ist zuweilen schwer zu unterscheiden,
-wissen Sie. Ich habe mich durchaus nicht gelangweilt, – dazu
-ist es doch ein allzu munterer Betrieb bei Ihnen hier oben.
-Man bekommt so viel Neues und Merkwürdiges zu hören
-und zu sehen ... Und doch ist mir auch andererseits wieder,
-als ob ich nicht nur einen Tag, sondern schon längere Zeit hier
-wäre, – geradezu, als ob ich hier schon älter und klüger geworden
-wäre, so kommt es mir vor.“
-</p>
-
-<p>
-„Klüger auch?“ sagte Settembrini und zog die Brauen
-hoch. „Wollen Sie mir die Frage erlauben: Wie alt sind
-Sie eigentlich?“
-</p>
-
-<p>
-Aber siehe da, Hans Castorp wußte es nicht! Er wußte im
-Augenblick nicht, wie alt er sei, trotz heftiger, ja verzweifelter
-Anstrengungen, sich darauf zu besinnen. Um Zeit zu gewinnen,
-ließ er sich die Frage wiederholen und sagte dann:
-</p>
-
-<p>
-„... Ich ... wie alt? Ich bin natürlich im vierundzwanzigsten.
-Demnächst werde ich vierundzwanzig. Verzeihen Sie,
-ich bin müde!“ sagte er. „Und Müdigkeit ist noch gar nicht
-der Ausdruck für meinen Zustand. Kennen Sie das, wenn
-man träumt und weiß, daß man träumt und zu erwachen sucht
-und nicht aufwachen kann? Genau so ist mir zumut. Unbedingt
-muß ich Fieber haben, anders kann ich es mir gar nicht
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-erklären. Wollen Sie glauben, daß ich bis zu den Knien hinauf
-kalte Füße habe? Wenn man so sagen darf, denn die
-Knie sind ja natürlich nicht mehr die Füße, – entschuldigen
-Sie, ich bin im höchsten Grade konfus, und das ist ja auch
-am Ende kein Wunder, wenn man schon am frühen Morgen
-mit dem ... mit dem Pneumothorax angepfiffen wird und
-nachher die Reden dieses Herrn Albin mit anhört und obendrein
-in horizontaler Lage. Denken Sie, mir ist immer, als dürfte
-ich meinen fünf Sinnen nicht mehr recht trauen, und ich muß
-sagen, das geniert mich noch mehr, als die Hitze im Gesicht und
-die kalten Füße. Sagen Sie mir offen: halten Sie es für möglich,
-daß Frau Stöhr achtundzwanzig Fischsaucen zu machen
-versteht? Ich meine nicht, ob sie sie wirklich machen kann –
-das halte ich für ausgeschlossen – sondern ob sie es auch nur
-wirklich vorhin bei Tische behauptet hat oder ob es mir nur so
-vorkam, – nur das möchte ich wissen.“
-</p>
-
-<p>
-Settembrini sah ihn an. Er schien nicht zugehört zu haben.
-Wieder hatten seine Augen „sich festgesehen“, waren in eine
-fixe und blinde Einstellung geraten, und wie heute morgen
-sagte er je dreimal „so, so, so“ und „sieh, sieh, sieh“, – spöttisch-nachdenklich
-und mit scharfem S-Laut.
-</p>
-
-<p>
-„Vierundzwanzig sagten Sie?“ fragte er dann ...
-</p>
-
-<p>
-„Nein, achtundzwanzig!“ sagte Hans Castorp. „Achtundzwanzig
-Fischsaucen! Nicht Saucen im allgemeinen, sondern
-speziell Fischsaucen, das ist das Ungeheuerliche.“
-</p>
-
-<p>
-„Ingenieur!“ sagte Settembrini zornig und ermahnend.
-„Nehmen Sie sich zusammen und lassen Sie mich mit diesem
-liederlichen Unsinn in Ruhe! Ich weiß nichts davon und will
-nichts davon wissen. – Im vierundzwanzigsten, sagten Sie?
-Hm ... gestatten Sie mir noch eine Frage oder einen unmaßgeblichen
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-Vorschlag, wenn Sie so wollen. Da der Aufenthalt
-Ihnen nicht zuträglich zu sein scheint, da <a id="corr-21"></a>Sie sich körperlich und,
-wenn mich nicht alles täuscht, auch seelisch nicht wohl bei uns
-befinden, – wie wäre es denn da, wenn Sie darauf verzichteten,
-hier älter zu werden, kurz, wenn Sie noch heute nacht
-wieder aufpackten und sich morgen mit den fahrplanmäßigen
-Schnellzügen auf- und davonmachten?“
-</p>
-
-<p>
-„Sie meinen, ich sollte abreisen?“ fragte Hans Castorp ...
-„Wo ich gerade erst angekommen bin? Aber nein, wie will
-ich denn urteilen nach dem ersten Tage!“
-</p>
-
-<p>
-Zufällig blickte er ins Nebenzimmer bei diesen Worten und
-sah dort Frau Chauchat von vorn, ihre schmalen Augen und
-breiten Backenknochen. Woran, dachte er, woran und an wen
-in aller Welt erinnert sie mich nur. Aber sein müder Kopf
-wußte die Frage trotz einiger Anstrengung nicht zu beantworten.
-</p>
-
-<p>
-„Natürlich fällt es mir nicht so ganz leicht, mich bei Ihnen
-hier oben zu akklimatisieren,“ fuhr er fort, „das war doch vorauszusehen,
-und deshalb gleich die Flinte ins Korn zu werfen,
-nur weil ich vielleicht ein paar Tage ein bißchen verwirrt und
-heiß sein werde, da müßte ich mich ja schämen, geradezu feig
-würde ich mir vorkommen und außerdem ginge es gegen alle
-Vernunft, – nein, sagen Sie selbst ...“
-</p>
-
-<p>
-Er sprach auf einmal sehr eindringlich, mit erregten Schulterbewegungen,
-und schien den Italiener bestimmen zu wollen,
-seinen Vorschlag in aller Form zurückzunehmen.
-</p>
-
-<p>
-„Ich salutiere der Vernunft“, antwortete Settembrini.
-„Ich salutiere übrigens auch dem Mute. Was Sie sagen,
-läßt sich wohl hören, es dürfte schwer sein, etwas Triftiges dagegen
-einzuwenden. Auch habe ich wirklich schöne Fälle von
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-Akklimatisation beobachtet. Da war im vorigen Jahre Fräulein
-Kneifer, Ottilie Kneifer, durchaus von Familie, die Tochter
-eines höheren Staatsfunktionärs. Sie war wohl anderthalb
-Jahre hier und hatte sich so vortrefflich eingelebt, daß
-sie, als ihre Gesundheit vollkommen hergestellt war – denn
-das kommt vor, man wird zuweilen gesund hier oben –, daß
-sie auch dann noch um keinen Preis fort wollte. Sie bat den
-Hofrat von ganzer Seele, noch bleiben zu dürfen, sie könne
-und möge nicht heim, hier sei sie zu Hause, hier sei sie glücklich;
-da aber lebhafter Zudrang herrschte und man ihr Zimmer benötigte,
-so war ihr Flehen umsonst, und man beharrte darauf,
-sie als gesund zu entlassen. Ottilie bekam hohes Fieber, sie
-ließ ihre Kurve tüchtig ansteigen. Allein man entlarvte sie,
-indem man ihr das gebräuchliche Thermometer mit einer
-‚Stummen Schwester‘ vertauschte, – Sie wissen noch nicht,
-was das ist, es ist ein Thermometer ohne Bezifferung, der Arzt
-kontrolliert ihn, indem er ein Maß daran legt und zeichnet die
-Kurve dann selbst. Ottilie, mein Herr, hatte 36,9, Ottilie war
-fieberfrei. Da badete sie im See, – wir schrieben Anfang
-Mai damals, wir hatten Nachtfröste, der See war nicht geradezu
-eiskalt, er hatte genau genommen ein paar Grad
-über Null. Sie blieb eine gute Weile im Wasser, um dies
-oder jenes abzubekommen, – allein der Erfolg? Sie war
-und blieb gesund. Sie schied in Schmerz und Verzweiflung,
-unzugänglich den Trostworten ihrer Eltern. ‚Was soll ich da
-unten?‘ rief sie wiederholt. ‚Hier ist meine Heimat!‘ Ich weiß
-nicht, was aus ihr geworden ist ... Aber mir scheint, Sie
-hören mich nicht, Ingenieur? Es kostet Sie Mühe, sich auf
-den Beinen zu halten, wenn mich nicht alles täuscht. Leutnant,
-hier haben Sie Ihren Vetter!“ wandte er sich zu Joachim,
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-der eben herantrat. „Führen Sie ihn zu Bette! Er vereinigt
-Vernunft und Mut, aber heute abend ist er ein wenig hinfällig.“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, wirklich, ich habe alles verstanden!“ beteuerte Hans
-Castorp. „Die Stumme Schwester ist also nur eine Quecksilbersäule,
-ganz ohne Bezifferung, – Sie sehen, ich habe es
-vollkommen aufgefaßt!“ Aber dann fuhr er doch mit Joachim
-im Lift hinauf, zusammen mit mehreren anderen Patienten, –
-die Geselligkeit war beendet für heute, man ging auseinander
-und suchte Hallen und Loggien auf, zur abendlichen Liegekur.
-Hans Castorp ging mit auf Joachims Zimmer. Der Boden
-des Korridors mit dem Kokosläufer vollführte sanfte Wellenbewegungen
-unter seinen Füßen, aber er empfand es nicht
-weiter unangenehm. Er setzte sich in Joachims großen geblümten
-Lehnstuhl – ein solcher Stuhl stand auch in seinem
-eigenen Zimmer – und zündete sich eine Maria Mancini an.
-Sie schmeckte nach Leim, nach Kohle und manchem anderen,
-nur nicht, wie sie sollte; doch fuhr er trotzdem fort, sie zu rauchen,
-während er zusah, wie Joachim sich zur Liegekur fertig
-machte, seine litewkaartige Hausjoppe anlegte, darüber einen
-älteren Paletot zog und dann mit der Nachttischlampe und
-seinem russischen Übungsbuch auf den Balkon hinausging,
-wo er das Lämpchen einschaltete und auf dem Liegestuhl, das
-Thermometer im Munde, sich mit erstaunlicher Gewandtheit
-in zwei große Kamelhaardecken zu wickeln begann, die über
-den Stuhl gebreitet waren. Hans Castorp sah mit aufrichtiger
-Bewunderung, wie geschickt er es ausführte. Er schlug die
-Decken, eine nach der anderen, zuerst von links der Länge nach
-bis unter die Achsel über sich, hierauf von unten über die Füße
-und dann von rechts, so daß er endlich ein vollkommen ebenmäßiges
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-und glattes Paket bildete, aus dem nur Kopf, Schultern
-und Arme hervorsahen.
-</p>
-
-<p>
-„Das machst du ja ausgezeichnet“, sagte Hans Castorp.
-</p>
-
-<p>
-„Es ist die Übung“, antwortete Joachim, indem er beim
-Sprechen das Thermometer mit den Zähnen festhielt. „Du
-lernst es auch. Morgen müssen wir uns unbedingt ein paar
-Decken für dich besorgen. Du kannst sie unten schon wieder
-brauchen, und hier bei uns sind sie unerläßlich, besonders da
-du ja keinen Pelzsack hast.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich lege mich aber bei Nacht nicht auf den Balkon“, erklärte
-Hans Castorp. „Das tue ich nicht, ich sage es dir gleich.
-Es würde mir gar zu sonderbar vorkommen. Alles hat seine
-Grenzen. Und irgendwie muß ich ja schließlich auch markieren,
-daß ich nur zu Besuch bin bei euch hier oben. Ich sitze hier
-noch etwas und rauche meine Zigarre, wie es sich gehört. Sie
-schmeckt miserabel, aber ich weiß, daß sie gut ist, und das muß
-mir für heute genügen. Jetzt ist die Uhr gleich neun, – allerdings,
-leider ist es noch nicht mal neun. Aber wenn es halb
-zehn ist, dann ist es ja schon so weit, daß man halbwegs normalerweise
-zu Bett gehen kann.“
-</p>
-
-<p>
-Ein Frostschauer überlief ihn, – einer und dann mehrere
-rasch hintereinander. Hans Castorp sprang auf und lief zum
-Wandthermometer, als gelte es, ihn <span class="antiqua" lang="la">in flagranti</span> ertappen.
-Nach Réaumur waren neun Grad im Zimmer. Er faßte die
-Röhren an und fand sie tot und kalt. Er murmelte etwas
-Ungeordnetes, des Inhalts, wenn auch August sei, so sei es
-doch eine Schande, daß nicht geheizt werde, denn nicht auf den
-Monatsnamen komme es an, den man eben schreibe, sondern
-auf die herrschende Temperatur, und die sei so, daß ihn friere
-wie einen Hund. Aber sein Gesicht brannte. Er setzte sich
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-wieder, stand nochmals auf, bat murmelnd um Erlaubnis,
-Joachims Bettdecke nehmen zu dürfen und breitete sie sich, im
-Stuhle sitzend, über den Unterkörper. So saß er, hitzig und
-fröstelnd, und quälte sich mit der widerlich schmeckenden Zigarre.
-Ein großes Elendsgefühl überkam ihn; ihm war, als
-sei es ihm noch nie im Leben so schlecht ergangen. „Das ist ja
-ein Elend!“ murmelte er. Dazwischen aber berührte ihn plötzlich
-ein ganz absonderlich ausschweifendes Gefühl der Freude
-und Hoffnung, und als er es empfunden hatte, saß er nur noch
-da, um zu warten, ob es nicht vielleicht wiederkäme. Es kam
-aber nicht wieder; nur das Elend blieb. Und so stand er denn
-schließlich auf, warf Joachims Decke aufs Bett zurück, murmelte
-verzerrten Mundes etwas wie „Gute Nacht!“ und „Erfriere
-nur nicht!“ und „Zum Frühstück holst du mich ja wohl
-wieder“ und schwankte über den Korridor in sein Zimmer
-hinüber.
-</p>
-
-<p>
-Beim Auskleiden sang er vor sich hin, jedoch nicht aus
-Fröhlichkeit. Mechanisch und ohne den rechten Bedacht erledigte
-er die kleinen Handgriffe und kulturellen Pflichten der
-Nachttoilette, goß hellrotes Mundwasser aus dem Reiseflakon
-ins Glas und gurgelte diskret, wusch sich die Hände mit seiner
-guten und milden Veilchenseife und zog das lange Batisthemd
-an, das auf der Brusttasche mit den Buchstaben H C bestickt
-war. Dann legte er sich und löschte das Licht, indem er seinen
-heißen, verstörten Kopf auf das Sterbekissen der Amerikanerin
-zurückfallen ließ.
-</p>
-
-<p>
-Aufs bestimmteste hatte er erwartet, daß er sogleich in Schlaf
-sinken werde, doch stellte sich das als Irrtum heraus, und seine
-Lider, die er vorhin kaum offenzuhalten vermocht hatte, –
-jetzt wollten sie durchaus nicht geschlossen bleiben, sondern
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-öffneten sich unruhig zuckend, sobald er sie senkte. Es war noch
-nicht seine gewohnte Schlafenszeit, sagte er sich, und dann
-hatte er wohl tagüber zuviel gelegen. Auch wurde draußen
-ein Teppich geklopft, – was ja wenig wahrscheinlich und in
-der Tat überhaupt nicht der Fall war; sondern es erwies sich,
-daß sein Herz es war, dessen Schlag er außer sich und weit
-fort im Freien hörte, genau so, als werde dort draußen ein
-Teppich mit einem geflochtenen Rohrklopfer bearbeitet.
-</p>
-
-<p>
-Es war im Zimmer noch nicht völlig dunkel geworden; der
-Schein der Lämpchen draußen in den Logen, bei Joachim und
-bei dem Paare vom Schlechten Russentisch, fiel durch die offene
-Balkontür herein. Und während Hans Castorp mit blinzelnden
-Lidern auf dem Rücken lag, erneute sich ihm plötzlich ein
-Eindruck, ein einzelner des Tages, eine Beobachtung, die er
-mit Schrecken und Zartgefühl sogleich zu vergessen gesucht
-hatte. Es war der Ausdruck, den Joachims Gesicht angenommen
-hatte, als von Marusja und ihren körperlichen Eigenschaften
-die Rede gewesen war, – diese ganz eigentümlich
-klägliche Verzerrung seines Mundes nebst fleckigem Erblassen
-seiner gebräunten Wangen. Hans Castorp verstand und durchschaute,
-was es bedeutete, verstand und durchschaute es auf
-eine so neue, eingehende und intime Art, daß der Rohrklopfer
-da draußen seine Schläge sowohl der Schnelligkeit wie der
-Stärke nach verdoppelte und beinahe die Klänge des Abendständchens
-in „Platz“ übertäubte – denn es war wieder Konzert
-in jenem Hotel dort unten; eine symmetrisch gebaute und
-abgeschmackte Operettenmelodie klang durch das Dunkel herüber,
-und Hans Castorp pfiff sie im Flüstertone mit (man
-kann ja flüsternd pfeifen), während er mit seinen kalten Füßen
-unter dem Federdeckbett den Takt dazu schlug.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-Das war natürlich die rechte Art nicht einzuschlafen, und
-Hans Castorp spürte jetzt auch gar keine Neigung dazu. Seit
-er auf so neuartige und lebhafte Weise verstanden, warum
-Joachim sich verfärbt hatte, schien die Welt ihm neu, und jenes
-Gefühl ausschweifender Freude und Hoffnung berührte ihn
-wieder in seinem Innersten. Übrigens wartete er noch auf
-etwas, ohne sich recht zu fragen, worauf. Als er aber hörte,
-wie die Nachbarn zur Rechten und Linken die abendliche Liegekur
-beendeten und ihre Zimmer aufsuchten, um die horizontale
-Lage draußen mit derjenigen drinnen zu vertauschen, gab er
-vor sich selbst der Überzeugung Ausdruck, daß das barbarische
-Ehepaar Frieden halten werde. Ich kann ruhig einschlafen,
-dachte er. Sie werden heute abend Frieden halten, das erwarte
-ich aufs Bestimmteste! Aber sie taten es nicht, und
-Hans Castorp hatte es auch gar nicht aufrichtig gedacht, ja,
-die Wahrheit zu sagen, hätte er es persönlich und seinerseits
-nicht einmal verstanden, wenn sie Frieden gegeben hätten.
-Trotzdem erging er sich in tonlos hervorgestoßenen Ausrufen
-des heftigsten Erstaunens über das, was er hörte. „Unerhört!“
-rief er ohne Stimme. „Das ist enorm! Wer hätte dergleichen
-für möglich gehalten?“ Und zwischendurch beteiligte er sich
-wieder mit flüsternden Lippen an der abgeschmackten Operettenmelodie,
-die hartnäckig herübertönte.
-</p>
-
-<p>
-Später kam der Schlummer. Aber mit ihm kamen die
-krausen Traumbilder, noch krausere, als in der ersten Nacht,
-aus denen er des öfteren schreckhaft oder einem wirren Einfall
-nachjagend emporfuhr. Ihm träumte, er sähe Hofrat
-Behrens mit krummen Knien und steif nach vorn hängenden
-Armen die Gartenpfade dahinwandeln, indem er seine langen
-und gleichsam öde anmutenden Schritte einer fernen Marschmusik
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-anpaßte. Als der Hofrat vor Hans Castorp stehenblieb,
-trug er eine Brille mit dicken, kreisrunden Gläsern und
-faselte Ungereimtes. „Zivilist natürlich“, sagte er und zog,
-ohne um Erlaubnis zu bitten, Hans Castorps Augenlid mit
-Zeige- und Mittelfinger seiner riesigen Hand herunter. „Ehrsamer
-Zivilist, wie ich gleich bemerkte. Aber nicht ohne Talent,
-gar nicht ohne Talent zur erhöhten Allgemeinverbrennung!
-Würde mit den Jährchen nicht geizen, den flotten Dienstjährchen
-bei uns hier oben! Na, nun mal hoppla die Herren und los
-mit dem Lustwandel!“ rief er, indem er seine beiden enormen
-Zeigefinger in den Mund steckte und so eigentümlich wohllautend
-darauf pfiff, daß von verschiedenen Seiten und in
-verkleinerter Gestalt die Lehrerin und Miß Robinson durch die
-Lüfte geflogen kamen und sich ihm rechts und links auf die
-Schultern setzten, wie sie im Speisesaal rechts und links von
-Hans Castorp saßen. So ging der Hofrat mit hüpfenden
-Tritten davon, wobei er mit einer Serviette hinter die Brille
-fuhr, um sich die Augen zu wischen, – man wußte nicht, was
-da zu trocknen war, ob Schweiß oder Tränen.
-</p>
-
-<p>
-Dann schien es dem Träumenden, als befinde er sich auf
-dem Schulhof, wo er so viele Jahre hindurch die Pausen
-zwischen den Unterrichtsstunden verbracht, und sei im Begriffe,
-sich von Madame Chauchat, die ebenfalls zugegen war, einen
-Bleistift zu leihen. Sie gab ihm den rotgefärbten, nur noch
-halblangen in einem silbernen Crayon steckenden Stift, indem
-sie Hans Castorp mit angenehm heiserer Stimme ermahnte,
-ihn ihr nach der Stunde bestimmt zurückzugeben, und als sie
-ihn ansah, mit ihren schmalen blaugraugrünen Augen über
-den breiten Backenknochen, da riß er sich gewaltsam aus dem
-Traum empor, denn nun hatte er es und wollte es festhalten,
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-woran und an wen sie ihn eigentlich so lebhaft erinnerte. Eilig
-brachte er die Erkenntnis für morgen in Sicherheit, denn er
-fühlte, daß Schlaf und Traum ihn wieder umfingen, und sah
-sich alsbald in der Lage, Zuflucht vor Dr. Krokowski suchen zu
-müssen, der ihm nachstellte, um Seelenzergliederung mit ihm
-vorzunehmen, wovor Hans Castorp eine tolle, eine wahrhaft
-unsinnige Angst empfand. Er floh vor dem Doktor behinderten
-Fußes an den Glaswänden vorbei durch die Balkonlogen,
-sprang mit Gefahr seines Lebens in den Garten hinab, suchte
-in seiner Not sogar die rotbraune Flaggenstange zu erklettern
-und erwachte schwitzend in dem Augenblick, als der Verfolger
-ihn am Hosenbein packte.
-</p>
-
-<p>
-Kaum jedoch hatte er sich ein wenig beruhigt und war wieder
-eingeschlummert, als sich der Sachverhalt folgendermaßen
-für ihn gestaltete. Er bemühte sich, mit der Schulter Settembrini
-vom Fleck zu drängen, welcher dastand und lächelte, –
-fein, trocken und spöttisch, unter dem vollen, schwarzen
-Schnurrbart, dort, wo er sich in schöner Rundung aufwärts
-bog, und dieses Lächeln eben war es, was Hans Castorp als
-Beeinträchtigung empfand. „Sie stören!“ hörte er sich deutlich
-sagen. „Fort mit Ihnen! Sie sind nur ein Drehorgelmann,
-und Sie stören hier!“ Allein Settembrini ließ sich nicht
-von der Stelle drängen, und Hans Castorp stand noch, um
-nachzudenken, was hier zu tun sei, als ihm ganz unverhofft
-die ausgezeichnete Einsicht zuteil wurde, was eigentlich die Zeit
-sei: nämlich nichts anderes, als einfach eine Stumme Schwester,
-eine Quecksilbersäule ganz ohne Bezifferung, für diejenigen,
-welche mogeln wollten, – worüber er mit dem bestimmten
-Vorhaben erwachte, <a id="corr-22"></a>seinem Vetter Joachim morgen von diesem
-Funde Mitteilung zu machen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-Unter solchen Abenteuern und Entdeckungen verging die
-Nacht, und auch Hermine Kleefeld sowie Herr Albin und
-Hauptmann Miklosich, welch letzterer Frau Stöhr in seinem
-Rachen davontrug und von Staatsanwalt Paravant mit
-einem Speere durchbohrt wurde, spielten ihre verworrene Rolle
-dabei. Einen Traum aber träumte Hans Castorp sogar zweimal
-in dieser Nacht und zwar beide Male genau in derselben
-Form, – das letztemal gegen Morgen. Er saß im Saal mit
-den sieben Tischen, als unter dem größten Geschmetter die
-Glastür ins Schloß fiel und Madame Chauchat hereinkam,
-im weißen Sweater, die eine Hand in der Tasche, die andere
-am Hinterkopf. Statt aber zum Guten Russentische zu gehen,
-bewegte die unerzogene Frau sich ohne Laut auf Hans Castorp
-zu und reichte ihm schweigend die Hand zum Kusse, – aber
-nicht den Handrücken reichte sie ihm, sondern das Innere, und
-Hans Castorp küßte sie in die Hand, in ihre unveredelte, ein
-wenig breite und kurzfingerige Hand mit der aufgerauhten
-Haut zu Seiten der Nägel. Da durchdrang ihn wieder von
-Kopf bis zu Fuß jenes Gefühl von wüster Süßigkeit, das in
-ihm aufgestiegen war, als er zur Probe sich des Druckes der
-Ehre ledig gefühlt und die bodenlosen Vorteile der Schande
-genossen hatte, – dies empfand er nun wieder in seinem Traum,
-nur ungeheuer viel stärker.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-5">
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-Viertes Kapitel
-</h2>
-
-</div>
-
-<h3 class="section1" id="subchap-0-5-1">
-Notwendiger Einkauf
-</h3>
-
-<p class="first">
-„Ist jetzt euer Sommer zu Ende?“ fragte Hans Castorp
-am dritten Tage ironisch seinen Vetter ...
-</p>
-
-<p>
-Es war ein schrecklicher Wettersturz.
-</p>
-
-<p>
-Der zweite Tag, den der Hospitant vollständig hier oben
-verlebt hatte, war prächtig-sommerlich gewesen. Tiefblau
-leuchtete der Himmel über den lanzenartigen Wipfeltrieben der
-Fichten, während die Ortschaft im Talgrunde grell in der Hitze
-schimmerte und das Geläut der Kühe, die umherwandelnd das
-kurze, erwärmte Mattengras der Lehnen rupften, heiter-beschaulich
-die Lüfte erfüllte. Die Damen waren schon zum ersten
-Frühstück in zarten Waschblusen erschienen, einige sogar mit
-durchbrochenen Ärmeln, was nicht alle gleich gut gekleidet
-hatte, – Frau Stöhr zum Beispiel kleidete es entschieden schlecht,
-ihre Arme waren zu schwammig, Duftigkeit der Kleidung eignete
-sich nun einmal nicht für sie. Auch die Herrenwelt des
-Sanatoriums hatte der schönen Witterung auf verschiedene
-Weise in ihrem Äußeren Rechnung getragen. Lüsterjacken und
-leinene Anzüge waren aufgetaucht, und Joachim Ziemßen
-hatte elfenbeinfarbene Flanellhosen zu seinem blauen Rock getragen,
-eine Zusammenstellung, die seiner Erscheinung ein vollständig
-militärisches Gepräge verlieh. Was Settembrini betraf,
-so hatte er zwar wiederholt das Vorhaben geäußert, den
-Anzug zu wechseln. „Teufel!“ hatte er gesagt, als er nach dem
-Lunch mit den Vettern in den Ort hinunterpromenierte, „wie
-die Sonne brennt! Ich sehe, ich werde mich leichter kleiden
-müssen.“ Aber trotzdem es gewählt ausgedrückt war, hatte er
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-nach wie vor seinen langen Flaus mit den großen Aufschlägen
-und seine gewürfelten Beinkleider anbehalten, – wahrscheinlich
-war das alles, was er an Garderobe besaß.
-</p>
-
-<p>
-Am dritten Tage jedoch war es genau, als ob die Natur zu
-Falle gebracht und jede Ordnung auf den Kopf gestellt würde;
-Hans Castorp traute seinen Augen nicht. Es war nach der
-Hauptmahlzeit, und man befand sich seit zwanzig Minuten in
-der Liegekur, als die Sonne sich eilig verbarg, häßlich torfbraunes
-Gewölk über die südöstlichen Kämme heraufzog und
-ein Wind von fremder Luftbeschaffenheit, kalt und das Gebein
-erschreckend, als käme er aus unbekannten, eisigen Gegenden,
-plötzlich durch das Tal fegte, die Temperatur umstürzte und
-ein ganz neues Regiment eröffnete.
-</p>
-
-<p>
-„Schnee“, sagte Joachims Stimme hinter der Glaswand.
-</p>
-
-<p>
-„Was meinst du mit ‚Schnee‘?“ fragte Hans Castorp darauf.
-„Du willst doch nicht sagen, daß es jetzt schneien wird?“
-</p>
-
-<p>
-„Sicher“, antwortete Joachim. „Den Wind, den kennen
-wir. Wenn der kommt, dann gibt es Schlittenbahn.“
-</p>
-
-<p>
-„Unsinn!“ sagte Hans Castorp. „Wenn mir recht ist, so
-schreiben wir Anfang August.“
-</p>
-
-<p>
-Aber Joachim hatte wahr gesprochen, eingeweiht, wie er
-war in die Verhältnisse. Denn binnen wenigen Augenblicken
-setzte unter wiederholten Gewitterschlägen ein gewaltiges
-Schneetreiben ein, – ein Gestöber, so dicht, daß alles in weißen
-Dampf gehüllt erschien und man von Ortschaft und Tal fast
-nichts mehr erblickte.
-</p>
-
-<p>
-Es schneite den ganzen Nachmittag fort. Die Zentralheizung
-ward angezündet, und während Joachim seinen Pelzsack in
-Benutzung nahm und sich im Kurdienste nicht stören ließ,
-flüchtete sich Hans Castorp in das Innere seines Zimmers,
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-rückte einen Stuhl an die erwärmten Röhren und blickte von
-dort unter häufigem Kopfschütteln in das Unwesen hinaus.
-Am nächsten Morgen schneite es nicht mehr; aber obgleich das
-Außenthermometer einige Wärmegrade zeigte, war der Schnee
-doch fußhoch liegen geblieben, so daß eine vollkommene Winterlandschaft
-sich vor Hans Castorps verwunderten Blicken ausbreitete.
-Man hatte die Heizung wieder ausgehen lassen. Die
-Zimmertemperatur betrug sechs Grad über Null.
-</p>
-
-<p>
-„Ist jetzt euer Sommer zu Ende?“ fragte Hans Castorp
-seinen Vetter mit bitterer Ironie ...
-</p>
-
-<p>
-„Das kann man nicht sagen“, erwiderte Joachim sachlich.
-„Will’s Gott, so wird es noch schöne Sommertage geben.
-Selbst im September ist das noch sehr wohl möglich. Aber
-die Sache ist die, daß die Jahreszeiten hier nicht so sehr voneinander
-verschieden sind, weißt du, sie vermischen sich sozusagen
-und halten sich nicht an den Kalender. Im Winter ist
-oft die Sonne so stark, daß man schwitzt und den Rock auszieht
-beim Spazierengehen, und im Sommer, nun, das siehst
-du ja schon, wie es im Sommer hier manchmal ist. Und dann
-der Schnee – er bringt alles durcheinander. Es schneit im
-Januar, aber im Mai nicht viel weniger, und im August
-schneit es auch, wie du bemerkst. Im ganzen kann man sagen,
-daß kein Monat vergeht, ohne daß es schneit, das ist ein Satz,
-an dem man festhalten kann. Kurz, es gibt Wintertage und
-Sommertage und Frühlings- und Herbsttage, aber so richtige
-Jahreszeiten, die gibt es eigentlich nicht bei uns hier oben.“
-</p>
-
-<p>
-„Das ist ja eine schöne Konfusion“, sagte Hans Castorp.
-Er ging in Überschuhen und Winterpaletot mit seinem Vetter
-in den Ort hinab, um sich Decken für die Liegekur zu besorgen,
-denn es war klar, daß er bei dieser Witterung mit seinem Plaid
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-nicht auskommen werde. Vorübergehend erwog er sogar, ob
-er nicht zum Kauf eines Pelzsackes schreiten solle, nahm dann
-aber Abstand davon, ja, schreckte gewissermaßen vor dem Gedanken
-zurück.
-</p>
-
-<p>
-„Nein, nein,“ sagte er, „bleiben wir bei den Decken! Ich
-werde unten schon wieder Verwendung für sie haben, und
-Decken hat man ja überall, es ist weiter nichts so Besonderes
-oder Aufregendes dabei. Aber so ein Pelzsack ist etwas gar
-zu Spezielles, – versteh’ mich recht, wenn ich mir einen Pelzsack
-anschaffe, käme ich mir selber vor, als ob ich mich hier
-häuslich niederlassen wollte und schon gewissermaßen zu euch
-gehörte ... Kurz, ich will nichts weiter sagen, als daß es ja
-absolut nicht lohnen würde, für die paar Wochen eigens einen
-Pelzsack zu kaufen.“
-</p>
-
-<p>
-Joachim stimmte dem zu, und so erstanden sie denn in einem
-hübschen, reichhaltigen Geschäft des Englischen Viertels zwei
-solche Kamelhaardecken, wie Joachim sie hatte, ein besonders
-langes und breites, angenehm weiches Fabrikat in Naturfarbe,
-und gaben Order, daß sie sofort ins Sanatorium gesandt
-werden sollten, ins Internationale Sanatorium „Berghof“,
-Zimmertür 34. Gleich heute nachmittag wollte Hans Castorp
-sie zum erstenmal in Gebrauch nehmen.
-</p>
-
-<p>
-Natürlich war es um die Zeit nach dem zweiten Frühstück,
-denn sonst bot die Tagesordnung keine Gelegenheit, in den
-Ort hinunterzugehen. Es regnete jetzt, und der Schnee auf
-den Straßen hatte sich in spritzenden Eisbrei verwandelt. Auf
-dem Heimwege holten sie Settembrini ein, welcher unter einem
-Regenschirm, wenn auch barhäuptig, ebenfalls dem Sanatorium
-zustrebte. Der Italiener sah gelb aus und befand sich
-ersichtlich in elegischer Stimmung. In reinen und wohlgeformten
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-Worten jammerte er über die Kälte, die Nässe, unter
-der er so bitter litt. Wenn wenigstens geheizt würde! Aber
-diese elenden Machthaber ließen die Heizung ja ausgehen, sobald
-es zu schneien aufhöre, – eine stumpfsinnige Regel, ein
-Hohn auf alle Vernunft! Und als Hans Castorp einwandte,
-er denke sich, daß eine mäßige Zimmertemperatur wohl zu den
-Kurprinzipien gehöre, – man wolle einer Verwöhnung der
-Patienten offenbar damit vorbeugen, da antwortete Settembrini
-mit dem heftigsten Spott. Ei, in der Tat, die Kurprinzipien.
-Die hehren und unantastbaren Kurprinzipien! Hans
-Castorp spreche wahrhaftig in dem richtigen Tone von ihnen,
-nämlich in dem der Religiosität und der Unterwürfigkeit. Nur
-auffallend – wenn auch in einem durchaus erfreulichen Sinne
-auffallend, – daß gerade diejenigen unter ihnen so unbedingte
-Verehrung genössen, die mit den ökonomischen Interessen der
-Gewalthaber genau übereinstimmten, – während man denen
-gegenüber, bei denen dies weniger zutreffe, ein Auge zuzudrücken
-geneigt sei ... Und während die Vettern lachten, kam
-Settembrini auf seinen verstorbenen Vater zu sprechen, im Zusammenhang
-mit der Wärme, nach der er sich sehnte.
-</p>
-
-<p>
-„Mein Vater,“ sagte er gedehnt und schwärmerisch, – „er
-war ein so feiner Mann, – empfindlich am Körper wie an
-der Seele! Wie liebte er im Winter sein kleines, warmes Studierstübchen,
-von Herzen liebte er es, stets mußten zwanzig
-Grad Réaumur darin herrschen, vermöge eines rotglühenden
-Öfchens, und wenn man an naßkalten Tagen oder an solchen,
-wenn der schneidende Tramontanawind ging, vom Flure des
-Häuschens her eintrat, so legte die Wärme sich einem wie ein
-linder Mantel um die Schultern, und die Augen füllten sich
-mit wohligen Tränen. Vollgepfropft war das Stübchen mit
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-Büchern und Handschriften, worunter sich große Kostbarkeiten
-befanden, und zwischen den Geistesschätzen stand er in seinem
-Schlafrock aus blauem Flanell am schmalen Pult und widmete
-sich der Literatur, – zierlich und klein von Person, einen
-guten Kopf kleiner als ich, stellen Sie sich vor! aber mit dicken
-Büscheln aus grauem Haar an den Schläfen und einer Nase,
-so lang und fein ... Welch ein Romanist, meine Herren!
-Einer der Ersten seiner Zeit, ein Kenner unserer Sprache wie
-wenige, ein lateinischer Stilist wie sonst keiner mehr, ein <span class="antiqua" lang="it">uomo
-letterato</span> nach Boccaccios Herzen ... Von weither kamen
-die Gelehrten, um sich mit ihm zu besprechen, der eine aus
-Haparanda, ein anderer aus Krakau, sie kamen ausdrücklich
-nach Padua, unserer Stadt, um ihm Hochachtung zu erweisen,
-und er empfing sie mit freundlicher Würde. Auch ein Dichter
-von Distinktion war er, welcher in seinen Mußestunden Erzählungen
-in der elegantesten toskanischen Prosa verfaßte, –
-ein Meister des <span class="antiqua" lang="it">idioma gentile</span>“, sagte Settembrini mit
-äußerstem Genuß, indem er die heimatlichen Silben langsam
-auf der Zunge zergehen ließ und den Kopf dabei hin und her
-bewegte. „Sein Gärtchen baute er nach dem Beispiele Vergils,“
-fuhr er fort, „und was er sprach, war gesund und schön.
-Aber warm, warm mußte er es haben in seinem Stübchen,
-sonst zitterte er und konnte wohl Tränen vergießen vor Ärger,
-daß man ihn frieren ließ. Und nun stellen Sie sich vor, Ingenieur,
-und Sie, Leutnant, was ich, der Sohn meines Vaters,
-an diesem verdammten und barbarischen Orte leiden muß, wo
-der Körper im hohen Sommer vor Kälte zittert und erniedrigende
-Eindrücke beständig die Seele foltern! Ach, es ist hart!
-Welche Typen, die uns umgeben! Dieser närrische Teufelsknecht
-von Hofrat. Krokowski“ – und Settembrini tat, als
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-müsse er sich die Zunge zerbrechen – „Krokowski, dieser schamlose
-Beichtvater, der mich haßt, weil meine Menschenwürde
-mir verbietet, mich zu seinem pfäffischen Unwesen herzugeben ...
-Und an meinem Tische ... Welche Gesellschaft, in der ich zu
-speisen gezwungen bin! Zu meiner Rechten sitzt ein Bierbrauer
-aus Halle – Magnus ist sein Name – mit einem Schnurrbart,
-der einem Heubündel ähnelt. ‚Lassen Sie mich mit der
-Literatur in Ruhe!‘ sagt er. ‚Was bietet sie? Schöne Charaktere!
-Was fang ich mit schönen Charakteren an! Ich bin ein
-praktischer Mann, und schöne Charaktere kommen im Leben
-fast gar nicht vor.‘ Dies ist die Vorstellung, die er sich von der
-Literatur gebildet hat. Schöne Charaktere ... o Mutter Gottes!
-Seine Frau, ihm gegenüber, sitzt da und verliert Eiweiß,
-während sie mehr und mehr in Stumpfsinn versinkt. Es ist
-ein schmutziger Jammer ...“
-</p>
-
-<p>
-Ohne daß sie sich miteinander verständigt hätten, waren
-Joachim und Hans Castorp eines Sinnes über diese Reden:
-sie fanden sie wehleidig und unangenehm aufrührerisch, freilich
-auch unterhaltsam, ja bildend in ihrer kecken und wortscharfen
-Aufsässigkeit. Hans Castorp lachte gutmütig über
-das „Heubündel“ und auch über die „schönen Charaktere“,
-oder vielmehr über die drollig verzweifelte Art, in der Settembrini
-davon sprach. Dann sagte er:
-</p>
-
-<p>
-„Gott, ja, die Gesellschaft ist wohl ein bißchen gemischt in
-so einer Anstalt. Man kann sich die Tischnachbarn nicht aussuchen,
-– wohin sollte denn das auch führen. An unserem
-Tisch sitzt auch so eine Dame ... Frau Stöhr, – ich denke
-mir, daß Sie sie kennen? Mörderlich ungebildet ist sie, das
-muß man ja sagen, und manchmal weiß man nicht recht, wo
-man hinsehen soll, wenn sie so plappert. Und dabei klagt sie
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-sehr über ihre Temperatur und daß sie so schlaff ist, und ist
-wohl leider gar kein ganz leichter Fall. Das ist so sonderbar,
-– krank und dumm – ich weiß nicht, ob ich mich richtig ausdrücke,
-aber mich mutet es ganz eigentümlich an, wenn einer
-dumm ist und dann auch noch krank, wenn das so zusammenkommt,
-das ist wohl das Trübseligste auf der Welt. Man
-weiß absolut nicht, was man für ein Gesicht dazu machen soll,
-denn einem Kranken möchte man doch Ernst und Achtung entgegenbringen,
-nicht wahr, Krankheit ist doch gewissermaßen
-etwas Ehrwürdiges, wenn ich so sagen darf. Aber wenn nun
-immer die Dummheit dazwischen kommt mit ‚Fomulus‘ und
-‚kosmische Anstalt‘ und solchen Schnitzern, da weiß man wahrhaftig
-nicht mehr, ob man weinen oder lachen soll, es ist ein
-Dilemma für das menschliche Gefühl und so kläglich, daß ich
-es gar nicht sagen kann. Ich meine, es reimt sich nicht, es paßt
-nicht zusammen, man ist nicht gewöhnt, es sich zusammen vorzustellen.
-Man denkt, ein dummer Mensch muß gesund und
-gewöhnlich sein, und Krankheit muß den Menschen fein und
-klug und besonders machen. So denkt man es sich in der
-Regel. Oder nicht? Ich sage da wohl mehr, als ich verantworten
-kann“, schloß er. „Es ist nur, weil wir zufällig darauf
-kamen ...“ Und er verwirrte sich.
-</p>
-
-<p>
-Auch Joachim war etwas verlegen, und Settembrini schwieg
-mit erhobenen Augenbrauen, indem er sich den Anschein gab,
-als warte er aus Höflichkeit das Ende der Rede ab. In Wirklichkeit
-hatte er es darauf abgesehen, Hans Castorp erst völlig
-aus dem Konzept kommen zu lassen, bevor er antwortete:
-</p>
-
-<p>
-„Sapristi, Ingenieur, Sie legen da philosophische Gaben
-an den Tag, deren ich mich gar nicht von Ihnen versehen
-hätte! Ihrer Theorie zufolge müßten Sie weniger gesund sein,
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-als Sie sich den Anschein geben, da <a id="corr-23"></a>Sie offenbar Geist besitzen.
-Erlauben Sie mir aber, Ihnen zu bemerken, daß ich Ihren
-Deduktionen nicht folgen kann, daß ich sie ablehne, ja ihnen
-in wirklicher Feindseligkeit gegenüberstehe. Ich bin, wie Sie
-mich da sehen, ein wenig unduldsam in geistigen Dingen und
-lasse mich lieber einen Pedanten schelten, als daß ich Ansichten
-unbekämpft ließe, die mir so bekämpfenswert scheinen wie die
-von Ihnen entwickelten ...“
-</p>
-
-<p>
-„Aber, Herr Settembrini ...“
-</p>
-
-<p>
-„Ge–statten Sie mir ... Ich weiß, was Sie sagen wollen.
-Sie wollen sagen, daß Sie es so ernst nicht gemeint haben,
-daß die von Ihnen vertretenen Anschauungen nicht ohne Weiteres
-die Ihren sind, sondern daß Sie gleichsam nur eine der
-möglichen und in der Luft schwebenden Anschauungen aufgriffen,
-um sich unverantwortlicherweise einmal darin zu versuchen.
-So entspricht es <a id="corr-24"></a>Ihrem Alter, welches männlicher Entschlossenheit
-noch entraten und vorderhand mit allerlei Standpunkten
-Versuche anstellen mag. <span class="antiqua" lang="la">Placet experiri</span>“, sagte er,
-indem er das <span class="antiqua">c</span> von „<span class="antiqua" lang="la">Placet</span>“ weich, nach italienischer Mundart
-sprach. „Ein guter Satz. Was mich stutzig macht, ist eben
-nur die Tatsache, daß Ihr Experiment sich gerade in dieser
-Richtung bewegt. Ich bezweifle, daß hier Zufall waltet. Ich
-befürchte das Vorhandensein einer Neigung, die sich charaktermäßig
-zu befestigen droht, wenn man ihr nicht entgegentritt.
-Darum fühle ich mich verpflichtet, Sie zu korrigieren. Sie
-äußerten, Krankheit mit Dummheit gepaart sei das Trübseligste
-auf der Welt. Ich kann Ihnen das zugeben. Auch
-mir ist ein geistreicher Kranker lieber als ein schwindsüchtiger
-Dummkopf. Aber mein Protest beginnt, wenn Sie Krankheit
-mit Dummheit im Verein gewissermaßen als einen Stilfehler
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-betrachten, als eine Geschmacksverirrung der Natur und ein
-<em>Dilemma für das menschliche Gefühl</em>, wie Sie sich auszudrücken
-beliebten. Wenn Sie Krankheit für etwas so Vornehmes
-und – wie sagten Sie doch – <em>Ehrwürdiges</em> zu
-halten scheinen, daß sie sich mit Dummheit schlechterdings
-<em>nicht zusammenreimt</em>. Dies war ebenfalls Ihr Ausdruck.
-Nun denn, nein! Krankheit ist durchaus nicht vornehm, durchaus
-nicht ehrwürdig, – diese Auffassung ist selbst Krankheit
-oder sie führt dazu. Vielleicht rufe ich am sichersten Ihren
-Abscheu gegen sie wach, wenn ich Ihnen sage, daß sie betagt
-und häßlich ist. Sie rührt aus abergläubisch zerknirschten
-Zeiten her, in denen die Idee des Menschlichen zum Zerrbild
-entartet und entwürdigt war, angstvollen Zeiten, denen Harmonie
-und Wohlsein als verdächtig und teuflisch galten, während
-Bresthaftigkeit damals einem Freibrief zum Himmelreich
-gleichkam. Vernunft und Aufklärung jedoch haben diese Schatten
-vertrieben, welche auf der Seele der Menschheit lagerten,
-– noch nicht völlig, sie liegen noch heute im Kampfe mit ihnen;
-dieser Kampf aber heißt Arbeit, mein Herr, irdische Arbeit,
-Arbeit für die Erde, für die Ehre und die Interessen der
-Menschheit, und täglich aufs neue gestählt in solchem
-Kampfe, werden jene Mächte den Menschen vollends befreien
-und ihn auf den Wegen des Fortschrittes und der Zivilisation
-einem immer helleren, milderen und reineren Lichte
-entgegenleiten.“
-</p>
-
-<p>
-Donnerwetter, dachte Hans Castorp bestürzt und beschämt,
-das ist ja eine Arie! Womit habe ich denn das herausgefordert?
-Etwas trocken kommt es mir übrigens vor. Und was
-er nur immer mit der Arbeit will. Immer hat er es mit der
-Arbeit, obgleich es doch wenig hierher paßt. Und er sagte:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-„Sehr schön, Herr Settembrini. Es ist geradezu hörenswert,
-wie Sie das so zu sagen wissen. Man könnte es gar nicht
-... gar nicht plastischer ausdrücken, meine ich.“
-</p>
-
-<p>
-„Rückneigung,“ setzte Settembrini wieder ein, indem er
-seinen Regenschirm über den Kopf eines Vorübergehenden hinweghob,
-„geistige Rückneigung in die Anschauungen jener
-finsteren, gequälten Zeiten – glauben Sie mir, Ingenieur, das
-ist Krankheit, – eine sattsam erforschte Krankheit, für welche
-die Wissenschaft verschiedene Namen besitzt, einen aus der
-Sprache der Schönheits- und Seelenlehre und einen aus der
-der Politik, – Schulausdrücke, die nichts zur Sache tun und
-deren Sie gern entraten mögen. Da aber im Geistesleben alles
-zusammenhängt und eines sich aus dem andern ergibt, da
-man dem Teufel nicht den kleinen Finger reichen darf, ohne
-daß er die ganze Hand nimmt und den ganzen Menschen dazu
-... da andererseits ein gesundes Prinzip immer nur lauter
-Gesundes zeitigen kann, gleichviel, welches man nun an den
-Anfang stelle, – so prägen Sie es sich ein, daß Krankheit, weit
-entfernt, etwas Vornehmes, etwas allzu Ehrwürdiges zu sein,
-um mit Dummheit leidlicherweise verbunden sein zu dürfen,
-vielmehr <em>Erniedrigung</em> bedeutet, – ja, eine schmerzliche, die
-Idee verletzende Erniedrigung des Menschen, die man im Einzelfalle
-schonen und betreuen möge, aber die geistig zu ehren
-<em>Verirrung</em> – prägen Sie sich das ein! – eine Verirrung
-und aller geistigen Verirrung Anfang ist. Diese Frau, deren
-Sie Erwähnung taten, – ich verzichte darauf, mich ihres Namens
-zu entsinnen – Frau Stöhr also, ich danke sehr – kurzum,
-diese lächerliche Frau, – nicht ihr Fall ist es, wie mir scheint,
-der das menschliche Gefühl, wie Sie sagten, in ein Dilemma
-versetzt. Krank und dumm, – in Gottes Namen, das ist die
-<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
-Misere selbst, die Sache ist einfach, es bleibt nichts als Erbarmen
-und Achselzucken. Das Dilemma, mein Herr, die <em>Tragik</em> beginnt,
-wo die Natur grausam genug war, die Harmonie der
-Persönlichkeit zu brechen – oder von vornherein unmöglich
-zu machen –, indem sie einen edlen und lebenswilligen Geist
-mit einem zum Leben nicht tauglichen Körper verband. Kennen
-Sie Leopardi, Ingenieur, oder Sie, Leutnant? Ein unglücklicher
-Dichter meines Landes, ein bucklichter, kränklicher Mann
-mit ursprünglich großer, durch das Elend seines Körpers aber
-beständig gedemütigter und in die Niederungen der Ironie
-herabgezogener Seele, deren Klagen das Herz zerreißen. Hören
-Sie dieses!“
-</p>
-
-<p>
-Und Settembrini begann, italienisch zu rezitieren, indem er
-die schönen Silben auf der Zunge zergehen ließ, den Kopf hin
-und her bewegte und zuweilen die Augen schloß, unbekümmert
-darum, daß seine Begleiter kein Wort verstanden. Sichtlich
-war es ihm darum zu tun, sein Gedächtnis und seine Aussprache
-selbst zu genießen und vor den Zuhörern zur Geltung zu bringen.
-Endlich sagte er:
-</p>
-
-<p>
-„Aber Sie verstehen nicht, Sie hören, ohne den schmerzlichen
-Sinn zu erfassen. Der Krüppel Leopardi, meine Herren, empfinden
-Sie dies ganz, entbehrte vor allem der Frauenliebe, und
-dies war es wohl namentlich, was ihn unfähig machte, der
-Verkümmerung seiner Seele zu steuern. Der Glanz des Ruhmes
-und der Tugend verblaßte ihm, die Natur erschien ihm böse –
-übrigens <em>ist</em> sie böse, dumm und böse, ich gebe ihm recht hierin –
-und er verzweifelte – es ist furchtbar zu sagen – er verzweifelte
-an Wissenschaft und Fortschritt! Hier haben Sie Tragik,
-Ingenieur. Hier haben Sie Ihr ‚Dilemma für das menschliche
-Gefühl‘, – nicht bei jener Frau dort, – ich lehne es ab,
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-mein Gedächtnis um ihren Namen zu bemühen ... Sprechen
-Sie mir nicht von der ‚Vergeistigung‘, die durch Krankheit
-hervorgebracht werden kann, um Gottes willen, tun Sie es
-nicht! Eine Seele ohne Körper ist so unmenschlich und entsetzlich,
-wie ein Körper ohne Seele, und übrigens ist das erstere
-die seltene Ausnahme und das zweite die Regel. In der Regel
-ist es der Körper, der überwuchert, der alle Wichtigkeit, alles
-Leben an sich reißt und sich aufs widerwärtigste emanzipiert.
-Ein Mensch, der als Kranker lebt, ist <em>nur</em> Körper, das ist das
-Widermenschliche und Erniedrigende, – er ist in den meisten
-Fällen nichts Besseres als ein Kadaver ...“
-</p>
-
-<p>
-„Komisch“, sagte Joachim plötzlich, indem er sich vorbeugte,
-um seinen Vetter anzusehen, der an Settembrinis anderer
-Seite ging. „Etwas ganz ähnliches hast du doch neulich auch
-gesagt.“
-</p>
-
-<p>
-„So?“ sagte Hans Castorp. „Ja, es kann ja wohl sein,
-daß mir was ähnliches auch schon durch den Kopf ging.“
-</p>
-
-<p>
-Settembrini schwieg während einiger Schritte. Dann sagte er:
-</p>
-
-<p>
-„Desto besser, meine Herren. Desto besser, wenn dem so ist.
-Die Absicht lag mir fern, Ihnen irgendwelche Originalphilosophie
-vorzutragen, – das ist nicht meines Amtes. Wenn unser
-Ingenieur schon seinerseits Übereinstimmendes angemerkt hat,
-so bestätigt dies nur meine Mutmaßung, daß er geistig dilettiert,
-daß er nach Art begabter Jugend mit den möglichen Anschauungen
-vorläufig nur Versuche anstellt. Der begabte junge
-Mensch ist kein unbeschriebenes Blatt, er ist vielmehr ein Blatt,
-auf dem gleichsam mit sympathetischer Tinte alles schon geschrieben
-steht, das Rechte wie das Schlechte, und Sache des
-Erziehers ist es, das Rechte entschieden zu entwickeln, das Falsche
-aber, das hervortreten will, durch sachgemäße Einwirkung auf
-<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
-immer auszulöschen. Die Herren haben Einkäufe gemacht?“
-fragte er veränderten, leichten Tones ...
-</p>
-
-<p>
-„Nein, nichts weiter,“ sagte Hans Castorp, „das heißt ...“
-</p>
-
-<p>
-„Wir haben ein paar Decken für meinen Vetter besorgt“,
-antwortete Joachim gleichgültig.
-</p>
-
-<p>
-„Für die Liegekur ... Bei dieser Hundekälte ... Ich soll ja
-mitmachen die paar Wochen“, sagte Hans Castorp lachend
-und sah zu Boden.
-</p>
-
-<p>
-„Ah, Decken, Liegekur“, sagte Settembrini. „So, so, so.
-Ei, ei, ei. In der Tat: <span class="antiqua" lang="la">Placet experiri</span>!“ wiederholte er mit
-italienischer Aussprache und verabschiedete sich, denn sie hatten,
-begrüßt von dem hinkenden Concierge, das Sanatorium betreten,
-und in der Halle schwenkte Settembrini in die Konversationsräume
-ab, um vor Tische die Zeitungen zu lesen,
-wie er sagte. Die zweite Liegekur schien er schwänzen zu
-wollen.
-</p>
-
-<p>
-„Gott bewahre!“ sagte Hans Castorp, als er mit Joachim
-im Lift stand. „Das ist wirklich ein Pädagog, – er sagte es
-ja neulich schon selbst, daß er so eine Ader habe. Man muß
-furchtbar aufpassen mit ihm, daß man kein Wort zu viel sagt,
-sonst gibt es ausführliche Lehren. Aber hörenswert ist es ja,
-wie er zu sprechen versteht, jedes Wort springt ihm so rund
-und appetitlich vom Munde, – ich muß immer an frische Semmeln
-denken, wenn ich ihm zuhöre.“
-</p>
-
-<p>
-Joachim lachte.
-</p>
-
-<p>
-„Das sage ihm lieber nicht. Ich glaube doch, er wäre enttäuscht,
-zu erfahren, daß du an Semmeln denkst bei seinen
-Lehren.“
-</p>
-
-<p>
-„Meinst du? Ja, das ist noch gar nicht mal sicher. Ich
-habe immer den Eindruck, daß es ihm nicht ganz allein um
-<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
-die Lehren zu tun ist, vielleicht um sie erst in zweiter Linie,
-sondern besonders um das Sprechen, wie er die Worte springen
-und rollen läßt ... so elastisch, wie Gummibälle ... und daß
-es ihm gar nicht unangenehm ist, wenn man namentlich auch
-darauf achtet. Bierbrauer Magnus ist ja wohl etwas dumm
-mit seinen ‚schönen Charakteren‘, aber Settembrini hätte doch
-sagen sollen, worauf es denn eigentlich ankommt in der Literatur.
-Ich mochte nicht fragen, um mir keine Blöße zu geben,
-ich verstehe mich ja auch nicht weiter darauf und hatte bis jetzt
-noch nie einen Literaten gesehen. Aber wenn es nicht auf
-die schönen Charaktere ankommt, so kommt es offenbar auf
-die schönen Worte an, das ist mein Eindruck in Settembrinis
-Gesellschaft. Was er für Vokabeln gebraucht! Ganz ohne
-sich zu genieren spricht er von ‚Tugend‘ – ich bitte dich! Mein
-ganzes Leben lang habe ich das Wort noch nicht in den Mund
-genommen, und selbst in der Schule haben wir immer bloß
-‚Tapferkeit‘ gesagt, wenn ‚<span class="antiqua" lang="la">virtus</span>‘ im Buche stand. Es zog
-sich etwas zusammen in mir, das muß ich sagen. Und dann
-macht es mich etwas nervös, wenn er so schimpft, auf die
-Kälte und auf Behrens und auf Frau Magnus, weil sie Eiweiß
-verliert, und kurz, auf alles. Er ist ein Oppositionsmann, darüber
-war ich mir gleich im klaren. Er hackt auf alles Bestehende,
-und das hat immer etwas Verwahrlostes, ich kann
-mir nicht helfen.“
-</p>
-
-<p>
-„Das sagst du so“, antwortete Joachim bedächtig. „Aber
-dann hat es doch wieder auch etwas Stolzes, was gar nicht
-verwahrlost anmutet, sondern im Gegenteil, er ist doch ein
-Mensch, der auf sich hält, oder auf die Menschen im allgemeinen,
-und das gefällt mir an ihm, das hat was Anständiges
-in meinen Augen.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
-„Da hast du recht“, sagte Hans Castorp. „Er hat sogar
-etwas <em>Strenges</em>, – es wird einem öfter ganz ungemütlich,
-weil man sich – sagen wir mal: kontrolliert fühlt, doch, das
-ist gar keine schlechte Bezeichnung. Willst du glauben, daß
-ich immer das Gefühl hatte, er wäre nicht einverstanden damit,
-daß ich mir Decken zum Liegen gekauft habe, er hätte etwas
-dagegen und hielte sich irgendwie darüber auf?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein“, sagte Joachim erstaunt und besonnen. „Wie könnte
-das wohl sein. Das kann ich mir doch nicht denken.“ Und
-dann ging er, das Thermometer im Munde, mit Sack und
-Pack in die Liegekur, während Hans Castorp gleich begann,
-sich für die Mittagsmahlzeit zu säubern und umzukleiden, –
-es war ohnedies nur noch ein knappes Stündchen bis dahin.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-5-2">
-Exkurs über den Zeitsinn
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Als sie vom Essen wieder heraufkamen, lag das Paket mit
-den Decken schon in Hans Castorps Zimmer auf einem Stuhl,
-und zum erstenmal machte er an diesem Tage Gebrauch davon,
-– der geübte Joachim erteilte ihm Unterricht in der Kunst,
-sich einzupacken, wie es alle hier oben machten und jeder Neuling
-es gleich erlernen mußte. Man breitete die Decken, eine und
-dann die andere, über das Stuhllager, so daß sie am Fußende
-ein reichliches Stück auf den Boden hingen. Dann nahm man
-Platz und begann, die innere um sich zu schlagen: zuerst der
-Länge nach bis unter die Achsel, hierauf von unten über die
-Füße, wobei man sich sitzend bücken und das gefaltete Ende
-doppelt fassen mußte, und dann von der anderen Seite, wobei
-der doppelte Fußzipfel gut an den Längsrand zu passen war,
-wenn die größtmögliche Glätte und Ebenmäßigkeit erzielt
-<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-werden sollte. Danach beobachtete man genau dasselbe Verfahren
-bei der äußeren Decke, – ihre Handhabung war etwas
-schwieriger, und Hans Castorp, als Stümper und Anfänger,
-ächzte nicht wenig, indem er, sich bückend und wieder ausstreckend,
-die Griffe übte, die man <a id="corr-25"></a>ihn lehrte. Nur einige
-wenige Altgediente, sagte Joachim, könnten <em>beide Decken
-gleichzeitig</em> mit drei sicheren Bewegungen um sich schleudern,
-aber das sei eine seltene und geneidete Fertigkeit, zu der nicht
-nur langjährige Übung, sondern auch eine natürliche Anlage
-gehöre. Über dies Wort mußte Hans Castorp lachen, während
-er mit schmerzendem Rücken sich zurückfallen ließ, und Joachim,
-der nicht gleich verstand, was hier komisch war, sah ihn unsicher
-an, lachte dann aber auch.
-</p>
-
-<p>
-„So,“ sagte er, als Hans Castorp ungegliedert und walzenförmig,
-die nachgiebige Rolle im Nacken und erschöpft von
-all der Gymnastik im Stuhle lag, „wenn es nun zwanzig Grad
-Kälte hätte, so könnte dir auch nichts passieren.“ Und dann
-ging er hinter die Glaswand, um sich ebenfalls einzupacken.
-</p>
-
-<p>
-Das mit den zwanzig Grad Kälte bezweifelte Hans Castorp,
-denn ihn fror entschieden, Schauer überliefen ihn wiederholt,
-während er durch die Holzbögen in die sickernde, nieselnde Nässe
-dort draußen blickte, die jeden Augenblick auf dem Punkte schien,
-wieder in Schneefall überzugehen. Wie sonderbar übrigens,
-daß er bei all der Feuchtigkeit immer noch so trockenhitzige
-Backen hatte, als säße er in einem überheizten Zimmer. Auch
-fühlte er sich lächerlich angegriffen von den Übungen mit den
-Decken, – wahrhaftig, „<span class="antiqua" lang="en">Ocean steamships</span>“ zitterte ihm in
-den Händen, sobald er es vor die Augen führte. So überaus
-gesund war er doch eben auch nicht, – total anämisch, wie Hofrat
-Behrens gesagt hatte, und deswegen neigte er wohl auch
-<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
-so zum Froste. Die unangenehmen Empfindungen jedoch wurden
-aufgewogen durch die große Bequemlichkeit seiner Lage,
-die schwer zu zergliedernden und fast geheimnisvollen Eigenschaften
-des Liegestuhles, die Hans Castorp beim ersten Versuche
-schon mit höchstem Beifall empfunden hatte, und die sich
-wieder und wieder aufs glücklichste bewährten. Lag es an der
-Beschaffenheit der Polster, der richtigen Neigung der Rückenlehne,
-der passenden Höhe und Breite der Armstützen oder auch
-nur der zweckmäßigen Konsistenz der Nackenrolle, genug, es
-konnte für das Wohlsein ruhender Glieder überhaupt nicht
-humaner gesorgt sein, als durch diesen vorzüglichen Liegestuhl.
-Und so war denn Zufriedenheit in Hans Castorps Herzen
-darüber, daß zwei leere und sicher gefriedete Stunden vor ihm
-lagen, diese durch die Hausordnung geheiligten Stunden der
-Hauptliegekur, die er, obgleich nur zu Gaste hier oben, als eine
-ihm ganz gemäße Einrichtung empfand. Denn er war geduldig
-von Natur, konnte lange ohne Beschäftigung wohl bestehen
-und liebte, wie wir uns erinnern, die freie Zeit, die
-von betäubender Tätigkeit nicht vergessen gemacht, verzehrt
-und verscheucht wird. Um vier erfolgte der Vespertee mit
-Kuchen und Eingemachtem, etwas Bewegung im Freien sodann,
-hierauf abermals Ruhe im Stuhl, um sieben das Abendessen,
-welches, wie überhaupt die Mahlzeiten, gewisse Spannungen
-und Sehenswürdigkeiten mit sich brachte, auf die man
-sich freuen konnte, danach ein oder der andere Blick in den
-stereoskopischen Guckkasten, das kaleidoskopische Fernrohr und
-die kinematographische Trommel ... Hans Castorp hatte den
-Tageslauf bereits am Schnürchen, wenn es auch viel zu viel
-gesagt wäre, daß er schon „eingelebt“, wie man es nennt,
-gewesen sei.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
-Im Grunde hat es eine merkwürdige Bewandtnis mit diesem
-Sicheinleben an fremdem Orte, dieser – sei es auch – mühseligen
-Anpassung und Umgewöhnung, welcher man sich beinahe
-um ihrer selbst willen und in der bestimmten Absicht
-unterzieht, sie, kaum daß sie vollendet ist, oder doch bald danach,
-wieder aufzugeben und zum vorigen Zustande zurückzukehren.
-Man schaltet dergleichen als Unterbrechung und Zwischenspiel
-in den Hauptzusammenhang des Lebens ein, und zwar zum
-Zweck der „Erholung“, das heißt: der erneuernden, umwälzenden
-Übung des Organismus, welcher Gefahr lief und schon
-im Begriffe war, im ungegliederten Einerlei der Lebensführung
-sich zu verwöhnen, zu erschlaffen und abzustumpfen. Worauf
-beruht dann aber diese Erschlaffung und Abstumpfung bei zu
-langer nicht aufgehobener Regel? Es ist nicht so sehr körperlich-geistige
-Ermüdung und Abnutzung durch die Anforderungen
-des Lebens, worauf sie beruht (denn für diese wäre
-ja einfache Ruhe das wiederherstellende Heilmittel); es ist vielmehr
-etwas Seelisches, es ist das Erlebnis der Zeit, – welches
-bei ununterbrochenem Gleichmaß abhanden zu kommen droht
-und mit dem Lebensgefühle selbst so nahe verwandt und verbunden
-ist, daß das eine nicht geschwächt werden kann, ohne
-daß auch das andere eine kümmerliche Beeinträchtigung erführe.
-Über das Wesen der Langenweile sind vielfach irrige
-Vorstellungen verbreitet. Man glaubt im ganzen, daß Interessantheit
-und Neuheit des Gehaltes die Zeit „vertreibe“, das
-heißt: verkürze, während Monotonie und Leere ihren Gang
-beschwere und hemme. Das ist nicht unbedingt zutreffend.
-Leere und Monotonie mögen zwar den Augenblick und die
-Stunde dehnen und „langweilig“ machen, aber die großen
-und größten Zeitmassen verkürzen und verflüchtigen sie sogar
-<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
-bis zur Nichtigkeit. Umgekehrt ist ein reicher und interessanter
-Gehalt wohl imstande, die Stunde und selbst noch den Tag zu
-verkürzen und zu beschwingen, ins Große gerechnet jedoch verleiht
-er dem Zeitgange Breite, Gewicht und Solidität, so daß
-ereignisreiche Jahre viel langsamer vergehen als jene armen,
-leeren, leichten, die der Wind vor sich her bläst, und die verfliegen.
-Was man Langeweile nennt, ist also eigentlich vielmehr eine
-krankhafte Kurzweiligkeit der Zeit infolge von Monotonie:
-große Zeiträume schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit
-auf eine das Herz zu Tode erschreckende Weise
-zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind sie alle wie
-einer; und bei vollkommener Einförmigkeit würde das längste
-Leben als ganz kurz erlebt werden und unversehens verflogen
-sein. Gewöhnung ist ein Einschlafen oder doch ein
-Mattwerden des Zeitsinnes, und wenn die Jugendjahre langsam
-erlebt werden, das spätere Leben aber immer hurtiger
-abläuft und hineilt, so muß auch das auf Gewöhnung beruhen.
-Wir wissen wohl, daß die Einschaltung von Um- und
-Neugewöhnungen das einzige Mittel ist, unser Leben zu halten,
-unseren Zeitsinn aufzufrischen, eine Verjüngung, Verstärkung,
-Verlangsamung unseres Zeiterlebnisses und damit die Erneuerung
-unseres Lebensgefühls überhaupt zu erzielen. Dies ist
-der Zweck des Orts- und Luftwechsels, der Badereise, die Erholsamkeit
-der Abwechslung und der Episode. Die ersten Tage
-an einem neuen Aufenthalt haben jugendlichen, das heißt starken
-und breiten Gang, – es sind etwa sechs bis acht. Dann, in
-dem Maße, wie man „sich einlebt“, macht sich allmähliche
-Verkürzung bemerkbar: wer am Leben hängt oder, besser
-gesagt, sich ans Leben hängen möchte, mag mit Grauen gewahren,
-wie die Tage wieder leicht zu werden und zu <em>huschen</em>
-<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
-beginnen; und die letzte Woche, etwa von vieren, hat unheimliche
-Rapidität und Flüchtigkeit. Freilich wirkt die Erfrischung
-des Zeitsinnes dann über die Einschaltung hinaus, macht sich,
-wenn man zur Regel zurückgekehrt ist, aufs neue geltend: die
-ersten Tage zu Hause werden ebenfalls, nach der Abwechslung,
-wieder neu, breit und jugendlich erlebt, aber nur einige wenige:
-denn in die Regel lebt man sich rascher wieder ein, als in ihre
-Aufhebung, und wenn der Zeitsinn durch Alter schon müde ist
-oder – ein Zeichen von ursprünglicher Lebensschwäche – nie
-stark entwickelt war, so schläft er sehr rasch wieder ein, und
-schon nach vierundzwanzig Stunden ist es, als sei man nie
-weg gewesen, und als sei die Reise der Traum einer Nacht.
-</p>
-
-<p>
-Diese Bemerkungen werden nur deshalb hier eingefügt, weil
-der junge Hans Castorp ähnliches im Sinne hatte, als er nach
-einigen Tagen zu seinem Vetter sagte (und ihn dabei mit rotgeäderten
-Augen ansah):
-</p>
-
-<p>
-„Komisch ist und bleibt es, wie die Zeit einem lang wird
-zu Anfang, an einem fremden Ort. Das heißt ... Selbstverständlich
-kann keine Rede davon sein, daß ich mich langweile,
-im Gegenteil, ich kann wohl sagen, ich amüsiere mich
-königlich. Aber wenn ich mich umsehe, retrospektiv also, versteh’
-mich recht, kommt es mir vor, als ob ich schon wer weiß
-wie lange hier oben wäre, und bis dahin zurück, wo ich ankam
-und nicht gleich verstand, daß ich da war, und du noch
-sagtest: ‚Steige nur aus!‘ – erinnerst du dich? – das scheint
-mir eine ganze Ewigkeit. Mit Messen und überhaupt mit
-dem Verstand hat das ja absolut nichts zu tun, es ist eine
-reine Gefühlssache. Natürlich wäre es albern, zu sagen: ‚Ich
-glaube schon zwei Monate hier zu sein‘, – das wäre ja Nonsens.
-Sondern ich kann eben nur sagen: ‚Sehr lange‘.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
-„Ja,“ antwortete Joachim, das Thermometer im Munde,
-„ich habe auch gut davon, ich kann mich gewissermaßen an
-dir festhalten, seit du da bist.“ Und Hans Castorp lachte darüber,
-daß Joachim dies so einfach, ohne Erklärung, sagte.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-5-3">
-Er versucht sich in französischer Konversation
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Nein, eingelebt war er noch keineswegs, weder was die
-Kenntnis des hiesigen Lebens in all seiner Eigentümlichkeit betraf,
-– eine Kenntnis, die er in so wenigen Tagen unmöglich
-gewinnen konnte und, wie er sich sagte (und es auch gegen
-Joachim aussprach), selbst in drei Wochen leider nicht würde
-gewinnen können; noch auch in bezug auf die Anpassung seines
-Organismus an die so sehr eigentümlichen atmosphärischen
-Verhältnisse bei „denen hier oben“, denn diese Anpassung
-wurde ihm sauer, überaus sauer, ja, wie ihm schien, wollte sie
-überhaupt nicht vonstatten gehen.
-</p>
-
-<p>
-Der Normaltag war klar gegliedert und fürsorglich organisiert,
-man kam rasch in Trott und gewann Geläufigkeit, wenn
-man sich seinem Getriebe einfügte. Im Rahmen der Woche
-jedoch und größerer Zeiteinheiten unterlag er gewissen regelmäßigen
-Abwandlungen, die sich erst nach und nach einfanden,
-die eine zum erstenmal, nachdem die andere sich schon wiederholt
-hatte; und auch was die alltägliche Einzelerscheinung von
-Dingen und Gesichtern betraf, so hatte Hans Castorp noch auf
-Schritt und Tritt zu lernen, obenhin Angeschautes genauer zu
-bemerken und Neues mit jugendlicher Empfänglichkeit in sich
-aufzunehmen.
-</p>
-
-<p>
-Jene bauchigen Gefäße mit kurzen Hälsen zum Beispiel, die
-auf den Gängen vor einzelnen Türen standen und auf die
-<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
-gleich am Abend seiner Ankunft sein Auge gefallen war, enthielten
-Sauerstoff, – Joachim erklärte es ihm auf Befragen.
-Reiner Sauerstoff war darin, zu sechs Franken der Ballon,
-und das belebende Gas wurde den Sterbenden zum Zweck
-einer letzten Anfeuerung und Hinhaltung ihrer Kräfte zugeführt,
-– sie schlürften es durch einen Schlauch. Denn hinter
-den Türen, vor denen solche Ballons standen, lagen Sterbende
-oder „<span class="antiqua" lang="la">moribundi</span>“, wie Hofrat Behrens sagte, als Hans Castorp
-ihm einmal im ersten Stockwerk begegnete, – der Hofrat
-kam in weißem Kittel und mit blauen Backen den Korridor
-entlanggerudert, und sie gingen zusammen die Treppe
-hinauf.
-</p>
-
-<p>
-„Na, Sie unbeteiligter Zuschauer Sie!“ sagte Behrens.
-„Was machen Sie denn, finden wir Gnade vor Ihren prüfenden
-Blicken? Ehrt uns, ehrt uns. Ja, unsere Sommersaison, die
-hats in sich, die ist nicht von schlechten Eltern. Habe es mir
-auch was kosten lassen, um sie ein bißchen zu poussieren. Aber
-schade ist es doch, daß Sie den Winter nicht mitmachen wollen
-bei uns, – Sie wollen ja bloß acht Wochen bleiben, hab ich
-gehört? Ach, drei? Das ist aber eine Stippvisite, das lohnt
-ja das Ablegen gar nicht; na, wie Sie meinen. Aber schade
-ist es doch, daß Sie den Winter nicht mitmachen, denn was so
-die Hotevoleh ist,“ sagte er mit scherzhaft unmöglicher Aussprache,
-„die internationale Hotevoleh da unten in Platz, die
-kommt doch nun mal erst im Winter, und die müßten Sie
-sehen, da täten Sie was für Ihre Bildung. Zum Kugeln,
-wenn die Kerls so Sprünge machen auf ihren Fußbrettern.
-Und dann die Damen, herrje, die Damen! Bunt wie die
-Paradiesvögel, sag ich Ihnen, und mächtig galant ... Nun
-muß ich aber zu meinem Moribundus,“ sagte er, „auf siebenundzwanzig
-<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
-hier. Finales Stadium, wissen Sie. Durch die
-Mitte ab. Fünf Dutzend Fiaskos Oxygen hat er gestern und
-heute noch ausgekneipt, der Schlemmer. Aber bis Mittag
-wird er wohl <span class="antiqua" lang="la">ad penates</span> gehen. Na, lieber Reuter,“ sagte
-er, indem er eintrat, „wie wäre es, wenn wir noch einer den
-Hals brächen ...“ Seine Worte verloren sich hinter der Tür,
-die er zuzog. Aber einen Augenblick hatte Hans Castorp im
-Hintergrunde des Zimmers auf dem Kissen das wächserne
-Profil eines jungen Mannes mit dünnem Kinnbart gesehen,
-der langsam seine sehr großen Augäpfel zur Tür gerollt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Es war der erste Moribundus, den Hans Castorp in seinem
-Leben zu sehen bekam, denn seine Eltern sowohl wie der Großvater
-waren ja damals gleichsam hinter seinem Rücken gestorben.
-Wie würdevoll der Kopf des jungen Mannes mit
-aufwärts geschobenem Kinnbart auf dem Kissen gelegen hatte!
-Wie bedeutend der Blick seiner übergroßen Augen gewesen
-war, als er sie langsam zur Tür gedreht hatte! Hans Castorp,
-noch ganz vertieft in den flüchtigen Anblick, versuchte unwillkürlich,
-ebenso große, bedeutende und langsame Augen wie der
-Moribundus zu machen, während er weiter zur Treppe ging,
-und mit diesen Augen blickte er eine Dame an, die hinter ihm
-aus einer Tür getreten war und ihn am Treppenkopf überholte.
-Er erkannte nicht gleich, daß es Madame Chauchat
-war. Sie lächelte leise über die Augen, die er machte, stützte
-dann mit der Hand die Flechte an ihrem Hinterkopf und ging
-vor ihm die Treppe hinunter, geräuschlos, schmiegsam und
-etwas vorgeschobenen Kopfes.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Bekanntschaften machte er fast keine in diesen ersten Tagen
-und auch später noch lange nicht. Die Tagesordnung war
-<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
-dem im ganzen nicht günstig; auch war Hans Castorp ja zurückhaltenden
-Wesens, fühlte sich überdies als Gast und „unbeteiligter
-Zuschauer“ hier oben, wie Hofrat Behrens gesagt
-hatte, und ließ sich an Joachims Gespräch und Gesellschaft in
-der Hauptsache gern genügen. Die Krankenschwester auf dem
-Korridor freilich reckte so lange den Hals nach ihnen, bis
-Joachim, der ihr schon früher manchmal kleine Plaudereien
-gewährt hatte, seinen Vetter mit ihr bekannt machte. Das
-Kneiferband hinter dem Ohr, sprach sie nicht nur geziert, sondern
-geradezu gequält und machte bei näherer Prüfung den
-Eindruck, als habe unter der Folter der Langenweile ihr Verstand
-gelitten. Es war sehr schwer, wieder von ihr loszukommen,
-da sie vor der Beendigung des Gespräches eine krankhafte
-Furcht an den Tag legte und, sobald die jungen Leute
-Miene machten, weiterzugehen, sich mit hastigen Worten und
-Blicken, auch einem verzweifelten Lächeln an sie klammerte, so
-daß sie aus Erbarmen noch bei ihr stehen blieben. Sie sprach
-des langen und breiten von ihrem Papa, welcher Jurist, und
-ihrem Cousin, der Arzt sei, – offenbar um sich in ein vorteilhaftes
-Licht zu setzen und ihre Herkunft aus gebildeter Gesellschaftsschicht
-zu bekunden. Was ihren Pflegling dort hinter
-der Tür betraf, so war er der Sohn eines Koburger Puppenfabrikanten,
-Rotbein mit Namen, und neuerdings habe es sich
-bei dem jungen Fritz auf den Darm geworfen. Das sei hart
-für alle Beteiligten, wie die Herren sich wohl vorstellen könnten;
-namentlich wenn man nun einmal aus akademischem
-Hause stamme und die Feinfühligkeit der höheren Klassen besitze,
-so sei es hart. Und nicht den Rücken dürfe man kehren ...
-Neulich, was glaubten die Herren, komme sie von einem kurzen
-Ausgange zurück, nichts als ein wenig Zahnpulver habe sie
-<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
-sich besorgt, und finde den Kranken in seinem Bette sitzend,
-vor sich ein Glas dickes, dunkles Bier, eine Salamiwurst, ein
-derbes Stück Schwarzbrot und eine Gurke! All diese heimischen
-Leckerbissen hätten die Seinen ihm zugesandt zu seiner
-Kräftigung. Aber am nächsten Tage sei er natürlich mehr tot
-als lebendig gewesen. Er selbst beschleunige sein Ende. Aber
-das werde die Erlösung ja nur für ihn bedeuten, nicht auch
-für sie – Schwester Berta sei übrigens ihr Name, in Wirklichkeit
-Alfreda Schildknecht –, denn <em>sie</em> komme dann eben zu
-einem anderen Kranken, in mehr oder weniger vorgeschrittenem
-Stadium, hier oder in einem anderen Sanatorium, das sei die
-Perspektive, die sich ihr eröffne, und eine andere eröffne sich
-eben nicht.
-</p>
-
-<p>
-Ja, sagte Hans Castorp, ihr Beruf sei gewiß schwer, aber
-doch auch befriedigend, sollte er denken.
-</p>
-
-<p>
-Gewiß, antwortete sie, befriedigend sei er, – befriedigend,
-aber sehr schwer.
-</p>
-
-<p>
-Nun, alles Gute für Herrn Rotbein. Und die Vettern
-wollten gehen.
-</p>
-
-<p>
-Aber da klammerte sie sich an sie mit Worten und Blicken,
-und so jammervoll war es zu sehen, wie sie sich anstrengte, die
-jungen Leute ein wenig länger zu fesseln, daß es grausam gewesen
-wäre, ihr nicht noch eine Frist zu gewähren.
-</p>
-
-<p>
-„Er schläft!“ sagte sie. „Er braucht mich nicht. Da bin ich
-für einige kurze Minuten auf den Gang hinausgetreten ...“
-Und sie begann über Hofrat Behrens zu klagen und den Ton,
-in dem er mit ihr verkehre und der allzu zwanglos sei, um
-ihrer Herkunft zu entsprechen. Bei weitem gab sie Herrn Dr.
-Krokowski den Vorzug, – ihn nannte sie seelenvoll. Dann
-kam sie wieder auf ihren Papa und ihren Cousin. Ihr Hirn
-<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
-gab nichts weiter her. Vergebens rang sie danach, die Vettern
-noch ein wenig zu fesseln, indem sie plötzlich mit einem Anlauf
-die Stimme erhob und beinahe zu schreien begann, wenn sie
-gehen wollten, – sie entschlüpften ihr endlich und gingen. Aber
-die Schwester sah ihnen noch eine Weile mit vorgebeugtem
-Oberkörper und saugenden Blicken nach, als wollte sie sie mit
-den Augen zu sich zurückziehen. Dann entrang sich ein Seufzer
-ihrer Brust, und sie kehrte zu ihrem Pflegling ins Zimmer
-zurück.
-</p>
-
-<p>
-Sonst wurde Hans Castorp in diesen Tagen nur noch mit
-der schwarzbleichen Dame bekannt, jener Mexikanerin, die er
-im Garten gesehen hatte und die „<span class="antiqua" lang="fr">Tous les deux</span>“ genannt
-wurde. Es geschah wirklich, daß auch er aus ihrem Munde
-die trübselige Formel hörte, die ihr zum Spitznamen geworden
-war; aber da er sich vorbereitet hatte, so bewahrte er gute
-Haltung dabei und konnte nachher zufrieden mit sich sein. Die
-Vettern trafen sie vor dem Hauptportal, als sie nach dem
-ersten Frühstück den vorgeschriebenen Morgenspaziergang antraten.
-In ein schwarzes Kaschmirtuch gehüllt, mit krummen
-Knien und langen, ruhelos wandernden Tritten erging sie sich
-dort, und gegen den schwarzen Schleier, der um ihr silbern
-durchzogenes Haar geschlungen und unter dem Kinn zusammengebunden
-war, schimmerte mattweiß ihr alterndes Gesicht
-mit dem großen, verhärmten Munde. Joachim, ohne Hut
-wie gewöhnlich, begrüßte sie durch Verneigung, und sie dankte
-langsam, während beim Schauen die Querfalten in ihrer engen
-Stirn sich vertieften. Sie blieb stehen, da sie ein neues Gesicht
-bemerkte, und erwartete, leise mit dem Kopfe nickend, die Annäherung
-der jungen Leute; denn offenbar hielt sie es für notwendig
-zu hören, ob der Fremde von ihrem Schicksal wisse,
-<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
-und seine Äußerung darüber entgegenzunehmen. Joachim
-stellte seinen Vetter vor. Sie reichte dem Gast aus der Mantille
-heraus die Hand, eine magere, gelbliche, hoch geäderte,
-mit Ringen geschmückte Hand, und fuhr fort, ihn nickend anzublicken.
-Dann kam es:
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Tous les dé, monsieur</span>“, sagte sie. „<span class="antiqua" lang="fr">Tous les dé vous
-savez ...</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Je le sais, madame</span>“, antwortete Hans Castorp gedämpft.
-„<span class="antiqua" lang="fr">Et je le regrette beaucoup.</span>“
-</p>
-
-<p>
-Die schlaffen Hautsäcke unter ihren jettschwarzen Augen
-waren so groß und schwer, wie er es noch bei keinem Menschen
-gesehen. Ein leiser, welker Duft ging von ihr aus. Es
-war ihm sanft und ernst um das Herz.
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Merci</span>“, sagte sie mit einer rasselnden Aussprache, die
-sonderbar zu der Gebrochenheit ihres Wesens stimmte, und der
-eine Winkel ihres großen Mundes hing tragisch tief hinab.
-Dann zog sie die Hand unter die Mantille zurück, neigte den
-Kopf und machte sich wieder ans Wandern. Hans Castorp aber
-sagte im Weitergehen:
-</p>
-
-<p>
-„Du siehst, es hat mir nichts gemacht, ich bin ganz gut mit
-ihr fertig geworden. Ich werde überhaupt mit solchen Leuten
-ganz gut fertig, glaube ich, ich verstehe mich von Natur auf
-den Umgang mit ihnen, – meinst du nicht auch? Ich glaube
-sogar, ich komme mit traurigen Menschen im ganzen besser
-aus, als mit lustigen, weiß Gott, woran es liegt, vielleicht
-daran, daß ich doch Waise bin und meine Eltern so früh verloren
-habe, aber wenn die Leute ernst und traurig sind und der
-Tod im Spiele ist, das bedrückt mich eigentlich nicht und macht
-mich nicht verlegen, sondern ich fühle mich dabei in meinem Element
-und jedenfalls besser, als wenn es so forsch zugeht, das
-<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
-liegt mir weniger. Neulich dachte ich: Es ist doch eine Albernheit
-von den hiesigen Damen, sich dermaßen vor dem Tode zu
-graulen und allem, was damit zusammenhängt, daß man sie
-ängstlich davor bewahren muß und das Viatikum bringt,
-wenn sie gerade essen. Nein, pfui, das ist läppisch. Siehst du
-nicht ganz gern einen Sarg? Ich sehe ganz gern mal einen.
-Ich finde, ein Sarg ist ein geradezu schönes Möbel, schon
-wenn er leer ist, aber wenn jemand darin liegt, dann ist es
-direkt feierlich in meinen Augen. Begräbnisse haben so etwas
-Erbauliches, – ich habe schon manchmal gedacht, man sollte,
-statt in die Kirche, zu einem Begräbnis gehen, wenn man sich
-ein bißchen erbauen will. Die Leute haben gutes schwarzes
-Zeug an und nehmen die Hüte ab und sehen auf den Sarg und
-halten sich ernst und andächtig, und niemand darf faule Witze
-machen, wie sonst im Leben. Das habe ich sehr gern, wenn sie
-endlich mal ein bißchen andächtig sind. Manchmal habe ich
-mich schon gefragt, ob ich nicht Pastor hätte werden sollen, –
-in gewisser Weise hätte das, glaube ich, nicht schlecht für mich
-gepaßt ... Hoffentlich habe ich keinen Fehler im Französischen
-gemacht bei dem, was ich sagte?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein“, sagte Joachim. „<span class="antiqua" lang="fr">Je le regrette beaucoup</span> war
-ja soweit ganz richtig.“
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-5-4">
-Politisch verdächtig!
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Regelmäßige Abwandlungen des Normaltages fanden sich
-ein: zuerst ein Sonntag – und zwar ein Sonntag mit Kurmusik
-auf der Terrasse, wie er vierzehntägig erschien, eine
-Markierung der Doppelwoche also, in deren zweite Hälfte
-Hans Castorp von außen eingetreten war. An einem Dienstag
-<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
-war er gekommen, und so war es der fünfte Tag, ein Tag
-von Frühlingscharakter nach jenem abenteuerlichen Wettersturz
-und Rückfall in den Winter, – zart und frisch, mit
-reinlichen Wolken am hellblauen Himmel und mäßigem
-Sonnenschein über Hängen und Tal, die wieder ein ordnungsgemäßes
-Sommergrün angenommen hatten, da der
-Neuschnee denn doch zu raschem Versickern verurteilt gewesen
-war.
-</p>
-
-<p>
-Es war deutlich, daß jedermann sich befliß, den Sonntag zu
-ehren und auszuzeichnen; Verwaltung und Gäste unterstützten
-einander in diesem Bestreben. Gleich zum Morgentee gab es
-Streußelkuchen, an jedem Platz stand ein Gläschen mit ein
-paar Blumen, wilden Gebirgsnelken und sogar Alpenrosen,
-welche die Herren sich in das Knopfloch des Aufschlages steckten
-(Staatsanwalt Paravant aus Dortmund hatte sogar
-einen schwarzen Schwalbenschwanz mit punktierter Weste angelegt),
-die Damentoiletten trugen das Gepräge festlicher
-Duftigkeit – Frau Chauchat erschien zum Frühstück in einer
-fließenden Spitzenmatinee mit offenen Ärmeln, worin sie, während
-die Glastür ins Schloß schmetterte, erst einmal Front
-machte und sich dem Saal gleichsam anmutig präsentierte, bevor
-sie sich schleichenden Schrittes zu ihrem Tisch begab, und
-die sie so ausgezeichnet kleidete, daß Hans Castorps Nachbarin,
-die Lehrerin aus Königsberg, sich ganz begeistert darüber
-zeigte – und sogar das barbarische Ehepaar vom Schlechten
-Russentisch hatte dem Gottestag Rechnung getragen, indem
-nämlich der männliche Teil seine Lederjoppe mit einer Art
-von kurzem Gehrock und die Filzstiefel mit Lederschuhwerk vertauscht
-hatte, <em>sie</em> freilich auch heute ihre unsaubere Federboa,
-darunter aber eine grünseidene Bluse mit Halskrause trug ...
-<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
-Hans Castorp runzelte die Brauen, als er der beiden ansichtig
-wurde, und verfärbte sich, wozu er hier auffallend neigte.
-</p>
-
-<p>
-Gleich nach dem zweiten Frühstück begann die Kurmusik auf
-der Terrasse; allerlei Blech- und Holzbläser fanden sich dort
-ein und spielten abwechselnd flott und getragen, fast bis zum
-Mittagessen. Während des Konzertes war die Liegekur nicht
-streng obligatorisch. Zwar genossen einige den Ohrenschmaus
-auf ihren Balkons, und auch in der Gartenhalle waren drei
-oder vier Stühle besetzt; aber die Mehrzahl der Gäste saß an
-den kleinen, weißen Tischen auf der gedeckten Plattform,
-während leichte Lebewelt, der es zu ehrbar scheinen mochte, auf
-Stühlen zu sitzen, die steinernen Stufen besetzt hielt, die in den
-Garten hinunterführten, und dort viel Frohsinn entfaltete:
-jugendliche Kranke beiderlei Geschlechts, von denen Hans Castorp
-die meisten schon dem Namen nach oder von Ansehen
-kannte. Hermine Kleefeld gehörte dazu, sowie Herr Albin, der
-eine große geblümte Schachtel mit Schokolade herumgehen und
-alle daraus essen ließ, während er selbst nicht aß, sondern mit
-väterlicher Miene Zigaretten mit goldenem Mundstück rauchte;
-ferner der wulstlippige Jüngling vom „Verein Halbe Lunge“,
-Fräulein Levi, dünn und elfenbeinfarben, wie sie war, ein aschblonder
-junger Mann, der auf den Namen Rasmussen hörte
-und seine Hände nach Art von Flossen aus schlaffen Gelenken
-in Brusthöhe hängen ließ, Frau Salomon aus Amsterdam, eine
-rot gekleidete Frau von reicher Körperlichkeit, die sich ebenfalls
-der Jugend beigesellt hatte und in deren bräunlichen Nacken
-jener lange Mensch mit gelichtetem Haar, der aus dem „Sommernachtstraum“
-spielen konnte und nun, mit den Armen
-seine spitzen Knie umschlingend, hinter ihr saß, unablässig seine
-trüben Blicke gerichtet hielt; ein rothaariges Fräulein aus
-<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
-Griechenland, ein anderes unbekannter Herkunft mit dem Gesicht
-eines Tapirs, der gefräßige Junge mit den dicken Brillengläsern,
-ein weiterer fünfzehn- oder sechzehnjähriger Junge,
-der ein Monokel eingeklemmt hatte und beim Hüsteln den lang
-gewachsenen, salzlöffelähnlichen Nagel seines kleinen Fingers
-zum Munde führte, ein kapitaler Esel offenbar – und noch
-andere mehr.
-</p>
-
-<p>
-Dieser Junge mit dem Fingernagel, erzählte Joachim leise,
-sei nur ganz wenig leidend gewesen, als er gekommen sei, –
-ohne Temperatur, und nur der Vorsicht halber sei er von seinem
-Vater, einem Arzt, heraufgeschickt worden und habe nach
-des Hofrats Urteile etwa drei Monate bleiben sollen. Jetzt,
-nach drei Monaten, habe er 37,8 bis 38 und sei recht krank.
-Aber er lebe ja auch so unvernünftig, daß er Maulschellen
-verdiene.
-</p>
-
-<p>
-Die Vettern hatten ein Tischchen für sich, etwas abseits von
-den übrigen, denn Hans Castorp rauchte zu seinem schwarzen
-Bier, das er vom Frühstück mit herausgenommen hatte, und
-von Zeit zu Zeit schmeckte ihm seine Zigarre ein wenig. Benommen
-vom Biere und von der Musik, die wie immer bewirkte,
-daß sein Mund sich öffnete und sein Kopf sich auf die
-Seite legte, betrachtete er mit geröteten Augen das sorglose
-Badeleben ringsumher, wobei das Bewußtsein ihn durchaus
-nicht störte, sondern im Gegenteil dem Ganzen eine erhöhte
-Merkwürdigkeit, einen gewissen geistigen Reiz verlieh, daß alle
-diese Leute in ihrem Inneren von einem schwer aufzuhaltenden
-Zerfall ergriffen waren und daß die meisten von ihnen
-in leichtem Fieber standen ... Man trank perlende Kunstlimonade
-an den Tischchen, und auf der Freitreppe wurde photographiert.
-Andere tauschten dort Briefmarken, und das rothaarige
-<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
-Fräulein aus Griechenland zeichnete Herrn Rasmussen
-auf einem Block, wollte ihm dann aber das Bild nicht zeigen,
-sondern wandte sich, mit breiten, weit auseinander stehenden
-Zähnen lachend, hin und her, so daß er es lange nicht vermochte,
-ihr den Block zu entreißen. Hermine Kleefeld saß mit nur halb
-geöffneten Augen auf ihrer Stufe und schlug mit einer zusammengerollten
-Zeitung den Takt zur Musik, während sie sich
-von Herrn Albin ein Sträußchen Wiesenblumen an ihrer Bluse
-befestigen ließ, und der Wulstlippige, zu Frau Salomons
-Füßen sitzend, plauderte gedrehten Halses zu ihr empor, indes
-der dünnhaarige Pianist ihr von hinten unverwandt in den
-Nacken blickte.
-</p>
-
-<p>
-Die Ärzte kamen und mischten sich unter die Kurgesellschaft,
-Hofrat Behrens in weißem und Dr. Krokowski in schwarzem
-Kittel. Sie gingen die Reihe der Tischchen entlang, wobei der
-Hofrat beinahe an jedem ein gemütliches Witzwort fallen
-ließ, so daß ein Kielwasser heiterer Bewegung seinen Weg
-bezeichnete, und stiegen dann zur Jugend hinab, deren weiblicher
-Teil sich sofort mit Wippen und schrägen Blicken um
-Dr. Krokowski scharte, während der Hofrat dem Sonntage
-zu Ehren der Herrenwelt das Kunststück mit seinem Schnürstiefel
-zeigte: er setzte seinen gewaltigen Fuß auf eine höhere
-Stufe, löste die Bänder, ergriff sie nach einer besonderen Praktik
-mit einer Hand und wußte sie, ohne die andere zu Hilfe zu
-nehmen, mit solcher Fertigkeit kreuzweise einzuhaken, daß alle
-sich wunderten und mehrere umsonst versuchten, es ihm gleichzutun.
-</p>
-
-<p>
-Später erschien auch Settembrini auf der Terrasse, – er kam,
-auf seinen Spazierstock gestützt, aus dem Speisesaal, auch
-heute in seinem Flaus und seinen gelblichen Hosen, mit feiner,
-<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
-geweckter und kritischer Miene, sah sich um und näherte sich
-dem Tische der Vettern, indem er „Ah, bravo!“ sagte und um
-die Erlaubnis bat, sich zu ihnen setzen zu dürfen.
-</p>
-
-<p>
-„Bier, Tabak und Musik“, sagte er. „Da haben wir Ihr
-Vaterland! Ich sehe, Sie haben Sinn für nationale Stimmung,
-Ingenieur. Sie sind in <a id="corr-27"></a>Ihrem Elemente, das freut mich.
-Lassen Sie mich etwas teilnehmen an der Harmonie Ihres
-Zustandes!“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp nahm seine Züge zusammen, – hatte es schon
-getan, als er des Italieners nur ansichtig geworden war.
-Er sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Sie kommen aber spät zum Konzert, Herr Settembrini,
-es muß ja bald aus sein. Hören Sie nicht gern Musik?“
-</p>
-
-<p>
-„Nicht gern auf Kommando“, erwiderte Settembrini. „Nicht
-nach dem Wochenkalender. Nicht gern, wenn sie nach Apotheke
-riecht und mir von oben herab aus sanitären Gründen
-zugemessen wird. Ich halte ein wenig auf meine Freiheit oder
-doch auf jenen Rest von Freiheit und Menschenwürde, der
-unsereinem übrigbleibt. Bei solchen Veranstaltungen hospitiere
-ich, wie Sie im großen bei uns hospitieren, – ich komme
-auf eine Viertelstunde und gehe wieder meiner Wege. Das
-gibt mir die Illusion der Unabhängigkeit ... Ich sage nicht,
-daß es mehr ist, als eine Illusion, aber was wollen Sie, wenn
-sie mir eine gewisse Genugtuung bereitet! Mit Ihrem Vetter,
-das ist etwas anderes. Für ihn ist es Dienst. Nicht wahr, Leutnant,
-Sie betrachten es als zum Dienst gehörig. Oh, ich weiß,
-Sie kennen den Trick, in der Sklaverei Ihren Stolz zu bewahren.
-Ein verwirrender Trick. Nicht jedermann in Europa
-versteht sich darauf. Musik? Fragten Sie nicht, ob ich mich
-als Liebhaber der Musik bekenne? Nun, wenn Sie ‚Liebhaber‘
-<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
-sagen (eigentlich entsann Hans Castorp sich nicht, so gesagt
-zu haben), der Ausdruck ist nicht übel gewählt, er hat einen
-Anflug zärtlicher Leichtfertigkeit. Gut denn, ich schlage ein.
-Ja, ich bin ein Liebhaber der Musik, – womit nicht gesagt
-sein soll, daß ich sie sonderlich achte, – so etwa, wie ich das
-Wort achte und liebe, den Träger des Geistes, das Werkzeug,
-die glänzende Pflugschar des Fortschritts ... Musik ... sie
-ist das halb Artikulierte, das Zweifelhafte, das Unverantwortliche,
-das Indifferente. Vermutlich werden Sie mir einwenden,
-daß sie klar sein könne. Aber auch die Natur kann klar
-sein, auch ein Bächlein kann klar sein, und was hilft uns das?
-Es ist nicht die wahre Klarheit, es ist eine träumerische, nichtssagende
-und zu nichts verpflichtende Klarheit, eine Klarheit
-ohne Konsequenzen, gefährlich deshalb, weil sie dazu verführt,
-sich bei ihr zu beruhigen ... Lassen Sie die Musik die Gebärde
-der Hochherzigkeit annehmen. Gut! Sie wird damit
-unser Gefühl entflammen. Es kommt jedoch darauf an, die
-Vernunft zu entflammen! Die Musik ist scheinbar die Bewegung
-selbst, – gleichwohl habe ich sie im Verdachte des
-Quietismus. Lassen Sie mich die Sache auf die Spitze stellen:
-Ich hege eine politische Abneigung gegen die Musik.“
-</p>
-
-<p>
-Hier konnte Hans Castorp nicht umhin, sich aufs Knie zu
-schlagen und auszurufen, so etwas habe er denn doch in seinem
-Leben noch nicht gehört.
-</p>
-
-<p>
-„Ziehen Sie es trotzdem in Erwägung!“ sagte Settembrini
-lächelnd. „Die Musik ist unschätzbar als letztes Begeisterungsmittel,
-als aufwärts und vorwärts reißende Macht, wenn sie
-den Geist für ihre Wirkungen vorgebildet findet. Aber die
-Literatur muß ihr vorangegangen sein. Musik allein bringt
-die Welt nicht vorwärts. Musik allein ist gefährlich. Für Sie
-<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
-persönlich, Ingenieur, ist sie unbedingt gefährlich. Ich sah es
-sofort an Ihren Gesichtszügen, als ich kam.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp lachte.
-</p>
-
-<p>
-„Ach, mein Gesicht dürfen Sie nicht ansehen, Herr Settembrini.
-Sie glauben nicht, wie die Luft bei Ihnen hier oben
-mir zusetzt. Es fällt mir schwerer, als ich dachte, mich zu akklimatisieren.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich fürchte, Sie täuschen sich.“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, wieso! Weiß der Teufel, wie müde und heiß ich
-noch immer bin.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich finde doch, daß man der Direktion für die Konzerte
-dankbar sein muß“, sagte Joachim besonnen. „Sie betrachten
-die Sache ja von einem höheren Standpunkt, Herr Settembrini,
-sozusagen als Schriftsteller, und da will ich Ihnen nicht
-widersprechen. Aber ich finde doch, daß man hier dankbar
-sein muß für ein bißchen Musik. Ich bin gar nicht besonders
-musikalisch, und dann sind die Stücke, die gespielt werden, ja
-auch nicht weiter großartig, – weder klassisch noch modern,
-sondern nur einfach Blechmusik. Aber es ist doch eine erfreuliche
-Abwechslung. Es füllt ein paar Stunden so anständig
-aus, ich meine: es teilt sie ein und füllt sie im einzelnen aus,
-so daß doch etwas daran ist, während man sich hier sonst die
-Stunden und Tage und Wochen so schauderhaft um die
-Ohren schlägt ... Sehen Sie, so eine anspruchslose Konzertnummer
-dauert vielleicht sieben Minuten, nicht wahr, und die
-sind etwas für sich, sie haben Anfang und Ende, sie heben sich ab
-und sind gewissermaßen bewahrt davor, so unversehens im allgemeinen
-Schlendrian unterzugehen. Außerdem sind sie ja wieder
-noch vielfach eingeteilt, durch die Figuren des Stückes, und
-die wieder in Takte, so daß immer was los ist und jeder Augenblick
-<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
-einen gewissen Sinn bekommt, an den man sich halten
-kann, während sonst ... Ich weiß nicht, ob ich mich richtig ...“
-</p>
-
-<p>
-„Bravo!“ rief Settembrini. „Bravo, Leutnant! Sie bezeichnen
-sehr gut ein unzweifelhaft sittliches Moment im Wesen
-der Musik, nämlich dieses, daß sie dem Zeitablaufe durch eine
-ganz eigentümlich lebensvolle Messung Wachheit, Geist und
-Kostbarkeit verleiht. Die Musik weckt die Zeit, sie weckt uns
-zum feinsten Genusse der Zeit, sie weckt ... insofern ist sie
-sittlich. Die Kunst ist sittlich, sofern sie weckt. Aber wie, wenn
-sie das Gegenteil tut? Wenn sie betäubt, einschläfert, der
-Aktivität und dem Fortschritt entgegenarbeitet? Auch das kann
-die Musik, auch auf die Wirkung der Opiate versteht sie sich
-aus dem Grunde. Eine teuflische Wirkung, meine Herren!
-Das Opiat ist vom Teufel, denn es schafft Dumpfsinn, Beharrung,
-Untätigkeit, knechtischen Stillstand ... Es ist etwas
-Bedenkliches um die Musik, meine Herren. Ich bleibe dabei,
-daß sie zweideutigen Wesens ist. Ich gehe nicht zu weit, wenn
-ich sie für politisch verdächtig erkläre.“
-</p>
-
-<p>
-Er sprach noch weiter in dieser Art, und Hans Castorp hörte
-auch zu, vermochte aber so recht nicht zu folgen, erstens seiner
-Müdigkeit wegen, und dann auch, weil er abgelenkt war durch
-die geselligen Vorgänge unter der leichten Jugend dort auf
-den Stufen. Sah er recht oder wie war das eigentlich? Das
-Fräulein mit dem Tapirgesicht war beschäftigt, dem Jungen
-mit dem Monokel einen Knopf an den Kniebund seiner Sporthose
-zu nähen! Und dabei ging ihr der Atem schwer und heiß
-vor Asthma, während <em>er</em> seinen salzlöffelähnlichen Fingernagel
-hüstelnd zum Munde führte! Sie waren ja krank, alle beide,
-aber trotzdem zeugte es von sonderbaren Verkehrssitten unter
-den jungen Leuten hier oben. Die Musik spielte eine Polka ...
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-5-5">
-<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
-Hippe
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-So hob der Sonntag sich ab. Sein Nachmittag war überdies
-gekennzeichnet durch Wagenfahrten, die von verschiedenen
-Gästegruppen unternommen wurden: mehrere Zweispänner
-schleppten sich nach dem Tee die Wegschleife herauf und hielten
-vorm Hauptportal, um ihre Besteller aufzunehmen, Russen
-hauptsächlich, und zwar russische Damen.
-</p>
-
-<p>
-„Russen fahren immer spazieren“, sagte Joachim zu Hans
-Castorp, – sie standen zusammen vor dem Portal und sahen
-zu ihrer Unterhaltung den Abfahrten zu. „Nun fahren sie nach
-Clavadell oder nach dem See oder ins Flüelatal oder nach
-Klosters, das sind so die Ziele. Wir können auch mal fahren
-während deiner Anwesenheit, wenn du Lust hast. Aber ich
-glaube, vorläufig hast du genug zu tun, um dich einzuleben,
-und brauchst keine Unternehmungen.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp stimmte dem bei. Er hatte eine Zigarette im
-Munde und die Hände in den Hosentaschen. So sah er zu, wie
-die kleine, muntere, alte russische Dame mit ihrer mageren Großnichte
-und zwei anderen Damen in einem Wagen Platz nahm; es
-waren Marusja und Madame Chauchat. Diese hatte einen dünnen
-Staubmantel, mit einem Gurt im Rücken, angelegt, war
-jedoch ohne Hut. Sie setzte sich neben die Alte in den Fond des
-Wagens, während die jungen Mädchen die Rückplätze einnahmen.
-Alle vier waren lustig und regten unaufhörlich die
-Münder in ihrer weichen, gleichsam knochenlosen Sprache.
-Sie sprachen und lachten über die Wagendecke, in die sie sich
-unter Schwierigkeiten teilten, über das russische Konfekt, das
-die Großtante als Mundvorrat in einem mit Watte und Papierspitzen
-gepolsterten Holzkistchen mitführte und schon jetzt
-<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
-präsentierte ... Hans Castorp unterschied mit Anteil Frau
-Chauchats verschleierte Stimme. Wie immer, wenn ihm die
-nachlässige Frau vor Augen kam, bekräftigte sich ihm aufs
-neue jene Ähnlichkeit, nach der er eine Weile gesucht hatte
-und die ihm im Traume aufgegangen war ... Marusjas
-Lachen aber, der Anblick ihrer runden, braunen Augen, die kindlich
-über das Tüchlein hinwegblickten, womit sie den Mund
-bedeckte, und ihrer hohen Brust, die innerlich gar nicht wenig
-krank sein sollte, erinnerte ihn an etwas Anderes, Erschütterndes,
-was er neulich gesehen hatte, und so blickte er vorsichtig und
-ohne den Kopf zu bewegen zur Seite auf Joachim. Nein,
-gottlob, so fleckig im Gesicht sah Joachim nicht aus wie damals,
-und auch seine Lippen waren jetzt nicht so kläglich verzerrt.
-Aber er sah Marusja an – und zwar in einer Haltung,
-mit einem Augenausdruck, die unmöglich militärisch genannt
-werden konnten, vielmehr so trüb und selbstvergessen erschienen,
-daß man sie als ausgemacht zivilistisch ansprechen mußte. Dann
-raffte er sich übrigens zusammen und blickte rasch nach Hans
-Castorp, so daß dieser eben noch Zeit hatte, seine Augen von
-ihm fortzutun und sie irgendwohin in die Lüfte zu senden. Er
-fühlte sein Herz klopfen dabei, – unmotiviert und auf eigene
-Hand, wie es das hier nun einmal tat.
-</p>
-
-<p>
-Der Rest des Sonntags bot nichts Außerordentliches, abgesehen
-vielleicht von den Mahlzeiten, die, da sie reicher als
-gewöhnlich nicht wohl gestaltet werden konnten, wenigstens
-eine erhöhte Feinheit der Gerichte aufwiesen. (Zum Mittagessen
-gab es ein <span class="antiqua" lang="fr">Chaud-froid</span> von Hühnern, mit Krebsen und
-halbierten Kirschen verziert; zum Gefrorenen Patisserie in
-Körbchen, die aus gesponnenem Zucker geflochten waren, und
-dann auch noch frische Ananas.) Abends, nachdem er sein
-<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
-Bier getrunken, fühlte Hans Castorp sich noch erschöpfter,
-frostiger und schwerer von Gliedern, als die Tage vorher, sagte
-seinem Vetter schon gegen neun Uhr gute Nacht, zog eilig das
-Federbett bis über das Kinn und schlief ein wie erschlagen.
-</p>
-
-<p>
-Allein schon der folgende Tag, der erste Montag also, den
-der Hospitant hier oben verlebte, brachte eine weitere regelmäßig
-wiederkehrende Abwandlung des Tageslaufes: nämlich
-einen jener Vorträge, die Dr. Krokowski vierzehntägig
-im Speisesaal vor dem gesamten volljährigen, der deutschen
-Sprache kundigen und nicht moribunden Publikum des „Berghofes“
-hielt. Es handelte sich, wie Hans Castorp von seinem
-Vetter hörte, um eine Reihe zusammenhängender Kollegien,
-einen populär-wissenschaftlichen Kursus unter dem Generaltitel
-„Die Liebe als krankheitbildende Macht“. Die belehrende
-Unterhaltung fand nach dem zweiten Frühstück statt, und es
-war, wie wiederum Joachim sagte, nicht zulässig, wurde zum
-mindesten höchst ungern gesehen, daß man sich davon ausschlösse,
-– weshalb es denn auch als erstaunliche Frechheit galt,
-daß Settembrini, obgleich des Deutschen mächtiger als irgend
-jemand, die Vorträge nicht nur niemals besuchte, sondern sich
-auch in den abschätzigsten Äußerungen darüber erging. Was
-Hans Castorp betraf, so war er vor allem aus Höflichkeit,
-dann aber auch aus unverhohlener Neugier sofort entschlossen,
-sich einzufinden. Vorher jedoch tat er etwas ganz Verkehrtes
-und Fehlerhaftes: er ließ sich einfallen, auf eigene Hand einen
-ausgedehnten Spaziergang zu machen, was ihm über alles
-Vermuten schlecht bekam.
-</p>
-
-<p>
-„Jetzt paß auf!“ waren seine ersten Worte, als Joachim
-morgens in sein Zimmer trat. „Ich sehe, daß es mit mir nicht
-so weitergeht. Ich habe die horizontale Lebensweise nun satt,
-<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
-– das Blut schläft einem ja dabei ein. Mit dir ist es selbstverständlich
-was anderes, du bist Patient, dich will ich durchaus
-nicht verführen. Aber ich will nun mal gleich nach dem
-Frühstück einen ordentlichen Spaziergang unternehmen, wenn
-du es mir nicht übel nimmst, so ein paar Stunden aufs Geratewohl
-in die Welt hinein. Ich stecke mir einen Bissen zum
-Frühstück in die Tasche, dann bin ich unabhängig. Wir wollen
-doch sehen, ob ich nicht ein anderer Kerl bin, wenn ich nach
-Hause komme.“
-</p>
-
-<p>
-„Schön!“ sagte Joachim, da er sah, daß es dem anderen
-ernst war mit seinem Begehren und Vorsatz. „Aber übertreibe
-es nicht, das rate ich dir. Es ist hier anders als wie zu
-Hause. Und dann sei pünktlich zum Vortrag zurück!“
-</p>
-
-<p>
-In Wirklichkeit waren es noch andere Gründe, als nur der
-körperliche, die dem jungen Hans Castorp sein Vorhaben eingegeben
-hatten. Ihm war, als ob an seinem hitzigen Kopf,
-dem schlechten Geschmack, den er meistens im Munde hatte,
-und dem willkürlichen Klopfen seines Herzens viel weniger die
-Schwierigkeiten der Akklimatisation schuld seien, als solche
-Dinge, wie das Treiben des russischen Ehepaars nebenan, die
-Reden der kranken und dummen Frau Stöhr bei Tische, des
-Herrenreiters weicher Husten, den er täglich auf den Korridoren
-vernahm, die Äußerungen Herrn Albins, die Eindrücke,
-die er von den Verkehrssitten der leidenden Jugend empfangen
-hatte, der Gesichtsausdruck Joachims, wenn er Marusja betrachtete,
-und dergleichen Wahrnehmungen mehr. Er dachte,
-es müsse gut sein, dem Bannkreise des „Berghofes“ einmal
-zu entkommen, im Freien tief aufzuatmen und sich tüchtig zu
-rühren, um, wenn man abends müde war, doch wenigstens
-zu wissen, warum. Und so trennte er sich denn unternehmend
-<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
-von Joachim, als dieser nach dem Frühstück seinen dienstlich
-abgemessenen Lustwandel nach der Bank an der Wasserrinne
-antrat, und marschierte stockschwenkend die Fahrstraße hinab
-seine eigenen Wege.
-</p>
-
-<p>
-Es war ein kühler, bedeckter Morgen – gegen halb neun
-Uhr. Wie er es sich vorgenommen, atmete Hans Castorp tief
-die reine Frühluft, diese frische und leichte Atmosphäre, die
-mühelos einging und ohne Feuchtigkeitsduft, ohne Gehalt,
-ohne Erinnerungen war ... Er überschritt den Wasserlauf
-und das Schmalspurgeleise, gelangte auf die unregelmäßig
-bebaute Straße, verließ sie gleich wieder und schlug einen
-Wiesenpfad ein, der nur ein kurzes Stück zu ebener Erde lief
-und dann schräg hin und ziemlich steil den rechtsseitigen <a id="corr-28"></a>Hang
-emporführte. Das Steigen freute Hans Castorp, seine Brust
-weitete sich, er schob mit der Stockkrücke den Hut aus der
-Stirn, und als er, aus einiger Höhe zurückblickend, in der Ferne
-den Spiegel des Sees gewahrte, an dem er auf der Herreise
-vorübergekommen war, begann er zu singen.
-</p>
-
-<p>
-Er sang die Stücke, über die er eben verfügte, allerlei volkstümlich
-empfindsame Lieder, wie sie in Kommers- und Turnliederbüchern
-stehen, unter anderem eines, worin die Zeilen
-vorkamen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Die Barden sollen Lieb und Wein,</p>
- <p class="verse">Doch öfter Tugend preisen“ –</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-sang sie anfangs leise und summend, dann laut und aus ganzer
-Kraft. Sein Bariton war spröde, aber heute fand er ihn
-schön, und das Singen begeisterte ihn mehr und mehr. Hatte
-er zu hoch eingesetzt, so verlegte er sich auf fistelnde Kopftöne,
-und auch diese erschienen ihm schön. Wenn sein Gedächtnis
-ihn im Stiche ließ, so half er sich damit, daß er der Melodie
-<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
-irgendwelche sinnlose Silben und Worte unterlegte, die er nach
-Art der Kunstsänger formenden Mundes und mit prunkendem
-Gaumen-R in die Lüfte sandte, und ging schließlich dazu über,
-sowohl was den Text als auch was die Töne betraf, nur noch
-zu phantasieren und seine Produktion sogar mit opernhaften
-Armbewegungen zu begleiten. Da es sehr anstrengend ist, zugleich
-zu steigen und zu singen, so wurde ihm bald der Atem
-knapp und fehlte ihm immer mehr. Aber aus Idealismus, um
-der Schönheit des Gesanges willen, bezwang er die Not und
-gab unter häufigen Seufzern sein Letztes her, bis er sich endlich
-in äußerster Kurzluftigkeit, blind, nur ein farbiges Flimmern
-vor Augen und mit fliegenden Pulsen unter einer dicken Kiefer
-niedersinken ließ, – nach so großer Erhebung plötzlich die Beute
-durchgreifender Verstimmung, eines Katzenjammers, der an
-Verzweiflung grenzte.
-</p>
-
-<p>
-Als er mit leidlich wieder befestigten Nerven sich aufmachte,
-um seinen Spaziergang fortzusetzen, zitterte sein Genick sehr
-lebhaft, so daß er bei so jungen Jahren genau auf dieselbe
-Weise mit dem Kopfe wackelte, wie der alte Hans Lorenz
-Castorp es dereinst getan hatte. Er selbst fand sich durch die
-Erscheinung an seinen verstorbenen Großvater herzlich erinnert,
-und ohne sie als widerwärtig zu empfinden, gefiel er sich
-darin, die ehrwürdige Kinnstütze nachzuahmen, womit der Alte
-dem Kopfzittern zu steuern gesucht und die dem Knaben einst
-so zugesagt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Er stieg noch höher, in Serpentinen. Kuhglockengeläut zog
-ihn an, und er fand auch die Herde; sie graste in der Nähe
-einer Blockhütte, deren Dach mit Steinen beschwert war.
-Zwei bärtige Männer kamen ihm entgegen, mit Äxten auf den
-Schultern, und trennten sich, als sie nahe herangekommen.
