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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:27:55 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Einige Gedichte + +Author: Johann Christoph Friedrich von Schiller + +Posting Date: March 19, 2014 [EBook #6649] +Release Date: October, 2004 +First Posted: January 9, 2003 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINIGE GEDICHTE *** + + + + +Produced by Delphine Lettau (for finding a huge collection +of ancient German books in London.) HTML version by Al +Haines. + + + + + + + + + + + + Einige Gedichte + + Friedrich von Schiller + + + Inhalt: + + Abschied vom Leser + Amalia + An den Frühling + An die Astronomen + An einen Moralisten + Bittschrift + Das Geheimnis + Das Glück der Weisheit + Das Lied von der Glocke + Das Mädchen aus der Fremde + Das Mädchen von Orleans + Das Spiel des Lebens + Das verschleierte Bild zu Sais + Der Abend + Die Antiken zu Paris + Die schönste Erscheinung + Die Weltweisen + Epigramme Friedrich Schiller + Forum des Weibes + Odysseus + Sehnsucht + Spinoza + Thekla + Triumph der Liebe + Weibliches Urteil + Winternacht + Zum Geburtstag der Frau Griesbach + + + + Abschied vom Leser + + + Die Muse schweigt. Mit jungfräulichen Wangen, + Erröten im verschämten Angesicht, + Tritt sie vor dich, ihr Urteil zu empfangen; + Sie achtet es, doch fürchtet sie es nicht. + Des guten Beifall wünscht sie zu erlangen, + Den Wahrheit rührt, den Flimmer nicht besticht; + Nur wem ein Herz, empfänglich für das Schöne, + Im Busen schlägt, ist wert, dass er sie kröne. + + Nicht länger wollen diese Lieder leben, + Als bis ihr Klang ein fühlend Herz erfreut, + Mit schönern Phantasien es umgeben, + Zu höheren Gefühlen es geweiht; + Zur fernen Nachwelt wollen sie nicht schweben, + Sie tönten, sie verhallen in der Zeit. + Des Augenblickes Lust hat sie geboren, + Sie fliehen fort im leichten Tanz der Horen. + + Der Lenz erwacht, auf den erwärmten Triften + Schießt frohes Leben jugendlich hervor, + Die Staude würzt die Luft mit Nektardüften, + Den Himmel füllt ein muntrer Sängerchor. + Und jung und alt ergeht sich in den Lüften + Und freuet sich und schwelgt mit Aug und Ohr. + Der Lenz entflieht! Die Blume schießt in Samen, + Und keine bleibt von allen, welche kamen. + + + + Amalia + + + Schön wie Engel voll Walhallas Wonne, + Schön vor allen Jünglingen war er, + Himmlisch mild sein Blick, wie Maiensonne, + Rückgestrahlt vom blauen Spiegelmeer. + Seine Küsse--paradiesisch Fühlen! + Wie zwo Flammen sich ergreifen, wie + Harfentöne in einander spielen + Zu der himmelvollen Harmonie-- + Stürzten, flogen, schmolzen Geist und Geist zusammen, + Lippen, Wangen brannten, zitterten, + Seele rann in Seele--Erd' und Himmel schwammen + Wie zerronnen um die Liebenden! + Er ist hin--vergebens, ach! vergebens + Stöhnet ihm der bange Seufzer nach! + Er ist hin, und alle Lust des Lebens + Wimmert hin in ein verlornes Ach! + + + + An den Frühling + + + Willkommen schöner Jüngling! + Du Wonne der Natur! + Mit deinem Blumenkörbchen + Willkommen auf der Flur! + + Ei! Ei! Da bist du wieder! + Und bist so lieb und schön! + Und freun wir uns so herzlich, + Entgegen dir zu gehen. + Denkst auch noch an mein Mädchen? + Ei, lieber, denke doch! + Dort liebte mich das Mädchen, + Und 's Mädchen liebt mich noch! + + Fürs Mädchen manches Blümchen + Erbat ich mir von dir-- + Ich komm und bitte wieder, + Und du?--du gibst es mir? + + Willkommen schöner Jüngling! + Du Wonne der Natur! + Mit deinem Blumenkörbchen + Willkommen auf der Flur! + + + + An die Astronomen + + + Schwatzet mir nicht so viel von Nebelflecken und Sonnen! + Ist die Natur nur groß, weil sie zu zählen euch gibt? + Euer Gegenstand ist der erhabenste freilich im Raume; + Aber, Freunde, im Raum wohnt das Erhabene nicht. + + + + An einen Moralisten + + + Was zürnst du unsrer frohen Jugendweise + Und lehrst, daß Lieben Tändeln sei? + Du starrest in des Winters Eise + Und schmälest auf den goldnen Mai. + + Einst, als du noch das Nymphenvolk bekriegtest, + Ein Held des Karnevals den deutschen Wirbel flogst, + Ein Himmelreich in beiden Armen wiegtest + Und Nektarduft von Mädchenlippen sogst-- + + Ha Seladon! wenn damals aus den Achsen + Gewichen wär der Erde schwerer Ball, + Im Liebesknäul mit Julien verwachsen + Du hättest überhört den Fall! + + O denk zurück nach deinen Rosentagen + Und lerne: die Philosophie + Schlägt um, wie unsre Pulse anders schlagen; + Zu Göttern schaffst du Menschen nie. + + Wohl, wenn ins Eis des klügelnden Verstandes + Das warme Blut ein bißchen muntrer springt! + Laß den Bewohnern eines bessern Landes, + Was nie dem Sterblichen gelingt. + + Zwingt doch der irdische Gefährte + Den gottgebornen Geist in Kerkermauren ein, + Er wehrt mir, daß ich Engel werde, + Ich will ihm folgen, Mensch zu sein. + + + + Bittschrift + + + Dumm ist mein Kopf und schwer wie Blei, + Die Tobaksdose ledig, + Mein Magen leer--der Himmel sei + Dem Trauerspiele gnädig. + + Ich kratze mit dem Federkiel + Auf den gewalkten Lumpen; + Wer kann Empfindung und Gefühl + Aus hohlem Herzen pumpen? + + Feu'r soll ich gießen aufs Papier + Mit angefrornem Finger?-- + O Phöbus, hassest du Geschmier, + So wärm auch deine Sänger. + + Die Wäsche klatscht vor meiner Tür, + Es scharrt die Küchenzofe. + Und mich--mich ruft das Flügeltier + Nach König Philipps Hofe. + + Ich steige mutig auf das Roß; + In wenigen Sekunden + Seh ich Madrid--Am Königsschloß + Hab ich es angebunden. + + Ich eile durch die Galerie + Und--siehe da!--belausche + Die junge Fürstin Eboli + In süßem Liebesrausche. + + Jetzt sinkt sie an des Prinzen Brust + Mit wonnevollem Schauer, + In i h r e n Augen Götterlust, + Doch in den s e i n e n Trauer. + + Schon ruft das schöne Weib Triumph, + Schon hör ich--Tod und Hölle! + Was hör ich?--einen nassen Strumpf + Geworfen in die Welle. + + Und weg ist Traum und Feerei-- + Prinzessin, Gott befohlen! + Der Teufel soll die Dichterei + Beim Hemdenwaschen holen. + + + Das Geheimnis + + + Sie konnte mir kein Wörtchen sagen, + Zu viele Lauscher waren wach; + Den Blick nur durft ich schüchtern fragen, + Und wohl verstand ich, was er sprach. + Leis komm ich her in deine Stille, + Du schön belaubtes Buchenzelt, + Verbirg in deiner grünen Hülle + Die Liebenden dem Aug der Welt. + + Von ferne mit verworrnem Sausen + Arbeitet der geschäft'ge Tag, + Und durch der Stimmen hohles Brausen + Erkenn ich schwerer Hämmer Schlag. + So sauer ringt die kargen Lose + Der Mensch dem harten Himmel ab, + Doch leicht erworben, aus dem Schoße + Der Götter fällt das Glück herab. + + Daß ja die Menschen nie es hören, + Wie treue Lieb uns still beglückt! + Sie können nur die Freude stören, + Weil Freude nie sie selbst entzückt. + Die Welt wird nie das Glück erlauben, + Als Beute wird es nur gehascht, + Entwenden mußt du's oder rauben, + Eh dich die Mißgunst überrascht. + + Leis auf den Zehen kommt's geschlichen, + Die Stille liebt es und die Nacht, + Mit schnellen Füßen ist's entwichen, + Wo des Verräters Auge wacht. + O schlinge dich, du sanfte Quelle, + Ein breiter Strom um uns herum, + Und drohend mit empörter Welle + Verteidige dies Heiligtum! + + + + Das Glück der Weisheit + + + Entzweit mit einem Favoriten, + Flog einst Fortun der Weisheit zu: + "Ich will dir meine Schätze bieten, + Sei meine Freundin du! + + Mit meinen reichsten, schönsten Gaben + Beschenkt ich ihn so mütterlich, + Und sieh, er will noch immer haben + Und nennt noch geizig mich. + + Komm, Schwester, laß uns Freundschaft schließen, + Du marterst dich an deinem Pflug; + In deinen Schoß will ich sie gießen, + Hier ist für dich und mich genug." + + Sophia lächelt diesen Worten + Und wischt den Schweiß vom Angesicht: + Dort eilt dein Freund, sich zu ermorden, + Versöhnet euch!--ich brauch dich nicht." + + + + Das Lied von der Glocke + + + Vivos voco. Mortuos plango. Fulgura frango. + + Fest gemauert in der Erden + Steht die Form, aus Lehm gebrannt. + Heute muß die Glocke werden, + Frisch, Gesellen! seid zur Hand. + Von der Stirne heiß + Rinnen muß der Schweiß, + Soll das Werk den Meister loben, + Doch der Segen kommt von oben. + Zum Werke, das wir ernst bereiten, + Geziemt sich wohl ein ernstes Wort; + Wenn gute Reden sie begleiten, + Dann fließt die Arbeit munter fort. + So laßt uns jetzt mit Fleiß betrachten, + Was durch die schwache Kraft entspringt, + Den schlechten Mann muß man verachten, + Der nie bedacht, was er vollbringt. + Das ists ja, was den Menschen zieret + Und dazu ward ihm der Verstand, + Daß er im innern Herzen spüret, + Was er erschafft mit seiner Hand. + + Nehmet Holz vom Fichtenstamme, + Doch recht trocken laßt es sein, + Daß die eingepreßte Flamme + Schlage zu dem Schwalch hinein. + Kocht des Kupfers Brei, + Schnell das Zinn herbei, + Daß die zähe Glockenspeise + Fließe nach der rechten Weise. + + Was in des Dammes tiefer Grube + Die Hand mit Feuers Hilfe baut, + Hoch auf des Turmes Glockenstube + Da wird es von uns zeugen laut. + Noch dauern wirds in späten Tagen + Und rühren vieler Menschen Ohr, + Und wird mit dem Betrübten klagen, + Und stimmen zu der Andacht Chor. + Was unten tief dem Erdensohne + Das wechselnde Verhängnis bringt, + Das schlägt an die metallne Krone, + Die es erbaulich weiter klingt. + + Weiße Blasen seh ich springen, + Wohl! die Massen sind im Fluß. + Laßt's mit Aschensalz durchdringen, + Das befördert schnell den Guß. + Auch von Schaume rein + Muß die Mischung sein, + Daß vom reinlichen Metalle + Rein und voll die Stimme schalle. + + Denn mit der Freude Feierklange + Begrüßt sie das geliebte Kind + Auf seines Lebens erstem Gange, + Den es in Schlafes Arm beginnt; + Ihm ruhen noch im Zeitenschoße + Die schwarzen und die heitern Lose, + Der Mutterliebe zarte Sorgen + Bewachen seinen goldnen Morgen-- + Die Jahre fliehen pfeilgeschwind. + Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe, + Er stürmt ins Leben wild hinaus, + Durchmißt die Welt am Wanderstabe, + Fremd kehrt er heim ins Vaterhaus, + Und herrlich, in der Jugend Prangen, + Wie ein Gebild aus Himmels Höhn, + Mit züchtigen, verschämten Wangen + Sieht er die Jungfrau vor sich stehn. + Da faßt ein namenloses Sehnen + Des Jünglings Herz, er irrt allein, + Aus seinen Augen brechen Tränen, + Er flieht der Brüder wilden Reihn. + Errötend folgt er ihren Spuren, + Und ist von ihrem Gruß beglückt; + Das Schönste sucht er auf den Fluren, + Womit er seine Liebe schmückt. + O! zarte Sehnsucht, süßes Hoffen, + Der ersten Liebe goldne Zeit, + Das Auge sieht den Himmel offen, + Es schwelgt das Herz in Seligkeit, + O! daß sie ewig grünen bliebe, + Die schöne Zeit der jungen Liebe! + + Wie sich schon die Pfeifen bräunen! + Dieses Stäbchen tauch ich ein, + Sehn wir's überglast erscheinen + Wirds zum Gusse zeitig sein. + Jetzt, Gesellen, frisch! + Prüft mir das Gemisch, + Ob das Spröde mit dem Weichen + Sich vereint zum guten Zeichen. + + Denn wo das Strenge mit dem Zarten, + Wo Starkes sich und Mildes paarten, + Da gibt es einen guten Klang. + Drum prüfe, wer sich ewig bindet, + Ob sich das Herz zum Herzen findet! + Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang. + Lieblich in der Bräute Locken + Spielt der jungfräuliche Kranz, + Wenn die hellen Kirchenglocken + Laden zu des Festes Glanz. + Ach! des Lebens schönste Feier + Endigt auch den Lebensmai, + Mit dem Gürtel, mit dem Schleier + Reißt der schöne Wahn entzwei. + Die Leidenschaft flieht, + Die Liebe muß bleiben, + Die Blume verblüht, + Die Frucht muß treiben. + Der Mann muß hinaus + Ins feindliche Leben, + Muß wirken und streben + Und pflanzen und schaffen, + Erlisten, erraffen, + Muß wetten und wagen + Das Glück zu erjagen. + Da strömet herbei die unendliche Gabe, + Es füllt sich der Speicher mit köstlicher Habe, + Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus. + Und drinnen waltet + Die züchtige Hausfrau, + Die Mutter der Kinder, + Und herrschet weise + Im häuslichen Kreise, + Und lehret die Mädchen, + Und wehret den Knaben, + Und reget ohn Ende + Die fleißigen Hände, + Ünd mehrt den Gewinn + Mit ordnendem Sinn. + Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden, + Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden, + Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein + Die schimmernde Wolle, den schneeigten Lein, + Und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer, + Und ruhet nimmer. + Und der Vater mit frohem Blick + Von des Hauses weitschauendem Giebel + Überzählet sein blühend Glück, + Siehet der Pfosten ragende Bäume, + Und der Scheunen gefüllte Räume + Und die Speicher, vom Segen gebogen, + Und des Kornes bewegte Wogen, + Rühmt sich mit stolzem Mund: + Fest wie der Erde Grund + Gegen des Unglücks Macht + Steht mit des Hauses Pracht!-- + Doch mit des Geschickes Mächten + Ist kein ew'ger Bund zu flechten, + Und das Unglück schreitet schnell. + + Wohl! Nun kann der Guß beginnen, + Schön gezacket ist der Bruch. + Doch, bevor wir's lassen rinnen, + Betet einen frommen Spruch! + Stoßt den Zapfen aus! + Gott bewahr das Haus. + Raudlend in des Henkels Bogen + Schießts mit feuerbraunen Wogen. + + Wohltätig ist des Feuers Macht, + Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht, + Und was er bildet, was er schafft, + Das dankt er dieser; + Doch furchtbar wird die Himmelskraft, + Wenn sie der Fessel sich entrafft, + Einhertritt auf der eignen Spur + Die freie Tochter der Natur. + Wehe, wenn sie losgelassen + Wachsend ohne Widerstand + Durch die volkbelebten Gassen + Wälzt den ungeheuren Brand! + Denn die Elemente hassen + Das Gebild der Menschenhand. + Aus der Wolke + Quillt der Segen, + Strömt der Regen, + Aus der Wolke, ohne Wahl, + Zuckt der Strahl! + Hört ihr's wimmern hoch vom Turm! + Das ist Sturm! + Rot wie Blut + Ist der Himmel, + Das ist nicht des Tages Glut! + Welch Getümmel + Straßen auf! + Dampf wallt auf! + Flackernd steigt die Feuersäule, + Durch der Straßen lange Zeile + Wächst es fort mit Windeseile, + Kochend wie aus Ofens Rachen + Glühn die Lüfte, Balken krachen, + Pfosten stürzen, Fenster klirren, + Kinder jammern, Mütter irren, + Tiere wimmern + Unter Trümmern, + Alles rennet, rettet, flüchtet, + Taghell ist die Nacht gelichtet, + Durch der Hände lange Kette + Um die Wette + Fliegt der Eimer, hoch im Bogen + Sprützen Quellen, Wasserwogen. + Heulend kommt der Sturm geflogen, + Der die Flamme brausend sucht, + Prasselnd in die dürre Frucht + Fällt sie, in des Speichers Räume, + In der Sparren dürre Bäume, + Und als wollte sie im Wehen + Mit sich fort der Erde Wucht + Reißen, in gewaltger Flucht, + Wächst sie in des Himmels Höhen + Riesengroß! + Hoffnungslos + Weicht der Mensch der Götterstärke, + Müßig sieht er seine Werke + Und bewundernd untergehn. + Leergebrannt + Ist die Stätte, + Wilder Stürme rauhes Bette, + In den öden Fensterhöhlen + Wohnt das Grauen, + Und des Himmels Wolken schauen + Hoch hinein. + Einen Blick + Nach dem Grabe + Seiner Habe + Sendet noch der Mensch zurück-- + Greift fröhlich dann zum Wanderstabe, + Was Feuers Wut ihm auch geraubt, + Ein süßer Trost ist ihm geblieben, + Er zählt die Häupter seiner Lieben + Und sieh! ihm fehlt kein teures Haupt. + + In die Erd ist's aufgenommen, + Glücklich ist die Form gefüllt, + Wirds auch schön zu Tage kommen, + Daß es Fleiß und Kunst vergilt? + Wenn der Guß mißlang? + Wenn die Form zersprang? + Ach, vielleicht indem wir hoffen + Hat uns Unheil schon getroffen. + + Dem dunkeln Schoß der heilgen Erde + Vertrauen wir der Hände Tat, + Vertraut der Sämann seine Saat + Und hofft, daß sie entkeimen werde + Zum Segen, nach des Himmels Rat. + Noch köstlicheren Samen bergen + Wir traurend in der Erde Schoß, + Und hoffen, daß er aus den Särgen + Erblühen soll zu schönerm Los. + Von dem Dome + Schwer und bang + Tönt die Glocke + Grabgesang. + Ernst begleiten ihre Trauerschläge + Einen Wandrer auf dem letzten Wege. + Ach! die Gattin ists, die teure, + Ach! es ist die treue Mutter, + Die der schwarze Fürst der Schatten + Wegführt aus dem Arm des Gatten, + Aus der zarten Kinder Schar, + Die si.e blühend ihm gebar, + Die sie an der treuen Brust + Wachsen sah mit Mutterlust-- + Ach! des Hauses zarte Bande + Sind gelöst auf immerdar, + Denn sie wohnt im Scha.ttenlande, + Die des Hauses Mutter war, + Denn es fehlt ihr treues Walten, + Ihre Sorge wacht nicht mehr, + An verwaister Stätte schalten + Wird die Fremde, liebeleer. + + Bis die Glocke sich verkühlet + Laßt die strenge Arbeit ruhn, + Wie im Laub der Vogel spielet + Mag sich jeder gütlich tun. + Winkt der Sterne Licht, + Ledig aller Pflicht + Hört der Bursch die Vesper schlagen, + Meister muß sich immer plagen. + + Munter fördert seine Schritte + Fern im wilden Forst der Wandrer + Nach der lieben Heimathütte. + Blöckend ziehen heim die Schafe, + Und der Rinder + Breitgestirnte glatte Scharen + Kommen brüllend, + Die gewohnten Ställe füllend. + Schwer herein + Schwankt der Wagen, + Kornbeladen, + Bunt von Farben + Auf den Garben + Liegt der Kranz, + Und das junge Volk der Schnitter + Fliegt zum Tanz. + Markt und Straße werden stiller, + Um des Lichts gesellge Flamme + Sammeln sich die Hausbewohner, + Und das Stadttor schließt sich knarrend. + Schwarz bedecket + Sich die Erde, + Doch den sichern Bürger schrecket + Nicht die Nacht, + Die den Bösen gräßlich wecket, + Denn das Auge des Gesetzes wacht. + Heilge Ordnung, segenreiche + Himmelstochter, die das Gleiche + Frei und leicht und freudig bindet, + Die der Städte Bau gegründet, + Die herein von den Gefilden + Rief den ungesellgen Wilden, + Eintrat in der Menschen Hütten, + Sie gewöhnt' zu sanften Sitten + Und das teuerste der Bande + Wob, den Trieb zum Vaterlande! + + Tausend fleißge Hände regen, + Helfen sich in munterm Bund + Und in feurigem Bewegen + Werden alle Kräfte kund. + Meister rührt sich und Geselle + In der Freiheit heilgem Schutz. + Jeder freut sich seiner Stelle, + Bietet dem Verächter Trutz. + Arbeit ist des Bürgers Zierde, + Segen ist der Mühe Preis, + Ehrt den König seine Würde, + Ehret uns der Hände Fleiß. + + Holder Friede, + Süße Eintracht, + Weilet, weilet + Freundlich über dieser Stadt! + Möge nie der Tag erscheinen, + Wo des rauhen Krieges Horden + Dieses stille Tal durchtoben, + Wo der Himmel, + Den des Abends sanfte Röte + Lieblich malt, + Von der Dörfer, von der Städte + Wildem Brande schrecklich strahlt! + + Nun zerbrecht mir das Gebäude, + Seine Absicht hats erfüllt, + Daß sich Herz und Auge weide + An dem wohlgelungnen Bild. + Schwingt den Hammer, schwingt, + Bis der Mantel springt, + Wenn die Glock soll auferstehen + Muß die Form in Stücken gehen. + + Der Meister kann die Form zerbrechen + Mit weiser Hand, zur rechten Zeit, + Doch wehe, wenn in Flammenbächen + Das glühnde Erz sich selbst befreit! + Blindwütend mit des Donners Krachen + Zersprengt es das geborstne Haus, + Und wie aus offnem Höllenrachen + Speit es Verderben zündend aus; + Wo rohe Kräfte sinnlos walten, + Da kann sich kein Gebild gestalten, + Wenn sich die Völker selbst befrein, + Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn. + + Weh, wenn sich in dem Schoß der Städte + Der Feuerzunder still gehäuft, + Das Volk, zerreißend seine Kette, + Zur Eigenhilfe schrecklich greift! + Da zerret an der Glocke Strängen + Der Aufruhr, daß sie heulend schallt, + Und nur geweiht zu Friedensklängen + Die Losung anstimmt zur Gewalt. + + Freiheit und Gleichheit! hört man schallen, + Der ruh'ge Bürger greift zur Wehr; + Die Straßen füllen sich, die Hallen, + Und Würgerbanden ziehn umher, + Da werden Weiber zu Hyänen + Und treiben mit Entsetzen Scherz, + Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen, + Zerreißen sie des Feindes Herz. + Nichts Heiliges ist mehr, es lösen + Sich alle Bande frommer Scheu, + Der Gute räumt den Platz dem Bösen, + Und alle Laster walten frei. + Gefährlich ists den Leu zu wecken, + Verderblich ist des Tigers Zahn, + Jedoch der schrecklichste der Schrecken + Das ist der Mensch in seinem Wahn. + Weh denen, die dem Ewigblinden + Des Lichtes Himmelsfackel leihn! + Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden + Und äschert Städt und Länder ein. + + Freude hat mir Gott gegeben! + Sehet! wie ein goldner Stern + Aus der Hülse, blank und eben, + Schält sich der metallne Kern. + Von dem Helm zum Kranz + Spielts wie Sonnenglanz, + Auch des Wappens nette Schilder + Loben den erfahrnen Bilder. + + Herein! herein! + Gesellen alle, schließt den Reihen, + Daß wir die Glocke taufend weihen, + Concordia soll ihr Name sein, + Zur Eintracht, zu herzinnigem Vereine + Versammle sie die liebende Gemeine. + Und dies sei fortan ihr Beruf, + Wozu der Meister sie erschuf : + Hoch überm niedern Erdenleben + Soll sie in blauem Himmelszelt + Die Nachbarin des Donners schweben + Und grenzen an die Sternenwelt, + Soll eine Stimme sein von oben, + Wie der Gestirne helle Schar, + Die ihren Schöpfer wandelnd loben + Und führen das bekränzte Jahr. + Nur ewigen und ernsten Dingen + Sei ihr metallner Mund geweiht, + Und