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-The Project Gutenberg eBook of Die Hochzeit der Esther Franzenius, by
-Antonie "Toni" Schwabe
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-using this eBook.
-
-Title: Die Hochzeit der Esther Franzenius
- Roman
-
-Author: Antonie "Toni" Schwabe
-
-Release Date: October 7, 2021 [eBook #66491]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net (This book was produced from images made
- available by the HathiTrust Digital Library.)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HOCHZEIT DER ESTHER
-FRANZENIUS ***
-
-
-
-
- Die Hochzeit
- der Esther Franzenius
-
- Roman
- von
- Toni Schwabe
-
- [Illustration]
-
- Albert Langen
- Verlag für Litteratur und Kunst
- München 1902
-
-
-
-
-[Illustration]
-
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-
-
-Erster Abschnitt
-
-
-
-
-I
-
-
-Auf dem Fluß hingen des Morgens Nebel, die sich in zarten Tönungen auch
-noch über die Uferwiesen hin erstreckten. In den Straßen sangen nach
-altem thüringer Brauch die »Kurrendeschüler« mit ihren schwarzen
-Chormäntelchen angethan. Sie zogen von Haus zu Haus, sangen mit
-Engelsstimmen und schimpften einander dazwischen, als die Gassenbuben die
-sie waren. Von den Bäumen plauzten schon die reifen Kastanien, zerbarsten
-und rollten schillernd über den Weg.
-
-In wenig Tagen würde man auch das Schwimmbad schließen müssen, denn
-schon traute sich niemand mehr in das abgekühlte Wasser, ausgenommen
-Fräulein Esther Franzenius. Fräulein Esther aber würde gewiß nicht
-eher aufhören ihre sehr schlanken, kraftvollen Glieder gegen das Wasser zu
-spannen, bis ihr das erste Nachteis die Haut ritzte.
-
-Esther Franzenius ging über die Wiesen, da steifte sich ihr der Wind
-entgegen und zerrte an ihren vom Wasser feuchtdunklen Haarsträhnen, die
-immer zu lang in das Gesicht fielen. Und sie bog ein wenig den Oberkörper
-zurück, und eine Tragkraft ging durch ihren ganzen Leib, als sei er ein
-feiner, stolzer Bau, den festgefügte Steine gen Himmel heben.
-
-Dann ging sie durch die grauen Gassen mit dem Pflaster von Anno dazumal und
-zuletzt die kleine Anhöhe hinauf.
-
-Ja, ganz versteckt lag das Haus, in dem Esther wohnte. Eine hohe,
-breitbuchtende Ligusterhecke umsperrte den Garten.
-
-Maria kam über den Weg ihr entgegen. Maria war schön und strahlend
--- auch in ihrem Mißmut. Maria nahm alle Herzen hin, und selbst die
-Baumwürzelein freuten sich, wenn sie vom Kleidersaum der Allerschönsten
-gestreichelt wurden. Ja, Maria hatte ein gesegnetes Angesicht.
-
-»Ist er noch nicht bei Dir?« frug Esther die Schwester.
-
-»Oh, er wird schon kommen.«
-
-Und da war er auch schon.
-
-Erst gingen seine Augen zu der blonden Maria, wie das ganz natürlich war.
-Sie verfingen sich förmlich in ihren Blicken, sie ließen nicht los, so
-daß die Hände ungeleitet zu einander tasten mußten.
-
-In Esther klang das wieder, was er fühlte in diesem Augenblick: Es
-mußte ihm sein, wie ein Ausruhen nach langem ermüdendem Steigen -- ein
-Erlösungsgefühl -- und Dank.
-
-Immer wußte sie, was er empfinden würde bei all den kleinen, feinen
-Anlässen, in denen sich das Leben unter der Hülle der Geschehnisse
-abspielt. Sie besaß zu seiner die Schwesterseele -- aber das wußte nur
-sie.
-
-Sie erschrak förmlich, und ihr war, als hätte nun auch er ihre Gedanken
-begleitet, als er plötzlich die Hände seiner Braut losließ und sich nun
-zu ihr wandte.
-
-»Sie sind vorhin immer vor mir hergegangen, Esther -- ich habe Sie
-gesehen.«
-
-Sie erschrak, weil sie seine Worte wie die Brücke zu tieferem Sinn nahm --
-aber dann fiel ihr ein, daß ja nur sie es war, die ihn erkannt hatte. Da
-tauchte auch wieder die Wirklichkeit an die Oberfläche.
-
-»Jetzt ist Esther das Hausmütterchen, ja?« wandte sich nun Maria zu ihr.
--- Und sie gingen hinein in das Haus, und Esther trug Obst auf den Tisch
-und Wein, der aus einem feinen, hohen Krug gegossen wurde. Und alles
-ordnete sie Maria zu Händen. Und alles sah aus, als sei es nichts als ein
-Opfer, Marias Schönheit gebracht.
-
-»Die ungleichen Schwestern,« sagte Lothar; dabei hingen aber seine Augen
-selbstvergessen nur an der, die er liebte.
-
-Und Esther übersetzte in Gedanken seine Worte: Wir demütigen uns vor ihr.
--- Und sie lächelte zu der schönen Schwester hinüber.
-
-Maria erzählte von einem Lied, das sie gestern niedergeschrieben
-hatte. Sie dichtete in Tönen und Worten. Das stimmte auch zu ihrer
-Persönlichkeit. Esther und Lothar aber übten nur die schweigsame Kunst
-der Malerei, die sich im Bewundern und genießendem Verstehen bescheidet.
-
-Dann setzte sich Maria an das Klavier und gab zu einer einfachen Melodie
-ihr Lied, das sie nur mit ganz leiser, halb sprechender Stimme sang:
-
- »Legt Narzissen auf mein Grab,
- Ich habe mich zu viel gesehnt --
- Schwarze Tujazweige drüber,
- Weil mir keiner Liebe gab.
- Rote Rosen streut zu Füßen,
- Die bedeuten meine Träume,
- Und zu Häupten eine Lilie,
- Daß mich eure Engel grüßen --
- Und dann laßt mich dem Vergessen.«
-
-Es klang so weich und rührend, wie die schöne Maria mit ihrer zu
-schwachen Stimme sang. Man vergaß darüber, daß sie die _schöne_ Maria
-war, der ja alle Liebe stets zu Füßen lag, die nie eine vergebliche
-Sehnsucht gekannt hatte. Und das Herz that sich auf in Zärtlichkeit für
-diesen melancholischen Liebreiz.
-
-Esther verstand nicht mehr. Ein häßlicher Gedanke drängte sich ihr auf.
-»Tändeln mit dem Schmerz,« dachte sie.
-
-Sie sah hinüber zu Lothar. Der saß in die stumme Anbetung versunken, die
-man dem Leid eines geliebten Menschen weiht. Da stieg eine gegenstandslose
-Scham in ihr auf.
-
-»Aber die Dichter lügen zu viel!« -- Hatte sie selbst denn dieses
-spottsüchtige Citat gesprochen?
-
-Lothar sah sie mit ganz erstauntem Mißfallen an. Und Maria -- die arme,
-schöne Maria machte so hilflose Kinderaugen. -- -- --
-
-Als Lothar dann fortging, sprach er. Er traf mit Esther im Hausflur
-zusammen, denn er war zuletzt allein mit Maria gewesen, und sagte: »Warum
-haben Sie ihr das angethan? Man darf ihr nicht wehe thun -- Sie gehört zu
-den Menschen, denen man nicht weh thun darf.«
-
-Und Esther senkte den Kopf. »Ich weiß es. Ich weiß es wohl.«
-
- * * * * *
-
-Zuweilen kam eine Sehnsucht nach starken, heißen Farben über sie. Am Berg
-standen Ebereschen. Dort war es am schönsten, wenn die brennroten Beeren
-durch den Nebel schimmerten. Das gab ein Gefühl der Abgeschlossenheit mit
-dieser einzigen Farbe.
-
-Immer wieder mußte sie dorthin gehen wie zu einem Geheimnis. Sie lächelte
-über sich selbst.
-
-Ihr Weg führte an vielen Wachholdersträuchen vorüber, die sich wie
-sagenhafte Linien entfernter Pyramiden abhoben. Und über Felsgeröll
-mußte sie klettern, bis endlich das Plateau mit den Ebereschen erreicht
-war.
-
-Die roten Beeren aus dem Nebel leuchtend -- mit der grellen Deutlichkeit
-einer verzückten Vision -- -- -- --
-
-Ein unbeschreiblicher, verschwiegener Genuß.
-
-Zuweilen bettete der Nebel die Luft so dicht ein, daß sie unbeweglich
-lag -- Dann war das Gefühl jener köstlichen Gemeinsamkeit am
-stärksten. -- --
-
-Anders war es in den klaren Tagen. Da lag alles wie ein Spiegel stiller und
-weiter Gedanken.
-
-Das war eine gute und fruchtbare Einsamkeit, die auch oft zum Mitleben in
-andern, wesensfremden Naturen lockte.
-
-Da war die Freundschaft mit Lydia.
-
-Lydia besaß einen langen Hals und eine kränkliche Stimme. Und sie
-gehörte zu den Ausgestoßenen.
-
-»Du mußt mir erzählen wie es dort ist, wo du jetzt bist,« sagte Esther.
-
-Lydia errötete und schob das Kinn über den schwankenden Hals hinaus. »O,
-es gefällt mir ganz gut.«
-
-»Du wünschest dir nichts anderes?«
-
-»Nein.«
-
-»Sind auch die Leute gut zu dir?«
-
-»Was denn? Sie gehen mich nichts an. Ich will nichts von ihnen -- sie
-wollen nichts von mir, als daß ich ihren Kindern Stunden gebe. Warum
-sollten sie gut zu mir sein?«
-
-»Wolltest du nie jemanden, den du liebst, und der dich lieb hat, Lydia?«
-
-»Ich habe ja dich. Ich möchte niemand sonst.«
-
-»Möchtest du keinen Mann, wie die andern Mädchen?«
-
-Da kam eine plötzliche Energie in die Haltung des blassen Mädchens, und
-sie richtete ihre, sehr schönen, ausdrucksvollen Augen auf Esther: »Wer
-auch zu mir käme, ich wollte niemand als dich. Du bist gut zu mir gewesen
-wie sonst kein Mensch. Und ich habe alles von dir bekommen -- alles!«
-
-Esther dachte: Ich habe ja so wenig zu geben -- es ist alles so fest in
-mich eingewachsen, daß nicht Wort und nicht Gebärde es lösen könnte. --
-Ich gehöre ja zu denen, die schweigen müssen. Weshalb glaubt sie nur an
-mich? -- Und sie sagte: »Wenn du nur nicht einmal siehst, daß ich dir
-nicht genüge.«
-
-»Ich will nichts von dir. Ich will dich nur lieb haben dürfen,« sagte
-die andre.
-
-Und sie saßen nieder an einer Hügelböschung. Vor ihnen lief der Fluß,
-und das Wasser war so blank wie Glas. Drüben am andern Ufer wurde Heu
-gemacht. Das Uferschilf rasselte manchmal in die Stille hinein, wie ein
-wohlbewaffnetes Heer, das unversehens aus seinem Versteck brechen will. --
-
-Ganz plötzlich kam ihr der Wunsch wohlzuthun. Sie nahm die Hand des
-häßlichen Mädchens und küßte sie.
-
- * * * * *
-
-Später, zum Frühling hin, geschah es.
-
-Da war Esther einmal im Nebenzimmer, wie Maria und Lothar in der Dämmerung
-zusammensaßen. -- Ja, es war in der Dämmerung, wo sich die Seelen näher
-kommen, wo jenseits alles Fremden und Irreleitenden ein Ich zum andern
-findet.
-
-Esther hörte es.
-
-Sie hörte ihre freien, glücklichen Zärtlichkeiten und ihre Worte der
-Zusammengehörigkeit.
-
-Da streifte Maria das leichte Gewand der Melancholie herunter, und
-sie zeigte sich ihm, wie sie im Grunde war: die Glückspendende -- die
-Priesterin der Seligkeit.
-
-Sein Herzschlag mußte sich jetzt mit ihrem einen -- --
-
-Wie denn? -- Er lachte -- denn er konnte mit all seiner Schwermut und Herbe
-versinken in ihrem leichten Glückswagemut.
-
-Esther fühlte ihm nach --
-
-Nein, sie fühlte ihm nicht mehr nach! Zum erstenmal löste sich ihre
-Persönlichkeit von seiner, nicht um zurückzutreten, sondern sie stellte
-sich ihm entgegen. Sie fühlte, wie es sein müßte, wenn er zu ihr, zu
-Esther gefunden hätte. So ganz anders wäre das gewesen: Schwer und mit
-Thränen müßten sie zusammenkommen -- und es würde sein wie ein tiefes
-Leid. -- Und sie würden ringen aneinander, weil keiner zum andern fände
--- weil sie zu ähnlich waren und keiner den andern auslösen könnte. --
-
-Und drüben hörte sie seine entzückte Stimme. -- »Maria Liebe -- Liebste
-du --«
-
-Da war ihr, als müßte sie das Gesicht verbergen. Und sie lief hinaus in
-ihre Kammer. Und sie konnte nicht weinen -- und saß auf ihrem Bett
-und starrte in das Dunkel. -- Ja, sie sah das Dunkel von Angesicht zu
-Angesicht, wie es ihr schweigend entgegenblickte.
-
-Und da fand sie einen neuen Willen.
-
-
-
-
-II
-
-
-Esther wollte sich Neuland erobern.
-
-Doch es wurde Frühling und Sommer, bis sie ihren Plan ausführte. Sie hing
-so stark an der Heimatserde. Und sie dachte an die süße Hilflosigkeit
-Marias, und auch die praktische Abhängigkeit des Vaters, der als Gelehrter
-jeder Änderung seiner Gewohnheiten angstvoll, ratlos gegenüberstand, fiel
-ihr aufs Herz.
-
-Aber ihrer Familie gegenüber fand sich Ersatz für ihre Abwesenheit.
-
-Lydia kam in ihrer bescheidenen Selbstverständlichkeit. Lydia zog ein in
-Esthers Zimmer, und es war, als hätte sie nie einen andern Wunsch gehabt,
-als nun Hintergrund für Marias Schönheit zu sein.
-
-Am letzten Abend ging Esther mit Lydia durch den Garten. -- Sie strich ganz
-heimlich mit der Hand über die Zweige der Büsche und sah das Bild ihrer
-einstigen Heimkehr. Sie sah sich wiederkommen -- getrieben vom Heimweh nach
-alten Schmerzen -- und wollte doch davon nichts wissen, denn sie ging ja in
-das neue Leben, um zu überwinden.
-
-»So schwer wird mir das Fortgehen,« sagte sie müde.
-
-Und Lydia darauf: »Ich weiß, du läßt deine Jugend
-zurück.« -- -- -- --
-
-Den ganzen andern Tag hörte sie in sich dieses Wort nachklingen, stieß
-es zurück, holte es mit einer seltsamen heimlichen Lust an seinem Klang
-wieder hervor und verläugnete es um so heftiger.
-
-Sie reiste ganz nach dem Norden von Dänemark. Die Fahrt von Hamburg nach
-der kleinen Küstenstadt machte sie in der Nacht.
-
-Sie konnte nicht zum Schlafen kommen, saß die ganze Nacht über am
-geöffneten Fenster und spürte den tragischen Reiz der hellen nordischen
-Sommernacht.
-
-Lange, lange Wiesen mit dem weidenden Vieh, das jetzt zum Schlafen
-hingestreckt lag, aber gleich darauf vom Lärm des Zuges geschreckt in die
-dämmernde Ebene hineingaloppierte.
-
-Und am Himmel wechselte ein leuchtendes Farbenspiel. Dort glühten die
-sehnsüchtigen Wünsche über der verhaltenen Resignation der Ebene.
-
-Nach Mitternacht wehte Seeluft herüber. Und dann lag im Morgennebel der
-bläuliche Fjord mit seinen verträumten grünen Ufern.
-
-Weiter noch gen Norden blühte die Heide, wie in einem weiten, jubelnden
-Ton des Erwachens.
-
-Nun kamen die kleinen Ortschaften, alle durch eine hohe grüne Baumhecke
-gegen die Windseite geschützt, zuweilen aus ihrer Mitte den kahlen und
-nüchternen Bau einer Missionskirche förmlich ausstoßend. -- Und einzelne
-Bauernhöfe lagen am Weg mit den tiefgedachten Häusern, die sich ganz
-niederkauern im üppigen Grün ihrer Gärten, die in Wohllustschlaf
-versunken scheinen ob all dem Blühegeruch ringsum.
-
-Endlich, gegen Mittag kam das Reiseziel.
-
-Vor dem Bahnhof waren grüne Anlagen, in die man beim Einfahren hineinsah.
-Und ganz plötzlich kam bei diesem Anblick die wunderliche Vorstellung
-einer Heimkehr über Esther. Sie fühlte einen Augenblick lang diese
-Ankunft im fremden Land wie eine Wiederkehr zu alt vertrauter Umgebung.
-Ja, sie glaubte sogar die Wege schon zu kennen, die hinter den verdeckenden
-Bäumen in die Stadt hineinführen mußten.
-
-Sie stieg aus und wurde von fremden Menschen empfangen, und ging doch lange
-noch wie von einem Traum verwirrt.
-
- * * * * *
-
-Esther verstand reichlich wenig von der Tischunterhaltung, obschon ihre
-Mutter eine Dänin gewesen und früher zuweilen mit den Kindern in ihrer
-Muttersprache geredet hatte. -- Es war so ein großer lärmender Kreis,
-und es lag wie Kinderlust über den Menschen, eine Atmosphäre der
-Harmlosigkeit und leichtesten Lebensfreude, die Esther nicht sogleich
-aufzufassen vermochte. Doch das alles kam ihrem Herzen nahe.
-
-Da gab es noch fünf Gäste außer ihr, und sie alle waren mit einer schier
-unglaublichen Eß- und Lachlust angethan.
-
-Neben Esther saß Louise, die Tochter des Hauses. Sie hatte einen feinen,
-leicht vorgebeugten Nacken und eine liebliche Art, sich zu bewegen. --
-Esther sah immer wieder zu ihr hin, und dann war es, als ob eine ganz leise
-Melodie zwischen ihnen anhebe -- durch all den frohen Lärm hindurch eine
-ganz heimliche, einsame Melodie der Harmonie. -- -- -- --
-
-Esther wachte auf und hörte Musik.
-
-Es war ganz ruhig im Haus und schon dämmerig. Sie erinnerte sich, nach
-Tisch auf ihrem Bett eingeschlafen zu sein.
-
-Ein feiner, klagender Singsang erfüllte die Stille, und sie besann sich
-vergeblich, von welchem Instrument der wohl herrühren mochte.
-
-Dann ging sie den Klängen nach: durch den dämmerigen Hausflur, eine
-Treppe hinauf und zu einer angelehnten Thür hinein. Da stand sie nun in
-einem Zimmer voll altväterischer Möbel, zwischen denen ein Spinett, an
-dem Louise saß und spielte.
-
-Es war, als lägen die Erlebnisse weiter Vergangenheiten in diesem
-Raum, und wer auch zu den Fenstern hinaus auf das Meer sah, bekam ganz
-unwillkürlich den Blick gereifter Erfahrung in die Augen. --
-
-Luise brach plötzlich und scheu ihr Spiel ab, wie sie Esther kommen
-hörte.
-
-Sie sagte: »Oh, ich glaubte mich allein im Haus,« und strich mit
-einer verlegenen Bewegung über die Tasten, gleich als hätte sie einen
-entblößten Körper zu verdecken.
-
-»Und wolltest du nicht spielen, wenn jemand es hörte?«
-
-»Doch -- ja -- nur zuweilen darf niemand zuhören.«
-
-Esther antwortete nicht. Sie setzte sich an das Fenster, von dem aus man so
-weit über das Meer sehen konnte, daß es den Leuten einen gereiften Blick
-gab. Sie sagte erst nach einer Weile: »Was für ein Lied hast du gespielt
--- wenn du mir das sagen magst --?«
-
-»Ein ganz altes Volkslied ist es -- das Lied vom ›Herre Peder‹ und der
-Helelide.«
-
-»Willst du mir sagen, wie es geht?«
-
-Luise gab leise die Melodie in den zitternden Tönen des Spinetts an und
-sprach dazu:
-
- »Junkherr Peder warf Runen über den Pfad,
- Den Helelidens Fuß betrat.
- Dann lichtet' er sein Anker,
- Er hatte guten Wind,
- Und segelte von Dänemark
- Und seinen Frauen lind. --
- Holde Worte
- Erfreuen die Herzen,
- Holde Worte
- Verschulden die Schmerzen --
- Holde Worte!
-
- Helelide ging am Strande harrend,
- In die tiefen, salzen Wasser starrend.
- Dann lichtet' sie ihr Anker,
- Sie hatte guten Wind,
- Und segelte von Dänemark
- Mit ihren Frauen lind.
- Holde Worte
- Haben mich tief bethört,
- Holde Worte
- Haben mein Herz versehrt --
- Holde Worte!
-
- Da rief der Wächter, als das Schiff in Sicht:
- ›Uns bringt der Wind das Sonnenlicht!‹
- D'rauf hat der Junkherr Peder
- Vor Freuden schier gelacht,
- Als Helelide Ehre
- Und Treue ihm gebracht.
- Holde Worte
- Bringen viele Freuden,
- Holde Worte
- Schaffen manche Leiden --
- Holde Worte.«
-
-Luise stand auf und trat zu Esther ans Fenster. -- Esther fragte: »Waren
-die Runen Liebesworte, die Junkherr Peder zu Helelide sprach?«
-
-Und Luise: »Ich weiß es nicht. Aber ich meine, wir hören zuweilen einen
-Menschen etwas sagen, das kaum für uns berechnet war, das gewiß in keiner
-persönlichen Absicht zu uns gesprochen wurde, und doch kommt es zu uns, ja
-es -- ›verführt‹ uns.«
-
-Esther mochte nicht Louise ansehen. Sie neigte nur den Kopf und sah
-wie bisher weit hinaus auf das Meer. Und ganz da draußen, dort wo die
-Unendlichkeit beginnt, konnten sich vielleicht ihre Blicke begegnen. Und
-vielleicht wurde dort das Schweigen gebrochen, das sich hier jetzt über
-sie legte.
-
- * * * * *
-
-Am andern Tag wurde ein Ausflug nach einem benachbarten Gutshof gemacht.
-
-Man ging die braun-violetten Heidehügel bergan und bergab. Der Wind strich
-in unausgesetztem, immer gleich starkem Zug über das Land, so daß es
-klang wie der thränenlose Jammer des Wahnsinns.
-
-Stärker wurden die Stimmen und klang voller in der kräftigen Luft. Auch
-gab der weite Horizont dem Blick eine stolze Kühnheit.
-
-Am Gipfel des »Himmelsberges«, ein Hügel, der die andern Buchtungen um
-weniges überragte, lagerte man sich.
-
-Frau Olga Bergsö, die immer Lebensvolle, versammelte ihr kleines Heer um
-sich. Da lag sie halb aufgerichtet an einen hohen Merkstein gelehnt, mit
-ihrem seltsamen Dreimaster einem Feldherrn gleichend. Feine, energische
-Linien begrenzten ihr Profil wie einen Schattenriß am weißlich hellen
-Himmel.
-
-Ihr zur Seite rangen Julie und Alexandra, die beiden Sechzehnjährigen,
-im liebevollsten Zweikampf miteinander in den weichen Büscheln des
-Heidekrautes.
-
-Herr Bergsö ging mit der vierzehnjährigen Tule Arm in Arm, denn sie waren
-sehr gute Freunde.
-
-Hinter Frau Olga jedoch kauerte die zarte, stets von Bewunderung erfüllte
-Fräulein Missus. Sie war Olgas Lehrerin gewesen und besuchte diese nun
-in jedem Sommer, um ganz im Innern ihrer kleinen zerknirschten
-Gouvernantenseele wahre Orgien der Bewunderung für ihre frühere
-Schülerin zu feiern. Alexandra erzählte in Bezug auf sie die sehr
-seltsame Geschichte, daß sie, Alexandra, einmal zu noch morgendlicher
-Stunde am Fenster von Fräulein Missus' Stube vorbeigegangen sei. Zu ihrem
-großen Entsetzen hätte aber auf dem Kopfkissen des Fräuleins, statt
-deren wohlfrisiertem Haupt, nur ein großes, nacktes, gelbliches Ei
-gelegen. -- Diese denkwürdige Historie reizte fortan die jüngeren
-Bewohner des Hauses Bergsö zu morgendlichen Spaziergängen vor den nunmehr
-hoffnungslos verhängten Fenstern des armen Fräuleins. --
-
-»Für jeden sind zwei ›Boller‹ mitgebracht und Brot so viel ihr
-wollt,« erklärte Olga ihren Gästen.
-
-Und die Gäste griffen gehorsam zu, um sich ihr Anrecht auf die beiden
-zudiktierten Boller zu sichern. -- --
-
-Nun gab es nur noch einen kurzen Weg, und ganz unvermutet sah man
-»Eriksgaard« in einer kleinen Senkung liegen.
-
-Man trat aus der wehenden Haide ganz unversehens in das Schweigen eines
-sommerlichen Blumengartens ein. Hohe, grüne Mauern ließen hier den
-Wind verstummen. Und mitten auf dem Rasenplatz wiegte sich in üppigster
-Schönheit eine große rote Rose. -- »Sie heißt Camille de Rohan,« sagte
-Herr Adam Rude zu seinen Gästen.
-
-In dem weiten, steifmöblierten Saal des Hauses hatte Eliza Rude den Tisch
-gedeckt und die übliche Chokolade aufgetragen.
-
-»Eliza ist meine kleine Hausmutter,« sagte der alte Rude. Und das
-schlanke Kind mit den etwas zu weit auseinanderliegenden breiten Augen und
-dem keuschen Madonnenkinn lächelte in beginnender Koketterie. Sie nahm die
-Art einer Dame an und bat die Gäste würdevoll, einzutreten.
-
-Für »das deutsche Fräulein« hatte Eliza eine große und plötzliche
-Liebe gefaßt. Jene auf unfehlbarem Instinkt beruhende Leidenschaft
-der Seele, wie sie heranwachsende Menschen oft zu Personen des eigenen
-Geschlechtes überkommt. Ein Gefühl, das weder unter dem Begriff »Liebe«
-noch »Freundschaft« steht, vielmehr eine unendlich verfeinerte Essenz
-dieser beiden Empfindungen darstellt. Man könnte denken, es sei eben nur
-ein Vorrecht der ganz reinen Seelen, weil die vernünftigen und
-gereiften Menschen nur mit dem vernünftigen und gereiften Spott darauf
-herabzulächeln pflegen, den sie für alle hohen, der baren Nutzbarkeit
-entfremdeten Dinge bereit halten. --
-
-Eliza saß neben Esther und strich ihr heimlich unterm Tisch über die
-Hände. Sie war von Ungeduld erfüllt, die andere möge sich mit tieferen
-und innerlichen Worten ihr nähern, und wartete nur auf das erlösende
-bedeutsame Wort. -- Und sie quälte Esther mit wunderlichen Fragen und
-Forderungen.
-
-Endlich sagte sie noch: »Wie reden bei Ihnen die Leute, die sich lieb
-haben? Giebt es ein Lied, das von ihrer Liebe erzählt? Sagen Sie mir eins,
-das Sie selbst leiden mögen.«
-
-Esther fiel ein altes kleines Liedchen ein, und sie sprach es lächelnd:
-
- »Ich bin dein,
- Und du bist mein --
- Des sollst du gewisse sein.
- Du bist geschlossen in mein Herze ein,
- Verloren ist das Schlüsselein,
- Drum mußt du ewig drinnen sein.«
-
-Eliza ließ es sich zweimal sagen und Worte, die sie nicht verstand,
-übersetzen. Dann meinte sie nachdenklich: »Es ist ein schönes Lied. Ich
-werde es mir für Sie merken, Fräulein Esther.«
-
-Und dann: »Kommen Sie ein wenig mit mir, wo die andern nicht sind. Ich
-möchte einmal mit Ihnen allein gewesen sein.«
-
-Esther folgte ihr mit einem ernsten Lächeln. Sie stand noch nicht der
-Kindheit fern.
-
-So saßen sie in einer Lindenlaube und sahen durch das grüne Licht
-hinaus in den Garten, wo sich Camille de Rohan einsam in selbstbewußter
-Schönheit vor der Sonne neigte.
-
-»Dem Vater haben Sie auch gefallen,« fing das Kind wieder an. »Ich kann
-es an seinen Augen sehen, wenn ihm jemand gefällt. Hat er nicht schöne
-Augen, mein Vater? Und ist er nicht ein schöner Mann?«
-
-Esther sagte: »Ja, er ist ein schöner alter Herr.«
-
-»Und meinen Bruder Arne sollten Sie sehen! Er ist jetzt nicht hier. In
-Kopenhagen ist er. -- Schriftsteller!« Das letzte Wort sprach sie mit
-nachlässig verstecktem Stolz. -- »Aber wenn Sie ihn sehen würden -- er
-ist der schönste junge Mann, den ich kenne!«
-
-»Wie alt bist du eigentlich?« fragte Esther.
