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-The Project Gutenberg eBook of Segen der Erde, by Knut Hamsun
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-using this eBook.
-
-Title: Segen der Erde
-
-Author: Knut Hamsun
-
-Translator: Pauline Klaiber-Gottschau
-
-Release Date: September 17, 2021 [eBook #66326]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: Peter Becker and the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SEGEN DER ERDE ***
- +------------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Antiquaschrift |
- | als ~Antiqua~, und Kursivschrift als ¯kursiv¯. |
- | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
- +------------------------------------------------------------------+
-
-
- Knut Hamsun / Segen der Erde
-
-
- ¯Knut Hamsun¯
-
-
-
-
- Segen
- der
- Erde
-
- ¯Roman¯
-
- [Illustration]
-
- ¯Deutsche Buch-Gemeinschaft¯
-
- ~G. m. b. H.~
-
- Berlin
-
-
-
-
- Berechtigte Übersetzung von
-
- _Pauline Klaiber-Gottschau_
-
- Revidiert von
-
- _J. Sandmeier_
-
- Copyright 1918 by Albert Langen, Munich
-
- Printed in Germany
-
- Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung,
- Dramatisierung, Verfilmung und Radiosendung, vorbehalten
-
- _Knut Hamsun_ _Albert Langen_
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-
-Erster Teil
-
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-
-1
-
-
-Der lange, lange Pfad über das Moor in den Wald hinein -- wer hat ihn
-ausgetreten? Der Mann, der Mensch, der erste, der hier war. Für ihn war
-noch kein Pfad vorhanden. Später folgte dann das eine oder andere Tier
-der schwachen Spur über Sümpfe und Moore und machte sie deutlicher, und
-wieder später schnupperte allmählich der oder jener Lappe den Pfad auf
-und benützte ihn, wenn er von Berg zu Berg wanderte, um nach seinen
-Renntieren zu sehen. So entstand der Weg durch die weite Allmende, die
-niemand gehörte, durch das herrenlose Land.
-
-Der Mann kommt in nördlicher Richtung gegangen. Er trägt einen Sack,
-den Sack, der Mundvorrat und einiges Handwerkszeug enthält. Der Mann
-ist stark und derb, er hat einen rostigen Bart und kleine Narben im
-Gesicht und an den Händen -- diese Wundenzeichen, hat er sie sich bei
-der Arbeit oder im Kampf geholt? Er kommt vielleicht aus dem Gefängnis
-und will sich verbergen, vielleicht ist er ein Philosoph und sucht
-Frieden, jedenfalls aber kommt er dahergewandert, ein Mensch mitten
-in dieser ungeheuren Einsamkeit. Er geht und geht, still ist es
-ringsum, kein Vogel, kein Tier ist zu hören, bisweilen redet er ein
-paar Worte mit sich selbst. Ach ja, Herrgott im Himmel! sagt er. Wenn
-er auf seiner Wanderung an Moore und wirtliche Stellen oder offene
-freie Plätze im Walde kommt, legt er seinen Sack ab, geht umher und
-untersucht die Bodenverhältnisse; nach einer Weile kehrt er zurück,
-nimmt seinen Sack wieder auf den Rücken und wandert weiter. Dies währt
-den ganzen Tag, er sieht an der Sonne, welche Zeit es ist, es wird
-Nacht, und er wirft sich ins Heidekraut und schläft auf seinem Arm.
-
-Nach einigen Stunden geht er wieder weiter. Ach ja, Herrgott im Himmel!
-geht wieder geradeaus nach Norden, sieht an der Sonne die Tageszeit,
-hält Mittagsrast mit einem Stück Hartbrot und Ziegenkäse, trinkt
-Wasser aus einem Bach dazu und setzt seinen Weg fort. Auch diesen
-ganzen Tag wandert er ununterbrochen weiter, denn er muß sehr viele
-wirtliche Plätze im Walde untersuchen. Was sucht er? Land, Erde? Er ist
-vielleicht ein Auswanderer aus den Dörfern, denn er schaut sich scharf
-und spähend um, manchmal ersteigt er auch einen Hügel und späht von da
-umher. Jetzt ist die Sonne wieder am Untergehen.
-
-Er befindet sich jetzt auf der Westseite eines langgestreckten Tales
-mit gemischtem Wald, hier ist auch Laubwald, und Weideflächen mischen
-sich darein, stundenlang geht es so fort; es dämmert, aber der Mann
-hört das leise Rauschen eines Flusses, und dieses leichte Rauschen ist
-wie etwas Lebendiges und muntert ihn auf. Als er die Höhe erreicht,
-sieht er das Tal im Halbdunkel vor sich liegen und weit draußen nach
-Süden den Himmel darüber. Nun legt er sich schlafen.
-
-Am Morgen sieht er eine Landschaft mit Wald und Weideland vor sich
-ausgebreitet. Er steigt hinunter: da ist ein grüner Berghang, weit
-unten erblickt er ein Stück des Flusses und einen Hasen, der in
-einem Sprung darüber hinwegsetzt. Der Mann nickt, als sei es ihm
-gerade recht, daß der Fluß nicht breiter ist als ein Hasensprung. Ein
-brütendes Schneehuhn flattert plötzlich zu seinen Füßen auf und zischt
-ihn wild an, und wieder nickt der Mann: hier sind Tiere und Vögel, das
-ist abermals gerade recht! Seine Füße waten durch Blaubeerenbüsche
-und Preiselbeerkraut, durch siebengezackte Waldsterne und niedere
-Farnkräuter; wenn er da und dort anhält und mit einem Eisen in der
-Erde gräbt, findet er hier Walderde und dort mit Laub und verrotteten
-Zweigen seit Tausenden von Jahren gedüngten Moorboden. Der Mann nickt,
-hier will er sich niederlassen, ja, hier sich niederlassen, das will
-er. Noch zwei weitere Tage streift er in der Gegend umher, kehrt aber
-am Abend immer wieder zu dieser Halde zurück. Des Nachts schläft er
-auf seinem Lager aus Tannenzweigen, er ist ganz daheim hier, er hat ja
-schon ein Lager unter einem Felsvorsprung.
-
-Das schlimmste war gewesen, den Ort zu finden, einen Ort, der niemand
-gehörte, der sein war; jetzt kamen die Tage der Arbeit. Er fing sofort
-an, in den etwas weiter entfernten Wäldern Rinde von den Birken zu
-schälen, jetzt, während der Saft noch in den Bäumen war. Dann legte
-er die Rinden fest zusammen, beschwerte sie mit Steinen und ließ sie
-trocknen. Wenn er eine große Last beisammen hatte, trug er sie die
-vielen Meilen zurück ins Dorf und verkaufte sie als Baumaterial. Und
-auf seine Halde dort droben brachte er neue Säcke mit Lebensmitteln und
-Werkzeug heim: Mehl, Speck, einen Kochtopf, einen Spaten; unverdrossen
-wanderte er den Pfad hin und her und schleppte sich ab. Ein geborener
-Lastträger, ein Prahm, der durch die Wälder ging, oh, es war, als liebe
-er diesen seinen Beruf, viel zu geben und viel zu tragen, als dünke
-ihn, ohne Last auf dem Rücken zu gehen, ein faules Dasein, das für ihn
-nicht passe.
-
-Eines Tages kam er dahergewandert mit seiner schweren Last auf dem
-Rücken und außerdem mit zwei Ziegen und einem jungen Bock an der Leine.
-Er war so beglückt über die Ziegen, gerade als seien es Kühe, und er
-war gut gegen sie. Der erste fremde Mensch kam vorüber, ein wandernder
-Lappe. Dieser sah die Ziegen und erriet, daß er auf einen Mann traf,
-der sich da niedergelassen hatte, und sagte:
-
-Willst du hier dauernd wohnen? -- Ja, antwortete der Mann. -- Wie heißt
-du? -- Isak. Weißt du keine Magd für mich? -- Nein, aber ich will
-darüber reden, dort, wo ich vorüberkomme. -- Ja, tu das! Sage, daß ich
-Haustiere habe, aber niemand, der sie besorgt.
-
-Isak also, ja, auch das wollte der Lappe ausrichten. Der Mann auf der
-Halde war kein Flüchtling, er sagte seinen Namen. Er ein Flüchtling?
-Dann hätte man ihn aufgespürt. Er war nur ein unverdrossener Arbeiter,
-er sammelte Winterfutter für seine Ziegen, fing an Boden urbar zu
-machen, einen Acker zu roden, Steine wegzuschaffen, Steinwälle
-aufzurichten. Im Herbst hatte er eine Wohnung fertig, eine Erdhütte,
-eine Gamme, die war dicht und warm, sie krachte nicht in den Fugen beim
-Sturm, und sie konnte nicht abbrennen. Er konnte in diese Heimstätte
-hineingehen, die Türe hinter sich zumachen und da drinnen bleiben,
-oder er konnte vor der Türöffnung stehen und sich als den Herrn seines
-Hauses zeigen, wenn jemand vorbeikäme. Die Gamme war in zwei Teile
-geteilt, in dem einen wohnte er selbst, im andern seine Tiere. Ganz
-innen unter dem Felsen hatte er seinen Heuboden errichtet. Alles war da.
-
-Wieder kommen ein paar Lappen vorüber, Vater und Sohn. Sie bleiben
-stehen, stützen sich mit beiden Händen auf ihre langen Stöcke,
-betrachten die Hütte und das urbar gemachte Land und hören die
-Ziegenglocken oben am Hang.
-
-Ja, guten Tag, sagen sie, hier sind ja große Leute hergekommen. Die
-Lappen schmeicheln immer.
-
-Ihr wißt wohl keine Magd für mich? versetzt Isak, denn er hat nur das
-eine im Kopf.
-
-Eine Magd zur Hilfe? Nein. Aber wir wollen es weitersagen. -- Ja, wenn
-ihr so gut sein wollt. Und daß ich ein Haus und Ackerland und Vieh
-habe, aber keine Magd zur Hilfe, das sollt ihr sagen.
-
-Ach, sooft er mit seinen Birkenrinden drunten im Dorfe war, hatte
-er nach dieser Magd zur Hilfe ausgeschaut, aber keine gefunden. Sie
-hatten ihn betrachtet, eine Witwe, ein paar ältere Mädchen, es aber
-nicht gewagt, ihm Hilfe zu versprechen; woher das kommen mochte, das
-begriff Isak nicht. Begriff er es wirklich nicht? Wer wollte bei einem
-Manne dienen, draußen im Ödland, meilenweit von den Menschen, ja eine
-Tagereise von der nächsten menschlichen Behausung entfernt! Und der
-Mann selbst war nicht die Spur lieb und hübsch, im Gegenteil, wenn er
-sprach, war er kein Tenor mit gen Himmel gerichteten Augen, sondern
-hatte eine etwas tierische und grobe Stimme.
-
-Dann mußte er eben allein bleiben.
-
-Im Winter machte er große Holztröge, verkaufte diese im Dorfe und kam
-mit Säcken voll Lebensmitteln und Werkzeug durch den Schnee zurück. Das
-waren harte Tage, ja er hatte eine schwere Last. Er hatte ja Haustiere,
-und die konnte er nicht längere Zeit verlassen. Wie hielt er es da?
-Die Not macht erfinderisch, sein Gehirn war stark und unverbraucht,
-und er übte es immer mehr. Das erste, was er tat, wenn er fortging,
-war, die Ziegen loszulassen, so daß sie an den Zweigen im Walde ihren
-Hunger stillen konnten. Aber er wußte auch noch einen anderen Ausweg.
-Er hängte am Fluß ein großes Holzgefäß auf und ließ ein kleines Rinnsal
-hineinlaufen; es dauerte vierzehn Stunden, bis dies Gefäß voll war.
-Wenn das Gefäß bis zum Überlaufen voll war, dann hatte es gerade das
-rechte Gewicht, daß es heruntersank, aber indem es sank, zog es an
-einer Leine, die mit dem Heuboden in Verbindung stand, eine Luke
-öffnete sich, drei abgemessene Geißenmahlzeiten fielen herunter, und
-die Tiere hatten ihre Nahrung.
-
-Auf diese Weise machte er es.
-
-Eine geistreiche Erfindung, ja vielleicht eine Eingebung von Gott,
-dem Manne war geholfen. Es ging gut bis in den Spätherbst, dann kam
-Schnee, dann Regen, dann wieder Schnee, dauernd Schnee; da wirkte die
-Einrichtung mit der Heuversorgung verkehrt, das Gefäß füllte sich mit
-Regenwasser und öffnete die Luke vor der Zeit. Der Mann deckte das
-Gefäß zu, dann ging es wieder eine Weile gut, aber als der Winter
-einsetzte, fror das Rinnsal ein, und die Einrichtung versagte gänzlich.
-
-Da mußten die Ziegen und auch der Mann selbst entbehren lernen.
-
-Das waren harte Tage, der Mann mußte Hilfe haben, hatte jedoch keine.
-Er wurde aber deshalb doch nicht ratlos. Er schaffte an seinem
-Heim weiter, machte ein Fenster in die Hütte, ein Fenster mit zwei
-Glasscheiben. Das war ein merkwürdiger und heller Tag in seinem Leben,
-als er nicht auf dem Herd Feuer anzünden mußte, um sehen zu können,
-nun konnte er drinnen sitzenbleiben und bei Tageslicht Tröge aus Holz
-anfertigen. Es wurde besser für ihn und lichter. Ach ja, Herrgott im
-Himmel! Er las nie in einem Buche, seine Gedanken beschäftigten sich
-aber oft mit Gott, er konnte nicht anders, Vertrauen und Ehrfurcht
-wohnten in seiner Seele. Der Sternenhimmel, das Rauschen des Waldes,
-die Einsamkeit, die Schneemassen, die Gewalten auf der Erde und über
-der Erde stimmten ihn oftmals am Tage nachdenklich und andächtig; er
-fühlte sich sündig und war gottesfürchtig, des Sonntags wusch er sich
-zur Ehre des Feiertages, arbeitete aber sonst wie alle Tage.
-
-Der Frühling kam heran, er bebaute seinen kleinen Acker und steckte
-Kartoffeln. Er hatte jetzt einen größeren Viehbestand, jede Ziege
-hatte Zwillinge gebracht, es waren jetzt sieben Geißen, groß und klein
-zusammengerechnet. Mit der Zukunft vor Augen erweiterte er seinen Stall
-und setzte auch da ein paar Fensterscheiben ein. Es wurde heller und
-tagte in jeder Weise.
-
-Eines Tages kam die Hilfe. Droben auf der Halde wanderte sie lange hin
-und her, ehe sie sich hervorwagte. Es wurde Abend, bis sie herankam,
-aber dann kam sie -- ein großes, braunäugiges Mädchen; sie war so üppig
-und derb, mit festen guten Händen, mit Lappenschuhen an den Füßen,
-obgleich sie keine Lappin war, und mit einem Kalbfellsack auf dem
-Rücken. Sie war wohl schon etwas bei Jahren, höflich gesprochen, nahe
-an den Dreißigern.
-
-Warum sollte sie sich denn fürchten? Sie grüßte, fügte jedoch rasch
-hinzu: Ich muß nur über die Berge, darum bin ich diesen Weg gegangen.
--- So, sagte der Mann. Er verstand sie nicht ganz, sie redete
-undeutlich und wendete überdies das Gesicht weg. -- Ja, sagte sie. Und
-es ist ein sehr weiter Weg. -- Ja, antwortete er. Willst du über das
-Gebirge? -- Ja. -- Was willst du dort? -- Ich habe meine Leute dort. --
-So, hast du deine Leute dort? Wie heißt du? -- Inger, und wie heißt du?
--- Isak. -- So, Isak. Wohnst du hier? -- Ja, ich wohne hier und habe es
-so, wie du hier siehst. -- Das ist wohl nicht übel, sagte sie lobend.
-
-Isak war im Denken ein ganzer Mann geworden, und nun kam ihm der
-Gedanke, daß sie wohl im Auftrag von jemand gekommen sei und nicht
-weiter wolle. Sie hatte vielleicht gehört, daß ihm weibliche Hilfe
-fehle.
-
-Komm herein und ruh dich aus! sagte er.
-
-Sie traten in die Hütte, aßen von ihrem Mundvorrat und tranken von
-seiner Geißenmilch; dann kochten sie Kaffee, den sie in einer Blase bei
-sich hatte. Sie hatten es sehr behaglich beim Kaffee, ehe sie schlafen
-gingen. Nachts lag er da und war gierig nach ihr und bekam sie.
-
-Am Morgen ging sie nicht wieder weg und den Tag über auch nicht; sie
-machte sich nützlich, melkte die Ziegen und scheuerte die Holzgefäße
-mit feinem Sand und machte sie sauber. Sie ging nie wieder fort. Inger
-hieß sie, Isak hieß er.
-
-Nun begann ein anderes Leben für den einsamen Mann. Das einzige war,
-daß seine Frau undeutlich redete und wegen einer Hasenscharte immer das
-Gesicht wegwendete, aber das war nichts, um sich darüber zu beklagen.
-Ohne diesen verunstalteten Mund wäre sie wohl nie zu ihm gekommen, die
-Hasenscharte war sein Glück. Und er selbst, war er ohne Fehl? Isak mit
-dem rostigen Vollbart und dem zu untersetzten Körper, er war wie ein
-greulicher Mühlgeist, ja wie durch eine verzerrende Fensterscheibe
-gesehen. Und wer sonst ging mit einem solchen Ausdruck im Gesicht
-umher? Es war, als könne er jeden Augenblick eine Art von Barrabas
-loslassen. Es bedeutete schon viel, daß Inger nicht davonlief.
-
-Sie lief nicht davon. Wenn er fort war und wieder heimkam, war Inger
-bei der Hütte, die beiden waren eins, die Hütte und sie.
-
-Er hatte nun einen Menschen mehr zu versorgen, aber es lohnte sich, er
-konnte länger fort sein, er konnte sich rühren. Da war der Fluß, ein
-freundlicher Fluß, der neben seinem freundlichen Aussehen auch tief und
-raschen Laufes war; es war durchaus kein geringer Fluß, er mußte aus
-einem großen See droben im Gebirge kommen. Nun verschaffte Isak sich
-Fischgeräte und suchte diesen See auf; wenn er dann am Abend heimkam,
-brachte er eine ordentliche Anzahl Forellen und Alpensalme mit. Inger
-empfing ihn mit großer Verwunderung, sie war ganz überwältigt, schlug
-die Hände zusammen und rief: Um alles in der Welt! Sie merkte wohl,
-wie erfreut und stolz er über ihr Lob war, und da sagte sie noch mehr
-freundliche Worte: daß sie so etwas noch nie gesehen habe und gar nicht
-verstehe, wie er das zuwege bringen konnte.
-
-Auch auf andere Weise war Inger ein Segen für ihn. Obgleich sie nicht
-gerade ein schönes Gesicht und Verstand im Kopfe hatte, so hatte sie
-doch bei einem ihrer Leute zwei Schafe mit ihren Lämmern stehen,
-und die holte sie. Das war das Notwendigste, was jetzt in die Gamme
-gebracht werden konnte, Schafe mit Wolle und Lämmern, vier lebende
-Tiere, der Viehstand vermehrte sich im großen Stil, wunderbar war
-es, wie er zunahm. Inger holte außerdem noch ihre Kleider und andere
-Sachen, die ihr gehörten, einen Spiegel, eine Schnur mit einigen
-hübschen Glasperlen daran, Kardätschen und ein Spinnrad. Sieh, wenn
-sie so weiter machte, war bald alles voll vom Boden bis zur Decke, und
-die Gamme hatte nicht Raum für alles! Isak war natürlich sehr bewegt
-beim Anblick dieser irdischen Reichtümer; aber da er von Natur wortkarg
-war, fiel es ihm schwer, sich darüber auszusprechen, er ging hinaus
-vors Haus, sah nach dem Wetter und kam wieder herein. Ja, gewiß hatte
-er großes Glück gehabt, und er fühlte immer mehr einen heißen Drang in
-sich aufsteigen, Zuneigung oder Liebe, oder was es nun genannt werden
-konnte.
-
-Du brauchst nicht so viel mitzubringen, sagte er. -- Ich habe sogar
-anderswo noch mehr. Und dann habe ich den Oheim Sivert, den Bruder
-meiner Mutter, hast du von ihm gehört? -- Nein. -- Das ist ein reicher
-Mann, er ist Bezirkskassierer der Gemeinde.
-
-Die Liebe macht den Klugen dumm; Isak wollte sich auf seine Weise
-angenehm zeigen, und da tat er zuviel.
-
-Was ich sagen wollte, begann er; du sollst die Kartoffeln nicht hacken.
-Ich werde sie hacken, wenn ich heute abend heimkomme.
-
-Damit nahm er die Axt und ging in den Wald. Sie hörte ihn im Walde
-Bäume fällen, es war nicht weit weg, und sie hörte am Krachen, daß er
-große Stämme fällte. Nachdem sie eine Weile zugehört hatte, ging sie
-hinaus und hackte die Kartoffeln. Die Liebe macht den Dummen klug.
-
-Am Abend kam er mit einem großen Balken an, den er an einem Seil hinter
-sich herschleppte. Ach, der grobe, treuherzige Isak, er machte so viel
-Lärm mit dem Balken, als er nur konnte, räusperte sich und hustete,
-damit sie herauskommen und sich nicht wenig über ihn verwundern sollte.
-
-Ganz richtig, als er daherkam, rief sie auch: Ich glaube, du bist
-verrückt! Du bist doch wohl ein Mensch! sagte sie. Der Mann erwiderte
-nichts. Das fiel ihm nicht ein. Im Vergleich zu einem Baumstamm etwas
-mehr als ein Mensch zu sein, das war nicht der Rede wert. -- Und wozu
-willst du denn den Stamm? fragte sie. -- Ach, das weiß ich selbst noch
-nicht, antwortete er wichtig tuend.
-
-Aber jetzt sah er, daß sie die Kartoffeln schon gehackt hatte, und
-dadurch zeigte sie sich fast ebenso tüchtig wie er. Das war jedoch
-nicht nach seinem Sinn, da machte er das Seil von dem Baumstamm los
-und ging damit fort. Gehst du wieder? fragte sie. -- Ja, antwortete er
-beleidigt.
-
-Er kam mit einem zweiten Baumstamm daher, schnaufte nicht, lärmte
-nicht, sondern zog ihn nur wie ein Ochse bis zur Gamme heran und ließ
-ihn da liegen.
-
-Im Laufe des Sommers schleppte er noch viele Baumstämme vor die Gamme.
-
-
-
-
-2
-
-
-Eines Tages legte Inger wieder Mundvorrat in ihren Kalbfellsack und
-sagte: Jetzt mach ich wieder einen kurzen Besuch bei meinen Leuten. --
-So, sagte Isak. -- Ja, ich muß nur einiges mit ihnen besprechen.
-
-Isak ging nicht zugleich mit ihr hinaus, sondern zögerte noch lange
-in der Gamme. Als er endlich auf die Schwelle trat und gar nicht
-neugierig tat, aber voll banger Ahnungen war, verschwand Inger gerade
-am Waldesrand. Hm. Kommst du wieder? konnte er nicht unterlassen, ihr
-nachzurufen. -- Nicht wiederkommen! erwiderte sie. Ich glaube, du
-spottest. -- So.
-
-Dann war er wieder allein. Ach ja, Herrgott im Himmel! Mit seinen
-Arbeitskräften und seiner Arbeitslust konnte er nicht nur in der Gamme
-aus und ein gehen und sich nur selbst im Wege sein, da fing er an zu
-arbeiten; er zweigte seine Baumstämme ab und hieb sie auf zwei Seiten
-flach. Bis zum Abend schaffte er daran, dann melkte er die Ziegen und
-legte sich schlafen.
-
-Öde und stille war's in der Gamme, dumpfes Schweigen schlug ihm
-entgegen vom Lehmboden und von den Torfwänden. Aber das Spinnrad und
-die Kardätschen waren an ihrem Platz, und die Perlen an ihrem Faden
-lagen wohlverwahrt in einem Beutel unter dem Dach. Inger hatte nichts
-mitgenommen. Isak war jedoch so unendlich dumm, daß er sich in der
-hellen Sommernacht vor der Dunkelheit fürchtete und bald dies, bald das
-an den Fensterscheiben vorbeischleichen sah. Als es nach der Helligkeit
-draußen ungefähr zwei Uhr sein mochte, stand er lieber wieder auf und
-aß sein Frühstück. Er kochte eine ungeheure Schüssel Grütze, gleich für
-den ganzen Tag, damit er nicht noch mehr Zeit aufs Kochen verwenden
-müßte. Bis zum Abend brach er zur Erweiterung des Kartoffelackers
-Neuland um.
-
-Drei Tage lang behaute er abwechslungsweise Baumstämme und brach Land
-um, am nächsten Tag kam dann wohl Inger. Es wäre nicht zuviel, wenn
-er bei ihrer Ankunft Fische für sie bereit hätte, dachte er; aber er
-wollte sich nicht auf den Weg machen und ihr geradeswegs übers Gebirge
-entgegengehen, deshalb machte er einen Umweg nach dem Fischplatz. Dabei
-kam er in unbekannte Gegenden des Gebirges; da waren nun graue Felsen
-und braunes Geröll, ganz schwere Steine, die aus Blei oder Kupfer sein
-konnten. Vieles konnte in diesen Steinen enthalten sein, vielleicht
-Silber und Gold; er verstand sich jedoch nicht darauf, und so konnte
-es ihm einerlei sein. Er kam an das Fischwasser; die Fische bissen
-bei dem schnakenvollen Wetter in dieser Nacht gut an, es gab wieder
-eine schwere Menge Salme und Forellen, und Inger würde aufschauen. Als
-er bei Tagesanbruch auf demselben Umweg, auf dem er hergekommen war,
-wieder zurückging, nahm er ein paar Stücke von dem Geröll mit, sie
-waren braun mit dunkelblauen Flecken darin und gewaltig schwer.
-
-Inger war nicht gekommen und kam auch nicht. Nun war es schon der
-vierte Tag. Er melkte die Ziegen wie damals, wo er noch allein mit
-ihnen gewesen war und niemand anderen zu dieser Arbeit hatte, dann
-ging er zur Geröllhalde und trug große Haufen zu einer Mauer passender
-Steine auf den Hofplatz. Er hatte wahrlich vielerlei Arbeit.
-
-Am fünften Abend ging er mit leisem Mißtrauen im Herzen zu Bett, im
-übrigen waren ja aber das Spinnrad und die Kardätschen noch da und
-auch die Perlen. Dieselbe Öde in der Hütte und nirgends ein Laut! Das
-wurden lange Stunden, und als er endlich eine Art Schritt draußen
-vernahm, dachte er, das sei nur etwas, was er sich einbilde. Ach ja,
-Herrgott im Himmel! sagte er in seiner Verlassenheit, und solche Worte
-sprach Isak nicht, wenn er sie nicht wirklich meinte. Jetzt hörte
-er die Schritte aufs neue, und kurz nachher sah er etwas am Fenster
-vorbeigleiten, was es nun auch sein mochte, aber etwas mit Hörnern
-war es, leibhaftig. Er sprang auf und zum Hause hinaus, und da sah er
-etwas! Gott oder Teufel! murmelte er, und so etwas sagte Isak nicht,
-ohne daß er sich dazu gezwungen fühlte. Er sah eine Kuh, Inger und eine
-Kuh, die im Stalle verschwanden.
-
-Wenn er nun nicht Inger im Stall noch leise mit der Kuh hätte reden
-hören, hätte er wahrlich seinen Augen nicht getraut, aber er hörte
-sie, und im selben Augenblick stieg ihm eine böse Ahnung auf: Himmel!
-Natürlich war sie eine ausgezeichnete, verteufelte Frau, aber zu viel
-war zu viel. Spinnrad und Kardätsche, das mochte hingehen, die Perlen
-waren bedenklich vornehm, aber auch die mochten hingehen. Aber eine
-Kuh, vielleicht auf einem Weg oder auf der Weide eines Bauern gefunden,
-die von dem Besitzer vermißt wurde und nach der man forschen würde!
-
-Jetzt trat Inger wieder aus dem Stall und sagte stolz lächelnd: Ich
-habe nur meine Kuh mitgebracht! -- So, erwiderte er. -- Es dauerte so
-lange, weil ich nicht rascher mit ihr übers Gebirge konnte; sie ist
-trächtig. -- Hast du eine Kuh mitgebracht? sagte er. -- Ja, antwortete
-sie, und war vom Reichtum dieser Erde bis zum Zerspringen erfüllt. Oder
-meinst du, ich lüge dich an? sagte sie. Isak fürchtete das Schlimmste,
-hielt sich aber im Zaum und sagte nur: Komm jetzt herein und iß etwas.
-
-Hast du die Kuh gesehen? Ist sie nicht schön? -- Prächtig. Woher
-hast du sie? fragte er so gleichgültig, als er konnte. -- Sie heißt
-Goldhorn. Was willst du mit der Mauer, die du da aufgeführt hast? Du
-schindest dich noch zu Tode, ja, das tust du. Ach, komm und sieh dir
-die Kuh an!
-
-Sie gingen hinaus, Isak war in Unterkleidern, aber das tat nichts. Sie
-betrachteten die Kuh unendlich genau und von allen Seiten, den Kopf,
-das Euter, das Kreuz, die Lenden; rot und weiß, gut gebaut.
-
-Isak sagte vorsichtig: Für wie alt hältst du sie? -- Halten? entgegnete
-Inger. Sie ist ganz genau, aufs Tüpfelchen genau, im vierten Sommer.
-Ich habe sie selbst aufgezogen, und alle sagten damals, es sei das
-netteste Kalb, das sie von ihrer Kindheit an gesehen hätten. Was meinst
-du, haben wir Futter für sie?
-
-Isak fing an, das zu glauben, was er gerne glauben wollte, und
-erklärte: Was das Futter betrifft, so werden wir genug für sie haben.
-
-Dann gingen sie hinein und aßen und tranken und legten sich zur Ruhe.
-Aber sie redeten noch lange von der Kuh, von dem großen Ereignis. Ja,
-aber ist es nicht eine schöne Kuh? Jetzt bekommt sie das zweite Kalb.
-Sie heißt Goldhorn. Schläfst du, Isak? -- Nein. -- Und denk dir, sie
-hat mich sofort wiedererkannt und ist mir gestern wie ein Lamm gefolgt.
-Wir haben heute nacht eine Weile auf dem Gebirge ausgeruht. -- So? --
-Wir müssen sie aber den ganzen Sommer auf der Weide anbinden, sonst
-reißt sie aus, denn Kuh ist Kuh. -- Wo ist sie vorher gewesen? fragte
-Isak schließlich. -- Bei meinen Leuten, die haben sie versorgt. Sie
-wollten sie nicht hergeben, und die Kinder weinten, als ich sie mitnahm.
-
-War es möglich, daß Inger so herrlich lügen konnte? Sie sprach
-natürlich die Wahrheit, und die Kuh gehörte ihr. Nun wurde es großartig
-und behaglich auf dem Hofe, bald gab es nichts mehr, was noch fehlte!
-O diese Inger, er liebte sie, und sie liebte ihn wieder, sie waren
-genügsam, sie lebten im Zeitalter des Holzlöffels und hatten es
-gut. Wir wollen schlafen! dachten sie. Und dann schliefen sie. Bei
-Morgengrauen erwachten sie zum nächsten Tag; es gab wohl allerlei, mit
-dem man sich abplagen mußte, jawohl, Kampf und Freude, wie das Leben
-eben ist.
-
-Da waren nun zum Beispiel diese Balken. Sollte er versuchen, sie
-aufzulegen? Isak hatte sich wohl umgesehen, als er im Dorfe war, und
-sich die Bauart ausgedacht, er konnte eine Eckfuge aushauen. Und mußte
-er es nicht durchaus tun? Jetzt waren Schafe auf den Hof gekommen, eine
-Kuh war gekommen, der Ziegen waren es viele geworden und würden immer
-mehr werden, der Viehstand sprengte den einen Raum der Gamme, er mußte
-einen Ausweg finden. Am besten war es, er fing gleich an, solange die
-Kartoffeln blühten und die Heuernte noch nicht begonnen hatte; Inger
-mußte da und dort mit Hand anlegen.
-
-In der Nacht erwacht Isak und steht auf. Inger schläft, fest und tief
-schläft sie nach ihrer Wanderung. Er geht wieder in den Stall. Jetzt
-redet er die Kuh ja nicht so an, daß es in widerliche Schmeicheleien
-übergeht, aber er tätschelt sie freundlich und untersucht sie aufs neue
-nach allen Richtungen, ob sie nicht irgendein Merkmal, ein Zeichen von
-einem fremden Eigentümer habe. Aber er findet kein Zeichen und geht
-erleichtert fort.
-
-Da liegt das Bauholz. Er fängt an, es auseinander zu rollen, es in
-einem Viereck auf die Mauer zu heben, ein großes Viereck für die Stube
-und ein kleines Viereck für die Kammer. Es war sehr unterhaltend und
-nahm ihn so in Anspruch, daß er darüber die Zeit vergaß. Jetzt rauchte
-es aus dem Dachloch der Gamme, Inger trat heraus und meldete, das
-Frühstück sei fertig. Und was hast du denn hier vor? fragte sie. --
-Bist du aufgestanden? erwiderte Isak.
-
-Seht, dieser Isak, er tat sehr geheimnisvoll, aber es gefiel ihm gut,
-daß sie fragte und neugierig war und ein Wesen aus seinem Vorhaben
-machte. Als er gegessen hatte, blieb er noch ziemlich lange in der
-Gamme sitzen, ehe er wieder hinausging. Worauf wartete er?
-
-Nein, ich bleibe hier sitzen! sagte er schließlich und stand auf. Und
-ich habe doch so viel zu tun! sagte er. -- Baust du ein Haus? fragte
-sie. Kannst du nicht antworten? -- Er antwortete aus Gnade, ja, er
-fühlte sich außerordentlich groß, weil er ein Haus baute und dem Ganzen
-vorstand, deshalb antwortete er: Du siehst doch wohl, daß ich baue. --
-So? Ja, ja. -- Kann ich denn anders? sagte er. Du kommst wahrhaftig mit
-einer ganzen Kuh daher, und da muß ich doch einen Stall für sie haben.
-
-Arme Inger, sie war nicht so unmenschlich klug wie er, wie Isak, der
-Herr der Schöpfung. Und es war, ehe sie ihn kennenlernte, ehe sie seine
-Art zu sprechen verstand. Inger sagte: Aber du wirst doch nicht am
-Ende einen Stall bauen? -- So, sagte er. -- Du führst mich wohl an,
-denn es wäre ja viel besser, du bautest ein Haus. -- So, meinst du
-das? erwiderte er und sah sie mit verstellt ausdrucksloser Miene an,
-ja, als ob ihm bei ihrer Frage erst ein Licht aufginge. -- Ja, dann
-können die Tiere die Gamme bekommen. -- Er überlegte und sagte dann:
-Ich glaube wirklich, so wird es am besten sein! -- Da siehst du, sagte
-die siegende Inger, ich bin auch nicht so ganz auf den Kopf gefallen.
--- Nein. Und was meinst du zu einer Kammer neben der Stube? -- Eine
-Kammer? Dann wäre es bei uns wie bei anderen Leuten. Ja, wenn uns das
-widerfahren würde.
-
-Und es widerfuhr ihnen. Isak baute und hieb Eckfugen aus; er legte die
-Balken im Viereck, und zugleich mauerte er eine Feuerstelle aus dazu
-passenden Steinen; aber diese letzte Arbeit gelang ihm am wenigsten,
-und er war zuzeiten recht unzufrieden mit sich. Als die Heuernte
-begann, muß er von seinem Bauwerk heruntersteigen, um weitum in den
-Halden das Gras zu mähen; danach trug er das Heu in ungeheuren Lasten
-nach Hause.
-
-An einem Regentag sagte Isak, er müsse hinunter ins Dorf.
-
-Was willst du dort? fragte Inger. -- Ich weiß es selbst nicht genau,
-antwortete er.
-
-Er ging, war zwei volle Tage abwesend und brachte dann einen Kochherd
-angeschleppt -- der Prahm kam durch den Wald dahergesegelt mit einem
-Kochherd auf dem Rücken.
-
-Du bist nicht wie ein Mensch gegen dich selbst, sagte Inger. Nun riß
-Isak die Feuerstelle, die sich in dem neuen Haus so schlecht ausnahm,
-wieder ein und stellte den Herd an ihren Platz. Nicht alle Leute haben
-einen Kochherd, sagte Inger, und nun haben wir einen! sagte sie.
-
-Die Heuernte ging ihren Gang, Isak brachte Heu in Massen heim, denn
-Waldgras ist leider nicht dasselbe wie Wiesengras, sondern viel
-geringer. Nun konnte er bloß an Regentagen an seinem Haus bauen, da
-ging es langsam vorwärts, und im August, als Isak alles Heu unter dem
-Felsenhang wohlgeborgen hatte, war das neue Haus erst halb gebaut.
-
-Im September sagte Isak zu Inger: So geht es nicht, ich glaube, du mußt
-hinunter ins Dorf gehen und mir einen Mann zur Hilfe holen. Inger aber
-war in der letzten Zeit etwas schweratmig geworden und konnte nicht
-mehr so schnell laufen, doch machte sie sich selbstverständlich fertig,
-seinen Auftrag auszurichten.
-
-Aber indessen hatte der Mann es sich anders überlegt, er wurde wieder
-hoffärtig und wollte alles allein machen. Es ist nicht der Mühe wert,
-die Leute darum anzugehen, sagte er, ich bringe es schon allein fertig.
--- Nein, du kannst es nicht schaffen, versetzte Inger. -- Doch, hilf
-mir nur mit den Balken.
-
-Als der Oktober herangekommen war, sagte Inger: Ich kann nicht mehr!
-Das war nun sehr schlimm. Die Dachbalken sollten und mußten aufgesetzt
-werden, damit das Haus gedeckt wurde, ehe die Herbstregen einsetzten,
-es war höchste Zeit. Was hatte Inger nur? Sie wurde doch nicht krank?
-
-Wohl bereitete sie ab und zu noch Ziegenkäse, sonst aber leistete sie
-nichts mehr, als die Kuh Goldhorn auf der Weide viele Male am Tage
-an einen andern Platz anzubinden. -- Bring einen großen Korb oder
-eine Kiste oder so etwas mit, wenn du wieder ins Dorf gehst, hatte
-Inger gesagt. -- Was willst du damit? fragte Isak. -- Ich brauche es,
-antwortete sie nur.
-
-Isak zog die Dachbalken an Seilen hinauf, und Inger schob mit einer
-Hand nach; es war, als helfe es schon, wenn sie nur dabei war.
-Allmählich ging es doch vorwärts; es war ja kein sehr hohes Dach, aber
-die Balken waren abenteuerlich groß und dick für das kleine Haus.
-
-Das gute Herbstwetter hielt sich einigermaßen, Inger hackte alle
-Kartoffeln allein heraus, und Isak bekam das Haus unter Dach, ehe der
-Regen endgültig einsetzte. Die Ziegen waren jetzt schon nachts bei den
-Menschen in der Hütte drinnen, auch das ging, alles ging. Die Menschen
-klagten nicht darüber. Isak machte sich wieder zu einem seiner Gänge
-ins Dorf fertig. Du solltest für mich einen großen Korb oder eine Kiste
-mitbringen, sagte Inger wieder, und es klang wie ein demütiger Wunsch.
--- Ich habe mir einige Fenster mit Glasscheiben bestellt, die ich
-holen muß, erwiderte Isak. Und ich habe auch zwei angestrichene Türen
-bestellt, fügte er überlegen hinzu. -- Nun ja, dann muß der Korb eben
-warten. -- Was willst du mit dem? -- Was ich damit will? Ja, hast du
-denn keine Augen im Kopf?
-
-In tiefe Gedanken versunken, ging Isak seines Wegs dahin, und als er
-nach zwei Tagen zurückkam, brachte er nicht allein ein Fenster, eine
-Tür zur Wohnstube und eine Tür zur Schlafkammer mit, sondern über die
-Brust herunter hing ihm auch die Kiste für Inger, und in der Kiste
-waren verschiedene Eßwaren.
-
-Inger sagte: Wenn du dich nur nicht eines Tages noch zu Tode
-abschleppst! -- Hoho, zu Tode! Isak war so unendlich weit davon
-entfernt, sich zu Tode zu schleppen, daß er aus seiner Tasche eine
-Arzneiflasche mit Naphtha zog und sie Inger mit der Ermahnung übergab,
-recht tüchtig davon zu trinken, damit sie wieder gesund werde. Und
-da waren nun die Fenster und die angestrichenen Türen, mit denen er
-großtun konnte, und er machte sich auch gleich daran, sie einzusetzen.
-Ach, diese kleinen Türen, und gebraucht waren sie auch schon, aber
-gemalt waren sie hübsch mit weißen und roten Farben, die schmückten die
-Stuben wie Bilder an den Wänden.
-
-Jetzt zogen sie in das neue Haus ein, und der Viehbestand wurde in der
-ganzen Gamme verteilt. Zu der Kuh wurde ein Mutterschaf mit seinen
-Lämmern hineingestellt, damit sie es nicht gar so einsam hätte.
-
-Die Leute auf dem Ödland hatten es nun weit gebracht, wunderbar weit!
-
-
-
-
-3
-
-
-Solange das Erdreich noch weich war, brach Isak Steine und Wurzelstöcke
-heraus und richtete sein Land fürs nächste Jahr, und als dann der Boden
-gefror, ging er in den Wald und fällte große Mengen Klafterholz.
-
-Was willst du mit all dem Holz? konnte Inger fragen. -- Das weiß ich
-nicht so genau, antwortete Isak; aber er wußte es recht wohl. Der alte
-düstere Urwald stand noch zu dicht ans Haus heran und versperrte jede
-Erweiterung des Wiesenlandes, außerdem wollte er das Klafterholz
-während des Winters auf irgendeine Weise ins Dorf hinunterschaffen und
-es an Leute verkaufen, die kein Brennholz hatten. Isak war überzeugt,
-daß das ein sehr guter Gedanke sei, deshalb fällte er fleißig Bäume und
-hieb sie zu Klafterholz zurecht. Inger kam oft heraus und sah ihm zu;
-er tat zwar, als sei ihm das gleichgültig und als sei das gar nicht
-notwendig von ihr, aber sie fühlte doch, daß sie ihm dadurch wohltat.
-
-Manchmal fielen dabei merkwürdige Worte zwischen ihnen. Hast du nichts
-anderes zu tun, als hier herauszulaufen und dich zu Tode zu frieren?
-sagte Isak. -- Ich friere nicht, antwortete Inger, aber du wirst dich
-noch krank schaffen. -- Jetzt ziehst du gleich meine Jacke an, die dort
-drüben liegt. -- Das fiele mir gerade noch ein, ich kann doch nicht
-hierbleiben, wenn Goldhorn eben am Kalben ist. -- Ach so, Goldhorn ist
-am Kalben? -- Hast du das nicht gewußt? Und was meinst du, sollen wir
-das Kalb aufziehen? -- Das machst du, wie du willst, ich weiß es nicht.
--- Aber wir können doch das Kalb nicht aufessen, so viel ist gewiß.
-Denn dann hätten wir immer wieder nur eine einzige Kuh. -- Und ich bin
-auch fest überzeugt, du möchtest gar nicht, daß wir das Kalb aufäßen,
-sagte Isak.
-
-Diese einsamen Menschen, so ungeschlacht und zu sehr ihren Trieben
-ergeben, aber voller Güte gegeneinander, gegen das Vieh und gegen die
-Erde!
-
-Dann brachte Goldhorn ein Kalb zur Welt. Das war ein bedeutungsvoller
-Tag im Ödland, eine überaus große Freude und ein großes Glück. Goldhorn
-bekam guten Mehltrank, und Isak sagte: Spar nicht am Mehl! obgleich
-er es auf seinem Rücken heraufgetragen hatte. Da lag nun ein hübsches
-Kalb, eine Schönheit von einem Kalb, rosig war es auch, sonderbar
-verwirrt nach dem Wunder, das es durchgemacht hatte. In ein paar Jahren
-würde es selbst Mutter sein. Dieses Kalb wird eine prachtvolle Kuh
-werden, sagte Inger, und ich weiß gar nicht, wie es heißen soll, sagte
-sie. Inger war etwas kindisch und hatte für so etwas nur eine schlechte
-Erfindungsgabe. -- Heißen? sagte Isak. Du kannst keinen passenderen
-Namen finden als Silberhorn.
-
-Nun fiel der erste Schnee, und sobald der Schnee fest und tragfähig
-war, zog Isak hinunter ins Dorf. Er tat geheimnisvoll wie immer und
-wollte Inger nicht sagen, was er im Sinn hatte. Und er kehrte zurück,
-zur größten Überraschung -- mit Pferd und Schlitten. Ich glaube, du
-treibst deinen Scherz, sagte Inger, und du hast doch wohl das Pferd
-nicht genommen? -- Ich, das Pferd genommen! -- Gefunden, meine ich!
-Ach, wenn Isak jetzt hätte sagen können: mein Pferd, unser Pferd! Aber
-er hatte es nur für einige Zeit leihweise bekommen, er wollte sein
-Klafterholz mit ihm hinunterführen.
-
-Isak fuhr Klafterholz ins Dorf und brachte dafür allerlei Eßwaren und
-Mehl und Heringe mit herauf. Und einmal kam er mit einem jungen Stier
-auf dem Schlitten, er hatte ihn unglaublich billig bekommen, weil im
-Dorf bereits Futtermangel herrschte. Mager und zottig war der Stier,
-und er konnte nicht so recht brüllen, aber er war keine Mißgeburt und
-würde sich bei guter Pflege bald herausmachen, er war eben zweijährig.
-Inger sagte: Du bringst doch alles mit.
-
-Ja, Isak brachte alles; er brachte Planken und Bretter, die er für
-Klafterholz eingetauscht hatte, er brachte einen Schleifstein, ein
-Waffeleisen, Handwerkszeug, alles für Klafterholz eingetauscht. Inger
-schwoll vor Reichtum, und sie sagte jedesmal: Bringst du noch mehr?
-Jetzt haben wir einen Stier und alles, was wir uns nur denken können!
--- Und eines Tages antwortete Isak: Nein, jetzt bringe ich übrigens
-nichts mehr.
-
-Sie hatten jetzt genug für lange Zeit und waren wohlgeborgene Leute.
-Was würde sich Isak nun im Frühjahr vornehmen? An die hundertmal hatte
-er es sich ausgedacht, wenn er hinter seiner Holzfuhre hergeschritten
-war: er wollte auf der Halde weiter umroden, wollte den Boden urbar
-machen, Klafterholz zurechtmachen, es im Sommer trocknen lassen und
-im nächsten Winter noch einmal so viel hinunterfahren. Die Rechnung
-stimmte, es war kein Fehler darin. Und an die hundertmal hatte Isak
-auch an etwas anderes gedacht, nämlich an die Kuh Goldhorn. Woher kam
-sie, wem gehörte sie? So eine Frau wie Inger gab es nicht mehr, oh, sie
-war ein tolles Mädchen, und sie wollte alles, was er von ihr wollte
-und war zufrieden damit. Aber eines schönen Tages konnte jemand kommen
-und Goldhorn zurückverlangen und sie an einem Strick davonführen. Und
-viel Schlimmeres konnte daraus erwachsen. Du hast doch wohl das Pferd
-nicht genommen oder es gefunden? hatte Inger gesagt. Das war ihr erster
-Gedanke gewesen; man konnte ihr wohl nicht so recht glauben, und was
-sollte er tun? Daran hatte er gedacht. Hatte er nicht auch einen Stier
-für Goldhorn, vielleicht für eine gestohlene Kuh erstanden?
-
-Und nun mußte das Pferd zurückgegeben werden. Das war schade, denn
-das Pferd war klein und rund und sehr zutraulich geworden. O ja, aber
-du hast schon sehr Großes damit geleistet, sagte Inger tröstend. --
-Aber im Frühjahr sollte ich eben das Pferd haben, da würde ich es so
-notwendig brauchen! versetzte Isak.
-
-Im Morgendämmern fuhr er mit seiner letzten Holzladung langsam von
-zu Hause fort und blieb zwei volle Tage weg. Als er wieder zu Fuß
-heimwärts wanderte, hörte er vor dem Hause einen sonderbaren Ton. Was
-konnte das sein? Er blieb lauschend stehen. Kindergeschrei -- ach ja,
-Herrgott im Himmel, es war nicht anders, aber es war schrecklich und
-sonderbar, und Inger hatte nichts gesagt.
-
-Er trat ein und sah zuerst die Kiste, die vielbesprochene Kiste, die er
-auf seiner Brust heraufgetragen hatte! Sie hing nun an zwei Stricken
-vom Dachfirst herunter und war eine Wiege und eine Schaukel für das
-Kind. Inger ging halb angekleidet umher, ja, sie hatte wahrhaftig auch
-die Kuh und die Ziegen gemolken!
-
-Als das Kind schwieg, fragte Isak: Hast du das alles schon getan?
--- Ja, jetzt ist es getan. -- So. -- Es kam an dem Tag, an dem du
-wegfuhrst, am Abend. -- So. -- Ich mußte mich nur noch recken, um die
-Kiste aufzuhängen, dann war alles vorbereitet; aber das konnte ich
-nicht ertragen, es wurde mir übel danach. -- Warum hast du mir nichts
-davon gesagt? -- Konnte ich denn die Zeit so genau wissen? Es ist ein
-Junge. -- Ach so, es ist ein Junge. -- Und wenn ich jetzt nur wüßte,
-wie er heißen soll! sagte Inger.
-
-Isak durfte das kleine rote Gesicht sehen; es war wohlgeformt und
-hatte keine Hasenscharte, und es hatte dichtes Haar auf dem Kopf. Ein
-hübscher kleiner Kerl war er, seinem Stand und seiner Stellung nach,
-wie er da in seiner Kiste lag. Isak war es ganz seltsam zumute, und er
-fühlte sich ordentlich schwach; der Mühlengeist stand vor dem Wunder;
-es war einmal in einem heiligen Nebel entstanden, es zeigte sich im
-Leben mit einem kleinen Gesicht wie ein Sinnbild. Tage und Jahre würden
-das Wunder zu einem Menschen machen.
-
-Komm und iß etwas, sagte Inger ...
-
-Isak fällt Bäume und schichtet Klafterholz. Er ist jetzt
-weitergekommen, als er war. Er hat eine Säge. Er sägt Brennholz, und
-die Klafterbeugen werden gewaltig groß, er macht eine Straße aus ihnen,
-ein ganzes Dorf. Inger ist jetzt mehr ans Haus gebunden und kann den
-Mann nicht bei seiner Arbeit besuchen, aber dafür macht Isak kleine
-Abstecher zu ihr. Putzig mit so einem winzigen Kerl in einer Kiste! Es
-konnte Isak nicht einfallen, sich um ihn zu kümmern, und außerdem war
-es ja nur ein kleiner Wurm, mochte er da liegenbleiben! Aber man war
-doch ein Mensch und konnte das Geschrei nicht teilnahmslos mit anhören,
-so ein kleines Geschrei.
-
-Nein, faß ihn nicht an! sagte Inger. Denn du hast gewiß Harz an den
-Händen, sagte sie. -- Ich, Harz an den Händen? Du bist wohl verrückt!
-erwiderte Isak. Seit das Haus fertig geworden ist, habe ich kein Harz
-mehr an den Händen gehabt. Gib den Jungen her, dann will ich ihn in
-Schlaf wiegen! -- Nein, jetzt ist er gleich still ...
-
-Im Mai kommt eine fremde Frauensperson übers Gebirge zu der einsamen
-Ansiedlung; sie ist eine Verwandte von Inger und wird gut aufgenommen.
-Sie sagt: Ich wollte nur sehen, wie es Goldhorn geht, seit sie von uns
-fortgekommen ist! -- Die Leute fragen nicht viel nach dir, nach so
-einem kleinen Kerl, flüstert Inger betrübt dem Kinde zu. -- Ach, er --
-nun das seh ich ja, wie es ihm geht. Es ist ein prächtiger Junge, das
-seh ich! Und wenn mir jemand das vor einem Jahr gesagt hätte, daß ich
-dich hier wiederfinden würde, Inger, mit Mann und Kind und Haus und
-allem übrigen! -- Von mir sollst du nicht reden, das ist nicht der Mühe
-wert. Aber da ist nun er, der mich so genommen hat, wie ich war! --
-Seid ihr getraut? So, ihr seid noch nicht getraut? -- Aber wir werden
-jetzt sehen, wenn der Kleine getauft wird, sagt Inger. Wir haben uns
-schon trauen lassen wollen, aber es hat sich nicht einrichten lassen.
-Was sagst du dazu, Isak? -- Ja, trauen lassen -- versteht sich. --
-Kannst du nicht nach der Heuernte hierherkommen, Oline, und das Vieh
-versorgen, während wir die Reise machen? fragte Inger. -- O doch, das
-versprach der Besuch. -- Wir werden dich dafür schadlos halten. --
-Ja, das wisse sie wohl ... Und nun wollt ihr noch weiter bauen, sehe
-ich. Was baut ihr denn? Habt ihr noch nicht genug? -- Inger schüttelt
-den Kopf und sagt: Ja, frag du ihn, ich bekomme es nicht zu wissen.
--- Was ich baue? sagt Isak, es ist nicht der Rede wert. Einen kleinen
-Schuppen, für den Fall, daß ich einen brauche. Aber du hast ja nach
-Goldhorn gefragt, willst du sie sehen? fragt er den Gast.
-
-Sie gehen in den Stall, Kuh und Kalb werden gezeigt. Der Stier ist
-ein prächtiges Stück Vieh, der Gast nickt wohlgefällig über das Vieh
-und den Stall, sagt, sie seien von bester Art, und die ausgesuchte
-Reinlichkeit, die sei großartig. Ich stehe bei Inger für alles ein, was
-gute und erfahrene Behandlung der Tiere betrifft, sagte die Verwandte.
-
-Isak fragt: So, also die Kuh Goldhorn ist vorher bei dir gewesen? --
-Ja, von ihrer Geburt an! Ja, nicht gerade bei mir, sondern bei meinem
-Sohn; aber das ist dasselbe. Wir haben sogar noch ihre Mutter in unserm
-Stall!
-
-Isak hatte seit langer Zeit keine angenehmere Botschaft gehört, und
-ein Stein fiel ihm vom Herzen, jetzt war Goldhorn mit Recht seine und
-Ingers Kuh. Um die Wahrheit zu sagen, so hatte er sich halb und halb
-den traurigen Ausweg aus seiner Ungewißheit ausgedacht gehabt, Goldhorn
-im Herbst zu schlachten, die Haare von der Haut zu schaben, die Hörner
-in der Erde zu vergraben und so jegliche Spur von der Kuh Goldhorn
-zu vertilgen. Jetzt war dies unnötig. Er wurde so stolz auf Inger,
-daß er sagte: Reinlich? Ja, so wie sie gibt es keine mehr. Es muß mir
-wahrhaftig vorher bestimmt gewesen sein, daß ich eine vermögliche
-Frau bekommen sollte! -- Das war nicht anders zu erwarten! sagt die
-Verwandte.
-
-Diese Frau von jenseits des Gebirges, eine freundliche Person mit
-wohlgesetzter Rede, ein verständiges Menschenkind namens Oline, sie
-blieb nur ein paar Tage da und schlief in der Kammer nebenan. Als sie
-wieder fortging, bekam sie etwas Wolle von Ingers Schafen, die sie
-jedoch, einerlei aus welchem Grunde, vor Isak verbarg.
-
-Das Kind, Isak und die Frau -- die Welt wurde dann wieder dieselbe,
-tägliche Arbeit, viele kleine und große Freuden, Goldhorn gab reichlich
-Milch, die Ziegen hatten junge Zicklein und gaben auch reichlich Milch,
-Inger verfertigte eine Reihe weißer und roter Käse und stellte sie zum
-Reifen auf. Ihr Plan war, so viele Käslaibe herzustellen, daß sie sich
-einen Webstuhl dafür kaufen konnte -- o diese Inger, sie konnte weben!
-
-Und Isak baute einen Schuppen, auch er hatte wohl einen Plan.
-Er errichtete den neuen Anbau an die Gamme mit einer doppelten
-Bretterwand, machte eine Tür hinein und ein nettes kleines Fenster
-mit vier Scheiben; dann legte er vorläufig ein Notdach darauf und
-wartete mit der Birkenrinde, bis der Boden auftauen würde und er
-Wasen ausstechen könnte. Nur das Notwendigste wurde gemacht, kein
-Bretterboden, keine gehobelten Wände, aber Isak zimmerte einen Stand
-wie für ein Pferd und machte eine Krippe.
-
-Es war schon Ende Mai, als die Sonne die Hügel aufgetaut hatte und
-Isak seinen Schuppen mit Wasen decken konnte; nun war das neue
-Gebäude fertig. Dann eines Morgens aß er eine Mahlzeit, die einen Tag
-ausreichen konnte, nahm außerdem noch Mundvorrat mit, legte Hacke und
-Spaten über die Schulter und ging ins Dorf.
-
-Kannst du vier Ellen Zitz mitbringen? rief ihm Inger nach. -- Was
-willst du damit? versetzte Isak.
-
-Es sah aus, als wollte er für immer fortbleiben. Inger sah jeden Tag
-nach dem Wetter, nach der Windrichtung, als erwarte sie ein Schiff,
-ging in der Nacht hinaus und lauschte, sie dachte daran, das Kind auf
-den Arm zu nehmen und ihm nachzulaufen. Endlich kehrte er zurück mit
-Pferd und Wagen. Ptro! sagte Isak laut vor der Tür, und obgleich das
-Pferd ruhig und fromm dastand und wiedererkennend nach der Hütte
-wieherte, rief Isak ins Haus hinein: Kannst du herauskommen und das
-Pferd ein wenig halten?
-
-Inger kam heraus. Was ist das? rief sie. Sag, hast du es wirklich
-wieder entlehnen können? Wo bist du denn die ganze Zeit gewesen? Heut
-ist der siebente Tag. -- Wo sollte ich gewesen sein? Ich mußte an
-vielen Stellen erst den Weg bahnen, um mit meinem Wagen durchzukommen.
-Halt das Pferd ein wenig, hab ich gesagt! -- Mit deinem Wagen? Du hast
-doch, soviel ich weiß, den Wagen nicht gekauft?
-
-Isak blieb stumm, ganz geschwollen vor Stummheit. Er fängt an, den
-Karren abzuladen; Pflug und Egge, die er sich angeschafft hat, Nägel,
-Eßwaren, einen Spaten, einen Sack voll Saatkorn. Wie geht es dem Kinde?
-fragt er.
-
-Das Kind leidet keine Not. Hast du den Karren gekauft? frage ich.
-Und ich quäle und quäle mich um einen Webstuhl ab, sagt sie richtig
-scherzhaft, so froh war sie, daß er wieder daheim war.
-
-Isak schwieg wieder eine lange Weile und war mit sich selbst
-beschäftigt. Er überlegte und schaute sich um, wo er alle die Waren und
-die Geräte unterbringen sollte. Es schien gar nicht so leicht, auf dem
-Hofe Platz für alles zu finden. Aber als Inger es aufgab, noch weiter
-zu fragen und statt dessen mit dem Pferde plauderte, brach Isak das
-Schweigen und sagte: Hast du schon einen Hof ohne Pferd und Wagen und
-Pflug und Egge und alles, was noch dazu gehört, gesehen? Und da du es
-wissen willst, ja, ich habe das Pferd und den Karren und alles, was
-darauf ist, gekauft. -- Danach konnte Inger nur den Kopf schütteln und
-sagen: Um alles in der Welt!
-
-Und nun war Isak nicht klein und verzagt, es war, als habe er wie ein
-großer Herr für Goldhorn bezahlt: Bitte -- in runder Summe meinerseits
-ein Pferd! Er war so muskelstark, daß er den Pflug noch einmal
-aufnahm, ihn mit einer Hand an die Hauswand trug und da aufstellte. So
-ein Herrscher war er! Und dann trug er die Egge, den Spaten, eine neue
-Heugabel, die er gekauft hatte, alle die teuren landwirtschaftlichen
-Geräte, die Kleinode, in den Neubau. Großartig, oh, volle Ausrüstung,
-jetzt fehlte nichts mehr!
-
-Hm. Und es wird wohl auch zu einem Webstuhl reichen, sagte er,
-vorausgesetzt, daß ich gesund bleibe. Da ist der Zitz, sie hatten
-nichts anderes als diesen blauen Kattun.
-
-Er war grundlos und schöpfte immer mehr. So war's immer, wenn er vom
-Dorf kam.
-
-Inger sagte: Es war recht schade, daß die Oline nicht das alles zu
-sehen bekam, solange sie hier war.
-
-Lauter Getue und Eitelkeit von seiten des Weibes, und der Mann lächelte
-verächtlich über ihre Worte. Oh, aber er hätte gewiß nichts dagegen
-gehabt, wenn Oline diese ganze Herrlichkeit gesehen hätte.
-
-Das Kind weinte.
-
-Geh wieder zu dem Jungen hinein, sagte Isak. Denn nun hat sich das
-Pferd beruhigt.
-
-Er spannt aus und führt das Pferd in den Stall hinein -- stellte sein
-Pferd in den Stall. Er füttert und striegelt es und liebkost es. Was er
-für Pferd und Karren schuldig war? Alles, die ganze Summe, eine sehr
-große Schuld, aber sie sollte nicht älter werden, als bis Ende des
-Sommers. Er hatte Klafterholz dafür, etwas getrocknete Birkenrinde zum
-Bauen vom vorigen Jahr und schließlich noch einige gute Stämme. Aber
-das hielt nicht vor. Als sich später die Spannkraft und der kecke Mut
-etwas gelegt hatten, stellte sich manche bittere Stunde der Furcht und
-Besorgnis ein; jetzt kam alles auf den Sommer und den Herbst an!
-
-Die Tage waren mit Feldarbeit ausgefüllt, mit immer mehr Feldarbeit! Er
-reinigte neue Strecken von Wurzeln und Steinen, pflügte sie um, düngte,
-pflügte, hackte, zerkleinerte Klumpen mit den Händen und mit den
-Absätzen, war überall ein fleißiger Ackermann und machte den Acker so
-glatt wie Plüsch. Dann wartete er ein paar Tage, und als es nach Regen
-aussah, säte er Korn.
-
-Seit mehreren hundert Jahren hatten wohl seine Vorfahren Korn gesät.
-Das war eine Arbeit, die an einem milden, windstillen Abend in
-Andacht vollbracht wurde, am liebsten bei einem geeigneten feinen
-Staubregen, so es möglich war, am liebsten, gleich wenn die Wildgänse
-gezogen kamen. Die Kartoffel war eine neue Frucht, da war nichts
-Geheimnisvolles dabei, nichts Religiöses. Frauen und Kinder konnten
-beim Legen dabeisein, beim Legen dieser Erdäpfel, die von einem fremden
-Lande kamen, gerade wie der Kaffee, ein großartiges, herrliches
-Lebensmittel, aber von der Familie der Rüben. Korn, das war das Brot,
-Korn oder nicht Korn, das war Leben oder Tod. Isak schritt barhäuptig
-und in Jesu Namen dahin und säte; er war wie ein Baumstumpf mit Händen,
-aber innerlich war er wie ein Kind. Auf jeden seiner Samenwürfe
-verwendete er größte Sorgfalt, er war freundlich und ergeben gestimmt.
-Seht, jetzt keimt das Korn und wird zu Ähren mit vielen Körnern, und
-so ist es auf der ganzen Welt, wenn Korn gesät wird. Im Morgenland, in
-Amerika, im Gudbrandstal -- ach, wie groß die Erde ist, und das winzig
-kleine Feld, auf das Isak säte! Das war der Mittelpunkt von allem.
-Fächer von Körnern strahlten aus seiner Hand. Der Himmel war bewölkt
-und günstig, es sah nach einem ganz feinen Staubregen aus.
-
-
-
-
-4
-
-
-Zwischen Frühjahrs- und Herbstarbeit kamen und gingen die Tage, aber
-Oline kam nicht.
-
-Isak hatte jetzt seine Felder bestellt, er richtete zwei Sensen
-und zwei Rechen zur Heuernte, machte einen langen Boden auf seinen
-Karren, damit er Heu darauf laden konnte, richtete sich auch Kufen und
-geeignetes Holz zu einem Arbeitsschlitten für den Winter her. Er machte
-viele gute Sachen. Und was zwei Borte an der Wand in der Stube betraf,
-so brachte er auch diese an, so daß man die verschiedensten Dinge
-darauf legen konnte, den Kalender, den er sich endlich gekauft hatte,
-und Quirle und Schöpfkellen, die nicht im Gebrauch waren. Inger sagte,
-diese beiden Bretter seien etwas außerordentlich Gutes.
-
-Inger fand alles außerordentlich gut. Seht, Goldhorn wollte nun nicht
-mehr durchgehen, sondern sie vergnügte sich mit dem Kalb und dem
-Stier und weidete den lieben langen Tag im Walde. Seht, die Ziegen
-gediehen so, daß ihre schweren Euter fast auf dem Boden schleppten.
-Inger nähte ein langes Kleidchen aus blauem Kattun und ein Mützchen
-von demselben Stoff, es war das Hübscheste, was man sehen konnte, es
-war der Taufanzug. Das Kind selbst lag ganz still da und verfolgte das
-Werk mit seinen Augen, es war schon ein rechter Junge geworden, und
-wenn er durchaus Eleseus heißen sollte, so wollte sich Isak auch nicht
-länger dagegen sträuben. Als das Kleidchen fertig war, hatte es eine
-zwei Ellen lange Schleppe, und jede Elle kostete ihr Geld, aber das
-half nichts, das Kind war nun einmal der Erstgeborene. -- Wenn dein
-Perlenhalsband einmal getragen werden soll, so ist es wohl diesmal
-an der Zeit, sagte Isak. -- Oh, Inger hatte auch schon an die Perlen
-gedacht, sie war nicht umsonst Mutter, sondern durchaus einfältig und
-stolz. Die Perlen reichten dem Jungen nicht um den Hals, aber sie
-würden vorne auf der Mütze hübsch aussehen, und da brachte sie sie an.
-
-Aber Oline kam nicht.
-
-Wäre es nicht wegen der Tiere gewesen, dann hätten alle Bewohner das
-Haus verlassen und mit dem getauften Kinde nach drei bis vier Tagen
-zurückkommen können. Und wäre es nicht wegen der Trauung gewesen, so
-hätte Inger allein reisen können. -- Ob wir nicht die Trauung so lange
-verschieben könnten? sagte Isak. -- Aber Inger antwortete: Es wird zehn
-bis zwölf Jahre dauern, bis Eleseus daheim bleiben und melken kann.
-
-Nun, da mußte Isak seinen Verstand gebrauchen. Eigentlich war das Ganze
-nicht am Anfang begonnen worden, und die Trauung war vielleicht ebenso
-notwendig wie die Taufe, was wußte er. Jetzt sah es nach Trockenheit
-aus, nach richtiger böser Trockenheit; wenn nicht bald Regen kam,
-verbrannte der Ertrag der Felder, aber alles stand in Gottes Hand.
-Isak machte sich fertig, ins Dorf hinunterzueilen und sich nach einem
-Menschen zur Aushilfe umzusehen. Da mußte er wieder viele Meilen laufen.
-
-All diese Beschwer einer Trauung und einer Taufe wegen! Die Leute im
-Ödland haben wirklich viele kleine und große Sorgen!
-
-Dann kam Oline ...
-
-Jetzt waren sie verheiratet und getauft, alles war in Ordnung, sie
-waren sogar darauf bedacht gewesen, sich zuerst trauen zu lassen,
-damit das Kind ehelich wurde. Aber die Trockenheit hielt an, und nun
-verbrannten die kleinen Kornäcker, verbrannten diese Plüschteppiche,
-und warum nur? Alles stand in Gottes Hand. Isak mähte seine
-Wiesenstücke, aber es stand kein hohes Gras darauf, obgleich der Boden
-im Frühjahr gedüngt worden war. Er mähte und mähte auch auf weit
-entfernten Halden und wurde nicht müde, zu mähen, zu trocknen und
-Futter heimzuführen, denn er hatte ja jetzt ein Pferd und einen großen
-Viehstand. Aber mitten im Juli mußte er auch das Korn zu Grünfutter
-mähen, zu anderem war es nicht zu gebrauchen. So, und nun kam es nur
-noch auf die Kartoffeln an.
-
-Wie stand es mit der Kartoffel? War sie nur eine Kaffeeart aus
-fremdem Lande, die entbehrt werden konnte? Oh, die Kartoffel ist eine
-unvergleichliche Frucht, sie steht draußen in Trockenheit, steht in
-Nässe, wächst aber doch. Sie trotzt dem Wetter und hält viel aus,
-bekommt sie nur eine einigermaßen gute Behandlung von den Menschen, so
-lohnt sie es fünfzehnfach. Seht, die Kartoffel hat nicht das Blut der
-Traube, aber sie hat das Fleisch der Kastanie, man kann sie braten und
-kochen und zu allem benutzen. Ein Mensch kann Mangel an Brot haben, hat
-er Kartoffeln, dann ist er nicht ohne Nahrung. Die Kartoffeln können
-in warmer Asche gebraten werden und ein Abendessen sein, sie können
-in Wasser gekocht werden und zum Frühstück dienen. Was brauchen sie
-an Zuspeise? Wenig. Die Kartoffeln sind genügsam, eine Schale Milch,
-ein Hering ist genug für sie. Der Reichtum ißt Butter dazu, die Armut
-taucht sie in ein bißchen Salz auf einem Teller. Isak verzehrte sie als
-Sonntagsspeise mit ein wenig Sahne von Goldhorns Milch. Die mißachtete,
-gesegnete Kartoffel!
-
-Aber jetzt spukte es auch für die Kartoffel.
-
-Unzählige Male am Tag sah Isak nach dem Himmel. Der Himmel war blau.
-Manchen Abend sah es nach einem Regenschauer aus. Dann ging Isak hinein
-und sagte: Möchte wissen, ob es nicht doch Regen gibt. Aber nach ein
-paar Stunden war alle Hoffnung wieder verschwunden.
-
-Jetzt hatte die Trockenheit schon sieben Wochen gedauert, und die Hitze
-war sehr groß. Die Kartoffel stand in all dieser Zeit in voller Blüte,
-sie blühte unnatürlich und wunderbar prächtig. Die Äcker sahen von
-ferne aus wie Schneefelder. Wie sollte das schließlich werden? Der
-Kalender gab keinen Wink, der derzeitige Kalender war nicht mehr wie
-früher, der taugte gar nichts. Jetzt sah es wieder nach Regen aus, und
-Isak ging zu Inger hinein und sagte: Mit Gottes Hilfe wird nun heute
-nacht doch Regen kommen! -- Sieht es nach Regen aus? -- Ja, und das
-Pferd schüttelt sich im Geschirr.
-
-Inger schaute zur Tür hinaus und sagte: Ja, jetzt wirst du sehen! --
-Ein paar Tropfen fielen. Die Stunden vergingen, die Leute legten sich
-zur Ruhe, und als Isak in der Nacht einmal hinausging, um nachzusehen,
-war der Himmel blau.
-
-Ach du lieber Gott im Himmel! sagte Inger. Nun, dann wird morgen auch
-dein letztes Laub trocken, sagte sie und tröstete, so gut sie konnte.
-
-Jawohl, Isak hatte auch Laub gesammelt und besaß nun eine Menge vom
-besten Laub. Das war wertvolles Futter, er behandelte es wie Heu
-und bedeckte es mit Birkenrinde im Walde. Jetzt war nur noch ein
-kleiner Rest draußen, deshalb antwortete er Inger tief verzweifelt
-und gleichgültig: Ich nehme es nicht herein, und wenn es auch ganz
-austrocknet. -- Du weißt nicht, was du redest, versetzte Inger.
-
-Am nächsten Tag holte er es also nicht herein -- da er es nun einmal
-gesagt hatte, holte er das Laub nicht herein. Es konnte draußen
-bleiben, es kam ja doch kein Regen, mochte es in Gottes Namen draußen
-sein! Er konnte es vor Weihnachten einmal hereinnehmen, wenn es bis
-dahin die Sonne nicht ganz und gar versengt habe.
-
-Ganz tief und vollständig gekränkt fühlte er sich, es war ihm keine
-Freude mehr, unter der Haustür zu sitzen und über seinen Grund
-und Boden hinzusehen und alles zu besitzen. Da standen nun die
-Kartoffeläcker, blühten wie verrückt und vertrockneten, dann mochte
-auch das Laub bleiben, wo es war, bitte! Oh, aber Isak -- vielleicht
-hatte er mitten in seiner dicken Treuherzigkeit doch einen kleinen
-schlauen Hintergedanken, vielleicht tat er es aus Berechnung und wollte
-versuchen, jetzt beim Mondwechsel den blauen Himmel herauszufordern.
-
-Am Abend sah es wiederum nach Regen aus. Du hättest das Laub
-hereinholen sollen, sagte Inger. -- Warum denn? fragte Isak und tat
-äußerst unzugänglich. -- Ja, ja, du spottest, aber es könnte jetzt doch
-Regen kommen. -- Du siehst doch wohl, daß in diesem Jahr kein Regen
-kommt.
-
-Aber in der Nacht war es doch, als würden die Glasscheiben ganz dunkel,
-und es war auch, als jage etwas dagegen und mache sie naß, was es nun
-auch sein mochte.
-
-Inger erwachte und sagte: Es regnet! Sieh die Fenster an. -- Isak
-schnaubte nur verächtlich und erwiderte: Regen? Das ist kein Regen. Ich
-verstehe nicht, was du sagst. -- Ach, du sollst nicht spotten, sagte
-Inger.
-
-Isak spottete, ja. Und er betrog sich nur selbst. Gewiß regnete es, und
-zwar einen tüchtigen Schauer; aber als Isaks Laub ordentlich durchnäßt
-war, hörte es auf zu regnen. Der Himmel war wieder blau. Ich hab' es ja
-vorhergesagt, daß kein Regen kommt, sagte Isak eigensinnig und recht
-sündhaft.
-
-Für die Kartoffeln nützte dieser Regenschauer nichts, die Tage kamen
-und gingen. Der Himmel war blau. Da machte sich Isak an die Herstellung
-seines Holzschlittens. Er gab sich alle Mühe damit. Er beugte sein Herz
-und hobelte demütig Kufen und Stangen. Ach ja, Herrgott im Himmel!
-Seht, die Tage kamen und gingen ja, das Kind wuchs heran, Inger machte
-Butter und Käse, es war eigentlich nicht so schlimm, ein Mißjahr
-überlebten tüchtige Leute draußen im Ödland wohl. Und außerdem -- als
-neun Wochen vergangen waren, kam auch richtiger, segensreicher Regen;
-einen ganzen Tag und eine ganze Nacht hindurch regnete es, sechzehn
-Stunden lang goß es in Strömen, die Himmel hatten sich geöffnet. Wenn
-es nun vierzehn Tage früher gewesen wäre, dann hätte Isak gesagt: Es
-ist zu spät. Jetzt aber sagte er zu Inger: Du wirst sehen, es hilft den
-Kartoffeln doch noch ein wenig auf. -- O ja, antwortete Inger tröstend,
-es hilft ihnen noch ganz und gar.
-
-Und dann sah es allmählich besser aus; jeden Tag fiel ein Regenschauer,
-das Gras wurde wieder grün wie durch Zauber, die Kartoffeln blühten,
-jawohl, und zwar mehr als zuerst, und an den Stengeln wuchsen große
-Beeren, und das war eigentlich ganz richtig, aber niemand wußte, was
-unten an den Wurzeln war; Isak wagte nicht nachzusehen. Dann kam eines
-Tages Inger daher, und sie hatte unter einem Stock zwanzig kleine
-Kartoffeln gefunden. Und jetzt haben sie noch fünf Wochen zum Wachsen!
-sagte Inger. -- Diese Inger, sie mußte immerfort trösten und gut
-zureden mit ihrer Hasenscharte! Und eine jämmerliche Stimme hatte sie,
-sie zischte, es war, wie wenn ein Ventil etwas Dampf herausläßt; aber
-ihr Trösten war eine Wohltat draußen im Ödland. Und eine lebensfrohe
-Natur hatte sie auch. -- Wenn du noch eine Bettstatt zimmern könntest,
-sagte sie zu Isak. -- So? sagte er. -- Ja, ja, es eilt nicht gerade,
-sagte sie.
-
-Sie machten sich an die Kartoffelernte und wurden nach altem Herkommen
-bis Michaelis damit fertig. Es wurde ein mittelmäßiges Jahr, ein gutes
-Jahr; es zeigte sich wieder, daß die Kartoffeln nicht so sehr vom
-Wetter abhängig sind, sondern viel aushalten und doch heranwachsen.
-Natürlich war es, wenn sie genau nachrechneten, nicht gerade ein so
-recht mittelmäßiges und gutes Jahr, aber in diesem Jahr konnten sie
-nicht so genau nachrechnen. Eines Tages war ein Lappe vorübergekommen
-und hatte sich über all die Kartoffeln auf der Ansiedlung sehr
-verwundert; in den Dörfern sei es viel schlimmer, sagte er.
-
-Dann hatte Isak wieder einige Wochen vor sich, während der er Land
-roden konnte, ehe die Kälte einsetzte und der Boden gefror. Jetzt
-weidete das Vieh auf den Feldern und wo es wollte. Es machte Isak
-Freude, mit den Tieren zusammen zu arbeiten und ihre Glocken zu hören.
-Es hielt ihn zwar auch von der Arbeit ab, denn der Stier stieß gar zu
-gerne mit seinen Hörnern in die Laubhaufen hinein, oder die Geißen
-waren droben und drunten und überall, sogar auf dem Dach der Hütte.
-
-Kleine und große Sorgen!
-
-Eines Tages hörte Isak einen lauten Schrei. Inger steht vor dem Hause
-mit dem Kind auf dem Arm und deutet auf den Stier und die kleine Kuh
-Silberhorn; die sind Liebesleute. Isak wirft die Haue weg und rennt
-hinunter, aber es ist zu spät, das Unglück ist geschehen. Sieh die
-Hexe, die ist zeitig dran, erst ein Jahr alt, ein halbes Jahr zu früh,
-die Hexe, das Kind. Isak bringt sie in den Stall hinein, aber es ist
-wohl zu spät. Ja, ja, sagt Inger, es ist nun gewissermaßen gut, sonst
-wären beide Kühe im Herbst trächtig geworden. -- Ach, diese Inger,
-nein, sie hatte keinen guten Kopf, aber sie hatte vielleicht gewußt,
-was sie tat, als sie am Morgen Silberhorn und den Stier zusammen
-herausließ.
-
-Es wurde Winter, Inger kardätschte und spann, Isak fuhr Klafterholz zu
-Tal, ungeheure Ladungen von trockenem Holz auf guter Schlittenbahn;
-alle Schulden wurden getilgt, Pferd und Wagen, Pflug und Egge gehörten
-nun ihm. Er fuhr mit Ingers Ziegenkäse zu Tal und brachte Webgarn,
-Webstuhl, Haspel und Scherbaum dafür nach Hause, und wieder brachte er
-Mehl und Eßwaren, und wieder Bretter, Dielen und Nägel; eines Tages
-kam er sogar mit einer Lampe an. So wahr ich hier dastehe, rief Inger,
-du bist verrückt! Aber sie hatte schon lange erraten, daß die Lampe
-kommen würde. Am Abend zündeten sie sie an und waren wie im Paradies,
-der kleine Eleseus glaubte gewiß, es sei die Sonne. Siehst du, wie
-verwundert er ist! sagte Isak. Von da an konnte Inger bei Lampenlicht
-spinnen.
-
-Isak brachte Leinwand zu Hemden und neue Schuhe für Inger. Sie hatte
-ihn um verschiedene Farben zum Färben der Wolle gebeten, und er brachte
-auch diese. Aber eines Tages kam er wahrhaftig mit einer Uhr an! Mit
-was? Mit einer Uhr! Da war Inger wie aus den Wolken gefallen, und sie
-konnte eine Weile kein Wort herausbringen.
-
-Isak hing die Uhr mit vorsichtigen Händen an die Wand und stellte
-sie nach seiner Schätzung; er zog die Gewichte auf und ließ die Uhr
-schlagen. Das Kind drehte die Augen nach dem tiefen Klang und sah dann
-die Mutter an. Ja, du kannst dich wohl verwundern! sagte sie und nahm
-den Jungen auf den Schoß und war selbst gerührt. Denn von allem Guten
-hier in der Einsamkeit konnte sich nichts mit der Wanduhr vergleichen,
-die den ganzen dunklen Winter hindurch ging und die Stunden richtig
-schlug.
-
-Dann war alles Holz fortgeschafft, Isak ging wieder in den Wald und
-fällte wieder Bäume; er machte seine Straßen und seine Stadt aus
-Klafterholzstapeln für den nächsten Winter. Er mußte jetzt immer
-weiter von seinem Haus weggehen, eine große, weite Halde lag da schon
-zum Bebauen bereit, und er wollte jetzt nicht noch mehr Boden ganz
-abholzen, sondern von jetzt an nur die ältesten Bäume mit vertrockneten
-Wipfeln fällen.
-
-Natürlich hatte er auch schon längst verstanden, warum Inger von einem
-zweiten Bett gesprochen hatte, jetzt durfte er es wohl nicht länger
-hinausschieben, sondern mußte sich beeilen. Als er an einem dunklen
-Abend aus dem Walde heimkehrte, da war es geschehen: die Familie hatte
-sich vermehrt, wieder um einen Jungen. Inger lag zu Bett. Diese Inger!
-Am Morgen hatte sie ihn ins Dorf hinunterschicken wollen. Du solltest
-das Pferd ein wenig bewegen, hatte sie gesagt. Denn es steht nur in
-seinem Stand und scharrt. -- Ich habe keine Zeit zu solchem Unsinn,
-sagte Isak und ging fort. Jetzt merkte er, daß sie ihn nur aus dem Wege
-hatte haben wollen, aber warum? Es wäre doch vielleicht gut gewesen,
-wenn sie ihn in der Nähe gehabt hätte. -- Wie kommt es nur, daß du
-einem nie ein Zeichen geben kannst? sagte er. -- Nun mußt du dir eine
-eigene Bettstatt richten und in der Kammer schlafen, erwiderte sie.
-
-Aber mit der Bettlade war es nicht getan, es gehörten auch Bettstücke
-hinein. Sie hatten keine zwei Felldecken und konnten sich auch vor
-dem nächsten Herbst, wo sie einige Hämmel schlachten würden, keine
-zweite Felldecke verschaffen; aber selbst von zwei Hämmeln bekam man
-noch keine Decke. In der nächsten Zeit hatte es Isak nicht gut, er
-fror jämmerlich bei Nacht. Er versuchte, sich in das Heu unter dem
-Felsenhang einzugraben, versuchte, bei den Kühen zu schlafen, obdachlos
-war er. Zum Glück war es schon Mai, dann kam der Juni, der Juli ...
-
-Merkwürdig, wieviel hier in nur drei Jahren zustande gebracht worden
-war: eine Behausung für Menschen, ein Stall und urbar gemachtes Land.
-Was baute Isak jetzt? Einen neuen Schuppen, eine Scheune, einen Anbau
-ans Wohnhaus? Es dröhnte durchs Haus, wenn er die acht Zoll langen
-Nägel hineinschlug, und Inger kam ab und zu heraus und bat um Gnade
-für die Kleinen. Jawohl, die Kleinen! Unterhalte sie einstweilen.
-Sing ihnen was vor, gib dem Eleseus den Eimerdeckel, dann kann er
-damit lärmen! Die großen Nägel werden bald hineingeschlagen sein, sie
-müssen eben gerade hier sitzen, in den Streckbalken, mit denen der
-Anbau am Haus festgemacht wird. Nachher hab' ich nur noch Bretter und
-zweieinhalb Zoll lange Nägel, das ist das reine Kinderspiel.
-
-Hätte er es vermeiden können, zu hämmern? Bisher wurden die
-Heringstonne, das Mehl und andere Eßwaren im Stall aufbewahrt, damit
-sie nicht unter freiem Himmel stehen mußten; aber der Speck bekam einen
-Stallgeschmack, eine Vorratskammer war die reinste Notwendigkeit.
-Die kleinen Jungen mußten sich auch an so ein paar Hammerschläge an
-die Wand gewöhnen; Eleseus war allerdings etwas zart und schwächlich
-geworden, aber der andere saugte wie ein Posaunenengel, und wenn er
-nicht schrie, dann schlief er. Ein prächtiger Junge! Isak wollte sich
-dem nicht widersetzen, daß er Sivert heißen sollte, es war vielleicht
-am besten so, obgleich er abermals an den Namen Jakob gedacht hatte.
-In manchen Fällen hatte Inger recht, Eleseus war nach ihrem Pfarrer
-getauft, und es war ein vornehmer Name, aber Sivert hieß Ingers Oheim,
-der Bezirkskassierer, der ein Junggeselle und ein vermöglicher Mann
-ohne Erben war. Was hätte dem Kinde Besseres widerfahren können, als
-Sivert zu heißen!
-
-Dann kam wieder die Frühjahrsarbeit, und alles wurde vor Pfingsten in
-die Erde gelegt. Damals, als Inger nur Eleseus ihr eigen nannte, hatte
-sie nie Zeit gehabt, ihrem Manne zu helfen, so sehr hatte sie der
-Erstgeborene in Anspruch genommen. Jetzt, da sie zwei Kinder hatte,
-jätete sie das Unkraut aus und verrichtete noch vieles andere; sie half
-viele Stunden lang beim Kartoffellegen, säte auch Karotten und Rüben.
-Eine solche Frau fand sich nicht so leicht wieder. Und hatte sie nicht
-auch Tuch auf dem Webstuhl? Jeden Augenblick nützte sie aus, um in die
-Kammer zu laufen und ein paar Spulen abzuweben; es war halbwollenes
-Tuch zu Wäsche für den Winter. Nachdem das Garn gefärbt war, webte sie
-blau und roten Kleiderstoff für sich und die Kinder; dann legte sie
-noch mehr Farben ein und machte Bettbezüge für Isak. Lauter notwendige,
-nützliche und höchst dauerhafte Sachen.
-
-Seht, nun war die Familie im Ödland schon recht heraufgekommen, und
-wenn dieses Jahr gut einschlug, waren die Ansiedler geradezu zu
-beneiden. Was fehlte ihnen noch? Ein Heuschuppen natürlich, eine
-Scheune mit einer Tenne in der Mitte, das war ein Zukunftsziel, und
-es würde erreicht werden wie die andern Ziele auch. Mit der Zeit, ja!
-Jetzt hatte die kleine Silberhorn ein Kalb, und die Ziegen hatten
-Zicklein, und die Schafe hatten Lämmer, es wimmelte von kleinen Tieren
-auf der Weide. Und die Menschen? Eleseus konnte schon auf seinen
-eigenen Beinen gehen, wohin er wollte, und der kleine Sivert war
-getauft. Und Inger? Sie war gewiß schon wieder guter Hoffnung, sie sah
-so rundlich aus. Was war auch ein Kind für sie? Nichts -- das heißt
-große Dinge, nette kleine Leute, sie war stolz auf ihre Kinder und
-gab zu verstehen, daß Gott nicht allen Leuten solche großen, hübschen
-Kinder anvertraue. Inger war ganz davon in Anspruch genommen, jung
-zu sein. Sie hatte ein verunstaltetes Gesicht und hatte ihre ganze
-Jugend als eine Ausgestoßene verbracht, die Burschen hatten sie nicht
-angesehen, obgleich sie tanzen und arbeiten konnte, sie hatten ihre
-gute Weiblichkeit verschmäht, sie hatten sich weggewendet -- jetzt war
-ihre Zeit, sie entfaltete sich, sie stand ununterbrochen in voller
-Blüte und war guter Hoffnung. Isak selbst, der Hausvater, war und blieb
-ein ernster Mann, aber er hatte guten Erfolg gehabt und war zufrieden.
-Wie und womit er sich das Leben erträglich gemacht hatte, ehe Inger
-kam, war sehr dunkel; mit Kartoffeln und Ziegenmilch, ja mit gewagten
-Gerichten ohne Namen; jetzt hatte er alles, was ein Mann in seinen
-Verhältnissen nur verlangen konnte.
-
-Wieder kam große Trockenheit, wieder ein Mißjahr. Der Lappe Os-Anders,
-der mit seinem Hund vorüberkam, konnte berichten, daß die Leute im
-Dorfe schon alles Getreide zu Viehfutter abgemäht hätten. -- So, sie
-hatten also keine Hoffnung mehr? fragte Inger. -- Nein, aber dafür
-haben sie einen guten Heringsfang gemacht. Dein Oheim Sivert bekommt
-seinen Anteil als Strandbesitzer. Und er hat doch vorher schon ein
-bißchen etwas in Küche und Keller gehabt. Gerade wie du, Inger. -- Ja,
-Gott sei Dank, ich habe nichts zu klagen. Was sagen sie denn daheim von
-mir? -- Os-Anders wiegt den Kopf hin und her und sagt schmeichlerisch,
-er habe keine Worte dafür! -- Wenn du eine Schale süße Milch möchtest,
-so brauchst du es nur zu sagen, versetzt Inger. -- Du sollst dich nicht
-in Unkosten stürzen. Aber hast du ein wenig für den Hund?
-
-Die Milch kam, das Futter für den Hund auch. Der Lappe hörte Musik aus
-der Stube heraus und lauschte: Was ist das? -- Das ist unsere Wanduhr,
-die schlägt, sagt Inger; sie ist am Platzen vor lauter Stolz.
-
-Wieder wiegte der Lappe den Kopf hin und her und sagte: Ihr habt Haus
-und Pferd und Wohlbehagen, kannst du mir sagen, was ihr nicht habt?
--- Nein, wir können Gott nicht genug danken. -- Oline hat mir einen
-Gruß an dich aufgetragen. -- So. Wie geht es ihr? -- Es geht. Wo ist
-dein Mann? -- Er ist auf dem Feld draußen. -- Es heißt, er habe nicht
-gekauft! wirft der Lappe hin. -- Gekauft? Wer sagt das? -- Es heißt
-so. -- Von wem sollte er denn kaufen? Es ist Allmende. -- Ja, ja. --
-Und viele Schweißtropfen hat er in diesen Grund und Boden hineinfallen
-lassen. -- Es heißt, euer Boden gehöre dem Staat.
-
-Inger verstand davon nichts und sagte: Ja, das kann schon sein. Hat
-etwa sie, die Oline, das gesagt? -- Ich erinnere mich nicht, wer es
-war, antwortete der Lappe, und er ließ seine unsteten Augen in allen
-Richtungen umherschweifen. Inger wunderte sich darüber, daß er nicht
-um etwas bettelte, das tat Os-Anders sonst immer, alle Lappen betteln.
-Os-Anders aber sitzt ruhig da, stopft seine kurze Kreidepfeife und
-zündet sie an. Das ist eine Pfeife! Er raucht und pafft so, daß sein
-ganzes runzliges Gesicht aussieht wie ein Rindenstück. -- Ja, ich
-brauche nicht zu fragen, ob das deine Kinder sind, sagte er noch
-schmeichlerischer. Denn sie sind dir so ähnlich. Genau so nett wie du
-selbst, als du klein warst.
-
-Inger, die eine Mißgeburt und ein Auswurf gewesen war -- natürlich war
-es verkehrt, aber ihr Herz schwoll doch vor Stolz. Selbst ein Lappe
-kann ein Mutterherz froh machen. Wenn dein Sack nicht schon so voll
-wäre, so würde ich dir ein bißchen was hineintun, sagte sie. -- Nein,
-du sollst dich nicht in Unkosten stürzen!
-
-Inger geht mit dem Kind auf dem Arm hinein, während Eleseus bei dem
-Lappen draußen bleibt. Die beiden kommen gut miteinander aus. Der Junge
-darf etwas Merkwürdiges aus des Lappen Sack sehen, etwas Haariges, er
-darf es streicheln. Der Hund winselt und bellt. Als Inger mit etwas
-Mundvorrat herauskommt, stößt sie einen kleinen Seufzer aus und sinkt
-auf die Türschwelle. Was hast du da? fragt sie. -- Ach nichts, es ist
-ein Hase. -- Das hab' ich gesehen. -- Dein Kleiner wollte ihn sehen.
-Mein Hund hat ihn heute gejagt und umgebracht. -- Da ist dein Essen,
-sagt Inger.
-
-
-
-
-5
-
-
-Es ist eine alte Erfahrung, daß wenigstens zwei Mißjahre aufeinander
-folgen. Isak war geduldig geworden und fand sich in sein Los. Das
-Getreide verbrannte auf dem Felde, und die Heuernte war mittelmäßig,
-aber die Kartoffeln sahen wieder aus, als würden sie sich erholen;
-es war demnach zwar schlimm genug, aber doch keine Not. Isak hatte
-auch noch Klafterholz und Balken, die er ins Dorf hinunterschaffen
-konnte, und da an der ganzen Küste der Heringsfang gut ausgefallen
-war, hatten die Leute Geld genug zum Holzkaufen. Es sah fast wie eine
-Fügung aus, daß die Getreideernte fehlschlug, denn wie hätte er dieses
-Korn dreschen sollen, ohne eine Scheune mit einer Tenne? Ja, laß Fügung
-Fügung sein, das schadet auf die Dauer nichts!
-
-Eine andere Sache war die, daß Neues auftauchte und ihn beunruhigte.
-Was war nun das, was ein gewisser Lappe im Sommer zu Inger gesagt hatte
--- daß er nicht gekauft habe? Hätte er kaufen sollen, warum denn? Der
-Boden lag ja da, der Wald stand da, er machte Land urbar, errichtete
-sich ein Haus mitten in der Urnatur, ernährte seine Familie und seinen
-Viehstand, war niemand etwas schuldig, arbeitete, arbeitete. Schon
-wiederholt hatte er, wenn er drunten im Dorfe war, daran gedacht, mit
-dem Lensmann zu sprechen, dies aber immer wieder hinausgeschoben. Der
-Lensmann war nicht beliebt, und Isak war wortkarg. Was sollte er sagen,
-wenn er ankam, welchen Grund angeben, warum er gekommen sei?
-
-Eines Tages im Winter kam indes der Lensmann selbst in die Ansiedlung
-dahergefahren; er hatte einen Mann bei sich und brachte eine von
-Papieren strotzende Tasche mit -- und es war der Lensmann Geißler
-selbst. Er sah die große offene Halde, die abgeholzt war und glatt und
-eben unter dem Schnee lag, und er meinte wohl, die ganze weite Fläche
-sei angebaut, deshalb sagte er: Das ist ja ein großes Anwesen, meinst
-du, das bekommst du umsonst?
-
-Nun war es da! Isak erschrak bis ins innerste Mark und erwiderte nichts.
-
-Du hättest zu mir kommen und den Boden kaufen sollen, sagte der
-Lensmann. -- Ja. -- Der Lensmann sprach von Einschätzung, von
-Grenzscheiden, von Steuer, „Kronsteuer”, sagte er; als Isak
-einigermaßen Aufklärung bekam, fand er es immer weniger ungereimt. Der
-Lensmann neckte seinen Begleiter und sagte: Nun, du Schätzungsmann,
-wie groß ist die Ansiedlung? Aber er wartete nicht auf Antwort, sondern
-schrieb die Größe aufs Geratewohl hin. Dann fragte er Isak nach
-den Heulasten und nach den Kartoffeltonnen. Und wie sie es mit der
-Grenzscheide halten wollten? Sie könnten doch nicht die Grenzscheide
-in mannshohem Schnee abschreiten, und im Sommer könnten Menschen
-nicht hier heraufkommen. Was Isak sich selbst als Weideland und Wald
-ausgedacht habe? -- Das wußte Isak nicht, bis jetzt hatte er, so weit
-er blickte, für sein Eigentum betrachtet. Der Lensmann sagte, der Staat
-setzt Grenzen. Je mehr Land du bekommst, desto mehr kostet es, sagte
-er. -- So? -- Ja, du bekommst nicht so viel, als du überschauen kannst,
-sondern so viel, als du brauchst. -- So? --
-
-Inger setzte Milch vor, und der Lensmann und sein Begleiter tranken.
-Sie brachte noch mehr Milch. Der Lensmann sollte streng sein? Er strich
-sogar Eleseus übers Haar und sagte: Spielt er mit Steinen? Laß mich die
-Steine mal sehen! Was ist denn das? Die sind aber schwer, da ist gewiß
-irgendein Metall drin! -- Ja, von denen gibt's genug oben im Gebirge,
-sagt Isak.
-
-Der Lensmann kehrte zum Geschäftlichen zurück. -- Südlich und westlich
-ist es wohl am vorteilhaftesten für dich? sagte er zu Isak. Sagen
-wir eine Viertelmeile südwärts! -- Was, eine ganze Viertelmeile?
-rief der Begleiter des Lensmannes. -- Du allerdings könntest keine
-zweihundert Ellen umbrechen, versetzte der Lensmann kurz. -- Isak
-fragte: Was kostet eine Viertelmeile? -- Das weiß ich nicht, antwortete
-der Lensmann, das weiß niemand. Aber ich werde einen niederen Preis
-vorschlagen. Es ist ja meilenweit im Ödland drinnen, ohne jegliche
-Zufahrt.
-
-Ja, aber eine ganze Viertelmeile! sagte der Begleiter wieder.
-
-Der Lensmann schrieb eine Viertelmeile südwärts und fragte: Und
-aufwärts nach den Bergen? -- Ja, da muß ich es bis zum See haben. Dort
-ist ein großer See, antwortete Isak.
-
-Der Lensmann schrieb weiter. Jetzt nach Norden? -- Da kommt es nicht so
-genau drauf an, auf dem Moor ist kein ordentlicher Wald, meinte Isak.
-
-Der Lensmann schrieb nach seinem eigenen Kopf eine halbe Viertelmeile.
-Nach Osten? -- Da ist es auch nicht so genau. Dort ist nur Gebirge nach
-Schweden hinüber.
-
-Der Lensmann schrieb.
-
-Als er fertig war, rechnete er das Ganze in einem Augenblick zusammen
-und sagte: Natürlich wird das ein großes Besitztum, und wenn es drunten
-in der Gemeinde läge, könnte niemand es kaufen. Ich will hundert Taler
-für alles miteinander vorschlagen. Was meinst du? fragte er seinen
-Begleiter. -- Das ist ja gar kein Preis, antwortete dieser. -- Hundert
-Taler! sagte Inger. Du brauchst gar nicht so viel Land. -- Nein, sagte
-Isak. -- Der Begleiter fiel ein: Es ist, wie ich sage. Was wolltet ihr
-mit so viel Land?
-
-Der Lensmann sagte: Es roden.
-
-Nun hatte er dagesessen, sich abgemüht und niedergeschrieben; ab und
-zu schrie ein Kind in der Stube, er hätte nur ungern das Ganze noch
-einmal geschrieben, er kam auch erst spät in der Nacht wieder heim,
-nein, erst gegen Morgen sogar. So steckte er entschlossen die Urkunde
-in seine Tasche. Geh hinaus und spann an! befahl er seinem Begleiter.
-Dann wendete er sich an Isak und sagte: Eigentlich hättest du den Platz
-umsonst haben sollen und noch Bezahlung obendrein, so wie du geschafft
-hast. Und das will ich bei meinem Vorschlag auch sagen. Dann werden wir
-sehen, was der Staat für einen Kaufbrief verlangt.
-
-Isak -- Gott weiß, wie ihm zumute war. Es war, als hätte er nichts
-dagegen, daß ein hoher Preis für seine Ansiedlung und seine ungeheure
-Arbeit hier angesetzt würde. Er hielt es wohl nicht für unmöglich, mit
-der Zeit hundert Taler abzubezahlen, deshalb sagte er nichts mehr; er
-konnte wie vorher arbeiten, das Land bebauen und überständigen Wald in
-Klafterholz umwandeln. Isak gehörte nicht zu denen, die umherspähen, er
-stand nicht auf dem Ausguck nach Glückszufällen, er arbeitete.
-
-Inger bedankte sich beim Lensmann und bat ihn, beim Staat ein gutes
-Wort für sie einzulegen.
-
-Jawohl. Aber die Entscheidung liegt ja nicht bei mir, ich gebe nur mein
-Gutachten dazu. Wie alt ist denn der Kleinste da? -- Gut ein halbes
-Jahr. -- Junge oder Mädchen? -- Ein Junge.
-
-Der Lensmann war nicht hart, sondern oberflächlich und wenig
-gewissenhaft. Seinen Vertrauens- und Schätzungsmann, den Gerichtsboten
-Brede Olsen, hörte er nicht an, das wichtige Geschäft ordnete er aufs
-Geratewohl und nach Gutdünken; diese große Sache, entscheidend für Isak
-und seine Frau und entscheidend auch für ihre Nachkommen vielleicht in
-zahllosen Geschlechtern, entschied er auf gut Glück, er schrieb nur
-so hin. Aber er erwies den Ansiedlern viel Freundlichkeit, er zog ein
-glänzendes Geldstück aus der Tasche und gab es dem kleinen Sivert in
-die Hand, dann nickte er noch freundlich und ging hinaus zum Schlitten.
-
-Plötzlich fragte er: Wie heißt der Ort?
-
-Heißen? -- Welchen Namen hat er? Wir müssen ihm einen Namen geben.
-
-Daran hatten die Leute nicht gedacht, und Inger und Isak sahen einander
-an.
-
-Sellanraa? sagte der Lensmann. Er hatte diesen Namen wohl erfunden, es
-war vielleicht gar kein Name, aber er wiederholte: Sellanraa! nickte
-und fuhr davon.
-
-Alles aufs Geratewohl, die Grenzscheide, den Preis, den Namen ...
-
-Einige Wochen später, als Isak im Dorfe war, hörte er, daß es mit
-dem Lensmann Schwierigkeiten gegeben habe. Es war nach verschiedenen
-Geldern geforscht worden, über die er nicht Rechenschaft hatte ablegen
-können, und man hatte ihn deshalb beim Landrichter angezeigt. So
-schlimm kann es kommen; manche Menschen taumeln so durchs Leben dahin,
-dann kommen sie an denen, die bedächtigen Schrittes gehen, zu Fall!
-
-Eines Tages, als Isak mit einer seiner letzten Holzfuhren im Dorf
-gewesen war und sich auf dem Heimweg befand, geschah es, daß er den
-Lensmann fahren sollte. Der Lensmann trat ohne weiteres mit einer
-Reisetasche in der Hand aus dem Walde heraus und sagte: Laß mich bei
-dir aufsitzen!
-
-Sie fuhren eine Weile, keiner von beiden sprach ein Wort. Ab und zu
-zog der Lensmann eine Flasche heraus und trank einen Schluck; er bot
-auch Isak an, der aber dankte. Ich fürchte für meinen Magen auf dieser
-Reise, sagte der Lensmann.
-
-Dann sprach er von Isaks Hofangelegenheit und sagte: Ich habe die
-Sache gleich weiterbefördert und sie warm empfohlen. Sellanraa ist ein
-hübscher Name. Eigentlich hättest du das Land umsonst haben sollen,
-aber wenn ich das geschrieben hätte, wäre der Staat unverschämt
-geworden und hätte seinen eigenen Preis angesetzt. Ich habe fünfzig
-Taler geschrieben. -- Ach so, habt Ihr also nicht hundert Taler
-geschrieben? -- Der Lensmann runzelte die Stirn und überlegte, dann
-sagte er: Soviel ich mich erinnere, habe ich fünfzig Taler geschrieben.
-
-Wohin reist Ihr jetzt? fragte Isak. -- Nach Vesterbotten, zur Familie
-meiner Frau. -- In dieser Jahreszeit? Das ist ein böser Weg, um da
-hinüberzukommen. -- Oh, es wird schon gehen. Kannst du mich nicht ein
-Stück weit begleiten? -- Doch. Ihr dürft nicht allein gehen.
-
-Sie erreichten die Ansiedlung, und der Lensmann übernachtete in der
-Kammer. Am Morgen nahm er wieder einen Schluck aus seiner Flasche und
-sagte: Ich ruiniere mir gewiß den Magen auf dieser Reise. Sonst war
-er ganz wie bei seinem letzten Besuch, wohlwollend entschieden, aber
-etwas fahrig und nur wenig mit seinem eigenen Schicksal beschäftigt;
-vielleicht war es auch gar nicht so trostlos. Als Isak sagte, nicht
-die ganze Halde sei angebaut, sondern nur ein kleines Stück davon, nur
-ein paar Felder, gab der Lensmann die überraschende Antwort: Das hab'
-ich wohl verstanden, als ich damals hier saß und schrieb. Aber mein
-Fuhrmann Brede verstand nichts davon, er ist ein Esel. Das Ministerium
-hat eine Art Tabelle. Wenn nun auf so einer großen Landstrecke so wenig
-Heulasten und so wenig Kartoffeltonnen geerntet werden, dann sagt die
-Tabelle des Ministeriums, das sei elender Boden, billiger Boden. Ich
-bin auf deiner Seite gewesen, und ich verpfände gern meine Seligkeit
-auf dieses Schelmenstück. Ja, zwei- bis dreitausend solcher Männer, wie
-du einer bist, sollten wir hier im Lande haben. Der Lensmann nickte und
-wendete sich dann an Inger: Wie alt ist der Kleinste? -- Jetzt ist er
-dreiviertel Jahr alt. -- Und es ist ein Junge? -- Ja. --
-
-Aber du mußt dich ins Zeug legen und deine Hofangelegenheit so rasch
-wie möglich in Ordnung bringen, sagte der Lensmann zu Isak. Es ist noch
-ein Mann da, der ungefähr auf halbem Wege zwischen hier und dem Dorf
-kaufen will, und dann steigt der Boden im Wert. Kauf du nur zuerst,
-dann mag der Preis nachher steigen. Du aber hast dann doch etwas von
-all deiner Arbeit. Du hast den Anfang gemacht hier im Ödland.
-
-Die Leute waren ihm dankbar für seinen Rat und fragten ihn, ob er
-denn nicht selbst die Angelegenheit zum Abschluß bringen werde. Er
-antwortete, er habe nun das seinige dabei getan, es komme jetzt nur
-noch auf den Staat an. Ich reise jetzt nach Vesterbotten und kehre
-nicht mehr hierher zurück, sagte er geradeheraus.
-
-Er gab Inger ein Geldstück, aber das war wirklich zu viel. Vergiß
-nicht, meiner Familie im Dorf etwas zum Schlachten mitzubringen, ein
-Kalb oder ein Schaf, meine Frau bezahlt dir's. Nimm auch ab und zu ein
-paar Ziegenkäse mit, meine Kinder essen ihn so gern, sagte er.
-
-Isak begleitet ihn übers Gebirge; auf der Höhe lag fester Harsch, man
-konnte also gut vorwärts kommen. Isak bekam einen ganzen Taler.
-
-So zog denn Lensmann Geißler fort und kehrte nicht mehr ins Dorf
-zurück. Die Leute sagten, es sei ihnen einerlei; man hielt ihn für
-einen unzuverlässigen Menschen und einen Abenteurer. Nicht, daß er
-nicht genug gewußt hätte, er war ein wohlunterrichteter Mann, der viel
-gelernt hatte, aber er tat sich zu viel darauf zugut und verbrauchte
-anderer Leute Geld. Es wurde ruchbar, daß er auf ein scharfes Schreiben
-von Amtmann Pleym hin durchgebrannt war; aber seiner Familie geschah
-nichts Böses, sie bestand aus der Frau und drei Kindern, und die
-blieben noch längere Zeit in der Gemeinde wohnen. Übrigens dauerte
-es nicht lange, bis die fehlenden Gelder von Schweden aus geschickt
-wurden; die Lensmannsfamilie war dann nicht mehr als Pfand da, sondern
-blieb aus freiem Willen, weil sie selbst es wollte.
-
-Für Isak und Inger war dieser Geißler kein schlechter Mensch gewesen,
-im Gegenteil. Gott mochte wissen, wie sich nun der neue Lensmann zu der
-Sache stellen würde, ob am Ende das ganze Geschäft mit der Ansiedlung
-noch einmal gemacht werden mußte!
-
-Der Amtmann schickte einen von seinen Schreibern in die Gemeinde, das
-war der neue Lensmann. Es war ein Mann in den Vierzigern, der Sohn
-eines Vogts und hieß Heyerdahl; er war zu arm gewesen, um zu studieren
-und Beamter zu werden, aber er hatte auf einer Gerichtsstube gesessen
-und war da fünfzehn Jahre lang Schreiber gewesen. Da er niemals Geld
-genug zum Heiraten gehabt hatte, war er Junggeselle; der Amtmann Pleym
-hatte ihn von seinem Vorgänger geerbt und gab ihm dasselbe armselige
-Gehalt, das er vorher bezogen hatte. Heyerdahl empfing sein Gehalt
-und schrieb weiter. Er wurde ein mißmutiger, vertrockneter, aber
-zuverlässiger und rechtschaffener Mann, war dabei auch, soweit seine
-Begabung reichte, sehr tüchtig zu den Arbeiten, die er einmal gelernt
-hatte. Jetzt, da er Lensmann geworden war, stieg sein Selbstgefühl
-bedeutend.
-
-Isak faßte sich ein Herz und ging zu ihm.
-
-Die Sache Sellanraa -- ja, da ist sie, vom Ministerium zurückgekommen.
-Die Herren wollen über vieles noch Aufklärung haben, das Ganze ist
-ja von der Hand dieses Geißlers das reine Durcheinander, sagte der
-Lensmann. Das Königliche Ministerium will wissen, ob da vielleicht
-große herrliche Multebeerenmoore auf dem Platze sind. Ob Hochwald da
-ist. Ob sich möglicherweise Erze und verschiedene andere Metalle in den
-Bergen ringsum finden. Es sei ein großer Gebirgssee genannt, ob es da
-Fische gebe. Dieser Geißler hat allerdings einige Aufklärung gegeben,
-aber es ist ja kein Verlaß auf ihn, ich muß hier alles von ihm genau
-durchgehen. Ich werde also so bald wie möglich auf deine Ansiedlung
-nach Sellanraa hinaufkommen und alles untersuchen und es einschätzen.
-Wie viele Meilen ist es hinauf? Das Königliche Ministerium will, daß
-die Grenzen ordentlich abgeschritten werden. -- Es wird sehr schwierig
-sein, die Grenzscheide vor dem Sommer abzuschreiten, sagte Isak. --
-Ach, es wird sich schon machen lassen. Wir können das Ministerium nicht
-bis zum Sommer auf Antwort warten lassen, versetzte Heyerdahl. Ich
-komme in den nächsten Tagen hinauf. Bei derselben Gelegenheit soll vom
-Staat aus auch noch an einen andern Mann Siedlungsland verkauft werden.
--- Ist das der Mann, der auf halbem Wege von der Gemeinde bis zu mir
-herauf Land kaufen will? -- Das weiß ich nicht, aber vielleicht ist er
-es. Ein Mann von hier übrigens, mein Schätzungsmann, mein Amtsdiener.
-Er hat schon bei Geißler wegen des Kaufs angefragt; aber Geißler hatte
-ihn abgewiesen und gesagt, er könne ja nicht einmal zweihundert Ellen
-umgraben. Da hat der Mann an das Landgericht selbst geschrieben, und
-jetzt ist mir die Sache zur Begutachtung übergeben. Ja, dieser Geißler!
-
-Lensmann Heyerdahl kam zur Ansiedlung und hatte den Schätzungsmann
-Brede bei sich. Sie waren sehr naß geworden beim Überschreiten
-des Moors und wurden noch nasser, als sie dann im schmelzenden
-Frühjahrsschnee die Grenze den Berghang hinauf abschreiten sollten.
-Am ersten Tag war der Lensmann sehr eifrig, am zweiten ging er müde
-dahin und blieb weit unten stehen, rief nur und deutete. Nein, es war
-nicht mehr die Rede davon, die „Berge ringsum abzuschürfen”, und die
-Multebeermoore sollten erst auf dem Heimweg genau untersucht werden,
-sagte er.
-
-Das Ministerium hatte viele Fragen gestellt, es hatte wohl wieder eine
-Tabelle vor; die einzige von diesen Fragen, die einen Sinn hatte,
-war die nach dem Walde. Ganz richtig, es war etwas Hochwald da, und
-er stand innerhalb Isaks Viertelmeile, aber es war kein Bauholz zum
-Verkauf da, nur gerade genug für den eigenen Bedarf. Aber selbst
-wenn hier Bauholz gestanden hätte, wer hätte es meilenweit ins Dorf
-hinunterschaffen sollen? Das konnte nur der Mühlengeist Isak, wenn er
-im Laufe des Winters ein paar Stämme hinunterfuhr und dafür Balken und
-Bretter bekam.
-
-Es zeigte sich, daß dieser merkwürdige Mann Geißler eine Darstellung
-gegeben hatte, die man nicht außer acht lassen konnte. Da saß nun
-der neue Lensmann und versuchte, seinem Vorgänger etwas am Zeuge zu
-flicken und Fehler zu finden, mußte dieses Bemühen aber aufgeben. So
-fragte er nur öfter als Geißler seinen Begleiter und Schätzungsmann um
-Rat und richtete sich nach dessen Worten, und derselbe Schätzungsmann
-mußte sich wohl bekehrt und eine andere Ansicht bekommen haben, seit
-er selbst Allmende vom Staat kaufen wollte. -- Was denkst du über
-diesen Preis? fragte der Lensmann. -- Fünfzig Taler ist mehr als genug
-für den, der es kaufen muß, antwortete der Schätzungsmann. -- Der
-Lensmann faßte das Gesuch in wohlgesetzten Worten ab. Geißler hatte
-geschrieben: Der Mann will von jetzt an auch jährliche Steuer bezahlen,
-er sieht sich nicht in der Lage, eine höhere Kaufsumme zu entrichten
-als fünfzig Taler, auf zehn Jahre verteilt. Der Staat muß dieses
-Angebot annehmen oder dem Mann sein Land und seine Arbeit entziehen. --
-Heyerdahl schrieb: Der Mann ersucht ehrerbietig das hohe Ministerium,
-das Grundstück, das ihm nicht gehört, auf das er aber bedeutende Arbeit
-verwendet hat, behalten zu dürfen für 50 -- fünfzig -- Speziestaler, zu
-bezahlen in Terminen nach dem wohlwollenden Ermessen des Ministeriums.
-
-Ich glaube, es wird mir gelingen, dir das Grundstück zu sichern, sagte
-Lensmann Heyerdahl zu Isak.
-
-
-
-
-6
-
-
-Heute soll der große Stier fortgeführt werden. Er ist ein ungeheures
-Tier geworden und zu wertvoll, um noch länger auf der Ansiedlung zu
-bleiben. Isak will hinunter ins Dorf mit ihm, ihn verkaufen und dafür
-einen netten jungen Stier mitbringen.
-
-Inger ist es, die das durchgesetzt hat, und Inger wußte wohl, was sie
-tat, wenn sie Isak gerade an diesem Tag fort haben wollte.
-
-Wenn du gehen willst, muß es heute sein, sagte sie. Der Stier ist
-gemästet, gemästete Ware steht im Frühjahr gut im Preis, er kann in
-die Stadt geschickt werden. Da werden Riesensummen bezahlt. -- Ja,
-ja, sagte Isak. -- Die einzige Gefahr ist, daß der Stier auf dem
-Hinunterweg wild werden könnte, fuhr Inger fort. -- Darauf gab Isak
-keine Antwort. -- Aber seit einer Woche ist er immer etwas draußen
-gewesen, hat sich umgesehen und sich ans Freie gewöhnt. -- Isak
-schwieg; aber er hängte ein großes Messer am Riemen um und führte den
-Stier heraus.
-
-Ach, was für ein Koloß, prächtig und furchtbar zugleich, seine Lenden
-schwankten bei jedem Schritt! Er war ziemlich kurzbeinig; wenn er
-dahinschritt, brach er mit der Brust den Jungwald nieder, er war wie
-eine Lokomotive. Sein Hals war gewaltig bis zur Unförmigkeit, in diesem
-Hals wohnte die Stärke eines Elefanten.
-
-Wenn er jetzt nur nicht wild wird und auf dich losgeht, sagte Inger.
--- Erst nach einer Weile antwortete Isak: Nun, dann muß ich ihn eben
-unterwegs schlachten und das Fleisch fortschaffen.
-
-Inger setzte sich auf die Türschwelle. Es war ihr übel, und ihr Gesicht
-war brennend rot. Sie hatte sich aufrecht gehalten, bis Isak gegangen
-war, jetzt verschwand er mit dem Stier im Walde, und Inger konnte ohne
-Gefahr stöhnen. Der kleine Eleseus kann schon sprechen, und er fragt:
-Mutter weh? -- Ja, weh. -- Er ahmt seine Mutter nach, greift sich nach
-dem Rücken und stöhnt auch. Klein-Sivert schläft.
-
-Inger nimmt Eleseus mit sich hinein, gibt ihm allerlei Sachen, womit er
-auf dem Boden spielen kann, und legt sich selbst zu Bett. Ihre Stunde
-war gekommen. Sie ist die ganze Zeit bei vollem Bewußtsein, gibt auf
-Eleseus acht, läßt ihren Blick über die Wiege hinschweifen und sieht
-auf die Uhr an der Wand. Sie schreit nicht, bewegt sich kaum; ein
-Kampf geht in ihren Eingeweiden vor sich, eine Last gleitet plötzlich
-von ihr ab. Fast im selben Augenblick hört sie ein fremdes Geschrei
-in ihrem Bett, ein liebes Stimmchen weint. Und jetzt hat Inger keine
-Ruhe mehr, sie richtet sich auf und schaut an sich hinunter. Was sieht
-sie? Ihr Gesicht wird im selben Augenblick aschgrau und starr, ohne
-Ausdruck und Verstand, ein Ächzen wird laut, ein so unnatürliches, so
-erschütterndes, wie ein Heulen aus ihrem Innersten heraus.
-
-Sie sinkt zurück. Eine Minute vergeht, sie hat keine Ruhe, das Weinen
-im Bett wird lauter, sie richtet sich wieder auf und schaut -- ach
-Gott, das schlimmste von allem, ohne Gnade, und das Kind ist überdies
-ein Mädchen!
-
-Isak konnte vielleicht noch nicht eine halbe Meile weit gekommen sein,
-und es war jetzt kaum eine Stunde vergangen, seit er den Hof verlassen
-hatte. In zehn Minuten war das Kind geboren und umgebracht ...
-
-Am dritten Tag kehrte Isak zurück; er führte einen mageren, halb
-verhungerten Stier, der kaum vorwärts kommen konnte, an der Leine,
-deshalb war er so lange unterwegs gewesen.
-
-Wie ist es gegangen? fragte Inger, und doch war sie selbst recht
-gedrückt und krank.
-
-Oh, es war ganz leidlich gegangen. Ja, ja, während der letzten halben
-Meile war der Stier allerdings wild geworden. Isak hatte ihn anbinden
-und Hilfe aus dem Dorfe holen müssen. Als er zurück kam, hatte der
-Stier sich losgerissen, und sie hatten ihn lange suchen müssen. Na, es
-war ja alles noch gut abgelaufen. Der Händler, der Schlachtvieh für die
-Stadt aufkaufte, hatte gut bezahlt. -- Und da ist nun der neue Stier,
-sagte Isak, bring die Kinder heraus und seht ihn euch an!
-
-Das gleiche Interesse für jedes neue Stück Vieh. Inger betrachtete den
-Stier, befühlte ihn und fragte nach dem Preis. Klein-Sivert durfte auf
-seinem Rücken sitzen. -- Es tut mir leid um den großen Stier, sagte
-Inger, er war so glänzend und brav! Wenn sie ihn jetzt nur ordentlich
-abschlachten!
-
-Die Tage waren mit Frühjahrsarbeit ausgefüllt, die Tiere waren
-hinausgelassen worden, in dem leeren Stall standen Kisten und Kasten
-voll Saatkartoffeln. Isak säte in diesem Jahr mehr Korn als sonst und
-wandte seinen äußersten Fleiß auf, um es gut in die Erde zu bringen,
-er richtete Beete für Karotten und Rüben, und Inger streute den Samen
-hinein. Alles ging wie früher.
-
-Eine Zeitlang trug Inger ein Heukissen auf dem Leib, um dick
-auszusehen. Allmählich verminderte sie das Heu, und schließlich ließ
-sie den Sack weg. Endlich eines Tages fiel es Isak auf, und er fragte
-verwundert: Was ist denn das? Ist diesmal nichts daraus geworden? --
-Nein, sagte sie, diesmal nicht. -- So, warum nicht? -- Ach, es war
-eben so. Was glaubst du, Isak, bis wann du alles das umgebrochen haben
-wirst, das wir da vor uns sehen? -- Ist es eine Fehlgeburt gewesen?