-<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
-„Nun, so leb wohl und hab Dank!“ sagte der eine zum andern
-mit tiefer, gaumiger Stimme, legte seine Axt auf die andere
-Schulter und begann ohne Weg und mit knackenden Tritten
-zwischen den Fichten zu Tal zu schreiten. Es hatte so sonderbar
-in der Einsamkeit geklungen, dieses „Leb wohl und hab
-Dank“ und träumerisch Hans Castorps vom Steigen und
-Singen benommenen Sinn berührt. Er sprach es leise nach,
-indem er sich bemühte, die gutturale und feierlich-unbeholfene
-Mundart des Gebirglers nachzuahmen, und stieg noch ein
-Stück über die Almhütte hinaus, da es ihm darum zu tun
-war, die Baumgrenze zu erreichen; doch ließ er nach einem Blick
-auf die Uhr von diesem Vorhaben ab.
-</p>
-
-<p>
-Er folgte linkshin, in der Richtung gegen den Ort, einem
-Pfade, der eben lief und dann abwärts führte. Hochstämmiger
-Nadelwald nahm ihn auf, und indem er ihn durchwanderte,
-begann er sogar wieder ein wenig zu singen, wenn auch mit
-Vorsicht und obgleich seine Knie beim Abstiege noch befremdlicher
-zitterten als vorher. Aber aus dem Gehölz hervortretend,
-stand er überrascht vor einer prächtigen Szenerie, die sich ihm
-öffnete, einer intim geschlossenen Landschaft von friedlich-großartiger
-Bildmäßigkeit.
-</p>
-
-<p>
-In flachem, steinigem Bett kam ein Bergwasser die rechtsseitige
-Höhe herab, ergoß sich schäumend über terrassenförmig
-gelagerte Blöcke und floß dann ruhiger gegen das Tal hin
-weiter, von einem Stege mit schlicht gezimmertem Geländer
-malerisch überbrückt. Der Grund war blau von den Glockenblüten
-einer staudenartigen Pflanze, die überall wucherte.
-Ernste Fichten, riesig und ebenmäßig von Wuchs, standen
-einzeln und in Gruppen auf dem Boden der Schlucht sowie
-die Höhen hinan, und eine davon, zur Seite des Wildbaches
-<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
-schräg im Gehänge wurzelnd, ragte schief und bizarr in das
-Bild hinein. Rauschende Abgeschiedenheit waltete über dem
-schönen, einsamen Ort. Jenseits des Baches bemerkte Hans
-Castorp eine Ruhebank.
-</p>
-
-<p>
-Er überschritt den Steg und setzte sich, um sich vom Anblick
-des Wassersturzes, des treibenden Schaums unterhalten zu
-lassen, dem idyllisch gesprächigen, einförmigen und doch innerlich
-abwechslungsvollen Geräusche zu lauschen; denn rauschendes
-Wasser liebte Hans Castorp ebensosehr wie Musik, ja
-vielleicht noch mehr. Aber kaum hatte er sichs bequem gemacht,
-als ein Nasenbluten ihn so plötzlich befiel, daß er seinen Anzug
-nicht ganz vor Verunreinigung schützen konnte. Die
-Blutung war heftig, hartnäckig und machte ihm wohl eine
-halbe Stunde lang zu schaffen, indem sie ihn zwang, beständig
-zwischen Bach und Bank hin und her zu laufen, sein Schnupftuch
-zu spülen, Wasser aufzuschnauben und sich wieder flach
-auf den Brettersitz hinzustrecken, das feuchte Tuch auf der
-Nase. So blieb er liegen als endlich das Blut versiegte – lag
-still, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, mit hochgezogenen
-Knien, die Augen geschlossen, die Ohren erfüllt vom
-Rauschen, nicht unwohl, eher besänftigt vom reichlichen Aderlaß
-und in einem Zustande sonderbar herabgesetzter Lebenstätigkeit;
-denn wenn er ausgeatmet hatte, fühlte er lange kein
-Bedürfnis, neue Luft einzuholen, sondern ließ mit stillgestelltem
-Leibe ruhig sein Herz eine Reihe von Schlägen tun, bis er
-spät und träge wieder einen oberflächlichen Atemzug aufnahm.
-</p>
-
-<p>
-Da fand er sich auf einmal in jene frühe Lebenslage versetzt,
-die das Urbild eines nach neuesten Eindrücken gemodelten
-Traumes war, den er vor einigen Nächten geträumt ... Aber
-so stark, so restlos, so bis zur Aufhebung des Raumes und der
-<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
-Zeit war er ins Dort und Damals entrückt, daß man hätte
-sagen können, ein lebloser Körper liege hier oben beim Gießbache
-auf der Bank, während der eigentliche Hans Castorp
-weit fort in früherer Zeit und Umgebung stünde, und zwar in
-einer bei aller Einfachheit gewagten und herzberauschenden
-Situation.
-</p>
-
-<p>
-Er war dreizehn Jahre alt, Untertertianer, ein Junge in
-kurzen Hosen, und stand auf dem Schulhof im Gespräch mit
-einem anderen, ungefähr gleichaltrigen Jungen aus einer
-anderen Klasse, – einem Gespräch, das Hans Castorp ziemlich
-willkürlich vom Zaune gebrochen hatte, und das ihn, obgleich
-es seines sachlichen und knapp umschriebenen Gegenstandes
-wegen nur ganz kurz sein konnte, doch im höchsten Grade erfreute.
-Es war die Pause zwischen der vorletzten und letzten
-Stunde, einer Geschichts- und einer Zeichenstunde für Hans
-Castorps Klasse. Auf dem Hofe, der mit roten Klinkern gepflastert
-und von einer mit Schindeln gedeckten und mit zwei
-Eingangstoren versehenen Mauer gegen die Straße abgetrennt
-war, gingen die Schüler in Reihen auf und nieder, standen
-in Gruppen, lehnten halb sitzend an den glasierten Mauervorsprüngen
-des Gebäudes. Es herrschte Stimmengewirr.
-Ein Lehrer im Schlapphut beaufsichtigte das Treiben, indem
-er in eine Schinkensemmel biß.
-</p>
-
-<p>
-Der Knabe, mit dem Hans Castorp sprach, hieß Hippe, mit
-Vornamen Pribislav. Als Merkwürdigkeit kam hinzu, daß
-das r dieses Vornamens wie sch auszusprechen war: es hieß
-„Pschibislav“; und dieser absonderliche Vorname stimmte
-nicht schlecht zu seinem Äußeren, das nicht ganz durchschnittsmäßig,
-entschieden etwas fremdartig war. Hippe, Sohn eines
-Historikers und Gymnasialprofessors, notorischer Musterschüler
-<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
-folglich und schon eine Klasse weiter als Hans Castorp,
-obgleich kaum älter als dieser, stammte aus Mecklenburg und
-war für seine Person offenbar das Produkt einer alten Rassenmischung,
-einer Versetzung germanischen Blutes mit wendisch-slawischem – oder
-auch umgekehrt. Zwar war er blond, – sein
-Haar war ganz kurz über dem Rundschädel geschoren. Aber
-seine Augen, blaugrau oder graublau von Farbe – es war
-eine etwas unbestimmte und mehrdeutige Farbe, die Farbe
-etwa eines fernen Gebirges –, zeigten einen eigentümlichen,
-schmalen und genau genommen sogar etwas schiefen Schnitt,
-und gleich darunter saßen die Backenknochen, vortretend und
-stark ausgeprägt, – eine Gesichtsbildung, die in seinem Falle
-durchaus nicht entstellend, sondern sogar recht ansprechend
-wirkte, die aber genügt hatte, ihm bei seinen Kameraden den
-Spitznamen „der Kirgise“ einzutragen. Übrigens trug Hippe
-schon lange Hosen und dazu eine hochgeschlossene, blaue, im
-Rücken gezogene Joppe, auf deren Kragen einige Schuppen
-von seiner Kopfhaut zu liegen pflegten.
-</p>
-
-<p>
-Nun war die Sache die, daß Hans Castorp schon von langer
-Hand her sein Augenmerk auf diesen Pribislav gerichtet, – aus
-dem ganzen ihm bekannten und unbekannten Gewimmel
-des Schulhofes ihn erlesen hatte, sich für ihn interessierte, ihm
-mit den Blicken folgte, soll man sagen: ihn bewunderte? auf
-jeden Fall ihn mit ausnehmendem Anteil betrachtete und sich
-schon auf dem Schulwege darauf freute, ihn im Verkehre mit
-seinen Klassengenossen zu beobachten, ihn sprechen und lachen
-zu sehen und von weitem seine Stimme zu unterscheiden, die
-angenehm belegt, verschleiert, etwas heiser war. Zugegeben,
-daß für diese Teilnahme kein recht zureichender Grund vorhanden
-war, wenn man nicht etwa den heidnischen Vornamen,
-<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
-das Musterschülertum (das aber unmöglich ins Gewicht fallen
-konnte) oder endlich die Kirgisenaugen für einen solchen nehmen
-wollte, – Augen, die sich zuweilen, bei einem gewissen Seitenblick,
-der nicht zum Sehen diente, auf eine schmelzende Weise
-ins Schleierig-Nächtige verdunkeln konnten – so machte
-Hans Castorp sich doch wenig Sorge um die geistige Rechtfertigung
-seiner Empfindungen oder gar darum, wie sie etwa
-notfalls zu benennen gewesen wären. Denn von Freundschaft
-konnte nicht gut die Rede sein, da er Hippe ja gar nicht
-„kannte“. Aber erstens lag nicht die geringste Nötigung zur
-Namengebung vor, da kein Gedanke daran war, daß der
-Gegenstand je zur Sprache gebracht werden könnte, – dazu
-eignete er sich nicht und verlangte auch nicht danach. Und
-zweitens bedeutet ein Name ja, wenn nicht Kritik, so doch Bestimmung,
-das heißt Unterbringung im Bekannten und Gewohnten,
-während Hans Castorp doch von der unbewußten
-Überzeugung durchdrungen war, daß ein inneres Gut, wie
-dieses, vor solcher Bestimmung und Unterbringung ein für
-allemal geschützt sein sollte.
-</p>
-
-<p>
-Aber gut oder schlecht begründet, jedenfalls waren diese dem
-Namen und der Mitteilung so fernen Empfindungen von
-solcher Lebenskraft, daß Hans Castorp sich schon fast seit einem
-Jahr – ungefähr seit einem Jahr, denn genau waren ihre
-Anfänge nicht aufzufinden – im stillen damit trug, was zum
-mindesten für die Treue und Beständigkeit seines Charakters
-sprach, wenn man erwägt, welche riesige Zeitmasse ein Jahr
-in diesem Lebensalter bedeutet. Leider wohnt den Bezeichnungen
-von Charaktereigenschaften regelmäßig ein moralisches
-Urteil inne, sei es im lobenden oder tadelnden Sinn, obgleich
-sie alle ihre zwei Seiten haben. Hans Castorps „Treue“, auf
-<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
-die er sich übrigens weiter nichts zugute tat, bestand, ohne
-Wertung gesprochen, in einer gewissen Schwerfälligkeit, Langsamkeit
-und Beharrlichkeit seines Gemütes, einer erhaltenden
-Grundstimmung, die ihm Zustände und Lebensverhältnisse der
-Anhänglichkeit und des Fortbestandes desto würdiger erscheinen
-ließ, je länger sie bestanden. Auch war er geneigt, an die unendliche
-Dauer des Zustandes, der Verfassung zu glauben,
-worin er sich gerade befand, schätzte sie eben darum und war
-nicht auf Veränderung erpicht. So hatte er sich an sein stilles
-und fernes Verhältnis zu Pribislav Hippe im Herzen gewöhnt
-und hielt es im Grunde für eine bleibende Einrichtung seines
-Lebens. Er liebte die Gemütsbewegungen, die es mit sich
-brachte, die Spannung, ob jener ihm heute begegnen, dicht an
-ihm vorübergehen, vielleicht ihn anblicken werde, die lautlosen,
-zarten Erfüllungen, mit denen sein Geheimnis ihn beschenkte,
-und sogar die Enttäuschungen, die zur Sache gehörten und
-deren größte war, wenn Pribislav „fehlte“: dann war der
-Schulhof verödet, der Tag aller Würze bar, aber die hinhaltende
-Hoffnung blieb.
-</p>
-
-<p>
-Das dauerte ein Jahr, bis es auf jenen abenteuerlichen
-Höhepunkt gelangte, dann dauerte es noch ein Jahr, dank der
-bewahrenden Treue Hans Castorps, und dann hörte es auf –
-und zwar ohne daß er mehr von der Lockerung und Auflösung
-der Bande merkte, die ihn an Pribislav Hippe knüpften,
-als er von ihrer Entstehung gemerkt hatte. Auch verließ
-Pribislav, infolge der Versetzung seines Vaters, Schule und
-Stadt; aber das beachtete Hans Castorp kaum noch; er hatte
-ihn schon vorher vergessen. Man kann sagen, daß die Gestalt
-des „Kirgisen“ unmerklich aus Nebeln in sein Leben getreten
-war, langsam immer mehr Deutlichkeit und Greifbarkeit
-<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
-gewonnen hatte, bis zu jenem Augenblick der größten Nähe und
-Körperlichkeit, auf dem Hofe, eine Weile so im Vordergrunde
-gestanden hatte und dann allmählich wieder zurückgetreten und
-ohne Abschiedsweh in den Nebeln entschwunden war.
-</p>
-
-<p>
-Jener Augenblick aber, die gewagte und abenteuerliche
-Situation, in die Hans Castorp sich nun wieder versetzt fand,
-das Gespräch, ein wirkliches Gespräch mit Pribislav Hippe,
-kam folgendermaßen zustande. Die Zeichenstunde war an der
-Reihe, und Hans Castorp bemerkte, daß er seinen Bleistift nicht
-bei sich hatte. Jeder seiner Klassengenossen brauchte den seinen;
-aber er hatte ja unter den Angehörigen anderer Klassen diesen
-und jenen Bekannten, den er um einen Stift hätte angehen
-können. Am bekanntesten jedoch, fand er, war ihm Pribislav,
-am nächsten stand ihm dieser, mit dem er im stillen schon so
-viel zu tun gehabt hatte; und mit einem freudigen Aufschwunge
-seines Wesens beschloß er, die Gelegenheit – eine Gelegenheit
-nannte er es – zu benutzen und Pribislav um einen Bleistift
-zu bitten. Daß das ein ziemlich sonderbarer Streich sein werde,
-da er Hippe in Wirklichkeit ja nicht kannte, das entging ihm,
-oder er kümmerte sich doch nicht darum, verblendet von merkwürdiger
-Rücksichtslosigkeit. Und so stand er denn nun im
-Gewühle des Klinkerhofes wirklich vor Pribislav Hippe und
-sagte zu ihm:
-</p>
-
-<p>
-„Entschuldige, kannst du mir einen Bleistift leihen?“
-</p>
-
-<p>
-Und Pribislav sah ihn an mit seinen Kirgisenaugen über den
-vorstehenden Backenknochen und sprach zu ihm mit seiner angenehm
-heiseren Stimme, ohne Verwunderung oder doch ohne
-Verwunderung an den Tag zu legen.
-</p>
-
-<p>
-„Gern“, sagte er. „Du mußt ihn mir nach der Stunde
-aber bestimmt zurückgeben.“ Und zog sein Crayon aus der
-<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
-Tasche, ein versilbertes Crayon mit einem Ring, den man aufwärts
-schieben mußte, damit der rot gefärbte Stift aus der
-Metallhülse wachse. Er erläuterte den einfachen Mechanismus,
-während ihre beiden Köpfe sich darüberneigten.
-</p>
-
-<p>
-„Aber mach ihn nicht entzwei!“ sagte er noch.
-</p>
-
-<p>
-Wo dachte er hin? Als ob Hans Castorp die Absicht gehabt
-hätte, den Stift etwa <em>nicht</em> zurückzuerstatten oder gar
-ihn fahrlässig zu behandeln.
-</p>
-
-<p>
-Dann sahen sie einander lächelnd an, und da nichts mehr
-zu sagen blieb, so kehrten sie sich erst die Schultern und dann
-die Rücken zu und gingen.
-</p>
-
-<p>
-Das war alles. Aber vergnügter war Hans Castorp in
-seinem Leben nie gewesen, als in dieser Zeichenstunde, da er
-mit Pribislav Hippes Bleistift zeichnete, – mit der Aussicht
-obendrein, ihn nachher seinem Besitzer wieder einzuhändigen,
-was als reine Dreingabe zwanglos und selbstverständlich aus
-dem vorhergehenden folgte. Er war so frei, den Bleistift etwas
-zuzuspitzen, und von den rot lackierten Schnitzeln, die abfielen,
-bewahrte er drei oder vier fast ein ganzes Jahr lang
-in einer inneren Schublade seines Pultes auf, – niemand, der
-sie gesehen hätte, würde geahnt haben, wie Bedeutendes es
-damit auf sich hatte. Übrigens vollzog die Rückgabe sich in
-den einfachsten Formen, was aber ganz nach Hans Castorps
-Sinne war, ja, worauf er sich sogar etwas Besonderes zugute
-tat, – abgestumpft und verwöhnt, wie er war, durch den intimen
-Verkehr mit Hippe.
-</p>
-
-<p>
-„Da“, sagte er. „Danke sehr.“
-</p>
-
-<p>
-Und Pribislav sagte gar nichts, sondern revidierte nur
-flüchtig den Mechanismus und schob das Crayon in die
-Tasche ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
-Dann hatten sie nie wieder miteinander gesprochen, aber
-dies eine Mal, dank Hans Castorps Unternehmungsgeist, war
-es eben doch geschehen ...
-</p>
-
-<p>
-Er riß die Augen auf, verwirrt von der Tiefe seiner Entrücktheit.
-„Ich glaube, ich habe geträumt!“ dachte er. „Ja,
-das war Pribislav. Lange habe ich nicht mehr an ihn gedacht.
-Wo sind die Schnitzel hingekommen? Das Pult ist auf dem
-Boden, zu Hause bei Onkel Tienappel. Sie müssen noch in
-der inneren kleinen Schublade links hinten sein. Ich habe sie
-nie herausgenommen. Nicht einmal soviel Aufmerksamkeit,
-sie wegzuwerfen, erwies ich ihnen ... Es war ganz Pribislav,
-wie er leibte und lebte. Ich hätte nicht gedacht, daß ich ihn
-je so deutlich wiedersehen würde. Wie merkwürdig ähnlich er
-ihr sah, – dieser hier oben! Darum also interessiere ich mich so
-für sie? Oder vielleicht auch: habe ich mich darum so für <em>ihn</em>
-interessiert? Unsinn! Ein schöner Unsinn. Ich muß übrigens
-gehen, und zwar schleunigst.“ Aber er blieb doch noch liegen,
-sinnend und sich erinnernd. Dann richtete er sich auf. „Nun,
-so leb wohl und hab Dank!“ sagte er und bekam Tränen in
-die Augen, während er lächelte. Damit wollte er aufbrechen;
-aber er setzte sich, Hut und Stock in der Hand, rasch noch einmal
-nieder, denn er hatte bemerken müssen, daß seine Knie
-ihn nicht recht trugen. „Hoppla,“ dachte er, „ich glaube, das
-wird nicht gehen! Und dabei soll ich Punkt elf Uhr zum Vortrag
-im Eßsaal sein. Das Spazierengehen hat hier sein Schönes,
-aber auch seine Schwierigkeiten, wie es scheint. Ja, ja,
-aber hierbleiben kann ich nicht. Es ist nur, daß ich vom Liegen
-etwas lahm geworden bin; in der Bewegung wird es schon
-besser werden.“ Und er versuchte nochmals, auf die Beine
-zu kommen, und da er sich gehörig zusammennahm, so ging es.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
-Immerhin wurde es eine klägliche Heimkehr, nach einem so
-hochgemuten Auszug. Wiederholt mußte er am Wege rasten, da
-er fühlte, daß sein Gesicht plötzlich weiß wurde, kalter Schweiß
-ihm auf die Stirne trat und das regellose Verhalten seines
-Herzens ihm den Atem benahm. Kümmerlich kämpfte er sich
-so die Serpentinen hinab; als er aber in der Nähe des Kurhauses
-das Tal erreichte, sah er klar und deutlich, daß er die
-gedehnte Wegstrecke zum „Berghof“ unmöglich noch aus
-eigener Kraft werde überwinden können, und da es keine Trambahn
-gab und kein Mietsfuhrwerk sich zeigte, so bat er einen
-Fuhrmann, der einen Stellwagen mit leeren Kisten gegen
-„Dorf“ hin lenkte, ihn aufsitzen zu lassen. Rücken an Rücken
-mit dem Kutscher, die Beine vom Wagen hängend, von den
-Passanten mit verwunderter Teilnahme betrachtet, schwankend
-und nickend im Halbschlaf und unter den Stößen des Gefährtes,
-zog er dahin, stieg ab beim Bahnübergange, gab Geld hin,
-ohne zu sehen, wie viel und wie wenig, und hastete kopfüber
-die Wegschleife hinan.
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Dépêchez-vous, monsieur!</span>“ sagte der französische Türhüter.
-„<span class="antiqua" lang="fr">La conférence de M. Krokowski vient de commencer.</span>“
-Und Hans Castorp warf Hut und Stock in die Garderobe
-und zwängte sich hastig-behutsam, die Zunge zwischen
-den Zähnen, durch die kaum geöffnete Glastür in den Speisesaal,
-wo die Kurgesellschaft reihenweise auf Stühlen saß, während
-an der rechten Schmalseite Dr. Krokowski im Gehrock
-hinter einem gedeckten und mit einer Wasserkaraffe geschmückten
-Tische stand und sprach ...
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-5-6">
-<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
-Analyse
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Ein freier Eckplatz winkte glücklicherweise in der Nähe der
-Tür. Er stahl sich seitlich darauf und nahm eine Miene an,
-als hätte er hier schon immer gesessen. Das Publikum, mit
-erster Aufmerksamkeit an Dr. Krokowskis Lippen hängend,
-beachtete ihn kaum; und das war gut, denn er sah schrecklich
-aus. Sein Gesicht war bleich wie Leinen und sein Anzug mit
-Blut befleckt, so daß er einem von frischer Tat kommenden
-Mörder glich. Die Dame vor ihm freilich wandte den Kopf,
-als er sich setzte, und musterte ihn mit schmalen Augen. Es
-war Madame Chauchat, er erkannte sie mit einer Art von
-Erbitterung. Aber das war doch des Teufels! Sollte er
-denn nicht zur Ruhe kommen? Er hatte gedacht, hier still
-am Ziele sitzen und sich ein wenig erholen zu können, und da
-mußte er sie nun gerade vor der Nase haben, – ein Zufall,
-über den er sich unter anderen Umständen ja möglicherweise
-gefreut hätte, aber müde und abgehetzt, wie er war, was sollte
-es ihm da? Es stellte nur neue Anforderungen an sein Herz
-und würde ihn während des ganzen Vortrags in Atem halten.
-Genau mit Pribislavs Augen hatte sie ihn angesehen, in sein
-Gesicht und auf die Blutflecke seines Anzugs geblickt, – ziemlich
-rücksichtslos und zudringlich übrigens, wie es zu den Manieren
-einer Frau paßte, die mit den Türen warf. Wie schlecht
-sie sich hielt! Nicht wie die Frauen in Hans Castorps heimischer
-Sphäre, die aufrechten Rückens den Kopf ihrem Tischherrn
-zuwandten, indes sie mit den Spitzen der Lippen sprachen.
-Frau Chauchat saß zusammengesunken und schlaff, ihr Rücken
-war rund, sie ließ die Schultern nach vorne hängen, und außerdem
-hielt sie auch noch den Kopf vorgeschoben, so daß der
-<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
-Wirbelknochen im Nackenausschnitt ihrer weißen Bluse hervortrat.
-Auch Pribislav hatte den Kopf so ähnlich gehalten; er
-jedoch war ein Musterschüler gewesen, der in Ehren gelebt
-hatte (obgleich nicht dies der Grund gewesen war, weshalb
-Hans Castorp sich den Bleistift von ihm geliehen hatte), –
-während es klar und deutlich war, daß Frau Chauchats nachlässige
-Haltung, ihr Türenwerfen, die Rücksichtslosigkeit ihres
-Blickes mit ihrem Kranksein zusammenhingen, ja, es drückten
-sich darin die Ungebundenheit, jene nicht ehrenvollen, aber geradezu
-grenzenlosen Vorteile aus, deren der junge Herr Albin
-sich gerühmt hatte ...
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorps Gedanken verwirrten sich, während er auf
-Frau Chauchats schlaffen Rücken blickte, sie hörten auf, Gedanken
-zu sein, und wurden zur Träumerei, in welche Dr. Krokowskis
-schleppender Bariton, sein weich anschlagendes r wie
-aus weiter Ferne hereintönte. Aber die Stille im Saal, die
-tiefe Aufmerksamkeit, die ringsumher alles in Bann hielt, wirkte
-auf ihn, sie weckte ihn förmlich aus seinem Dämmern. Er
-blickte um sich ... Neben ihm saß der dünnhaarige Pianist,
-den Kopf im Nacken und lauschte mit offenem Munde und
-gekreuzten Armen. Die Lehrerin, Fräulein Engelhart, weiter
-drüben, hatte gierige Augen und rotflaumige Flecke auf
-beiden Wangen, – eine Hitze, die sich auf den Gesichtern anderer
-Damen wiederfand, die Hans Castorp ins Auge faßte, auch
-auf dem der Frau Salomon dort, neben Herrn Albin, und
-der Bierbrauersgattin Frau Magnus, derselben, die Eiweiß
-verlor. Auf Frau Stöhrs Gesicht, etwas weiter zurück, malte
-sich eine so ungebildete Schwärmerei, daß es ein Jammer war,
-während die elfenbeinfarbene Levi, mit halbgeschlossenen Augen
-und die flachen Hände im Schoß an der Stuhllehne ruhend,
-<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
-vollständig einer Toten geglichen hätte, wenn nicht ihre Brust
-sich so stark und taktmäßig gehoben und gesenkt hätte, wodurch
-sie Hans Castorp vielmehr an eine weibliche Wachsfigur
-erinnerte, die er einst im Panoptikum gesehen und die ein mechanisches
-Triebwerk im Busen gehabt hatte. Mehrere Gäste
-hielten die hohle Hand an die Ohrmuschel, oder deuteten dies
-wenigstens an, indem sie die Hand bis halbwegs zum Ohre
-erhoben hielten, als seien sie mitten in der Bewegung vor Aufmerksamkeit
-erstarrt. Staatsanwalt Paravant, ein brauner,
-scheinbar urkräftiger Mann, schüttelte sogar sein eines Ohr
-mit dem Zeigefinger, um es hellhöriger zu machen, und hielt
-es dann wieder Dr. Krokowskis Redeflusse hin.
-</p>
-
-<p>
-Was redete denn Dr. Krokowski? In welchem Gedankengange
-bewegte er sich? Hans Castorp nahm seinen Verstand
-zusammen, um aufs laufende zu kommen, was ihm nicht gleich
-gelang, da er den Anfang nicht gehört und beim Nachdenken
-über Frau Chauchats schlaffen Rücken Weiteres versäumt hatte.
-Es handelte sich um eine Macht ... jene Macht ... kurzum,
-es war die Macht der Liebe, um die es sich handelte. Selbstverständlich!
-Das Thema lag ja im Generaltitel des Vortragszyklus,
-und wovon sollte Dr. Krokowski denn auch sonst wohl
-sprechen, da dies nun einmal sein Gebiet war. Etwas wunderlich
-war es ja, auf einmal ein Kolleg über die Liebe zu hören,
-während sonst immer nur von Dingen wie dem Übersetzungsgetriebe
-im Schiffbau die Rede gewesen war. Wie fing man
-es an, einen Gegenstand von so spröder und verschwiegener
-Beschaffenheit am hellen Vormittag vor Damen und Herren
-zu erörtern? Dr. Krokowski erörterte ihn in einer gemischten Ausdrucksweise,
-in zugleich poetischem und gelehrtem Stile, rücksichtslos
-wissenschaftlich, dabei aber gesanghaft schwingenden
-<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
-Tones, was den jungen Hans Castorp etwas unordentlich anmutete,
-obgleich gerade dies der Grund sein mochte, weshalb
-die Damen so hitzige Wangen hatten und die Herren ihre Ohren
-schüttelten. Insonderheit gebrauchte der Redner das Wort
-„Liebe“ beständig in einem leise schwankenden Sinn, so daß
-man niemals recht wußte, woran man damit war, und ob es
-Frommes oder Leidenschaftlich-Fleischliches bedeute, – was ein
-leichtes Gefühl von Seekrankheit erzeugte. Nie in seinem Leben
-hatte Hans Castorp dieses Wort so oft hintereinander aussprechen
-hören, wie hier und heute, ja, wenn er nachdachte,
-so schien ihm, daß er selbst es noch niemals ausgesprochen oder
-aus fremdem Munde vernommen habe. Das mochte ein Irrtum
-sein, – jedenfalls fand er nicht, daß so häufige Wiederholung
-dem Worte zustatten käme. Im Gegenteil, diese schlüpfrigen
-anderthalb Silben mit dem Zungen-, dem Lippenlaut
-und dem dünnen Vokal in der Mitte wurden ihm auf die
-Dauer recht widerwärtig, eine Vorstellung verband sich für
-ihn damit wie von gewässerter Milch, – etwas Weißbläulichem,
-Labberigem, zumal im Vergleich mit all dem Kräftigen, was
-Dr. Krokowski genau genommen darüber zum besten gab.
-Denn so viel ward deutlich, daß man starke Stücke sagen konnte,
-ohne die Leute aus dem Saale zu treiben, wenn man es anfing
-wie er. Keineswegs begnügte er sich damit, allgemein
-bekannte, doch gemeinhin in Schweigen gehüllte Dinge mit
-einer Art von berauschendem Takt zur Sprache zu bringen;
-er zerstörte Illusionen, er gab unerbittlich der Erkenntnis die
-Ehre, er ließ keinen Raum für empfindsamen Glauben an die
-Würde des Silberhaares und die Engelsreinheit des zarten
-Kindes. Übrigens trug er auch zum Gehrock seinen weichen
-Fallkragen und seine Sandalen über den grauen Socken, was
-<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
-einen grundsätzlichen und idealistischen Eindruck machte, wenn
-auch Hans Castorp etwas darüber erschrak. Indem er an
-der Hand von Büchern und losen Blättern, die vor ihm auf
-dem Tische lagen, seine Aufstellungen durch allerlei Beispiele
-und Anekdoten stützte und mehrmals sogar Verse rezitierte,
-handelte Dr. Krokowski von erschreckenden Formen der Liebe,
-wunderlichen, leidvollen und unheimlichen Abwandlungen ihrer
-Erscheinung und Allgewalt. Unter allen Naturtrieben, sagte
-er, sei sie der schwankendste und gefährdetste, von Grund aus
-zur Verirrung und heillosen Verkehrtheit geneigt, und das
-dürfe nicht wundernehmen. Denn dieser mächtige Impuls
-sei nichts Einfaches, er sei seiner Natur nach vielfach zusammengesetzt,
-und zwar, so rechtmäßig wie er als Ganzes auch immer
-sei, – zusammengesetzt sei er aus lauter Verkehrtheiten. Da
-man nun aber, und zwar mit Recht, so fuhr Dr. Krokowski
-fort, da man es nun aber richtigerweise ablehne, aus der Verkehrtheit
-der Bestandteile auf die Verkehrtheit des Ganzen zu
-schließen, so sei man unweigerlich genötigt, einen Teil der Rechtmäßigkeit
-des Ganzen, wenn nicht seine ganze Rechtmäßigkeit,
-auch für die einzelne Verkehrtheit in Anspruch zu nehmen.
-Das sei eine Forderung der Logik, und daran bitte er seine
-Zuhörer festzuhalten. Seelische Widerstände und Korrektive
-seien es, anständige und ordnende Instinkte von – fast hätte
-er sagen mögen bürgerlicher Art, unter deren ausgleichender
-und einschränkender Wirkung die verkehrten Bestandteile zum
-regelrechten und nützlichen Ganzen verschmölzen, – ein immerhin
-häufiger und begrüßenswerter Prozeß, dessen Ergebnis
-jedoch (wie Dr. Krokowski etwas wegwerfend hinzufügte)
-den Arzt und Denker weiter nichts angehe. In einem anderen
-Falle dagegen gelinge er nicht, dieser Prozeß, wolle und solle
-<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
-er nicht gelingen, und wer, so fragte Dr. Krokowski, vermöge
-zu sagen, ob dies nicht vielleicht den edleren, seelisch
-kostbareren Fall bedeute? In diesem Falle nämlich eigne
-beiden Kräftegruppen, dem Liebesdrange sowohl wie jenen
-gegnerischen Impulsen, unter denen Scham und Ekel besonders
-zu nennen seien, eine außerordentliche, das bürgerlich-übliche
-Maß überschreitende Anspannung und Leidenschaft,
-und, in den Untergründen der Seele geführt, verhindere der
-Kampf zwischen ihnen jene Einfriedung, Sicherung und Sittigung
-der irrenden Triebe, die zur üblichen Harmonie, zum
-vorschriftsmäßigen Liebesleben führe. Dieser Widerstreit zwischen
-den Mächten der Keuschheit und der Liebe – denn um
-einen solchen handle es sich –, wie gehe er aus? Er endige
-scheinbar mit dem Siege der Keuschheit. Furcht, Wohlanstand,
-züchtiger Abscheu, zitterndes Reinheitsbedürfnis, sie
-unterdrückten die Liebe, hielten sie in Dunkelheiten gefesselt,
-ließen ihre wirren Forderungen höchstens teilweise, aber bei
-weitem nicht nach ihrer ganzen Vielfalt und Kraft ins Bewußtsein
-und zur Betätigung zu. Allein dieser Sieg der Keuschheit
-sei nur ein Schein- und Pyrrhussieg, denn der Liebesbefehl
-lasse sich nicht knebeln, nicht vergewaltigen, die unterdrückte
-Liebe sei nicht tot, sie lebe, sie trachte im Dunklen und Tiefgeheimen
-auch ferner sich zu erfüllen, sie durchbreche den Keuschheitsbann
-und erscheine wieder, wenn auch in verwandelter,
-unkenntlicher Gestalt ... Und welches sei denn nun die Gestalt
-und Maske, worin die nicht zugelassene und unterdrückte Liebe
-wiedererscheine? So fragte Dr. Krokowski und blickte die
-Reihen entlang, als erwarte er die Antwort ernstlich von seinen
-Zuhörern. Ja, das mußte er nun auch noch selber sagen,
-nachdem er schon so manches gesagt hatte. Niemand außer
-<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
-ihm wußte es, aber er würde bestimmt auch dies noch wissen,
-das sah man ihm an. Mit seinen glühenden Augen, seiner
-Wachsblässe und seinem schwarzen Bart, dazu den Mönchssandalen
-über grauwollenen Socken, schien er selbst in seiner
-Person den Kampf zwischen Keuschheit und Leidenschaft zu
-versinnbildlichen, von dem er gesprochen hatte. Wenigstens
-war dies Hans Castorps Eindruck, während er wie alle Welt
-mit größter Spannung die Antwort darauf erwartete, in
-welcher Gestalt die unzugelassene Liebe wiederkehre. Die Frauen
-atmeten kaum. Staatsanwalt Paravant schüttelte rasch noch
-einmal sein Ohr, damit es im entscheidenden Augenblick offen
-und aufnahmefähig wäre. Da sagte Dr. Krokowski: In Gestalt
-der Krankheit! Das Krankheitssymptom sei verkappte
-Liebesbetätigung und alle Krankheit verwandelte Liebe.
-</p>
-
-<p>
-Nun wußte man es, wenn auch wohl nicht alle es ganz zu
-würdigen vermochten. Ein Seufzer ging durch den Saal,
-und Staatsanwalt Paravant nickte bedeutsamen Beifall, während
-Dr. Krokowski fortfuhr, seine These zu entwickeln. Hans
-Castorp seinerseits senkte den Kopf, um zu bedenken, was er
-gehört hatte, und sich zu erforschen, ob er es verstünde. Aber
-ungeübt, wie er war in solchen Gedankengängen, und außerdem
-wenig geisteskräftig infolge seines unbekömmlichen Spazierganges,
-war er leicht abzulenken und wurde dann auch sogleich
-abgelenkt durch den Rücken vor ihm und den zugehörigen
-Arm, der sich hob und rückwärts bog, um mit der Hand, dicht
-vor Hans Castorps Augen, von unten das geflochtene Haar
-zu stützen.
-</p>
-
-<p>
-Es war beklemmend, die Hand so nahe vor Augen zu haben, –
-man mußte sie betrachten, ob man wollte oder nicht, sie studieren
-in allen Makeln und Menschlichkeiten, die ihr anhafteten,
-<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
-als habe man sie unter dem Vergrößerungsglas. Nein,
-sie hatte durchaus nichts Aristokratisches, diese zu gedrungene
-Schulmädchenhand mit den schlecht und recht beschnittenen
-Nägeln, – man war nicht einmal sicher, ob sie an den äußeren
-Fingergelenken ganz sauber war, und die Haut neben den
-Nägeln war zerbissen, das konnte gar keinem Zweifel unterliegen.
-Hans Castorps Mund verzog sich, aber seine Augen
-blieben haften an Madame Chauchats Hand, und eine halbe
-und unbestimmte Erinnerung ging ihm durch den Sinn an
-das, was Dr. Krokowski über die bürgerlichen Widerstände,
-die sich der Liebe entgegenstellten, gesagt hatte ... Der Arm
-war schöner, dieser weich hinter den Kopf gebogene Arm,
-der kaum bekleidet war, denn der Stoff der Ärmel war dünner
-als der der Bluse, – die leichteste Gaze, so daß der Arm nur
-eine gewisse duftige Verklärung dadurch erfuhr und ganz ohne
-Umhüllung wahrscheinlich weniger anmutig gewesen wäre.
-Er war zugleich zart und voll – und kühl, aller Mutmaßung
-nach. Es konnte hinsichtlich seiner von keinerlei bürgerlichen
-Widerständen die Rede sein.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp träumte, den Blick auf Frau Chauchats Arm
-gerichtet. Wie die Frauen sich kleideten! Sie zeigten dies und
-jenes von ihrem Nacken und ihrer Brust, sie verklärten ihre
-Arme mit durchsichtiger Gaze ... Das taten sie in der ganzen
-Welt, um unser sehnsüchtiges Verlangen zu erregen. Mein
-Gott, das Leben war schön! Es war schön gerade durch solche
-Selbstverständlichkeit, wie daß die Frauen sich verlockend kleideten,
-– denn selbstverständlich war es ja und so allgemein
-üblich und anerkannt, daß man kaum daran dachte und es
-sich unbewußt und ohne Aufhebens gefallen ließ. Man sollte
-aber daran denken, meinte Hans Castorp innerlich, um sich
-<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
-des Lebens recht zu freuen, und sich vergegenwärtigen, daß es
-eine beglückende und im Grunde fast märchenhafte Einrichtung
-war. Versteht sich, es war um eines gewissen Zweckes
-willen, daß die Frauen sich märchenhaft und beglückend kleiden
-durften, ohne dadurch gegen die Schicklichkeit zu verstoßen; es
-handelte sich um die nächste Generation, um die Fortpflanzung
-des Menschengeschlechts, jawohl. Aber wie, wenn die Frau
-nun innerlich krank war, so daß sie gar nicht zur Mutterschaft
-taugte, – was dann? Hatte es dann einen Sinn, daß sie
-Gazeärmel trug, um die Männer neugierig auf ihren Körper
-zu machen, – ihren innerlich kranken Körper? Das hatte
-offenbar <em>keinen</em> Sinn und hätte eigentlich für unschicklich
-gelten und untersagt werden müssen. Denn daß ein Mann
-sich für eine kranke Frau interessierte, dabei war doch entschieden
-nicht mehr Vernunft, als ... nun, als seinerzeit bei
-Hans Castorps stillem Interesse für Pribislav Hippe gewesen
-war. Ein dummer Vergleich, eine etwas peinliche Erinnerung.
-Aber sie hatte sich ungerufen und ohne sein Zutun eingestellt.
-Übrigens brach seine träumerische Betrachtung an diesem
-Punkte ab, hauptsächlich weil seine Aufmerksamkeit wieder
-auf Dr. Krokowski hingelenkt wurde, dessen Stimme sich auffallend
-erhoben hatte. Wahrhaftig, er stand da mit ausgebreiteten
-Armen und schräg geneigtem Kopf hinter seinem
-Tischchen und sah trotz seines Gehrockes beinahe aus wie der
-Herr Jesus am Kreuz!
-</p>
-
-<p>
-Es stellte sich heraus, daß Dr. Krokowski am Schlusse seines
-Vortrages große Propaganda für die Seelenzergliederung
-machte und mit offenen Armen alle aufforderte, zu ihm zu kommen.
-Kommet her zu mir, sagte er mit anderen Worten, die
-ihr mühselig und beladen seid! Und er ließ keinen Zweifel an
-<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
-seiner Überzeugung, daß alle ohne Ausnahme mühselig und
-beladen waren. Er sprach von verborgenem Leide, von Scham
-und Gram, von der erlösenden Wirkung der Analyse; er pries
-die Durchleuchtung des Unbewußten, lehrte die Wiederverwandlung
-der Krankheit in den bewußt gemachten Affekt,
-mahnte zum Vertrauen, verhieß Genesung. Dann ließ er die
-Arme sinken, stellte seinen Kopf wieder gerade, raffte die Druckschriften
-zusammen, die ihm bei seinem Vortrage gedient hatten,
-und indem er das Päckchen, ganz wie ein Lehrer, mit der
-linken Hand gegen die Schulter lehnte, entfernte er sich erhobenen
-Hauptes durch den Wandelgang.
-</p>
-
-<p>
-Alle standen auf, rückten die Stühle und begannen, sich langsam
-gegen denselben Ausgang zu bewegen, durch den der
-Doktor den Saal verlassen hatte. Es sah aus, als drängten
-sie ihm konzentrisch nach, von allen Seiten, zögernd, doch willenlos
-und in benommener Einhelligkeit, wie das Gewimmel hinter
-dem Rattenfänger. Hans Castorp blieb stehen im Strom,
-seine Stuhllehne in der Hand. Ich bin nur zu Besuch hier,
-dachte er; ich bin gesund und komme gottlob überhaupt nicht
-in Betracht, und den nächsten Vortrag erlebe ich gar nicht
-mehr hier. Er sah Frau Chauchat hinausgehen, schleichend,
-mit vorgeschobenem Kopfe. Ob auch sie sich zergliedern läßt?
-dachte er, und sein Herz begann zu pochen ... Dabei bemerkte
-er nicht, daß Joachim zwischen den Stühlen auf ihn zu kam,
-und zuckte nervös zusammen, als der Vetter das Wort an ihn
-richtete.
-</p>
-
-<p>
-„Du kamst aber im letzten Augenblick“, sagte Joachim.
-„Bist du weit gewesen? Wie war es denn?“
-</p>
-
-<p>
-„Oh, nett“, erwiderte Hans Castorp. „Doch, ich war ziemlich
-weit. Aber ich muß gestehen, es hat mir weniger gut getan,
-<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
-als ich erwartete. Es war wohl verfrüht oder überhaupt verfehlt.
-Ich werde es vorläufig nicht wieder tun.“
-</p>
-
-<p>
-Ob ihm der Vortrag gefallen, fragte Joachim nicht, und
-Hans Castorp äußerte sich nicht dazu. Wie nach schweigender
-Übereinkunft erwähnten sie des Vortrages auch nachher
-mit keinem Worte.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-5-7">
-Zweifel und Erwägungen
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Am Dienstag war unser Held nun also seit einer Woche
-bei denen hier oben, und so fand er denn, als er vom Morgenspaziergang
-zurückkehrte, in seinem Zimmer die Rechnung vor,
-seine erste Wochenrechnung, ein reinlich ausgeführtes kaufmännisches
-Dokument, in einen grünlichen Umschlag verschlossen,
-mit illustriertem Kopf (das Berghofgebäude war bestechend
-abgebildet dort oben) und links seitwärts geschmückt
-mit einem in schmaler Kolonne angeordneten Auszuge aus
-dem Prospekt, worin auch der „psychischen Behandlung nach
-modernsten Prinzipien“ in Sperrdruck Erwähnung geschah.
-Die kalligraphischen Aufstellungen selbst betrugen ziemlich genau
-180 Franken, und zwar entfielen auf die Verpflegung
-nebst ärztlicher Behandlung 12 und auf das Zimmer 8 Franken
-für den Tag, ferner auf den Posten „Eintrittsgeld“ 20
-Franken und auf die Desinfektion des Zimmers 10 Franken,
-während kleinere Sporteln für Wäsche, Bier und den zum
-ersten Abendessen genossenen Wein die Summe abrundeten.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp fand nichts zu beanstanden, als er mit Joachim
-die Addition überprüfte. „Ja, von der ärztlichen Behandlung
-mache ich keinen Gebrauch,“ sagte er, „aber das ist meine
-Sache; sie ist einbegriffen in den Pensionspreis, und ich kann
-<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
-nicht verlangen, daß sie in Abzug gebracht wird, wie sollte das
-auch geschehen? Bei der Desinfektion machen sie einen Schnitt,
-denn für 10 Franken <span class="ss">H₂CO</span> können sie unmöglich verpulvert
-haben, um die Amerikanerin auszuräuchern. Aber im ganzen
-muß ich sagen, ich finde es eher billig als teuer, in Anbetracht
-dessen, was geboten wird.“ Und so gingen sie denn vor dem
-zweiten Frühstück auf die „Verwaltung“, um die Schuld zu
-bereinigen.
-</p>
-
-<p>
-Die „Verwaltung“ befand sich zu ebener Erde: wenn man,
-jenseits der Halle, an der Garderobe und den Küchen- und
-Anrichteräumen vorüber den Flurgang verfolgte, konnte man
-die Tür nicht verfehlen, zumal sie durch ein Porzellanschild
-ausgezeichnet war. Hans Castorp gewann dort mit Interesse
-einen gewissen Einblick in das kaufmännische Zentrum des
-Anstaltsbetriebes. Es war ein richtiges kleines Kontor: ein
-Schreibmaschinenfräulein war tätig, und drei männliche Angestellte
-saßen über Pulte gebückt, während im anstoßenden
-Raum ein Herr von dem höheren Ansehen eines Chefs oder
-Direktors an einem frei stehenden Zylinderbureau arbeitete
-und nur über sein Augenglas hinweg einen kalten und sachlich
-musternden Blick auf die Klienten warf. Während man
-sie am Schalter abfertigte, einen Schein wechselte, kassierte,
-quittierte, bewahrten sie eine ernst-bescheidene, schweigsame,
-ja botmäßige Haltung, wie junge Deutsche, die die Achtung
-vor der Behörde, der Amtsstube auf jedes Schreib- und Dienstlokal
-übertragen; aber draußen, auf dem Wege zum Frühstück
-und später im Laufe des Tages plauderten sie einiges über die
-Verfassung des Berghof-Instituts, wobei Joachim als der
-Eingesessene und Kundige die Fragen seines Vetters beantwortete.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
-Hofrat Behrens war keineswegs Inhaber und Besitzer der
-Anstalt, – obgleich man wohl diesen Eindruck gewinnen konnte.
-Über und hinter ihm standen unsichtbare Mächte, die sich eben
-nur in Gestalt des Bureaus bis zu einem gewissen Grade
-manifestierten: ein Aufsichtsrat, eine Aktiengesellschaft, der anzugehören
-nicht übel sein mochte, da sie nach Joachims glaubwürdiger Versicherung
-trotz hoher Ärztegehälter und liberalster
-Wirtschaftsprinzipien alljährlich eine saftige Dividende unter
-ihre Mitglieder verteilen konnte. Der Hofrat also war kein
-selbständiger Mann, er war nichts als ein Agent, ein Funktionär,
-ein Verwandter höherer Gewalten, der erste und oberste
-freilich, die Seele des Ganzen, von bestimmendem Einfluß
-auf die gesamte Organisation, die Intendantur nicht ausgeschlossen,
-obgleich er als dirigierender Arzt über jede Beschäftigung
-mit dem kaufmännischen Teil des Betriebes natürlich
-erhaben war. Aus dem Nordwesten Deutschlands gebürtig,
-war er, wie man wußte, wider Absicht und Lebensplan vor
-Jahren in diese Stellung gelangt: heraufgeführt durch seine
-Frau, deren Reste schon längst der Friedhof von „Dorf“ umfing,
-– der malerische Friedhof von Dorf Davos dort oben
-am rechtsseitigen Hange, weiter zurück gegen den Eingang
-des Tales. Sie war eine sehr liebliche, wenn auch überäugige
-und asthenische Erscheinung gewesen, den Photographien nach
-zu urteilen, die überall in des Hofrats Dienstwohnung standen,
-sowie auch den Ölbildnissen zufolge, die, von seiner eigenen Liebhaberhand
-stammend, dort an den Wänden hingen. Nachdem
-sie ihm zwei Kinder geschenkt, einen Sohn und eine Tochter,
-war ihr leichter, von Hitze ergriffener Körper in diese Gegenden
-heraufgezogen worden, und in wenigen Monaten hatte seine
-Aus- und Aufzehrung sich vollendet. Man sagte, Behrens,
-<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
-der sie vergöttert habe, sei durch den Schlag so schwer getroffen
-worden, daß er vorübergehend in Tiefsinn und Wunderlichkeit
-verfallen sei und sich auf der Straße durch Kichern,
-Gestenspiel und Selbstgespräch auffällig gemacht habe. Er
-war dann nicht mehr in seinen ursprünglichen Lebenskreis zurückgekehrt,
-sondern an Ort und Stelle geblieben: gewiß auch
-darum, weil er sich von dem Grabe nicht trennen mochte; den
-Ausschlag aber hatte wohl der weniger sentimentale Grund
-gegeben, daß er selbst etwas abbekommen hatte und seiner
-eigenen wissenschaftlichen Einsicht nach einfach hierher <em>gehörte</em>.
-So hatte er sich eingebürgert als einer der Ärzte, die
-Leidensgenossen derjenigen sind, deren Aufenthalt sie überwachen;
-die nicht, von der Krankheit unabhängig, sie aus dem
-freien Stande persönlicher Intaktheit bekämpfen, sondern selber
-ihr Zeichen tragen, – ein eigentümlicher, aber durchaus nicht
-vereinzelter Fall, der ohne Zweifel seine Vorzüge wie sein Bedenkliches
-hat. Kameradschaft des Arztes mit dem Patienten
-ist gewiß zu begrüßen, und es läßt sich hören, daß nur der
-Leidende des Leidenden Führer und Heiland zu sein vermag.
-Aber ist rechte geistige Herrschaft über eine Macht denn möglich
-bei dem, der selber zu ihren Sklaven zählt? Kann befreien,
-wer selbst unterworfen ist? Der kranke Arzt bleibt ein Paradoxon
-für das einfache Gefühl, eine problematische Erscheinung.
-Wird nicht vielleicht sein geistiges Wissen um die Krankheit
-durch das erfahrungsmäßige nicht so sehr bereichert und
-sittlich gestärkt als getrübt und verwirrt? Er blickt der Krankheit
-nicht in klarer Gegnerschaft ins Auge, er ist befangen,
-ist nicht eindeutig als Partei; und mit aller gebotenen Vorsicht
-muß man fragen, ob ein der Krankheitswelt Zugehöriger
-an der Heilung oder auch nur Bewahrung anderer eigentlich
-<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a>
-in dem Sinne interessiert sein kann, wie ein Mann der Gesundheit
-...
-</p>
-
-<p>
-Von diesen Zweifeln und Erwägungen sprach Hans Castorp
-auf seine Weise einiges aus, als er mit Joachim vom
-„Berghof“ und seinem ärztlichen Leiter schwatzte, aber Joachim
-bemerkte dagegen, man wisse ja gar nicht, ob Hofrat
-Behrens heute noch selber Patient sei, – wahrscheinlich sei er
-schon längst genesen. Daß er hier zu praktizieren begonnen
-hatte, war lange her, – er hatte es eine Weile auf eigene Hand
-getrieben und sich als feinhöriger Auskultator wie auch als
-sicherer Pneumotom rasch einen Namen gemacht. Dann hatte
-der „Berghof“ sich seiner Person versichert, das Institut, mit
-dem er nun bald seit einem Jahrzehnt so eng verwachsen
-war ... Dort hinten, am Ende des nordwestlichen Flügels,
-lag seine Wohnung (Dr. Krokowski hauste nicht weit davon),
-und jene altadelige Dame, die Schwester-Oberin, von der
-Settembrini so höhnisch gesprochen und die Hans Castorp
-bisher nur flüchtig gesehen hatte, stand dem kleinen Witwerhaushalte
-vor. Im übrigen war der Hofrat allein, denn sein
-Sohn studierte an reichsdeutschen Universitäten, und seine
-Tochter war schon vermählt: nämlich an einen Advokaten im
-französischen Teile der Schweiz. Der junge Behrens kam in
-den Ferien zuweilen zu Besuch, was sich während Joachims
-Aufenthalt schon einmal ereignet hatte, und er sagte, die Damen
-der Anstalt seien dann sehr bewegt, die Temperaturen stiegen,
-Eifersüchteleien führten zu Zank und Streit auf den Liegehallen,
-und erhöhter Zudrang herrsche zu Dr. Krokowskis
-besonderer Sprechstunde ...
-</p>
-
-<p>
-Dem Assistenten war für seine Privatordinationen ein
-eigenes Zimmer eingeräumt, das, wie der große Untersuchungsraum,
-<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
-das Laboratorium, der Operationssaal und das Durchstrahlungsatelier,
-in dem gut belichteten Kellergeschoß des
-Anstaltsgebäudes gelegen war. Wir sprechen von einem Kellergeschoß,
-weil die steinerne Treppe, die vom Erdgeschoß dorthin
-führte, in der Tat die Vorstellung erweckte, daß man sich
-in einen Keller begebe, – was aber beinahe ganz auf Täuschung
-beruhte. Denn erstens war das Erdgeschoß ziemlich
-hoch gelegen, das Berghofgebäude aber zweitens, im ganzen,
-auf abschüssigem Grunde, am Berge errichtet, und jene „Keller“-Räumlichkeiten
-schauten nach vorn, gegen den Garten
-und das Tal: Umstände, durch die Wirkung und Sinn der
-Treppe gewissermaßen durchkreuzt und aufgehoben wurden.
-Denn man glaubte wohl über ihre Stufen von ebener Erde
-hinabzusteigen, befand sich aber drunten immer noch und
-wiederum zu ebener Erde oder doch nur ein paar Schuh darunter,
-– ein belustigender Eindruck für Hans Castorp, als er
-seinen Vetter, der sich vom Bademeister wiegen lassen sollte,
-nachmittags einmal in diese Sphäre „hinunter“-begleitete. Es
-herrschte klinische Helligkeit und Sauberkeit dort; alles war
-weiß in weiß gehalten, und in weißem Lack schimmerten die
-Türen, auch die zu Dr. Krokowskis Empfangszimmer, an der
-die Visitenkarte des Gelehrten mit einem Reißnagel befestigt
-war, und zu der noch eigens zwei Stufen von der Höhe des
-Flurganges hinabführten, so daß der dahinter liegende Raum
-einen gelaßartigen Charakter erhielt. Sie lag rechts von der
-Treppe, diese Tür, am Ende des Ganges, und Hans Castorp
-hatte ein besonderes Auge auf sie, während er, auf Joachim
-wartend, den Korridor auf und nieder ging. Er sah auch jemanden
-herauskommen, eine Dame, die kürzlich eingetroffen
-war und deren Namen er noch nicht kannte, eine Kleine,
-<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a>
-Zierliche mit Stirnlöckchen und goldenen Ohrringen. Sie bückte
-sich tief, die Stufen ersteigend, und raffte ihren Rock, indes
-sie mit der anderen kleinen, beringten Hand ihr Tüchlein an
-den Mund preßte und darüberhin aus ihrer gebückten Haltung
-mit großen blassen, verstörten Augen ins Leere blickte.
-So eilte sie mit engen Trittchen, bei denen ihr Unterrock
-rauschte, zur Treppe, blieb plötzlich stehen, als besänne sie sich
-auf etwas, setzte sich trippelnd wieder in Lauf und verschwand
-im Stiegenhause, immer gebückt und ohne das Tüchlein von
-den Lippen zu nehmen.
-</p>
-
-<p>
-Hinter ihr, als die Tür sich geöffnet hatte, war es viel dunkler
-gewesen als auf dem weißen Korridor: die klinische Helligkeit
-dieser unteren Räume reichte offenbar nicht bis dorthinein;
-verhülltes Halblicht, tiefe Dämmerung herrschte, wie Hans
-Castorp bemerkte, in Dr. Krokowskis analytischem Kabinett.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-5-8">
-Tischgespräche
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Bei den Mahlzeiten im bunten Speisesaal bereitete es dem
-jungen Hans Castorp einige Verlegenheit, daß ihm von jenem
-auf eigene Hand unternommenen Spaziergang das großväterliche
-Kopfzittern zurückgeblieben war, – gerade bei Tisch
-stellte es sich fast regelmäßig wieder ein und war dann nicht
-zu verhindern und schwer zu verbergen. Außer der würdigen
-Kinnstütze, die nicht dauernd festzuhalten war, machte er verschiedene
-Mittel ausfindig, die Schwäche zu maskieren, – zum
-Beispiel hielt er tunlichst den Kopf in Bewegung, indem er
-nach rechts und links konversierte, oder er drückte, etwa wenn
-er den Suppenlöffel zum Munde führte, den linken Unterarm
-fest auf den Tisch, um sich Haltung zu geben, stellte auch
-<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
-wohl den Ellenbogen auf in den Pausen und stützte den Kopf
-mit der Hand, obgleich dies eine Flegelei war in seinen eigenen
-Augen und nur in ungebundener Krankengesellschaft
-allenfalls durchgehen mochte. Aber das alles war lästig und
-es fehlte nicht viel, daß es ihm die Mahlzeiten vollständig verleidet
-hätte, die er doch sonst, um der Spannungen und Sehenswürdigkeiten
-willen, die sie mit sich brachten, so wohl zu
-schätzen wußte.
-</p>
-
-<p>
-Es lag aber so – und Hans Castorp wußte das auch genau
-–, daß die blamable Erscheinung, mit der er kämpfte,
-nicht nur körperlicher Herkunft, nicht nur auf die hiesige Luft
-und die Anstrengung der Akklimatisation zurückzuführen war,
-sondern eine innere Erregung ausdrückte und mit jenen Spannungen
-und Sehenswürdigkeiten selbst unmittelbar zusammenhing.
-</p>
-
-<p>
-Madame Chauchat kam fast immer zu spät zu Tische, und
-bis sie kam, saß Hans Castorp und konnte die Füße nicht
-ruhig halten, denn er wartete auf das Schmettern der Glastür,
-von dem ihr Eintritt unweigerlich begleitet war, und wußte,
-daß er dabei zusammenfahren und sein Gesicht würde kalt
-werden fühlen, was denn auch regelmäßig geschah. Anfangs
-hatte er jedesmal ergrimmt den Kopf herumgeworfen und
-die fahrlässige Nachzüglerin mit zornigen Augen zu ihrem
-Platze am „Guten“ Russentisch begleitet, auch wohl ihr halblaut
-und zwischen den Zähnen ein Scheltwort, einen Ruf empörter
-Mißbilligung nachgesandt. Das unterließ er jetzt, beugte
-den Kopf tiefer über den Teller, wobei er sich wohl gar auf die
-Lippe biß, oder wandte ihn absichtlich und künstlich nach der
-anderen Seite; denn ihm war, als komme der Zorn ihm nicht
-mehr zu, als sei er zum Tadel nicht so recht frei, sondern
-<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a>
-mitschuldig an dem Ärgernis und mitverantwortlich dafür vor
-den anderen, – kurzum, er schämte sich, und zwar wäre es
-ungenau gewesen, zu sagen, daß er sich für Frau Chauchat
-schämte, sondern ganz persönlich schämte er sich vor den Leuten,
-– was er sich übrigens hätte sparen können, da niemand im
-Saale sich um Frau Chauchats Laster noch um Hans Castorps
-Scham darüber kümmerte, ausgenommen etwa die Lehrerin,
-Fräulein Engelhart, zu seiner Rechten.
-</p>
-
-<p>
-Das kümmerliche Wesen hatte begriffen, daß dank Hans
-Castorps Empfindlichkeit gegen das Türenwerfen eine gewisse
-affekthafte Beziehung des jungen Tischnachbarn zu der Russin
-entstanden war, ferner, daß es wenig auf den Charakter einer
-solchen Beziehung ankomme, wenn sie nur überhaupt vorhanden
-war, und endlich, daß seine geheuchelte – und zwar
-aus Mangel an schauspielerischer Übung und Begabung sehr
-schlecht geheuchelte – Gleichgültigkeit keine Abschwächung,
-sondern eine Verstärkung, eine höhere Phase des Verhältnisses
-bedeutete. Ohne Anspruch und Hoffnung für ihre eigene Person,
-erging Fräulein Engelhart sich beständig in selbstlos entzückten
-Reden über Frau Chauchat, – wobei das Merkwürdige
-war, daß Hans Castorp ihr hetzerisches Betreiben, wenn nicht
-sofort, so doch auf die Dauer, vollkommen klar erkannte und
-durchschaute, ja, daß es ihn sogar anwiderte, ohne daß er sich
-darum weniger willig hätte davon beeinflussen und betören
-lassen.
-</p>
-
-<p>
-„Pardauz!“ sagte das alte Mädchen. „Das ist <em>sie</em>. Man
-braucht nicht aufzusehen, um sich zu überzeugen, wer da hereingekommen
-ist. Natürlich, da geht sie, – und wie reizend sie
-geht, – ganz wie ein Kätzchen zur Milchschüssel schleicht! Ich
-wollte, wir könnten die Plätze tauschen, damit Sie sie so
-<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
-ungezwungen und bequem betrachten könnten, wie ich es kann.
-Ich verstehe es ja, daß Sie nicht immer den Kopf nach ihr
-drehen mögen, – Gott weiß, was sie sich schließlich einbilden
-würde, wenn sie es merkte ... Jetzt sagt sie ihren Leuten
-Guten Tag ... Sie sollten doch einmal hinsehen, es ist so erquickend,
-sie zu beobachten. Wenn sie so lächelt und spricht
-wie jetzt, bekommt sie ein Grübchen in die eine Wange, aber
-nicht immer, nur wenn sie will. Ja, das ist ein Goldkind von
-einer Frau, ein verzogenes Geschöpf, daher ist sie so lässig.
-Solche Menschen muß man lieben, ob man will oder nicht,
-denn wenn sie einen ärgern durch ihre Lässigkeit, so ist auch
-der Ärger nur ein Anreiz mehr, ihnen zugetan zu sein, es ist so
-beglückend, sich zu ärgern und dennoch lieben zu müssen ...“
-</p>
-
-<p>
-So raunte die Lehrerin hinter der Hand und ungehört von
-den anderen, während die flaumige Röte auf ihren Altjungferwangen
-an ihre übernormale Körpertemperatur erinnerte; und
-ihre wollüstigen Redereien gingen dem armen Hans Castorp
-in Mark und Blut. Eine gewisse Unselbständigkeit schuf ihm
-das Bedürfnis, von dritter Seite bestätigt zu erhalten, daß
-Madame Chauchat eine entzückende Frau sei, und außerdem
-wünschte der junge Mann, sich von außen zur Hingabe an
-Empfindungen ermutigen zu lassen, denen seine Vernunft und
-sein Gewissen störende Widerstände entgegensetzten.
-</p>
-
-<p>
-Übrigens erwiesen sich diese Unterhaltungen in sachlicher Beziehung
-nur wenig fruchtbar, denn Fräulein Engelhart wußte
-beim besten Willen nichts Näheres über Frau Chauchat auszusagen,
-nicht mehr als jedermann im Sanatorium; sie kannte
-sie nicht, konnte sich nicht einmal einer Bekanntschaft rühmen,
-die sie mit ihr gemeinsam gehabt hätte, und das einzige, womit
-sie sich vor Hans Castorp ein Ansehen geben konnte, war,
-<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a>
-daß sie in Königsberg – also nicht gar so sehr weit von der
-russischen Grenze – zu Hause war und einige Brocken Russisch
-kannte, – dürftige Eigenschaften, in denen Hans Castorp aber
-etwas wie weitläufige persönliche Beziehungen zu Frau Chauchat
-zu sehen bereit war.
-</p>
-
-<p>
-„Sie trägt keinen Ring,“ sagte er, „keinen Ehering, wie ich
-sehe. Wie ist denn das? Sie ist doch eine verheiratete Frau,
-haben Sie mir gesagt?“
-</p>
-
-<p>
-Die Lehrerin geriet in Verlegenheit, als sei sie in die Enge
-getrieben und müsse sich herausreden, so sehr verantwortlich
-fühlte sie sich für Frau Chauchat Hans Castorp gegenüber.
-</p>
-
-<p>
-„Das dürfen Sie nicht so genau nehmen“, sagte sie. „Zuverlässig
-ist sie verheiratet. Daran ist kein Zweifel möglich.
-Daß sie sich Madame nennt, geschieht nicht nur der größeren
-Ansehnlichkeit wegen, wie ausländische Fräulein es machen,
-wenn sie ein wenig reifer sind, sondern wir alle wissen es, daß
-sie wirklich einen Mann hat irgendwo in Rußland, das ist im
-ganzen Orte bekannt. Von Hause aus hat sie einen anderen
-Namen, einen russischen und keinen französischen, einen auf
--anow oder -ukow, ich habe ihn schon gewußt und nur wieder
-vergessen; wenn Sie wollen, erkundige ich mich danach; es
-gibt sicher mehrere Personen hier, die den Namen kennen.
-Einen Ring? Nein, sie trägt keinen, es ist mir auch schon aufgefallen.
-Lieber Himmel, vielleicht kleidet er sie nicht, vielleicht
-macht er ihr eine breite Hand. Oder sie findet es spießbürgerlich,
-einen Ehering zu tragen, so einen glatten Reif ... es fehlt
-nur der Schlüsselkorb ... nein, dazu ist sie gewiß zu großzügig ...
-Ich kenne das, die russischen Frauen haben alle so
-etwas Freies und Großzügiges in ihrem Wesen. Außerdem hat
-so ein Ring etwas geradezu Abweisendes und Ernüchterndes,
-<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a>
-er ist doch ein Symbol der Hörigkeit, möchte ich sagen, er
-gibt einer Frau direkt etwas Nonnenhaftes, das reine Blümchen
-Rührmichnichtan macht er aus ihr. Ich wundere mich
-gar nicht, wenn das nicht nach Frau Chauchats Sinne ist ...
-Eine so reizende Frau, in der Blüte der Jahre ... Wahrscheinlich
-hat sie weder Grund noch Lust, jeden Herrn, dem sie
-die Hand gibt, gleich ihre eheliche Gebundenheit fühlen zu
-lassen ...“
-</p>
-
-<p>
-Großer Gott, wie die Lehrerin sich ins Zeug legte! Hans
-Castorp sah ihr ganz erschreckt ins Gesicht, aber sie trotzte seinem
-Blick mit einer Art von wilder Verlegenheit. Dann schwiegen
-beide eine Weile, um sich zu erholen. Hans Castorp aß und
-unterdrückte das Zittern seines Kopfes. Endlich sagte er:
-</p>
-
-<p>
-„Und der Mann? Er kümmert sich gar nicht um sie? Er
-besucht sie niemals hier oben? Was ist er denn eigentlich?“
-</p>
-
-<p>
-„Beamter. Russischer Administrationsbeamter, in einem
-ganz entlegenen Gouvernement, Daghestan, wissen Sie, das
-liegt ganz östlich über den Kaukasus hinaus, dahin ist er
-kommandiert. Nein, ich sagte Ihnen ja, daß noch nie ihn jemand
-hier oben gesehen hat. Und dabei ist sie schon wieder
-im dritten Monat hier.“
-</p>
-
-<p>
-„Sie ist also nicht zum erstenmal hier?“
-</p>
-
-<p>
-„O nein, schon das drittemal. Und zwischendurch ist sie
-wieder wo anders, an ähnlichen Orten. – Umgekehrt, <em>sie</em> besucht
-<em>ihn</em> zuweilen, nicht oft, einmal im Jahre auf einige Zeit.
-Sie leben getrennt, kann man sagen, und sie besucht ihn zuweilen.“
-</p>
-
-<p>
-„Nun ja, da sie krank ist ...“
-</p>
-
-<p>
-„Gewiß, krank ist sie. Aber doch nicht <em>so</em>. Doch nicht so
-ernstlich krank, daß sie geradezu immer in Sanatorien und von
-<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a>
-ihrem Manne getrennt leben müßte. Das muß schon weitere
-und andere Gründe haben. Hier nimmt man allgemein an,
-daß es noch andere hat. Vielleicht gefällt es ihr nicht in
-Daghestan hinter dem Kaukasus, einer so wilden, entfernten
-Gegend, das wäre am Ende nicht zu verwundern. Aber ein
-wenig muß es doch auch an dem Manne liegen, wenn es ihr
-so gar nicht bei ihm gefällt. Er hat ja einen französischen
-Namen, aber darum ist er doch ein russischer Beamter, und
-das ist ein roher Menschenschlag, wie Sie mir glauben können.
-Ich habe einmal einen davon gesehen, er hatte so einen eisenfarbenen
-Backenbart und so ein rotes Gesicht ... Im höchsten
-Grade bestechlich sind sie, und dann haben sie es alle mit dem
-Wutki, dem Branntwein, wissen Sie ... Anstandshalber
-lassen sie sich eine Kleinigkeit zu essen geben, ein paar marinierte
-Pilze oder ein Stückchen Stör, und dazu trinken sie – einfach
-im Übermaß. Das nennen sie dann einen Imbiß ...“
-</p>
-
-<p>
-„Sie schieben alles auf ihn“, sagte Hans Castorp. „Wir
-wissen aber doch nicht, ob es nicht vielleicht an ihr liegt, wenn
-sie nicht gut miteinander leben. Man muß gerecht sein.
-Wenn ich sie mir so ansehe und diese Unmanier mit dem Türenwerfen
-... ich halte sie für keinen Engel, das nehmen Sie mir,
-bitte, nicht übel, ich traue ihr nicht über den Weg. Aber Sie
-sind nicht unparteiisch, Sie sitzen ja bis über die Ohren in
-Vorurteilen zu ihren Gunsten ...“
-</p>
-
-<p>
-So machte er es zuweilen. Mit einer Schlauheit, die seiner
-Natur eigentlich fremd war, stellte er es so hin, als bedeute
-Fräulein Engelharts Schwärmerei für Frau Chauchat nicht
-das, was sie, wie er sehr wohl wußte, in Wirklichkeit bedeutete,
-sondern als sei diese Schwärmerei eine selbständige, drollige
-Tatsache, mit welcher er, der unabhängige Hans Castorp, die
-<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a>
-alte Jungfer aus kühlem und humoristischem Abstande necken
-konnte. Und da er sicher war, daß seine Helfershelferin diese
-dreiste Verdrehung gelten und sich gefallen lassen werde, so
-war nichts damit gewagt.
-</p>
-
-<p>
-„Guten Morgen!“ sagte er. „Haben Sie wohl geruht?
-Ich hoffe, Sie haben von Ihrer schönen Minka geträumt? ...
-Nein, wie Sie gleich rot werden, wenn man sie nur erwähnt!
-Ganz vernarrt sind Sie in sie, das leugnen Sie nur lieber
-nicht!“
-</p>
-
-<p>
-Und die Lehrerin, die wirklich errötet war und sich tief über
-ihre Tasse beugte, raunte aus ihrem linken Mundwinkel:
-</p>
-
-<p>
-„Aber nein, pfui, Herr Castorp! Das ist nicht schön von
-Ihnen, daß Sie mich so in Verlegenheit bringen mit Ihren
-Anspielungen. Alle merken es ja, daß wir es auf sie abgesehen
-haben, und daß Sie mir Dinge sagen, über die ich rot werden
-muß ...“
-</p>
-
-<p>
-Es war sonderbar, was die beiden Tischnachbarn da trieben.
-Beide wußten, daß sie doppelt und dreifach logen, daß Hans
-Castorp nur, um von Frau Chauchat sprechen zu können, die
-Lehrerin mit ihr neckte, dabei aber ein ungesundes und übertragenes
-Vergnügen darin fand, mit dem alten Mädchen zu
-schäkern, – welches ihrerseits darauf einging: erstens aus
-kupplerischen Gründen, dann auch, weil sie sich dem jungen
-Manne zu Gefallen wohl wirklich etwas in Frau Chauchat
-vergafft hatte, und endlich, weil sie es kümmerlich genoß, sich
-irgendwie von ihm necken und rot machen zu lassen. Dies
-wußten sie beide von sich und vom anderen und wußten auch,
-daß jeder es von sich und vom anderen wisse, und das alles
-war verwickelt und unsauber. Aber obgleich Hans Castorp von
-verwickelten und unsauberen Dingen im ganzen angewidert
-<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a>
-wurde und sich auch in diesem Falle davon angewidert
-fühlte, so fuhr er doch fort, in dem trüben Elemente zu plätschern,
-indem er sich zur Beruhigung sagte, daß er ja nur zu
-Besuch hier oben sei und demnächst wieder abreisen werde.
-Mit erkünstelter Sachlichkeit beurteilte er kennerhaft das
-Äußere der „lässigen“ Frau, stellte fest, daß sie von vorn gesehen
-entschieden jünger und hübscher wirke als im Profil, daß
-ihre Augen zu weit auseinander lägen und ihre Haltung viel
-zu wünschen übriglasse, wofür allerdings ihre Arme schön und
-„weich geformt“ seien. Und indem er dies sagte, suchte er das
-Zittern seines Kopfes zu verbergen, wobei er aber nicht nur
-erkennen mußte, daß die Lehrerin seine vergebliche Anstrengung
-bemerkte, sondern auch mit dem größten Widerwillen die Wahrnehmung
-machte, daß sie selber ebenfalls mit dem Kopfe
-zitterte. Auch war es nichts als Politik und unnatürliche
-Schlauheit gewesen, daß er Frau Chauchat als „schöne Minka“
-bezeichnet hatte; denn so konnte er weiter fragen:
-</p>
-
-<p>
-„Ich sage ‚Minka‘, aber wie heißt sie denn eigentlich in
-Wirklichkeit. Ich meine mit Vornamen. So vernarrt, wie
-Sie unstreitig in sie sind, müssen Sie doch unbedingt ihren
-Vornamen wissen.“
-</p>
-
-<p>
-Die Lehrerin dachte nach.
-</p>
-
-<p>
-„Warten Sie, ich weiß ihn“, sagte sie. „Ich habe ihn gewußt.
-Heißt sie nicht Tatjana? Nein, das war es nicht, und
-auch nicht Natascha. Natascha Chauchat? Nein, so habe
-ichs nicht gehört. Halt, ich habe es! Awdotja heißt sie. Oder
-es war doch etwas in diesem Charakter. Denn Katjenka oder
-Ninotschka heißt sie nun einmal bestimmt nicht. Es ist mir
-wahrhaftig entfallen. Aber ich kann es mit Leichtigkeit in Erfahrung
-bringen, wenn Ihnen daran gelegen ist.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a>
-Wirklich wußte sie am nächsten Tage den Namen. Sie
-sprach ihn beim Mittagessen aus, als die Glastür ins Schloß
-schmetterte. Frau Chauchat hieß Clawdia.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp verstand nicht gleich. Er ließ sich den Namen
-wiederholen und buchstabieren, bevor er ihn auffaßte. Dann
-sprach er ihn mehrmals nach, indem er dabei mit rot geäderten
-Augen zu Frau Chauchat hinüberblickte und ihn ihr gewissermaßen
-anprobierte.
-</p>
-
-<p>
-„Clawdia,“ sagte er, „ja, so mag sie wohl heißen, es stimmt
-ganz gut.“ Er machte kein Hehl aus seiner Freude über die
-intime Kenntnis und sprach jetzt nur noch von „Clawdia“,
-wenn er Frau Chauchat meinte. „Ihre Clawdia dreht ja
-Brotkugeln, habe ich eben gesehen. Fein ist das nicht.“ „Es
-kommt darauf an, wer es tut“, antwortete die Lehrerin.
-„Clawdia steht es.“
-</p>
-
-<p>
-Ja, die Mahlzeiten im Saal mit den sieben Tischen hatten
-den allergrößten Reiz für Hans Castorp. Er bedauerte es,
-wenn eine davon zu Ende ging, aber sein Trost war, daß er
-sehr bald, in zwei oder zweieinhalb Stunden, wieder hier sitzen
-werde, und wenn er wieder hier saß, so war es, als sei er nie
-aufgestanden. Was lag dazwischen? Nichts. Ein kurzer
-Spaziergang zum Wasserlauf oder ins Englische Viertel, ein
-wenig Ruhe im Stuhl. Das war keine ernste Unterbrechung,
-kein schwer zu nehmendes Hindernis. Etwas anderes, wenn
-Arbeit, irgendwelche Sorgen und Mühen sich vorgelagert
-hätten, die im Geiste nicht leicht zu übersehen, zu übergehen
-gewesen wären. Dies war jedoch nicht der Fall im klug und
-glücklich geregelten Leben des „Berghofs“. Hans Castorp
-konnte sich, wenn er von einer gemeinsamen Mahlzeit aufstand,
-ganz unmittelbar auf die nächste freuen, – sofern nämlich
-<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a>
-„sich freuen“ das richtige Wort war für die Art von Erwartung,
-mit der er dem neuen Zusammensein mit der kranken
-Frau Clawdia Chauchat entgegensah, und nicht ein zu leichtes,
-vergnügtes, einfältiges und gewöhnliches. Möglicherweise ist
-der Leser geneigt, nur solche Ausdrücke, nämlich vergnügte
-und gewöhnliche, in bezug auf Hans Castorps Person und sein
-Innenleben als passend und zulässig zu erachten; aber wir erinnern
-daran, daß er sich als ein junger Mann von Vernunft
-und Gewissen auf den Anblick und die Nähe Frau Chauchats
-nicht einfach „freuen“ konnte und, da wir es wissen müssen,
-stellen wir fest, daß er dies Wort, wenn man es ihm angeboten
-hätte, achselzuckend verworfen haben würde.
-</p>
-
-<p>
-Ja, er wurde hochnäsig gegen gewisse Ausdrucksmittel, –
-das ist eine Einzelheit, die angemerkt zu werden verdient. Er
-ging umher, indes seine Wangen in trockener Hitze standen,
-und sang vor sich hin, sang in sich hinein, denn sein Befinden
-war musikalisch und sensitiv. Er summte ein Liedchen, das er,
-wer weiß wo und wann, in einer Gesellschaft oder bei einem
-Wohltätigkeitskonzert einmal von einer kleinen Sopranstimme
-gehört und jetzt in sich vorgefunden hatte, – einen sanften
-Unsinn, der anfing:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Wie berührt mich wundersam</p>
- <p class="verse">Oft ein Wort von dir“,</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-und er war im Begriffe, hinzuzusetzen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Das von deiner Lippe kam</p>
- <p class="verse">Und zum Herzen mir!“ –</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-als er plötzlich die Achseln zuckte, „lächerlich“ sagte und das
-zarte Liedchen als abgeschmackt und läppisch empfindsam verwarf
-und von sich wies, – es mit einer gewissen Melancholie
-und Strenge von sich wies. An solchem innigen Liedchen
-<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a>
-mochte irgendein junger Mann Genüge und Gefallen finden,
-der „sein Herz“, wie man zu sagen pflegt, erlaubter-, friedlicher-
-und aussichtsreicherweise irgendeinem gesunden Gänschen
-dort unten im Flachlande „geschenkt“ hatte und sich nun
-seinen erlaubten, aussichtsreichen, vernünftigen und im Grunde
-vergnügten Empfindungen überließ. Für ihn und sein Verhältnis
-zu Madame Chauchat – das Wort „Verhältnis“
-kommt auf seine Rechnung, wir lehnen die Verantwortung dafür
-ab – schickte sich ein solches Gedichtchen entschieden nicht;
-in seinem Liegestuhl fand er sich bewogen, das ästhetische Urteil
-„albern!“ darüber zu fällen und brach in der Mitte ab, indem
-er die Nase rümpfte, obgleich er nichts Geeigneteres dafür
-einzusetzen wußte.
-</p>
-
-<p>
-Eins aber bereitete ihm Genugtuung, wenn er lag und auf
-sein Herz, sein körperliches Herz achtete, das rasch und vernehmlich
-in der Stille pochte, – der vorschriftsmäßigen Hausordnungsstille,
-die während der Haupt- und Schlafliegekur
-über dem ganzen „Berghof“ waltete. Es pochte hartnäckig
-und vordringlich, sein Herz, wie es das fast beständig tat, seitdem
-er hier oben war; doch nahm Hans Castorp neuerdings
-weniger Anstoß daran als in den ersten Tagen. Man konnte
-jetzt nicht mehr sagen, daß es auf eigene Hand, grundlos und
-ohne Zusammenhang mit der Seele klopfte. Ein solcher Zusammenhang
-war vorhanden oder doch unschwer herzustellen;
-eine rechtfertigende Gemütsbewegung ließ sich der exaltierten
-Körpertätigkeit zwanglos unterlegen. Hans Castorp brauchte
-nur an Frau Chauchat zu denken – und er dachte an sie –,
-so besaß er zum Herzklopfen das zugehörige Gefühl.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-5-9">
-<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a>
-Aufsteigende Angst. Von den beiden Großvätern
-und der Kahnfahrt im Zwielicht
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Das Wetter war spottschlecht, – in dieser Beziehung hatte
-Hans Castorp kein Glück mit seinem flüchtigen Aufenthalt in
-diesen Gegenden. Es schneite nicht gerade, aber es regnete
-tagelang schwer und häßlich, dicke Nebel erfüllten das Tal, und
-Gewitter von lächerlicher Überflüssigkeit – denn es war ohnehin
-so kalt, daß man im Speisesaal sogar geheizt hatte – entluden
-sich mit umständlich ausrollendem Widerhall.
-</p>
-
-<p>
-„Schade“, sagte Joachim. „Ich hatte gedacht, wir wollten
-mal mit dem Frühstück auf die Schatzalp oder sonst etwas
-unternehmen. Aber es scheint, es soll nicht sein. Hoffentlich
-wird deine letzte Woche besser.“
-</p>
-
-<p>
-Aber Hans Castorp antwortete:
-</p>
-
-<p>
-„Laß nur. Ich brenne gar nicht auf Unternehmungen.
-Meine erste ist mir nicht sonderlich bekommen. Ich erhole
-mich am besten, wenn ich so in den Tag hineinlebe, ohne viel
-Abwechslung. Abwechslung ist für die Langjährigen. Aber
-ich mit meinen drei Wochen, was brauche ich Abwechslung.“
-</p>
-
-<p>
-So war es, er fühlte sich ausgefüllt und beschäftigt an Ort
-und Stelle. Wenn er Hoffnungen hegte, so blühten Erfüllung
-wie Enttäuschung ihm hier, und nicht auf irgendeiner Schatzalp.
-Langeweile war es nicht, was ihn plagte; im Gegenteil
-begann er zu fürchten, das Ende seines Aufenthalts möchte
-allzu beschwingt erscheinen. Die zweite Woche schritt vor,
-zwei Drittel seiner Zeit würden bald abgelebt sein, und brach
-erst das dritte an, so dachte man schon an den Koffer. Die
-erste Auffrischung von Hans Castorps Zeitsinn war längst vorbei;
-schon begannen die Tage dahinzufliegen, und das taten
-<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a>
-sie, obgleich jeder einzelne von ihnen sich in immer erneuter
-Erwartung dehnte und von stillen, verschwiegenen Erlebnissen
-schwoll ... Ja, die Zeit ist ein rätselhaftes Ding, es hat eine
-schwer klarzustellende Bewandtnis mit ihr!
-</p>
-
-<p>
-Wird es nötig sein, jene verschwiegenen Erlebnisse, die Hans
-Castorps Tage zugleich beschwerten und beschwingten, näher
-zu kennzeichnen? Aber jedermann kennt sie, es waren durchaus
-die gewöhnlichen in ihrer sensiblen Nichtigkeit, und in
-einem vernünftiger und aussichtsreicher gelagerten Fall, auf
-den das abgeschmackte Liedchen „Wie berührt mich wundersam“
-anwendbar gewesen wäre, hätten sie sich auch nicht
-anders abspielen können.
-</p>
-
-<p>
-Unmöglich, daß Madame Chauchat von den Fäden, die
-sich von einem gewissen Tische zu ihrem spannen, nicht irgend
-etwas hätte bemerken sollen; und daß sie etwas, ja möglichst
-viel davon bemerke, lag zügelloserweise durchaus in Hans
-Castorps Absichten. Wir nennen das zügellos, weil er sich
-über die Vernunftwidrigkeit seines Falles völlig im klaren
-war. Aber um wen es steht, wie es um ihn stand oder zu
-stehen begann, der will, daß man drüben von seinem Zustande
-Kenntnis habe, auch wenn kein Sinn und Verstand bei der
-Sache ist. So ist der Mensch.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem also Frau Chauchat sich zwei- oder dreimal zufällig
-oder unter magnetischer Einwirkung beim Essen nach
-jenem Tisch umgewandt hatte und jedesmal den Augen Hans
-Castorps begegnet war, blickte sie zum viertenmal mit Vorbedacht
-hinüber und begegnete seinen Augen auch diesmal.
-In einem fünften Fall ertappte sie ihn zwar nicht unmittelbar;
-er war gerade nicht auf dem Posten. Doch fühlte er es sofort,
-daß sie ihn ansah, und blickte ihr so eifrig entgegen, daß sie
-<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a>
-sich lächelnd abwandte. Mißtrauen und Entzücken erfüllten
-ihn angesichts dieses Lächelns. Wenn sie ihn für kindlich hielt,
-so täuschte sie sich. Sein Bedürfnis nach Verfeinerung war
-bedeutend. Bei sechster Gelegenheit, als er ahnte, spürte, die
-innere Kunde gewann, daß sie herüberblickte, tat er, als betrachte
-er mit eindringlichem Mißfallen eine finnige Dame,
-die an seinen Tisch getreten war, um mit der Großtante zu
-plaudern, hielt eisern durch, wohl zwei oder drei Minuten
-lang, und gab nicht nach, bis er sicher war, daß die Kirgisenaugen
-dort drüben von ihm abgelassen hatten, – eine wunderliche
-Schauspielerei, die Frau Chauchat nicht nur durchschauen
-mochte, sondern ausdrücklich durchschauen <em>sollte</em>, damit Hans
-Castorps große Feinheit und Selbstbeherrschung sie nachdenklich
-stimme ... Es kam zu folgendem. In einer Eßpause
-wandte Frau Chauchat sich nachlässig um und musterte den
-Saal. Hans Castorp war auf dem Posten gewesen: ihre Blicke
-trafen sich. Indes sie einander ansehen – die Kranke unbestimmt
-spähend und spöttisch, Hans Castorp mit erregter
-Festigkeit (er biß sogar die Zähne zusammen, während er
-ihren Augen standhielt) – will ihr die Serviette entfallen, ist
-im Begriffe, ihr vom Schoße zu Boden zu gleiten. Nervös
-zusammenzuckend greift sie danach, aber auch ihm fährt es
-in die Glieder, es reißt ihn halbwegs vom Stuhle empor, und
-blindlings will er über acht Meter Raum hinweg und um einen
-zwischenstehenden Tisch herum ihr zu Hilfe stürzen, als würde
-es eine Katastrophe bedeuten, wenn die Serviette den Boden
-erreichte ... Knapp über dem Estrich wird sie ihrer noch habhaft.
-Aber aus ihrer gebückten Haltung, überquer zu Boden
-geneigt, die Serviette am Zipfel und mit verfinsterter Miene,
-offenbar ärgerlich über die unvernünftige kleine Panik, der sie
-<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a>
-unterlegen und an der sie ihm, wie es scheint, die Schuld gibt, –
-blickt sie noch einmal nach ihm zurück, bemerkt seine Sprungstellung,
-seine emporgerissenen Brauen und wendet sich lächelnd
-ab.
-</p>
-
-<p>
-Über dies Vorkommnis triumphierte Hans Castorp bis zur
-Ausgelassenheit. Jedoch blieb der Rückschlag nicht aus, denn
-Madame Chauchat wandte sich nun volle zwei Tage lang,
-also während der Dauer von zehn Mahlzeiten, überhaupt nicht
-mehr nach dem Saale um, ja, unterließ es sogar, sich bei ihrem
-Eintritt, wie es sonst ihre Gepflogenheiten gewesen, dem Publikum
-zu „präsentieren“. Das war hart. Aber da diese
-Unterlassungen sich ganz ohne Zweifel auf ihn bezogen, so
-war eine Beziehung eben doch deutlich vorhanden, wenn auch
-in negativer Gestalt; und das mochte genügen.
-</p>
-
-<p>
-Er sah wohl, daß Joachim vollständig recht gehabt hatte
-mit seiner Bemerkung, es sei gar nicht leicht, hier Bekanntschaft
-zu machen, außer mit Tischgenossen. Denn während
-der einzigen knappen Stunde nach dem Diner, in der eine gewisse
-Geselligkeit regelmäßig statthatte, die aber oft auf zwanzig
-Minuten zusammenschrumpfte, saß Madame Chauchat
-ohne Ausnahme mit ihrer Umgebung, dem hohlbrüstigen
-Herrn, der humoristischen Wollhaarigen, dem stillen Dr. Blumenkohl
-und den hängeschultrigen Jünglingen, im Hintergrunde
-des kleinen Salons, der dem „Guten Russentisch“ vorbehalten
-schien. Auch drängte Joachim stets bald zum Aufbruch,
-um die Abendliegekur nicht zu verkürzen, wie er sagte,
-und vielleicht noch aus anderen diätetischen Gründen, die er
-nicht anführte, die aber Hans Castorp ahnte und achtete. Wir
-erhoben den Vorwurf der Zügellosigkeit gegen ihn, aber wohin
-seine Wünsche nun immer gehen mochten, die gesellschaftliche
-<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a>
-Bekanntschaft mit Frau Chauchat war es nicht, was er anstrebte,
-und mit den Umständen, die dagegen wirkten, war
-er im Grunde einverstanden. Die unbestimmt gespannten Beziehungen,
-die sein Schauen und Betreiben zwischen ihm und
-der Russin hergestellt hatte, waren außergesellschaftlicher Natur,
-sie verpflichteten zu nichts und durften zu nichts verpflichten.
-Denn ein beträchtliches Maß von gesellschaftlicher Ablehnung
-vertrug sich wohl mit ihnen, auf seiner Seite, und die Tatsache,
-daß er den Gedanken an „Clawdia“ dem Klopfen seines
-Herzens unterlegte, genügte bei weitem nicht, den Enkel Hans
-Lorenz Castorps in der Überzeugung wankend zu machen, daß
-er mit dieser Fremden, die ihr Leben getrennt von ihrem Mann
-und ohne Trauring am Finger an allen möglichen Kurorten
-verbrachte, sich mangelhaft hielt, die Tür hinter sich zufallen
-ließ, Brotkugeln drehte und zweifellos an den Fingern kaute, –
-daß er, sagen wir, in Wirklichkeit, das heißt: über jene geheimen
-Beziehungen hinaus, nichts mit ihr zu schaffen haben
-könne, daß tiefe Klüfte ihre Existenz von der seinen trennten,
-und daß er vor keiner Kritik, die er anerkannte, mit ihr bestehen
-würde. Einsichtigerweise war Hans Castorp ganz ohne
-persönlichen Hochmut; aber ein Hochmut allgemeiner und
-weiter hergeleiteter Art stand ihm ja auf der Stirn und um
-die etwas schläfrig blickenden Augen geschrieben, und aus ihm
-entsprang das Überlegenheitsgefühl, dessen er sich beim Anblick
-von Frau Chauchats Sein und Wesen nicht entschlagen
-konnte noch wollte. Es war sonderbar, daß er sich dieses weitläufigen
-Überlegenheitsgefühls besonders lebhaft und vielleicht
-überhaupt zum erstenmal bewußt wurde, als er Frau Chauchat
-eines Tages Deutsch sprechen hörte, – sie stand, beide Hände
-in den Taschen ihres Sweaters, nach Schluß einer Mahlzeit
-<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a>
-im Saale, und mühte sich, wie Hans Castorp im Vorübergehen
-wahrnahm, im Gespräch mit einer anderen Patientin,
-einer Liegehallengenossin wahrscheinlich, auf übrigens reizende
-Art um die deutsche Sprache, Hans Castorps Muttersprache,
-wie er mit plötzlichem und nie gekanntem Stolze empfand, –
-wenn auch nicht ohne gleichzeitige Neigung, diesen Stolz dem
-Entzücken aufzuopfern, womit ihr anmutiges Stümpern und
-Radebrechen ihn erfüllte.
-</p>
-
-<p>
-Mit einem Worte: Hans Castorp sah in seinem stillen Verhältnis
-zu dem nachlässigen Mitgliede Derer hier oben ein
-Ferienabenteuer, das vor dem Tribunal der Vernunft – seines
-eigenen vernünftigen Gewissens – keinerlei Anspruch auf
-Billigung erheben konnte: hauptsächlich deshalb nicht, weil
-Frau Chauchat ja krank war, schlaff, fiebrig und innerlich
-wurmstichig, ein Umstand, der mit der Zweifelhaftigkeit ihrer
-Gesamtexistenz nahe zusammenhing und auch an Hans Castorps
-Vorsichts- und Abstandsgefühlen stark beteiligt war ...
-Nein, ihre wirkliche Bekanntschaft zu suchen, kam ihm nicht
-in den Sinn, und was das andere betraf, so würde es ja in
-anderthalb Wochen, wenn er bei Tunder &amp; Wilms in die
-Praxis trat, wohl oder übel folgenlos beendet sein.
-</p>
-
-<p>
-Vorderhand allerdings stand es so mit ihm, daß er angefangen
-hatte, die Gemütsbewegungen, Spannungen, Erfüllungen
-und Enttäuschungen, die ihm aus seinen zarten Beziehungen
-zu der Patientin erwuchsen, als den eigentlichen Sinn
-und Inhalt seines Ferienaufenthaltes zu betrachten, ganz ihnen
-zu leben und seine Laune von ihrem Gedeihen abhängig zu
-machen. Die Umstände leisteten ihrer Pflege den wohlwollendsten
-Vorschub, denn man lebte bei feststehender und jedermann
-bindender Tagesordnung auf beschränktem Raum beieinander,
-<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a>
-und wenn auch Frau Chauchat in einem anderen Stockwerk –
-im ersten – zu Hause war (sie hielt übrigens ihre Liegekur, wie
-Hans Castorp von der Lehrerin hörte, in einer gemeinsamen
-Liegehalle, nämlich der, die sich auf dem Dache befand, derselben,
-in der Hauptmann Miklosich neulich das Licht abgedreht
-hatte), so war doch allein schon durch die fünf Mahlzeiten,
-aber auch sonst auf Schritt und Tritt, vom Morgen
-bis zum Abend die Möglichkeit, ja Unumgänglichkeit der Begegnung
-gegeben. Und auch dies, ebenso wie das andere,
-daß keine Sorgen und Mühen die Aussicht versperrten, fand
-Hans Castorp famos, wenn auch solches Eingesperrtsein mit
-dem günstigen Ungefähr zugleich etwas Beklemmendes hatte.
-</p>
-
-<p>
-Doch half er sogar noch ein bißchen nach, rechnete und
-stellte seinen Kopf in den Dienst der Sache, um das Glück zu
-verbessern. Da Frau Chauchat gewohnheitsmäßig verspätet
-zu Tische kam, so legte er es darauf an, ebenfalls zu spät zu
-kommen, um ihr unterwegs zu begegnen. Er versäumte sich
-bei der Toilette, war nicht fertig, wenn Joachim eintrat, um
-ihn abzuholen, ließ den Vetter vorangehen und sagte, er käme
-gleich nach. Beraten von dem Instinkt seines Zustandes, wartete
-er einen gewissen Augenblick ab, der ihm der richtige schien,
-und eilte ins erste Stockwerk hinab, wo er nicht die Treppe
-benutzte, die die Fortsetzung derjenigen bildete, die ihn herabgeführt
-hatte, sondern den Korridor fast bis ans Ende, bis
-zur anderen Treppe verfolgte, die einer längst bekannten Zimmertür
-– es war die von Nr. 7 – nahegelegen war. Auf
-diesem Wege, den Korridor entlang, von einer Treppe zur
-anderen, bot sozusagen jeder Schritt eine Chance, denn jeden
-Augenblick konnte die bewußte Tür sich öffnen, – und das
-tat sie wiederholt: krachend fiel sie hinter Frau Chauchat zu,
-<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a>
-die für ihre Person lautlos hervorgetreten war und lautlos
-zur Treppe glitt ... Dann ging sie vor ihm her und stützte
-das Haar mit der Hand, oder Hans Castorp ging vor ihr her
-und fühlte ihren Blick in seinem Rücken, wobei er ein Reißen
-in den Gliedern sowie ein Ameisenlaufen den Rücken hinunter
-verspürte, in dem Wunsche aber, sich vor ihr aufzuspielen, so
-tat, als wisse er nichts von ihr und führe sein Einzelleben in
-kräftiger Unabhängigkeit, – die Hände in die Rocktaschen
-grub und ganz unnötigerweise die Schultern rollte oder sich
-heftig räusperte und sich dabei mit der Faust vor die Brust
-schlug, – alles, um seine Unbefangenheit zu bekunden.
-</p>
-
-<p>
-Zweimal trieb er die Abgefeimtheit noch weiter. Nachdem
-er am Eßtisch schon Platz genommen, sagte er bestürzt und
-ärgerlich, indem er sich mit beiden Händen betastete: „Da, ich
-habe mein Taschentuch vergessen! Jetzt heißt es, sich noch einmal
-hinaufbequemen.“ Und er ging zurück, damit er und
-„Clawdia“ einander <em>begegneten</em>, was denn doch noch etwas
-anderes, gefährlicher und von schärferen Reizen war, als
-wenn sie vor oder hinter ihm ging. Das erstemal, als er
-dies Manöver ausgeführt, maß sie ihn zwar aus einiger Entfernung
-mit den Augen, und zwar recht rücksichtslos und ohne
-Verschämtheit, von oben bis unten, wandte aber, herangekommen,
-gleichgültig das Gesicht ab und ging so vorüber, so
-daß das Ergebnis dieses Zusammentreffens nicht hoch zu veranschlagen
-war. Beim zweitenmal aber sah sie ihn an, und
-nicht nur von weitem, – die ganze Zeit sah sie ihn an, während
-des ganzen Vorganges, blickte ihm fest und sogar etwas
-finster in das Gesicht und drehte im Vorübergehen sogar noch
-den Kopf nach ihm, – es ging dem armen Hans Castorp
-durch Mark und Bein. Übrigens sollte man ihn nicht bedauern,
-<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a>
-da er es nicht anders gewollt und alles selbst in die Wege
-geleitet hatte. Aber die Begegnung ergriff ihn gewaltig, sowohl
-während sie sich abspielte wie namentlich noch nachträglich;
-denn erst als alles vorüber war, sah er recht deutlich, wie
-es gewesen. Noch niemals hatte er Frau Chauchats Gesicht
-so nahe, so in allen Einzelheiten klar erkennbar vor sich gehabt:
-er hatte die kurzen Härchen unterscheiden können, die
-sich aus dem Geflecht ihres blonden, ein wenig ins Metallisch-Rötliche
-spielenden und einfach um den Kopf geschlungenen
-Zopfes lösten, und nur ein paar Handbreit Raum war gewesen
-zwischen seinem Gesicht und dem ihren in seiner wundersamen,
-ihm aber von langer Hand her vertrauten Bildung,
-die ihm zusagte wie nichts in der Welt: einer Bildung, fremdartig
-und charaktervoll (denn nur das Fremde scheint uns
-Charakter zu haben), von nördlicher Exotik und geheimnisreich,
-zur Ergründung auffordernd, insofern ihre Merkmale und
-Verhältnisse nicht leicht zu bestimmen waren. Das Entscheidende
-war wohl die Betontheit der hochsitzenden Wangenknochenpartie:
-sie bedrängte die ungewohnt flach, ungewohnt
-weit voneinander liegenden Augen und trieb sie ein wenig ins
-Schiefe, während sie zugleich die Ursache abgab für das weiche
-Konkav der Wangen, das wiederum, von seiner Seite und
-mittelbar, die leicht aufgeworfene Üppigkeit der Lippen bewirkte.
-Dann aber waren da namentlich die Augen selbst gewesen,
-diese schmal und (so fand Hans Castorp) schlechthin zauberhaft
-geschnittenen Kirgisenaugen, deren Farbe das Graublau
-oder Blaugrau ferner Berge war, und die sich zuweilen,
-bei einem gewissen Seitenblick, der nicht zum Sehen diente, auf
-eine schmelzende Weise völlig ins Schleierig-Nächtige verdunkeln
-konnten, – Clawdias Augen, die ihn rücksichtslos und
-<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a>
-etwas finster aus nächster Nähe betrachtet hatten und nach Stellung,
-Farbe, Ausdruck denen Pribislav Hippes so auffallend
-und erschreckend ähnlich waren! „Ähnlich“ war gar nicht das
-richtige Wort, – es waren dieselben Augen; und auch die
-Breite der oberen Gesichtshälfte, die eingedrückte Nase, alles,
-bis auf die gerötete Weiße der Haut, die gesunde Farbe der
-Wangen, die bei Frau Chauchat ja aber Gesundheit nur vortäuschte
-und, wie bei allen hier oben, nichts als ein oberflächliches
-Erzeugnis der Liegekur im Freien war, – alles war ganz
-wie bei Pribislav, und nicht anders hatte dieser ihn angesehen,
-wenn sie auf dem Schulhof aneinander vorübergingen.
-</p>
-
-<p>
-Das war erschütternd in jedem Sinn; Hans Castorp war
-begeistert von der Begegnung, und zugleich spürte er etwas
-wie aufsteigende Angst, eine Beklemmung derselben Art, wie
-das Eingesperrtsein mit dem günstigen Ungefähr auf engem
-Raum ihm verursachte: auch dies, daß der längst vergessene
-Pribislav ihm hier oben als Frau Chauchat wieder begegnete
-und ihn mit Kirgisenaugen ansah, war wie ein Eingesperrtsein
-mit Unumgänglichem oder Unentrinnbarem, – in beglückendem
-und ängstlichem Sinn Unentrinnbarem. Es war
-hoffnungsreich und zugleich auch unheimlich, ja bedrohlich, und
-ein Gefühl der Hilfsbedürftigkeit kam den jungen Hans Castorp
-an, – in seinem Inneren vollzogen sich unbestimmte
-und instinktmäßige Bewegungen, die man als ein Sichumsehen,
-als ein Tasten und Suchen nach Hilfe, nach Rat und
-Stütze hätte ansprechen mögen; er dachte nacheinander an
-verschiedene Personen, an die zu denken etwa zuträglich sein
-mochte.
-</p>
-
-<p>
-Da war Joachim, der gute, ehrenfeste Joachim an seiner
-Seite, dessen Augen in diesen Monaten einen so traurigen
-<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a>
-Ausdruck angenommen, und der zuweilen so wegwerfend-heftig
-mit den Achseln zuckte, wie er es früher nie und nimmer
-getan, – Joachim mit dem „Blauen Heinrich“ in der Tasche,
-wie Frau Stöhr dies Gerät zu bezeichnen pflegte: mit einem
-so störrisch schamlosen Gesicht, daß es Hans Castorp jedesmal
-in der Seele entsetzte ... Der redliche Joachim also war
-da, der Hofrat Behrens tirrte und plagte, um fortzukommen
-und in der „Ebene“ oder im „Flachlande“, wie man hier die
-Welt der Gesunden mit einem leisen, aber deutlichen Akzent
-von Geringschätzung nannte, seinen ersehnten Dienst tun zu
-können. Damit er schneller dazu gelange und Zeit spare, mit
-der man hier so verschwenderisch umging, hielt er denn vorerst
-einmal mit aller Gewissenhaftigkeit den Kurdienst ein, –
-tat es um seiner baldigen Genesung willen, ohne Frage, aber,
-wie Hans Castorp manchmal zu spüren glaubte, ein wenig
-doch auch um des Kurdienstes willen, der am Ende ein Dienst
-war wie ein anderer, und Pflichterfüllung war Pflichterfüllung.
-So drängte denn Joachim abends schon nach einer
-Viertelstunde aus der Geselligkeit fort in die Liegekur, und das
-war gut, denn seine militärische Genauigkeit kam dem zivilen
-Sinn Hans Castorps gewissermaßen zu Hilfe, der sich sonst
-wohl, sinn- und aussichtsloserweise, gern noch des längeren
-an der Geselligkeit beteiligt hätte, mit Aussicht auf den kleinen
-Russensalon. Daß aber Joachim so dringlich darauf bedacht
-war, die Abendgeselligkeit abzukürzen, das hatte noch einen
-anderen, verschwiegenen Grund, auf den sich Hans Castorp
-genau verstand, seit er Joachims fleckiges Erblassen und jene
-eigentümlich klägliche Art, in der sein Mund sich in gewissen
-Augenblicken verzerrte, so genau verstehen gelernt hatte. Denn
-auch Marusja, die ewig lachlustige Marusja mit dem kleinen
-<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a>
-Rubin an ihrem schönen Finger, dem Apfelsinenparfüm und
-der hohen, wurmstichigen Brust war ja bei der Geselligkeit
-meistens zugegen, und Hans Castorp begriff, daß dieser Umstand
-Joachim forttrieb, weil er ihn allzusehr, auf eine schreckliche
-Weise anzog. War auch Joachim „eingesperrt“, – noch
-enger und beklemmender sogar als er selbst, da ja Marusja
-mit ihrem Apfelsinentüchlein zu allem Überfluß auch noch fünfmal
-am Tage mit ihnen zusammen an demselben Eßtisch saß?
-Jedenfalls hatte Joachim viel zu viel mit sich selbst zu tun,
-als daß sein Dasein eigentlich innerlich hilfreich für Hans Castorp
-hätte sein können. Seine tägliche Flucht aus der Geselligkeit
-wirkte zwar ehrenhaft, aber nichts weniger als beruhigend
-auf diesen, und dann kam es ihm augenblicksweise
-auch vor, als ob Joachims gutes Beispiel in bezug auf die
-Pflichttreue im Kurdienst, die kundige Anleitung dazu, die er
-ihm zuteil werden ließ, ihr Bedenkliches hätten.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp war noch nicht zwei Wochen an Ort und
-Stelle, aber es schien ihm länger, und die Tagesordnung Derer
-hier oben, die Joachim an seiner Seite so dienstfromm beobachtete,
-hatte angefangen, in seinen Augen das Gepräge einer
-heilig-selbstverständlichen Unverbrüchlichkeit anzunehmen, so
-daß ihm das Leben im Flachlande drunten, von hier gesehen,
-fast sonderbar und verkehrt erschien. Schon hatte er in der
-Handhabung der beiden Decken, mit denen man bei kalter
-Witterung in der Liegekur ein ebenmäßig Paket, eine richtige
-Mumie aus sich machte, schöne Gewandtheit gewonnen; es
-fehlte nicht viel, so tat er es Joachim gleich in der sicheren
-Fertigkeit und Kunst, sie vorschriftsmäßig um sich zu schlagen,
-und fast mußte er sich wundern bei dem Gedanken, daß in der
-Ebene drunten niemand etwas von dieser Kunst und Vorschrift
-<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a>
-wußte. Ja, das war wunderlich; – aber zugleich wunderte sich
-Hans Castorp darüber, daß er es wunderlich fand, und jene
-Unruhe, die ihn innerlich nach Rat und Stütze sich umsehen
-ließ, stieg neuerdings in ihm auf.
-</p>
-
-<p>
-Er mußte an Hofrat Behrens denken und an seinen <span class="antiqua" lang="la">sine
-pecunia</span> erteilten Rat, ganz so zu leben wie die Patientenschaft
-und sich sogar auch zu messen, – und an Settembrini,
-der über diesen Rat so laut in die Luft hinein gelacht und dann
-etwas aus der „Zauberflöte“ zitiert hatte. Ja, auch an diese
-beiden dachte er probeweise, um zu sehen, ob es ihm gut täte.
-Hofrat Behrens war ja ein weißhaariger Mann, er hätte
-Hans Castorps Vater sein können. Dazu war er Vorsteher
-der Anstalt, die höchste Autorität, – und väterliche Autorität
-war es, wonach der junge Hans Castorp ein unruhiges Herzensbedürfnis
-empfand. Und doch wollte es ihm nicht gelingen,
-wenn er es versuchte, des Hofrats mit kindlichem Vertrauen
-zu gedenken. Er hatte hier seine Frau begraben, ein
-Kummer, von dem er vorübergehend etwas wunderlich geworden
-war, und dann war er am Orte geblieben, weil das
-Grab ihn band, und außerdem weil er selbst etwas abbekommen
-hatte. War es nun vorbei damit? War er gesund und
-unzweideutig gesonnen, die Leute gesund zu machen, damit
-sie recht bald ins Flachland zurückkehren und Dienst tun könnten?
-Seine Backen waren beständig blau, und eigentlich sah
-er aus, als hätte er Übertemperatur. Aber das mochte auf
-Täuschung beruhen und nur die Luft schuld sein an dieser Gesichtsfarbe:
-Hans Castorp selber spürte hier ja tagein, tagaus
-eine trockene Hitze, ohne Fieber zu haben, soweit er es ohne
-Thermometer beurteilen konnte. Zwar, wenn man den Hofrat
-reden hörte, konnte man wieder zuweilen an Übertemperatur
-<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a>
-glauben; es war nicht ganz richtig mit seiner Redeweise: sie
-klang so forsch und fidel und gemütlich, aber es war etwas
-Sonderbares darin, etwas Exaltiertes, besonders wenn man
-die blauen Backen mit in Betracht zog, sowie die tränenden
-Augen, die aussahen, als weine er immer noch über seine
-Frau. Hans Castorp erinnerte sich dessen, was Settembrini
-über des Hofrats „Schwermut“ und „Lasterhaftigkeit“ ausgesagt,
-und daß er ihn eine „verworrene Seele“ genannt
-hatte. Das mochte Bosheit sein und Windbeutelei; aber er
-fand trotzdem, daß es nicht sonderlich stärkend sei, an Hofrat
-Behrens zu denken.
-</p>
-
-<p>
-Aber da war denn freilich noch dieser Settembrini selbst,
-der Oppositionsmann, Windbeutel und „<span class="antiqua" lang="la">homo humanus</span>“,
-wie er sich selber nannte, der es ihm mit vielen prallen Worten
-verwiesen hatte, Krankheit und Dummheit zusammen
-einen Widerspruch und ein Dilemma für das menschliche Gefühl
-zu nennen. Wie stand es mit ihm? Und war es zuträglich,
-an ihn zu denken? Hans Castorp erinnerte sich wohl,
-wie er in mehreren der übermäßig lebhaften Träume, die hier
-oben seine Nächte erfüllten, Ärgernis genommen an dem feinen,
-trockenen Lächeln des Italieners, das sich unter der schönen
-Rundung seines Schnurrbartes kräuselte, wie er ihn einen
-Drehorgelmann gescholten und ihn wegzudrängen versucht
-hatte, weil er hier störe. Aber das war im Traum gewesen,
-und der wachende Hans Castorp war ein anderer, weniger
-ungehemmt als der des Traumes. Im Wachen mochte es
-etwas anderes sein, – vielleicht tat er gut daran, es innerlich
-mit Settembrinis neuartigem Wesen zu versuchen, – mit seiner
-Aufsässigkeit und Kritik, obgleich sie larmoyant und
-geschwätzig war. Er selbst hatte sich ja einen Pädagogen
-<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a>
-genannt; offenbar wünschte er Einfluß zu nehmen; und den
-jungen Hans Castorp verlangte es herzlich, beeinflußt zu werden,
-– was ja freilich so weit nicht zu gehen brauchte, daß er
-sich von Settembrini bestimmen ließ, seinen Koffer zu packen
-und vor der Zeit abzureisen, wie jener es neulich allen Ernstes
-in Vorschlag gebracht hatte.
-</p>
-
-<p>
-<span class="antiqua" lang="la">Placet experiri</span>, dachte er bei sich lächelnd, denn so viel
-Latein verstand er auch noch, ohne sich einen <span class="antiqua" lang="la">homo humanus</span>
-nennen zu dürfen. Und so hatte er denn ein Auge auf Settembrini
-und hörte bereitwillig und nicht ohne prüfende Aufmerksamkeit
-auf das, was er alles zum besten gab bei Begegnungen,
-wie sie bei den gemessenen Kurpromenaden zur Bank
-an der Bergwand oder nach „Platz“ hinab sich beiläufig ereigneten,
-oder bei anderer Gelegenheit, zum Beispiel wenn
-Settembrini nach beendeter Mahlzeit sich als erster erhob und
-in seinen karierten Beinkleidern, einen Zahnstocher zwischen
-den Lippen, durch den Saal mit den sieben Tischen schlenderte,
-um gegen alle Vorschrift und Übung ein wenig am Tische
-der Vettern zu hospitieren. Er tat es, indem er in anmutiger
-Haltung, mit gekreuzten Füßen, Aufstellung nahm und mit
-dem Zahnstocher gestikulierend plauderte. Oder er zog auch
-einen Stuhl heran, nahm Platz an einer Ecke zwischen Hans
-Castorp und der Lehrerin einerseits oder zwischen Hans Castorp
-und Miß Robinson andererseits und sah zu, wie die
-neun Tischgenossen ihren Nachtisch verzehrten, auf den er verzichtet
-zu haben schien.
-</p>
-
-<p>
-„Ich bitte um Zutritt in diesen edlen Kreis“, sagte er, indem
-er den Vettern die Hand schüttelte und die übrigen Personen
-mit einer Verbeugung umfaßte. „Dieser Bierbrauer
-dort drüben ... von dem verzweiflungsvollen Anblick der
-<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a>
-Bierbrauerin zu schweigen. Aber dieser Herr Magnus, –
-soeben hat er einen völkerpsychologischen Vortrag gehalten.
-Wollen Sie hören? ‚Unser liebes Deutschland ist eine große
-Kaserne, gewiß. Aber es steckt viel Tüchtigkeit dahinter, und
-ich tausche unsere Gediegenheit für die Höflichkeit der andern
-nicht ein. Was hilft mir alle Höflichkeit, wenn ich vorn und
-hinten betrogen werde?‘ In diesem Stile. Ich bin am Rand
-meiner Kräfte. Dann sitzt da mir gegenüber ein armes Wesen
-mit Friedhofsrosen auf den Backen, eine alte Jungfer aus
-Siebenbürgen, die ohne Unterbrechung von ihrem ‚Schwager‘
-spricht, einem Menschen, von dem niemand etwas weiß,
-noch wissen will. Kurzum, ich kann nicht mehr, ich habe mich
-aus dem Staub gemacht.“
-</p>
-
-<p>
-„Fluchtartig haben Sie das Panier ergriffen,“ sagte Frau
-Stöhr; „das kann ich mir denken.“
-</p>
-
-<p>
-„Exakt!“ rief Settembrini. „Das Panier! Ich sehe, hier
-weht ein anderer Wind, – kein Zweifel, ich bin vor die rechte
-Schmiede gekommen. Fluchtartig also ergriff ich es ... Wer
-so seine Worte zu setzen wüßte! – Darf ich mich nach den
-Fortschritten Ihrer Gesundheit erkundigen, Frau Stöhr?“
-</p>
-
-<p>
-Es war entsetzlich, wie Frau Stöhr sich zierte. „Großer
-Gott,“ sagte sie, „es ist immer dasselbe, der Herr wissen ja
-selbst. Man tut zwei Schritte vorwärts und drei zurück, –
-hat man fünf Monate abgesessen, so kommt der Alte und
-legt einem ein halbes Jahr zu. Ach, es sind Tantalusqualen.
-Man schiebt und schiebt, und glaubt man, oben zu sein ...“
-</p>
-
-<p>
-„Oh, das ist schön von Ihnen! Sie gönnen dem armen
-Tantalus endlich einige Abwechslung! Sie lassen ihn austauschweise
-einmal den berühmten Marmor wälzen! Das
-nenne ich wahre Herzensgüte. Aber wie ist es, Madame, es
-<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a>
-gehen geheimnisvolle Dinge mit Ihnen vor. Man hat Geschichten
-von Doppelgängerei, Astralleibern ... Ich habe
-daran nicht geglaubt bisher, aber was sich mit Ihnen zuträgt,
-macht mich irre ...“
-</p>
-
-<p>
-„Es scheint, der Herr will seine Ergötzlichkeit mit mir
-treiben.“
-</p>
-
-<p>
-„Durchaus nicht! Ich denke nicht daran! Beruhigen Sie
-mich zuerst über gewisse dunkle Seiten Ihrer Existenz, und
-wir werden von Ergötzlichkeit reden können! Ich mache mir
-gestern abend zwischen halb zehn und zehn Uhr ein wenig Bewegung
-im Garten – ich blicke dabei die Balkons entlang –
-das elektrische Lämpchen auf dem Ihren glüht durch das
-Dunkel. Sie befanden sich folglich in der Liegekur, nach Pflicht,
-Vernunft und Vorschrift. ‚Da liegt unsere schöne Kranke‘,
-sage ich zu mir selbst, ‚und beobachtet treulich die Verordnung,
-um baldigst heimkehren zu können in die Arme des Herrn
-Stöhr.‘ Und vor wenigen Minuten, was höre ich? Daß Sie
-zu derselben Stunde im <span class="antiqua" lang="it">cinematógrafo</span> (Herr Settembrini
-sprach das Wort italienisch aus, mit dem Akzent auf der vierten
-Silbe) – im <span class="antiqua" lang="it">cinematógrafo</span> der Kurhausarkaden gesehen
-worden sind und hernach noch in der Konditorei bei Süßwein
-und irgendwelchen Baisers, und zwar ...“
-</p>
-
-<p>
-Die Stöhr wand sich in den Schultern, kicherte in ihre
-Serviette, stieß Joachim Ziemßen und den stillen Dr. Blumenkohl
-mit den Ellenbogen in die Seiten, zwinkerte listig-vertraulich
-und gab auf alle Weise eine stockdumme Selbstgefälligkeit
-zu erkennen. Sie pflegte abends zur Täuschung der
-Aufsicht ihr brennendes Tischlämpchen auf den Balkon hinauszustellen,
-sich heimlich davonzumachen und drunten im Englischen
-Viertel ihrer Zerstreuung nachzugehen. Ihr Mann
-<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a>
-wartete in Cannstatt auf sie. Übrigens war sie nicht der
-einzige Patient, der diese Praktik übte.
