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+The Project Gutenberg EBook of Einige Gedichte, by
+Johann Christoph Friedrich von Schiller
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Einige Gedichte
+
+Author: Johann Christoph Friedrich von Schiller
+
+Posting Date: March 19, 2014 [EBook #6649]
+Release Date: October, 2004
+First Posted: January 9, 2003
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINIGE GEDICHTE ***
+
+
+
+
+Produced by Delphine Lettau (for finding a huge collection
+of ancient German books in London.) HTML version by Al
+Haines.
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+
+ Einige Gedichte
+
+ Friedrich von Schiller
+
+
+ Inhalt:
+
+ Abschied vom Leser
+ Amalia
+ An den Frühling
+ An die Astronomen
+ An einen Moralisten
+ Bittschrift
+ Das Geheimnis
+ Das Glück der Weisheit
+ Das Lied von der Glocke
+ Das Mädchen aus der Fremde
+ Das Mädchen von Orleans
+ Das Spiel des Lebens
+ Das verschleierte Bild zu Sais
+ Der Abend
+ Die Antiken zu Paris
+ Die schönste Erscheinung
+ Die Weltweisen
+ Epigramme Friedrich Schiller
+ Forum des Weibes
+ Odysseus
+ Sehnsucht
+ Spinoza
+ Thekla
+ Triumph der Liebe
+ Weibliches Urteil
+ Winternacht
+ Zum Geburtstag der Frau Griesbach
+
+
+
+ Abschied vom Leser
+
+
+ Die Muse schweigt. Mit jungfräulichen Wangen,
+ Erröten im verschämten Angesicht,
+ Tritt sie vor dich, ihr Urteil zu empfangen;
+ Sie achtet es, doch fürchtet sie es nicht.
+ Des guten Beifall wünscht sie zu erlangen,
+ Den Wahrheit rührt, den Flimmer nicht besticht;
+ Nur wem ein Herz, empfänglich für das Schöne,
+ Im Busen schlägt, ist wert, dass er sie kröne.
+
+ Nicht länger wollen diese Lieder leben,
+ Als bis ihr Klang ein fühlend Herz erfreut,
+ Mit schönern Phantasien es umgeben,
+ Zu höheren Gefühlen es geweiht;
+ Zur fernen Nachwelt wollen sie nicht schweben,
+ Sie tönten, sie verhallen in der Zeit.
+ Des Augenblickes Lust hat sie geboren,
+ Sie fliehen fort im leichten Tanz der Horen.
+
+ Der Lenz erwacht, auf den erwärmten Triften
+ Schießt frohes Leben jugendlich hervor,
+ Die Staude würzt die Luft mit Nektardüften,
+ Den Himmel füllt ein muntrer Sängerchor.
+ Und jung und alt ergeht sich in den Lüften
+ Und freuet sich und schwelgt mit Aug und Ohr.
+ Der Lenz entflieht! Die Blume schießt in Samen,
+ Und keine bleibt von allen, welche kamen.
+
+
+
+ Amalia
+
+
+ Schön wie Engel voll Walhallas Wonne,
+ Schön vor allen Jünglingen war er,
+ Himmlisch mild sein Blick, wie Maiensonne,
+ Rückgestrahlt vom blauen Spiegelmeer.
+ Seine Küsse--paradiesisch Fühlen!
+ Wie zwo Flammen sich ergreifen, wie
+ Harfentöne in einander spielen
+ Zu der himmelvollen Harmonie--
+ Stürzten, flogen, schmolzen Geist und Geist zusammen,
+ Lippen, Wangen brannten, zitterten,
+ Seele rann in Seele--Erd' und Himmel schwammen
+ Wie zerronnen um die Liebenden!
+ Er ist hin--vergebens, ach! vergebens
+ Stöhnet ihm der bange Seufzer nach!
+ Er ist hin, und alle Lust des Lebens
+ Wimmert hin in ein verlornes Ach!
+
+
+
+ An den Frühling
+
+
+ Willkommen schöner Jüngling!
+ Du Wonne der Natur!
+ Mit deinem Blumenkörbchen
+ Willkommen auf der Flur!
+
+ Ei! Ei! Da bist du wieder!
+ Und bist so lieb und schön!
+ Und freun wir uns so herzlich,
+ Entgegen dir zu gehen.
+ Denkst auch noch an mein Mädchen?
+ Ei, lieber, denke doch!
+ Dort liebte mich das Mädchen,
+ Und 's Mädchen liebt mich noch!
+
+ Fürs Mädchen manches Blümchen
+ Erbat ich mir von dir--
+ Ich komm und bitte wieder,
+ Und du?--du gibst es mir?
+
+ Willkommen schöner Jüngling!
+ Du Wonne der Natur!
+ Mit deinem Blumenkörbchen
+ Willkommen auf der Flur!
+
+
+
+ An die Astronomen
+
+
+ Schwatzet mir nicht so viel von Nebelflecken und Sonnen!
+ Ist die Natur nur groß, weil sie zu zählen euch gibt?
+ Euer Gegenstand ist der erhabenste freilich im Raume;
+ Aber, Freunde, im Raum wohnt das Erhabene nicht.
+
+
+
+ An einen Moralisten
+
+
+ Was zürnst du unsrer frohen Jugendweise
+ Und lehrst, daß Lieben Tändeln sei?
+ Du starrest in des Winters Eise
+ Und schmälest auf den goldnen Mai.
+
+ Einst, als du noch das Nymphenvolk bekriegtest,
+ Ein Held des Karnevals den deutschen Wirbel flogst,
+ Ein Himmelreich in beiden Armen wiegtest
+ Und Nektarduft von Mädchenlippen sogst--
+
+ Ha Seladon! wenn damals aus den Achsen
+ Gewichen wär der Erde schwerer Ball,
+ Im Liebesknäul mit Julien verwachsen
+ Du hättest überhört den Fall!
+
+ O denk zurück nach deinen Rosentagen
+ Und lerne: die Philosophie
+ Schlägt um, wie unsre Pulse anders schlagen;
+ Zu Göttern schaffst du Menschen nie.
+
+ Wohl, wenn ins Eis des klügelnden Verstandes
+ Das warme Blut ein bißchen muntrer springt!
+ Laß den Bewohnern eines bessern Landes,
+ Was nie dem Sterblichen gelingt.
+
+ Zwingt doch der irdische Gefährte
+ Den gottgebornen Geist in Kerkermauren ein,
+ Er wehrt mir, daß ich Engel werde,
+ Ich will ihm folgen, Mensch zu sein.
