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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Die Hochzeit der Esther Franzenius - Roman - -Author: Antonie "Toni" Schwabe - -Release Date: October 7, 2021 [eBook #66491] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net (This book was produced from images made - available by the HathiTrust Digital Library.) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HOCHZEIT DER ESTHER -FRANZENIUS *** - - - - - Die Hochzeit - der Esther Franzenius - - Roman - von - Toni Schwabe - - [Illustration] - - Albert Langen - Verlag für Litteratur und Kunst - München 1902 - - - - -[Illustration] - - - - -Erster Abschnitt - - - - -I - - -Auf dem Fluß hingen des Morgens Nebel, die sich in zarten Tönungen auch -noch über die Uferwiesen hin erstreckten. In den Straßen sangen nach -altem thüringer Brauch die »Kurrendeschüler« mit ihren schwarzen -Chormäntelchen angethan. Sie zogen von Haus zu Haus, sangen mit -Engelsstimmen und schimpften einander dazwischen, als die Gassenbuben die -sie waren. Von den Bäumen plauzten schon die reifen Kastanien, zerbarsten -und rollten schillernd über den Weg. - -In wenig Tagen würde man auch das Schwimmbad schließen müssen, denn -schon traute sich niemand mehr in das abgekühlte Wasser, ausgenommen -Fräulein Esther Franzenius. Fräulein Esther aber würde gewiß nicht -eher aufhören ihre sehr schlanken, kraftvollen Glieder gegen das Wasser zu -spannen, bis ihr das erste Nachteis die Haut ritzte. - -Esther Franzenius ging über die Wiesen, da steifte sich ihr der Wind -entgegen und zerrte an ihren vom Wasser feuchtdunklen Haarsträhnen, die -immer zu lang in das Gesicht fielen. Und sie bog ein wenig den Oberkörper -zurück, und eine Tragkraft ging durch ihren ganzen Leib, als sei er ein -feiner, stolzer Bau, den festgefügte Steine gen Himmel heben. - -Dann ging sie durch die grauen Gassen mit dem Pflaster von Anno dazumal und -zuletzt die kleine Anhöhe hinauf. - -Ja, ganz versteckt lag das Haus, in dem Esther wohnte. Eine hohe, -breitbuchtende Ligusterhecke umsperrte den Garten. - -Maria kam über den Weg ihr entgegen. Maria war schön und strahlend --- auch in ihrem Mißmut. Maria nahm alle Herzen hin, und selbst die -Baumwürzelein freuten sich, wenn sie vom Kleidersaum der Allerschönsten -gestreichelt wurden. Ja, Maria hatte ein gesegnetes Angesicht. - -»Ist er noch nicht bei Dir?« frug Esther die Schwester. - -»Oh, er wird schon kommen.« - -Und da war er auch schon. - -Erst gingen seine Augen zu der blonden Maria, wie das ganz natürlich war. -Sie verfingen sich förmlich in ihren Blicken, sie ließen nicht los, so -daß die Hände ungeleitet zu einander tasten mußten. - -In Esther klang das wieder, was er fühlte in diesem Augenblick: Es -mußte ihm sein, wie ein Ausruhen nach langem ermüdendem Steigen -- ein -Erlösungsgefühl -- und Dank. - -Immer wußte sie, was er empfinden würde bei all den kleinen, feinen -Anlässen, in denen sich das Leben unter der Hülle der Geschehnisse -abspielt. Sie besaß zu seiner die Schwesterseele -- aber das wußte nur -sie. - -Sie erschrak förmlich, und ihr war, als hätte nun auch er ihre Gedanken -begleitet, als er plötzlich die Hände seiner Braut losließ und sich nun -zu ihr wandte. - -»Sie sind vorhin immer vor mir hergegangen, Esther -- ich habe Sie -gesehen.« - -Sie erschrak, weil sie seine Worte wie die Brücke zu tieferem Sinn nahm -- -aber dann fiel ihr ein, daß ja nur sie es war, die ihn erkannt hatte. Da -tauchte auch wieder die Wirklichkeit an die Oberfläche. - -»Jetzt ist Esther das Hausmütterchen, ja?« wandte sich nun Maria zu ihr. --- Und sie gingen hinein in das Haus, und Esther trug Obst auf den Tisch -und Wein, der aus einem feinen, hohen Krug gegossen wurde. Und alles -ordnete sie Maria zu Händen. Und alles sah aus, als sei es nichts als ein -Opfer, Marias Schönheit gebracht. - -»Die ungleichen Schwestern,« sagte Lothar; dabei hingen aber seine Augen -selbstvergessen nur an der, die er liebte. - -Und Esther übersetzte in Gedanken seine Worte: Wir demütigen uns vor ihr. --- Und sie lächelte zu der schönen Schwester hinüber. - -Maria erzählte von einem Lied, das sie gestern niedergeschrieben -hatte. Sie dichtete in Tönen und Worten. Das stimmte auch zu ihrer -Persönlichkeit. Esther und Lothar aber übten nur die schweigsame Kunst -der Malerei, die sich im Bewundern und genießendem Verstehen bescheidet. - -Dann setzte sich Maria an das Klavier und gab zu einer einfachen Melodie -ihr Lied, das sie nur mit ganz leiser, halb sprechender Stimme sang: - - »Legt Narzissen auf mein Grab, - Ich habe mich zu viel gesehnt -- - Schwarze Tujazweige drüber, - Weil mir keiner Liebe gab. - Rote Rosen streut zu Füßen, - Die bedeuten meine Träume, - Und zu Häupten eine Lilie, - Daß mich eure Engel grüßen -- - Und dann laßt mich dem Vergessen.« - -Es klang so weich und rührend, wie die schöne Maria mit ihrer zu -schwachen Stimme sang. Man vergaß darüber, daß sie die _schöne_ Maria -war, der ja alle Liebe stets zu Füßen lag, die nie eine vergebliche -Sehnsucht gekannt hatte. Und das Herz that sich auf in Zärtlichkeit für -diesen melancholischen Liebreiz. - -Esther verstand nicht mehr. Ein häßlicher Gedanke drängte sich ihr auf. -»Tändeln mit dem Schmerz,« dachte sie. - -Sie sah hinüber zu Lothar. Der saß in die stumme Anbetung versunken, die -man dem Leid eines geliebten Menschen weiht. Da stieg eine gegenstandslose -Scham in ihr auf. - -»Aber die Dichter lügen zu viel!« -- Hatte sie selbst denn dieses -spottsüchtige Citat gesprochen? - -Lothar sah sie mit ganz erstauntem Mißfallen an. Und Maria -- die arme, -schöne Maria machte so hilflose Kinderaugen. -- -- -- - -Als Lothar dann fortging, sprach er. Er traf mit Esther im Hausflur -zusammen, denn er war zuletzt allein mit Maria gewesen, und sagte: »Warum -haben Sie ihr das angethan? Man darf ihr nicht wehe thun -- Sie gehört zu -den Menschen, denen man nicht weh thun darf.« - -Und Esther senkte den Kopf. »Ich weiß es. Ich weiß es wohl.« - - * * * * * - -Zuweilen kam eine Sehnsucht nach starken, heißen Farben über sie. Am Berg -standen Ebereschen. Dort war es am schönsten, wenn die brennroten Beeren -durch den Nebel schimmerten. Das gab ein Gefühl der Abgeschlossenheit mit -dieser einzigen Farbe. - -Immer wieder mußte sie dorthin gehen wie zu einem Geheimnis. Sie lächelte -über sich selbst. - -Ihr Weg führte an vielen Wachholdersträuchen vorüber, die sich wie -sagenhafte Linien entfernter Pyramiden abhoben. Und über Felsgeröll -mußte sie klettern, bis endlich das Plateau mit den Ebereschen erreicht -war. - -Die roten Beeren aus dem Nebel leuchtend -- mit der grellen Deutlichkeit -einer verzückten Vision -- -- -- -- - -Ein unbeschreiblicher, verschwiegener Genuß. - -Zuweilen bettete der Nebel die Luft so dicht ein, daß sie unbeweglich -lag -- Dann war das Gefühl jener köstlichen Gemeinsamkeit am -stärksten. -- -- - -Anders war es in den klaren Tagen. Da lag alles wie ein Spiegel stiller und -weiter Gedanken. - -Das war eine gute und fruchtbare Einsamkeit, die auch oft zum Mitleben in -andern, wesensfremden Naturen lockte. - -Da war die Freundschaft mit Lydia. - -Lydia besaß einen langen Hals und eine kränkliche Stimme. Und sie -gehörte zu den Ausgestoßenen. - -»Du mußt mir erzählen wie es dort ist, wo du jetzt bist,« sagte Esther. - -Lydia errötete und schob das Kinn über den schwankenden Hals hinaus. »O, -es gefällt mir ganz gut.« - -»Du wünschest dir nichts anderes?« - -»Nein.« - -»Sind auch die Leute gut zu dir?« - -»Was denn? Sie gehen mich nichts an. Ich will nichts von ihnen -- sie -wollen nichts von mir, als daß ich ihren Kindern Stunden gebe. Warum -sollten sie gut zu mir sein?« - -»Wolltest du nie jemanden, den du liebst, und der dich lieb hat, Lydia?« - -»Ich habe ja dich. Ich möchte niemand sonst.« - -»Möchtest du keinen Mann, wie die andern Mädchen?« - -Da kam eine plötzliche Energie in die Haltung des blassen Mädchens, und -sie richtete ihre, sehr schönen, ausdrucksvollen Augen auf Esther: »Wer -auch zu mir käme, ich wollte niemand als dich. Du bist gut zu mir gewesen -wie sonst kein Mensch. Und ich habe alles von dir bekommen -- alles!« - -Esther dachte: Ich habe ja so wenig zu geben -- es ist alles so fest in -mich eingewachsen, daß nicht Wort und nicht Gebärde es lösen könnte. -- -Ich gehöre ja zu denen, die schweigen müssen. Weshalb glaubt sie nur an -mich? -- Und sie sagte: »Wenn du nur nicht einmal siehst, daß ich dir -nicht genüge.« - -»Ich will nichts von dir. Ich will dich nur lieb haben dürfen,« sagte -die andre. - -Und sie saßen nieder an einer Hügelböschung. Vor ihnen lief der Fluß, -und das Wasser war so blank wie Glas. Drüben am andern Ufer wurde Heu -gemacht. Das Uferschilf rasselte manchmal in die Stille hinein, wie ein -wohlbewaffnetes Heer, das unversehens aus seinem Versteck brechen will. -- - -Ganz plötzlich kam ihr der Wunsch wohlzuthun. Sie nahm die Hand des -häßlichen Mädchens und küßte sie. - - * * * * * - -Später, zum Frühling hin, geschah es. - -Da war Esther einmal im Nebenzimmer, wie Maria und Lothar in der Dämmerung -zusammensaßen. -- Ja, es war in der Dämmerung, wo sich die Seelen näher -kommen, wo jenseits alles Fremden und Irreleitenden ein Ich zum andern -findet. - -Esther hörte es. - -Sie hörte ihre freien, glücklichen Zärtlichkeiten und ihre Worte der -Zusammengehörigkeit. - -Da streifte Maria das leichte Gewand der Melancholie herunter, und -sie zeigte sich ihm, wie sie im Grunde war: die Glückspendende -- die -Priesterin der Seligkeit. - -Sein Herzschlag mußte sich jetzt mit ihrem einen -- -- - -Wie denn? -- Er lachte -- denn er konnte mit all seiner Schwermut und Herbe -versinken in ihrem leichten Glückswagemut. - -Esther fühlte ihm nach -- - -Nein, sie fühlte ihm nicht mehr nach! Zum erstenmal löste sich ihre -Persönlichkeit von seiner, nicht um zurückzutreten, sondern sie stellte -sich ihm entgegen. Sie fühlte, wie es sein müßte, wenn er zu ihr, zu -Esther gefunden hätte. So ganz anders wäre das gewesen: Schwer und mit -Thränen müßten sie zusammenkommen -- und es würde sein wie ein tiefes -Leid. -- Und sie würden ringen aneinander, weil keiner zum andern fände --- weil sie zu ähnlich waren und keiner den andern auslösen könnte. -- - -Und drüben hörte sie seine entzückte Stimme. -- »Maria Liebe -- Liebste -du --« - -Da war ihr, als müßte sie das Gesicht verbergen. Und sie lief hinaus in -ihre Kammer. Und sie konnte nicht weinen -- und saß auf ihrem Bett -und starrte in das Dunkel. -- Ja, sie sah das Dunkel von Angesicht zu -Angesicht, wie es ihr schweigend entgegenblickte. - -Und da fand sie einen neuen Willen. - - - - -II - - -Esther wollte sich Neuland erobern. - -Doch es wurde Frühling und Sommer, bis sie ihren Plan ausführte. Sie hing -so stark an der Heimatserde. Und sie dachte an die süße Hilflosigkeit -Marias, und auch die praktische Abhängigkeit des Vaters, der als Gelehrter -jeder Änderung seiner Gewohnheiten angstvoll, ratlos gegenüberstand, fiel -ihr aufs Herz. - -Aber ihrer Familie gegenüber fand sich Ersatz für ihre Abwesenheit. - -Lydia kam in ihrer bescheidenen Selbstverständlichkeit. Lydia zog ein in -Esthers Zimmer, und es war, als hätte sie nie einen andern Wunsch gehabt, -als nun Hintergrund für Marias Schönheit zu sein. - -Am letzten Abend ging Esther mit Lydia durch den Garten. -- Sie strich ganz -heimlich mit der Hand über die Zweige der Büsche und sah das Bild ihrer -einstigen Heimkehr. Sie sah sich wiederkommen -- getrieben vom Heimweh nach -alten Schmerzen -- und wollte doch davon nichts wissen, denn sie ging ja in -das neue Leben, um zu überwinden. - -»So schwer wird mir das Fortgehen,« sagte sie müde. - -Und Lydia darauf: »Ich weiß, du läßt deine Jugend -zurück.« -- -- -- -- - -Den ganzen andern Tag hörte sie in sich dieses Wort nachklingen, stieß -es zurück, holte es mit einer seltsamen heimlichen Lust an seinem Klang -wieder hervor und verläugnete es um so heftiger. - -Sie reiste ganz nach dem Norden von Dänemark. Die Fahrt von Hamburg nach -der kleinen Küstenstadt machte sie in der Nacht. - -Sie konnte nicht zum Schlafen kommen, saß die ganze Nacht über am -geöffneten Fenster und spürte den tragischen Reiz der hellen nordischen -Sommernacht. - -Lange, lange Wiesen mit dem weidenden Vieh, das jetzt zum Schlafen -hingestreckt lag, aber gleich darauf vom Lärm des Zuges geschreckt in die -dämmernde Ebene hineingaloppierte. - -Und am Himmel wechselte ein leuchtendes Farbenspiel. Dort glühten die -sehnsüchtigen Wünsche über der verhaltenen Resignation der Ebene. - -Nach Mitternacht wehte Seeluft herüber. Und dann lag im Morgennebel der -bläuliche Fjord mit seinen verträumten grünen Ufern. - -Weiter noch gen Norden blühte die Heide, wie in einem weiten, jubelnden -Ton des Erwachens. - -Nun kamen die kleinen Ortschaften, alle durch eine hohe grüne Baumhecke -gegen die Windseite geschützt, zuweilen aus ihrer Mitte den kahlen und -nüchternen Bau einer Missionskirche förmlich ausstoßend. -- Und einzelne -Bauernhöfe lagen am Weg mit den tiefgedachten Häusern, die sich ganz -niederkauern im üppigen Grün ihrer Gärten, die in Wohllustschlaf -versunken scheinen ob all dem Blühegeruch ringsum. - -Endlich, gegen Mittag kam das Reiseziel. - -Vor dem Bahnhof waren grüne Anlagen, in die man beim Einfahren hineinsah. -Und ganz plötzlich kam bei diesem Anblick die wunderliche Vorstellung -einer Heimkehr über Esther. Sie fühlte einen Augenblick lang diese -Ankunft im fremden Land wie eine Wiederkehr zu alt vertrauter Umgebung. -Ja, sie glaubte sogar die Wege schon zu kennen, die hinter den verdeckenden -Bäumen in die Stadt hineinführen mußten. - -Sie stieg aus und wurde von fremden Menschen empfangen, und ging doch lange -noch wie von einem Traum verwirrt. - - * * * * * - -Esther verstand reichlich wenig von der Tischunterhaltung, obschon ihre -Mutter eine Dänin gewesen und früher zuweilen mit den Kindern in ihrer -Muttersprache geredet hatte. -- Es war so ein großer lärmender Kreis, -und es lag wie Kinderlust über den Menschen, eine Atmosphäre der -Harmlosigkeit und leichtesten Lebensfreude, die Esther nicht sogleich -aufzufassen vermochte. Doch das alles kam ihrem Herzen nahe. - -Da gab es noch fünf Gäste außer ihr, und sie alle waren mit einer schier -unglaublichen Eß- und Lachlust angethan. - -Neben Esther saß Louise, die Tochter des Hauses. Sie hatte einen feinen, -leicht vorgebeugten Nacken und eine liebliche Art, sich zu bewegen. -- -Esther sah immer wieder zu ihr hin, und dann war es, als ob eine ganz leise -Melodie zwischen ihnen anhebe -- durch all den frohen Lärm hindurch eine -ganz heimliche, einsame Melodie der Harmonie. -- -- -- -- - -Esther wachte auf und hörte Musik. - -Es war ganz ruhig im Haus und schon dämmerig. Sie erinnerte sich, nach -Tisch auf ihrem Bett eingeschlafen zu sein. - -Ein feiner, klagender Singsang erfüllte die Stille, und sie besann sich -vergeblich, von welchem Instrument der wohl herrühren mochte. - -Dann ging sie den Klängen nach: durch den dämmerigen Hausflur, eine -Treppe hinauf und zu einer angelehnten Thür hinein. Da stand sie nun in -einem Zimmer voll altväterischer Möbel, zwischen denen ein Spinett, an -dem Louise saß und spielte. - -Es war, als lägen die Erlebnisse weiter Vergangenheiten in diesem -Raum, und wer auch zu den Fenstern hinaus auf das Meer sah, bekam ganz -unwillkürlich den Blick gereifter Erfahrung in die Augen. -- - -Luise brach plötzlich und scheu ihr Spiel ab, wie sie Esther kommen -hörte. - -Sie sagte: »Oh, ich glaubte mich allein im Haus,« und strich mit -einer verlegenen Bewegung über die Tasten, gleich als hätte sie einen -entblößten Körper zu verdecken. - -»Und wolltest du nicht spielen, wenn jemand es hörte?« - -»Doch -- ja -- nur zuweilen darf niemand zuhören.« - -Esther antwortete nicht. Sie setzte sich an das Fenster, von dem aus man so -weit über das Meer sehen konnte, daß es den Leuten einen gereiften Blick -gab. Sie sagte erst nach einer Weile: »Was für ein Lied hast du gespielt --- wenn du mir das sagen magst --?« - -»Ein ganz altes Volkslied ist es -- das Lied vom ›Herre Peder‹ und der -Helelide.« - -»Willst du mir sagen, wie es geht?« - -Luise gab leise die Melodie in den zitternden Tönen des Spinetts an und -sprach dazu: - - »Junkherr Peder warf Runen über den Pfad, - Den Helelidens Fuß betrat. - Dann lichtet' er sein Anker, - Er hatte guten Wind, - Und segelte von Dänemark - Und seinen Frauen lind. -- - Holde Worte - Erfreuen die Herzen, - Holde Worte - Verschulden die Schmerzen -- - Holde Worte! - - Helelide ging am Strande harrend, - In die tiefen, salzen Wasser starrend. - Dann lichtet' sie ihr Anker, - Sie hatte guten Wind, - Und segelte von Dänemark - Mit ihren Frauen lind. - Holde Worte - Haben mich tief bethört, - Holde Worte - Haben mein Herz versehrt -- - Holde Worte! - - Da rief der Wächter, als das Schiff in Sicht: - ›Uns bringt der Wind das Sonnenlicht!‹ - D'rauf hat der Junkherr Peder - Vor Freuden schier gelacht, - Als Helelide Ehre - Und Treue ihm gebracht. - Holde Worte - Bringen viele Freuden, - Holde Worte - Schaffen manche Leiden -- - Holde Worte.« - -Luise stand auf und trat zu Esther ans Fenster. -- Esther fragte: »Waren -die Runen Liebesworte, die Junkherr Peder zu Helelide sprach?« - -Und Luise: »Ich weiß es nicht. Aber ich meine, wir hören zuweilen einen -Menschen etwas sagen, das kaum für uns berechnet war, das gewiß in keiner -persönlichen Absicht zu uns gesprochen wurde, und doch kommt es zu uns, ja -es -- ›verführt‹ uns.« - -Esther mochte nicht Louise ansehen. Sie neigte nur den Kopf und sah -wie bisher weit hinaus auf das Meer. Und ganz da draußen, dort wo die -Unendlichkeit beginnt, konnten sich vielleicht ihre Blicke begegnen. Und -vielleicht wurde dort das Schweigen gebrochen, das sich hier jetzt über -sie legte. - - * * * * * - -Am andern Tag wurde ein Ausflug nach einem benachbarten Gutshof gemacht. - -Man ging die braun-violetten Heidehügel bergan und bergab. Der Wind strich -in unausgesetztem, immer gleich starkem Zug über das Land, so daß es -klang wie der thränenlose Jammer des Wahnsinns. - -Stärker wurden die Stimmen und klang voller in der kräftigen Luft. Auch -gab der weite Horizont dem Blick eine stolze Kühnheit. - -Am Gipfel des »Himmelsberges«, ein Hügel, der die andern Buchtungen um -weniges überragte, lagerte man sich. - -Frau Olga Bergsö, die immer Lebensvolle, versammelte ihr kleines Heer um -sich. Da lag sie halb aufgerichtet an einen hohen Merkstein gelehnt, mit -ihrem seltsamen Dreimaster einem Feldherrn gleichend. Feine, energische -Linien begrenzten ihr Profil wie einen Schattenriß am weißlich hellen -Himmel. - -Ihr zur Seite rangen Julie und Alexandra, die beiden Sechzehnjährigen, -im liebevollsten Zweikampf miteinander in den weichen Büscheln des -Heidekrautes. - -Herr Bergsö ging mit der vierzehnjährigen Tule Arm in Arm, denn sie waren -sehr gute Freunde. - -Hinter Frau Olga jedoch kauerte die zarte, stets von Bewunderung erfüllte -Fräulein Missus. Sie war Olgas Lehrerin gewesen und besuchte diese nun -in jedem Sommer, um ganz im Innern ihrer kleinen zerknirschten -Gouvernantenseele wahre Orgien der Bewunderung für ihre frühere -Schülerin zu feiern. Alexandra erzählte in Bezug auf sie die sehr -seltsame Geschichte, daß sie, Alexandra, einmal zu noch morgendlicher -Stunde am Fenster von Fräulein Missus' Stube vorbeigegangen sei. Zu ihrem -großen Entsetzen hätte aber auf dem Kopfkissen des Fräuleins, statt -deren wohlfrisiertem Haupt, nur ein großes, nacktes, gelbliches Ei -gelegen. -- Diese denkwürdige Historie reizte fortan die jüngeren -Bewohner des Hauses Bergsö zu morgendlichen Spaziergängen vor den nunmehr -hoffnungslos verhängten Fenstern des armen Fräuleins. -- - -»Für jeden sind zwei ›Boller‹ mitgebracht und Brot so viel ihr -wollt,« erklärte Olga ihren Gästen. - -Und die Gäste griffen gehorsam zu, um sich ihr Anrecht auf die beiden -zudiktierten Boller zu sichern. -- -- - -Nun gab es nur noch einen kurzen Weg, und ganz unvermutet sah man -»Eriksgaard« in einer kleinen Senkung liegen. - -Man trat aus der wehenden Haide ganz unversehens in das Schweigen eines -sommerlichen Blumengartens ein. Hohe, grüne Mauern ließen hier den -Wind verstummen. Und mitten auf dem Rasenplatz wiegte sich in üppigster -Schönheit eine große rote Rose. -- »Sie heißt Camille de Rohan,« sagte -Herr Adam Rude zu seinen Gästen. - -In dem weiten, steifmöblierten Saal des Hauses hatte Eliza Rude den Tisch -gedeckt und die übliche Chokolade aufgetragen. - -»Eliza ist meine kleine Hausmutter,« sagte der alte Rude. Und das -schlanke Kind mit den etwas zu weit auseinanderliegenden breiten Augen und -dem keuschen Madonnenkinn lächelte in beginnender Koketterie. Sie nahm die -Art einer Dame an und bat die Gäste würdevoll, einzutreten. - -Für »das deutsche Fräulein« hatte Eliza eine große und plötzliche -Liebe gefaßt. Jene auf unfehlbarem Instinkt beruhende Leidenschaft -der Seele, wie sie heranwachsende Menschen oft zu Personen des eigenen -Geschlechtes überkommt. Ein Gefühl, das weder unter dem Begriff »Liebe« -noch »Freundschaft« steht, vielmehr eine unendlich verfeinerte Essenz -dieser beiden Empfindungen darstellt. Man könnte denken, es sei eben nur -ein Vorrecht der ganz reinen Seelen, weil die vernünftigen und -gereiften Menschen nur mit dem vernünftigen und gereiften Spott darauf -herabzulächeln pflegen, den sie für alle hohen, der baren Nutzbarkeit -entfremdeten Dinge bereit halten. -- - -Eliza saß neben Esther und strich ihr heimlich unterm Tisch über die -Hände. Sie war von Ungeduld erfüllt, die andere möge sich mit tieferen -und innerlichen Worten ihr nähern, und wartete nur auf das erlösende -bedeutsame Wort. -- Und sie quälte Esther mit wunderlichen Fragen und -Forderungen. - -Endlich sagte sie noch: »Wie reden bei Ihnen die Leute, die sich lieb -haben? Giebt es ein Lied, das von ihrer Liebe erzählt? Sagen Sie mir eins, -das Sie selbst leiden mögen.« - -Esther fiel ein altes kleines Liedchen ein, und sie sprach es lächelnd: - - »Ich bin dein, - Und du bist mein -- - Des sollst du gewisse sein. - Du bist geschlossen in mein Herze ein, - Verloren ist das Schlüsselein, - Drum mußt du ewig drinnen sein.« - -Eliza ließ es sich zweimal sagen und Worte, die sie nicht verstand, -übersetzen. Dann meinte sie nachdenklich: »Es ist ein schönes Lied. Ich -werde es mir für Sie merken, Fräulein Esther.« - -Und dann: »Kommen Sie ein wenig mit mir, wo die andern nicht sind. Ich -möchte einmal mit Ihnen allein gewesen sein.« - -Esther folgte ihr mit einem ernsten Lächeln. Sie stand noch nicht der -Kindheit fern. - -So saßen sie in einer Lindenlaube und sahen durch das grüne Licht -hinaus in den Garten, wo sich Camille de Rohan einsam in selbstbewußter -Schönheit vor der Sonne neigte. - -»Dem Vater haben Sie auch gefallen,« fing das Kind wieder an. »Ich kann -es an seinen Augen sehen, wenn ihm jemand gefällt. Hat er nicht schöne -Augen, mein Vater? Und ist er nicht ein schöner Mann?« - -Esther sagte: »Ja, er ist ein schöner alter Herr.