-
-»Im September ist mein sechzehnter Geburtstag.«
-
-Esther war erstaunt, sie hatte Eliza für jünger gehalten. Aber gleich
-darauf begriff sie. -- »Ah, du wirst also fünfzehn, wenn dein sechzehnter
-Geburts_tag_ ist?«
-
-»Nein, nein! -- Ja, es ist schon so, aber Sie müssen nicht immer alles
-gleich entdecken!« Eliza war sehr indigniert und auf einmal eine zürnende
-junge Dame geworden. Aber gleich darauf erklärte sie -- wieder Kind --:
-»Ich wollte ja nur nicht so viel jünger sein als Sie -- ich dachte, daß
-man sich um jüngere Kinder weniger kümmert. Aber wenn Sie mich auch so
-ein wenig gern haben, ist schon alles gut -- -- --«
-
-»Ja; ich habe dich ›auch so‹ gern!« --
-
-Drüben, im Sonnenlicht schaukelte Camille de Rohan. -- -- -- -- --
-
-»In nächster Zeit wollen wir Ihnen einen Besuch wegnehmen, Frau
-Bergsö,« sagte Herr Rude, als die Gäste sich verabschiedeten. Und Eliza
-drückte Esther bedeutungsvoll die Hand, denn es war zwischen ihnen schon
-ausgemacht, daß Esther den »sechzehnten Geburtstag« mit auf Eriksgaard
-feiern sollte.
-
-
-
-
-III
-
-
-Das war zu Ende des August, als Esther nach Eriksgaard kam.
-
-Sie wollte den Weg allein gehen. Eine plötzliche und starke Sehnsucht nach
-Einsamkeit drängte sie dazu. Denn schon lag alles Frohe und Leichte ihrer
-Umgebung wie am andern Ufer. Und es war wie ein zögerndes Umwenden und
-Zurückgrüßen, als sie das Haus am Meer verließ.
-
-Sie ging über die weiche, nun schon verblühende Heide wie über das
-zottige Fell jener Märchenungetüme, die vor verwunschenen Schlössern
-liegen. Sie sah am Himmelsrand in grauer Wolkenferne die Erdriesen
-kämpfen, und sie vernahm die Seufzer unstillbarer Sehnsucht aus dem Reich
-der Unterirdischen.
-
-Ja, alle Dinge sprachen zu ihr. Aber sie ging mit den stillen Augen des
-Lauschenden, und in ihr erstand eine zarte und weltfremde Liebe -- eben zur
-Welt. -- -- -- -- --
-
-Da lag Eriksgaard. Und Eliza kam mit ihrem keuschen, erwartungsvollen
-Lächeln ihr entgegen.
-
-»Du kommst allein über die Heide, Esther? Jeden Tag habe ich auf dich
-gewartet! Jeden Tag bin ich dir entgegengegangen.« -- Sie bemerkte gar
-nicht, daß sie plötzlich das Du brauchte.
-
-Dann faßte sie Esther bei der Hand, und sie traten ein in das Haus. In die
-Thür war ein Herz geschnitten, man konnte dadurch in das Innere des Hauses
-blicken, aber man sah nur das Dämmern des dunkleren Raumes, weil man
-im hellen Tageslicht stand. -- Esther dachte: ein Herz ist in die Thür
-geschnitten -- -- -- --
-
-»Vater! da ist sie!« rief Eliza.
-
-Adam Rude kam aus einem halbdunklen Zimmer und begrüßte den Gast. Seine
-Augen waren wie im Traum gewesen.
-
-»Dort hängt das Bild meiner Mutter,« sagte Eliza später. »Er geht
-zuweilen hin und ist mit ihr allein.« Sie sprach wie von einer lebenden
-Person von dem Bild der Toten.
-
-»Wie war deine Mutter?«
-
-»O -- zart und fein. Nicht sonderlich schön, aber voll Anmut. Und sie war
-gut gegen ›Gerechte und Ungerechte‹. Ich entsinne mich, wie unser Haus
-eben gebaut war, kam ein Bettelweib -- eine alte Frau, die oft betrunken
-war. Die hat meine Mutter nun überall herumgeführt und ihr alles gezeigt
-und sprach mit ihr, wie mit einer guten Bekannten. Dann hat sie ihr auch
-etwas gegeben -- wohl nicht viel, denn die Eltern waren nicht reich damals
-und meine Mutter ängstlich und sparsam. Aber ich habe die Frau dann
-fortgehen sehen -- mit einem so glücklichen Gesicht.«
-
-Eliza hatte eine seltsame frühreife Art zu sprechen. Die Art sehr
-gewissenhafter und beobachtender Menschen: es war wie eine plastische
-Nachgestaltung der Geschehnisse. -- Sie dachte ein wenig, wobei sie ganz
-unerwartet ihrem Vater ähnlich wurde und sprach fort: »Ja -- und dann
-erzählte Mutter uns aus der Geschichte. Aber alles, was schrecklich und
-traurig darin war, verschwieg sie uns. Ich weiß gar nicht, wie sie das
-möglich machte, aber wir erfuhren nichts über Tod und Entsetzen. So, daß
-wir es dann später gar nicht verstehen konnten, als sie uns starb. Wir
-hatten einfach den Schmerz nicht begreifen gelernt.«
-
-»Du und dein Bruder?«
-
-»Nein, der war schon von Hause fort. Ich und eine Schwester, die jetzt
-tot ist. Sie war zarter als ich und hat nie das Entbehren lernen können --
-obschon wir nicht sehr traurig waren, als Mutter starb.«
-
-Über Elizas Hände ging die letzte Sonne. Es waren überzarte Hände.
-Esther dachte: sie haben einen Zug der Unwirklichkeit.
-
-»Du verstehst alles so sehr,« sagte sie zu dem Kind und strich ihr über
-die Hände. Ja, es lag über diesen Händen wie die Ahnung von künftigem
-Leid.
-
-Da ließ das Mädchen mit einer sonderbar hilflosen Bewegung den Kopf auf
-Esthers Schulter sinken und weinte. --
-
-Sie weinte immer mehr und sagte dazwischen: »ich weiß gar nicht, warum es
-ist -- ich verstehe mich gar nicht.« -- Und Esther zog sie zu sich heran.
-Sie fühlte die Wärme ihres Körpers zu der andern übergehen wie im
-instinktiven Beschützenwollen erwachender Mütterlichkeit und spürte,
-daß Eliza ruhig wurde und auf ihren Herzschlag hörte.
-
-Doch da geschah etwas ganz Seltsames: Esther erhob die Augen von dem Kind,
-das da an ihrer Brust weinte und sah plötzlich in ein Gesicht, das mit
-dem Ausdruck verzehrender Sehnsucht zu ihr gewandt war. Sie sah ratlos zur
-Seite und dann wieder hin -- aber da stand im beschatteten Rahmen der Thür
-Adam Rude mit seinem gewohnten verschlossenen Gesichtsausdruck. Er nahm
-sich in der Dämmerung aus wie ein alter Van Dyck. Langsam kam er jetzt auf
-die beiden Mädchen zu und strich seiner Tochter über das Haar. Dabei
-sah er mit einem verlorenen Blick zum Fenster hinaus und sagte: »Kind --
-Kind.« -- Und wieder: »Kind, Kind!«
-
-Dann wandte er sich schwerfällig und verließ das Zimmer. -- --
-
-Zwischen den beiden Mädchen blieb es jetzt still. Draußen ging die
-Dämmerung und verhüllte das Land. Und an dem dichtgrünen Schutzzaun
-nagte der Wind, vergebens mit seinem leisen, gierigen Stöhnen Einlaß
-suchend. -- Über die Menschen kam ein Gefühl der Geborgenheit.
-
- * * * * *
-
-Esther war schon einige Wochen auf Eriksgaard und fühlte sich mehr
-und mehr mit der seltsamen Eintönigkeit des Hauses und seiner Bewohner
-verwachsen.
-
-Sie gewöhnte sich an Adam Rudes absonderliche Art, durch das Haus zu
-irren und zerstreute Worte zu stammeln. -- Sie wurde vertraut mit dem
-überreifen, so oft das Unwirkliche streifenden Wesen Elizas.
-
-Und in dieser traumhaften Umgebung versank ihre Kraft fast unmerklich aber
-stetig im erschlaffenden Nachgeben.
-
-Seltsame heiße Bilder, die nur ganz entfernt die Wirklichkeit berührten,
-kamen zu ihr. Die unterdrückte Sehnsucht nach dem einen geliebten Menschen
-lebte sich in ziel- und gestaltlosen mystischen Phantasien aus. --
-
-Und dann gab es eine Nacht, in der sie nach schlaflosem Hindämmern ganz
-plötzlich in ihrem Bett kniete -- den Kopf vornübergebeugt und die Hände
-verschränkt -- und immer liefen Thränen vor ihr nieder. Und sie warf den
-Kopf zurück und senkte ihn wieder und wollte -- beten? -- --
-
-Und immer liefen Thränen vor ihr nieder.
-
-Aber es gab kein Wort und keinen Gott -- nur allertiefste Verlassenheit war
-um sie.
-
-Und das Zeitgefühl schwand, und der Körper wurde wesenlos. Es war wie der
-Tod im Leben. --
-
-Und dann fand sie sich wieder: mit zurückgeworfenem Kopf und schlaff
-herabhängenden Armen -- schon lange thränenlos. Die Glieder waren ihr
-ganz kalt und taub geworden und gingen schwer zu bewegen. Und sie fand sich
-allmählich wieder ganz zurück in die Wirklichkeit und legte sich ruhig
-nieder -- ja ganz ruhig und -- gebrochen.
-
-
-
-
-IV
-
-
-Esther saß im Gartenzimmer und malte. Sie war allein im Haus geblieben,
-während Eliza mit ihrem Vater hinüber zu den Pächtersleuten ging, die
-den vom Wohnhaus ziemlich entfernt gelegenen Gutshof verwalteten.
-
-Über der stillen, weiten Stube lag etwas Festliches. Vielleicht war es nur
-der Sonnenschein und die Einsamkeit.
-
-Esther legte Pinsel und Palette nieder und betrachtete die Leinwand vor
-sich. Sie hatte ein Phantasiestück zu malen begonnen, das wenig Zeichnung
-und recht viel Farbenreiz enthielt. Es war nichts als Heide und Himmel: ein
-rechtes Motiv für Gedanken der Schwermut und Leidenschaft. -- -- --
-
-Esther errötete plötzlich und schob das Bild zur Seite. Sie stand auf und
-trat hinüber in den Sonnenschein. Sie streckte die Hände aus und fühlte
-darauf die prickelnde Wärme. Da beugte sie auch den Kopf, denn höher oben
-lag Schatten, bis sie im vollen Lichte stand.
-
-Die Einsamkeit machte es, daß sie auf ihr Atmen zu horchen begann -- und
-dann plötzlich fing sie an zu singen.
-
-Sie schloß die Augen vor dem Licht und ließ es über sich gleiten -- und
-sang dazu eine Melodie, die sie irgendwann einmal gehört hatte, von der
-die Worte längst vergessen waren.
-
-Da hörte sie die Hausthür gehen und war still. Sie setzte sich wieder zu
-ihrer Malerei, doch in ihr blieb eine leise, festliche Freudigkeit zurück.
-
-Und dann stand dort, wo sie eben noch gewesen war, ein anderer drüben im
-Sonnenschein.
-
-»Ich bin Arne Rude,« sagte er und verbeugte sich mit einem harmlosen
-kleinen Gut-Jungen-Lächeln.
-
-Esther war ein wenig verwirrt. »Herr Rude und Eliza sind ausgegangen,«
-sagte sie.
-
-»Sie werden wiederkommen,« meinte Arne in zuversichtlichem Ton. Und
-dann mußten sie beide lachen über den allzugroßen Geistesaufwand seiner
-Antwort.
-
-»Darf ich mich so lange ein bischen zu Ihnen setzen, Fräulein -- Esther?
--- Sie müssen nämlich wissen, daß man mir immer nur von ›Esther‹
-schreibt, so daß ich gar nicht zweifeln kann, nun ›Esther‹ vor mir zu
-sehen --«
-
-»Ja, ich bin ›Esther‹,« sagte sie freundlich. Dabei sah sie zufällig
-nieder und auf die langen, sehr modischen Schuhe des jungen Mannes. Sie
-mißfielen ihr ein wenig, und deshalb stieg ihr Blick an der ganzen elegant
-umschneiderten Person empor, bis sie an diesem gutmütig lächelnden,
-hübschen Jünglingsgesicht haften blieben, das recht wenig mit der
-leichten Geziertheit der Kleidung in Einklang stand.
-
-»Und das Ganze ist also ein ›Dichter‹,« zog sie für sich das
-Resumée ihrer Betrachtungen.
-
-Arne ließ sich im Bewußtsein seiner Vorzüge beruhigt mustern. Dabei
-stand der Ausdruck des innigsten Wohlgefallens sowohl an sich selbst, wie
-an der jungen und schönen Dame auf seinem Gesicht.
-
-»Sie haben gemalt?« fragte er dann und wollte sich dem Bild nähern.
-
-Esther schob es aber wie achtlos zur Seite. Um keinen Preis sollte er es
-sehen! -- Sie war selbst ganz erstaunt über die Heftigkeit dieses inneren
-Widerstrebens.
-
-Um abzulenken richtete sie rasch eine Frage an ihn: »Sie kommen direkt von
-Kopenhagen?«
-
-»Ja; ich pflege immer meine Familie recht unversehens zu überfallen. --
-Sie wissen, wir Leute der Feder sind gewöhnlich ein Stück ~bohémien~.
-Mir besonders sind lange Vorbereitungen entsetzlich. Leute, die sich den
-einen Tag überlegen, was sie an den sechs andern essen wollen, sind mir
-noch gruseliger, als Papierkragen und wollene Hemden -- Sie verzeihen!«
-
-»O, ich habe nichts zu verzeihen, ich trage ja keine,« erklärte Esther,
-die von seiner knabenhaften Lustigkeit angesteckt wurde, was über ihre
-sonst zu herbe Erscheinung eine ungewöhnliche Anmut brachte.
-
-»Wollen Sie nicht lieber den andern entgegengehen?« fragte sie bald
-darauf.
-
-»Ah -- Sie schicken mich fort?«
-
-»Nicht doch -- ich dachte nur --«
-
-»Ach, wenn Sie nur das nicht dachten, dann mögen Sie vielleicht auch
-Eliza entgegengehen -- und ich darf Sie begleiten?«
-
-»Nein,« sagte Esther. Und dann, um die Schroffheit der Antwort zu
-mildern: »Nein, ich muß noch eine Kleinigkeit fertig malen, sonst
-trocknen die Farben ein.«
-
-Arne ging also allein. --
-
-Esther war plötzlich verstimmt.
-
-Weshalb hatte sie diese kleine dumme Höflichkeitslüge gesagt?
-
-Da kam ein fremder großer Junge in Lackschuhen, mit dem redete sie
-allerhand alberne intime Sachen, und zuletzt glaubte sie noch eine kleine
-Zurückweisung mit einer Höflichkeitslüge umkleiden zu müssen.
-
-Sie packte die Malgeräte zusammen, trug sie hinauf in ihr Zimmer und
-stellte die Leinwand zum Trocknen auf. Dann sah sie mit mancherlei kleinen,
-zerstreuten Gedanken hinaus in den Abendhimmel, wo die große rote Sonne
-sich feierlich dem Horizont zuneigte. -- -- -- --
-
-Am Abendbrottisch dozierte Arne. -- Er besaß einen nach jeder Richtung hin
-unfehlbaren Geschmack.
-
-Unter anderm gab es da ein Buch von Peter Nansen -- »Gottesfriede«. --
-Esther hatte es schon vor einigen Jahren gelesen, Arne durch Zufall erst
-jetzt.
-
-»Ich bereue die Zeit, in der ich dieses Buch nicht kannte,« erklärte
-Arne.
-
-»Es ist das Hohelied vom Weibe. Es ist das holdeste und keuscheste Buch,
-das ich kenne. Wer dafür kein Verständnis hat, mit dem ist von vornherein
-nicht zu reden!«
-
-Esther lächelte. »Dann müssen Sie mit mir gewiß nicht drüber sprechen
--- mich hat es unwahr berührt.«
-
-Arne runzelte ungnädig die Stirn. »Was ist ›unwahr‹ daran?«
-
-»Es ist nicht ›rein‹, wenn ein Mädchen nichts anderes von der Liebe
-will, als Mutter werden --«
-
-»Das ist die Reinheit der Natur!«
-
-»Doch wohl nicht so ganz --« Esther zögerte ein wenig sich
-auszusprechen, aber dann sagte sie: »Das ist vielleicht die Natur des
-Tieres und ursprünglich des Menschen auch -- wie wir aber jetzt sind,
-haben wir zu sehr die zweite Natur: die Seele in uns entwickelt, als daß
-uns nicht andere und -- göttlichere Dinge zusammenführen. Mir scheint,
-eine vollkommene Liebe ist Sehnsucht nach der andern _Seele_ -- nicht nur
-Mittel zu einem Zweck der Natur.«
-
-Arne lächelte überlegen.
-
-Esther dachte: Wie nur alles Feine und Unantastbare so in die Verachtung
-der Menschen geraten kann -- nur weil es vielleicht zu lange schon ein
-mißverstandenes und mißbrauchtes Ideal gewesen sein mag? -- Und sie
-dachte weiter: alles, woran die Menschen eine Zeitlang mit ihren Gedanken
-rühren, wird so schmutzig und verbraucht, daß es ihnen zuletzt selbst zum
-Ekel und zum Wegwerfen ist. Und dann kommen ein paar Nachzügler, sammeln
-es aus der Verachtung heraus und machen es zu neuen und wieder verspotteten
-Heiligtümern. -- -- So dachte sie und vergaß wirklich dabei sich gegen das
-überlegene Lächeln zu wehren.
-
-Doch Arne begann noch einmal: »Verzeihen Sie, aber wie läßt sich eine
-›Seele‹ erkennen? Die Menschen haben edle und unedle Aufwallungen
--- ein Fazit läßt sich da kaum ziehen --, sie haben ansprechende und
-abstoßende Gesichtszüge -- und oft spiegelt ein bißchen Bleichsucht eine
-schöne Mädchenseele vor. Der Körper ist das einzige, was sich erkennen
-läßt -- und der erotische Instinkt ist von vornherein göttlich!«
-
-Esther schwieg noch immer. Der junge Mann wußte alles so genau. Er sprach
-mit einer so verblüffenden Sicherheit, die jede Gegenrede auszuschließen
-schien. -- So sagte sie nur noch ganz zögernd mehr für sich selbst als im
-Anschluß an das, was gesprochen wurde: »Ich meine, man müßte an einer
-Liebe, die nie die höchste Vereinigung erreichen kann oder doch will, zu
-Grunde gehen.«
-
-»Wir sind alle für die Einsamkeit geschaffen,« klang da die eintönige
-Stimme des alten Rude hinein.
-
-Diese Worte legten sich für den Augenblick wie eine trostverlassene
-Prophezeiung auf alle Anwesenden.
-
-Eliza blickte schutzflehend von einem zum andern.
-
-Aber da setzte die kraftfrohe, junge Stimme Arnes ein. Und er sagte so
-zuversichtlich: »Der Trost hierfür ist eben die Liebe -- die Liebe
-auf Gnade und Ungnade -- die Liebe um jeden Preis und über alle
-Unzulänglichkeiten hinaus!«
-
-Eliza lächelte ihrem Bruder zu. Sie stand mit der Zwanglosigkeit eines
-unerzogenen Kindes vom Tisch auf und ging mit ihren leichten, leichten
-Schritten hin vor einen Spiegel. Sie sah dort lange und ernsthaft sich
-selbst ins Gesicht, wandte sich dann um und sagte im Ton eines Babys:
-»Eliza bekommt Kummerfalten von euren traurigen Gesprächen!«
-
-»Eliza soll herkommen zu mir!« bat Arne.
-
-Eliza lehnte sich an seine Schulter. Da strich er ihr zärtlich über das
-Gesicht und sah sie mit guten, frohen Augen an.
-
-Diese Berührung schien das Mädchen seltsam wohlthuend und beruhigend zu
-empfinden. Es war, als ginge von seiner Hand Lebensfreude aus. --
-
-Esther dachte plötzlich, diese Hand müßte warm und trocken sein und ein
-wenig hart. In der Bewegung des Handgelenkes lag Energie und eine gewisse
-nervöse Sensitivität.
-
- * * * * *
-
-Arne war es, der neben Esther über den Kamm des Heidehügels ging. Er
-machte pompöse Handbewegungen, die rings das ganze Land einschlossen und
-philosophierte.
-
-»Es giebt eine neue Religion -- die Religion der Wissenschaft,« sagte
-er. »Die sollte man verbreiten im Volk, und der alte Aberglauben von einer
-Belohnung im Jenseits muß ihnen genommen werden. Sie müssen die Wahrheit
-verstehen lernen.
-
-Einen neuen Messias brauchen wir, der sie auf das Leben weist, der aus
-Stubenhockern Leute der Freiheit und Freude macht.«
-
-»Es könnten nicht alle die Hoffnung auf das Jenseits entbehren.«
-
-»Wollen Sie denn einen Himmel?«
-
-»Ich habe nicht von mir gesprochen.«
-
-Er fuhr fort: »Wir brauchen nicht mehr die trügerische Hoffnung.
-Wir haben die Wissenschaft und ihre Erkenntnisse. Wir wissen, daß ein
-Fortleben unmöglich ist, weil das Leben nicht mehr ist, als die Wärme,
-die beim Zusammenreiben von zwei Steinen erzeugt wird. Sie entsteht und
-verflüchtigt sich. Die tote Materie bleibt zurück.«
-
-Esther dachte: Ob es nicht vielleicht in der Natur des Glückes liegt, sich
-die Ewigkeit erzwingen zu wollen -- über alle Erkenntnis hinaus? --
-
-Da sagte er: »Mich würde kein Schmerz fahnenflüchtig machen.«
-
-Sie lächelte vor sich hin. Wie war es doch gekommen, daß sie einzig
-_Glück_ als ein Gegenargument genommen hatte, sie, die doch das Glück
-nie kannte? -- Freilich, es mochte wohl meist der Schmerz sein, der die
-Menschen zwang, eine Hoffnung auf das Jenseits zu bauen -- der Schmerz,
-den sie keine Stunde tragen möchten, wenn nicht die mystische Wandlung zu
-ewiger Freude bevorstände. -- --
-
-Arne hielt ihr Schweigen für widerstandslose Einsicht. Er war sehr
-zufrieden mit dem Sieg der Wissenschaft und ein bißchen auch mit dem
-seines Geistes.
-
-Er sah sie an, folgte ihren Bewegungen, und das Gefühl seiner
-Überlegenheit steigerte nur die Freude an ihrer jungen und anmutigen
-Weiblichkeit.
-
-»Übrigens liebe ich es, wenn Frauen ein wenig Christentum haben,« sagte
-er da gönnerhaft.
-
-Sie hatte plötzlich Lust, ihn an den Ohren zu reißen und einen kleinen,
-dummen Jungen zu nennen. Sie sagte aber nur mit ironischer Demut: »Ich
-danke Ihnen im Namen aller Frauen!«
-
-Er schielte herüber, ob sie auch nicht zu sehr den Sinn seiner Worte
-verstanden habe und wurde verlegen. Er wurde so verlegen, daß es ihn nach
-einer Kraftäußerung gelüstete, und da kam ihm ein sumpfiger Kuhpfad zu
-statten, der hier den Weg überquerte.
-
-Eifrig rief er: »Sie müssen es schon erlauben!« und hob Esther auf seine
-Arme. Mit der leichten Kraft eines jungen Centauren trug er seine Last
-über den Sumpf.
-
-»Bin ich Ihnen denn nicht zu schwer?« fragte sie.
-
-Er lachte glücklich und verneinte.
-
-Sie sah nieder auf seinen jünglingshaften Hals. Sie war ihm gut -- und
-dankte ihm für etwas Unbestimmbares -- vielleicht daß so viel Jugend von
-ihm ausging.
-
-Neben einer Weide, die sich, aus einer Böschung herauswachsend, tief über
-den Weg bückte, ließ er sie wieder zu Boden gleiten.
-
-»Glaubten Sie denn, ich könnte nicht auf eignen Füßen gehen?« fragte
-sie lachend.
-
-Er errötete wie ein Knabe. »Doch -- Sie sind ein guter Kamerad,« sagte
-er.
-
-Sie wurde auf einmal ernst. »Lassen Sie mich das bleiben,« sagte sie
-frei.
-
-Er schüttelte heftig ihre dargebotene Hand.
-
- * * * * *
-
-»Heute abend geben wir ein Fest,« erklärte Arne eines Tages.
-
-»Vater mag nicht, wenn so viele Menschen kommen,« meinte Eliza.
-
-»Dummerlein! Gar keine Menschen sollen kommen! Wir geben das Fest ganz
-für uns allein.
-
-Diese Zimmer sind so ganz versunken in Traurigkeit und Langeweile -- man
-muß sie ein bißchen fröhlich machen!« -- --
-
-Nach dem Pachthof zu lag ein Wald. Die drei jungen Menschen machten sich
-auf zu einer Entdeckungsreise -- Ein Fest braucht Blumen und Kränze.
-
-Sie bahnten sich einen Weg durch Brombeerhecken und Haselnußgebüsch, sie
-gingen bis zu den Knöcheln im weichen, modernden Laub und wählten das
-Froheste unter den frohen Farben des Herbstes.
-
-Ein kleiner Hügel kam; auf dem gab es ein Rankengewirr aus
-Jelängerjelieber und Waldrebe, das schon von feinen staubweißen
-Samenperücken übersponnen war.
-
-Arne trat vor und schnitt ein paar lange Guirlanden herunter. An der einen
-saß noch ein Blütenbüschel. Er brach dieses rötliche Sträußchen und
-überreichte es Esther ganz feierlich. »Je länger -- je lieber.«
-
-Esther nahm es, drehte es zwischen den Fingern und lächelte. Sie lächelte
-und sah zwischen den Baumzweigen hindurch nach dem Himmel; der war von
-blauem Glas. -- Es roch gut nach feuchter Erde, fast wie Veilchen, und
-kräftig nach welkem Buchenlaub und Baumrinde, die schon des Nachts bereift
-gewesen. -- Beim Stillstehen fühlte sie das Blut wie heißen Wein durch
-ihren Körper rinnen.
-
-Und sie lächelte und drehte den Blütenstiel zwischen den Fingern -- ging
-ein paar Schritte -- drehte -- und ließ achtlos die Blüten fallen.
-
-Nur Eliza hatte es gesehen.
-
-Sie hob sie auf, trat hin zu Esther und fragte: »Warum thust du das?«
-
-Wie ein schmerzlicher Vorwurf klang dieses »Warum thust du das?« -- Und
-dann: »Wenn du sie nicht haben willst, gieb sie mir -- aber du darfst
-nicht fortwerfen, was er dir giebt.«
-
-Esther zog die Augenbrauen hoch, antwortete nichts und ging zur Seite.
-Eliza folgte ihr niedergeschlagen.
-
-Sie kamen auf einen Feldweg. Am Waldrand rief Arne: »Fräulein Esther!
-Eliza! Hier diesen Weg müssen wir zurück! Sie gehen falsch!«
-
-Eliza berührte mit den Fingerspitzen Esthers Arm und sagte ängstlich:
-»Er meint, wir gehen falsch!«
-
-Esther wandte ihr Gesicht, das in übermütiger Lustigkeit einen
-knabenhaften Zug erhielt, zu dem Kind und sagte: »Laß ihn nur -- er wird
-uns schon nachkommen!«
-
-»Das thut er nicht,« meinte Eliza zweifelnd.
-
-Aber da sahen sie schon wie Arne, den Kampf gegen die Ackerschollen
-aufnehmend, querfeldein herübergestiegen kam.
-
-Eliza bog den Kopf zur Seite und sah Esther sanft und verwundert an.
-
-Esther lächelte nur -- ein ganz kleines, spitzbübisches Lächeln.
-
-»Du bist anders geworden,« sagte Eliza.
-
- * * * * *
-
-Das Gartenzimmer stellte einen prächtigen Tanzsaal vor. -- Ein ganz
-besonderer Luxus war mit den hohen, dicken Wachskerzen getrieben, die
-ihr Licht so seltsam einschmeichelnd verteilen, wie eine Stimme, die von
-verborgner Liebe redet.