+
+
+
+ Bittschrift
+
+
+ Dumm ist mein Kopf und schwer wie Blei,
+ Die Tobaksdose ledig,
+ Mein Magen leer--der Himmel sei
+ Dem Trauerspiele gnädig.
+
+ Ich kratze mit dem Federkiel
+ Auf den gewalkten Lumpen;
+ Wer kann Empfindung und Gefühl
+ Aus hohlem Herzen pumpen?
+
+ Feu'r soll ich gießen aufs Papier
+ Mit angefrornem Finger?--
+ O Phöbus, hassest du Geschmier,
+ So wärm auch deine Sänger.
+
+ Die Wäsche klatscht vor meiner Tür,
+ Es scharrt die Küchenzofe.
+ Und mich--mich ruft das Flügeltier
+ Nach König Philipps Hofe.
+
+ Ich steige mutig auf das Roß;
+ In wenigen Sekunden
+ Seh ich Madrid--Am Königsschloß
+ Hab ich es angebunden.
+
+ Ich eile durch die Galerie
+ Und--siehe da!--belausche
+ Die junge Fürstin Eboli
+ In süßem Liebesrausche.
+
+ Jetzt sinkt sie an des Prinzen Brust
+ Mit wonnevollem Schauer,
+ In i h r e n Augen Götterlust,
+ Doch in den s e i n e n Trauer.
+
+ Schon ruft das schöne Weib Triumph,
+ Schon hör ich--Tod und Hölle!
+ Was hör ich?--einen nassen Strumpf
+ Geworfen in die Welle.
+
+ Und weg ist Traum und Feerei--
+ Prinzessin, Gott befohlen!
+ Der Teufel soll die Dichterei
+ Beim Hemdenwaschen holen.
+
+
+ Das Geheimnis
+
+
+ Sie konnte mir kein Wörtchen sagen,
+ Zu viele Lauscher waren wach;
+ Den Blick nur durft ich schüchtern fragen,
+ Und wohl verstand ich, was er sprach.
+ Leis komm ich her in deine Stille,
+ Du schön belaubtes Buchenzelt,
+ Verbirg in deiner grünen Hülle
+ Die Liebenden dem Aug der Welt.
+
+ Von ferne mit verworrnem Sausen
+ Arbeitet der geschäft'ge Tag,
+ Und durch der Stimmen hohles Brausen
+ Erkenn ich schwerer Hämmer Schlag.
+ So sauer ringt die kargen Lose
+ Der Mensch dem harten Himmel ab,
+ Doch leicht erworben, aus dem Schoße
+ Der Götter fällt das Glück herab.
+
+ Daß ja die Menschen nie es hören,
+ Wie treue Lieb uns still beglückt!
+ Sie können nur die Freude stören,
+ Weil Freude nie sie selbst entzückt.
+ Die Welt wird nie das Glück erlauben,
+ Als Beute wird es nur gehascht,
+ Entwenden mußt du's oder rauben,
+ Eh dich die Mißgunst überrascht.
+
+ Leis auf den Zehen kommt's geschlichen,
+ Die Stille liebt es und die Nacht,
+ Mit schnellen Füßen ist's entwichen,
+ Wo des Verräters Auge wacht.
+ O schlinge dich, du sanfte Quelle,
+ Ein breiter Strom um uns herum,
+ Und drohend mit empörter Welle
+ Verteidige dies Heiligtum!
+
+
+
+ Das Glück der Weisheit
+
+
+ Entzweit mit einem Favoriten,
+ Flog einst Fortun der Weisheit zu:
+ "Ich will dir meine Schätze bieten,
+ Sei meine Freundin du!
+
+ Mit meinen reichsten, schönsten Gaben
+ Beschenkt ich ihn so mütterlich,
+ Und sieh, er will noch immer haben
+ Und nennt noch geizig mich.
+
+ Komm, Schwester, laß uns Freundschaft schließen,
+ Du marterst dich an deinem Pflug;
+ In deinen Schoß will ich sie gießen,
+ Hier ist für dich und mich genug."
+
+ Sophia lächelt diesen Worten
+ Und wischt den Schweiß vom Angesicht:
+ Dort eilt dein Freund, sich zu ermorden,
+ Versöhnet euch!--ich brauch dich nicht."
+
+
+
+ Das Lied von der Glocke
+
+
+ Vivos voco. Mortuos plango. Fulgura frango.
+
+ Fest gemauert in der Erden
+ Steht die Form, aus Lehm gebrannt.
+ Heute muß die Glocke werden,
+ Frisch, Gesellen! seid zur Hand.
+ Von der Stirne heiß
+ Rinnen muß der Schweiß,
+ Soll das Werk den Meister loben,
+ Doch der Segen kommt von oben.
+ Zum Werke, das wir ernst bereiten,
+ Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;
+ Wenn gute Reden sie begleiten,
+ Dann fließt die Arbeit munter fort.
+ So laßt uns jetzt mit Fleiß betrachten,
+ Was durch die schwache Kraft entspringt,
+ Den schlechten Mann muß man verachten,
+ Der nie bedacht, was er vollbringt.
+ Das ists ja, was den Menschen zieret
+ Und dazu ward ihm der Verstand,
+ Daß er im innern Herzen spüret,
+ Was er erschafft mit seiner Hand.
+
+ Nehmet Holz vom Fichtenstamme,
+ Doch recht trocken laßt es sein,
+ Daß die eingepreßte Flamme
+ Schlage zu dem Schwalch hinein.
+ Kocht des Kupfers Brei,
+ Schnell das Zinn herbei,
+ Daß die zähe Glockenspeise
+ Fließe nach der rechten Weise.
+
+ Was in des Dammes tiefer Grube
+ Die Hand mit Feuers Hilfe baut,
+ Hoch auf des Turmes Glockenstube
+ Da wird es von uns zeugen laut.
+ Noch dauern wirds in späten Tagen
+ Und rühren vieler Menschen Ohr,
+ Und wird mit dem Betrübten klagen,
+ Und stimmen zu der Andacht Chor.
+ Was unten tief dem Erdensohne
+ Das wechselnde Verhängnis bringt,
+ Das schlägt an die metallne Krone,
+ Die es erbaulich weiter klingt.
+
+ Weiße Blasen seh ich springen,
+ Wohl! die Massen sind im Fluß.
+ Laßt's mit Aschensalz durchdringen,
+ Das befördert schnell den Guß.
+ Auch von Schaume rein
+ Muß die Mischung sein,
+ Daß vom reinlichen Metalle
+ Rein und voll die Stimme schalle.