« - -»Und meinen Bruder Arne sollten Sie sehen! Er ist jetzt nicht hier. In -Kopenhagen ist er. -- Schriftsteller!« Das letzte Wort sprach sie mit -nachlässig verstecktem Stolz. -- »Aber wenn Sie ihn sehen würden -- er -ist der schönste junge Mann, den ich kenne!« - -»Wie alt bist du eigentlich?« fragte Esther. - -»Im September ist mein sechzehnter Geburtstag.« - -Esther war erstaunt, sie hatte Eliza für jünger gehalten. Aber gleich -darauf begriff sie. -- »Ah, du wirst also fünfzehn, wenn dein sechzehnter -Geburts_tag_ ist?« - -»Nein, nein! -- Ja, es ist schon so, aber Sie müssen nicht immer alles -gleich entdecken!« Eliza war sehr indigniert und auf einmal eine zürnende -junge Dame geworden. Aber gleich darauf erklärte sie -- wieder Kind --: -»Ich wollte ja nur nicht so viel jünger sein als Sie -- ich dachte, daß -man sich um jüngere Kinder weniger kümmert. Aber wenn Sie mich auch so -ein wenig gern haben, ist schon alles gut -- -- --« - -»Ja; ich habe dich ›auch so‹ gern!« -- - -Drüben, im Sonnenlicht schaukelte Camille de Rohan. -- -- -- -- -- - -»In nächster Zeit wollen wir Ihnen einen Besuch wegnehmen, Frau -Bergsö,« sagte Herr Rude, als die Gäste sich verabschiedeten. Und Eliza -drückte Esther bedeutungsvoll die Hand, denn es war zwischen ihnen schon -ausgemacht, daß Esther den »sechzehnten Geburtstag« mit auf Eriksgaard -feiern sollte. - - - - -III - - -Das war zu Ende des August, als Esther nach Eriksgaard kam. - -Sie wollte den Weg allein gehen. Eine plötzliche und starke Sehnsucht nach -Einsamkeit drängte sie dazu. Denn schon lag alles Frohe und Leichte ihrer -Umgebung wie am andern Ufer. Und es war wie ein zögerndes Umwenden und -Zurückgrüßen, als sie das Haus am Meer verließ. - -Sie ging über die weiche, nun schon verblühende Heide wie über das -zottige Fell jener Märchenungetüme, die vor verwunschenen Schlössern -liegen. Sie sah am Himmelsrand in grauer Wolkenferne die Erdriesen -kämpfen, und sie vernahm die Seufzer unstillbarer Sehnsucht aus dem Reich -der Unterirdischen. - -Ja, alle Dinge sprachen zu ihr. Aber sie ging mit den stillen Augen des -Lauschenden, und in ihr erstand eine zarte und weltfremde Liebe -- eben zur -Welt. -- -- -- -- -- - -Da lag Eriksgaard. Und Eliza kam mit ihrem keuschen, erwartungsvollen -Lächeln ihr entgegen. - -»Du kommst allein über die Heide, Esther? Jeden Tag habe ich auf dich -gewartet! Jeden Tag bin ich dir entgegengegangen.« -- Sie bemerkte gar -nicht, daß sie plötzlich das Du brauchte. - -Dann faßte sie Esther bei der Hand, und sie traten ein in das Haus. In die -Thür war ein Herz geschnitten, man konnte dadurch in das Innere des Hauses -blicken, aber man sah nur das Dämmern des dunkleren Raumes, weil man -im hellen Tageslicht stand. -- Esther dachte: ein Herz ist in die Thür -geschnitten -- -- -- -- - -»Vater! da ist sie!« rief Eliza. - -Adam Rude kam aus einem halbdunklen Zimmer und begrüßte den Gast. Seine -Augen waren wie im Traum gewesen. - -»Dort hängt das Bild meiner Mutter,« sagte Eliza später. »Er geht -zuweilen hin und ist mit ihr allein.« Sie sprach wie von einer lebenden -Person von dem Bild der Toten. - -»Wie war deine Mutter?« - -»O -- zart und fein. Nicht sonderlich schön, aber voll Anmut. Und sie war -gut gegen ›Gerechte und Ungerechte‹. Ich entsinne mich, wie unser Haus -eben gebaut war, kam ein Bettelweib -- eine alte Frau, die oft betrunken -war. Die hat meine Mutter nun überall herumgeführt und ihr alles gezeigt -und sprach mit ihr, wie mit einer guten Bekannten. Dann hat sie ihr auch -etwas gegeben -- wohl nicht viel, denn die Eltern waren nicht reich damals -und meine Mutter ängstlich und sparsam. Aber ich habe die Frau dann -fortgehen sehen -- mit einem so glücklichen Gesicht.« - -Eliza hatte eine seltsame frühreife Art zu sprechen. Die Art sehr -gewissenhafter und beobachtender Menschen: es war wie eine plastische -Nachgestaltung der Geschehnisse. -- Sie dachte ein wenig, wobei sie ganz -unerwartet ihrem Vater ähnlich wurde und sprach fort: »Ja -- und dann -erzählte Mutter uns aus der Geschichte. Aber alles, was schrecklich und -traurig darin war, verschwieg sie uns. Ich weiß gar nicht, wie sie das -möglich machte, aber wir erfuhren nichts über Tod und Entsetzen. So, daß -wir es dann später gar nicht verstehen konnten, als sie uns starb. Wir -hatten einfach den Schmerz nicht begreifen gelernt.« - -»Du und dein Bruder?« - -»Nein, der war schon von Hause fort. Ich und eine Schwester, die jetzt -tot ist. Sie war zarter als ich und hat nie das Entbehren lernen können -- -obschon wir nicht sehr traurig waren, als Mutter starb.« - -Über Elizas Hände ging die letzte Sonne. Es waren überzarte Hände. -Esther dachte: sie haben einen Zug der Unwirklichkeit. - -»Du verstehst alles so sehr,« sagte sie zu dem Kind und strich ihr über -die Hände. Ja, es lag über diesen Händen wie die Ahnung von künftigem -Leid. - -Da ließ das Mädchen mit einer sonderbar hilflosen Bewegung den Kopf auf -Esthers Schulter sinken und weinte. -- - -Sie weinte immer mehr und sagte dazwischen: »ich weiß gar nicht, warum es -ist -- ich verstehe mich gar nicht.« -- Und Esther zog sie zu sich heran. -Sie fühlte die Wärme ihres Körpers zu der andern übergehen wie im -instinktiven Beschützenwollen erwachender Mütterlichkeit und spürte, -daß Eliza ruhig wurde und auf ihren Herzschlag hörte. - -Doch da geschah etwas ganz Seltsames: Esther erhob die Augen von dem Kind, -das da an ihrer Brust weinte und sah plötzlich in ein Gesicht, das mit -dem Ausdruck verzehrender Sehnsucht zu ihr gewandt war. Sie sah ratlos zur -Seite und dann wieder hin -- aber da stand im beschatteten Rahmen der Thür -Adam Rude mit seinem gewohnten verschlossenen Gesichtsausdruck. Er nahm -sich in der Dämmerung aus wie ein alter Van Dyck. Langsam kam er jetzt auf -die beiden Mädchen zu und strich seiner Tochter über das Haar. Dabei -sah er mit einem verlorenen Blick zum Fenster hinaus und sagte: »Kind -- -Kind.« -- Und wieder: »Kind, Kind!« - -Dann wandte er sich schwerfällig und verließ das Zimmer. -- -- - -Zwischen den beiden Mädchen blieb es jetzt still. Draußen ging die -Dämmerung und verhüllte das Land. Und an dem dichtgrünen Schutzzaun -nagte der Wind, vergebens mit seinem leisen, gierigen Stöhnen Einlaß -suchend. -- Über die Menschen kam ein Gefühl der Geborgenheit. - - * * * * * - -Esther war schon einige Wochen auf Eriksgaard und fühlte sich mehr -und mehr mit der seltsamen Eintönigkeit des Hauses und seiner Bewohner -verwachsen. - -Sie gewöhnte sich an Adam Rudes absonderliche Art, durch das Haus zu -irren und zerstreute Worte zu stammeln. -- Sie wurde vertraut mit dem -überreifen, so oft das Unwirkliche streifenden Wesen Elizas. - -Und in dieser traumhaften Umgebung versank ihre Kraft fast unmerklich aber -stetig im erschlaffenden Nachgeben. - -Seltsame heiße Bilder, die nur ganz entfernt die Wirklichkeit berührten, -kamen zu ihr. Die unterdrückte Sehnsucht nach dem einen geliebten Menschen -lebte sich in ziel- und gestaltlosen mystischen Phantasien aus. -- - -Und dann gab es eine Nacht, in der sie nach schlaflosem Hindämmern ganz -plötzlich in ihrem Bett kniete -- den Kopf vornübergebeugt und die Hände -verschränkt -- und immer liefen Thränen vor ihr nieder. Und sie warf den -Kopf zurück und senkte ihn wieder und wollte -- beten? -- -- - -Und immer liefen Thränen vor ihr nieder. - -Aber es gab kein Wort und keinen Gott -- nur allertiefste Verlassenheit war -um sie. - -Und das Zeitgefühl schwand, und der Körper wurde wesenlos. Es war wie der -Tod im Leben. -- - -Und dann fand sie sich wieder: mit zurückgeworfenem Kopf und schlaff -herabhängenden Armen -- schon lange thränenlos. Die Glieder waren ihr -ganz kalt und taub geworden und gingen schwer zu bewegen. Und sie fand sich -allmählich wieder ganz zurück in die Wirklichkeit und legte sich ruhig -nieder -- ja ganz ruhig und -- gebrochen. - - - - -IV - - -Esther saß im Gartenzimmer und malte. Sie war allein im Haus geblieben, -während Eliza mit ihrem Vater hinüber zu den Pächtersleuten ging, die -den vom Wohnhaus ziemlich entfernt gelegenen Gutshof verwalteten. - -Über der stillen, weiten Stube lag etwas Festliches. Vielleicht war es nur -der Sonnenschein und die Einsamkeit. - -Esther legte Pinsel und Palette nieder und betrachtete die Leinwand vor -sich. Sie hatte ein Phantasiestück zu malen begonnen, das wenig Zeichnung -und recht viel Farbenreiz enthielt. Es war nichts als Heide und Himmel: ein -rechtes Motiv für Gedanken der Schwermut und Leidenschaft. -- -- -- - -Esther errötete plötzlich und schob das Bild zur Seite. Sie stand auf und -trat hinüber in den Sonnenschein. Sie streckte die Hände aus und fühlte -darauf die prickelnde Wärme. Da beugte sie auch den Kopf, denn höher oben -lag Schatten, bis sie im vollen Lichte stand. - -Die Einsamkeit machte es, daß sie auf ihr Atmen zu horchen begann -- und -dann plötzlich fing sie an zu singen. - -Sie schloß die Augen vor dem Licht und ließ es über sich gleiten -- und -sang dazu eine Melodie, die sie irgendwann einmal gehört hatte, von der -die Worte längst vergessen waren. - -Da hörte sie die Hausthür gehen und war still. Sie setzte sich wieder zu -ihrer Malerei, doch in ihr blieb eine leise, festliche Freudigkeit zurück. - -Und dann stand dort, wo sie eben noch gewesen war, ein anderer drüben im -Sonnenschein. - -»Ich bin Arne Rude,« sagte er und verbeugte sich mit einem harmlosen -kleinen Gut-Jungen-Lächeln. - -Esther war ein wenig verwirrt. »Herr Rude und Eliza sind ausgegangen,« -sagte sie. - -»Sie werden wiederkommen,« meinte Arne in zuversichtlichem Ton. Und -dann mußten sie beide lachen über den allzugroßen Geistesaufwand seiner -Antwort. - -»Darf ich mich so lange ein bischen zu Ihnen setzen, Fräulein -- Esther? --- Sie müssen nämlich wissen, daß man mir immer nur von ›Esther‹ -schreibt, so daß ich gar nicht zweifeln kann, nun ›Esther‹ vor mir zu -sehen --« - -»Ja, ich bin ›Esther‹,« sagte sie freundlich. Dabei sah sie zufällig -nieder und auf die langen, sehr modischen Schuhe des jungen Mannes. Sie -mißfielen ihr ein wenig, und deshalb stieg ihr Blick an der ganzen elegant -umschneiderten Person empor, bis sie an diesem gutmütig lächelnden, -hübschen Jünglingsgesicht haften blieben, das recht wenig mit der -leichten Geziertheit der Kleidung in Einklang stand. - -»Und das Ganze ist also ein ›Dichter‹,« zog sie für sich das -Resumée ihrer Betrachtungen. - -Arne ließ sich im Bewußtsein seiner Vorzüge beruhigt mustern. Dabei -stand der Ausdruck des innigsten Wohlgefallens sowohl an sich selbst, wie -an der jungen und schönen Dame auf seinem Gesicht. - -»Sie haben gemalt?« fragte er dann und wollte sich dem Bild nähern. - -Esther schob es aber wie achtlos zur Seite. Um keinen Preis sollte er es -sehen! -- Sie war selbst ganz erstaunt über die Heftigkeit dieses inneren -Widerstrebens. - -Um abzulenken richtete sie rasch eine Frage an ihn: »Sie kommen direkt von -Kopenhagen?« - -»Ja; ich pflege immer meine Familie recht unversehens zu überfallen. -- -Sie wissen, wir Leute der Feder sind gewöhnlich ein Stück ~bohémien~. -Mir besonders sind lange Vorbereitungen entsetzlich. Leute, die sich den -einen Tag überlegen, was sie an den sechs andern essen wollen, sind mir -noch gruseliger, als Papierkragen und wollene Hemden -- Sie verzeihen!« - -»O, ich habe nichts zu verzeihen, ich trage ja keine,« erklärte Esther, -die von seiner knabenhaften Lustigkeit angesteckt wurde, was über ihre -sonst zu herbe Erscheinung eine ungewöhnliche Anmut brachte. - -»Wollen Sie nicht lieber den andern entgegengehen?« fragte sie bald -darauf. - -»Ah -- Sie schicken mich fort?« - -»Nicht doch -- ich dachte nur --« - -»Ach, wenn Sie nur das nicht dachten, dann mögen Sie vielleicht auch -Eliza entgegengehen -- und ich darf Sie begleiten?« - -»Nein,« sagte Esther. Und dann, um die Schroffheit der Antwort zu -mildern: »Nein, ich muß noch eine Kleinigkeit fertig malen, sonst -trocknen die Farben ein.« - -Arne ging also allein. -- - -Esther war plötzlich verstimmt. - -Weshalb hatte sie diese kleine dumme Höflichkeitslüge gesagt? - -Da kam ein fremder großer Junge in Lackschuhen, mit dem redete sie -allerhand alberne intime Sachen, und zuletzt glaubte sie noch eine kleine -Zurückweisung mit einer Höflichkeitslüge umkleiden zu müssen. - -Sie packte die Malgeräte zusammen, trug sie hinauf in ihr Zimmer und -stellte die Leinwand zum Trocknen auf. Dann sah sie mit mancherlei kleinen, -zerstreuten Gedanken hinaus in den Abendhimmel, wo die große rote Sonne -sich feierlich dem Horizont zuneigte. -- -- -- -- - -Am Abendbrottisch dozierte Arne. -- Er besaß einen nach jeder Richtung hin -unfehlbaren Geschmack. - -Unter anderm gab es da ein Buch von Peter Nansen -- »Gottesfriede«. -- -Esther hatte es schon vor einigen Jahren gelesen, Arne durch Zufall erst -jetzt. - -»Ich bereue die Zeit, in der ich dieses Buch nicht kannte,« erklärte -Arne. - -»Es ist das Hohelied vom Weibe. Es ist das holdeste und keuscheste Buch, -das ich kenne. Wer dafür kein Verständnis hat, mit dem ist von vornherein -nicht zu reden!« - -Esther lächelte. »Dann müssen Sie mit mir gewiß nicht drüber sprechen --- mich hat es unwahr berührt.« - -Arne runzelte ungnädig die Stirn. »Was ist ›unwahr‹ daran?« - -»Es ist nicht ›rein‹, wenn ein Mädchen nichts anderes von der Liebe -will, als Mutter werden --« - -»Das ist die Reinheit der Natur!« - -»Doch wohl nicht so ganz --« Esther zögerte ein wenig sich -auszusprechen, aber dann sagte sie: »Das ist vielleicht die Natur des -Tieres und ursprünglich des Menschen auch -- wie wir aber jetzt sind, -haben wir zu sehr die zweite Natur: die Seele in uns entwickelt, als daß -uns nicht andere und -- göttlichere Dinge zusammenführen. Mir scheint, -eine vollkommene Liebe ist Sehnsucht nach der andern _Seele_ -- nicht nur -Mittel zu einem Zweck der Natur.« - -Arne lächelte überlegen. - -Esther dachte: Wie nur alles Feine und Unantastbare so in die Verachtung -der Menschen geraten kann -- nur weil es vielleicht zu lange schon ein -mißverstandenes und mißbrauchtes Ideal gewesen sein mag? -- Und sie -dachte weiter: alles, woran die Menschen eine Zeitlang mit ihren Gedanken -rühren, wird so schmutzig und verbraucht, daß es ihnen zuletzt selbst zum -Ekel und zum Wegwerfen ist. Und dann kommen ein paar Nachzügler, sammeln -es aus der Verachtung heraus und machen es zu neuen und wieder verspotteten -Heiligtümern. -- -- So dachte sie und vergaß wirklich dabei sich gegen das -überlegene Lächeln zu wehren. - -Doch Arne begann noch einmal: »Verzeihen Sie, aber wie läßt sich eine -›Seele‹ erkennen? Die Menschen haben edle und unedle Aufwallungen --- ein Fazit läßt sich da kaum ziehen --, sie haben ansprechende und -abstoßende Gesichtszüge -- und oft spiegelt ein bißchen Bleichsucht eine -schöne Mädchenseele vor. Der Körper ist das einzige, was sich erkennen -läßt -- und der erotische Instinkt ist von vornherein göttlich!« - -Esther schwieg noch immer. Der junge Mann wußte alles so genau. Er sprach -mit einer so verblüffenden Sicherheit, die jede Gegenrede auszuschließen -schien. -- So sagte sie nur noch ganz zögernd mehr für sich selbst als im -Anschluß an das, was gesprochen wurde: »Ich meine, man müßte an einer -Liebe, die nie die höchste Vereinigung erreichen kann oder doch will, zu -Grunde gehen.« - -»Wir sind alle für die Einsamkeit geschaffen,« klang da die eintönige -Stimme des alten Rude hinein. - -Diese Worte legten sich für den Augenblick wie eine trostverlassene -Prophezeiung auf alle Anwesenden. - -Eliza blickte schutzflehend von einem zum andern. - -Aber da setzte die kraftfrohe, junge Stimme Arnes ein. Und er sagte so -zuversichtlich: »Der Trost hierfür ist eben die Liebe -- die Liebe -auf Gnade und Ungnade -- die Liebe um jeden Preis und über alle -Unzulänglichkeiten hinaus!« - -Eliza lächelte ihrem Bruder zu. Sie stand mit der Zwanglosigkeit eines -unerzogenen Kindes vom Tisch auf und ging mit ihren leichten, leichten -Schritten hin vor einen Spiegel. Sie sah dort lange und ernsthaft sich -selbst ins Gesicht, wandte sich dann um und sagte im Ton eines Babys: -»Eliza bekommt Kummerfalten von euren traurigen Gesprächen!« - -»Eliza soll herkommen zu mir!« bat Arne. - -Eliza lehnte sich an seine Schulter. Da strich er ihr zärtlich über das -Gesicht und sah sie mit guten, frohen Augen an. - -Diese Berührung schien das Mädchen seltsam wohlthuend und beruhigend zu -empfinden. Es war, als ginge von seiner Hand Lebensfreude aus. -- - -Esther dachte plötzlich, diese Hand müßte warm und trocken sein und ein -wenig hart. In der Bewegung des Handgelenkes lag Energie und eine gewisse -nervöse Sensitivität. - - * * * * * - -Arne war es, der neben Esther über den Kamm des Heidehügels ging. Er -machte pompöse Handbewegungen, die rings das ganze Land einschlossen und -philosophierte. - -»Es giebt eine neue Religion -- die Religion der Wissenschaft,« sagte -er. »Die sollte man verbreiten im Volk, und der alte Aberglauben von einer -Belohnung im Jenseits muß ihnen genommen werden. Sie müssen die Wahrheit -verstehen lernen. - -Einen neuen Messias brauchen wir, der sie auf das Leben weist, der aus -Stubenhockern Leute der Freiheit und Freude macht.« - -»Es könnten nicht alle die Hoffnung auf das Jenseits entbehren.« - -»Wollen Sie denn einen Himmel?« - -»Ich habe nicht von mir gesprochen.« - -Er fuhr fort: »Wir brauchen nicht mehr die trügerische Hoffnung. -Wir haben die Wissenschaft und ihre Erkenntnisse. Wir wissen, daß ein -Fortleben unmöglich ist, weil das Leben nicht mehr ist, als die Wärme, -die beim Zusammenreiben von zwei Steinen erzeugt wird. Sie entsteht und -verflüchtigt sich. Die tote Materie bleibt zurück.« - -Esther dachte: Ob es nicht vielleicht in der Natur des Glückes liegt, sich -die Ewigkeit erzwingen zu wollen -- über alle Erkenntnis hinaus? -- - -Da sagte er: »Mich würde kein Schmerz fahnenflüchtig machen.« - -Sie lächelte vor sich hin. Wie war es doch gekommen, daß sie einzig -_Glück_ als ein Gegenargument genommen hatte, sie, die doch das Glück -nie kannte? -- Freilich, es mochte wohl meist der Schmerz sein, der die -Menschen zwang, eine Hoffnung auf das Jenseits zu bauen -- der Schmerz, -den sie keine Stunde tragen möchten, wenn nicht die mystische Wandlung zu -ewiger Freude bevorstände. -- -- - -Arne hielt ihr Schweigen für widerstandslose Einsicht. Er war sehr -zufrieden mit dem Sieg der Wissenschaft und ein bißchen auch mit dem -seines Geistes. - -Er sah sie an, folgte ihren Bewegungen, und das Gefühl seiner -Überlegenheit steigerte nur die Freude an ihrer jungen und anmutigen -Weiblichkeit. - -»Übrigens liebe ich es, wenn Frauen ein wenig Christentum haben,« sagte -er da gönnerhaft. - -Sie hatte plötzlich Lust, ihn an den Ohren zu reißen und einen kleinen, -dummen Jungen zu nennen. Sie sagte aber nur mit ironischer Demut: »Ich -danke Ihnen im Namen aller Frauen!« - -Er schielte herüber, ob sie auch nicht zu sehr den Sinn seiner Worte -verstanden habe und wurde verlegen. Er wurde so verlegen, daß es ihn nach -einer Kraftäußerung gelüstete, und da kam ihm ein sumpfiger Kuhpfad zu -statten, der hier den Weg überquerte. - -Eifrig rief er: »Sie müssen es schon erlauben!« und hob Esther auf seine -Arme. Mit der leichten Kraft eines jungen Centauren trug er seine Last -über den Sumpf. - -»Bin ich Ihnen denn nicht zu schwer?« fragte sie. - -Er lachte glücklich und verneinte. - -Sie sah nieder auf seinen jünglingshaften Hals. Sie war ihm gut -- und -dankte ihm für etwas Unbestimmbares -- vielleicht daß so viel Jugend von -ihm ausging. - -Neben einer Weide, die sich, aus einer Böschung herauswachsend, tief über -den Weg bückte, ließ er sie wieder zu Boden gleiten. - -»Glaubten Sie denn, ich könnte nicht auf eignen Füßen gehen?« fragte -sie lachend. - -Er errötete wie ein Knabe. »Doch -- Sie sind ein guter Kamerad,« sagte -er. - -Sie wurde auf einmal ernst. »Lassen Sie mich das bleiben,« sagte sie -frei. - -Er schüttelte heftig ihre dargebotene Hand. - - * * * * * - -»Heute abend geben wir ein Fest,« erklärte Arne eines Tages. - -»Vater mag nicht, wenn so viele Menschen kommen,« meinte Eliza. - -»Dummerlein! Gar keine Menschen sollen kommen! Wir geben das Fest ganz -für uns allein. - -Diese Zimmer sind so ganz versunken in Traurigkeit und Langeweile -- man -muß sie ein bißchen fröhlich machen!« -- -- - -Nach dem Pachthof zu lag ein Wald. Die drei jungen Menschen machten sich -auf zu einer Entdeckungsreise -- Ein Fest braucht Blumen und Kränze. - -Sie bahnten sich einen Weg durch Brombeerhecken und Haselnußgebüsch, sie -gingen bis zu den Knöcheln im weichen, modernden Laub und wählten das -Froheste unter den frohen Farben des Herbstes. - -Ein kleiner Hügel kam; auf dem gab es ein Rankengewirr aus -Jelängerjelieber und Waldrebe, das schon von feinen staubweißen -Samenperücken übersponnen war. - -Arne trat vor und schnitt ein paar lange Guirlanden herunter. An der einen -saß noch ein Blütenbüschel. Er brach dieses rötliche Sträußchen und -überreichte es Esther ganz feierlich. »Je länger -- je lieber.« - -Esther nahm es, drehte es zwischen den Fingern und lächelte. Sie lächelte -und sah zwischen den Baumzweigen hindurch nach dem Himmel; der war von -blauem Glas. -- Es roch gut nach feuchter Erde, fast wie Veilchen, und -kräftig nach welkem Buchenlaub und Baumrinde, die schon des Nachts bereift -gewesen. -- Beim Stillstehen fühlte sie das Blut wie heißen Wein durch -ihren Körper rinnen. - -Und sie lächelte und drehte den Blütenstiel zwischen den Fingern -- ging -ein paar Schritte -- drehte -- und ließ achtlos die Blüten fallen. - -Nur Eliza hatte es gesehen. - -Sie hob sie auf, trat hin zu Esther und fragte: »Warum thust du das?« - -Wie ein schmerzlicher Vorwurf klang dieses »Warum thust du das?« -- Und -dann: »Wenn du sie nicht haben willst, gieb sie mir -- aber du darfst -nicht fortwerfen, was er dir giebt.« - -Esther zog die Augenbrauen hoch, antwortete nichts und ging zur Seite. -Eliza folgte ihr niedergeschlagen. - -Sie kamen auf einen Feldweg. Am Waldrand rief Arne: »Fräulein Esther! -Eliza! Hier diesen Weg müssen wir zurück! Sie gehen falsch!« - -Eliza berührte mit den Fingerspitzen Esthers Arm und sagte ängstlich: -»Er meint, wir gehen falsch!« - -Esther wandte ihr Gesicht, das in übermütiger Lustigkeit einen -knabenhaften Zug erhielt, zu dem Kind und sagte: »Laß ihn nur -- er wird -uns schon nachkommen!