-
-In einer halberhellten Ecke saß der alte Rude in seinem steifen
-hochlehnigen Sessel. Er saß steif und aufrecht und glich mehr als je einem
-Gemälde der niederländischen Schule -- jenem Typ voll Charakter und fast
-einfältiger Würde, von dem man jedoch sicher ist, daß er klug zu reden
-und klug zu schweigen versteht.
-
-Eliza trug ein weißes Kleid. Sie mochte nie tanzen, saß auf einem Tisch
-und geigte. Sie machte große ernste Augen und spielte so ungewöhnlich
-leise. Ein recht eigenartiges Spiel war es: ganz ohne Kraft und Temperament
--- nur eine Tonreihe kleiner überzarter Liebkosungen.
-
-Es gab nur das eine Paar, das tanzte. -- Sie waren zusammengeheftet --
-konnten nicht aufhören.
-
-Die Lichter schwirrten -- warme Luft zog wellengleich vorüber. Esther
-fühlte sich ermatten -- so ganz weich, langsam, leise. -- Sie tanzte mit
-gelösten Gliedern.
-
-Und da war der, der sie hielt und leitete. Sie spürte seine warme,
-ruhige Kraft. -- Sie sah zu ihm auf und lächelte ein wenig unsicher. --
-Plötzlich sah sie -- rote Beeren durch den Nebel schimmern? -- Ja, es war
-dieses alte, alte Gefühl der Lust, das sie einmal überkam, wenn sie die
-roten Beeren der Eberesche durch den Nebel leuchten sah.
-
-Das Blut lief ihr mit einem heißen, schmerzhaften Ruck durch den
-Körper -- -- Rote -- Beeren -- durch den -- Nebel -- leuchten --
-
-»Ist Ihnen nicht wohl, Fräulein Esther?«
-
-»Nur ein bißchen schwindelig.«
-
-»Sie waren so blaß geworden. Setzen wir uns hier.« --
-
-»Woher haben Sie die rote Rose, die Sie mir vorhin gaben?«
-
-»Es ist die letzte Blüte von Camille de Rohan.«
-
-»Ich weiß noch, wie sie in der Sonne stand -- --«
-
-Sie waren still -- saßen nebeneinander und schwiegen. Auch Eliza hatte die
-Geige sinken lassen. Für einen Augenblick hörte man nur das Brennen der
-Kerzen wie einen leisen Atem durch den Raum.
-
-Esther dachte: Etwas kommt zu mir -- eine tiefe Angst. Ich verliere mich,
-und alles ist fremd und seltsam und bethörend -- --
-
-Sie sagte: »Ich bin müde -- möchte hinauf gehen.«
-
-Sie ging langsam durch das Zimmer und fing das Licht in ihren Augen auf,
-die vielen kleinen stolzen Flammen. Sie erhob den Kopf und war froh, und
-ein Gefühl der Macht ging ihr durch den Körper.
-
-»Gute Nacht, Herr Rude.«
-
-Der Alte hielt ein wenig ihre Hand. -- »Gute Nacht, Kind,« sagte er, gab
-aber ihre Hand noch nicht frei -- fügte dann ganz leise hinzu: »Kind --
-Kind -- Königin Esther!«
-
-Ihr erschien das nicht einmal wunderlich.
-
-Und sie beugte sich zu Eliza: »Gute Nacht, Eliza --«
-
-Das Kind bog sich leise zurück. -- »Gute Nacht.«
-
-»Du bist anders zu mir?«
-
-»Du bist es, die anders geworden ist. Ich kenne dich nicht mehr.«
-
-Esther senkte den Kopf. Das Weinen preßte ihr plötzlich die Kehle. Es war
-heute so, daß ein jedes Wort sie tief und innerlich traf und wie mit einer
-geheimnisvollen Bedeutung.
-
-Und ihr war, als schickte sie sich an zu einem Verbrechen. Scham und
-Entsetzen waren in ihr. -- Was denn? -- Aber sie that doch nichts
-Häßliches?
-
-Nur die Schwermut war es, die von ihr wich -- nur diese glücksfremde, von
-Jugend und Leben gewandte Seele schwieg endlich einmal --
-
-Es starb -- es starb in ihr. -- --
-
-Auf der Treppe traf sie noch einmal mit Arne zusammen. Er sagte nichts --
-nahm nur ihre Hände und küßte sie.
-
-Und sie ließ ihm die Hände. Gab sie ihm wie einen Trunk und schaute zu.
--- Und sie fühlte seine Liebe kommen. Und seine Liebe trat bis heran zu
-ihrem Herzen.
-
-Und es war wie ein stiller, seliger Trost in ihr: nicht mehr allein --
-endlich nicht mehr allein sein -- -- -- --
-
-Dann zog sie leise die warmgeküßten Hände zu sich.
-
-Und seine frohe, junge Stimme kam ihr noch einmal im Gutenachtgruß nach.
-
-
-
-
-V
-
-
-Am nächsten Morgen kam Esther früher als die andern Hausbewohner ins
-Eßzimmer herunter. Erst stand sie ein wenig am Fenster und sah in den
-Garten. Dort, wo sich einst Camille de Rohan in der Sonne wiegte, graste
-jetzt der Wind am welken Laub der Beete. Ja, eingedrungen war der Sturm in
-den stillen Garten und hastete suchend um das Haus.
-
-Esther blickte fremd auf die beginnende Zerstörung. Sie fühlte nur das
-Geborgensein.
-
-Dann trat sie vom Fenster zurück, ging langsam durch das Zimmer. Immer
-noch schien niemand außer ihr aufgestanden zu sein.
-
-Sie wollte aber so gern mit irgend jemand reden -- gleichgültig was und
-mit wem. So eine Unruhe war in ihr. Vielleicht war die alte Karen in der
-Küche! --
-
-Nein, auch Karen war nicht zu finden. Nur das friedliche Summen von
-kochendem Wasser ließ sich hören. Über einen Nagel am Thürpfosten war
-ein Rock Arnes zum Ausbürsten aufgehängt. Esther trat hin und strich mit
-der Hand über den Ärmel. Dann horchte sie, ob auch niemand käme. Und
-sie that noch einmal dasselbe -- wie eine scheue Liebkosung war es. Und
-plötzlich drückte sie auch ihre Stirn hinein.
-
-Dann ging sie leise und wie mit einem kindlich bösen Gewissen wieder
-hinaus. Dabei war ihr im Innersten eine stille keimende Freude.
-
-Sie kam am Postkasten vorbei, der unter dem freien Herzausschnitt der
-Hausthür angebracht war. Man hatte ihn gestern vergessen zu leeren --
-
-Sonst würde sie diesen Brief von Lydia schon einen Tag früher gelesen
-haben.
-
-Sie that ihn zögernd von einer Hand in die andere. Plötzlich kam es ihr:
-Wenn sie ihn nun gar nicht öffnete? Wenn sie so alle Verbindung mit der
-Vergangenheit abbrechen könnte? So daß ihr Leben gleichsam neu wurde und
-rein von Schmerzen -- --
-
-Aber was waren das für sinnlose Gedanken! Nein, standhalten wollte sie von
-nun an allem, was dort drüben her ihrer Sehnsucht winkte. --
-
-Sie ging in die Stube zurück und las den Brief --
-
-Lydia erzählte allerhand Kleinigkeiten aus der Heimat, ihre eigne Person
-immer nur nebensächlich berührend.
-
-Da fand sich auch eine Stelle, als Esther die las, war der ganze übrige
-Brief vergessen. Sie las noch einmal -- da war schon das alte Herzweh
-wieder eingedrungen.
-
-»-- -- ja, es ist noch das alte Glück. Ich hörte ihn zu deiner Schwester
-sagen: ›Du bist es, die für mich ist‹. Und sie antwortete: ›Und du
-für mich‹ --«
-
-Weiter kam Esther nicht. Sie mußte dasselbe immer wieder lesen.
-
-Und da stieg ein Bild des Glückes vor ihr auf -- des Glückes in seiner
-Vollkommenheit. Es war nicht mehr die Liebe zu diesem Mann, der so gesegnet
-rein und voll empfinden konnte -- Sie hätte nur seine Worte nehmen mögen,
-stehlen mögen, um sie dem andern zu schenken, den sie liebte --
-
-Sie hätte zu dem kommen mögen, den sie liebte und allen Reichtum dieser
-Worte über ihn ausschütten: »Du bist es, der für mich ist.«
-
-Aber das -- das würde ja für sie nur eine neidische Lüge sein. Denn sie
-war genügsam geworden bei einem halben Verstehen, bei einschläfernden
-Zärtlichkeiten. Sie hatte gewußt, daß sich ihr nirgends Heimat bot --
-und da nahm sie die warme Hand, die sich ihr entgegenstreckte --
-
-Ja, der Wille zu einem Götterglück war allzufrüh in ihr gebrochen -- und
-da griff sie nach einem kleinen frohgemuten Trost. -- -- --
-
-Sie hatte nicht bemerkt, daß jemand eingetreten war.
-
-Arne ging auf sie zu mit einem frohen fragenden Blick.
-
-Sie gab ihm flüchtig die Hand. Seine Augen wurden ernst und die Frage
-darin eindringlicher.
-
-Sie spürte die Verpflichtung, etwas zu sagen, fand kein Wort und wurde
-dadurch verlegen.
-
-Er bemerkte den Brief in ihrer Hand. »Sie haben Nachrichten von zu Hause,
-Fräulein Esther?«
-
-»Ja, sie schreiben -- ich werde bald reisen müssen.«
-
-»Sie wollen wieder fort, Fräulein Esther? Hier im Hause hofft man, daß
-Sie immer bleiben möchten.«
-
-»Ich bin so lange schon fort,« sagte Esther eintönig.
-
-Er antwortete gar nicht, sah sie nur mit dem traurig befremdeten Blick
-eines Hundes an, der Güte und immer nur Güte von seinem Herrn zu erwarten
-gewohnt war und sich nun getäuscht sieht. Er ging. Es war ein stummes
-Richten.
-
-Aber sie dachte nichts als: es ist gut so, denn es wäre eine Lüge
-gewesen.
-
-Doch nun würde sie auch nicht länger in diesem Hause bleiben können.
-
-Die Heimkehr stieg vor ihr auf -- nicht die Heimkehr mit den tausend Masten
-der Sehnsucht -- es würde die stille dumpfe Heimkehr des Ausgestoßenen
-vom fremden Lande sein. Und wie gegen das Schicksal gerichtet erhob sich
-bei diesem Gedanken eine flehende Abwehr in ihr. Nur nicht zurück auf den
-Ausgangspunkt ihres Leides!
-
-Eine alte Sage fiel ihr ein: Der Tod kommt zu einem Mann und spricht: »In
-dieser Nacht noch schickt mich der Herr, dich zu holen.«
-
-Und von Entsetzen und Widerstand gegen das Schicksal ergriffen, will der
-Mann dem Gebot Gottes entfliehen. Er besteigt sein schnellstes Pferd und
-jagt über das Land. Er spornt das Tier, daß es die Luft schneidet, als
-bräche ein Sturm entgegen, daß es schäumt und keucht, lange Wolkenzüge
-von aufgewirbeltem Staub hinter sich läßt im rasenden Ritt.
-
-Und wie Mitternacht kommt, ist der Mann weit im Innern der Wüste
-angelangt, wo kein andrer Mensch mehr nah und fern zu finden ist.
-
-Da läßt er das erschöpfte Tier Schritt gehen, selbst in Mattigkeit
-zusammenbrechend.
-
-Doch plötzlich -- gar nicht weit von sich -- sieht er eine dunkle Gestalt
-in wartender Ruhe. Es zieht ihn hin -- da steht der Tod.
-
-»Wahrlich des Herrn Wege sind wunderbar,« spricht der Tod. »Fast
-zweifelte ich heute an der göttlichen Allwissenheit, als der
-Herr mir befahl, dich hier an dieser Stelle der Wüste zu
-erwarten.« -- -- -- -- --
-
-»Wollen Sie mit mir eine Tour über Land gehen?« fragte später am
-Nachmittag Adam Rude.
-
-Esther war gleich bereit. Eliza und Arne saßen schon seit Stunden überm
-Schachbrett, Esther hatte ein Buch genommen, aber die gelesenen Worte
-bekamen keinen Sinn in ihren Gedanken.
-
-Nun schritt sie neben dem alten Rude über das Heideland. Er hatte ihre
-Hand durch seinen Arm gezogen, »damit Sie nicht ermüden, denn wir wollen
-weit gehen«.
-
-»Wohin gehen wir?«
-
-»Nach einem Bauernhof, drüben im Rottbüllwald. Recht merkwürdige Leute
-sitzen dort, hören Sie nur:
-
-Vor zwanzig Jahren starb der Bauer. Er hatte aber ein Testament gemacht,
-nach dem die Bäuerin den Hof verlieren sollte, wenn sie innerhalb
-zwanzig Jahren wieder heiraten würde. So sehr hatte er sich ihrer Treue
-versichert!
-
-Kaum aber ist der Mann tot, so hat die Bäuerin nichts Eiligeres zu thun,
-als ihre Gunst dem Großknecht zu schenken. Aber heiraten dürfen sie nun
-ja mal nicht, weil sie sonst den Hof verlieren. Also sie warten zwanzig
-Jahre, und jetzt im Frühling hielten sie Hochzeit.
-
-Weil aber im Laufe dieser Zeit an zwölf Kinder gekommen waren, schlug
-ihnen der Pfarrer vor, die Hochzeit doch wenigstens etwas in der Stille
-zu feiern. Das war aber nun gar nicht nach ihrem Sinn -- es mußte im
-Gegenteil eine ganz große Hochzeit sein, denn sonst, wissen Sie, wären
-die Brautleute ja um die schon lange entbehrten Hochzeitsgeschenke
-gekommen!«
-
-Esther amüsierte sich. Der Alte konnte mit so viel verstecktem Humor
-erzählen, wie sie es seiner feierlichen Art gar nicht zugetraut hatte.
-
-Aber es that ihr wohl -- gerade heute. Und sein kräftiger Schritt
-unterstützte so harmonisch den ihren. Sie schmiegte sich an ihn und sah
-zutraulich zu ihm auf.
-
-Ein herber Wind ging über die abgeernteten Felder; er trug den Geruch von
-Erde und Gras, das auf sandigem Boden wächst. Auch überreife Brombeeren
-mochten dazwischen sein.
-
-Alles ringsum war klar und einfach -- allem heißen Zweifeln der Sinne und
-der Seele fremd.
-
-Was heute früh geschehen war, klang nur noch wie ganz aus der Ferne
-herüber. Ein hohes Bild verblaßte. Eine überzärtliche Sehnsucht
-entblätterte im Nordlandswind.
-
-War hier nicht alles gesund und stark und gut? Redeten nicht alle Dinge in
-einer herzlichen und bekannten Sprache zu ihr? Wozu dann einen festen
-und treuen Gewinn des Lebens aufgeben, um sich selbst ins Ungewisse zu
-verstoßen?
-
-Wie denn? Das waren alles Worte, um einen Willen zu verkleiden. Ja, ganz
-einfach: sie wußte, daß sie sich hier nicht loszureißen vermochte -- sie
-_wollte_ hier bleiben.
-
-Wieder sah sie mit einem freudigen und zuversichtlichen Ausdruck auf den
-Menschen, der neben ihr ging. Sie wollte ihm so gern etwas Liebes sagen.
-»Erzählen Sie mir ein wenig von sich selbst,« meinte sie plötzlich.
-
-»Das kann ich so schlecht,« antwortete er. »Ich bin nicht gewohnt, von
-mir zu sprechen.«
-
-Sie glaubte, daß er nun nicht weiter reden würde, aber er fing nach einem
-gewaltigen Besinnen wieder an, und es war, als müßte er erst die Worte
-aus schlafender Versunkenheit wecken.
-
-Und dann kam eine Geschichte von Arbeit und Entbehren. Absichtslos
-erzählt, ohne zu verdecken oder zu übertreiben -- von der einfältigen
-Wahrhaftigkeit eines Menschen, der noch vor keinem Spiegel in müßige
-Selbstbeschau versunken gewesen, und der in natürlicher Vornehmheit nichts
-zu verheimlichen oder zu verschönen an sich weiß.
-
-Und in diese Geschichte der Arbeit und des Enbehrens trat eine Frau.
-Sie ging einfach und klar hindurch -- und doch wie etwas Ungeahntes und
-Überirdisches. -- Sie erschien ihm so fein, daß er sie nicht anzurühren
-wagte mit seinen rauhen Arbeitshänden. Aber sie neigte sich ihm. Doch
-immer wenn er fort von ihr war, konnte er es noch nicht glauben, daß sie
-ihm gehörte -- wirklich ihm! Und er dachte die ganze Zeit, während er
-arbeitete, an sie, und daß er sich eilen wollte, wieder zu ihr zu kommen.
-Und auf seinem Heimweg sah er sie dann, wie sie ihm entgegenkam. Sie ging
-ihm entgegen mit dem sorgenvollen Blick, der ihr eigen war. Und sein Glück
-war es dann, zu erwarten, daß sie ihn erkannte: dann sah er, wie sich ihre
-Züge zur Freude veränderten. Ja, diese Wandlung immer wieder zu sehen,
-war das köstliche Glück seiner Tage. -- Er erzählte und kam immer wieder
-darauf zurück, und dann lächelte er -- und schwieg einen Augenblick --
-und erinnerte sich.
-
-Esther ging neben ihm und nahm sein Vertrauen wie ein Heiligtum entgegen,
-denn sie verstand wohl seinen Wert.
-
-Und wie er zu Ende war, da wußte sie nichts zu sagen, blieb an einem
-Berberitzenstrauch stehen und brach sich Zweige voll der roten Beeren.
-
-Und er griff auch in die Dornen und half ihr. Aber seine Hand zitterte,
-so daß ihn die Dornen verletzten. Und er wußte nicht, daß er ihr mit
-blutenden Händen den kindlichen Schmuck überreichte.
-
-Und sie nahm den Hut herunter und krönte sich mit den Zweigen in einer
-unbewußt feierlichen Gebärde. Und die roten Beeren hingen in ihrem Haar,
-wie Blut, das unter einem Dornenkranze niedertropft.
-
- * * * * *
-
-Späte, warme Tage kamen, so daß die langverblühte Heide noch einmal
-purpurn schillerte vor lauter Sonnenlicht.
-
-Nicht weit von Eriksgaard lag ein kleiner Friedhof. Gräber mit alten,
-verwitterten Steinen, in die so wunderliche Namen eingeschnitten waren,
-gab es dort. Esther ging oft allein dorthin und las die Geschichten von
-»Jung-Svend«, von »Eike« und »Gerdine«. Sie lasen sich einfältig und
-überzeugend wie alte Märchen. Mit trocknen Wirklichkeitsworten war dort
-von der Liebe über den Tod und vom Wiedersehen im Jenseits erzählt. Man
-wußte, weder Jung-Svend, Eike oder Gerdine, noch ihre Nachredner hatten
-diese Hoffnung auch nur in den Bereich des Geheimnisvollen verlegt -- sie
-war ihnen so selbstverständlich wie das Tagewerk und das Kinderzeugen
-gewesen.
-
-Reseden gab es noch auf den Gräbern und die nachzüglerischen Rosen
-des Kirchhofs. Über die Schutzmauer aus Feldgestein hob sich nur ein
-untersetzter Nußbaum mit seinen glatten blankflimmernden Blättern.
-
-Einmal, wie Esther durch das Kirchhofspförtchen trat, fand sie Arne unter
-dem Nußbaum. Er sah verlegen aus und war bemüht, das Zusammentreffen
-als ein zufälliges hinzustellen, denn sie waren sich in einem stillen
-Übereinkommen seit jenem Morgen ausgewichen.
-
-Esther ging auf seine Bemühungen ein. Es war etwas Hilfloses über
-ihm, das sie rührte. Sie setzte sich sogar neben ihm an die
-kleine Hügelböschung unter der Steinmauer und redete ein paar
-Gleichgültigkeiten, ihn dabei ernst und freundlich ansehend.
-
-Er schien ihr ein wenig verändert in dieser letzten Zeit, wenigstens
-war seine Kleidung nicht mehr so ~dandy like~, und auch der sonst so
-wohlfrisierte Scheitel war in wirren Knabenlocken verloren gegangen. Eine
-leichte Unrast lag in seinen Bewegungen.
-
-Plötzlich begann er ganz unvermittelt und vor unterdrückter Bewegung fast
-automatenhaft redend: »Wir sprachen neulich einmal über die Möglichkeit
-eines immateriellen Fortbestehens, Fräulein Esther.
-
-Wissen Sie noch, ich leugnete das Jenseits und die Seele? -- Ich habe
-Unrecht gehabt. Ich weiß jetzt, daß ich Unrecht hatte.
-
-Es giebt eine Seele, und es giebt einen Himmel, in dem uns wird, was
-wir auf Erden entbehrt haben. Das läßt sich nicht mit Sätzen der
-Wissenschaft beweisen -- das muß man gefühlt haben.
-
-Man muß nur einen Menschen über alles lieb haben, dann will man auch mit
-ihm die Ewigkeit. Dann will man nichts von der ewigen Seligkeit, als diesen
-einen Menschen -- dann glaubt man an das Jenseits und die ewige Vereinigung
-der Seelen -- trotz aller Erkenntnisse der Wissenschaft.«
-
-Er schwieg und sah sie erwartungsvoll an. Doch als sie nichts sagte,
-nur den Kopf tiefer senkte, fragte er wie mit zugeschnürter Stimme:
-»Fräulein Esther, wollten Sie keinen Himmel?«
-
-Sie sah ihn nicht an, antwortete nur still vor sich hin: »Menschen wie ich
-bin, wollen keinen Himmel. Es ist ihnen kein Verzichten auf Erkenntnis --
-es giebt ja zu viele unerklärliche Dinge, an die sie glauben, als daß
-nicht auch der Traum von einem Jenseits zur Wirklichkeit werden könnte.
--- Wir wollen nur keinen Himmel, weil wir dort drüben nicht zu leben
-verstünden. Denn wir sind nicht zur Freude geschaffen -- wir würden den
-Kampf entbehren -- und den Schmerz -- und die Einsamkeit. Denn das alles
-haben wir lieben gelernt, als uns die Erde nichts anderes zu bieten hatte.
-
-Wir können nie mehr in der Freude zu Hause sein.«
-
-Und wieder war es still zwischen ihnen, bis auf das heimliche, bebende
-Leben über den Gräbern. Ein leichter Wind rührte die Blätter des
-Nußbaums. Das war wie ein Aufseufzen der Toten, die Rede begehrten.
-
-Doch zwischen den Lebenden blieb das Schweigen. Nur war es Esther
-plötzlich, als würde sie weit fortgetragen -- weit, durch ein
-stürmisches, sonniges Land. Felsen sah sie ragen und rote, heiße Blumen
-an Abhängen blühen. Und das wilde Lied des Lebens klang um sie. --
-
-Sie sah auf und in ein bleiches, vor Erregung verzerrtes Gesicht.
-
-»Esther! Esther! Sie wissen, was ich sagen will -- Esther, deine Seele
-will ich -- --«
-
-Sie sah ihn starr und wie ganz aus der Ferne an. »Meine Seele?« sagte
-sie, und langsam gingen Thränen aus ihren Augen. Sie vergaß in diesem
-Augenblick den Menschen neben sich.
-
-Doch der sprach weiter: »Esther, ich glaubte zu wissen -- ja, Sie haben es
-mir gezeigt, daß ich Ihnen nicht gleichgültig bin -- Esther -- --«
-
-Sie sah plötzlich wieder sein gequältes Gesicht über sich -- und da
-legte sie ganz leise den Arm um seinen Hals und sagte: »Ja, ich habe dich
-lieb.«
-
-Und sie küßten einen leisen, zitternden Kuß.
-
-Und keines von ihnen wiederholte die Zärtlichkeit. Schweigend gingen sie
-nebeneinander zurück über die Heide, die purpurn schillerte vor lauter
-Sonnenlicht.
-
-
-
-
-VI
-
-
-Purpurn schillerte die Heide vor lauter Sonnenlicht.
-
-Sie gingen nicht mehr zusammen auf den kleinen Kirchhof -- sie suchten
-alles auf, was froh und leuchtend war.
-
-Wie die Kinder gingen sie miteinander Hand in Hand. Und sie machten
-Entdeckungen in der altgewohnten Umgebung, ihre Blicke waren so sonderbar
-für alle Außenwelt geschärft, und sie fanden auf einmal wundersam
-schön, was sie früher gar nicht beachtet hatten.
-
-In den Wald kamen sie am oftesten. Es gab da so viel Buschholz, daß man
-sich schon verirren konnte, oder sich doch auf Augenblicke der aufregenden
-Vorstellung hingeben, man wüßte nicht mehr den Heimweg zu finden, und
-wenn auch das einmal nicht möglich war, so konnte man wenigstens dem
-andern diese Möglichkeit vortäuschen.
-
-Esther gab sich in dieser Zeit ganz der Gegenwart hin.
-
-Eine übermütige Knabenlust, ihre Körperkräfte zu erproben, überfiel
-sie manchmal. Dann forderte sie Arne zum Ringkampf heraus und sie balgten
-sich miteinander wie Gassenbuben.
-
-Dann lagen sie wieder ausgetobt und beschaulich geworden am Waldsaum.
-
-»Ach wenn ich doch lieber ein Mann wäre!« seufzte Esther.
-
-»Dann wärst du kaum erst mit dem Gymnasium fertig -- ein Student in den
-ersten Semestern!«
-
-»Ja, das ist wahr: man kommt sich als Frau älter vor.
-
-Eine Zeitlang war ich ganz alt. Nun ist es aber wieder, als sollte
-alles erst anfangen -- fast als ob ich noch nicht mitrechnete unter den
-›Erwachsenen‹.
-
-Weißt du noch, wie man als Kind die Erwachsenen sieht: so unendlich weise
-und interessant und eingeweiht in die Geheimnisse des Lebens.
-
-Und man denkt daran, wie an eine ferne bevorstehende Ehrung, daß man auch
-einmal zu ihnen gehören wird.«
-
-Er sah sie an mit seinem strahlenden, frohgemuten Blick. »Mir ist es nun
-doch lieber, du bist eine Frau und kein Mann,« sagte er mit recht viel
-Überzeugung.
-
-Sie wurde nachdenklich. »Hast du noch nie eine Frau vor mir geliebt?«
-fragte sie ernst.
-
-»Nie,« sagte er. »Und wenn ich es wagte zu dir zu kommen, so ist es nur,
-weil du die erste bist.«
-
-Da beugte sie sich nieder und küßte seine Hand.
-
- * * * * *
-
-Adam Rude hatte wieder seine Tage, wo er in »böser Laune« umherging.
-
-Des Vaters »böse Laune« war ein nahezu geheiligter Zustand. Keinem fiel
-es ein, nach ihrer Ursache zu fragen -- man nahm einfach die Thatsache hin,
-beugte sich darunter wie unter das Schicksal.
-
-Mit finsterem Gesicht wanderte Adam Rude durch das Haus. Den größten Teil
-des Tages schloß er sich in dem Zimmer ein, wo das Bild seiner Frau hing
--- gleich einem Priester, der sein Leben im Marienkult verzehrt.
-
-Auch zu der Verlobung seines Sohnes mit Esther hatte er erst kein Wort
-geäußert. Kaum wußte man, ob er wirklich verstanden hatte, bis er
-plötzlich bei Tisch auf eine zugleich feierliche und finstere Art den
-beiden zutrank.
-
-»-- und dann ist es jetzt wohl an der Zeit,« fuhr er fort, »daß man
-auch mich nicht mehr ausschließt, wenn alle sich du nennen.«
-
-Er blickte zürnend um sich. Esther hatte im ersten Augenblick diese
-wunderliche Ausdrucksweise nicht verstanden, bis Arne über den Tisch rief:
-
-»Der Vater möchte dich du nennen, Esther!«
-
-Esther errötete. Sie sah Adam Rudes Blicke so unbegreiflich zornig und
-schmerzlich auf sich gerichtet, wurde davon ganz verwirrt und wußte keine
-Antwort. Sie hob nur in schweigender Erwiderung ihr Glas gegen ihn.
-
-Eine quälende Stille wurde nur ab und zu durch Arnes ungedämmte
-Fröhlichkeit unterbrochen. Eliza duckte sich ganz verstört zusammen wie
-ein Vogel im Gewitter.
-
-Nach Tisch ging Esther dem Alten nach. Sie sagte: »Sie sollen mir nicht
-böse sein, ich wollte ja so gern, daß Sie mich Du nennen -- aber ich habe
-es lieber, wenn ich zu Ihnen Sie sagen darf.«
-
-Vielleicht sah sie recht hilflos aus mit ihrer Bitte. Auf jeden Fall war
-etwas in ihrer Art, das seine Ritterlichkeit hervorrief.
