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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Briefe eines Malers an seine Schwester - -Author: Rosalie Sandvoß - -Release Date: October 9, 2021 [eBook #66499] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net (This book was produced from scanned - images of public domain material from the Google Books - project.) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE EINES MALERS AN SEINE -SCHWESTER *** - - - - - Briefe eines Malers - an - seine Schwester. - - Von - Rosalie Sandvoß. - - Hamburg. - Agentur des Rauhen Hauses. - - Druckerei des Rauhen Hauses. 1865. - - - - - Burgwall, den 10. Juni 18--. - -Nun bin ich in der Heimath, vorgestern langte ich hier an. Es ist doch ein -eignes Gefühl, wie ein Fremder, den Niemand kennt, den Keiner erwartet, -für den nicht eine Seele einen freundlichen Gruß hat, in die Vaterstadt, -in die Stadt seiner holdesten Erinnerungen zurück zu kehren. Du weißt, -ich bin nicht sentimental, Pauline, aber da Du »Alles wissen willst, was -sich zwischen mir und Burgwall ereignet,« so sei's gestanden, daß ich -eine Art Herzweh fühlte, überall auf meinem Wege zum Gasthause Personen -zu begegnen, die mich höchstens mit dem Blicke der Betrachtung beehrten. -Und nun im Gasthause zu wohnen, ein wirklicher Gast, ein Fremder daheim zu -sein! - -Das deutsche Haus, mit seinen Kastanien vor der Thüre -- sie standen -richtig noch da -- lockte mich heimisch an: ihm gegenüber liegt ja das -alte, liebe Haus, das meiner Phantasie immer als Heerd tiefsten Behagens -vorgeschwebt hatte. Du erinnerst Dich gewiß, obgleich Du es als ein Kind -von acht Jahren verließest, es steht mit dem Giebel nach der Straße, hat -im zweiten Stock einen runden Ausbau, ist mit Schnitzwerk überladen und -sieht auswendig gerade aus, wie ein Magister des sechszehnten Jahrhunderts -sich der Welt präsentirt haben mag, künstlich, solid und pedantisch. -Aber inwendig ist das anders. Gerade das Erkerstübchen war ein überaus -behagliches, freundliches Zimmer, mit Blumen, vielem Lichte und duftigen -Vorhängen. Ich erinnere mich, daß es grün decorirt war, und nußholzene -Möbel hatte, die immer wie neu polirt glänzten. In der einen Ecke -stand eine Harfe -- Mutter spielte sie wundervoll -- und mitten in einer -Blumengruppe zog mich immer ein Bild an, ein Christus auf dem Meere. Das -Gesicht der Hauptfigur hatte einen bezaubernden Ausdruck; es schwebt mir -oft vor, und ich habe schon oft es zu malen gewünscht, aber seltsam! mit -diesen Heiligenbildern will es mir nie gelingen. -- Mutter schien sich -stets zu freuen, wenn ich bei den seltenen Gelegenheiten, da sich mir dies -Zimmer öffnete, lange betrachtend vor dem Bilde stand, sie hatte eine -etwas bigotte Richtung, die herrliche Seele, und hat sich, glaube ich, -über die nichtssagendsten Dinge, das Leben schwer genug gemacht. Du hast -Mutter kaum gekannt, Pauline, Du warst erst sechs Jahr alt, als sie starb, -ich sechszehn. Sie war ein Engel -- aber etwas überspannt, ich glaube -nicht, daß Vater ganz glücklich mit ihr war. Von einer alten Tante, so -einer Art Nonne, erzogen, brachte sie eine Last von Vorurtheilen unserm -lebensfrohen, geistvollen Vater zu, und nur seiner Liebe zu ihr ist es wohl -zuzuschreiben, wenn er nie darüber klagte, daß sie in ihrer Ehe stets -ihren eignen Gang ging und sich nicht zu Vaters Lebensanschauung erheben -konnte. Kinder beobachten schärfer als man gewöhnlich glaubt, ich habe -öfter bemerkt, wie still und ernst Mutter ihre Vorkehrungen traf, wenn -Vater Gesellschaft gebeten hatte, wie erschreckt sie von ihrem Buche -aufsah, wenn spät Abends ein munteres Gelächter oder jubelnde Toaste in -das Schlafzimmer hinauf schallten, wo sie uns so sorglich gebettet hatte -und dann lesend des Vaters harrte. -- Erinnerst Du Dich nicht, wie sie uns -beten lehrte? -- Die liebe Heilige! Ich denke nicht ohne Rührung an sie, -aber ich möchte um keinen Preis, daß Du ihr einst glichest. Ich bin -kein Heide, aber mir schaudert vor dieser Pietisterei; sie vergällt die -reinsten, unschuldigsten, harmlosesten Freuden, und verdammt ihre Opfer zur -gänzlich unnöthigen, unfruchtbaren Selbstkasteiung. - -Leider sind unsere Verhältnisse der Art, daß ich nicht, wie ich möchte, -auf Deine völlige Ausbildung einwirken kann, wir sind zu selten bei -einander, und sind wir es, so können wir uns selten ungestört sprechen, -immer kommt irgend ein zärtliches Wesen, den geliebten Verzug zu -beaufsichtigen. Vermuthlich befürchten Deine alten Jungfern, ich bezwecke -Dich ehestens aus ihrem verzauberten Schlosse zu entführen, um das kleine -Wunder von Liebenswürdigkeit in der Welt für Geld sehen zu lassen. -Wahrhaftig, ich kann ganz unbesorgt sein, welchen verdächtigen Anstrich -auch zuweilen Deine Aeußerungen haben, eine Heilige wirst Du dennoch -nicht, dafür sorgen besagte Damen mit allen Kräften. So will ich denn -für diesmal meine Erziehungsgedanken fahren lassen und ganz einfach mit -Dir in der Stadt umherspazieren. Hast Du hohe Erwartungen, so stimme herab, -besonders für den heutigen Tag, es hat geregnet und ist grundlos in den -Straßen, Pfütze an Pfütze. Rümpfe aber um alles in der Welt Deine -hübsche Nase nicht, diese Pfützen sind ein Vorzug der guten, alten -Stadt, wie mir Herr Brauer, mein behäbiger Wirth, alles Ernstes -auseinandergesetzt hat. Du glaubst es nicht? -- nun so höre. Zweierlei -Wohlthaten sind die Ursachen dieser kleinen Unannehmlichkeit: reger Verkehr -und herrliches Röhrenwasser. Letzteres macht seine unterirdische Reise in -ausgehöhlten Tannen, die im Laufe der Zeit nicht selten leidend werden, da -wird denn das Pflaster aufgerissen und es kann dann leicht passiren, daß -die Kieselmosaik nicht so recht sorgfältig wieder restaurirt wird. -- - -Visiten können wir nicht viele machen, es ändert sich in zehn Jahren -unglaublich viel. Die meisten Freunde unsers Vaters sind nicht mehr -vorhanden -- todt, weggezogen, Andere erinnern sich des Knaben Justus Brand -nur sehr nebelhaft, und ich bin nicht just von der Art, ihrem Gedächtnisse -eifrig zu Hülfe zu kommen. Die freundlichste Aufnahme habe ich bei -Bernwachts gefunden, einem außerordentlich töchterreichen Ehepaare. -Wie solche Mädchen doch in die Höhe wachsen, als ich die vier ältesten -zuletzt sahe, waren es Wildfänge zwischen vier und zehn Jahren, mit -hängenden Schuhbändern, fliegenden Locken =et cetera=, jetzt, ich -versichere Dich, man weiß nicht, wohin man die Augen wenden soll, aus -jeder der zahlreichen Nebenthüren der großen Stube schwebt eine neue -Huldin herein. Alle sind bildhübsch, ich bin neugierig zu erfahren, -wie sie sonst beschaffen sind; die Alten haben mich, sehr großherzig, -eingeladen, sie oft zu besuchen. - -Auf dem Schlosse bin ich noch nicht gewesen. Brrr! Kannst Du mich nicht -davon erlösen? Fromm und vornehm, eine Heilige und eine Gräfin, alles in -einer Person! Womit werden mich die vortrefflichen Herrschaften regaliren? -Mit erhabenen Worten, hohen Mienen, und einer Weisung in bestimmte Grenzen? -Mit gelehrten Redensarten über Malerei, mit Honigworten christlicher -Liebe? Eins so widerwärtig wie das Andere; o könnte ich allen Dünkel, -alle klugthuende Nichtswisserei und alle Formenreligiosität, die nur die -innere Armuth bemänteln soll, schleudern in das Meer, da es am tiefsten -ist! -- War das nicht etwas -- ja es muß so sein, ich irre nicht -- -es erinnert an einen Bibelvers, mir wird ganz besonders dabei. Warum -eigentlich? Widerwille war es nicht -- ich muß sondiren, es liegt -in meiner Natur -- war es etwa ein stummer, schweigender Vorwurf der -»heiligen Schrift?