+
+ Denn mit der Freude Feierklange
+ Begrüßt sie das geliebte Kind
+ Auf seines Lebens erstem Gange,
+ Den es in Schlafes Arm beginnt;
+ Ihm ruhen noch im Zeitenschoße
+ Die schwarzen und die heitern Lose,
+ Der Mutterliebe zarte Sorgen
+ Bewachen seinen goldnen Morgen--
+ Die Jahre fliehen pfeilgeschwind.
+ Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe,
+ Er stürmt ins Leben wild hinaus,
+ Durchmißt die Welt am Wanderstabe,
+ Fremd kehrt er heim ins Vaterhaus,
+ Und herrlich, in der Jugend Prangen,
+ Wie ein Gebild aus Himmels Höhn,
+ Mit züchtigen, verschämten Wangen
+ Sieht er die Jungfrau vor sich stehn.
+ Da faßt ein namenloses Sehnen
+ Des Jünglings Herz, er irrt allein,
+ Aus seinen Augen brechen Tränen,
+ Er flieht der Brüder wilden Reihn.
+ Errötend folgt er ihren Spuren,
+ Und ist von ihrem Gruß beglückt;
+ Das Schönste sucht er auf den Fluren,
+ Womit er seine Liebe schmückt.
+ O! zarte Sehnsucht, süßes Hoffen,
+ Der ersten Liebe goldne Zeit,
+ Das Auge sieht den Himmel offen,
+ Es schwelgt das Herz in Seligkeit,
+ O! daß sie ewig grünen bliebe,
+ Die schöne Zeit der jungen Liebe!
+
+ Wie sich schon die Pfeifen bräunen!
+ Dieses Stäbchen tauch ich ein,
+ Sehn wir's überglast erscheinen
+ Wirds zum Gusse zeitig sein.
+ Jetzt, Gesellen, frisch!
+ Prüft mir das Gemisch,
+ Ob das Spröde mit dem Weichen
+ Sich vereint zum guten Zeichen.
+
+ Denn wo das Strenge mit dem Zarten,
+ Wo Starkes sich und Mildes paarten,
+ Da gibt es einen guten Klang.
+ Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
+ Ob sich das Herz zum Herzen findet!
+ Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.
+ Lieblich in der Bräute Locken
+ Spielt der jungfräuliche Kranz,
+ Wenn die hellen Kirchenglocken
+ Laden zu des Festes Glanz.
+ Ach! des Lebens schönste Feier
+ Endigt auch den Lebensmai,
+ Mit dem Gürtel, mit dem Schleier
+ Reißt der schöne Wahn entzwei.
+ Die Leidenschaft flieht,
+ Die Liebe muß bleiben,
+ Die Blume verblüht,
+ Die Frucht muß treiben.
+ Der Mann muß hinaus
+ Ins feindliche Leben,
+ Muß wirken und streben
+ Und pflanzen und schaffen,
+ Erlisten, erraffen,
+ Muß wetten und wagen
+ Das Glück zu erjagen.
+ Da strömet herbei die unendliche Gabe,
+ Es füllt sich der Speicher mit köstlicher Habe,
+ Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus.
+ Und drinnen waltet
+ Die züchtige Hausfrau,
+ Die Mutter der Kinder,
+ Und herrschet weise
+ Im häuslichen Kreise,
+ Und lehret die Mädchen,
+ Und wehret den Knaben,
+ Und reget ohn Ende
+ Die fleißigen Hände,
+ Ünd mehrt den Gewinn
+ Mit ordnendem Sinn.
+ Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden,
+ Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden,
+ Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein
+ Die schimmernde Wolle, den schneeigten Lein,
+ Und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer,
+ Und ruhet nimmer.
+ Und der Vater mit frohem Blick
+ Von des Hauses weitschauendem Giebel
+ Überzählet sein blühend Glück,
+ Siehet der Pfosten ragende Bäume,
+ Und der Scheunen gefüllte Räume
+ Und die Speicher, vom Segen gebogen,
+ Und des Kornes bewegte Wogen,
+ Rühmt sich mit stolzem Mund:
+ Fest wie der Erde Grund
+ Gegen des Unglücks Macht
+ Steht mit des Hauses Pracht!--
+ Doch mit des Geschickes Mächten
+ Ist kein ew'ger Bund zu flechten,
+ Und das Unglück schreitet schnell.
+
+ Wohl! Nun kann der Guß beginnen,
+ Schön gezacket ist der Bruch.
+ Doch, bevor wir's lassen rinnen,
+ Betet einen frommen Spruch!
+ Stoßt den Zapfen aus!
+ Gott bewahr das Haus.
+ Raudlend in des Henkels Bogen
+ Schießts mit feuerbraunen Wogen.
+
+ Wohltätig ist des Feuers Macht,
+ Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht,
+ Und was er bildet, was er schafft,
+ Das dankt er dieser;
+ Doch furchtbar wird die Himmelskraft,
+ Wenn sie der Fessel sich entrafft,
+ Einhertritt auf der eignen Spur
+ Die freie Tochter der Natur.
+ Wehe, wenn sie losgelassen
+ Wachsend ohne Widerstand
+ Durch die volkbelebten Gassen
+ Wälzt den ungeheuren Brand!
+ Denn die Elemente hassen
+ Das Gebild der Menschenhand.
+ Aus der Wolke
+ Quillt der Segen,
+ Strömt der Regen,
+ Aus der Wolke, ohne Wahl,
+ Zuckt der Strahl!
+ Hört ihr's wimmern hoch vom Turm!
+ Das ist Sturm!
+ Rot wie Blut
+ Ist der Himmel,
+ Das ist nicht des Tages Glut!
+ Welch Getümmel
+ Straßen auf!
+ Dampf wallt auf!
+ Flackernd steigt die Feuersäule,
+ Durch der Straßen lange Zeile
+ Wächst es fort mit Windeseile,
+ Kochend wie aus Ofens Rachen
+ Glühn die Lüfte, Balken krachen,
+ Pfosten stürzen, Fenster klirren,
+ Kinder jammern, Mütter irren,
+ Tiere wimmern
+ Unter Trümmern,
+ Alles rennet, rettet, flüchtet,
+ Taghell ist die Nacht gelichtet,
+ Durch der Hände lange Kette
+ Um die Wette
+ Fliegt der Eimer, hoch im Bogen
+ Sprützen Quellen, Wasserwogen.
+ Heulend kommt der Sturm geflogen,
+ Der die Flamme brausend sucht,
+ Prasselnd in die dürre Frucht
+ Fällt sie, in des Speichers Räume,
+ In der Sparren dürre Bäume,
+ Und als wollte sie im Wehen
+ Mit sich fort der Erde Wucht
+ Reißen, in gewaltger Flucht,
+ Wächst sie in des Himmels Höhen
+ Riesengroß!