-
-Er sagte: »Wie du willst, Kind -- wie du willst.«
-
-Und als sie nicht gleich wieder ging, beugte er sich mit einem seltsamen
-Ausdruck von Güte und Wehmut über sie und berührte mit den Lippen ihre
-Schläfe. -- Dann sagte er: »Wie du es willst, so wird es gut sein.«
-
-Danach aber versank er wieder in seine »böse Laune«.
-
- * * * * *
-
-Sie saßen allein zusammen in der Abenddämmerung und machten
-Zukunftspläne.
-
-Fast vergaßen sie die Gegenwart über den Gedanken an das Kommende. Esther
-sagte: »Du mußt erzählen, wie es dann sein wird.«
-
-»Dann« war nach der Hochzeit.
-
-Sie wollte immer hören, wie es »dann« wäre -- sie hatte eine feste und
-gläubige Zuversicht in dieses zukünftige Ereignis gefaßt, als ob damit
-durch eine magische Gewalt die letzten zögernden Vergangenheitszweifel
-vernichtet werden müßten.
-
-Ja, sie wollte ihm gehören -- sich ihm so mit allem Willen hingeben, daß
-einmal jenes letzte, seligste Wort auch zwischen ihnen zur Wahrheit werden
-könnte. -- -- -- --
-
-»Du mußt erzählen, wie es dann sein wird!«
-
-Er hatte die Hände in die Hosentaschen versenkt und lehnte sich zu ihr
-hinüber, so daß sie sein Haar roch, aus dem irgend ein künstlicher
-Wohlgeruch stieg. Er senkte die Stimme zu einem Flüstern, das Esther ein
-wenig affektiert klang, und erzählte die Geschichte mit den Worten, wie
-er sie jedesmal begann: »Am Abend kommen wir in Kopenhagen an -- und am
-andern Morgen zeige ich dir die Stadt.«
-
-Sie verspürte so eine unwiderstehliche Lust, über ihn zu lachen.
-Durch die Dämmerung sah sie aber, daß er jenen aus Zufriedenheit und
-Sentimentalität gemischten Ausdruck hatte, den zu unterbrechen man nicht
-leicht einem Menschen gegenüber genug Grausamkeit aufbringt.
-
-Sie bemühte sich also ernst zu bleiben, während er, an ihre Schulter
-gelehnt, lispelnd und mit gefühlvoller Betonung ein gefühlvolles Glück
-unter den Sensationen der Großstadt beschrieb.
-
-Nein, sie konnte es nicht mehr aushalten, ohne zu lachen! Sie griff irgend
-einen kleinen motivierenden Einfall auf, lachte und sagte: »Weißt du
-noch, Arne, was für kluge Dinge in deiner Novelle standen, die du mir
-neulich zeigtest?«
-
-»Welche?« fragte er unwillig über die Unterbrechung.
-
-»Sie hieß ›Moderne Frauen‹. Und die moderne Frau -- sie trug einen
-›~high life~-Gürtel‹, weil die Novelle im Jahre 95 geschrieben war
--- war so ungehalten über die ungesellschaftliche Pose, in der sie
-ihren Ehemann überraschte -- ich glaube, er saß rittlings über einer
-Stuhllehne --, daß sie sich von ihm scheiden ließ.«
-
-Er fuhr aus seiner nachlässigen Haltung auf und setzte sich kerzengerade.
-»Unsinn! Das hast du ganz falsch verstanden!« berichtigte er scharf.
-»Deshalb war es doch nicht, daß sie sich scheiden ließ!«
-
-»Ich dachte!« meinte Esther und trat leise vor sich hinsummend zum
-Fenster.
-
-Er ging ihr nach, und nun sah sie im hellen Mondlicht, daß er ein überaus
-beleidigtes Gesicht machte. Ja doch -- sie hatte ja seine Dichterwürde
-gekränkt!
-
-Wenn sie doch nur dieses dumme Lachen überwinden könnte! -- Sie sah ja,
-wie es ihn immer mehr reizte.
-
-Sie trug einen weißen Shawl; den schlang sie jetzt in nervöser Hast bald
-um die Schultern, bald um den Kopf. Das Heliotrop im Fenster roch stark zu
-ihnen herauf. Dicht vor ihr war das helle, nun durch den Zorn ein wenig ins
-Antike veredelte Gesicht Arnes.
-
-Fortwährend wurde sie von dem Gedanken gepeinigt, er werde nun gleich in
-Worte des Vorwurfs ausbrechen -- sein Schweigen begann sie schon zu quälen
--- aber trotzdem zwang diese Erregtheit sie, immer weiter zu lächeln.
-
-Sie zog den Shawl wieder über die Augen, so daß nur noch ihr lachender
-Mund im Mondlicht stand. Und da -- fühlte sie plötzlich seine schweren
-und heißen Lippen auf ihrem Mund -- fühlte sie ganz unerwartet und
-wie eine unerhörte Beleidigung seinen Kuß. Und er ließ sie nicht los,
-preßte seine Zähne nur fester gegen ihre Lippen, so daß sie aufstöhnte
-vor Schmerz und Empörung.
-
-Und sie riß sich los und lief in ihr Zimmer. Dort fing sie an sich zu
-waschen -- wusch sich immer wieder den Mund -- rieb und wusch, als wäre
-der Kuß eine äußerliche Verunreinigung gewesen.
-
- * * * * *
-
-Am andern Morgen begegneten sie sich mit einer zornigen Scheu. Esther
-versuchte anfänglich den Vorgang des letzten Abends zu ignorieren und ging
-mit ihm, wie sie sonst immer gethan, den alten Weg über die Heide nach dem
-Walde zu.
-
-Aber sie fanden kein zusammenführendes Wort -- gingen nur immer schneller,
-wie hastend nach einem rätselhaften Ziel.
-
-Da, wo Wald und Heide sich scheiden, ruhten sie nach alter Gewohnheit.
-
-Vielleicht suchte er nach einem versöhnenden Wort -- vielleicht sie --
-
-Aber beide vermochten sie das Schweigen nicht mehr zu entwirren, und wie
-von einem dumpfen Schicksalszwang getrieben warf er sich über sie und
-drückte ihren Kopf nieder in das Heidekraut und seine Lippen wühlten an
-ihrem Mund.
-
-Und da kam es, daß sie seine Küsse erwiderte, und ihr Körper zitterte
-unter ihm. --
-
-Und dann lösten sie sich langsam und sahen mit bethörten Augen weit, weit
-hinaus, wo sich die Heide vor ihnen hinstreckte -- purpurn schillernd vor
-lauter Sonnenlicht --
-
-Gleich dem lockenden Bild der Leidenschaft.
-
-
-
-
-VII
-
-
-Graue Tage kamen. Über der Heide hob und senkte sich der Nebel wie
-Atemzüge.
-
-Arne legte seinen Arm um Elizas Schulter und sah ihr in das kleine blasse
-Gesicht. »Was fehlt unserm Kleinsten?« fragte er zärtlich.
-
-»Es geht umher und friert.« Das Kind lächelte müde zu seinen Worten.
-
-»O nein, frieren lassen wir es doch nicht!« meinte Arne. »Wir wollen uns
-einmal recht amüsieren, daß wir die häßlichen Regentage ganz unvermerkt
-überspringen; dann wird dir auch schon wieder schön warm werden.«
-
-»Was wollen wir denn thun?« fragte Eliza zweifelnd.
-
-»Nun -- spielen wir vielleicht Theater? Wir bitten die Bewohner von Villa
-Marina dazu und spielen ein nettes, lustiges Stück.«
-
-Eliza war wie umgewandelt. »Ja! ja! Theater spielen wir!« rief sie und
-schlenkerte vergnügt mit den Armen durch die Luft.
-
-»Sind Ihrer Majestät, der Königin Esther, unsre Pläne angenehm?«
-wandte sich nun Arne zu Esther. Seine Augen leuchteten immer so zärtlich,
-wenn er mit ihr sprach.
-
-Ja, Ihre Majestät genehmigte den Vorschlag, und nun schleppte man alles
-herbei, was das Haus an dramatischer Litteratur bergen mochte.
-
-Vor allem mußte der gute alte Holberg herhalten, dem sein
-unvergleichlicher Humor nun einmal die ewige Jugend verliehen hat. Die
-große Schwierigkeit blieb nur, daß kein Stück die gebührenden Rollen
-für die Bewohner beider Häuser vereinigte. Man verfügte zwar recht
-kategorisch über die Abwesenden, kam aber doch zu keinem befriedigenden
-Beschluß.
-
-»Wenn wir nun ein paar Akte aus einem modernen Drama spielten und danach
-eine kürzere Holberg-Komödie?« meinte Esther endlich.
-
-Ja, so ging es.
-
-Man wählte ein Stück aus Hedda Gabler, das sich ganz gut außer
-Zusammenhang spielen läßt, und danach Holbergs »Der verwandelte
-Bräutigam«.
-
-»Ich bin Pernille!« bestimmte Eliza eifrig. Die andern mochten ihretwegen
-sehen, wie sie auskamen. Eliza begann im kokettesten Kammerzofenschritt
-umherzuwandeln, schon jetzt ihre Rolle vorkostend.
-
-»Aber wer ist Hedda Gabler?« meinte Esther nachdenklich.
-
-»Die bist du -- und er ist Ejlert Lövborg, der Dichter, natürlich!«
-erklärte Eliza.
-
-»O nein, dann bin ich schon lieber dein Tesmann, Frau Hedda -- du sollst
-mir auch im Spiel mit keinem andern verheiratet sein!«
-
-Eliza sagte: »Aber Ejlert ist doch er, den sie liebt!«
-
-»Aber Tesmann ist es, der sie hat,« entschied Arne selbstzufrieden.
-
-Esther dachte: geht denn auf einmal alles im Gleichnis?
-
-»Ich mag nicht Hedda Gabler sein!« sagte sie plötzlich.
-
-»Aber Esther! liebe, kluge Esther, verdirb es uns jetzt nicht!« bat
-Eliza.
-
-»Nun -- wenn Ihr es denn wollt -- --«
-
- * * * * *
-
-Mit dem Spiel kam Leben und Heiterkeit nach Eriksgaard.
-
-Da waren die vielen Proben, die wechselseitig in den beiden Häusern
-abgehalten wurden. Man spielte flüchtig die beiden Stücke durch, denn es
-war doch gewiß nicht nötig, daß sie schon so bald in untadeliger Glätte
-gingen und diesen angenehmen Zusammenkünften durch die Aufführung ein
-Ziel gesetzt wurde. Und nach den Proben kam erst noch die eigentliche
-Unterhaltung.
-
-Das weite Zimmer mit dem Spinett wurde zum Tanzsaal. Da klangen nun
-nicht mehr die alten sehnsüchtigen Liebeslieder unter verträumten
-Mädchenhänden -- Es war jetzt das Fräulein Luise, die junge wohlerzogene
-Dame, die ihre gut eingeübten Walzer der tanzlustigen Gesellschaft zum
-besten gab.
-
-Und spät in der Nacht dann fuhr man heim. In diesen kalten
-Spätherbstnächten, wo man die Sterne zucken sieht, so kalt ist es, und
-wo der Atemdampf des Pferdes den ganzen Wagen einhüllt, und wo die Töne
-scharf klingen und kurz abbrechen. -- --
-
-Ja doch -- man spielte »Hedda Gabler.«
-
-Da gab es einen neuen Gast bei Bergsös, das Fräulein Thora Ingermann.
-Zart und zierlich war sie und trug eine hellgelbe Lockenmähne -- darunter
-ein keckes freundliches Gesicht. Sie war wie geschaffen für die Rolle der
-Frau Elvsted.
-
-Und dann führten sie diese Scene auf, in der Hedda, die den Mann ihrer
-Liebe verloren hat, zusieht, wie sich ein leises, noch so harmloses
-Verständnis zwischen dieser kleinen harmlosen Frau und dem ehrbaren,
-allerharmlosesten Tesmann anspinnt. Wie auch der, dem sie die Treue eines
-Lebens geben wollte, ihren Händen entgleitet. -- -- -- --
-
-Fräulein Thora Ingermann war verlobt. Sie hatte eine Menge Bilder ihres
-Verlobten mit. Er war ein Seeoffizier mit prächtigem Schnurrbart.
-
-»Tesmann! Sehen Sie, ist er nicht einzig? Haben Sie schon je einen so
-schönen Mann gesehen?«
-
-Tesmann-Arne betrachtete das Bild und stimmte freundlich, wenn auch
-vielleicht nicht aus überzeugtem Herzen, zu.
-
-Das Fräulein machte ein schmachtendes Gesicht und sah Arne verführerisch
-an. »Ich liebe ihn so!« sagte sie. »Sie können es nicht begreifen, wie
-ich ihn liebe!« -- --
-
-Auf dem Rückweg meinte Arne zu Esther: »Ist es nicht ein liebes kleines
-Ding, der neue Besuch bei Bergsös? Sie hat so eine schöne rührende Liebe
-für ihren Verlobten.«
-
-»Ja, es ist rührend,« sagte Esther.
-
- * * * * *
-
-Arne suchte zwischen seinen Manuskripten. Sie lagen schön geordnet in
-einer geschnitzten Eichentruhe und waren stoßweise mit goldenen Schnüren
-umwickelt.
-
-Er war sehr eifrig. -- »Esther, was rätst du mir Fräulein Thora zu
-geben?«
-
-»Gieb ihr doch dein letztes Buch.«
-
-»Das will sie eben nicht. Sie sagt, sie möchte etwas Handschriftliches
-von mir lesen. Da wühle ich nun immerzu in meinen Sachen und weiß
-wirklich nichts Passendes zu finden!«
-
-»So schreibe ihr etwas Passendes.«
-
-»Ja, meinst du, daß ich das kann?«
-
-»Warum nicht, wenn du es willst?«
-
-Arne besann sich. »Ich werde etwas über sie und ihren Verlobten
-schreiben,« sagte er endlich.
-
-»Thu das, lieber Arne.«
-
-Arne zog sich für ein paar Stunden zurück. Dann kam er erhitzt und
-triumphierend mit einem kleinen Manuskript herein, das bereits recht sauber
-mit einer Goldschnur geheftet war.
-
-Esther las:
-
- »Im Frühsommer.
-
- »Eine ganze Bucht von Heckenrosen hängt über den Rand des Hohlweges,
- bauscht sich in blühender Fülle und wölbt lange, geschmeidige
- Zweige von einer Wand hinüber zur andern -- ganz, als sei für den
- einziehenden Sommer ein Triumphbogen errichtet. -- Und so zahllos sind
- die Blüten -- sie wetteifern mit dem Abendhimmel, wer das köstlichste
- Rot aufweisen kann.
-
- »Aber da, wo der Sommer einziehen sollte, kommt jetzt ein junges
- Menschenpaar. Wie im Traum gehen sie beide, und er hat ganz zaghaft den
- Arm um ihre Schulter gelegt. So leise berührt er sie, daß bei jedem
- Schritt seine Hand ein wenig zittert -- denn sie haben sich ja eben zum
- erstenmal von Liebe gesprochen. Nun wissen sie plötzlich nichts mehr
- zu reden. Es ist, als ob ringsum alles Stimmen bekommen hätte: Von
- den Rosen tönt eine ganz leise, feine, süße Melodie, und das Gras zu
- ihren Füßen seufzt -- nur die Luft im Hohlweg hält den Atem an und
- staut sich in dichten, berauschenden Duftwolken.
-
- »Und jeder Schritt, den sie vorwärts thun, führt tiefer -- tiefer in
- diese seltsame Märchenwelt hinein.
-
- »Nun kommt das Ende der Rosenhecke, schon sehen sie das Korn, welches
- dahinter steht, in blausilbernem Schimmer hindurchblinken -- und
- dazwischen die feurigen Mohnen. -- Ein leichtes Zurückschauern
- durchbebt das Mädchen -- --: der brennend, brennend rote
- Mohn -- -- --
-
- »Dann gehen sie ruhig weiter -- zwischen dem sommerduftenden Korn mit
- den heißroten Blumen -- immer noch schweigend -- nur seine Hand hat
- sich fester um ihre Schulter gelegt.«
-
-Esther gab es ihm zurück. -- »Ich dachte, du wolltest von Fräulein Thora
-und ihrem Verlobten schreiben?«
-
-Er lächelte verlegen. »Ja, aber von dem Verlobten weiß ich doch nichts
-Genaues -- so habe ich nur an Fräulein Thora gedacht -- und wie sie wohl
-sein könnte, wenn ein Mann sie liebt.
-
-Und dann ist nur so ganz im allgemeinen ein Bild der Liebe daraus geworden.
-
-Aber wie gefällt es dir?«
-
-Er sah mit herausfordernder Selbstgefälligkeit um sich. Sie hatte ihm
-sagen wollen, es sei das beste, was sie von ihm kannte. Zum erstenmal war
-er ihr seelisch nähergetreten durch seine Kunst -- fast als ob er mit
-ihren Worten spräche -- Nun war sie plötzlich unfähig, das verlangte Lob
-zu geben.
-
-»Es wird Fräulein Thora schon gefallen,« sagte sie nur.
-
-Er runzelte die Stirn: »Aber dein Urteil, Esther -- hast du auch daran
-wieder etwas auszusetzen?«
-
-»Du meinst, ob ich es fehlerlos finde?«
-
-»Nun?« Er sah sie mit der spöttischen Überlegenheit eines
-Handlungsgehilfen an.
-
-Sie hielt eine heftige Antwort zurück und gab dafür nur eine kühle
-Verstandeskritik.
-
-»Es stört mich nur eine Kleinigkeit -- das ist diese Zusammenstellung von
-Mohn und Heckenrosen, die in Wirklichkeit recht schlimm aussehen würde.«
-
-Arne wurde immer gereizter. »Du verstehst mich nicht. Ich brauche
-Heckenrosen und Mohn ja nur als Allegorie für die zarte Brautliebe und die
-Ahnung künftiger Leidenschaft.«
-
-»Ich weiß wohl -- aber ich meine, daß man auch beim Schreiben ein wenig
-die malerische Wirkung beachten müßte -- das heißt, wenn man Bilder
-gebraucht, muß man sie sich so vergegenwärtigen, daß man die Wirkung
-voll beurteilen kann.«
-
-Er antwortete nicht gleich, stand erst eine Weile mit gesenktem Kopf und
-klimperte nervös an seiner Uhrkette.
-
-»Es ist eben nur das eine, daß dir schon im vorhinein nichts gefällt,
-was ich arbeite,« sagte er dann mißmutig und verließ das Zimmer.
-
-Eliza hatte dem Gespräch schweigend zugehört. -- »War es denn so
-schlecht, was er geschrieben hatte?« fragte sie.
-
-»Nein -- es war gut.«
-
-»Und warum sagtest du ihm davon kein Wort?«
-
-Esther schwieg.
-
-»Du solltest ihm ein wenig Anerkennung geben. Er braucht das, glaube
-ich.«
-
-Esther antwortete wieder nicht. Sie wußte es ja -- er brauchte das. Er
-brauchte Bewunderung oder -- Nachsicht. Doch immer _Lob_.
-
-Sie sahen einander an, und ihre Augen hielten und verstanden sich.
-
-Esther dachte: Woher weißt du es nur -- weiß ich es denn schon selbst?
-Muß ich mich nicht schämen, daß du es weißt?
-
-Und plötzlich stand Eliza auf, hängte sich Esther um den Hals und weinte.
-Ganz stumm -- bis die Dämmerung sank.
-
-»Kommst du wieder zu mir, mein Liebling?« fragte Esther leise.
-
-Das Kind sagte: »Ja, weil du wieder traurig bist.«
-
-»Hast du mich denn nur lieb, wenn ich traurig bin?«
-
-»Ich weiß nicht --
-
-Ich verstehe alles Traurige --«
-
- * * * * *
-
-Arne kam herein -- jung, strahlend, liebenswürdig.
-
-»Seid Ihr denn schon zurück?« fragte Esther.
-
-»Ja; zu schade, daß du zu dieser Probe nicht mitfahren konntest! -- Aber
-wie geht es deinem Kopfschmerz?«
-
-Esther lächelte ein wenig müde. »Komm, setze dich zu mir und erzähle,
-wie es war.«
-
-»O, so lustig sind wir gewesen! Bis es Fräulein Luise zu viel wurde.
-Findest du nicht, daß sie ein bißchen altjüngferlich ist? Vor der Zeit
--- so ein klein wenig?«
-
-»Das habe ich nie gefunden.«
-
-»Na -- ja -- freilich. Ich mag nun die Leute nicht, die keinen kleinen
-Scherz vertragen können.
-
-Da ist Fräulein Thora ganz anders. Temperament hat sie -- das reine
-Zigeunerblut -- und ist doch zart und fein und rührend, wie ein kleines
-Kind!«
-
-»Hat sie wieder von ihrem Verlobten erzählt?«
-
-»Diesmal nicht. Wir machten nur lauter Tollheiten. Zuletzt war sie so
-müde davon, daß sie neben mir saß und beinahe schlief. Fast wäre sie
-gegen meine Schulter gesunken und eingeschlafen!«
-
-»Was sagte sie denn zu deinem Manuskript?«
-
-»Sie fand es schön. Sie sagte nicht viel, aber ich sah es an ihrem
-Gesicht.
-
-Aber etwas anderes hat sie gesagt. Wir sprachen von meinen andern Sachen,
-und sie hat alles gelesen. Und da sagte sie: ›Ich bin gewiß ein
-schlechter Kritiker -- aber mir gefällt alles so unmäßig, was Sie
-schreiben‹.«
-
-Er saß eine Weile ganz ruhig und sah vor sich hin. Dann redete er
-plötzlich wie aus einem Traum, und seine Stimme hatte einen gebrochenen
-Ton. »Ist das nicht das Zeichen, daß sie mich ganz verstanden hat,«
-sagte er, »daß sie es ist, die mich so ganz versteht --«
-
-Esther erhob sich und trat dicht zu ihm hin. In ihr war eine
-eigentümliche, fast unpersönliche Liebe.
-
-»Du mußt zu ihr gehen,« sagte sie. »Ihr gehört zusammen.«
-
-Er sah sie an. Es war, als könnte er nicht verstehen, als fühlte er nur
-hinter einem Verstehen das Entsetzen dämmern.
-
-»Was -- was sagst du da?
-
-Ja, ist es denn, daß du mich nicht mehr willst? Schickst du mich denn
-fort?«
-
-Und plötzlich kniete er vor ihr, und seine Arme schlangen sich zuckend um
-ihren Körper. »Geh nicht fort von mir! Geh nicht! -- Ich kann nicht ohne
-dich leben!«
-
-Sie war ganz ratlos. Alles schien ihr plötzlich unverständlich. Sie
-fühlte nur immer seine Küsse auf ihren Händen -- und dann auf dem
-Mund --
-
-Und unter diesen Küssen wurde sie so seltsam kühl und
-gleichgültig. -- --
-
- * * * * *
-
-Die Aufführung war überstanden. Man hatte auch getanzt und Bowle
-getrunken, bis die allgemeine Stimmung ihren Höhepunkt erreichte. Jeder
-beschäftigte sich nun nur noch mit sich selbst, und wenn es hoch kam, mit
-seinem Nachbar.
-
-Herr Nyblom aus Hönegaard stand neben Esther in der Fensternische.
-
-»Ihre fremdartige Aussprache paßte so gut für die Rolle der Hedda,«
-sagte er. »Sie haben sie noch anziehender und eigenartiger dadurch
-gemacht, gnädiges Fräulein.
-
-Überhaupt liebe ich so den deutschen Accent und alles Ausländische. Sie
-sind viel feuriger dort unten im Süden, als wie hier oben.
-
-Ho! Sie haben Feuer für Blut -- Wir sind Fische dagegen!
-
-Aber ich bin auch einmal in Deutschland gewesen -- bis hinunter nach
-Heidelberg. Meine Frau und ich, wir haben unsre Hochzeitsreise dorthin
-gemacht.
-
-Und die Studenten gaben gerade ein Fest -- mit Pechfackeln zogen sie
-vorbei -- und da schielten sie nun immer herüber zu meiner Frau --
-hahaha! -- --«
-
-Esther bemerkte, daß die Geschichte von Herrn Nybloms Hochzeitsreise nach
-Heidelberg sich auch ohne nachhelfende Antworten abzuwickeln vermochte und
-wandte ihre Aufmerksamkeit mehr der übrigen Gesellschaft zu.
-
-Nicht weit entfernt saß Arne neben Fräulein Thora auf einem Ecksofa.
-Sie hatten traurige Gesichter und schwiegen beide. Aber ihre Augen hingen
-ineinander.
-
-Dann sagte Fräulein Thora: »Ja, das ist es wohl -- es ist nun wohl das
-letzte Mal. Wir werden uns nie wiedersehn.«
-
-»Wir werden uns nie wiedersehn,« sprach Arne wie mechanisch nach und
-senkte seinen hellen Lockenkopf.
-
-»Ich hätte Ihnen noch etwas zu sagen,« fing Fräulein Thora wieder an,
-»wenn wir nur in andern Verhältnissen wären --
-
-O Gott! Ich werde selbst nicht aus mir klug -- es ist alles so
-wunderlich -- --!«
-
-Arne nickte stumm und sah mit einem demütig-sehnsüchtigen Ausdruck zu
-Fräulein Thora auf -- mit diesem rührenden Blick eines treuen Hundes, den
-Esther so wohl an ihm kannte. --
-
-»Ist das nicht komisch?!« hörte Esther Herrn Nybloms amüsierte Stimme
-neben sich. Und gleich darauf wiederholte er: »Gnädiges Fräulein, finden
-Sie das nicht auch recht toll?«
-
-»Ja, es ist toll,« sagte Esther und wandte sich langsam nach dem Fenster
-um.
-
-Und drüben lag das Meer -- weit und schwerdunkel -- nur nach den Ufern zu
-schäumten die Wellen weiß auf im Mondlicht.
-
-Lange stand sie so und sah hinaus, und als sie die Augen wieder
-zurückwandte, war alles so klein und vergänglich um sie her geworden, wie
-ein kurzes Komödienspiel. -- Und sie sah auf diese Menschen mit denen sie
-lebte -- und alles war fremd und ferngerückt. -- Und sie fühlte ihr Herz
-leer -- aber weit vor Sehnsucht zum Unbekannten. -- --
-
-
-
-
-VIII
-
-
-Und sie sprach noch einmal mit Arne.
-
-Sie sagte: »Zwischen uns ist ein Mißverständnis, Arne, wollen wir es
-nicht fortthun?
-
-Wir waren bestimmt Kameraden zu sein -- gute Kameraden, die einer am Leben
-des andern teilnehmen, aber nicht das Leben teilen. Wir haben uns geirrt.«
-
-Arne sah finster zu ihr auf. »Was willst du mir denn sagen -- mit deinen
-schöngewählten Worten -- du?«
-
-Das Blut stieg ihr heiß ins Gesicht. Er hatte sie so getroffen mit seiner
-verborgenen Anklage: sie wählte die Worte, weil sie nichts mehr fühlte.
-
-Sie sah ihn hilflos an und wartete, ob er noch sprechen wollte -- aber er
-schwieg.
-
-Zwischen beide drängte sich wie entschleiernd das helle, kalte Licht des
-Vormittags. Esther konnte jeden Zug seines Gesichtes deutlich unterscheiden
--- und er wurde ihr immer fremder. Zuletzt sah sie nur noch die malerische
-Wirkung der Linien.
-
-»Ich habe es ja gesehen -- gestern abend --« sagte sie endlich nur unter
-dem Gefühl, daß eine Antwort von ihr erwartet würde. Ihre Stimme war
-fast tonlos.
-
-»Was hast du gesehen?
-
-Du hast gesehen, daß mir jemand Kamerad und Freund wurde, weil du es nicht
-sein wolltest. Weil du mir nichts gegeben hast von deiner Seele -- und für
-meine kein Verstehen.
-
-Und trotz alledem ist mir noch jetzt ein gutes Wort von dir lieber, als die
-ganze Seele jeder andern Frau --
-
-Verstehst du das? Es ist, weil ich dich _liebe_! -- Und nur, weil ich
-weiß, daß ich deine Liebe nicht habe, war ich fortgegangen.«
-
-Da fühlte sie, wie seine Worte eine Schuld auf sie luden. Und sie preßte
-die Hände ineinander und wagte nicht mehr aufzusehen. Ja, das war es: ihre
-Liebe war der seinen nicht ebenbürtig.
-
-»Ich fühle mich so arm vor dir,« sagte sie endlich ganz leise und
-demütig.
-
-Er starrte sie an -- ohne zu begreifen. Ganz überrascht und entsetzt sah
-er aus, wie jemand, der ganz unvorbereitet etwas Unglaubliches erfährt.
-
-Esther sah das und dachte: So hat er nur seine Vorwürfe gemacht, um
-widerlegt zu werden? -- hat gar nicht daran geglaubt, daß alles dieses,
-was er sich selbst und mir zur Entschuldigung vorbringt, sich wirklich so
-verhalten könnte?