stündlich mit den schnellen Schwingen + Berühr im Fluge sie die Zeit, + Dem Schicksal leihe sie die Zunge, + Selbst herzlos, ohne Mitgefühl, + Begleite sie mit ihrem Schwunge + Des Lebens wechselvolles Spiel. + Und wie der Klang im Ohr vergehet, + Der mächtig tönend ihr entschallt, + So lehre sie, daß nichts bestehet, + Daß alles Irdische verhallt. + + Jetzo mit der Kraft des Stranges + Wiegt die Glock mir aus der Gruft, + Daß sie in das Reich des Klanges + Steige, in die Himmelsluft. + Ziehet, ziehet, hebt! + Sie bewegt sich, schwebt, + Freude dieser Stadt bedeute, + Friede sei ihr erst Geläute. + + + + Das Mädchen aus der Fremde + + + In einem Tal bei armen Hirten + Erschien mit jedem jungen Jahr, + Sobald die ersten Lerchen schwirrten, + Ein Mädchen, schön und wunderbar. + + Sie war nicht in dem Tal geboren, + Man wußte nicht, woher sie kam, + Und schnell war ihre Spur verloren, + Sobald das Mädchen Abschied nahm. + + Beseligend war ihre Nähe, + Und alle Herzen wurden weit, + Doch eine Würde, eine Höhe + Entfernte die Vertraulichkeit. + + Sie brachte Blumen mit und Früchte, + Gereift auf einer andern Flur, + In einem andern Sonnenlichte, + In einer glücklichern Natur. + + Und teilte jedem eine Gabe, + Dem Früchte, jenem Blumen aus, + Der Jüngling und der Greis am Stabe, + Ein jeder ging beschenkt nach Haus. + + Willkommen waren alle Gäste, + Doch nahte sich ein liebend Paar, + Dem reichte sie der Gaben beste, + Der Blumen allerschönste dar. + + + + Das Mädchen von Orleans + + + Das edle Bild der Menschheit zu verhöhnen, + Im tiefsten Staube wälzte dich der Spott; + Krieg führt der Witz auf ewig mit den Schönen, + Er glaubt nicht an den Engel und den Gott; + Dem Herzen will er seine Schätze rauben, + Den Wahn bekriegt er und verletzt den Glauben. + + Doch, wie du selbst aus kindlichem Geschlechte, + Selbst eine fromme Schäferin wie du, + Reicht dir die Dichtkunst ihre Götterrechte, + Schwingt sich mit dir den ew'gen Sternen zu. + Mit einer Glorie hat sie dich umgeben; + Dich schuf das Herz, du wirst unsterblich leben. + + Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen + Und das Erhabne in den Staub zu ziehn; + Doch fürchte nicht! Es gibt noch schöne Herzen, + Die für das Hohe, Herrliche entglühn. + Den lauten Markt mag Momus unterhalten, + Ein edler Sinn liebt edlere Gestalten. + + + + Das Spiel des Lebens + + + Wollt ihr in meinen Kasten sehn? + Des Lebens Spiel, die Welt im kleinen, + Gleich soll sie eurem Aug erscheinen; + Nur müßt ihr nicht zu nahe stehn, + Ihr müßt sie bei der Liebe Kerzen + Und nur bei Amors Fackel sehn. + + Schaut her! Nie wird die Bühne leer: + Dort bringen sie das Kind getragen, + Der Knabe hüpft, der Jüngling stürmt einher, + Es kämpft der Mann, und alles will er wagen. + + Ein jeglicher versucht sein Glück, + Doch schmal nur ist die Bahn zum Rennen: + Der Wagen rollt, die Achsen brennen, + Der Held dringt kühn voran, der Schwächling bleibt zurück, + Der Stolze fällt mit lächerlichem Falle, + Der Kluge überholt sie alle. + + Die Frauen seht ihr an den Schranken stehn, + Mit holdem Blick, mit schönen Händen + Den Dank dem Sieger auszuspenden. + + + + Das verschleierte Bild zu Sais + + + Ein Jüngling, den des Wissens heißer Durst + Nach Sais in Ägypten trieb, der Priester + Geheime Weisheit zu erlernen, hatte + Schon manchen Grad mit schnellem Geist durcheilt, + Stets riß ihn seine Forschbegierde weiter, + Und kaum besänftigte der Hierophant + Den ungeduldig Strebenden. "Was hab ich, + Wenn ich nicht alles habe?" sprach der Jüngling, + "Gibts etwa hier ein Weniger und Mehr? + Ist deine Wahrheit wie der Sinne Glück + Nur eine Summe, die man größer, kleiner + Besitzen kann und immer doch besitzt? + Ist sie nicht eine einzge, ungeteilte? + Nimm einen Ton aus einer Harmonie, + Nimm eine Farbe aus dem Regenbogen, + Und alles, was dir bleibt, ist nichts, solang + Das schöne All der Töne fehlt und Farben." + + Indem sie einst so sprachen, standen sie + In einer einsamen Rotonde still, + Wo ein verschleiert Bild von Riesengröße + Dem Jüngling in die Augen fiel. Verwundert + Blickt er den Führer an und spricht: "Was ists, + Das hinter diesem Schleier sich verbirgt?" + "Die Wahrheit", ist die Antwort.--"Wie?" ruft jener, + "Nach Wahrheit streb ich ja allein, und diese + Gerade ist es, die man mir verhüllt?" + + "Das mache mit der Gottheit aus", versetzt + Der Hierophant. "Kein Sterblicher, sagt sie, + Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe. + Und wer mit ungeweihter, schuldger Hand + Den heiligen, verbotnen früher hebt, + Der, spricht die Gottheit--"--"Nun?"-- + "Der sieht die Wahrheit." + + "Ein seltsamer Orakelspruch! Du selbst, + Du hättest also niemals ihn gehoben?" + "Ich? Wahrlich nicht! Und war auch nie dazu + Versucht."--"Das fass ich nicht. Wenn von der Wahrheit + Nur diese dünne Scheidewand mich trennte--" + "Und ein Gesetz", fällt ihm sein Führer ein. + "Gewichtiger, mein Sohn, als du es meinst, + Ist dieser dünne Flor--für deine Hand + Zwar leicht, doch zentnerschwer für dein Gewissen." + + Der Jüngling ging gedankenvoll nach Hause, + Ihm raubt des Wissens brennende Begier + Den Schlaf, er wälzt sich glühend auf dem Lager + Und rafft sich auf um Mitternacht. Zum Tempel + Führt unfreiwillig ihn der scheue Tritt. + Leicht ward es ihm, die Mauer zu ersteigen, + Und mitten in das Innre der Rotonde + Trägt ein beherzter Sprung den Wagenden. + + Hier steht er nun, und grauenvoll umfängt + Den Einsamen die lebenlose Stille, + Die nur der Tritte hohler Widerhall + In den geheimen Grüften unterbricht + Von oben durch der Kuppel Öffnung wirft + Der Mond den bleichen, silberblauen Schein, + Und furchtbar wie ein gegenwärtger Gott + Erglänzt durch des Gewölbes Finsternisse + In ihrem langen Schleier die Gestalt. + + Er tritt hinan mit ungewissem Schritt, + Schon will die freche Hand das Heilige berühren, + Da zuckt es heiß und kühl durch sein Gebein + Und stößt ihn weg mit unsichtbarem Arme. + Unglücklicher, was willst du tun? So ruft + In seinem Innern eine treue Stimme. + Versuchen den Allheiligen willst du? + Kein Sterblicher, sprach des Orakels Mund, + Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe. + Doch setzte nicht derselbe Mund hinzu: + Wer diesen Schleier hebt, soll Wahrheit schauen? + "Sei hinter ihm, was will! Ich heb ihn auf." + (Er rufts mit lauter Stimm.) "Ich will sie schauen." + Schauen! + Gellt ihm ein langes Echo spottend nach. + + Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt. + Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier? + Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich, + So fanden ihn am andern Tag die Priester + Am Fußgestell der Isis ausgestreckt. + Was er allda gesehen und erfahren, + Hat seine Zunge nie bekannt. Auf ewig + War seines Lebens Heiterkeit dahin, + Ihn riß ein tiefer Gram zum frühen Grabe. + "Weh dem", dies war sein warnungsvolles Wort, + Wenn ungestüme Frager in ihn drangen, + "Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld, + Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein." + + + + Der Abend (Nach einem Gemälde) + + + Senke, strahlender Gott--die Fluren dürsten + Nach erquickendem Tau, der Mensch verschmachtet, + Matter ziehen die Rosse-- + Senke den Wagen hinab! + + Siehe, wer aus des Meers kristallner Woge + Lieblich lächelnd dir winkt! Erkennt dein Herz sie? + Rascher fliegen die Rosse, + Tethys, die göttliche, winkt. + + Schnell vom Wagen herab in ihre Arme + Springt der Führer, den Zaum ergreift Kupido, + Stille halten die Rosse, + Trinken die kühlende Flut. + + An den Himmel herauf mit leisen Schritten + Kommt die duftende Nacht; ihr folgt die süße + Liebe. Ruhet und liebet! + Phöbus, der liebende, ruht. + + + + Die Antiken zu Paris + + + Was der Griechen Kunst erschaffen, + Mag der Franke mit den Waffen + Führen nach der Seine Strand, + Und in prangenden Museen + Zeig er seine Siegstrophäen + Dem erstaunten Vaterland! + + Ewig werden sie ihm schweigen, + Nie von den Gestellen steigen + In des Lebens frischen Reihn. + Der allein besitzt die Musen, + Der sie trägt im warmen Busen, + Dem Vandalen sind sie Stein. + + + + Die schönste Erscheinung + + + Sahest du nie die Schönheit im Augenblick des Leidens, + Niemals hast du die Schönheit gesehn. + Sahst du die Freude nie in einem schönen Gesichte, + Niemals hast du die Freude gesehn! + + + + Die Weltweisen + + + Der Satz, durch welchen alles Ding + Bestand und Form empfangen, + Der Kloben, woran Zeus den Ring + Der Welt, die sonst in Scherben ging, + Vorsichtig aufgehangen, + Den nenn ich einen großen Geist, + Der mir ergründet, wie er heißt, + Wenn ich ihm nicht drauf helfe-- + Er heißt: Zehn ist nicht Zwölfe. + + Der Schnee macht kalt, das Feuer brennt, + Der Mensch geht auf zwei Füßen, + Die Sonne scheint am Firmament, + Das kann, wer auch nicht Logik kennt, + Durch seine Sinne wissen. + Doch wer Metaphysik studiert, + Der weiß, daß, wer verbrennt, nicht friert, + Weiß, daß das Nasse feuchtet + Und daß das Helle leuchtet. + + Homerus singt sein Hochgedicht, + Der Held besteht Gefahren, + Der brave Mann tut seine Pflicht + Und tat sie, ich verhehl es nicht, + Eh noch Weltweise waren; + Doch hat Genie und Herz vollbracht, + Was Lock' und Des Cartes nie gedacht, + Sogleich wird auch von diesen + Die Möglichkeit bewiesen. + + Im Leben gilt der Stärke Recht, + Dem Schwachen trotzt der Kühne, + Wer nicht gebieten kann, ist Knecht; + Sonst geht es ganz erträglich schlecht + Auf dieser Erdenbühne. + Doch wie es wäre, fing der Plan + Der Welt nur erst von vorne an, + Ist in Moralsystemen + Ausführlich zu vernehmen. + + "Der Mensch bedarf des Menschen sehr + Zu seinem großen Ziele, + Nur in dem Ganzen wirket er, + Viel Tropfen geben erst das Meer, + Viel Wasser treibt die Mühle. + Drum flieht der wilden Wölfe Stand + Und knüpft des Staates daurend Band." + So lehren vom Katheder + Herr Puffendorf und Feder. + + Doch weil, was ein Professor spricht, + Nicht gleich zu allen dringet, + So übt N a t u r die Mutterpflicht + Und sorgt, daß nie die Kette bricht + Und daß der Reif nie springet. + Einstweilen, bis den Bau der Welt + Philosophie zusammenhält, + Erhält s i e das Getriebe + Durch Hunger und durch Liebe. + + + + Epigramme + + + Unsterblichkeit + Vor dem Tod erschrickst du? + Du wünschest unsterblich zu leben? + Leb im Ganzen! + Wenn du lange dahin bist, es bleibt. + + Theophanie + Zeigt sich der Glückliche mir, + ich vergesse die Götter des Himmels; + Aber sie stehen vor mir, + wenn ich den Leidenden seh. + + Das Kind in der Wiege + Glücklicher Säugling! + Dir ist ein unendlicher Raum noch die Wiege, + Werde Mann, + und dir wird eng die unendliche Welt. + + Der beste Staat + "Woran erkenn ich den besten Staat?" + Woran du die beste Frau kennst! + daran, mein Freund, + daß man von beiden nicht spricht. + + Das Unwandelbare + "Unaufhaltsam enteilet die Zeit." + Sie sucht das Beständ'ge. + Sei getreu, + und du legst ewige Fesseln ihr an. + + Zeus zu Herkules + Nicht aus meinem Nektar + hast du dir Gottheit getrunken; + Deine Götterkraft war's, + die dir den Nektar errang. + + + + Forum des Weibes + + + Frauen, richtet mir nie des Mannes einzelne Taten; + Aber über den Mann sprechet das richtige Wort. + + + + Odysseus + + + Alle Gewässer durchkreuzt, die Heimat zu finden, Odysseus; + Durch der Scylla Gebell, durch der Charybde Gefahr, + Durch die Schrecken des feindlichen Meers, durch die Schrecken des Landes, + Selber in Aides Reich führt ihn die irrende Fahrt. + Endlich trägt das Geschick ihn schlafend an Ithakas Küste-- + Er erwacht und erkennt jammernd das Vaterland nicht. + + + + Sehnsucht + + + Ach, aus dieses Tales Gründen, + Die der kalte Nebel drückt, + Könnt ich doch den Ausgang finden, + Ach, wie fühlt ich mich beglückt! + Dort erblick ich schöne Hügel, + Ewig jung und ewig grün! + Hätt ich schwingen, hätt ich Flügel, + Nach den Hügeln zög ich hin. + + Harmonieen hör ich klingen, + Töne süßer Himmelsruh, + Und die leichten Winde bringen + Mir der Düfte Balsam zu, + Goldne Früchte seh ich glühen, + Winkend zwischen dunkelm Laub, + Und die Blumen, die dort blühen, + Werden keines Winters Raub. + Ach wie schön muß sich's ergehen + Dort im ew'gen Sonnenschein, + Und die Luft auf jenen Höhen, + O wie labend muß sie sein! + Doch mir wehrt des Stromes Toben, + Der ergrimmt dazwischen braust, + Seine Wellen sind gehoben, + Das die Seele mir ergraust. + + Einen Nachen seh ich schwanken, + Aber ach! Der Fährmann fehlt. + Frisch hinein und ohne Wanken! + Seine Segel sind beseelt. + Du mußt glauben, du mußt wagen, + Denn die Götter leihn kein Pfand, + Nur ein Wunder kann dich tragen + In das schöne Wunderland. + + + + Spinoza + + + Hier liegt ein Eichbaum umgerissen, + Sein Wipfel tät die Wolken küssen, + Er liegt am Grund--warum? + Die Bauren hatten, hör ich reden, + Sein schönes Holz zum Bau'n vonnöten + Und rissen ihn deswegen um. + + + + Thekla (Eine Geisterstimme) + + + Wo ich sei, und wo mich hingewendet, + Als mein flücht'ger Schatte dir entschwebt? + Hab ich nicht beschlossen und geendet, + Hab ich nicht geliebet und gelebt? + + Willst du nach den Nachtigallen fragen, + Die mit seelenvoller Melodie + Dich entzücken in des Lenzes Tagen? + Nur solang sie liebten, waren sie. + + Ob ich den Verlorenen gefunden? + Glaube mir, ich bin mit ihm vereint, + Wo sich nicht mehr trennt, was sich verbunden, + Dort, wo keine Träne wird geweint. + + Dorten wirst auch du uns wieder finden, + Wenn dein Lieben unserm Lieben gleicht; + Dort ist auch der Vater, frei von Sünden, + Den der blut'ge Mord nicht mehr erreicht. + + Und er fühlt, daß ihn kein Wahn betrogen, + Als er aufwärts zu den Sternen sah; + Denn wie jeder wägt, wird ihm gewogen, + Wer es glaubt, dem ist das Heil'ge nah. + + Wort gehalten wird in jenen Räumen + Jedem schönen gläubigen Gefühl; + Wage du, zu irren und zu träumen: + Hoher Sinn liegt oft in kind'schem Spiel. + + + + Triumph der Liebe + + + Selig durch die Liebe + Götter--durch die Liebe + Menschen Göttern gleich! + Liebe macht den Himmel + Himmlischer--die Erde + Zu dem Himmelreich. + + + + Weibliches Urteil + + + Männer richten nach Gründen; + des Weibes Urteil ist seine Liebe: + wo es nicht liebt, + hat schon gerichtet das Weib. + + + + Winternacht + + + Ade! Die liebe Herrgottssonne gehet, + Grad über tritt der Mond! + Ade! Mit schwarzem Rabenflügel wehet + Die stumme Nacht ums Erdenrund. + + Nichts hör ich mehr durchs winternde Gefilde + Als tief im Felsenloch + Die Murmelquell, und aus dem Wald das wilde + Geheul des Uhus hör ich noch. + + Im Wasserbette ruhen alle Fische, + Die Schnecke kriecht ins Dach, + Das Hündchen schlummert sicher unterm Tische, + Mein Weibchen nickt im Schlafgemach. + + Euch Brüderchen von meinen Bubentagen + Mein herzliches Willkomm! + Ihr sitzt vielleicht mit traulichem Behagen + Um einen teutschen Krug herum. + + Im hochgefüllten Deckelglase malet + Sich purpurfarb die Welt, + Und aus dem goldnen Traubenschaume strahlet + Vergnügen, das kein Neid vergällt. + + Im Hintergrund vergangner Jahre findet + Nur Rosen euer Blick, + Leicht, wie die blaue Knasterwolke, schwindet + Der trübe Gram von euch zurück. + + Vom Schaukelgaul bis gar zum Doktorhute + Stört ihr im Zeitbuch um. + Und zählt nunmehr mit federleichtem Mute + Schweißtropfen im Gymnasium. + + Wie manchen Fluch--noch mögen unterm Boden + Sich seine Knochen drehn-- + Terenz erpreßt, trotz Herrn Minellis Noten, + Wie manch verzogen Maul gesehn. + + Wie ungestüm dem grimmen Landexamen + Des Buben Herz geklopft; + Wie ihm, sprach itzt der Rektor seinen Namen, + Der helle Schweiß aufs Buch getropft.-- + + Wo red't man auch von einer--e--gewissen-- + Die sich als Frau nun spreißt, + Und mancher will der Lecker baß nun wissen, + Was doch ihr Mann baß--gar nicht weißt. + + Nun liegt dies all im Nebel hinterm Rücken, + Und Bube heißt nun Mann, + Und Friedrich schweigt der weiseren Perücken, + Was einst der kleine Fritz getan-- + + Man ist--Potz gar!--zum Doktor ausgesprochen, + Wohl gar--beim Regiment! + Und hat vielleicht--doch nicht zu früh, gerochen, + Daß Plane--Seifenblasen sind. + + Hauch immer zu,--und laß die Blasen springen; + Bleibt nur dies Herz noch ganz! + Und bleibt mir nur--errungen mit Gesängen-- + Zum Lohn ein teutscher Lorbeerkranz. + + + + Zum Geburtstag der Frau Griesbach + + + Mach auf, Frau Griesbach! Ich bin da + Und klopf an deine Türe. + Mich schickt Papa und die Mama, + Daß ich dir gratuliere. + + Ich bringe nichts als ein Gedicht + Zu deines Tages Feier; + Denn alles, was die Mutter spricht, + Ist so entsetzlich teuer. + + Sag selbst, was ich dir wünschen soll; + Ich weiß nichts zu erdenken. + Du hast ja Küch und Keller voll, + Nichts fehlt in deinen Schränken. + + Es wachsen fast dir auf den Tisch + Die Spargel und die Schoten, + Die Stachelbeeren blühen frisch, + Und so die Reineclauden. + + Bei Stachelbeeren fällt mir ein: + Die schmecken gar zu süße; + Und wenn sie werden zeitig sein, + So sorge, daß ich's wisse. + + Viel fette Schweine mästest du + Und gibst den Hühnern Futter; + Die Kuh im Stalle ruft muh! muh! + Und gibt dir Milch und Butter. + + Es haben alle dich so gern, + Die Alten und die Jungen, + Und deinem lieben, braven Herrn + Ist alles wohlgelungen. + + Du bist wohlauf; Gott Lob und Dank! + Mußt's auch fein immer bleiben; + Ja, höre, werde ja nicht krank, + Daß sie dir nichts verschreiben! + + Nun lebe wohl! Ich sag ade. + Gelt, ich war heut bescheiden? + Doch könntest du mir, eh ich geh, + 'ne Butterbemme schneiden. + + + + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Einige Gedichte, by +Johann Christoph Friedrich von Schiller + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINIGE GEDICHTE *** + +***** This file should be named 6649-8.txt or 6649-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/6/6/4/6649/ + +Produced by Delphine Lettau (for finding a huge collection +of ancient German books in London.) HTML version by Al +Haines. + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For forty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Einige Gedichte + +Author: Johann Christoph Friedrich von Schiller + +Posting Date: March 19, 2014 [EBook #6649] +Release Date: October, 2004 +First Posted: January 9, 2003 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINIGE GEDICHTE *** + + + + +Produced by Delphine Lettau (for finding a huge collection +of ancient German books in London.) HTML version by Al +Haines. + + + + + + +</pre> + + +<h1> +<br /><br /> + Einige Gedichte<br /> +</h1> + +<p class="t2"> + Friedrich von Schiller<br /> +</p> + +<p><br /></p> + +<p class="noindent"> + Inhalt:<br /> +</p> + +<p class="noindent"> + <a href="#abschied">Abschied vom Leser</a><br /> + <a href="#amalia">Amalia</a><br /> + <a href="#fruhling">An den Frühling</a><br /> + <a href="#astronomen">An die Astronomen</a><br /> + <a href="#moralisten">An einen Moralisten</a><br /> + <a href="#bittschrift">Bittschrift</a><br /> + <a href="#geheimnis">Das Geheimnis</a><br /> + <a href="#gluck">Das Glück der Weisheit</a><br /> + <a href="#glocke">Das Lied von der Glocke</a><br /> + <a href="#fremde">Das Mädchen aus der Fremde</a><br /> + <a href="#orleans">Das Mädchen von Orleans</a><br /> + <a href="#lebens">Das Spiel des Lebens</a><br /> + <a href="#sais">Das verschleierte Bild zu Sais</a><br /> + <a href="#abend">Der Abend</a><br /> + <a href="#paris">Die Antiken zu Paris</a><br /> + <a href="#erscheinung">Die schönste Erscheinung</a><br /> + <a href="#weltweisen">Die Weltweisen</a><br /> + <a href="#epigramme">Epigramme Friedrich Schiller</a><br /> + <a href="#forum">Forum des Weibes</a><br /> + <a href="#odysseus">Odysseus</a><br /> + <a href="#sehnsucht">Sehnsucht</a><br /> + <a href="#spinoza">Spinoza</a><br /> + <a href="#thekla">Thekla</a><br /> + <a href="#triumph">Triumph der Liebe</a><br /> + <a href="#weibliches">Weibliches Urteil</a><br /> + <a href="#winternacht">Winternacht</a><br /> + <a href="#geburtstag">Zum Geburtstag der Frau Griesbach</a><br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="abschied"></a> + Abschied vom Leser<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Die Muse schweigt. Mit jungfräulichen Wangen,<br /> + Erröten im verschämten Angesicht,<br /> + Tritt sie vor dich, ihr Urteil zu empfangen;<br /> + Sie achtet es, doch fürchtet sie es nicht.<br /> + Des guten Beifall wünscht sie zu erlangen,<br /> + Den Wahrheit rührt, den Flimmer nicht besticht;<br /> + Nur wem ein Herz, empfänglich für das Schöne,<br /> + Im Busen schlägt, ist wert, dass er sie kröne.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Nicht länger wollen diese Lieder leben,<br /> + Als bis ihr Klang ein fühlend Herz erfreut,<br /> + Mit schönern Phantasien es umgeben,<br /> + Zu höheren Gefühlen es geweiht;<br /> + Zur fernen Nachwelt wollen sie nicht schweben,<br /> + Sie tönten, sie verhallen in der Zeit.