-fragte er. -- Ja. -- So. Und du hast keinen Schaden davongetragen? --
-Nein. Du, Isak, ich habe schon sooft gedacht, ob wir uns nicht Schweine
-aufziehen sollten. -- Isak, der sehr bedächtig war, sagte nach einer
-Weile: Ja, ein Schwein. Ich hab' in jedem Frühjahr daran gedacht. Aber
-solange wir nicht mehr Eßkartoffeln und auch Futterkartoffeln und etwas
-mehr Getreide haben, haben wir kein Futter für ein Schwein. Nun, wir
-wollen in diesem Jahr einmal sehen. -- Es wäre sehr schön, wenn wir ein
-Schwein hätten. -- Ja.
-
-Die Tage vergehen. Regen fällt, und Acker und Wiese stehen schön, in
-diesem Jahr darf man auf Gutes hoffen! Große und kleine Erlebnisse
-folgen einander, es gibt Mahlzeiten, Schlaf und Arbeit, Sonntage mit
-rein gewaschenen Gesichtern und gekämmten Haaren, Isak trägt sein neues
-rotes Hemd, das Inger gewebt und genäht hat. Da geschieht es, daß das
-gleichmäßige Leben durch ein großes Ereignis aufgescheucht wird. Ein
-Mutterschaf mit seinem Lamm hat sich in einem Felsenspalt eingeklemmt;
-die anderen Schafe kommen am Abend heim, Inger vermißt sofort die
-beiden, die fehlen. Isak geht hinaus, sie zu suchen. Sein erster
-Gedanke ist, wenn ein Unglück geschehen sei, so sei es nur gut, daß
-es gerade Sonntag sei und er somit nicht von der Arbeit weg müsse. Er
-sucht stundenlang, endlos ist das Weideland, er geht und geht. Daheim
-ist das ganze Haus in Aufregung; die Mutter beschwichtigt ihre Kinder
-mit kurzen Worten: Zwei Schafe fehlen, schweigt! Alle tragen an der
-Sorge mit, die ganze kleine Gesellschaft, selbst die Kühe merken, daß
-etwas Ungewöhnliches vorgeht, und brüllen, denn bisweilen ist Inger
-draußen und lockt mit lauter Stimme nach dem Walde hin, obgleich die
-Nacht schon herannaht. Dies ist ein Ereignis im Ödland, ein allgemeines
-Unglück. Als Inger die Kinder zu Bett gebracht hat, geht sie selbst
-hinaus und sucht auch; dazwischen ruft sie, bekommt aber keine Antwort,
-Isak ist wohl auch weit weg.
-
-Wo können die Schafe nur sein, was ist ihnen geschehen? Sind Bären
-unterwegs? Sind Wölfe von Schweden und Finnland übers Gebirge
-herübergekommen? Keins von beiden. Als Isak die Vermißten findet, ist
-das Mutterschaf in eine Felsenspalte eingeklemmt mit einem gebrochenen
-Bein und stark verletztem Euter. Es muß lange in der Felsenspalte
-festgehalten worden sein, denn obgleich es ernstlich verwundet ist, hat
-es doch das Gras um sich her bis an die Wurzeln abgenagt. Isak hebt
-das Schaf heraus, und das erste, was dieses tut, ist, nach Futter zu
-suchen. Das Lamm saugt sofort an der Mutter, es ist die reine Heilung
-für das arme wunde Euter, daß es geleert wird.
-
-Nun sucht Isak Steine und wirft sie in die gefährliche Felsenspalte;
-diese heimtückische Öffnung soll nie wieder ein Schafbein brechen! Isak
-trägt lederne Hosenträger, er zieht sie aus, legt sie um das Schaf und
-hält dadurch das aufgerissene Euter an seinem Platz. Dann hebt er das
-Schaf auf seine Schulter und trägt es heim. Das Lamm läuft hinter ihm
-her.
-
-Und nachher? Schienen und Teerlappen. In einigen Tagen fängt das Schaf
-an, mit dem kranken Fuß zu zappeln, weil die Wunde beißt und heilt. Ja,
-alles miteinander wird wieder gut -- bis sich wieder etwas ereignet.
-
-Das tägliche Leben, Ereignisse, die das Leben der Ansiedler ganz
-ausfüllen. Ach, das sind keineswegs Kleinigkeiten, es ist das
-Schicksal, es gilt Glück, Behagen und Wohlfahrt.
-
-Isak benutzt die Zeit zwischen Frühjahr- und Sommerarbeit, um ein paar
-neue Stämme zu behauen, die gefällt daliegen; er hat wohl einen Plan
-mit ihnen. Außerdem bricht er viele nützliche Steine aus und schafft
-sie zum Hofe hin. Wenn er genug Steine beisammen hat, schichtet er sie
-zu einer Mauer. Wäre es nun noch wie vor einem Jahr gewesen, so wäre
-Inger neugierig geworden und hätte sich gefragt, was denn ihr Mann im
-Sinne habe; aber jetzt beschäftigte sie sich lieber mit ihren eigenen
-Sachen und stellte keine Fragen mehr. Inger ist so fleißig wie früher;
-sie versorgt das Haus und die Kinder und die Tiere, aber sie hat
-angefangen zu singen, und das tat sie früher nicht. Sie hat Eleseus ein
-Abendgebet gelehrt, das hatte sie früher nicht getan. Isak vermißt ihre
-Fragen; ihre Neugierde und ihr Lob über das, was er leistete, waren es,
-die ihn zu einem zufriedenen und einem ausgezeichneten Mann gemacht
-hatten. Jetzt geht sie an ihm vorbei und sagt höchstens, er werde sich
-noch zu Tode schinden. Es muß ihr beim letztenmal doch recht schlecht
-gegangen sein! denkt Isak.
-
-Oline kommt wieder zu Besuch. Wäre es nun noch wie im vorigen Jahre
-gewesen, so hätte man sie sehr willkommen geheißen; aber jetzt ist es
-anders. Inger begegnet ihr vom ersten Augenblick an feindselig; was nun
-auch der Grund sein mag, aber Inger ist ihr feindselig gesinnt.
-
-Ich dachte halb und halb, ich würde zu rechter Zeit kommen, sagt Oline
-mit feiner Anspielung. -- Wieso? -- Ja, daß das dritte getauft werden
-sollte. Wie steht es damit? -- Ach, sagte Inger, darum hättest du dich
-nicht herzubemühen brauchen. -- So.
-
-Dann fängt Oline an zu loben, die beiden Jungen seien so groß und
-hübsch geworden, und Isak sei so fleißig, und es sehe aus, als wolle
-er wieder bauen -- großartig sei es hier, so einen Hof gebe es nicht
-wieder! Und kannst du mir sagen, was er jetzt bauen will? -- Nein, das
-kann ich nicht, du mußt ihn selbst danach fragen. -- Nein, sagt Oline,
-das geht mich nichts an. Ich wollte nur sehen, wie es euch geht, denn
-dies ist eine große Freude und Beruhigung für mich. Nach Goldhorn will
-ich gar nicht fragen oder ihren Namen in den Mund nehmen, sie hat es ja
-so gut wie nur möglich.
-
-Eine Weile vergeht unter guter Unterhaltung, und Inger ist nicht mehr
-so unfreundlich. Als die Uhr an der Wand ihre herrlichen Schläge
-ertönen läßt, treten Oline die Tränen in die Augen; sie sagt, sie habe
-in ihrem ganzen armen Leben noch nie so eine Kirchenorgel gehört. Da
-fühlt sich Inger wieder reich und großmütig aufgelegt gegen die arme
-Verwandte, und sie sagt: Komm mit in die Kammer, ich zeig dir meinen
-Webstuhl.
-
-Oline bleibt den Tag über da. Sie spricht mit Isak und lobt alles, was
-er getan hat. -- Ich höre, du hast nach jeder Richtung hin eine Meile
-gekauft, hättest du es nicht umsonst haben können? Wer hat es dir
-mißgönnt?
-
-Jetzt bekam Isak die Lobsprüche, die ihm gefehlt hatten, und er fühlte
-sich wieder mehr anerkannt und obenauf. Ich kaufe es von der Regierung,
-antwortet er. -- Jawohl, aber sie soll nicht wie ein Raubtier gegen
-dich sein, diese Regierung. Was baust du? -- Das weiß ich noch nicht.
-Es wird nichts Besonderes herauskommen. -- Du schindest dich und
-baust, du hast gemalte Türen und eine Wanduhr in der Stube, dann
-baust du wohl eine Großstube? -- Ach, spotte nicht! erwidert Isak.
-Aber es gefällt ihm gut, und er sagt zu Inger: Kannst du nicht ein
-klein wenig Sahnengrütze für unsern Gast kochen? -- Nein, antwortete
-Inger, denn ich habe erst gebuttert. -- Ich spotte nicht, ich bin nur
-ein einfältiges Frauenzimmer, das Fragen stellt, beeilte sich Oline
-einzuwerfen. Na ja, wenn es keine Großstube ist, so wird es wohl ein
-mächtiges Gebäude zu einer Scheune. Du hast Acker und Wiesen, und alles
-wächst heran, und es ist so, wie es in der Bibel steht, hier fließen
-Milch und Honig.
-
-Isak fragt: Wie sind die Aussichten heuer in eurer Gegend? -- Ach, es
-geht an. Wenn nur unser Herrgott nicht auch diesmal Feuer drauf fallen
-und es verbrennen läßt, Gott verzeih mir meine Sünden! Alles steht in
-seiner Hand und Allmacht. Aber so großartig wie hier bei euch steht es
-nirgends bei uns, o weit, weit entfernt!
-
-Inger erkundigte sich nach einigen von ihren anderen Verwandten,
-besonders nach dem Oheim Sivert, dem Bezirkskassierer, der ist der
-große Mann der Familie, besitzt ein Großnetz und einen Bootsschuppen,
-er weiß bald nicht mehr, was er mit all seinem Reichtum anfangen soll.
-
-Während dieser Unterhaltung versinkt Isak mehr und mehr in Gedanken,
-und sein neuer Bauplan ist vergessen. Schließlich sagt er: Nun, da du
-es durchaus wissen willst, Oline, so ist es eben eine kleine Scheune
-mit einer Dreschtenne, die ich zu bauen versuchen will.
-
-Das hab' ich mir gedacht, sagte Oline. Rechte Leute pflegen vorwärts
-und rückwärts zu denken und alles im Kopf zu haben. Hier ist keine
-Kanne und kein Gefäß, die du dir nicht im voraus ausgedacht hättest.
-Und mit einer Tenne, hast du gesagt, nicht wahr?
-
-Isak ist ein großes Kind, Olines Lobhudeleien steigen ihm zu Kopf, und
-er macht sich ein wenig lächerlich. Ja, was das neue Haus betrifft, so
-soll eine Tenne drinnen sein, das ist meine Meinung und Absicht, sagt
-er. -- Eine Tenne! sagt Oline bewundernd und wiegt den Kopf hin und
-her. -- Ja, denn was sollen wir mit Korn auf dem Acker, wenn wir es
-nicht dreschen können? sagt er. -- Es ist, wie ich sage, du denkst dir
-alles im Kopf aus, versetzt Oline.
-
-Inger ist wieder unfreundlich geworden, das Gerede zwischen den beiden
-hat sie wohl aufgeregt, und sie sagt plötzlich: Sahnengrütze -- wo soll
-ich denn die Sahne hernehmen? Gibt es etwa Sahne im Fluß?
-
-Oline weicht der Gefahr aus. Liebste, beste Inger, versteh mich doch
-recht! Du brauchst dich nicht wegen der Sahnengrütze zu entschuldigen
-oder auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Wegen einer Person wie
-ich, die sich nur auf den Höfen herumtreibt!
-
-Isak bleibt noch eine Weile sitzen, dann sagt er: Nein, hier sitze
-ich und sollte doch Steine zu meiner Mauer ausbrechen. -- Ja, zu so
-einer Mauer wie diese hier braucht man viele Steine! -- Viele Steine?
-erwiderte Isak. Ja, es ist gerade, als wären es niemals genug.
-
-Als Isak gegangen ist, werden die beiden Frauen wieder einträchtiger,
-sie haben so viel über die Gemeinde miteinander zu reden. Die Stunden
-vergehen. Am Abend bekommt Oline zu sehen, wie der Viehstand gewachsen
-ist. Zwei Kühe mit dem Stier, zwei Kälber, ein Gewimmel von Ziegen und
-Schafen. Wo will das noch hinaus! sagt Oline und schlägt die Augen zum
-Himmel auf.
-
-Sie bleibt über Nacht.
-
-Aber am nächsten Tag geht sie. Wieder hat sie etwas in einem Bündel
-mitbekommen; da Isak im Steinbruch ist, macht sie einen kleinen Umweg,
-um ihn zu vermeiden.
-
-Zwei Stunden später erscheint Oline wieder in der Ansiedlung; sie tritt
-ein und fragt: Wo ist Isak?
-
-Inger ist beim Geschirraufwaschen. Sie merkt, daß Oline bei Isak und
-den Kindern, die im Steinbruch sind, vorbeigekommen sein muß, und
-sie ahnt gleich Unrat. Oline, was willst du von Isak? fragt sie. --
-Oh, nichts Besonderes! Aber ich habe ihm nicht Lebewohl gesagt. --
-Schweigen. Oline sinkt ohne weiteres auf eine Bank nieder, wie wenn
-sie ihre Beine nicht mehr tragen wollten. Sie läßt absichtlich etwas
-Ungewöhnliches ahnen, gerade indem sie zeigt, daß sie am Umsinken ist.
-Nun kann sich Inger nicht länger beherrschen, ihr Gesicht ist verzerrt
-und drückt Wut und Entsetzen aus. Sie sagt: Ich hab' einen Gruß von
-dir bekommen durch Os-Anders. Es war ein netter Gruß. -- Was denn? --
-Es war ein Hase. -- Was du nicht sagst? versetzte Oline merkwürdig
-freundlich. -- Wage nicht, es zu leugnen! ruft Inger mit irren Augen.
-Ich schlage dir mit der Holzkelle hier mitten ins Gesicht! So, da!
-
-Schlug sie zu? Ja, gewiß. Und da Oline nicht beim ersten Schlag
-zurücktaumelt, sondern im Gegenteil aufsässig wird und ruft: Nimm
-dich in acht! Ich weiß, was ich von dir weiß! da gebraucht Inger die
-Holzkelle weiter und schlägt Oline zu Boden, zwingt sie unter sich und
-setzt ihr das Knie auf die Brust.
-
-Willst du mich ganz töten? fragt Oline. Sie hatte diesen schrecklichen
-Hasenmund über sich, eine große, starke Frau mit einem wahren Prügel
-von einem Holzlöffel in der Hand. Oline hatte schon Beulen von den
-Schlägen, sie blutete, aber sie knurrte noch mehr und gab nicht nach.
-So, du willst mich _auch_ umbringen? -- Ja -- dich umbringen, antwortet
-Inger und schlägt weiter. Da hast du! Ich werde dich totschlagen! --
-Sie hatte jetzt die Gewißheit, daß Oline ihr Geheimnis kannte, und es
-war ihr alles einerlei. -- Da hast du eins auf deinen Rachen! -- Meinen
-Rachen! _Du_ hast einen Rachen! stöhnt Oline. Unser Herrgott hat dir
-ein Kreuz ins Gesicht geschnitten.
-
-Da Oline zu zäh ist, um überwältigt werden zu können, ja, verdammt
-zäh, muß Inger mit ihren Schlägen aufhören; es nützt alles nichts,
-sie erschöpft sich nur selbst. Aber sie droht -- oh, sie droht Oline
-mit der Holzkelle dicht vor den Augen, oh, sie werde noch bekommen,
-sie werde noch für alle Zeiten genug bekommen! Ich hab' auch ein
-Küchenmesser, du wirst es gleich sehen!
-
-Sie richtet sich auf, wie um nach dem Messer zu greifen, nach dem
-großen Tischmesser; aber jetzt ist ihre erste Aufregung vorüber, und
-sie gebraucht nur noch den Mund. Oline richtet sich auch auf und setzt
-sich wieder auf die Bank, blau und gelb im Gesicht, voller Beulen und
-blutig. Sie streicht sich das Haar zurück, rückt ihr Kopftuch zurecht,
-spuckt aus; ihr Mund ist verschwollen! Du Vieh! sagt sie.
-
-Du bist im Wald gewesen und hast herumgeschnüffelt! ruft Inger; dazu
-hast du die Stunden angewendet, und du hast das kleine Grab gefunden.
-Aber du hättest gleich ein Loch für dich selbst graben sollen! -- Du
-wirst schon sehen! erwidert Oline, und ihre Augen funkeln vor Rachgier.
-Ich sage nichts mehr, aber nun wirst du keine Stube nebst Kammer und
-Orgelwerk mehr haben. -- Das kannst du nicht bestimmen! -- Oh, das
-werden die Oline und ich bestimmen!
-
-Die zwei Weiber zanken sich weiter. Oline ist nicht so grob und laut,
-sie ist in ihrer häßlichen Bosheit geradezu friedlich, aber sie ist
-verbissen und gefährlich. Ich gehe, um mein Bündel zu holen, ich
-bereue, daß ich es im Wald hab' liegen lassen. Ich gebe dir die Wolle
-zurück, ich will sie gar nicht haben. -- So, du denkst wohl, ich hätte
-sie gestohlen. -- Das weißt du selbst, was du getan hast.
-
-Darüber zanken sie sich wieder. Inger sagt, sie wolle das Schaf zeigen,
-von dem sie die Wolle geschoren habe. Oline erwidert friedlich und
-gelassen: Jawohl, aber wer weiß, wo du das erste Schaf herhast? --
-Inger nennt Namen und Ort, wo ihre ersten Schafe und Lämmer in Futter
-gestanden haben. Und das sag ich dir, nimm dich ein für allemal mit
-deinem Mund in acht! droht sie. -- Haha! lacht Oline verächtlich.
-Sie hat immer eine Antwort bereit und gibt nicht nach. Meinen Mund!
-Und deinen eigenen Mund! Sie deutet auf Ingers Hasenscharte und
-sagt, sie sei ein Abscheu vor Gott und den Menschen. Inger antwortet
-wutschnaubend, und da Oline dick ist, schimpft sie sie einen Fettwanst
--- ein solcher gemeiner Fettwanst, wie du bist! Und ich danke dir auch
-für den Hasen, den du mir geschickt hast. -- Hasen? Wenn ich in allem
-so frei von Schuld wäre wie bei dem Hasen! Wie sah er denn aus? -- Wie
-sieht ein Hase aus? -- Wie du! Ganz genau wie du! Und du hättest es gar
-nicht nötig, Hasen anzusehen. -- Jetzt machst du, daß du hinauskommst!
-schreit Inger. Du hast Os-Anders mit dem Hasen hierhergeschickt. Ich
-werde dich strafen lassen. -- Strafen lassen! Hast du strafen lassen
-gesagt? -- Du bist voller Neid, du gönnst mir nichts von allem, was ich
-habe, und du verbrennst fast vor Neid darüber, fährt Inger fort. Seit
-ich verheiratet bin und Isak und alles, was hier ist, bekommen habe,
-hast du vor lauter Mißgunst fast kein Auge mehr zugetan. Großer Gott
-und Vater im Himmel, was willst du denn von mir? Ist es meine Schuld,
-daß deine Kinder nicht irgendwohin kamen, wo etwas aus ihnen geworden
-ist? Du kannst es nicht ertragen, daß meine Kinder wohlgestaltet sind
-und schönere Namen haben als die deinigen, aber kann ich etwas dafür,
-daß sie von besserem Fleisch und Blut sind, als deine waren!
-
-Konnte etwas Oline rasend machen, so war es dies. Sie hatte so viele
-Kinder geboren und besaß nichts als diese Kinder, so wie sie nun einmal
-waren; sie sagte, sie seien gut und prahlte mit ihnen, sie log ihnen
-Verdienste an, die sie nicht hatten, und verbarg ihre Fehler. -- Was
-hast du gesagt? erwiderte sie Inger. Daß du nicht vor Scham in die
-Erde versinkst. Meine Kinder, die im Vergleich zu den deinen wie eine
-himmlische Engelschar waren! Wagst du es, meine Kinder in den Mund zu
-nehmen? Alle sieben waren als klein wahre Gottesgeschöpfe und jetzt als
-erwachsen sind sie alle miteinander groß und wohlgestaltet. Nimm dich
-in acht, du! -- Und die Lise, kam sie nicht ins Gefängnis, wie war denn
-das? fragt Inger. -- Sie hatte nichts getan, sie war so unschuldig wie
-eine Blume, sagt Oline. Und jetzt ist sie in Bergen verheiratet und
-geht im Hut. Aber was tust du? -- Und wie war's mit Nils? -- Es ist
-mir nicht der Mühe wert, dir zu antworten. Aber du hast eines drüben
-im Walde liegen, was hast du mit dem getan? Du hast es umgebracht. --
-Pack dich und mach, daß du hinauskommst! schreit Inger wieder, und sie
-dringt aufs neue auf Oline ein.
-
-Aber Oline weicht nicht, sie steht nicht einmal auf. Diese
-Unerschrockenheit, die wie Verstocktheit aussieht, lähmt Inger
-abermals, und sie sagt nur: Jetzt hole ich aber gleich das Hackmesser!
--- Laß das lieber sein, rät Oline, ich gehe schon von selbst. Aber was
-das betrifft, daß du deine eigenen Verwandten hinauswirfst, so bist du
-ein Vieh. -- Ja, aber mach nur, daß du fortkommst.
-
-Aber Oline geht nicht. Die beiden Frauen zanken sich noch eine gute
-Weile, und sooft die Wanduhr halb oder ganz schlägt, stößt Oline ein
-Hohngelächter aus und macht Inger rasend. Schließlich beruhigen sich
-beide doch ein wenig, und Oline macht sich zum Gehen fertig. Ich habe
-einen weiten Weg und die Nacht vor mir, sagt sie. Und es war recht
-dumm, ich hätte von daheim etwas zum Essen mitnehmen sollen, sagt sie.
-
-Darauf gibt Inger keine Antwort, sie ist jetzt wieder vernünftig
-geworden; sie füllt Wasser in ein Becken und sagt: Da, wenn du dich
-abreiben willst! Oline sieht ein, daß sie sich waschen muß, ehe sie
-geht, aber da sie nicht weiß, wo sie blutig ist, wäscht sie an den
-verkehrten Stellen. Inger sieht ihr eine Weile zu, dann deutet sie.
-Da -- fahr auch über die Schläfe, nein, die andere Schläfe, ich deute
-ja darauf. -- Hab' ich wissen können, auf welche Seite du gedeutet
-hast? versetzt Oline. -- An deinem Mund sitzt auch noch etwas. Bist du
-vielleicht wasserscheu? fragt Inger.
-
-Schließlich muß Inger selbst die Verwundete waschen und ihr ein
-Handtuch hinwerfen.
-
-Was ich sagen wollte, beginnt Oline, während sie sich abtrocknet, und
-sie ist jetzt wieder vollkommen friedlich, wie soll Isak mit den
-Kindern das überstehen? -- Weiß er's? fragt Inger. -- Ob er es weiß! Er
-kam dazu und sah es. -- Was sagte er? -- Was konnte er sagen! Er war
-sprachlos, wie ich auch.
-
-Schweigen.
-
-Du, du bist an allem miteinander schuld! klagt Inger und bricht in
-Tränen aus. -- Wenn ich nur an allem so frei von Schuld wäre! -- Ich
-werde ihn, den Os-Anders, fragen, darauf kannst du dich verlassen! --
-Ja, tu das!
-
-Sie sprechen es in Ruhe durch, und Oline scheint jetzt weniger
-rachsüchtig zu sein. Oh, sie ist ein Politikus ersten Ranges und
-gewohnt, Auswege zu finden, jetzt äußert sie sogar eine Art Mitgefühl,
-indem sie sagt, wenn es nun herauskomme, dann täten ihr Isak und auch
-die Kinder herzlich leid. -- Ja, sagt Inger und weint noch mehr.
-Ich habe Tag und Nacht gegrübelt und gegrübelt. Als Ausweg fällt es
-nun Oline plötzlich ein, daß sie eine Hilfe sein könne, sie könne
-vielleicht herkommen und auf der Ansiedlung bleiben, wenn Inger ins
-Gefängnis müsse.
-
-Jetzt weint Inger nicht mehr, sie horcht gleichsam plötzlich auf und
-überlegt. Nein, du versorgst die Kinder nicht, sagt sie. -- Soll ich
-die Kinder nicht versorgen? Du spottest! -- So. -- Ja, denn wenn ich
-für etwas ein Herz habe, so sind es Kinder. -- Ja, für deine eigenen,
-aber wie wirst du gegen die meinigen sein? Und wenn ich daran denke,
-daß du mir den Hasen geschickt hast, nur um mich zu verderben, so bist
-du ganz und gar schuld daran. -- Ich? fragt Oline. Meinst du mich? --
-Ja, dich meine ich, antwortet Inger mit lautem Schluchzen. Du bist das
-größte Scheusal gegen mich gewesen, und ich trau dir nichts Gutes zu.
-Und außerdem würdest du uns nur alle Wolle stehlen, wenn du hierher
-kämst. Und einen Ziegenkäse nach dem andern würden deine Leute bekommen
-und nicht die meinigen. -- Du bist ein Vieh, sagt Oline.
-
-Inger weint, wischt sich die Augen und spricht ab und zu ein paar
-Worte. Oline sagt, sie wolle sich gewiß nicht aufdrängen, denn sie
-könne bei ihrem Sohn Nils sein, wo sie schon immer gewohnt habe. Wenn
-nun aber Inger ins Gefängnis komme, so wäre Isak mit den unschuldigen
-Kleinen ganz verlassen, da könne sie hierher kommen und auf sie
-aufpassen. Sie stellt das recht verlockend hin, es werde gewiß nicht
-schlimm gehen. Du kannst es dir nun überlegen, sagt sie.
-
-Inger ist mutlos; sie weint und schüttelt den Kopf und schaut zu Boden.
-Wie eine Schlafwandlerin geht sie in die Vorratskammer und macht für
-den Gast Mundvorrat zurecht. -- Nein, du sollst dich nicht in Unkosten
-stürzen, sagt Oline. -- Und du sollst nicht ohne Mundvorrat übers
-Gebirge gehen, entgegnet Inger.
-
-Als Oline gegangen ist, schleicht sich Inger hinaus, sieht sich um,
-horcht. Kein Laut vom Steinbruch herüber! Sie geht näher hin und hört
-die Kinder; sie spielen mit Geröll. Isak hat sich gesetzt; er hält den
-Spaten zwischen den Knien und stützt sich darauf, wie auf einen Stock.
-Da sitzt er.
-
-Inger schleicht sich zum Waldsaum hin. Sie hatte ein kleines Kreuz in
-die Erde gesteckt; das Kreuz liegt am Boden, aber da, wo es gestanden
-hat, ist der Rasen weggenommen und die Erde aufgewühlt. Inger setzt
-sich nieder und scharrt die Erde mit den Händen wieder zusammen. Und da
-sitzt sie.
-
-Sie kam aus Neugier, um zu sehen, wie tief Oline in dem kleinen
-Grab gewühlt hat, sie bleibt sitzen, weil die Haustiere noch nicht
-heimgekommen sind. Sie weint und schüttelt den Kopf und sieht zu Boden.
-
-
-
-
-7
-
-
-Die Tage vergehen. Es ist ein ausgezeichnetes Wetter für das Feld, mit
-Sonnenschein und Regenschauern, und die Frucht wächst dementsprechend
-heran. Die Ansiedler sind mit der Heuernte schon fast fertig, und
-sie bekommen eine Menge Heu; fast ist nicht alles unter Dach und
-Fach zu bringen, sie stopfen es unter vorspringende Felsen, in den
-Stall, unter das Wohnhaus, räumen das Vorratshaus ganz aus und stopfen
-dieses auch bis zum Dache voll. Früh und spät arbeitet Inger mit als
-unentbehrliche Hilfe und Stütze. Isak benützt jeden Regenaugenblick, um
-die neue Scheune unter Dach zu bringen und auf jeden Fall die Südseite
-vollständig fertigzumachen, dann kann so viel Heu untergebracht werden,
-als es nur gibt. Es geht tüchtig vorwärts, es wird schon recht werden!
-
-Das große, traurige Ereignis mit seiner Sorge war da, die Tat war
-getan, und die Folgen würden nicht ausbleiben. Das Gute geht oft einen
-spurlosen Weg, das Böse zieht immer seine Folgen nach sich. Isak faßte
-die Sache von Anfang an verständig auf und sagte nichts weiter zu
-seiner Frau, als: Wie bist du nur dazu gekommen? -- Darauf antwortete
-Inger nichts. Und nach einer Weile sagte Isak wieder: Hast du es
-erwürgt? -- Ja, sagte Inger. -- Das hättest du nicht tun sollen. --
-Nein, antwortete sie. -- Und ich verstehe nicht, wie du es hast tun
-können. -- Sie hat genau so ausgesehen wie ich, sagte Inger. -- Wieso?
--- Am Mund. -- Isak dachte lange nach, dann sagte er: Ja, ja.
-
-Weiter wurde vorerst nichts darüber gesprochen, und als die Tage
-genau so ruhig vergingen wie vorher und außerdem sehr viel Heu
-hereingeschafft und untergebracht werden mußte, auch besonders viel
-Feldarbeit zu verrichten war, trat die Missetat allmählich in ihren
-Gedanken zurück. Aber sie hing die ganze Zeit über den Menschen und
-über der ganzen Ansiedlung. Die Eheleute konnten nicht hoffen, daß
-Oline schweigen würde, das war zu unsicher. Und selbst wenn Oline
-schwieg, konnten dann die stummen Zeugen nicht eine Stimme bekommen,
-die Wände des Hauses oder die Bäume im Walde rings um das kleine Grab?
-Os-Anders konnte Andeutungen machen, Inger selbst konnte sich wachend
-oder schlafend verraten. Sie waren auf das Schlimmste gefaßt.
-
-Was konnte Isak anders tun, als die Sache verständig auffassen? Jetzt
-begriff er, warum Inger jedesmal bei der Geburt hatte allein sein
-wollen, allein hatte sie die große Angst über die Wohlgestaltetheit
-des Kindes ausstehen, allein der Gefahr entgegengehen wollen. Dreimal
-hatte sich das wiederholt. Isak schüttelte den Kopf, und sie tat
-ihm sehr leid mit ihrem Unglück, die arme Inger. Und als er von der
-Sendung des Lappen mit dem Hasen hörte, da sprach er Inger frei. Das
-führte zu großer Liebe zwischen ihnen, einer verrückten Liebe, sie
-schmiegten sich aneinander an in der Gefahr, sie war voll urwüchsiger
-Süßigkeit gegen ihn, und er wurde wild und unmäßig gierig nach ihr, der
-Mühlengeist, der Klotz. Als Schuhwerk gebrauchte sie nur Lappenschuhe,
-aber sie hatte nichts von einer Lappennatur an sich, sie war nicht
-klein und welk, sondern im Gegenteil herrlich und groß. Jetzt im Sommer
-ging sie barfuß und kurzgeschürzt, mit nackten Waden, und von diesen
-nackten Waden konnte Isak seine Augen nicht losreißen.
-
-Den ganzen Sommer hindurch sang sie Bruchstücke von Kirchenliedern
-und lehrte auch Eleseus Gebete hersagen; aber sie haßte alle Lappen
-ganz unchristlich und sagte denen, die vorbeizogen, ihre Meinung
-geradeheraus. Sie könnten ja wieder von jemand geschickt sein, könnten
-einen Hasen in ihrem Fellsack haben, sie sollten nur weitergehen! --
-Einen Hasen? Was für einen Hasen? -- Na, hast du nicht gehört, was
-Os-Anders getan hat? -- Nein. -- Ich kann es dir gern selbst sagen. Er
-kam mit einem Hasen hierher, als ich guter Hoffnung war. -- Hat man je
-so etwas gehört? Hast du einen Schaden davon gehabt? -- Das kümmert
-dich nichts, geh jetzt nur! Da hast du einen Bissen und dann mach, daß
-du weiterkommst! -- Du hast wohl nicht ein Stück Leder, womit ich meine
-Schuhe ausbessern kann? -- Nein, aber einen Stecken kannst du zu fühlen
-bekommen, wenn du jetzt nicht gehst.
-
-Ein Lappe bettelt demütig, bekommt er jedoch nichts, dann wird er
-rachsüchtig und droht. Jetzt kam ein Lappenpaar mit zwei Kindern an der
-Siedlung vorüber; die Kinder wurden ins Haus geschickt, um zu betteln,
-sie kamen zurück und meldeten, es sei niemand daheim. Die Familie blieb
-eine Weile stehen und redete lappisch miteinander, dann ging der Mann
-hinein, um nachzusehen. Er kam nicht wieder. Da ging die Frau ihm nach
-und zuletzt auch die Kinder, sie blieben alle in der Stube stehen und
-flüsterten in der Lappensprache. Der Mann steckt den Kopf in die Kammer
-hinein, auch da war niemand. Jetzt schlägt die Wanduhr, die Familie
-lauscht verwundert und bleibt stehen.
-
-Inger mußte geahnt haben, daß fremde Leute auf den Hof kamen, jetzt
-lief sie rasch die Halde herunter. Als sie sieht, daß es Lappen sind,
-und dazu Lappen, die sie nicht kennt, sagt sie geradeheraus: Was wollt
-ihr hier? Habt ihr nicht gesehen, daß niemand daheim war? -- O ja, sagt
-der Mann. -- Inger sagt: Macht, daß ihr fortkommt!
-
-Die Familie rückt langsam und widerwillig hinaus. Wir sind
-stehengeblieben und haben dieser Uhr zugehört, sagt der Mann. Sie hat
-so wundervoll geschlagen. -- Du hast wohl nicht einen Brotlaib für uns?
-sagt die Frau. -- Woher kommt ihr? fragt Inger. -- Von Vatnan auf der
-andern Seite. Wir sind die ganze Nacht hindurch gewandert. -- Wohin
-wollt ihr? -- Übers Gebirge.
-
-Inger geht hinein und richtet etwas Mundvorrat; als sie wieder
-herauskommt, bettelt die Frau noch um Stoff zu einer Mütze, um einen
-Knäuel Wolle, um ein Stück Ziegenkäse, alles kann sie gebrauchen. Inger
-hat keine Zeit, Isak und die Kinder sind auf der gemähten Wiese. Jetzt
-geht nur, sagt sie.
-
-Die Frau versucht es mit Schmeicheln: Wir haben dein Vieh auf der Weide
-gesehen, es sind so viele Tiere, gerade wie die Sterne am Himmel.
--- Großartig! sagt auch der Mann. Hättest du nicht ein paar alte
-Lappenschuhe?
-
-Inger schließt die Haustür und geht zu ihrer Arbeit zurück. Da rief der
-Mann ihr etwas nach, sie tat jedoch, als höre sie es nicht, und ging
-nur weiter, aber sie hatte es gut gehört. Ist es richtig, daß du Hasen
-kaufst?
-
-Das war nicht mißzuverstehen. Der Lappe hatte vielleicht in gutem
-Glauben gefragt, vielleicht hatte es ihm jemand weisgemacht, vielleicht
-fragte er auch aus Bosheit, aber Inger hatte jedenfalls eine Warnung
-erhalten. Das Schicksal meldete sich ...
-
-Die Tage vergingen. Die Ansiedler waren gesunde Menschen, was kommen
-sollte, mochte kommen, sie taten ihre Arbeit und warteten. Sie lebten
-dicht beieinander wie Tiere im Walde, sie schliefen und aßen, die
-Jahreszeit war schon so vorgeschritten, daß sie die neuen Kartoffeln
-versuchten; sie waren groß und mehlig. Der Schlag -- warum fiel der
-Schlag nicht? Jetzt war es schon Ende August, bald kam der September,
-sollten sie den Winter über verschont bleiben? Sie waren beständig
-auf der Wacht, jeden Abend krochen sie in ihrer Höhle zusammen, froh
-darüber, daß der Tag ohne etwas Schlimmes vergangen war. So verstrich
-die Zeit bis zum Oktober, da erschien der Lensmann mit einem Mann und
-einer Aktenmappe bei ihnen. Das Gesetz schritt zur Tür herein.
-
-Die Nachforschungen brauchten Zeit, Inger wurde unter vier Augen
-verhört. Sie leugnete nichts; das Grab im Walde wurde geöffnet und
-geleert und die kleine Leiche zur Untersuchung eingeschickt. Die kleine
-Leiche war in Eleseus' Taufkleid gehüllt und hatte die Mütze mit den
-Perlen auf dem Köpfchen.
-
-Da fand Isak gleichsam seine Sprache wieder. Ja, ja, jetzt steht es so
-schlimm für uns, als es nur kann, sagte er. Ich sage eben auch jetzt
-noch dasselbe, du hättest es nicht tun sollen. -- Nein, gibt Inger
-zu. -- Wie hast du es gemacht? -- Inger gab keine Antwort. -- Und daß
-du es übers Herz hast bringen können! -- Sie war genau so wie ich. Da
-legte ich sie aufs Gesicht. Isak schüttelte den Kopf. -- Und dann starb
-sie, fuhr Inger fort und brach in lautes Weinen aus. Isak schwieg eine
-Weile. Ja, ja, jetzt ist es zu spät zum Weinen, sagte er dann. -- Sie
-hatte braunes Haar im Nacken, schluchzte Inger.
-
-Damit war die Angelegenheit wieder zu Ende.
-
-Und wieder vergingen die Tage. Inger wurde nicht festgenommen, die
-Obrigkeit ließ Milde walten. Lensmann Heyerdahl fragte sie aus, wie er
-jeden anderen Menschen ausgefragt hätte, und sagte nur: Es ist traurig,
-daß so etwas vorkommt! Als Inger fragte, wer sie angezeigt habe,
-antwortete der Lensmann, niemand, es seien ihm von verschiedenen Seiten
-Andeutungen über die Sache gemacht worden. Ob sie sich nicht selbst
-teilweise bei einigen Lappen verraten habe? -- Inger antwortete: Ja,
-sie habe einigen Lappen von Os-Anders erzählt, der mitten im Sommer mit
-einem Hasen zu ihr gekommen sei, und davon habe das Kind unter ihrem
-Herzen eine Hasenscharte bekommen. Und Oline habe doch sicher den Hasen
-geschickt! -- Davon wußte der Lensmann nichts. Aber wie es auch sein
-mochte, solche Unwissenheit und solchen Aberglauben würde er nicht
-einmal in sein Protokoll aufnehmen. -- Meine Mutter bekam einen Hasen
-zu sehen, als sie mich unter dem Herzen trug, sagte Inger ...
-
-Die Scheune war fertig, es war eine geräumige Hütte mit einem
-Heuverschlag auf beiden Seiten und einer Tenne in der Mitte. Das
-Vorratshaus und die anderen vorläufigen Aufbewahrungsorte wurden
-geräumt und das Heu in die Scheune geschafft. Das Korn wurde
-geschnitten, auf Heinzen getrocknet und dann eingefahren. Inger grub
-die Karotten und Rüben heraus. Nun war alles unter Dach. Jetzt wäre
-alles gut gewesen, Wohlstand herrschte auf der Ansiedlung, Isak rodete
-wieder Neuland, bevor der Frost kam, und vergrößerte den Kornacker, und
-er war ein wirklicher Roder, das war er. Aber im November sagte Inger:
-Jetzt wäre sie ein halbes Jahr alt und hätte uns alle gekannt! -- Da
-ist nichts mehr daran zu ändern, sagte Isak.
-
-Im Winter drosch Isak auf der neuen Scheunentenne Korn, Inger half ihm
-viele Stunden lang und führte ihren Dreschflegel so gut wie er, während
-die Kinder im Heu spielten. Die Ähren gaben große dicke Körner. Gegen
-Neujahr war eine gute Schlittenbahn, und Isak fing an Klafterholz
-fürs Dorf zu richten; er hatte jetzt feste Käufer, und sein im Sommer
-getrocknetes Holz wurde gut bezahlt.
-
-Eines Tages kam er mit Inger überein, das fette Kalb, das von Goldhorn
-stammte, mitzunehmen und es zu Madam Geißler zu bringen nebst einem
-Ziegenkäse. Die Madam war entzückt und fragte ihn, was die Sachen
-kosteten. -- Nichts, sagte Isak, der Lensmann hat es schon bezahlt. --
-Gott segne ihn, hat er das getan? sagte Frau Geißler gerührt. Sie gab
-Isak für Eleseus und Sivert Bilderbücher und Kuchen und Spielsachen
-mit. Als Isak heimkam und Inger die Sachen sah, wendete sie sich
-ab und begann zu weinen. Was hast du denn? fragte Isak. -- Nichts,
-antwortete Inger. Aber gerade jetzt wäre sie ein Jahr alt gewesen und
-hätte alles dieses sehen können. -- Jawohl, aber du weißt doch, wie
-sie gewesen ist, erwiderte Isak, um Inger zu trösten. Und außerdem ist
-es möglich, daß es nicht so schlimm ausfällt. Ich habe mich erkundigt,
-wo Geißler sich aufhält. -- Inger horchte auf. Ja, kann er uns denn
-helfen? fragte sie. -- Das weiß ich nicht.
-
-Dann fuhr Isak das Korn in die Mühle, es wurde gemahlen, und er brachte
-Mehl nach Hause. Dann ging er wieder in den Wald und fällte Bäume für
-das Klafterholz des nächsten Jahres. Sein Leben ging von einer Arbeit
-zur andern, je nach den Jahreszeiten vom Feld in den Wald und vom Wald
-wieder aufs Feld. Jetzt hatte Isak sechs Jahre auf seiner Ansiedlung
-gearbeitet und Inger fünf; alles war recht und gut, wenn es so weiter
-ging. Aber es ging nicht so weiter. Inger warf das Weberschiffchen hin
-und her und versorgte ihren Viehstand, sie sang auch fleißig geistliche
-Lieder, aber, ach, du lieber Gott, ihr Gesang war eine Glocke ohne
-Klöppel!
-
-Sobald der Weg gangbar war, wurde sie zum Verhör ins Dorf
-hinuntergeholt. Isak mußte daheim bleiben. Während er da allein
-war, nahm er sich vor, nach Schweden hinüberzuwandern und Geißler
-aufzusuchen, der wohlwollende Lensmann würde den Leuten auf Sellanraa
-vielleicht noch einmal freundlich entgegenkommen. Aber als Inger
-zurückkam, hatte sie schon nach allem gefragt und wußte über das Urteil
-einigermaßen Bescheid. Eigentlich sei es lebenslänglich, Paragraph 1,
-aber ... Seht, sie hatte sich mitten vor den heiligen Richterstuhl
-des Gesetzes hingestellt und einfach alles gestanden; die beiden
-Zeugen der Gemeinde hatten sie mitleidig angesehen, und der Hardesvogt
-hatte sie freundlich ausgefragt; aber sie war den hellen Köpfen der
-Herren vom Gesetz doch unterlegen. Die hohen Herren Juristen sind so
-tüchtig, die kennen ihre Paragraphen, sie haben sie auswendig gelernt
-und im Gedächtnis, so helle Köpfe sind sie. Und sie sind auch nicht
-ohne Verstand neben ihrem Amt, nicht einmal ohne Herz. Inger konnte
-sich nicht über das Gericht beklagen; sie hatte nichts von dem Hasen
-gesagt, aber als sie unter Tränen gestand, daß sie ihrem mißgestalteten
-Kind nichts so Böses habe antun wollen, wie es am Leben zu lassen,
-da hatte der Hardesvogt ernst und sachte mit dem Kopf genickt. Aber,
-hatte er gesagt, du hast ja selbst eine Hasenscharte, und dir ist es
-doch gut ergangen. -- Ja, Gott sei Dank! hatte Inger nur geantwortet.
-Und sie hatte nichts von den geheimen Leiden ihrer Kindheit und Jugend
-vorbringen können.
-
-Aber der Hardesvogt mußte doch das eine und andere gemerkt haben,
-er schleppte selbst einen Klumpfuß herum und hatte niemals tanzen
-können. Das Urteil -- nein, das weiß ich noch nicht. Eigentlich ist es
-lebenslängliches Gefängnis, aber ... Und ich weiß nicht, ob wir es in
-die nächsten Stufen hinunterbringen, in die zweite oder dritte Stufe,
-fünfzehn bis zwölf, zwölf bis neun Jahre. Da sitzen einige Männer und
-humanisieren das Strafgesetz, werden aber nicht damit fertig. Aber wir
-müssen das Beste hoffen, sagte er.
-
-Inger kam in einer stumpfen Gelassenheit zurück, es war nicht nötig
-gewesen, sie in Haft zu behalten. Ein paar Monate vergingen, und als
-Isak eines Abends vom Fischen heimkam, waren der Lensmann und sein
-neuer Gerichtsbote auf Sellanraa gewesen. Inger war lieb und gut gegen
-Isak und lobte ihn, obgleich er nicht viel Fische gefangen hatte.
-
-Was wollte ich doch sagen, sind Fremde hier gewesen? fragte er. --
-Fremde? Warum fragst du? -- Ich sehe neue Fußstapfen draußen. Spuren
-von Stiefeln. -- Es ist niemand anders dagewesen als der Lensmann und
-noch einer. -- So. Was wollten sie? -- Das wirst du dir denken können.
--- Wollten sie dich holen? -- Mich holen? Nein, es war nur das Urteil.
-Und das kann ich dir sagen, Isak, Gott ist gnädig gewesen, es ist nicht
-so, wie ich gefürchtet habe. -- So, sagte Isak gespannt, dann ist es
-vielleicht doch nicht sehr lang? -- Nein, nur einige Jahre. -- Wie
-viele? -- Ja, ja, du wirst wohl finden, es seien viele Jahre, aber ich
-danke Gott, daß ich wenigstens mit dem Leben davonkomme.
-
-Inger nannte die Zahl nicht. Später am Abend fragte Isak, um welche
-Zeit man sie holen würde; aber das wußte sie nicht, oder sie wollte es
-nicht sagen. Sie war jetzt wieder sehr nachdenklich, redete davon, daß
-sie nicht wisse, wie alles gehen solle, aber Oline werde wohl kommen,
-und Isak wußte auch keinen anderen Ausweg. Wo war übrigens Oline
-geblieben? Sie war in diesem Jahr nicht wie sonst gekommen. War es ihre
-Absicht, ganz wegzubleiben, nachdem sie bei ihnen alles aus dem Geleise
-gebracht hatte? Sie machten die Feldarbeit, aber Oline kam nicht.
-Sollte man sie vielleicht holen? Ach, sie würde schon dahergeschwankt
-kommen, der Fettwanst, das Untier!
-
-Endlich eines Tages kam sie. Welch ein Frauenzimmer! Es war, als sei
-zwischen ihr und dem Ehepaar gar nichts vorgefallen, sie strickte sogar
-ein Paar gereifelte Strümpfe für Eleseus, wie sie sagte. Ich wollte nur
-sehen, wie ihr es hier auf dieser Seite des Gebirges habt, begann sie.
-Es zeigte sich, daß sie ihre Kleider und Sachen in einem Sack im Walde
-liegen hatte und darauf eingerichtet war, dazubleiben.
-
-Am Abend nahm Inger ihren Mann auf die Seite und sagte: Hast du nicht
-gesagt, du wollest versuchen, Geißler aufzufinden? Jetzt ist ruhige
-Zeit. -- Ja, antwortete Isak, da Oline jetzt da ist, breche ich gleich
-morgen früh auf. -- Inger sagte, sie wäre ihm dankbar dafür. Und du
-mußt alles bare Geld mitnehmen, das du hast, sagte sie. -- So. Kannst
-du es nicht aufheben? -- Nein.
-
-Inger machte reichlich Mundvorrat für ihn zurecht, und Isak wachte
-bereits in der Nacht auf und machte sich zum Aufbruch fertig. Inger
-begleitete ihn bis zur Haustür, sie weinte nicht und jammerte nicht,
-aber sie sagte: Jetzt können sie jeden Tag kommen, um mich zu holen. --
-Weißt du etwas? -- Nein, wie sollte ich etwas wissen? Und es wird wohl
-auch noch nicht so bald sein, aber ... Wenn du jetzt nur den Geißler
-fändest und er dir irgendeinen guten Rat geben könnte!
-
-Was hätte Geißler jetzt noch tun können? Nichts. Aber Isak ging doch.
-
-Aber ja, Inger hatte wohl etwas gewußt. Sie hatte vielleicht auch durch
-irgend jemand Oline Nachricht zukommen lassen. Als Isak von Schweden
-heimkam, war Inger abgeholt worden, und Oline war bei den beiden
-Kindern geblieben.
-
-Das war eine traurige Nachricht für Isak bei seiner Heimkehr, als er
-mit lauter Stimme nach Inger rief und keine Antwort bekam. Ist sie
-fort? fragte er. -- Ja, antwortete Oline. -- An welchem Tag war es?
--- Am Tag, nachdem du weggegangen warst. -- Jetzt erriet Isak, daß
-Inger bei der Entscheidung wieder allein hatte sein wollen und sie ihn
-deshalb auch gebeten hatte, alles Geld mitzunehmen. Ach, Inger hätte
-gern ein paar Groschen für die große Reise haben können!
-
-Aber die kleinen Jungen waren gleich ganz in Anspruch genommen von dem
-netten gelben Ferkelchen, das Isak mitgebracht hatte. Das war übrigens
-auch das einzige, was er mitbrachte. Geißlers Adresse war veraltet.
-Geißler war nicht mehr in Schweden, er war in Drontheim. Aber das
-Ferkelchen hatte Isak auf seinen Armen von Schweden herübergetragen,
-er hatte es mit Milch aus seiner Flasche geatzt und im Gebirge mit ihm
-auf der Brust geschlafen. Er hatte Inger eine Freude machen wollen,
-jetzt spielten Eleseus und Sivert damit und hatten großen Spaß daran.
-Das zerstreute Isak ein wenig. Dazu kam noch, daß Oline vom Lensmann
-grüßen konnte und ausrichtete, der Staat sei endlich auf den Verkauf
-von Sellanraa eingegangen, und Isak solle nur in die Amtsstube des
-Lensmanns hinunterkommen und bezahlen. Das war eine gute Nachricht, und
-sie riß Isak aus seiner tiefsten Niedergeschlagenheit heraus. Obgleich
-er noch recht müde und steifbeinig von seiner Reise war, packte er
-neuen Mundvorrat zusammen und wanderte gleich ins Dorf hinunter. Er
-hatte wohl eine leise Hoffnung, Inger noch dort zu treffen.
-
-Aber diese Hoffnung ging nicht in Erfüllung, Inger war fort, für acht
-Jahre. Isak wurde es öde und düster zumute, und er verstand nur das
-eine und andere von dem, was der Lensmann sagte. Es sei traurig, daß so
-etwas vorkommen könne. Er hoffe, es werde Inger eine Lehre sein, daß
-sie sich bekehre und ein besserer Mensch werde und ihre Kinder nicht
-mehr umbringe.
-
-Lensmann Heyerdahl war seit dem vorigen Jahr verheiratet. Seine Frau
-wollte nicht Mutter werden und wollte keine Kinder haben -- sie
-bedankte sich dafür. Und sie hatte auch keine.
-
-Endlich kann ich auch die Sache Sellanraa abschließen, sagte der
-Lensmann dann. Das Königliche Ministerium ist einigermaßen nach meinen
-Vorschlägen auf den Verkauf eingegangen. -- So, sagte Isak. -- Es hat
-lang gedauert, aber ich habe die Befriedigung, daß meine Arbeit nicht
-vergeblich gewesen ist! Was ich geschrieben habe, ist beinahe Punkt
-für Punkt durchgegangen. -- Punkt für Punkt, wiederholte Isak und
-nickte. -- Hier ist die Urkunde. Du kannst sie beim nächsten Thing
-verlesen lassen. -- Ja, sagte Isak. Was muß ich bezahlen? -- Zehn Taler
-jährlich. Hier hat das Ministerium allerdings eine kleine Veränderung
-vorgenommen, anstatt fünf Taler jährlich zehn. Ich weiß nicht, wie du
-das aufnimmst? -- Wenn ich es nur leisten kann, antwortete Isak. -- Und
-zehn Jahre lang. -- Isak sah erschrocken auf. -- Ja, das Ministerium
-will auf nichts anderes eingehen, sagte der Lensmann. -- Und das ist
-auch gar keine Bezahlung für ein so großes Grundstück, urbar gemacht
-und so angebaut, wie es nun dasteht.
-
-Isak hatte die zehn Taler für dieses Jahr, er hatte sie für Klafterholz
-und die Ziegenkäse bekommen, die Inger zusammengespart hatte. Er
-bezahlte, und es blieb ihm noch ein Rest übrig.
-
-Es ist wirklich ein Glück für dich, daß das Ministerium nichts von der
-Tat deiner Frau erfahren hat, fuhr der Lensmann fort. Sonst hätten sie
-vielleicht einen anderen Käufer dafür genommen. -- So, sagte Isak,
-und dann fragte er: Und sie ist also nun für volle acht Jahre fort?
--- Ja, das läßt sich nicht ändern, die Gerechtigkeit muß ihren Lauf
-haben. Ihre Strafe ist übrigens milder als mild. Das nächste, was du
-nun zu tun hast, ist, eine deutliche Grenzscheide zwischen dir und
-dem Staatseigentum auszuhauen. Rode alles mit Stumpf und Stiel aus,
-in gerader Linie nach den Merkzeichen, die ich angegeben und in mein
-Protokoll eingetragen habe. Das Holz gehört dir. Ich werde später
-hinaufkommen und nachsehen.
-
-Isak wanderte heim.
-
-
-
-
-8
-
-
-Die Jahre vergehen rasch? Ja, für den, der altert. Isak war weder alt
-noch geschwächt, ihm wurden die Jahre lang. Er arbeitete auf seinem
-Hofe und ließ seinen rostroten Bart wachsen, wie er wollte.
-
-Ab und zu, wenn ein Lappe vorbeikam oder sich dies und jenes im
-Viehstand ereignete, wurde die Einförmigkeit im Ödland unterbrochen.
-Einmal kamen viele Männer vorbeigewandert; sie ruhten auf Sellanraa
-aus, aßen und tranken Milch dazu und fragten Isak und Oline nach dem
-Weg übers Gebirge aus; sie sollten eine Telegraphenlinie abschreiten,
-sagten sie. Ein anderes Mal erschien Geißler -- kein Geringerer als
-Geißler. Er kam frisch und froh vom Dorfe heraufmarschiert und hatte
-zwei Mann bei sich mit Bergwerksgeräten und Pickel und Spaten.
-
-Dieser Geißler! Er war ganz derselbe wie früher, ganz unverändert.
-Er sagte guten Tag, plauderte mit den Kindern, ging ins Haus und kam
-wieder heraus, betrachtete die Felder, öffnete die Türen von Stall und
-Scheune und schaute hinein. Ausgezeichnet! sagte er. Isak, hast du die
-kleinen Steine noch? -- Die kleinen Steine? -- Ja, die kleinen schweren
-Steine, mit denen dein Junge gespielt hat, als ich das letztemal hier
-war?
-
-Die Steine waren im Vorratshaus, sie lagen als Gewicht auf den
-Mausefallen, nun wurden sie hereingeholt. Der Lensmann und die beiden
-Männer untersuchten sie, besprachen sich darüber, klopften darauf und
-wogen sie in der Hand. Schwarzkupfer! sagten sie. -- Kannst du mit ins
-Gebirge gehen und uns zeigen, wo du die Steine gefunden hast? fragte
-der Lensmann.
-
-Alle miteinander gingen in die Berge, und es war nicht weit bis zur
-Fundstätte; aber sie wanderten doch ein paar Tage umher, suchten nach
-Metall und sprengten da und dort einen Stein los. Als sie in den Hof
-zurückkehrten, brachten sie zwei schwere Säcke voll Steine mit.
-
-Währenddem hatte Isak mit Geißler seine ganze Lage besprochen, auch daß
-der Preis für den Hof auf hundert Taler anstatt auf fünfzig festgesetzt
-worden war. -- Ach, das spielt keine Rolle, sagte Geißler leichthin.
-Du hast vielleicht Kostbarkeiten in deinem Gestein, die Tausende wert
-sind. -- So, sagte Isak. -- Aber du mußt die gerichtliche Bestätigung
-der Urkunde so rasch wie möglich ins Werk setzen. -- Ja. -- Damit dir
-der Staat nicht einen Prügel in den Weg wirft, verstehst du? sagte
-er. -- Isak verstand. Ja, ja, aber das Schlimmste ist doch die Sache
-mit Inger, erwiderte er. -- Ach ja, sagte Geißler, und er überlegte
-für seine Art ungewöhnlich lange. Der Fall könnte vielleicht noch
-einmal aufgenommen werden. Wenn alles an den Tag käme, würde ihre
-Strafe vielleicht etwas heruntergesetzt. Aber wir könnten vielleicht
-um Begnadigung einkommen und damit ungefähr dasselbe erreichen. -- So,
-meint Ihr das? -- Um Begnadigung können wir zwar vorderhand noch nicht
-einkommen, da muß erst einige Zeit verstrichen sein. Aber was ich sagen
-wollte: Du hast meiner Familie ein Kalb und Ziegenkäse gebracht, was
-bin ich dir dafür schuldig? -- Nichts, Ihr habt schon dafür bezahlt. --
-Ich? -- Und Ihr habt uns so viel geholfen. -- Nein, sagte Geißler kurz,
-indem er einige Talerscheine auf den Tisch legte. Hier nimm dies! sagte
-er.
-
-Er war ein Mann, der nichts umsonst wollte, und es schienen auch noch
-genug Geldscheine in seiner Brusttasche zu stecken, so dick war sie.
-Gott mochte wissen, ob er wirklich so reich war!
-
-Aber sie schreibt, sie habe es gut, sagte Isak, der nur an seine
-Angelegenheiten dachte. -- Ach so, deine Frau? -- Ja, seit sie das
-kleine Mädchen bekommen hat -- sie hat ein kräftiges, wohlgestaltetes
-Mädchen bekommen. -- Das ist ausgezeichnet! -- Ja, und die anderen
-helfen ihr alle miteinander, und jedermann sei gut gegen sie, schreibt
-sie.
-
-Geißler sagte: Jetzt schicke ich diese kleinen Steine hier an einige
-gesteinskundige Herren, um zu erfahren, woraus sie bestehen. Wenn
-ordentlich Kupfer drin ist, bekommst du viel Geld. -- So, sagte Isak.
-Und wann meint Ihr wohl, daß wir um Begnadigung einkommen können? --
-In einiger Zeit. Ich werde für dich hinschreiben, und ich komme später
-auch selbst wieder her. Was hast du gesagt? Hat deine Frau ein Kind
-bekommen, seit sie von hier fort ist? -- Ja. -- Dann haben sie sie
-in schwangerem Zustand hier weggeholt? Das hätten sie nicht dürfen.
--- Nicht? -- Nein, und das ist ein Grund mehr, daß sie nach einer
-bestimmten Zeit frei wird. -- Das wäre ja sehr gut, sagte Isak dankbar.
-
-Isak wußte nicht, daß die Obrigkeit schon viele und lange Aktenstücke
-wegen der schwangeren Frau hatte hin und her schicken müssen. Sie
-hatte es seinerzeit aus zweierlei Gründen unterlassen, Inger von ihrem
-Hause weg in Haft zu nehmen. Erstens hatte es an einem Arrestlokal
-für sie gefehlt, und zweitens hatte die Obrigkeit milde sein wollen.
-Die Folgen waren unberechenbar. Später, als Inger festgenommen werden
-sollte, hatte niemand nach ihrem Zustand gefragt, und sie selbst hatte
-nichts gesagt. Vielleicht hatte sie auch absichtlich geschwiegen, um
-das Kind in den bösen Jahren in ihrer Nähe zu haben; wenn sie sich gut
-aufführte, durfte sie es vielleicht ab und zu einmal sehen. Vielleicht
-war sie aber auch nur stumpf gewesen und war trotz ihres Zustandes
-gleichgültig darauf eingegangen, von zu Hause fortgeführt zu werden.
-
-Isak arbeitete auf seinem Grund und Boden, er entwässerte und brach
-seine Äcker um, hieb die Grenzscheide zwischen sich und dem Staat
-aus, und die dabei gefällten Bäume gaben Klafterholz für ein ganzes
-Jahr. Aber da er Inger nicht mehr hatte, die ihn mit ihren Lobsprüchen
-anfeuerte, so schaffte er mehr aus Gewohnheit als aus Lust. Nun hatte
-er auch schon zwei Thinge vorübergehen lassen, ohne die Bestätigung
-seiner Urkunde einzuholen, weil es ihm eben nicht so sehr am Herzen
-gelegen hatte. Jetzt erst im Herbst raffte er sich dazu auf. Es stand
-bei ihm nicht alles, wie es sein sollte. Geduldig und besonnen, ja
-gewiß, das war er, aber er war geduldig und besonnen, weil er von Natur
-dazu angelegt war. Er suchte seine Häute zusammen, seine Ziegenfelle
-und Kalbfelle, legte sie in den Fluß, schabte später die Haare
-herunter, gerbte sie und machte sie zur Verarbeitung für Schuhwerk
-fertig. Im Winter stellte er schon beim ersten Schnee sein Saatkorn
-fürs nächste Frühjahr auf die Seite, damit das getan war, denn es war
-am besten, wenn es bereit stand; er war ein Mann der Ordnung. Aber
-er war ein freudloser, einsamer Mann geworden, ach ja, wieder ein
-unverheirateter Mann mit allem, was drum und dran war.
-
-Welche Freude war es für ihn jetzt, am Sonntag in seiner Stube zu
-sitzen, gewaschen und sauber in seinem roten Hemd, wenn er niemand
-mehr hatte, für den er sich hübsch machen konnte? Die Sonntage waren
-die längsten von allen Tagen, sie verdammten ihn zum Müßiggang und
-zu traurigen Gedanken; er konnte nichts tun, als sich auf seinem
-Grundstück umhertreiben und nach allem sehen, was getan werden mußte.
-Jedesmal nahm er seine kleinen Jungen mit, immer einen von ihnen auf
-dem Arm. Es war so nett, ihr Geplauder anzuhören und auf ihre Fragen zu
-antworten.
-
-Die alte Oline hatte er, weil er niemand andern hatte. Und im Grunde
-genommen war es nicht so übel, Oline zu haben. Sie kardätschte Wolle
-und spann, strickte Strümpfe und Fausthandschuhe, bereitete auch
-Ziegenkäse; aber sie hatte keine glückliche Hand und arbeitete ohne
-Liebe; von dem, was sie in die Hand nahm, gehörte ihr ja nichts zu
-eigen. Da hatte nun Isak einmal zu Ingers Zeit eine besonders hübsche
-Dose beim Händler gekauft, die ihren Platz auf dem Wandbrett hatte, sie
-war aus Ton und hatte einen Hundekopf auf dem Deckel, eigentlich war
-es eine Art Tabaksdose; Oline nahm einmal den Deckel ab und ließ ihn
-auf den Boden fallen. Inger hatte einige Fuchsiaableger in einer Kiste
-hinterlassen, die mit Glas zugedeckt waren; Oline nahm die Gläser ab
-und drückte sie nachher hart und fest wieder darauf. -- Am nächsten
-Tage waren alle Ableger tot. Es war wohl nicht so ganz leicht für Isak,
-all dies mit anzusehen, und er machte vielleicht ein Gesicht, und da
-nichts Weiches oder Schwammhaftes an ihm war, so war es vielleicht ein
-gefährliches Gesicht. Oline war unverfroren und zungenfertig und muckte
-auf. Kann ich etwas dafür? sagte sie. -- Das weiß ich nicht, erwiderte
-Isak, aber du hättest die Hand davon lassen können. -- Ich werde ihre
-Blumen nicht mehr anrühren, sagte Oline darauf; aber nun waren sie ja
-tot.
-
-Und wozu kamen jetzt sooft Lappen nach Sellanraa, jetzt viel öfters
-als früher? Was hatte Os-Anders da zu tun, konnte er nicht einfach
-vorübergehen? In einem Sommer kam er zweimal übers Gebirge gewandert;
-aber Os-Anders hatte ja keine Renntiere, nach denen er hätte sehen
-müssen, sondern lebte vom Bettel und von Besuchen bei anderen Lappen.
-Wenn er auf die Ansiedlung kam, ließ Oline alle Arbeit liegen und
-klatschte mit ihm über alle Leute im Dorfe, und wenn er wieder ging,
-war sein Sack schwer von allem möglichen. Zwei Jahre lang schwieg Isak
-geduldig dazu.
-
-Dann wollte Oline wieder neue Schuhe haben, und da schwieg er nicht
-länger. Es war im Herbst, und Oline trug jeden Tag Lederschuhe, anstatt
-in Lappenschuhen oder Holzpantinen zu gehen. Isak sagte: Es ist schönes
-Wetter heute. Hm! So fing er an. -- Ja, sagte Oline. -- Hast du nicht
-heute morgen an den Ziegenkäsen bis auf zehn gezählt, Eleseus? fragte
-Isak. -- Doch, antwortete Eleseus. -- Aber jetzt sind es nur noch neun.
-
-Eleseus zählte wieder nach und überlegte in seinem kleinen Kopf, dann
-sagte er: Ja, und dann der, den Os-Anders bekommen hat, dann sind es
-zehn.
-
-Schweigen rings in der Stube. Aber der kleine Sivert wollte auch
-zählen, und so wiederholte er die Worte des Bruders: Dann sind es zehn.
-
-Wieder Schweigen ringsum. Da mußte Oline schließlich eine Erklärung
-geben. Ja, er hat einen ganz kleinen Käse bekommen, ich habe nicht
-gedacht, daß das etwas ausmacht. Aber die Kinder sind noch nicht groß,
-und es zeigt sich jetzt schon, was in ihnen steckt. Ich kann wohl sehen
-und ausrechnen, wem sie nachschlagen! Dir jedenfalls nicht, Isak, das
-weiß ich.
-
-Das war eine Andeutung, die Isak zurückweisen mußte. Die Kinder sind
-schon recht, sagte er. Aber kannst du mir sagen, welche Wohltaten
-Os-Anders mir und den Meinigen erwiesen hat? -- Wohltaten? versetzte
-Oline. -- Ja. -- Er, Os-Anders? wiederholte sie. -- Ja, weil ich ihm
-Ziegenkäse schuldig bin. -- Oline hat nun Zeit zum Überlegen gehabt und
-gibt folgende Antwort: Gott bewahre mich, Isak! Bin ich es gewesen, die
-mit Os-Anders angefangen hat, so soll mich gleich der Schlag rühren!
-
-Ausgezeichnet! Isak muß nachgeben, wie so manches Mal vorher.
-
-Oline gab nicht nach: Und wenn ich jetzt, wo es dem Winter zugeht, hier
-barfuß laufen und das nicht zu eigen haben soll, was Gott zu Schuhen
-für die Füße geschaffen hat, dann sag es lieber geradeheraus. Schon vor
-drei bis vier Wochen habe ich von Schuhen gesprochen, aber ich habe
-noch nichts von ihnen gesehen und muß nun mit denen hier herumlaufen.
--- Isak erwiderte: Was fehlt denn eigentlich deinen Holzschuhen, daß
-du sie nicht trägst? -- Was ihnen fehlt? fragte Oline überrumpelt.
--- Ja, das möchte ich fragen. -- Den Holzschuhen? -- Ja. -- Du sagst
-nichts davon, daß ich Wolle kardätsche und spinne, das Vieh versorge
-und die Kinder aufziehe, davon sagst du nichts. Und zum Kuckuck, deine
-Frau, die im Gefängnis sitzt, die ist doch wohl auch nicht barfuß im
-Schnee herumgelaufen. -- Nein, sie trug Holzschuhe, sagte Isak. Und
-wenn sie in die Kirche oder zu ordentlichen Leuten ging, dann trug
-sie Lappenschuhe, sagte er. -- Ja, ja, antwortete Oline, sie war eben
-soviel besser! -- Ja, das war sie. Und wenn sie im Sommer Lappenschuhe
-trug, so hatte sie nichts als dürres Gras darin. Aber du, du trägst das
-ganze Jahr Strümpfe und Schuhe.
-
-Oline sagte: Was das betrifft, so werde ich meine Holzschuhe wohl noch
-abnützen. Ich habe nicht geglaubt, daß es so große Eile hätte, meine
-eigenen Holzschuhe durchzulaufen. -- Sie sprach leise und gedämpft,
-aber sie kniff die Augen halb zu, oh, sie war klug und schlau. Die
-Inger, sagt sie, der Wechselbalg, wie wir sie genannt haben, ist unter
-meinen Kindern umhergegangen und hat da in all den Jahren dies und
-jenes gelernt. Jetzt haben wir den Dank dafür. Wenn meine Tochter in
-Bergen einen Hut trägt, dann tut das Inger vielleicht südwärts da
-drunten auch, ja, vielleicht ist sie nach Drontheim gereist, um sich
-einen Hut zu kaufen, haha!
-
-Isak stand auf und wollte hinausgehen. Aber jetzt war Oline das Herz
-aufgegangen, und sie zeigte, wie schwarz es war, ja, sie strahlte
-wahrhaftig Dunkelheit aus, sagte, keine von ihren Töchtern habe ein
-Gesicht wie ein feuerspeiendes Raubtier, könne sie gern sagen, aber
-deshalb seien sie doch gut genug. Nicht alle hätten Geschick dazu,
-Kinder umzubringen. -- Jetzt nimm dich aber in acht! rief Isak, und
-um sich recht klar verständlich zu machen, fügte er noch hinzu: Du
-verdammtes Weibsbild.
-
-Aber Oline nahm sich nicht in acht, nein. Haha! sagte sie und sah zum
-Himmel auf und deutete an, daß es eigentlich übertrieben sei, mit einer
-solchen Hasenscharte herumzulaufen wie gewisse Leute. Man könne auch
-darin Maß halten.
-
-Isak war wohl froh, als er endlich glücklich aus dem Hause draußen war.
-Und was blieb ihm anderes übrig, als Oline Lederschuhe zu verschaffen!
-Er war ein Ansiedler im Walde und war nicht einmal so weit den Göttern
-ähnlich, daß er seine Arme über der Brust kreuzen und zu seinem
-Dienstboten sagen konnte: Geh! Eine so unentbehrliche Haushälterin wie
-Oline war in Sicherheit, sie mochte sagen und tun, was sie wollte.
-
-Die Nächte sind kühl, und es ist Vollmond, die Moore erstarren so weit,
-daß sie zur Not einen Mann tragen; bei Tag taut die Sonne sie wieder
-auf und macht sie ungangbar. Isak wandert in einer kühlen Nacht ins
-Dorf hinunter, um Schuhe für Oline zu bestellen. Er hat zwei Ziegenkäse
-mit für Frau Geißler.
-
-Auf halbem Wege nach dem Dorf hat sich nun der neue Ansiedler
-niedergelassen. Er war wohl ein vermöglicher Mann, da er Zimmerleute
-vom Dorfe bestellt hatte, die ihm sein Haus bauten, und dazu noch
-Taglöhner, um ein Stück sandiges Moor für Kartoffeln umzugraben; er
-selbst tat nichts oder nur wenig. Der Mann war Brede Olsen, Amtsdiener
-und Gerichtsbote, ein Mann, an den man sich wenden mußte, wenn der
-Doktor geholt oder bei der Pfarrfrau ein Schwein geschlachtet werden
-sollte. Brede Olsen war noch nicht dreißig Jahre alt, hatte aber schon
-vier Kinder zu versorgen, außer seiner Frau, die eigentlich auch noch
-ein Kind war. Ach, Bredes Mittel waren wohl nicht so sehr groß, es warf
-nicht so sehr viel ab, Topf und Pfanne zu sein und zu Auspfändungen zu
-fahren; jetzt wollte er es mit der Landwirtschaft versuchen. Für seinen
-Hausbau hatte er auf der Bank Geld aufgenommen. Sein Grundstück hieß
-Breidablick, Lensmann Heyerdahls Frau hatte ihm diesen herrlichen Namen
-gegeben.
-
-Isak geht an der Ansiedlung vorüber und nimmt sich nicht Zeit,
-hineinzugehen, aber so früh am Morgen es auch ist, am Fenster stehen
-schon dichtgedrängt die Kinder und schauen heraus. Isak eilt vorüber,
-er will beim nächsten Nachtfrost schon wieder hier zurück sein. Im
-Ödland draußen hat ein Mann gar viel zu bedenken und sich zu überlegen,
-wie er es auf die beste Weise einrichtet. Er hat zwar jetzt gerade
-nicht so übermäßig viel Arbeit, aber er hat Heimweh nach den Kindern,
-die daheim bei Oline zurückgeblieben sind.
-
-Während er so dahinschreitet, muß er unwillkürlich an seine erste
-Wanderung hier denken. Die Zeit ist dahingegangen, die beiden letzten
-Jahre sind sehr lang gewesen; vieles ist gut gewesen auf Sellanraa,
-aber etwas ist schlimm gewesen, ach ja, Herrgott im Himmel! Nun war
-also eine neue Ansiedlung hier entstanden; Isak erkannte die Stelle gut
-wieder, dies war einer von den wirklichen Plätzen, die er auf seiner
-ersten Wanderung untersucht, dann aber wieder aufgegeben hatte. Es
-war hier näher beim Dorf, jawohl, aber der Wald war nicht so gut; es
-war hier Ebene, aber Moor, die Erde war leicht umzubrechen, aber das
-Entwässern war schwierig. Der gute Brede hatte noch keinen Acker damit,
-daß er Moorboden umgrub. Und was sollte das heißen, wollte denn Brede
-nicht einen Schuppen an die Scheune anbauen für Geräte und Fahrzeuge?
-Isak sah einen zweirädrigen Karren unter offenem Himmel gerade vor dem
-Hause stehen.
-
-Er macht seine Besorgung beim Schuhmacher, aber Geißler ist weggereist;
-da verkauft er seine Ziegenkäse an den Krämer. Am Abend geht er
-heimwärts. Es gefriert immer mehr, so daß man leicht übers Moor gehen
-kann; aber Isaks Gang ist schwer. Gott mochte wissen, wann Geißler nun
-wiederkam, da seine Frau verreist war, vielleicht kam er nie wieder.
-Inger war fort, die Zeit verging.
-
-Er geht auch jetzt auf dem Rückweg nicht zu Bredes hinein, nein, er
-macht einen Bogen um Breidablick herum und kommt so ungesehen vorbei.
-Er will nicht mit Menschen reden, er will nur weitergehen. Noch
-immer steht Bredes Fuhrwerk im Freien. Ich möchte wissen, ob es da
-stehenbleibt? denkt Isak. Na, jeder hat das Seine! Jetzt hat er ja
-selbst, er, Isak, ein Fuhrwerk und einen Schuppen dazu, aber es ist
-deshalb doch nicht besser gegangen, sein Heim ist nur halb, einmal war
-es ganz, jetzt ist es nur halb.
-
-Als er bei vollem Tageslicht so weit gekommen ist, daß er sein Haus auf
-der Halde droben sehen kann, wird ihm leichter ums Herz, obgleich er
-müde und matt ist nach der zweitägigen Wanderung. Die Gebäude stehen
-noch da. Rauch steigt vom Schornstein auf, beide Jungen sind im Freien,
-sowie sie ihn sehen, stürmen sie ihm entgegen. Er geht hinein, in der
-Stube sitzen zwei Lappen. Oline steht überrascht vom Hocker auf und
-sagt: Was -- bist du schon wieder da? Sie kocht Kaffee auf dem Herd.
-Kaffee? Kaffee!
-
-Isak hat es wohl schon früher bemerkt: wenn Os-Anders oder andere
-Lappen dagewesen sind, kocht Oline sich lange Zeit nachher in Ingers
-kleinem Kessel Kaffee. Sie tut es, wenn Isak im Wald oder auf dem Feld
-ist; und wenn er unerwartet heimkommt und es sieht, schweigt er. Aber
-er weiß, daß er jedesmal um ein Bündel Wolle oder einen Ziegenkäse
-ärmer geworden ist. Deshalb ist es sehr gut von Isak, daß er Oline
-jetzt nicht packt und zwischen seinen Händen zerschmettert für ihre
-Niedertracht. Ja, im ganzen genommen versucht es Isak in Wahrheit, ein
-immer besserer Mensch zu werden, was er auch dabei im Sinne haben
-mag, ob er es um des lieben Friedens willen tut oder weil er hofft,
-Gott werde ihm dann Inger früher zurückgeben. Er hat einen Hang zum
-Grübeln und zum Aberglauben; selbst die Bauernschlauheit, die er hat,
-ist treuherzig. Jetzt eben im Herbst hatte es sich gezeigt, daß das
-Torfdach auf seinem Stall auf das Pferd herabzusinken drohte; da kaute
-Isak ein paarmal an seinem rostigen Bart, aber dann lächelte er wie
-jemand, der einen Spaß versteht, er richtete das Dach auf und stützte
-es mit Sparren. Kein böses Wort entfuhr ihm. Ein anderer Zug: Das
-Vorratshaus, in dem alle seine Lebensmittel untergebracht waren, stand
-nur mit den Ecken auf hohen steinernen Füßen. Nun gelangten durch die
-große Öffnung in der Grundmauer kleine Vögel ins Vorratshaus hinein,
-flatterten darin herum und fanden den Weg nicht mehr hinaus. Oline
-klagte, die kleinen Vögel pickten an den Eßwaren herum, liefen auf dem
-Speck hin und her, ja, sie täten auch das, was noch schlimmer sei,
-darauf. Isak sagte: Ja, es ist auch schlimm, daß die kleinen Vögel
-hereinkommen und den Weg nicht mehr hinausfinden! Und mitten in der
-strengen Arbeitszeit brach er Steine aus und füllte die Mauer damit auf.
-
-Gott mochte wissen, was er sich dabei dachte, ob er hoffte, er werde,
-wenn er sich so gut aufführe, Inger schon bald zurückbekommen.
-
-
-
-
-9
-
-
-Die Jahre vergehen.
-
-Wieder kam ein Ingenieur mit einem Vorarbeiter und zwei Arbeitern nach
-Sellanraa, und sie wollten wieder eine Telegraphenlinie übers Gebirge
-abschreiten. So, wie sie jetzt abschritten, würde die Linie nicht
-weit von Isaks Haus zu liegen kommen, und ein gerader Weg würde durch
-den Wald geführt werden. Aber das schadete nichts, es würde den Ort
-weniger öde machen, die Welt würde hereinkommen und ihn erhellen.
-
-Der Ingenieur sagte: Dieser Platz hier wird nun der Mittelpunkt
-zwischen zwei Tälern, man wird dir vielleicht die Aufsicht über die
-Linie nach beiden Seiten hin anbieten. -- So, sagte Isak. -- Du
-bekommst fünfundzwanzig Taler im Jahr dafür. -- So, sagte Isak, aber
-was habe ich dafür zu tun? -- Die Leitung in Ordnung halten, die Drähte
-ausbessern, wenn sie abgerissen sind, die Büsche weghauen, wenn sie
-in die Linie hineinwachsen. Du bekommst eine nette kleine Maschine
-an deine Wand, die dir zeigt, wenn du hinaus mußt. Dann mußt du
-augenblicklich alles liegen und stehen lassen und gehen.
-
-Isak überlegte: Im Winter könnte ich die Arbeit übernehmen, sagte er
-dann. -- Nein, es muß das ganze Jahr hindurch sein, das ganze Jahr
-natürlich, Sommer wie Winter. -- Aber Isak erklärte: Im Frühjahr und
-im Sommer und im Herbst habe ich meine Feldarbeit und keine Zeit für
-anderes.
-
-Da mußte der Ingenieur Isak eine gute Weile ansehen, ehe er die
-folgende erstaunte Frage tat: Kannst du damit mehr verdienen? --
-Verdienen? sagte Isak. -- Ob du an den Tagen, die du bei der Aufsicht
-der Telegraphenlinie verbringen mußt, mit Feldarbeit mehr verdienen
-kannst? -- Das weiß ich nicht, antwortete Isak. Aber es ist nun einmal
-so, daß ich wegen der Felder hier bin. Ich habe für das Leben von
-vielen Menschen und von noch mehr Haustieren zu sorgen. Wir leben
-von dem Grundstück. -- Ja, ja, ich kann den Posten auch einem andern
-anbieten, versetzte der Ingenieur.
-
-Diese Drohung schien wahrhaftig Isak das Herz nur zu erleichtern, er
-wollte dem hohen Herrn wohl nur ungern eine abschlägige Antwort geben,
-und so erklärte er: Ich habe ein Pferd und fünf Kühe, dazu einen
-Stier. Dann habe ich zwanzig Schafe und sechzehn Ziegen. Die Tiere
-geben uns Nahrung und Wolle und Felle, sie müssen Futter haben. -- Ja,
-das ist klar, sagte der Ingenieur kurz. -- Jawohl. Und nun sage ich
-nichts weiter als, wie sollte ich das Futter für sie herschaffen, wenn
-ich mitten in der Heuernte fortgehen müßte und nach dem Telegraphen
-sehen? -- Der Ingenieur erwiderte: Wir wollen gar nicht mehr darüber
-reden. Der Mann da unten, Brede Olsen, soll die Aufsicht bekommen, er
-übernimmt sie wohl gerne. -- Dann wendete er sich an seine Leute und
-befahl: Kommt, wir wollen weitergehen!
-
-Nun erriet wohl Oline an dem Ton, daß Isak steif und unvernünftig
-gewesen war, das mußte ihr zugute kommen. Was hast du gesagt, Isak?
-Sechzehn Ziegen? Es sind doch nicht mehr als fünfzehn. -- Isak sah sie
-an, und Oline sah ihn an, sah ihm mitten ins Gesicht. -- Sind es nicht
-sechzehn Ziegen? -- Nein, versetzte sie und sah den fremden Herrn über
-Isaks Unvernunft ratlos an. -- So, sagte Isak leise. Er nahm einen
-Büschel seines Bartes zwischen die Zähne und begann darauf zu kauen.
-
-Der Ingenieur und seine Leute entfernten sich.
-
-Wenn es nun Isak darum zu tun gewesen wäre, sich mit Oline unzufrieden
-zu zeigen und sie vielleicht zu schlagen, so hätte er jetzt eine
-gute Gelegenheit, oh, eine herrliche Gelegenheit dazu gehabt. Sie
-waren wieder allein in der Stube, die Kinder waren mit den Fremden
-hinausgelaufen und verschwunden. Isak stand mitten im Zimmer, und
-Oline saß am Herd. Isak räusperte sich ein paarmal, um sie verstehen
-zu lassen, daß er nicht weit davon entfernt sei, sich auszusprechen.
-Aber er schwieg. Das war seine Seelenstärke. Sollte er etwa nicht
-wissen, wie viele Ziegen er hatte, konnte er sie nicht an den Fingern
-herzählen, war das Weib verrückt? Sollte eines von den Tieren im
-Stall, mit denen er persönlich umging, mit denen er täglich plauderte,
-verschwunden sein, eine von den Ziegen, die sechzehn an der Zahl waren!
-Dann hatte wohl Oline die eine Ziege um irgend etwas vertauscht,
-gestern, als die Frau von Breidablick dagewesen war und sich umgesehen
-hatte.
-
-Hm! sagte Isak, und er war nahe daran, noch mehr zu sagen. Was hatte
-Oline getan? Es war vielleicht nicht geradezu ein Mord, aber doch nicht
-weit davon. Er konnte in tödlichem Ernst von der sechzehnten Ziege
-reden.
-
-Er konnte jedoch nicht in alle Ewigkeit hier mitten in der Stube stehen
-und schweigen. Er sagte: Hm! So, es sind also jetzt nicht mehr als
-fünfzehn Ziegen? -- Nein, antwortete Oline freundlich. Ja, du kannst
-sie ja selbst zählen, ich bekomme nicht mehr als fünfzehn heraus.
-
-Jetzt, in diesem Augenblick hätte er es tun können: die Hände
-ausstrecken und Oline in der Gestalt bedeutend verändern, nur mit einem
-guten Griff. Das hätte er tun können. Er tat es nicht, aber er sagte
-laut, indem er nach der Tür ging: Ich sage jetzt nichts weiter! Damit
-ging er hinaus, wie wenn es beim nächsten Male von seiner Seite nicht
-an deutlichen Worten fehlen sollte.
-
-Eleseus! rief er.
-
-Wo war Eleseus, wo waren beide Jungen geblieben? Der Vater wollte
-eine Frage an sie stellen, sie waren jetzt große Jungen und hatten
-Augen im Kopfe. Er fand sie unter dem Scheunenboden, sie waren da ganz
-hineingekrochen und vollständig unsichtbar, aber sie verrieten sich
-durch ein ängstliches Flüstern. Dann kamen sie zum Vorschein wie zwei
-Sünder.
-
-Die Sache war die, daß Eleseus ein Stück farbigen Bleistift gefunden
-hatte, das dem Ingenieur gehörte; aber als er ihm damit nachlaufen
-wollte, waren die weitausschreitenden erwachsenen Männer schon ein
-Stück droben im Walde drin, und Eleseus blieb stehen. Der Gedanke stieg
-in ihm auf, er könnte am Ende den Bleistift behalten -- ach, wenn er
-das könnte! Er zog den kleinen Sivert mit sich fort, damit er die
-Verantwortung nicht allein hätte, und dann krochen die zwei mit ihrer
-Beute in einen Winkel unter dem Scheunenboden. Ach, dieses kurze Stück
-Bleistift -- es war eine Merkwürdigkeit in ihrem Leben, ein Wunder!
-Sie suchten sich Holzspäne und bedeckten sie mit allerlei Strichen,
-und der Bleistift zeichnete rot mit dem einen Ende und blau mit dem
-andern; die Jungen wechselten ab, wer ihn haben durfte. Als nun der
-Vater so eindringlich und laut rief, flüsterte Eleseus: Die Fremden
-sind wohl zurückgekommen, um den Bleistift zu holen! Da war die Freude
-daran plötzlich verschwunden, sie war wie aus ihrer Seele weggewischt,
-und die kleinen Herzen begannen ängstlich zu schlagen und zu hämmern.
-Die Brüder krochen hervor; Eleseus hielt dem Vater den Bleistift auf
-Armlänge entgegen, um ihm zu zeigen, daß sie ihn nicht zerbrochen
-hatten, aber sie wünschten, sie hätten ihn nie gesehen.
-
-Doch sie sahen keinen Ingenieur, da beruhigten sich ihre Herzen wieder
-und fühlten einen wahren Gottesfrieden nach der Spannung.
-
-War gestern eine Frau hier? fragte der Vater. -- Ja. -- Die Frau von
-drunten? Habt ihr sie gesehen, als sie wegging? -- Ja. -- Hatte sie
-eine Ziege bei sich? -- Nein, sagten die Kinder. Eine Ziege? -- Hatte
-sie nicht eine Ziege bei sich, als sie wieder heimging? -- Nein. Was
-für eine Ziege?
-
-Isak überlegte und grübelte nach, und am Abend, als das Vieh von der
-Weide zurückkam, zählte er die Ziegen zum erstenmal: es waren sechzehn.
-Er zählte sie noch einmal, zählte fünfmal -- es waren sechzehn Ziegen.
-Keine fehlte.
-
-Isak atmete erleichtert auf. Wie war das zu verstehen? Oline, diese
-Kreatur, hatte wohl nicht bis sechzehn zählen können. Er sagte in
-ärgerlichem Ton zu ihr: Was faselst du denn, es sind ja sechzehn
-Ziegen! -- Sind es sechzehn? fragte sie unschuldig. -- Ja. -- So, ja,
-ja. -- Ja, du bist mir ein guter Rechenmeister. -- Darauf erwiderte
-Oline ruhig und gekränkt: Nun, wenn alle Ziegen da sind, dann hat Oline
-Gott sei Dank keine von ihnen aufgefressen. Ich bin recht froh für sie!
-
-Sie verwirrte ihn mit diesem Streich und brachte ihn dazu, sich die
-Sache aus dem Kopf zu schlagen. Er zählte nun den Viehstand nicht
-mehr, es fiel ihm auch nicht ein, die Schafe zu zählen. Natürlich war
-Oline nicht so schlimm, sie führte ihm gewissermaßen das Hauswesen,
-versorgte sein Vieh, sie war nur sehr dumm -- aber dadurch schadet sie
-sich selbst und nicht ihm. Mochte sie dableiben und weiterleben, sie
-war nicht mehr wert. Aber es war düster und freudlos, in einem solchen
-Leben der Isak zu sein.
-
-Die Jahre waren vergangen. Jetzt war Gras auf dem Hausdach gewachsen,
-ja, sogar das Scheunendach, das mehrere Jahre jünger war, stand grün.
-Die Eingeborene des Waldes, die Feldmaus, hatte längst im Vorratshaus
-ihren Einzug gehalten. Es schwirrte von Meisen und anderen kleinen
-Vögeln auf der Ansiedlung, auf der Halde gab es Auerhähne, ja, auch
-Krähen und Elstern waren herbeigekommen. Aber das Merkwürdigste hatte
-sich doch im letzten Sommer begeben, da waren Möwen von der Meeresküste
-heraufgeflogen und hatten sich auf dieses Grundstück im Ödland
-herabgesenkt. So bekannt war die Ansiedlung unter der ganzen Schöpfung
-geworden. Und was meint ihr, welche Gedanken in Eleseus und dem kleinen
-Sivert aufstiegen, als sie die Möwen sahen? Oh, es waren fremde Vögel
-von weit her, und sie waren nicht sehr zahlreich, aber es waren doch
-sechs Stück, weiße Vögel, alle ganz gleich; sie spazierten auf den
-Feldern umher, zuweilen bissen sie Gras ab. -- Vater, warum sind sie
-hierhergekommen? fragten die kleinen Buben. -- Weil sie auf dem Meer
-einen Sturm erwarteten. -- Ach, wie sonderbar und geheimnisvoll war
-das mit den Möwen!
-
-Und vieles andere Gute lehrte Isak seine Kinder. Sie waren jetzt
-so alt, daß sie in die Schule gehen sollten, aber die Schule war
-drunten im Dorfe, viele Meilen entfernt und nicht zu erreichen. An
-den Sonntagen hatte Isak den Kindern selbst das Abc beigebracht, aber
-irgendeinem höheren Unterricht war er nicht gewachsen, nein, dazu
-war dieser geborene Landmann nicht geschaffen. Der Katechismus, die
-biblische Geschichte lagen deshalb ruhig auf dem Wandbrett neben den
-Ziegenkäsen. So wie Isak die Kinder heranwachsen ließ, mußte er wohl
-denken, Unkenntnis in Buchweisheit sei für den Menschen bis zu einem
-gewissen Grad eine Kraft. Beide Jungen waren ihm eine Herzensfreude;
-Isak mußte oft daran denken, wie ihre Mutter, als sie noch ganz klein
-waren, ihm verboten hatte, sie anzufassen, weil er Harz an den Händen
-habe. Oh, Harz, das Reinste auf der Welt! Teer und Ziegenmilch und
-zum Beispiel Mark -- sind auch gesund und vortrefflich; aber Harz,
-Tannenharz -- o schweigt!
-
-Ja, da gingen also die Kinder in einem Paradies von Schmutz und
-Unwissenheit umher; aber es waren hübsche Kinder, wenn sie sich ein
-seltenes Mal wuschen, und Klein-Sivert war geradezu ein Prachtkerl;
-aber Eleseus war feiner und tiefer angelegt. -- Ja, aber woher können
-die Möwen wissen, daß ein Sturm droht? fragte er. -- Sie werden
-wetterkrank, antwortete der Vater. Aber außerdem sind sie nicht mehr
-wetterkrank als die Fliegen, fuhr er fort, was diese auch haben mögen,
-ob sie Gicht bekommen oder ob ihnen schwindlig wird oder so etwas.
-Aber schlagt nie nach einer Fliege, denn dann wird sie nur schlimmer,
-sagte er. Vergeßt das nicht, Jungen! Die Bremse ist von anderer Art,
-sie stirbt von selbst. Ganz unversehens kommt die Bremse im Sommer
-eines Tages daher, und hast du nicht gesehen, so ist sie auch wieder
-verschwunden! -- Wo bleibt sie? fragte Eleseus. -- Wo sie bleibt? Das
-Fett erstarrt in ihr, und dann bleibt sie liegen!
-
-An jedem Tag mehr Gelehrsamkeit: Wenn die Kinder von hohen Felsblöcken
-heruntersprangen, sollten sie die Zunge gut im Munde behalten, damit
-sie ihnen nicht zwischen die Zähne komme. Wenn sie größer würden
-und für die Kirche gut riechen wollten, sollten sie sich mit etwas
-Rainfarn, der auf der Halde droben wuchs, einreiben. Der Vater war
-voller Weisheit. Er erzählte den Kindern von den Steinen und vom
-Feuerstein, und daß der weiße Stein härter sei als der graue; aber wenn
-er einen Feuerstein fand, mußte er auch einen Feuerschwamm suchen, den
-er in Lauge kochte und aus dem er dann Zunder machte. Dann schlug er
-Feuer. Er erzählte ihnen vom Mond und sagte, wenn sie mit der linken
-Hand in die Mondsichel hineingreifen könnten, dann sei der Mond im
-Zunehmen, könnten sie das aber mit der rechten tun, dann sei er im
-Abnehmen. -- Vergeßt das nicht, Jungen! Ein seltenes Mal ging Isak
-indes zu weit, und da wurde er sonderbar und unverständlich: einmal kam
-er mit einem Ausspruch daher, der darauf hinauslief, es sei schwieriger
-für ein Kamel in den Himmel zu kommen, als für einen Menschen durch
-ein Nadelöhr zu gehen. Ein anderes Mal, als er ihnen von dem Glanz
-der Engel berichtete, sagte er, die Engel hätten die Sterne statt
-Beschlägen an die Absätze ihrer Schuhe genagelt. Das war ein guter,
-treuherziger Unterricht, der auf die Ansiedlung paßte, der Schullehrer
-im Dorf drunten würde darüber gelächelt haben; Isaks Kinder dagegen
-nährten ihre Phantasie ziemlich stark damit. Sie wurden für ihre eigene
-enge Welt erzogen und unterrichtet; was hätte besser sein können? Beim
-Schlachten im Herbst waren die Jungen höchst neugierig; für die Tiere,
-die geschlachtet werden sollten, hatten sie große Angst, und ihre
-kleinen Herzen waren tief betrübt. Da mußte nun Isak mit der einen
-Hand das Tier festhalten und mit der andern zustechen, und Oline rührte
-das Blut um. Jetzt wurde der alte Bock herausgeführt, weiß und bärtig
-war er, die beiden kleinen Burschen standen an der Hausecke und guckten
-hervor.
-
-Das ist doch ein abscheulicher Wind heuer, sagte Eleseus und wendete
-sich ab und wischte sich die Augen. Der kleine Sivert weinte
-offenherziger, er konnte sich nicht beherrschen, sondern rief: Ach, der
-arme alte Bock!
-
-Als der Bock gestochen war, trat Isak zu seinen Kindern und gab ihnen
-folgende Lehre: Ihr sollt nie ein Schlachtopfer bedauern und nicht
-armes Tier sagen. Denn sonst wird es nur lebenszäher. Vergeßt das nicht!
-
-So waren die Jahre vergangen, und abermals näherte sich der Frühling.
-
-Inger hatte wieder geschrieben, daß sie es gut habe und in der Anstalt
-sehr viel lerne. Ihr kleines Kind sei jetzt ein großes Mädchen, sie
-heiße Leopoldine nach dem Tag ihrer Geburt, dem 15. November. Sie
-könne alles und sei ein wahres Genie im Häkeln und Nähen, alles sei
-wunderschön gearbeitet, einerlei, ob auf Stoff oder Stramin.
-
-Das Merkwürdige an diesem letzten Brief war, daß Inger ihn selbst
-buchstabiert und geschrieben hatte. Isak war nicht so geschickt, er
-mußte sich den Brief beim Händler im Dorf vorlesen lassen; aber als er
-ihn erst im Kopf hatte, saß er auch fest darin, und als Isak heimkam,
-konnte er ihn auswendig.
-
-Nun setzte er sich mit großer Feierlichkeit oben an den Tisch, breitete
-den Brief aus und las ihn seinen Jungen vor. Oline sollte auch gerne
-sehen, daß er Geschriebenes fließend lesen konnte, aber sonst richtete
-er nicht einmal das Wort an sie. Als er fertig war, sagte er: Da könnt
-ihr hören, du, Eleseus, und du, Sivert, eure Mutter hat diesen Brief
-selbst geschrieben und hat alles mögliche gelernt. Und euer kleines
-Schwesterchen kann jetzt schon mehr als wir alle miteinander. Vergeßt
-das nicht, Jungen! -- Die Kinder saßen ganz still da und wunderten
-sich. -- Ja, das ist großartig, sagte Oline.
-
-Was meinte sie damit? Zog sie Ingers Wahrhaftigkeit in Zweifel? Oder
-traute sie Isaks Vorlesen nicht? Olines wahre Meinung war nicht
-leicht zu ergründen, wenn sie mit ihrem sanften Gesicht so dasaß und
-Zweideutigkeiten sagte. Isak beschloß, sie gar nicht zu beachten.
-
-Und wenn eure Mutter nun heimkommt, dann müßt ihr auch schreiben
-lernen, sagte er zu den beiden Kindern.
-
-Oline machte sich mit ein paar Kleidungsstücken zu schaffen, die am
-Ofen zum Trocknen hingen, schob einen Kessel hin und her, hängte die
-Kleidungsstücke wieder um und tat überhaupt sehr geschäftig. Aber
-sie überlegte die ganze Zeit. -- Wenn es dann so großartig hier im
-Walde wird, dann hättest du auch ein halbes Pfund Kaffee kaufen und
-mitbringen können, sagte sie. -- _Kaffee?_ sagte Isak, das Wort entfuhr
-ihm unwillkürlich. -- Oline antwortete ruhig: Bis jetzt habe ich immer
-ein wenig von meinem eigenen Geld gekauft.
-
-Kaffee, der für Isak ein Traum und ein Märchen war, ein Regenbogen!
-Oline spottete natürlich, er wurde nicht böse auf sie; aber schließlich
-fiel dem langsam denkenden Mann Olines Tauschhandel mit den Lappen
-ein, und er sagte zornig: Ja, ich werde dir Kaffee kaufen! Ein halbes
-Pfund hast du gesagt? Du hättest ein ganzes Pfund sagen sollen. Es
-soll wahrlich nicht fehlen. -- Du brauchst nicht so zu spotten, Isak,
-sagte sie. Mein Bruder Nils hat Kaffee, und drunten bei Bredes auf
-Breidablick haben sie Kaffee. -- Jawohl, denn sie haben keine Milch,
-gar keine Milch. -- Nun, das weiß ich nicht, und es ist mir auch
-einerlei. Aber du, der so viel weiß und Geschriebenes so gut lesen kann
-wie eine Renntierkuh laufen, du weißt wohl, daß es jetzt in allen
-Häusern Kaffee gibt. -- Kreatur! sagte Isak.
-
-Da setzte sich Oline auf den Hocker und wollte durchaus nicht
-schweigen. Und was Inger betrifft, sagte sie, wenn ich ein so großes
-Wort überhaupt in den Mund nehmen darf. -- Du kannst sagen, was du
-willst, ich kümmere mich nicht darum. -- Sie kommt heim und hat alles
-gelernt. Und dann hat sie wohl Perlen und Federn auf dem Hut? -- Ja,
-das hat sie wohl. -- Ja, ja, sagte Oline, nun kann sie sich bei mir
-ein bißchen für alle diese Größe bedanken, die sie erreicht hat. --
-Bei dir? entfuhr es Isak. -- Oline antwortete demütig: Da ich ja als
-geringes Werkzeug dazu gedient habe, sie fortzubringen.
-
-Darauf konnte Isak nichts mehr sagen, die Worte blieben ihm im Halse
-stecken, er saß still da und starrte vor sich hin. Hatte er recht
-gehört? Oline sah aus, als habe sie gar nichts Besonderes gesagt. Nein,
-in einem Wortstreit zog Isak den kürzeren.
-
-Düsteren Sinnes trieb er sich draußen herum. Oline, dieses Vieh,
-das sich von Bosheit nährte und fett dabei wurde -- oh, es war wohl
-verkehrt von ihm gewesen, daß er sie nicht gleich im ersten Jahr
-erschlagen hatte, dachte er und tat vor sich selbst groß. Dazu hätte
-er der Mann sein sollen, dachte er weiter. Mann -- er? O ja, niemand
-konnte fürchterlicher sein.
-
-Und nun folgt ein komischer Auftritt: er geht in den Stall und zählt
-seine Ziegen; da stehen sie mit ihren Zicklein und sind vollzählig.
-Er zählt die Kühe, das Schwein, vierzehn Hühner, zwei Kälber. Und die
-Schafe habe ich fast vergessen! sagt er laut zu sich selbst. Er zählt
-auch die Schafe und tut, als sei er sehr gespannt, ob sie vollzählig
-sind. Isak weiß sehr wohl, daß ein Schaf fehlt, ja, er hat es schon
-lange gewußt, warum also tun, als wüßte er es nicht? Die Sache ist die:
-Oline hatte ihn ja damals verwirrt gemacht und eine Ziege verleugnet,
-obgleich alle Ziegen dagewesen waren. Damals war er tüchtig ins Zeug
-gefahren, es war aber nichts dabei herausgekommen. Bei einem Streit mit
-Oline kam nie etwas heraus. Als er im Herbst schlachten wollte, hatte
-er gleich gemerkt, daß ein Mutterschaf fehlte, aber er hatte nicht das
-Herz gehabt, sofort Rechenschaft dafür zu verlangen, und auch später
-war ihm der Mut dazu nicht gekommen.
-
-Aber heute ist er grimmig, ja, heute ist Isak grimmig, Oline hat ihn
-wütend gemacht. Er zählt die Schafe noch einmal, legt den Zeigefinger
-auf jedes einzelne und zählt laut. -- Oline darf es gern hören, falls
-sie draußen steht und horcht. Und er sagt mit lauter Stimme viel
-Schlechtes über Oline: sie habe eine ganz neue Art, die Schafe zu
-füttern, so daß plötzlich eines verschwinde, ein Mutterschaf! Sie sei
-eine abgefeimte Diebshure, ob sie das verstehe! Oh, Oline dürfe gern
-vor der Tür stehen und einen ordentlichen Schrecken bekommen!
-
-Er schreitet zum Stall hinaus, geht in den Pferdestall und zählt das
-Pferd, von da will er ins Haus gehen und sich aussprechen. Er geht so
-schnell, daß sein Kittel wie ein erregter Kittel von seinem Rücken
-wegsteht. Aber Oline hat vielleicht vom Fenster aus dies und jenes
-gemerkt, sie tritt ruhig und sicher zur Haustür heraus, die Milcheimer
-in den Händen, und will in den Stall gehen.
-
-Was hast du mit dem Mutterschaf mit den flachen Ohren gemacht? fragt
-er. -- Mit dem Mutterschaf? -- Ja, und wenn es hier gewesen wäre, hätte
-es jetzt schon zwei Lämmer; was hast du mit ihm gemacht? Es hatte
-immer zwei Lämmer. Auf diese Weise hast du mir drei Schafe genommen;
-verstehst du das?
-
-Oline ist ganz überwältigt, vollständig vernichtet von der
-Beschuldigung, sie wackelt mit dem Kopf, und ihre Beine scheinen
-unter ihr wegzuschmelzen, so daß sie schließlich umfallen und sich
-einen Schaden antun kann. Aber ihr Kopf überlegt die ganze Zeit, ihre
-Geistesgegenwart hat ihr immer geholfen, hatte ihr immer Vorteile
-gebracht, sie durfte sie auch jetzt nicht verlassen.
-
-Ich stehle Ziegen und ich stehle Schafe, sagt sie still. Ich möchte
-wissen, was ich mit ihnen tue. Ich esse sie wohl auf. -- Ja, das
-weißt du selbst, was du damit tust. -- So, dann müßte ich hier in
-deinem Haus, Isak, nicht Essen und Trinken im Überfluß haben, ich wäre
-gezwungen, mir dazu zu stehlen. Aber das kann ich hinter deinem Rücken
-sagen, daß ich das in all diesen Jahren nicht nötig gehabt habe. --
-Aber was hast du dann mit dem Schaf gemacht? Hat Os-Anders es bekommen?
--- Os-Anders? Oline muß geradezu die Melkeimer abstellen und die Hände
-zusammenschlagen: Wenn ich nur so frei von aller Schuld wäre! Was ist
-denn das für ein Schaf mit seinen Lämmern, von dem du redest? Ist es
-die eine Ziege, die flache Ohren hat? -- Kreatur! sagt Isak und will
-gehen. -- Du bist doch ein komischer Kauz, Isak. Da hast du nun genug
-Vieh von jeder Art und ein wahres Sternenheer von Tieren in deinem
-Stall, aber du hast noch nicht genug! Kann ich wissen, welches Schaf
-und welche Lämmer du von mir verlangst? Du müßtest Gott für seine
-Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied danken. Wenn jetzt dieser
-Sommer und ein Stück vom Winter vorbei sind, dann werfen deine Schafe
-wieder Lämmer, und du bekommst dreimal soviel, als du jetzt hast!
-
-O diese Oline!
-
-Isak ging fort, wie ein Bär brummend. Was für ein Dummkopf war ich,
-daß ich sie nicht am ersten Tag erschlagen habe! sagte er sich und
-warf sich selbst allerlei Schimpfnamen an den Kopf. Was für ein Narr,
-ein Roßdreck war ich doch! Aber es ist noch nicht zu spät, warte nur,
-mag sie in den Stall gehen! Es ist nicht ratsam, an diesem Abend noch
-etwas mit ihr anzufangen, aber morgen, da ist es ratsam. Drei Schafe
-verloren! Kaffee! sagte sie.
-
-
-
-
-10
-
-
-Der nächste Tag sollte ein großes Ereignis bringen: Gäste kamen auf
-die Ansiedlung, Geißler kam. Auf den Mooren war es noch nicht einmal
-Sommer, aber Geißler machte sich nichts aus dem Weg, er kam zu Fuß
-in prächtigen Schaftstiefeln mit breitem lackiertem Umschlag; gelbe
-Handschuhe hatte er an, und er sah vornehm aus. Ein Mann aus dem Dorfe
-trug sein Gepäck.
-
-Er komme nun eigentlich, um eine Strecke Bergland von Isak zu kaufen,
-eine Kupfermine, welchen Preis er dafür verlange? Übrigens könne er
-von Inger grüßen -- eine tüchtige Frau, sehr beliebt; er komme von
-Drontheim und habe sie da gesprochen. Isak, du hast ja hier mächtig
-gearbeitet! -- O ja. So, Ihr habt mit Inger gesprochen? -- Was ist das
-dort drüben? Hast du eine Mühle errichtet? Und mahlst du dein eigenes
-Mehl? Ausgezeichnet. Und du hast sehr viel Boden umgebrochen, seit ich
-das letztemal hier war. -- Und es ging ihr gut? -- Ja, es geht gut. Ach
-so, deiner Frau! Ja, jetzt sollst du hören. Komm, wir wollen in die
-Kammer gehen. -- Nein, es ist nicht so schön drinnen, sagt Oline, aus
-mehreren Gründen abwehrend.
-
-Aber die beiden gingen doch in die Kammer und machten die Tür hinter
-sich zu; Oline stand allein in der Stube und bekam nichts zu hören.
-
-Der Lensmann Geißler setzte sich, schlug sich einmal kräftig auf die
-Knie und saß da mit Isaks Schicksal in der Hand. Du hast doch wohl
-dein Kupferfeld nicht verkauft? fragte er. -- Nein. -- Gut. Ich kaufe
-es. Ja, ich habe mit Inger und mit mehreren andern gesprochen. Sie
-wird gewiß in allernächster Zeit frei, es liegt jetzt beim König. --
-Beim König! -- Beim König. Ich bin zu deiner Frau gegangen, für mich
-hatte es natürlich keine Schwierigkeiten, hineinzukommen, und wir
-haben lange miteinander gesprochen: Nun, Inger, es geht dir ja gut,
-richtig gut? -- Ja, ich habe nichts zu klagen. -- Sehnst du dich nicht
-nach Hause? -- Doch, das kann ich nicht leugnen. -- Du sollst bald
-heimkommen, sagte ich. Und das kann ich dir sagen, Isak, sie ist ein
-tüchtiges Weib; keine Tränen, im Gegenteil, sie lächelte und lachte
--- ihr Mund ist übrigens operiert und zusammengenäht worden. Nun lebe
-wohl, sagte ich zu ihr, du sollst nicht mehr lange hierbleiben, mein
-Wort darauf.
-
-Dann ging ich zum Direktor, es hätte ja nur gefehlt, daß er mich nicht
-empfangen hätte. Sie haben eine Frau hier, die hinaus und wieder heim
-gehört, sagte ich, Inger Sellanraa. -- Inger? versetzte er. Ja, sie
-ist ein guter Mensch, ich würde sie gerne zwanzig Jahre hier behalten,
-sagte er. -- Davon kann keine Rede sein, sagte ich, sie ist schon zu
-lange hier gewesen. -- Zu lange? sagte er. Kennen Sie den Fall? --
-Ja, ich kenne den Fall von Grund aus, ich bin ihr Lensmann gewesen.
--- Bitte, setzen Sie sich, sagte er da. -- Es hätte auch gerade noch
-gefehlt! -- Ja, wir sorgen so gut wie möglich für Inger, sagte der
-Direktor, und auch für ihr kleines Mädchen, jawohl. So, die Frau ist
-also aus Ihrer Gegend? Wir haben ihr zu einer eigenen Nähmaschine
-verholfen, sie hat ihr Gesellenstück in der Werkstatt gemacht, und wir
-haben sie in Verschiedenem unterrichtet; sie hat ordentlich weben,
-ordentlich nähen, färben und schneidern gelernt. Und Sie sagen, sie sei
-schon zu lange hier gewesen? -- Ich wußte wohl, was ich zu antworten
-hatte, aber ich wollte damit noch etwas warten, und so sagte ich: Ja,
-der Fall ist schlecht geführt worden und muß wieder aufgenommen werden,
-jetzt nach der Revision des Strafgesetzes würde sie vielleicht ganz
-freigesprochen werden. Es ist ihr ein Hase zugeschickt worden, als sie
-schwanger war. -- Ein Hase? fragte der Direktor. -- Ein Hase, sagte
-ich. Und das Kind bekam eine Hasenscharte. -- Der Direktor lächelte.
-So also. Ihrer Meinung nach ist also auf diesen Punkt nicht genug
-Rücksicht genommen worden? -- Nein, antwortete ich, dieser Punkt wurde
-gar nicht berührt. -- Nun, das ist wohl auch nicht so gefährlich.
--- Für sie war es gefährlich genug. -- Meinen Sie, ein Hase könne
-Wundertaten verrichten? -- Ich erwiderte: Wieweit ein Hase Wundertaten
-verrichten kann oder nicht, damit will ich Sie nicht unterhalten,
-Herr Direktor. Die Frage ist die, welche Wirkung der Anblick eines
-Hasen unter gewissen Umständen auf eine Frau, die eine Hasenscharte
-hat, haben kann! -- Der Direktor überlegte eine Weile, dann sagte er:
-Ja, ja, aber hier in der Anstalt haben wir die Verurteilten ja nur
-aufzunehmen, wir revidieren das Urteil nicht. Nach dem Urteil ist Inger
-nicht zu lange hier gewesen.
-
-Jetzt kam ich mit dem heraus, was gesagt werden mußte. Bei der
-Inhaftnehmung von Inger Sellanraa sind Fehler gemacht worden. --
-Fehler? -- Erstens hätte sie in dem Zustand, in dem sie war, gar nicht
-transportiert werden dürfen. -- Der Direktor sah mich scharf an. --
-Das ist richtig, sagte er dann. Aber das ist nicht unsere Sache hier
-im Gefängnis. -- Zweitens, fuhr ich fort, hätte sie nicht zwei Monate
-lang in vollem Gewahrsam sein dürfen, bis ihr Zustand der Behörde hier
-am Gefängnis offenbar wurde. Das saß. Der Direktor schwieg lange. --
-Haben Sie Vollmacht, für die Frau zu handeln? fragte er. -- Ja, sagte
-ich. -- Wie gesagt, wir sind hier zufrieden mit Inger und behandeln
-sie auch danach, schwatzte der Direktor, und wieder zählte er auf,
-was Inger alles gelernt habe, ja, sie hätten sie auch schreiben
-gelehrt, sagte er. Und die kleine Tochter hätten sie bei jemand gut
-untergebracht und so weiter. -- Ich erklärte ihm, wie die Verhältnisse
-in Ingers Heim seien: da auch zwei kleine Kinder, gemietete Hilfe, um
-sie zu versorgen, und so weiter. Ich habe eine Darlegung von ihrem
-Manne, sagte ich, die kann beigelegt werden, ob der Fall nun wieder
-aufgenommen werden soll oder ob man für die Frau um Begnadigung
-einkommen will. -- Lassen Sie mich diese Darlegung sehen, sagte der
-Direktor. -- Ich werde sie Ihnen morgen in der Besuchszeit bringen,
-versetzte ich.
-
-Isak hörte aufmerksam zu, das war ergreifend, ein Märchen aus fremdem
-Land. Unverwandt hingen seine Augen an Geißlers Mund.
-
-Geißler erzählte weiter. Ich ging zurück ins Gasthaus und setzte eine
-Darlegung auf, ich machte die Sache zu der meinigen und unterschrieb
-Isak Sellanraa. Aber du mußt ja nicht glauben, ich hätte ein Wort
-davon verlauten lassen, daß im Gefängnis etwas Unrichtiges gemacht
-worden sei. Keine Silbe davon! Rührte nicht daran. Und am nächsten
-Tage brachte ich das Dokument hin. -- Bitte setzen Sie sich! sagte der
-Direktor sofort. Er las meine Darlegung, nickte ab und zu, schließlich
-sagte er: Ausgezeichnet. Sie genügt zwar nicht zur Wiederaufnahme des
-Falles, aber ... -- Doch, mit einer Beilage, die ich ebenfalls hier
-habe, sagte ich, und ich traf da wieder recht gut. Der Direktor beeilte
-sich zu sagen: Ich habe mir die Sache seit gestern überlegt und finde
-gute Gründe dafür, ein Gesuch um Begnadigung für Inger einzureichen. --
-Das Sie im gegebenen Fall unterstützen werden, Herr Direktor? fragte
-ich. -- Ich werde es befürworten, es warm befürworten. -- Da verbeugte
-ich mich und sagte: Dann ist die Begnadigung sicher. Ich danke Ihnen im
-Namen eines unglücklichen Mannes und eines verlassenen Hauses. -- Ich
-glaube nicht, daß wir weitere Auskunft aus Ihrem Heimatort einzuholen
-brauchen, sagte der Direktor, Sie kennen sie ja? -- Ich erriet wohl,
-warum die Sache sozusagen in aller Stille abgemacht werden sollte, und
-erwiderte: Die Auskunft von daheim würde die Sache nur in die Länge
-ziehen.
-
-Da hast du die ganze Geschichte, Isak. -- Geißler sah auf seine
-Uhr. Und nun zur Sache selbst! Kannst du mich noch einmal nach dem
-Kupferberg begleiten?
-
-Isak war ein Stein und ein Klotz, er konnte nicht so augenblicklich von
-einem zum andern überspringen. Aufs höchste verwundert und in tiefe
-Gedanken versunken, saß er da; dann stellte er noch allerlei Fragen.
-Er erfuhr, daß das Gesuch an den König abgegangen war und in einer der
-ersten Sitzungen des Staatsrats entschieden werden konnte! Wunderbar!
-sagte er.
-
-Sie gingen auf den Berg. Geißler, sein Begleiter und Isak, und sie
-blieben ein paar Stunden weg. In dieser kurzen Zeit verfolgte Geißler
-den Lauf der Kupferader über einen langen Berg hin und steckte die
-Grenzen für den Bereich ab, den er kaufen wollte. Wie ein Wiesel lief
-er. Aber dumm war der Mann nicht, sein rasches Urteil war merkwürdig
-sicher.
-
-Als er auf den Hof zurückkam -- mit einem Sack voll neuer
-Gesteinsproben --, bat er um Feder und Tinte und Papier und setzte
-sich zum Schreiben hin. Aber er schrieb nicht immerfort eilig, sondern
-plauderte auch dazwischen: Ja, Isak, große Summen bekommst du diesmal
-nicht für deinen Berg, aber ein paar hundert Taler kannst du haben!
-Dann schrieb er wieder. Vergiß nicht, mich daran zu erinnern, daß
-ich auch noch deine Mühle ansehen will, ehe ich gehe, sagte er. Dann
-fielen ihm einige rote und blaue Striche an dem Webstuhl auf, und er
-sagte: Wer hat das gezeichnet? -- Ja, Eleseus hatte ein Pferd und einen
-Bock gezeichnet, er versuchte sich mit seinem bunten Bleistift auf
-dem Webstuhl und anderem Holzwerk, weil er kein Papier hatte. Geißler
-sagte: Das ist gar nicht schlecht gemacht, und schenkte Eleseus eine
-Münze.
-
-Wieder schrieb Geißler eine Weile, dann sagte er: Es werden jetzt
-wohl bald mehrere neue Ansiedler durchs Ödland hier heraufkommen!
--- Sein Begleiter fiel ein: Sie sind schon gekommen. -- Wer denn?
--- Vorerst ist da Breidablick, wie sie es nennen, der Brede auf
-Breidablick drunten. -- Ach der! lächelte Geißler verächtlich. --
-Jawohl, und dann haben noch ein paar andere Grund und Boden gekauft.
--- Wenn sie nur etwas taugen, sagte Geißler. Und da er in demselben
-Augenblick entdeckte, daß zwei kleine Jungen in der Stube waren,
-zog er Klein-Sivert zu sich heran und gab auch ihm eine Münze. Ein
-merkwürdiger Mann, dieser Geißler! Jetzt waren überdies seine Augen
-wie etwas entzündet, die Ränder waren wie von rotem Reif umgeben. Das
-konnte von Nachtwachen kommen, manchmal kommt aber so etwas auch von
-starken Getränken. Aber er machte nicht den Eindruck, als gehe es
-bergab mit ihm; während er so über alles mögliche schwatzte, dachte er
-gewiß die ganze Zeit an das Dokument vor sich, denn plötzlich ergriff
-er rasch die Feder wieder und schrieb ein Stück weiter.
-
-Jetzt schien er fertig zu sein.
-
-Er wendete sich an Isak. Ja, wie gesagt, ein reicher Mann wirst du
-nicht bei diesem Geschäft. Aber es kann später noch mehr werden. Wir
-wollen es so aufsetzen, daß du später mehr bekommst. Zweihundert kannst
-du jedoch jetzt gleich haben.
-
-Isak verstand nicht viel vom Ganzen, aber zweihundert Taler, das war
-jedenfalls wieder ein Wunder und eine großartige Bezahlung. Er würde
-sie wohl nur auf dem Papier bekommen, natürlich nicht bar, aber es war
-ihm auch so recht; er hatte ganz anderes im Kopf und fragte: Und Ihr
-glaubt, daß sie begnadigt wird? -- Deine Frau? Wenn ein Telegraph im
-Dorf wäre, dann würde ich in Drontheim anfragen, ob sie nicht schon
-frei ist, antwortete Geißler. -- Isak hatte wohl vom Telegraphen reden
-hören; das war etwas Merkwürdiges, ein Draht auf hohen Stangen, etwas
-Überirdisches -- jetzt schlich sich fast etwas wie Mißtrauen gegen
-Geißlers große Worte in sein Herz, und er wendete ein: Aber wenn
-es der König abschlägt? -- In dem Fall schicke ich meine Beilage zu
-der Darlegung ein, die alles enthält, und dann _muß_ deine Frau frei
-werden. Zweifle nicht daran!
-
-Dann las er vor, was er geschrieben hatte, den Kaufvertrag für den
-Berg, zweihundert Taler in die Hand und später ordentlich hohe
-Prozente beim Betrieb oder bei einem Weiterverkauf des Kupferfundes.
-Unterschreib, hier! sagte Geißler.
-
-Isak würde augenblicklich unterschrieben haben, aber er war kein
-Schriftkundiger, sein ganzes Leben lang hatte er nur Buchstaben in Holz
-geschnitten. Ach, und da stand die abscheuliche Oline und sah zu! Er
-ergriff die Feder, diesen Greuel von einem leichten Ding, neigte das
-richtige Ende nach unten und _schrieb_ -- schrieb seinen Namen. Danach
-setzte Geißler noch etwas darunter, vermutlich eine Erklärung, und sein
-Begleiter unterschrieb als Zeuge.
-
-Fertig.
-
-Aber immer noch blieb Oline unbeweglich stehen, ja, eigentlich wurde
-sie jetzt erst steif. Was würde geschehen?
-
-Stell das Essen auf den Tisch, Oline! sagte Isak, und er war vielleicht
-ein wenig hochmütig, seit er auf Papier geschrieben hatte. Ihr müßt
-eben vorliebnehmen, wie wir es haben! sagte er zu Geißler.