« - -»Das thut er nicht,« meinte Eliza zweifelnd. - -Aber da sahen sie schon wie Arne, den Kampf gegen die Ackerschollen -aufnehmend, querfeldein herübergestiegen kam. - -Eliza bog den Kopf zur Seite und sah Esther sanft und verwundert an. - -Esther lächelte nur -- ein ganz kleines, spitzbübisches Lächeln. - -»Du bist anders geworden,« sagte Eliza. - - * * * * * - -Das Gartenzimmer stellte einen prächtigen Tanzsaal vor. -- Ein ganz -besonderer Luxus war mit den hohen, dicken Wachskerzen getrieben, die -ihr Licht so seltsam einschmeichelnd verteilen, wie eine Stimme, die von -verborgner Liebe redet. - -In einer halberhellten Ecke saß der alte Rude in seinem steifen -hochlehnigen Sessel. Er saß steif und aufrecht und glich mehr als je einem -Gemälde der niederländischen Schule -- jenem Typ voll Charakter und fast -einfältiger Würde, von dem man jedoch sicher ist, daß er klug zu reden -und klug zu schweigen versteht. - -Eliza trug ein weißes Kleid. Sie mochte nie tanzen, saß auf einem Tisch -und geigte. Sie machte große ernste Augen und spielte so ungewöhnlich -leise. Ein recht eigenartiges Spiel war es: ganz ohne Kraft und Temperament --- nur eine Tonreihe kleiner überzarter Liebkosungen. - -Es gab nur das eine Paar, das tanzte. -- Sie waren zusammengeheftet -- -konnten nicht aufhören. - -Die Lichter schwirrten -- warme Luft zog wellengleich vorüber. Esther -fühlte sich ermatten -- so ganz weich, langsam, leise. -- Sie tanzte mit -gelösten Gliedern. - -Und da war der, der sie hielt und leitete. Sie spürte seine warme, -ruhige Kraft. -- Sie sah zu ihm auf und lächelte ein wenig unsicher. -- -Plötzlich sah sie -- rote Beeren durch den Nebel schimmern? -- Ja, es war -dieses alte, alte Gefühl der Lust, das sie einmal überkam, wenn sie die -roten Beeren der Eberesche durch den Nebel leuchten sah. - -Das Blut lief ihr mit einem heißen, schmerzhaften Ruck durch den -Körper -- -- Rote -- Beeren -- durch den -- Nebel -- leuchten -- - -»Ist Ihnen nicht wohl, Fräulein Esther?« - -»Nur ein bißchen schwindelig.« - -»Sie waren so blaß geworden. Setzen wir uns hier.« -- - -»Woher haben Sie die rote Rose, die Sie mir vorhin gaben?« - -»Es ist die letzte Blüte von Camille de Rohan.« - -»Ich weiß noch, wie sie in der Sonne stand -- --« - -Sie waren still -- saßen nebeneinander und schwiegen. Auch Eliza hatte die -Geige sinken lassen. Für einen Augenblick hörte man nur das Brennen der -Kerzen wie einen leisen Atem durch den Raum. - -Esther dachte: Etwas kommt zu mir -- eine tiefe Angst. Ich verliere mich, -und alles ist fremd und seltsam und bethörend -- -- - -Sie sagte: »Ich bin müde -- möchte hinauf gehen.« - -Sie ging langsam durch das Zimmer und fing das Licht in ihren Augen auf, -die vielen kleinen stolzen Flammen. Sie erhob den Kopf und war froh, und -ein Gefühl der Macht ging ihr durch den Körper. - -»Gute Nacht, Herr Rude.« - -Der Alte hielt ein wenig ihre Hand. -- »Gute Nacht, Kind,« sagte er, gab -aber ihre Hand noch nicht frei -- fügte dann ganz leise hinzu: »Kind -- -Kind -- Königin Esther!« - -Ihr erschien das nicht einmal wunderlich. - -Und sie beugte sich zu Eliza: »Gute Nacht, Eliza --« - -Das Kind bog sich leise zurück. -- »Gute Nacht.« - -»Du bist anders zu mir?« - -»Du bist es, die anders geworden ist. Ich kenne dich nicht mehr.« - -Esther senkte den Kopf. Das Weinen preßte ihr plötzlich die Kehle. Es war -heute so, daß ein jedes Wort sie tief und innerlich traf und wie mit einer -geheimnisvollen Bedeutung. - -Und ihr war, als schickte sie sich an zu einem Verbrechen. Scham und -Entsetzen waren in ihr. -- Was denn? -- Aber sie that doch nichts -Häßliches? - -Nur die Schwermut war es, die von ihr wich -- nur diese glücksfremde, von -Jugend und Leben gewandte Seele schwieg endlich einmal -- - -Es starb -- es starb in ihr. -- -- - -Auf der Treppe traf sie noch einmal mit Arne zusammen. Er sagte nichts -- -nahm nur ihre Hände und küßte sie. - -Und sie ließ ihm die Hände. Gab sie ihm wie einen Trunk und schaute zu. --- Und sie fühlte seine Liebe kommen. Und seine Liebe trat bis heran zu -ihrem Herzen. - -Und es war wie ein stiller, seliger Trost in ihr: nicht mehr allein -- -endlich nicht mehr allein sein -- -- -- -- - -Dann zog sie leise die warmgeküßten Hände zu sich. - -Und seine frohe, junge Stimme kam ihr noch einmal im Gutenachtgruß nach. - - - - -V - - -Am nächsten Morgen kam Esther früher als die andern Hausbewohner ins -Eßzimmer herunter. Erst stand sie ein wenig am Fenster und sah in den -Garten. Dort, wo sich einst Camille de Rohan in der Sonne wiegte, graste -jetzt der Wind am welken Laub der Beete. Ja, eingedrungen war der Sturm in -den stillen Garten und hastete suchend um das Haus. - -Esther blickte fremd auf die beginnende Zerstörung. Sie fühlte nur das -Geborgensein. - -Dann trat sie vom Fenster zurück, ging langsam durch das Zimmer. Immer -noch schien niemand außer ihr aufgestanden zu sein. - -Sie wollte aber so gern mit irgend jemand reden -- gleichgültig was und -mit wem. So eine Unruhe war in ihr. Vielleicht war die alte Karen in der -Küche! -- - -Nein, auch Karen war nicht zu finden. Nur das friedliche Summen von -kochendem Wasser ließ sich hören. Über einen Nagel am Thürpfosten war -ein Rock Arnes zum Ausbürsten aufgehängt. Esther trat hin und strich mit -der Hand über den Ärmel. Dann horchte sie, ob auch niemand käme. Und -sie that noch einmal dasselbe -- wie eine scheue Liebkosung war es. Und -plötzlich drückte sie auch ihre Stirn hinein. - -Dann ging sie leise und wie mit einem kindlich bösen Gewissen wieder -hinaus. Dabei war ihr im Innersten eine stille keimende Freude. - -Sie kam am Postkasten vorbei, der unter dem freien Herzausschnitt der -Hausthür angebracht war. Man hatte ihn gestern vergessen zu leeren -- - -Sonst würde sie diesen Brief von Lydia schon einen Tag früher gelesen -haben. - -Sie that ihn zögernd von einer Hand in die andere. Plötzlich kam es ihr: -Wenn sie ihn nun gar nicht öffnete? Wenn sie so alle Verbindung mit der -Vergangenheit abbrechen könnte? So daß ihr Leben gleichsam neu wurde und -rein von Schmerzen -- -- - -Aber was waren das für sinnlose Gedanken! Nein, standhalten wollte sie von -nun an allem, was dort drüben her ihrer Sehnsucht winkte. -- - -Sie ging in die Stube zurück und las den Brief -- - -Lydia erzählte allerhand Kleinigkeiten aus der Heimat, ihre eigne Person -immer nur nebensächlich berührend. - -Da fand sich auch eine Stelle, als Esther die las, war der ganze übrige -Brief vergessen. Sie las noch einmal -- da war schon das alte Herzweh -wieder eingedrungen. - -»-- -- ja, es ist noch das alte Glück. Ich hörte ihn zu deiner Schwester -sagen: ›Du bist es, die für mich ist‹. Und sie antwortete: ›Und du -für mich‹ --« - -Weiter kam Esther nicht. Sie mußte dasselbe immer wieder lesen. - -Und da stieg ein Bild des Glückes vor ihr auf -- des Glückes in seiner -Vollkommenheit. Es war nicht mehr die Liebe zu diesem Mann, der so gesegnet -rein und voll empfinden konnte -- Sie hätte nur seine Worte nehmen mögen, -stehlen mögen, um sie dem andern zu schenken, den sie liebte -- - -Sie hätte zu dem kommen mögen, den sie liebte und allen Reichtum dieser -Worte über ihn ausschütten: »Du bist es, der für mich ist.« - -Aber das -- das würde ja für sie nur eine neidische Lüge sein. Denn sie -war genügsam geworden bei einem halben Verstehen, bei einschläfernden -Zärtlichkeiten. Sie hatte gewußt, daß sich ihr nirgends Heimat bot -- -und da nahm sie die warme Hand, die sich ihr entgegenstreckte -- - -Ja, der Wille zu einem Götterglück war allzufrüh in ihr gebrochen -- und -da griff sie nach einem kleinen frohgemuten Trost. -- -- -- - -Sie hatte nicht bemerkt, daß jemand eingetreten war. - -Arne ging auf sie zu mit einem frohen fragenden Blick. - -Sie gab ihm flüchtig die Hand. Seine Augen wurden ernst und die Frage -darin eindringlicher. - -Sie spürte die Verpflichtung, etwas zu sagen, fand kein Wort und wurde -dadurch verlegen. - -Er bemerkte den Brief in ihrer Hand. »Sie haben Nachrichten von zu Hause, -Fräulein Esther?« - -»Ja, sie schreiben -- ich werde bald reisen müssen.« - -»Sie wollen wieder fort, Fräulein Esther? Hier im Hause hofft man, daß -Sie immer bleiben möchten.« - -»Ich bin so lange schon fort,« sagte Esther eintönig. - -Er antwortete gar nicht, sah sie nur mit dem traurig befremdeten Blick -eines Hundes an, der Güte und immer nur Güte von seinem Herrn zu erwarten -gewohnt war und sich nun getäuscht sieht. Er ging. Es war ein stummes -Richten. - -Aber sie dachte nichts als: es ist gut so, denn es wäre eine Lüge -gewesen. - -Doch nun würde sie auch nicht länger in diesem Hause bleiben können. - -Die Heimkehr stieg vor ihr auf -- nicht die Heimkehr mit den tausend Masten -der Sehnsucht -- es würde die stille dumpfe Heimkehr des Ausgestoßenen -vom fremden Lande sein. Und wie gegen das Schicksal gerichtet erhob sich -bei diesem Gedanken eine flehende Abwehr in ihr. Nur nicht zurück auf den -Ausgangspunkt ihres Leides! - -Eine alte Sage fiel ihr ein: Der Tod kommt zu einem Mann und spricht: »In -dieser Nacht noch schickt mich der Herr, dich zu holen.« - -Und von Entsetzen und Widerstand gegen das Schicksal ergriffen, will der -Mann dem Gebot Gottes entfliehen. Er besteigt sein schnellstes Pferd und -jagt über das Land. Er spornt das Tier, daß es die Luft schneidet, als -bräche ein Sturm entgegen, daß es schäumt und keucht, lange Wolkenzüge -von aufgewirbeltem Staub hinter sich läßt im rasenden Ritt. - -Und wie Mitternacht kommt, ist der Mann weit im Innern der Wüste -angelangt, wo kein andrer Mensch mehr nah und fern zu finden ist. - -Da läßt er das erschöpfte Tier Schritt gehen, selbst in Mattigkeit -zusammenbrechend. - -Doch plötzlich -- gar nicht weit von sich -- sieht er eine dunkle Gestalt -in wartender Ruhe. Es zieht ihn hin -- da steht der Tod. - -»Wahrlich des Herrn Wege sind wunderbar,« spricht der Tod. »Fast -zweifelte ich heute an der göttlichen Allwissenheit, als der -Herr mir befahl, dich hier an dieser Stelle der Wüste zu -erwarten.« -- -- -- -- -- - -»Wollen Sie mit mir eine Tour über Land gehen?« fragte später am -Nachmittag Adam Rude. - -Esther war gleich bereit. Eliza und Arne saßen schon seit Stunden überm -Schachbrett, Esther hatte ein Buch genommen, aber die gelesenen Worte -bekamen keinen Sinn in ihren Gedanken. - -Nun schritt sie neben dem alten Rude über das Heideland. Er hatte ihre -Hand durch seinen Arm gezogen, »damit Sie nicht ermüden, denn wir wollen -weit gehen«. - -»Wohin gehen wir?« - -»Nach einem Bauernhof, drüben im Rottbüllwald. Recht merkwürdige Leute -sitzen dort, hören Sie nur: - -Vor zwanzig Jahren starb der Bauer. Er hatte aber ein Testament gemacht, -nach dem die Bäuerin den Hof verlieren sollte, wenn sie innerhalb -zwanzig Jahren wieder heiraten würde. So sehr hatte er sich ihrer Treue -versichert! - -Kaum aber ist der Mann tot, so hat die Bäuerin nichts Eiligeres zu thun, -als ihre Gunst dem Großknecht zu schenken. Aber heiraten dürfen sie nun -ja mal nicht, weil sie sonst den Hof verlieren. Also sie warten zwanzig -Jahre, und jetzt im Frühling hielten sie Hochzeit. - -Weil aber im Laufe dieser Zeit an zwölf Kinder gekommen waren, schlug -ihnen der Pfarrer vor, die Hochzeit doch wenigstens etwas in der Stille -zu feiern. Das war aber nun gar nicht nach ihrem Sinn -- es mußte im -Gegenteil eine ganz große Hochzeit sein, denn sonst, wissen Sie, wären -die Brautleute ja um die schon lange entbehrten Hochzeitsgeschenke -gekommen!« - -Esther amüsierte sich. Der Alte konnte mit so viel verstecktem Humor -erzählen, wie sie es seiner feierlichen Art gar nicht zugetraut hatte. - -Aber es that ihr wohl -- gerade heute. Und sein kräftiger Schritt -unterstützte so harmonisch den ihren. Sie schmiegte sich an ihn und sah -zutraulich zu ihm auf. - -Ein herber Wind ging über die abgeernteten Felder; er trug den Geruch von -Erde und Gras, das auf sandigem Boden wächst. Auch überreife Brombeeren -mochten dazwischen sein. - -Alles ringsum war klar und einfach -- allem heißen Zweifeln der Sinne und -der Seele fremd. - -Was heute früh geschehen war, klang nur noch wie ganz aus der Ferne -herüber. Ein hohes Bild verblaßte. Eine überzärtliche Sehnsucht -entblätterte im Nordlandswind. - -War hier nicht alles gesund und stark und gut? Redeten nicht alle Dinge in -einer herzlichen und bekannten Sprache zu ihr? Wozu dann einen festen -und treuen Gewinn des Lebens aufgeben, um sich selbst ins Ungewisse zu -verstoßen? - -Wie denn? Das waren alles Worte, um einen Willen zu verkleiden. Ja, ganz -einfach: sie wußte, daß sie sich hier nicht loszureißen vermochte -- sie -_wollte_ hier bleiben. - -Wieder sah sie mit einem freudigen und zuversichtlichen Ausdruck auf den -Menschen, der neben ihr ging. Sie wollte ihm so gern etwas Liebes sagen. -»Erzählen Sie mir ein wenig von sich selbst,« meinte sie plötzlich. - -»Das kann ich so schlecht,« antwortete er. »Ich bin nicht gewohnt, von -mir zu sprechen.« - -Sie glaubte, daß er nun nicht weiter reden würde, aber er fing nach einem -gewaltigen Besinnen wieder an, und es war, als müßte er erst die Worte -aus schlafender Versunkenheit wecken. - -Und dann kam eine Geschichte von Arbeit und Entbehren. Absichtslos -erzählt, ohne zu verdecken oder zu übertreiben -- von der einfältigen -Wahrhaftigkeit eines Menschen, der noch vor keinem Spiegel in müßige -Selbstbeschau versunken gewesen, und der in natürlicher Vornehmheit nichts -zu verheimlichen oder zu verschönen an sich weiß. - -Und in diese Geschichte der Arbeit und des Enbehrens trat eine Frau. -Sie ging einfach und klar hindurch -- und doch wie etwas Ungeahntes und -Überirdisches. -- Sie erschien ihm so fein, daß er sie nicht anzurühren -wagte mit seinen rauhen Arbeitshänden. Aber sie neigte sich ihm. Doch -immer wenn er fort von ihr war, konnte er es noch nicht glauben, daß sie -ihm gehörte -- wirklich ihm! Und er dachte die ganze Zeit, während er -arbeitete, an sie, und daß er sich eilen wollte, wieder zu ihr zu kommen. -Und auf seinem Heimweg sah er sie dann, wie sie ihm entgegenkam. Sie ging -ihm entgegen mit dem sorgenvollen Blick, der ihr eigen war. Und sein Glück -war es dann, zu erwarten, daß sie ihn erkannte: dann sah er, wie sich ihre -Züge zur Freude veränderten. Ja, diese Wandlung immer wieder zu sehen, -war das köstliche Glück seiner Tage. -- Er erzählte und kam immer wieder -darauf zurück, und dann lächelte er -- und schwieg einen Augenblick -- -und erinnerte sich. - -Esther ging neben ihm und nahm sein Vertrauen wie ein Heiligtum entgegen, -denn sie verstand wohl seinen Wert. - -Und wie er zu Ende war, da wußte sie nichts zu sagen, blieb an einem -Berberitzenstrauch stehen und brach sich Zweige voll der roten Beeren. - -Und er griff auch in die Dornen und half ihr. Aber seine Hand zitterte, -so daß ihn die Dornen verletzten. Und er wußte nicht, daß er ihr mit -blutenden Händen den kindlichen Schmuck überreichte. - -Und sie nahm den Hut herunter und krönte sich mit den Zweigen in einer -unbewußt feierlichen Gebärde. Und die roten Beeren hingen in ihrem Haar, -wie Blut, das unter einem Dornenkranze niedertropft. - - * * * * * - -Späte, warme Tage kamen, so daß die langverblühte Heide noch einmal -purpurn schillerte vor lauter Sonnenlicht. - -Nicht weit von Eriksgaard lag ein kleiner Friedhof. Gräber mit alten, -verwitterten Steinen, in die so wunderliche Namen eingeschnitten waren, -gab es dort. Esther ging oft allein dorthin und las die Geschichten von -»Jung-Svend«, von »Eike« und »Gerdine«. Sie lasen sich einfältig und -überzeugend wie alte Märchen. Mit trocknen Wirklichkeitsworten war dort -von der Liebe über den Tod und vom Wiedersehen im Jenseits erzählt. Man -wußte, weder Jung-Svend, Eike oder Gerdine, noch ihre Nachredner hatten -diese Hoffnung auch nur in den Bereich des Geheimnisvollen verlegt -- sie -war ihnen so selbstverständlich wie das Tagewerk und das Kinderzeugen -gewesen. - -Reseden gab es noch auf den Gräbern und die nachzüglerischen Rosen -des Kirchhofs. Über die Schutzmauer aus Feldgestein hob sich nur ein -untersetzter Nußbaum mit seinen glatten blankflimmernden Blättern. - -Einmal, wie Esther durch das Kirchhofspförtchen trat, fand sie Arne unter -dem Nußbaum. Er sah verlegen aus und war bemüht, das Zusammentreffen -als ein zufälliges hinzustellen, denn sie waren sich in einem stillen -Übereinkommen seit jenem Morgen ausgewichen. - -Esther ging auf seine Bemühungen ein. Es war etwas Hilfloses über -ihm, das sie rührte. Sie setzte sich sogar neben ihm an die -kleine Hügelböschung unter der Steinmauer und redete ein paar -Gleichgültigkeiten, ihn dabei ernst und freundlich ansehend. - -Er schien ihr ein wenig verändert in dieser letzten Zeit, wenigstens -war seine Kleidung nicht mehr so ~dandy like~, und auch der sonst so -wohlfrisierte Scheitel war in wirren Knabenlocken verloren gegangen. Eine -leichte Unrast lag in seinen Bewegungen. - -Plötzlich begann er ganz unvermittelt und vor unterdrückter Bewegung fast -automatenhaft redend: »Wir sprachen neulich einmal über die Möglichkeit -eines immateriellen Fortbestehens, Fräulein Esther. - -Wissen Sie noch, ich leugnete das Jenseits und die Seele? -- Ich habe -Unrecht gehabt. Ich weiß jetzt, daß ich Unrecht hatte. - -Es giebt eine Seele, und es giebt einen Himmel, in dem uns wird, was -wir auf Erden entbehrt haben. Das läßt sich nicht mit Sätzen der -Wissenschaft beweisen -- das muß man gefühlt haben. - -Man muß nur einen Menschen über alles lieb haben, dann will man auch mit -ihm die Ewigkeit. Dann will man nichts von der ewigen Seligkeit, als diesen -einen Menschen -- dann glaubt man an das Jenseits und die ewige Vereinigung -der Seelen -- trotz aller Erkenntnisse der Wissenschaft.« - -Er schwieg und sah sie erwartungsvoll an. Doch als sie nichts sagte, -nur den Kopf tiefer senkte, fragte er wie mit zugeschnürter Stimme: -»Fräulein Esther, wollten Sie keinen Himmel?« - -Sie sah ihn nicht an, antwortete nur still vor sich hin: »Menschen wie ich -bin, wollen keinen Himmel. Es ist ihnen kein Verzichten auf Erkenntnis -- -es giebt ja zu viele unerklärliche Dinge, an die sie glauben, als daß -nicht auch der Traum von einem Jenseits zur Wirklichkeit werden könnte. --- Wir wollen nur keinen Himmel, weil wir dort drüben nicht zu leben -verstünden. Denn wir sind nicht zur Freude geschaffen -- wir würden den -Kampf entbehren -- und den Schmerz -- und die Einsamkeit. Denn das alles -haben wir lieben gelernt, als uns die Erde nichts anderes zu bieten hatte. - -Wir können nie mehr in der Freude zu Hause sein.« - -Und wieder war es still zwischen ihnen, bis auf das heimliche, bebende -Leben über den Gräbern. Ein leichter Wind rührte die Blätter des -Nußbaums. Das war wie ein Aufseufzen der Toten, die Rede begehrten. - -Doch zwischen den Lebenden blieb das Schweigen. Nur war es Esther -plötzlich, als würde sie weit fortgetragen -- weit, durch ein -stürmisches, sonniges Land. Felsen sah sie ragen und rote, heiße Blumen -an Abhängen blühen. Und das wilde Lied des Lebens klang um sie. -- - -Sie sah auf und in ein bleiches, vor Erregung verzerrtes Gesicht. - -»Esther! Esther! Sie wissen, was ich sagen will -- Esther, deine Seele -will ich -- --« - -Sie sah ihn starr und wie ganz aus der Ferne an. »Meine Seele?« sagte -sie, und langsam gingen Thränen aus ihren Augen. Sie vergaß in diesem -Augenblick den Menschen neben sich. - -Doch der sprach weiter: »Esther, ich glaubte zu wissen -- ja, Sie haben es -mir gezeigt, daß ich Ihnen nicht gleichgültig bin -- Esther -- --« - -Sie sah plötzlich wieder sein gequältes Gesicht über sich -- und da -legte sie ganz leise den Arm um seinen Hals und sagte: »Ja, ich habe dich -lieb.« - -Und sie küßten einen leisen, zitternden Kuß. - -Und keines von ihnen wiederholte die Zärtlichkeit. Schweigend gingen sie -nebeneinander zurück über die Heide, die purpurn schillerte vor lauter -Sonnenlicht. - - - - -VI - - -Purpurn schillerte die Heide vor lauter Sonnenlicht. - -Sie gingen nicht mehr zusammen auf den kleinen Kirchhof -- sie suchten -alles auf, was froh und leuchtend war. - -Wie die Kinder gingen sie miteinander Hand in Hand. Und sie machten -Entdeckungen in der altgewohnten Umgebung, ihre Blicke waren so sonderbar -für alle Außenwelt geschärft, und sie fanden auf einmal wundersam -schön, was sie früher gar nicht beachtet hatten. - -In den Wald kamen sie am oftesten. Es gab da so viel Buschholz, daß man -sich schon verirren konnte, oder sich doch auf Augenblicke der aufregenden -Vorstellung hingeben, man wüßte nicht mehr den Heimweg zu finden, und -wenn auch das einmal nicht möglich war, so konnte man wenigstens dem -andern diese Möglichkeit vortäuschen. - -Esther gab sich in dieser Zeit ganz der Gegenwart hin. - -Eine übermütige Knabenlust, ihre Körperkräfte zu erproben, überfiel -sie manchmal. Dann forderte sie Arne zum Ringkampf heraus und sie balgten -sich miteinander wie Gassenbuben. - -Dann lagen sie wieder ausgetobt und beschaulich geworden am Waldsaum. - -»Ach wenn ich doch lieber ein Mann wäre!« seufzte Esther. - -»Dann wärst du kaum erst mit dem Gymnasium fertig -- ein Student in den -ersten Semestern!« - -»Ja, das ist wahr: man kommt sich als Frau älter vor. - -Eine Zeitlang war ich ganz alt. Nun ist es aber wieder, als sollte -alles erst anfangen -- fast als ob ich noch nicht mitrechnete unter den -›Erwachsenen‹. - -Weißt du noch, wie man als Kind die Erwachsenen sieht: so unendlich weise -und interessant und eingeweiht in die Geheimnisse des Lebens. - -Und man denkt daran, wie an eine ferne bevorstehende Ehrung, daß man auch -einmal zu ihnen gehören wird.« - -Er sah sie an mit seinem strahlenden, frohgemuten Blick. »Mir ist es nun -doch lieber, du bist eine Frau und kein Mann,« sagte er mit recht viel -Überzeugung. - -Sie wurde nachdenklich. »Hast du noch nie eine Frau vor mir geliebt?« -fragte sie ernst. - -»Nie,« sagte er. »Und wenn ich es wagte zu dir zu kommen, so ist es nur, -weil du die erste bist.« - -Da beugte sie sich nieder und küßte seine Hand. - - * * * * * - -Adam Rude hatte wieder seine Tage, wo er in »böser Laune« umherging. - -Des Vaters »böse Laune« war ein nahezu geheiligter Zustand. Keinem fiel -es ein, nach ihrer Ursache zu fragen -- man nahm einfach die Thatsache hin, -beugte sich darunter wie unter das Schicksal. - -Mit finsterem Gesicht wanderte Adam Rude durch das Haus. Den größten Teil -des Tages schloß er sich in dem Zimmer ein, wo das Bild seiner Frau hing --- gleich einem Priester, der sein Leben im Marienkult verzehrt. - -Auch zu der Verlobung seines Sohnes mit Esther hatte er erst kein Wort -geäußert. Kaum wußte man, ob er wirklich verstanden hatte, bis er -plötzlich bei Tisch auf eine zugleich feierliche und finstere Art den -beiden zutrank. - -»-- und dann ist es jetzt wohl an der Zeit,« fuhr er fort, »daß man -auch mich nicht mehr ausschließt, wenn alle sich du nennen.« - -Er blickte zürnend um sich. Esther hatte im ersten Augenblick diese -wunderliche Ausdrucksweise nicht verstanden, bis Arne über den Tisch rief: - -»Der Vater möchte dich du nennen, Esther!« - -Esther errötete. Sie sah Adam Rudes Blicke so unbegreiflich zornig und -schmerzlich auf sich gerichtet, wurde davon ganz verwirrt und wußte keine -Antwort. Sie hob nur in schweigender Erwiderung ihr Glas gegen ihn. - -Eine quälende Stille wurde nur ab und zu durch Arnes ungedämmte -Fröhlichkeit unterbrochen. Eliza duckte sich ganz verstört zusammen wie -ein Vogel im Gewitter. - -Nach Tisch ging Esther dem Alten nach. Sie sagte: »Sie sollen mir nicht -böse sein, ich wollte ja so gern, daß Sie mich Du nennen -- aber ich habe -es lieber, wenn ich zu Ihnen Sie sagen darf.