<br /> + Des Augenblickes Lust hat sie geboren,<br /> + Sie fliehen fort im leichten Tanz der Horen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Der Lenz erwacht, auf den erwärmten Triften<br /> + Schießt frohes Leben jugendlich hervor,<br /> + Die Staude würzt die Luft mit Nektardüften,<br /> + Den Himmel füllt ein muntrer Sängerchor.<br /> + Und jung und alt ergeht sich in den Lüften<br /> + Und freuet sich und schwelgt mit Aug und Ohr.<br /> + Der Lenz entflieht! Die Blume schießt in Samen,<br /> + Und keine bleibt von allen, welche kamen.<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="amalia"></a> + Amalia<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Schön wie Engel voll Walhallas Wonne,<br /> + Schön vor allen Jünglingen war er,<br /> + Himmlisch mild sein Blick, wie Maiensonne,<br /> + Rückgestrahlt vom blauen Spiegelmeer.<br /> + Seine Küsse—paradiesisch Fühlen!<br /> + Wie zwo Flammen sich ergreifen, wie<br /> + Harfentöne in einander spielen<br /> + Zu der himmelvollen Harmonie—<br /> + Stürzten, flogen, schmolzen Geist und Geist zusammen,<br /> + Lippen, Wangen brannten, zitterten,<br /> + Seele rann in Seele—Erd' und Himmel schwammen<br /> + Wie zerronnen um die Liebenden!<br /> + Er ist hin—vergebens, ach! vergebens<br /> + Stöhnet ihm der bange Seufzer nach!<br /> + Er ist hin, und alle Lust des Lebens<br /> + Wimmert hin in ein verlornes Ach!<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="fruhling"></a> + An den Frühling<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Willkommen schöner Jüngling!<br /> + Du Wonne der Natur!<br /> + Mit deinem Blumenkörbchen<br /> + Willkommen auf der Flur!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Ei! Ei! Da bist du wieder!<br /> + Und bist so lieb und schön!<br /> + Und freun wir uns so herzlich,<br /> + Entgegen dir zu gehen.<br /> + Denkst auch noch an mein Mädchen?<br /> + Ei, lieber, denke doch!<br /> + Dort liebte mich das Mädchen,<br /> + Und 's Mädchen liebt mich noch!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Fürs Mädchen manches Blümchen<br /> + Erbat ich mir von dir—<br /> + Ich komm und bitte wieder,<br /> + Und du?—du gibst es mir?<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Willkommen schöner Jüngling!<br /> + Du Wonne der Natur!<br /> + Mit deinem Blumenkörbchen<br /> + Willkommen auf der Flur!<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="astronomen"></a> + An die Astronomen<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Schwatzet mir nicht so viel von Nebelflecken und Sonnen!<br /> + Ist die Natur nur groß, weil sie zu zählen euch gibt?<br /> + Euer Gegenstand ist der erhabenste freilich im Raume;<br /> + Aber, Freunde, im Raum wohnt das Erhabene nicht.<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="moralisten"></a> + An einen Moralisten<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Was zürnst du unsrer frohen Jugendweise<br /> + Und lehrst, daß Lieben Tändeln sei?<br /> + Du starrest in des Winters Eise<br /> + Und schmälest auf den goldnen Mai.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Einst, als du noch das Nymphenvolk bekriegtest,<br /> + Ein Held des Karnevals den deutschen Wirbel flogst,<br /> + Ein Himmelreich in beiden Armen wiegtest<br /> + Und Nektarduft von Mädchenlippen sogst—<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Ha Seladon! wenn damals aus den Achsen<br /> + Gewichen wär der Erde schwerer Ball,<br /> + Im Liebesknäul mit Julien verwachsen<br /> + Du hättest überhört den Fall!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + O denk zurück nach deinen Rosentagen<br /> + Und lerne: die Philosophie<br /> + Schlägt um, wie unsre Pulse anders schlagen;<br /> + Zu Göttern schaffst du Menschen nie.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Wohl, wenn ins Eis des klügelnden Verstandes<br /> + Das warme Blut ein bißchen muntrer springt!<br /> + Laß den Bewohnern eines bessern Landes,<br /> + Was nie dem Sterblichen gelingt.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Zwingt doch der irdische Gefährte<br /> + Den gottgebornen Geist in Kerkermauren ein,<br /> + Er wehrt mir, daß ich Engel werde,<br /> + Ich will ihm folgen, Mensch zu sein.<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="bittschrift"></a> + Bittschrift<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Dumm ist mein Kopf und schwer wie Blei,<br /> + Die Tobaksdose ledig,<br /> + Mein Magen leer—der Himmel sei<br /> + Dem Trauerspiele gnädig.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Ich kratze mit dem Federkiel<br /> + Auf den gewalkten Lumpen;<br /> + Wer kann Empfindung und Gefühl<br /> + Aus hohlem Herzen pumpen?<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Feu'r soll ich gießen aufs Papier<br /> + Mit angefrornem Finger?—<br /> + O Phöbus, hassest du Geschmier,<br /> + So wärm auch deine Sänger.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Die Wäsche klatscht vor meiner Tür,<br /> + Es scharrt die Küchenzofe.<br /> + Und mich—mich ruft das Flügeltier<br /> + Nach König Philipps Hofe.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Ich steige mutig auf das Roß;<br /> + In wenigen Sekunden<br /> + Seh ich Madrid—Am Königsschloß<br /> + Hab ich es angebunden.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Ich eile durch die Galerie<br /> + Und—siehe da!—belausche<br /> + Die junge Fürstin Eboli<br /> + In süßem Liebesrausche.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Jetzt sinkt sie an des Prinzen Brust<br /> + Mit wonnevollem Schauer,<br /> + In i h r e n Augen Götterlust,<br /> + Doch in den s e i n e n Trauer.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Schon ruft das schöne Weib Triumph,<br /> + Schon hör ich—Tod und Hölle!<br /> + Was hör ich?—einen nassen Strumpf<br /> + Geworfen in die Welle.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Und weg ist Traum und Feerei—<br /> + Prinzessin, Gott befohlen!<br /> + Der Teufel soll die Dichterei<br /> + Beim Hemdenwaschen holen.<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="geheimnis"></a> + Das Geheimnis<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Sie konnte mir kein Wörtchen sagen,<br /> + Zu viele Lauscher waren wach;<br /> + Den Blick nur durft ich schüchtern fragen,<br /> + Und wohl verstand ich, was er sprach.<br /> + Leis komm ich her in deine Stille,<br /> + Du schön belaubtes Buchenzelt,<br /> + Verbirg in deiner grünen Hülle<br /> + Die Liebenden dem Aug der Welt.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Von ferne mit verworrnem Sausen<br /> + Arbeitet der geschäft'ge Tag,<br /> + Und durch der Stimmen hohles Brausen<br /> + Erkenn ich schwerer Hämmer Schlag.<br /> + So sauer ringt die kargen Lose<br /> + Der Mensch dem harten Himmel ab,<br /> + Doch leicht erworben, aus dem Schoße<br /> + Der Götter fällt das Glück herab.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Daß ja die Menschen nie es hören,<br /> + Wie treue Lieb uns still beglückt!<br /> + Sie können nur die Freude stören,<br /> + Weil Freude nie sie selbst entzückt.<br /> + Die Welt wird nie das Glück erlauben,<br /> + Als Beute wird es nur gehascht,<br /> + Entwenden mußt du's oder rauben,<br /> + Eh dich die Mißgunst überrascht.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Leis auf den Zehen kommt's geschlichen,<br /> + Die Stille liebt es und die Nacht,<br /> + Mit schnellen Füßen ist's entwichen,<br /> + Wo des Verräters Auge wacht.<br /> + O schlinge dich, du sanfte Quelle,<br /> + Ein breiter Strom um uns herum,<br /> + Und drohend mit empörter Welle<br /> + Verteidige dies Heiligtum!<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="gluck"></a> + Das Glück der Weisheit<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Entzweit mit einem Favoriten,<br /> + Flog einst Fortun der Weisheit zu:<br /> + "Ich will dir meine Schätze bieten,<br /> + Sei meine Freundin du!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Mit meinen reichsten, schönsten Gaben<br /> + Beschenkt ich ihn so mütterlich,<br /> + Und sieh, er will noch immer haben<br /> + Und nennt noch geizig mich.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Komm, Schwester, laß uns Freundschaft schließen,<br /> + Du marterst dich an deinem Pflug;<br /> + In deinen Schoß will ich sie gießen,<br /> + Hier ist für dich und mich genug."<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Sophia lächelt diesen Worten<br /> + Und wischt den Schweiß vom Angesicht:<br /> + Dort eilt dein Freund, sich zu ermorden,<br /> + Versöhnet euch!—ich brauch dich nicht."<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="glocke"></a> + Das Lied von der Glocke<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Vivos voco. Mortuos plango. Fulgura frango.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Fest gemauert in der Erden<br /> + Steht die Form, aus Lehm gebrannt.<br /> + Heute muß die Glocke werden,<br /> + Frisch, Gesellen! seid zur Hand.<br /> + Von der Stirne heiß<br /> + Rinnen muß der Schweiß,<br /> + Soll das Werk den Meister loben,<br /> + Doch der Segen kommt von oben.<br /> + Zum Werke, das wir ernst bereiten,<br /> + Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;<br /> + Wenn gute Reden sie begleiten,<br /> + Dann fließt die Arbeit munter fort.<br /> + So laßt uns jetzt mit Fleiß betrachten,<br /> + Was durch die schwache Kraft entspringt,<br /> + Den schlechten Mann muß man verachten,<br /> + Der nie bedacht, was er vollbringt.<br /> + Das ists ja, was den Menschen zieret<br /> + Und dazu ward ihm der Verstand,<br /> + Daß er im innern Herzen spüret,<br /> + Was er erschafft mit seiner Hand.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Nehmet Holz vom Fichtenstamme,<br /> + Doch recht trocken laßt es sein,<br /> + Daß die eingepreßte Flamme<br /> + Schlage zu dem Schwalch hinein.<br /> + Kocht des Kupfers Brei,<br /> + Schnell das Zinn herbei,<br /> + Daß die zähe Glockenspeise<br /> + Fließe nach der rechten Weise.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Was in des Dammes tiefer Grube<br /> + Die Hand mit Feuers Hilfe baut,<br /> + Hoch auf des Turmes Glockenstube<br /> + Da wird es von uns zeugen laut.<br /> + Noch dauern wirds in späten Tagen<br /> + Und rühren vieler Menschen Ohr,<br /> + Und wird mit dem Betrübten klagen,<br /> + Und stimmen zu der Andacht Chor.<br /> + Was unten tief dem Erdensohne<br /> + Das wechselnde Verhängnis bringt,<br /> + Das schlägt an die metallne Krone,<br /> + Die es erbaulich weiter klingt.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Weiße Blasen seh ich springen,<br /> + Wohl! die Massen sind im Fluß.<br /> + Laßt's mit Aschensalz durchdringen,<br /> + Das befördert schnell den Guß.<br /> + Auch von Schaume rein<br /> + Muß die Mischung sein,<br /> + Daß vom reinlichen Metalle<br /> + Rein und voll die Stimme schalle.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Denn mit der Freude Feierklange<br /> + Begrüßt sie das geliebte Kind<br /> + Auf seines Lebens erstem Gange,<br /> + Den es in Schlafes Arm beginnt;<br /> + Ihm ruhen noch im Zeitenschoße<br /> + Die schwarzen und die heitern Lose,<br /> + Der Mutterliebe zarte Sorgen<br /> + Bewachen seinen goldnen Morgen—<br /> + Die Jahre fliehen pfeilgeschwind.<br /> + Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe,<br /> + Er stürmt ins Leben wild hinaus,<br /> + Durchmißt die Welt am Wanderstabe,<br /> + Fremd kehrt er heim ins Vaterhaus,<br /> + Und herrlich, in der Jugend Prangen,<br /> + Wie ein Gebild aus Himmels Höhn,<br /> + Mit züchtigen, verschämten Wangen<br /> + Sieht er die Jungfrau vor sich stehn.<br /> + Da faßt ein namenloses Sehnen<br /> + Des Jünglings Herz, er irrt allein,<br /> + Aus seinen Augen brechen Tränen,<br /> + Er flieht der Brüder wilden Reihn.<br /> + Errötend folgt er ihren Spuren,<br /> + Und ist von ihrem Gruß beglückt;<br /> + Das Schönste sucht er auf den Fluren,<br /> + Womit er seine Liebe schmückt.<br /> + O! zarte Sehnsucht, süßes Hoffen,<br /> + Der ersten Liebe goldne Zeit,<br /> + Das Auge sieht den Himmel offen,<br /> + Es schwelgt das Herz in Seligkeit,<br /> + O! daß sie ewig grünen bliebe,<br /> + Die schöne Zeit der jungen Liebe!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Wie sich schon die Pfeifen bräunen!<br /> + Dieses Stäbchen tauch ich ein,<br /> + Sehn wir's überglast erscheinen<br /> + Wirds zum Gusse zeitig sein.<br /> + Jetzt, Gesellen, frisch!<br /> + Prüft mir das Gemisch,<br /> + Ob das Spröde mit dem Weichen<br /> + Sich vereint zum guten Zeichen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Denn wo das Strenge mit dem Zarten,<br /> + Wo Starkes sich und Mildes paarten,<br /> + Da gibt es einen guten Klang.<br /> + Drum prüfe, wer sich ewig bindet,<br /> + Ob sich das Herz zum Herzen findet!<br /> + Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.<br /> + Lieblich in der Bräute Locken<br /> + Spielt der jungfräuliche Kranz,<br /> + Wenn die hellen Kirchenglocken<br /> + Laden zu des Festes Glanz.<br /> + Ach! des Lebens schönste Feier<br /> + Endigt auch den Lebensmai,<br /> + Mit dem Gürtel, mit dem Schleier<br /> + Reißt der schöne Wahn entzwei.<br /> + Die Leidenschaft flieht,<br /> + Die Liebe muß bleiben,<br /> + Die Blume verblüht,<br /> + Die Frucht muß treiben.<br /> + Der Mann muß hinaus<br /> + Ins feindliche Leben,<br /> + Muß wirken und streben<br /> + Und pflanzen und schaffen,<br /> + Erlisten, erraffen,<br /> + Muß wetten und wagen<br /> + Das Glück zu erjagen.<br /> + Da strömet herbei die unendliche Gabe,<br /> + Es füllt sich der Speicher mit köstlicher Habe,<br /> + Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus.<br /> + Und drinnen waltet<br /> + Die züchtige Hausfrau,<br /> + Die Mutter der Kinder,<br /> + Und herrschet weise<br /> + Im häuslichen Kreise,<br /> + Und lehret die Mädchen,<br /> + Und wehret den Knaben,<br /> + Und reget ohn Ende<br /> + Die fleißigen Hände,<br /> + Ünd mehrt den Gewinn<br /> + Mit ordnendem Sinn.<br /> + Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden,<br /> + Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden,<br /> + Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein<br /> + Die schimmernde Wolle, den schneeigten Lein,<br /> + Und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer,<br /> + Und ruhet nimmer.<br /> + Und der Vater mit frohem Blick<br /> + Von des Hauses weitschauendem Giebel<br /> + Überzählet sein blühend Glück,<br /> + Siehet der Pfosten ragende Bäume,<br /> + Und der Scheunen gefüllte Räume<br /> + Und die Speicher, vom Segen gebogen,<br /> + Und des Kornes bewegte Wogen,<br /> + Rühmt sich mit stolzem Mund:<br /> + Fest wie der Erde Grund<br /> + Gegen des Unglücks Macht<br /> + Steht mit des Hauses Pracht!—<br /> + Doch mit des Geschickes Mächten<br /> + Ist kein ew'ger Bund zu flechten,<br /> + Und das Unglück schreitet schnell.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Wohl! Nun kann der Guß beginnen,<br /> + Schön gezacket ist der Bruch.<br /> + Doch, bevor wir's lassen rinnen,<br /> + Betet einen frommen Spruch!<br /> + Stoßt den Zapfen aus!<br /> + Gott bewahr das Haus.<br /> + Raudlend in des Henkels Bogen<br /> + Schießts mit feuerbraunen Wogen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Wohltätig ist des Feuers Macht,<br /> + Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht,<br /> + Und was er bildet, was er schafft,<br /> + Das dankt er dieser;<br /> + Doch furchtbar wird die Himmelskraft,<br /> + Wenn sie der Fessel sich entrafft,<br /> + Einhertritt auf der eignen Spur<br /> + Die freie Tochter der Natur.<br /> + Wehe, wenn sie losgelassen<br /> + Wachsend ohne Widerstand<br /> + Durch die volkbelebten Gassen<br /> + Wälzt den ungeheuren Brand!<br /> + Denn die Elemente hassen<br /> + Das Gebild der Menschenhand.<br /> + Aus der Wolke<br /> + Quillt der Segen,<br /> + Strömt der Regen,<br /> + Aus der Wolke, ohne Wahl,<br /> + Zuckt der Strahl!<br /> + Hört ihr's wimmern hoch vom Turm!<br /> + Das ist Sturm!<br /> + Rot wie Blut<br /> + Ist der Himmel,<br /> + Das ist nicht des Tages Glut!<br /> + Welch Getümmel<br /> + Straßen auf!<br /> + Dampf wallt auf!<br /> + Flackernd steigt die Feuersäule,<br /> + Durch der Straßen lange Zeile<br /> + Wächst es fort mit Windeseile,<br /> + Kochend wie aus Ofens Rachen<br /> + Glühn die Lüfte, Balken krachen,<br /> + Pfosten stürzen, Fenster klirren,<br /> + Kinder jammern, Mütter irren,<br /> + Tiere wimmern<br /> + Unter Trümmern,<br /> + Alles rennet, rettet, flüchtet,<br /> + Taghell ist die Nacht gelichtet,<br /> + Durch der Hände lange Kette<br /> + Um die Wette<br /> + Fliegt der Eimer, hoch im Bogen<br /> + Sprützen Quellen, Wasserwogen.<br /> + Heulend kommt der Sturm geflogen,<br /> + Der die Flamme brausend sucht,<br /> + Prasselnd in die dürre Frucht<br /> + Fällt sie, in des Speichers Räume,<br /> + In der Sparren dürre Bäume,<br /> + Und als wollte sie im Wehen<br /> + Mit sich fort der Erde Wucht<br /> + Reißen, in gewaltger Flucht,<br /> + Wächst sie in des Himmels Höhen<br /> + Riesengroß!<br /> + Hoffnungslos<br /> + Weicht der Mensch der Götterstärke,<br /> + Müßig sieht er seine Werke<br /> + Und bewundernd untergehn.<br /> + Leergebrannt<br /> + Ist die Stätte,<br /> + Wilder Stürme rauhes Bette,<br /> + In den öden Fensterhöhlen<br /> + Wohnt das Grauen,<br /> + Und des Himmels Wolken schauen<br /> + Hoch hinein.<br /> + Einen Blick<br /> + Nach dem Grabe<br /> + Seiner Habe<br /> + Sendet noch der Mensch zurück—<br /> + Greift fröhlich dann zum Wanderstabe,<br /> + Was Feuers Wut ihm auch geraubt,<br /> + Ein süßer Trost ist ihm geblieben,<br /> + Er zählt die Häupter seiner Lieben<br /> + Und sieh! ihm fehlt kein teures Haupt.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + In die Erd ist's aufgenommen,<br /> + Glücklich ist die Form gefüllt,<br /> + Wirds auch schön zu Tage kommen,<br /> + Daß es Fleiß und Kunst vergilt?<br /> + Wenn der Guß mißlang?<br /> + Wenn die Form zersprang?<br /> + Ach, vielleicht indem wir hoffen<br /> + Hat uns Unheil schon getroffen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Dem dunkeln Schoß der heilgen Erde<br /> + Vertrauen wir der Hände Tat,<br /> + Vertraut der Sämann seine Saat<br /> + Und hofft, daß sie entkeimen werde<br /> + Zum Segen, nach des Himmels Rat.<br /> + Noch köstlicheren Samen bergen<br /> + Wir traurend in der Erde Schoß,<br /> + Und hoffen, daß er aus den Särgen<br /> + Erblühen soll zu schönerm Los.<br /> + Von dem Dome<br /> + Schwer und bang<br /> + Tönt die Glocke<br /> + Grabgesang.<br /> + Ernst begleiten ihre Trauerschläge<br /> + Einen Wandrer auf dem letzten Wege.<br /> + Ach! die Gattin ists, die teure,<br /> + Ach! es ist die treue Mutter,<br /> + Die der schwarze Fürst der Schatten<br /> + Wegführt aus dem Arm des Gatten,<br /> + Aus der zarten Kinder Schar,<br /> + Die si.e blühend ihm gebar,<br /> + Die sie an der treuen Brust<br /> + Wachsen sah mit Mutterlust—<br /> + Ach! des Hauses zarte Bande<br /> + Sind gelöst auf immerdar,<br /> + Denn sie wohnt im Scha.ttenlande,<br /> + Die des Hauses Mutter war,<br /> + Denn es fehlt ihr treues Walten,<br /> + Ihre Sorge wacht nicht mehr,<br /> + An verwaister Stätte schalten<br /> + Wird die Fremde, liebeleer.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Bis die Glocke sich verkühlet<br /> + Laßt die strenge Arbeit ruhn,<br /> + Wie im Laub der Vogel spielet<br /> + Mag sich jeder gütlich tun.<br /> + Winkt der Sterne Licht,<br /> + Ledig aller Pflicht<br /> + Hört der Bursch die Vesper schlagen,<br /> + Meister muß sich immer plagen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Munter fördert seine Schritte<br /> + Fern im wilden Forst der Wandrer<br /> + Nach der lieben Heimathütte.<br /> + Blöckend ziehen heim die Schafe,<br /> + Und der Rinder<br /> + Breitgestirnte glatte Scharen<br /> + Kommen brüllend,<br /> + Die gewohnten Ställe füllend.<br /> + Schwer herein<br /> + Schwankt der Wagen,<br /> + Kornbeladen,<br /> + Bunt von Farben<br /> + Auf den Garben<br /> + Liegt der Kranz,<br /> + Und das junge Volk der Schnitter<br /> + Fliegt zum Tanz.<br /> + Markt und Straße werden stiller,<br /> + Um des Lichts gesellge Flamme<br /> + Sammeln sich die Hausbewohner,<br /> + Und das Stadttor schließt sich knarrend.<br /> + Schwarz bedecket<br /> + Sich die Erde,<br /> + Doch den sichern Bürger schrecket<br /> + Nicht die Nacht,<br /> + Die den Bösen gräßlich wecket,<br /> + Denn das Auge des Gesetzes wacht.<br /> + Heilge Ordnung, segenreiche<br /> + Himmelstochter, die das Gleiche<br /> + Frei und leicht und freudig bindet,<br /> + Die der Städte Bau gegründet,<br /> + Die herein von den Gefilden<br /> + Rief den ungesellgen Wilden,<br /> + Eintrat in der Menschen Hütten,<br /> + Sie gewöhnt' zu sanften Sitten<br /> + Und das teuerste der Bande<br /> + Wob, den Trieb zum Vaterlande!