+ Hoffnungslos
+ Weicht der Mensch der Götterstärke,
+ Müßig sieht er seine Werke
+ Und bewundernd untergehn.
+ Leergebrannt
+ Ist die Stätte,
+ Wilder Stürme rauhes Bette,
+ In den öden Fensterhöhlen
+ Wohnt das Grauen,
+ Und des Himmels Wolken schauen
+ Hoch hinein.
+ Einen Blick
+ Nach dem Grabe
+ Seiner Habe
+ Sendet noch der Mensch zurück--
+ Greift fröhlich dann zum Wanderstabe,
+ Was Feuers Wut ihm auch geraubt,
+ Ein süßer Trost ist ihm geblieben,
+ Er zählt die Häupter seiner Lieben
+ Und sieh! ihm fehlt kein teures Haupt.
+
+ In die Erd ist's aufgenommen,
+ Glücklich ist die Form gefüllt,
+ Wirds auch schön zu Tage kommen,
+ Daß es Fleiß und Kunst vergilt?
+ Wenn der Guß mißlang?
+ Wenn die Form zersprang?
+ Ach, vielleicht indem wir hoffen
+ Hat uns Unheil schon getroffen.
+
+ Dem dunkeln Schoß der heilgen Erde
+ Vertrauen wir der Hände Tat,
+ Vertraut der Sämann seine Saat
+ Und hofft, daß sie entkeimen werde
+ Zum Segen, nach des Himmels Rat.
+ Noch köstlicheren Samen bergen
+ Wir traurend in der Erde Schoß,
+ Und hoffen, daß er aus den Särgen
+ Erblühen soll zu schönerm Los.
+ Von dem Dome
+ Schwer und bang
+ Tönt die Glocke
+ Grabgesang.
+ Ernst begleiten ihre Trauerschläge
+ Einen Wandrer auf dem letzten Wege.
+ Ach! die Gattin ists, die teure,
+ Ach! es ist die treue Mutter,
+ Die der schwarze Fürst der Schatten
+ Wegführt aus dem Arm des Gatten,
+ Aus der zarten Kinder Schar,
+ Die si.e blühend ihm gebar,
+ Die sie an der treuen Brust
+ Wachsen sah mit Mutterlust--
+ Ach! des Hauses zarte Bande
+ Sind gelöst auf immerdar,
+ Denn sie wohnt im Scha.ttenlande,
+ Die des Hauses Mutter war,
+ Denn es fehlt ihr treues Walten,
+ Ihre Sorge wacht nicht mehr,
+ An verwaister Stätte schalten
+ Wird die Fremde, liebeleer.
+
+ Bis die Glocke sich verkühlet
+ Laßt die strenge Arbeit ruhn,
+ Wie im Laub der Vogel spielet
+ Mag sich jeder gütlich tun.
+ Winkt der Sterne Licht,
+ Ledig aller Pflicht
+ Hört der Bursch die Vesper schlagen,
+ Meister muß sich immer plagen.
+
+ Munter fördert seine Schritte
+ Fern im wilden Forst der Wandrer
+ Nach der lieben Heimathütte.
+ Blöckend ziehen heim die Schafe,
+ Und der Rinder
+ Breitgestirnte glatte Scharen
+ Kommen brüllend,
+ Die gewohnten Ställe füllend.
+ Schwer herein
+ Schwankt der Wagen,
+ Kornbeladen,
+ Bunt von Farben
+ Auf den Garben
+ Liegt der Kranz,
+ Und das junge Volk der Schnitter
+ Fliegt zum Tanz.
+ Markt und Straße werden stiller,
+ Um des Lichts gesellge Flamme
+ Sammeln sich die Hausbewohner,
+ Und das Stadttor schließt sich knarrend.
+ Schwarz bedecket
+ Sich die Erde,
+ Doch den sichern Bürger schrecket
+ Nicht die Nacht,
+ Die den Bösen gräßlich wecket,
+ Denn das Auge des Gesetzes wacht.
+ Heilge Ordnung, segenreiche
+ Himmelstochter, die das Gleiche
+ Frei und leicht und freudig bindet,
+ Die der Städte Bau gegründet,
+ Die herein von den Gefilden
+ Rief den ungesellgen Wilden,
+ Eintrat in der Menschen Hütten,
+ Sie gewöhnt' zu sanften Sitten
+ Und das teuerste der Bande
+ Wob, den Trieb zum Vaterlande!
+
+ Tausend fleißge Hände regen,
+ Helfen sich in munterm Bund
+ Und in feurigem Bewegen
+ Werden alle Kräfte kund.
+ Meister rührt sich und Geselle
+ In der Freiheit heilgem Schutz.
+ Jeder freut sich seiner Stelle,
+ Bietet dem Verächter Trutz.
+ Arbeit ist des Bürgers Zierde,
+ Segen ist der Mühe Preis,
+ Ehrt den König seine Würde,
+ Ehret uns der Hände Fleiß.
+
+ Holder Friede,
+ Süße Eintracht,
+ Weilet, weilet
+ Freundlich über dieser Stadt!
+ Möge nie der Tag erscheinen,
+ Wo des rauhen Krieges Horden
+ Dieses stille Tal durchtoben,
+ Wo der Himmel,
+ Den des Abends sanfte Röte
+ Lieblich malt,
+ Von der Dörfer, von der Städte
+ Wildem Brande schrecklich strahlt!
+
+ Nun zerbrecht mir das Gebäude,
+ Seine Absicht hats erfüllt,
+ Daß sich Herz und Auge weide
+ An dem wohlgelungnen Bild.
+ Schwingt den Hammer, schwingt,
+ Bis der Mantel springt,
+ Wenn die Glock soll auferstehen
+ Muß die Form in Stücken gehen.
+
+ Der Meister kann die Form zerbrechen
+ Mit weiser Hand, zur rechten Zeit,
+ Doch wehe, wenn in Flammenbächen
+ Das glühnde Erz sich selbst befreit!
+ Blindwütend mit des Donners Krachen
+ Zersprengt es das geborstne Haus,
+ Und wie aus offnem Höllenrachen
+ Speit es Verderben zündend aus;
+ Wo rohe Kräfte sinnlos walten,
+ Da kann sich kein Gebild gestalten,
+ Wenn sich die Völker selbst befrein,
+ Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.
+
+ Weh, wenn sich in dem Schoß der Städte
+ Der Feuerzunder still gehäuft,
+ Das Volk, zerreißend seine Kette,
+ Zur Eigenhilfe schrecklich greift!
+ Da zerret an der Glocke Strängen
+ Der Aufruhr, daß sie heulend schallt,
+ Und nur geweiht zu Friedensklängen
+ Die Losung anstimmt zur Gewalt.