-
-Es riecht gut nach Fleisch und Brühe, sagte Geißler. Da sieh her, Isak,
-hier ist das Geld! -- Damit zog Geißler sein Taschenbuch heraus, das
-dick und strotzend war, er nahm zwei Bündel Banknoten heraus, zählte
-sie und legte sie auf den Tisch: Zähl selbst! sagte er.
-
-Schweigen. Stille.
-
-Isak! rief Geißler.
-
-Ja. Na ja, sagte Isak, und er murmelte überwältigt: Das ist nun nicht
-mein Anspruch -- nach allem, was Ihr schon getan habt. -- Es müssen
-zehn Zehner und zwanzig Fünfer sein, sagte Geißler kurz. Ich hoffe, es
-wird einmal viel mehr für dich herauskommen.
-
-Da kam Oline wieder zu sich. Das Wunder war geschehen. Sie stellte das
-Essen auf den Tisch.
-
-Am nächsten Morgen ging Geißler nach dem Flusse und besah sich die
-Mühle. Alles war klein und roh zusammengezimmert, ja, es war wie eine
-Mühle für die Unterirdischen, aber stark und nützlich zum Gebrauch für
-Menschen. Isak führte seinen Gast noch etwas weiter den Fluß hinauf und
-zeigte ihm eine zweite Stromschnelle, wo er auch schon etwas gearbeitet
-hatte; es sollte ein kleines Sägewerk werden, wenn ihm Gott die
-Gesundheit erhielt.
-
-Das einzige ist, daß wir hier so weit von der Schule entfernt sind,
-sagte er. Ich muß die Jungen drunten im Dorf in Kost geben. -- Der
-bewegliche Geißler sah darin keine größere Unannehmlichkeit. Gerade
-jetzt lassen sich immer mehr Ansiedler hier in dieser Gegend nieder,
-und dann kommt eine Schule her. -- Ach, das kommt wohl erst so weit,
-wenn meine Kleinen groß sind. -- Und was tut's, wenn du sie drunten
-unterbringst? Du fährst mit den Jungen und mit Lebensmitteln hinunter
-und holst sie nach drei oder sechs Wochen wieder ab, das ist doch gar
-nichts für dich. -- Nein.
-
-Nein, eigentlich war es gar nichts, wenn Inger jetzt heim kam. Haus und
-Hof, Nahrung und sonst viel Schönes hatte er, viel Geld hatte er also
-jetzt auch und dazu eine eiserne Gesundheit. O diese Gesundheit, stark
-und ungeschwächt in jeder Beziehung, die Gesundheit eines ganzen Mannes!
-
-Als Geißler abgezogen war, begann Isak über viele hoffärtige Dinge
-nachzudenken. Jawohl, denn dieser gute Geißler hatte zum Schlusse noch
-die aufmunternden Worte gesagt, daß er Isak gleich Nachricht schicken
-wolle, sobald er zum Telegraphen komme. In vierzehn Tagen kannst du
-drunten auf der Post einmal nachfragen, hatte er gesagt. Das allein war
-schon etwas Großen, und Isak machte sich nun daran, eine Sitzbank auf
-seinem Karren zu verfertigen. Wahrhaftig einen Wagenstuhl, der zu den
-Feldarbeiten abgenommen, aber wieder aufgesetzt wurde, wenn man ins
-Dorf fuhr. Als jedoch der Wagenstuhl fertig war, sah er so weiß und
-neu aus, daß er etwas dunkler angestrichen werden mußte. Und außerdem,
-was war nicht alles zu machen! Der ganze Hof mußte angestrichen
-werden. Hatte Isak nicht schon seit Jahren daran gedacht, eine große
-Scheuer mit einer Einfahrtsbrücke zu bauen, um das Heu in den oberen
-Raum hineinfahren zu können? Und hatte er nicht das Sägewerk bald
-fertigstellen, sein ganzes Grundstück einfriedigen und ein Boot für den
-Gebirgssee bauen wollen? Vieles hatte er sich vorgenommen. Aber es half
-alles nichts, und wenn er auch seine Kräfte vertausendfachen könnte,
-die _Zeit_ reichte nicht aus. Es war Sonntag, ehe er sich's versah, und
-gleich darauf war es schon wieder Sonntag.
-
-Aber anstreichen wollte er jedenfalls. Die Häuser standen ja jetzt so
-nackt und grau da wie Häuser in Hemdärmeln. Er hatte noch Zeit vor der
-Feldarbeit, es war ja noch gar nicht eigentlich Frühling, das Kleinvieh
-war zwar schon draußen, aber der Boden war noch überall gefroren.
-
-Isak packt einige Mandeln Eier ein, um sie zu verkaufen, geht ins Dorf
-und kehrt mit Ölfarbe zurück. Sie reichte zu einem Gebäude, zu der
-Scheune, diese wurde rot angestrichen. Er holt neue Farbe und gelben
-Ocker fürs Wohnhaus. -- Ja, es ist, wie ich sage, hier wird's jetzt
-vornehm, murmelt Oline täglich. O Oline, sie merkte wohl, daß ihre Zeit
-auf Sellanraa bald zu Ende sein würde, sie war zäh und stark genug, es
-zu ertragen, aber doch nicht ohne Bitterkeit. Isak seinerseits hielt
-nun keine Abrechnung mehr mit ihr, obgleich sie in der letzten Zeit
-gehörig stahl und unterschlug. Isak schenkte ihr sogar einen jungen
-Widder, denn sie war ja eigentlich jetzt schon recht lange um wenig
-Lohn bei ihm. Übrigens war Oline auch nicht schlecht gegen seine Kinder
-gewesen; sie war nicht streng und rechtschaffen und dergleichen, aber
-sie hatte eine bequeme Art für die Kinder, gab Rede und Antwort, wenn
-sie fragten, und erlaubte ihnen fast alles. Kamen sie herbei, wenn sie
-Käse machte, dann durften sie versuchen, und wenn sie an einem Sonntag
-einmal vor dem Gesichtwaschen auskneifen wollten, dann ließ sie sie
-laufen.
-
-Als die Häuser mit der Grundfarbe angestrichen waren, holte Isak im
-Dorf so viel Farbe, als er nur tragen konnte, und das war nicht wenig.
-Dreimal strich er die Häuser an, und die Fensterkreuze und -rahmen
-machte er weiß. Wenn er jetzt aus dem Dorfe zurückkam und sein Heim
-da auf der Halde sah, war es ihm, als sehe er das Märchenschloß Soria
-Moria vor sich! Das Ödland war bebaut und nicht mehr zu erkennen, Segen
-ruhte darauf, Leben war entstanden aus einem langen Traum, Menschen
-lebten da, Kinder spielten um die Häuser her. Bis hinauf zu den blauen
-Bergen dehnte sich schöner großer Wald aus.
-
-Und als Isak wieder einmal zum Kaufmann kam, gab dieser ihm
-einen blauen Brief mit einem Wappen drauf, und der Brief kostete
-fünf Schilling. Der Brief war ein Telegramm, das mit der Post
-weitergeschickt worden war, und es war vom Lensmann Geißler. Nein,
-dieser Geißler, was für ein merkwürdiger Mensch war er doch! Er
-telegraphierte die wenigen Worte: Inger frei, kommt baldigst, Geißler.
-
-Aber jetzt drehte sich der Kaufladen im Kreise vor Isak, und es
-war, als wichen der Ladentisch und die Menschen weit, weit in den
-Hintergrund zurück. Er fühlte mehr, als er es vernahm, daß er sagte:
-Gott sei Lob und Dank! -- Du kannst sie möglicherweise schon morgen
-hier haben, wenn sie zeitig genug von Drontheim abgereist ist. -- So,
-sagte Isak.
-
-Er wartete bis zum nächsten Tag. Das Boot, das die Post von der
-Dampfschiffstation mitbrachte, kam allerdings, aber Inger war nicht an
-Bord. -- Dann kann sie erst in der nächsten Woche hier sein, sagte der
-Kaufmann.
-
-Es war fast gut, daß Isak so viel Zeit vor sich hatte, denn es war
-noch sehr viel zu tun. Sollte er alles vergessen und seine Felder
-vernachlässigen? Er geht heim und fährt den Dung hinaus. Das ist
-bald geschehen. Er sticht mit dem Spaten in die Erde und verfolgt
-das Auftauen von Tag zu Tag. Die Sonne steht jetzt kräftig und groß
-am Himmel, der Schnee ist verschwunden, es grünt überall, auch das
-Rindvieh ist aus dem Stalle. An einem Tag pflügt Isak, ein paar Tage
-darauf sät er sein Korn und legt Kartoffeln. Die kleinen Jungen legen
-die Kartoffeln wie mit Engelshänden, sie haben sehr geschickte Hände
-und kommen dem Vater weit voraus.
-
-Dann wäscht Isak seinen Wagen am Fluß und befestigt den Sitz darauf.
-Dann spricht er mit den Kindern von einem Ausflug, den er nach dem
-Dorfe machen müsse. -- Aber gehst du denn nicht zu Fuß? fragen sie. --
-Nein, ich habe die Absicht, diesmal mit Wagen und Pferd zu fahren. --
-Dürfen wir nicht auch mitfahren? -- Nein, ihr müßt artige Jungen sein
-und diesmal zu Hause bleiben. Jetzt kommt eure Mutter heim, und dann
-könnt ihr vieles bei ihr lernen. -- Eleseus, der gerne lernen will,
-fragt: Als du damals auf Papier geschrieben hast, wie war denn das? --
-Ich habe es fast nicht gefühlt, antwortete der Vater, es ist, als sei
-die Hand ganz leer dabei. -- Will sie nicht davonlaufen, gerade wie auf
-dem Eis? -- Wer? -- Die Feder, mit der du geschrieben hast? -- O doch.
-Jawohl, aber man muß eben lernen, sie zu lenken.
-
-Der kleine Sivert jedoch war von anderer Art und sagte nichts von der
-Feder, er wollte aufsitzen, wollte nur auf dem Wagenbrett sitzen, einen
-unbespannten Wagen antreiben und ungeheuer schnell fahren. Er brachte
-es so weit, daß der Vater beide Jungen ein großes Stück Wegs mitfahren
-ließ.
-
-
-
-
-11
-
-
-Isak fährt, bis er an ein Moorloch kommt. Da hält er an. Ein schwarzes,
-tiefes Moorloch, die blaue Wasserfläche liegt regungslos da; Isak
-wußte, wozu sie gut war, er hatte wohl kaum je in seinem Leben einen
-anderen Spiegel gebraucht als ein solches Moorloch. Seht, er ist heute
-in seinem roten Hemd sehr hübsch und ordentlich angezogen, jetzt
-zieht er eine Schere heraus und schneidet sich den Bart. Der eitle
-Mühlengeist, wollte er sich geradezu prachtvoll machen und sich von
-seinem fünf Jahre alten Vollbart trennen? Er schneidet und schneidet
-und besieht sich im Wasser. Natürlich hätte er diese Arbeit heute auch
-daheim verrichten können; aber er scheute sich vor Oline, es war schon
-sehr viel gewesen, daß er gerade vor ihrer Nase das rote Hemd angezogen
-hatte. Er schert und schert, ein gutes Teil Barthaare fallen auf den
-Spiegel. Als das Pferd nicht länger ruhig stehen will, hört er auf und
-erklärt sich für fertig. O jawohl, er fühlt sich bedeutend jünger. --
-Ja zum Kuckuck, wenn er es verstand, auch bedeutend schlanker sogar.
-
-Dann fährt er ins Dorf.
-
-Am nächsten Tag kommt das Boot. Isak sitzt auf einem Felsblock neben
-dem Schuppen des Kaufmanns und späht hinaus, aber auch diesmal
-erscheint Inger nicht. Lieber Gott, es stiegen ziemlich viel Reisende
-aus, Erwachsene und Kinder, aber Inger war nicht darunter. Isak hatte
-sich im Hintergrund gehalten, sich auf diesen Felsblock gesetzt, nun
-hatte er keinen Grund mehr, noch länger da sitzenzubleiben, und so
-ging er zum Boot hin. Immer noch kamen Kisten und Tonnen, Leute und
-Postsachen aus dem Achtriemer heraus, aber Isak sah Inger nicht.
-Dagegen sah er eine Frau mit einem kleinen Mädchen, die schon drüben an
-der Tür des Bootshauses stand, aber die Frau war hübscher als Inger,
-obgleich Inger nicht häßlich war. -- Aber wie -- das _war_ ja Inger.
-Hm! sagte Isak und eilte hinüber. Sie begrüßten einander; Inger sagte
-guten Tag und reichte ihm die Hand, etwas erkältet und blaß noch von
-der Seekrankheit und der Reise. Isak stand ganz still da, schließlich
-sagte er: Ja, es ist recht schönes Wetter! -- Ich habe dich gut dort
-drüben gesehen, sagte Inger, aber ich wollte mich nicht durchdrängen.
-Bist du heute ohnedies im Dorf? fragte sie. -- Ja. Hm. -- Es geht
-euch allen doch wohl gut? -- Ja, danke der Nachfrage. -- Dies ist die
-Leopoldine, sie ist auf der Reise viel wohler gewesen als ich. Sieh,
-das ist dein Vater, nun mußt du deinen Vater begrüßen, Leopoldine. --
-Hm! sagte Isak auch jetzt wieder; es war ihm höchst sonderbar zumute,
-oh, er war ein Fremder unter ihnen. -- Inger sagte: Wenn du am Boot
-drunten eine Nähmaschine siehst -- sie gehört mir. Und dann habe ich
-noch eine Kiste. -- Isak ging sofort; mehr als gerne ging er. Die
-Bootsleute zeigten ihm die Kiste, aber wegen der Nähmaschine mußte
-Inger selbst kommen und sie heraussuchen. Es war ein schöner Kasten von
-unbekannter Form, mit einem runden Deckel und einem Henkel zum Tragen
--- eine Nähmaschine in dieser Gegend! Isak lud sich die Kiste und die
-Nähmaschine auf und sagte zu seiner Familie: Ich laufe rasch mit diesem
-hinauf ins Dorf, komme aber gleich wieder und trage dann sie, sagte
-er. -- Wen tragen? fragte Inger lächelnd. Meinst du, das große Mädchen
-könne nicht gehen?
-
-Sie gingen miteinander zu dem Pferd und dem Wagen hin. Hast du ein
-neues Pferd gekauft? fragte Inger. Und hast du einen Wagen mit
-einem Wagenstuhl? -- Ja, das versteht sich. Doch was ich sagen
-wollte: Möchtest du nicht erst ein wenig essen? Ich habe Mundvorrat
-mitgebracht. -- Das kann warten, bis wir das Dorf hinter uns haben,
-sagte sie. Was meinst du, Leopoldine, kannst du allein da sitzen? --
-Aber das wollte der Vater nicht leiden. Nein, sie könnte auf die Räder
-herunterfallen. Setz du dich mit ihr hinauf und nimm selbst die Zügel.
-
-So fuhren sie ab, und Isak ging hinter dem Wagen her.
-
-Er betrachtete die beiden auf dem Wagen. Da war nun Inger gekommen,
-fremd nach Anzug und Aussehen, vornehm, ohne Hasenscharte, nur mit
-einem roten Streifen auf der Oberlippe. Sie zischte nicht mehr, das war
-das Merkwürdige, sie sprach ganz rein. Ein grau und rot gestreiftes
-wollenes Kopftuch mit Fransen daran sah prachtvoll aus zu ihrem dunklen
-Haar. Sie wendete sich auf dem Sitz um und sagte: Es wäre gut, wenn du
-ein Fell mitgebracht hättest, es kann heute abend kühl für das Kind
-werden. -- -- Sie kann meine Jacke haben, und wenn wir erst im Wald
-sind, so ist dort ein Fell, ich habe es dort hinterlegt. -- So, du hast
-ein Fell im Wald! -- Ja, ich habe es nicht den ganzen Weg auf dem Wagen
-mitnehmen wollen, falls ihr heute nicht gekommen wäret. -- So. Was
-hast du gesagt, geht es den beiden Jungen auch gut? -- Jawohl, danke
-der Nachfrage. -- Sie werden jetzt groß sein, das kann ich mir denken.
--- Ja, daran fehlt's nicht. Sie haben jetzt gerade die Kartoffeln
-gelegt. -- Ach so, sagte die Mutter und schüttelte den Kopf. Können sie
-schon Kartoffeln legen? -- Eleseus geht mir bis hierher und Sivert bis
-hierher, versetzte Isak und maß an sich.
-
-Die kleine Leopoldine bat um etwas zu essen. Ach, das nette kleine
-Geschöpf, ein Marienkäferchen auf einem Fuhrwerk. Sie sprach mit einem
-singenden Tonfall, in einer merkwürdigen Sprache von Drontheim, der
-Vater mußte es sich bisweilen übersetzen lassen. Sie hatte dieselben
-Züge wie die Jungen, die braunen Augen und die länglichen Wangen,
-die alle drei Kinder von der Mutter geerbt hatten; die Kinder waren
-der Mutter Kinder, und das war gut so! Isak war seinem Töchterchen
-gegenüber ein wenig schüchtern, angesichts ihrer kleinen Schuhe, der
-langen dünnen Wollstrümpfe und des kurzen Kleides! Als sie den fremden
-Vater begrüßte, hatte sie sich verneigt und ihm ein winziges Händchen
-hingereicht.
-
-Im Walde angekommen, rasteten sie und aßen, das Pferd bekam sein
-Futter, und Leopoldine hüpfte mit ihrem Brot in der Hand im Heidekraut
-umher.
-
-Du hast dich nicht sehr verändert, sagte Inger, indem sie ihren Mann
-betrachtete. -- Isak sah auf die Seite und antwortete: So, meinst du?
-Aber du bist sehr vornehm geworden! -- Haha! Nein, ich bin jetzt alt,
-erwiderte sie so recht scherzhaft. -- Es war offenbar, Isak fühlte sich
-nicht recht sicher, er blieb zurückhaltend, war wie verschüchtert. Wie
-alt war wohl seine Frau? Sie konnte nicht jünger als dreißig sein --
-das heißt, sie konnte nicht mehr sein, unmöglich. Und obgleich Isak
-aß, riß er doch ein Zweiglein Heidekraut ab und kaute auch daran. Was,
-ißt du auch Heidekraut? rief Inger lachend. Isak warf das Heidekraut
-weg und steckte einen Bissen in den Mund, dann ging er hin und hob das
-Pferd vorne in die Höhe. Inger folgte diesem Auftritt mit Erstaunen,
-sie sah, daß das Pferd auf zwei Beinen stand. -- Warum tust du das?
-fragte sie. -- Es ist so zutraulich, sagte er von dem Pferd und ließ es
-wieder los. Warum hatte er das nur getan? Er hatte wohl eine mächtige
-Lust dazu verspürt. Vielleicht hatte er seine Verlegenheit dahinter
-verbergen wollen.
-
-Dann brachen sie wieder auf, und alle drei gingen eine Strecke zu
-Fuß. Eine Ansiedlung kam in Sicht. Was ist das? fragte Inger. -- Das
-ist Bredes Grundstück, er hat es gekauft. -- Brede? -- Und es heißt
-Breidablick! Es sind große Moore da, aber wenig Wald. -- Als sie an
-Breidablick vorbei waren, sprachen sie weiter darüber, Isak aber hatte
-gesehen, daß Bredes Wagen unter freiem Himmel stand.
-
-Doch jetzt wurde das Kind schläfrig, da nahm der Vater es fürsorglich
-auf den Arm und trug es. Sie wanderten weiter, Leopoldine war bald
-eingeschlafen, und Inger sagte: Nun legen wir sie in dem Fell auf den
-Wagen, dann kann sie schlafen, solange sie will. -- Sie wird da so sehr
-gerüttelt, meinte der Vater und wollte sie lieber tragen. Sie kommen
-über das Moor und in den Wald hinein, und Ptro sagt Inger. Sie hält
-das Pferd an, nimmt Isak das Kind ab und sagt, er solle die Kiste und
-die Nähmaschine zusammenrücken, dann könne Leopoldine hinten im Wagen
-liegen. Da wird sie gar nicht geschüttelt und gerüttelt, was ist das
-für Unsinn! -- Isak tut, wie sie sagt, hüllt seine kleine Tochter in
-das Fell und schiebt ihr seine Jacke unter den Kopf. Dann fahren sie
-weiter.
-
-Der Mann und die Frau gehen zu Fuß und reden von Verschiedenem. Die
-Sonne scheint bis spät am Abend, und das Wetter ist warm. Oline --
-wo schläft sie für gewöhnlich? fragt Inger. -- In der Kammer. -- So,
-und die Buben? -- Die liegen in ihrem eigenen Bett in der Stube.
-Es sind zwei Bettladen in der Stube, noch genau so wie damals, als
-du fortgegangen bist. -- Ich betrachte dich immerfort, sagt Inger,
-du siehst genau so aus wie früher. Und allerlei Lasten haben deine
-Schultern durchs Ödland heraufgetragen, aber sie sind darum nicht
-schwächer geworden. -- O nein. Aber was ich sagen wollte: ist es dir in
-allen den Jahren erträglich gegangen? -- Oh, Isak war ganz bewegt, bei
-dieser Frage zitterte ihm die Stimme. Inger antwortete, ja, sie könne
-nicht klagen.
-
-Es kam zu einer gefühlvollen Aussprache zwischen ihnen, und Isak
-fragte, ob sie nicht müde sei und lieber fahren wolle. -- Nein, danke,
-antwortete Inger. Aber ich weiß nicht, was mit mir ist, seit sich die
-Seekrankheit ganz verzogen hat, bin ich immerfort hungrig. -- Möchtest
-du noch etwas essen? -- Ja, wenn ich uns nicht zu sehr aufhalte. O
-diese Inger, sie selbst war wohl nicht hungrig, aber sie gönnte Isak
-noch etwas, er hatte ja seine letzte Mahlzeit mit dem Heidekrautstengel
-unterbrochen.
-
-Da der Abend warm und hell war und sie noch einen weiten Weg vor sich
-hatten, fingen sie wieder an zu essen.
-
-Inger holte ein Paket aus ihrer Kiste heraus und sagte: Ich habe ein
-paar Sachen für die kleinen Buben. Komm, wir wollen zu dem Gebüsch
-hinübergehen, da ist es sonnig. -- Sie setzten sich unter das Gebüsch,
-und Inger zeigte die Sachen für die Jungen: hübsche Hosenträger mit
-Schnallen daran, Schreibbücher mit Vorschriften darin, für jeden einen
-Bleistift, ein Taschenmesser für jeden. Für sich selbst hatte sie ein
-ausgezeichnetes Buch. Hier sieh, mein Name steht darauf, es ist ein
-Andachtsbuch. Sie hatte es von dem Direktor zur Erinnerung bekommen.
-Isak bewunderte alles mit leisen Worten. Sie zeigte auch eine Anzahl
-Kragen, die Leopoldine gehörten, und Isak gab sie ein schwarzes, wie
-Seide glänzendes Halstuch. -- Soll ich das haben? fragte er. -- Ja, das
-bekommst du. -- Isak nahm es vorsichtig in die Hand und strich darüber
-hin. -- Ist es nicht hübsch? -- Ach, hübsch! Damit könnte ich in der
-ganzen Welt umherreisen! Aber seine Finger waren so rauh, daß sie an
-der merkwürdigen Seide überall hängen blieben.
-
-Jetzt hatte Inger nichts mehr vorzuweisen, aber als sie wieder
-zusammenpackte, saß sie so, daß ihre Waden in den rotgestreiften
-Strümpfen zum Vorschein kamen. -- Hm! Das sind wohl Stadtstrümpfe?
-fragte er. -- Ja, es ist Garn aus der Stadt, aber ich habe sie selbst
-geknüpft -- gestrickt, wie wir dort sagten. Es sind ganz lange
-Strümpfe, bis über die Knie, sieh her ... Kurz darauf hörte sie sich
-selbst flüstern: Du -- du bist noch ganz derselbe -- wie früher!
-
-Eine Weile später fuhren sie weiter, Inger sitzt jetzt droben und lenkt
-das Pferd. Ich habe auch ein Paket Kaffee mitgebracht, sagt sie, aber
-heute abend kannst du ihn nicht mehr versuchen, denn er ist noch nicht
-gebrannt. -- Du sollst dich auch nicht damit plagen, erwidert er.
-
-Wieder nach einer Weile ist die Sonne untergegangen, und es wird kühl.
-Inger will absteigen und gehen. Sie decken Leopoldine dichter mit dem
-Fell zu und lächeln darüber, daß sie so lange schlafen kann. Dann
-unterhalten sich Mann und Frau wieder im Weitergehen. Es ist ein wahres
-Vergnügen, Inger jetzt sprechen zu hören, niemand hätte besser sprechen
-können, als Inger jetzt sprach.
-
-Haben wir nicht vier Kühe? fragt sie. -- O nein, wir haben jetzt mehr,
-antwortet er stolz, wir haben acht. -- _Acht_ Kühe! -- Ja, wenn man den
-Stier mitrechnet. -- Habt ihr Butter verkauft? -- O ja, und Eier. --
-Haben wir denn auch Hühner? -- Ja, das versteht sich. Und ein Schwein.
--- Inger muß sich über die Maßen verwundern, sie kann das Gehörte kaum
-fassen und hält einen Augenblick das Pferd an: Ptro! Und Isak ist stolz
-und legt es darauf an, sie ganz zu überwältigen. Der Geißler, sagt er,
-du weißt, der Geißler, der ist vor kurzem hier gewesen. -- So? -- Ja,
-und er hat uns einen Kupferberg abgekauft. -- So, was ist denn das,
-ein Kupferberg? -- Ein Berg aus Kupfer. Er liegt droben im Gebirge
-an der ganzen Nordseite des Sees. -- So. Und das ist etwas, für das
-du eine Bezahlung bekommen hast? -- Jawohl, der Geißler ist nicht der
-Mann, der nicht bezahlt. -- Was hast du bekommen? -- Hm. Du wirst es
-nicht glauben wollen, aber es sind zweihundert Taler. -- Die hast du
-bekommen! ruft Inger und hält wieder einen Augenblick das Pferd an:
-Ptro! -- Habe ich bekommen, jawohl. Und den Hof habe ich auch längst
-bezahlt. -- Ach, du bist großartig!
-
-Es war in Wahrheit ein Vergnügen, Inger in Verwunderung zu setzen und
-sie zu einer reichen Frau zu machen; deshalb fügte Isak noch hinzu, daß
-er auch weder beim Kaufmann noch bei sonst jemand Schulden stehen habe.
-Und er habe nicht allein Geißlers zweihundert Taler noch unberührt
-daliegen, sondern noch mehr, noch hundertsechzig Taler darüber. Sie
-hätten also allen Grund, Gott dankbar zu sein. Sie sprachen noch
-weiter von Geißler, und Inger konnte Aufklärung über das geben, was
-er für ihre Freilassung getan hatte. Es war doch nicht alles so glatt
-gegangen; er hatte lange damit zu tun gehabt und war sehr oft beim
-Direktor gewesen. Geißler hatte auch ein Schreiben an die Staatsräte
-selbst oder an einige andere von der Behörde geschickt, aber das hatte
-er hinter dem Rücken des Direktors getan, und als der Direktor das
-erfuhr, war er böse geworden und hatte sich gekränkt gefühlt, was ja
-auch nicht anders zu erwarten gewesen war. Aber Geißler hatte sich
-dadurch nicht einschüchtern lassen, er verlangte ein neues Verhör und
-ein neues Gerichtsverfahren und alles miteinander. Und da hatte der
-König unterschreiben müssen.
-
-Der frühere Lensmann Geißler war für diese beiden Menschen immer ein
-guter Herr gewesen, und sie hatten sich oft besonnen, aus welchem
-Grunde er es wohl getan haben mochte, er hatte alles miteinander um
-den einfachen Dank getan, es war nicht zu begreifen. Inger hatte in
-Drontheim mit ihm gesprochen, war aber dadurch nicht klüger geworden.
-Alle andern in der Gemeinde sind ihm ganz einerlei, ausgenommen wir,
-erklärte Inger. -- Hat er das gesagt? -- Ja, er ist wütend auf die
-Gemeinde hier. Und er werde es ihr schon noch zeigen! sagte er. -- So.
--- Und sie würden es schon noch bereuen, daß sie ihn verloren hätten,
-sagte er.
-
-Jetzt kamen sie aus dem Wald heraus, und da lag Sellanraa vor ihnen. Es
-waren mehr Gebäude als früher, die Häuser waren hübsch angestrichen;
-Inger kannte sich nicht mehr aus und hielt jäh an: Du willst doch nicht
-sagen, daß das da -- daß das da bei uns ist! rief sie aus.
-
-Die kleine Leopoldine erwachte endlich und richtete sich auf. Sie war
-ganz ausgeruht, wurde heruntergehoben, durfte zu Fuß gehen! Gehen wir
-dorthin? fragte sie. -- Ja, ist es nicht schön?
-
-Drüben am Haus bewegten sich kleine Gestalten; das waren Eleseus und
-Sivert, die Ausguck hielten, nun kamen sie dahergelaufen. Inger schien
-plötzlich erkältet zu sein, sie hatte heftigen Husten und Schnupfen.
-Ja, die Erkältung zog ihr sogar in die Augen, sie standen voll Wasser.
-Man erkältet sich so leicht an Bord, ganz nasse Augen bekommt man vor
-lauter Schnupfen.
-
-Aber als die kleinen Burschen näher herankamen, hielten sie mitten in
-ihrem Lauf inne und starrten nur noch. Wie ihre Mutter aussah, das
-hatten sie vergessen, und ihre kleine Schwester hatten sie ja noch nie
-gesehen. Aber der Vater -- ihn erkannten sie erst wieder, als er ganz
-nahe herangekommen war. Er hatte sich seinen großen Bart abgeschnitten.
-
-
-
-
-12
-
-
-Nun ist alles gut. Isak sät seinen Hafer, eggt ihn und führt die Walze
-darüber. Leopoldine kommt heraus und will auf der Walze sitzen. Was,
-auf einer Walze sitzen -- sie ist so klein und kennt so was gar nicht,
-ihre Brüder wissen es besser, es ist ja kein Sitz auf Vaters Walze.
-
-Aber den Vater freut es, daß die kleine Leopoldine zu ihm herkommt
-und schon so zutraulich ist; er redet mit ihr und sagt, sie müsse
-vorsichtig auf den Acker treten, damit sie nicht die Schuhe voll Erde
-bekomme. Ja, und was seh ich, du hast wahrhaftig heute ein blaues
-Kleid an! Laß mich sehen, ja gewiß, es ist blau. Und einen Gürtel hast
-du daran und alles miteinander. Kannst du dich an das große Schiff
-erinnern, auf dem du hergefahren bist? Hast du die Maschine darin
-gesehen? Ja, jetzt geh nur mit deinen Brüdern hinein, dann spielen sie
-mit dir.
-
-Seit Oline abgezogen ist, hat Inger ihre alte Arbeit in Haus und
-Stall wieder übernommen. Sie übertreibt es vielleicht ein wenig mit
-der Reinlichkeit und Ordnung, um zu zeigen, daß die Dinge jetzt eine
-andere Art bekommen sollen, und es war auch merkwürdig, welche große
-Veränderung bald mit allem vorging, sogar die Glasscheiben in der
-Viehgamme wurden gewaschen und die Stände gescheuert.
-
-Aber das war nur in den ersten Tagen, in der ersten Woche so, dann ließ
-Inger nach. Eigentlich war es nicht nötig, im Stall alles so blitzblank
-zu machen, die Zeit konnte besser angewendet werden. Inger hatte in der
-Stadt viel gelernt, und dieses Wissen sollte ihr nun zugute kommen. Sie
-nahm wieder Spinnrad und Webstuhl in Gebrauch, und wahrlich, sie war
-noch geschickter und flinker geworden, etwas zu flink, hui! besonders
-für Isak, wenn er ihr zusah; er begriff nicht, daß ein Mensch es
-lernen konnte, so mit seinen Fingern umzugehen, diese langen, hübschen
-Finger an Ingers großer Hand! Aber mittendrin gab Inger die eine
-Arbeit auf und machte sich an eine andere. Jawohl, sie hatte jetzt
-verschiedenes mehr zu besorgen als früher und in größerem Umfang,
-vielleicht war sie auch nicht ganz so geduldigen Herzens wie einst,
-etwas Unruhe hatte sich ihr wohl ins Herz geschlichen.
-
-Gleich zuerst waren da die Blumen, die sie mitgebracht hatte, es
-waren Knollen und Ableger, kleine Leben, an die auch gedacht werden
-mußte. Die Fenster waren zu klein dafür, die Gesimse zu schmal, man
-konnte da keine Blumentöpfe aufstellen, sie hatte auch keine Töpfe,
-und Isak mußte ihr ganz kleine Kästen für Begonien, Fuchsien und Rosen
-anfertigen. Und überdies genügte auch ein Fenster nicht, was war ein
-Fenster für eine ganze Stube!
-
-Und außerdem, sagte Inger, habe ich auch kein Bügeleisen. Ich sollte
-ein Bügeleisen zum Plätten haben, wenn ich Kleider und Anzüge nähe;
-niemand kann im Nähen etwas Ordentliches leisten, wenn er nicht eine
-Art Plätteisen hat.
-
-Isak versprach, den Schmied im Dorfe zu veranlassen, ein recht gutes
-Bügeleisen zu schmieden. Oh, Isak wollte alles tun, wollte immer
-nur tun, was Inger verlangte; denn das merkte er wohl, Inger hatte
-sehr viel gelernt und war außerordentlich tüchtig geworden. Auch
-ihre Sprache war eine andere geworden, eine bessere, gewähltere. Sie
-rief ihn jetzt nie mehr mit den alten Worten: Komm herein und iß!
-sondern sie sagte: Bitte zum Essen! Alles war anders geworden. In den
-alten Tagen hatte er höchstens gesagt: Ja, und noch eine gute Weile
-weitergearbeitet, ehe er hineinging. Jetzt antwortete er: Ja, danke,
-und kam sofort. Die Liebe macht den Klugen dumm, manchmal antwortete
-Isak: Danke, danke! Ja, gewiß war alles anders geworden, aber wurde es
-nicht allmählich ein wenig zu vornehm? Wenn Isak in der Muttersprache
-der Landwirtschaft redete und _Mist_ sagte, sagte Inger _Dung_, der
-Kinder wegen.
-
-Sie war sehr sorgfältig mit den Kindern, unterrichtete sie in allem und
-brachte sie vorwärts; die kleinwinzige Leopoldine machte Fortschritte
-im Häkeln und die Buben im Schreiben und in anderen Schulfächern,
-sie würden also nicht ganz unvorbereitet in die Dorfschule kommen.
-Besonders Eleseus war recht tüchtig geworden, der kleine Sivert dagegen
-war, geradeheraus gesagt, nichts Besonderes, nur ein Spaßvogel, ein
-Wildfang, er wagte es sogar, an der Nähmaschine seiner Mutter ein wenig
-zu drehen und hatte mit seinem Taschenmesser auch schon am Tisch und an
-den Stühlen herumgeschnitzelt. Jetzt war ihm schon mit der Wegnahme des
-Taschenmessers gedroht worden.
-
-Übrigens hatten die Kinder alle Tiere des Hofes zur Unterhaltung, und
-Eleseus hatte außerdem noch seinen farbigen Bleistift. Er gebrauchte
-ihn sehr vorsichtig und lieh ihn dem Bruder nur höchst ungern; mit der
-Zeit waren indes alle Wände mit Zeichnungen bedeckt, und der Bleistift
-wurde bedenklich kleiner. Schließlich sah sich Eleseus gezwungen,
-Sivert auf Ration zu setzen und ihm den Bleistift nur noch am Sonntag
-zu einer Zeichnung zu leihen. Das war nun nicht nach Siverts eigenem
-Wunsch, aber Eleseus war nicht der Mann, der sich etwas abhandeln ließ.
-Nicht gerade, weil Eleseus der Stärkere gewesen wäre, aber er hatte
-längere Arme und konnte sich bei Streitigkeiten besser herauswinden.
-
-Aber dieser Sivert! Ab und zu fand er ein Schneehuhnnest im Walde,
-einmal redete er von einem Mäusenest und machte sich groß damit, wieder
-einmal faselte er von einer Forelle im Fluß, die so groß sei wie ein
-Mensch; aber es war die reine Erfindung von ihm, er war nicht ganz
-frei davon, zu schwarz weiß zu sagen, aber sonst war er ein guter Kerl.
-Als die Katze Junge bekam, war er es, der ihr Milch brachte, weil
-sie Eleseus zu wütend anzischte, und Sivert wurde nicht müde, in die
-unruhige Kiste hineinzuschauen, diese Heimstätte, wo es von kleinen
-Pfoten wimmelte.
-
-Und dann die Hühner, die er täglich beobachtete! Da war der große Hahn
-mit seinem Kamm und seiner Federnpracht, die Hühner, die umherliefen
-und gackerten und Sand aufpickten und nach dem Eierlegen plötzlich
-ungeheuer verletzt zu schreien anfingen. Da war auch der große Widder.
-Der kleine Sivert war jetzt im Vergleich zu früher sehr belesen, konnte
-aber doch nicht von dem Widder sagen: Gott, welch eine römische Nase er
-hat! Nein, das konnte er nicht. Aber Sivert konnte das, was besser war:
-er kannte den Widder von klein auf, wo er noch ein kleines Lamm gewesen
-war; er liebte ihn und war eins mit ihm, wie mit einem Verwandten,
-einem Mitgeschöpf. Einmal war ein geheimnisvoller Ureindruck durch
-seine Sinne geflattert, und das war ein Augenblick, den Sivert nie mehr
-vergaß. Der Widder war draußen auf der Wiese und weidete, plötzlich
-warf er den Kopf zurück und fraß nicht mehr, blieb nur stehen und
-starrte geradeaus. Sivert sah unwillkürlich in dieselbe Richtung. --
-Nein, nichts Merkwürdiges! Aber da fühlte Sivert etwas Merkwürdiges
-in seinem Innern. Es ist fast, als sehe er in den Garten Eden hinein!
-dachte Sivert.
-
-Von den Kühen hatten die Kinder auch jeder zwei für sich, große,
-schwer schreitende Tiere, gutmütige, freundliche Tiere, die sich von
-den kleinen Menschenkindern jeden Augenblick einholen und streicheln
-ließen. Dann war da das Schwein, weiß und peinlich sauber mit seiner
-Person, wenn es gut gehalten wurde, das auf jeden Ton horchte, ein
-Komiker, gierig auf sein Futter aus, dabei kitzlig und scheu wie ein
-junges Mädchen. Und dann der Bock -- es war immer ein alter Ziegenbock
-auf Sellanraa; wenn der eine das Leben lassen mußte, rückte ein anderer
-an seine Stelle. Aber etwas so Bockmäßiges im Gesicht wie ein Bock!
-Gerade in diesen Tagen hatte er auf sehr viele Geißen aufzupassen;
-bisweilen jedoch wurde er seiner ganzen Gesellschaft überdrüssig und
-legte sich, grüblerisch und langbärtig wie er war, auf den Boden, ein
-Vater Abraham! Und dann plötzlich richtete er sich wieder auf die Knie
-auf und trottete den Geißen nach. Wo er ging, hinterließ er eine Wolke
-von scharfem Geruch.
-
-Das tägliche Leben auf dem Hofe geht weiter. Wenn ein seltenes Mal ein
-Wanderer, der über das Gebirge will, vorbeikommt und fragt: Und euch
-geht es wohl gut?, da antwortet Isak und antwortet Inger: Ja, danke für
-die Nachfrage!
-
-Isak schafft und schafft, und für jede einzelne Arbeit zieht er den
-Kalender zu Rat, er gibt auf den Mondwechsel acht und richtet sich nach
-den Wetterzeichen, schafft, schafft.
-
-Nun hat er ja durch das Ödland einen einigermaßen ordentlichen Weg
-hergestellt, so daß er mit Wagen und Pferd bis ins Dorf hinunterfahren
-kann, aber meist geht er lieber schwerbeladen zu Fuß, und da trägt
-er dann Ziegenkäse oder Felle oder Birkenrinde, Butter und Eier,
-lauter Waren, die er verkauft, und für die er andere Waren einholt.
-Nein, im Sommer fährt er nicht oft, weil der Weg von Breidablick bis
-vollends hinunter sehr schlecht ist. Er hat Brede Olsen aufgefordert,
-beim Herstellen des Weges mit Hand anzulegen, und Brede hat es wohl
-auch versprochen, aber nie Wort gehalten. Nun will Isak ihn nicht
-noch einmal darum bitten. Lieber trägt er schwere Lasten auf seinem
-Rücken. Inger sagt dann: Ich verstehe gar nicht, wie du das kannst! Du
-hältst alles aus! Ja, er hielt alles aus. Er hatte Stiefel, die waren
-so abenteuerlich dick und schwer, unter den Sohlen ganz mit Eisen
-beschlagen, sogar die Schnürriemen waren mit Nietnägeln angeheftet --
-schon das, daß ein Mann in solchen Stiefeln gehen konnte, war etwas
-Merkwürdiges!
-
-Als er nun wieder einmal ins Dorf hinuntergeht, trifft er an mehreren
-Stellen kleine Gruppen von Arbeitern. Sie mauern steinerne Grundpfeiler
-ein und stellen Telegraphenstangen auf. Die Leute sind teilweise
-aus der Gemeinde, Brede Olsen ist auch dabei, obgleich er sich hier
-niedergelassen hat, um Ackerbau zu treiben. Daß er Zeit übrig hat!
-denkt Isak.
-
-Der Aufseher fragt Isak, ob er Telegraphenstangen verkaufen wolle. --
-Nein. -- Auch nicht gegen gute Bezahlung? -- Nein. -- Oh, Isak ging
-es jetzt rascher von der Hand, er konnte nun schneller antworten.
-Wenn er jetzt Stangen verkaufte, bekam er nur etwas mehr Geld, einige
-Taler mehr, aber er hatte keinen Wald mehr, was für ein Vorteil war
-dann dabei? Nun kommt der Ingenieur selbst herbei und wiederholt sein
-Verlangen; aber Isak schlägt es auch ihm ab. -- Wir haben Stangen
-genug, sagte der Ingenieur, aber es wäre uns nur bequemer, sie in
-deinem Walde zu holen und die lange Herbeischaffung zu sparen. -- Ich
-habe selbst zuwenig Stangen und Stämme, erwiderte Isak; ich wollte mir
-übrigens ein kleines Sägewerk einrichten, denn ich habe keine Scheune
-und keine Wirtschaftsgebäude.
-
-Jetzt mischt Brede Olsen sich darein und sagt: Wenn ich du wäre,
-würde ich die Stangen verkaufen, Isak. -- Da blitzten die Augen des
-geduldigen Isak Brede wahrhaftig scharf an, und er erwiderte: Ja, das
-glaube ich schon. -- Wieso? fragte Brede. -- Aber ich bin eben nicht
-du, sagte Isak.
-
-Einige von den Arbeitern kicherten ein wenig über diese Antwort.
-
-Jawohl, Isak hatte einen besonderen Grund, seinen Nachbar etwas
-zurückzuweisen, gerade heute hatte er nämlich drei Schafe auf
-Breidablicks Grundstück gesehen, und das eine davon hatte Isak
-wiedererkannt, das mit den flachen Ohren, das Oline im Tauschhandel
-weggegeben hatte. Meinethalben mag Brede das Schaf behalten, dachte er
-da und ging seines Weges weiter, meinethalben können Brede und seine
-Frau sich an dem Schaf bereichern!
-
-Und ganz richtig. Das Sägewerk hatte er auch immer im Kopf. O ja, schon
-im Winter, als der Boden fest war, hatte er die große Kreissäge und
-die notwendigen Beschläge, die ihm der Kaufmann von Drontheim hatte
-kommen lassen, heraufgeschafft. Nun lagen diese Maschinenteile mit
-Leinöl bestrichen, um sie gegen Rost zu schützen, in seinem Schuppen.
-Einige von den Balken zum Sperrwerk hatte er auch schon herbeigefahren,
-er hätte mit dem Aufrichten des Gebäudes jeden Tag anfangen können,
-schob es aber noch hinaus. Was war das? Er begriff es nicht, nahmen
-seine Kräfte etwa allmählich ab? Andere würden sich nicht darüber
-wundern, aber ihm selbst kam es ganz unglaublich vor. War er schwindlig
-geworden? Früher war er vor keiner Arbeit zurückgescheut, hatte er
-sich denn verändert, seit er das Mahlhaus über einem ebenso großen
-Wasserfall errichtet hatte? Er konnte sich ja Hilfe vom Dorf nehmen,
-aber nun wollte er es erst einmal wieder allein versuchen und in den
-nächsten Tagen damit anfangen; Inger sollte ein wenig mit Hand anlegen.
-
-Er sprach mit Inger darüber. Hm, sagte er, wenn du einmal ein paar
-Stunden Zeit übrig hast, könntest du mir bei dem Sägewerk helfen. --
-Inger überlegte. Ja, wenn ich es einrichten kann, sagte sie. So, du
-willst ein Sägewerk bauen? -- Ja, das ist meine Absicht. Ich habe es
-mir jetzt genau überlegt. -- Ist es schwieriger als das Mahlhaus? --
-Viel schwieriger, zehnmal schwieriger, prahlte er. Was denkst du denn?
-Da muß alles bis aufs aller-, allergenaueste ineinanderpassen, und die
-große Kreissäge muß in der Mitte laufen. -- Wenn du es nur zustande
-bringst, Isak, entgegnete Inger in ihrer Gedankenlosigkeit. -- Isak
-fühlte sich von diesen Worten gekränkt und erwiderte: Das wird sich ja
-zeigen. -- Kannst du nicht einen in dieser Sache kundigen Mann zu Hilfe
-nehmen? -- Nein. -- Nun, dann wirst du es auch nicht zustande bringen,
-sagte sie und hielt nicht mit ihrer Meinung zurück.
-
-Isak hob langsam die Hand an seinen Kopf, es war, als hebe ein Bär die
-Tatze auf. -- Gerade das fürchte ich ja, daß ich es nicht fertigbringe,
-sagte er, deshalb sollst du, die es versteht, ja auch Hand mit anlegen,
-sagte er. -- Jawohl, da hatte der Bär getroffen, aber er errang keinen
-Sieg damit. Inger warf den Kopf zurück, wurde widerspenstig und schlug
-es ab, beim Sägewerk zu helfen. -- So, sagte Isak. -- Ja, soll ich
-vielleicht im Fluß stehen und meine Gesundheit aufs Spiel setzen? Und
-wer soll mit der Maschine nähen und das Vieh und den Haushalt und alles
-miteinander versorgen? -- Nein, nein, sagte Isak.
-
-Ach, aber es handelte sich ja nur um die vier Eckbalken und die zwei
-Mittelbalken auf den beiden Langseiten, nur dazu hätte sie ihm helfen
-sollen, sonst zu nichts! War denn Inger im tiefsten Innern während
-ihres langen Stadtlebens so zimperlich geworden?
-
-Jawohl, Inger hatte sich sehr verändert und dachte nicht mehr beständig
-an ihr gemeinsames Beste, sondern an sich selbst. Wohl hatte sie
-Kardätschen und Spinnrad und Webstuhl wieder in Gebrauch genommen, aber
-sie saß viel lieber an ihrer Nähmaschine, und als der Schlosser ihr
-ein Bügeleisen geschmiedet hatte, war sie fertig ausgerüstet, um sich
-im Schneidern als regelrecht ausgebildet zu zeigen. Das war ihr Beruf.
-Zuerst nähte sie ein paar Kleider für die kleine Leopoldine. Isak
-gefielen sie, und er lobte sie vielleicht ein wenig zu sehr; Inger
-deutete an, das sei noch gar nichts im Vergleich zu dem, was sie könne.
--- Aber sie sind zu kurz, sagte Isak. -- So werden sie in der Stadt
-getragen, sagte Inger, das verstehst du eben nicht. -- Isak war also
-zu weit gegangen, und er stellte Inger dafür ein Stück Tuch zu eigenem
-Gebrauch in Aussicht. -- Tuch zu einem Mantel? fragte Inger. -- Ja,
-oder wozu du es sonst willst. -- Inger entschied sich zu Tuch für einen
-Mantel und beschrieb Isak, wie es sein sollte.
-
-Aber als sie den Mantel fertig hatte, mußte sie auch jemand haben, dem
-sie sich darin zeigen konnte; sie begleitete deshalb die beiden Jungen
-ins Dorf, als sie dort in die Schule gebracht wurden. Und diese Reise
-war nicht von geringem Nutzen, sie hinterließ Spuren.
-
-Zuerst kamen sie an Breidablick vorüber, da kam die Frau mit ihren
-Kindern heraus und starrte die Vorüberfahrenden an. Inger und ihre
-beiden kleinen Jungen saßen auf dem Wagen, und sie fuhren wie
-Herrenleute, die beiden Jungen kamen wahrhaftig in die Schule, und
-Inger hatte einen Tuchmantel an! Bei diesem Anblick ging der Frau auf
-Breidablick ein Stich durchs Herz, den Mantel konnte sie entbehren,
-sie war gottlob nicht eitel, aber sie hatte selbst Kinder, das
-große Mädchen Barbro, Helge, den Zweitältesten, und Katrine, alle
-schulpflichtig. Natürlich waren die beiden älteren im Dorf schon in
-der Schule gewesen, aber als die Familie aufs Moor und auf dieses
-abgelegene Breidablick heraufzog, mußten ja die Kinder wieder Heiden
-werden.
-
-Hast du Lebensmittel für deine Buben mit? fragte die Frau. --
-Lebensmittel, jawohl. Siehst du die Kiste da nicht? Das ist mein
-Reisekoffer, den ich mitgebracht habe, und der ist ganz mit
-Lebensmitteln angefüllt. -- Was hast du mitgenommen? -- Was ich
-mitgenommen habe? Speck und Fleisch fürs Mittagessen und Butter und
-Brot und Käse für die anderen Mahlzeiten. -- Ja, ihr habt es großartig
-da droben, sagte die Frau, und ihre armen bleichwangigen Kinder
-sperrten Augen und Ohren auf, als diese herrlichen Sachen aufgezählt
-wurden. -- Wo willst du sie unterbringen? fragte die Frau weiter. --
-Beim Schmied. -- So, sagte die Frau. Ja, die meinigen sollen jetzt
-auch wieder in die Schule, und sie werden beim Lensmann wohnen. --
-So, sagte Inger. -- Ja, oder beim Doktor oder beim Pfarrer. Brede ist
-eben mit allen den Großen so gut bekannt, daher kommt es. -- Da strich
-Inger ihren Mantel zurecht und schob etliche schwarzseidene Fransen
-vorteilhaft hervor. -- Wo hast du den Mantel gekauft? fragte die Frau.
-Hast du ihn mitgebracht? -- Ich habe ihn selbst genäht. -- Ja, es
-ist, wie ich sage, ihr da droben sitzt bis über die Ohren in Geld und
-Herrlichkeit.
-
-Als Inger weiterfuhr, war ihr froh zumute, und sie war recht hochmütig,
-und als sie ins Dorf kam, ließ sie das ein wenig zu sehr hervortreten,
-jedenfalls nahm die Frau Lensmann Heyerdahl Ärgernis daran, daß sie
-in einem Mantel ankam. Sie sagte, die Frau auf Sellanraa vergesse
-offenbar, wer sie sei; ob sie denn vergessen habe, woher sie nach
-sechsjähriger Abwesenheit gekommen war? Aber Inger hatte nun jedenfalls
-ihren Mantel gezeigt, und weder die Frau des Kaufmanns noch die Frau
-des Schmieds noch die Frau des Schullehrers würden etwas dagegen gehabt
-haben, wenn sie selbst einen solchen Mantel besessen hätten; aber kommt
-Zeit, kommt Rat.
-
-Es dauerte gar nicht lange, bis Inger Kundschaft bekam. Einige Weiber
-von der andern Seite des Gebirges kamen aus Neugier. Oline hatte wohl
-gegen ihren Willen allerlei von Inger erzählt, und die nun kamen,
-brachten Nachrichten von Ingers Heimatort mit; dafür wurde ihnen
-aufgewartet, und sie durften die Nähmaschine sehen. Junge Mädchen kamen
-zu zwei und zwei von der Gemeinde an der Küste herauf und berieten
-sich mit Inger: es war Herbst, sie hatten zu einem neuen Kleid gespart,
-und nun konnte ihnen Inger über die Mode in der Welt draußen Auskunft
-geben, ja ab und zu auch den Stoff zuschneiden. Bei diesen Besuchen
-lebte Inger auf, sie blühte förmlich, war freundlich und hilfreich und
-dabei so tüchtig in ihrem Fach, daß sie aus freier Hand zuschneiden
-konnte; bisweilen nähte sie auch lange Säume auf ihrer Maschine ganz
-umsonst und gab dann den jungen Mädchen den Stoff zurück mit den
-herrlich scherzhaften Worten: So, die Knöpfe kannst du jetzt selbst
-annähen!
-
-Später, im Herbst, wurde Inger sogar gebeten, ins Dorf herunterzukommen
-und für die Großen zu nähen. Aber das konnte sie nicht, sie hatte ihre
-Familie und das Vieh und die häuslichen Pflichten, und sie hatte kein
-Dienstmädchen. Was hatte sie nicht? Ein Dienstmädchen!
-
-Sie sagte zu Isak: Wenn ich eine Hilfe hätte, könnte ich ruhiger an
-meiner Näharbeit bleiben. -- Isak verstand nicht, was sie meinte.
-Hilfe? fragte er. -- Ja, Hilfe im Hause, ein Dienstmädchen. -- Da
-drehte sich wohl alles im Kreise vor Isak, denn er lachte ein wenig
-in seinen roten Bart und hielt es für Spaß: Jawohl, wir sollten ein
-Dienstmädchen haben, sagte er. -- Das haben alle Hausfrauen in der
-Stadt, versetzte Inger. -- Ach so, sagte Isak.
-
-Seht, er war vielleicht nicht besonders froh und freundlich gestimmt,
-nicht gut aufgelegt, denn nun hatte er mit dem Bau seines Sägewerks
-angefangen, und es war nicht schnell vorwärtsgegangen; er konnte nicht
-mit der einen Hand den Pfosten halten, ihn mit der andern wagerecht
-leiten und zugleich die Schräghölzer befestigen. Aber als dann die
-Jungen wieder von der Schule heimkamen, ging es besser, die guten
-Jungen waren ihm eine große Hilfe. Sivert besonders war merkwürdig
-gewandt beim Einschlagen der Nägel, aber Eleseus war tüchtiger beim
-Loten mit der Schnur. Nach Verlauf von einer Woche hatten Isak und die
-Jungen wirklich die Pfosten aufgerichtet und mit Schräghölzern so dick
-wie Balken stark befestigt. Eine große Arbeit war bewältigt.
-
-Es ging -- alles ging. Aber woher es auch kommen mochte, Isak war
-jetzt an den Abenden oft müde. Es handelte sich ja nicht nur darum,
-ein Sägewerk zu bauen und damit Punktum, alles andere mußte auch getan
-werden. Das Heu war unter Dach, aber das Korn stand noch draußen
-und färbte sich allmählich golden, bald mußte es geschnitten und
-untergebracht werden, und auch die Kartoffelernte stand vor der Tür.
--- Aber Isak hatte eine ausgezeichnete Hilfe an seinen Jungen. Er
-bedankte sich indes nicht bei ihnen, das war nicht Sitte unter Leuten
-wie er und die Seinen, aber er war ungeheuer zufrieden mit ihnen. Ab
-und zu, jedoch nur selten einmal, setzten sie sich wohl auch mitten in
-der Arbeit zusammen und unterhielten sich miteinander, und da konnte
-der Vater sich im Ernst mit den Jungen darüber beraten, was sie zuerst
-und was nachher tun wollten. Das waren stolze Augenblicke für Eleseus
-und Sivert, und sie lernten dabei wohl zu überlegen, ehe sie redeten,
-um nicht unrecht zu bekommen. -- Es wäre doch schlimm, wenn wir das
-Sägewerk nicht unter Dach brächten, ehe die Herbststürme einsetzen,
-sagte der Vater.
-
-Wenn nur Inger noch wie in den alten Tagen gewesen wäre! Aber Ingers
-Gesundheit war wohl eben leider nicht mehr so gut wie früher, was ja
-auch nach der langen Einsperrung nicht anders zu erwarten war. Daß
-ihr Sinn sich verändert hatte, war eine Sache für sich, ach, sie war
-jetzt so viel weniger nachdenklich, war gleichsam oberflächlicher,
-leichtsinniger. Von dem Kinde, das sie umgebracht hatte, sagte sie: Ich
-bin eine recht dumme Person gewesen, wir hätten sie operieren und ihren
-Mund zunähen lassen können, dann hätte ich nicht nötig gehabt, sie zu
-erwürgen. Und niemals ging sie hinaus in den Wald an ein kleines Grab,
-wo sie einstmals die Erde mit den Händen zusammengescharrt und ein
-kleines Kreuz darauf gesetzt hatte.
-
-Aber Inger war keine unmenschliche Mutter, sie sorgte treulich für ihre
-anderen Kinder, hielt sie in Ordnung, nähte für sie und konnte bis spät
-in die Nacht hinein aufsitzen, um ihre Kleider zu flicken. Es war ihr
-höchster Traum, daß etwas Rechtes aus ihnen werden sollte.
-
-Dann wurde das Korn eingefahren, dann wurden die Kartoffeln
-herausgehackt, und dann wurde es Winter. Ach nein, das Sägewerk kam
-nicht unter Dach im Herbst! Aber da war nun nichts zu machen, es ging
-ja auch nicht ums Leben, und bis zum Sommer kam wohl Zeit und Rat.
-
-
-
-
-13
-
-
-Und im Winter kam die gewohnte Arbeit an die Reihe, Holz wurde
-gefahren, die Wirtschaftsgeräte und die Fuhrwerke wurden hergerichtet,
-Inger versorgte das Haus, schaffte und nähte, und die Jungen waren
-wieder für lange Zeit in der Schule. Seit mehreren Jahren schon hatten
-sie miteinander ein Paar Schneeschuhe gehabt, und dies eine Paar hatte
-für beide genügt, solange sie daheim gewesen waren. Da hatte der eine
-gewartet, solange der andere lief, oder der eine stellte sich hinter
-dem andern auf. Oh, es war gut gegangen, etwas Schöneres hatten sie
-sich gar nicht vorstellen können, sie waren unschuldig. Aber drunten
-im Dorf waren die Verhältnisse größer, in der Schule wimmelte es von
-Schneeschuhen, ja, es zeigte sich, daß sogar die Kinder auf Breidablick
-jedes ein eigenes Paar hatte. Da mußte schließlich Isak ein neues Paar
-für Eleseus machen, und Sivert durfte die alten behalten.
-
-Isak tat mehr, er kaufte den Jungen Winteranzüge und unzerreißbare
-Stiefel. Aber als dies getan war, ging Isak zum Kaufmann und bestellte
-einen Ring. -- Einen Ring? fragte der Kaufmann. -- Ja, einen
-Fingerring. Ich bin so hoffärtig geworden, daß ich meiner Frau einen
-Fingerring schenken will. -- Soll es ein silberner oder ein goldener
-sein oder nur einer aus Messing, der im Goldbad gewesen ist? -- Es
-soll ein silberner sein. -- Der Kaufmann überlegte lange, dann sagte
-er: Wenn du das tun willst, Isak, und wenn du deiner Frau einen Ring
-verehren willst, den sie zeigen kann -- so kaufe ihr einen goldenen
-Ring. -- Was? sagte Isak laut. Aber im innersten Herzen hatte er wohl
-selbst an einen goldenen Ring gedacht.
-
-Sie besprachen es nach allen Richtungen und einigten sich schließlich
-über Größe und Preis des Ringes; aber noch immer überlegte Isak und
-schüttelte den Kopf und meinte, das sei doch ein teures Stück; aber der
-Kaufmann wollte eben durchaus einen echt goldenen Ring bestellen. Als
-Isak heimwärts wanderte, war er eigentlich froh über seinen Entschluß,
-aber zugleich entsetzte er sich über die Ausgaben, zu denen einen die
-Liebe bringen konnte.
-
-Es war ein richtiger Schneewinter, und als gegen Neujahr eine gute
-Bahn war, fingen die Leute aus dem Dorf an, Telegraphenstangen über
-die Moore heraufzufahren und sie in gewissen Abständen voneinander
-abzuladen. Sie fuhren mit vielen Pferden an Breidablick vorüber, kamen
-auch an Sellanraa vorbei -- schließlich trafen sie mit anderen Pferden
-zusammen, die von jenseits des Gebirges Stangen herauffuhren, und da
-war die ganze Linie vollständig.
-
-So verging ein Tag um den andern ohne große Ereignisse. Was hätte
-geschehen sollen? Im Frühling begann man mit dem Aufstellen der
-Telegraphenstangen, Brede Olsen war auch wieder dabei, obgleich er die
-Frühjahrsarbeit auf seinem Hofe hätte besorgen sollen. Daß er Zeit dazu
-hat! fragte sich Isak wieder.
-
-Isak selbst hatte kaum Ruhe zum Essen und Schlafen, er konnte kaum
-alles zur rechten Zeit fertigbringen, seine Felder waren jetzt recht
-groß geworden.
-
-Aber dann vor der Erntezeit brachte er das Sägewerk unter Dach und
-konnte sich nun an das Einsetzen der Säge machen. Seht, es war kein
-Wunderwerk von einem Holzbau, den er fertiggebracht hatte, aber der
-Bau war riesenstark und stand nun da und war von großem Nutzen. Die
-Säge ging, die Säge schnitt, Isak hatte seine Augen gebraucht, wenn er
-drunten im Dorf in der Sägemühle gewesen war, und hatte sich alles wohl
-gemerkt. Es war eine herzlich kleine Sägemühle, die er da errichtet
-hatte, aber er war zufrieden mit ihr, er hieb die Jahreszahl über der
-Tür ein und setzte sein Hauszeichen darunter.
-
-Und in diesem Sommer ereignete sich nun doch mehr als gewöhnlich auf
-Sellanraa.
-
-Die Telegraphenarbeiter waren jetzt so weit heraufgekommen, daß die
-erste Gruppe eines Abends an dem Hofe anklopfte und um Obdach bat. Die
-Leute durften in der Scheune schlafen. Als die Tage vergingen, kam auch
-die zweite Gruppe, und alle fanden Obdach auf Sellanraa. Die Linie
-wurde am Hof vorbei weiter hinaufgeführt, aber die Leute kamen trotzdem
-noch auf den Hof, um da zu übernachten. Und an einem Samstagabend
-erschien der Ingenieur, um die Löhne auszuzahlen.
-
-Als Eleseus den Ingenieur sah, bekam er Herzklopfen, und er schlich
-sich zur Tür hinaus, um nicht nach dem farbigen Bleistift gefragt zu
-werden. Ach, das war ein böser Augenblick, und Sivert kam auch nicht
-heraus, an dem er ein wenig eine Stütze hätte haben können! Wie ein
-bleiches Gespenst glitt Eleseus um die Hausecke; endlich traf er die
-Mutter. Eleseus bat sie gleich, sie möchte Sivert herausschicken, er
-konnte sich nicht anders helfen.
-
-Sivert nahm die Sache weniger schwer, er hatte ja auch nicht die
-große Schuld auf sich liegen. Die Brüder setzten sich in ziemlicher
-Entfernung nieder, und Eleseus sagte: Wenn du es auf dich nehmen
-würdest! -- Ich? sagte Sivert. -- Denn du bist soviel kleiner, dir
-würde er nichts tun. -- Sivert überlegte, er sah, daß der Bruder in
-großer Not war, und es schmeichelte ihm auch, daß Eleseus ihn brauchte.
--- Ich könnte dir vielleicht eine Handreichung tun, sagte er altklug.
--- Du mußt es tun! rief Eleseus und drückte einfach seinem Bruder das
-Stückchen, das noch von dem farbigen Bleistift übrig war, in die Hand.
-Es soll dir gehören, sagte er.
-
-Sie wollten miteinander wieder hineingehen, aber Eleseus sagte, er habe
-noch etwas am Sägewerk zu tun oder vielmehr im Mahlhaus, etwas, was
-er nachsehen müsse, es gehe nicht so schnell, er werde kaum vor einer
-guten Weile fertig sein. Sivert ging allein hinein.
-
-Da saß der Ingenieur mit Silbergeld und Banknoten vor sich und zahlte
-die Löhne aus. Als das geschehen war, setzte ihm Inger einen Topf Milch
-nebst Glas vor, und er war dankbar dafür. Er trank. Dann plauderte er
-mit der kleinen Leopoldine, und als er die Zeichnungen an den Wänden
-sah, fragte er gleich, wer denn der Meister sei, der sie gemacht
-habe. Bist du es? fragte er Sivert. Der Ingenieur wollte sich wohl
-bei der Mutter für die Gastfreundschaft dankbar erweisen. Er erfreute
-die Mutter, indem er die Zeichnungen lobte, und Inger gab eine gute
-Erklärung. Ihre Buben hätten die Zeichnungen gemacht, beide Buben; bis
-sie heimgekommen und dafür gesorgt habe, hätten die Kinder kein Papier
-gehabt und deshalb die Wände bekritzelt, nun habe sie das Herz nicht,
-es abzuwaschen. -- Laß es nur stehen, sagte der Ingenieur. Papier?
-sagte er und legte eine Menge großer Bogen auf den Tisch. Da, zeichnet
-nur weiter, bis ich das nächste Mal wiederkomme! Wie steht es denn mit
-Bleistiften? -- Da trat Sivert ganz einfach mit dem Bleistiftstümpfchen
-vor und zeigte, wie klein es war. Und siehe, er bekam einen neuen, noch
-ungespitzten farbigen Bleistift! Zeichnet nur drauflos! Aber macht
-lieber das Pferd rot und den Bock blau. Nicht wahr, du hast noch kein
-blaues Pferd gesehen?
-
-Dann ging der Ingenieur wieder fort.
-
-Am selben Abend kam ein Mann vom Dorf herauf mit einem Ranzen auf dem
-Rücken. Er gab einige Flaschen für die Arbeiter ab und entfernte sich
-dann wieder. Aber nachdem er gegangen war, blieb es nicht mehr so still
-auf Sellanraa; die Ziehharmonika ertönte, es wurde laut gesprochen und
-gesungen und auf dem Hofplatz getanzt. Einer der Arbeiter forderte
-Inger zu einem kleinen Drehum auf, und Inger -- ja, wer verstand sich
-auf sie? Sie kicherte und tanzte wahrhaftig ein paarmal im Kreise
-herum. Als dies getan war, wollten die andern auch mit ihr tanzen, und
-da tanzte sie recht flott mit.
-
-Wer verstand sich auf Inger! Hier tanzte sie nun vielleicht ihren
-ersten seligen Tanz in ihrem Leben; man riß sich um sie, dreißig Männer
-waren hinter ihr her, sie war allein, die einzige, die gewählt werden
-konnte, keine andere stach sie aus. Und wie flott diese riesenhaften
-Telegraphenarbeiter sie vom Boden aufhoben! Warum nicht tanzen? Eleseus
-und Sivert schliefen schon drinnen in der Kammer wie Säcke trotz des
-Tumultes auf dem Hofe, die kleine Leopoldine aber war noch auf und
-stand dabei und sah mit großen verwunderten Augen den Sprüngen der
-Mutter zu.
-
-Isak war indessen die ganze Zeit nach dem Abendessen draußen auf dem
-Feld gewesen. Als er wieder hereinkam, um zu Bett zu gehen, wurde ihm
-aus einer Flasche zu trinken angeboten, und er trank auch ein wenig. Er
-setzte sich, nahm Leopoldine auf den Schoß und sah dem Tanzen zu. Da
-kannst du dich ordentlich herumschwingen! sagte er gutmütig zu Inger.
-Da kannst du wahrlich die Füße regen!
-
-Aber nach einer Weile hörte der Musikant auf zu spielen, und der Tanz
-war vorbei. Die Arbeiter machten sich nun fertig, den noch übrigen Teil
-der Nacht und den ganzen nächsten Tag im Dorf zu verbringen und erst
-am Montagmorgen wiederzukommen. Bald lag Sellanraa wieder ganz still
-da, nur ein paar ältere Männer blieben zurück und legten sich in der
-Scheune schlafen.
-
-Isak sah sich nach Inger um, damit sie hineingehe und Leopoldine zu
-Bett bringe; als er sie dann nirgends erblickte, ging er hinein und
-legte das Kind zu Bett. Und er selbst ging auch zur Ruhe.
-
-Gegen Morgen erwachte er, aber Inger war nicht da. Ist sie im Stall?
-dachte er. Dann stand er auf und ging in den Stall. Inger? fragte er.
-Keine Antwort. Die Kühe drehten die Köpfe und sahen ihn an. Alles
-war still. Aus alter Gewohnheit zählte er das Vieh, zählte auch das
-Kleinvieh, das eine Mutterschaf blieb so gern die Nacht über draußen --
-jetzt war es wieder draußen geblieben. Inger? fragte er wieder. Auch
-jetzt keine Antwort. Sie ist doch sicher nicht ganz mit hinunter ins
-Dorf gegangen, dachte er.
-
-Die Sommernacht war hell und warm; Isak blieb eine Weile unter der
-Haustür sitzen, dann stand er auf und ging in den Wald, um nach dem
-Mutterschaf zu sehen. Er fand Inger. Inger hier? Ja, Inger und noch
-einer. Sie saßen im Heidekraut, Inger ließ seine Schildmütze auf
-ihrem Zeigefinger tanzen, sie sprachen miteinander, Inger war wieder
-umworben.
-
-Isak ging leise zu ihnen hin. Inger wendete sich um und sah ihn. Da
-wurde sie weiß wie ein Leintuch, der Kopf sank ihr auf die Brust,
-sie ließ die Mütze fallen, war vernichtet. -- Hm! Weißt du, daß das
-Mutterschaf wieder fehlt? sagte Isak. Aber das weißt du natürlich
-nicht, sagte er.
-
-Der junge Telegraphenarbeiter hob seine Mütze auf und verzog sich
-seitwärts in die Büsche. Ich muß wohl den anderen nachgehen, sagte er.
-Ja, gute Nacht, sagte er und ging. Niemand erwiderte seinen Gruß.
-
-So, du sitzest hier? sagte Isak. Mußt du hier sitzen?
-
-Er wendete sich heimwärts, und Inger richtete sich auf die Knie auf;
-sie kam auf die Füße und ging ihm nach. So gingen sie dahin, der Mann
-voraus, die Frau hinterdrein, Tandem. Sie kamen heim.
-
-Inger hatte wohl indessen Zeit gehabt, sich zu fassen. Und sie faßte
-sich: Ich wollte gerade nach dem Mutterschaf sehen, sagte sie, denn ich
-hatte gesehen, daß es nicht da war. Dann kam der Mann, er hat mir beim
-Suchen geholfen. Wir hatten uns kaum hingesetzt gehabt, als du kamst.
-Wo willst du jetzt hin?
-
-Ich? Ich muß wohl nach dem Tier sehen.
-
-Nein, jetzt sollst du zu Bett gehen. Und wenn noch jemand suchen soll,
-so werde ich es tun. Geh du nur zur Ruhe, du kannst sie notwendig
-brauchen. Im übrigen kann das Schaf auch draußen übernachten, das hat
-es schon öfters getan.
-
-Ja, um von Raubtieren aufgefressen zu werden, sagte Isak und ging.
-
-Nein, du darfst nicht! rief sie und holte ihn ein. Du brauchst Schlaf,
-ich will gehen.
-
-Isak ließ sich überreden. Aber er wollte auch nichts davon hören, daß
-Inger noch nach dem Schaf suchen sollte, und so gingen beide hinein.
-
-Inger sah sofort nach den Kindern. Sie ging in die Kammer, trat an das
-Bett und tat, als sei sie aus den erlaubtesten Gründen draußen gewesen,
-ja, sie war nicht ganz frei davon, mit Isak ein wenig zu liebäugeln,
-wie wenn sie von ihm noch eine ganz andere Zuneigung erwartete, als ihr
-an dem ganzen Abend entgegengebracht worden war -- denn jetzt hatte er
-ja eine volle Erklärung, meinte sie. Aber nein, danke! Isak war nicht
-so leicht herumzubringen, er hätte es am liebsten gesehen, wenn sie so
-recht betrübt gewesen wäre und nicht gewußt hätte, was sie vor Reue
-tun sollte. Das hätte er am liebsten gesehen. Was war denn das, daß
-sie im Wald draußen etwas zusammengesunken war, das ärmliche bißchen
-Schrecken, als er sie im Wald entdeckt hatte -- was half das, wenn es
-so schnell wieder verflog!
-
-Am nächsten Tag, der doch ein Sonntag war, zeigte sich Isak noch
-durchaus nicht versöhnt, er wanderte draußen umher, sah nach seinem
-Sägewerk und seiner Mühle und betrachtete seine Felder, teils mit den
-Kindern, teils allein. Als Inger sich einmal anzuschließen versuchte,
-ging Isak gleich seines Wegs und sagte: Ich muß an den Fluß hinauf und
-nach etwas sehen. Irgend etwas nagte offenbar an ihm, aber er trug es
-in der Stille und donnerte nicht los. Oh, Isak war ein Großer, zum
-Beispiel Israel, dem das gelobte Land wohl verheißen war, der jedoch
-darum betrogen worden war, aber dennoch gläubig blieb.
-
-Am Montag war die Stimmung bedeutend leichter, und als die Tage
-vergingen, begann der ärgerliche Eindruck von jener Nacht sich
-allmählich zu verwischen. Die Zeit macht gar vieles wieder gut, mit
-Spucke und Lappen, mit Schlaf und Essen heilt sie alle Wunden. Isak war
-nicht zum schlimmsten dabei gefahren, er hatte nicht einmal Gewißheit,
-ob ihm Unrecht angetan worden war, außerdem hatte er an vieles andre
-zu denken, denn jetzt fing die Ernte an. Und schließlich war ja die
-Telegraphenlinie bald fertig, dann würde es wohl wieder ruhig auf dem
-Hof werden. Eine breite helle Straße zog sich nun durch den Laubwald
-hin, in ihrer Mitte standen die Stangen mit Drähten bis ganz hinauf
-aufs Gebirge.
-
-Am nächsten Samstag, an dem die letzte Lohnauszahlung stattfand,
-richtete es Isak so ein, daß er von zu Hause abwesend war; er wollte
-es selbst so. Er ging mit Butter und Käse ins Dorf hinunter und kam
-erst in der Nacht zum Montag wieder zurück. Die Arbeiter hatten da
-alle miteinander die Scheune verlassen, beinahe alle, der letzte Mann
-schwankte mit einem Sack auf dem Rücken eben zum Hof hinaus, beinahe
-der letzte Mann. Daß es doch noch nicht ganz sicher war, erriet Isak an
-einer Eßkiste, die noch in der Scheune stand; wo der Eigentümer war,
-wußte er nicht, wollte es auch nicht wissen, aber eine Schildmütze lag
-als anstößiger Beweis auf der Eßkiste.
-
-Isak schleuderte die Eßkiste auf den Hofplatz hinaus, und die Mütze
-flog hinterdrein, dann schloß er die Scheune ab, ging in den Stall und
-guckte durchs Fenster hinaus. Mag die Kiste da stehen und die Mütze da
-liegen bleiben, dachte er wohl; es ist mir einerlei, wem sie gehören,
-es ist eine schlechte Kiste, und ich verachte sie, dachte er wohl. Aber
-wenn er jetzt seine Eßkiste holen will, dann wird Isak hinausgehen und
-ihn ein wenig am Arm nehmen, daß er blau und grün wird. Und wo der Weg
-zum Hof hinausgeht, das soll er auch erfahren!
-
-Damit verließ Isak das Fenster im Pferdestall und ging zu den Kühen
-hinein und sah von dort aus zum Fenster hinaus und fand keine Ruhe.
-Die Kiste war mit einem Strick zusammengeschnürt, der jämmerliche
-Kerl hatte nicht einmal ein Schloß daran; der Strick war aufgegangen
--- hatte Isak wohl die Kiste zu fest angepackt? Woher es auch kommen
-mochte, aber Isak war nicht mehr so ganz sicher, ob er auch recht
-gehandelt habe. Bei seinem Gang durchs Dorf hatte er nach seinem neuen
-Reolpflug gefragt, einem besonders starken zum Umroden von Ödland, den
-er bestellt hatte; oh, eine ausgezeichnete Maschine, eine Gottesgabe,
-ja, und diese war eben angekommen! Da war es ihm gewesen, als komme
-Segen mit ihr in sein Haus. Die höhere Macht, die die Schritte der
-Menschen lenkt, war vielleicht jetzt nahe und sah ihm zu, ob er den
-Segen verdiene oder nicht; Isak war immer mit den höheren Mächten
-beschäftigt, ja, in einer Herbstnacht hatte er im Walde draußen Gott
-mit eigenen Augen gesehen; das war vor allem ein merkwürdiger Anblick
-gewesen.
-
-Isak ging auf den Hofplatz hinaus und blieb bei der fremden Kiste
-stehen. Noch überlegte er, ja, er schob seinen Hut schief und kratzte
-sich am Kopfe, dabei sah er ganz keck und flott aus, wie ein Spanier
-sah er aus. Aber dann mußte er ungefähr so gedacht haben: Ach, da
-stehe ich und bin weit davon entfernt, ein prächtiger, ausgezeichneter
-Mensch zu sein, ich bin ein Hund! Dann schnürte er den Strick um die
-Kiste fest zu, hob die Mütze auf und trug beides wieder in die Scheune
-hinein. Nun war es getan.
-
-Als er wieder aus der Scheune heraustrat und sich nach der Mühle
-wandte, weg von seinem Hause, weg von allem, da stand Inger nicht am
-Fenster, nein. Nun wohl, mag sie stehen, wo sie will, übrigens war
-sie wohl in ihrem Bett, wo hätte sie sonst sein sollen? Aber in den
-alten Tagen, in den ersten unschuldigen Jahren auf der Ansiedlung, da
-hatte Inger keine Ruhe gehabt, sondern war aufgeblieben und hatte auf
-ihn gewartet, wenn er auf dem Heimweg vom Dorfe war. Das war jetzt
-anders geworden, alles war anders geworden. Auch als er ihr den Ring
-gab -- ach, hätte etwas mehr mißglückt sein können? Isak war übermäßig
-bescheiden gewesen und weit entfernt, von einem echt goldenen Ring zu
-sprechen. Es ist nichts Besonderes, hatte er gesagt, steck ihn einmal
-an den Finger und probier, ob er dir paßt. -- Ist das Gold? fragte sie.
--- Ja, aber er ist nicht sehr breit, versetzte er. -- Doch! hätte sie
-erwidern sollen, sie sagte indes: Nein, aber gerade recht. -- Du kannst
-ihn ja jetzt behalten wie sonst eine Kleinigkeit, sagte er schließlich
-niedergeschlagen.
-
-Aber Inger war doch dankbar für den Ring, sie trug ihn an der rechten
-Hand und ließ ihn funkeln, wenn sie nähte; ab und zu durften ihn die
-Mädchen anprobieren und ihn eine Weile am Finger behalten, wenn sie bei
-ihr waren und sie wegen eines neuen Kleides um Rat fragten. Begriff
-denn Isak nicht, daß sie ungeheuer stolz auf den Ring war! ...
-
-Aber es war sehr einsam, da in der Mühle zu sitzen und die ganze
-lange Nacht dem Brausen des Sturzbaches zuzuhören. Isak hatte nichts
-Unrechtes getan und brauchte sich nicht zu verstecken, er ging also von
-der Mühle fort, heimwärts, in sein Haus. --
-
-Und nun wurde Isak ganz beschämt, wahrlich beschämt und froh. Brede
-Olsen saß da, der Nachbar, niemand anderer, er saß da und trank Kaffee.
-Ja, Inger war auf, die beiden saßen nur beieinander und tranken Kaffee.
-Da ist Isak! sagte Inger in freundlichem Ton, indem sie aufstand und
-ihm auch eine Schale Kaffee einschenkte. Guten Abend! sagte Brede
-ebenso freundlich.
-
-Isak merkte wohl, daß Brede bei dem Abschiedsfest der
-Telegraphenarbeiter mit dabei gewesen war; er sah übernächtigt aus,
-aber das tat nichts, er war fröhlich und freundlich. Natürlich
-tat er ein wenig groß: Eigentlich habe er keine Zeit zu dieser
-Telegraphenarbeit, denn er habe ja seinen Hof, aber er habe nicht nein
-sagen können, der Ingenieur sei so sehr in ihn gedrungen. Und dann habe
-es ja auch dazu geführt, daß Brede nun die Inspektorstelle über die
-Linie übernehmen müsse. Es sei nicht wegen der Bezahlung, sagte Brede,
-er könnte im Dorf drunten viel mehr verdienen, aber er habe nicht
-ungefällig sein wollen. Nun habe man ihm eine kleine glänzende Maschine
-an der Wand angebracht, die sei ganz unterhaltend, fast ein Telegraph
-selbst.
-
-Isak konnte mit dem besten Willen über diesen Prahlhans und Faulpelz
-nicht böse sein, dafür fühlte er sich zu erleichtert, als er an diesem
-Abend anstatt eines Fremden seinen Nachbar in seinem Hause vorfand.
-Isak hatte das Gleichgewicht des Bauern, dessen einfache Gefühle,
-dessen Handfestigkeit, dessen Langsamkeit; er stimmte Brede zu und
-nickte zu seiner Oberflächlichkeit. Hast du nicht noch eine Schale
-Kaffee für Brede? fragte er Inger. Und Inger schenkte ein.
-
-Übrigens erzählte Inger, der Ingenieur sei ein ganz ausgezeichnet
-freundlicher Herr. Er habe sich die Zeichnungen und das Geschriebene
-der Kinder angesehen und habe dann gesagt, er wolle Eleseus zu sich
-nehmen. -- Zu sich nehmen? fragte Isak. -- Ja, mit in die Stadt. Er
-solle für ihn schreiben, solle Schreiber auf seinem Büro werden, so
-sehr hätten ihm Eleseus' Zeichnungen und das Geschriebene gefallen.
--- So, sagte Isak. -- Ja, was meinst du dazu? Er will ihn auch dort
-konfirmieren lassen. Das sind doch schöne Aussichten, nicht wahr? --
-Das meine ich auch, sagte Brede. Und soweit kenne ich den Ingenieur,
-wenn der schon so etwas sagt, dann meint er es auch. -- Wir haben hier
-auf der Ansiedlung keinen Eleseus, den wir entbehren könnten, sagte
-Isak.
-
-Nach diesen Worten wurde es eine Weile ganz still und unbehaglich in
-der Stube. Natürlich war Isak nicht der Mann, mit dem sich reden ließ.
--- Wenn nun aber der Junge selbst vorwärtskommen will, und wenn er
-das Genie hat, etwas Rechtes zu werden! sagte Inger schließlich. --
-Wieder Stille. Doch nun sagte Brede lächelnd: Wenn doch der Ingenieur
-eines von meinen Kindern nehmen wollte! Ich habe genug Kinder. Aber
-das älteste ist die Barbro, und das ist ein Mädchen. -- Ja, ja, die
-Barbro ist recht und gut, sagte Inger, um höflich zu sein. -- O ja,
-daran fehlt es nicht, stimmte Brede bei, die Barbro ist ein tüchtiges
-Mädchen, sie kommt jetzt zum Lensmann in Dienst. -- Zum Lensmann? --
-Ja, ich habe es durchaus versprechen müssen. Die Frau Lensmann hat mir
-gar keine Ruhe gelassen.
-
-Es war jetzt schon gegen Morgen, und Brede rüstete sich zum Aufbruch.
--- Ich habe noch meine Mütze und meine Eßkiste in eurer Scheune stehen,
-sagte er. Wenn nicht etwa die Burschen alles miteinander mitgenommen
-haben, fügte er scherzhaft hinzu.
-
-
-
-
-14
-
-
-Und die Zeit verging.
-
-Ja, natürlich kam Eleseus in die Stadt, Inger setzte es durch. Nachdem
-er ein Jahr dort gewesen war, wurde er konfirmiert, dann blieb er fest
-auf dem Büro des Ingenieurs und wurde immer tüchtiger im Schreiben.
-Oh, was waren das für Briefe, die er heimschickte, bisweilen mit roter
-und blauer Tinte geschrieben, die reinen Gemälde! Und wie die Sprache
-darin, die Sätze! Ab und zu bat Eleseus um Geld, bat um Unterstützung:
-er brauchte Geld zu einer Taschenuhr samt Kette, damit er am Morgen
-nicht zu lange schlief; dann zu einer Pfeife und Tabak, wie es die
-andern jungen Schreiber in der Stadt hatten; dann zu etwas, das er
-Taschengeld nannte; dann zu etwas, das Abendschule hieß, wo er Zeichnen
-und Turnen und andere für seinen Stand und seine Stellung notwendige
-Dinge lernte. Alles in allem war Eleseus in einer Stellung in der Stadt
-nicht billig zu haben.
-
-Taschengeld? fragte Isak. Ist das Geld, das man in der Tasche hat?
--- Ja, das muß wohl so sein, man tut es wohl, damit man nicht ganz
-leer daherkommt. Und es ist ja gar nicht so viel, ein Taler ab und
-zu. -- Ganz richtig, ein Taler hier und ein Taler dort, antwortete
-Isak zornig. Aber er war zornig, weil Eleseus ihm fehlte und er ihn
-daheim haben wollte. Aber schließlich werden es viele Taler, fuhr er
-fort. Ich kann das nicht leisten, du mußt ihm schreiben, daß er nichts
-mehr bekommt. -- So, na ja, sagte Inger beleidigt. -- Der Sivert, was
-bekommt denn der als Taschengeld? fragte Isak. -- Inger erwiderte: Du
-bist nie in einer Stadt gewesen und verstehst das nicht, der Sivert
-braucht kein Taschengeld. Und im übrigen kommt der Sivert nicht zu
-kurz, wenn sein Oheim Sivert einmal stirbt. -- Das weißt du nicht. --
-Doch, das weiß ich.
-
-Und das war gewissermaßen richtig, der Oheim Sivert hatte sich dahin
-ausgesprochen, daß Klein-Sivert ihn beerben solle. Oheim Sivert hatte
-an Eleseus' Prahlerei und Vornehmtuerei in der Stadt Anstoß genommen,
-er hatte genickt und die Lippen zusammengekniffen und gesagt, ein
-Schwestersohn, der nach ihm genannt sei -- nach dem Oheim Sivert --
-brauche keineswegs zu verhungern. Aber was besaß der Oheim Sivert wohl?
-Besaß er neben seinem vernachlässigten Hof und seinem Bootsschuppen
-auch noch einen so großen Haufen Geld, wie man allgemein annahm?
-Niemand wußte es. Und dazu kam noch, daß Oheim Sivert ein eigensinniger
-Mensch war, er verlangte, Klein-Sivert solle zu ihm kommen und bei
-ihm bleiben. Oheim Sivert betrachtete das als Ehrensache: er wollte
-Klein-Sivert zu sich nehmen, wie der Ingenieur Eleseus zu sich genommen
-hatte. Aber wie sollte Klein-Sivert von zu Hause wegkommen? Das
-war unmöglich. Er war des Vaters einzige Hilfe. Außerdem hatte der
-Junge auch keine große Lust, zu dem Oheim zu gehen, dem berühmten
-Bezirkskassierer; er war schon einmal dort gewesen, aber dann lieber
-wieder heimgegangen. Er war jetzt konfirmiert, reckte und streckte sich
-und wuchs heran, feiner Flaum sproßte ihm auf den Wangen, und er hatte
-starke Hände mit Schwielen daran. Er schaffte wie ein Mann.
-
-Isak hätte ohne Siverts Hilfe niemals die neue Scheune aufrichten
-können, aber jetzt stand sie mit der Einfahrtsbrücke und den Luken
-und allem ebenso groß da wie die Pfarrscheune selbst. Natürlich war
-sie nur aus Fachwerk mit Bretterverschalung, aber besonders solid
-gebaut mit eisernen Klammern an den Ecken und mit zolldicken Brettern
-aus der eigenen Sägemühle verschalt. Ja, und da hatte Klein-Sivert
-mehr als einen Nagel eingeschlagen und hatte die schweren Balken fürs
-Sparrenwerk aufgehoben, daß er fast darunter umgesunken war. Sivert
-verstand sich ausgezeichnet mit seinem Vater und arbeitete ständig
-an seiner Seite, er war von des Vaters Art. Und er war nicht so fein
-und so verwöhnt, sondern ging nur jedesmal, ehe er sich auf den Weg
-zur Kirche machte, auf die Halde hinauf und rieb sich mit ein wenig
-Rainfarn ab, um einen guten Geruch an sich zu haben. Da fing wahrlich
-die kleine Leopoldine an, größere Ansprüche zu machen, was man ja auch
-nicht anders erwarten konnte, da sie ein Mädchen und dazu die einzige
-Tochter war. Jetzt im Sommer hatte sie ihre abendliche Grütze nicht
-ohne Sirup darauf essen können, nein, das gewann sie nicht über sich.
-Und sie leistete auch nicht viel bei der Arbeit.
-
-Inger hatte den Gedanken an ein Dienstmädchen nicht aufgegeben, und
-jeden Frühling hatte sie aufs neue davon angefangen, aber jedesmal war
-Isak unnachgiebig geblieben. Wieviel mehr Kleider hätte sie zuschneiden
-können, wieviel mehr nähen und feine Stoffe weben und gestickte
-Pantoffeln fertigbringen, wenn sie Zeit gehabt hätte! Aber eigentlich
-zeigte sich Isak gar nicht mehr so unnachgiebig wie früher, wenn er
-auch noch brummte. Hoho, beim erstenmal hatte er eine lange Rede
-gehalten, nicht aus Rechtsgefühl und Verständigkeit, auch nicht aus
-Hochmut, sondern leider nur aus Schwäche, aus Wut. Aber jetzt war es,
-als habe er etwas nachgegeben, und als schäme er sich.
-
-Wenn ich Hilfe im Haus haben soll, so ist jetzt die Zeit dazu, sagte
-Inger. Denn später ist Leopoldine größer und kann dies und jenes tun.
--- Hilfe? fragte Isak, wobei sollst du dir denn helfen lassen? -- Wobei
-ich mir helfen lassen will? Läßt du dir etwa nicht helfen? Wozu ist
-denn Sivert da?
-
-Was sollte Isak auf solchen Unverstand entgegnen? Er sagte: Ja, ja,
-wenn du eine Magd bekommst, dann werdet ihr wohl pflügen und ernten und
-den Hof besorgen. Dann können Sivert und ich unserer Wege gehen.
-
-Wie das auch sein mag, entgegnete Inger, jedenfalls könnte ich jetzt
-Barbro als Magd bekommen, sie hat ihrem Vater darüber geschrieben.
--- Welche Barbro? fragte Isak. Etwa Bredes Barbro? -- Ja, sie ist in
-Bergen. -- Bredes Barbro will ich nicht hier in meinem Hause haben,
-sagte er. Wen du auch sonst nehmen magst, fügte er hinzu.
-
-Er wies also nicht jede andere zurück.
-
-Seht, in Barbro von Breidablick hatte Isak kein Vertrauen; sie war
-unbeständig und oberflächlich wie der Vater -- vielleicht auch wie die
-Mutter --, war flüchtigen Sinnes, ohne Ausdauer. Beim Lensmann war sie
-nicht lange geblieben, nur ein Jahr; als sie dann konfirmiert war, kam
-sie zum Kaufmann, blieb aber auch da nur ein Jahr. Dann war sie erweckt
-und fromm geworden, und als die Heilsarmee ins Dorf kam, trat sie in
-diese ein, bekam eine rote Binde um den Arm und eine Gitarre in die
-Hände. In dieser Ausstaffierung reiste sie auf der Jacht des Kaufmanns
-nach Bergen. Das war im vorigen Jahr gewesen, und jetzt eben hatte
-sie ihre Photographie heim nach Breidablick geschickt; Isak hatte sie
-gesehen: ein fremdes Fräulein mit gekräuseltem Haar und einer langen
-Uhrkette über die Brust herunter. Die Eltern waren stolz auf ihre
-kleine Barbro und zeigten das Bild jedem, der an Breidablick vorbeikam;
-es war großartig, wie sie sich herausgemacht hatte, und sie hatte keine
-rote Binde mehr um den Arm und keine Gitarre mehr in den Händen.
-
-Ich habe es mitgenommen und es der Frau des Lensmanns gezeigt, die
-erkannte sie gar nicht wieder, sagte Brede. -- Bleibt sie in Bergen?
-fragte Isak mißtrauisch. -- Sie bleibt in Bergen, solange sie dort
-ihr Brot verdient, antwortete Brede. Wenn sie nicht lieber nach
-Christiania reist, setzte er hinzu. Was soll sie hier daheim! Sie
-hat jetzt eine neue Stelle, ist Haushälterin bei zwei Junggesellen,
-feinen Kontorherren. Und was sie für einen großen Lohn hat! -- Wieviel?
-fragte Isak. -- Das gibt sie in ihrem Brief nicht genau an. Aber daß
-er etwas Ungeheures ist gegen hier im Dorf, das merke ich daran, daß
-sie Weihnachtsgeschenke und viele andere Geschenke bekommen hat, ohne
-daß am Lohn etwas abgezogen worden wäre. -- So, sagt Isak. -- Ja, du
-möchtest sie wohl nicht als Magd haben? fragte Brede. -- Ich? entfuhr
-es Isak. -- Nein, hehe, ich hab' nur so gefragt. Denn die Barbro soll
-nur bleiben, wo sie ist. Aber was ich sagen wollte: Du hast nichts
-Besonderes am Telegraphen droben bemerkt? -- Am Telegraphen? Nein.
--- Ach nein, es ist nicht oft etwas in Unordnung daran, seit ich ihn
-übernommen habe. Und dann habe ich ja meine eigene Maschine an der
-Wand, die mir's anzeigt, wenn etwas daran fehlt. In den nächsten Tagen
-muß ich aber einmal die Linie abschreiten und nachsehen. Ich habe eben
-viel zuviel zu tun und zu besorgen, ein einziger Mann kann das nicht
-alles leisten. Aber da ich nun einmal Inspektor hier bin und dies
-öffentliche Amt habe, muß ich ihm eben auch nachkommen, solange ich
-es habe. -- Isak fragte: Du denkst doch nicht daran, es aufzugeben?
--- Ich weiß nicht, antwortete Brede, ich bin noch nicht entschlossen.
-Aber man läßt mir keine Ruhe, ich soll wieder ins Dorf hinunterkommen.
--- Wer läßt dir keine Ruhe? fragte Isak. -- Alle miteinander. Der
-Lensmann möchte mich wieder als Gerichtsdiener, dem Doktor fehle ich
-zum Überlandfahren, und die Frau Pfarrer hätte mich schon mehr als
-einmal zur Hilfe haben wollen, wenn nur nicht der Weg so weit wäre.
-Nun, wie war es denn, Isak, hast du wirklich so viel Geld für deinen
-Berg bekommen? -- Ja, das ist nicht gelogen, antwortete Isak. -- Aber
-was wollte denn der Geißler damit? Nun liegt er da. Das ist doch etwas
-Merkwürdiges. Jetzt ist ein Jahr ums andere darüber hingegangen. --
-Isak hatte selbst oft über dieses Rätsel nachgegrübelt, er hatte auch
-mit dem Lensmann darüber geredet, hatte nach Geißlers Adresse gefragt,
-um ihm zu schreiben. Gewiß war die Sache merkwürdig. -- Ich weiß
-nichts, sagte Isak.
-
-Brede verbarg nicht, daß ihn dieser Handel mit dem Berg sehr
-interessiere: Es heißt, es seien noch mehrere Berge wie die deinigen
-droben in der Allmende, sagte er; da können große Dinge drin sein, wir
-aber gehen hier umher wie die stummen Tiere und sehen es nicht. Ich
-habe mich nun entschlossen, an einem Tag einmal hinaufzugehen und da zu
-untersuchen. -- Ach so, du verstehst dich auf Felsen und Gesteinsarten?
-fragte Isak. -- Ja, ein wenig schon, und ich habe auch andere darüber
-befragt. Und wie es auch sein mag, so muß ich irgend etwas für mich
-finden, ich kann mit all den Meinen nicht von dem Hofe hier leben. Zum
-Kuckuck, das ist einfach unmöglich. Bei dir ist es ganz anders, du hast
-lauter Wald und guten Ackerboden. Bei mir ist nichts als Moor. -- Moor
-ist guter Boden, sagte Isak kurz. Ich habe selbst Moor. -- Es ist ganz
-unmöglich, es auszutrocknen, erwiderte Brede ...
-
-Aber es war nicht unmöglich, das Moor auszutrocknen. Als Isak an
-diesem Tag weiter hinunterkam, stieß er auf neue Ansiedlungen. Zwei
-lagen weiter unten, dem Dorfe zu, aber eine war hoch droben zwischen
-Breidablick und Sellanraa -- oh, es wurde allmählich im Ödland
-gearbeitet, in Isaks erster Zeit lag es ganz menschenleer da. Und diese
-drei Ansiedler waren von auswärts, es schienen Leute mit Verstand
-zu sein; das erste, was sie taten, war nicht, Geld aufzunehmen und
-sich ein Haus zu bauen, sie kamen in einem Jahr her, zogen Gräben
-und verschwanden wieder, genau wie wenn sie gestorben wären. Das war
-die richtige Art: Gräben ziehen, pflügen, säen. Axel Ström war jetzt
-Isaks nächster Nachbar, ein tüchtiger Mann, Junggeselle, von Geburt
-ein Helgeländer; er hatte Isaks neuen Reolpflug entlehnt, um seinen
-Moorboden damit umzupflügen, und erst im zweiten Jahr hatte er sich
-einen Heuschuppen und eine Gamme errichtet und sich ein paar Stück Vieh
-angeschafft. Sein Besitztum hieß Maaneland, Mondland, weil der Mond so
-schön darauf schien. Er hatte keine eigene Frauensperson zur Hilfe, und
-Hilfe im Sommer war an diesem abgelegenen Ort nur schwer zu haben, aber
-wie er seine Arbeit einteilte und ausführte, das war ganz und gar die
-richtige Art. Oder hätte er etwa wie Brede zuerst ein Haus bauen und
-dann mit seiner Familie und vielen kleinen Kindern ins Ödland kommen
-sollen, ohne Vieh oder Äcker, von denen er leben konnte? Was verstand
-Brede Olsen vom Entwässern des Moores oder Urbarmachen des Ödlandes?
-
-Brede Olsen verstand es, die Zeit mit Lappalien zu vergeuden; da kam
-er wirklich eines Tages an Sellanraa vorüber und wollte hinauf auf die
-Berge, um nach edlen Metallen zu suchen! Am Abend kehrte er zurück,
-hatte aber nichts Bestimmtes gefunden. Nur ein paar Anzeichen, sagte er
-und nickte dazu. Er wollte den Gang bald noch einmal machen und wollte
-auch die Berge nach Schweden zu untersuchen.
-
-Und ganz richtig, Brede kam wieder. Er hatte wohl Geschmack daran
-gewonnen, er schob es auf die Telegraphenlinie, er müsse sie nachsehen.
-Indessen versorgten Frau und Kinder den Hof daheim oder ließen alles
-ungetan liegen. Isak bekam Bredes Besuche bald satt, und er ging aus
-dem Hause, wenn er kam. Dann schwätzten Inger und Brede herzlich
-miteinander. Was konnten sie nur zu schwätzen haben? Oh, Brede war
-oft im Dorf drunten und wußte immer etwas Neues von den Großen dort,
-Inger aber hatte ihrerseits ihre berühmte Reise nach Drontheim und
-ihren Aufenthalt, von dem sie erzählen konnte. In den Jahren, die sie
-fortgewesen war, hatte sie schwätzen gelernt, sie fing mit jedermann
-gleich eine Unterhaltung an. Nein, sie war nicht mehr dieselbe
-treuherzige, rechtschaffene Inger von früher.
-
-Immer noch kamen Frauen und Mädchen nach Sellanraa, um sich Kleider
-zuschneiden oder im Handumdrehen wohl auch einen langen Saum auf
-der Maschine nähen zu lassen, und Inger unterhielt sie gut dabei.
-Auch Oline kam wieder, sie konnte es wahrscheinlich nicht aushalten,
-wegzubleiben, denn sie kam sowohl im Frühjahr als im Herbst, aalglatt,
-butterweich und falsch. -- Ich mußte einmal sehen, wie es bei euch
-steht, sagte sie jedesmal. Und ich habe so Heimweh nach den kleinen
-Knaben, sagte sie, ich habe sie so in mein Herz geschlossen, die lieben
-Engel, die sie damals waren. Ja, ja, jetzt sind es große Burschen; aber
-es ist ganz merkwürdig, ich muß immer daran denken, wie sie noch so
-klein waren und ich für sie zu sorgen hatte. Und ihr baut und baut und
-macht den Hof zu einer ganzen Stadt. Werdet ihr auch eine Glocke auf
-dem neuen Scheunendach anbringen, gerade wie im Pfarrhaus?
-
-Als Oline wieder einmal auf Sellanraa ankam, brachte sie eine andere
-Frau mit, und die beiden Frauen und Inger hatten einen guten Tag
-zusammen. Je mehr Menschen Inger um sich herumsitzen hatte, desto
-besser und desto schneller hantierte sie mit der Schere und nähte auf
-der Maschine; sie tat groß, schwang ihre Schere oder das Plätteisen.
-Das erinnerte sie an die Zeit in der Anstalt, wo sie so viele gewesen
-waren. Inger verbarg durchaus nicht, wo sie ihre Kunst und ihr Wissen
-her hatte, von Drontheim hatte sie's. Es war, als habe sie nicht auf
-gewöhnliche Weise dort eine Strafe abgesessen, sondern als sei sie
-in der Lehre gewesen: Schneidern, Weben, Färben und Schreiben, in
-all dem hatte sie Unterricht in Drontheim gehabt. Von der Anstalt
-redete sie mit einem gewissen Heimatgefühl, es waren so viele Leute
-dagewesen: Vorsteher und Aufsichtsbeamte und Wächter; als sie damals
-wieder heimgekommen war, sei es sehr einsam für sie gewesen, und es
-sei ihr überaus hart gefallen, sich von dem Gesellschaftsleben, an das
-sie nun gewohnt gewesen, zurückzuziehen. Sie tat sogar, als habe sie
-sich erkältet, weil sie in der rauhen Luft draußen gewesen war, ja,
-noch jahrelang nach ihrer Rückkehr sei es ihr nicht gut bekommen, in
-Wind und Wetter draußen zu sein. Zu der Arbeit außer dem Hause müßte
-sie eigentlich eine Magd haben. -- Ja, aber Herrgott im Himmel, sagte
-Oline, du mit deiner Gelehrsamkeit und mit deinem großen Haus, du
-müßtest doch eine Magd halten können!
-
-Es war recht angenehm, auf Verständnis zu stoßen, und Inger widersprach
-Oline nicht. Sie rasselte mit ihrer Maschine, daß es dröhnte, und ließ
-den Ring an ihrem Finger funkeln.
-
-Nun siehst du selbst, sagte Oline zu der andern Frau, ist es nicht
-wahr, daß Inger einen goldenen Ring bekommen hat? -- Wollt ihr ihn
-sehen? fragte Inger und zog ihn ab. Oline griff danach, sie schien
-nicht ganz sicher zu sein und untersuchte den Ring, wie ein Affe eine
-Nuß untersucht: sah auch nach dem Stempel: Ja, es ist, wie ich sagte,
-diese Inger mit all ihrem Reichtum und all ihren Mitteln. -- Die andere
-Frau nahm den Ring mit Ehrfurcht in die Hand und lächelte demütig. --
-Du darfst ihn eine Weile anbehalten, sagte Inger. Steck ihn nur an, er
-geht nicht entzwei!
-
-Und Inger war freundlich und gutherzig. Sie erzählte von der Domkirche
-in Drontheim und begann: Ihr habt wohl die Domkirche in Drontheim nicht
-gesehen? Nein, ihr seid ja nicht in Drontheim gewesen! Diese Domkirche
-war gleichsam Ingers eigene Domkirche; sie verteidigte sie, prahlte mit
-ihr, gab Höhe und Breite an, sie sei wie ein Märchen! Sieben Pfarrer
-predigten gleichzeitig in ihr und hörten doch nichts voneinander. Dann
-habt ihr wohl den Brunnen des heiligen Olaf auch nicht gesehen? Er
-liegt mitten in der Domkirche auf der einen Seite, und dieser Brunnen
-ist grundlos. Als wir da hingingen, hatten wir einen Stein mitgenommen,
-und den ließen wir hineinfallen, aber er erreichte den Grund nicht. --
-Er erreichte den Grund nicht! flüsterten die Frauen und schüttelten
-die Köpfe. -- Aber außerdem sind noch tausend andere Dinge in der
-Domkirche! rief Inger entzückt aus. Da ist nun der silberne Schrein,
-das ist der Schrein von Sankt Olaf dem Heiligen, ihm gehört er. Aber
-die Marmorkirche, die eine kleine Kirche ganz und gar aus Marmor war,
-aber diese Kirche, die haben uns die Dänen im Krieg genommen ...
-
-Die Frauen mußten aufbrechen. Oline zog Inger auf die Seite und
-mit sich in die Vorratskammer hinein, wo, wie sie wußte, die Käse
-lagen, und machte die Tür hinter sich zu. -- Was willst du von mir?
-fragte Inger. -- Oline flüsterte: Der Os-Anders wagt nicht mehr
-hierherzukommen. Ich habe es ihm gesagt. -- Ach so, sagte Inger.
--- Ich habe ihm gesagt, er solle es nur wagen, nach dem, was er dir
-angetan hat! -- Ja, ja, sagte Inger. Aber er ist seither mehrere Male
-hier gewesen, und im übrigen kann er gerne kommen, ich fürchte mich
-nicht vor ihm! -- Nein, sagte Oline, aber ich weiß, was ich weiß, und
-wenn du es willst, werde ich ihn anzeigen. -- So, sagte Inger, nein,
-das sollst du nicht tun.
-
-Aber es war ihr nicht widerwärtig, daß Oline auf ihrer Seite stand; es
-kostete sie zwar einen kleinen Ziegenkäse, aber Oline bedankte sich
-großartig dafür. Es ist, wie ich sage und immer gesagt habe. Inger
-besinnt sich nicht lange, wenn sie gibt, dann gebraucht sie beide
-Hände. Nein, du hast keine Angst vor Os-Anders, aber ich habe ihm
-nun verboten, dir je wieder unter die Augen zu kommen. Das war das
-mindeste, was ich für dich tun konnte. -- Da sagte Inger: Was kann es
-mir ausmachen, wenn er kommt, mir kann er nicht mehr schaden. -- Oline
-spitzte die Ohren: So, hast du ein Mittel dagegen erfahren? -- Ich
-bekomme keine Kinder mehr, sagte Inger.
-
-Da standen sie ja auf gleichem Fuß und hatten beide gleich gute
-Trümpfe. Oline wußte ja, daß der Lappe Os-Anders vorgestern gestorben
-war ...
-
-Warum sollte Inger keine Kinder mehr bekommen? Sie lebte nicht in
-Feindschaft mit ihrem Mann, sie waren nicht wie Hund und Katze, weit
-entfernt! Alle beide hatten ihre Eigenheiten, aber sie stritten sich
-selten und nie lange, nachher war alles wieder gut. Oftmals konnte
-auch Inger wieder wie in den alten Tagen sein und im Stall und auf den
-Feldern große Arbeit leisten; es war, als ginge sie da in sich und
-bekomme gesunde Rückfälle. Dann sah Isak seine Frau mit dankbaren Augen
-an, und wenn er zu denen gehört hätte, die sich gleich aussprechen,
-würde er wohl gesagt haben: Was? Hm! Was machst du für einen Spaß!
-oder etwas anderes Anerkennendes. Allein er schwieg zu lange, und sein
-Lob kam zu spät. Aber auf diese Weise machte es Inger keine Freude, und
-es lag nichts daran, ständig tüchtig zu sein.
-
-Sie hätte über fünfzig Jahre alt sein und noch Kinder bekommen können,
-aber so wie sie aussah, sich drehte und wendete, war sie vielleicht
-nicht einmal vierzig. Alles hatte sie in der Anstalt gelernt --
-hatte sie wohl auch einige Kunstgriffe für ihre Person gelernt?
-Außerordentlich wohlüberlegt und wohlunterrichtet kehrte sie von dem
-Umgang mit den andern Mörderinnen heim, vielleicht hatte sie auch dies
-und jenes von den Herren gehört, von den Aufsehern, den Ärzten? Einmal
-erzählte sie Isak, ein junger Mediziner habe über ihr ganzes Verbrechen
-gesagt: Warum sollte man jemand strafen, wenn er Kinder umbringt, ja,
-sogar gesunde Kinder, sogar wohlgestaltete? Die sind da doch nichts
-anderes als Fleischklumpen. -- Isak erwiderte: War er denn ein Untier?
--- Er! rief Inger, und dann erzählte sie, wie gut er gegen sie gewesen
-sei, gegen sie, Inger selbst, er gerade habe ja einen anderen Arzt
-veranlaßt, ihren Mund zu operieren und sie zu einem Menschen zu machen.
-Ja, jetzt habe sie nur eine Narbe.
-
-Ja, jetzt hatte sie nur eine Narbe, und sie war eine recht hübsche
-Frau geworden, groß, ohne Fettansatz, mit bräunlicher Haut und dichtem
-Haarwuchs. Im Sommer ging sie meist barfuß und hoch aufgeschürzt mit
-freimütigen Beinen. Isak sah sie, wer sah sie nicht!
-
-Sie stritten sich nicht, nein, Isak hatte nicht die Gabe dazu, und
-seine Frau war jetzt viel mundfertiger geworden. Zu einem guten
-gründlichen Streit brauchte dieser Klotz, dieser Mühlengeist Zeit,
-er verwirrte sich in ihren Worten und brachte nicht viel heraus, und
-außerdem hatte er auch ein Herz für sie, eine kräftige Liebe. Er
-brauchte sich auch gar nicht oft zu verteidigen, Inger griff ihn
-nicht an, er war in vieler Beziehung ein ausgezeichneter Mann, und
-Inger ließ ihn ungerügt. Worüber hätte sie sich beklagen sollen?
-Wahrlich, Isak war nicht zu verachten, sie hätte einen schlimmeren Mann
-bekommen können. War er alt geworden, abgerackert? Freilich hatte sie
-Anzeichen von Müdigkeit an ihm bemerkt, aber nicht so, daß es etwas
-ausgemacht hätte. Er war, sozusagen, erfüllt von alter Gesundheit und
-Unverbrauchtheit ebenso wie sie, und im Nachsommer ihrer Ehe leistete
-er seinen Teil an Zärtlichkeit mindestens ebenso warm wie sie.
-
-Aber eine besondere Pracht oder Schönheit war keineswegs an ihm.
-Nein, darin war Inger ihm überlegen. Bisweilen dachte sie wohl auch,
-sie habe schon Schöneres gesehen, Männer in feinen Kleidern und mit
-Spazierstöcken; Herren mit Taschentüchern und gestärkten Kragen, o
-diese Stadtherren! Deshalb behandelte sie Isak auch nur als den, der er
-war, sozusagen nur nach Verdienst, nicht besser: er war ein Ansiedler
-im Walde; wäre ihr Mund von jeher recht gewesen, so hätte sie ihn
-nie genommen, das wußte sie jetzt. Nein, dann hätte sie einen andern
-kriegen können. Diese Heimat, die ihr geworden war, dieses ganze öde
-Dasein, das ihr Isak bereitet hatte, war im Grunde genommen recht
-mäßig; jedenfalls hätte sie drunten in ihrer Heimatgemeinde verheiratet
-sein und Gesellschaft und Umgang genug haben können, anstatt hier oben
-im Ödland eine Hexe zu werden. Hier paßte sie nicht mehr her, sie hatte
-jetzt andere Anschauungen.
-
-War es nicht merkwürdig, wie sich die Ansichten ändern konnten! Es
-gelang Inger nicht mehr, sich über ein besonders schönes Kalb zu freuen
-oder die Hände vor Verwunderung zusammenzuschlagen, wenn Isak mit
-einer recht großen Beute vom Fischfang heimkam, nein, sie hatte sechs
-Jahre lang in größeren Verhältnissen gelebt. Ja, so ganz allmählich
-waren auch die Tage vorüber, wo sie ihn freundlich und liebreich zu
-den Mahlzeiten hereinrief. Jetzt sagte sie: Kommst du denn nicht zum
-Essen? War das eine Art! Zuerst wunderte er sich ein wenig über diese
-Veränderung, über eine so verdammt verdrießliche und unhöfliche Art,
-und er erwiderte: Ich habe nicht gewußt, daß das Essen fertig ist. --
-Aber als sie behauptete, er müsse das doch einigermaßen nach dem Stand
-der Sonne wissen, hörte er auf, etwas zu entgegnen und noch ein Wort
-darüber zu verlieren.
-
-Oh, aber einmal, da ertappte er sie und griff tüchtig zu! Das war, als
-sie ihm Geld stehlen wollte. Nicht weil er selbst so sehr aufs Geld aus
-gewesen wäre, sondern weil es durchaus und ganz allein ihm gehörte.
-Hoho, da hätte sie fürs ganze Leben einen Leibschaden davontragen
-können! Und doch war Inger da nicht ganz verworfen und gottvergessen
-gewesen; Eleseus sollte ja das Geld haben, der liebe Eleseus in der
-Stadt, der wieder um einen Taler gebeten hatte. Sollte er da zwischen
-all den andern feinen Leuten mit leeren Taschen umhergehen müssen?
-Hatte sie nicht ein Mutterherz? Sie hatte Geld von Isak verlangt, und
-da dies nicht half, hatte sie selbst zugegriffen. Woher es nun aber
-kommen mochte, ob Isak ihr mißtraute, oder ob es ein Zufall war --
-der böse Streich wurde jedenfalls gleich entdeckt, und in demselben
-Augenblick fühlte sich Inger an beiden Armen gefaßt; sie fühlte, daß
-sie zuerst in die Höhe gehoben und dann schwer auf den Boden gestoßen
-wurde. Das war etwas Ungewöhnliches, eine Art Bergsturz. Oh, da waren
-Isaks Hände nicht abgeschafft und müde! Inger stöhnte laut auf, ihr
-Kopf sank nach hinten, sie zitterte und streckte ihm den Taler hin.
-
-Auch jetzt sprach sich Isak nicht weiter aus, obgleich Inger ihn nicht
-daran hinderte, zu Wort zu kommen, er stieß eigentlich nur schnaufend
-hervor: Prügel gehören dir, sonst kann man dich nicht mehr im Zaum
-halten!
-
-Er war nicht wiederzuerkennen. Oh, er machte wohl lang unterdrücktem
-Ärger Luft!
-
-Nun verging ein trauriger Tag und eine lange Nacht und noch ein
-weiterer Tag. Isak ging fort und schlief draußen, obgleich er trockenes
-Heu liegen hatte, das eingefahren werden sollte; Sivert war bei dem
-Vater. Inger hatte Leopoldine und die Tiere um sich, aber sie fühlte
-sich allein, weinte die ganze Zeit und schüttelte den Kopf über sich
-selbst: eine so große Gemütsbewegung hatte sie nur einmal in ihrem
-Leben durchgemacht; jetzt mußte sie an damals denken, als sie ihr
-neugeborenes Kind umbrachte.
-
-Wo waren Isak und der Sohn? Sie waren nicht müßig gewesen; wohl
-stahlen sie einen Tag und mehr von der Heuernte, aber sie bauten ein
-Boot droben am Bergsee. Allerdings ein plumpes Fahrzeug ohne alle
-Ausschmückung, aber stark und dicht war es wie alles, was sie machten,
-und nun hatten sie ein Boot und konnten mit dem Netze fischen.
-
-Als sie wieder heimkamen, lag das Heu noch ebenso trocken da. Sie
-hatten dem Himmel den Streich gespielt, sich auf ihn zu verlassen,
-und hatten dabei noch gewonnen, der Vorteil war auf ihrer Seite. Da
-deutete Sivert plötzlich hinüber und rief: Die Mutter hat geheut! --
-Der Vater sah auf die Wiese hinunter und sagte: So. -- Isak hatte ja
-gleich gesehen, daß ein Teil des Heus verschwunden war, jetzt war Inger
-wohl drinnen bei der Hausarbeit. Das war eine ganz besondere Leistung,
-nachdem er ihr gestern mit Schlägen gedroht und sie geschüttelt hatte.
-Und es war schweres, kräftiges Heu, sie hatte hart arbeiten müssen, und
-außerdem hatte sie auch noch alle Kühe und Ziegen zu melken gehabt. --
-Geh hinein und iß! sagte Isak zu Sivert. -- Du nicht auch? -- Nein.
-
-Als Sivert eine Weile drinnen gewesen war, kam Inger heraus; sie blieb
-demütig auf der Türschwelle stehen und sagte: Kannst du dir's nicht
-selbst gönnen, daß du auch hereinkommst und etwas ißt? -- Darauf
-knurrte Isak nur und sagte: Hm. Aber Inger demütig zu sehen, war in
-der letzten Zeit ein so seltenes Erlebnis geworden, daß er in seinem
-Starrsinn etwas erschüttert wurde. -- Wenn du mir ein paar Zähne in
-meinen Rechen einsetzen würdest, dann könnte ich weiter rechen, sagte
-sie. Sie wendete sich mit einer Bitte an den Herrn des Hofes, an
-das Oberhaupt von allem, und sie war dankbar, daß er ihr nicht eine
-höhnische, abschlägige Antwort gab. -- Du hast jetzt genug gerecht und
-eingefahren, sagte er. -- Nein, es ist noch nicht genug. -- Ich habe
-jetzt keine Zeit, deinen Rechen zu flicken, du siehst, daß Regen kommt.
-
-Damit ging Isak an die Arbeit.
-
-Er wollte sie wohl schonen; die paar Minuten Zeit, die das Flicken des
-Rechens in Anspruch genommen hätte, wären zehnmal aufgewogen worden,
-wenn Inger mit auf der Wiese geblieben wäre. Nun kam überdies Inger mit
-dem Rechen, so wie er war, herbei und begann Heu zusammenzurechen, daß
-es eine Art hatte. Sivert kam mit Pferd und Heuwagen, alle strengten
-sich aufs äußerste an, der Schweiß lief ihnen herunter, und das Heu
-wurde geborgen. Das war ein Meisterstück. Und wieder versank Isak in
-Gedanken an jene höhere Macht, die alle unsere Schritte lenkt, von dem
-Stehlen eines Talers an bis zum Bergen einer großen Menge trockenen
-Heus. Außerdem lag nun auch das Boot fertig droben; nachdem er ein
-halbes Menschenalter lang über ein solches nachgegrübelt hatte, lag es
-nun droben im Gebirgssee. Ach ja, Herrgott im Himmel! sagte er.
-
-
-
-
-15
-
-
-Im ganzen genommen wurde das ein merkwürdiger Abend, ein Wendepunkt;
-Inger, die seit langer Zeit neben dem Geleise hergegangen war, war
-durch ein einziges Aufheben vom Boden wieder auf den richtigen Platz
-gekommen. Keines von ihnen sprach von dem Geschehenen; Isak hatte sich
-später wegen dieses Talers, der ja nicht viel Geld war, und den er doch
-herausgeben mußte, weil er selbst ihn dem Eleseus gönnte, geschämt. Und
-gehörte der Taler nicht überdies ebensogut Inger wie ihm? Es kam eine
-Zeit, da Isak der Demütige war.
-
-Es kamen allerhand Zeiten; Inger hatte also wieder ihren Sinn geändert.
-Ja, sie änderte sich wieder, gab allmählich ihre Vornehmtuerei auf und
-wurde wieder eine ernste und herzliche Frau auf einer Ansiedlung. Daß
-die Fäuste eines Mannes so Großes ausrichten konnten! Aber so sollte es
-sein, es handelte sich hier um ein starkes, tüchtiges Frauenzimmer, das
-ein langer Aufenthalt in künstlicher Luft verwirrt gemacht hatte -- sie
-stieß nach dem Manne, der aber zu fest auf seinen Füßen stand. Er hatte
-seinen natürlichen Platz auf der Erde, auf seinem Grund und Boden,
-nicht einen Augenblick verlassen. Er konnte nicht weggeschoben werden.
-
-Es kamen vielerlei Zeiten; im nächsten Jahr herrschte wieder
-Trockenheit, und wahrlich, sie verminderte die Ernte und zehrte am
-Mut der Menschen. Das Korn auf dem Felde verbrannte, die Kartoffeln
-jedoch -- die merkwürdigen Kartoffeln -- wurden nicht versengt, sondern
-blühten, blühten. Die Wiesen sahen allmählich grau aus, aber die
-Kartoffeln blühten. Eine höhere Macht leitete alle Dinge, aber die
-Wiesen fingen an grau zu werden.