« -- Wundere Dich nicht über mich, ich bin in -Burgwall, Bilder der Kindheit umschweben mich, die alten Klänge werden -wach, der Mann wird wieder zum Kinde, aber nur auf Augenblicke; sieh, -da zieht es schon hin, das magische Blendwerk, all die frommen -Legendengestalten, die ich in dem Giebelhause drüben einst kennen lernte, -und die so mysteriös von ewigen Kronen und himmlischen Palmen sprachen. -Der ganze Traum zerrinnt, fort sind sie. -- - -Für heute genug. Dein Bruder - - _Justus_. - - - - - Am 11. Juni. - -Pauline, ich habe mich wie ein Dummkopf benommen, wie ein vollendeter -Dummkopf! Auf alles Mögliche war ich gefaßt, nur nicht auf eine -liebenswürdige, einfache Frau, die dennoch, eben in ihrer schlichten -Würde, mir gewaltig imponirte. - -Es ist sehr gut, daß wir diesen Briefwechsel verabredet haben, Kameraden -sind nicht habhaft, die Burgwaller ersterben in Ehrfurcht vor der -»Herrschaft,« und man kann mit ihnen kein freies, vernünftiges Wort -über diese Halbgötter reden, und ich liebe den Austausch. Aber halt, -was werde ich für meine famosen Berichte bekommen? Wenn nichts weiter, -so bedinge ich Recension, eine detaillirte; ganz entschieden, Pauline, Du -mußt mir gehörig antworten. - -Jetzt von der Gräfin. - -Es war gegen Mittag, als ich den Schloßberg, versteht sich in Galla, -hinanstieg. Das Wetter war gut und die Gegend ist wirklich schön, der -Spaziergang war ein Genuß; der Weg ist auch besser geworden, überhaupt -ist für Verschönerung der Schloßumgebungen besonders, aber auch für die -der Stadt, viel gethan. -- Eine Wallthür stand offen, und ich ging hinein. -Gleich in der ersten Laube bot sich mir ein hübsches lebendes Bild dar. -Eine junge Dame saß mitten unter einer Fülle herrlicher Blumen und -ordnete sie zu Sträußen. Für einen Maler hat so etwas doppeltes -Interesse, und weil mich die Schöne nicht sehen konnte -- sie hatte mir -den Rücken halb zugedreht und war äußerst eifrig bei ihrer Arbeit -- -blieb ich einen Augenblick stehen und sah ihr zu. - -»Schnell den Bast, Johanne!« rief sie. Es erschien keine Johanne. Sie -wartete einen Augenblick, sah auf, horchte, und vermuthlich überzeugt, -daß keine Johanne sie gehört habe, gab sie die Hoffnung auf, gleich Bast -zu bekommen, und legte den schön arrangirten Strauß behutsam auf den -Tisch, um zum Ordnen des zweiten zu schreiten. Sie nahm eine Lilie, fügte -Rosen hinzu, zettelte eine Epheuranke unter den Blumen hervor und -- um -das erste Bouquet war's geschehn, es war aus der Fassung gekommen, fiel aus -einander und theilweis zu Boden. Eiligst trete ich vor, ich Narr! und -raffe die Blumen auf, sie der Dame wieder zuzureichen. Sie nahm sie etwas -erstaunt, erwiederte meinen Gruß freundlich, und sah dann zur Laube -hinaus, »wo ihre kleine Johanne wohl geblieben sein möchte.« - -»Vielleicht sehe ich sie unterwegs, mein Fräulein,« verhieß ich -Kurzsichtiger, »und werde sie schicken.« - -»Wollen Sie in's Schloß?« fragte die Dame. -- Das war ja ganz -vertraulich, ich entgegnete also ganz guter Dinge: »Ja wohl, zur Gräfin, -wenn sie zu Hause ist.« - -»Dann nehmen Sie nur den Wallschlüssel mit, Johanne hat ihn ausgezogen, --- Kinder machen sich so gerne mit Thüren zu schaffen -- und Sie haben -wohl keinen Schlüssel, nicht wahr, die untere Thüre stand offen?« - -Ich bejahte, dankte, und weil nicht recht mehr was zu sprechen war, empfahl -ich mich und ging meiner Wege, bereute aber bald nicht länger geblieben -zu sein, es fielen mir, als ich im Vorzimmer wohl eine Viertelstunde warten -mußte, der Fragen noch mancherlei ein. Endlich erschien die Gräfin, und -wer war es? -- mein Fräulein vom Walle! O, ich Blinder! Hätte ich es -der holden Frau nicht gleich ansehen können, daß sie kein gewöhnliches -Menschenkind ist; würde ein Stadt- oder Hoffräulein mir ihren -Wallschlüssel gegeben haben, wäre sie so unbefangen freundlich gewesen?! - -Während sie nun um Entschuldigung bat, mich warten gelassen zu haben, -stand ich kümmerlicher Mensch, und konnte mich nicht in die rechte Form -finden, wollte selbst entschuldigen und wußte nicht wie, und fühlte mich -erröthen, wie ein Schüler. Natürlich schien sie nichts davon zu merken, -sie war ganz gesprächig, redete zum Glück bald von Malerei und plauderte -so nett darüber, daß ich meinen stichelnden Gedanken allmählig entrissen -wurde. Die Gräfin scheint von der Sache just nicht viel zu verstehn, aber -sie zu lieben und das ist auch gerade recht. -- Sie wird mir in nächster -Woche sitzen, bis dahin wird sie »das Vergnügen gehabt haben, mich ihrem -Gemahl vorgestellt zu haben.« - -Da hast Du die Geschichte; ich werde noch heute diesen Brief absenden, und -grüße Dich herzlich als Dein Bruder - - _Justus_. - - - - - Den 24. Juni. - -Mittsommertag, himmlisches Behagen! Ich möchte alle Ecken und Winkel -meines Ichs von diesem Lichte durchströmen, von dieser Wärme erfüllen -lassen. Es ist wundervoll! In meinem Leben habe ich solchen Sommer nicht -kennen gelernt, bin ich so gründlich heiter und befriedigt gewesen, wie in -diesem. Aber, meine Theuerste, Du hast auch keine Ahnung davon, von welcher -Höhe herab ich auf die Auen und Wälder schaue, wie die Natur »zu meinen -Füßen« daliegt. Es ist unbestrittene Wahrheit: je erhabener -unser Standpunkt, desto schöner und harmonischer erscheinen uns die -verschiedenen Einzelnheiten fernab. Steig auf den Kirchthurm, wenn Du's -nicht glauben willst, wie bildhübsch und harmlos wird Dein altes Nest, -Verzeihung! aussehen; die Kinder auf den Straßen spielen so nett und -manierlich mit einander, das Geschrei und Gelärm, welches sie betreiben, -dringt höchstens als sanftes Gemurmel in Deine Region, all die -Häuserchen, die Hüttchen stehen so nett da, als wären sie aus einem -Nürnberger Schächtelchen genommen, genug, es ist so, wie ich sagte. -- -Ich residire gegenwärtig auf Schloß Burgwall, vergiß es nicht, es auf -Deinen Briefen gehörig zu bemerken. Meine Residenz ist sehr hoch, ja -wirklich, denn die alten mächtigen Linden, die ihre Kronen bis zu den -Fenstern der Gräfin emporstrecken, sind nur dann von meinem Reiche aus -sichtbar, wenn ich mich aus dem Fenster zu ihnen hinabneige: ich wohne -buchstäblich auf Schloß Burgwall, nämlich in zwei Dachstübchen, dicht -neben dem Thurme. - -Keinen Stein auf die Gräfin, ich bitte sehr! Die Zimmer sind ganz meine -Wahl, eben der Aussicht wegen. Als mir die Erlaubniß wurde im Schlosse zu -wohnen, habe ich mir gerade diese kleinen Zimmer gewählt, welche mir schon -früher bei Besichtigung des Schlosses besonders gefielen. In jeder Stube -ist ein großes, tiefes Fenster, ausgezeichnet für die Aufstellung einer -Staffelei geeignet. Für nette Einrichtung wurde sogleich gesorgt, und so -wohne ich hier so angenehm wie möglich. - -Seit meinem Umzuge liegen schon zehn Tage dahinten, mir ist heut auf jeden -Fall doch sehr anders zu Sinn, als da ich kam. Tags zuvor war ich dem -Grafen erst vorgestellt. Er ist ein gewichtiger Mann, nicht mehr jung, -gewiß, wenn nicht Funfzig, doch nahe daran; in seinem charakteristischen -Gesichte nehmen die Züge des Wohlwollens und tiefen Ernstes sehr für -ihn ein, und sein ganzes sicheres, bestimmtes und doch durchaus nicht -anmaßendes Wesen beherrscht unwillkürlich seine Umgebung. Die Gräfin -scheint ihn nahezu anzubeten, sie lebt in seinem Lichte. Wenn er spricht, -so ist es gewiß, daß sie nichts anderes hört, tritt er in's Zimmer, -so überfliegt ein Freudenschein ihre holden Züge. Nie habe ich solche -Innigkeit, solch gegenseitiges Glück gesehn, als bei diesen beiden -Menschen, und er ist wenigstens zwanzig Jahre älter als sie. So recht -verständlich ist mir dies nicht; Ehrfurcht und töchterliche Gefühle -könnte ich ihrerseits begreifen, aber sie liebt ihn anders und viel mehr, -als ich überhaupt glaubte, daß man lieben könne. - -Tags nach meinem ersten Besuche bei dem Grafen wurde ich zu Tisch geladen, -und da wurde es gleich ausgemacht, daß ich, der Bequemlichkeit wegen, bei -ihnen wohnen sollte. So bin ich denn täglich, außer den Sitzungen -- der -Graf hat den Anfang gemacht -- in der Gesellschaft der liebenswürdigen -Familie. Meine Unbehaglichkeit schwindet immer mehr, und ich weiß nicht, -welcher der edlen Herrschaften ich den Preis höchster Liebenswürdigkeit -zuerkennen soll, ihm oder ihr. Eigentlich sind sie gar nicht zu trennen, -vereint sind sie das Ideal vollendeter Freundschaft und einer rührenden -Liebe. Auch die kleine Johanne, des Paares einziges sechsjähriges -Töchterchen, ist etwas Liebreizendes. Das Kind besucht mich zuweilen, und -letzt brachte sie ein Tractätchen mit und wollte mir etwas vorlesen, fing -auch richtig an und es ging über Erwartung gut, aber ich fand doch für -besser das Thema der Unterhaltung zu wechseln, und erzählte ihr das -Märchen von Schneewittchen. Dabei saß sie auf einem kleinen mitgebrachten -Stuhle und sah mich mit den großen Augen ganz ernsthaft an, während ich -unverdrossen ein in Berlin angefangenes Bild nachfeilte und mich bemühte, -einem winterlichen Himmel mehr das Ansehn zufriedener Ergebung als das der -trostlosen Gleichgültigkeit zu geben, die sich in Berlin über das kleine -Gemälde gelagert hatte. - -Als die Geschichte aus war, sagte sie: »Mama ist auch eine Stiefmutter, -Max ist ihr Stiefsohn.« - -»Wo ist er?« fragte ich. - -»Weit weg,« erwiderte sie, »wo der König wohnt.« - -»Was thut er da?