-
-Und sie erkannte ihn plötzlich, wie er sich unter der stets bereiten
-Selbstverzeihung einem Wohlgefallen hingegeben hatte, das bald der Liebe
-glich. Und dann war er plötzlich nach beiden Seiten gebunden, denn er
-konnte weder ihre Liebe, noch Thoras Bewunderung entbehren. Und -- er
-würde nicht lange einsam bleiben, wenn sie ihn jetzt verließ.
-
-Sie sah ihm ruhig, wie einem Fremden in das verstörte Gesicht. Eine
-leichte, fast mehr physische als seelische Abneigung stieg in ihr auf.
-
-»Also du -- du liebst mich nicht? Du hast mich nur in dieser ganzen Zeit
-betrogen?!« brach er gegen sie aus.
-
-Sie fühlte gar nicht seinen Zorn und die Absicht zu beleidigen -- »Ich
-habe dich nicht mehr betrogen, als mich selbst,« sagte sie. »Denn ich
-habe dich zu lieben geglaubt. Und ich habe keinen andern Willen gehabt, als
-die Liebe zu dir. Aber ich habe mich in mir selbst getäuscht.«
-
-»Das siehst du ein bischen spät ein!« fuhr er sie herausfordernd und
-höhnisch an. Er war ganz kampfbereit.
-
-Sie sah fremd und verwundert auf ihn und ging still aus dem Zimmer.
-
- * * * * *
-
-Nun kamen noch wenige Tage von jener quälenden, niederdrückenden
-Trostlosigkeit, wo wir das Leben ohne den Maskenstaat der Wünsche und
-Hoffnungen nur mehr in seiner plumpen Alltäglichkeit sehen -- wo wir
-uns fürchten aufzublicken, weil uns alle Dinge mit fremden, verzerrten
-Gesichtern anschauen könnten -- wo uns vor der köstlichsten Speise graut,
-weil wir den Ekel dahinter spüren. -- -- -- --
-
-Esther erwartete nur die Antwort einer Berliner Pensionsdame vor ihrer
-Abreise.
-
-Gleichgültig und ohne den kleinsten Aufschwung der Phantasie hatte sie den
-Beschluß gefaßt, sich dort im Malen auszubilden.
-
-Selten wohl ist jemand mit so geringen Erwartungen der Kunst
-entgegengegangen. -- --
-
-»Ich kann dich nicht halten, Kind -- ich weiß, daß ich dich hier nicht
-festhalten darf,« sagte der alte Rude zu Esther -- und dabei sah er sie
-doch suchend an, als könnte sie ihm jetzt noch sagen: alles soll gut
-werden.
-
-Und wie sie stumm blieb, wiederholte er sein altes Wort: »Wie du es
-willst, wird es schon recht sein.«
-
-Da trat sie mit einer leichten scheuen Bewegung zu ihm hin und lehnte sich
-an ihn. Und er legte seinen Arm um ihre Schulter und zog sie an sich, bis
-sie ganz leise weinte an seiner Brust. Es war jedoch nicht lange gewesen,
-dann machte sie sich schon wieder los.
-
-Er sagte aber: »Ich danke dir.«
-
- * * * * *
-
-Eliza kam am letzten Abend zu ihr. Sie schlüpfte zu Esther ins Bett,
-weinte viel und ließ sich gerne trösten. Sie wollte immer neue
-Liebkosungen von Esther haben und spielte stundenlang eine kleine, sanfte
-Komödie des Schmerzes. Es war so schön, wenn Esther sie küßte und ihr
-gute Worte sagte! --
-
-So kam es, daß sie erst im letzten Augenblick die Trennung wirklich
-begriff. Und nun stand sie, mit ihren seltsamen Augen, die alles Traurige
-verstanden, starr vor sich hinblickend in stummer Erschütterung.
-
-Es wird erst kommen, wenn ich fort bin, dachte Esther, und ihr Herz
-zog sich bei dem Gedanken zusammen, daß sie nun nicht mehr dieses
-Kind schützen und trösten dürfe -- daß diese Seele mit der frühen
-Todesahnung dem Leben preisgegeben war. --
-
-Neben ihr im Wagen saß Arne. Er hatte darum gebeten, sie nach der Bahn
-fahren zu dürfen. -- Adam Rude hatte sich eingeschlossen und durch Arne
-einen Brief geschickt, den Esther erst unterwegs lesen sollte. »Es steht
-alles drin,« mußte Arne ausrichten.
-
-Arne hatte den hellen Kopf die ganze Zeit gesenkt, und Esther wunderte
-sich plötzlich, warum es ihr früher nie aufgefallen sei, daß seine
-Traurigkeit etwas so Unreifes, Knabenhaftes hatte -- es war jene
-Traurigkeit, für die ringsum die ganze Erde ein Garten des Trostes bleibt.
-
-Und sie wünschte ihm, schon wie aus der Ferne, ein künftiges Glück, als
-sie sich mit einem einfachen »Lebewohl« trennten. Sie saß schon im Zug
-und sah noch einmal zum Fenster hinaus, da wollte er noch etwas sagen
--- aber die Thränen nahmen seine Stimme. »Leicht getrocknete
-Jugendthränen,« dachte Esther. Und plötzlich sah sie ihn wieder, wie er
-mit seiner warmen, strahlenden Jugend zu ihr gekommen war -- zu ihr, die
-nur Schmerz und Schweigen kannte. Und ihr Herz füllte sich mit einem Dank,
-der ohne Bitterkeit war. --
-
-Neben ihr saß als einzige Reisegefährtin eine Pflegeschwester. Sie las
-erst aus einem kleinen, schwarzen Gebetbuch, wobei sie die Lippen bewegte
-und andächtig vor sich hinsah.
-
-Dann begann sie ein Gespräch. -- »Reisen Fräulein weit?«
-
-»O ja,« sagte Esther zerstreut.
-
-Die Schwester ließ sich nicht einschüchtern. »Wohl gar bis Kopenhagen?«
-fragte sie.
-
-»Bis Berlin.«
-
-Die Schwester machte andächtige Augen. »Ja, waren Sie denn schon einmal
-in Deutschland, und können Sie die Sprache verstehen?«
-
-»Ich bin Deutsche,« sagte Esther.
-
-Da drückte sich die Schwester ängstlich in eine Wagenecke und sah
-erschrocken und unentwegt auf das junge Mädchen. --
-
-Esther nahm den Brief des alten Rude heraus und öffnete ihn -- und las:
-
- »Mein einzig liebes Kind!
-
- Nun gehst Du fort, und ich konnte Dir nicht Lebewohl sagen. Ich konnte
- es nicht, weil ich meiner nicht sicher war, weil ich mich vielleicht
- verraten hätte. Und was soll die Liebe eines alten Mannes zu einem
- Kind?
-
- Du bist durch mein Leben gegangen wie ein lichter Traum; das ist es,
- was ich Dir zu danken habe.
-
- Zuerst sah ich Dich wie ein Kind -- ein schönes, liebes Kind, an dem
- ich meine Freude haben durfte. Aber Du bist vor mir gewachsen -- mit
- jedem Tag gewachsen zu dem einzig begehrten Weib.
-
- Du bist mir alles geworden, und ich hätte alles für Dich hingegeben,
- wenn ich nicht immer gewußt hätte, wie vergeblich solche Liebe ist.
- Und ich wollte Dir nichts anthun, Dich nicht damit erschrecken, mein
- einzig liebes Kind, darum habe ich immer geschwiegen.
-
- Aber heute, nun Du gehst, will ich Dir meine Liebe mitgeben wie einen
- Dank, und Du darfst sie nehmen, weil sie so ganz anspruchslos ist und
- nichts will, als Dich feiern.
-
- Lebe nun wohl, Du, die alles Glück zu vergeben hat -- und mögest Du
- den finden, der dieses Glückes würdig ist.
-
- Dein
-
- Adam Rude.«
-
-
-
-
-Zweiter Abschnitt
-
-
-
-
-IX
-
-
-In einem kleinen schleswigschen Grenzort wollte Esther nach der
-zehnstündigen Bahnfahrt übernachten.
-
-Es war ein langer, mühseliger Weg von der Bahnstation bis zum Gasthof.
-Esther ging ihn ganz allein, eine verschneite Landstraße hinauf, die nur
-durch Räderspuren kenntlich war. Sie trug ihre kleine Reisetasche bald in
-der einen, dann in der andern Hand. In der Kälte schmerzte der metallene
-Griff ihre Finger.
-
-Weithin über dem Schneeland stand ein purpurner Mond.
-
-Ein schwacher, gläserner Klang kam aus dem Dorf herüber: die Turmuhr
-schlug eine späte Abendstunde.
-
-Esther ging immer langsamer. Eine schwere, herabziehende Müdigkeit
-erfüllte sie mehr und mehr. Sie konnte kaum mehr denken, empfing nur dumpf
-die Außeneindrücke, an die sich zerflatternde Reflektionen knüpften.
-
-Neben der Straße lief ein halb zugeschneiter Graben. Da mußten im Sommer
-die vielen Feldstiefmütterchen wachsen -- so immer zu hunderten auf einem
-Fleck, daß es aussah, wie ein großer, schwellender Strauß. Aber jedes
-Blümchen hat sein eignes ernstes Gesicht unter der violetten Haube --
-und wenn der Wind ja einmal durch den Graben fährt, dann reiben sie
-sich rischelnd aneinander, wie Kinder, die sich in die Ohren
-flüstern -- -- -- --
-
-Dicht und hoch lag jetzt der Schnee -- -- So ein paar Schritte zur Seite
-machen und sich da hinein fallen lassen -- --
-
-Kein Mensch würde wissen --
-
-Und was ging sie überhaupt irgend ein Mensch an?
-
-Doch -- das ist ja nicht wahr --
-
-Wie ein fremdes Heiligtum stieg die Liebe Adam Rudes vor ihr auf. Doch
-ihr war, als müßte sie in Ehrfurcht wegsehen. Als dürften auch ihre
-heimlichsten Gedanken nicht daran rühren. --
-
-Eine ferne Sehnsucht kam über sie -- kam und ließ sich schwer
-niedersinken auf ihr Herz --
-
-Und dann war wieder alles wie einem andern Menschen angehörend -- oder so
-wunderlich vereinzelt, ohne inneren Zusammenhang.
-
-Und wieder kam eine lange, bittere und kummervolle Sehnsucht nach Eliza,
-dem Kind. Wie hatte sie es nur fertig gebracht sie allein zu lassen? Wenn
-sie schnell umkehrte? Morgen noch zurückreiste?
-
-Ein Ruck ging durch ihren Körper: Adam Rude! -- Aber das war ja Wahnsinn
--- Unmöglichkeit! --
-
-Sie griff nach dem Brief, den sie in der Kleidertasche trug --
-
-Und dann war plötzlich wieder alles Begreifen ausgelöscht -- nur noch
-eine träge dämmernde Sehnsucht nach diesem Haus, das sie lieb hatte, in
-das sie hätte zurücklaufen mögen, wie eine Katze, die man fortgetragen
-hat. --
-
-Und immer ging sie mechanisch weiter, den endlosen zugeschneiten Weg
-hinauf.
-
-Dann kam das Gasthaus.
-
-Sie mußte die Wirtsleute erst herausklopfen. Es waren freundliche Bauern,
-die sich in ihrem rauhen jütischen Dialekt nicht genug über die Ankunft
-einer Dame erstaunen konnten. Es schien, als gäbe es für diese Wirtschaft
-nichts Verwunderlicheres, als einen Gast!
-
-Esther wurde in die Familienwohnstube geführt. Dort mußte sie sofort ein
-paar riesige Filzsocken für die nassen Stiefel eintauschen. Die Wirtin
-befahl das mit einer Autorität, die jeden Widerspruch vergeblich machte.
-Dann wurde ihr ein Kübel voll schwarzbraunem Thee zudiktiert.
-
-Über dem Sofa hing das Bild des deutschen Kaisers neben einem andern, das
-die Photographie eines jungen Soldaten, wahrscheinlich der Sohn des
-Hauses, umgeben von allerlei »Scenen aus dem Soldatenleben« enthielt. Als
-Überschrift prangten die Worte: »Aus meiner Soldatenzeit.«
-
-Die Frau folgte Esthers Blicken, dann erklärte sie entschuldigend, er, der
-Sohn, wollte »das« dort haben. Und voll Groll und Verachtung: »Seit er
-gedient hat, ist er ja ein Deutscher!«
-
-Der Wirt, der mit einer langen Pfeife jenseits des Tisches saß, zog die
-Stirn in kummervolle Falten. Er sagte: »Die dort in Berlin, die werden
-sich freuen, daß sie ihn herumgekriegt haben! Bei der Leibgarde ist er
-gewesen -- so 'ne Schande!«
-
-Esther bekam ein ganz böses Gewissen, daß sie sich nicht als Deutsche
-eingeführt hatte; ganz gedankenlos hatte sie noch dänisch gesprochen. Sie
-fühlte sich recht bedrückt im Gedanken an die warmen Filzsocken und das
-Wohlwollen der Wirtin, die sie immer schlechtweg »Kind« anredete, -- das
-alles wäre der Deutschen gewiß nicht zugefallen!
-
-Und am nächsten Morgen gar, wie die Alte gehört hatte, daß Esther auch
-der entsetzlichen Stadt patriotischer Verführung zureiste, gab es so viele
-gute Wünsche und Ermahnungen, daß Esther vor Beschämung nicht mehr die
-Augen aufzuschlagen wagte.
-
-Aber sie konnte doch wirklich nicht jetzt auf einmal mit ihrer
-Enttäuschung herauskommen?
-
- * * * * *
-
-Und gegen Abend gelangte Esther an ihr Reiseziel.
-
-Die Droschke hielt vor einem hohen, eingezwängten Haus, dessen Eingang in
-der Pracht verschiedenster Imitationen strahlte. Eine imitierte Eichenthür
-öffnete sich in eine imitierte Marmorhalle, die mit imitierten Gobelins
-und imitierter Glasmalerei ausgestattet war.
-
-Der Hausmeister bemächtigte sich des Koffers, und in feierlich langsamer
-Fahrt hob sich der Lift zu seinem Endziel, der fünften Etage.
-
-»Also hier wohnt Fräulein Schulze?«
-
-»Jawoll, klingeln Sie man!«
-
-Nach einer Weile kam ein ältliches, verblaßtes Mädchen und öffnete. Sie
-führte Esther über einen kurzen, düsteren Flur, der nur in einer Ecke
-durch ein kleines stark riechendes Lämpchen erhellt wurde und dann durch
-ein langgestrecktes Zimmer.
-
-»Bei uns müssen wir immer durch die Berliner Stube gehn,« erläuterte
-das Mädchen.
-
-Eine große, starke Dame in Lahmannkleidung sah Esther mit unverhohlener
-Neugier nach und erwiderte ihren Gruß mit einem resoluten Nicken.
-
-Dagegen bemerkte sie erst im Hinausgehen, daß sich ein kleines,
-dunkelgekleidetes Geschöpf auf sie zu bewegte.
-
-»Verzeihen Sie -- ich bin Fräulein Schulze,« sagte die kleine Dame und
-sah Esther fragend unter einem spanisch drapierten Kopfputz hervor an.
-
-»Ich bin Esther Franzenius.« Esther mußte unwillkürlich dem kleinen
-fragenden Gesicht der Spanierin zulächeln.
-
-Fräulein Schulze machte ein paar ratlose Bewegungen nach rechts und links,
-dann kam es ihr wie eine Erleuchtung: »Darf ich Sie nach Ihrem Zimmer
-führen?« Und sie trippelte Esther und dem Kofferträger voran, zur Thür
-hinaus, über einen langen und niedrigen Korridor, den man gar nicht in dem
-prunkvoll imitierten Marmorpalais erwarten durfte, und öffnete die Thür
-zu einem kleinen viereckigen Zimmerchen, das durch ein winziges schräges
-Dachfenster nach dem Hof hinaus lag.
-
-Während Fräulein Schulze noch ein paar Fragen über die »gute Reise« an
-Esther richtete, bemühten sich das Mädchen und der Dienstmann, für den
-Koffer einen Platz zu ermöglichen.
-
-Endlich waren alle Ankunftsfeierlichkeiten bewältigt, und auch die
-Spanierin verließ das Zimmer.
-
-Esther nahm den Leuchter mit der dünnen übelriechenden Kerze
-und beleuchtete ihre Umgebung. Da gab es nur die allernötigsten
-Gebrauchsgegenstände, denen allen es wie ein Ausdruck schamhaftester
-Dürftigkeit anhing. Und jedes Ding schien sich zu bemühen, etwas
-anderes zu imitieren. Sogar das Bett hatte die Aufgabe, tagsüber ein
-Sofa darzustellen, und der Waschtisch war unter dem Äußern einer Komode
-verborgen. Als der Koffer untergebracht war, konnte man sich nur noch in
-einer kleinen Schlangenlinie durch das Zimmer winden. Esther lehnte sich
-unwillkürlich weit zum Fenster hinaus -- dort sah man in den Hof hinab,
-wie in einen spärlich beleuchteten Schacht. Dann führte sie das Licht an
-den Wänden entlang -- die Tapete trug ein Muster von lauter Lilien.
-
-Eine stumpfe Trostlosigkeit überkam Esther in diesem imitierten
-Liliengarten.
-
- * * * * *
-
-»Nancy! Nancy!«
-
-Esther erwachte. Wer rief denn da? Und wo war sie?
-
-Weshalb verflog doch so schnell der Traum von einem Frühlingsgarten und
-dem weißen Haus im Mondlicht? -- Sie wollte so gern weiterschlafen. Sie
-fürchtete das Erwachen. --
-
-»Nancy! Nancy! Schläfst du noch?«
-
-Das war wieder diese rauhe Stimme, und nun folgte ein endloser
-Hustenanfall.
-
-Esther sah sich um. Das war ja das Lilienzimmer. Diese kahlen und
-dürftigen Gegenstände, die aussahen, als seien unzählige verschwiegene
-Sorgen in sie gebettet, schienen ein kraftloses Grauen auszuströmen.
-
-Nancy mußte inzwischen geantwortet haben, denn die gequälte Stimme des
-Zimmernachbars begann von neuem: »Hast du gut geschlafen, Nancy? Wie
-fühlst du dich heute?«
-
-Und wieder nach einer Weile, während der Esther aufzustehen begann:
-»Mußt du nicht über die Hofjagd referieren? Wir könnten zusammen einen
-Wagen nehmen, wie?« -- Hier eine Pause für Nancys Antwort -- Und wieder:
-»Nancy! Nancy! Mir fällt etwas Köstliches ein! Paß auf: Ein Wagen
-kostet 10 Mark -- zu zahlen von meiner löblichen Redaktion! Ein Wagen
-für dich zu 10 Mark -- haben deine Braven zu blechen. Daß wir uns
-zusammenthun, geht niemanden was an. -- Bin ich nicht ein Rechengenie?!
-Hahaha!!«
-
-Und wieder ein gräulicher Hustenanfall.
-
-Esther machte ihre Anwesenheit bemerkbar und die nachbarlichen Stimmen
-verhandelten gedämpfter.
-
-»Wer wohnt da nebenan?« fragte Esther das Mädchen, das Feuer machte. Es
-baute mit virtuoser Vorsicht ein paar Holzspähne aneinander und deckte
-das spärliche Flämmchen mit den drei für »eine Heizung« abgezählten
-Preßkohlen.
-
-Ida warf über die Schulter einen verächtlichen Blick auf das
-Nachbarzimmer. »Ach, das ist man bloß Redakteur Engel,« sagte sie im Ton
-würdevollster Herablassung.
-
-»Ist der Herr sehr leidend?«
-
-»Ja -- er hat es auf der Brust. Seine Verlobte, das Fräulein Maceday
-auch. Schon den ganzen Winter. Und wie sie zu uns gekommen sind, sahen sie
-auch halbverhungert aus. Das Fräulein wohnt ja doch neben ihm, und sie
-pflegen sich immer nur einer den andern.«
-
-»Aber das ist ja schrecklich,« sagte Esther in bedauerndem Entsetzen
-unwillkürlich vor sich hin.
-
-Das Mädchen mißverstand die Worte. Es wurde plötzlich vertraulich und
-gesprächig. »Ja, nicht wahr, Fräulein? Uns ist das auch recht peinlich.
-Verlobt sind sie und wohnen Thür an Thür! -- Und dann wollen sie sich
-immer noch das Essen allein besorgen! Sie können es gar nicht billig genug
-kriegen. Und was für Sachen sie dann kochen! Ach Gotte doch! puh!«
-
-Ein unbestimmter Ekel -- vor diesem Geschwätz -- vor ihrer ganzen Umgebung
--- vor der Lage, in der sie sich befand, erfüllte Esther. Sie verließ
-die Stube und ging nach dem Eßzimmer, um zu frühstücken. Auf dem
-Gang begegnete ihr eine kleine abgehärmte Person mit den glühroten
-Backenknochen der Schwindsucht. Sie sah auf Esther mit glänzenden,
-argwöhnischen Augen.
-
-Und Esther hätte ihr etwas Gutes sagen mögen -- irgend eine kleine,
-gleichgültige Freundlichkeit erweisen. Sie grüßte höflich. Die andere
-dankte kurz, abweisend, höhnisch.
-
-Esther fiel eine kleine Begebenheit aus ihrer Kindheit ein: Wenn sie zur
-Schule ging, kam sie immer an einem vergitterten Hof vorüber, an dessen
-Thür ein mageres, jämmerliches Hündchen stand und giftig auf die
-Vorübergehenden bellte. Dann warfen die Jungen mit Steinen nach ihm,
-reizten und höhnten es; das nahm es aber nur wie die gebührende Antwort
-auf sein Gebell entgegen. Das Tier that Esther so leid. Sie versuchte es
-einmal, sich ihm freundlich zu nähern, es zu streicheln. Da geriet es aber
-ganz außer sich vor Wut. Und jedesmal, wenn Esther wieder vorüberging,
-wußte es sich in seinem Zorn gar nicht mehr zu lassen. Es hatte
-die Freundlichkeit augenscheinlich als unvergeßliche Beleidigung
-empfunden. --
-
-»So 'ne einjebildte Jöhre!« hörte Esther das Fräulein Nancy noch
-in der Stube des Verlobten in accentuiertem Berliner Jargon
-ausrufen. -- -- -- --
-
-Das war der Beginn der freiwillig angetretenen Epoche der Arbeit und
-Entbehrung.
-
-Später gab es Stunden, in denen Esther sich fragte, warum sie nicht einmal
-den Versuch gemacht hatte, diese besonders antipathische Umgebung mit einer
-andern zu vertauschen. Und sie kam auf die wunderliche Erklärung, daß die
-Macht des Ekels sie fesselte.
-
-Ja, wir haben diese seltsam kraftlosen Zeiten, in denen wir wie gelähmt
-vom Abscheu und unfähig zur Gegenwehr, auf eine krankhafte Weise angezogen
-auf das starren müssen, was unsern Ekel erregt.
-
-Wir sind unfähig, uns durch einen Entschluß loszureißen, ja irgend einen
-Entschluß zu fassen vermögen wir nicht einmal. Nur noch ein alter Wille
-leiert sich mechanisch in stumpfen Handlungen ab. Wie im Traum gehen wir da
--- und das kraftlose Entsetzen des Traumes bedrückt uns, während wir ganz
-im geheimen eine andere Wirklichkeit wie die Ahnung des Erwachens in uns
-tragen. Und so versäumen wir die Empörung gegen das Traumschicksal.
-
-
-
-
-X
-
-
-Arbeit -- Arbeit --
-
-Trübe, matte Tage schleppen sich in sinnloser Gleichförmigkeit vorüber.
-Es ist wie das Abschnurren eines aufgezogenen Rades.
-
-Die Seele schweigt. Nur kleine Erinnerungen ziehen vorbei -- der
-Zeitbegriff ist von ihnen genommen -- Begebenheiten aus der Kindheit
-scheinen ebenso nahe zu liegen, wie eben erlebte Geschehnisse. Doch ihre
-Verbindung mit der eignen Persönlichkeit ist gleichsam abgeschnitten.
-
-Arbeit -- Arbeit --
-
-Ein stumpfes, langsames Vorwärts -- ohne Kampf, ohne Ehrgeiz, ohne
-Zielbewußtsein. --
-
-Viele andere sind Esther voraus. Auch welche, die zu gleicher Zeit
-angefangen haben. Sie arbeiten so merkwürdig reinlich und abgerundet. Es
-ist, als wären sie schon mit dieser gewissen Manier zur Welt gekommen. So
-tadellos fertig sieht alles aus, was unter ihren Händen hervorgeht.
-Fast scheint es, sie verlieben sich in diese eintönigen mechanischen
-Schwierigkeiten der Anfangsgründe. Und das ist ihr gutes Recht. Es muß
-sie im voraus entschädigen für alle späteren Enttäuschungen. Denn sie
-werden versagen, sobald die Beweglichkeit der Natur im Gegensatz zu der
-methodischen Steifheit der Musterblätter sie zu verwirren beginnt.
-
-Arbeit -- Arbeit --
-
-Nicht zur Seite schauen. Stumpf abgeschlossen nach innen -- gleichgültig
-nach außen. Ein langsames, zähes Vorwärtskriechen -- ohne Kampf, ohne
-Ehrgeiz, ohne Zielbewußtsein. -- -- -- --
-
-Esther benutzte jede freie Zeit, besonders die langen Abende zu
-Zeichenstudien.
-
-In ihrem Lilienzimmer saß sie bei einer kleinen Stehlampe, die
-fortwährend Petroleum aus dem Behälter schwitzte. Vom Nachbarzimmer
-herüber drangen zuweilen vorsichtig gedämpfte Unterredungen des
-schwindsüchtigen Brautpaars.
-
-Fräulein Nancy schminkte sich jetzt seit einiger Zeit, und Herr Engel
-lebte nur noch von Morphium.
-
-Wenn sie miteinander sprachen, so schien es sich stets um irgend welche
-Berechnungen zu handeln, die sie mit ihren rauhen, kranken Stimmen
-aufstellten.
-
-Esther mußte daran denken, daß sie einmal »halbverhungert« hier
-aufgetaucht waren. Woher mochten sie kommen? Welchen Weg durch Entbehrungen
-mußten sie gegangen sein?
-
-Mißtrauisch und argwöhnisch zeigten sie sich gegen jeden, der sich ihnen
-nicht feindlich näherte, denn sie glaubten sofort, der wollte etwas von
-ihnen. Warum sollte er denn sonst auch freundlich sein?
-
-Unter jenen hatten sie gelebt, die sich auf den Fußbreit Erde drängen,
-den einer unter ihnen strauchelnd verliert. Sie hatten jeden Glauben an
-uneigennützige Güte verloren. Güte war ihnen nichts als Dummheit
-oder Verstellung. Selbst Fräulein Nancys Toilettenkünste mochten nicht
-weiblicher Gefallsucht, sondern einzig dem Ehrgeiz entspringen, noch als
-vollzählige Konkurrentin zu gelten -- vollwertig an Kraft und Gesundheit,
-eine nicht zu übersehende Nummer unter denen, die neiden und beneidet
-werden. Sie wollte bis zuletzt als Rivalin im Kampf um die Arbeit
-mitrechnen.
-
-Und doch gab es einen Funken von Güte auch unter ihnen. Das war die
-seltsame Liebe, die sie für einander hatten, diese rührende, oft grotesk
-wirkende Zärtlichkeit, deren unfreiwilliger Zeuge Esther zuweilen wurde.
-Die Besorgnis, die einer für das Wohlsein des andern hatte, und die sich
-oft im allernaivsten Materialismus ausdrückte.
-
-Esther beschäftigte sich so viel mit dem möglichen Schicksal dieser
-Nachbarschaft, daß sie es zuletzt förmlich noch zu allem andern sich
-selbst auflud -- zu allem Dumpfen und Erdbedrückten, was sie schon zu
-tragen hatte.
-
-Mit den andern Bewohnern der Pension kam sie selten außer den Mahlzeiten
-zusammen.
-
-Da gab es ein »Fräulein Doktor«, die nächst dem Baron Ehrhard von
-Dunkelmann den Stolz des Hauses bildete. Ja hier war sowohl der Geburtsadel
-wie der Adel des Geistes vertreten, wie Fräulein Schulze Esther gleich
-anfangs versicherte. Außerdem erschien noch eine kleine, zarte und sehr
-bescheidene Musikschülerin bei Tisch, die Fräulein Schulzes Wohlwollen
-unter der unausgesprochenen Voraussetzung besaß, daß sie sehr wenig aß.
-
-Fräulein Doktor Obenauf, Assistentin an der Frauenklinik des Professors
-D., führte zumeist die Unterhaltung. Sie war sehr aufgeklärt und benutzte
-gewöhnlich die mittäglichen Zusammenkünfte, um auch der übrigen
-Tischgesellschaft den Segen geistiger Freiheit zu gewähren.