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Tausend fleißge Hände regen,<br /> + Helfen sich in munterm Bund<br /> + Und in feurigem Bewegen<br /> + Werden alle Kräfte kund.<br /> + Meister rührt sich und Geselle<br /> + In der Freiheit heilgem Schutz.<br /> + Jeder freut sich seiner Stelle,<br /> + Bietet dem Verächter Trutz.<br /> + Arbeit ist des Bürgers Zierde,<br /> + Segen ist der Mühe Preis,<br /> + Ehrt den König seine Würde,<br /> + Ehret uns der Hände Fleiß.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Holder Friede,<br /> + Süße Eintracht,<br /> + Weilet, weilet<br /> + Freundlich über dieser Stadt!<br /> + Möge nie der Tag erscheinen,<br /> + Wo des rauhen Krieges Horden<br /> + Dieses stille Tal durchtoben,<br /> + Wo der Himmel,<br /> + Den des Abends sanfte Röte<br /> + Lieblich malt,<br /> + Von der Dörfer, von der Städte<br /> + Wildem Brande schrecklich strahlt!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Nun zerbrecht mir das Gebäude,<br /> + Seine Absicht hats erfüllt,<br /> + Daß sich Herz und Auge weide<br /> + An dem wohlgelungnen Bild.<br /> + Schwingt den Hammer, schwingt,<br /> + Bis der Mantel springt,<br /> + Wenn die Glock soll auferstehen<br /> + Muß die Form in Stücken gehen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Der Meister kann die Form zerbrechen<br /> + Mit weiser Hand, zur rechten Zeit,<br /> + Doch wehe, wenn in Flammenbächen<br /> + Das glühnde Erz sich selbst befreit!<br /> + Blindwütend mit des Donners Krachen<br /> + Zersprengt es das geborstne Haus,<br /> + Und wie aus offnem Höllenrachen<br /> + Speit es Verderben zündend aus;<br /> + Wo rohe Kräfte sinnlos walten,<br /> + Da kann sich kein Gebild gestalten,<br /> + Wenn sich die Völker selbst befrein,<br /> + Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Weh, wenn sich in dem Schoß der Städte<br /> + Der Feuerzunder still gehäuft,<br /> + Das Volk, zerreißend seine Kette,<br /> + Zur Eigenhilfe schrecklich greift!<br /> + Da zerret an der Glocke Strängen<br /> + Der Aufruhr, daß sie heulend schallt,<br /> + Und nur geweiht zu Friedensklängen<br /> + Die Losung anstimmt zur Gewalt.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Freiheit und Gleichheit! hört man schallen,<br /> + Der ruh'ge Bürger greift zur Wehr;<br /> + Die Straßen füllen sich, die Hallen,<br /> + Und Würgerbanden ziehn umher,<br /> + Da werden Weiber zu Hyänen<br /> + Und treiben mit Entsetzen Scherz,<br /> + Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,<br /> + Zerreißen sie des Feindes Herz.<br /> + Nichts Heiliges ist mehr, es lösen<br /> + Sich alle Bande frommer Scheu,<br /> + Der Gute räumt den Platz dem Bösen,<br /> + Und alle Laster walten frei.<br /> + Gefährlich ists den Leu zu wecken,<br /> + Verderblich ist des Tigers Zahn,<br /> + Jedoch der schrecklichste der Schrecken<br /> + Das ist der Mensch in seinem Wahn.<br /> + Weh denen, die dem Ewigblinden<br /> + Des Lichtes Himmelsfackel leihn!<br /> + Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden<br /> + Und äschert Städt und Länder ein.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Freude hat mir Gott gegeben!<br /> + Sehet! wie ein goldner Stern<br /> + Aus der Hülse, blank und eben,<br /> + Schält sich der metallne Kern.<br /> + Von dem Helm zum Kranz<br /> + Spielts wie Sonnenglanz,<br /> + Auch des Wappens nette Schilder<br /> + Loben den erfahrnen Bilder.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Herein! herein!<br /> + Gesellen alle, schließt den Reihen,<br /> + Daß wir die Glocke taufend weihen,<br /> + Concordia soll ihr Name sein,<br /> + Zur Eintracht, zu herzinnigem Vereine<br /> + Versammle sie die liebende Gemeine.<br /> + Und dies sei fortan ihr Beruf,<br /> + Wozu der Meister sie erschuf :<br /> + Hoch überm niedern Erdenleben<br /> + Soll sie in blauem Himmelszelt<br /> + Die Nachbarin des Donners schweben<br /> + Und grenzen an die Sternenwelt,<br /> + Soll eine Stimme sein von oben,<br /> + Wie der Gestirne helle Schar,<br /> + Die ihren Schöpfer wandelnd loben<br /> + Und führen das bekränzte Jahr.<br /> + Nur ewigen und ernsten Dingen<br /> + Sei ihr metallner Mund geweiht,<br /> + Und stündlich mit den schnellen Schwingen<br /> + Berühr im Fluge sie die Zeit,<br /> + Dem Schicksal leihe sie die Zunge,<br /> + Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,<br /> + Begleite sie mit ihrem Schwunge<br /> + Des Lebens wechselvolles Spiel.<br /> + Und wie der Klang im Ohr vergehet,<br /> + Der mächtig tönend ihr entschallt,<br /> + So lehre sie, daß nichts bestehet,<br /> + Daß alles Irdische verhallt.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Jetzo mit der Kraft des Stranges<br /> + Wiegt die Glock mir aus der Gruft,<br /> + Daß sie in das Reich des Klanges<br /> + Steige, in die Himmelsluft.<br /> + Ziehet, ziehet, hebt!<br /> + Sie bewegt sich, schwebt,<br /> + Freude dieser Stadt bedeute,<br /> + Friede sei ihr erst Geläute.<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="fremde"></a> + Das Mädchen aus der Fremde<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + In einem Tal bei armen Hirten<br /> + Erschien mit jedem jungen Jahr,<br /> + Sobald die ersten Lerchen schwirrten,<br /> + Ein Mädchen, schön und wunderbar.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Sie war nicht in dem Tal geboren,<br /> + Man wußte nicht, woher sie kam,<br /> + Und schnell war ihre Spur verloren,<br /> + Sobald das Mädchen Abschied nahm.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Beseligend war ihre Nähe,<br /> + Und alle Herzen wurden weit,<br /> + Doch eine Würde, eine Höhe<br /> + Entfernte die Vertraulichkeit.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Sie brachte Blumen mit und Früchte,<br /> + Gereift auf einer andern Flur,<br /> + In einem andern Sonnenlichte,<br /> + In einer glücklichern Natur.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Und teilte jedem eine Gabe,<br /> + Dem Früchte, jenem Blumen aus,<br /> + Der Jüngling und der Greis am Stabe,<br /> + Ein jeder ging beschenkt nach Haus.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Willkommen waren alle Gäste,<br /> + Doch nahte sich ein liebend Paar,<br /> + Dem reichte sie der Gaben beste,<br /> + Der Blumen allerschönste dar.<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="orleans"></a> + Das Mädchen von Orleans<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Das edle Bild der Menschheit zu verhöhnen,<br /> + Im tiefsten Staube wälzte dich der Spott;<br /> + Krieg führt der Witz auf ewig mit den Schönen,<br /> + Er glaubt nicht an den Engel und den Gott;<br /> + Dem Herzen will er seine Schätze rauben,<br /> + Den Wahn bekriegt er und verletzt den Glauben.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Doch, wie du selbst aus kindlichem Geschlechte,<br /> + Selbst eine fromme Schäferin wie du,<br /> + Reicht dir die Dichtkunst ihre Götterrechte,<br /> + Schwingt sich mit dir den ew'gen Sternen zu.<br /> + Mit einer Glorie hat sie dich umgeben;<br /> + Dich schuf das Herz, du wirst unsterblich leben.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen<br /> + Und das Erhabne in den Staub zu ziehn;<br /> + Doch fürchte nicht! Es gibt noch schöne Herzen,<br /> + Die für das Hohe, Herrliche entglühn.<br /> + Den lauten Markt mag Momus unterhalten,<br /> + Ein edler Sinn liebt edlere Gestalten.<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="lebens"></a> + Das Spiel des Lebens<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Wollt ihr in meinen Kasten sehn?<br /> + Des Lebens Spiel, die Welt im kleinen,<br /> + Gleich soll sie eurem Aug erscheinen;<br /> + Nur müßt ihr nicht zu nahe stehn,<br /> + Ihr müßt sie bei der Liebe Kerzen<br /> + Und nur bei Amors Fackel sehn.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Schaut her! Nie wird die Bühne leer:<br /> + Dort bringen sie das Kind getragen,<br /> + Der Knabe hüpft, der Jüngling stürmt einher,<br /> + Es kämpft der Mann, und alles will er wagen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Ein jeglicher versucht sein Glück,<br /> + Doch schmal nur ist die Bahn zum Rennen:<br /> + Der Wagen rollt, die Achsen brennen,<br /> + Der Held dringt kühn voran, der Schwächling bleibt zurück,<br /> + Der Stolze fällt mit lächerlichem Falle,<br /> + Der Kluge überholt sie alle.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Die Frauen seht ihr an den Schranken stehn,<br /> + Mit holdem Blick, mit schönen Händen<br /> + Den Dank dem Sieger auszuspenden.<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="sais"></a> + Das verschleierte Bild zu Sais<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Ein Jüngling, den des Wissens heißer Durst<br /> + Nach Sais in Ägypten trieb, der Priester<br /> + Geheime Weisheit zu erlernen, hatte<br /> + Schon manchen Grad mit schnellem Geist durcheilt,<br /> + Stets riß ihn seine Forschbegierde weiter,<br /> + Und kaum besänftigte der Hierophant<br /> + Den ungeduldig Strebenden. "Was hab ich,<br /> + Wenn ich nicht alles habe?" sprach der Jüngling,<br /> + "Gibts etwa hier ein Weniger und Mehr?<br /> + Ist deine Wahrheit wie der Sinne Glück<br /> + Nur eine Summe, die man größer, kleiner<br /> + Besitzen kann und immer doch besitzt?<br /> + Ist sie nicht eine einzge, ungeteilte?<br /> + Nimm einen Ton aus einer Harmonie,<br /> + Nimm eine Farbe aus dem Regenbogen,<br /> + Und alles, was dir bleibt, ist nichts, solang<br /> + Das schöne All der Töne fehlt und Farben."<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Indem sie einst so sprachen, standen sie<br /> + In einer einsamen Rotonde still,<br /> + Wo ein verschleiert Bild von Riesengröße<br /> + Dem Jüngling in die Augen fiel. Verwundert<br /> + Blickt er den Führer an und spricht: "Was ists,<br /> + Das hinter diesem Schleier sich verbirgt?"<br /> + "Die Wahrheit", ist die Antwort.—"Wie?" ruft jener,<br /> + "Nach Wahrheit streb ich ja allein, und diese<br /> + Gerade ist es, die man mir verhüllt?"<br /> +</p> + +<p class="poem"> + "Das mache mit der Gottheit aus", versetzt<br /> + Der Hierophant. "Kein Sterblicher, sagt sie,<br /> + Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.<br /> + Und wer mit ungeweihter, schuldger Hand<br /> + Den heiligen, verbotnen früher hebt,<br /> + Der, spricht die Gottheit—"—"Nun?"—<br /> + "Der sieht die Wahrheit."<br /> +</p> + +<p class="poem"> + "Ein seltsamer Orakelspruch! Du selbst,<br /> + Du hättest also niemals ihn gehoben?"<br /> + "Ich? Wahrlich nicht! Und war auch nie dazu<br /> + Versucht."—"Das fass ich nicht. Wenn von der Wahrheit<br /> + Nur diese dünne Scheidewand mich trennte—"<br /> + "Und ein Gesetz", fällt ihm sein Führer ein.<br /> + "Gewichtiger, mein Sohn, als du es meinst,<br /> + Ist dieser dünne Flor—für deine Hand<br /> + Zwar leicht, doch zentnerschwer für dein Gewissen."<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Der Jüngling ging gedankenvoll nach Hause,<br /> + Ihm raubt des Wissens brennende Begier<br /> + Den Schlaf, er wälzt sich glühend auf dem Lager<br /> + Und rafft sich auf um Mitternacht. Zum Tempel<br /> + Führt unfreiwillig ihn der scheue Tritt.<br /> + Leicht ward es ihm, die Mauer zu ersteigen,<br /> + Und mitten in das Innre der Rotonde<br /> + Trägt ein beherzter Sprung den Wagenden.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Hier steht er nun, und grauenvoll umfängt<br /> + Den Einsamen die lebenlose Stille,<br /> + Die nur der Tritte hohler Widerhall<br /> + In den geheimen Grüften unterbricht<br /> + Von oben durch der Kuppel Öffnung wirft<br /> + Der Mond den bleichen, silberblauen Schein,<br /> + Und furchtbar wie ein gegenwärtger Gott<br /> + Erglänzt durch des Gewölbes Finsternisse<br /> + In ihrem langen Schleier die Gestalt.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Er tritt hinan mit ungewissem Schritt,<br /> + Schon will die freche Hand das Heilige berühren,<br /> + Da zuckt es heiß und kühl durch sein Gebein<br /> + Und stößt ihn weg mit unsichtbarem Arme.<br /> + Unglücklicher, was willst du tun? So ruft<br /> + In seinem Innern eine treue Stimme.<br /> + Versuchen den Allheiligen willst du?<br /> + Kein Sterblicher, sprach des Orakels Mund,<br /> + Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.<br /> + Doch setzte nicht derselbe Mund hinzu:<br /> + Wer diesen Schleier hebt, soll Wahrheit schauen?<br /> + "Sei hinter ihm, was will! Ich heb ihn auf."<br /> + (Er rufts mit lauter Stimm.) "Ich will sie schauen."<br /> + Schauen!<br /> + Gellt ihm ein langes Echo spottend nach.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt.<br /> + Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier?<br /> + Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich,<br /> + So fanden ihn am andern Tag die Priester<br /> + Am Fußgestell der Isis ausgestreckt.<br /> + Was er allda gesehen und erfahren,<br /> + Hat seine Zunge nie bekannt. Auf ewig<br /> + War seines Lebens Heiterkeit dahin,<br /> + Ihn riß ein tiefer Gram zum frühen Grabe.<br /> + "Weh dem", dies war sein warnungsvolles Wort,<br /> + Wenn ungestüme Frager in ihn drangen,<br /> + "Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld,<br /> + Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein."<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="abend"></a> + Der Abend (Nach einem Gemälde)<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Senke, strahlender Gott—die Fluren dürsten<br /> + Nach erquickendem Tau, der Mensch verschmachtet,<br /> + Matter ziehen die Rosse—<br /> + Senke den Wagen hinab!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Siehe, wer aus des Meers kristallner Woge<br /> + Lieblich lächelnd dir winkt! Erkennt dein Herz sie?<br /> + Rascher fliegen die Rosse,<br /> + Tethys, die göttliche, winkt.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Schnell vom Wagen herab in ihre Arme<br /> + Springt der Führer, den Zaum ergreift Kupido,<br /> + Stille halten die Rosse,<br /> + Trinken die kühlende Flut.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + An den Himmel herauf mit leisen Schritten<br /> + Kommt die duftende Nacht; ihr folgt die süße<br /> + Liebe. Ruhet und liebet!<br /> + Phöbus, der liebende, ruht.<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="paris"></a> + Die Antiken zu Paris<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Was der Griechen Kunst erschaffen,<br /> + Mag der Franke mit den Waffen<br /> + Führen nach der Seine Strand,<br /> + Und in prangenden Museen<br /> + Zeig er seine Siegstrophäen<br /> + Dem erstaunten Vaterland!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Ewig werden sie ihm schweigen,<br /> + Nie von den Gestellen steigen<br /> + In des Lebens frischen Reihn.<br /> + Der allein besitzt die Musen,<br /> + Der sie trägt im warmen Busen,<br /> + Dem Vandalen sind sie Stein.<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="erscheinung"></a> + Die schönste Erscheinung<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Sahest du nie die Schönheit im Augenblick des Leidens,<br /> + Niemals hast du die Schönheit gesehn.<br /> + Sahst du die Freude nie in einem schönen Gesichte,<br /> + Niemals hast du die Freude gesehn!<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="weltweisen"></a> + Die Weltweisen<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Der Satz, durch welchen alles Ding<br /> + Bestand und Form empfangen,<br /> + Der Kloben, woran Zeus den Ring<br /> + Der Welt, die sonst in Scherben ging,<br /> + Vorsichtig aufgehangen,<br /> + Den nenn ich einen großen Geist,<br /> + Der mir ergründet, wie er heißt,<br /> + Wenn ich ihm nicht drauf helfe—<br /> + Er heißt: Zehn ist nicht Zwölfe.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Der Schnee macht kalt, das Feuer brennt,<br /> + Der Mensch geht auf zwei Füßen,<br /> + Die Sonne scheint am Firmament,<br /> + Das kann, wer auch nicht Logik kennt,<br /> + Durch seine Sinne wissen.<br /> + Doch wer Metaphysik studiert,<br /> + Der weiß, daß, wer verbrennt, nicht friert,<br /> + Weiß, daß das Nasse feuchtet<br /> + Und daß das Helle leuchtet.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Homerus singt sein Hochgedicht,<br /> + Der Held besteht Gefahren,<br /> + Der brave Mann tut seine Pflicht<br /> + Und tat sie, ich verhehl es nicht,<br /> + Eh noch Weltweise waren;<br /> + Doch hat Genie und Herz vollbracht,<br /> + Was Lock' und Des Cartes nie gedacht,<br /> + Sogleich wird auch von diesen<br /> + Die Möglichkeit bewiesen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Im Leben gilt der Stärke Recht,<br /> + Dem Schwachen trotzt der Kühne,<br /> + Wer nicht gebieten kann, ist Knecht;<br /> + Sonst geht es ganz erträglich schlecht<br /> + Auf dieser Erdenbühne.<br /> + Doch wie es wäre, fing der Plan<br /> + Der Welt nur erst von vorne an,<br /> + Ist in Moralsystemen<br /> + Ausführlich zu vernehmen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + "Der Mensch bedarf des Menschen sehr<br /> + Zu seinem großen Ziele,<br /> + Nur in dem Ganzen wirket er,<br /> + Viel Tropfen geben erst das Meer,<br /> + Viel Wasser treibt die Mühle.<br /> + Drum flieht der wilden Wölfe Stand<br /> + Und knüpft des Staates daurend Band."<br /> + So lehren vom Katheder<br /> + Herr Puffendorf und Feder.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Doch weil, was ein Professor spricht,<br /> + Nicht gleich zu allen dringet,<br /> + So übt N a t u r die Mutterpflicht<br /> + Und sorgt, daß nie die Kette bricht<br /> + Und daß der Reif nie springet.<br /> + Einstweilen, bis den Bau der Welt<br /> + Philosophie zusammenhält,<br /> + Erhält s i e das Getriebe<br /> + Durch Hunger und durch Liebe.<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="epigramme"></a> + Epigramme<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Unsterblichkeit<br /> + Vor dem Tod erschrickst du?<br /> + Du wünschest unsterblich zu leben?<br /> + Leb im Ganzen!<br /> + Wenn du lange dahin bist, es bleibt.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Theophanie<br /> + Zeigt sich der Glückliche mir,<br /> + ich vergesse die Götter des Himmels;<br /> + Aber sie stehen vor mir,<br /> + wenn ich den Leidenden seh.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Das Kind in der Wiege<br /> + Glücklicher Säugling!<br /> + Dir ist ein unendlicher Raum noch die Wiege,<br /> + Werde Mann,<br /> + und dir wird eng die unendliche Welt.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Der beste Staat<br /> + "Woran erkenn ich den besten Staat?"<br /> + Woran du die beste Frau kennst!<br /> + daran, mein Freund,<br /> + daß man von beiden nicht spricht.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Das Unwandelbare<br /> + "Unaufhaltsam enteilet die Zeit."<br /> + Sie sucht das Beständ'ge.<br /> + Sei getreu,<br /> + und du legst ewige Fesseln ihr an.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Zeus zu Herkules<br /> + Nicht aus meinem Nektar<br /> + hast du dir Gottheit getrunken;<br /> + Deine Götterkraft war's,<br /> + die dir den Nektar errang.<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="forum"></a> + Forum des Weibes<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Frauen, richtet mir nie des Mannes einzelne Taten;<br /> + Aber über den Mann sprechet das richtige Wort.<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="odysseus"></a> + Odysseus<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Alle Gewässer durchkreuzt, die Heimat zu finden, Odysseus;<br /> + Durch der Scylla Gebell, durch der Charybde Gefahr,<br /> + Durch die Schrecken des feindlichen Meers, durch die Schrecken des Landes,<br /> + Selber in Aides Reich führt ihn die irrende Fahrt.<br /> + Endlich trägt das Geschick ihn schlafend an Ithakas Küste—<br /> + Er erwacht und erkennt jammernd das Vaterland nicht.<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="sehnsucht"></a> + Sehnsucht<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Ach, aus dieses Tales Gründen,<br /> + Die der kalte Nebel drückt,<br /> + Könnt ich doch den Ausgang finden,<br /> + Ach, wie fühlt ich mich beglückt!<br /> + Dort erblick ich schöne Hügel,<br /> + Ewig jung und ewig grün!<br /> + Hätt ich schwingen, hätt ich Flügel,<br /> + Nach den Hügeln zög ich hin.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Harmonieen hör ich klingen,<br /> + Töne süßer Himmelsruh,<br /> + Und die leichten Winde bringen<br /> + Mir der Düfte Balsam zu,<br /> + Goldne Früchte seh ich glühen,<br /> + Winkend zwischen dunkelm Laub,<br /> + Und die Blumen, die dort blühen,<br /> + Werden keines Winters Raub.<br /> + Ach wie schön muß sich's ergehen<br /> + Dort im ew'gen Sonnenschein,<br /> + Und die Luft auf jenen Höhen,<br /> + O wie labend muß sie sein!<br /> + Doch mir wehrt des Stromes Toben,<br /> + Der ergrimmt dazwischen braust,<br /> + Seine Wellen sind gehoben,<br /> + Das die Seele mir ergraust.