« - -»Das weiß ich nicht gewiß,« antwortete die Kleine höchst gewissenhaft, -»aber ich glaube, der König gebraucht ihn; Mama sagt, er sei des Königs -treuer Diener.« -- Was für eine Art Diener, ob Page oder Adjutant, das -konnte ich nicht herausbringen. - -In der Stadt werde ich, will es mir scheinen, seit ich hier wohne, mit -größerer Zuvorkommenheit behandelt. Ich meine im Allgemeinen, Bernwachts -sind unverändert dieselben. Die Familie, obgleich ganz anders als die -meiner erlauchten Beschützer, wird mir sehr lieb, und ich gehe fast -täglich zu ihnen. Noch eine Bekanntschaft habe ich erneuert, Du könntest -rathen, welche treue Seele ich meine. Julchen Hermann ist es. Sie wohnt im -Hospitale, das heißt in einem neuerbauten Hause, neben der alten Behausung -der Gebrechen und des Alters, für diejenigen Einsamen bestimmt, welche ein -rundes Sümmchen für die Wohlthat sichern Daches und einiger Fuder Holz -zahlen können. Früher wohnte sie in der Vorstadt, bei ihrer alten -Mutter, Du mußt es noch wissen, wir besuchten sie zuweilen, und gingen nie -unbeschenkt und ungeküßt von dannen. - -Die alte Mutter kam mir stets mit ihren großen leuchtenden Augen, wie -eine Seherin vor, ihre Worte klangen alle so weise, wie Orakelsprüche. -Sie liegt nun auch auf dem Katharinenhofe, nicht hundert Schritt von dem -Stübchen ihrer Tochter. Julchen zeigte mir das Grab durch das Fenster, und -später habe ich es auch aufgesucht, es ist das wohlunterhaltenste auf dem -ganzen Kirchhofe. - -Von unserer Eltern Ruhestätte muß ich Dir etwas mittheilen, was mir -hochpoetisch erscheint. Vater hat kein Monument, unser Vormund hatte es -nicht für gut befunden, das Grab des Ehrenmannes zu bezeichnen, nur ein -Baum, bald nach Vaters Tode von mir gepflanzt, wurzelt daran. An Mutters -Grabe steht ein schönes, hohes Kreuz, Vater hat es setzen lassen. Auch -dieses Grab hat ein Zeichen der Liebe von mir, einen Epheu, der die Jahre -hindurch so mächtig gewachsen ist, daß nicht nur das Grab ganz, und das -Kreuz größtentheils davon umschlungen wurde, sondern er hat auch die -zu ihm niederhängenden Zweige der Traueresche umsponnen, sich an ihnen -aufgerankt, und so stehen beide Gräber auch äußerlich, in der innigsten -Verbindung. Das hat Natur gethan, und mir war es doch als hätten Mutters -feine Finger, still und sinnig, die Zweige in einander geflochten. -- - - - Später. - -Endlich habe ich einen Brief von Dir. Meinst Du wirklich: ich sähe die -Bibel mit den Augen der Weltkinder an, anders als ich sollte? die innere -Bewegung damals, sei eine Warnung meines Engels gewesen? - -Liebes Kind, Kind des Lebens und nicht der Welt, Du scheinst wirklich -auf einem andern Wege zu sein, als ich, aber wie natürlich! -- -Vergegenwärtige Dir eine Pilgerfahrt, nach irgend einem Heiligthume, -meinetwegen nach dem heiligen Grabe. Es ist kein Kreuzzug, sondern eine -Wallfahrt, Männer, Frauen, Jungfrauen, Greise, begeisterte Kinder -- -Alles vereint sich, zu demselben Ziele zu gelangen. Wird Jeder die Reise in -derselben Weise machen, trägt die Mutter nicht das Kind, stützt der Mann -nicht sein Weib, bedarf der Alte nicht des Stabes? Meinst Du nicht, daß -die Kinder, im Gefühl ihrer Schwäche oft auf die Knie sinken, Gott um -neue Kraft anflehend, daß vielleicht ein Stärkerer sich dann über sie -erbarme? - -Siehst Du: Ein Ziel; der Eine erreicht es gehobenen, der Andere gebeugten -Hauptes, Dieser stützend, Jener getragen, Einer schaut mit vollem Blick -in das Morgenroth Canaans, während Viele auf ihre wunden Füße -niederblicken, und auf den Weg, den sie wandeln müssen, damit sie -die Steine des Anstoßes darauf vermeiden. -- Wir haben Alle Ein Ziel: -Befriedigung. Du findest es, ich ahnte es, im Glauben, ich suche es im -Leben, in der Kunst, überall. Jetzt bin ich hier, und ich weiß was -hier meine Seele ganz erfüllen könnte -- kommt die Zukunft, die weite, -unbestimmte, Du wirst wohl Ewigkeit sagen, etwas, was über das Grab hinaus -währt, nun, so ist es immer Zeit auch dafür Entschlüsse zu fassen und -zu handeln. Wer kann das früher, ehe er bestimmt weiß, wofür und wie? -- -Aber ich habe hier einsehen gelernt, daß bei der Heiligkeit nicht absolut -Gefahr für das Lebensglück ist; kannst Du in dieser Façon Befriedigung -erlangen, nun wohlan, Du hast meine brüderlichen Glückwünsche dazu. -- - -Laß uns diese Sache nicht als abgemacht betrachten, ich versichere -Dich, daß Dein Widerspruch mich wohl reizt, zum Nachdenken, wiederum zum -Widerspruch, aber keineswegs zum Zorne. Hier meine Hand, liebe Schwester! -Dein Brief hat Dich in meinen Augen um mindestens zehn Jahre erfahrener -gemacht, um nicht älter zu sagen. Wie alt bist Du eigentlich? Achtzehn -rechne ich eben. Wo lerntest Du so ernst sein? -- Grüße Deine alten, -ehrbaren Damen von mir. - - _Dein Bruder Justus._ - - - - - Am 27. Juli. - -Gestern erhielt ich Deinen Brief. Warum ich nicht schon wieder geschrieben? -Es beschäftigte mich Vieles, allerlei Begebenheiten kreuzten sich bunt -durcheinander, ich war mitten darin, und doch waren sie kaum der Art, daß -Dir meine Notizen darüber irgend wie wichtig erschienen wären. -- Mit -großer Liebe habe ich des Grafen Bild vollendet, es ist gelungen und die -Herrschaften finden es auch. Die Gräfin werde ich noch nicht malen, es -sind Gäste hier, aus Schlesien, welche mich mit ihren Aufträgen beehrt -haben, und ich bin jetzt dabei ein Kind zu malen, ein unbeschreiblich -reizendes kleines Gesicht, mit großen, fragenden Augen, die mich -unaufhörlich an Cäcilie Bernwacht, des Bürgermeisters dritte Tochter -erinnern. Nicht, daß das junge Mädchen so schön, wie die kleine -Felicitas, oder überhaupt sehr nach meinem Geschmacke wäre, aber es liegt -etwas Verwandtes in den Augen beider Mädchen, so recht echter Kindersinn, -Seele, viel Seele. - -Wenn ich so schöne Augen male, ist es mir oft, als sei in ihnen das -Geschick der Besitzerinnen ausgesprochen. Bei denen der Felicitas denke ich -zum Beispiel: was das Kind nicht Alles glaubt! Es glaubt an einen Himmel -auf der Erde und an einen ewigen Himmel; es wird wahrscheinlich ewig -ein Kind bleiben, und sehr viel vertrauen, und immer das Beste von allen -Menschen denken, es wird auch sehr lieb haben, die ihm Liebes erweisen, und -andere Menschen auch noch, und wird für alle seine Liebe nur etwas Treue -erwarten und sie selten finden, vielleicht gerade dort nicht, wo es am -sichersten darauf gerechnet hatte. Dann werden diese frommen Augen viel -weinen, sehr viel, bis allmählig ihr milder Glanz erlischt, und sie sich -schließen. - -»Mache einmal deine Augen zu, Felicitas,« sagte ich letzt zu ihr. Sie -that es; ich sah sie lange an und vergaß in meinen Träumereien ihr zu -sagen, sie könne sie wieder öffnen, bis sie endlich ganz geduldig fragte: -»darf ich dich nun wieder ansehen?« -- - -Es giebt große Geheimnisse. Pauline, wir begegnen ihnen täglich, die -größten liegen in den Worten Herz und Schicksal. -- - -Cäcilie Bernwacht ist gerade unter ihren Schwestern die mir fremdeste. Ich -will Dir die kleine Gesellschaft skizziren. Therese, die Aelteste, ist ein -hübsches, besonders verständiges Mädchen; sie ist Braut, und näht -den ganzen Tag an ihrer Aussteuer, was sie indeß nicht verhindert, -theilnehmend zu sein, ich mag sie sehr gern und unterhalte mich am -anhaltendsten mit ihr. -- Ihre zweite Schwester, Ida, ist eine Schönheit, -ja, sie ist wirklich schön und ich muß sie malen, es ist ein Genuß diese -Formen, diese Frische, diese Grazie studiren und copiren zu dürfen. Das -Mädchen ist auch nicht ohne Geist und wird auch wohl ein Herz haben, aber -sie gefällt mir von ihren Schwestern am wenigsten, ihr Witz ist scharf, -sie kann beißend sein, ich mag das nicht an Damen. - -Nun kommt Cäcilie, offenbar der Mutter Liebling, ein Mädchen von -siebzehn Jahren, sehr zarter Gestalt, etwas blaß, mit herrlichem Haar und -wundervollen Augen. Cäcilie ist vielleicht, um schön zu sein, etwas zu -klein, und um im Allgemeinen so recht gefallen zu können, zu still, man -kann sie kaum kennen lernen. -- Nun kommen ein Paar prächtige Wildfänge -von dreizehn und elf Jahren, Burga und Berga genannt, Wallburga nämlich -und Luitberga, komische Namen! Wo Burga ist, ist Berga, sie sitzen in einer -Klasse, binden einen Kranz, spielen zusammen Klavier und Versteck, -und umarmen gleichzeitig ihre Mutter, die sich auf ihre stürmischen -Ueberfälle gewöhnlich schon durch Bergung ihrer Mützenbänder mit -Resignation vorbereitet. Kürzlich hörte Berga, daß ihr Vater mein Pathe -ist, und augenblicklich trug