-
-»Stellen Sie sich einmal vor,« schrie sie mit ihrem weithintönenden
-Organ, »wo sollte denn eine Seele sich verstecken? Das ist alles Humbug,
-alles!
-
-Glauben Sie nicht, ich habe genug Menschenleiber zersäbelt, um wissen zu
-können, wo eine Seele Raum haben könnte? Da ist ganz einfach kein Platz
-sage ich Ihnen, kein Platz!«
-
-Fräulein Schulz, die eine Pastorentochter war, machte hier einen Einwand:
-»Es glauben aber doch so viele Leute daran,« sagte sie und machte eine
-abwartende schiefe Kopfbewegung.
-
-»Glauben! Hahaha glauben! Als ob das nur der allergeringste Beweis
-wäre!« trompetete die Obenauf. »Ich als Ärztin sage Ihnen, daß kein
-Platz für eine Seele ist, und damit Punktum.«
-
-»So, so -- ja gewiß,« sagte Fräulein Schulze und kroch in sich
-zusammen. »Als Ärztin müssen Sie das natürlich wissen.«
-
-Esther hielt sich gern von solchen Debatten fern. Die kleine
-Musikschülerin schwieg, weil sie sich vor der Stimme der Ärztin zu
-fürchten schien, und weil sie sich vielleicht auch noch nicht weiter
-über seelische Angelegenheiten beunruhigt hatte. Der wirkliche Baron aber
-lächelte vielsagend.
-
-Man wußte sehr wenig über das Leben des Barons. Er hatte jedoch einmal
-den Ausspruch gethan, daß ein Künstler die moralische Verpflichtung habe,
-sich nie durch eine Ehe zu binden, denn in diesem Falle würde er durch
-den heiligen Egoismus des Genies sowohl sich als seine Frau unglücklich
-machen, denn er sei infolgedessen nicht fähig, die Verantwortung auch noch
-für eine andre Individualität zu übernehmen.
-
-Er sah sehr bewegt aus bei dieser Erklärung, und so schloß man fortan,
-daß er selbst zu jenen leidgekrönten Egoisten gehöre. Sobald die
-Rede auf eine Streitfrage der Kunst kam, mußte seine Autorität zur
-Entscheidung aufgerufen werden.
-
-Und er hatte dann eine ganz eigenartig rätselhafte Art, in der er seine
-Aussprüche hervorbrachte.
-
-»Die Dekadence vergleiche ich mit dem müden, rosigen Licht der
-Ampel,« sagte er. »Und ist dieses gedämpfte Licht der Nacht nicht
-sinnberückender als der grelle, plumpe Sonnenschein?«
-
-Fräulein Schulze horchte andächtig auf, wagte aber nichts zu antworten,
-weil sie befürchtete, es möchte vielleicht nicht zart genug ausfallen.
-
- * * * * *
-
-Zuweilen kamen die Briefe aus Dänemark. Esther öffnete sie immer wie
-unter einer dumpfen Angst.
-
-Es war kaum die Furcht vor schlimmen Nachrichten. Sie wußte ja, daß dort
-alles in dem lieben alten Gleichmaß vor sich ging. Aber die Erinnerung
-war es, die mit der Zeit immer mehr etwas unsäglich Bedrückendes für
-sie hatte -- ein unbestimmtes Schuldbewußtsein kam nach und nach an Stelle
-jenes Gefühls, nur nach einer Notwendigkeit gehandelt zu haben.
-
-Aber hätte es denn für sie eine andere Möglichkeit überhaupt gegeben?
-Hätte sie die Pflicht gehabt, dieses Verhältnis weiter zu tragen, weil
-sie es einmal eingegangen war?
-
-Ihre Begriffe begannen unsicher und schwankend zu werden.
-
-Und doch: _Hier_ lag nicht das Verfehlte -- aber dann wo? -- --
-
-Heftete sich das Unglück an ihre Person wohin sie trat? Gehörte sie zu
-den Vom-Schicksal-Gezeichneten, die überall das Unheil mit sich führen --
-ungewußt und ungewollt? -- --
-
-Ein Brief von Eliza kam, einer ihrer süßen unschuldigen Briefe, die ihre
-Art so unvermittelt übertragen konnten.
-
-Und sie erzählte diesmal von einer großen Neuigkeit in Eriksgaard: Arne
-hatte sich verlobt.
-
-Esther unterbrach sich im Lesen. Das war ja wie eine Erlösung!
-
-Also war sie doch im Recht gewesen, wenn sie geglaubt hatte, daß eine noch
-unbewußte Liebe zu Thora ihn in jene zwiespältige Lage gebracht hatte!
-Sie selbst war nur zur rechten Zeit gegangen, wo das Ende sich schon
-vorbereitete.
-
-Sie griff wieder zu dem Brief und las weiter --
-
-Aber was war denn das?
-
-»Seine Verlobte ist ein Fräulein Ingeborg Peersen, die er diesen Winter
-in Fredensborg kennen gelernt hat.«
-
-Esther ließ den Brief sinken.
-
-Sie schämte sich plötzlich. Es war kein großes, quälendes Schamgefühl
--- nur ein peinliches Erröten -- jenes Empfinden, unter dem ein
-anständiger Mensch immer den Wunsch hat, zur Seite zu sehen. --
-
-
-
-
-XI
-
-
-Esther war jetzt über die mechanischen Vorübungen hinausgekommen. Die
-Arbeit fing an ein tieferes Eingehen zu beanspruchen.
-
-Ihre Gedanken konnten nicht mehr wie bisher beständig die alten,
-ausgetretenen Wege, an toten und niedergehaltenen Empfindungen vorüber,
-gehen. Sie brauchte den ganzen Intellekt für ihre Thätigkeit, der sie
-sich mit immer größerem Eifer hingab.
-
-Fast unwillkürlich gewann sie sich aus den Eindrücken ihrer Umgebung nur
-mehr Studien über Licht- und Farbenwirkungen und beobachtete die Gesetze
-der Plastik, die so eigentümlich von der Beleuchtung abhängig sind.
-
-Erst jetzt verstand sie, wie viel Drangabe des reinen Intellektes jede
-Kunst beansprucht, die sich der Dilettant immer als eine mühelose
-Himmelsgabe vorstellt, wie viel Arbeit vor allem dazu gehört, den Zufall
-zu beherrschen.
-
-Denn was ein einziges Mal unwissend wohlgelungen ist, soll wieder und
-wieder gelingen können unter der Leitung eines bewußten Willens. Das erst
-ist Können -- Kunst!
-
-Und so kam es, daß sie nach und nach mit ihrer ganzen Persönlichkeit
-überging zur Arbeit.
-
-Ihr Gefühlsleben schrumpfte gleichsam zusammen bis zu jenen kleinen
-Alltagsempfindungen, die sozusagen zu den Anstandspflichten des Herzens
-gehören.
-
-Sie war Zuschauer, nichts als Zuschauer gegenüber dem Leben.
-
-Und das Leben rächte sich, so daß ihr jeder menschliche Eindruck zur
-hohlen, seelenlosen Karrikatur wurde.
-
- * * * * *
-
-In den freien Zeiten schlenderte sie oft durch die Straßen, ohne viel zu
-denken. Zuweilen erregten die Vorübergehenden ihre Aufmerksamkeit.
-Dann dachte sie noch einen Augenblick über sie nach, bis diese lässige
-Müdigkeit alles mit Gleichgültigkeit zudeckte.
-
-Und doch war es in diesen Stunden körperlicher und geistiger Abspannung,
-daß ein Erlebnis an sie herantreten wollte.
-
-Sie kam an einer der großen Kunsthandlungen vorüber, in deren
-Schaufenstern an jedem Sonnabend eine neue Ausstellung für die kommende
-Woche arrangiert wird.
-
-Nach ihrer Gewohnheit blieb sie stehen, um die Bilder zu betrachten.
-
-Und heute --
-
-Sie sah und sah --
-
-Und da war alles vergessen, was schwer auf ihr gelegen.
-
-»Die Schönheit,« dachte sie nur, »die Schönheit!«
-
-Auf der Höhe des Berges küßt der Mann in der Tracht eines fahrenden
-Sängers das Weib. Ganz zart berührt er ihre nackte Schönheit. Seine
-Augen sind geschlossen, um den Mund die Keuschheit des Betenden. Und über
-allem der stille, ruhende Ausdruck der Erlösung.
-
-In dichter Fülle schlingen sich Rosen unter der goldenen Leiste hin, die
-den Abschluß des Bildes angiebt. Schwere brokatene Vorhänge, die in
-ihrer massigen Farbenauftragung den Vordergrund bilden, sind wie vor einem
-Heiligenbild zurückgezogen.
-
-»Auf freier Höhe« heißt das Bild.
-
-Und Esther stand davor und sah bald in den zart verblassenden Himmel, von
-dem sich eine kleine zitternde Birke abhebt -- und dann auf die ruhige
-Schönheit der Frau, die mit einem entrückten Ausdruck ins Weite sieht,
-und sie betrachtete das Gesicht des Mannes, in dem noch die Qualen
-verflossener Jugendzweifel zu kennen sind hinter der Ruhe der Befreiung.
-
-Endlich riß sie sich los.
-
-Und es war, als sei noch einmal ihre Seele im Erblühen gewesen unter dem
-tiefen Eindruck der Schönheit.
-
-Sie sagte sich: das ist es, was ich einmal können will -- Aber giebt es
-denn noch etwas zu wollen, wenn das geschaffen ist? Ist nicht alles damit
-ausgesprochen, so daß jedes, was noch kommen kann, nur ein Stammeln und
-Nachbeten bleibt?
-
-Und dann kam eine kurze Zwischenzeit, die ein scheues Glück für sie
-brachte.
-
-An jedem Tag ging sie zu den Schaufenstern der Kunsthandlung. Und dort
-stand sie vor dem Bild, das in ihr die Sehnsucht geweckt hatte, auf die
-freien Höhen der Kunst zu gelangen.
-
-Immer wieder ging sie dorthin und träumte von einem kühlen, lichten
-Glück -- von der klaren, sanften Erlösung aus bedrückendem Menschentum
--- durch die Kunst. --
-
-Aber die Kunst will die freie Lust und den heißen Lebenswillen eines
-übervollen Herzens, und es heißt ihre Göttlichkeit beleidigen, wenn
-man ihr auf den Trümmern eines zerbrochenen Schicksals den Tempel erbauen
-will. --
-
-Als einmal das Bild nicht mehr im Fenster hing, sank Esther müde in sich
-zusammen -- wie beim Erlöschen des Lichts.
-
- * * * * *
-
-Noch in den ersten Tagen des März erweiterte sich Fräulein Schulzes
-Pension um einen neuen Gast.
-
-Um seinetwillen hatte man eine Tafel in den alten Ausziehetisch eingefügt,
-und der Braten erschien fortan auf einer noch pomphafteren Schüssel als
-bisher und lag in einem förmlichen Wald von Petersilienkraut versteckt,
-der seine Blätter üppig über den Schüsselrand hängen ließ.
-
-Ja, Fräulein Schulze wußte, was sie dem Rufe ihrer Pension schuldig war.
-
-Ihr kleines, bleiches Gesicht unter dem Spitzentuch erstrahlte förmlich
-bei der Vorstellung: »Fräulein von Preller -- Schriftstellerin.«
-
-Fräulein von Preller hatte ihren Platz zwischen Esther und der Ärztin
-bekommen.
-
-Esther sah flüchtig auf und begegnete dunklen Augen mit einem guten Blick,
-die den Haupteindruck in dem etwas fahlen Gesicht machten. Der Mund war
-stark und tiefgekerbt in den Winkeln. Es war eine ursprünglich rohe Form,
-die beim Sprechen durch den Ausdruck von Grazie und Lieblichkeit veredelt
-wurde.
-
-Die Doktor Obenauf nahm gleich Beschlag von ihrer Tischnachbarin.
-
-»Sie kommen hierher, um Studien in der Großstadt zu machen, nicht
-wahr? O, da könnte ich Sie mit Verhältnissen bekannt machen -- mit
-Verhältnissen --!«
-
-Sie ließ durch einen Augenaufschlag die Art dieser Verhältnisse ahnen,
-fuhr jedoch, als keine Nachfrage entstand, von selbst mit einer Schilderung
-fort:
-
-»Ich sage Ihnen, da kommt man manchmal in Häuser -- Menschliche Wohnungen
--- nein! menschliche Wohnungen ist nicht der passende Ausdruck für solche
-Viehställe!
-
-Denken Sie mal, da hat man kürzlich ein Gesetz erlassen, daß es
-verboten ist Schweine und Geflügel auf der Etage zu halten. Denn es ist
-vorgekommen, daß man in einem Zimmer den Hausherrn, die Hausfrau, zwei
-erwachsene Töchter, einen Zimmerherrn und ein Schwein einquartiert
-fand --
-
-Faktisch, ich sage Ihnen: das alles ganz gemütlich in einem Zimmer!
-
-Es lohnt sich wirklich, so was anzusehen!«
-
-Wie sie jetzt einen Augenblick schwieg und beifallsuchend über die
-verlegene Tischgesellschaft hinsah, erwiderte Fräulein von Preller mit
-ruhiger Liebenswürdigkeit im Ausdruck:
-
-»Ach nein, um solche Studien zu machen, bin ich keineswegs hergekommen.
-Es wäre mir zu unerträglich, derartige Zustände mit anzusehen, ohne da
-helfen zu können.
-
-Ich könnte mir denken, daß einen das ganz mut- und kraftlos macht für
-jede gewohnte Thätigkeit, wenn man einsehen muß, daß man so machtlos
-davorsteht.
-
-Ich wenigstens möchte einen solchen Versuch mir nicht zutrauen.«
-
-Doktorin Obenauf lachte dröhnend. »_Das_ müssen Sie sich aber
-abgewöhnen, wenn Sie Schriftstellerin sein wollen! Man muß alles sehen
-können! Leute mit Nerven taugen nichts!« schrie sie, so daß die kleine
-Musikschülerin entsetzt zusammenzuckte.
-
-Ehrhard, Baron von Dunkelmann lächelte überlegen.
-
-Als keine Antwort von seiten der Angeredeten erfolgte, knüpfte Doktorin
-Obenauf mit einer neuen Frage an:
-
-»Sie können gewiß gar nichts vertragen, nicht wahr?
-
-Da müßten Sie sich mal zur Abhärtung die Bilder in einem meiner
-medizinischen Werke betrachten! Donnerwetter, da würden Sie schön Ihre
-Nerven bekommen!
-
-Die könnten Sie nicht ansehen -- und da die Fräulein Franzenius auch
-nicht, -- das versichere ich Ihnen!«
-
-Die beiden also Zusammengestellten betrachteten sich unwillkürlich
-lächelnd. Dann wandte sich Fräulein von Preller zu der Doktorin.
-
-»Sie könnten vielleicht in Ihren Voraussetzungen recht haben, Fräulein
-Doktor,« sagte sie. »Darin nämlich, daß es nicht das Ziel meiner
-Wünsche ist, physiologische Abnormitäten mit Wohlgefallen betrachten
-zu lernen. Im übrigen kann ich Sie aber über den Zustand meiner Nerven
-vollkommen beruhigen.«
-
-Die Obenauf fühlte nun doch eine Zurückweisung durch und lenkte ein:
-
-»Wie wollen Sie denn aber als Schriftstellerin das Leben, wie es nun
-einmal ist, richtig beschreiben, wenn Sie sich vor jedem dritten Eindruck
-fürchten?«
-
-»Ich glaube, so viele Schriftsteller es giebt, aus so viel verschiedenen
-Gründen schreiben sie -- und eben so verschiedenartig sind die Eindrücke,
-die sie dazu veranlassen. Ich kenne zum Beispiel ein junges Mädchen, der
-es möglich ist, sich jeden Kummer wegzuschreiben. Manchmal fängt sie
-weinend an und über dem Arbeiten wird sie ganz froh und ruhig. Ihren
-Sachen sieht man es aber keineswegs an, daß sie alle unter Thränen und
-Traurigkeit entstanden sind -- sie reden alle von dem, wohin sich nur eines
-Menschen Sehnsucht gern verlieren mag.«
-
-»Das ist aber nicht das richtige. So egoistische Leute, die nur für sich
-allein was schaffen, sind keine Künstler,« erklärte die Ärztin. »Die
-Kunst muß social sein in allererster Linie.«
-
-»Es mag wohl sein, daß sie keine wirkliche Künstlerin ist,« sagte
-Fräulein von Preller. »Man kommt ja oft ganz von ungefähr zu seinem
-Titel -- So verdanke ich ihn im Augenblick nur Fräulein Schulzes
-Liebenswürdigkeit die --«
-
-»Aber gnädiges Fräulein!« rief hier Fräulein Schulze ganz ängstlich,
-»entschuldigen Sie doch, aber ich habe Ihnen heute selbst einen Brief
-gebracht, der so adressiert war!«
-
-Fräulein von Preller lachte. »Ja dann wird am Ende so eine fremde
-Redaktion besser wissen, was ich bin, als ich selbst!
-
-Den Titel aber überlasse ich trotzdem lieber denen, die sich einen Beruf
-aus dem machen, was mir etwa nur -- Erleichterung ist.«
-
-Da bekam die Ärztin ein ganz strenges Gesicht. Sie drückte ihren
-ausgestreckten Zeigefinger in die Schulter ihrer Nachbarin und fragte
-ausdrucksvoll: »Jetzt sagen Sie mir aber mal, mein bestes Fräulein, mit
-welchem Recht machen Sie mit ihren leichtsinnigen Anschauungen da
-denen Konkurrenz, die von nützlichen und angebrachten Dingen aus
-selbstgeschöpfter Erfahrung zu reden wissen, und die auch die
-Unannehmlichkeiten ihres Berufs nicht scheuen?«
-
-Da bekam das junge Mädchen einen ganz eigen hoheitsvollen und abweisenden
-Ausdruck.
-
-Es giebt Menschen, die ihre Wahrheiten in keiner Stunde der Intimität
-verraten, denen es aber nicht darauf ankommt, sie in freier Willkür
-gleichsam denen vor die Füße zu werfen, die ihnen mit unverständigen
-Angriffen begegnet sind. Es ist das ein unerklärliches Bedürfnis, sich
-gerade da auszusprechen, wo man gewiß ist, tauben Ohren zu begegnen.
-
-So sagte sie: »Ich schreibe, weil es so viele Dinge giebt, nach denen ich
-mich sehne -- Und ich schreibe, weil ich alles das loswerden will, was in
-meinem Leben traurig und verfehlt gewesen ist.
-
-Zu lange und zu schwer an den Dingen tragen entkräftet -- da wird man
-ihrer ledig -- in der Kunst --
-
-Und Ideale giebt es, die sind schön und zart über die Maßen -- aber sie
-taugen nicht in das Leben -- da trägt man sie hinüber in die Kunst.
-
-Denn es gilt vor allem, das Leben zu hüten, weil nur von einem ganzen
-Menschen ganze Kunst kommen kann.
-
-Aber sollte es dennoch eine Wahl geben zwischen Leben und Kunst, so würde
-ich immer sagen, ›das Leben ist das bessere -- das Leben!‹«
-
-»Welche Lästerung der Kunst!« schrie die Ärztin entsetzt, wandte sich
-ab und vertiefte sich fortan nur mehr in die Genüsse, die der Wald aus
-Petersilienkraut verbarg.
-
-
-
-
-XII
-
-
-Esther konnte oft des Nachts nicht schlafen. Sie hörte dieses gequälte
-Husten des Schwindsüchtigen, und wenn es so ganz unerträglich wurde,
-fühlte sie sich immer versucht, aufzuspringen und irgendwie zu helfen.
-
-Sie litt mit unter diesen entsetzlichen Anstrengungen des Atemholens. Sie
-machte jeden Anfall mit durch, der ihn mit einem leisen, keuchenden Husten
-durchschüttelte, und sie selbst atmete erleichtert auf, wenn sich endlich
-dieses verzweifelte Ringen nach Luft wieder legte. --
-
-In einer Nacht, da mußte es wohl besonders schlimm sein. Sie hörte ihn
-nach der Verlobten rufen:
-
-»Nancy! Nancy! Hilf --«
-
-Und nach einer halben Minute wieder: »Kommst du nicht?« --
-
-»Sei still, sei still!
-
-Bleib nur ganz ruhig liegen. Ich bin schon da.«
-
-Die Stimmen und Geräusche klangen mit einer hohlen Deutlichkeit durch die
-Stille der Nacht.
-
-Esther konnte hören, wie Nancy ihm sein Morphium gab und sich dann ans
-Bett setzte und hüstelte.
-
-»Ist dir auch nicht kalt, Nancy?«
-
-»Bewahre, ich bin abgehärtet.«
-
-Eine Weile war alles ruhig, dann: »Mir ist so gut jetzt -- aber magst du
-noch ein bißchen dableiben?«
-
-Esther verstand diesmal keine Antwort.
-
-»Erzähle mir, Nancy, sprich davon, wie es sein wird, wenn wir verheiratet
-sind und drüben in Königs-Wusterhausen in dem kleinen Häuschen am Walde
-wohnen --«
-
-»Ja, das wird gut sein,« sagte Nancy -- »gut für uns beide. Dann haben
-wir uns ein nettes bißchen Geld zusammengekratzt und können auf die
-elende Hetzerei mit den Redaktionen pfeifen.
-
-Dann schreibst du in aller Gemütsruhe an deinem Roman, und wenn die
-Hofjagden sind, dann verständigen wir uns mit ein paar Zeitungen und
-können in aller Bequemlichkeit das Material für die interessantesten
-Berichte sammeln.«
-
-»Ach Gott ja, mein Roman! -- Elend lange liegt der nun schon!«
-
-»Na Schatz, dann hast du ja doch Zeit die schwere Menge!« --
-
-»Famos ist Wusterhausen -- findest du nicht?
-
-Der Park mit den Linden --
-
-Und so überall diese Ruhe --
-
-Man sollte denken, da könnte eins in aller Geschwindigkeit wieder zu
-Kräften kommen!«
-
-»Sprich nicht so viel. Ich erzähle dir lieber --
-
-Weißt du noch, wie wir zum ersten Mal dort waren und über die Heide
-fuhren? So viele gelbe Blumen blühten gerade. Der Kutscher sagte, daß es
-Ginster wäre. Wir haben dann ja auch 'n ganzen Packen abgerupft, aber in
-der Bahn haben wir sie vergessen.
-
-Und dann bei der Mühle. Da hingen die Zweige von den Kastanienbäumen bis
-ganz ins Wasser -- höchst malerisch! muß man sagen. Man hätte 's gleich
-für 'n Gedicht verwenden können -- wenn man nicht die Lyrik so schlecht
-bezahlt wäre.«
-
-»Das elende, elende Geld!«
-
-»Gut genug, wenn man's hat!«
-
-»Nancy, rechne mal: wann haben wir genug zusammen?«
-
-»Na, warte mal --
-
-Wenn wir uns vielleicht an dem Preisausschreiben beteiligen -- wir können
-ja gut zusammenarbeiten -- und wenn wir dann vielleicht den dritten Preis
-zu 5000 Mark bekommen, dann steht doch überhaupt nichts mehr im Wege,
-dächt' ich?
-
-Dann gingen wir vielleicht erst noch den Winter über nach Davos -- Du
-weißt ja, da ist jetzt die großartige Einrichtung für unbemittelte
-Lungenkranke. Und wenn wir dann unser bißken los sind -- und 's wird recht
-schön warm bei uns hier -- so gegen Mai hin -- dann siedeln wir über.«
-
-»Nancy, weißt du's noch genau: wie heißen gleich die Bedingungen für
-das Preisausschreiben?«
-
-»Ein moderner Stoff, der Tagesfragen berührt -- nicht über 20.000
-Zeilen --«
-
-»Nicht über? -- Das ist gut! Als ob jemand mehr schriebe, wenn nicht
-Zeilenweise bezahlt wird!«
-
-»Tagesfragen -- liegen uns ja nahe.«
-
-»Können wir -- mit Leichtigkeit.«
-
-»M. w. -- m. w.!« sagte Fräulein Nancy.
-
-»Nancy -- war nicht neulich in der ›Litterarischen Praxis‹ nicht auch
-ein Preisausschreiben zur Reklame für eine Strumpfwirkerei?«
-
-»Jawohl: 300 Mark als erster Preis. M. w. ebenfalls.«
-
-»Nancy -- ich bin -- jetzt -- müde.«
-
-»Na, dann gute Nacht, mein Schatz!«
-
-Esther hörte Fräulein Nancy in ihr Zimmer zurückgehen. -- -- -- --
-
-Am nächsten Morgen kam Fräulein Schulze ganz verstört zu Esther
-hereingestürzt.
-
-»Ach Gott, mein liebstes, bestes Fräulein,« rief sie, »ich möchte
-ja nicht, daß es jemand anders erfährt, aber zu Ihnen muß ich mich nun
-aussprechen -- sie haben es auch am Ende so dicht nebenan schon selbst
-gehört: Ihr Zimmernachbar ist heute früh gestorben -- an einem Blutsturz
--- so ganz auf einmal!«
-
-Esther fühlte, wie sich ihr die Kehle zusammenschnürte vor Mitleid und
-Entsetzen.
-
-»Weiß es denn schon die Braut?« fragte sie endlich.
-
-»Jawohl, die sitzt bei ihm und will niemand bei sich haben. Sie sagt, daß
-sie ausziehen will, sowie er unter der Erde ist.«
-
-»Kann man denn nichts für sie thun?« fragte Esther mechanisch. Und dann
-noch einmal voll Wärme: »Besinnen Sie sich doch, Fräulein Schulze, was
-man da thun könnte!«
-
-»Da kann nur unser Herrgott helfen -- für mich ist dieses ganze
-Vorkommnis ja auch sehr peinlich -- wer weiß, ob niemand deshalb
-auszieht,« sagte Fräulein Schulze und wischte sich mit dem Taschentuch
-die Augen.
-
-»Ach nein, vielleicht ist es doch möglich,« meinte Esther, »ich will
-jetzt gleich vor der Malstunde einmal hinübergehen.« --
-
-Sie klopfte an und trat auf ein rauh hervorgestoßenes »Herein!« in das
-Zimmer.
-
-Es war ein ganz winziges Kämmerchen -- ungleich dürftiger noch als das
-ihre.
-
-Der Tote lag ausgestreckt auf seinem Bett. Er hatte ein leidensverzerrtes
-Christusgesicht.
-
-Esther ging auf Fräulein Nancy zu, die ihr feindlich entgegenstarrte. Sie
-wagte kein Wort des Beileids zu sagen, bot nur ganz schlicht ihre Hilfe an.
-
-»Lassen Sie mich in Ruhe,« sagte Fräulein Nancy, »ich gehe Sie
-nichts an, und Sie gehen mich nichts an. Das hier ist allein meine
-Angelegenheit.«
-
-Esther ging still wieder hinaus. Sie traf Fräulein Schulze im Gang.
-»Nun,« fragte die, »haben Sie was erreicht?«
-
-Esther verneinte niedergeschlagen.
-
-»Ich sagte es Ihnen ja, liebes Fräulein, da kann nur unser Herrgott
-helfen!«
-
-
-
-
-XIII
-
-
-In den Straßen ging die Luft weich und wehend. Esther spürte diesen
-feinen, durchdringenden Geruch des einbrechenden Frühlings, und da stieg
-es plötzlich in ihr auf wie eine leise Neugier nach fernen, fernen,
-halbvergessenen Dingen.
-
-Wie ist doch das?
-
-Man geht an Frühlingstagen wie durch ein Feld, auf dem Erwartung und
-Sehnsucht nach künftigem Genießen sproßt.
-
-Ist es wohl so? --
-
-Aber sie -- sie gehörte doch zu denen, die für sich selbst nichts mehr
-zu erwarten haben -- denen sich das Leben geweigert hat. Zu denen, die nur
-noch tapfer sein wollen.
-
-Doch der Wind streifte sie wie ein verwehter Klang der Heimatssprache.
-
-Wie träumend ging sie von dem gewohnten Rückweg aus der Malschule ab und
-verfolgte die Richtung nach dem Tiergarten.
-
-Überall standen an den Straßenecken Blumenverkäufer mit italienischen
-Anemonen und Mimosenzweigen, deren linder Geruch gleichsam die Luft
-verjüngte.
-
-Esther trat in einen Blumenkeller und kaufte ein paar Narzissen -- ihre
-Lieblingsblumen. Sie trug sie sinnend vor sich her.
-
-Über den Straßen des Tiergartenviertels glänzte weißes, trocknes Licht.
-Aus den Gärten herüber drang üppiger Blumenduft der ausländischen
-Pflanzen, vermischt mit dem herben Geruch von jung keimendem Grün.
-
-Und dann war der Tiergarten erreicht.
-
-Ein zartgrünes, durchdringendes Licht spiegelte von den jungen
-Blattknospen auf den Weg herab.