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Einen Nachen seh ich schwanken,<br /> + Aber ach! Der Fährmann fehlt.<br /> + Frisch hinein und ohne Wanken!<br /> + Seine Segel sind beseelt.<br /> + Du mußt glauben, du mußt wagen,<br /> + Denn die Götter leihn kein Pfand,<br /> + Nur ein Wunder kann dich tragen<br /> + In das schöne Wunderland.<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="spinoza"></a> + Spinoza<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Hier liegt ein Eichbaum umgerissen,<br /> + Sein Wipfel tät die Wolken küssen,<br /> + Er liegt am Grund—warum?<br /> + Die Bauren hatten, hör ich reden,<br /> + Sein schönes Holz zum Bau'n vonnöten<br /> + Und rissen ihn deswegen um.<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="thekla"></a> + Thekla (Eine Geisterstimme)<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Wo ich sei, und wo mich hingewendet,<br /> + Als mein flücht'ger Schatte dir entschwebt?<br /> + Hab ich nicht beschlossen und geendet,<br /> + Hab ich nicht geliebet und gelebt?<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Willst du nach den Nachtigallen fragen,<br /> + Die mit seelenvoller Melodie<br /> + Dich entzücken in des Lenzes Tagen?<br /> + Nur solang sie liebten, waren sie.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Ob ich den Verlorenen gefunden?<br /> + Glaube mir, ich bin mit ihm vereint,<br /> + Wo sich nicht mehr trennt, was sich verbunden,<br /> + Dort, wo keine Träne wird geweint.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Dorten wirst auch du uns wieder finden,<br /> + Wenn dein Lieben unserm Lieben gleicht;<br /> + Dort ist auch der Vater, frei von Sünden,<br /> + Den der blut'ge Mord nicht mehr erreicht.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Und er fühlt, daß ihn kein Wahn betrogen,<br /> + Als er aufwärts zu den Sternen sah;<br /> + Denn wie jeder wägt, wird ihm gewogen,<br /> + Wer es glaubt, dem ist das Heil'ge nah.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Wort gehalten wird in jenen Räumen<br /> + Jedem schönen gläubigen Gefühl;<br /> + Wage du, zu irren und zu träumen:<br /> + Hoher Sinn liegt oft in kind'schem Spiel.<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="triumph"></a> + Triumph der Liebe<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Selig durch die Liebe<br /> + Götter—durch die Liebe<br /> + Menschen Göttern gleich!<br /> + Liebe macht den Himmel<br /> + Himmlischer—die Erde<br /> + Zu dem Himmelreich.<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="weibliches"></a> + Weibliches Urteil<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Männer richten nach Gründen;<br /> + des Weibes Urteil ist seine Liebe:<br /> + wo es nicht liebt,<br /> + hat schon gerichtet das Weib.<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="winternacht"></a> + Winternacht<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Ade! Die liebe Herrgottssonne gehet,<br /> + Grad über tritt der Mond!<br /> + Ade! Mit schwarzem Rabenflügel wehet<br /> + Die stumme Nacht ums Erdenrund.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Nichts hör ich mehr durchs winternde Gefilde<br /> + Als tief im Felsenloch<br /> + Die Murmelquell, und aus dem Wald das wilde<br /> + Geheul des Uhus hör ich noch.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Im Wasserbette ruhen alle Fische,<br /> + Die Schnecke kriecht ins Dach,<br /> + Das Hündchen schlummert sicher unterm Tische,<br /> + Mein Weibchen nickt im Schlafgemach.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Euch Brüderchen von meinen Bubentagen<br /> + Mein herzliches Willkomm!<br /> + Ihr sitzt vielleicht mit traulichem Behagen<br /> + Um einen teutschen Krug herum.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Im hochgefüllten Deckelglase malet<br /> + Sich purpurfarb die Welt,<br /> + Und aus dem goldnen Traubenschaume strahlet<br /> + Vergnügen, das kein Neid vergällt.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Im Hintergrund vergangner Jahre findet<br /> + Nur Rosen euer Blick,<br /> + Leicht, wie die blaue Knasterwolke, schwindet<br /> + Der trübe Gram von euch zurück.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Vom Schaukelgaul bis gar zum Doktorhute<br /> + Stört ihr im Zeitbuch um.<br /> + Und zählt nunmehr mit federleichtem Mute<br /> + Schweißtropfen im Gymnasium.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Wie manchen Fluch—noch mögen unterm Boden<br /> + Sich seine Knochen drehn—<br /> + Terenz erpreßt, trotz Herrn Minellis Noten,<br /> + Wie manch verzogen Maul gesehn.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Wie ungestüm dem grimmen Landexamen<br /> + Des Buben Herz geklopft;<br /> + Wie ihm, sprach itzt der Rektor seinen Namen,<br /> + Der helle Schweiß aufs Buch getropft.—<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Wo red't man auch von einer—e—gewissen—<br /> + Die sich als Frau nun spreißt,<br /> + Und mancher will der Lecker baß nun wissen,<br /> + Was doch ihr Mann baß—gar nicht weißt.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Nun liegt dies all im Nebel hinterm Rücken,<br /> + Und Bube heißt nun Mann,<br /> + Und Friedrich schweigt der weiseren Perücken,<br /> + Was einst der kleine Fritz getan—<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Man ist—Potz gar!—zum Doktor ausgesprochen,<br /> + Wohl gar—beim Regiment!<br /> + Und hat vielleicht—doch nicht zu früh, gerochen,<br /> + Daß Plane—Seifenblasen sind.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Hauch immer zu,—und laß die Blasen springen;<br /> + Bleibt nur dies Herz noch ganz!<br /> + Und bleibt mir nur—errungen mit Gesängen—<br /> + Zum Lohn ein teutscher Lorbeerkranz.<br /> +</p> + +<p><br /><br /><br /></p> + +<h3> +<a id="geburtstag"></a> + Zum Geburtstag der Frau Griesbach<br /> +</h3> + +<p class="poem"> + Mach auf, Frau Griesbach! Ich bin da<br /> + Und klopf an deine Türe.<br /> + Mich schickt Papa und die Mama,<br /> + Daß ich dir gratuliere.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Ich bringe nichts als ein Gedicht<br /> + Zu deines Tages Feier;<br /> + Denn alles, was die Mutter spricht,<br /> + Ist so entsetzlich teuer.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Sag selbst, was ich dir wünschen soll;<br /> + Ich weiß nichts zu erdenken.<br /> + Du hast ja Küch und Keller voll,<br /> + Nichts fehlt in deinen Schränken.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Es wachsen fast dir auf den Tisch<br /> + Die Spargel und die Schoten,<br /> + Die Stachelbeeren blühen frisch,<br /> + Und so die Reineclauden.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Bei Stachelbeeren fällt mir ein:<br /> + Die schmecken gar zu süße;<br /> + Und wenn sie werden zeitig sein,<br /> + So sorge, daß ich's wisse.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Viel fette Schweine mästest du<br /> + Und gibst den Hühnern Futter;<br /> + Die Kuh im Stalle ruft muh! muh!<br /> + Und gibt dir Milch und Butter.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Es haben alle dich so gern,<br /> + Die Alten und die Jungen,<br /> + Und deinem lieben, braven Herrn<br /> + Ist alles wohlgelungen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Du bist wohlauf; Gott Lob und Dank!<br /> + Mußt's auch fein immer bleiben;<br /> + Ja, höre, werde ja nicht krank,<br /> + Daß sie dir nichts verschreiben!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Nun lebe wohl! Ich sag ade.<br /> + Gelt, ich war heut bescheiden?<br /> + Doch könntest du mir, eh ich geh,<br /> + 'ne Butterbemme schneiden.<br /> +</p> + +<p class="poem"><br /><br /><br /><br /></p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Einige Gedichte, by +Johann Christoph Friedrich von Schiller + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINIGE GEDICHTE *** + +***** This file should be named 6649-h.htm or 6649-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/6/6/4/6649/ + +Produced by Delphine Lettau (for finding a huge collection +of ancient German books in London.) HTML version by Al +Haines. + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. 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By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. 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Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For forty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. 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You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Einige Gedichte + +Author: Johann Christoph Friedrich von Schiller + +Release Date: October, 2004 [EBook #6649] +[Yes, we are more than one year ahead of schedule] +[This file was first posted on January 9, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ASCII + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, EINIGE GEDICHTE *** + + + + +Thanks are given to Delphine Lettau for finding a huge collection of ancient +German books in London. + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 7-bit version. + + + + + +Einige Gedichte + +Friedrich von Schiller + + +Inhalt: + +Abschied vom Leser +Amalia +An den Fruehling +An die Astronomen +An einen Moralisten +Bittschrift +Das Geheimnis +Das Glueck der Weisheit +Das Lied von der Glocke +Das Maedchen aus der Fremde +Das Maedchen von Orleans +Das Spiel des Lebens +Das verschleierte Bild zu Sais +Der Abend +Die Antiken zu Paris +Die schoenste Erscheinung +Die Weltweisen +Epigramme Friedrich Schiller +Forum des Weibes +Odysseus +Sehnsucht +Spinoza +Thekla +Triumph der Liebe +Weibliches Urteil +Winternacht +Zum Geburtstag der Frau Griesbach + + + +Abschied vom Leser + + +Die Muse schweigt. Mit jungfraeulichen Wangen, +Erroeten im verschaemten Angesicht, +Tritt sie vor dich, ihr Urteil zu empfangen; +Sie achtet es, doch fuerchtet sie es nicht. +Des guten Beifall wuenscht sie zu erlangen, +Den Wahrheit ruehrt, den Flimmer nicht besticht; +Nur wem ein Herz, empfaenglich fuer das Schoene, +Im Busen schlaegt, ist wert, dass er sie kroene. + +Nicht laenger wollen diese Lieder leben, +Als bis ihr Klang ein fuehlend Herz erfreut, +Mit schoenern Phantasien es umgeben, +Zu hoeheren Gefuehlen es geweiht; +Zur fernen Nachwelt wollen sie nicht schweben, +Sie toenten, sie verhallen in der Zeit. +Des Augenblickes Lust hat sie geboren, +Sie fliehen fort im leichten Tanz der Horen. + +Der Lenz erwacht, auf den erwaermten Triften +Schiesst frohes Leben jugendlich hervor, +Die Staude wuerzt die Luft mit Nektardueften, +Den Himmel fuellt ein muntrer Saengerchor. +Und jung und alt ergeht sich in den Lueften +Und freuet sich und schwelgt mit Aug und Ohr. +Der Lenz entflieht! Die Blume schiesst in Samen, +Und keine bleibt von allen, welche kamen. + + + +Amalia + + +Schoen wie Engel voll Walhallas Wonne, +Schoen vor allen Juenglingen war er, +Himmlisch mild sein Blick, wie Maiensonne, +Rueckgestrahlt vom blauen Spiegelmeer. +Seine Kuesse--paradiesisch Fuehlen! +Wie zwo Flammen sich ergreifen, wie +Harfentoene in einander spielen +Zu der himmelvollen Harmonie-- +Stuerzten, flogen, schmolzen Geist und Geist zusammen, +Lippen, Wangen brannten, zitterten, +Seele rann in Seele--Erd' und Himmel schwammen +Wie zerronnen um die Liebenden! +Er ist hin--vergebens, ach! vergebens +Stoehnet ihm der bange Seufzer nach! +Er ist hin, und alle Lust des Lebens +Wimmert hin in ein verlornes Ach! + + + +An den Fruehling + + +Willkommen schoener Juengling! +Du Wonne der Natur! +Mit deinem Blumenkoerbchen +Willkommen auf der Flur! + +Ei! Ei! Da bist du wieder! +Und bist so lieb und schoen! +Und freun wir uns so herzlich, +Entgegen dir zu gehen. +Denkst auch noch an mein Maedchen? +Ei, lieber, denke doch! +Dort liebte mich das Maedchen, +Und 's Maedchen liebt mich noch! + +Fuers Maedchen manches Bluemchen +Erbat ich mir von dir-- +Ich komm und bitte wieder, +Und du?--du gibst es mir? + +Willkommen schoener Juengling! +Du Wonne der Natur! +Mit deinem Blumenkoerbchen +Willkommen auf der Flur! + + + +An die Astronomen + + +Schwatzet mir nicht so viel von Nebelflecken und Sonnen! +Ist die Natur nur gross, weil sie zu zaehlen euch gibt? +Euer Gegenstand ist der erhabenste freilich im Raume; +Aber, Freunde, im Raum wohnt das Erhabene nicht. + + + +An einen Moralisten + + +Was zuernst du unsrer frohen Jugendweise +Und lehrst, dass Lieben Taendeln sei? +Du starrest in des Winters Eise +Und schmaelest auf den goldnen Mai. + +Einst, als du noch das Nymphenvolk bekriegtest, +Ein Held des Karnevals den deutschen Wirbel flogst, +Ein Himmelreich in beiden Armen wiegtest +Und Nektarduft von Maedchenlippen sogst-- + +Ha Seladon! wenn damals aus den Achsen +Gewichen waer der Erde schwerer Ball, +Im Liebesknaeul mit Julien verwachsen +Du haettest ueberhoert den Fall! + +O denk zurueck nach deinen Rosentagen +Und lerne: die Philosophie +Schlaegt um, wie unsre Pulse anders schlagen; +Zu Goettern schaffst du Menschen nie. + +Wohl, wenn ins Eis des kluegelnden Verstandes +Das warme Blut ein bisschen muntrer springt! +Lass den Bewohnern eines bessern Landes, +Was nie dem Sterblichen gelingt. + +Zwingt doch der irdische Gefaehrte +Den gottgebornen Geist in Kerkermauren ein, +Er wehrt mir, dass ich Engel werde, +Ich will ihm folgen, Mensch zu sein. + + + +Bittschrift + + +Dumm ist mein Kopf und schwer wie Blei, +Die Tobaksdose ledig, +Mein Magen leer--der Himmel sei +Dem Trauerspiele gnaedig. + +Ich kratze mit dem Federkiel +Auf den gewalkten Lumpen; +Wer kann Empfindung und Gefuehl +Aus hohlem Herzen pumpen? + +Feu'r soll ich giessen aufs Papier +Mit angefrornem Finger?-- +O Phoebus, hassest du Geschmier, +So waerm auch deine Saenger. + +Die Waesche klatscht vor meiner Tuer, +Es scharrt die Kuechenzofe. +Und mich--mich ruft das Fluegeltier +Nach Koenig Philipps Hofe. + +Ich steige mutig auf das Ross; +In wenigen Sekunden +Seh ich Madrid--Am Koenigsschloss +Hab ich es angebunden. + +Ich eile durch die Galerie +Und--siehe da!--belausche +Die junge Fuerstin Eboli +In suessem Liebesrausche. + +Jetzt sinkt sie an des Prinzen Brust +Mit wonnevollem Schauer, +In i h r e n Augen Goetterlust, +Doch in den s e i n e n Trauer. + +Schon ruft das schoene Weib Triumph, +Schon hoer ich--Tod und Hoelle! +Was hoer ich?--einen nassen Strumpf +Geworfen in die Welle. + +Und weg ist Traum und Feerei-- +Prinzessin, Gott befohlen! +Der Teufel soll die Dichterei +Beim Hemdenwaschen holen. + + +Das Geheimnis + + +Sie konnte mir kein Woertchen sagen, +Zu viele Lauscher waren wach; +Den Blick nur durft ich schuechtern fragen, +Und wohl verstand ich, was er sprach. +Leis komm ich her in deine Stille, +Du schoen belaubtes Buchenzelt, +Verbirg in deiner gruenen Huelle +Die Liebenden dem Aug der Welt. + +Von ferne mit verworrnem Sausen +Arbeitet der geschaeft'ge Tag, +Und durch der Stimmen hohles Brausen +Erkenn ich schwerer Haemmer Schlag. +So sauer ringt die kargen Lose +Der Mensch dem harten Himmel ab, +Doch leicht erworben, aus dem Schosse +Der Goetter faellt das Glueck herab. + +Dass ja die Menschen nie es hoeren, +Wie treue Lieb uns still beglueckt! +Sie koennen nur die Freude stoeren, +Weil Freude nie sie selbst entzueckt. +Die Welt wird nie das Glueck erlauben, +Als Beute wird es nur gehascht, +Entwenden musst du's oder rauben, +Eh dich die Missgunst ueberrascht. + +Leis auf den Zehen kommt's geschlichen, +Die Stille liebt es und die Nacht, +Mit schnellen Fuessen ist's entwichen, +Wo des Verraeters Auge wacht. +O schlinge dich, du sanfte Quelle, +Ein breiter Strom um uns herum, +Und drohend mit empoerter Welle +Verteidige dies Heiligtum! + + + +Das Glueck der Weisheit + + +Entzweit mit einem Favoriten, +Flog einst Fortun der Weisheit zu: +"Ich will dir meine Schaetze bieten, +Sei meine Freundin du! + +Mit meinen reichsten, schoensten Gaben +Beschenkt ich ihn so muetterlich, +Und sieh, er will noch immer haben +Und nennt noch geizig mich. + +Komm, Schwester, lass uns Freundschaft schliessen, +Du marterst dich an deinem Pflug; +In deinen Schoss will ich sie giessen, +Hier ist fuer dich und mich genug." + +Sophia laechelt diesen Worten +Und wischt den Schweiss vom Angesicht: +Dort eilt dein Freund, sich zu ermorden, +Versoehnet euch!--ich brauch dich nicht." + + + +Das Lied von der Glocke + + +Vivos voco. Mortuos plango. Fulgura frango. + +Fest gemauert in der Erden +Steht die Form, aus Lehm gebrannt. +Heute muss die Glocke werden, +Frisch, Gesellen! seid zur Hand. +Von der Stirne heiss +Rinnen muss der Schweiss, +Soll das Werk den Meister loben, +Doch der Segen kommt von oben. +Zum Werke, das wir ernst bereiten, +Geziemt sich wohl ein ernstes Wort; +Wenn gute Reden sie begleiten, +Dann fliesst die Arbeit munter fort. +So lasst uns jetzt mit Fleiss betrachten, +Was durch die schwache Kraft entspringt, +Den schlechten Mann muss man verachten, +Der nie bedacht, was er vollbringt. +Das ists ja, was den Menschen zieret +Und dazu ward ihm der Verstand, +Dass er im innern Herzen spueret, +Was er erschafft mit seiner Hand. + +Nehmet Holz vom Fichtenstamme, +Doch recht trocken lasst es sein, +Dass die eingepresste Flamme +Schlage zu dem Schwalch hinein. +Kocht des Kupfers Brei, +Schnell das Zinn herbei, +Dass die zaehe Glockenspeise +Fliesse nach der rechten Weise. + +Was in des Dammes tiefer Grube +Die Hand mit Feuers Hilfe baut, +Hoch auf des Turmes Glockenstube +Da wird es von uns zeugen laut. +Noch dauern wirds in spaeten Tagen +Und ruehren vieler Menschen Ohr, +Und wird mit dem Betruebten klagen, +Und stimmen zu der Andacht Chor. +Was unten tief dem Erdensohne +Das wechselnde Verhaengnis bringt, +Das schlaegt an die metallne Krone, +Die es erbaulich weiter klingt. + +Weisse Blasen seh ich springen, +Wohl! die Massen sind im Fluss. +Lasst's mit Aschensalz durchdringen, +Das befoerdert schnell den Guss. +Auch von Schaume rein +Muss die Mischung sein, +Dass vom reinlichen Metalle +Rein und voll die Stimme schalle. + +Denn mit der Freude Feierklange +Begruesst sie das geliebte Kind +Auf seines Lebens erstem Gange, +Den es in Schlafes Arm beginnt; +Ihm ruhen noch im Zeitenschosse +Die schwarzen und die heitern Lose, +Der Mutterliebe zarte Sorgen +Bewachen seinen goldnen Morgen-- +Die Jahre fliehen pfeilgeschwind. +Vom Maedchen reisst sich stolz der Knabe, +Er stuermt ins Leben wild hinaus, +Durchmisst die Welt am Wanderstabe, +Fremd kehrt er heim ins Vaterhaus, +Und herrlich, in der Jugend Prangen, +Wie ein Gebild aus Himmels Hoehn, +Mit zuechtigen, verschaemten Wangen +Sieht er die Jungfrau vor sich stehn. +Da fasst ein namenloses Sehnen +Des Juenglings Herz, er irrt allein, +Aus seinen Augen brechen Traenen, +Er flieht der Brueder wilden Reihn. +Erroetend folgt er ihren Spuren, +Und ist von ihrem Gruss beglueckt; +Das Schoenste sucht er auf den Fluren, +Womit er seine Liebe schmueckt. +O! zarte Sehnsucht, suesses Hoffen, +Der ersten Liebe goldne Zeit, +Das Auge sieht den Himmel offen, +Es schwelgt das Herz in Seligkeit, +O! dass sie ewig gruenen bliebe, +Die schoene Zeit der jungen Liebe! + +Wie sich schon die Pfeifen braeunen! +Dieses Staebchen tauch ich ein, +Sehn wir's ueberglast erscheinen +Wirds zum Gusse zeitig sein. +Jetzt, Gesellen, frisch! +Prueft mir das Gemisch, +Ob das Sproede mit dem Weichen +Sich vereint zum guten Zeichen. + +Denn wo das Strenge mit dem Zarten, +Wo Starkes sich und Mildes paarten, +Da gibt es einen guten Klang. +Drum pruefe, wer sich ewig bindet, +Ob sich das Herz zum Herzen findet! +Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang. +Lieblich in der Braeute Locken +Spielt der jungfraeuliche Kranz, +Wenn die hellen Kirchenglocken +Laden zu des Festes Glanz. +Ach! des Lebens schoenste Feier +Endigt auch den Lebensmai, +Mit dem Guertel, mit dem Schleier +Reisst der schoene Wahn entzwei. +Die Leidenschaft flieht, +Die Liebe muss bleiben, +Die Blume verblueht, +Die Frucht muss treiben. +Der Mann muss hinaus +Ins feindliche Leben, +Muss wirken und streben +Und pflanzen und schaffen, +Erlisten, erraffen, +Muss wetten und wagen +Das Glueck zu erjagen. +Da stroemet herbei die unendliche Gabe, +Es fuellt sich der Speicher mit koestlicher Habe, +Die Raeume wachsen, es dehnt sich das Haus. +Und drinnen waltet +Die zuechtige Hausfrau, +Die Mutter der Kinder, +Und herrschet weise +Im haeuslichen Kreise, +Und lehret die Maedchen, +Und wehret den Knaben, +Und reget ohn Ende +Die fleissigen Haende, +Uend mehrt den Gewinn +Mit ordnendem Sinn. +Und fuellet mit Schaetzen die duftenden Laden, +Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden, +Und sammelt im reinlich geglaetteten Schrein +Die schimmernde Wolle, den schneeigten Lein, +Und fueget zum Guten den Glanz und den Schimmer, +Und ruhet nimmer. +Und der Vater mit frohem Blick +Von des Hauses weitschauendem Giebel +Ueberzaehlet sein bluehend Glueck, +Siehet der Pfosten ragende Baeume, +Und der Scheunen gefuellte Raeume +Und die Speicher, vom Segen gebogen, +Und des Kornes bewegte Wogen, +Ruehmt sich mit stolzem Mund: +Fest wie der Erde Grund +Gegen des Ungluecks Macht +Steht mfr des Hauses Pracht!