sie hocherfreut darauf an, mich Pathe nennen -zu dürfen, Herr Brand gefalle ihr nicht, Herr Justus wäre freilich recht -hübsch, aber ungewöhnlich, Justus schlicht weg, passe sich nicht, Pathing -sei das Beste. Die Mutter schüttelte gewaltig mißbilligend den Kopf und -entschuldigte, ich erlaubte natürlich dagegen der elfjährigen Berga mich -Pathe nennen zu dürfen. »Burga muß aber auch so sagen, sonst kann ichs -doch nicht,« behauptete sie und Burga bequemte sich. Es wurde gelacht, der -Alte zog die Mädchen etwas auf und damit war es abgemacht. - - - Am 4. August. - -Heute will ich diesen Brief an Dich abschicken. Dein letzter Brief war mehr -als ernst, es sprach sich Unruhe, Besorgniß darin aus. Du schreibst: ich -verkenne das Streben meiner Seele, nicht flüchtige Befriedigung, die -man täglich in irgend einer Sache, einer Creatur finden könne, sei der -Endpunkt derselben, sondern Frieden in Gott. -- Ist das nicht ein Spielen -mit Worten, oder pedantische Festhaltung eines einmal so und nicht anders -geformten Glaubenssatzes? Wir suchen was uns zu unserm Glücke fehlt, -Jeder nach seiner Natur. Du bist ätherischer Natur als ich, und suchst -geistigere, oder rein geistige, oder auch phantastische Genüsse, ich -verstehe Dein Friedensverlangen nicht. Warum ist dieser Friede von Dir erst -zu suchen, wodurch hast Du reines Kind ihn erschüttert, oder gar verbannt? -Und warum ist mein Trachten nach Befriedigung verwerflich, da ich sie nicht -im Unedlen, Rohen, Gemeinen suche? Widerstrebt mein Verlangen dem reinen -Naturgeiste? -- Ich habe vor meiner Vergangenheit in keiner Weise zu -erröthen, und brauche dem Frieden nicht nachzujagen, weil ich ihn habe. -Beunruhige Dich meinetwegen nicht im Geringsten, meine theure Schwester, -ich bin vollkommen glücklich! - -Lebe wohl! - - _Dein Bruder Justus._ - - - - - Den 16. August. - -Es will mir scheinen, als erkalte unser Briefwechsel, Du machst größere -Pausen, als ich wünsche. Um meinerseits nichts dabei zu verschulden, -schreibe ich dennoch, es ist mir wohlthuend -- auch eine kleine -Befriedigung -- wenn ich an Dich schreibe und mich so von Grund aus -ausspreche. -- - -Weißt Du, wer Dir hier in Burgwall sehr gefallen würde, welche junge Dame -mich oft, nicht an Deine Person, denn Du bist glänzender, aber an Deine -Briefe erinnert? -- Cäcilie. -- Vor ein Paar Tagen hatte ich mehrere -Stunden anhaltend an dem Bilde der Gräfin gemalt -- der Engelskopf der -Felicitas steht auf der Staffelei im Dachstübchen -- der Graf hatte uns -dabei vorgelesen, tiefsinnige, anziehende Sachen, die nachher von uns -besprochen wurden. Pauline, letzt schrieb ich Dir ich sei glücklich, heute -fühle ich mich, und schon seit einigen Tagen stürmisch aufgeregt, und -nicht glücklich, nein! -- Wie kommt es nur, daß sie mich als Einen der -Ihrigen betrachtet hatten, als einen Glaubensgenossen? Weil ich bei ihren -Tischgebeten keine Störung veranlasse, sondern auch meine Hände falte? Es -kann ja sein, daß die ewige Macht ein solcher Vater unser ist, als welchen -sie sie anbeten! Ich bins zufrieden, aber ich weiß nicht obs wahr ist. -Wahrscheinlich ist es wahr, ich glaube es fast, aber ich weiß es nicht, -dabei muß ich verharren. Es mag für Tausende leicht sein, sich bei -solchen Gelegenheiten, wie an jenem Tage, in ein Schweigen der Bewunderung -zu versenken, oder in oftgehörten Phrasen Beifall zu zollen, ich kann es -aber nicht. Ich sagte was ich meinte, und es ward lautlos still im -Zimmer. Das erste Wort, was ich wieder hörte, war die Johannen gegebene -Erlaubniß, das Zimmer zu verlassen. Es zog mir eisig durchs Herz, sie -fürchteten für das Kind den Gifthauch der Gottlosigkeit. Gottlos! -ein schreckliches Wort. Bin ich es? Antworte mir darauf. -- Dieser -verehrungswürdige Mann, diese herrliche Frau schaudern vielleicht vor mir -zusammen, sie beten vielleicht für mich, für den armen Sünder, denn in -ihren Augen giebt es keine größere Sünde, als gottlos zu sein. Aber ich -protestire, ich bin es nicht! An jenem Tage wurde der wunde Punkt nicht -auf das Leiseste mehr berührt, doch fühlte ich mich unbehaglich und ging -bald. Im Zimmer hatte ich nicht Ruhe, ich ging hinaus, durchstreifte -den Wald, das Feld, kam, ohne es beabsichtigt zu haben, in die Nähe des -Kirchhofs und stand an den Gräbern der Eltern. Mutters weißes Marmorkreuz -sah mich matt an, es war mir, als spräche es traurig: gottlos, armer Sohn! --- »Nein!« rief ich, beugte mich und küßte das Grab. Julchen fiel mir -ein. Sie ist eine Dienerin des Gottes, den ich nicht kenne. Aufgeregt, -wie ich war, sehnte ich mich ihre Meinung zu hören, ich wollte sie schon -geschickt herauslocken, ohne mir eine Blöße zu geben; es braucht nicht -alle Welt zu wissen, daß ich gottlos bin! -- - -Ich ging dem Hause zu. Ihr Stübchen liegt zu ebner Erde, ich kann es -vorübergehend übersehen. Ich warf einen Blick hinein und sah mit Unmuth, -daß sie nicht allein war, Cäcilie war bei ihr. Als ich jedoch das junge -Mädchen erkannte, kam etwas wie Segen über mich, es wurde stille, ganz -stille in mir, jetzt wieder -- unerklärliche Wonne! -- - -Ich blieb stehen und sah hinein, hören konnte ich nichts, wollte auch -nicht, und gesehen konnte ich auch nicht werden. Es war Dämmerung und -Julchen lag auf dem Sopha von vielen Kissen unterstützt, vor ihr, mit -den Knien auf dem Estrich, Dielen sind für das Hospital Luxus, kniete das -bleiche Kind, und drückte abwechselnd bald die eine, bald die andere Hand -auf die Stirn der Kranken. Es war ein rührendes Bild. -- Nein Pauline, -ich bin gewiß nicht gottlos, sieh, als ich wieder zwischen den Gräbern -hinschritt, bat ich Mutter, Gott um den schönsten Segen für das stille -Kind anzuflehn, und dieser Wunsch kam aus tiefstem Herzen, ich muß also -glauben, trotz der vielen Wenns und Abers des Verstandes. - -Es ist mir ein süßer Gedanke, Cäcilien unter den Schutz meiner Mutter -gestellt zu haben. -- - -Gute Nacht, Schwester; ich habe eben am Fenster gestanden und auf die -ruhende Welt hinabgeschaut, der Mond hält oben Wacht, es ist sehr schön -draußen. Mein Herz ist in wunderbarer Aufregung, nie habe ich mich so -ernstlich gefragt, ob ich Gott glaube, ob ich gottlos bin. Wie kam es, daß -diese Frage mein Inneres so in Aufruhr gebracht hat? Das Verstummen zweier -Menschen hats vermocht, zweier Menschen, die ich hochschätze. Wenn es -einen persönlichen Gott giebt, Pauline, dann muß er eine unausdenkbare -Größe sein. Denk Dir eine Macht, welche die Welt, die Natur in dieser -wunderbaren Ordnung erhält, denke diesen raffinirten Naturgesetzen nach, -denke Dir dazu eine Liebe, welche dies Alles erschaffen hat und erhält -für Geschöpfe, die ihn verneinen, verhöhnen; ist ein Gott, so ist mir -nicht bange, Gott wird und muß am größesten im Verzeihen sein. Es -ist ein wonnereicher Gedanke: Gott. Entweder beginnt nun für mich ein -besonders reiches Leben, oder ein sehr ödes, kaltes. Meine Seele ist nun -einmal von einem Verlangen erfaßt, diesmal kann es nur Gott befriedigen. - - _Justus._ - - - - - Den 3. September. - -Die kleine Johanne ist an den Masern erkrankt, die Gäste haben das Schloß -verlassen, und ich treibe mich umher, denn das Bild der Gräfin ruht -natürlich, sie verläßt die Kleine nicht, um sich in Kostüm zu werfen -und mir zu sitzen. Der Graf ist vielbeschäftigt, unsere Unterhaltung bei -Tisch ist einsilbiger und dreht sich meist um die kleine Kranke. -- Ich -erwarte Deinen Brief mit Spannung, aber nicht mehr mit der fieberhaften -Unruhe wie Anfangs: ich weiß was ist, und fühle mich wohl dabei. -- - -Berga hat mir einen Gruß für Dich aufgetragen. Ida schalt sie dafür, sie -sollte nicht zudringlich sein. »Sie meint es ja ganz gut in ihrer Weise, -Ida,« sagte Cäcilie sanft, »es ist wirklich nichts Unrechtes dabei.« - -Ida warf den Kopf sehr auf und erwiderte, Cäcilie scheine heute sehr -gnädig zu sein, gestern habe sie Berga über ein ganz unschuldig -hingeworfenes Wort eine lange Strafpredigt gehalten. Ich war gespannt, -zu erfahren, was das für ein Wort gewesen sein mochte und fragte -mein Pathchen. »Herr Jesus,« antwortete sie und senkte den Kopf ganz -beschämt. -- »Sie thuts nicht wieder,« versicherte Burga, »es thut ihr -selbst leid.« -- - -Cäcilie sprach kein Wort weiter darüber, ich dachte aber, was würde -Cäcilie sagen, wenn sie in meiner Seele lesen könnte. Später waren -wir im Garten und ich wurde fortwährend von der Versuchung gepeinigt, -Cäcilien zu fragen, was sie von mir denke, nur wartete ich auf eine -günstige Gelegenheit dazu. Endlich waren wir einmal mitten in einem -Laubengange allein und ich fragte mit dürren Worten: »liebes Pathchen, -bin ich ein guter Mensch?