-
-Da, eines Tages erschien Geißler, der frühere Lensmann Geißler, endlich
-kam er wieder. Es war wirklich seltsam, daß er nicht tot war, sondern
-wieder auftauchte. Warum kam er wohl?
-
-Diesmal hatte Geißler allerdings kein großes Gepäck und allerlei
-Dokumente über Gebirgskäufe und so weiter bei sich, er war im Gegenteil
-recht einfach gekleidet, sein Haar und Bart waren ergraut und seine
-Augen rot umrändert. Er brachte niemand mit, der ihm seine Sachen trug,
-er hatte nur eine Tasche mit Schriftstücken und nicht einmal einen
-Reisesack bei sich.
-
-Guten Tag! sagte Geißler.
-
-Guten Tag! erwiderten Isak und Inger. Seid Ihr wieder auf Reisen?
-
-Geißler nickte.
-
-Und ich danke auch für den Besuch in Drontheim! fügte Inger noch hinzu.
-
-Dazu nickte auch Isak und sagte: Ja, wir beide sagen schönen Dank dafür.
-
-Aber Geißler hatte die Gewohnheit, nicht nur Herz und Gefühl zu zeigen,
-er sagte gleich: Ich will übers Gebirge nach Schweden hinüber.
-
-Obgleich die Leute auf dem Hofe wegen der Trockenheit niedergedrückt
-waren, wurden sie durch Geißlers Besuch doch aufgeheitert; sie
-bewirteten ihn reichlich. Es war eine große Freude für sie, ihn
-herzlich aufnehmen zu können, er hatte ihnen ja so viel Gutes getan.
-
-Geißler selbst war nicht niedergedrückt; er redete sofort von allem
-möglichen, sah auf die Felder hinaus und nickte; oh, er war noch immer
-ganz aufrecht und sah aus, als habe er mehrere hundert Taler bei sich.
-Mit ihm kam Leben und Aufmunterung ins Haus; nicht daß er gelärmt
-hätte, aber er führte eine lebhafte Unterhaltung.
-
-Ein herrlicher Ort, dieses Sellanraa! sagte er. Und jetzt ziehen immer
-mehr Leute hier herauf, Isak, fünf Ansiedlungen hab' ich gezählt, oder
-sind es noch mehr?
-
-Sieben im ganzen, die beiden andern kann man vom Weg aus nicht sehen.
-
-Sieben Höfe, sagen wir fünfzig Menschen. Die Umgebung hier
-wird allmählich dicht bebaut. Habt ihr nicht auch schon eine
-Schulgerechtigkeit und eine Schulstube?
-
-Doch.
-
-Das habe ich gehört. Ein Schulhaus auf Bredes Grundstück, weil das mehr
-in der Mitte liegt. Also, Brede ist ein Ansiedler geworden! Geißler
-lachte verächtlich. Von dir habe ich reden hören, Isak, du bist der
-Meister hier. Das freut mich. Du sollst ja jetzt auch ein Sägewerk
-haben?
-
-Ja, so, wie es eben ist. Aber ich fahre gut dabei. Und ich habe auch
-schon öfters einen Balken für die da unten gesägt.
-
-So soll es sein!
-
-Es würde mich freuen, zu hören, was Ihr darüber sagt, Herr Lensmann,
-wenn Ihr mitgehen und das Sägewerk ansehen wolltet.
-
-Geißler nickte, wie wenn er ein Fachmann wäre, und sagte, das wolle
-er gerne tun, ja, er werde sich das Sägewerk ansehen und alles genau
-betrachten. Er fragte: Du hast doch _zwei_ Jungen, wo ist denn der
-andere? In der Stadt? Auf einem Büro? Hm! sagte Geißler. Aber dieser
-dort sieht aus wie ein Prachtkerl! Wie heißt du?
-
-Sivert.
-
-Und der andere?
-
-Eleseus.
-
-Auf so einem Ingenieurbüro ist er? Was lernt er denn dort? Das ist nur
-Hungerleiderei. Er hätte zu mir kommen können, sagte Geißler.
-
-O ja, versetzte Isak nur, um sich höflich zu zeigen. Geißler tat ihm
-leid. Oh, der gute Geißler sah nicht aus, als könne er sich jetzt
-fremde Hilfe halten, er hatte es vielleicht jetzt allein schwer genug,
-sein Rock war ja an den Handgelenken geradezu ausgefranst.
-
-Möchtet Ihr nicht ein Paar trockene Strümpfe anziehen? fragte Inger,
-indem sie ein Paar von ihren eigenen neuen herbeibrachte, ein Paar
-gereifelte und dünne aus ihren eigenen vornehmsten Tagen.
-
-Nein, danke, sagte Geißler kurz, obgleich er gewiß triefend nasse Füße
-hatte.
-
-Er hätte lieber zu mir kommen sollen, sagte er von Eleseus. Ich könnte
-ihn sehr notwendig brauchen, sagte er, indem er eine kleine silberne
-Tabaksdose aus der Tasche zog und damit spielte. Das war vielleicht das
-einzige Prachtstück, das er von früher her noch besaß.
-
-Aber er hatte keine rechte Ruhe und hielt sich nicht lange bei einem
-Gegenstand auf. Die silberne Dose wurde wieder eingesteckt, und er fing
-von etwas Neuem an. Aber wie grau doch die Wiese da draußen aussieht!
-Vorhin dachte ich, es sei der Schatten. Warum muß denn der Boden hier
-verbrennen? Komm einmal mit mir, Sivert!
-
-Rasch stand er von dem gedeckten Tisch auf, wendete sich der Tür zu,
-dankte Inger für das Essen und verschwand. Sivert ging mit ihm.
-
-Sie gingen nach dem Fluß. Geißler spähte die ganze Zeit mit klugen
-Augen umher; plötzlich blieb er stehen und sagte: Hier! Und dann
-erklärte er: Es geht durchaus nicht an, daß ihr den Boden verbrennen
-laßt, wenn ihr doch einen allmächtigen Fluß habt, wo ihr Wasser holen
-könnt. Morgen soll die Wiese wieder grün sein.
-
-Der erstaunte Sivert sagte nur: Ja.
-
-Jetzt hebst du hier schräg herunter einen mäßigen Graben aus, der Boden
-ist eben, und am Einlauf machen wir eine Rinne. Da ihr eine Sägemühle
-habt, habt ihr wohl auch ein paar lange Bretter? Gut! Hol Hacke und
-Spaten und fang hier an, ich komme gleich wieder und stecke die Linie
-ordentlich ab.
-
-Er lief wieder ins Haus hinein, es quietschte in seinen Stiefeln, so
-naß waren sie. Er stellte Isak bei den Holzrinnen an; er müsse viele
-Rinnen machen, und sie müßten da und dort, wo der Boden nicht durch
-einen Graben aufgerissen werden dürfe, gelegt werden. Isak versuchte
-einzuwenden, daß das Wasser vielleicht nicht bis dahin dringen würde,
-es sei ein sehr weiter Weg, der trockene Boden werde es aufsaugen,
-ehe es bis an die versengten Stellen gelange. Geißler erklärte,
-ja, es werde wohl eine Weile dauern, die Erde werde zuerst tüchtig
-aufschlucken, aber dann werde die Feuchtigkeit weitergehen. -- Morgen
-um diese Zeit werden Acker und Wiese wieder grün sein! -- So, sagte
-Isak und nagelte aus Leibeskräften Rinnen zusammen.
-
-Geißler ging zu Sivert zurück. So ist's recht, sagte er, mach nur so
-weiter, ich habe gleich gesehen, daß du ein Prachtkerl bist! Die Linie
-muß nach diesen Pflöcken laufen. Triffst du auf große Steine oder
-Felsblöcke, so weich aus, aber bleib in der gleichen Höhe. Verstehst
-du, in derselben Höhe!
-
-Wieder ging's zurück zu Isak. Jetzt hast du eine Rinne fertig, aber
-wir brauchen sechs. Spute dich, Isak, morgen wird alles grün sein, und
-deine Ernte ist gerettet!
-
-Geißler setzte sich auf den Hügel, legte beide Hände auf die Knie und
-war entzückt; er plauderte, blitzschnell kamen ihm die Gedanken. Hast
-du Pech, hast du Werg? Das ist ausgezeichnet, alles hast du. Denn im
-Anfang werden ja die Rinnen lecken, dann aber ziehen sie an und werden
-so dicht wie Flaschen. Du sagst, du habest Werg und Pech vom Bootbauen,
-nun, wo ist das Boot? Droben im Gebirgssee? Das will ich mir auch
-ansehen.
-
-Oh, der Geißler versprach so viel! Er war ein flüchtiger Herr und war
-noch unruhiger geworden als früher, alles mußte bei ihm sozusagen im
-Sprung geschehen. Aber dann ging es auch im Sturm. Er war nicht ohne
-Überlegenheit. Natürlich war er zu Übertreibungen geneigt. Acker und
-Wiese konnten unmöglich über Nacht grün werden; aber Geißler war rasch
-im Erfassen und Beschließen; wenn die Ernte auf Sellanraa gerettet
-wurde, war es wirklich diesem merkwürdigen Mann zu verdanken.
-
-Wie viele Rinnen hast du jetzt? Das ist zu wenig. Je mehr Holzrinnen du
-hast, desto glatter läuft das Wasser. Wenn du zehn bis zwölf zehn Ellen
-lange Rinnen zusammennagelst, so fährst du gut dabei. Was sagst du, du
-habest zwölf Ellen lange Bretter? Dann nimm sie, es bezahlt sich bis
-zum Herbst.
-
-Danach hatte Geißler wieder keine Ruhe mehr. Er stand auf und lief
-abermals zu Sivert hinüber. Großartig, Sivert, jetzt geht's gut! Dein
-Vater hämmert die Rinnen zusammen und dichtet sie, wir bekommen mehr,
-als ich mir zuerst dachte; geh jetzt und hole die Rinnen, wir wollen
-anfangen!
-
-Den ganzen Nachmittag herrschte ein großes Gehetze, das war die tollste
-Arbeit, die Sivert je mitgemacht hatte, ein ihm ganz unbekanntes Tempo.
-Sie gönnten sich keine Zeit, zum Essen hineinzugehen. Aber jetzt lief
-das Wasser! Da und dort mußten sie tiefer graben, da und dort mußte
-eine Rinne gehoben oder tiefer gelegt werden, aber das Wasser lief!
-Bis zum späten Abend gingen die drei Männer umher, verbesserten und
-förderten ihre Arbeit und waren ernsthaft davon erfüllt; und als die
-Flüssigkeit anfing, über die ausgetrockneten Stellen hinzurieseln,
-blitzte ein heller Freudenstrahl in den Herzen der Hofbewohner auf.
-
-Ich habe meine Uhr vergessen, wieviel Uhr ist es denn? fragte Geißler.
-Ja, grün, morgen um diese Zeit! sagte er.
-
-Sogar in der Nacht stand Sivert auf und sah nach der Wasserleitung. Er
-begegnete seinem Vater, der zu demselben Zweck draußen war. Ach Gott,
-welche Spannung und welches Ereignis im Ödland!
-
-Aber am nächsten Tag lag Geißler lange zu Bett und war schlaff; der
-Eifer hatte ihn verlassen. Er hatte keine Lust, das Boot droben
-anzusehen, und nur weil er sich schämte, ging er wenigstens nach dem
-Sägewerk. Nicht einmal für die Wasserleitung hatte er noch dasselbe
-Interesse. Als er sah, daß weder Acker noch Wiese über Nacht grün
-geworden waren, verlor er den Mut; er dachte nicht daran, daß das
-Wasser immer weiter lief und sich immer weiter ausbreitete. Doch hielt
-er sich einigermaßen aufrecht, und so sagte er: Möglicherweise kann es
-bis morgen dauern, ehe du den Erfolg siehst, aber du darfst den Mut
-nicht verlieren.
-
-Gegen Abend kam Brede Olsen dahergeschlendert. Er brachte
-Gesteinsproben mit, die er Geißler zeigen wollte. Sie sind meiner
-Ansicht nach außerordentlich merkwürdig, sagte er. -- Aber Geißler
-wollte Bredes Steine nicht sehen. Treibst du auf diese Weise Ackerbau
-hier, indem du herumläufst und Reichtümer entdecken willst? fragte er
-höhnisch. -- Brede hatte indes keine Lust mehr, von seinem früheren
-Lensmann Zurechtweisungen hinzunehmen, er gab es ihm tüchtig heim, fing
-an, ihn zu duzen, und sagte: Ich kümmere mich nicht um dich! -- Du tust
-ja heute noch nichts Rechtes, treibst nichts als Lappalien, versetzte
-Geißler. -- Und du etwa? sagte Brede. Was hast denn du diese ganze Zeit
-über getan? Du hast einen Berg da droben gekauft, der gar nichts wert
-ist und nur so daliegt. Hehe, ja, du bist mir der Rechte, du! -- Mach,
-daß du fortkommst! sagte Geißler. -- Und Brede hielt sich auch nicht
-länger auf, er hob seinen kleinen Sack auf die Schulter und kehrte ohne
-Abschied in sein Nest zurück.
-
-Geißler setzte sich wieder, blätterte in einigen Papieren und dachte
-eifrig nach. Es war, als habe er Blut geleckt und wolle nun nachsehen,
-wie es sich mit dem Kupferberg verhielt, mit dem Kontrakt, der Analyse:
-es war ja fast reines Kupfer, Schwarzkupfer da, er mußte etwas damit
-anfangen, durfte nicht wieder zusammenklappen.
-
-Der Grund, warum ich eigentlich gekommen bin, ist, dies hier in
-Ordnung zu bringen, sagte er zu Isak. Ich habe die Absicht, recht
-viele Leute hierherzuziehen und droben im Gebirge einen großen Betrieb
-einzurichten. Was denkst du dazu?
-
-Isak tat er wieder leid, deshalb widersprach er nicht.
-
-Das ist nicht gleichgültig für dich, fuhr Geißler fort. Es kommen
-dann viele Menschen hierher, und es gibt viel Umtrieb und Lärm
-und Sprengungen, ich weiß nicht, wie dir das gefallen wird. Aber
-andrerseits kommt Leben und Bewegung in den Bezirk, und du wirst großen
-Absatz für die Erzeugnisse deiner Milchwirtschaft bekommen. Du kannst
-dafür verlangen, was du willst.
-
-Ja, sagte Isak.
-
-Gar nicht davon zu reden, daß du von dem, was aus dem Berg gewonnen
-wird, hohe Prozente erhältst. Das wird viel Geld, Isak.
-
-Isak antwortete: Ich habe schon zu viel von Euch bekommen ...
-
-Am nächsten Morgen verließ Geißler den Hof und wanderte in östlicher
-Richtung weiter, Schweden zu. Als Isak sich erhob, ihn zu begleiten,
-sagte er kurz: Nein, ich danke. Es tat Isak fast weh, als er ihn so arm
-und allein fortgehen sah. Inger hatte ihm einen prächtigen Mundvorrat
-mitgegeben, sie hatte sogar Waffeln für ihn gebacken, aber sie waren
-bei weitem nicht gut genug, er hätte auch noch Sahne in einer Flasche
-und eine Menge Eier mitnehmen sollen; aber das wollte er nicht tragen.
-Inger war recht enttäuscht darüber.
-
-Geißler wurde es gewiß schwer, Sellanraa zu verlassen, ohne für seinen
-Aufenthalt zu bezahlen, wie er es gewohnt war. Er tat deshalb, als habe
-er bezahlt, als habe er wirklich einen größeren Geldschein hingelegt,
-denn er sagte zu der kleinen Leopoldine: Und nun sollst du auch noch
-etwas haben. Hier nimm! Damit gab er ihr seine Tabaksdose, die silberne
-Dose! -- Du kannst sie auswaschen und Nadeln drin aufheben. Übrigens
-paßt sie nicht gut dazu; wenn ich nur geschwind nach Hause könnte, dann
-solltest du etwas anderes bekommen, ich habe ja verschiedenes ...
-
-Aber die Wasserleitung lag nach Geißlers Besuch noch da, sie lag da
-und schaffte Tag und Nacht, Woche um Woche, sie machte die Felder
-grün, half den Kartoffeln zum Verblühen, half dem Korn in den Halm zu
-schießen.
-
-Die Ansiedler von weiter unten kamen einer nach dem andern herauf,
-um sich das Wunderwerk anzusehen. Auch Axel Ström kam, der Besitzer
-von Maaneland, der unverheiratet war und keine eigene weibliche Hilfe
-hatte, sondern alles selbst besorgte, auch er kam. Er war heute
-aufgeräumter und sagte, es sei ihm nun ein Mädchen zur Hilfe für den
-Sommer versprochen worden, nun sei dieser Kummer gestillt! Er nannte
-den Namen des Mädchens nicht, und Isak fragte nicht danach; aber es
-war Bredes Barbro, die man ihm versprochen hatte, es sollte ihn nur
-ein Telegramm nach Bergen kosten. Na, und Axel legte ja das Geld für
-dieses Telegramm aus, obgleich er gewiß ein äußerst sparsamer Mann, ja
-geradezu etwas geizig war.
-
-Die Wasserleitung war es, die Axel an diesem Tag heraufgelockt hatte;
-er sah sie sich von dem einen Ende bis zum andern an und interessierte
-sich ungeheuer dafür. Auf seinem Grundstück war zwar kein größerer
-Fluß, aber doch ein Bach, auch hatte er keine Bretter zu Rinnen, aber
-er wollte den ganzen Wasserlauf in die Erde graben, das ließ sich
-auch machen. Es sehe auch auf seinem tiefgelegenen Grundstück nicht
-so schlimm aus, wenn aber die Trockenheit anhalte, müsse er auch
-bewässern. -- Als er das gesehen hatte, was er hatte sehen wollen,
-sagte er Lebewohl. Isak und seine Frau luden ihn ein, hereinzukommen,
-aber er sagte, er habe keine Zeit, er wolle an diesem Abend noch mit
-dem Graben anfangen; dann ging er.
-
-Das war ein anderer Mann als Brede!
-
-Oh, jetzt hatte Brede Grund, über die Moore zu laufen, um über die
-Wasserleitung und das Wunderwerk auf Sellanraa zu schwatzen! Ja, es ist
-nicht gut, wenn man zu fleißig auf seinem Grundstück ist, sagte er. Da
-hat nun der Isak so viele Gräben zum Austrocknen gezogen, daß er jetzt
-wieder wässern muß.
-
-Isak war geduldig, aber er wünschte oft, er könnte diesen Menschen
-loswerden, diesen Schwätzer in der Nähe von Sellanraa. Brede war
-verpflichtet, die Telegraphenlinie in Ordnung zu halten, da er ja
-regelrecht dazu angestellt war. Aber die Telegraphenbehörde hatte ihm
-schon mehrere Male wegen seiner Nachlässigkeit einen Rüffel erteilen
-müssen, und jetzt war Isak abermals die Stelle angeboten worden. Nein,
-mit dem Telegraphen war Brede nicht beschäftigt, sondern mit den
-Metallen in den Bergen; es war eine wahre Sucht bei ihm geworden, eine
-fixe Idee.
-
-Jetzt geschah es auch recht oft, daß er in Sellanraa einkehrte und
-meinte, er habe den Schatz gefunden. Er nickte dann und sagte: Ich
-sag jetzt nichts mehr, aber ich habe etwas ganz Besonderes gefunden,
-das leugne ich nicht. Er verschwendete seine Zeit und seine Kräfte um
-nichts und wieder nichts. Wenn er dann müde in sein Haus zurückkehrte,
-warf er einen kleinen mit Gesteinsproben gefüllten Sack auf den Boden,
-pustete und schnaufte nach seinem Tagewerk und meinte, niemand arbeite
-so hart für seinen Unterhalt wie er. Er baute etwas Kartoffeln auf
-saurem Moorboden, mähte die Grasplätze ab, die von selbst um sein
-Haus her wuchsen, das war seine Feldarbeit. Er war in ein falsches
-Fahrwasser geraten, es mußte ein schlimmes Ende mit ihm nehmen.
-Jetzt war schon sein Torfdach zerfetzt und die Küchentreppe von der
-Dachtraufe verfault, ein kleiner Schleifstein lag umgestürzt am Boden,
-und das Fuhrwerk stand ewig unter freiem Himmel.
-
-Brede hatte es insofern gut, als er sich über solche Kleinigkeiten
-durchaus nicht abgrämte. Wenn die Kinder den Schleifstein beim
-Spielen umherrollten, war der Vater sehr gutmütig und lieb, ja, er
-half bisweilen selbst beim Rollen. Eine leichte und faule Natur,
-ohne Ernst, aber auch ohne Schwerlebigkeit, ein schwacher Charakter
-ohne Verantwortlichkeitsgefühl, aber er fand Auswege, sich den
-Lebensunterhalt zu verschaffen, wie er auch sein mochte; so lebte er
-mit den Seinen von der Hand in den Mund, sie lebten alle miteinander.
-Aber natürlich konnte der Kaufmann Brede und seine Familie nicht
-in alle Ewigkeit am Leben erhalten, das hatte er schon oft gesagt,
-und jetzt sagte er es in strengem Ton. Brede sah das selbst ein und
-versprach, nun werde er die Sache in Ordnung bringen; er wolle sein
-Grundstück verkaufen, vielleicht verdiene er gut dabei, und dann werde
-er den Kaufmann bezahlen.
-
-Ja, selbst wenn er daran verlor, wollte Brede verkaufen, was sollte er
-mit einem Grundstück! Er sehnte sich wieder ins Dorf hinunter, nach
-Leichtsinn, Klatschereien und dem Kaufladen -- dahin sehnte er sich,
-anstatt ruhig hier zu schaffen und zu wirken und die große Welt zu
-vergessen. Ach, hätte er die Weihnachtsfeiern mit dem Lichterbaum oder
-das Nationalfest am siebzehnten Mai oder die Wohltätigkeitsverkäufe
-im Gemeindehaus vergessen können! Er liebte es ja über alles, mit den
-Leuten zu schwatzen, sich nach Neuigkeiten zu erkundigen, aber mit
-wem hätte er sich hier auf den Mooren unterhalten können? Inger auf
-Sellanraa hatte eine Weile Anlage dazu gezeigt, jetzt war sie wieder
-ganz anders geworden, wieder ganz wortkarg. Und übrigens war sie im
-Gefängnis gewesen, und er war ein öffentlich angestellter Mann, das
-schickte sich nicht.
-
-Nein, er hatte sich selbst auf die Seite gestellt, als er das Dorf
-verließ. Jetzt sah er mit Eifersucht, daß der Lensmann einen andern
-Gerichtsboten und daß der Doktor einen andern Kutscher hatte; er
-war von den Menschen, die ihn brauchten, fortgelaufen, jetzt, da er
-nicht mehr zur Hand war, behalfen sie sich ohne ihn. Aber welch ein
-Gerichtsbote und welch ein Kutscher! Eigentlich müßte er -- Brede --
-mit Wagen und Pferd ins Dorf zurückgeholt werden!
-
-Aber da war nun Barbro, und warum hatte er denn versucht, sie auf
-Sellanraa unterzubringen? Oh, das hatte er nach reiflicher Überlegung
-mit seiner Frau getan. Wenn alles richtig ging, so hätte das Mädchen da
-Aussichten für die Zukunft gehabt, ja, vielleicht wären da Aussichten
-für die ganze Familie Brede gewesen. Die Haushälterinstelle bei den
-zwei Kontoristen in Bergen war ja schon recht, aber Gott mochte
-wissen, was Barbro da schließlich bekam? Barbro war ja hübsch und auf
-ihren Vorteil aus, sie hätte vielleicht hier bessere Gelegenheit,
-vorwärtszukommen. Es waren zwei Söhne auf Sellanraa.
-
-Aber als Brede merkte, daß dieser Plan fehlschlug, dachte er sich einen
-andern aus. Oh, im Grunde war es wirklich nichts Erstrebenswertes,
-mit Inger verwandt zu werden, mit einer bestraften Person, es gab
-noch andere Burschen als die auf Sellanraa! Da war nun Axel Ström. Er
-hatte Hof und Gamme, er war ein Mann, der schaffte und sparte und sich
-allmählich Vieh und andere Besitztümer anschaffte, aber keine Frau und
-keine weibliche Hilfe hatte. Das kann ich dir sagen, wenn du Barbro
-bekommst, so hast du alle Hilfe, die dir not tut! sagte er zu Axel. Und
-hier kannst du ihre Photographie sehen, sagte er.
-
-Ein paar Wochen vergingen, dann kam Barbro. Ja, Axel war nun schon
-mitten in der Heuernte, er mußte bei Nacht mähen und bei Tag wenden
-und hatte alles allein zu leisten; aber nun kam Barbro. Sie kam wie
-ein wirkliches Geschenk. Es zeigte sich auch, daß sie arbeiten konnte;
-sie scheuerte das Geschirr, wusch die Kleider und kochte das Essen,
-sie melkte die Tiere und half draußen beim Heurechen, jawohl, sie war
-mit draußen beim Heu und trug es mit herein, es fehlte nichts. Axel
-entschloß sich, ihr einen guten Lohn zu geben, er gewann doch noch
-dabei.
-
-Hier war sie nicht nur die Photographie einer feinen Dame. Barbro
-war groß und schlank, sie hatte eine etwas heisere Stimme, zeigte
-Reife und Erfahrung in vielem und war durchaus keine Neukonfirmierte.
-Axel begriff nicht, warum ihr Gesicht so mager und elend aussah: Ich
-sollte dich eigentlich vom Ansehen kennen, aber du gleichst deiner
-Photographie gar nicht. -- Das kommt von der Reise, erwiderte sie. Ja
-und von der Stadtluft. -- Es dauerte auch nicht lange, da wurde sie
-wieder rund und hübsch, und sie sagte: Glaub mir, so eine Reise und so
-eine Stadtluft, die zehren tüchtig an einem! Sie spielte auch auf die
-Versuchungen in Bergen an -- da müsse man sich in acht nehmen! Aber
-während sie sich weiter unterhielten, sagte sie, Axel solle sich auf
-eine Zeitung, eine Bergener Zeitung abonnieren, damit sie auch sehen
-könne, was in der Welt vorgehe. Sie sei jetzt ans Lesen, an Theater und
-Musik gewöhnt, hier sei es sehr einsam, sagte sie.
-
-Da Axel Ström mit seiner Sommeraushilfe so Glück gehabt hatte,
-abonnierte er auf die Zeitung und ertrug auch die Familie Brede, die
-recht oft auf seine Ansiedlung kam und da aß und trank. Er wollte
-seiner Dienstmagd Freude machen. Nichts konnte behaglicher sein als
-die Sonntagabende, wenn Barbro die Saiten ihrer Gitarre schlug und
-mit ihrer etwas heiseren Stimme dazu sang; Axel war über die fremden
-hübschen Lieder und darüber, daß wirklich jemand auf der Ansiedlung bei
-ihm war und sang, gerührt.
-
-Im Laufe des Sommers lernte er Barbro allerdings auch von anderen
-Seiten kennen, aber im großen und ganzen war er zufrieden. Sie war
-nicht ohne Launen, und sie konnte rasche Antworten geben, etwas zu
-rasche. An jenem Sonnabend, als Axel notwendig ins Dorf hinunter zum
-Kaufmann mußte, hätte Barbro das Vieh und die Hütte nicht verlassen und
-auch alles andere nicht einfach im Stich lassen dürfen. Die Ursache
-dazu war ein kleiner Streit gewesen. Und wo war sie hingegangen? Nur
-nach Hause, nach Breidablick, aber trotzdem. Als Axel in der Nacht
-zurückkam, war Barbro nicht da, er versorgte die Tiere, aß und ging
-schlafen. Gegen Morgen erschien Barbro. -- Ich wollte wieder einmal
-fühlen, wie es einem in einem Haus mit einem Bretterboden zumut ist,
-sagte sie recht höhnisch. -- Darauf konnte Axel eigentlich nichts
-erwidern, denn er hatte ja nur eine Torfhütte mit einem Lehmboden, aber
-er antwortete, er habe immerhin auch Bretter und werde wohl auch einmal
-ein Haus mit einem Bretterboden haben! -- Da war es, als gehe sie in
-sich; nein, schlimmer war Barbro nicht, und obgleich es Sonntag war,
-ging sie rasch in den Wald, holte Wacholderzweige für den Lehmboden und
-machte ihn hübsch.
-
-Aber da sie so ausgezeichnet und von Herzen gut war, mußte ja auch
-Axel mit dem hübschen Kopftuch herausrücken, das er am vorhergehenden
-Abend für sie gekauft hatte; er hatte eigentlich gedacht, er wolle es
-aufheben, um ordentlich etwas von ihr dafür zu erreichen. Aber nun
-gefiel es ihr sehr gut, sie probierte es sofort auf, ja, sie fragte
-ihn, ob es ihr nicht gut stehe. O doch, sehr gut, aber sie könnte gerne
-sein Felleisen auf den Kopf setzen, es würde ihr auch stehen. Da lachte
-sie und wollte auch recht liebenswürdig sein, deshalb sagte sie: Ich
-gehe lieber mit diesem Kopftuch in die Kirche und zum Abendmahl als im
-Hut. In Bergen trugen wir ja alle Hüte, ja, ausgenommen gewöhnliche
-Dienstmädchen, die vom Lande hereinkamen.
-
-Wieder lauter Freundschaft!
-
-Und als Axel mit der Zeitung herausrückte, die ihm auf der Post
-mitgegeben worden war, setzte sich Barbro hin und las die neuesten
-Nachrichten von der Welt draußen: von einem Einbruch bei einem
-Goldschmied in der Strandstraße, von einer Schlägerei zwischen
-Zigeunern, von einer Kindsleiche, die in den Stadtfjord hereingetrieben
-und in ein altes, unter den Armen quer abgeschnittenes Hemd
-eingewickelt gewesen war. Wer kann nur das Kind ins Wasser geworfen
-haben? fragte Barbro. Aus alter Gewohnheit las sie auch noch die
-Marktpreise.
-
-Und die Zeit verging.
-
-
-
-
-16
-
-
-Auf Sellanraa gab es große Veränderungen.
-
-Ja, nichts war von der ersten Zeit her wiederzuerkennen. Hier waren
-nun verschiedene Gebäude, ein Sägewerk und eine Mühle, und die öden
-Strecken waren wohlbebautes Land geworden. Und noch mehr stand bevor.
-Aber Inger war vielleicht noch am merkwürdigsten, ganz anders wieder
-und überaus tüchtig.
-
-Die Krise vom letzten Sommer hatte wohl nicht auf einmal ihren
-Leichtsinn besiegen können, im Anfang hatte sie mehrere Rückfälle;
-sie ertappte sich darauf, daß sie von der Anstalt und von Drontheims
-Domkirche sprechen wollte. Ach, so kleine unschuldige Dinge! Ihren
-Ring zog sie vom Finger, und ihre so freimütig kurzen Röcke machte sie
-länger. Sie war nachdenklich geworden, es wurde stiller auf dem Hofe,
-die Besuche nahmen ab, die fremden Mädchen und Frauen aus dem Dorf
-kamen seltener, weil sie sich nicht mehr mit ihnen einließ. Niemand
-kann im Ödland leben und nur immer lachen und scherzen, Freude ist
-nicht Lustigkeit.
-
-Droben im Ödland hat jede Jahreszeit ihre Wunder, aber immer und
-unveränderlich sind die dunklen, unermeßlichen Laute von Himmel und
-Erde, das Umringtsein nach allen Seiten hin, die Waldesdunkelheit, die
-Freundlichkeit der Bäume. Alles ist schwer und weich zugleich, kein
-Gedanke ist da unmöglich. Nördlich von Sellanraa lag ein ganz kleiner
-Teich, eine Lache, nur so groß wie ein Aquarium. Da tummelten sich
-winzige Fischkinder, die nie größer wurden; sie lebten und starben und
-waren zu nichts nütze, lieber Gott, zu rein gar nichts! Eines Abends
-stand Inger da und horchte auf die Kuhglocken. Sie hörte nichts, denn
-alles war totenstill ringsum, aber plötzlich vernahm sie Gesang aus dem
-Aquarium. Er war sehr schwach und beinahe nicht vernehmlich, nur wie
-hinsterbend. Das war das Lied der kleinwinzigen Fische.
-
-Sellanraa lag so günstig, daß die Bewohner jeden Herbst und Frühjahr
-die Wildgänse, die über das Ödland hinflogen, sahen und ihr Rufen und
-Locken in der Luft droben hören konnten, es klang wie verwirrtes Reden.
-Und dann war es, als stehe die Welt stille, bis der Zug vorüber war.
-Fühlten sich die Menschen da nicht von einer Art Schwäche überfallen?
-Sie nahmen ihre Arbeit wieder auf, aber zuvor taten sie einen tiefen
-Atemzug, ein Hauch aus dem Jenseits hatte sie gestreift.
-
-Große Wunder umgaben sie zu allen Zeiten. Im Winter die Sterne und auch
-die Nordlichter, ein flammendes Firmament, eine Feuersbrunst droben
-bei Gott. Hier und da, nicht oft, nicht für gewöhnlich, aber hier und
-da vernahmen sie auch donnern. Das war hauptsächlich im Herbst, und
-es war düster und feierlich für Menschen und Tiere. Die Haustiere,
-die auf der nahen Wiese weideten, drängten sich zusammen und blieben
-beieinander stehen. Worauf horchten sie? Warteten sie auf das Ende?
-Und worauf warteten die Menschen im Ödland, wenn sie beim Grollen des
-Donners mit gesenktem Kopfe dastanden?
-
-Der Frühling -- jawohl, dessen Eile und Ausgelassenheit und Entzücken;
-aber der Herbst! Der stimmte die Leute anders. Da fürchteten sie sich
-oft in der Dunkelheit, und sie nahmen ihre Zuflucht zum Abendgebet, sie
-wurden hellseherisch und hörten Vorboten. Manchmal gingen sie an einem
-Herbsttag hinaus, um etwas hereinzuholen, die Männer vielleicht Holz,
-die Frauen das Vieh, das jetzt wie unsinnig nach Pilzen suchte -- und
-sie kehrten zurück, das Herz von geheimnisvollen Dingen erfüllt. Waren
-sie unversehens auf eine Ameise getreten und hatten deren Hinterleib
-auf dem Pfad festgetreten, so daß der Vorderkörper nicht mehr loskommen
-konnte? Oder waren sie einem Schneehuhnnest zu nahe gekommen und war
-ihnen eine Mutter zischend entgegengeflattert? Und nicht einmal die
-großen Kuhpilze waren ohne Bedeutung. Der Mensch wird nicht starr und
-bleich, wenn er sie nur ansieht. Ein Kuhpilz blüht nicht und rührt sich
-nicht von der Stelle, aber es ist etwas Überwältigendes an ihm, und er
-ist ein Ungeheuer, er gleicht einer Lunge, die nackt und ohne hüllenden
-Körper ein eigenes Leben führt.
-
-Inger wurde schließlich recht schwermütig, das Ödland bedrückte sie,
-sie wurde fromm. Hätte sie dem entgehen können? Niemand im Ödland kann
-dem entgehen, da gibt es nicht nur irdisches Streben und Weltlichkeit,
-da ist Frömmigkeit und Gottesfurcht und viel Aberglauben. Inger meinte
-wohl, sie habe mehr Grund als andere, der Züchtigung des Himmels
-gewärtig sein zu müssen, diese würde wohl nicht ausbleiben; sie wußte,
-daß Gott an den Abenden durch das ganze Ödland streifte und fabelhaft
-gute Augen hatte, er würde sie schon finden. In ihrem täglichen Leben
-war nicht so sehr viel, was sie hätte anders machen können. Oh, sie
-konnte den goldenen Ring zuunterst in ihrer Truhe verbergen, und sie
-konnte an Eleseus schreiben, er solle sich auch bekehren; aber außerdem
-blieb wohl nichts anderes übrig, als selbst gute Arbeit zu leisten und
-sich nicht zu schonen. Ja, eines konnte sie doch noch tun! Sich in
-demütige Kleider hüllen und nur am Sonntag ein schmales blauseidenes
-Band um den Hals tragen, um einen Unterschied vom Werktag zu machen.
-Diese unechte und unnotwendige Armut war der Ausdruck für eine Art
-Philosophie, für Selbsterniedrigung, Stoizismus. Das blauseidene Band
-war nicht mehr neu, war von einer Mütze abgetrennt, die Leopoldine zu
-klein geworden war, es war da und dort verblichen und geradeheraus
-gesagt auch etwas schmutzig -- nun gebrauchte es Inger als einen
-demütigen Sonntagsstaat. Jawohl, sie übertrieb und machte die Armut
-in der Hütte nach, sie trug eine falsche Armut zur Schau -- wäre ihr
-Verdienst größer gewesen, wenn sie zu einem so geringen Staat gezwungen
-gewesen wäre? Laßt sie in Frieden, sie hat ein Recht auf Frieden!
-
-Sie übertrieb großartig und tat mehr, als sie mußte. Es waren zwei
-Männer auf dem Hofe, aber Inger paßte wohl auf, bis sie fort waren, und
-sägte dann Holz; wozu sollte nun diese Qual und Züchtigung gut sein?
-Sie war ein ganz unbedeutender, ganz geringer Mensch, ihre Fähigkeiten
-waren recht gewöhnlich, ihr Tod oder ihr Leben würde nirgends im Lande
-gemerkt werden, außer hier im Ödland. Hier war sie beinahe groß,
-jedenfalls war sie die größte, und sie meinte, sie sei aller der
-Züchtigung, die sie auf sich selbst verwendete, wohl wert. -- Ihr Mann
-sagte: Sivert und ich haben darüber gesprochen, wir wollen nichts davon
-wissen, daß du unser Holz sägst und dich überschaffst. -- Ich tue es um
-meines Gewissens willen, entgegnete Inger.
-
-Um des Gewissens willen? Das stimmte Isak wieder nachdenklich; er war
-jetzt ein Mann in Jahren, langsam im Überlegen, aber gewichtig, wenn
-er schließlich seine Ansicht sagte. Das Gewissen mußte doch recht
-kräftig sein, wenn es Inger so vollständig hatte umwenden können. Und
-was es nun auch sein mochte, aber Ingers Bekehrung wirkte auch auf ihn
-ein, sie steckte ihren Mann an, er wurde grüblerisch und zahm. Das
-war ein sehr schwerer, fast unüberwindlicher Winter; Isak suchte die
-Einsamkeit, suchte Verborgenheit. Um seinen eigenen Wald zu schonen,
-hatte er nun im Staatswald an der schwedischen Grenze einige Dutzend
-gute Stämme gekauft -- er wollte beim Fällen dieser Bäume niemand zu
-Hilfe haben, er wollte allein sein; Sivert wurde befohlen, daheim zu
-bleiben und auf die Mutter aufzupassen, damit sie sich nicht zu sehr
-anstrenge.
-
-In den kurzen Wintertagen ging also Isak noch in der Dunkelheit zum
-Wald und kam erst bei Dunkelheit wieder heim. Nicht immer schienen Mond
-und Sterne, manchmal waren seine eigenen Fußstapfen vom Morgen wieder
-zugeschneit, dann konnte er sich nur schwer zurechtfinden. Und an einem
-Abend hatte er ein Erlebnis.
-
-Er hatte schon den größten Teil des Wegs zurückgelegt, und bei
-dem hellen Mondschein sah er Sellanraa schon drüben auf der Halde
-liegen; da lag es hübsch und wohl gebaut, aber klein, fast wie ein
-unterirdisches Gehöft anzusehen, weil es so tief eingeschneit war.
-Aber jetzt bekam er wieder Bauholz, und Inger sowie die Kinder würden
-sich sehr verwundern, wozu er das Holz verwenden wollte, an was für
-ein überirdisches Gebäude er dachte. Er setzte sich in den Schnee und
-wollte ein wenig ausruhen, um nicht erschöpft heimzukommen.
-
-Ringsum ist es ganz still, und Gott sei Dank für diese Stille und seine
-eigene nachdenkliche Stimmung, sie ist nur vom Guten! Isak ist ja ein
-Ansiedler, und er schaut nach seinem Grundstück hinüber, wo er noch
-mehr Ödland umgraben muß. Er bricht in Gedanken große Steine aus, er
-hat ein entschiedenes Talent zum Entwässern. Und er weiß, dort drüben
-liegt noch eine recht tiefe Sumpfstrecke auf seinem Eigentum. Dieser
-Sumpf ist voller Erz, eine metallische Haut steht auf jeder Lache,
-den will er jetzt trockenlegen. Mit den Augen teilt er den Boden in
-Vierecke ein, er hat Pläne und Absichten mit diesen Vierecken, er will
-sie recht grün und fruchtbar machen. Oh, ein urbar gemachtes Feld war
-etwas sehr Gutes, es wirkte auf ihn wie Ordnung und Recht und dazu wie
-Genuß ...
-
-Er stand auf und fand sich nicht mehr ganz zurecht. Hm! Was war
-geschehen? Nichts, er hatte nur ein wenig ausgeruht. Jetzt aber steht
-etwas vor ihm, ein Wesen, ein Geist, graue Seide -- nein, es war
-nichts. Es wurde ihm sonderbar zumut, er machte einen kurzen unsicheren
-Schritt vorwärts und ging geradeswegs auf einen Blick zu, einen großen
-Blick, zwei Augen, gleichzeitig fangen die Espen in der Nähe zu
-rauschen und zu raunen an. Nun weiß jedermann, daß die Espe eine ganz
-infame, unbehagliche Art zu rauschen hat, jedenfalls hatte Isak noch
-niemals ein widerlicheres Rauschen gehört als jetzt, und er fühlte, wie
-ihm ein Schauer über den Rücken lief. Er griff auch mit der Hand nach
-vorne, aber dies war vielleicht die hilfloseste Bewegung, die diese
-Hand je gemacht hatte.
-
-Aber was war nun das da vor ihm, und hatte es eine Gestalt oder nicht?
-Isak hatte ja seiner Lebtag darauf geschworen, daß es eine höhere
-Macht gebe, und einmal hatte er sie auch gesehen, aber das, was er
-jetzt sah, glich Gott nicht. Ob der Heilige Geist wohl so aussah? Aber
-warum stand er dann jetzt hier -- auf dem weiten Feld zwei Augen, ein
-Blick und sonst nichts? War es, um ihn zu holen, um seine Seele zu
-holen, dann mochte es so sein, einmal würde es ja doch geschehen, dann
-wurde er selig und kam in den Himmel.
-
-Isak war gespannt, was geschehen würde, ein Schauder durchrieselte ihn,
-die Gestalt strömte ja Kälte und Frost aus, es mußte der Teufel sein.
-Hier betrat Isak sozusagen bekannten Boden, es war nicht unmöglich, daß
-es der Teufel war; aber was wollte er hier? Auf was hatte er Isak jetzt
-eben ertappt? Auf dem Gedanken, Ödland umzubrechen, aber das konnte ihn
-doch unmöglich geärgert haben. Von einer anderen Sünde, die er begangen
-haben konnte, wußte Isak nichts, er war nur auf dem Heimweg vom Walde,
-ein müder und hungriger Arbeiter, er wollte nach Sellanraa, alles in
-guter Absicht.
-
-Wieder machte er einen Schritt vorwärts, aber es war kein langer
-Schritt, und er wich überdies sofort wieder ebenso weit zurück. Da die
-Erscheinung nicht weichen wollte, runzelte Isak wahrhaftig die Stirne,
-als traue er der Sache nicht mehr recht. Wenn es der Teufel war, so
-mochte es der Teufel sein, der hatte jedoch nicht die höchste Macht.
-Luther hatte ihn einstmals beinahe umgebracht, und es gab viele, die
-ihn mit dem Kreuzeszeichen und Jesu Namen verscheucht hatten. Nicht,
-daß Isak die Gefahr herausgefordert und sich dann hingesetzt und
-darüber gelacht hätte, aber das Sterben und Seligwerden, das er zuerst
-im Sinne gehabt hatte, diesen Gedanken gab er jedenfalls auf, und jetzt
-machte er zwei Schritte auf die Erscheinung zu, bekreuzigte sich und
-rief: Im Namen Jesu!
-
-Hm? Als er seine eigene Stimme hörte, war es, als komme er plötzlich
-wieder zu sich, und er sah Sellanraa auf der Halde liegen. Die Espen
-rauschten nicht mehr, die beiden Augen waren aus der Luft verschwunden.
-
-Er zögerte nicht länger auf dem Weg und forderte die Gefahr nicht
-heraus. Aber als er auf seiner eigenen Türschwelle stand, räusperte
-er sich kräftig und erleichtert, und er ging erhobenen Hauptes in die
-Stube hinein wie ein Mann, ja, wie ein Held.
-
-Inger stutzte und fragte, warum er so leichenblaß aussähe.
-
-Da leugnete er nicht, daß er dem Teufel begegnet sei.
-
-Wo? fragte sie.
-
-Dort drüben. Uns gerade gegenüber.
-
-Inger zeigte keinen Neid. Ja, sie lobte ihn nicht gerade deshalb, aber
-in ihrer Miene lag nichts, was einem bösen Wort oder einem Fußtritt
-geglichen hätte. Ach, Ingers Gemüt hatte sich im Gegenteil in den
-letzten Tagen etwas aufgehellt, und sie war freundlicher geworden,
-woher es auch kommen mochte; nun fragte sie nur:
-
-Ist es der Teufel selbst gewesen?
-
-Isak nickte und sagte, soweit er habe sehen können, sei er es selbst
-gewesen.
-
-Wie bist du ihn losgeworden?
-
-Ich ging im Namen Jesu auf ihn los, antwortete Isak.
-
-Inger wiegte überwältigt den Kopf hin und her, und es dauerte eine
-Weile, bis sie das Essen auftragen konnte. Jedenfalls darfst du aber
-jetzt nicht mehr ganz allein in den Wald gehen, sagte sie.
-
-Sie zeigte sich besorgt um ihn, das tat ihm wohl. Er tat, als sei er
-noch gleich mutig und als kümmere er sich durchaus nicht um irgendeine
-Begleitung in den Wald, aber er tat nur so, um Inger mit seinem
-unheimlichen Erlebnis nicht mehr als notwendig zu erschrecken. Er war
-ja der Mann und das Oberhaupt des Hauses, der Schutz aller.
-
-Inger durchschaute ihn auch und sagte: Ja, ja, du willst mich nur nicht
-ängstlich machen, aber du mußt Sivert mitnehmen. -- Isak lächelte nur
-verächtlich. -- Du kannst im Walde krank und elend werden, und ich
-glaube, du bist auch in der letzten Zeit nicht so recht gesund gewesen.
--- Wieder lächelte Isak verächtlich. Krank? Abgeschunden und müde,
-jawohl; aber krank? Inger solle ihn nicht lächerlich machen, er sei
-und bleibe gesund, er esse, schlafe und arbeite, er sei ja geradezu
-unheilbar gesund. Einmal sei ein gefällter Baum auf ihn gestürzt und
-habe ihm das Ohr abgerissen, er habe das Ohr aufgehoben und es mit
-der Mütze Tag und Nacht an seinem Platz festgehalten, und da sei es
-wieder angewachsen. Für innere Unpäßlichkeiten nehme er Süßholzsaft in
-kochender Milch und komme dadurch in Schweiß, Lakritze also, die er
-beim Kaufmann hole, ein erprobtes Mittel, das Theriak der Alten. Wenn
-er sich in die Hand haue, lasse er sein Wasser über die Wunde laufen
-und salze sie ein, dann sei es in wenigen Tagen geheilt. Der Doktor sei
-noch nie nach Sellanraa geholt worden.
-
-Nein, Isak war nicht krank. Eine Begegnung mit dem Teufel konnte
-schließlich der Gesündeste haben. Isak fühlte auch von dem gefährlichen
-Abenteuer keine Nachwehen, im Gegenteil, es war, als sei er dadurch
-gestärkt worden. Als sich der Winter seinem Ende zuneigte und der
-Frühling nicht mehr so ewig weit entfernt war, fühlte sich der Mann
-und das Oberhaupt allmählich als eine Art Held: Ich verstehe mich auf
-solche Dinge, wir müssen nur meinem Rat folgen, zur Not kann ich sogar
-bannen.
-
-Im ganzen genommen waren ja die Tage länger und heller, Ostern war
-vorüber, die gefällten Bäume waren heimgefahren, alles leuchtete, die
-Menschen atmeten nach dem überstandenen Winter auf.
-
-Inger war wieder die erste, die sich aufrichtete, sie war jetzt schon
-lange in guter Laune. Woher das kam? Hoho, es hatte seine guten Gründe,
-sie war wieder dick geworden, sollte wieder ein Kind bekommen. Alles
-ebnete sich in ihrem Leben, nichts versagte. Aber das war ja die größte
-Barmherzigkeit nach all dem, was sie verbrochen hatte, sie hatte Glück,
-das Glück verfolgte sie! Isak wurde wahrhaftig eines Tages aufmerksam
-und mußte sie fragen: Ich glaube wirklich, es wird wieder etwas, wie
-ist das möglich? -- Ja, gottlob, es wird gewiß etwas! antwortete sie.
--- Beide waren gleich überrascht. Natürlich war Inger nicht zu alt;
-Isak kam sie nicht zu alt vor, aber trotzdem, wieder ein Kind, ja, ja!
-Die kleine Leopoldine war ja schon mehrere Male im Jahr für längere
-Zeit in der Schule auf Breidablick, da hatten sie keine Kleinen mehr zu
-Hause, und außerdem war Leopoldine jetzt auch schon ein großes Mädchen.
-
-Einige Tage vergingen, aber am nächsten Samstag machte sich Isak
-energisch auf den Weg ins Dorf, und er wollte erst am Montagmorgen
-zurückkommen. Er wollte nicht sagen, was er im Sinne hatte, aber
-siehe da, er kam mit einer Magd zurück. Sie hieß Jensine. -- Du bist
-wohl nicht recht klug, sagte Inger, ich brauche sie nicht. -- Isak
-erwiderte, jawohl, jetzt brauche sie eine Magd.
-
-Und jedenfalls war das nun ein so hübscher und gutherziger Einfall von
-Isak, daß Inger ganz beschämt und gerührt war; das neue Mädchen war die
-Tochter des Schmieds; sie sollte vorerst den Sommer über dableiben,
-später werde man weitersehen.
-
-Und außerdem, sagte Isak, habe ich an Eleseus telegraphiert.
-
-Inger zuckte zusammen. Telegraphiert? Wollte Isak sie rein umbringen
-mit seiner Gutherzigkeit? Seht, es war ja seit langer Zeit ihr großer
-Schmerz, daß Eleseus in der Stadt war, in der ruchlosen Stadt! Sie
-hatte an ihn vom lieben Gott geschrieben und ihm außerdem auch erklärt,
-der Vater werde allmählich alt, der Hof aber immer größer, Klein-Sivert
-könne nicht alles leisten, und er solle ja auch den Oheim Sivert einmal
-beerben -- und sie hatte ihm für alle Fälle einmal auch das Reisegeld
-geschickt. Aber Eleseus war ein Stadtmensch geworden und sehnte sich
-nicht ins Bauernleben zurück, er erwiderte, was er denn daheim ungefähr
-tun solle? Ob er auf dem Hofe schaffen und all sein Wissen und seine
-Gelehrtheit wegwerfen solle? Und tatsächlich habe ich keine Lust dazu,
-schrieb er. Und wenn du mir wieder etwas Stoff zu Wäsche schicken
-kannst, dann brauche ich deshalb keine Schulden zu machen, schrieb er.
--- O ja, die Mutter schickte Stoff zu Wäsche, sandte merkwürdig oft
-Stoff zu Wäsche; aber als sie erweckt und fromm geworden war, da war es
-ihr wie Schuppen von den Augen gefallen, und sie begriff, daß Eleseus
-den Stoff unter der Hand verkaufte und das Geld zu anderem benutzte.
-
-Dasselbe begriff auch der Vater. Er sagte nie ein Wort darüber, denn
-er wußte, daß Eleseus der Augapfel der Mutter war, daß sie über ihn
-weinte und den Kopf schüttelte; trotzdem aber verschwand ein Stück
-doppelseitiges Tuch nach dem andern. Darüber war sich Isak ganz klar,
-daß kein Mensch auf der weiten Welt soviel Wäsche auftragen könnte.
-Wenn er also alles in allem betrachtete, so mußte Isak deshalb als Mann
-und Oberhaupt wieder eingreifen. So ein Telegramm durch den Kaufmann
-kostete allerdings unverhältnismäßig viel, aber teils würde das
-Telegramm sicher eine ungeheure Wirkung auf den Sohn ausüben, teils war
-es ja für Isak selbst etwas ganz Außergewöhnliches, wenn er bei seiner
-Rückkehr Inger von dem Telegramm mitteilen konnte. Als er heimwärts
-wanderte, trug er sogar noch den Koffer der Magd auf dem Rücken; und er
-fühlte sich ebenso stolz und so geheimnisvoll wie an jenem Tage, als
-er Inger den goldenen Ring mitgebracht hatte ...
-
-Es kam eine herrliche Zeit, Inger wußte gar nicht, was Nützliches und
-Gutes sie nun alles tun sollte. Wie in alten Tagen sagte sie oft zu
-ihrem Mann: Du kannst alles zustande bringen! Und ein anderes Mal: Du
-schaffst dich zu Tode! Und abermals: Nein, jetzt mußt du hereinkommen
-und essen, ich habe Waffeln für dich gebacken! Um ihm eine Freude zu
-machen, fragte sie: Ich möchte nur wissen, was du mit diesen Balken
-vorhast und was du eigentlich bauen willst? -- Nein, das weiß ich noch
-nicht recht, antwortete er und tat sehr wichtig.
-
-Es war jetzt wieder ganz wie in den alten Tagen. Und nachdem das Kind
-geboren war -- es war ein Mädchen, ein großes, wohlgestaltetes Mädchen
---, hätte Isak ein Stein oder ein Hund sein müssen, wenn er nicht Gott
-dankbar gewesen wäre. Aber was wollte er bauen? Das wäre etwas für
-Oline, darüber könnte sie klatschen: einen Anbau ans Haus, noch eine
-Stube. Seht, die Familie auf Sellanraa war nun sehr zahlreich geworden:
-sie hatten eine Magd, sie erwarteten Eleseus nach Hause, und ein
-funkelnagelneues kleines Mädchen war angekommen -- die alte Stube mußte
-nun Schlafkammer werden, anders ging es nicht.
-
-Und natürlich mußte Isak das Inger eines Tages erzählen; sie war ja
-so neugierig darauf, es zu erfahren, und obgleich Inger das ganze
-Geheimnis vielleicht schon von Sivert gehört hatte -- sie tuschelten
-ja oft miteinander --, so tat sie ordentlich überrascht, ließ die Arme
-sinken und sagte: Das ist doch wohl nicht dein Ernst? -- Aber zum
-Platzen voll von innerem Glück erwiderte er: Du kommst mit so vielen
-neuen Kindern daher, wie soll ich sie denn unterbringen?
-
-Die Mannsleute waren nun jeden Tag eifrig beim Steinausbrechen für die
-neue Grundmauer. Sie waren einander jetzt ungefähr gleich bei dieser
-Arbeit; der eine frisch und fest in seinem jungen Körper und rasch im
-Erfassen der günstigsten Lage, im Erkennen der passendsten Steine,
-der andere alternd und zäh, mit langen Armen und das Brecheisen mit
-ungeheurem Gewicht einsetzend. Und wenn sie einmal so ein richtiges
-Kraftstück ausgeführt hatten, schnauften sie gerne eine Weile aus und
-hielten einen scherzhaften und zurückhaltenden Schwatz miteinander.
-
-Brede will ja verkaufen, sagte der Vater. -- Ja, versetzte der Sohn.
--- Möchte wissen, wieviel er verlangt. -- Ja, wieviel wohl? -- Du hast
-nichts gehört? -- Nein, doch, zweihundert. -- Der Vater überlegte eine
-Weile, dann sagte er: Was meinst du, gibt das hier einen Eckstein?
--- Es kommt darauf an, ob wir ihn zuhauen können, antwortete Sivert
-und stand augenblicklich auf, reichte dem Vater den Setzhammer und
-nahm selbst den Vorhammer. Er wurde rot und heiß, richtete sich in
-seiner ganzen Größe auf und ließ den Vorhammer niedersausen, richtete
-sich wieder auf und ließ ihn abermals niederfallen -- zwanzig gleiche
-Schläge, zwanzig Donnerschläge! Er schonte weder das Werkzeug noch
-sich selbst, er leistete tüchtige Arbeit, das Hemd kroch ihm über die
-Hose heraus und entblößte ihm den Bauch, bei jedem Schlag richtete er
-sich auf die Zehenspitzen auf, um dem Hammer noch größere Wucht zu
-verleihen. Zwanzig Schläge!
-
-Nun wollen wir sehen! rief der Vater. -- Der Sohn hielt inne und
-fragte: Hat er einen Sprung bekommen? -- Alle beide legten sich nieder
-und untersuchten den Stein, untersuchten den Kerl, den Halunken, nein,
-er hatte keinen Sprung bekommen. -- Jetzt will ich es einmal mit dem
-Vorhammer allein probieren, sagte der Vater und richtete sich auf.
-Noch gröbere Arbeit, einzig und allein mit Kraft, der Vorhammer wurde
-heiß, der Stahl gab nach, die Feder, mit der Isak schrieb, wurde
-stumpf. Er geht vom Stiel ab, sagte er von dem Vorhammer und hörte auf
-zu schlagen. Ich kann auch nicht mehr, sagte Isak. Oh, das meinte er
-nicht, daß er nicht mehr könne!
-
-Dieser Vater, dieser Prahm, unansehnlich, voller Geduld und Güte, er
-gönnte es dem Sohn, den letzten Schlag zu tun und den Stein zu spalten.
--- Da lag er nun in zwei Teilen. Ja, du hast einen kleinen Kniff dabei,
-sagte der Vater. Hm. Aus Breidablick könnte man schon etwas machen. --
-Ja, das sollte ich meinen. -- Ja, wenn das Moor mit Gräben durchzogen
-und umgegraben würde. -- Das Haus müßte hergerichtet werden. -- Ja,
-selbstverständlich, das Haus müßte hergerichtet werden, oh, es würde
-viel zu arbeiten geben dort, aber ... Wie war es, hast du gehört,
-ob die Mutter am Sonntag in die Kirche will? -- Ja, sie hat davon
-gesprochen. -- So. Aber komm, nun müssen wir uns ordentlich umschauen,
-damit wir eine schöne Steinschwelle für den Anbau finden. Du hast wohl
-noch nichts Passendes dazu gesehen? -- Nein, antwortete Sivert.
-
-Dann arbeiteten sie weiter.
-
-Ein paar Tage später meinten beide, nun hätten sie genug Steine
-zu der Mauer. Es war an einem Freitagabend, sie setzten sich, um
-auszuschnaufen, und plauderten wieder eine Weile.
-
-Hm. Nun, was meinst du, sagte der Vater, wollen wir ein wenig an
-Breidablick denken? -- Warum? fragte Sivert. Was sollen wir damit? --
-Ja, das weiß ich nicht. Das Schulhaus ist auch dort, und Breidablick
-liegt mittendrin. -- Ja, und? fragte der Sohn. -- Ich wüßte gar nichts
-damit anzufangen, denn man kann es zu nichts verwenden. -- Hast du
-daran gedacht? fragte Sivert. -- Der Vater antwortete: Nein. Ich denke
-an Eleseus, ob er wohl darauf arbeiten möchte? -- Eleseus? -- Ja, aber
-ich weiß nicht. -- Lange Überlegung auf beiden Seiten. Dann sammelte
-der Vater das Handwerkszeug zusammen, lud es sich auf und wendete sich
-heimwärts. -- Ich meine, du solltest mit ihm darüber reden, sagte
-Sivert schließlich. Und der Vater schloß das Gespräch mit den Worten:
-Nun haben wir auch heute keinen schönen Stein zu der Türschwelle
-gefunden.
-
-Der nächste Tag war ein Samstag, und da mußten sie schon sehr früh
-aufbrechen, um mit dem Kinde rechtzeitig übers Gebirge zu kommen.
-Jensine, die Magd, sollte auch mit, da hatten sie die eine Patin, die
-andern Gevattern mußten jenseits des Gebirges unter Ingers Verwandten
-aufgetrieben werden.
-
-Inger war sehr hübsch, sie hatte sich ein besonders kleidsames
-Kattunkleid genäht und trug überdies weiße Streifen um den Hals und
-an den Handgelenken. Das Kind war ganz in Weiß, nur unten am Saum war
-ein neues blauseidenes Band durchgezogen; aber es war ja auch ein
-ganz besonderes Kind, es lächelte und plauderte schon und horchte
-auf, wenn die Stubenuhr schlug. Der Vater hatte den Namen ausgewählt.
-Ihm kam dies zu, er wollte hier eingreifen -- laßt uns nur meinem Rat
-folgen! Er hatte zwischen Jakobine und Rebekka, die beide etwas mit
-Isak zusammenhingen, geschwankt, schließlich war er zu Inger gegangen
-und hatte ängstlich gesagt: Hm. Was meinst du zu Rebekka? -- O ja,
-antwortete Inger. -- Als Isak dies hörte, wurde er ordentlich männlich
-und sagte barsch: Wenn sie etwas heißen soll, so soll sie Rebekka
-heißen. Dafür stehe ich ein!
-
-Und natürlich wollte er mit in der Kirche sein, der Ordnung halber
-und auch, um das Kind zu tragen, der kleinen Rebekka sollte ein gutes
-Taufgeleite nicht fehlen. Er stutzte sich den Bart, zog wie in jüngeren
-Jahren ein frisches rotes Hemd an; es war zwar in der größten Hitze,
-aber er hatte einen schönen neuen Winteranzug, den legte er an.
-Übrigens war Isak nicht der Mann, der sich Verschwendung und Flottheit
-zur Pflicht machte, deshalb zog er zu der Wanderung übers Gebirge ein
-Paar von seinen märchenhaften Siebenmeilenstiefeln an.
-
-Sivert und Leopoldine mußten bei den Haustieren daheim bleiben.
-
-Sie ruderten im Boot über den Gebirgssee, und das war eine große
-Erleichterung gegen früher, wo sie immer außen herum hatten wandern
-müssen. Aber mitten auf dem Wasser, als Inger der Kleinen die Brust
-geben wollte, sah Isak etwas Glänzendes an einem Faden um ihren Hals
-hängen. -- Was konnte das sein? In der Kirche bemerkte er, daß sie den
-goldenen Ring am Finger trug. Oh, diese Inger, sie hatte sich es nicht
-versagen können!
-
-
-
-
-17
-
-
-Eleseus kam nach Hause.
-
-Er war jetzt mehrere Jahre fort gewesen und war größer als der
-Vater geworden, mit langen weißen Händen und einem kleinen dunklen
-Schnurrbart. Er spielte sich nicht auf, sondern schien sich ein
-natürliches, freundliches Wesen zur Pflicht zu machen; die Mutter war
-verwundert und froh darüber. Er bekam mit Sivert zusammen die Kammer,
-die Brüder waren gut Freund miteinander und spielten einander manchen
-Schabernack, an dem sie sich höchlich ergötzten. Aber natürlich mußte
-Eleseus beim Zimmern des Anbaus helfen, und da wurde er bald müde und
-erschöpft, weil er körperlicher Arbeit ganz ungewohnt war. Ganz schlimm
-wurde es, als Sivert die Arbeit aufgeben und sie den beiden andern
-überlassen mußte -- ja, da war dem Vater eher geschadet als gedient.
-
-Und wohin ging Sivert? Ja, war nicht eines Tages Oline übers Gebirge
-dahergekommen mit der Botschaft von Oheim Sivert, daß er im Sterben
-liege! Mußte da nicht Klein-Sivert hingehen? Das war ein Zustand! --
-Niemals hätte das Verlangen des Oheims, Sivert jetzt bei sich zu haben,
-ungelegener kommen können; aber da war nichts zu machen.
-
-Oline sagte: Ich hatte gar keine Zeit, den Auftrag zu übernehmen, nein,
-ganz und gar nicht, aber ich habe nun einmal die Liebe zu allen den
-Kindern hier und für Klein-Sivert besonders, und so wollte ich ihm zu
-seinem Erbe verhelfen. -- Ist denn der Oheim Sivert sehr krank? --
-Ach du lieber Gott, er nimmt mit jedem Tag mehr ab! -- Liegt er zu
-Bett? -- Zu Bett! Herr des Himmels, ihr solltet nicht so freventlich
-herausreden. Sivert springt und läuft nicht mehr auf dieser Welt.
-
-Nach dieser Antwort mußten sie ja annehmen, daß es mit dem Oheim Sivert
-stark auf das Ende zugehe, und Inger trieb Klein-Sivert noch tüchtig
-zur Eile an; sofort sollte er gehen.
-
-Aber der Oheim Sivert, der Halunke, der Schelm, lag durchaus nicht im
-Sterben, er lag nicht einmal beständig zu Bett. Als Klein-Sivert ankam,
-fand er eine fürchterliche Unordnung und Vernachlässigung auf dem
-kleinen Hofe vor, ja, die Frühjahrsarbeit war nicht einmal ordentlich
-getan worden, nein, nicht einmal der Winterdung war hinausgefahren,
-aber der Tod schien nicht augenblicklich bevorzustehen. Der Oheim
-Sivert war allerdings ein alter Mann, über siebzig, er war hinfällig
-und trieb sich halb angezogen im Hause umher, lag auch oft zu Bett
-und mußte für verschiedenes notwendig Hilfe haben; zum Beispiel mußte
-das Heringsnetz, das im Bootsschuppen hing und da schlecht aufgehoben
-war, ausgebessert werden. O ja, aber der Oheim war durchaus nicht so
-am Ende, daß er nicht noch gepökelte Fische essen und sein Pfeifchen
-rauchen konnte.
-
-Nachdem Sivert eine halbe Stunde dagewesen war und gesehen hatte, wie
-alles zusammenhing, wollte er gleich wieder heim. -- Heim? fragte der
-Alte. -- Ja, wir bauen eine Stube, und dem Vater fehlt meine Hilfe.
--- So, sagte der Alte, ist denn nicht Eleseus daheim? -- Doch, aber
-der ist diese Arbeit nicht gewohnt. -- Warum bist du dann gekommen? --
-Sivert erklärte, welche Botschaft Oline gebracht habe. -- Im Sterben?
-fragte der Alte. Meinte sie, ich liege im Sterben? Zum Teufel auch!
--- Hahaha! lachte Sivert. -- Der Alte sah den Neffen gekränkt an und
-sagte: Du machst dich über einen Sterbenden lustig, und du bist nach
-mir getauft worden! -- Sivert war zu jung, um eine betrübte Miene
-aufzusetzen, er hatte sich nie etwas aus dem Oheim gemacht, und jetzt
-wollte er wieder heim.
-
-Na, und du hast also auch gemeint, ich liege im Sterben und bist da
-gleich hergerannt, sagte der Alte. -- Oline hat es gesagt, beharrte
-Sivert. -- Nach kurzem Schweigen machte der Oheim ein Angebot: Wenn
-du mein Netz im Bootsschuppen flickst, darfst du etwas bei mir sehen.
--- So, sagte Sivert, und was ist es? -- Ach, das geht dich nichts an,
-versetzte der Alte mürrisch und legte sich wieder zu Bett.
-
-Die Verhandlungen brauchten offenbar Zeit. Sivert wußte nicht recht,
-was tun. Er ging hinaus und sah sich um, alles war unordentlich und
-vernachlässigt, die Arbeit hier in Angriff nehmen zu sollen, wäre ein
-Unding gewesen. Als er wieder hereinkam, war der Oheim auf und saß am
-Ofen.
-
-Siehst du dies? fragte er und deutete auf einen eichenen Schrein, der
-zwischen seinen Füßen auf dem Boden stand. Das war der Geldschrein.
-In Wirklichkeit war es einer von jenen Flaschenkasten, mit vielen
-Abteilungen, den Beamte und andere vornehme Leute in alten Tagen auf
-ihren Reisen mit sich geführt hatten; es waren jetzt keine Flaschen
-mehr drin, der alte Bezirkskassierer bewahrte Rechnungen und Gelder
-darin auf. Oh, diese Flaschenkiste, die Sage ging, daß sie den Reichtum
-der ganzen Welt berge, die Leute im Dorfe pflegten zu sagen: Wenn ich
-nur das Geld hätte, das der Sivert in seinem Schrein hat!
-
-Der Oheim Sivert entnahm dem Schrein ein Papier und sagte feierlich:
-Du kannst doch wohl Geschriebenes lesen? Lies dies Dokument! --
-Klein-Sivert war durchaus nicht überlegen im Lesen von Schriftstücken,
-nein, das war er nicht, aber jetzt las er, daß er zum Erben der ganzen
-Hinterlassenschaft des Oheims eingesetzt sei. -- Und nun kannst du tun,
-was du willst, sagte der Alte und legte das Dokument wieder in den
-Schrein.
-
-Sivert fühlte sich nicht besonders gerührt, das Dokument berichtete
-ihm eigentlich nicht mehr, als was er vorher gewußt hatte, schon von
-Kind auf hatte er ja nichts anderes gehört, als daß er den Oheim einmal
-beerben werde. Etwas anderes wäre es gewesen, wenn er in dem Schrein
-Kostbarkeiten hätte zu sehen bekommen. -- Es ist wohl viel Merkwürdiges
-in dem Schrein, sagte er. -- Mehr als du denkst, versetzte der Oheim
-kurz.
-
-Er war so enttäuscht und ärgerlich über den Neffen, daß er den
-Schrein zuschloß und wieder zu Bett ging. Da lag er dann und gab
-verschiedene Mitteilungen kund: Dreißig Jahre lang bin ich hier im
-Dorf Bevollmächtigter und Herr der Gelder gewesen, ich habe es nicht
-nötig, jemand um eine Handreichung anzuflehen. Woher wußte denn Oline,
-daß ich am Sterben sei? Kann ich nicht, wenn ich will, drei Mann zum
-Doktor fahren lassen? Ihr sollt nicht euren Spott mit mir treiben. Und
-du, Sivert, kannst nicht warten, bis ich meinen Geist ausgehaucht habe.
-Ich will dir nur eins sagen: Jetzt hast du das Dokument gelesen, und es
-liegt in meinem Geldschrein; mehr sag ich nicht. Aber wenn du von mir
-fortgehst, dann richte deinem Bruder Eleseus aus, daß er hierherkommen
-soll. Er heißt nicht nach mir und trägt nicht meinen irdischen Namen --
-aber er soll nur kommen!
-
-Trotz der Drohung, die in diesen Worten lag, überlegte Sivert sich die
-Sache und sagte dann: Ich werde Eleseus deinen Auftrag ausrichten.
-
-Oline war noch auf Sellanraa, als Sivert zurückkam. Sie hatte Zeit
-gehabt, einen Gang durch die Gegend zu machen, ja sogar bis zu Axel
-Ström und Barbros Ansiedlung, dann kam sie wieder zurück und tat
-äußerst wichtig und geheimnisvoll. Die Barbro ist dicker geworden,
-sagte sie flüsternd, das wird doch nichts zu bedeuten haben? Aber sagt
-es niemand! Was, da bist du ja wieder, Sivert, da brauche ich ja wohl
-nicht erst zu fragen, ob dein Oheim entschlafen ist? Ja, ja, er war ein
-alter Mann und ein Greis am Rande des Grabes. Was -- er ist also nicht
-tot? Gott sei Lob und Dank! Was, ich hätte nur ein leeres Geschwätz
-verführt, sagst du? Wenn ich nur bei allem so frei von Schuld wäre!
-Konnte ich denn wissen, daß dein Oheim Gott ins Angesicht log? Er nimmt
-ab, das waren meine Worte, und diese werde ich einmal vor Gottes Thron
-wiederholen. Was sagst du, Sivert? Ja, aber lag nicht dein Oheim zu
-Bett und rauchte und faltete beide Hände auf der Brust und sagte, nun
-liege er da und kämpfe es aus?
-
-Mit Oline konnte man sich unmöglich in einen Streit einlassen, sie
-überwältigte ihren Gegner mit ihrem Geschwätz und machte ihn mundtot.
-Als sie hörte, daß der Oheim Sivert Eleseus zu sich rief, ergriff sie
-auch diesen Umstand sofort und verwendete ihn zu ihrem Vorteil. Da
-könnt ihr hören, ob ich ein leeres Geschwätz im Munde geführt habe. Der
-alte Sivert ruft seine Verwandten herbei und schmachtet nach seinem
-Fleisch und Blut, es ist am letzten bei ihm. Du mußt ihm das nicht
-abschlagen, Eleseus, geh nur gleich, damit du deinen Oheim noch am
-Leben triffst. Ich muß auch übers Gebirge, da können wir zusammen gehen.
-
-Oline verließ indes Sellanraa nicht, bis sie Inger auf die Seite
-gezogen und ihr noch über Barbro zugeflüstert hatte: Sag es niemand,
-aber sie hat die Anzeichen! Und nun meint sie wohl, sie werde die Frau
-auf der Ansiedlung. Manche Leute kommen obenauf, ob sie auch von Anfang
-an so klein sind wie Sandkörner am Meeresstrand. Wer hätte nun das
-von Barbro geglaubt! Axel ist sicher ein fleißiger Mann, und so große
-Güter und Höfe wie hier im Ödland gibt es nicht auf unserer Seite des
-Gebirges, das weißt du auch, Inger, du stammst ja aus unserer Gemeinde
-und bist dort geboren. Barbro hatte ein paar Pfund Wolle in einer
-Kiste, es war lauter Winterwolle, ich habe keine davon verlangt, und
-sie hat mir auch keine davon angeboten; wir sagten nur Grüßgott und
-Gutentag, obgleich ich sie von Kindesbeinen an gekannt habe, damals,
-als ich hier auf Sellanraa war, und du, Inger, fort in der Lehre --
-
-Jetzt weint die kleine Rebekka, warf Inger rasch ein, und dann steckte
-sie Oline noch eine Handvoll Wolle zu.
-
-Große Dankesbezeugung von Oline: Ja, ist es nicht, wie ich eben zu der
-Barbro gesagt habe, so freigebig wie die Inger gibt es niemand mehr,
-sie schenkt sich wahrhaftig lahm und wund und murrt nie darüber. Ja,
-geh nur hinein zu dem kleinen Engel, noch nie hat ein Kind seiner
-Mutter so ähnlich gesehen wie die kleine Rebekka dir. Ob sich Inger
-erinnern könne, was sie einmal gesagt habe, daß sie keine Kinder mehr
-bekomme? Da könne sie nun sehen! Nein, man solle auf die Alten hören,
-die selbst Kinder gehabt hätten, denn Gottes Wege sind unerforschlich,
-sagte Oline.
-
-Dann trabte sie hinter Eleseus durch den Wald aufwärts, vor Alter
-gebückt, fahl und grau und neugierig, immer dieselbe. Nun würde
-sie zum alten Sivert gehen und zu ihm sagen, sie -- Oline -- sei es
-gewesen, die Eleseus bestimmt habe, zu ihm zu kommen.
-
-Aber Eleseus hatte sich durchaus nicht nötigen lassen, es war nicht
-schwer gewesen, ihn zu überreden. Seht, im Grunde genommen war er
-besser, als es den Anschein hatte, er war wirklich auf seine Art
-ein guter Bursche, gutmütig und freundlich von Natur, nur ohne
-große körperliche Kräfte. Daß er aus der Stadt nur ungern aufs Land
-zurückkehrte, hatte seinen guten Grund, er wußte ja wohl, daß die
-Mutter wegen Kindsmord in der Strafanstalt gewesen war, in der Stadt
-hörte er nichts davon, aber da auf dem Lande wußten es wohl alle. War
-er nun nicht mehrere Jahre lang mit Kameraden zusammen gewesen, die ihm
-ein feineres Empfinden beigebracht hatten, als er früher gehabt hatte?
-War nicht eine Gabel ebenso notwendig wie ein Messer? Hatte er nicht
-alle Tage da drinnen nach Kronen und Öre gerechnet, und hier rechnete
-man immer noch nach dem alten Talerfuß. O ja, er wanderte sehr gern
-übers Gebirge in eine andere Gegend, daheim auf dem väterlichen Hofe
-mußte er ja jeden Augenblick seine Überlegenheit im Zaume halten. Er
-gab sich Mühe, sich den andern anzupassen, und es gelang ihm auch,
-aber er mußte auf der Hut sein, zum Beispiel, als er vor ein paar
-Wochen nach Sellanraa heimgekommen war. Er hatte ja einen hellgrauen
-Frühjahrsüberzieher mitgenommen, obgleich man mitten im Sommer war;
-als er ihn an einem Nagel in der Wohnstube aufhängte, hätte er gut
-das silberne Schild mit seinen Buchstaben darauf nach außen drehen
-können, aber er hatte es nicht getan. Ebenso war es mit dem Stock, dem
-Spazierstock! Es war allerdings nur ein Regenschirmstock, von dem er
-den Stoff und die Stahlschienen abgemacht hatte, aber auf Sellanraa
-hatte er ihn nicht getragen und lustig geschwungen, weit entfernt, er
-hatte ihn verborgen am Schenkel angelegt getragen.
-
-Nein, es war nicht verwunderlich, daß Eleseus übers Gebirge ging. Er
-taugte nicht zum Hausbauen, er taugte dazu, Buchstaben zu schreiben,
-das konnte nicht der erste beste, aber in seiner Heimat war niemand,
-der seine Gelehrsamkeit und seine Kunst zu schätzen wußte, ausgenommen
-vielleicht die Mutter. So wanderte er fröhlichen Herzens vor Oline her
-den Wald hinauf, er wollte weiter oben auf sie warten, er lief wie ein
-Kalb, hetzte ordentlich vorwärts. Eleseus hatte sich gewissermaßen vom
-Hofe weggestohlen, er hatte Angst, gesehen zu werden, jawohl, denn
-er hatte den Frühjahrsüberzieher und den Spazierstock mitgenommen.
-Jenseits des Gebirges konnte er ja hoffen, bessere Leute zu treffen
-und auch selbst gesehen zu werden, vielleicht sogar in die Kirche zu
-kommen. Deshalb plagte er sich in der Sonnenhitze mit dem überflüssigen
-Überrock.
-
-Und er hinterließ keine Lücke, wurde nicht vermißt beim Hausbau, im
-Gegenteil, nun bekam ja der Vater den Sivert wieder, der Sivert war von
-viel größerem Nutzen und hielt vom Morgen bis Abend aus. Sie brauchten
-auch nicht viel Zeit zum Aufrichten des Gebäudes, es war nur ein Anbau,
-drei Wände; sie brauchten auch die Stämme nicht zuzuhauen, das wurde
-im Sägewerk gemacht. Die Schwartenbretter kamen ihnen dann gleich
-beim Dachbau zugute. Eines schönen Tages stand wirklich die Stube vor
-ihren Augen fertig da, gedeckt, mit gelegtem Boden und eingesetzten
-Fenstern. Weiter konnten sie vor der Ernte nicht mehr damit kommen. Das
-Verschalen und Anstreichen mußte auf später warten.
-
-Da kam plötzlich Geißler mit großer Gefolgschaft übers Gebirge daher!
-Und das Gefolge war zu Pferde, auf glänzenden Pferden mit gelben
-Sätteln; es waren wohl reiche Reisende, sie waren sehr schwer und dick,
-die Pferde bogen sich unter ihnen durch. Mitten unter diesen großen
-Herren ging Geißler zu Fuß. Es waren im ganzen vier Herren und Geißler,
-dazu noch zwei Diener, von denen jeder ein Lastpferd führte.
-
-Auf dem Hofplatz stiegen die Reiter ab, und Geißler sagte: Da haben wir
-Isak, den Markgrafen selbst. Guten Tag, Isak! Du siehst, da komme ich
-wieder, wie ich gesagt habe.
-
-Geißler war noch ganz der alte; obgleich er zu Fuß kam, schien er sich
-keineswegs geringer zu fühlen als die andern, ja, sein abgetragener
-Rock hing ihm lang und leer über seinen eingefallenen Rücken hinunter,
-aber sein Gesicht zeigte einen überlegenen und hochmütigen Ausdruck. Er
-sagte: Diese Herren und ich haben die Absicht, ein Stück weit den Berg
-hinaufzuwandern; sie sind zu dick und möchten ein wenig Speck loswerden.
-
-Die Herren waren übrigens freundlich und gutmütig; sie lächelten zu
-Geißlers Worten und entschuldigten sich, daß sie wie im Krieg über den
-Hof hereinbrächen. Sie hätten Mundvorrat bei sich, würden ihn also
-nicht arm fressen, wären aber dankbar, wenn sie für die Nacht ein Dach
-über den Kopf bekommen könnten. Vielleicht dürften sie in dem neuen
-Gebäude da übernachten.
-
-Als sie eine Weile ausgeruht hatten und Geißler bei Inger und den
-Kindern drin gewesen war, gingen alle die Gäste auf den Berg und
-blieben bis zum späten Abend weg. Am Nachmittag hatten die Leute auf
-dem Hofe ab und zu ganz unerklärliche Laute, Schüsse, gehört, und bei
-der Rückkehr brachten die Herren neue Gesteinsproben in Säcken mit.
-Schwarzkupfer, sagten sie und nickten über den Steinen. Es entspann
-sich eine lange, gelehrte Unterredung, und sie guckten dabei in eine
-Karte, die sie in groben Strichen gezeichnet hatten. Unter den Herren
-waren ein Sachverständiger und ein Ingenieur, einer wurde Landrat
-genannt, einer Hüttenbesitzer. Luftbahn, sagten sie, Seilbahn, sagten
-sie. Geißler warf ab und zu ein Wort ein, und das schien die Herren
-jedesmal richtig aufzuklären; es wurde großes Gewicht auf seine Worte
-gelegt.
-
-Wem gehört das Land südlich vom See? fragte der Landrat Isak. -- Dem
-Staat, antwortete Geißler flugs. Er war wachsam und klug, in der
-Hand hielt er das Dokument, das Isak einst mit seinem Namenszeichen
-unterschrieben hatte. -- Ich habe ja schon gesagt, daß es dem Staat
-gehört, warum fragst du noch einmal danach? sagte er. Wenn du mich
-kontrollieren willst, bitte!
-
-Später am Abend nahm Geißler Isak allein mit sich hinein und sagte:
-Wollen wir den Kupferberg verkaufen? -- Isak antwortete: Aber der Herr
-Lensmann hat mir ja den Berg schon einmal abgekauft und bezahlt. --
-Richtig, sagte Geißler, ich habe den Berg gekauft. Aber du sollst doch
-auch Prozente vom weiteren Verkauf oder vom Betrieb haben; willst du
-diese Prozente verkaufen? -- Das verstand Isak nicht, und Geißler mußte
-es ihm erklären. Isak könne keine Grube in Betrieb setzen, er sei ein
-Landmann, er mache Land urbar; er, Geißler, könne aber auch keine Grube
-betreiben. Aber Geld, Kapital? Oh, soviel er wolle! Aber er habe keine
-Zeit, er habe gar so vielerlei vor, sei ständig auf Reisen, müsse für
-seine Güter im Norden und im Süden sorgen. Nun wolle er -- Geißler --
-an diese schwedischen Herren verkaufen, sie seien alle Verwandte seiner
-Frau und reiche Leute, Fachleute, sie könnten die Grube eröffnen und in
-Betrieb nehmen. Ob Isak es nun verstehe? -- Ich will, wie Sie wollen,
-sagte Isak.
-
-Merkwürdig -- dieses große Zutrauen tat dem armen Geißler wohl: Ja, ich
-weiß nun nicht, ob du gut dabei fährst, sagte er und überlegte. Doch
-plötzlich wurde er sicher und fuhr fort: Aber wenn du mir freie Hand
-gibst, werde ich jedenfalls besser für dich handeln, als du es selbst
-tun könntest. -- Isak fing an: Hm. Ihr seid von der ersten Stunde an
-hier ein guter Herr für uns gewesen ... Geißler runzelte die Stirn und
-unterbrach ihn: Also, es ist gut!
-
-Am nächsten Morgen setzten sich die Herren hin, um zu schreiben.
-Sehr ernsthafte Sachen schrieben sie; zuerst einen Kaufkontrakt
-auf vierzigtausend Kronen für den Kupferberg, dann ein Dokument,
-worin Geißler zugunsten seiner Frau und seiner Kinder auf jeden
-Heller von diesen vierzigtausend verzichtete. Isak und Sivert wurden
-hereingerufen, um diese Papiere als Zeugen zu unterschreiben. Als dies
-getan war, wollten die Herren Isak seine Prozente für eine Bagatelle
-abkaufen, für fünfhundert Kronen. Aber Geißler unterbrach sie mit den
-Worten: Scherz beiseite!
-
-Isak verstand nicht viel vom Ganzen, er hatte einmal verkauft und
-seine Bezahlung dafür erhalten, und im übrigen, Kronen -- das war gar
-nichts, es waren keine Taler. Sivert dagegen dachte sich mehr dabei,
-der Ton der Verhandlungen war ihm auffallend: das war gewiß eine
-Familiensache, die hier beigelegt und abgemacht wurde. So sagte einer
-der Herren: Lieber Geißler, du brauchtest wirklich nicht so rote Ränder
-um die Augen zu haben! Worauf Geißler scharfsinnig aber ausweichend
-antwortete: Nein, das brauche ich wirklich nicht. Aber es geht eben
-nicht nach Verdienst in dieser Welt.
-
-War es so, daß Frau Geißlers Brüder und Verwandte ihren Mann abfinden,
-sich vielleicht mit einem Schlag von seinen Besuchen befreien und
-die widerwärtige Verwandtschaft loswerden wollten? Nun war ja der
-Kupferberg wahrscheinlich nicht wertlos, das wurde von keinem
-behauptet, aber er war sehr abgelegen, die Herren sagten geradezu,
-sie kauften ihn jetzt, um ihn weiterzuverhandeln an Leute, die viel
-leichter eine Grube in Betrieb setzen und ausbauen könnten als sie.
-Darin lag nichts Unnatürliches. Sie sagten auch offen, sie wüßten
-nicht, wieviel der Berg eintragen könnte. Wenn eine Grube eröffnet
-würde, seien vielleicht vierzigtausend Kronen keine Bezahlung;
-wenn aber der Berg so liegen bleibe, wie er jetzt sei, dann sei es
-hinausgeworfenes Geld. Aber jedenfalls wollten sie reinen Tisch machen,
-und deshalb böten sie Isak fünfhundert Kronen für seinen Anteil.
-
-Ich bin Isaks Bevollmächtigter, sagte Geißler, und ich verkaufe sein
-Recht nicht unter zehn Prozent der Kaufsumme.
-
-Viertausend! sagten die Herren.
-
-Viertausend! beharrte Geißler. Der Berg ist Isaks Eigentum gewesen,
-er erhält viertausend. Mir hat er nicht gehört, ich bekomme
-vierzigtausend. Wollen sich die Herren wohl die Mühe nehmen und das
-bedenken.
-
-Ja, aber viertausend!
-
-Geißler stand auf und sagte: Jawohl oder gar kein Verkauf.
-
-Sie überlegten, tuschelten miteinander und gingen auf den Hofplatz
-hinaus, zogen die Sache in die Länge. Richtet die Pferde! riefen sie
-dann den Dienern zu. Einer der Herren ging zu Inger hinein, bezahlte
-fürstlich für den Kaffee, einige Eier und das Nachtquartier. Geißler
-ging anscheinend gleichgültig umher, aber er war noch ebenso wachsam:
-Wie ist es mit der Wasserleitung im vorigen Jahr gegangen? fragte er
-Sivert. -- Sie hat uns die ganze Ernte gerettet. -- Ich sehe, ihr habt
-den Sumpf dort umgerodet, seit ich das letztemal hier war. -- Ja. --
-Ihr müßt euch noch ein Pferd anschaffen, sagte Geißler. Er sah alles.
-
-Komm jetzt her, damit wir fertig werden! rief der Hüttenbesitzer.
-
-Darauf gingen alle miteinander in den Neubau, und Isaks viertausend
-wurden aufgezählt. Geißler bekam eine Urkunde; er steckte sie
-nachlässig in die Tasche, als hätte sie gar keinen Wert. Heb sie wohl
-auf, sagten die andern zu ihm, und deiner Frau wird das Bankbuch in
-einigen Tagen zugestellt werden, sagten sie. -- Geißler runzelte die
-Stirne und erwiderte: Es ist gut!
-
-Aber sie waren noch nicht fertig mit Geißler. Nicht als ob er den Mund
-aufgetan hätte, um etwas für sich zu verlangen, aber da stand er nun,
-und sie sahen, wie er dastand; vielleicht hatte er sich auch selbst
-einen kleinen Teil des Geldes ausbedungen. Als der Hüttenbesitzer ihm
-ein Banknotenbündel reichte, nickte Geißler nur und sagte wieder, es
-sei gut. Und nun trinken wir noch ein Glas mit Geißler, sagte der
-Hüttenbesitzer.
-
-Sie tranken, dann waren sie fertig und verabschiedeten sich von Geißler.
-
-In diesem Augenblick kam Brede Olsen einher. Was wollte der nun? Brede
-hatte natürlich die dröhnenden Schüsse am gestrigen Tage gehört und
-verstanden, daß droben im Gebirge etwas vor sich ging. Jetzt kam er
-und wollte auch Gebirgsstrecken verkaufen. Er ging an Geißler vorbei,
-wendete sich an die Herren und sagte: er habe einige merkwürdige
-Gesteinsarten entdeckt, ganz wunderbare, die einen seien rot wie Blut,
-andere hell wie Silber; er kenne jeden Winkel da droben und könne rasch
-mit den Herren hinaufgehen, er wisse mehrere lange Metalladern -- was
-das wohl für eine Art Metall sein könne? -- Hast du Proben bei dir?
-fragte der Bergbaukundige. -- Ja. Aber ob sie nicht ebensogut auf den
-Berg hinaufgehen könnten? Es sei nicht weit, Proben, jawohl! Viele
-Säcke voll, viele Kisten voll, er habe sie zwar nicht bei sich, aber
-daheim in seinem Hause; er könne rasch hinlaufen und sie holen. Aber
-er könne in kürzerer Zeit von den Bergen droben holen, wenn die Herren
-warten wollten. Die Herren jedoch schüttelten den Kopf und ritten
-davon.
-
-Brede sah ihnen gekränkt nach. Wenn die Hoffnung einen Augenblick in
-ihm aufgetaucht war, dann erlosch sie jetzt wieder; er arbeitete unter
-der Ungunst des Schicksals, nichts wollte ihm glücken. Nur gut, daß er
-einen leichten Sinn hatte, um das Leben trotzdem ertragen zu können.
-Er sah den Reitern nach und sagte schließlich: Na, viel Glück auf die
-Reise!
-
-Aber jetzt zeigte er sich wieder unterwürfig gegen Geißler, seinen
-früheren Lensmann, er duzte ihn nicht mehr, sondern verbeugte sich und
-sagte Ihr. Geißler hatte unter irgendeinem Vorwand seine Brieftasche
-herausgezogen und ließ sehen, wie sie von Banknoten strotzte. -- Könnt
-Ihr mir nicht helfen, Lensmann! sagte Brede. -- Geh heim und grabe
-dein Moor um! sagte Geißler und half ihm nicht im geringsten. -- Ich
-hätte gut eine ganze Traglast voll Steine mitbringen können, aber wäre
-es denn nicht viel besser gewesen, die Herren hätten die Berge selbst
-angesehen, da sie nun doch einmal hier waren? -- Geißler tat, als
-höre er nicht, was Brede sagte, sondern fragte Isak: Weißt du nicht,
-was ich mit dem Dokument gemacht habe? Es war äußerst wichtig, viele
-tausend Kronen wert. Ach, da ist es, mitten zwischen den Banknoten. --
-Was waren denn das für Leute, haben sie nur einen Ausflug zu Pferde
-gemacht? fragte Brede.
-
-Geißler war wohl vorher in großer Spannung gewesen, jetzt fiel er
-merklich ab. Aber er hatte doch noch Lust und Leben genug, um noch
-allerlei auszurichten. Sivert sollte mit ihm hinauf auf den Berg,
-Geißler hatte ein großes Papier bei sich, da zeichnete er die Grenze
-auf der Südseite des Wassers deutlich darauf ein. -- Was er wohl für
-einen Gedanken dabei hatte! Als er ein paar Stunden später wieder auf
-den Hof zurückkam, war Brede noch da, aber Geißler beantwortete keine
-einzige von seinen Fragen, sondern war müde und winkte ihm nur mit der
-Hand ab.
-
-Er schlief ununterbrochen bis zum nächsten Morgen, da stand er mit der
-Sonne auf und war wieder ganz frisch. Sellanraa! sagte er, als er auf
-dem Hofplatz stand und weit umherschaute.
-
-All das Geld, das ich bekommen habe, soll denn das mir gehören? fragte
-Isak.
-
-Was du sagst! erwiderte Geißler. Verstehst du denn nicht, daß du mehr
-hättest haben sollen? Und eigentlich hättest du sie nach unserem
-Kontrakt von mir haben sollen, aber wie du gesehen hast, ließ sich das
-nicht machen. Wieviel hast du bekommen? Nach alter Rechnung nur tausend
-Taler. Ich denke eben darüber nach, daß du noch ein Pferd für den Hof
-haben mußt. -- Ja. -- Ich weiß dir ein Pferd. Der jetzige Gerichtsbote
-bei Lensmann Heyerdahl läßt seinen Hof verfallen, das Herumreisen und
-die Leute auspfänden ist ihm unterhaltender. Er hat schon einen Teil
-seines Viehstandes verkauft, jetzt will er auch seinen Gaul los sein.
--- Ich werde mit ihm reden, sagte Isak.
-
-Geißler deutete mit der Hand weit herum und sagte: Alles gehört dem
-Markgrafen! Du hast Haus und Vieh und wohlbestellte Felder, niemand
-kann dich aushungern.
-
-Nein, antwortete Isak, wir haben alles, was Gott geschaffen hat.
-
-Geißler lief noch eine Weile auf dem Hof umher, dann ging er plötzlich
-zu Inger hinein. Kannst du wohl auch heute etwas Mundvorrat entbehren?
-fragte er. Wieder ein paar Waffeln, aber ohne Butter und Käse darauf;
-sie sind allein schon nahrhaft und fett genug. Nein, tu, wie ich sage,
-ich will nicht noch mehr tragen.
-
-Geißler ging wieder hinaus. Er hatte wohl allerlei Gedanken im Kopf. Im
-Neubau setzte er sich an den Tisch und begann zu schreiben. Er hatte
-sich die Sache schon vorher ausgedacht, deshalb brauchte er nicht viel
-Zeit dazu. Es sei eine Eingabe an den Staat, sagte er überlegen zu
-Isak. An das Ministerium des Innern, sagte er. Ich habe für so vieles
-zu sorgen!
-
-Als er seinen Mundvorrat bekommen hatte und sich verabschiedete, war
-es, als falle ihm plötzlich noch etwas ein. Ja, richtig, als ich das
-letztemal fortging, vergaß ich gewiß -- ich hatte einen Schein aus
-meiner Brieftasche genommen, hatte ihn dann aber in meine Westentasche
-gesteckt. Da habe ich ihn nachher gefunden. Ich habe so vielerlei
-Geschäfte. Damit steckte er Inger etwas in die Hand und ging.
-
-Ja, dann ging Geißler, und er schien ganz getrosten Mutes zu sein.
-Er war durchaus nicht herunter und starb auch noch lange nicht, kam
-auch wieder nach Sellanraa, und erst viele Jahre später starb er.
-Die Hofleute vermißten ihn aber sehr, als er nun gegangen war; Isak
-hatte ihn wegen Breidablick um Rat fragen wollen, war aber nicht dazu
-gekommen. Geißler hätte ihm wohl auch abgeraten, den Hof zu kaufen --
-für einen Kontoristen wie Eleseus Ödland zu kaufen!
-
-
-
-
-18
-
-
-Oheim Sivert war doch am Sterben. Eleseus war ungefähr drei Wochen
-bei dem Alten gewesen, da war er tot. Eleseus bestellte das Begräbnis
-und war recht tüchtig in dieser Richtung, er holte da und dort in den
-Häusern einige Fuchsiastöcke, entlehnte eine Flagge und hing sie auf
-Halbmast, kaufte schwarzen Flor beim Kaufmann zu heruntergelassenen
-Vorhängen. Isak und Inger wurden benachrichtigt und kamen zum
-Begräbnis. Eleseus war der eigentliche Wirt und verstand sich sehr
-wohl auf die Aufwartung für die Eingeladenen, ja, nachdem am Sarg
-noch gesungen worden war, sprach Eleseus sogar einige passende Worte,
-worüber seine Mutter vor lauter Stolz und Rührung ihr Taschentuch
-gebrauchen mußte. Alles ging ausgezeichnet.
-
-Auf dem Heimweg in seines Vaters Gesellschaft mußte Eleseus seinen
-Überzieher offen tragen, den Spazierstock aber verbarg er in seinem
-Ärmel. Es ging alles gut, bis sie im Boot übers Wasser fuhren; da stieß
-Isak aus Versehen an den Rock, und ein Krach ließ sich hören. -- Was
-war das? fragte Isak. -- O nichts, antwortete Eleseus.
-
-Aber der zerbrochene Stock wurde nicht weggeworfen; als sie heimkamen,
-suchte Eleseus nach einem passenden Ring um die Bruchstelle. -- Können
-wir ihn nicht speideln? fragte Sivert, der große Spaßvogel. Sieh
-hier, wenn wir auf beiden Seiten einen guten Holzspan legen und mit
-Pechdraht umwickeln ...? -- Ja, ich werde dich mit Pechdraht umwickeln!
-erwiderte Eleseus. -- Hahaha! Ach so, du willst wohl lieber ein rotes
-Strumpfband herumwickeln? -- Hahaha! lachte auch Eleseus, aber dann
-ging er zu seiner Mutter hinein, und bei ihr bekam er einen alten
-Fingerhut, von dem er den oberen Teil abfeilte, wodurch er dann einen
-sehr schönen Ring für den Spazierstock bekam. Oh, Eleseus war gar nicht
-so ungeschickt mit seinen langen Fingern.
-
-Die Brüder trieben immer noch ihren Spaß miteinander. Bekomme ich
-das, was der Oheim Sivert hinterlassen hat? fragte Eleseus. -- Ob du
-es bekommst? Wieviel ist es? versetzte Sivert. -- Hahaha! Du willst
-zuerst wissen, wieviel es ist, du Geizhals! -- Ja, du kannst es gern
-haben, sagte Sivert. -- Es wird zwischen fünf- und zehntausend sein. --
-Talern? rief Sivert; er konnte die Frage nicht zurückhalten. -- Eleseus
-rechnete ja nicht nach Talern, aber jetzt paßte es ihm, er nickte und
-ließ Sivert bis zum nächsten Tag in diesem Glauben.
-
-Dann kam Eleseus wieder auf die Sache zurück. Reut dich wohl dein
-Geschenk von gestern? fragte er. -- Du Dummkopf, versetzte Sivert;
-allerdings, aber fünftausend Taler waren nun einmal fünftausend Taler
-und keine Kleinigkeit; wenn der Bruder nicht ein Geizhals oder ein
-schlechter Kerl war, dann teilte er mit ihm. -- Nun will ich dir etwas
-sagen, erklärte endlich Eleseus, ich glaube nicht, daß ich von der
-Erbschaft fett werde. -- Sivert sah ihn überrascht an: So, nicht? --
-Nein, nicht besonders und nicht ~par excellence~ fett.
-
-Eleseus hatte ja gelernt, sich in Rechnungen auszukennen; der Schrein
-des Oheims, der berühmte Flaschenkasten, war vor ihm geöffnet worden,
-und er hatte alle Papiere und Summen durchgehen und Kassensturz
-halten müssen. Oheim Sivert hatte seinen Neffen nicht zu Landarbeit
-oder zum Flicken des Fischnetzes verwendet, sondern ihn in eine
-fürchterliche Unordnung von Zahlen und Rechnungen hineinversetzt. Wenn
-ein Steuerzahler vor zehn Jahren mit einer Ziege oder einer Kiste
-getrocknetem Kohlfisch bezahlt hatte, dann stand weder die Ziege noch
-der Kohlfisch da, sondern der alte Sivert holte den Mann aus seinem
-Gedächtnis hervor und sagte: Er hat bezahlt. -- Nun, dann streichen wir
-diesen Posten, sagte Eleseus.
-
-Hier war Eleseus der rechte Mann, er war freundlich und munterte den
-Kranken damit auf, daß er sagte, es stehe alles gut; die beiden hatten
-sich gut zusammen eingelebt, ja, ab und zu hatten sie sogar ihren Spaß
-miteinander. Eleseus war ja wohl in dem einen oder andern töricht,
-aber das war der alte Sivert auch; sie hatten geradezu hochtrabende
-Dokumente abgefaßt, nicht nur zum Vorteil von Klein-Sivert, sondern
-auch fürs Dorf, die Gemeinde, der der Alte dreißig Jahre gedient hatte.
--- Herrliche Tage waren es! -- Ich hätte wahrlich niemand Besseren
-bekommen können als dich, Eleseus! sagte Oheim Sivert. Er schickte
-jemand fort und ließ mitten im Sommer ein geschlachtetes Schaf kaufen,
-die Fische wurden ihm frisch aus dem Meer gebracht, und Eleseus wurde
-befohlen, aus dem Schrein zu bezahlen; sie lebten recht gut miteinander.
-
-Sie ließen Oline kommen, und sie hätten niemand Besseren haben können,
-um an einem Festmahl teilzunehmen, auch war niemand besser dazu
-geschaffen als sie, von des alten Siverts letzten Tagen großen Ruhm
-zu verbreiten. Und die Befriedigung war gegenseitig. Ich meine, wir
-sollten Oline auch mit einer kleinen Erbschaft bedenken, sagte der
-Oheim, sie ist jetzt Witwe und hat es recht knapp. Es bleibt trotzdem
-noch genug für Klein-Sivert. -- Es kostete Eleseus nur ein paar
-Federstriche mir geübter Hand, einen Nachtrag zu dem letzten Willen,
-und dann war auch Oline unter die Erben eingereiht. -- Ich werde für
-dich sorgen, sagte der alte Sivert zu ihr; falls ich nicht wieder
-gesund werden sollte und nicht mehr auf der Erde leben werde, will
-ich, daß du nicht Hunger leiden mußt, sagte er. -- Oline rief, sie sei
-sprachlos; aber das war sie gar nicht, sie war gerührt und weinte und
-dankte; niemand hätte solche Verbindung zwischen einer irdischen Gabe
-und zum Beispiel „der großen himmlischen Wiedervergeltung im Jenseits”
-finden können wie Oline. Nein, sprachlos war sie nicht.
-
-Aber Eleseus? Waren ihm vielleicht im Anfang die Verhältnisse des
-Oheims günstig und zufriedenstellend vorgekommen, so mußte er sich doch
-später die Sache neu überlegen und mit der Wahrheit herausrücken. Er
-versuchte es mit einem schwachen Einwand: Die Kasse ist ja nicht so
-ganz in Ordnung, sagte er. -- Jawohl, aber da ist ja alles, was ich
-sonst hinterlasse. -- Ja, und dann hast du wohl auch noch da und dort
-Geld auf der Bank? fragte Eleseus, denn so ging das Gerücht. -- Na,
-antwortete der Alte, das kann nun sein, wie es will. Aber das Großnetz,
-der Hof und die Häuser und das Vieh, und weiße Kühe und rote Kühe! Ich
-glaube, du faselst, mein guter Eleseus!
-
-Eleseus wußte nicht, wieviel das Großnetz wert sein konnte; aber das
-Vieh hatte er jedenfalls gesehen: es bestand aus einer Kuh. Sie war
-weiß und rot. Oheim Sivert redete vielleicht irre. Und Eleseus verstand
-auch des Alten Rechnungen nicht alle; sie waren in einem großen
-Durcheinander, der reine Wirrwarr, besonders seit dem Jahr, in dem der
-Münzfuß von Talern in Kronen übergegangen war. Der Bezirkskassierer
-hatte oft die kleinen Kronen für volle Taler gerechnet. Kein Wunder,
-daß er sich für reich hielt! Aber Eleseus fürchtete, wenn erst einmal
-alles geordnet sein würde, werde nicht viel übrigbleiben, vielleicht
-nichts, ja, vielleicht werde es nicht einmal hinreichen.
-
-Oh, Klein-Sivert konnte ihm leicht das versprechen, was der Oheim
-hinterlassen würde!
-
-Die Brüder scherzten darüber, Sivert war nicht niedergeschlagen, im
-Gegenteil, vielleicht hätte er sich schließlich mehr gegrämt, wenn er
-wirklich fünftausend Taler verschleudert hätte. Er wußte wohl, daß er
-aus reiner Berechnung nach dem Oheim genannt worden war, er hatte also
-auch nichts von ihm verdient. Jetzt zwang er Eleseus die Erbschaft
-förmlich auf: Ja, gewiß mußt du sie annehmen, komm, wir wollen es
-schriftlich machen! sagte er. Ich gönne es dir, wenn du reich wirst.
-Verschmäh es nicht!
-
-Sie hatten viel Spaß miteinander. Sivert war in der Tat der, der
-Eleseus am meisten half, das Leben daheim auszuhalten, vieles wäre ohne
-Sivert schwerer für Eleseus gewesen.
-
-Jetzt war übrigens Eleseus wieder tüchtig verdorben worden, die drei
-Wochen Müßiggang jenseits des Gebirges waren nicht vom Guten für ihn
-gewesen; er war da auch in die Kirche gegangen und hatte sich gut
-herausgeputzt, ja, er war auch mit jungen Mädchen zusammengetroffen.
-Daheim auf Sellanraa gab es keine. Jensine, die Magd, war nicht zu
-rechnen, sie war nur ein Arbeitstier, sie paßte besser für Sivert. --
-Ich möchte wohl wissen, wie die Barbro von Breidablick geworden ist,
-seit sie erwachsen ist, sagte er. -- Geh hinunter zu Axel Ström und
-sieh sie dir an, entgegnete Sivert.
-
-An einem Sonntag machte sich Eleseus auf den Weg. Jawohl, er war
-auswärts gewesen und hatte Mut und Lustigkeit wiedergefunden, hatte
-Blut geleckt, in Axels Gamme lebte er wieder auf. Barbro selbst war
-keineswegs zu verachten, jedenfalls war sie die einzige hier in der
-Gegend; sie spielte Gitarre und war witzig, außerdem roch sie nicht
-nach Rainfarn, sondern nach echten Sachen, nach Haarwasser. Seinerseits
-gab Eleseus zu verstehen, daß er nur in den Ferien daheim sei, das Büro
-werde ihn bald zurückberufen. Immerhin sei es angenehm, wieder einmal
-daheim zu sein, wieder in der alten Heimat, und er habe jetzt droben
-die Kammer für sich allein zum Bewohnen. Aber es sei eben doch nicht
-die Stadt!
-
-Nein, das weiß Gott, daß das Ödland nicht die Stadt ist! stimmte Barbro
-bei.
-
-Axel selbst kam diesen beiden Stadtkindern gegenüber nicht recht zur
-Geltung. Er langweilte sich und ging hinaus auf seine Felder. Nun
-hatten die beiden freie Hand, und Eleseus war großartig. Er erzählte,
-er sei im Nachbardorfe gewesen und habe dort einen Oheim begraben, auch
-vergaß er nicht zu sagen, daß er am Sarge eine Rede gehalten hatte.
-
-Als er ging, sagte er zu Barbro, sie solle ihn ein Stück Wegs
-begleiten. Aber nein, danke! -- Ist es Sitte und Brauch in der Stadt,
-daß die Damen die Herren heimbegleiten? fragte sie. -- Da wurde
-Eleseus wahrhaftig rot und verstand, daß er sie beleidigt hatte.
-
-Trotzdem ging er am nächsten Sonntag wieder aufs Nachbargut, und da
-trug er den Spazierstock in der Hand. Die beiden unterhielten sich
-wieder wie das letztemal, und Axel wurde wieder übersehen: Dein Vater
-hat jetzt einen großen Hof, er hat sehr viel gebaut, sagte er. -- O
-ja, und er hat auch das Geld zum Bauen. Vater kann alles, was er will!
-antwortete Eleseus und prahlte drauflos; für uns andere arme Schlucker
-ist es nicht so leicht. -- Wieso? -- Na, habt ihr es nicht gehört?
-Jetzt eben sind einige schwedische Millionäre bei ihm gewesen und haben
-ihm einen Kupferberg abgekauft. -- Was du da sagst? Und hat er viel
-Geld dafür bekommen? -- Kolossal viel. Ja, ja, ich will nicht prahlen,
-aber es waren jedenfalls viele Tausend. Aber was ich sagen wollte:
-Bauen, sagtest du? Ich sehe, du hast Zimmerholz draußen liegen, wann
-willst du selbst bauen? -- Niemals, warf Barbro ein.
-
-Niemals! Das war nun Vorwitz oder Übertreibung. Axel hatte im letzten
-Herbst Steine ausgebrochen und sie im Winter hergefahren; jetzt im
-Sommer hatte er die Mauer samt Keller und allem andern fertiggemacht,
-er brauchte nur noch das Haus aufzurichten. Er sagte, er hoffe das
-Haus schon im Herbst unter Dach zu bringen, er habe auch schon daran
-gedacht, Sivert zu bitten, ihm ein paar Tage zu helfen, was Eleseus
-dazu meine? -- O ja, meinte Eleseus. Aber du kannst mich bekommen,
-fügte er lächelnd hinzu. -- Euch? sagte Axel ehrerbietig und redete ihn
-plötzlich mit Euch an. Ihr habt Genie für andere Sachen. -- Wie das
-schmeckte, sogar hier im Ödland anerkannt zu werden. Ich fürchte sehr,
-daß diese meine Hände nicht dazu taugen, sagte Eleseus auch und tat
-äußerst vornehm. -- Laß mich sehen! sagte Barbro, indem sie seine Hand
-ergiff.
-
-Axel fühlte sich wieder auf die Seite gesetzt und ging hinaus; nun
-waren die beiden abermals allein. Sie waren gleichaltrig, waren
-zusammen in die Schule gegangen, hatten miteinander gespielt,
-umhergetollt und sich geküßt; jetzt frischten sie mit unendlicher
-Überlegenheit die Kindheitserinnerungen auf, und Barbro spielte sich
-ordentlich auf, das war nicht zu verkennen. Natürlich war Eleseus nicht
-zu vergleichen mit den großen Kontoristen in Bergen, die Kneifer und
-goldene Uhren hatten, aber hier auf dem Ödland war er unleugbar ein
-richtiger Herr. Und nun holte sie ihre Photographie von Bergen herbei
-und zeigte sie ihm: so habe sie damals ausgesehen, und wie jetzt! --
-Was soll dir denn jetzt fehlen? fragte er. -- So, du meinst, ich habe
-nicht verloren? -- Verloren? Ich will dir nur ein für allemal sagen,
-daß du jetzt doppelt so hübsch bist, überhaupt voller geworden, sagte
-er. Verloren? Nein, das ist klassisch! sagte er. -- Aber findest du
-mein Kleid, das am Hals und im Rücken ausgeschnitten ist, auf dem Bild
-nicht hübsch? Und dann hatte ich auch, wie du siehst, eine silberne
-Kette, die habe ich von einem der Kontoristen, bei denen ich war,
-geschenkt bekommen. Aber dann habe ich sie verloren; das heißt nicht
-geradezu verloren, sondern ich brauchte Geld, als ich heimreiste.
--- Eleseus fragte: Kann ich nicht die Photographie bekommen? -- Sie
-bekommen? Und was bekomme ich dafür? Oh, Eleseus wußte recht gut, was
-er am liebsten geantwortet hätte, aber er wagte es nicht zu sagen.
-Ich werde mich photographieren lassen, wenn ich wieder in der Stadt
-bin, dann bekommst du meine auch, sagte er dagegen. Sie aber nahm das
-Bild wieder an sich und sagte: Nein, ich habe nur noch die eine. -- Da
-wurde es düster in seinem jungen Herzen, und er streckte die Hand nach
-dem Bild aus. -- Ja, ja, dann gib mir gleich etwas dafür! sagte sie
-lachend. Oh, da griff er zu und küßte sie herzlich ab.
-
-Nun wurde es ungezwungener; Eleseus entfaltete sich, er wurde
-großartig. Sie liebäugelten und lachten und scherzten. Als du nach
-meiner Hand gefaßt hast, war das so weich wie ein Samtpfötchen, sagte
-er. -- Ja, ja, nun fährst du bald wieder in die Stadt, und dann
-kommst du wohl nie mehr hierher, sagte Barbro. -- Hältst du mich für
-so schlecht? versetzte Eleseus. -- Hast du niemand dort, der dich
-zurückhält? -- Nein. Unter uns gesagt, ich bin nicht verlobt, sagte er.
--- Doch, das bist du gewiß. -- Nein, es ist tatsächlich wahr, was ich
-sage.
-
-Sie scherzten und liebäugelten lange miteinander, Eleseus war ganz
-verliebt. Ich werde dir schreiben, sagte er, darf ich das? -- Ja,
-antwortete sie. -- Ja, denn ich will nicht kleinlich sein und es
-nicht ohne Erlaubnis tun! Doch plötzlich wurde er eifersüchtig und
-fragte: Es heißt, du seiest mit Axel hier verlobt. Ist es so? -- Mit
-ihm, dem Axel! sagte sie so verächtlich, daß es ihn tröstete. Er wird
-sich brennen! sagte sie. Dann bereute sie ihre Worte, und sie fügte
-hinzu: Der Axel ist schon recht. Und er hält eine Zeitung für mich
-und macht mir sehr oft Geschenke, ich kann nichts anderes sagen. --
-Gott bewahre mich, er kann in seiner Art ein höchst vorzüglicher und
-unvergleichlicher Mann sein, gab Eleseus zu, aber das ist nun einmal
-nicht der Kernpunkt.
-
-Aber bei dem Gedanken an Axel mußte sich Barbro wohl etwas beunruhigt
-fühlen, sie stand auf und sagte zu Eleseus: Nein, jetzt mußt du gehen,
-ich muß in den Stall.
-
-Am nächsten Sonntag ging Eleseus bedeutend später als sonst hinunter,
-und er hatte den Brief selbst mitgenommen. Das war ein Brief. Das
-Entzücken und Kopfzerbrechen einer ganzen Woche hatten ihn zustande
-gebracht, ihn ausgedacht! An Fräulein Barbro Bredesen, zwei- bis
-dreimal habe ich nun das für mich so unaussprechliche Glück gehabt,
-dich wiederzusehen ...
-
-Wenn er nun so spät am Abend ankam, mußte wohl Barbro im Stall fertig
-sein, ja, sie war vielleicht eben zu Bett gegangen. Doch das schadete
-nichts, es paßte im Gegenteil gerade gut.
-
-Barbro war jedoch auf und saß in der Gamme. Aber jetzt sah es plötzlich
-aus, als wolle sie gar nicht mehr zärtlich sein, nein, durchaus nicht.
-Eleseus bekam den Eindruck, daß Axel wohl hinter ihr her gewesen sein
-und sie ermahnt haben mußte. -- Bitte, hier ist der Brief, den ich dir
-versprochen habe. -- Danke! sagte sie, indem sie den Brief öffnete
-und ihn ohne ersichtliche Freude las. -- Ich hätte wohl ebensogut
-schreiben können wie du! sagte sie. -- Er war enttäuscht, was hatte sie
-nur? Und wo war Axel? Fort. Er war dieser törichten Sonntagsbesuche
-vielleicht überdrüssig und wollte nicht dabeisein; aber er konnte ja
-auch eine notwendige Besorgung gehabt haben, so daß er gestern ins Dorf
-hinuntergegangen war. Fort war er jedenfalls.
-
-Warum sitzt du denn an einem so schönen Abend in der dumpfen Gamme?
-Komm mit heraus! sagte Eleseus. -- Ich warte auf Axel, antwortete sie.
--- Auf Axel? Kannst du nicht ohne den Axel sein? -- Doch, aber soll er
-etwa nichts zu essen haben, wenn er kommt?
-
-Die Zeit verging, sie war vergeudet, die beiden kamen sich nicht
-näher; Barbro war und blieb launisch. Er versuchte ihr wieder vom
-Nachbardorf zu erzählen und vergaß wieder nicht, daß er eine Rede
-gehalten hatte: Ich hatte allerdings nicht so besonders viel zu sagen,
-aber einige waren doch zu Tränen gerührt. -- So, sagte sie. -- Und an
-einem Sonntag bin ich in der Kirche gewesen. -- Hast du da mit einer
-angebändelt? -- Ob ich mit einer angebändelt habe? Ich war nur dort und
-habe mich umgesehen. Der Pfarrer predigte nicht besonders nach meiner
-unmaßgeblichen Meinung, er hatte keinen guten Vortrag.
-
-Die Zeit verging.
-
-Was meinst du wohl, was Axel denken wird, wenn er dich so spät hier
-antrifft? fragte Barbro plötzlich. -- Ach, wenn sie ihm einen Stoß vor
-die Brust versetzt hätte, hätte er nicht mutloser werden können. Hatte
-sie denn das letztemal ganz vergessen? War nicht verabredet worden,
-daß er am heutigen Abend kommen sollte? Er war schwer gekränkt und
-murmelte: Ich kann ja wieder gehen! -- Darüber schien sie sich nicht zu
-entsetzen. -- Was habe ich dir getan? fragte er mit bebenden Lippen.
-Es schien ihm sehr tief zu gehen, er war in großer Not. -- Mir getan?
-Ach, du hast mir nichts getan. -- Aber was ist denn mit dir heute
-abend? -- Mit mir? Hahaha! Aber im übrigen kann ich mich nicht darüber
-wundern, wenn Axel böse wird. -- Ich werde gehen, wiederholte Eleseus.
-Aber sie erschrak wieder nicht darüber, sie machte sich nichts aus ihm,
-und es war ihr einerlei, daß er da vor ihr saß und mit seinen Gefühlen
-kämpfte. Oh, sie war eine Canaille!
-
-Nun begann der Ärger in ihm aufzukochen. Zuerst äußerte er ihn in
-feiner Weise: sie sei wahrlich keine vorteilhafte Repräsentantin des
-weiblichen Geschlechtes. Und als das nichts half -- oh, er hätte
-lieber schweigen und ertragen sollen, sie wurde nur immer schlimmer.
-Aber er wurde auch nicht besser, sondern sagte: Wenn ich gewußt hätte,
-wie du bist, wäre ich heute abend gar nicht heruntergekommen. -- Und
-was dann? versetzte sie. Dann hättest du deinen Stock, den du da in
-der Hand hältst, nicht spazierengetragen. -- Oh, Barbro war in Bergen
-gewesen, sie konnte spotten, sie hatte auch ordentliche Spazierstöcke
-gesehen, deshalb konnte sie jetzt so unverschämt fragen, was das für
-ein geflickter Regenschirmstock sei, mit dem er anstolziert komme?
--- Er ertrug es. Dann möchtest du wohl auch deine Photographie
-wiederhaben? fragte er. -- Wenn das nicht wirkte, dann wirkte nichts
-mehr. Ein Geschenk zurücknehmen, das war das Äußerste, was man sich
-im Ödland denken konnte! Was machst du dir denn daraus? antwortete
-sie ausweichend. -- Gut, erklärte er keck, ich werde sie dir sofort
-zurückschicken. Gib mir nun auch meinen Brief wieder.
-
-Damit stand er auf.
-
-Jawohl, sie gab ihm den Brief, aber da traten ihr auch die Tränen
-in die Augen, und ihre Laune schlug plötzlich um. Das Dienstmädchen
-war gerührt, der Freund verließ sie, leb' wohl zum letztenmal! Du
-brauchst nicht zu gehen, sagte sie, ich mache mir nichts daraus, was
-Axel glaubt. -- Aber jetzt wollte er seinen Vorteil ausnützen, und
-so verabschiedete er sich. Denn wenn eine Dame so ist wie du, dann
-absentiere ich mich, sagte er.
-
-Langsam wanderte er von der Gamme weg heimwärts, er pfiff und schwang
-seinen Stock und tat ganz unbekümmert. Bah! Eine kleine Weile nachher
-kam Barbro auch heraus und rief ihm ein paarmal nach. Jawohl, er blieb
-stehen, das tat er, aber er war ein beleidigter Löwe. Sie setzte sich
-ins Heidekraut und schien ihr Benehmen zu bereuen, sie zerrte an
-einem Heidekrautbüschel, und allmählich wurde er wieder vernünftiger,
-ja, er bat sie sogar noch um einen Kuß, zum letzten Abschied, sagte
-er. -- Nein, das wollte sie nicht. -- So sei doch so reizend wie das
-letztemal! sagte er. Er schwänzelte von allen Seiten um sie herum
-und ging immer rascher und rascher, um womöglich eine Gelegenheit zu
-erwischen. Aber sie wollte nicht reizend sein, sie erhob sich, und da
-stand sie. Da nickte er nur und ging.