« - -Vielleicht sah sie recht hilflos aus mit ihrer Bitte. Auf jeden Fall war -etwas in ihrer Art, das seine Ritterlichkeit hervorrief. - -Er sagte: »Wie du willst, Kind -- wie du willst.« - -Und als sie nicht gleich wieder ging, beugte er sich mit einem seltsamen -Ausdruck von Güte und Wehmut über sie und berührte mit den Lippen ihre -Schläfe. -- Dann sagte er: »Wie du es willst, so wird es gut sein.« - -Danach aber versank er wieder in seine »böse Laune«. - - * * * * * - -Sie saßen allein zusammen in der Abenddämmerung und machten -Zukunftspläne. - -Fast vergaßen sie die Gegenwart über den Gedanken an das Kommende. Esther -sagte: »Du mußt erzählen, wie es dann sein wird.« - -»Dann« war nach der Hochzeit. - -Sie wollte immer hören, wie es »dann« wäre -- sie hatte eine feste und -gläubige Zuversicht in dieses zukünftige Ereignis gefaßt, als ob damit -durch eine magische Gewalt die letzten zögernden Vergangenheitszweifel -vernichtet werden müßten. - -Ja, sie wollte ihm gehören -- sich ihm so mit allem Willen hingeben, daß -einmal jenes letzte, seligste Wort auch zwischen ihnen zur Wahrheit werden -könnte. -- -- -- -- - -»Du mußt erzählen, wie es dann sein wird!« - -Er hatte die Hände in die Hosentaschen versenkt und lehnte sich zu ihr -hinüber, so daß sie sein Haar roch, aus dem irgend ein künstlicher -Wohlgeruch stieg. Er senkte die Stimme zu einem Flüstern, das Esther ein -wenig affektiert klang, und erzählte die Geschichte mit den Worten, wie -er sie jedesmal begann: »Am Abend kommen wir in Kopenhagen an -- und am -andern Morgen zeige ich dir die Stadt.« - -Sie verspürte so eine unwiderstehliche Lust, über ihn zu lachen. -Durch die Dämmerung sah sie aber, daß er jenen aus Zufriedenheit und -Sentimentalität gemischten Ausdruck hatte, den zu unterbrechen man nicht -leicht einem Menschen gegenüber genug Grausamkeit aufbringt. - -Sie bemühte sich also ernst zu bleiben, während er, an ihre Schulter -gelehnt, lispelnd und mit gefühlvoller Betonung ein gefühlvolles Glück -unter den Sensationen der Großstadt beschrieb. - -Nein, sie konnte es nicht mehr aushalten, ohne zu lachen! Sie griff irgend -einen kleinen motivierenden Einfall auf, lachte und sagte: »Weißt du -noch, Arne, was für kluge Dinge in deiner Novelle standen, die du mir -neulich zeigtest?« - -»Welche?« fragte er unwillig über die Unterbrechung. - -»Sie hieß ›Moderne Frauen‹. Und die moderne Frau -- sie trug einen -›~high life~-Gürtel‹, weil die Novelle im Jahre 95 geschrieben war --- war so ungehalten über die ungesellschaftliche Pose, in der sie -ihren Ehemann überraschte -- ich glaube, er saß rittlings über einer -Stuhllehne --, daß sie sich von ihm scheiden ließ.« - -Er fuhr aus seiner nachlässigen Haltung auf und setzte sich kerzengerade. -»Unsinn! Das hast du ganz falsch verstanden!« berichtigte er scharf. -»Deshalb war es doch nicht, daß sie sich scheiden ließ!« - -»Ich dachte!« meinte Esther und trat leise vor sich hinsummend zum -Fenster. - -Er ging ihr nach, und nun sah sie im hellen Mondlicht, daß er ein überaus -beleidigtes Gesicht machte. Ja doch -- sie hatte ja seine Dichterwürde -gekränkt! - -Wenn sie doch nur dieses dumme Lachen überwinden könnte! -- Sie sah ja, -wie es ihn immer mehr reizte. - -Sie trug einen weißen Shawl; den schlang sie jetzt in nervöser Hast bald -um die Schultern, bald um den Kopf. Das Heliotrop im Fenster roch stark zu -ihnen herauf. Dicht vor ihr war das helle, nun durch den Zorn ein wenig ins -Antike veredelte Gesicht Arnes. - -Fortwährend wurde sie von dem Gedanken gepeinigt, er werde nun gleich in -Worte des Vorwurfs ausbrechen -- sein Schweigen begann sie schon zu quälen --- aber trotzdem zwang diese Erregtheit sie, immer weiter zu lächeln. - -Sie zog den Shawl wieder über die Augen, so daß nur noch ihr lachender -Mund im Mondlicht stand. Und da -- fühlte sie plötzlich seine schweren -und heißen Lippen auf ihrem Mund -- fühlte sie ganz unerwartet und -wie eine unerhörte Beleidigung seinen Kuß. Und er ließ sie nicht los, -preßte seine Zähne nur fester gegen ihre Lippen, so daß sie aufstöhnte -vor Schmerz und Empörung. - -Und sie riß sich los und lief in ihr Zimmer. Dort fing sie an sich zu -waschen -- wusch sich immer wieder den Mund -- rieb und wusch, als wäre -der Kuß eine äußerliche Verunreinigung gewesen. - - * * * * * - -Am andern Morgen begegneten sie sich mit einer zornigen Scheu. Esther -versuchte anfänglich den Vorgang des letzten Abends zu ignorieren und ging -mit ihm, wie sie sonst immer gethan, den alten Weg über die Heide nach dem -Walde zu. - -Aber sie fanden kein zusammenführendes Wort -- gingen nur immer schneller, -wie hastend nach einem rätselhaften Ziel. - -Da, wo Wald und Heide sich scheiden, ruhten sie nach alter Gewohnheit. - -Vielleicht suchte er nach einem versöhnenden Wort -- vielleicht sie -- - -Aber beide vermochten sie das Schweigen nicht mehr zu entwirren, und wie -von einem dumpfen Schicksalszwang getrieben warf er sich über sie und -drückte ihren Kopf nieder in das Heidekraut und seine Lippen wühlten an -ihrem Mund. - -Und da kam es, daß sie seine Küsse erwiderte, und ihr Körper zitterte -unter ihm. -- - -Und dann lösten sie sich langsam und sahen mit bethörten Augen weit, weit -hinaus, wo sich die Heide vor ihnen hinstreckte -- purpurn schillernd vor -lauter Sonnenlicht -- - -Gleich dem lockenden Bild der Leidenschaft. - - - - -VII - - -Graue Tage kamen. Über der Heide hob und senkte sich der Nebel wie -Atemzüge. - -Arne legte seinen Arm um Elizas Schulter und sah ihr in das kleine blasse -Gesicht. »Was fehlt unserm Kleinsten?« fragte er zärtlich. - -»Es geht umher und friert.« Das Kind lächelte müde zu seinen Worten. - -»O nein, frieren lassen wir es doch nicht!« meinte Arne. »Wir wollen uns -einmal recht amüsieren, daß wir die häßlichen Regentage ganz unvermerkt -überspringen; dann wird dir auch schon wieder schön warm werden.« - -»Was wollen wir denn thun?« fragte Eliza zweifelnd. - -»Nun -- spielen wir vielleicht Theater? Wir bitten die Bewohner von Villa -Marina dazu und spielen ein nettes, lustiges Stück.« - -Eliza war wie umgewandelt. »Ja! ja! Theater spielen wir!« rief sie und -schlenkerte vergnügt mit den Armen durch die Luft. - -»Sind Ihrer Majestät, der Königin Esther, unsre Pläne angenehm?« -wandte sich nun Arne zu Esther. Seine Augen leuchteten immer so zärtlich, -wenn er mit ihr sprach. - -Ja, Ihre Majestät genehmigte den Vorschlag, und nun schleppte man alles -herbei, was das Haus an dramatischer Litteratur bergen mochte. - -Vor allem mußte der gute alte Holberg herhalten, dem sein -unvergleichlicher Humor nun einmal die ewige Jugend verliehen hat. Die -große Schwierigkeit blieb nur, daß kein Stück die gebührenden Rollen -für die Bewohner beider Häuser vereinigte. Man verfügte zwar recht -kategorisch über die Abwesenden, kam aber doch zu keinem befriedigenden -Beschluß. - -»Wenn wir nun ein paar Akte aus einem modernen Drama spielten und danach -eine kürzere Holberg-Komödie?« meinte Esther endlich. - -Ja, so ging es. - -Man wählte ein Stück aus Hedda Gabler, das sich ganz gut außer -Zusammenhang spielen läßt, und danach Holbergs »Der verwandelte -Bräutigam«. - -»Ich bin Pernille!« bestimmte Eliza eifrig. Die andern mochten ihretwegen -sehen, wie sie auskamen. Eliza begann im kokettesten Kammerzofenschritt -umherzuwandeln, schon jetzt ihre Rolle vorkostend. - -»Aber wer ist Hedda Gabler?« meinte Esther nachdenklich. - -»Die bist du -- und er ist Ejlert Lövborg, der Dichter, natürlich!« -erklärte Eliza. - -»O nein, dann bin ich schon lieber dein Tesmann, Frau Hedda -- du sollst -mir auch im Spiel mit keinem andern verheiratet sein!« - -Eliza sagte: »Aber Ejlert ist doch er, den sie liebt!« - -»Aber Tesmann ist es, der sie hat,« entschied Arne selbstzufrieden. - -Esther dachte: geht denn auf einmal alles im Gleichnis? - -»Ich mag nicht Hedda Gabler sein!« sagte sie plötzlich. - -»Aber Esther! liebe, kluge Esther, verdirb es uns jetzt nicht!« bat -Eliza. - -»Nun -- wenn Ihr es denn wollt -- --« - - * * * * * - -Mit dem Spiel kam Leben und Heiterkeit nach Eriksgaard. - -Da waren die vielen Proben, die wechselseitig in den beiden Häusern -abgehalten wurden. Man spielte flüchtig die beiden Stücke durch, denn es -war doch gewiß nicht nötig, daß sie schon so bald in untadeliger Glätte -gingen und diesen angenehmen Zusammenkünften durch die Aufführung ein -Ziel gesetzt wurde. Und nach den Proben kam erst noch die eigentliche -Unterhaltung. - -Das weite Zimmer mit dem Spinett wurde zum Tanzsaal. Da klangen nun -nicht mehr die alten sehnsüchtigen Liebeslieder unter verträumten -Mädchenhänden -- Es war jetzt das Fräulein Luise, die junge wohlerzogene -Dame, die ihre gut eingeübten Walzer der tanzlustigen Gesellschaft zum -besten gab. - -Und spät in der Nacht dann fuhr man heim. In diesen kalten -Spätherbstnächten, wo man die Sterne zucken sieht, so kalt ist es, und -wo der Atemdampf des Pferdes den ganzen Wagen einhüllt, und wo die Töne -scharf klingen und kurz abbrechen. -- -- - -Ja doch -- man spielte »Hedda Gabler.« - -Da gab es einen neuen Gast bei Bergsös, das Fräulein Thora Ingermann. -Zart und zierlich war sie und trug eine hellgelbe Lockenmähne -- darunter -ein keckes freundliches Gesicht. Sie war wie geschaffen für die Rolle der -Frau Elvsted. - -Und dann führten sie diese Scene auf, in der Hedda, die den Mann ihrer -Liebe verloren hat, zusieht, wie sich ein leises, noch so harmloses -Verständnis zwischen dieser kleinen harmlosen Frau und dem ehrbaren, -allerharmlosesten Tesmann anspinnt. Wie auch der, dem sie die Treue eines -Lebens geben wollte, ihren Händen entgleitet. -- -- -- -- - -Fräulein Thora Ingermann war verlobt. Sie hatte eine Menge Bilder ihres -Verlobten mit. Er war ein Seeoffizier mit prächtigem Schnurrbart. - -»Tesmann! Sehen Sie, ist er nicht einzig? Haben Sie schon je einen so -schönen Mann gesehen?« - -Tesmann-Arne betrachtete das Bild und stimmte freundlich, wenn auch -vielleicht nicht aus überzeugtem Herzen, zu. - -Das Fräulein machte ein schmachtendes Gesicht und sah Arne verführerisch -an. »Ich liebe ihn so!« sagte sie. »Sie können es nicht begreifen, wie -ich ihn liebe!« -- -- - -Auf dem Rückweg meinte Arne zu Esther: »Ist es nicht ein liebes kleines -Ding, der neue Besuch bei Bergsös? Sie hat so eine schöne rührende Liebe -für ihren Verlobten.« - -»Ja, es ist rührend,« sagte Esther. - - * * * * * - -Arne suchte zwischen seinen Manuskripten. Sie lagen schön geordnet in -einer geschnitzten Eichentruhe und waren stoßweise mit goldenen Schnüren -umwickelt. - -Er war sehr eifrig. -- »Esther, was rätst du mir Fräulein Thora zu -geben?« - -»Gieb ihr doch dein letztes Buch.« - -»Das will sie eben nicht. Sie sagt, sie möchte etwas Handschriftliches -von mir lesen. Da wühle ich nun immerzu in meinen Sachen und weiß -wirklich nichts Passendes zu finden!« - -»So schreibe ihr etwas Passendes.« - -»Ja, meinst du, daß ich das kann?« - -»Warum nicht, wenn du es willst?« - -Arne besann sich. »Ich werde etwas über sie und ihren Verlobten -schreiben,« sagte er endlich. - -»Thu das, lieber Arne.« - -Arne zog sich für ein paar Stunden zurück. Dann kam er erhitzt und -triumphierend mit einem kleinen Manuskript herein, das bereits recht sauber -mit einer Goldschnur geheftet war. - -Esther las: - - »Im Frühsommer. - - »Eine ganze Bucht von Heckenrosen hängt über den Rand des Hohlweges, - bauscht sich in blühender Fülle und wölbt lange, geschmeidige - Zweige von einer Wand hinüber zur andern -- ganz, als sei für den - einziehenden Sommer ein Triumphbogen errichtet. -- Und so zahllos sind - die Blüten -- sie wetteifern mit dem Abendhimmel, wer das köstlichste - Rot aufweisen kann. - - »Aber da, wo der Sommer einziehen sollte, kommt jetzt ein junges - Menschenpaar. Wie im Traum gehen sie beide, und er hat ganz zaghaft den - Arm um ihre Schulter gelegt. So leise berührt er sie, daß bei jedem - Schritt seine Hand ein wenig zittert -- denn sie haben sich ja eben zum - erstenmal von Liebe gesprochen. Nun wissen sie plötzlich nichts mehr - zu reden. Es ist, als ob ringsum alles Stimmen bekommen hätte: Von - den Rosen tönt eine ganz leise, feine, süße Melodie, und das Gras zu - ihren Füßen seufzt -- nur die Luft im Hohlweg hält den Atem an und - staut sich in dichten, berauschenden Duftwolken. - - »Und jeder Schritt, den sie vorwärts thun, führt tiefer -- tiefer in - diese seltsame Märchenwelt hinein. - - »Nun kommt das Ende der Rosenhecke, schon sehen sie das Korn, welches - dahinter steht, in blausilbernem Schimmer hindurchblinken -- und - dazwischen die feurigen Mohnen. -- Ein leichtes Zurückschauern - durchbebt das Mädchen -- --: der brennend, brennend rote - Mohn -- -- -- - - »Dann gehen sie ruhig weiter -- zwischen dem sommerduftenden Korn mit - den heißroten Blumen -- immer noch schweigend -- nur seine Hand hat - sich fester um ihre Schulter gelegt.« - -Esther gab es ihm zurück. -- »Ich dachte, du wolltest von Fräulein Thora -und ihrem Verlobten schreiben?« - -Er lächelte verlegen. »Ja, aber von dem Verlobten weiß ich doch nichts -Genaues -- so habe ich nur an Fräulein Thora gedacht -- und wie sie wohl -sein könnte, wenn ein Mann sie liebt. - -Und dann ist nur so ganz im allgemeinen ein Bild der Liebe daraus geworden. - -Aber wie gefällt es dir?« - -Er sah mit herausfordernder Selbstgefälligkeit um sich. Sie hatte ihm -sagen wollen, es sei das beste, was sie von ihm kannte. Zum erstenmal war -er ihr seelisch nähergetreten durch seine Kunst -- fast als ob er mit -ihren Worten spräche -- Nun war sie plötzlich unfähig, das verlangte Lob -zu geben. - -»Es wird Fräulein Thora schon gefallen,« sagte sie nur. - -Er runzelte die Stirn: »Aber dein Urteil, Esther -- hast du auch daran -wieder etwas auszusetzen?« - -»Du meinst, ob ich es fehlerlos finde?« - -»Nun?« Er sah sie mit der spöttischen Überlegenheit eines -Handlungsgehilfen an. - -Sie hielt eine heftige Antwort zurück und gab dafür nur eine kühle -Verstandeskritik. - -»Es stört mich nur eine Kleinigkeit -- das ist diese Zusammenstellung von -Mohn und Heckenrosen, die in Wirklichkeit recht schlimm aussehen würde.« - -Arne wurde immer gereizter. »Du verstehst mich nicht. Ich brauche -Heckenrosen und Mohn ja nur als Allegorie für die zarte Brautliebe und die -Ahnung künftiger Leidenschaft.« - -»Ich weiß wohl -- aber ich meine, daß man auch beim Schreiben ein wenig -die malerische Wirkung beachten müßte -- das heißt, wenn man Bilder -gebraucht, muß man sie sich so vergegenwärtigen, daß man die Wirkung -voll beurteilen kann.« - -Er antwortete nicht gleich, stand erst eine Weile mit gesenktem Kopf und -klimperte nervös an seiner Uhrkette. - -»Es ist eben nur das eine, daß dir schon im vorhinein nichts gefällt, -was ich arbeite,« sagte er dann mißmutig und verließ das Zimmer. - -Eliza hatte dem Gespräch schweigend zugehört. -- »War es denn so -schlecht, was er geschrieben hatte?« fragte sie. - -»Nein -- es war gut.« - -»Und warum sagtest du ihm davon kein Wort?« - -Esther schwieg. - -»Du solltest ihm ein wenig Anerkennung geben. Er braucht das, glaube -ich.« - -Esther antwortete wieder nicht. Sie wußte es ja -- er brauchte das. Er -brauchte Bewunderung oder -- Nachsicht. Doch immer _Lob_. - -Sie sahen einander an, und ihre Augen hielten und verstanden sich. - -Esther dachte: Woher weißt du es nur -- weiß ich es denn schon selbst? -Muß ich mich nicht schämen, daß du es weißt? - -Und plötzlich stand Eliza auf, hängte sich Esther um den Hals und weinte. -Ganz stumm -- bis die Dämmerung sank. - -»Kommst du wieder zu mir, mein Liebling?« fragte Esther leise. - -Das Kind sagte: »Ja, weil du wieder traurig bist.« - -»Hast du mich denn nur lieb, wenn ich traurig bin?« - -»Ich weiß nicht -- - -Ich verstehe alles Traurige --« - - * * * * * - -Arne kam herein -- jung, strahlend, liebenswürdig. - -»Seid Ihr denn schon zurück?« fragte Esther. - -»Ja; zu schade, daß du zu dieser Probe nicht mitfahren konntest! -- Aber -wie geht es deinem Kopfschmerz?« - -Esther lächelte ein wenig müde. »Komm, setze dich zu mir und erzähle, -wie es war.« - -»O, so lustig sind wir gewesen! Bis es Fräulein Luise zu viel wurde. -Findest du nicht, daß sie ein bißchen altjüngferlich ist? Vor der Zeit --- so ein klein wenig?« - -»Das habe ich nie gefunden.« - -»Na -- ja -- freilich. Ich mag nun die Leute nicht, die keinen kleinen -Scherz vertragen können. - -Da ist Fräulein Thora ganz anders. Temperament hat sie -- das reine -Zigeunerblut -- und ist doch zart und fein und rührend, wie ein kleines -Kind!« - -»Hat sie wieder von ihrem Verlobten erzählt?« - -»Diesmal nicht. Wir machten nur lauter Tollheiten. Zuletzt war sie so -müde davon, daß sie neben mir saß und beinahe schlief. Fast wäre sie -gegen meine Schulter gesunken und eingeschlafen!« - -»Was sagte sie denn zu deinem Manuskript?« - -»Sie fand es schön. Sie sagte nicht viel, aber ich sah es an ihrem -Gesicht. - -Aber etwas anderes hat sie gesagt. Wir sprachen von meinen andern Sachen, -und sie hat alles gelesen. Und da sagte sie: ›Ich bin gewiß ein -schlechter Kritiker -- aber mir gefällt alles so unmäßig, was Sie -schreiben‹.« - -Er saß eine Weile ganz ruhig und sah vor sich hin. Dann redete er -plötzlich wie aus einem Traum, und seine Stimme hatte einen gebrochenen -Ton. »Ist das nicht das Zeichen, daß sie mich ganz verstanden hat,« -sagte er, »daß sie es ist, die mich so ganz versteht --« - -Esther erhob sich und trat dicht zu ihm hin. In ihr war eine -eigentümliche, fast unpersönliche Liebe. - -»Du mußt zu ihr gehen,« sagte sie. »Ihr gehört zusammen.« - -Er sah sie an. Es war, als könnte er nicht verstehen, als fühlte er nur -hinter einem Verstehen das Entsetzen dämmern. - -»Was -- was sagst du da? - -Ja, ist es denn, daß du mich nicht mehr willst? Schickst du mich denn -fort?« - -Und plötzlich kniete er vor ihr, und seine Arme schlangen sich zuckend um -ihren Körper. »Geh nicht fort von mir! Geh nicht! -- Ich kann nicht ohne -dich leben!« - -Sie war ganz ratlos. Alles schien ihr plötzlich unverständlich. Sie -fühlte nur immer seine Küsse auf ihren Händen -- und dann auf dem -Mund -- - -Und unter diesen Küssen wurde sie so seltsam kühl und -gleichgültig. -- -- - - * * * * * - -Die Aufführung war überstanden. Man hatte auch getanzt und Bowle -getrunken, bis die allgemeine Stimmung ihren Höhepunkt erreichte. Jeder -beschäftigte sich nun nur noch mit sich selbst, und wenn es hoch kam, mit -seinem Nachbar. - -Herr Nyblom aus Hönegaard stand neben Esther in der Fensternische. - -»Ihre fremdartige Aussprache paßte so gut für die Rolle der Hedda,« -sagte er. »Sie haben sie noch anziehender und eigenartiger dadurch -gemacht, gnädiges Fräulein. - -Überhaupt liebe ich so den deutschen Accent und alles Ausländische. Sie -sind viel feuriger dort unten im Süden, als wie hier oben. - -Ho! Sie haben Feuer für Blut -- Wir sind Fische dagegen! - -Aber ich bin auch einmal in Deutschland gewesen -- bis hinunter nach -Heidelberg. Meine Frau und ich, wir haben unsre Hochzeitsreise dorthin -gemacht. - -Und die Studenten gaben gerade ein Fest -- mit Pechfackeln zogen sie -vorbei -- und da schielten sie nun immer herüber zu meiner Frau -- -hahaha! -- --« - -Esther bemerkte, daß die Geschichte von Herrn Nybloms Hochzeitsreise nach -Heidelberg sich auch ohne nachhelfende Antworten abzuwickeln vermochte und -wandte ihre Aufmerksamkeit mehr der übrigen Gesellschaft zu. - -Nicht weit entfernt saß Arne neben Fräulein Thora auf einem Ecksofa. -Sie hatten traurige Gesichter und schwiegen beide. Aber ihre Augen hingen -ineinander. - -Dann sagte Fräulein Thora: »Ja, das ist es wohl -- es ist nun wohl das -letzte Mal. Wir werden uns nie wiedersehn.« - -»Wir werden uns nie wiedersehn,« sprach Arne wie mechanisch nach und -senkte seinen hellen Lockenkopf. - -»Ich hätte Ihnen noch etwas zu sagen,« fing Fräulein Thora wieder an, -»wenn wir nur in andern Verhältnissen wären -- - -O Gott! Ich werde selbst nicht aus mir klug -- es ist alles so -wunderlich -- --!« - -Arne nickte stumm und sah mit einem demütig-sehnsüchtigen Ausdruck zu -Fräulein Thora auf -- mit diesem rührenden Blick eines treuen Hundes, den -Esther so wohl an ihm kannte. -- - -»Ist das nicht komisch?!« hörte Esther Herrn Nybloms amüsierte Stimme -neben sich. Und gleich darauf wiederholte er: »Gnädiges Fräulein, finden -Sie das nicht auch recht toll?« - -»Ja, es ist toll,« sagte Esther und wandte sich langsam nach dem Fenster -um. - -Und drüben lag das Meer -- weit und schwerdunkel -- nur nach den Ufern zu -schäumten die Wellen weiß auf im Mondlicht. - -Lange stand sie so und sah hinaus, und als sie die Augen wieder -zurückwandte, war alles so klein und vergänglich um sie her geworden, wie -ein kurzes Komödienspiel. -- Und sie sah auf diese Menschen mit denen sie -lebte -- und alles war fremd und ferngerückt. -- Und sie fühlte ihr Herz -leer -- aber weit vor Sehnsucht zum Unbekannten. -- -- - - - - -VIII - - -Und sie sprach noch einmal mit Arne. - -Sie sagte: »Zwischen uns ist ein Mißverständnis, Arne, wollen wir es -nicht fortthun? - -Wir waren bestimmt Kameraden zu sein -- gute Kameraden, die einer am Leben -des andern teilnehmen, aber nicht das Leben teilen. Wir haben uns geirrt.« - -Arne sah finster zu ihr auf. »Was willst du mir denn sagen -- mit deinen -schöngewählten Worten -- du?« - -Das Blut stieg ihr heiß ins Gesicht. Er hatte sie so getroffen mit seiner -verborgenen Anklage: sie wählte die Worte, weil sie nichts mehr fühlte. - -Sie sah ihn hilflos an und wartete, ob er noch sprechen wollte -- aber er -schwieg. - -Zwischen beide drängte sich wie entschleiernd das helle, kalte Licht des -Vormittags. Esther konnte jeden Zug seines Gesichtes deutlich unterscheiden --- und er wurde ihr immer fremder. Zuletzt sah sie nur noch die malerische -Wirkung der Linien. - -»Ich habe es ja gesehen -- gestern abend --« sagte sie endlich nur unter -dem Gefühl, daß eine Antwort von ihr erwartet würde. Ihre Stimme war -fast tonlos. - -»Was hast du gesehen? - -Du hast gesehen, daß mir jemand Kamerad und Freund wurde, weil du es nicht -sein wolltest. Weil du mir nichts gegeben hast von deiner Seele -- und für -meine kein Verstehen. - -Und trotz alledem ist mir noch jetzt ein gutes Wort von dir lieber, als die -ganze Seele jeder andern Frau -- - -Verstehst du das? Es ist, weil ich dich _liebe_! -- Und nur, weil ich -weiß, daß ich deine Liebe nicht habe, war ich fortgegangen.« - -Da fühlte sie, wie seine Worte eine Schuld auf sie luden. Und sie preßte -die Hände ineinander und wagte nicht mehr aufzusehen. Ja, das war es: ihre -Liebe war der seinen nicht ebenbürtig. - -»Ich fühle mich so arm vor dir,« sagte sie endlich ganz leise und -demütig. - -Er starrte sie an -- ohne zu begreifen. Ganz überrascht und entsetzt sah -er aus, wie jemand, der ganz unvorbereitet etwas Unglaubliches erfährt. - -Esther sah das und dachte: So hat er nur seine Vorwürfe gemacht, um -widerlegt zu werden? -- hat gar nicht daran geglaubt, daß alles dieses, -was er sich selbst und mir zur Entschuldigung vorbringt, sich wirklich so -verhalten könnte? - -Und sie erkannte ihn plötzlich, wie er sich unter der stets bereiten -Selbstverzeihung einem Wohlgefallen hingegeben hatte, das bald der Liebe -glich. Und dann war er plötzlich nach beiden Seiten gebunden, denn er -konnte weder ihre Liebe, noch Thoras Bewunderung entbehren. Und -- er -würde nicht lange einsam bleiben, wenn sie ihn jetzt verließ. - -Sie sah ihm ruhig, wie einem Fremden in das verstörte Gesicht. Eine -leichte, fast mehr physische als seelische Abneigung stieg in ihr auf. - -»Also du -- du liebst mich nicht? Du hast mich nur in dieser ganzen Zeit -betrogen?!