-</p>
-
-<p>
-„... und zwar,“ fuhr Settembrini fort, „hätten Sie diese
-Baisers – in wessen Gesellschaft gekostet? In der Gesellschaft
-des Hauptmanns Miklosich aus Bukarest! Man versichert
-mir, er trage ein Korsett, aber mein Gott, wie wenig fällt das
-hier ins Gewicht! Ich beschwöre Sie, Madame, wo waren
-Sie? Sie sind doppelt! Jedenfalls waren Sie eingeschlafen,
-und während der irdische Teil Ihres Wesens einsam Liegekur
-machte, erlustierte sich der spirituelle in der Gesellschaft des
-Hauptmanns Miklosich und an seinen Baisers ...“
-</p>
-
-<p>
-Frau Stöhr wand und sträubte sich, wie jemand, den man
-kitzelt.
-</p>
-
-<p>
-„Man weiß nicht, ob man das Umgekehrte wünschen soll“,
-sagte Settembrini. „Daß Sie die Baisers allein genossen
-und die Liegekur mit dem Hauptmann Miklosich ausgeübt
-hätten ...“
-</p>
-
-<p>
-„Hi, hi, hi ...“
-</p>
-
-<p>
-„Kennen die Herrschaften die vorgestrige Geschichte?“
-fragte der Italiener unvermittelt. „Jemand ist abgeholt
-worden, – vom Teufel geholt, oder eigentlich von seiner Frau
-Mutter, einer tatkräftigen Dame, sie hat mir gefallen. Es ist
-der junge Schneermann, Anton Schneermann, der dort vorn
-am Tische von Mademoiselle Kleefeld saß, – Sie sehen, sein
-Platz ist leer. Er wird bald genug wieder besetzt sein, ich mache
-mir keine Sorge, aber Anton ist fort auf Sturmesschwingen,
-im Hui und eh ers gedacht. Anderthalb Jahre war er hier –
-mit seinen sechzehn; es waren ihm eben noch sechs Monate
-zugelegt worden. Und was geschieht? Ich weiß nicht, wer
-Madame Schneermann ein Wort hatte zufließen lassen, auf
-<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a>
-jeden Fall hatte sie Wind bekommen von dem Wandel ihres
-Söhnchens in <span class="antiqua" lang="la">Baccho et ceteris</span>. Unangemeldet erscheint sie
-auf dem Plan, eine Matrone – drei Köpfe größer als ich,
-weißhaarig und zornmütig, zieht Herrn Anton, ohne zu reden,
-ein paar Ohrfeigen herunter, nimmt ihn beim Kragen und
-setzt ihn auf die Bahn. ‚Soll er zu Grund gehen,‘ sagt sie, ‚so
-kann ers auch unten.‘ Und fort gehts nach Hause.“
-</p>
-
-<p>
-Man lachte, soweit man in Hörweite saß, denn Herr Settembrini
-erzählte drollig. Er zeigte sich auf dem Laufenden über
-die letzten Neuigkeiten, obgleich er sich doch gegen das Gemeinschaftsleben
-Derer hier oben so kritisch-spöttisch verhielt.
-Er wußte alles. Er kannte die Namen und ungefähr auch die
-Lebensumstände Neuangekommener; er berichtete, daß gestern
-bei dem und dem oder der und der eine Rippenresektion vorgenommen
-worden und hatte es aus bester Quelle, daß vom
-Herbst an Kranke über 38,5 Grad nicht mehr aufgenommen
-werden würden. In der letzten Nacht hatte sich, seiner Erzählung
-nach, das Hündchen der Madame Capatsoulias aus
-Mytilene auf den Knopf des elektrischen Lichtsignals auf dem
-Nachttisch seiner Herrin gesetzt, woraus viel Rennerei und
-Tumult entstanden war, besonders, da man Madame Capatsoulias
-nicht allein, sondern in Gesellschaft des Assessors
-Düstmund aus Friedrichshagen gefunden habe. Selbst Dr.
-Blumenkohl mußte lächeln über diese Geschichte, die hübsche
-Marusja wollte in ihrem Orangentüchlein fast ersticken, und
-Frau Stöhr schrie gellend, indem sie die linke Brust mit beiden
-Händen preßte.
-</p>
-
-<p>
-Aber mit den Vettern sprach Lodovico Settembrini auch von
-sich selbst und seiner Herkunft, sei es auf den Spaziergängen,
-gelegentlich der Abendgeselligkeit oder nach beendetem Mittagstisch,
-<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a>
-wenn die große Mehrzahl der Patienten den Saal
-schon verlassen hatte und die drei Herren noch eine Weile an
-ihrem Tafelende sitzenblieben, während die Saaltöchter abräumten
-und Hans Castorp seine Maria Mancini rauchte,
-deren Würze er in der dritten Woche wieder ein wenig zu
-schmecken begann. Aufmerksam prüfend, befremdet, aber
-willig sich beeinflussen zu lassen, hörte er den Erzählungen des
-Italieners zu, die ihm eine sonderbare, durchaus neuartige
-Welt eröffneten.
-</p>
-
-<p>
-Settembrini sprach von seinem Großvater, der zu Mailand
-Advokat, hauptsächlich aber ein großer Patriot gewesen und
-etwas wie einen politischen Agitator, Redner und Zeitschriften-Mitarbeiter
-vorgestellt hatte, – auch er ein Oppositionsmann,
-gleich dem Enkel, doch hatte er das Ding in größerem,
-kühnerem Stile betrieben. Denn während Lodovico, wie er
-selber mit Bitterkeit bemerkte, sich darauf angewiesen fand,
-das Leben und Treiben im Internationalen Sanatorium Berghof
-zu hecheln, höhnische Kritik daran zu üben und im Namen
-einer schönen und tatfrohen Menschlichkeit Verwahrung dagegen
-einzulegen, hatte jener den Regierungen zu schaffen gemacht,
-gegen Österreich und die Heilige Allianz konspiriert,
-die damals sein zerstückeltes Vaterland im Banne dumpfer
-Knechtschaft gehalten hatten, und war eifriges Mitglied gewisser,
-über Italien verbreiteter geheimer Gesellschaften gewesen,
-– ein Carbonaro, wie Settembrini mit plötzlich gesenkter
-Stimme erklärte, als sei es auch jetzt noch gefährlich,
-davon zu sprechen. Kurz, dieser Giuseppe Settembrini stellte
-sich, nach den Erzählungen des Enkels, den beiden Zuhörern
-als eine dunkle, leidenschaftliche und wühlerische Existenz, als
-ein Rädelsführer und Verschwörer dar, und bei aller Achtung,
-<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a>
-deren sie sich höflicherweise befleißigten, gelang es ihnen nicht
-ganz, einen Ausdruck mißtrauischer Abneigung, ja des Widerwillens
-aus ihren Zügen zu verbannen. Freilich lagen die
-Dinge besonders: was sie hörten, war lange her, fast hundert
-Jahre, es war Geschichte, und aus der Geschichte, namentlich
-der alten, war ihnen das Wesen, von dem sie hier vernahmen,
-die Erscheinung verzweifelten Freiheitsmutes und unbeugsamen
-Tyrannenhasses theoretisch vertraut, obwohl sie nie
-gedacht hatten, so menschlich unmittelbar mit ihm in Berührung
-zu kommen. Auch hatte sich mit dem Aufrührer- und
-Konspirantentum dieses Großvaters, wie sie hörten, eine große
-Liebe zu seinem Vaterlande verbunden, das er einig und frei
-wissen wollte, – ja, sein umstürzlerisches Betreiben war Frucht
-und Ausfluß dieser achtbaren Verbundenheit gewesen, und wie
-sonderbar die Mischung von Aufrührerei und Patriotismus
-die Vettern, einen wie den andern, auch anmutete – denn
-sie waren gewohnt, vaterländische Gesinnung mit einem erhaltenden
-Ordnungssinn gleichzusetzen –, so mußten sie bei
-sich selber doch zugeben, daß, wie dort und damals alles sich
-verhalten hatte, Rebellion mit Bürgertugend und loyale Gesetztheit
-mit träger Gleichgültigkeit gegen das öffentliche Wesen
-mochte gleichbedeutend gewesen sein.
-</p>
-
-<p>
-Aber nicht nur ein italienischer Patriot war Großvater
-Settembrini gewesen, sondern Mitbürger und Mitstreiter
-aller nach Freiheit dürstenden Völker. Denn nach dem Scheitern
-eines gewissen Hand- und Staatsstreichversuches, den
-man in Turin unternommen, und an dem er mit Wort und
-Tat beteiligt gewesen, nur mit genauer Not den Häschern des
-Fürsten Metternich entkommen, hatte er die Zeit seiner Verbannung
-dazu benutzt, in Spanien für die Konstitution und
-<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a>
-in Griechenland für die Unabhängigkeit des hellenischen Volkes
-zu kämpfen und zu bluten. Hier war Settembrinis Vater zur
-Welt gekommen, – weshalb er denn wohl auch ein so großer
-Humanist und Liebhaber des klassischen Altertums geworden
-war, – geboren übrigens von einer Mutter deutschen Blutes,
-denn Giuseppe hatte das Mädchen in der Schweiz geheiratet
-und bei seinen weiteren Abenteuern mit sich geführt. Später,
-nach zehnjähriger Landflüchtigkeit, hatte er in die Heimat
-zurückkehren können und zu Mailand als Advokat gewirkt,
-keineswegs aber darauf verzichtet, die Nation durch das gesprochene
-und geschriebene Wort, in Vers und Prosa zur
-Freiheit und zur Herstellung der einheitlichen Republik aufzurufen,
-staatsumwälzende Programme mit leidenschaftlich
-diktatorischem Schwung zu entwerfen und klaren Stiles die
-Vereinigung der befreiten Völker zur Errichtung des allgemeinen
-Glückes zu verkünden. Eine Einzelheit, deren Settembrini,
-der Enkel, erwähnte, machte besonderen Eindruck auf
-den jungen Hans Castorp: daß nämlich Großvater Giuseppe
-sich zeit seines Lebens ausschließlich in schwarzer Trauerkleidung
-unter seinen Mitbürgern gezeigt habe, denn er sei ein
-Leidtragender, habe er gesagt, um Italien, sein Vaterland,
-das in Elend und Knechtschaft dahinschmachte. Bei dieser
-Nachricht mußte Hans Castorp, wie er es übrigens schon vorher
-ein paarmal vergleichend getan hatte, an seinen eigenen
-Großvater denken, der ebenfalls, solange der Enkel ihn kannte,
-sich allezeit schwarz getragen hatte, aber in gründlich anderem
-Sinne, als dieser Großvater hier: an die altmodische Tracht
-dachte er, mit der Hans Lorenz Castorps eigentliches, einer
-vergangenen Zeit angehöriges Wesen sich behelfsweise und
-unter Andeutung seiner Unzugehörigkeit der Gegenwart
-<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a>
-angepaßt hatte, bis es im Tode zu seiner wahren und angemessenen
-Gestalt (mit der Tellerkrause) feierlich eingegangen war.
-Zwei auffallend verschiedenartige Großväter waren das wahrhaftig
-gewesen! Hans Castorp dachte darüber nach, indes
-seine Augen sich festsahen und er vorsichtig den Kopf schüttelte,
-so, daß es ebensogut als ein Zeichen der Bewunderung für
-Giuseppe Settembrini, wie auch als Befremdung und Verneinung
-gedeutet werden konnte. Auch hütete er sich redlich,
-das Fremdartige zu verurteilen, sondern hielt sich an, es bei
-Vergleich und Feststellung bewenden zu lassen. Er sah den
-schmalen Kopf des alten Hans Lorenz im Saale sich sinnend
-über das schwachgoldene Rund der Taufschale, des stehend-wandernden
-Erbstückes neigen, – gerundeten Mundes, denn
-seine Lippen bildeten die Vorsilbe „Ur“, diesen dumpfen und
-frommen Laut, der an Orte erinnerte, an denen man in eine
-ehrerbietig vorwärts wiegende Gangart verfiel. Und er sah
-Giuseppe Settembrini, die Trikolore im Arm, mit geschwungenem
-Säbel und den schwarzen Blick gelobend gen Himmel
-gewandt, einer Schar von Freiheitskämpfern voran gegen die
-Phalanx des Despotismus stürmen. Beides hatte wohl seine
-Schönheit und Ehre, dachte er, um Billigkeit desto mehr bemüht,
-als er sich persönlich oder halb persönlich ein wenig
-Partei fühlte. Denn Großvater Settembrini hatte ja um
-politische Rechte gestritten, seinem eigenen Großvater aber
-oder doch dessen Vorvätern hatten ursprünglich alle Rechte
-gehört, und die Krapüle hatte sie ihnen im Laufe von vier
-Jahrhunderten mit Gewalt und Redensarten entrissen ...
-Da waren sie nun beide immer in Schwarz gegangen, der
-Großvater im Norden und der im Süden, und beide zu dem
-Zweck, einen strengen Abstand zwischen sich und die schlechte
-<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a>
-Gegenwart zu legen. Aber der eine hatte es aus Frömmigkeit
-getan, der Vergangenheit und dem Tode zu Ehren, denen sein
-Wesen angehörte; der andere dagegen aus Rebellion und zu
-Ehren eines frömmigkeitsfeindlichen Fortschritts. Ja, das
-waren zwei Welten oder Himmelsgegenden, dachte Hans
-Castorp, und wie er gleichsam zwischen ihnen stand, während
-Herr Settembrini erzählte, und prüfend bald in die eine, bald
-in die andere blickte, so, meinte er, habe er es schon einmal
-erfahren. Er erinnerte sich einer einsamen Kahnfahrt im
-Abendzwielicht auf einem holsteinischen See, im Spätsommer,
-vor einigen Jahren. Um sieben Uhr war es gewesen, die
-Sonne war schon hinab, der annähernd volle Mond im Osten
-über den buschigen Ufern schon aufgegangen. Da hatte zehn
-Minuten lang, während Hans Castorp sich über die stillen
-Wasser dahinruderte, eine verwirrende und träumerische Konstellation
-geherrscht. Im Westen war heller Tag gewesen,
-ein glasig nüchternes, entschiedenes Tageslicht; aber wandte
-er den Kopf, so hatte er in eine ebenso ausgemachte, höchst
-zauberhafte, von feuchten Nebeln durchsponnene Mondnacht
-geblickt. Das sonderbare Verhältnis hatte wohl eine knappe
-Viertelstunde bestanden, bevor es sich zugunsten der Nacht
-und des Mondes ausgeglichen, und mit heiterem Staunen
-waren Hans Castorps geblendete und vexierte Augen von einer
-Beleuchtung und Landschaft zur anderen, vom Tage in die
-Nacht und aus der Nacht wieder in den Tag gegangen.
-Daran also mußte er denken.
-</p>
-
-<p>
-Ein großer Rechtsgelehrter, dachte er ferner, konnte Advokat
-Settembrini bei seiner Lebensführung und seinem ausgedehnten
-Betreiben nicht gut geworden sein. Aber der allgemeine Grundsatz
-des Rechtes hatte ihn, wie der Enkel glaubhaft machte,
-<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a>
-von Kindesbeinen bis an sein Lebensende beseelt, und Hans
-Castorp, obgleich zur Zeit nicht eben scharf im Kopfe und von
-einer sechsgängigen Berghof-Mahlzeit organisch stark in Anspruch
-genommen, bemühte sich, zu verstehen, wie Settembrini
-es meinte, wenn er diesen Grundsatz „die Quelle der Freiheit
-und des Fortschritts“ nannte. Unter dem letzteren hatte Hans
-Castorp bisher so etwas verstanden, wie die Entwicklung des
-Hebezeug-Wesens im neunzehnten Jahrhundert; und er fand
-denn auch, daß Herr Settembrini solche Dinge nicht niedrig
-einschätzte, was offenbar auch sein Großvater nicht getan. Der
-Italiener erzeigte dem Vaterlande seiner beiden Zuhörer hohe
-Ehre in Hinsicht darauf, daß dort das Schießpulver erfunden
-worden sei, welches den Harnisch des Feudalismus zum Gerümpel
-gemacht habe, sowie die Druckerpresse: denn diese habe
-die demokratische Verbreitung der Ideen – das heiße: die Verbreitung
-der demokratischen Ideen ermöglicht. Er lobte also
-Deutschland in diesem Betracht und, soweit die Vergangenheit
-in Frage kam, wenn er auch seinem eigenen Lande billig die
-Palme glaubte reichen zu sollen, da es, während die anderen
-Völker noch in Aberglauben und Knechtschaft dämmerten, als
-erstes die Fahne der Aufklärung, Bildung und Freiheit entrollt
-habe. Wenn er aber der Technik und dem Verkehr, Hans
-Castorps persönlichem Arbeitsgebiet, viel Reverenz erwies, wie
-er es schon bei seiner ersten Begegnung mit den Vettern bei
-der Bank am Abhange getan, so schien es doch nicht um dieser
-Mächte selbst willen zu geschehen, sondern in Anbetracht
-ihrer Bedeutung für die moralische Vervollkommnung der
-Menschen, – denn eine solche Bedeutung erklärte er freudig
-ihnen beizumessen. Indem die Technik, sagte er, mehr und
-mehr die Natur sich unterwerfe, durch die Verbindungen,
-<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a>
-welche sie schaffe, den Ausbau der Straßennetze und Telegraphen,
-die klimatischen Unterschiede besiege, erweise sie sich
-als das verlässigste Mittel, die Völker einander nahe zu bringen,
-ihre gegenseitige Bekanntschaft zu fördern, menschlichen Ausgleich
-zwischen ihnen anzubahnen, ihre Vorurteile zu zerstören
-und endlich ihre allgemeine Vereinigung herbeizuführen.
-Das Menschengeschlecht komme aus Dunkel, Furcht und Haß,
-jedoch auf glänzendem Wege bewege es sich vorwärts und aufwärts
-einem Endzustande der Sympathie, der inneren Helligkeit,
-der Güte und des Glückes entgegen, und auf diesem Wege
-sei die Technik das förderlichste Vehikel, sagte er. Aber indem
-er so sprach, faßte er in <em>einer</em> Auslassung des Atems Kategorien
-zusammen, die Hans Castorp bisher nur weit voneinander
-getrennt zu denken gewohnt gewesen war. Technik
-und Sittlichkeit! sagte er. Und dann sprach er wahrhaftig vom
-Heilande des Christentums, der das Prinzip der Gleichheit und
-der Vereinigung zuerst offenbart, worauf die Druckerpresse
-die Verbreitung dieses Prinzipes mächtig gefördert und endlich
-die große französische Staatsumwälzung es zum Gesetz
-erhoben habe. Das mutete den jungen Hans Castorp, wenn
-auch aus unbestimmten Gründen, so doch in der Tat auf das
-allerbestimmteste konfus an, obwohl Herr Settembrini es in
-so klare und pralle Worte faßte. Einmal, erzählte dieser, einmal
-in seinem Leben, und zwar zu Beginn seines besten Mannesalters,
-habe sein Großvater sich recht von Herzen glücklich
-gefühlt, und das sei zur Zeit der Pariser Juli-Revolution gewesen.
-Laut und öffentlich habe er damals das Wort gesprochen,
-daß alle Menschen dereinst jene drei Tage von Paris neben
-die sechs Tage der Weltschöpfung stellen würden. Hier konnte
-Hans Castorp nicht umhin, mit der Hand auf den Tisch zu
-<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a>
-schlagen und sich bis in den Grund seiner Seele zu wundern.
-Daß man drei Sommertage des Jahres 1830, an welchen die
-Pariser sich eine neue Verfassung gegeben, neben die sechs
-stellen solle, in denen Gott der Herr die Feste von den Wassern
-geschieden und die ewigen Himmelslichter sowie Blumen,
-Bäume, Vögel, Fische und alles Leben geschaffen hatte, schien
-ihm stark, und noch nachher, allein mit seinem Vetter Joachim,
-ausdrücklich und gesprächsweise, fand er es überaus stark, ja
-geradezu anstößig.
-</p>
-
-<p>
-Aber er war guten Willens, sich beeinflussen zu lassen, im
-Sinne des Wortes, daß es angenehm sei, Versuche anzustellen,
-und so legte er dem Proteste, den seine Pietät und sein Geschmack
-gegen die Settembrinische Anordnung der Dinge erhoben,
-Zügel an, in der Erwägung, daß, was ihm lästerlich
-vorkam, Kühnheit genannt werden könne und, was ihn abgeschmackt
-anmutete, Hochherzigkeit und edelmütiger Überschwang
-wenigstens dort und damals gewesen sein mochte:
-so zum Beispiel, wenn Großvater Settembrini die Barrikaden
-den „Volksthron“ genannt und erklärt hatte, es gelte, „die
-Pike des Bürgers am Altar der Menschheit zu weihen“.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp wußte, warum er Herrn Settembrini zuhörte,
-nicht ausdrücklich, aber er wußte es. Etwas wie Pflichtgefühl
-war dabei, außer jener Ferien-Verantwortungslosigkeit des
-Reisenden und Hospitanten, der sich gegen keinen Eindruck
-verhärtet und die Dinge an sich herankommen läßt, in dem
-Bewußtsein, daß er morgen oder übermorgen wieder die Flügel
-lüften und in die gewohnte Ordnung zurückkehren wird: –
-etwas wie eine Gewissensvorschrift also, und zwar, um genau
-zu sein, die Vorschrift und Mahnung eines irgendwie schlechten
-Gewissens, bestimmte ihn, dem Italiener zuzuhören, ein Bein
-<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a>
-über das andere geschlagen und an seiner Maria Mancini
-ziehend, oder wenn sie zu dritt vom Englischen Viertel gegen
-den Berghof emporstiegen.
-</p>
-
-<p>
-Nach Settembrinis Anordnung und Darstellung lagen zwei
-Prinzipien im Kampf um die Welt: die Macht und das Recht,
-die Tyrannei und die Freiheit, der Aberglaube und das Wissen,
-das Prinzip des Beharrens und dasjenige der gärenden Bewegung,
-des Fortschritts. Man konnte das eine das asiatische
-Prinzip, das andere aber das europäische nennen, denn Europa
-war das Land der Rebellion, der Kritik und der umgestaltenden
-Tätigkeit, während der östliche Erdteil die Unbeweglichkeit,
-die untätige Ruhe verkörperte. Gar kein Zweifel,
-welcher der beiden Mächte endlich der Sieg zufallen würde, –
-es war die der Aufklärung, der vernunftgemäßen Vervollkommnung.
-Denn immer neue Völker raffte die Menschlichkeit
-auf ihrem glänzenden Wege mit fort, immer mehr Erde
-eroberte sie in Europa selbst und begann, nach Asien vorzudringen.
-Doch fehlte noch viel an ihrem vollen Siege, und
-noch große und edelmütige Anstrengungen waren von den
-Wohlgesinnten, von denen, welche das Licht erhalten hatten,
-zu machen, bis nur erst der Tag kam, wo auch in den Ländern
-unseres Erdteils, die in Wahrheit weder ein achtzehntes Jahrhundert
-noch ein 1789 erlebt hatten, die Monarchien und
-Religionen zusammenstürzen würden. Aber dieser Tag werde
-kommen, sagte Settembrini und lächelte fein unter seinem
-Schnurrbart, – er werde, wenn nicht auf Taubenfüßen, so
-auf Adlersschwingen kommen und anbrechen als die Morgenröte
-der allgemeinen Völkerverbrüderung im Zeichen der Vernunft,
-der Wissenschaft und des Rechtes; die heilige Allianz
-der bürgerlichen Demokratie werde er bringen, das leuchtende
-<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a>
-Gegenstück zu jener dreimal infamen Allianz der Fürsten und
-Kabinette, deren persönlicher Todfeind Großvater Giuseppe
-gewesen, – mit einem Worte die Weltrepublik. Zu diesem
-Endziele aber war vor allem erforderlich, das asiatische, das
-knechtische Prinzip der Beharrung im Mittelpunkte und Lebensnerv
-seines Widerstandes zu treffen, nämlich in Wien. Österreich
-gelte es aufs Haupt zu schlagen und zu zerstören, einmal
-um Rache zu nehmen für Vergangenes und dann, um die
-Herrschaft des Rechtes und Glückes auf Erden in die Wege
-zu leiten.
-</p>
-
-<p>
-Diese letzte Wendung und Schlußfolgerung von Settembrinis
-wohllautenden Ergießungen interessierte Hans Castorp
-nun gar nicht mehr, sie mißfiel ihm, ja berührte ihn peinlich
-wie eine persönliche oder nationale Verbissenheit, sooft sie
-wiederkehrte, – von Joachim Ziemßen zu schweigen, der, wenn
-der Italiener in dieses Fahrwasser geriet, mit verfinsterten
-Brauen den Kopf abwandte und nicht mehr zuhörte, auch
-wohl zum Kurdienste mahnte oder das Gespräch abzulenken
-suchte. Auch Hans Castorp fühlte sich nicht gehalten, solchen
-Abwegigkeiten Aufmerksamkeit zu schenken, – offenbar lagen
-sie außer der Grenze dessen, wovon versuchsweise sich beeinflussen
-zu lassen eine Gewissensvorschrift ihn mahnte, und
-zwar so vernehmbar mahnte, daß er selbst, wenn Herr Settembrini
-sich zu ihnen setzte oder im Freien sich ihnen anschloß, ihn
-aufforderte, sich über seine Ideen zu äußern.
-</p>
-
-<p>
-Diese Ideen, Ideale und Willensstrebungen, bemerkte Settembrini,
-seien Familienüberlieferung in seinem Hause. Denn
-alle drei hätten sie ihnen ihr Leben und ihre Geisteskräfte gewidmet,
-der Großvater, Vater und Enkel, ein jeder nach seiner
-Art: der Vater nicht weniger als der Großvater Giuseppe,
-<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a>
-obgleich er nicht, wie dieser, ein politischer Agitator und Freiheitskämpfer,
-sondern ein stiller und zarter Gelehrter, ein Humanist
-an seinem Pulte gewesen sei. Was aber sei denn der
-Humanismus? Liebe zum Menschen sei er, nichts weiter, und
-damit sei er auch Politik, sei er auch Rebellion gegen alles,
-was die Idee des Menschen besudele und entwürdige. Man
-habe ihm eine übertriebene Schätzung der Form zum Vorwurf
-gemacht; aber auch die schöne Form pflege er lediglich um der
-Würde des Menschen willen, im glänzenden Gegensatze zum
-Mittelalter, das nicht allein in Menschenfeindschaft und Aberglauben,
-sondern auch in schimpfliche Formlosigkeit versunken
-gewesen sei, und von allem Anbeginn habe er die Sache des
-Menschen, die irdischen Interessen, habe er Gedankenfreiheit
-und Lebensfreude verfochten und dafür gehalten, daß
-der Himmel billig den Spatzen zu überlassen sei. Prometheus!
-Er sei der erste Humanist gewesen, und er sei identisch mit
-jenem Satanas, auf den Carducci seine Hymne gedichtet ...
-Ach, mein Gott, die Vettern hätten den alten Kirchenfeind zu
-Bologna gegen die christliche Empfindsamkeit der Romantiker
-sollen sticheln und wettern hören! Gegen Manzonis heilige
-Gesänge! Gegen die Schatten- und Mondscheinpoesie des
-Romanticismo, den er der „bleichen Himmelsnonne Luna“
-verglichen habe! <span class="antiqua" lang="it">Per Bacco</span>, es sei ein Hochgenuß gewesen!
-Und hören sollen hätten sie auch, wie er, Carducci, Dante
-ausgelegt habe, – als Bürger einer Großstadt habe er ihn
-gefeiert, der gegen Askese und Weltverneinung die Tatkraft,
-die umwälzende und weltverbessernde, verteidigt habe. Denn
-nicht den kränklichen und mystagogischen Schatten der Beatrice
-habe der Dichter mit dem Namen der „<span class="antiqua" lang="it">Donna gentile
-e pietosa</span>“ geehrt; so heiße vielmehr seine Gattin, die im
-<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a>
-Gedicht das Prinzip der diesseitigen Erkenntnis, der praktischen
-Lebensarbeit verkörpere ...
-</p>
-
-<p>
-Da hatte Hans Castorp nun auch dies und das über Dante
-gehört, und zwar aus bester Quelle. Ganz fest verließ er sich
-nicht darauf, in Anbetracht der Windbeutelei des Vermittlers;
-aber hörenswert war es immerhin, daß Dante ein geweckter
-Großstädter gewesen sei. Und dann hörte er weiter zu, wie
-Settembrini von sich selber sprach und erklärte, in seiner, des
-Enkels Lodovico, Person nun aber hätten die Tendenzen seiner
-unmittelbaren Vorfahren, die staatsbürgerliche des Großvaters
-und die humanistische des Vaters, sich vereinigt, indem
-er nämlich ein Literat, ein freier Schriftsteller geworden sei.
-Denn die Literatur sei nichts anderes als eben dies: sie sei die
-Vereinigung von Humanismus und Politik, welche sich um so
-zwangloser vollziehe, als ja Humanismus selber schon Politik
-und Politik Humanismus sei ... Hier horchte Hans Castorp
-auf und gab sich Mühe, es recht zu verstehen; denn er durfte
-nun hoffen, Bierbrauer Magnussens ganze Unbelehrtheit einzusehen
-und zu erfahren, inwiefern die Literatur denn doch
-noch etwas anderes sei als „schöne Charaktere“. Ob, fragte
-Settembrini, seine Zuhörer je von Herrn Brunetto gehört
-hätten, Brunetto Latini, Stadtschreiber von Florenz um 1250,
-der ein Buch über die Tugenden und die Laster geschrieben?
-Dieser Meister zuerst habe den Florentinern Schliff gegeben
-und sie das Sprechen gelehrt sowie die Kunst, ihre Republik
-nach den Regeln der Politik zu lenken. „Da haben Sie es,
-meine Herren!“ rief Settembrini. „Da haben Sie es!“ Und
-er sprach vom „Worte“, vom Kultus des Wortes, der Eloquenz,
-die er den Triumph der Menschlichkeit nannte. Denn
-das Wort sei die Ehre des Menschen, und nur dieses mache
-<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a>
-das Leben menschenwürdig. Nicht nur der Humanismus, –
-Humanität überhaupt, <a id="corr-41"></a>alle Menschenwürde, Menschenachtung
-und menschliche Selbstachtung sei untrennbar mit dem
-Worte, mit Literatur verbunden – („Siehst du wohl,“ sagte
-Hans Castorp später zu seinem Vetter, „siehst du wohl, daß
-es in der Literatur auf die schönen Worte ankommt? Ich
-habe es gleich gemerkt.“), – und so sei auch die Politik mit
-ihr verbunden, oder vielmehr: sie gehe hervor aus dem Bündnis,
-der Einheit von Humanität und Literatur, denn das schöne
-Wort erzeuge die schöne Tat. „Sie hatten in Ihrem Lande,“
-sagte Settembrini, „vor zweihundert Jahren einen Dichter,
-einen prächtigen alten Plauderer, der großes Gewicht auf eine
-schöne Handschrift legte, weil er meinte, daß eine solche zum
-schönen Stile führe. Er hätte ein wenig weiter gehen sollen
-und sagen, daß ein schöner Stil zu schönen Handlungen führe.“
-Schön schreiben, das heiße beinahe auch schon schön denken,
-und von da sei nicht weit mehr zum schönen Handeln. Alle
-Sittigung und sittliche Vervollkommnung entstamme dem
-Geiste der Literatur, diesem Geiste der Menschenehre, welcher
-zugleich auch der Geist der Humanität und der Politik sei.
-Ja, dies alles sei eins, sei ein und dieselbe Macht und Idee,
-und in <em>einen</em> Namen könne man es zusammenfassen. Wie
-dieser Name laute? Nun, dieser Name setze sich aus vertrauten
-Silben zusammen, deren Sinn und Majestät die Vettern
-aber gewiß so recht noch niemals begriffen hätten, – er
-laute: Zivilisation! Und indem Settembrini dies Wort von
-den Lippen ließ, warf er seine kleine, gelbe Rechte empor, wie
-jemand, der einen Toast ausbringt.
-</p>
-
-<p>
-Dies alles fand der junge Hans Castorp hörenswert, zwar
-unverbindlicherweise und mehr zum Versuch, doch hörenswert
-<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a>
-auf alle Fälle fand er, daß es sei, und sprach sich in diesem
-Sinne auch gegen Joachim Ziemßen darüber aus, der
-aber gerade das Thermometer im Munde hatte und also nur
-undeutlich antworten konnte, danach auch allzu beschäftigt
-war, die Ziffer abzulesen und in die Tabelle einzutragen, um
-sich zu Settembrinis Aspekten äußern zu können. Hans Castorp,
-wie wir sagten, nahm gutwillig Kenntnis davon und
-öffnete ihnen zur Prüfung sein Inneres: woraus vor allem
-erhellt, wie vorteilhaft der wachende Mensch sich von dem
-blöde träumenden unterscheidet, – als welcher Hans Castorp
-Herrn Settembrini schon mehrmals ins Gesicht hinein einen
-Drehorgelmann geschimpft und ihn aus allen Kräften von
-der Stelle zu drängen versucht hatte, weil er „hier störe“; als
-Wachender aber hörte er ihm höflich und aufmerksam zu und
-suchte rechtlich gesinnt die Widerstände auszugleichen und
-niederzuhalten, die sich gegen des Mentors Anordnungen und
-Darstellungen in ihm erheben wollten. Denn daß gewisse
-Widerstände in seiner Seele sich regten, soll nicht geleugnet
-werden: es waren solche, die von früher her, ursprünglich und
-immer schon darin vorhanden gewesen, wie auch solche, die
-sich aus der gegenwärtigen Sachlage besonders ergaben, aus
-seinen teils mittelbaren, teils verschwiegenen Erlebnissen bei
-Denen hier oben.
-</p>
-
-<p>
-Was ist der Mensch, wie leicht betrügt sich doch sein Gewissen!
-Wie versteht er es, noch aus der Stimme der Pflicht
-die Erlaubnis zur Leidenschaft herauszuhören! Aus Pflichtgefühl,
-um der Billigkeit, des Gleichgewichts willen hörte
-Hans Castorp Herrn Settembrini zu und prüfte wohlmeinend
-seine Aspekten über die Vernunft, die Republik und den schönen
-Stil, bereit, sich davon beeinflussen zu lassen. Desto statthafter
-<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a>
-aber fand er es hinterdrein, seinen Gedanken und Träumen
-wieder in anderer, in <em>entgegengesetzter</em> Richtung freien
-Lauf zu lassen, – ja, um unseren ganzen Verdacht oder unsere
-ganze Einsicht auszusprechen, so hatte er wohl gar Herrn Settembrini
-nur zu dem <em>Zwecke</em> gelauscht, von seinem Gewissen
-einen Freibrief zu erlangen, den es ihm ursprünglich nicht
-hatte ausfertigen wollen. Was oder wer aber befand sich auf
-dieser anderen, dem Patriotismus, der Menschenwürde und
-der schönen Literatur entgegengesetzten Seite, wohin Hans
-Castorp sein Sinnen und Betreiben nun wieder lenken zu dürfen
-glaubte? Dort befand sich ... Clawdia Chauchat, –
-schlaff, wurmstichig und kirgisenäugig; und indem Hans Castorp
-ihrer gedachte (übrigens ist „gedenken“ ein allzu gezügelter
-Ausdruck für seine Art, sich ihr innerlich zuzuwenden),
-war es ihm wieder, als säße er im Kahn auf jenem holsteinischen
-See und blicke aus der glasigen Tageshelle des westlichen
-Ufers vexierten und geblendeten Auges hinüber in die
-nebeldurchsponnene Mondnacht der östlichen Himmel.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-5-10">
-Das Thermometer
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Hans Castorps Woche lief hier von Dienstag bis Dienstag,
-denn an einem Dienstag war er ja angekommen. Daß er im
-Bureau seine zweite Wochenrechnung beglichen hatte, lag schon
-ein paar Tage zurück, – die bescheidene Wochenrechnung
-von rund 160 Franken, bescheiden und billig nach seinem Urteil,
-selbst wenn man die Unbezahlbarkeiten des hiesigen Aufenthalts,
-eben ihrer Unbezahlbarkeit wegen, überhaupt nicht
-in Anschlag brachte, auch nicht gewisse Darbietungen, die wohl
-berechenbar gewesen wären, wenn man gewollt hätte, wie
-<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a>
-zum Exempel die vierzehntägige Kurmusik und die Vorträge
-Dr. Krokowskis, sondern allein und ausschließlich die eigentliche
-Bewirtung und gasthausmäßige Leistung, das bequeme
-Logis, die fünf übergewaltigen Mahlzeiten.
-</p>
-
-<p>
-„Es ist nicht viel, es ist eher billig, du kannst nicht klagen,
-daß man dich überfordert hier oben“, sagte der Hospitant zu
-dem Eingesessenen. „Du brauchst also rund 650 Franken den
-Monat für Wohnung und Essen, und dabei ist ja die ärztliche
-Behandlung schon einbegriffen. Gut. Nimm an, du wirfst
-im Monat noch dreißig Franken für Trinkgelder aus, wenn
-du anständig bist und Wert legst auf freundliche Gesichter.
-Das sind 680 Franken. Gut. Du wirst mir sagen, daß es
-noch Spesen und Sporteln gibt. Man hat Auslagen für Getränke,
-für Kosmetik, für Zigarren, man macht mal einen
-Ausflug, eine Wagenfahrt, wenn du willst, und dann und
-wann gibt es eine Schuster- oder Schneiderrechnung. Gut,
-aber bei alldem bringst du mit dem besten Willen noch keine
-tausend Franken im Monat unter! Noch keine achthundert
-Mark! Das sind noch keine 10000 Mark im Jahr. Mehr
-ist es auf keinen Fall. Davon lebst du.“
-</p>
-
-<p>
-„Kopfrechnen lobenswert“, sagte Joachim. „Ich wußte
-gar nicht, daß du so gewandt darin bist. Und daß du gleich
-die Jahreskalkulation aufstellst, das finde ich großzügig von
-dir, entschieden hast du schon etwas gelernt hier oben. Übrigens
-rechnest du zu hoch. Ich rauche ja keine Zigarren, und
-Anzüge hoffe ich mir hier auch nicht machen lassen zu müssen,
-ich danke!“
-</p>
-
-<p>
-„Also sogar noch zu hoch“, sagte Hans Castorp etwas verwirrt.
-Aber wie es nun gekommen sein mochte, daß er seinem
-Vetter Zigarren und neue Anzüge in Rechnung gestellt hatte,
-<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a>
-– was sein behendes Kopfrechnen betraf, so war das nichts
-weiter als Blendwerk und Irreführung über seine natürlichen
-Gaben. Denn wie in allen Stücken, war er auch hierin eher
-langsam und bar des Feuers, und seine rasche Übersicht in
-diesem Falle war keine Stegreifleistung, sondern beruhte auf
-Vorbereitung, und zwar auf <em>schriftlicher</em> Vorbereitung, indem
-nämlich Hans Castorp eines Abends während der Liegekur
-(denn er legte sich abends nun doch hinaus, da alle es
-taten) eigens von seinem vorzüglichen Liegestuhl aufgestanden
-war, um sich, einem plötzlichen Einfall folgend, aus dem Zimmer
-Papier und Bleistift zum Rechnen zu holen. Damit hatte
-er denn festgestellt, daß sein Vetter, oder vielmehr, daß man
-überhaupt hier alles in allem 12000 Franken pro Jahr benötige
-und sich zum Spaße innerlich klargemacht, daß er für
-seine Person dem Leben hier oben wirtschaftlich mehr als gewachsen
-sei, da er sich als einen Mann von 18-19000 Franken
-jährlich betrachten durfte.
-</p>
-
-<p>
-Seine zweite Wochenrechnung also war vor drei Tagen
-gegen Dank und Quittung geregelt worden, was so viel heißen
-will, wie daß er sich mitten in der dritten und plangemäß
-letzten Woche seines Aufenthaltes hier oben befand. Am
-kommenden Sonntag würde er noch eines der vierzehntägig
-wiederkehrenden Kurkonzerte hier miterleben und am Montag
-noch einem der ebenfalls vierzehntägig sich wiederholenden
-Vorträge Dr. Krokowskis beiwohnen, – sagte er zu
-sich selbst und zu seinem Vetter; am Dienstag oder Mittwoch
-aber würde er reisen und Joachim wieder allein hier
-zurücklassen, den armen Joachim, dem Radamanth noch wer
-weiß wie viele Monate zudiktiert hatte, und dessen sanfte,
-schwarze Augen sich jedesmal wehmütig verschleierten, wenn
-<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a>
-von Hans Castorps rapid heranrückender Abreise die Rede
-war. Ja, großer Gott, wo war diese Ferienzeit geblieben!
-Verronnen, verflogen, enteilt, – man wußte wahrhaftig nicht
-recht zu sagen, wie. Es waren doch schließlich einundzwanzig
-Tage gewesen, die sie hatten miteinander verleben sollen, eine
-lange Reihe, nicht leicht zu übersehen am Anfang. Und nun
-waren auf einmal nur noch drei, vier geringfügige Tage davon
-übrig, ein wenig beträchtlicher Restbestand, etwas beschwert
-allerdings durch die beiden periodischen Abwandlungen
-des Normaltages, aber schon erfüllt von Pack- und Abschiedsgedanken.
-Drei Wochen waren eben so gut wie nichts
-hier oben, – sie hatten es ihm ja alle gleich gesagt. Die kleinste
-Zeiteinheit war hier der Monat, hatte Settembrini gesagt,
-und da Hans Castorps Aufenthalt sich unter dieser Größe
-hielt, so war er eben ein Nichts von einem Aufenthalt und
-eine Stippvisite, wie Hofrat Behrens sich ausgedrückt hatte.
-Ob es vielleicht an der erhöhten Allgemeinverbrennung lag,
-daß die Zeit hier so im Handumdrehen verging? Solche
-Raschlebigkeit war ja ein Trost für Joachim in Hinsicht auf
-die fünf Monate, die ihm noch bevorstanden, falls es bei
-fünfen sein Bewenden haben würde. Aber während dieser
-drei Wochen hätten sie der Zeit etwas besser aufpassen sollen,
-so, wie es während des Messens geschah, wo dann die vorgeschriebenen
-sieben Minuten zu einer so bedeutenden Zeitspanne
-wurden ... Hans Castorp fühlte herzliches Mitleid
-mit seinem Vetter, dem die Trauer über den nahe bevorstehenden
-Verlust des menschlichen Gesellschafters in den Augen zu
-lesen war, – fühlte in der Tat das stärkste Mitleid mit ihm,
-wenn er bedachte, daß der Arme nun immerfort ohne ihn hierbleiben
-sollte, während er selbst wieder im Flachland lebte
-<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a>
-und im Dienste der völkerverbindenden Verkehrstechnik tätig
-war: ein geradezu brennendes Mitleid, schmerzhaft für die
-Brust in gewissen Augenblicken und, kurz, so lebhaft, daß er
-zuweilen ernstlich daran zweifelte, ob er es über sich gewinnen
-und Joachim allein würde hier oben lassen können. So sehr
-also brannte ihn manchmal das Mitleid, und dies war denn
-auch wohl der Grund, weshalb er selbst, von sich aus, weniger
-und weniger von seiner Abreise sprach: Joachim war
-es, der hin und wieder das Gespräch darauf brachte; Hans
-Castorp, wie wir sagten, schien aus natürlichem Takt und
-Feingefühl bis zum letzten Augenblick nicht daran denken zu
-wollen.
-</p>
-
-<p>
-„Nun wollen wir wenigstens hoffen,“ sagte Joachim, „daß
-du dich erholt hast bei uns und die Erfrischung spürst, wenn
-du hinunterkommst.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, ich werde also allerseits grüßen,“ erwiderte Hans Castorp,
-„und sagen, daß du spätestens in fünf Monaten nachkommst.
-Erholt? Du meinst, ob <em>ich</em> mich erholt habe in diesen
-paar Tagen? Das will ich doch annehmen. Eine gewisse Erholung
-muß selbst in so kurzer Zeit doch am Ende wohl stattgefunden
-haben. Allerdings waren es ja so neuartige Eindrücke
-hier oben, neuartig in jeder Beziehung, sehr anregend,
-aber auch anstrengend für den Geist und den Körper, ich habe
-nicht das Gefühl, mit ihnen schon fertig geworden zu sein und
-mich akklimatisiert zu haben, was doch wohl die Vorbedingung
-aller Erholung wäre. Maria ist gottlob die alte, seit
-einigen Tagen bin ich ihr wieder auf den Geschmack gekommen.
-Aber von Zeit zu Zeit wird immer noch mein Taschentuch
-rot, wenn ich es benutze, und die verdammte Hitze im Gesicht
-mitsamt dem sinnlosen Herzklopfen werde ich auch, wie
-<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a>
-es scheint, bis zum Schluß nicht mehr loswerden. Nein, nein,
-von Akklimatisation kann man bei mir nicht gut reden, wie
-sollte man auch nach so kurzer Zeit. Da brauchte es länger,
-um sich hier zu akklimatisieren und mit den Eindrücken fertig
-zu werden, und dann könnte die Erholung beginnen und das
-Ansetzen von Eiweiß. Schade. Ich sage ‚schade‘, weil es entschieden
-fehlerhaft war, daß ich mir nicht mehr Zeit für diesen
-Aufenthalt vorbehielt, – zur Verfügung wär sie ja schließlich
-gewesen. So ist mir zumute, als ob ich mich zu Hause im
-Flachland vor allem einmal von der Erholung werde erholen
-müssen und drei Wochen schlafen, so abgearbeitet komme ich
-mir manchmal vor. Und nun kommt ja ärgerlicherweise dieser
-Katarrh hinzu ...“
-</p>
-
-<p>
-Es hatte nämlich den Anschein gewonnen, als ob Hans Castorp
-mit einem Schnupfen erster Klasse im Flachlande wieder
-eintreffen sollte. Er hatte sich erkältet, wahrscheinlich in der
-Liegekur, und zwar, um nochmals zu mutmaßen, in der Abendliegekur,
-an der er sich seit etwa einer Woche beteiligte, trotz
-des naßkalten Wetters, das sich vor seiner Abreise nicht mehr
-bessern zu wollen schien. Er hatte aber erfahren, daß es als
-schlecht nicht anerkannt wurde; der Begriff des schlechten Wetters
-bestand überhaupt nicht zu Recht hier oben, man fürchtete
-kein Wetter, man nahm kaum Rücksicht darauf, und
-mit der weichen Gelehrigkeit der Jugend, ihrer ganzen Anpassungswilligkeit
-an die Gedanken und Gebräuche der Umgebung,
-in die sie sich eben versetzt findet, hatte Hans Castorp
-angefangen, sich diese Gleichgültigkeit zu eigen zu machen.
-Wenn es wie aus Kannen goß, so durfte man nicht glauben,
-daß deshalb die Luft weniger trocken sei. Das war sie wohl
-wirklich nicht, denn nach wie vor hatte man einen so heißen
-<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a>
-Kopf davon, wie von der einer überheizten Stube, oder als
-ob man viel Wein getrunken. Was aber die Kälte anging,
-die erheblich war, so hätte es wenig Vernunft gehabt, sich
-vor ihr ins Zimmer zu flüchten; denn da es nicht schneite,
-wurde nicht geheizt, und im Zimmer zu sitzen war keineswegs
-behaglicher, als, im Winterpaletot und nach der Kunst in seine
-zwei guten Kamelhaardecken verpackt, in der Balkonloge zu
-liegen. Im Gegenteile und umgekehrt: dies letztere war das
-ganz unvergleichlich Behaglichere, es war, schlechthin geurteilt,
-die ansprechendste Lebenslage, die Hans Castorp je erprobt
-zu haben sich erinnerte, – ein Urteil, in dem er sich dadurch
-nicht beirren ließ, daß irgendein Schriftsteller und Carbonaro
-sie mit einem boshaften Unter- und Nebensinn die „horizontale“
-Lebenslage nannte. Namentlich am Abend fand er sie
-ansprechend, wenn neben einem auf dem Tischchen das Lämpchen
-glühte und man, warm in den Decken, die wieder schmeckende
-Maria zwischen den Lippen und im Genuß aller schwer
-bestimmbaren Vorzüge des hiesigen Liegestuhltypus, mit freilich
-eisiger Nasenspitze und ein Buch – es war immer noch
-„<span class="antiqua" lang="en">Ocean steamships</span>“ – in den freilich arg verklammten, rot
-angelaufenen Händen, durch die Bogen der Loggia über das
-dunkelnde, mit hier zerstreuten, dort dicht zusammentretenden
-Lichtern geschmückte Tal hinblickte, aus welchem fast jeden
-Abend und wenigstens eine Stunde lang, Musik herauftönte,
-angenehm abgedämpfte, vertraut melodische Klänge: Opernfragmente
-waren es, Stücke aus „Carmen“, aus dem „Troubadour“
-oder dem „Freischütz“, wohlgebaute, zügige Walzer
-sodann, Märsche, bei denen man hochgemut den Kopf hin und
-her wandte, und muntere Mazurken. Mazurka? Marusja
-hieß sie eigentlich, die mit dem kleinen Rubin, und in der Nachbarloge,
-<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a>
-hinter der dicken Milchglaswand, lag Joachim, –
-dann und wann wechselte Hans Castorp ein vorsichtiges Wort
-mit ihm, unter voller Rücksichtnahme auf die anderen Horizontalen.
-Joachim hatte es in seiner Loge ebensogut wie
-Hans Castorp, wenn er auch unmusikalisch war und sich an
-den Abendkonzerten nicht so zu freuen verstand. Schade für
-ihn; er las wohl statt dessen in seiner russischen Grammatik.
-Hans Castorp aber ließ „<span class="antiqua" lang="en">Ocean steamships</span>“ auf der Decke
-liegen und lauschte mit herzlicher Teilnahme auf die Musik,
-blickte wohlgefällig in die durchsichtige Tiefe ihrer Faktur und
-empfand so inniges Vergnügen an einer charakter- und stimmungsvollen
-melodischen Eingebung, daß er sich zwischendurch
-nur mit Feindseligkeit an Settembrinis Äußerungen über die
-Musik erinnerte, Äußerungen, so ärgerlich wie die, daß die
-Musik politisch verdächtig sei, – was in der Tat nicht viel
-besser war, als Großvater Giuseppes Redensart von der Julirevolution
-und den sechs Tagen der Weltschöpfung ...
-</p>
-
-<p>
-Joachim also war des musikalischen Genusses nicht so teilhaftig,
-und auch die würzige Unterhaltung des Rauchens war
-ihm fremd; sonst aber lag er ebenso wohlgeborgen in seiner
-Loge, geborgen und befriedet. Der Tag war zu Ende, für diesmal
-war alles zu Ende, man war sicher, daß heute nichts mehr
-geschehen, keine Erschütterungen sich mehr ereignen, keine Zumutungen
-an die Herzmuskulatur mehr gestellt werden würden.
-Zugleich aber war man sicher, daß <em>morgen</em> dies alles
-mit all der Wahrscheinlichkeit, die sich aus der Enge, Gunst
-und Regelmäßigkeit der Umstände ergab, wieder der Fall sein
-und von vorn beginnen werde; und diese doppelte Sicherheit
-und Geborgenheit war überaus behaglich, sie gestaltete zusammen
-mit der Musik und der wiedergefundenen Würze
-<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a>
-Marias die Abendliegekur für Hans Castorp zu einer wahrhaft
-glücklichen Lebenslage.
-</p>
-
-<p>
-Das alles nun aber hatte also nicht gehindert, daß der Hospitant
-und weiche Neuling sich in der Liegekur (oder wie und
-wo nun immer) tüchtig erkältet hatte. Ein schwerer Schnupfen
-schien im Anzuge, er saß ihm in der Stirnhöhle und drückte,
-das Zäpfchen im Halse war weh und wund, die Luft ging ihm
-nicht wie sonst durch den von der Natur hierzu vorgesehenen
-Kanal, sondern strich kalt, behindert und Hustenkrampf unaufhörlich
-erregend hindurch; seine Stimme hatte über Nacht
-die Klangfarbe eines dumpfen und wie von starken Getränken
-verbrannten Basses angenommen, und seiner Aussage nach
-hatte er in eben dieser Nacht kein Auge zugetan, da eine erstickende
-Trockenheit des Schlundes ihn je und je hatte vom
-Kissen auffahren lassen.
-</p>
-
-<p>
-„Höchst ärgerlich,“ sagte Joachim, „ist das und beinahe peinlich.
-Erkältungen, mußt du wissen, sind hier nicht <span class="antiqua" lang="fr">reçus</span>, man
-leugnet sie, sie kommen offiziell bei der großen Lufttrockenheit
-nicht vor, und als Patient würde man übel anlaufen bei Behrens,
-wenn man sich erkältet melden wollte. Aber bei dir ist
-es ja etwas anderes, du hast am Ende das Recht dazu. Es wäre
-doch gut, wenn wir den Katarrh noch abschneiden könnten,
-im Flachlande kennt man ja Praktiken, hier aber – ich zweifle,
-ob man sich hier genügend dafür interessieren wird. Krank soll
-man hier lieber nicht werden, es kümmert sich niemand darum.
-Das ist eine alte Lehre, du erfährst es nun auch noch zu guter
-Letzt. Als ich ankam, war hier eine Dame, die hielt sich die ganze
-Woche ihr Ohr und jammerte über Schmerzen, und schließlich
-sah Behrens es an. ‚Sie können ganz beruhigt sein,‘ sagt’ er,
-‚tuberkulös ist es nicht.‘ Dabei hatte es sein Bewenden. Ja,
-<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a>
-wir müssen sehn, was sich tun läßt. Ich werde es morgen
-früh dem Bademeister sagen, wenn er zu mir kommt. Das
-ist der Dienstweg, und er wird es schon weitergeben, so daß
-dann doch vielleicht etwas für dich geschieht.“
-</p>
-
-<p>
-So Joachim; und der Dienstweg bewährte sich. Schon als
-Hans Castorp am Freitag von der Morgenmotion in sein
-Zimmer zurückkehrte, klopfte es bei ihm, und es ergab sich für
-ihn die persönliche Bekanntschaft mit dem Fräulein von Mylendonk
-oder der „Frau Oberin“, wie sie genannt wurde, –
-bisher hatte er die offenbar Vielbeschäftigte immer nur von
-weitem erblickt, wie sie, aus einem Krankenzimmer kommend,
-den Korridor überquerte, um in ein gegenüberliegendes einzutreten,
-oder sie flüchtig im Speisesaal auftauchen sehen und
-ihre quäkende Stimme vernommen. Nun also galt ihm selbst
-ihr Besuch; durch seinen Katarrh herbeigezogen, klopfte sie
-knöchern hart und kurz an seine Stubentür und trat ein, fast
-bevor er Herein gesagt, indem sie sich auf der Schwelle noch
-einmal zurückbeugte, um sich der Zimmernummer gewiß zu
-machen.
-</p>
-
-<p>
-„Dreiundvierzig“, quäkte sie ungedämpft. „Es stimmt.
-Menschenskind, <span class="antiqua" lang="fr">on me dit, que vous avez pris froid</span>, <span class="antiqua" lang="en">I hear,
-you have caught a cold</span>, <span class="antiqua">Wy, kaschetsja, prostudilisj</span>, ich
-höre, Sie sind erkältet? Wie soll ich reden mit Ihnen? Deutsch,
-ich sehe schon. Ach, der Besuch vom jungen Ziemßen, ich sehe
-schon. Ich muß in den Operationssaal. Da ist einer, der wird
-chloroformiert und hat Bohnensalat gegessen. Wenn man
-seine Augen nicht überall hat ... Und Sie, Menschenskind,
-wollen sich hier erkältet haben?“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp war verblüfft über diese Redeweise einer altadligen
-Dame. Während sie sprach, ging sie über ihre eigenen
-<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a>
-Worte hinweg, indem sie unruhig, in rollender, schleifenförmiger
-Bewegung den Kopf mit suchend erhobener Nase hin
-und her wandte, wie Raubtiere im Käfig tun, und ihre sommersprossige
-Rechte, leicht geschlossen und den Daumen nach
-oben, vor sich im Handgelenk schlenkerte, als wollte sie sagen:
-„Rasch, rasch, rasch! Hören Sie nicht auf das, was ich sage,
-sondern reden Sie selbst, daß ich fortkomme!“ Sie war eine
-Vierzigerin, kümmerlichen Wuchses, ohne Formen, angetan
-mit einem weißen, gegürteten, klinischen Schürzenkleid, auf
-dessen Brust ein Granatkreuz lag. Unter ihrer Schwesternhaube
-kam spärliches rötliches Haar hervor, ihre wasserblauen,
-entzündeten Augen, an deren einem zum Überfluß ein
-in der Entwicklung sehr weit vorgeschrittenes Gerstenkorn
-saß, waren unsteten Blicks, die Nase aufgeworfen, der Mund
-froschmäßig, außerdem mit schief vorstehender Unterlippe,
-die sie beim Sprechen schaufelnd bewegte. Indessen Hans
-Castorp betrachtete sie mit all der bescheiden duldsamen
-und vertrauensvollen Menschenfreundlichkeit, die ihm angeboren
-war.
-</p>
-
-<p>
-„Was ist denn das für eine Erkältung, he?“ fragte die
-Oberin wieder, indem sie ihre Augen durchdringend zu machen
-suchte, was aber nicht gelang, da sie abschweiften. „Wir lieben
-solche Erkältungen nicht. Sind Sie öfter erkältet? War Ihr
-Vetter nicht auch so oft erkältet? Wie alt sind Sie denn?
-Vierundzwanzig? Das Alter hat’s in sich. Und nun kommen
-Sie hier herauf und sind erkältet? Wir sollten hier nicht von ‚Erkältung‘
-reden, geehrtes Menschenskind, das ist so ein Schnickschnack
-von unten. (Das Wort „Schnickschnack“ nahm sich
-ganz abscheulich und abenteuerlich aus in ihrem Munde, wie
-sie es mit der Unterlippe schaufelnd hervorbrachte.) Sie haben
-<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a>
-den wunderschönsten Katarrh der Luftwege, das gebe ich zu,
-das sieht man Ihnen an den Augen an – (Und wieder machte
-sie den sonderbaren Versuch, ihm durchdringend in die Augen
-zu blicken, ohne daß es ihr recht gelingen wollte.) Aber
-Katarrhe kommen nicht von der Kälte, sondern sie kommen
-von einer Infektion, für die man aufnahmelustig war, und
-es fragt sich nur, ob eine unschuldige Infektion vorliegt oder
-eine weniger unschuldige, alles andere ist Schnickschnack.
-(Schon wieder das schauderhafte „Schnickschnack“!) Ist ja
-möglich, daß Ihre Aufnahmelustigkeit mehr zum Harmlosen
-neigt“, sagte sie und sah ihn an mit ihrem vorgeschrittenen
-Gerstenkorn, er wußte nicht, wie. „Hier haben Sie ein harmloses
-Antiseptikum. Wird Ihnen möglicherweise gut tun.“
-Und sie holte aus der schwarzen Ledertasche, die ihr am Gürtel
-hing, ein Päckchen hervor, das sie auf den Tisch stellte. Es
-war Formamint. „Übrigens sehen Sie angeregt aus; als ob
-Sie Hitze hätten.“ Und sie ließ nicht ab, ihm in das Gesicht
-zu blicken, aber immer mit etwas beiseite gehenden Augen.
-„Haben Sie sich gemessen?“
-</p>
-
-<p>
-Er verneinte.
-</p>
-
-<p>
-„Warum nicht?“ fragte sie und ließ ihre schräg vorgeschobene
-Unterlippe in der Luft stehen ...
-</p>
-
-<p>
-Er verstummte. Der Gute war noch so jung, er hatte sich
-noch das Verstummen des Schuljungen bewahrt, der in der
-Bank steht, nichts weiß und schweigt.
-</p>
-
-<p>
-„Messen Sie sich etwa überhaupt nie?“
-</p>
-
-<p>
-„Doch, Frau Oberin. Wenn ich Fieber habe.“
-</p>
-
-<p>
-„Menschenskind, man mißt sich in erster Linie, um zu sehen,
-<em>ob</em> man Fieber hat. Und jetzt haben Sie Ihrer Meinung
-nach keins?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a>
-„Ich weiß nicht recht, Frau Oberin; ich kann es nicht recht
-unterscheiden. Ein bißchen heiß und frostig bin ich schon seit
-meiner Ankunft hier oben.“
-</p>
-
-<p>
-„Aha. Und wo haben Sie Ihr Thermometer?“
-</p>
-
-<p>
-„Ich habe keins bei mir, Frau Oberin. Wozu, ich bin ja
-nur zu Besuch hier, ich bin gesund.“
-</p>
-
-<p>
-„Schnickschnack! Haben Sie mich gerufen, weil Sie gesund
-sind?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein,“ lachte er höflich, „sondern weil ich mich etwas –“
-</p>
-
-<p>
-„– Erkältet habe. Solche Erkältungen sind uns schon öfter
-vorgekommen. Hier!“ sagte sie und kramte wieder in ihrer
-Tasche, um zwei längliche Lederetuis zum Vorschein zu bringen,
-ein schwarzes und ein rotes, die sie ebenfalls auf den Tisch
-legte. „Dieser hier kostet drei Franken fünfzig und der hier
-fünf Franken. Besser fahren Sie natürlich mit dem zu fünf.
-Das ist etwas fürs Leben, wenn Sie ordentlich damit umgehen.“
-</p>
-
-<p>
-Er nahm lächelnd das rote Etui vom Tisch und öffnete es.
-Schmuck wie ein Geschmeide lag das gläserne Gerät in die
-genau nach seiner Figur ausgesparte Vertiefung der roten
-Samtpolsterung gebettet. Die ganzen Grade waren mit
-roten, die Zehntelgrade mit schwarzen Strichen markiert. Die
-Bezifferung war rot, der untere, verjüngte Teil mit spiegelig
-glänzendem Quecksilber gefüllt. Die Säule stand tief und kühl,
-weit unter dem Normalgrade tierischer Wärme.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp wußte, was er sich und seinem Ansehen schuldig
-war.
-</p>
-
-<p>
-„Ich nehme diesen“, sagte er, ohne dem anderen nur Beachtung
-zu schenken. „Den hier zu fünf. Darf ich Ihnen sofort ...“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a>
-„Abgemacht!“ quäkte die Oberin. „Nur nicht knausern bei
-wichtigen Anschaffungen! Eilt nicht, es kommt auf die Rechnung.
-Geben Sie her, wir wollen ihn erst noch recht klein
-machen, ganz hinunterjagen – so.“ Und sie nahm ihm das
-Thermometer aus der Hand, stieß es wiederholt in die Luft
-und trieb so das Quecksilber noch tiefer, bis unter 35 hinab.
-„Wird schon steigen, wird schon emporwandern, der Merkurius!“
-sagte sie. „Hier haben Sie Ihre Erwerbung! Sie wissen
-doch wohl, wie es gemacht wird bei uns? Unter die werte
-Zunge damit, auf sieben Minuten, viermal am Tag, und gut
-die geschätzten Lippen drum schließen. Adieu, Menschenskind!
-Wünsche gute Ergebnisse!“ Und sie war aus dem Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp, der sich verbeugt hatte, stand am Tische und
-sah auf die Tür, durch die sie verschwunden war, und auf
-das Instrument, das sie zurückgelassen. „Das war nun die
-Oberin von Mylendonk“, dachte er. „Settembrini mag sie
-nicht, und wahr ist es, sie hat ihre Unannehmlichkeiten. Das
-Gerstenkorn ist nicht schön, übrigens hat sie es ja wohl nicht
-immer. Aber warum nennt sie mich immer ‚Menschenskind‘,
-noch dazu mit einem s in der Mitte? Es ist burschikos und
-sonderbar. Und da hat sie mir nun ein Thermometer verkauft,
-sie hat immer ein paar in der Tasche. Es soll ja hier überall
-welche geben, in allen Läden, auch da, wo man es gar nicht
-erwarten sollte, Joachim sagte es. Aber ich habe mich nicht
-zu bemühen brauchen, es ist mir von selbst in den Schoß gefallen.“
-Er nahm das zierliche Gerät aus dem Futteral, betrachtete
-es und ging dann mehrmals in Unruhe damit durch
-das Zimmer. Sein Herz klopfte rasch und stark. Er sah sich
-nach der offenen Balkontür um und machte eine Bewegung
-gegen die Zimmertür, aus dem Antriebe, Joachim aufzusuchen,
-<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a>
-unterließ es aber dann und blieb wieder am Tische stehen, indem
-er sich räusperte, um die Dumpfheit seiner Stimme zu
-prüfen. Hierauf hustete er. „Ja, ich muß nun sehn, ob ich
-Schnupfenfieber habe“, sagte er und führte rasch das Thermometer
-in den Mund, die Quecksilberspitze unter die Zunge, so
-daß das Instrument ihm schräg aufwärts zwischen den Lippen
-hervorragte, die er fest darum schloß, um keine Außenluft
-zuzulassen. Dann sah er nach seiner Armbanduhr: es war
-sechs Minuten nach halb zehn. Und er begann, auf den Ablauf
-von sieben Minuten zu warten.
-</p>
-
-<p>
-„Keine überflüssige Sekunde,“ dachte er, „und keine zu wenig.
-Auf mich ist Verlaß, nach oben wie nach unten. Man braucht
-ihn mir nicht mit einer Stummen Schwester zu vertauschen,
-wie der Person, von der Settembrini erzählte, Ottilie Kneifer.“
-Und er ging im Zimmer umher, das Instrument mit der Zunge
-niederdrückend.
-</p>
-
-<p>
-Die Zeit schlich, die Frist schien endlos. Erst zweiundeinehalbe
-Minute waren verstrichen, als er nach den Zeigern sah,
-schon besorgt, er könnte den Augenblick verpassen. Er tat tausend
-Dinge, nahm Gegenstände auf und setzte sie nieder, trat
-auf den Balkon hinaus, ohne sich seinem Vetter bemerklich zu
-machen, überblickte die Landschaft, dies Hochtal, seinem Sinn
-schon urvertraut in allen Gestaltungen: mit seinen Hörnern,
-Kammlinien und Wänden, mit der links vorgelagerten Kulisse
-des „Brembühl“, dessen Rücken schräg gegen den Ort hin abfiel
-und dessen Flanke der rauhe Mattenwald bedeckte, mit den
-Bergformationen zur Rechten, deren Namen ihm ebenfalls geläufig
-geworden waren, und der Alteinwand, die das Tal, von
-hier aus gesehen, im Süden zu schließen schien, – sah hinab auf
-die Wege und Beete der Gartenplattform, die Felsengrotte, die
-<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a>
-Edeltanne, lauschte auf ein Flüstern, das aus der Liegehalle
-drang, wo Kur gemacht wurde, und wandte sich ins Zimmer
-zurück, wobei er die Lage des Instrumentes im Munde zu verbessern
-suchte, um dann wieder durch Vorrecken des Armes den
-Ärmel vom Handgelenk zu ziehen und den Unterarm vor das
-Gesicht zu biegen. Mit Mühe und Anstrengung, unter Schieben,
-Stoßen und Fußtritten gleichsam, waren sechs Minuten
-vertrieben. Da er nun aber, mitten im Zimmer stehend, ins
-Träumen verfiel und seine Gedanken wandern ließ, so verhuschte
-die letzte noch übrige ihm unvermerkt auf Katzenpfötchen,
-eine neue Armbewegung offenbarte ihm ihr heimliches
-Entkommen, und es war ein wenig zu spät, die achte lag schon
-zu einem Dritteile im Vergangenen, als er mit dem Gedanken,
-daß das nichts schade, für das Ergebnis nichts ausmache und
-zu bedeuten habe, das Thermometer aus dem Munde riß und
-mit verwirrten Augen darauf niederstarrte.
-</p>
-
-<p>
-Er ward nicht unmittelbar klug aus seiner Angabe, der Glanz
-des Quecksilbers fiel mit dem Lichtreflex des flachrunden Glasmantels
-zusammen, die Säule schien bald ganz hoch oben zu
-stehen, bald überhaupt nicht vorhanden zu sein, er führte das
-Instrument nahe vor die Augen, drehte es hin und her und
-erkannte nichts. Endlich, nach einer glücklichen Wendung, wurde
-das Bild ihm deutlich, er hielt es fest und bearbeitete es hastig
-mit dem Verstande. In der Tat, Merkurius hatte sich ausgedehnt,
-er hatte sich stark ausgedehnt, die Säule war ziemlich
-hoch gestiegen, sie stand mehrere Zehntelstriche über der
-Grenze normaler Blutwärme, Hans Castorp hatte 37,6.
-</p>
-
-<p>
-Am hellen Vormittag zwischen zehn und halb elf Uhr 37,6, –
-das war zuviel, es war „Temperatur“, Fieber als Folge einer
-Infektion, für die er aufnahmelustig gewesen, und es fragte
-<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a>
-sich nur, was für eine Art Infektion das war. 37,6, – mehr
-hatte auch Joachim nicht, mehr hatte hier niemand, der nicht
-als schwerkrank oder moribund das Bett hütete, weder die
-Kleefeld mit dem Pneumothorax noch ... noch auch Madame
-Chauchat. Es war natürlich in seinem Falle wohl nicht ganz das
-Rechte, – bloßes Schnupfenfieber, wie man es unten nannte.
-Aber genau zu unterscheiden und auseinanderzuhalten war das
-nicht, Hans Castorp bezweifelte, daß er diese Temperatur erst
-bekommen, seit er sich erkältet hatte, und er mußte bedauern,
-Merkurius nicht schon früher befragt zu haben, gleich anfangs,
-wie der Hofrat es ihm nahegelegt hatte. Ganz vernünftig
-war dieser Ratschlag gewesen, das zeigte sich nun, und Settembrini
-hatte völlig unrecht getan, so höhnisch darüber in
-die Lüfte zu lachen, – Settembrini mit der Republik und dem
-schönen Stil. Hans Castorp verachtete die Republik und den
-schönen Stil, während er immer wieder die Aussage des Thermometers
-prüfte, die ihm mehrmals durch die Blendung verloren
-ging und die er dann durch eifriges Drehen und Wenden des
-Instruments wieder herstellte: sie lautete auf 37,6, und das
-am frühesten Vormittag!
-</p>
-
-<p>
-Seine Bewegung war mächtig. Er ging ein paarmal durch
-das Zimmer, das Thermometer in der Hand, wobei er es jedoch
-wagerecht hielt, um nicht durch senkrechte Erschütterung
-eine Störung hervorzurufen, legte es dann mit aller Bewahrsamkeit
-auf die Waschtischplatte nieder und ging vorerst einmal
-mit Paletot und Decken in die Liegekur. Sitzend warf er
-die Decken um sich, wie er es gelernt hatte, von den Seiten
-und von unten, eine nach der anderen, mit schon geübter Hand,
-und lag dann still, die Stunde des zweiten Frühstücks und
-Joachims Eintritt erwartend. Zuweilen lächelte er, und es
-<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a>
-war, als lächle er jemandem zu. Zuweilen hob sich seine Brust
-mit einem beklommenen Beben, und dann mußte er husten
-aus seiner katarrhalischen Brust.
-</p>
-
-<p>
-Joachim fand ihn noch liegend, als er um elf Uhr, nach dem
-Tönen des Gongs, zu ihm herüberkam, um ihn zum Frühstück
-abzuholen.
-</p>
-
-<p>
-„Nun?“ fragte er verwundert, indem er neben den Stuhl
-trat ...
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp schwieg noch eine Weile und sah vor sich hin.
-Dann gab er zur Antwort:
-</p>
-
-<p>
-„Ja, das Neueste ist also, daß ich etwas Temperatur habe.“
-</p>
-
-<p>
-„Was soll das heißen?“ fragte Joachim. „Fühlst du dich
-fiebrig?“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp ließ wieder ein wenig auf die Antwort
-warten und gab hierauf mit einer gewissen Trägheit die
-folgende:
-</p>
-
-<p>
-„Fiebrig, mein Lieber, fühle ich mich schon längst, schon die
-ganze Zeit. Aber jetzt handelt es sich nicht um subjektive Empfindungen,
-sondern um eine exakte Feststellung. Ich habe mich
-gemessen.“
-</p>
-
-<p>
-„Du hast dich gemessen?! Womit?!“ rief Joachim erschrocken.
-</p>
-
-<p>
-„Selbstverständlich mit einem Thermometer“, antwortete
-Hans Castorp nicht ohne Spott und Strenge. „Die Oberin
-hat mir eines verkauft. Warum sie einen immer ‚Menschenskind‘
-anredet, das weiß ich nicht; korrekt ist es nicht. Aber ein
-sehr gutes Thermometer hat sie mir in aller Eile verkauft,
-und wenn du dich überzeugen willst, wieviel es zeigt, so liegt
-es da drinnen auf dem Waschtisch. Es ist eine minimale Erhöhung.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a>
-Joachim machte kurz kehrt und ging ins Zimmer. Als er
-zurückkehrte, sagte er zögernd:
-</p>
-
-<p>
-„Ja, das sind 37 Komma 5½.“
-</p>
-
-<p>
-„Dann ist es etwas zurückgegangen!“ versetzte Hans Castorp
-rasch. „Es waren sechs.“
-</p>
-
-<p>
-„Keinesfalls kann man das minimal nennen für den Vormittag“,
-sagte Joachim. „Eine schöne Bescherung“, sagte er
-und stand an seines Vetters Lager, wie man eben vor einer
-„schönen Bescherung“ steht, die Arme in die Seiten gestemmt
-und mit gesenktem Kopfe. „Du wirst ins Bett müssen.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp hatte darauf seine Antwort bereit.
-</p>
-
-<p>
-„Ich sehe nicht ein,“ sagte er, „warum ich mich mit 37,6
-ins Bett legen soll, wo doch du und so viele andere, die auch
-nicht weniger haben, – wo ihr alle hier frei herumlauft.“
-</p>
-
-<p>
-„Das ist aber doch etwas anderes“, sagte Joachim. „Bei
-dir ist es akut und harmlos. Du hast Schnupfenfieber.“
-</p>
-
-<p>
-„Erstens,“ erwiderte Hans Castorp und teilte seine Rede
-nun sogar in erstens und zweitens ein, „verstehe ich nicht,
-warum man mit harmlosem Fieber – ich will einmal annehmen,
-daß es so etwas gibt – mit harmlosem Fieber das
-Bett hüten muß, mit anderem aber nicht. Und zweitens sage
-ich dir ja, daß der Schnupfen mich nicht heißer gemacht hat,
-als ich schon vorher war. Ich stehe auf dem Standpunkt,“
-schloß er, „daß 37,6 gleich 37,6 ist. Könnt ihr damit herumlaufen,
-kann ich es auch.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich habe aber vier Wochen liegen müssen, als ich ankam,“
-wandte Joachim ein; „und erst als sich zeigte, daß die
-Temperatur durch Bettruhe nicht verschwand, durfte ich aufstehen.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp lächelte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a>
-„Nun und?“ fragte er. „Ich denke, bei dir war es etwas
-anderes? Mir scheint, du verwickelst dich in Widersprüche.
-Erst unterscheidest du, und dann stellst du gleich. Das ist doch
-Schnickschnack ...“
-</p>
-
-<p>
-Joachim drehte sich auf dem Absatz um, und als er sich seinem
-Vetter wieder zukehrte, sah man, daß sein gebräuntes
-Gesicht noch eine Schattierung dunkler geworden war.
-</p>
-
-<p>
-„Nein,“ sagte er, „ich stelle nicht gleich, du bist ein Konfusionsrat.
-Ich meine nur, du bist elend erkältet, man hört
-es ja an deiner Stimme, und du solltest dich legen, um den
-Prozeß abzukürzen, da du nächste Woche nach Hause willst.
-Wenn du aber nicht willst, – ich meine: wenn du dich nicht
-legen willst, so kannst du es ja lassen. Ich mache dir keine
-Vorschriften. Jedenfalls müssen wir jetzt zum Frühstück.
-Mach, es ist über die Zeit!“
-</p>
-
-<p>
-„Richtig. Los!“ sagte Hans Castorp und warf die Decken
-von sich. Er ging ins Zimmer, um sich mit der Bürste übers
-Haar zu fahren, und während er es tat, sah Joachim noch
-einmal nach dem Thermometer auf dem Waschtisch, wobei
-Hans Castorp ihn von weitem beobachtete. Dann gingen sie,
-schweigend, und saßen wieder einmal an ihren Plätzen im
-Speisesaal, wo es, wie immer um diese Stunde, weiß schimmerte
-vor lauter Milch.
-</p>
-
-<p>
-Als die Zwergin das Kulmbacher Bier für Hans Castorp
-brachte, lehnte er es mit ernstem Verzichte ab. Er trinke heute
-lieber kein Bier, trinke überhaupt nichts, nein, danke sehr,
-höchstens einen Schluck Wasser. Das erregte Aufsehen. Wieso?
-Was für Neuerungen! Warum kein Bier? – Er habe
-ein bißchen Temperatur, warf Hans Castorp hin. 37,6.
-Minimal.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a>
-Da drohten sie ihm mit den Zeigefingern, – es war sehr
-sonderbar. Sie wurden schelmisch, legten den Kopf auf die
-Seite, kniffen ein Auge zu und rührten die Zeigefinger in Höhe
-des Ohres, als kämen kecke, pikante Dinge an den Tag von
-einem, der den Unschuldigen gespielt hatte. „Na, na, Sie“,
-sagte die Lehrerin, und der Flaum ihrer Wangen rötete sich,
-indes sie lächelnd drohte. „Saubere Geschichten hört man,
-ausgelassene. Wart, wart, wart.“ – „Ei, ei, ei“, machte auch
-Frau Stöhr und drohte mit ihrem kurzen und roten Stummel,
-indem sie ihn neben die Nase hielt. „Tempus hat er, der
-Herr Besuch. Sie sind mir einer, – der Rechte sind Sie mir,
-ein Bruder Lustig!“ – Selbst die Großtante am oberen Tischende
-drohte ihm scherzhaft und verschlagen zu, als die Nachricht
-zu ihr drang; die hübsche Marusja, die ihm bisher kaum
-je Beachtung geschenkt, beugte sich gegen ihn vor und sah ihn,
-das Apfelsinentüchlein gegen die Lippen gepreßt, mit ihren
-kugelrunden braunen Augen an, indes sie drohte; auch Dr.
-Blumenkohl, dem Frau Stöhr die Sache erzählte, konnte nicht
-umhin, sich der allgemeinen Gebärde anzuschließen, ohne freilich
-Hans Castorp dabei anzusehen, und nur Miß Robinson
-zeigte sich teilnahmslos und verschlossenen Sinnes wie immer.
-Joachim hielt mit anständiger Miene die Augen gesenkt.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp, geschmeichelt von so viel Neckerei, glaubte
-bescheiden ablehnen zu müssen. „Nein, nein,“ sagte er, „Sie
-irren sich, mein Fall ist der denkbar harmloseste, ich habe
-Schnupfen, Sie sehen: die Augen gehen mir über, meine Brust
-ist verstockt, ich huste die halbe Nacht, es ist unangenehm genug
-...“ Aber sie nahmen seine Entschuldigungen nicht an,
-sie lachten und winkten ihm mit den Händen ab, rufend: „Ja,
-ja, ja, Flausen, Ausreden, Schnupfenfieber, kennen wir, kennen
-<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a>
-wir!“ Und dann forderten sie alle auf einmal, daß Hans Castorp
-sich unverzüglich zur Untersuchung melde. Sie waren
-belebt von der Nachricht; unter den sieben Tischen war an
-diesem während des Frühstücks die Unterhaltung am muntersten.
-Frau Stöhr insbesondere, hochroten, störrischen Gesichts
-über ihrer Halsrüsche und kleine Sprünge in der Wangenhaut,
-legte eine fast wilde Gesprächigkeit an den Tag und erging
-sich über die Vergnüglichkeit des Hustens, – ja, es habe
-unbedingt eine unterhaltliche und genußreiche Bewandtnis
-damit, wenn in den Gründen der Brust der Kitzel sich mehre
-und wachse und man mit Krampf und Pressung so recht tief
-hinunterlange, um dem Reiz zu genügen: ein ähnlicher Spaß
-sei das wie das Niesen, wenn die Lust dazu gewaltig anschwelle
-und unwiderstehlich werde und man mit berauschter
-Miene ein paarmal stürmisch aus- und einatme, sich wonnig
-ergäbe und über dem gesegneten Ausbruch die ganze Welt
-vergäße. Und manchmal komme es zwei-, dreimal hintereinander.
-Das seien kostenfreie Genüsse des Lebens, wie beispielsweise
-auch noch, sich im Frühling die Frostbeulen zu kratzen,
-wenn sie so süßlich juckten, – sich so recht innig und grausam
-zu kratzen bis aufs Blut in Wut und Vergnügen, und wenn
-man zufällig in den Spiegel sähe dabei, dann sähe man eine
-Teufelsfratze.
-</p>
-
-<p>
-So schauderhaft eingehend redete die ungebildete Stöhr,
-bis die kurze, wenn auch reichhaltige Zwischenmahlzeit beendigt
-war und die Vettern ihren zweiten Vormittagsgang
-antraten, den Gang hinunter nach Platz Davos. Joachim
-war in sich gekehrt unterwegs, und Hans Castorp ächzte vor
-Schnupfen und räusperte sich aus rostiger Brust. Auf dem
-Heimwege sagte Joachim:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a>
-„Ich mache dir einen Vorschlag. Heute ist Freitag, –
-morgen nach Tische habe ich Monatsuntersuchung. Es ist
-keine Generaluntersuchung, aber Behrens klopft mich ein bißchen
-ab und läßt Krokowski ein paar Notizen machen. Da
-könntest du mitkommen und bitten, dich auch bei der Gelegenheit
-rasch zu behorchen. Es ist ja lächerlich, – wenn du zu
-Hause wärst, du ließest Heidekind kommen. Und hier, wo zwei
-Spezialisten im Hause sind, läufst du herum und weißt nicht,
-woran du bist, und wie tief es sitzt bei dir, und ob du nicht
-besser tätest, dich hinzulegen.“
-</p>
-
-<p>
-„Schön“, sagte Hans Castorp. „Wie du meinst. Natürlich,
-so kann ich es machen. Und es ist ja auch interessant für
-mich, mal einer Untersuchung beizuwohnen.“
-</p>
-
-<p>
-So kamen sie überein; und als sie hinauf vor das Sanatorium
-gelangten, wollte es der Zufall, daß sie mit Hofrat
-Behrens persönlich zusammentrafen und günstige Gelegenheit
-fanden, stehenden Fußes ihr Anliegen vorzubringen.
-</p>
-
-<p>
-Behrens kam aus dem Vorbau, lang und hochnackig, einen
-steifen Hut auf dem Hinterkopf und eine Zigarre im Munde,
-blaubackig und quelläugig, so recht im Zuge der Tätigkeit,
-im Begriffe, seiner Privatpraxis nachzugehen, Besuche im Ort
-zu machen, nachdem er soeben im Operationssaal am Werke
-gewesen, wie er erklärte.
-</p>
-
-<p>
-„Mahlzeit, die Herren!“ sagte er. „Immer auf der Walze?
-War wohl fein in der großen Welt? Ich komme gerade von
-einem ungleichen Zweikampf auf Messer und Knochensäge, –
-große Sache, wissen Sie, Rippenresektion. Früher blieben
-fünfzig Prozent dabei auf dem Tisch des Hauses. Jetzt haben
-wirs besser raus, aber öfters muß man doch <span class="antiqua" lang="la">mortis causa</span> vorzeitig
-einpacken. Na, der von heute konnte ja Spaß verstehen,
-<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a>
-blieb für den Augenblick ganz stramm bei der Stange ...
-Doll, so ein Menschenthorax, der keiner mehr ist. Weichteil,
-wissen Sie, unkleidsam, leichte Trübung der Idee, sozusagen.
-Na, und Sie? Was macht die werte Befindität? Ist wohl
-ein fidelerer Lebenswandel zu zweien, was, Ziemßen, alter
-Schlauberger? Warum weinen Sie denn, Sie Vergnügungsreisender?“
-wandte er sich auf einmal an Hans Castorp.
-„Öffentliches Weinen ist hier nicht erlaubt. Hausordnungsverbot.
-Da könnte jeder kommen.“
-</p>
-
-<p>
-„Das ist mein Schnupfen, Herr Hofrat“, antwortete Hans
-Castorp. „Ich weiß nicht, wie es möglich war, aber ich habe
-mir einen enormen Katarrh geholt. Husten habe ich auch,
-und ordentlich auf der Brust liegt es mir.“
-</p>
-
-<p>
-„So?“ sagte Behrens. „Dann sollten Sie mal einen verständigen
-Arzt zu Rate ziehen.“
-</p>
-
-<p>
-Die beiden lachten, und Joachim antwortete, indem er die
-Absätze zusammenzog:
-</p>
-
-<p>
-„Wir sind im Begriffe, Herr Hofrat. Ich habe ja morgen
-Untersuchung, und da wollten wir fragen, ob Sie die Güte
-hätten, auch meinen Vetter gleich einmal dranzunehmen. Es
-handelt sich darum, ob er Dienstag wird reisen können ...“
-</p>
-
-<p>
-„M. w.!“ sagte Behrens. „M. w. m. F.! Machen wir
-mit Vergnügen! Hätten wir längst mal machen sollen. Wenn
-man schon hier ist, soll man das immer mitnehmen. Aber
-man mag sich ja natürlich nicht aufdrängen. Also morgen
-um zwei, gleich wenn Sie von der Krippe kommen!“
-</p>
-
-<p>
-„Denn ich habe nämlich auch etwas Fieber“, merkte Hans
-Castorp noch an.
-</p>
-
-<p>
-„Was Sie sagen!“ rief Behrens. „Sie wollen mir wohl
-Neuigkeiten erzählen? Glauben Sie, ich habe keine Augen
-<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a>
-im Kopf?“ Und er deutete mit dem gewaltigen Zeigefinger
-auf seine beiden blutunterlaufenen, blau quellenden, tränenden
-Augäpfel. „Wieviel ist es denn übrigens?“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp nannte bescheiden die Ziffer.
-</p>
-
-<p>
-„Vormittags? Hm, nicht übel. Für den Anfang gar nicht
-so unbegabt. Na, also paarweise angetreten morgen um
-zwei! Soll mir eine Auszeichnung sein. Gesegnete Nahrungsaufnahme!“
-Und mit krummen Knien und rudernden Händen
-begann er den abschüssigen Weg hinabzustapfen, indes
-eine Rauchfahne von seiner Zigarre rückwärts wehte.
-</p>
-
-<p>
-„Das wäre also nach deinem Wunsche verabredet“, sagte
-Hans Castorp. „Glücklicher konnte es sich ja gar nicht treffen,
-und nun bin ich gemeldet. Er wird ja weiter auch nicht viel
-tun können in der Sache, als mir vielleicht einen Lakritzensaft
-oder Brusttee verschreiben, aber angenehm ist es doch, ein
-bißchen ärztlichen Zuspruch zu haben, wenn man sich fühlt
-wie ich. Aber warum er nur immer so unmäßig forsch daherredet!“
-sagte er. „Anfangs machte es mir Spaß, aber auf
-die Länge ist es mir unlieb. ‚Gesegnete Nahrungsaufnahme‘!
-Was für ein Kauderwelsch. Man kann sagen: ‚Gesegnete
-Mahlzeit‘! denn ‚Mahlzeit‘ ist ein poetisches Wort sozusagen,
-wie ‚tägliches Brot‘, und verträgt sich ganz gut mit ‚gesegnet‘.
-Aber ‚Nahrungsaufnahme‘ ist ja die reine Physiologie, und
-dazu Segen zu wünschen, das ist doch ein höhnisches Gerede.
-Ich sehe es auch nicht gern, wenn er raucht, es hat
-etwas Beängstigendes für mich, weil ich weiß, daß es ihm
-nicht bekommt und ihn melancholisch macht. Settembrini
-sagte von ihm, seine Lustigkeit sei gezwungen, und Settembrini
-ist ein Kritiker, ein Mann des Urteils, das muß man ihm
-lassen. Ich sollte vielleicht auch mehr urteilen und nicht alles
-<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a>
-nehmen, wie es ist, er hat ganz recht. Aber manchmal fängt
-man mit Urteil und Tadel und gerechtem Ärgernis an, und
-dann kommt ganz anderes dazwischen, was mit Urteilen gar
-nichts zu tun hat, und dann ist es aus mit der Sittenstrenge,
-und die Republik und der schöne Stil kommen einem auch nur
-noch abgeschmackt vor ...“
-</p>
-
-<p>
-Er murmelte Undeutliches, schien selbst nicht ganz klar über
-das, was er meinte. Auch sah ihn sein Vetter denn nur von
-der Seite an und sagte „Auf Wiedersehn“, worauf ein jeder
-auf sein Zimmer und in seine Balkonloge ging.
-</p>
-
-<p>
-„Wieviel?“ fragte Joachim nach einer Weile gedämpft,
-obgleich er nicht gesehen, daß Hans Castorp sein Thermometer
-wieder zu Rate gezogen hatte ... Und Hans Castorp antwortete
-gleichgültigen Tones:
-</p>
-
-<p>
-„Nichts Neues.“
-</p>
-
-<p>
-Wirklich hatte er gleich bei seinem Eintritt seinen zierlichen
-Erwerb von heute morgen vom Waschtisch genommen, hatte
-die 37,6, die nun ihre Rolle ausgespielt hatten, durch senkrechte
-Stöße zerstört und sich ganz wie ein Alter, die gläserne
-Zigarre im Munde, in die Liegekur verfügt. Aber allzu hochfliegenden
-Erwartungen entgegen und obgleich er das Instrument
-volle acht Minuten unter der Zunge behalten, hatte
-Merkurius sich nicht weiter ausgedehnt, als wieder nur bis
-37,6, – was ja übrigens Fieber war, wenn auch kein höheres,
-als schon am früheren Vormittage vorhanden gewesen. Nach
-Tische stieg das schimmernde Säulchen auf 37,7, verharrte
-abends, als der Patient nach den Erregungen und Neuigkeiten
-des Tages sehr müde war, auf 37,5, und zeigte in der nächsten
-Morgenfrühe gar nur auf 37, um gegen Mittag die gestrige
-Höhe wieder zu erreichen. Unter diesen Ergebnissen kam die
-<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a>
-Hauptmahlzeit des folgenden Tages und mit ihrer Beendigung
-die Stunde des Rendezvous heran.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp erinnerte sich später, daß Madame Chauchat
-während dieser Mahlzeit einen goldgelben Sweater mit großen
-Knöpfen und bordierten Taschen getragen hatte, der neu,
-jedenfalls neu für Hans Castorp gewesen war, und worin sie
-bei ihrem wie immer verspäteten Eintritt, in der Art, die Hans
-Castorp so wohl an ihr kannte, einen Augenblick Front gegen
-den Saal gemacht hatte. Dann war sie, wie täglich fünfmal,
-zu ihrem Tische geglitten, hatte sich mit weichen Bewegungen
-niedergelassen und plaudernd zu essen begonnen: Hans Castorp
-hatte, wie jeden Tag, aber doch mit besonderer Aufmerksamkeit,
-ihren Kopf sich beim Sprechen bewegen sehen
-und aufs neue die Rundung ihres Nackens, die schlaffe
-Haltung ihres Rückens bemerkt, wenn er hinter dem Settembrinis
-vorbei, der am Ende des schräg zwischenstehenden
-Tisches saß, zum Guten Russentisch hinübergeblickt hatte. Frau
-Chauchat ihrerseits hatte sich während des Mittagessens kein
-einziges Mal nach dem Saale umgeblickt. Als aber der Nachtisch
-eingenommen gewesen war und die große Ketten- und
-Pendeluhr an der rechten Schmalseite des Saals, dort, wo der
-Schlechte Russentisch stand, zwei geschlagen hatte, da war es zu
-Hans Castorps rätselhafter Erschütterung dennoch geschehen:
-während die Uhr zwei schlug – eins und zwei – hatte die anmutige
-Kranke langsam den Kopf und ein wenig auch den
-Oberkörper gewandt und über die Schulter deutlich und unverhohlen
-zu Hans Castorps Tische – und nicht nur im allgemeinen
-zu seinem Tische, nein, unmißverständlich und streng
-persönlich zu <em>ihm</em> herübergeblickt, ein Lächeln um die geschlossenen
-Lippen und in ihren schmalgeschnittenen Pribislav-Augen,
-<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a>
-als wollte sie sagen: „Nun? Es ist Zeit. Wirst du gehen?“
-(denn wenn nur die Augen sprechen, geht ja die Rede per Du,
-auch wenn der Mund noch nicht einmal „Sie“ gesagt hat)
-– und das war ein Zwischenfall gewesen, der Hans Castorp
-in tiefster Seele verwirrt und entsetzt hatte, – kaum hatte er
-seinen Sinnen getraut und entgeistert zuerst in Frau Chauchats
-Angesicht und dann, die Augen hebend, über ihre Stirn und
-ihr Haar hin ins Leere geblickt. Wußte sie denn, daß er sich
-auf zwei Uhr zur Untersuchung hatte bestellen lassen? Genau
-so hatte es ausgesehen. Und doch war es fast ebenso unwahrscheinlich,
-wie daß sie hätte wissen sollen, daß er soeben
-noch, in der jüngstvergangenen Minute, sich gefragt hatte,
-ob er nicht dem Hofrat durch Joachim sagen lassen sollte, seine
-Erkältung habe sich schon gebessert und er betrachte die Untersuchung
-als überflüssig: ein Gedanke, dessen Vorzüge unter
-jenem fragenden Lächeln freilich dahingewelkt waren und sich
-in lauter abstoßende Langweiligkeit verwandelt hatten. In
-der nächsten Sekunde hatte denn Joachim auch schon seine
-gerollte Serviette auf den Tisch gelegt, hatte ihm mit erhobenen
-Brauen zugewinkt, sich gegen die Umsitzenden verneigt
-und den Tisch verlassen, – worauf Hans Castorp innerlich
-taumelnd, wenn auch äußerlich festen Schrittes, und mit dem
-Gefühl, daß jenes Blicken und Lächeln immer noch auf ihm
-läge, dem Vetter zum Saal hinaus folgte.
-</p>
-
-<p>
-Sie hatten seit gestern vormittag nicht mehr über ihr heutiges
-Vorhaben gesprochen, und auch jetzt gingen sie in schweigendem
-Einverständnis. Joachim beeilte sich: es war schon
-über die vereinbarte Stunde, und Hofrat Behrens bestand auf
-Pünktlichkeit. Es ging vom Speisesaal den ebenerdigen Korridor
-entlang, an der „Verwaltung“ vorbei und die reinliche,
-<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a>
-mit gebohntem Linoleum belegte Treppe zum Kellergeschoß
-„hinab“. Joachim klopfte an die Tür, die sich, der Treppe
-gleich gegenüber, durch ein Porzellanschild als Eingang zum
-Ordinationszimmer zu erkennen gab.
-</p>
-
-<p>
-„<em>Her</em>ein!“ rief Behrens, indem er die erste Silbe stark betonte.
-Er stand inmitten des Raumes, im Kittel, in der Rechten
-das schwarze Hörrohr, mit dem er sich gegen den Schenkel
-klopfte.
-</p>
-
-<p>
-„Tempo, Tempo“, sagte er und richtete seine quellenden
-Augen auf die Wanduhr. „<span class="antiqua" lang="it">Un poco più presto, Signori!</span>
-Wir sind nicht ganz ausschließlich für Eure Hochwohlgeboren
-vorhanden.“
-</p>
-
-<p>
-Am doppelten Schreibtisch vorm Fenster saß Dr. Krokowski,
-bleich gegen sein schwarzes Lüsterhemd, die Ellenbogen auf
-der Platte, in der einen Hand die Feder, die andere im Bart,
-vor sich Papiere, wahrscheinlich den Krankenakt, und blickte
-den Eintretenden mit dem stumpfen Ausdruck einer Persönlichkeit,
-die nur assistierenderweise anwesend ist, entgegen.
-</p>
-
-<p>
-„Na, her mit der Konduite!“ antwortete der Hofrat auf
-Joachims Entschuldigungen und nahm ihm die Fieberkurve
-aus der Hand, um sie durchzusehen, während der Patient sich
-beeilte, seinen Oberkörper freizumachen und die abgelegten
-Kleidungsstücke an den neben der Tür stehenden Garderobeständer
-zu hängen. Um Hans Castorp kümmerte man sich
-nicht. Er stand eine Weile zuschauend und ließ sich später auf
-einem altmodischen kleinen Fauteuil mit Troddeln an den Armlehnen
-zur Seite eines Tischchens mit Wasserkaraffe nieder.
-Bücherschränke mit breitrückigen medizinischen Werken und
-Aktenfaszikeln standen an den Wänden. An Möbeln war
-sonst nur noch eine mit weißem Wachstuch überzogene, höher
-<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a>
-und niedriger zu kurbelnde Chaiselongue vorhanden, über
-deren Kopfpolster eine Papierserviette gebreitet war.
-</p>
-
-<p>
-„Komma 7, Komma 9, Komma 8“, sagte Behrens, die
-Wochenkarten durchblätternd, in die Joachim die Ergebnisse
-seiner täglich fünfmaligen Messungen treulich eingetragen.
-„Immer noch ein bißchen illuminiert, lieber Ziemßen, können
-nicht gerade behaupten, daß Sie seit neulich solider geworden
-sind. („Neulich“, das war vor vier Wochen gewesen.) Nicht
-entgiftet, nicht entgiftet“, sagte er. „Na, das geht natürlich
-nicht so von heute auf morgen, hexen können wir auch nicht.“
-</p>
-
-<p>
-Joachim nickte und zuckte mit seinen bloßen Schultern, obgleich
-er hätte einwenden können, daß er ja keineswegs erst
-seit gestern hier oben sei.
-</p>
-
-<p>
-„Wie steht es denn mit den Stichen am rechten Hilus, wo
-es immer verschärft klang? Besser? Na, kommen Sie her!
-Wollen mal höflich bei Ihnen anklopfen.“ Und die Auskultation
-begann.
-</p>
-
-<p>
-Hofrat Behrens, breitbeinig und rückwärts geneigt, den
-Hörer unter dem Arme, klopfte zuerst ganz oben an Joachims
-rechter Schulter, klopfte aus dem Handgelenk, indem er sich
-des gewaltigen Mittelfingers seiner Rechten als Hammer bediente
-und die Linke zur Stütze gebrauchte. Dann ging er
-unter das Schulterblatt hinab und klopfte seitlich am mittleren
-und unteren Rücken, worauf Joachim, der wohlabgerichtet
-war, den Arm hob, um auch unter der Achsel klopfen zu lassen.
-Hierauf wiederholte das Ganze sich linkerseits, und damit fertig,
-kommandierte der Hofrat „Kehrt!“ zur Beklopfung der
-Brustseite. Er klopfte gleich unter dem Halse beim Schlüsselbein,
-klopfte über und unter der Brust, zuerst rechts und dann
-links. Als er aber sattsam geklopft hatte, ging er zum Horchen
-<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a>
-über, indem er sein Hörrohr, das Ohr an der Muschel, auf
-Joachims Brust und Rücken setzte, überallhin, wo er vorhin
-geklopft hatte. Dabei mußte Joachim abwechselnd stark
-atmen und künstlich husten, was ihn sehr anzustrengen schien,
-denn er geriet außer Atem, und in die Augen traten ihm Tränen.
-Hofrat Behrens aber meldete alles, was er dort innen
-hörte, dem Assistenten in kurzen, feststehenden Worten zum
-Schreibtisch hinüber, derart, daß Hans Castorp nicht umhin
-konnte, an den Vorgang beim Schneider zu denken, wenn
-der wohlgekleidete Herr einem zu einem Anzuge das Maß
-nimmt, in herkömmlicher Reihenfolge dem Besteller das Meterband
-da und dort um den Rumpf und an die Glieder legt und
-dem gebückt sitzenden Gehilfen die gewonnenen Ziffern in die
-Feder diktiert. „Kurz“, „verkürzt“, diktierte Hofrat Behrens.
-„Vesikulär“, sagte er, und abermals: „Vesikulär“ (das war
-gut, offenbar). „Rauh“, sagte er und schnitt ein Gesicht.
-„<em>Sehr</em> rauh.“ „Geräusch.“ Und Dr. Krokowski trug alles
-ein, wie der Angestellte die Ziffern des Zuschneiders.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp folgte den Vorgängen seitwärts geneigten
-Kopfes, nachdenklich versunken in die Betrachtung von Joachims
-Oberkörper, dessen Rippen (gottlob war er im Besitz
-seiner Rippen) sich beim Schnaufen unter der gespannten
-Haut hoch über den zurückfallenden Magen hoben, – diesem
-schlanken, gelblich-brünetten Jünglingsoberkörper mit den
-schwarzen Haaren am Brustknochen und an den übrigens
-kräftigen Armen, deren einer ein goldenes Kettenarmband um
-das Handgelenk trug. Turnerarme sind das, dachte Hans
-Castorp; er hat immer gern geturnt, während ich mir nichts
-daraus machte, und das hing mit seiner Lust zum Soldatenstande
-zusammen. Immer war er gut körperlich gesinnt, viel
-<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a>
-mehr als ich, oder doch auf andere Weise; denn ich war immer
-ein Zivilist, und es war mir mehr um warm baden und gut
-essen und trinken zu tun, ihm aber um männliche Anforderungen
-und Leistungen. Und nun ist auf so ganz andere Weise
-sein Körper in den Vordergrund getreten und hat sich selbständig
-und wichtig gemacht, nämlich durch Krankheit. Illuminiert
-ist er und will sich nicht entgiften und solide werden,
-so gern der arme Joachim auch Soldat sein möchte im Flachland.
-Sieh an, er ist gewachsen, wie es im Buche steht, der
-reine Apollo von Belvedere, bis auf die Haare. Aber innerlich
-ist er krank und außen zu warm vor Krankheit; denn
-Krankheit macht den Menschen viel körperlicher, sie macht
-ihn gänzlich zum Körper ... Und wie er dies dachte, erschrak
-er und blickte rasch und forschend von Joachims bloßem Oberleib
-zu seinen Augen hinauf, seinen großen, schwarzen und
-sanften Augen, die vom künstlichen Atmen und Husten in
-Tränen standen und bei der Untersuchung mit traurigem Ausdruck
-über den Zuschauer hin ins Leere sahen.
-</p>
-
-<p>
-Unterdessen aber war Hofrat Behrens zu Ende gekommen.
-</p>
-
-<p>
-„Na, is gut, Ziemßen“, sagte er. „Alles in Ordnung, so
-weit es möglich ist. Nächstes Mal“ (das war in vier Wochen),
-„wird es gewiß überall wieder ein bißchen besser sein.“
-</p>
-
-<p>
-„Wie lange meinen Herr Hofrat, daß –“
-</p>
-
-<p>
-„Wollen Sie schon wieder drängeln? Sie können Ihre
-Kerls doch nicht in angeheitertem Zustand kujonieren! Ein
-halbes Jährchen habe ich neulich gesagt, – rechnen Sie meinetwegen
-von neulich an, aber betrachten Sie es als Minimum.
-Schließlich läßt sich ja leben hier, Sie müssen auch höflich
-sein. Wir sind ja doch kein Bagno und kein ... sibirisches
-Bergwerk! Oder wollen Sie sagen, daß wir mit so was
-<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a>
-Ähnlichkeit haben? Is gut, Ziemßen! Wegtreten! Weiter, wer
-da noch Lust hat!“ rief er und sah in die Luft. Mit ausgestrecktem
-Arme reichte er dabei sein Hörrohr zu Dr. Krokowski
-hinüber, der aufstand und es ergriff, um eine kleine Assistenten-Nachprüfung
-bei Joachim vorzunehmen.
-</p>
-
-<p>
-Auch Hans Castorp war aufgesprungen, und die Augen
-an die Person des Hofrats gefesselt, der, breitbeinig dastehend,
-offenen Mundes in Gedanken versunken schien, begann er,
-sich eilig in Bereitschaft zu setzen. Er überhastete sich, fand
-nicht gleich aus seinem punktierten Manschettenhemd heraus,
-als er es sich über den Kopf zog. Und dann stand er, weiß,
-blond und schmal, vor Hofrat Behrens, – von zivilerer Bildung
-schien er als Joachim Ziemßen.
-</p>
-
-<p>
-Aber der Hofrat ließ ihn stehen, in Gedanken noch immer.
-Dr. Krokowski hatte schon wieder Platz genommen und Joachim
-sich ans Ankleiden gemacht, als Behrens sich endlich entschloß,
-von dem, der da auch noch Lust hatte, Notiz zu nehmen.
-</p>
-
-<p>
-„Ach so, das wären nun <em>Sie</em>!“ sagte er, faßte Hans Castorp
-mit seiner riesigen Hand am Oberarm, rückte ihn von
-sich und betrachtete ihn scharf. Nicht ins Gesicht blickte er
-ihm, wie man einen Menschen ansieht, sondern auf den Körper;
-drehte ihn um, wie man einen Körper umdreht, und betrachtete
-auch seinen Rücken. „Hm“, sagte er. „Na, wollen mal sehen,
-wie <a id="corr-45"></a>Sie sich anspielen.“ Und wie vorhin begann er sein Klopfen.
-</p>
-
-<p>
-Er klopfte überall, wo er es bei Joachim Ziemßen getan,
-und kehrte zu verschiedenen Stellen mehrmals zurück. Längere
-Zeit klopfte er abwechselnd und zu Vergleichszwecken links oben
-beim Schlüsselbein und etwas weiter unten.
-</p>
-
-<p>
-„Hören Sie?“ fragte er dabei zu Dr. Krokowski hinüber ...
-Und Dr. Krokowski, fünf Schritte entfernt am Schreibtisch
-<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a>
-sitzend, bekundete durch eine Kopfneigung, daß er höre: ernst
-senkte er das Kinn auf die Brust, so daß sein Bart eingedrückt
-wurde und die Spitzen sich aufwärts bogen.
-</p>
-
-<p>
-„Tief atmen! Husten!“ kommandierte der Hofrat, der nun
-das Hörrohr wieder zur Hand genommen; und Hans Castorp
-arbeitete schwer, wohl acht oder zehn Minuten lang, während
-der Hofrat ihn abhorchte. Er sprach kein Wort dabei, setzte
-das Hörrohr nur dahin und dorthin und horchte namentlich
-und wiederholt an den Punkten, wo er vorhin schon mit Klopfen
-verweilt hatte. Dann schob er das Instrument unter den
-Arm, legte die Hände auf den Rücken und blickte zwischen sich
-und Hans Castorp auf den Fußboden nieder.
-</p>
-
-<p>
-„Ja, Castorp,“ sagte er – und es geschah zum erstenmal,
-daß er den jungen Mann einfach mit Nachnamen nannte –,
-„die Sache verhält sich so <span class="antiqua" lang="la">praeter-propter</span>, wie ich sie mir schon
-immer gedacht hatte. Ich habe Sie auf dem Strich gehabt,
-Castorp, nun kann ichs Ihnen ja sagen, – von vornherein,
-schon seit ich zuerst die unverdiente Auszeichnung hatte, Sie
-kennenzulernen, – und ziemlich sicher vermutet, daß Sie im
-stillen ein Hiesiger wären und das auch noch einsehen würden,
-wie schon so mancher, der zum Spaß hier heraufkam
-und sich mit erhobener Nase umsah und eines Tages erfuhr,
-daß er gut täte – und nicht bloß ‚gut täte‘, bitte mich wohl
-zu verstehen – hier ganz ohne unbeteiligte Neugiersallüre eine
-etwas ausgiebigere Station zu machen.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp hatte sich verfärbt, und Joachim, im Begriffe,
-sich die Hosenträger zu knöpfen, hielt inne, wie er da
-eben stand, und lauschte ...
-</p>
-
-<p>
-„Sie haben da einen so netten, sympathischen Vetter,“
-fuhr der Hofrat fort, indem er mit dem Kopfe nach Joachims
-<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a>
-Seite deutete und sich dabei auf Fußballen und Absätzen schaukelte,
-„– der nun ja hoffentlich bald wird sagen können, daß
-er einmal krank <em>gewesen</em> ist, aber wenn wir so weit sind, so
-wird er doch eben immer noch früher einmal krank <em>gewesen</em>
-sein, Ihr Herr rechter Vetter, und das wirft <span class="antiqua" lang="la">a priori</span>, wie der
-Denker sagt, so ein gewisses Licht auch auf Sie, lieber Castorp
-...“
-</p>
-
-<p>
-„Er ist aber nur ein Stiefvetter von mir, Herr Hofrat.“
-</p>
-
-<p>
-„Nanu, nanu. Sie werden doch Ihren Cousin nicht verleugnen
-wollen. Stief oder nicht, er bleibt doch immer ein
-Blutsverwandter. Von welcher Seite denn?“
-</p>
-
-<p>
-„Von mütterlicher, Herr Hofrat. Er ist der Sohn einer
-Stief–“
-</p>
-
-<p>
-„Und Ihre Frau Mama ist vergnügt?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, sie ist tot. Sie starb, als ich noch klein war.“
-</p>
-
-<p>
-„Oh, warum denn?“
-</p>
-
-<p>
-„An einem Blutpfropf, Herr Hofrat.“
-</p>
-
-<p>
-„Blutpfropf? Na, es ist ja schon lange her. Und Ihr
-Herr Vater?“
-</p>
-
-<p>
-„Der ist an der Lungenentzündung gestorben –,“ sagte
-Hans Castorp, „und mein Großvater auch –“, setzte er
-hinzu.
-</p>
-
-<p>
-„So, der auch? Na, soviel von Ihren Vorfahren. Was
-nun Sie betrifft, so waren Sie ja wohl immer ziemlich bleichsüchtig,
-nicht? Aber müde wurden Sie gar nicht leicht bei
-körperlicher und geistiger Arbeit? Doch? Und haben viel
-Herzklopfen? Neuerdings erst? Schön, und außerdem liegt
-ja offenbar eine lebhafte Neigung zu Katarrhen der Luftwege
-vor. Wissen Sie, daß Sie früher schon krank waren?“
-</p>
-
-<p>
-„Ich?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a>
-„Ja, ich habe Sie persönlich im Auge. Hören Sie den
-Unterschied?“ Und der Hofrat klopfte abwechselnd links oben
-an der Brust und etwas weiter unten.
-</p>
-
-<p>
-„Da klingt es etwas dumpfer als hier“, sagte Hans Castorp.
-</p>
-
-<p>
-„Sehr gut. Sie sollten Spezialist werden. Das ist also
-eine Dämpfung, und Dämpfungen beruhen auf veralteten
-Stellen, wo schon Verkalkung eingetreten ist, Vernarbung,
-wenn Sie wollen. Sie sind ein alter Patient, Castorp, aber
-wir wollen es niemandem übelnehmen, daß Sie es nicht erfuhren.
-Die Frühdiagnose ist schwierig, – zumal für die Herren
-Kollegen im Flachland. Ich will nicht mal sagen, daß wir
-feinere Ohren haben, obgleich ja die Spezialübung einiges
-ausmacht. Aber die Luft hilft uns hören, verstehen Sie, die
-dünne, trockene Luft hier oben.“
-</p>
-
-<p>
-„Gewiß, natürlich“, sagte Hans Castorp.
-</p>
-
-<p>
-„Schön, Castorp. Und nun hören Sie mal zu, mein Junge,
-ich will nun mal mehrere goldene Worte sprechen. Wenn es
-weiter nichts wäre mit Ihnen, verstehen Sie, und es bei den
-Dämpfungen und Narben an Ihrem Äolusschlauch da drinnen
-und mit den kalkigen Fremdkörpern darin sein Bewenden
-hätte, so würde ich Sie zu Ihren Laren und Penaten schicken
-und mich auch keinen Deut mehr um Sie kümmern, verstehen
-Sie wohl? Wie aber die Dinge liegen und weiterhin noch
-der Befund ist, und wo Sie nun einmal hier bei uns sind,
-– so lohnt es die Heimreise nicht, Hans Castorp, – in kurzem
-müßten Sie doch wieder antreten.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp fühlte aufs neue sein Blut zum Herzen strömen,
-so daß es hämmerte, und Joachim stand immer noch,
-die Hände an hinteren Knöpfen, und hatte die Augen niedergeschlagen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a>
-„Denn außer den Dämpfungen,“ sagte der Hofrat, „haben
-Sie da links oben auch eine Rauhigkeit, die beinahe schon ein
-Geräusch ist und zweifellos von einer frischen Stelle kommt,
-– ich will noch nicht von einem Erweichungsherd reden, aber
-es ist bestimmt eine feuchte Stelle, und wenn Sie’s da unten
-so weiter treiben, mein Lieber, so geht Ihnen, was hast du
-was kannst du, der ganze Lungenlappen zum Teufel.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp stand ohne Regung, um seinen Mund zuckte
-es sonderbar, und deutlich konnte man sein Herz gegen die
-Rippen pulsieren sehen. Er blickte zu Joachim hinüber, dessen
-Augen er nicht fand, und dann wieder in des Hofrats Gesicht
-mit den blauen Backen, den ebenfalls blauen Quellaugen und
-dem einseitig geschürzten Schnurrbärtchen.
-</p>
-
-<p>
-„Als objektive Bestätigung,“ fuhr Behrens fort, „haben
-wir da noch Ihre Temperatur: 37,6 zehn Uhr früh, das entspricht
-so ziemlich den akustischen Wahrnehmungen.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich dachte nur,“ sagte Hans Castorp, „das Fieber käme
-von meinem Katarrh.“
-</p>
-
-<p>
-„Und der Katarrh?“ versetzte der Hofrat ... „Wovon kommt
-der? Lassen Sie sich mal was erzählen, Castorp, und passen
-Sie auf, Sie verfügen ja über hinlänglich zahlreiche Hirnwindungen,
-soviel ich weiß. Also die Luft hier bei uns, die ist gut
-gegen die Krankheit, meinen Sie, nicht wahr? Und das ist
-auch so. Aber sie ist auch gut <em>für</em> die Krankheit, verstehen Sie
-mich, sie fördert sie erst einmal, sie revolutioniert den Körper,
-sie bringt die latente Krankheit zum Ausbruch, und so ein Ausbruch,
-nichts für ungut, ist Ihr Katarrh. Ich weiß nicht, ob Sie
-schon unten im Tieflande febril gewesen sind, aber hier oben sind
-Sie es jedenfalls gleich am ersten Tage geworden und nicht
-erst durch Ihren Katarrh, – um meine Meinung zu sagen.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a>
-„Ja,“ sagte Hans Castorp, „ja, das glaube ich wirklich auch.“
-</p>
-
-<p>
-„Sofort waren Sie wahrscheinlich beschwipst“, bekräftigte
-der Hofrat. „Das sind die löslichen Gifte, die von den Bakterien
-erzeugt werden; die wirken berauschend auf das Zentralnervensystem,
-verstehen Sie, und dann kriegt man heitere
-Bäckchen. Sie gehen nun erst einmal in die Klappe, Castorp;
-wir müssen sehen, ob wir Sie durch ein paar Wochen Bettruhe
-nüchtern kriegen. Das Weitere kann nachher kommen.
-Wir nehmen eine schöne Innenansicht von Ihnen auf – es
-wird Ihnen Spaß machen, so Einblick zu gewinnen in Ihre
-eigne Person. Das sage ich Ihnen aber gleich: ein Fall wie
-Ihrer heilt nicht von heute bis übermorgen, Reklameerfolge
-und Wunderkuren sind dabei nicht aufzuweisen. Es kam mir
-doch gleich so vor, als ob Sie ein besserer Patient sein würden,
-mit mehr Talent zum Kranksein, als der Brigadegeneral
-da, der immer gleich weg will, wenn er mal ein paar Striche
-weniger hat. Als ob Stillgelegen nicht ein ebenso gutes Kommando
-wäre wie Stillgestanden! Ruhe ist die erste Bürgerpflicht,
-und Ungeduld schadet bloß. Daß Sie mich also nicht
-enttäuschen, Castorp, und meine Menschenkenntnis nicht Lügen
-strafen, bitt’ ich mir aus! Und nun marsch, in die Remise
-mit Ihnen!“
-</p>
-
-<p>
-Damit schloß Hofrat Behrens die Unterredung und setzte
-sich an den Schreibtisch, um als Mann von vielen Geschäften
-die Pause bis zur nächsten Untersuchung mit schriftlicher Arbeit
-auszufüllen. Dr. Krokowski aber erhob sich von seinem
-Platze, schritt auf Hans Castorp zu, und, den Kopf schräg
-zurückgelegt, eine Hand auf der Schulter des jungen Mannes
-und kernig lächelnd, so daß in seinem Barte die gelblichen
-Zähne sichtbar wurden, schüttelte er ihm herzhaft die Rechte.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-6">
-<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a>
-Fünftes Kapitel
-</h2>
-
-</div>
-
-<h3 class="section1" id="subchap-0-6-1">
-Ewigkeitssuppe und plötzliche Klarheit
-</h3>
-
-<p class="first">
-Hier steht eine Erscheinung bevor, über die der Erzähler sich
-selbst zu wundern gut tut, damit nicht der Leser auf eigene
-Hand sich allzusehr darüber wundere. Während nämlich unser
-Rechenschaftsbericht über die ersten drei Wochen von Hans
-Castorps Aufenthalt bei denen hier oben (einundzwanzig Hochsommertage,
-auf die sich menschlicher Voraussicht nach dieser
-Aufenthalt überhaupt hatte beschränken sollen) Räume und
-Zeitmengen verschlungen hat, deren Ausdehnung unseren eigenen
-halb eingestandenen Erwartungen nur zu sehr entspricht,
-– wird die Bewältigung der nächsten drei Wochen seines Besuches
-an diesem Orte kaum so viele Zeilen, ja Worte und
-Augenblicke erfordern, als jener Seiten, Bogen, Stunden und
-Tagewerke gekostet hat: im Nu, das sehen wir kommen, werden
-diese drei Wochen hinter uns gebracht und beigesetzt sein.
-</p>
-
-<p>
-Dies also könnte wundernehmen; und doch ist es in der Ordnung
-und entspricht den Gesetzen des Erzählens und Zuhörens.