-
-Als er außer Sehweite war, trat plötzlich Axel hinter einigen Büschen
-hervor. Barbro fuhr zusammen und fragte: Wie ist denn das, kommst du
-von oben herunter? -- Nein, ich komme von unten herauf, antwortete er,
-aber ich habe euch beide hier heraufgehen sehen. -- Ach so, wirklich!
-Ja, davon wirst du fett werden! rief sie auf einmal rasend, sie war
-auch jetzt ebenso schlechter Laune wie vorher! Was brauchst du da
-herumzuschnüffeln? Was geht es dich an? -- Axel war auch nicht gerade
-freundlich. -- So, er ist also heute auch wieder hier gewesen? -- Und
-wenn auch? Was willst du von ihm? -- Was _ich_ von ihm will? Nein, was
-willst _du_ von ihm? Du solltest dich schämen! -- Mich schämen? Sollen
-wir darüber schweigen, oder sollen wir darüber reden? fragte Barbro
-nach einer alten Redensart. Ich will nicht wie ein altes Steinbild in
-deiner Gamme sitzen, daß du es weißt. Warum ich mich schämen sollte?
-Wenn du eine andere Haushälterin nehmen willst, dann gehe ich meiner
-Wege. Du brauchst nur deinen Mund zu halten, wenn es nicht schändlich
-ist, dich überhaupt darum zu bitten. Da hast du meine Antwort. Jetzt
-werde ich auf der Stelle hineingehen, dir dein Essen anrichten und
-Kaffee kochen, dann kann ich nachher tun, was ich will.
-
-Unter fortwährendem Zanken ging sie hinein.
-
-Nein, Axel und Barbro waren nicht immer einig. Sie war nun schon
-zwei Jahre bei ihm, aber es hatte immer ab und zu Streit gegeben,
-hauptsächlich weil Barbro wieder fort wollte. Er drang in sie, wollte,
-sie solle für immer dableiben, sich ganz bei ihm niederlassen und
-seine Gamme und sein Leben mit ihm teilen, er wußte, wie schlimm es
-wäre, wenn er wieder ohne Hilfe sein müßte -- sie hatte ihm auch schon
-mehrere Male versprochen, seinen Antrag anzunehmen, ja, in liebevollen
-Stunden konnte sie sich gar nichts anderes denken als dazubleiben.
-Aber sobald sich ein Streit entspann, drohte sie mit dem Fortgehen,
-und wenn sie auch nichts anderes sagte als: sie wolle in die Stadt und
-ihre Zähne herrichten lassen, sie fielen ihr sonst aus. Fortgehen,
-fortgehen! Er mußte sie irgendwie an den Ort fesseln können.
-
-Fesseln? Es klang, als höhne sie einer jeden Fessel.
-
-So, du willst auch jetzt fortgehen? sagte er. -- Und wenn dem so
-wäre? versetzte sie. -- _Kannst_ du denn reisen? -- Kann ich nicht? Du
-meinst, ich sei in Not, weil es dem Winter zugeht, aber ich kann in
-Bergen jederzeit eine Stelle bekommen. -- Da sagte Axel sehr ruhig:
-Das kannst du jedenfalls vorderhand nicht! Du sollst doch ein Kind
-bekommen? -- Ein Kind? Nein, von was für einem Kind redest du da? --
-Axel starrte sie an. War Barbro verrückt geworden?
-
-Etwas anderes war, daß Axel selbst vielleicht etwas zu wenig
-nachsichtig war: seit er nun diesen Anspruch auf sie hatte, war er mit
-etwas zu großer Sicherheit aufgetreten; das war unklug, er brauchte
-ihr ja nicht sooft zu widersprechen und sie zu reizen; es wäre nicht
-notwendig gewesen, ihr im Frühjahr geradezu zu befehlen, die Kartoffeln
-zu legen, er hätte sie zur Not allein legen können. Wenn sie erst
-verheiratet wären, würde schon die Zeit kommen, wo er sich zum Herrn
-aufwerfen konnte, aber bis dahin mußte er seinen Verstand gebrauchen
-und nachgeben.
-
-Aber das Schmähliche war eben die Sache mit diesem Kontoristen,
-dem Eleseus, der mit glatten Redensarten und einem Spazierstock
-einhergeschlendert kam. War nun das ein Benehmen für ein verlobtes
-Mädchen in ihrem Zustand? War so etwas überhaupt zu begreifen? Bis
-jetzt war Axel ohne Nebenbuhler hier gewesen. Ja, so änderte sich die
-Lage!
-
-Hier sind neue Zeitungen für dich, sagte Axel. Und hier ist eine
-Kleinigkeit, die ich für dich gekauft habe. Du kannst nun sehen, ob es
-dir gefällt. -- Sie war kalt. Obgleich alle beide kochend heißen Kaffee
-tranken, antwortete sie eiskalt: Ich wette, es ist ein goldener Ring,
-den du mir schon seit über einem Jahr versprochen hast.
-
-Da hatte sie sich jedenfalls vergaloppiert, denn es war tatsächlich der
-Ring. Ein goldener Ring war es allerdings nicht, und einen solchen
-hatte er ihr auch nie versprochen, daran erinnerte sie sich jetzt: aber
-es war ein silberner Ring mit zwei vergoldeten Händen darauf, also ein
-echter karatgestempelter. Aber ach, der unglückselige Aufenthalt in
-Bergen! Barbro hatte dort richtige Verlobungsringe gesehen, man sollte
-ihr nur nichts weismachen wollen! -- Diesen Ring kannst du selbst
-behalten, sagte sie. -- Was fehlt denn daran? -- Was daran fehlt?
-Nichts fehlt daran, antwortete sie. Damit stand sie auf und begann
-den Tisch abzuräumen. -- Du kannst ja diesen vorläufig haben, später
-wird sich dann vielleicht auch noch ein anderer finden, sagte Axel. --
-Darauf erwiderte Barbro nichts.
-
-Übrigens war Barbro an dem Abend recht schlecht. War nicht ein neuer
-silberner Ring dankenswert? Dieser vornehme Kontorist hatte ihr wohl
-den Kopf verdreht. Axel konnte sich nicht enthalten zu sagen, was
-dieser Eleseus immer hier zu suchen habe. Was will er von dir? -- Von
-mir? -- Ja, sieht denn der Mensch nicht, wie es um dich bestellt ist?
-Sieht er dich denn nicht an? -- Barbro stellte sich vor Axel hin und
-sagte: So, du meinst wohl, du habest mich nun an dich gebunden, aber
-du sollst sehen, daß das erlogen ist. -- So, sagte Axel. -- Ja, und du
-sollst sehen, daß ich auch von hier fortgehe. -- Darauf verzog Axel nur
-den Mund zu einem leichten Lächeln, aber er tat es nicht einmal offen
-und in die Augen fallend, denn er wollte sie nicht reizen. Dann sagte
-er beruhigend wie zu einem Kinde: Nun sei einmal artig, Barbro. Du
-weißt ja, du und ich!
-
-Und natürlich, spät in der Nacht endete es damit, daß Barbro wieder
-freundlich wurde und sogar mit dem silbernen Ring am Finger einschlief.
-
-Oh, es würde wohl alles wieder gut werden!
-
-Für die beiden in der Gamme wurde wirklich alles wieder gut, aber für
-Eleseus war es schlimmer. Es fiel ihm schwer, die Kränkung, die er
-erlitten hatte, zu überwinden. Da er sich nicht auf Hysterie verstand,
-glaubte er, er sei aus reiner Bosheit genarrt worden; die Barbro auf
-Breidablick war ein wenig zu keck gewesen, selbst wenn man mit in
-Rechnung zog, daß sie in Bergen gewesen war.
-
-Die Photographie hatte er Barbro auf diese Weise zurückgeschickt, daß
-er sie selbst in einer Nacht zurückbrachte und zu ihr in den Heuboden
-hineinwarf, wo sie ihre Schlafstelle hatte. -- Er hatte es aber
-durchaus nicht in grober, unhöflicher Form getan, nein, weit entfernt;
-er hatte lange an der Tür herumgetastet, um sie aufzuwecken, und als
-sie sich auf den Ellbogen aufrichtete und fragte: Findest du denn heut
-nacht den Weg nicht herein? hatte diese vertrauliche Frage ihn wie mit
-einer Nadel oder einem Degen gestochen; aber er hatte nicht geschrien,
-sondern nur die Photographie hübsch auf den Fußboden hineingleiten
-lassen. Und dann war er seiner Wege gegangen. Gegangen? Tatsächlich
-war er nur ein paar Schritte gegangen, dann fing er an zu laufen, zu
-laufen; er war sehr aufgeregt, ja, förmlich lustig, das Herz hämmerte
-ihm in der Brust; hinter einem Buschwerk hielt er an und schaute
-zurück, nein, sie kam ihm nicht nach! Ach, er hatte es halb gehofft!
-Und wenn sie ihm wenigstens so annähernd Zuneigung gezeigt hätte. Aber
-zum Kuckuck, dann brauchte er auch nicht so zu laufen, wenn sie ihm
-nicht auf den Fersen folgte, nur im Hemd und Unterrock, verzweifelt,
-ja, zerschmettert über sich selbst und über die vertrauliche Frage, die
-nicht für ihn bestimmt gewesen war!
-
-Er wanderte heimwärts, ohne Stock und ohne zu pfeifen, nein, er war
-kein großer Herr mehr. Ein Stich in die Brust ist keine Kleinigkeit.
-
-Und war es damit zu Ende?
-
-An einem Sonntag ging er wieder hinunter, nur um Ausschau zu halten.
-Mit einer fast krankhaften unglaublichen Geduld lag er lauernd hinter
-dem Gebüsch und starrte nach der Hütte hinüber. Als sich endlich Leben
-und Bewegung zeigte, war es, als sollte er vollends vernichtet werden.
-Axel und Barbro traten beide aus der Gamme und gingen zusammen in
-den Stall. Sie waren jetzt zärtlich zueinander, ja, sie hatten eine
-freundliche Stunde, sie gingen Arm in Arm, er wollte ihr wohl im Stall
-helfen. Sieh einer!
-
-Eleseus betrachtete das Paar mit einer Miene, als habe er alles
-verloren, als sei er zugrunde gerichtet. Vielleicht dachte er ungefähr
-so: sie geht Arm in Arm mit Axel Ström, wie sie dazu gekommen ist, weiß
-ich nicht, einmal hat sie ihre Arme um mich geschlungen.
-
-Sie verschwanden im Stall.
-
-Na, meinetwegen! Bah! Sollte er hier im Gebüsch liegen und sich selbst
-vergessen? Das sollte er wohl tun, sich flach auf die Erde legen und
-sich so vergessen? Wer war sie? Aber er war der, der er war. Oh, noch
-einmal: Bah!
-
-Er sprang auf und stand aufrecht da. Dann streifte er Blätter und
-Heidekraut von seinen Hosen und richtete sich wieder hoch auf.
-Sein Zorn und sein Übermut traten auf seltsame Art zutage: er war
-desperat und fing an ein Lied von nicht unbedeutender Leichtfertigkeit
-anzustimmen. Und wenn er dann die schlimmsten Stellen recht absichtlich
-viel lauter sang, dann lag auf seinem Gesicht ein inniger Ausdruck.
-
-
-
-
-19
-
-
-Isak kam mit einem Pferd aus dem Dorfe zurück. Jawohl, er hatte das
-Pferd des Amtsdieners gekauft, es war, wie Geißler gesagt hatte, zu
-haben, aber es kostete zweihundertvierzig Kronen, gleich sechzig Taler.
-Die Pferdepreise waren jetzt ins Unerschwingliche gestiegen, in Isaks
-Kindheit hatte man die besten Pferde für fünfzig Taler haben können.
-
-Aber warum hatte er nicht selbst Pferde gezüchtet? Oh, er hatte es
-sich wohl überlegt, hatte an ein junges Füllen gedacht -- das er ein
-und auch zwei Jahre hätte aufziehen müssen. Das konnte der tun, dem
-seine Feldarbeit Zeit dazu ließ, einer, der seine Sümpfe so daliegen
-lassen konnte und sie nicht umzuroden brauchte, bis er einmal ein Pferd
-hatte, das ihm die Ernte heimfuhr. Wie der Amtsdiener sagte: Ich habe
-keine Lust, ein Pferd zu füttern; das Heu, das ich habe, können meine
-Frauenzimmer hereintragen, während ich auf Verdienst auswärts bin.
-
-Das neue Pferd war schon ein alter Gedanke von Isak, ein mehrjähriger
-Gedanke, nicht Geißler hatte ihn ihm erst in den Kopf gesetzt. Deshalb
-hatte er ja auch soweit möglich Vorbereitungen dafür getroffen, noch
-eine Raufe, noch einen Weidepfahl für den Sommer; Wagen und Karren
-hatte er mehrere, und weitere wollte er im Herbst anfertigen. Das
-Wichtigste von allem, das Futter, hatte er natürlich auch nicht
-vergessen; warum wäre es sonst so notwendig gewesen, das letzte Stück
-Moor schon im letzten Jahre umzubrechen, wenn er nicht hätte vorbeugen
-wollen, weil er sonst seinen Kuhbestand hätte vermindern müssen! Jetzt
-war auf dem Moor Grünfutter gesät worden, das war für die kalbenden
-Kühe bestimmt.
-
-Ja, alles war bedacht worden. Inger hatte wieder guten Grund, wie in
-alten Tagen vor Verwunderung die Hände zusammenzuschlagen.
-
-Isak brachte Neuigkeiten aus dem Dorf mit: Breidablick sollte verkauft
-werden, jetzt war es vom Kirchplatz aus bekanntgemacht worden. Die
-wenigen Felder, die bebaut waren, die Wiesen und die Kartoffeläcker,
-alles war inbegriffen, vielleicht auch das Vieh, ein paar Haustiere,
-Kleinvieh. Will er denn rump und stump alles verkaufen und sich ganz
-ausziehen? rief Inger. Und wo will er denn hinziehen? -- Ins Dorf. --
-
-Das war ganz richtig, Brede wollte ins Dorf ziehen. Allerdings hatte
-er zuerst versucht, sich bei Axel Ström einzuquartieren, wo ja Barbro
-schon war. Das ging jedoch nicht. Brede wollte um alles in der Welt
-das Verhältnis zwischen seiner Tochter und Axel nicht zerstören, und
-so nahm er sich wohl in acht, aufdringlich zu werden, aber natürlich
-war es ihm ein böser Strich durch die Rechnung. Axel wollte ja bis
-zum Herbst das neue Haus unter Dach bringen, wenn dann er und Barbro
-hineinzogen, hätte da nicht Brede mit seiner Familie die Gamme
-bekommen können? Nein! Seht, Brede dachte nicht als Ansiedler, er
-verstand nicht, daß Axel ausziehen mußte, weil er die Gamme für seinen
-wachsenden Viehstand brauchte; die Gamme mußte auch hier in den Stall
-verwandelt werden. Aber selbst nachdem Brede alles erklärt worden war,
-blieb ihm dieser Gedankengang fremd. Die Menschen kommen doch wohl vor
-den Tieren, sagte er. -- Nein, das war nicht des Ansiedlers Ansicht,
-oh, weit entfernt! Die Tiere zuerst, die Menschen konnten sich immer
-einen Winteraufenthalt verschaffen. -- Da mischte sich Barbro drein und
-sagte: So, du stellst die Tiere über die Menschen? Es ist gut, daß ich
-das erfahren habe! -- Wahrlich, Axel machte sich ja eine ganze Familie
-zum Feind, weil er kein Obdach für sie hatte. Aber er gab nicht nach.
-Er war ja auch nicht dumm und gutmütig, sondern im Gegenteil allmählich
-immer geiziger geworden; er wußte wohl, daß bei einer solchen
-Einquartierung mehr Mägen zu befriedigen sein würden.
-
-Brede beschwichtigte seine Tochter und gab ihr zu verstehen, daß er
-am liebsten wieder ins Dorf ziehe; er könne es auf dem Ödland nicht
-aushalten, sagte er, und allein aus diesem Grunde verkaufe er seinen
-Hof.
-
-Ja, aber im Grunde genommen war es nun nicht Brede Olsen, der
-verkaufte, sondern die Bank und der Kaufmann waren es, die Breidablick
-zu Geld machten, aber um den Schein zu wahren, sollte es in Bredes
-Namen geschehen. Auf diese Weise glaubte er der Schande zu entgehen.
-Und Brede war auch gar nicht so sehr niedergedrückt, als Isak mit ihm
-zusammentraf, er tröstete sich damit, daß er ja immer noch Inspektor
-über die Telegraphenlinie sei; das sei eine sichere Einnahme, und mit
-der Zeit werde er sich schon wieder zu seiner alten Stellung im Dorfe,
-zum allgemeinen Helfer und Begleiter des Lensmanns, emporarbeiten.
-
-Natürlich war Brede auch gerührt gewesen. Das gehörte dazu: es sei ja
-so eine Sache, sich von der Stelle, die er liebgewonnen und wo er so
-viele Jahre lang gelebt und geschafft und gearbeitet habe, zu trennen.
-Aber der gute Brede ließ sich nie dauernd unterkriegen, das war seine
-gute Seite, das Anziehende an ihm. Er hatte einmal die Eingebung
-bekommen, Ödland urbar zu machen, dieser Versuch war nicht glücklich
-ausgefallen; aber auf dieselbe lustige Weise hatte er auch in anderen
-Fragen gehandelt, und da war es ihm besser gelungen. Ja, wer konnte
-wissen, ob er nicht mit seinen Gesteinsproben noch einmal gewaltige
-Geschäfte machte! Und jedenfalls war da Barbro, die er auf Maaneland
-untergebracht hatte! Sie komme ja nie wieder von Axel Ström weg, das
-dürfe man wohl sagen, es sei jedermann offenkundig!
-
-Nein, solange er seine Gesundheit habe und für sich und die Seinen
-schaffen könne, stehe es nicht schlecht, sagte Brede Olsen. Und
-gerade jetzt seien alle seine Kinder allmählich erwachsen, sie zögen
-fort und sorgten für sich selbst, sagte er. Helge sei schon bei der
-Heringsfischerei, und Katrine komme zu Doktors in Dienst. Dann hätten
-sie nur zwei kleinere Kinder daheim -- allerdings komme bald noch ein
-drittes dazu, aber ...
-
-Isak brachte aus dem Dorf eine Neuigkeit mit: Die Frau des Lensmannes
-hatte ein Kleines bekommen. -- Inger fragte plötzlich lebhaft: Einen
-Jungen oder ein Mädchen? -- Das habe ich nicht gehört, antwortete Isak.
-
-Also die Frau des Lensmannes hatte ein Kind bekommen, sie, die immer
-im Frauenverein gegen die überhandnehmenden Geburten bei den Armen
-geeifert hatte. Man solle der Frau das Stimmrecht geben und ihr Einfluß
-auf ihr eigenes Schicksal einräumen, hatte sie gesagt. Jetzt war
-sie gefangen. Ja, sagte die Frau Pastor, sie hat ihren Einfluß wohl
-angewendet, hahaha, und doch ist sie ihrem Schicksal nicht entgangen!
-Dieses witzige Wort über Frau Heyerdahl ging im ganzen Dorf herum und
-wurde von sehr vielen verstanden; auch Inger verstand es vielleicht,
-nur Isak verstand nichts.
-
-Isak verstand zu arbeiten, verstand seine Hantierung zu betreiben.
-Er war jetzt ein reicher Mann mit einem großen Hof, aber von dem
-vielen baren Geld, das ihm der Zufall in den Schoß geworfen hatte,
-machte er nur einen schlechten Gebrauch: er hob es auf. Das Ödland
-rettete ihn. Hätte Isak im Dorf gewohnt, dann hätte vielleicht die
-große Welt auch etwas auf ihn eingewirkt; dort war so viel Schönes,
-so vornehme Verhältnisse, er würde Unnötiges gekauft haben und wäre
-am Werktag in einem roten Hemd gegangen. Hier im Ödland war er gegen
-alle Verschwendung geschützt, er lebte in reiner Luft, wusch sich
-am Sonntagmorgen und badete, wenn er droben am Gebirgssee war.
-Die tausend Taler -- jawohl, ein Geschenk vom Himmel, jeden Heller
-davon zum Aufbewahren! Wozu sonst? Isak konnte seine gewöhnlichen
-Ausgaben mit Leichtigkeit durch den Verkauf seiner Erträgnisse von dem
-Viehbestand und den Feldern bestreiten.
-
-Eleseus wußte ja besser Bescheid, er hatte dem Vater geraten, sein
-Geld auf der Bank anzulegen. Es war auch wohl möglich, daß dies das
-verständigste gewesen wäre, aber jedenfalls war es aufgeschoben worden,
-wurde vielleicht nie getan. Nicht, weil Isak immer den Rat des Sohnes
-überhört hätte, Eleseus war wahrlich nicht so schlimm, das hatte Isak
-in der letzten Zeit herausgefunden. Jetzt in der Heuernte hatte er
-es mit dem Mähen versucht -- nein, ein Meister wurde er darin nicht,
-und er mußte sich in Siverts Nähe halten und sich von ihm jedesmal
-die Sense wetzen lassen, aber Eleseus hatte lange Arme und konnte das
-Heu wie ein ganzer Mann zusammenraffen. Jetzt waren er und Sivert und
-Leopoldine und Jensine drüben auf der Wiese und setzten das erste Heu
-auf Heinzen, und Eleseus schonte sich da auch nicht, sondern arbeitete
-mit dem Rechen, bis er Blasen bekam und mit verbundenen Händen gehen
-mußte. Seit mehreren Wochen schon hatte er keinen rechten Appetit
-gehabt, war aber deshalb doch nicht arbeitsscheu geworden. Über den
-Jungen mußte etwas Neues gekommen sein, es sah aus, als sei ein
-gewisses Mißgeschick in einer gewissen Liebesangelegenheit oder etwas
-anderes in dieser Richtung, ein großer Schmerz oder eine Enttäuschung,
-vom Guten für ihn gewesen. Seht, jetzt hat er sogar seinen letzten von
-der Stadt mitgebrachten Tabak aufgeraucht, und das hätte vielleicht
-unter anderen Umständen einen Kontoristen dazu bringen können, die Türe
-zuzuschlagen oder sich über dies und jenes scharf auszusprechen; aber
-nein, Eleseus wurde dadurch nur ein gesetzter Bursche, fester in der
-Haltung, ja, wahrlich ein Mann.
-
-Auf was verfiel aber dann der Spaßvogel Sivert, um ihn zu reizen?
-
-An diesem Tag knieten beide Brüder auf Steinen im Fluß und tranken, und
-Sivert war so unvorsichtig, Eleseus anzubieten, ihm ein besonders gutes
-Moos zu Tabak zu trocknen -- oder vielleicht willst du es roh rauchen?
-sagte er. -- Ich werde dir Tabak geben, versetzte Eleseus, indem er den
-Arm ausstreckte und den Bruder bis an die Schultern ins Wasser tauchte.
-Ha, da bekam er's! Sivert lief noch lange mit einem nassen Kopf umher.
-
-Ich glaube, Eleseus wächst sich allmählich zu einem tüchtigen Kerl
-heraus, dachte der Vater, wenn er den Sohn bei der Arbeit sah. -- Hm.
-Ob der Eleseus nun für ganz daheimbleiben will? fragte er Inger. -- Sie
-sagte ebenso sonderbar vorsichtig: Das könnte ich nicht sagen. Nein,
-das will er nicht. -- So, hast du mit ihm darüber gesprochen? -- Ach
-nein. Doch, ich habe nur ein ganz klein wenig gesagt. Aber ich errate
-es. -- Ich möchte wissen, wie es wäre, wenn er einen eigenen Hof hätte?
--- Wieso? -- Ob er ihn bebauen würde? -- Nein. -- So, hast du mit ihm
-darüber geredet? -- Darüber geredet? Siehst du nicht, wie verändert er
-ist? Ich kenne ihn gar nicht mehr. -- Du brauchst ihn nicht schlecht
-zu machen, sagte Isak unparteiisch. Ich sehe nichts anderes, als daß
-er draußen ein gutes Tagewerk vollbringt. -- So, ja, ja, antwortete
-Inger schüchtern. -- Ich weiß nicht, was du gegen den Jungen hast! rief
-Isak erzürnt. Er leistet mit jedem Tag bessere Arbeit, kannst du mehr
-erwarten? -- Inger murmelte: Er ist nicht mehr, wie er war. Du solltest
-mit ihm wegen der Westen sprechen. -- Wegen der Westen? Wieso? -- Er
-sagt, daß er im Sommer in der Stadt weiße Westen getragen habe. --
-Isak dachte darüber nach und begriff nichts. Aber kann er denn nicht
-eine weiße Weste bekommen? fragte er. Isak war verwirrt, das Ganze war
-natürlich nur ein Weibergeschwätz, er meinte, der Junge sei mit der
-weißen Weste im Recht und begriff überdies nicht, was das bedeuten
-sollte, er wollte also rasch darüber weggehen. Nun, was würdest du dazu
-sagen, wenn er Bredes Ansiedlung zum Heraufarbeiten bekäme? -- Wer?
-fragte Inger. -- Eleseus. -- Breidablick? fragte Inger. Tu das ja nicht.
-
-Die Sache war nämlich die, daß sie den Plan schon mit Eleseus
-durchgesprochen hatte, sie kannte ihn wohl von Sivert, der den Mund
-nicht hatte halten können. Und im übrigen -- warum hätte Sivert über
-den Plan schweigen sollen, den der Vater sicher nur deshalb verraten
-hatte, damit er durchgesprochen würde? Es war nicht das erstemal, daß
-er Sivert auf diese Weise zum Vermittler machte. Na, aber was hatte
-Eleseus geantwortet? Wie früher, wie in seinen Briefen aus der Stadt:
-Nein, ich will das, was ich gelernt habe, nicht wegwerfen und wieder
-der reine Garnichts sein! Das hatte er geantwortet. Ja, dann war ja
-die Mutter mit ihren guten Gründen herausgerückt, aber Eleseus hatte
-für alles nur abschlägige Antworten gehabt und gesagt, er habe andere
-Pläne für sein Leben. Das junge Herz hat seine unerforschlichen Gründe;
-nach dem, was geschehen war, fand er es vielleicht auch unmöglich,
-der Nachbar von Barbro zu werden. Das konnte niemand wissen. Er hatte
-der Mutter gegenüber nur obenhin Auskunft gegeben und gesagt, er
-könne in der Stadt eine bessere Stelle bekommen, als er jetzt habe;
-er könne auch Schreiber beim Landrichter oder Landrat werden; man
-müsse hinaufkommen, in einigen Jahren werde er vielleicht Lensmann
-oder Leuchtturmwächter, oder er komme aufs Zollamt. Es gebe so viele
-Möglichkeiten für den, der etwas gelernt habe.
-
-Woher es nun auch kam, aber jedenfalls wurde die Mutter bekehrt, wurde
-mitgerissen, und sie war ja selbst so wenig sicher, die Welt konnte sie
-gar leicht wieder in ihre Schlingen ziehen. Im Winter hatte sie sogar
-in einem gewissen ausgezeichneten Andachtsbuch gelesen, das sie bei
-ihrem Weggang in der Anstalt in Drontheim bekommen hatte; aber jetzt?
-Ob denn Eleseus wirklich Lensmann werden könne? -- Jawohl, antwortete
-Eleseus. Was ist denn der Lensmann Heyerdahl anderes als ein früherer
-Schreiber auf einer Amtsstube?
-
-Große Aussichten! Die Mutter wollte Eleseus geradezu abraten, sein
-Leben zu ändern und sich wegzuwerfen. Was sollte ein solcher Mann im
-Ödland?
-
-Aber warum gab sich Eleseus jetzt so viele Mühe und schaffte so fleißig
-auf den Feldern der Heimat? Gott mochte es wissen, er hatte vielleicht
-eine Absicht dabei! Etwas Bauernehrgeiz hatte er wohl auch, er wollte
-nicht zurückstehen. Außerdem schadete es nicht, wenn er an dem Tag,
-an dem er die Heimat wieder verließ, mit dem Vater gut Freund war. Um
-die Wahrheit zu sagen, so hatte er verschiedene kleine Schulden in der
-Stadt, es wäre gut, wenn er diese bereinigen könnte. Das würde großen
-neuen Kredit bedeuten. Und hier handelte es sich nicht nur um einen
-Hundertkronenschein, sondern um etwas, das etwas war.
-
-Eleseus war nicht dumm, oh, weit entfernt, er war sogar auf seine Art
-schlau. Er hatte den Vater wohl heimkommen sehen und wußte, daß er
-in diesem Augenblick drinnen am Fenster saß und herüberschaute. Wenn
-sich da nun Eleseus besondere Mühe bei der Arbeit gab, gereichte ihm
-das vielleicht gerade jetzt zum Vorteil, und es geschah ja niemand ein
-Unrecht dadurch.
-
-Eleseus hatte etwas Verfeinertes an sich, was es nun auch sein mochte,
-aber zugleich auch etwas Verpfuschtes wie etwas Zerstörtes, er war
-nicht böse, aber ein wenig verstockt. Hatte ihm in den verflossenen
-Jahren eine starke Hand über sich gefehlt? Was konnte die Mutter jetzt
-für ihn tun? Einzig und allein ihm helfen. Sie konnte sich von den
-großen Zukunftsaussichten des Sohnes blenden lassen und ihm beim Vater
-die Stange halten. Das konnte sie.
-
-Aber Isak wurde schließlich ärgerlich über ihre abweisende Haltung,
-seiner Meinung nach war der Plan mit Breidablick gar nicht so übel.
-Heute auf dem Heimweg hatte er sogar der Versuchung nachgegeben und das
-Pferd angehalten, um sich in aller Eile einen sachkundigen Überblick
-über die vernachlässigte Ansiedlung zu verschaffen: unter arbeitsamen
-Händen konnte etwas daraus werden. -- Warum soll ich es nicht wagen?
-fragte er Inger jetzt. Ich habe so viel Herz für Eleseus übrig, daß
-ich ihm dazu verhelfen will. -- Ach, wenn du ein Herz für ihn hast, so
-nenne Breidablick vor ihm nicht mehr, versetzte sie. -- So. -- Nein,
-denn er hat viel größere Gedanken als wir.
-
-Isak ist ja selbst seiner Sache nicht ganz sicher, er kann also nicht
-so recht gewichtig reden, aber es ärgert ihn, daß er mit diesem Plan
-herausgerückt ist und so unvorsichtig offen geredet hat, deshalb will
-er ihn nur ungern aufgeben. Er soll tun, was er will, erklärte Isak
-plötzlich. Und er sagt es mit lauter, drohender Stimme zum Besten für
-Inger, falls sie zufällig nicht gut hören sollte. Ja, sieh mich nur an,
-aber ich sage jetzt nichts mehr. Das Schulhaus ist dort, und es ist
-auf dem halben Wege vom Dorfe hierher, und alles miteinander, was sind
-denn das für große Gedanken, die er hat? Mit einem Sohne wie er könnte
-ich leicht verhungern, ist das etwa besser? Aber nun frage ich, wie
-es kommt, daß mein eigenes Fleisch und Blut ungehorsam gegen -- mein
-eigenes Fleisch und Blut sein kann? -- Isak schwieg. Er begriff wohl,
-je mehr er redete, desto schlimmer wurde es. Er wollte jetzt erst
-einmal die Sonntagskleider ausziehen, in denen er im Dorfe gewesen war;
-aber nein, er änderte diesen Entschluß wieder und wollte so bleiben,
-wie er war -- was er wohl damit wollte? Du mußt versuchen, es mit
-Eleseus ins reine zu bringen, sagte er dann. -- Inger antwortete: Es
-wäre am besten, du würdest es ihm selbst sagen. Mir folgt er nicht!
--- Jawohl, Isak ist das Haupt für alle, das wollte er meinen. Eleseus
-sollte es nur versuchen, sich zu mucksen! Aber ob es nun war, weil er
-eine Niederlage befürchtete -- Isak weicht jetzt aus und sagt: Ja, das
-könnte ich tun, ich könnte es ihm selbst sagen. Aber da ich so vieles
-andere zu besorgen habe, so muß ich jetzt an anderes denken. -- So?
-fragt Inger verwundert.
-
-Nun geht Isak wieder fort, nur bis an die Grenze des Grundstücks,
-aber jedenfalls fort. Er ist sehr geheimnisvoll und will allein sein.
-Die Sache ist die, er ist heute mit einer dritten Neuigkeit vom Dorf
-zurückgekommen, und diese dritte ist größer als die beiden anderen, sie
-ist ungeheuer groß; er hat sie am Waldessaum versteckt. Da steht sie,
-in Sackleinwand und Papier eingebunden. Er packt sie aus, und es ist
-eine große Maschine. Seht, sie ist rot und blau, wunderbar, mit vielen
-Zähnen und vielen Messern, mit Gelenken, mit Armen, Rädern, Schrauben,
-eine Mähmaschine. Natürlich wäre das neue Pferd nicht gerade an diesem
-Tag geholt worden, wenn es nicht wegen der Mähmaschine hätte sein
-müssen.
-
-Isak steht mit einem ungeheuer scharfsinnigen Gesicht da und versucht,
-die Gebrauchsanweisung, die der Kaufmann ihm vorgelesen hatte, von
-einem Ende zum andern aus seinem Gedächtnis hervorzuholen; er befestigt
-eine Stahlfeder da und schiebt dort einen Bolzen ein, dann ölt er jedes
-Loch und jede Ritze, dann sieht er das Ganze noch einmal nach. Noch
-nie hat Isak einen solchen Augenblick erlebt. Eine Feder in die Hand
-nehmen und sein Hauszeichen unter ein Dokument setzen -- jawohl, auch
-das ist eine große Gefahr und Schwierigkeit. Ebenso mit dem Reolpflug,
-der viele gebogene Messer hat, die ineinandergreifen müssen. Und dann
-die große Kreissäge im Sägewerk, die haargenau in ihrem Lager ruhen muß
-und nicht nach Ost und West ausweichen oder gar herausspringen darf.
-Aber die Mähmaschine -- ein wahres Elsternest aus stählernen Zweigen
-und Haken und Vorrichtungen und Hunderten von Schrauben. Oh, Ingers
-Nähmaschine war nur eine Kleinigkeit dagegen!
-
-Dann spannte sich Isak selbst vor und probierte die Maschine. Das war
-gerade der große Augenblick. Deshalb wollte er zuerst im verborgenen
-mit der Maschine bleiben und auch sein eigenes Pferd sein.
-
-Denn wie, wenn nun die Maschine falsch zusammengesetzt war und ihre
-Arbeit nicht verrichtete, sondern mit einem Knall zersprang? Aber
-das geschah nicht, die Maschine mähte Gras. Das würde auch gerade
-noch fehlen! Isak hatte hier in tiefes Studium versunken stundenlang
-gestanden, die Sonne war indessen untergegangen. Wieder spannt er sich
-vor und probiert, die Maschine mäht Gras. Das fehlte auch gerade noch!
-
-Als gleich nach dem heißen Tag der Tau fiel und die beiden Brüder,
-jeder mit seiner Sense, auf der Wiese standen, um für den nächsten Tag
-zu mähen, tauchte Isak bei den Häusern auf und sagte: Hängt eure Sensen
-heute abend nur wieder hinein. Ihr könnt das neue Pferd anschirren und
-mit ihm hinüber an den Wald kommen.
-
-Damit ging aber Isak nicht ins Haus hinein, um sein Abendbrot zu essen,
-was die andern schon getan hatten, sondern er drehte auf dem Hofplatz
-gleich wieder um und ging aufs neue dahin, woher er gekommen war.
-
-Sollen wir den Karren anspannen? rief ihm Sivert nach.
-
-Nein, antwortete der Vater und ging weiter.
-
-Er strotzte förmlich von Geheimniskrämerei und war ganz übermütig, bei
-jedem Schritt wiegte er sich in den Knien, so nachdrücklich schritt er
-dahin. Ging es dem Tod und Untergang entgegen, so war er jedenfalls
-ein mutiger Mann, er trug nichts in den Händen, mit dem er sich hätte
-verteidigen können.
-
-Die Jungen kamen mit dem Pferd nach, jetzt sahen sie die Maschine, und
-sie hielten jäh an. Das war die erste Mähmaschine hier im Ödland, die
-erste auch im Dorfe, rot und blau, prachtvoll anzusehen. Der Vater, das
-Oberhaupt aller, rief gleichgültig und ganz wie sonst: Kommt her und
-spannt das Pferd vor diese Mähmaschine! -- Die Söhne spannten ein.
-
-Dann fuhren sie, der Vater fuhr. Brr! sagte die Maschine und mähte das
-Gras nieder. Die Söhne hinterher, ohne etwas in den Händen, ohne zu
-arbeiten, lächelnd. Jetzt hielt der Vater an und sah zurück -- na, es
-könnte besser gemäht sein. Er schraubte an ein paar Stellen, um die
-Messer näher an den Boden zu legen, und probierte wieder. Nein, so wird
-ungleich gemäht, uneben gemäht. Die Scheide, an der alle Messer sind,
-wackelt ein wenig auf und nieder. Vater und Söhne wechselten ein paar
-Worte. Eleseus hat die Gebrauchsanweisung gefunden und liest darin.
-
-Da steht, daß du dich auf den Sitz setzen sollst, Vater, dann gehe die
-Maschine ruhiger, sagt er. -- So, versetzte der Vater. Ja, das weiß ich
-wohl, fügte er hinzu, ich habe alles genau studiert. -- Er setzt sich
-auf den Sitz und fährt wieder, nun geht es ruhig. Aber plötzlich mäht
-die Maschine nicht mehr, nein, alle Messer stehen auf einmal still. Ho!
-Was nun? Der Vater springt vom Sitz herunter, aber jetzt ist er nicht
-mehr übermütig, sondern beugt ein kummervolles, fragendes Gesicht über
-die Maschine. Vater und Söhne starren diese an; etwas ist verkehrt.
-Eleseus hat die Gebrauchsanweisung in der Hand. -- Da liegt ein kleiner
-Bolzen! sagt Sivert, indem er ihn vom Boden aufhebt. -- Ach so, es ist
-gut, daß du ihn gefunden hast, sagt der Vater, als wäre das alles,
-was er brauchte, um die Maschine wieder in Ordnung zu bringen. Gerade
-diesen Bolzen habe ich gesucht. -- Aber nun konnten sie das Loch nicht
-finden; wo zum Kuckuck war das Loch zu dem Bolzen? Da, sagt Eleseus und
-deutet mit dem Finger.
-
-Und jetzt mußte sich Eleseus wohl der Sache etwas gewachsen fühlen,
-seine Fähigkeit, eine Gebrauchsanweisung zu erforschen, war hier
-unersetzlich; er deutete überflüssig lange auf das Loch und sagte:
-Nach der Illustration zu verstehen, muß der Bolzen hier hinein! --
-Jawohl muß er hier hinein, sagte auch der Vater, da hatte ich ihn ja
-eingesetzt! Und um seine Autorität wieder herzustellen, befahl er
-Sivert, nach noch weiteren Bolzen im Gras zu suchen. Es muß noch einer
-da sein, sagte er mit ungeheuer wichtiger Miene, wie wenn er alles im
-Kopf hätte. Findest du keinen mehr? Na, dann sitzt er wohl noch in
-seinem Loch!
-
-Dann wollte der Vater wieder fahren.
-
-Aber das ist falsch! ruft Eleseus. Oh, Eleseus steht mit der Zeichnung
-in der Hand, mit dem Gesetz in der Hand da, ihn darf man nicht auf
-die Seite schieben. Diese Feder hier muß außen sein! -- Ja? fragt
-der Vater. -- Jawohl, aber jetzt ist sie unten, du hast sie unten
-hingesetzt. Es ist eine Stahlfeder, die muß außen sein, sonst springt
-der Bolzen wieder heraus, und dann stehen alle Messer still. Hier
-steht es auf der Abbildung! -- Ich habe meine Brille nicht bei mir,
-deshalb kann ich die Zeichnung nicht deutlich sehen, sagte der Vater
-kleinlauter. Hier, du hast bessere Augen, schraube du die Feder ein.
-Aber mach es nun richtig. Wenn es nicht so weit wäre, würde ich meine
-Brille holen.
-
-Jetzt ist alles in Ordnung, und der Vater sitzt auf. Eleseus ruft ihm
-nach: Und dann mußt du ein bißchen schnell fahren, dann schneiden die
-Messer besser! Hier steht es!
-
-Isak fährt und fährt, und alles geht gut, und Brr! sagt die Maschine.
-Sie hinterläßt einen breiten Weg von gemähtem Gras, in einer schönen
-Linie liegt es da, fertig zum Ausbreiten. Jetzt kann man Isak vom Hause
-aus sehen, und alle Frauenzimmer eilen heraus. Inger trägt die kleine
-Rebekka auf dem Arm, obgleich die kleine Rebekka längst laufen kann.
-Aber jetzt kommen sie daher, vier Frauenzimmer, große und kleine, und
-sie eilen mit weit aufgerissenen Augen zu dem Wunderwerk hin, sie
-umdrängen es. Oh, wie mächtig Isak jetzt ist und richtig stolz; frei
-auf der Maschine droben sitzt er, im Sonntagsgewand, in vollem Staat,
-in Rock und Hut, obgleich ihm der Schweiß von der Stirne tropft. Er
-fährt in vier großen Winkeln über ein passendes Wiesenstück, schwingt
-um, fährt, mäht, kommt an den Frauen vorüber, die wie aus den Wolken
-gefallen sind, sie begreifen es nicht, und Brr! sagt die Maschine.
-
-Dann hält Isak an und steigt herunter. Seht, er sehnt sich gewißlich
-danach, zu hören, was die Menschen auf der Erde sagen, was sie jetzt
-wohl sprechen werden! Er hört leise Ausrufe, die Menschen wollen ihn
-auf seinem großen Posten nicht stören, aber sie stellen ängstliche
-Fragen aneinander, und diese Fragen hört Isak. Und jetzt, um ein
-freundliches väterliches Oberhaupt für alle zu sein, muntert Isak sie
-auf, indem er sagt: Ja, ja, ich mähe nun dieses Wiesenstück, dann
-könnt ihr das Heu morgen ausbreiten. -- Du hast wohl gar keine Zeit,
-hereinzukommen und zu essen? fragt Inger überwältigt. -- Nein, ich habe
-jetzt anderes zu tun, erwidert er.
-
-Dann ölt er die Maschine noch einmal und gibt den anderen zu verstehen,
-daß es sich hier um eigentliche Wissenschaft handle. Dann fährt er
-wieder und mäht weiter. Schließlich gehen die Frauenzimmer wieder
-hinein.
-
-Glücklicher Isak! Glückliche Menschen auf Sellanraa!
-
-Isak erwartet sehr bald, die Nachbarn von drunten ankommen zu sehen.
-Axel Ström hat sehr viel Interesse, er kommt vielleicht schon morgen.
-Aber Brede von Breidablick ist imstande und kommt noch heute nacht.
-Isak hätte gar nichts dagegen, ihnen die Mähmaschine zu erklären
-und darzutun, wie gut er sie in allem regieren kann. Er will darauf
-hinweisen, daß man mit der Sense unmöglich so glatt und gleichmäßig
-mähen könne. Aber was eine solche erstklassige blau und rote
-Mähmaschine kostet, das ist auch gar nicht zu sagen!
-
-Glücklicher Isak!
-
-Aber als er die Maschine zum drittenmal anhält und wieder ölt, fällt
-ihm wahrhaftig die Brille aus der Tasche. Und das schlimmste ist, daß
-seine Söhne es gesehen haben. War eine höhere Macht dabei im Spiel, war
-es eine Ermahnung, etwas weniger hochmütig zu sein? Er hatte ja auf dem
-Heimweg oft die Brille aufgesetzt und die Gebrauchsanweisung studiert,
-sie aber eben nicht verstanden, da hatte Eleseus eintreten müssen. Ach
-Gott im Himmel, ja, Kenntnisse sind etwas Gutes! Und um sich selbst
-zu demütigen, will Isak es nun aufgeben, Eleseus zum Landmann zu
-machen, er wollte nicht mehr davon reden. Nicht, daß die Jungen aus
-dem Mißgeschick mit der Brille eine große Sache gemacht hätten, im
-Gegenteil; der Spaßvogel Sivert konnte zwar nicht an sich halten, nein,
-das konnte er nicht, er zupfte Eleseus am Ärmel und sagte: Komm, jetzt
-gehen wir hinein und verbrennen unsere Sensen; Vater mäht für uns! --
-Dieser Scherz kam im rechten Augenblick.
-
-
-
-
-Zweiter Teil
-
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-
-
-1
-
-
-Sellanraa ist nicht länger eine unbewohnte Stätte, sieben Menschen
-leben hier mit groß und klein. Aber während der kurzen Zeit der
-Heuernte kam auch noch der eine oder andere Besuch dazu, Leute, die
-gerne die Mähmaschine sehen wollten, Brede natürlich als der erste;
-aber auch Axel Ström kam und die Nachbarn bis zum Dorf hinunter. Und
-von der andern Seite des Gebirges kam Oline; sie war unverwüstlich.
-
-Auch diesmal kam Oline nicht ohne Neuigkeiten aus ihrem Dorfe; sie
-stellte sich nie leer ein: Jetzt war die Verrechnung von dem Nachlaß
-des alten Sivert fertig geworden, und es blieb kein Vermögen übrig! Gar
-keines!
-
-Hier kniff Oline den Mund zusammen, und ihre Blicke schweiften gespannt
-von einem zum andern. Na, tönte denn kein Seufzer durch die Stube,
-fiel nicht die Decke ein? Eleseus war der erste, der lächelte. Wie
-ist's denn, bist du nicht nach dem Ohm Sivert getauft? fragte er mit
-gedämpfter Stimme. Und Klein-Sivert antwortete ebenso gedämpft: Doch.
-Aber ich habe ja seinen ganzen Nachlaß dir verehrt. -- Wieviel war's
-denn? -- Zwischen fünf- und zehntausend. -- Taler? rief Eleseus schnell
-und machte Sivert genau nach.
-
-Oline meinte, es sei jetzt nicht Zeit zu spaßen, ach, wie war sie
-selbst geprellt worden, und sie hatte doch am Sarg des alten Sivert
-ihre ganze zähe Willenskraft aufgeboten und Tränen geweint. Eleseus
-wußte ja selbst am besten, was er geschrieben hatte: soundso viel
-für Oline als Stab und Stütze für ihr Alter. Was war aus diesem Stab
-geworden? Übers Knie gelegt und gebrochen.
-
-Arme Oline, sie hätte wohl eine Kleinigkeit erben dürfen, das wäre der
-einzige lichte Punkt in ihrem Leben gewesen! Sie war nicht verwöhnt.
-Geübt im Bösen, jawohl, daran gewöhnt, sich von Tag zu Tag mit Kniffen
-und kleinen Betrügereien durchzuschlagen, groß allein in der Kunst,
-Klatsch zu verbreiten, ihre Zunge gefürchtet zu machen, jawohl.
-Nichts hätte sie jetzt noch schlimmer machen können, eine Erbschaft
-am allerwenigsten. Sie hatte ihr ganzes Leben lang gearbeitet,
-hatte Kinder geboren und ihnen ihre eigenen paar Handfertigkeiten
-beigebracht, hatte für sie gebettelt, vielleicht auch gestohlen,
-aber sie doch ernährt -- eine Mutter in kleinen Verhältnissen. Ihre
-Gaben waren nicht geringer als die Gaben anderer Politiker, sie
-wirkte und schaffte für sich und die Ihrigen, richtete sich nach dem
-Augenblick und brachte sich durch, verdiente ein Käschen da und eine
-Handvoll Wolle dort und würde in alltäglicher und unaufrichtiger
-Schlagfertigkeit leben und sterben. Oline -- vielleicht hatte sich der
-alte Sivert an die Zeit erinnert, wo er sie noch als jung, rotwangig
-und hübsch gekannt hatte. Aber nun war sie alt und häßlich, ein
-Bild der Vergänglichkeit, sie sollte lieber tot sein. Wo wird sie
-begraben? Sie besitzt kein eigenes Erbbegräbnis, wahrscheinlich wird
-sie einmal in irgendeinem Kirchhof bei lauter fremden und unbekannten
-Knochenresten unter den Boden gebracht, da wird sie einmal landen.
-Oline, geboren und gestorben. Auch sie war einmal jung. Eine Erbschaft
-für sie jetzt noch zur elften Stunde! Jawohl, ein einziger lichter
-Punkt, und die Hände einer Sklavin der Arbeit würden sich für einen
-Augenblick gefaltet haben. Die Gerechtigkeit hätte ihr noch einen
-verspäteten Lohn gespendet, weil sie für ihre Kinder gebettelt,
-vielleicht auch gestohlen, sie aber jedenfalls ernährt hatte. Für einen
-Augenblick -- und wieder hätte Dunkel in ihr geherrscht, die Augen
-hätten geschielt, die Hände gesucht und getastet: Wieviel ist es? würde
-sie sagen. Was, nicht mehr? würde sie sagen. Und sie hätte wieder
-recht. Sie war vielfache Mutter und verstand das Leben einzuschätzen,
-das war großen Lohnes wert.
-
-Alles schlug fehl. Die Rechnungen des alten Sivert waren jetzt, nachdem
-Eleseus sie durchgesehen hatte, wohl einigermaßen in Ordnung, aber der
-kleine Hof und die Kuh, der Bootsschuppen und das Großnetz deckten nur
-knapp den Fehlbetrag in der Kasse. Und daß es überhaupt einigermaßen
-so gut ging, wie es ging, das war zum Teil Oline zu verdanken; sie
-war sehr versessen darauf, daß ein Rest für sie übrigbleibe, und so
-zog sie vergessene Posten, von denen sie als alte Klatschbase wußte,
-oder Posten, die der Revisor absichtlich übersehen hatte, um nicht
-achtenswerte Dorfgenossen in Schaden zu bringen, ans Licht. Diese
-verflixte Oline! Und sie beschuldigte nicht einmal den alten Sivert
-selbst; er hatte ja sicherlich aus gutem Herzen testiert und hätte
-auch reichlich Geld hinterlassen, jawohl; nein, die beiden Vertreter
-der Kreisverwaltung, die die Sache zu ordnen hatten, die hatten sie
-geprellt. Aber einst wird auch dies dem Allwissenden zu Ohren kommen!
-sagte Oline drohend.
-
-Merkwürdigerweise sah sie nichts Lächerliches darin, daß sie im
-Testamente genannt war; das war trotz allem eine Ehre, niemand sonst
-von den Ihrigen stand darin.
-
-Die Leute auf Sellanraa trugen das Unglück mit Geduld, sie waren ja
-auch nicht ganz unvorbereitet. Inger konnte es allerdings nicht recht
-fassen: Der Oheim Sivert, der seiner Lebtag so reich gewesen ist!
-sagte sie. -- Er hätte als aufrechter und reicher Mann vor den Thron
-des Lammes treten können, aber sie haben ihn beraubt! behauptete
-Oline. -- Isak war im Begriff, fortzugehen, und Oline sagte: Das ist
-sehr dumm, Isak, daß du fort willst, so kriege ich ja die Mähmaschine
-nicht zu sehen. Du hast doch eine Mähmaschine, nicht wahr? -- Jawohl.
--- Ja, jedermann spricht davon. Und daß sie rascher mäht als hundert
-Sensen. Was du dir nicht alles anschaffen kannst, Isak, mit deinem
-Geld und deinem Vermögen! Unser Pfarrer hat einen neuen Pflug mit zwei
-Pflugscharen, aber was ist der Pfarrer neben dir! Das würde ich ihm
-offen ins Gesicht sagen. -- Sivert kann dir mit der Maschine vormähen,
-er kann es schon viel besser als ich, sagte Isak und ging fort.
-
-Isak ging fort. Auf Breidablick ist Versteigerung gerade um die
-Mittagsstunde, und er kann eben noch rechtzeitig hinkommen.
-
-Nicht als ob Isak noch daran dachte, die Ansiedlung zu kaufen, aber das
-ist nun die erste Versteigerung in der Gegend, und da will er dabeisein.
-
-Als er bis nach Maaneland gekommen ist und Barbro da sieht, will er
-nur grüßen und weitergehen, aber Barbro redet ihn an und fragt ihn, ob
-er dort hinunter wolle? -- Ja, antwortet er und will weitergehen. Es
-ist Barbros Kinderheimat, die versteigert wird, deshalb antwortet er
-so kurz angebunden. -- Willst du zur Versteigerung? fragt sie. -- Zur
-Versteigerung? Na, ich gehe eben einmal hinunter. Wo ist denn Axel? --
-Axel? Ich weiß nicht, wo er ist. Er ist zur Versteigerung gegangen, er
-will wohl auch dies oder jenes zu einem Spottpreis ergattern.
-
-Wie dick doch Barbro war, und wie bissig, ganz rasend!
-
-Die Versteigerung hat schon angefangen. Isak hört des Lensmanns Aufrufe
-und sieht viele Leute. Als er näher kommt, sieht er, daß er nicht alle
-kennt; es sind verschiedene Leute von auswärts da, aber Brede treibt
-sich in seinem besten Anzug umher und ist lebhaft und gesprächig:
-Guten Tag, Isak! So, du erweist mir auch die Ehre und kommst zu meiner
-Versteigerung. Ich danke dir! Wir sind viele Jahre lang Nachbarn und
-gute Freunde gewesen, und niemals hat es ein böses Wort zwischen uns
-gegeben. -- Brede wird ganz gerührt: Es ist ja sonderbar, wenn man sich
-vorstellt, daß man einen Ort verlassen soll, für den man gelebt und
-gestrebt und den man liebgewonnen hat. Aber was hilft es, wenn es einem
-nun einmal so bestimmt ist. -- Vielleicht wird es jetzt für dich viel
-besser, tröstet Isak. -- Ja, weißt du, das glaube ich auch, erwiderte
-Brede rasch gefaßt. Es ist mir nicht leid, durchaus nicht. Ich habe
-hier auf dem Lande keine Seide gesponnen, das wird jetzt besser werden,
-die Kinder werden größer und fliegen aus dem Nest -- na, die Frau
-sorgt ja wieder für ein Kleines, aber trotzdem! Und plötzlich sagt
-Brede klipp und klar: Ich habe den Telegraphen aufgekündigt. -- Was?
-fragt Isak. -- Ich habe den Telegraphen aufgekündigt. -- Du hast den
-Telegraphen aufgekündigt? -- Ja, zu Neujahr. Was soll ich weiter damit?
-Und wenn ich im Verdienen wäre und den Lensmann oder den Pfarrer fahren
-müßte, dann hätte immer der Telegraph zu allererst kommen müssen. Nein,
-das gibt es nicht. Das kann einer machen, der überflüssige Zeit hat;
-die Telegraphenlinie entlang rennen, über Berg und Tal für eine kleine
-oder gar keine Bezahlung, das tut der Brede nicht! Und außerdem habe
-ich mich mit dem Vorstand, der mein Vorgesetzter ist, verkracht.
-
-Der Lensmann wiederholt immer noch die Angebote auf die Ansiedlung,
-und sie haben nun die wenigen hundert Kronen erreicht, die das Gut
-geschätzt wird, deshalb werden jetzt nur noch fünf oder zehn Kronen
-mehr auf einmal geboten. Ich glaube wahrhaftig, jetzt bietet der Axel!
-sagt Brede plötzlich und eilt neugierig zu ihm hinüber. Willst du
-meinen Hof kaufen? Ist dir deiner nicht groß genug? -- Ich biete für
-einen andern Mann, erwidert Axel etwas ausweichend. -- Na ja, das
-ist mir einerlei, so ist das nicht gemeint. -- Der Lensmann hebt den
-Hammer, ein neues Gebot wird gemacht, hundert Kronen mehr auf einmal;
-niemand geht höher, der Lensmann nennt das letzte Angebot noch ein
-paarmal, wartet eine Weile mit erhobenem Hammer und schlägt dann zu.
-
-Wer hatte geboten?
-
-Axel Ström. Für einen andern Mann.
-
-Der Lensmann schreibt ins Protokoll: Axel Ström pr. Kommission.
-
-Für wen kaufst du? fragte Brede. Nicht, als ob es mir nicht ganz
-einerlei wäre.
-
-Aber nun stecken einige Herren am Tische des Lensmannes die Köpfe
-zusammen. Da sitzt ein Vertreter der Bank, der Kaufmann ist, mit seinem
-Ladendiener da, etwas hat sich ereignet, die Forderungen der Gläubiger
-sind nicht gedeckt! Brede wird gerufen, leicht und sorglos kommt er
-daher und nickt nur, jawohl, ganz derselben Ansicht. Wer hätte auch
-denken können, daß der Hof nicht mehr bringen werde, sagte er. Und
-plötzlich verkündet er allen Anwesenden mit lauter Stimme: Da wir nun
-mit der Versteigerung fertig sind und ich doch einmal den Lensmann
-herbemüht habe, so will ich alles verkaufen, was ich hier habe. Den
-Wagen, die Tiere, eine Mistgabel, den Schleifstein, das brauche ich
-alles nicht mehr, ich verkaufe Rump und Stump.
-
-Geringe Angebote. Bredes Frau, auch sie leichtfüßig und sorglos, trotz
-ihres ungeheuren Umfangs, hat inzwischen begonnen, an einem Tisch
-Kaffee zu verkaufen; sie findet diese Beschäftigung unterhaltend, sie
-lächelt, und als Brede selbst kommt und Kaffee trinkt, verlangt sie zum
-Spaß auch von ihm Bezahlung. Und Brede zieht wirklich seinen mageren
-Beutel und bezahlt. Seht doch nur die Frau an! sagt er zu der ganzen
-Versammlung. Sie versteht's! sagt er.
-
-Der Wagen ist nicht viel wert, er hat zu oft unter freiem Himmel
-gestanden; aber Axel bietet schließlich noch ganze fünf Kronen mehr
-und ersteht auch den Wagen. Dann kauft Axel nichts mehr. Aber alles
-verwundert sich, daß der vorsichtige Mann so viel gekauft hat.
-
-Nun ging's an die Tiere. Sie standen heute im Stall, um in der Nähe zu
-sein. Was sollte Brede mit Tieren, wenn er kein Weideland mehr dafür
-hatte! Kühe hatte er gar nicht, er hatte seine Landwirtschaft mit zwei
-Geißen begonnen, jetzt hatte er vier. Außerdem hatte er sechs Schafe.
-Ein Pferd besaß er nicht.
-
-Isak kaufte ein gewisses Schaf mit flachen Ohren. Als Bredes Kinder
-dieses Schaf aus dem Stall herausführten, bot er sofort darauf; das
-erregte Aufmerksamkeit; Isak von Sellanraa war ja ein reicher und
-angesehener Mann, der brauchte doch nicht noch mehr Schafe, als er
-schon hatte. Bredes Frau hält einen Augenblick mit ihrem Kaffeeverkauf
-inne und sagt: Zu diesem Schaf kann man dir nur zureden, Isak; es ist
-zwar alt, aber es wirft jedes Jahr zwei oder drei Lämmer. -- Ja, das
-weiß ich, erwidert Isak und sieht sie voll an. Ich kenne das Schaf.
-
-Er macht sich mit Axel Ström zusammen auf den Heimweg und führt sein
-Schaf am Strick. Axel ist schweigsam, und irgend etwas scheint ihn zu
-wurmen, was es nun auch sein mag. Aber er hat doch eigentlich keine
-äußere Ursache, niedergeschlagen zu sein, denkt Isak. Seine Wirtschaft
-ist in gutem Stande, er hat das meiste Futter schon hereingebracht, und
-er ist eben dabei, sein Wohnhaus aufzurichten. Es geht bei Axel Ström,
-wie es gehen soll, ein wenig langsam, aber sicher. Jetzt hat er sich
-auch ein Pferd angeschafft.
-
-Du hast Bredes Hof gekauft, sagt Isak. Willst du ihn bewirtschaften? --
-Nein, ich will ihn nicht bewirtschaften. Ich habe ihn für einen andern
-gekauft. -- So. -- Was meinst du, habe ich zuviel bezahlt? -- O nein.
-Er hat gute Moore, wenn sie entwässert werden. -- Ich habe den Hof für
-meinen Bruder in Helgeland gekauft. -- So. -- Aber ich habe so halb und
-halb daran gedacht, mit ihm zu tauschen. -- Du willst mit ihm tauschen?
--- Wenn Barbro lieber da unten wohnen möchte.
-
-Schweigend gehen sie ein gutes Stück. Dann sagt Axel: Man ist
-sehr hinter mir her, ich soll den Telegraphen übernehmen. -- Den
-Telegraphen? So. Ja, ich habe gehört, der Brede habe ihn aufgekündigt.
--- So, antwortet Axel lächelnd; das ist nicht ganz genau so gewesen,
-ihm, dem Brede, ist aufgekündigt worden. -- Ja, ja, sagte Isak und
-versuchte Brede ein wenig zu entschuldigen; der Telegraph nimmt viel
-Zeit weg. -- Sie haben ihm zu Neujahr gekündigt, wenn er sich nicht
-bessere. -- So. -- Meinst du nicht, ich könnte den Posten übernehmen?
--- Isak dachte lange nach und antwortete dann: Ja, ja, das bringt Geld.
--- Sie wollen mir mehr geben. -- Wieviel? -- Das Doppelte. -- Das
-Doppelte? Ja, dann meine ich, du könntest es dir überlegen. -- Aber die
-Strecke ist etwas länger geworden. Nein, ich weiß doch nicht, was ich
-tun soll; es läßt sich jedoch jetzt weniger aus dem Wald herausschlagen
-als zu deiner Zeit, und ich muß mir noch mehr Geräte anschaffen, ich
-habe jetzt zu wenig. An bar Geld fehlt es immer, und mein Viehstand ist
-nicht so groß, daß ich davon verkaufen könnte. Ich meine, ich sollte
-es einmal ein Jahr mit dem Telegraphen versuchen ... Keinem der beiden
-fiel es ein, daß Brede sich bessern und seinen Posten behalten könnte.
-
-Als sie nach Maaneland kamen, ist auch Oline auf ihrem Heimweg dort
-angelangt, ja, Oline ist merkwürdig, sie kriecht fett und rund daher
-wie eine Raupe und ist doch über siebzig Jahre, aber sie kommt weiter.
-Sie sitzt in der Gamme und trinkt Kaffee, aber als sie die Männer
-gewahr wird, läßt sie alles liegen und stehen und kommt heraus. Guten
-Tag, Axel, zurück von der Versteigerung? fragt sie. Du hast doch nichts
-dagegen, daß ich Barbro einen Besuch mache? Und du baust ein Wohnhaus
-und wirst ein immer größerer Herr? Du hast ein Schaf gekauft, Isak?
--- Ja, erwidert Isak, kommt es dir nicht bekannt vor? -- Ob es mir
-bekannt vorkommt? Nein. -- Es hat aber doch diese flachen Ohren, sieh
-nur. -- Flache Ohren, wieso denn? Und wenn auch? Ja, was ich sagen
-wollte: Wer hat denn Bredes Hof gekauft? Eben habe ich zu der Barbro
-gesagt, wer wohl ihr Nachbar werden würde, habe ich gesagt. Die arme
-Barbro sitzt nur da und weint, wie nicht anders zu erwarten ist. Aber
-der Allmächtige hat ihr eine zweite Heimat hier auf Maaneland beschert.
-Flache Ohren? Ich habe in meinem Leben schon viele Schafe mit flachen
-Ohren gesehen. Und das ist wahr, Isak, diese Maschine, die du hast, ist
-fast mehr als meine alten Augen fassen können. Und was sie gekostet
-hat, danach will ich lieber gar nicht fragen, so hoch kann ich gar
-nicht zählen. Wenn du sie gesehen hast, Axel, dann weißt du, was ich
-meine, es war mir, als sähe ich Elias in seinem feurigen Wagen; Gott
-verzeih mir die Sünde ...
-
-Als das Heu unter Dach war, fing Eleseus an, sich zur Abreise zu
-rüsten. Er hatte dem Ingenieur geschrieben, er komme jetzt wieder, aber
-darauf die sonderbare Antwort erhalten, daß die Zeiten schlecht seien,
-man müsse sich einschränken, der Ingenieur könne den Posten nicht mehr
-besetzen und müsse von nun an alles selbst schreiben.
-
-Das war doch eine verfluchte Sache! Aber wozu brauchte auch dieser
-Bezirksingenieur einen Schreiber? Damals, als er den kleinen Jungen
-Eleseus von seinem Elternhaus wegnahm, wollte er sich wohl nur als
-großer Mann in der Gegend zeigen, und wenn er ihn bis über die
-Konfirmation genährt und gekleidet hatte, so hatte er auch ein wenig
-Hilfe auf dem Büro dafür gehabt. Jetzt war der Junge erwachsen, nun war
-es eine andere Sache.
-
-Aber, schrieb der Ingenieur, wenn Du zurückkommst, so will ich tun, was
-ich kann, um Dich auf einem anderen Büro unterzubringen, obgleich es
-wahrscheinlich schwierig sein wird. Es gibt so überflüssig viele junge
-Leute hier, die diese Laufbahn einschlagen. Freundliche Grüße.
-
-Gewiß wollte Eleseus zurück in die Stadt, ja, ganz zweifellos. Sollte
-er sich wegwerfen? Er wollte doch weiterkommen in der Welt. Und Eleseus
-sagte den Seinigen nichts von der veränderten Sachlage; das führte
-doch zu nichts, und außerdem war er etwas schlapp, also schwieg er.
-Das Leben auf Sellanraa wirkte wieder auf ihn, es war ein ruhmloses
-und alltägliches Dasein, es war ruhig und einschläfernd, man wurde ein
-Träumer, da war niemand, vor dem er sich hätte aufspielen, niemand,
-mit dem er sich hätte messen können. Das Stadtleben hatte sein Wesen
-gespalten, hatte ihn vornehmer gemacht als die andern, aber auch
-schwächer, er fühlte sich jetzt eigentlich überall heimatlos. Daß er
-wieder anfing, den Geruch des Rainfarn angenehm zu finden -- nun gut!
-Aber es hatte doch keinen Sinn, wenn ein Bauernjunge, der abends seine
-Mutter die Kühe melken hörte, dabei auf folgenden Gedanken kam: Jetzt
-wird gemolken, hör doch nur, es ist beinahe wunderbar anzuhören, es
-ist wie eine Art Lied, in lauter einzelnen Strahlen, ganz anders als
-die Hornmusik in der Stadt oder die Heilsarmee oder die Pfeife des
-Dampfschiffs. Der Milchstrahl, der in ein Gefäß rinnt ...
-
-Es war nicht Brauch auf Sellanraa, seine Gefühle sehr zu zeigen, und
-Eleseus fürchtete sich vor dem Augenblick des Abschieds. Er war jetzt
-gut ausgestattet, er sollte wieder einen Ballen Leinwand zu Unterzeug
-mitbekommen, und der Vater hatte Geld bereitgelegt, das Eleseus
-eingehändigt werden sollte, wenn er die Schwelle überschritt. Geld --
-konnte Isak wirklich Geld entbehren? Aber es ging nicht anders, Inger
-deutete ja an, daß es zum letztenmal sei. Eleseus werde bald aufrücken
-und für sich selbst sorgen. -- So, sagte Isak. -- Die Stimmung wurde
-feierlich, im Hause wurde es still, alle hatten zum Abschiedsessen ein
-gekochtes Ei bekommen, und Sivert stand schon draußen, fertig gerüstet,
-mitzugehen und das Gepäck zu tragen. Eleseus konnte mit dem Abschied
-anfangen.
-
-Er fing bei Leopoldine an. Ja, sie sagte ihm auch Lebewohl und machte
-das recht nett. Ebenso wiederholte die Magd Jensine, die eben Wolle
-kardätschte, den Abschiedsgruß. Aber beide Mädchen glotzten ihn ganz
-verflucht an, nur weil er vielleicht ein klein wenig rote Augen hatte.
-Er reichte seiner Mutter die Hand, und sie weinte natürlich laut auf
-und kümmerte sich den Henker darum, daß er das Weinen nicht leiden
-konnte. Laß dir's gut gehen! schluchzte sie. Der Abschied vom Vater war
-der schlimmste, unbedingt, aus tausend Gründen: er war so abgearbeitet
-und so unendlich getreu, hatte die Kinder auf den Armen getragen, ihnen
-von Möwen und anderen Vögeln erzählt und von Tieren und allen Wundern
-des Feldes. Das war gar nicht lange her, ein paar Jahre ...
-
-Der Vater steht am Fenster, dann dreht er sich plötzlich um, ergreift
-die Hand des Sohnes und sagt laut und ärgerlich: Ja, ja, leb wohl!
-Ich sehe, das neue Pferd hat sich dort losgerissen! Und hinaus
-läuft er und rennt davon. Ach, und er hatte sich ja selbst kurz
-vorher hingeschlichen und das Pferd losgebunden, und das wußte der
-Spitzbube Sivert recht gut, der draußen stand und dem Vater lächelnd
-nachschaute. Und außerdem war ja das Pferd auf der Nachmahd.
-
-Dann war Eleseus fertig.
-
-Doch da kam ihm die Mutter auf die Türschwelle nach, schluchzte noch
-mehr und sagte: Gott sei mit dir! und drückte ihm etwas in die Hand.
-Dies hier -- und du sollst ihm nicht danken, das mag er nicht. Und
-schreib auch fleißig!
-
-Zweihundert Kronen.
-
-Eleseus sah hinüber. Der Vater strengte sich ungeheuer an, einen
-Tüderpflock in die Erde zu rammen, was ihm anscheinend gar nicht
-gelingen wollte, obgleich es doch weicher Wiesengrund war.
-
-Die Brüder schritten fleißig aus, sie kamen nach Maaneland, da stand
-Barbro auf der Schwelle und lud sie ins Haus ein. Gehst du wieder fort,
-Eleseus? Dann mußt du aber hereinkommen und wenigstens eine Tasse
-Kaffee trinken.
-
-Sie gehen in die Gamme, und Eleseus ist nicht mehr verrückt vor
-Liebe und will zum Fenster hinausspringen oder Gift nehmen, nein, er
-legt seinen hellen Überrock über die Knie und sorgt dafür, daß das
-silberne Schild obenhin zu liegen kommt, danach fährt er sich mit dem
-Taschentuch übers Haar, und dann macht er die sehr feine Bemerkung: Ein
-klassisches Wetter heute!
-
-Barbro hat auch nicht die Fassung verloren, sie spielt mit ihrem
-silbernen Ring an der einen Hand und mit dem goldenen an der andern
--- ja, sie hatte wahrhaftig jetzt auch den goldenen Ring bekommen --,
-und sie hat eine Schürze an, die vom Hals bis zu den Füßen geht, so
-sieht man ihr wenigstens ihre Rundlichkeit nicht an. Und nachdem sie
-den Kaffee gekocht hat und während die Gäste ihn trinken, näht sie erst
-ein bißchen an einem weißen Tuch und häkelt dann ein bißchen an einem
-Kragen und betreibt allerlei jungfrauenhafte Arbeiten. Barbro ist nicht
-in Verlegenheit über den Besuch, und das ist gut, dadurch wird der Ton
-natürlich, und Eleseus kann wieder so obenhin und einnehmend tun.
-
-Wo ist denn Axel? fragt Sivert.
-
-Wo er ist? Irgendwo, antwortet Barbro und richtet sich auf. Ja, jetzt
-kommst du wohl nie wieder heim aufs Land? fragt sie Eleseus. -- Das
-ist höchst unwahrscheinlich, erwidert er. -- Hier ist nicht der rechte
-Ort für jemand, der an die Stadt gewöhnt ist. Ich wäre froh, wenn ich
-mit dir reisen könnte. -- Ach, das ist dir nicht Ernst. -- Nicht,
-meinst du? Oh, ich habe es erfahren, wie es ist, wenn man in der
-Stadt wohnt, und wie es auf dem Lande ist. Ich bin in einer größeren
-Stadt gewesen als du. Da ist es kein Wunder, wenn es mir hier nicht
-gefällt. -- Gewiß, so habe ich es nicht gemeint, du bist ja sogar in
-Bergen gewesen, beeilte er sich zu sagen. Es war ja schrecklich, wie
-hochfahrend sie war! -- Ja, wenn ich die Zeitung nicht hätte, so liefe
-ich sofort davon, sagte Barbro. -- Aber der Axel und alles miteinander,
-das habe ich gemeint. -- Ach, der Axel, das ginge mich nichts an.
-Und du selbst, hast du nicht vielleicht jemand in der Stadt, der auf
-dich wartet? -- Nun konnte Eleseus nicht anders, er mußte sich ein
-wenig aufspielen, er kniff die Augen zu und ließ es auf der Zunge
-zerschmelzen: daß er allerdings doch vielleicht jemand in der Stadt
-habe, der auf ihn warte. Ach ja, aber er hätte das alles noch ganz
-anders ausnützen können, wenn Sivert nicht dabeigesessen hätte; so
-konnte er nur sagen: Ach, Unsinn! -- Na, sagte sie verletzt, und es war
-eigentlich eine Schande, wie übellaunig sie war: Unsinn! Ja, du kannst
-von den Leuten auf Maaneland nicht mehr erwarten, wir sind nicht so
-großartig.
-
-Aber Eleseus kümmerte sich den Henker um sie, sie war recht fleckig im
-Gesicht geworden, und ihr Zustand war jetzt sogar seinen Kinderaugen
-aufgegangen. -- Willst du nicht ein wenig Gitarre spielen? fragte er.
--- Nein, erwiderte sie kurz angebunden. Was ich sagen wollte, Sivert,
-kannst du nicht kommen und Axel ein paar Tage beim Aufrichten des neuen
-Hauses helfen? Wie wär's, wenn du gleich morgen dabliebst, wenn du
-vom Dorf zurückkommst? -- Sivert überlegte: Ja, aber ich habe keinen
-Arbeitsanzug da, sagte er. -- Ich will heut abend hinlaufen und deine
-Werktagskleider holen, daß du sie hast, wenn du zurückkommst. -- Na ja,
-sagte Sivert, ich will mir's überlegen. -- Barbro wurde unnötig eifrig.
-Du mußt es aber gern tun! Der Sommer vergeht, und das Wohnhaus sollte
-noch vor den Herbsttagen aufgerichtet und gedeckt sein. Axel hat dich
-schon oft darum bitten wollen, aber er kommt immer nicht dazu. Nein, du
-mußt uns diese Handreichung gern tun. -- Wenn ich etwas helfen kann,
-dann tu ich es auch gern, erwiderte Sivert.
-
-Das war also abgemacht.
-
-Aber nun ist Eleseus wirklich berechtigt, sich beleidigt zu fühlen.
-Er sieht ja ein, daß es von Barbro recht klug ist, wenn sie um ihrer
-selbst und um Axels willen darauf aus ist, Hilfe für den Hausbau
-zu bekommen; aber sie tut das zu offenkundig. Sie ist noch nicht
-die Hausfrau auf dem Hofe, und es ist noch keine Ewigkeit her, seit
-er selbst sie geküßt hat, dieses Frauenzimmer! Hatte sie denn gar
-keine Scham im Leibe? -- Doch, sagt er darum plötzlich, ich werde
-wiederkommen und bei dir Gevatter stehen. -- Barbro warf ihm einen
-Blick zu und sagte ärgerlich: Gevatter? Und du willst von Unsinn
-sprechen! Außerdem werde ich dir Nachricht schicken, wenn ich einmal
-um einen Gevatter verlegen sein sollte. -- Was konnte Eleseus anderes
-tun, als beschämt lächeln und sich weit weg wünschen! -- Besten Dank
-für den Kaffee, sagte Sivert. -- Ja, Dank für den Kaffee, sagte auch
-Eleseus, aber er stand nicht auf und verbeugte sich auch nicht, nein,
-zum Henker; sie schwoll ja vor Gift und Galle!
-
-Laß doch einmal sehen, sagte Barbro. Ja, die Kontorherren, bei denen
-ich war, die hatten auch silberne Schildchen in den Röcken, noch viel
-größere, sagte sie. Nun, also du kommst zurück und bleibst hier über
-Nacht, Sivert? Ich hole deine Kleider.
-
-Das war der Abschied.
-
-Die Brüder gingen weiter, Eleseus hatte zwei große Banknoten in der
-Brusttasche, und die Barbro konnte seinetwegen der Kuckuck holen. Die
-Brüder hüteten sich wohl, auf irgendeinen rührenden Gesprächsstoff zu
-kommen, auf des Vaters sonderbaren Abschied und der Mutter Tränen, sie
-machten einen Umweg um Breidablick herum, um dort nicht angehalten zu
-werden, und führten scherzhafte Reden über diesen Streich. Als sie so
-weit hinuntergekommen waren, daß sie das Dorf sehen konnten, wo Sivert
-umdrehen sollte, übermannte es sie beide doch ein wenig. Sivert sagte:
-Es kann wohl sein, daß es jetzt ohne dich ein wenig einförmig wird.
--- Da fing Eleseus an zu pfeifen und seine Schuhe zu untersuchen, und
-er sah, daß er einen Spreißel im Finger hatte, und suchte in seinen
-Taschen -- nach Papieren, sagte er --, oh, wie schlau! Aber es wäre
-dennoch schlimm gegangen, wenn nicht Sivert sie beide gerettet hätte:
-Den Letzten! rief er, gab dem Bruder einen Schlag auf den Rücken und
-lief davon. Das half, sie riefen einander noch einige Abschiedsworte
-zu, und dann zog jeder seines Weges.
-
-Schicksal oder Glückszufall! Eleseus kehrte trotz allem in die Stadt
-zurück auf einen Posten, den er nicht mehr innehatte, aber durch
-dieselbe besondere Fügung bekam Axel Ström einen Arbeiter. Am 21.
-August fingen sie an das Blockhaus aufzurichten, und zehn Tage später
-war es unter Dach. Ach, es war kein großartiges Wohnhaus und nur
-ein paar Balkenlagen hoch, aber es war doch ein Blockhaus und keine
-Erdhütte, und das Vieh konnte nun in dem Raum, der seither menschliche
-Wohnung gewesen war, einen herrlichen Winterstall bekommen.
-
-
-
-
-2
-
-
-Am dritten September verschwand Barbro, das heißt, ganz verschwand
-sie nicht, sie war nur bei den Gebäuden nirgend zu finden. Axel
-schreinerte, so gut er konnte, er war dabei, ein Fenster und eine Tür
-in den Neubau einzusetzen, und war sehr in seine Arbeit vertieft.
-Als aber die Mittagszeit vorbei war und man ihn immer noch nicht
-hineinrief, ging er in die Gamme. Niemand war da. Er suchte sich selbst
-etwas Essen zusammen und schaute sich um, während er aß; Barbros
-Kleider hingen alle da, sie konnte also nur draußen irgendwo sein. Er
-ging wieder an seine Arbeit im Neubau und schaffte dort eine Weile,
-dann schaute er wieder in die Gamme -- noch immer niemand da. Sie mußte
-irgendwo liegengeblieben sein.
-
-Barbro! ruft er. Nichts. Er sucht in der Umgebung der Häuser, geht
-hinüber zu einigen Gebüschen bei den Feldern, er sucht lange,
-vielleicht eine Stunde, er ruft -- nichts! Endlich findet er sie weit
-entfernt; sie liegt auf der Erde hinter Gebüsch versteckt, der Bach
-läuft an ihren Füßen vorbei, sie ist barhäuptig und barfuß, und sie ist
-bis in den Rücken hinauf tropfnaß.
-
-Hier liegst du? sagt er. Warum hast du keine Antwort gegeben? -- Ich
-konnte nicht, flüsterte sie und war stockheiser. -- Was -- hast du
-denn im Wasser gelegen? -- Ja, ich bin ausgeglitten. Oh! -- Ist dir
-schlecht? -- Ja. Es ist vorbei. -- Ist es vorbei? fragt er. -- Ja.
-Jetzt mußt du mir helfen, daß ich nach Hause komme. -- Wo ist --? --
-Was? -- Wo ist das Kind? -- Es war tot. -- War es tot? -- Ja.
-
-Axel rührt sich nicht, er bleibt stehen. Wo ist es? fragt er.
-
-Das brauchst du nicht zu wissen, erwidert sie. Hilf mir nach Hause. Es
-war tot. Ich kann selbst gehen, wenn du mich nur ein wenig unter dem
-Arme faßt.
-
-Axel trägt sie nach Haus und setzt sie auf einen Stuhl, das Wasser
-läuft an ihr herab. -- Ist es tot gewesen? fragt er. -- Du hörst es ja,
-erwidert sie. -- Wo hast du es? -- Du willst es wohl ausschnüffeln?
-Hast du etwas zu essen gefunden, während ich fort war? -- Was wolltest
-du denn dort am Bach? -- Was ich am Bach wollte? Ich wollte Wacholder
-holen. -- Wacholder? -- Für die Milcheimer. -- Dort wächst doch kein
-Wacholder, sagt er. -- So geh doch an deine Arbeit! ruft sie heiser und
-ungeduldig. Was ich am Bach wollte? Ich wollte mir Besenreis holen.
-Ob du gegessen hast? frag ich. -- Gegessen? wiederholte er. Ist es
-dir sehr schlecht? -- Ach nein! -- Ich will den Doktor holen. -- Ja,
-untersteh dich! erwidert sie. Damit steht sie auf und fängt an, sich
-trockene Kleider zum Umziehen herbeizuholen. Weißt du sonst gar nicht,
-wie du dein Geld wegwerfen sollst?
-
-Axel geht wieder an seine Arbeit, verrichtet indes nicht viel; aber
-er klopft ein wenig und hobelt ein wenig, damit ihn Barbro hört;
-schließlich keilt er das Fenster ein und dichtet es mit Moos.
-
-Am Abend hat Barbro nicht viel Hunger, aber sie arbeitet hier ein wenig
-und dort ein wenig, sie geht in den Stall und melkt und steigt nur
-etwas vorsichtiger als sonst über die hohen Schwellen. Wie gewöhnlich,
-legte sie sich im Heustall schlafen, und die beiden Male, die Axel
-während der Nacht nach ihr schaute, schlief sie fest. Sie hatte eine
-gute Nacht.
-
-Am nächsten Morgen war Barbro beinahe wie sonst, nur gänzlich stimmlos
-vor Heiserkeit, und sie hatte sich einen langen Strumpf um den Hals
-gewickelt. Sie konnten nichts miteinander reden. Die Tage vergingen,
-und das Ereignis wurde alt, andere Dinge traten in den Vordergrund.
-Der Neubau sollte eigentlich leer stehen, daß die Balken sich setzen
-konnten, damit das Haus dicht und zugfrei werde, aber es blieb keine
-Zeit, das abzuwarten, es mußte sofort beziehbar gemacht und der Stall
-eingerichtet werden. Nachdem dies geschehen und der Umzug vollendet
-war, wurden die Kartoffeln herausgenommen und nachher das Korn
-geschnitten. Das Leben lief im gewohnten Geleise.
-
-Aber an vielen kleinen und großen Dingen merkte Axel, daß ihre
-Beziehungen lockerer geworden waren, Barbro fühlte sich in Maaneland
-jetzt nicht mehr zu Hause und auch nicht mehr gebunden als jedes andere
-Dienstmädchen. Das Band zwischen ihnen hatte sich gelockert, als das
-Kind starb. Axel hatte immer so großartig gedacht: Warte nur, bis das
-Kind da ist! Aber das Kind kam und ging wieder. Zuletzt legte Barbro
-auch noch die Fingerringe ab und trug keinen mehr davon. -- Was soll
-das bedeuten? fragte er. -- Was das bedeuten soll? sagte sie und warf
-den Kopf zurück.
-
-Aber das konnte doch nichts anderes als Arglist und Verrat von ihrer
-Seite sein.
-
-Jetzt hatte er die kleine Leiche am Ufer des Baches gefunden. Nicht
-als ob er weiter danach gesucht hätte, er wußte ja beinahe genau das
-Plätzchen, wo sie liegen mußte, aber er ließ es träge auf sich beruhen.
-Der Zufall wollte, daß er es nicht ganz vergaß: Vögel fingen an, über
-dieser Stätte zu kreisen, schreiende Elstern und Raben und eine Weile
-später auch ein Adlerpaar in schwindelnder Höhe. Es war gerade, als ob
-zuerst eine einzelne Elster gesehen hätte, daß hier etwas niedergelegt
-worden war, und als ob sie dann auch gerade wie ein Mensch nicht
-darüber hätte schweigen können, sondern hätte darüber schwatzen müssen.
-Dadurch wurde auch Axel aus seiner Gleichgültigkeit geweckt, und er
-wartete einen passenden Augenblick ab, sich hinzuschleichen. Er fand
-die Leiche unter Moos und Zweigen und ein paar Steinplatten in ein
-Tuch, einen großen Lappen, gewickelt. Mit einer Mischung von Neugier
-und Grausen öffnete er das Bündel ein wenig -- geschlossene Augen,
-dunkle Haare, ein Junge, gekreuzte Beine, mehr sah er nicht. Der Lappen
-war naß gewesen und war halb getrocknet, das Ganze sah aus wie ein halb
-ausgewundenes Bündel von Wäsche.
-
-Axel konnte die Leiche nicht so offen liegenlassen, im Innersten
-hatte er wohl auch Angst für sich selbst und für sein Haus; er lief
-heim, holte einen Spaten und machte das Grab tiefer; aber da es so
-nah am Bach war, sickerte das Wasser herein, und er mußte weiter oben
-am Hügel ein neues Grab schaufeln. Währenddem schwand seine Furcht,
-Barbro könnte kommen und ihn hier finden, er wurde trotzig und dachte,
-seinetwegen könne sie wohl kommen, ja, dann könnte sie, bitte, die
-kleine Leiche nett und ordentlich einhüllen, ob das Kind nun totgeboren
-war oder nicht. Er sah sehr wohl ein, was er mit dem Tode dieses Kindes
-verloren, daß er nun alle Aussicht hatte, in seinem Neubau ohne Hilfe
-zu sitzen, und zwar gerade jetzt, wo sein Viehstand mehr als dreimal
-so groß war wie vorher. Bitte schön, es wäre gar nicht zu viel, wenn
-sie käme! Aber Barbro -- es kann gut sein, daß sie entdeckt hatte,
-womit er beschäftigt war, jedenfalls kam sie nicht, er mußte selbst die
-kleine Leiche einhüllen, so gut er konnte, und sie in das neue Grab
-legen. Dann breitete er schließlich die Rasenstücke wieder darüber und
-verwischte jede Spur; nun war nichts weiter zu sehen als ein kleiner
-grüner Hügel im Gebüsch.
-
-Als er heimkehrte, traf er Barbro im Hofe. Wo bist du gewesen? fragte
-sie. -- Die Bitterkeit in seinem Herzen hatte sich wohl verloren, denn
-er antwortete: Nirgends. Wo bist denn du gewesen? Aber Barbro las wohl
-eine Warnung aus seinem Gesichtsausdruck, sie ging ins Haus, ohne noch
-ein Wort zu sagen.
-
-Axel ging ihr nach.
-
-Was soll denn das bedeuten, daß du deine Fingerringe nicht mehr trägst?
-fragte er geradezu. -- Vielleicht fand sie es am ratsamsten, ein klein
-wenig nachzugeben, sie lachte und sagte: Du bist so grimmig, daß ich
-lachen muß. Wenn du aber willst, daß ich die Ringe zuschanden arbeite,
-wenn ich sie werktags trage, so kann ich es ja tun! Damit suchte sie
-sie hervor und steckte sie an.
-
-Aber nun sah sie wohl, daß sein Gesicht einen dumm-zufriedenen Ausdruck
-annahm, und sie fragte dreist: Hast du noch mehr an mir auszusetzen? --
-Ich habe nichts an dir auszusetzen, erwiderte er. Du sollst nur wieder
-sein, wie du früher gewesen bist, ganz zu Anfang, als du herkamst.
-Das meine ich. -- Es ist nicht so leicht, immer gleich zu sein, sagte
-sie. -- Er fuhr fort: Daß ich deines Vaters Gut kaufte, geschah nur
-deshalb, daß wir dorthin ziehen könnten, wenn du lieber dort wohnen
-möchtest. Was meinst du dazu? -- Ho, nun hatte er verspielt, oh, er
-hatte nur Angst, er könnte seine weibliche Hilfe verlieren und mit
-seinem Viehstand und seinem Haushalt allein bleiben, das merkte sie
-gut. -- Das hast du schon einmal gesagt, erwiderte sie abweisend. --
-Jawohl, aber ich habe keine Antwort erhalten. -- Antwort? sagte sie.
-Ich ertrage es nicht, das noch einmal zu hören.
-
-Axel meinte, er sei ihr weit entgegengekommen. Er hatte die Familie
-Brede weiter auf Breidablick wohnen lassen, und obgleich er den
-kleinen Ertrag mit dem Gut gekauft hatte, so hatte er doch nur einige
-Fuhren Heu eingeführt und die Kartoffeln der Familie überlassen. Es war
-eine große Ungereimtheit von Barbro, jetzt böse zu werden, aber ihr war
-das ganz einerlei; sie fragte, als ob sie tief gekränkt wäre: Sollten
-wir nach Breidablick ziehen und meine ganze Familie obdachlos machen?
-
-Hörte er denn recht? Mit offenem Mund saß er da, dann fing er an zu
-schlucken, als bereite er sich zu einer langen Antwort vor, aber es
-wurde nichts daraus, und er fragte nur: Ziehen sie denn nicht ins Dorf?
--- Das weiß ich nicht, erwiderte sie. Hast du ihnen vielleicht dort
-eine Wohnung gemietet?
-
-Axel wollte nicht weiter mit ihr rechten, aber er konnte doch nicht
-ganz verschweigen, daß sie ihn einigermaßen in Verwunderung gesetzt
-habe, und so sagte er: Du wirst immer halsstarriger und verstockter,
-aber du meinst es nicht so. -- Ich meine alles, was ich sage,
-entgegnete sie. Und nun sag mir einmal, warum konnten meine Leute nicht
-lieber hierher ziehen? Dann hätte ich doch etwas Hilfe von meiner
-Mutter gehabt. Aber du meinst ja, ich hätte nicht so viel zu tun, daß
-ich Hilfe brauche.
-
-Sie hatte damit natürlich einigermaßen recht, aber auch sehr viel
-unrecht: Die Familie Brede hätte ja dann in der Gamme wohnen müssen,
-und Axel hätte wieder nicht gewußt, wohin mit seinem Vieh. Wo wollte
-sie denn hinaus, fehlte ihr denn aller Sinn und Verstand? -- Ich will
-dir etwas sagen, es ist besser, du bekommst eine Magd. -- Jetzt im
-Winter, wo es nicht mehr so viel zu tun gibt? Nein, ich danke. Damals,
-als ich eine brauchte, da hätte ich eine bekommen sollen, jawohl.
-
-Wieder hatte sie einigermaßen recht: sie hätte eine Magd haben müssen,
-als sie nicht wohl und in gesegneten Umständen war. Aber Barbro war ja
-niemals mit ihrer Arbeit im Rückstand geblieben, sie war eigentlich
-jetzt ebenso flink und tüchtig, tat alles, was geschehen mußte, und
-ließ niemals ein Wort von einer Magd verlauten. Aber sie hätte eine
-haben sollen. Ja, dann verstehe ich es nicht, sagte er mutlos.
-
-Schweigen.
-
-Dann fragte Barbro: Ich habe sagen hören, du wollest den Telegraphen
-übernehmen, den mein Vater hat? -- Wieso, wer hat das gesagt? -- Es
-geht das Gerede. -- Ja, es ist nicht unmöglich, erklärte Axel. -- So.
--- Warum fragst du? -- Ich frage, weil du meinem Vater Haus und Hof
-abgenommen hast und ihm nun auch noch seinen Lebensunterhalt nehmen
-willst.
-
-Schweigen.
-
-Aber nun wollte sich Axel doch nicht noch mehr gefallen lassen, und er
-rief: Ich will dir etwas sagen, du bist das gar nicht wert, was ich für
-dich und die Deinen tue.
-
-So, sagte Barbro.
-
-Nein! rief er und schlug mit der Faust auf den Tisch. Dann stand er auf.
-
-Du brauchst nicht zu meinen, daß du mir Angst machen kannst, piepste
-sie mit schwacher Stimme und drückte sich näher an die Wand.
-
-Dir Angst machen! machte er ihr nach und blies verächtlich. Aber jetzt
-ist es Ernst, und ich will wissen, wie es mit dem Kind gewesen ist.
-Hast du es ertränkt?
-
-Ertränkt?
-
-Ja, es ist doch im Wasser gewesen.
-
-So, du hast das gesehen? sagte sie. Du hast wohl -- daran gerochen,
-hätte sie beinahe gesagt, wagte es aber nicht, denn es war vielleicht
-jetzt gerade nicht mit ihm zu spaßen. Du hast es also gesehen?
-
-Ich habe gesehen, daß es im Wasser gelegen hat.
-
-Ach, das hast du wohl sehen dürfen, versetzte sie. Es wurde im Wasser
-geboren, ich glitt aus und konnte nicht mehr aufstehen.
-
-So, du bist ausgeglitten?
-
-Ja, und in demselben Augenblick kam auch das Kind.
-
-So, sagte er. Aber du hast doch einen Lappen mitgenommen. Hast du
-geahnt, daß du ausgleiten würdest?
-
-Einen Lappen mitgenommen? wiederholte sie.
-
-Einen großen weißen Lappen, eines von meinen Hemden, das du quer
-abgeschnitten hattest.
-
-Jawohl, den Lappen habe ich mitgenommen, um Wacholder drin nach Hause
-zu tragen, sagte Barbro.
-
-Wacholder?
-
-Ja, Wacholder. Habe ich dir nicht gesagt, daß ich Wacholder holen
-wollte?
-
-Ja, oder Besenreis.
-
-Ach, das ist doch einerlei, was es war ...
-
-Allein trotz dieses starken Zusammenstoßes wurde es wieder gut zwischen
-den beiden, das heißt, es wurde nicht mehr gut, aber erträglich; Barbro
-war klug und zeigte sich nachgiebiger, sie witterte Gefahr. Aber unter
-diesen Verhältnissen wurde ja das Leben auf Maaneland immer gezwungener
-und unerträglicher, ohne Vertrauen, ohne Freude, immer auf der Hut.
-Es ging immer nur einen Tag um den andern, aber solange es überhaupt
-ging, mußte Axel zufrieden sein. Er hatte nun einmal dieses Mädchen zu
-sich genommen, er brauchte es, war ihr Liebster gewesen, hatte sich an
-sie gebunden, es war keine leichte Sache, sich und sein ganzes Leben
-zu ändern. Barbro wußte alles, was mit dem Neubau zusammenhing, wo
-Hab und Gut aufbewahrt war, wann die Kühe und Geißen werfen würden,
-ob das Winterfutter kärglich oder reichlich war, welche Milch zu
-Käsen bestimmt war und welche im Haushalt verbraucht werden durfte --
-eine Fremde wurde von nichts eine Ahnung haben, und eine Fremde war
-vielleicht gar nicht aufzutreiben.
-
-Ach, aber oft schon hatte Axel doch daran gedacht, Barbro
-fortzuschicken und ein anderes Mädchen dafür zu nehmen; sie war
-zuweilen ein wahrer Zankapfel, und er fürchtete sich beinahe vor ihr.
-Selbst zu der Zeit, in der er das Unglück gehabt hatte, Glück bei
-ihr zu haben, war er bisweilen vor ihrer merkwürdig grimmigen und
-unliebenswürdigen Art zurückgewichen. Allein sie war schön und hatte
-auch ihre süßen Stunden und begrub ihn gut in ihren Umarmungen. Doch
-das war einmal, jetzt hatte es aufgehört. Nein, danke schön, diese
-elende Geschichte wollte sie nicht noch einmal durchmachen! Aber es ist
-nicht so leicht, sich und sein ganzes Leben umzuformen. Dann wollen wir
-sofort heiraten, sagte Axel dringend. -- Sofort? erwiderte sie. Nein,
-ich fahre zuerst in die Stadt und lasse meine Zähne herrichten. Ich
-habe sie ja vor lauter Zahnweh beinahe alle verloren.
-
-Da mußte es nun eben weitergehen wie seither; Barbro bekam keinen
-bestimmten Lohn mehr, aber sie bekam viel mehr als ihren Lohn, und
-sooft sie Geld begehrte und es auch erhielt, dankte sie dafür, als ob
-es ein Geschenk wäre. Übrigens begriff Axel nicht, wozu sie das Geld
-brauchte; was sollte sie hier auf dem Lande mit Geld? Sparte sie es
-zusammen? Aber wozu in aller Welt sparte sie jahraus, jahrein zusammen?
-
-Es war da sehr viel, was Axel nicht begriff: hatte sie denn nicht
-den Verlobungsring, ja sogar einen goldenen Ring bekommen? Es hatte
-ja auch lange Zeit nach diesem letzten großen Geschenk ein gutes
-Verhältnis zwischen ihnen geherrscht, aber in alle Ewigkeit wirkte es
-doch nicht, keineswegs, und er konnte ihr doch nicht immer wieder Ringe
-kaufen. Kurz und gut: wollte ihn Barbro nicht? Frauenzimmer sind doch
-merkwürdige Geschöpfe! Stand sonst noch irgendwo ein Mann mit schönem
-Viehstand und einem neuen Wohnhaus für sie bereit? Axel hatte alles
-Recht, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen über die Dummheit und
-Launenhaftigkeit der Weiber.
-
-Es war ganz merkwürdig, Barbro schien keinen andern Gedanken im Kopf zu
-haben als das Leben in der Stadt und in Bergen. Aber um Gottes willen,
-warum war sie dann überhaupt wieder herauf in den Norden gekommen?
-Ein Telegramm ihres Vaters allein hätte sie nicht dazu vermocht, auch
-nur einen Fuß vor den andern zu setzen, sie mußte einen andern Grund
-gehabt haben. Hier war sie doch Jahr um Jahr von morgens bis abends
-unzufrieden. Holzgeschirre statt solcher aus Blech und Eisen, Kessel
-statt Kasserollen; dieses ewige Melken statt eines Spaziergangs in die
-Meierei; Bauernstiefel, Schmierseife, einen Heusack unter dem Kopf,
-niemals Hornmusik, keine Menschen. Hier war sie ...
-
-Nach dem großen Zusammenstoß haderten sie noch oftmals miteinander.
-Sollen wir darüber schweigen oder sollen wir darüber reden? sagte
-Barbro. Du denkst wohl gar nicht mehr daran, was du meinem Vater
-angetan hast? sagte sie. -- Axel fragte: So, was habe ich denn getan?
--- Das weißt du selbst am besten, sagte sie. Aber Inspektor wirst du
-nun übrigens doch nicht. -- So. -- Nein, das glaube ich nicht, bis ich
-es sehe. -- Du meinst wohl, ich sei nicht klug genug dazu? -- Es ist
-ja ganz gut für dich, wenn du klug bist, aber du liest nicht und du
-schreibst nicht, du nimmst auch niemals nur eine Zeitung in die Hand.
--- Ich kann so viel lesen und schreiben, als ich nötig habe, sagte er;
-aber du bist nichts als ein großes Lästermaul. -- Da hast du deinen
-Ring! schrie sie und warf den silbernen Ring auf den Tisch. -- So,
-und wo ist denn der andere? fragte er nach einer Weile. -- Wenn du
-deine Ringe wiedernehmen willst, so kannst du sie haben, sagte sie und
-mühte sich, den goldenen Ring abzustreifen. -- Dein Zorn macht keinen
-Eindruck auf mich, sagte er und ging hinaus.
-
-Und natürlich trug sie sehr bald beide Ringe wieder.
-
-Es machte Barbro auf die Dauer auch nichts aus, daß er sie wegen des
-Todes des Kindes im Verdacht hatte. Ganz im Gegenteil, sie pfiff darauf
-und war hochmütig. Nicht als ob sie etwas eingestanden hätte, aber sie
-sagte: Ja, und wenn ich es auch ertränkt hätte! Du lebst hier in der
-Einöde und weißt nichts davon, wie es sonst in der Welt zugeht. -- Als
-sie wieder einmal über diese Frage sprachen, dachte sie, sie wolle ihm
-einen Begriff davon beibringen, daß er die Sache viel zu ernsthaft
-nehme; sie selbst legte einem Kindsmord nicht mehr Wichtigkeit bei, als
-er verdiente. Sie wußte von zwei Mädchen in Bergen zu erzählen, die
-ihre Kinder umgebracht hatten, und die eine hatte einige Monate Strafe
-erhalten, weil sie so dumm gewesen war und es nicht selbst umgebracht,
-sondern es ausgesetzt hatte, damit es erfrieren sollte, und die andere
-war freigesprochen worden. Nein, das Gesetz ist jetzt hierin nicht mehr
-so unmenschlich wie früher, sagte Barbro. Und außerdem kommt es auch
-gar nicht immer heraus, sagte sie. Eines der Mädchen, die im Hotel in
-Bergen dienten, hat zwei Kinder umgebracht; sie war aus Christiania
-und trug einen Hut mit Federn darauf. Für das letzte Kind bekam sie
-drei Monate, aber das mit dem ersten ist nicht herausgekommen, erzählte
-Barbro.
-
-Axel hörte zu, und es graute ihm immer mehr vor ihr. Er suchte zu
-begreifen, suchte in dieser Finsternis irgend etwas zu erkennen, aber
-im Grunde hatte sie recht. Er nahm die Sache viel zu ernsthaft. Sie
-war mit all ihrer banalen Verderbtheit eines ernsthaften Gedankens
-gar nicht wert. Ein Kindsmord war für sie gar kein Begriff, hatte
-gar nichts Außerordentliches an sich, es war nur der Ausschlag der
-ganzen moralischen Sittenlosigkeit und des Leichtsinns, der von einem
-Dienstmädchen zu erwarten war. Das zeigte sich auch in den Tagen,
-die darauf folgten: da gab es keine Stunde des Nachdenkens, sie war
-genau wie früher voll überflüssigen Geschwätzes, ganz Dienstmädchen.
-Ich muß fort wegen meiner Zähne, sagte sie. Und dann sollte ich ein
-Mantlett haben. Ein „Mantlett” war eine Art kurzen Kragens, der nur bis
-zur Mitte reichte, das war einige Jahre lang Mode gewesen, und Barbro
-wollte auch ein Mantlett haben.
-
-Wenn Barbro alles so selbstverständlich hinnahm, was blieb Axel dann
-übrig, als sich auch zu beruhigen? Sein Verdacht stand auch nicht
-immer ganz fest, und sie gestand ja niemals etwas ein, im Gegenteil,
-sie hatte einmal ums andere alle Schuld geleugnet, ohne Zorn, ohne
-Halsstarrigkeit, aber zum Henker, genau so, wie ein Dienstmädchen
-leugnet, eine Schüssel zerschlagen zu haben, selbst wenn sie es getan
-hat. Ein paar Wochen vergingen, dann wurde es Axel doch zuviel,
-er blieb eines Tages mitten in der Stube stehen und hatte eine
-Offenbarung. Aber du großer Gott, alle hatten doch ihren Zustand
-gesehen, daß sie rund und dick und in anderen Umständen war! Und jetzt
-war sie wieder schlank, wo aber war das Kind? Wenn nun alle Menschen
-kämen und suchten? Sie würden eines Tages eine Erklärung verlangen.
-Und wenn also nichts Schlimmes geschehen war, so wäre es viel besser
-gewesen, die Leiche auf dem Friedhof zu begraben. Dann wäre sie fort
-aus dem Gebüsch, fort aus Maaneland.
-
-Nein, das hätte mir nur Unannehmlichkeiten bereitet, erklärte Barbro.
-Sie hätten das Kind geöffnet, und es hätte ein Verhör gegeben. Das
-wollte ich nicht haben.
-
-Wenn es nur später nicht viel schlimmer wird, sagte er.
-
-Barbro entgegnete: Warum denkst du so viel darüber nach? Laß es doch im
-Gebüsch! Ja, sie fragte lächelnd: Meinst du vielleicht, es komme hinter
-dir her? Du mußt nur den Mund halten und dich nicht mehr darum kümmern.
-
-So, na ja.
-
-Habe ich vielleicht das Kind ertränkt? Nein, es hat sich selbst
-ertränkt, als ich ins Wasser fiel. Es ist ja unglaublich, was du für
-Gedanken hast! Und außerdem kommt es nie heraus, sagte sie.
-
-Mit Inger von Sellanraa ist es doch auch herausgekommen, wie ich gehört
-habe, wendete er ein.
-
-Barbro dachte nach. Das beunruhigt mich gar nicht! sagte sie. Das
-Gesetz ist seither anders geworden; wenn du die Zeitung lesen würdest,
-hättest du es gesehen. Viele kriegen Kinder und töten sie, und niemand
-tut ihnen deshalb weiter etwas zuleide! Barbro sucht ihm das zu
-erklären, und sie versteht etwas von der Sache, sie ist nicht umsonst
-draußen in der Welt gewesen und hat viel gehört und gesehen und
-gelernt; jetzt saß sie vor ihm und war gescheiter als er. Sie hatte
-drei Hauptgründe, die sie immer wieder vorbrachte: erstens hatte sie es
-nicht getan, zweitens wäre es gar nicht so gefährlich, selbst wenn sie
-es getan hätte, und drittens würde es niemals herauskommen.
-
-Ich habe gemeint, es komme alles heraus, wendete er ein.
-
-O nein, bei weitem nicht! entgegnete sie. Und ob sie ihn nun verblüffen
-oder ihm Mut machen wollte, oder ob es aus Eitelkeit oder aus
-Großtuerei geschah, sie ließ in diesem Augenblick eine Bombe platzen:
-Ich habe selbst etwas getan, das nicht herausgekommen ist, sagte sie.
-
-Du? sagte er ungläubig. Was hast du denn getan?
-
-Was ich getan habe? Ich habe getötet.
-
-Vielleicht hatte sie nicht beabsichtigt, ganz so weit zu gehen, jetzt
-mußte sie aber noch weiter gehen, er saß ja da und starrte sie an. Ach,
-es war nicht einmal grenzenlose Frechheit von ihr, es war Zanksucht,
-Großtuerei, sie wollte überlegen sein und das letzte Wort behalten:
-Glaubst du mir nicht? rief sie. Erinnerst du dich an die Kindsleiche im
-Hafen? Die hatte ich hineingeworfen.
-
-Was! rief er.
-
-Die Kindsleiche damals. Du weißt auch gar nichts mehr! Wir haben doch
-in der Zeitung davon gelesen.
-
-Nach einer Weile brach er los: Du bist ein entsetzliches Weib!
-
-Aber seine Verwirrung stärkte sie, flößte ihr eine Art unnatürlicher
-Kraft ein, so daß sie Einzelheiten berichten konnte: Ich hatte es mit
-in meinem Koffer -- ja, es war tot, das hatte ich gleich getan, als es
-geboren war. Und als wir in den Hafen kamen, warf ich es hinaus.
-
-Axel saß finster und schweigend da; aber Barbro redete weiter, das sei
-jetzt schon lange her, schon mehrere Jahre, es sei damals gewesen, als
-sie nach Maaneland kam. Da könne er sehen, daß nicht alles herauskomme,
-bei weitem nicht alles. Was er meine, wie das wäre, wenn alles
-herauskäme, was alle Leute täten? Und was erst die verheirateten Leute
-in der Stadt täten! Die brächten ihre Kinder um, ehe sie geboren seien,
-es gebe besondere Ärzte dafür. Diese Leute wollten nicht mehr als ein
-Kind, höchstens zwei Kinder haben, und darum tötete es der Doktor im
-Mutterleib. Axel könne ihr glauben, daß das draußen in der Welt nicht
-schwer genommen werde.
-
-Axel fragte: Na, dann hast du wohl das zweite Kind auch umgebracht?
-
-Nein, erwiderte sie äußerst gleichgültig. Das habe ich nicht nötig
-gehabt, sagte sie. Aber sie kam noch einmal darauf zurück, daß es gar
-nicht so gefährlich gewesen wäre. Sie schien daran gewöhnt, dieser
-Frage in die Augen zu sehen, deshalb blieb sie so gleichgültig dabei.
-Beim erstenmal war es allerdings vielleicht etwas grausig, ein klein
-wenig unheimlich für sie gewesen, ein Kind umzubringen, aber das
-zweitemal? Sie konnte mit einer Art von geschichtlichem Gefühl an die
-Tat denken: das war geschehen und geschah auch wieder.
-
-Mit schwerem Kopf verließ Axel die Stube. Es focht ihn weiter nicht
-sehr an, daß Barbro ihr erstes Kind umgebracht hatte; das ging ihn
-nichts an. Und daß sie dieses Kind überhaupt gehabt hatte, darüber war
-auch nicht viel zu sagen. Eine Unschuld war sie nicht gewesen, und
-sie hatte sich auch nicht dafür ausgegeben, im Gegenteil, sie hatte
-ihre Erfahrenheit durchaus nicht verborgen und ihn sogar in manchem
-dunkeln Spiel unterwiesen. Gut. Aber dieses letzte Kind hätte er gerne
-behalten, ein kleiner Junge, ein weißes Geschöpfchen in einen Lappen
-gewickelt! Wenn sie schuld war an des Kindes Tod, so hatte sie ihm ein
-Unrecht zugefügt, ein Band zerschnitten, das ihm wertvoll war, und das
-ihm nie mehr ersetzt wurde. Aber es konnte ja sein, daß er ihr unrecht
-tat, daß sie wirklich im Bach ausgeglitten war und sich nicht mehr
-aufrichten konnte. Allerdings, der Lappen war ja da, das halbe Hemd,
-das sie mitgenommen hatte ...
-
-Die Stunden gingen auch jetzt hin, es wurde Mittag und es wurde
-Abend. Und als Axel zu Bett gegangen war und lange genug ins Dunkel
-hineingestarrt hatte, schlief er ein und schlief bis an den Morgen. Ein
-neuer Tag brach an, und nach diesem Tag kamen noch andere Tage.
-
-Barbro blieb immer dieselbe. Sie wußte sehr viel von der Welt und
-behandelte solche Kleinigkeiten, die hier auf dem Lande Gefahren
-waren und Schrecken verbreiteten, mit Gleichgültigkeit. Das war auch
-wieder tröstlich, sie war gescheit für beide, unbesorgt für beide.
-Übrigens sah sie auch nicht aus wie ein gefährlicher Mensch. Barbro
-ein Ungeheuer? Keine Spur. Sie war im Gegenteil ein schönes Mädchen,
-blauäugig mit einem Stumpfnäschen, und die Arbeit ging ihr flink von
-der Hand. Die Ansiedlung war ihr nur ein wenig verleidet, und verleidet
-waren ihr auch die Holzgeschirre, die sooft gescheuert werden mußten,
-und vielleicht war ihr auch der ganze Axel verleidet und das ganze
-verflucht zurückgezogene Leben, das sie führte. Aber sie brachte keines
-der Tiere um und stand auch nicht bei Nacht mit gezücktem Messer über
-ihm.
-
-Nur noch einmal kam es dazu, daß die beiden über die Kindsleiche
-draußen im Walde miteinander sprachen. Axel wiederholte noch einmal,
-sie hätte auf dem Kirchhof begraben und mit Erde bedeckt werden sollen,
-aber Barbro blieb auch jetzt dabei, daß ihre Handlungsweise ganz recht
-gewesen sei. Bei dieser Gelegenheit sagte sie etwas, das zeigte, daß
-auch sie überlegte, ho, und schlau war, und weiter sah, als ihre Nase
-reichte, ja, daß sie mit einem kleinen ärmlichen Negergehirn dachte:
-Und wenn es auch aufkommt, dann spreche ich mit dem Lensmann, ich habe
-bei ihm gedient, und die Frau Heyerdahl hilft mir. Es stehen nicht alle
-so gut wie ich, und sie werden doch freigesprochen. Und außerdem steht
-Vater gut mit den großen Herren, er ist Gerichtsbote und alles, was
-drum und dran ist.
-
-Axel schüttelte nur den Kopf.
-
-Du glaubst es nicht?
-
-Was du dir einbildest, daß dein Vater ausrichten könne!
-
-Was weißt denn du davon? rief sie ärgerlich. Denk daran, daß du ihn ins
-Elend gebracht hast, du hast ihm seinen Hof und seinen Lebensunterhalt
-genommen!
-
-Sicherlich hatte sie eine Art Vorstellung davon, daß ihres Vaters
-Ansehen in der letzten Zeit eingebüßt hatte und daß dies zum Schaden
-für sie selbst ausschlagen könnte. Was sollte Axel darauf antworten? Er
-schwieg. Er war ein Mann des Friedens, ein Mann der Arbeit.
-
-
-
-
-3
-
-
-Als es dem Winter zuging, war Axel wieder der einzige Mensch auf
-Maaneland. Barbro war gegangen. Ja, das war das Ende. Ihre Reise in die
-Stadt solle nicht lange dauern, sagte sie. Es sei ja keine Reise nach
-Bergen, aber sie wolle nicht einen Zahn nach dem andern verlieren und
-einen Mund bekommen wie ein Kalb. Was das kosten werde? fragte Axel. --
-Wie kann ich das wissen? erwiderte sie. Dich wird's jedenfalls nichts
-kosten, ich werde es abverdienen.
-
-Sie hatte ihm auch auseinandergesetzt, warum es am besten sei, wenn
-sie die Reise jetzt mache; jetzt seien nur zwei Kühe zu melken, bis
-zum Frühjahr würden noch zwei kalben und auch die Geißen Junge werfen,
-die Heuernte würde kommen, die Arbeit würde drängen bis über den Juni
-hinaus. -- Tu, was du willst, sagte Axel.
-
-Die Sache sollte ihn nichts kosten, gar nichts. Aber sie müsse doch
-etwas Geld haben, nur eine kleine Summe; sie brauche Geld zur Reise
-und für den Zahnarzt, außerdem brauche sie ein Mantlett und noch
-verschiedenes andere, aber das müsse ja nicht sein, wenn es ihm
-unangenehm sei. -- Du hast bis jetzt schon Geld genug bekommen, sagte
-Axel. -- So, erwiderte sie. Das ist aber jedenfalls nicht mehr da. --
-Hast du denn nichts zurückgelegt? -- Zurückgelegt? Du kannst ja in
-meiner Kiste nachsuchen. Ich habe auch in Bergen nichts zurückgelegt,
-und dort hatte ich doch einen viel größeren Lohn. -- Ich habe kein Geld
-für dich, sagte er.
-
-Axel hatte keinen rechten Glauben daran, daß Barbro von dieser
-Reise zurückkommen werde, und sie hatte seine Geduld mit ihrer
-Unliebenswürdigkeit so über alle Maßen geprüft, daß er anfing, ihrer
-überdrüssig zu werden. Es gelang ihr schließlich auch nicht, eine
-nennenswerte Summe aus ihm herauszuwinden, aber er sah durch die
-Finger, als sie sich einen ungeheuren Mundvorrat einpackte, ja, er
-selbst fuhr sie und ihre Kiste hinunter ins Dorf zum Postboot.
-
-Nun war es also geschehen.
-
-Er hätte ganz gut wieder allein auf der Ansiedlung sein können, er war
-es von früher her gewöhnt, aber er war jetzt durch seinen Viehstand
-allzusehr gebunden, und wenn er einmal von Hause abwesend sein mußte,
-waren die Tiere nicht versorgt. Der Kaufmann hatte ihm geraten, sich
-Oline kommen zu lassen, sie sei doch einmal mehrere Jahre auf Sellanraa
-gewesen, allerdings sei sie jetzt alt, aber noch rührig und arbeitsam.
-Ja, Axel hatte nach Oline geschickt, aber sie war nicht gekommen, und
-er hatte auch nichts von ihr gehört.
-
-Während Axel auf sie wartet, fällt er Holz im Walde, drischt seine
-kleine Kornernte und besorgt seinen Viehstand. Es war einsam und still
-um ihn. Ab und zu kam Sivert von Sellanraa vorbei auf der Fahrt ins
-Dorf oder vom Dorf zurück; hinunter führte er Brennholz oder Häute oder
-Käse, aber zurück kam er fast immer leer, der Hof Sellanraa brauchte
-nicht viel Waren zu kaufen.
-
-Dann und wann kam auch Brede Olsen an Maaneland vorbei und in der
-letzten Zeit häufiger als sonst -- wer konnte wissen, was er hier so
-eifrig, so fleißig zu laufen hatte! Es war, als ob er sich noch in den
-letzten Wochen an der Telegraphenlinie unentbehrlich machen und den
-Posten behalten wolle. Seit Barbro abgereist war, kam er nie mehr zu
-Axel herein, sondern ging nur rasch vorbei, und das war doch vielleicht
-ein gar zu arger Hochmut von ihm, da er immer noch auf Breidablick
-wohnen blieb und nicht abgezogen war. Eines Tages, als er vorbeigehen
-wollte, ohne auch nur zu grüßen, hielt ihn Axel an und fragte, bis wann
-er den Hof zu räumen gedenke. -- Auf welche Weise hast du dich von
-Barbro getrennt? fragte Brede dagegen. Das eine Wort gab das andere:
-Du hast sie ohne alle Mittel fortgeschickt. Es war nahe daran, daß sie
-nicht einmal bis Bergen gekommen wäre.
-
-So, sie ist also in Bergen? -- Ja, schließlich sei sie hingekommen,
-schreibt sie, aber dir hat sie nicht dafür zu danken. -- Ich werde dich
-jetzt sofort aus Breidablick hinauswerfen, sagte Axel. -- Ja, weil du
-seither so gutherzig gewesen bist, erwiderte der andere spöttisch. Nach
-Neujahr werfen wir uns selbst hinaus, fuhr er fort und ging dann seines
-Weges.
-
-So, Barbro war nach Bergen gereist, es war also genau so gegangen,
-wie Axel sich gedacht hatte. Er war nicht betrübt darüber. Betrübt?
-Weit entfernt, sie war ein Zankteufel, aber bis jetzt hatte er doch
-noch nicht alle Hoffnung aufgegeben gehabt, sie würde doch vielleicht
-wiederkommen. Er wußte beim Henker nicht, wie es zuging, er hing doch
-ein bißchen zu fest an dieser Person, an diesem Ungeheuer; zuzeiten
-konnte sie ihre süßen Stunden haben, unvergeßliche Stunden, und gerade,
-um sie daran zu hindern, ganz bis Bergen durchzubrennen, war er beim
-Abschied mit Geld so geizig gewesen. Und nun war sie doch auf und
-davon gegangen. Von ihren Kleidern hing noch dies und das da, und ein
-Strohhut mit einem Flügel darauf lag in Papier gehüllt droben auf
-dem Bodenraum; aber sie kam nicht, ihr Eigentum zu holen. Ach ja,
-vielleicht war er doch ein wenig betrübt! Wie Spott und Hohn erschien
-es ihm, daß er immer noch ihre Zeitung erhielt, und das würde wohl auch
-vor Neujahr nicht aufhören.
-
-Aber schließlich hatte er doch an anderes zu denken, er mußte ein Mann
-sein.
-
-Im Frühjahr mußte er an der Nordwand des Neubaus eine Scheune anfügen,
-jetzt im Winter mußten die Stämme dazu gefällt und die Bretter gesägt
-werden. Axel hatte keinen zusammenhängenden Wald mit großen Bäumen,
-aber da und dort standen auf seinem Grund und Boden mächtige Föhren,
-und er suchte sich solche am Wege nach Sellanraa aus, damit sich das
-Hinschaffen der Stämme nach dem Sägewerk leichter bewerkstelligen ließe.
-
-Eines Morgens füttert er sein Vieh sehr reichlich, damit es bis zum
-Abend aushalten kann, schließt die Türen hinter sich zu und geht
-in den Wald; außer Axt und Mundvorrat nimmt er noch eine hölzerne
-Schneeschaufel mit. Das Wetter ist mild, gestern tobte ein schwerer
-Sturm mit Niederschlägen, aber heute ist es still. Er geht den ganzen
-Weg an der Telegraphenlinie entlang, bis er zur Stelle ist; dort zieht
-er seine Jacke aus und fängt an zu hacken. Jeden Baum, den er fällt,
-zweigt er sofort ab, haut die Stämme glatt und schichtet Zweige und
-Äste auf Haufen.
-
-Brede Olsen kommt den Weg herauf, dann ist also die Linie wohl durch
-den gestrigen Sturm in Unordnung geraten. Aber vielleicht lief Brede
-auch ohne besonderen Grund die Linie ab, er war sehr eifrig im Dienst
-geworden, er hatte sich also doch gebessert. Die Männer sprachen nicht
-miteinander und grüßten sich auch nicht.
-
-Axel merkt wohl, daß das Wetter im Begriff ist umzuschlagen, der
-Wind wird immer stärker, aber Axel arbeitet nur eifrig weiter. Die
-Mittagsstunde ist längst vorbei, aber er hat noch nichts gegessen.