-
-Wie schön das alles war. Ja, sie wußte, daß alles das schön war,
-was sie umgab -- aber sie vermochte es nicht zu fühlen. Eine lähmende
-Starrheit lag über ihrer Seele, die der alte leichtbewegliche
-Schönheitssinn vergeblich zu durchbrechen suchte.
-
-Wie Scham über ein heimliches Gebrechen empfand sie diese Starrheit
-plötzlich. Und sie quälte sich damit und suchte nach Gründen.
-
-Sie dachte: Wie kann es nur sein, daß eine bloße Enttäuschung, die uns
-nicht einmal im tiefsten traf, so zu töten vermag, während ein großer,
-echter Schmerz lebenschaffend wirkt?
-
-Sie erinnerte sich, wie sie einmal das Leid getragen hatte wie ein
-heimliches Glück. Wie ringsum alles zu Leben erstand -- geheimnisreich und
-tief. Wie jeder Vorgang bedeutungsvoll wurde, weil er sich in einem heißen
-Herzen spiegelte.
-
-Doch dann war jener Irrtum des Fühlens gekommen, der die Lebenskraft
-langsam, fast unmerklich in sich sog, der sie ganz im geheimen leer
-und unfähig machte, während ihr schien, sie habe kaum etwas daran
-gesetzt. -- --
-
-Sie ging an den Teichen entlang, dann über eine Brücke.
-
-Schwäne kamen fauchend und mit erhobenen Flügeln angeschwommen. Wie ein
-hellgrünes Netz über schwarz-goldenem Grund spiegelten sich die jungen
-Knospen im Wasser.
-
-Esther blieb stehen, senkte den Kopf immer tiefer, lehnte sich an den
-Brückenpfeiler.
-
-Da kamen ihr ein paar Worte -- arme, geborgte Worte -- sie hatte wohl keine
-eigenen mehr: Verfehlte Liebe -- verfehltes Leben -- --
-
-Und die Schwäne reckten sich zischend zu ihr herauf, und die Worte fielen
-wie eine geheimnisvolle Last in das golden schwarze Wasser. -- -- -- --
-
-»Fräulein Franzenius, da stehen Sie nun immer und unterhalten sich mit
-den Schwänen?«
-
-Esther sah auf. Fräulein von Preller stand neben ihr.
-
-»Ich habe Sie gar nicht gesehen,« sagte Esther mit einem scheuen
-Lächeln.
-
-»Natürlich nicht,« meinte die andre und sah ihr mit einem sonderbar
-guten und warmen Blick entgegen.
-
-Esther dachte: »Sie ist schön.« Und dann: »Hat sie mir auch jetzt eben
-gewiß nichts ansehen können?«
-
-Nein, gewiß ahnte sie nichts dergleichen. Sie fragte ganz harmlos:
-»Darf ich nun mit Ihnen zurückgehen? Denn wir müssen doch gewiß recht
-pünktlich zum Mittagessen kommen, sonst machen wir das arme Fräulein
-Schulze ja unglücklich.«
-
-»Gern, wenn Sie mögen.«
-
-Esther war ganz erleichtert, daß sie sich nicht durchschaut fühlen
-mußte.
-
-So gingen sie nebeneinander durch den Tiergarten zurück.
-
-Fräulein von Preller machte kleine Bemerkungen über die Umgebung.
-»Schade, daß ich kein Brot für die Schwäne mithabe,« sagte sie. »Sie
-erwarten es eigentlich nicht anders von jedem Vorübergehenden. Sie stellen
-sich auf und fordern Zoll. Und wer nichts zu geben hat, den verfolgen
-sie höchst ärgerlich noch ein Stückchen auf dem Land, dort wo es ihnen
-eigentlich schon fast unmöglich ist, sich fortzubewegen. Alles das, weil
-sie sich recht sehr enttäuscht fühlen.«
-
-Dann kam ein Kinderfräulein vorbei mit einer Schar kleiner aufgeputzter
-Judenkinder. Sie trippelten alle ganz vorsichtig in ihrem Staat einher und
-hatten traurige, müde Augen.
-
-Fräulein von Preller sagte: »Es thut mir immer weh, wenn ich Kinder sehe,
-die nicht laufen und springen dürfen. Mir scheint, solche Kinder haben
-für ihre kleinen beständigen Entsagungen mehr zu dulden, als irgend ein
-Erwachsener über seinen reifen Kummer, den ihm das Schicksal auferlegt.
-Immer wenn ich solchen kleinen unglücklichen Wesen begegne, wünsche ich
-mir nichts mehr, als an Stelle dieser leeren Holzpuppen zu sein, und dann
-würde ich selbst mit den Kindern um die Wette Kinderstreiche machen. --
-Natürlich wäre ich dann bald genug von der betreffenden gnädigen Mama
-entlassen,« setzte sie lachend hinzu.
-
-Esther hörte gern zu. Die alleralltäglichsten Sachen klangen gut und warm
-durch die Art, wie sie gesprochen wurden, und die etwas tiefliegende Stimme
-war wie von Leben durchzittert.
-
-Da plötzlich nach einer kleinen stummen Pause brach Fräulein von Preller
-in die Worte aus: »Ich wollte, alle Geheimnisse wären so schön wie die
-eines Frühlingstages. Kein Mensch dürfte etwas Trauriges verbergen --
-dann würde ein jeder umhergehen und den andern glücklich machen mit dem,
-was er verschweigt.«
-
-»Was kann ein Mensch dazu thun, wenn er trübe Geheimnisse tragen muß?«
-sagte Esther leise.
-
-»Sie tot machen! Sie ganz ertöten und überwinden, und dann -- ein neues
-Glück darauf bauen!«
-
-»Glauben Sie nicht, daß es Verhältnisse giebt, die kein neues Glück
-zulassen -- die _das_ Glück nicht zulassen?«
-
-»Nein -- nie!«
-
-»Sie meinen?«
-
-»-- daß jedes Glück gewollt und erzwungen werden kann.«
-
-»Glauben Sie nicht, das ergäbe eine recht billige Moral?«
-
-»Ich weiß, daß sich das, was ich jetzt sagen will, sehr leicht
-mißverstehen läßt -- trotzdem: ich glaube, daß für jeden Menschen,
-auch für den, der gewohnt ist, nie nach billigen Moralen zu handeln,
-einmal der Augenblick kommt, wo er sich jenseits der Moral stellt. Es
-ist für ihn der Ausnahmefall -- das Zugeständnis an die Forderung des
-brutalen Lebens. _Wann_ diese Zeit aber gekommen ist, hat jeder anständige
-Mensch allein mit sich selbst abzumachen. Er allein muß wissen, wie viel
-Kampf und Schmerz er einzusetzen hat, ehe er sich sein Glück nimmt.
-
-Man hat viel von einer Moral gesprochen, die im Namen der Schönheit und
-Freiheit verkleideten Häßlichkeiten das Wort redet. Darüber sind wir
-jetzt hinaus. Unsre ganze Zeit ist darüber hinaus. Wir wissen nur mehr von
-einer Ästhetik, die sich mit Ethik deckt.
-
-Wir haben uns von den mißverstandenen Idealen der Freiheit entfernt und
-lassen wieder die Gesetze der Güte und Großmut über uns stehen, die im
-Grunde stets für den besseren Menschen gegolten haben. Und an wen es nun
-kommt, daß er abweichen muß, von dem, was er für gut hält, der hat
-einen strengen Kampf mit sich selbst zu führen -- und er wird ihn hart
-kämpfen -- nur sich nicht zerstören lassen.«
-
-»Aber könnte es nicht einmal -- die Pflicht eines Menschen sein, sich in
-diesem Sinn zerstören zu lassen!«
-
-»Nie. -- Allein schon darum nicht, weil ein gebrochener Mensch -- ganz
-objektiv geurteilt -- durch seine Person ebensoviel Unheil anrichten muß,
-wie er sonst Glück geben könnte. Sein Bestes kann ja nur noch Resignation
-sein.«
-
-»Und das Unglück, das er anrichtet, wenn er sich nimmt, was ihm nicht
-zukommt?«
-
-»Das -- muß er als ehrlicher Streiter thun. Und noch einmal: Er muß
-wissen, _wann_ er es thun darf -- er allein.
-
-Ein guter und ganzer Mensch wird immer von guten Instinkten geleitet -- ein
-gebrochener kann nur noch Unheil anrichten -- ganz unbewußt und ungewollt
-vielleicht.« --
-
-Sie gingen nun das letzte Stück schweigend nebeneinander. Das helle
-Frühlingslicht floß zitternd an ihnen herab. Esther war es, als hörte
-sie ganz von ferne Glocken klingen. Feiertagsglocken waren das -- wurde
-nicht das Leben eingeläutet?
-
-Das alles drängte sich ihr so heiß zu Herzen. Und auch das Traurige wurde
-milde.
-
-Esther dachte: »Das war es -- ja, das war es: ich mußte Unheil anrichten
--- überall wohin ich kam. Ich hatte nichts Ganzes und Gutes einzusetzen,
-weil ich dort nicht kämpfen durfte, wo meine Seele begehrte. -- --
-
-»_Mit meiner ganzen Seele begehre ich nach dir!_«
-
-Ja, mit diesen Worten dachte sie plötzlich an den alten Wunsch. Lebensvoll
-wie nur je trat er hervor aus langem, langem Schweigen.
-
-Der Kampf war zu Ende.
-
-
-
-
-Dritter Abschnitt
-
-
-
-
-XIV
-
-
-So oft hatte Esther sich die Heimkehr in Gedanken vorgestellt, daß nun die
-Wirklichkeit für sie gar kein Leben gewinnen wollte.
-
-Sie ging immer nur vor sich hin und dachte, ob es dies eine Mal auch gewiß
-kein Traum sei, wie so oft schon vorher.
-
-Es war ein weicher Märztag gegen die Dämmerung zu, und überall lag noch
-ein Duft von Sonnenwärme. Kein bekannter Mensch begegnete ihr unterwegs.
-So kam sie bis an den Garten.
-
-Sie konnte sich Zeit lassen. Niemand ahnte ja, daß sie schon hier war.
-Leise klinkte sie das Pförtchen auf und ging über die regenfeuchten
-Wege. Bräunlich war noch der Rasen von vergangenem Schnee, nur einzelne
-frischgrüne Lichter lagen darüber.
-
-Aber da -- hinter den großen Erlen wuchsen Schneeglöckchen!
-
-Wie oft hatte sie sich den Garten vorgestellt und immer gemeint, so bis
-auf alle Einzelheiten noch alles genau zu wissen. Und nun wuchsen da
-Schneeglöckchen, an die sie nie mehr gedacht hatte.
-
-Nein, es war kein Traum, diesmal!
-
-Ein unendlich zärtliches Gefühl -- eine kindliche, kindliche Freude
-erfüllte sie. Und sie meinte, es hätte ihr kein lieblicheres Erlebnis
-werden können, als daß daheim die Schneeglöckchen blühten.
-
-Weich und fast heiter war sie, während ihr stille, warme Thränen
-über das Gesicht liefen. Alle großen, leidenschaftlichen und dunklen
-Empfindungen schwiegen vor der kleinen, kindlichen Freude.
-
-Alles war gut und milde in ihr, und sie war bereit, unter glückliche
-Menschen zu treten. --
-
-Sie ging langsam auf das Haus zu. Amseln rannten vor ihr über den Weg und
-versteckten sich zwitschernd in den kahlen Büschen. Das Haus lag stolz und
-feierlich vor ihr. Alles war ihrem Herzen ein weiches Entzücken.
-
-Da trat jemand auf die Veranda heraus. War das Lydia? Sie schien so viel
-weiblicher, anmutiger.
-
-Sie ging hin und her, dann blieb sie am Geländer stehen, und ihre Finger
-spielten in den dürren Weinranken.
-
-Esther kam langsam auf sie zu. »Lydia!«
-
-Das Mädchen griff sich nach dem Herzen. Dann schritt sie zögernd die
-Stufen hinunter in den Garten, während Esther unwillkürlich stehen blieb.
-
-»Ach du, mir war es, als müßtest du da sein,« sagte Lydia. »Deshalb
-bin ich herausgekommen.«
-
-Sie gaben sich die Hand, denn es waren nie nähere Zärtlichkeiten zwischen
-ihnen üblich gewesen. Aber Esther fühlte die ganze alte Treue in dieser
-einfachen Begrüßung.
-
-Dann gingen sie miteinander, sich noch immer bei der Hand haltend, ins Haus
-hinein.
-
-»Ich bringe sie Euch!« sagte Lydia, und Esther sah die beiden zusammen,
-die sie in Gedanken hatte trennen wollen.
-
-Sie waren schöner noch geworden -- beide. Und es schien, als könne man
-sich keinen ohne den andern denken. Sie paßten zusammen, wie ein Bildwerk,
-das der Künstler aus einem einzigen Marmorblock gemeißelt.
-
-Fast schien es, daß eine körperliche Ähnlichkeit zwischen ihnen
-entstanden war.
-
-Maria nahm die Schwester in ihre zarten Arme und küßte sie. Esther
-fühlte einen warmen, schmeichelnden Hauch im Gesicht.
-
-Wie war es doch? War sie nicht gekommen, um dieser da das Glück zu rauben?
-
-Das alles lag so fern.
-
-Sie fühlte sich auf eine neue, feinere Art eins mit ihnen allen. Das
-tödliche Begehren schwieg.
-
-»Wie schön, daß Sie gekommen sind, Esther,« sagte Lothar.
-
-Esther fühlte etwas Fremdes an ihm -- vielleicht, daß seine Freudigkeit
-leichter, harmloser als früher war. Er hatte ja auch im Glück gelebt.
-
-»Ja, wir wollen es jetzt gut miteinander haben -- und nie wieder gehst du
-fort, Schwesterlein, ja? Versprich uns das!«
-
-Und Maria hob sich ein wenig auf die Fußspitzen, während ihre Hände
-auf Esthers Schultern ruhten. So waren sie gleich groß, daß sich die
-Gesichter gegenüberstanden. Maria lächelte zärtlich.
-
-»Wenn du wüßtest, wie glücklich ich bin, wieder hier zu sein,« sagte
-Esther.
-
-»Ja -- nicht wahr? Ich habe nie begreifen können, daß du fort
-mochtest.«
-
-Nun mußte Esther erzählen. Sie wunderte sich selbst, wenn sie so
-leicht über die vielen Kleinigkeiten reden konnte, die teils aus einem
-allzubedeutungsvollen Leben stammten, teils aus jener toten Zeit, wo alles
-Äußerliche an ihr vorüberging, wie ein gelesenes Wort, das nicht zum
-Herzen dringt.
-
-Zuweilen begegnete sie Lydias gutem Lächeln.
-
-»Aber ich will nun zum Vater,« sagte Esther.
-
-Ach richtig, der Vater! Ihn hatte man ja ganz vergessen.
-
-»Mein liebes Kind -- mein liebes Kind,« sagte der alte Franzenius immer
-wieder und schüttelte seiner Tochter die Hand.
-
-»Vater --« Esther sprach es ganz leise, gleichsam, wie um sich zu
-erinnern.
-
-»Wie geht es dir denn, mein liebes Kind?« Er besann sich sehr, um etwas
-zu reden. Eigentlich gab es ja gar nichts zwischen ihnen, was sie sich
-mitteilen mußten. Sie hatten eben nur immer nebeneinander hergelebt und
-nur das besprochen, was der Alltag mit sich führte. --
-
-Und dann saßen sie alle zusammen um den großen runden Tisch. Und Lydia
-hatte die Theemaschine vor sich und sah sehr hausmütterlich aus. Alle
-behandelten sie mit sehr viel Respekt und zugleich mit einer Art, als ob
-sie ganz schrecklich abhängig von ihr wären.
-
-Lydia hatte Würde bekommen.
-
-Es lag etwas Zufriedenes, Beglücktes über einem jeden von ihnen. Esther
-fühlte, hier war sie nicht entbehrt worden.
-
- * * * * *
-
-Am nächsten Tag ging sie mit Maria durch den Garten.
-
-Maria ließ die knospenschweren Zweige durch ihre Finger gleiten. »Bald
-werden wir Blüten haben,« sagte sie. »Und auch heiraten können wir
-dann.«
-
-Esther traf es so tief und schneidend. Sie hätte sich aufbäumen mögen,
-wie ein verwundetes Tier.
-
-Sie blieb vor Maria stehen.
-
-»Hör' mich, Maria, ich muß dir etwas sagen --«
-
-Maria sah ihr ruhig und unschuldig ins Gesicht.
-
-Nun mußte sie der Schwester gestehen, daß sie gekommen war, um ihr
-den Geliebten zu nehmen. Ja, das mußte sie jetzt, damit es ehrlich war,
-zwischen ihnen.
-
-»Hör' mich, Maria, ich muß dir etwas sagen,« wiederholte sie zögernd.
-
-Und dann zitterte ihr Blick fort von den klaren, fragenden Augen der andern
--- und sie ging wortlos weiter.
-
-»Was war es, das du mir sagen wolltest?« fragte Maria neben ihr
-hinschreitend.
-
-»Nichts -- o, nichts von Bedeutung.«
-
-»Arme Esther, du siehst so gequält aus -- du mußt viel gelitten
-haben,« sagte die schöne Maria. Und über ihr wiegten sich segnend die
-blütenverheißenden Zweige, und die Blümlein freuten sich, wenn sie das
-Kleid der Allerschönsten streifte. --
-
-Lothar kam in den Garten. Und wie von je suchten seine Augen Marias
-gesegnetes Angesicht. Aber nicht mit dem müden, schweren Ausdruck von
-einst kam er zu ihr -- die Frohheit und Sicherheit des Glückes hatte auch
-ihn durchdrungen.
-
-Esther dachte: wir sind uns so viel fremder geworden. Ich muß ihm ja nicht
-mehr wie damals mit Schmerzen folgen -- er ist glücklich.
-
-Und das Gefühl der Einsamkeit, das vor der ersten Heimatsfreude
-zurückgewichen war, durchdrang sie wieder.
-
-Nie wird es sich aus einem Menschen löschen, wenn er einsam gewesen ist in
-jener bittern, schweren, sehnsüchtigen Einsamkeit, die zu keusch ist, um
-nach »Menschen« zu greifen.
-
-Die lieber ihr Leid trägt, als sich an ihrer Schmerzen Heiligkeit
-vergreift.
-
-Und die doch so arm und tiefgebeugt werden kann, daß sie sich sehnt, mit
-weggewandtem Gesicht die Hand auszustrecken, bettelnd, ohne den Geber
-zu sehen -- um dann doch immer nur die Gabe verschmäht aus den Händen
-gleiten zu lassen.
-
-Denn heiliger sind alle Schmerzen der Sehnsucht, als jede Erfüllung aus
-fremder Hand. --
-
-Und sie dachte: Ich möchte dich hinabziehen zu meinen Schmerzen, zu meinen
-Entbehrungen und Kümmernissen. Nur daß ich dich für mich allein hätte.
-
-Du bist mir fremd geworden in deinem Glück. Ich aber sehne mich nach
-Schmerz und Erdenschwere an deiner Seite.
-
-Alle Güte war von ihr gewichen. Sie sah auch nicht die Lieblichkeit der
-Schwester mehr.
-
-Sie sah Lothar mit einem dunklen Blick an. »Ich muß dich zu mir sehnen
-können,« dachte sie.
-
-Seine Augen aber glitten an ihr vorüber. Und er verstand sie nicht. --
-
-O sie wußte wohl, er war nicht von jener feilen Art, die sich durch ein
-Wohlgefallen von ihrer Liebe ablocken läßt, wie jener, an dem sie sich
-geirrt hatte --
-
-Aber das was sie ihm bot, mußte er doch fühlen als das Kostbarste, was je
-ein Mensch dem andern bewahrte -- die Sehnsucht eines ganzen Lebens --
-
-Diese todesstarke Sehnsucht mußte ihn zu ihr zwingen. --
-
-
-
-
-XV
-
-
-Und der Frühling kam so mit Macht!
-
-Einmal noch hatte der Winter das frühe Grün überdeckt, aber nun tauten
-schon wieder die Wasser von den Bergen und schossen durch das Flußbett.
-Weidenruten wurden im raschen Vorüberbrausen ergriffen, bogen sich,
-wehrten sich, wurden von der Strömung in die Länge gezogen und schnellten
-das Wasser peitschend zurück. Die Wiesen aber glichen Teichen, aus
-denen das Erlengesträuch mit hilflos erhobenen Armen emporstarrte. Und
-fortwährend war ein Rauschen in der Luft, als stürme die Sehnsucht durch
-das Land.
-
-Ja, alle Einsamkeit wollte sterben, und in jedem Auge war Hoffnung. --
-
-Esther fühlte sich so eng verbunden mit ihrer Heimat, mit diesem Land,
-wo der Frühling so anders kommt als anderwärts. Wo er kommt wie ein
-plötzlicher starker Wille nach langer Beherrschung, wie ein Wille, der
-niedergekämpft lag in langen Zeiten -- niedergehalten mit ehrlicher
-Kraft. Und nun steht er auf -- wild und riesenstark geworden, während er
-gebändigt darniederlag.
-
-Esther fühlte sich so eng verbunden mit ihrer Heimat, mit diesem
-Land. -- -- -- --
-
-Und das Wasser trat zurück und leuchtete in der stolzen schimmernden Ruhe
-der Blütenzeit.
-
-Wie mit weißem Schaum bedeckt standen die Bäume. Und war es nicht, als
-hörte man die Erde knistern unter dem Hervorbrechen der Blumen?
-
-Alle Farben waren blank und glatt vor Unberührtheit. Ein feiner,
-schwebender Duft ging wie Liebesahnung durch die Natur, wurde voller und
-stärker und strömte zuletzt wie ein einziger tiefer Klang über alles
-Land. --
-
-Hätte jetzt jemand Esther gefragt: »Ist es so? Ist es das: Du gehst umher
-und suchst den mit Gewalt an dich zu reißen, den du liebst -- du bist
-schön geworden, weil du siegen willst, ist es das, Esther?« -- Hätte
-jemand so gesprochen, so würde sie antworten müssen: »Ja, so ist es.«
-Und sie hätte auch noch gesagt: »Sieht mir das nicht ein jeder an? Ich
-bin schön geworden, weil ich seiner begehre!«
-
-Wie eine köstliche Gewißheit trug sie es in sich, daß er zu ihr kommen
-würde, kommen mußte eines Tages. Ihr schien, sie hätte nicht mehr
-gejubelt und nicht mehr geweint, wäre es so gekommen -- sie hätte es
-souverän entgegengenommen, als das was ihr gebührte.
-
-Da war kein Zweifel mehr und auch kein Zurückschrecken vor dem Leid, das
-sie der Schwester damit thun wollte --
-
-Es gab nur noch das eine Recht, das sie sich kraft einer todesstarken
-Sehnsucht errungen hatte. -- --
-
-Sie ging im Garten und hörte auf seinen Schritt. Sie wußte immer im
-voraus, wenn er kommen würde. Sie brauchte sich nicht einmal nach
-ihm umzusehen -- sie kannte ein jedes Geräusch, das mit seinem Kommen
-zusammenhing.
-
-An den Fliederbäumen blieb sie stehen, die ihre kleinen Blüten noch wie
-Fäustchen ballten.
-
-»Bis der Flieder blüht, sollst du mir gehören,« dachte sie.
-
-Und wenn er vor ihr stand, sagten ihre Augen: »Komm zu mir! Komm zu mir!«
-
-Und sie ging hinaus in die Berge. Und dort, wo alle verschwiegenen Plätze
-ihre alten Geheimnisse kannten, warf sie sich an den Erdboden -- mitten
-hinein in die honigduftenden, sonnengelben Schlüsselblumen und dehnte ihre
-festen jungen Glieder und that die Augen weit auf vor dem Licht.
-
-Und dann fühlte sie die Liebe wie ein leises Beben am Herzen und horchte
--- horchte hinein in den Frühlingstag. -- -- -- --
-
-Einmal aber, wie sie draußen vor dem Gartenzaun vorbeiging, hörte sie
-dort drinnen Lothar zu Maria sprechen. Und er sagte: »Esther ist so schön
-geworden -- anders noch als früher. Man möchte immer von ihr denken, daß
-sie ein beglückendes Geheimnis in sich trägt.«
-
-Und Maria lachte. Leicht und sorglos lachte Maria. Maria, die Schönste,
-Maria, die Geliebteste hatte keine Antwort als ein kleines Lachen.
-
-
-
-
-XVI
-
-
-Und es kamen die stillen, schweren Tage des Frühsommers.
-
-Alles Blühen wurde farbenreicher und üppig, und die Luft stand zitternd
-und hell über der Erde.
-
-Es war gegen Abend.
-
-Esther saß mit der Schwester und Lothar im Garten.
-
-Die Vögel stießen schrille, scharfe Locktöne aus, die in der unbewegten
-Luft wie erstickt abbrachen.
-
-»Es ist noch immer so heiß,« sagte Maria. »Die Büsche sind so dicht
-geworden und halten die Tageshitze gefangen. Wollen wir nicht einmal nach
-dem Berggarten sehen?«
-
-Und sie gingen den grünen Heckenweg hinter der Stadt hinaus und erstiegen
-einen Berg, an dessen Hang sich Weingärten hinzogen.
-
-Es war schon ein wenig dämmerig im Thal, droben aber lag noch das
-weißliche, schon abgetönte Licht des Sommerabends.
-
-Ganz hinauf stiegen sie, bis zu einem kleinen Steinbruch, der von
-Schlehengestrüpp durchwachsen war.
-
-Da hatten sie unter sich den weiten, blühenden Hang, der einmal ein
-wohlgepflegter Weinberg gewesen. Jetzt aber wucherten die tiefen Farben
-der Akelei zwischen den Reben, und weiße, scharfduftende Rosen waren im
-Erblühen.
-
-Weit, weit unten lag die Stadt, aus deren Dämmern sich kleine, unsichere
-Lichtfunken hoben, und aus den fernen bläulichen Kornfeldern, die sich mit
-dem Sinken des Abends entfärbten, roch es frisch herüber.
-
-Das Schönste aber waren die weißen Irisblüten.
-
-Hell und gleißend erhoben sie sich dicht vor ihnen gegen den Abendhimmel.
-
-Der Mond kam leicht und durchsichtig hinter den jenseitigen Bergen hervor
-und strich zögernd über den Himmel.
-
-Die Irisblüten waren wie weiße, flackernde Flammen. Esther beugte sich
-tief hinab zwischen die glatten, glänzenden Stiele, die sich knirschend
-aneinander rieben und atmete den kühlen, unsagbar feinen Duft. Von der
-Nachtluft leicht bewegt, flatterten die Blütenblätter mit einem sirrenden
-Ton, der wie Seidenrauschen klang.
-
-Maria erhob sich von dem steinernen Sitz und trat unter die Schwertlilien.
-Sie bog die Stengel auseinander und legte sich mitten unter sie.
-
-Esther sah hinüber zu Lothar. Der blickte weit hinaus in das nächtige
-Land.
-
-Aber der Nachtwind strich vorbei wie eine Sehnsucht nach kühlen,
-rätselhaften Geheimnissen.
-
-»Ich liebe dich,« dachte Esther. »Ich liebe dich -- --
-
-Dringt es denn nicht zu dir? Kann meine Liebe noch für dich schweigen in
-dieser Nacht?«
-
-Doch er schwieg und sah weit hinaus in das nächtige Land.
-
-Da war ihr, als müsse sie sich jetzt erheben und zu ihm gehen und seine
-Hand fühlen. Als müsse sie sagen: »Komm nun zu mir, denn du bist bei mir
-zu Hause -- bei mir allein.«
-
-Aber sie regte sich nicht, folgte nur seinem fernen Blick.
-
-Und es wurde ganz ruhig in ihr, ruhig wie zu einem angestrengten Horchen.
-Und ihr war, als sehe sie dort draußen im unbestimmten Licht zwei Seelen
-zusammenfließen -- dort draußen -- weit -- zwischen Himmel und Erde.
-
-Und ein tiefes, geheimnistrunkenes Glück verschleierte alle Wirklichkeit.
-Sie gab sich ganz dem Entzücken des Traumes hin.
-
-Sie dachte: »Was geht mich die Erfüllung an und die Ewigkeit der Seligen?
-Liegt nicht alle Ewigkeit in diesem Augenblick?« --
-
-Maria richtete sich halb zwischen den Irisblüten auf. »Was denkst du
-jetzt?« fragte sie Lothar.
-
-Der wandte sich wie zögernd ihr zu.
-
-»Ich dachte, wie leicht es sei, auf die Ewigkeit zu verzichten, da man sie
-doch fühlen kann in einem Augenblick.«
-
-Da wußte Esther, es gab keine Täuschung mehr: Fern von der Welt der
-Wirklichkeit und des Bewußtseins hatten sich ihre Seelen berührt.