-Denn in der Ordnung ist es und diesen Gesetzen entspricht es,
-daß uns die Zeit genau so lang oder kurz wird, für unser Erlebnis
-sich genau ebenso breit macht oder zusammenschrumpft,
-wie dem auf so unerwartete Art vom Schicksal mit Beschlag
-belegten Helden unserer Geschichte, dem jungen Hans Castorp;
-und es mag nützlich sein, den Leser in Ansehung des Zeitgeheimnisses
-auf noch ganz andere Wunder und Phänomene,
-als das hier auffallende, vorzubereiten, die uns in seiner Gesellschaft
-zustoßen werden. Für jetzt genügt es, daß jedermann
-sich erinnert, wie rasch eine Reihe, ja eine „lange“ Reihe von
-Tagen vergeht, die man als Kranker im Bette verbringt: es
-<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a>
-ist immer derselbe Tag, der sich wiederholt; aber da es immer
-derselbe ist, so ist es im Grunde wenig korrekt, von „Wiederholung“
-zu sprechen; es sollte von Einerleiheit, von einem
-stehenden Jetzt oder von der Ewigkeit die Rede sein. Man bringt
-dir die Mittagssuppe, wie man sie dir gestern brachte und sie
-dir morgen bringen wird. Und in demselben Augenblick weht
-es dich an – du weißt nicht, wie und woher; dir schwindelt,
-indes du die Suppe kommen siehst, die Zeitformen verschwimmen
-dir, rinnen ineinander, und was sich als wahre Form des
-Seins dir enthüllt, ist eine ausdehnungslose Gegenwart, in
-welcher man dir ewig die Suppe bringt. Mit Bezug auf die
-Ewigkeit aber von Langerweile zu sprechen, wäre sehr paradox;
-und Paradoxe wollen wir meiden, besonders im Zusammenleben
-mit diesem Helden.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp also war bettlägrig seit Sonnabendnachmittag,
-da Hofrat Behrens, die oberste Autorität in der Welt,
-die uns einschließt, es so angeordnet hatte. Da lag er, sein
-Monogramm auf der Brusttasche seines Nachthemds, die
-Hände hinter dem Kopf gefaltet, in seinem reinlichen, weißen
-Bett, dem Totenbett der Amerikanerin und wahrscheinlich
-noch mancher anderen Person, und blickte mit einfachen, vom
-Schnupfen getrübten blauen Augen zur Zimmerdecke empor,
-die Sonderbarkeit seiner Lebenslage betrachtend. Dabei ist
-nicht anzunehmen, daß seine Augen ohne Schnupfen klar, hell
-und unzweideutig geblickt hätten, denn so sah es in seinem
-Inneren, wie einfach dieses auch sein mochte, nicht aus, sondern
-in der Tat sehr trübe, verworren, undeutlich-halbaufrichtig
-und zweifelhaft. Bald erschütterte, wie er so dalag,
-ein tolles, tief aufsteigendes Triumphgelächter von innen her
-seine Brust, und sein Herz stockte und schmerzte von einer nie
-<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a>
-gekannten, ausschweifenden Freude und Hoffnung; bald wieder
-erblaßte er vor Schrecken und Bangen, und es waren die
-Schläge des Gewissens selbst, mit denen sein Herz in raschem,
-fliegendem Takt gegen die Rippen pochte.
-</p>
-
-<p>
-Joachim ließ ihn am ersten Tage ganz in Ruhe und vermied
-jede Erörterung. Schonend trat er ein paarmal ins
-Krankenzimmer, nickte dem Liegenden zu und fragte der guten
-Form wegen, ob ihm was abgehe. Übrigens fiel es ihm
-um so leichter, Hans Castorps Scheu vor einer Auseinandersetzung
-zu erkennen und zu achten, als er sie teilte und sich nach
-seiner Auffassung sogar in einer peinlicheren Lage befand als
-dieser.
-</p>
-
-<p>
-Aber am Sonntagvormittag, nach seiner Rückkehr von dem
-wie früher allein zurückgelegten Morgenspaziergang, verschob
-er es trotzdem nicht länger, das nun unmittelbar Notwendigste
-mit seinem Vetter zu beraten. Er stellte sich an dessen
-Bett und sagte aufseufzend:
-</p>
-
-<p>
-„Ja, es hilft alles nichts, es müssen nun Schritte geschehen.
-Sie erwarten dich ja zu Hause.“
-</p>
-
-<p>
-„Noch nicht“, antwortete Hans Castorp.
-</p>
-
-<p>
-„Nein, aber in den nächsten Tagen, Mittwoch oder Donnerstag.“
-</p>
-
-<p>
-„Ach,“ sagte Hans Castorp, „sie erwarten mich überhaupt
-nicht so genau auf den Tag. Die haben anderes zu tun, als
-auf mich zu warten und die Tage zu zählen, bis ich wiederkomme.
-Wenn ich komme, so bin ich da, und Onkel Tienappel
-sagt: ‚Da bist du ja auch wieder!‘ und Onkel James sagt:
-‚Na, war’s schön.‘ Und wenn ich nicht komme, so dauert es
-lange, bis es ihnen auffällt, da kannst du sicher sein. Selbstverständlich
-müßte man sie mit der Zeit benachrichtigen ...“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a>
-„Du kannst dir denken,“ sagte Joachim und seufzte wieder,
-„wie unangenehm mir die Sache ist! Was soll denn jetzt
-werden? Natürlich fühle ich mich doch sozusagen verantwortlich.
-Du kommst hier herauf, um mich zu besuchen, und
-ich führe dich ein hier oben, und nun sitzst du fest, und niemand
-weiß, wann du wieder loskommst und deine Stelle antreten
-kannst. Du mußt einsehen, daß mir das im höchsten
-Grade peinlich ist.“
-</p>
-
-<p>
-„Erlaube mir!“ sagte Hans Castorp, immer die Hände unter
-dem Kopf. „Was machst denn du dir für Kopfzerbrechen?
-Das ist doch Unsinn. Bin ich heraufgekommen, um dich zu
-besuchen? Auch; aber in erster Linie doch schließlich, um mich
-zu erholen, auf Vorschrift von Heidekind. Na, und nun zeigt
-sich eben, daß ich erholungsbedürftiger bin, als er und wir
-alle uns haben träumen lassen. Ich bin ja wohl nicht der
-erste, der glaubte, hier eine Stippvisite zu machen, und für
-den es dann anders kam. Denke doch nur zum Beispiel an
-<span class="antiqua" lang="fr">Tous les deux’</span> zweiten Sohn, und wie es den hier denn doch
-noch ganz anders getroffen hat, – ich weiß nicht, ob er noch
-lebt, vielleicht haben sie ihn abgeholt während einer Mahlzeit.
-Daß ich etwas krank bin, ist mir ja eine Überraschung,
-ich muß mich erst darein finden, mich hier als Patient und
-richtig als einer von euch zu fühlen, statt, wie bisher, nur als
-Gast. Und dann überrascht es mich doch auch wieder fast gar
-nicht, denn so recht prachtvoll instand habe ich mich eigentlich
-niemals gefühlt, und wenn ich denke, wie früh meine beiden
-Eltern gestorben sind, – woher sollte die Pracht denn schließlich
-auch kommen! Daß du einen kleinen Knacks hast, nicht
-wahr, wenn er nun auch so gut wie kuriert ist, darüber machen
-wir uns ja alle nichts vor, und also kann es ja sein, daß es
-<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a>
-ein bißchen in unsrer Familie liegt, Behrens wenigstens machte
-so eine Bemerkung. Jedenfalls liege ich hier schon seit gestern
-und überlege mir, wie mir doch eigentlich immer zumute war
-und wie ich mich zu dem Ganzen verhielt, zum Leben, weißt
-du, und seinen Anforderungen. Ein gewisser Ernst und eine
-gewisse Abneigung gegen robustes und lautes Wesen lag immer
-in meiner Natur, – wir sprachen noch neulich davon, und
-daß ich manchmal fast Lust gehabt hätte, geistlich zu werden,
-aus Interesse für traurige und erbauliche Dinge, – so ein
-schwarzes Tuch, weißt du, mit einem silbernen Kreuz darauf
-oder <span class="antiqua" lang="la">R. I. P.</span> ... <span class="antiqua" lang="la">Requiescat in pace</span> ... das ist eigentlich
-das schönste Wort und mir viel sympathischer als ‚Hoch soll
-er leben‘, was doch mehr ein Radau ist. Das alles, denke ich
-mir, kommt wohl daher, daß ich selbst einen Knacks habe und
-mich von Anfang an auf die Krankheit verstehe, – es zeigt sich
-bei dieser Gelegenheit. Aber wenn es sich nun doch so verhält,
-so kann ich ja von Glück sagen, daß ich heraufgekommen bin
-und mich habe untersuchen lassen; du brauchst dir nicht die
-geringsten Vorwürfe deswegen zu machen. Denn du hast ja
-gehört: wenn ich es im Flachland noch eine Weile so weiter
-getrieben hätte, so wäre womöglich mir nichts dir nichts mein
-ganzer Lungenlappen zum Teufel gegangen.“
-</p>
-
-<p>
-„Das kann man nicht wissen!“ sagte Joachim. „Das ist
-es ja eben, daß man das gar nicht wissen kann! Du sollst ja
-früher schon Stellen gehabt haben, um die sich niemand gekümmert
-hat und die ganz von selbst verheilt sind, so daß du
-jetzt nur noch ein paar gleichgültige Dämpfungen davon hast.
-So wäre es möglicherweise auch mit der feuchten Stelle gegangen,
-die du jetzt haben sollst, wenn du nicht zufällig zu
-mir heraufgekommen wärst, – man kann es nicht wissen!“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a>
-„Nein, wissen kann man gar nichts“, antwortete Hans
-Castorp. „Und darum hat man kein Recht, das Ärgerlichste
-in Ansatz zu bringen, zum Beispiel auch was die Dauer meines
-Kuraufenthaltes betrifft. Du sagst, niemand weiß, wann
-ich loskomme und auf der Werft eintreten kann, aber du sagst
-es im pessimistischen Sinn, und das finde ich voreilig, da man
-es ja eben nicht wissen kann. Behrens hat keinen Termin genannt,
-er ist ein besonnener Mann und spielt nicht den Wahrsager.
-Es hat ja auch die Durchleuchtung und photographische
-Aufnahme noch gar nicht stattgefunden, die erst den Sachverhalt
-objektiv klarstellen wird, und wer weiß, ob da etwas
-Nennenswertes zutage kommt und ob ich nicht vorher schon
-fieberfrei bin und euch Adieu sagen kann. Ich bin dafür, daß
-wir uns nicht vor der Zeit aufspielen und denen zu Hause
-nicht gleich die größten Räubergeschichten erzählen. Es genügt,
-wenn wir nächstens mal schreiben – ich kann selbst schreiben,
-mit der Füllfeder hier, wenn ich mich etwas aufsetze –,
-daß ich stark erkältet und febril und bettlägrig bin und vorderhand
-noch nicht reisen kann. Das Weitere findet sich.“
-</p>
-
-<p>
-„Gut,“ sagte Joachim, „so können wir’s vorläufig machen.
-Und dann können wir ja auch mit dem anderen noch etwas
-zuwarten.“
-</p>
-
-<p>
-„Mit welchem anderen?“
-</p>
-
-<p>
-„Sei nicht so gedankenlos! Du bist doch nur auf drei
-Wochen eingerichtet mit deinem Kajütenkoffer. Du brauchst
-Wäsche, Unter- und Oberwäsche und Winterkleider, und
-brauchst mehr Schuhzeug. Schließlich, auch Geld mußt du
-dir kommen lassen.“
-</p>
-
-<p>
-„<em>Wenn</em>,“ sagte Hans Castorp, „<em>wenn</em> ich das alles
-brauche.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a>
-„Gut, warten wir’s ab. Aber wir sollten ... nein,“ sagte
-Joachim und ging in Bewegung durchs Zimmer, „wir sollten
-uns keine Illusionen machen! Ich bin zu lange hier, um
-nicht Bescheid zu wissen. Wenn Behrens sagt, daß da eine
-rauhe Stelle ist, beinah ein Geräusch ... Aber selbstverständlich,
-wir können ja zusehen!“ –
-</p>
-
-<p>
-Dabei blieb es für diesmal, und vorderhand traten die acht-
-und vierzehntägigen Abwandlungen des Normaltages in ihre
-Rechte, – auch in seiner gegenwärtigen Lage hatte Hans Castorp
-teil daran, wo nicht durch unmittelbaren Mitgenuß, so
-durch Berichte, die Joachim abstattete, wenn er ihn besuchte
-und sich für eine Viertelstunde auf seine Bettkante setzte.
-</p>
-
-<p>
-Das Teebrett, worauf man ihm am Sonntagmorgen sein
-Frühstück brachte, war mit einem Blumenväschen geschmückt,
-und man hatte nicht versäumt, ihm von dem Feingebäck zu
-schicken, das heute im Saale gereicht wurde. Später wurde
-es drunten im Garten und auf der Terrasse lebendig, und mit
-Trara und Klarinettengenäsel setzte das vierzehntägige Sonntagskonzert
-ein, zu dem Joachim sich bei seinem Vetter einfand:
-er nahm die Darbietung bei offener Balkontür draußen
-in der Loge entgegen, während Hans Castorp von seinem
-Bette aus, halb sitzend, den Kopf auf die Seite gelegt und
-liebevoll-andächtig verschwimmenden Blickes den heraufdrängenden
-Harmonien lauschte, nicht ohne innerlich achselzuckend
-der Redereien Settembrinis von der „politischen Verdächtigkeit“
-der Musik zu gedenken.
-</p>
-
-<p>
-Im übrigen, wie wir sagten, ließ er sich von Joachim über
-die Erscheinungen und Veranstaltungen dieser Tage Bericht
-erstatten, fragte ihn aus, ob der Sonntag festliche Toiletten
-gebracht habe, Spitzenmatinees oder dergleichen (für Spitzenmatinees
-<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a>
-war es jedoch zu kalt gewesen); auch ob nachmittags
-Wagenfahrten stattgefunden hätten (wirklich waren
-welche unternommen worden: der Verein „Halbe Lunge“ war
-<span class="antiqua" lang="la">in corpore</span> nach Clavadell ausgeflogen); und am Montag
-verlangte er, von Dr. Krokowskis Conférence zu hören, als
-Joachim davon zurückkehrte und, bevor er in die Mittagsliegekur
-ging, bei ihm vorsprach. Joachim zeigte sich mundfaul
-und abgeneigt, über den Vortrag zu berichten, – wie ja
-auch von dem vorigen weiter nicht zwischen den beiden die
-Rede gewesen war. Aber Hans Castorp bestand darauf,
-Einzelheiten zu hören. „Ich liege hier und zahle den vollen
-Preis“, sagte er. „Ich will auch etwas haben von dem, was
-geboten wird.“ Er erinnerte sich an den Montag vor vierzehn
-Tagen, an seinen selbständigen Spaziergang, der ihm so wenig
-gut getan, und gab der bestimmten Vermutung Ausdruck,
-daß er es eigentlich gewesen sei, der revolutionierend auf seinen
-Körper gewirkt und die still vorhandene Krankheit zum Ausbruch
-gebracht habe. „Aber wie die Leute hier reden,“ rief
-er; „das niedere Volk, – so würdig und feierlich: es klingt
-zuweilen wie Poesie. ‚Nun, so leb’ wohl und hab’ Dank!‘“
-wiederholte er, indem er die Sprechweise des Holzknechtes
-nachahmte. „So habe ich es im Walde gehört, und ich vergesse
-es meiner Lebtage nicht. Dergleichen verbindet sich dann
-mit anderen Eindrücken oder Erinnerungen, weißt du, und
-man behält es bis an sein Lebensende im Ohr. – Und Krokowski
-hat also wieder von ‚Liebe‘ gesprochen?“ fragte er und
-schnitt ein Gesicht bei dem Wort.
-</p>
-
-<p>
-„Selbstredend“, sagte Joachim. „Wovon denn sonst. Es
-ist ja nun einmal sein Thema.“
-</p>
-
-<p>
-„Was sagte er denn heute davon?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a>
-„Ach, nichts Besonderes. Du weißt ja selbst, vom vorigen
-Mal, wie er sich ausdrückt.“
-</p>
-
-<p>
-„Aber was gab er denn Neues zum besten?“
-</p>
-
-<p>
-„Nichts weiter Neues ... Ja, es war die reine Chemie,
-was er heute verzapfte“, ließ Joachim sich widerstrebend herbei,
-zu berichten. Es handele sich „dabei“ um eine Art von
-Vergiftung, von Selbstvergiftung des Organismus, habe
-Dr. Krokowski gesagt, die so entstehe, daß ein noch unbekannter,
-im Körper verbreiteter Stoff Zersetzung erfahre; und die
-Produkte dieser Zersetzung wirkten berauschend auf gewisse
-Rückenmarkszentren ein, nicht anders, als wie es sich bei der
-gewohnheitsmäßigen Einführung von fremden Giftstoffen,
-Morphin oder Kokain, verhalte.
-</p>
-
-<p>
-„Und dann kriegt man heitere Bäckchen!“ sagte Hans Castorp.
-„Sieh an, das ist ja hörenswert. Was der nicht alles
-weiß –. Er hat es mit Löffeln gegessen. Warte nur, eines
-Tages entdeckt er dir noch den unbekannten Stoff, der im
-ganzen Körper verbreitet ist, und stellt die löslichen Gifte her,
-die berauschend aufs Zentrum wirken, dann kann er die Leute
-auf eine besondere Weise beschwipsen. Vielleicht war man
-früher schon einmal so weit. Wenn man ihn hört, so könnte
-man denken, daß etwas Wahres ist an den Geschichten von
-Liebestränken und solchem Zeug, wovon in den Sagenbüchern
-die Rede ist ... Gehst du schon?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja,“ sagte Joachim, „ich muß unbedingt noch etwas
-liegen. Ich habe ansteigende Kurve seit gestern. Die Sache
-mit dir hat mir doch etwas zugesetzt.“ –
-</p>
-
-<p>
-Das war der Sonntag, der Montag. Aus Abend und
-Morgen wurde der dritte Tag von Hans Castorps Aufenthalt
-in der „Remise“, ein Wochentag ohne Auszeichnung, der
-<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a>
-Dienstag. Es war aber der Tag seiner Ankunft hier oben,
-er war nun rund drei Wochen an diesem Ort, und so trieb
-es ihn doch, den Brief nach Hause zu schreiben und seine
-Onkel wenigstens obenhin und für den Augenblick über den
-Stand der Dinge zu unterrichten. Sein Plumeau im Rücken,
-schrieb er auf einem Briefbogen der Anstalt, daß seine Abreise
-von hier sich planwidrig verzögere. Er liege mit einer
-fieberigen Erkältung, die von Hofrat Behrens, übergewissenhaft,
-wie er wohl sei, offenbar nicht ganz auf die leichte
-Achsel genommen werde, da er sie mit seiner, des Schreibers,
-Konstitution überhaupt in Zusammenhang bringe. Denn
-gleich bei der ersten Bekanntschaft habe der dirigierende Arzt
-ihn stark anämisch gefunden, und alles in allem scheine es,
-als ob maßgeblicherseits die von ihm, Hans Castorp, zu seiner
-Erholung angesetzte Frist nicht für recht ausreichend erachtet
-werde. Weiteres ehetunlichst. – So ist es gut, dachte
-Hans Castorp. Da ist kein Wort zu viel und doch hält es auf
-jeden Fall eine Weile vor. – Der Brief wurde dem Hausdiener
-übergeben, der ihn unter Vermeidung des Umweges
-über den Kasten unmittelbar zum nächsten fahrplanmäßigen
-Zug beförderte.
-</p>
-
-<p>
-Hiernach schien unserem Abenteurer vieles geordnet, und
-mit beschwichtigtem Gemüt, wenn auch geplagt von Husten
-und Schnupfendumpfheit, lebte er abwartend in den Tag
-hinein, den vielfach in kurze Stückchen geteilten und in seiner
-feststehenden Einförmigkeit weder kurz- noch langweiligen
-Normaltag, der immer derselbe war. Morgens trat nach
-mächtigem Anklopfen der Bademeister herein, ein nerviges
-Individuum namens Turnherr, mit aufgerollten Hemdärmeln,
-hochgeäderten Unterarmen und einer gurgelnden, schwer
-<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a>
-behinderten Sprechart, der Hans Castorp, wie alle Patienten,
-mit seiner Zimmernummer anredete und ihn mit Alkohol abrieb.
-Nicht lange nach seinem Abgang erschien Joachim, fertig
-angezogen, um Guten Morgen zu sagen, nach seines Vetters
-Sieben-Uhr-früh-Temperatur zu fragen und seine eigene mitzuteilen.
-Während er drunten frühstückte, tat Hans Castorp,
-sein Plumeau im Rücken, mit dem Appetit, den eine neue
-Lebenslage erzeugt, dasselbe –, kaum gestört durch den geschäftig-geschäftsmäßigen
-Einbruch der Ärzte, die um diese
-Zeit den Speisesaal passiert hatten und ihren Rundgang durch
-die Zimmer der Bettlägrigen und Moribunden im Geschwindschritt
-zurücklegten. Den Mund voll Eingemachtem, bekundete
-er, „schön“ geschlafen zu haben, sah über den Rand seiner
-Tasse hin zu, wie der Hofrat, der seine Fäuste auf die Platte
-des Mitteltisches stemmte, rasch die dort aufliegende Fiebertabelle
-prüfte, und erwiderte gleichmütig gedehnten Tones
-den Morgengruß der Abziehenden. Dann zündete er sich eine
-Zigarette an und sah Joachim schon von seinem morgendlichen
-Dienstgang wieder zurückkehren, wenn er kaum gedacht
-hatte, daß er fortgegangen sei. Wieder plauderten sie dies
-und das, und der Zeit-Zwischenraum bis zum zweiten Frühstück
-– Joachim hielt Liegekur unterdessen – war so kurz, daß
-selbst ein ausgemachter Hohlkopf und Geistesarmer es nicht
-zur Langenweile gebracht haben würde, – während doch Hans
-Castorp an den Eindrücken seiner ersten drei Wochen hier oben
-reichlich zu zehren, auch seine gegenwärtige Lebenslage und
-was etwa daraus werden mochte, innerlich zu bearbeiten hatte
-und der beiden dicken Bände einer illustrierten Zeitschrift kaum
-bedurft hätte, die, der Anstaltsbibliothek entstammend, auf
-seinem Nachttisch lagen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a>
-Nichts anderes gilt für die Zeitspanne, während der Joachim
-seinen zweiten Gang nach Platz Davos absolvierte, ein
-leichtes Stündchen. Er sprach dann wieder vor bei Hans Castorp
-und erzählte von dem und jenem, was ihm im Spazieren
-auffällig geworden, stand oder saß einen Augenblick am Krankenbette,
-bevor er in die Mittagsliegekur ging, – und wie
-lange dauerte die? Nur wieder ein Stündchen! Man hatte
-kaum, die Hände hinter dem Kopf gefaltet, ein wenig zur
-Decke geblickt und einem Gedanken nachgehangen, so dröhnte
-das Gong, das die nicht Bettlägrigen und Moribunden aufforderte,
-sich zur großen Mahlzeit instandzusetzen.
-</p>
-
-<p>
-Joachim ging, und es kam die „Mittagssuppe“: ein einfältig
-symbolischer Name für das, was kam! Denn Hans
-Castorp war nicht auf Krankenkost gesetzt, – warum auch
-hätte man ihn darauf setzen sollen? Krankenkost, schmale
-Kost war auf keine Art indiziert bei seinem Zustande. Er lag
-hier und zahlte den vollen Preis, und was man ihm bringt
-in der stehenden Ewigkeit dieser Stunde, das ist keine „Mittagssuppe“,
-es ist das sechsgängige Berghof-Diner ohne Abzug
-und in aller Ausführlichkeit, – am Alltage üppig, am
-Sonntage ein Gala-, Lust- und Parademahl, von einem
-europäisch erzogenen Chef in der Luxushotelküche der Anstalt
-bereitet. Die Saaltochter, deren Amt es war, die Bettlägrigen
-zu versorgen, brachte es ihm unter vernickelten Hohldeckeln
-und in leckeren Tiegeln; sie schob den Krankentisch, der sich eingefunden,
-dies einbeinige Wunder von Gleichgewichtskonstruktion,
-quer über sein Bett vor ihn hin, und Hans Castorp tafelte
-daran wie der Sohn des Schneiders am Tischlein deck dich.
-</p>
-
-<p>
-Kaum hatte er abgespeist, so kehrte auch Joachim zurück,
-und bis dieser in seine Loggia ging und die Stille der großen
-<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a>
-Liegekur sich über Haus „Berghof“ senkte, war es soviel wie
-halb drei geworden. Nicht ganz, vielleicht; genau genommen
-wohl erst ein Viertel über zwei. Aber solche überzähligen
-Viertelstunden außerhalb runder Einheiten werden nicht mitgerechnet,
-sondern nebenbei verschlungen, wo großzügige Zeitwirtschaft
-herrscht, wie etwa auf Reisen, bei vielstündiger
-Bahnfahrt oder sonst in leerem, wartendem Zustande, wenn
-alles Streben und Leben aufs Hinbringen und Zurücklegen
-von Zeit zurückgeführt ist. Ein Viertel über zwei Uhr – das
-gilt für halb drei; es gilt in Gottes Namen auch gleich für drei
-Uhr, da schon die Drei im Spiele ist. Die dreißig Minuten
-werden als Auftakt zur runden Stunde von drei bis vier Uhr
-verstanden und innerlich beseitigt: so macht man es unter
-solchen Umständen. Und so beschränkte sich denn die Dauer
-der großen Liegekur schließlich und eigentlich wieder auf eine
-Stunde, – die übrigens an ihrem Ende vermindert, weggestutzt
-und gleichsam apostrophiert wurde. Der Apostroph war Dr.
-Krokowski.
-</p>
-
-<p>
-Ja, Dr. Krokowski beschrieb auf seinem selbständigen Nachmittagsrundgang
-keinen Bogen mehr um Hans Castorp.
-Dieser zählte nun mit, er war nicht länger ein Intervall und
-Hiatus, er war Patient, er wurde gefragt und nicht links
-liegengelassen, wie es zu seinem geheimen und leichten, aber
-täglich wieder empfundenen Ärger so lange geschehen war.
-Es war am Montag gewesen, daß Dr. Krokowski zum erstenmal
-im Zimmer erschienen war, – wir sagen „erschienen“,
-denn das ist das rechte Wort für den sonderbaren und sogar
-etwas entsetzlichen Eindruck, dessen Hans Castorp sich damals
-nicht hatte erwehren können. Er hatte im Halb- oder Viertelschlummer
-gelegen, als er aufschreckend gewahrte, daß der
-<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a>
-Assistent im Zimmer war, ohne durch die Tür hereingelangt
-zu sein, und von der Außenseite her auf ihn zuschritt. Denn
-sein Weg war nicht über den Korridor, sondern durch die
-äußeren Loggien gewesen, und durch die offene Balkontür war
-er eingetreten, so daß sich die Vorstellung aufdrängte, als sei
-er durch die Lüfte gekommen. Da hatte er nun jedenfalls an
-Hans Castorps Lager gestanden, schwarzbleich, breitschultrig
-und stämmig, der Apostroph der Stunde, und in seinem geteilten
-Bart waren gelblich und mannhaft lächelnd die Zähne
-zu sehen gewesen.
-</p>
-
-<p>
-„Sie scheinen überrascht, mich zu sehen, Herr Castorp,“
-hatte er mit baritonaler Milde, schleppend, unbedingt etwas
-geziert und mit einem exotischen Gaumen-r gesprochen, das er
-jedoch nicht rollte, sondern durch ein nur einmaliges Anschlagen
-der Zunge gleich hinter den oberen Vorderzähnen erzeugte;
-„ich erfülle aber lediglich eine angenehme Pflicht, wenn ich bei
-Ihnen nun auch nach dem Rechten sehe. Ihr Verhältnis zu
-uns ist in eine neue Phase getreten, über Nacht ist aus dem
-Gaste ein Kamerad geworden ...“ (Das Wort „Kamerad“
-hatte Hans Castorp etwas geängstigt.) „Wer hätte es gedacht!“
-hatte Dr. Krokowski kameradschaftlich gescherzt ...
-„Wer hätte es gedacht an dem Abend, als ich Sie zuerst begrüßen
-durfte und Sie meiner irrigen Auffassung – damals
-war sie irrig – mit der Erklärung begegneten, Sie seien vollkommen
-gesund. Ich glaube, ich drückte damals etwas wie
-einen Zweifel aus, aber, ich versichere Sie, ich meinte es nicht
-so! Ich will mich nicht scharfsichtiger hinstellen, als ich bin,
-ich dachte damals an keine feuchte Stelle, ich meinte es anders,
-allgemeiner, philosophischer, ich verlautbarte meinen Zweifel
-daran, daß ‚Mensch‘ und ‚vollkommene Gesundheit‘ überhaupt
-<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a>
-Reimworte seien. Und auch heute noch, auch nach dem Verlauf
-Ihrer Untersuchung, kann ich, wie ich nun einmal bin,
-und im Unterschiede von meinem verehrten Chef, diese feuchte
-Stelle da“ – und er hatte mit der Fingerspitze leicht Hans
-Castorps Schulter berührt – „nicht als im Vordergrunde des
-Interesses stehend erachten. Sie ist für mich eine sekundäre
-Erscheinung ... Das Organische ist immer sekundär ...“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp war zusammengezuckt.
-</p>
-
-<p>
-„... Und also ist Ihr Katarrh in meinen Augen eine Erscheinung
-dritter Ordnung“, hatte Dr. Krokowski sehr leicht
-hinzugefügt. „Wie steht es damit? Die Bettruhe wird in
-dieser Hinsicht gewiß rasch das ihre tun. Was haben Sie
-heute gemessen?“ Und von da an hatte der Besuch des Assistenten
-den Charakter einer harmlosen Kontrollvisite getragen,
-wie er ihn denn auch in den folgenden Tagen und Wochen
-beständig trug: Dr. Krokowski kam ¾4 Uhr oder auch schon
-etwas früher über den Balkon herein, begrüßte den Liegenden
-auf mannhaft heitere Art, stellte die einfachsten ärztlichen
-Fragen, leitete auch wohl ein kurzes, persönlicher bestimmtes
-Geplauder ein, scherzte kameradschaftlich, – und wenn alles
-dies eines Anfluges von Bedenklichkeit nicht entbehrte, so gewöhnt
-man sich endlich auch an das Bedenkliche, falls es in
-seinen Grenzen bleibt, und Hans Castorp fand bald nichts
-mehr gegen das regelmäßige Erscheinen Dr. Krokowskis zu
-erinnern, das nun einmal zum stehenden Normaltage gehörte
-und die Stunde der großen Liegekur apostrophierte.
-</p>
-
-<p>
-Es war also 4 Uhr, wenn der Assistent wieder auf den
-Balkon zurücktrat, – das heißt tiefer Nachmittag! Plötzlich
-und eh mans gedacht, war es tiefer Nachmittag, – der sich
-übrigens ungesäumt ins annähernd Abendliche vertiefte: denn
-<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a>
-bis der Tee getrunken war, drunten im Saal und auf Nummer
-34, ging es stärkstens auf 5 Uhr und, bis Joachim von
-seinem dritten Dienstgange zurückkehrte und bei seinem Vetter
-wieder vorsprach, immerhin so stark auf 6, daß sich die Liegekur
-bis zum Abendessen, wenn man nur ein wenig rund rechnete,
-wieder auf eine Stunde beschränkte, – eine spielend aus
-dem Felde zu schlagende Zeitgegnerschaft, wenn man Gedanken
-im Kopf und außerdem einen ganzen <span class="antiqua" lang="la">orbis pictus</span> auf
-dem Nachttische hat.
-</p>
-
-<p>
-Joachim verabschiedete sich zur Mahlzeit. Das Essen wurde
-gebracht. Das Tal hatte sich längst mit Schatten gefüllt, und
-während Hans Castorp aß, dunkelte es zusehens im weißen
-Zimmer. Er saß, wenn er fertig war, in sein Plumeau gelehnt,
-vor dem abgegessenen Tischleindeckdich und blickte in die
-rasch zunehmende Dämmerung, die Dämmerung von heute,
-die von der gestrigen, vorgestrigen oder der vor acht Tagen
-nur schwer zu unterscheiden war. Es war Abend, – nachdem
-es eben noch Morgen gewesen. Der zerkleinerte und künstlich
-kurzweilig gemachte Tag war ihm buchstäblich unter den Händen
-zerbröckelt und zunichte geworden, wie er mit heiterer Verwunderung
-oder allenfalls nachdenklich bemerkte; denn Grauen
-hiervor war seinen Jahren noch fremd. Ihm war nur, als
-blicke er „immer noch“.
-</p>
-
-<p>
-Eines Tages, es mochten zehn oder zwölf vergangen sein,
-seit Hans Castorp bettlägrig geworden war, pochte es um
-diese Stunde, das heißt: bevor Joachim vom Abendessen und
-von der Geselligkeit zurückgekehrt war, an die Stubentür, und
-auf Hans Castorps fragendes Herein erschien Lodovico Settembrini
-auf der Schwelle, – wobei es mit einem Schlage
-blendend hell im Zimmer wurde. Denn des Besuchers erste
-<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a>
-Bewegung, bei noch offener Tür, war gewesen, daß er das
-Deckenlicht eingeschaltet hatte, welches, von dem Weiß der
-Decke, der Möbel zurückgeworfen, den Raum im Nu mit
-zitternder Klarheit überfüllte.
-</p>
-
-<p>
-Der Italiener war die einzige Persönlichkeit unter den Kurgästen,
-nach der Hans Castorp sich in diesen Tagen ausdrücklich
-und namentlich bei Joachim erkundigt hatte. Joachim
-berichtete ihm ja ohnedies, sooft er für zehn Minuten auf
-seines Vetters Bettrand saß oder neben ihm stand – und das
-geschah zehnmal am Tage – von den kleinen Vorkommnissen
-und Schwankungen im Alltagsleben der Anstalt, und soweit
-Hans Castorp Fragen gestellt hatte, waren sie allgemeiner
-und unpersönlicher Art gewesen. Die Neugier des Isolierten
-ging dahin, zu wissen, ob etwa neue Gäste angekommen oder
-von den vertrauten Physiognomien jemand abgereist sei; und
-es schien ihn zu befriedigen, daß nur jenes der Fall war. Ein
-„Neuer“ war eingetroffen, ein junger Mann, grünlich und
-hohl von Gesicht, und hatte seinen Platz am Tische der elfenbeinernen
-Levi und der Frau Iltis, gleich rechts von dem der
-Vettern erhalten. Nun, Hans Castorp konnte es erwarten,
-ihn in Augenschein zu nehmen. Abgereist war also niemand?
-Joachim verneinte kurz, indem er die Augen niederschlug.
-Aber er mußte die Frage mehrmals beantworten, eigentlich
-jeden zweiten Tag, obgleich er schließlich, eine gewisse Ungeduld
-in der Stimme, ein für allemal Bescheid zu geben versucht
-und gesagt hatte, seines Wissens stehe niemand vor der
-Abreise, so schlankerhand werde hier überhaupt ja nicht abgereist.
-</p>
-
-<p>
-Was Settembrini betraf, so hatte also Hans Castorp persönlich
-nach ihm gefragt und zu hören verlangt, was jener
-<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a>
-„dazu gesagt“ habe. Wozu? „Nun, daß ich hier liege und
-krank sein soll.“ Wirklich hatte Settembrini sich geäußert,
-wenn auch sehr knapp. Gleich am Tage von Hans Castorps
-Verschwinden war er an Joachim mit der Frage nach dem
-Verbleib des Gastes herangetreten, wobei er sichtlich zu erfahren
-bereit gewesen war, daß Hans Castorp abgereist sei.
-Auf Joachims Erklärungen hatte er nur mit zwei italienischen
-Wörtern erwidert: zuerst hatte er „<span class="antiqua" lang="it">Ecco</span>“ und dann „<span class="antiqua" lang="it">Poveretto</span>“
-gesagt, zu deutsch: „da haben wir’s“ und „armer
-Kleiner“, – man brauchte nicht mehr Italienisch zu verstehen
-als die beiden jungen Leute, um den Sinn dieser beiden
-Äußerungen zu erfassen. „Wieso ‚<span class="antiqua" lang="it">poveretto</span>‘?“ hatte Hans
-Castorp gesagt. „Er sitzt doch auch hier oben mit seiner Literatur,
-die aus Humanismus und Politik besteht, und kann
-die irdischen Lebensinteressen wenig fördern. Er sollte mich
-nur nicht so von oben herab bemitleiden, ich komme immer
-noch früher ins Flachland als er.“
-</p>
-
-<p>
-Nun also stand Herr Settembrini im jäh erleuchteten Zimmer,
-– Hans Castorp, der sich auf den Ellbogen gestützt und
-zur Tür gewandt hatte, erkannte ihn blinzelnd und errötete,
-als er ihn erkannte. Wie immer trug Settembrini seinen dicken
-Rock mit den großen Aufschlägen, einen etwas schadhaften
-Umlegekragen dazu und die karierten Hosen. Da er vom
-Essen kam, hielt er nach seiner Gewohnheit einen hölzernen
-Zahnstocher zwischen den Lippen. Sein Mundwinkel unter
-der schönen Schnurrbartbiegung war zu dem bekannten feinen,
-nüchternen und kritischen Lächeln gespannt.
-</p>
-
-<p>
-„Guten Abend, Ingenieur! Ist es erlaubt, sich nach Ihnen
-umzusehen? Wenn ja, so bedarf es dazu des Lichtes, – verzeihen
-Sie meine Eigenmächtigkeit!“ sagte er, indem er die
-<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a>
-kleine Hand schwunghaft zur Deckenlampe emporwarf. „Sie
-kontemplierten, – ich möchte beileibe nicht stören. Neigung
-zur Nachdenklichkeit wäre mir ganz begreiflich in Ihrem Fall,
-und zum Plaudern haben Sie schließlich Ihren Vetter. Sie
-sehen, meine Überflüssigkeit ist mir vollkommen deutlich.
-Trotzdem, man lebt auf so engem Raum beieinander, man
-faßt Teilnahme von Mensch zu Mensch, geistige Teilnahme,
-Herzensteilnahme ... Es ist eine gute Woche, daß man Sie
-nicht sieht. Ich fing wahrhaftig an, mir einzubilden, Sie seien
-abgereist, als ich Ihren Platz drunten im Refektorium leer
-sah. Der Leutnant belehrte mich eines Besseren, hm, eines
-weniger Guten, wenn das nicht unhöflich klingt ... Kurz,
-wie geht es? Was treiben Sie? Wie fühlen Sie sich? Doch
-nicht allzu niedergeschlagen?“
-</p>
-
-<p>
-„Sie sind es, Herr Settembrini! Das ist ja freundlich.
-Ha, ha, ‚Refektorium‘? Da haben Sie gleich wieder einen
-Witz gemacht. Nehmen Sie den Stuhl, bitte. Sie stören mich
-keine Spur. Ich lag da und sinnierte, – sinnieren ist schon
-viel zu viel gesagt. Ich war einfach zu faul, das Licht anzudrehen.
-Danke vielmals, es geht mir subjektiv so gut wie
-normal. Mein Schnupfen ist beinahe behoben durch die Bettruhe,
-aber er soll ja eine sekundäre Erscheinung sein, wie ich
-allgemein höre. Die Temperatur ist eben immer noch nicht,
-wie sie sein sollte, mal 37,5, mal 37,7, das hat sich in diesen
-Tagen noch nicht geändert.“
-</p>
-
-<p>
-„Sie nehmen regelmäßig Messungen vor?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, sechsmal am Tage, ganz wie sie alle hier oben. Haha,
-entschuldigen Sie, ich muß noch lachen darüber, daß Sie
-unsern Speisesaal ‚Refektorium‘ nannten. So sagt man doch
-im Kloster, nicht? Davon hat es hier wirklich etwas, – ich
-<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a>
-war ja noch nie in einem Kloster, aber so ähnlich stelle ich es
-mir vor. Und die ‚Regeln‘ habe ich auch schon am Schnürchen
-und beobachte sie ganz genau.“
-</p>
-
-<p>
-„Wie ein frommer Bruder. Man kann sagen, Ihr Noviziat
-ist beendet, Sie haben Profeß getan. Meine feierliche
-Gratulation. Sie sagen ja auch schon ‚unser Speisesaal‘.
-Übrigens – ohne Ihrer Manneswürde zu nahe treten zu
-wollen – erinnern Sie mich fast mehr an ein junges Nönnlein
-als an einen Mönch, – an so ein eben geschorenes, unschuldiges
-Bräutchen Christi mit großen Opferaugen. Ich habe
-früher hie und da solche Lämmer gesehen nie ohne ... nie
-ohne eine gewisse Sentimentalität. Ah, ja, ja, Ihr Herr Vetter
-hat mir alles erzählt. Sie haben sich also im letzten Moment
-noch untersuchen lassen.“
-</p>
-
-<p>
-„Da ich febril war –. Ich bitte Sie, Herr Settembrini, bei
-einem solchen Katarrh hätte ich mich in der Ebene an unseren
-Arzt gewandt. Und hier, wo man sozusagen an der Quelle
-sitzt, wo zwei Spezialisten im Hause sind, – es wäre doch
-komisch gewesen ...“
-</p>
-
-<p>
-„Versteht sich, versteht sich. Und gemessen hatten Sie sich
-also schon, bevor man es Ihnen aufgetragen. Man hatte es
-Ihnen übrigens sofort empfohlen. Das Thermometer hat
-Ihnen die Mylendonk zugesteckt?“
-</p>
-
-<p>
-„Zugesteckt? Da der Bedarfsfall vorlag, habe ich ihr eines
-abgekauft.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich verstehe. Ein einwandfreies Handelsgeschäft. Und
-wieviel Monate hat der Chef Ihnen aufgebrummt? ...
-Großer Gott, so habe ich Sie schon einmal gefragt! Erinnern
-Sie sich? Sie waren frisch angekommen. Sie antworteten
-so keck damals ...“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a>
-„Natürlich weiß ich das noch, Herr Settembrini. Viel
-Neues habe ich seitdem erlebt, aber das weiß ich doch noch
-wie heute. Gleich damals waren Sie so amüsant und machten
-Hofrat Behrens zum Höllenrichter ... Rhadames ... Nein,
-warten Sie, das ist was anderes ...“
-</p>
-
-<p>
-„Rhadamanthys? Mag sein, daß ich ihn beiläufig so
-nannte. Ich behalte nicht alles, was mein Kopf gelegentlich
-hervorsprudelt.“
-</p>
-
-<p>
-„Rhadamanthys, natürlich! Minos und Rhadamanthys!
-Auch von Carducci erzählten Sie uns damals gleich ...“
-</p>
-
-<p>
-„Erlauben Sie, lieber Freund, <em>den</em> wollen wir beiseite lassen.
-<em>Der</em> Name nimmt sich in diesem Augenblick gar zu
-fremdartig aus in Ihrem Munde!“
-</p>
-
-<p>
-„Auch gut“, lachte Hans Castorp. „Ich habe durch Sie
-aber doch viel über ihn gelernt. Ja, damals hatte ich keine
-Ahnung und antwortete Ihnen, ich sei auf drei Wochen gekommen,
-anders wußte ich’s nicht. Gerade hatte die Kleefeld
-mich zur Begrüßung mit dem Pneumothorax angepfiffen, davon
-war ich etwas außer mir. Aber auch febril fühlte ich mich
-damals gleich, denn die Luft hier ist ja nicht nur gut <em>gegen</em>
-die Krankheit, sie ist auch gut <em>für</em> die Krankheit, manchmal
-bringt sie sie erst zum Ausbruch, und das ist am Ende wohl
-nötig, wenn Heilung eintreten soll.“
-</p>
-
-<p>
-„Eine bestechende Hypothese. Hat Hofrat Behrens Ihnen
-auch von der Deutschrussin erzählt, die wir voriges Jahr, –
-nein: vorvoriges Jahr fünf Monate hier hatten? Nicht?
-Das hätte er tun sollen. Eine liebenswürdige Dame, deutschrussisch
-ihrer Abstammung nach, verheiratet, junge Mutter.
-Sie kam aus dem Osten hierher, lymphatisch, blutarm, es
-lag auch wohl etwas Ernsthafteres vor. Nun, sie lebt einen
-<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a>
-Monat hier und klagt, sie fühle sich schlecht. Nur Geduld!
-Es vergeht ein zweiter Monat, und sie behauptet fortgesetzt,
-daß es ihr nicht besser, sondern schlechter geht. Ihr wird bedeutet,
-wie es ihr <em>gehe</em>, könne einzig und allein der Arzt beurteilen;
-sie könne nur angeben, wie sie sich <em>fühle</em>, – und
-daran sei wenig gelegen. Mit ihrer Lunge sei man zufrieden.
-Gut, sie schweigt, sie macht Kur und verliert allwöchentlich an
-Gewicht. Im vierten Monat wird sie bei Untersuchungen ohnmächtig.
-Das schade nichts, erklärt Behrens; mit ihrer Lunge
-sei er recht wohl zufrieden. Als sie aber im fünften Monat
-nicht mehr gehen kann, schreibt sie dies ihrem Manne nach
-Osten, und Behrens bekommt einen Brief von ihm, – es stand
-‚Persönlich‘ und ‚Dringlich‘ darauf in markiger Schrift, ich
-habe ihn selbst gesehen. Ja, sagt Behrens nun und zuckt die
-Achseln, es scheine sich ja herauszustellen, daß sie offenbar das
-Klima hier nicht vertrage. Die Frau war außer sich. Das
-hätte er ihr doch früher sagen müssen, rief sie, sie habe es
-immer gefühlt, ganz und gar verdorben habe sie sich! ...
-Wir wollen hoffen, daß sie bei <a id="corr-49"></a>ihrem Mann im Osten wieder
-zu Kräften gekommen ist.“
-</p>
-
-<p>
-„Ausgezeichnet! Sie erzählen so hübsch, Herr Settembrini,
-geradezu plastisch ist jedes Ihrer Worte. Auch über die Geschichte
-mit dem Fräulein, das im See badete, und der man
-die Stumme Schwester gab, habe ich noch oft im stillen
-lachen müssen. Ja, was alles vorkommt. Man lernt gewiß
-nicht aus. Mein eigener Fall liegt übrigens noch ganz im
-Ungewissen. Der Hofrat will ja eine Kleinigkeit bei mir gefunden
-haben, – die alten Stellen, wo ich früher schon krank
-war, ohne es zu wissen, habe ich selbst beim Klopfen gehört,
-und nun soll auch eine frische hier irgendwo zu hören sein –
-<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a>
-ha, ‚frisch‘ ist übrigens eigentümlich gesagt in diesem Zusammenhang.
-Aber bis jetzt handelt es sich ja nur um akustische
-Wahrnehmungen, und die rechte diagnostische Sicherheit werden
-wir erst haben, wenn ich wieder auf bin und die Durchleuchtung
-und photographische Aufnahme stattgefunden hat.
-Dann werden wir positiv Bescheid wissen.“
-</p>
-
-<p>
-„Meinen Sie? – Wissen Sie, daß die photographische
-Platte oft Flecken zeigt, die man für Kavernen hält, während
-sie bloß Schatten sind, und daß sie da, <em>wo</em> etwas ist, zuweilen
-<em>keine Flecken</em> zeigt? Madonna, die photographische Platte!
-Hier war ein junger Numismatiker, der fieberte; und da er
-fieberte, sah man deutlich Kavernen auf der photographischen
-Platte. Man wollte sie sogar gehört haben! Er wurde auf
-Phthisis behandelt, und darüber starb er. Die Obduktion lehrte,
-daß seiner Lunge nichts fehlte, und daß er an irgendwelchen
-Kokken gestorben war.“
-</p>
-
-<p>
-„Nun, hören Sie, Herr Settembrini, gleich von Obduktion
-reden Sie! Soweit ist es mit mir denn doch wohl noch nicht.“
-</p>
-
-<p>
-„Ingenieur, Sie sind ein Schalk.“
-</p>
-
-<p>
-„Und Sie sind durch und durch ein Kritiker und Zweifler,
-das muß man sagen! Nicht einmal an die exakte Wissenschaft
-glauben Sie. Zeigt denn bei <em>Ihnen</em> die Platte Flecken?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, sie zeigt welche.“
-</p>
-
-<p>
-„Und sind Sie wirklich etwas krank?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, ich bin leider ziemlich krank“, erwiderte Herr Settembrini
-und ließ das Haupt sinken. Es trat eine Pause ein, in
-der er hüstelte. Hans Castorp blickte aus seiner Ruhelage auf
-den zum Schweigen gebrachten Gast. Ihm war, als hätte
-er mit seinen beiden sehr einfachen Fragen alles mögliche
-widerlegt und zum Verstummen gebracht, sogar die Republik
-<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a>
-und den schönen Stil. Von seiner Seite tat er nichts, um
-das Gespräch wieder in Gang zu bringen.
-</p>
-
-<p>
-Nach einer Weile richtete Herr Settembrini sich lächelnd
-wieder auf.
-</p>
-
-<p>
-„Erzählen Sie mir nun, Ingenieur,“ sagte er, „wie haben
-die Ihren die Nachricht aufgenommen?“
-</p>
-
-<p>
-„Das heißt, welche Nachricht? Von der Verzögerung meiner
-Abreise? Ach, die Meinen, wissen Sie, die Meinen zu Hause
-bestehen aus drei Onkels, einem Großonkel und zwei Söhnen
-von ihm, zu denen ich mehr in Vetternverhältnis stehe. Weiter
-habe ich keine Meinen, ich bin ja sehr früh Doppelwaise geworden.
-Aufgenommen? Sie wissen ja noch nicht viel, nicht
-mehr, als ich selbst. Zu Anfang, als ich mich legen mußte, habe
-ich ihnen geschrieben, ich sei stark erkältet und könne nicht reisen.
-Und gestern, da es nun doch ein bißchen lange dauerte, habe
-ich noch einmal geschrieben und gesagt, Hofrat Behrens sei
-durch den Katarrh auf den Zustand meiner Brust aufmerksam
-geworden und dringe darauf, daß ich meinen Aufenthalt verlängere,
-bis Klarheit darüber geschaffen ist. Davon werden
-sie sehr ruhigen Blutes Kenntnis genommen haben.“
-</p>
-
-<p>
-„Und Ihr Posten? Sie sprachen von einem praktischen
-Wirkungskreis, in den Sie eben einzutreten gedachten.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, als Volontär. Ich habe gebeten, mich vorläufig auf
-der Werft zu entschuldigen. Sie müssen nicht denken, daß deswegen
-da Verzweiflung herrscht. Die können sich beliebig
-lange auch ohne Volontär behelfen.“
-</p>
-
-<p>
-„Sehr gut! Von dieser Seite betrachtet, ist also alles in
-Ordnung. Phlegma auf der ganzen Linie. Man ist überhaupt
-phlegmatisch bei Ihnen zu Lande, nicht wahr? Aber
-auch energisch!“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a>
-„O ja, energisch auch, doch, sehr energisch“, sagte Hans Castorp.
-Er prüfte die heimatliche Lebensstimmung aus der Entfernung
-und fand, daß sein Unterredner sie richtig kennzeichne.
-„Phlegmatisch und energisch, so sind sie wohl.“
-</p>
-
-<p>
-„Nun,“ fuhr Herr Settembrini fort, „sollten Sie länger
-bleiben, so wird es ja nicht fehlen, daß wir hier oben die Bekanntschaft
-Ihres Herrn Onkels – ich meine den Großonkel –
-machen. Zweifellos wird er heraufkommen, sich nach Ihnen
-umzusehen.“
-</p>
-
-<p>
-„Ausgeschlossen!“ rief Hans Castorp. „Unter gar keinen
-Umständen! Keine zehn Pferde bringen ihn hier herauf! Mein
-Onkel ist stark apoplektisch, wissen Sie, er hat fast keinen Hals.
-Nein, der braucht einen vernünftigen Luftdruck, es würde ihm
-hier noch schlimmer ergehen als Ihrer Dame aus dem Osten,
-alle Zustände würde er kriegen.“
-</p>
-
-<p>
-„Das enttäuscht mich. Apoplektisch also? Was nützen mir
-da Phlegma und Energie. – Ihr Herr Onkel ist wohl reich?
-Auch Sie sind reich? Man ist reich bei Ihnen zu Hause.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp lächelte über Herrn Settembrinis schriftstellerische
-Verallgemeinerung, und dann blickte er wieder aus seiner
-Ruhelage ins Weite, in die heimatliche Sphäre, der er entrückt
-war. Er erinnerte sich, er versuchte, unpersönlich zu urteilen,
-die Distanz ermunterte und befähigte ihn dazu. Er antwortete:
-</p>
-
-<p>
-„Man ist reich, ja, – oder man ist es nicht. Und wenn nicht,
-– desto schlimmer. Ich? Ich bin kein Millionär, aber das
-meine ist mir sichergestellt, ich bin unabhängig, ich habe zu
-leben. Sehen wir von mir mal ab. Wenn Sie gesagt hätten:
-Man <em>muß</em> reich sein da hinten, – dann hätte ich Ihnen zugestimmt.
-Denn angenommen, man ist <em>nicht</em> reich, oder hört
-auf, es zu sein, – dann wehe. ‚Der? Hat der denn noch Geld?‘
-<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a>
-fragen sie ... Wörtlich so und mit genau solchem Gesicht;
-ich habe es oft gehört, und ich merke, daß es sich mir eingeprägt
-hat. Also muß es mir doch wohl sonderbar vorgekommen
-sein, obgleich ich gewöhnt war, es zu hören, – sonst hätte
-es sich mir nicht eingeprägt. Oder wie meinen Sie. Nein, ich
-glaube nicht, daß es zum Beispiel Ihnen, als <span class="antiqua" lang="la">homo humanus</span>,
-zusagen würde bei uns; selbst mir, der ich doch dort zu Hause
-bin, ist es öfters kraß vorgekommen, wie ich nachträglich merke,
-obgleich ich persönlich ja nicht darunter zu leiden gehabt habe.
-Wer nicht die besten, teuersten Weine servieren läßt bei seinen
-Diners, zu dem geht man überhaupt nicht, und seine Töchter
-bleiben sitzen. So sind die Leute. Wie ich hier so liege und
-es von weitem sehe, kommt es mir kraß vor. Was brauchten
-Sie für Ausdrücke, – phlegmatisch und? Und energisch! Gut,
-aber was heißt das? Das heißt hart, kalt. Und was heißt
-hart und kalt? Das heißt grausam. Es ist eine grausame
-Luft da unten, unerbittlich. Wenn man so liegt und es von
-weitem sieht, kann es einem davor grauen.“
-</p>
-
-<p>
-Settembrini hörte ihm zu und nickte. Er tat dies noch, als
-Hans Castorp vorläufig mit seiner Kritik zu Rande gekommen
-war und nicht mehr sprach. Dann atmete er auf und sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Ich will die besonderen Erscheinungsformen, die die natürliche
-Grausamkeit des Lebens innerhalb Ihrer Gesellschaft annimmt,
-nicht beschönigen. Einerlei, der Vorwurf der Grausamkeit
-bleibt ein ziemlich sentimentaler Vorwurf. Sie würden
-ihn an Ort und Stelle kaum erhoben haben, aus Furcht,
-vor sich selber lächerlich zu werden. Sie haben ihn mit Recht
-den Drückebergern des Lebens überlassen. Daß Sie ihn jetzt
-erheben, zeugt von einer gewissen Entfremdung, die ich ungern
-anwachsen sehen würde, denn wer sich gewöhnt, ihn zu
-<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a>
-erheben, kann ganz leicht dem Leben, der Lebensform, für die
-er geboren ist, verloren gehen. Wissen Sie, Ingenieur, was
-das heißt: ‚Dem Leben verloren gehen‘? Ich, ich weiß es, ich
-sehe es hier alle Tage. Spätestens nach einem halben Jahr
-hat der junge Mensch, der heraufkommt (und es sind fast
-lauter junge Menschen, die heraufkommen), keinen anderen
-Gedanken mehr im Kopf als Flirt und Temperatur. Und
-spätestens nach einem Jahr wird er auch nie wieder einen
-anderen fassen können, sondern jeden anderen als ‚grausam‘
-oder, besser gesagt, als fehlerhaft und unwissend empfinden.
-Sie lieben Geschichten, – ich könnte Ihnen aufwarten. Ich
-könnte Ihnen von dem Sohn und Ehemann erzählen, der elf
-Monate hier war, und den ich kannte. Er war ein wenig
-älter als Sie, glaube ich, – sogar schon etwas älter. Man
-entließ ihn probeweise als gebessert, er kehrte nach Hause zurück
-in die Arme seiner Lieben; es waren keine Onkel, es waren
-Mutter und Gattin. Den ganzen Tag lag er mit dem Thermometer
-im Munde und wußte von nichts anderem. ‚Das versteht
-ihr nicht‘, sagte er. ‚Dazu muß man oben gelebt haben,
-um zu wissen, wie es sein muß. Hier unten fehlen die Grundbegriffe.‘
-Es endete damit, daß seine Mutter entschied: ‚Geh
-nur wieder hinauf. Mit dir ist nichts mehr anzufangen.‘ Und
-er ging wieder hinauf. Er kehrte in die ‚Heimat‘ zurück, –
-Sie wissen doch, man nennt dies ‚Heimat‘, wenn man einmal
-hier gelebt hat. Seiner jungen Frau war er völlig entfremdet,
-es fehlten ihr die ‚Grundbegriffe‘, und sie verzichtete. Sie
-sah ein, daß er in der Heimat eine Genossin mit übereinstimmenden
-‚Grundbegriffen‘ finden und dableiben werde.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp schien nur mit halbem Ohre zugehört zu
-haben. Noch immer schaute er in die Glühlichtklarheit des
-<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a>
-weißen Zimmers hinein wie in eine Weite. Er lachte verspätet
-und sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Die Heimat nannte er es? Das ist wohl wirklich etwas
-sentimental, wie Sie sagen. Ja, Geschichten wissen Sie ohne
-Zahl. Ich dachte eben noch weiter nach über das, was wir
-von Härte und Grausamkeit sprachen, ich habe es mir in diesen
-Tagen schon verschiedentlich durch den Kopf gehen lassen.
-Sehen Sie, man muß wohl eine ziemlich dicke Haut haben,
-um von Natur so ganz einverstanden zu sein mit der Denkungsart
-der Leute da unten im Tieflande und mit solchen
-Fragen, wie ‚Hat der denn noch Geld?‘ und dem Gesicht, das
-sie dazu machen. Mir war es eigentlich nie ganz natürlich,
-obgleich ich nicht einmal ein <span class="antiqua" lang="la">homo humanus</span> bin, – ich merke
-nachträglich, daß es mir immer auffallend vorgekommen ist.
-Vielleicht hing es mit meiner unbewußten Neigung zur Krankheit
-zusammen, daß es mir nicht natürlich war, – ich habe
-die alten Stellen ja selbst gehört, und nun hat Behrens angeblich
-eine frische Kleinigkeit bei mir gefunden. Es kam mir
-wohl überraschend, und doch habe ich mich im Grunde nicht
-sehr darüber gewundert. Geradezu felsenfest habe ich mich
-eigentlich nie gefühlt; und dann sind meine beiden Eltern so
-früh gestorben, – ich bin von Kind auf Doppelwaise, wissen
-Sie ...“
-</p>
-
-<p>
-Herr Settembrini beschrieb mit Kopf, Schultern und Händen
-eine einheitliche Gebärde, die die Frage „Nun, und? Was
-weiter?“ heiter und artig anschaulich machte.
-</p>
-
-<p>
-„Sie sind doch Schriftsteller,“ sagte Hans Castorp, „– Literat;
-Sie müssen sich auf so etwas doch verstehen und einsehen,
-daß man unter diesen Umständen nicht so recht derb gesinnt
-sein und die Grausamkeit der Leute ganz natürlich finden kann,
-<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a>
-– der gewöhnlichen Leute, wissen Sie, die herumgehen und
-lachen und Geld verdienen und sich den Bauch vollschlagen ...
-Ich weiß nicht, ob ich mich richtig ...“
-</p>
-
-<p>
-Settembrini verbeugte sich. „Sie wollen sagen,“ erläuterte
-er, „daß die frühe und wiederholte Berührung mit dem Tode
-eine Grundstimmung des Gemütes zeitigt, die gegen die Härten
-und Kruditäten des unbedachten Weltlebens, sagen wir:
-gegen seinen Zynismus reizbar und empfindlich macht.“
-</p>
-
-<p>
-„Genau so!“ rief Hans Castorp in aufrichtiger Begeisterung.
-„Tadellos ausgedrückt bis aufs i-Tüpfelchen, Herr
-Settembrini! Mit dem Tode –! Ich wußte es ja, daß Sie
-als Literat ...“
-</p>
-
-<p>
-Settembrini streckte die Hand gegen ihn aus, indem er den
-Kopf auf die Seite legte und die Augen schloß, – eine sehr
-schöne und sanfte Gebärde des Einhalttuns und der Bitte
-um weiteres Gehör. Er verharrte mehrere Sekunden in dieser
-Stellung, auch als Hans Castorp schon lange schwieg und in
-einiger Verlegenheit der Dinge wartete, die da kommen sollten.
-Endlich schlug er seine schwarzen Augen – die Augen
-der Drehorgelmänner – wieder auf und sprach:
-</p>
-
-<p>
-„Gestatten Sie. Gestatten Sie mir, Ingenieur, Ihnen zu
-sagen und Ihnen ans Herz zu legen, daß die einzig gesunde
-und edle, übrigens auch – ich will das ausdrücklich hinzufügen
-– auch die einzig <em>religiöse</em> Art, den Tod zu betrachten, die ist,
-ihn als Bestandteil und Zubehör, als heilige Bedingung des
-Lebens zu begreifen und zu empfinden, <em>nicht</em> aber – was das
-Gegenteil von gesund, edel, vernünftig und religiös wäre –
-ihn geistig irgendwie davon zu scheiden, ihn in Gegensatz dazu
-zu bringen und ihn etwa gar widerwärtigerweise dagegen auszuspielen.
-Die Alten schmückten ihre Sarkophage mit Sinnbildern
-<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a>
-des Lebens und der Zeugung, sogar mit obszönen Symbolen,
-– das Heilige war der antiken Religiosität ja sehr häufig
-eins mit dem Obszönen. Diese Menschen wußten den Tod zu
-ehren. Der Tod ist ehrwürdig als Wiege des Lebens, als Mutterschoß
-der Erneuerung. Vom Leben getrennt gesehen, wird er
-zum Gespenst, zur Fratze – und zu etwas noch Schlimmerem.
-Denn der Tod als selbständige geistige Macht ist eine höchst
-liederliche Macht, deren lasterhafte Anziehungskraft zweifellos
-sehr stark ist, aber mit der zu sympathisieren ebenso unzweifelhaft
-die gräulichste Verirrung des Menschengeistes bedeutet.“
-</p>
-
-<p>
-Hier schwieg Herr Settembrini. Er blieb bei dieser Allgemeinheit
-stehen und endete auf das bestimmteste. Es war ihm
-Ernst; nicht unterhaltungsweise hatte er geredet, hatte es verschmäht,
-seinem Partner Gelegenheit zur Anknüpfung und
-Gegenrede zu bieten, sondern am Ende seiner Aufstellungen
-die Stimme sinken lassen und einen Punkt gemacht. Er saß
-geschlossenen Mundes, die gekreuzten Hände im Schoß, ein
-Bein in der karierten Hose über das andere geschlagen, und
-wippte nur leicht mit dem in der Luft schwebenden Fuß, den
-er streng betrachtete.
-</p>
-
-<p>
-Auch Hans Castorp schwieg denn also. In seinem Plumeau
-sitzend, wandte er den Kopf zur Wand und trommelte leicht
-mit den Fingerspitzen auf der Steppdecke. Er kam sich belehrt,
-zurechtgewiesen, ja gescholten vor, und in seinem Schweigen
-lag viel kindliche Verstocktheit. Die Gesprächspause dauerte
-ziemlich lange.
-</p>
-
-<p>
-Endlich hob Herr Settembrini wieder das Haupt und sagte
-lächelnd:
-</p>
-
-<p>
-„Erinnern Sie sich wohl, Ingenieur, daß wir einen ähnlichen
-Disput schon einmal geführt haben – man kann sagen:
-<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a>
-denselben? Wir plauderten damals – ich glaube, es war auf
-einem Spaziergang – über Krankheit und Dummheit, deren
-Vereinigung Sie für eine Paradoxie erklärten, und zwar aus
-Hochachtung vor der Krankheit. Ich nannte diese Hochachtung
-eine düstere Grille, mit der man den Gedanken des Menschen
-entehre, und Sie schienen zu meinem Vergnügen denn
-doch nicht ganz abgeneigt, meinen Einwand in Erwägung zu
-ziehen. Wir sprachen auch von der Neutralität und geistigen
-Unschlüssigkeit der Jugend, von ihrer Wahlfreiheit, ihrer Neigung,
-mit den möglichen Standpunkten Versuche anzustellen,
-und davon, daß man solche Versuche noch nicht als endgültige
-und lebensernste Optionen betrachten dürfe, – zu betrachten
-brauche. Wollen Sie mir –,“ und Herr Settembrini beugte
-sich lächelnd auf seinem Stuhle vor, die Füße nebeneinander
-am Boden, die zusammengelegten Hände zwischen den Knien,
-den Kopf gleichfalls etwas schräg vorgeschoben – „wollen
-Sie mir auch fernerhin,“ sagte er, und es war eine leichte
-Bewegung in seiner Stimme, „erlauben, Ihnen bei Ihren
-Übungen und Experimenten ein wenig zur Hand zu gehen
-und berichtigend auf Sie einzuwirken, wenn die Gefahr verderblicher
-Fixierungen droht?“
-</p>
-
-<p>
-„Aber gewiß, Herr Settembrini!“ Hans Castorp beeilte
-sich, seine befangene und halb trotzige Abkehr aufzugeben, das
-Trommeln auf der Bettdecke zu unterlassen und sich seinem
-Gaste mit bestürzter Freundlichkeit zuzuwenden. „Es ist sogar
-außerordentlich liebenswürdig von Ihnen ... Ich frage mich
-wirklich, ob ich ... Das heißt, ob es sich bei mir ...“
-</p>
-
-<p>
-„Ganz <span class="antiqua" lang="la">sine pecunia</span>“, zitierte Herr Settembrini, indem er
-aufstand. „Wer will sich denn lumpen lassen.“ Sie lachten.
-Man hörte die äußere Doppeltür gehen, und im nächsten
-<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a>
-Augenblick wurde auch die innere geklinkt. Es war Joachim,
-der aus der Abendgeselligkeit zurückkehrte. Beim Anblick des
-Italieners errötete auch er, wie Hans Castorp für sein Teil
-es vorhin getan: die verbrannte Dunkelheit seines Gesichtes
-vertiefte sich um eine Schattierung.
-</p>
-
-<p>
-„Oh, du hast Besuch“, sagte er. „Wie angenehm für dich.
-Ich bin aufgehalten worden. Sie haben mich zu einer Partie
-Bridge gepreßt, – Bridge nennen sie das nach außen hin,“
-sagte er kopfschüttelnd, „und dabei war es schließlich ganz
-was anderes. Ich habe fünf Mark gewonnen ...“
-</p>
-
-<p>
-„Daß das nur keine lasterhafte Anziehungskraft für dich
-bekommt“, sagte Hans Castorp. „Hm, hm. Herr Settembrini
-hat mir unterdessen so schön die Zeit vertrieben ... was
-übrigens gar kein Ausdruck ist. Es gilt allenfalls von euerem
-falschen Bridge, aber Herr Settembrini hat mir die Zeit so
-bedeutend ausgefüllt ... Als anständiger Mensch müßte man
-ja mit Händen und Füßen trachten, hier fortzukommen, – wo
-es nun schon mit falschem Bridge losgeht in euerer Mitte.
-Aber um Herrn Settembrini noch recht oft zu hören und mir
-von ihm gesprächsweise zur Hand gehen zu lassen, könnte ich
-beinahe wünschen, unabsehbar lange febril zu bleiben und hier
-bei euch festzusitzen ... Am Ende muß man mir noch eine
-Stumme Schwester geben, damit ich nicht mogle.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich wiederhole, Ingenieur, daß Sie ein Schalk sind“, sagte
-der Italiener. Er empfahl sich in den angenehmsten Formen.
-Mit seinem Vetter allein geblieben, seufzte Hans Castorp auf.
-</p>
-
-<p>
-„Ist das ein Pädagog!“ sagte er ... „Ein humanistischer
-Pädagog, das muß man gestehen. Immerfort wirkt er berichtigend
-auf dich ein, abwechselnd in Form von Geschichten
-und in abstrakter Form. Und auf Dinge kommt man mit ihm
-<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a>
-zu sprechen, – nie hätte man gedacht, daß man darüber reden
-oder sie auch nur verstehen könnte. Und wenn ich unten im
-Flachlande mit ihm zusammengetroffen wäre, so <em>würde</em> ich
-sie auch nicht verstanden haben“, fügte er hinzu.
-</p>
-
-<p>
-Joachim blieb um diese Zeit eine Weile bei ihm; er opferte
-zwei, drei Viertelstunden von seiner Abendliegekur. Manchmal
-spielten sie Schach auf Hans Castorps Eßtischplatte, –
-Joachim hatte ein Spiel von unten heraufgebracht. Später
-begab er sich mit Sack und Pack, das Thermometer im Munde,
-auf seinen Balkon, und auch Hans Castorp maß sich ein letztes
-Mal, während leichte Musik von näher oder fernher aus dem
-nächtlichen Tale heraufklang. Um zehn Uhr wurde die Liegekur
-beendigt; man hörte Joachim; man hörte das Ehepaar
-vom Schlechten Russentisch ... Und Hans Castorp nahm
-Seitenlage ein, in Erwartung des Schlafes.
-</p>
-
-<p>
-Die Nacht war die schwierigere Hälfte des Tages, denn
-Hans Castorp erwachte oft und lag nicht selten stundenlang
-wach, sei es, weil seine nicht ganz korrekte Blutwärme ihn
-munter hielt, oder weil Lust und Kraft zum Schlafe durch
-seine derzeit völlig horizontale Lebensweise Einbuße erlitten.
-Dafür waren die Stunden des Schlummers von abwechslungsreichen
-und sehr lebensvollen Träumen belebt, denen er
-nachhängen konnte, während er wach lag. Und wenn die vielfache
-Gliederung und Einteilung des Tages diesen kurzweilig
-machte, so war es bei Nacht die verschwimmende Einförmigkeit
-der schreitenden Stunden, was in der gleichen Richtung
-wirkte. Nahte sich aber erst einmal der Morgen, so war es
-unterhaltend, das allmähliche Ergrauen und Erscheinen des
-Zimmers, das Hervortreten und Entschleiertwerden der Dinge
-zu beobachten, den Tag draußen in trüb schwelender oder heiterer
-<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a>
-Glut sich entzünden zu sehen; und eh mans gedacht, war
-wieder der Augenblick da, wo das handfeste Klopfen des Bademeisters
-das Inkrafttreten der Tagesordnung verkündete.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp hatte keinen Kalender auf seinen Ausflug
-mitgenommen, und so fand er sich in betreff des Datums nicht
-immer ganz genau auf dem laufenden. Dann und wann forderte
-er Auskunft von seinem Vetter, der aber in diesem Punkte
-auch nicht jederzeit seiner Sache eben sicher war. Immerhin
-boten die Sonntage, besonders der zweite, vierzehntägige mit
-Konzert, den Hans Castorp auf diese Weise verbrachte, einigen
-Anhalt, und so viel war gewiß, daß der September nachgerade
-ziemlich weit, bis gegen seine Mitte hin, vorgeschritten war.
-Draußen im Tale war, seitdem Hans Castorp Bettlage eingenommen,
-das trübe und kalte Wetter, das damals geherrscht
-hatte, herrlichen Hochsommertagen gewichen, ungezählten solcher
-Tage, einer ganzen Serie davon, so daß Joachim allmorgendlich
-in weißen Hosen bei seinem Vetter eingetreten
-war und dieser ein redliches Bedauern, ein Bedauern der Seele
-und seiner jungen Muskeln, über den Verlust solcher Prachtzeit
-nicht hatte unterdrücken können. Sogar eine „Schande“
-hatte er es einmal mit leiser Stimme genannt, daß er sie solcherart
-versäume, – dann aber zu seiner Beschwichtigung hinzugefügt,
-daß er ja auf freiem Fuße auch nicht viel mehr als
-jetzt damit anzufangen gewußt hätte, da sich ihm ausgiebige
-Bewegung hier erfahrungsgemäß verbiete. Und einigen Anteil
-an dem warmen Schimmer dort draußen gewährte die
-breite, weit offene Balkontür ihm immerhin.
-</p>
-
-<p>
-Aber gegen das Ende der ihm auferlegten Zurückgezogenheit
-schlug wieder das Wetter um. Über Nacht war es neblig
-und kalt geworden, das Tal hüllte sich in nasses Schneegestöber,
-<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a>
-und der trockene Hauch der Dampfheizung erfüllte
-das Zimmer. So war es auch an dem Tage, als Hans Castorp
-bei der Morgenvisite der Ärzte den Hofrat erinnerte, daß er
-heute drei Wochen liege, und um die Erlaubnis bat, aufzustehen.
-</p>
-
-<p>
-„Was Kuckuck, sind Sie schon fertig?“ sagte Behrens.
-„Lassen Sie mal sehen; wahrhaftig, es stimmt. Gott, wie
-man alt wird. Geändert hat sich mit Ihnen ja nicht gerade
-viel unterdessen. Was, gestern war es normal? Ja, bis auf
-die 6-Uhr-Nachmittagsmessung. Na, Castorp, dann will ich
-ja auch nicht so sein und will Sie der menschlichen Sozietät
-zurückerstatten. Stehen Sie auf und wandeln Sie, Mann!
-In den gegebenen Grenzen und Maßen natürlich. Wir machen
-nächstens Ihr Innenkonterfei. Vormerken!“ sagte er im Hinausgehen
-zu Dr. Krokowski, indem er mit seinem riesigen Daumen
-über die Schulter auf Hans Castorp deutete und den bleichen
-Assistenten mit seinen blutigen, tränenden blauen Augen
-ansah ... Hans Castorp verließ die „Remise“.
-</p>
-
-<p>
-Mit hochgeschlagenem Mantelkragen und in Gummischuhen
-begleitete er seinen Vetter zum ersten Male wieder zur Bank
-am Wasserlauf und zurück, nicht ohne unterwegs die Frage
-aufzuwerfen, wie lange der Hofrat ihn wohl hätte liegen lassen,
-wenn er die Frist nicht als abgelaufen gemeldet hätte. Und
-Joachim, gebrochenen Blickes, den Mund wie zu einem hoffnungslosen
-„Ach“ geöffnet, machte in die Luft hinein die Gebärde
-des Unabsehbaren.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-6-2">
-„Mein Gott, ich sehe!“
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Es dauerte eine Woche, bis Hans Castorp durch die Oberin
-von Mylendonk ins Durchleuchtungslaboratorium bestellt
-<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a>
-wurde. Er mochte nicht drängen. Man war beschäftigt im
-Hause „Berghof“, offenbar hatten Ärzte und Personal alle
-Hände voll zu tun. Neue Gäste waren in den letzten Tagen
-angelangt: zwei russische Studenten mit dickem Haar und geschlossenen
-schwarzen Blusen, die keinen Schimmer von Wäsche
-sehen ließen; ein holländisches Ehepaar, dem an Settembrinis
-Tische Plätze angewiesen wurden; ein buckliger Mexikaner, der
-die Tischgesellschaft durch furchtbare Anfälle von Atemnot in
-Schrecken setzte: er klammerte sich dabei mit ehernem Griff
-seiner langen Hände an seine Nachbarn, ob Herr oder Dame,
-hielt fest wie ein Schraubstock und zog die entsetzt Widerstrebenden,
-um Hilfe Rufenden so in seine Ängste hinein. Kurzum,
-der Speisesaal war beinahe voll besetzt, obgleich die Wintersaison
-erst mit dem Oktober begann. Und die Schwere von
-Hans Castorps Fall, sein Krankheitsgrad, gab ihm kaum
-ein Recht, besonderen Anspruch auf Beachtung zu erheben.
-Frau Stöhr etwa war in all ihrer Dummheit und Unbildung
-ohne Zweifel viel kränker als er, von Dr. Blumenkohl ganz zu
-schweigen. Man hätte jedes Sinnes für Rangordnung und
-Abstand entbehren müssen, um in Hans Castorps Fall nicht
-bescheidene Zurückhaltung zu üben, – besonders da eine solche
-Gesinnung zum Geiste des Hauses gehörte. Leichtkranke galten
-nicht viel, er hatte es öfters aus den Gesprächen herausgehört.
-Man sprach mit Geringschätzung von ihnen, nach
-dem hierorts geltenden Maßstab, sie wurden über die Achsel
-angesehen, und zwar nicht allein von den Höher- und Hochgradigen,
-sondern auch von solchen, die selbst nur „leicht“
-waren: womit diese freilich Geringschätzung auch ihrerselbst
-an den Tag legten, aber eine höhere Selbstachtung retteten,
-indem sie dem Maßstab sich unterwarfen. So ist es menschlich.
-<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a>
-„Ach, der!“ konnten sie wohl voneinander sagen, „dem
-fehlt eigentlich nichts, kaum daß er das Recht hat, hier zu sein.
-Nicht mal eine Kaverne hat er ...“ Dies war der Geist; er
-war aristokratisch in seinem besonderen Sinn, und Hans Castorp
-salutierte ihn aus angeborener Achtung vor Gesetz und
-Ordnung jeder Art. Ländlich, sittlich, heißt es. Reisende zeigen
-sich wenig gebildet, wenn sie über die Sitten und Werte ihrer
-Wirtsvölker sich lustig machen, und der Eigenschaften, die Ehre
-schaffen, gibt es diese und jene. Sogar gegen Joachim selbst
-beobachtete Hans Castorp eine gewisse Ehrerbietung und Rücksicht,
-– nicht sowohl, weil dieser der länger Eingesessene war
-und sein Anleiter und Cicerone in dieser Welt –, sondern namentlich,
-weil er der zweifellos „Schwerere“ war. Da aber
-alles so lag, war es begreiflich, daß man dazu neigte, aus seinem
-Falle das Mögliche zu machen und in Hinsicht auf ihn
-auch wohl zu übertreiben, um zur Aristokratie zu gehören oder
-ihr näher zu kommen. Auch Hans Castorp, wenn er bei Tische
-gefragt wurde, nannte wohl ein paar Striche mehr, als er in
-Wahrheit gemessen, und konnte unmöglich umhin, sich geschmeichelt
-zu fühlen, wenn man ihm mit dem Finger drohte,
-wie einem, der es faustdick hinter den Ohren hat. Aber auch,
-wenn er ein wenig auftrug, blieb er immer noch, eigentlich gesprochen,
-eine Person von geringen Graden, und so waren Geduld
-und Zurückhaltung denn sicherlich das ihm zukommende
-Betragen.
-</p>
-
-<p>
-Er hatte die Lebensweise seiner ersten drei Wochen, dies
-schon vertraute, gleichmäßige und genau geregelte Leben an
-Joachims Seite wieder aufgenommen, und es ging wie am
-Schnürchen vom ersten Tage an, als sei es nie unterbrochen
-worden. In der Tat war diese Unterbrechung nichtig gewesen;
-<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a>
-er bekam es gleich gelegentlich seines ersten Wiedererscheinens
-bei Tische deutlich zu spüren. Zwar hatte Joachim, der auf
-solche Markierungen ein ganz bestimmtes und geflissentliches
-Gewicht legte, Sorge getragen, daß ein paar Blumen den
-Platz des Erstandenen schmückten. Aber die Begrüßung durch
-die Tischgenossen war wenig festlich, unterschied sich von früheren,
-denen eine Trennung nicht von drei Wochen, sondern von
-drei Stunden vorangegangen war, nur unwesentlich: weniger
-aus Gleichgültigkeit gegen seine einfache und sympathische Person
-und weil diese Leute allzusehr mit sich selbst, das heißt:
-mit ihrem interessanten Körper beschäftigt waren, als darum,
-weil ihnen die Zwischenzeit nicht bewußt geworden war. Und
-Hans Castorp konnte ihnen darin ohne Schwierigkeit folgen,
-denn er selbst saß an seinem Platz am Tischende, zwischen der
-Lehrerin und Miß Robinson, nicht anders, als habe er spätestens
-gestern zuletzt hier gesessen.
-</p>
-
-<p>
-Wenn man aber am Tische selbst von der Beendigung seiner
-Zurückgezogenheit nicht viel Aufhebens gemacht hatte, –
-wie hätte man im weiteren Saal welches davon machen sollen?
-Dort hatte buchstäblich niemand auch nur Notiz davon genommen,
-– mit alleiniger Ausnahme Settembrinis, der nach
-Schluß der Mahlzeit zu spaßhaft-freundschaftlicher Begrüßung
-herangekommen war. Hans Castorp hätte freilich noch
-eine weitere Einschränkung gemacht, deren Berechtigung wir
-dahinstellen müssen. Er behauptete bei sich, daß Clawdia
-Chauchat sein Wiedererscheinen bemerkt –, gleich bei ihrem,
-wie immer, verspäteten Eintreten, nach dem Zufallen der Glastür,
-ihren schmalen Blick habe auf ihm ruhen lassen, dem er
-mit seinem begegnet war, und kaum, daß sie sich niedergesetzt,
-noch einmal über die Schulter sich lächelnd nach ihm umgesehen
-<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a>
-habe: lächelnd, wie vor drei Wochen, bevor er zur Untersuchung
-gegangen. Und eine so unverhohlene und rücksichtslose
-Bewegung war das gewesen – rücksichtslos in betreff
-seinerselbst wie auch der übrigen Gästeschaft –, daß er nicht
-gewußt hatte, ob er sich darüber entzücken oder es als ein Zeichen
-von Geringschätzung verstehen und sich darüber ärgern
-sollte. Auf jeden Fall hatte sein Herz sich zusammengekrampft
-unter diesen Blicken, welche die zwischen der Kranken und ihm
-obwaltende gesellschaftliche Unbekanntschaft auf eine in seinen
-Augen ungeheuerliche und berauschende Weise verleugnet
-und Lügen gestraft hatte, – sich fast schmerzhaft zusammengekrampft
-schon, als die Glastür klirrte, denn auf diesen Augenblick
-hatte er mit kurz gehendem Atem gewartet.
-</p>
-
-<p>
-Es will nachgetragen sein, daß Hans Castorps innere Beziehungen
-zu der Patientin vom Guten Russentisch, die Teilnahme
-seiner Sinne und seines bescheidenen Geistes an ihrer
-mittelgroßen, weich schleichenden, kirgisenäugigen Person,
-kurzum seine Verliebtheit (das Wort habe Statt, obgleich es
-ein Wort von „unten“, ein Wort der Ebene ist und die Vorstellung
-erwecken könnte, als sei das Liedchen „Wie berührt
-mich wundersam“ hier irgendwie anwendbar gewesen) – während
-seiner Zurückgezogenheit sehr starke Fortschritte gemacht
-hatte. Ihr Bild hatte ihm vorgeschwebt, wenn er, frühwach,
-in das sich zögernd entschleiernde Zimmer, oder, am Abend, in
-die dichter werdende Dämmerung geblickt hatte (auch zu jener
-Stunde, als Settembrini unter plötzlichem Aufflammen des
-Lichtes bei ihm eingetreten war, hatte es ihm überaus deutlich
-vorgeschwebt, und dies war der Grund gewesen, weshalb er
-bei dem Anblick des Humanisten errötet war); an ihren Mund,
-ihre Wangenknochen, ihre Augen, deren Farbe, Form, Stellung
-<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a>
-ihm in die Seele schnitt, ihren schlaffen Rücken, ihre Kopfhaltung,
-den Halswirbel im Nackenausschnitt ihrer Bluse, ihre
-von dünnster Gaze verklärten Arme hatte er gedacht während
-der einzelnen Stunden des zerkleinerten Tages, – und wenn
-wir verschwiegen, daß dies das Mittel gewesen, wodurch ihm
-die Stunden so mühelos vergingen, so geschah es, weil wir
-sympathisch teilnehmen an der Gewissensunruhe, die sich in
-das erschreckende Glück dieser Bilder und Gesichte mischte. Ja,
-es war Schreck, Erschütterung damit verbunden, eine ins Unbestimmte,
-Unbegrenzte und vollständig Abenteuerliche ausschweifende
-Hoffnung, Freude und Angst, die namenlos war,
-aber des jungen Mannes Herz – sein Herz im eigentlichen und
-körperlichen Sinn – zuweilen so jäh zusammenpreßte, daß er
-die eine Hand in die Gegend dieses Organs, die andere aber
-zur Stirn führte (sie wie einen Schirm über die Augen legte)
-und flüsterte:
-</p>
-
-<p>
-„Mein Gott!“
-</p>
-
-<p>
-Denn hinter der Stirn waren Gedanken oder Halbgedanken,
-die den Bildern und Gesichten ihre zu weit gehende Süßigkeit
-eigentlich erst verliehen, und die sich auf Madame Chauchats
-Nachlässigkeit und Rücksichtslosigkeit bezogen, auf ihr Kranksein,
-die Steigerung und Betonung ihres Körpers durch die
-Krankheit, die Verkörperlichung ihres Wesens durch die Krankheit,
-an der er, Hans Castorp, laut ärztlichen Spruches nun
-teilhaben sollte. Er begriff hinter seiner Stirn die abenteuerliche
-Freiheit, mit der Frau Chauchat durch ihr Umblicken und
-Lächeln die zwischen ihnen bestehende gesellschaftliche Unbekanntschaft
-außer acht ließ, so, als seien sie überhaupt keine
-gesellschaftlichen Wesen und als sei es nicht einmal nötig, daß
-sie miteinander <em>sprächen</em> ... und ebendies war es, worüber
-<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a>
-er erschrak: in demselben Sinne erschrak wie damals im Untersuchungszimmer,
-als er von Joachims Oberkörper eilig suchend
-zu seinen Augen emporgeblickt hatte, – mit dem Unterschiede,
-daß damals Mitleid und Sorge die Gründe seines Erschreckens
-gewesen, hier aber ganz anderes im Spiele war.
-</p>
-
-<p>
-Nun also ging das Berghof-Leben, dies gunstreiche und
-wohlgeregelte Leben auf engem Schauplatz wieder seinen
-gleichmäßigen Gang, – Hans Castorp, in Erwartung der
-Innenaufnahme, fuhr fort, es mit dem guten Joachim zu
-teilen, indem er es Stunde für Stunde genau so trieb wie
-dieser; und diese Nachbarschaft war wohl gut für den jungen
-Mann. Denn obgleich es nur eine Krankennachbarschaft war,
-so war viel militärische Ehrbarkeit darin: eine Ehrbarkeit, die
-freilich, ohne es gewahr zu werden, schon im Begriffe stand,
-im Kurdienste Genüge zu finden, so daß dieser gleichsam zum
-Ersatzmittel tiefländischer Pflichterfüllung und zum untergeschobenen
-Berufe wurde, – Hans Castorp war nicht so dumm,
-es nicht ganz genau zu bemerken. Doch aber fühlte er wohl
-ihre zügelnde, zurückhaltende Wirkung auf sein zivilistisches
-Gemüt, – sogar mochte es diese Nachbarschaft sein, ihr Beispiel
-und die Beaufsichtigung durch sie, was ihn von äußeren
-Schritten und blinden Unternehmungen zurückhielt. Denn
-er sah wohl, was der brave Joachim von einer gewissen, täglich
-auf ihn eindringenden Apfelsinenatmosphäre, worin es
-runde braune Augen, einen kleinen Rubin, viel schwach gerechtfertigte
-Lachlust und eine äußerlich wohlgebildete Brust
-gab, auszustehen hatte, und die Vernunft und Ehrliebe, mit
-der Joachim den Einfluß dieser Atmosphäre scheute und floh,
-ergriff Hans Castorp, hielt ihn selbst in einiger Zucht und Ordnung
-und hinderte ihn, sich von der Schmaläugigen sozusagen
-<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a>
-„einen Bleistift zu leihen“, – wozu er ohne die disziplinierende
-Nachbarschaft aller Erfahrung nach sehr bereitgewesen
-wäre.
-</p>
-
-<p>
-Joachim sprach niemals von der lachlustigen Marusja, und
-so verbot es sich auch für Hans Castorp, mit ihm von Clawdia
-Chauchat zu sprechen. Er hielt sich schadlos durch verstohlenen
-Austausch mit der Lehrerin zu seiner Rechten bei Tische, wobei
-er das alte Mädchen durch Neckereien mit ihrer Schwäche
-für die schmiegsame Kranke zum Erröten brachte und unterdessen
-die Kinn- und Würdenstütze des alten Castorp nachahmte.
-Auch drang er in sie, über Madame Chauchats persönliche
-Verhältnisse, über ihre Herkunft, ihren Mann, ihr
-Alter, die Art ihres Krankheitsfalles Neues und Wissenswertes
-in Erfahrung zu bringen. Ob sie denn Kinder habe, wollte
-er wissen. – Aber nein doch, sie hatte keine. Was sollte eine
-Frau wie sie wohl mit Kindern beginnen? Wahrscheinlich
-war es ihr streng untersagt, welche zu haben – und andererseits:
-was würden denn das auch wohl für Kinder sein? Hans
-Castorp mußte dem beipflichten. Nachgerade sei es auch wohl
-zu spät dafür, vermutete er mit gewaltsamer Sachlichkeit.
-Zuweilen, im Profil, scheine Madame Chauchats Gesicht ihm
-fast schon ein wenig scharf. Ob sie wohl über dreißig sei? –
-Fräulein Engelhart widersprach heftig. Clawdia dreißig?
-Allerschlimmstenfalls sei sie achtundzwanzig. Und was das
-Profil betraf, so verbot sie ihrem Tischnachbar, so etwas zu
-sagen. Clawdias Profil sei von der weichsten Jugendlichkeit
-und Süße, wenn es natürlich auch ein interessantes Profil sei
-und nicht das irgendeiner gesunden Gans. Und zur Strafe
-fügte Fräulein Engelhart ohne Pause hinzu, sie wisse, daß
-Frau Chauchat öfters Herrenbesuch empfange, den Besuch
-<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a>
-eines in „Platz“ wohnenden Landsmannes: sie empfange ihn
-nachmittags auf ihrem Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Das war gut gezielt. Hans Castorps Gesicht verzerrte sich
-gegen alle Bemühung, und auch die auf „Was nicht gar“
-und „Sehe einer an“ gestimmten Redensarten, mit denen er
-die Eröffnung zu behandeln versuchte, waren verzerrt. Unfähig,
-das Vorhandensein dieses Landsmannes auf die leichte
-Achsel zu nehmen, wie er sich anfangs den Anschein hatte geben
-wollen, kam er mit zuckenden Lippen beständig auf ihn zurück.
-Ein jüngerer Mann? – Jung und ansehnlich, nach allem,
-was sie höre, erwiderte die Lehrerin; denn nach eigenem Augenschein
-konnte sie nicht urteilen. – Krank? – Höchstens leichtkrank!
-– Er wolle hoffen, sagte Hans Castorp höhnisch, daß
-mehr Wäsche an ihm zu sehen sei als bei den Landsleuten am
-Schlechten Russentisch, – wofür die Engelhart, noch immer zur
-Strafe, einstehen zu wollen erklärte. Da gab er zu, es sei eine
-Angelegenheit, um die man sich kümmern müsse, und beauftragte
-sie ernstlich, in Erfahrung zu bringen, was es mit diesem
-aus und ein gehenden Landsmann auf sich habe. Statt ihm
-aber Nachrichten hierüber zu bringen, wußte sie einige Tage
-später etwas völlig Neues.
-</p>
-
-<p>
-Sie wußte, daß Clawdia Chauchat gemalt werde, porträtiert
-– und fragte Hans Castorp, ob er es auch wisse. Wenn
-nicht, so könne er trotzdem überzeugt davon sein, sie habe es
-aus sicherster Quelle. Seit längerem sitze sie hier im Hause
-jemandem Modell zu ihrem Bildnis – und zwar wem? Dem
-Hofrat! Herrn Hofrat Behrens, der sie zu diesem Zweck beinahe
-täglich in seiner Privatwohnung bei sich sehe.
-</p>
-
-<p>
-Diese Kunde ergriff Hans Castorp noch mehr als die vorige.
-Er machte fortan viele verzerrte Späße darüber. Nun, gewiß,
-<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a>
-es sei ja bekannt, daß der Hofrat in Öl male, – was die
-Lehrerin denn wolle, das sei nicht verboten, und so stehe es
-jedermann frei. In des Hofrats Witwerheim also? Hoffentlich
-sei wenigstens Fräulein von Mylendonk bei den Sitzungen
-anwesend. – Die habe wohl keine Zeit. – „Mehr Zeit als die
-Oberin sollte auch Behrens nicht haben“, sagte Hans Castorp
-streng. Aber obgleich damit etwas Endgültiges über die Sache
-gesagt schien, war er weit entfernt, sie fallen zu lassen, sondern
-erschöpfte sich in Fragen nach Näherem und Weiterem: über
-das Bild, sein Format und ob es ein Kopf- oder Kniestück sei;
-auch über die Stunde der Sitzungen, – während doch Fräulein
-Engelhart mit Einzelheiten auch hier nicht dienen konnte
-und ihn auf die Ergebnisse weiterer Nachforschungen vertrösten
-mußte.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp maß 37,7 nach dem Empfang dieser Nachricht.
-Weit mehr noch, als die Besuche, die Frau Chauchat
-empfing, schmerzten und beunruhigten ihn diejenigen, die sie
-machte. Frau Chauchats Privat- und Eigenleben als solches
-an und für sich und schon unabhängig von seinem Inhalt
-hatte angefangen, ihm Schmerz und Unruhe zu bereiten, und
-wie sehr mußte sich beides erst verschärfen, da ihm Mehrdeutigkeiten
-über diesen Inhalt zu Ohren kamen! Zwar schien
-es allgemein möglich, daß die Beziehungen des russischen Besuchers
-zu seiner Landsmännin nüchterner und harmloser Natur
-waren; aber Hans Castorp war seit einiger Zeit geneigt,
-Nüchternheit und Harmlosigkeit für Schnickschnack zu halten,
-– wie er sich denn auch nicht überwinden oder bereden
-konnte, die Ölmalerei als Beziehung zwischen einem forsch redenden
-Witwer und einer schmaläugig-leisetreterischen jungen
-Frau für etwas anderes anzusehen. Der Geschmack, den der
-<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a>
-Hofrat mit der Wahl seines Modells bekundete, entsprach
-zu sehr seinem eigenen, als daß er hier an Nüchternheit hätte
-glauben können, worin ihn die Vorstellung von des Hofrats
-blauen Backen und seinen rot geäderten Quellaugen denn
-auch nur wenig unterstützte.
-</p>
-
-<p>
-Eine Wahrnehmung, die er in diesen Tagen auf eigene Hand
-und zufällig machte, wirkte in anderer Weise auf ihn ein, obgleich
-es sich abermals um eine Bestätigung seines Geschmackes
-handelte. Es war da am querstehenden Tische der Frau Salomon
-und des gefräßigen Schülers mit der Brille, links von
-dem der Vettern, nächst der seitlichen Glastür, ein Kranker,
-Mannheimer seiner Herkunft nach, wie Hans Castorp gehört
-hatte, etwa dreißigjährig, mit gelichtetem Haupthaar,
-kariösen Zähnen und einer zaghaften Redeweise, – derselbe,
-der zuweilen während der Abendgeselligkeit auf dem Piano
-spielte, und zwar meistens den Hochzeitsmarsch aus dem
-„Sommernachtstraum“. Er sollte sehr fromm sein, wie es
-begreiflicherweise nicht selten unter Denen hier oben der Fall
-sei, so hatte Hans Castorp sagen hören. Allsonntäglich sollte
-er den Gottesdienst drunten in „Platz“ besuchen und in der
-Liegekur andächtige Bücher lesen, Bücher mit einem Kelch oder
-Palm<a id="corr-51"></a>zweigen auf dem Vorderdeckel. Dieser nun, so bemerkte
-Hans Castorp eines Tages, hatte seine Blicke ebendort, wo er
-selbst sie hatte, – hing mit ihnen an Madame Chauchats
-schmiegsamer Person, und zwar auf eine Art, die scheu und zudringlich
-bis zum Hündischen war. Nachdem Hans Castorp
-es einmal beobachtet, konnte er nicht umhin, es wieder und
-wieder festzustellen. Er sah ihn abends im Spielzimmer inmitten
-der Gäste stehen, trübe verloren in den Anblick der lieblichen,
-wenn auch schadhaften Frau, die drüben im kleinen
-<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a>
-Salon auf dem Sofa saß und mit der wollhaarigen Tamara
-(so hieß das humoristische Mädchen), mit Dr. Blumenkohl
-und den konkaven und hängeschultrigen Herren ihres Tisches
-plauderte; sah ihn sich abwenden, sich herumdrücken und
-wieder langsam, mit seitlich gedrehten Augäpfeln und kläglich
-geschürzter Oberlippe den Kopf über die Schulter dorthin
-wenden. Er sah ihn sich verfärben und <em>nicht</em> aufblicken, dann
-aber dennoch aufblicken und gierig schauen, wenn die Glastür
-fiel und Frau Chauchat zu ihrem Platze glitt. Und mehrmals
-sah er, wie der Arme sich nach Tische zwischen Ausgang
-und Gutem Russentisch aufstellte, um Frau Chauchat an sich
-vorübergehen zu lassen und sie, die seiner nicht achtete, aus
-unmittelbarer Nähe mit Augen zu verschlingen, die bis zum
-Grunde mit Traurigkeit angefüllt waren.
-</p>
-
-<p>
-Auch diese Entdeckung also setzte dem jungen Hans Castorp
-nicht wenig zu, obgleich die klägliche Schaubegier des Mannheimers
-ihn nicht in dem Sinne beunruhigen konnte, wie der
-Privatverkehr Clawdia Chauchats mit Hofrat Behrens, einem
-ihm an Alter, Person und Lebensstellung so übergeordneten
-Mann. Clawdia kümmerte sich gar nicht um den Mannheimer,
-– es wäre Hans Castorps innerer Geschärftheit nicht
-entgangen, wenn es der Fall gewesen wäre, und nicht der
-widrige Stachel der Eifersucht war es also in diesem Falle, den
-er in der Seele spürte. Aber er erprobte alle Empfindungen,
-die Rausch und Leidenschaft eben erproben, wenn sie in der
-Außenwelt ihrer selbst ansichtig werden, und die das sonderbarste
-Gemisch aus Ekel- und Gemeinschaftsgefühlen bilden.
-Unmöglich, alles zu ergründen und auseinanderzulegen, wenn
-wir von der Stelle kommen wollen. Auf jeden Fall war es
-viel auf einmal für seine Verhältnisse, was auch die Beobachtung
-<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a>
-des Mannheimers dem armen Hans Castorp zu durchkosten
-gab.
-</p>
-
-<p>
-So vergingen die acht Tage bis zu Hans Castorps Durchleuchtung.
-Er hatte nicht gewußt, daß sie bis dahin vergehen
-würden, aber als er eines Morgens beim ersten Frühstück
-durch die Oberin (sie hatte schon wieder ein Gerstenkorn, es
-konnte nicht mehr dasselbe sein, offenbar war dies harmlose,
-aber entstellende Leiden in ihrer Verfassung gelegen) den Befehl
-erhielt, sich nachmittags im Laboratorium einzufinden, da
-waren sie eben vergangen. Zusammen mit seinem Vetter
-sollte Hans Castorp sich stellen, eine halbe Stunde vor dem
-Tee; denn auch von Joachim sollte bei dieser Gelegenheit
-wieder eine Innenansicht aufgenommen werden, – die letzte
-mußte schon für veraltet gelten.
-</p>
-
-<p>
-So hatten sie heute die große Nachmittagsliegekur um
-dreißig Minuten abgekürzt, waren mit dem Schlage halb vier
-die steinerne Treppe in das falsche Kellergeschoß „hinab“gestiegen
-und saßen zusammen in dem kleinen Warteraum, der
-das Ordinationszimmer vom Durchleuchtungslaboratorium
-trennte, – Joachim, dem nichts Neues bevorstand, in guter
-Ruhe, Hans Castorp etwas fiebrig erwartungsvoll, da man
-bisher noch niemals Einblick in sein organisches Innenleben
-genommen. Sie waren nicht allein: mehrere Gäste hatten,
-zerrissene illustrierte Zeitschriften auf den Knien, schon im
-Zimmer gesessen, als sie eingetreten waren, und warteten mit
-ihnen: ein reckenhafter junger Schwede, der im Speisesaal an
-Settembrinis Tische saß, und von dem man sagte, er sei bei
-seiner Ankunft im April so krank gewesen, daß man ihn kaum
-habe aufnehmen wollen; nun aber habe er achtzig Pfund zugenommen
-und sei im Begriffe, als völlig geheilt entlassen zu
-<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a>
-werden; ferner eine Frau vom Schlechten Russentisch, eine
-Mutter, selbst kümmerlich, mit ihrem noch kümmerlicheren,
-langnäsigen und häßlichen Knaben namens Sascha. Diese
-Personen also warteten schon länger als die Vettern; offenbar
-hatten sie in der Reihenfolge der Bestellungen den Vorrang
-vor ihnen, Verspätung schien eingerissen nebenan im
-Durchleuchtungsraum, und so stand kalter Tee in Aussicht.
-</p>
-
-<p>
-Im Laboratorium war man beschäftigt. Die Stimme des
-Hofrats war zu hören, der Anweisungen gab. Es war halb vier
-Uhr oder etwas darüber, als die Tür sich öffnete, – ein technischer
-Assistent, der hier unten tätig war, öffnete sie – und
-nur erst der schwedische Recke und Glückspilz eingelassen wurde:
-offenbar hatte man seinen Vorgänger durch einen anderen
-Ausgang entlassen. Die Geschäfte wickelten sich nun schneller
-ab. Nach zehn Minuten schon hörte man den völlig genesenen
-Skandinavier, diese wandelnde Empfehlung des Ortes und
-der Heilanstalt, sich starken Schrittes über den Korridor entfernen,
-und die russische Mutter nebst Sascha wurden empfangen.
-Wiederum, wie schon beim Eintritt des Schweden,
-bemerkte Hans Castorp, daß im Durchleuchtungsraum Halbdunkel,
-das heißt künstliches Halblicht herrschte, – gerade wie
-andererseits in Dr. Krokowskis analytischem Kabinett. Die
-Fenster waren verhüllt, das Tageslicht abgesperrt, und ein
-paar elektrische Lampen brannten. Während man aber Sascha
-und seine Mutter einließ und Hans Castorp ihnen nachblickte,
-– gleichzeitig also hiermit ging die Korridortür auf,
-und der nächstbestellte Patient betrat den Warteraum, verfrüht,
-da Verspätung obwaltete, es war Madame Chauchat.
-</p>
-
-<p>
-Es war Clawdia Chauchat, die sich plötzlich im Zimmerchen
-befand; Hans Castorp erkannte sie mit aufgerissenen Augen,
-<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a>
-indem er deutlich fühlte, wie das Blut ihm aus dem Gesichte
-wich und sein Unterkiefer erschlaffte, so daß sein Mund im
-Begriffe war, sich zu öffnen. Clawdias Eintritt hatte sich so
-nebenbei, so unversehens vollzogen, – auf einmal teilte sie den
-engen Aufenthalt mit den Vettern, nachdem sie eben noch
-keineswegs dagewesen. Joachim blickte rasch auf Hans Castorp
-und schlug dann nicht nur die Augen nieder, sondern
-nahm das illustrierte Blatt, das er schon fortgelegt hatte,
-wieder vom Tisch und verbarg sein Gesicht dahinter. Hans
-Castorp fand nicht die Entschlußkraft, ein gleiches zu tun.
-Nach dem Erblassen war er sehr rot geworden, und sein Herz
-hämmerte.
-</p>
-
-<p>
-Frau Chauchat nahm bei der Tür zum Laboratorium in
-einem rundlichen kleinen Sessel mit stummelhaften, gleichsam
-rudimentären Armlehnen Platz, schlug, zurückgelehnt, leicht
-ein Bein über das andere und blickte ins Leere, wobei ihre
-Pribislav-Augen, die durch das Bewußtsein, daß man sie beobachtete,
-aus ihrer Blickrichtung nervös abgelenkt wurden,
-etwas schielten. Sie trug einen weißen Sweater und einen
-blauen Rock und hielt ein Buch auf dem Schoß, einen Leihbibliotheksband,
-wie es schien, während sie mit der Sohle des
-am Boden stehenden Fußes leise aufpochte.
-</p>
-
-<p>
-Schon nach anderthalb Minuten änderte sie ihre Haltung,
-blickte um sich, stand auf mit einer Miene, als wisse sie nicht,
-woran sie sei und wohin sie sich zu wenden habe – und begann
-zu sprechen. Sie fragte etwas, richtete eine Frage an
-Joachim, obgleich dieser in seine illustrierte Zeitung vertieft
-schien, während Hans Castorp unbeschäftigt dasaß, – bildete
-Worte mit ihrem Munde und gab Stimme dazu aus ihrer
-weißen Kehle: es war die nicht tiefe, aber eine kleine Schärfe
-<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a>
-enthaltende, angenehm belegte Stimme, die Hans Castorp
-kannte – von langer Hand her kannte und einmal sogar aus
-unmittelbarer Nähe vernommen hatte: damals, als mit dieser
-Stimme für ihn selbst gesagt worden war: „Gern. Du mußt
-ihn mir nach der Stunde aber bestimmt zurückgeben.“ Das
-war jedoch fließender und bestimmter hingesprochen worden;
-jetzt kamen die Worte etwas schleppend und gebrochen, die
-Sprechende hatte kein natürliches Anrecht darauf, sie lieh sie
-nur, wie Hans Castorp sie schon ein paarmal hatte tun hören,
-mit einer Art von Überlegenheitsgefühl, das aber von demütigem
-Entzücken umwogt war. Eine Hand in der Tasche ihrer
-Wolljacke und die andere am Hinterkopf, fragte Frau Chauchat:
-</p>
-
-<p>
-„Ich bitte, auf wieviel Uhr sind Sie bestellt?“
-</p>
-
-<p>
-Und Joachim, der einen schnellen Blick auf seinen Vetter
-geworfen hatte, antwortete, indem er sitzend die Absätze zusammenzog:
-</p>
-
-<p>
-„Auf halb vier Uhr.“
-</p>
-
-<p>
-Sie sprach wieder:
-</p>
-
-<p>
-„Ich auf drei Viertel. Was gibt es denn? Es ist gleich
-vier. Es sind Personen eben noch eingetreten, nicht wahr?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, zwei Personen“, antwortete Joachim. „Sie waren
-vor uns an der Reihe. Der Dienst hat Verspätung. Es scheint,
-das Ganze hat sich um eine halbe Stunde verschoben.“
-</p>
-
-<p>
-„Das ist unangenehm!“ sagte sie und betastete nervös ihr
-Haar.
-</p>
-
-<p>
-„Eher“, erwiderte Joachim. „Wir warten auch schon fast
-eine halbe Stunde.“
-</p>
-
-<p>
-So sprachen sie miteinander, und wie im Traum hörte Hans
-Castorp zu. Daß Joachim mit Frau Chauchat sprach, war
-<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a>
-beinahe dasselbe, wie wenn er selbst mit ihr gesprochen hätte,
-– wenn freilich auch wieder etwas ganz und gar anderes.
-Das „Eher“ hatte Hans Castorp beleidigt, es kam ihm frech
-und mindestens befremdend gleichmütig vor in Anbetracht
-der Umstände. Aber Joachim konnte am Ende so sprechen,
-– er konnte <em>überhaupt</em> mit ihr sprechen und tat sich vielleicht
-vor ihm noch etwas zugute darauf mit seinem kecken
-„Eher“, – ungefähr wie er selbst vor Joachim und Settembrini
-sich aufgespielt hatte, als man ihn gefragt, wie lange
-er zu bleiben gedenke und er „drei Wochen“ geantwortet hatte.
-An Joachim, obgleich er die Zeitung vor das Gesicht gehalten,
-hatte sie sich gewandt mit ihrer Anrede, – gewiß weil er der
-älter Eingesessene, ihr länger von Ansehen Bekannte war;
-aber doch auch aus jenem anderen Grunde, weil ein Verkehr
-auf gesittetem Fuße, ein artikulierter Austausch in ihrem Falle
-am Platze war und nichts Wildes, Tiefes, Schreckliches und
-Geheimnisvolles zwischen ihnen waltete. Hätte jemand Braunäugiges
-mit Rubinring und Orangenparfüm hier mit ihnen
-gewartet, so wäre es an ihm, Hans Castorp, gewesen, das
-Wort zu führen und „Eher“ zu sagen, – unabhängig und
-rein, wie er ihr gegenüberstand. „Gewiß, eher unangenehm,
-wertes Fräulein!“ hätte er gesagt und vielleicht sein Taschentuch
-mit einem Schwung aus der Brusttasche gezogen, um
-sich zu schneuzen. „Bitte, Geduld zu üben. Wir sind in keiner
-besseren Lage.“ Und Joachim hätte gestaunt über seine Leichtlebigkeit,
-– wahrscheinlich aber, ohne sich ernstlich an seine
-Stelle zu wünschen. Nein, auch Hans Castorp war nicht
-eifersüchtig auf Joachim, wie die Dinge lagen, obgleich dieser
-es war, der mit Frau Chauchat sprechen durfte. Er war
-einverstanden damit, daß sie sich an ihn gewandt hatte; sie
-<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a>
-hatte den Umständen Rechnung getragen, indem sie es tat,
-und so zu erkennen gegeben, daß sie sich dieser Umstände bewußt
-war ... Sein Herz hämmerte.
-</p>
-
-<p>
-Nach der gelassenen Behandlung, die Frau Chauchat durch
-Joachim erfahren, und in der Hans Castorp sogar etwas wie
-eine leise Feindseligkeit auf seiten des guten Joachim gegen die
-Mitpatientin gespürt hatte, eine Feindseligkeit, über die er bei
-aller Erschütterung lächeln mußte, – versuchte „Clawdia“
-einen Gang durch das Zimmer zu tun; doch fehlte es an Raum
-dazu, und so nahm auch sie ein illustriertes Heft vom Tische
-und kehrte damit in den Sessel mit den rudimentären Armlehnen
-zurück. Hans Castorp saß und sah sie an, indem er
-die Kinnstütze seines Großvaters nachahmte und so dem Alten
-wirklich lächerlich ähnlich sah. Da Frau Chauchat wieder ein
-Bein über das andere gelegt hatte, zeichnete sich ihr Knie, ja,
-die ganze schlanke Linie ihres Beines unter dem blauen Tuchrock
-ab. Sie war nur von mittlerer Größe, einer in Hans
-Castorps Augen höchst angenehmen und richtigen Größe, aber
-verhältnismäßig hochbeinig und nicht breit in den Hüften.
-Sie saß nicht zurückgelehnt, sondern vorgebeugt, die gekreuzten
-Unterarme auf den Oberschenkel des übergeschlagenen
-Beines gestützt, mit gerundetem Rücken und vorfallenden
-Schultern, so daß die Nackenwirbel hervortraten, ja, unter
-dem anliegenden Sweater beinahe das Rückgrat zu erkennen
-war und ihre Brust, die nicht so hoch und üppig entwickelt
-wie bei Marusja, sondern klein und mädchenhaft war, von
-beiden Seiten zusammengepreßt wurde. Plötzlich erinnerte
-sich Hans Castorp, daß auch sie hier in der Erwartung saß,
-durchleuchtet zu werden. Der Hofrat malte sie; er gab ihre
-äußere Erscheinung mit Öl und Farbstoffen auf der Leinwand
-<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a>
-wieder. Jetzt aber würde er im Halbdunkel Lichtstrahlen auf
-sie lenken, die ihm das Innere ihres Körpers bloßlegten. Und
-indem Hans Castorp dies dachte, wandte er mit einer ehrbaren
-Verfinsterung seiner Miene den Kopf beiseite, einem Ausdruck
-von Diskretion und Sittsamkeit, den vor sich selber anzunehmen
-ihm bei dieser Vorstellung angemessen schien.
-</p>
-
-<p>
-Das Beisammensein zu dritt in dem Wartezimmerchen
-währte nicht lange. Man hatte drinnen mit Sascha und seiner
-Mutter wohl nicht viel Federlesens gemacht, man sputete sich,
-die Verspätung wieder einzuholen. Neuerdings öffnete der
-Techniker im weißen Kittel die Tür, Joachim warf aufstehend
-sein Zeitungsblatt auf den Tisch zurück, und Hans Castorp
-folgte ihm, wenn auch nicht ohne inneres Zögern, zur Tür.
-Ritterliche Bedenken regten sich in ihm zusammen mit der Versuchung,
-dennoch auf gesittete Art zu Frau Chauchat zu sprechen
-und ihr den Vortritt anzubieten; vielleicht sogar auf Französisch,
-wenn es sich machen ließ; und hastig suchte er bei sich
-nach den Vokabeln, der Satzbildung. Aber er wußte nicht,
-ob solche Höflichkeiten hier ortsüblich waren, ob nicht die angesetzte
-Reihenfolge hoch über Ritterlichkeiten erhaben war.
-Joachim mußte es wissen, und da er nicht Miene machte, vor
-der anwesenden Dame zurückzustehen, obgleich Hans Castorp
-ihn bewegt und dringlich anblickte, so folgte dieser ihm denn
-an Frau Chauchat vorbei, die nur flüchtig aus ihrer gebückten
-Haltung aufschaute, und durch die Tür ins Laboratorium.
-</p>
-
-<p>
-Er war zu benommen von dem, was er hinter sich ließ, von
-den Abenteuern der letzten zehn Minuten, als daß mit dem
-Übertritt in den Durchleuchtungsraum auch seine innere Gegenwart
-sich sogleich hätte umstellen können. Er sah nichts oder
-nur sehr Allgemeines im künstlichen Halblicht. Er hörte Frau
-<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a>
-Chauchats angenehm verschleierte Stimme, mit der sie gesagt
-hatte: „Was gibt es denn ... Es sind Personen eben noch
-eingetreten ... Das ist unangenehm ...“, und dieser Stimmklang
-schauerte ihm als ein süßer Reiz den Rücken hinunter.
-Er sah ihr Knie unter dem Tuchrock sich abbilden, sah an ihrem
-gebeugten Nacken, unter dem kurzen rötlichblonden Haar,
-das dort lose hing, ohne in die Zopffrisur aufgenommen worden
-zu sein, die Halswirbel hervortreten, und abermals überlief
-ihn der Schauder. Er sah Hofrat Behrens, abgewandt
-von den Eintretenden, vor einem Schrank oder regalförmigen
-Einbau stehen und eine schwärzliche Platte betrachten, die er
-mit ausgestrecktem Arm gegen das matte Deckenlicht hielt.
-An ihm vorbei gingen sie tiefer in den Raum hinein, überholt
-von dem Gehilfen, der Vorbereitungen zu ihrer Behandlung
-und Abfertigung traf. Es roch eigentümlich hier. Eine Art
-von abgestandenem Ozon erfüllte die Atmosphäre. Zwischen
-den schwarzverhängten Fenstern vorspringend, teilte der Einbau
-das Laboratorium in zwei ungleiche Hälften. Man unterschied
-physikalische Apparate, Hohlgläser, Schaltbretter, aufrecht
-ragende Meßinstrumente, aber auch einen kameraartigen
-Kasten auf rollbarem Gestell, gläserne Diapositive, die reihenweise
-in die Wand eingelassen waren, – man wußte nicht,
-war man in dem Atelier eines Photographen, einer Dunkelkammer
-oder einer Erfinderwerkstatt und technischen Hexenoffizin.
-</p>
-
-<p>
-Joachim hatte ohne weiteres begonnen, seinen Oberkörper
-freizumachen. Der Gehilfe, ein jüngerer, gedrungener und
-rotbäckiger Eingeborener in weißem Kittel, wies Hans Castorp
-an, ein gleiches zu tun. Es gehe schnell, er sei sofort an der
-Reihe ... Während Hans Castorp die Weste auszog, kam
-<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a>
-Behrens aus dem kleinen Abteil, wo er gestanden, in den geräumigeren
-herüber.
-</p>
-
-<p>
-„Hallo!“ sagte er. „Das sind ja unsere Dioskuren! Castorp
-und Pollux ... Bitte, Wehelaute zu unterdrücken! Warten
-Sie nur, gleich werden wir Sie alle beide durchschaut haben.
-Ich glaube, Sie haben Angst, Castorp, uns Ihr Inneres zu
-eröffnen? Seien Sie ruhig, es geht ganz ästhetisch zu. Hier,
-haben Sie meine Privatgalerie schon gesehen?“ Und er zog
-Hans Castorp am Arm vor die Reihen der dunklen Gläser,
-hinter denen er knipsend Licht einschaltete. Da erhellten sie sich,
-zeigten ihre Bilder. Hans Castorp sah Gliedmaßen: Hände,
-Füße, Kniescheiben, Ober- und Unterschenkel, Arme und Beckenteile.
-Aber die rundliche Lebensform dieser Bruchstücke des
-Menschenleibes war schemenhaft und dunstig von Kontur;
-wie ein Nebel und bleicher Schein umgab sie ungewiß ihren
-klar, minutiös und entschieden hervortretenden Kern, das
-Skelett.
-</p>
-
-<p>
-„Sehr interessant“, sagte Hans Castorp.
-</p>
-
-<p>
-„Das ist allerdings interessant!“ erwiderte der Hofrat. „Nützlicher
-Anschauungsunterricht für junge Leute. Lichtanatomie,
-verstehen Sie, Triumph der Neuzeit. Das ist ein Frauenarm,
-Sie ersehen es aus seiner Niedlichkeit. Damit umfangen sie
-einen beim Schäferstündchen, verstehen Sie.“ Und er lachte,
-wobei seine Oberlippe mit dem gestutzten Schnurrbärtchen
-sich einseitig höher schürzte. Die Bilder erloschen. Hans Castorp
-wandte sich zur Seite, dorthin, wo Joachims Innenaufnahme
-sich vorbereitete.