« - -»Ich bin Ihre Pathin nicht,« erwiederte das junge Mädchen sehr ernst, -»ich war weder Zeugin Ihrer Taufe noch -- fügte sie leise hinzu -- Ihrer -Wiedergeburt.« - -Ist das nicht streng von solchem kleinen Mädchen von siebzehn Jahren, das -so sanfte Züge hat? -- es kränkte mich auch etwas, aber es verdroß mich -nicht. - -»So wiederhole ich denn Fräulein Bernwacht meine Frage,« sagte ich ganz -treuherzig, und war begierig ihre Antwort zu vernehmen. - -»Ich halte Sie für warmherzig,« sagte sie. »Genügt das?« fragte ich. -Sie schüttelte mit dem Kopfe und Ida rauschte heran; ich hätte gern mehr -gehört. -- - - - Den 10. September. - -Dank für Deinen Brief, liebe Schwester. Es ist doch schön um sichere -Liebe, wie die der Geschwister; Gott sei Dank, daß ich Dich habe. Ja, Gott -sei Dank, Du weißt, ich kenne ihn nun. Du hast nie daran gezweifelt, mein -Leben habe es bewiesen, daß ich ihm nicht fern sei, ich hätte ihn -nur durch die dichten Schleier der Selbstüberschätzung, des geistigen -Hochmuths gesehn. Kind, welche Worte! -- Indessen, es ist etwas Wahres -daran, und die Schüchternheit, mit der Du diese harten Behauptungen -aufstellst, und die Freudigkeit, mit welcher Du mich auch ein Gotteskind -nennst, zeigen Deine eigne Demuth und Liebe hinreichend, um mich vor -Bitterkeit zu bewahren. - -Da steht weiter: »Aber Du bist kein Christ, Gott führe Dich zu den -Füßen des Heilands, der uns Allen zur Erlösung gegeben ist, und er wird -es thun, ich fühle es mit köstlicher Bestimmtheit. Wenn Du auf meine -tiefsten Herzenswünsche etwas giebst, so lies das neue Testament und suche -die Unterhaltung gläubiger Menschen. Thu es nur zur Probe, wenn Du Deiner -Sache augenblicklich ganz gewiß bist nichts weiter zu Deinem Heile zu -bedürfen, als Deine jetzige Erkenntniß.« - -Dein Rath soll befolgt werden. Aber verlange nicht, daß ich aus Respect -vor Euren vermeintlich unantastbaren Wahrheiten verstummen soll. Ist Eure -Religion die beste, so muß sie Widerspruch vertragen können, und ihre -Priester und Priesterinnen dürfen über ein freies Wort nicht gleich den -Stab brechen, oder über den Andersdenkenden den Bann verhängen. -- - -Mit wahrer Herzenserleichterung habe ich wahrgenommen, daß der Graf -und seine Gemahlin mir nicht ihre Achtung entzogen haben. Wir verkehren -ähnlich wie früher, nun Johanne wieder genesen ist und die Kleine besucht -mich auch wieder. Durch diesen Zwischenact ist dennoch unser Verhältniß -anders geworden, ich fühle etwas wie Mitleid aus der Art und Weise heraus, -wie sich die hohe Frau gegen mich benimmt, und des Grafen Umgehung alles -dessen, was sich auf Religion bezieht, ist es nicht Schonung? -- oder will -er die Perlen nicht in den Bereich des Unreinen werfen? Ich glaube Besseres -und verehre Beide um Vieles inniger noch, als zuvor. Oft wünsche ich, -sie möchten sprechen, und ich würde ihnen dann sagen, wie es nun mit mir -steht. -- Freilich würde es ihnen nicht genügen, aber sie doch vielleicht -erfreuen. - -Lebe wohl, liebes Kind, und schreibe bald wieder Deinem Bruder - - _Justus_. - - - - - Den 20. September. - -Gestern Abend bin ich bei Julchen Hermann gewesen und habe eine lange -Unterredung mit ihr gehabt. Sie ist das, was Du eine echte Christin nennen -würdest, liebreich, dienstfertig, freudig, genügsam, Alles »um des Herrn -willen,« wie es auf ihrer heitern Stirn und in den großen grauen Augen -klar steht. Ein religiöses Gespräch mit ihr anzuknüpfen, bedarf weiter -keines Vorbedachtes, man kann nur nach einem Warum ihres Thuns fragen und -man hat, was man will. Die Seligkeit, ihre und anderer Menschen, ist ihr -Hauptgedanke, und sie ist der eignen so sicher, daß sie sich unter den -Gräbern ringsum, und in der Gesellschaft eines Dutzend alter, einfältiger -Weiber sogar schon wie im Vorhofe des Himmels fühlt. Ihre Sicherheit -reizte mich mehr, als Du Dir vielleicht denken kannst, und ich ließ mich -von meiner Heftigkeit zu Entgegnungen hinreißen, deren ich mich bei kaltem -Blute schäme. »Toben Sie nur,« sagte sie ganz siegesgewiß und mit -dem gütigsten Lächeln, »dieser Eifer ist mir ganz angenehm, er ist -das Geschrei des angegriffenen alten Menschen, der alte Adam fürchtet -überwunden zu werden.« - -»Ich bitte Sie, bestes Julchen,« rief ich anmuthig, »verschonen Sie mich -mit diesen abgeschmackten, Ihrer ganz unwürdigen Redensarten, -- alter -Adam!« - -»Fleischeswille, wenn Sie das lieber hören,« erwiederte sie ganz -gelassen. - -»Was will denn mein Fleisch?« fragte ich lachend. - -»Herrschen, das Sinnliche, die Erde mit ihren Freuden zum Abgott machen.« - -»Ich denke nicht daran,« betheuerte ich. - -»Sie thaten es aber, und thun es noch,« beharrte sie. -- - -Ich bat sie, mich dieser Anschuldigung zu überführen, allein sie meinte, -es sei wohl besser, ich thäte das selbst, sie verstehe vom Disputiren -wenig. Sie wisse das aber ganz gewiß, daß sie ohne Christus nicht -bestehen könne, daß sie nur an seiner Hand auf Erden wandeln und im -Himmel selig sein könne. Auf meine Aeußerung solche Ansichten seien -Schwärmerei, schüttelte sie den Kopf und fragte mich, ob ich denn allen -Ernstes glaube, den Himmel verdient zu haben? -- »Verdient,« sagte ich -ihr, »zwar gerade nicht, aber für wen er denn sein solle, wenn nicht für -Menschen, die ein richtiges Leben geführt hätten, ich sei kein Grausamer, -kein Lüstling u. s. w.« - -»Sie meinen, Sie haben die Gebote gehalten?« fragte sie. - -»Gewiß,« behauptete ich. -- - -Es erfolgte eine lange Pause, dann sagte sie: »In diesem Falle haben Sie -den Himmel verdient; ich kann das von mir nicht sagen, ich habe keines der -Gebote gehalten.« - -Ihr Ton war bei diesem demüthigen Bekenntniß ganz ruhig, ich fühlte, sie -sprach ihres Herzens Meinung aus. Desto größer war mein Staunen. Julchen -Hermann gilt allgemein als eins der vortrefflichsten Wesen, unsere Mutter -war ihre Freundin, ihr ganzes langes Leben wird musterhaft genannt und -sie sagt, sie habe alle Gebote übertreten. Ich dachte an das fünfte, das -sechste, das siebente. »Das ist Selbstverblendung,« rief ich, »die ganze -Stadt würde Ihnen widersprechen!« - -»Das ist Selbsterkenntniß,« entgegnete sie, »was weiß die Stadt von -meiner Herzensgeschichte, und das Herz ist der Heerd, der stille, heimliche -Heerd der geschehenen und ungeschehenen nur gewollten Thaten, die vor Gott -alle gleich sind. Das Wort »Du sollst nicht begehren« steht in gleicher -Reihe mit dem »Du sollst nicht fluchen, stehlen« u. s. w. Was die Stadt -nicht weiß, soll Ihrer Mutter Sohn erfahren, und so hören Sie denn etwas -aus dem Leben einer alten, unbescholtenen Jungfrau, und sehen Sie hinein -wie in einen Spiegel, lieber Justus.« -- - -Die Erzählung, welche ich Dir gewiß mittheilen darf, da Du meiner Mutter -Tochter bist, hat einen nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht. Es wird mir -nicht schwer werden, sie Dir ziemlich getreu mit Julchens eigenen Worten zu -überliefern, das Ganze ist mir lebendig gegenwärtig. - - -Aus Julchen Hermanns Leben. - -»So weit ich zurückdenken kann, ist es unverdiente Liebe, welche mich -gepflegt, gehütet und geführt hat. Meine Mutter haben Sie gekannt, sie -war einzig in ihrer Art, ich könnte stundenlang von ihren Eigenschaften -reden, und hätte sie doch nicht vollständig geschildert. In ihren -frühern Jahren war sie sehr lebendig und hat sich ihre geistige Frische -auch bis ins höchste Alter erhalten, Sie müssen sich noch erinnern -können, wie eindringlich all ihre Worte und wie ausdrucksvoll ihr -Mienenspiel und all ihre Bewegungen waren. Mutters Worte hatten stets die -größte Gewalt über mich. -- Mein lieber Vater war Geschäftsmann und -hatte für meines Bruders und meine Erziehung nur wenig Zeit übrig, Mutter -nahm uns also ganz unter ihre Leitung, und so war ich denn schon früh so -glücklich das Gute in seiner Schönheit kennen, es lieben zu lernen, von -Kind an war ich unsers himmlischen Schöpfers und seines Sohnes Eigenthum, -das er vor tausend Gefahren von seinen Engeln bewachen ließ. Aber trotz -dieser Leitung, trotz dieses Schutzes, trotz meiner Liebe zu dem Heiligen, -habe ich oft tiefes Leid über meine Sündhaftigkeit tragen müssen, sie -steckt zu tief, glauben Sie, wir werden ihrer erst ledig, wenn die Hülle -zerbricht.