+
+ Freiheit und Gleichheit! hört man schallen,
+ Der ruh'ge Bürger greift zur Wehr;
+ Die Straßen füllen sich, die Hallen,
+ Und Würgerbanden ziehn umher,
+ Da werden Weiber zu Hyänen
+ Und treiben mit Entsetzen Scherz,
+ Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
+ Zerreißen sie des Feindes Herz.
+ Nichts Heiliges ist mehr, es lösen
+ Sich alle Bande frommer Scheu,
+ Der Gute räumt den Platz dem Bösen,
+ Und alle Laster walten frei.
+ Gefährlich ists den Leu zu wecken,
+ Verderblich ist des Tigers Zahn,
+ Jedoch der schrecklichste der Schrecken
+ Das ist der Mensch in seinem Wahn.
+ Weh denen, die dem Ewigblinden
+ Des Lichtes Himmelsfackel leihn!
+ Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden
+ Und äschert Städt und Länder ein.
+
+ Freude hat mir Gott gegeben!
+ Sehet! wie ein goldner Stern
+ Aus der Hülse, blank und eben,
+ Schält sich der metallne Kern.
+ Von dem Helm zum Kranz
+ Spielts wie Sonnenglanz,
+ Auch des Wappens nette Schilder
+ Loben den erfahrnen Bilder.
+
+ Herein! herein!
+ Gesellen alle, schließt den Reihen,
+ Daß wir die Glocke taufend weihen,
+ Concordia soll ihr Name sein,
+ Zur Eintracht, zu herzinnigem Vereine
+ Versammle sie die liebende Gemeine.
+ Und dies sei fortan ihr Beruf,
+ Wozu der Meister sie erschuf :
+ Hoch überm niedern Erdenleben
+ Soll sie in blauem Himmelszelt
+ Die Nachbarin des Donners schweben
+ Und grenzen an die Sternenwelt,
+ Soll eine Stimme sein von oben,
+ Wie der Gestirne helle Schar,
+ Die ihren Schöpfer wandelnd loben
+ Und führen das bekränzte Jahr.
+ Nur ewigen und ernsten Dingen
+ Sei ihr metallner Mund geweiht,
+ Und stündlich mit den schnellen Schwingen
+ Berühr im Fluge sie die Zeit,
+ Dem Schicksal leihe sie die Zunge,
+ Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,
+ Begleite sie mit ihrem Schwunge
+ Des Lebens wechselvolles Spiel.
+ Und wie der Klang im Ohr vergehet,
+ Der mächtig tönend ihr entschallt,
+ So lehre sie, daß nichts bestehet,
+ Daß alles Irdische verhallt.
+
+ Jetzo mit der Kraft des Stranges
+ Wiegt die Glock mir aus der Gruft,
+ Daß sie in das Reich des Klanges
+ Steige, in die Himmelsluft.
+ Ziehet, ziehet, hebt!
+ Sie bewegt sich, schwebt,
+ Freude dieser Stadt bedeute,
+ Friede sei ihr erst Geläute.
+
+
+
+ Das Mädchen aus der Fremde
+
+
+ In einem Tal bei armen Hirten
+ Erschien mit jedem jungen Jahr,
+ Sobald die ersten Lerchen schwirrten,
+ Ein Mädchen, schön und wunderbar.
+
+ Sie war nicht in dem Tal geboren,
+ Man wußte nicht, woher sie kam,
+ Und schnell war ihre Spur verloren,
+ Sobald das Mädchen Abschied nahm.
+
+ Beseligend war ihre Nähe,
+ Und alle Herzen wurden weit,
+ Doch eine Würde, eine Höhe
+ Entfernte die Vertraulichkeit.
+
+ Sie brachte Blumen mit und Früchte,
+ Gereift auf einer andern Flur,
+ In einem andern Sonnenlichte,
+ In einer glücklichern Natur.
+
+ Und teilte jedem eine Gabe,
+ Dem Früchte, jenem Blumen aus,
+ Der Jüngling und der Greis am Stabe,
+ Ein jeder ging beschenkt nach Haus.
+
+ Willkommen waren alle Gäste,
+ Doch nahte sich ein liebend Paar,
+ Dem reichte sie der Gaben beste,
+ Der Blumen allerschönste dar.
+
+
+
+ Das Mädchen von Orleans
+
+
+ Das edle Bild der Menschheit zu verhöhnen,
+ Im tiefsten Staube wälzte dich der Spott;
+ Krieg führt der Witz auf ewig mit den Schönen,
+ Er glaubt nicht an den Engel und den Gott;
+ Dem Herzen will er seine Schätze rauben,
+ Den Wahn bekriegt er und verletzt den Glauben.
+
+ Doch, wie du selbst aus kindlichem Geschlechte,
+ Selbst eine fromme Schäferin wie du,
+ Reicht dir die Dichtkunst ihre Götterrechte,
+ Schwingt sich mit dir den ew'gen Sternen zu.
+ Mit einer Glorie hat sie dich umgeben;
+ Dich schuf das Herz, du wirst unsterblich leben.
+
+ Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen
+ Und das Erhabne in den Staub zu ziehn;
+ Doch fürchte nicht! Es gibt noch schöne Herzen,
+ Die für das Hohe, Herrliche entglühn.
+ Den lauten Markt mag Momus unterhalten,
+ Ein edler Sinn liebt edlere Gestalten.
+
+
+
+ Das Spiel des Lebens
+
+
+ Wollt ihr in meinen Kasten sehn?
+ Des Lebens Spiel, die Welt im kleinen,
+ Gleich soll sie eurem Aug erscheinen;
+ Nur müßt ihr nicht zu nahe stehn,
+ Ihr müßt sie bei der Liebe Kerzen
+ Und nur bei Amors Fackel sehn.
+
+ Schaut her! Nie wird die Bühne leer:
+ Dort bringen sie das Kind getragen,
+ Der Knabe hüpft, der Jüngling stürmt einher,
+ Es kämpft der Mann, und alles will er wagen.
+
+ Ein jeglicher versucht sein Glück,
+ Doch schmal nur ist die Bahn zum Rennen:
+ Der Wagen rollt, die Achsen brennen,
+ Der Held dringt kühn voran, der Schwächling bleibt zurück,
+ Der Stolze fällt mit lächerlichem Falle,
+ Der Kluge überholt sie alle.
+
+ Die Frauen seht ihr an den Schranken stehn,
+ Mit holdem Blick, mit schönen Händen
+ Den Dank dem Sieger auszuspenden.