-</p>
-
-<p>
-Es geschah vor jenem Einbau, an dessen anderer Seite der
-Hofrat anfangs gestanden. Joachim hatte auf einer Art von
-Schustersessel vor einem Brett Platz genommen, gegen das
-<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a>
-er die Brust preßte, wobei er es außerdem mit den Armen umschlang;
-und mit knetenden Bewegungen verbesserte der Gehilfe
-seine Stellung, indem er Joachims Schultern weiter nach
-vorn drückte, seinen Rücken massierte. Hierauf begab er sich
-hinter die Kamera, um, wie irgend ein Photograph, gebückt,
-breitbeinig, die Ansicht zu prüfen, drückte seine Zufriedenheit
-aus und mahnte Joachim, beiseite gehend, tief einzuatmen
-und, bis alles vorüber, die Luft anzuhalten. Joachims gerundeter
-Rücken dehnte sich und blieb stehen. In diesem Augenblick
-hatte der Gehilfe am Schaltbrett den nötigen Handgriff
-getan. Zwei Sekunden lang spielten fürchterliche Kräfte, deren
-Aufwand erforderlich war, um die Materie zu durchdringen,
-Ströme von Tausenden von Volt, von hunderttausend, Hans
-Castorp glaubte sich zu erinnern. Kaum zum Zwecke gebändigt,
-suchten die Gewalten auf Nebenwegen sich Luft zu machen.
-Entladungen knallten wie Schüsse. Es knatterte blau am
-Meßapparat. Lange Blitze fuhren knisternd die Wand entlang.
-Irgendwo blickte ein rotes Licht, einem Auge gleich, still
-und drohend in den Raum, und eine Phiole in Joachims
-Rücken füllte sich grün. Dann beruhigte sich alles; die Lichterscheinungen
-verschwanden, und Joachim ließ seufzend den
-Atem aus. Es war geschehen.
-</p>
-
-<p>
-„Nächster Delinquent!“ sagte Behrens und stieß Hans Castorp
-mit dem Ellenbogen. „Nur keine Müdigkeit vorschützen!
-Sie kriegen ein Freiexemplar, Castorp. Dann können Sie
-noch Kindern und Enkeln die Geheimnisse Ihres Busens an
-die Wand projizieren!“
-</p>
-
-<p>
-Joachim war abgetreten; der Techniker wechselte die Platte.
-Hofrat Behrens unterwies den Neuling persönlich, wie er sich
-zu setzen, zu halten habe. „Umarmen!“ sagte er. „Das Brett
-<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a>
-umarmen! Stellen Sie sich meinetwegen was anderes darunter
-vor! Und gut die Brust andrücken, als ob Glücksempfindungen
-damit verbunden wären! Recht so. Einatmen!
-Stillgehalten!“ kommandierte er. „Bitte, recht freundlich!“
-Hans Castorp wartete blinzelnd, die Lunge voller Luft. Hinter
-ihm brach das Gewitter los, knisterte, knatterte, knallte und
-beruhigte sich. Das Objektiv hatte in sein Inneres geblickt.
-</p>
-
-<p>
-Er stieg ab, verwirrt und betäubt von dem, was mit ihm
-geschehen, obgleich ja die Durchdringung ihm nicht im geringsten
-empfindlich geworden war. „Brav“, sagte der Hofrat.
-„Nun werden wir selber sehen.“ Und schon hatte Joachim,
-bewandert wie er war, sich weiter hinbegeben, näher der
-Ausgangstür an einem Stativ Aufstellung genommen, im
-Rücken den weitläufig sich aufbauenden Apparat, auf dessen
-Rückenhöhe man eine halb mit Wasser gefüllte Glasblase
-mit Verdunstungsröhre gewahrte, vor sich, in Brusthöhe, einen
-gerahmten Schirm, der an Rollzügen schwebte. Zu seiner
-Linken, inmitten eines Schaltbretts und Instrumentariums,
-erhob sich eine rote Lampenglocke. Der Hofrat, vor dem
-hängenden Schirm auf einem Schemel reitend, entzündete sie.
-Das Deckenlicht erlosch, nur das Rubinlicht noch erhellte die
-Szene. Dann hob der Meister auch dieses mit kurzem Handgriff
-auf, und dichteste Finsternis hüllte die Laboranten ein.
-</p>
-
-<p>
-„Erst müssen die Augen sich gewöhnen“, hörte man den
-Hofrat im Dunkel sagen. „Ganz große Pupillen müssen wir
-erst kriegen, wie die Katzen, um zu sehen, was wir sehen wollen.
-Das verstehen Sie ja wohl, daß wir es so ohne weiteres mit
-unseren gewöhnlichen Tagaugen nicht ordentlich sehen könnten.
-Den hellen Tag mit seinen fidelen Bildern müssen wir
-uns erst mal aus dem Sinn schlagen zu dem Behuf.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a>
-„Selbstredend“, sagte Hans Castorp, der hinter des Hofrats
-Schulter stand, und schloß die Augen, da es ganz gleichgültig
-war, ob man sie offen hielt, oder nicht, so schwarz war die Nacht.
-„Erst müssen wir uns mal die Augen mit Finsternis waschen,
-um so was zu sehen, das ist doch klar. Ich finde es sogar
-gut und richtig, daß wir uns vorher ein bißchen sammeln, sozusagen
-in stillem Gebet. Ich stehe hier und habe die Augen
-geschlossen, es ist mir angenehm schläfrig zu Sinn. Aber wonach
-riecht es hier nur?“
-</p>
-
-<p>
-„Sauerstoff“, sagte der Hofrat. „Das ist Oxygen, was Sie
-in den Lüften spüren. Atmosphärisches Produkt des Stubengewitters,
-verstehen Sie mich ... Augen auf!“ sagte er. „Jetzt
-fängt die Beschwörung an.“ Hans Castorp gehorchte eilig.
-</p>
-
-<p>
-Man hörte das Umlegen eines Hebels. Ein Motor sprang
-auf und sang wütend in die Höhe, wurde aber durch einen
-neuen Handgriff zur Stetigkeit gebändigt. Der Fußboden
-bebte gleichmäßig. Das rote Lichtlein, länglich und senkrecht,
-blickte mit stillem Drohen herüber. Irgendwo knisterte ein
-Blitz. Und langsam, mit milchigem Schein, ein sich erhellendes
-Fenster, trat aus dem Dunkel das bleiche Viereck des Leuchtschirms
-hervor, vor welchem Hofrat Behrens auf seinem Schusterschemel
-ritt, die Schenkel gespreizt, die Fäuste daraufgestemmt,
-die Stumpfnase dicht an der Scheibe, die Einblick in
-eines Menschen organisches Inneres gewährte.
-</p>
-
-<p>
-„Sehen Sie, Jüngling?“ fragte er ... Hans Castorp beugte
-sich über seine Schulter, hob aber noch einmal den Kopf, dorthin,
-wo im Dunkel Joachims Augen zu vermuten waren, die
-sanft und traurig blicken mochten, wie damals bei der Untersuchung,
-und fragte:
-</p>
-
-<p>
-„Du erlaubst doch?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a>
-„Bitte, bitte“, antwortete Joachim liberal aus seiner Finsternis.
-Und beim Schüttern des Erdbodens, im Knistern und
-Rumoren der spielenden Kräfte spähte Hans Castorp gebückt
-durch das bleiche Fenster, spähte durch Joachim Ziemßens
-leeres Gebein. Der Brustknochen fiel mit dem Rückgrat zur
-dunklen, knorpeligen Säule zusammen. Das vordere Rippengerüst
-wurde von dem des Rückens überschnitten, das blasser
-erschien. Geschwungen zweigten oben die Schlüsselbeine nach
-beiden Seiten ab, und in der weichen Lichthülle der Fleischesform
-zeigten sich dürr und scharf das Schulterskelett, der Ansatz
-von Joachims Oberarmknochen. Es war hell im Brustraum,
-aber man unterschied ein Geäder, dunkle Flecke, ein
-schwärzliches Gekräusel.
-</p>
-
-<p>
-„Klares Bild“, sagte der Hofrat. „Das ist die anständige
-Magerkeit, die militärische Jugend. Ich habe hier Wänste
-gehabt, – undurchdringlich, beinahe nichts zu erkennen. Die
-Strahlen müßte man erst mal entdecken, die durch so eine Fettschicht
-gehen ... Dies hier ist saubere Arbeit. Sehen Sie das
-Zwerchfell?“ sagte er und wies mit dem Finger auf den dunklen
-Bogen, der sich unten im Fenster hob und senkte ... „Sehen
-Sie die Buckel hier linkerseits, die Erhöhungen? Das ist die
-Rippenfellentzündung, die er mit fünfzehn Jahren hatte. Tief
-atmen!“ kommandierte er. „Tiefer! Ich sage <em>tief</em>!“ Und
-Joachims Zwerchfell hob sich zitternd, so hoch es konnte, Aufhellung
-war in den oberen Lungenteilen zu bemerken, aber der
-Hofrat war nicht befriedigt. „Ungenügend!“ sagte er. „Sehen
-Sie die Hilusdrüsen? Sehen Sie die Verwachsungen? Sehen
-Sie die Kavernen hier? Da kommen die Gifte her, die ihn
-beschwipsen.“ Aber Hans Castorps Aufmerksamkeit war in
-Anspruch genommen von etwas Sackartigem, ungestalt
-<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a>
-Tierischem, dunkel hinter dem Mittelstamme Sichtbarem, und
-zwar größerenteils zur Rechten, vom Beschauer aus gesehen,
-– das sich gleichmäßig ausdehnte und wieder zusammenzog,
-ein wenig nach Art einer rudernden Qualle.
-</p>
-
-<p>
-„Sehen Sie sein Herz?“ fragte der Hofrat, indem er abermals
-die riesige Hand vom Schenkel löste und mit dem Zeigefinger
-auf das pulsierende Gehänge wies ... Großer Gott, es
-war das Herz, Joachims ehrliebendes Herz, was Hans Castorp
-sah!
-</p>
-
-<p>
-„Ich sehe dein Herz!“ sagte er mit gepreßter Stimme.
-</p>
-
-<p>
-„Bitte, bitte“, antwortete Joachim wieder, und wahrscheinlich
-lächelte er ergeben dort oben im Dunklen. Aber der Hofrat
-gebot ihnen, zu schweigen und keine Empfindsamkeiten zu
-tauschen. Er studierte die Flecke und Linien, das schwarze Gekräusel
-im inneren Brustraum, während auch sein Mitspäher
-nicht müde wurde, Joachims Grabesgestalt und Totenbein
-zu betrachten, dies kahle Gerüst und spindeldürre Memento.
-Andacht und Schrecken erfüllten ihn. „Jawohl, jawohl, ich
-sehe“, sagte er mehrmals. „Mein Gott, ich sehe!“ Er hatte
-von einer Frau gehört, einer längst verstorbenen Verwandten
-von Tienappelscher Seite, – sie sollte mit einer schweren Gabe
-ausgestattet oder geschlagen gewesen sein, die sie in Demut
-getragen, und die darin bestanden hatte, daß Leute, die baldigst
-sterben sollten, ihren Augen als Gerippe erschienen waren.
-So sah nun Hans Castorp den guten Joachim, wenn auch
-mit Hilfe und auf Veranstaltung der physikalisch-optischen
-Wissenschaft, so daß es nichts zu bedeuten hatte und alles
-mit rechten Dingen zuging, zumal er Joachims Zustimmung
-ausdrücklich eingezogen. Dennoch wandelte Verständnis ihn
-an für die Melancholie im Schicksal jener seherischen Tante.
-<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a>
-Heftig bewegt von dem, was er sah, oder eigentlich davon,
-daß er es sah, fühlte er sein Gemüt von geheimen Zweifeln
-gestachelt, ob es rechte Dinge seien, mit denen dies zugehe,
-Zweifeln an der Erlaubtheit seines Schauens im schütternden,
-knisternden Dunkel; und die zerrende Lust der Indiskretion
-mischte sich in seiner Brust mit Gefühlen der Rührung und
-Frömmigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Aber wenige Minuten später stand er selbst im Gewitter am
-Pranger, während Joachim, wieder geschlossenen Leibes, sich
-ankleidete. Abermals spähte der Hofrat durch die milchige
-Scheibe, diesmal in Hans Castorps Inneres, und aus seinen
-halblauten Äußerungen, abgerissenen Schimpfereien und Redensarten
-schien hervorzugehen, daß der Befund seinen Erwartungen
-entsprach. Er war dann noch so freundlich, zu erlauben,
-daß der Patient seine eigene Hand durch den Leuchtschirm
-betrachte, da er dringend darum gebeten hatte. Und
-Hans Castorp sah, was zu sehen er hatte erwarten müssen,
-was aber eigentlich dem Menschen zu sehen nicht bestimmt ist,
-und wovon auch er niemals gedacht hatte, daß ihm bestimmt
-sein könne, es zu sehen: er sah in sein eigenes Grab. Das spätere
-Geschäft der Verwesung sah er vorweggenommen durch
-die Kraft des Lichtes, das Fleisch, worin er wandelte, zersetzt,
-vertilgt, zu nichtigem Nebel gelöst, und darin das kleinlich gedrechselte
-Skelett seiner rechten Hand, um deren oberes Ringfingerglied
-sein Siegelring, vom Großvater her ihm vermacht,
-schwarz und lose schwebte: ein hartes Ding dieser Erde, womit
-der Mensch seinen Leib schmückt, der bestimmt ist, darunter
-wegzuschmelzen, so daß es frei wird und weiter geht an
-ein Fleisch, das es eine Weile wieder tragen kann. Mit den
-Augen jener Tienappelschen Vorfahrin erblickte er einen vertrauten
-<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a>
-Teil seines Körpers, durchschauenden, voraussehenden
-Augen, und zum erstenmal in seinem Leben verstand er, daß
-er sterben werde. Dazu machte er ein Gesicht, wie er es zu
-machen pflegte, wenn er Musik hörte, – ziemlich dumm, schläfrig
-und fromm, den Kopf halb offenen Mundes gegen die
-Schulter geneigt. Der Hofrat sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Spukhaft, was? Ja, ein Einschlag von Spukhaftigkeit
-ist nicht zu verkennen.“
-</p>
-
-<p>
-Und dann tat er den Kräften Einhalt. Der Fußboden kam
-zur Ruhe, die Lichterscheinungen schwanden, das magische
-Fenster hüllte sich wieder in Dunkel. Das Deckenlicht ging an.
-Und während auch Hans Castorp sich in die Kleider warf, gab
-Behrens den jungen Leuten einige Auskunft über seine Beobachtungen,
-unter Berücksichtigung ihrer laienhaften Auffassungsfähigkeit.
-Was im besonderen Hans Castorp betraf, so
-hatte der optische Befund den akustischen so genau bestätigt,
-wie die Ehre der Wissenschaft es nur irgend verlangte. Es
-seien die alten Stellen sowohl wie die frische zu sehen gewesen,
-und „Stränge“ zögen sich von den Bronchien aus ziemlich
-weit in das Organ hinein, – „Stränge mit Knötchen“.
-Hans Castorp werde es selbst auf dem Diapositivbildchen nachprüfen
-können, das ihm, wie gesagt, demnächst werde eingehändigt
-werden. Also Ruhe, Geduld, Mannszucht, messen,
-essen, liegen, abwarten und Tee trinken. Er wandte ihnen den
-Rücken. Sie gingen. Hans Castorp, hinter Joachim, blickte
-im Hinausgehen über die Schulter. Vom Techniker eingelassen,
-betrat Frau Chauchat das Laboratorium.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-6-3">
-<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a>
-Freiheit
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Wie kam es dem jungen Hans Castorp eigentlich vor? Etwa
-so, als ob die sieben Wochen, die er nun nachweislich und ohne
-allen Zweifel schon bei Denen hier oben verbracht hatte, nur
-sieben Tage gewesen wären? Oder schien ihm im Gegenteil,
-daß er schon viel, viel länger, als wirklich zutraf, an diesem
-Orte lebe? Er fragte sich selbst danach, sowohl innerlich, wie
-auch in der Form, daß er Joachim danach fragte, konnte aber
-zu keiner Entscheidung kommen. Es war wohl beides der Fall:
-zugleich unnatürlich kurz und unnatürlich lang erschien ihm im
-Rückblick die hier verbrachte Zeit, nur eben wie es wirklich damit
-war, so wollte es ihm nicht scheinen, – wobei vorausgesetzt
-wird, daß Zeit überhaupt Natur, und daß es statthaft ist,
-den Begriff der Wirklichkeit mit ihr in Verbindung zu bringen.
-</p>
-
-<p>
-Auf jeden Fall stand der Oktober vor der Tür, jeden Tag
-konnte er eintreten. Es war ein leichtes für Hans Castorp,
-sich das auszurechnen, und außerdem wurde er durch Gespräche
-seiner Mitpatienten darauf hingewiesen, denen er zuhörte.
-„Wissen Sie, daß in fünf Tagen wieder einmal der Erste ist?“
-hörte er Hermine Kleefeld zu zwei jungen Herren ihrer Gesellschaft
-sagen, dem Studenten Rasmussen und jenem Wulstlippigen,
-dessen Name Gänser war. Man stand nach der
-Hauptmahlzeit im Speisedunst zwischen den Tischen herum
-und zögerte plaudernd, in die Liegekur zu gehen. „Der erste
-Oktober, ich habe es in der Verwaltung auf dem Kalender
-gesehen. Das ist der zweite seiner Art, den ich an diesem Lustort
-verlebe. Schön, der Sommer ist hin, soweit er vorhanden
-war, man ist um ihn betrogen, wie man um das Leben
-betrogen ist, im ganzen und überhaupt.“ Und sie seufzte aus
-<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a>
-ihrer halben Lunge, indem sie kopfschüttelnd ihre von Dummheit
-umschleierten Augen zur Decke richtete. „Lustig, Rasmussen!“
-sagte sie hierauf und schlug ihrem Kameraden auf
-die abfallende Schulter. „Machen Sie Witze!“ „Ich weiß
-nur wenige“, erwiderte Rasmussen und ließ die Hände wie
-Flossen in Brusthöhe hängen; „die aber wollen mir nicht vonstatten
-gehn, ich bin immer so müde.“ „Es möchte kein Hund,“
-sagte Gänser hinter den Zähnen, „so oder ähnlich noch viel
-länger leben.“ Und sie lachten achselzuckend.
-</p>
-
-<p>
-Aber auch Settembrini, seinen Zahnstocher zwischen den
-Lippen, hatte in der Nähe gestanden, und im Hinausgehen
-sagte er zu Hans Castorp:
-</p>
-
-<p>
-„Glauben Sie ihnen nicht, Ingenieur, glauben Sie ihnen
-niemals, wenn sie schimpfen! Das tun sie alle ohne Ausnahme,
-obgleich sie sich nur zu sehr zu Hause fühlen. Führen ein Lotterleben
-und erheben auch noch Anspruch auf Mitleid, dünken
-sich zur Bitterkeit berechtigt, zur Ironie, zum Zynismus! ‚An
-diesem Lustort!‘ Ist es vielleicht kein Lustort? Ich will meinen,
-daß es einer ist, und zwar in des Wortes zweifelhaftester
-Bedeutung! ‚Betrogen‘, sagt dies Frauenzimmer; ‚an diesem
-Lustort um das Leben betrogen.‘ Aber entlassen Sie sie in die
-Ebene, und ihr Lebenswandel dort unten wird keinen Zweifel
-darüber lassen, daß sie es darauf anlegt, baldmöglichst wieder
-heraufzukommen. Ach ja, die Ironie! Hüten Sie sich vor der
-hier gedeihenden Ironie, Ingenieur! Hüten Sie sich überhaupt
-vor dieser geistigen Haltung! Wo sie nicht ein gerades und
-klassisches Mittel der Redekunst ist, dem gesunden Sinn keinen
-Augenblick mißverständlich, da wird sie zur Liederlichkeit,
-zum Hindernis der Zivilisation, zur unsauberen Liebelei mit
-dem Stillstand, dem Ungeist, dem Laster. Da die Atmosphäre,
-<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a>
-in der wir leben, dem Gedeihen dieses Sumpfgewächses offenbar
-sehr günstig ist, darf ich hoffen oder muß fürchten, daß
-Sie mich verstehen.“
-</p>
-
-<p>
-Wirklich waren des Italieners Worte von der Art derer, die
-noch vor sieben Wochen im Tieflande für Hans Castorp nur
-Schall gewesen wären, für deren Bedeutung aber der Aufenthalt
-hier oben seinen Geist empfänglich gemacht hatte: empfänglich
-im Sinne intellektuellen Verständnisses, nicht ohne
-weiteres auch in dem der Sympathie, was vielleicht noch mehr
-besagen will. Denn obgleich er im Grunde seiner Seele froh
-war, daß Settembrini auch jetzt noch, trotz allem, was geschehen,
-fortfuhr, zu ihm zu sprechen, wie er es tat, ihn weiter
-belehrte, warnte und Einfluß auf ihn zu nehmen suchte, ging
-seine Auffassungsfähigkeit sogar so weit, daß er seine Worte
-beurteilte und ihnen seine Zustimmung, wenigstens bis zu einem
-gewissen Grade, vorenthielt. „Sieh an,“ dachte er, „er spricht
-von der Ironie ganz ähnlich wie von der Musik, es fehlt nur,
-daß er sie ‚politisch verdächtig‘ nennt, nämlich von dem Moment
-an, wo sie aufhört, ein ‚gerades und klassisches Lehrmittel‘
-zu sein. Aber eine Ironie, die ‚keinen Augenblick mißverständlich‘
-ist, – was wäre denn das für eine Ironie, frage
-ich in Gottes Namen, wenn ich schon mitreden soll? Eine
-Trockenheit und Schulmeisterei wäre sie!“ – So undankbar
-ist Jugend, die sich bildet. Sie läßt sich beschenken, um dann
-das Geschenk zu bemäkeln.
-</p>
-
-<p>
-Seine Widersetzlichkeit in Worte zu fassen, wäre ihm immerhin
-zu abenteuerlich erschienen. Er beschränkte seine Einwände
-auf Herrn Settembrinis Urteil über Hermine Kleefeld, das ihm
-ungerecht erschien oder das er aus bestimmten Gründen sich
-so erscheinen lassen wollte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a>
-„Aber das Fräulein ist krank!“ sagte er. „Sie ist ja wahr-
-und wahrhaftig schwer krank und hat allen Grund, verzweifelt
-zu sein! Was wollen Sie eigentlich von ihr?“
-</p>
-
-<p>
-„Krankheit und Verzweiflung,“ sagte Settembrini, „sind
-auch oft nur Formen der Liederlichkeit.“
-</p>
-
-<p>
-„Und Leopardi,“ dachte Hans Castorp, „der ausdrücklich
-sogar an Wissenschaft und Fortschritt verzweifelte? Und er
-selbst, der Herr Schulmeister? Er ist doch auch krank und
-kommt immer wieder herauf, und Carducci hätte wenig Freude
-an ihm.“ Laut sagte er:
-</p>
-
-<p>
-„Sie sind gut. Das Fräulein kann jeden Tag ins Gras
-beißen, und das nennen Sie Liederlichkeit! Da müssen Sie sich
-schon näher erklären. Wenn Sie mir sagten: Krankheit ist bisweilen
-eine Folge der Liederlichkeit, so wäre das plausibel ...“
-</p>
-
-<p>
-„Sehr plausibel“, schaltete Settembrini ein. „Meiner Treu,
-es wäre Ihnen recht, wenn ich dabei stehen bliebe?“
-</p>
-
-<p>
-„Oder wenn Sie sagten: Krankheit muß der Liederlichkeit
-manchmal zum Vorwand dienen, – auch das ließe ich mir gefallen.“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="it">Grazie tanto!</span>“
-</p>
-
-<p>
-„Aber Krankheit eine <em>Form</em> der Liederlichkeit? Das heißt:
-nicht aus der Liederlichkeit entstanden, sondern selbst Liederlichkeit?
-Das ist doch paradox!“
-</p>
-
-<p>
-„Oh, ich bitte, Ingenieur, keine Unterstellungen! Ich verachte
-die Paradoxe, ich hasse sie! Lassen Sie sich alles, was ich
-Ihnen über die Ironie bemerkte, auch vom Paradoxon gesagt
-sein, und noch einiges mehr! Das Paradoxon ist die Giftblüte
-des Quietismus, das Schillern des faulig gewordenen Geistes,
-die größte Liederlichkeit von allen! Im übrigen stelle ich fest,
-daß Sie wieder einmal die Krankheit in Schutz nehmen ...“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a>
-„Nein, was Sie sagen, interessiert mich. Es erinnert geradezu
-an manches, was Dr. Krokowski an seinen Montagen
-vorbringt. Auch er erklärt die organische Krankheit für eine
-sekundäre Erscheinung.“
-</p>
-
-<p>
-„Kein ganz reinlicher Idealist.“
-</p>
-
-<p>
-„Was haben Sie gegen ihn?“
-</p>
-
-<p>
-„Eben dies.“
-</p>
-
-<p>
-„Sind Sie schlecht auf die Analyse zu sprechen?“
-</p>
-
-<p>
-„Nicht jeden Tag. – Sehr schlecht und sehr gut, beides abwechselnd,
-Ingenieur.“
-</p>
-
-<p>
-„Wie soll ich das verstehen?“
-</p>
-
-<p>
-„Die Analyse ist gut als Werkzeug der Aufklärung und der
-Zivilisation, gut, insofern sie dumme Überzeugungen erschüttert,
-natürliche Vorurteile auflöst und die Autorität unterwühlt,
-gut, mit anderen Worten, indem sie befreit, verfeinert,
-vermenschlicht und Knechte reif macht zur Freiheit. Sie ist
-schlecht, sehr schlecht, insofern sie die Tat verhindert, das Leben
-an den Wurzeln schädigt, unfähig, es zu gestalten. Die Analyse
-kann eine sehr unappetitliche Sache sein, unappetitlich wie
-der Tod, zu dem sie denn doch wohl eigentlich gehören mag, –
-verwandt dem Grabe und seiner anrüchigen Anatomie ...“
-</p>
-
-<p>
-„Gut gebrüllt, Löwe“, konnte Hans Castorp nicht umhin
-zu denken, wie gewöhnlich, wenn Herr Settembrini etwas
-Pädagogisches geäußert. Er sagte aber nur:
-</p>
-
-<p>
-„Lichtanatomie haben wir neulich getrieben in unserem Parterrekeller.
-Behrens nannte es so, als er uns durchleuchtete.“
-</p>
-
-<p>
-„Ah, auch diese Station haben Sie schon erstiegen. Nun,
-und?“
-</p>
-
-<p>
-„Ich habe das Skelett meiner Hand gesehen“, sagte Hans
-Castorp, indem er sich die Empfindungen zurückzurufen suchte,
-<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a>
-die bei diesem Anblick in ihm aufgestiegen waren. „Haben
-Sie sich Ihres auch einmal zeigen lassen?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, ich interessiere mich nicht im geringsten für mein
-Skelett. Und das ärztliche Ergebnis?“
-</p>
-
-<p>
-„Er hat Stränge gesehen, Stränge mit Knötchen.“
-</p>
-
-<p>
-„Teufelsknecht.“
-</p>
-
-<p>
-„So haben Sie Hofrat Behrens schon einmal genannt.
-Was meinen Sie damit?“
-</p>
-
-<p>
-„Seien Sie überzeugt, daß es eine gewählte Bezeichnung ist!“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, Sie sind ungerecht, Herr Settembrini! Ich gebe
-zu, daß der Mann seine Schwächen hat. Seine Redeweise ist
-mir selbst auf die Dauer nicht angenehm; sie hat zuweilen
-was Gewaltsames, besonders wenn man sich erinnert, daß
-er den großen Kummer gehabt hat, seine Frau hier oben einzubüßen.
-Aber was für ein verdienter und achtbarer Mann
-ist er doch alles in allem, ein Wohltäter der leidenden Menschheit!
-Neulich begegnete ich ihm, als er eben von einer Operation
-kam, einer Rippenresektion, einer Sache, bei der es auf
-Biegen oder Brechen gegangen war. Es machte großen Eindruck
-auf mich, wie ich ihn so von seiner schwierigen, nützlichen
-Arbeit kommen sah, auf die er sich so gut versteht. Noch ganz
-erhitzt war er und hatte sich zur Belohnung eine Zigarre angezündet.
-Ich war neidisch auf ihn.“
-</p>
-
-<p>
-„Das war schön von Ihnen. Aber Ihr Strafmaß?“
-</p>
-
-<p>
-„Er hat mir keine bestimmte Frist gesetzt.“
-</p>
-
-<p>
-„Auch nicht übel. Legen wir uns also, Ingenieur. Beziehen
-wir unsere Stellungen.“
-</p>
-
-<p>
-Sie verabschiedeten sich vor Nummer 34.
-</p>
-
-<p>
-„Nun gehen Sie auf Ihr Dach hinauf, Herr Settembrini.
-Es muß lustiger sein, so in Gesellschaft zu liegen, als allein.
-<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a>
-Unterhalten Sie sich? Sind es interessante Leute, mit denen
-Sie Kur machen?“
-</p>
-
-<p>
-„Ach, das sind lauter Parther und Skythen!“
-</p>
-
-<p>
-„Sie meinen Russen?“
-</p>
-
-<p>
-„Und Russinnen“, sagte Herr Settembrini, und sein Mundwinkel
-spannte sich. „Adieu, Ingenieur!“
-</p>
-
-<p>
-Das war mit Bedeutung gesagt, unzweifelhaft. Hans
-Castorp betrat in Verwirrung sein Zimmer. Wußte Settembrini,
-wie es um ihn stand? Wahrscheinlich hatte er ihm erzieherisch
-nachgespürt und die Wege verfolgt, die seine Augen
-gingen. Hans Castorp war zornig auf den Italiener und auch
-auf sich selbst, weil er unbeherrschterweise den Stich herausgefordert
-hatte. Während er sein Schreibzeug zusammensuchte,
-um es mit in die Liegekur zu nehmen – denn nun galt
-kein Zögern mehr, der Brief nach Hause, der dritte, wollte geschrieben
-sein –, fuhr er fort, sich zu ärgern, murmelte dies
-und das vor sich hin gegen diesen Windbeutel und Räsonneur,
-der sich in Dinge mischte, die ihn nichts angingen, während er
-selbst die Mädchen auf der Straße anträllerte, – und fühlte
-sich zu der schriftlichen Arbeit gar nicht mehr aufgelegt, –
-dieser Drehorgelmann hatte ihm mit seinen Anspielungen
-förmlich die Stimmung dazu verdorben. Aber so oder so, er
-mußte Winterzeug haben, Geld, Wäsche, Schuhwerk, kurz
-alles, was er mitgenommen haben würde, wenn er gewußt
-hätte, daß er nicht für drei Hochsommerwochen, sondern ...
-sondern für eine noch unbestimmte Frist kam, die aber jedenfalls
-ein Stück in den Winter hineinreichen, ja, wie bei Uns
-hier oben die Begriffe und Zeitverhältnisse nun einmal waren,
-ihn wohl gar einschließen würde. Dies eben wollte, wenigstens
-als Möglichkeit, nach Hause mitgeteilt sein. Es galt
-<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a>
-diesmal ganze Arbeit zu tun, Denen dort unten reinen Wein
-einzuschenken und weder sich noch ihnen länger etwas vorzumachen
-...
-</p>
-
-<p>
-In diesem Geiste schrieb er denn, unter Beobachtung der
-Technik, die er Joachim mehrmals hatte üben sehen: im Liegestuhl,
-mit dem Füllfederhalter, die Reisemappe auf den hochgezogenen
-Knien. Er schrieb auf einem Briefbogen der Anstalt,
-von denen ein Vorrat in der Tischschublade bereit lag,
-an James Tienappel, der ihm unter den drei Onkels am nächsten
-stand, und bat ihn, den Konsul zu unterrichten. Er sprach
-von einem leidigen Zwischenfall, von Befürchtungen, die sich
-bewahrheitet hätten, von der ärztlicherseits erklärten Notwendigkeit,
-einen Teil des Winters, vielleicht den ganzen hier
-oben zu verbringen, denn Fälle wie der seinige seien oft hartnäckiger
-als solche, die sich pompöser anließen, und es gelte
-doch, nachdrücklich einzugreifen und beizeiten ein für allemal
-vorzubauen. Unter diesem Gesichtspunkt, meinte er, sei es ja
-ein Glück und eine günstige Fügung, daß er zufällig jetzt heraufgekommen
-und veranlaßt worden sei, sich untersuchen zu
-lassen; denn sonst wäre er wohl noch lange über seinen Zustand
-im unklaren geblieben und später vielleicht auf viel
-empfindlichere Art darüber belehrt worden. Was die voraussichtliche
-Dauer der Kur betreffe, so möge man sich nicht
-wundern, daß er sich wahrscheinlich den Winter werde um die
-Ohren schlagen müssen und kaum früher als Joachim in die
-Ebene werde zurückkehren können. Die Zeitbegriffe seien hier
-andere, als die sonst wohl für Badereisen und Kuraufenthalte
-gültigen; der Monat sei sozusagen die kleinste Zeiteinheit, und
-einzeln spiele er gar keine Rolle ...
-</p>
-
-<p>
-Es war kühl, er schrieb im Paletot, in eine Decke gehüllt,
-<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a>
-mit geröteten Händen. Manchmal blickte er auf von seinem
-Papier, das sich mit vernünftigen und überzeugenden Sätzen
-bedeckte, und blickte in die vertraute Landschaft, die er kaum
-noch sah, dieses gestreckte Tal mit dem heute glasig-bleichen
-Gipfelgeschiebe am Ausgang, dem hell besiedelten Grunde, der
-manchmal sonnig aufglänzte, und den teils waldrauhen, teils
-wiesigen Lehnen, von denen Kuhgeläut kam. Er schrieb mit
-wachsender Leichtigkeit und verstand nicht mehr, wie er sich
-vor dem Brief hatte fürchten können. Im Schreiben begriff
-er selbst, daß nichts einleuchtender sein konnte, als seine Darlegungen,
-und daß sie zu Hause selbstverständlich das vollkommenste
-Einverständnis finden würden. Ein junger Mann
-seiner Klasse und in seinen Verhältnissen tat etwas für sich,
-wenn es sich als ratsam erwies, er machte Gebrauch von den
-eigens für seinesgleichen bereitgestellten Bequemlichkeiten. So
-gehörte es sich. Wäre er heimgereist, – man hätte ihn auf
-seinen Bericht hin wieder heraufgeschickt. Er bat, ihm zukommen
-zu lassen, was er brauchte. Auch um regelmäßige
-Anweisung der nötigen Geldmittel bat er zum Schluß; mit
-800 Mark monatlich sei alles zu decken.
-</p>
-
-<p>
-Er unterschrieb. Das war getan. Dieser dritte Brief nach
-Hause war ausgiebig, er hielt vor, – nicht nach den Zeitbegriffen
-von unten, sondern nach den hier oben herrschenden;
-er befestigte Hans Castorps <em>Freiheit</em>. Dies war das Wort,
-das er anwandte, nicht ausdrücklich, nicht, indem er auch nur
-innerlich seine Silben gebildet hätte, aber er empfand seinen
-weitläufigsten Sinn, wie er es während seines hiesigen Aufenthaltes
-zu tun gelernt hatte, – einen Sinn, der mit demjenigen,
-den Settembrini diesem Worte beilegte, nur wenig zu
-schaffen hatte, – und eine ihm schon bekannte Welle des
-<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a>
-Schreckens und der Erregung ging über ihn hin, die seine Brust
-beim Aufseufzen erzittern ließ.
-</p>
-
-<p>
-Er hatte den Kopf voller Blut vom Schreiben, seine Backen
-brannten. Er nahm Merkurius vom Lampentischchen und
-maß sich, als gelte es, eine Gelegenheit zu benutzen. Merkurius
-stieg auf 37,8.
-</p>
-
-<p>
-„Seht ihr?“ dachte Hans Castorp. Und er fügte das Postskriptum
-hinzu: „Der Brief hat mich doch angestrengt. Ich
-messe 37,8. Ich sehe, daß ich mich vorläufig sehr ruhig verhalten
-muß. Ihr müßt entschuldigen, wenn ich selten schreibe.“
-Dann lag er und hob seine Hand gegen den Himmel, das
-Innere nach außen, so, wie er sie hinter den Leuchtschirm gehalten.
-Aber das Himmelslicht ließ ihre Lebensform unberührt,
-sogar noch dunkler und undurchsichtiger wurde ihr Stoff
-vor seiner Helle, und nur ihre äußersten Umrisse zeigten sich
-rötlich durchleuchtet. Es war die Lebenshand, die er zu sehen,
-zu säubern, zu benutzen gewohnt war – nicht jenes fremde
-Gerüst, das er im Schirme erblickt –, die analytische Grube,
-die er damals offen gesehen, hatte sich wieder geschlossen.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-6-4">
-Launen des Merkur
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Der Oktober brach an, wie neue Monate anzubrechen
-pflegen, – es ist an und für sich ein vollkommen bescheidenes
-und geräuschloses Anbrechen, ohne Zeichen und Feuermale,
-ein stilles Sicheinschleichen also eigentlich, das der Aufmerksamkeit,
-wenn sie nicht strenge Ordnung hält, leicht entgeht.
-Die Zeit hat in Wirklichkeit keine Einschnitte, es gibt
-kein Gewitter oder Drommetengetön beim Beginn eines
-<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a>
-neuen Monats oder Jahres, und selbst bei dem eines neuen
-Säkulums sind es nur wir Menschen, die schießen und läuten.
-</p>
-
-<p>
-In Hans Castorps Fall glich der erste Oktobertag auf ein
-Haar dem letzten Septembertage; er war ebenso kalt und unfreundlich
-wie dieser, und die nächstfolgenden waren es auch.
-Man brauchte den Winterpaletot und beide Kamelhaardecken
-in der Liegekur, nicht nur abends, sondern auch am Tage; die
-Finger, mit denen man sein Buch hielt, waren feucht und steif,
-wenn auch die Backen in trockener Hitze standen, und Joachim
-war sehr versucht, seinen Pelzsack in Gebrauch zu nehmen; er
-unterließ es nur, um sich nicht vorzeitig zu verwöhnen.
-</p>
-
-<p>
-Aber einige Tage später, man hielt schon zwischen Anfang
-und Mitte des Monats, änderte sich alles, und ein nachträglicher
-Sommer fiel ein von solcher Pracht, daß es zum Verwundern
-war. Nicht umsonst hatte Hans Castorp den Oktober
-dieser Gegenden rühmen hören; wohl zweieinhalb Wochen
-lang herrschte Himmelsherrlichkeit über Berg und Tal, ein Tag
-überbot den anderen an blauender Reinheit, und mit so unvermittelter
-Kraft brannte die Sonne darein, daß jedermann sich
-veranlaßt fand, das leichteste Sommerzeug, Musselinkleider
-und Leinwandhosen, die schon verworfen gewesen, wieder hervorzusuchen
-und selbst der große Segeltuchschirm ohne Krücke,
-den man vermittelst einer sinnreichen Vorrichtung, einem mehrfach
-gelochten Pflock, an der Armlehne des Liegestuhles befestigte,
-in den mittleren Tagesstunden nur ungenügenden
-Schutz gegen die Glut des Gestirnes bot.
-</p>
-
-<p>
-„Schön, daß ich das hier noch mitmache“, sagte Hans
-Castorp zu seinem Vetter. „Wir haben es manchmal so elend
-gehabt, – es ist ja ganz, als hätten wir den Winter schon
-hinter uns und nun käme die gute Zeit.“ Er hatte recht.
-<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a>
-Wenige Merkmale deuteten auf den wahren Sachverhalt,
-und auch diese waren unscheinbar. Nahm man ein paar gepflanzte
-Ahorne beiseite, die unten in „Platz“ nur eben ihr
-Leben fristeten und längst mutlos ihre Blätter hatten fallen
-lassen, so gab es keine Laubbäume hier, deren Zustand der
-Landschaft das Gepräge der Jahreszeit aufgedrückt hätte, und
-nur die zwittrige Alpenerle, die weiche Nadeln trägt und diese
-wie Blätter wechselt, zeigte sich herbstlich kahl. Der übrige
-Baumschmuck der Gegend, ob ragend oder geduckt, war
-immergrünes Nadelholz, fest gegen den Winter, der, undeutlich
-eingeschränkt, seine Schneestürme hier über das ganze Jahr
-verteilen darf; und nur ein mehrfach gestufter, roströtlicher
-Ton über dem Forst ließ trotz dem Sommerbrande des Himmels
-das sinkende Jahr erkennen. Freilich waren da, näher
-zugesehen, noch die Wiesenblumen, die gleichfalls leise zur
-Sache redeten. Es gab das orchideenähnliche Knabenkraut,
-die staudenförmige Akelei nicht mehr, die bei des Besuchers
-Ankunft noch das Gehänge geschmückt hatten, und auch die
-wilde Nelke war nicht mehr da. Nur noch der Enzian, die
-kurzaufsitzende Herbstzeitlose waren zu sehen und gaben Bescheid
-über eine gewisse innere Frische der oberflächlich erhitzten
-Atmosphäre, eine Kühle, die dem Ruhenden, äußerlich fast
-Versengten plötzlich ans Gebein treten konnte, wie ein Frostschauer
-dem Fieberglühenden.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp also hielt innerlich nicht jene Ordnung, womit
-der die Zeit bewirtschaftende Mensch ihren Ablauf beaufsichtigt,
-ihre Einheiten abteilt, zählt und benennt. Er hatte
-auf den stillen Anbruch des zehnten Monats nicht achtgehabt;
-nur das Sinnliche berührte ihn, die Sonnenglut mit der geheimen
-Frostfrische darin und darunter, – eine Empfindung,
-<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a>
-die ihm in dieser Stärke neu war und ihn zu einem kulinarischen
-Vergleich anregte: sie erinnerte ihn, einer Äußerung zufolge,
-die er gegen Joachim tat, an eine „<span class="antiqua" lang="fr">Omelette en surprise</span>“
-mit Gefrorenem unter dem heißen Eierschaum. Er sagte öfter
-solche Dinge, sagte sie rasch, geläufig und mit bewegter Stimme,
-wie ein Mensch spricht, den es fröstelt bei heißer Haut. Dazwischen
-freilich war er auch schweigsam, um nicht zu sagen:
-in sich gekehrt; denn seine Aufmerksamkeit war wohl nach
-außen gerichtet, aber auf einen Punkt; das übrige, Menschen
-wie Dinge, verschwamm im Nebel, einem in Hans Castorps
-Hirn erzeugten Nebel, den Hofrat Behrens und Dr. Krokowski
-zweifellos als das Produkt löslicher Gifte angesprochen haben
-würden, wie der Benebelte sich selber sagte, ohne daß diese
-Einsicht das Vermögen oder auch nur im entferntesten den
-Wunsch in ihm gezeitigt <a id="corr-58"></a>hätte, des Rausches ledig zu werden.
-</p>
-
-<p>
-Denn das ist ein Rausch, dem es um sich selber zu tun ist,
-und dem nichts unerwünschter und verabscheuenswürdiger
-scheint, als die Ernüchterung. Er behauptet sich auch gegen
-dämpfende Eindrücke, er läßt sie nicht zu, um sich zu bewahren.
-Hans Castorp wußte und hatte es früher selbst zur Sprache
-gebracht, daß Frau Chauchat im Profil nicht günstig aussah,
-etwas scharf, nicht mehr ganz jung. Die Folge? Er vermied
-es, sie im Profil zu betrachten, schloß buchstäblich die Augen,
-wenn sie ihm zufällig von fern oder nah diese Ansicht bot, es
-tat ihm weh. Warum? Seine Vernunft hätte freudig die
-Gelegenheit wahrnehmen sollen, sich zur Geltung zu bringen!
-Aber was verlangt man ... Er wurde blaß vor Entzücken,
-als Clawdia in diesen glänzenden Tagen zum zweiten Frühstück
-wieder einmal in der weißen Spitzenmatinee erschien, die
-sie bei warmem Wetter trug, und die sie so außerordentlich
-<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a>
-reizvoll machte, – verspätet und türschmetternd darin erschien
-und lächelnd, die Arme leicht zu ungleicher Höhe erhoben,
-gegen den Saal Front machte, um sich zu präsentieren. Aber
-er war entzückt nicht sowohl dadurch, daß sie so günstig aussah,
-sondern <em>darüber</em>, daß es so war, weil das den süßen
-Nebel in seinem Kopf verstärkte, den Rausch, der sich selber
-wollte, und dem es darum zu tun war, gerechtfertigt und genährt
-zu werden.
-</p>
-
-<p>
-Ein Gutachter von der Denkungsart Lodovico Settembrinis
-hätte angesichts eines solchen Mangels an gutem Willen geradezu
-von Liederlichkeit, von „einer Form der Liederlichkeit“
-sprechen mögen. Hans Castorp gedachte zuweilen der schriftstellerischen
-Dinge, die jener über „Krankheit und Verzweiflung“
-geäußert, und die er unbegreiflich gefunden oder so zu
-finden sich den Anschein gegeben hatte. Er sah Clawdia Chauchat
-an, die Schlaffheit ihres Rückens, die vorgeschobene Haltung
-ihres Kopfes; er sah sie beständig mit großer Verspätung
-zu Tisch kommen, ohne Grund und Entschuldigung, einzig
-aus Mangel an Ordnung und gesitteter Energie; sah sie aus
-eben diesem grundlegenden Mangel jede Tür hinter sich zufallen
-lassen, durch die sie aus oder ein ging, Brotkugeln drehen
-und gelegentlich an den seitlichen Fingerspitzen kauen, – und
-eine wortlose Ahnung stieg in ihm auf, daß, wenn sie krank
-war, und das war sie wohl, fast hoffnungslos krank, da sie
-ja schon so lange und oft hier oben hatte leben müssen, –
-ihre Krankheit, wenn nicht gänzlich, so doch zu einem guten
-Teile moralischer Natur, und zwar wirklich, wie Settembrini
-gesagt hatte, nicht Ursache oder Folge ihrer „Lässigkeit“,
-sondern mit ihr ein und dasselbe war. Er erinnerte sich auch
-der wegwerfenden Gebärde, womit der Humanist von den
-<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a>
-„Parthern und Skythen“ gesprochen hatte, mit denen er Liegekur
-halten müsse, einer Gebärde natürlicher und unmittelbarer,
-nicht erst zu begründender Geringschätzung und Ablehnung,
-auf die Hans Castorp sich von früher her wohl verstand, –
-von damals her, als er, der sich bei Tische sehr gerade hielt,
-das Türenwerfen aus Herzensgrund haßte und nicht einmal
-in Versuchung kam, an den Fingern zu kauen (schon darum
-nicht, weil ihm statt dessen Maria Mancini gegeben war), an
-den Ungezogenheiten Frau Chauchats schweren Anstoß genommen
-und sich eines Gefühls der Überlegenheit nicht hatte
-entschlagen können, als er die schmaläugige Fremde in seiner
-Muttersprache sich hatte versuchen hören.
-</p>
-
-<p>
-Solcher Empfindungen hatte Hans Castorp sich nun, auf
-Grund der inneren Sachlage, fast ganz begeben, und der
-Italiener war es viel mehr, an dem er sich ärgerte, weil dieser
-in seinem Dünkel von „Parthern und Skythen“ gesprochen, –
-während er doch nicht einmal Personen vom „Schlechten“
-Russentisch im Auge gehabt hatte, demjenigen, an dem die
-Studenten mit dem allzu dicken Haar und der unsichtbaren
-Wäsche saßen und unaufhörlich in ihrer wildfremden Sprache
-disputierten, außer der sie sich offenbar in keiner auszudrücken
-wußten, und deren knochenloser Charakter an einen Thorax
-ohne Rippen erinnerte, wie Hofrat Behrens es neulich beschrieben
-hatte. Es war richtig, daß die Sitten dieser Leute
-einem Humanisten wohl lebhafte Abstandsgefühle erregen
-konnten. Sie aßen mit dem Messer und besudelten auf nicht
-wiederzugebende Weise die Toilette. Settembrini behauptete,
-daß einer von ihrer Gesellschaft, ein Mediziner in höheren Semestern,
-sich des Lateinischen vollkommen unkundig erwiesen,
-beispielsweise nicht gewußt habe, was ein <span class="antiqua" lang="la">vacuum</span> sei, und
-<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a>
-nach Hans Castorps eigenen täglichen Erfahrungen log Frau
-Stöhr wahrscheinlich nicht, wenn sie bei Tische erzählte, das
-Ehepaar auf Nr. 32 empfange den Bademeister morgens,
-wenn er zur Abreibung komme, zusammen im Bette liegend.
-</p>
-
-<p>
-Mochte dies alles zutreffen, so bestand doch die augenfällige
-Scheidung von „gut“ und „schlecht“ nicht umsonst, und
-Hans Castorp versicherte sich selbst, er habe nur ein Achselzucken
-für irgendeinen Propagandisten der Republik und des schönen
-Stils, der, hochnäsig und nüchtern – namentlich nüchtern,
-obgleich auch er febril und beschwipst war –, die beiden Tischgesellschaften
-unter dem Namen von Parthern und Skythen
-zusammenfaßte. Wie es gemeint war, verstand der junge Hans
-Castorp sehr weitgehend, er hatte ja auch angefangen, sich
-auf die Zusammenhänge von Frau Chauchats Krankheit mit
-ihrer „Lässigkeit“ zu verstehen. Aber es verhielt sich, wie er
-selbst eines Tages zu Joachim gesagt hatte: man beginnt
-mit Ärgernis und Abstandsgefühlen, auf einmal aber „kommt
-ganz anderes dazwischen“, was „mit Urteilen gar nichts zu
-tun hat“, und die Sittenstrenge hat ausgespielt, – man ist
-pädagogischen Einflüssen republikanischer und eloquenter Art
-kaum noch zugänglich. Was ist aber das, fragen wir, wahrscheinlich
-auch in Lodovico Settembrinis Sinn, was ist das
-für ein fragwürdiges Zwischenkommnis, das des Menschen
-Urteil lahmlegt und ausschaltet, ihn des Rechtes darauf beraubt
-oder vielmehr ihn bestimmt, sich dieses Rechtes mit unsinnigem
-Entzücken zu begeben? Wir fragen nicht nach seinem
-Namen, denn diesen kennt jeder. Wir erkundigen uns nach
-seiner moralischen Beschaffenheit, – und erwarten, offen gestanden,
-keine sehr hochgemute Antwort darauf. In Hans
-Castorps Fall bewährte sich diese Beschaffenheit in dem Grade,
-<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a>
-daß er nicht allein aufhörte, zu urteilen, sondern auch begann,
-mit der Lebensform, die es ihm angetan, seinerseits Versuche
-anzustellen. Er versuchte, wie es sei, wenn man bei Tische
-zusammengesunken, mit schlaffem Rücken dasäße, und fand,
-daß es eine große Erleichterung für die Beckenmuskeln bedeute.
-Ferner probierte er es, eine Tür, durch die er schritt, nicht umständlich
-hinter sich zu schließen, sondern sie zufallen zu lassen;
-und auch dies erwies sich sowohl als bequem wie als angemessen:
-es entsprach im Ausdruck jenem Achselzucken, mit dem
-Joachim ihn seinerzeit gleich am Bahnhof begrüßt, und das
-er seitdem so oft bei Denen hier oben gefunden hatte.
-</p>
-
-<p>
-Schlicht gesagt, war unser Reisender nun also über beide
-Ohren in Clawdia Chauchat verliebt, – wir gebrauchen nochmals
-dies Wort, da wir dem Mißverständnis, das es erregen
-könnte, hinlänglich vorgebeugt zu haben meinen. Freundlich
-gemütvolle Wehmut im Geist jenes Liedchens war es also
-nicht, was das Wesen seiner Verliebtheit ausmachte. Vielmehr
-war das eine ziemlich riskierte und unbehauste Abart
-dieser Betörung, aus Frost und Hitze gemischt wie das Befinden
-eines Febrilen oder wie ein Oktobertag in oberen Sphären;
-und was fehlte, war eben ein gemüthaftes Mittel, das ihre
-extremen Bestandteile verbunden hätte. Sie bezog sich einerseits
-mit einer Unmittelbarkeit, die den jungen Mann erblassen
-ließ und seine Gesichtszüge verzerrte, auf Frau Chauchats Knie
-und die Linie ihres Beines, auf ihren Rücken, ihre Nackenwirbel
-und ihre Oberarme, von denen die kleine Brust zusammengepreßt
-wurde, – mit einem Worte auf ihren Körper,
-ihren lässigen und gesteigerten, durch die Krankheit ungeheuer
-betonten und noch einmal zum Körper gemachten Körper.
-Und sie war andererseits etwas äußerst Flüchtiges und
-<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a>
-Ausgedehntes, ein Gedanke, nein, ein Traum, der schreckhafte
-und grenzenlos verlockende Traum eines jungen Mannes, dem
-auf bestimmte, wenn auch unbewußt gestellte Fragen nur ein
-hohles Schweigen geantwortet hatte. Wie jedermann, nehmen
-wir das Recht in Anspruch, uns bei der hier laufenden Erzählung
-unsere privaten Gedanken zu machen, und wir äußern
-die Mutmaßung, daß Hans Castorp die für seinen Aufenthalt
-bei Denen hier oben ursprünglich angesetzte Frist nicht einmal
-bis zu dem gegenwärtig erreichten Punkt überschritten hätte,
-wenn seiner schlichten Seele aus den Tiefen der Zeit über Sinn
-und Zweck des Lebensdienstes eine irgendwie befriedigende
-Auskunft zuteil geworden wäre.
-</p>
-
-<p>
-Im übrigen fügte seine Verliebtheit ihm all die Schmerzen
-zu und gewährte ihm all die Freuden, die dieser Zustand überall
-und unter allen Umständen mit sich bringt. Der Schmerz ist
-durchdringend; er enthält ein entehrendes Element, wie jeder
-Schmerz, und bedeutet eine solche Erschütterung des Nervensystems,
-daß er den Atem verschlägt und einem erwachsenen
-Manne bittere Tränen entpressen kann. Um auch den Freuden
-gerecht zu werden, so waren sie zahlreich und, obgleich aus
-unscheinbaren Anlässen entstehend, nicht weniger eindringlich
-als die Leiden. Fast jeder Augenblick des Berghof-Tages war
-fähig, sie zu zeitigen. Zum Beispiel: im Begriff, den Speisesaal
-zu betreten, bemerkt Hans Castorp den Gegenstand seiner
-Träume hinter sich. Das Ergebnis ist im voraus klar und
-von größter Simplizität, aber innerlich entzückend bis zu ebenfalls
-tränentreibender Wirkung. Ihre Augen begegnen sich
-nahe, die seinen und ihre graugrünen, deren leicht asiatischer
-Sitz und Schnitt ihm das Mark bezaubern. Er ist besinnungslos,
-aber auch ohne Besinnung tritt er seitlich zurück, um ihr
-<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a>
-zuerst den Weg durch die Tür freizugeben. Mit halbem
-Lächeln und einem halblauten „<span class="antiqua" lang="fr">Merci</span>“ macht sie Gebrauch
-von seinem nicht mehr als gesitteten Anerbieten, geht vorbei
-und hindurch. Im Hauch ihrer vorüberstreichenden Person
-steht er, närrisch vor Glück über das Zusammentreffen und
-darüber, daß ein Wort ihres Mundes, nämlich das <span class="antiqua" lang="fr">Merci</span>,
-ihm direkt und persönlich gegolten. Er folgt ihr, er schwankt
-rechtshin zu seinem Tische, und indem er auf seinen Stuhl sinkt,
-darf er wahrnehmen, daß „Clawdia“ drüben, ebenfalls Platz
-nehmend, sich nach ihm umblickt, – mit einem Ausdruck des
-Nachdenkens über die Begegnung an der Tür, wie ihm scheint.
-O unglaubwürdiges Abenteuer! O Jubel, Triumph und
-grenzenloses Frohlocken! Nein, diesen Rausch phantastischer
-Genugtuung hätte Hans Castorp nicht erprobt bei dem Blick
-irgendeines gesunden Gänschens, dem er drunten im Flachlande
-erlaubter-, friedlicher- und aussichtsreicherweise, im Sinne
-jenes Liedchens, „sein Herz geschenkt“ hätte. Mit fiebriger
-Aufgeräumtheit begrüßt er die Lehrerin, die alles gesehen hat
-und flaumig errötet ist, – worauf er Miß Robinson mit englischer
-Konversation von solcher Sinnlosigkeit berennt, daß das
-Fräulein, im Ekstatischen nicht bewandert, sogar zurückprallt
-und ihn mit Blicken voller Befürchtungen mißt.
-</p>
-
-<p>
-Ein andermal fallen beim Abendessen die Strahlen der klar
-untergehenden Sonne auf den Guten Russentisch. Man hat
-die Vorhänge vor die Verandatüren und Fenster gezogen,
-aber irgendwo klafft da ein Spalt, und durch ihn findet der
-rote Schein kühl, aber blendend seinen Weg und trifft genau
-Frau Chauchats Kopf, so daß sie, im Gespräch mit dem konkaven
-Landsmann zu ihrer Rechten, sich mit der Hand dagegen
-schützen muß. Das ist eine Belästigung, aber keine schwere;
-<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a>
-niemand kümmert sich darum, die Betroffene selbst ist sich der
-Unbequemlichkeit wohl nicht einmal bewußt. Aber Hans Castorp
-sieht es über den Saal hinweg, – auch er sieht es eine
-Weile mit an. Er überprüft die Sachlage, verfolgt den Weg
-des Strahles, stellt den Ort seines Einfalles fest. Es ist das
-Bogenfenster dort hinten rechts, in der Ecke zwischen der einen
-Verandatür und dem Schlechten Russentisch, weit von Frau
-Chauchats Platze entfernt und fast genau ebensoweit von
-dem Hans Castorps. Und er faßt seine Entschlüsse. Ohne ein
-Wort steht er auf, geht, seine Serviette in der Hand, schräg
-zwischen den Tischen hin durch den Saal, schlägt da hinten
-die cremefarbenen Vorhänge gut übereinander, überzeugt sich
-durch einen Blick über die Schulter, daß der Abendschein ausgesperrt
-und Frau Chauchat befreit ist – und begibt sich unter
-Aufbietung vielen Gleichmutes auf den Rückweg. Ein aufmerksamer
-junger Mann, der das Notwendige tut, da sonst
-niemand darauf verfällt, es zu tun. Die wenigsten hatten
-auf sein Eingreifen geachtet, aber Frau Chauchat hatte die
-Erleichterung sofort gespürt und sich umgeblickt, – sie blieb
-in dieser Haltung, bis Hans Castorp seinen Platz wieder erreicht
-hatte und, sich setzend, zu ihr hinübersah, worauf sie mit
-freundlich erstauntem Lächeln dankte, das heißt: ihren Kopf
-mehr vorschob als neigte. Er quittierte mit einer Verbeugung.
-Sein Herz war unbeweglich, es schien überhaupt nicht zu schlagen.
-Erst später, als alles vorüber war, begann es zu hämmern,
-und da bemerkte er erst, daß Joachim die Augen still auf
-seinen Teller gerichtet hielt, – wie ihm auch nachträglich deutlich
-wurde, daß Frau Stöhr Dr. Blumenkohl in die Seite gestoßen
-hatte und überall am eigenen Tische und an den anderen
-mit geducktem Lachen nach mitwissenden Blicken suchte ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a>
-Wir schildern Alltägliches; aber das Alltägliche wird sonderbar,
-wenn es auf sonderbarer Grundlage gedeiht. Es gab
-Spannungen und wohltätige Lösungen zwischen ihnen, – oder
-wenn nicht zwischen ihnen (denn wie weit Madame Chauchat
-davon berührt wurde, wollen wir dahingestellt sein lassen),
-so doch für Hans Castorps Phantasie und Gefühl. Nach dem
-Mittagessen pflegte in diesen schönen Tagen ein größerer Teil
-der Kurgesellschaft sich auf die dem Speisesaal vorgelagerte
-Veranda hinaus zu begeben, um eine Viertelstunde gruppenweise
-in der Sonne zu verweilen. Es ging da zu, und ein Bild
-entwickelte sich, ähnlich wie bei der vierzehntägigen Sonntagsblechmusik.
-Die jungen Leute, absolut müßig, übermäßig gesättigt
-mit Fleischspeisen und Süßigkeiten, und alle leicht fiebernd,
-plauderten, schäkerten, äugten. Frau Salomon aus Amsterdam
-mochte wohl an der Balustrade sitzen, – hart mit den
-Knien bedrängt von dem wulstlippigen Gänser auf der einen
-und dem schwedischen Recken auf der anderen Seite, der, obgleich
-völlig genesen, seinen Aufenthalt zu einer kleinen Nachkur
-noch etwas verlängerte. Frau Iltis schien Witwe zu sein, denn
-sie erfreute sich seit kurzem der Gesellschaft eines „Bräutigams“,
-von übrigens zugleich melancholischer und untergeordneter Erscheinung,
-dessen Vorhandensein sie denn auch nicht hinderte,
-gleichzeitig die Huldigungen des Hauptmanns Miklosich, eines
-Mannes mit Hakennase, gewichstem Schnurrbart, erhabener
-Brust und drohenden Augen, entgegenzunehmen. Es waren
-da Liegehallendamen verschiedener Nationalität, neue Figuren
-darunter, erst seit dem 1. Oktober sichtbar geworden, die Hans
-Castorp kaum schon bei Namen zu nennen gewußt hätte, untermischt
-mit Kavalieren vom Schlage des Herrn Albin; monokeltragenden
-Siebzehnjährigen; einem bebrillten jungen Holländer
-<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a>
-mit rosigem Gesicht und monomanischer Leidenschaft für
-den Briefmarkentausch; verschiedenen Griechen, pomadisiert
-und mandeläugig, bei Tische zu Übergriffen geneigt; zwei eng zusammengehörigen
-Stutzerchen, die „Max und Moritz“ genannt
-wurden und für große Ausbrecher galten ... Der bucklige Mexikaner,
-dem Nichtkenntnis der hier vertretenen Sprachen den
-Gesichtsausdruck eines Tauben verlieh, nahm unaufhörlich
-photographische Aufnahmen vor, indem er sein Stativ mit
-schnurriger Behendigkeit von einem Punkt der Terrasse zum
-andern schleppte. Auch der Hofrat mochte sich wohl einfinden,
-um das Kunststück mit den Stiefelbändern aufzuführen. Irgendwo
-aber drückte sich einsam der mannheimische Religiöse
-in die Menge, und seine bis in den Grund hinein traurigen
-Augen gingen zu Hans Castorps Ekel heimlich gewisse Wege.
-</p>
-
-<p>
-Um denn mit einem oder dem anderen Beispiel auf jene
-„Spannungen und Lösungen“ zurückzukommen, so mochte
-bei einer solchen Gelegenheit Hans Castorp auf einem lackierten
-Gartenstuhl und in gesprächiger Unterhaltung mit Joachim,
-den er trotz seines Widerstrebens gezwungen hatte, mit herauszukommen,
-an der Hauswand sitzen, während vor ihm Frau
-Chauchat mit ihren Tischgenossen eine Zigarette rauchend an
-der Brüstung stand. Er sprach für sie, damit sie ihn höre.
-Sie wandte ihm den Rücken zu ... Man sieht, wir haben
-jetzt einen bestimmten Fall im Auge. Des Vetters Gespräch
-hatte ihm nicht genügt für seine affektierte Redseligkeit, er
-hatte absichtlich eine Bekanntschaft gemacht, – welche? Die
-Bekanntschaft Hermine Kleefelds – hatte wie von ungefähr
-das Wort an die junge Dame gerichtet, sich selbst und Joachim
-ihr namentlich vorgestellt und auch ihr einen lackierten
-Stuhl herangezogen, um sich zu dritt besser aufspielen zu
-<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a>
-können. Ob sie noch wisse, fragte er, wie teufelsmäßig sie ihn
-damals erschreckt habe, bei ihrer ersten Begegnung seinerzeit
-auf der Morgenpromenade. Ja, das sei <em>er</em> gewesen, den sie
-damals so herzerfrischend zum Willkomm angepfiffen! Und
-ihren Zweck habe sie erreicht, das wolle er freiwillig gestehen,
-er sei wie mit einer Keule vor den Kopf geschlagen gewesen,
-sie solle nur seinen Vetter fragen. Ha, ha, mit dem Pneumothorax
-zu pfeifen und harmlose Wanderer damit zu erschrecken!
-Ein frevles Spiel nenne er das, als sündhaften Mißbrauch
-bezeichne er es freierdings und in gerechtem Zorne ... Und
-während Joachim im Bewußtsein seiner werkzeughaften
-Rolle mit niedergeschlagenen Augen saß und auch die Kleefeld
-aus Hans Castorps blinden und abschweifenden Blicken
-allmählich für ihre Person das kränkende Gefühl gewann,
-nur als Mittel zum Zwecke zu dienen, schmollte Hans Castorp
-und zierte sich und drechselte Redensarten und gab sich eine
-wohllautende Stimme, bis er es wirklich erreichte, daß Frau
-Chauchat sich nach dem auffällig Redenden umwandte und
-ihm ins Gesicht blickte, – aber nur einen Augenblick. Denn
-so gestaltete es sich, daß ihre Pribislav-Augen an seiner mit
-übergeschlagenem Beine sitzenden Figur rasch hinunterglitten
-und mit einem Ausdruck von so geflissentlicher Gleichgültigkeit,
-daß er wie Verachtung aussah, genau wie Verachtung,
-eine Weile auf seinem gelben Stiefel haften blieben, – worauf
-sie sich phlegmatisch und vielleicht mit einem Lächeln in ihrer
-Tiefe wieder zurückzogen.
-</p>
-
-<p>
-Ein schwerer, schwerer Unglücksfall! Hans Castorp redete
-noch eine Weile fieberhaft weiter; dann, als er dieses Blickes
-auf seinen Stiefel innerlich recht ansichtig geworden, verstummte
-er beinahe mitten im Wort und sank in Gram. Die Kleefeld,
-<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a>
-gelangweilt und beleidigt, ging ihrer Wege. Nicht ohne Gereiztheit
-in der Stimme meinte Joachim, nun könnten sie ja
-wohl Liegekur machen. Und ein Gebrochener antwortete ihm
-bleichen Mundes, das könnten sie.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp litt grausam unter diesem Vorfall zwei Tage
-lang; denn nichts geschah unterdessen, was Balsam für seine
-brennende Wunde gewesen wäre. Warum dieser Blick?
-Warum ihm ihre Verachtung in des dreifaltigen Gottes Namen?
-Sah sie ihn an wie einen gesunden Gimpel von unten,
-dessen Aufnahmelustigkeit nur zum Harmlosen neigte? Wie
-eine Unschuld aus dem Flachlande, sozusagen, einen gewöhnlichen
-Kerl, der herumging und lachte und sich den Bauch vollschlug
-und Geld verdiente, – einen Musterschüler des Lebens,
-der sich auf nichts als auf die langweiligen Vorteile der Ehre
-verstand? War er ein windiger Hospitant auf drei Wochen,
-unteilhaft ihrer Sphäre, oder hatte er nicht Profeß getan
-auf Grund einer feuchten Stelle, – war er nicht eingereiht
-und zugehörig, einer von Uns hier oben, mit guten zwei Monaten
-auf dem Buckel, und war nicht Merkurius noch gestern
-abend wieder auf 37,8 gestiegen? ... Aber das eben war es,
-das machte sein Leiden vollständig! Merkurius stieg nicht
-mehr! Die furchtbare Niedergeschlagenheit dieser Tage bewirkte
-eine Erkältung, Ernüchterung und Abspannung von
-Hans Castorps Natur, die sich zu seiner bitteren Beschämung
-in sehr niedrigen, kaum übernormalen Meßergebnissen äußerte,
-und grausam war es für ihn, zu gewahren, wie sein Kummer
-und Gram nichts weiter vermochte, als ihn von Clawdias
-Sein und Wesen immer nur weiter noch zu entfernen.
-</p>
-
-<p>
-Der dritte Tag brachte die zarte Erlösung, brachte sie gleich
-in der Frühe. Es war ein herrlicher Herbstmorgen, sonnig
-<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a>
-und frisch, mit grausilbrig übersponnenen Wiesen. Sonne
-und abnehmender Mond standen gleichzeitig ziemlich gleich hoch
-am reinen Himmel. Die Vettern waren früher als gewöhnlich
-aufgestanden, um dem schönen Tag zu Ehren ihren Morgenspaziergang
-ein wenig über die Vorschrift auszudehnen,
-auf dem Waldwege, an dem die Bank neben der Wasserrinne
-stand, etwas weiter vorzudringen. Joachim, dessen Kurve gerade
-ebenfalls einen erfreulichen Abstieg aufwies, hatte die erfrischende
-Unregelmäßigkeit befürwortet und Hans Castorp
-nicht nein gesagt. „Wir sind ja genesene Leute,“ hatte er gesagt,
-„abgefiebert und entgiftet, so gut wie reif für das Flachland.
-Warum sollten wir nicht ausschlagen wie die Füllen.“
-So wanderten sie barhaupt – denn seit er Profeß getan, hatte
-Hans Castorp sich in Gottes Namen der herrschenden Sitte
-anbequemt, ohne Hut zu gehen, so sicher er sich anfangs, diesem
-Brauch gegenüber, seiner Lebensform und Gesittung gefühlt
-hatte – und setzten ihre Stöcke. Sie hatten aber den ansteigenden
-Teil des rötlichen Weges noch nicht zurückgelegt, waren
-erst ungefähr bis zu dem Punkte gelangt, wo damals der
-pneumatische Trupp dem Neuling begegnet war, als sie vor
-sich in einiger Entfernung, langsam steigend, Frau Chauchat
-gewahrten, Frau Chauchat in Weiß, in weißem Sweater,
-weißem Flanellrock, und sogar in weißen Schuhen, das rötliche
-Haar von der Morgensonne erleuchtet. Genauer gesagt:
-Hans Castorp hatte sie erkannt; Joachim fand sich erst durch
-ein unangenehmes Gefühl des Ziehens und Zerrens an seiner
-Seite auf die Umstände hingewiesen, – ein Gefühl, hervorgebracht
-durch die antreibend beschwingtere Gangart, die sein
-Begleiter plötzlich angeschlagen, nachdem er zuvor seine Schritte
-jäh gehemmt hatte und beinahe stehengeblieben war. Solches
-<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a>
-Gehetztwerden empfand Joachim als äußerst unzuträglich
-und ärgerlich; sein Atem verkürzte sich rasch, und er hüstelte.
-Aber den zielbewußten Hans Castorp, dessen Organe prachtvoll
-zu arbeiten schienen, kümmerte das wenig; und da sein
-Vetter der Sachlage innegeworden, zog er nur schweigend die
-Brauen zusammen und hielt Schritt, denn unmöglich konnte
-er jenen allein voranlaufen lassen.
-</p>
-
-<p>
-Den jungen Hans Castorp belebte der schöne Morgen. Auch
-hatten in der Depression seine Seelenkräfte sich heimlich ausgeruht,
-und klar leuchtete vor seinem Geist die Gewißheit, daß
-der Augenblick gekommen war, da der Bann, der auf ihm gelegen,
-gebrochen werden sollte. So griff er aus, den keuchenden,
-auch sonst widerstrebenden Joachim mit sich ziehend, und
-vor der Biegung des Weges, wo er eben ward und rechtshin
-den bewaldeten Hügel entlang führte, hatten sie Frau Chauchat
-so gut wie erreicht. Da verlangsamte Hans Castorp das
-Tempo wieder, um nicht in einem von Anstrengung verwilderten
-Zustand sein Vorhaben auszuführen. Und jenseits des
-Wegknies, zwischen Abhang und Bergwand, zwischen den
-rostig gefärbten Fichten, durch deren Zweige Sonnenlichter
-fielen, trug es sich zu und begab sich wunderbar, daß Hans
-Castorp, links von Joachim, die liebliche Kranke überholte,
-daß er mit männlichen Tritten an ihr vorüber ging, und in
-dem Augenblick, da er sich rechts neben ihr befand, mit einer
-hutlosen Verneigung und einem mit halber Stimme gesprochenen
-„Guten Morgen“ sie <em>ehrerbietig</em> (wieso eigentlich:
-ehrerbietig) begrüßte und Antwort von ihr empfing: mit
-freundlicher, nicht weiter erstaunter Kopfneigung dankte sie,
-sagte auch ihrerseits guten Morgen in seiner Sprache, wobei
-ihre Augen lächelten, – und das alles war etwas anderes,
-<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a>
-etwas gründlich und beseligend anderes als der Blick auf
-seinen Stiefel, es war ein Glücksfall und eine Wendung der
-Dinge zum Guten und Allerbesten, ganz beispielloser Art und
-fast die Fassungskraft überschreitend; es war die Erlösung.
-</p>
-
-<p>
-Auf Flügelsohlen, geblendet von vernunftloser Freude, im
-Besitz des Grußes, des Wortes, des Lächelns, eilte Hans Castorp
-an des mißbrauchten Joachim Seite vorwärts, der
-schweigend von jenem fort den Abhang hinunter blickte. Ein
-Streich war es gewesen, ein ziemlich ausgelassener, und wohl
-sogar etwas wie Verrat und Tücke in Joachims Augen, das
-wußte Hans Castorp sehr gut. Es war nicht geradeso, wie
-wenn er jemand Wildfremdes um einen Bleistift ersucht hätte,
-– vielmehr wäre es beinahe ungehobelt gewesen, an einer
-Dame, mit der man seit Monaten unter demselben Dache
-lebte, steif und ohne Ehrenbezeigung vorüberzugehen; und war
-nicht neulich im Wartezimmer Clawdia sogar ins Gespräch mit
-ihnen gekommen? Darum mußte Joachim schweigen. Aber
-Hans Castorp verstand wohl, weshalb der ehrliebende Joachim
-sonst noch schwieg und abgewendeten Kopfes ging, während
-er selbst über seinen gelungenen Streich so ausbündig
-und durchgängerisch glücklich war. Glücklicher konnte nicht
-sein, wer etwa im Flachlande erlaubter-, aussichtsreicher- und
-im Grunde vergnügterweise einem gesunden Gänschen „sein
-Herz geschenkt“ und großen Erfolg dabei gehabt hatte, –
-nein, <em>so glücklich</em>, wie er nun über das wenige, das er sich
-in guter Stunde geraubt und gesichert, konnte ein solcher nicht
-sein ... Darum schlug er nach einer Weile seinen Vetter mit
-Macht auf die Schulter und sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Hallo, du, was ist mit dir? Es ist so schönes Wetter!
-Nachher wollen wir zum Kurhaus hinunter, da machen sie
-<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a>
-wahrscheinlich Musik, bedenke mal! Vielleicht spielen sie ‚Hier
-an dem Herzen treu geborgen, die Blume, sieh, von jenem Morgen‘
-aus ‚Carmen‘. Was ist dir über die Leber gelaufen?“
-</p>
-
-<p>
-„Nichts“, sagte Joachim. „Aber du siehst so heiß aus, ich
-fürchte, mit deiner Senkung ist es zu Ende.“
-</p>
-
-<p>
-Es <em>war</em> zu Ende damit. Die beschämende Herabstimmung
-von Hans Castorps Natur war überwunden durch den Gruß,
-den er mit Clawdia Chauchat getauscht hatte, und ganz genau
-genommen, war es dies Bewußtsein, dem eigentlich seine
-Genugtuung galt. Ja, Joachim hatte recht gehabt: Merkurius
-stieg wieder! Er stieg, als Hans Castorp ihn nach dem
-Spaziergang zu Rate zog, auf rund 38 Grad.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-6-5">
-Enzyklopädie
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Wenn gewisse Anspielungen Herrn Settembrinis Hans
-Castorp geärgert hatten, – verwundern durfte er sich nicht
-darüber und hatte kein Recht, den Humanisten erzieherischer
-Spürsucht zu zeihen. Ein Blinder hätte bemerken müssen, wie
-es um ihn stand: er selbst tat nichts, um es geheimzuhalten,
-eine gewisse Hochherzigkeit und noble Einfalt hinderte ihn einfach,
-aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen, worin
-er sich immerhin – und vorteilhaft, wenn man will, – von
-dem dünnhaarigen Verliebten aus Mannheim und seinem
-schleichenden Wesen unterschied. Wir erinnern und wiederholen,
-daß dem Zustande, in dem er sich befand, in der Regel ein
-Drang und Zwang, sich zu offenbaren, eingeboren ist, ein Trieb
-zum Bekenntnis und Geständnis, eine blinde Eingenommenheit
-von sich selbst und eine Sucht, die Welt mit sich zu erfüllen,
-– desto befremdlicher für uns Nüchterne, je weniger Sinn,
-<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a>
-Vernunft und Hoffnung offenbar bei der Sache ist. Wie solche
-Leute es eigentlich anfangen, sich zu verraten, ist schwer zu
-sagen; sie können, scheint es, nichts tun und lassen, was sie
-nicht verriete, – besonders nun gar in einer Gesellschaft, von
-der ein urteilender Kopf bemerkt hatte, sie habe im ganzen nur
-zwei Dinge im Sinn, nämlich erstens Temperatur und dann –
-nochmals Temperatur, das heißt zum Beispiel die Frage, mit
-wem Frau Generalkonsul Wurmbrandt aus Wien sich für die
-Flatterhaftigkeit des Hauptmanns Miklosich schadlos halte:
-ob mit dem völlig genesenen schwedischen Recken oder mit dem
-Staatsanwalt Paravant aus Dortmund oder drittens mit
-beiden zugleich. Denn daß die Bande, die den Staatsanwalt
-und Frau Salomon aus Amsterdam mehrere Monate lang
-verknüpft hatten, nach gütlicher Übereinkunft gelöst worden
-waren und Frau Salomon, dem Zuge ihrer Jahre folgend,
-sich den zarteren Semestern zugewandt und den wulstlippigen
-Gänser vom Tische der Kleefeld unter ihre Fittiche genommen
-oder, wie Frau Stöhr es in einer Art von Kanzleistil, dabei
-aber nicht ohne Anschaulichkeit ausdrückte, ihn „sich beigebogen“
-hatte, – das war sicher und bekannt, so daß folglich der
-Staatsanwalt freie Hand hatte, sich der Generalkonsulin wegen
-mit dem Schweden zu schlagen oder zu vertragen.
-</p>
-
-<p>
-Diese Prozesse also, die in der Berghofgesellschaft und besonders
-unter der febrilen Jugend anhängig waren, und bei
-denen die Balkondurchgänge (an den Glaswänden vorbei und
-das Geländer entlang) offenbar eine bedeutende Rolle spielten:
-diese Vorgänge hatte man im Sinn, sie bildeten einen Hauptbestandteil
-der hiesigen Lebensluft, – und auch damit ist das,
-was hier vorschwebt, nicht eigentlich ausgedrückt. Hans Castorp
-hatte nämlich den eigentümlichen Eindruck, daß auf einer
-<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a>
-Grundangelegenheit, welcher überall in der Welt eine hinlängliche,
-in Ernst und Scherz sich äußernde Wichtigkeit zugebilligt
-wird, hierorts denn doch ein Ton-, Wert- und Bedeutungszeichen
-lag, so schwer und vor Schwere so neu, daß
-es die Sache selbst in einem völlig neuen und, wenn nicht
-schrecklichen, so doch in seiner Neuheit erschreckenden Lichte erscheinen
-ließ. Indem wir dies aussagen, verändern wir unsere
-Mienen und bemerken, daß, wenn wir von den fraglichen Beziehungen
-bisher in einem leichten und spaßhaften Ton gesprochen
-haben sollten, es aus denselben geheimen Gründen geschehen
-wäre, aus denen es so oft geschieht, ohne daß für die
-Leichtigkeit oder Spaßhaftigkeit der Sache damit irgendetwas
-bewiesen wäre; und in der Sphäre, wo wir uns befinden, wäre
-das in der Tat noch weniger der Fall als anderwärts. Hans Castorp
-hatte geglaubt, sich auf jene gern bewitzelte Grundangelegenheit
-im üblichen Maße zu verstehen, und mochte mit Recht
-so geglaubt haben. Nun erkannte er, daß er sich im Flachlande
-nur sehr unzulänglich darauf verstanden, eigentlich sich in einfältiger
-Unwissenheit darüber befunden hatte, – während hier
-persönliche Erfahrungen, deren Natur wir mehrfach anzudeuten
-versuchten, und die ihm in gewissen Augenblicken den
-Ausruf „Mein Gott!“ abpreßten, ihn allerdings von innen
-her befähigten, den steigernden Akzent des Unerhörten, Abenteuerlich-Namenlosen
-wahrzunehmen und zu begreifen, den
-unter Denen hier oben die Sache allgemein und für jeden trug.
-Nicht daß man nicht auch hier darüber gewitzelt hätte. Aber
-weit mehr noch als unten trug hier diese Manier das Gepräge
-des Unsachgemäßen, sie hatte etwas Zähneklapperndes und
-Kurzatmiges, was sie als durchsichtigen Deckmantel für die
-darunter verborgene oder vielmehr nicht zu verbergende Not
-<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a>
-allzu deutlich kennzeichnete. Hans Castorp erinnerte sich des
-fleckigen Erblassens, das Joachim gezeigt hatte, als jener zum
-ersten und einzigen Mal in der unschuldig neckenden Art des
-Tieflandes die Rede auf Marusjas Körperlichkeit gebracht
-hatte. Er erinnerte sich auch der kalten Blässe, die, als er Frau
-Chauchat vom einfallenden Abendlichte befreit, sein eigenes
-Gesicht überzogen hatte, – und daran, daß er sie vorher und
-nachher bei verschiedenen Gelegenheiten auf manchem fremden
-Gesicht gewahr geworden war: auf zweien zugleich in der
-Regel, zum Beispiel auf den Gesichtern der Frau Salomon
-und des jungen Gänser in jenen Tagen, da das, was Frau
-Stöhr so redensartlich bezeichnet, sich zwischen ihnen angebahnt
-hatte. Er erinnerte sich, sagen wir, daran und verstand, daß
-es unter solchen Umständen nicht nur sehr schwer gewesen
-wäre, sich nicht zu „verraten“, sondern daß auch die Bemühung
-darum nur wenig gelohnt haben würde. Mit anderen
-Worten: es mochte denn doch wohl nicht allein Hoch- und
-Treuherzigkeit, sondern auch eine gewisse Ermutigung durch
-die Atmosphäre im Spiele sein, wenn Hans Castorp sich wenig
-bemüßigt fand, seinen Empfindungen Zwang anzutun und
-aus seinem Zustande ein Hehl zu machen.
-</p>
-
-<p>
-Wäre nicht die von Joachim sofort hervorgehobene
-Schwierigkeit gewesen, hier Bekanntschaften zu machen, diese
-Schwierigkeit, die man hauptsächlich darauf zurückführen
-muß, daß die Vettern in der Kurgesellschaft sozusagen eine
-Partie und Miniaturgruppe für sich bildeten, und daß der
-militärische Joachim, auf nichts als rasche Genesung bedacht,
-der näheren Berührung und Gemeinschaft mit den Leidensgenossen
-grundsätzlich abhold war: so hätte Hans Castorp
-noch weit mehr Gelegenheit gehabt und genommen, seine
-<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a>
-Gefühle hochherzig-zügellos unter die Leute zu bringen. Immerhin
-konnte Joachim ihn eines Abends während der Salongeselligkeit
-betreffen, wie er mit Hermine Kleefeld, ihren
-beiden Tischherren Gänser und Rasmussen und viertens dem
-Jungen mit dem Einglas und dem Fingernagel zusammenstand
-und mit Augen, die ihren übernormalen Glanz nicht
-verleugneten, mit bewegter Stimme eine Stegreifrede über
-Frau Chauchats eigen- und fremdartige Gesichtsbildung hielt,
-während seine Zuhörer Blicke tauschten, sich anstießen und
-kicherten.
-</p>
-
-<p>
-Das war peinigend für Joachim; aber der Urheber solcher
-Lustbarkeit war unempfindlich gegen die Enthüllung seines
-Zustandes, er mochte meinen, daß derselbe, unbeachtet und verborgen,
-nicht zu seinem Rechte gekommen wäre. Des allgemeinen
-Verständnisses dafür durfte er sicher sein. Die Schadenfreude,
-die sich darein mischte, nahm er in den Kauf. Nicht
-nur von seinem eigenen Tisch, sondern nachgerade auch von
-anderen, benachbarten blickte man auf ihn, um sich an seinem
-Erbleichen und Erröten zu weiden, wenn nach Beginn einer
-Mahlzeit die Glastür ins Schloß schmetterte, und auch hiermit
-war er wohl gar noch zufrieden, da es ihm schien, daß
-seinem Rausch, indem er Aufmerksamkeit erregte, eine gewisse
-Anerkennung und Bestätigung von außen zuteil werde, geeignet,
-seine Sache zu fördern, seine unbestimmten und unvernünftigen
-Hoffnungen zu ermutigen, – und das beglückte
-ihn sogar. Es kam dahin, daß man sich buchstäblich versammelte,
-um dem Verblendeten zuzusehen. Das war etwa
-nach Tische auf der Terrasse oder am Sonntag nachmittag
-vor der Conciergeloge, wenn die Kurgäste dort ihre Post in
-Empfang nahmen, die an diesem Tage nicht auf die Zimmer
-<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a>
-verteilt wurde. Vielfach wußte man, daß da ein kolossal Beschwipster
-und Hochilluminierter sei, der sich alles anmerken
-ließ, und so standen etwa Frau Stöhr, Fräulein Engelhart,
-die Kleefeld nebst ihrer Freundin mit dem Tapirgesicht, der
-unheilbare Herr Albin, der junge Mann mit dem Fingernagel
-und noch dieses oder jenes Mitglied der Patientenschaft, –
-standen mit hinuntergezogenen Mündern und durch die Nase
-pruschend und sahen ihm zu, der, verloren und leidenschaftlich
-lächelnd, jene Hitze auf den Wangen, die ihn sofort am ersten
-Abend seines Hierseins ergriffen, jenen Glanz in den Augen,
-den schon der Husten des Herrenreiters darin entzündet, in
-einer bestimmten Richtung blickte ...
-</p>
-
-<p>
-Eigentlich war es schön von Herrn Settembrini, daß er
-unter solchen Umständen auf Hans Castorp zutrat, um ihn in
-ein Gespräch zu ziehen und nach seinem Ergehen zu fragen;
-aber es ist zweifelhaft, ob dieser die menschenfreundliche Vorurteilslosigkeit,
-die darin lag, dankbar zu würdigen wußte.
-Es mochte im Vestibül sein, am Sonntag nachmittag. Beim
-Concierge drängten sich die Gäste und streckten die Hände
-nach ihrer Post. Auch Joachim war dort vorn. Sein Vetter
-war zurückgeblieben und trachtete in der beschriebenen Verfassung,
-einen Blick Clawdia Chauchats zu gewinnen, die mit
-ihrer Tischgesellschaft in der Nähe stand, wartend, daß das
-Gedräng an der Loge sich lichten möge. Es war eine Stunde,
-die die Kurgäste durcheinandermischte, eine Stunde der Gelegenheiten,
-geliebt und ersehnt aus diesem Grunde von dem
-jungen Hans Castorp. Vor acht Tagen war er am Schalter
-in sehr nahe Berührung mit Madame Chauchat gekommen,
-so daß sie ihn sogar etwas gestoßen und mit flüchtiger Kopfwendung
-„<span class="antiqua" lang="fr">Pardon</span>“ zu ihm gesagt hatte, – worauf er kraft
-<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a>
-einer febrilen Geistesgegenwart, die er segnete, zu antworten
-vermocht hatte:
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Pas de quoi, madame!</span>“
-</p>
-
-<p>
-Welche Lebensgunst, dachte er, daß jeden Sonntag nachmittag
-mit Sicherheit in der Vorhalle Postverteilung stattfand!
-Man kann sagen, daß er die Woche konsumiert hatte,
-indem er auf die Wiederkehr derselben Stunde in sieben Tagen
-wartete, und Warten heißt: Voraneilen, heißt: Zeit und Gegenwart
-nicht als Geschenk, sondern nur als Hindernis empfinden,
-ihren Eigenwert verneinen und vernichten und sie im Geist
-überspringen. Warten, sagt man, sei langweilig. Es ist jedoch
-ebensowohl oder sogar eigentlich kurzweilig, indem es Zeitmengen
-verschlingt, ohne sie um ihrer selbst willen zu leben
-und auszunutzen. Man könnte sagen, der Nichts-als-Wartende
-gleiche einem Fresser, dessen Verdauungsapparat die Speisen,
-ohne ihre Nähr- und Nutzwerte zu verarbeiten, massenhaft
-durchtriebe. Man könnte weitergehen und sagen: wie unverdaute
-Speise ihren Mann nicht stärker mache, so mache verwartete
-Zeit nicht älter. Freilich kommt reines und unvermischtes
-Warten praktisch nicht vor.
-</p>
-
-<p>
-Es war also die Woche verschlungen und die Sonntagnachmittagspoststunde
-wieder in Kraft getreten, nicht anders,
-als wäre es immer noch die von vor sieben Tagen. Aufs erregendste
-fuhr sie fort, Gelegenheit zu machen, barg und bot
-in jeder Minute die Möglichkeit, mit Frau Chauchat in gesellschaftliche
-Beziehungen zu treten: Möglichkeiten, von denen
-Hans Castorp sich das Herz pressen und jagen ließ, ohne sie
-ins Wirkliche übertreten zu lassen. Dem standen Hemmungen
-entgegen, die teils militärischer, teils zivilistischer Natur waren:
-– teils nämlich mit der Gegenwart des ehrenhaften Joachim
-<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a>
-und mit Hans Castorps eigener Ehre und Pflicht zusammenhingen,
-teils aber auch in dem Gefühl ihren Grund hatten,
-daß gesellschaftliche Beziehungen zu Clawdia Chauchat, <em>gesittete</em>
-Beziehungen, bei denen man „Sie“ sagte und Verbeugungen
-machte und womöglich Französisch sprach, – nicht
-nötig, nicht wünschenswert, nicht das Richtige seien ... Er
-stand und sah sie lachend sprechen, genau wie Pribislav Hippe
-dereinst auf dem Schulhof sprechend gelacht hatte: ihr Mund
-öffnete sich ziemlich weit dabei, und ihre schiefstehenden graugrünen
-Augen über den Backenknochen zogen sich zu schmalen
-Ritzen zusammen. Das war durchaus nicht „schön“; aber
-es war, wie es war, und bei der Verliebtheit kommt das
-ästhetische Vernunfturteil so wenig zu seinem Recht, wie das
-moralische. –
-</p>
-
-<p>
-„Sie erwarten ebenfalls Briefschaften, Ingenieur?“
-</p>
-
-<p>
-So redete nur einer, ein Störender. Hans Castorp fuhr
-zusammen und wandte sich Herrn Settembrini zu, der lächelnd
-vor ihm stand. Es war das feine und humanistische Lächeln,
-mit dem er dereinst bei der Bank am Wasserlauf den Ankömmling
-zuerst begrüßt hatte, und wie damals schämte Hans
-Castorp sich, als er es sah. Aber wie oft er auch im Traume
-den „Drehorgelmann“ von der Stelle zu drängen gesucht
-hatte, weil er „hier störe“, – der wachende Mensch ist besser
-als der träumende, und nicht nur zu seiner Beschämung und
-Ernüchterung wurde Hans Castorp dieses Lächelns wieder ansichtig,
-sondern auch mit Gefühlen dankbarer Bedürftigkeit.
-Er sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Gott, Briefschaften, Herr Settembrini. Ich bin doch kein
-Ambassadeur! Vielleicht ist eine Postkarte da für einen von
-uns. Mein Vetter sieht eben mal nach.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a>
-„Mir hat der hinkende Teufel da vorn meine kleinen Korrespondenzen
-schon ausgehändigt“, sagte Settembrini und führte
-die Hand zur Seitentasche seines unvermeidlichen Flausrockes.
-„Interessante Dinge, Dinge von literarischer und sozialer
-Tragweite, ich leugne es nicht. Es handelt sich um ein enzyklopädisches
-Werk, an dem mitzuarbeiten ein humanitäres
-Institut mich würdigt ... Kurz, um schöne Arbeit.“ Herr
-Settembrini brach ab. „Aber Ihre Angelegenheiten?“ fragte
-er. „Wie steht es damit? Wie weit ist beispielsweise der
-Akklimatisierungsprozeß gediehen? Sie weilen alles in allem
-so lange noch nicht in unserer Mitte, daß die Frage nicht mehr
-an der Tagesordnung wäre.“
-</p>
-
-<p>
-„Danke, Herr Settembrini; es hat nach wie vor seine
-Schwierigkeiten damit. Ich halte für möglich, daß es das bis
-zum letzten Tage haben wird. Manche gewöhnen sich nie,
-sagte mein Vetter mir gleich, als ich ankam. Aber man gewöhnt
-sich daran, daß man sich nicht gewöhnt.“
-</p>
-
-<p>
-„Ein verwickelter Vorgang“, lachte der Italiener. „Eine
-sonderbare Art der Einbürgerung. Natürlich, die Jugend ist
-zu allem fähig. Sie gewöhnt sich nicht, aber sie schlägt
-Wurzeln.“
-</p>
-
-<p>
-„Und schließlich ist das ja kein sibirisches Bergwerk hier.“
-</p>
-
-<p>
-„Nein. Oh, Sie bevorzugen östliche Vergleiche. Sehr begreiflich.
-Asien verschlingt uns. Wohin man blickt: tatarische
-Gesichter.“ Und Herr Settembrini wandte diskret den
-Kopf über die Schulter. „Dschingis-Khan,“ sagte er, „Steppenwolfslichter,
-Schnee und Schnaps, Knute, Schlüsselburg
-und Christentum. Man sollte der Pallas Athene hier in der
-Vorhalle einen Altar errichten, – im Sinne der Abwehr.
-Sehen Sie, da vorn ist so ein Iwan Iwanowitsch ohne
-<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a>
-Weißzeug mit dem Staatsanwalt Paravant in Streit geraten.
-Jeder will vor dem anderen an der Reihe sein, seine Post zu
-empfangen. Ich weiß nicht, wer recht hat, aber für mein
-Gefühl steht der Staatsanwalt im Schutze der Göttin. Er ist
-zwar ein Esel, aber er versteht wenigstens Latein.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp lachte, – was Herr Settembrini niemals tat.
-Man konnte ihn sich herzlich lachend gar nicht vorstellen;
-über die feine und trockene Spannung seines Mundwinkels
-brachte er es nicht hinaus. Er sah dem jungen Manne beim
-Lachen zu und fragte dann:
-</p>
-
-<p>
-„Ihr Diapositiv – haben Sie bekommen?“
-</p>
-
-<p>
-„Das habe ich bekommen!“ bestätigte Hans Castorp
-wichtig. „Schon neulich. Hier ist es.“ Und er griff in die
-innere Brusttasche.
-</p>
-
-<p>
-„Ah, Sie tragen es im Portefeuille. Wie einen Ausweis
-sozusagen, einen Paß oder eine Mitgliedskarte. Sehr gut.
-Lassen Sie sehen!“ Und Herr Settembrini hob die kleine,
-mit schwarzen Papierstreifen gerahmte Glasplatte gegen das
-Licht, indem er sie zwischen Daumen und Zeigefinger seiner
-Linken hielt, – eine oft gesehene, sehr übliche Bewegung hier
-oben. Sein Gesicht mit den schwarzen Mandelaugen grimassierte
-ein wenig, während er das funebre Lichtbild prüfte, –
-ohne ganz deutlich werden zu lassen, ob es nur des genaueren
-Sehens wegen oder aus anderen Gründen geschah.
-</p>
-
-<p>
-„Ja, ja“, sagte er dann. „Hier haben Sie Ihre Legitimation,
-ich danke bestens.“ Und er reichte das Glas seinem
-Besitzer zurück, reichte es ihm von der Seite, gewissermaßen
-über den eigenen Arm hinüber und abgewandten Gesichtes.
-</p>
-
-<p>
-„Haben Sie die Stränge gesehen?“ fragte Hans Castorp.
-„Und die Knötchen?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a>
-„Sie wissen,“ antwortete Herr Settembrini schleppend, „wie
-ich über den Wert dieser Produkte denke. Sie wissen auch, daß
-die Flecke und Dunkelheiten da im Inneren zum allergrößten
-Teil physiologisch sind. Ich habe hundert Bilder gesehen, die
-ungefähr aussahen wie Ihres, und die die Entscheidung, ob
-sie wirklich einen ‚Ausweis‘ bildeten oder nicht, einigermaßen
-in das Belieben des Beurteilers stellten. Ich rede als Laie,
-aber immerhin als ein langjähriger Laie.“
-</p>
-
-<p>
-„Sieht Ihr eigener Ausweis schlimmer aus?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, etwas schlimmer. – Übrigens ist mir bekannt, daß auch
-unsere Herren und Meister auf dieses Spielzeug allein keine
-Diagnose gründen. – Und Sie beabsichtigen nun also, bei uns
-zu überwintern?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, lieber Gott ... Ich fange an, mich an den Gedanken
-zu gewöhnen, daß ich erst mit meinem Vetter zusammen wieder
-hinunterfahren werde.“
-</p>
-
-<p>
-„Das heißt, Sie gewöhnen sich daran, daß Sie sich nicht ...
-Sie formulierten das sehr witzig. Ich hoffe, Sie haben Ihre
-Sachen erhalten, – warme Kleider, solides Schuhwerk?“
-</p>
-
-<p>
-„Alles. Alles in schönster Ordnung, Herr Settembrini. Ich
-habe meine Verwandten informiert, und unsere Haushälterin
-hat mir alles als Eilgut geschickt. Ich kann es nun aushalten.“
-</p>
-
-<p>
-„Das beruhigt mich. Aber halt, Sie brauchen einen Sack,
-einen Pelzsack, – wo haben wir unsere Gedanken! Dieser Nachsommer
-ist trügerisch; in einer Stunde kann es tiefer Winter
-sein. Sie werden hier die kältesten Monate verbringen ...“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, der Liegesack,“ sagte Hans Castorp, „der ist wohl ein
-Zubehör. Ich habe auch schon flüchtig daran gedacht, daß
-wir in den nächsten Tagen mal, mein Vetter und ich, in den
-Ort gehen müssen und einen kaufen. Man braucht das Ding
-<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a>
-später nie wieder, aber schließlich für vier bis sechs Monate
-lohnt es.“
-</p>
-
-<p>
-„Es lohnt, es lohnt. – Ingenieur!“ sagte Herr Settembrini
-leise, indem er näher an den jungen Mann herantrat. „Wissen
-Sie nicht, daß es grauenhaft ist, wie Sie mit den Monaten
-herumwerfen? Grauenhaft, weil unnatürlich und Ihrem
-Wesen fremd, nur auf der Gelehrigkeit Ihrer Jahre beruhend.
-Ach, diese übergroße Gelehrigkeit der Jugend! – sie ist die Verzweiflung
-der Erzieher, denn vor allem ist sie bereit, sich im
-Schlimmen zu bewähren. Reden Sie nicht, wie es in der
-Luft liegt, junger Mensch, sondern wie es Ihrer europäischen
-Lebensform angemessen ist! Hier liegt vor allem viel Asien
-in der Luft, – nicht umsonst wimmelt es von Typen aus der
-moskowitischen Mongolei! Diese Leute“ – und Herr Settembrini
-deutete mit dem Kinn über die Schulter hinter sich –
-„richten Sie sich innerlich nicht nach ihnen, lassen Sie sich von
-ihren Begriffen nicht infizieren, setzen Sie vielmehr Ihr Wesen,
-Ihr <em>höheres</em> Wesen gegen das ihre, und halten Sie heilig,
-was Ihnen, dem Sohn des Westens, des göttlichen Westens,
-– dem Sohn der Zivilisation, nach Natur und Herkunft
-heilig ist, zum Beispiel die Zeit! Diese Freigebigkeit, diese barbarische
-Großartigkeit im Zeitverbrauch ist asiatischer Stil, –
-das mag ein Grund sein, weshalb es den Kindern des Ostens
-an diesem Orte behagt. Haben Sie nie bemerkt, daß, wenn
-ein Russe ‚vier Stunden‘ sagt, es nicht mehr ist, als wenn
-unsereins ‚eine‘ sagt? Leicht zu denken, daß die Nonchalance
-dieser Menschen im Verhältnis zur Zeit mit der wilden Weiträumigkeit
-ihres Landes zusammenhängt. Wo viel Raum ist,
-da ist viel Zeit, – man sagt ja, daß sie das Volk sind, das Zeit
-hat und warten kann. Wir Europäer, wir können es nicht.
-<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a>
-Wir haben so wenig Zeit, wie unser edler und zierlich gegliederter
-Erdteil Raum hat, wir sind auf genaue Bewirtschaftung
-des einen wie des anderen angewiesen, auf Nutzung,
-Nutzung, Ingenieur! Nehmen Sie unsere großen Städte als
-Sinnbild, diese Zentren und Brennpunkte der Zivilisation, diese
-Mischkessel des Gedankens! In demselben Maße, wie der
-Boden sich dort verteuert, Raumverschwendung zur Unmöglichkeit
-wird, in demselben Maße, bemerken Sie das, wird
-dort auch die Zeit immer kostbarer. <span class="antiqua" lang="la">Carpe diem!</span> Das sang
-ein Großstädter. Die Zeit ist eine Göttergabe, dem Menschen
-verliehen, damit er sie nutze – sie nutze, Ingenieur, im Dienste
-des Menschheitsfortschritts.“
-</p>
-
-<p>
-Selbst dieses letzte Wort, so viele Hindernisse es seiner mediterranen
-Zunge bieten mochte, hatte Herr Settembrini auf erfreuliche
-Art, klar, wohllautend und – man kann wohl sagen –
-plastisch zu Gehör gebracht. Hans Castorp antwortete nicht
-anders, als mit der kurzen, steifen und befangenen Verbeugung
-eines Schülers, der eine verweisartige Belehrung entgegennimmt.
-Was hätte er erwidern sollen? Dies Privatissimum,
-das Herr Settembrini ihm insgeheim, mit dem Rücken
-gegen die ganze übrige Gästeschaft und beinahe flüsternd, gehalten,
-hatte zu sachlichen, zu ungesellschaftlichen, zu wenig
-gesprächsmäßigen Charakter getragen, als daß der Takt erlaubt
-hätte, auch nur Beifall zu äußern. Man antwortet einem
-Lehrer nicht: „Das haben Sie schön gesagt.“ Hans Castorp
-hatte es wohl früher manchmal getan, gewissermaßen um
-das gesellschaftliche Gleichheitsverhältnis zu wahren; allein so
-dringlich erzieherisch hatte der Humanist noch niemals gesprochen;
-es blieb nichts übrig, als die Vermahnung einzustecken,
-– benommen wie ein Schuljunge von soviel Moral.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a>
-Man sah übrigens Herrn Settembrini an, daß seine Gedankentätigkeit
-auch im Schweigen noch ihren Fortgang nahm.
-Noch immer stand er dicht vor Hans Castorp, so daß dieser
-sich sogar ein wenig zurückbeugte, und seine schwarzen Augen
-waren in fixer und sinnend blinder Einstellung auf des jungen
-Mannes Gesicht gerichtet.
-</p>
-
-<p>
-„Sie leiden, Ingenieur!“ fuhr er fort. „Sie leiden wie ein
-Verirrter, – wer sähe es Ihnen nicht an? Aber auch Ihr Verhalten
-zum Leiden sollte ein europäisches Verhalten sein, –
-nicht das des Ostens, der, weil er weich und zur Krankheit geneigt
-ist, diesen Ort so ausgiebig beschickt ... Mitleid und unermeßliche
-Geduld, das ist seine Art, dem Leiden zu begegnen.
-Es kann, es darf die unsrige, die Ihre nicht sein! ... Wir sprachen
-von meiner Post ... Sehen Sie, hier ... Oder besser
-noch, – kommen Sie! Es ist unmöglich, hier ... Wir ziehen
-uns zurück, wir treten dort drüben ein. Ich mache Ihnen Eröffnungen,
-welche ... Kommen Sie!“ Und sich umwendend,
-zog er Hans Castorp fort aus dem Vestibül, in das erste, dem
-Portal am nächsten gelegene der Gesellschaftszimmer, das als
-Schreib- und Leseraum eingerichtet und jetzt leer von Gästen
-war. Es zeigte eichene Wandtäfelungen unter seinem hellen
-Gewölbe, Bücherschränke, einen von Stühlen umgebenen, mit
-gerahmten Zeitungen belegten Tisch in der Mitte und Schreibgelegenheiten
-unter den Bögen der Fensternischen. Herr Settembrini
-schritt bis in die Nähe eines der Fenster vor, Hans
-Castorp folgte ihm. Die Tür blieb offen.
-</p>
-
-<p>
-„Diese Papiere,“ sagte der Italiener, indem er aus der
-beutelartigen Seitentasche seines Flauses mit fliegender Hand
-ein Konvolut, ein umfangreiches, schon geöffnetes Briefkuvert
-zog und seinen Inhalt, verschiedene Drucksachen nebst einem
-<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a>
-Schreiben, vor Hans Castorps Augen durch die Finger gleiten
-ließ, „diese Papiere tragen in französischer Sprache den
-Aufdruck: ‚Internationaler Bund für Organisierung des Fortschritts.‘
-Man sendet sie mir aus Lugano, wo sich ein Filialbureau
-des Bundes befindet. Sie fragen mich nach seinen
-Grundsätzen, seinen Zielen? Ich gebe sie Ihnen in zwei Worten.
-Die Liga für Organisierung des Fortschritts leitet aus der Entwicklungslehre
-Darwins die philosophische Anschauung ab,
-daß der innerste Naturberuf der Menschheit ihre Selbstvervollkommnung
-ist. Sie folgert daraus weiter, daß es Pflicht
-eines jeden ist, der seinem Naturberuf genügen will, am Menschheitsfortschritt
-tätig mitzuarbeiten. Viele sind ihrem Rufe gefolgt;
-die Zahl ihrer Mitglieder in Frankreich, Italien, Spanien,
-der Türkei und selbst in Deutschland ist bedeutend. Auch
-ich habe die Ehre, in den Bundesregistern geführt zu werden.
-Ein wissenschaftlich ausgearbeitetes Reformprogramm großen
-Stils ist entworfen, das alle augenblicklichen Vervollkommnungsmöglichkeiten
-des menschlichen Organismus umfaßt.
-Das Problem der Gesundheit unserer Rasse wird studiert, man
-prüft alle Methoden zur Bekämpfung der Degeneration, die
-ohne Zweifel eine beklagenswerte Begleiterscheinung der zunehmenden
-Industrialisierung ist. Ferner betreibt der Bund
-die Gründung von Volksuniversitäten, die Überwindung der
-Klassenkämpfe durch alle die sozialen Verbesserungen, die sich
-zu diesem Zwecke empfehlen, endlich die Beseitigung der Völkerkämpfe,
-des Krieges durch die Entwicklung des internationalen
-Rechts. Sie sehen, die Anstrengungen der Liga sind
-hochherzig und umfassend. Mehrere internationale Zeitschriften
-zeugen von ihrer Tätigkeit, – Monatsrevuen, die in drei
-oder vier Weltsprachen höchst anregend über die fortschrittliche
-<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a>
-Entwicklung der Kulturmenschheit berichten. Zahlreiche
-Ortsgruppen sind in den verschiedenen Ländern gegründet
-worden, die durch Diskussionsabende und Sonntagsfeiern im
-Sinne des menschlichen Fortschrittsideals aufklärend und erbaulich
-wirken sollen. Vor allem beeifert sich der Bund, den
-politischen Fortschrittsparteien aller Länder mit seinem Material
-zur Hand zu gehen ... Sie folgen meinen Worten, Ingenieur?“
-</p>
-
-<p>
-„Absolut!“ antwortete Hans Castorp heftig und überstürzt.
-Er hatte bei diesem Wort das Gefühl eines Menschen, der
-ausgleitet und sich eben noch glücklich auf den Füßen hält.
-</p>
-
-<p>
-Herr Settembrini schien befriedigt.
-</p>
-
-<p>
-„Ich nehme an, es sind neue, überraschende Einblicke, die
-Sie da tun?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, ich muß gestehen, es ist das erste, was ich über diese ...
-diese Anstrengungen höre.“
-</p>
-
-<p>
-„Hätten Sie nur,“ rief Settembrini leise, „hätten Sie nur
-früher davon gehört! Aber vielleicht hören Sie noch nicht zu
-spät davon. Nun, diese Druckschriften ... Sie wollen wissen,
-was sie behandeln ... Hören Sie weiter! Im Frühjahr war
-eine feierliche Hauptversammlung des Bundes nach Barcelona
-einberufen, – Sie wissen, daß diese Stadt sich besonderer Beziehungen
-zur politischen Fortschrittsidee rühmen kann. Der
-Kongreß tagte eine Woche lang unter Banketten und Festlichkeiten.
-Guter Gott, ich wollte hinreisen, es verlangte mich
-sehnlichst, an den Beratungen teilzunehmen. Aber dieser Schuft
-von Hofrat verbot es mir unter Todesdrohungen, – und, was
-wollen Sie, ich fürchtete den Tod und reiste nicht. Ich war
-verzweifelt, wie Sie sich denken können, über den Streich, den
-meine unzulängliche Gesundheit mir spielte. Nichts ist schmerzhafter,
-<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a>
-als wenn unser organisches, unser tierisches Teil uns
-hindert, der Vernunft zu dienen. Desto lebhafter ist meine Befriedigung
-über diese Zuschrift des Bureaus von Lugano ...
-Sie sind neugierig auf ihren Inhalt? Das glaube ich gern!
-Ein paar flüchtige Informationen ... Der ‚Bund zur Organisierung
-des Fortschritts‘, eingedenk der Wahrheit, daß seine
-Aufgabe darin besteht, das Glück der Menschheit herbeizuführen,
-mit anderen Worten: das menschliche Leiden durch
-zweckvolle soziale Arbeit zu bekämpfen und am Ende völlig auszumerzen,
-– eingedenk ferner der Wahrheit, daß diese höchste
-Aufgabe nur mit Hilfe der soziologischen Wissenschaft gelöst
-werden kann, deren Endziel der vollkommene Staat ist, – der
-Bund also hat in Barcelona die Herstellung eines vielbändigen
-Buchwerkes beschlossen, das den Titel ‚Soziologie der
-Leiden‘ führen wird, und worin die menschlichen Leiden nach
-allen ihren Klassen und Gattungen in genauer und erschöpfender
-Systematik bearbeitet werden sollen. Sie werden mir
-einwenden: was nützen Klassen, Gattungen, Systeme! Ich
-antworte Ihnen: Ordnung und Sichtung sind der Anfang
-der Beherrschung, und der eigentlich furchtbare Feind ist der
-unbekannte. Man muß das Menschengeschlecht aus den primitiven
-Stadien der Furcht und der duldenden Dumpfheit
-herausführen und sie zur Phase zielbewußter Tätigkeit leiten.
-Man muß sie darüber aufklären, daß Wirkungen hinfällig
-werden, deren Ursachen man zuerst erkennt und dann aufhebt,
-und daß fast alle Leiden des Individuums Krankheiten
-des sozialen Organismus sind. Gut! Dies ist die Absicht der
-‚Soziologischen Pathologie‘. Sie wird also in etwa zwanzig
-Bänden von Lexikonformat alle menschlichen Leidensfälle aufführen
-und behandeln, die sich überhaupt erdenken lassen, von
-<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a>
-den persönlichsten und intimsten bis zu den großen Gruppenkonflikten,
-den Leiden, die aus Klassenfeindschaften und internationalen
-Zusammenstößen erwachsen, sie wird, kurz gesagt,
-die chemischen Elemente aufzeigen, aus deren vielfältiger Mischung
-und Verbindung sich alles menschliche Leiden zusammensetzt,
-und indem sie die Würde und das Glück der Menschheit
-zur Richtschnur nimmt, wird sie ihr in jedem Falle die
-Mittel und Maßnahmen an die Hand geben, die ihr zur Beseitigung
-der Leidensursachen angezeigt scheinen. Berufene
-Fachmänner der europäischen Gelehrtenwelt, Ärzte, Volkswirte
-und Psychologen, werden sich in die Ausarbeitung dieser
-Enzyklopädie der Leiden teilen, und das General-Redaktionsbureau
-zu Lugano wird das Sammelbecken sein, in dem
-die Artikel zusammenfließen. Sie fragen mich mit den Augen,
-welche Rolle nun mir bei all dem zufallen soll? Lassen Sie
-mich zu Ende reden! Auch den schönen Geist will dieses große
-Werk nicht vernachlässigen, soweit er eben menschliches Leiden
-zum Gegenstande hat. Darum ist ein eigener Band vorgesehen,
-der, den Leidenden zu Trost und Belehrung, eine Zusammenstellung
-und kurzgefaßte Analyse aller für jeden einzelnen Konflikt
-in Betracht kommenden Meisterwerke der Weltliteratur
-enthalten soll; und – dies ist die Aufgabe, mit der man in dem
-Schreiben, das Sie hier sehen, Ihren ergebensten Diener betraut.“
-</p>
-
-<p>
-„Was Sie sagen, Herr Settembrini! Da erlauben Sie mir
-aber, Sie herzlich zu beglückwünschen! Das ist ja ein großartiger
-Auftrag und ganz wie für Sie gemacht, wie mir scheint.
-Es wundert mich keinen Augenblick, daß die Liga an Sie gedacht
-hat. Und wie muß es Sie freuen, daß Sie da nun behilflich
-sein können, die menschlichen Leiden auszumerzen!“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a>
-„Es ist eine weitläufige Arbeit,“ sagte Herr Settembrini
-sinnend, „zu der viel Umsicht und Lektüre erforderlich ist. Zumal,“
-fügte er hinzu, während sein Blick sich in der Vielfältigkeit
-seiner Aufgabe zu verlieren schien, „zumal in der Tat der
-schöne Geist sich fast regelmäßig das Leiden zum Gegenstande
-gesetzt hat und selbst Meisterwerke zweiten und dritten Ranges
-sich irgendwie damit beschäftigen. Gleichviel oder desto besser!
-So umfassend die Aufgabe immer sein möge, auf jeden Fall ist
-sie von der Art, daß ich mich ihrer zur Not auch an diesem verfluchten
-Aufenthalt entledigen kann, obgleich ich nicht hoffen
-will, daß ich gezwungen sein werde, sie hier zu beenden. Man
-kann dasselbe,“ fuhr er fort, indem er wieder näher an Hans Castorp
-herantrat und die Stimme beinahe zum Flüstern dämpfte,
-„man kann dasselbe von den Pflichten nicht sagen, die <em>Ihnen</em>
-die Natur auferlegt, Ingenieur! Das ist es, worauf ich hinauswollte,
-woran ich Sie mahnen wollte. Sie wissen, wie sehr ich
-Ihren Beruf bewundere, aber da er ein praktischer, kein geistiger
-Beruf ist, so können Sie ihm, anders als ich, nur in der
-Welt drunten nachkommen. Nur im Tiefland können Sie Europäer
-sein, das Leiden auf Ihre Art aktiv bekämpfen, den Fortschritt
-fördern, die Zeit nutzen. Ich habe Ihnen von der mir
-zugefallenen Aufgabe nur erzählt, um Sie zu erinnern, um Sie
-zu sich zu bringen, um Ihre Begriffe richtigzustellen, die sich
-offenbar unter atmosphärischen Einflüssen zu verwirren beginnen.
-Ich dringe in Sie: Halten Sie auf sich! Seien Sie stolz
-und verlieren Sie sich nicht an das Fremde! Meiden Sie diesen
-Sumpf, dies Eiland der Kirke, auf dem ungestraft zu hausen
-Sie nicht Odysseus genug sind. Sie werden auf allen Vieren
-gehen, Sie neigen sich schon auf Ihre vorderen Extremitäten,
-bald werden Sie zu grunzen beginnen, – hüten Sie sich!“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a>
-Der Humanist hatte bei seinen leisen Ermahnungen den
-Kopf eindringlich geschüttelt. Er schwieg mit niedergeschlagenen
-Augen und zusammengezogenen Brauen. Es war unmöglich,
-ihm scherzhaft und ausweichend zu antworten, wie
-Hans Castorp es zu tun gewohnt war und wie er es auch jetzt
-einen Augenblick als Möglichkeit erwog. Auch er stand mit
-gesenkten Lidern. Dann hob er die Schultern und sagte ebenso
-leise:
-</p>
-
-<p>
-„Was soll ich tun?“
-</p>
-
-<p>
-„Was ich Ihnen sagte.“
-</p>
-
-<p>
-„Das heißt: abreisen?“
-</p>
-
-<p>
-Herr Settembrini schwieg.
-</p>
-
-<p>
-„Wollen Sie sagen, daß ich nach Hause reisen soll?“
-</p>
-
-<p>
-„Das habe ich Ihnen gleich am ersten Abend geraten,
-Ingenieur.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, und damals war ich frei, es zu tun, obgleich ich es unvernünftig
-fand, die Flinte ins Korn zu werfen, nur weil die
-hiesige Luft mir ein bißchen zusetzte. Seitdem hat sich die Sachlage
-aber doch geändert. Seitdem hat sich diese Untersuchung
-ergeben, nach der Hofrat Behrens mir klipp und klar gesagt
-hat, es lohnte die Heimreise nicht, in kurzem müßte ich doch wieder
-antreten, und wenn ich’s da unten so weitertriebe, so ginge
-mir, was hast du, was kannst du, der ganze Lungenlappen zum
-Teufel.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich weiß, jetzt haben Sie Ihren Ausweis in der Tasche.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, das sagen Sie so ironisch ... mit der richtigen Ironie
-natürlich, die keinen Augenblick mißverständlich ist, sondern ein
-gerades und klassisches Mittel der Redekunst, – Sie sehen,
-ich merke mir Ihre Worte. Aber können Sie es denn verantworten,
-mir auf diese Photographie hin und nach dem
-<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a>
-Ergebnis der Durchleuchtung und nach der Diagnose des Hofrats
-die Heimreise anzuraten?“
-</p>
-
-<p>
-Herr Settembrini zögerte einen Augenblick. Dann richtete
-er sich auf, schlug auch die Augen auf, die er fest und schwarz
-auf Hans Castorp richtete, und erwiderte mit einer Betonung,
-die des theatralischen und effekthaften Einschlages nicht entbehrte:
-</p>
-
-<p>
-„Ja, Ingenieur. Ich will es verantworten.“
-</p>
-
-<p>
-Aber auch Hans Castorps Haltung hatte sich nun gestrafft.
-Er hielt die Absätze geschlossen und sah Herrn Settembrini
-ebenfalls gerade an. Diesmal war es ein Gefecht. Hans Castorp
-stand seinen Mann. Einflüsse aus der Nähe „stärkten“
-ihn. Da war ein Pädagog, und dort draußen war eine schmaläugige
-Frau. Er entschuldigte sich nicht einmal für das, was
-er sagte; er fügte nicht hinzu: „Nehmen Sie es mir nicht übel.“
-Er antwortete:
-</p>
-
-<p>
-„Dann sind Sie vorsichtiger für sich als für andere Leute!