« - -»Als mein Vater starb, der nur ein geringes Vermögen hinterließ, war -mein Bruder auf dem Gymnasium, und ich ein Mädchen von sechszehn Jahren. -Mein Bruder Leopold war sehr befähigt und Mutter und ich wünschten -beide sehr, er möchte Theologie studiren, kein Opfer, welches wir uns zur -Förderung dieses Zweckes auferlegten, schien uns zu schwer, wir entbehrten -mit Freudigkeit und freuten uns über jede neue Bestellung an Näh- und -Stickarbeiten, deren Ertrag für den Bruder zurückgelegt wurde. Leopold -kam wirklich zur Universität und erleichterte Mutter den kostspieligen -Unterhalt durch Stundengeben, so daß vorauszusehen war, es werde Alles gut -gehen. Daß wir's an Bitten bei der rechten Behörde nicht fehlen ließen, -können Sie sich denken -- aber Leopold irrte ab. Er trieb es sehr, sehr -schlimm, mit der Theologie war es aus, er kam zu Haus und es sollte nun -überlegt werden, was nun aus ihm werden könne. Ehe er ankam, war ich in -der vortrefflichsten Stimmung, es war nicht schwer, neben der Mutter das -Rechte zu finden: ich hatte nicht zu richten, sondern nur zu beten und zu -bitten, auch konnte ich meinem lieben Herrn beweisen, bis zu welchem Grade -von Sanftmuth ich es gebracht hatte, ich wollte mit schwesterlicher -Liebe den zu halten suchen, der unbrüderlich den Lohn meines anhaltenden -Fleißes verpraßt hatte, nur Lächeln anstatt Thränen zeigen.« - -»Alles gelang, bis Leopold auch in seiner Heimath das schreckliche Leben -wieder begann, und die traurigsten Excesse unter unsern Augen verübte, -obgleich Mutter alles Mögliche, was seine Verblendung zerstören konnte, -anwendete, obgleich ich, nach meiner Meinung, mit der überzeugendsten -Klarheit auseinandersetzte, daß der von ihm eingeschlagene Weg einzig -in den Abgrund bodenloser Verderbtheit und Unheiles führen müsse. Er -_wollte_ also nicht! Nun war es aus mit meiner großen, schönen Liebe, mit -meiner Sanftmuth, da glaubte ich entschieden die Grenze zwischen ihm und -mir gezogen, ich wendete mich kalt von ihm ab und betrachtete ihn mit dem -Blicke der Verachtung. Mein Herz litt unsäglich dabei, aber ich -hüllte mich in ein stolzes Schweigen, den Bruder vermeidend, die Mutter -auffordernd, ihn zu lassen, wie ich es gethan, in mir den Ersatz zu suchen. -Ja, ich wagte das Unglaubliche, ich war so stolz in meiner Tugend, die mich -so hoch über den Bruder stellte -- aber Mutter hatte keine Antwort dafür, -sie sah mich nur an, stumm und verwundert, schmerzlich befremdet.« -- - -»Am Abende dieses Tages brachten Jünglinge den Leichnam meines Bruders, -aber Gott sei gepriesen! er hatte sich nicht selbst entleibt, wie es -mir bei dem ersten Anblicke qualvoll durch die Seele fuhr, er war -verunglückt.« -- - -Julchen schwieg einige Augenblicke, aber bald gefaßt, fuhr sie fort: - -»Ist es gewiß, daß mein abstoßendes Wesen nicht Ursach war, daß mein -Bruder gerade an diesem Tage das Haus verließ, draußen umherirrte? -- -Hatte ich nicht jedenfalls Mutters Liebe von dem Unglücklichen zu reißen -gesucht, hatte ich nicht Uebels von ihm geredet, während ich »ihn -entschuldigen sollte und Alles zum Besten kehren!« -- - -»Meiner Mutter Haupt richtete sich früher empor als das meinige, sie -hatte ein gutes Gewissen. Aber sie tröstete mich mit liebevollen Worten, -erinnerte mich an Gottes Weisheit und Güte, die Alles voraussieht, immer -wacht, gern verzeiht, und hob mein, in der Seelenqual gesunkenes Vertrauen -zu dem, der das zerbrochene Rohr nicht knickt und den glimmenden Docht -nicht auslöscht. Durch Gottes und ihre Hülfe wurde ich wieder ruhiger, -ich drückte die Hände meiner Freundinnen wieder wärmer, als in der Zeit -des Elends. Viel Worte des Lobes und der Bewunderung wurden in jener Zeit -über mich gesprochen, die öffentliche Meinung überschreitet leicht das -Maaß, im Tadel wie im Lobe, man hinterbrachte sie mir, mich zu erfreuen, -aber ich verbarg mich schamroth vor den kurzsichtigen Beobachtern. Die -freundliche Aufnahme und Vertheidigung, die Leopold Anfangs bei mir -gefunden hatte, dokumentirten aufs Neue mein vortreffliches Herz, meine -spätere Kälte war untrüglicher Beweis meiner reinen Tugendhaftigkeit, -die mit dem Unreinen durchaus keine Gemeinschaft haben könne, und dann, -mein unverkennbar tiefer Schmerz nach Leopolds Tode -- wie rührend -erschien er der Welt, mit welcher Zartheit begegnete man mir seinetwegen!« - -»Jahre verstrichen, ich war zwei und zwanzig Jahre alt geworden, und Gott -hatte mir ein Glück geschenkt, das in seinem Umfange vorher nicht zu ahnen -ist: ich meine die Liebe eines Freundes, in dessen Gemeinschaft uns die -Welt verschwindet, wir uns nur selig vor dem Herrn aller Liebe fühlen. -Mein Freund war unendlich mehr als ich, aber ich verstand ihn. Ich staunte -über den Reichthum des innerlichen Lebens, den er mir erst zugänglich -gemacht hatte; er war der Engel der mir lächelnd unser seliges Endziel und -alle Hindernisse auf dem Wege dahin im Lichte der überwindenden Kraft -der Gnade zeigte. Ich bin jetzt ein altes Mädchen, aber wenn ich von ihm -spreche, so verkörpere ich nur ein freudiges Hallen der ihn feiernden -Seele; ich liebe ihn noch, und freue mich ihm entgegen, aber staunen Sie, -Niemand weiß es: ich wurde ihm ungetreu.« - -»Gott nahm ihn mir früh, ich sah ihn begraben; aber an seinem Grabe -sprach ich das Gelübde aus, einsam meinen Weg zu wandeln; Keiner sollte -so Theil an mir haben, wie er, Niemand so meine Theilnahme, mein Vertrauen, -meine Freundschaft besitzen; er sollte mein Leitstern bleiben, bis wir -wieder bei Gott vereint sein würden.« - -»In diesem Gelübde fand ich neue Kraft, ich hatte die Süßigkeit -der innigsten Gemeinschaft zweier Herzen kennen gelernt und wollte, das -vielleicht lange Leben hindurch, darauf verzichten; wollte mich mit der -sekundairen, laueren Freundschaft derer begnügen, die mein Herz nur -oberflächlich kannten, und in andern Verbindungen größere Befriedigung -fanden.« - -»Meine Sehnsucht und Trauer war groß, ich habe Jahre lang viel gelitten, -mehr als ein Christenherz um einen Heimgegangenen leiden sollte. Endlich -erhob ich mich, mit Gottes Hülfe, zu größerer Klarheit, ich empfand -wieder Freude bei seinem Andenken, ich freute mich in seinem Sinne handeln -zu können, richtete meine Blicke und mein Herz wieder fester zu den -Höhen, von wannen die Hülfe kommt. -- Da starb Mutter und ich war ganz -verwaist. Es ist sehr schwer allein zu stehn, wenn man ein warmes Herz -hat. Es fehlt freilich nie an Gelegenheiten zum Gutesthun, aber unsere -Liebesthaten werden da unendlich wohlthätiger wirken, wo die Liebe sie -empfängt; man will auch nicht verschwenden, weil man weiß, wie glücklich -Liebe machen kann. Fühlen Sie, wie es kam, daß die welche als ein Muster -felsenfester Treue galt, allmählig die Wünsche hegte, mit ihrem tiefsten -Seyn, sich an ein anderes lebendes Wesen zu schließen, fühlen Sie aber -auch die Kämpfe, Selbstanklagen und welches Verzagen diese arme Seele -erschütterten? Der geistige Bund, die geistige Ehe, wenn Sie wollen, war -entweihet, auf welche Tugend durfte ich noch bauen, wenn nicht auf diese -Treue, auf mein freiwilliges Gelübde der feurigsten dankerfülltesten -Liebe? -- Auf keine Tugend, keine Kraft war zu rechnen, in mir war kein -Halt.« - -»Was giebt mir nun den Muth mich dem Himmel und meinem Freunde dennoch -entgegen zu freuen?« fuhr die Erzählerin fort, »ich will es Ihnen -sagen. Kennen Sie noch Worte wie diese: »Kommet her zu mir Alle, die ihr -mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmet auf euch -mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmüthig und von Herzen -demüthig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen, und saget den -verzagten Herzen, seid getrost, fürchtet euch nicht; ich bin der Herr dein -Arzt; selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet -- wendet euch zu -mir, so werdet ihr selig -- die Liebe decket der Sünden Menge -- verlasset -euch auf den Herrn ewiglich -- durch Stillesein und Hoffen würdet ihr -stark sein!« - -»Jetzt bin ich stark im Glauben, ich bin auch selig in Liebe und -Hoffnung.« - -Das treffliche Mädchen schwieg und sah mich mit den leuchtenden Augen -ihrer Mutter an. Ich küßte ihre Hand. - -»Haben Sie wirklich alle Gebote gehalten?