« brach er gegen sie aus. - -Sie fühlte gar nicht seinen Zorn und die Absicht zu beleidigen -- »Ich -habe dich nicht mehr betrogen, als mich selbst,« sagte sie. »Denn ich -habe dich zu lieben geglaubt. Und ich habe keinen andern Willen gehabt, als -die Liebe zu dir. Aber ich habe mich in mir selbst getäuscht.« - -»Das siehst du ein bischen spät ein!« fuhr er sie herausfordernd und -höhnisch an. Er war ganz kampfbereit. - -Sie sah fremd und verwundert auf ihn und ging still aus dem Zimmer. - - * * * * * - -Nun kamen noch wenige Tage von jener quälenden, niederdrückenden -Trostlosigkeit, wo wir das Leben ohne den Maskenstaat der Wünsche und -Hoffnungen nur mehr in seiner plumpen Alltäglichkeit sehen -- wo wir -uns fürchten aufzublicken, weil uns alle Dinge mit fremden, verzerrten -Gesichtern anschauen könnten -- wo uns vor der köstlichsten Speise graut, -weil wir den Ekel dahinter spüren. -- -- -- -- - -Esther erwartete nur die Antwort einer Berliner Pensionsdame vor ihrer -Abreise. - -Gleichgültig und ohne den kleinsten Aufschwung der Phantasie hatte sie den -Beschluß gefaßt, sich dort im Malen auszubilden. - -Selten wohl ist jemand mit so geringen Erwartungen der Kunst -entgegengegangen. -- -- - -»Ich kann dich nicht halten, Kind -- ich weiß, daß ich dich hier nicht -festhalten darf,« sagte der alte Rude zu Esther -- und dabei sah er sie -doch suchend an, als könnte sie ihm jetzt noch sagen: alles soll gut -werden. - -Und wie sie stumm blieb, wiederholte er sein altes Wort: »Wie du es -willst, wird es schon recht sein.« - -Da trat sie mit einer leichten scheuen Bewegung zu ihm hin und lehnte sich -an ihn. Und er legte seinen Arm um ihre Schulter und zog sie an sich, bis -sie ganz leise weinte an seiner Brust. Es war jedoch nicht lange gewesen, -dann machte sie sich schon wieder los. - -Er sagte aber: »Ich danke dir.« - - * * * * * - -Eliza kam am letzten Abend zu ihr. Sie schlüpfte zu Esther ins Bett, -weinte viel und ließ sich gerne trösten. Sie wollte immer neue -Liebkosungen von Esther haben und spielte stundenlang eine kleine, sanfte -Komödie des Schmerzes. Es war so schön, wenn Esther sie küßte und ihr -gute Worte sagte! -- - -So kam es, daß sie erst im letzten Augenblick die Trennung wirklich -begriff. Und nun stand sie, mit ihren seltsamen Augen, die alles Traurige -verstanden, starr vor sich hinblickend in stummer Erschütterung. - -Es wird erst kommen, wenn ich fort bin, dachte Esther, und ihr Herz -zog sich bei dem Gedanken zusammen, daß sie nun nicht mehr dieses -Kind schützen und trösten dürfe -- daß diese Seele mit der frühen -Todesahnung dem Leben preisgegeben war. -- - -Neben ihr im Wagen saß Arne. Er hatte darum gebeten, sie nach der Bahn -fahren zu dürfen. -- Adam Rude hatte sich eingeschlossen und durch Arne -einen Brief geschickt, den Esther erst unterwegs lesen sollte. »Es steht -alles drin,« mußte Arne ausrichten. - -Arne hatte den hellen Kopf die ganze Zeit gesenkt, und Esther wunderte -sich plötzlich, warum es ihr früher nie aufgefallen sei, daß seine -Traurigkeit etwas so Unreifes, Knabenhaftes hatte -- es war jene -Traurigkeit, für die ringsum die ganze Erde ein Garten des Trostes bleibt. - -Und sie wünschte ihm, schon wie aus der Ferne, ein künftiges Glück, als -sie sich mit einem einfachen »Lebewohl« trennten. Sie saß schon im Zug -und sah noch einmal zum Fenster hinaus, da wollte er noch etwas sagen --- aber die Thränen nahmen seine Stimme. »Leicht getrocknete -Jugendthränen,« dachte Esther. Und plötzlich sah sie ihn wieder, wie er -mit seiner warmen, strahlenden Jugend zu ihr gekommen war -- zu ihr, die -nur Schmerz und Schweigen kannte. Und ihr Herz füllte sich mit einem Dank, -der ohne Bitterkeit war. -- - -Neben ihr saß als einzige Reisegefährtin eine Pflegeschwester. Sie las -erst aus einem kleinen, schwarzen Gebetbuch, wobei sie die Lippen bewegte -und andächtig vor sich hinsah. - -Dann begann sie ein Gespräch. -- »Reisen Fräulein weit?« - -»O ja,« sagte Esther zerstreut. - -Die Schwester ließ sich nicht einschüchtern. »Wohl gar bis Kopenhagen?« -fragte sie. - -»Bis Berlin.« - -Die Schwester machte andächtige Augen. »Ja, waren Sie denn schon einmal -in Deutschland, und können Sie die Sprache verstehen?« - -»Ich bin Deutsche,« sagte Esther. - -Da drückte sich die Schwester ängstlich in eine Wagenecke und sah -erschrocken und unentwegt auf das junge Mädchen. -- - -Esther nahm den Brief des alten Rude heraus und öffnete ihn -- und las: - - »Mein einzig liebes Kind! - - Nun gehst Du fort, und ich konnte Dir nicht Lebewohl sagen. Ich konnte - es nicht, weil ich meiner nicht sicher war, weil ich mich vielleicht - verraten hätte. Und was soll die Liebe eines alten Mannes zu einem - Kind? - - Du bist durch mein Leben gegangen wie ein lichter Traum; das ist es, - was ich Dir zu danken habe. - - Zuerst sah ich Dich wie ein Kind -- ein schönes, liebes Kind, an dem - ich meine Freude haben durfte. Aber Du bist vor mir gewachsen -- mit - jedem Tag gewachsen zu dem einzig begehrten Weib. - - Du bist mir alles geworden, und ich hätte alles für Dich hingegeben, - wenn ich nicht immer gewußt hätte, wie vergeblich solche Liebe ist. - Und ich wollte Dir nichts anthun, Dich nicht damit erschrecken, mein - einzig liebes Kind, darum habe ich immer geschwiegen. - - Aber heute, nun Du gehst, will ich Dir meine Liebe mitgeben wie einen - Dank, und Du darfst sie nehmen, weil sie so ganz anspruchslos ist und - nichts will, als Dich feiern. - - Lebe nun wohl, Du, die alles Glück zu vergeben hat -- und mögest Du - den finden, der dieses Glückes würdig ist. - - Dein - - Adam Rude.« - - - - -Zweiter Abschnitt - - - - -IX - - -In einem kleinen schleswigschen Grenzort wollte Esther nach der -zehnstündigen Bahnfahrt übernachten. - -Es war ein langer, mühseliger Weg von der Bahnstation bis zum Gasthof. -Esther ging ihn ganz allein, eine verschneite Landstraße hinauf, die nur -durch Räderspuren kenntlich war. Sie trug ihre kleine Reisetasche bald in -der einen, dann in der andern Hand. In der Kälte schmerzte der metallene -Griff ihre Finger. - -Weithin über dem Schneeland stand ein purpurner Mond. - -Ein schwacher, gläserner Klang kam aus dem Dorf herüber: die Turmuhr -schlug eine späte Abendstunde. - -Esther ging immer langsamer. Eine schwere, herabziehende Müdigkeit -erfüllte sie mehr und mehr. Sie konnte kaum mehr denken, empfing nur dumpf -die Außeneindrücke, an die sich zerflatternde Reflektionen knüpften. - -Neben der Straße lief ein halb zugeschneiter Graben. Da mußten im Sommer -die vielen Feldstiefmütterchen wachsen -- so immer zu hunderten auf einem -Fleck, daß es aussah, wie ein großer, schwellender Strauß. Aber jedes -Blümchen hat sein eignes ernstes Gesicht unter der violetten Haube -- -und wenn der Wind ja einmal durch den Graben fährt, dann reiben sie -sich rischelnd aneinander, wie Kinder, die sich in die Ohren -flüstern -- -- -- -- - -Dicht und hoch lag jetzt der Schnee -- -- So ein paar Schritte zur Seite -machen und sich da hinein fallen lassen -- -- - -Kein Mensch würde wissen -- - -Und was ging sie überhaupt irgend ein Mensch an? - -Doch -- das ist ja nicht wahr -- - -Wie ein fremdes Heiligtum stieg die Liebe Adam Rudes vor ihr auf. Doch -ihr war, als müßte sie in Ehrfurcht wegsehen. Als dürften auch ihre -heimlichsten Gedanken nicht daran rühren. -- - -Eine ferne Sehnsucht kam über sie -- kam und ließ sich schwer -niedersinken auf ihr Herz -- - -Und dann war wieder alles wie einem andern Menschen angehörend -- oder so -wunderlich vereinzelt, ohne inneren Zusammenhang. - -Und wieder kam eine lange, bittere und kummervolle Sehnsucht nach Eliza, -dem Kind. Wie hatte sie es nur fertig gebracht sie allein zu lassen? Wenn -sie schnell umkehrte? Morgen noch zurückreiste? - -Ein Ruck ging durch ihren Körper: Adam Rude! -- Aber das war ja Wahnsinn --- Unmöglichkeit! -- - -Sie griff nach dem Brief, den sie in der Kleidertasche trug -- - -Und dann war plötzlich wieder alles Begreifen ausgelöscht -- nur noch -eine träge dämmernde Sehnsucht nach diesem Haus, das sie lieb hatte, in -das sie hätte zurücklaufen mögen, wie eine Katze, die man fortgetragen -hat. -- - -Und immer ging sie mechanisch weiter, den endlosen zugeschneiten Weg -hinauf. - -Dann kam das Gasthaus. - -Sie mußte die Wirtsleute erst herausklopfen. Es waren freundliche Bauern, -die sich in ihrem rauhen jütischen Dialekt nicht genug über die Ankunft -einer Dame erstaunen konnten. Es schien, als gäbe es für diese Wirtschaft -nichts Verwunderlicheres, als einen Gast! - -Esther wurde in die Familienwohnstube geführt. Dort mußte sie sofort ein -paar riesige Filzsocken für die nassen Stiefel eintauschen. Die Wirtin -befahl das mit einer Autorität, die jeden Widerspruch vergeblich machte. -Dann wurde ihr ein Kübel voll schwarzbraunem Thee zudiktiert. - -Über dem Sofa hing das Bild des deutschen Kaisers neben einem andern, das -die Photographie eines jungen Soldaten, wahrscheinlich der Sohn des -Hauses, umgeben von allerlei »Scenen aus dem Soldatenleben« enthielt. Als -Überschrift prangten die Worte: »Aus meiner Soldatenzeit.« - -Die Frau folgte Esthers Blicken, dann erklärte sie entschuldigend, er, der -Sohn, wollte »das« dort haben. Und voll Groll und Verachtung: »Seit er -gedient hat, ist er ja ein Deutscher!« - -Der Wirt, der mit einer langen Pfeife jenseits des Tisches saß, zog die -Stirn in kummervolle Falten. Er sagte: »Die dort in Berlin, die werden -sich freuen, daß sie ihn herumgekriegt haben! Bei der Leibgarde ist er -gewesen -- so 'ne Schande!« - -Esther bekam ein ganz böses Gewissen, daß sie sich nicht als Deutsche -eingeführt hatte; ganz gedankenlos hatte sie noch dänisch gesprochen. Sie -fühlte sich recht bedrückt im Gedanken an die warmen Filzsocken und das -Wohlwollen der Wirtin, die sie immer schlechtweg »Kind« anredete, -- das -alles wäre der Deutschen gewiß nicht zugefallen! - -Und am nächsten Morgen gar, wie die Alte gehört hatte, daß Esther auch -der entsetzlichen Stadt patriotischer Verführung zureiste, gab es so viele -gute Wünsche und Ermahnungen, daß Esther vor Beschämung nicht mehr die -Augen aufzuschlagen wagte. - -Aber sie konnte doch wirklich nicht jetzt auf einmal mit ihrer -Enttäuschung herauskommen? - - * * * * * - -Und gegen Abend gelangte Esther an ihr Reiseziel. - -Die Droschke hielt vor einem hohen, eingezwängten Haus, dessen Eingang in -der Pracht verschiedenster Imitationen strahlte. Eine imitierte Eichenthür -öffnete sich in eine imitierte Marmorhalle, die mit imitierten Gobelins -und imitierter Glasmalerei ausgestattet war. - -Der Hausmeister bemächtigte sich des Koffers, und in feierlich langsamer -Fahrt hob sich der Lift zu seinem Endziel, der fünften Etage. - -»Also hier wohnt Fräulein Schulze?« - -»Jawoll, klingeln Sie man!« - -Nach einer Weile kam ein ältliches, verblaßtes Mädchen und öffnete. Sie -führte Esther über einen kurzen, düsteren Flur, der nur in einer Ecke -durch ein kleines stark riechendes Lämpchen erhellt wurde und dann durch -ein langgestrecktes Zimmer. - -»Bei uns müssen wir immer durch die Berliner Stube gehn,« erläuterte -das Mädchen. - -Eine große, starke Dame in Lahmannkleidung sah Esther mit unverhohlener -Neugier nach und erwiderte ihren Gruß mit einem resoluten Nicken. - -Dagegen bemerkte sie erst im Hinausgehen, daß sich ein kleines, -dunkelgekleidetes Geschöpf auf sie zu bewegte. - -»Verzeihen Sie -- ich bin Fräulein Schulze,« sagte die kleine Dame und -sah Esther fragend unter einem spanisch drapierten Kopfputz hervor an. - -»Ich bin Esther Franzenius.« Esther mußte unwillkürlich dem kleinen -fragenden Gesicht der Spanierin zulächeln. - -Fräulein Schulze machte ein paar ratlose Bewegungen nach rechts und links, -dann kam es ihr wie eine Erleuchtung: »Darf ich Sie nach Ihrem Zimmer -führen?« Und sie trippelte Esther und dem Kofferträger voran, zur Thür -hinaus, über einen langen und niedrigen Korridor, den man gar nicht in dem -prunkvoll imitierten Marmorpalais erwarten durfte, und öffnete die Thür -zu einem kleinen viereckigen Zimmerchen, das durch ein winziges schräges -Dachfenster nach dem Hof hinaus lag. - -Während Fräulein Schulze noch ein paar Fragen über die »gute Reise« an -Esther richtete, bemühten sich das Mädchen und der Dienstmann, für den -Koffer einen Platz zu ermöglichen. - -Endlich waren alle Ankunftsfeierlichkeiten bewältigt, und auch die -Spanierin verließ das Zimmer. - -Esther nahm den Leuchter mit der dünnen übelriechenden Kerze -und beleuchtete ihre Umgebung. Da gab es nur die allernötigsten -Gebrauchsgegenstände, denen allen es wie ein Ausdruck schamhaftester -Dürftigkeit anhing. Und jedes Ding schien sich zu bemühen, etwas -anderes zu imitieren. Sogar das Bett hatte die Aufgabe, tagsüber ein -Sofa darzustellen, und der Waschtisch war unter dem Äußern einer Komode -verborgen. Als der Koffer untergebracht war, konnte man sich nur noch in -einer kleinen Schlangenlinie durch das Zimmer winden. Esther lehnte sich -unwillkürlich weit zum Fenster hinaus -- dort sah man in den Hof hinab, -wie in einen spärlich beleuchteten Schacht. Dann führte sie das Licht an -den Wänden entlang -- die Tapete trug ein Muster von lauter Lilien. - -Eine stumpfe Trostlosigkeit überkam Esther in diesem imitierten -Liliengarten. - - * * * * * - -»Nancy! Nancy!« - -Esther erwachte. Wer rief denn da? Und wo war sie? - -Weshalb verflog doch so schnell der Traum von einem Frühlingsgarten und -dem weißen Haus im Mondlicht? -- Sie wollte so gern weiterschlafen. Sie -fürchtete das Erwachen. -- - -»Nancy! Nancy! Schläfst du noch?« - -Das war wieder diese rauhe Stimme, und nun folgte ein endloser -Hustenanfall. - -Esther sah sich um. Das war ja das Lilienzimmer. Diese kahlen und -dürftigen Gegenstände, die aussahen, als seien unzählige verschwiegene -Sorgen in sie gebettet, schienen ein kraftloses Grauen auszuströmen. - -Nancy mußte inzwischen geantwortet haben, denn die gequälte Stimme des -Zimmernachbars begann von neuem: »Hast du gut geschlafen, Nancy? Wie -fühlst du dich heute?« - -Und wieder nach einer Weile, während der Esther aufzustehen begann: -»Mußt du nicht über die Hofjagd referieren? Wir könnten zusammen einen -Wagen nehmen, wie?« -- Hier eine Pause für Nancys Antwort -- Und wieder: -»Nancy! Nancy! Mir fällt etwas Köstliches ein! Paß auf: Ein Wagen -kostet 10 Mark -- zu zahlen von meiner löblichen Redaktion! Ein Wagen -für dich zu 10 Mark -- haben deine Braven zu blechen. Daß wir uns -zusammenthun, geht niemanden was an. -- Bin ich nicht ein Rechengenie?! -Hahaha!!« - -Und wieder ein gräulicher Hustenanfall. - -Esther machte ihre Anwesenheit bemerkbar und die nachbarlichen Stimmen -verhandelten gedämpfter. - -»Wer wohnt da nebenan?« fragte Esther das Mädchen, das Feuer machte. Es -baute mit virtuoser Vorsicht ein paar Holzspähne aneinander und deckte -das spärliche Flämmchen mit den drei für »eine Heizung« abgezählten -Preßkohlen. - -Ida warf über die Schulter einen verächtlichen Blick auf das -Nachbarzimmer. »Ach, das ist man bloß Redakteur Engel,« sagte sie im Ton -würdevollster Herablassung. - -»Ist der Herr sehr leidend?« - -»Ja -- er hat es auf der Brust. Seine Verlobte, das Fräulein Maceday -auch. Schon den ganzen Winter. Und wie sie zu uns gekommen sind, sahen sie -auch halbverhungert aus. Das Fräulein wohnt ja doch neben ihm, und sie -pflegen sich immer nur einer den andern.« - -»Aber das ist ja schrecklich,« sagte Esther in bedauerndem Entsetzen -unwillkürlich vor sich hin. - -Das Mädchen mißverstand die Worte. Es wurde plötzlich vertraulich und -gesprächig. »Ja, nicht wahr, Fräulein? Uns ist das auch recht peinlich. -Verlobt sind sie und wohnen Thür an Thür! -- Und dann wollen sie sich -immer noch das Essen allein besorgen! Sie können es gar nicht billig genug -kriegen. Und was für Sachen sie dann kochen! Ach Gotte doch! puh!« - -Ein unbestimmter Ekel -- vor diesem Geschwätz -- vor ihrer ganzen Umgebung --- vor der Lage, in der sie sich befand, erfüllte Esther. Sie verließ -die Stube und ging nach dem Eßzimmer, um zu frühstücken. Auf dem -Gang begegnete ihr eine kleine abgehärmte Person mit den glühroten -Backenknochen der Schwindsucht. Sie sah auf Esther mit glänzenden, -argwöhnischen Augen. - -Und Esther hätte ihr etwas Gutes sagen mögen -- irgend eine kleine, -gleichgültige Freundlichkeit erweisen. Sie grüßte höflich. Die andere -dankte kurz, abweisend, höhnisch. - -Esther fiel eine kleine Begebenheit aus ihrer Kindheit ein: Wenn sie zur -Schule ging, kam sie immer an einem vergitterten Hof vorüber, an dessen -Thür ein mageres, jämmerliches Hündchen stand und giftig auf die -Vorübergehenden bellte. Dann warfen die Jungen mit Steinen nach ihm, -reizten und höhnten es; das nahm es aber nur wie die gebührende Antwort -auf sein Gebell entgegen. Das Tier that Esther so leid. Sie versuchte es -einmal, sich ihm freundlich zu nähern, es zu streicheln. Da geriet es aber -ganz außer sich vor Wut. Und jedesmal, wenn Esther wieder vorüberging, -wußte es sich in seinem Zorn gar nicht mehr zu lassen. Es hatte -die Freundlichkeit augenscheinlich als unvergeßliche Beleidigung -empfunden. -- - -»So 'ne einjebildte Jöhre!« hörte Esther das Fräulein Nancy noch -in der Stube des Verlobten in accentuiertem Berliner Jargon -ausrufen. -- -- -- -- - -Das war der Beginn der freiwillig angetretenen Epoche der Arbeit und -Entbehrung. - -Später gab es Stunden, in denen Esther sich fragte, warum sie nicht einmal -den Versuch gemacht hatte, diese besonders antipathische Umgebung mit einer -andern zu vertauschen. Und sie kam auf die wunderliche Erklärung, daß die -Macht des Ekels sie fesselte. - -Ja, wir haben diese seltsam kraftlosen Zeiten, in denen wir wie gelähmt -vom Abscheu und unfähig zur Gegenwehr, auf eine krankhafte Weise angezogen -auf das starren müssen, was unsern Ekel erregt. - -Wir sind unfähig, uns durch einen Entschluß loszureißen, ja irgend einen -Entschluß zu fassen vermögen wir nicht einmal. Nur noch ein alter Wille -leiert sich mechanisch in stumpfen Handlungen ab. Wie im Traum gehen wir da --- und das kraftlose Entsetzen des Traumes bedrückt uns, während wir ganz -im geheimen eine andere Wirklichkeit wie die Ahnung des Erwachens in uns -tragen. Und so versäumen wir die Empörung gegen das Traumschicksal. - - - - -X - - -Arbeit -- Arbeit -- - -Trübe, matte Tage schleppen sich in sinnloser Gleichförmigkeit vorüber. -Es ist wie das Abschnurren eines aufgezogenen Rades. - -Die Seele schweigt. Nur kleine Erinnerungen ziehen vorbei -- der -Zeitbegriff ist von ihnen genommen -- Begebenheiten aus der Kindheit -scheinen ebenso nahe zu liegen, wie eben erlebte Geschehnisse. Doch ihre -Verbindung mit der eignen Persönlichkeit ist gleichsam abgeschnitten. - -Arbeit -- Arbeit -- - -Ein stumpfes, langsames Vorwärts -- ohne Kampf, ohne Ehrgeiz, ohne -Zielbewußtsein. -- - -Viele andere sind Esther voraus. Auch welche, die zu gleicher Zeit -angefangen haben. Sie arbeiten so merkwürdig reinlich und abgerundet. Es -ist, als wären sie schon mit dieser gewissen Manier zur Welt gekommen. So -tadellos fertig sieht alles aus, was unter ihren Händen hervorgeht. -Fast scheint es, sie verlieben sich in diese eintönigen mechanischen -Schwierigkeiten der Anfangsgründe. Und das ist ihr gutes Recht. Es muß -sie im voraus entschädigen für alle späteren Enttäuschungen. Denn sie -werden versagen, sobald die Beweglichkeit der Natur im Gegensatz zu der -methodischen Steifheit der Musterblätter sie zu verwirren beginnt. - -Arbeit -- Arbeit -- - -Nicht zur Seite schauen. Stumpf abgeschlossen nach innen -- gleichgültig -nach außen. Ein langsames, zähes Vorwärtskriechen -- ohne Kampf, ohne -Ehrgeiz, ohne Zielbewußtsein. -- -- -- -- - -Esther benutzte jede freie Zeit, besonders die langen Abende zu -Zeichenstudien. - -In ihrem Lilienzimmer saß sie bei einer kleinen Stehlampe, die -fortwährend Petroleum aus dem Behälter schwitzte. Vom Nachbarzimmer -herüber drangen zuweilen vorsichtig gedämpfte Unterredungen des -schwindsüchtigen Brautpaars. - -Fräulein Nancy schminkte sich jetzt seit einiger Zeit, und Herr Engel -lebte nur noch von Morphium. - -Wenn sie miteinander sprachen, so schien es sich stets um irgend welche -Berechnungen zu handeln, die sie mit ihren rauhen, kranken Stimmen -aufstellten. - -Esther mußte daran denken, daß sie einmal »halbverhungert« hier -aufgetaucht waren. Woher mochten sie kommen? Welchen Weg durch Entbehrungen -mußten sie gegangen sein? - -Mißtrauisch und argwöhnisch zeigten sie sich gegen jeden, der sich ihnen -nicht feindlich näherte, denn sie glaubten sofort, der wollte etwas von -ihnen. Warum sollte er denn sonst auch freundlich sein? - -Unter jenen hatten sie gelebt, die sich auf den Fußbreit Erde drängen, -den einer unter ihnen strauchelnd verliert. Sie hatten jeden Glauben an -uneigennützige Güte verloren. Güte war ihnen nichts als Dummheit -oder Verstellung. Selbst Fräulein Nancys Toilettenkünste mochten nicht -weiblicher Gefallsucht, sondern einzig dem Ehrgeiz entspringen, noch als -vollzählige Konkurrentin zu gelten -- vollwertig an Kraft und Gesundheit, -eine nicht zu übersehende Nummer unter denen, die neiden und beneidet -werden. Sie wollte bis zuletzt als Rivalin im Kampf um die Arbeit -mitrechnen. - -Und doch gab es einen Funken von Güte auch unter ihnen. Das war die -seltsame Liebe, die sie für einander hatten, diese rührende, oft grotesk -wirkende Zärtlichkeit, deren unfreiwilliger Zeuge Esther zuweilen wurde. -Die Besorgnis, die einer für das Wohlsein des andern hatte, und die sich -oft im allernaivsten Materialismus ausdrückte. - -Esther beschäftigte sich so viel mit dem möglichen Schicksal dieser -Nachbarschaft, daß sie es zuletzt förmlich noch zu allem andern sich -selbst auflud -- zu allem Dumpfen und Erdbedrückten, was sie schon zu -tragen hatte. - -Mit den andern Bewohnern der Pension kam sie selten außer den Mahlzeiten -zusammen. - -Da gab es ein »Fräulein Doktor«, die nächst dem Baron Ehrhard von -Dunkelmann den Stolz des Hauses bildete. Ja hier war sowohl der Geburtsadel -wie der Adel des Geistes vertreten, wie Fräulein Schulze Esther gleich -anfangs versicherte. Außerdem erschien noch eine kleine, zarte und sehr -bescheidene Musikschülerin bei Tisch, die Fräulein Schulzes Wohlwollen -unter der unausgesprochenen Voraussetzung besaß, daß sie sehr wenig aß. - -Fräulein Doktor Obenauf, Assistentin an der Frauenklinik des Professors -D., führte zumeist die Unterhaltung. Sie war sehr aufgeklärt und benutzte -gewöhnlich die mittäglichen Zusammenkünfte, um auch der übrigen -Tischgesellschaft den Segen geistiger Freiheit zu gewähren. - -»Stellen Sie sich einmal vor,« schrie sie mit ihrem weithintönenden -Organ, »wo sollte denn eine Seele sich verstecken? Das ist alles Humbug, -alles! - -Glauben Sie nicht, ich habe genug Menschenleiber zersäbelt, um wissen zu -können, wo eine Seele Raum haben könnte? Da ist ganz einfach kein Platz -sage ich Ihnen, kein Platz!