-Jetzt eben fällt er eine große Föhre, und diese schlägt ihn in ihrem
-Fall zu Boden. Wie ist das zugegangen? Unglück war unterwegs. Eine
-Riesenföhre schwankt auf ihrer Wurzel, der Mensch bestimmt ihr eine
-Seite zum Fallen, der Sturm eine andere. Der Mensch verliert. Es wäre
-noch angegangen, allein der Schnee deckte den unebenen Boden, Axel trat
-fehl, sprang auf die Seite und kam mit einem Bein in eine Felsspalte,
-nun lag er zwischen Felsen eingeklemmt und hatte eine große Föhre über
-sich.
-
-Jawohl, es hätte trotzdem noch angehen können, allein er lag so
-ausgesucht verdreht, allerdings, soweit er fühlen konnte, mit ganzen
-Gliedern, aber schief und ohne eine Möglichkeit, sich unter dem
-schweren Gewicht hervorzuarbeiten. Nach einer Weile hatte er die eine
-Hand frei, auf der andern aber liegt er, und er kann die Axt nicht
-erreichen. Er sieht sich um und überlegt, wie jedes gefangene Tier es
-auch gemacht hätte, sieht sich um und überlegt und arbeitet und müht
-sich unter dem Baum ab. Brede muß in einiger Zeit auf dem Rückweg
-wieder vorbeikommen, denkt er und müht sich ab und atmet schwer.
-
-Im Anfang nimmt Axel die Sache leicht und ist nur ärgerlich, daß er
-durch diesen Zufall, dieses elende Ungefähr festgehalten ist, er ist
-keine Spur besorgt für seine Gesundheit und noch weniger für sein
-Leben. Allerdings fühlt er, daß die Hand, auf der er liegt, allmählich
-gefühllos wird, und auch das Bein in der Felsenspalte wird kalt und
-auch gefühllos, aber das geht ja immer noch an. Brede kommt wohl bald.
-
-Aber Brede kommt nicht.
-
-Der Sturm nimmt zu und treibt Axel den Schnee gerade ins Gesicht. Jetzt
-wird's Ernst! denkt er, ist aber immer noch unbekümmert, ja, es ist
-beinahe, als ob er sich selbst durch den Schnee zublinzle: Aufgepaßt,
-jetzt wird's nämlich Ernst! Nach einer langen Weile stößt er einen
-einzelnen Hilferuf aus. Der ist wohl bei dem Sturm nicht weit zu
-hören, aber er geht die Linie entlang zu Brede. Axel liegt da mit ganz
-wertlosen Gedanken: wenn er doch nur die Axt erreichen könnte, dann
-könnte er sich vielleicht freihacken! Wenn er nur die Hand hervorziehen
-könnte! Diese lag auf etwas Spitzem, einem Stein, und der bohrte sich
-langsam und höflich allmählich in den Handrücken ein. Wenn nur dieser
-verflixte Stein weg gewesen wäre! Aber noch niemals hat jemand von
-einem Stein einen rührenden Zug berichten können.
-
-Die Zeit vergeht, das Schneetreiben wird schlimmer. Axel wird
-zugeschneit; er ist ganz hilflos, der Schnee legt sich harmlos und
-unschuldig auf sein Gesicht, eine Weile schmilzt er, dann wird das
-Gesicht kalt, und der Schnee schmilzt nicht mehr. Nun wird es wirklich
-Ernst!
-
-Jetzt stößt er zwei laute Hilferufe aus und horcht dann hinaus.
-
-Nun wird auch seine Axt zugeschneit, er sieht nur noch ein Stückchen
-Schaft hervorragen. Dort drüben hängt sein Beutel mit dem Mundvorrat;
-hätte er ihn nur erreichen können, dann hätte er etwas gegessen,
-einen ordentlichen Happen. Und wenn er schon in seinen Ansprüchen an
-das Leben so dreist war, so konnte er sich gleich auch seine Jacke
-herwünschen, denn es wird kalt. Wieder stößt er einen gewaltigen Ruf
-aus.
-
-Da steht Brede. Er ist stehengeblieben und sieht hinüber zu dem
-rufenden Mann, er bleibt nur einen Augenblick stehen und sieht hinüber,
-wie um zu ergründen, was los ist. Komm her und gib mir meine Axt! ruft
-Axel etwas kläglich. -- Brede sieht weg, er hat ergründet, was los ist,
-jetzt schaut er in die Höhe zu dem Telegraphendraht hinauf und will
-augenscheinlich anfangen zu pfeifen! War er denn verrückt? -- Komm her
-und gib mir die Axt, ich liege unter einem Baum! wiederholte Axel etwas
-lauter als vorher. Aber Brede hat sich so sehr gebessert und ist so
-eifrig in seinem Dienste, daß er nichts sieht als den Telegraphendraht
-und nur eifrig pfeift. Und wohlgemerkt, munter und rachgierig pfeift
-er! -- So, du willst mich umbringen und mir nicht einmal die Axt
-reichen! ruft Axel. -- Aber jetzt muß Brede offenbar notwendig noch
-weiter die Linie entlang gehen und nach dem Draht schauen, und er
-verschwindet im Schneetreiben.
-
-So, na ja! Aber jetzt wäre es doch ein rechter Staatsstreich, wenn Axel
-sich selbst so weit frei machte, daß er die Axt erreichen könnte!
-Er spannt Leib und Brust an, um die ungeheure Last zu heben, die
-ihn daniederhält, er bewegt den Baum, schüttelt ihn, erreicht aber
-damit nur, daß noch mehr Schnee auf ihn herabrieselt. Nach einigen
-vergeblichen Versuchen gibt er es auf.
-
-Es fängt an zu dunkeln. Brede ist gegangen, aber wie weit kann er
-inzwischen gekommen sein? Nicht sehr weit, Axel ruft wieder und redet
-dabei von der Leber weg: Willst du mich hier einfach liegenlassen, du
-Mörder? ruft er. Denkst du nicht an deiner Seelen Seligkeit? Du weißt,
-du könntest für eine einzige kleine Handreichung eine Kuh von mir
-bekommen, aber du bist ein Hund, Brede, und du willst mich umbringen!
-Aber ich werde dich anzeigen, so wahr ich hier liege, merk dir's!
-Kannst du nicht herkommen und mir die Axt geben?
-
-Stille. Axel strengt sich wieder unter seinem Baume an, hebt ihn ein
-wenig mit dem Leib und erreicht damit, daß immer noch mehr Schnee auf
-ihn herunterfällt. Dann ergibt er sich in sein Schicksal und seufzt,
-matt und schläfrig wird er auch. Sein Vieh steht jetzt in der Gamme und
-brüllt, es hat seit heute morgen nicht naß und nicht trocken bekommen,
-Barbro füttert es nicht mehr, sie ist davongelaufen, mit beiden
-Fingerringen noch dazu. Es wird dunkel, jawohl, es wird Abend, und es
-wird Nacht, aber das ginge ja noch an, allein es wird auch kalt, sein
-Bart vereist, seine Augen werden auch bald vereisen, die Jacke dort am
-Baume würde ihm guttun, und ist es denn möglich, das eine Bein ist bis
-zur Hüfte wie tot? Alles steht in Gottes Vaterhand! sagt er, er kann
-augenscheinlich ganz fromm reden, wenn er will. Es wird dunkel, jawohl,
-er kann auch ohne angezündete Lampe sterben! Er wird ganz weich und
-gut, und um recht demütig zu sein, lächelt er freundlich und albern
-ins Unwetter hinein, es ist ja der Schnee des Herrn, der unschuldige
-Schnee! Ja, er kann es ja auch lassen, Brede anzuzeigen.
-
-Er wird still und immer schläfriger, ganz lahm, als ob er vergiftet
-wäre, er sieht so viel Weiß vor den Augen, Wälder und Ebenen, große
-Schwingen, weiße Schleier, weiße Segel, weiß, weiß -- was kann das
-sein? Unsinn, er weiß ganz gut, daß das Schnee ist, er liegt im Freien,
-es ist kein Wahn, daß er unter einem Baum begraben ist. Dann ruft
-er wieder aufs Geratewohl, brüllt, da unten im Schnee liegt seine
-gewaltige haarige Brust und brüllt, es muß bis in die Gamme bei dem
-Vieh zu hören sein, er brüllt ein ums andere Mal. Du bist ein Schwein,
-ein Untier! ruft er Brede nach. Hast du bedacht, was du tust, wenn du
-mich so verkommen läßt? Willst du mir die Axt geben? frag ich. Bist du
-ein gemeines Vieh oder ein Mensch? Aber Glück zu, wenn es deine Absicht
-ist, mich hier liegenzulassen --
-
-Er muß geschlafen haben, er liegt ganz steif und leblos da, aber seine
-Augen stehen offen, zwar mit Eis umrändert, aber offen, er kann nicht
-damit blinzeln; hat er mit offenen Augen geschlafen? Vielleicht hat
-er nur ein paar Minuten oder auch eine Stunde geschlummert, Gott weiß
-es, aber jetzt steht Oline da. Axel hört, daß sie fragt: Im Namen Jesu
-Christi, lebst du noch? Und weiter fragt sie, warum er da liege, ob er
-verrückt sei? Jedenfalls steht Oline da.
-
-Ja, Oline hat etwas Witterndes, etwas Schakalartiges, sie taucht auf,
-wenn ein Unglück um den Weg ist, sie hat eine sehr scharfe Witterung.
-Wie hätte Oline im Leben vorwärtskommen können, wenn sie nicht so
-eifrig gewesen wäre und keine so scharfe Witterung gehabt hätte? Jetzt
-hatte sie also Axels Botschaft erhalten und war trotz ihrer siebzig
-Jahre über das Gebirge gekommen, um ihm zu helfen. Gestern hat sie der
-Sturm in Sellanraa festgehalten, heute kam sie nach Maaneland, fand
-niemand zu Hause, fütterte das Vieh, trat unter die Tür und horchte
-hinaus, melkte das Vieh, lauschte dann wieder, sie begriff gar nicht --
-
-Da hörte sie rufen und sagte sich: Entweder ist es der Axel oder einer
-der Unterirdischen, in beiden Fällen ist es der Mühe wert, ein wenig
-nachzusehen, die ewige Weisheit des Allmächtigen in so viel Unruhe im
-Walde zu ergründen -- und mir tut er nichts, ich bin nicht wert, ihm
-die Schuhriemen zu lösen --
-
-Hier steht sie nun.
-
-Die Axt? Oline gräbt und gräbt im Schnee und findet die Axt nicht.
-Sie versucht ohne Axt fertig zu werden und gibt sich Mühe, den Baum,
-so wie er daliegt, zu heben; aber sie ist wie ein kleines Kind und
-vermag nur die äußersten Zweige zu schütteln. Sie sucht wieder nach
-der Axt, es ist finster, aber sie gräbt mit Händen und Füßen. Axel
-kann nicht deuten, er kann nur sagen, wo die Axt einmal gelegen hatte,
-aber da ist sie nicht mehr. Wenn es nur nach Sellanraa nicht so weit
-wäre! sagt Axel. Aber nun fängt Oline an, nach ihrem eigenen Kopf zu
-suchen, und Axel ruft ihr zu, nein, nein, dort sei sie nicht. -- Nein,
-nein, sagt Oline, ich will nur überall nachsehen. Und was ist denn
-das? fragt sie. -- Hast du sie gefunden? fragt Axel. -- Ja, mit des
-Allmächtigen Beistand erwidert Oline hochtrabend. Aber Axel ist nicht
-sehr hochgemut, er gibt zu, daß er vielleicht nicht recht bei Verstand
-sei, er ist beinahe fertig. Und was denn Axel mit der Axt wolle? Er
-könne sich ja nicht rühren, sie, Oline, müsse ihn loshacken. Oh, Oline
-habe schon mehr Äxte in der Hand gehabt, habe schon mehr als einmal in
-ihrem Leben Holz gespalten!
-
-Axel kann nicht gehen, das eine Bein ist ihm bis zur Hälfte wie
-abgestorben, der Rücken ist ihm wie gerädert, heftige Stiche bringen
-ihn beinahe zum Heulen, im ganzen genommen fühlt er sich kaum als
-lebendiger Mensch, ein Teil von ihm liegt immer noch unter dem Baum.
-Es ist so sonderbar, und ich verstehe es nicht, sagt er. Oline versteht
-es gut und erklärt das Ganze mit wunderbaren Worten: ja, sie hat einen
-Menschen vom Tode errettet, und so viel weiß sie, der Allmächtige hat
-sie als sein geringes Werkzeug gebraucht, er hat keine himmlischen
-Heerscharen schicken wollen. Ob Axel nicht seinen weisen Ratschluß
-erkenne? Und wenn der Herr einen Wurm in der Erde hätte zu Hilfe
-schicken wollen, so hätte er das tun können. -- Ja, das weiß ich wohl,
-aber es ist mir so sonderbar zumut, sagte Axel. -- Sonderbar? Er
-solle nur ein ganz klein wenig warten, sich bewegen, sich vorbeugen
-und wieder aufrichten, ja, so, immer nur ein wenig auf einmal, seine
-Gelenke seien eingerostet und abgestorben, er solle seine Jacke
-anziehen, damit er warm werde. In ihrem ganzen Leben werde sie nun und
-nimmer den Engel des Herrn vergessen, der sie das letztemal vor die Tür
-gerufen habe -- und da hörte sie Rufe aus dem Walde. Es sei wie in den
-Tagen des Paradieses gewesen, als mit Posaunen geblasen wurde bei den
-Mauern von Jericho.
-
-Wunderbar! Aber während dieses Geschwätzes hat Axel Zeit, er übt seine
-Gelenke und lernt gehen.
-
-Langsam geht's dem Hause zu, Oline ist immer noch der Retter in der
-Not und stützt Axel. So geht es ganz gut. Als sie ein Stück Weges
-hinuntergekommen sind, begegnen sie Brede. -- Was ist denn das? fragt
-Brede. Bist du krank? Soll ich dir helfen? sagt er. -- Axel schweigt
-abweisend. Er hat Gott gelobt, sich nicht zu rächen und Brede nicht
-anzuzeigen, aber weiter ist er nicht gegangen. Und weshalb war Brede
-nun wieder auf dem Wege bergauf? Hatte er gesehen, daß Oline nach
-Maaneland gekommen war, und begriffen, daß sie die Hilferufe hören
-mußte? -- So, du bist da, Oline? sagt Brede geschwätzig. Wo hast du
-ihn gefunden? Unter einem Baum? Ja, ist es nicht sonderbar mit uns
-Menschen! legt er los. Ich sah eben die Telegraphenlinie nach, da
-hörte ich rufen. Wer sich sofort auf die Beine machte, das war ich;
-ich wollte Hilfe leisten, falls es nötig sein sollte. Also du bist es
-gewesen, Axel? Und du hast unter einem Baum gelegen? -- Jawohl, und du
-hast es gehört und gesehen, als du herunterkamst, aber du bist an mir
-vorbeigegangen, antwortete Axel. -- Gott sei mir Sünder gnädig! ruft
-Oline über solch schwarze Bosheit. -- Brede erklärt, wie es gewesen
-sei. Dich gesehen? Ich hab' dich gut gesehen. Aber du hättest mich doch
-rufen können, warum hast du nicht gerufen? Ich sah dich ausgezeichnet,
-aber ich dachte, du hättest dich ein wenig zum Ausruhen hingelegt. --
-Willst du den Mund halten! ruft Axel drohend. Du hast mich absichtlich
-liegenlassen.
-
-Oline sieht ein, daß Brede jetzt nicht eingreifen darf, das würde
-ihre eigene Unentbehrlichkeit verringern und ihr Rettungswerk nicht
-mehr ganz vollständig erscheinen lassen. Sie verhinderte Brede, Axel
-hilfreiche Hand zu reichen, ja, er darf nicht einmal den Rucksack oder
-die Axt tragen. Oh, in diesem Augenblick ist Oline vollständig auf
-Axels Seite; wenn sie später einmal zu Brede kommt und hinter einer
-Schale Kaffee sitzt, wird sie ganz auf seiner Seite sein. -- Laß mich
-doch wenigstens die Axt oder die Schneeschaufel tragen, sagt Brede.
--- Nein! erwidert Oline an Axels Statt. Die will er selbst tragen. --
-Brede bleibt dabei: Du hättest mich doch rufen können, Axel. Wir sind
-doch nicht so verfeindet, daß du mir das Wort nicht hättest gönnen
-können. Du hast gerufen? So, dann hättest du lauter rufen müssen, du
-mußt doch wissen, was für ein Schneesturm tobte. Und außerdem hättest
-du mir mit der Hand winken können. -- Ich hatte keine Hand frei, mit
-der ich hätte winken können, erwidert Axel. Du hast wohl gesehen, daß
-ich wie gefesselt dalag. -- Nein, das hab' ich nicht gesehen. So etwas
-ist mir doch noch nie vorgekommen! Laß mich doch deine Sachen tragen,
-hörst du! -- Oline sagt: Laß Axel in Frieden! Er ist krank.
-
-Aber jetzt hat auch Axels Hirn sich wieder erholt. Er hat schon früher
-allerlei von der alten Oline gehört und begreift, daß sie für alle
-Zukunft teuer und lästig für ihn werden würde, wenn sie die einzige
-wäre, die ihm das Leben gerettet hatte. Er will den Triumph ein wenig
-verteilen, Brede darf wirklich den Rucksack und die Werkzeuge tragen,
-ja, Axel ließ ein Wort fallen, daß ihm das eine Erleichterung sei, daß
-es ihm wohltue. Allein Oline will sich nicht darein finden, sie zerrt
-an dem Rucksack und erklärt, daß sie und sonst niemand tragen werde,
-was zu tragen sei. Die schlaue Einfalt ist im Streit von allen Seiten.
-Axel steht einen Augenblick ohne Stütze da, und Brede muß wahrhaftig
-den Rucksack fahren lassen, um Axel zu stützen, obgleich dieser gar
-nicht mehr wankt.
-
-Und nun geht es in der Weise weiter, daß Brede den schwachen Mann
-stützt und Oline die Last trägt. Sie schleppt und schleppt und ist
-voll Grimm und Bosheit. Sie hat sich den geringsten und gröbsten Teil
-der Arbeit auf dem Heimwege zuschieben lassen müssen! Was, zum Teufel,
-hatte Brede hier verloren? -- Du, Brede, sagte sie. Was muß ich hören?
-Dein Hof ist dir verkauft worden? -- Warum fragst du? erwiderte Brede
-keck. -- Warum ich frage? Ich hab' nicht gewußt, daß das geheimgehalten
-werden soll. -- Unsinn, Oline, du hättest kommen und auf den Hof bieten
-sollen! -- Ich? Du treibst deinen Spott mit einem alten Weibe. -- So,
-bist du denn nicht reich geworden? Es heißt doch, du habest des alten
-Sivert Goldschrein geerbt, hahaha! -- Es stimmte Oline nicht milder,
-daß sie an das fehlgeschlagene Erbe erinnert wurde. Ja, er, der alte
-Sivert, hat mir alles Gute gegönnt, das kann man nicht anders sagen,
-erwidert sie. Aber als er tot war, wurde er all seines irdischen
-Gutes beraubt. Du weißt es ja auch, Brede, wie es ist, wenn man
-ausgeplündert wird und kein eigenes Dach mehr über dem Kopf hat. Aber
-der alte Sivert, der hat jetzt große Säle und Paläste, und du und ich,
-Brede, wir sind noch auf der Erde, und jedermann wischt die Schuhe an
-uns ab. -- Was gehst denn du mich an, sagt Brede und wendet sich an
-Axel. Ich bin sehr froh, daß ich gerade vorbeigekommen bin und dir nach
-Hause helfen kann. Gehe ich dir auch nicht zu schnell? -- Nein.
-
-Aber mit Oline streiten, ein Wortgefecht mit Oline! Unmöglich!
-Niemals gab sie nach, und niemand kam ihr darin gleich, Himmel und
-Erde zusammenzumischen zu einem einzigen Gebräu von Bosheit und
-Freundschaft, Gift und Gefasel. Nun muß sie auch noch hören, daß es
-eigentlich Brede ist, der Axel nach Hause hilft. -- Was ich sagen
-wollte, fing sie an. Hast du eigentlich den großen Herren, die damals
-auf Sellanraa waren, deine Säcke mit Steinen gezeigt? -- Wenn du
-willst, Axel, so nehme ich dich einfach auf den Rücken und trage dich,
-sagt Brede. -- Nein, erwidert Axel. Aber ich danke dir für den guten
-Willen.
-
-Unterdessen gehen sie immer weiter, sie sind nun bald zu Hause, und
-Oline begreift, daß sie keine Zeit verlieren darf, wenn sie noch etwas
-erreichen will: Es wäre am besten gewesen, Brede, wenn _du_ Axel vom
-Tode errettet hättest, sagt sie. Aber wie war das, Brede, du hast
-seine Not gesehen und hast seine Hilferufe gehört und bist einfach
-vorbeigegangen? -- Halt nur deinen Mund, Oline! sagt Brede.
-
-Mundhalten wäre nun eigentlich auch das bequemste für sie gewesen,
-sie watete im Schnee und hatte schwer zu tragen; sie keuchte, aber
-den Mund hielt sie dennoch nicht. Sie hatte sich einen Trumpf für
-zuletzt aufgespart, eine gefährliche Sache, sollte sie es wagen? --
-Und die Barbro, die ist also auf und davon gegangen? fragt sie. -- Ja,
-erwidert Brede leichtfertig. Und dadurch hast du einen Winterverdienst
-bekommen. -- Aber hier bot sich Oline wieder eine gute Gelegenheit,
-sie konnte zu verstehen geben, wie sehr sie gesucht sei, begehrt weit
-herum in ihrer Gemeinde. Sie hätte zwei Plätze, ja eigentlich drei
-haben können. Im Pfarrhaus wolle man sie auch haben. Und zu gleicher
-Zeit gab sie etwas zu verstehen, was Axel wohl hören durfte, das konnte
-nichts schaden: es sei ihr soundso viel für den Winter geboten worden,
-dazu ein Paar neue Schuhe und das Futter für ein Schaf obendrein. Aber
-sie wisse, daß sie hier auf Maaneland zu einem besonders guten Mann
-komme, der sie überreich belohnen werde, und darum komme sie lieber
-hierher. Nein, Brede solle sich nur keine Sorge machen, bis jetzt habe
-ja der himmlische Vater eine Tür nach der andern vor ihr aufgetan
-und sie aufgefordert, einzutreten. Und es sehe ja aus, als ob Gott
-eine besondere Absicht dabei gehabt habe, als er sie nach Maaneland
-schickte, denn sie habe heute abend einen Menschen vom Tode errettet.
-
-Jetzt ist Axel ganz ermattet, und sein Bein versagt. Merkwürdig, bis
-dahin ist es immer besser gegangen, je mehr Wärme und Leben in seine
-Glieder zurückkehrten, jetzt jedoch hat er Brede dringend nötig, um
-sich aufrecht halten zu können! Es schien anzufangen, als Oline von
-ihrem Lohn sprach, und später, als sie ihm wieder das Leben gerettet
-hatte, da wurde es ganz schlimm. Wollte er ihren Triumph noch einmal
-herabsetzen? Gott weiß es, aber sein Hirn war jedenfalls wieder ganz in
-Ordnung. Als sie sich den Häusern nähern, bleibt Axel stehen und sagt:
-Ich glaube nicht, daß ich bis nach Hause kommen kann. Brede nimmt ihn
-ohne weiteres auf den Rücken. Und nun geht's weiter, Oline voll Gift
-und Galle, Axel, so lang er ist, auf Bredes Rücken. Aber wie ist denn
-das, sollte Barbro nicht ein Kind bekommen? -- Ein Kind? stöhnt Brede
-unter seiner Last. Es ist ein äußerst sonderbarer Aufzug, Axel läßt
-sich bis auf die Türschwelle tragen.
-
-Brede keucht unmäßig. Ja, oder war es etwa kein Kind? fragt Oline. --
-Hier fällt Axel ein und sagt zu Brede: Ich weiß wirklich nicht, wie
-ich heute abend hätte heimkommen sollen, wenn du nicht gewesen wärest!
-Aber er vergißt auch Oline nicht und sagt: Ich danke auch dir, Oline,
-du bist die erste gewesen, die mich gefunden hat. Ich danke euch allen
-beiden.
-
-Das war der Abend, an dem Axel gerettet wurde.
-
-In den folgenden Tagen ist Oline schwer dazu zu bringen, von etwas
-anderem zu reden als von dem großen Ereignis. Axel hat genug zu tun,
-sie etwas in den Schranken zu halten. Oline kann das Plätzchen in
-der Stube zeigen, wo sie stand, als der Engel des Herrn sie vor die
-Tür rief, damit sie die Hilferufe höre; Axel hat wieder anderes zu
-denken und muß ein Mann sein. Er fängt seine Arbeit im Walde wieder
-an, und als er mit dem Baumfällen fertig ist, fährt er die Stämme nach
-Sellanraa in die Sägemühle.
-
-Das ist eine glatte und ebene Winterarbeit: Stämme hinauf und
-zugeschnittene Bretter herunter! Aber es gilt, sich zu beeilen und
-vor Neujahr fertig zu werden, bevor der starke Frost einsetzt und das
-Sägewerk einfriert. Es geht sehr gut, alles wird fertig. Wenn Sivert
-von Sellanraa gerade leer aus dem Dorf zurückkommt, nimmt auch er
-einen Stamm auf seinen Schlitten und hilft seinem Nachbar. Die beiden
-halten dann einen ordentlichen Schwatz zusammen und haben ihre Freude
-aneinander.
-
-Was gibt's Neues im Dorf? fragt Axel. -- Nichts, erwidert Sivert. Es
-soll ein neuer Ansiedler hierherkommen.
-
-Ein neuer Ansiedler, oh, das war nicht nichts, es war nur Siverts Art
-zu sprechen. Jedes Jahr kam ein neuer Ansiedler in die Gegend und
-ließ sich da nieder; es waren jetzt fünf Ansiedlungen unterhalb von
-Breidablick, oberhalb ging es langsamer mit dem Kolonisieren, obgleich
-der Boden nach Süden zu überall mehr Ackerkrume und weniger Moorland
-aufwies. Der Ansiedler, der sich am weitesten hinausgewagt hatte, war
-Isak, als er Sellanraa gründete, er war der mutigste und klügste. Nach
-ihm kam Axel Ström. Nun hatte sich also ein neuer Mann angekauft. Der
-neue Mann sollte eine große Strecke Moorland zum Entwässern und Wald
-unterhalb Maaneland gekauft haben -- es war ja genug da.
-
-Hast du gehört, was für ein Mann es ist? fragt Axel. -- Nein, erwidert
-Sivert. Er kommt mit fertigen Häusern, die er herführen läßt und im
-Handumdrehen aufstellt. -- So, dann hat er also Geld? -- Das muß er
-wohl haben. Er kommt mit Familie, mit einer Frau und drei Kindern.
-Und er hat Vieh und Pferde. -- Ja, dann hat er Geld, sagt Axel. Hast
-du sonst nichts gehört? -- Nein. Er sei dreiunddreißig Jahre alt.
--- Wie heißt er denn? -- Aron, wird behauptet. Seinen Hof hat er
-Storborg genannt. -- So, also Storborg, die große Burg. Ja, ja, das
-ist nicht klein. -- Er ist von der Küste. Es heißt, er sei bis jetzt
-beim Fischhandel gewesen. -- Dann kommt es also darauf an, ob er etwas
-von der Landwirtschaft versteht, sagt Axel. Hast du sonst nichts von
-ihm gehört? -- Nein. Er hat bar bezahlt, als er den Kaufbrief bekam.
-Sonst hab' ich nichts gehört. Aber es heißt, er habe ein Heidengeld
-mit seiner Fischerei verdient. Jetzt wolle er sich hier niederlassen
-und Handel treiben. Ja, das wird behauptet. -- So, er will also Handel
-treiben!
-
-Das war das allerwichtigste, und die beiden Nachbarn besprachen
-die Sache nach allen Seiten, während sie dahinfuhren. Es war eine
-große Neuigkeit, vielleicht die größte in der ganzen Geschichte der
-Ansiedlung, und es gab viel zu besprechen: Mit wem wollte der neue
-Ansiedler Handel treiben? Mit den acht Gehöften auf der Allmende?
-Oder hoffte er auch auf Kunden aus dem Dorfe? Auf jeden Fall würde ein
-Kaufladen von großer Bedeutung sein, vielleicht vermehrte das auch die
-Kolonisierung, und die Güter stiegen im Preise, wer konnte es wissen!
-
-Wie sie redeten und der Sache nicht müde wurden! Diese beiden Männer
-hatten ihre Interessen und ihre Ziele, die ebenso wichtig waren wie
-die anderer, das Land war ihre Welt, die Arbeit, die Jahreszeiten,
-die Ernte waren die Abenteuer, die sie erlebten. War dabei nicht auch
-Spannung? Ho, Spannung genug! Oftmals konnten sie nur kurze Zeit
-schlafen, oftmals mußten sie über die Mahlzeiten weg arbeiten, sie
-konnten das ertragen, sie hatten die Gesundheit dazu; sieben Stunden
-unter einem Föhrenstamm schadete ihnen nichts an Leben und Gesundheit,
-wenn die Knochen ganz geblieben waren. Ein Leben in einer Welt ohne
-Weite, ohne Ausblick? So! Aber welch eine Welt von Ausblick bot dieses
-Storborg mit seinem Handel draußen auf dem Ödland!
-
-Bis Weihnachten wurde darüber geredet ...
-
-Axel hatte einen Brief erhalten, einen großen Brief mit einem Löwen
-darauf, der war vom Staate: er solle die Telegraphendrähte, die Geräte
-und das Werkzeug bei Brede Olsen abholen und von Neujahr an die
-Aufsicht über die Linie übernehmen.
-
-
-
-
-4
-
-
-Mit vielen Pferden wird über das Moor gefahren, die Häuser werden dem
-neuen Ansiedler zugefahren, eine Wagenladung nach der andern, tagelang.
-An einer Stelle, die später Storborg heißen soll, wird abgeladen; das
-Anwesen wird auch gewiß einmal sehr groß, vier Mann sind drüben am Hang
-und brechen Steine zu einer Mauer und zwei Kellern aus.
-
-Es wird gefahren und gefahren. Jeder Balken ist schon genau zugehauen,
-sie brauchen, wenn der Frühling kommt, nur zusammengefügt werden,
-das ist fein ausgerechnet; die Balken haben laufende Nummern, und es
-fehlt keine Tür, kein Fenster, ja nicht eine farbige Glasscheibe für
-die Veranda. Und eines Tages kommt ein Wagen mit einer hohen Last von
-Latten daher. Was ist das? Einer von den Ansiedlern unterhalb von
-Breidablick weiß es; er ist aus dem Süden und hat das schon früher
-gesehen. Das gibt einen Gartenzaun, sagt er. -- Der neue Mann will sich
-also hier im Ödland einen Garten anlegen, einen großen Garten.
-
-Das schien sich gut anzulassen, noch niemals hatte es einen solchen
-Verkehr über die Moore gegeben, und viele Pferdebesitzer verdienten ein
-schönes Geld durch Fuhren, die sie leisteten. Sie besprachen auch die
-Sache mündlich unter sich: Nun war Aussicht auf zukünftigen Verdienst,
-der Kaufmann würde seine Waren aus dem In- und Ausland beziehen, und
-sie mußten mit vielen Pferden von der See heraufgeführt werden.
-
-Es sah aus, als ob alles recht großartig werden würde. Ein junger
-Aufseher oder Bevollmächtigter war angekommen, der den Fuhrbetrieb
-leitete, er trieb und drängte und schien nicht Pferde genug auftreiben
-zu können, obgleich nicht mehr allzu viele Wagenladungen übrig waren.
-Es sind ja gar nicht so viele Wagenladungen von den Häusern mehr übrig,
-wurde ihm gesagt. -- Ja, aber alle Waren, erwiderte er. -- Sivert von
-Sellanraa kam wieder wie gewöhnlich mit leerem Wagen dahergefahren,
-und der Aufseher rief ihm zu: Warum kommst du leer? Du hättest doch
-eine Wagenladung für uns bis Storborg mitnehmen können. -- Das hätte
-ich wohl können, aber ich wußte nichts davon, entgegnete Sivert. -- Er
-ist von Sellanraa, und sie haben dort zwei Pferde, flüsterte jemand
-dem Aufseher zu. -- Ist es wahr, daß ihr zwei Pferde habt? fragte
-dieser. Komm mit beiden her und leiste Fuhren für uns, hier ist Geld
-zu verdienen. -- Ja, das wäre nicht so uneben, meinte Sievert. Aber
-jetzt gerade haben wir schlecht Zeit! -- Hast du keine Zeit, Geld zu
-verdienen? fragte der Aufseher.
-
-Nein, auf Sellanraa hatten sie nicht immer übrige Zeit, es war da gar
-zu viel zu tun. Und jetzt hatten sie sogar zum erstenmal Männer zur
-Hilfe gedingt, zwei schwedische Maurer sprengten Steine zu einem Stall.
-
-Dieser Stall war seit vielen Jahren Isaks großer Gedanke gewesen,
-die Gamme für das Vieh wurde allmählich zu klein und zu dürftig, ein
-steinerner Stall mit doppelten Mauern und einer richtigen Dungstätte
-sollte es werden. Aber es war so vieles, was gemacht werden sollte,
-das eine zog immer wieder das andere nach sich; jedenfalls hörte das
-Bauen niemals auf. Isak hatte ein Sägewerk und eine Mühle und einen
-Sommerstall, warum sollte er nicht auch eine Schmiede haben? Nur eine
-kleine Schmiede zur Nothilfe, es war ja so weit ins Dorf, wenn der
-Vorhammer sich bog oder man ein paar neue Hufeisen brauchte. Eine Esse
-und einen Amboß, warum sollte er die nicht haben? Im ganzen entstanden
-ja so viele große und kleine Gebäude auf Sellanraa.
-
-Der Hof wird immer größer, wird gewaltig groß, es geht auch nicht
-mehr ohne Dienstmagd, und Jensine muß ganz dableiben. Ihr Vater, der
-Schmied, fragt gelegentlich nach ihr, und ob sie nicht bald wieder
-heimkomme, aber er besteht nicht darauf, er ist sehr nachgiebig und
-hat wohl eine Absicht dabei. Sellanraa liegt am höchsten in der
-Allmende und nimmt immer mehr zu, nimmt zu an Häusern und an Grund
-und Boden, die Menschen sind immer dieselben. Die Lappen kommen jetzt
-nicht mehr vorbei und spielen sich als Herren in der Ansiedlung auf,
-das hat längst aufgehört. Die Lappen kommen überhaupt nicht mehr
-oft vorbei, sie machen lieber einen großen Bogen um den Hof herum,
-jedenfalls kommen sie nicht mehr ins Haus herein, sie bleiben draußen
-stehen, wenn sie überhaupt stehenbleiben. Die Lappen treiben sich in
-der Einöde, im Dunkeln herum; wenn sie in Licht und Luft gebracht
-werden, gehen sie ein wie Maden und Ungeziefer. Ab und zu verschwindet
-an einer entlegenen Stelle ein Kalb oder ein Lamm, ganz weit draußen,
-wo Sellanraa aufhört. Dagegen ist nichts zu machen. Natürlich kann
-Sellanraa das tragen. Und wenn Sivert auch schießen könnte, so hätte
-er doch keine Flinte, aber er kann nicht schießen, er ist lustig und
-unkriegerisch, ein großer Schelm. Außerdem ist das Abschießen von
-Lappen wohl verboten, sagt er.
-
-Sellanraa kann kleine Verluste seines Viehstandes verschmerzen, denn es
-ist groß und stark, aber es ist nicht ohne Sorgen, ach nein! Inger ist
-keineswegs das ganze Jahr hindurch mit sich und ihrem Leben zufrieden,
-nein, sie hat einmal eine große Reise gemacht, und da ist wohl eine
-Art verderblicher Abgespanntheit über sie gekommen. Die verschwindet
-und kommt wieder. Sie ist rasch und fleißig wie in ihren besten Tagen,
-und sie ist eine hübsche und gesunde Frau für ihren Mann, für den
-Mühlengeist, aber hat sie nicht auch Erinnerungen von Drontheim? Träumt
-sie niemals? Doch und besonders während des Winters. Da gärt zuweilen
-eine ganz verfluchte Lebenslust in ihr, und da sie nicht allein tanzen
-kann, gibt es keinen Ball. Schwere Gedanken und ein Andachtsbuch? Ach
-ja, jawohl, aber Gott weiß, das andere ist auch schön und herrlich! Sie
-ist genügsam geworden; die schwedischen Maurer sind jedenfalls fremde
-Menschen und ungewohnte Stimmen auf dem Hofe, aber es sind ältere und
-ruhige Männer, die nicht spielen, sondern arbeiten. Aber sie sind doch
-besser als gar nichts, sie bringen doch etwas Leben mit sich, der eine
-singt wunderschön, und Inger bleibt bisweilen stehen und hört ihm zu.
-Der Mann heißt Hjalmar.
-
-Aber damit ist noch nicht alles gut und recht auf Sellanraa. Da ist
-zum Beispiel die große Enttäuschung mit Eleseus. Von ihm war ein
-Brief gekommen, daß seine Stelle bei dem Ingenieur aufgehört habe,
-aber er werde bald eine andere bekommen, er müsse nur warten. Dann
-kam ein Brief, er könne, während er auf einen hohen Posten in einem
-Büro warte, nicht von nichts leben, und als ihm von zu Hause ein
-Hundertkronenschein geschickt wurde, schrieb er zurück, das habe gerade
-genügt, einige kleine Schulden zu decken. -- So, sagte Isak. Aber nun
-haben wir die Maurer und allerlei Auslagen, frag du nur den Eleseus, ob
-er nicht lieber heimkommen wolle und uns helfen! -- Inger schrieb, aber
-Eleseus wollte nicht wieder heimkommen, nein, er wollte die Reise nicht
-unnötig noch einmal machen, lieber wollte er hungern.
-
-Seht, es war wohl in der ganzen Stadt keine hohe Stelle in einem Büro
-frei, und Eleseus war vielleicht auch nicht Draufgänger genug, sich
-seinen Weg zu bahnen. Gott weiß, vielleicht war er auch nicht besonders
-tüchtig. Geschickt und fleißig im Schreiben war er wohl, aber ob er
-auch klug und gescheit war? Und wenn nicht, wie würde es ihm dann gehen?
-
-Als er mit den zweihundert Kronen von zu Hause in die Stadt
-zurückkehrte, kam diese sofort mit ihren unbezahlten Rechnungen daher,
-und nachdem er diese beglichen hatte, mußte er sich einen Stock kaufen,
-der alte Regenschirmstock tat es nicht mehr. Verschiedene andere Dinge,
-die er sich anschaffen mußte, lagen auch nahe, eine Pelzmütze für den
-Winter, wie alle seine Kameraden eine hatten, ein Paar Schlittschuhe,
-einen silbernen Zahnstocher, um sich damit die Zähne zu stochern und
-elegant damit zu deuten, wenn man bei einem Gläschen zusammensaß und
-schwatzte. Und solange er noch reich war, hielt er die andern frei,
-so gut er konnte; bei seinem Ankunftsfest ließ er mit der größten
-Sparsamkeit ein halbes Dutzend Bierflaschen aufziehen. -- Was, du gibst
-der Kellnerin zwanzig Öre? wurde er gefragt. Wir geben zehn. -- Nur
-nicht kleinlich sein! sagte Eleseus.
-
-Er war nicht kleinlich, nein, das stand ihm gar nicht an, er stammte
-von einem großen Hof, ja, von einem Herrenhof, sein Vater, der
-Markgraf, besaß unendliche Wälder und vier Pferde, dreißig Kühe
-und drei Mähmaschinen. Eleseus war kein Lügenbeutel, und nicht er
-hatte die Märe von dem Herrenhof Sellanraa verbreitet, das hatte der
-Bezirksingenieur seinerzeit getan und in der Stadt damit geprahlt.
-Aber es war Eleseus nicht gerade zuwider, daß dieses Märchen so halb
-und halb geglaubt wurde. Da er selber nichts war, konnte er wenigstens
-der Sohn von jemand sein, das verschaffte ihm Kredit, und er konnte
-sich durchschlagen. Aber auf die Dauer ging das doch nicht, endlich
-sollte er doch einmal bezahlen, und da saß er fest. Einer seiner
-Kameraden verschaffte ihm dann eine Anstellung im Geschäft seines
-Vaters. Es war ein Laden mit Bauernkundschaft, der die verschiedensten
-Waren führte; aber es war immerhin besser als gar nichts. Es war recht
-unangenehm für einen so alten Knaben, mit einem Anfängergehalt in einem
-Kramladen zu stehen, wenn er sich doch zum Lensmann hatte ausbilden
-wollen; aber er verdiente wenigstens seinen Lebensunterhalt dabei,
-es war ein vorläufiger Ausweg, ach, es war eigentlich gar nicht so
-schlimm. Eleseus war auch hier freundlich und gefällig und war bei den
-Kunden beliebt. Und er schrieb nach Hause, er sei jetzt zum Handel
-übergegangen.
-
-Aber das war nun die große Enttäuschung seiner Mutter. Wenn Eleseus
-hinter einem Ladentisch stand, so war er ja auch nicht mehr als
-der Ladendiener beim Kaufmann im Dorfe drunten. Früher war er
-unvergleichlich viel mehr gewesen, außer ihm hatte niemand je das Dorf
-verlassen und auf einem Büro gearbeitet. Hatte er denn sein großes
-Ziel aus dem Auge verloren? Inger war nicht so dumm, sie wußte, daß es
-einen Unterschied gab zwischen dem Gewöhnlichen und dem Ungewöhnlichen,
-aber sie konnte das vielleicht nicht so genau unterscheiden. Isak war
-einfältiger und einfacher, er rechnete jetzt immer weniger mit Eleseus,
-wenn er rechnete; sein ältester Sohn war gewissermaßen aus seinem
-Gesichtskreis hinausgeglitten, er hörte auf, sich Sellanraa zwischen
-seinen beiden Söhnen geteilt zu denken, wenn er einmal nicht mehr
-dasein sollte.
-
-Im Frühjahr kamen Ingenieure und Arbeiter aus Schweden; sie sollten
-Wege bauen, Baracken errichten, Grundstücke ausebnen, sprengen,
-Verbindungen mit Lebensmittellieferanten, mit Pferdebesitzern, mit
-Grundbesitzern an der See abschließen -- wozu das alles? Sind wir denn
-nicht im Ödland, wo alles still und tot ist? Doch, aber jetzt sollte
-ein Versuchsbetrieb auf dem Kupferberg eröffnet werden.
-
-So, nun wurde also doch etwas aus der Sache, Geißler hatte keine leeren
-Umtriebe gemacht.
-
-Es waren nicht dieselben großen Herren wie das letztemal, der Landrat
-fehlte, der Grubenbesitzer fehlte, aber es war der alte Sachverständige
-und der alte Ingenieur. Sie kauften Isak alle seine gesägten Bretter
-ab, die er nur entbehren konnte, sie kauften Nahrungsmittel und
-Getränke und bezahlten gut, dann unterhielten sie sich und waren
-freundlich und sagten, Sellanraa gefalle ihnen. Eine Seilbahn! sagten
-sie. Eine Luftbahn vom Berggipfel hinunter an die See, sagten sie. --
-Über alle Moore weg? fragte Isak, denn er war schwach im Denken. --
-Ach, da mußten sie lachen! Auf der andern Seite, sagten sie, nicht
-auf dieser Seite, das würde ja viele Meilen weit sein. Nein, auf der
-andern Seite des Berges, gleich zum Meer hinunter, da ist starkes
-Gefälle und gar keine Entfernung. Wir lassen das Erz durch die Luft
-in eisernen Trögen hinunter, du wirst sehen, es wird großartig! Aber
-zum Anfang wird das Erz hinuntergefahren, wir bauen einen Weg und
-lassen es mit den Pferden hinunterfahren -- oh, mit wenigstens fünfzig
-Pferden, auch das wird großartig. Und wir sind auch nicht nur so wenig
-Leute, wie du hier siehst. Was sind denn wir? Nichts! Von der andern
-Seite kommen noch mehr; ein ganzer Zug Arbeiter und fertige Baracken
-und Nahrungsmittel und alle Art von Gerätschaften, wir treffen oben
-auf der Höhe zusammen. Es kommt Zug in die Sache, Millionen, und das
-Erz kommt nach Südamerika. -- Ist der Landrat nicht mit dabei? fragte
-Isak. -- Was für ein Landrat? Ach der? Nein, der hat verkauft! -- Und
-der Grubenbesitzer? -- Der hat auch verkauft. So, du erinnerst dich an
-sie? Nein, die haben verkauft. Und die von ihnen abgekauft haben, haben
-wieder verkauft. Jetzt gehört der Kupferberg einer großen Gesellschaft,
-ungeheuer reichen Leuten. -- Wo mag wohl Geißler sein? fragte Isak.
--- Geißler? Kenne ich nicht. -- Der Lensmann Geißler, der damals den
-Kupferberg verkauft hat. -- Ach der! Hat der Geißler geheißen? Gott
-weiß, wo er hingekommen ist. Erinnerst du dich an den auch noch?
-
-Dann sprengten sie und arbeiteten in den Bergen mit vielen Leuten
-den ganzen Sommer über, es war ein großer Betrieb. Inger hatte
-einen ausgedehnten Handel mit Milch und Käse, und sie fand es recht
-unterhaltend, Handel zu treiben und viele Menschen kommen und gehen zu
-sehen. Isak schritt mit seinem dröhnenden Gang weit aus und bestellte
-sein Land, er ließ sich durch nichts stören. Die zwei Maurer und Sivert
-bauten den Stall. Es wurde ein großer Bau; aber es dauerte lange, bis
-er aufgerichtet war, es waren zu wenig Mann bei der Arbeit, und Sivert
-war außerdem oft nicht dabei, weil er bei der Feldarbeit helfen mußte.
-Jetzt war es gut, daß sie eine Mähmaschine hatten und drei flinke
-Frauenzimmer beim Heuwenden.
-
-Alles war gut geworden, das Ödland war zum Leben erwacht, Geld blühte
-allenthalben.
-
-Seht doch nur den Handelsplatz Storborg, war das nicht ein Geschäft
-im großen Stil? Dieser Aron mußte doch ein verfluchter Kerl sein, er
-mußte seinerzeit von der bevorstehenden Grubenarbeit Wind bekommen
-haben und war sofort heraufgezogen mit seinem Kramladen; er handelte,
-oh, er handelte wie eine Regierung, ja, wie ein König. Zuallererst
-verkaufte er allerlei Haushaltungsgegenstände und Arbeiteranzüge; aber
-die Grubenarbeiter, die Geld haben, sind nicht so sparsam damit, daß
-sie alle nur das Notwendige kaufen, nein, sie kaufen alles. Besonders
-an den Sonntagabenden wimmelte es auf dem Handelsplatz Storborg von
-Käufern, und Aron strich Geld ein; er hatte seinen Ladendiener und
-seine Frau zur Hilfe hinter dem Ladentisch und verkaufte selbst, was
-er vermochte, aber es wurde nicht leer in seinem Laden bis tief in die
-Nacht hinein. Und es zeigte sich, daß die Pferdebesitzer im Dorfe recht
-behielten, es gab einen gewaltigen Fuhrwerksbetrieb mit Waren hinauf
-nach Storborg, die Straße mußte an verschiedenen Stellen verlegt und
-ordentlich instand gesetzt werden, jetzt war es etwas ganz anderes als
-Isaks schmaler Fußweg durchs Ödland. Aron wurde der reine Wohltäter für
-die Gegend mit seinem Handel und seiner Straße. Er hieß übrigens nicht
-Aron, das war nur sein Taufname, er hieß Aronsen, so nannte er sich
-wenigstens selbst, und so hieß ihn seine Frau. Die Familie tat recht
-großartig und hielt zwei Dienstmägde und einen Knecht.
-
-Der Grund und Boden auf Storborg blieb vorläufig unbebaut liegen, sie
-hatten keine Zeit für Landwirtschaft, wer hätte auch im Moor Gräben
-ziehen wollen! Dafür hatte Aronsen einen Garten mit einem Lattenzaun
-und mit Johannisbeerensträuchern und Astern und Ebereschen und anderen
-gepflanzten Bäumen, einen feinen Garten. Es war ein breiter Gang darin,
-auf dem Aronsen an den Sonntagen auf und ab gehen und eine lange Pfeife
-rauchen konnte. Im Hintergrund lag die Veranda des Hauses mit roten und
-gelben und blauen Scheiben. Storborg! Drei kleine hübsche Kinder liefen
-herum, das Mädchen sollte lernen, Haustochter eines Kaufmanns zu sein,
-die Söhne sollten selbst die Handelsschaft erlernen; oh, drei Kinder
-mit einer Zukunft vor sich!
-
-Hätte Aronsen nicht an die Zukunft gedacht, so wäre er überhaupt nicht
-hierhergekommen. Er hätte bei seiner Fischerei bleiben, und wenn er
-Glück hatte, auch dabei viel Geld verdienen können; aber das war
-nicht so vornehm wie ein Handelsgeschäft, es brachte nicht so viel
-Hochachtung ein, die Hüte flogen da nicht vor einem von den Köpfen.
-Aronsen hatte seither gerudert, in Zukunft wollte er segeln. Er hatte
-eine Redensart: bom konstant. Seine Kinder sollten es mehr bom konstant
-haben, als er es gehabt hatte, sagte er, damit meinte er, sie sollten
-weniger hart arbeiten müssen.
-
-Und siehe da, die Sache ließ sich gut an, er und seine Frau, ja sogar
-seine Kinder wurden höflich gegrüßt. Man durfte es nicht gering
-anschlagen, daß sogar die Kinder gegrüßt wurden. Die Grubenarbeiter
-kamen vom Berg herunter und hatten seit langer Zeit keine Kinder mehr
-gesehen. Aronsens Kinder liefen ihnen bis vor den Hof entgegen, und
-die Arbeiter redeten gleich so freundlich mit ihnen, als hätten sie
-drei Pudelhunde vor sich. Sie hätten den Kindern gerne Geld geschenkt,
-weil es aber die Kinder des Kaufmanns waren, spielten sie ihnen statt
-dessen auf der Mundharmonika vor. Gustaf kam, der junge Wildfang mit
-dem Hut auf einem Ohre und dem munteren Geplauder, ja er kam herbei und
-schäkerte eine gute Weile mit den Kindern. Die Kinder kannten ihn auch
-gleich, wenn er ankam, und liefen ihm entgegen, er lud sie sich alle
-drei auf den Rücken und tanzte mit ihnen herum. Ho! sagte Gustaf und
-tanzte. Dann nahm er seine Mundharmonika und blies Lieder und Weisen,
-so schön, daß die beiden Dienstmägde herauskamen und Gustafs Spiel mit
-nassen Augen zuhörten. Gustaf wußte, was er tat, der ausgelassene Kerl!
-
-Nach einer Weile ging er in den Laden und klimperte mit seinem Geld und
-füllte seinen ganzen Rucksack mit den verschiedensten Sachen, und als
-er dann wieder heim in die Berge ging, hatte er einen ganzen kleinen
-Kramladen bei sich, den er auf Sellanraa auspackte und vorwies. Er
-hatte Briefpapier mit Blumen darauf und eine neue Pfeife und ein neues
-Hemd und ein Halstuch mit Fransen dran, hatte Süßigkeiten, die er an
-die Frauen austeilte; er hatte glänzende Sachen, eine Uhrkette mit
-einem Kompaß daran, ein Federmesser; ja, er hatte eine Menge Sachen,
-unter anderem auch Raketen, die er sich für den Sonntag gekauft hatte,
-um sich und andere damit zu unterhalten. Inger setzte ihm Milch zu
-trinken vor, und er spaßte mit Leopoldine und hob die kleine Rebekka
-hoch in die Luft. -- Na, steht der Stall bald? fragte er seine
-Landsleute, die Maurer, und war auch mit diesen gut Freund. -- Nein,
-sie hätten nicht Hilfe genug, sagten die Maurer. -- Dann wolle er ihnen
-helfen, sagte Gustaf zum Spaß. -- Das wäre sehr gut, meinte Inger, denn
-der Stall sollte bis zum Herbst fertig sein, wenn das Vieh nicht mehr
-draußen bleiben könne.
-
-Nun ließ Gustaf eine Rakete steigen, und nachdem er einmal eine
-abgebrannt hatte, konnte er auch gleich alle sechse steigen lassen,
-und die Weiberleute und die Kinder hielten den Atem an vor lauter
-Verwunderung über dieses Hexenwerk und den Hexenmeister, der es gemacht
-hatte. Inger hatte noch niemals eine Rakete gesehen, aber dieser
-sonderbare Blitz erinnerte sie an die große Welt. Was wollte jetzt
-eine Nähmaschine bedeuten! Und als Gustaf schließlich auch noch die
-Mundharmonika spielte, wäre ihm Inger am liebsten nachgezogen vor
-lauter Rührung...
-
-Die Grubenarbeit geht ihren Gang, und das Erz wird mit Pferden an die
-See hinuntergefahren; ein Dampfschiff ist schon damit beladen worden
-und nach Südamerika abgedampft, und dafür ist ein neues angekommen.
-Großer Betrieb. Jedermann, der überhaupt gehen kann, ist im Gebirge
-gewesen und hat sich die Wunder angeschaut, auch Brede Olsen ist mit
-seinen Gesteinsproben dort gewesen, ist jedoch abgewiesen worden,
-weil der Sachverständige wieder nach Schweden abgereist war. An den
-Sonntagen war große Völkerwanderung aus dem Dorfe, ja sogar Axel Ström,
-der keine Zeit zu verlieren hat, ist ein paarmal, als er die Linie
-nachsah, dagewesen. Jetzt gibt es bald niemand mehr, der die Wunder
-noch nicht gesehen hat. Da zieht wahrhaftig sogar Inger Sellanraa ihre
-schönen Kleider an, steckt den goldenen Ring an den Finger und geht in
-die Berge.
-
-Was will sie dort?
-
-Sie will eigentlich gar nichts, sie ist nicht einmal neugierig, zu
-sehen, wie der Berg geöffnet wird, sie will nur sich sehen lassen.
-Als Inger sah, daß andere Frauen in die Berge gingen, spürte sie, daß
-auch sie ihnen nach mußte. Sie hat eine entstellende Narbe an der
-Oberlippe und hat erwachsene Kinder, aber sie will den andern nach. Es
-ärgert sie, daß diese jung sind, aber sie will versuchen, es mit ihnen
-aufzunehmen; sie hat noch nicht angefangen, dick zu werden, sie ist
-groß und hübsch und sieht gut aus. Natürlich ist sie nicht mehr rot und
-weiß, und ihre zarte Pfirsichhaut ist schon längst vergangen, aber man
-würde schon sehen, sie kamen sicher, nickten und sagten: Die ist recht!
-
-Die Arbeiter kommen ihr mit großer Freundlichkeit entgegen, sie haben
-von Inger manchen Topf Milch erhalten und kennen sie; sie führen sie in
-den Gruben, in den Baracken, in den Ställen, in der Küche, im Keller,
-im Vorratshaus umher, die dreistesten unter ihnen rücken ihr auf den
-Leib und nehmen sie ein wenig in den Arm; aber das macht Inger nichts,
-das tut ihr wohl. Wenn sie Stufen hinauf- oder hinuntergeht, hebt sie
-den Rock hoch auf und läßt ihre Waden sehen, aber sie ist ganz gelassen
-dabei und tut, als ob nichts geschehen wäre. Die ist recht! denken die
-Arbeiter.
-
-Das alte Ding, sie ist trotz allem rührend: es war leicht zu merken,
-ein ihr zugeworfener Blick von diesen warmblütigen Mannsleuten kam
-ihr unerwartet, sie war dankbar dafür und vergalt ihn, es tat ihr
-ordentlich wohl, in Gefahr zu sein, sie war ein Frauenzimmer wie
-andere. Sie war wohl aus Mangel an Versuchung bisher ehrbar gewesen.
-
-Das alte Ding!
-
-Gustaf kam auch dazu. Er überließ zwei Mädchen aus dem Dorf einem
-Kameraden, nur um herbeikommen zu können. Gustaf wußte, was er tat; er
-schüttelte Inger mit überflüssiger Wärme die Hand zum Gruße, aber er
-drängte sich nicht auf. -- Na, Gustaf, kommst du nicht bald und hilfst
-uns beim Stallbau? fragte Inger und wird dabei dunkelrot. -- Gustaf
-antwortet, ja, nun komme er bald. Seine Kameraden hören das und sagen,
-sie kämen nun bald alle miteinander. -- Ja, werdet ihr denn nicht den
-ganzen Winter hier in den Bergen bleiben? fragt Inger. Die Arbeiter
-antworten zurückhaltend, nein, es sehe nicht danach aus. Gustaf ist
-kecker, er sagt lachend, sie hätten nun bald alles vorhandene Kupfer
-herausgekratzt. -- Das ist nicht dein Ernst! ruft Inger. -- Nein,
-erwiderten die andern Arbeiter, Gustaf solle sich in acht nehmen, so
-etwas zu sagen.
-
-Aber Gustaf nahm sich nicht in acht, er sagte lachend noch viel mehr,
-und was Inger betrifft, so gewann er sie für sich allein, obgleich
-er nicht zudringlich war. Ein anderer junger Mann spielte die
-Ziehharmonika, aber das war lange nicht dasselbe, wie wenn Gustaf die
-Mundharmonika blies. Ein dritter junger Mann, auch ein Tausendsassa,
-suchte dadurch die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, daß er auswendig
-ein Lied zur Ziehharmonika sang; aber es war auch das nichts
-Besonderes, obgleich er eine rollende Stimme hatte. Nach kurzer Zeit
-hatte Gustaf wahrhaftig Ingers goldenen Ring an seinem kleinen Finger
-stecken. Und wie war das zugegangen, da er sich doch nicht aufgedrängt
-hatte? Ei, er drängte sich genügend herzu, aber er machte es in aller
-Stille, gerade wie sie auch, es ging ohne Worte, sie tat, wie wenn sie
-es gar nicht merkte, als er sich mit ihrer Hand zu schaffen machte. Als
-sie dann später in der Barackenküche saß und Kaffee trank, hörte sie
-draußen etwas Lärm und Streit, und sie begriff, daß dies sozusagen ihr
-zu Ehren war. Das reizte sie auf, das alte Birkhuhn saß da und lauschte
-auf ein angenehmes Geräusch.
-
-Wie Inger an jenem Sonntagabend von den Bergen nach Hause kam? Ho,
-ausgezeichnet, ebenso tugendhaft, wie sie gegangen war, nicht mehr
-und nicht minder. Viele Männer gaben ihr das Geleite, und die vielen
-Männer wollten nicht umkehren, solange Gustaf bei ihr war, sie gaben
-nicht nach, sie wollten nicht nachgeben! Nicht einmal draußen in der
-großen Welt hatte es Inger so unterhaltend gehabt. -- Ob Inger nichts
-vermisse, fragten sie schließlich. -- Vermissen, nein. -- Den goldenen
-Ring! sagten sie. -- Nun mußte Gustaf damit herausrücken, er hatte ein
-ganzes Heer gegen sich. -- Es ist gut, daß du ihn gefunden hast, sagte
-Inger und beeilte sich, von ihrem Gefolge Abschied zu nehmen.
-
-Sie näherte sich Sellanraa und sah die vielen Dächer, dort unten war
-ihr Heim. Sie erwachte wieder zu der tüchtigen Frau, die sie war; sie
-geht einen Fußweg am Sommerstall vorbei, um nach dem Vieh zu sehen, und
-auf dem Wege dahin kommt sie an einer Stelle vorbei, die sie gut kennt:
-hier lag einmal ein kleines Kind begraben, sie hatte die Erde mit den
-Händen zusammengescharrt und ein kleines Kreuz darauf gesteckt. Ach,
-wie lange war das her! Und gleich denkt sie weiter: Ob wohl die Mädchen
-gemolken und für den Abend alles in Ordnung gebracht haben!
-
-Die Grubenarbeit geht weiter, jawohl, aber es wird gemunkelt, daß der
-Berg nicht halte, was er versprochen habe. Der Sachkundige, der nach
-Hause gereist war, kommt wieder und hat noch einen zweiten Sachkundigen
-bei sich, sie bohren und sprengen und untersuchen gründlich. Was ist
-denn nicht in Ordnung? Das Kupfer ist fein genug, daran fehlt es nicht,
-aber die Ader ist dünn, sie nimmt nach Süden an Dicke zu und fängt
-gerade da, wo die Grenzlinie der Gesellschaft geht, erst an, dick
-und herrlich zu werden, aber da ist die Allmende. Seht, die ersten
-Käufer hatten sich wohl nicht viel bei ihrem Kauf gedacht, es war ein
-Familienrat, Verwandte, die auf Spekulation kauften; sie hatten sich
-nicht den ganzen Berg gesichert, all die vielen Meilen bis zum nächsten
-Tale, nein, sie kauften ein Stückchen von Isak Sellanraa und Geißler
-und verkauften dann wieder.
-
-Und was ist nun zu tun? Die Herren und die Vorarbeiter und die
-Sachkundigen wissen das sehr gut, sie müssen sofort mit dem
-Staat verhandeln. Sie schicken also eine Stafette nach Hause mit
-Briefschaften und Karten und reiten danach selbst zum Lensmann, um
-Beschlag auf den ganzen Bergzug auf der Südseite des Wassers zu legen.
-Aber jetzt treffen sie auf allerlei Schwierigkeiten. Das Gesetz steht
-ihnen im Weg, sie sind Ausländer, sie können nicht direkt kaufen.
-Das wissen sie wohl, da haben sie vorgesorgt. Allein die Südseite des
-Berges ist bereits verkauft, das haben sie nicht gewußt. -- Verkauft?
-sagen die Herren. -- Schon lange, schon seit mehreren Jahren. -- Wer
-hat das Land gekauft? -- Geißler. -- Was für ein Geißler? Ach der? --
-Verbrieft und versiegelt, sagt der Lensmann. Es ist kahler Fels, er hat
-ihn beinahe für nichts bekommen. -- Aber zum Kuckuck, was ist denn das
-für ein Geißler, von dem wir immer wieder hören! Wo ist er? -- Gott
-weiß, wo er ist.
-
-Die Herren mußten eine neue Stafette nach Schweden schicken. Und sie
-mußten ja auch versuchen, herauszubringen, wer dieser Geißler war.
-Vorläufig konnten sie nicht mehr mit voller Mannschaft weiterarbeiten
-lassen.
-
-Nun kam Gustaf hinunter nach Sellanraa; er trug all sein irdisch Gut
-auf dem Rücken und sagte, nun komme er! Jawohl, Gustaf hatte den Dienst
-bei der Gesellschaft verlassen, das heißt, er hatte sich am letzten
-Sonntag etwas zu offenherzig über den Kupferberg geäußert, seine Worte
-waren dem Vorarbeiter und dem Ingenieur hinterbracht worden, und Gustaf
-hatte den Abschied erhalten. Glückliche Reise, und außerdem war es
-vielleicht gerade das, was er gewollt hatte: nun erweckte es keinen
-Verdacht, wenn er nach Sellanraa ging. Er bekam sofort Arbeit beim
-Stallbau.
-
-Sie mauern und mauern, und als kurz darauf noch ein Mann von den Bergen
-kommt, findet auch er einen Platz bei der Arbeit; nun konnten zwei
-Schichten gemacht werden, und die Arbeit ging rasch von der Hand. Der
-Stall würde bis zum Herbst doch noch fertig werden.
-
-Aber ein Arbeiter nach dem andern kam von den Bergen herunter, allen
-war aufgekündigt worden, und sie zogen wieder heim nach Schweden. Der
-Versuchsbetrieb sollte aufhören. Im Dorfe drunten ging es wie ein
-Seufzer durch alle Menschen; seht, sie waren so töricht, sie begriffen
-nicht, daß ein Probebetrieb ein Betrieb auf Probe ist, aber das war
-es. Mißmut und schlimme Ahnungen ergriffen die Menschen im Dorfe, das
-Geld wurde seltener, die Löhne wurden herabgesetzt, der Handelsplatz
-Storborg verödete. Was sollte das alles bedeuten? Nun war doch alles
-so schön im Gang, Aronsen hatte sich eine Flaggenstange und eine
-Flagge angeschafft, er hatte sich für den Winter ein Eisbärfell für
-seinen Familienschlitten gekauft und die ganze Familie mit großartigen
-Kleidern ausstaffiert. Das waren ja nur Kleinigkeiten, aber es waren
-auch große Dinge geschehen: zwei neue Ansiedler hatten sich Rodeland
-in der Gegend gekauft, hoch oben zwischen Maaneland und Sellanraa,
-das war keine unbedeutende Sache für diese kleine abgelegene Welt.
-Die beiden Ansiedler hatten ihre Gammen errichtet, hatten gerodet und
-Moore entwässert, es waren fleißige Leute, sie waren in kurzer Zeit
-weit gekommen. Den ganzen Sommer über hatten sie ihre Nahrungsmittel
-in Storborg gekauft, aber als sie das letztemal kamen, war fast
-nichts mehr zu haben. Waren -- was sollte Aronsen mit Waren, wenn
-der Grubenbetrieb aufgehört hatte? Nun hatte er beinahe keine Waren
-mehr, er hatte nur Geld. Von allen Leuten in der Gegend war vielleicht
-Aronsen der mißmutigste; er hatte sich mit seinem Überschlag gar zu
-sehr verrechnet. Als ihm geraten wurde, sein Land zu bebauen und bis
-bessere Zeiten kämen, davon zu leben, antwortete er: Das Land bebauen?
-Dazu bin ich mit den Meinen nicht hierhergekommen.
-
-Zuletzt hielt es Aronsen nicht mehr aus, er wollte selbst hinauf zu
-den Gruben und einmal nach der Sache sehen. Es war an einem Sonntag.
-Als er nach Sellanraa kam, wollte er Isak mit hinaufnehmen; aber Isak
-hatte noch keinen Fuß ins Gebirge gesetzt, seit dort der Betrieb
-angefangen hatte, er gedieh am besten auf seiner Halde. Inger mußte
-sich ins Mittel legen. Kannst du denn nicht mit Aronsen gehen, wenn er
-dich darum bittet, sagte sie. Sieh einmal an, Inger hatte wohl nichts
-dagegen, wenn Isak eine Weile von zu Hause weg war! Es war Sonntag, sie
-wollte ihn wohl gerne ein paar Stunden los sein. So ging Isak also mit.
-
-Sie sahen allerlei Neues auf dem Berge, Isak kannte sich in dieser
-neuen Stadt von Baracken und Wagenschuppen und gähnenden Gruben gar
-nicht mehr aus. Der Ingenieur selbst führte sie herum. Vielleicht
-war dem guten Ingenieur zurzeit nicht so ganz leicht zumute, aber er
-versuchte, der schweren Stimmung, die auf der ganzen Gegend und auf der
-Gemeinde lastete, entgegenzuarbeiten. Da war nun eine gute Gelegenheit,
-der Markgraf von Sellanraa selbst und der Kaufmann von Storborg waren
-auf dem Platze.
-
-Der Ingenieur erklärte die Gesteinsarten: Kies, Kupferkies, der
-enthielt Kupfer, Eisen und Schwefel. Ja, er wußte bis aufs Tüpfelchen,
-was der Berg enthielt, er enthielt sogar ein wenig Silber und Gold.
-Man trieb nicht Bergbau, ohne seine Sache zu können. Aber soll das
-nun aufhören? fragte Aronsen. -- Aufhören? wiederholte der Ingenieur
-erstaunt. Damit wäre Südamerika nicht gedient. Mit dem Versuchsbetrieb
-würde nun eine Weile Schluß gemacht, sie hätten ja jetzt gesehen, was
-vorhanden war, jetzt würde erst die Luftbahn gebaut, und dann erst
-werde es in dem Gebirge nach Süden zu losgehen. Isak wisse wohl nicht,
-wo dieser Geißler hingekommen sei? -- Nein. -- Na, er werde schon zu
-finden sein. Dann gehe es erst recht im Ernst los. Was, aufhören!
-
-Isak ist in Verwunderung und Bewegung geraten über eine kleine
-Maschine, die mit dem Fuß getreten wird; er erkennt sofort, was das
-ist; das ist ja eine kleine Schmiede, die auf einem Karren geführt und
-überall aufgestellt werden kann. -- Was kostet eine solche Maschine?
-fragt Isak. -- Diese? Die Feldesse? Oh, die kostet nicht viel. Sie
-hätten mehrere solche, aber sie hätten ganz andere Maschinen und
-Einrichtungen drunten an der See, ungeheure Maschinen. Isak werde wohl
-begreifen, daß man solchen tiefen Tälern und Abgründen in den Bergen
-nicht mit Nägeln zu Leibe gehen könne, hahaha.
-
-Sie gehen weiter, und der Ingenieur erzählt, daß er in den nächsten
-Tagen nach Schweden abzureisen gedenke. -- Aber Ihr kommt doch wieder?
-fragt Aronsen. -- Natürlich. Der Ingenieur war sich nichts bewußt,
-weshalb ihn die Regierung oder die Polizei zu Hause festsetzen könnte.
-Isak richtete es so ein, daß sie noch einmal vor die kleine Schmiede
-zu stehen kamen. Wieviel kann solch eine Esse kosten? fragt er. --
-Kosten. Das wußte der Ingenieur wahrhaftig nicht mehr. Sie kostet ja
-wohl einiges Geld, aber bei einem so großen Betrieb kommt das gar nicht
-in Betracht. Der prächtige Ingenieur, vielleicht war ihm jetzt gerade
-nicht ganz leicht zu Sinn, aber er wahrte den Schein und tat großartig
-bis zuletzt. Ob Isak eine Feldesse brauchen könne? Dann solle er nur
-diese nehmen. Seine Gesellschaft sei mächtig genug, sie schenke ihm die
-Feldesse!
-
-Eine Stunde später wandern Isak und Aronsen wieder nach Hause. Aronsen
-ist ruhiger geworden und hat ein wenig Hoffnung geschöpft, Isak
-schreitet den Berg hinunter mit der kostbaren Feldesse auf dem Rücken.
-Der alte Prahm war es gewöhnt, Lasten zu tragen! Der Ingenieur hatte
-angeboten, am nächsten Tag das Kleinod durch einen Mann nach Sellanraa
-zu schicken, aber Isak dankte und sagte, das sei nicht nötig. Er
-dachte, wie die zu Hause sich verwundern würden, wenn er mit einer
-Schmiede auf dem Rücken ankam!
-
-Aber es war Isak, der sich verwundern mußte, als er heimkam.
-
-Dort kam gerade ein Pferd mit einer ganz sonderbaren Wagenladung
-auf den Hof gefahren. Der Kutscher war ein Mann aus dem Dorfe, aber
-nebenher schritt ein Herr, den Isak verwundert anstarrte: es war
-Geißler.
-
-
-
-
-5
-
-
-Isak hätte sich auch sonst noch über das eine oder andere verwundern
-können, aber er war nicht dazu geschaffen, an viele Dinge auf einmal zu
-denken. Wo ist Inger? fragte er nur, als er an der Küchentür vorbeikam,
-denn er dachte daran, daß Geißler ordentlich bewirtet werden müsse.
-
-Inger? Sie war in die Beeren gegangen, war in den Beeren gewesen, seit
-Isak auf den Berg gestiegen war, sie mit Gustaf, dem Schweden. Das alte
-Ding, sie war so toll und verliebt; es ging zwar dem Herbst und dem
-Winter zu, aber sie fühlte wieder Sommerhitze in sich, ihr Herz blühte!
-Komm und zeig mir, wo Multebeeren wachsen, sagte Gustaf. Wer hätte da
-widerstehen können! Sie lief in ihre Kammer und war einige Minuten lang
-ernst und fromm; aber er stand draußen und wartete, die Welt war ihr
-dicht auf den Fersen; sie ordnete ihre Haare, beschaute sich nach allen
-Seiten im Spiegel und ging dann wieder hinaus. Was weiter, wer hätte
-das auch nicht getan! Die Frauen können den einen Mann nicht von dem
-andern unterscheiden, nicht immer, nicht oft. --
-
-Sie gehen also in die Beeren und pflücken, pflücken Multebeeren auf dem
-Moor, sie steigen von einem Erdhaufen auf den andern, sie hebt ihre
-Röcke in die Höhe und läßt ihre schönen Waden sehen. Rundum ist es
-still, das Schneehuhn hat schon große Junge und zischt nicht mehr, es
-gibt weiche Plätzchen im Gebüsch auf dem Moor. Sie sind noch nicht eine
-Stunde gegangen, und schon ruhen sie aus. Inger sagt: Bist du so einer!
-Ach, sie ist so schwach ihm gegenüber, sie lächelt verlegen, denn
-sie ist sehr verliebt; ach, wie ist doch Verliebtsein süß und bitter
-zugleich! Schick und Brauch verlangen wohl, sich zu wehren. Ja, um
-endlich doch nachzugeben. Inger ist sehr verliebt, sterblich und ohne
-Gnade verliebt, sie will ihm wohl und ist nur gut und herzlich gegen
-ihn.
-
-Das alte Ding!
-
-Wenn der Stall fertig ist, dann gehst du fort, sagt sie. -- Nein, er
-gehe nicht fort. Natürlich müsse er einmal fortgehen, aber nicht schon
-in einer Woche. -- Wollen wir nicht heimgehen? fragt sie. -- Nein.
-
-Sie pflücken Beeren, und nach einer Weile finden sie wieder weiche
-Plätzchen im Gebüsch, und Inger sagt: Du bist verrückt, Gustaf! Die
-Stunden vergehen, jetzt sind sie wohl im Gebüsch eingeschlafen. Sind
-sie eingeschlafen? Das ist ausgezeichnet, mitten im Ödland, in Eden.
-Da setzt sich Inger auf und horcht und sagt: Ich meine, ich höre weit
-drüben auf dem Weg einen Wagen fahren.
-
-Die Sonne sinkt; während sie heimgehen, werden die Heidehügel im
-Schatten dunkler. Sie kommen noch an vielen geschützten Stellen vorbei,
-Gustaf sieht sie, und Inger sieht sie wohl auch, aber sie meint die
-ganze Zeit, es fahre jemand vor ihnen her. Aber sich auf dem ganzen
-Heimweg gegen einen närrischen hübschen Jungen wehren müssen? Inger ist
-sehr schwach, sie lächelt nur und sagt: Nein, so einen wie dich hab'
-ich doch noch nie gesehen!
-
-Inger kommt allein nach Hause. Es ist gut, daß sie jetzt kommt,
-großartig ist es, eine Minute später wäre nicht so gut gewesen. Isak
-ist gerade mit seiner Schmiede und mit Aronsen in den Hof getreten,
-und ein Pferd mit einem Wagen hält auch eben vor der Tür.
-
-Guten Tag! sagt Geißler und begrüßt dann auch Inger.
-
-Da stehen diese Menschen und schauen einander an. Es könnte nicht
-besser passen.
-
-Geißler ist wiedergekommen. Er ist einige Jahre weggewesen, aber jetzt
-ist er wieder da, etwas älter und grauer, aber lebhaft wie immer, und
-jetzt ist er fein gekleidet, trägt eine weiße Weste und eine goldene
-Kette. Der Teufel versteht diesen Mann!
-
-Hat er Kunde erhalten, daß jetzt auf dem Kupferberg etwas vor sich
-ging, und wollte er die Sache untersuchen? Gut, hier war er. Er
-sieht hell wach aus, mustert Häuser und Felder, indem er den Kopf
-sachte hin und her dreht und die Blicke wandern läßt; er sieht große
-Veränderungen, der Markgraf hat seine Herrschaft erweitert. Geißler
-nickt befriedigt.
-
-Was schleppst du denn da herbei? fragte er Isak. Das ist ja eine ganze
-Pferdelast! sagt er. -- Eine Schmiedeesse, erklärt Isak. Die wird mir
-hier auf der Ansiedlung manches liebe Mal zugute kommen, sagt er und
-heißt Sellanraa immer noch eine Ansiedlung. -- Wo hast du sie her? --
-Der Ingenieur droben auf dem Berg hat sie mir geschenkt. -- Ist auf dem
-Berg ein Ingenieur? fragt Geißler, wie wenn er es nicht wüßte.
-
-Sollte Geißler hinter dem Ingenieur auf dem Berg zurückstehen? Ich habe
-gehört, daß du dir eine Mähmaschine gekauft hast, jetzt habe ich dir
-dazu einen Heurechen mitgebracht, sagt er und deutet auf den Wagen.
-Da stand die Maschine, rot und blau, ein unmäßig großer Kamm, ein
-Heurechen, der von einem Pferd gezogen wurde. Sie hoben die Maschine
-vom Wagen und betrachteten sie, Isak spannte sich vor und versuchte sie
-auf der nackten Erde. Der Mund stand ihm offen vor Verwunderung. Ein
-Wunder nach dem andern war nach Sellanraa gekommen.
-
-Sie sprachen über den Kupferberg, über das Bergwerk. Sie haben dort
-eifrig nach Euch gefragt, sagt Isak. -- Wer hat gefragt? -- Der
-Ingenieur und alle die Herren. Sie müßten Euch unbedingt auffinden,
-sagten sie. Ach, Isak machte sicher zuviel aus der Sache, Geißler
-vertrug das vielleicht nicht, er machte einen steifen Nacken und sagte:
-Da bin ich, wenn sie etwas von mir wollen.
-
-Den Tag darauf kamen die beiden Stafetten aus Schweden zurück, und mit
-ihnen kamen zwei von den Eigentümern des Bergwerks; sie waren zu Pferd,
-vornehme, dicke Herren und allem Anschein nach steinreich. Sie hielten
-auf Sellanraa fast nicht an, sondern erkundigten sich nur vom Pferd
-aus nach dem Wege und ritten weiter nach dem Berge zu. Sie taten, als
-ob sie Geißler gar nicht sähen, obgleich er ganz in der Nähe stand.
-Die Stafetten mit den beladenen Packpferden ruhten eine Stunde aus,
-unterhielten sich mit den Maurern, die am Stall arbeiteten, erfuhren,
-daß der alte Herr mit der weißen Weste und der goldenen Kette Geißler
-sei, und dann zogen auch sie weiter. Aber die eine der Stafetten kam
-noch am selben Abend wieder auf den Hof herunter mit der mündlichen
-Botschaft, Geißler solle zu den Herren hinaufkommen. Hier bin ich, wenn
-sie etwas von mir wollen, ließ Geißler antworten.
-
-Geißler war großartig geworden, er dachte vielleicht, er habe die
-ganze Welt in der Tasche, oder fand er eine mündliche Botschaft gar zu
-nachlässig? Aber wie ging es zu, daß er gerade in dem Augenblick nach
-Sellanraa kam, wo man ihn brauchte? War er denn allwissend? Na, als
-die Herren auf dem Berge diese Antwort bekamen, mußten sie sich wohl
-oder übel nach Sellanraa herabbemühen. Der Ingenieur und die beiden
-Sachverständigen kamen mit.
-
-Aber es waren noch allerlei Wendungen und Winkelzüge notwendig, ehe die
-Zusammenkunft zustande kam. Das versprach nicht viel Gutes, Geißler tat
-ungeheuer großartig.
-
-Die Herren waren jetzt recht höflich, sie baten Geißler, zu
-entschuldigen, daß sie gestern nach ihm geschickt hätten, sie seien
-von der Reise sehr ermüdet gewesen. Geißler war auch wieder höflich,
-er erwiderte, auch er sei von seiner Reise ermüdet gewesen, sonst wäre
-er hinaufgekommen. Ja, aber nun zur Sache: Ob er den Berg auf der
-Südseite des Wassers verkaufen wolle? -- Sind die Herren selbst Käufer
-oder spreche ich mit Zwischenhändlern? -- Das war die reine Bosheit von
-Geißlers Seite, er mußte doch sehen, daß diese vornehmen und dicken
-Herren keine Zwischenhändler sein konnten. Dann ging es weiter: Der
-Preis? fragten sie. -- Ja, der Preis! sagte auch Geißler und überlegte.
-Zwei Millionen, sagte er dann. -- Ach so, sagten die Herren und
-lächelten. -- Aber Geißler lächelte nicht.
-
-Der Ingenieur und die Sachverständigen hatten so obenhin den Berg
-untersucht, hatten einige Löcher gebohrt und gesprengt, und das
-Ergebnis lautete also: Das Vorkommen des Kupfers war auf Eruptionen
-zurückzuführen, die Kupferfunde waren sehr ungleich verteilt,
-nach der vorläufigen Untersuchung waren sie am mächtigsten an der
-Grenze zwischen dem Eigentum der Gesellschaft und dem von Geißler,
-weiterhin nahmen sie wieder ab. Auf der letzten halben Meile kam kein
-abbauwürdiger Kupferkies mehr vor.
-
-Geißler hörte diesem Bericht mit der größten Gleichgültigkeit zu. Er
-zog einige Dokumente aus der Tasche, die er aufmerksam durchsah, aber
-es waren keine Karten, und Gott weiß, ob sie überhaupt den Kupferberg
-betrafen. -- Es ist nur nicht tief genug gebohrt worden, sagte er, als
-ob er das aus seinen Papieren entnehme. Das gaben die Herren sofort
-zu; aber der Ingenieur fragte, wie Geißler das wissen könne, er habe
-ja überhaupt gar nicht gebohrt. -- Da lächelte Geißler, als ob er
-mindestens ein paar hundert Meter tief in den Erdball hineingebohrt,
-aber dann die Bohrlöcher unkenntlich gemacht habe.
-
-Bis Mittag redeten sie hin und her, dann schauten die Herren auf ihre
-Uhren. Geißler war mit seinen Ansprüchen bis auf eine Viertelmillion
-heruntergegangen, aber weiter herunter ging er nicht um Haaresbreite.
-Nein, sie mußten ihn ernstlich verletzt haben, sie gingen von der
-Anschauung aus, daß er gerne verkaufen würde, daß er genötigt sei
-zu verkaufen; aber das war er nicht, hoho, konnten sie denn nicht
-sehen, daß er beinahe ebenso vornehm und großartig war wie sie? --
-Fünfzehn- bis zwanzigtausend seien auch eine schöne Summe, meinten die
-Herren. -- Geißler sagte: Dagegen sei nichts einzuwenden, wenn man
-das Geld gerade nötig habe, aber zweihundertundfünfzigtausend seien
-mehr. -- Da sagte einer von den Herren, und er sagte das, um Geißler
-gleichsam niederzudrücken: Eben fällt mir ein, wir sollen Sie von Frau
-Geißlers Verwandten in Schweden grüßen. -- Danke! sagte Geißler. --
-Apropos! sagte der andere Herr, da dies nichts genützt hatte. Eine
-Viertelmillion! Es ist doch aber kein Gold, sondern Kupferkies. --
-Geißler nickte. Ja, es ist Kupferkies.
-
-Da wurden die Herren alle miteinander ungeduldig, fünf Uhrendeckel
-sprangen auf und klappten wieder zu, und jetzt war keine Zeit mehr
-zum Scherzen, jetzt war Mittag. Die Herren verlangten kein Essen auf
-Sellanraa, sie ritten zurück zu den Gruben und speisten dort ihr
-eigenes Essen.
-
-So verlief diese Zusammenkunft.
-
-Geißler blieb allein zurück.
-
-Was waren das wohl für Überlegungen, die ihn bewegten? Vielleicht
-gar keine, vielleicht war es ihm gleichgültig, und er überlegte gar
-nicht. O nein, er überlegte, aber er ließ keinerlei Unruhe merken. Nach
-dem Mittagessen sagte er zu Isak: Ich wollte eigentlich einen weiten
-Gang über meinen Berg machen und hätte wie das letztemal Sivert gerne
-mitgenommen. -- Isak sagte augenblicklich zu. -- Nein, er hat anderes
-zu tun, erklärte Geißler. -- Er soll sofort mit Euch gehen, sagte Isak
-und rief Sivert von seiner Maurerarbeit ab. -- Aber Geißler hob die
-Hand und sagte kurz: Nein!
-
-Er trieb sich auf dem ganzen Hof herum, kam auch mehrere Male wieder
-bei den Maurern vorbei und unterhielt sich da lebhaft mit ihnen. Daß
-er das konnte, wo ihn doch eben erst so etwas Wichtiges in Anspruch
-genommen hatte! Oh, vielleicht hatte er solange in unsicheren
-Verhältnissen gelebt, daß eigentlich für ihn gar nichts mehr auf dem
-Spiele zu stehen schien, einen schwindelnden Sturz würde er auf keinen
-Fall tun.
-
-Hier stand er nun vor einem reinen Glücksfall. Nachdem er das kleine
-Grubenstück an die Verwandten seiner Frau verkauft hatte, ging er
-stracks hin und kaufte den ganzen übrigen Berg; warum hatte er das
-getan? Wollte er die jetzigen Eigentümer dadurch ärgern, daß er ihr
-nächster Nachbar wurde? Ursprünglich hatte er wohl nur auf der Südseite
-des Wassers, da, wohin die Grubenstadt kommen mußte, wenn je ein
-Bergwerk errichtet wurde, einen Streifen haben wollen; Eigentümer des
-ganzen Berges aber wurde er, weil ihn dies beinahe nichts kostete, und
-weil er sich die Mühe einer weitläufigen Grenzabsperrung sparen wollte.
-Er wurde Bergkönig aus Gleichgültigkeit, ein kleiner Bauplatz für
-Baracken und Maschinenschuppen wurde zu einem Reiche, das bis hinunter
-ans Meer ging.
-
-In Schweden ging der erste kleine Grubenteil von Hand zu Hand, und
-Geißler hielt sich über dessen Schicksal stets unterrichtet. Natürlich
-hatten die ersten Besitzer dumm gekauft, verrückt dumm, der Familienrat
-war nicht sachverständig gewesen, und die Herren hatten sich kein
-genügend großes Stück des Berges gesichert, sie hatten nur einen
-gewissen Geißler abfinden und sich ihn vom Halse schaffen wollen.
-Aber die neuen Besitzer waren nicht weniger komische Leute, sie waren
-gewaltige Männer, die sich einen Scherz erlauben und nur so zum
-Vergnügen, etwa bei einem Gelage, kaufen konnten, wer weiß! Aber als es
-nun zu einem Versuchsbetrieb kam und Ernst aus der Sache wurde, standen
-sie plötzlich vor einer Mauer: Geißler.
-
-Sie sind Kinder! dachte Geißler vielleicht von seiner Höhe herunter, er
-war sehr mutig und steifnackig geworden. Die Herren hatten allerdings
-versucht, ihn mit kaltem Wasser zu begießen, sie hatten geglaubt, vor
-einem Dürftigen zu stehen und deshalb ein Wörtlein von so fünfzehn bis
-zwanzigtausend fallen lassen. Sie waren Kinder, sie kannten Geißler
-nicht. Hier stand er.
-
-Die Herren kamen an diesem Tage nicht mehr vom Berg herunter, sie
-meinten wohl, klug zu handeln, wenn sie sich nicht gar so eifrig
-zeigten. Am nächsten Morgen kamen sie indes doch, hatten ihr Packpferd
-bei sich und waren auf der Heimreise. Aber da war Geißler weggegangen.
-
-War Geißler weggegangen?
-
-Die Herren konnten unter diesen Umständen nichts vom Pferde aus
-abmachen, sie mußten absteigen und warten. Wohin war Geißler gegangen?
-Niemand wußte es, er ging überall herum, er interessierte sich für
-Sellanraa, zuletzt war er bei dem Sägewerk gesehen worden. Die
-Stafetten wurden ausgesandt, ihn zu suchen, aber er mußte wohl weit
-weggegangen sein, denn er gab keine Antwort, als er gerufen wurde. Die
-Herren schauten nach ihren Uhren und waren anfänglich sehr ärgerlich
-und sagten: Wir werden doch nicht die Narren sein und warten. Wenn
-Geißler verkaufen will, so soll er auch auf dem Platze sein! O ja,
-aber der große Ärger der Herren legte sich, sie warteten, ja, sie
-wurden scherzhaft, das war ja zum Verzweifeln, sie mußten hier an der
-Grenzscheide des Berges über Nacht bleiben. Das geht ja brillant,
-sagten sie. Unsere Angehörigen werden dereinst unsere gebleichten
-Gebeine finden!
-
-Endlich kam Geißler. Er hatte sich auf dem ganzen Gute umgesehen, und
-jetzt kam er eben vom Sommerstall. Es kommt mir vor, als ob auch der
-Sommerstall für dich zu klein würde, sagte er zu Isak. Wieviel Stück
-Vieh hast du denn alles in allem da droben? -- So konnte er sprechen,
-obgleich die Herren mit der Uhr in der Hand dastanden. Geißler hatte
-eine merkwürdige Röte im Gesicht, als ob er starke Getränke genossen
-hätte. Puh, ist mir von dem Gang warm geworden! sagte er.
-
-Wir hatten einigermaßen erwartet, Sie würden auf dem Platze sein,
-sagte einer der Herren. -- Darum hatten mich die Herren nicht gebeten,
-erwiderte Geißler. Sonst wäre ich auf dem Platze gewesen. -- Na, und
-der Handel? Ob Geißler heute ein vernünftiges Gebot annehmen wolle?
-Es würden ihm doch wohl nicht jeden Tag fünfzehn- bis zwanzigtausend
-angeboten, oder doch? -- Diese neue Andeutung verletzte Geißler
-bedeutend. War das auch eine Art? Und die Herren hätten sicherlich
-nicht so gesprochen, wenn sie nicht ärgerlich gewesen wären, und
-Geißler wäre nicht auf der Stelle blaß geworden, wenn er nicht vorher
-an einem einsamen Ort gewesen und rot geworden wäre. Jetzt erbleichte
-er und erwiderte kalt: Ich will nicht andeuten, was den Herren zu
-bezahlen vielleicht erschwinglich ist, dagegen weiß ich, was ich haben
-will. Ich will das Kindergeschwätz über den Berg nicht mehr hören.
-Mein Preis ist derselbe wie gestern. -- Eine Viertelmillion Kronen? --
-Ja. --
-
-Die Herren stiegen zu Pferd.
-
-Jetzt will ich Ihnen etwas sagen, Geißler, begann der eine. Wir wollen
-bis auf fünfundzwanzigtausend gehen. -- Sie sind immer noch scherzhaft
-aufgelegt, erwiderte Geißler. Ich will Ihnen einen ernsthaft gemeinten
-Gegenvorschlag machen: Wollen Sie mir Ihr kleines Grubenstückchen
-verkaufen? -- Ja, das lasse sich überlegen, sagten die einigermaßen
-überrumpelten Herren. -- Dann werde ich es kaufen, erklärte Geißler.
-
-Oh, dieser Geißler! Der ganze Hof stand voller Menschen, die ihn reden
-hörten, alle Leute von Sellanraa und die Maurer und die Herren und
-die Stafetten; er konnte sich vielleicht überhaupt kein Geld zu einem
-solchen Geschäft verschaffen, aber Gott weiß, ob er es nicht am Ende
-doch konnte, wer verstand sich auf ihn! Auf jeden Fall brachte er mit
-seinen wenigen Worten eine kleine Revolution unter den Herren hervor.
-Wollte er ihnen ein Schnippchen schlagen? Meinte er, seinen Berg durch
-dieses Vorgehen wertvoller zu machen?
-
-Die Herren überlegten wirklich, die Herren fingen an, leise miteinander
-darüber zu reden, sie stiegen wieder von den Pferden. Da mischte sich
-der Ingenieur in die Sache, sie kam ihm wohl zu erbärmlich vor, und er
-schien auch die Macht und die Gewalt dazu zu haben. Jetzt stand ja der
-ganze Hof voll von Leuten, die alle zuhörten. -- Wir verkaufen nicht!
-erklärte er bestimmt. -- Nicht? fragten die Herren. -- Nein!
-
-Sie flüsterten ein Weilchen zusammen, dann stiegen sie wirklich im
-Ernst zu Pferd. -- Fünfundzwanzigtausend! rief einer der Herren. --
-Geißler gab keine Antwort, er drehte sich um und ging wieder zu den
-Maurern.
-
-Und so verlief die letzte Zusammenkunft.
-
-Geißler tat den Folgen gegenüber ganz gleichgültig, er ging hin und
-her und sprach von dem und jenem, jetzt war er ganz davon hingenommen,
-daß die Maurer eben gewaltig große Deckenbalken über den ganzen Stall
-legten. Sie wollten noch in dieser Woche mit dem Stall fertig werden,
-es sollte nur ein Notdach errichtet werden, später würde man noch einen
-Heuboden auf den Stall aufsetzen.
-
-Isak hielt Sivert von der Arbeit am Stall zurück und ließ ihn nichts
-tun, damit Geißler zu jeder Zeit den jungen Mann zu einem Gang in die
-Berge bereit finde. Das war eine unnütze Vorsorge, Geißler hatte seine
-Absicht aufgegeben oder sie vielleicht auch vergessen. Nachdem er von
-Inger etwas Mundvorrat bekommen hatte, schlug er gegen Abend den Weg
-nach dem Dorf hinunter ein und blieb über das Abendessen fort.
-
-Er kam an den beiden neuen Ansiedlungen unterhalb Sellanraa vorbei
-und sprach mit den Leuten dort, er kam bis nach Maaneland und wollte
-sehen, was Ström in den letzten Jahren ausgerichtet hatte. Es war
-mit ihm nicht so sehr vorwärtsgegangen, aber er hatte doch viel Land
-urbar gemacht. Geißler interessierte sich auch für diese Ansiedlung
-und fragt: Hast du ein Pferd? -- Ja. -- Unten, weiter südlich, habe
-ich eine Mähmaschine und einen Reolpflug stehen, neue Sachen, die
-will ich dir schicken. -- Was! rief Axel und konnte sich eine solche
-Freigebigkeit gar nicht vorstellen; er dachte an Abzahlung. -- Ich
-will dir die Geräte schenken, sagte Geißler. -- Das ist doch nicht
-möglich! meinte Axel. -- Aber du mußt deinen beiden Nachbarn helfen
-und ihnen ein Stück Neuland umbrechen, verlangte Geißler. -- Das soll
-nicht fehlen, versprach Axel, aber er konnte den ganzen Geißler nicht
-verstehen. So, dann habt Ihr also Grundbesitz und Maschinen im Süden?
-fragte er. -- Geißler antwortete: Ach, ich habe gar vielerlei. --
-Seht, das hatte Geißler vielleicht gar nicht, er hatte nicht vielerlei
-Geschäfte, aber er tat oft so. Diese Mähmaschine und diesen Reolpflug
-brauchte er ja nur in irgendeiner Stadt zu kaufen und heraufzuschicken.
-
-Er hatte ein langes Gespräch mit Axel Ström über die andern Ansiedler
-in der Gegend, über das Handelshaus Storborg, über Axels Bruder, einen
-jung verheirateten Mann, der jetzt nach Breidablick gekommen war und
-angefangen hatte, die Moore zu entwässern. Axel beklagte sich darüber,
-daß keine weibliche Hilfe zu bekommen sei, er habe nur eine alte Frau
-namens Oline, sie sei nicht viel nütze, aber er müsse doch froh sein,
-solange er sie halten könne. Im Sommer habe er eine Zeitlang Tag und
-Nacht arbeiten müssen. Er hätte vielleicht eine weibliche Hilfe aus
-seinem Heimatort, aus Helgeland, bekommen können, aber dann hätte
-er ihr außer dem Lohn auch noch das Reisegeld bezahlen müssen. Er
-habe Ausgaben nach allen Seiten. Axel erzählte weiter, daß er die
-Aufsicht über die Telegraphenlinie übernommen habe, aber das reue ihn
-einigermaßen. -- Das ist etwas für Leute wie Brede, sagte Geißler. --
-Ja, das ist sehr richtig gesagt, gab Axel zu. Aber es war wegen des
-Geldes. -- Wie viele Kühe hast du? fragte Geißler. -- Vier. Und einen
-jungen Stier. Es ist sehr weit bis nach Sellanraa zum Stier.
-
-Aber eine viel wichtigere Sache, die er mit Geißler besprechen wollte,
-lag Axel Ström auf dem Herzen. Es war jetzt eine Untersuchung im Gang
-gegen Barbro. Ja, natürlich war die Sache herausgekommen. Barbro war
-guter Hoffnung gewesen, aber sie war frank und frei und ohne Kind von
-hier abgereist. Wie hing das zusammen? Als Geißler vernahm, um was es
-sich handelte, sagte er kurz und gut: Komm mit! und führte Axel weit
-von den Gebäuden weg. Dann setzte er eine äußerst wichtige Miene auf
-und benahm sich wie eine Art Obrigkeit. Sie ließen sich am Waldessaum
-nieder, und Geißler sagte: So, nun laß mich hören!
-
-Natürlich war die Sache herausgekommen, wie hätte es auch anders gehen
-können! Die Gegend war nicht mehr menschenleer, und außerdem war Oline
-gekommen. Was hatte Oline mit der Sache zu tun? Oh, die! Und außerdem
-hatte sich Brede mit ihr verkracht. Jetzt war an Oline nicht mehr
-länger vorbeizukommen, sie wohnte an Ort und Stelle und konnte Axel
-selbst allmählich ausforschen; sie lebte ja für verdächtige Sachen, ja
-sie lebte zum Teil davon, da war also wieder etwas mit der richtigen
-Witterung! Eigentlich war Oline jetzt zu alt, um Haus und Vieh auf
-Maaneland zu versorgen, sie hätte es aufgeben sollen, aber konnte sie
-das? Hätte sie einen Ort, wo ein so großes Geheimnis verborgen lag,
-ruhig verlassen können? Sie brachte die Winterarbeit fertig, ja sie
-schindete sich auch noch den Sommer hindurch, es kostete sie große
-Anstrengung, und sie hielt sich nur durch die Aussicht aufrecht, einer
-Tochter von Brede etwas nachweisen zu können. Kaum fing im Frühjahr
-der Schnee an zu schmelzen, so schnupperte Oline bereits in der Gegend
-umher, sie fand den kleinen Hügel am Bach und erkannte sofort, daß der
-Rasen in Stücken aufgelegt war; sie hatte auch eines Tages das Glück
-gehabt, Axel zu treffen, wie er das kleine Grab festtrat und es ebnete.
-Axel wußte also auch von der Sache. Oline nickte mit ihrem grauen Kopf,
-jetzt war ihre Zeit gekommen.
-
-Nicht Axels wegen. Axel war gar kein unguter Mann, um bei ihm zu sein,
-aber er war sehr genau und zählte seine Käse und wußte Bescheid von
-jedem Büschel Wolle. Oline hatte durchaus nicht freie Hand. Und bei
-der Rettung letztes Jahr, hatte sich Axel da als Herr gezeigt und sich
-freigebig erwiesen? Nein, im Gegenteil, er bestand auf seiner Teilung
-des Triumphes. Jawohl, sagte er, wäre Oline nicht gekommen, so hätte
-er in der Nacht erfrieren müssen, aber Brede sei ihm auf dem Heimweg
-auch eine gute Hilfe gewesen! Das war der Dank! Oline meinte, da müsse
-sich der Allmächtige über die Menschen empören! Hätte nicht Axel eine
-Kuh am Strick ergreifen, sie herausführen und sagen können: Das ist
-deine Kuh, Oline! Aber nein.
-
-Jetzt kam's darauf an, ob es ihn nicht mehr kosten würde als eine Kuh.
-
-Den Sommer über paßte Oline jeden einzelnen Menschen ab, der
-vorbeiging, sie flüsterte mit ihm und nickte und vertraute sich ihm
-an. Aber kein Wort weitersagen! gebot sie. Oline war auch ein paarmal
-drunten im Dorf. Und nun schwirrte es mit Gerüchten in der Gegend,
-die waren wie ein Nebel, der sich um die Gesichter legt und in die
-Ohren dringt, selbst die Kinder, die auf Breidablick in die Schule
-gingen, fingen an zu nicken und geheimnisvoll zu tun. Schließlich
-mußte sich auch der Lensmann rühren, mußte Bericht erstatten und seine
-Befehle entgegennehmen. Eines Tages kam er mit einem Begleiter und
-einem Protokoll nach Maaneland und untersuchte und schrieb und ging
-wieder heim. Aber drei Wochen danach kam er wieder und untersuchte und
-schrieb noch mehr, und diesmal öffnete er auch einen kleinen grünen
-Hügel am Bach und holte die Kindesleiche heraus. Oline war ihm dabei
-eine unentbehrliche Hilfe, und als Entgelt für ihre Mühe mußte er
-ihre vielen Fragen beantworten, und da sagte er unter anderem auch,
-ja, es könnte schon die Rede davon sein, Axel zu verhaften. Da schlug
-Oline die Hände zusammen über all die Schändlichkeit, in die sie hier
-hineingekommen sei, und wünschte sich weg, weit weg! Aber sie, die
-Barbro? flüsterte sie. -- Das Mädchen Barbro sitzt verhaftet in Bergen,
-sagte der Lensmann. Die Gerechtigkeit muß ihren Gang gehen, sagte er.
-Dann nahm er die Leiche mit sich und fuhr wieder fort.
-
-Es war also nicht verwunderlich, daß Axel in großer Spannung war. Er
-hatte dem Lensmann seine Aussagen gemacht und nichts geleugnet. Das
-Kind war sein, und er hatte ihm mit eigener Hand ein Grab gegraben.
-Nun erkundigte er sich bei Geißler, wie es wohl weitergehen werde. Er
-müsse wohl in die Stadt und ein viel schlimmeres Verhör und sonstige
-Widerwärtigkeiten erdulden?
-
-Geißler war nicht mehr der gleiche wie zuvor, nein, die umständliche
-Erzählung hatte ihn ermüdet, er schien schläfrig zu werden -- was nun
-auch der Grund sein mochte; ob vielleicht der Geist vom Morgen nicht
-mehr über ihm war? Er sah auf seine Uhr, stand auf und sagte: Das muß
-gründlich überlegt werden, ich will darüber nachdenken. Du sollst meine
-Antwort bekommen, ehe ich abreise.
-
-Damit ging Geißler.
-
-Gegen Abend kam er nach Sellanraa zurück, aß ein wenig und ging zu
-Bett. Er schlief bis tief in den Tag hinein, schlief und ruhte aus;
-er war wohl ermattet nach der Zusammenkunft mit den schwedischen
-Grubenbesitzern. Erst zwei Tage nachher machte er sich zur Abreise
-fertig. Da war er wieder großartig und überlegen, bezahlte reichlich
-und schenkte der kleinen Rebekka ein neues Kronenstück.
-
-Isak hielt er eine Rede und sagte: Es ist ganz einerlei, daß es jetzt
-nicht zu einem Verkauf gekommen ist, das wird schon noch werden.
-Vorläufig lege ich den Betrieb dort oben lahm. Das waren rechte Kinder,
-sie meinten mich übers Ohr hauen zu können. Hast du gehört, daß sie
-mir fünfundzwanzigtausend boten? -- Ja, sagte Isak. -- Nun, erwiderte
-Geißler und scheuchte mit einer Kopfbewegung jede Art von Schandangebot
-und jegliches Staubkorn weit weg. Es schadet dem Bezirk hier oben gar
-nichts, wenn ich den Betrieb lahmlege, im Gegenteil, es wird die Leute
-veranlassen, ihr Land zu bebauen. Aber drunten im Dorf, da wird man's
-merken. Es ist ja im Sommer viel Geld unter die Leute gekommen, schöne
-Kleider und süßen Brei gab's für jedermann; damit ist es jetzt aus.
-Siehst du, das Dorf hätte wohl gut Freund mit mir sein können, dann
-wäre es vielleicht anders gegangen. Jetzt habe _ich_ zu bestimmen.
-
-Er sah nun allerdings nicht so aus, als habe er über viel zu gebieten;
-als er ging, trug er ein Päckchen mit Mundvorrat in der Hand, und seine
-Weste war nicht mehr blendend weiß. Vielleicht hatte ihn seine gute
-Frau mit dem Rest der vierzigtausend Kronen, die sie einmal erhalten
-hatte, für diese Reise ausgestattet, Gott weiß, ob das nicht der Fall
-war. Aber nun kommt er kahl heim!
-
-Geißler vergaß nicht, auf dem Heimweg bei Axel Ström einzutreten und
-ihm Bescheid zu sagen. Ich habe darüber nachgedacht, die Sache ist nun
-einmal im Gang, du kannst jetzt nichts tun. Du wirst zu einem Verhör
-vorgeladen werden und mußt deine Aussagen machen ... Das war nur so ein
-Gerede, Geißler hatte vielleicht gar nicht mehr an die Sache gedacht.
-Und Axel sagte niedergeschlagen zu allem ja. Zum Schluß aber blies sich
-Geißler wieder zu einem gewaltigen Mann auf, er zog die Brauen hoch
-und sagte nachdenklich: Ob ich vielleicht in die Stadt kommen und bei
-der Verhandlung anwesend sein könnte? -- Ach ja, wenn Ihr das könntet!
-rief Axel. -- Im nächsten Augenblick entschied Geißler: Ich will sehen,
-ob ich nicht Zeit finden kann. Für heute leb wohl! Ich werde dir die
-Maschinen schicken.
-
-Geißler ging.
-
-Ob das nun wohl seine letzte Reise in die Gegend gewesen war?
-
-
-
-
-6
-
-
-Die letzte Gruppe von Arbeitern kommt vom Berg herunter, der Betrieb
-hat völlig aufgehört, jetzt liegt der Berg wieder verödet da. Auch der
-gemauerte Stall auf Sellanraa ist nun fertig. Er hat ein Notdach aus
-Rasenstücken für den Winter bekommen. Der große Raum ist in einzelne
-kleinere Räume eingeteilt, helle Räume, ein gewaltig großer Salon in
-der Mitte und große Kabinette an den beiden Enden, ja, es ist gerade
-wie für die Menschen. Isak hat einmal hier auf dem Platz mit einigen
-Geißen zusammen in einer Gamme gewohnt; jetzt ist auf Sellanraa keine
-Gamme mehr zu finden.
-
-Der Stall wird mit Abteilungen, mit Ständen und Holzverschlägen
-eingerichtet. Damit das alles rasch fertig wird, sind die beiden Maurer
-immer noch da, aber Gustaf sagt, er verstehe nichts von der Holzarbeit,
-und will nun weiter. Gustaf hat sich bei der Maurerarbeit als sehr
-brauchbar erwiesen und hat Lasten gehoben wie ein Bär. Abends war er
-allen zur Freude und Aufmunterung gewesen; er hatte die Mundharmonika
-gespielt und hatte außerdem den Frauen geholfen, schwere Kufen hinunter
-an den Fluß und wieder heraufzutragen. Aber jetzt will er abreisen.
-Nein, die Holzarbeit verstehe er nicht, sagt er. Es ist gerade, als ob
-er durchaus fort wolle.
-
-Du könntest wohl noch bis morgen bleiben, sagt Inger. -- Nein, es gebe
-jetzt hier keine Arbeit mehr für ihn, und er habe auch in den letzten
-Grubenarbeitern Begleitung übers Gebirge. -- Wer wird mir jetzt beim
-Wasserholen helfen? sagt Inger und lächelt wehmütig dabei. -- Da weiß
-der flinke Gustaf sofort einen guten Rat; er nennt Hjalmar. -- Hjalmar
-war der jüngste von den beiden Maurern, aber keiner von beiden war
-so jung wie Gustaf oder sonst im mindesten wie er. -- Ach was, der
-Hjalmar! erwidert Inger verächtlich. Aber plötzlich faßt sie sich und
-will Gustaf reizen und sagt: Jawohl, der Hjalmar ist gar nicht so übel.
-Und draußen auf dem Felsblock singt er schön. -- Ein Tausendsassa! sagt
-Gustaf, ohne sich reizen zu lassen. -- Aber er könne doch die Nacht
-über noch bleiben, meint Inger. -- Nein, dann ginge er der Begleitung
-verlustig.
-
-Oh, nun war Gustaf der Sache überdrüssig geworden. Es war ja prächtig
-gewesen, sie den Kameraden vor der Nase wegzuschnappen und sie die
-paar Wochen über, die er da arbeitete, zu haben. Aber nun wollte er
-weiter, an andere Arbeit, vielleicht zu einer Liebsten daheim, das
-waren neue Aussichten. Sollte er sich Ingers wegen hier ohne Arbeit
-umhertreiben? Er hatte so gute Gründe, ein Ende zu machen, daß es Inger
-doch wohl einsehen mußte. Aber sie war so keck geworden, dachte an
-keine Verantwortung mehr und kümmerte sich um nichts. Sehr lange war es
-allerdings nicht so zwischen den beiden gewesen, aber doch so lange,
-als die Maurerarbeit währte.
-
-Inger ist wirklich traurig, ja, sie geht in ihrer verirrten Treue so
-weit, daß sie sich grämt. Das ist nicht gut für sie, sie ist ohne
-Getue, einfach offen und ehrlich verliebt. Nein, sie schämt sich dessen
-nicht, sie ist ein kraftstrotzendes Weib voller Schwachheit, sie geht
-nur mit der Natur um sie her, sie ist voller Herbstglut. Während sie
-etwas Mundvorrat für Gustaf zusammenpackt, wogt ihr der Busen vor
-heftigen Gefühlen. Sie denkt nicht darüber nach, ob sie ein Recht dazu
-hat, oder ob Gefahr dabei sein könnte, sie gibt sich einfach hin, sie
-ist gierig geworden, zu schmecken, zu genießen. Isak könnte sie noch
-einmal bis an die Decke heben und sie dann wieder auf den Boden stoßen
--- jawohl, sie enthielte sich dennoch nicht.
-
-Nun geht sie mit ihrem Mundvorrat hinaus und gibt ihn ab. Sie hatte
-neben der Treppe eine Kufe zurechtgestellt, die ihr Gustaf zum
-letztenmal an den Fluß hinuntertragen helfen sollte. Vielleicht wollte
-sie ihm noch etwas sagen, vielleicht ihm etwas zustecken, den goldenen
-Ring, Gott weiß, es ist ihr alles zuzutrauen. Aber das muß jetzt ein
-Ende haben, Gustaf dankt für den Mundvorrat, sagt Lebewohl und geht.
-Und geht.
-
-Da steht sie.
-
-Hjalmar! ruft sie laut, ganz unnötig laut. Es klingt wie ein trotziger
-Jubelruf, wie ein Notschrei.
-
-Gustaf geht ...
-
-Den Herbst über wird nun in der ganzen Gegend bis zum Dorf hinunter die
-gewöhnliche Arbeit getan; die Kartoffeln werden herausgehackt, das Korn
-hereingeschafft, die Kühe werden auf die Weide gelassen. Es sind acht
-Ansiedlungen, und überall drängt die Arbeit; aber auf dem Handelsplatz
-Storborg haben sie kein Vieh und kein bestelltes Land, sie haben nur
-einen Garten, und Handel haben sie auch keinen mehr, auf Storborg
-gibt's keine dringende Arbeit.
-
-Auf Sellanraa haben sie eine neue Hackfrucht, die Turnips heißt, die
-steht grün und riesengroß da und weht mit den Blättern, und es ist
-ganz unmöglich, die Kühe davon fernzuhalten, diese brechen alle Gatter
-nieder und stürmen brüllend darauf zu. Darum müssen nun Leopoldine und
-die kleine Rebekka das Turnipsfeld hüten, die kleine Rebekka hat eine
-große Rute in der Hand und jagt die Kühe mit wütendem Eifer. Der Vater
-arbeitet in der Nähe, und von Zeit zu Zeit kommt er her, befühlt ihre
-Hände und Füße und fragt, ob sie nicht friere. Leopoldine, die groß
-und beinahe erwachsen ist, strickt beim Hüten Strümpfe und Socken für
-den Winter. Sie ist in Drontheim geboren und war fünf Jahre alt, als
-sie nach Sellanraa kam; die Erinnerung an eine große Stadt mit vielen
-Menschen und an eine weite Reise auf dem Dampfschiff gleitet bei ihr
-immer mehr in den Hintergrund, sie ist ein Landkind und kennt keine
-andere große Welt als das Dorf dort unten, wo sie einige Male in der
-Kirche gewesen und wo sie letztes Jahr konfirmiert worden ist ...
-
-Jetzt kommen einige Nebenarbeiten an die Reihe, so der Weg abwärts, der
-an einigen Stellen kaum fahrbar ist. Da die Erde noch nicht gefroren
-ist, fangen Isak und Sivert eines schönen Tages an, an dem Wege Gräben
-zu ziehen. Es sind noch zwei Stücke Moorland da, die entwässert werden
-müssen.
-
-Axel Ström hat versprochen, sich an dieser Arbeit zu beteiligen, weil
-auch er ein Pferd hat und den Weg braucht. Aber nun hat Axel ein
-dringendes Geschäft in der Stadt -- was in aller Welt wollte er denn
-dort --, es sei eine ganz dringende Sache, sagte er. Statt seiner
-schickt er seinen Bruder von Breidablick zu dem Wegbau. Fredrik heißt
-er.
-
-Dieser Mann war jung und neu verheiratet, ein leichtlebiger Kunde, der
-gerne sein Späßchen macht und trotzdem brauchbar ist. Er und Sivert
-sind einander recht ähnlich. Nun war Fredrik, als er morgens heraufkam,
-bei seinem nächsten Nachbarn Aronsen auf Storborg gewesen und noch ganz
-erfüllt von dem, was ihm der Kaufmann gesagt hatte. Es hatte damit
-angefangen, daß Fredrik eine Rolle Tabak verlangte. Ich werde dir
-eine Rolle Tabak verehren, wenn ich selbst eine habe, sagte Aronsen.
--- So, habt Ihr nicht einmal mehr Tabak? -- Nein, und ich lasse auch
-keinen mehr kommen, es ist ja niemand mehr da, der ihn kauft. Was
-meinst du denn, daß ich an einer Rolle Tabak verdiene? Aronsen war in
-recht schlechter Laune gewesen, er war der Ansicht, die schwedische
-Grubengesellschaft habe ihn an der Nase herumgeführt. Nun hatte er sich
-hier in der Einöde niedergelassen, um Handel zu treiben, und da wurde
-der Grubenbetrieb eingestellt!
-
-Fredrik lächelt behaglich über Aronsen und spottet über ihn: Nein, er
-hat gar kein Land bestellt und hat nicht einmal Futter für sein Vieh,
-das kauft er! Er ist bei mir gewesen und wollte Heu kaufen. Nein, ich
-hatte kein Heu zu verkaufen. So, du brauchst also kein Geld? fragte er,
-der Aronsen. Er meint, es sei alles, wenn man nur Geld habe, warf einen
-Hundertkronenschein auf den Tisch und sagte: Da ist Geld. -- Ja, Geld
-ist etwas Schönes, sagte ich. -- Das ist bom konstant, sagte er. Es ist
-gerade, als sei er ab und zu ein bißchen närrisch, und seine Frau läuft
-am hellen Werktag mit einer Taschenuhr umher -- was das nur für eine
-wichtige Stunde sein mag, die sie nicht vergessen darf.
-
-Sivert fragt: Hat der Aronsen nichts von einem Mann gesagt, der
-Geißler heißt? -- Doch, das sei einer, der seinen Berganteil nicht
-verkaufen wolle, sagte er. Aronsen war rasend: Ein abgesetzter
-Lensmann, sagte er, der vielleicht keine fünf Kronen im Beutel hat, er
-sollte totgeschossen werden! -- Ihr müßt nur ein wenig warten, sagte
-ich. Vielleicht verkauft er später. -- Nein, sagte der Aronsen, das
-darfst du nicht glauben. Das begreife ich als Kaufmann ganz gut, wenn
-die eine Partei zweihundertfünfzigtausend verlangt und die andere
-fünfundzwanzigtausend bietet, dann steht zuviel zwischen ihnen, das
-gibt kein Geschäft. Aber Glück zu! sagte der Aronsen, wenn nur ich mit
-den Meinigen den Fuß niemals in dieses Loch gesetzt hätte. -- Ja, denkt
-Ihr vielleicht daran, zu verkaufen? fragte ich. -- Ja, sagte er, genau
-an das denke ich. Diese Moorsümpfe, dieses Loch und diese Einöde! Ich
-nehme ja keine Krone mehr am Tag ein, sagte er.
-
-Die Männer lachten über Aronsen und hatten keinerlei Mitleid mit ihm.
-Glaubst du, daß er wirklich verkauft? fragte Isak. -- Ja, er tat so.
-Und er hat auch schon den Knecht entlassen. Ja, der Aronsen ist ein
-komischer Kerl, das ist gewißlich wahr. Den Knecht entläßt er, der
-das Holz für den Winter schlagen und mit seinem eigenen Pferd Heu
-einführen könnte, aber den Ladendiener behält er. Es ist wohl wahr, er
-verkauft nicht für eine Krone am Tag, denn er hat keine Waren mehr in
-seinem Laden, aber wozu braucht er dann den Ladendiener? Ich glaube, es
-ist nur Hochmut, Großtuerei. Er muß einen Mann haben, der am Pult steht
-und in große Bücher schreibt. Hahaha, ja, es ist gerade, als ob der
-Aronsen ein ganz klein wenig verrückt wäre.
-
-Die drei Männer arbeiten bis zur Mittagsstunde, verzehren dann ihr
-mitgebrachtes Essen und plaudern noch ein Weilchen. Sie haben ihre
-eigenen Angelegenheiten zu bereden, das Wohl und Wehe der Gegend
-und der Ansiedler, das sind keine Kleinigkeiten, aber sie behandeln
-sie mit Gelassenheit, sie sind gesetzte Männer, ihre Nerven sind
-unverbraucht und tun nicht, was sie nicht tun sollten. Nun kommt das
-Spätjahr, rundum im Wald ist es still geworden, die Berge stehen hier
-und die Sonne steht dort, am Abend kommen die Sterne und der Mond,
-das sind alles feste Verhältnisse, sie sind voller Freundlichkeit wie
-eine Umarmung. Hier haben die Menschen noch Zeit, sich im Heidekraut
-auszuruhen, mit dem einen Arm als Kopfkissen.
-
-Fredrik spricht von Breidablick und daß er dort noch nicht viel habe
-ausrichten können. Doch, sagte Isak, du hast schon viel getan, das
-hab' ich gesehen, als ich drunten war. -- Dieses Lob von dem ältesten
-Ansiedler in der Gegend, dem Riesen, tut Fredrik augenscheinlich
-wohl, er fragt ehrlich: Meint Ihr wirklich? Nein, es muß immer noch
-besser kommen. Ich bin in diesem Jahr sooft abgehalten worden. Das
-Wohnhaus mußte hergerichtet werden, es war nicht dicht und wurde immer
-schlimmer, und den Heuschuppen mußte ich einreißen und neu aufstellen.
-Die Stallgamme war zu klein, ich habe Kühe und Kälber, was der Brede
-zu seiner Zeit nicht gehabt hat, sagt Fredrik stolz. -- Gefällt es dir
-hier? fragt Isak. -- Ja, mir gefällt es, und meiner Frau gefällt es
-auch, warum sollte es uns nicht gefallen? Wir haben einen weiten Blick
-und sehen die Straße hinauf und hinunter. Das kleine Gehölz beim Hause
-ist nach unserer Meinung sehr hübsch, es sind Birken und Weiden darin,
-und wenn ich Zeit habe, will ich auf der andern Seite des Hofplatzes
-noch mehr Bäume pflanzen. Es ist großartig, wie trocken das Moor schon
-geworden ist, seit ich im Frühjahr Gräben gezogen habe. Nun wollen wir
-sehen, was heuer darauf wächst! Ob es uns gefällt? O ja, wenn doch
-meine Frau und ich Haus und Hof und Grund und Boden haben! -- Na, wollt
-ihr immer nur zu zweit bleiben? fragt Sivert listig. -- Nein, weißt du,
-es kann wohl sein, daß wir mehr werden, erwidert Fredrik munter. Und
-wenn wir schon davon reden, ob es uns hier gefällt, so habe ich meine
-Frau noch nie so gedeihlich gesehen wie jetzt.
-
-Sie arbeiten bis zum Abend. Zuweilen richten sie sich auf und schwatzen
-miteinander. Du hast also keinen Tabak bekommen? fragt Sivert. -- Nein,
-und das tat mir auch nicht leid. Ich rauche nicht, erwidert Fredrik.
--- Du rauchst nicht? -- Nein. Ich bin zu dem Aronsen nur hingegangen,
-um zu hören, was er sagt. Da lachten die beiden Spitzbuben und freuten
-sich diebisch.
-
-Auf dem Heimweg sind Vater und Sohn schweigsam wie gewöhnlich. Aber
-Isak muß sich etwas ausgedacht haben, denn er sagt: Du, Sivert? -- Ja?