« fragte sie. - -»Nein,« entgegnete ich. Sie drückte mir die Hand, und ich verließ sie -voller bewegten Herzens. -- - -Wenn ich einmal verheirathet sein werde, dann will ich Julchen Hermann für -mein Haus zu gewinnen suchen, da soll sie noch viel Liebe finden. Meine -Frau soll die Geschichte erfahren, und wenn sie sie jetzt nicht etwa schon -liebt -- man kann's ja nicht wissen -- dann wird sie's nachher sicher. -Julchen wird dieser Frau eine sehr kräftige Stütze werden, ich nenne sie -freilich immer alt, deshalb ist sie aber noch nicht gebrechlich, und hat -sie auch einmal Migräne, so legt meine Frau die Hände auf sie und Alles -ist gut. -- - -Gott segne alle guten Menschen, Dich auch recht sehr, liebe Pauline! -Schreibe bald wieder. - - _Justus._ - - - - - Den 13. October. - -Kleines Mädchen, ich fühle mich sehr behaglich auf Gottes schöner -Welt, und er hat mir einen netten Platz und entsprechende Arbeit darauf -angewiesen. Der liebe, großmüthige Herr Gott hat mich ohne Zweifel -wirklich recht lieb, sonst könnte er mir nicht so viele gute Menschen in -den Weg schicken und mein Herz so fröhlich machen. - -Sonntags kam ich aus der Kirche, -- ich schäme mich dieses Ganges -keineswegs, ich fühle mich darin ganz behaglich, ganz zu Hause, ich habe -gesungen wie die Andern: Befiehl du deine Wege u. s. w. -- also ich kam aus -der Kirche, und stehe mit der kleinen Johanne, die ihrer Bonne weg- und mir -entgegen gelaufen ist, und plaudere ganz freundschaftlich, als »Grafs« -kamen. Der liebe Engel grüßte, bevor ich meinen Hut herunter hatte, wie -Maienlicht und steuerte auf uns los. - -»Wissen Sie, lieber Herr Brand, was wir in dieser Woche für ein Fest -feiern?« frägt sie. Ich wußte von nichts. »Königs Geburtstag, am -15.,« fuhr sie fort, »und ich führe zur Verherrlichung des Tages etwas -im Schilde gegen Sie.« -- Ich stellte mich ihr mit allen meinen Kräften -zur Disposition. - -»Eigentlich muthet Ihnen meine Frau ein starkes Stück zu,« bemerkte der -Graf, »aber sie hat ein merkwürdiges Vertrauen zu Ihnen.« - -Ich fühlte mich erröthen und sah die edle Dame dankbar an; sie lächelte -und sagte: »O ja, sein Sie dessen ganz gewiß, was ich aber wünsche, ist -gerade nichts Gewaltiges, es handelt sich nur um ein Paar Transparente -zum Festtage, nicht wahr, Sie machen sie gerne? wir wollen recht schön am -Abende illuminiren.« - -Sie war dabei so erwartungsfroh wie ein Kind und ich versprach natürlich -mein Möglichstes dabei zu thun. Da stehn sie nun, 3 Rahmen, mit dem -königlichen Namenszuge, Adler, Laubwerk u. s. w., ich habe sie vorhin -probirt, es ist eine wahre Pracht! -- Hast Du wohl beachtet: sie hat -merkwürdiges Vertrauen zu mir! - -Uebermorgen Abend also glänzende Illumination, und in der Stadt Ball. Zu -drei Tänzen habe ich bereits engagirt, Theresen zur Polonaise und Ida zum -ersten Walzer und Cottillon. Cäcilie will nicht hingehen, sie wird Burga's -und Berga's Kameradschaften mit Kuchen und =blanc manger= tractiren -- -Jeder nach seinem Geschmack! -- Nach dem großen Tage mehr. - - - Am 16. October. - -Was steckt doch alles in einem und demselben Menschen; ich z. B. bin -überraschend vielseitig, es kommt nur darauf an, mich dahin zu stellen, -wo etwas fehlt, und man erlebt Staunenswerthes! -- Die Tage waren köstlich -und ich werde Dir alles getreulich berichten, es ist ein Vergnügen noch -einmal Alles durchzunehmen. - -Die Transparente waren also zur rechten Zeit fertig und ich glaubte bei -den übrigen Vorbereitungen den Zuschauer abgeben zu können, aber weit -gefehlt! - -Schon am frühen Morgen des 14. begann ein allseitiges Rumoren, die ganze -Dienerschaft lief durcheinander, schleppte hierhin und dorthin, schrie und -frohlockte, als sei es heute Pflicht und Schuldigkeit Menschen, welche -von der Natur mit zarten Gehörnerven versehen sind, zur Verzweiflung zu -bringen. Wie die Gräfin dies aushält, dachte ich, wo sie wohl steckt, -während dieses Lärmens. -- Der Tag war einzig schön, ich öffnete das -Fenster, setzte mich daran und begann zu malen. Es ging aber nicht, trotz -des besten Willens, so beschloß ich Toilette zu machen und mir den -Wirwarr draußen in der Nähe zu besehn, vielleicht daß ich ihm dann -mehr Geschmack abgewönne. Aber zum ersten Male sah ich mich hier -vernachlässigt, der Toilettentisch entbehrte des Nothwendigsten, wer denkt -an den Maler im Dachstübchen, wenn Königs Geburtstag ist! Ich machte mich -jedoch bemerklich und klingelte, einmal, und noch einmal, und als das -nicht half, lief ich an die Wendeltreppe, und schrie um durchzudringen -mit einigem Kraftaufwande erst nach dem Bedienten und dann ganz energisch -»Waschwasser!« Leichte Schritte wurden in einem benachbarten Zimmer -hörbar, sie entfernten sich, und nichts erfolgte. Nun galt es Geduld zu -üben und mit Ergebung abzuwarten, was geschehen würde. - -Es dauerte nicht lange und das Zöfchen erschien, nach meinen Befehlen -fragend, Frau Gräfin schicke sie. »Frisches Wasser, liebes Kind,« gab -ich ganz bescheiden zur Antwort. Also ihre Erlaucht hatte ich vorhin mit -meinem Befehle beehrt! - -Nach einer Viertelstunde stand ich im Eßsaale, wo aber ein großes Malheur -passirt war. Ein ungeschickter Bedienter hatte einen Wandleuchter an Ort -und Stelle bringen wollen, sich statt einer Treppe einer Leiter bedient, -war damit auf dem geglätteten Fußboden ausgeglitten, niedergefallen, und -dabei, um die Sache nicht allein abzumachen, hatte er einen in der Nähe -stehenden großen Gypsengel bei einem Flügel ergriffen und ihn glücklich -mit zu Falle gebracht. Mit Mienen stummer Verzweiflung umgab das fast -vollständig gegenwärtige Dienstpersonal die jämmerliche Gestalt -des schwerverletzten Schutzengels, der Sünder selbst stand da, mit -leichenblassem Gesichte. Auch die Gräfin besichtigte den Schaden und -befahl dann die Figur aus dem Saale zu schaffen, als ich bat die Sache -etwas genauer untersuchen zu dürfen. Nun stellte es sich heraus, daß -die Zierde des Saales noch zu retten war, zwar mußte der rechte Flügel -dreimal gekittet und eine starke Schramme auf der Stirn ausgefüllt werden, -aber das war auch das Schwierigste, die andern Defecte waren höchst -unbedeutend. Die Gräfin schüttelte anfangs den Kopf zu meinem Entschlusse -die Operation zu übernehmen, und meinte ein geflicktes Kunstwerk sei keine -Zierde mehr, als ich jedoch erklärte es nicht übel nehmen zu wollen, -wenn man den Geheilten verwerfen würde, und betheuerte ich würde nur sehr -ungern von der Arbeit abstehen, gab sie lächelnd ihre Einwilligung. -- -Der Engel genaß vollkommen, jede Narbe verschwand unter einer angemessenen -Dosis Marmormehl und am 15. Morgens war ihm von seinem =salto mortale= -nichts mehr anzusehen. Ob nun zum Lohn für diese Kur oder nicht, das kann -ich nicht entscheiden, genug, ich wurde eingeladen mit der Herrschaft gegen -Abend durch den Park zu fahren, es war ein Genuß, in dieser Gesellschaft -und unter den alten prächtigen Bäumen hin, die indessen schon bedeutend -gelichtet sind und die reichste Schattirung zwischen Grün, Gold und Purpur -bilden. Mehrere dieser Alleen sollten auch illuminirt werden, nur bedauerte -die Gräfin, daß man nicht bei Zeiten daran gedacht habe, die Wege vom -hochdaraufliegenden Laube säubern zu lassen, es sähe schlecht aus, und -lasse sich auch nicht schön darin gehen und sie spaziere doch so gerne -bei solchen Gelegenheiten in diesen Gängen, wo sie so viele freundliche -Gesichter zu sehen bekomme. Der Graf bedauerte es ebenfalls, konnte aber -nur versprechen die dem Schlosse zunächst liegenden Wege sauber herstellen -zu lassen, seine Leute hätten schon reichliche Beschäftigung. - -Ganz bescheiden wagte ich es mich ein wenig in die Sache zu mischen und -fragte, ob die armen Leute in der Stadt wohl nicht gern das Laub wegholen -würden, wenn sie nur die Erlaubniß dazu bekämen. »Gern,« erwiederte -der Graf, »aber bei solchen Gelegenheiten kennen die Leute nicht Maß noch -Ziel. Würde ich die Erlaubniß zu morgen früh ertheilen, so könnte -man sicher darauf rechnen, daß noch Mittags, wenn die Gäste kommen, der -Schloßberg mit den Laubharkern besetzt ist, und da weiß ich doch nicht -was vorzuziehen ist, besonders wenn ich bedenke, daß das Wild durch die -Kinder auf mehrere Tage in den Hintergrund des Parkes gescheucht werden -wird, wer kann solche verschiedenartigen, zahlreichen Arbeiten hüten?« - -Mir fuhr ein komischer Gedanke durch den Kopf. »Ich will's thun, -Erlaucht,« sagte ich, »es wird mir ein Vergnügen sein.« - -»Ebenso wie mit der Natur?« fragte die Gräfin. - -»Ja,« antwortete ich, »gestatten Sie nur daß mir ein bespannter Wagen -und eine Menge Säcke zur Verfügung gestellt werden, das Andere werde ich -mit Vergnügen besorgen.