+
+
+
+ Das verschleierte Bild zu Sais
+
+
+ Ein Jüngling, den des Wissens heißer Durst
+ Nach Sais in Ägypten trieb, der Priester
+ Geheime Weisheit zu erlernen, hatte
+ Schon manchen Grad mit schnellem Geist durcheilt,
+ Stets riß ihn seine Forschbegierde weiter,
+ Und kaum besänftigte der Hierophant
+ Den ungeduldig Strebenden. "Was hab ich,
+ Wenn ich nicht alles habe?" sprach der Jüngling,
+ "Gibts etwa hier ein Weniger und Mehr?
+ Ist deine Wahrheit wie der Sinne Glück
+ Nur eine Summe, die man größer, kleiner
+ Besitzen kann und immer doch besitzt?
+ Ist sie nicht eine einzge, ungeteilte?
+ Nimm einen Ton aus einer Harmonie,
+ Nimm eine Farbe aus dem Regenbogen,
+ Und alles, was dir bleibt, ist nichts, solang
+ Das schöne All der Töne fehlt und Farben."
+
+ Indem sie einst so sprachen, standen sie
+ In einer einsamen Rotonde still,
+ Wo ein verschleiert Bild von Riesengröße
+ Dem Jüngling in die Augen fiel. Verwundert
+ Blickt er den Führer an und spricht: "Was ists,
+ Das hinter diesem Schleier sich verbirgt?"
+ "Die Wahrheit", ist die Antwort.--"Wie?" ruft jener,
+ "Nach Wahrheit streb ich ja allein, und diese
+ Gerade ist es, die man mir verhüllt?"
+
+ "Das mache mit der Gottheit aus", versetzt
+ Der Hierophant. "Kein Sterblicher, sagt sie,
+ Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.
+ Und wer mit ungeweihter, schuldger Hand
+ Den heiligen, verbotnen früher hebt,
+ Der, spricht die Gottheit--"--"Nun?"--
+ "Der sieht die Wahrheit."
+
+ "Ein seltsamer Orakelspruch! Du selbst,
+ Du hättest also niemals ihn gehoben?"
+ "Ich? Wahrlich nicht! Und war auch nie dazu
+ Versucht."--"Das fass ich nicht. Wenn von der Wahrheit
+ Nur diese dünne Scheidewand mich trennte--"
+ "Und ein Gesetz", fällt ihm sein Führer ein.
+ "Gewichtiger, mein Sohn, als du es meinst,
+ Ist dieser dünne Flor--für deine Hand
+ Zwar leicht, doch zentnerschwer für dein Gewissen."
+
+ Der Jüngling ging gedankenvoll nach Hause,
+ Ihm raubt des Wissens brennende Begier
+ Den Schlaf, er wälzt sich glühend auf dem Lager
+ Und rafft sich auf um Mitternacht. Zum Tempel
+ Führt unfreiwillig ihn der scheue Tritt.
+ Leicht ward es ihm, die Mauer zu ersteigen,
+ Und mitten in das Innre der Rotonde
+ Trägt ein beherzter Sprung den Wagenden.
+
+ Hier steht er nun, und grauenvoll umfängt
+ Den Einsamen die lebenlose Stille,
+ Die nur der Tritte hohler Widerhall
+ In den geheimen Grüften unterbricht
+ Von oben durch der Kuppel Öffnung wirft
+ Der Mond den bleichen, silberblauen Schein,
+ Und furchtbar wie ein gegenwärtger Gott
+ Erglänzt durch des Gewölbes Finsternisse
+ In ihrem langen Schleier die Gestalt.
+
+ Er tritt hinan mit ungewissem Schritt,
+ Schon will die freche Hand das Heilige berühren,
+ Da zuckt es heiß und kühl durch sein Gebein
+ Und stößt ihn weg mit unsichtbarem Arme.
+ Unglücklicher, was willst du tun? So ruft
+ In seinem Innern eine treue Stimme.
+ Versuchen den Allheiligen willst du?
+ Kein Sterblicher, sprach des Orakels Mund,
+ Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.
+ Doch setzte nicht derselbe Mund hinzu:
+ Wer diesen Schleier hebt, soll Wahrheit schauen?
+ "Sei hinter ihm, was will! Ich heb ihn auf."
+ (Er rufts mit lauter Stimm.) "Ich will sie schauen."
+ Schauen!
+ Gellt ihm ein langes Echo spottend nach.
+
+ Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt.
+ Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier?
+ Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich,
+ So fanden ihn am andern Tag die Priester
+ Am Fußgestell der Isis ausgestreckt.
+ Was er allda gesehen und erfahren,
+ Hat seine Zunge nie bekannt. Auf ewig
+ War seines Lebens Heiterkeit dahin,
+ Ihn riß ein tiefer Gram zum frühen Grabe.
+ "Weh dem", dies war sein warnungsvolles Wort,
+ Wenn ungestüme Frager in ihn drangen,
+ "Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld,
+ Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein."
+
+
+
+ Der Abend (Nach einem Gemälde)
+
+
+ Senke, strahlender Gott--die Fluren dürsten
+ Nach erquickendem Tau, der Mensch verschmachtet,
+ Matter ziehen die Rosse--
+ Senke den Wagen hinab!
+
+ Siehe, wer aus des Meers kristallner Woge
+ Lieblich lächelnd dir winkt! Erkennt dein Herz sie?
+ Rascher fliegen die Rosse,
+ Tethys, die göttliche, winkt.
+
+ Schnell vom Wagen herab in ihre Arme
+ Springt der Führer, den Zaum ergreift Kupido,
+ Stille halten die Rosse,
+ Trinken die kühlende Flut.
+
+ An den Himmel herauf mit leisen Schritten
+ Kommt die duftende Nacht; ihr folgt die süße
+ Liebe. Ruhet und liebet!
+ Phöbus, der liebende, ruht.
+
+
+
+ Die Antiken zu Paris
+
+
+ Was der Griechen Kunst erschaffen,
+ Mag der Franke mit den Waffen
+ Führen nach der Seine Strand,
+ Und in prangenden Museen
+ Zeig er seine Siegstrophäen
+ Dem erstaunten Vaterland!
+
+ Ewig werden sie ihm schweigen,
+ Nie von den Gestellen steigen
+ In des Lebens frischen Reihn.
+ Der allein besitzt die Musen,
+ Der sie trägt im warmen Busen,
+ Dem Vandalen sind sie Stein.
+
+
+
+ Die schönste Erscheinung
+
+
+ Sahest du nie die Schönheit im Augenblick des Leidens,
+ Niemals hast du die Schönheit gesehn.
+ Sahst du die Freude nie in einem schönen Gesichte,
+ Niemals hast du die Freude gesehn!