-- +Doch mit des Geschickes Maechten +Ist kein ew'ger Bund zu flechten, +Und das Unglueck schreitet schnell. + +Wohl! Nun kann der Guss beginnen, +Schoen gezacket ist der Bruch. +Doch, bevor wir's lassen rinnen, +Betet einen frommen Spruch! +Stosst den Zapfen aus! +Gott bewahr das Haus. +Raudlend in des Henkels Bogen +Schiessts mit feuerbraunen Wogen. + +Wohltaetig ist des Feuers Macht, +Wenn sie der Mensch bezaehmt, bewacht, +Und was er bildet, was er schafft, +Das dankt er dieser; +Doch furchtbar wird die Himmelskraft, +Wenn sie der Fessel sich entrafft, +Einhertritt auf der eignen Spur +Die freie Tochter der Natur. +Wehe, wenn sie losgelassen +Wachsend ohne Widerstand +Durch die volkbelebten Gassen +Waelzt den ungeheuren Brand! +Denn die Elemente hassen +Das Gebild der Menschenhand. +Aus der Wolke +Quillt der Segen, +Stroemt der Regen, +Aus der Wolke, ohne Wahl, +Zuckt der Strahl! +Hoert ihr's wimmern hoch vom Turm! +Das ist Sturm! +Rot wie Blut +Ist der Himmel, +Das ist nicht des Tages Glut! +Welch Getuemmel +Strassen auf! +Dampf wallt auf! +Flackernd steigt die Feuersaeule, +Durch der Strassen lange Zeile +Waechst es fort mit Windeseile, +Kochend wie aus Ofens Rachen +Gluehn die Luefte, Balken krachen, +Pfosten stuerzen, Fenster klirren, +Kinder jammern, Muetter irren, +Tiere wimmern +Unter Truemmern, +Alles rennet, rettet, fluechtet, +Taghell ist die Nacht gelichtet, +Durch der Haende lange Kette +Um die Wette +Fliegt der Eimer, hoch im Bogen +Spruetzen Quellen, Wasserwogen. +Heulend kommt der Sturm geflogen, +Der die Flamme brausend sucht, +Prasselnd in die duerre Frucht +Faellt sie, in des Speichers Raeume, +In der Sparren duerre Baeume, +Und als wollte sie im Wehen +Mit sich fort der Erde Wucht +Reissen, in gewaltger Flucht, +Waechst sie in des Himmels Hoehen +Riesengross! +Hoffnungslos +Weicht der Mensch der Goetterstaerke, +Muessig sieht er seine Werke +Und bewundernd untergehn. +Leergebrannt +Ist die Staette, +Wilder Stuerme rauhes Bette, +In den oeden Fensterhoehlen +Wohnt das Grauen, +Und des Himmels Wolken schauen +Hoch hinein. +Einen Blick +Nach dem Grabe +Seiner Habe +Sendet noch der Mensch zurueck-- +Greift froehlich dann zum Wanderstabe, +Was Feuers Wut ihm auch geraubt, +Ein suesser Trost ist ihm geblieben, +Er zaehlt die Haeupter seiner Lieben +Und sieh! ihm fehlt kein teures Haupt. + +In die Erd ist's aufgenommen, +Gluecklich ist die Form gefuellt, +Wirds auch schoen zu Tage kommen, +Dass es Fleiss und Kunst vergilt? +Wenn der Guss misslang? +Wenn die Form zersprang? +Ach, vielleicht indem wir hoffen +Hat uns Unheil schon getroffen. + +Dem dunkeln Schoss der heilgen Erde +Vertrauen wir der Haende Tat, +Vertraut der Saemann seine Saat +Und hofft, dass sie entkeimen werde +Zum Segen, nach des Himmels Rat. +Noch koestlicheren Samen bergen +Wir traurend in der Erde Schoss, +Und hoffen, dass er aus den Saergen +Erbluehen soll zu schoenerm Los. +Von dem Dome +Schwer und bang +Toent die Glocke +Grabgesang. +Ernst begleiten ihre Trauerschlaege +Einen Wandrer auf dem letzten Wege. +Ach! die Gattin ists, die teure, +Ach! es ist die treue Mutter, +Die der schwarze Fuerst der Schatten +Wegfuehrt aus dem Arm des Gatten, +Aus der zarten Kinder Schar, +Die si.e bluehend ihm gebar, +Die sie an der treuen Brust +Wachsen sah mit Mutterlust-- +Ach! des Hauses zarte Bande +Sind geloest auf immerdar, +Denn sie wohnt im Scha.ttenlande, +Die des Hauses Mutter war, +Denn es fehlt ihr treues Walten, +Ihre Sorge wacht nicht mehr, +An verwaister Staette schalten +Wird die Fremde, liebeleer. + +Bis die Glocke sich verkuehlet +Lasst die strenge Arbeit ruhn, +Wie im Laub der Vogel spielet +Mag sich jeder guetlich tun. +Winkt der Sterne Licht, +Ledig aller Pflicht +Hoert der Bursch die Vesper schlagen, +Meister muss sich immer plagen. + +Munter foerdert seine Schritte +Fern im wilden Forst der Wandrer +Nach der lieben Heimathuette. +Bloeckend ziehen heim die Schafe, +Und der Rinder +Breitgestirnte glatte Scharen +Kommen bruellend, +Die gewohnten Staelle fuellend. +Schwer herein +Schwankt der Wagen, +Kornbeladen, +Bunt von Farben +Auf den Garben +Liegt der Kranz, +Und das junge Volk der Schnitter +Fliegt zum Tanz. +Markt und Strasse werden stiller, +Um des Lichts gesellge Flamme +Sammeln sich die Hausbewohner, +Und das Stadttor schliesst sich knarrend. +Schwarz bedecket +Sich die Erde, +Doch den sichern Buerger schrecket +Nicht die Nacht, +Die den Boesen graesslich wecket, +Denn das Auge des Gesetzes wacht. +Heilge Ordnung, segenreiche +Himmelstochter, die das Gleiche +Frei und leicht und freudig bindet, +Die der Staedte Bau gegruendet, +Die herein von den Gefilden +Rief den ungesellgen Wilden, +Eintrat in der Menschen Huetten, +Sie gewoehnt' zu sanften Sitten +Und das teuerste der Bande +Wob, den Trieb zum Vaterlande! + +Tausend fleissge Haende regen, +Helfen sich in munterm Bund +Und in feurigem Bewegen +Werden alle Kraefte kund. +Meister ruehrt sich und Geselle +In der Freiheit heilgem Schutz. +Jeder freut sich seiner Stelle, +Bietet dem Veraechter Trutz. +Arbeit ist des Buergers Zierde, +Segen ist der Muehe Preis, +Ehrt den Koenig seine Wuerde, +Ehret uns der Haende Fleiss. + +Holder Friede, +Suesse Eintracht, +Weilet, weilet +Freundlich ueber dieser Stadt! +Moege nie der Tag erscheinen, +Wo des rauhen Krieges Horden +Dieses stille Tal durchtoben, +Wo der Himmel, +Den des Abends sanfte Roete +Lieblich malt, +Von der Doerfer, von der Staedte +Wildem Brande schrecklich strahlt! + +Nun zerbrecht mir das Gebaeude, +Seine Absicht hats erfuellt, +Dass sich Herz und Auge weide +An dem wohlgelungnen Bild. +Schwingt den Hammer, schwingt, +Bis der Mantel springt, +Wenn die Glock soll auferstehen +Muss die Form in Stuecken gehen. + +Der Meister kann die Form zerbrechen +Mit weiser Hand, zur rechten Zeit, +Doch wehe, wenn in Flammenbaechen +Das gluehnde Erz sich selbst befreit! +Blindwuetend mit des Donners Krachen +Zersprengt es das geborstne Haus, +Und wie aus offnem Hoellenrachen +Speit es Verderben zuendend aus; +Wo rohe Kraefte sinnlos walten, +Da kann sich kein Gebild gestalten, +Wenn sich die Voelker selbst befrein, +Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn. + +Weh, wenn sich in dem Schoss der Staedte +Der Feuerzunder still gehaeuft, +Das Volk, zerreissend seine Kette, +Zur Eigenhilfe schrecklich greift! +Da zerret an der Glocke Straengen +Der Aufruhr, dass sie heulend schallt, +Und nur geweiht zu Friedensklaengen +Die Losung anstimmt zur Gewalt. + +Freiheit und Gleichheit! hoert man schallen, +Der ruh'ge Buerger greift zur Wehr; +Die Strassen fuellen sich, die Hallen, +Und Wuergerbanden ziehn umher, +Da werden Weiber zu Hyaenen +Und treiben mit Entsetzen Scherz, +Noch zuckend, mit des Panthers Zaehnen, +Zerreissen sie des Feindes Herz. +Nichts Heiliges ist mehr, es loesen +Sich alle Bande frommer Scheu, +Der Gute raeumt den Platz dem Boesen, +Und alle Laster walten frei. +Gefaehrlich ists den Leu zu wecken, +Verderblich ist des Tigers Zahn, +Jedoch der schrecklichste der Schrecken +Das ist der Mensch in seinem Wahn. +Weh denen, die dem Ewigblinden +Des Lichtes Himmelsfackel leihn! +Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zuenden +Und aeschert Staedt und Laender ein. + +Freude hat mir Gott gegeben! +Sehet! wie ein goldner Stern +Aus der Huelse, blank und eben, +Schaelt sich der metallne Kern. +Von dem Helm zum Kranz +Spielts wie Sonnenglanz, +Auch des Wappens nette Schilder +Loben den erfahrnen Bilder. + +Herein! herein! +Gesellen alle, schliesst den Reihen, +Dass wir die Glocke taufend weihen, +Concordia soll ihr Name sein, +Zur Eintracht, zu herzinnigem Vereine +Versammle sie die liebende Gemeine. +Und dies sei fortan ihr Beruf, +Wozu der Meister sie erschuf : +Hoch ueberm niedern Erdenleben +Soll sie in blauem Himmelszelt +Die Nachbarin des Donners schweben +Und grenzen an die Sternenwelt, +Soll eine Stimme sein von oben, +Wie der Gestirne helle Schar, +Die ihren Schoepfer wandelnd loben +Und fuehren das bekraenzte Jahr. +Nur ewigen und ernsten Dingen +Sei ihr metallner Mund geweiht, +Und stuendlich mit den schnellen Schwingen +Beruehr im Fluge sie die Zeit, +Dem Schicksal leihe sie die Zunge, +Selbst herzlos, ohne Mitgefuehl, +Begleite sie mit ihrem Schwunge +Des Lebens wechselvolles Spiel. +Und wie der Klang im Ohr vergehet, +Der maechtig toenend ihr entschallt, +So lehre sie, dass nichts bestehet, +Dass alles Irdische verhallt. + +Jetzo mit der Kraft des Stranges +Wiegt die Glock mir aus der Gruft, +Dass sie in das Reich des Klanges +Steige, in die Himmelsluft. +Ziehet, ziehet, hebt! +Sie bewegt sich, schwebt, +Freude dieser Stadt bedeute, +Friede sei ihr erst Gelaeute. + + + +Das Maedchen aus der Fremde + + +In einem Tal bei armen Hirten +Erschien mit jedem jungen Jahr, +Sobald die ersten Lerchen schwirrten, +Ein Maedchen, schoen und wunderbar. + +Sie war nicht in dem Tal geboren, +Man wusste nicht, woher sie kam, +Und schnell war ihre Spur verloren, +Sobald das Maedchen Abschied nahm. + +Beseligend war ihre Naehe, +Und alle Herzen wurden weit, +Doch eine Wuerde, eine Hoehe +Entfernte die Vertraulichkeit. + +Sie brachte Blumen mit und Fruechte, +Gereift auf einer andern Flur, +In einem andern Sonnenlichte, +In einer gluecklichern Natur. + +Und teilte jedem eine Gabe, +Dem Fruechte, jenem Blumen aus, +Der Juengling und der Greis am Stabe, +Ein jeder ging beschenkt nach Haus. + +Willkommen waren alle Gaeste, +Doch nahte sich ein liebend Paar, +Dem reichte sie der Gaben beste, +Der Blumen allerschoenste dar. + + + +Das Maedchen von Orleans + + +Das edle Bild der Menschheit zu verhoehnen, +Im tiefsten Staube waelzte dich der Spott; +Krieg fuehrt der Witz auf ewig mit den Schoenen, +Er glaubt nicht an den Engel und den Gott; +Dem Herzen will er seine Schaetze rauben, +Den Wahn bekriegt er und verletzt den Glauben. + +Doch, wie du selbst aus kindlichem Geschlechte, +Selbst eine fromme Schaeferin wie du, +Reicht dir die Dichtkunst ihre Goetterrechte, +Schwingt sich mit dir den ew'gen Sternen zu. +Mit einer Glorie hat sie dich umgeben; +Dich schuf das Herz, du wirst unsterblich leben. + +Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwaerzen +Und das Erhabne in den Staub zu ziehn; +Doch fuerchte nicht! Es gibt noch schoene Herzen, +Die fuer das Hohe, Herrliche entgluehn. +Den lauten Markt mag Momus unterhalten, +Ein edler Sinn liebt edlere Gestalten. + + + +Das Spiel des Lebens + + +Wollt ihr in meinen Kasten sehn? +Des Lebens Spiel, die Welt im kleinen, +Gleich soll sie eurem Aug erscheinen; +Nur muesst ihr nicht zu nahe stehn, +Ihr muesst sie bei der Liebe Kerzen +Und nur bei Amors Fackel sehn. + +Schaut her! Nie wird die Buehne leer: +Dort bringen sie das Kind getragen, +Der Knabe huepft, der Juengling stuermt einher, +Es kaempft der Mann, und alles will er wagen. + +Ein jeglicher versucht sein Glueck, +Doch schmal nur ist die Bahn zum Rennen: +Der Wagen rollt, die Achsen brennen, +Der Held dringt kuehn voran, der Schwaechling bleibt zurueck, +Der Stolze faellt mit laecherlichem Falle, +Der Kluge ueberholt sie alle. + +Die Frauen seht ihr an den Schranken stehn, +Mit holdem Blick, mit schoenen Haenden +Den Dank dem Sieger auszuspenden. + + + +Das verschleierte Bild zu Sais + + +Ein Juengling, den des Wissens heisser Durst +Nach Sais in Aegypten trieb, der Priester +Geheime Weisheit zu erlernen, hatte +Schon manchen Grad mit schnellem Geist durcheilt, +Stets riss ihn seine Forschbegierde weiter, +Und kaum besaenftigte der Hierophant +Den ungeduldig Strebenden. "Was hab ich, +Wenn ich nicht alles habe?" sprach der Juengling, +"Gibts etwa hier ein Weniger und Mehr? +Ist deine Wahrheit wie der Sinne Glueck +Nur eine Summe, die man groesser, kleiner +Besitzen kann und immer doch besitzt? +Ist sie nicht eine einzge, ungeteilte? +Nimm einen Ton aus einer Harmonie, +Nimm eine Farbe aus dem Regenbogen, +Und alles, was dir bleibt, ist nichts, solang +Das schoene All der Toene fehlt und Farben." + +Indem sie einst so sprachen, standen sie +In einer einsamen Rotonde still, +Wo ein verschleiert Bild von Riesengroesse +Dem Juengling in die Augen fiel. Verwundert +Blickt er den Fuehrer an und spricht: "Was ists, +Das hinter diesem Schleier sich verbirgt?" +"Die Wahrheit", ist die Antwort.--"Wie?" ruft jener, +"Nach Wahrheit streb ich ja allein, und diese +Gerade ist es, die man mir verhuellt?" + +"Das mache mit der Gottheit aus", versetzt +Der Hierophant. "Kein Sterblicher, sagt sie, +Rueckt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe. +Und wer mit ungeweihter, schuldger Hand +Den heiligen, verbotnen frueher hebt, +Der, spricht die Gottheit--"--"Nun?"-- +"Der sieht die Wahrheit." + +"Ein seltsamer Orakelspruch! Du selbst, +Du haettest also niemals ihn gehoben?" +"Ich? Wahrlich nicht! Und war auch nie dazu +Versucht."--"Das fass ich nicht. Wenn von der Wahrheit +Nur diese duenne Scheidewand mich trennte--" +"Und ein Gesetz", faellt ihm sein Fuehrer ein. +"Gewichtiger, mein Sohn, als du es meinst, +Ist dieser duenne Flor--fuer deine Hand +Zwar leicht, doch zentnerschwer fuer dein Gewissen." + +Der Juengling ging gedankenvoll nach Hause, +Ihm raubt des Wissens brennende Begier +Den Schlaf, er waelzt sich gluehend auf dem Lager +Und rafft sich auf um Mitternacht. Zum Tempel +Fuehrt unfreiwillig ihn der scheue Tritt. +Leicht ward es ihm, die Mauer zu ersteigen, +Und mitten in das Innre der Rotonde +Traegt ein beherzter Sprung den Wagenden. + +Hier steht er nun, und grauenvoll umfaengt +Den Einsamen die lebenlose Stille, +Die nur der Tritte hohler Widerhall +In den geheimen Grueften unterbricht +Von oben durch der Kuppel Oeffnung wirft +Der Mond den bleichen, silberblauen Schein, +Und furchtbar wie ein gegenwaertger Gott +Erglaenzt durch des Gewoelbes Finsternisse +In ihrem langen Schleier die Gestalt. + +Er tritt hinan mit ungewissem Schritt, +Schon will die freche Hand das Heilige beruehren, +Da zuckt es heiss und kuehl durch sein Gebein +Und stoesst ihn weg mit unsichtbarem Arme. +Ungluecklicher, was willst du tun? So ruft +In seinem Innern eine treue Stimme. +Versuchen den Allheiligen willst du? +Kein Sterblicher, sprach des Orakels Mund, +Rueckt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe. +Doch setzte nicht derselbe Mund hinzu: +Wer diesen Schleier hebt, soll Wahrheit schauen? +"Sei hinter ihm, was will! Ich heb ihn auf." +(Er rufts mit lauter Stimm.) "Ich will sie schauen." +Schauen! +Gellt ihm ein langes Echo spottend nach. + +Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt. +Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier? +Ich weiss es nicht. Besinnungslos und bleich, +So fanden ihn am andern Tag die Priester +Am Fussgestell der Isis ausgestreckt. +Was er allda gesehen und erfahren, +Hat seine Zunge nie bekannt. Auf ewig +War seines Lebens Heiterkeit dahin, +Ihn riss ein tiefer Gram zum fruehen Grabe. +"Weh dem", dies war sein warnungsvolles Wort, +Wenn ungestueme Frager in ihn drangen, +"Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld, +Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein." + + + +Der Abend (Nach einem Gemaelde) + + +Senke, strahlender Gott--die Fluren duersten +Nach erquickendem Tau, der Mensch verschmachtet, +Matter ziehen die Rosse-- +Senke den Wagen hinab! + +Siehe, wer aus des Meers kristallner Woge +Lieblich laechelnd dir winkt! Erkennt dein Herz sie? +Rascher fliegen die Rosse, +Tethys, die goettliche, winkt. + +Schnell vom Wagen herab in ihre Arme +Springt der Fuehrer, den Zaum ergreift Kupido, +Stille halten die Rosse, +Trinken die kuehlende Flut. + +An den Himmel herauf mit leisen Schritten +Kommt die duftende Nacht; ihr folgt die suesse +Liebe. Ruhet und liebet! +Phoebus, der liebende, ruht. + + + +Die Antiken zu Paris + + +Was der Griechen Kunst erschaffen, +Mag der Franke mit den Waffen +Fuehren nach der Seine Strand, +Und in prangenden Museen +Zeig er seine Siegstrophaeen +Dem erstaunten Vaterland! + +Ewig werden sie ihm schweigen, +Nie von den Gestellen steigen +In des Lebens frischen Reihn. +Der allein besitzt die Musen, +Der sie traegt im warmen Busen, +Dem Vandalen sind sie Stein. + + + +Die schoenste Erscheinung + + +Sahest du nie die Schoenheit im Augenblick des Leidens, +Niemals hast du die Schoenheit gesehn. +Sahst du die Freude nie in einem schoenen Gesichte, +Niemals hast du die Freude gesehn! + + + +Die Weltweisen + + +Der Satz, durch welchen alles Ding +Bestand und Form empfangen, +Der Kloben, woran Zeus den Ring +Der Welt, die sonst in Scherben ging, +Vorsichtig aufgehangen, +Den nenn ich einen grossen Geist, +Der mir ergruendet, wie er heisst, +Wenn ich ihm nicht drauf helfe-- +Er heisst: Zehn ist nicht Zwoelfe. + +Der Schnee macht kalt, das Feuer brennt, +Der Mensch geht auf zwei Fuessen, +Die Sonne scheint am Firmament, +Das kann, wer auch nicht Logik kennt, +Durch seine Sinne wissen. +Doch wer Metaphysik studiert, +Der weiss, dass, wer verbrennt, nicht friert, +Weiss, dass das Nasse feuchtet +Und dass das Helle leuchtet. + +Homerus singt sein Hochgedicht, +Der Held besteht Gefahren, +Der brave Mann tut seine Pflicht +Und tat sie, ich verhehl es nicht, +Eh noch Weltweise waren; +Doch hat Genie und Herz vollbracht, +Was Lock' und Des Cartes nie gedacht, +Sogleich wird auch von diesen +Die Moeglichkeit bewiesen. + +Im Leben gilt der Staerke Recht, +Dem Schwachen trotzt der Kuehne, +Wer nicht gebieten kann, ist Knecht; +Sonst geht es ganz ertraeglich schlecht +Auf dieser Erdenbuehne. +Doch wie es waere, fing der Plan +Der Welt nur erst von vorne an, +Ist in Moralsystemen +Ausfuehrlich zu vernehmen. + +"Der Mensch bedarf des Menschen sehr +Zu seinem grossen Ziele, +Nur in dem Ganzen wirket er, +Viel Tropfen geben erst das Meer, +Viel Wasser treibt die Muehle. +Drum flieht der wilden Woelfe Stand +Und knuepft des Staates daurend Band." +So lehren vom Katheder +Herr Puffendorf und Feder. + +Doch weil, was ein Professor spricht, +Nicht gleich zu allen dringet, +So uebt N a t u r die Mutterpflicht +Und sorgt, dass nie die Kette bricht +Und dass der Reif nie springet. +Einstweilen, bis den Bau der Welt +Philosophie zusammenhaelt, +Erhaelt s i e das Getriebe +Durch Hunger und durch Liebe. + + + +Epigramme + + +Unsterblichkeit +Vor dem Tod erschrickst du? +Du wuenschest unsterblich zu leben? +Leb im Ganzen! +Wenn du lange dahin bist, es bleibt. + +Theophanie +Zeigt sich der Glueckliche mir, +ich vergesse die Goetter des Himmels; +Aber sie stehen vor mir, +wenn ich den Leidenden seh. + +Das Kind in der Wiege +Gluecklicher Saeugling! +Dir ist ein unendlicher Raum noch die Wiege, +Werde Mann, +und dir wird eng die unendliche Welt. + +Der beste Staat +"Woran erkenn ich den besten Staat?" +Woran du die beste Frau kennst! +daran, mein Freund, +dass man von beiden nicht spricht. + +Das Unwandelbare +"Unaufhaltsam enteilet die Zeit." +Sie sucht das Bestaend'ge. +Sei getreu, +und du legst ewige Fesseln ihr an. + +Zeus zu Herkules +Nicht aus meinem Nektar +hast du dir Gottheit getrunken; +Deine Goetterkraft war's, +die dir den Nektar errang. + + + +Forum des Weibes + + +Frauen, richtet mir nie des Mannes einzelne Taten; +Aber ueber den Mann sprechet das richtige Wort. + + + +Odysseus + + +Alle Gewaesser durchkreuzt, die Heimat zu finden, Odysseus; +Durch der Scylla Gebell, durch der Charybde Gefahr, +Durch die Schrecken des feindlichen Meers, durch die Schrecken des Landes, +Selber in Aides Reich fuehrt ihn die irrende Fahrt. +Endlich traegt das Geschick ihn schlafend an Ithakas Kueste-- +Er erwacht und erkennt jammernd das Vaterland nicht. + + + +Sehnsucht + + +Ach, aus dieses Tales Gruenden, +Die der kalte Nebel drueckt, +Koennt ich doch den Ausgang finden, +Ach, wie fuehlt ich mich beglueckt! +Dort erblick ich schoene Huegel, +Ewig jung und ewig gruen! +Haett ich schwingen, haett ich Fluegel, +Nach den Huegeln zoeg ich hin. + +Harmonieen hoer ich klingen, +Toene suesser Himmelsruh, +Und die leichten Winde bringen +Mir der Duefte Balsam zu, +Goldne Fruechte seh ich gluehen, +Winkend zwischen dunkelm Laub, +Und die Blumen, die dort bluehen, +Werden keines Winters Raub. +Ach wie schoen muss sich's ergehen +Dort im ew'gen Sonnenschein, +Und die Luft auf jenen Hoehen, +O wie labend muss sie sein! +Doch mir wehrt des Stromes Toben, +Der ergrimmt dazwischen braust, +Seine Wellen sind gehoben, +Das die Seele mir ergraust. + +Einen Nachen seh ich schwanken, +Aber ach! Der Faehrmann fehlt. +Frisch hinein und ohne Wanken! +Seine Segel sind beseelt. +Du musst glauben, du musst wagen, +Denn die Goetter leihn kein Pfand, +Nur ein Wunder kann dich tragen +In das schoene Wunderland. + + + +Spinoza + + +Hier liegt ein Eichbaum umgerissen, +Sein Wipfel taet die Wolken kuessen, +Er liegt am Grund--warum? +Die Bauren hatten, hoer ich reden, +Sein schoenes Holz zum Bau'n vonnoeten +Und rissen ihn deswegen um. + + + +Thekla (Eine Geisterstimme) + + +Wo ich sei, und wo mich hingewendet, +Als mein fluecht'ger Schatte dir entschwebt? +Hab ich nicht beschlossen und geendet, +Hab ich nicht geliebet und gelebt? + +Willst du nach den Nachtigallen fragen, +Die mit seelenvoller Melodie +Dich entzuecken in des Lenzes Tagen? +Nur solang sie liebten, waren sie. + +Ob ich den Verlorenen gefunden? +Glaube mir, ich bin mit ihm vereint, +Wo sich nicht mehr trennt, was sich verbunden, +Dort, wo keine Traene wird geweint. + +Dorten wirst auch du uns wieder finden, +Wenn dein Lieben unserm Lieben gleicht; +Dort ist auch der Vater, frei von Suenden, +Den der blut'ge Mord nicht mehr erreicht. + +Und er fuehlt, dass ihn kein Wahn betrogen, +Als er aufwaerts zu den Sternen sah; +Denn wie jeder waegt, wird ihm gewogen, +Wer es glaubt, dem ist das Heil'ge nah. + +Wort gehalten wird in jenen Raeumen +Jedem schoenen glaeubigen Gefuehl; +Wage du, zu irren und zu traeumen: +Hoher Sinn liegt oft in kind'schem Spiel. + + + +Triumph der Liebe + + +Selig durch die Liebe +Goetter--durch die Liebe +Menschen Goettern gleich! +Liebe macht den Himmel +Himmlischer--die Erde +Zu dem Himmelreich. + + + +Weibliches Urteil + + +Maenner richten nach Gruenden; +des Weibes Urteil ist seine Liebe: +wo es nicht liebt, +hat schon gerichtet das Weib. + + + +Winternacht + + +Ade! Die liebe Herrgottssonne gehet, +Grad ueber tritt der Mond! +Ade! Mit schwarzem Rabenfluegel wehet +Die stumme Nacht ums Erdenrund. + +Nichts hoer ich mehr durchs winternde Gefilde +Als tief im Felsenloch +Die Murmelquell, und aus dem Wald das wilde +Geheul des Uhus hoer ich noch. + +Im Wasserbette ruhen alle Fische, +Die Schnecke kriecht ins Dach, +Das Huendchen schlummert sicher unterm Tische, +Mein Weibchen nickt im Schlafgemach. + +Euch Bruederchen von meinen Bubentagen +Mein herzliches Willkomm! +Ihr sitzt vielleicht mit traulichem Behagen +Um einen teutschen Krug herum. + +Im hochgefuellten Deckelglase malet +Sich purpurfarb die Welt, +Und aus dem goldnen Traubenschaume strahlet +Vergnuegen, das kein Neid vergaellt. + +Im Hintergrund vergangner Jahre findet +Nur Rosen euer Blick, +Leicht, wie die blaue Knasterwolke, schwindet +Der truebe Gram von euch zurueck. + +Vom Schaukelgaul bis gar zum Doktorhute +Stoert ihr im Zeitbuch um. +Und zaehlt nunmehr mit federleichtem Mute +Schweisstropfen im Gymnasium. + +Wie manchen Fluch--noch moegen unterm Boden +Sich seine Knochen drehn-- +Terenz erpresst, trotz Herrn Minellis Noten, +Wie manch verzogen Maul gesehn. + +Wie ungestuem dem grimmen Landexamen +Des Buben Herz geklopft; +Wie ihm, sprach itzt der Rektor seinen Namen, +Der helle Schweiss aufs Buch getropft.