-<em>Sie</em> sind nicht gegen ärztliches Verbot nach Barcelona zum
-Fortschrittskongreß gereist. Sie fürchteten den Tod und blieben
-hier.“
-</p>
-
-<p>
-Bis zu einem gewissen Grade war dadurch Herrn Settembrinis
-Pose unzweifelhaft zerstört. Er lächelte nicht ganz mühelos
-und sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Ich weiß eine schlagfertige Antwort zu schätzen, selbst wenn
-Ihre Logik der Sophisterei nicht fern ist. Es ekelt mich, in
-einem hier üblichen abscheulichen Wettstreit zu konkurrieren,
-sonst würde ich Ihnen erwidern, daß ich bedeutend kränker
-bin als Sie, – leider in der Tat so krank, daß ich die Hoffnung,
-diesen Ort je wieder verlassen und in die untere Welt
-zurückkehren zu können, nur künstlicher- und ein wenig selbstbetrügerischerweise
-<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a>
-hinfriste. In dem Augenblick, wo es sich
-als völlig unanständig erweisen wird, sie aufrechtzuhalten,
-werde ich dieser Anstalt den Rücken kehren und für den Rest
-meiner Tage irgendwo im Tal ein Privatlogis beziehen. Das
-wird traurig sein, aber da meine Arbeitssphäre die freieste
-und geistigste ist, wird es mich nicht hindern, bis zu meinem
-letzten Atemzuge der Sache der Menschheit zu dienen und dem
-Geist der Krankheit die Stirn zu bieten. Ich habe Sie auf
-den Unterschied, der in dieser Beziehung zwischen uns besteht,
-bereits aufmerksam gemacht. Ingenieur, Sie sind nicht der
-Mann, Ihr besseres Wesen hier zu behaupten, das sah ich
-bei unserer ersten Begegnung. Sie halten mir vor, ich sei nicht
-nach Barcelona gereist. Ich habe mich dem Verbot unterworfen,
-um mich nicht vorzeitig zu zerstören. Aber ich tat es
-unter dem stärksten Vorbehalt, unter dem stolzesten und
-schmerzlichsten Protest meines Geistes gegen das Diktat meines
-armseligen Körpers. Ob dieser Protest auch in Ihnen lebendig
-ist, indem Sie den Vorschriften der hiesigen Mächte Folge
-leisten, – ob es nicht vielmehr <em>der Körper</em> ist und sein böser
-Hang, dem Sie nur zu bereitwillig gehorchen ...“
-</p>
-
-<p>
-„Was haben Sie gegen den Körper?“ unterbrach Hans
-Castorp ihn rasch und blickte ihn groß an mit seinen blauen
-Augen, deren Weißes von roten Adern durchzogen war. Ihm
-schwindelte vor seiner Tollkühnheit, und man sah es ihm an.
-„Wovon spreche ich?“ dachte er. „Es wird ungeheuerlich.
-Aber ich habe mich einmal auf Kriegsfuß mit ihm gestellt und
-werde ihm, so lange es irgend geht, das letzte Wort nicht lassen.
-Natürlich wird er es haben, aber das macht nichts, ich werde
-immerhin dabei profitieren. Ich werde ihn reizen.“ Er ergänzte
-seinen Einwand:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a>
-„Sie sind doch Humanist? Wie können Sie schlecht auf
-den Körper zu sprechen sein?“
-</p>
-
-<p>
-Settembrini lächelte, diesmal ungezwungen und selbstgewiß.
-</p>
-
-<p>
-„‚Was haben Sie gegen die Analyse?‘“ zitierte er, den Kopf
-auf der Schulter. „‚Sind Sie schlecht auf die Analyse zu sprechen?‘
-– Sie werden mich immer bereit finden, Ihnen Rede
-zu stehen, Ingenieur,“ sagte er mit Verbeugung und einer
-salutierenden Handbewegung gegen den Fußboden, „besonders
-wenn Ihre Einwendungen Geist haben. Sie parieren
-nicht ohne Eleganz. Humanist, – gewiß, ich bin es. Asketischer
-Neigungen werden Sie mich niemals überführen. Ich bejahe,
-ich ehre und liebe den Körper, wie ich die Form, die Schönheit,
-die Freiheit, die Heiterkeit und den Genuß bejahe, ehre
-und liebe, – wie ich die ‚Welt‘, die Interessen des Lebens vertrete
-gegen sentimentale Weltflucht, – den Classicismo gegen
-die Romantik. Ich denke, meine Stellungnahme ist eindeutig.
-Eine Macht, ein Prinzip aber gibt es, dem meine höchste Bejahung,
-meine höchste und letzte Ehrerbietung und Liebe gilt,
-und diese Macht, dieses Prinzip ist der Geist. Wie sehr ich es
-verabscheue, irgendein verdächtiges Mondscheingespinst und
--gespenst, das man ‚die Seele‘ nennt, gegen den Leib ausgespielt
-zu sehen, – innerhalb der Antithese von Körper <em>und
-Geist</em> bedeutet der Körper das böse, das teuflische Prinzip,
-denn der Körper ist Natur, und die Natur – innerhalb ihres
-Gegensatzes zum Geiste, zur Vernunft, ich wiederhole das! –
-ist böse, – mystisch und böse. ‚Sie sind Humanist!‘ Allerdings
-bin ich es, denn ich bin ein Freund des Menschen, wie Prometheus
-es war, ein Liebhaber der Menschheit und ihres Adels.
-Dieser Adel aber ist beschlossen im Geiste, in der Vernunft,
-<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a>
-und darum werden Sie ganz vergebens den Vorwurf des
-christlichen Obskurantismus erheben ...“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp wehrte ab.
-</p>
-
-<p>
-„... Sie werden,“ beharrte Settembrini, „diesen Vorwurf
-ganz vergebens erheben, wenn humanistischer Adelsstolz die
-Gebundenheit des Geistes an das Körperliche, an die Natur
-eines Tages als Erniedrigung, als Schimpf empfinden lernt.
-Wissen Sie, daß von dem großen Plotinus die Äußerung überliefert
-ist, er schäme sich, einen Körper zu haben?“ fragte Settembrini
-und verlangte so ernstlich eine Antwort, daß Hans
-Castorp genötigt war, zu gestehen, das sei das erste, was
-er höre.
-</p>
-
-<p>
-„Porphyrius überliefert es. Eine absurde Äußerung, wenn
-Sie wollen. Aber das Absurde, das ist das geistig Ehrenhafte,
-und nichts kann im Grunde ärmlicher sein, als der Einwand
-der Absurdität, dort, wo der Geist gegen die Natur seine Würde
-behaupten will, sich weigert, vor ihr abzudanken ... Haben
-Sie von dem Erdbeben zu Lissabon gehört?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, – ein Erdbeben? Ich sehe hier keine Zeitungen ...“
-</p>
-
-<p>
-„Sie mißverstehen mich. Nebenbei bemerkt, ist es bedauerlich
-– und kennzeichnend für diesen Ort, – daß Sie es hier versäumen,
-die Presse zu lesen. Aber Sie mißverstehen mich, das
-Naturereignis, von dem ich spreche, ist nicht aktuell, es fand
-vor beiläufig hundertundfünfzig Jahren statt ...“
-</p>
-
-<p>
-„Ja so! Oh, warten Sie, – richtig! Ich habe gelesen, daß
-Goethe damals nachts in Weimar in seinem Schlafzimmer
-zu seinem Diener sagte ...“
-</p>
-
-<p>
-„Ah, – nicht davon wollte ich reden“, unterbrach ihn Settembrini,
-indem er die Augen schloß und seine kleine braune
-Hand in der Luft schüttelte. „Übrigens vermengen Sie die
-<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a>
-Katastrophen. Sie haben das Erdbeben von Messina im
-Sinn. Ich meine die Erschütterung, die Lissabon heimsuchte,
-im Jahre 1755.“
-</p>
-
-<p>
-„Entschuldigen Sie.“
-</p>
-
-<p>
-„Nun, Voltaire empörte sich dagegen.“
-</p>
-
-<p>
-„Das heißt ... wie? Er empörte sich?“
-</p>
-
-<p>
-„Er revoltierte, ja. Er nahm das brutale Fatum und Faktum
-nicht hin, er weigerte sich, davor abzudanken. Er protestierte
-im Namen des Geistes und der Vernunft gegen diesen
-skandalösen Unfug der Natur, dem drei Viertel einer blühenden
-Stadt und Tausende von Menschenleben zum Opfer
-fielen ... Sie staunen? Sie lächeln? Mögen Sie immerhin
-staunen, was das Lächeln betrifft, so nehme ich mir die
-Freiheit, es Ihnen zu verweisen! Voltaires Haltung war die
-eines echten Nachkömmlings jener alten Gallier, die ihre Pfeile
-gegen den Himmel schleuderten ... Sehen Sie, Ingenieur,
-da haben Sie die Feindschaft des Geistes gegen die Natur,
-sein stolzes Mißtrauen gegen sie, sein hochherziges Bestehen
-auf dem Rechte zur Kritik an ihr und ihrer bösen, vernunftwidrigen
-Macht. Denn sie ist die Macht, und es ist knechtisch,
-die Macht hinzunehmen, sich mit ihr abzufinden ... wohlgemerkt,
-sich <em>innerlich</em> mit ihr abzufinden. Da haben Sie aber
-auch jene Humanität, die sich schlechterdings in keinen Widerspruch
-verstrickt, sich keines Rückfalls in christliche Duckmäuserei
-schuldig macht, wenn sie im Körper das böse, das widersacherische
-Prinzip zu erblicken sich entschließt. Der Widerspruch,
-den Sie zu sehen meinen, ist im Grunde immer derselbe. ‚Was
-haben Sie gegen die Analyse?‘ Nichts ... wenn sie Sache
-der Belehrung, der Befreiung und des Fortschritts ist. Alles ...
-wenn ihr der scheußliche <span class="antiqua" lang="fr">haut-goût</span> des Grabes anhaftet. Es
-<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a>
-ist mit dem Körper nicht anders. Man muß ihn ehren und
-verteidigen, wenn es sich um seine Emanzipation und Schönheit
-handelt, um die Freiheit der Sinne, um Glück, um Lust.
-Man muß ihn verachten, sofern er als Prinzip der Schwere
-und der Trägheit sich der Bewegung zum Lichte entgegensetzt,
-ihn verabscheuen, sofern er gar das Prinzip der Krankheit und
-des Todes vertritt, sofern sein spezifischer Geist der Geist der
-Verkehrtheit ist, der Geist der Verwesung, der Wollust und der
-Schande ...“
-</p>
-
-<p>
-Settembrini hatte die letzten Worte, dicht vor Hans Castorp
-stehend, fast ohne Ton und sehr rasch gesprochen, um fertig
-zu werden. Entsatz näherte sich für Hans Castorp: Joachim
-betrat, zwei Postkarten in der Hand, das Lesezimmer, die Rede
-des Literaten brach ab, und die Gewandtheit, mit der sein Ausdruck
-ins gesellschaftlich Leichte hinüberwechselte, verfehlte nicht
-ihren Eindruck auf seinen Schüler, – wenn man Hans Castorp
-so nennen konnte.
-</p>
-
-<p>
-„Da sind Sie, Leutnant! Sie werden Ihren Vetter gesucht
-haben, – verzeihen Sie! Wir waren da in ein Gespräch geraten,
-– wenn mir recht ist, hatten wir sogar einen kleinen
-Zwist. Er ist kein übler Räsonneur, Ihr Vetter, ein durchaus
-nicht ungefährlicher Gegner im Wortstreit, wenn es ihm darauf
-ankommt.“
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-6-6">
-Humaniora
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Hans Castorp und Joachim Ziemßen saßen in weißen Hosen
-und blauen Jacken nach dem Diner im Garten. Es war noch
-einer dieser gepriesenen Oktobertage, ein Tag, heiß und leicht,
-festlich und herb zugleich, mit südlich dunkler Himmelsbläue
-über dem Tal, dessen von Wegen durchzogene und besiedelte
-<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a>
-Triften im Grunde noch heiter grünten, und von dessen rauh
-bewaldeten Lehnen Kuhgeläut kam, – dieser blechern-friedliche,
-einfältig-musikalische Laut, der klar und ungestört durch die
-stillen, dünnen, leeren Lüfte schwebte, die Feierstimmung vertiefend,
-die über hohen Gegenden waltet.
-</p>
-
-<p>
-Die Vettern saßen auf einer Bank am Ende des Gartens
-vor einem Rondell junger Tannen. – Der Platz lag am nordwestlichen
-Rande der eingezäunten, um fünfzig Meter über das
-Tal erhöhten Plattform, die das Postament des Berghofgeländes
-bildete. Sie schwiegen. Hans Castorp rauchte. Er
-haderte innerlich mit Joachim, weil dieser nach Tische nicht
-an der Geselligkeit auf der Veranda hatte teilnehmen wollen,
-sondern ihn gegen Wunsch und Willen in die Stille des Gartens
-genötigt hatte, bevor sie den Liegedienst aufnehmen würden.
-Das war tyrannisch von Joachim. Genau genommen,
-waren sie nicht die siamesischen Zwillinge. Sie konnten sich
-trennen, wenn ihre Neigungen auseinandergingen. Hans Castorp
-war ja nicht hier, um Joachim Gesellschaft zu leisten,
-sondern er war selbst Patient. Er schmollte in diesem Sinne,
-und er konnte es aushalten, zu schmollen, da er Maria Mancini
-hatte. Die Hände in den Seitentaschen seiner Jacke, die
-braunbeschuhten Füße von sich gestreckt, hielt er die lange,
-mattgraue Zigarre, die sich noch im ersten Stadium der Konsumtion
-befand, das heißt: von deren stumpfer Spitze er die
-Asche noch nicht abgestreift hatte, in der Mitte der Lippen, so
-daß sie etwas abwärts hing, und genoß nach der starken Mahlzeit
-ihr Aroma, dessen er nun völlig wieder habhaft geworden
-war. Mochte sonst seine Eingewöhnung hier oben nur in der
-Gewöhnung daran bestehen, daß er sich nicht gewöhnte, –
-was den Chemismus seines Magens, die Nerven seiner
-<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a>
-trockenen und zu Blutungen neigenden Schleimhäute betraf,
-so hatte offenbar die Anpassung sich endlich doch vollzogen:
-unmerklich und ohne daß er den Fortschritt hatte verfolgen
-können, hatte sich im Wandel der Tage, dieser fünfundsechzig
-oder siebzig Tage, sein ganzes organisches Behagen an dem
-wohlfabrizierten pflanzlichen Reiz- oder Betäubungsmittel
-wieder hergestellt. Er freute sich des wiedergekehrten Vermögens.
-Die moralische Genugtuung verstärkte den physischen
-Genuß. Während seiner Bettlägrigkeit hatte er an dem mitgebrachten
-Vorrat von zweihundert Stück gespart; Restbestände
-davon waren noch vorhanden. Aber zugleich mit der
-Wäsche, den Winterkleidern hatte er sich von Schalleen auch
-weitere fünfhundert Stück der Bremer Ware kommen lassen,
-um eingedeckt zu sein. Es waren schöne lackierte Kistchen mit
-einem Globus, vielen Medaillen und einem von Fahnen umflatterten
-Ausstellungsgebäude in Gold geschmückt.
-</p>
-
-<p>
-Wie sie saßen, siehe, so kam Hofrat Behrens durch den
-Garten. Er hatte heute am Mittagessen im Saale teilgenommen;
-am Tische der Frau Salomon hatte man ihn die riesigen
-Hände vor seinem Teller falten sehen. Dann hatte er sich wohl
-auf der Terrasse verweilt, persönliche Töne angeschlagen,
-wahrscheinlich das Stiefelbandkunststück ausgeführt, für jemanden,
-der es noch nicht gesehen. Nun kam er auf dem
-Kieswege schlendernd heran, ohne Ärztekittel, in kleinkariertem
-Schwalbenschwanz, den steifen Hut im Nacken, eine Zigarre
-auch seinerseits im Munde, die sehr schwarz war, und aus
-der er große, weißliche Rauchwolken sog. Sein Kopf, sein Gesicht
-mit den bläulich erhitzten Backen, der Stumpfnase, den
-feuchten, blauen Augen und dem geschürzten Bärtchen waren
-klein im Verhältnis zu der langen, leicht gebückten und geknickten
-<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a>
-Gestalt und zu dem Umfange seiner Hände und Füße. Er
-war nervös, sichtlich schrak er zusammen, als er die Vettern bemerkte,
-und blieb sogar etwas verlegen, da er gerade auf sie
-zugehen mußte. Er begrüßte sie in der gewohnten Weise, aufgeräumt
-und redensartlich, mit „Sieh da, sieh da, Timotheus!“
-und Segenswünschen für ihren Stoffwechsel, indem er sie nötigte,
-sitzenzubleiben, da sie sich zu seinen Ehren erheben wollten.
-</p>
-
-<p>
-„Geschenkt, geschenkt. Keine Umstände weiter mit mir
-schlichtem Manne. Kommt mir gar nicht zu, sintemalen Sie
-Patienten sind, einer wie der andere. Sie haben so was nicht
-nötig. Nichts zu sagen gegen die Situation, wie sie ist.“
-</p>
-
-<p>
-Und er blieb vor ihnen stehen, die Zigarre zwischen Zeige-
-und Mittelfinger seiner riesigen Rechten.
-</p>
-
-<p>
-„Wie schmeckt der Krautwickel, Castorp? Lassen Sie mal
-sehen, ich bin Kenner und Liebhaber. Die Asche ist gut: was
-ist denn das für eine bräunliche Schöne?“
-</p>
-
-<p>
-„Maria Mancini, <span class="antiqua" lang="es">Postre de Banquett</span> aus Bremen, Herr
-Hofrat. Kostet wenig oder nichts, neunzehn Pfennig in reinen
-Farben, hat aber ein Bukett, wie es sonst in dieser Preislage
-nicht vorkommt. Sumatra-Havanna, Sandblattdecker, wie
-Sie sehen. Ich habe mich sehr an sie gewöhnt. Es ist eine
-mittelvolle Mischung und sehr würzig, aber leicht auf der
-Zunge. Sie hat es gern, wenn man ihr lange die Asche läßt,
-ich streife nur höchstens zweimal ab. Natürlich hat sie ihre
-kleinen Launen, aber die Kontrolle bei der Herstellung muß
-besonders genau sein, denn Maria ist sehr zuverlässig in ihren
-Eigenschaften und luftet vollkommen gleichmäßig. Darf ich
-Ihnen eine anbieten?“
-</p>
-
-<p>
-„Danke, wir können ja mal tauschen.“ Und sie zogen
-ihre Etuis.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a>
-„Die hat Rasse“, sagte der Hofrat, indem er seine Marke
-hinreichte. „Temperament, wissen Sie, Saft und Kraft.
-St. Felix-Brasil, ich habe es immer mit diesem Charakter gehalten.
-Ein rechter Sorgenbrecher, brennt ein wie Schnaps,
-und namentlich gegen das Ende hat sie was Fulminantes.
-Einige Zurückhaltung im Verkehr wird empfohlen, man kann
-nicht eine an der anderen anzünden, das geht über Manneskraft.
-Aber lieber mal einen ordentlichen Happen, als den
-ganzen Tag Wasserdampf ...“
-</p>
-
-<p>
-Sie drehten die gewechselten Geschenke zwischen den Fingern,
-prüften mit sachlicher Kennerschaft diese schlanken Körper,
-die mit den schräg gleichlaufenden Rippen ihrer erhöhten, hie
-und da etwas gelüfteten Wickelränder, ihrem aufliegenden
-Geäder, das zu pulsen schien, den kleinen Unebenheiten ihrer
-Haut, dem Spiel des Lichtes auf ihren Flächen und Kanten etwas
-organisch Lebendiges hatten. Hans Castorp sprach es aus:
-</p>
-
-<p>
-„So eine Zigarre hat Leben. Sie atmet regelrecht. Zu
-Hause ließ ich es mir mal einfallen, Maria in einer luftdichten
-Blechkiste aufzubewahren, um sie vor Feuchtigkeit zu schützen.
-Wollen Sie glauben, daß sie starb? Sie kam um und war
-tot binnen Wochenfrist, – lauter ledrige Leichen.“
-</p>
-
-<p>
-Und sie tauschten ihre Erfahrungen aus über die beste Art,
-Zigarren aufzubewahren, namentlich Importen. Der Hofrat
-liebte Importen, er hätte am liebsten immer nur schwere Havannas
-geraucht. Nur leider vertrug er sie nicht, und zwei
-kleine Henry Clays, die er einmal in einer Gesellschaft ans
-Herz genommen, hätten ihn, wie er erzählte, um ein Haar
-unter den Rasen gebracht. „Ich rauche sie zum Kaffee,“ sagte
-er, „eine nach der anderen, und denke mir wenig dabei. Aber
-wie ich fertig bin, da steigt mir die Frage auf, wie mir eigentlich
-<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a>
-zu Sinne wird. Ganz anders jedenfalls, total fremdartig,
-wie noch nie im Leben. Nach Hause zu kommen, war keine
-Kleinigkeit, und wie ich da bin, da denke ich erst recht, mich
-laust der Affe. Eisbeine, wissen Sie, kalter Schweiß, wo Sie
-wollen, linnenweiß das Gesicht, das Herz in allen Zuständen,
-ein Puls, – mal fadenförmig und kaum zu fühlen, mal holterdipolter,
-über Stock und Stein, verstehen Sie, und das Gehirn
-in einer Aufregung ... Ich war überzeugt, daß ich abtanzen
-sollte. Ich sage: abtanzen, weil das das Wort ist, das
-mir damals einfiel, und das ich brauchte zur Kennzeichnung
-meines Befindens. Denn eigentlich war es höchst fidel und
-eine rechte Festivität, obgleich ich kolossale Angst hatte oder,
-richtiger gesagt, ganz und gar aus Angst bestand. Aber Angst
-und Festivität schließen sich ja nicht aus, das weiß jeder. Der
-Bengel, der zum erstenmal ein Mädchen haben soll, hat auch
-Angst, und sie auch, und dabei schmelzen sie nur so vor Vergnüglichkeit.
-Na, ich wäre ebenfalls beinahe geschmolzen,
-mit wogendem Busen wollte ich abtanzen. Aber die Mylendonk
-brachte mich mit ihren Anwendungen aus der Stimmung.
-Eiskompressen, Bürstenfrottage, einer Kampferinjektion, und
-so blieb ich der Menschheit erhalten.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp, sitzend in seiner Eigenschaft als Patient,
-blickte mit einer Miene, die von Gedankentätigkeit zeugte, zu
-Behrens auf, dessen blaue, quellende Augen sich beim Erzählen
-mit Tränen gefüllt hatten.
-</p>
-
-<p>
-„Sie malen doch manchmal, Herr Hofrat“, sagte er plötzlich.
-</p>
-
-<p>
-Der Hofrat tat, als pralle er zurück.
-</p>
-
-<p>
-„Nanu? Jüngling, wie kommen Sie mir vor?“
-</p>
-
-<p>
-„Verzeihung. Ich habe es gelegentlich erwähnen hören.
-Es fiel mir eben ein.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a>
-„Na, dann will ich mich mal nicht aufs Leugnen verlegen.
-Wir sind allzumal schwächliche Menschen. Ja, so was ist vorgekommen.
-<span class="antiqua" lang="it">Anch’ io sono pittore</span>, wie jener Spanier zu
-sagen pflegte.“
-</p>
-
-<p>
-„Landschaften?“ fragte Hans Castorp kurz und gönnerhaft.
-Die Umstände verleiteten ihn zu diesem Tone.
-</p>
-
-<p>
-„Soviel Sie wollen!“ antwortete der Hofrat mit verlegener
-Prahlerei. „Landschaften, Stilleben, Tiere, – was ein Kerl
-ist, schreckt überhaupt vor gar nichts zurück.“
-</p>
-
-<p>
-„Aber keine Porträts?“
-</p>
-
-<p>
-„Auch ein Porträt ist wohl mal mit untergelaufen. Wollen
-Sie mir Ihres in Auftrag geben?“
-</p>
-
-<p>
-„Ha, ha, nein. Aber es wäre sehr freundlich, wenn Herr
-Hofrat uns Ihre Bilder bei Gelegenheit mal zeigen würden.“
-</p>
-
-<p>
-Auch Joachim, nachdem er den Vetter erstaunt betrachtet,
-beeilte sich zu versichern, daß das sehr freundlich sein würde.
-</p>
-
-<p>
-Behrens war entzückt, geschmeichelt bis zur Begeisterung.
-Er wurde sogar rot vor Vergnügen, und seine Augen schienen
-ihre Tränen diesmal vergießen zu wollen.
-</p>
-
-<p>
-„Aber gern!“ rief er. „Aber mit dem allergrößten Pläsier!
-Aber gleich auf der Stelle, wenns Ihnen Spaß macht!
-Kommen Sie her, kommen Sie mit, ich braue uns einen türkischen
-Kaffee auf meiner Bude!“ Und er nahm die jungen
-Leute am Arm, zog sie von der Bank und führte sie, eingehängt
-zwischen ihnen, den Kiesweg entlang gegen seine Wohnung,
-die, wie sie wußten, in dem nahen nordwestlichen Flügel des
-Berghofgebäudes gelegen war.
-</p>
-
-<p>
-„Ich habe mich ja selbst,“ erklärte Hans Castorp, „früher
-hie und da in dieser Richtung versucht.“
-</p>
-
-<p>
-„Was Sie sagen. Ganz solide in Öl?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a>
-„Nein, nein, über das eine oder andere Aquarell hab ichs
-nicht hinausgebracht. Mal ein Schiff, ein Seestück, Kindereien.
-Aber ich sehe Bilder sehr gern, und darum war ich so frei ...“
-</p>
-
-<p>
-Namentlich Joachim fand sich einigermaßen beruhigt und
-aufgeklärt über seines Vetters befremdende Neugier durch
-diese Erläuterung, – und mehr für ihn, als für den Hofrat,
-hatte Hans Castorp sich denn auch auf seine eigenen künstlerischen
-Versuche berufen. Sie langten an: es gab kein so
-prächtiges, von Laternen flankiertes Portal an dieser Seite,
-wie drüben an der Auffahrt. Ein paar gerundete Stufen
-führten zu der eichenen Haustür empor, die der Hofrat mit
-einem Drücker seines reichhaltigen Schlüsselbundes öffnete.
-Seine Hand zitterte dabei; entschieden war er nervös. Ein
-Vorraum, als Garderobe ausgestattet, nahm sie auf, wo
-Behrens seinen steifen Hut an den Nagel hing. Drinnen, auf
-dem kurzen, vom allgemeinen Teil des Gebäudes durch eine
-Glastür abgetrennten Korridor, an dessen beiden Seiten die
-Räumlichkeiten der kleinen Privatwohnung lagen, rief er nach
-dem Dienstmädchen und machte seine Bestellung. Dann ließ
-er seine Gäste unter jovialen und ermutigenden Redensarten
-eintreten, – durch eine der Türen zur Rechten.
-</p>
-
-<p>
-Ein paar banal-bürgerlich möblierte Räume, nach vorn,
-gegen das Tal blickend, gingen ineinander, ohne Verbindungstüren,
-nur durch Portieren getrennt: ein „altdeutsches“ Eßzimmer,
-ein Wohn- und Arbeitszimmer mit Schreibtisch, über
-dem eine Studentenmütze und gekreuzte Schläger hingen,
-wolligen Teppichen, Bibliothek und Sofaarrangement und
-noch ein Rauchkabinett, das „türkisch“ eingerichtet war. Überall
-hingen Bilder, die Bilder des Hofrats, – höflich und zur
-Bewunderung bereit gingen die Augen der Eintretenden sogleich
-<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a>
-darüberhin. Des Hofrats entschwebte Gattin war mehrmals
-zu sehen: in Öl und auch als Photographie auf dem
-Schreibtisch. Es war eine dünn und fließend gekleidete, etwas
-rätselhafte Blondine, welche, die Hände an der linken Schulter
-gefaltet – und zwar nicht fest gefaltet, sondern nur so, daß
-die oberen Fingerglieder schwach ineinander lagen –, ihre
-Augen entweder gen Himmel gerichtet oder tief niedergeschlagen
-und unter den langen, schräg von den Lidern abstehenden
-Wimpern versteckt hielt: nur geradeaus und dem Beschauer
-entgegen blickte die Selige niemals. Sonst gab es hauptsächlich
-gebirgige Landschaftsmotive, Berge im Schnee und im
-Tannengrün, Berge, von Höhenqualm umwogt, und Berge,
-deren trockene und scharfe Umrisse unter dem Einflusse Segantinis
-in einen tiefblauen Himmel schnitten. Ferner waren da
-Sennhütten, wammige Kühe auf besonnter Weide stehend und
-lagernd, ein gerupftes Huhn, das seinen verdrehten Hals zwischen
-Gemüsen von einer Tischplatte hängen ließ, Blumenstücke,
-Gebirglertypen und anderes mehr, – gemalt dies alles
-mit einem gewissen flotten Dilettantismus, in keck aufgeklecksten
-Farben, die öfters aussahen, als seien sie unmittelbar aus der
-Tube auf die Leinwand gedrückt, und die lange gebraucht
-haben mußten, bis sie getrocknet waren – bei groben Fehlern
-war es zuweilen wirksam.
-</p>
-
-<p>
-Anschauend wie in einer Ausstellung gingen sie die Wände
-entlang, begleitet vom Hausherrn, der dann und wann ein
-Motiv bei Namen nannte, meistens aber schweigend, in der
-stolzen Beklommenheit des Künstlers, es genoß, seine Augen
-zusammen mit denen Fremder auf seinen Werken ruhen zu
-lassen. Das Porträt Clawdia Chauchats hing im Wohnzimmer
-an der Fensterwand, – Hans Castorp hatte es schon
-<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a>
-beim Eintreten mit raschem Blicke erspäht, obgleich es nur eine
-entfernte Ähnlichkeit aufwies. Absichtlich mied er die Stelle,
-hielt seine Begleiter im Eßzimmer fest, wo er einen grünen
-Blick ins Sergital mit bläulichen Gletschern im Hintergrunde
-zu bewundern vorgab, steuerte dann aus eigener Machtvollkommenheit
-zuerst ins türkische Kabinett hinüber, das er, Lob
-auf den Lippen, ebenfalls gründlich durchmusterte, und besichtigte
-dann die Eingangswand des Wohnzimmers, auch
-Joachim manchmal zur Beifallsäußerung auffordernd. Endlich
-wandte er sich um und fragte mit Maßen stutzend:
-</p>
-
-<p>
-„Da ist doch ein bekanntes Gesicht?“
-</p>
-
-<p>
-„Erkennen Sie sie?“ wollte Behrens hören.
-</p>
-
-<p>
-„Doch, da ist wohl eine Täuschung nicht möglich. Das ist
-die Dame vom Guten Russentisch, mit dem französischen
-Namen ...“
-</p>
-
-<p>
-„Stimmt, die Chauchat. Freut mich, daß Sie sie ähnlich
-finden.“
-</p>
-
-<p>
-„Sprechend!“ log Hans Castorp, weniger aus Falschheit,
-als in dem Bewußtsein, daß er, wenn alles mit rechten Dingen
-zugegangen wäre, das Modell gar nicht hätte erkennen dürfen,
-– so wenig, wie Joachim es aus eigenen Kräften jemals
-erkannt hätte, der gute, überlistete Joachim, dem nun freilich
-ein Licht aufging, das wahre Licht nach dem falschen, das
-Hans Castorp ihm vorher angezündet. „Ja so“, sagte er leise
-und schickte sich darein, das Bild betrachten zu helfen. Sein
-Vetter hatte sich für ihr Fernbleiben von der Verandageselligkeit
-schadlos zu halten gewußt.
-</p>
-
-<p>
-Es war ein Bruststück in Halbprofil, etwas unter Lebensgröße,
-dekolletiert, mit einer Schleierdraperie um Schultern
-und Busen, in einen breiten, schwarzen, nach innen abfallenden
-<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a>
-und am Rande der Leinwand mit einer Goldleiste verzierten
-Rahmen gefaßt. Frau Chauchat erschien da zehn Jahre
-älter, als sie war, wie das bei Dilettantenporträts, die charakteristisch
-sein wollen, zu gehen pflegt. Im ganzen Gesicht war
-zuviel Rot, die Nase war arg verzeichnet, die Haarfarbe nicht
-getroffen, zu strohig, der Mund verzerrt, der besondere Reiz
-der Physiognomie nicht gesehen oder nicht herausgebracht,
-durch Vergröberung seiner Ursachen verfehlt, das Ganze ein
-ziemlich pfuscherhaftes Produkt, als Bildnis seinem Gegenstande
-nur weitläufig verwandt. Aber Hans Castorp nahm
-es mit der Ähnlichkeit nicht weiter genau, die Beziehungen
-dieser Leinwand zu Frau Chauchats Person waren ihm eng
-genug, das Bild <em>sollte</em> Frau Chauchat darstellen, sie selbst
-hatte in diesen Räumen dazu Modell gesessen, das genügte
-ihm, bewegt wiederholte er:
-</p>
-
-<p>
-„Wie sie leibt und lebt!“
-</p>
-
-<p>
-„Sagen Sie das nicht“, wehrte der Hofrat ab. „Es war
-ein klotziges Stück Arbeit, ich bilde mir nicht ein, so recht damit
-fertig geworden zu sein, obgleich wir wohl zwanzig Sitzungen
-gehabt haben, – wie wollen Sie denn fertig werden mit einer
-so vertrackten Visage. Man denkt, sie muß leicht zu erwischen
-sein, mit ihren hyperboreischen Jochbeinen und den Augen,
-wie aufgesprungene Schnitte in Hefegebäck. Ja, hat sich
-was. Macht man die Einzelheit richtig, verpatzt man das
-Ganze. Das reine Vexierrätsel. Kennen Sie sie? Möglicherweise
-sollte man sie nicht abmalen, sondern nach dem Gedächtnis
-arbeiten. Kennen Sie sie denn?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, nein, oberflächlich, wie man hier die Leute so kennt ...“
-</p>
-
-<p>
-„Na, ich kenne sie ja mehr inwendig, subkutan, verstehen
-Sie, über arteriellen Blutdruck, Gewebsspannung und Lymphbewegung,
-<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a>
-da weiß ich bei ihr so ziemlich Bescheid – aus
-bestimmten Gründen. Das Oberflächliche bietet größere
-Schwierigkeiten. Haben Sie sie schon manchmal gehen sehen?
-Wie sie geht, so ist ihr Gesicht. Eine Schleicherin. Nehmen
-Sie zum Exempel die Augen, – ich rede nicht von der Farbe,
-die auch ihre Tücken hat; ich meine den Sitz, den Schnitt.
-Die Lidspalte, sagen Sie, ist geschlitzt, schief. Das scheint
-Ihnen aber nur so. Was Sie täuscht, ist der Epikanthus, das
-heißt eine Varietät, die bei gewissen Rassen vorkommt und
-darin besteht, daß ein Hautüberschuß, der von dem flachen
-Nasensattel dieser Leute herrührt, von der Deckfalte des Lides
-über den inneren Augenwinkel hinabreicht. Ziehen Sie die Haut
-über der Nasenwurzel straff an, und Sie haben ein Auge ganz
-wie von unsereinem. Eine pikante Mystifikation also, übrigens
-nicht weiter ehrenvoll; denn bei Lichte besehen, läuft der Epikanthus
-auf eine atavistische Hemmungsbildung hinaus.“
-</p>
-
-<p>
-„So verhält sich das also“, sagte Hans Castorp. „Ich
-wußte es nicht, aber es interessiert mich schon längst, was es
-mit solchen Augen auf sich hat.“
-</p>
-
-<p>
-„Vexation, Täuschung“, bekräftigte der Hofrat. „Zeichnen
-Sie sie einfach schief und geschlitzt, so sind Sie verloren. Sie
-müssen die Schiefheit und Geschlitztheit zuwege bringen, wie
-die Natur sie zuwege bringt, Illusion in der Illusion treiben,
-sozusagen, und dazu ist natürlich nötig, daß Sie über den
-Epikanthus Bescheid wissen. Wissen kann überhaupt nicht
-schaden. Sehen Sie sich die Haut an, die Körperhaut hier.
-Ist das anschaulich, oder ist es nicht so besonders anschaulich
-Ihrer Meinung nach?“
-</p>
-
-<p>
-„Enorm,“ sagte Hans Castorp, „enorm anschaulich ist sie
-gemalt, die Haut. Ich glaube, ähnlich gut gemalte ist mir
-<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a>
-nie vorgekommen. Man meint die Poren zu sehen.“ Und er
-fuhr leicht mit dem Handrande über das Dekolleté des Bildes,
-das sehr weiß gegen die übertriebene Rötung des Gesichtes
-abstach, wie ein Körperteil, der gewöhnlich dem Lichte nicht
-ausgesetzt ist, und so, absichtlich oder nicht, die Vorstellung
-des Entblößtseins aufdringlich hervorrief, – ein jedenfalls
-ziemlich plumper Effekt.
-</p>
-
-<p>
-Trotzdem war Hans Castorps Lob berechtigt. Die matt
-schimmernde Weiße dieser zarten, aber nicht mageren Büste,
-die sich in der bläulichen Schleierdraperie verlor, hatte viel
-Natur; sichtlich war sie mit Gefühl gemalt, aber unbeschadet
-einer gewissen Süßigkeit, die davon ausging, hatte der Künstler
-ihr eine Art von wissenschaftlicher Realität und lebendiger
-Genauigkeit zu verleihen gewußt. Er hatte sich des körnigen
-Charakters der Leinwand bedient, um ihn, namentlich in
-der Gegend der zart hervortretenden Schlüsselbeine, durch
-die Ölfarbe hindurch als natürliche Unebenheit der Hautoberfläche
-wirken zu lassen. Ein Leberfleckchen links, wo die
-Brust sich zu teilen begann, war nicht außer acht gelassen,
-und zwischen den Erhebungen glaubte man schwach-bläuliches
-Geäder durchscheinen zu sehen. Es war, als ginge unter dem
-Blick des Betrachters ein kaum merklicher Schauer von Sensitivität
-über diese Nacktheit, – gewagt zu sagen: man mochte
-sich einbilden, die Perspiration, den unsichtbaren Lebensdunst
-dieses Fleisches wahrzunehmen, so, als würde man, wenn man
-etwa die Lippen darauf drückte, nicht den Geruch von Farbe
-und Firnis, sondern den des menschlichen Körpers verspüren.
-Wir geben mit alldem die Eindrücke Hans Castorps wieder:
-aber wenn er besonders bereit war, solche Eindrücke zu empfangen,
-so ist doch sachlich festzustellen, daß Frau Chauchats
-<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a>
-Dekolleté das bei weitem bemerkenswerteste Stück Malerei
-in diesen Zimmern war.
-</p>
-
-<p>
-Hofrat Behrens schaukelte sich, die Hände in den Hosentaschen,
-auf Absätzen und Fußballen, während er seine Arbeit
-zugleich mit den Besuchern betrachtete.
-</p>
-
-<p>
-„Freut mich, Herr Kollege,“ sagte er, „freut mich, daß es
-Ihnen einleuchtet. Es ist eben gut und kann gar nicht schaden,
-wenn man auch unter der Epidermis ein bißchen Bescheid
-weiß und mitmalen kann, was nicht zu sehen ist, – mit anderen
-Worten: wenn man zur Natur noch in einem andern Verhältnis
-steht als bloß dem lyrischen, wollen wir mal sagen;
-wenn man zum Beispiel im Nebenamt Arzt ist, Physiolog,
-Anatom und von den Dessous auch noch so seine stillen
-Kenntnisse hat, – das kann von Vorteil sein, sagen Sie, was
-Sie wollen, es gibt entschieden ein Prä. Die Körperpelle da
-hat Wissenschaft, die können Sie mit dem Mikroskop auf
-ihre organische Richtigkeit untersuchen. Da sehen Sie nicht
-bloß die Schleim- und Hornschichten der Oberhaut, sondern
-darunter ist das Lederhautgewebe gedacht mit seinen Salbendrüsen
-und Schweißdrüsen und Blutgefäßen und Wärzchen, –
-und darunter wieder die Fetthaut, die Polsterung, wissen Sie,
-die Unterlage, die mit ihren vielen Fettzellen die holdseligen
-weiblichen Formen zustande bringt. Was aber mitgewußt
-und mitgedacht ist, das spricht auch mit. Es fließt Ihnen in
-die Hand und tut seine Wirkung, ist nicht da und irgendwie
-doch da, und das gibt Anschaulichkeit.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp war Feuer und Flamme für dies Gespräch,
-seine Stirn war gerötet, seine Augen eiferten, er wußte nicht,
-was er zuerst erwidern sollte, denn er hatte vieles zu sagen.
-Erstens beabsichtigte er, das Bild von der beschatteten Fensterwand
-<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a>
-fort an einen günstigeren Platz zu schaffen, zweitens
-wollte er unbedingt an des Hofrats Äußerungen über die Natur
-der Haut anknüpfen, die ihn dringlich interessierten, drittens
-aber einen eigenen allgemeinen und philosophischen Gedanken
-auszudrücken versuchen, der ihm ebenfalls höchlichst am Herzen
-lag. Während er schon die Hände an das Porträt legte,
-um es abzuhängen, fing er hastig an:
-</p>
-
-<p>
-„Jawohl, jawohl! Sehr gut, das ist wichtig. Ich möchte
-sagen ... Das heißt, Herr Hofrat sagten: ‚Noch in einem
-anderen Verhältnis.‘ Es wäre gut, wenn außer dem lyrischen
-– so, glaube ich, sagten Sie –, dem künstlerischen Verhältnis
-noch ein anderes vorhanden wäre, wenn man die Dinge, kurz
-gesagt, noch unter einem anderen Gesichtswinkel auffaßte, zum
-Beispiel dem medizinischen. Das ist kolossal zutreffend – entschuldigen
-Herr Hofrat –, ich meine, es ist darum so hervorragend
-richtig, weil es sich da eigentlich gar nicht um grundverschiedene
-Verhältnisse und Gesichtswinkel handelt, sondern
-genau genommen immer um ein und denselben – bloß um
-Spielarten davon, ich meine: Schattierungen, ich meine also:
-Variationen von ein und demselben allgemeinen Interesse, von
-dem auch die künstlerische Beschäftigung bloß ein Teil und ein
-Ausdruck ist, wenn ich so sagen darf. Ja, entschuldigen Sie,
-ich hänge das Bild ab, es hat ja hier absolut kein Licht, Sie
-werden sehen, ich trage es mal eben zum Sofa hinüber, ob es
-denn da nicht doch ganz anders ... Ich wollte sagen: Womit
-beschäftigt sich die medizinische Wissenschaft? Ich verstehe
-ja natürlich nichts davon, aber sie beschäftigt sich doch mit dem
-Menschen. Und die Juristerei, die Gesetzgebung und Rechtsprechung?
-Auch mit dem Menschen. Und die Sprachforschung,
-mit der ja meistenteils die Ausübung des pädagogischen
-<a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a>
-Berufs verbunden ist? Und die Theologie, die Seelsorge,
-das geistliche Hirtenamt? Alle mit dem Menschen, es sind
-alles bloß Abschattierungen von ein und demselben wichtigen
-und ... hauptsächlichen Interesse, nämlich dem Interesse
-am Menschen, es sind die humanistischen Berufe, mit
-einem Wort, und wenn man sie studieren will, so lernt man
-als Grundlage vor allem einmal die alten Sprachen, nicht
-wahr, der formalen Bildung halber, wie man sagt. Sie wundern
-sich vielleicht, daß ich so davon rede, ich bin ja bloß Realist,
-Techniker. Aber ich habe noch neulich im Liegen darüber
-nachgedacht: es ist doch ausgezeichnet, eine ausgezeichnete Einrichtung
-in der Welt, daß man jeder Art von humanistischem
-Beruf das Formale, die Idee der Form, der schönen Form,
-wissen Sie, zugrunde legt, – das bringt so etwas Nobles und
-Überflüssiges in die Sache und außerdem so etwas von Gefühl
-und ... Höflichkeit, – das Interesse wird dadurch beinahe
-schon zu etwas wie einem galanten Anliegen ... Das heißt,
-ich drücke mich höchstwahrscheinlich unpassend aus, aber man
-sieht da, wie das Geistige und das Schöne sich vermischen und
-eigentlich immer schon eines waren, mit anderen Worten: die
-Wissenschaft und die Kunst, und daß also die künstlerische Beschäftigung
-unbedingt auch dazu gehört, als fünfte Fakultät
-gewissermaßen, daß sie auch gar nichts anderes ist, als ein
-humanistischer Beruf, eine Abschattierung des humanistischen
-Interesses, insofern ihr wichtigstes Thema oder Anliegen doch
-auch wieder der Mensch ist, das werden Sie mir zugeben. Ich
-habe ja bloß Schiffe und Wasser gemalt, wenn ich mich in
-meiner Jugend mal in dieser Richtung versuchte, aber das
-Anziehendste in der Malerei ist und bleibt in meinen Augen
-doch das Porträt, weil es unmittelbar den Menschen zum
-<a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a>
-Gegenstand hat, darum fragte ich gleich, ob Herr Hofrat sich
-auch auf diesem Gebiet betätigten ... Würde es hier nun
-nicht doch ganz erheblich günstiger hängen?“
-</p>
-
-<p>
-Beide, Behrens sowohl wie Joachim, sahen ihn an, ob er
-sich dessen nicht schäme, was er da aus dem Stegreif zusammengeredet.
-Aber Hans Castorp war viel zu sehr bei der Sache,
-um verlegen zu werden. Er hielt das Bild an die Sofawand
-und verlangte Antwort, ob es da nicht bedeutend besser belichtet
-sei. Gleichzeitig brachte das Dienstmädchen auf einem
-Brett heißes Wasser, einen Spirituskocher und Kaffeetäßchen.
-Der Hofrat wies sie ins Kabinett und sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Dann müßten Sie sich aber eigentlich nicht so sehr für
-Malerei interessieren, als in erster Linie für Skulptur ... Doch,
-da hat es natürlich mehr Licht. Wenn Sie meinen, daß es soviel
-davon verträgt ... Für Plastik, meine ich, weil die es doch
-am reinsten und ausschließlichsten mit dem Menschen im allgemeinen
-zu tun hat. Daß uns aber das Wasser nicht wegkocht.“
-</p>
-
-<p>
-„Sehr wahr, die Plastik“, sagte Hans Castorp, während
-sie hinübergingen, und vergaß, das Bild wieder aufzuhängen
-oder abzustellen: er nahm es mit, trug es bei Fuß ins anstoßende
-Zimmer. „Sicher, so eine griechische Venus oder so
-ein Athlet, da zeigt sich das Humanistische zweifellos am deutlichsten,
-es ist wohl im Grunde das Wahre, die eigentlich humanistische
-Art von Kunst, wenn man es sich überlegt.“
-</p>
-
-<p>
-„Na, was die kleine Chauchat betrifft,“ bemerkte der Hofrat,
-„so ist das wohl jedenfalls mehr ein Gegenstand für die
-Malerei, ich glaube, Phidias oder der andere mit der mosaischen
-Namensendung, die hätten die Nase gerümpft über ihre
-Art von Physiognomie ... Was machen Sie denn, was schleppen
-Sie sich denn mit dem Schinken?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-440" class="pagenum" title="440"></a>
-„Danke, ich stelle es erst mal hier an mein Stuhlbein, da
-steht es ja für den Augenblick ganz gut. Die griechischen Plastiker
-kümmerten sich aber nicht viel um den Kopf, es kam
-ihnen auf den Körper an, das war vielleicht gerade das Humanistische
-... Und die weibliche Plastik, das ist also Fett?“
-</p>
-
-<p>
-„Das ist Fett!“ sagte endgültig der Hofrat, der einen Wandschrank
-aufgeschlossen und ihm das Zubehör zur Kaffeebereitung
-entnommen hatte, eine röhrenförmige türkische Mühle,
-den langgestielten Kochbecher, das Doppelgefäß für Zucker
-und gemahlenen Kaffee, alles aus Messing. „Palmitin,
-Stearin, Oleïn“, sagte er und schüttete Kaffeebohnen aus einer
-Blechbüchse in die Mühle, deren Kurbel er zu drehen begann.
-„Die Herren sehen, ich mache alles selbst, von Anfang an, es
-schmeckt noch mal so gut. – Was dachten Sie denn? Daß es
-Ambrosia wäre?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, ich wußte es schon selber. Es ist nur merkwürdig,
-es so zu hören“, sagte Hans Castorp.
-</p>
-
-<p>
-Sie saßen im Winkel zwischen Tür und Fenster, an einem
-Bambustaburett mit orientalisch ornamentierter Messingplatte,
-auf der das Kaffeegerät zwischen Rauchutensilien Platz
-gefunden hatte: Joachim neben Behrens auf der reichlich mit
-seidenen Kissen ausgestatteten Ottomane, Hans Castorp in
-einem Klubsessel auf Rollen, gegen den er Frau Chauchats
-Porträt gelehnt hatte. Ein bunter Teppich lag unter ihnen.
-Der Hofrat löffelte Kaffee und Zucker in den gestielten Becher,
-goß Wasser nach und ließ das Getränk über der Spiritusflamme
-aufkochen. Es schäumte braun in den Zwiebeltäßchen
-und erwies sich beim Nippen als ebenso stark wie süß.
-</p>
-
-<p>
-„Ihre übrigens auch“, sagte Behrens. „Ihre Plastik, soweit
-davon die Rede sein kann, ist natürlich auch Fett, wenn
-<a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a>
-auch nicht in dem Grade wie bei den Weibern. Bei unsereinem
-macht das Fett gewöhnlich bloß den zwanzigsten Teil
-vom Körpergewicht aus, bei den Weibern den sechzehnten.
-Ohne das Unterhautzellgewebe, da wären wir alle bloß Morcheln.
-Mit den Jahren schwindet es ja, und dann gibt es
-den bekannten unästhetischen Faltenwurf. Am dicksten und
-fettesten ist es an der weiblichen Brust und am Bauch,
-an den Oberschenkeln, kurz, überall, wo ein bißchen was los
-ist für Herz und Hand. Auch an den Fußsohlen ist es fett
-und kitzlich.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp drehte die röhrenförmige Kaffeemühle zwischen
-den Händen. Sie war, wie die ganze Garnitur, wohl
-eher indischer oder persischer, als türkischer Herkunft: der Stil
-der in das Messing gearbeiteten Gravierungen, deren Flächen
-blank aus dem matt gehaltenen Grunde traten, deutete darauf
-hin. Hans Castorp betrachtete die Ornamentik, ohne gleich
-klug daraus werden zu können. Als er klug daraus geworden
-war, errötete er unversehens.
-</p>
-
-<p>
-„Ja, das ist so ein Gerät für alleinstehende Herren“, sagte
-Behrens. „Darum halte ich es unter Verschluß, wissen Sie.
-Meine Küchenfee könnte sich die Augen daran verderben. Sie
-werden ja wohl weiter keinen Schaden davontragen. Ich habe
-es mal von einer Patientin geschenkt bekommen, einer ägyptischen
-Prinzessin, die uns ein Jährchen die Ehre schenkte. Sie
-sehen, das Muster wiederholt sich an jedem Stück. Ulkig, was?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, das ist merkwürdig“, erwiderte Hans Castorp. „Ha
-nein, mir macht es natürlich nichts. Man kann es ja sogar
-ernst und feierlich nehmen, wenn man will, – obgleich es dann
-am Ende auf einer Kaffeegarnitur nicht ganz am Platz ist.
-Die Alten sollen ja so etwas gelegentlich auf ihren Särgen
-<a id="page-442" class="pagenum" title="442"></a>
-angebracht haben. Das Obszöne und das Heilige war ihnen
-gewissermaßen ein und dasselbe.“
-</p>
-
-<p>
-„Na, was die Prinzessin betrifft,“ sagte Behrens, „die war
-nun, glaub ich, mehr für das erstere. Sehr schöne Zigaretten
-habe ich übrigens auch noch von ihr, das ist was Extrafeines,
-wird nur bei erstklassigen Gelegenheiten aufgefahren.“ Und
-er holte die grellbunte Schachtel aus dem Wandschrank, um
-sie anzubieten. Joachim enthielt sich, indem er die Absätze zusammenzog.
-Hans Castorp griff zu und rauchte die ungewöhnlich
-große und breite, mit einer Sphinx in Golddruck
-geschmückte Zigarette an, die in der Tat wundervoll war.
-</p>
-
-<p>
-„Erzählen Sie uns doch noch etwas von der Haut,“ bat
-er, „wenn Sie so freundlich sein wollen, Herr Hofrat!“ Er
-hatte Frau Chauchats Porträt wieder an sich genommen, hatte
-es auf sein Knie gestellt und betrachtete es, in den Stuhl zurückgelehnt,
-die Zigarette zwischen den Lippen. „Nicht gerade von
-der Fetthaut, das wissen wir ja nun, was es damit auf sich
-hat. Aber von der menschlichen Haut im allgemeinen, die Sie
-so gut zu malen verstehn.“
-</p>
-
-<p>
-„Von der Haut? Interessieren Sie sich für Physiologie?“
-</p>
-
-<p>
-„Sehr! Ja, dafür habe ich mich schon immer im höchsten
-Grade interessiert. Der menschliche Körper, für den habe ich
-immer hervorragend viel Sinn gehabt. Manchmal habe ich
-mich schon gefragt, ob ich nicht Arzt hätte werden sollen, –
-in gewisser Weise hätte das, glaube ich, nicht schlecht für mich
-gepaßt. Denn wer sich für den Körper interessiert, der interessiert
-sich ja auch für die Krankheit, – namentlich sogar für
-die, – tut er das nicht? Übrigens hat es nicht viel zu sagen,
-ich hätte Verschiedenes werden können. Ich hätte zum Beispiel
-auch Geistlicher werden können.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a>
-„Nanu?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, vorübergehend ist es mir schon manchmal so vorgekommen,
-als ob ich dabei eigentlich ganz in meinem Element
-gewesen wäre.“
-</p>
-
-<p>
-„Warum sind Sie denn Ingenieur geworden?“
-</p>
-
-<p>
-„Aus Zufall. Das waren wohl mehr oder weniger die äußeren
-Umstände, die darin den Ausschlag gaben.“
-</p>
-
-<p>
-„Na, von der Haut? Was soll ich Ihnen denn von Ihrem
-Sinnesblatt erzählen. Das ist Ihr Außenhirn, verstehen Sie,
-– ontogenetisch ganz desselben Ursprungs wie der Apparat
-für die sogenannten höheren Sinnesorgane da oben in Ihrem
-Schädel: das zentrale Nervensystem, müssen Sie wissen, ist
-bloß eine leichte Umbildung der äußeren Hautschicht, und bei
-den niederen Tieren, da gibts den Unterschied zwischen zentral
-und peripher überhaupt noch nicht, die riechen und schmecken
-mit der Haut, müssen Sie sich vorstellen, die haben überhaupt
-bloß Hautsinnlichkeit, – muß ganz behaglich sein, wenn man
-sich so hineinversetzt. Dagegen bei so hoch differenzierten Lebewesen,
-wie Sie und ich, da beschränkt sich der Ehrgeiz der Haut
-auf die Kitzlichkeit, da ist sie bloß noch Schutz- und Meldeorgan,
-aber höllisch auf dem Posten gegen alles, was dem
-Körper zu nahe treten will, – sie streckt ja sogar noch Tastapparate
-über sich hinaus, die Haare nämlich, die Körperhärchen,
-die bloß aus verhornten Hautzellen bestehen und eine
-Annäherung schon spüren lassen, bevor die Haut selbst noch
-berührt ist. Unter uns gesagt, es ist sogar möglich, daß
-sich der Schutz- und Abwehrberuf der Haut nicht bloß aufs
-Körperliche erstreckt ... Wissen Sie, wie Sie rot und blaß
-werden?“
-</p>
-
-<p>
-„Ungenau.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-444" class="pagenum" title="444"></a>
-„Ja, ganz genau wissen wir es, offen gestanden, auch nicht,
-wenigstens was das Schamrotwerden betrifft. Die Sache ist
-nicht ganz aufgehellt, denn erweiternde Muskeln, die durch die
-vasomotorischen Nerven in Bewegung gesetzt werden könnten,
-haben sich bis dato an den Gefäßen nicht nachweisen
-lassen. Wieso dem Hahn eigentlich der Kamm schwillt – oder
-was sich sonst für renommistische Beispiele anführen ließen –,
-das ist sozusagen mysteriös, besonders da es sich um psychische
-Einwirkung handelt. Wir nehmen an, daß Verbindungen zwischen
-der Großhirnrinde und dem Gefäßzentrum im Kopfmark
-bestehen. Und bei gewissen Reizen also, zum Exempel: Sie
-schämen sich mächtig, da spielt diese Verbindung, und die Gefäßnerven
-nach dem Gesichte spielen, und dann dehnen und
-füllen die dortigen Blutgefäße sich, daß Sie einen Kopf kriegen
-wie ein Puter, ganz hochgeschwollen von Blut sind Sie
-da und können nicht aus den Augen sehen. Dagegen in anderen
-Fällen, Gott weiß, was Ihnen bevorsteht, was ganz
-gefährlich Schönes möglicherweise, – da ziehen die Blutgefäße
-der Haut sich zusammen, und die Haut wird blaß und kalt und
-fällt ein, und dann sehen Sie aus wie ’ne Leiche vor lauter
-Emotion, mit bleifarbenen Augenhöhlen und einer weißen,
-spitzen Nase. Aber das Herz läßt der Sympathikus ordentlich
-trommeln.“
-</p>
-
-<p>
-„So kommt das also“, sagte Hans Castorp.
-</p>
-
-<p>
-„So ungefähr. Das sind Reaktionen, wissen Sie. Da aber
-alle Reaktionen und Reflexe von Hause aus einen Zweck haben,
-so vermuten wir Physiologen beinah, daß auch diese Begleiterscheinungen
-psychischer Affekte eigentlich zweckmäßige Schutzmittel
-sind, Abwehrreflexe des Körpers, wie die Gänsehaut.
-Wissen Sie, wie Sie eine Gänsehaut kriegen?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a>
-„Auch nicht so recht.“
-</p>
-
-<p>
-„Das ist nämlich eine Veranstaltung der Hauttalgdrüsen,
-die die Hautschmiere absondern, so ein eiweißhaltiges, fettiges
-Sekret, wissen Sie, nicht gerade appetitlich, aber es hält die
-Haut geschmeidig, damit sie vor Dürre nicht reißt und springt
-und angenehm anzufassen ist, – es ist ja nicht auszudenken,
-wie die menschliche Haut anzufassen wäre ohne die Cholesterinschmiere.
-Diese Hautsalbendrüsen haben kleine organische
-Muskeln, die die Drüsen aufrichten können, und wenn
-sie das tun, dann wird Ihnen wie dem Jungen, dem die Prinzessin
-den Eimer mit den Gründlingen über den Leib goß, wie
-ein Reibeisen wird Ihre Haut, und wenn der Reiz stark ist, so
-richten auch die Haarbälge sich auf, – die Haare sträuben sich
-Ihnen auf dem Kopf und die Härchen am Leibe, wie einem
-Stachelschwein, das sich wehrt, und Sie können sagen, Sie
-haben das Gruseln gelernt.“
-</p>
-
-<p>
-„Oh, ich“, sagte Hans Castorp, „ich habe das schon manchmal
-gelernt. Mir gruselt es sogar ziemlich leicht, bei den verschiedensten
-Gelegenheiten. Was mich wundert, ist nur, daß
-die Drüsen bei so verschiedenen Gelegenheiten sich aufrichten.
-Wenn einer mit einem Griffel über Glas fährt, so kriegt man
-eine Gänsehaut, und bei besonders schöner Musik kriegt man
-auch plötzlich eine, und als ich bei meiner Konfirmation das
-Abendmahl nahm, da kriegte ich eine über die andere, das
-Graupeln und Prickeln wollte gar nicht mehr aufhören. Es
-ist doch sonderbar, wodurch nicht alles die kleinen Muskeln
-in Bewegung gesetzt werden.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja,“ sagte Behrens, „Reiz ist Reiz. Der Inhalt des
-Reizes kümmert den Körper den Teufel was. Ob Gründlinge
-oder Abendmahl, die Talgdrüsen richten sich eben auf.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a>
-„Herr Hofrat,“ sagte Hans Castorp und betrachtete das
-Bild auf seinen Knien; „worauf ich noch zurückkommen wollte.
-Sie sprachen vorhin von inneren Vorgängen, Lymphbewegung
-und dergleichen ... Was ist es damit? Ich würde
-gern mehr davon hören, von der Lymphbewegung zum Beispiel,
-wenn Sie die Liebenswürdigkeit hätten, es interessiert
-mich sehr.“
-</p>
-
-<p>
-„Das will ich glauben“, erwiderte Behrens. „Die Lymphe,
-das ist das Allerfeinste, Intimste und Zarteste in dem ganzen
-Körperbetrieb, – es schwebt Ihnen wohl vermutungsweise so
-vor, wenn Sie fragen. Man spricht immer vom Blut und
-seinen Mysterien und nennt es einen besonderen Saft. Aber
-die Lymphe, die ist ja erst der Saft des Saftes, die Essenz,
-wissen Sie, Blutmilch, eine ganz deliziöse Tropfbarkeit, –
-nach Fettnahrung sieht sie übrigens wirklich wie Milch aus.“
-Und aufgeräumt und redensartlich begann er zu schildern, wie
-das Blut, diese theatermantelrote, durch Atmung und Verdauung
-bereitete, mit Gasen gesättigte, mit Mauserschlacke
-beladene Fett-, Eiweiß-, Eisen-, Zucker- und Salzbrühe, die
-achtunddreißig Grad heiß von der Herzpumpe durch die Gefäße
-gedrückt werde und überall im Körper den Stoffwechsel,
-die tierische Wärme, mit einem Worte das liebe Leben in Gang
-halte, – wie also das Blut nicht unmittelbar an die Zellen
-herankomme, sondern wie der Druck, unter dem es stehe, einen
-Extrakt und Milchsaft davon durch die Gefäßwände schwitzen
-lasse und ihn in die Gewebe presse, so daß er überall hindringe,
-als Gewebsflüssigkeit jedes Spältchen fülle und das
-elastische Zellgewebe dehne und spanne. Das sei die Gewebsspannung,
-der Turgor, und wieder der Turgor seinerseits
-mache, daß die Lymphe, wenn sie die Zellen lieblich bespült
-<a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a>
-und Stoff mit ihnen getauscht habe, in die Lymphgefäße getrieben
-werde, die <span class="antiqua" lang="la">vasa lymphatica</span>, und zurück in das Blut
-fließe, es seien täglich anderthalb Liter. Er beschrieb das
-Röhren- und Saugadersystem der Lymphgefäße, redete von
-dem Brustmilchgang, der die Lymphe der Beine, des Bauches
-und der Brust, eines Armes und einer Kopfseite sammle, von
-zarten Filterorganen sodann, welche vielerorts in den Lymphgefäßen
-ausgebildet seien, Lymphdrüsen genannt und gelegen
-am Halse, in der Achselhöhle, den Ellbogengelenken, der Kniekehle
-und an ähnlich intimen und zärtlichen Körperstellen. „Da
-können nun Schwellungen vorkommen,“ erklärte Behrens,
-„und davon gingen wir ja wohl aus, – Verdickungen der
-Lymphdrüsen, sagen wir mal: in den Kniekehlen und den
-Armgelenken, wassersuchtähnliche Geschwülste da und dort,
-und das hat immer einen Grund, wenn auch nicht gerade einen
-schönen. Unter Umständen wird einem der Verdacht der
-tuberkulösen Lymphgefäßverstopfung näher als nahgelegt.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp schwieg. „Ja,“ sagte er leise nach einer
-Pause, „es ist so, ich hätte gut Arzt werden können. Der
-Brustmilchgang ... Die Lymphe der Beine ... Das interessiert
-mich sehr. – Was ist der Körper!“ rief er auf einmal stürmisch
-ausbrechend. „Was ist das Fleisch! Was ist der Leib
-des Menschen! Woraus besteht er! Sagen Sie uns das
-heute nachmittag, Herr Hofrat! Sagen Sie es uns ein für
-allemal und genau, damit wir es wissen!“
-</p>
-
-<p>
-„Aus Wasser“, antwortete Behrens. „Für organische Chemie
-interessieren Sie sich also auch? Das ist allergrößtenteils
-Wasser, woraus der humanistische Menschenleib besteht, nichts
-Besseres und nichts Schlechteres, es ist keine Ursache, heftig
-zu werden. Die Trockensubstanz beträgt bloß fünfundzwanzig
-<a id="page-448" class="pagenum" title="448"></a>
-Prozent, und davon sind zwanzig Prozent gewöhnliches
-Hühnereiweiß, Proteinstoffe, wenn Sie es ein bißchen nobler
-ausdrücken wollen, denen eigentlich nur noch ein bißchen Fett
-und Salz zugesetzt ist, das ist so gut wie alles.“
-</p>
-
-<p>
-„Aber das Hühnereiweiß. Was ist das?“
-</p>
-
-<p>
-„Allerlei Elementares. Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff,
-Sauerstoff, Schwefel. Manchmal auch Phosphor. Sie entwickeln
-ja eine ausschweifende Wißbegier. Manche Eiweiße
-sind auch mit Kohlehydraten verbunden, das heißt mit Traubenzucker
-und Stärke. Im Alter wird das Fleisch zäh, das
-kommt, weil das Kollagen im Bindegewebe zunimmt, der
-Leim, wissen Sie, wichtigster Bestandteil der Knochen und
-Knorpel. Was soll ich Ihnen denn noch erzählen? Da haben
-wir im Muskelplasma ein Eiweiß, das Myosinogen, das im
-Tode zu Muskelfibrin gerinnt und die Totenstarre erzeugt.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja so, die Totenstarre“, sagte Hans Castorp munter.
-„Sehr gut, sehr gut. Und dann kommt die Generalanalyse,
-die Anatomie des Grabes.“
-</p>
-
-<p>
-„Na, selbstredend. Das haben Sie übrigens schön gesagt.
-Dann wird die Sache weitläufig. Man fließt auseinander,
-sozusagen. Bedenken Sie all das Wasser! Und die anderen
-Ingredienzien sind ohne Leben ja wenig haltbar, sie werden
-durch die Fäulnis in simplere Verbindungen zerlegt, in anorganische.“
-</p>
-
-<p>
-„Fäulnis, Verwesung,“ sagte Hans Castorp, „das ist doch
-Verbrennung, Verbindung mit Sauerstoff, soviel ich weiß.“
-</p>
-
-<p>
-„Auffallend richtig. Oxydation.“
-</p>
-
-<p>
-„Und Leben?“
-</p>
-
-<p>
-„Auch. Auch, Jüngling. Auch Oxydation. Leben ist hauptsächlich
-auch bloß Sauerstoffbrand des Zelleneiweiß, da kommt
-<a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a>
-die schöne tierische Wärme her, von der man manchmal zu
-viel hat. Tja, Leben ist Sterben, da gibt es nicht viel zu beschönigen,
-– <span class="antiqua" lang="fr">une destruction organique</span>, wie irgendein
-Franzos es in seiner angeborenen Leichtfertigkeit mal genannt
-hat. Es riecht auch danach, das Leben. Wenn es uns anders
-vorkommt, so ist unser Urteil bestochen.“
-</p>
-
-<p>
-„Und wenn man sich für das Leben interessiert,“ sagte
-Hans Castorp, „so interessiert man sich namentlich für den
-Tod. Tut man das nicht?“
-</p>
-
-<p>
-„Na, so eine Art von Unterschied bleibt da ja immerhin.
-Leben ist, daß im Wechsel der Materie die Form erhalten
-bleibt.“
-</p>
-
-<p>
-„Wozu die Form erhalten“, sagte Hans Castorp.
-</p>
-
-<p>
-„Wozu? Hören Sie mal, das ist aber kein bißchen humanistisch,
-was Sie da sagen.“
-</p>
-
-<p>
-„Form ist ete-pe-tete.“
-</p>
-
-<p>
-„Sie haben entschieden was Unternehmendes heute. Förmlich
-was Durchgängerisches. Aber ich falle nun ab“, sagte
-der Hofrat. „Ich werde nun melancholisch“, sagte er und
-legte seine riesige Hand über die Augen. „Sehen Sie, das
-kommt so über mich. Da habe ich nun Kaffee mit Ihnen
-getrunken, und es hat mir geschmeckt, und auf einmal kommt
-es über mich, daß ich melancholisch werde. Die Herren müssen
-mich nun schon entschuldigen. Es war mir was Besonderes
-und hat mir allen möglichen Spaß gemacht ...“
-</p>
-
-<p>
-Die Vettern waren aufgesprungen. Sie machten sich Vorwürfe,
-sagten sie, den Herrn Hofrat so lange ... Er gab beruhigende
-Gegenversicherungen. Hans Castorp beeilte sich,
-Frau Chauchats Porträt ins Nebenzimmer zu tragen und
-wieder an seinen Platz zu hängen. Sie betraten den Garten
-<a id="page-450" class="pagenum" title="450"></a>
-nicht mehr, um in ihr Quartier zu gelangen. Behrens wies
-ihnen den Weg durch das Gebäude, indem er sie bis zur Verbindungsglastür
-geleitete. Sein Nacken schien stärker als
-sonst herauszutreten in dem Gemütszustand, der plötzlich über
-ihn gekommen war, er blinzelte mit seinen Quellaugen, und
-sein infolge der einseitigen Lippenschürzung schiefes Schnurrbärtchen
-hatte einen kläglichen Ausdruck gewonnen.
-</p>
-
-<p>
-Während sie über Korridore und Treppen gingen, sagte
-Hans Castorp:
-</p>
-
-<p>
-„Gib zu, daß das eine gute Idee von mir war.“
-</p>
-
-<p>
-„Jedenfalls war es eine Abwechslung“, erwiderte Joachim.
-„Und ausgesprochen habt ihr euch ja über mancherlei Dinge
-bei dieser Gelegenheit, das muß man sagen. Mir ging es sogar
-ein bißchen zu sehr drüber und drunter. Es ist nun hohe Zeit,
-daß wir vorm Tee doch wenigstens noch auf zwanzig Minuten
-in den Liegedienst kommen. Du findest es vielleicht ete-pe-tete
-von mir, daß ich so darauf halte, – durchgängerisch, wie du
-neuerdings bist. Aber du hast es ja schließlich auch nicht so
-nötig wie ich.“
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-6-7">
-Forschungen
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-So kam, was kommen mußte, und was hier zu erleben
-Hans Castorp noch vor kurzem sich nicht hätte träumen lassen:
-der Winter fiel ein, der hiesige Winter, den Joachim schon
-kannte, da der vorige noch in voller Herrschaft gewesen, als
-er hier eingetroffen war, vor dem aber Hans Castorp sich etwas
-fürchtete, obgleich er sich ja bestens dafür gerüstet wußte.
-Sein Vetter suchte ihn zu beruhigen.
-</p>
-
-<p>
-„Du mußt es dir nicht allzu grimmig vorstellen,“ sagte er,
-„nicht gerade arktisch. Man spürt die Kälte wenig wegen der
-<a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a>
-Lufttrockenheit und der Windstille. Wenn man sich gut verpackt,
-kann man bis tief in die Nacht auf dem Balkon bleiben,
-ohne zu frieren. Es ist die Geschichte mit der Temperaturumkehr
-oberhalb der Nebelgrenze, es wird wärmer in höheren
-Lagen, man hat das früher nicht so gewußt. Eher ist es schon
-kalt, wenn es regnet. Aber du hast ja nun deinen Liegesack,
-und geheizt wird auch ein bißchen, wenn Not an den Mann
-kommt.“
-</p>
-
-<p>
-Übrigens konnte von Überrumpelung und Gewalttätigkeit
-nicht die Rede sein, der Winter kam gelinde, er sah vorderhand
-nicht sehr anders aus, als mancher Tag, den auch der Hochsommer
-schon mit sich geführt hatte. Ein paar Tage lang
-hatte Südwind geweht, die Sonne drückte, das Tal schien
-verkürzt und verengt, nahe und nüchtern lagen die Alpenkulissen
-des Ausgangs. Dann zogen Wolken auf, drangen
-vom Piz Michel und Tinzenhorn gegen Nordosten vor, und
-das Tal verdunkelte sich. Dann regnete es schwer. Dann
-wurde der Regen unrein, weißlichgrau, Schnee hatte sich dareingemischt,
-es war schließlich nur noch Schnee, das Tal war
-angefüllt mit Gestöber, und da das reichlich lange so ging,
-auch die Temperatur unterdessen beträchtlich gefallen war, so
-konnte der Schnee nicht ganz wegschmelzen, er war naß, aber
-er blieb liegen, das Tal lag in dünnem, feuchtem, schadhaftem
-weißen Gewand, gegen welches das Nadelrauh der Lehnen
-schwarz abstach; im Speisesaal erwärmten die Röhren sich
-laulich. Das war Anfang November, um Allerseelen, und es
-war nicht neu. Auch im August war es schon so gewesen, und
-längst hatte man sich entwöhnt, den Schnee als ein Vorrecht
-des Winters zu betrachten. Stets und bei jeder Witterung,
-wenn auch nur von ferne, hatte man welchen vor Augen
-<a id="page-452" class="pagenum" title="452"></a>
-gehabt, denn immer schimmerten Reste und Spuren davon in
-den Spalten und Schründen der felsigen Rätikonkette, die dem
-Taleingang vorzuliegen schien, und immer hatten die fernsten
-Bergmajestäten des Südens im Schnee herübergegrüßt. Aber
-beides hielt an, der Schneefall und der Wärmerückgang. Der
-Himmel hing blaßgrau und niedrig über dem Tal, löste sich
-in Flocken hin, die lautlos und unaufhörlich fielen, in übertriebener
-und leicht beunruhigender Ausgiebigkeit, und stündlich
-wurde es kälter. Es kam der Morgen, da Hans Castorp
-in seinem Zimmer sieben Grad hatte, und am folgenden waren
-es nur noch fünf. Das war der Frost, und er hielt sich in
-Grenzen, aber er hielt sich. Es hatte bei Nacht gefroren, nun
-fror es auch am Tage, und zwar von morgens bis abends,
-wobei es weiterschneite, mit kurzen Unterbrechungen den vierten
-und fünften, den siebenten Tag. Der Schnee sammelte sich
-nun mächtig an, nachgerade wurde er zur Verlegenheit. Man
-hatte auf dem Dienstwege zur Bank am Wasserlauf, sowie
-auf dem Fahrweg hinab ins Tal, Gehbahnen geschaufelt;
-aber sie waren schmal, es gab kein Ausweichen darauf, bei Begegnungen
-mußte man in den Schneedamm zur Seite treten
-und versank bis zum Knie. Eine Schneewalze aus Stein, von
-einem Pferde gezogen, das ein Mann am Halfter führte,
-rollte den ganzen Tag über die Straßen des Kurortes drunten,
-und eine Schlittentram, gelb und von altfränkisch postkutschenhafter
-Gestalt, mit einem Schneepfluge vorn, der die weißen
-Massen schaufelnd beiseite warf, verkehrte zwischen dem Kurhausviertel
-und dem „Dorf“ genannten nördlichen Teil der
-Siedelung. Die Welt, die enge, hohe und abgeschiedene Welt
-Derer hier oben, erschien nun dick bepelzt und gepolstert, es
-war kein Pfeiler und Pfahl, der nicht eine weiße Haube trug,
-<a id="page-453" class="pagenum" title="453"></a>
-die Treppenstufen zum Berghofportal verschwanden, verwandelten
-sich in eine schiefe Ebene, schwere, humoristisch
-geformte Kissen lasteten überall auf den Zweigen der Kiefern,
-da und dort rutschte die Masse ab, zerstäubte und zog
-als Wolke und weißer Nebel zwischen den Stämmen dahin.
-Verschneit lag rings das Gebirge, rauh in den unteren Bezirken,
-weich zugedeckt die über die Baumgrenze hinausragenden,
-verschieden gestalteten Gipfel. Es war dunkel, die
-Sonne stand nur als ein bleicher Schein hinter dem Geschleier.
-Aber der Schnee gab ein indirektes und mildes Licht, eine
-milchige Helligkeit, die Welt und Menschen gut kleidete, wenn
-auch die Nasen unter den weißen oder farbigen Wollmützen
-rot waren.
-</p>
-
-<p>
-Im Speisesaal, an den sieben Tischen, beherrschte der Anbruch
-des Winters, der großen Jahreszeit dieser Gegenden,
-das Gespräch. Viele Touristen und Sportsleute, hieß es, seien
-eingetroffen und bevölkerten die Hotels von „Dorf“ und
-„Platz“. Man schätzte die Höhe des geworfenen Schnees auf
-sechzig Zentimeter, und seine Beschaffenheit sei ideal im Sinne
-des Skiläufers. An der Bobbahn, die drüben am nordwestlichen
-Hange von der Schatzalp zu Tal führte, werde eifrig
-gearbeitet, schon in den nächsten Tagen könne sie eröffnet
-werden, vorausgesetzt, daß nicht der Föhn einen Strich durch
-die Rechnung mache. Man freute sich auf das Treiben der
-Gesunden, der Gäste von unten, das nun sich hier wieder entwickeln
-werde, auf die Sportsfeste und Rennen, denen man
-auch gegen Verbot beizuwohnen gedachte, indem man die
-Liegekur schwänzte und entwischte. Es gab etwas Neues,
-hörte Hans Castorp, eine Erfindung aus Norden, das Skikjöring,
-ein Rennen, wobei sich die Teilnehmer auf Skiern
-<a id="page-454" class="pagenum" title="454"></a>
-stehend von Pferden ziehen lassen würden. Dazu wollte man
-entwischen. – Auch von Weihnachten war die Rede.
-</p>
-
-<p>
-Von Weihnachten! Nein, daran hatte Hans Castorp noch
-nicht gedacht. Er hatte leicht sagen und schreiben können, daß
-er kraft ärztlichen Befundes mit Joachim den Winter hier
-werde zubringen müssen. Aber das schloß ein, wie sich nun
-zeigte, daß er hier Weihnachten verleben sollte, und das hatte
-ohne Zweifel etwas Erschreckendes für das Gemüt, schon deshalb,
-aber nicht ganz allein deshalb, weil er diese Zeit überhaupt
-noch niemals anderswo als in der Heimat, im Schoß
-der Familie, verlebt hatte. In Gottes Namen denn, das wollte
-nun in den Kauf genommen sein. Er war kein Kind mehr,
-Joachim schien auch weiter keinen Anstoß daran zu nehmen,
-sondern sich ohne Weinerlichkeit damit abzufinden, und wo
-nicht überall und unter welchen Umständen war in der Welt
-schon Weihnachten begangen worden!
-</p>
-
-<p>
-Bei alldem schien es ihm etwas übereilt, vor dem ersten
-Advent von Weihnachten zu reden; es waren ja noch reichlich
-sechs Wochen bis dahin. Diese aber übersprang und verschlang
-man im Speisesaal, – ein inneres Verfahren, auf das
-Hans Castorp ja schon auf eigene Hand sich verstehen gelernt
-hatte, wenn er es auch noch nicht in so kühnem Stile zu üben
-gewöhnt war wie die älter eingesessenen Lebensgenossen.
-Solche Etappen im Jahreslauf, wie das Weihnachtsfest,
-schienen ihnen eben recht als Anhaltspunkte und Turngeräte,
-woran sich über leere Zwischenzeiten behende hinwegvoltigieren
-ließ. Sie hatten alle Fieber, ihr Stoffumsatz war erhöht, ihr
-Körperleben verstärkt und beschleunigt, – es mochte am Ende
-wohl damit zusammenhängen, daß sie die Zeit so rasch und
-massenhaft durchtrieben. Er hätte sich nicht gewundert, wenn
-<a id="page-455" class="pagenum" title="455"></a>
-sie Weihnachten schon als zurückgelegt betrachtet und gleich
-von Neujahr und Fastnacht gesprochen hätten. Aber so leichtlebig
-und ungesetzt war man mitnichten im Berghofspeisesaal.
-Bei Weihnachten machte man halt, es gab Anlaß zu
-Sorgen und Kopfzerbrechen. Man beriet über das gemeinsame
-Geschenk, das nach bestehender Anstaltsübung dem Chef,
-Hofrat Behrens, am heiligen Abend überreicht werden sollte,
-und für das eine allgemeine Sammlung eingeleitet war. Voriges
-Jahr hatte man einen Reisekoffer geschenkt, wie diejenigen
-überlieferten, die seit mehr als Jahresfrist hier waren. Man
-sprach für diesmal von einem neuen Operationstisch, einer
-Malstaffelei, einem Gehpelz, einem Schaukelstuhl, einem elfenbeinernen
-und irgendwie „eingelegten“ Hörrohr, und Settembrini
-empfahl auf Befragen die Schenkung eines angeblich
-im Entstehen begriffenen lexikographischen Werkes, genannt
-„Soziologie der Leiden“; doch fiel ihm einzig ein Buchhändler
-bei, der seit kurzem am Tische der Kleefeld saß. Einigung hatte
-sich noch nicht ergeben wollen. Die Verständigung mit den
-russischen Gästen bot Schwierigkeiten. Die Sammlung spaltete
-sich. Die Moskowiter erklärten, Behrens auf eigene Hand
-beschenken zu wollen. Frau Stöhr zeigte sich tagelang in größter
-Unruhe wegen eines Geldbetrages, zehn Franken, die sie
-bei der Sammlung leichtsinnigerweise für Frau Iltis ausgelegt
-hatte, und die diese ihr zurückzuerstatten „vergaß“. Sie
-„vergaß“ es, – die Betonungen, mit denen Frau Stöhr dies
-Wort versah, waren vielfach abgestuft und sämtlich darauf
-berechnet, den tiefsten Unglauben an eine Vergeßlichkeit zu
-bekunden, die allen Anspielungen und feinen Gedächtnisstachelungen,
-an denen es Frau Stöhr, wie sie versicherte, nicht
-fehlen ließ, Trotz bieten zu wollen schien. Mehrfach verzichtete
-<a id="page-456" class="pagenum" title="456"></a>
-Frau Stöhr und erklärte, der Iltis die schuldige Summe zu
-schenken. „Ich zahle also für mich und für sie,“ sagte sie;
-„gut, nicht mein ist die Schande!“ Endlich aber war sie auf
-einen Ausweg verfallen, von dem sie der Tischgesellschaft zu
-allgemeiner Heiterkeit Mitteilung machte: sie hatte sich die
-zehn Franken auf der „Verwaltung“ auszahlen und der Iltis
-in Rechnung stellen lassen, – womit die träge Schuldnerin denn
-überlistet und wenigstens diese Sache ins gleiche gebracht war.
-</p>
-
-<p>
-Es hatte zu schneien aufgehört. Teilweise öffnete der Himmel
-sich; graublaue Wolken, die sich geschieden, ließen Sonnenblicke
-einfallen, die die Landschaft bläulich färbten. Dann
-wurde es völlig heiter. Klarer Frost herrschte, reine, gesicherte
-Winterspracht um Mitte November, und das Panorama
-hinter den Bogen der Balkonloge, die bepuderten Wälder, die
-weichgefüllten Schlüfte, das weiße, sonnige Tal unter dem
-blaustrahlenden Himmel war herrlich. Abends gar, wenn der
-fast gerundete Mond erschien, verzauberte sich die Welt und
-ward wunderbar. Kristallisches Geflimmer, diamantnes Glitzern
-herrschte weit und breit. Sehr weiß und schwarz standen
-die Wälder. Die dem Monde fernen Himmelsgegenden lagen
-dunkel, mit Sternen bestickt. Scharfe, genaue und intensive
-Schatten, die wirklicher und bedeutender schienen als die Dinge
-selbst, fielen von den Häusern, den Bäumen, den Telegraphenstangen
-auf die blitzende Fläche. Es hatte sieben oder acht
-Grad Frost ein paar Stunden nach Sonnenuntergang. In
-eisige Reinheit schien die Welt gebannt, ihre natürliche Unsauberkeit
-zugedeckt und erstarrt im Traum eines phantastischen
-Todeszaubers.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp hielt sich bis spät in die Nacht in seiner Balkonloge
-über dem verwunschenen Wintertal, weit länger als
-<a id="page-457" class="pagenum" title="457"></a>
-Joachim, der sich um zehn, oder doch nicht viel später, zurückzog.
-Sein vorzüglicher Liegestuhl mit dem dreiteiligen Polster
-und der Nackenrolle war nahe an das Holzgeländer gerückt,
-auf dem ein Kissen von Schnee sich hinzog; auf dem
-weißen Tischchen daneben brannte die elektrische Lampe und
-stand neben einem Stapel Bücher ein Glas fetter Milch, die
-Abendmilch, die allen Bewohnern des „Berghofs“ noch um
-neun Uhr aufs Zimmer gebracht wurde, und in die Hans Castorp
-sich einen Schuß Kognak goß, um sie sich mundgerechter
-zu machen. Schon hatte er alle verfügbaren Schutzmittel
-gegen die Kälte aufgeboten, den ganzen Apparat. Bis über
-die Brust stak er in dem knöpfbaren Pelzsack, den er in einem
-einschlägigen Geschäft des Kurorts rechtzeitig erstanden, und
-hatte um diesen die beiden Kamelhaardecken nach dem Ritus
-geschlagen. Dazu trug er über dem Winteranzug seine kurze
-Pelzjacke, auf dem Kopf eine wollene Mütze, Filzstiefel an den
-Füßen und an den Händen dickgefütterte Handschuhe, die aber
-freilich das Erstarren der Finger nicht hindern konnten.
-</p>
-
-<p>
-Was ihn so lange draußen hielt, bis gegen und über Mitternacht
-(wenn das schlechte Russenpaar die Nachbarloge
-längst verlassen hatte), war wohl auch der Zauber der Winternacht,
-zumal sich bis elf Uhr Musik darein wob, die von näher
-und ferner her aus dem Tale heraufdrang, – hauptsächlich
-aber Trägheit und Angeregtheit, beides zugleich und im Verein:
-nämlich die Trägheit und bewegungsfeindliche Müdigkeit seines
-Körpers und die beschäftigte Angeregtheit seines Geistes,
-der über gewissen neuen und fesselnden Studien, auf die der
-junge Mann sich eingelassen, nicht zur Ruhe kommen wollte.
-Die Witterung setzte ihm zu, der Frost wirkte anstrengend und
-konsumierend auf seinen Organismus. Er aß viel, nutzte die
-<a id="page-458" class="pagenum" title="458"></a>
-gewaltigen Berghofmahlzeiten, bei denen auf garniertes Roastbeef
-gebratene Gänse folgten, mit jenem übergewöhnlichen
-Appetit, der hier durchaus und im Winter, wie sich zeigte, noch
-mehr als im Sommer, an der Tagesordnung war. Gleichzeitig
-beherrschte ihn Schlafsucht, so daß er bei Tage wie an
-den mondlichten Abenden über den Büchern, die er wälzte,
-und die wir kennzeichnen werden, oftmals einschlief, um nach
-einigen Minuten der Bewußtlosigkeit seine Forschungen fortzusetzen.
-Lebhaftes Sprechen – und er neigte hier mehr als
-ehemals im Tiefland zu schnellem, rückhaltlosem und selbst
-gewagtem Plaudern – lebhaftes Sprechen also mit Joachim
-während ihrer Dienstgänge im Schnee erschöpfte ihn sehr;
-Schwindel und Zittern, ein Gefühl von Betäubung und Trunkenheit
-kam ihn an, und sein Kopf stand in Hitze. Seine
-Kurve war angestiegen seit Einfall des Winters, und Hofrat
-Behrens hatte etwas von Injektionen fallen lassen, die er bei
-hartnäckiger Übertemperatur anzuwenden pflegte, und denen
-zwei Drittel der Gäste, auch Joachim, sich regelmäßig zu unterziehen
-hatten. Mit der gesteigerten Wärmeerzeugung seines
-Körpers aber, dachte Hans Castorp, hatte gewiß die geistige
-Erregung und Rührigkeit zu tun, die ihn an ihrem Teil bis
-tief in die glitzernde Frostnacht auf seinem Liegestuhl festhielt.
-Die Lektüre, die ihn fesselte, legte ihm solche Erklärungen nah.
-</p>
-
-<p>
-Es wurde nicht wenig gelesen auf den Liegehallen und Privatbalkons
-des internationalen Sanatoriums „Berghof“, – namentlich
-von Anfängern und Kurzfristigen; denn die Vielmonatigen
-oder gar Mehrjährigen hatten längst gelernt, auch
-ohne Zerstreuung und Beschäftigung des Kopfes die Zeit zu
-vernichten und kraft inneren Virtuosentums hinter sich zu
-bringen, ja, sie erklärten es für das Ungeschick von Stümpern,
-<a id="page-459" class="pagenum" title="459"></a>
-sich dabei an ein Buch zu klammern. Allenfalls möge man
-eines auf dem Schoß oder dem Beitischchen liegen haben, das
-genüge vollauf, sich versorgt zu fühlen. Die Anstaltsbücherei,
-polyglott und an Bilderwerken reich, der erweiterte Unterhaltungsbestand
-eines zahnärztlichen Wartezimmers, bot sich
-der freien Benutzung an. Romanbände aus der Leihbibliothek
-von „Platz“ wurden ausgetauscht. Dann und wann
-trat ein Buch, eine Schrift auf, um die man sich riß, nach der
-auch die nicht mehr Lesenden mit nur erheucheltem Phlegma
-die Hände streckten. Zu dem Zeitpunkt, wo wir halten, ging
-ein schlecht gedrucktes Heft von Hand zu Hand, das Herr
-Albin eingeführt hatte und das „Die Kunst, zu verführen“
-betitelt war. Es war sehr wörtlich aus dem Französischen
-übersetzt, ja selbst die Syntax dieser Sprache war in der Übertragung
-beibehalten, wodurch der Vortrag viel Haltung
-und prickelnde Eleganz gewann, und entwickelte die Philosophie
-der Leibesliebe und Wollust im Geist eines weltmännisch-lebensfreundlichen
-Heidentums. Frau Stöhr hatte es bald gelesen
-und fand es „berauschend“. Frau Magnus, dieselbe, die
-Eiweiß verlor, pflichtete ihr rückhaltlos bei. Ihr Gatte, der
-Bierbrauer, wollte für seine Person bei der Lektüre manches
-profitiert haben, bedauerte aber, daß Frau Magnus die Schrift
-in sich aufgenommen, denn dergleichen „verhätschele“ die
-Frauen und bringe ihnen unbescheidene Begriffe bei. Diese
-Äußerung verstärkte die Begierde nach dem Buchwerk nicht
-wenig. Zwischen zwei im Oktober zugereisten Damen der
-unteren Liegehalle, Frau Redisch, der Gattin eines polnischen
-Industriellen und einer gewissen Witwe Hessenfeld aus Berlin,
-von denen jede behauptete, sie habe sich vor der anderen zur
-Lektüre gemeldet, kam es nach dem Diner zu einer mehr als
-<a id="page-460" class="pagenum" title="460"></a>
-unerquicklichen, eigentlich gewalttätigen Szene, der Hans Castorp
-in seiner Balkonloge zuzuhören hatte, und die mit einem
-hysterischen Schreikrampf einer der beiden Damen – es konnte
-die Redisch, konnte aber auch die Hessenfeld sein – und der
-Verbringung der Wuterkrankten auf ihr Zimmer endigte. Die
-Jugend hatte sich des Traktates früher bemächtigt als die
-reiferen Jahrgänge. Sie studierte es teilweise gemeinsam nach
-dem Souper auf verschiedenen Zimmern. Hans Castorp sah,
-wie der Junge mit dem Fingernagel es im Speisesaal einer
-jungen, frisch eingetroffenen Leichtkranken, Fränzchen Oberdank,
-einhändigte, einem blond gescheitelten Haustöchterchen,
-das erst kürzlich von seiner Mutter heraufgebracht worden
-war.
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht gab es Ausnahmen, vielleicht solche, die die Stunden
-des Liegedienstes mit irgendeiner ernsten geistigen Beschäftigung,
-einem irgendwie förderlichen Studium erfüllten,
-sei es auch nur, um dadurch eine Verbindung mit dem Leben
-der Ebene zu bewahren oder der Zeit ein wenig Schwere und
-Tiefgang, damit sie nicht reine Zeit und sonst überhaupt nichts
-sei, zu verleihen. Vielleicht war außer Herrn Settembrini,
-mit seinen Bestrebungen, die Leiden auszumerzen, und dem
-ehrliebenden Joachim mit seinen russischen Übungsbüchern,
-noch dieser und jener, der es so hielt, wenn nicht unter den
-Insassen des Speisesaals, was wirklich unwahrscheinlich war,
-so möglicherweise gerade unter den Bettlägrigen und Moribunden
-– Hans Castorp war geneigt, es zu glauben. Ihn
-selbst angehend, so hatte er sich seinerzeit, da <span class="antiqua" lang="en">Ocean steamships</span>
-ihm nichts mehr zu sagen hatte, zusammen mit seinem
-Winterbedarf, auch einige in seinen Lebensberuf einschlagende
-Bücher, Ingenieur-Wissenschaftliches, Schiffsbautechnisches,
-<a id="page-461" class="pagenum" title="461"></a>
-von zuhause heraufkommen lassen. Diese Bände lagen aber
-vernachlässigt zugunsten anderer, einer ganz verschiedenen
-Sparte und Fakultät angehöriger Lehrwerke, zu deren Materie
-der junge Hans Castorp Lust gefaßt. Es waren solche der
-Anatomie, Physiologie und Lebenskunde, abgefaßt in verschiedenen
-Sprachen, auf deutsch, französisch und englisch,
-und sie wurden ihm eines Tages vom Buchhändler des Ortes
-heraufgeschickt, offenbar, weil er sie bestellt hatte, und zwar
-auf eigene Hand, stillschweigend, gelegentlich eines Spazierganges,
-den er ohne Joachim (da dieser gerade zur Injektion
-oder zum Wiegen bestellt gewesen) nach „Platz“ hinunter gemacht
-hatte. Joachim sah die Bücher mit Überraschung in
-seines Vetters Händen. Sie waren teuer gewesen, wie wissenschaftliche
-Werke sind; die Preise standen noch an den Innenseiten
-der Deckel und auf den Umschlägen vermerkt. Er fragte,
-warum Hans Castorp sie sich nicht, wenn er dergleichen schon
-lesen wolle, vom Hofrat geliehen habe, der diese Literatur doch
-sicher in guter Auswahl besitze. Aber Hans Castorp erwiderte,
-er wolle sie selber besitzen, es sei ein ganz anderes Lesen, wenn
-das Buch einem gehöre; auch liebe er es, mit dem Bleistift
-dareinzufahren und anzustreichen. Stundenlang hörte Joachim
-in seines Vetters Loge das Geräusch, mit dem das Papiermesser
-die Blätter broschierter Bogen trennt.
-</p>
-
-<p>
-Die Bände waren schwer, unhandlich; Hans Castorp stützte
-sie im Liegen mit dem unteren Rande gegen die Brust, den
-Magen. Es drückte, aber er nahm das in Kauf; halboffenen
-Mundes ließ er seine Augen über die gelehrten Seiten hinuntersteigen,
-die fast unnötigerweise vom rötlichen Schein des
-beschirmten Lämpchens erhellt waren, da sie notfalls im starken
-Mondlicht lesbar gewesen wären, – folgte mit dem Kopf,
-<a id="page-462" class="pagenum" title="462"></a>
-bis sein Kinn auf der Brust lag, eine Haltung, worin der
-Lesende, bevor er das Gesicht zur nächsten Seite hob, wohl
-nachdenkend, schlummernd oder im Halbschlummer nachdenkend
-etwas verweilte. Er forschte tief, er las, während der
-Mond über das kristallisch glitzernde Hochgebirgstal seinen
-gemessenen Weg ging, von der organisierten Materie, den
-Eigenschaften des Protoplasmas, der zwischen Aufbau und
-Zersetzung in sonderbarer Seinsschwebe sich erhaltenden empfindlichen
-Substanz und ihrer Gestaltbildung aus anfänglichen,
-doch immer gegenwärtigen Grundformen, las mit dringlichem
-Anteil vom Leben und seinem heilig-unreinen Geheimnis.
-</p>
-
-<p>
-Was war das Leben? Man wußte es nicht. Es war sich
-seiner bewußt, unzweifelhaft, sobald es Leben war, aber es
-wußte nicht, was es sei. Bewußtsein als Reizempfindlichkeit,
-unzweifelhaft, erwachte bis zu einem gewissen Grade schon
-auf den niedrigsten, ungebildetsten Stufen seines Vorkommens,
-es war unmöglich, das erste Auftreten bewußter Vorgänge
-an irgendeinen Punkt seiner allgemeinen oder individuellen
-Geschichte zu binden, Bewußtsein etwa durch das Vorhandensein
-eines Nervensystems zu bedingen. Die niedersten
-Tierformen hatten kein Nervensystem, geschweige daß sie ein
-Großhirn gehabt hätten, doch wagte es niemand, ihnen die
-Fähigkeit der Empfindung von Reizen abzusprechen. Auch
-konnte man das Leben betäuben, dieses selbst, nicht nur besondere
-Organe der Reizempfänglichkeit, die es etwa ausbildete,
-nicht nur die Nerven. Man konnte die Reizbarkeit jedes
-mit Leben begabten Stoffes im Pflanzen- wie im Tierreich
-vorübergehend aufheben, konnte Eier und Samenfäden mit
-Chloroform, Chloralhydrat oder Morphium narkotisieren.
-Bewußtsein seinerselbst war also schlechthin eine Funktion der
-<a id="page-463" class="pagenum" title="463"></a>
-zum Leben geordneten Materie, und bei höherer Verstärkung
-wandte die Funktion sich gegen ihren eigenen Träger, ward
-zum Trachten nach Ergründung und Erklärung des Phänomens,
-das sie zeitigte, einem hoffnungsvoll-hoffnungslosen
-Trachten des Lebens nach Selbsterkenntnis, einem Sich-in-sich-Wühlen
-der Natur, vergeblich am Ende, da Natur in Erkenntnis
-nicht aufgehen, Leben im Letzten sich nicht belauschen kann.
-</p>
-
-<p>
-Was war das Leben? Niemand wußte es. Niemand kannte
-den natürlichen Punkt, an dem es entsprang und sich entzündete.
-Nichts war unvermittelt oder nur schlecht vermittelt im
-Bereiche des Lebens von jenem Punkte an; aber das Leben
-selbst erschien unvermittelt. Wenn sich etwas darüber aussagen
-ließ, so war es dies: es müsse von so hoch entwickelter
-Bauart sein, daß in der unbelebten Welt auch nicht entfernt
-seinesgleichen vorkomme. Zwischen der scheinfüßigen Amöbe
-und dem Wirbeltier war der Abstand geringfügig, unwesentlich,
-im Vergleiche mit dem zwischen der einfachsten Erscheinung
-des Lebens und jener Natur, die nicht einmal verdiente,
-tot genannt zu werden, weil sie unorganisch war. Denn der Tod
-war nur die logische Verneinung des Lebens; zwischen Leben
-und unbelebter Natur aber klaffte ein Abgrund, den die Forschung
-vergebens zu überbrücken strebte. Man mühte sich, ihn
-mit Theorien zu schließen, die er verschlang, ohne an Tiefe und
-Breite im geringsten dadurch einzubüßen. Man hatte sich,
-um ein Bindeglied zu finden, zu dem Widersinn der Annahme
-strukturloser Lebensmaterie, unorganisierter Organismen herbeigelassen,
-die in der Eiweißlösung von selbst zusammenschössen,
-wie der Kristall in der Mutterlauge, – während doch organische
-Differenziertheit zugleich Vorbedingung und Äußerung
-alles Lebens blieb, und während kein Lebewesen aufzuweisen
-<a id="page-464" class="pagenum" title="464"></a>
-war, das nicht einer Elternzeugung sein Dasein verdankt
-hätte. Das Ende des Jubels, mit dem man den Urschleim
-aus den äußersten Tiefen des Meeres gefischt hatte,
-war Beschämung gewesen. Es zeigte sich, daß man Gipsniederschläge
-für Protoplasma gehalten. Um aber nicht vor
-einem Wunder haltmachen zu müssen – denn das Leben, das
-aus denselben Stoffen sich aufbaute und in dieselben Stoffe
-zerfiel wie die unorganische Natur, wäre, unvermittelt, ein
-Wunder gewesen –, war man trotzdem genötigt, an Urzeugung,
-das hieß an die Entstehung des Organischen aus dem
-Unorganischen, zu glauben, die übrigens ebenfalls ein Wunder
-war. So fuhr man fort, Zwischenstufen und Übergänge
-zu ersinnen, das Dasein von Organismen anzunehmen, die
-niedriger standen, als alle bekannten, ihrerseits aber noch ursprünglichere
-Lebensversuche der Natur zu Vorläufern hatten,
-Probien, die niemand je sehen würde, da sie sich unter
-aller mikroskopischen Größe hielten, und vor deren gedachter
-Entstehung die Synthese von Eiweißverbindungen sich vollzogen
-haben mußte ...
-</p>
-
-<p>
-Was war also das Leben? Es war Wärme, das Wärmeprodukt
-formerhaltender Bestandlosigkeit, ein Fieber der Materie,
-von welchem der Prozeß unaufhörlicher Zersetzung und
-Wiederherstellung unhaltbar verwickelt, unhaltbar kunstreich
-aufgebauter Eiweißmolekel begleitet war. Es war das Sein
-des eigentlich Nicht-sein-Könnenden, des nur in diesem verschränkten
-und fiebrigen Prozeß von Zerfall und Erneuerung
-mit süß-schmerzlich-genauer Not auf dem Punkte des Seins
-Balancierenden. Es war nicht materiell, und es war nicht Geist.
-Es war etwas zwischen beidem, ein Phänomen, getragen von
-Materie, gleich dem Regenbogen auf dem Wasserfall und
-<a id="page-465" class="pagenum" title="465"></a>
-gleich der Flamme. Aber wiewohl nicht materiell, war es sinnlich
-bis zur Lust und zum Ekel, die Schamlosigkeit der selbstempfindlich-reizbar
-gewordenen Materie, die unzüchtige Form
-des Seins. Es war ein heimlich-fühlsames Sichregen in der
-keuschen Kälte des Alls, eine wollüstig-verstohlene Unsauberkeit
-von Nährsaugung und Ausscheidung, ein exkretorischer
-Atemhauch von Kohlensäure und üblen Stoffen verborgener
-Herkunft und Beschaffenheit. Es war das durch Überausgleich
-seiner Unbeständigkeit ermöglichte und in eingeborene Bildungsgesetze
-gebannte Wuchern, Sichentfalten und Gestaltbilden
-von etwas Gedunsenem aus Wasser, Eiweiß, Salz und
-Fetten, welches man Fleisch nannte, und das zur Form, zum
-hohen Bilde, zur Schönheit wurde, dabei jedoch der Inbegriff
-der Sinnlichkeit und der Begierde war. Denn diese Form und
-Schönheit war nicht geistgetragen, wie in den Werken der
-Dichtung und Musik, auch nicht getragen von einem neutralen
-und geistverzehrten, den Geist auf eine unschuldige Art versinnlichenden
-Stoff, wie die Form und Schönheit der Bildwerke.
-Vielmehr war sie getragen und ausgebildet von der
-auf unbekannte Art zur Wollust erwachten Substanz, der organischen,
-verwesend-wesenden Materie selbst, dem riechenden
-Fleische ...
-</p>
-
-<p>
-Dem jungen Hans Castorp, der über dem glitzernden Tal
-in seiner von Pelz und Wolle gesparten Körperwärme ruhte,
-zeigte sich in der vom Scheine des toten Gestirnes erhellten
-Frostnacht das Bild des Lebens. Es schwebte ihm vor, irgendwo
-im Raume, entrückt und doch sinnennah, der Leib, der Körper,
-matt weißlich, ausduftend, dampfend, klebrig, die Haut,
-in aller Unreinigkeit und Makelhaftigkeit ihrer Natur, mit
-Flecken, Papillen, Gilbungen, Rissen und körnig-schuppigen
-<a id="page-466" class="pagenum" title="466"></a>
-Gegenden, überzogen von den zarten Strömen und Wirbeln des
-rudimentären Lanugoflaums. Es lehnte, abgesondert von der
-Kälte des Unbelebten, in seiner Dunstsphäre, lässig, das Haupt
-gekränzt mit etwas Kühlem, Hornigem, Pigmentiertem, das
-ein Produkt seiner Haut war, die Hände im Nacken verschränkt,
-und blickte unter gesenkten Lidern hervor, aus Augen, die eine
-Varietät der Lidhautbildung schief erscheinen ließ, mit halb
-geöffneten, ein wenig aufgeworfenen Lippen dem Anschauenden
-entgegen, gestützt auf das eine Bein, so daß der tragende
-Hüftknochen in seinem Fleische stark hervortrat, während das
-Knie des schlaffen Beins, leicht abgebogen, bei auf die Zehen
-gestelltem Fuß sich gegen die Innenseite des belasteten schmiegte.
-Es stand so, lächelnd gedreht, in seiner Anmut lehnend, die
-schimmernden Ellbogen vorwärts gespreizt, in der paarigen
-Symmetrie seines Gliederbaus, seiner Leibesmale. Dem scharf
-dünstenden Dunkel der Achselhöhlen entsprach in mystischem
-Dreieck die Nacht des Schoßes, wie den Augen die rot-epithelische
-Mundöffnung, den roten Blüten der Brust der senkrecht
-in die Länge gedehnte Nabel entsprach. Unter dem Antriebe
-eines Zentralorgans und im Rückenmark entspringender motorischer
-Nerven regten sich Bauch und Brustkorb, die Pleuroperitonealhöhle
-blähte sich und zog sich zusammen, der Atemhauch,
-erwärmt und befeuchtet von den Schleimhäuten des
-Atmungskanals, mit Ausscheidungsstoffen gesättigt, strömte
-zwischen den Lippen aus, nachdem er in den Luftzellen der Lunge
-seinen Sauerstoff an das Hämoglobin des Blutes zur inneren
-Atmung gebunden. Denn Hans Castorp verstand, daß dieser
-Lebenskörper in dem geheimnisvollen Gleichmaß seines blutgenährten,
-von Nerven, Venen, Arterien, Haarfiltern durchzweigten,
-von Lymphe durchsickerten Gliederbaus, mit seinem
-<a id="page-467" class="pagenum" title="467"></a>
-inneren Gerüst von fettmarkgefüllten Röhrenknochen, von
-Blatt-, Wirbel- und Wurzelknochen, die aus der ursprünglichen
-Stützsubstanz, dem Gallertgewebe, mit Hilfe von Kalksalzen
-und Leim sich befestigt hatten, um ihn zu tragen; mit
-den Kapseln und schlüpfrig geschmierten Höhlen, Bändern und
-Knorpeln seiner Gelenke, seinen mehr als zweihundert Muskeln,
-seinen zentralen, der Ernährung, Atmung, Reizmeldung
-und Reizentsendung dienenden Organbildungen, seinen Schutzhäuten,
-serösen Höhlen, absonderungsreichen Drüsen, dem
-Röhren- und Spaltenwerk seiner verwickelten, durch Leibesöffnungen
-in die äußere Natur mündenden Innenfläche: daß
-dieses Ich eine Lebenseinheit von hoher Ordnung war, bei weitem
-nicht mehr von der Art jener einfachsten Wesen, die mit
-ihrer ganzen Körperoberfläche atmeten, sich ernährten und sogar
-dachten, sondern aufgebaut aus Myriaden solcher Kleinorganisationen,
-die von einer einzigen her ihren Ursprung genommen,
-sich durch immer wiederkehrende Teilung vervielfältigt,
-sich zu verschiedenen Dienststellungen und Verbänden
-geordnet, gesondert, eigens ausgebildet und Formen hervorgetrieben
-hatten, die Bedingung und Wirkung ihres Wachstums
-waren.
-</p>
-
-<p>
-Der Leib, der ihm vorschwebte, dies Einzelwesen und Lebens-Ich
-war also eine ungeheuere Vielheit atmender und sich ernährender
-Individuen, welche, durch organische Einordnung
-und Sonderzweckgestaltung, des ichhaften Seins, der Freiheit
-und Lebensunmittelbarkeit in so hohem Grade verlustig gegangen,
-so sehr zu anatomischen Elementen geworden waren,
-daß die Verrichtung einiger sich einzig auf Reizempfindlichkeit
-gegen Licht, Schall, Berührung, Wärme beschränkte, andere
-es nur noch verstanden, ihre Form durch Zusammenziehung
-<a id="page-468" class="pagenum" title="468"></a>
-zu verändern oder Verdauungssekrete zu erzeugen, wieder andere
-zum Schutz, zur Stütze, zur Beförderung der Säfte oder
-zur Fortpflanzung einseitig ausgebildet und tüchtig waren. Es
-gab Lockerungen dieser zum hohen Ich vereinigten organischen
-Pluralität, Fälle, in denen die Vielzahl der Unterindividuen
-nur auf leichte und zweifelhafte Art zur höheren Lebenseinheit
-zusammengefaßt war. Der Studierende grübelte über der Erscheinung
-der Zellkolonien, er vernahm von Halborganismen,
-Algen, deren einzelne Zellen, nur in einen Mantel von Gallerte
-eingehüllt, oft weit voneinander lagen, mehrzellige Bildungen
-immerhin, die aber, zur Rede gestellt, nicht zu sagen
-gewußt hätten, ob sie als Siedelung einzelliger Individuen
-oder als Einheitswesen gewürdigt werden wollten und in ihrer
-Selbstaussage zwischen dem Ich und dem Wir wunderlich geschwankt
-haben würden. Hier wies die Natur einen Mittelstand
-auf zwischen der hochsozialen Vereinigung zahlloser Elementarindividuen
-zu Geweben und Organen einer übergeordneten
-Ichheit – und der freien Einzelexistenz dieser Einfachheiten:
-der vielzellige Organismus war nur eine Erscheinungsform
-des zyklischen Prozesses, in dem das Leben sich abspielte,
-und der ein Kreislauf von Zeugung zu Zeugung war. Der
-Befruchtungsakt, das geschlechtliche Verschmelzen zweier Zellenleiber,
-stand am Anfange des Aufbaues jedes pluralischen
-Individuums, wie er am Anfange jeder Generationenreihe
-einzeln lebender Elementargeschöpfe stand und zu sich selbst
-zurückführte. Denn dieser Akt war nachhaltig durch viele Geschlechter,
-die seiner nicht bedurften, um sich in immer wiederholter
-Teilung zu vermehren, bis ein Augenblick kam, wo die
-ungeschlechtlich entstandenen Nachkommen zur Erneuerung
-des Kopulationsgeschäftes sich wieder angehalten fanden, und
-<a id="page-469" class="pagenum" title="469"></a>
-der Kreis sich schloß. So war der vielfache Lebensstaat, entsprungen
-aus der Kernverschmelzung zweier elterlicher Zellen,
-das Zusammenleben vieler ungeschlechtlich entstandener Generationen
-von Zellindividuen; sein Wachstum war ihre Vermehrung,
-und der Zeugungskreis schloß sich, wenn Geschlechtszellen,
-zum Sonderzwecke der Fortpflanzung ausgebildete Elemente,
-sich in ihm hergestellt hatten und den Weg zu einer das
-Leben neu antreibenden Vermischung fanden.
-</p>
-
-<p>
-Ein embryologisches Volumen in die Herzgrube gestützt,
-verfolgte der junge Abenteurer die Entwicklung des Organismus
-von dem Augenblick an, wo der Samenfaden, einer von
-vielen und dieser zuerst, sich antreibend durch die peitschenden
-Bewegungen seines Hinterleibes, mit seiner Kopfspitze an die
-Gallerthülle des Eies stieß und sich in den Empfängnishügel
-einbohrte, den das Protoplasma der Eirinde seiner Annäherung
-entgegenwölbte. Keine Fratze und Farce war auszudenken,
-in der die Natur bei der Abwandlung dieses stehenden
-Herganges sich nicht ernstlich gefallen hätte. Es gab Tiere,
-bei denen das Männchen im Darm des Weibchens schmarotzte.
-Es gab andere, bei denen der Arm des Erzeugers der Erzeugerin
-durch den Rachenschlund in das Innere griff, um seine
-Sämereien dort niederzulegen, worauf er, abgebissen und ausgespien,
-allein auf seinen Fingern davonlief, zur Betörung der
-Wissenschaft, die ihn lange auf Griechisch-Latein als selbständiges
-Lebewesen ansprechen zu müssen geglaubt hatte. Hans
-Castorp hörte die Gelehrtenschulen der Ovisten und Animalculisten
-sich zanken, von denen die einen behauptet hatten, das
-Ei sei ein in sich vollendeter kleiner Frosch, Hund oder Mensch
-und der Samen nur der Erreger seines Wachstums, während
-die anderen im Samenfaden, der Kopf, Arme und Beine
-<a id="page-470" class="pagenum" title="470"></a>
-besaß, ein vorgebildetes Lebewesen sahen, dem das Ei nur als
-Nährboden diente, – bis man übereingekommen war, der Ei-
-und der Samenzelle, die aus ursprünglich ununterscheidbaren
-Fortpflanzungszellen entstanden waren, gleiche Verdienstlichkeit
-einzuräumen. Er sah den einzelligen Organismus des befruchteten
-Eies auf dem Wege, sich in einen vielzelligen umzuwandeln,
-indem es sich furchte und teilte, sah die Zellenleiber
-zur Schleimhautlamelle sich zusammenschmiegen, die Keimblase
-sich einstülpen und einen Becher und Hohlraum bilden,
-der das Geschäft der Nahrungsaufnahme und Verdauung
-begann. Das war die Darmlarve, das Urtier, die Gastrula,
-Grundform alles tierischen Lebens, Grundform der fleischgetragenen
-Schönheit. Ihre beiden Epithellagen, die äußere und
-die innere, das Hautsinnesblatt und das Darmdrüsenblatt, erwiesen
-sich als Primitivorgane, aus denen durch Ein- und Ausstülpungen
-die Drüsen, die Gewebe, die Sinneswerkzeuge, die
-Körperfortsätze sich bildeten. Ein Streifen des äußeren Keimblattes
-verdickte sich, faltete sich zur Rinne, schloß sich zum
-Nervenrohr und wurde zur Wirbelsäule, zum Gehirn. Und
-wie der fötale Schleim sich zu faserigem Bindegewebe, zu
-Knorpel befestigte, indem die Gallertzellen statt Mucin Leimsubstanz
-zu erzeugen begannen, sah er an gewissen Orten die
-Bindegewebszellen Kalksalze und Fette aus den umspülenden
-Säften an sich ziehen und verknöchern. Der Embryo des Menschen
-kauerte in sich gebückt, geschwänzt, von dem des Schweines
-durch nichts zu unterscheiden, mit ungeheurem Bauchstiel
-und stummelhaft formlosen Extremitäten, die Gesichtslarve
-auf den geblähten Wanst gebeugt, und sein Werden erschien
-einer Wissenschaft, deren Wahrheitsvorstellung unschmeichelhaft
-und düster war, als die flüchtige Wiederholung einer zoologischen
-<a id="page-471" class="pagenum" title="471"></a>
-Stammesgeschichte. Vorübergehend hatte er Kiementaschen
-wie ein Roche. Es schien erlaubt oder notwendig, aus
-den Entwicklungsstadien, die er durchlief, auf den wenig humanistischen
-Anblick zu schließen, den der vollendete Mensch in Urzeiten
-geboten hatte. Seine Haut war mit zuckenden Muskeln
-zur Abwehr der Insekten ausgestattet und dicht behaart, die
-Ausdehnung seiner Riechschleimhaut gewaltig, seine abstehenden,
-beweglichen, am Mienenspiel lebhaft beteiligten Ohren
-zum Schallfang geschickter gewesen als gegenwärtig. Damals
-hatten seine Augen, von einem dritten, nickenden Lide geschützt,
-seitlich am Kopfe gestanden, mit Ausnahme des dritten, dessen
-Rudiment die Zirbeldrüse war, und das die oberen Lüfte zu
-überwachen vermocht hatte. Dieser Mensch hatte außerdem
-ein sehr langes Darmrohr, viele Mahlzähne und Schallsäcke
-am Kehlkopf zum Brüllen besessen und auch die männlichen
-Geschlechtsdrüsen im Innern des Bauchraumes getragen.
-</p>
-
-<p>
-Die Anatomie enthäutete und präparierte unserem Forscher
-die Gliedmaßen des Menschenleibes, sie zeigte ihm ihre oberflächlichen
-und ihre tiefen, hinteren Muskeln, Sehnen und
-Bänder: diejenigen der Schenkel, des Fußes und namentlich
-der Arme, des Ober- und Unterarms, lehrte ihn die lateinischen
-Namen, mit denen die Medizin, diese Abschattung des humanistischen
-Geistes, sie nobler- und galanterweise benannt und
-unterschieden hatte, und ließ ihn vordringen bis zum Skelett,
-dessen Ausbildung ihm neue Gesichtspunkte lieferte, unter
-denen die Einheit alles Menschlichen, die Beschlossenheit aller
-Disziplinen darin sich betrachten ließ. Denn hier fand er sich
-aufs merkwürdigste an seinen eigentlichen – oder muß man
-sagen: früheren – Beruf, die wissenschaftliche Charge erinnert,
-als deren Zugehöriger er bei seiner Ankunft hier oben
-<a id="page-472" class="pagenum" title="472"></a>
-sich den Begegnenden (Herrn Dr. Krokowski, Herrn Settembrini)
-vorgestellt hatte. Um irgendetwas zu lernen – es war
-recht gleichgültig gewesen, was –, hatte er auf Hochschulen
-dies und das von Statik, von biegungsfähigen Stützen, von
-Belastung und von der Konstruktion als einer vorteilhaften
-Bewirtschaftung des mechanischen Materials gelernt. Es
-wäre wohl kindlich gewesen, zu meinen, daß die Ingenieurwissenschaften,
-die Regeln der Mechanik auf die organische
-Natur Anwendung gefunden hätten, aber ebensowenig konnte
-man sagen, daß sie davon abgeleitet worden seien. Sie fanden
-sich einfach darin wiederholt und bekräftigt. Das Prinzip des
-Hohlzylinders herrschte im Bau der langen Röhrenknochen
-dergestalt, daß mit dem genauen Minimum von solider Substanz
-den statischen Ansprüchen Genüge geschah. Ein Körper,
-hatte Hans Castorp gelernt, der den Anforderungen gemäß,
-die durch Zug und Druck an ihn gestellt werden sollen, nur
-aus Stäben und Bändern eines mechanisch brauchbaren
-Materials zusammengesetzt wird, kann dieselbe Belastung ertragen
-wie ein massiver Körper des gleichen Stoffes. So
-auch ließ bei der Entstehung der Röhrenknochen sich verfolgen,
-wie, schritthaltend mit der Bildung kompakter Substanz an
-ihrer Oberfläche, die inneren Teile, da sie mechanisch unnötig
-wurden, sich in Fettgewebe, das gelbe Mark, verwandelten.