-
-Und sie weinte ganz still -- sie weinte die wunderbaren Thränen um eine
-erste bräutliche Berührung. -- -- -- --
-
-Maria war es, die zuerst sagte: »Es wird spät, wir müssen heim.«
-
-Und wie sie wieder den Weg hinabgingen, schmerzte es Esther gar nicht mehr,
-daß Lothar und Maria sich an der Hand hielten wie Menschen, die allein
-für einander bestimmt sind.
-
-
-
-
-XVII
-
-
-Die Schwermut des Verblühens lag über dem Land.
-
-Im Garten beugten sich die Lilien, die Reseda wucherte in den Rosenbeeten,
-und das Grün der Blätter vertiefte sich.
-
-Ein schwerer Duft rang sich aus der Erde los, und die Schatten waren sehr
-dunkel. --
-
-In dieser Zeit traf es sich einmal, daß Esther mit Lothar allein war.
-
-Sie gingen nebeneinander den Kiesweg auf und ab, der ganz unten im Garten
-an der Ligusterhecke entlang führte.
-
-Und Esther fühlte die Zeit verrinnen, als sei sie kostbar wie das Wasser,
-das der Durstende in der hohlen Hand geschöpft, und das nun Tropfen um
-Tropfen zwischen den Fingern hindurchgleitet.
-
-Endlich sagte Lothar: »Sie muß bald kommen.« Er dachte an Maria.
-
-»Ja, sehr bald,« antwortete Esther. Sie dachte: Tropfen für Tropfen
-verrinnt -- Tropfen für Tropfen. Aber was will ich denn noch? Ist nicht
-jeder Wunsch zur Ruhe gegangen in jenem geheimnisvollen Glück?
-
-Und sie fühlte, wie ihr die schwermütige Lieblichkeit des
-Spätsommertages zu Herzen ging -- sie gleichsam heimatlich berührte.
-
-Lothar sagte: »Ich liebe diese Zeit in der Natur mehr als irgend eine
-andere. Sie ist mir näher, vertrauter als manche, die ich schöner
-finde.«
-
-Esther lächelte nur, wie er ihre Gedanken aussprach. Sie sagte: »Es giebt
-so viele Dinge, mit denen es so ist. Wir gehen vielleicht von ihnen fort,
-um etwas anderes über die Maßen schön zu finden -- aber dann treibt es
-uns eines Tages doch wieder zurück zu dem, was uns heimatlich ist.«
-
-Lothar fiel ihr ins Wort. »Und dann das -- es ist das Sonderbarste: Wir
-wissen uns verwandt mit irgend einer fernen Zeit -- einer Zeit, die lange
-vor uns lag. Und alles, was uns im Leben von dorther berührt, macht uns
-Heimweh.«
-
-»Ja,« sagte Esther, »ich habe auch zuweilen gedacht, daß es jene Zeit
-ist, der wir angehören sollten. Nun glaube ich aber mehr noch, es ist die
-Verlassenheit, die auf allem Zurückgebliebenen aus fernen Zeiten liegt, es
-ist die Vergangenheit an sich, die so bethören kann.
-
-Dort suchen wir uns dann eine Heimat, wohin wir alle erträumte
-Schönheit tragen können -- eine Heimat, die sie mit uns vor den Menschen
-verschweigt.«
-
-Esther sprach nicht weiter und fühlte nun seinen Blick. Sie hörte auch
-seinen Atem wie in Erregung tiefer gehen, sah aber nicht auf zu ihm.
-
-»Esther -- Sie sagen das -- was in mir ist --«
-
-Seine Worte waren zögernd, wie eine Frage gesprochen.
-
-Esther dachte: »Warum soll er es nicht wissen, daß wir einander ähnlich
-sind wie nie zwei Menschen zuvor? --«
-
-Und sie erwiderte ihm nichts.
-
-Da sagte er, und seine Stimme klang seltsam bewegt: »Ja, Esther, wir sind
-uns sehr gleich. Und es thut gut, einen Kameraden im Leben zu wissen, zu
-dem die Dinge kommen wie zu uns selbst.
-
-Maria ist anders.
-
-Marias Heimat liegt in dieser Zeit und doch in einer höhern Welt. Zu ihr
-kommen die Geschehnisse schon geläutert und vergeistigt -- gleichsam wie
-mit Engelsflügeln.
-
-Aber alles Frohe und Leichte bedarf der Schonung. Es giebt so viele
-Freudenzerstörer. Sie braucht jemand, der sie schützt vor allem Schmerz
--- einen von uns Schweren, die in der Erde wurzeln und die Heimat in
-irdischen Vergangenheiten suchen. Einen von uns, die wir noch die Sehnsucht
-als Schmerz und Vereinsamung empfinden -- und eben deshalb lieben müssen,
-was strahlend und leicht und erdenfern ist.
-
-Einen von uns, dem sie Erlösung und Erhöhung ist.
-
-Niemand kann wie Sie meine Liebe zu Maria verstehen, Esther --«
-
-»Ja, das kann ich,« sagte Esther so langsam und leise, daß ihre Stimme
-klang wie ein verwehter Ton. --
-
-Marias weißes Kleid schimmerte schon durch die Büsche --
-
-Und dann kam sie selbst -- schön und gütig wie das Licht.
-
-
-
-
-XVIII
-
-
-Da kam ein Brief aus Dänemark von Eliza.
-
-Sie schrieb zuweilen diese kleinen Briefe, die klangen wie zärtliches
-Vogelgezwitscher. Und Esther waren sie immer eine schmerzliche Freude.
-
-Als Esther den Umschlag öffnete, fiel aus dem zusammengefalteten
-Briefbogen eine Karte Adam Rudes. Die las sie zuerst, denn sie fürchtete
-schlimme Nachrichten.
-
-Er schrieb:
-
- »Mein liebes Kind!
-
- Wenn es Dir möglich ist, thue es Eliza, worum sie Dich bittet. Sie ist
- recht krank und meint immer, daß sie durch Dich gesund werden kann.
-
- Denke nicht an die Worte eines alten Mannes, die Dir vielleicht Deinen
- Entschluß erschweren könnten.
-
- Ich verspreche Dir, das Vergangene soll Dir nichts anhaben, und ich
- selbst will Dich rein halten von meinem Schicksal, wie es geschah --
- bis auf das eine Mal.
-
- Dein
-
- Adam Rude. --«
-
-Zitternd faltete Esther Elizas Brief auseinander.
-
-Da stand:
-
- »Meine süße Esther!
-
- Wenn Du es doch thun wolltest und zu mir kämst. Ich sehne mich so sehr
- nach Dir.
-
- Ich bin krank und sehne mich, daß Du gut zu mir bist. Komm doch!
-
- Deine
-
- Eliza,
-
- die sich so schrecklich freuen würde,
- wenn Du kämst!«
-
-»Was hast du denn, Esther?« fragte Maria, die der Schwester allein
-gegenübersaß.
-
-»Fort -- ich muß gleich fort!« sagte Esther wie geistesabwesend.
-
-Sie fragte niemand, sie zog niemand zu Rate -- es war, als sei ihr ganzes
-Wesen schon dorthin enteilt, wo ihre sorgenden Gedanken waren.
-
-Maria klagte: »Aber dann wirst du ja nicht hier sein zur Hochzeit!«
-
-»Nein, das werde ich dann nicht,« sagte Esther mit einem seltsamen
-Lächeln und strich sich das Haar aus den Schläfen.
-
-»Ach -- aber -- gelt, du bist doch nicht böse, wenn wir nicht warten bis
-du wiederkommst, Schwesterchen?
-
-Du weißt doch, wir haben schon so lange warten müssen, bis Lothar die
-Anstellung bekam.
-
-Lydia kann ja --«
-
-»Ja, ich weiß, Lydia kann mich hier ersetzen,« sagte Esther und ging
-hinaus, ihren Koffer zu packen.
-
-Dann telegraphierte sie nach Eriksgaard: »Ich reise morgen früh ab.« --
-
-Am Abend saß sie mit Lydia und dem Brautpaar noch zusammen.
-
-Lydias liebevolle Besorgnis nahm sie heute ungerecht auf. Es erinnerte
-sie so sehr daran, daß Lydia sie so ganz, so lückenlos ersetzen würde.
-Keiner würde sie, nicht einmal äußerlich, entbehren.
-
-Man sprach sehr wenig. Es lag auf allen wie eine scheue Ahnung, daß eines
-unter ihnen war, das Schmerzliches in sich trug.
-
-Lothar erbot sich schließlich, vorzulesen.
-
-Und er nahm eins der Bücher, die er immer für Maria mitbrachte. Esther
-sah, daß es von selbst aufblätterte, nach Art der Bücher, die eine oft
-gelesene Lieblingsstelle enthalten.
-
-Und er las ein Gedicht von Clemens Brentano:
-
- Einsam will ich untergehn,
- Keiner soll mein Leiden wissen,
- Wird der Stern, den ich gesehn,
- Je vom Himmel mir gerissen,
- Will ich einsam untergehn
- Wie ein Pilger in der Wüste!
-
- Einsam will ich untergehn
- Wie ein Pilger in der Wüste!
- Wenn der Stern, den ich gesehn
- Mich zum letzten Male grüßte,
- Will ich einsam untergehn
- Wie ein Bettler auf der Heide!
-
- Einsam will ich untergehn
- Wie ein Bettler auf der Heide!
- Giebt der Stern, den ich gesehn,
- Mir nicht weiter das Geleite,
- Will ich einsam untergehn
- Wie der Tag im Abendgrauen.
-
- Einsam will ich untergehn
- Wie der Tag im Abendgrauen!
- Will der Stern, den ich gesehn,
- Nicht mehr auf mich niederschauen,
- Will ich einsam untergehn
- Wie ein Sklave an der Kette!
-
- Einsam will ich untergehn
- Wie ein Sklave an der Kette!
- Scheint der Stern, den ich gesehn,
- Nicht mehr auf mein Dornenbette,
- Will ich einsam untergehn
- Wie ein Schwanenlied im Tode!
-
- Einsam will ich untergehn
- Wie ein Schwanenlied im Tode!
- Wird der Stern, den ich gesehn,
- Mir nicht mehr ein Friedensbote,
- Will ich einsam untergehn
- Wie ein Schiff in wüsten Meeren!
-
- Einsam will ich untergehn
- Wie ein Schiff in wüsten Meeren!
- Wird den Stern, den ich gesehn,
- Jemals meine Schuld verscherzen,
- Will ich einsam untergehn
- Wie der Trost in stummen Schmerzen!
-
- Einsam will ich untergehn
- Wie der Trost in stummen Schmerzen!
- Soll den Stern, den ich gesehn,
- Jemals meine Schuld verscherzen,
- Will ich einsam untergehn
- Wie mein Herz in deinem Herzen!
-
-Er schwieg und sah mit einem verlorenen, träumerischen Ernst auf Maria.
-
-Jenes leichte, lässige Gefühl der Glückssicherheit, das ihn in dieser
-Zeit meist an der Oberfläche gehalten hatte, war plötzlich von ihm
-gewichen.
-
-Esther fühlte, ihm war nicht die Kraft verloren gegangen und nicht der
-Ernst, schwer am Leben zu tragen.
-
-Und sie wußte, daß diese Worte, die er eben gelesen hatte, das Tiefste in
-ihm berührten -- daß es das Glaubensbekenntnis seiner Liebe war zu Maria,
-der Einzigen.
-
-Wie eine Nachtwandlerin that sie noch, was geschehen mußte.
-
-Sie verabschiedete sich von Lothar, ohne den Ausdruck einer starren Ruhe,
-der den ganzen Abend über ihrem Gesicht lag, zu verändern.
-
-Und während sie ihm die Hand gab, sah sie ganz tief in seinen Augen
-etwas wie ein leises Verstehen aufglimmen -- ein fernes, unterdrücktes
-Verstehen, das nicht erst jetzt entstanden sein konnte.
-
-Und sie fühlte wie ihr eigner Blick so ganz fest und ruhig wurde -- wie um
-ein jedes Einverständnis abzuweisen.
-
-Wenn er später an diesen Augenblick zurückdenken würde, so sollte es
-ohne die niederziehende Last einer Gemeinsamkeit zwischen ihnen sein. Sie
-konnte ihn so ganz verstehen: Seine Liebe mochte keine fremde Berührung
-auf sich dulden.
-
-Ja, sie gab ihm mit diesem ruhigen, kühlen Blick die Fremdheit wieder, die
-zwischen ihnen bestehen sollte. --
-
-Dann ging sie hinauf in ihr Zimmer.
-
-
-
-
-XIX
-
-
-Sollte es schlimmer mit Eliza gehen? Da war niemand zur Bahn gekommen, um
-Esther abzuholen, wie es sonst gewiß geschehen wäre.
-
-Esther fühlte, wie sich ihre Kehle in einer plötzlichen Angst
-zusammenpreßte.
-
-Und dann lief sie, ohne um sich zu sehen, den wohlbekannten Weg über die
-Heide. Zuweilen tauchte ganz in der Ferne eine menschliche Gestalt auf.
-Vielleicht war es nur eine Verspätung, und sie würde unterwegs noch einem
-Bewohner von Eriksgaard begegnen. -- Aber jedesmal war es ein Fremder, ein
-Bauer, der mit hervorgestoßenem »go' dau!« vorüberstolperte, oder
-ein neugieriger Sommerfrischler, der den Hut zog und sich dann heimlich
-umblickte.
-
-Esther lief immer schneller gegen den Wind an, der einen süß-scharfen
-Geruch vom blühenden Heidekraut aufwühlte.
-
-Endlich kam Eriksgaard.
-
-Der Hof lag wie ausgestorben, und die Thür mit dem Herzeinschnitt war nur
-angelehnt.
-
-Esther ging durch den Hausflur in das Gartenzimmer. Dort lag nur das
-Sonnenlicht über dem einsamen Raum.
-
-Sie ging hinaus in den Garten.
-
-Dort wiegte sich wie einst Camille de Rohan in üppigem Blühen vor der
-Sonne.
-
-Die Erinnerung preßte ihr das Herz zusammen. --
-
-Aber da -- drüben aus der Lindenlaube kam jemand auf sie zu --
-
-War das Arne?
-
-So totenblaß im vollen Sonnenschein -- und neben ihm -- das war wohl seine
-junge Frau --
-
-»Nicht Thora, sondern die Letzte,« dachte Esther ganz mechanisch.
-
-Sie war ganz hellblond und lieblich, und wie es schien in gesegneten
-Umständen.
-
-Das alles nahm Esther mit einem Blick in sich auf, dann schritt sie auf
-Arne zu --
-
-»Um Gottes willen, Arne, was ist?«
-
-»Hast du denn mein Telegramm nicht bekommen?« fragte der mit verhaltenem
-Entsetzen.
-
-»Nein. -- Sprich doch, sprich!«
-
-Er machte nur eine stumme Bewegung der Abwehr.
-
-»Ist -- Eliza -- was ist -- tot --?« stammelte Esther verwirrt.
-
-Er machte eine bejahende Bewegung, doch ohne, daß sich der starre Ausdruck
-des Entsetzens in seinen Zügen löste.
-
-»Wo ist sie?« fragte Esther tonlos. »Wo ist der Vater?« fügte sie
-dringender hinzu.
-
-Da -- wieder diese entsetzenschwere Pause --
-
-»Er ist verschwunden,« sagte da eine dünne, hohe Stimme hinter Arne. Es
-war seine junge Frau.
-
-»Er war zuweilen so verstört in den letzten Jahren -- wir fürchten das
-Schlimmste,« sagte Arne. »Die Leute sind immer aus, ihn zu suchen.«
-
-»Ja, hat er denn zu keinem was gesagt?«
-
-»Nein.«
-
-»Dann laß mich jetzt zu Eliza.«
-
-»Sie liegt noch in ihrem Zimmer.« --
-
-Esther trat an das Bett der Toten.
-
-Da lag sie in ihrer unsagbaren Lieblichkeit, jungfräulicher geworden, und
-der Ernst des Todes hatte ihr jenen Ausdruck gegeben, mit dem sie einmal zu
-Esther gesagt hatte: »Ich verstehe alles Traurige im Leben.«
-
-»Wie -- wie ist es denn nur gekommen?« fragte Esther.
-
-»Sie war nicht krank, schien es uns. Sie wurde schwächer -- und starb.«
-
-Esther war thränenlos in ihrem Schmerz. Sie rang nur immer die
-festgefalteten Hände ineinander, so daß die Fingerknöchel weiß
-heraustraten.
-
-Eine stumme Verzweiflung, die nicht zu begreifen vermag, was sie vor sich
-sieht, beherrschte sie.
-
-Und dann fiel ihr wieder das andere ein. Und aufschreckend fragte sie
-sinnlose Dinge, wie: »Hat man ihn noch immer nicht gefunden?« Als ob
-zwischen diesem Augenblick und jener Mitteilung lange Stunden gelegen
-hätten.
-
-Da sagte Arne plötzlich: »Sie wollte immer mit dem Vater allein sein und
-von dir sprechen, Esther.«
-
-Und nach einem langen, langen Schweigen ganz leise: »Morgen müssen wir
-sie begraben.«
-
- * * * * *
-
-Eliza wurde begraben, ohne daß man von ihrem Vater eine Spur auffand.
-
-Der kleine Kirchhof dehnte seine letzte Gräberreihe um einen Hügel näher
-nach dem Nußbaum aus.
-
-Im Hause begann wieder jene unheimliche, tote Geschäftigkeit des Wartens,
-die mit der Trauer um die Verschiedene gemischt, die Gestalt eines Wartens
-auf den Tod annahm.
-
-Und immer noch war keine Spur zu entdecken. --
-
-Einmal war Arne mit Esther allein im Zimmer.
-
-Er hatte jetzt etwas so Schlaffes, Haltloses bekommen.
-
-Plötzlich beugte er sich nieder und zog Esthers Hand an seine Stirn.
-
-»O Gott, Esther, ich habe dich so sehr geliebt,« klagte er.
-
-Esther fuhr entsetzt zurück.
-
-»Das -- jetzt --?« fragte sie von Grauen und Ekel überwältigt.
-
-»Nun -- was willst du -- ich bin so unglücklich --
-
-Warum kannst du nicht gut zu mir sein, wenn ich so unglücklich bin.«
-
-Von Widerwillen geschüttelt, sah sie auf ihn nieder, stand auf und trat
-von ihm weg ans Fenster. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, das Zimmer
-zu verlassen. Er sank stöhnend in sich zusammen.
-
-Erst als sie eine ganze Weile darüber gedacht hatte, empfand sie, wie ihr
-dieser peinliche Zwischenfall nun das Hierbleiben unmöglich machte. Sie
-hatte Arne noch zu sehr als Nebenperson gefühlt.
-
-Sie würde nun das Haus verlassen müssen -- und diese entsetzliche
-Ungewißheit mit sich nehmen.
-
-»Ja, es bleibt nichts andres, als daß ich gehe,« dachte sie. »Aber
-wohin?«
-
-Und sie horchte hinaus auf jeden Schritt, der durch das Haus schallte.
-
-Würde er kommen?
-
-Würde er einmal wieder da sein, wo alles von ihm sprach --: der Garten,
-den er mit schweigsamer Fürsorge gepflegt hatte -- das Haus, das die
-Geheimnisse seines schwermütigen Lebens barg?
-
-Würde er wiederkommen und durfte sie noch ein Wort des Trostes für ihn
-haben? --
-
-Die junge Frau ging mit langsamen, schlürfenden Schritten über den Flur
-und kam herein.
-
-Sie trat auf Arne zu, der immer noch in sich zusammengesunken saß.
-
-»Arne, du darfst dich nicht zu sehr dem Kummer hingeben,« sagte sie und
-strich ihm über die Stirn.
-
-Er nahm mit einer ritterlichen Bewegung ihre Hand, küßte sie und sagte:
-»Du hast recht, Liebste.«
-
-Seine Augen irrten dabei zu Esther. Die errötete tief, als trüge sie eine
-Schuld. Sie verließ das Zimmer.
-
- * * * * *
-
-Gegen Abend kam der Postbote vorbei und brachte einen Brief für Esther.
-
-Sie fühlte ihr Herz zusammenzucken und stille stehen, wie sie die
-Aufschrift sah. Es war die Schrift Adam Rudes.
-
-Sie riß den Umschlag auf und las:
-
-»Du brauchst nicht mehr zu kommen. Eliza ist tot, und der dies schreibt,
-lebt nicht mehr, wenn Du seinen Brief erhältst.
-
-Ich weiß es: Gott nimmt mir mit dem Kind die letzte Pflicht, mit dieser
-unseligen Liebe weiterzuleben. Das Meer soll mich aufnehmen.« --
-
-Ganz so -- ohne Anrede und Unterschrift stand es da. Wie ein zorniger Ruf
--- wie eine Anklage?
-
-Esther drehte den Bogen hin und her, als müßte sich noch etwas ganz
-anderes -- irgend eine Aufklärung finden.
-
-Erst dann begriff sie ganz: Sie hielt ja die letzten Worte eines Toten in
-der Hand. --
-
-Sie betrachtete den Poststempel: Der Brief war erst nach Deutschland
-geschickt und dann an seinen Ausgangsort zurückgekehrt.
-
-Esther ließ ihn fallen.
-
-Sie dachte gar nicht daran, es den andern mitzuteilen.
-
-Sie wußte nur noch eins: Sie gehörte zu dem, der ihr diese Worte aus dem
-Tode nachsandte.
-
-Sie nahm die Schuld auf sich.
-
-Sie gehörte zu ihm.
-
- * * * * *
-
-Es waren die hellen, kurzen Sommernächte, die sich über das Land legen
-und wie mit brennenden Küssen den Duft, den versehrend starken Duft aus
-der Erde saugen.
-
-Es waren jene Nächte, die sind wie ein Seufzer der blühenden Erde, die
-ihren heißen, sehnsüchtigen Atem an die Brust des Himmels haucht.
-
-Es waren jene Nächte, da Tod und Liebe einander in die Augen
-lächeln. -- -- -- --
-
-Als Esther über die Heide ging, war es noch hell um sie her, trotz der
-späten Abendstunde.
-
-Niemand wußte, daß sie das Haus verlassen.
-
-In Eriksgaard gingen sie nur ratlos wie die Verdammten umher und kannten
-noch nicht den Inhalt des Briefes --
-
-Ja, den Inhalt des Briefes hätte sie ihnen wohl erst noch mitzuteilen
-gehabt --
-
-Gleichviel -- jetzt gab es kein Umkehren mehr.
-
-Sie würden den Zettel schon selbst finden -- kein Umkehren gab es
-mehr. --
-
-In der Heide wühlte raschelnd der Nachtwind. Er roch nach dem weiten
-salzigen Wasser und dem blühenden Kraut --
-
-Wie Perlen waren die rötlichen Blüten ringsum verstreut.
-
-Am Himmel stieg langsam und pomphaft das heiße Farbenspiel der Dämmerung
-auf. Dann verblaßte es zögernd in die weiche, helle Tönung der Nacht.
-
-Und Esther ging durch diese duftende, duftende Sommernacht, -- ja, wie
-Garben mähte der Wind den Duft --
-
-Sie ging, das Gesicht zum Himmel erhoben.
-
-Sie ging und ging über die dämmerbleichen Hügel -- dort auf den
-verschwimmenden Streifen des Wassers zu.
-
-Sie wußte: Der vor ihr war denselben Weg gegangen.
-
-Und sie sah vor sich das Ufer mit dem abgebrochenen Steg, der ziellos
-hinausführte -- hinaus in die Unendlichkeit.
-
-Ohne Anhalten ging Esther --
-
-Ging und ging vorwärts --
-
-Unter ihren Tritten bogen sich die Bretter -- gaben nach -- -- -- --
-
-Weich -- weich umfing sie das Wasser -- -- -- -- --
-
-Zärtliche, starke, hochzeitliche Arme umfingen sie --
-
-Dicht an ihrem Ohre klang es: »Kommst du doch noch zu mir --
-Geliebte« -- -- -- --
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Albert Langen Verlag für Litteratur und Kunst München
-
-
-Deutsche Autoren
-
- Geheftet
-
- *#Franz Adamus# Familie Wawroch Drama Mark 2.--
- *#Hermann Bahr# Der Apostel Schauspiel " 3.--
- * -- -- Der Krampus Komödie " 3.--
- #Leo Berg# Der Übermensch in der modernen Litteratur Essay " 3.50
- *#F. A. Beyerlein# Das graue Leben Roman " 3.50
- *#Karl Bleibtreu# Die Edelsten der Nation Komödie " 2.50
- *#Hans Blum# Persönliche Erinnerungen an den Fürsten Bismarck " 6.--
- *#Emanuel von Bodman# Jakob Schläpfle Novellen " 1.--
- -- -- -- Erde Ein Gedichtbuch " 2.--
- *#Der Burenkrieg# Album " 1.--
- #Paul Cahrs# Josef Geiger Roman " 2.50
- *#Etzel und Ewers# Ein Fabelbuch " 3.50
- #Marcel Herwegh# 1848 Briefe von und an Georg Herwegh " 3.--
- #Arthur Holitscher# An die Schönheit Trauerspiel " 2.--
- -- -- Weiße Liebe Roman " 3.--
- * -- -- Der vergiftete Brunnen Roman " 4.--
- *#Korfiz Holm# Schloß Übermut Novelle " 1.--
- * -- -- Mesalliancen 12 Liebes- und Ehegeschichten " 1.--
- -- -- Arbeit Schauspiel " 2.--
- * -- -- Die Könige Dramatisches Gedicht " 2.--
- *#Mia Holm# Verse " 2.--
- -- -- Mutterlieder ill. Prachtausg. geb. " 10.--
- * -- -- -- -- wohlfeile Ausgabe " 1.--
- #Martin Langen# Edith Drama " 2.--
- -- -- Drei Dramen " 3.--
- *#Lieber Simplicissimus# 100 Simplicissimus-Anekdoten " 1.--
- -- -- Neue Folge -- -- " 1.--
- *#Heinrich Mann# Das Wunderbare Novellen " 1.--
- * -- -- Im Schlaraffenland Roman " 4.50
- *#Fritz Mauthner# Der wilde Jockey Novellen " 1.--
- * -- -- Die böhmische Handschrift Roman " 3.--
- * -- -- Die bunte Reihe Berliner Roman " 4.--
- #Adolf Paul# Ein gefallener Prophet Roman " 3.--
- *#Anton von Perfall# Die Malschule Novelle " 1.--
- *#Rainer Maria Rilke# Das tägliche Leben Drama " 2.--
- *#Hugo Salus# Gedichte " 2.--
- * -- -- Neue Gedichte " 2.--
- * -- -- Reigen Gedichte " 1.50
- * -- -- Susanna im Bade Schauspiel " 2.--
- *#Peter Schlemihl# Grobheiten Simplicissimus-Gedichte " 1.--
- *#Freiherr von Schlicht# Alarm Militär-Humoresken " 1.--
- * -- -- Der nervöse Leutnant " " 1.--
- * -- -- Der Parademarsch " " 3.--
- *#Ludwig Thoma# Assessor Karlchen Humoresken " 1.--
- -- -- Die Medaille Komödie " 1.50
- *#Jakob Wassermann# Schläfst du, Mutter? Ruth Novellen " 1.--
- * -- -- Die Schaffnerin. Die Mächtigen. Novellen " 1.--
- -- -- Melusine Ein Liebesroman " 2.50
- * -- -- Die Juden von Zirndorf Roman " 4.50
- #Frank Wedekind# Die Fürstin Russalka Novellen und Gedichte " 3.--
- -- -- Der Erdgeist Tragödie " 2.50
- * -- -- Marquis von Keith Schauspiel " 2.50
- * -- -- Der Liebestrank Schwank " 2.--
- * -- -- Die junge Welt Komödie " 2.--
- * -- -- Der Kammersänger Drei Scenen " 1.--
- *#Alois Wohlmuth# Gedichte " 2.--
- *#Ernst von Wolzogen# Vom Peperl u. anderen Raritäten
- Humoresken " 1.--
- #Theodor Wolff# Die stille Insel Schauspiel " 1.--
- -- -- Niemand weiß es Schauspiel " 1.50
-
- Jeder Band mit mehrfarbigem künstlerischem Umschlag
-
- *Auch elegant gebunden vorrätig
-
-
-Druck von Hesse & Becker in Leipzig
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Der Schmutztitel wurde entfernt.
-
-Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, ~Antiqua~, #fett#.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- Seite 6:
- im Original "Warum hahen Sie ihr das angethan?"
- geändert in "Warum haben Sie ihr das angethan?"
-
- Seite 81:
- im Original "»Aber wer ist Hedda Gabler?"
- geändert in "»Aber wer ist Hedda Gabler?«"
-
- Seite 116:
- im Original "sie pflegen sich immer nur einer den andern."
- geändert in "sie pflegen sich immer nur einer den andern.«"
-
- Seite 135:
- im Original "daß einem das ganz mut- und kraftlos macht"
- geändert in "daß einen das ganz mut- und kraftlos macht" ]
-
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HOCHZEIT DER ESTHER
-FRANZENIUS ***
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