-erwidert Sivert. -- Ach, nichts Besonderes, sagt Isak. -- Sie gehen
-eine lange Strecke weiter, dann spricht der Vater wieder: Kann denn
-Aronsen Handel treiben, wenn er keine Waren mehr hat? -- Nein, sagt
-Sivert. Aber es sind jetzt nicht mehr viele Menschen da, für die er
-Waren braucht. -- So, meinst du? Ja, du kannst recht haben. -- Sivert
-wundert sich ein wenig über diese Worte seines Vaters, und dieser fährt
-fort: Es sind jetzt allerdings nur acht Ansiedlungen hier, aber es
-können mehr und immer mehr werden. Wer weiß! -- Sivert wundert sich
-noch mehr, woran denkt sein Vater? Oh, an nichts. Wieder gehen die
-beiden eine lange Strecke weiter und sind beinahe zu Hause. Da fragt
-der Alte: Hm. Was meinst du wohl, daß der Aronsen für den Hof haben
-will? -- Ja, das kommt nun darauf an! antwortet Sivert. Willst du ihn
-kaufen? sagt er im Spaß. Aber plötzlich geht ihm ein Licht auf, wo sein
-Vater hinaus will: An Eleseus denkt der Alte. Oho, er hat ihn wohl
-nie vergessen gehabt, er hat ebenso getreulich an ihn gedacht wie die
-Mutter, nur auf seine eigene Weise, näher bei der Erde und auch näher
-bei Sellanraa. Da sagt Sivert: Der Preis wird wohl erschwinglich sein.
-Und als Sivert so viel gesagt hat, da merkt der Vater seinerseits, daß
-er verstanden worden ist, und wie wenn er Angst hätte, zu deutlich
-geworden zu sein, sagt er nun schnell ein paar Worte über den Wegbau
-und daß es gut sei, den hinter sich zu haben.
-
-In den nächsten Tagen steckten Sivert und seine Mutter die Köpfe
-zusammen, sie ratschlagten und hatten viel zu flüstern, auch schrieben
-sie einen Brief, und als der Samstag kam, bezeigte Sivert Lust, ins
-Dorf zu gehen. -- Was willst du denn schon wieder im Dorfe? du läufst
-nur unnötig deine Schuhe durch, sagte der Vater sehr ärgerlich, oh,
-viel grimmiger im Gesicht, als natürlich gewesen wäre; er merkte wohl,
-daß Sivert auf die Post wollte. -- Ich will in die Kirche, sagte
-Sivert. -- Einen besseren Grund fand er nicht, und der Vater sagte: Ja,
-wenn es nicht anders sein kann.
-
-Aber wenn Sivert schon einmal in die Kirche wollte, dann konnte er
-auch einspannen und die kleine Rebekka mitnehmen. Der kleinen Rebekka
-konnte man doch wirklich zum erstenmal in ihrem Leben dieses Vergnügen
-machen, sie hatte ja so eifrig das Turnipsfeld gehütet und war im
-großen ganzen die Blüte und die Perle von allen auf dem Hofe; ja, das
-war sie. Es wurde also angespannt, und Rebekka bekam die Magd Jensine
-zur Begleitung mit -- wogegen Sivert nichts einzuwenden hatte.
-
-Während sie fort sind, geschieht es, daß der Ladendiener von Storborg
-daherkommt. Was nun? Ei, nichts Besonderes, nur daß ein Ladendiener,
-ein Mann namens Andresen daherkommt; er soll in die Berge hinauf, sein
-Herr schickt ihn. Weiter ist es nichts. Und dieses Geschehnis bringt
-auch keine große Aufregung auf Sellanraa hervor, es ist nicht wie in
-alten Tagen, wo ein Fremder ein seltener Anblick auf der Ansiedlung
-war und Inger sich mehr oder minder darüber aufregte. Nein, Inger ist
-wieder in sich gegangen und ist still und ruhig.
-
-Ein merkwürdiges Ding, dieses Andachtsbuch, ein Führer, ja, ein Arm
-um den Hals! Als Inger sich selbst verloren hatte und in den Beeren
-irregegangen war, fand sie sich wieder beim Gedanken an ihre Kammer
-und an das Andachtsbuch, und zurzeit war sie wieder in sich versunken
-und gottesfürchtig. Sie gedenkt der längst verflossenen Jahre, als
-sie, wenn sie nähte und sich in den Finger stach, der Teufel auch!
-sagte. Das lernte sie von ihren Mitschwestern an dem großen Tisch in
-der Nähstube. Jetzt sticht sie sich mit der Nadel, daß es blutet,
-und saugt schweigsam das Blut aus. Es gehört nicht wenig Überwindung
-zu solcher Umkehr! Aber Inger ging noch weiter. Als der steinerne
-Stall fertiggebaut war und alle Arbeiter sich entfernt hatten und
-ganz Sellanraa wieder einsam und verlassen dalag, da hatte Inger eine
-Krisis und weinte viel und litt schwere Not. Sie bürdete niemand als
-sich selbst die Schuld dafür auf, und sie war tief demütig. Wenn
-sie nur mit Isak hätte reden und sich das Herz erleichtern können;
-aber auf Sellanraa sprach niemand von seinen Gefühlen, und niemand
-bekannte seine Fehler. So holte sie ihren Mann sehr fürsorglich zu den
-Mahlzeiten herein; sie ging dazu bis zu ihm hin und forderte ihn auf,
-statt nur unter der Haustür zu rufen, und abends sah sie seine Kleider
-durch und nähte die Knöpfe an. Ja, Inger ging sogar noch weiter. Eines
-Nachts stützte sie sich auf den Ellbogen und sagte: Du, Isak. -- Was
-gibt's? fragt Isak. -- So, wachst du? -- Ja. -- Ach, nichts Besonderes,
-sagt Inger. Aber ich bin nicht gewesen, wie ich hätte sein sollen. --
-Was? fragt Isak. Das entfuhr ihm, und auch er richtete sich auf den
-Ellbogen auf. Dann redeten sie weiter miteinander, sie ist nun eben
-doch eine prächtige Frau und hat das Herz voll. Ich bin nicht so gegen
-dich gewesen, wie ich hätte sein sollen, sagt sie. Das tut mir sehr
-leid. -- Diese einfachen Worte rühren ihn, sie rühren den Mühlengeist,
-und er will Inger gerne trösten; er versteht zwar nichts von der Sache,
-versteht nur so viel, daß es keine mehr gibt wie sie. -- Deshalb
-brauchst du nicht zu weinen, sagt Isak. Wir sind alle nicht, wie wir
-sein sollten. -- Ach nein, sagt sie dankbar. Oh, Isak hatte eine
-gesunde Art, die Dinge zu behandeln, er richtete sie wieder auf, wenn
-sie umfallen wollten. Wer ist, wie er sein sollte! Er hatte recht; der
-Gott des Herzens selbst, der doch ein Gott ist, geht auf Abenteuer aus,
-und wir können es ihm ansehen, dem Wildfang: an einem Tag taucht er in
-einen Rosenreichtum unter und wiegt sich wohlig darin und leckt sich
-die Lippen, am anderen Tag hat er sich einen Dorn in den Fuß getreten
-und zieht ihn mit verzweifeltem Gesicht heraus. Stirbt er daran? Oh,
-keine Spur. Er ist so gesund wie vorher. Das wäre was Schönes, wenn er
-daran stürbe!
-
-Auch mit Inger kam das alles wieder in die Reihe, sie überwindet
-es, aber sie bleibt bei ihren Andachtstunden und findet ihren Trost
-darin. Inger ist jeden Tag fleißig und geduldig und herzensgut, sie
-schätzt Isak vor allen Männern und wünscht sich keinen andern als
-ihn. Natürlich ist er dem äußeren Anschein nach kein Tausendsassa und
-Sänger, aber er ist schon recht, hoho, das wollte sie meinen! Und es
-bewahrheitete sich wieder, daß es ein großer Gewinn ist, gottesfürchtig
-und genügsam zu sein.
-
-Und nun kam also dieser kleine Ladenjüngling von Storborg, dieser
-Andresen, er kam Sonntags nach Sellanraa, und Inger wurde darüber nicht
-erregt, durchaus nicht, sie wollte nicht einmal selbst mit einem Topf
-Milch zu ihm hineingehen, und da die Magd nicht zu Hause war, schickte
-sie Leopoldine mit der Milch. Und Leopoldine trug ja auch den Topf
-Milch recht nett hinein und sagte Bitte! und wurde rot, obgleich sie
-doch ihre Sonntagskleider trug und keinen Grund hatte sich zu schämen.
--- Danke, das ist allzuviel, sagte Andresen. Ist dein Vater zu Hause?
-fragte er. -- Jawohl, er ist draußen irgendwo. -- Andresen trank,
-wischte sich den Mund mit dem Taschentuch ab und sah nach der Uhr. Ist
-es weit bis zu den Gruben? fragte er. -- Nein, es ist kaum eine Stunde.
--- Ich soll hinauf und sie mir für Aronsen, bei dem ich angestellt bin,
-ansehen. -- So. -- Ja, du kennst mich doch. Ich bin der Ladendiener bei
-Aronsen; du bist schon bei uns gewesen und hast eingekauft. -- Ja. --
-Ich erinnere mich deiner ganz gut, du hast zweimal bei uns eingekauft.
--- Das ist mehr, als ich erwarten konnte, daß Ihr Euch meiner erinnert,
-sagte Leopoldine, dann aber waren ihre Kräfte erschöpft, und sie hielt
-sich an einem Stuhl fest. Andresen jedoch hatte noch Kräfte übrig,
-er fuhr fort: Warum sollte ich mich nicht mehr an dich erinnern? Und
-weiter fragte er: Kannst du nicht mit mir zu den Gruben hinaufgehen?
-
-Allmählich wurde es Leopoldine ganz rot und sonderbar vor den Augen,
-der Fußboden schwankte unter ihr, und der Ladendiener Andresen sprach
-wie aus weiter Ferne: Hast du keine Zeit? -- Nein, sagte sie. Gott
-weiß, wie sie wieder hinauskam in die Küche. Die Mutter sah sie an und
-fragte: Was fehlt dir denn? -- Nichts.
-
-Nichts, o nein! Aber seht, jetzt war Leopoldine an der Reihe, erregt
-zu werden, nun begann der Kreislauf bei ihr. Sie war ganz geeignet
-dazu, rund und hübsch und neukonfirmiert, sie gab ein schönes Opfer.
-Ein Vogel zwitschert in ihrer Brust, ihre langen Hände sind wie die
-ihrer Mutter voller Zärtlichkeit, voller Weiblichkeit. Konnte sie nicht
-tanzen? O doch. Es war ein Wunder, wo sie es lernten, aber sie lernten
-tanzen, auch auf Sellanraa, Sivert konnte es, Leopoldine konnte es,
-es war ein Tanz, im Ödland entstanden, ein bodenständiges Drehen und
-Wenden mit vielen Kräften, Schottisch, Mazurka, Rheinländer und Walzer.
-Und warum sollte Leopoldine nicht auch sich putzen und verliebt sein
-und mit offenen Augen träumen? Genau wie andere! Als sie konfirmiert
-wurde, lieh ihr die Mutter ihren goldenen Ring, es war kein sündiger
-Gedanke dabei, es war nur hübsch, und am nächsten Tag, als sie zum
-Abendmahl ging, steckte sie übrigens den Ring erst an, als alles
-überstanden war. Sie konnte wohl mit einem goldenen Ring am Finger
-vor dem Altar stehen, sie war die Tochter eines mächtigen Mannes, des
-Markgrafen.
-
-Als der Ladendiener Andresen wieder vom Berg herunterkam, traf er
-Isak an und wurde ins Haus geladen. Er bekam Mittagessen und Kaffee.
-Alle Hausbewohner waren jetzt in der Stube versammelt und nahmen
-teil an der Unterhaltung. Der Ladendiener erklärte, Aronsen habe
-ihn hinaufgeschickt, er solle einmal untersuchen, wie es mit den
-Gruben stehe, ob Anzeichen zu sehen seien, daß der Betrieb und die
-Arbeit wieder aufgenommen werden würden. Gott weiß, der Ladendiener
-schwindelte vielleicht gewaltig, wenn er sagte, er sei geschickt
-worden, vielleicht hatte er den Gang auf eigene Rechnung gemacht,
-und jedenfalls konnte er in der kurzen Zeit, die er weggewesen war,
-nicht bis an die Gruben hinaufgekommen sein. -- So von außen kann man
-nicht sehen, ob die Gesellschaft wieder anfangen will, sagte Isak. --
-Nein, das räumte der Ladendiener ein, aber Aronsen habe ihn nun einmal
-heraufgeschickt, und es sei ja auch wahr, vier Augen sähen mehr als
-zwei.
-
-Aber nun konnte sich Inger nicht mehr halten, sie fragte: Ist es wahr,
-was die Leute sagen, daß der Aronsen verkaufen will? -- Der Ladendiener
-antwortete: Er spricht davon. Und ein Mann wie er kann tun, was er
-will, er hat das Geld zu allem. -- Na, hat er wirklich soviel Geld? --
-Ja, erwidert der Ladendiener und nickt, daran fehlt es nicht. -- Wieder
-kann Inger nicht schweigen, sie fragt: Was will er wohl für das Gut?
--- Doch jetzt greift Isak ein, er ist vielleicht noch neugieriger als
-Inger, aber der Gedanke, Storborg zu kaufen, soll nun einmal durchaus
-nicht von ihm herrühren, und so tut er, als ob ihn das gar nichts
-anginge. Er sagt: Weshalb fragst du denn, Inger? -- Ach, ich frage
-nur so, erwidert sie. -- Beide sehen gespannt den Ladendiener an und
-warten. Endlich rückt er mit der Antwort heraus.
-
-Er spricht sehr zurückhaltend, von dem Preis weiß er nichts, aber
-er weiß, was Aronsen selbst gesagt hat, daß Storborg ihn gekostet
-habe. -- Und wieviel ist das? fragt Inger, denn sie vermag nicht zu
-schweigen und den Mund zu halten. -- Sechzehnhundert Kronen, erwidert
-der Ladendiener. -- Ach so! Inger schlägt sofort die Hände zusammen,
-denn wenn die Weiberleute etwas nicht haben, so ist es, in Beziehung
-auf Güterpreise, Witz und Verstand. Aber sechzehnhundert Kronen sind
-nun einmal keine kleine Summe hier im Ödland, und Inger hat nur _eine_
-Angst, daß sich nämlich Isak dadurch abschrecken lassen könnte. Aber
-Isak ist unerschütterlich wie ein Fels und sagt nur: Das machen die
-großen Häuser. -- Ja, sagt auch der Ladendiener Andresen, das machen
-die gewaltig großen Häuser.
-
-Kurz ehe der Ladendiener geht, hat sich Leopoldine zur Tür
-hinausgedrückt. Es ist höchst sonderbar, aber es kommt ihr ganz
-unmöglich vor, ihm die Hand zu geben. Sie hat indes einen guten Platz
-gefunden, sie steht in dem neuen Stall und schaut zu einem der Fenster
-hinaus. Sie trägt ein blauseidenes Band um den Hals, das hatte sie
-vorher nicht gehabt, und das merkwürdigste ist, daß sie Zeit gefunden
-hat, es umzubinden. Da geht er vorbei, er ist etwas klein und rund, mit
-flinken Beinen, hat einen blonden Vollbart und ist acht bis zehn Jahre
-älter als sie. Er ist ganz nett, sollte sie meinen.
-
-Spät in der Nacht zwischen Sonntag und Montag kamen die Kirchgänger
-wieder zurück. Alles war gut gegangen, die kleine Rebekka hatte auf
-der Heimfahrt während der letzten Stunden geschlafen, und sie wurde
-auch schlafend aus dem Wagen gehoben und ins Haus getragen. Sivert hat
-viel Neues erfahren, aber als die Mutter fragt: Was gibt's denn Neues?
-sagt er nur: Oh, nichts Besonderes. Der Axel hat eine Mähmaschine und
-einen Reolpflug. -- Was du sagst? ruft der Vater mit großem Interesse.
-Hast du sie gesehen? -- Ja, ich habe sie gesehen, sie standen am
-Landungsplatz. -- So, deshalb ist er also in der Stadt gewesen! sagt
-der Vater. Und Sivert sitzt dick geschwollen von besserem Wissen da,
-sagt aber kein Wort mehr.
-
-Mochte der Vater glauben, Axel sei in die Stadt gefahren, um eine
-Mähmaschine und einen Reolpflug zu kaufen; auch die Mutter sollte das
-nur glauben. Ach, aber keines der beiden Eltern glaubte das wirklich,
-sie hatten auch munkeln hören, daß das mit einem neuen Kindsmord in
-der Gegend zusammenhing. -- Geh du jetzt nur zu Bett! sagt der Vater
-schließlich.
-
-Sivert, dick geschwollen von Wissen, geht und legt sich zu Bett. Axel
-ist zu einer Verhandlung vorgeladen, es war eine große Sache, der
-Lensmann ist mit ihm hingereist. Es war eine so große Sache, daß auch
-die Frau Lensmann, die wahrhaftig wieder ein Kleines hatte, ihr Kind
-verließ und mit in die Stadt reiste. Sie hatte gesagt, sie wolle ein
-Wort mit dem Gericht reden.
-
-Nun schwirrten Klatsch und allerlei Gerüchte durchs Dorf, und Sivert
-merkte gut, daß auch wieder von einem älteren Kindsmord geflüstert
-wurde. Vor der Kirche stockte jede Unterhaltung, wenn er sich nahte,
-und wäre er nicht der gewesen, der er war, so hätten ihm die Leute
-vielleicht den Rücken gekehrt. Es war recht gut, Sivert zu sein,
-erstens einmal von einem großen Hof zu stammen, eines reichen Mannes
-Sohn zu sein und dann auch selbst für einen tüchtigen Kerl, für
-einen guten Arbeiter zu gelten. Er wurde von anderen geschätzt und
-hochgeachtet, und er hatte auch jederzeit die Volksgunst genossen.
-Wenn jetzt nur nicht Jensine zu viel hörte, ehe sie wieder nach Hause
-fuhren. Sivert hatte übrigens so seine eigenen Gründe zur Beängstigung,
-auch die Leute auf dem Ödland können erröten und erbleichen. Er sah,
-wie Jensine mit der kleinen Rebekka aus der Kirche trat, sie hatte auch
-ihn gesehen, war aber einfach vorbeigegangen. So wartet er eine Weile
-und fährt dann beim Schmied vor, um die beiden abzuholen.
-
-Beim Schmied wird zu Mittag gegessen, das ganze Haus ist versammelt,
-und auch Sivert wird etwas zu essen angeboten, aber er hat schon
-gegessen und dankt. Sie wußten, daß er um diese Zeit kommen werde, sie
-hätten auch die kleine Weile auf ihn warten können, in Sellanraa hätte
-man das getan, aber hier tat man es nicht. -- Ach nein, du bist es
-jedenfalls besser gewöhnt, sagt die Frau des Schmieds. -- Hast du in
-der Kirche etwas Neues erfahren? fragte der Schmied, obgleich er selbst
-in der Kirche gewesen ist.
-
-Als Jensine und die kleine Rebekka auf dem Wagen sitzen, sagt die
-Schmiedfrau zu ihrer Tochter: Ja, ja, Jensine, laß es nun nicht zu
-lange anstehen, bis du wieder nach Hause kommst. -- Das kann man auf
-zwei Arten verstehen, dachte Sivert, aber er mischte sich nicht in die
-Sache. Wäre die Rede ein klein wenig bestimmter gewesen, so hätte er
-vielleicht Antwort gegeben. Er runzelt die Stirne und wartet -- nein,
-nichts mehr.
-
-Sie fahren heimwärts, und die kleine Rebekka ist die einzige, die etwas
-zu plaudern hat, sie ist erfüllt von dem Erlebnis ihres Kirchganges,
-von dem Geistlichen in seinem schwarzen Talar mit dem silbernen Kreuz,
-von dem Lichterglanz und dem Orgelschall. Nach einer langen Weile sagt
-Jensine: Das mit Barbro ist eine Schande! -- Was hat deine Mutter damit
-gemeint, daß du bald wieder nach Hause kommen sollest? fragt Sivert.
--- Was sie damit meinte? -- Willst du uns verlassen? -- Einmal muß ich
-ja doch wieder nach Hause, sagt sie. -- Prrr! ruft Sivert und hält das
-Pferd an. Soll ich jetzt gleich wieder mit dir umdrehen? fragt er.
--- Jensine sieht ihn an, er ist blaß wie der Tod. -- Nein, erwidert
-sie, und gleich darauf fängt sie an zu weinen. Die kleine Rebekka
-sieht erstaunt von einem zum andern. Ach, die kleine Rebekka war sehr
-nützlich auf einer solchen Fahrt, sie ergriff Partei für Jensine,
-streichelte sie und brachte sie wieder dazu, daß sie lächelte. Und als
-die kleine Rebekka ihrem Bruder drohte, sie werde vom Wagen springen
-und sich einen Stecken für ihn suchen, da mußte auch Sivert lächeln. --
-Aber nun muß ich fragen, was du gemeint hast? sagt Jensine. -- Sivert
-antwortet ohne Bedenken: Ich meinte, daß wir, wenn du uns verlassen
-wollest, eben sehen müßten, ohne dich fertig zu werden. -- Lange Zeit
-darauf sagte Jensine: Jawohl, die Leopoldine ist ja nun erwachsen und
-kann meine Arbeit tun.
-
-Es wurde eine wehmütige Heimfahrt.
-
-
-
-
-7
-
-
-Ein Mann geht übers Ödland hinauf. Es stürmt und regnet, die
-Herbstregen haben begonnen, aber darum kümmert sich dieser Mann
-nicht, er sieht froh aus und ist es auch; es ist Axel Ström, er
-kommt vom Verhör, wo er freigesprochen worden ist. Und er ist froh:
-erstens stehen eine Mähmaschine und ein Reolpflug für ihn drunten
-am Landungsplatz, und zweitens ist er freigesprochen. Er hat nicht
-geholfen, ein Kind zu ermorden. So kann es gehen!
-
-Aber was für schwere Stunden hat er durchgemacht! Als er dastand und
-Zeugnis ablegte, hatte dieser sich in täglicher Arbeit abmühende Mann
-die schwerste Arbeit seines Lebens vor sich gehabt. Er hatte keinen
-Nutzen davon, Barbros Schuld zu vergrößern, deshalb nahm er sich in
-acht, ja nicht zuviel zu sagen, ja, er sagte nicht einmal alles, was
-er wußte, jedes Wort mußte aus ihm herausgefragt werden, und meistens
-antwortete er nur mit ja und nein. War das nicht genug? Sollte die
-Sache noch größer gemacht werden, als sie schon war? Ach, es sah häufig
-aus, als ob es Ernst werden wollte; die hohe Obrigkeit war gar so
-schwarz gekleidet und gefährlich, mit wenigen Worten hätte sie alles
-zum Schlimmsten wenden und ihn vielleicht gar verurteilen können. Aber
-es waren nette Leute, sie wollten seinen Untergang nicht. Und außerdem
-traf es sich auch noch so, daß mächtige Kräfte in Tätigkeit waren, um
-Barbro zu retten, und das gereichte auch ihm zum Nutzen.
-
-Was in aller Welt konnte ihm nun noch geschehen?
-
-Barbro selbst konnte doch wohl nicht auf die Gedanken kommen, Aussagen
-zu machen, die ihren gewesenen Hausherrn und Liebsten belastet hätten;
-er war im Besitz eines gar zu furchtbaren Wissens, sowohl um diese wie
-um eine frühere Kindsangelegenheit, so dumm war Barbro nicht. Oh,
-und sie war schlau genug, sie lobte Axel und sagte, er habe nicht das
-mindeste von ihrer Niederkunft gewußt, bis alles vorüber gewesen sei.
-Er sei ziemlich eigen, und sie stimmten nicht überein, aber er sei ein
-stiller Mann und ein ausgezeichneter Mensch. Nein, daß er ein neues
-Grab gegraben und die Leiche hineingetan habe, das sei viel später
-geschehen, und zwar nur deshalb, weil er meinte, das erste Grab sei
-nicht trocken genug; das sei es übrigens doch gewesen, nur sei Axel
-eben gar so eigen.
-
-Was konnte also Axel geschehen, wenn Barbro so die ganze Schuld
-auf sich nahm? Und für Barbro selbst waren sehr mächtige Kräfte in
-Bewegung; die Frau Lensmann Heyerdahl war in Bewegung.
-
-Sie ging zu Hoch und Nieder und schonte sich keineswegs, sie verlangte
-als Zeugin verhört zu werden und hielt vor Gericht eine große Rede. Als
-sie an die Reihe kam, stand sie vor den Schranken als recht vornehme
-Dame, sie erfaßte die Frage des Kindsmordes in ihrer ganzen Breite
-und hielt dem Gericht eine Vorlesung; man hätte meinen können, sie
-habe sich die Erlaubnis dazu im voraus erwirkt. Man konnte von der
-Frau Lensmann sonst denken, was man wollte, aber Reden halten konnte
-sie, und gelehrt in Politik und allen sozialen Fragen war sie. Es war
-nur ein Wunder, wo sie alle die Worte hernahm. Ab und zu hatte es den
-Anschein, als wolle der Vorsitzende versuchen, sie zu veranlassen,
-etwas mehr zur Sache zu kommen, aber er hatte augenscheinlich nicht
-das Herz, sie zu unterbrechen, und so ließ er sie weiterreden. Und zum
-Schluß förderte sie einige brauchbare Aufklärungen zutage und machte
-dem Gericht einen aufsehenerregenden Vorschlag.
-
-Von rechtstechnischen Weitläufigkeiten abgesehen, ging die Geschichte
-zu wie folgt:
-
-Wir Frauen, sagte die Frau Lensmann, wir sind die unglückliche und
-unterdrückte Hälfte der Menschheit. Die Männer machen die Gesetze,
-wir Frauen haben keinen Einfluß darauf. Aber kann sich nun etwa ein
-Mann hineinversetzen in das, was es für eine Frau heißt, ein Kind zu
-gebären? Hat er ihre Angst gefühlt, hat er die unsäglichen Schmerzen
-gefühlt, und hat er ihre Weheschreie ausgestoßen?
-
-In dem Falle hier ist es ein Dienstmädchen, das ein Kind geboren
-hat. Sie ist unverheiratet, sie muß also die ganze Zeit ihrer
-Schwangerschaft über ihren Zustand zu verbergen suchen. Warum muß sie
-ihn verbergen? Der Vorurteile der menschlichen Gesellschaft wegen.
-Diese Gesellschaft verachtet die Ledige, die ein Kind unter dem Herzen
-trägt. Sie beschützt sie nicht allein nicht, nein, sie verfolgt sie
-auch noch mit Schande und Verachtung. Ist das nicht haarsträubend?
-Jawohl, und jeder Mensch mit einem Herz im Leibe muß sich darüber
-empören! Das Mädchen muß nicht nur ein Kind gebären, was an sich schon
-schlimm genug wäre, nein, es soll auch noch dafür als Verbrecherin
-gebrandmarkt werden. Ich kann nur sagen, für dieses Mädchen hier
-auf der Anklagebank war es ein Glück, daß ihr Kind durch einen
-unglücklichen Zufall im Bach zur Welt kam und sofort ersticken mußte.
-Es war ein Glück für sie und für das Kind. Solange die Gesellschaft so
-ist wie jetzt, müßte eine ledige Mutter straffrei ausgehen, und wenn
-sie auch ihr Kind absichtlich umbringt!
-
-Hier läßt der Vorsitzende ein schwaches Murren hören.
-
-Oder jedenfalls dürfte sie nur unbedeutend bestraft werden, sagt die
-Frau Lensmann. Selbstverständlich sind wir alle darüber einig, daß das
-Leben des Kindes erhalten bleiben muß, sagte sie, aber sollte denn
-von allen Gesetzen der Menschlichkeit gar kein einziges auch für die
-unglückliche Mutter gelten? Stellen Sie sich doch einmal vor, was sie
-alles während der Schwangerschaft durchgemacht hat, welche Qualen sie
-erduldet hat, um ihren Zustand zu verbergen, und wie sie keinen Ausweg
-mehr wußte weder für sich selbst, noch für ihr Kind. Darein kann sich
-überhaupt kein Mensch versetzen, sagte sie. Das Kind stirbt jedenfalls
-eines wohlgemeinten Todes. Die Mutter wünscht weder sich selbst noch
-diesem lieben Kinde etwas so Böses, daß es leben soll, die Schande
-ist ihr zu schwer zu tragen, und indessen reift der Plan in ihr, das
-Kind zu töten. So gebiert sie im geheimen, und vierundzwanzig Stunden
-lang ist sie so von Sinnen, daß sie bei der Tat unzurechnungsfähig
-ist. Sie hat sie sozusagen gar nicht wirklich verübt, so von Sinnen
-ist sie. Während ihr noch von der Niederkunft jeder Knochen und jeder
-Muskel im Leibe weh tut, muß sie das Kind umbringen und die Leiche
-wegschaffen -- stellen Sie sich einmal die Willensanspannung vor, die
-zu dieser Arbeit gehört! Aber natürlich wünschen wir alle, daß die
-Kinder am Leben bleiben, und es ist schwer zu beklagen, daß das Leben
-von einigen ausgelöscht wird. Aber das ist einzig und allein die Schuld
-der menschlichen Gesellschaft, dieser hoffnungslosen, unbarmherzigen,
-verleumderischen, verfolgungswütigen, boshaften Gesellschaft, die
-allzeit auf der Wacht steht, um die ledige Mutter mit allen Mitteln zu
-erdrosseln!
-
-Aber selbst nach dieser Behandlung seitens der Gesellschaft können sich
-die mißhandelten Mütter wieder erheben. Sehr oft fangen gerade diese
-Mädchen nach ihrem gesellschaftlichen Fehltritt an, ihre besten und
-edelsten Eigenschaften zu entwickeln. Das Gericht könnte sich ja einmal
-bei den Vorsteherinnen der Asyle, in denen Mutter und Kind aufgenommen
-werden, erkundigen, ob das nicht wahr ist! Und es ist erfahrungsgemäß
-erwiesen, daß gerade die Mädchen, die -- ja, die von der Gesellschaft
-gezwungen worden sind, ihr Kind zu töten, ausgezeichnete Kindermädchen
-werden. Das sollte doch jedermann Stoff zum Nachdenken geben.
-
-Eine andere Seite der Sache ist die: Warum soll der Mann straffrei
-ausgehen? Die Mutter, die einen Kindsmord begangen hat, wird gepeinigt
-und ins Gefängnis geworfen, er jedoch, der Vater des Kindes, der
-Verführer, dem geschieht nichts. Aber solange er der Urheber des Kindes
-ist, hat er auch teil an dem Morde, und zwar den größeren Anteil, ohne
-ihn wäre das Unglück überhaupt nicht geschehen. Warum geht er frank und
-frei aus? Weil die Gesetze von den Männern gemacht werden, das ist die
-Antwort. Man sollte laut den Himmel um Schutz gegen diese Männergesetze
-ausrufen! Und das wird niemals besser, solange wir Frauen nicht bei
-den Wahlen und in den gesetzgebenden Versammlungen ein Wort mitzureden
-haben.
-
-Aber, sagt die Frau Lensmann, wenn nun dieses grausame Gesetz die
-schuldige -- oder mehr oder minder schuldige -- unverheiratete Mutter
-trifft, die einen Kindsmord begeht, was sollen wir dann von der
-unschuldigen sagen, die nur des Mordes verdächtigt wird und gar keinen
-Kindsmord begangen hat? Welche Genugtuung gibt die Gesellschaft diesem
-ihrem Opfer? Keinerlei Genugtuung! Ich bezeuge, daß ich das hier
-sitzende angeklagte Mädchen kenne, seit es ein Kind gewesen ist; sie
-war in meinen Diensten, ihr Vater ist meines Mannes Amtsdiener. Wir
-Frauen erlauben uns, gerade entgegengesetzt zu denken und zu fühlen als
-die Männer mit ihren Anklagen und Verfolgungen, wir erlauben uns, eine
-Ansicht über die Dinge zu haben. Das Mädchen hier ist verhaftet und
-ihrer Freiheit beraubt, verdächtigt, erstens einmal im geheimen geboren
-und zweitens ihr Kind umgebracht zu haben. Sie hat -- daran zweifle
-ich durchaus nicht -- beides nicht getan. Das Gericht wird selbst zu
-dieser sonnenklaren Schlußfolgerung kommen. Im geheimen? Sie hat am
-hellen Tag geboren. Wohl ist sie allein gewesen, aber wer hätte bei
-ihr sein sollen? Sie wohnte weit droben im Ödland, der einzige Mensch
-außer ihr selbst, der zur Stelle war, das war ein Mann; hätte sie einen
-solchen in diesem Augenblick zur Hilfe rufen sollen? Wir Frauen empören
-uns schon allein bei diesem Gedanken, wir schlagen schamvoll die Augen
-nieder. -- Und dann soll sie das Kind getötet haben? Es wurde in einem
-Bach geboren, sie lag da in dem eiskalten Wasser, als sie gebar. Wie
-ist sie in den Bach gekommen? Sie ist ein Dienstmädchen, also eine
-Sklavin, sie hat ihre täglichen Pflichten zu erfüllen, sie wollte in
-den Wald, um Wacholder zum Scheuern ihres Melkeimers zu holen. Als sie
-durch den Bach watet, gleitet sie aus und fällt. Sie bleibt liegen, das
-Kind wird geboren und erstickt im Wasser.
-
-Die Frau Lensmann hält inne. Sie konnte es den Richtern und den
-Zuhörern ansehen, daß sie wunderbar gut gesprochen hatte, es war
-mäuschenstill im Saal, und nur Barbro trocknete sich von Zeit zu
-Zeit die Augen vor Rührung. Dann schließt die Frau Lensmann: Wir
-Frauen haben ein Herz; ich habe meine eigenen Kinder fremden Händen
-anvertraut, um hierherreisen, um für das unglückliche Mädchen, das hier
-sitzt, Zeugnis ablegen zu können. Männergesetze können einer Frau nicht
-verbieten zu denken: ich denke, daß das Mädchen hier ausreichend dafür
-bestraft ist, überhaupt nichts Böses getan zu haben. Sprechen Sie die
-Angeklagte frei, dann werde ich sie mit nach Hause nehmen, und sie wird
-das ausgezeichnetste Kindermädchen werden, das ich je gehabt habe.
-
-Die Frau Lensmann ist zu Ende.
-
-Der Vorsitzende bemerkt: Ja, aber wären es nun nach der Rede der Frau
-Lensmann nicht eigentlich die Kindsmörderinnen, die die ausgezeichneten
-Kindermädchen geben sollen? Oh, aber der Vorsitzende war nicht uneinig
-mit Frau Lensmann Heyerdahl, ganz im Gegenteil, auch er fühlte
-menschlich, ganz priesterlich mild. Während der Staatsanwalt dann noch
-ein paar Fragen an die Frau Lensmann richtete, saß der Vorsitzende
-ruhig auf seinem Stuhl und schrieb sich Anmerkungen auf.
-
-Es war nicht viel mehr als eine Vormittagsverhandlung, da nur sehr
-wenige Zeugen zu verhören waren und die Sache ja auch ganz klar
-lag. Axel Ström saß da und hoffte das Beste, da schienen sich indes
-plötzlich der Staatsanwalt und die Frau Lensmann zu vereinigen, um
-ihn in Ungelegenheiten zu bringen, weil er die Kindsleiche begraben
-hatte, statt den Todesfall zu melden. Er wurde mit Strenge verhört und
-hätte vielleicht diesen Punkt nicht allzu gut erklären können, wenn er
-nicht hinten im Saal Geißler wahrgenommen hätte. Ganz richtig, da saß
-Geißler! Das gab Axel eine Art Stütze, er fühlte sich nicht mehr einsam
-und verlassen der Obrigkeit gegenüber, die ihm zu Leibe wollte; Geißler
-nickte ihm zu.
-
-Jawohl, Geißler war in die Stadt gekommen. Er hatte sich zwar nicht als
-Zeuge gemeldet, aber er war doch zur Stelle. Er hatte auch vor Beginn
-der Verhandlung einige Tage dazu verwendet, sich Einsicht in den Fall
-zu verschaffen und das aufzuschreiben, was er noch von Axels Bericht
-auf Maaneland wußte. Die meisten der vorliegenden Dokumente waren in
-Geißlers Augen nur Wische; dieser Lensmann Heyerdahl war ein sehr
-beschränkter Mensch, er hatte es bei seiner Untersuchung von Anfang
-an darauf angelegt, Axel zum Mitwisser an dem Kindsmord zu stempeln.
-Dieser Esel, dieser Dummkopf, er verstand nicht das mindeste vom Leben
-im Ödland, er sah nicht ein, daß dieses Kind gerade das Band war, das
-die weibliche Hilfskraft an Axels Hof fesseln sollte.
-
-Geißler redete mit dem Staatsanwalt, aber er gewann den Eindruck, daß
-dies gar nicht nötig gewesen wäre. Er wollte Axel dazu verhelfen, daß
-er wieder auf seinen Hof im Ödland kam, aber Axel brauchte gar keine
-Hilfe. Nein, denn es sah ja sogar ganz vielversprechend für Barbro
-selbst aus, und wenn sie freigesprochen wurde, fiel Axels Mitschuld von
-selbst weg. Es kam nur noch auf die Zeugenaussagen an.
-
-Nachdem die paar Zeugen verhört waren -- Oline war nicht vorgeladen,
-aber der Lensmann, Axel, ein Sachverständiger und ein paar Mädchen aus
-der Gemeinde --, nachdem also diese verhört waren, wurde Mittagspause
-gemacht, und Geißler ging wieder zu dem Staatsanwalt hin. Nein, der
-Staatsanwalt hatte die Ansicht, daß es immer noch vielversprechend für
-Barbro aussehe. Frau Lensmann Heyerdahls Zeugnis war von großem Einfluß
-gewesen. Es komme auf die Geschworenen an.
-
-Nehmen Sie besonderen Anteil an diesem Mädchen? erkundigte sich der
-Staatsanwalt. -- Einigermaßen, erwiderte Geißler. Eigentlich nehme
-ich mehr Anteil an dem Manne. -- Hat sie auch bei Ihnen gedient?
--- Nein, sie hat nicht bei mir gedient. -- Ach so, an dem Manne
-also? Aber das Mädchen? Die Teilnahme des Gerichtes ist auf ihrer
-Seite. -- Nein, sie hat nicht bei mir gedient. -- Der Mann ist mehr
-verdächtig, sagt der Staatsanwalt. Er geht ganz allein hin und begräbt
-die Kindsleiche mitten im Wald. Das ist entschieden verdächtig. --
-Er wollte das Kind wohl nur richtig begraben, sagt Geißler, das war
-beim erstenmal nicht geschehen. -- Nun, sie war eine Frau und hatte
-nicht die Kraft eines Mannes zum Graben, und in dem Zustand, in dem
-sie sich befand, vermochte sie es nicht. Im großen ganzen, sagt der
-Staatsanwalt, haben wir uns zu einer menschlicheren Ansicht über diese
-Kindsmorde durchgerungen. Ich möchte es als Richter nicht auf mich
-nehmen, dieses Mädchen zu verurteilen, und wie die Sache liegt, kann
-ich ihre Verurteilung nicht beantragen. -- Das ist sehr erfreulich,
-sagte Geißler mit einer Verbeugung. -- Der Staatsanwalt fuhr fort: Als
-Mensch und Privatmann würde ich sogar noch weitergehen: ich würde keine
-einzige ledige Mutter, die ihr Kind umbringt, zur Strafe verurteilen.
--- Es ist sehr interessant, daß der Herr Staatsanwalt und die Dame,
-die heute Zeugnis abgelegt hat, gleicher Ansicht sind. -- Ach sie! Sie
-hat übrigens gut gesprochen. Aber wozu alle diese Verurteilungen? Eine
-ledige Mutter hat schon zum voraus so unerhörte Qualen erduldet und
-sie wird durch die Härte und Brutalität der Welt in allen menschlichen
-Verhältnissen so tief hinuntergedrückt, daß das Strafe genug ist.
--- Geißler erhob sich und sagte zum Schluß: Ja, aber die Kinder?
--- Allerdings, mit den Kindern ist es sehr traurig, erwiderte der
-Staatsanwalt. Aber schließlich ist es ja auch für die Kinder ein Segen.
-Und gerade solchen unehelichen Kindern, wie schlecht geht es ihnen
-gewöhnlich! Was wird aus ihnen? -- Geißler wollte vielleicht diesen
-wohlgenährten Mann ein wenig reizen, oder vielleicht wollte er sich
-auch nur als tiefsinnig und geheimnisvoll aufspielen, er sagte: Erasmus
-war ein lediges Kind. -- Erasmus? -- Erasmus von Rotterdam. -- Ach so.
--- Und Leonardo war ein lediges Kind. -- Leonardo da Vinci? So. Ja,
-Ausnahmen kommen natürlich vor, sie bestätigen nur die Regel. Aber im
-großen und ganzen! -- Wir schützen Vögel und Tiere, sagte Geißler,
-und es klingt etwas sonderbar, daß kleine Kinder nicht auch geschützt
-werden sollen. -- Der Staatsanwalt griff langsam und würdevoll nach
-einigen Papieren, zum Zeichen, daß er jetzt abbrechen müsse. Ja,
-sagte er geistesabwesend, ja, jawohl. Geißler bedankte sich für die
-außerordentlich lehrreiche Unterredung, der er gewürdigt worden sei,
-und ging.
-
-Er setzte sich in den Gerichtssaal, um beizeiten da zu sein. Seine
-geheime Macht kitzelte ihn wohl sehr: er wußte von einem gewissen
-abgeschnittenen Hemd, in dem -- Besenreis geholt werden sollte, und
-von einer Kindsleiche, die einmal im Stadthafen herumtrieb; er konnte
-das Gericht aufsitzen lassen, ein Wort von ihm würde so gut sein wie
-tausend Schwerter. Aber Geißler hatte gewiß nicht im Sinn, dieses
-Wort jetzt auszusprechen, wenn es nicht notwendig wurde. Das war ja
-ausgezeichnet, sogar der öffentliche Ankläger stand auf seiten der
-Angeklagten!
-
-Der Saal füllte sich, und das Gericht trat wieder zusammen.
-
-Das wurde eine reizende Komödie in der kleinen Stadt, der ermahnende
-Ernst des Staatsanwalts, des Verteidigers rührselige Beredsamkeit. Die
-Geschworenen saßen da und horchten zu, was sie wohl über Barbro und den
-Tod ihres Kindes zu denken hätten.
-
-Allerdings, so ganz einfach war es nun doch nicht, das herauszufinden.
-Der Staatsanwalt war ein schöner Mann von Ansehen, und er war gewiß
-auch ein guter Mensch, aber etwas mußte ihn ganz kürzlich erst
-geärgert haben, oder vielleicht war ihm eingefallen, daß er in der
-norwegischen Rechtspflege einen Standpunkt aufrechtzuerhalten habe,
-wer weiß! Es war unbegreiflich, aber er war nicht mehr so zugänglich
-wie am Vormittag, er rügte die Missetat, falls sie geschehen sei,
-scharf, sagte, es sei ein dunkles Blatt, wenn mit Bestimmtheit gesagt
-werden könne, daß die Sache wirklich so dunkel sei, wie man nach
-einzelnen Zeugenaussagen glauben und meinen könne. Darüber hätten die
-Gerichtsbeisitzer zu entscheiden. Er selbst möchte die Aufmerksamkeit
-auf drei Punkte lenken: der erste Punkt sei der, ob hier eine Geburt im
-geheimen vorliege, ob diese Frage den Herren Richtern klar sei? Hier
-machte er einige persönliche Bemerkungen. Der zweite Punkt sei das
-Kleidungsstück, das halbe Hemd, wozu die Angeklagte das mitgenommen
-habe? Ob sie eine Ahnung gehabt habe, daß sie es brauchen werde? Er
-entwickelte diesen Punkt noch weiter. Der dritte Punkt sei das sehr
-verdächtige heimliche Begräbnis, ohne den Todesfall dem Geistlichen
-und dem Lensmann zu melden. Hierbei sei der hier anwesende Mann die
-Hauptperson gewesen, und es sei von der größten Wichtigkeit für
-die Geschworenen, sich hier die richtige Ansicht zu bilden. Denn
-es sei ja doch einleuchtend, daß der Mann Mitwisser sei, und wenn
-er das Begräbnis auf eigene Hand vorgenommen hatte, so mußte sein
-Dienstmädchen eine Missetat begangen haben, deren Mitwisser er geworden
-war.
-
-Hm! ertönte es im Saale.
-
-Axel Ström merkte, daß er wieder in Gefahr war; er begegnete, als er
-aufsah, nicht einem einzigen Blick, aller Augen hingen an dem Redner.
-Aber ganz hinten im Saale saß Geißler wieder, er sah äußerst überlegen
-aus, als ob er platzen wolle vor Hochmut, mit seiner vorgeschobenen
-Unterlippe und mit gen Himmel gewandtem Gesicht. Diese ungeheure
-Gleichgültigkeit gegen den Ernst des Gerichtes, dieses laute gen Himmel
-gesandte Hm wirkte ermunternd auf Axel, er fühlte sich wieder der
-ganzen Welt gegenüber nicht mehr allein.
-
-Und nun kam endlich die Sache ins Blei, dieser Staatsanwalt schien
-endlich zu der Einsicht zu kommen, daß es nun genug sei, er hatte so
-viel Bosheit und Verdacht gegen Axel verbreitet, als irgend möglich
-war, nun hielt er inne. Ja, der Herr Staatsanwalt machte gewissermaßen
-vollkommen kehrt, er beantragte nicht einmal Barbros Verurteilung. Er
-sagte zum Schluß geradeheraus, daß er selbst nach den vorliegenden
-Zeugenaussagen nicht die Verurteilung der Angeklagten beantragen könne.
-
-Das ist ja sehr gut, dachte Axel. Dann hat die Geschichte ein Ende.
-
-Nun legte sich der Verteidiger ins Zeug, ein junger Mann, der die
-Juristerei studiert hatte und dem nun in diesem prächtigen Fall die
-Verteidigung anvertraut worden war. Es war auch nachher nur eine Stimme
-darüber, noch niemals sei ein Mann so sicher gewesen, eine Unschuldige
-zu verteidigen. Im Grunde war ihm diese Frau Lensmann Heyerdahl
-zuvorgekommen, sie hatte ihm am Vormittag verschiedene Argumente
-gestohlen, er war sehr unzufrieden damit, daß sie die Gesellschaft
-ausgenützt hatte. -- Oh, die Gesellschaft hatte auch bei ihm sehr viel
-auf dem Kerbholz! Er war ärgerlich auf den Vorsitzenden, daß er Frau
-Heyerdahl das Wort nicht entzogen hatte. Das war ja eine ganz richtige
-Verteidigungsrede gewesen, die sie gehalten hatte; was blieb da ihm
-noch übrig?
-
-Er fing mit dem allerersten Anfang von Barbro Bredes Lebenslauf an;
-sie stammte aus kleinen Verhältnissen, übrigens von strebsamen und
-achtungswerten Eltern, sie sei frühzeitig in den Dienst gekommen,
-und zwar zuerst zu dem Lensmann. Wir haben heute die Ansicht gehört,
-die ihre Dienstherrin, Frau Heyerdahl, von ihr hatte, sie könnte
-nicht strahlender sein. Dann sei Barbro nach Bergen gekommen. Der
-Verteidiger verbreitet sich eingehend über das sehr wohlmeinende
-Zeugnis, das ihr von den beiden Kontoristen in Bergen, bei denen sie
-eine Vertrauensstellung eingenommen hatte, ausgestellt worden war. Dann
-sei Barbro wieder heimgekommen, als Haushälterin bei einem Junggesellen
-draußen im Ödland. Hier habe ihr Unglück angefangen.
-
-Von diesem Junggesellen habe sie ein Kind unter dem Herzen getragen.
-Der geehrte Herr Staatsanwalt habe -- übrigens auf die allertaktvollste
-und schonendste Weise -- die Möglichkeit einer Geburt im geheimen
-angedeutet. Ob Barbro ihren Zustand verborgen, ob sie ihn verhehlt
-habe? Die beiden Zeuginnen, Mädchen aus ihrem Heimatdorf, hatten
-gemeint, daß sie guter Hoffnung sei, und als sie sie fragten, leugnete
-sie durchaus nicht, sie ging nur kurz darüber weg. So machten es junge
-Mädchen in diesen Fällen, sie gingen kurz darüber weg. Sonst sei Barbro
-überhaupt von niemand gefragt worden. Ob sie zu ihrer Frau gegangen sei
-und ihr gebeichtet habe? Sie habe keine Frau gehabt, sie sei selbst die
-Frau gewesen. Einen Hausherrn habe sie allerdings gehabt; aber so ein
-junges Mädchen gehe mit einem solchen Geheimnis nicht zu ihrem Herrn,
-sie trage ihr Kreuz allein, sie spreche nicht davon, sie flüstere nicht
-einmal, sie sei eine Trappistin. Sie verstecke sich nicht, aber sie
-halte sich in der Einsamkeit.
-
-Das Kind werde geboren, es sei ein ausgetragener und wohlgebildeter
-Junge, er habe nach der Geburt gelebt und geatmet, aber er sei
-erstickt. Das Schwurgericht kenne die näheren Umstände bei dieser
-Geburt, sie sei im Wasser vor sich gegangen, die Mutter sei im Bach
-gestürzt und habe dort geboren, sie sei nicht imstande gewesen, das
-Kind zu retten, sie habe liegenbleiben müssen und sich selbst erst
-nachher ans Land retten können. Nun gut, an dem Kinde sei keine Spur
-von ihm angetaner Gewalt zu entdecken gewesen, es trage keine Spuren
-davon an seinem Leibe, niemand habe seinen Tod gewollt, es sei im
-Wasser erstickt. Es sei gar nicht möglich, eine natürlichere Erklärung
-für seinen Tod zu finden.
-
-Der geehrte Herr Staatsanwalt habe auf ein Kleidungsstück hingedeutet:
-es sei ein dunkler Punkt, daß sie dieses halbe Hemd mit auf ihren Gang
-genommen habe. Aber nichts sei klarer als diese Dunkelheit; sie habe
-den Lappen mitgenommen, um Wacholderreis darein zu sammeln. Sie hätte
-ja auch -- sagen wir einmal -- einen Kissenbezug mitnehmen können,
-aber sie habe nun einmal das Stück Hemd mitgenommen; etwas habe sie
-ja doch haben müssen, sie hätte das Wacholderreis nicht in den Händen
-heimtragen können. Nein, hierüber könne sich das Gericht vollständig
-beruhigen.
-
-Aber es gäbe da noch einen anderen Punkt, der nicht ganz so klar sei.
-Ist der Angeklagten die Unterstützung und die Sorgfalt zuteil geworden,
-die ihr Zustand zu jener Zeit verlangte? Wurde sie von ihrem Hausherrn
-mit Schonung behandelt? Schön, wenn er es getan hat. Das Mädchen
-habe hier während des Verhörs mit Anerkennung von ihrem Hausherrn
-gesprochen, das deute auf eine gute und edle Gesinnung von ihr. Der
-Mann selbst, Axel Ström, habe in seinen Aussagen die Beklagte durchaus
-nicht belastet -- und darin habe er auch ganz recht getan, um nicht zu
-sagen klug, denn mit ihr würde auch er freigesprochen werden. Möglichst
-viel Schuld auf sie zu werfen, würde ja, wenn es zu ihrer Verurteilung
-führte, ihn selbst mit ins Verderben reißen.
-
-Es sei unmöglich, sich in der vorliegenden Sache in die Akten zu
-vertiefen, ohne vom innigsten Mitleid mit diesem Mädchen und ihrer
-Verlassenheit ergriffen zu werden. Und dennoch habe sie nicht nötig,
-die Barmherzigkeit anzurufen, sie wende sich nur an die Gerechtigkeit
-und das Verständnis. Sie und ihr Hausherr seien gewissermaßen verlobt
-miteinander, aber Uneinigkeit und entgegengesetzte Interessen schlössen
-die Ehe aus. Bei diesem Mann könne dieses Mädchen in der Zukunft nicht
-das Glück finden. Es sei nicht angenehm, davon zu reden, aber um noch
-einmal auf das mitgenommene Kleidungsstück zu kommen, wenn man der
-Sache nähertrete, so habe das Mädchen nicht eines von ihren eigenen,
-sondern eines von den Hemden ihres Hausherrn mitgenommen. Wir haben
-uns selbst gleich zu Anfang gefragt: War ihr dieses Hemd von ihm zur
-Verfügung gestellt worden? sagte der Verteidiger. Hier, meinten wir,
-könnte eine Möglichkeit bestehen, daß der Mann Axel die Hand mit im
-Spiel gehabt habe.
-
-Hm! machte es hinten im Saale. Das klang so hart und laut, daß der
-Redner innehielt, aller Augen suchten nach dem Urheber dieser
-Unterbrechung, und der Vorsitzende schleuderte einen scharfen Blick in
-jene Richtung.
-
-Aber, fuhr der Verteidiger fort, nachdem er sich wieder gefaßt hatte,
-auch über diesen Punkt können wir völlig beruhigt sein, dank der
-Angeklagten selbst. Obgleich es in ihrem Vorteil gelegen hätte, hier
-die Hälfte der Schuld von sich abzuwälzen, hat sie das doch nicht
-getan. Sie hat auf das bestimmteste Axel Ström von dem Verdacht
-freigesprochen, er habe etwas davon gewußt, daß sie sein Hemd statt des
-ihrigen an den Bach mitgenommen hatte -- ich meine, mit in den Wald, um
-Wacholderreis zu holen. Es liegt nicht der mindeste Grund vor, an den
-Worten der Angeklagten zu zweifeln; diese haben überall Stich gehalten
-und halten auch hier Stich. Hätte sie das Hemd aus des Mannes Hand
-entgegengenommen, so würde das den vollendeten Kindsmord voraussetzen,
-und die Angeklagte mit ihrer Wahrheitsliebe will nicht dazu beitragen,
-den Mann zu einem Verbrecher zu stempeln, der er gar nicht ist. Im
-ganzen genommen macht sie redliche und offene Aussagen und hat nicht
-versucht, irgendwelche Schuld auf andere zu schieben. Dieser schöne
-Zug, gegen andere gut zu sein, zeigt sich überall bei ihr, so hat
-sie zum Beispiel die kleine Leiche auf die beste Art und mit großer
-Sorgfalt eingehüllt. In diesem Zustand hat sie der Lensmann im Grabe
-gefunden.
-
-Der Vorsitzende will -- der Ordnung halber -- darauf hinweisen, daß es
-das Grab Nummer zwei war, das der Lensmann fand, und in das habe ja
-Axel das Kind gelegt.
-
-Jawohl, das ist so, und ich danke dem Herrn Vorsitzenden! sagt der
-Verteidiger mit all der Ehrerbietung, die man der Justiz schuldig
-ist. Jawohl, das ist so. Aber nun hat doch Axel selbst ausgesagt, er
-habe die Leiche nur in das neue Grab hinübergehoben und sie darein
-gebettet. Und es ist doch unzweifelhaft, daß eine Frau ein Kind besser
-einzuhüllen versteht als ein Mann. Und wer hüllt es am allerbesten
-ein? Doch eine Mutter mit ihren liebevollen Händen!
-
-Der Vorsitzende nickt beifällig.
-
-Übrigens hätte nicht das Mädchen -- wenn es wirklich zu der Sorte
-gehört hätte -- das Kind einfach nackt begraben können? Ich will so
-weit gehen, zu sagen, sie hätte es in einen Kehrichteimer legen können.
-Sie hätte es über der Erde unter einem Baum liegenlassen können, daß es
-hätte erfrieren müssen -- das heißt, wenn es nicht schon tot gewesen
-wäre. Sie hätte es in einem unbewachten Augenblick in den Ofen stecken
-und verbrennen können. Sie hätte es an den Bach von Sellanraa tragen
-und es dort hineinwerfen können. Aber von dem allem hat diese Mutter
-nichts getan, sie hat das Kind sorgfältig eingehüllt und begraben. Und
-wenn es so schön und gut eingewickelt war, wie es gefunden wurde, so
-ist es von einer Frau eingehüllt worden und nicht von einem Mann.
-
-Nun sagte der Verteidiger, jetzt hätten die Geschworenen darüber
-abzuurteilen, was von Schuld an dem Mädchen Barbro übrigbleibe, nach
-des Verteidigers Meinung bleibe keine übrig. Es könnte höchstens
-sein, daß die Geschworenen sie deshalb verurteilen wollten, weil sie
-den Todesfall nicht angezeigt habe. Aber das Kind sei nun einmal tot
-gewesen, es sei weit draußen im Ödland und viele Meilen zum Pfarrer und
-Lensmann, es habe seinen ewigen Schlaf in einem schönen Grabe im Walde
-schlafen dürfen. Wenn es ein Verbrechen sei, es so begraben zu haben,
-so teile die Beklagte dieses Verbrechen mit dem Vater des Kindes,
-aber dieses Verbrechen sei in jedem Fall verzeihlich. Man sei immer
-mehr davon abgekommen, die Verbrecher zu bestrafen, man suche sie zu
-bessern. In alten Zeiten sei man für alles mögliche gestraft worden,
-das sei nach dem Gesetz der Rache im Alten Testament gegangen: Auge um
-Auge, Zahn um Zahn. Nein, das sei nicht mehr der Geist, der jetzt in
-der Gesetzgebung walte; die moderne Rechtspflege sei menschlich; sie
-suche sich dem Grad der verbrecherischen _Gesinnung_ anzupassen, die
-die Betreffenden bewiesen hätten.
-
-Darum verurteilt dieses Mädchen nicht! rief der Verteidiger. Es
-handelt sich hier nicht darum, einen Verbrecher mehr zu fassen, nein,
-es handelt sich darum, der menschlichen Gesellschaft ein gutes und
-nützliches Mitglied zurückzugeben! Der Verteidiger deutete darauf
-hin, daß der Angeklagten nun in einer neuen Stelle, die ihr angeboten
-sei, die sorgfältigste Aufsicht zuteil werden würde. Frau Lensmann
-Heyerdahl habe aus reicher mütterlicher Erfahrung und weil sie Barbro
-seit vielen Jahren kenne, dieser ihr Haus weit aufgetan. Das Gericht
-möge nun im Vollgefühl seiner Verantwortung das Mädchen verurteilen
-oder freisprechen. Zum Schluß dankte der Verteidiger dem Staatsanwalt,
-daß er keine Verurteilung beantragt habe. Daran erkenne man sein tiefes
-menschliches Verständnis.
-
-Der Verteidiger setzte sich.
-
-Der Rest der Verhandlung nahm nicht mehr viel Zeit in Anspruch. Das
-Referat wiederholte dasselbe, von zwei Seiten gesehen, noch einmal, es
-gab eine kurze Übersicht über den ganzen Vorgang, trocken, langweilig
-und würdevoll. Es war alles sehr trefflich gegangen, sowohl der
-Staatsanwalt als der Verteidiger hatten in das Gebiet des Vorsitzenden
-hinübergegriffen, sie hatten ihm sein Amt leicht gemacht.
-
-Es wurde Licht angesteckt, zwei Hängelampen brannten und gaben ein
-erbärmliches Licht, bei dem der Vorsitzende kaum seine Anmerkungen
-lesen konnte. Er tadelte äußerst scharf, daß der Tod des Kindes den
-Behörden nicht gemeldet worden war; aber, sagte er, das wäre unter
-den vorliegenden Umständen weit eher dem Kindsvater zugekommen als
-der Mutter, da sie zu schwach dazu gewesen sei. Nun hätten also die
-Geschworenen zu entscheiden, ob Geburt im geheimen und Kindsmord
-vorliege. Alles wurde noch einmal von Anfang bis zu Ende erklärt.
-Darauf folgte die gebräuchliche Ermahnung, der Verantwortung eingedenk
-zu sein, warum das Gericht eingesetzt sei, und endlich der bekannte
-Rat, im Zweifelsfalle zugunsten der Angeklagten zu entscheiden.
-
-Nun war alles klar.
-
-Die Geschworenen verließen den Saal und zogen sich zurück. Sie sollten
-sich über den Fragebogen beraten, der dem einen von ihnen mitgegeben
-worden war. Fünf Minuten waren sie weg, dann traten sie wieder ein mit
-einem Nein auf alle Fragen.
-
-Nein, das Mädchen Barbro hatte ihr Kind nicht getötet.
-
-Nun redete der Vorsitzende noch einige Worte und erklärte, das Mädchen
-Barbro sei frei.
-
-Die Zuhörer verließen den Saal. Die Komödie war zu Ende ...
-
-Irgend jemand ergreift Axel am Arm, es ist Geißler. Er sagt: So, nun
-bist du also die Geschichte los. -- Ja, sagte Axel. -- Und sie haben
-dich ganz unnötig vorgeladen. -- Ja, sagte Axel wieder. Aber inzwischen
-hatte er sich etwas gefaßt und fuhr fort: Ich bin aber doch recht froh,
-daß ich so davongekommen bin. -- Das hätte auch gerade noch gefehlt!
-rief Geißler, und er betonte jedes Wort nachdrücklich. -- Davon bekam
-Axel den Eindruck, daß Geißler die Hand im Spiel gehabt, daß er
-eingegriffen habe. Gott mochte wissen, ob nicht am Ende Geißler das
-Gericht gelenkt und den Erfolg, den er selbst gewollt, herbeigeführt
-hatte. Das war dunkel.
-
-Allein so viel begriff Axel doch, daß Geißler den ganzen Tag über auf
-seiner Seite gestanden hatte. Ja, ich danke Euch vielmals, sagte er
-und wollte Geißler die Hand drücken. -- Wofür? fragte Geißler. --
-Für -- ja für alles miteinander. -- Geißler wies ihn kurz ab. Ich
-hatte gar nicht im Sinn, etwas zu tun, es war nicht der Mühe wert.
--- Aber Geißler hatte darum doch vielleicht nichts gegen diesen Dank
-einzuwenden, es war, als hätte er darauf gewartet und hätte ihn nun
-erhalten. Ich habe keine Zeit, mich gerade jetzt noch länger mit dir zu
-unterhalten, sagte er. Gehst du morgen wieder nach Hause? Das ist gut.
-Leb wohl und auf Wiedersehen! Geißler ging die Straße hinunter ...
-
-Auf der Heimfahrt traf Axel auf dem Dampfschiff den Lensmann und
-seine Frau, Barbro und die zwei Mädchen, die als Zeuginnen vorgeladen
-gewesen waren. Nun, bist du nicht froh über den Ausgang der Sache?
-fragte die Frau Lensmann. -- Doch, erwiderte Axel, er sei sehr froh,
-daß die Geschichte zu Ende sei. Auch der Lensmann ergriff das Wort und
-sagte: Das ist nun der zweite Kindsmordprozeß, den ich in der Gegend
-gehabt habe, der erste galt Inger von Sellanraa, jetzt bin ich auch den
-zweiten los. Nein, man darf solche Fälle nicht nur so hingehen lassen,
-dem Recht muß Genüge geschehen.
-
-Aber die Frau Lensmann begriff wohl, daß Axel ihr, wegen ihrer
-Aussagen gestern, nicht wohlgeneigt sein konnte, jetzt wollte sie das
-verwischen, wollte es wieder gutmachen. Du hast doch gestern begriffen,
-warum ich gegen dich gesprochen habe? sagte sie. -- Ja, jawohl,
-erwiderte Axel. -- Ja, du hast es gewiß eingesehen. Du hast doch sicher
-nicht gemeint, ich wolle dir schaden? Dich habe ich jederzeit für einen
-prächtigen Mann gehalten, das kann ich dir wohl sagen. -- So! war
-alles, was Axel sagte, allein er war froh und gerührt. -- Jawohl, das
-habe ich, sagte die Frau Lensmann. Aber ich war genötigt, dir einen
-kleinen Teil von der Schuld zuzuschieben, sonst wäre Barbro verurteilt
-worden, und du mit ihr. Es geschah meinerseits in der besten Absicht.
--- Jawohl, ja, und ich danke Euch bestens. -- Ich bin es gewesen und
-sonst niemand anders, die in der Stadt von Herodes zu Pilatus gelaufen
-ist und für euch beide gewirkt hat. Und du hast doch wohl begriffen,
-daß wir alle, wie wir es vor Gericht getan haben, einen Teil Schuld auf
-dich laden mußten, um euch beide frei zu bekommen! -- Ja, sagte Axel.
--- Und du hast doch wohl keinen Augenblick geglaubt, daß ich gegen dich
-sei, nicht wahr? Ich gegen dich sein, wo ich dich doch für so einen
-ausgezeichneten Mann halte!
-
-Wie tat das gut nach all den Demütigungen! Axel war jetzt jedenfalls
-so gerührt, daß er wahrhaftig der Frau Lensmann etwas schenken wollte,
-irgend etwas, um ihr seine Dankbarkeit zu beweisen, vielleicht ein
-Stück Schlachtvieh im Herbst. Er hatte einen jungen Ochsen.
-
-Die Frau Lensmann Heyerdahl hielt Wort: sie nahm Barbro zu sich. Auch
-schon hier auf dem Schiff nahm sie sich ihrer an und ließ sie weder
-frieren noch hungern, und sie duldete auch nicht, daß Barbro mit dem
-bergenschen Steuermann schäkerte. Als es das erstemal geschah, sagte
-Frau Heyerdahl nichts darüber, sie rief nur Barbro zu sich. Aber siehe
-da, bald stand Barbro wieder bei dem Steuermann und schäkerte mit ihm,
-sie machte einen schiefen Kopf, sprach bergenschen Dialekt und lächelte
-hold; da rief Frau Heyerdahl sie abermals zu sich und sagte: Es will
-mir nicht gefallen, Barbro, daß du dich jetzt auf Unterhaltungen mit
-Mannsleuten einläßt. Denk doch daran, was du durchgemacht hast und
-wo du herkommst. -- Ich habe nur gehört, daß er aus Bergen ist, und
-deshalb ein paar Worte mit ihm gesprochen, erwiderte Barbro.
-
-Axel sprach nicht mit ihr. Er bemerkte aber, daß ihre Haut fein und
-blaß war und daß sie schöne Zähne bekommen hatte. Seine Ringe trug sie
-nicht an den Fingern.
-
-Und nun schreitet Axel also wieder durchs Ödland hinauf. Es stürmt und
-regnet zwar, aber er ist seelenvergnügt, er hat die Mähmaschine und
-den Reolpflug am Landungsplatz gesehen. Ach, dieser Geißler! Kein Wort
-hat er in der Stadt von dieser Sendung verlauten lassen. Er war ein
-merkwürdiger Herr.
-
-
-
-
-8
-
-
-Axel hatte daheim keine lange Ruhezeit; mit den Herbststürmen begann
-eine persönliche Mühe und ein großer Verdruß, den er sich selbst
-zugezogen hatte: Der Telegraph an seiner Wand meldete, daß die Linie in
-Unordnung sei.
-
-Ach, er war zu gierig nach dem baren Geld gewesen, als er diesen Posten
-übernommen hatte! Alles war von Anfang an unangenehm gewesen, Brede
-Olsen hatte ihm gewissermaßen gedroht, als er die Telegraphensachen und
-das Werkzeug bei ihm abholte; er hatte gesagt: Du denkst wohl nicht
-mehr daran, daß ich dir im Winter das Leben gerettet habe? -- Oline
-hat mir das Leben gerettet, erwiderte Axel. -- So, habe ich dich nicht
-auf meinem eigenen armen Rücken nach Hause getragen? Und außerdem hast
-du im Sommer nur darauf gepaßt, mir meinen Hof abzukaufen und mich für
-den Winter heimatlos zu machen. Ja, Brede war tief gekränkt, er sagte:
-Nimm du nur den Telegraphen und das ganze Zeug mit dir. Ich und meine
-Familie, wir lassen uns im Dorf nieder und fangen etwas an; was es ist,
-weißt du nicht, aber es ist etwas mit einem Hotel und einem Platz,
-wo die Leute Kaffee trinken können. Oh, meinst du, wir werden nicht
-durchkommen? Meine Frau kann alle Arten von Lebensmitteln verkaufen,
-und ich selbst kann Geschäfte machen und viel mehr dabei verdienen als
-du. Aber ich will dir nur sagen, Axel, ich könnte dir allerlei Possen
-spielen, da ich den ganzen Telegraphen sehr gut kenne; ich könnte
-Stangen umwerfen und Drähte abreißen. Dann müßtest du mitten in der
-dringendsten Arbeit hinaus. Das will ich dir nur sagen, und du kannst
-es dir hinter die Ohren schreiben ...
-
-Jetzt aber hätte Axel notwendig die Maschinen vom Landungsplatz
-heraufholen sollen -- ach, jede davon war so schön vergoldet und bunt
-bemalt wie ein Bild, er hätte sie heute haben und sie besehen und
-sich genau in ihrem Gebrauch unterrichten können -- jetzt mußten sie
-stehenbleiben. Es war nicht gut, wenn er wegen der Telegraphenlinie
-wichtige Arbeit versäumen mußte. Aber es brachte doch Geld ein.
-
-Oben auf dem Berg trifft er Aronsen. Der Kaufmann Aronsen steht da und
-schaut in den Sturm hinaus, ja, er stand da wie eine Erscheinung. Was
-wollte er da oben? Er hatte wohl keine Ruhe mehr gehabt und war in die
-Berge gegangen, um selbst die Gruben zu untersuchen. Seht, das tat der
-Kaufmann Aronsen aus reiner Besorgnis für sich und seine Zukunft. Nun
-steht er da auf dem verlassenen Berg vor lauter Elend und Zerstörung:
-verrostete Maschinen, Handwerkszeug, Fuhrwerke, vieles davon unter
-freiem Himmel, alles ganz trostlos. An verschiedenen Stellen waren an
-den Wänden der Baracken geschriebene Zettel angeheftet, die verboten,
-die Gebäude, Gerätschaften und Wagen der Gesellschaft zu beschädigen
-oder etwas davon mitzunehmen.
-
-Axel fängt ein Gespräch mit dem zornigen Krämer an und fragt: Seid
-Ihr auf der Jagd? -- Ja, wenn ich ihn nur getroffen hätte! antwortete
-Aronsen. -- Wen hättet Ihr denn gerne getroffen? -- Wen denn sonst, als
-den Mann, der mich und alle hier herum ins Verderben bringt? Den Mann,
-der seinen Berg nicht verkaufen will und weder Bewegung, noch Handel,
-noch Geld unter die Leute kommen läßt. -- Meint Ihr den Geißler? --
-Ja, gerade den Kerl meine ich. Er müßte erschossen werden! -- Axel
-lacht und sagt: Der Geißler war jetzt vor wenigen Tagen in der Stadt,
-da hättet Ihr ihn treffen können. Aber nach meiner geringen Meinung
-glaube ich nicht, daß Ihr den Mann dafür verantwortlich machen solltet.
--- Warum nicht? fragte Aronsen wütend. -- Ich fürchte, er wäre etwas
-zu unergründlich und zu hochangesehen für Euch. -- Sie stritten eine
-Weile darüber, und Aronsen wurde immer heftiger. Zum Schluß fragte
-Axel im Scherz: Na, Ihr werdet uns hier im Ödland doch nicht stecken
-lassen und ganz von hier fortziehen wollen? -- Meinst du etwa, ich
-wolle hier in euren Sümpfen verfaulen und nicht einmal den Tabak für
-meine Pfeife verdienen? rief Aronsen ärgerlich. Wenn du mir einen
-Käufer verschaffst, so verkaufe ich auf der Stelle. -- Einen Käufer?
-rief Axel. Auf Eurem Grundstück ist guter Boden, wenn Ihr ihn bebauen
-wolltet. Bei der Größe des Grundstücks nährt es seinen Mann. -- Du
-hörst doch, daß ich nicht in der Erde graben mag! rief Aronsen wieder
-in den Sturm hinaus. Ich kann etwas Besseres tun. -- Axel meinte, ein
-Käufer werde wohl zu finden sein, aber Aronsen verhöhnte den bloßen
-Gedanken daran. Im ganzen Ödland ist kein einziger Mann, der mich
-auszahlen könnte. -- Nein, nicht gerade hier im Ödland. Aber es gibt
-noch andere. -- Ach, hier ist nichts als Armut und Elend! rief Aronsen
-wütend. -- Ja, das mag sein. Aber der Isak auf Sellanraa könnte Euch
-jeden Tag auszahlen, sagte Axel beleidigt. -- Das glaube ich nicht,
-entgegnete Aronsen. -- Es ist mir gleichgültig, was Ihr glaubt, sagte
-Axel und wollte weitergehen. -- Aber Aronsen rief ihm nach: Wart doch
-einen Augenblick! Meinst du wirklich, Isak könnte mich von Storborg
-befreien? -- Ja, erwidert Axel. Von fünf Storborg, was das Geld und die
-Mittel anbelangt.
-
-Aronsen war beim Aufstieg um Sellanraa herumgegangen, er hatte sich
-nicht sehen lassen wollen, jetzt auf dem Heimweg ging er hinein und
-hatte eine Unterredung mit Isak. Nein, sagte Isak und schüttelte nur
-den Kopf. Daran habe ich noch nie gedacht und habe es auch nicht im
-Sinn. --
-
-Aber als Eleseus zu Weihnachten nach Hause kam, war Isak nicht mehr
-ganz so ablehnend. Er selbst hatte jedenfalls noch nie so etwas
-Verrücktes gehört, wie Storborg zu kaufen, dieser Einfall wäre ihm
-jedenfalls nicht selbst gekommen, wenn aber Eleseus meinte, das
-Geschäft sei etwas für ihn, dann konnte man sich die Sache ja überlegen.
-
-Eleseus selbst schwankte. Er war nicht dafür, aber auch auch nicht
-dagegen. Blieb er jetzt zu Hause, so war es gewissermaßen mit ihm aus
-und vorbei; das Ödland war nicht die Stadt.
-
-Im Herbst, als die Leute aus der Gegend zu dem großen Verhör in der
-Stadt vorgeladen waren, vermied er es, sich zu zeigen, er hatte keine
-Lust, mit diesen Dörflern zusammenzutreffen, sie gehörten einer anderen
-Welt an. Und sollte er nun selbst in diese Welt zurückkehren?
-
-Seine Mutter wollte, man solle kaufen. Sivert wollte auch, daß gekauft
-werde; die beiden taten sich mit Eleseus zusammen, und eines schönen
-Tages fuhren alle drei nach Storborg hinunter, um sich dort die
-Herrlichkeit zu beschauen.
-
-Aber mit der Aussicht, sein Gut loszuwerden, wurde Aronsen sofort ein
-ganz anderer: er habe nicht nötig, zu verkaufen! Wenn er von hier
-fortgehe, so könne der Hof einfach liegenbleiben, der Hof sei bom
-konstant, ein prächtiges Gut, er könne es jeden Tag verkaufen. Ihr
-zahlt mir doch nicht, was ich dafür haben will, behauptete Aronsen.
--- Sie gingen durch alle Räume, waren im Stall, im Vorratshaus, sie
-besahen sich die armseligen Reste von Waren: einige Mundharmoniken,
-Uhrketten, Schachteln mit rosa Papier, Hängelampen mit Prismen, lauter
-bei den Ansiedlern unverkäufliche Sachen. Außerdem war noch ein Rest
-Baumwollstoffe vorhanden und einige Kisten mit Nägeln.
-
-Eleseus spielte sich auf und beschaute alles mit Sachkenntnis. Für
-diese Art Waren hab' ich keine Verwendung, sagte er. -- Ihr braucht
-sie ja nicht zu kaufen, erwiderte Aronsen. -- Aber ich biete Euch
-fünfzehnhundert Kronen für den Hof, so wie er dasteht, mit Waren und
-Viehstand und allem zusammen, sagte Eleseus. Oh, es war ihm sehr
-gleichgültig, sein Angebot war nur ein Spott, er wollte sich aufspielen.
-
-Dann fuhren sie wieder nach Hause. Nein, es wurde nichts aus dem
-Geschäft. Eleseus hatte Aronsen ein Schandangebot gemacht und ihn damit
-beleidigt: Ich höre überhaupt gar nicht hin, was du sagst, erklärte
-Aronsen und duzte ihn, duzte diesen städtischen Springinsfeld, der den
-Kaufmann Aronsen über Waren belehren wollte. -- Soviel ich weiß, habe
-ich nicht Brüderschaft mit dir getrunken, sagte Eleseus ebenso erzürnt.
-Oh, das mußte eine lebenslängliche Feindschaft geben!
-
-Aber warum war Aronsen vom ersten Augenblick an so aufgeblasen gewesen
-und hatte getan, wie wenn er nicht zum Verkaufen genötigt wäre? Das
-hatte seinen Grund, Aronsen hatte nämlich wieder eine Art Hoffnung.
-
-Im Dorf unten war eine Versammlung abgehalten worden, um den Zustand
-zu besprechen, der dadurch eingetreten war, daß Geißler seinen Berg
-nicht verkaufen wollte. Nicht nur das Ödland litt darunter, der ganze
-Bezirk kämpfte mit dem Tode. Aber warum konnten denn die Menschen
-jetzt nicht mehr ebenso gut oder schlecht leben wie damals, bevor der
-Versuchsbetrieb in Angriff genommen war? Nein, das konnten die Menschen
-nicht! Sie hatten sich jetzt an weiße Grütze gewöhnt und an weißes
-Brot, an gekaufte Kleiderstoffe, hohe Löhne, ein flottes Leben, ja,
-die Menschen hatten sich daran gewöhnt, viel Geld zu haben. Doch nun
-war der Geldstrom versiegt, wie ein Heringszug war er wieder im Meer
-verschwunden; lieber Gott, was war das für eine Not, was ließ sich da
-machen?
-
-Es war kein Zweifel, der ehemalige Lensmann Geißler wollte sich am
-Dorfe rächen, weil es dem Amtmann beigestanden hatte, ihn abzusetzen,
-und es war auch gar kein Zweifel, daß das Dorf diesen Mann unterschätzt
-hatte. Er war nicht so dumm. Mit dem ganz einfachen Mittel, eine
-schamlose Viertelmillion für ein Stück Berg zu verlangen, hielt er
-die ganze Entwicklung der Gemeinde auf. War er nicht mächtig? Axel
-Ström von Maaneland konnte hier mitreden, er hatte Geißler zuletzt
-gesprochen. Barbro, Bredes Tochter, war in der Stadt vor Gericht
-geladen gewesen und freigesprochen wieder nach Hause gekommen, und da
-war Geißler während der ganzen Verhandlung zugegen gewesen! Und wer
-etwa meinte, der Geißler habe abgewirtschaftet und liege danieder wie
-irgendein armer Schlucker, der brauchte ja nur die teuren Maschinen zu
-betrachten, die er Axel zum Geschenk gemacht hatte!
-
-Dieser Mann hielt also das Geschick des Bezirks in seiner Hand, und
-man mußte sich mit ihm abfinden. Um wieviel würde Geißler wohl im
-allerletzten Fall seinen Berg verkaufen? Darüber mußte man ins reine
-kommen. Die Schweden hatten ihm fünfundzwanzigtausend geboten, das
-hatte Geißler abgelehnt. Aber wie, wenn nun das Dorf, wenn die Gemeinde
-den Rest zuschoß, damit das Geschäft zustande kam? Wenn es nicht eine
-gar zu ungereimte Summe war, würde es sich lohnen. Sowohl der Kaufmann
-unten an der Küste, als auch der Kaufmann Aronsen auf Storborg würden
-ganz in der Stille und in aller Heimlichkeit einen Beitrag geben;
-eine solche jetzt gemachte Auslage würde ihnen mit der Zeit wieder
-hereinkommen.
-
-Schließlich waren zwei Mann beauftragt worden, zu Geißler zu reisen und
-mit ihm zu reden. Und die wurden nun bald zurückerwartet.
-
-Seht, darum hatte Aronsen wieder Hoffnung gefaßt und glaubte, einen
-Mann, der Storborg kaufen wollte, hochfahrend behandeln zu können. Aber
-er sollte nicht lange hochfahrend bleiben.
-
-Nach einer Woche kamen die zwei Abgesandten mit einer unbedingten
-Ablehnung heim. Ach, das schlimme an der Sache war schon von Anfang
-an, daß einer der beiden Abgesandten Brede Olsen war -- weil er so gut
-Zeit hatte. Die Männer hatten Geißler ganz richtig aufgefunden, aber
-Geißler hatte nur den Kopf geschüttelt und gelacht. Reist nur wieder
-nach Hause! hatte er gesagt; aber er hatte ihnen die Heimreise bezahlt.
-
-Und so mußte nun also der ganze Bezirk untergehen!
-
-Nachdem Aronsen eine Zeitlang getobt hatte und allmählich immer
-ratloser geworden war, ging er eines Tages hinauf nach Sellanraa und
-schloß den Handel ab. Ja, das tat Aronsen. Eleseus bekam, was er haben
-wollte, einen Hof mit Gebäuden und Vieh und Waren für fünfzehnhundert
-Kronen. Allerdings zeigte es sich bei der Übernahme, daß Aronsens Frau
-den größten Teil des Baumwollzeugs an sich genommen hatte; um solche
-Kleinigkeiten kümmerte sich jedoch ein Mann wie Eleseus nicht. Man darf
-nicht kleinlich sein! sagte er.
-
-Aber im ganzen genommen war Eleseus nichts weniger als entzückt. Nun
-war sein Lebenslauf also besiegelt, das Ödland würde sein Grab werden.
-Er mußte alle seine großen Pläne fahren lassen; Büroschreiber war er
-nicht mehr, Lensmann konnte er nicht werden, nein, er war nicht einmal
-ein städtischer Herr. Seinem Vater und den andern daheim gegenüber
-tat er ein wenig groß damit, daß er Storborg genau um den Preis, den
-er geboten, auch bekommen hatte, da konnten sie sehen, daß er sich auf
-die Sache verstand! Aber dieser kleine Triumph reichte nicht weit. Er
-hatte auch die Befriedigung, den Ladendiener Andresen mit übernehmen
-zu können, der ging gewissermaßen bei dem Handel mit drein, Aronsen
-brauchte ihn nicht mehr, solange er kein neues Geschäft hatte. Es
-kitzelte Eleseus ganz eigenartig, als Andresen kam und fragte, ob er
-nicht bleiben dürfe; da war er nun zum erstenmal Herr und Meister. Du
-kannst bleiben! sagte er. Ich muß hier am Platz einen Stellvertreter
-haben, wenn ich meine Geschäftsreisen mache und Handelsverbindungen mit
-Bergen und Drontheim anknüpfe, sagte er.
-
-Und Andresen war kein schlechter Stellvertreter, das sah er gleich;
-er war fleißig und hielt gute Aufsicht, während der Herr und Meister
-Eleseus abwesend war. Nur im Anfang hatte der Ladendiener Andresen hier
-im Ödland den großen und feinen Herrn herausgekehrt, und daran war
-sein Herr, Aronsen, schuld gewesen. Jetzt war es anders geworden. Als
-im Frühjahr die Moore etwas aufgetaut waren, kam Sivert von Sellanraa
-nach Storborg hinunter und fing an, bei seinem Bruder Gräben zu ziehen
--- und da ging wahrhaftig auch der Ladendiener Andresen hinaus aufs
-Moor und half Gräben ziehen aus was für einem Grunde es auch geschehen
-mochte, da er es eigentlich nicht nötig hatte; aber ein Mann von
-solcher Art war er. Der Boden war noch so wenig aufgetaut, daß sie
-lange nicht tief genug graben konnten, aber sie taten einstweilen
-wenigstens die halbe Arbeit, und das war schon viel getan. Es war des
-alten Isaks Gedanke, auf Storborg die Moore zu entwässern und Ackerbau
-zu treiben, der kleine Kramhandel sollte nur so nebenbei betrieben
-werden, daß die Leute im Ödland nicht nötig hatten, ins Dorf zu gehen,
-wenn sie eine Rolle Faden brauchten.
-
-So zogen also Sivert und Andresen Gräben und verschnauften sich
-zuweilen und führten eine muntere Unterhaltung. Andresen war auf
-irgendeine Weise in den Besitz eines goldenen Zwanzigkronenstücks
-gekommen, und nach diesem blitzblanken Goldstück verspürte Sivert
-großes Gelüste; aber Andresen wollte sich nicht davon trennen, er
-wickelte es in Seidenpapier und verwahrte es in seiner Truhe. Sivert
-schlug vor, sie wollten um das Geldstück losen, sie wollten darum
-kämpfen, aber darauf wagte Andresen sich nicht einzulassen. Sivert bot
-ihm dann zwanzig Kronen in Papier, und außerdem wollte er das ganze
-Moor allein entwässern, wenn er das Geldstück bekomme. Aber da war der
-Ladendiener Andresen beleidigt und sagte: So, damit du deinen Leuten
-zu Hause erzählen könntest, ich brächte es nicht fertig, im Moor zu
-arbeiten! Zuletzt einigten sie sich über fünfundzwanzig Kronen in
-Papier für das Goldstück, und Sivert lief in der Nacht nach Sellanraa
-und bekam das Papiergeld von seinem Vater.
-
-Ein jugendlicher Einfall, ein Einfall der wackeren, lebenskräftigen
-Jugend! Eine durchwachte Nacht, eine Meile hin, eine Meile her,
-den Tag darauf wieder die volle Arbeit -- das war nichts für den
-kräftigen jungen Mann, und es war ein schönes Goldstück. Es war nicht
-ausgeschlossen, daß sich Andresen wegen dieses guten Handels ein wenig
-über ihn lustig machte; aber da wußte Sivert guten Rat, er brauchte
-nur ein Wort von Leopoldine verlauten zu lassen, etwa: Ach ja, das ist
-wahr, ich sollte dich von Leopoldine grüßen! so hörte Andresen sofort
-auf und wurde dunkelrot.
-
-Es waren vergnügliche Tage für die beiden, während sie im Moor
-arbeiteten und sich zum Spaß stritten, wieder arbeiteten und wieder
-stritten. Zuweilen kam Eleseus zu ihnen heraus und half mit, aber
-er wurde rasch müde, er hatte weder einen starken Körper noch einen
-starken Willen, aber er war der liebenswürdigste Mensch. -- Da kommt
-die Oline! konnte der Schäker Sivert sagen. Nun mußt du heimgehen und
-ihr wieder ein halbes Pfund Kaffee verkaufen! Und das tat Eleseus
-gerne. Er ging hin und verkaufte Oline irgendeine Kleinigkeit. Solange
-brauchte er doch keine Schollen umzukehren.
-
-Und die arme Oline, sie mußte von Zeit zu Zeit ein paar Kaffeebohnen
-haben, ob sie nun ein seltenes Mal das Geld dazu von Axel bekam oder
-sich die Bohnen für einen kleinen Ziegenkäse eintauschte. Oline war
-nicht mehr so ganz unverändert, der Dienst auf Maaneland war im Grunde
-zu schwer für dies alte Weib und hatte an ihr gezehrt, aber doch nicht
-so sehr, daß sie ihr Alter oder ihre Hinfälligkeit zugegeben hätte,
-hoho, sie hätte ihre Meinung ordentlich gesagt, wenn ihr aufgekündigt
-worden wäre! Sie war zäh und nicht unterzukriegen, tat ihre Arbeit und
-fand noch Zeit, zu den Nachbarn zu wandern und einen kleinen, unendlich
-angenehmen Schwatz zu halten, den sie daheim vermissen mußte, denn Axel
-war kein Redner.
-
-Sie war unzufrieden mit der Gerichtsverhandlung, enttäuscht von dem
-Ausfall der Verhandlung, dem Freispruch auf der ganzen Linie. Daß
-Barbro, Bredes Tochter, ohne Strafe davonkam, wenn Inger auf Sellanraa
-acht Jahre bekommen hatte, das konnte Oline nicht fassen und begreifen,
-sie nahm ein ganz unchristliches Ärgernis daran, daß man gegen eine
-andere „so gütig gewesen war”. -- Aber der Allmächtige hat seine
-Meinung noch nicht kundgetan! sagte Oline und nickte mit dem Kopfe.
-Sie stellte damit ein mögliches späteres himmlisches Strafgericht in
-Aussicht. Natürlich war Oline außerstande, ihr Mißvergnügen über die
-Sache bei sich zu behalten; besonders wenn sie mit ihrem Hausherrn
-über das eine oder andere uneinig wurde, machte sie auf ihre Weise
-Andeutungen und wurde äußerst spitzig: Ja, ich weiß nicht, wie das
-Gesetz jetzt gegen die Sünder von Sodom und Gomorra geworden ist. Ich
-aber halte mich an Gottes Wort, so einfältig bin ich.
-
-Ach, Axel war seiner Haushälterin mehr als überdrüssig und wünschte sie
-dahin, wo der Pfeffer wächst. Nun kam das Frühjahr wieder, und er mußte
-wieder alle Feldarbeit allein verrichten. Dann kam die Heuernte, und
-er war verraten und verkauft. Das waren Aussichten! Seine Schwägerin
-auf Breidablick hatte heim nach Helgeland geschrieben und versucht,
-eine ordentliche weibliche Hilfskraft für ihn aufzutreiben, aber bis
-jetzt war es ihr noch nicht geglückt. Und jedenfalls hätte er dann das
-Reisegeld bezahlen müssen.
-
-Nein, das war eine böse und schlechte Tat von Barbro gewesen, das
-kleine Kind auf die Seite zu schaffen und selbst auf und davon zu
-gehen. Zwei Winter und einen Sommer hatte er sich nun mit Oline
-behelfen müssen, und es sah ganz so aus, als ob es noch länger so
-bleiben müßte. Aber nahm sich Barbro, die schlechte Person, dies
-irgendwie zu Herzen? Er hatte einmal während des Winters drunten
-im Dorf einige Worte mit ihr gesprochen, aber keine Träne war ihr
-langsam heruntergerollt und da festgefroren. -- Was ist aus den Ringen
-geworden, die ich dir gegeben habe? fragte er. -- Ringe? sagte sie. --
-Ja, Ringe. -- Die hab' ich nicht mehr. -- So, du hast sie nicht mehr?
--- Zwischen uns war ja alles aus, sagte sie, da konnte ich doch die
-Ringe nicht mehr tragen. Das ist nicht der Brauch, wenn doch alles aus
-ist. -- Ich möchte nur wissen, was du damit angefangen hast. -- Willst
-du sie wiederhaben? fragte sie. Ich hätte dich nicht für so gemein
-gehalten. -- Axel überlegte einen Augenblick, dann sagte er: Ich hätte
-dich dafür entschädigen können. Du hättest sie nicht umsonst hergeben
-müssen.
-
-Aber nichts da, Barbro hatte die Ringe abgelegt und gab Axel nicht
-einmal Gelegenheit, um einen billigen Preis zu einem goldenen und einem
-silbernen Ring zu kommen.
-
-Übrigens war Barbro nicht roh und häßlich, nein, das war sie
-keineswegs. Sie trug eine lange Schürze mit Trägern und Falten, und um
-ihren Hals stand ein weißer Streifen in die Höhe, das war hübsch. Die
-Leute behaupteten, sie habe sich im Dorf bereits wieder einen Schatz
-angeschafft, aber das war vielleicht nur Gerede; die Frau Lensmann
-hielt sie jedenfalls gut im Zaum und ließ sie in diesem Jahr durchaus
-nicht zum Weihnachtstanz gehen.
-
-Na, diese Frau Lensmann paßte wahrlich gut auf; während Axel auf der
-Straße mit seiner früheren Magd über zwei Ringe verhandelte, trat die
-Frau Lensmann plötzlich dazwischen und sagte: Du solltest mir doch
-etwas aus dem Laden holen, Barbro! -- Barbro lief davon. Nun wandte
-sich die Frau an Axel und sagte: Könntest du mir nicht irgendein Stück
-Schlachtvieh verkaufen? -- Hm! war alles, was Axel erwiderte, und er
-grüßte höflich.
-
-Es war ja gerade diese Frau Lensmann gewesen, die ihn im Herbst als
-einen ausgezeichneten, ja als einen der allerausgezeichnetsten Menschen
-gelobt und gepriesen hatte, das verdiente wohl ein Entgegenkommen.
-Axel kannte von früher her die ländliche Art des Benehmens, den
-großen Herren und der Obrigkeit gegenüber, und es hatte ihm ja auch
-gleich ein Stück Schlachtvieh, ein junges Rind, das er opfern könnte,
-vorgeschwebt. Aber es verging ein Tag um den andern, der ganze Herbst
-verging und ein Monat nach dem andern, und er sparte das Rind. Es sah
-nicht danach aus, als ob irgend etwas Schlimmes geschehen würde, wenn
-er es ganz behielte; er wäre jedenfalls um so viel ärmer, wenn er es
-weggäbe, und es war ein Staatsrind.
-
-Hm. Guten Tag! Nein, sagte Axel und schüttelte den Kopf, er habe kein
-Schlachtvieh. -- Es war, als ob die Frau seine innersten Gedanken
-erriete, denn sie sagte: Ich habe gehört, du habest ein junges Rind.
--- Jawohl, das hab' ich, erwiderte er. -- Willst du es aufziehen? --
-Ja, ich will es aufziehen. -- So, sagte die Frau Lensmann. Und hast du
-nicht einen Hammel? -- Nein, jetzt nicht. Ich habe nämlich nicht mehr
-Vieh behalten, als ich großziehen will. -- Nun ja, dann ist es eben
-nichts, sagte die Frau Lensmann, nickte ihm zu und ging.
-
-Axel fuhr nach Hause, aber er dachte weiter über diese Unterredung
-nach, und er fürchtete, er habe sich am Ende dumm benommen. Die
-Frau Lensmann war doch einmal eine wichtige Zeugin gewesen, für ihn
-und gegen ihn, aber eine wichtige Zeugin. Man hatte ihm ja allerlei
-nachgesagt, aber er war doch aus einer schwierigen und unheimlichen
-Geschichte mit einer Kindsleiche in seinem Walde glatt herausgekommen.
-Er mußte am Ende doch einen Hammel opfern.
-
-Übrigens merkwürdig, dieser Gedanke stand in einem fernen Zusammenhang
-mit Barbro. Wenn er mit einem Hammel zu ihrer Herrin kam, mußte Barbro
-doch einen gewissen Eindruck von ihm bekommen.
-
-Aber wieder verging ein Tag um den andern, und es geschah nichts
-Schlimmes durch den Aufschub. Als er wieder ins Dorf hinunterfuhr,
-nahm er keinen Hammel mit, nein; das tat er nicht. Aber im letzten
-Augenblick nahm er ein Lamm mit. Es war übrigens ein großes Lamm, also
-kein geringes Tier, und als er damit ankam, sagte er: Die Hammel haben
-ein zähes Fleisch, ich wollte Ihnen etwas wirklich Gutes bringen. --
-Aber die Frau Lensmann wollte nichts von einem Geschenk hören. Sag,
-was du für das Lamm haben willst, sagte sie. Diese Dame hielt etwas
-auf öffentliche Ordnung. Nein, danke, sie nahm keine Geschenke von den
-Leuten entgegen. Und die Sache lief wahrhaftig darauf hinaus, daß Axel
-sein Lamm gut bezahlt bekam.
-
-Barbro bekam er nicht zu Gesicht. Die Frau Lensmann hatte ihn wohl
-kommen sehen und Barbro aus dem Wege geschafft. Na, Glück zu, Barbro
-hatte ihn anderthalb Jahre lang um seine weibliche Hilfskraft betrogen!
-
-
-
-
-9
-
-
-Im Frühjahr ereignete sich etwas höchst Unerwartetes und dabei sehr
-Bedeutungsvolles: der Betrieb in den Kupfergruben sollte wieder
-aufgenommen werden, Geißler hatte seinen Berg verkauft. War das
-Unglaubliche geschehen? Ach, dieser Geißler war nun einmal ein
-unergründlicher Herr, er konnte tun und konnte lassen, verneinend den
-Kopf schütteln und bejahend nicken. Er konnte ein ganzes Dorf wieder
-zum Lächeln bringen.
-
-Hatte ihm am Ende doch das Gewissen geschlagen und wollte er den
-Bezirk, in dem er Lensmann gewesen war, nicht länger mit selbstgebauter
-Grütze und mit Geldmangel strafen? Oder hatte er gar seine
-Viertelmillion bekommen? Oder war vielleicht die Sache so, daß Geißler
-selbst Geld brauchte und den Berg für das, was er eben dafür bekam,
-verkaufen mußte? Fünfundzwanzigtausend oder fünfzigtausend sind ja
-schließlich auch ein schönes Geld. Es wurde übrigens behauptet, sein
-Sohn habe in seinem Namen das Geschäft abgeschlossen.
-
-Jedenfalls aber wurde der Betrieb wieder aufgenommen; derselbe
-Ingenieur mit verschiedener Arbeiterschaft kehrte zurück, und dieselbe
-Arbeit fing wieder an. Dieselbe Arbeit, ja, aber auf eine ganz andere
-Weise als früher, gerade umgekehrt.
-
-Alles schien ganz in Ordnung zu sein; die Schweden kamen mit Leuten
-und Dynamit und Geld, was konnte da noch fehlen? Und auch Aronsen
-kam wieder, der Kaufmann Aronsen, und wollte durchaus Storborg wieder
-kaufen. -- Nein, erklärte Eleseus, ich verkaufe nicht. -- Ihr werdet
-doch gewiß verkaufen, wenn Ihr Geld genug bekommt? -- Nein.
-
-Nein, Eleseus wollte Storborg nicht verkaufen. Die Sache war die, sein
-Dasein als Kaufmann auf dem Ödland kam ihm nicht mehr gar so elend
-vor; er hatte eine schöne Veranda mit bunten Glasscheiben, er hatte
-einen Ladendiener, der die Arbeit tat, er selbst konnte auf Reisen
-sein. Ja, reisen auf dem ersten Platz, zusammen mit vornehmen Leuten.
-Wenn er nur einmal ganz bis nach Amerika kommen könnte, daran hatte
-er schon oft gedacht. Schon allein von diesen Geschäftsreisen in die
-Städte im Süden, um Verbindungen anzuknüpfen, konnte er nachher immer
-noch lange zehren. Nicht, als ob er üppig gelebt hätte, mit eigenem
-Dampfschiff gefahren wäre und Orgien gefeiert hätte. Er und Orgien!
-Er war eigentlich ein sonderbarer Mensch, um Mädchen bekümmerte er
-sich gar nicht mehr, er ließ sie links liegen, hatte alles Herz für
-sie verloren. Nein, aber natürlich war er der Sohn des Markgrafen,
-der auf dem ersten Platz fuhr und vielerlei Waren kaufte. Er selbst
-kam jedesmal von seinen Ausflügen ein wenig feiner und vornehmer nach
-Hause, das letztemal kam er mit Galoschen an den Füßen zurück. Trägst
-du zwei Paar Schuhe? wurde er gefragt. -- Ja, ich leide an kalten
-Füßen, erklärte Eleseus. Und da hatte man herzliches Mitleid mit seinen
-kalten Füßen.
-
-Glückselige Tage, ein Herrenleben und Müßiggang! Nein, er wollte
-Storborg nicht verkaufen. Sollte er wieder in das Städtchen
-zurückkehren, von neuem in dem kleinen Bauernkramladen stehen und
-keinen Ladendiener unter sich haben? Übrigens hoffte er auch darauf, es
-werde sich von nun an ein ungeheurer Betrieb auf Storborg entwickeln;
-die Schweden waren zurückgekehrt und würden die Gegend mit Geld
-überschwemmen, er wäre ein Narr, wenn er verkaufen würde. Aronsen mußte
-einmal ums andere mit einer Absage seines Weges ziehen und entsetzte
-sich immer mehr über seine eigene Dummheit, das Ödland verlassen zu
-haben.
-
-Ach, Aronsen hätte mit seinen Selbstvorwürfen Maß halten und ebenso
-hätte Eleseus seine großen Erwartungen einschränken dürfen; aber vor
-allen Dingen hätten die Ansiedler und die Dorfbewohner weniger große
-Hoffnungen hegen und nicht lächeln und sich die Hände reiben sollen,
-wie es die Englein tun, weil sie selig sind; nein, das hätten die
-Ansiedler und Dorfbewohner durchaus nicht tun sollen, denn nun wurde
-die Enttäuschung gewaltig. Sollte man es glauben: die Grubenarbeit
-begann zwar ganz richtig, aber sie begann auf der andern Seite des
-Berges, zwei Meilen weit entfernt, am südlichen Ende von Geißlers
-Gebiet, weit drinnen in einem anderen Kirchspiel, das die diesseitigen
-Bewohner nichts anging. Von da aus sollte sich die Arbeit langsam nach
-Norden zu durchfressen, bis zu der ersten Fundstelle des Kupfers, bis
-zu Isaks Fundstelle, und ein Segen für das Ödland und das Dorf werden.
-Das würde im besten Fall viele Jahre dauern, vielleicht Menschenalter.
-
-Diese Erkenntnis kam und wirkte wie die ärgste Dynamitsprengung mit
-Bewußtlosigkeit und Taubheit. Die Dorfbewohner versanken in Kummer und
-Sorgen. Einige schimpften auf Geißler: dieser verfluchte Geißler habe
-ihnen wieder einen Possen gespielt; andere krochen zu einer Versammlung
-zusammen und schickten eine neue Gesandtschaft von Vertrauensmännern
-aus, diesmal zu der Grubengesellschaft, zu dem Ingenieur. Dieser
-Schritt führte zu gar nichts; der Ingenieur setzte ihnen auseinander,
-daß er mit der Arbeit auf der Südseite beginnen müsse, weil es von
-dort näher zum Meere sei, dort brauche man keine Luftbahn, dort sei
-fast gar kein Transport nötig. Nein, die Arbeit müsse auf der Südseite
-anfangen. Damit basta!
-
-Da reiste Aronsen sofort hinüber auf das neue Arbeitsfeld zu der neuen
-Goldgrube. Er wollte auch den Ladendiener Andresen mitnehmen. Wozu
-willst du hier im Ödland bleiben? sagte er. Es ist viel besser für
-dich, wenn du mit mir gehst. -- Aber der Ladendiener Andresen wollte
-das Ödland nicht verlassen, es war unbegreiflich, aber es war gerade,
-als ob ihn etwas hier fesselte; es schien ihm hier zu gefallen, er
-war hier festgewurzelt. Andresen selbst mußte sich verändert haben,
-das Ödland hatte sich nicht geändert. Hier waren die Leute und die
-Verhältnisse noch genau so wie früher: der Bergwerksbetrieb war zwar
-aus der Gegend verschwunden, aber keiner der Ödlandbewohner hatte
-darüber den Kopf verloren, sie hatten ihre Landwirtschaft, ihre Ernten
-und ihren Viehbestand. Bares Geld gab es allerdings nicht so viel bei
-ihnen, sie hatten alle Lebensbedürfnisse, einfach alle. Nicht einmal
-Eleseus verzweifelte darüber, daß der Geldstrom an ihm vorüberfloß;
-das schlimmste war, daß er in der ersten Begeisterung eine Menge
-unverkäuflicher Waren angeschafft hatte. Nun, die mußten eben vorläufig
-lagern bleiben, sie putzten den Laden heraus und dienten ihm zur Ehre.
-
-Nein, der Ödlandbauer verlor den Kopf nicht. Er fand die Luft nicht
-ungesund, hatte Bewunderer genug für seine neuen Kleider, er vermißte
-die Diamanten nicht, und Wein kannte er nur von der Hochzeit zu Kanaan.
-Der Ödlandbewohner quälte sich nicht wegen der Herrlichkeiten, auf die
-er verzichten mußte: Kunst, Zeitungen, Luxus, Politik waren gerade
-soviel wert, als die Menschen dafür bezahlen wollten, nicht mehr. Der
-Erntesegen aber mußte erarbeitet werden um jeden Preis, das war der
-Ursprung, die Quelle von allem und jedem.
-
-Was, das Leben des Ödlandbewohners öde und traurig? Hoho, nichts
-dergleichen! Er hatte seine höheren Mächte, seine Träume, sein
-Liebesleben, seinen reichen Aberglauben. Eines Abends geht Sivert
-den Fluß entlang und bleibt plötzlich stehen: im Wasser liegen zwei
-Wildenten, Ente und Enterich. Sie haben ihn entdeckt, haben den
-Menschen gesehen und sind scheu geworden, einer der Vögel sagt etwas,
-er stößt einen kurzen Laut aus, eine Melodie in drei Tönen, und der
-andere antwortet gleichlautend. Im selben Augenblick heben sie die
-Flügel und sausen wie zwei kleine Räder einen Steinwurf weit den Fluß
-hinauf, wo sie sich wieder aufs Wasser niederlassen. Da sagt der eine
-wieder etwas, und der andere antwortet; es ist dieselbe Sprache, wie
-das erstemal, aber so innig befreit, daß es eine kleine Seligkeit
-ist: die Töne sind zwei Oktaven höher gestimmt. Sivert steht da und
-betrachtet die Vögel, sieht an ihnen vorbei und weit ins Land der
-Träume hinein. Ein Laut ist in ihm erklungen, eine Süßigkeit in ihm
-aufgestiegen, er stand da mit einer zarten, feinen Erinnerung an etwas
-Wildes und Schönes, etwas früher Erlebtes, von dem die Erinnerung in
-ihm erloschen ist. Stille geht er nach Hause, er spricht nicht davon,
-plaudert nicht darüber, irdische Worte reichten dazu nicht aus. Es war
-Sivert von Sellanraa, jung und durchschnittlich ging er eines Tages aus
-und hatte dieses Erlebnis.
-
-Und das war nicht sein einziges Abenteuer, er erlebte noch andere. Aber
-er mußte auch das Abenteuer erleben, daß Jensine Sellanraa verließ. Das
-brachte große Unordnung in Siverts Gemütsleben.
-
-Ja, es kam wirklich so weit, daß Jensine fortging, sie wollte selbst
-gehen. Ach, Jensine war nicht die erste beste, das konnte niemand
-behaupten! Sivert hatte ihr einmal angeboten, sie wieder nach Hause
-zu fahren; bei der Gelegenheit hatte sie leider geweint, später aber
-hatten ihre Tränen sie gereut, und sie zeigte, daß sie bereute, sie
-kündigte. Jawohl, in aller Ordnung.
-
-Und nichts auf der Welt wäre Inger auf Sellanraa erwünschter gewesen,
-als daß Jensine ging; Inger hatte angefangen, unzufrieden mit ihrer
-Magd zu sein. Das war merkwürdig, denn sie hatte nichts an ihr
-auszusetzen, aber sie schien sie nur mit Überwindung ansehen und ihre
-Anwesenheit auf dem Hofe kaum noch ertragen zu können. Das hing wohl
-mit Ingers Gemütszustand zusammen: sie war den ganzen Winter über
-schwermütig und fromm gewesen und kam nicht darüber hinweg. Du willst
-gehen? Jawohl, geh nur, sagte Inger. Das war ein Segen, eine Erhörung
-nächtlicher Gebete. Es blieben trotzdem noch zwei erwachsene weibliche
-Personen auf dem Hofe, was sollte diese lebensfrische und mannbare
-Jensine hier? Mit Unwillen betrachtete Inger diese Mannbarkeit, und sie
-dachte wohl: gerade wie ich damals!
-
-Ihre große Frömmigkeit ließ nicht nach. Sie war nicht an sich
-lasterhaft, sie hatte gekostet, jawohl, sie hatte genippt, aber sie
-hatte nicht im Sinn, das bis ins Alter zu treiben, keine Rede davon.
-Inger wies diesen Gedanken mit Entsetzen von sich. Der Grubenbetrieb
-hörte auf, und alle Arbeiter verschwanden -- lieber Gott, nichts hätte
-besser sein können! Die Tugend war nicht nur erträglich, sie war
-notwendig, ein notwendiges Gut, eine Gnade.
-
-Allein die Welt war schlecht. Seht, da war nun Leopoldine, die kleine
-Leopoldine, ein Fruchtkeim, ein kleines Kind, und war zum Überfließen
-voll Gesundheit und Sünde. Wenn sich ihr ein Arm um die Mitte legte, so
-würde sie zusammensinken, pfui! Sie hatte Finnen im Gesicht bekommen,
-das deutete auf Wildheit im Blute, ach, die Mutter erinnerte sich
-wohl daran, damit begann die Wildheit im Blute. Die Mutter verdammte
-die Tochter durchaus nicht wegen dieser Finnen im Gesicht, aber sie
-wollte ihnen ein Ende machen. Leopoldine sollte damit aufhören. Was
-hatte auch dieser Ladendiener Andresen an den Sonntagen nach Sellanraa
-heraufzukommen und mit Isak von der Landwirtschaft zu schwatzen?
-Bildeten sich denn diese beiden Mannsleute ein, daß die kleine
-Leopoldine gar nichts merke? Oh, die Jugend war schon früher verrückt
-gewesen, vor dreißig, vierzig Jahren, aber jetzt war sie schlimmer
-geworden.
-
-Ja, wie es nun auch geht! sagte Isak, als sie davon sprachen. Jetzt
-ist das Frühjahr da, und Jensine ist fort, und wen können wir für die
-Sommerarbeit bekommen? -- Die Leopoldine und ich werden arbeiten,
-erklärte Inger. Lieber will ich Tag und Nacht arbeiten! rief sie erregt
-und dem Weinen nahe. -- Isak konnte sich diesen heftigen Ausbruch
-nicht erklären, aber er hatte seine eigenen Ansichten, deshalb ging
-er mit Hacke und Spaten an den Waldrand und fing an, einen Stein zu
-bearbeiten. Nein, wahrhaftig, Isak konnte nicht verstehen, daß die Magd
-Jensine fortgegangen war, sie war doch ein tüchtiges Mädchen gewesen.
-Er verstand im ganzen nur das Nächstliegende, die Arbeit, gesetzliches
-und natürliches Tun. Er war von rundem und gewaltigem Körperbau,
-niemand war weniger astral wie er, er aß wie ein rechter Mann, und es
-bekam ihm gut, deshalb kam er auch höchst selten aus dem Gleichgewicht.
-
-Da war nun also dieser Stein. Es waren noch viele andere Steine da,
-aber mit einem mußte er nun einmal anfangen. Isak sieht den Tag kommen,
-da er hier ein Häuschen bauen muß, eine Heimstätte für sich und Inger.
-Er will den Bauplatz ein wenig ebnen, während Sivert drunten auf
-Storborg ist, sonst muß er seinem Sohn eine Erklärung geben, und das
-möchte er vermeiden. Natürlich wird der Tag kommen, wo Sivert alle
-Gebäude auf dem Hofe für sich selbst braucht, dann müssen die Eltern
-eine Wohnung haben. Sie kamen ja mit dem Bauen auf Sellanraa niemals
-zu Ende, der große Futterboden auf dem steinernen Stall war auch noch
-nicht gebaut. Aber die Balken und die Bretter dazu lagen fertig da.
-
-Also da war nun dieser Stein. Was davon aus der Erde hervorragte, sah
-nicht besonders groß aus, aber er rührte und regte sich nicht, er mußte
-also doch ein gewaltiger Brocken sein. Isak grub rund darum herum und
-machte einen Versuch mit dem Spaten, aber der Stein rührte sich nicht.
-Er grub noch tiefer und versuchte es wieder -- nein. Nun mußte Isak
-nach Hause und eine Schaufel holen, um die lose Erde wegzuschaffen.
-Dann grub er wieder und probierte -- nein. Das ist einmal ein Block!
-dachte Isak in all seiner Geduld. Er grub nun schon eine gute Weile,
-der Stein reichte immer tiefer in die Erde hinunter, und er konnte
-ihn nirgends richtig anpacken. Es wäre doch recht ärgerlich, wenn er
-genötigt wäre, den Stein zu sprengen. Dann wären die Schläge, um das
-Bohrloch zu machen, weithin zu hören und würden alle Hausbewohner
-herbeirufen. Isak grub weiter, aber dann holte er eine Hebestange
-und versuchte es damit -- nein. Er grub wieder. Nun fing Isak doch
-allmählich an, etwas ärgerlich auf den Stein zu werden; er runzelte die
-Stirn und schaute ihn an, wie wenn er eben nur gekommen wäre, um die
-Steine hier ein wenig zu beaufsichtigen, und wie wenn gerade dieser
-Stein hier besonders dumm wäre. Er kritisierte ihn, er war so rund und
-dumm, er war nirgends zu fassen, ja, er meinte beinahe, er habe eine
-ganz verkehrte Form. Sollte er ihn sprengen? Keine Rede davon, wozu
-auch noch Pulver an ihn verschwenden! Oder sollte er ihn aufgeben,
-sollte er eine Art von Furcht zeigen, der Stein könnte ihm überlegen
-sein?
-
-Isak grub. Er mühte sich im Schweiße seines Angesichts, aber was war
-der Erfolg? Endlich bekam er die Spitze der Hebestange darunter und
-machte einen Versuch -- der Stein rührte sich nicht. Sachgemäß war an
-seinem Vorgehen nichts auszusetzen, aber es hatte keinen Erfolg. Was
-war denn das? Hatte er denn nicht auch sonst schon Steine ausgebrochen?
-War er alt geworden? Komisch, hehe! Lächerlich. Er hatte ja wohl
-neulich einmal Anzeichen von abnehmender Kraft bemerkt, das heißt,
-er hatte es nicht bemerkt, er hatte sich nicht darum gekümmert, es
-war Einbildung gewesen. Und nun geht er wieder an den Stein, völlig
-entschlossen, ihn zu heben.
-
-Oh, das war keine Kleinigkeit, wenn Isak sich über eine Hebestange
-legte und sich schwer machte! Da liegt er vorgebeugt und hebt und hebt,
-zyklopisch und mit außerordentlicher Kraft, mit einem Oberkörper, der
-bis zu den Knien zu reichen scheint. Es war ein gewisser Pomp und eine
-Pracht über ihm, sein Äquator war ungeheuer.
-
-Allein der Stein rührte sich nicht.
-
-Es half alles nichts, er mußte noch tiefer graben. Sollte er den Stein
-sprengen? Schweig still! Nein, aber er mußte noch tiefer graben. Er
-wurde sehr eifrig. Der Stein mußte und sollte heraus! Man konnte nicht
-sagen, es sei in diesem Trieb von seiten Isaks etwas Perverses gewesen;
-es war die alte Liebe des Ackerbauern zur Urbarmachung des Bodens, aber
-gänzlich ohne Zärtlichkeit. Es sah ganz närrisch aus, erst umkreiste
-er den Stein von allen Seiten, ehe er sich dranmachte, dann grub er
-ringsherum und betastete ihn und schaufelte die Erde mit den bloßen
-Händen weg, ja, das tat er. Aber das alles waren keine Liebkosungen.
-Es war ihm heiß geworden, aber heiß vor Eifer. Wie, wenn er es jetzt
-wieder mit der Hebestange versuchte? Er setzte sie da an, wo er sich am
-meisten Erfolg versprach -- nein. War das einmal ein merkwürdiger Trotz
-und Eigensinn von einem Stein! Aber jetzt schien es zu gehen. Isak
-versucht es noch einmal und bekommt Hoffnung, der Erdarbeiter hatte es
-im Gefühl, daß der Stein nicht mehr unüberwindlich war. Da glitt die
-Hebestange ab und warf Isak zu Boden. Verdammt! sagte er. Das fuhr ihm
-so heraus. Seine Mütze hatte zu gleicher Zeit einen Schupps gekriegt
-und saß nun so schief, daß er ganz spanisch, ganz räubermäßig aussah.
-Er spuckte aus.
-
-Da kommt Inger dahergegangen. Du mußt jetzt zum Essen kommen, Isak,
-sagt sie ganz lieb und freundlich. -- Ja, gibt er zur Antwort, aber
-er will nicht, daß sie näher herankommt, und er will kein Gerede.
-Ach, diese Inger, sie merkte gar nichts, sie kam näher. Was hast du
-dir jetzt wieder ausgedacht? fragt sie, denn sie möchte ihm damit
-schmeicheln, daß er sich fast jeden Tag etwas Neues und Großartiges
-ausdenkt. -- Aber Isak ist sehr grimmig, fürchterlich grimmig ist er,
-er erwidert: Das weiß ich nicht. -- Und Inger ihrerseits ist sehr
-töricht, sie fragt ihn und plaudert ihm noch allerlei vor und geht
-nicht. -- Da du es nun doch einmal gesehen hast, ich will diesen Stein
-herausheben, sagt er. -- So, du willst ihn herausheben? fragt sie. --
-Ja. -- Ich kann dir wohl nicht helfen? -- Isak schüttelt den Kopf. Aber
-es war doch ein hübscher Zug von Inger, daß sie ihm helfen wollte, und
-er konnte sie nicht länger zurückweisen. Wenn du ein klein wenig warten
-willst, sagt er und läuft nach Hause, um den Schmiedehammer und einen
-Meißel zu holen.
-
-Wenn er den Stein an der richtigen Stelle etwas uneben machte, indem
-er einen Splitter abschlug, so bekam die Hebestange einen besseren
-Halt. Inger hält den Meißel, und Isak schlägt zu. Ja, es gelingt, ein
-Splitter fällt ab. -- Ich danke dir für die Hilfe, sagt Isak. Und du
-sollst vorerst mit dem Essen nicht auf mich warten, ich will erst
-diesen Stein heraus haben.
-
-Allein Inger geht nicht, und im Grunde genommen ist es Isak auch lieb,
-daß sie stehenbleibt und ihm bei seiner Arbeit zuschaut, das hatte
-er schon in jungen Tagen gern gehabt. Und siehe da, er findet einen
-prächtigen Halt für die Hebestange und hebt -- der Stein bewegt sich!
--- Er bewegt sich! sagt Inger. -- Du willst mich doch nicht foppen?
-fragt Isak. -- Ich foppen! Er bewegt sich!
-
-Soweit war er gekommen, wahrhaftig, der Stein bewegte sich, er hatte
-den Stein für die Sache gewonnen, jetzt arbeiteten sie zusammen.
-Isak hebt und wiegt die Stange hin und her, und der Stein bewegt
-sich ein wenig, aber nicht mehr. Isak macht eine Weile so weiter,
-allein es führt zu nichts. Plötzlich sieht er ein, daß es sich nicht
-darum handelt, ob sein Körpergewicht zureicht, er hat nicht mehr
-die alte Kraft, das ist die Sache, er hat die zähe Biegsamkeit des
-Körpers eingebüßt. Körpergewicht? Es wäre ja gar nichts gewesen, sich
-über die schwere Stange zu legen und sie abzubrechen. Aber er hatte
-an Kraft verloren, so sah es aus. Das erfüllte den duldsamen Mann
-mit Bitterkeit; wenn nur wenigstens nicht Inger dabeigestanden und
-zugeschaut hätte!
-
-Plötzlich läßt er die Stange fahren und ergreift den Schmiedehammer.
-Der Zorn hatte ihn erfaßt, er war in der Stimmung, Gewalt zu
-gebrauchen. Seht, er hat immer noch die Mütze auf dem Ohre sitzen und
-sieht räubermäßig aus, jetzt läuft er mit gewaltigen Schritten rund
-um den Stein herum, als ob er sich selbst dem Stein gegenüber in das
-richtige Licht setzen wollte, ho, es sah aus, als ob er jetzt diesen
-Stein als eine Ruine hinter sich zurücklassen wollte. Warum sollte er
-das nicht tun? Einen Stein, den man tödlich haßt, zu zerschmettern, das
-ist nur Formsache. Und wenn der Stein Widerstand leistete, wenn er sich
-nicht zerschmettern ließ? Oh, es würde sich schon zeigen, wer von ihnen
-beiden der Überlebende sein würde!
-
-Aber jetzt redet Inger ein wenig ängstlich, denn sie merkt wohl, was in
-dem Manne gärt, sie sagt: Wie wär's, wenn wir uns beide auf den Balken
-da legten? und mit dem Balken meinte sie die Hebestange. -- Nein! rief
-Isak rasend. Aber nach einem Augenblick des Nachdenkens sagt er: ja,
-wenn du doch schon einmal da bist, aber ich begreife nicht, warum du
-nicht nach Hause gehst. Wir wollen's einmal versuchen!
-
-Und nun gelingt es ihnen, den Stein auf die Kante zu drehen. Es glückt.
-Puh! sagt Isak.
-
-Allein nun offenbart sich vor ihren Augen etwas Unerwartetes: die
-Unterseite des Steines ist eine Fläche, eine große schöne Fläche,
-eben, glatt wie der Fußboden. Der Stein ist also nur die Hälfte eines
-Steines, die andere Hälfte muß irgendwo in der Nähe liegen. Isak wußte
-wohl, daß die beiden Hälften eines Steines sehr gut eine verschiedene
-Lage in der Erde haben konnten, es war wohl der Frost gewesen, der sie
-im Laufe langer Zeiträume voneinander entfernt hatte. Aber dieser ganze
-Fund freut ihn außerordentlich. Oh, dieser Stein ist brauchbar, er gibt
-eine prächtige Türschwelle. Selbst eine größere Geldsumme würde das
-Herz des Ödlandbewohners nicht mit solcher Befriedigung erfüllt haben.
-Das ist eine feine Türschwelle, sagt er stolz, und Inger bricht im
-guten Glauben in die Worte aus: Ich begreife nur nicht, wie du das hast
-wissen können! -- Hm! sagt Isak. Meinst du, ich hätte für nichts hier
-in der Erde gegraben?