+
+
+
+ Die Weltweisen
+
+
+ Der Satz, durch welchen alles Ding
+ Bestand und Form empfangen,
+ Der Kloben, woran Zeus den Ring
+ Der Welt, die sonst in Scherben ging,
+ Vorsichtig aufgehangen,
+ Den nenn ich einen großen Geist,
+ Der mir ergründet, wie er heißt,
+ Wenn ich ihm nicht drauf helfe--
+ Er heißt: Zehn ist nicht Zwölfe.
+
+ Der Schnee macht kalt, das Feuer brennt,
+ Der Mensch geht auf zwei Füßen,
+ Die Sonne scheint am Firmament,
+ Das kann, wer auch nicht Logik kennt,
+ Durch seine Sinne wissen.
+ Doch wer Metaphysik studiert,
+ Der weiß, daß, wer verbrennt, nicht friert,
+ Weiß, daß das Nasse feuchtet
+ Und daß das Helle leuchtet.
+
+ Homerus singt sein Hochgedicht,
+ Der Held besteht Gefahren,
+ Der brave Mann tut seine Pflicht
+ Und tat sie, ich verhehl es nicht,
+ Eh noch Weltweise waren;
+ Doch hat Genie und Herz vollbracht,
+ Was Lock' und Des Cartes nie gedacht,
+ Sogleich wird auch von diesen
+ Die Möglichkeit bewiesen.
+
+ Im Leben gilt der Stärke Recht,
+ Dem Schwachen trotzt der Kühne,
+ Wer nicht gebieten kann, ist Knecht;
+ Sonst geht es ganz erträglich schlecht
+ Auf dieser Erdenbühne.
+ Doch wie es wäre, fing der Plan
+ Der Welt nur erst von vorne an,
+ Ist in Moralsystemen
+ Ausführlich zu vernehmen.
+
+ "Der Mensch bedarf des Menschen sehr
+ Zu seinem großen Ziele,
+ Nur in dem Ganzen wirket er,
+ Viel Tropfen geben erst das Meer,
+ Viel Wasser treibt die Mühle.
+ Drum flieht der wilden Wölfe Stand
+ Und knüpft des Staates daurend Band."
+ So lehren vom Katheder
+ Herr Puffendorf und Feder.
+
+ Doch weil, was ein Professor spricht,
+ Nicht gleich zu allen dringet,
+ So übt N a t u r die Mutterpflicht
+ Und sorgt, daß nie die Kette bricht
+ Und daß der Reif nie springet.
+ Einstweilen, bis den Bau der Welt
+ Philosophie zusammenhält,
+ Erhält s i e das Getriebe
+ Durch Hunger und durch Liebe.
+
+
+
+ Epigramme
+
+
+ Unsterblichkeit
+ Vor dem Tod erschrickst du?
+ Du wünschest unsterblich zu leben?
+ Leb im Ganzen!
+ Wenn du lange dahin bist, es bleibt.
+
+ Theophanie
+ Zeigt sich der Glückliche mir,
+ ich vergesse die Götter des Himmels;
+ Aber sie stehen vor mir,
+ wenn ich den Leidenden seh.
+
+ Das Kind in der Wiege
+ Glücklicher Säugling!
+ Dir ist ein unendlicher Raum noch die Wiege,
+ Werde Mann,
+ und dir wird eng die unendliche Welt.
+
+ Der beste Staat
+ "Woran erkenn ich den besten Staat?"
+ Woran du die beste Frau kennst!
+ daran, mein Freund,
+ daß man von beiden nicht spricht.
+
+ Das Unwandelbare
+ "Unaufhaltsam enteilet die Zeit."
+ Sie sucht das Beständ'ge.
+ Sei getreu,
+ und du legst ewige Fesseln ihr an.
+
+ Zeus zu Herkules
+ Nicht aus meinem Nektar
+ hast du dir Gottheit getrunken;
+ Deine Götterkraft war's,
+ die dir den Nektar errang.
+
+
+
+ Forum des Weibes
+
+
+ Frauen, richtet mir nie des Mannes einzelne Taten;
+ Aber über den Mann sprechet das richtige Wort.
+
+
+
+ Odysseus
+
+
+ Alle Gewässer durchkreuzt, die Heimat zu finden, Odysseus;
+ Durch der Scylla Gebell, durch der Charybde Gefahr,
+ Durch die Schrecken des feindlichen Meers, durch die Schrecken des Landes,
+ Selber in Aides Reich führt ihn die irrende Fahrt.
+ Endlich trägt das Geschick ihn schlafend an Ithakas Küste--
+ Er erwacht und erkennt jammernd das Vaterland nicht.
+
+
+
+ Sehnsucht
+
+
+ Ach, aus dieses Tales Gründen,
+ Die der kalte Nebel drückt,
+ Könnt ich doch den Ausgang finden,
+ Ach, wie fühlt ich mich beglückt!
+ Dort erblick ich schöne Hügel,
+ Ewig jung und ewig grün!
+ Hätt ich schwingen, hätt ich Flügel,
+ Nach den Hügeln zög ich hin.
+
+ Harmonieen hör ich klingen,
+ Töne süßer Himmelsruh,
+ Und die leichten Winde bringen
+ Mir der Düfte Balsam zu,
+ Goldne Früchte seh ich glühen,
+ Winkend zwischen dunkelm Laub,
+ Und die Blumen, die dort blühen,
+ Werden keines Winters Raub.
+ Ach wie schön muß sich's ergehen
+ Dort im ew'gen Sonnenschein,
+ Und die Luft auf jenen Höhen,
+ O wie labend muß sie sein!
+ Doch mir wehrt des Stromes Toben,
+ Der ergrimmt dazwischen braust,
+ Seine Wellen sind gehoben,
+ Das die Seele mir ergraust.
+
+ Einen Nachen seh ich schwanken,
+ Aber ach! Der Fährmann fehlt.
+ Frisch hinein und ohne Wanken!
+ Seine Segel sind beseelt.
+ Du mußt glauben, du mußt wagen,
+ Denn die Götter leihn kein Pfand,
+ Nur ein Wunder kann dich tragen
+ In das schöne Wunderland.
+
+
+
+ Spinoza
+
+
+ Hier liegt ein Eichbaum umgerissen,
+ Sein Wipfel tät die Wolken küssen,
+ Er liegt am Grund--warum?
+ Die Bauren hatten, hör ich reden,
+ Sein schönes Holz zum Bau'n vonnöten
+ Und rissen ihn deswegen um.
+
+
+
+ Thekla (Eine Geisterstimme)
+
+
+ Wo ich sei, und wo mich hingewendet,
+ Als mein flücht'ger Schatte dir entschwebt?