-Der Oberschenkelknochen war ein Kran, bei dessen Konstruktion
-die organische Natur durch die Richtung, die sie den Knochenbälkchen
-gegeben, auf ein Haar die gleichen Zug- und Druckkurven
-ausgeführt hatte, die Hans Castorp bei der graphischen
-Darstellung eines so in Anspruch genommenen Gerätes korrekterweise
-einzutragen gehabt hätte. Er sah es mit Wohlgefallen,
-denn er fand sich zum Femur, oder zur organischen
-<a id="page-473" class="pagenum" title="473"></a>
-Natur überhaupt, nun schon in dreierlei Verhältnis stehen:
-dem lyrischen, dem medizinischen und dem technischen, – so
-groß war seine Angeregtheit; und diese drei Verhältnisse, fand
-er, waren eines im Menschlichen, sie waren Abwandlungen
-eines und desselben dringlichen Anliegens, humanistische Fakultäten
-...
-</p>
-
-<p>
-Bei alldem blieben die Leistungen des Protoplasmas ganz
-unerklärlich, dem Leben schien es verwehrt, sich selbst zu begreifen.
-Die Mehrzahl der biochemischen Vorgänge war
-nicht nur unbekannt, sondern es lag in ihrer Natur, sich der
-Einsicht zu entziehen. Man wußte von dem Aufbau, der Zusammensetzung
-der Lebenseinheit, die man die „Zelle“ nannte,
-fast nichts. Was half es, die Bestandteile des toten Muskels
-aufzuweisen? Der lebende ließ sich chemisch nicht untersuchen;
-schon jene Veränderungen, die die Totenstarre hervorrief, genügten,
-um alles Experimentieren nichtssagend zu machen.
-Niemand verstand den Stoffwechsel, niemand das Wesen
-der Nervenfunktion. Welchen Eigenschaften verdankten die
-schmeckenden Körper ihren Geschmack? Worin bestand die
-verschiedenartige Erregung gewisser Sinnesnerven durch die
-Riechstoffe? Worin die Riechbarkeit überhaupt? Der spezifische
-Geruch der Tiere und Menschen beruhte auf der Verdunstung
-von Substanzen, die niemand zu nennen gewußt
-hätte. Die Zusammensetzung des Sekrets, das man Schweiß
-nannte, war wenig geklärt. Die Drüsen, die es absonderten,
-erzeugten Aromata, die unter Säugetieren zweifellos eine
-wichtige Rolle spielten, und über deren Bedeutung beim
-Menschen man nicht unterrichtet zu sein erklärte. Die physiologische
-Bedeutung offenbar wichtiger Teile des Körpers war
-in Dunkel gehüllt. Man konnte den Blinddarm beiseite lassen,
-<a id="page-474" class="pagenum" title="474"></a>
-der ein Mysterium war, und den man beim Kaninchen regelmäßig
-mit einem breiigen Inhalt angefüllt fand, von dem
-nicht zu sagen war, wie er wieder hinausgelangen oder sich
-erneuern mochte. Aber was hatte es auf sich mit der weißen
-und grauen Substanz des Kopfmarks, was mit dem Sehhügel,
-der mit dem Optikus kommunizierte, und mit den grauen
-Einlagerungen der „Brücke“? Die Hirn- und Rückenmarksubstanz
-war dermaßen zersetzlich, daß keine Hoffnung bestand,
-je ihren Aufbau zu ergründen. Was enthob beim
-Einschlafen die Großhirnrinde ihrer Tätigkeit? Was hinderte
-die Selbstverdauung des Magens, die sich bei Leichen in der
-Tat zuweilen ereignete? Man antwortete: das Leben; eine
-besondere Widerstandskraft des lebenden Protoplasmas, –
-und tat, als bemerke man nicht, daß das eine mystische Erklärung
-war. Die Theorie einer so alltäglichen Erscheinung
-wie des Fiebers war widerspruchsvoll. Der gesteigerte Stoffumsatz
-hatte erhöhte Wärmeproduktion zur Folge. Aber
-warum steigerte sich nicht, wie sonst, kompensatorisch die
-Wärmeausgabe? Beruhte die Lähmung der Schweißsekretion
-auf Kontraktionszuständen der Haut? Aber nur bei Fieberfrost
-waren solche nachweisbar, denn sonst war die Haut vielmehr
-heiß. Der „Wärmestich“ kennzeichnete das Zentralnervensystem
-als Sitz der Ursachen für den erhöhten Umsatz
-wie für eine Hautbeschaffenheit, die man abnorm zu nennen
-sich begnügte, da man sie nicht zu bestimmen wußte.
-</p>
-
-<p>
-Aber was bedeutete all dieses Unwissen im Vergleich mit
-der Ratlosigkeit, in der man vor Erscheinungen wie der des Gedächtnisses
-oder jenes weiteren und erstaunlicheren Gedächtnisses
-stand, das die Vererbung erworbener Eigenschaften hieß?
-Die Unmöglichkeit, auch nur die Ahnung einer mechanischen
-<a id="page-475" class="pagenum" title="475"></a>
-Erklärbarkeit solcher Leistungen der Zellsubstanz zu fassen,
-war vollkommen. Der Samenfaden, der zahllose und verwickelte
-Art- und Individualeigenschaften des Vaters auf das
-Ei übertrug, war nur mikroskopisch sichtbar, und auch die
-stärkste Vergrößerung reichte nicht hin, ihn anders denn als
-homogenen Körper erscheinen zu lassen und die Bestimmung
-seiner Abkunft zu ermöglichen; denn bei einem Tier sah er
-aus wie beim anderen. Das waren Organisationsverhältnisse,
-die zu der Annahme zwangen, daß es sich mit der Zelle
-nicht anders verhielt als mit dem höheren Leib, den sie aufbaute;
-daß also auch sie schon ein übergeordneter Organismus
-war, der seinerseits und wiederum sich aus lebenden Teilungskörpern,
-individuellen Lebenseinheiten zusammensetzte. Man
-schritt also vom angeblich Kleinsten zum abermals Kleineren
-vor, man löste notgedrungen das Elementare in Unterelemente
-auf. Kein Zweifel, wie das Tierreich aus verschiedenen Spezies
-von Tieren, wie der tierisch-menschliche Organismus aus
-einem ganzen Tierreich von Zellenspezies, so bestand derjenige
-der Zelle aus einem neuen und vielfältigen Tierreich elementarer
-Lebenseinheiten, deren Größe tief unter der Grenze des
-mikroskopisch Sichtbaren lag, die selbsttätig wuchsen, selbsttätig,
-nach dem Gesetz, daß jede nur ihresgleichen hervorbringen
-konnte, sich vermehrten und nach dem Grundsatz der
-Arbeitsteilung gemeinsam der nächsthöheren Lebensordnung
-dienten.
-</p>
-
-<p>
-Das waren die Genen, die Bioblasten, die Biophoren, –
-Hans Castorp war erfreut, in der Frostnacht ihre namentliche
-Bekanntschaft zu machen. Nur fragte er sich in seiner Angeregtheit,
-wie es bei abermals verbesserter Beleuchtung um
-ihre Elementarnatur bestellt sein mochte. Da sie Leben trugen,
-<a id="page-476" class="pagenum" title="476"></a>
-mußten sie organisiert sein, denn Leben beruhte auf Organisation;
-wenn sie aber organisiert waren, so konnten sie nicht
-elementar sein, denn ein Organismus ist nicht elementar, er
-ist vielfach. Sie waren Lebenseinheiten unterhalb der Lebenseinheit
-der Zelle, die sie organisch aufbauten. Wenn dem aber
-so war, so mußten sie, obgleich über alle Begriffe klein, selber
-„aufgebaut“, und zwar organisch, als Lebensordnung, „aufgebaut“
-sein; denn der Begriff der Lebenseinheit war identisch
-mit dem des Aufbaues aus kleineren, untergeordneten, das hieß:
-zu höherem Leben geordneten Lebenseinheiten. Solange die
-Teilung organische Einheiten ergab, die die Eigenschaften des
-Lebens, nämlich die Fähigkeiten der Assimilation, des Wachstums
-und der Vermehrung besaßen, waren ihr keine Grenzen
-gesetzt. Solange von Lebenseinheiten die Rede war, konnte
-nur fälschlich von Elementareinheiten die Rede sein, denn der
-Begriff der Einheit umschloß <span class="antiqua" lang="la">ad infinitum</span> den Mitbegriff der
-untergeordnet-aufbauenden Einheit, und elementares Leben,
-also etwas, was schon Leben, aber noch elementar war, gab
-es nicht.
-</p>
-
-<p>
-Aber obschon ohne logische Existenz, mußte zuletzt dergleichen
-irgendwie wirklich sein, denn die Idee der Urzeugung,
-das hieß: der Entstehung des Lebens aus dem Nichtlebenden,
-war ja nicht von der Hand zu weisen, und jene Kluft, die
-man in der äußeren Natur vergebens zu schließen suchte, die
-nämlich zwischen Leben und Leblosigkeit, mußte sich im organischen
-Inneren der Natur auf irgendeine Weise ausfüllen oder
-überbrücken. Irgendwann mußte die Teilung zu „Einheiten“
-führen, die, zwar zusammengesetzt, aber noch nicht organisiert,
-zwischen Leben und Nichtleben vermittelten, Molekülgruppen,
-den Übergang bildend zwischen Lebensordnung und bloßer
-<a id="page-477" class="pagenum" title="477"></a>
-Chemie. Allein beim chemischen Molekül angekommen, fand
-man sich bereits in der Nähe eines Abgrundes, der weit
-mysteriöser gähnte als der zwischen organischer und unorganischer
-Natur: nahe dem Abgrund zwischen dem Materiellen
-und dem Nichtmateriellen. Denn das Molekül setzte sich ja
-aus Atomen zusammen, und das Atom war bei weitem nicht
-mehr groß genug, um auch nur als außerordentlich klein bezeichnet
-werden zu können. Es war dermaßen klein, eine derart
-winzige, frühe und übergängliche Ballung des Unstofflichen,
-des noch nicht Stofflichen, aber schon Stoffähnlichen,
-der Energie, daß es kaum schon oder kaum noch als materiell,
-vielmehr als Mittel und Grenzpunkt zwischen dem Materiellen
-und dem Immateriellen gedacht werden mußte. Das Problem
-einer anderen Urzeugung, weit rätselhafter und abenteuerlicher
-noch als die organische, warf sich auf: der Urzeugung des
-Stoffes aus dem Unstofflichen. In der Tat verlangte die
-Kluft zwischen Materie und Nichtmaterie ebenso dringlich,
-ja noch dringlicher nach Ausfüllung als die zwischen organischer
-und anorganischer Natur. Notwendig mußte es eine
-Chemie des Immateriellen geben, unstoffliche Verbindungen,
-aus denen das Stoffliche entsprang, wie die Organismen aus
-unorganischen Verbindungen entsprangen, und die Atome
-mochten die Probien und Moneren der Materie darstellen, –
-stofflich ihrer Natur nach und auch wieder noch nicht. Aber
-angelangt beim „nicht einmal mehr klein“, entglitt der Maßstab;
-„nicht einmal mehr klein“, das galt bereits soviel wie
-„ungeheuer groß“; und der Schritt zum Atom erwies sich
-ohne Übertreibung als im höchsten Grade verhängnisvoll.
-Denn im Augenblick letzter Zerteilung und Verwinzigung des
-Materiellen tat sich plötzlich der astronomische Kosmos auf!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-478" class="pagenum" title="478"></a>
-Das Atom war ein energiegeladenes kosmisches System,
-worin Weltkörper rotierend um ein sonnenhaftes Zentrum
-rasten, und durch dessen Ätherraum mit Lichtjahrgeschwindigkeit
-Kometen fuhren, welche die Kraft des Zentralkörpers in
-ihre exzentrischen Bahnen zwang. Das war so wenig nur ein
-Vergleich, wie es nur ein solcher war, wenn man den Leib
-der vielzelligen Wesen einen „Zellenstaat“ nannte. Die Stadt,
-der Staat, die nach dem Prinzip der Arbeitsteilung geordnete
-soziale Gemeinschaft war dem organischen Leben nicht nur zu
-vergleichen, sie wiederholte es. So wiederholte sich im Innersten
-der Natur, in weitester Spiegelung, die makrokosmische
-Sternenwelt, deren Schwärme, Haufen, Gruppen, Figuren,
-bleich vom Monde, zu Häupten des vermummten Adepten
-über dem frostglitzernden Tale schwebten. War es unerlaubt,
-zu denken, daß gewisse Planeten des atomischen Sonnensystems
-– dieser Heere und Milchstraßen von Sonnensystemen,
-die die Materie aufbauten, – daß also einer oder der andere
-dieser innerweltlichen Weltkörper sich in einem Zustande befand,
-der demjenigen entsprach, der die Erde zu einer Wohnstätte
-des <em>Lebens</em> machte? Für einen im Zentrum etwas beschwipsten
-jungen Adepten von „abnormer“ Hautbeschaffenheit,
-der im Gebiete des Unerlaubten ja nicht mehr all und jeder
-Erfahrung entbehrte, war das eine nicht nur nicht ungereimte,
-sondern sogar bis zur Aufdringlichkeit sich nahelegende, höchst
-einleuchtende Spekulation von logischem Wahrheitsgepräge.
-Die „Kleinheit“ der innerweltlichen Sternkörper wäre ein
-sehr unsachgemäßer Einwand gewesen, denn der Maßstab
-von Groß und Klein war spätestens damals abhanden gekommen,
-als der kosmische Charakter der „kleinsten“ Stoffteile
-sich offenbart hatte, und die Begriffe des Außen und
-<a id="page-479" class="pagenum" title="479"></a>
-Innen hatten nachgerade gleichfalls in ihrer Standfestigkeit
-gelitten. Die Welt des Atoms war ein Außen, wie höchstwahrscheinlich
-der Erdenstern, den wir bewohnten, organisch
-betrachtet, ein tiefes Innen war. Hatte nicht die träumerische
-Kühnheit eines Forschers von „Milchstraßentieren“ gesprochen,
-– kosmischen Ungeheuern, deren Fleisch, Bein und Gehirn
-sich aus Sonnensystemen aufbaute? War dem aber so,
-wie Hans Castorp dachte, dann fing in dem Augenblick, da
-man geglaubt hatte, zu Rande gekommen zu sein, das Ganze
-von vorn an! Dann lag vielleicht im Innersten und Aberinnersten
-seiner Natur er selbst, der junge Hans Castorp, noch
-einmal, noch hundertmal, warm eingehüllt, in einer Balkonloge
-mit Aussicht in die mondhelle Hochgebirgsfrostnacht und
-studierte mit erstarrten Fingern und heißem Gesicht aus humanistisch-medizinischer
-Anteilnahme das Körperleben?
-</p>
-
-<p>
-Die pathologische Anatomie, von der er einen Band seitlich
-in den roten Schein seines Tischlämpchens hielt, belehrte ihn
-durch einen Text, der mit Abbildungen durchsetzt war, über
-das Wesen der parasitischen Zellvereinigung und der Infektionsgeschwülste.
-Diese waren Gewebsformen – und zwar
-besonders üppige Gewebsformen –, hervorgerufen durch das
-Eindringen fremdartiger Zellen in einen Organismus, der sich
-für sie aufnahmelustig erwiesen hatte und ihrem Gedeihen auf
-irgendeine Weise – aber man mußte wohl sagen: auf eine
-irgendwie liederliche Weise – günstige Bedingungen bot.
-Weniger, daß der Parasit dem umgebenden Gewebe Nahrung
-entzogen hätte; aber er erzeugte, indem er, wie jede Zelle, Stoff
-wechselte, organische Verbindungen, die sich für die Zellen des
-Wirtsorganismus als erstaunlich giftig, als unweigerlich verderbenbringend
-erwiesen. Man hatte von einigen Mikroorganismen
-<a id="page-480" class="pagenum" title="480"></a>
-die Toxine zu isolieren und in konzentriertem Zustande
-darzustellen verstanden, und es verwunderlich gefunden,
-in welchen geringen Dosen diese Stoffe, die einfach in die
-Reihe der Eiweißverbindungen gehörten, in den Kreislauf
-eines Tieres gebracht, die allergefährlichsten Vergiftungserscheinungen,
-reißende Verderbnis bewirkten. Das äußere
-Wesen dieser Korruption war Gewebswucherung, die pathologische
-Geschwulst, nämlich als Reaktionswirkung der Zellen
-auf den Reiz, den die zwischen ihnen angesiedelten Bazillen
-auf sie ausübten. Hirsekorngroße Knötchen bildeten sich, zusammengesetzt
-aus schleimhautgewebartigen Zellen, zwischen
-denen oder in denen die Bazillen nisteten, und von welchen
-einige außerordentlich reich an Protoplasma, riesengroß und
-von vielen Kernen erfüllt waren. Diese Lustbarkeit aber
-führte gar bald zum Ruin, denn nun begannen die Kerne der
-Monstrezellen zu schrumpfen und zu zerfallen, ihr Protoplasma
-an Gerinnung zugrunde zu gehen; weitere Gewebsteile
-der Umgebung wurden von der fremden Reizwirkung
-ergriffen; entzündliche Vorgänge griffen um sich und zogen
-die angrenzenden Gefäße in Mitleidenschaft; weiße Blutkörperchen
-wanderten, angelockt von der Unheilsstätte, herzu;
-das Gerinnungssterben schritt fort; und unterdessen hatten
-längst die löslichen Bakteriengifte die Nervenzentren berauscht,
-der Organismus stand in Hochtemperatur, mit wogendem
-Busen, sozusagen, taumelte er seiner Auflösung entgegen.
-</p>
-
-<p>
-So weit die Pathologie, die Lehre von der Krankheit, der
-Schmerzbetonung des Körpers, die aber, <em>als</em> Betonung des
-Körperlichen, zugleich eine Lustbetonung war, – Krankheit
-war die unzüchtige Form des Lebens. Und das Leben für
-sein Teil? War es vielleicht nur eine infektiöse Erkrankung
-<a id="page-481" class="pagenum" title="481"></a>
-der Materie, – wie das, was man die Urzeugung der Materie
-nennen durfte, vielleicht nur Krankheit, eine Reizwucherung
-des Immateriellen war? Der anfänglichste Schritt zum
-Bösen, zur Lust und zum Tode war zweifellos da anzusetzen,
-wo, hervorgerufen durch den Kitzel einer unbekannten Infiltration,
-jene erste Dichtigkeitszunahme des Geistigen, jene
-pathologisch üppige Wucherung seines Gewebes sich vollzog,
-die, halb Vergnügen, halb Abwehr, die früheste Vorstufe des
-Substanziellen, den Übergang des Unstofflichen zum Stofflichen
-bildete. Das war der Sündenfall. Die zweite Urzeugung,
-die Geburt des Organischen aus dem Unorganischen,
-war nur noch eine schlimme Steigerung der Körperlichkeit
-zum Bewußtsein, wie die Krankheit des Organismus eine
-rauschhafte Steigerung und ungesittete Überbetonung seiner
-Körperlichkeit war –: nur noch ein Folgeschritt war das
-Leben auf dem Abenteuerpfade des unehrbar gewordenen
-Geistes, Schamwärmereflex der zur Fühlsamkeit geweckten
-Materie, die für den Erwecker aufnahmelustig gewesen war ...
-</p>
-
-<p>
-Die Bücher lagen zuhauf auf dem Lampentischchen, eins
-lag am Boden, neben dem Liegestuhl, auf der Matte der Loggia,
-und dasjenige, worin Hans Castorp zuletzt geforscht, lag ihm
-auf dem Magen und drückte, beschwerte ihm sehr den Atem,
-doch ohne daß von seiner Hirnrinde an die zuständigen Muskeln
-Order ergangen wäre, es zu entfernen. Er hatte die Seite
-hinunter gelesen, sein Kinn hatte die Brust erreicht, die Lider
-waren ihm über die einfachen blauen Augen gefallen. Er sah
-das Bild des Lebens, seinen blühenden Gliederbau, die fleischgetragene
-Schönheit. Sie hatte die Hände aus dem Nacken
-gelöst, und ihre Arme, die sie öffnete, und an deren Innenseite,
-namentlich unter der zarten Haut des Ellbogengelenks,
-<a id="page-482" class="pagenum" title="482"></a>
-die Gefäße, die beiden Äste der großen Venen, sich bläulich
-abzeichneten, – diese Arme waren von unaussprechlicher
-Süßigkeit. Sie neigte sich ihm, neigte sich zu ihm, über ihn,
-er spürte ihren organischen Duft, spürte den Spitzenstoß ihres
-Herzens. Heiße Zartheit umschlang seinen Hals, und während
-er, vergehend vor Lust und Grauen, seine Hände an ihre äußeren
-Oberarme legte, dorthin, wo die den <span class="antiqua" lang="la">triceps</span> überspannende,
-körnige Haut von wonniger Kühle war, fühlte er auf
-seinen Lippen die feuchte Ansaugung ihres Kusses.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-6-8">
-Totentanz
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Kurz nach Weihnachten starb der Herrenreiter ... Aber
-vorher spielte eben noch Weihnachten sich ab, diese beiden
-Festtage, oder, wenn man den Tag des heiligen Abends mitzählte,
-diese drei, denen Hans Castorp mit einigem Schrecken
-und der kopfschüttelnden Erwartung entgegengesehen hatte,
-wie sie sich hier wohl ausnehmen würden, und die dann, als
-natürliche Tage mit Morgen, Mittag, Abend und mittlerer
-Zufallswitterung (es taute etwas), auch nicht anders, als andere
-ihrer Gattung, heraufgekommen und verblichen waren:
-– äußerlich ein wenig geschmückt und ausgezeichnet, hatten
-sie während der ihnen zugemessenen Frist ihre Bewußtseinsherrschaft
-in den Köpfen und Herzen der Menschen geübt
-und waren unter Zurücklassung eines Niederschlages unalltäglicher
-Eindrücke zu naher und fernerer Vergangenheit geworden ...
-</p>
-
-<p>
-Der Sohn des Hofrates, Knut mit Namen, kam auf Ferienbesuch
-und wohnte bei seinem Vater im Seitenflügel, – ein
-hübscher, junger Mann, dem aber ebenfalls schon der Nacken
-<a id="page-483" class="pagenum" title="483"></a>
-etwas zu sehr heraustrat. Man spürte die Anwesenheit des
-jungen Behrens in der Atmosphäre; die Damen legten Lachlust,
-Putzsucht und Reizbarkeit an den Tag, und in ihren Gesprächen
-handelte es sich um Begegnungen mit Knut im Garten,
-im Walde oder im Kurhausviertel. Übrigens erhielt er
-selbst Besuch: eine Anzahl seiner Universitätskameraden kam
-in das Tal herauf, sechs oder sieben Studenten, die im Orte
-wohnten, aber beim Hofrat die Mahlzeiten nahmen und, zum
-Trupp verbunden, mit ihrem Kommilitonen die Gegend durchstreiften.
-Hans Castorp mied sie. Er mied diese jungen Leute
-und wich ihnen mit Joachim aus, wenn es nötig war, unlustig,
-ihnen zu begegnen. Den Zugehörigen Derer hier oben
-trennte eine Welt von diesen Sängern, Wanderern und Stöckeschwingern,
-er wollte von ihnen nichts hören und wissen. Außerdem
-schienen die meisten von ihnen aus dem Norden zu stammen,
-womöglich waren Landsleute darunter, und Hans Castorp
-fühlte die größte Scheu vor Landsleuten, oft erwog er
-mit Widerwillen die Möglichkeit, daß irgendwelche Hamburger
-im „Berghof“ eintreffen könnten, zumal Behrens gesagt hatte,
-diese Stadt stelle der Anstalt immer ein stattliches Kontingent.
-Vielleicht befanden sich welche unter den Schweren und Moribunden,
-die man nicht sah. Zu sehen war nur ein hohlwangiger Kaufmann,
-der seit ein paar Wochen am Tische der
-Iltis saß, und der aus Cuxhaven sein sollte. Hans Castorp
-freute sich im Hinblick auf ihn, daß man mit Nicht-Tischgenossen
-hierorts so schwer in Berührung kam, und ferner darüber,
-daß sein Heimatsgebiet groß und sphärenreich war. Die
-gleichgültige Anwesenheit dieses Kaufmanns entkräftete in
-hohem Grade die Besorgnisse, die er an das Vorkommen von
-Hamburgern hier oben geknüpft hatte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-484" class="pagenum" title="484"></a>
-Der heilige Abend also näherte sich, stand eines Tages vor
-der Tür und hatte am nächsten Tage Gegenwart gewonnen ...
-Es waren noch reichlich sechs Wochen bis zu ihm gewesen, damals,
-als Hans Castorp sich gewundert hatte, daß man hier
-schon von Weihnachten sprach: so viel Zeit also noch, rechnerisch
-genommen, wie die ganze Dauer seines Aufenthalts
-nach ihrer ursprünglichen Veranschlagung, zusammen mit der
-Dauer seiner Bettlägrigkeit betragen hatte. Trotzdem war
-das damals eine große Menge Zeit gewesen, namentlich die
-erste Hälfte, wie es Hans Castorp nachträglich schien, – während
-die rechnerisch gleiche Menge jetzt sehr wenig bedeutete,
-beinahe nichts: die im Speisesaal, so fand er nun, hatten recht
-gehabt, sie so gering zu achten. Sechs Wochen, nicht einmal
-so viele also, wie die Woche Tage hatte: was war auch das
-in Anbetracht der weiteren Frage, was denn so eine Woche,
-so ein kleiner Rundlauf vom Montag zum Sonntag und
-wieder Montag war. Man brauchte nur immer nach Wert
-und Bedeutung der nächstkleineren Einheit zu fragen, um zu
-verstehen, daß bei der Summierung nicht viel herauskommen
-konnte, deren Wirkung überdies und zugleich ja auch eine sehr
-starke Verkürzung, Verwischung, Schrumpfung und Zernichtung
-war. Was war ein Tag, gerechnet etwa von dem Augenblick
-an, wo man sich zum Mittagessen setzte, bis zu dem
-Wiedereintritt dieses Augenblicks in vierundzwanzig Stunden?
-Nichts, – obgleich es doch vierundzwanzig Stunden waren.
-Was war denn aber auch eine Stunde, verbracht etwa in
-der Liegekur, auf einem Spaziergang oder beim Essen, – womit
-die Möglichkeiten, diese Einheit zu verbringen, so gut
-wie erschöpft waren? Wiederum nichts. Aber die Summierung
-des Nichts war wenig ernst ihrer Natur nach. Am
-<a id="page-485" class="pagenum" title="485"></a>
-ernstesten wurde die Sache, wenn man ins Kleinste stieg: jene
-sieben mal sechzig Sekunden, während derer man das Thermometer
-zwischen den Lippen hielt, um die Kurve fortführen
-zu können, waren überaus zählebig und gewichtig; sie weiteten
-sich zu einer kleinen Ewigkeit, bildeten Einlagerungen von
-höchster Solidität in dem schattenhaften Huschen der großen
-Zeit ...
-</p>
-
-<p>
-Das Fest vermochte die Lebensordnung der Berghofbewohner
-kaum zu stören. Eine wohlgewachsene Tanne war schon
-einige Tage zuvor an der rechten Schmalseite des Speisesaals,
-beim Schlechten Russentisch, aufgerichtet worden, und ihr Duft,
-der durch den Brodem der reichen Gänge hindurch die Speisenden
-zuweilen berührte, rief etwas wie Nachdenklichkeit in
-den Augen einzelner Personen an den sieben Tischen hervor.
-Beim Abendessen des 24. Dezembers zeigte der Baum sich bunt
-geschmückt mit Lametta, Glaskugeln, vergoldeten Tannenzapfen,
-kleinen Äpfeln, die in Netzen hingen, und vielerlei Konfekt,
-und seine farbigen Wachskerzen brannten während der Mahlzeit
-und nachher. Auch in den Zimmern der Bettlägrigen,
-hieß es, brannten Bäumchen; jedes hatte das seine. Und die
-Paketpost war reich gewesen schon in den letzten Tagen. Auch
-Joachim Ziemßen und Hans Castorp hatten Sendungen aus
-der fernen und tiefen Heimat bekommen, sorglich verpackte
-Bescherungen, die sie in ihren Zimmern ausgebreitet hatten:
-sinnreiche Kleidungsstücke, Krawatten, Luxusgegenstände in
-Leder und Nickel, sowie viel Festgebäck, Nüsse, Äpfel und
-Marzipan, – Vorräte, die die Vettern mit zweifelnden Blicken
-betrachteten, indem sie sich fragten, wann hier je der Augenblick
-kommen werde, davon zu genießen. Schalleen hatte
-Hans Castorps Paket hergestellt, wie er wußte, und auch, nach
-<a id="page-486" class="pagenum" title="486"></a>
-sachlicher Besprechung mit den Onkeln, die Geschenke besorgt.
-Ein Brief von James Tienappel lag bei, auf dickem Privatpapier,
-doch in Maschinenschrift. Der Onkel übermittelte darin
-des Großonkels und seine eigenen Fest- und Genesungswünsche
-und fügte aus praktischen Gründen gleich die nächstens fälligen
-Neujahrsgratulationen hinzu, wie übrigens auch Hans Castorp
-verfahren war, als er rechtzeitig seinen Weihnachtsbrief
-nebst klinischem Rapport an Konsul Tienappel liegend aufgesetzt
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Der Baum im Speisesaal brannte, knisterte, duftete und
-hielt in den Köpfen und Herzen das Bewußtsein der Stunde
-wach. Man hatte Toilette gemacht, die Herren trugen Gesellschaftsanzug,
-man sah an den Frauen Schmuckstücke, die
-ihnen von liebender Gattenhand aus den Ländern der Ebene
-gekommen sein mochten. Auch Clawdia Chauchat hatte den
-ortsüblichen Wollsweater gegen ein Salonkleid vertauscht,
-das aber einen Stich ins Willkürliche oder vielmehr ins Nationale
-hatte: es war ein helles, gesticktes Gürtelkostüm von
-bäuerlich-russischem, oder doch balkanischem, vielleicht bulgarischem
-Grundcharakter, mit kleinen Goldflittern besetzt, dessen
-Faltigkeit ihrer Erscheinung eine ungewohnt weiche Fülle verlieh
-und ausgezeichnet mit dem zusammenstimmte, was Settembrini
-ihre „tatarische Physiognomie“, insbesondere ihre
-„Steppenwolfslichter“ zu nennen beliebte. Man war sehr
-heiter am Guten Russentisch; dort zuerst knallte der Champagner,
-der dann fast an allen Tischen getrunken wurde. An
-dem der Vettern war es die Großtante, die ihn für ihre Nichte
-und für Marusja bestellte, und sie traktierte alle damit. Das
-Menü war gewählt, es endete mit Käsegebäck und Bonbons;
-man schloß Kaffee an und Liköre, und dann und wann rief ein
-<a id="page-487" class="pagenum" title="487"></a>
-aufflammender Tannenzweig, der Löscharbeit forderte, eine
-schrille, übermäßige Panik hervor. Settembrini, gekleidet wie
-immer, saß gegen Ende des Festessens eine Weile mit seinem
-Zahnstocher am Tische der Vettern, hänselte Frau Stöhr und
-sprach dann einiges über den Tischlerssohn und Menschheits-Rabbi,
-dessen Geburtstag man heute fingiere. Ob jener wirklich
-gelebt habe, sei ungewiß. Was aber damals geboren worden
-sei und seinen bis heute ununterbrochenen Siegeslauf begonnen
-habe, das sei die Idee des Wertes der Einzelseele, zusammen
-mit der der Gleichheit gewesen, – mit einem Worte die individualistische
-Demokratie. In diesem Sinne leere er das
-Glas, das man ihm zugeschoben. Frau Stöhr fand seine Ausdrucksweise
-„equivok und gemütlos“. Sie erhob sich unter
-Protest, und da man ohnedies die Gesellschaftsräume aufzusuchen
-begonnen hatte, so folgten die Tischgenossen ihrem
-Beispiel.
-</p>
-
-<p>
-Die Geselligkeit dieses Abends erhielt Gewicht und Leben
-durch die Überreichung der Geschenke an den Hofrat, der mit
-Knut und der Mylendonk auf eine halbe Stunde herüberkam.
-Die Handlung vollzog sich in dem Salon mit den optischen
-Scherzapparaten. Die Sondergabe der Russen bestand
-in etwas Silbernem, einem sehr großen, runden Teller, in
-dessen Mitte das Monogramm des Empfängers eingraviert
-war, und dessen vollkommene Unverwendbarkeit in die Augen
-sprang. Auf der Chaiselongue, die die übrigen Gäste gestiftet
-hatten, konnte man wenigstens liegen, obgleich sie noch ohne
-Decke und Kissen war, nur eben mit Tuch überzogen. Doch
-war ihr Kopfende verstellbar, und Behrens probierte ihre Bequemlichkeit,
-indem er sich, seinen nutzlosen Teller unter dem
-Arm, der Länge nach darauf ausstreckte, die Augen schloß und
-<a id="page-488" class="pagenum" title="488"></a>
-zu schnarchen begann wie ein Sägewerk, unter der Angabe,
-er sei Fafnir mit dem Hort. Der Jubel war allgemein. Auch
-Frau Chauchat lachte sehr über diese Aufführung, wobei ihre
-Augen sich zusammenzogen und ihr Mund offen stand, beides
-genau auf dieselbe Weise, so fand Hans Castorp, wie es bei
-Pribislav Hippe, wenn er lachte, der Fall gewesen war.
-</p>
-
-<p>
-Gleich nach dem Abgange des Chefs setzte man sich an die
-Spieltische. Die russische Gesellschaft bezog, wie immer, den
-kleinen Salon. Einige Gäste umstanden im Saale den Weihnachtsbaum,
-sahen dem Erlöschen der Lichtstümpfchen in ihren
-kleinen Metallhülsen zu und naschten von dem Aufgehängten.
-An den Tischen, die schon für das erste Frühstück gedeckt waren,
-saßen vereinzelte Personen, weit voneinander entfernt, verschiedentlich
-aufgestützt, in getrenntem Schweigen.
-</p>
-
-<p>
-Der erste Weihnachtstag war feucht und neblig. Es seien
-Wolken, sagte Behrens, in denen man sitze; Nebel gäbe es
-nicht hier oben. Aber Wolken oder Nebel, auf jeden Fall war
-die Nässe empfindlich. Der liegende Schnee taute oberflächlich
-an, wurde porös und klebrig. Gesicht und Hände erstarrten
-im Kurdienst weit peinlicher als bei sonnigem Frost.
-</p>
-
-<p>
-Der Tag war ausgezeichnet durch eine musikalische Veranstaltung
-am Abend, ein richtiges Konzert mit Stuhlreihen
-und gedruckten Programmen, das Denen hier oben vom Hause
-„Berghof“ geboten wurde. Es war ein Liederabend, gegeben
-von einer am Orte ansässigen und Unterricht erteilenden Berufssängerin
-mit zwei Medaillen seitlich unter dem Ausschnitt
-ihres Ballkleides, Armen, die Stöcken glichen, und einer
-Stimme, deren eigentümliche Tonlosigkeit über die Gründe
-ihrer Ansiedelung hier oben betrübende Auskunft gab. Sie
-sang:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
-<a id="page-489" class="pagenum" title="489"></a>
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Ich trage meine Minne</p>
- <p class="verse">mit mir herum.“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Der Pianist, der sie begleitete, war ebenfalls ortsansässig ...
-Frau Chauchat saß in der ersten Reihe, benutzte jedoch die
-Pause, um sich zurückzuziehen, so daß Hans Castorp von da
-an der Musik (es war Musik unter allen Umständen) mit
-ruhigem Herzen lauschen konnte, indem er während des Gesanges
-den Text der Lieder mitlas, der auf dem Programm
-gedruckt stand. Eine Weile saß Settembrini an seiner Seite,
-verschwand aber ebenfalls, nachdem er über den dumpfen
-<span class="antiqua" lang="it">bel canto</span> der Ansässigen einiges Pralle, Plastische angemerkt
-und sein satirisches Behagen darüber ausgedrückt, daß man
-auch heute abend so treu und traulich unter sich sei. Die Wahrheit
-zu sagen, spürte Hans Castorp Erleichterung, als sie beide
-fort waren, die Schmaläugige und der Pädagog, und er in
-Freiheit den Liedern seine Aufmerksamkeit widmen konnte. Er
-fand es gut, daß in der ganzen Welt und noch unter den besondersten
-Umständen Musik gemacht wurde, wahrscheinlich
-sogar auf Polarexpeditionen.
-</p>
-
-<p>
-Der zweite Weihnachtstag unterschied sich durch nichts mehr,
-als durch das leichte Bewußtsein seiner Gegenwart, von einem
-gewöhnlichen Sonn- oder auch nur Wochentag, und als er
-vorüber war, da lag das Weihnachtsfest im Vergangenen, –
-oder, ebenso richtig, es lag wieder in ferner Zukunft, in jahresferner:
-zwölf Monate waren nun wieder bis dahin, wo es
-sich im Kreislauf erneuern würde, – schließlich nur sieben
-Monate mehr, als Hans Castorp hier schon verbracht hatte.
-</p>
-
-<p>
-Aber gleich nach dem diesjährigen Weihnachten, noch vor
-Neujahr, starb denn also der Herrenreiter. Die Vettern erfuhren
-es von Alfreda Schildknecht, genannt Schwester Berta,
-<a id="page-490" class="pagenum" title="490"></a>
-der Pflegerin des armen Fritz Rotbein, die ihnen das diskrete
-Vorkommnis auf dem Gange erzählte. Hans Castorp nahm
-eindringlich Anteil daran, teils weil die Lebensäußerungen des
-Herrenreiters zu den ersten Eindrücken gehört hatten, die er
-hier oben empfangen, – zu denen, die zuerst, wie ihm schien,
-den Wärmereflex in seiner Gesichtshaut hervorgerufen hatten,
-der seitdem nicht mehr daraus hatte weichen wollen, – teils
-aus moralischen, man möchte sagen: geistlichen Gründen. Er
-hielt Joachim lange im Gespräch mit der Diakonissin fest, die
-Ansprache und Austausch mit klammernder Dankbarkeit genoß.
-Es sei ein Wunder, sagte sie, daß der Herrenreiter das
-Fest noch erlebt habe. Längst habe er sich als zäher Kavalier
-erwiesen gehabt, allein womit er zuletzt noch geatmet, sei keinem
-begreiflich gewesen. Seit Tagen schon habe er sich freilich
-nur mit Hilfe gewaltiger Mengen Sauerstoffes gehalten:
-gestern allein habe er vierzig Ballons konsumiert, das Stück
-zu sechs Franken. Das müsse ins Geld gelaufen sein, wie die
-Herren sich ausrechnen könnten, und dabei sei zu bedenken,
-daß seine Gemahlin, in deren Armen er danach verschieden,
-völlig mittellos hinterbleibe. Joachim mißbilligte diesen Aufwand.
-Wozu die Quälerei und kostspielig künstliche Hinfristung
-in einem ganz aussichtslosen Fall? Dem Mann sei es nicht
-zu verargen, daß er das teure Lebensgas blindlings verzehrt,
-da man es ihm aufgenötigt hatte. Dagegen die Behandelnden
-hätten vernünftiger denken und ihn in Gottes Namen seines
-unvermeidlichen Weges ziehen lassen sollen, ganz abgesehen
-von den Verhältnissen und gar nun mit Rücksicht auf diese.
-Die Lebenden hätten doch auch ein Recht und so weiter. Dem
-widersprach Hans Castorp mit Nachdruck. Sein Vetter rede
-ja fast schon wie Settembrini, ohne Achtung und Scheu vor
-<a id="page-491" class="pagenum" title="491"></a>
-dem Leiden. Der Herrenreiter sei doch am Ende gestorben, da
-höre der Spaß auf, man könne nichts weiter tun, um seinen
-Ernst zu erweisen, und einem Sterbenden gebühre jeder Respekt
-und Ehrenaufwand, darauf bestehe Hans Castorp. Er
-wolle nur hoffen, daß Behrens den Herrenreiter zuletzt nicht
-angeschrien und pietätloserweise gescholten habe? Kein Anlaß,
-erklärte die Schildknecht. Einen kleinen, unbesonnenen
-Versuch zu entwischen habe der Herrenreiter zwar zuletzt noch
-gemacht und aus dem Bett springen wollen; aber ein leichter
-Hinweis auf die Zwecklosigkeit solchen Beginnens habe genügt,
-ihn ein für allemal davon abstehen zu lassen.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp nahm den Verblichenen in Augenschein. Er
-tat es aus Trotz gegen das herrschende System der Verheimlichung,
-weil er das egoistische Nichts-wissen-, Nichts-sehen-und-hören-wollen
-der andern verachtete und ihm durch die
-Tat zu widersprechen wünschte. Bei Tische hatte er den Todesfall
-zur Sprache zu bringen versucht, war aber auf einmütige
-und so verstockte Ablehnung dieses Themas gestoßen, daß es
-ihn beschämt und empört hatte. Frau Stöhr war geradezu
-grob geworden. Was ihm einfalle, von so etwas anzufangen,
-hatte sie gefragt, und was er denn eigentlich für eine Kinderstube
-genossen. Die Ordnung des Hauses schütze sie, die Patientenschaft,
-sorgfältig davor, von solchen Geschichten berührt
-zu werden, und da komme nun so ein Grünschnabel und rede
-ganz laut davon, noch dazu beim Braten und dazu wieder in
-Gegenwart des Dr. Blumenkohl, den es täglich ereilen könne.
-(Dies hinter der Hand.) Wiederhole sich das, so werde sie klagbar
-werden. Da war es, daß der Gescholtene den Entschluß
-gefaßt und ihm auch Ausdruck verliehen hatte, für seine Person
-dem abgeschiedenen Hausgenossen durch einen Besuch und
-<a id="page-492" class="pagenum" title="492"></a>
-stille Andachtsverrichtung an seinem Lager die letzte Ehre zu
-erweisen, und auch Joachim hatte er bestimmt, das zu tun.
-</p>
-
-<p>
-Durch Vermittlung Schwester Alfredas erlangten sie Eintritt
-in das Sterbezimmer, das im ersten Stock unter ihren
-eigenen Zimmern gelegen war. Die Witwe empfing sie, eine
-kleine, zerzauste, von Nachtwachen mitgenommene Blonde, das
-Taschentuch vor dem Munde, mit roter Nase und in dickem
-Plaidmantel, dessen Kragen sie aufgestellt hatte, denn es war
-sehr kalt im Zimmer. Die Heizung war abgestellt, die Balkontür
-offen. Gedämpft sagten die jungen Leute das Erforderliche
-und gingen dann, durch eine Handbewegung schmerzlich
-eingeladen, durch das Zimmer zum Bett, – mit ehrerbietig vorwärts
-wiegenden Schritten gingen sie, ohne Benutzung der
-Stiefelabsätze, und standen in Betrachtung am Lager des Toten,
-ein jeder nach seiner Art: Joachim dienstlich geschlossen,
-in salutierender Halbverbeugung, Hans Castorp gelöst und
-versunken, die Hände vor sich gekreuzt, den Kopf auf der
-Schulter, mit einer Miene, ähnlich derjenigen, mit der er Musik
-zu hören pflegte. Des Herrenreiters Kopf lag hoch gebettet,
-so daß der Körper, dieser lange Aufbau und vielfache Zeugungskreis
-des Lebens, mit der Erhöhung der Füße am Ende
-unter der Decke, desto flacher, fast brettartig flach erschien. Ein
-Blumengewinde lag in der Gegend der Knie, und der daraus
-hervorragende Palmzweig berührte die großen, gelben, knöchernen
-Hände, die auf der eingefallenen Brust gefaltet waren.
-Gelb und knöchern war auch das Gesicht mit dem kahlen Schädel,
-der gehöckerten Nase, den scharfen Backenknochen und dem
-buschigen, rotblonden Schnurrbart, dessen Dicke die grauen,
-stoppligen Höhlen der Wangen noch stärker vertiefte. Die Augen
-waren auf eine gewisse unnatürlich feste Weise geschlossen,
-<a id="page-493" class="pagenum" title="493"></a>
-– zugedrückt, mußte Hans Castorp denken, nicht zugemacht:
-den letzten Liebesdienst nannte man das, obgleich es im Sinne
-der Überlebenden mehr, als um des Toten willen geschah. Auch
-mußte es beizeiten, gleich nach dem Tode geschehen; denn wenn
-erst die Myosinbildung in den Muskeln vorgeschritten war,
-so ging es nicht mehr, und er lag und starrte, und um die sinnige
-Vorstellung des „Schlummers“ war es getan.
-</p>
-
-<p>
-Sachkundig und in mehr als einer Beziehung in seinem Elemente
-stand Hans Castorp am Lager, bewandert, aber fromm.
-„Er scheint zu schlafen“, sagte er aus Menschlichkeit, obgleich
-große Unterschiede vorhanden waren. Und dann begann er
-mit schicklich gedämpfter Stimme ein Gespräch mit der Witwe
-des Herrenreiters, zog über die Leidensgeschichte ihres Gatten,
-seine letzten Tage und Augenblicke, den zu bewerkstelligenden
-Transport des Körpers nach Kärnten Erkundigungen ein, die
-von einer teils medizinischen, teils geistlich-sittlichen Teilnahme
-und Eingeweihtheit zeugten. Die Witwe, in ihrer österreichisch
-schleppenden und näselnden Sprechweise und zuweilen aufschluchzend,
-fand es bemerkenswert, daß junge Leute zur Beschäftigung
-mit fremdem Kummer sich so aufgelegt zeigten;
-worauf Hans Castorp erwiderte, sein Vetter und er, sie seien
-ja selber krank, überdies habe er, für seine Person, frühe an
-den Sterbebetten naher Angehöriger gestanden, er sei Doppelwaise,
-von langer Hand her sei ihm der Tod vertraut, sozusagen.
-Welchen Beruf er gewählt habe, fragte sie. Er antwortete,
-er sei Techniker „gewesen“. – Gewesen? – Gewesen
-insofern, als nun ja die Krankheit und ein noch recht unbestimmt
-begrenzter Aufenthalt hier oben dazwischengekommen
-sei, was doch einen bedeutenden Einschnitt und möglicherweise
-etwas wie einen Lebenswendepunkt darstelle, was könne man
-<a id="page-494" class="pagenum" title="494"></a>
-wissen. (Joachim sah ihn mit forschendem Schrecken an.) Und
-sein Herr Vetter? – Der wolle Soldat sein im Tieflande, er
-sei Offiziersaspirant. – Oh, sagte sie, das Kriegerhandwerk sei
-freilich auch ein Beruf, der zum Ernst anhalte, ein Soldat
-müsse damit rechnen, unter Umständen mit dem Tode in nahe
-Berührung zu kommen und tue wohl gut, sich frühzeitig an
-seinen Anblick zu gewöhnen. Sie beurlaubte die jungen Leute
-mit Dank und freundlicher Fassung, die Achtung erwecken
-mußte in Anbetracht ihrer beklommenen Lage und besonders
-der hohen Oxygenrechnung, die der Gatte zurückgelassen. Die
-Vettern kehrten in ihr Stockwerk zurück. Hans Castorp zeigte
-sich befriedigt von dem Besuch und geistlich angeregt durch die
-empfangenen Eindrücke.
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="la">Requiescat in pace</span>“, sagte er. „<span class="antiqua" lang="la">Sit tibi terra levis.
-Requiem aeternam dona ei, Domine.</span> Siehst du, wenn es
-sich um den Tod handelt und man zu Toten spricht oder von
-Toten, so tritt auch wieder das Latein in Kraft, das ist die offizielle
-Sprache in solchen Fällen, da merkt man, was für eine
-besondere Sache es mit dem Tode ist. Aber es ist nicht aus
-humanistischer Courtoisie, daß man Lateinisch redet zu seinen
-Ehren, die Totensprache ist kein Bildungslatein, verstehst du,
-sondern von einem ganz anderen Geist, einem ganz entgegengesetzten,
-kann man wohl sagen. Das ist Sakrallatein, Mönchsdialekt,
-Mittelalter, so ein dumpfer, eintöniger, unterirdischer
-Gesang gewissermaßen, – Settembrini fände kein Gefallen
-daran, es ist nichts für Humanisten und Republikaner und
-solche Pädagogen, es ist von einer anderen Geistesrichtung,
-der anderen, die es gibt. Ich finde, man muß sich klar sein
-über die verschiedenen Geistesrichtungen oder Geistesstimmungen,
-wie man wohl richtiger sagen sollte, es gibt die fromme
-<a id="page-495" class="pagenum" title="495"></a>
-und die freie. Sie haben beide ihre Vorzüge, aber was ich
-gegen die freie, die Settembrinische meine ich, auf dem Herzen
-habe, ist nur, daß sie die Menschenwürde so ganz in Pacht zu
-haben glaubt, das ist übertrieben. Die andere enthält auch
-viel menschliche Würde in ihrer Art und gibt Veranlassung zu
-einer Menge Wohlanstand und properer Haltung und nobler
-Förmlichkeit, mehr sogar als die ‚freie‘, obgleich sie die menschliche
-Schwäche und Hinfälligkeit ja besonders im Auge hat
-und der Gedanke an Tod und Verwesung eine so wichtige Rolle
-darin spielt. Hast du mal im Theater den ‚Don Carlos‘ gesehen
-und wie es zuging am spanischen Hof, wenn König
-Philipp hereinkommt, ganz in Schwarz, mit dem Hosenbandorden
-und dem Goldenen Vließ, und langsam den Hut zieht,
-der beinahe schon aussieht wie unsere Melonen, – so nach oben
-hin zieht er ihn und sagt: ‚Bedeckt euch, meine Granden‘ oder
-so ähnlich, – im höchsten Grade gemessen ist das, darf man
-wohl sagen, von Gehenlassen und schlottrigen Sitten kann da
-nicht die Rede sein, im Gegenteil, und die Königin sagt denn
-ja auch: ‚In meinem Frankreich wars doch anders‘, natürlich,
-der ist es zu akkurat und umständlich, die möchte es fideler
-haben, menschlicher. Aber was heißt menschlich? Menschlich
-ist alles. Das spanisch Gottesfürchtige und Demütig-Feierliche
-und streng Abgezirkelte ist eine sehr würdige Fasson der
-Menschlichkeit, sollte ich meinen, und andererseits kann man
-mit dem Worte ‚menschlich‘ jede Schlamperei und Schlappheit
-zudecken, da wirst du mir recht geben.“
-</p>
-
-<p>
-„Da gebe ich dir recht,“ sagte Joachim, „Schlappheit und Gehenlassen
-kann ich natürlich auch nicht leiden, Disziplin muß sein.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, das sagst du als Militär, und ich gebe zu, beim Militär
-versteht man sich auf diese Dinge. Die Witwe hatte ganz
-<a id="page-496" class="pagenum" title="496"></a>
-recht, von eurem Handwerk zu sagen, es habe eine ernsthafte
-Bewandtnis damit, denn immer müßtet ihr mit dem äußersten
-Ernstfalle rechnen und damit, es mit dem Tod zu tun zu bekommen.
-Ihr habt die Uniform, die ist knapp und propper und
-hat einen steifen Kragen, das gibt euch <span class="antiqua" lang="fr">bienséance</span>. Und dann
-habt ihr die Rangordnung und den Gehorsam und erweist euch
-umständlich Ehre untereinander, das geschieht in spanischem
-Geiste, aus Frömmigkeit, ich mag es im Grunde wohl leiden.
-Bei uns Zivilisten sollte von diesem Geiste auch mehr herrschen,
-in unseren Sitten und unserm Gehaben, das wäre mir lieber,
-ich fände es passend. Ich finde, die Welt und das Leben ist
-danach angetan, daß man sich allgemein schwarz tragen sollte,
-mit einer gestärkten Halskrause statt eures Kragens, und ernst,
-gedämpft und förmlich miteinander verkehren im Gedanken
-an den Tod, – so wär es mir recht, es wäre moralisch. Siehst
-du, das ist auch so ein Irrtum und Eigendünkel von Settembrini,
-noch einer, es ist ganz gut, daß ich gesprächsweise mal
-darauf komme. Nicht bloß die Menschenwürde meint er in
-Pacht zu haben, sondern auch die Moral, – mit seiner ‚praktischen
-Lebensarbeit‘ und seinen Fortschritts-Sonntagsfeiern
-(als ob man nicht gerade Sonntags an was anderes zu denken
-hätte als an den Fortschritt) und mit seiner systematischen Ausmerzung
-der Leiden, wovon du übrigens nichts weißt, aber mir
-hat er zu meiner Belehrung davon erzählt, – systematisch will
-er sie ausmerzen, vermittelst eines Lexikons. Und wenn mir nun
-das gerade unmoralisch vorkommt, – was dann? Ihm sage
-ich es natürlich nicht, er redet mich ja in Grund und Boden
-mit seiner plastischen Mundart und sagt: ‚Ich warne Sie,
-Ingenieur!‘ Aber denken dürfen wird man sich ja sein Teil,
-– Sire, geben Sie Gedankenfreiheit. Ich will dir was sagen“,
-<a id="page-497" class="pagenum" title="497"></a>
-schloß er. (Sie waren in Joachims Zimmer hinaufgelangt,
-und Joachim machte sich zum Liegen bereit.) „Ich werde dir
-sagen, was ich mir vorgenommen habe. Man lebt hier so
-Tür an Tür mit sterbenden Leuten und mit dem schwersten
-Kreuz und Jammer, aber nicht allein, daß man so tut, als ob
-es einen nichts anginge, sondern man wird auch geschont und
-geschützt, daß man nur ja nicht damit in Berührung kommt
-und nichts davon sieht, und den Herrenreiter, den werden sie
-nun auch wieder heimlich auf die Seite bringen, während wir
-vespern oder frühstücken. Das finde ich unmoralisch. Die Stöhr
-wurde ja schon wütend, weil ich den Todesfall nur erwähnte,
-das ist mir zu albern, und wenn sie schon ungebildet ist und
-glaubt, daß ‚Leise, leise, fromme Weise‘ im ‚Tannhäuser‘ vorkommt,
-wie es ihr neulich bei Tische passierte, so könnte sie
-dabei doch etwas moralischer empfinden, und die anderen auch.
-Ich habe mir nun vorgenommen, mich in Zukunft etwas mehr
-um die Schweren und Moribunden im Hause zu kümmern,
-das wird mir wohltun, – schon unser Besuch eben hat mir gewissermaßen
-gut getan. Der arme Reuter damals, auf Nr. 25,
-den ich in meinen ersten Tagen durch die Tür einmal sah, ist
-gewiß schon längst <span class="antiqua" lang="la">ad penates</span> gegangen und heimlich auf die
-Seite gebracht worden, – er hatte schon damals so übertrieben
-große Augen. Aber dafür sind andere da, das Haus ist voll,
-es fehlt nie an Zuzug, und Schwester Alfreda oder auch die
-Oberin oder sogar Behrens selbst werden uns gewiß behilflich
-sein, eine oder die andere Beziehung herzustellen, das wird sich
-ja unschwer machen lassen. Nimm an, jemand Moribundes
-hat Geburtstag, und wir erfahren es, – das läßt sich ja in
-Erfahrung bringen. Gut, wir schicken dem Betreffenden –
-oder ihr – ihm oder ihr, je nachdem – einen Blumentopf aufs
-<a id="page-498" class="pagenum" title="498"></a>
-Zimmer, eine Aufmerksamkeit von zwei ungenannten Kollegen,
-– beste Genesungswünsche, – das Wort Genesung bleibt höflicherweise
-immer am Platz. Dann werden wir dem Betreffenden
-natürlich doch genannt, und er oder sie läßt uns in ihrer
-Schwäche einen freundlichen Gruß durch die Tür sagen, und
-vielleicht lädt sie uns auf einen Augenblick ins Zimmer ein,
-und wir wechseln noch ein paar menschliche Worte mit ihm,
-bevor er sich auflöst. So denke ich es mir. Bist du nicht einverstanden?
-Für mein Teil hab ichs mir jedenfalls vorgenommen.“
-</p>
-
-<p>
-Joachim hatte gegen diese Absichten denn auch nicht viel
-zu erinnern. „Es ist gegen die Hausordnung,“ sagte er; „du
-durchbrichst sie gewissermaßen damit. Aber ausnahmsweise,
-und wenn du nun einmal den Wunsch hast, wird Behrens
-dir wohl Permeß geben, denke ich. Du kannst dich ja auf
-dein medizinisches Interesse berufen.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, unter anderem darauf“, sagte Hans Castorp; denn
-wirklich waren es verschlungene Motive, aus denen sein
-Wunsch erwuchs. Der Protest gegen den obwaltenden Egoismus
-war nur eines davon. Was mitsprach, war namentlich
-auch das Bedürfnis seines Geistes, Leiden und Tod ernst nehmen
-und achten zu dürfen, – ein Bedürfnis, für das er sich
-von der Annäherung an die Schweren und Sterbenden Genugtuung
-und Stärkung erhoffte, als Gegengewicht gegen
-vielfache Beleidigungen, denen er es sonst auf Schritt und
-Tritt, alltäglich und stündlich ausgesetzt fand, und durch die
-gewisse Urteile Settembrinis eine ihn kränkende Bekräftigung
-erfuhren. Beispiele bieten sich nur zu zahlreich an; hätte man
-Hans Castorp gefragt, er wäre vielleicht zuerst auf solche
-Personen im Hause „Berghof“ zu sprechen gekommen, die
-<a id="page-499" class="pagenum" title="499"></a>
-eingestandenermaßen überhaupt nicht krank waren und vollkommen
-freiwillig, unter dem offiziellen Vorwande leichter
-Angegriffenheit, in Wirklichkeit aber nur zu ihrem Vergnügen
-und weil die Lebensform der Kranken ihnen zusagte, hier lebten,
-wie die schon beiläufig erwähnte Witwe Hessenfeld, eine
-lebhafte Frau, deren Leidenschaft das Wetten war: sie wettete
-mit den Herren, wettete auf alles und um alles, wettete auf
-das Wetter, das eintreten, die Gerichte, die es geben würde,
-auf das Ergebnis von Generaluntersuchungen und darauf,
-wieviel Monate jemandem zugelegt werden würden, auf gewisse
-Bobs, Eisschlitten, Schlittschuh- oder Ski-Champions
-bei sportlichen Konkurrenzen, auf den Verlauf sich anspinnender
-Liebesgeschichten unter den Gästen und auf hundert andere,
-oft gänzlich unerhebliche und gleichgültige Dinge, wettete
-um Schokolade, um Champagner und Kaviar, die dann im
-Restaurant festlicherweise verzehrt wurden, um Geld, um Kinobilletts
-und selbst um Küsse, zu gebende und zu nehmende,
-– kurzum, sie brachte mit dieser ihrer Passion viel Spannung
-und Leben in den Speisesaal, nur daß ihr Treiben den jungen
-Hans Castorp natürlich sehr ernst nicht dünken wollte, ja,
-daß ihr bloßes Vorhandensein ihm als Beeinträchtigung der
-Würde eines Leidensortes erschien.
-</p>
-
-<p>
-Denn diese Würde zu schützen und vor sich selber aufrecht
-zu halten, war er im Innern treulich bestrebt, so schwer es
-ihm fallen mochte nach einem nun fast halbjährigen Aufenthalt
-unter Denen hier oben. Die Einblicke, die er nach und
-nach in ihr Leben und Treiben, ihre Sitten und Anschauungen
-getan, waren seinem guten Willen wenig behilflich. Da waren
-jene beiden mageren Stutzerchen, siebzehn- und achtzehnjährig
-und „Max und Moritz“ genannt, deren abendliches Aussteigen
-<a id="page-500" class="pagenum" title="500"></a>
-zum Zwecke des Pokerns und der Zechereien in Damengesellschaft
-dem Gerede viel Stoff bot. Kürzlich, das heißt etwa
-acht Tage nach Neujahr (denn man muß festhalten, daß,
-während wir erzählen, die Zeit in ihrer still strömenden Art rastlos
-fortschreitet), hatte sich beim Frühstück die Nachricht verbreitet,
-der Bademeister habe die beiden morgens in zerknitterten
-Gesellschaftsanzügen auf ihren Betten betroffen. Auch
-Hans Castorp lachte; aber wenn es beschämend für seinen guten
-Willen war, so war es noch gar nicht viel im Vergleich mit
-den Geschichten des Rechtsanwalts Einhuf aus Jüterbog,
-eines spitzbärtigen Vierzigers mit schwarzbehaarten Händen,
-der seit einiger Zeit an Stelle des genesenen Schweden am
-Tisch Settembrinis saß und nicht nur jede Nacht betrunken
-nach Hause kam, sondern dies neulich überhaupt nicht getan
-hatte, vielmehr auf der Wiese gefunden worden war. Er galt
-für einen gefährlichen Liederjahn, und Frau Stöhr konnte auf
-die – im Tiefland übrigens verlobte – junge Dame mit ihrem
-Finger weisen, die man zu einer bestimmten Stunde aus Einhufs
-Zimmer hatte treten sehen, bekleidet nur mit einem Pelz,
-unter dem sie nichts weiter als eine Reformhose getragen
-haben sollte. Das war skandalös, – nicht nur in allgemein
-moralischem Sinn, sondern skandalös und beleidigend für Hans
-Castorp persönlich, im Sinn seiner geistigen Bemühungen.
-Es kam aber hinzu, daß er an die Person des Rechtsanwalts
-nicht denken konnte, ohne auch Fränzchen Oberdank mit einzubeziehen,
-jenes glattgescheitelte Haustöchterchen, das vor
-wenigen Wochen von ihrer Mutter, einer würdigen Provinzdame,
-heraufgeleitet worden war. Fränzchen Oberdank hatte
-bei ihrer Ankunft und nach der ersten Untersuchung für leichtkrank
-gegolten; aber mochte sie Fehler begangen haben, mochte
-<a id="page-501" class="pagenum" title="501"></a>
-ein Fall vorliegen, in dem die Luft zunächst nicht sowohl
-<em>gegen</em>, als vor allen Dingen einmal <em>für</em> die Krankheit gut
-gewesen war, oder mochte die Kleine in irgendwelche Intrigen
-und Aufregungen verstrickt worden sein, die ihr geschadet hatten:
-vier Wochen nach ihrem Eintritt geschah es, daß sie, von einer
-neuen Untersuchung kommend, beim Betreten des Speisesaals
-ihr Handtäschchen in die Luft warf und mit heller Stimme
-ausrief: „Hurra, ein Jahr muß ich bleiben!!“ – worüber im
-ganzen Saal ein homerisches Gelächter sich verbreitet hatte.
-Aber vierzehn Tage später war die Nachricht in Umlauf gekommen,
-daß Rechtsanwalt Einhuf an Fränzchen Oberdank
-wie ein Schurke gehandelt habe. Übrigens kommt dieser Ausdruck
-auf unsere Rechnung oder allenfalls auf die Hans Castorps;
-denn den Trägern der Nachricht schien diese ihrem
-Wesen nach wohl nicht neu genug, um zu so starken Worten
-anzuregen. Auch gaben sie achselzuckend zu verstehen, daß zu
-solchen Geschichten ja zweie gehörten, und daß vermutlich nichts
-gegen Wunsch und Willen eines Beteiligten geschehen sei.
-Wenigstens war dies Frau Stöhrs Verhalten und sittliche
-Stimmung in fraglicher Angelegenheit.
-</p>
-
-<p>
-Karoline Stöhr war entsetzlich. Wenn irgend etwas den
-jungen Hans Castorp in seinen redlich gemeinten geistigen Bemühungen
-störte, so war es das Sein und Wesen dieser Frau.
-Ihre beständigen Bildungsschnitzer hätten genügt. Sie sagte
-„Agonje“ statt „Todeskampf“; „insolvent“, wenn sie jemandem
-Frechheit zum Vorwurf machte, und gab über die astronomischen
-Vorgänge, die eine Sonnenfinsternis zeitigen, den
-greulichsten Unsinn zum besten. Mit den liegenden Schneemassen,
-sagte sie, sei es „eine wahre Kapazität“; und eines
-Tages setzte sie Herrn Settembrini in lang andauerndes
-<a id="page-502" class="pagenum" title="502"></a>
-Erstaunen durch die Mitteilung, sie lese zur Zeit ein der Anstaltsbibliothek
-entnommenes Buch, das ihn angehe, nämlich
-„Benedetto Cenelli in der Übersetzung von Schiller“! Sie
-liebte Redensarten, die dem jungen Hans Castorp, ihrer Abgeschmacktheit
-und modisch ordinären Verbrauchtheit wegen,
-auf die Nerven gingen, wie zum Beispiel: „Das ist die
-Höhe!“ oder: „Du ahnst es nicht!“ Und da die Bezeichnung
-„blendend“, die das Modemaul lange Zeit für „glänzend“
-oder „vorzüglich“ gebraucht hatte, sich als gänzlich ausgelaugt,
-entkräftet, prostituiert und sohin veraltet erwies, so warf sie
-sich auf das Neueste, nämlich das Wort „verheerend“, und
-fand nun, im Ernst oder höhnischerweise, alles „verheerend“,
-die Schlittenbahn, die Mehlspeise und ihre eigene Leibeswärme,
-was ebenfalls ekelhaft anmutete. Hinzu kam ihre Klatschsucht,
-die unmäßig war. Mochte sie immerhin erzählen, Frau Salomon
-trage heute die kostbarste Spitzenwäsche, denn sie sei zur
-Untersuchung bestellt und ziere sich dabei vor den Ärzten mit
-feinem Unterzeug: – es hatte seine Richtigkeit damit, Hans
-Castorp selbst hatte den Eindruck gewonnen, daß die Prozedur
-der Untersuchung, unabhängig von ihrem Ergebnis, den
-Damen Vergnügen bereite, und daß sie sich kokett dafür
-schmückten. Aber was sollte man zu Frau Stöhrs Versicherung
-sagen, Frau Redisch aus Posen, die im Verdacht tuberkulösen
-Rückenmarks stehe, müsse wöchentlich einmal zehn
-Minuten lang vollständig nackt vor Hofrat Behrens im Zimmer
-hin und her marschieren? Die Unwahrscheinlichkeit dieser
-Behauptung kam fast ihrer Anstößigkeit gleich, aber Frau
-Stöhr verfocht und beschwor sie aufs äußerste, – obgleich
-schwer begreiflich erschien, wie die Arme auf Dinge, wie
-diese, so viel Eifer, Nachdruck und Rechthaberei verwenden
-<a id="page-503" class="pagenum" title="503"></a>
-mochte, da ihre eigensten Angelegenheiten ihr schwer zu schaffen
-machten. Denn zwischendurch suchten Anfälle von feiger und
-weinerlicher Besorgnis sie heim, deren Anlaß ihre angeblich
-zunehmende „Schlaffheit“ oder das Ansteigen ihrer Kurve
-war. Sie kam schluchzend zu Tisch, die spröden roten Backen
-von Tränen überströmt und heulte in ihr Taschentuch, daß
-Behrens sie in ihr Bett schicken wolle, sie aber wolle wissen,
-was er hinter ihrem Rücken gesagt habe, was ihr fehle, wie
-es um sie stehe, sie wolle der Wahrheit ins Auge sehen! Zu
-ihrem Entsetzen hatte sie eines Tages bemerkt, daß ihr Bett
-mit dem Fußende in der Richtung der Haustür stehe und erlitt
-fast Krämpfe dieser Entdeckung wegen. Man verstand
-ihre Wut, ihr Grauen nicht ohne weiteres, Hans Castorp im
-besonderen verstand sich nicht gleich darauf. Nun und? Wieso?
-Warum das Bett nicht stehen solle, wie es stehe? – Aber
-ob er, um Gottes willen, denn nicht begreife! „<em>Die Füße
-voran ...!</em>“ Sie schlug verzweifelten Lärm, und sofort
-mußte das Bett umgestellt werden, obgleich sie fortan vom
-Kissen ins Licht sah, was ihren Schlaf beeinträchtigte.
-</p>
-
-<p>
-Das alles war unernst; es kam Hans Castorps geistigen
-Bedürfnissen sehr wenig entgegen. Ein schreckhafter Zwischenfall,
-der sich um diese Zeit während einer Mahlzeit ereignete,
-machte besonderen Eindruck auf den jungen Mann. Ein noch
-neuer Patient, der Lehrer Popów, ein magerer und stiller
-Mensch, der mit seiner ebenfalls mageren und stillen Braut
-am Guten Russentisch Platz gefunden hatte, erwies sich, da
-eben das Essen in vollem Gange war, als epileptisch, indem
-er einen krassen Anfall dieser Art erlitt, mit jenem Schrei, dessen
-dämonischer und außermenschlicher Charakter oft geschildert
-worden ist, zu Boden stürzte und neben seinem Stuhle unter
-<a id="page-504" class="pagenum" title="504"></a>
-den scheußlichsten Verrenkungen mit Armen und Beinen um
-sich schlug. Erschwerend wirkte, daß es ein Fischgericht war,
-das eben gereicht worden, so daß zu befürchten stand, Popów
-möchte in seiner Krampfverzückung an einer Gräte Schaden
-nehmen. Der Aufruhr war unbeschreiblich. Die Damen,
-Frau Stöhr voran, aber ohne daß etwa die Frauen Salomon,
-Redisch, Hessenfeld, Magnus, Iltis, Levi und wie sie
-nun heißen mochten, ihr etwas nachgegeben hätten, wurden
-von den verschiedensten Zuständen betreten, so daß einige es
-Herrn Popów fast gleichtaten. Ihre Schreie gellten. Man
-sah nichts als zugekrampfte Augen, offene Münder und verdrehte
-Oberkörper. Eine einzelne gab stiller Ohnmacht den
-Vorzug. Erstickungsanfälle, da jedermann von dem wilden
-Ereignis im Kauen und Schlucken überrascht worden war,
-spielten sich ab. Ein Teil der Tischgesellschaft suchte durch die
-verfügbaren Ausgänge das Weite, auch durch die Verandatüren,
-obgleich es draußen sehr naßkalt war. Es trug aber
-der ganze Vorfall ein eigentümliches und außer seiner Entsetzlichkeit
-auch anstößiges Tonzeichen, und zwar vermöge einer
-allgemein sich aufdrängenden Ideenverbindung, die an den
-jüngsten Vortrag Dr. Krokowskis anknüpfte. Der Analytiker
-war nämlich bei seinen Ausführungen über die Liebe als krankheitbildende
-Macht gerade am letzten Montag auf die Fallsucht
-zu reden gekommen und hatte dies Leiden, worin die
-Menschheit in voranalytischen Zeiten abwechselnd eine heilige,
-ja prophetische Heimsuchung und eine Teufelsbesessenheit gesehen,
-mit halb poetischen, halb unerbittlich wissenschaftlichen
-Worten als Äquivalent der Liebe und Orgasmus des Gehirns
-angesprochen, kurz, es in einem solchen Sinne verdächtigt, daß
-seine Zuhörer die Aufführung des Lehrers Popów, diese Illustration
-<a id="page-505" class="pagenum" title="505"></a>
-des Vortrags, als wüste Offenbarung und mysteriösen
-Skandal verstehen mußten, so daß denn auch in dem
-verhüllten Entfliehen der Damen eine gewisse Schamhaftigkeit
-sich ausdrückte. Der Hofrat selbst war bei der Mahlzeit
-zugegen, und er war es, der, zusammen mit der Mylendonk
-und einigen jungen, handfesten Tafelgenossen, den Ekstatiker,
-blau, schäumend, steif und verzerrt, wie er war, aus dem Saal
-in die Halle schaffte, wo man die Ärzte, die Oberin und anderes
-Personal noch längere Zeit an dem Sinnlosen hantieren sah,
-der dann auf einer Bahre davongetragen wurde. Ganz kurze
-Zeit danach aber sah man Herrn Popów stillvergnügt, in
-Gesellschaft seiner ebenfalls stillvergnügten Braut, wieder am
-Guten Russentisch sitzen und, als sei nichts geschehen, sein Mittagessen
-beenden!
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp hatte dem Ereignis mit den äußeren Zeichen
-respektvollen Schreckens beigewohnt, im Grunde aber mutete
-auch dies ihn nicht ernst an, Gott mochte ihm helfen. Popów
-hätte an seinem Fischbissen freilich ersticken können, aber in
-Wirklichkeit war er ja nicht erstickt, sondern hatte, bei aller bewußtlosen
-Wut und Lustbarkeit, im Stillsten wohl dennoch
-ein wenig achtgegeben. Nun saß er heiter, aß fertig und tat,
-als habe er sich nie wie ein Berserker und rasender Trunkenbold
-benommen, erinnerte sich gewiß auch nicht daran. Auch
-seine Erscheinung aber war nicht danach angetan, Hans Castorps
-Ehrfurcht vor dem Leiden zu stärken; auch sie, in ihrer
-Art, vermehrte die Eindrücke unernster Liederlichkeit, denen er
-sich widerstrebend hier oben ausgesetzt fand, und denen er durch
-eine den herrschenden Sitten widersprechende nähere Beschäftigung
-mit den Schweren und Moribunden entgegenzuwirken
-wünschte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-506" class="pagenum" title="506"></a>
-Auf der Etage der Vettern, nicht weit von ihren Zimmern,
-lag ein ganz junges Mädchen, Leila Gerngroß mit Namen,
-die den Mitteilungen Schwester Alfredas zufolge im Begriffe
-war, zu sterben. Sie hatte binnen zehn Tagen vier heftige
-Blutungen erlitten, und ihre Eltern waren heraufgekommen,
-um sie vielleicht noch lebend heimzubringen; doch schien das
-nicht angängig: der Hofrat verneinte die Transportfähigkeit
-der armen kleinen Gerngroß. Sie war sechzehn-, siebzehnjährig.
-Hans Castorp sah hier die rechte Gelegenheit, seinen Plan mit
-dem Blumentopf und den Genesungswünschen zu verwirklichen.
-Zwar hatte Leila jetzt nicht Geburtstag, würde diesen
-auch, menschlicher Voraussicht nach, nicht mehr erleben, da
-er, wie Hans Castorp ausgekundschaftet, erst in das Frühjahr
-fiel; doch brauchte das seiner Entscheidung nach kein Hindernis
-für eine solche barmherzige Huldigung zu sein. Auf einem
-Mittagsgange in die Gegend des Kurhauses trat er mit seinem
-Vetter in einen Blumenladen, dessen erdig-feuchte und duftüberladene
-Atmosphäre er mit bewegter Brust einatmete, und
-erstand einen hübschen Hortensienstock, den er ohne Namensnennung,
-mit einer Karte, auf der nur „Von zwei Hausgenossen,
-mit besten Genesungswünschen“ geschrieben stand, der
-kleinen Moribunden aufs Zimmer zu schicken Weisung gab.
-Er handelte freudig, angenehm benommen vom Pflanzenbrodem,
-der lauen Wärme des Ortes, die nach der Außenkälte
-seine Augen tränen ließ, mit klopfendem Herzen und einem
-Gefühl der Abenteuerlichkeit, Kühnheit, Förderlichkeit seines
-unscheinbaren Unternehmens, dem er insgeheim eine symbolische
-Tragweite beimaß.
-</p>
-
-<p>
-Leila Gerngroß genoß keine Privatpflege, sondern unterstand
-unmittelbar der Fürsorge Fräulein von Mylendonks
-<a id="page-507" class="pagenum" title="507"></a>
-und der Ärzte; aber Schwester Alfreda ging bei ihr aus und
-ein, und sie erstattete den jungen Leuten Bericht über die Wirkung
-ihrer Aufmerksamkeit. Die Kleine, in der aussichtslosen
-Beschränktheit ihres Zustandes, hatte sich kindisch gefreut über
-den fremden Gruß. Die Pflanze stand an ihrem Bett, sie liebkoste
-sie mit Blicken und Händen, sorgte, daß man sie begoß,
-und hing selbst noch bei den schlimmsten Hustenanfällen, die
-sie heimsuchten, mit ihren gequälten Augen an ihr. Ihre
-Eltern, Major außer Diensten Gerngroß und Frau, waren
-ebenfalls gerührt und erfreut gewesen, und da sie, ohne jede
-Bekanntschaft im Hause, die Geber zu erraten nicht einmal versuchen
-konnten, so hatte die Schildknecht, wie sie gestand, sich
-nicht enthalten können, die Anonymität zu lüften und die Vettern
-als Spender namhaft zu machen. Sie überbrachte ihnen
-die Bitte der drei Gerngroß um Vorstellung und Dankesentgegennahme,
-und so traten die beiden denn übernächsten
-Tages, von der Diakonissin geführt, auf Zehenspitzen in Leilas
-Leidenskammer ein.
-</p>
-
-<p>
-Die Sterbende war ein überaus liebreizendes blondes Geschöpf
-mit genau vergißmeinnichtblauen Augen, das trotz
-furchtbarer Blutverluste und einer Atmung, die nur vermittelst
-eines ganz unzulänglichen Restbestandes von tauglichem Lungengewebe
-geschah, einen zwar zarten, aber eigentlich nicht
-elenden Anblick bot. Sie dankte und plauderte mit etwas tonarmer,
-aber angenehmer Stimme. Ein rosiger Schein erstand
-auf ihren Wangen und verharrte dort. Hans Castorp, der
-gegen die anwesenden Eltern und sie seine Handlungsweise
-so erläutert, wie man es erwartete, und sich gewissermaßen
-entschuldigt hatte, sprach gedämpft und bewegt, mit zärtlicher
-Ehrerbietung. Es fehlte nicht viel – der innere Antrieb dazu
-<a id="page-508" class="pagenum" title="508"></a>
-war jedenfalls vorhanden –, daß er sich vor dem Bett auf
-ein Knie niedergelassen hätte, und lange hielt er Leilas Hand
-in der seinen fest, obgleich dies heiße Händchen nicht nur feucht,
-sondern geradezu naß war, denn des Kindes Schweißsekretion
-war übermäßig; beständig verausgabte sie so viel Wasser, daß
-ihr Fleisch schon längst hätte eingeschnurrt und vertrocknet
-sein müssen, wenn nicht der gierigste Konsum von Limonade,
-von der auch eine Karaffe voll auf ihrem Nachttische stand,
-der Transsudation ungefähr die Wage gehalten hätte. Die
-Eltern, gramvoll, wie sie waren, hielten mit Erkundigungen
-über die persönlichen Umstände der Vettern und anderen konversationellen
-Mitteln die kurze Unterhaltung nach menschlicher
-Gesittung aufrecht. Der Major war ein breitschultriger
-Mann mit niedriger Stirn und gesträubtem Schnurrbart, –
-ein Hüne, dessen organische Unschuld an der Disposition und
-Aufnahmelustigkeit des Töchterchens in die Augen stach.
-Schuld daran war offensichtlich vielmehr seine Frau, eine kleine
-Person von entschieden phthisischem Typus, deren Gewissen
-denn auch dieser Mitgift wegen belastet schien. Als nämlich
-Leila nach zehn Minuten Ermüdungs- oder vielmehr Überreizungszeichen
-gab (das Rosenrot ihrer Wangen erhöhte sich,
-während ihre Vergißmeinnichtaugen beunruhigend glänzten),
-und die Vettern, von Schwester Alfreda mit den Blicken dazu
-gemahnt, sich verabschiedeten, geleitete Frau Gerngroß sie bis
-vor die Tür und erging sich dabei in Selbstanklagen, die Hans
-Castorp sonderbar ergriffen. Von ihr, von ihr allein komme
-es, versicherte sie zerknirscht; von ihr nur könne das arme Kind
-es haben, ihr Mann sei völlig unbeteiligt daran, habe nicht
-das geringste damit zu tun. Aber auch sie, könne sie versichern,
-habe nur ganz vorübergehend damit zu tun gehabt, nur ein
-<a id="page-509" class="pagenum" title="509"></a>
-bißchen und obenhin, ganz kurze Zeit, als junges Mädchen.
-Dann habe sie es überwunden, ganz und gar, wie ihr bezeugt
-worden sei, denn sie habe heiraten wollen, so gern heiraten
-und leben, und es sei ihr gelungen, ganz ausgeheilt und genesen
-sei sie in die Ehe getreten mit ihrem lieben, baumstarken
-Mann, der seinerseits nie auch nur entfernt an solche Geschichten
-gedacht habe. Aber so rein und stark er sei, – er habe das
-Unglück doch nicht verhindern können mit seinem Einfluß.
-Denn bei dem Kinde, da sei das Schreckliche, das Begrabene
-und Vergessene wieder zum Vorschein gekommen, und es
-werde nicht fertig damit, es gehe zugrunde daran, während
-sie, die Mutter, darüber hinweggekommen und in ein gefestetes
-Alter getreten sei, – es sterbe, das arme, liebe Ding, die Ärzte
-gäben keine Hoffnung mehr, und sie allein sei schuld daran
-mit ihrem Vorleben.
-</p>
-
-<p>
-Die jungen Leute suchten sie zu trösten, machten Worte über
-die Möglichkeit einer glücklichen Wendung. Aber die Majorin
-schluchzte nur auf und dankte ihnen jedenfalls nochmals für
-alles, für die Hortensie und dafür, daß sie das Kind durch
-ihren Besuch noch ein wenig zerstreut und beglückt. Da läge
-die Ärmste in ihrer Qual und Einsamkeit, während andere
-junge Dinger sich ihres Lebens freuten und mit hübschen jungen
-Herren tanzten, wozu die Krankheit doch keineswegs die Lust
-ertöte. Sie hätten ihr ein wenig Sonnenschein gebracht, mein
-Gott, wohl den letzten. Die Hortensie sei wie ein Ballerfolg
-und das Geplauder mit den beiden stattlichen Kavalieren wie
-ein netter kleiner Flirt für sie gewesen, das habe sie, Mutter
-Gerngroß, wohl gesehen.
-</p>
-
-<p>
-Hiervon war Hans Castorp nun peinlich berührt, besonders
-da die Majorin das Wort „Flirt“ obendrein nicht richtig, das
-<a id="page-510" class="pagenum" title="510"></a>
-heißt nicht englisch, sondern mit deutschem i ausgesprochen
-hatte, was ihn maßlos irritierte. Auch war er kein stattlicher
-Kavalier, sondern hatte die kleine Leila aus Protest gegen
-den herrschenden Egoismus und in medizinisch-geistlicher
-Meinung besucht. Kurz, er war etwas verstimmt über den
-letzten Ausgang der Sache, soweit die Auffassung der Majorin
-in Frage kam, sonst aber sehr belebt und angetan von der
-Durchführung des Unternehmens. Namentlich zwei Eindrücke:
-die erdigen Düfte des Blumenladens und die Nässe
-von Leilas Händchen waren ihm davon in Seele und Sinn
-zurückgeblieben. Und da ein Anfang gemacht war, verabredete
-er noch gleichen Tages mit Schwester Alfreda einen
-Besuch bei ihrem Pflegling Fritz Rotbein, der sich nebst seiner
-Pflegerin so schrecklich langweilte, obgleich ihm, wenn nicht
-alle Zeichen trogen, nur noch eine ganz kurze Weile beschieden
-war.
-</p>
-
-<p>
-Es half dem guten Joachim nichts, er mußte mithalten.
-Hans Castorps Antrieb und charitativer Unternehmungsgeist
-war stärker als seines Vetters Abneigung, welche dieser höchstens
-durch Schweigen und Niederschlagen der Augen geltend
-machen konnte, da er sie, ohne Mangel an Christentum zu
-bekunden, nicht zu begründen gewußt hätte. Hans Castorp
-sah das sehr wohl und zog seinen Nutzen daraus. Er verstand
-auch genau den militärischen Sinn dieser Unlust. Aber wenn
-er selbst sich nun doch belebt und beglückt fühlte durch solche
-Unternehmungen, und wenn sie ihm förderlich schienen?
-Dann mußte er über Joachims stillen Widerstand eben hinwegschreiten.
-Er erwog mit ihm, ob man auch dem jungen
-Fritz Rotbein Blumen schicken oder bringen könne, obgleich
-dieser Moribundus männlichen Geschlechtes war. Er wünschte
-<a id="page-511" class="pagenum" title="511"></a>
-sehr, es zu tun; Blumen, fand er, gehörten dazu; der Streich
-mit der Hortensie, die violett und wohlgeformt gewesen war,
-hatte ihm ausnehmend gefallen; und so entschied er denn, daß
-Rotbeins Geschlecht durch seinen finalen Zustand ausgeglichen
-werde, und daß er, um Blumenspenden entgegenzunehmen,
-auch nicht Geburtstag zu haben brauche, da Sterbende ohne
-weiteres und in Permanenz wie Geburtstagskinder zu behandeln
-seien. So gesonnen, suchte er mit dem Vetter denn
-wieder die erdig-warme Duftatmosphäre des Blumengeschäftes
-auf und trat bei Herrn Rotbein mit einem frisch besprengten
-und duftenden Rosen-, Nelken- und Levkoiengebinde
-ein, geführt von Alfreda Schildknecht, die die jungen Leute
-gemeldet hatte.
-</p>
-
-<p>
-Der Schwerkranke, kaum zwanzigjährig und dabei schon
-etwas kahl und grau auf dem Kopf, wächsern und abgezehrt,
-mit großen Händen, großer Nase und großen Ohren, zeigte
-sich zu Tränen dankbar für Zuspruch und Zerstreuung, –
-wirklich weinte er aus Schwäche etwas, als er die beiden begrüßte
-und das Bukett entgegennahm, kam dann aber, im
-Anschluß an dieses, sofort, wenn auch nur mit fast flüsternder
-Stimme, auf den europäischen Blumenhandel und seine immer
-noch zunehmende Schwunghaftigkeit zu sprechen, auf den gewaltigen
-Export der Gärtnereien von Nizza und Cannes, die
-Waggonladungen und Postsendungen, die von diesen Orten
-täglich nach allen Seiten ausgingen, auf die Engrosmärkte
-von Paris und Berlin und die Versorgung Rußlands. Denn
-er war Kaufmann, und in dieser Richtung lagen seine Interessen,
-solange er eben am Leben war. Sein Vater, der Koburger
-Puppenfabrikant, hatte ihn zu seiner Ausbildung nach
-England geschickt, so flüsterte er, und dort war er erkrankt.
-<a id="page-512" class="pagenum" title="512"></a>
-Man hatte aber sein fiebriges Leiden als typhös betrachtet
-und dementsprechend behandelt, das hieß: ihn auf Wassersuppendiät
-gesetzt, wodurch er so sehr heruntergekommen sei.
-Hier oben habe er essen dürfen, und er habe es getan: im
-Schweiße seines Angesichts habe er im Bette gesessen und sich
-zu nähren gesucht. Allein es sei zu spät gewesen, sein Darm
-sei leider in Mitleidenschaft gezogen, vergebens schicke man ihm
-von zu Hause Zunge und Spickaal, er vertrage nichts mehr.
-Nun sei sein Vater im Anreisen von Koburg, von Behrens
-telegraphisch berufen. Denn es solle ja nun ein entscheidender
-Eingriff, die Rippenresektion, bei ihm vorgenommen werden,
-man wolle es jedenfalls damit versuchen, obgleich die Chancen
-verschwindend seien. Rotbein flüsterte sehr sachlich hierüber
-und nahm auch die Frage der Operation durchaus von der geschäftlichen
-Seite, – solange er eben lebte, würde er die Dinge
-unter diesem Gesichtswinkel betrachten. Der Kostenpunkt,
-flüsterte er, sei, die Rückenmarksanästhesie mit eingerechnet,
-auf tausend Franken fixiert, denn so gut wie der ganze Brustkorb
-käme in Betracht, sechs bis acht Rippen, und es frage
-sich nun, ob das eine irgendwie lohnende Anlage sein werde.
-Behrens rede ihm zu, aber sein Interesse sei eindeutig, während
-das seine zweifelhaft scheine und man nicht wissen könne, ob
-er nicht klüger täte, ruhig mit seinen Rippen zu sterben.
-</p>
-
-<p>
-Es war schwer, ihm zu raten. Die Vettern meinten, man
-müsse die hervorragende chirurgische Geschicklichkeit des Hofrats
-bei der Kalkulation in Anschlag bringen. Man kam
-überein, die Meinung des im Anrollen begriffenen alten Rotbein
-den Ausschlag geben zu lassen. Bei der Verabschiedung
-weinte der junge Fritz wieder etwas, und obgleich es nur aus
-Schwäche geschah, standen die Tränen, die er vergoß, in
-<a id="page-513" class="pagenum" title="513"></a>
-sonderbarem Gegensatz zu der trockenen Sachlichkeit seiner
-Denk- und Sprechweise. Er bat, die Herren möchten den Besuch
-wiederholen, und sie versprachen es bereitwillig, kamen
-aber nicht mehr dazu. Denn da abends der Puppenfabrikant
-eingetroffen, war man am nächsten Vormittag zur Operation
-geschritten, nach welcher der junge Fritz nicht mehr empfangsfähig
-gewesen war. Und zwei Tage später sah Hans Castorp
-im Vorbeigehen mit Joachim, daß in dem Rotbeinschen
-Zimmer gestöbert wurde. Schwester Alfreda hatte mit ihrem
-Köfferchen Haus Berghof schon verlassen, da sie eilig zu einem
-anderen Moribundus in einer anderen Anstalt bestellt worden
-war, und seufzend, ihr Kneiferband hinter dem Ohr, hatte sie
-sich zu ihm begeben, da dies eben die Perspektive war, die sich
-ihr einzig eröffnete.
-</p>
-
-<p>
-Ein „verlassenes“, ein freigewordenes Zimmer, worin bei
-aufeinander getürmten Möbeln und offener Doppeltür gestöbert
-wurde, wie man bemerkte, wenn man auf dem Weg
-in den Speisesaal oder ins Freie daran vorüberkam, – war
-ein vielsagender, dabei aber so gewohnter Anblick, daß er einem
-kaum noch viel sagte, besonders wenn man selbst, seinerzeit,
-von einem soeben auf solche Art „freigewordenen“ und gestöberten
-Zimmer Besitz ergriffen hatte und darin heimisch
-geworden war. Zuweilen wußte man, wer auf der betreffenden
-Nummer gewohnt hatte, was dann immerhin zu denken
-gab: so diesmal und so auch acht Tage später, als Hans
-Castorp im Vorbeigehen das Zimmer der kleinen Gerngroß
-in demselben Zustand erblickte. In diesem Fall sträubte sein
-Verständnis sich beim ersten Augenschein gegen den Sinn der
-dort drinnen herrschenden Geschäftigkeit. Er stand und schaute,
-versonnen und betroffen, als eben der Hofrat des Weges kam.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-514" class="pagenum" title="514"></a>
-„Ich stehe hier und sehe stöbern“, sagte Hans Castorp.
-„Guten Tag, Herr Hofrat. Die kleine Leila ...“
-</p>
-
-<p>
-„Tja –“, antwortete Behrens und zuckte die Achseln. Nach
-einem Silentium, währenddessen diese Gebärde sich auswirkte,
-setzte er hinzu:
-</p>
-
-<p>
-„Sie haben ihr ja schnell vor Torschluß noch ganz regulär
-den Hof gemacht? Gefällt mir von Ihnen, daß Sie sich
-meiner Lungenpfeiferchen in ihren Käfigen ein bißchen annehmen,
-relativ rüstig wie Sie persönlich sind. Hübscher Zug
-Ihrerseits, nee, nee, lassen wir das mal seine Richtigkeit haben,
-daß es ein ganz hübscher Zug ist in Ihrem Charakterbild.
-Soll ich Sie gelegentlich ein bißchen einführen dann und
-wann? Ich habe da noch allerlei Zeisige sitzen, – wenn es
-Sie interessiert. Jetzt gehe ich zum Beispiel auf einen Sprung
-zu meiner ‚Überfüllten‘. Kommen Sie mit? Ich stelle Sie
-einfach als teilnehmenden Leidensgenossen vor.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp sagte, der Hofrat habe ihm das Wort vom
-Munde genommen und ihm genau das angeboten, um was
-er ihn eben habe bitten wollen. Dankbar mache er Gebrauch
-von der Erlaubnis und schließe sich an. Aber wer das denn
-sei, die „Überfüllte“, und wie er den Namen verstehen solle.
-</p>
-
-<p>
-„Wörtlich“, sagte der Hofrat. „Ganz präzise und unmetaphorisch.
-Lassen Sie sichs von ihr selber erzählen.“ Mit
-wenigen Schritten waren sie am Zimmer der „Überfüllten“.
-Der Hofrat drang durch die Doppeltür, indem er seinem Begleiter
-zu warten befahl. Kurzatmig bedrängtes, aber helles
-und lustiges Lachen und Sprechen klang bei Behrens’ Eintritt
-aus dem Zimmer und ward dann abgesperrt. Aber auch dem
-teilnehmenden Besucher klang es wieder entgegen, als ihm
-einige Minuten später Einlaß gewährt wurde und Behrens
-<a id="page-515" class="pagenum" title="515"></a>
-ihn der im Bette liegenden blonden Dame vorstellte, die ihn aus
-blauen Augen neugierig betrachtete, – Kissen im Rücken, lag sie
-halb sitzend, in Unruhe, und lachte beständig perlend, ganz hoch
-und silberhell, indem sie nach Atem rang, erregt und gekitzelt,
-wie es schien, von ihrer Beklemmung. Auch über des Hofrats
-Redensarten lachte sie wohl, womit er ihr den Besucher präsentierte,
-rief dem Abgehenden vielmals Adieu und Schönen Dank
-und Auf Wiedersehn nach, indem sie mit der Hand hinter ihm
-drein winkte, seufzte klingend, lachte silberne Läufe, stemmte die
-Hände gegen die unter dem Batisthemd wogende Brust und
-konnte die Beine nicht ruhig halten. Sie hieß Frau Zimmermann.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp kannte sie flüchtig von Ansehen. Sie hatte
-einige Wochen lang am Tisch der Salomon und des gefräßigen
-Schülers gesessen und immer viel gelacht. Dann war
-sie verschwunden, ohne daß der junge Mann sich weiter darum
-gekümmert hätte. Sie mochte abgereist sein, hatte er gemeint,
-soweit er sich eine Meinung über ihr Unsichtbarwerden gebildet
-hatte. Nun fand er sie hier, unter dem Namen der
-„Überfüllten“, auf dessen Erklärung er wartete.
-</p>
-
-<p>
-„Hahahaha“, perlte sie gekitzelt, mit fliegender Brust.
-„Furchtbar komischer Mann, dieser Behrens, fabelhaft komischer
-und amüsanter Mann, zum Schief- und Kranklachen.
-Setzen Sie sich doch, Herr Kasten, Herr Carsten, oder wie Sie
-heißen, Sie heißen so komisch, ha, ha, hi, hi, entschuldigen Sie!
-Setzen Sie sich auf den Stuhl da zu meinen Füßen, aber
-erlauben Sie, daß ich strample, ich kann es – ha...a“, seufzte
-sie offenen Mundes und perlte dann wieder, „ich kann es unmöglich
-lassen.“
-</p>
-
-<p>
-Sie war nahezu hübsch, hatte klare, etwas zu ausgeprägte,
-aber angenehme Züge und ein kleines Doppelkinn. Aber ihre
-<a id="page-516" class="pagenum" title="516"></a>
-Lippen waren bläulich, und auch die Nasenspitze wies diese
-Tönung auf, zweifellos infolge Luftmangels. Ihre Hände,
-die von sympathischer Magerkeit waren, und die die Spitzenmanschetten
-des Nachthemdes gut kleideten, vermochten sich
-ebensowenig ruhig zu halten wie die Füße. Ihr Hals war
-mädchenhaft, mit „Salzfässern“ über den zarten Schlüsselbeinen,
-und auch die Brust, unter dem Linnen von Gelächter
-und Atemnot in unruhig knapper und ringender Bewegung
-gehalten, schien zart und jung. Hans Castorp beschloß, auch
-ihr schöne Blumen zu schicken oder zu bringen, aus den Exportgärtnereien
-von Nizza und Cannes, besprengte und duftende.
-Mit einiger Besorgnis stimmte er in Frau Zimmermanns
-fliegende und bedrängte Heiterkeit ein.
-</p>
-
-<p>
-„Und Sie besuchen hier also die Hochgradigen?“ fragte
-sie. „Wie amüsant und freundlich von Ihnen, ha, ha, ha, ha!
-Denken Sie aber, ich bin gar nicht hochgradig, das heißt, ich
-war es eigentlich gar nicht, noch bis vor kurzem, nicht im geringsten
-... Bis mir neulich diese Geschichte ... Hören Sie
-nur, ob es nicht das Komischste ist, was Ihnen in Ihrem
-ganzen Leben ...“ Und nach Luft ringend, unter Tirili und
-Trillern, erzählte sie ihm, was ihr zugestoßen war.
-</p>
-
-<p>
-Ein wenig krank war sie heraufgekommen, – krank immerhin,
-denn sonst wäre sie nicht gekommen, nicht <em>ganz</em> leicht
-vielleicht sogar, aber eher leicht als schwer. Der Pneumothorax,
-diese noch junge und rasch zu großer Beliebtheit gelangte
-Errungenschaft der chirurgischen Technik, hatte sich auch
-in ihrem Falle glänzend bewährt. Der Eingriff war vollkommen
-gelungen, Frau Zimmermanns Zustand und Befinden
-machte die erfreulichsten Fortschritte, ihr Mann – denn sie
-war verheiratet, wenn auch kinderlos – durfte sie in drei bis
-<a id="page-517" class="pagenum" title="517"></a>
-vier Monaten zurückerwarten. Da machte sie, um sich zu
-amüsieren, einen Ausflug nach Zürich, – es lag kein anderer
-Grund vor für diese Reise als der des Amüsements. Sie hatte
-sich auch amüsiert nach Herzenslust, war aber dabei der Notwendigkeit
-innegeworden, sich auffüllen zu lassen und hatte
-mit diesem Geschäft einen dortigen Arzt betraut. Ein netter,
-komischer junger Mensch, hahaha, hahaha, aber was war
-geschehen? Er hatte sie überfüllt! Es gab keine andere Bezeichnung
-dafür, das Wort sagte alles. Er hatte es zu gut
-mit ihr gemeint, hatte die Sache wohl nicht so recht verstanden,
-und kurz und gut: in überfülltem Zustande, das heißt unter
-Herzbeklemmungen und Atemnot – ha! hihihi – war sie hier
-oben wieder eingetroffen und von Behrens, der mordsmäßig
-gewettert hatte, sofort ins Bett gesteckt worden. Denn nun
-sei sie schwerkrank, – nicht hochgradig eigentlich, aber verpfuscht,
-verpatzt, – hahaha, sein Gesicht, was er denn für ein
-komisches Gesicht mache? Und sie lachte, indem sie mit dem
-Finger hineindeutete, so sehr über dies Gesicht, daß nun auch
-ihre Stirn sich blau zu färben begann. Aber am allerkomischsten,
-sagte sie, sei Behrens mit seinem Gewetter und seiner Grobheit,
-– schon im voraus habe sie darüber lachen müssen, als sie
-gemerkt habe, daß sie überfüllt sei. „Sie schweben in absoluter
-Lebensgefahr“, habe er sie angeschrien ohne Umschweife und
-Einkleidung, so ein Bär, hahaha, hihihi, entschuldigen Sie.
-</p>
-
-<p>
-Es blieb zweifelhaft, in welchem Sinn sie über des Hofrats
-Erklärung so perlend lachte, – ob nur ihrer „Grobheit“ wegen
-und weil sie nicht daran glaubte, oder obgleich sie daran
-glaubte – denn das mußte sie doch wohl tun –, aber die
-Sache selbst, das heißt die Lebensgefahr, in der sie schwebte,
-eben nur furchtbar komisch fand. Hans Castorp hatte den
-<a id="page-518" class="pagenum" title="518"></a>
-Eindruck, daß dies letztere zutreffe, und daß sie wirklich nur aus
-kindischem Leichtsinn und dem Unverstand ihres Vogelhirns
-perle, trillere und tiriliere, was er mißbilligte. Trotzdem schickte
-er ihr Blumen, sah aber auch die lachlustige Frau Zimmermann
-nicht wieder. Denn nachdem sie noch einige Tage lang
-unter Sauerstoff gehalten worden, war sie im Arm ihres telegraphisch
-herbeigerufenen Gatten denn richtig gestorben, –
-eine Gans in Folio, wie der Hofrat, von dem Hans Castorp
-es hörte, von sich aus hinzufügte.
-</p>
-
-<p>
-Aber schon vorher hatte Hans Castorps teilnehmender
-Unternehmungsgeist mit Hilfe des Hofrats und des Pflegepersonals
-weitere Beziehungen zu den Schwerkranken des
-Hauses angeknüpft, und Joachim mußte mit. Er mußte mit
-zu dem Sohne von „<span class="antiqua" lang="fr">Tous les deux</span>“, dem zweiten, der noch
-übrig war, nachdem bei dem anderen nebenan schon längst
-gestöbert und mit <span class="ss">H₂CO</span> geräuchert worden. Ferner zu dem
-Knaben Teddy, der kürzlich aus dem „Fridericianum“ genannten
-Erziehungsinstitut, für das sein Fall zu schwer gewesen,
-heraufgekommen war. Ferner zu dem deutsch-russischen
-Versicherungsbeamten Anton Karlowitsch Ferge, einem gutmütigen
-Dulder. Ferner zu der unglückseligen und dabei so
-gefallsüchtigen Frau von Mallinckrodt, die ebenfalls Blumen
-bekam wie die Vorgenannten, und die von Hans Castorp in
-Joachims Gegenwart sogar mehrmals mit Brei gefüttert
-wurde ... Nachgerade gelangten sie in den Ruf von Samaritern
-und barmherzigen Brüdern. Auch redete Settembrini
-Hans Castorp eines Tages in diesem Sinne an.
-</p>
-
-<p>
-„Sapperlot, Ingenieur, ich höre Auffälliges von Ihrem
-Wandel. Sie haben sich auf die Mildtätigkeit geworfen?
-Sie suchen Rechtfertigung durch gute Werke?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-519" class="pagenum" title="519"></a>
-„Nicht der Rede wert, Herr Settembrini. Gar nichts dabei,
-wovon es lohnte, Aufhebens zu machen. Mein Vetter
-und ich ...“
-</p>
-
-<p>
-„Aber lassen Sie doch Ihren Vetter aus dem Spiel! Man
-hat es mit Ihnen zu tun, wenn Sie beide von sich reden
-machen, das ist gewiß. Der Leutnant ist eine respektable, aber
-einfache und geistig unbedrohte Natur, die dem Erzieher wenig
-Unruhe verursacht. Sie werden mich an seine Führerschaft
-nicht glauben machen. Der Bedeutendere, aber auch der Gefährdetere
-sind Sie. Sie sind, wenn ich mich so ausdrücken darf,
-ein Sorgenkind des Lebens, – man muß sich um Sie kümmern.
-Übrigens haben Sie mir erlaubt, mich um Sie zu kümmern.“
-</p>
-
-<p>
-„Gewiß, Herr Settembrini. Ein für allemal. Sehr freundlich
-von Ihnen. Und ‚Sorgenkind des Lebens‘ ist hübsch.
-Worauf so ein Schriftsteller nicht gleich verfällt! Ich weiß
-nicht recht, ob ich mir etwas einbilden soll auf diesen Titel,
-aber hübsch klingt er, das muß ich sagen. Ja, und ich gebe
-mich nun also ein bißchen mit den ‚Kindern des Todes‘ ab,
-das ist es ja wohl, was Sie meinen. Ich sehe mich hie und
-da, wenn ich Zeit habe, ganz nebenbei, der Kurdienst leidet so
-gut wie gar nicht darunter, nach den Schweren und Ernsten
-um, verstehen Sie, die nicht zu ihrem Amüsement hier sind und
-es liederlich treiben, sondern die sterben.“
-</p>
-
-<p>
-„Es steht jedoch geschrieben: Laßt die Toten ihre Toten begraben“,
-sagte der Italiener.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp hob die Arme und drückte mit seiner Miene
-aus, daß gar so manches geschrieben stehe, dies und auch
-wieder jenes, so daß es schwer sei, das Rechte herauszufinden
-und es zu befolgen. Selbstverständlich hatte der Drehorgelmann
-einen störenden Gesichtspunkt geltend gemacht, das war
-<a id="page-520" class="pagenum" title="520"></a>
-zu erwarten gewesen. Aber wenn auch Hans Castorp nach
-wie vor bereit war, ihm ein Ohr zu leihen, seine Lehren unverbindlicherweise
-hörenswert zu finden und sich zum Versuche
-pädagogisch beeinflussen zu lassen, so war er doch weit entfernt,
-um irgendwelcher erzieherischer Gesichtspunkte willen auf
-Unternehmungen zu verzichten, die ihm, trotz Mutter Gerngroß
-und ihrer Redensart vom „netten kleinen Flirt“, trotz
-auch dem nüchternen Wesen des armen Rotbein und dem
-törichten Tirili der Überfüllten, noch immer auf unbestimmte
-Art förderlich und von bedeutender Tragweite erschienen.
-</p>
-
-<p>
-Der Sohn <span class="antiqua" lang="fr">Tous-les-deux’</span> hieß Lauro. Er hatte Blumen
-erhalten, erdig duftende Nizzaveilchen, „von zwei teilnehmenden
-Hausgenossen, mit besten Genesungswünschen“, und da
-die Anonymität zur reinen Formsache geworden war und jedermann
-wußte, von wem diese Spenden ausgingen, so redete
-<span class="antiqua" lang="fr">Tous-les-deux</span> selbst, die schwarzbleiche Mutter aus Mexiko,
-bei einer Begegnung auf dem Korridor die Vettern dankend
-an, indem sie sie mit rasselnden Worten, hauptsächlich aber
-durch ein gramvoll einladendes Gebärdenspiel aufforderte, den
-Dank ihres Sohnes – <span class="antiqua" lang="fr">de son seul et dernier fils qui allait
-mourir aussi</span> – persönlich entgegenzunehmen. Das geschah
-auf der Stelle. Lauro erwies sich als ein erstaunlich schöner
-junger Mann mit Glutaugen, einer Adlernase, deren Nüstern
-flogen, und prachtvollen Lippen, über denen ein schwarzes
-Schnurrbärtchen sproßte, – zeigte dabei aber ein so prahlerisch-dramatisches
-Gebaren, daß die Besucher, Hans Castorp wirklich
-nicht weniger als Joachim Ziemßen, froh waren, als sich
-die Tür des Krankenzimmers wieder hinter ihnen schloß. Denn
-während <span class="antiqua" lang="fr">Tous-les-deux</span> in ihrem schwarzen Kaschmirtuch,
-den schwarzen Schleier unter dem Kinn geknotet, Querfalten
-<a id="page-521" class="pagenum" title="521"></a>
-auf ihrer engen Stirn und ungeheure Hautsäcke unter ihren
-jettschwarzen Augen, mit krummen Knien wandernd den Raum
-durchmaß, den einen Winkel ihres großen Mundes harmvoll
-tief hinabhängen ließ und dann und wann sich den am Bette
-Sitzenden näherte, um ihren tragischen Papageienspruch zu
-wiederholen: „<span class="antiqua" lang="fr">Tous les dé, vous comprenez, messiés ...
-Premièrement l’un et maintenant l’autre</span>“ – erging sich der
-schöne Lauro, ebenfalls auf französisch, in rollenden, rasselnden
-und unerträglich hochtrabenden Redereien, des Inhalts,
-daß er wie ein Held zu sterben gedenke, <span class="antiqua" lang="fr">comme héros, à
-l’espagnol</span>, gleich seinem Bruder, <span class="antiqua" lang="fr">de même que son fier
-jeune frère Fernando</span>, der ebenfalls wie ein spanischer Held
-gestorben sei, – gestikulierte, riß sich das Hemd auf, um den
-Streichen des Todes die gelbe Brust zu bieten, und betrug sich
-so fort, bis ein Hustenanfall, der ihm dünnen, rosafarbenen
-Schaum auf die Lippen trieb, seine Rodomontaden erstickte
-und die Vettern veranlaßte, auf den Zehenspitzen hinauszugehen.
-</p>
-
-<p>
-Sie sprachen nicht weiter über den Besuch bei Lauro, und
-auch im stillen, jeder für sich, enthielten sie sich des Urteils über
-sein Gehaben. Besser aber gefiel es allen beiden bei Anton
-Karlowitsch Ferge aus Petersburg, der mit seinem großen gutmütigen
-Schnurrbart und seinem ebenfalls mit gutmütigem
-Ausdruck vorragenden Kehlkopf im Bette lag und sich nur
-langsam und schwer von dem Versuch erholte, den Pneumothorax
-bei sich herstellen zu lassen, was ihm, Herrn Ferge,
-um ein Haar auf der Stelle das Leben gekostet hätte. Er
-hatte einen heftigen Chok dabei erlitten, den Pleurachok, als
-Zwischenfall bekannt bei diesem modischen Eingriff. Bei ihm
-aber war der Pleurachok in ausnehmend gefährlicher Form,
-<a id="page-522" class="pagenum" title="522"></a>
-als vollständiger Kollaps und bedenklichste Ohnmacht, mit
-einem Worte so schwer aufgetreten, daß man die Operation
-hatte unterbrechen und vorläufig vertagen müssen.
-</p>
-
-<p>
-Herrn Ferges gutmütige graue Augen erweiterten sich, und
-sein Gesicht wurde fahl, sooft er auf den Vorgang zu sprechen
-kam, der für ihn grauenhaft gewesen sein mußte. „Ohne
-Narkose, meine Herren. Gut, unsereiner verträgt das nicht,
-es verbietet sich in diesem Fall, man begreift und findet sich
-als vernünftiger Mensch in die Sache. Aber das Örtliche
-reicht nicht tief, meine Herren, nur das äußere Fleisch macht
-es stumpf, man spürt, wenn man aufgemacht wird, allerdings
-nur ein Drücken und Quetschen. Ich liege mit zugedecktem
-Gesicht, damit ich nichts sehe, und der Assistent hält mich rechts
-und die Oberin links. Es ist so, als ob ich gedrückt und gequetscht
-würde, das ist das Fleisch, das geöffnet und mit Klammern
-zurückgezwängt wird. Aber da höre ich den Herrn Hofrat
-sagen: ‚So!‘ und in dem Augenblick, meine Herren, fängt
-er an, mit einem stumpfen Instrument – es muß stumpf sein,
-damit es nicht vorzeitig durchsticht – das Rippenfell abzutasten:
-er tastet es ab, um die rechte Stelle zu finden, wo er durchstechen
-und das Gas einlassen kann, und wie er das tut, wie
-er mit dem Instrument auf meinem Rippenfell herumfährt,
-– meine Herren, meine Herren! da war es um mich geschehen,
-es war aus mit mir, es erging mir ganz unbeschreiblich. Das
-Rippenfell, meine Herren, das soll nicht berührt werden, das
-darf und will nicht berührt werden, das ist tabu, das ist mit
-Fleisch zugedeckt, isoliert und unnahbar, ein für allemal. Und
-nun hatte er es bloßgelegt und tastete es ab. Meine Herren,
-da wurde mir übel. Entsetzlich, entsetzlich, meine Herren, – nie
-hätte ich gedacht, daß so ein siebenmal scheußliches und hundsföttisch
-<a id="page-523" class="pagenum" title="523"></a>
-gemeines Gefühl auf Erden und abgesehen von der
-Hölle überhaupt vorkomme! Ich fiel in Ohnmacht, – in drei
-Ohnmachten auf einmal, eine grüne, eine braune und eine
-violette. Außerdem stank es in dieser Ohnmacht, der Pleurachok
-warf sich mir auf den Geruchsinn, meine Herren, es
-roch über alle Maßen nach Schwefelwasserstoff, wie es in der
-Hölle riechen muß, und bei alldem hörte ich mich lachen, während
-ich abschnappte, aber nicht wie ein Mensch lacht, sondern
-das war die unanständigste und ekelhafteste Lache, die ich in
-meinem Leben je gehört habe, denn das Abgetastetwerden des
-Rippenfells, meine Herren, das ist ja, als ob man auf die
-allerinfamste, übertriebenste und unmenschlichste Weise gekitzelt
-würde, so und nicht anders ist es mit dieser verdammten
-Schande und Qual, und das ist der Pleurachok, den der
-liebe Gott Ihnen erspare.“
-</p>
-
-<p>
-Oft und nicht anders als mit fahlem Grauen kam Anton
-Karlowitsch Ferge auf dies „hundsföttische“ Erlebnis zurück
-und ängstigte sich nicht wenig vor seiner Wiederholung. Übrigens
-hatte er sich von vornherein als einen einfachen Menschen
-bekannt, dem alles „Hohe“ vollständig fernliege und an
-den man besondere Ansprüche geistiger und gemütlicher Art
-nicht stellen dürfe, wie auch er solche Ansprüche an niemanden
-stelle. Dies vereinbart, erzählte er gar nicht uninteressant von
-seinem früheren Leben, aus dem die Krankheit ihn dann geworfen,
-dem Leben eines Reisenden im Dienst einer Feuerversicherungsgesellschaft:
-von Petersburg aus hatte er in
-weitläufigen Kreuz- und Querfahrten durch ganz Rußland die
-assekurierten Fabriken besucht und die wirtschaftlich zweifelhaften
-auszukundschaften gehabt; denn es sei statistisch, daß
-in den gerade schlecht gehenden Industrien die meisten Fabrikbrände
-<a id="page-524" class="pagenum" title="524"></a>
-vorkämen. Darum sei er denn ausgesandt worden,
-um unter diesem und jenem Vorwande einen Betrieb zu sondieren
-und seiner Bank Bericht zu erstatten, damit zu rechter
-Zeit durch verstärkte Rückversicherung oder Prämienteilung
-empfindlichem Verlust habe vorgebeugt werden können. Von
-winterlichen Reisen durch das weite Reich erzählte er, von
-Fahrten die Nächte hindurch bei ungeheuerem Frost, im Liegeschlitten,
-unter Schaffelldecken, und wie er erwachend die Augen
-der Wölfe gleich Sternen über dem Schnee habe glühen sehen.
-Gefrorenen Proviant, so Kohlsuppe wie Weißbrot, hatte er
-im Kasten mit sich geführt, die an den Stationen, beim Pferdewechsel,
-zum Genusse aufgetaut worden waren, wobei sich
-das Brot als frisch wie am ersten Tage erwiesen hatte. Und
-schlimm nur, wenn unterwegs plötzlich Tauwetter eingefallen
-war: dann war ihm die in Stücken mitgenommene Kohlsuppe
-ausgelaufen.
-</p>
-
-<p>
-In dieser Weise erzählte Herr Ferge, indem er sich hin und
-wieder seufzend mit der Bemerkung unterbrach, das sei alles
-recht schön, aber wenn nur nicht noch einmal der Versuch mit
-dem Pneumothorax bei ihm gemacht werden müsse. Es war
-nichts Höheres, was er vorbrachte, aber faktischer Natur und
-ganz gut zu hören, besonders für Hans Castorp, dem es förderlich
-schien, vom russischen Reich und seinem Lebensstil zu
-vernehmen, von Samowaren, Piroggen, Kosaken und hölzernen
-Kirchen mit so vielen Zwiebelturmköpfen, daß sie Pilzkolonien
-glichen. Auch von der dortigen Menschenart, ihrer
-nördlichen und darum in seinen Augen desto abenteuerlicheren
-Exotik, ließ er Herrn Ferge erzählen, von dem asiatischen Einschuß
-ihres Geblütes, den vortretenden Backenknochen, dem
-finnisch-mongolischen Augensitz, und lauschte mit anthropologischem
-<a id="page-525" class="pagenum" title="525"></a>
-Anteil, ließ sich auch Russisch vorsprechen, – rasch,
-verwaschen, wildfremd und knochenlos ging das östliche Idiom
-unter Herrn Ferges gutmütigem Schnurrbart, aus seinem
-gutmütig vorstehenden Kehlkopf hervor –, und desto besser
-(wie einmal die Jugend ist) fand sich Hans Castorp von alldem
-unterhalten, als es pädagogisch verbotenes Gebiet war,
-auf dem er sich tummelte.
-</p>
-
-<p>
-Sie sprachen öfters auf eine Viertelstunde bei Anton Karlowitsch
-Ferge vor. Dazwischen besuchten sie den Knaben Teddy
-aus dem „Fridericianum“, einen eleganten Vierzehnjährigen,
-blond und fein, mit Privatpflegerin und in weißseidenem, verschnürtem
-Pyjama. Er war Waise und reich, wie er selbst erzählte.
-In Erwartung eines tieferen operativen Eingriffs, der
-Entfernung wurmstichiger Teile, womit man es probieren
-wollte, verließ er, wenn er sich besser fühlte, zuweilen auf eine
-Stunde sein Bett, um sich in seinem hübschen Sportanzug an
-der unteren Geselligkeit zu beteiligen. Die Damen schäkerten
-gern mit ihm, und er hörte ihren Gesprächen zu, zum Beispiel
-denen, die sich mit Rechtsanwalt Einhuf, dem Fräulein in der
-Reformhose und Fränzchen Oberdank beschäftigten. Dann
-legte er sich wieder. So lebte der Knabe Teddy elegant in den
-Tag hinein, indem er durchblicken ließ, daß er vom Leben nichts
-anderes mehr, als eben immer nur dies, erwarte.