-- + +Wo red't man auch von einer--e--gewissen-- +Die sich als Frau nun spreisst, +Und mancher will der Lecker bass nun wissen, +Was doch ihr Mann bass--gar nicht weisst. + +Nun liegt dies all im Nebel hinterm Ruecken, +Und Bube heisst nun Mann, +Und Friedrich schweigt der weiseren Peruecken, +Was einst der kleine Fritz getan-- + +Man ist--Potz gar!--zum Doktor ausgesprochen, +Wohl gar--beim Regiment! +Und hat vielleicht--doch nicht zu frueh, gerochen, +Dass Plane--Seifenblasen sind. + +Hauch immer zu,--und lass die Blasen springen; +Bleibt nur dies Herz noch ganz! +Und bleibt mir nur--errungen mit Gesaengen-- +Zum Lohn ein teutscher Lorbeerkranz. + + + +Zum Geburtstag der Frau Griesbach + + +Mach auf, Frau Griesbach! Ich bin da +Und klopf an deine Tuere. +Mich schickt Papa und die Mama, +Dass ich dir gratuliere. + +Ich bringe nichts als ein Gedicht +Zu deines Tages Feier; +Denn alles, was die Mutter spricht, +Ist so entsetzlich teuer. + +Sag selbst, was ich dir wuenschen soll; +Ich weiss nichts zu erdenken. +Du hast ja Kuech und Keller voll, +Nichts fehlt in deinen Schraenken. + +Es wachsen fast dir auf den Tisch +Die Spargel und die Schoten, +Die Stachelbeeren bluehen frisch, +Und so die Reineclauden. + +Bei Stachelbeeren faellt mir ein: +Die schmecken gar zu suesse; +Und wenn sie werden zeitig sein, +So sorge, dass ich's wisse. + +Viel fette Schweine maestest du +Und gibst den Huehnern Futter; +Die Kuh im Stalle ruft muh! muh! +Und gibt dir Milch und Butter. + +Es haben alle dich so gern, +Die Alten und die Jungen, +Und deinem lieben, braven Herrn +Ist alles wohlgelungen. + +Du bist wohlauf; Gott Lob und Dank! +Musst's auch fein immer bleiben; +Ja, hoere, werde ja nicht krank, +Dass sie dir nichts verschreiben! + +Nun lebe wohl! Ich sag ade. +Gelt, ich war heut bescheiden? +Doch koenntest du mir, eh ich geh, +'ne Butterbemme schneiden. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Einige Gedichte, +von Friedrich von Schiller. + + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, EINIGE GEDICHTE *** + +This file should be named 7nggd10.txt or 7nggd10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7nggd11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7nggd10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext04 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext04 + +Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. 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Mit jungfräulichen Wangen, +Erröten im verschämten Angesicht, +Tritt sie vor dich, ihr Urteil zu empfangen; +Sie achtet es, doch fürchtet sie es nicht. +Des guten Beifall wünscht sie zu erlangen, +Den Wahrheit rührt, den Flimmer nicht besticht; +Nur wem ein Herz, empfänglich für das Schöne, +Im Busen schlägt, ist wert, dass er sie kröne. + +Nicht länger wollen diese Lieder leben, +Als bis ihr Klang ein fühlend Herz erfreut, +Mit schönern Phantasien es umgeben, +Zu höheren Gefühlen es geweiht; +Zur fernen Nachwelt wollen sie nicht schweben, +Sie tönten, sie verhallen in der Zeit. +Des Augenblickes Lust hat sie geboren, +Sie fliehen fort im leichten Tanz der Horen. + +Der Lenz erwacht, auf den erwärmten Triften +Schießt frohes Leben jugendlich hervor, +Die Staude würzt die Luft mit Nektardüften, +Den Himmel füllt ein muntrer Sängerchor. +Und jung und alt ergeht sich in den Lüften +Und freuet sich und schwelgt mit Aug und Ohr. +Der Lenz entflieht! Die Blume schießt in Samen, +Und keine bleibt von allen, welche kamen. + + + +Amalia + + +Schön wie Engel voll Walhallas Wonne, +Schön vor allen Jünglingen war er, +Himmlisch mild sein Blick, wie Maiensonne, +Rückgestrahlt vom blauen Spiegelmeer. +Seine Küsse--paradiesisch Fühlen! +Wie zwo Flammen sich ergreifen, wie +Harfentöne in einander spielen +Zu der himmelvollen Harmonie-- +Stürzten, flogen, schmolzen Geist und Geist zusammen, +Lippen, Wangen brannten, zitterten, +Seele rann in Seele--Erd' und Himmel schwammen +Wie zerronnen um die Liebenden! +Er ist hin--vergebens, ach! vergebens +Stöhnet ihm der bange Seufzer nach! +Er ist hin, und alle Lust des Lebens +Wimmert hin in ein verlornes Ach! + + + +An den Frühling + + +Willkommen schöner Jüngling! +Du Wonne der Natur! +Mit deinem Blumenkörbchen +Willkommen auf der Flur! + +Ei! Ei! Da bist du wieder! +Und bist so lieb und schön! +Und freun wir uns so herzlich, +Entgegen dir zu gehen. +Denkst auch noch an mein Mädchen? +Ei, lieber, denke doch! +Dort liebte mich das Mädchen, +Und 's Mädchen liebt mich noch! + +Fürs Mädchen manches Blümchen +Erbat ich mir von dir-- +Ich komm und bitte wieder, +Und du?--du gibst es mir? + +Willkommen schöner Jüngling! +Du Wonne der Natur! +Mit deinem Blumenkörbchen +Willkommen auf der Flur! + + + +An die Astronomen + + +Schwatzet mir nicht so viel von Nebelflecken und Sonnen! +Ist die Natur nur groß, weil sie zu zählen euch gibt? +Euer Gegenstand ist der erhabenste freilich im Raume; +Aber, Freunde, im Raum wohnt das Erhabene nicht. + + + +An einen Moralisten + + +Was zürnst du unsrer frohen Jugendweise +Und lehrst, daß Lieben Tändeln sei? +Du starrest in des Winters Eise +Und schmälest auf den goldnen Mai. + +Einst, als du noch das Nymphenvolk bekriegtest, +Ein Held des Karnevals den deutschen Wirbel flogst, +Ein Himmelreich in beiden Armen wiegtest +Und Nektarduft von Mädchenlippen sogst-- + +Ha Seladon! wenn damals aus den Achsen +Gewichen wär der Erde schwerer Ball, +Im Liebesknäul mit Julien verwachsen +Du hättest überhört den Fall! + +O denk zurück nach deinen Rosentagen +Und lerne: die Philosophie +Schlägt um, wie unsre Pulse anders schlagen; +Zu Göttern schaffst du Menschen nie. + +Wohl, wenn ins Eis des klügelnden Verstandes +Das warme Blut ein bißchen muntrer springt! +Laß den Bewohnern eines bessern Landes, +Was nie dem Sterblichen gelingt. + +Zwingt doch der irdische Gefährte +Den gottgebornen Geist in Kerkermauren ein, +Er wehrt mir, daß ich Engel werde, +Ich will ihm folgen, Mensch zu sein. + + + +Bittschrift + + +Dumm ist mein Kopf und schwer wie Blei, +Die Tobaksdose ledig, +Mein Magen leer--der Himmel sei +Dem Trauerspiele gnädig. + +Ich kratze mit dem Federkiel +Auf den gewalkten Lumpen; +Wer kann Empfindung und Gefühl +Aus hohlem Herzen pumpen? + +Feu'r soll ich gießen aufs Papier +Mit angefrornem Finger?-- +O Phöbus, hassest du Geschmier, +So wärm auch deine Sänger. + +Die Wäsche klatscht vor meiner Tür, +Es scharrt die Küchenzofe. +Und mich--mich ruft das Flügeltier +Nach König Philipps Hofe. + +Ich steige mutig auf das Roß; +In wenigen Sekunden +Seh ich Madrid--Am Königsschloß +Hab ich es angebunden. + +Ich eile durch die Galerie +Und--siehe da!--belausche +Die junge Fürstin Eboli +In süßem Liebesrausche. + +Jetzt sinkt sie an des Prinzen Brust +Mit wonnevollem Schauer, +In i h r e n Augen Götterlust, +Doch in den s e i n e n Trauer. + +Schon ruft das schöne Weib Triumph, +Schon hör ich--Tod und Hölle! +Was hör ich?--einen nassen Strumpf +Geworfen in die Welle. + +Und weg ist Traum und Feerei-- +Prinzessin, Gott befohlen! +Der Teufel soll die Dichterei +Beim Hemdenwaschen holen. + + +Das Geheimnis + + +Sie konnte mir kein Wörtchen sagen, +Zu viele Lauscher waren wach; +Den Blick nur durft ich schüchtern fragen, +Und wohl verstand ich, was er sprach. +Leis komm ich her in deine Stille, +Du schön belaubtes Buchenzelt, +Verbirg in deiner grünen Hülle +Die Liebenden dem Aug der Welt. + +Von ferne mit verworrnem Sausen +Arbeitet der geschäft'ge Tag, +Und durch der Stimmen hohles Brausen +Erkenn ich schwerer Hämmer Schlag. +So sauer ringt die kargen Lose +Der Mensch dem harten Himmel ab, +Doch leicht erworben, aus dem Schoße +Der Götter fällt das Glück herab. + +Daß ja die Menschen nie es hören, +Wie treue Lieb uns still beglückt! +Sie können nur die Freude stören, +Weil Freude nie sie selbst entzückt. +Die Welt wird nie das Glück erlauben, +Als Beute wird es nur gehascht, +Entwenden mußt du's oder rauben, +Eh dich die Mißgunst überrascht. + +Leis auf den Zehen kommt's geschlichen, +Die Stille liebt es und die Nacht, +Mit schnellen Füßen ist's entwichen, +Wo des Verräters Auge wacht. +O schlinge dich, du sanfte Quelle, +Ein breiter Strom um uns herum, +Und drohend mit empörter Welle +Verteidige dies Heiligtum! + + + +Das Glück der Weisheit + + +Entzweit mit einem Favoriten, +Flog einst Fortun der Weisheit zu: +"Ich will dir meine Schätze bieten, +Sei meine Freundin du! + +Mit meinen reichsten, schönsten Gaben +Beschenkt ich ihn so mütterlich, +Und sieh, er will noch immer haben +Und nennt noch geizig mich. + +Komm, Schwester, laß uns Freundschaft schließen, +Du marterst dich an deinem Pflug; +In deinen Schoß will ich sie gießen, +Hier ist für dich und mich genug." + +Sophia lächelt diesen Worten +Und wischt den Schweiß vom Angesicht: +Dort eilt dein Freund, sich zu ermorden, +Versöhnet euch!--ich brauch dich nicht." + + + +Das Lied von der Glocke + + +Vivos voco. Mortuos plango. Fulgura frango. + +Fest gemauert in der Erden +Steht die Form, aus Lehm gebrannt. +Heute muß die Glocke werden, +Frisch, Gesellen! seid zur Hand. +Von der Stirne heiß +Rinnen muß der Schweiß, +Soll das Werk den Meister loben, +Doch der Segen kommt von oben. +Zum Werke, das wir ernst bereiten, +Geziemt sich wohl ein ernstes Wort; +Wenn gute Reden sie begleiten, +Dann fließt die Arbeit munter fort. +So laßt uns jetzt mit Fleiß betrachten, +Was durch die schwache Kraft entspringt, +Den schlechten Mann muß man verachten, +Der nie bedacht, was er vollbringt. +Das ists ja, was den Menschen zieret +Und dazu ward ihm der Verstand, +Daß er im innern Herzen spüret, +Was er erschafft mit seiner Hand. + +Nehmet Holz vom Fichtenstamme, +Doch recht trocken laßt es sein, +Daß die eingepreßte Flamme +Schlage zu dem Schwalch hinein. +Kocht des Kupfers Brei, +Schnell das Zinn herbei, +Daß die zähe Glockenspeise +Fließe nach der rechten Weise. + +Was in des Dammes tiefer Grube +Die Hand mit Feuers Hilfe baut, +Hoch auf des Turmes Glockenstube +Da wird es von uns zeugen laut. +Noch dauern wirds in späten Tagen +Und rühren vieler Menschen Ohr, +Und wird mit dem Betrübten klagen, +Und stimmen zu der Andacht Chor. +Was unten tief dem Erdensohne +Das wechselnde Verhängnis bringt, +Das schlägt an die metallne Krone, +Die es erbaulich weiter klingt. + +Weiße Blasen seh ich springen, +Wohl! die Massen sind im Fluß. +Laßt's mit Aschensalz durchdringen, +Das befördert schnell den Guß. +Auch von Schaume rein +Muß die Mischung sein, +Daß vom reinlichen Metalle +Rein und voll die Stimme schalle. + +Denn mit der Freude Feierklange +Begrüßt sie das geliebte Kind +Auf seines Lebens erstem Gange, +Den es in Schlafes Arm beginnt; +Ihm ruhen noch im Zeitenschoße +Die schwarzen und die heitern Lose, +Der Mutterliebe zarte Sorgen +Bewachen seinen goldnen Morgen-- +Die Jahre fliehen pfeilgeschwind. +Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe, +Er stürmt ins Leben wild hinaus, +Durchmißt die Welt am Wanderstabe, +Fremd kehrt er heim ins Vaterhaus, +Und herrlich, in der Jugend Prangen, +Wie ein Gebild aus Himmels Höhn, +Mit züchtigen, verschämten Wangen +Sieht er die Jungfrau vor sich stehn. +Da faßt ein namenloses Sehnen +Des Jünglings Herz, er irrt allein, +Aus seinen Augen brechen Tränen, +Er flieht der Brüder wilden Reihn. +Errötend folgt er ihren Spuren, +Und ist von ihrem Gruß beglückt; +Das Schönste sucht er auf den Fluren, +Womit er seine Liebe schmückt. +O! zarte Sehnsucht, süßes Hoffen, +Der ersten Liebe goldne Zeit, +Das Auge sieht den Himmel offen, +Es schwelgt das Herz in Seligkeit, +O! daß sie ewig grünen bliebe, +Die schöne Zeit der jungen Liebe! + +Wie sich schon die Pfeifen bräunen! +Dieses Stäbchen tauch ich ein, +Sehn wir's überglast erscheinen +Wirds zum Gusse zeitig sein. +Jetzt, Gesellen, frisch! +Prüft mir das Gemisch, +Ob das Spröde mit dem Weichen +Sich vereint zum guten Zeichen. + +Denn wo das Strenge mit dem Zarten, +Wo Starkes sich und Mildes paarten, +Da gibt es einen guten Klang. +Drum prüfe, wer sich ewig bindet, +Ob sich das Herz zum Herzen findet! +Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang. +Lieblich in der Bräute Locken +Spielt der jungfräuliche Kranz, +Wenn die hellen Kirchenglocken +Laden zu des Festes Glanz. +Ach! des Lebens schönste Feier +Endigt auch den Lebensmai, +Mit dem Gürtel, mit dem Schleier +Reißt der schöne Wahn entzwei. +Die Leidenschaft flieht, +Die Liebe muß bleiben, +Die Blume verblüht, +Die Frucht muß treiben. +Der Mann muß hinaus +Ins feindliche Leben, +Muß wirken und streben +Und pflanzen und schaffen, +Erlisten, erraffen, +Muß wetten und wagen +Das Glück zu erjagen. +Da strömet herbei die unendliche Gabe, +Es füllt sich der Speicher mit köstlicher Habe, +Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus. +Und drinnen waltet +Die züchtige Hausfrau, +Die Mutter der Kinder, +Und herrschet weise +Im häuslichen Kreise, +Und lehret die Mädchen, +Und wehret den Knaben, +Und reget ohn Ende +Die fleißigen Hände, +Ünd mehrt den Gewinn +Mit ordnendem Sinn. +Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden, +Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden, +Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein +Die schimmernde Wolle, den schneeigten Lein, +Und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer, +Und ruhet nimmer. +Und der Vater mit frohem Blick +Von des Hauses weitschauendem Giebel +Überzählet sein blühend Glück, +Siehet der Pfosten ragende Bäume, +Und der Scheunen gefüllte Räume +Und die Speicher, vom Segen gebogen, +Und des Kornes bewegte Wogen, +Rühmt sich mit stolzem Mund: +Fest wie der Erde Grund +Gegen des Unglücks Macht +Steht mfr des Hauses Pracht!-- +Doch mit des Geschickes Mächten +Ist kein ew'ger Bund zu flechten, +Und das Unglück schreitet schnell. + +Wohl! Nun kann der Guß beginnen, +Schön gezacket ist der Bruch. +Doch, bevor wir's lassen rinnen, +Betet einen frommen Spruch! +Stoßt den Zapfen aus! +Gott bewahr das Haus. +Raudlend in des Henkels Bogen +Schießts mit feuerbraunen Wogen. + +Wohltätig ist des Feuers Macht, +Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht, +Und was er bildet, was er schafft, +Das dankt er dieser; +Doch furchtbar wird die Himmelskraft, +Wenn sie der Fessel sich entrafft, +Einhertritt auf der eignen Spur +Die freie Tochter der Natur. +Wehe, wenn sie losgelassen +Wachsend ohne Widerstand +Durch die volkbelebten Gassen +Wälzt den ungeheuren Brand! +Denn die Elemente hassen +Das Gebild der Menschenhand. +Aus der Wolke +Quillt der Segen, +Strömt der Regen, +Aus der Wolke, ohne Wahl, +Zuckt der Strahl! +Hört ihr's wimmern hoch vom Turm! +Das ist Sturm! +Rot wie Blut +Ist der Himmel, +Das ist nicht des Tages Glut! +Welch Getümmel +Straßen auf! +Dampf wallt auf! +Flackernd steigt die Feuersäule, +Durch der Straßen lange Zeile +Wächst es fort mit Windeseile, +Kochend wie aus Ofens Rachen +Glühn die Lüfte, Balken krachen, +Pfosten stürzen, Fenster klirren, +Kinder jammern, Mütter irren, +Tiere wimmern +Unter Trümmern, +Alles rennet, rettet, flüchtet, +Taghell ist die Nacht gelichtet, +Durch der Hände lange Kette +Um die Wette +Fliegt der Eimer, hoch im Bogen +Sprützen Quellen, Wasserwogen. +Heulend kommt der Sturm geflogen, +Der die Flamme brausend sucht, +Prasselnd in die dürre Frucht +Fällt sie, in des Speichers Räume, +In der Sparren dürre Bäume, +Und als wollte sie im Wehen +Mit sich fort der Erde Wucht +Reißen, in gewaltger Flucht, +Wächst sie in des Himmels Höhen +Riesengroß! +Hoffnungslos +Weicht der Mensch der Götterstärke, +Müßig sieht er seine Werke +Und bewundernd untergehn. +Leergebrannt +Ist die Stätte, +Wilder Stürme rauhes Bette, +In den öden Fensterhöhlen +Wohnt das Grauen, +Und des Himmels Wolken schauen +Hoch hinein. +Einen Blick +Nach dem Grabe +Seiner Habe +Sendet noch der Mensch zurück-- +Greift fröhlich dann zum Wanderstabe, +Was Feuers Wut ihm auch geraubt, +Ein süßer Trost ist ihm geblieben, +Er zählt die Häupter seiner Lieben +Und sieh! ihm fehlt kein teures Haupt. + +In die Erd ist's aufgenommen, +Glücklich ist die Form gefüllt, +Wirds auch schön zu Tage kommen, +Daß es Fleiß und Kunst vergilt? +Wenn der Guß mißlang? +Wenn die Form zersprang? +Ach, vielleicht indem wir hoffen +Hat uns Unheil schon getroffen. + +Dem dunkeln Schoß der heilgen Erde +Vertrauen wir der Hände Tat, +Vertraut der Sämann seine Saat +Und hofft, daß sie entkeimen werde +Zum Segen, nach des Himmels Rat. +Noch köstlicheren Samen bergen +Wir traurend in der Erde Schoß, +Und hoffen, daß er aus den Särgen +Erblühen soll zu schönerm Los. +Von dem Dome +Schwer und bang +Tönt die Glocke +Grabgesang. +Ernst begleiten ihre Trauerschläge +Einen Wandrer auf dem letzten Wege. +Ach! die Gattin ists, die teure, +Ach! es ist die treue Mutter, +Die der schwarze Fürst der Schatten +Wegführt aus dem Arm des Gatten, +Aus der zarten Kinder Schar, +Die si.e blühend ihm gebar, +Die sie an der treuen Brust +Wachsen sah mit Mutterlust-- +Ach! des Hauses zarte Bande +Sind gelöst auf immerdar, +Denn sie wohnt im Scha.ttenlande, +Die des Hauses Mutter war, +Denn es fehlt ihr treues Walten, +Ihre Sorge wacht nicht mehr, +An verwaister Stätte schalten +Wird die Fremde, liebeleer. + +Bis die Glocke sich verkühlet +Laßt die strenge Arbeit ruhn, +Wie im Laub der Vogel spielet +Mag sich jeder gütlich tun. +Winkt der Sterne Licht, +Ledig aller Pflicht +Hört der Bursch die Vesper schlagen, +Meister muß sich immer plagen. + +Munter fördert seine Schritte +Fern im wilden Forst der Wandrer +Nach der lieben Heimathütte. +Blöckend ziehen heim die Schafe, +Und der Rinder +Breitgestirnte glatte Scharen +Kommen brüllend, +Die gewohnten Ställe füllend. +Schwer herein +Schwankt der Wagen, +Kornbeladen, +Bunt von Farben +Auf den Garben +Liegt der Kranz, +Und das junge Volk der Schnitter +Fliegt zum Tanz. +Markt und Straße werden stiller, +Um des Lichts gesellge Flamme +Sammeln sich die Hausbewohner, +Und das Stadttor schließt sich knarrend. +Schwarz bedecket +Sich die Erde, +Doch den sichern Bürger schrecket +Nicht die Nacht, +Die den Bösen gräßlich wecket, +Denn das Auge des Gesetzes wacht. +Heilge Ordnung, segenreiche +Himmelstochter, die das Gleiche +Frei und leicht und freudig bindet, +Die der Städte Bau gegründet, +Die herein von den Gefilden +Rief den ungesellgen Wilden, +Eintrat in der Menschen