+ Hab ich nicht beschlossen und geendet,
+ Hab ich nicht geliebet und gelebt?
+
+ Willst du nach den Nachtigallen fragen,
+ Die mit seelenvoller Melodie
+ Dich entzücken in des Lenzes Tagen?
+ Nur solang sie liebten, waren sie.
+
+ Ob ich den Verlorenen gefunden?
+ Glaube mir, ich bin mit ihm vereint,
+ Wo sich nicht mehr trennt, was sich verbunden,
+ Dort, wo keine Träne wird geweint.
+
+ Dorten wirst auch du uns wieder finden,
+ Wenn dein Lieben unserm Lieben gleicht;
+ Dort ist auch der Vater, frei von Sünden,
+ Den der blut'ge Mord nicht mehr erreicht.
+
+ Und er fühlt, daß ihn kein Wahn betrogen,
+ Als er aufwärts zu den Sternen sah;
+ Denn wie jeder wägt, wird ihm gewogen,
+ Wer es glaubt, dem ist das Heil'ge nah.
+
+ Wort gehalten wird in jenen Räumen
+ Jedem schönen gläubigen Gefühl;
+ Wage du, zu irren und zu träumen:
+ Hoher Sinn liegt oft in kind'schem Spiel.
+
+
+
+ Triumph der Liebe
+
+
+ Selig durch die Liebe
+ Götter--durch die Liebe
+ Menschen Göttern gleich!
+ Liebe macht den Himmel
+ Himmlischer--die Erde
+ Zu dem Himmelreich.
+
+
+
+ Weibliches Urteil
+
+
+ Männer richten nach Gründen;
+ des Weibes Urteil ist seine Liebe:
+ wo es nicht liebt,
+ hat schon gerichtet das Weib.
+
+
+
+ Winternacht
+
+
+ Ade! Die liebe Herrgottssonne gehet,
+ Grad über tritt der Mond!
+ Ade! Mit schwarzem Rabenflügel wehet
+ Die stumme Nacht ums Erdenrund.
+
+ Nichts hör ich mehr durchs winternde Gefilde
+ Als tief im Felsenloch
+ Die Murmelquell, und aus dem Wald das wilde
+ Geheul des Uhus hör ich noch.
+
+ Im Wasserbette ruhen alle Fische,
+ Die Schnecke kriecht ins Dach,
+ Das Hündchen schlummert sicher unterm Tische,
+ Mein Weibchen nickt im Schlafgemach.
+
+ Euch Brüderchen von meinen Bubentagen
+ Mein herzliches Willkomm!
+ Ihr sitzt vielleicht mit traulichem Behagen
+ Um einen teutschen Krug herum.
+
+ Im hochgefüllten Deckelglase malet
+ Sich purpurfarb die Welt,
+ Und aus dem goldnen Traubenschaume strahlet
+ Vergnügen, das kein Neid vergällt.
+
+ Im Hintergrund vergangner Jahre findet
+ Nur Rosen euer Blick,
+ Leicht, wie die blaue Knasterwolke, schwindet
+ Der trübe Gram von euch zurück.
+
+ Vom Schaukelgaul bis gar zum Doktorhute
+ Stört ihr im Zeitbuch um.
+ Und zählt nunmehr mit federleichtem Mute
+ Schweißtropfen im Gymnasium.
+
+ Wie manchen Fluch--noch mögen unterm Boden
+ Sich seine Knochen drehn--
+ Terenz erpreßt, trotz Herrn Minellis Noten,
+ Wie manch verzogen Maul gesehn.
+
+ Wie ungestüm dem grimmen Landexamen
+ Des Buben Herz geklopft;
+ Wie ihm, sprach itzt der Rektor seinen Namen,
+ Der helle Schweiß aufs Buch getropft.--
+
+ Wo red't man auch von einer--e--gewissen--
+ Die sich als Frau nun spreißt,
+ Und mancher will der Lecker baß nun wissen,
+ Was doch ihr Mann baß--gar nicht weißt.
+
+ Nun liegt dies all im Nebel hinterm Rücken,
+ Und Bube heißt nun Mann,
+ Und Friedrich schweigt der weiseren Perücken,
+ Was einst der kleine Fritz getan--
+
+ Man ist--Potz gar!--zum Doktor ausgesprochen,
+ Wohl gar--beim Regiment!
+ Und hat vielleicht--doch nicht zu früh, gerochen,
+ Daß Plane--Seifenblasen sind.
+
+ Hauch immer zu,--und laß die Blasen springen;
+ Bleibt nur dies Herz noch ganz!
+ Und bleibt mir nur--errungen mit Gesängen--
+ Zum Lohn ein teutscher Lorbeerkranz.
+
+
+
+ Zum Geburtstag der Frau Griesbach
+
+
+ Mach auf, Frau Griesbach! Ich bin da
+ Und klopf an deine Türe.
+ Mich schickt Papa und die Mama,
+ Daß ich dir gratuliere.
+
+ Ich bringe nichts als ein Gedicht
+ Zu deines Tages Feier;
+ Denn alles, was die Mutter spricht,
+ Ist so entsetzlich teuer.
+
+ Sag selbst, was ich dir wünschen soll;
+ Ich weiß nichts zu erdenken.
+ Du hast ja Küch und Keller voll,
+ Nichts fehlt in deinen Schränken.
+
+ Es wachsen fast dir auf den Tisch
+ Die Spargel und die Schoten,
+ Die Stachelbeeren blühen frisch,
+ Und so die Reineclauden.
+
+ Bei Stachelbeeren fällt mir ein:
+ Die schmecken gar zu süße;
+ Und wenn sie werden zeitig sein,
+ So sorge, daß ich's wisse.
+
+ Viel fette Schweine mästest du
+ Und gibst den Hühnern Futter;
+ Die Kuh im Stalle ruft muh! muh!
+ Und gibt dir Milch und Butter.
+
+ Es haben alle dich so gern,
+ Die Alten und die Jungen,
+ Und deinem lieben, braven Herrn
+ Ist alles wohlgelungen.
+
+ Du bist wohlauf; Gott Lob und Dank!
+ Mußt's auch fein immer bleiben;
+ Ja, höre, werde ja nicht krank,
+ Daß sie dir nichts verschreiben!
+
+ Nun lebe wohl! Ich sag ade.
+ Gelt, ich war heut bescheiden?
+ Doch könntest du mir, eh ich geh,
+ 'ne Butterbemme schneiden.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Einige Gedichte, by
+Johann Christoph Friedrich von Schiller
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINIGE GEDICHTE ***
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
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