« - -Fräulein Schulz, die eine Pastorentochter war, machte hier einen Einwand: -»Es glauben aber doch so viele Leute daran,« sagte sie und machte eine -abwartende schiefe Kopfbewegung. - -»Glauben! Hahaha glauben! Als ob das nur der allergeringste Beweis -wäre!« trompetete die Obenauf. »Ich als Ärztin sage Ihnen, daß kein -Platz für eine Seele ist, und damit Punktum.« - -»So, so -- ja gewiß,« sagte Fräulein Schulze und kroch in sich -zusammen. »Als Ärztin müssen Sie das natürlich wissen.« - -Esther hielt sich gern von solchen Debatten fern. Die kleine -Musikschülerin schwieg, weil sie sich vor der Stimme der Ärztin zu -fürchten schien, und weil sie sich vielleicht auch noch nicht weiter -über seelische Angelegenheiten beunruhigt hatte. Der wirkliche Baron aber -lächelte vielsagend. - -Man wußte sehr wenig über das Leben des Barons. Er hatte jedoch einmal -den Ausspruch gethan, daß ein Künstler die moralische Verpflichtung habe, -sich nie durch eine Ehe zu binden, denn in diesem Falle würde er durch -den heiligen Egoismus des Genies sowohl sich als seine Frau unglücklich -machen, denn er sei infolgedessen nicht fähig, die Verantwortung auch noch -für eine andre Individualität zu übernehmen. - -Er sah sehr bewegt aus bei dieser Erklärung, und so schloß man fortan, -daß er selbst zu jenen leidgekrönten Egoisten gehöre. Sobald die -Rede auf eine Streitfrage der Kunst kam, mußte seine Autorität zur -Entscheidung aufgerufen werden. - -Und er hatte dann eine ganz eigenartig rätselhafte Art, in der er seine -Aussprüche hervorbrachte. - -»Die Dekadence vergleiche ich mit dem müden, rosigen Licht der -Ampel,« sagte er. »Und ist dieses gedämpfte Licht der Nacht nicht -sinnberückender als der grelle, plumpe Sonnenschein?« - -Fräulein Schulze horchte andächtig auf, wagte aber nichts zu antworten, -weil sie befürchtete, es möchte vielleicht nicht zart genug ausfallen. - - * * * * * - -Zuweilen kamen die Briefe aus Dänemark. Esther öffnete sie immer wie -unter einer dumpfen Angst. - -Es war kaum die Furcht vor schlimmen Nachrichten. Sie wußte ja, daß dort -alles in dem lieben alten Gleichmaß vor sich ging. Aber die Erinnerung -war es, die mit der Zeit immer mehr etwas unsäglich Bedrückendes für -sie hatte -- ein unbestimmtes Schuldbewußtsein kam nach und nach an Stelle -jenes Gefühls, nur nach einer Notwendigkeit gehandelt zu haben. - -Aber hätte es denn für sie eine andere Möglichkeit überhaupt gegeben? -Hätte sie die Pflicht gehabt, dieses Verhältnis weiter zu tragen, weil -sie es einmal eingegangen war? - -Ihre Begriffe begannen unsicher und schwankend zu werden. - -Und doch: _Hier_ lag nicht das Verfehlte -- aber dann wo? -- -- - -Heftete sich das Unglück an ihre Person wohin sie trat? Gehörte sie zu -den Vom-Schicksal-Gezeichneten, die überall das Unheil mit sich führen -- -ungewußt und ungewollt? -- -- - -Ein Brief von Eliza kam, einer ihrer süßen unschuldigen Briefe, die ihre -Art so unvermittelt übertragen konnten. - -Und sie erzählte diesmal von einer großen Neuigkeit in Eriksgaard: Arne -hatte sich verlobt. - -Esther unterbrach sich im Lesen. Das war ja wie eine Erlösung! - -Also war sie doch im Recht gewesen, wenn sie geglaubt hatte, daß eine noch -unbewußte Liebe zu Thora ihn in jene zwiespältige Lage gebracht hatte! -Sie selbst war nur zur rechten Zeit gegangen, wo das Ende sich schon -vorbereitete. - -Sie griff wieder zu dem Brief und las weiter -- - -Aber was war denn das? - -»Seine Verlobte ist ein Fräulein Ingeborg Peersen, die er diesen Winter -in Fredensborg kennen gelernt hat.« - -Esther ließ den Brief sinken. - -Sie schämte sich plötzlich. Es war kein großes, quälendes Schamgefühl --- nur ein peinliches Erröten -- jenes Empfinden, unter dem ein -anständiger Mensch immer den Wunsch hat, zur Seite zu sehen. -- - - - - -XI - - -Esther war jetzt über die mechanischen Vorübungen hinausgekommen. Die -Arbeit fing an ein tieferes Eingehen zu beanspruchen. - -Ihre Gedanken konnten nicht mehr wie bisher beständig die alten, -ausgetretenen Wege, an toten und niedergehaltenen Empfindungen vorüber, -gehen. Sie brauchte den ganzen Intellekt für ihre Thätigkeit, der sie -sich mit immer größerem Eifer hingab. - -Fast unwillkürlich gewann sie sich aus den Eindrücken ihrer Umgebung nur -mehr Studien über Licht- und Farbenwirkungen und beobachtete die Gesetze -der Plastik, die so eigentümlich von der Beleuchtung abhängig sind. - -Erst jetzt verstand sie, wie viel Drangabe des reinen Intellektes jede -Kunst beansprucht, die sich der Dilettant immer als eine mühelose -Himmelsgabe vorstellt, wie viel Arbeit vor allem dazu gehört, den Zufall -zu beherrschen. - -Denn was ein einziges Mal unwissend wohlgelungen ist, soll wieder und -wieder gelingen können unter der Leitung eines bewußten Willens. Das erst -ist Können -- Kunst! - -Und so kam es, daß sie nach und nach mit ihrer ganzen Persönlichkeit -überging zur Arbeit. - -Ihr Gefühlsleben schrumpfte gleichsam zusammen bis zu jenen kleinen -Alltagsempfindungen, die sozusagen zu den Anstandspflichten des Herzens -gehören. - -Sie war Zuschauer, nichts als Zuschauer gegenüber dem Leben. - -Und das Leben rächte sich, so daß ihr jeder menschliche Eindruck zur -hohlen, seelenlosen Karrikatur wurde. - - * * * * * - -In den freien Zeiten schlenderte sie oft durch die Straßen, ohne viel zu -denken. Zuweilen erregten die Vorübergehenden ihre Aufmerksamkeit. -Dann dachte sie noch einen Augenblick über sie nach, bis diese lässige -Müdigkeit alles mit Gleichgültigkeit zudeckte. - -Und doch war es in diesen Stunden körperlicher und geistiger Abspannung, -daß ein Erlebnis an sie herantreten wollte. - -Sie kam an einer der großen Kunsthandlungen vorüber, in deren -Schaufenstern an jedem Sonnabend eine neue Ausstellung für die kommende -Woche arrangiert wird. - -Nach ihrer Gewohnheit blieb sie stehen, um die Bilder zu betrachten. - -Und heute -- - -Sie sah und sah -- - -Und da war alles vergessen, was schwer auf ihr gelegen. - -»Die Schönheit,« dachte sie nur, »die Schönheit!« - -Auf der Höhe des Berges küßt der Mann in der Tracht eines fahrenden -Sängers das Weib. Ganz zart berührt er ihre nackte Schönheit. Seine -Augen sind geschlossen, um den Mund die Keuschheit des Betenden. Und über -allem der stille, ruhende Ausdruck der Erlösung. - -In dichter Fülle schlingen sich Rosen unter der goldenen Leiste hin, die -den Abschluß des Bildes angiebt. Schwere brokatene Vorhänge, die in -ihrer massigen Farbenauftragung den Vordergrund bilden, sind wie vor einem -Heiligenbild zurückgezogen. - -»Auf freier Höhe« heißt das Bild. - -Und Esther stand davor und sah bald in den zart verblassenden Himmel, von -dem sich eine kleine zitternde Birke abhebt -- und dann auf die ruhige -Schönheit der Frau, die mit einem entrückten Ausdruck ins Weite sieht, -und sie betrachtete das Gesicht des Mannes, in dem noch die Qualen -verflossener Jugendzweifel zu kennen sind hinter der Ruhe der Befreiung. - -Endlich riß sie sich los. - -Und es war, als sei noch einmal ihre Seele im Erblühen gewesen unter dem -tiefen Eindruck der Schönheit. - -Sie sagte sich: das ist es, was ich einmal können will -- Aber giebt es -denn noch etwas zu wollen, wenn das geschaffen ist? Ist nicht alles damit -ausgesprochen, so daß jedes, was noch kommen kann, nur ein Stammeln und -Nachbeten bleibt? - -Und dann kam eine kurze Zwischenzeit, die ein scheues Glück für sie -brachte. - -An jedem Tag ging sie zu den Schaufenstern der Kunsthandlung. Und dort -stand sie vor dem Bild, das in ihr die Sehnsucht geweckt hatte, auf die -freien Höhen der Kunst zu gelangen. - -Immer wieder ging sie dorthin und träumte von einem kühlen, lichten -Glück -- von der klaren, sanften Erlösung aus bedrückendem Menschentum --- durch die Kunst. -- - -Aber die Kunst will die freie Lust und den heißen Lebenswillen eines -übervollen Herzens, und es heißt ihre Göttlichkeit beleidigen, wenn -man ihr auf den Trümmern eines zerbrochenen Schicksals den Tempel erbauen -will. -- - -Als einmal das Bild nicht mehr im Fenster hing, sank Esther müde in sich -zusammen -- wie beim Erlöschen des Lichts. - - * * * * * - -Noch in den ersten Tagen des März erweiterte sich Fräulein Schulzes -Pension um einen neuen Gast. - -Um seinetwillen hatte man eine Tafel in den alten Ausziehetisch eingefügt, -und der Braten erschien fortan auf einer noch pomphafteren Schüssel als -bisher und lag in einem förmlichen Wald von Petersilienkraut versteckt, -der seine Blätter üppig über den Schüsselrand hängen ließ. - -Ja, Fräulein Schulze wußte, was sie dem Rufe ihrer Pension schuldig war. - -Ihr kleines, bleiches Gesicht unter dem Spitzentuch erstrahlte förmlich -bei der Vorstellung: »Fräulein von Preller -- Schriftstellerin.« - -Fräulein von Preller hatte ihren Platz zwischen Esther und der Ärztin -bekommen. - -Esther sah flüchtig auf und begegnete dunklen Augen mit einem guten Blick, -die den Haupteindruck in dem etwas fahlen Gesicht machten. Der Mund war -stark und tiefgekerbt in den Winkeln. Es war eine ursprünglich rohe Form, -die beim Sprechen durch den Ausdruck von Grazie und Lieblichkeit veredelt -wurde. - -Die Doktor Obenauf nahm gleich Beschlag von ihrer Tischnachbarin. - -»Sie kommen hierher, um Studien in der Großstadt zu machen, nicht -wahr? O, da könnte ich Sie mit Verhältnissen bekannt machen -- mit -Verhältnissen --!« - -Sie ließ durch einen Augenaufschlag die Art dieser Verhältnisse ahnen, -fuhr jedoch, als keine Nachfrage entstand, von selbst mit einer Schilderung -fort: - -»Ich sage Ihnen, da kommt man manchmal in Häuser -- Menschliche Wohnungen --- nein! menschliche Wohnungen ist nicht der passende Ausdruck für solche -Viehställe! - -Denken Sie mal, da hat man kürzlich ein Gesetz erlassen, daß es -verboten ist Schweine und Geflügel auf der Etage zu halten. Denn es ist -vorgekommen, daß man in einem Zimmer den Hausherrn, die Hausfrau, zwei -erwachsene Töchter, einen Zimmerherrn und ein Schwein einquartiert -fand -- - -Faktisch, ich sage Ihnen: das alles ganz gemütlich in einem Zimmer! - -Es lohnt sich wirklich, so was anzusehen!« - -Wie sie jetzt einen Augenblick schwieg und beifallsuchend über die -verlegene Tischgesellschaft hinsah, erwiderte Fräulein von Preller mit -ruhiger Liebenswürdigkeit im Ausdruck: - -»Ach nein, um solche Studien zu machen, bin ich keineswegs hergekommen. -Es wäre mir zu unerträglich, derartige Zustände mit anzusehen, ohne da -helfen zu können. - -Ich könnte mir denken, daß einen das ganz mut- und kraftlos macht für -jede gewohnte Thätigkeit, wenn man einsehen muß, daß man so machtlos -davorsteht. - -Ich wenigstens möchte einen solchen Versuch mir nicht zutrauen.« - -Doktorin Obenauf lachte dröhnend. »_Das_ müssen Sie sich aber -abgewöhnen, wenn Sie Schriftstellerin sein wollen! Man muß alles sehen -können! Leute mit Nerven taugen nichts!« schrie sie, so daß die kleine -Musikschülerin entsetzt zusammenzuckte. - -Ehrhard, Baron von Dunkelmann lächelte überlegen. - -Als keine Antwort von seiten der Angeredeten erfolgte, knüpfte Doktorin -Obenauf mit einer neuen Frage an: - -»Sie können gewiß gar nichts vertragen, nicht wahr? - -Da müßten Sie sich mal zur Abhärtung die Bilder in einem meiner -medizinischen Werke betrachten! Donnerwetter, da würden Sie schön Ihre -Nerven bekommen! - -Die könnten Sie nicht ansehen -- und da die Fräulein Franzenius auch -nicht, -- das versichere ich Ihnen!« - -Die beiden also Zusammengestellten betrachteten sich unwillkürlich -lächelnd. Dann wandte sich Fräulein von Preller zu der Doktorin. - -»Sie könnten vielleicht in Ihren Voraussetzungen recht haben, Fräulein -Doktor,« sagte sie. »Darin nämlich, daß es nicht das Ziel meiner -Wünsche ist, physiologische Abnormitäten mit Wohlgefallen betrachten -zu lernen. Im übrigen kann ich Sie aber über den Zustand meiner Nerven -vollkommen beruhigen.« - -Die Obenauf fühlte nun doch eine Zurückweisung durch und lenkte ein: - -»Wie wollen Sie denn aber als Schriftstellerin das Leben, wie es nun -einmal ist, richtig beschreiben, wenn Sie sich vor jedem dritten Eindruck -fürchten?« - -»Ich glaube, so viele Schriftsteller es giebt, aus so viel verschiedenen -Gründen schreiben sie -- und eben so verschiedenartig sind die Eindrücke, -die sie dazu veranlassen. Ich kenne zum Beispiel ein junges Mädchen, der -es möglich ist, sich jeden Kummer wegzuschreiben. Manchmal fängt sie -weinend an und über dem Arbeiten wird sie ganz froh und ruhig. Ihren -Sachen sieht man es aber keineswegs an, daß sie alle unter Thränen und -Traurigkeit entstanden sind -- sie reden alle von dem, wohin sich nur eines -Menschen Sehnsucht gern verlieren mag.« - -»Das ist aber nicht das richtige. So egoistische Leute, die nur für sich -allein was schaffen, sind keine Künstler,« erklärte die Ärztin. »Die -Kunst muß social sein in allererster Linie.« - -»Es mag wohl sein, daß sie keine wirkliche Künstlerin ist,« sagte -Fräulein von Preller. »Man kommt ja oft ganz von ungefähr zu seinem -Titel -- So verdanke ich ihn im Augenblick nur Fräulein Schulzes -Liebenswürdigkeit die --« - -»Aber gnädiges Fräulein!« rief hier Fräulein Schulze ganz ängstlich, -»entschuldigen Sie doch, aber ich habe Ihnen heute selbst einen Brief -gebracht, der so adressiert war!« - -Fräulein von Preller lachte. »Ja dann wird am Ende so eine fremde -Redaktion besser wissen, was ich bin, als ich selbst! - -Den Titel aber überlasse ich trotzdem lieber denen, die sich einen Beruf -aus dem machen, was mir etwa nur -- Erleichterung ist.« - -Da bekam die Ärztin ein ganz strenges Gesicht. Sie drückte ihren -ausgestreckten Zeigefinger in die Schulter ihrer Nachbarin und fragte -ausdrucksvoll: »Jetzt sagen Sie mir aber mal, mein bestes Fräulein, mit -welchem Recht machen Sie mit ihren leichtsinnigen Anschauungen da -denen Konkurrenz, die von nützlichen und angebrachten Dingen aus -selbstgeschöpfter Erfahrung zu reden wissen, und die auch die -Unannehmlichkeiten ihres Berufs nicht scheuen?« - -Da bekam das junge Mädchen einen ganz eigen hoheitsvollen und abweisenden -Ausdruck. - -Es giebt Menschen, die ihre Wahrheiten in keiner Stunde der Intimität -verraten, denen es aber nicht darauf ankommt, sie in freier Willkür -gleichsam denen vor die Füße zu werfen, die ihnen mit unverständigen -Angriffen begegnet sind. Es ist das ein unerklärliches Bedürfnis, sich -gerade da auszusprechen, wo man gewiß ist, tauben Ohren zu begegnen. - -So sagte sie: »Ich schreibe, weil es so viele Dinge giebt, nach denen ich -mich sehne -- Und ich schreibe, weil ich alles das loswerden will, was in -meinem Leben traurig und verfehlt gewesen ist. - -Zu lange und zu schwer an den Dingen tragen entkräftet -- da wird man -ihrer ledig -- in der Kunst -- - -Und Ideale giebt es, die sind schön und zart über die Maßen -- aber sie -taugen nicht in das Leben -- da trägt man sie hinüber in die Kunst. - -Denn es gilt vor allem, das Leben zu hüten, weil nur von einem ganzen -Menschen ganze Kunst kommen kann. - -Aber sollte es dennoch eine Wahl geben zwischen Leben und Kunst, so würde -ich immer sagen, ›das Leben ist das bessere -- das Leben!‹« - -»Welche Lästerung der Kunst!« schrie die Ärztin entsetzt, wandte sich -ab und vertiefte sich fortan nur mehr in die Genüsse, die der Wald aus -Petersilienkraut verbarg. - - - - -XII - - -Esther konnte oft des Nachts nicht schlafen. Sie hörte dieses gequälte -Husten des Schwindsüchtigen, und wenn es so ganz unerträglich wurde, -fühlte sie sich immer versucht, aufzuspringen und irgendwie zu helfen. - -Sie litt mit unter diesen entsetzlichen Anstrengungen des Atemholens. Sie -machte jeden Anfall mit durch, der ihn mit einem leisen, keuchenden Husten -durchschüttelte, und sie selbst atmete erleichtert auf, wenn sich endlich -dieses verzweifelte Ringen nach Luft wieder legte. -- - -In einer Nacht, da mußte es wohl besonders schlimm sein. Sie hörte ihn -nach der Verlobten rufen: - -»Nancy! Nancy! Hilf --« - -Und nach einer halben Minute wieder: »Kommst du nicht?« -- - -»Sei still, sei still! - -Bleib nur ganz ruhig liegen. Ich bin schon da.« - -Die Stimmen und Geräusche klangen mit einer hohlen Deutlichkeit durch die -Stille der Nacht. - -Esther konnte hören, wie Nancy ihm sein Morphium gab und sich dann ans -Bett setzte und hüstelte. - -»Ist dir auch nicht kalt, Nancy?« - -»Bewahre, ich bin abgehärtet.« - -Eine Weile war alles ruhig, dann: »Mir ist so gut jetzt -- aber magst du -noch ein bißchen dableiben?« - -Esther verstand diesmal keine Antwort. - -»Erzähle mir, Nancy, sprich davon, wie es sein wird, wenn wir verheiratet -sind und drüben in Königs-Wusterhausen in dem kleinen Häuschen am Walde -wohnen --« - -»Ja, das wird gut sein,« sagte Nancy -- »gut für uns beide. Dann haben -wir uns ein nettes bißchen Geld zusammengekratzt und können auf die -elende Hetzerei mit den Redaktionen pfeifen. - -Dann schreibst du in aller Gemütsruhe an deinem Roman, und wenn die -Hofjagden sind, dann verständigen wir uns mit ein paar Zeitungen und -können in aller Bequemlichkeit das Material für die interessantesten -Berichte sammeln.« - -»Ach Gott ja, mein Roman! -- Elend lange liegt der nun schon!« - -»Na Schatz, dann hast du ja doch Zeit die schwere Menge!« -- - -»Famos ist Wusterhausen -- findest du nicht? - -Der Park mit den Linden -- - -Und so überall diese Ruhe -- - -Man sollte denken, da könnte eins in aller Geschwindigkeit wieder zu -Kräften kommen!« - -»Sprich nicht so viel. Ich erzähle dir lieber -- - -Weißt du noch, wie wir zum ersten Mal dort waren und über die Heide -fuhren? So viele gelbe Blumen blühten gerade. Der Kutscher sagte, daß es -Ginster wäre. Wir haben dann ja auch 'n ganzen Packen abgerupft, aber in -der Bahn haben wir sie vergessen. - -Und dann bei der Mühle. Da hingen die Zweige von den Kastanienbäumen bis -ganz ins Wasser -- höchst malerisch! muß man sagen. Man hätte 's gleich -für 'n Gedicht verwenden können -- wenn man nicht die Lyrik so schlecht -bezahlt wäre.« - -»Das elende, elende Geld!« - -»Gut genug, wenn man's hat!« - -»Nancy, rechne mal: wann haben wir genug zusammen?« - -»Na, warte mal -- - -Wenn wir uns vielleicht an dem Preisausschreiben beteiligen -- wir können -ja gut zusammenarbeiten -- und wenn wir dann vielleicht den dritten Preis -zu 5000 Mark bekommen, dann steht doch überhaupt nichts mehr im Wege, -dächt' ich? - -Dann gingen wir vielleicht erst noch den Winter über nach Davos -- Du -weißt ja, da ist jetzt die großartige Einrichtung für unbemittelte -Lungenkranke. Und wenn wir dann unser bißken los sind -- und 's wird recht -schön warm bei uns hier -- so gegen Mai hin -- dann siedeln wir über.« - -»Nancy, weißt du's noch genau: wie heißen gleich die Bedingungen für -das Preisausschreiben?« - -»Ein moderner Stoff, der Tagesfragen berührt -- nicht über 20.000 -Zeilen --« - -»Nicht über? -- Das ist gut! Als ob jemand mehr schriebe, wenn nicht -Zeilenweise bezahlt wird!« - -»Tagesfragen -- liegen uns ja nahe.« - -»Können wir -- mit Leichtigkeit.« - -»M. w. -- m. w.!« sagte Fräulein Nancy. - -»Nancy -- war nicht neulich in der ›Litterarischen Praxis‹ nicht auch -ein Preisausschreiben zur Reklame für eine Strumpfwirkerei?« - -»Jawohl: 300 Mark als erster Preis. M. w. ebenfalls.« - -»Nancy -- ich bin -- jetzt -- müde.« - -»Na, dann gute Nacht, mein Schatz!« - -Esther hörte Fräulein Nancy in ihr Zimmer zurückgehen. -- -- -- -- - -Am nächsten Morgen kam Fräulein Schulze ganz verstört zu Esther -hereingestürzt. - -»Ach Gott, mein liebstes, bestes Fräulein,« rief sie, »ich möchte -ja nicht, daß es jemand anders erfährt, aber zu Ihnen muß ich mich nun -aussprechen -- sie haben es auch am Ende so dicht nebenan schon selbst -gehört: Ihr Zimmernachbar ist heute früh gestorben -- an einem Blutsturz --- so ganz auf einmal!« - -Esther fühlte, wie sich ihr die Kehle zusammenschnürte vor Mitleid und -Entsetzen. - -»Weiß es denn schon die Braut?« fragte sie endlich. - -»Jawohl, die sitzt bei ihm und will niemand bei sich haben. Sie sagt, daß -sie ausziehen will, sowie er unter der Erde ist.« - -»Kann man denn nichts für sie thun?« fragte Esther mechanisch. Und dann -noch einmal voll Wärme: »Besinnen Sie sich doch, Fräulein Schulze, was -man da thun könnte!« - -»Da kann nur unser Herrgott helfen -- für mich ist dieses ganze -Vorkommnis ja auch sehr peinlich -- wer weiß, ob niemand deshalb -auszieht,« sagte Fräulein Schulze und wischte sich mit dem Taschentuch -die Augen. - -»Ach nein, vielleicht ist es doch möglich,« meinte Esther, »ich will -jetzt gleich vor der Malstunde einmal hinübergehen.« -- - -Sie klopfte an und trat auf ein rauh hervorgestoßenes »Herein!« in das -Zimmer. - -Es war ein ganz winziges Kämmerchen -- ungleich dürftiger noch als das -ihre. - -Der Tote lag ausgestreckt auf seinem Bett. Er hatte ein leidensverzerrtes -Christusgesicht. - -Esther ging auf Fräulein Nancy zu, die ihr feindlich entgegenstarrte. Sie -wagte kein Wort des Beileids zu sagen, bot nur ganz schlicht ihre Hilfe an. - -»Lassen Sie mich in Ruhe,« sagte Fräulein Nancy, »ich gehe Sie -nichts an, und Sie gehen mich nichts an. Das hier ist allein meine -Angelegenheit.« - -Esther ging still wieder hinaus. Sie traf Fräulein Schulze im Gang. -»Nun,« fragte die, »haben Sie was erreicht?« - -Esther verneinte niedergeschlagen. - -»Ich sagte es Ihnen ja, liebes Fräulein, da kann nur unser Herrgott -helfen!