-</p>
-
-<p>
-Aber auf Nummer fünfzig lag Frau von Mallinckrodt,
-Natalie mit Vornamen, mit schwarzen Augen und goldenen
-Ringen in den Ohren, kokett, putzsüchtig und dabei ein weiblicher
-Lazarus und Hiob, von Gott mit jederlei Bresthaftigkeit
-geschlagen. Ihr Organismus schien mit Giftstoffen überschwemmt,
-so daß alle möglichen Krankheiten sie abwechselnd
-und gleichzeitig heimsuchten. Sehr in Mitleidenschaft gezogen
-<a id="page-526" class="pagenum" title="526"></a>
-war ihr Hautorgan, das zu großen Teilen von einem qualvoll
-juckenden, da und dort wunden Ekzem überzogen war,
-auch am Munde, woraus der Einführung des Löffels Schwierigkeiten
-erwuchsen. Innere Entzündungen, solche des Rippenfells,
-der Nieren, der Lungen, der Knochenhäute und selbst
-des Hirns, so daß Bewußtlosigkeit einfiel, lösten einander ab
-bei Frau von Mallinckrodt, und Herzschwäche, hervorgerufen
-durch Fieber und Schmerzen, schuf ihr große Ängste, bewirkte
-zum Beispiel, daß sie beim Schlucken das Essen nicht ordentlich
-hinunterbrachte: gleich oben in der Speiseröhre blieb es
-ihr stecken. Kurzum, die Frau war gräßlich daran und außerdem
-ganz allein in der Welt; denn nachdem sie Mann und
-Kinder um eines anderen Mannes, das heißt eines halben
-Knaben, willen verlassen, war sie ihrerseits von ihrem Geliebten
-verlassen worden, wie die Vettern von ihr selbst erfuhren,
-und war nun heimatlos, wenn auch nicht ohne Mittel, da der
-Ehemann sie mit solchen versah. Sie machte ohne unangebrachten
-Stolz von seiner Anständigkeit oder seiner fortdauernden
-Verliebtheit Gebrauch, da sie sich selber nicht ernst nahm,
-sondern einsah, daß sie nur ein ehrloses, sündhaftes Weibchen
-war, und trug denn auf dieser Basis alle ihre Hiobsplagen
-mit erstaunlicher Geduld und Zähigkeit, der elementaren Widerstandskraft
-ihrer Rasse-Weiblichkeit, die über das Elend ihres
-bräunlichen Körpers triumphierte und noch aus dem weißen
-Gazeverband, den sie aus irgendeinem schlimmen Grunde um
-den Kopf tragen mußte, ein kleidsames Kostümstück machte.
-Beständig wechselte sie den Schmuck, begann in der Frühe
-mit Korallen und endete abends mit Perlen. Erfreut durch
-Hans Castorps Blumensendung, der sie offensichtlich eine mehr
-galante als charitative Bedeutung beilegte, ließ sie die jungen
-<a id="page-527" class="pagenum" title="527"></a>
-Herren zum Tee an ihr Lager bitten, den sie aus einer Schnabeltasse
-trank, die Finger ohne Ausnahme der Daumen und bis
-zu den Gelenken mit Opalen, Amethysten und Smaragden
-bedeckt. Bald, während die goldenen Ringe an ihren Ohren
-schaukelten, hatte sie den Vettern erzählt, wie alles sich mit ihr
-zugetragen: von ihrem anständigen, aber langweiligen Mann,
-ihren ebenfalls anständigen und langweiligen Kindern, die
-ganz dem Vater nacharteten und für die sie sich niemals sonderlich
-hatte erwärmen können, und von dem halben Knaben,
-mit dem sie das Weite gesucht und dessen poetische Zärtlichkeit
-sie sehr zu rühmen wußte. Aber seine Verwandten hätten
-ihn mit List und Gewalt von ihr losgemacht, und dann habe
-sich der Kleine auch wohl vor ihrer Krankheit geekelt, die damals
-vielfältig und stürmisch zum Ausbruch gekommen. Ob
-die Herren sich etwa auch ekelten, fragte sie kokettierend; und
-ihre Rasse-Weiblichkeit triumphierte über das Ekzem, das ihr
-das halbe Gesicht überzog.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp dachte geringschätzig über den Kleinen, der
-sich geekelt hatte, und gab dieser Empfindung auch durch ein
-Achselzucken Ausdruck. Was ihn betraf, so ließ er sich den
-Weichmut des poetischen Halbknaben zum Ansporn in entgegengesetzter
-Richtung dienen, und nahm Gelegenheit, der
-unglückseligen Frau von Mallinckrodt bei wiederholten Besuchen
-kleine Pflegerdienste zu leisten, zu denen keine Vorkenntnisse
-gehörten, das heißt: ihr behutsam den Mittagsbrei einzuführen,
-wenn er eben serviert wurde, ihr aus der Schnabeltasse
-zu trinken zu geben, wenn der Bissen ihr steckenblieb,
-oder ihr beim Umlagern im Bette behilflich zu sein; denn zu
-allem übrigen erschwerte eine Operationswunde ihr auch das
-Liegen. In diesen Handreichungen übte er sich, wenn er auf
-<a id="page-528" class="pagenum" title="528"></a>
-dem Wege zum Speisesaal oder von einem Spaziergange
-heimkehrend bei ihr einsprach, indem er Joachim aufforderte,
-immer voranzugehen, er wolle nur rasch den Fall auf Nummer
-fünfzig ein bißchen kontrollieren, – und empfand eine beglückende
-Ausdehnung seines Wesens dabei, eine Freude, die
-auf dem Gefühl von der Förderlichkeit und heimlichen Tragweite
-seines Tuns beruhte, sich übrigens auch mit einem gewissen
-diebischen Vergnügen an dem untadelig christlichen Gepräge
-dieses Tuns und Treibens mischte, einem so frommen,
-milden und lobenswerten Gepräge in der Tat, daß weder vom
-militärischen noch vom humanistisch-pädagogischen Standpunkte
-irgend etwas Ernstliches dagegen erinnert werden
-konnte.
-</p>
-
-<p>
-Von Karen Karstedt war noch nicht die Rede, und doch
-nahmen Hans Castorp und Joachim sich ihrer sogar besonders
-an. Sie war eine auswärtige Privatpatientin des Hofrats,
-von ihm der Charität der Vettern empfohlen. Seit vier
-Jahren hier oben, war die Mittellose von harten Verwandten
-abhängig, die sie schon einmal, da sie doch sterben müsse,
-von hier fortgenommen und nur auf Einspruch des Hofrats
-wieder heraufgeschickt hatten. Sie domizilierte im „Dorf“, in
-einer billigen Pension, – neunzehnjährig und schmächtig, mit
-glattem, geöltem Haar, Augen, die zaghaft einen Glanz zu verbergen
-suchten, der mit der hektischen Erhöhung ihrer Wangen
-übereinstimmte, und einer charakteristisch belegten, dabei
-aber sympathisch lautenden Stimme. Sie hustete fast ohne
-Unterbrechung, und ihre sämtlichen Fingerspitzen waren verpflastert,
-da sie infolge der Vergiftung offen waren.
-</p>
-
-<p>
-Ihr also widmeten die beiden auf Fürbitte des Hofrats, da
-sie nun einmal so gutherzige Kerle seien, sich ganz besonders.
-<a id="page-529" class="pagenum" title="529"></a>
-Mit einer Blumensendung begann es, dann folgte ein Besuch
-bei der armen Karen auf ihrem kleinen Balkon in „Dorf“
-und hierauf diese und jene außerordentliche Unternehmung
-zu dritt: die Besichtigung einer Eislaufkonkurrenz, eines Bobsleighrennens.
-Denn es war nun die Wintersport-Jahreszeit
-unseres Hochtales auf voller Höhe, eine Festwoche wurde begangen,
-die Veranstaltungen häuften sich, diese Lustbarkeiten
-und Schauspiele, denen die Vettern bisher keine andere als
-nur eine gelegentlich-flüchtige Aufmerksamkeit geschenkt hatten.
-Joachim war ja allen Zerstreuungen hier oben abhold. Nicht
-um solcher willen war er hier, – war überhaupt nicht hier,
-um zu leben und sich mit dem Aufenthalt abzufinden, indem er
-ihn angenehm und abwechslungsreich gestaltete, sondern einzig
-und ganz allein, um sich möglichst rasch zu entgiften, damit
-er in der Ebene Dienst machen könne, wirklichen Dienst statt
-des Kurdienstes, der ein Ersatzmittel war, aber an dem er einen
-Raub nur widerwillig duldete. Sich tätig an der Winterlust zu
-beteiligen, war ihm verboten, und den Gaffer zu spielen, hatte
-ihm mißfallen. Was aber Hans Castorp betraf, so fühlte er sich
-zu sehr, in einem zu strengen und intimen Verstande, als Mitglied
-Derer hier oben, um Sinn und Blick zu haben für das
-Treiben von Leuten, die in diesem Tale ein Sportgelände sahen.
-</p>
-
-<p>
-Die charitative Teilnahme nun aber für das arme Fräulein
-Karstedt brachte hierin einige Änderung hervor, – ohne unchristlich
-zu erscheinen, konnte Joachim keine Einwände dagegen
-erheben. Sie holten die Kranke aus ihrer dürftigen
-Wohnung in „Dorf“ und führten sie bei prächtig heiß durchsonntem
-Frostwetter durch das nach dem Hotel d’Angleterre
-genannte Englische Viertel, zwischen den Luxusläden der Hauptstraße
-hin, auf der Schlitten läuteten, reiche Genießer und
-<a id="page-530" class="pagenum" title="530"></a>
-Tagediebe aus aller Welt, Bewohner des Kurhauses und der
-anderen großen Hotels, barhaupt in modischem Sportdreß aus
-edlen und teueren Stoffen, mit Gesichtern, bronziert von Wintersonnenbrand
-und Schneestrahlung, sich ergingen, und hinab
-auf den nicht weit vom Kurhause in der Tiefe des Tales gelegenen
-Eisplatz, der im Sommer eine zum Fußballspiel benutzte
-Wiese gewesen. Musik erscholl; die Kurkapelle konzertierte
-auf der Empore des hölzernen Pavillongebäudes zu Häupten
-der viereckig gestreckten Bahn, hinter welchem die verschneiten
-Berge im Dunkelblauen standen. Sie nahmen Einlaß, drängten
-sich durch das Publikum, das von drei Seiten, auf ansteigenden
-Sitzen, die Bahn umgab, fanden Plätze und schauten.
-Die Kunstläufer, in knapper Tracht, schwarzen Trikots,
-Pelzwerk an den Tressenjacken, wiegten sich, schwebten, zogen
-Figuren, sprangen und kreiselten. Ein virtuoses Paar, Herr
-und Dame, Professionals und außer Konkurrenz, vollführte
-etwas in der ganzen Welt nur von ihm Vermochtes, entfesselte
-Tusch und Händeklatschen. Im Kampf um den Schnelligkeitspreis
-arbeiteten sich sechs junge Männer verschiedener
-Nationalität, gebückt, die Hände auf dem Rücken, zuweilen
-das Taschentuch vor dem Munde, sechsmal um das weite
-Viereck. Man läutete mit einer Glocke in die Musik hinein.
-Zuweilen brandete die Menge in anfeuernden Zurufen und
-Beifall auf.
-</p>
-
-<p>
-Es war eine bunte Versammlung, in der die drei Kranken,
-die Vettern und ihr Schützling sich umsahen. Engländer mit
-schottischen Mützen und weißen Zähnen sprachen Französisch
-mit penetrant duftenden Damen, die von oben bis unten in
-bunte Wolle gekleidet waren, und von denen einige in Hosen
-gingen. Kleinköpfige Amerikaner, das Haar glatt angeklebt,
-<a id="page-531" class="pagenum" title="531"></a>
-die Shagpfeife im Munde, trugen Pelze, deren Rauhseite nach
-außen gekehrt war. Russen, bärtig und elegant, barbarisch
-reichen Ansehens, und Holländer von malaischem Kreuzungstyp
-saßen zwischen deutschem und schweizerischem Publikum,
-während allerlei Unbestimmtes, französisch Redendes, vom
-Balkan oder der Levante, abenteuerliche Welt, für die Hans
-Castorp eine gewisse Schwäche an den Tag legte, und die von
-Joachim als zweideutig und charakterlos abgelehnt wurde,
-überall eingesprengt war. Kinder konkurrierten zwischendurch
-in scherzhaften Aufgaben, stolperten über die Bahn, am einen
-Fuß einen Schnee-, am anderen einen Schlittschuh, oder indem
-die Knaben ihre Dämchen auf Schaufeln vor sich her schoben.
-Sie liefen mit brennenden Kerzen, wobei Sieger war, wer sein
-Licht, noch brennend, zum Ziele trug, mußten im Laufe Hindernisse
-überklettern oder Kartoffeln mit Zinnlöffeln in aufgestellte
-Gießkannen lesen. Die große Welt jubelte. Man zeigte sich
-die reichsten, berühmtesten und anmutigsten unter den Kindern,
-das Töchterchen eines holländischen Multimillionärs, den
-Sohn eines preußischen Prinzen und einen Zwölfjährigen, der
-den Namen einer weltbekannten Champagnerfirma trug. Die
-arme Karen jubelte ebenfalls und hustete dabei. Sie klatschte
-vor Freude in ihre Hände mit den offenen Fingerspitzen. Sie
-war so dankbar.
-</p>
-
-<p>
-Auch zum Bobsleighrennen führten die Vettern sie: es war
-nicht weit zum Ziel, weder vom „Berghof“ noch auch von
-Karen Karstedts Wohnung, denn die Bahn, von der Schatzalp
-herunterkommend, endete in „Dorf“ zwischen den Siedelungen
-des westlichen Hanges. Ein Kontrollhäuschen war
-dort errichtet, wohin die Abfahrt eines jeden Gefährts vom
-Start telephonisch gemeldet wurde. Zwischen den vereisten
-<a id="page-532" class="pagenum" title="532"></a>
-Schneebarrieren, auf den metallisch glänzenden Kurven der
-Bahn steuerten die flachen Gerüste, bemannt mit Männern
-und Frauen in weißer Wolle, Schärpen in allerlei Landesfarben
-um die Brust, einzeln, in größeren Abständen, aus der
-Höhe daher. Man sah rote, angestrengte Gesichter, in die es
-hineinschneite. Stürze, Schlitten, die aneckten, sich überschlugen
-und ihre Mannschaft in den Schnee entleerten, wurden vom
-Publikum photographiert. Musik spielte auch hier. Die Zuschauer
-saßen auf kleinen Tribünen oder schoben sich auf dem
-schmalen Gehpfade hin, der neben der Bahn geschaufelt war.
-Holzbrücken, über die er später führte, die die Bahn überspannten,
-und unter denen von Zeit zu Zeit ein konkurrierender Bobsleigh
-dahinsauste, waren ebenfalls mit Menschen besetzt. Die
-Leichen des Sanatoriums droben nahmen den gleichen Weg,
-im Saus unter den Brücken dahin, die Kurven hinab, zu Tale,
-zu Tale, dachte Hans Castorp und sprach auch davon.
-</p>
-
-<p>
-Selbst ins Bioskop-Theater von „Platz“ führten sie Karen
-Karstedt eines Nachmittags, da sie das alles so sehr genoß.
-In der schlechten Luft, die alle drei physisch stark befremdete,
-da sie nur das Reinste gewohnt waren, sich ihnen schwer auf
-die Brust legte und einen trüben Nebel in ihren Köpfen erzeugte,
-flirrte eine Menge Leben, kleingehackt, kurzweilig und
-beeilt, in aufspringender, zappelnd verweilender und wegzuckender
-Unruhe, zu einer kleinen Musik, die ihre gegenwärtige Zeitgliederung
-auf die Erscheinungsflucht der Vergangenheit anwandte
-und bei beschränkten Mitteln alle Register der Feierlichkeit
-und des Pompes, der Leidenschaft, Wildheit und girrenden
-Sinnlichkeit zu ziehen wußte, auf der Leinwand vor ihren
-schmerzenden Augen vorüber. Es war eine aufgeregte Liebes-
-und Mordgeschichte, die sie sahen, stumm sich abhaspelnd am
-<a id="page-533" class="pagenum" title="533"></a>
-Hofe eines orientalischen Despoten, gejagte Vorgänge voll
-Pracht und Nacktheit, voll Herrscherbrunst und religiöser Wut
-der Unterwürfigkeit, voll Grausamkeit, Begierde, tödlicher Lust
-und von verweilender Anschaulichkeit, wenn es die Muskulatur
-von Henkersarmen zu besichtigen galt, – kurz, hergestellt aus
-sympathetischer Vertrautheit mit den geheimen Wünschen
-der zuschauenden internationalen Zivilisation. Settembrini, als
-Mann des Urteils, hätte die humanitätswidrige Darbietung
-wohl scharf verneinen, mit gerader und klassischer Ironie den
-Mißbrauch der Technik zur Belebung so menschenverächterischer
-Vorstellungen geißeln müssen, dachte sich Hans Castorp
-und flüsterte dergleichen seinem Vetter auch zu. Frau Stöhr
-dagegen, die ebenfalls anwesend war und nicht weit von den
-Dreien saß, erschien ganz Hingabe; ihr rotes, ungebildetes Gesicht
-war im Genusse verzerrt.
-</p>
-
-<p>
-Übrigens verhielt es sich ähnlich mit allen Gesichtern, in die
-man blickte. Wenn aber das letzte Flimmerbild einer Szenenfolge
-wegzuckte, im Saale das Licht aufging und das Feld der
-Visionen als leere Tafel vor der Menge stand, so konnte es
-nicht einmal Beifall geben. Niemand war da, dem man durch
-Applaus hätte danken, den man für seine Kunstleistung hätte
-hervorrufen können. Die Schauspieler, die sich zu dem Spiele,
-das man genossen, zusammengefunden, waren längst in alle
-Winde zerstoben; nur die Schattenbilder ihrer Produktion hatte
-man gesehen, Millionen Bilder und kürzeste Fixierungen, in
-die man ihr Handeln aufnehmend zerlegt hatte, um es beliebig
-oft, zu rasch blinzelndem Ablauf, dem Elemente der Zeit zurückzugeben.
-Das Schweigen der Menge nach der Illusion hatte
-etwas Nervloses und Widerwärtiges. Die Hände lagen ohnmächtig
-vor dem Nichts. Man rieb sich die Augen, stierte vor
-<a id="page-534" class="pagenum" title="534"></a>
-sich hin, schämte sich der Helligkeit und verlangte zurück ins
-Dunkel, um wieder zu schauen, um Dinge, die ihre Zeit gehabt,
-in frische Zeit verpflanzt und aufgeschminkt mit Musik, sich
-wieder begeben zu sehen.
-</p>
-
-<p>
-Der Despot starb unter dem Messer, mit einem Gebrüll aus
-offenem Munde, das man nicht hörte. Man sah dann Bilder
-aus aller Welt: den Präsidenten der französischen Republik in
-Zylinder und Großkordon, vom Sitze des Landauers auf eine
-Begrüßungsansprache erwidernd; den Vizekönig von Indien
-bei der Hochzeit eines Radscha; den deutschen Kronprinzen auf
-einem Kasernenhofe zu Potsdam. Man sah das Leben und
-Treiben in einem Eingeborenendorf von Neumecklenburg, einen
-Hahnenkampf auf Borneo, nackte Wilde, die auf Nasenflöten
-bliesen, das Einfangen wilder Elefanten, eine Zeremonie am
-siamesischen Königshof, eine Bordellstraße in Japan, wo Geishas
-hinter hölzernen Käfiggittern saßen. Man sah vermummte
-Samojeden im Renntierschlitten durch eine nordasiatische
-Schneeöde kutschieren, russische Pilger zu Hebron anbeten, an
-einem persischen Delinquenten die Bastonade vollziehen. Man
-war zugegen bei alldem; der Raum war vernichtet, die Zeit
-zurückgestellt, das Dort und Damals in ein huschendes, gaukelndes,
-von Musik umspieltes Hier und Jetzt verwandelt. Ein
-junges marokkanisches Weib, in gestreifter Seide, aufgeschirrt
-mit Ketten, Spangen und Ringen, die strotzende Brust halb
-entblößt, ward plötzlich in Lebensgröße angenähert. Ihre
-Nüstern waren breit, ihre Augen voll tierischen Lebens, ihre
-Züge in Bewegung; sie lachte mit weißen Zähnen, hielt eine
-ihrer Hände, deren Nägel heller schienen, als das Fleisch, als
-Schirm über die Augen und winkte mit der anderen ins Publikum.
-Man starrte verlegen in das Gesicht des reizvollen Schattens,
-<a id="page-535" class="pagenum" title="535"></a>
-der zu sehen schien und nicht sah, der von den Blicken gar
-nicht berührt wurde, und dessen Lachen und Winken nicht die
-Gegenwart meinte, sondern im Dort und Damals zu Hause
-war, so daß es sinnlos gewesen wäre, es zu erwidern. Dies
-mischte, wie gesagt, der Lust ein Gefühl der Ohnmacht bei.
-Dann verschwand das Phantom. Leere Helligkeit überzog die
-Tafel, das Wort „Ende“ ward darauf geworfen, der Zyklus
-der Darbietungen hatte sich geschlossen, und stumm räumte man
-das Theater, während von außen neues Publikum hereindrängte,
-das eine Wiederholung des Ablaufs zu genießen begehrte.
-</p>
-
-<p>
-Ermuntert durch Frau Stöhr, die sich ihnen anschloß, besuchte
-man hierauf noch, der armen Karen zu Gefallen, die vor
-Dankbarkeit die Hände gefaltet hielt, das Café des Kurhauses.
-Auch hier gab es Musik. Ein kleines, rotbefracktes Orchester
-spielte unter der Führung eines tschechischen oder ungarischen
-Primgeigers, der, von der Truppe gelöst, zwischen tanzenden
-Paaren stand und unter feurigen Körperwindungen sein Instrument
-bearbeitete. Mondänes Leben herrschte an den Tischen.
-Es wurden seltene Getränke herumgetragen. Die Vettern bestellten
-Orangeade zur Kühlung für sich und ihren Schützling,
-denn es war heiß und staubig, während Frau Stöhr süßen
-Schnaps zu sich nahm. Um diese Stunde, sagte sie, sei es mit
-dem Betriebe hier noch nicht völlig das Rechte. Der Tanz belebe
-sich noch bedeutend bei vorrückendem Abend; zahlreiche
-Patienten der diversen Heilanstalten und wildlebende Kranke
-aus den Hotels und dem Kurhause selbst, viel mehr noch, als
-jetzt, beteiligten sich später daran, und schon manche Hochgradige
-sei hier in die Ewigkeit hinübergetanzt, indem sie den Becher
-der Lebenslust gekippt und den finalen Blutsturz in <span class="antiqua" lang="la">dulci jubilo</span>
-<a id="page-536" class="pagenum" title="536"></a>
-erlitten habe. Was Frau Stöhrs große Unbildung aus dem
-„<span class="antiqua" lang="la">dulci jubilo</span>“ machte, war ganz außerordentlich; das erste
-Wort entlehnte sie dem italienisch-musikalischen Vokabular
-ihres Gatten und sprach also „<span class="antiqua" lang="it">dolce</span>“, das zweite aber erinnerte
-an Feuerjo, Jubeljahr oder Gott wußte woran, – die
-Vettern schnappten gleichzeitig nach den Strohhalmen in ihren
-Gläsern, als dieses Latein in Kraft trat, doch focht das die
-Stöhr nicht an. Vielmehr suchte sie auf dem Wege der Anspielungen
-und Sticheleien, die Hasenzähne störrisch entblößt,
-dem Verhältnis der drei jungen Leute auf den Grund zu kommen,
-der ihr ganz deutlich nur war, soweit die arme Karen in
-Frage stand, welcher es, so sagte Frau Stöhr, wohl passen
-mochte, bei ihrem leichten Wandel von zwei so flotten Rittern
-zugleich chaperoniert zu werden. Weniger klar erschien ihr
-der Fall von seiten der Vettern aus gesehen; aber bei aller
-Dummheit und Unbildung verhalf die Intuition ihrer Weiblichkeit
-ihr doch zu einiger Einsicht, wenn auch nur zu einer halben
-und ordinären. Denn sie verstand und gab dem stichelnderweise
-Ausdruck, daß hier der wahre und eigentliche Ritter
-Hans Castorp sei, während der junge Ziemßen bloß assistiere,
-und daß Hans Castorp, dessen innere Richtung gegen Frau
-Chauchat ihr bekannt war, die kümmerliche Karstedt nur ersatzweise
-chaperonierte, da er sich jener anderen offenbar nicht
-zu nähern wußte, – eine Einsicht, Frau Stöhrs nur zu würdig
-und ganz ohne sittliche Tiefe, sehr unzulänglich und von
-ordinärer Intuition, weshalb Hans Castorp denn auch nur
-mit einem müden und verächtlichen Blick darauf erwiderte, als
-sie sie platt-neckisch zu erkennen gab. Denn allerdings bedeutete
-ihm der Verkehr mit der armen Karen eine Art von Ersatz-
-und unbestimmt förderlichem Hilfsmittel, wie alle seine
-<a id="page-537" class="pagenum" title="537"></a>
-charitativen Unternehmungen ihm dergleichen bedeuteten. Aber
-zugleich waren sie doch auch Zweck ihrer selbst, diese frommen
-Unternehmungen, und die Zufriedenheit, die er empfand, wenn
-er die bresthafte Mallinckrodt mit Brei fütterte, sich von Herrn
-Ferge den infernalischen Pleurachok beschreiben ließ oder die
-arme Karen vor Freude und Dankbarkeit in die Hände mit den
-verpflasterten Fingerspitzen klatschen sah, war, wenn auch von
-übertragener und beziehungsvoller, so doch zugleich auch von
-unmittelbarer und reiner Art; sie entstammte einem Bildungsgeiste,
-entgegengesetzt demjenigen, den Herr Settembrini pädagogisch
-vertrat, indessen wohl wert, das <span class="antiqua" lang="la">Placet experiri</span> darauf
-anzuwenden, wie es dem jungen Hans Castorp schien.
-</p>
-
-<p>
-Das Häuschen, worin Karen Karstedt wohnte, lag unweit
-des Wasserlaufs und des Bahngeleises an dem gegen „Dorf“
-führenden Wege, und so hatten die Vettern es bequem, sie
-abzuholen, wenn sie sie nach dem Frühstück auf ihren dienstlichen
-Lustwandel mitnehmen wollten. Gingen sie so gegen
-Dorf, um die Hauptpromenade zu gewinnen, so sahen sie
-vor sich das kleine Schiahorn, dann weiter rechts drei
-Zinken, welche die Grünen Türme hießen, jetzt aber ebenfalls
-unter blendend besonntem Schnee lagen, und noch weiter
-rechts die Kuppe des Dorfberges. Auf Viertelhöhe seiner
-Wand sah man den Friedhof liegen, den Friedhof von „Dorf“,
-von einer Mauer umgeben und offenbar mit schönem Blick,
-vermutlich auf den See, weshalb er als Zielpunkt eines Spazierganges
-wohl ins Auge zu fassen war. Sie wanderten denn
-auch einmal hinauf, die drei, an einem schönen Vormittag,
-– und alle Tage waren nun schön: windstill und sonnig, tiefblau,
-heiß-frostig und glitzerweiß. Die Vettern, der eine ziegelrot
-im Gesicht, der andere bronziert, gingen im baren Anzug, da
-<a id="page-538" class="pagenum" title="538"></a>
-Mäntel lästig gewesen wären in diesem Sonnenprall, – der
-junge Ziemßen in Sportdreß mit Gummischneeschuhen, Hans
-Castorp gleichfalls in solchen, aber in langen Hosen, da er
-nicht körperlich genug gesinnt war, um kurze zu tragen. Es
-war zwischen Anfang und Mitte Februar, im neuen Jahre.
-Ganz recht, die Jahreszahl hatte gewechselt, seitdem Hans
-Castorp heraufgekommen; man schrieb eine andere jetzt, die
-nächste. Ein großer Zeiger der Weltzeitenuhr war um eine
-Einheit weiter gefallen: nicht gerade einer der allergrößten,
-nicht etwa der, welcher die Jahrtausende maß, – sehr wenige,
-die lebten, würden das noch erleben; auch der nicht, der die
-Jahrhunderte anmerkte oder nur die Jahrzehnte, das nicht.
-Der Jahreszeiger aber war kürzlich gefallen, obgleich Hans
-Castorp ja noch kein Jahr, sondern erst wenig mehr als ein
-halbes, hier oben war, und stand nun fest nach Art der nur
-von fünf zu fünf Minuten fallenden Minutenzeiger gewisser
-großer Uhren, bis er wieder vorrücken würde. Bis dahin aber
-mußte der Monatszeiger noch zehnmal vorrücken, ein paarmal
-öfter, als er es getan, seitdem Hans Castorp hier oben war,
-– den Februar zählte er nicht mehr mit, denn angebrochen
-war abgetan, gleichwie gewechselt so gut wie ausgegeben.
-</p>
-
-<p>
-Auch zu dem Friedhof am Dorfberge also gingen die drei
-einmal spazieren, – exakter Rechenschaft halber sei auch dieser
-Ausflug noch angeführt. Die Anregung dazu war von Hans
-Castorp ausgegangen, und Joachim hatte wohl anfangs der
-armen Karen wegen Bedenken gehabt, dann aber eingesehen
-und zugegeben, daß es zwecklos gewesen wäre, mit ihr Verstecken
-zu spielen und sie im Sinne der feigen Stöhr vor allem,
-was an den <span class="antiqua" lang="la">exitus</span> erinnerte, ängstlich zu bewahren. Karen
-Karstedt gab sich noch nicht den Selbsttäuschungen des letzten
-<a id="page-539" class="pagenum" title="539"></a>
-Stadiums hin, sondern wußte Bescheid, wie es mit ihr stand
-und was es mit der Nekrose ihrer Fingerspitzen auf sich hatte.
-Sie wußte ferner, daß ihre harten Verwandten vom Luxus
-des Heimtransportes kaum würden etwas wissen wollen, sondern
-daß ihr nach dem Exitus ein bescheidenes Plätzchen dort
-oben zum Quartier würde angewiesen werden. Und kurz, man
-konnte wohl finden, daß dieses Wanderziel moralisch passender
-für sie war, als manches andere, zum Beispiel der Bobstart
-oder das Kino, – wie es denn übrigens nicht mehr als
-ein anständiger Akt der Kameradschaft war, Denen dort oben
-einmal einen Besuch zu machen, gesetzt, daß man den Friedhof
-nicht einfach als Sehenswürdigkeit und neutrales Spaziergebiet
-betrachten wollte.
-</p>
-
-<p>
-Im Gänsemarsch gingen sie langsam hinauf, denn der geschaufelte
-Pfad gestattete nur ein einzelnes Gehen, ließen die
-letzten, an der Lehne zuhöchst gelegenen Villen hinter und unter
-sich und sahen im Steigen das vertraute Landschaftsbild in
-seiner Winterpracht sich wieder einmal perspektivisch ein wenig
-verschieben und öffnen: es weitete sich nach Nordost, gegen
-den Taleingang, der erwartete Blick auf den See tat sich auf,
-dessen umwaldetes Rund zugefroren und mit Schnee bedeckt
-war, und hinter seinem fernsten Ufer schienen Bergschrägen
-sich am Boden zu treffen, hinter denen fremde Gipfel, verschneit,
-einander vor dem Himmelsblau überhöhten. Sie sahen
-das an, im Schnee vor dem steinernen Tore stehend, das den
-Eingang zum Friedhof bildete, und betraten die Stätte dann
-durch die eiserne Gittertür, die dem Steintore eingefügt und
-nur angelehnt war.
-</p>
-
-<p>
-Auch hier fanden sie Pfade geschaufelt, die zwischen den umgitterten,
-schneebepolsterten Gräbererhöhungen, diesen wohl
-<a id="page-540" class="pagenum" title="540"></a>
-und ebenmäßig aufgemachten Bettlagern mit ihren Kreuzen aus
-Stein und Metall, ihren kleinen, medaillon- und inschriftgeschmückten
-Monumenten dahinführten; doch ließ kein Mensch
-sich sehen noch hören. Die Stille, Abgeschiedenheit, Ungestörtheit
-des Ortes schien tief und heimlich in mancherlei Sinn;
-ein kleiner steinerner Engel oder Puttengott, der, eine Schneemütze
-etwas schief auf dem Köpfchen, irgendwo im Gebüsche
-stand und mit dem Finger die Lippen schloß, mochte wohl als
-sein Genius gelten, – will sagen: als der des Schweigens, und
-zwar eines Schweigens, das man sehr stark als Gegenteil und
-Widerspiel des Redens, als Verstummen also, keineswegs aber
-als inhaltsleer und ereignislos empfand. Für die beiden männlichen
-Gäste wäre es wohl eine Gelegenheit gewesen, die Hüte
-abzunehmen, wenn sie welche aufgehabt hätten. Aber sie
-waren ja barhaupt, auch Hans Castorp war es, und so gingen
-sie denn nur in ehrerbietiger Haltung, das Körpergewicht auf
-die Fußballen legend und gleichsam mit kleinen Verbeugungen
-nach rechts und links, im Gänsemarsch hinter Karen Karstedt
-her, die sie führte.
-</p>
-
-<p>
-Der Friedhof war unregelmäßig in der Form, erstreckte sich
-anfänglich als schmales Rechteck gegen Süden und lud dann
-ebenfalls rechteckig nach beiden Seiten aus. Ersichtlich hatte
-mehrfach Vergrößerung sich als notwendig erwiesen und war
-Acker angestückt worden. Trotzdem schien das Gehege auch
-gegenwärtig wieder so gut wie voll belegt, und zwar entlang
-der Mauer sowohl wie auch in seinen inneren, minder bevorzugten
-Teilen, – kaum war zu sehen und zu sagen, wo allenfalls
-noch ein Unterkommen darin gewesen wäre. Die drei
-Auswärtigen wanderten längere Zeit diskret in den schmalen
-Gehrinnen und Passagen zwischen den Mälern umher, indem
-<a id="page-541" class="pagenum" title="541"></a>
-sie dann und wann stehenblieben, um einen Namen nebst
-Geburts- und Sterbedatum zu entziffern. Die Denksteine und
-Kreuze waren anspruchslos, bekundeten wenig Aufwand. Was
-ihre Inschriften betraf, so stammten die Namen aus allen
-Winden und Welten, sie lauteten englisch, russisch oder doch
-allgemein slawisch, auch deutsch, portugiesisch und anderswie;
-die Daten aber trugen zartes Gepräge, ihre Spannweite war
-im ganzen auffallend gering, der Jahresabstand zwischen Geburt
-und Exitus betrug überall ungefähr zwanzig und nicht
-viel mehr, fast lauter Jugend und keine Tugend bevölkerte das
-Lager, ungefestigtes Volk, das sich aus aller Welt hier zusammengefunden
-hatte und zur horizontalen Daseinsform endgültig
-eingekehrt war.
-</p>
-
-<p>
-Irgendwo tief im Gedränge der Ruhelager, im Inneren
-des Angers, gegen die Mitte zu, gab es ein flaches Plätzchen
-von Menschenlänge, eben und unbelegt, zwischen zwei aufgebetteten,
-um deren Steine Dauerkränze gehängt waren,
-und unwillkürlich blieben die drei Besucher davor stehen. Sie
-standen, das Fräulein etwas vor ihren Begleitern, und lasen
-die zarten Angaben der Steine, – Hans Castorp gelöst, die
-Hände vor sich gekreuzt, mit offenem Munde und schläfrigen
-Augen, der junge Ziemßen geschlossen und nicht nur gerade,
-sondern sogar ein wenig nach hinten abgeneigt, – worauf die
-Vettern mit gleichzeitiger Neugier von den Seiten verstohlen
-in Karen Karstedts Miene blickten. Sie merkte es dennoch
-und stand da, verschämt und bescheiden, den Kopf ein wenig
-schräg vorgeschoben, und lächelte geziert mit gespitzten Lippen,
-wobei sie rasch mit den Augen blinzelte.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-6-9">
-<a id="page-542" class="pagenum" title="542"></a>
-Walpurgisnacht
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Sieben Monate waren es in den nächsten Tagen, daß der
-junge Hans Castorp hier oben verweilte, während Vetter
-Joachim, der deren fünf auf dem Buckel gehabt hatte, als
-jener eingetroffen war, nun auf zwölfe zurückblickte, auf ein
-Jährchen also – ein rundes Jahr, – rund in dem kosmischen
-Sinn, daß, seit die kleine, zugkräftige Lokomotive ihn hier abgesetzt,
-die Erde einmal ihren Sonnenumlauf beendet hatte
-und zu dem Punkte von damals zurückgekehrt war. Es war
-Faschingszeit. Fastnacht stand vor der Tür, und Hans Castorp
-erkundigte sich bei dem Jährigen, wie das denn sei.
-</p>
-
-<p>
-„Magnifik!“ antwortete Settembrini, dem die Vettern
-wieder einmal bei der Vormittagsmotion begegnet waren.
-„Splendide!“ antwortete er. „Das ist so lustig wie im Prater,
-Sie werden sehen, Ingenieur. Dann sind wir gleich im Reihen
-hier die glänzenden Galanten“, sprach er, und fuhr dann
-prallen Mundes zu medisieren fort, indem er seine Hechelreden
-mit gelungenen Arm-, Kopf- und Schulterbewegungen begleitete:
-„Was wollen Sie, auch in der <span class="antiqua" lang="fr">maison de santé</span>
-finden bisweilen ja Bälle statt, für die Narren und Blöden,
-wie ich gelesen habe, – warum nicht auch hier? Das Programm
-umfaßt die verschiedensten <span class="antiqua" lang="fr">danses macabres</span>, wie Sie
-sich denken können. Leider kann ein gewisser Teil der vorjährigen
-Festteilnehmer diesmal nicht erscheinen, da das Fest schon
-um 9½ Uhr sein Ende findet ...“
-</p>
-
-<p>
-„Sie meinen ... Ach so, vorzüglich!“ lachte Hans Castorp.
-„Sind Sie ein Witzbold –! ‚Um 9½‘, – hast dus gehört,
-du? Allzu früh nämlich, als daß ‚ein gewisser Teil‘ der Vorjährigen
-noch ein Stündchen teilnehmen könnte, meint Herr
-<a id="page-543" class="pagenum" title="543"></a>
-Settembrini. Ha, ha, unheimlich. Das ist nämlich der Teil,
-der dem ‚Fleisch‘ unterdessen schon endgültig valet gesagt hat.
-Verstehst du mein Wortspiel? Aber da bin ich denn doch gespannt“,
-sagte er. „Ich finde es richtig, daß wir hier so die
-Feste feiern, wie sie fallen, und auf die übliche Art die Etappen
-markieren, die Einschnitte also, damit es kein ungegliedertes
-Einerlei gibt, das wäre zu sonderbar. Da haben wir Weihnachten
-gehabt und wußten, daß Neujahr war, und nun
-kommt also Fastnacht. Dann rückt Palmsonntag heran (gibt
-es hier Kringel?), die Karwoche, Ostern und Pfingsten, was
-sechs Wochen später ist, und dann ist ja bald schon der längste
-Tag, Sommersonnenwende, verstehen Sie, und es geht auf
-den Herbst ...“
-</p>
-
-<p>
-„Halt! halt! halt!“, rief Settembrini, indem er das Gesicht
-gen Himmel hob und die Handteller gegen die Schläfen preßte.
-„Schweigen Sie! Ich verbiete Ihnen, sich in dieser Weise
-die Zügel schießen zu lassen!“
-</p>
-
-<p>
-„Entschuldigen Sie, ich sage ja im Gegenteil ... Übrigens
-wird Behrens sich am Ende nun doch wohl zu den Injektionen
-entschließen, um meine Entgiftung zu erzielen, denn
-ich habe unentwegt siebenunddreißig-vier, -fünf, -sechs und
-auch -sieben. Das will sich nicht ändern. Ich bin und bleibe
-nun mal ein Sorgenkind des Lebens. Langfristig bin ich ja
-nicht, Radamanth hat mir nie was Bestimmtes aufgebrummt,
-aber er sagt, es wäre sinnlos, die Kur vor der Zeit zu unterbrechen,
-wo ich nun doch schon so lange hier oben bin und
-soviel Zeit investiert habe, sozusagen. Was nützte es auch,
-wenn er mir einen Termin setzte? Das hätte nicht viel zu bedeuten,
-denn wenn er zum Beispiel sagt: ein halbes Jährchen,
-so ist es sehr knapp gerechnet, man muß sich auf mehr gefaßt
-<a id="page-544" class="pagenum" title="544"></a>
-machen. Das sieht man an meinem Vetter, der sollte Anfang
-des Monats fertig sein – fertig im Sinne von ausgeheilt –,
-aber das letztemal hat Behrens ihm vier Monate zugelegt,
-zu seiner völligen Ausheilung, – na, und was haben wir dann?
-Dann haben wir Sommersonnenwende, wie ich sagte, ohne
-daß ich Sie reizen wollte, und es geht wieder auf den Winter
-zu. Aber für den Augenblick haben wir nun freilich erst einmal
-Fastnacht, – Sie hören ja, ich finde es gut und schön,
-daß wir hier alles der Reihe nach, und wie’s im Kalender steht,
-begehen. Frau Stöhr sagte, daß es in der Conciergeloge
-Kindertrompeten zu kaufen gibt?“
-</p>
-
-<p>
-Das traf zu. Schon beim ersten Frühstück am Faschingsdienstag,
-der sofort da war, ehe man ihn von weitem nur
-recht ins Auge gefaßt, – schon in der Frühe gab es im Speisesaal
-allerlei Töne aus scherzhaften Blasinstrumenten, schnarrend
-und tutend; beim Mittagessen flogen vom Tische Gänsers,
-Rasmussens und der Kleefeld bereits Papierschlangen, und
-mehrere Personen, zum Beispiel die rundäugige Marusja,
-trugen papierne Kopfbedeckungen, die ebenfalls bei dem Hinkenden
-vorn in der Loge zu kaufen waren; aber abends entfaltete
-sich im Saal und in den Konversationsräumen eine
-Festgeselligkeit, die in ihrem Verlauf ... Nur wir wissen
-vorderhand, wozu, dank Hans Castorps Unternehmungsgeist,
-diese Fastnachtsgeselligkeit in ihrem Verlaufe führte. Aber
-wir lassen uns durch unser Wissen nicht hin- und nicht aus unserer
-Bedächtigkeit reißen, sondern geben der Zeit die Ehre, die ihr
-gebührt, und überstürzen nichts, – vielleicht sogar zögern wir
-die Ereignisse hin, weil wir die sittliche Scheu des jungen Hans
-Castorp teilen, die den Eintritt dieser Ereignisse so lange hintangehalten
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-545" class="pagenum" title="545"></a>
-Allgemein war man nachmittags nach „Platz“ gepilgert,
-um das Faschingsstraßenleben zu sehen. Masken waren unterwegs
-gewesen, Pierrotten und Harlekine, die klappernde Pritschen
-gehandhabt hatten, und zwischen den Fußgängern und
-den ebenfalls maskierten Insassen der vorüberläutenden, geschmückten
-Schlitten waren Konfetti-Scharmützel geliefert
-worden. Schon sehr hochgestimmt fand man sich zur Abendmahlzeit
-an den sieben Tischen ein, entschlossen, den öffentlichen
-Geist in geschlossenem Kreise fortzupflegen. Die Papiermützen,
-Schnarren und Tuten des Concierge hatten starken
-Abgang gefunden, und Staatsanwalt Paravant hatte mit
-weiterer Travestierung den Anfang gemacht, indem er einen
-Damenkimono und einen falschen, laut vielseitigem Zuruf, der
-Generalkonsulin Wurmbrandt gehörigen Zopf angelegt, auch
-seinen Schnurrbart mit einem Brenneisen schräg nach unten
-gezogen hatte und so wirklich aufs Haar einem Chinesen glich.
-Die Verwaltung war nicht zurückgestanden. Sie hatte jeden
-der sieben Tische mit einem Papierlampion geschmückt, einem
-farbigen Mond mit brennender Kerze im Inneren, so daß
-Settembrini beim Eintritt in den Saal, an Hans Castorps
-Tische vorbeistreifend, einen auf diese Illumination bezüglichen
-Dichterspruch zitierte:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Da sieh nur, welche bunten Flammen!</p>
- <p class="verse">Es ist ein muntrer Klub beisammen“,</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-äußerte er mit feinem und trockenem Lächeln, indem er zu seinem
-Platze weiterschlenderte, um dort mit kleinen Wurfgeschossen
-empfangen zu werden, dünnwandigen und mit einer wohlriechenden
-Flüssigkeit gefüllten Kügelchen, die beim Anprall zerbrachen
-und den Getroffenen mit Parfüm überschütteten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-546" class="pagenum" title="546"></a>
-Kurzum, die Festlaune war von Anfang an sehr ausgesprochen.
-Gelächter herrschte, Papierschlangen, von den Kronleuchtern
-herabhängend, wehten im Luftzuge hin und her, in der
-Bratensauce schwammen Konfetti, bald sah man die Zwergin
-mit dem ersten Eiskübel, der ersten Champagnerflasche geschäftig
-vorübereilen, man mischte den Sekt mit Burgunder, wozu
-Rechtsanwalt Einhuf das Signal gegeben, und als nun gar
-gegen Ende der Mahlzeit das Deckenlicht ausging und nur noch
-die Lampions den Speisesaal mit buntem Dämmer italienisch-nächtig
-erleuchteten, war die Stimmung vollkommen, und es
-erregte am Tische Hans Castorps viel Zustimmung, als Settembrini
-einen Zettel herübersandte (er händigte ihn der ihm zunächstsitzenden,
-mit einer Jockei-Mütze aus grünem Seidenpapier
-geschmückten Marusja ein), auf den er mit Bleistift
-geschrieben hatte:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Allein bedenkt! Der Berg ist heute zaubertoll,</p>
- <p class="verse">Und wenn ein Irrlicht Euch die Wege weisen soll,</p>
- <p class="verse">So müßt Ihr’s so genau nicht nehmen.“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Doktor Blumenkohl, dem es eben wieder sehr schlecht ging,
-murmelte mit jenem ihm eigentümlichen Gesichts- oder eigentlich
-Lippenausdruck etwas vor sich hin, woraus man entnehmen
-konnte, was das für Verse seien. Hans Castorp seinerseits
-meinte die Antwort nicht schuldig bleiben zu dürfen, fühlte
-sich scherzhaft verpflichtet, eine Replik auf den Zettel zu schreiben,
-die freilich nur höchst unbedeutend hätte ausfallen können.
-Er suchte in seinen Taschen nach einem Bleistift, fand aber
-keinen und konnte auch von Joachim und der Lehrerin keinen
-erhalten. Seine rot geäderten Augen gingen nach Aushilfe gen
-Osten, in den links-rückwärtigen Winkel des Saales, und man
-<a id="page-547" class="pagenum" title="547"></a>
-sah, wie sein flüchtiges Vorhaben in so weitläufigen Assoziationen
-ausartete, daß er erbleichte und seine Grundabsicht überhaupt
-vergaß.
-</p>
-
-<p>
-Zum Erbleichen gab es Gründe auch sonst. Frau Chauchat
-dort hinten hatte zur Fastnacht Toilette gemacht, sie trug ein
-neues Kleid, jedenfalls ein Kleid, das Hans Castorp noch nicht
-an ihr gesehen, – aus leichter und dunkler, ja schwarzer, nur
-manchmal ein wenig goldbräunlich aufschimmernder Seide,
-das am Halse einen mädchenhaft kleinen Rundausschnitt zeigte,
-kaum so tief, daß die Kehle, der Ansatz der Schlüsselbeine und
-hinten die bei leicht vorgeschobener Kopfhaltung etwas heraustretenden
-Genickwirbel unter dem lockeren Nackenhaar sichtbar
-blieben, das aber Clawdias Arme bis zu den Schultern
-hinauf frei ließ, – ihre Arme, die zart und voll waren zugleich, –
-kühl dabei, aller Mutmaßung nach, und außerordentlich weiß
-gegen die seidige Dunkelheit des Kleides abstachen, auf eine so
-erschütternde Art, daß Hans Castorp, die Augen schließend, in
-sich hineinflüsterte: „Mein Gott!“ – Er hatte diese Art Kleiderschnitt
-noch nie gesehen. Er kannte Balltoiletten, festlich statthafte,
-ja vorschriftsmäßige Enthüllungen, die weit umfassender
-gewesen waren als diese hier, ohne im entferntesten so sensationell
-zu wirken. Als Irrtum erwies sich vor allem die ältere
-Annahme des armen Hans Castorp, daß die Lockung, die vernunftwidrige
-Lockung dieser Arme, deren Bekanntschaft er
-durch dünne Gaze hindurch bereits gemacht hatte, ohne eine
-so ahndevolle „Verklärung“, wie er es damals genannt, sich
-vielleicht als weniger tief erweisen werde. Irrtum! Verhängnisvolle
-Selbsttäuschung! Die volle, hochbetonte und blendende
-Nacktheit dieser herrlichen Glieder eines giftkranken Organismus
-war ein Ereignis, weit stärker sich erweisend, als
-<a id="page-548" class="pagenum" title="548"></a>
-die Verklärung von damals, eine Erscheinung, auf die es keine
-andere Antwort gab, als den Kopf zu senken und lautlos zu
-wiederholen: „Mein Gott!“
-</p>
-
-<p>
-Etwas später kam noch ein Zettel, auf dem es hieß:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Gesellschaft, wie man wünschen kann.</p>
- <p class="verse">Wahrhaftig, lauter Bräute!</p>
- <p class="verse">Und Junggesellen Mann für Mann,</p>
- <p class="verse">Die hoffnungsvollsten Leute!“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-„Bravo, bravo!“ wurde gerufen. Man war schon beim
-Mokka, der in kleinen irden-braunen Kännchen serviert wurde,
-beziehungsweise auch bei den Likören, zum Beispiel Frau Stöhr,
-die Süß-Geistiges für ihr Leben gern schlürfte. Die Gesellschaft
-begann sich aufzulösen, zu zirkulieren. Man besuchte einander,
-wechselte die Tische. Ein Teil der Gäste hatte sich schon in die
-Konversationsräume verzogen, während ein anderer seßhaft
-blieb, dem Weingemisch weiter zusprechend. Settembrini kam
-nun persönlich herüber, sein Kaffeetäßchen in der Hand, den
-Zahnstocher zwischen den Lippen, und setzte sich hospitierend
-an die Tischecke zwischen Hans Castorp und die Lehrerin.
-</p>
-
-<p>
-„Harzgebirg“, sagte er. „Gegend von Schierke und Elend.
-Habe ich Ihnen zu viel versprochen, Ingenieur? Heiß ich mir
-das doch eine Messe! Aber warten Sie nur, unser Witz erschöpft
-sich nicht so bald, wir sind noch nicht auf der Höhe,
-geschweige am Ende. Nach allem, was man hört, wird es noch
-mehr Masken geben. Gewisse Personen haben sich zurückgezogen,
-– das berechtigt zu allerlei Erwartungen, Sie werden
-sehen.“
-</p>
-
-<p>
-Wirklich tauchten neue Verkleidungen auf: Damen in Herrentracht,
-operettenhaft und unwahrscheinlich durch ausladende
-<a id="page-549" class="pagenum" title="549"></a>
-Formen, die Gesichter bärtig geschwärzt mit angekohltem Flaschenkork;
-Herren, umgekehrt, die Frauenroben angelegt hatten,
-über deren Röcke sie strauchelten, wie zum Beispiel Studiosus
-Rasmussen, welcher, in schwarzer, jettübersäter Toilette, ein
-pickliges Dekolleté zur Schau stellte, das er sich mit einem Papierfächer
-kühlte, und zwar auch den Rücken. Ein Bettelmann
-erschien knickbeinig, an einer Krücke hängend. Jemand hatte
-sich aus weißem Unterzeug und einem Damenfilz ein Pierrotkostüm
-hergestellt, das Gesicht gepudert, so daß seine Augen
-ein unnatürliches Aussehen gewannen, und den Mund mit
-Lippenpomade blutig aufgehöht. Es war der Junge mit dem
-Fingernagel. Ein Grieche vom Schlechten Russentisch, mit
-schönen Beinen, stolzierte in lila Trikotunterhosen, mit Mäntelchen,
-Papierkrause und einem Stockdegen als spanischer
-Grande oder Märchenprinz daher. Alle diese Masken waren
-nach Schluß der Mahlzeit eilig improvisiert worden. Es litt
-Frau Stöhr nicht länger auf ihrem Stuhl. Sie verschwand,
-um nach kurzer Zeit als Scheuerweib wiederzukehren, mit geschürztem
-Rock und aufgestülpten Ärmeln, die Bänder ihrer
-Papierhaube unter dem Kinn geknotet und bewaffnet mit Eimer
-und Besen, die sie zu handhaben begann, indem sie mit dem
-nassen Schrubber unter die Tische, den Sitzenden zwischen die
-Füße fuhr.
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Die alte Baubo kommt allein“,</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-rezitierte Settembrini bei ihrem Anblick und fügte auch den
-Reimvers hinzu, klar und plastisch. Sie hörte es, nannte ihn
-„welscher Hahn“ und forderte ihn auf, seine „Zötchen“ für
-sich zu behalten, wobei sie ihn im Geiste der Maskenfreiheit
-duzte; denn diese Verkehrsform war schon während des Essens
-allgemein aufgenommen worden. Er schickte sich an, ihr zu
-<a id="page-550" class="pagenum" title="550"></a>
-antworten, als Lärm und Gelächter von der Halle her ihn unterbrachen
-und Aufsehen im Saal erregten.
-</p>
-
-<p>
-Gefolgt von Gästen, die aus den Konversationsräumen kamen,
-hielten zwei sonderbare Figuren ihren Einzug, die mit der
-Kostümierung wohl eben erst fertig geworden waren. Die eine
-war als Diakonissin angezogen, doch war ihr schwarzes Habit
-vom Hals bis zum Saume mit weißen Bandstreifen quer benäht,
-kurzen, die nahe untereinander lagen, und seltneren, die
-über jene hinausragten, nach Art der Liniatur eines Thermometers.
-Sie hielt den Zeigefinger vor ihren bleichen Mund und
-trug in der Rechten eine Fiebertabelle. Die andere Maske erschien
-blau in Blau: mit blau gefärbten Lippen und Brauen,
-auch sonst im Gesicht und am Halse noch blau bemalt, eine blaue
-Wollmütze schief übers Ohr gezogen und bekleidet mit einem
-An- oder Überzuge aus blauem Glanzleinen, der, aus einem
-Stück gearbeitet, an den Knöcheln mit Bändern zugezogen und
-in der Mitte zum Rundbauche ausgestopft war. Man erkannte
-Frau Iltis und Herrn Albin. Beide trugen Pappschilder umgehängt,
-auf denen geschrieben stand: „Die stumme Schwester“
-und: „Der blaue Heinrich“. In einer Art Wackelschritt
-zogen sie selbander um den Saal.
-</p>
-
-<p>
-Das gab einen Beifall! Die Zurufe schwirrten. Frau Stöhr,
-ihren Besen unter dem Arm, die Hände auf den Knien, lachte
-maßlos und ordinär nach Herzenslust, unter Vorwendung ihrer
-Rolle als Scheuerweib. Nur Settembrini zeigte sich unzugänglich.
-Seine Lippen, unter dem schön geschwungenen Schnurrbart,
-wurden äußerst schmal, nachdem er einen kurzen Blick
-auf das erfolgreiche Maskenpaar geworfen.
-</p>
-
-<p>
-Unter denen, die im Gefolge des Blauen und der Stummen
-aus den Konversationszimmern wieder herübergekommen waren,
-<a id="page-551" class="pagenum" title="551"></a>
-befand sich auch Clawdia Chauchat. Zusammen mit der
-wollhaarigen Tamara und jenem Tischgenossen mit dem konkaven
-Brustkasten, einem gewissen Buligin, der Abendanzug
-trug, strich sie in ihrem neuen Kleid an Hans Castorps Tische vorbei
-und bewegte sich schräg hinüber zu dem des jungen Gänser
-und der Kleefeld, wo sie, die Hände auf dem Rücken, mit schmalen
-Augen lachend und plaudernd stehen blieb, während ihre
-Begleiter den allegorischen Gespenstern weiter folgten und mit
-ihnen den Saal wieder verließen. Auch Frau Chauchat hatte
-sich mit einer Faschingsmütze geschmückt, – es war nicht einmal
-eine gekaufte, sondern von der Art, wie man sie Kindern
-anfertigt, aus weißem Papiere einfach zum Dreispitz zurechtgefaltet,
-und kleidete sie übrigens, quer aufgesetzt, vorzüglich.
-Das dunkelgoldbraune Seidenkleid war fußfrei, der Rock etwas
-bauschig gearbeitet. Wir sagen von den Armen hier nichts mehr.
-Sie waren nackt bis zu den Schultern hinauf.
-</p>
-
-<p>
-„Betrachte sie genau!“ hörte Hans Castorp Herrn Settembrini
-wie von weitem sagen, während er ihr, die bald weiterging,
-gegen die Glastür, zum Saal hinaus, mit den Blicken
-folgte. „Lilith ist das.“
-</p>
-
-<p>
-„Wer?“ fragte Hans Castorp.
-</p>
-
-<p>
-Der Literat freute sich. Er replizierte:
-</p>
-
-<p>
-„Adams erste Frau. Nimm dich in acht ...“
-</p>
-
-<p>
-Außer ihnen beiden saß nur noch Dr. Blumenkohl am Tische,
-an seinem entfernten Platz. Die übrige Speisegesellschaft, auch
-Joachim, war in die Konversationsräume übergesiedelt. Hans
-Castorp sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Du steckst heute voller Poesie und Versen. Was ist nun
-das wieder für eine Lilli? War Adam also zweimal verheiratet?
-Ich hatte keine Ahnung ...“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-552" class="pagenum" title="552"></a>
-„Die hebräische Sage will es so. Diese Lilith ist zum Nachtspuk
-geworden, gefährlich für junge Männer besonders durch
-ihre schönen Haare.“
-</p>
-
-<p>
-„Pfui Teufel! Ein Nachtspuk mit schönen Haaren. So etwas
-kannst du nicht leiden, was? Da kommst du und drehst das
-elektrische Licht an, sozusagen, um die jungen Männer auf den
-rechten Weg zu bringen, – tust du das nicht?“ sagte Hans
-Castorp phantastisch. Er hatte ziemlich viel von der Weinmischung
-getrunken.
-</p>
-
-<p>
-„Hören Sie, Ingenieur, lassen Sie das!“ befahl Settembrini
-mit zusammengezogenen Brauen. „Bedienen Sie sich der im
-gebildeten Abendlande üblichen Form der Anrede, der dritten
-Person <span class="antiqua" lang="la">pluralis</span>, wenn ich bitten darf! Es steht Ihnen gar nicht
-zu Gesicht, worin Sie sich da versuchen.“
-</p>
-
-<p>
-„Aber wieso? Wir haben Karneval! Es ist allgemein akzeptiert
-heute abend ...“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, um eines ungesitteten Reizes willen. Das ‚Du‘ unter
-Fremden, das heißt unter Personen, die einander von Rechtes
-wegen ‚Sie‘ nennen, ist eine widerwärtige Wildheit, ein Spiel mit
-dem Urstande, ein liederliches Spiel, das ich verabscheue, weil
-es sich im Grunde gegen Zivilisation und entwickelte Menschlichkeit
-richtet, – sich frech und schamlos dagegen richtet. Ich
-habe Sie auch nicht ‚Du‘ genannt, bilden Sie sich das nicht
-ein! Ich zitierte eine Stelle aus dem Meisterwerk Ihrer Nationalliteratur.
-Ich sprach also poetischerweise ...“
-</p>
-
-<p>
-„Ich auch! Ich spreche auch gewissermaßen poetischerweise,
-– weil mir der Augenblick danach angetan zu sein scheint, darum
-spreche ich so. Ich sage gar nicht, daß es mir so ganz natürlich
-ist und leicht fällt, dich ‚Du‘ zu nennen, im Gegenteil, es
-kostet mich eine gewisse Selbstüberwindung, ich muß mir einen
-<a id="page-553" class="pagenum" title="553"></a>
-Ruck geben, um es zu tun, aber diesen Ruck gebe ich mir gern,
-ich gebe ihn mir freudig und von Herzen ...“
-</p>
-
-<p>
-„Von Herzen?“
-</p>
-
-<p>
-„Von Herzen, ja, das kannst du mir glauben. Wir sind nun
-schon so lange beieinander hier oben, – sieben Monate, wenn
-du nachrechnest; das ist ja für unsere Verhältnisse hier oben
-noch nicht einmal sehr viel, aber für untere Begriffe, wenn ich
-zurückdenke, ist es doch eine Menge Zeit. Nun, und die haben
-wir nun miteinander verbracht, weil das Leben uns hier zusammenführte,
-und haben uns fast täglich gesehen und interessante
-Gespräche miteinander geführt, zum Teil über Gegenstände,
-von denen ich unten überhaupt keinen Deut begriffen
-hätte. Aber hier sehr wohl; hier waren sie mir sehr wichtig
-und naheliegend, so daß ich immer, wenn wir diskutierten, in
-höchstem Grade bei der Sache war. Oder vielmehr, wenn du
-mir die Dinge als <span class="antiqua" lang="la">homo humanus</span> expliziertest; denn ich hatte
-natürlich aus meiner bisherigen Unerfahrenheit nicht viel beizutragen
-und konnte immer nur außerordentlich hörenswert
-finden, was du sagtest. Durch dich habe ich so viel erfahren
-und verstanden ... Das mit Carducci war das Wenigste, aber
-wie beispielsweise die Republik mit dem schönen Stil zusammenhängt
-oder die Zeit mit dem Menschheitsfortschritt, – wohingegen,
-wenn keine Zeit wäre, auch kein Menschheitsfortschritt
-sein könnte, sondern die Welt nur ein stagnierendes Wasserloch
-und ein fauliger Tümpel wäre, – was wüßte ich davon,
-wenn du nicht gewesen wärst! Ich nenne dich einfach ‚Du‘
-und rede dich sonst nicht weiter an, entschuldige, weil ich nicht
-wüßte, wie das geschehen sollte, – ich kann es nicht gut. Da
-sitzest du, und ich sage einfach ‚Du‘ zu dir, das genügt. Du
-bist nicht irgend ein Mensch mit einem Namen, du bist ein Vertreter,
-<a id="page-554" class="pagenum" title="554"></a>
-Herr Settembrini, ein Vertreter hierorts und an meiner
-Seite, – das bist du“, bestätigte Hans Castorp und schlug mit
-der flachen Hand auf das Tischtuch. „Und nun will ich dir einmal
-danken,“ fuhr er fort und schob seinen Glasbecher mit Sekt
-und Burgunder an Herrn Settembrinis Kaffeetäßchen heran,
-gleichsam, um auf dem Tisch mit ihm anzustoßen, – „dafür,
-daß du dich in diesen sieben Monaten so freundlich meiner angenommen
-hast und mir jungem <span class="antiqua" lang="la">mulus</span>, auf den so viel Neues
-eindrang, zur Hand gegangen bist bei meinen Übungen und Experimenten
-und berichtigend auf mich einzuwirken gesucht hast,
-ganz <span class="antiqua" lang="la">sine pecunia</span>, teils mit Geschichten und teils in abstrakter
-Form. Ich habe das deutliche Gefühl, daß der Augenblick gekommen
-ist, dir dafür und für all das zu danken und dich um
-Verzeihung zu bitten, wenn ich ein schlechter Schüler war, ein
-‚Sorgenkind des Lebens‘, wie du sagtest. Es hat mich sehr gerührt,
-wie du das sagtest, und jedesmal, wenn ich daran denke,
-rührt es mich wieder. Ein Sorgenkind, das war ich wohl auch für
-dich und deine pädagogische Ader, auf die du damals gleich am
-ersten Tage zu sprechen kamst, – natürlich, das ist auch einer von
-den Zusammenhängen, die du mich gelehrt hast, der von Humanismus
-und Pädagogik, – es würden mir mit der Zeit gewiß
-noch mehrere einfallen. Verzeih mir also und denke meiner nicht
-im Bösen! Dein Wohl, Herr Settembrini, sollst leben! Ich leere
-mein Glas zu Ehren deiner literarischen Anstrengungen zur Ausmerzung
-der menschlichen Leiden!“ schloß er, trank, hintenüber
-geneigt, mit ein paar großen Schlucken sein Weingemisch aus
-und stand auf. „Nun wollen wir zu den anderen hinübergehn.“
-</p>
-
-<p>
-„Hören Sie, Ingenieur, was ist Ihnen in die Krone gefahren?“
-sagte der Italiener, die Augen voller Erstaunen,
-und verließ gleichfalls den Tisch. „Das klingt wie Abschied ...“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-555" class="pagenum" title="555"></a>
-„Nein, warum Abschied?“ wich Hans Castorp aus. Er
-wich nicht nur figürlich aus, mit seinen Worten, sondern auch
-körperlich, indem er mit dem Oberkörper einen Bogen beschrieb,
-und hielt sich an die Lehrerin, Fräulein Engelhart, die eben
-kam, sie zu holen. Der Hofrat verzapfe im Klavierzimmer
-mit eigener Hand einen Fastnachtspunsch, den die Verwaltung
-gestiftet habe, meldete sie. Die Herren, sagte sie, möchten gleich
-kommen, wenn sie auch noch ein Glas zu erwischen wünschten.
-So gingen sie hinüber.
-</p>
-
-<p>
-Wirklich stand dort drinnen, umdrängt von der Gästeschaft,
-die ihm kleine Henkelgläser entgegenhielt, Hofrat Behrens an
-dem runden Tisch in der Mitte, der weiß gedeckt war, und hob
-mit einem Schöpflöffel dampfendes Getränk aus einer Terrine.
-Auch er hatte sein Äußeres ein wenig karnevalistisch aufgemuntert,
-indem er nämlich zu dem klinischen Kittel, den er auch
-heute trug, da seine Tätigkeit ja niemals ruhte, einen echten
-türkischen Fez, karminrot, mit schwarzer Troddel, die ihm über
-das Ohr baumelte, aufgesetzt hatte, – Kostüm genug für ihn,
-dies beides zusammen; es reichte hin, seine ohnehin markante
-Erscheinung ins durchaus Wunderliche und Ausgelassene zu
-steigern. Der weiße Langkittel übertrieb des Hofrats Größe;
-brachte man die Nackenbeugung in Anschlag, indem man sie
-in Gedanken beseitigte und seine Gestalt zur vollen Höhe aufrichtete,
-so erschien er geradezu überlebensgroß, mit kleinem,
-buntem Kopf von eigentümlichstem Gepräge. Dem jungen Hans
-Castorp wenigstens war dies Gesicht noch nie so sonderbar
-vorgekommen, wie heute unter der närrischen Bedeckung: diese
-stutznäsig flache und bläulich hitzige Physiognomie, in der unter
-weißblonden Brauen die blauen Augen tränend quollen und
-über dem bogenförmigen, nach oben sich bäumenden Mund
-<a id="page-556" class="pagenum" title="556"></a>
-das helle und schief geschürzte Schnurrbärtchen stand. Abgeneigt
-von dem Dampfe, der vor ihm aus der Terrine wirbelte,
-ließ er das braune Getränk, einen zuckerigen Arrak-Punsch, im
-Bogen aus der Schöpfkelle in die dargereichten Gläser rinnen,
-unaufhörlich in seinem aufgeräumten Kauderwelsch sich ergehend,
-sodaß Lachsalven rund um den Tisch den Ausschank
-begleiteten.
-</p>
-
-<p>
-„Herr Urian sitzt oben auf“, erläuterte Settembrini leise mit
-einer Handbewegung gegen den Hofrat und wurde dann nach
-Hans Castorps Seite fortgezogen. Auch Dr. Krokowski war
-anwesend. Klein, stämmig und kernig, sein schwarzes Lüsterhemd
-mit leeren Ärmeln um die Schultern gehängt, sodaß es
-dominoartig wirkte, hielt er sein Glas mit gedrehter Hand in
-Augenhöhe und plauderte fröhlich mit einer Gruppe von
-Masken travestierten Geschlechts. Musik setzte ein. Die
-Patientin mit dem Tapirgesicht spielte, von dem Mannheimer
-pianistisch begleitet, auf der Geige das Largo von Händel und
-danach eine Sonate von Grieg, deren Charakter national und
-salonmäßig war. Man applaudierte wohlwollend, auch an
-den beiden Bridge-Tischen, die aufgeschlagen waren, und an
-denen Maskierte und Unmaskierte saßen, Flaschen in Eiskühlern
-neben sich. Die Türen standen offen; auch in der Halle
-hielten sich Gäste auf. Eine Gruppe um den Rundtisch mit der
-Bowle sah dem Hofrat zu, der den Anführer zu einem Gesellschaftsspiel
-machte. Er zeichnete mit geschlossenen Augen, im
-Stehen, über den Tisch gebückt, dabei aber zurückgelegten
-Kopfes, damit alle sehen konnten, daß er die Augen geschlossen
-hielt, zeichnete auf die Rückseite einer Visitenkarte mit Bleistift
-blindlings eine Figur, – es waren die Umrisse eines Schweinchens,
-die seine riesige Hand ohne Zuhilfenahme der Augen
-<a id="page-557" class="pagenum" title="557"></a>
-hinmalte, eines Schweinchens im Profil, – etwas einfach und
-mehr ideell als lebenswahr, aber es war unverkennbar die
-Grundgestalt eines Schweinchens, die er unter so erschwerenden
-Bedingungen zusammenzog. Das war ein Kunststück, und er
-konnte es. Das Schlitzäuglein kam ungefähr dort zu sitzen,
-wohin es gehörte, etwas zu weit vorn am Rüssel, aber doch
-ungefähr an seinen Platz; es verhielt sich nicht anders mit dem
-Spitzohr am Kopf, den Beinchen, die an dem gerundeten
-Bäuchlein hingen; und als Fortsetzung der ebenso gerundeten
-Rückenlinie ringelte das Schwänzchen sich sehr artig in sich
-selber. Man rief „Ah!“ als das Werk getan, und drängte sich
-zu dem Versuch, von Ehrgeiz ergriffen, es dem Meister gleichzutun.
-Allein die Wenigsten hätten ein Schweinchen mit offenen
-Augen zu zeichnen vermocht, geschweige bei geschlossenen. Was
-kamen da für Mißgeburten zustande! Es fehlte an allem Zusammenhang.
-Das Äuglein fiel außerhalb des Kopfes, die
-Beinchen ins Innere des Wanstes, der seinerseits weit entfernt
-war, sich zu schließen, und das Schwänzchen ringelte sich irgendwo
-abseits, ganz ohne organische Beziehung zur verworrenen
-Hauptgestalt, als selbständige Arabeske. Man wollte sich ausschütten
-vor Lachen. Die Gruppe fand Zuzug. Aufsehen entstand
-an den Bridgetischen, und die Spieler kamen, ihre Karten
-fächerförmig in der Hand, neugierig herüber. Die Umstehenden
-sahen dem, der sich erprobte, auf die Augenlider, ob er nicht
-blinzle, wozu einige durch das Gefühl ihrer Ohnmacht sich verführen
-ließen, kicherten und prusteten, solange er seine blinden
-Irrtümer beging, und brachen in Jubel aus, wenn er, die Augen
-aufreißend, auf sein absurdes Machwerk niederblickte. Trügerisches
-Selbstvertrauen trieb jeden zum Wettstreit. Die Karte,
-obgleich geräumig, war rasch auf beiden Seiten überfüllt, sodaß
-<a id="page-558" class="pagenum" title="558"></a>
-die verfehlten Figuren sich überschnitten. Aber der Hofrat
-opferte aus seinem Portefeuille eine zweite, auf welcher Staatsanwalt
-Paravant, nach heimlicher Überlegung, das Schweinchen
-<em>in einem Zuge</em> hinzumalen versuchte, – mit dem Ergebnis,
-daß sein Mißerfolg alle vorangegangenen übertraf:
-das Ornament, das er schuf, wies nicht nur mit keinem Schweinchen,
-sondern überhaupt mit nichts in der Welt die entfernteste
-Ähnlichkeit auf. Hallo, Gelächter und stürmische Glückwünsche!
-Man brachte Menükarten aus dem Speisesaal herzu, – so
-konnten nun mehrere Personen, Damen und Herren, auf einmal
-zeichnen, und jeder Konkurrierende hatte seine Aufpasser
-und Zuschauer, von denen wiederum ein jeder Anwärter auf
-den Stift war, der eben gehandhabt wurde. Es waren drei
-Bleistifte da, die man sich aus den Händen riß. Sie gehörten
-Gästen. Der Hofrat, nachdem er das neue Spiel in die Wege
-geleitet und bestens im Gange sah, war mit dem Adlaten verschwunden.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp, im Gedränge, sah über Joachims Schulter
-einem Zeichnenden zu, indem er sich mit dem Ellbogen auf diese
-Schulter stützte, sein Kinn mit allen fünf Fingern erfaßt hielt und
-die andere Hand in die Hüfte stemmte. Er redete und lachte.
-Er wollte ebenfalls zeichnen, verlangte laut danach und erhielt
-den Bleistift, ein schon ganz kurzes Ding, man konnte ihn nur
-noch mit Daumen und Zeigefinger führen. Er schimpfte auf
-den Stummel, das blinde Gesicht zur Decke erhoben, schimpfte
-laut und verfluchte die Undienlichkeit des Stiftes, indem er mit
-fliegender Hand einen gräulichen Unsinn auf den Karton warf,
-schließlich sogar diesen verfehlte und auf das Tischtuch geriet.
-„Das gilt nicht!“ rief er in das verdiente Gelächter hinein.
-„Wie soll man mit einem solchen – zum Teufel damit!“ Und
-<a id="page-559" class="pagenum" title="559"></a>
-er warf den beschuldigten Stummel in die Punschbowle. „Wer
-hat einen vernünftigen Bleistift? Wer leiht mir einen? Ich
-muß noch einmal zeichnen! Einen Bleistift, einen Bleistift! Wer
-hat noch einen?“ rief er nach beiden Seiten aus, den linken
-Unterarm noch auf die Tischplatte gestützt und die rechte Hand
-hoch in der Luft schüttelnd. Er bekam keinen. Da wandte er
-sich um und ging ins Zimmer hinein, indem er zu rufen fortfuhr,
-– ging gerade auf Clawdia Chauchat zu, die, wie er gewußt
-hatte, nicht weit von der Portiere zum kleinen Salon
-stand und von hier aus dem Treiben am Bowlentisch lächelnd
-zugesehen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Hinter sich hörte er rufen, wohllautende ausländische Worte:
-„<span class="antiqua" lang="it">Eh! Ingegnere! Aspetti! Che cosa fa! Ingegnere! Un po
-di raggione, sa! Ma è matto questo ragazzo!</span>“ Aber er
-übertönte diese Stimme mit der seinen, und so sah man Herrn
-Settembrini, eine Hand mit gespreiztem Arm über den Kopf
-geworfen – eine in seiner Heimat übliche Gebärde, deren Sinn
-nicht leicht auf ein Wort zu bringen wäre, und die von einem
-langgezogenen „<span class="antiqua" lang="it">Ehh –!</span>“ begleitet war – die Fastnachtsgeselligkeit
-verlassen. – Hans Castorp aber stand auf dem Klinkerhof,
-blickte aus nächster Nähe in die blau-grau-grünen Epicanthus-Augen
-über den vortretenden Backenknochen und sprach:
-</p>
-
-<p>
-„Hast <em>du</em> nicht vielleicht einen Bleistift?“
-</p>
-
-<p>
-Er war totenbleich, so bleich wie damals, als er blutbesudelt
-von seinem Einzelspaziergang zur Konferenz gekommen war.
-Die Gefäßnervenleitung nach seinem Gesichte spielte mit dem
-Erfolg, daß die entblutete Haut dieses jungen Gesichtes blaßkalt
-einfiel, die Nase spitz erschien und die Partie unter den
-Augen ganz so bleifarben wie bei einer Leiche aussah. Aber
-Hans Castorps Herz ließ der Sympathikus in einer Gangart
-<a id="page-560" class="pagenum" title="560"></a>
-trommeln, daß von geregelter Atmung überhaupt nicht mehr
-die Rede sein konnte, und Schauer überliefen den jungen
-Menschen als Veranstaltung der Hautsalbendrüsen seines
-Körpers, die sich mitsamt ihren Haarbälgen aufrichteten.
-</p>
-
-<p>
-Die im Papierdreispitz betrachtete ihn von oben bis unten
-mit einem Lächeln, worin keinerlei Mitleid, keinerlei Besorgnis
-angesichts der Verwüstung seines Äußeren zu erkennen war.
-Dies Geschlecht kennt ein solches Mitleid und eine solche Besorgnis
-überhaupt nicht vor den Schrecken der Leidenschaft,
-– eines Elementes, ihm offenbar viel vertrauter, als dem
-Mann, der von Natur keineswegs darin zu Hause ist und den
-es nie ohne Spott und Schadenfreude darin begrüßt. Übrigens
-würde er sich für Mitleid und Besorgnis ja freilich
-auch bedanken.
-</p>
-
-<p>
-„Ich?“ antwortete die bloßarmige Kranke auf das „Du“ ...
-„Ja, vielleicht“. Und allenfalls war in ihrem Lächeln und
-ihrer Stimme etwas von der Erregung, die auftritt, wenn nach
-langem, stummem Verhältnis die erste Anrede fällt, – einer
-listigen Erregung, die alles Vorangegangene in den Augenblick
-heimlich einbezieht. „Du bist sehr ehrgeizig ... Du bist ...
-sehr ... eifrig“, fuhr sie in ihrer exotischen Aussprache mit
-fremdem r und fremdem, zu offenem e zu spotten fort, wobei
-ihre leicht verschleierte, angenehm heisere Stimme das Wort
-„ehrgeizig“ auch noch auf der zweiten Silbe betonte, so daß
-es völlig fremdsprachig klang, – und kramte in ihrem Ledertäschchen,
-blickte suchend hinein und zog unter einem Taschentuch,
-das sie zuerst zutage gefördert, ein kleines silbernes Crayon
-hervor, dünn und zerbrechlich, ein Galanteriesächelchen, zu ernsthafter
-Tätigkeit kaum zu gebrauchen. Der Bleistift von damals,
-der erste, war handlich-rechtschaffener gewesen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-561" class="pagenum" title="561"></a>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Voilà</span>“, sagte sie und hielt ihm das Stiftchen vor die Augen,
-indem sie es zwischen Daumen und Zeigefinger an der Spitze
-hielt und leicht hin und her schlenkerte.
-</p>
-
-<p>
-Da sie es ihm zugleich gab und vorenthielt, nahm er es, ohne
-es zu empfangen, das heißt: hielt die Hand in der Höhe des
-Stiftes, dicht daran, die Finger zum Greifen bereit, aber nicht
-vollends zugreifend, und blickte aus seinen bleifarbenen Augenhöhlen
-abwechselnd auf den Gegenstand und in Clawdias
-tatarisches Gesicht. Seine blutlosen Lippen standen offen, und
-sie blieben so, er benutzte sie nicht zum Sprechen, als er sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Siehst du wohl, ich wußte doch, daß du einen haben
-würdest.“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Prenez garde, il est un peu fragile</span>“, sagte sie. „<span class="antiqua" lang="fr">C’est
-à visser, tu sais.</span>“
-</p>
-
-<p>
-Und indem ihre Köpfe sich darüber neigten, zeigte sie ihm
-die landläufige Mechanik des Stiftes, aus dem ein nadeldünnes,
-wahrscheinlich hartes, nichts abgebendes Graphitstänglein fiel,
-wenn man die Schraube öffnete.
-</p>
-
-<p>
-Sie standen nahe gegeneinander geneigt. Da er im Gesellschaftsanzug
-war, trug er heute abend einen steifen Kragen
-und konnte das Kinn darauf stützen.
-</p>
-
-<p>
-„Klein, aber dein“, sagte er, Stirn an Stirn mit ihr, auf
-den Stift hinunter mit unbewegten Lippen und folglich unter
-Auslassung des Labiallautes.
-</p>
-
-<p>
-„Oh, auch witzig bist du“, antwortete sie mit kurzem Lachen,
-indem sie sich aufrichtete und ihm das Crayon nun überließ.
-(Übrigens mochte Gott wissen, womit er witzig war, da er ja
-offensichtlich keinen Tropfen Blut im Kopfe hatte.) „Also geh,
-spute dich, zeichne, zeichne gut, zeichne dich aus!“ Witzig auch
-ihrerseits schien sie ihn fortzutreiben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-562" class="pagenum" title="562"></a>
-„Nein, <em>du</em> hast noch nicht gezeichnet. <em>Du</em> mußt zeichnen“,
-sagte er unter Auslassung des m von „mußt“ und trat auf
-ziehende Art einen Schritt zurück.
-</p>
-
-<p>
-„Ich?“ wiederholte sie wieder mit einem Erstaunen, das
-etwas anderem mehr als seiner Forderung zu gelten schien.
-In einer gewissen Verwirrung lächelnd blieb sie noch stehen,
-folgte aber dann seiner magnetisierenden Rückwärtsbewegung
-ein paar Schritte gegen den Bowlentisch.
-</p>
-
-<p>
-Es zeigte sich jedoch, daß die Unterhaltung dort nicht mehr
-vorhielt, in den letzten Zügen lag. Jemand zeichnete noch, hatte
-aber keine Zuschauer mehr. Die Karten waren mit Unsinn bedeckt,
-jedermann hatte seine Ohnmacht erprobt, der Tisch stand
-fast verlassen, zumal eine Gegenströmung eingesetzt hatte. Da
-man gewahr geworden, daß die Ärzte fort waren, lautete plötzlich
-die Parole auf Tanz. Schon wurde der Tisch beiseite
-geschleppt. Man postierte Späher an die Türen des Schreib-
-und des Klavierzimmers, mit der Anweisung, durch ein Zeichen
-den Ball zum Stehen zu bringen, falls etwa „der Alte“,
-Krokowski oder die Oberin sich wieder zeigen sollten. Ein slawischer
-Jüngling griff mit Ausdruck in die Tastatur des kleinen
-Nußbaumpianinos. Die ersten Paare drehten sich im Inneren
-eines unregelmäßigen Kreises von Sesseln und Stühlen, auf
-denen Zuschauer saßen.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp verabschiedete sich von dem eben fortschwebenden
-Tisch mit der Handbewegung: „Fahr hin!“ Mit dem
-Kinn deutete er dann auf freie Sitzgelegenheiten, die er im kleinen
-Salon gewahrte, und auf die geschützte Zimmerecke rechts
-neben der Portiere. Er sagte nichts, vielleicht, weil ihm die Musik
-zu laut war. Er zog einen Stuhl – es war ein sogenannter
-Triumphstuhl, mit Holzrahmen und einer Plüschbespannung
-<a id="page-563" class="pagenum" title="563"></a>
-– für Frau Chauchat an den Ort, den er vorher pantomimisch
-bezeichnet hatte, und eignete sich selbst einen knisternden, krachenden
-Korbstuhl mit gerollten Armlehnen an, auf den er sich zu
-ihr setzte, gegen sie vorgebeugt, die Arme auf den Lehnen, ihr
-Crayon in den Händen, die Füße weit unter dem Stuhl. Sie
-ihrerseits lag allzu tief in dem Plüschgehänge, ihre Knie waren
-emporgehoben, doch schlug sie trotzdem das eine über das andere
-und ließ ihren Fuß in der Höhe wippen, dessen Knöchel
-über dem Rande des schwarzen Lackschuhs von der ebenfalls
-schwarzen Seide des Strumpfes überspannt war. Vor ihnen
-saßen andere Leute, standen auf, um zu tanzen und machten solchen
-Platz, die müde waren. Es war ein Kommen und Gehen.
-</p>
-
-<p>
-„Du hast ein neues Kleid“, sagte er, um sie betrachten zu
-dürfen, und hörte sie antworten:
-</p>
-
-<p>
-„Neu? Du bist bewandert in meiner Toilette?“
-</p>
-
-<p>
-„Habe ich nicht recht?“
-</p>
-
-<p>
-„Doch. Ich habe es mir kürzlich hier machen lassen, bei
-Lukaček im Dorf. Er arbeitet viel für Damen hier oben. Es
-gefällt dir?“
-</p>
-
-<p>
-„Sehr gut“, sagte er, indem er sie mit dem Blick noch einmal
-umfaßte und ihn dann niederschlug. „Willst du tanzen?“
-fügte er hinzu.
-</p>
-
-<p>
-„Würdest du wollen?“ fragte sie mit erhobenen Brauen
-lächelnd dagegen, und er antwortete:
-</p>
-
-<p>
-„Ich täte es schon, wenn du Lust hättest.“
-</p>
-
-<p>
-„Das ist weniger brav, als ich dachte, daß du seist“, sagte
-sie, und da er wegwerfend auflachte, fügte sie hinzu: „Dein
-Vetter ist schon gegangen.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, er ist mein Vetter“, bestätigte er unnötigerweise. „Ich
-sah auch vorhin, daß er fort ist. Er wird sich gelegt haben.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-564" class="pagenum" title="564"></a>
-„<span class="antiqua" lang="fr">C’est un jeune homme très étroit, très honnête, très
-allemand.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Étroit? Honnête?</span>“ wiederholte er. „Ich verstehe Französisch
-besser, als ich es spreche. Du willst sagen, daß er pedantisch
-ist. Hältst du uns Deutsche für pedantisch – <span class="antiqua" lang="fr">nous autres
-allemands</span>?“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Nous causons de votre cousin. Mais c’est vrai</span>, ihr seid
-ein wenig bourgeois. <span class="antiqua" lang="fr">Vous aimez l’ordre mieux que la
-liberté, toute l’Europe le sait.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Aimer ... aimer ... Qu’est-ce que c’est! Ça manque
-de définition, ce mot-là.</span> Der Eine hat’s, der Andere liebt’s,
-<span class="antiqua" lang="fr">comme nous disons proverbialement</span>“, behauptete Hans
-Castorp. „Ich habe in letzter Zeit,“ fuhr er fort, „manchmal
-über die Freiheit nachgedacht. Das heißt, ich hörte das Wort
-so oft, und so dachte ich darüber nach. <span class="antiqua" lang="fr">Je te le dirai en français</span>,
-was ich mir dachte. <span class="antiqua" lang="fr">Ce que toute l’Europe nomme
-la liberté, est peut-être une chose assez pédante et assez
-bourgeoise en comparaison de notre besoin d’ordre –
-c’est ça!</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Tiens! C’est amusant. C’est ton cousin à qui tu penses
-en disant des choses étranges comme ça?</span>“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, <span class="antiqua" lang="fr">c’est vraiment une bonne âme</span>, eine einfache, unbedrohte
-Natur, <span class="antiqua" lang="fr">tu sais. Mais il n’est pas bourgeois, il est
-militaire.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„Unbedroht?“ wiederholte sie mühsam ... „<span class="antiqua" lang="fr">Tu veux dire:
-une nature tout à fait ferme, sûre d’elle-même? Mais il est
-sérieusement malade, ton pauvre cousin.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„Wer hat das gesagt?“
-</p>
-
-<p>
-„Man weiß hier voneinander.“
-</p>
-
-<p>
-„Hat Hofrat Behrens dir das gesagt?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-565" class="pagenum" title="565"></a>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Peut-être en me faisant voir ses tableaux.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">C’est-à-dire: en faisant ton portrait!</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Pourquoi pas. Tu l’as trouvé réussi, mon portrait?</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Mais oui, extrêmement. Behrens a très exactement
-rendu ta peau, oh vraiment très fidèlement. J’aimerais
-beaucoup être portraitiste, moi aussi, pour avoir l’occasion
-d’étudier ta peau comme lui.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Parlez allemand, s’il vous plaît!</span>“
-</p>
-
-<p>
-„Oh, ich spreche Deutsch, auch auf Französisch. <span class="antiqua" lang="fr">C’est une
-sorte d’étude artistique et médicale – en un mot: il s’agit
-des lettres humaines, tu comprends.</span> Wie ist es nun, willst
-du nicht tanzen?“
-</p>
-
-<p>
-„Aber nein, das ist kindisch. <span class="antiqua" lang="fr">En cachette des médecins.
-Aussitôt que Behrens reviendra, tout le monde va se précipiter
-sur les chaises. Ce sera fort ridicule.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„Hast du so großen Respekt vor ihm?“
-</p>
-
-<p>
-„Vor wem?“ sagte sie, das Fragewort kurz und fremdartig
-sprechend.
-</p>
-
-<p>
-„Vor Behrens.“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Mais va donc avec ton Behrens!</span> Es ist auch viel zu eng
-zum Tanzen. <span class="antiqua" lang="fr">Et puis sur le tapis</span> ... Wollen wir zusehen,
-dem Tanze.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, das wollen wir“, pflichtete er bei und schaute neben ihr
-hin, mit seinem bleichen Gesicht, mit den blauen, sinnig blickenden
-Augen seines Großvaters, in das Gehüpf der maskierten
-Patienten hier im Salon und drüben im Schreibzimmer. Da
-hüpfte die Stumme Schwester mit dem Blauen Heinrich, und
-Frau Salomon, die als Ballherr, in Frack und weiße Weste,
-gekleidet war, mit hochgewölbter Hemdbrust, gemaltem
-Schnurrbart und Monokel, drehte sich auf kleinen Lack-Stöckelschuhen,
-<a id="page-566" class="pagenum" title="566"></a>
-die unnatürlicherweise aus ihren schwarzen
-Herrenhosen hervorkamen, mit dem Pierrot, dessen Lippen blutrot
-in seinem geweißten Antlitz leuchteten, und dessen Augen
-denen eines Albino-Kaninchens glichen. Der Grieche im Mäntelchen
-schwang das Ebenmaß seiner lila Trikotbeine um den
-dekolletierten und dunkel glitzernden Rasmussen; der Staatsanwalt
-im Kimono, die Generalkonsulin Wurmbrand und der
-junge Gänser tanzten sogar selbdritt, indem sie sich mit den Armen
-umschlungen hielten; und was die Stöhr betraf, so tanzte
-sie mit ihrem Besen, den sie ans Herz drückte und dessen Borsten
-sie liebkoste, als wären sie eines Menschen aufrecht stehendes
-Haupthaar gewesen.
-</p>
-
-<p>
-„Das wollen wir“, wiederholte Hans Castorp mechanisch.
-Sie sprachen leise, unter den Tönen des Klaviers. „Wir wollen
-hier sitzen und zusehen wie im Traum. Das ist für mich
-wie ein Traum, mußt du wissen, daß wir so sitzen, – <span class="antiqua" lang="fr">comme
-un rêve singulièrement profond, car il faut dormir très
-profondément pour rêver comme cela ... Je veux dire:
-C’est un rêve bien connu, rêvé de tout temps, long, éternel,
-oui, être assis près de toi comme à présent, voilà l’éternité.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Poète!</span>“ sagte sie. „<span class="antiqua" lang="fr">Bourgeois, humaniste et poète, –
-voilà l’allemand au complet, comme il faut!</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Je crains, que nous ne soyons pas du tout et nullement
-comme il faut</span>“, antwortete er. „<span class="antiqua" lang="fr">Sous aucun égard. Nous
-sommes peut-être des</span> Sorgenkinder des Lebens, <span class="antiqua" lang="fr">tout simplement</span>.“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Joli mot. Dis-moi donc ... Il n’aurait pas été fort difficile
-de rêver ce rêve-là plus tôt. C’est un peu tard, que
-monsieur se résout d’adresser la parole à son humble
-servante.</span>“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-567" class="pagenum" title="567"></a>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Pourquoi des paroles?</span>“ sagte er. „<span class="antiqua" lang="fr">Pourquoi parler?
-Parler, discourir, c’est une chose bien républicaine, je le
-concède. Mais je doute, que ce soit poétique au même
-degré. Un de nos pensionnaires, qui est un peu devenu
-mon ami, M. Settembrini ...</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Il vient de te lancer quelques paroles.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Eh bien, c’est un grand parleur sans doute, il aime
-même beaucoup à réciter de beaux vers, – mais est-ce
-un poète, cet homme-là?</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Je regrette sincèrement de n’avoir jamais eu le plaisir
-de faire la connaissance de ce chevalier.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Je le crois bien.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Ah! Tu le crois.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Comment? C’était une phrase tout-à-fait indifférente,
-ce que j’ai dit là. Moi, tu le remarques bien, je ne parle
-guère le français. Pourtant, avec toi je préfère cette
-langue à la mienne, car pour moi, parler français, c’est
-parler sans parler, en quelque manière, – sans responsabilité,
-ou comme nous parlons en rêve. Tu comprends?</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">A peu près.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Ça suffit ... Parler</span>“, fuhr Hans Castorp fort, „<span class="antiqua" lang="fr">– pauvre
-affaire! Dans l’éternité, on ne parle point. Dans l’éternité,
-tu sais, on fait comme en dessinant un petit cochon: on
-penche la tête en arrière et on ferme les yeux.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Pas mal, ça! Tu es chez toi dans l’éternité, sans aucun
-doute, tu la connais à fond. Il faut avouer, que tu es un
-petit rêveur assez curieux.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Et puis</span>“, sagte Hans Castorp, „<span class="antiqua" lang="fr">si je t’avais parlé plus
-tôt, il m’aurait fallu te dire »vous«!</span>“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-568" class="pagenum" title="568"></a>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Eh bien, est-ce que tu as l’intention de me tutoyer
-pour toujours?</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Mais oui. Je t’ai tutoyée de tout temps et je te tutoierai
-éternellement.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">C’est un peu fort, par exemple. En tout cas tu n’auras
-pas trop longtemps l’occasion de me dire »tu«. Je vais
-partir.</span>“
-</p>
-
-<p>
-Das Wort brauchte einige Zeit, bis es ihm ins Bewußtsein
-drang. Dann fuhr er auf, wirr um sich blickend, wie ein aus dem
-Schlaf Gestörter. Ihr Gespräch war ziemlich langsam vonstatten
-gegangen, da Hans Castorp das Französische schwerfällig
-und wie in zögerndem Sinnen sprach. Das Klavier, das kurze
-Zeit geschwiegen hatte, tönte wieder, nunmehr unter den Händen
-des Mannheimers, der den Slawenjüngling abgelöst und
-Noten aufgelegt hatte. Fräulein Engelhart saß bei ihm und blätterte
-um. Der Ball hatte sich gelichtet. Eine größere Anzahl der
-Pensionäre schien horizontale Lage eingenommen zu haben. Vor
-ihnen saß niemand mehr. Im Lesezimmer spielte man Karten.
-</p>
-
-<p>
-„Was tust du?“ fragte Hans Castorp entgeistert ...
-</p>
-
-<p>
-„Ich reise ab“, wiederholte sie, scheinbar verwundert lächelnd
-über sein Erstarren.
-</p>
-
-<p>
-„Nicht möglich“, sagte er. „Das ist nur Scherz.“
-</p>
-
-<p>
-„Durchaus nicht. Es ist mein vollkommener Ernst. Ich reise.“
-</p>
-
-<p>
-„Wann?“
-</p>
-
-<p>
-„Aber morgen. <span class="antiqua" lang="fr">Après dîner.</span>“
-</p>
-
-<p>
-In ihm ereignete sich ein umfangreicher Zusammensturz.
-Er sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Wohin?“
-</p>
-
-<p>
-„Sehr weit fort.“
-</p>
-
-<p>
-„Nach Daghestan?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-569" class="pagenum" title="569"></a>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Tu n’es pas mal instruit. Peut-être, pour le moment ...</span>“
-</p>
-
-<p>
-„Bist du denn geheilt?“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Quant à ça ... non.</span> Aber Behrens meint, es sei vorläufig
-hier nicht mehr viel für mich zu erreichen. <span class="antiqua" lang="fr">C’est pourquoi je
-vais risquer un petit changement d’air.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„Du kommst also wieder!“
-</p>
-
-<p>
-„Das fragt sich. Es fragt sich vor allem, wann. <span class="antiqua" lang="fr">Quant à
-moi, tu sais, j’aime la liberté avant tout et notamment
-celle de choisir mon domicile. Tu ne comprends guère
-ce que c’est: être obsédé d’indépendance. C’est de ma
-race, peut-être.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Et ton mari au Daghestan te l’accorde, – ta liberté?</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">C’est la maladie qui me la rend. Me voilà à cet endroit
-pour la troisième fois. J’ai passé un an ici, cette fois.
-Possible que je revienne. Mais alors tu seras bien loin
-depuis longtemps.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„Glaubst du, Clawdia?“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Mon prénom aussi! Vraiment tu les prends bien au
-sérieux les coutumes du carnaval!</span>“
-</p>
-
-<p>
-„Weißt du denn, wie krank ich bin?“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Oui – non – comme on sait ces choses ici. Tu as une
-petite tache humide là dedans et un peu de fièvre, n’est-ce
-pas?</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Trente-sept et huit ou neuf l’après-midi</span>“, sagte Hans
-Castorp. „Und du?“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Oh, mon cas, tu sais, c’est un peu plus compliqué ...
-pas tout-à-fait simple.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Il y a quelque chose dans cette branche de lettres
-humaines dite la médecine</span>,“ sagte Hans Castorp, „<span class="antiqua" lang="fr">qu’on
-appelle bouchement tuberculeux des vases de lymphe.</span>“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-570" class="pagenum" title="570"></a>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Ah! Tu as mouchardé, mon cher, on le voit bien.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Et toi ...</span> Verzeih mir! Laß mich dich jetzt etwas fragen,
-dich dringlich und auf Deutsch etwas fragen! Als ich damals
-von Tische zur Untersuchung ging, vor sechs Monaten ...
-Du blicktest dich um nach mir, erinnerst du dich?“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Quelle question? Il y a six mois!</span>“
-</p>
-
-<p>
-„Wußtest du, wohin ich ging?“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Certes, c’était tout-à-fait par hasard ...</span>“
-</p>
-
-<p>
-„Du wußtest es von Behrens?“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Toujours ce Behrens!</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Oh, il a représenté ta peau d’une façon tellement
-exacte ... D’ailleurs, c’est un veuf aux joues ardentes et
-qui possède un service à café très remarquable ... Je crois
-bien qu’il connaît ton corps non seulement comme médecin,
-mais aussi comme adepte d’une autre discipline
-de lettres humaines.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Tu as décidément raison de dire, que tu parles en
-rêve, mon ami.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Soit ... Laisse-moi rêver de nouveau après m’avoir
-réveillé si cruellement par cette cloche d’alarme de ton
-départ. Sept mois sous tes yeux ... Et à présent, où en
-réalité j’ai fait ta connaissance, tu me parles de départ!</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Je te répète, que nous aurions pu causer plus tôt.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„Du hättest es gewünscht?“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Moi? Tu ne m’échapperas pas, mon petit. Il s’agit de
-tes intérêts, à toi. Est-ce que tu étais trop timide pour
-t’approcher d’une femme à qui tu parles en rêve maintenant,
-ou est-ce qu’il y avait quelqu’un qui t’en a empêché?</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Je te l’ai dit. Je ne voulais pas te dire »vous«.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Farceur. Réponds donc, – ce monsieur beau parleur,
-<a id="page-571" class="pagenum" title="571"></a>
-cet italien-là qui a quitté la soirée, – qu’est-ce qu’il t’a
-lancé tantôt?</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Je n’en ai entendu absolument rien. Je me soucie très
-peu de ce monsieur, quand mes yeux te voient. Mais tu
-oublies ... il n’aurait pas été si facile du tout de faire ta
-connaissance dans le monde. Il y avait encore mon cousin
-avec qui j’étais lié et qui incline très peu à s’amuser ici:
-Il ne pense à rien qu’à son retour dans les plaines, pour
-se faire soldat.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Pauvre diable. Il est, en effet, plus malade qu’il ne sait.
-Ton ami italien du reste ne va pas trop bien non plus.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Il le dit lui-même. Mais mon cousin ... Est-ce vrai?
-Tu m’effraies.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Fort possible qu’il va mourir, s’il essaye d’être soldat
-dans les plaines.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Qu’il va mourir. La mort. Terrible mot, n’est-ce pas?
-Mais c’est étrange, il ne m’impressionne pas tellement aujourd’hui,
-ce mot. C’était une façon de parler bien conventionnelle,
-lorsque je disais »Tu m’effraies«. L’idée
-de la mort ne m’effraie pas. Elle me laisse tranquille. Je
-n’ai pas pitié – ni de mon bon Joachim ni de moi-même,
-en entendant qu’il va peut-être mourir. Si c’est vrai,
-son état ressemble beaucoup au mien et je ne le trouve
-pas particulièrement imposant. Il est moribond, et moi,
-je suis amoureux, eh bien! – Tu as parlé à mon cousin
-à l’atelier de photographie intime, dans l’antichambre,
-tu te souviens.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Je me souviens un peu.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Donc ce jour-là Behrens a fait ton portrait transparent!</span>“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-572" class="pagenum" title="572"></a>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Mais oui.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Mon dieu. Et l’as-tu sur toi?</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Non, je l’ai dans ma chambre.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Ah, dans ta chambre. Quant au mien, je l’ai toujours
-dans mon portefeuille. Veux-tu que je te le fasse
-voir?</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Mille remerciements. Ma curiosité n’est pas invincible.
-Ce sera un aspect très innocent.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Moi, j’ai vu ton portrait extérieur. J’aimerais beaucoup
-mieux voir ton portrait intérieur qui est enfermé dans ta
-chambre ... Laisse-moi demander autre chose! Parfois
-un monsieur russe qui loge en ville vient te voir. Qui
-est-ce? Dans quel but vient-il, cet homme?</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Tu es joliment fort en espionnage, je l’avoue. Eh bien,
-je réponds. Oui, c’est un compatriote souffrant, un ami.
-J’ai fait sa connaissance à une autre station balnéaire, il y a
-quelques années déjà. Nos relations? Les voilà: nous prenons
-notre thé ensemble, nous fumons deux ou trois papiros,
-et nous bavardons, nous philosophons, nous parlons
-de l’homme, de Dieu, de la vie, de la morale, de mille
-choses. Voilà mon compte rendu. Es-tu satisfait?</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">De la morale aussi! Et qu’est-ce que vous avez trouvé
-en fait de morale, par exemple?</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">La morale? Cela t’intéresse? Eh bien, il nous semble,
-qu’il faudrait chercher la morale non dans la vertu, c’est-à-dire
-dans la raison, la discipline, les bonnes mœurs,
-l’honnêteté, – mais plutôt dans le contraire, je veux dire:
-dans le péché, en s’abandonnant au danger, à ce qui est
-nuisible, à ce qui nous consume. Il nous semble qu’il est
-plus moral de se perdre et même de se laisser dépérir
-<a id="page-573" class="pagenum" title="573"></a>
-que de se conserver. Les grands moralistes n’étaient point
-des vertueux, mais des aventuriers dans le mal, des vicieux,
-des grands pécheurs qui nous enseignent à nous incliner
-chrétiennement devant la misère. Tout ça doit te déplaire
-beaucoup, n’est-ce pas?</span>“
-</p>
-
-<p>
-Er schwieg. Er saß noch immer wie anfangs, die verschlungenen
-Füße tief unter seinem knisternden Stuhl, vorgeneigt gegen
-die Liegende im Papierdreispitz, ihr Crayon zwischen den Fingern,
-und blickte aus Hans Lorenz Castorps blauen Augen von unten
-in das Zimmer, das leer geworden war. Zerstoben die Gästeschaft.
-Das Klavier, in der schräg gegenüberliegenden Ecke,
-tönte nur noch leise und abgebrochen, gespielt mit einer Hand
-von dem mannheimischen Kranken, an dessen Seite die Lehrerin
-saß und in einem Notenbuch blätterte, das sie auf den
-Knien hielt. Als das Gespräch zwischen Hans Castorp und
-Clawdia Chauchat verstummte, hörte der Pianist vollends zu
-spielen auf und legte auch die Hand, mit der er die Tasten leicht
-gerührt hatte, in den Schoß, während Fräulein Engelhart fortfuhr,
-in ihre Noten zu blicken. Die vier von der Fastnachtsgeselligkeit
-übriggebliebenen Personen saßen unbeweglich. Die
-Stille dauerte mehrere Minuten. Langsam neigten sich unter
-ihrem Druck die Köpfe des Paares am Pianino tiefer und tiefer,
-der des Mannheimers gegen die Klaviatur hinab, der Fräulein
-Engelharts auf das Notenheft. Endlich, beide gleichzeitig,
-wie nach geheimer Verständigung, standen sie vorsichtig auf,
-und leise, auf den Zehen, indem sie es künstlich vermieden, sich
-nach der anderen noch belebten Zimmerecke umzusehen, die
-Köpfe eingezogen und die Arme steif am Leibe, verschwanden
-der Mannheimer und die Lehrerin miteinander durch das
-Schreib- und Lesezimmer.
-<a id="page-574" class="pagenum" title="574"></a>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Tout le monde se retire</span>“, sagte Frau Chauchat. „<span class="antiqua" lang="fr">C’étaient
-les derniers; il se fait tard. Eh bien, la fête de carnaval
-est finie.</span>“ Und sie hob die Arme, um mit beiden Händen die
-Papiermütze von ihrem rötlichen Haar zu nehmen, dessen Zopf
-als Kranz um den Kopf geschlungen war. „<span class="antiqua" lang="fr">Vous connaissez
-les conséquences, monsieur.</span>“
-</p>
-
-<p>
-Aber Hans Castorp verneinte mit geschlossenen Augen, ohne
-im übrigen seine Stellung zu verändern. Er antwortete:
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Jamais, Clawdia. Jamais je te dirai »vous«, jamais de
-la vie ni de la mort</span>, wenn man so sagen kann, – man sollte
-es können. <span class="antiqua" lang="fr">Cette forme de s’adresser à une personne, qui
-est celle de l’Occident cultivé et de la civilisation humanitaire,
-me semble fort bourgeoise et pédante. Pourquoi,
-au fond, de la forme? La forme, c’est la pédanterie elle-même!
-Tout ce que vous avez fixé à l’égard de la morale,
-toi et ton compatriote souffrant, – tu veux sérieusement
-que ça me surprenne? Pour quel sot me prends-tu? Dis
-donc, qu’est-ce que tu penses de moi?</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">C’est un sujet qui ne donne pas beaucoup à penser.
-Tu es un petit bonhomme convenable, de bonne famille,
-d’une tenue appétissante, disciple docile de ses précepteurs
-et qui retournera bientôt dans les plaines, pour
-oublier complètement qu’il a jamais parlé en rêve ici
-et pour aider à rendre son pays grand et puissant par
-son travail honnête sur le chantier. Voilà ta photographie
-intime, faite sans appareil. Tu la trouves exacte,
-j’espère?</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Il y manque quelques détails que Behrens y a trouvés.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Ah, les médecins en trouvent toujours, ils s’y connaissent
-...</span>“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-575" class="pagenum" title="575"></a>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Tu parles comme M. Settembrini. Et ma fièvre? D’où
-vient-elle?</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Allons donc, c’est un incident sans conséquence qui
-passera vite.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Non, Clawdia, tu sais bien que ce que tu dis là n’est
-pas vrai et tu le dis sans conviction, j’en suis sûr. La
-fièvre de mon corps et le battement de mon cœur harassé
-et le frissonnement de mes membres, c’est le contraire
-d’un incident, car ce n’est rien d’autre</span> –“ und sein
-bleiches Gesicht mit den zuckenden Lippen beugte sich tiefer
-zu dem ihren – „<span class="antiqua" lang="fr">rien d’autre que mon amour pour toi,
-oui, cet amour qui m’a saisi à l’instant, où mes yeux
-t’ont vue, ou, plutôt, que j’ai reconnu, quand je t’ai reconnue
-toi, – et c’était lui, évidemment, qui m’a mené
-à cet endroit ...</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Quelle folie!</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Oh, l’amour n’est rien, s’il n’est pas de la folie, une
-chose insensée, défendue et une aventure dans le mal.
-Autrement c’est une banalité agréable, bonne pour en
-faire de petites chansons paisibles dans les plaines. Mais
-quant à ce que je t’ai reconnue et que j’ai reconnu mon
-amour pour toi, – oui, c’est vrai, je t’ai déjà connue, anciennement,
-toi et tes yeux merveilleusement obliques
-et ta bouche et ta voix, avec laquelle tu parles, – une fois
-déjà, lorsque j’étais collégien, je t’ai demandé ton crayon,
-pour faire enfin ta connaissance mondaine, parce que je
-t’aimais irraisonnablement, et c’est de là, sans doute, c’est
-de mon ancien amour pour toi, que ces marques me restent
-que Behrens a trouvées dans mon corps, et qui indiquent
-que jadis aussi j’étais malade ...</span>“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-576" class="pagenum" title="576"></a>
-Seine Zähne schlugen aufeinander. Er hatte den einen Fuß
-unter seinem knisternden Stuhl hervorgezogen, während er
-phantasierte, und indem er ihn vorschob, diesen Fuß, berührte
-er mit dem anderen Knie schon den Boden, so daß er denn also
-neben ihr kniete, gebeugten Kopfes und am ganzen Körper zitternd.
-„<span class="antiqua" lang="fr">Je t’aime</span>,“ lallte er, „<span class="antiqua" lang="fr">je t’ai aimée de tout temps,
-car tu es le Toi de ma vie, mon rêve, mon sort, mon envie,
-mon éternel désir ...</span>“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Allons, allons!</span>“ sagte sie. „<span class="antiqua" lang="fr">Si tes précepteurs te voyaient
-...</span>“
-</p>
-
-<p>
-Aber er schüttelte verzweifelt den Kopf, das Gesicht über den
-Teppich, und antwortete:
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Je m’en ficherais, je me fiche de tous ces Carducci et
-de la République éloquente et du progrès humain dans
-le temps, car je t’aime!</span>“
-</p>
-
-<p>
-Sie streichelte ihm leicht mit der Hand das kurzgeschorene
-Haar am Hinterkopf.
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Petit bourgeois!</span>“ sagte sie. „<span class="antiqua" lang="fr">Joli bourgeois à la petite
-tache humide. Est-ce vrai que tu m’aimes tant?</span>“
-</p>
-
-<p>
-Und begeistert von ihrer Berührung, nun auf beiden Knien,
-den Kopf im Nacken und mit geschlossenen Augen fuhr er zu
-sprechen fort:
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Oh, l’amour, tu sais ... Le corps, l’amour, la mort,
-ces trois ne font qu’un. Car le corps, c’est la maladie et
-la volupté, et c’est lui qui fait la mort, oui, ils sont charnels
-tous deux, l’amour et la mort, et voilà leur terreur
-et leur grande magie! Mais la mort, tu comprends, c’est
-d’une part une chose mal famée, impudente qui fait rougir
-de honte; et d’autre part c’est une puissance très solennelle
-et très majestueuse, – beaucoup plus haute que la
-<a id="page-577" class="pagenum" title="577"></a>
-vie riante gagnant de la monnaie et farcissant sa panse, –
-beaucoup plus vénérable que le progrès qui bavarde par
-les temps, – parce qu’elle est l’histoire et la noblesse et la
-piété et l’éternel et le sacré qui nous fait tirer le chapeau
-et marcher sur la pointe des pieds ... Or, de même, le corps,
-lui aussi, et l’amour du corps, sont une affaire indécente
-et fâcheuse, et le corps rougit et pâlit à sa surface par
-frayeur et honte de lui-même. Mais aussi il est une grande
-gloire adorable, image miraculeuse de la vie organique,
-sainte merveille de la forme et de la beauté, et l’amour
-pour lui, pour le corps humain, c’est de même un intérêt
-extrêmement humanitaire et une puissance plus éducative
-que toute la pédagogie du monde! ... Oh, enchantante
-beauté organique qui ne se compose ni de teinture à
-l’huile ni de pierre, mais de matière vivante et corruptible,
-pleine du secret fébrile de la vie et de la pourriture!
-Regarde la symétrie merveilleuse de l’édifice humain, les
-épaules et les hanches et les mamelons fleurissants de
-part et d’autre sur la poitrine, et les côtes arrangées par
-paires, et le nombril au milieu dans la mollesse du ventre,
-et le sexe obscur entre les cuisses! Regarde les omoplates
-se remuer sous la peau soyeuse du dos, et l’échine qui
-descend vers la luxuriance double et fraîche des fesses,
-et les grandes branches des vases et des nerfs qui passent
-du tronc aux rameaux par les aisselles, et comme la structure
-des bras correspond à celle des jambes. Oh, les douces
-régions de la jointure intérieure du coude et du jarret
-avec leur abondance de délicatesses organiques sous leurs
-coussins de chair! Quelle fête immense de les caresser ces
-endroits délicieux du corps humain! Fête à mourir sans
-<a id="page-578" class="pagenum" title="578"></a>
-plainte après! Oui, mon dieu, laisse-moi sentir l’odeur de
-la peau de ta rotule, sous laquelle l’ingénieuse capsule articulaire
-sécrète son huile glissante! Laisse-moi toucher
-dévotement de ma bouche l’Arteria femoralis qui bat au
-front de ta cuisse et qui se divise plus bas en les deux
-artères du tibia! Laisse-moi ressentir l’exhalation de tes
-pores et tâter ton duvet, image humaine d’eau et d’albumine,
-destinée pour l’anatomie du tombeau, et laisse-moi
-périr, mes lèvres aux tiennes!</span>“
-</p>
-
-<p>
-Er öffnete die Augen nicht, nachdem er gesprochen; er blieb,
-wie er war, den Kopf im Nacken, die Hände mit dem Silberstiftchen
-von sich gestreckt, auf seinen Knien bebend und schwankend.
-Sie sagte:
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Tu es en effet un galant qui sait solliciter d’une manière
-profonde, à l’allemande.</span>“
-</p>
-
-<p>
-Und sie setzte ihm die Papiermütze auf.
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Adieu, mon prince Carnaval! Vous aurez une mauvaise
-ligne de fièvre ce soir, je vous le prédis.</span>“
-</p>
-
-<p>
-Damit glitt sie vom Stuhl, glitt über den Teppich zur Tür,
-in deren Rahmen sie zögerte, halb rückwärts gewandt, einen
-ihrer nackten Arme erhoben, die Hand an der Türangel. Über
-die Schulter sagte sie leise:
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">N’oubliez pas de me rendre mon crayon.</span>“
-</p>
-
-<p>
-Und trat hinaus.
-</p>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="printer">
-Druck vom Bibliographischen Institut in Leipzig
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="trnote chapter">
-<p class="transnote">
-Anmerkungen zur Transkription
-</p>
-
-<p>
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Die Schreibweise häufig vorkommender Namen wurde vereinheitlicht.
-Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme späterer Auflagen,
-sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
-</p>
-
-
-
-<ul>
-
-<li>
-... <span class="underline">verschiedene</span> Gemütsbewegungen hin und her geworfen, bis ...<br />
-... <a href="#corr-5"><span class="underline">verschiedenen</span></a> Gemütsbewegungen hin und her geworfen, bis ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... die Wangen streifenden Hals<span class="underline">kragen</span> des Großvaters ausfüllte. ...<br />
-... die Wangen streifenden Hals<a href="#corr-6"><span class="underline">kragens</span></a> des Großvaters ausfüllte. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... gegeben und selbstverständlich betrachten und <span class="underline">vor</span> dem Einfall, ...<br />
-... gegeben und selbstverständlich betrachten und <a href="#corr-7"><span class="underline">von</span></a> dem Einfall, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Vetter macht. In <span class="underline">ihrem</span> Fall kann man gar nichts Schlaueres ...<br />
-... Vetter macht. In <a href="#corr-8"><span class="underline">Ihrem</span></a> Fall kann man gar nichts Schlaueres ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... auf Platz Davos, etwa in Drittelhöhe des <span class="underline">Ganges</span>, und gewährte ...<br />
-... auf Platz Davos, etwa in Drittelhöhe des <a href="#corr-10"><span class="underline">Hanges</span></a>, und gewährte ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... „Wie heißt es doch in der Oper <span class="underline">ihres</span> Meisters? ‚Der Vogelfänger ...<br />
-... „Wie heißt es doch in der Oper <a href="#corr-14"><span class="underline">Ihres</span></a> Meisters? ‚Der Vogelfänger ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... den Revolver von <span class="underline">ihrer</span> Schläfe weg, es ist nicht anzusehen! ...<br />
-... den Revolver von <a href="#corr-18"><span class="underline">Ihrer</span></a> Schläfe weg, es ist nicht anzusehen! ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Ihnen nicht zuträglich zu sein scheint, da <span class="underline">sie</span> sich körperlich und, ...<br />
-... Ihnen nicht zuträglich zu sein scheint, da <a href="#corr-21"><span class="underline">Sie</span></a> sich körperlich und, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Vorhaben erwachte, <span class="underline">seinen</span> Vetter Joachim morgen von diesem ...<br />
-... Vorhaben erwachte, <a href="#corr-22"><span class="underline">seinem</span></a> Vetter Joachim morgen von diesem ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... als Sie sich den Anschein geben, da <span class="underline">sie</span> offenbar Geist besitzen. ...<br />
-... als Sie sich den Anschein geben, da <a href="#corr-23"><span class="underline">Sie</span></a> offenbar Geist besitzen. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... So entspricht es <span class="underline">ihrem</span> Alter, welches männlicher Entschlossenheit ...<br />
-... So entspricht es <a href="#corr-24"><span class="underline">Ihrem</span></a> Alter, welches männlicher Entschlossenheit ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... die Griffe übte, die man <span class="underline">ihm</span> lehrte. Nur einige ...<br />
-... die Griffe übte, die man <a href="#corr-25"><span class="underline">ihn</span></a> lehrte. Nur einige ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Ingenieur. Sie sind in <span class="underline">ihrem</span> Elemente, das freut mich. ...<br />
-... Ingenieur. Sie sind in <a href="#corr-27"><span class="underline">Ihrem</span></a> Elemente, das freut mich. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... und dann schräg hin und ziemlich steil den rechtsseitigen <span class="underline">Gang</span> ...<br />
-... und dann schräg hin und ziemlich steil den rechtsseitigen <a href="#corr-28"><span class="underline">Hang</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Humanität überhaupt, <span class="underline">alte</span> Menschenwürde, Menschenachtung ...<br />
-... Humanität überhaupt, <a href="#corr-41"><span class="underline">alle</span></a> Menschenwürde, Menschenachtung ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... wie <span class="underline">sie</span> sich anspielen.“ Und wie vorhin begann er sein Klopfen. ...<br />
-... wie <a href="#corr-45"><span class="underline">Sie</span></a> sich anspielen.“ Und wie vorhin begann er sein Klopfen. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Wir wollen hoffen, daß sie bei <span class="underline">Ihrem</span> Mann im Osten wieder ...<br />
-... Wir wollen hoffen, daß sie bei <a href="#corr-49"><span class="underline">ihrem</span></a> Mann im Osten wieder ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Palm<span class="underline">zweige</span> auf dem Vorderdeckel. Dieser nun, so bemerkte ...<br />
-... Palm<a href="#corr-51"><span class="underline">zweigen</span></a> auf dem Vorderdeckel. Dieser nun, so bemerkte ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Wunsch in ihm gezeitigt <span class="underline">hätten</span>, des Rausches ledig zu werden. ...<br />
-... Wunsch in ihm gezeitigt <a href="#corr-58"><span class="underline">hätte</span></a>, des Rausches ledig zu werden. ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERBERG ***</div>
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-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
-</div>
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-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
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-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
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-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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-</div>
-
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