Hütten, +Sie gewöhnt' zu sanften Sitten +Und das teuerste der Bande +Wob, den Trieb zum Vaterlande! + +Tausend fleißge Hände regen, +Helfen sich in munterm Bund +Und in feurigem Bewegen +Werden alle Kräfte kund. +Meister rührt sich und Geselle +In der Freiheit heilgem Schutz. +Jeder freut sich seiner Stelle, +Bietet dem Verächter Trutz. +Arbeit ist des Bürgers Zierde, +Segen ist der Mühe Preis, +Ehrt den König seine Würde, +Ehret uns der Hände Fleiß. + +Holder Friede, +Süße Eintracht, +Weilet, weilet +Freundlich über dieser Stadt! +Möge nie der Tag erscheinen, +Wo des rauhen Krieges Horden +Dieses stille Tal durchtoben, +Wo der Himmel, +Den des Abends sanfte Röte +Lieblich malt, +Von der Dörfer, von der Städte +Wildem Brande schrecklich strahlt! + +Nun zerbrecht mir das Gebäude, +Seine Absicht hats erfüllt, +Daß sich Herz und Auge weide +An dem wohlgelungnen Bild. +Schwingt den Hammer, schwingt, +Bis der Mantel springt, +Wenn die Glock soll auferstehen +Muß die Form in Stücken gehen. + +Der Meister kann die Form zerbrechen +Mit weiser Hand, zur rechten Zeit, +Doch wehe, wenn in Flammenbächen +Das glühnde Erz sich selbst befreit! +Blindwütend mit des Donners Krachen +Zersprengt es das geborstne Haus, +Und wie aus offnem Höllenrachen +Speit es Verderben zündend aus; +Wo rohe Kräfte sinnlos walten, +Da kann sich kein Gebild gestalten, +Wenn sich die Völker selbst befrein, +Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn. + +Weh, wenn sich in dem Schoß der Städte +Der Feuerzunder still gehäuft, +Das Volk, zerreißend seine Kette, +Zur Eigenhilfe schrecklich greift! +Da zerret an der Glocke Strängen +Der Aufruhr, daß sie heulend schallt, +Und nur geweiht zu Friedensklängen +Die Losung anstimmt zur Gewalt. + +Freiheit und Gleichheit! hört man schallen, +Der ruh'ge Bürger greift zur Wehr; +Die Straßen füllen sich, die Hallen, +Und Würgerbanden ziehn umher, +Da werden Weiber zu Hyänen +Und treiben mit Entsetzen Scherz, +Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen, +Zerreißen sie des Feindes Herz. +Nichts Heiliges ist mehr, es lösen +Sich alle Bande frommer Scheu, +Der Gute räumt den Platz dem Bösen, +Und alle Laster walten frei. +Gefährlich ists den Leu zu wecken, +Verderblich ist des Tigers Zahn, +Jedoch der schrecklichste der Schrecken +Das ist der Mensch in seinem Wahn. +Weh denen, die dem Ewigblinden +Des Lichtes Himmelsfackel leihn! +Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden +Und äschert Städt und Länder ein. + +Freude hat mir Gott gegeben! +Sehet! wie ein goldner Stern +Aus der Hülse, blank und eben, +Schält sich der metallne Kern. +Von dem Helm zum Kranz +Spielts wie Sonnenglanz, +Auch des Wappens nette Schilder +Loben den erfahrnen Bilder. + +Herein! herein! +Gesellen alle, schließt den Reihen, +Daß wir die Glocke taufend weihen, +Concordia soll ihr Name sein, +Zur Eintracht, zu herzinnigem Vereine +Versammle sie die liebende Gemeine. +Und dies sei fortan ihr Beruf, +Wozu der Meister sie erschuf : +Hoch überm niedern Erdenleben +Soll sie in blauem Himmelszelt +Die Nachbarin des Donners schweben +Und grenzen an die Sternenwelt, +Soll eine Stimme sein von oben, +Wie der Gestirne helle Schar, +Die ihren Schöpfer wandelnd loben +Und führen das bekränzte Jahr. +Nur ewigen und ernsten Dingen +Sei ihr metallner Mund geweiht, +Und stündlich mit den schnellen Schwingen +Berühr im Fluge sie die Zeit, +Dem Schicksal leihe sie die Zunge, +Selbst herzlos, ohne Mitgefühl, +Begleite sie mit ihrem Schwunge +Des Lebens wechselvolles Spiel. +Und wie der Klang im Ohr vergehet, +Der mächtig tönend ihr entschallt, +So lehre sie, daß nichts bestehet, +Daß alles Irdische verhallt. + +Jetzo mit der Kraft des Stranges +Wiegt die Glock mir aus der Gruft, +Daß sie in das Reich des Klanges +Steige, in die Himmelsluft. +Ziehet, ziehet, hebt! +Sie bewegt sich, schwebt, +Freude dieser Stadt bedeute, +Friede sei ihr erst Geläute. + + + +Das Mädchen aus der Fremde + + +In einem Tal bei armen Hirten +Erschien mit jedem jungen Jahr, +Sobald die ersten Lerchen schwirrten, +Ein Mädchen, schön und wunderbar. + +Sie war nicht in dem Tal geboren, +Man wußte nicht, woher sie kam, +Und schnell war ihre Spur verloren, +Sobald das Mädchen Abschied nahm. + +Beseligend war ihre Nähe, +Und alle Herzen wurden weit, +Doch eine Würde, eine Höhe +Entfernte die Vertraulichkeit. + +Sie brachte Blumen mit und Früchte, +Gereift auf einer andern Flur, +In einem andern Sonnenlichte, +In einer glücklichern Natur. + +Und teilte jedem eine Gabe, +Dem Früchte, jenem Blumen aus, +Der Jüngling und der Greis am Stabe, +Ein jeder ging beschenkt nach Haus. + +Willkommen waren alle Gäste, +Doch nahte sich ein liebend Paar, +Dem reichte sie der Gaben beste, +Der Blumen allerschönste dar. + + + +Das Mädchen von Orleans + + +Das edle Bild der Menschheit zu verhöhnen, +Im tiefsten Staube wälzte dich der Spott; +Krieg führt der Witz auf ewig mit den Schönen, +Er glaubt nicht an den Engel und den Gott; +Dem Herzen will er seine Schätze rauben, +Den Wahn bekriegt er und verletzt den Glauben. + +Doch, wie du selbst aus kindlichem Geschlechte, +Selbst eine fromme Schäferin wie du, +Reicht dir die Dichtkunst ihre Götterrechte, +Schwingt sich mit dir den ew'gen Sternen zu. +Mit einer Glorie hat sie dich umgeben; +Dich schuf das Herz, du wirst unsterblich leben. + +Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen +Und das Erhabne in den Staub zu ziehn; +Doch fürchte nicht! Es gibt noch schöne Herzen, +Die für das Hohe, Herrliche entglühn. +Den lauten Markt mag Momus unterhalten, +Ein edler Sinn liebt edlere Gestalten. + + + +Das Spiel des Lebens + + +Wollt ihr in meinen Kasten sehn? +Des Lebens Spiel, die Welt im kleinen, +Gleich soll sie eurem Aug erscheinen; +Nur müßt ihr nicht zu nahe stehn, +Ihr müßt sie bei der Liebe Kerzen +Und nur bei Amors Fackel sehn. + +Schaut her! Nie wird die Bühne leer: +Dort bringen sie das Kind getragen, +Der Knabe hüpft, der Jüngling stürmt einher, +Es kämpft der Mann, und alles will er wagen. + +Ein jeglicher versucht sein Glück, +Doch schmal nur ist die Bahn zum Rennen: +Der Wagen rollt, die Achsen brennen, +Der Held dringt kühn voran, der Schwächling bleibt zurück, +Der Stolze fällt mit lächerlichem Falle, +Der Kluge überholt sie alle. + +Die Frauen seht ihr an den Schranken stehn, +Mit holdem Blick, mit schönen Händen +Den Dank dem Sieger auszuspenden. + + + +Das verschleierte Bild zu Sais + + +Ein Jüngling, den des Wissens heißer Durst +Nach Sais in Ägypten trieb, der Priester +Geheime Weisheit zu erlernen, hatte +Schon manchen Grad mit schnellem Geist durcheilt, +Stets riß ihn seine Forschbegierde weiter, +Und kaum besänftigte der Hierophant +Den ungeduldig Strebenden. "Was hab ich, +Wenn ich nicht alles habe?" sprach der Jüngling, +"Gibts etwa hier ein Weniger und Mehr? +Ist deine Wahrheit wie der Sinne Glück +Nur eine Summe, die man größer, kleiner +Besitzen kann und immer doch besitzt? +Ist sie nicht eine einzge, ungeteilte? +Nimm einen Ton aus einer Harmonie, +Nimm eine Farbe aus dem Regenbogen, +Und alles, was dir bleibt, ist nichts, solang +Das schöne All der Töne fehlt und Farben." + +Indem sie einst so sprachen, standen sie +In einer einsamen Rotonde still, +Wo ein verschleiert Bild von Riesengröße +Dem Jüngling in die Augen fiel. Verwundert +Blickt er den Führer an und spricht: "Was ists, +Das hinter diesem Schleier sich verbirgt?" +"Die Wahrheit", ist die Antwort.--"Wie?" ruft jener, +"Nach Wahrheit streb ich ja allein, und diese +Gerade ist es, die man mir verhüllt?" + +"Das mache mit der Gottheit aus", versetzt +Der Hierophant. "Kein Sterblicher, sagt sie, +Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe. +Und wer mit ungeweihter, schuldger Hand +Den heiligen, verbotnen früher hebt, +Der, spricht die Gottheit--"--"Nun?"-- +"Der sieht die Wahrheit." + +"Ein seltsamer Orakelspruch! Du selbst, +Du hättest also niemals ihn gehoben?" +"Ich? Wahrlich nicht! Und war auch nie dazu +Versucht."--"Das fass ich nicht. Wenn von der Wahrheit +Nur diese dünne Scheidewand mich trennte--" +"Und ein Gesetz", fällt ihm sein Führer ein. +"Gewichtiger, mein Sohn, als du es meinst, +Ist dieser dünne Flor--für deine Hand +Zwar leicht, doch zentnerschwer für dein Gewissen." + +Der Jüngling ging gedankenvoll nach Hause, +Ihm raubt des Wissens brennende Begier +Den Schlaf, er wälzt sich glühend auf dem Lager +Und rafft sich auf um Mitternacht. Zum Tempel +Führt unfreiwillig ihn der scheue Tritt. +Leicht ward es ihm, die Mauer zu ersteigen, +Und mitten in das Innre der Rotonde +Trägt ein beherzter Sprung den Wagenden. + +Hier steht er nun, und grauenvoll umfängt +Den Einsamen die lebenlose Stille, +Die nur der Tritte hohler Widerhall +In den geheimen Grüften unterbricht +Von oben durch der Kuppel Öffnung wirft +Der Mond den bleichen, silberblauen Schein, +Und furchtbar wie ein gegenwärtger Gott +Erglänzt durch des Gewölbes Finsternisse +In ihrem langen Schleier die Gestalt. + +Er tritt hinan mit ungewissem Schritt, +Schon will die freche Hand das Heilige berühren, +Da zuckt es heiß und kühl durch sein Gebein +Und stößt ihn weg mit unsichtbarem Arme. +Unglücklicher, was willst du tun? So ruft +In seinem Innern eine treue Stimme. +Versuchen den Allheiligen willst du? +Kein Sterblicher, sprach des Orakels Mund, +Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe. +Doch setzte nicht derselbe Mund hinzu: +Wer diesen Schleier hebt, soll Wahrheit schauen? +"Sei hinter ihm, was will! Ich heb ihn auf." +(Er rufts mit lauter Stimm.) "Ich will sie schauen." +Schauen! +Gellt ihm ein langes Echo spottend nach. + +Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt. +Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier? +Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich, +So fanden ihn am andern Tag die Priester +Am Fußgestell der Isis ausgestreckt. +Was er allda gesehen und erfahren, +Hat seine Zunge nie bekannt. Auf ewig +War seines Lebens Heiterkeit dahin, +Ihn riß ein tiefer Gram zum frühen Grabe. +"Weh dem", dies war sein warnungsvolles Wort, +Wenn ungestüme Frager in ihn drangen, +"Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld, +Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein." + + + +Der Abend (Nach einem Gemälde) + + +Senke, strahlender Gott--die Fluren dürsten +Nach erquickendem Tau, der Mensch verschmachtet, +Matter ziehen die Rosse-- +Senke den Wagen hinab! + +Siehe, wer aus des Meers kristallner Woge +Lieblich lächelnd dir winkt! Erkennt dein Herz sie? +Rascher fliegen die Rosse, +Tethys, die göttliche, winkt. + +Schnell vom Wagen herab in ihre Arme +Springt der Führer, den Zaum ergreift Kupido, +Stille halten die Rosse, +Trinken die kühlende Flut. + +An den Himmel herauf mit leisen Schritten +Kommt die duftende Nacht; ihr folgt die süße +Liebe. Ruhet und liebet! +Phöbus, der liebende, ruht. + + + +Die Antiken zu Paris + + +Was der Griechen Kunst erschaffen, +Mag der Franke mit den Waffen +Führen nach der Seine Strand, +Und in prangenden Museen +Zeig er seine Siegstrophäen +Dem erstaunten Vaterland! + +Ewig werden sie ihm schweigen, +Nie von den Gestellen steigen +In des Lebens frischen Reihn. +Der allein besitzt die Musen, +Der sie trägt im warmen Busen, +Dem Vandalen sind sie Stein. + + + +Die schönste Erscheinung + + +Sahest du nie die Schönheit im Augenblick des Leidens, +Niemals hast du die Schönheit gesehn. +Sahst du die Freude nie in einem schönen Gesichte, +Niemals hast du die Freude gesehn! + + + +Die Weltweisen + + +Der Satz, durch welchen alles Ding +Bestand und Form empfangen, +Der Kloben, woran Zeus den Ring +Der Welt, die sonst in Scherben ging, +Vorsichtig aufgehangen, +Den nenn ich einen großen Geist, +Der mir ergründet, wie er heißt, +Wenn ich ihm nicht drauf helfe-- +Er heißt: Zehn ist nicht Zwölfe. + +Der Schnee macht kalt, das Feuer brennt, +Der Mensch geht auf zwei Füßen, +Die Sonne scheint am Firmament, +Das kann, wer auch nicht Logik kennt, +Durch seine Sinne wissen. +Doch wer Metaphysik studiert, +Der weiß, daß, wer verbrennt, nicht friert, +Weiß, daß das Nasse feuchtet +Und daß das Helle leuchtet. + +Homerus singt sein Hochgedicht, +Der Held besteht Gefahren, +Der brave Mann tut seine Pflicht +Und tat sie, ich verhehl es nicht, +Eh noch Weltweise waren; +Doch hat Genie und Herz vollbracht, +Was Lock' und Des Cartes nie gedacht, +Sogleich wird auch von diesen +Die Möglichkeit bewiesen. + +Im Leben gilt der Stärke Recht, +Dem Schwachen trotzt der Kühne, +Wer nicht gebieten kann, ist Knecht; +Sonst geht es ganz erträglich schlecht +Auf dieser Erdenbühne. +Doch wie es wäre, fing der Plan +Der Welt nur erst von vorne an, +Ist in Moralsystemen +Ausführlich zu vernehmen. + +"Der Mensch bedarf des Menschen sehr +Zu seinem großen Ziele, +Nur in dem Ganzen wirket er, +Viel Tropfen geben erst das Meer, +Viel Wasser treibt die Mühle. +Drum flieht der wilden Wölfe Stand +Und knüpft des Staates daurend Band." +So lehren vom Katheder +Herr Puffendorf und Feder. + +Doch weil, was ein Professor spricht, +Nicht gleich zu allen dringet, +So übt N a t u r die Mutterpflicht +Und sorgt, daß nie die Kette bricht +Und daß der Reif nie springet. +Einstweilen, bis den Bau der Welt +Philosophie zusammenhält, +Erhält s i e das Getriebe +Durch Hunger und durch Liebe. + + + +Epigramme + + +Unsterblichkeit +Vor dem Tod erschrickst du? +Du wünschest unsterblich zu leben? +Leb im Ganzen! +Wenn du lange dahin bist, es bleibt. + +Theophanie +Zeigt sich der Glückliche mir, +ich vergesse die Götter des Himmels; +Aber sie stehen vor mir, +wenn ich den Leidenden seh. + +Das Kind in der Wiege +Glücklicher Säugling! +Dir ist ein unendlicher Raum noch die Wiege, +Werde Mann, +und dir wird eng die unendliche Welt. + +Der beste Staat +"Woran erkenn ich den besten Staat?" +Woran du die beste Frau kennst! +daran, mein Freund, +daß man von beiden nicht spricht. + +Das Unwandelbare +"Unaufhaltsam enteilet die Zeit." +Sie sucht das Beständ'ge. +Sei getreu, +und du legst ewige Fesseln ihr an. + +Zeus zu Herkules +Nicht aus meinem Nektar +hast du dir Gottheit getrunken; +Deine Götterkraft war's, +die dir den Nektar errang. + + + +Forum des Weibes + + +Frauen, richtet mir nie des Mannes einzelne Taten; +Aber über den Mann sprechet das richtige Wort. + + + +Odysseus + + +Alle Gewässer durchkreuzt, die Heimat zu finden, Odysseus; +Durch der Scylla Gebell, durch der Charybde Gefahr, +Durch die Schrecken des feindlichen Meers, durch die Schrecken des Landes, +Selber in Aides Reich führt ihn die irrende Fahrt. +Endlich trägt das Geschick ihn schlafend an Ithakas Küste-- +Er erwacht und erkennt jammernd das Vaterland nicht. + + + +Sehnsucht + + +Ach, aus dieses Tales Gründen, +Die der kalte Nebel drückt, +Könnt ich doch den Ausgang finden, +Ach, wie fühlt ich mich beglückt! +Dort erblick ich schöne Hügel, +Ewig jung und ewig grün! +Hätt ich schwingen, hätt ich Flügel, +Nach den Hügeln zög ich hin. + +Harmonieen hör ich klingen, +Töne süßer Himmelsruh, +Und die leichten Winde bringen +Mir der Düfte Balsam zu, +Goldne Früchte seh ich glühen, +Winkend zwischen dunkelm Laub, +Und die Blumen, die dort blühen, +Werden keines Winters Raub. +Ach wie schön muß sich's ergehen +Dort im ew'gen Sonnenschein, +Und die Luft auf jenen Höhen, +O wie labend muß sie sein! +Doch mir wehrt des Stromes Toben, +Der ergrimmt dazwischen braust, +Seine Wellen sind gehoben, +Das die Seele mir ergraust. + +Einen Nachen seh ich schwanken, +Aber ach! Der Fährmann fehlt. +Frisch hinein und ohne Wanken! +Seine Segel sind beseelt. +Du mußt glauben, du mußt wagen, +Denn die Götter leihn kein Pfand, +Nur ein Wunder kann dich tragen +In das schöne Wunderland. + + + +Spinoza + + +Hier liegt ein Eichbaum umgerissen, +Sein Wipfel tät die Wolken küssen, +Er liegt am Grund--warum? +Die Bauren hatten, hör ich reden, +Sein schönes Holz zum Bau'n vonnöten +Und rissen ihn deswegen um. + + + +Thekla (Eine Geisterstimme) + + +Wo ich sei, und wo mich hingewendet, +Als mein flücht'ger Schatte dir entschwebt? +Hab ich nicht beschlossen und geendet, +Hab ich nicht geliebet und gelebt? + +Willst du nach den Nachtigallen fragen, +Die mit seelenvoller Melodie +Dich entzücken in des Lenzes Tagen? +Nur solang sie liebten, waren sie. + +Ob ich den Verlorenen gefunden? +Glaube mir, ich bin mit ihm vereint, +Wo sich nicht mehr trennt, was sich verbunden, +Dort, wo keine Träne wird geweint. + +Dorten wirst auch du uns wieder finden, +Wenn dein Lieben unserm Lieben gleicht; +Dort ist auch der Vater, frei von Sünden, +Den der blut'ge Mord nicht mehr erreicht. + +Und er fühlt, daß ihn kein Wahn betrogen, +Als er aufwärts zu den Sternen sah; +Denn wie jeder wägt, wird ihm gewogen, +Wer es glaubt, dem ist das Heil'ge nah. + +Wort gehalten wird in jenen Räumen +Jedem schönen gläubigen Gefühl; +Wage du, zu irren und zu träumen: +Hoher Sinn liegt oft in kind'schem Spiel. + + + +Triumph der Liebe + + +Selig durch die Liebe +Götter--durch die Liebe +Menschen Göttern gleich! +Liebe macht den Himmel +Himmlischer--die Erde +Zu dem Himmelreich. + + + +Weibliches Urteil + + +Männer richten nach Gründen; +des Weibes Urteil ist seine Liebe: +wo es nicht liebt, +hat schon gerichtet das Weib. + + + +Winternacht + + +Ade! Die liebe Herrgottssonne gehet, +Grad über tritt der Mond! +Ade! Mit schwarzem Rabenflügel wehet +Die stumme Nacht ums Erdenrund. + +Nichts hör ich mehr durchs winternde Gefilde +Als tief im Felsenloch +Die Murmelquell, und aus dem Wald das wilde +Geheul des Uhus hör ich noch. + +Im Wasserbette ruhen alle Fische, +Die Schnecke kriecht ins Dach, +Das Hündchen schlummert sicher unterm Tische, +Mein Weibchen nickt im Schlafgemach. + +Euch Brüderchen von meinen Bubentagen +Mein herzliches Willkomm! +Ihr sitzt vielleicht mit traulichem Behagen +Um einen teutschen Krug herum. + +Im hochgefüllten Deckelglase malet +Sich purpurfarb die Welt, +Und aus dem goldnen Traubenschaume strahlet +Vergnügen, das kein Neid vergällt. + +Im Hintergrund vergangner Jahre findet +Nur Rosen euer Blick, +Leicht, wie die blaue Knasterwolke, schwindet +Der trübe Gram von euch zurück. + +Vom Schaukelgaul bis gar zum Doktorhute +Stört ihr im Zeitbuch um. +Und zählt nunmehr mit federleichtem Mute +Schweißtropfen im Gymnasium. + +Wie manchen Fluch--noch mögen unterm Boden +Sich seine Knochen drehn-- +Terenz erpreßt, trotz Herrn Minellis Noten, +Wie manch verzogen Maul gesehn. + +Wie ungestüm dem grimmen Landexamen +Des Buben Herz geklopft; +Wie ihm, sprach itzt der Rektor seinen Namen, +Der helle Schweiß aufs Buch getropft.-- + +Wo red't man auch von einer--e--gewissen-- +Die sich als Frau nun spreißt, +Und mancher will der Lecker baß nun wissen, +Was doch ihr Mann baß--gar nicht weißt. + +Nun liegt dies all im Nebel hinterm Rücken, +Und Bube heißt nun Mann, +Und Friedrich schweigt der weiseren Perücken, +Was einst der kleine Fritz getan-- + +Man ist--Potz gar!--zum Doktor ausgesprochen, +Wohl gar--beim Regiment! +Und hat vielleicht--doch nicht zu früh, gerochen, +Daß Plane--Seifenblasen sind. + +Hauch immer zu,--und laß die Blasen springen; +Bleibt nur dies Herz noch ganz! +Und bleibt mir nur--errungen mit Gesängen-- +Zum Lohn ein teutscher Lorbeerkranz. + + + +Zum Geburtstag der Frau Griesbach + + +Mach auf, Frau Griesbach! Ich bin da +Und klopf an deine Türe. +Mich schickt Papa und die Mama, +Daß ich dir gratuliere. + +Ich bringe nichts als ein Gedicht +Zu deines Tages Feier; +Denn alles, was die Mutter spricht, +Ist so entsetzlich teuer. + +Sag selbst, was ich dir wünschen soll; +Ich weiß nichts zu erdenken. +Du hast ja Küch und Keller voll, +Nichts fehlt in deinen Schränken. + +Es wachsen fast dir auf den Tisch +Die Spargel und die Schoten, +Die Stachelbeeren blühen frisch, +Und so die Reineclauden. + +Bei Stachelbeeren fällt mir ein: +Die schmecken gar zu süße; +Und wenn sie werden zeitig sein, +So sorge, daß ich's wisse. + +Viel fette Schweine mästest du +Und gibst den Hühnern Futter; +Die Kuh im Stalle ruft muh! muh! +Und gibt dir Milch und Butter. + +Es haben alle dich so gern, +Die Alten und die Jungen, +Und deinem lieben, braven Herrn +Ist alles wohlgelungen. + +Du bist wohlauf; Gott Lob und Dank! +Mußt's auch fein immer bleiben; +Ja, höre, werde ja nicht krank, +Daß sie dir nichts verschreiben! + +Nun lebe wohl! Ich sag ade. +Gelt, ich war heut bescheiden? +Doch könntest du mir, eh ich geh, +'ne Butterbemme schneiden. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Einige Gedichte, +von Friedrich von Schiller. + + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, EINIGE GEDICHTE *** + +This file should be named 8nggd10.txt or 8nggd10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8nggd11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8nggd10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext04 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext04 + +Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. 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