« - - - - -XIII - - -In den Straßen ging die Luft weich und wehend. Esther spürte diesen -feinen, durchdringenden Geruch des einbrechenden Frühlings, und da stieg -es plötzlich in ihr auf wie eine leise Neugier nach fernen, fernen, -halbvergessenen Dingen. - -Wie ist doch das? - -Man geht an Frühlingstagen wie durch ein Feld, auf dem Erwartung und -Sehnsucht nach künftigem Genießen sproßt. - -Ist es wohl so? -- - -Aber sie -- sie gehörte doch zu denen, die für sich selbst nichts mehr -zu erwarten haben -- denen sich das Leben geweigert hat. Zu denen, die nur -noch tapfer sein wollen. - -Doch der Wind streifte sie wie ein verwehter Klang der Heimatssprache. - -Wie träumend ging sie von dem gewohnten Rückweg aus der Malschule ab und -verfolgte die Richtung nach dem Tiergarten. - -Überall standen an den Straßenecken Blumenverkäufer mit italienischen -Anemonen und Mimosenzweigen, deren linder Geruch gleichsam die Luft -verjüngte. - -Esther trat in einen Blumenkeller und kaufte ein paar Narzissen -- ihre -Lieblingsblumen. Sie trug sie sinnend vor sich her. - -Über den Straßen des Tiergartenviertels glänzte weißes, trocknes Licht. -Aus den Gärten herüber drang üppiger Blumenduft der ausländischen -Pflanzen, vermischt mit dem herben Geruch von jung keimendem Grün. - -Und dann war der Tiergarten erreicht. - -Ein zartgrünes, durchdringendes Licht spiegelte von den jungen -Blattknospen auf den Weg herab. - -Wie schön das alles war. Ja, sie wußte, daß alles das schön war, -was sie umgab -- aber sie vermochte es nicht zu fühlen. Eine lähmende -Starrheit lag über ihrer Seele, die der alte leichtbewegliche -Schönheitssinn vergeblich zu durchbrechen suchte. - -Wie Scham über ein heimliches Gebrechen empfand sie diese Starrheit -plötzlich. Und sie quälte sich damit und suchte nach Gründen. - -Sie dachte: Wie kann es nur sein, daß eine bloße Enttäuschung, die uns -nicht einmal im tiefsten traf, so zu töten vermag, während ein großer, -echter Schmerz lebenschaffend wirkt? - -Sie erinnerte sich, wie sie einmal das Leid getragen hatte wie ein -heimliches Glück. Wie ringsum alles zu Leben erstand -- geheimnisreich und -tief. Wie jeder Vorgang bedeutungsvoll wurde, weil er sich in einem heißen -Herzen spiegelte. - -Doch dann war jener Irrtum des Fühlens gekommen, der die Lebenskraft -langsam, fast unmerklich in sich sog, der sie ganz im geheimen leer -und unfähig machte, während ihr schien, sie habe kaum etwas daran -gesetzt. -- -- - -Sie ging an den Teichen entlang, dann über eine Brücke. - -Schwäne kamen fauchend und mit erhobenen Flügeln angeschwommen. Wie ein -hellgrünes Netz über schwarz-goldenem Grund spiegelten sich die jungen -Knospen im Wasser. - -Esther blieb stehen, senkte den Kopf immer tiefer, lehnte sich an den -Brückenpfeiler. - -Da kamen ihr ein paar Worte -- arme, geborgte Worte -- sie hatte wohl keine -eigenen mehr: Verfehlte Liebe -- verfehltes Leben -- -- - -Und die Schwäne reckten sich zischend zu ihr herauf, und die Worte fielen -wie eine geheimnisvolle Last in das golden schwarze Wasser. -- -- -- -- - -»Fräulein Franzenius, da stehen Sie nun immer und unterhalten sich mit -den Schwänen?« - -Esther sah auf. Fräulein von Preller stand neben ihr. - -»Ich habe Sie gar nicht gesehen,« sagte Esther mit einem scheuen -Lächeln. - -»Natürlich nicht,« meinte die andre und sah ihr mit einem sonderbar -guten und warmen Blick entgegen. - -Esther dachte: »Sie ist schön.« Und dann: »Hat sie mir auch jetzt eben -gewiß nichts ansehen können?« - -Nein, gewiß ahnte sie nichts dergleichen. Sie fragte ganz harmlos: -»Darf ich nun mit Ihnen zurückgehen? Denn wir müssen doch gewiß recht -pünktlich zum Mittagessen kommen, sonst machen wir das arme Fräulein -Schulze ja unglücklich.« - -»Gern, wenn Sie mögen.« - -Esther war ganz erleichtert, daß sie sich nicht durchschaut fühlen -mußte. - -So gingen sie nebeneinander durch den Tiergarten zurück. - -Fräulein von Preller machte kleine Bemerkungen über die Umgebung. -»Schade, daß ich kein Brot für die Schwäne mithabe,« sagte sie. »Sie -erwarten es eigentlich nicht anders von jedem Vorübergehenden. Sie stellen -sich auf und fordern Zoll. Und wer nichts zu geben hat, den verfolgen -sie höchst ärgerlich noch ein Stückchen auf dem Land, dort wo es ihnen -eigentlich schon fast unmöglich ist, sich fortzubewegen. Alles das, weil -sie sich recht sehr enttäuscht fühlen.« - -Dann kam ein Kinderfräulein vorbei mit einer Schar kleiner aufgeputzter -Judenkinder. Sie trippelten alle ganz vorsichtig in ihrem Staat einher und -hatten traurige, müde Augen. - -Fräulein von Preller sagte: »Es thut mir immer weh, wenn ich Kinder sehe, -die nicht laufen und springen dürfen. Mir scheint, solche Kinder haben -für ihre kleinen beständigen Entsagungen mehr zu dulden, als irgend ein -Erwachsener über seinen reifen Kummer, den ihm das Schicksal auferlegt. -Immer wenn ich solchen kleinen unglücklichen Wesen begegne, wünsche ich -mir nichts mehr, als an Stelle dieser leeren Holzpuppen zu sein, und dann -würde ich selbst mit den Kindern um die Wette Kinderstreiche machen. -- -Natürlich wäre ich dann bald genug von der betreffenden gnädigen Mama -entlassen,« setzte sie lachend hinzu. - -Esther hörte gern zu. Die alleralltäglichsten Sachen klangen gut und warm -durch die Art, wie sie gesprochen wurden, und die etwas tiefliegende Stimme -war wie von Leben durchzittert. - -Da plötzlich nach einer kleinen stummen Pause brach Fräulein von Preller -in die Worte aus: »Ich wollte, alle Geheimnisse wären so schön wie die -eines Frühlingstages. Kein Mensch dürfte etwas Trauriges verbergen -- -dann würde ein jeder umhergehen und den andern glücklich machen mit dem, -was er verschweigt.« - -»Was kann ein Mensch dazu thun, wenn er trübe Geheimnisse tragen muß?« -sagte Esther leise. - -»Sie tot machen! Sie ganz ertöten und überwinden, und dann -- ein neues -Glück darauf bauen!« - -»Glauben Sie nicht, daß es Verhältnisse giebt, die kein neues Glück -zulassen -- die _das_ Glück nicht zulassen?« - -»Nein -- nie!« - -»Sie meinen?« - -»-- daß jedes Glück gewollt und erzwungen werden kann.« - -»Glauben Sie nicht, das ergäbe eine recht billige Moral?« - -»Ich weiß, daß sich das, was ich jetzt sagen will, sehr leicht -mißverstehen läßt -- trotzdem: ich glaube, daß für jeden Menschen, -auch für den, der gewohnt ist, nie nach billigen Moralen zu handeln, -einmal der Augenblick kommt, wo er sich jenseits der Moral stellt. Es -ist für ihn der Ausnahmefall -- das Zugeständnis an die Forderung des -brutalen Lebens. _Wann_ diese Zeit aber gekommen ist, hat jeder anständige -Mensch allein mit sich selbst abzumachen. Er allein muß wissen, wie viel -Kampf und Schmerz er einzusetzen hat, ehe er sich sein Glück nimmt. - -Man hat viel von einer Moral gesprochen, die im Namen der Schönheit und -Freiheit verkleideten Häßlichkeiten das Wort redet. Darüber sind wir -jetzt hinaus. Unsre ganze Zeit ist darüber hinaus. Wir wissen nur mehr von -einer Ästhetik, die sich mit Ethik deckt. - -Wir haben uns von den mißverstandenen Idealen der Freiheit entfernt und -lassen wieder die Gesetze der Güte und Großmut über uns stehen, die im -Grunde stets für den besseren Menschen gegolten haben. Und an wen es nun -kommt, daß er abweichen muß, von dem, was er für gut hält, der hat -einen strengen Kampf mit sich selbst zu führen -- und er wird ihn hart -kämpfen -- nur sich nicht zerstören lassen.« - -»Aber könnte es nicht einmal -- die Pflicht eines Menschen sein, sich in -diesem Sinn zerstören zu lassen!« - -»Nie. -- Allein schon darum nicht, weil ein gebrochener Mensch -- ganz -objektiv geurteilt -- durch seine Person ebensoviel Unheil anrichten muß, -wie er sonst Glück geben könnte. Sein Bestes kann ja nur noch Resignation -sein.« - -»Und das Unglück, das er anrichtet, wenn er sich nimmt, was ihm nicht -zukommt?« - -»Das -- muß er als ehrlicher Streiter thun. Und noch einmal: Er muß -wissen, _wann_ er es thun darf -- er allein. - -Ein guter und ganzer Mensch wird immer von guten Instinkten geleitet -- ein -gebrochener kann nur noch Unheil anrichten -- ganz unbewußt und ungewollt -vielleicht.« -- - -Sie gingen nun das letzte Stück schweigend nebeneinander. Das helle -Frühlingslicht floß zitternd an ihnen herab. Esther war es, als hörte -sie ganz von ferne Glocken klingen. Feiertagsglocken waren das -- wurde -nicht das Leben eingeläutet? - -Das alles drängte sich ihr so heiß zu Herzen. Und auch das Traurige wurde -milde. - -Esther dachte: »Das war es -- ja, das war es: ich mußte Unheil anrichten --- überall wohin ich kam. Ich hatte nichts Ganzes und Gutes einzusetzen, -weil ich dort nicht kämpfen durfte, wo meine Seele begehrte. -- -- - -»_Mit meiner ganzen Seele begehre ich nach dir!_« - -Ja, mit diesen Worten dachte sie plötzlich an den alten Wunsch. Lebensvoll -wie nur je trat er hervor aus langem, langem Schweigen. - -Der Kampf war zu Ende. - - - - -Dritter Abschnitt - - - - -XIV - - -So oft hatte Esther sich die Heimkehr in Gedanken vorgestellt, daß nun die -Wirklichkeit für sie gar kein Leben gewinnen wollte. - -Sie ging immer nur vor sich hin und dachte, ob es dies eine Mal auch gewiß -kein Traum sei, wie so oft schon vorher. - -Es war ein weicher Märztag gegen die Dämmerung zu, und überall lag noch -ein Duft von Sonnenwärme. Kein bekannter Mensch begegnete ihr unterwegs. -So kam sie bis an den Garten. - -Sie konnte sich Zeit lassen. Niemand ahnte ja, daß sie schon hier war. -Leise klinkte sie das Pförtchen auf und ging über die regenfeuchten -Wege. Bräunlich war noch der Rasen von vergangenem Schnee, nur einzelne -frischgrüne Lichter lagen darüber. - -Aber da -- hinter den großen Erlen wuchsen Schneeglöckchen! - -Wie oft hatte sie sich den Garten vorgestellt und immer gemeint, so bis -auf alle Einzelheiten noch alles genau zu wissen. Und nun wuchsen da -Schneeglöckchen, an die sie nie mehr gedacht hatte. - -Nein, es war kein Traum, diesmal! - -Ein unendlich zärtliches Gefühl -- eine kindliche, kindliche Freude -erfüllte sie. Und sie meinte, es hätte ihr kein lieblicheres Erlebnis -werden können, als daß daheim die Schneeglöckchen blühten. - -Weich und fast heiter war sie, während ihr stille, warme Thränen -über das Gesicht liefen. Alle großen, leidenschaftlichen und dunklen -Empfindungen schwiegen vor der kleinen, kindlichen Freude. - -Alles war gut und milde in ihr, und sie war bereit, unter glückliche -Menschen zu treten. -- - -Sie ging langsam auf das Haus zu. Amseln rannten vor ihr über den Weg und -versteckten sich zwitschernd in den kahlen Büschen. Das Haus lag stolz und -feierlich vor ihr. Alles war ihrem Herzen ein weiches Entzücken. - -Da trat jemand auf die Veranda heraus. War das Lydia? Sie schien so viel -weiblicher, anmutiger. - -Sie ging hin und her, dann blieb sie am Geländer stehen, und ihre Finger -spielten in den dürren Weinranken. - -Esther kam langsam auf sie zu. »Lydia!« - -Das Mädchen griff sich nach dem Herzen. Dann schritt sie zögernd die -Stufen hinunter in den Garten, während Esther unwillkürlich stehen blieb. - -»Ach du, mir war es, als müßtest du da sein,« sagte Lydia. »Deshalb -bin ich herausgekommen.« - -Sie gaben sich die Hand, denn es waren nie nähere Zärtlichkeiten zwischen -ihnen üblich gewesen. Aber Esther fühlte die ganze alte Treue in dieser -einfachen Begrüßung. - -Dann gingen sie miteinander, sich noch immer bei der Hand haltend, ins Haus -hinein. - -»Ich bringe sie Euch!« sagte Lydia, und Esther sah die beiden zusammen, -die sie in Gedanken hatte trennen wollen. - -Sie waren schöner noch geworden -- beide. Und es schien, als könne man -sich keinen ohne den andern denken. Sie paßten zusammen, wie ein Bildwerk, -das der Künstler aus einem einzigen Marmorblock gemeißelt. - -Fast schien es, daß eine körperliche Ähnlichkeit zwischen ihnen -entstanden war. - -Maria nahm die Schwester in ihre zarten Arme und küßte sie. Esther -fühlte einen warmen, schmeichelnden Hauch im Gesicht. - -Wie war es doch? War sie nicht gekommen, um dieser da das Glück zu rauben? - -Das alles lag so fern. - -Sie fühlte sich auf eine neue, feinere Art eins mit ihnen allen. Das -tödliche Begehren schwieg. - -»Wie schön, daß Sie gekommen sind, Esther,« sagte Lothar. - -Esther fühlte etwas Fremdes an ihm -- vielleicht, daß seine Freudigkeit -leichter, harmloser als früher war. Er hatte ja auch im Glück gelebt. - -»Ja, wir wollen es jetzt gut miteinander haben -- und nie wieder gehst du -fort, Schwesterlein, ja? Versprich uns das!« - -Und Maria hob sich ein wenig auf die Fußspitzen, während ihre Hände -auf Esthers Schultern ruhten. So waren sie gleich groß, daß sich die -Gesichter gegenüberstanden. Maria lächelte zärtlich. - -»Wenn du wüßtest, wie glücklich ich bin, wieder hier zu sein,« sagte -Esther. - -»Ja -- nicht wahr? Ich habe nie begreifen können, daß du fort -mochtest.« - -Nun mußte Esther erzählen. Sie wunderte sich selbst, wenn sie so -leicht über die vielen Kleinigkeiten reden konnte, die teils aus einem -allzubedeutungsvollen Leben stammten, teils aus jener toten Zeit, wo alles -Äußerliche an ihr vorüberging, wie ein gelesenes Wort, das nicht zum -Herzen dringt. - -Zuweilen begegnete sie Lydias gutem Lächeln. - -»Aber ich will nun zum Vater,« sagte Esther. - -Ach richtig, der Vater! Ihn hatte man ja ganz vergessen. - -»Mein liebes Kind -- mein liebes Kind,« sagte der alte Franzenius immer -wieder und schüttelte seiner Tochter die Hand. - -»Vater --« Esther sprach es ganz leise, gleichsam, wie um sich zu -erinnern. - -»Wie geht es dir denn, mein liebes Kind?« Er besann sich sehr, um etwas -zu reden. Eigentlich gab es ja gar nichts zwischen ihnen, was sie sich -mitteilen mußten. Sie hatten eben nur immer nebeneinander hergelebt und -nur das besprochen, was der Alltag mit sich führte. -- - -Und dann saßen sie alle zusammen um den großen runden Tisch. Und Lydia -hatte die Theemaschine vor sich und sah sehr hausmütterlich aus. Alle -behandelten sie mit sehr viel Respekt und zugleich mit einer Art, als ob -sie ganz schrecklich abhängig von ihr wären. - -Lydia hatte Würde bekommen. - -Es lag etwas Zufriedenes, Beglücktes über einem jeden von ihnen. Esther -fühlte, hier war sie nicht entbehrt worden. - - * * * * * - -Am nächsten Tag ging sie mit Maria durch den Garten. - -Maria ließ die knospenschweren Zweige durch ihre Finger gleiten. »Bald -werden wir Blüten haben,« sagte sie. »Und auch heiraten können wir -dann.« - -Esther traf es so tief und schneidend. Sie hätte sich aufbäumen mögen, -wie ein verwundetes Tier. - -Sie blieb vor Maria stehen. - -»Hör' mich, Maria, ich muß dir etwas sagen --« - -Maria sah ihr ruhig und unschuldig ins Gesicht. - -Nun mußte sie der Schwester gestehen, daß sie gekommen war, um ihr -den Geliebten zu nehmen. Ja, das mußte sie jetzt, damit es ehrlich war, -zwischen ihnen. - -»Hör' mich, Maria, ich muß dir etwas sagen,« wiederholte sie zögernd. - -Und dann zitterte ihr Blick fort von den klaren, fragenden Augen der andern --- und sie ging wortlos weiter. - -»Was war es, das du mir sagen wolltest?« fragte Maria neben ihr -hinschreitend. - -»Nichts -- o, nichts von Bedeutung.« - -»Arme Esther, du siehst so gequält aus -- du mußt viel gelitten -haben,« sagte die schöne Maria. Und über ihr wiegten sich segnend die -blütenverheißenden Zweige, und die Blümlein freuten sich, wenn sie das -Kleid der Allerschönsten streifte. -- - -Lothar kam in den Garten. Und wie von je suchten seine Augen Marias -gesegnetes Angesicht. Aber nicht mit dem müden, schweren Ausdruck von -einst kam er zu ihr -- die Frohheit und Sicherheit des Glückes hatte auch -ihn durchdrungen. - -Esther dachte: wir sind uns so viel fremder geworden. Ich muß ihm ja nicht -mehr wie damals mit Schmerzen folgen -- er ist glücklich. - -Und das Gefühl der Einsamkeit, das vor der ersten Heimatsfreude -zurückgewichen war, durchdrang sie wieder. - -Nie wird es sich aus einem Menschen löschen, wenn er einsam gewesen ist in -jener bittern, schweren, sehnsüchtigen Einsamkeit, die zu keusch ist, um -nach »Menschen« zu greifen. - -Die lieber ihr Leid trägt, als sich an ihrer Schmerzen Heiligkeit -vergreift. - -Und die doch so arm und tiefgebeugt werden kann, daß sie sich sehnt, mit -weggewandtem Gesicht die Hand auszustrecken, bettelnd, ohne den Geber -zu sehen -- um dann doch immer nur die Gabe verschmäht aus den Händen -gleiten zu lassen. - -Denn heiliger sind alle Schmerzen der Sehnsucht, als jede Erfüllung aus -fremder Hand. -- - -Und sie dachte: Ich möchte dich hinabziehen zu meinen Schmerzen, zu meinen -Entbehrungen und Kümmernissen. Nur daß ich dich für mich allein hätte. - -Du bist mir fremd geworden in deinem Glück. Ich aber sehne mich nach -Schmerz und Erdenschwere an deiner Seite. - -Alle Güte war von ihr gewichen. Sie sah auch nicht die Lieblichkeit der -Schwester mehr. - -Sie sah Lothar mit einem dunklen Blick an. »Ich muß dich zu mir sehnen -können,« dachte sie. - -Seine Augen aber glitten an ihr vorüber. Und er verstand sie nicht. -- - -O sie wußte wohl, er war nicht von jener feilen Art, die sich durch ein -Wohlgefallen von ihrer Liebe ablocken läßt, wie jener, an dem sie sich -geirrt hatte -- - -Aber das was sie ihm bot, mußte er doch fühlen als das Kostbarste, was je -ein Mensch dem andern bewahrte -- die Sehnsucht eines ganzen Lebens -- - -Diese todesstarke Sehnsucht mußte ihn zu ihr zwingen. -- - - - - -XV - - -Und der Frühling kam so mit Macht! - -Einmal noch hatte der Winter das frühe Grün überdeckt, aber nun tauten -schon wieder die Wasser von den Bergen und schossen durch das Flußbett. -Weidenruten wurden im raschen Vorüberbrausen ergriffen, bogen sich, -wehrten sich, wurden von der Strömung in die Länge gezogen und schnellten -das Wasser peitschend zurück. Die Wiesen aber glichen Teichen, aus -denen das Erlengesträuch mit hilflos erhobenen Armen emporstarrte. Und -fortwährend war ein Rauschen in der Luft, als stürme die Sehnsucht durch -das Land. - -Ja, alle Einsamkeit wollte sterben, und in jedem Auge war Hoffnung. -- - -Esther fühlte sich so eng verbunden mit ihrer Heimat, mit diesem Land, -wo der Frühling so anders kommt als anderwärts. Wo er kommt wie ein -plötzlicher starker Wille nach langer Beherrschung, wie ein Wille, der -niedergekämpft lag in langen Zeiten -- niedergehalten mit ehrlicher -Kraft. Und nun steht er auf -- wild und riesenstark geworden, während er -gebändigt darniederlag. - -Esther fühlte sich so eng verbunden mit ihrer Heimat, mit diesem -Land. -- -- -- -- - -Und das Wasser trat zurück und leuchtete in der stolzen schimmernden Ruhe -der Blütenzeit. - -Wie mit weißem Schaum bedeckt standen die Bäume. Und war es nicht, als -hörte man die Erde knistern unter dem Hervorbrechen der Blumen? - -Alle Farben waren blank und glatt vor Unberührtheit. Ein feiner, -schwebender Duft ging wie Liebesahnung durch die Natur, wurde voller und -stärker und strömte zuletzt wie ein einziger tiefer Klang über alles -Land. -- - -Hätte jetzt jemand Esther gefragt: »Ist es so? Ist es das: Du gehst umher -und suchst den mit Gewalt an dich zu reißen, den du liebst -- du bist -schön geworden, weil du siegen willst, ist es das, Esther?« -- Hätte -jemand so gesprochen, so würde sie antworten müssen: »Ja, so ist es.« -Und sie hätte auch noch gesagt: »Sieht mir das nicht ein jeder an? Ich -bin schön geworden, weil ich seiner begehre!« - -Wie eine köstliche Gewißheit trug sie es in sich, daß er zu ihr kommen -würde, kommen mußte eines Tages. Ihr schien, sie hätte nicht mehr -gejubelt und nicht mehr geweint, wäre es so gekommen -- sie hätte es -souverän entgegengenommen, als das was ihr gebührte. - -Da war kein Zweifel mehr und auch kein Zurückschrecken vor dem Leid, das -sie der Schwester damit thun wollte -- - -Es gab nur noch das eine Recht, das sie sich kraft einer todesstarken -Sehnsucht errungen hatte. -- -- - -Sie ging im Garten und hörte auf seinen Schritt. Sie wußte immer im -voraus, wenn er kommen würde. Sie brauchte sich nicht einmal nach -ihm umzusehen -- sie kannte ein jedes Geräusch, das mit seinem Kommen -zusammenhing. - -An den Fliederbäumen blieb sie stehen, die ihre kleinen Blüten noch wie -Fäustchen ballten. - -»Bis der Flieder blüht, sollst du mir gehören,« dachte sie. - -Und wenn er vor ihr stand, sagten ihre Augen: »Komm zu mir! Komm zu mir!« - -Und sie ging hinaus in die Berge. Und dort, wo alle verschwiegenen Plätze -ihre alten Geheimnisse kannten, warf sie sich an den Erdboden -- mitten -hinein in die honigduftenden, sonnengelben Schlüsselblumen und dehnte ihre -festen jungen Glieder und that die Augen weit auf vor dem Licht. - -Und dann fühlte sie die Liebe wie ein leises Beben am Herzen und horchte --- horchte hinein in den Frühlingstag. -- -- -- -- - -Einmal aber, wie sie draußen vor dem Gartenzaun vorbeiging, hörte sie -dort drinnen Lothar zu Maria sprechen. Und er sagte: »Esther ist so schön -geworden -- anders noch als früher. Man möchte immer von ihr denken, daß -sie ein beglückendes Geheimnis in sich trägt.« - -Und Maria lachte. Leicht und sorglos lachte Maria. Maria, die Schönste, -Maria, die Geliebteste hatte keine Antwort als ein kleines Lachen. - - - - -XVI - - -Und es kamen die stillen, schweren Tage des Frühsommers. - -Alles Blühen wurde farbenreicher und üppig, und die Luft stand zitternd -und hell über der Erde. - -Es war gegen Abend. - -Esther saß mit der Schwester und Lothar im Garten. - -Die Vögel stießen schrille, scharfe Locktöne aus, die in der unbewegten -Luft wie erstickt abbrachen. - -»Es ist noch immer so heiß,« sagte Maria. »Die Büsche sind so dicht -geworden und halten die Tageshitze gefangen. Wollen wir nicht einmal nach -dem Berggarten sehen?« - -Und sie gingen den grünen Heckenweg hinter der Stadt hinaus und erstiegen -einen Berg, an dessen Hang sich Weingärten hinzogen. - -Es war schon ein wenig dämmerig im Thal, droben aber lag noch das -weißliche, schon abgetönte Licht des Sommerabends. - -Ganz hinauf stiegen sie, bis zu einem kleinen Steinbruch, der von -Schlehengestrüpp durchwachsen war. - -Da hatten sie unter sich den weiten, blühenden Hang, der einmal ein -wohlgepflegter Weinberg gewesen. Jetzt aber wucherten die tiefen Farben -der Akelei zwischen den Reben, und weiße, scharfduftende Rosen waren im -Erblühen. - -Weit, weit unten lag die Stadt, aus deren Dämmern sich kleine, unsichere -Lichtfunken hoben, und aus den fernen bläulichen Kornfeldern, die sich mit -dem Sinken des Abends entfärbten, roch es frisch herüber. - -Das Schönste aber waren die weißen Irisblüten. - -Hell und gleißend erhoben sie sich dicht vor ihnen gegen den Abendhimmel. - -Der Mond kam leicht und durchsichtig hinter den jenseitigen Bergen hervor -und strich zögernd über den Himmel. - -Die Irisblüten waren wie weiße, flackernde Flammen. Esther beugte sich -tief hinab zwischen die glatten, glänzenden Stiele, die sich knirschend -aneinander rieben und atmete den kühlen, unsagbar feinen Duft. Von der -Nachtluft leicht bewegt, flatterten die Blütenblätter mit einem sirrenden -Ton, der wie Seidenrauschen klang. - -Maria erhob sich von dem steinernen Sitz und trat unter die Schwertlilien. -Sie bog die Stengel auseinander und legte sich mitten unter sie. - -Esther sah hinüber zu Lothar. Der blickte weit hinaus in das nächtige -Land. - -Aber der Nachtwind strich vorbei wie eine Sehnsucht nach kühlen, -rätselhaften Geheimnissen. - -»Ich liebe dich,« dachte Esther. »Ich liebe dich -- -- - -Dringt es denn nicht zu dir? Kann meine Liebe noch für dich schweigen in -dieser Nacht?« - -Doch er schwieg und sah weit hinaus in das nächtige Land. - -Da war ihr, als müsse sie sich jetzt erheben und zu ihm gehen und seine -Hand fühlen. Als müsse sie sagen: »Komm nun zu mir, denn du bist bei mir -zu Hause -- bei mir allein.« - -Aber sie regte sich nicht, folgte nur seinem fernen Blick. - -Und es wurde ganz ruhig in ihr, ruhig wie zu einem angestrengten Horchen. -Und ihr war, als sehe sie dort draußen im unbestimmten Licht zwei Seelen -zusammenfließen -- dort draußen -- weit -- zwischen Himmel und Erde. - -Und ein tiefes, geheimnistrunkenes Glück verschleierte alle Wirklichkeit. -Sie gab sich ganz dem Entzücken des Traumes hin. - -Sie dachte: »Was geht mich die Erfüllung an und die Ewigkeit der Seligen? -Liegt nicht alle Ewigkeit in diesem Augenblick?« -- - -Maria richtete sich halb zwischen den Irisblüten auf. »Was denkst du -jetzt?« fragte sie Lothar. - -Der wandte sich wie zögernd ihr zu. - -»Ich dachte, wie leicht es sei, auf die Ewigkeit zu verzichten, da man sie -doch fühlen kann in einem Augenblick.