-
-Sie gehen zusammen nach Hause, Isak hat sich eine unverdiente
-Bewunderung erschlichen; die schmeckt aber nicht viel anders als die
-verdiente. Er setzt auseinander, daß er die ganze Zeit über auf der
-Jagd nach einer ordentlichen Türschwelle gewesen sei, jetzt habe er
-eine gefunden. Von jetzt an war es auch nicht mehr verdächtig, wenn er
-auf dem Bauplatz arbeitete, er konnte dort unter dem Vorwand nach der
-zweiten Hälfte der Türschwelle zu suchen, roden, soviel er wollte. Und
-als Sivert nach Hause kam, ließ sich Isak sogar von dem Sohne helfen.
-
-Aber wenn es so weit gekommen war, daß er nicht mehr allein hingehen
-und einen Stein aus der Erde brechen konnte, dann hatte sich viel
-geändert, dann sah es gefährlich aus, dann eilte es mit dem Bauplatz.
-Das Alter hatte Isak eingeholt, er fing an, für die Ausdingstube
-reif zu werden. Der Triumph, den er sich angeeignet hatte, als er
-die Türschwelle fand, verglühte im Laufe der Tage, er war unecht und
-undauerhaft gewesen. Isak fing an, etwas gebeugt zu gehen.
-
-War er denn nicht einstmals in seinem Leben aufmerksam und hellhörig
-geworden, sobald nur jemand Stein oder Graben zu ihm gesagt hatte? Das
-war noch gar nicht lange her, nur einige Jahre. Und damals mußte sich
-ja einer, der ein trocken gelegtes Moor nur mit einem schiefen Blick
-ansah, vor ihm in acht nehmen. Jetzt fing er so langsam und allmählich
-an, derartiges mit mehr Ruhe aufzufassen, ach ja, Herrgott im Himmel!
-Nichts war mehr so wie früher, das ganze Ödland hatte sich verändert,
-dieser breite Telegraphenweg durch den Wald war früher nicht da, die
-Berge droben am Wasser waren früher nicht gesprengt und durchwühlt
-gewesen. Und die Menschen? Sagten sie noch Grüß Gott! wenn sie kamen,
-und Behüt dich Gott! wenn sie gingen? Sie nickten nur, und oft das
-nicht einmal.
-
-Aber früher hatte es auch kein Sellanraa gegeben, nur eine Torfgamme;
-aber was war es jetzt? Und dann war auch früher kein Markgraf dagewesen.
-
-Ja, und was war der Markgraf jetzt! Nichts als ein trauriger und
-vertrockneter alter Mann. Was nützte es zu essen und gute Gedärme zu
-haben, wenn das keine Kraft mehr gab? Jetzt war es Sivert, der Kräfte
-hatte, und gottlob, daß er sie hatte; aber wie, wenn auch Isak selbst
-sie gehabt hätte! Wozu sollte es gut sein, daß sein Rad anfing sich
-langsamer zu drehen? Er hatte geschafft wie ein rechter Mann, sein
-Rücken hatte die Lasten eines Lasttiers getragen, jetzt sollte er
-Ausdauer darin zeigen, auf einem Hocker herumzusitzen.
-
-Isak ist mißvergnügt, Isak ist schwermütig.
-
-Da liegt ein alter Südwester auf dem Hügel und vermodert. Der Sturm
-hat ihn hierher an den Waldessaum geweht, oder vielleicht haben ihn
-auch die Kinder dorthin gebracht, als sie noch klein waren. Da liegt
-er nun ein Jahr ums andere und vermodert immer mehr, und er war doch
-einmal ein neuer Südwester gewesen, ein schöner gelber Südwester. Isak
-erinnert sich noch, wie er damit vom Kaufmann nach Hause kam, und wie
-Inger sagte, das sei ein schöner Südwester. Ein paar Jahre später ging
-er damit zum Maler ins Dorf hinunter und ließ ihn glänzend schwarz
-lackieren und den Schirm daran grün malen. Als er damit nach Hause kam,
-sagte Inger, er sei jetzt schöner als je. Inger gefiel immer alles
-ausgezeichnet, ach, das war eine schöne Zeit; er schlug Klafterholz,
-und Inger sah ihm zu, das war seine beste Zeit im Leben gewesen. Und
-wenn der März und April kam, dann wurden er und Inger verliebt, gerade
-wie die Vögel und Tiere des Waldes, und wenn der Mai kam, dann säte er
-Korn und legte Kartoffeln und arbeitete Tag und Nacht. Es gab Schlaf
-und Arbeit, Liebe und Träumerei, er war wie sein erster großer Stier,
-und der war ein Wundertier gewesen, groß und glänzend wie ein König,
-wenn er in seiner Pracht einherschritt. Aber einen solchen Mai bringen
-die Jahre jetzt nicht mehr, das gibt es nicht mehr.
-
-Einige Tage lang war Isak niedergeschlagen. Das waren dunkle
-Tage. Er fühlte weder Lust noch Kraft in sich, mit dem Aufbau des
-Futterspeichers zu beginnen. Das wird einmal Siverts Sache sein, jetzt
-galt es, das Ausdinghäuschen fertigzustellen. Auf die Dauer konnte er
-es nicht vor Sivert verborgen halten, daß es ein Bauplatz war, den er
-hier am Waldrand rodete, und eines Tages offenbarte er die Sache: Das
-da ist ein guter Stein, wenn wir einmal wieder etwas mauern wollen,
-sagte er. -- Und das da ist auch ein guter Stein, sagte er. -- Sivert
-verzog keine Miene, er erwiderte: Prächtige Grundsteine. -- Ja, was
-meinst du? sagt der Vater. Wir haben nun hier so lange nach der zweiten
-Türschwelle gegraben, daß ein ganz schöner Bauplatz entstanden ist.
-Aber ich weiß nicht. -- Das wäre wirklich kein dummer Bauplatz, sagte
-Sivert und läßt seinen Blick über den Platz hingleiten. -- So, meinst
-du? Wir könnten ja hier ein kleines Häuschen bauen für Besuche, wenn
-jemand kommt. -- Ja. -- Es müßte wohl eine Stube und eine Kammer
-sein? Du hast ja gesehen, wie es war, als die schwedischen Herren das
-letztemal hier waren, und jetzt haben wir keinen Neubau für sie. Aber
-was meinst du, eine kleine Küche müßte doch auch dabei sein, falls sie
-kochen wollten? -- Ja, ohne eine kleine Küche könnten sie nicht sein,
-sie müßten uns ja auslachen, sagt Sivert. -- So, meinst du?
-
-Der Vater schwieg. Aber der Sivert war doch ein wunderbarer Junge, wie
-schnell er begriff und einsah, was schwedische Herren alles notwendig
-brauchten; nicht eine einzige Frage stellte er, er sagte nur: Wenn ich
-du wäre, so würde ich an die Nordwand eine kleine Scheune anbauen.
-Es wäre sehr bequem für sie, wenn sie eine Scheune hätten, falls sie
-einmal nasse Kleider zum Trocknen aufhängen wollten.
-
-Der Vater fällt sofort ein: Da hast du recht!
-
-Nun schweigen beide und arbeiten an ihren Steinen weiter. Nach einer
-Weile fragt der Vater: Ist Eleseus noch nicht heimgekommen? -- Sivert
-erwidert ausweichend: Er kommt jetzt bald.
-
-Die Sache mit Eleseus war die, er war sehr häufig fort, wollte
-beständig reisen. Hätte er denn die Waren nicht auch schriftlich
-bestellen können, statt selbst hinzureisen und sie einzukaufen? Er
-bekam sie allerdings viel billiger, aber wieviel kosteten die Reisen!
-Er hatte eine so merkwürdige Art zu denken. Und was wollte er denn
-mit noch mehr Baumwollstoff und seidenen Bändern für Taufhäubchen und
-schwarzen und weißen Strohhüten und langen Tabakspfeifen? Derartiges
-kaufte doch kein Ödlandbewohner, und die Kunden aus dem Dorf kamen nur
-nach Storborg herauf, wenn sie kein Geld hatten. Eleseus war in seiner
-Art recht tüchtig, oh, man mußte nur einmal sehen, wie geschickt er
-auf Papier schrieb oder mit der Kreide rechnete! Wenn ich nur deinen
-Kopf hätte! sagten die Leute bei solchen Gelegenheiten. Das alles war
-ganz richtig, aber er hatte zuviel Geld ausstehen. Diese Dorfleute
-bezahlten ja niemals, was sie schuldig waren, und selbst so ein
-Bettelmann wie Brede Olsen war im Winter nach Storborg gekommen und
-hatte Baumwollstoff und Kaffee und Sirup und Kerzen auf Borg erhalten.
-
-Isak hat ja nun schon sehr viel Geld für Eleseus und sein Geschäft und
-seine Reisen ausgegeben, und so sehr viel von dem Reichtum, den er für
-den Kupferberg erhalten hat, ist nicht mehr übrig, und was dann? -- Wie
-glaubst du, daß das mit Eleseus weitergehen wird? fragt Isak plötzlich.
--- Weitergehen? fragt Sivert zurück, um Zeit zu gewinnen. -- Es sieht
-nicht aus, als ob es gehen wollte. -- Er selbst ist voll der besten
-Hoffnung, sagt Sivert. -- So, hast du mit ihm darüber gesprochen? --
-Nein, Andresen hat es gesagt. -- Der Vater denkt darüber nach und
-schüttelt den Kopf: Nein, es geht nicht, sagt er. Aber es ist schade um
-Eleseus!
-
-Und der Vater wird immer finsterer und war doch schon vorher nicht
-allzu leichten Sinnes gewesen.
-
-Da rückt Sivert mit einer Neuigkeit heraus: Es kommen jetzt noch
-mehr Ansiedler ins Ödland. -- Wieso? -- Ja, zwei neue Ansiedler. Sie
-haben sich noch weiter oben als wir angekauft. -- Isak bleibt mit dem
-Spaten in der Hand stehen, das war eine große Neuigkeit und eine gute
-Neuigkeit, eine von den besten. Dann sind wir zehn Ödlandbauern, sagt
-er. Isak bekommt nähere Auskunft, wo sich die neuen Ansiedler angekauft
-haben, er hat die ganze Geographie im Kopf und nickt: Ja, da haben sie
-recht getan, dort haben sie einen guten Wald für Brennholz und auch
-Hochstämme. Das Grundstück neigt sich gegen Südosten.
-
-Nein, nichts konnte die Ansiedler zurückhalten; es kamen immer mehr
-neue Leute her. Der Bergwerksbetrieb hörte allerdings auf, aber das war
-ja nur zum Nutzen der Landwirtschaft, es war nicht wahr, daß das Ödland
-tot dalag, im Gegenteil, es wimmelte da von Leben, zwei neue Ansiedler
-mehr, vier Hände mehr, Äcker, Wiesen und Häuser. Ach, die freien,
-grünen Halden im Walde, Hütten und Quellen, Kinder und Tiere! Korn
-wächst auf den Mooren, wo zuvor nur Schachtelhalme gestanden hatten,
-blaue Glockenblumen nicken von den Hügeln, Sonnengold leuchtet auf dem
-blühenden Hornklee vor den Häusern. Und Menschen sind da und sprechen
-und denken und sind eins mit Himmel und Erde.
-
-Hier steht nun der erste, der sich im Ödland niedergelassen hat. Als er
-kam, watete er bis an die Knie in Sumpf und Heide, er fand eine sonnige
-Halde und siedelte sich da an. Andere kamen nach ihm, sie traten einen
-Fußpfad durch die unbebaute Allmende, noch andere kamen, der Fußpfad
-wurde zu einem Fahrweg, nun fuhren sie mit Karren darauf. Isak muß sich
-zufrieden fühlen, Stolz muß ihn durchzucken, er hat den Grund zu dieser
-ganzen Ansiedlung gelegt, er ist der Markgraf.
-
-Ja, ja, aber wir können nicht ewig hier auf diesem Bauplatz
-weiterroden, wenn wir in diesem Jahr noch den Futterspeicher aufrichten
-wollen, sagt er.
-
-Und das sagte er wohl in einer plötzlichen frohen Laune, mit neuem
-Lebensmut.
-
-
-
-
-10
-
-
-Eine Frau wandert durch das Ödland hinauf. Es fällt ein milder
-Sommerregen, sie wird naß, aber darum kümmert sie sich nicht, sie hat
-anderes zu denken, sie ist sehr gespannt, ob -- es ist Barbro, und
-keine andere, Barbro, Bredes Tochter. Jawohl, sie darf wohl gespannt
-sein, sie kann nicht wissen, wie dieses Abenteuer ablaufen wird, aber
-sie ist von der Frau Lensmann entlassen und ist fort aus dem Dorf. So
-steht es.
-
-Sie macht einen Bogen um alle Ansiedlungen im Ödland herum, denn sie
-möchte alle Menschen vermeiden. Jedermann würde ja gleich erraten,
-wohin sie will, denn sie trägt ein Bündel mit Kleidern auf dem Rücken.
-Jawohl, sie will nach Maaneland und will wieder dort bleiben.
-
-Zehn Monate lang hat sie bei der Frau Lensmann gedient, und das ist
-keine kurze Zeit, wenn man sie in Tage und Nächte umrechnet, aber wenn
-man den Zwang und alle die hinausziehenden Gedanken bedenkt, dann ist
-es eine Ewigkeit. Im Anfang ging alles wirklich gut; Frau Heyerdahl war
-sehr besorgt um Barbro und gab ihr Schürzen und putzte sie heraus, es
-war eine Freude, in so schönen Kleidern in den Kaufladen geschickt zu
-werden. Barbro war ja schon als Kind hier im Dorf gewesen, sie kannte
-alle Leute von der Zeit her, wo sie hier in die Schule gegangen war
-und die Jungen geküßt und mit Steinen und Muscheln allerlei Spiele
-gespielt hatte. Ein paar Monate ging alles gut. Aber dann umsorgte die
-Frau Heyerdahl sie immer noch mehr, und als die Weihnachtsvergnügungen
-angingen, wurde Frau Heyerdahl streng. Aber wozu das alles, doch nur
-um das gute Verhältnis zu stören! Barbro hätte es überhaupt nicht
-ausgehalten, wenn sie nicht gewisse Nachtstunden für sich gehabt hätte:
-von zwei Uhr an bis morgens um sechs konnte sie ziemlich sicher sein,
-und sie gestattete sich manche verstohlene Freuden in diesen Stunden.
-Aber was für ein Mädchen war denn die Köchin, daß sie Barbro nicht
-anzeigte? Sie war das ganz gewöhnliche Dienstmädchen und ging selbst
-unerlaubterweise aus. Die beiden hielten abwechselnd Wache.
-
-Es verging auch eine recht lange Zeit, ehe sie entdeckt wurden. Barbro
-war keineswegs so leichtsinnig, daß ihr an die Stirn geschrieben
-gewesen wäre, an ihr sei nichts mehr zu verderben. Verderben?
-Sie widerstand so viel als nötig war. Wenn ein Bursche sie zum
-Weihnachtstanz einlud, so sagte sie das erstemal nein, das zweitemal
-auch, aber das drittemal sagte sie: Ich will sehen, ob ich von zwei
-bis sechs Uhr kommen kann. Seht, so antwortet ein anständiges Mädchen
-und macht sich nicht schlechter, als sie ist, und läßt keine Frechheit
-sehen. Sie war ein Dienstmädchen und diente die ganze Zeit und kannte
-kein anderes Vergnügen als Ausgelassenheit. Das war auch alles, was sie
-begehrte. Die Frau Lensmann hielt ihr lange Reden und borgte ihr Bücher
--- die Närrin! Barbro bildende Bücher leihen, die in Bergen gewesen
-war, Zeitungen gelesen und das Theater besucht hatte! Sie war doch
-nicht Gottes Wort vom Lande!
-
-Aber die Frau Lensmann mußte doch Verdacht geschöpft haben, eines
-Morgens um drei Uhr steht sie vor der Mägdekammer und ruft: Barbro!
--- Ja, antwortet die Köchin. -- Ist Barbro nicht da? Mach auf! --
-Die Köchin schließt auf und gibt die zuvor vereinbarte Erklärung:
-Barbro habe ganz notwendig auf der Stelle nach Hause laufen müssen.
--- Nach Hause, auf der Stelle? Es ist drei Uhr in der Nacht, sagt
-Frau Heyerdahl und hält mit ihrer Verwunderung darüber nicht zurück.
-Am anderen Morgen gab es ein großes Verhör; Brede wurde gerufen, und
-die Frau Lensmann fragte: Ist Barbro heute nacht um drei Uhr bei euch
-gewesen? -- Brede war nicht vorbereitet, aber er sagt sofort ja. --
-Jawohl um drei Uhr in der Nacht. Wir waren sogar solange aufgeblieben,
-weil wir etwas Wichtiges zu besprechen hatten, antwortete Barbros
-Vater. -- Darauf verkündet die Frau Lensmann feierlich: Barbro geht bei
-Nacht nicht mehr aus! -- Nein, gewiß nicht, erwidert Brede. -- Solange
-sie in meinem Hause ist wenigstens nicht. -- Nein. Ja, da hörst du's,
-Barbro, ich habe es dir gleich gesagt! spricht der Vater. -- Du kannst
-zuweilen vormittags zu deinen Eltern gehen, bestimmt die Frau Lensmann.
-
-Aber die wachsame Frau Lensmann hat darum ihren Verdacht doch nicht
-ganz aufgegeben; sie läßt eine Woche verstreichen, dann macht sie um
-vier Uhr morgens eine Stichprobe. Barbro! rief sie. Oh, aber diesmal
-war die Köchin aus, Barbro war daheim, und die Mägdekammer glänzte in
-Unschuld. Die Frau mußte schnell einen Vorwand erfinden. Hast du die
-Wäsche gestern abend hereingeholt? -- Ja! -- Das ist gut, denn es fängt
-an zu stürmen. Gute Nacht.
-
-Es war übrigens recht lästig für Frau Heyerdahl, sich von ihrem Mann in
-der Nacht wecken zu lassen und selbst zu den Mädchen hinüberzutappen,
-um nachzusehen, ob sie zu Hause seien! Geschehe, was da wolle, sie tat
-es nicht mehr.
-
-Und wenn nun das Glück sie nicht im Stich gelassen hätte, so hätte
-es Barbro auf diese Weise das Jahr durch mit ihrer Herrin aushalten
-können. Aber vor einigen Tagen hatte es einen Krach zwischen ihnen
-gegeben.
-
-Es war frühmorgens in der Küche. Zuerst hatte sich Barbro ein wenig
-mit der Köchin gezankt, ja, nicht nur so ganz wenig, sie sprachen
-lauter und lauter und vergaßen, daß Frau Heyerdahl kommen könnte.
-Die Köchin hatte sich schlecht benommen und hatte sich außer der
-Reihe fortgeschlichen, weil es Sonntagnacht gewesen war. Und womit
-entschuldigte sie sich? Sagte sie, sie habe fort müssen, um sich von
-einer teuren Schwester zu verabschieden, die nach Amerika reise?
-Keine Spur, sie entschuldigte sich gar nicht, sondern behauptete, sie
-habe diese Sonntagnacht gut gehabt. -- Daß du auch gar keine Ehre und
-Wahrhaftigkeit im Leibe hast, du Canaille! rief Barbro.
-
-Da stand Frau Heyerdahl unter der Tür.
-
-Sie hatte sich vielleicht ursprünglich nur eine Erklärung für dieses
-laute Geschrei ausbitten wollen, erwiderte auch noch den Mädchen ihren
-Morgengruß, aber dann sah sie plötzlich Barbro scharf an, sah Barbros
-Brusttuch an, beugte sich vor und sah noch näher zu. Das fing an
-unheimlich zu werden. Und plötzlich stößt Frau Heyerdahl einen Schrei
-aus und weicht zur Tür zurück. Was in aller Welt ist das? denkt Barbro
-und schaut an sich herunter. Lieber Gott, nichts als eine Laus! Barbro
-muß ein wenig lächeln, und da es ihr nicht ungewohnt ist, auch in
-außerordentlichen Umständen zu wissen, was sie zu tun hat, knipst sie
-die Laus weg. -- -- Was, auf den Fußboden! schreit die Frau Lensmann.
-Bist du verrückt! Gleich nimm das Tier auf! -- Ja, Barbro beginnt
-zu suchen und ist wieder rasch gefaßt, sie tut, als ob sie die Laus
-gefunden hätte und wirft sie großartig ins Küchenfeuer.
-
-Wo hast du die her? fragt die Frau erregt. -- Wo ich die her habe?
-antwortet Barbro. -- Ja, ich will wissen, wo du gewesen bist und sie
-dir geholt hast. Antworte! -- Nun machte Barbro den großen Fehler, daß
-sie nicht sagte: Im Kaufladen! Das wäre das einzig richtige gewesen.
-Nein, sie wußte nicht, wo sie die Laus aufgelesen haben könnte, aber
-sie deutete an, sie habe sie vielleicht durch die Köchin bekommen. Da
-fuhr die Köchin plötzlich hoch auf: Du von mir! Du bringst es für dich
-allein fertig, dir Läuse zu holen! -- Aber du warst es doch, die heute
-nacht aus war!
-
-Abermals ein großer Fehler, das hätte sie niemals sagen sollen. Nun
-hatte die Köchin auch keinen Grund mehr zu schweigen, und alles von
-den unglückseligen Nächten außer dem Hause kam an den Tag. Frau
-Heyerdahl ist in höchster Erregung; von der Köchin will sie nichts,
-ihre Erregung gilt Barbro, dem Mädchen, für das sie eingestanden ist.
-Und dennoch hätte vielleicht auch jetzt noch alles gerettet werden
-können, wenn Barbro ihr Haupt gebeugt hätte wie ein Schilfrohr, und zu
-Boden gesunken wäre und sich hoch und teuer verschworen hätte, es in
-Zukunft nie mehr zu tun. Aber nein, Frau Heyerdahl mußte schließlich
-ihr Kindermädchen daran erinnern, was sie alles für sie getan hatte,
-und da gab Barbro wahrhaftig Antwort, sie trumpfte auf, so dumm war
-sie. Ja, oder vielleicht war sie auch so klug, vielleicht wollte sie
-die Sache auf die Spitze treiben, um von da wegzukommen. Frau Heyerdahl
-sagte: Ich habe dich aus den Klauen des Löwen gerissen. -- Was das
-betrifft, erwiderte Barbro, so wäre es mir ebenso lieb, wenn Ihr es
-nicht getan hättet. -- Ist das der ganze Dank, den ich bekomme? rief
-Frau Heyerdahl. -- Ach, was soll das Gerede! sagte Barbro. Vielleicht
-wäre ich verurteilt worden, aber mehr als ein paar Monate hätte man mir
-jedenfalls nicht gegeben, und dann wäre ich die Geschichte los! -- Frau
-Heyerdahl ist einen Augenblick sprachlos, ja, eine Weile steht sie nur
-da, öffnet den Mund und schließt ihn wieder. Das erste Wort, das sie
-herausbringt, ist die Kündigung. -- Ja, ganz wie Ihr wollt, ist alles,
-was Barbro erwidert.
-
-Während der Tage, die seither verflossen sind, hat sich Barbro bei
-ihren Eltern aufgehalten. Aber dort konnte sie nicht immer bleiben.
-Oh, es ging ihnen nicht schlecht, die Mutter trieb jetzt einen
-Kaffeeausschank, und es kamen immer viele Leute ins Haus; aber davon
-konnte Barbro nicht leben, und sie konnte ja auch andere gute Gründe
-haben, warum sie wieder in eine feste Stellung kommen wollte. So nahm
-sie also heute einen Sack mit Kleidern auf den Rücken und wanderte ins
-Ödland hinauf. Nun kam es darauf an, ob Axel Ström sie wieder aufnehmen
-würde! Aber sie hatte am letzten Sonntag das Aufgebot verkünden lassen.
-
-Es regnet, der Weg ist schmutzig, aber Barbro geht weiter. Es wird
-Abend, und da der Sankt-Olafstag noch nicht gewesen ist, wird es nicht
-dunkel. Arme Barbro, sie schont sich nicht, sie hat eine bestimmte
-Absicht, sie hat ein Ziel, und so nimmt sie den ersten Kampf auf.
-Sie hat sich im Grunde niemals geschont, ist niemals träge gewesen,
-darum ist sie auch ein schönes und feines Geschöpf. Barbro hat eine
-leichte Auffassungsgabe, gebraucht sie jedoch oftmals zu ihrem eigenen
-Verderben. Was war auch anderes zu erwarten? Sie hat gelernt, sich
-von einer Not in die andere zu retten, aber sie hat verschiedene gute
-Eigenschaften behalten; der Tod eines Kindes ist ihr nichts, aber ein
-lebendes Kind könnte es gut bei ihr haben. Außerdem hat sie ein sehr
-musikalisches Ohr, sie klimpert weich und richtig auf der Gitarre und
-singt mit etwas heiserer Stimme dazu, was angenehm und etwas wehmütig
-anzuhören ist. Sich selbst schonen? Ho, so wenig, daß sie sich selbst
-völlig weggeworfen und den Verlust nicht einmal empfunden hatte. Dann
-und wann weinte sie, und das Herz wollte ihr über dies und jenes in
-ihrem Leben fast brechen; das gehört dazu, das kommt von den rührenden
-Liedern, die sie singt, das ist die Poesie und die süße Wonne der
-Wehmut in ihr, sie hat häufig sich selbst und andere damit angeführt.
-Hätte sie ihre Gitarre mit sich nehmen können, so hätte sie heute abend
-Axel etwas vorgeklimmpert.
-
-Sie richtet sich so ein, daß sie spät anlangt, und auf Maaneland ist
-alles still, als sie den Hofraum betritt. Sieh, Axel hat schon in der
-Nähe des Hauses mit dem Mähen begonnen und wahrhaftig auch schon etwas
-trockenes Heu eingefahren! Nun überlegt sich Barbro, die alte Oline
-werde drinnen in der Schlafkammer schlafen und Axel in der Heuscheune,
-wo sie selbst früher geschlafen hatte. Wie ein Dieb in der Nacht
-schleicht sie auf die bekannte Tür zu, dann ruft sie leise: Axel! --
-Was gibt's? antwortet Axel sofort. -- Ich bin's nur, sagt Barbro und
-tritt zu ihm ein. Kannst du mich über Nacht hierbehalten?
-
-Axel schaut sie an, er ist etwas langsam, er sitzt in seinen
-Unterkleidern da und schaut sie an. So, du bist's? sagt er. Wo willst
-du hin? -- Ja, das kommt nun zuerst darauf an, ob du eine Hilfe für
-die Sommerarbeit brauchst, erwidert sie. -- Axel denkt darüber nach
-und fragt: Bleibst du nicht mehr dort, wo du gewesen bist? -- Nein,
-bei Lensmanns hab' ich Schluß gemacht. -- Ich könnte recht gut eine
-Hilfe für die Sommerzeit brauchen, sagt Axel. Aber was soll das heißen,
-willst du etwa wiederkommen? -- Nein, du brauchst dich gar nicht um
-mich zu kümmern, wehrt Barbro ab. Morgen geh ich weiter, ich geh nach
-Sellanraa und über die Berge, dort hab' ich eine Stelle. -- So, du hast
-dich verdingt? -- Ja. -- Ich könnte wohl eine Hilfe für den Sommer
-brauchen, wiederholt Axel.
-
-Barbro ist ganz naß, sie hat Kleider in ihrem Bündel bei sich und muß
-sich umziehen. Kümmere dich gar nicht darum, daß ich hier bin, sagt
-Axel und weicht nur ein wenig nach der Tür zurück. Barbro zieht die
-nassen Kleider aus, und währenddessen sprechen sie miteinander, und
-Axel dreht öfters den Kopf nach ihr um. -- Aber jetzt mußt du ein wenig
-hinausgehen, sagt Barbro. -- Hinausgehen? fragt er. Und es war auch
-wirklich kein Wetter zum Hinausgehen. Er steht da und sieht zu, wie
-sie immer nackter wird, er kann kein Auge von ihr abwenden; und wie
-gedankenlos Barbro ist, sie hätte gut immer ein trockenes Stück anlegen
-können, wenn sie das nasse abzog, aber das tat sie nicht. Ihr Hemd
-ist ganz dünn und klebt an ihrem Körper, sie knöpft es auf der einen
-Achsel auf und wendet sich um, sie ist sehr geübt. In diesem Augenblick
-schweigt Axel bumsstill und sieht, daß sie nur einen Griff oder zwei
-braucht, um das Hemd abzuziehen. Das ist prachtvoll gemacht, denkt er.
-Und da bleibt sie nun ganz gedankenlos stehen.
-
-Später liegen sie im Heu und unterhalten sich. Jawohl, er brauche eine
-Hilfe für den Sommer, das sei schon wahr. -- Ja, so sagte man mir,
-stimmt Barbro bei. -- Er habe auch in diesem Jahr wieder allein mit
-dem Mähen und Heumachen anfangen müssen, Barbro könne wohl verstehen,
-wie ratlos er sei. -- Ja, Barbro verstand alles. -- Andrerseits sei es
-doch gerade Barbro gewesen, die damals davongelaufen sei und ihn ohne
-weibliche Hilfe zurückgelassen habe; das könne er nicht vergessen, und
-die Ringe habe sie auch mitgenommen. Und zu aller Schmach sei auch
-noch ihre Zeitung immer weiter gekommen, diese Bergensche Zeitung,
-die er gar nicht loswerden konnte, und er habe sie hinterher noch
-für ein ganzes Jahr bezahlen müssen. -- Das war ja ein schändliches
-Blatt, sagte Barbro und stellte sich die ganze Zeit auf seine Seite.
-Aber bei so großer Willfährigkeit konnte auch Axel kein Unmensch
-sein, er gab zu, daß Barbro Grund gehabt haben könnte, sich auch über
-ihn zu ärgern, weil er die Aufsicht über die Telegraphenlinie ihrem
-Vater weggenommen hatte. Übrigens kann dein Vater den Telegraphen
-wiederhaben, ich mache mir nichts daraus, es ist nur Zeitverlust.
--- Ja, sagte Barbro. -- Axel überlegte eine Weile, dann fragte er
-geradezu: Ja, wie ist das, willst du nur den Sommer über bleiben? --
-Ach, das soll so werden, wie du es haben willst, entgegnete Barbro. --
-So, ist das deine aufrichtige Meinung? -- Ja, genau was du willst, das
-will ich auch. Du brauchst nicht mehr an mir zu zweifeln. -- So. --
-Nein. Und ich hab' uns auch in der Kirche aufbieten lassen.
-
-So. Das war keine schlimme Kunde. Axel blieb ruhig liegen und
-überlegte. Wenn es diesmal Ernst war und nicht wieder ein schändlicher
-Verrat, so hatte er die eigene Frau im Hause, und es war ihm für alle
-Zeit geholfen. -- Ich hätte eine Frau von daheim haben können, sagte
-er. Sie hat geschrieben, sie wolle mich haben. Aber ich hätte ihr die
-Rückreise von Amerika bezahlen müssen. -- Barbro fragt: So, ist sie in
-Amerika? -- Ja, sie ist voriges Jahr hingereist; aber es gefällt ihr
-nicht dort. -- Nein, du mußt dich nicht um sie kümmern! erklärt Barbro.
-Was würde sonst aus mir? fragt sie und beginnt zu weinen. -- Darum hab'
-ich es auch nicht fest mit ihr gemacht, sagt Axel.
-
-Nun wollte Barbro aber auch nicht zurückstehen, sie bekannte, daß sie
-in Bergen einen Mann hätte haben können, er sei Bierführer bei einer
-gewaltig großen Brauerei, und ihm sei viel anvertraut. Und er grämt
-sich gewiß immer noch um mich, sagt Barbro schluchzend. Aber weißt du,
-wenn zwei Leute so viel miteinander gehabt haben wie du und ich, Axel,
-dann kann ich nicht vergessen, wenn du auch längst vergessen hast. --
-Wer, ich? erwidert Axel. Nein, darum brauchst du nicht zu weinen, ich
-habe dich niemals vergessen. -- So.
-
-Dieses Zugeständnis ist Barbro eine große Hilfe, und sie sagt:
-Unsinn, was willst du denn das viele Reisegeld ganz von Amerika
-herüber bezahlen, wenn du es doch nicht nötig hast. -- Sie rät ihm von
-der ganzen Sache ab, es würde zu teuer, und er sei doch nicht dazu
-gezwungen. Barbro schien es sich in den Kopf gesetzt zu haben, sein
-Glück selbst zu begründen.
-
-Im Lauf der Nacht werden sie einig. Sie waren einander ja nicht fremd
-und hatten schon oft alles miteinander besprochen. Auch die notwendige
-Trauung sollte noch vor dem Sankt-Olafstag und der Heuernte vor sich
-gehen, sie hatten nicht nötig, sich zu verstellen, und Barbro drängte
-jetzt selbst am eifrigsten. Axel stieß sich nicht daran, daß Barbro
-es jetzt so eilig hatte, und es erweckte auch keinen Verdacht in ihm,
-im Gegenteil, ihre Eile schmeichelte ihm und feuerte ihn an. Jawohl,
-er war ein Ödlandbewohner, ein wetterfester Mann, er nahm es nicht so
-genau, war wahrlich nicht überfein, er war zu allerlei genötigt, er sah
-auf den Nutzen. Dazu kam noch, daß ihm Barbro wieder ganz neu und schön
-erschien, beinahe reizender als zuvor. Sie war ein frischer Apfel, und
-er biß hinein. Sie waren ja bereits aufgeboten.
-
-Über die Kindsleiche und die Gerichtsverhandlung schwiegen alle beide.
-
-Dagegen redeten sie von Oline, und wie sie sie loswerden könnten? Ja,
-sie muß zum Hause hinaus, erklärte Barbro. Wir sind ihr keinen Dank
-schuldig. Sie ist nichts als ein Klatschweib voller Bosheit. -- Aber es
-erwies sich als sehr schwierig, Oline loszuwerden.
-
-Gleich am ersten Morgen, als Barbro zum Vorschein kam, ahnte Oline
-ihr Schicksal. Ihr wurde sofort schlimm zumute, aber sie verbarg das
-und nickte und bot Barbro einen Stuhl an. Es war doch auf Maaneland
-einen Tag nach dem andern gegangen. Axel hatte Wasser und Brennholz
-herbeigetragen und ihr die schwersten Arbeiten abgenommen, und den
-Rest hatte Oline fertiggebracht. Im Lauf der Zeit hatte sie sich
-entschlossen, bis zum Ende ihres Lebens auf der Ansiedlung zu bleiben,
-aber da kam diese Barbro und machte diesen Plan zunichte.
-
-Wenn eine Kaffeebohne im Hause wäre, so hätte ich dir einen Kaffee
-gemacht, sagte sie zu Barbro. Willst du noch weiter hinauf in die
-Berge? -- Nein, erwiderte Barbro. -- So, du willst nicht weiter hinauf?
--- Nein. -- Nun, mich geht es ja nichts an, sagte Oline. Willst du
-wieder hinunter? -- Nein, auch das nicht, ich bleibe jetzt wieder hier.
--- So, du willst wieder hierbleiben? -- Ja, so wird's wohl kommen.
-
-Oline wartet eine Weile, sie gebraucht ihren alten Kopf, der steckt
-bereits voller Politik: Ja, sagt sie. Dann kann ich hier loskommen.
-Das freut mich sehr. -- So, ist Axel ein so scharfer Herr gewesen?
-sagt Barbro im Scherz. -- Scharf? Er? Geh doch und treibe nicht deinen
-Spaß mit einer alten Frau, die nur noch auf die Erlösung wartet. Er,
-der Axel ist wie ein Vater und eine höhere Fügung für mich gewesen,
-jeden Tag und jede Stunde, anders kann ich nicht sagen. Aber ich habe
-nun einmal niemand von den Meinigen hier in der Gegend, ich stehe
-einsam und verlassen auf anderer Leute Eigentum und habe alle meine
-Angehörigen auf der andern Seite des Gebirges.
-
-Aber Oline blieb da. Sie war nicht eher als nach der Trauung zu
-entbehren, und Oline sträubte sich lange, sagte aber endlich ja, sie
-wolle ihnen die Gefälligkeit erweisen und das Haus hüten und für
-das Vieh sorgen, während sie getraut würden. Das nahm zwei Tage in
-Anspruch. Als aber die Neuverheirateten heimkamen, ging Oline doch
-nicht. Sie verschob es immer wieder, den einen Tag behauptete sie, es
-sei ihr nicht gut, den andern sah es aus, als ob es regnen wollte.
-Sie schmeichelte Barbro, es sei jetzt auf Maaneland mit der Kost ganz
-anders geworden und doch auch Kaffee im Hause! Oh, Oline scheute vor
-nichts zurück, sie fragte Barbro bei Dingen um Rat, die sie selbst viel
-besser wußte. Was meinst du, soll ich die Kühe nach der Reihe melken,
-wie sie im Stall stehen, oder soll ich Bordelin zuerst nehmen? -- Das
-kannst du halten, wie du willst. -- Ja, hab' ich es nicht gesagt! ruft
-Oline. Du bist draußen in der Welt unter hohen und vornehmen Leuten
-gewesen und hast alles gelernt. Mir armen Person ist's nicht so gut
-gegangen.
-
-Nein, Oline scheute vor nichts zurück, sondern trieb Politik Tag und
-Nacht. Erzählte sie nicht Barbro, wie sehr gut Freund sie mit ihrem
-Vater, mit Brede Olsen, sei! Ho, sie habe manche vergnügte Stunde mit
-ihm verplaudert, er sei so ein netter und freundlicher Mann, der Brede,
-nie höre man ein unfreundliches Wort aus seinem Munde!
-
-Aber es ging doch nicht auf die Dauer, weder Axel noch Barbro wollte
-Oline länger im Hause behalten, und Barbro nahm ihr alle Arbeit aus der
-Hand. Oline beklagte sich nicht, aber sie sagte mit einem gefährlichen
-Seitenblick auf die Hausfrau und mit leicht verändertem Tone: Ja, ihr
-seid jetzt große Leute, sagte sie. Der Axel hat letzten Herbst eine
-Reise in die Stadt gemacht, hast du ihn dort getroffen? Ach nein, du
-bist ja in den Bergen gewesen. Er hatte etwas in der Stadt zu besorgen,
-er hat eine Mähmaschine und einen Reolpflug gekauft. Was sind die auf
-Sellanraa gegen euch? Gar nicht zu vergleichen!
-
-Oline versetzte kleine Nadelstiche, allein auch das half nichts, die
-Herrschaft fürchtete sich nicht vor ihr, Axel sagte ihr eines Tages
-geradeheraus, daß sie jetzt gehen müsse. -- Gehen? fragte Oline. Wie
-denn? Muß ich kriechen? Sie weigerte sich zu gehen unter dem Vorwand,
-daß sie nicht recht gesund sei und die Beine nicht rühren könne. Und so
-schlimm mußte es wirklich gehen: als ihr die Arbeit abgenommen war und
-sie kein Feld der Tätigkeit mehr hatte, da fiel sie zusammen und wurde
-tatsächlich krank. Sie schleppte sich noch eine Woche lang umher, Axel
-schaute sie wütend an, aber Oline blieb aus lauter Bosheit, und zuletzt
-mußte sie sich zu Bett legen.
-
-Aber nun lag sie keineswegs nur da und wartete auf ihre Erlösung, sie
-sprach im Gegenteil stundenlang davon, daß sie bald wieder gesund
-werde. Sie begehrte den Doktor, eine Großartigkeit, die im Ödland
-völlig unbekannt war. -- Den Doktor? sagte Axel fragend. Bist du nicht
-bei Trost? -- Wieso? fragte Oline sanft zurück und verstand rein gar
-nichts. Ja, sie war ganz sanft und mild und sprach sich so erfreut aus,
-daß sie niemand zur Last falle, sie könne den Doktor selbst bezahlen.
--- So, das kannst du? sagte Axel. -- So, kann ich es vielleicht nicht?
-entgegnete Oline. Und außerdem werde ich doch nicht angesichts des
-Erlösers wie ein Tier hier verenden sollen? -- Jetzt mischte sich
-Barbro ein und fragte unvorsichtigerweise: Was fehlt dir denn? Ich
-bringe dir doch deine Mahlzeiten. Aber den Kaffee habe ich dir in guter
-Absicht versagt. -- Bist das du, Barbro? fragt Oline und dreht nur die
-Augen nach ihr hin. Sie ist sehr elend und sieht mit den verdrehten
-Augen ganz unheimlich aus. Es wird wohl so sein, wie du sagst, Barbro,
-daß ich von einem winzigen Tröpfchen Kaffee, einem Löffelchen voll
-Kaffee viel kränker würde. -- Wenn du wärest wie ich, so hättest du
-jetzt an anderes zu denken als an Kaffee, sagte Barbro. -- Habe ich es
-nicht gesagt? Du hast noch nie eines Menschen Tod gewollt, sondern daß
-er sich bekehre und lebe. Aber was -- was sehe ich? Bist du denn in
-der Hoffnung, Barbro? -- Ich! rief Barbro und fügte wütend hinzu: Du
-gehörst auf den Mist geworfen mit deinem Mundwerk!
-
-Hier schweigt die Kranke einen Augenblick nachdenklich, und ihr Mund
-zittert, als ob er durchaus lächeln möchte und doch nicht dürfe. --
-Ich habe heute nacht jemand rufen hören, sagt sie. -- Sie ist nicht
-bei sich! flüstert Axel. -- Doch, ich bin ganz bei mir. Es war gerade,
-als ob jemand riefe. Es kam aus dem Wald oder vom Bach her. Es war
-sonderbar, gerade wie das Schreien eines kleinen Kindes. Ist Barbro
-hinausgegangen? -- Ja, sagte Axel, sie will deine Narrheiten nicht
-länger mit anhören. -- Ich spreche keine Narrheiten, ich bin nicht
-so von Sinnen, wie ihr meint, sagte Oline. Nein, das ist nicht des
-Allmächtigen Wunsch und Wille, daß ich jetzt schon mit allem, was ich
-von Maaneland weiß, zum Thron des Lammes eingehen soll. Ich werde wohl
-wieder gesund. Aber du sollst mir den Doktor holen, Axel, dann geht es
-schneller. Was ist das für eine Kuh, die du mir geben willst? -- Was
-für eine Kuh? -- Die Kuh, die du mir versprochen hast. Ist es Bordelin?
--- Du sprichst in den Tag hinein, sagt Axel. -- Du weißt, daß du mir
-eine Kuh versprochen hast, damals, als ich dir das Leben rettete. --
-Nein, das weiß ich nicht.
-
-Da hebt Oline den Kopf und schaut ihn an. Sie ist ganz kahlköpfig und
-grau, ihr Kopf sitzt auf einem langen Vogelhals, sie sieht hexenmäßig
-und fürchterlich aus, Axel fährt zurück und greift rückwärts nach der
-Türklinke. -- So, sagt Oline, du bist von der Sorte! Dann sprechen wir
-vorerst nicht mehr davon. Ich kann auch ohne die Kuh leben und werde
-sie nicht mehr in den Mund nehmen. Aber es ist gut, daß du dich genau
-als der Mann gezeigt hast, der du bist, so weiß ich es für ein andermal.
-
-Aber in der Nacht starb Oline, zu irgendeiner Stunde in der Nacht,
-jedenfalls war sie bereits kalt, als sie morgens zu ihr hereinkamen.
-
-Die alte Oline, geboren und gestorben ...
-
-Es war weder Axel noch Barbro unlieb, daß sie Oline für immer begraben
-konnten, sie brauchten jetzt nicht mehr so auf der Hut zu sein, sie
-konnten vergnügt leben. Barbro klagt wieder über Zahnweh, sonst ist
-alles gut. Aber dieses ewige wollene Tuch um den Mund, das sie immer
-wegziehen muß, wenn sie ein Wort reden will, ist keine kleine Plage,
-und Axel kann das viele Zahnweh nicht begreifen. Er hatte wohl die
-ganze Zeit her ihre vorsichtige Art zu kauen beobachtet, aber es fehlte
-ihr doch kein Zahn im Mund. -- Hast du dir denn keine neuen Zähne
-machen lassen? fragt er. -- Doch. -- Ja, tun die denn auch weh? --
-Spotte nicht so! erwidert Barbro erzürnt, obgleich er wirklich in gutem
-Glauben gefragt hatte. Und in ihrer Bitterkeit kommt sie dazu, bessere
-Auskunft zu geben: Du siehst doch, wie es mit mir steht.
-
-Wie es mit ihr stand? Axel sieht etwas näher zu und bemerkt, daß
-sie bereits anfängt einen dicken Leib zu bekommen. -- Du bist doch
-nicht in der Hoffnung? fragt er. -- Doch, das weißt du wohl, erwidert
-sie. -- Etwas vor den Kopf geschlagen starrt er sie an. In all
-seiner Langsamkeit sitzt er da und rechnet eine Weile: eine Woche,
-zwei Wochen, in der dritten Woche. -- Weiß ich das? sagt er. --
-Barbro ist sehr gereizt durch dieses Zwiegespräch und fängt an laut
-hinauszuweinen, ja gekränkt zu weinen. Du kannst mich nur auch gleich
-in die Erde graben, dann bist du mich los! ruft sie.
-
-Merkwürdig, was die Weiberleute für Gründe zum Weinen finden können!
-
-Nein, Axel will Barbro durchaus nicht in die Erde graben, er ist ein
-handfester Mann, der auf den Nutzen sieht; in einem Blumenflor zu
-waten, dazu hat er keine Lust. -- Dann kannst du im Sommer nicht auf
-dem Feld arbeiten? fragt er. -- Was, nicht auf dem Feld arbeiten?
-erwidert sie entsetzt. Und lieber Gott, worüber ein Frauenzimmer doch
-plötzlich wieder lächeln kann! Als es Axel auf diese Weise nahm,
-rieselte ein hysterisches Glücksgefühl durch Barbros Körper, und sie
-rief: Für zwei werde ich arbeiten! Du wirst sehen, Axel, daß ich alles
-arbeite, wobei du mich anstellst, und noch viel mehr. Ich will mich
-abrackern und noch vergnügt dabei sein, wenn du nur zufrieden bist!
-
-Es gab noch mehr Tränen und Lächeln und Zärtlichkeiten. Die beiden
-waren allein im Ödland, niemand war zu fürchten, offene Türen,
-Sommerwärme, Fliegengesumm. Sie war so willfährig und hingebend, alles
-wollte sie genau so wie er.
-
-Nach Sonnenuntergang ist Axel damit beschäftigt, seine Mähmaschine
-anzuspannen, er will noch ein kleines Stück abmähen für den nächsten
-Morgen. Barbro kommt hastig herausgelaufen, als ob sie etwas Wichtiges
-zu besorgen hätte, und sagt: Du, Axel, wie hast du überhaupt daran
-denken können, dir jemand aus Amerika kommen zu lassen? Sie wäre ja
-erst bis zum Winter hier gewesen, und was hättest du da noch mit ihr
-angefangen? -- Seht, auf diesen Gedanken war Barbro verfallen, und nun
-kam sie damit angelaufen, wie wenn das notwendig wäre!
-
-Aber es war keineswegs notwendig, Axel hatte von der ersten Stunde an
-eingesehen, daß er eine weibliche Hilfe für ein ganzes Jahr gewann,
-wenn er Barbro wieder zu sich nahm. Dieser Mann schwankt nicht, und
-er träumt sich nicht zu den Sternen hinauf. Nun hat er die eigene
-Frau im Hause und kann auch die Telegraphenlinie noch eine Zeitlang
-behalten. Im Jahre macht das doch viel Geld aus, und das ist ihm sehr
-willkommen, solange er nicht viel vom Ertrag des Hofes verkaufen kann.
-Alles geht und fügt sich ineinander, er ist mitten in der Wirklichkeit.
-Und von Brede, der jetzt sein Schwiegervater ist, erwartet er auf der
-Telegraphenlinie keinen Überfall mehr.
-
-Das Glück fängt an, Axel mit seinen Gaben zu überschütten.
-
-
-
-
-11
-
-
-Die Zeit vergeht, der Winter vergeht, es wird wieder Frühling.
-Natürlich mußte Isak eines Tages notwendig ins Dorf. Es wurde gefragt,
-was er dort wolle. Ich weiß es nicht recht, sagte er. Aber er putzte
-den Karren sehr rein, stellte den Sitz darauf und fuhr davon. Und
-natürlich hatte er verschiedentliche Eßwaren für Eleseus auf Storborg
-bei sich. Es fuhr ja kein Wagen von Sellanraa ab, der nicht irgend
-etwas für Eleseus mitnahm.
-
-Wenn Isak das Ödland hinunterfuhr, so war das kein unbedeutendes
-Ereignis; er selbst tat es nur selten, Sivert pflegte es an seiner
-Statt zu tun. In den zwei ersten Ansiedlungen stehen die Leute unter
-der Gammentür und sagen zueinander: das ist der Isak selbst, ich möchte
-nur wissen, warum er heute fährt. Als er nach Maaneland kommt, steht
-Barbro mit einem Kind auf dem Arm unter dem Fenster, und als sie ihn
-sieht, denkt sie: das ist der Isak selbst!
-
-Er kommt nach Storborg und hält an: Prrr! Ist Eleseus daheim? --
-Eleseus kommt heraus. Jawohl, er ist daheim, er ist noch nicht
-abgereist, aber er will abreisen, er will seinen Frühlingsausflug nach
-den Städten im Süden antreten. -- Da schickt dir die Mutter etwas, sagt
-der Vater. Ich weiß nicht, was es ist, es wird weiter nichts Besonderes
-sein. -- Eleseus nimmt die Gefäße entgegen, dankt und fragt: Hast du
-nicht auch einen Brief oder so etwas? -- Doch, antwortet der Vater
-und sucht in seinen Taschen. Er ist wohl von der kleinen Rebekka. --
-Eleseus bekommt den Brief, darauf hat er gewartet, er sieht, daß er
-schön dick ist, und sagt zu seinem Vater: Es ist sehr schade, daß du so
-früh kommst, zwei Tage zu früh. Aber wenn du ein bißchen warten willst,
-kannst du meinen Koffer gleich mitnehmen.
-
-Isak steigt ab und bindet das Pferd an. Dann macht er einen Gang
-über die Felder. Der kleine Ladendiener Andresen ist kein schlechter
-Landwirt auf Eleseus' Grund und Boden, Sivert ist ihm allerdings mit
-den Pferden von Sellanraa zu Hilfe gekommen, aber er hat auch auf
-eigene Faust Moor entwässert und einen Mann zu Hilfe genommen, der die
-Gräben mit Steinen auslegte. In diesem Jahr braucht auf Storborg kein
-Futter gekauft zu werden, und im nächsten Jahr konnte sich Eleseus
-vielleicht ein eigenes Pferd halten. Das hatte er Andresens Freude an
-der Landwirtschaft zu verdanken.
-
-Nach einiger Zeit ruft Eleseus, daß er seinen Koffer gepackt habe und
-fertig sei. Er selbst steht auch fertig da und will mitkommen, er
-hat einen schönen blauen Anzug an und trägt einen weißen Kragen um
-den Hals, Galoschen an den Füßen und einen Spazierstock in der Hand.
-Allerdings kommt er so mehr als zwei Tage zu früh für das Postboot,
-aber das macht nichts, er kann ja im Dorf solange warten; es ist ganz
-einerlei, wo er sich aufhält.
-
-Vater und Sohn fahren ab. Der Ladendiener Andresen steht unter der
-Ladentür und wünscht: Glückliche Reise!
-
-Der Vater ist besorgt für seinen Sohn und will ihm den Sitz allein
-überlassen, aber Eleseus lehnt sofort entschieden ab und setzt sich
-neben den Vater. Sie kommen an Breidablick vorbei, da fällt es Eleseus
-plötzlich ein, daß er etwas vergessen hat. Prrr! Was denn? fragt der
-Vater. Oh, es ist der Regenschirm, Eleseus hat seinen Regenschirm
-vergessen; das kann er nicht offen sagen, deshalb sagt er nur: Das
-hilft jetzt nichts, fahr zu! -- Wollen wir nicht umkehren? -- Nein,
-fahr zu! -- Aber es war eine verwünschte Sache, daß er auch so
-vergeßlich sein mußte! Das kam von der großen Eile, weil der Vater über
-die Felder wanderte und auf ihn wartete. Nun mußte sich Eleseus aber,
-wenn er nach Drontheim kam, einen neuen Regenschirm kaufen. Es tat ja
-auch nichts, wenn er zwei Regenschirme hatte. Aber er ist so ärgerlich
-auf sich selbst, daß er abspringt und hinter dem Wagen hergeht.
-
-Auf diese Weise können die beiden nicht viel miteinander reden, weil
-sich der Vater nun bei jedem Wort umdrehen und über die Achsel reden
-muß. Der Vater fragt: Wie lange bleibst du weg? und Eleseus antwortete:
-Drei bis vier Wochen etwa. -- Der Vater spricht seine Verwunderung aus
-darüber, daß sich die Leute in den großen Städten nicht verirren, aber
-Eleseus sagt ihm, er sei selbst an die großen Städte gewöhnt, er habe
-sich noch nie verirrt. -- Nun meint der Vater, es sei eine Schande, daß
-er allein auf dem Wagen sitze, und er sagt: Mußt du eine Weile fahren,
-ich mag nicht mehr. Eleseus will jedoch seinen Vater um keinen Preis
-von dem Sitz vertreiben und steigt lieber selbst wieder zu ihm auf.
-Aber vorher halten sie eine Mahlzeit aus des Vaters schönem Mundvorrat.
-Dann fahren sie weiter.
-
-Endlich kommen sie zu den beiden Ansiedlungen, die am weitesten unten
-im Tal liegen, und man merkt jetzt wohl, daß man in der Nähe des
-Dorfes ist; auf beiden Neusiedlungen hängen wahrhaftig an dem kleinen
-Stubenfenster, das nach der Straße geht, weiße Vorhänge, und auf dem
-Dachfirst des Heubodens ist eine kleine Stange für die Flagge zu Ehren
-des siebzehnten Mai aufgepflanzt. -- Das ist der Isak selbst, sagen die
-Leute der beiden Ansiedlungen, als sie die Reisenden sehen.
-
-Endlich vermag Eleseus seine Gedanken so weit von seiner eigenen
-Person und seinen eigenen Angelegenheiten abzulenken, daß er fragt:
-Was hast du eigentlich heute vor? -- Hm! eigentlich nichts Besonderes,
-erwidert sein Vater. Aber Eleseus reiste ja jedenfalls ab, so konnte
-es also nichts schaden, wenn er erfuhr, was der Vater vorhatte. -- Die
-Jensine vom Schmied will ich holen, erklärte der Vater, ja, gesteht er
-wirklich zu. -- Mußt du dir selbst die Mühe machen; hätte denn nicht
-Sivert fahren können? fragt Eleseus. -- Seht, Eleseus verstand es nicht
-besser, er meinte also, Sivert werde Jensine mit dem Wagen wiederholen,
-nachdem sie einmal so hochmütig getan hatte und von Sellanraa
-fortgegangen war!
-
-Nein, es war letztes Jahr mit dem Heumachen gar nicht gegangen.
-Inger hatte sich allerdings sehr darangehalten, wie sie versprochen
-hatte, Leopoldine tat auch ihre Arbeit, und dazu hatten sie auch den
-Heurechen, der von einem Pferd gezogen wurde. Aber das Heu war zum
-Teil schweres Timotheusgras und die Wiesen weit vom Hause entfernt.
-Sellanraa war jetzt ein großes Gut, die Frauen hatten dort anderes zu
-tun, als Heu zu machen; all das viele Vieh mußte versorgt werden, das
-Essen mußte zur rechten Zeit fertig sein, das Buttern und Käsemachen
-war zu besorgen, desgleichen das Waschen und das Backen, Mutter und
-Tochter schafften sich gar zu sehr ab. Einen solchen Sommer wollte
-Isak nicht noch einmal erleben, er bestimmte kurz und gut, daß
-Jensine wiederkommen solle, wenn sie zu haben sei. Inger hatte jetzt
-auch nichts mehr dagegen, sie hatte ihren Verstand wieder und sagte:
-Meinetwegen mach es, wie du willst. Oh, Inger war jetzt fügsamer
-geworden, es ist keine kleine Sache, wenn man seinen verlorenen
-Verstand wiederkriegt. Inger hatte keine heiße Glut mehr zu verstecken,
-keine innere Leidenschaft mehr im Zaum zu halten, der Winter hatte sie
-abgekühlt, sie hatte nur noch Glut genug für den Hausgebrauch. Sie fing
-jetzt an, an Körperfülle zuzunehmen, schön und stattlich sah sie aus.
-Es war merkwürdig, wie wenig sie alterte, sie wurde nicht stückweise
-alt und welk, vielleicht kam es daher, weil sie erst so spät aufgeblüht
-war. Gott mag wissen, woher alles kommt, nichts hat nur eine einzige
-Ursache, alles hat eine Ursachen_reihe_! Und hatte nicht Inger das
-größte Lob bei der Frau des Schmieds? Was konnte die Schmiedfrau
-ihr vorwerfen? Durch ihr verunziertes Gesicht war sie um ihren Lenz
-betrogen worden, später war sie in künstliche Luft versetzt worden, und
-dadurch waren ihr sechs Jahre ihres Sommers gestohlen; da sie aber doch
-heißes Blut hatte, mußte ihr Herbst wilde Schößlinge treiben. Inger
-ist besser als so eine Schmiedfrau, zwar ein bißchen beschädigt, ein
-bißchen verzerrt, aber eine gute Natur, eine tüchtige Natur ...
-
-Vater und Sohn fahren weiter, sie fahren an Brede Olsens Herberge vor
-und führen das Pferd in den Schuppen. Es ist Abend geworden. Sie selbst
-gehen ins Haus.
-
-Brede Olsen hat dieses Haus gemietet, es ist eigentlich ein
-Nebengebäude, das dem Kaufmann gehört, jetzt sind zwei Stuben und zwei
-Schlafkammern darin eingerichtet; es ist ganz erträglich, und die Lage
-ist gut, das Haus wird von Kaffeegästen besucht und außerdem von den
-Leuten in der Umgegend, die mit dem Postschiff fahren wollen.
-
-Brede scheint wirklich einmal Glück gehabt zu haben, er ist auf den
-richtigen Platz gekommen, und das hat er seiner Frau zu verdanken.
-Bredes Frau kam auf den Gedanken, dieses Kaffeehaus und diese Herberge
-einzurichten, als sie während der Versteigerung auf Breidablick
-Kaffee verkaufte; das war damals sehr unterhaltend gewesen, es war
-angenehm, Münze zwischen den Fingern zu haben, bares Geld. Seit sie
-hierhergekommen sind, ist alles gut gegangen, die Frau verkauft jetzt
-im Ernst Kaffee und beherbergt allerlei Leute, die kein Dach über dem
-Kopf haben. Sie wird auch von den Reisenden recht gelobt. Natürlich
-ist ihre Tochter Katrine, die jetzt ein großes Mädchen und eine flinke
-Aufwärterin ist, eine gute Hilfe. Aber ebenso natürlich ist es nur eine
-Zeitfrage, bis wann die kleine Katrine nicht mehr im Hause ihrer Eltern
-sein und da aufwarten wird. Aber inzwischen geht es ganz ordentlich
-mit dem Umsatz, und das ist die Hauptsache. Der Anfang war entschieden
-gut gewesen und hätte noch besser sein können, wenn sich der Kaufmann
-genügend mit Brezeln und Spekulatius zum Kaffee vorgesehen hätte; da
-saßen nun alle Leute, die den siebzehnten Mai feiern wollten, und
-riefen vergebens nach Kuchen zum Kaffee: Kaffeekuchen! Da lernte es der
-Kaufmann, sich mit Backwaren für die Feste des Dorfes zu versehen.
-
-Brede und die ganze Familie leben von diesem Betrieb, so gut es geht.
-Zu gar vielen Mahlzeiten gibt es nichts als Kaffee mit übriggebliebenem
-Kaffeekuchen, aber auch das hält Leib und Seele zusammen, und die
-Kinder bekommen davon ein feines, ja sozusagen ein verfeinertes
-Aussehen. Es haben nicht alle Kuchen zum Kaffee! sagten die Leute im
-Dorf. Der Familie Brede scheint es gut zu gehen, sie halten sogar
-einen Hund, der bei den Gästen herumschleicht, Bissen erschnappt und
-fett wird. Was ist doch so ein fetter Hund eine Anpreisung für die
-Verpflegung in einer Herberge!
-
-Brede Olsen nimmt also die Stelle des Hausherrn in diesem Betrieb ein
-und hat sich auch nebenher emporgearbeitet. Er ist wieder der Begleiter
-und Amtsdiener des Lensmannes geworden und hatte in dieser Stellung
-eine Zeitlang viel zu tun. Aber letzten Herbst hat seine Tochter
-Barbro mit der Frau Lensmann Streit bekommen, wegen einer Kleinigkeit,
-geradeheraus gesagt, wegen einer Laus, und seit der Zeit ist auch Brede
-bei der Herrschaft nicht mehr gern gesehen. Aber Brede hat dadurch
-nicht viel verloren, er hat andere Herrschaften, die ihn, gerade um
-die Frau Lensmann zu ärgern, aufsuchen, so daß er als Doktorkutscher
-ein gesuchter Mann ist, und die Frau Pfarrer hat gar nicht so viele
-Schweine, als sie Brede gerne schlachten lassen würde -- das sind seine
-eigenen Worte.
-
-Manchmal ist allerdings auch jetzt noch bei der Familie Brede
-Schmalhans Küchenmeister, und nicht alle sind so fett wie der Hund.
-Aber Gott sei Dank, Brede hat einen leichten Sinn: Die Kinder werden
-alle Tage größer, sagt er, obgleich auch immer wieder neue kleine
-dazukommen. Die Großen, die fortgezogen sind, sorgen ja nun für sich
-selbst und schicken zuweilen auch eine Kleinigkeit nach Hause. Barbro
-ist auf Maaneland verheiratet, und Helge ist beim Heringsfang; sie
-geben den Eltern Waren oder Geld, wenn sie es möglich machen können,
-ja, sogar Katrine, die zu Hause die Gäste bedient, hat im Winter
-einmal, als es recht trübe aussah, ihrem Vater einen Fünfkronenschein
-zustecken können. Das ist ein Mädchen! rühmte Brede, und er fragte
-nicht danach, von wem und wofür sie den Schein bekommen habe. So war
-es recht, die Kinder sollten ein Herz für ihre Eltern haben und ihnen
-beistehen!
-
-Mit seinem Sohn Helge ist Brede nicht ebenso zufrieden; zuweilen
-steht er im Kaufladen und entwickelt allen, die ihm zuhören wollen,
-seine Ansichten über die Pflichten der Kinder ihren Eltern gegenüber:
-Nehmt zum Beispiel meinen Sohn Helge. Wenn er ein bißchen Tabak
-raucht und gelegentlich einmal ein Gläschen trinkt, so hab' ich gar
-nichts dagegen, wir sind alle einmal jung gewesen. Aber er soll uns
-nicht einen Brief um den andern schicken mit nichts darin als schönen
-Grüßen. Er soll nicht die Ursache sein, daß seine Mutter weint. Das ist
-unrecht. In früherer Zeit war es anders. In früheren Zeiten waren sich
-die Kinder nicht zu gut dazu, sie gingen in einen Dienst und halfen
-ihren Eltern. So sollte es immer sein. Haben nicht Vater und Mutter sie
-unter dem Herzen getragen und blutigen Schweiß geschwitzt, bis sie sie
-großgezogen hatten? Das sollten sie nie vergessen.
-
-Es war gerade, als hätte Helge diese Rede seines Vaters mit angehört,
-denn eben jetzt kam ein Brief von ihm mit einem Geldschein, einem
-ganzen Fünfzigkronenschein. Und nun fing in der Familie Brede ein
-Herrenleben an; sie kauften in ihrem Übermut Fisch und Fleisch zum
-Mittagessen und eine Hängelampe mit Prismen dran in die beste Stube der
-Herberge.
-
-So verging ein Tag nach dem andern, und was will man mehr? Die Familie
-Brede lebte weiter, lebte von der Hand in den Mund, aber ohne sich
-große Sorgen zu machen, und was will man mehr?
-
-Das ist einmal ein seltener Besuch! rief Brede und führte Isak und
-Eleseus in die Stube mit der Prismenlampe. Aber was sehe ich! Du, Isak,
-wirst doch nicht verreisen wollen! -- Nein, ich habe nur beim Schmied
-etwas zu besorgen. -- So, dann ist es wohl Eleseus, der wieder seine
-Reise in die Städte antritt?
-
-Eleseus ist an das Leben in Gasthäusern gewöhnt, er macht sich's
-bequem, hängt seinen Überzieher und seinen Stock auf und verlangt
-Kaffee. Etwas zu essen hat der Vater mit. Katrine kommt mit Kaffee.
--- Nein, ihr dürft nichts bezahlen, erklärt Brede. Ich bin schon
-sooft in Sellanraa bewirtet worden, und bei Eleseus stehe ich auch im
-Schuldbuch. Du nimmst keine Öre, Katrine! -- Aber Eleseus bezahlt,
-er zieht den Beutel und bezahlt und gibt noch zwanzig Öre Trinkgeld.
-Nichts da! Kein Geschwätz!
-
-Isak geht zum Schmied, und Eleseus setzt sich wieder.
-
-Mit Katrine spricht er das Notwendigste, aber nicht mehr, er unterhält
-sich lieber mit ihrem Vater. Nein, Eleseus macht sich nichts aus den
-Mädchen, er ist einmal von ihnen schlecht behandelt worden, und jetzt
-will er nichts mehr von ihnen wissen. Vielleicht hat er überhaupt nie
-einen Liebesdrang gehabt, der der Rede wert gewesen wäre, da er sich
-gar nicht um sie kümmert. Ein wunderbarer Mann im Ödland, ein Herr mit
-schmächtigen Schreiberhänden und ganz weiblichem Sinn für Putz und
-Regenschirm und Spazierstock und Gummischuhe. Verschroben, verdreht,
-ein unverständlicher Junggeselle. Auf einer Oberlippe will nicht einmal
-ein rechter Bart wachsen. Aber vielleicht hatte dieser Junge einmal
-gute Anlagen gehabt, war einmal von Natur ordentlich ausgesteuert
-gewesen, war aber dann in unnatürliche Verhältnisse gekommen und zum
-Wechselbalg geworden. Ist er so fleißig auf einem Büro und in einem
-Kaufladen gewesen, daß all seine Ursprünglichkeit verlorengegangen
-ist? Vielleicht war es so. Jedenfalls ist er nun da, gewandt und
-leidenschaftslos, etwas schwächlich, etwas gleichgültig, und geht
-weiter und weiter auf seinem Abweg. Er könnte jeden einzelnen Mann im
-Ödland beneiden, allein nicht einmal dazu ist er imstande.
-
-Katrine ist daran gewöhnt, mit den Gästen zu scherzen, und nun zieht
-sie ihn auf, er wolle wohl wieder gen Süden zu seiner Liebsten? -- Ich
-habe andere Dinge im Kopf, erwidert Eleseus. Ich will Geschäfte machen,
-Verbindungen anknüpfen. -- Du mußt besseren Leuten gegenüber nicht so
-zudringlich sein, Katrine, ermahnt sie ihr Vater. Oh, Brede Olsen ist
-sehr höflich gegen Eleseus, ganz ungeheuer respektvoll. Das darf er
-auch wohl sein, es ist klug von ihm, er ist auf Storborg Geld schuldig
-und steht seinem Gläubiger gegenüber. Und Eleseus? Ho, ihm gefällt
-diese Höflichkeit, und er ist dafür gut und gnädig. Hochverehrtester!
-heißt er Brede im Spaß und spielt sich auf. Er spricht davon, daß er
-wieder seinen Regenschirm vergessen habe. Gerade in dem Augenblick,
-als wir an Breidablick vorbeifuhren, fiel mir mein Regenschirm ein! --
-Brede fragt: Ihr werdet wohl heute abend bei unserm kleinen Kaufmann
-ein Glas Toddy trinken? -- Und Eleseus antwortet: Ja, wenn ich allein
-wäre! Aber ich habe meinen Vater bei mir. -- Brede tut ganz behaglich
-und plaudert weiter: Übermorgen kommt ein Mann hierher, der wieder nach
-Amerika zurück will. -- Ist er zu Besuch daheim gewesen? -- Ja. Er
-ist vom Oberdorf. Er ist eine lange Reihe von Jahren drüben gewesen,
-aber nun hat er den Winter daheim zugebracht. Sein Koffer ist schon
-mit einer Fuhre heruntergekommen, das ist ein Riesenkoffer. -- Ich
-hab' auch schon daran gedacht, nach Amerika zu gehen, sagt Eleseus
-aufrichtig. -- Ihr? ruft Brede. Ihr habt das doch nicht nötig. -- Ich
-bliebe wahrscheinlich auch nicht für Zeit und Ewigkeit drüben, ich
-weiß nicht. Aber ich habe schon so viele Reisen gemacht, da könnte ich
-auch diese einmal machen. -- Gewiß. Und man muß drüben in dem Amerika
-wüst Geld verdienen. Nehmen wir nur einmal den Mann an, von dem ich
-vorhin gesprochen habe. Er hat jetzt im Winter droben im Oberdorf
-ein Weihnachtsvergnügen nach dem andern bezahlt, und wenn er zu mir
-kommt, so sagt er: Ich will einen ganzen Kessel Kaffee haben und allen
-Kaffeekuchen, den du hast! Ja, so sagt er. Wollt Ihr seinen Koffer
-sehen?
-
-Sie gingen in den Gang hinaus und betrachteten den Koffer. Ein wahres
-Weltwunder, glänzte auf allen Seiten von Metall und Beschlägen, mit
-drei Schnappschlössern dran, noch außer dem eigentlichen Schloß. --
-Diebssicher! sagte Brede, wie wenn er den Versuch gemacht hätte.
-
-Sie gingen wieder ins Zimmer hinein, aber Eleseus war still geworden.
-Dieser Mann aus dem Oberdorf machte ihn völlig zunichte, der trat
-auf Reisen wie der größte Beamte auf; Brede war augenscheinlich ganz
-von diesem Menschen erfüllt. Eleseus verlangte noch mehr Kaffee und
-versuchte auch reich zu tun; er verlangte Kuchen zu seinem Kaffee und
-fütterte den Hund damit. Ach ja, aber er fühlte sich dennoch gering
-und niedergeschmettert. Was war sein eigener Koffer diesem Wunderwerk
-gegenüber? Da stand er, schwarzes Wachstuch, die Ecken verstoßen
-und weiß geworden, ein Handkoffer -- bei Gott, er wollte sich einen
-prachtvollen Koffer kaufen, wenn er hinunterkam -- paßt nur auf! Gebt
-doch dem Hund nichts! sagte Brede. -- Aber Eleseus war wieder ein
-bißchen Mensch geworden und spielte sich auf. Das ist einmal ein riesig
-fetter Hund! sagte er.
-
-Von dem einen Gedanken kam er auf den andern, er brach die Unterhaltung
-mit Brede ab und ging hinaus, ging in den Schuppen zu dem Pferd. Dort
-machte er den Brief auf, den er in der Tasche hatte. Er hatte ihn nur
-eingesteckt und nicht nachgesehen, wieviel Geld er enthielt; er hatte
-solche Briefe von zu Hause schon öfters erhalten, und es waren immer
-verschiedene Geldscheine darin gewesen, eine Beisteuer zu der Reise.
-Was war aber jetzt das? Ein großes Stück graues Papier, über und über
-bemalt von der kleinen Rebekka für ihren lieben Bruder Eleseus, dabei
-ein Briefchen von der Mutter. Was sonst noch? Nichts mehr. Kein Geld.
-
-Die Mutter schrieb, sie habe den Vater nicht mehr um Geld bitten
-können, denn es sei jetzt von dem Reichtum, den sie seinerzeit für den
-Kupferberg bekommen hätten, nicht mehr viel übrig. Das Geld sei für den
-Ankauf von Storborg und seither für alle die Waren und für die vielen
-Reisen draufgegangen. Nun müsse er versuchen, sich das Geld für die
-Reise diesmal selbst zu beschaffen, denn das Geld, das jetzt noch da
-sei, müßten seine Geschwister bekommen, die dürften auch nicht ganz
-leer ausgehen. Glückliche Reise und herzliche Grüße!
-
-Kein Geld.
-
-Eleseus hatte selbst nicht genug Geld für die Reise, er hatte seine
-Ladenkasse umgekehrt, aber nicht viel darin gefunden. Ach, wie dumm war
-er gewesen; er hatte erst neulich seinem Lieferanten in Bergen einen
-Geldbrief geschickt und einige Rechnungen bezahlt. Das hätte warten
-können. Natürlich war es auch allzu sorglos von ihm gewesen, sich auf
-den Weg zu machen, ohne vorher den Brief zu öffnen, da hätte er sich
-die Wagenfahrt ins Dorf mit seinem elenden Koffer sparen können. Jetzt
-stand er da ...
-
-Der Vater kam vom Schmied zurück mit wohlgelungener Besorgung: Jensine
-wollte morgen mit ihm kommen. Seht, Jensine war durchaus nicht
-querköpfig gewesen und hatte sich nicht lange bitten lassen, sie hatte
-sofort begriffen, daß man auf Sellanraa eine Hilfe für die Sommerarbeit
-brauchte und hatte nichts dagegen, wiederzukommen. Wieder ein glatter
-Bescheid.
-
-Während der Vater erzählt, denkt Eleseus über seine eigenen
-Angelegenheiten nach. Er zeigt dem Vater den Koffer des Amerikaners und
-sagt: Ich wäre froh, wenn ich da stünde, wo dieser Koffer hergekommen
-ist! -- Und der Vater erwidert: Ja, das wäre noch nicht das schlimmste
-...
-
-Am nächsten Morgen macht sich der Vater zur Heimfahrt bereit; er
-frühstückt, spannt an und fährt beim Schmied vor, um Jensine und ihre
-Truhe abzuholen. Eleseus sieht ihnen lange nach, und als der Wagen im
-Walde verschwunden ist, bezahlt er in der Herberge und gibt wieder ein
-Trinkgeld. Laß meinen Koffer da stehen, bis ich zurückkomme, sagt er zu
-Katrine und geht fort.
-
-Wo geht Eleseus hin? Er hat nur einen Ort, wo er hingehen kann, er
-dreht um, er muß in sein Heim zurückkehren. Er nimmt den Weg hinauf
-unter die Füße und gibt sich Mühe, dem Vater und Jensine so nahe als
-möglich zu bleiben, ohne von ihnen gesehen zu werden. Er geht und
-geht, und jetzt fängt er wirklich an, jeden einzelnen Ödlandbauern zu
-beneiden.
-
-Es ist schade um Eleseus, er ist vom Leben so verdreht worden.
-
-Betreibt er denn nicht auf Storborg einen Kaufladen? Jawohl, aber
-dort Herr zu sein, das will doch gar nichts heißen, er macht zu viele
-vergnügliche Reisen, um Geschäftsverbindungen anzuknüpfen, die kosten
-zuviel, er reist nicht billig. Nur nicht kleinlich sein! sagt Eleseus
-und gibt zwanzig Öre Trinkgeld, wo zehn auch genug wären. Diesen
-flotten Herrn kann sein Geschäft nicht erhalten, er braucht Zuschuß von
-zu Hause. Jetzt erntet man auf Storborg Kartoffeln, Heu und Korn für
-den Haushalt, aber der Belag aufs Brot muß von Sellanraa kommen. Ist
-das alles? Sivert muß alle Waren umsonst von der Küste herauffahren.
-Ist das jetzt alles? Die Mutter muß ihm vom Vater das Geld zu seinen
-Reisen verschaffen. Ist das jetzt alles?
-
-Das Schlimmste kommt noch.
-
-Eleseus betreibt sein Geschäft wie ein Narr. Er fühlt sich so
-geschmeichelt, wenn die Leute aus dem Dorf zu ihm heraufkommen, um
-einzukaufen, daß er ihnen gern auf Borg gibt. Und als das einmal
-bekannt wird, kommen mehr und immer mehr und kaufen auf Borg; Eleseus
-ist entgegenkommend und borgt, sein Laden wird leer und füllt sich
-wieder. Das alles kostet Geld. Wer bezahlt? Der Vater.
-
-Im Anfang war die Mutter seine gläubige Fürsprecherin: Eleseus sei der
-helle Kopf in der Familie, man müsse ihm ordentlich vorwärts helfen.
-Bedenke nur, wie billig er Storborg bekommen hat, und wie er gleich
-haarscharf sagte, was er dafür geben wolle! Wenn der Vater meinte,
-Eleseus' Geschäft sei allmählich die reine Komödie, so erwiderte seine
-Mutter: Was ist das für ein Geschwätz! und sie gebrauchte so deutliche
-Redensarten, daß es war, als sei der gute Isak Eleseus gegenüber doch
-gar zu familiär geworden.
-
-Seht, die Mutter war selbst weggewesen und hatte Reisen gemacht, sie
-begriff, daß Eleseus hier im Ödland nicht recht gedeihen konnte, er war
-an feinere Sitten gewöhnt, hatte sich in allerlei Gesellschaftskreisen
-bewegt, und hier fehlten ihm Ebenbürtige. Allerdings, er borgte armen
-Leuten zuviel; aber das tat Eleseus nicht aus Bosheit und um seine
-Eltern zu ruinieren, er tat es aus guter und vornehmer Veranlagung,
-er hatte den Drang, den Leuten, die unter ihm standen, zu helfen.
-Du liebe Zeit, er war der einzige Mensch im Ödland mit einem weißen
-Taschentuch, das fortwährend gewaschen werden mußte. Wenn sich die
-Leute vertrauensvoll an ihn wandten und um Kredit baten und er hätte
-nein gesagt, so hätte das mißverstanden werden können, als sei er
-nicht der ausgezeichnete Mensch, für den er galt. Außerdem hatte er
-auch Pflichten als der Städter und das Genie unter den Bewohnern des
-Ödlandes.
-
-Dies alles zog die Mutter wohl in Betracht.
-
-Aber der Vater, der davon keinen Deut begriff, öffnete ihr eines Tages
-die Augen und die Ohren und sagte: Sieh her, das ist jetzt der Rest von
-dem Geld für das Kupferbergwerk. -- So, so, sagte sie. Und wo ist denn
-das andere hingekommen? -- Das hat alles Eleseus bekommen. -- Dann soll
-er endlich einmal seinen Verstand gebrauchen!
-
-Armer Eleseus, er ist zerfahren und verpfuscht. Er hätte Ödlandbauer
-bleiben sollen, jetzt ist er ein Mensch, der Buchstaben zu schreiben
-gelernt hat, er hat keinen Unternehmungsgeist, keine Tiefe. Aber ein
-kohlschwarzer Teufelskerl ist er auch nicht, er ist nicht verliebt und
-nicht ehrgeizig, er ist eigentlich gar nichts, nicht einmal ein großer
-Übeltäter.
-
-Der junge Mann hatte etwas Unglückliches, etwas Verurteiltes an
-sich, wie wenn er in seinem Innern Schaden genommen hätte. Der gute
-Bezirksingenieur aus der Stadt hätte ihn lieber in seiner Jugend
-nicht entdecken, ihn nicht zu sich nehmen und nicht etwas aus ihm
-machen sollen, da wurden dem Kinde die Wurzeln abgerissen, und es fuhr
-schlecht dabei. Alles, was er jetzt vornimmt, läßt einen Schaden bei
-ihm erkennen, etwas Dunkles auf hellem Grunde ...
-
-Eleseus geht und geht. Die beiden auf dem Wagen sind an Storborg
-vorbeigefahren. Eleseus macht einen Bogen darum herum und wandert auch
-an Storborg vorbei; was sollte er daheim in seinem Kaufladen? Die zwei
-auf dem Wagen kamen mit Anbruch der Nacht auf Sellanraa an, Eleseus
-ist ihnen dicht auf den Fersen. Er sieht, daß Sivert auf den Hofplatz
-herauskommt und verwundert Jensine betrachtet; die beiden geben
-einander die Hand und lachen ein wenig, dann nimmt Sivert das Pferd am
-Zügel und führt es in den Stall.
-
-Jetzt wagt sich auch Eleseus hervor, er, der Stolz der Familie wagt
-sich hervor. Er geht nicht, er schleicht, er trifft Sivert im Stall.
-Ich bin's nur, sagt er. -- Was, du bist auch da? ruft Sivert und ist
-von neuem verwundert.
-
-Die beiden Brüder reden leise miteinander, es handelt sich darum, ob
-Sivert wohl die Mutter dazu bringen kann, Geld herbeizuschaffen, eine
-Rettung, Reisegeld. So wie jetzt könne es nicht weitergehen.
-
-Eleseus habe es jetzt satt, er habe schon oft daran gedacht, und heute
-nacht solle es nun geschehen, eine lange Reise, Amerika, jetzt in
-dieser Nacht noch. -- Amerika! sagt Sivert laut. -- Pst! Ich habe schon
-oft daran gedacht, jetzt mußt du die Mutter dazu bringen, es geht so
-nicht weiter, ich habe schon oft daran gedacht. -- Aber Amerika! sagt
-Sivert. Nein, das darfst du nicht tun. -- Unbedingt! Ich gehe auf der
-Stelle wieder zurück, ich erreiche das Postschiff noch. -- Du wirst
-doch wohl vorher etwas essen? -- Ich bin nicht hungrig. -- Willst du
-nicht ein wenig schlafen? -- Nein.
-
-Sivert will seinem Bruder wohl und sucht ihn zurückzuhalten, allein
-Eleseus ist standhaft, zum erstenmal standhaft. Sivert ist ganz
-verwirrt, zuerst, als er Jensine sah, war ihm schon ein wenig sonderbar
-zumut geworden, und nun will Eleseus das Ödland vollständig verlassen,
-sozusagen diese Welt verlassen. -- Was willst du mit Storborg anfangen?
-fragt er. -- Andresen kann es haben, antwortet Eleseus. -- Andresen
-kann es haben, wieso denn? -- Bekommt er denn nicht Leopoldine? -- Das
-weiß ich nicht. Doch das kann wohl sein.
-
-Sie reden und reden immer leise weiter. Sivert meinte, es wäre am
-besten, wenn der Vater selbst herauskäme, so daß Eleseus mit ihm reden
-könnte; aber nein, nein! flüstert Eleseus zurück. Nein, das könne
-er nicht; er hat es noch nie vermocht, Gefahren von solcher Art ins
-Angesicht zu schauen, er hat stets einen Vermittler nötig gehabt.
-Sivert sagt: Du weißt ja, wie die Mutter ist. Mit ihr kommst du nicht
-weiter vor lauter Tränen und Zuständen, sie darf es nicht wissen. --
-Nein, sagt auch Eleseus, sie darf es nicht wissen.
-
-Sivert geht ins Haus, er bleibt eine Ewigkeit weg und kommt mit Geld
-zurück, mit viel Geld. Da sieh her, das ist alles, was er hat; meinst
-du, es sei genug? Zähl nach, er hat das Geld nicht gezählt. -- Was
-hat der Vater gesagt? -- Er hat nicht viel gesagt. Jetzt mußt du noch
-einen Augenblick warten, ich zieh nur noch etwas an und komme mit dir.
--- Das darfst du nicht, du mußt schlafen gehen. -- So? Fürchtest du
-dich vielleicht, wenn du in der Dunkelheit eine Weile allein im Stall
-bleiben sollst? fragt Sivert mit einem schwachen Versuch zu scherzen.
-
-Er bleibt nur einen Augenblick weg, kommt fertig angezogen zurück
-und bringt auch des Vaters Rucksack mit dem Mundvorrat mit. Wie sie
-hinausgehen, steht plötzlich der Vater vor ihnen: Was höre ich, du
-willst so weit fort? sagt er. -- Ja, erwiderte Eleseus, aber ich komme
-wieder. -- Ach, ich steh nur da und halte dich auf, murmelt der Alte
-und kehrt um. Glückliche Reise! ruft er noch mit sonderbar heiserer
-Stimme zurück und geht rasch seines Weges.
-
-Die Brüder wandern zusammen den Weg hinunter, und nach einer Weile
-setzen sie sich und essen. Eleseus ist hungrig, er kann kaum gesättigt
-werden. Es ist die herrlichste Frühlingsnacht, auf allen Hügeln balzen
-die Auerhähne, und dieser heimische Laut macht den Auswanderer einen
-Augenblick verzagt. Es ist schönes Wetter, sagt er. Aber jetzt mußt du
-umdrehen, Sivert. -- So, sagt Sivert und geht weiter. -- Sie kommen
-an Storborg vorbei, an Breidablick vorbei, die Auerhähne balzen auf
-dem ganzen Weg auf dem und jenem Hügel; es ist keine Hornmusik wie in
-den Städten, nein, aber es sind Stimmen, das öffentliche Aufgebot, das
-den Frühling verkündigt. Plötzlich hören sie den ersten Singvogel vom
-Gipfel eines Baumes, er weckt auch andere, sie fragen und antworten von
-allen Seiten, das ist mehr als ein Gesang, das ist ein Lobgesang. Der
-Auswanderer fühlt etwas Heimweh in sich aufsteigen, etwas Hilfloses, er
-soll nach Amerika, niemand ist dazu so reif wie er. -- Aber jetzt mußt
-du umkehren, Sivert, sagt er. -- Ja, erwiderte der Bruder, da du es
-durchaus willst.
-
-Sie setzen sich am Waldrand nieder und sehen das Dorf vor sich liegen,
-den Kaufladen, den Landungsplatz, Bredes Herberge. Beim Postschiff
-laufen einige Leute hin und her und machen sich zur Abreise fertig.
-
-Ich habe keine Zeit mehr, noch länger hier sitzenzubleiben, sagt
-Eleseus und steht wieder auf. -- Es ist recht schade, daß du so weit
-fortgehst, sagt Sivert. -- Eleseus erwidert: Aber ich komme wieder. Und
-dann reise ich nicht bloß mit einem Wachstuchkoffer.
-
-Als sie einander Lebewohl sagen, steckt Sivert dem Bruder ein kleines
-Ding zu, etwas, das in Papier gewickelt ist. -- Was ist das? fragt
-Eleseus. -- Sivert entgegnet: Schreib auch fleißig! dann geht er.
-
-Eleseus macht das Papier auf und sieht nach: es ist das Goldstück, die
-zwanzig Kronen in Gold. -- Nein, das sollst du mir nicht geben! ruft
-er dem Bruder nach. -- Aber Sivert geht weiter.
-
-Er geht eine Weile, dann dreht er um und setzt sich wieder am Waldrand
-nieder. Um das Postschiff her wird es immer lebhafter, er sieht, wie
-die Leute an Bord gehen, auch sein Bruder geht an Bord, und das Schiff
-fährt ab. Da reist Eleseus nach Amerika.
-
-Er kam niemals wieder.
-
-
-
-
-12
-
-
-Ein merkwürdiger Zug kommt nach Sellanraa herauf, vielleicht als Zug
-ein bißchen lächerlich, aber doch nicht nur lächerlich: es sind drei
-Männer mit ungeheuren Lasten auf dem Rücken, mit Säcken, die ihnen
-über die Brust und den Rücken herunterhängen. Sie gehen im Gänsemarsch
-und rufen einander Scherzworte zu, aber sie haben schwer zu tragen.
-Der kleine Ladendiener Andresen geht als erster im Zug, übrigens ist
-es auch sein Zug; er hat sich selbst, Sivert von Sellanraa und einen
-dritten, Fredrik Ström von Breidablick, zu diesem Zug ausgerüstet. Ein
-verfluchter kleiner Kerl, dieser Ladendiener Andresen; seine Schultern
-sind fast bis zur Erde gebeugt, und seine Jacke ist ihm vom Hals
-heruntergezerrt, aber er schleppt, er schleppt seine Last.
-
-Er hat nicht einfach Storborg und den Kaufladen gekauft, dazu hat er
-kein Geld, lieber wartet er eine Weile und bekommt dann vielleicht
-alles umsonst. Andresen ist kein unbrauchbarer Mensch, er hat
-einstweilen Storborg gepachtet und betreibt den Handel weiter.
-
-Er hat den ganzen Warenvorrat durchgesehen und da eine Menge
-unverkäuflicher Sachen vorgefunden, von Zahnbürsten an bis zu
-gestickten Tischläufern, ja, bis zu kleinen Vögeln auf Drähten, die
-„piep” sagten, wenn man sie an der richtigen Stelle klemmte.
-
-Mit all diesen Waren ist er jetzt auf die Wanderschaft gezogen, er will
-sie an die Grubenarbeiter jenseits des Berges verkaufen. Er hat von
-Aronsens Tagen her Erfahrung darin, daß Grubenarbeiter mit Geld in der
-Hand alles in der Welt kaufen. Jetzt ärgert er sich nur darüber, daß er
-sechs Schaukelpferde, die Eleseus auf seiner letzten Reise nach Bergen
-eingekauft hatte, zurücklassen mußte.
-
-Die Karawane kommt in den Hofraum von Sellanraa herein, und die Männer
-legen ihre Lasten ab. Sie ruhen nicht lange; nachdem sie Milch zu
-trinken bekommen und zum Spaß ihre Waren allen Leuten auf dem Hof
-angeboten haben, nehmen sie ihre Lasten wieder auf und gehen weiter.
-Sie sind nicht bloß zum Scherz ausgezogen. In südlicher Richtung durch
-den Wald schwanken sie mit ihrer Last weiter.
-
-Sie gehen bis zur Mittagszeit, essen zu Mittag und wandern dann weiter,
-bis es Abend wird. Dann machen sie ein Feuer an, lagern sich und
-schlafen eine Weile. Sivert schläft sitzend auf einem Stein, den er
-seinen Polsterstuhl nennt. Ja, Sivert versteht sich auf das Leben im
-Ödland, die Sonne hat den ganzen Tag auf den Stein gebrannt, und es
-ist gut darauf zu sitzen und zu schlafen. Seine Kameraden sind nicht
-so erfahren und nehmen auch keinen guten Rat an, sie legen sich ins
-Heidekraut und wachen frierend und niesend auf. Dann frühstücken sie
-und gehen weiter.
-
-Jetzt fangen sie an, die Ohren zu spitzen, ob sie keine Schüsse hören,
-und sie hoffen, im Laufe des Tages auf Leute zu stoßen und an die
-Gruben zu kommen. Die Arbeit kann inzwischen wohl von der See her weit
-in der Richtung auf Sellanraa zu vorgerückt sein. Sie hören keinen
-Schuß. Sie gehen bis zur Mittagszeit und begegnen keinem Menschen, aber
-sie kommen von Zeit zu Zeit an großen Löchern in der Erde vorbei, die
-die Leute zur Probe gegraben haben. Wie hängt das zusammen? Es muß
-wohl so sein, daß das Erz auf dieser Seite des Berges ganz überaus
-reich ist; es wird also im reinen, schweren Kupfer gearbeitet, und die
-Arbeiter rücken von der See her kaum vor.
-
-Nachmittags stoßen sie auf noch mehr Gruben, aber immer noch keine
-Menschen; sie gehen weiter bis zum Abend und erblicken schon das Meer
-unter sich, sie wandern durch ein Ödland von verlassenen Gruben und
-vernehmen keinen einzigen Schuß. Das ist doch gar zu merkwürdig, aber
-sie müssen noch einmal ein Feuer machen und sich wieder für die Nacht
-lagern. Sie beraten: Ist die Arbeit hier zu Ende? Sollen sie mit ihren
-Lasten wieder umkehren? Kein Gedanke! sagt der Ladendiener Andresen.
-
-Am nächsten Morgen kommt ein Mann an ihr Lager, ein blasser und
-vergrämter Mann, der die Brauen runzelt, die Leute betrachtet, sie
-mustert. Bist du das, Andresen? fragt er. Es ist Aronsen, der Kaufmann
-Aronsen; er hat nichts dagegen, von der Karawane Kaffee und etwas zu
-essen zu bekommen, und läßt sich bei den Männern nieder. Ich hab'
-euern Rauch gesehen und wollte ergründen, was das sei, erklärt er. Ich
-dachte: du wirst sehen, sie nehmen Vernunft an und beginnen wieder mit
-der Arbeit! Und nun seid nur ihr es! Wo wollt ihr hin? -- Wir wollen
-hierher. -- Was habt ihr in euren Säcken? -- Waren! -- Waren? schreit
-Aronsen. Wollt ihr hier Waren verkaufen? Hier wohnt niemand. Sie sind
-am Samstag abgezogen. -- Wer ist abgezogen? -- Alle miteinander. Hier
-ist alles leer und verlassen. Und außerdem hab' ich Waren genug; den
-ganzen Laden voll. Ihr könnt bei mir kaufen.
-
-Ach, nun ist der Kaufmann Aronsen wieder übel daran, mit dem
-Grubenbetrieb ist es zu Ende!
-
-Sie beruhigen ihn mit noch etwas mehr Kaffee und fragen ihn dann aus.
-
-Aronsen schüttelt ganz zerschmettert den Kopf: Es ist nicht zu sagen,
-es ist ganz unbegreiflich! sagt er. Alles war sehr gut gegangen, er
-hatte Waren verkauft und viel Geld eingenommen, das ganze Kirchspiel
-rund umher blühte und konnte sich weiße Grütze, ein neues Schulhaus
-und Lampen mit Prismen dran und städtisches Schuhwerk leisten. Da
-fanden die Herren plötzlich, daß es sich nicht mehr lohne, und sie
-machten Schluß. Lohnte es sich wirklich nicht mehr? Es hatte sich doch
-seither gelohnt, nicht wahr? Kam denn nicht das Kupfererz bei jeder
-Sprengung zutage? Das war einfach Betrug. Und sie bedenken nicht, daß
-sie damit einen Mann wie mich in die größten Ungelegenheiten bringen,
-sagte Aronsen. Aber es ist wohl so, wie behauptet wird, daß der Geißler
-wieder an allem schuld ist. Er ist genau in dem Augenblick gekommen,
-als die Arbeit stillgelegt wurde; es ist gerade, als ob er es gerochen
-hätte!
-
-Ist Geißler hier?
-
-Ob er hier ist! Er gehört erschossen! Er kam eines Tages mit dem
-Postschiff an und fragte den Ingenieur: Nun, wie geht's? -- Gut, soviel
-ich weiß, antwortet der Ingenieur. Aber der Geißler fragte nun noch
-einmal: So, es geht also gut? -- Ja, könnte nicht besser gehen, soviel
-ich weiß! erwiderte der Ingenieur. Na, ich danke! Als die Post geöffnet
-wurde, war ein Brief und ein Telegramm an den Ingenieur dabei, daß sich
-die Arbeit nicht mehr lohne, er solle Schluß machen.
-
-Die Teilnehmer der Karawane schauen einander an; aber der Führer, der
-schlaue Kerl Andresen, hat den Mut augenscheinlich noch nicht verloren.
--- Kehrt nur wieder um! rät Aronsen. -- Das tun wir nicht, sagt
-Andresen und packt den Kaffeekessel ein. -- Aronsen starrt alle drei
-einen nach dem andern an. Ihr seid verrückt! sagt er.
-
-Seht, der Ladendiener Andresen kümmert sich nicht sehr um seinen
-früheren Herrn, jetzt ist er selbst Herr, er hat diesen Zug in ferne
-Gaue ausgerüstet, er würde an Ansehen einbüßen, wenn er hier auf dem
-Berge umkehrte. -- Aber wo wollt ihr denn hin? fragt Aronsen erbittert.
--- Das weiß ich nicht, sagt Andresen. Aber er hat doch wohl seine
-Absicht, er denkt vielleicht an die Eingeborenen: daß er hier drei Mann
-stark mit Glasperlen und Fingerringen herkommt. -- Kommt, wir wollen
-gehen! sagt er zu seinen Kameraden.
-
-Nun hatte sich Aronsen eigentlich diesen Morgen länger draußen
-aufhalten wollen; da er einmal unterwegs war, wollte er vielleicht
-nachsehen, ob wirklich alle Gruben verlassen seien, ob es wahr sei, daß
-alle Menschen fort waren. Aber da diese Hausierer so eigensinnig sind
-und weiter wollen, wird er eigentlich an seinem Vorhaben gehindert,
-er muß ihnen immer und immer wieder von ihrem Weitermarsch abreden.
-Aronsen ist rasend, er geht vor der Karawane her den Berg hinunter,
-er dreht sich immer im Kreise und schreit ihnen zu, hält sie auf, er
-verteidigt sein Gebiet. So kommen sie zu der Barackenstadt hinunter.
-
-Da sieht es leer und trostlos aus. Die wichtigsten Geräte und Maschinen
-sind unter Dach gebracht, aber Balken, Bretter, zerbrochene Wagen,
-Kisten und Fässer liegen überall umher. An einigen Häusern prangt ein
-Plakat, das den Zutritt verbietet.
-
-Da seht ihr! ruft Aronsen. Nirgends ein Mensch! Wo wollt ihr denn hin?
-Und er droht der Karawane mit großem Unheil und mit dem Lensmann; er
-selbst wolle sie Schritt für Schritt begleiten und zusehen, ob sie
-nicht ungesetzliche Waren verkauften. Darauf stehe Zuchthaus und die
-Galeeren, bom konstant.
-
-Plötzlich wird Sivert von jemand angerufen. Die Stadt ist also doch
-nicht völlig verlassen, nicht ganz ausgestorben. Ein Mann an einer
-Hausecke winkt ihnen. Sivert schwankt mit seiner Last auf ihn zu und
-erkennt sofort, wer es ist: Es ist Geißler.
-
-Ein merkwürdiges Zusammentreffen! sagt Geißler. Er hat ein blühend
-rosiges Gesicht, aber seine Augen scheinen in der hellen Frühlingssonne
-Schaden gelitten zu haben, denn er trägt einen grauen Zwicker. Er
-spricht lebhaft wie immer. Ein glückliches Zusammentreffen! sagt
-er. Das spart mir den Weg nach Sellanraa, ich habe so viel zu
-besorgen. Wie viele Ansiedlungen sind jetzt dort auf der Allmende? --
-Zehn. -- Zehn Ansiedlungen? Das gefällt mir, da bin ich zufrieden.
-Zweiunddreißigtausend solche Männer wie dein Vater sollten im Lande
-sein, ich hab' es ausgerechnet! sagt er und nickt dazu.
-
-Kommst du, Sivert? ruft die Karawane. -- Geißler horcht auf und
-antwortet rasch: Nein! -- Ich komme nach! ruft Sivert und legt seine
-Last ab.
-
-Die beiden setzen sich und reden zusammen; über Geißler ist der Geist
-gekommen, und er schweigt nur, sooft Sivert eine kurze Antwort gibt,
-dann legt er wieder los: Ein ganz einzigartiges Zusammentreffen! Ich
-komme gar nicht davon weg! Meine ganze Reise ist so ausgezeichnet
-verlaufen, und nun treffe ich dich auch noch hier und kann mir
-den Umweg über Sellanraa sparen! Wie geht's zu Hause? -- Dank
-der Nachfrage. -- Habt ihr schon den Heuboden auf dem steinernen
-Stallgebäude aufgeschlagen? -- Ja. -- Ja, ich bin sehr überlastet, die
-Geschäfte wachsen mir allmählich über den Kopf. Sieh dir doch einmal
-an, wo wir jetzt sitzen, lieber Sivert! Auf der Ruine einer Stadt. Die
-haben nun die Menschen ihrem eigenen Vorteil gerade entgegen aufgebaut.
-Eigentlich bin ich die Ursache von dem allem, das heißt, ich bin einer
-der Vermittler in einem kleinen Komödienspiel des Schicksals. Es hat
-damit angefangen, daß dein Vater im Gebirge einige Steine fand und
-dich damit spielen ließ, als du noch ein Kind warst. Damit hat es
-angefangen. Ich wußte es ganz genau, daß diese Steine nur den Wert
-hatten, den die Menschen ihnen beilegten; gut, ich setzte einen Preis
-dafür fest und kaufte sie. Von da an gingen die Steine von Hand zu Hand
-und plünderten die Leute aus. Die Zeit verging. Vor einigen Tagen bin
-ich hier heraufgekommen, und weißt du, was ich hier will? Die Steine
-wieder zurückkaufen!
-
-Geißler schweigt und schaut Sivert an. Dabei fällt ihm auch der große
-Sack in die Augen, und er fragt plötzlich: Was hast du da? -- Waren
-antwortet Sivert. Wir wollen damit hinunter ins Kirchspiel.
-
-Geißler bezeigt keine besondere Teilnahme für diese Antwort, er hat sie
-vielleicht gar nicht gehört, er fährt fort: Ich will also die Steine
-zurückkaufen. Das letztemal ließ ich meinen Sohn verkaufen, der ist ein
-junger Mann deines Alters und weiter nichts. Er ist der Blitz in der
-Familie, ich bin der Nebel. Ich gehöre zu denen, die das Rechte wissen,
-aber es nicht tun. Er ist der Blitz, zurzeit hat er sich in den Dienst
-der Industrie gestellt. Er hat das letztemal in meinem Namen verkauft.
-Ich bin etwas, aber er ist nichts; er ist nur der Blitz, der rasche
-Mann der Gegenwart. Aber der Blitz als solcher ist unfruchtbar. Nehmen
-wir einmal euch Leute auf Sellanraa. Ihr seht alle Tage blaue Berge
-vor euch; das sind keine erfundenen Dinge, das sind alte Berge, die
-stehen da seit alter grauer Vorzeit, aber sie sind eure Kameraden. So
-geht ihr zusammen mit Himmel und Erde, seid eins mit ihnen, seid eins
-mit dieser Weite und seid bodenständig. Ihr braucht kein Schwert in der
-Faust, ihr geht unbewehrten Hauptes und mit unbewehrter Faust durchs
-Leben, umgeben von großer Freundlichkeit. Sieh, da ist die Natur, sie
-gehört dir und den Deinen. Der Mensch und die Natur bekämpfen einander
-nicht, sie geben einander recht, sie treten nicht in Wettbewerb, laufen
-nicht um die Wette irgendeinem Vorteil nach, sie gehen Hand in Hand.
-Mittendrin geht ihr Leute auf Sellanraa und gedeiht. Die Berge, der
-Wald, die Moore, die Matten, der Himmel und die Sterne -- ach, das
-alles ist nicht armselig und karg zugemessen, das ist ohne alles Maß!
-Hör auf mich, Sivert, sei zufrieden mit deinem Los! Ihr habt alles,
-was ihr zum Leben braucht, alles, wofür ihr lebt; ihr werdet geboren
-und erzeugt neue Geschlechter, ihr seid notwendig auf der Erde. Das
-sind nicht alle, aber ihr seid es: notwendig auf der Erde. Ihr erhaltet
-das Leben. Bei euch folgt ein Geschlecht dem andern, wenn das eine
-stirbt, tritt das nächste an seine Stelle. Das eben ist unter dem
-ewigen Leben zu verstehen. Und was habt ihr dafür? Ein Dasein in Recht
-und Gerechtigkeit, ein Dasein in wahrer und aufrichtiger Stellung zu
-allem. Was habt ihr weiter dafür? Nichts unterjocht und beherrscht
-euch Leute von Sellanraa, ihr habt Ruhe und Macht und Gewalt, ihr seid
-umschlossen von der großen Freundlichkeit. Das habt ihr dafür. Ihr
-liegt an einem warmen Busen und spielt mit einer weichen Mutterhand
-und trinkt euch satt. Ich denke an deinen Vater, er ist einer von den
-zweiunddreißigtausend. Was ist so mancher andere? Ich bin etwas, ich
-bin der Nebel, ich bin hier und ich bin dort, ich woge hin und her,
-zuweilen bin ich der Regen auf einer dürren Stätte. Aber die anderen?
-Mein Sohn ist der Blitz, der eigentlich nichts ist, ein nutzloses
-Aufleuchten, er kann Handel treiben. Mein Sohn ist der Typus des
-Menschen unserer Zeit, er glaubt aufrichtig an das, was die Zeit ihn
-gelehrt hat, was der Jude und der Yankee ihn gelehrt haben; ich jedoch
-schüttle den Kopf dazu. Aber ich bin nichts Geheimnisvolles, nur in
-meiner eigenen Familie bin ich der Nebel, da sitze ich und schüttle den
-Kopf. Die Sache ist die, mir fehlt die Gabe zu einem reuelosen Handeln.
-Hätte ich diese Gabe, dann könnte ich selbst der Blitz sein. So bin ich
-der Nebel.
-
-Plötzlich kommt Geißler gleichsam wieder zu sich und fragt: Habt ihr
-den Heuboden auf eurem steinernen Stallgebäude aufgeschlagen? -- Ja.
-Und der Vater hat auch noch ein Wohnhaus gebaut. -- Noch ein Wohnhaus?
--- Ja, für den Fall, daß jemand kommt, sagt er, für den Fall, daß der
-Geißler kommt, sagt er. -- Geißler denkt darüber nach und erklärt: Dann
-muß ich gewiß kommen. Doch, dann komm ich, sag das deinem Vater. Aber
-ich habe so viele Geschäfte. Jetzt bin ich hier heraufgekommen und habe
-zu dem Ingenieur gesagt: Grüßen Sie die Herren in Schweden und sagen
-Sie, ich sei Käufer. Und nun müssen wir sehen, was daraus wird. Mir
-ist es einerlei, ich habe keine Eile. Du hättest den Ingenieur sehen
-sollen! Er hat hier den Betrieb im Gang gehalten mit Menschen und
-Pferden und Geld und Maschinen und allem Zeug, er glaubte das Rechte
-zu tun, er wußte es nicht anders. Er meint, je mehr Steine er zu Geld
-mache, desto besser sei es und er tue etwas Verdienstvolles damit, daß
-er dem Kirchspiel, daß er dem Lande Geld verschafft, es rast mit ihm
-immer mehr dem Untergang entgegen, und er merkt es nicht. Nicht Geld
-braucht das Land, das Land hat Geld mehr als genug. Solche Männer, wie
-dein Vater einer ist, davon hat es nicht genug. Wenn man bedenkt, daß
-sie das Mittel zum Zweck machen und stolz darauf sind! Sie sind krank
-und verrückt, sie arbeiten nicht, sie kennen den Pflug nicht, sie
-kennen nur den Würfel. Haben sie denn keine Verdienste? sie reiben sich
-ja auf mit ihrer Narretei. Sieh sie an, setzen sie denn nicht ihr alles
-ein? Der Fehler dabei ist nur, daß dieses Spiel nicht Übermut ist,
-nicht einmal Mut, es ist Schrecken. Weißt du, was Glücksspiel ist? Es
-ist Angst, die einem den Schweiß auf die Stirne treibt, das ist es. Der
-Fehler ist, daß sie nicht im Takt mit dem Leben schreiten wollen, sie
-wollen rascher gehen als das Leben, sie jagen, sie treiben sich selbst
-wie Keile ins Leben hinein. Aber dann sagen ja ihre Flanken -- halt,
-es knackt, such einen Ausweg, halt inne, die Flanken! Dann zerbricht
-sie das Leben, höflich, aber bestimmt. Und dann beginnen die Klagen
-über das Leben, das Toben gegen das Leben. Jeder nach seinem Gefallen,
-einige haben wohl Grund zur Klage, andere nicht, aber niemand sollte
-gegen das Leben toben. Man sollte das Leben nicht hart und streng
-und gerecht beurteilen, man sollte barmherzig gegen es sein und es
-verteidigen: bedenke doch, mit welchen Mitspielern das Leben sein Spiel
-spielen muß!
-
-Geißler kommt wieder zu sich und sagt: Wir wollen das auf sich
-beruhen lassen. Er ist augenscheinlich müde, er gähnt. Willst du
-hinunter? fragt er. -- Ja. -- Das eilt nicht. Du bist mir noch einen
-weiten Gang über die Berge schuldig, lieber Sivert, weißt du noch?
-Ich erinnere mich noch an alles und jedes. Ich erinnere mich noch,
-wie ich anderthalb Jahre alt war: da stand ich schwankend auf der
-Scheunenbrücke auf dem Hof Garmo in Lom und roch einen bestimmten
-Geruch. Diesen Geruch kenne ich immer noch. Aber wir wollen auch das
-auf sich beruhen lassen. Wir hätten jetzt den Gang über die Berge
-machen können, wenn du nicht den Sack da tragen müßtest. Was hast du in
-dem Sack? -- Waren. Andresen will sie verkaufen. -- Ich bin also ein
-Mann, der das Richtige weiß, aber es nicht tut, sagt Geißler. Das ist
-buchstäblich zu verstehen. Ich bin der Nebel. An einem der nächsten
-Tage kaufe ich vielleicht den Berg wieder, das ist gar nicht unmöglich.
-Aber in diesem Falle stelle ich mich nicht hin, schaue in die Luft
-und sage: Luftbahn, Südamerika! Das ist etwas für Glücksspieler. Die
-Leute hier meinen, ich sei der leibhaftige Teufel, weil ich wußte, daß
-es hier einen Krach geben werde. Aber es ist nichts Geheimnisvolles
-an mir, die ganze Sache ist sehr einfach: die neuen Kupferlager in
-Montana. Die Yankees sind schlauere Spieler als wir, die schlagen uns
-mit ihrem Wettbewerb in Südamerika tot. Unser Erz ist zu arm. Mein
-Sohn ist der Blitz, er hörte ein Vögelchen davon singen, da bin ich
-hergeschwommen. So einfach ist es. Ich war nur den Herren in Schweden
-ein paar Stunden voraus, das ist alles.
-
-Geißler gähnt wieder, steht auf und sagt: Wenn du hinunter willst, so
-wollen wir jetzt gehen.
-
-Sie gehen miteinander den Berg hinunter, Geißler stapft hinterdrein und
-ist schlapp und müde. Die Karawane hat am Landungsplatz haltgemacht,
-der muntere Fredrik Ström ist dabei, Aronsen steigen zu lassen. Ich
-habe keinen Tabak mehr, habt ihr Tabak? -- Ich werde dir Tabak geben!
-ruft Aronsen. -- Fredrik lacht und tröstet ihn: Nehmt es doch nicht
-so schwer, Aronsen! Wir wollen jetzt nur diese Waren vor Euren Augen
-verkaufen, dann gehen wir wieder heim. -- Halt deinen ungewaschenen
-Mund! ruft Aronsen erbost. -- Hahaha, nein, Ihr sollt nicht so
-aufgeregt umherlaufen, Ihr sollt wie eine ruhige Landschaft sein!
-
-Geißler ist müde, sehr müde, nicht einmal der graue Zwicker hilft
-mehr, die Augen wollen ihm in dem hellen Frühlingsschein zufallen. Leb
-wohl, lieber Sivert! sagt er plötzlich. Nein, ich kann diesmal doch
-nicht nach Sellanraa kommen, sag das deinem Vater. Ich habe so viel zu
-besorgen. Aber sag ihm, daß ich später einmal komme. --
-
-Aronsen spuckt hinter ihm aus und sagt noch einmal: Er gehört
-totgeschossen!
-
-In drei Tagen verkauft die Karawane ihre Säcke leer und bekommt gute
-Preise. Es wurde ein glänzendes Geschäft. Die Leute des Kirchspiels
-hatten noch herrlich viel Geld trotz des Krachs und waren in
-bester Übung, es auszugeben; sie brauchten diese Vögel auf Draht
-notwendig, sie stellten sie auf ihre Kommoden und kauften auch schöne
-Papiermesser, um ihre Kalender damit aufzuschneiden. Aronsen tobte:
-Als ob ich nicht geradeso schöne Sachen in meinem Laden hätte!
-
-Der Kaufmann Aronsen war in großer Not, er wollte ja dabeisein und
-diese Hausierer bewachen, aber die trennten sich, und jeder ging
-allein seines Wegs, und er hätte sich in Stücke reißen müssen, um
-allen dreien nachzulaufen. So gab er zuerst Fredrik Ström auf, der das
-ungewaschenste Mundwerk hatte, dann Sivert, der ihm niemals auch nur
-ein einziges Wort erwiderte, sondern nur immer verkaufte. Aronsen zog
-vor, seinem alten Ladendiener Andresen nachzulaufen und in den Häusern
-gegen ihn zu arbeiten. Oh, aber der Ladendiener Andresen kannte ja
-seinen alten Herrn und dessen Unwissenheit in Beziehung aufs Geschäft
-und auf verbotene Waren. So, englischer Faden ist nicht verboten?
-fragte Aronsen und stellte sich kundig. -- Doch, erwiderte Andresen.
-Ich habe aber auch keine einzige Fadenrolle hier. Die kann ich im
-Ödland auch verkaufen. Ich habe keine einzige Fadenrolle, da seht
-selbst! -- Das ist schon möglich. Aber du siehst, ich weiß auch, was
-verboten ist, da machst du mir nichts weis.
-
-Einen Tag lang hielt es Aronsen aus, dann gab er auch Andresen auf und
-ging heim. Die Hausierer hatten jetzt keine Aufsicht mehr.
-
-Und von nun an ging alles ausgezeichnet. In jenen Tagen trugen die
-Frauen falsche Haarzöpfe, und der Ladendiener Andresen war ein Meister
-darin, solche Zöpfe zu verkaufen, ja, im Notfall verkaufte er helle
-Zöpfe an schwarzhaarige Mädchen und bedauerte nur, daß er nicht noch
-hellere Zöpfe habe, oder graue, die die teuersten seien. Jeden Abend
-kamen die drei jungen Männer an einem vorher bestimmten Platz zusammen
-und erstatteten Bericht und halfen einander mit nicht ausverkauften
-Sachen aus, und Andresen setzte sich dann gerne mit einer Feile in der
-Hand hin und feilte eine deutsche Fabrikmarke auf einer Jagdflinte aus
-oder entfernte den Namen Faber von den Bleistiften. Andresen war und
-blieb ein Teufelskerl.
-
-Sivert dagegen war eine Enttäuschung. Nicht als ob er faul gewesen wäre
-und keine Waren abgesetzt hätte, er setzte sogar die meisten ab. Aber
-er bekam zuwenig Geld dafür. Du sprichst nicht genug, erklärte Andresen.
-
-Nein, Sivert hielt keine langen Reden, er war ein Ödlandbauer, war
-wortkarg und gelassen. Was war da lange zu schwatzen? Außerdem wollte
-Sivert bis zum Sonntag fertig sein und wieder nach Hause gehen,
-es gab gar viel Arbeit auf dem Ödland. -- Die Jensine zieht ihn,
-behauptete Fredrik Ström. -- Derselbe Fredrik hatte übrigens selbst
-die Frühjahrsbestellung zu besorgen und wenig Zeit zu verlieren, aber
-trotzdem mußte er am letzten Tag noch zu Aronsen gehen und eine Weile
-mit ihm streiten. Ich will ihm die leeren Säcke verkaufen, sagte er.
-
-Andresen und Sivert gingen wieder hinaus und warteten auf ihn. Sie
-hörten den herrlichsten Wortwechsel aus dem Kaufladen herausdringen und
-ab und zu auch Fredriks Gelächter. Dann machte Aronsen seine Ladentür
-auf und wies den Gast hinaus. Oh, aber Fredrik kam nicht, nein, er ließ
-sich Zeit und redete in einem fort; das letzte, was sie hörten, war,
-daß er den Versuch machte, die Schaukelpferde an Aronsen zu verhandeln.
-
-Dann zog die Karawane heimwärts, drei junge Männer voll Jugendlust
-und Gesundheit. Sie sangen, während sie dahinschritten, schliefen
-eine Weile im Gebirge und wanderten dann weiter. Als sie am Montag
-in Sellanraa ankamen, hatte Isak mit dem Säen begonnen. Es war das
-richtige Wetter dazu: feuchte Luft, dann und wann drang die Sonne
-durch, und ein ungeheurer Regenbogen spannte sich über den Himmel hin.
-
-Die Karawane löste sich auf: Leb wohl, leb wohl! ...
-
-Dort schreitet Isak übers Feld und sät, er ist ein Mühlengeist von
-Gestalt, ein Klotz. Er trägt hausgewebte Kleider, die Wolle stammt von
-seinen eigenen Schafen, die Stiefel stammen von seinen eigenen Kälbern
-und Kühen. Er geht nach frommer Sitte barhaupt, während er sät; auf dem
-Wirbel ist er kahl, sonst aber überaus haarig, ein ganzer Kranz von
-Haar und Bart steht um seinen Kopf. Das ist Isak der Markgraf.
-
-Er wußte selten das genaue Datum, wozu hätte er es wissen sollen? Er
-hatte keine Papiere einzulösen. Die Kreuze im Kalender zeigten an,
-wann jede Kuh kalben sollte. Aber er wußte, daß bis zum Sankt-Olafstag
-im Herbst alles Heu hereingebracht sein mußte, und er wußte, wann im
-Frühjahr der Viehmarkt war und daß drei Wochen danach der Bär aus
-seiner Höhle ging. Da mußte die Saat in der Erde sein. Das Notwendige
-wußte er.
-
-Er ist Ödlandbauer bis in die Knochen und Landwirt vom Scheitel bis
-zur Sohle. Ein Wiedererstandener aus der Vorzeit, der in die Zukunft
-hinausdeutet, ein Mann aus der Zeit des Ackerbaus, ein Landnamsmann,
-neunhundert Jahre alt und doch auch wieder der Mann des Tages.
-
-Nein, er hatte nichts mehr übrig von dem Geld für den Kupferberg, das
-war in alle Winde verflogen. Und wer hatte jetzt noch etwas davon, da
-der Berg wieder verlassen war? Aber die Allmende liegt da und trägt
-zehn Neusiedlungen und wartet auf weitere Hunderte.
-
-Wächst und gedeiht hier nichts? Hier wächst und gedeiht alles, Menschen
-und Tiere und die Früchte des Feldes. Isak sät. Die Abendsonne
-bescheint das Korn, er streut es im Bogen aus seiner Hand, und wie ein
-Goldregen sinkt es auf die Erde. Da kommt Sivert und eggt, nachher
-walzt er, dann eggt er wieder. Der Wald und die Berge stehen da und
-schauen zu, alles ist Macht und Hoheit, hier ist ein Zusammenhang und
-ein Ziel.
-
-Klingeling! sagen die Kuhglocken auf den Halden, sie kommen näher
-und näher, das Vieh zieht seinem Stalle zu. Es sind fünfzehn Kühe
-und fünfundvierzig Stück Kleinvieh, im ganzen sechzig Stück Vieh. Da
-gehen die Frauen mit ihren Melkkübeln dem Sommerstall zu, sie tragen
-sie am Joch über den Schultern, es ist Leopoldine, Jensine und die
-kleine Rebekka. Alle drei gehen barfuß. Die Markgräfin, Inger selbst,
-ist nicht mit dabei, sie ist im Haus, sie kocht das Abendessen; hoch
-und stattlich schreitet sie durch ihr Haus, eine Vestalin, die das
-Feuer in einem Kochherd unterhält. Nun, Inger ist auf das weite Meer
-hinausgesegelt, sie ist in der Stadt gewesen, jetzt ist sie wieder
-daheim. Die Welt ist weit, es wimmelt auf ihr von Punkten, Inger hat
-mitgewimmelt. Sie war beinahe ein Nichts unter den Menschen, nur ein
-einzelner unter ihnen.
-
-Und nun wird es Abend.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
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-zugesandt.
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- Druck von
- A. Seydel & Cie. Aktiengesellschaft,
- Berlin ~SW~ 61
-
-
-
-
- +----------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |
- | gebräuchlich waren, wie: |
- | |
- | anderen -- andern |
- | daheimbleiben -- daheim bleiben |
- | Felsenspalte -- Felsspalte |
- | Kindesleiche -- Kindsleiche |
- | Lensmannes -- Lensmanns |
- | Mühlengeist -- Mühlgeist |
- | sollest -- sollst |
- | unserem -- unserm |
- | |
- | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |
- | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
- | |
- | S. 29 »halbangekleidet« in »halb angekleidet« geändert. |
- | S. 48 »wie wie du selbst« in »wie du selbst« geändert. |
- | S. 152 »Aband« in »Abend« geändert. |
- | S. 168 »Gebirgsee« in »Gebirgssee« geändert. |
- | S. 170 »bei sei« in »bei sich« geändert. |
- | S. 197 »Handwerkzeug« in »Handwerkszeug« geändert. |
- | S. 205 »Gofolgschaft« in »Gefolgschaft« geändert. |
- | S. 236 »mit mit Eleseus« in »mit Eleseus« geändert. |
- | S. 281 »bemerkstelligen« in »bewerkstelligen« geändert. |
- | S. 338 »Inge« in »Inger« geändert. |
- | S. 339 »Tausendsasa« in »Tausendsassa« geändert. |
- | S. 366 »Jetzt aben« in »Jetzt aber« geändert. |
- | S. 407 »Tröpfen Kaffee« in »Tröpfchen Kaffee« geändert. |
- | S. 418 »keinen Öre« in »keine Öre« geändert. |
- | S. 439 »Aronson« in »Aronsen« geändert. |
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-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SEGEN DER ERDE ***
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