« - -Da wußte Esther, es gab keine Täuschung mehr: Fern von der Welt der -Wirklichkeit und des Bewußtseins hatten sich ihre Seelen berührt. - -Und sie weinte ganz still -- sie weinte die wunderbaren Thränen um eine -erste bräutliche Berührung. -- -- -- -- - -Maria war es, die zuerst sagte: »Es wird spät, wir müssen heim.« - -Und wie sie wieder den Weg hinabgingen, schmerzte es Esther gar nicht mehr, -daß Lothar und Maria sich an der Hand hielten wie Menschen, die allein -für einander bestimmt sind. - - - - -XVII - - -Die Schwermut des Verblühens lag über dem Land. - -Im Garten beugten sich die Lilien, die Reseda wucherte in den Rosenbeeten, -und das Grün der Blätter vertiefte sich. - -Ein schwerer Duft rang sich aus der Erde los, und die Schatten waren sehr -dunkel. -- - -In dieser Zeit traf es sich einmal, daß Esther mit Lothar allein war. - -Sie gingen nebeneinander den Kiesweg auf und ab, der ganz unten im Garten -an der Ligusterhecke entlang führte. - -Und Esther fühlte die Zeit verrinnen, als sei sie kostbar wie das Wasser, -das der Durstende in der hohlen Hand geschöpft, und das nun Tropfen um -Tropfen zwischen den Fingern hindurchgleitet. - -Endlich sagte Lothar: »Sie muß bald kommen.« Er dachte an Maria. - -»Ja, sehr bald,« antwortete Esther. Sie dachte: Tropfen für Tropfen -verrinnt -- Tropfen für Tropfen. Aber was will ich denn noch? Ist nicht -jeder Wunsch zur Ruhe gegangen in jenem geheimnisvollen Glück? - -Und sie fühlte, wie ihr die schwermütige Lieblichkeit des -Spätsommertages zu Herzen ging -- sie gleichsam heimatlich berührte. - -Lothar sagte: »Ich liebe diese Zeit in der Natur mehr als irgend eine -andere. Sie ist mir näher, vertrauter als manche, die ich schöner -finde.« - -Esther lächelte nur, wie er ihre Gedanken aussprach. Sie sagte: »Es giebt -so viele Dinge, mit denen es so ist. Wir gehen vielleicht von ihnen fort, -um etwas anderes über die Maßen schön zu finden -- aber dann treibt es -uns eines Tages doch wieder zurück zu dem, was uns heimatlich ist.« - -Lothar fiel ihr ins Wort. »Und dann das -- es ist das Sonderbarste: Wir -wissen uns verwandt mit irgend einer fernen Zeit -- einer Zeit, die lange -vor uns lag. Und alles, was uns im Leben von dorther berührt, macht uns -Heimweh.« - -»Ja,« sagte Esther, »ich habe auch zuweilen gedacht, daß es jene Zeit -ist, der wir angehören sollten. Nun glaube ich aber mehr noch, es ist die -Verlassenheit, die auf allem Zurückgebliebenen aus fernen Zeiten liegt, es -ist die Vergangenheit an sich, die so bethören kann. - -Dort suchen wir uns dann eine Heimat, wohin wir alle erträumte -Schönheit tragen können -- eine Heimat, die sie mit uns vor den Menschen -verschweigt.« - -Esther sprach nicht weiter und fühlte nun seinen Blick. Sie hörte auch -seinen Atem wie in Erregung tiefer gehen, sah aber nicht auf zu ihm. - -»Esther -- Sie sagen das -- was in mir ist --« - -Seine Worte waren zögernd, wie eine Frage gesprochen. - -Esther dachte: »Warum soll er es nicht wissen, daß wir einander ähnlich -sind wie nie zwei Menschen zuvor? --« - -Und sie erwiderte ihm nichts. - -Da sagte er, und seine Stimme klang seltsam bewegt: »Ja, Esther, wir sind -uns sehr gleich. Und es thut gut, einen Kameraden im Leben zu wissen, zu -dem die Dinge kommen wie zu uns selbst. - -Maria ist anders. - -Marias Heimat liegt in dieser Zeit und doch in einer höhern Welt. Zu ihr -kommen die Geschehnisse schon geläutert und vergeistigt -- gleichsam wie -mit Engelsflügeln. - -Aber alles Frohe und Leichte bedarf der Schonung. Es giebt so viele -Freudenzerstörer. Sie braucht jemand, der sie schützt vor allem Schmerz --- einen von uns Schweren, die in der Erde wurzeln und die Heimat in -irdischen Vergangenheiten suchen. Einen von uns, die wir noch die Sehnsucht -als Schmerz und Vereinsamung empfinden -- und eben deshalb lieben müssen, -was strahlend und leicht und erdenfern ist. - -Einen von uns, dem sie Erlösung und Erhöhung ist. - -Niemand kann wie Sie meine Liebe zu Maria verstehen, Esther --« - -»Ja, das kann ich,« sagte Esther so langsam und leise, daß ihre Stimme -klang wie ein verwehter Ton. -- - -Marias weißes Kleid schimmerte schon durch die Büsche -- - -Und dann kam sie selbst -- schön und gütig wie das Licht. - - - - -XVIII - - -Da kam ein Brief aus Dänemark von Eliza. - -Sie schrieb zuweilen diese kleinen Briefe, die klangen wie zärtliches -Vogelgezwitscher. Und Esther waren sie immer eine schmerzliche Freude. - -Als Esther den Umschlag öffnete, fiel aus dem zusammengefalteten -Briefbogen eine Karte Adam Rudes. Die las sie zuerst, denn sie fürchtete -schlimme Nachrichten. - -Er schrieb: - - »Mein liebes Kind! - - Wenn es Dir möglich ist, thue es Eliza, worum sie Dich bittet. Sie ist - recht krank und meint immer, daß sie durch Dich gesund werden kann. - - Denke nicht an die Worte eines alten Mannes, die Dir vielleicht Deinen - Entschluß erschweren könnten. - - Ich verspreche Dir, das Vergangene soll Dir nichts anhaben, und ich - selbst will Dich rein halten von meinem Schicksal, wie es geschah -- - bis auf das eine Mal. - - Dein - - Adam Rude. --« - -Zitternd faltete Esther Elizas Brief auseinander. - -Da stand: - - »Meine süße Esther! - - Wenn Du es doch thun wolltest und zu mir kämst. Ich sehne mich so sehr - nach Dir. - - Ich bin krank und sehne mich, daß Du gut zu mir bist. Komm doch! - - Deine - - Eliza, - - die sich so schrecklich freuen würde, - wenn Du kämst!« - -»Was hast du denn, Esther?« fragte Maria, die der Schwester allein -gegenübersaß. - -»Fort -- ich muß gleich fort!« sagte Esther wie geistesabwesend. - -Sie fragte niemand, sie zog niemand zu Rate -- es war, als sei ihr ganzes -Wesen schon dorthin enteilt, wo ihre sorgenden Gedanken waren. - -Maria klagte: »Aber dann wirst du ja nicht hier sein zur Hochzeit!« - -»Nein, das werde ich dann nicht,« sagte Esther mit einem seltsamen -Lächeln und strich sich das Haar aus den Schläfen. - -»Ach -- aber -- gelt, du bist doch nicht böse, wenn wir nicht warten bis -du wiederkommst, Schwesterchen? - -Du weißt doch, wir haben schon so lange warten müssen, bis Lothar die -Anstellung bekam. - -Lydia kann ja --« - -»Ja, ich weiß, Lydia kann mich hier ersetzen,« sagte Esther und ging -hinaus, ihren Koffer zu packen. - -Dann telegraphierte sie nach Eriksgaard: »Ich reise morgen früh ab.« -- - -Am Abend saß sie mit Lydia und dem Brautpaar noch zusammen. - -Lydias liebevolle Besorgnis nahm sie heute ungerecht auf. Es erinnerte -sie so sehr daran, daß Lydia sie so ganz, so lückenlos ersetzen würde. -Keiner würde sie, nicht einmal äußerlich, entbehren. - -Man sprach sehr wenig. Es lag auf allen wie eine scheue Ahnung, daß eines -unter ihnen war, das Schmerzliches in sich trug. - -Lothar erbot sich schließlich, vorzulesen. - -Und er nahm eins der Bücher, die er immer für Maria mitbrachte. Esther -sah, daß es von selbst aufblätterte, nach Art der Bücher, die eine oft -gelesene Lieblingsstelle enthalten. - -Und er las ein Gedicht von Clemens Brentano: - - Einsam will ich untergehn, - Keiner soll mein Leiden wissen, - Wird der Stern, den ich gesehn, - Je vom Himmel mir gerissen, - Will ich einsam untergehn - Wie ein Pilger in der Wüste! - - Einsam will ich untergehn - Wie ein Pilger in der Wüste! - Wenn der Stern, den ich gesehn - Mich zum letzten Male grüßte, - Will ich einsam untergehn - Wie ein Bettler auf der Heide! - - Einsam will ich untergehn - Wie ein Bettler auf der Heide! - Giebt der Stern, den ich gesehn, - Mir nicht weiter das Geleite, - Will ich einsam untergehn - Wie der Tag im Abendgrauen. - - Einsam will ich untergehn - Wie der Tag im Abendgrauen! - Will der Stern, den ich gesehn, - Nicht mehr auf mich niederschauen, - Will ich einsam untergehn - Wie ein Sklave an der Kette! - - Einsam will ich untergehn - Wie ein Sklave an der Kette! - Scheint der Stern, den ich gesehn, - Nicht mehr auf mein Dornenbette, - Will ich einsam untergehn - Wie ein Schwanenlied im Tode! - - Einsam will ich untergehn - Wie ein Schwanenlied im Tode! - Wird der Stern, den ich gesehn, - Mir nicht mehr ein Friedensbote, - Will ich einsam untergehn - Wie ein Schiff in wüsten Meeren! - - Einsam will ich untergehn - Wie ein Schiff in wüsten Meeren! - Wird den Stern, den ich gesehn, - Jemals meine Schuld verscherzen, - Will ich einsam untergehn - Wie der Trost in stummen Schmerzen! - - Einsam will ich untergehn - Wie der Trost in stummen Schmerzen! - Soll den Stern, den ich gesehn, - Jemals meine Schuld verscherzen, - Will ich einsam untergehn - Wie mein Herz in deinem Herzen! - -Er schwieg und sah mit einem verlorenen, träumerischen Ernst auf Maria. - -Jenes leichte, lässige Gefühl der Glückssicherheit, das ihn in dieser -Zeit meist an der Oberfläche gehalten hatte, war plötzlich von ihm -gewichen. - -Esther fühlte, ihm war nicht die Kraft verloren gegangen und nicht der -Ernst, schwer am Leben zu tragen. - -Und sie wußte, daß diese Worte, die er eben gelesen hatte, das Tiefste in -ihm berührten -- daß es das Glaubensbekenntnis seiner Liebe war zu Maria, -der Einzigen. - -Wie eine Nachtwandlerin that sie noch, was geschehen mußte. - -Sie verabschiedete sich von Lothar, ohne den Ausdruck einer starren Ruhe, -der den ganzen Abend über ihrem Gesicht lag, zu verändern. - -Und während sie ihm die Hand gab, sah sie ganz tief in seinen Augen -etwas wie ein leises Verstehen aufglimmen -- ein fernes, unterdrücktes -Verstehen, das nicht erst jetzt entstanden sein konnte. - -Und sie fühlte wie ihr eigner Blick so ganz fest und ruhig wurde -- wie um -ein jedes Einverständnis abzuweisen. - -Wenn er später an diesen Augenblick zurückdenken würde, so sollte es -ohne die niederziehende Last einer Gemeinsamkeit zwischen ihnen sein. Sie -konnte ihn so ganz verstehen: Seine Liebe mochte keine fremde Berührung -auf sich dulden. - -Ja, sie gab ihm mit diesem ruhigen, kühlen Blick die Fremdheit wieder, die -zwischen ihnen bestehen sollte. -- - -Dann ging sie hinauf in ihr Zimmer. - - - - -XIX - - -Sollte es schlimmer mit Eliza gehen? Da war niemand zur Bahn gekommen, um -Esther abzuholen, wie es sonst gewiß geschehen wäre. - -Esther fühlte, wie sich ihre Kehle in einer plötzlichen Angst -zusammenpreßte. - -Und dann lief sie, ohne um sich zu sehen, den wohlbekannten Weg über die -Heide. Zuweilen tauchte ganz in der Ferne eine menschliche Gestalt auf. -Vielleicht war es nur eine Verspätung, und sie würde unterwegs noch einem -Bewohner von Eriksgaard begegnen. -- Aber jedesmal war es ein Fremder, ein -Bauer, der mit hervorgestoßenem »go' dau!« vorüberstolperte, oder -ein neugieriger Sommerfrischler, der den Hut zog und sich dann heimlich -umblickte. - -Esther lief immer schneller gegen den Wind an, der einen süß-scharfen -Geruch vom blühenden Heidekraut aufwühlte. - -Endlich kam Eriksgaard. - -Der Hof lag wie ausgestorben, und die Thür mit dem Herzeinschnitt war nur -angelehnt. - -Esther ging durch den Hausflur in das Gartenzimmer. Dort lag nur das -Sonnenlicht über dem einsamen Raum. - -Sie ging hinaus in den Garten. - -Dort wiegte sich wie einst Camille de Rohan in üppigem Blühen vor der -Sonne. - -Die Erinnerung preßte ihr das Herz zusammen. -- - -Aber da -- drüben aus der Lindenlaube kam jemand auf sie zu -- - -War das Arne? - -So totenblaß im vollen Sonnenschein -- und neben ihm -- das war wohl seine -junge Frau -- - -»Nicht Thora, sondern die Letzte,« dachte Esther ganz mechanisch. - -Sie war ganz hellblond und lieblich, und wie es schien in gesegneten -Umständen. - -Das alles nahm Esther mit einem Blick in sich auf, dann schritt sie auf -Arne zu -- - -»Um Gottes willen, Arne, was ist?« - -»Hast du denn mein Telegramm nicht bekommen?« fragte der mit verhaltenem -Entsetzen. - -»Nein. -- Sprich doch, sprich!« - -Er machte nur eine stumme Bewegung der Abwehr. - -»Ist -- Eliza -- was ist -- tot --?« stammelte Esther verwirrt. - -Er machte eine bejahende Bewegung, doch ohne, daß sich der starre Ausdruck -des Entsetzens in seinen Zügen löste. - -»Wo ist sie?« fragte Esther tonlos. »Wo ist der Vater?« fügte sie -dringender hinzu. - -Da -- wieder diese entsetzenschwere Pause -- - -»Er ist verschwunden,« sagte da eine dünne, hohe Stimme hinter Arne. Es -war seine junge Frau. - -»Er war zuweilen so verstört in den letzten Jahren -- wir fürchten das -Schlimmste,« sagte Arne. »Die Leute sind immer aus, ihn zu suchen.« - -»Ja, hat er denn zu keinem was gesagt?« - -»Nein.« - -»Dann laß mich jetzt zu Eliza.« - -»Sie liegt noch in ihrem Zimmer.« -- - -Esther trat an das Bett der Toten. - -Da lag sie in ihrer unsagbaren Lieblichkeit, jungfräulicher geworden, und -der Ernst des Todes hatte ihr jenen Ausdruck gegeben, mit dem sie einmal zu -Esther gesagt hatte: »Ich verstehe alles Traurige im Leben.« - -»Wie -- wie ist es denn nur gekommen?« fragte Esther. - -»Sie war nicht krank, schien es uns. Sie wurde schwächer -- und starb.« - -Esther war thränenlos in ihrem Schmerz. Sie rang nur immer die -festgefalteten Hände ineinander, so daß die Fingerknöchel weiß -heraustraten. - -Eine stumme Verzweiflung, die nicht zu begreifen vermag, was sie vor sich -sieht, beherrschte sie. - -Und dann fiel ihr wieder das andere ein. Und aufschreckend fragte sie -sinnlose Dinge, wie: »Hat man ihn noch immer nicht gefunden?« Als ob -zwischen diesem Augenblick und jener Mitteilung lange Stunden gelegen -hätten. - -Da sagte Arne plötzlich: »Sie wollte immer mit dem Vater allein sein und -von dir sprechen, Esther.« - -Und nach einem langen, langen Schweigen ganz leise: »Morgen müssen wir -sie begraben.« - - * * * * * - -Eliza wurde begraben, ohne daß man von ihrem Vater eine Spur auffand. - -Der kleine Kirchhof dehnte seine letzte Gräberreihe um einen Hügel näher -nach dem Nußbaum aus. - -Im Hause begann wieder jene unheimliche, tote Geschäftigkeit des Wartens, -die mit der Trauer um die Verschiedene gemischt, die Gestalt eines Wartens -auf den Tod annahm. - -Und immer noch war keine Spur zu entdecken. -- - -Einmal war Arne mit Esther allein im Zimmer. - -Er hatte jetzt etwas so Schlaffes, Haltloses bekommen. - -Plötzlich beugte er sich nieder und zog Esthers Hand an seine Stirn. - -»O Gott, Esther, ich habe dich so sehr geliebt,« klagte er. - -Esther fuhr entsetzt zurück. - -»Das -- jetzt --?« fragte sie von Grauen und Ekel überwältigt. - -»Nun -- was willst du -- ich bin so unglücklich -- - -Warum kannst du nicht gut zu mir sein, wenn ich so unglücklich bin.« - -Von Widerwillen geschüttelt, sah sie auf ihn nieder, stand auf und trat -von ihm weg ans Fenster. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, das Zimmer -zu verlassen. Er sank stöhnend in sich zusammen. - -Erst als sie eine ganze Weile darüber gedacht hatte, empfand sie, wie ihr -dieser peinliche Zwischenfall nun das Hierbleiben unmöglich machte. Sie -hatte Arne noch zu sehr als Nebenperson gefühlt. - -Sie würde nun das Haus verlassen müssen -- und diese entsetzliche -Ungewißheit mit sich nehmen. - -»Ja, es bleibt nichts andres, als daß ich gehe,« dachte sie. »Aber -wohin?« - -Und sie horchte hinaus auf jeden Schritt, der durch das Haus schallte. - -Würde er kommen? - -Würde er einmal wieder da sein, wo alles von ihm sprach --: der Garten, -den er mit schweigsamer Fürsorge gepflegt hatte -- das Haus, das die -Geheimnisse seines schwermütigen Lebens barg? - -Würde er wiederkommen und durfte sie noch ein Wort des Trostes für ihn -haben? -- - -Die junge Frau ging mit langsamen, schlürfenden Schritten über den Flur -und kam herein. - -Sie trat auf Arne zu, der immer noch in sich zusammengesunken saß. - -»Arne, du darfst dich nicht zu sehr dem Kummer hingeben,« sagte sie und -strich ihm über die Stirn. - -Er nahm mit einer ritterlichen Bewegung ihre Hand, küßte sie und sagte: -»Du hast recht, Liebste.« - -Seine Augen irrten dabei zu Esther. Die errötete tief, als trüge sie eine -Schuld. Sie verließ das Zimmer. - - * * * * * - -Gegen Abend kam der Postbote vorbei und brachte einen Brief für Esther. - -Sie fühlte ihr Herz zusammenzucken und stille stehen, wie sie die -Aufschrift sah. Es war die Schrift Adam Rudes. - -Sie riß den Umschlag auf und las: - -»Du brauchst nicht mehr zu kommen. Eliza ist tot, und der dies schreibt, -lebt nicht mehr, wenn Du seinen Brief erhältst. - -Ich weiß es: Gott nimmt mir mit dem Kind die letzte Pflicht, mit dieser -unseligen Liebe weiterzuleben. Das Meer soll mich aufnehmen.« -- - -Ganz so -- ohne Anrede und Unterschrift stand es da. Wie ein zorniger Ruf --- wie eine Anklage? - -Esther drehte den Bogen hin und her, als müßte sich noch etwas ganz -anderes -- irgend eine Aufklärung finden. - -Erst dann begriff sie ganz: Sie hielt ja die letzten Worte eines Toten in -der Hand. -- - -Sie betrachtete den Poststempel: Der Brief war erst nach Deutschland -geschickt und dann an seinen Ausgangsort zurückgekehrt. - -Esther ließ ihn fallen. - -Sie dachte gar nicht daran, es den andern mitzuteilen. - -Sie wußte nur noch eins: Sie gehörte zu dem, der ihr diese Worte aus dem -Tode nachsandte. - -Sie nahm die Schuld auf sich. - -Sie gehörte zu ihm. - - * * * * * - -Es waren die hellen, kurzen Sommernächte, die sich über das Land legen -und wie mit brennenden Küssen den Duft, den versehrend starken Duft aus -der Erde saugen. - -Es waren jene Nächte, die sind wie ein Seufzer der blühenden Erde, die -ihren heißen, sehnsüchtigen Atem an die Brust des Himmels haucht. - -Es waren jene Nächte, da Tod und Liebe einander in die Augen -lächeln. -- -- -- -- - -Als Esther über die Heide ging, war es noch hell um sie her, trotz der -späten Abendstunde. - -Niemand wußte, daß sie das Haus verlassen. - -In Eriksgaard gingen sie nur ratlos wie die Verdammten umher und kannten -noch nicht den Inhalt des Briefes -- - -Ja, den Inhalt des Briefes hätte sie ihnen wohl erst noch mitzuteilen -gehabt -- - -Gleichviel -- jetzt gab es kein Umkehren mehr. - -Sie würden den Zettel schon selbst finden -- kein Umkehren gab es -mehr. -- - -In der Heide wühlte raschelnd der Nachtwind. Er roch nach dem weiten -salzigen Wasser und dem blühenden Kraut -- - -Wie Perlen waren die rötlichen Blüten ringsum verstreut. - -Am Himmel stieg langsam und pomphaft das heiße Farbenspiel der Dämmerung -auf. Dann verblaßte es zögernd in die weiche, helle Tönung der Nacht. - -Und Esther ging durch diese duftende, duftende Sommernacht, -- ja, wie -Garben mähte der Wind den Duft -- - -Sie ging, das Gesicht zum Himmel erhoben. - -Sie ging und ging über die dämmerbleichen Hügel -- dort auf den -verschwimmenden Streifen des Wassers zu. - -Sie wußte: Der vor ihr war denselben Weg gegangen. - -Und sie sah vor sich das Ufer mit dem abgebrochenen Steg, der ziellos -hinausführte -- hinaus in die Unendlichkeit. - -Ohne Anhalten ging Esther -- - -Ging und ging vorwärts -- - -Unter ihren Tritten bogen sich die Bretter -- gaben nach -- -- -- -- - -Weich -- weich umfing sie das Wasser -- -- -- -- -- - -Zärtliche, starke, hochzeitliche Arme umfingen sie -- - -Dicht an ihrem Ohre klang es: »Kommst du doch noch zu mir -- -Geliebte« -- -- -- -- - -[Illustration] - - - - -Albert Langen Verlag für Litteratur und Kunst München - - -Deutsche Autoren - - Geheftet - - *#Franz Adamus# Familie Wawroch Drama Mark 2.-- - *#Hermann Bahr# Der Apostel Schauspiel " 3.-- - * -- -- Der Krampus Komödie " 3.-- - #Leo Berg# Der Übermensch in der modernen Litteratur Essay " 3.50 - *#F. A. Beyerlein# Das graue Leben Roman " 3.50 - *#Karl Bleibtreu# Die Edelsten der Nation Komödie " 2.50 - *#Hans Blum# Persönliche Erinnerungen an den Fürsten Bismarck " 6.-- - *#Emanuel von Bodman# Jakob Schläpfle Novellen " 1.-- - -- -- -- Erde Ein Gedichtbuch " 2.-- - *#Der Burenkrieg# Album " 1.-- - #Paul Cahrs# Josef Geiger Roman " 2.50 - *#Etzel und Ewers# Ein Fabelbuch " 3.50 - #Marcel Herwegh# 1848 Briefe von und an Georg Herwegh " 3.-- - #Arthur Holitscher# An die Schönheit Trauerspiel " 2.-- - -- -- Weiße Liebe Roman " 3.-- - * -- -- Der vergiftete Brunnen Roman " 4.-- - *#Korfiz Holm# Schloß Übermut Novelle " 1.-- - * -- -- Mesalliancen 12 Liebes- und Ehegeschichten " 1.-- - -- -- Arbeit Schauspiel " 2.-- - * -- -- Die Könige Dramatisches Gedicht " 2.-- - *#Mia Holm# Verse " 2.-- - -- -- Mutterlieder ill. Prachtausg. geb. " 10.-- - * -- -- -- -- wohlfeile Ausgabe " 1.-- - #Martin Langen# Edith Drama " 2.-- - -- -- Drei Dramen " 3.-- - *#Lieber Simplicissimus# 100 Simplicissimus-Anekdoten " 1.-- - -- -- Neue Folge -- -- " 1.-- - *#Heinrich Mann# Das Wunderbare Novellen " 1.-- - * -- -- Im Schlaraffenland Roman " 4.50 - *#Fritz Mauthner# Der wilde Jockey Novellen " 1.-- - * -- -- Die böhmische Handschrift Roman " 3.-- - * -- -- Die bunte Reihe Berliner Roman " 4.-- - #Adolf Paul# Ein gefallener Prophet Roman " 3.-- - *#Anton von Perfall# Die Malschule Novelle " 1.-- - *#Rainer Maria Rilke# Das tägliche Leben Drama " 2.-- - *#Hugo Salus# Gedichte " 2.-- - * -- -- Neue Gedichte " 2.-- - * -- -- Reigen Gedichte " 1.50 - * -- -- Susanna im Bade Schauspiel " 2.-- - *#Peter Schlemihl# Grobheiten Simplicissimus-Gedichte " 1.-- - *#Freiherr von Schlicht# Alarm Militär-Humoresken " 1.-- - * -- -- Der nervöse Leutnant " " 1.-- - * -- -- Der Parademarsch " " 3.-- - *#Ludwig Thoma# Assessor Karlchen Humoresken " 1.-- - -- -- Die Medaille Komödie " 1.50 - *#Jakob Wassermann# Schläfst du, Mutter? Ruth Novellen " 1.-- - * -- -- Die Schaffnerin. Die Mächtigen. Novellen " 1.-- - -- -- Melusine Ein Liebesroman " 2.50 - * -- -- Die Juden von Zirndorf Roman " 4.50 - #Frank Wedekind# Die Fürstin Russalka Novellen und Gedichte " 3.-- - -- -- Der Erdgeist Tragödie " 2.50 - * -- -- Marquis von Keith Schauspiel " 2.50 - * -- -- Der Liebestrank Schwank " 2.-- - * -- -- Die junge Welt Komödie " 2.-- - * -- -- Der Kammersänger Drei Scenen " 1.-- - *#Alois Wohlmuth# Gedichte " 2.-- - *#Ernst von Wolzogen# Vom Peperl u. anderen Raritäten - Humoresken " 1.-- - #Theodor Wolff# Die stille Insel Schauspiel " 1.-- - -- -- Niemand weiß es Schauspiel " 1.50 - - Jeder Band mit mehrfarbigem künstlerischem Umschlag - - *Auch elegant gebunden vorrätig - - -Druck von Hesse & Becker in Leipzig - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Der Schmutztitel wurde entfernt. - -Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. - -Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, ~Antiqua~, #fett#. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen, - - Seite 6: - im Original "Warum hahen Sie ihr das angethan?" - geändert in "Warum haben Sie ihr das angethan?" - - Seite 81: - im Original "»Aber wer ist Hedda Gabler?" - geändert in "»Aber wer ist Hedda Gabler?«" - - Seite 116: - im Original "sie pflegen sich immer nur einer den andern." - geändert in "sie pflegen sich immer nur einer den andern.«" - - Seite 135: - im Original "daß einem das ganz mut- und kraftlos macht" - geändert in "daß einen das ganz mut- und kraftlos macht" ] - - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HOCHZEIT DER ESTHER -FRANZENIUS *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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