« -- Der Graf fand das zwar unmöglich anzunehmen, -aber seine liebe Frau bewies ihm die Möglichkeit ganz einfach. - -»Laß dem Herrn nur den Willen,« sagte sie schließlich, »Du hörst -wohl, er thut so etwas gern, es ist gewiß wahr, da er es zweimal -betheuert, und warum auch nicht? ich kann mir das Geschäft auch ganz nett -denken.« -- Erlaucht war überwunden. - -Gleich nach der Abendtafel eilte ich in die Stadt, mein Plan war schon -fix und fertig. Der Bürgermeister sollte eine Anzahl Personen nennen, -mit denen etwas aufzustellen war, diese sollten für die Frühstunden des -nächsten Tages zum Laubharken geworben werden, und für die Arbeit bekamen -sie das Laub bis vor die Thüre gefahren. Bernwacht war im Familienzimmer, -dort wurde die Geschichte also verhandelt. »Giebts denn schon was?« -fragte Frau Bernwacht ganz erstaunt, wir haben ja noch gar keinen Frost -gehabt. - -»Aber Kastanien Mama, bedenke Kastanien, die schon ganz kahl sind,« -belehrte Berga, »und wie viel ist noch vom vorigen Jahre! Burga und ich -wir gehen in der langen Allee manchmal zum Spaß durch das allertiefste -Laub, und dann raschelt es sehr, Du solltest mal hören.« Für ihre -Vertheidigung der Wichtigkeit meiner Angelegenheit beanspruchte sie für -sich und Burga die Erlaubniß mit zu harken, sie könnten das Laub herrlich -für ihre Kaninchen zum Einstreuen gebrauchen. Ida meinte: so eine Gräfin -ist doch allmächtig, sie darf nur einen Wunsch äußern und man eilt -ihn auszuführen und sollte man auch die merkwürdigsten Metamorphosen -durchmachen. - -»Sanfte, liebenswürdige Damen,« entgegnete ich, »haben über jedes -Männerherz zu gebieten.« - -»Das ist ja schrecklich,« spottete sie, »da hat ja keine Braut und -Frau das Herz ihres Mannes für sich allein; fürchtest Du Dich nicht, -Therese?« - -»Nicht im Geringsten,« erwiederte diese lachend, »ich werde mich -bemühen Theodor als die sanfteste und liebenswürdigste Frau zu -erscheinen, dann bin ich, nach eines Kenners Aussage, seiner größten -Liebe gewiß.« - -»Sehr edel von Dir, dennoch theilen zu wollen,« sagte Ida pathetisch -und hob den Kopf gewaltig, »ich meinerseits verlange entweder Alles oder -Nichts.« - -An solchen Scherzen betheiligt sich Cäcilie nie. Sie sitzt dann ganz ruhig -und strickt oder näht, oder zeichnet Muster, aber sie sieht oft aus, als -verstände sie von dem, was um sie her vorgeht, nichts, als seien ihre -Gedanken weit, weit weg. Ich möchte wohl wissen, wie es in einem Kopfe und -Herzen wie dem dieses kleinen Mädchens aussieht. - -Am andern Morgen ertheilte ich meine Befehle als Laubkommissarius, wie -Burga mich betitelte, und gegen zehn Uhr waren die Wege in schönster -Ordnung, geharkt und gefegt, und als die Gäste durch den Thiergarten -fuhren, war kein einziger Barfüßer mehr zu sehn. -- Um drei Uhr war -großes Diner, es dauerte mehrere Stunden, und ich habe mich unter dem -fremden hohen Adel weder gelangweilt noch gekränkt gefühlt, freilich war -das auch nicht zu befürchten, da die Gäste, außer einigen Herren aus -der Stadt, aus Freunden unserer gräflichen Familie bestanden, die ihnen -natürlich geistesverwandt sein müssen. Einige Unruhe fühlte ich gegen -Ende der langen Sitzung dennoch, ich dachte an das, was noch kommen sollte, -besonders an den Ball auf dem Rathhause; endlich erhob man sich, ich war -frei, und wollte eben aus der Thür schlüpfen, als ich den Blicken der -Gräfin begegnete. Sie winkte. »Sie gehen zu Ball,« sprach sie huldreich, -»und sprechen vorher bei Bernwachts ein, wollen Sie den Kindern nicht -etwas Confect mitnehmen? Sie werden sich sehr dadurch insinuiren.« -- -Ich ließ mir das nicht zweimal sagen, füllte einen Teller mit feinen -Süßigkeiten an, nahm ihn ungenirt nach außen, schlug dort die ganze -Bescherung in einen Bogen weißen Papiers und steckte das ansehnliche -Paquet in die Rocktasche. Nun gings in Sätzen den Schloßberg hinunter --- an der Toilette war nichts mehr zu ändern -- dem bürgermeisterlichen -Hause zu. Man war natürlich noch nicht fort, denn der Papa mußte erst -kommen, und der war bei meinem Abgange noch in ein Gespräch mit dem -Landrathe vertieft, auch wollte man erst die Illumination sehen, denn bei -dem schönen Wetter drohte dem Putze keine Gefahr, man hatte es früher -auch schon gethan, und war ganz entschlossen. Ida in rosa Flor sah -entzückend aus, sie hatte weiße Rosen im Haar und Perlen um Hals und Arme -geschlungen. Als sie mir entgegen kam, blieb ich wie geblendet stehen, -und hielt die Hand über die Augen. Sie lachte anmuthig und sagte: »Nicht -wahr, ich bin wundervoll?« -- »Wundervoll!« echote ich. »Süperb?« --- »Süperb!« Lachend gab sie Theresen die Hand und länderte durch das -Zimmer. Sie kam mir reizender vor als je. Therese war weiß gekleidet; sie -wäre vielleicht ebenso gern zu Hause geblieben, ihr Bräutigam war nicht -da. -- Cäcilie kam mit einem Schlüsselbunde zum Vorschein und trug -mächtige Körbe mit Aepfeln und Wallnüssen, das erinnerte mich an meine -gespickte Tasche, und Burga und Berga empfingen überglücklich die Sendung -der Gräfin. Darauf kam die Nachricht: die Erleuchtung sei im Gange, der -Papa brachte sie selber, ich half den Damen sich einzuhüllen und nun -gingen wir Alle dem Thiergarten zu. - -»Papa und Mama müssen unsere Lootsen sein,« meinte Berga. - -»Ja,« wiederholte die Andere, »es ist gewiß« -- »Schweig!« gebot -Ida, »wir wissen allemal im Voraus, was die Zweite von Euch zu sagen hat, -macht nicht so viel unnütze Worte.« -- - -Die Kleinen hüpften zu Cäcilien, hakten unter und somit war ich auf -die beiden Balldamen angewiesen, die denn auch geruhten mich zum Führer -anzunehmen. -- - -Oft habe ich Illuminationen gesehn, die diese einfache bei weitem -überstrahlten, aber keine erschien mir so lieblich, kindlich möchte -ich sagen, wie diese, und keine habe ich in so angenehmer Gesellschaft -betrachtet. In den schönen Alleen wogte es nur so von Menschen, und alle -waren mehr oder weniger von dem schönen Schauspiele entzückt. So schön -war es noch nie gewesen, das hörten wir wenigstens zehnmal. - -»Das sagen sie alle Jahre,« bemerkte Ida. - -»Nein,« widersprach eine der naseweisen Kleinen; »Cäcilie sagt es -selbst, so lieb ist es nie gewesen.« -- Ich sah mich nach dem Dreiblatt -um. »Es ist heut Abend wunderschön,« lächelte das kleine blasse, süße -Gesicht. -- »Ich denke lieb?« fragte ich. -- »Ja, recht lieb.« -- - -Nun wurden die Transparente sichtbar, und ich erntete indirect -überreichlichen Lohn für meine kleine, gern übernommene Mühe. Es war -an der Stelle, von welcher man sie am besten sehen konnte, ein förmliches -Gedränge. Ida wurde sehr unwillig, ihr Anzug verdürbe auf diese Weise -ganz, sie müsse nur allein gehen und auszuweichen suchen; ich verbeugte -mich und ließ sie gehen. Bald darauf sah sich auch Cäcilie treulos -verlassen, die kleinen Schwestern waren zur Mutter gestürmt, um ihr etwas -Nothwendiges über die Eindrücke zu sagen, welche dies Alles auf sie -hervorgebracht hatte, sie stand ganz allein da und vertiefte ihre Augen -in die Tausende von Sternen, die sich mit einem Male auf den schönen Wald -niedergelassen hatten. »Wir müssen die junge Dame nur unter unsern Schutz -nehmen,« flüsterte ich Theresen zu, und bot Cäcilien meinen Arm an, aber --- sie dankte! Sie dankte recht sehr, ich möchte es aber -- aber nicht -übel nehmen. -- - -Ich nahm's ihr dennoch übel. -- - -Nach einer guten halben Stunde eröffnete Ida an der Seite eines jungen -Militairs den Ball, und man tanzte, tanzte und tanzte, das ist die -Geschichte des Balles. Aber außerhalb des Balles trug sich an diesem -Abende noch Etwas zu. Von Bedeutung? magst du fragen -- je nun, ich meine -fast. Sieh, als ich die beiden Schwestern durch den Saal schweben sah, -- -sie sind Beide _sehr_ graciös -- fiel mir plötzlich Cäcilie, die kleine -Unergründliche, ein. Ich dachte: wie sie wohl tanzen würde, gewiß -hinreißender wie die Salome vor Zeiten, denn sie hat eine feenhafte kleine -Gestalt, und schwebt überhaupt mehr als sie geht. Und, dachte ich weiter, -was sie nun wohl treibt, und ob ihr Zuhausebleiben vom Ball wohl wirklich -Geschmackssache war oder ein pietistisches Opfer, ob sie zu Hause wohl den -Kopf ein wenig hängen läßt, und dachte so lange an dergleichen, bis ich -mit einer Art Freude, die mir ganz neu war, mich daran erinnerte, daß mich -ja nichts verhindere sie aufzusuchen, daß ich ja überhaupt so frei sei -wie der Vogel in der Luft. Der Mantel wurde umgeworfen und bald war ich da. -Am Fenster blieb ich lauschend stehn, lauter Gesang hoher Diskantstimmen -schallte mir entgegen: »Heil Dir im Siegeskranz, Herrscher des -Vaterlands!« -- eine schöne sanfte, aber sichere Altstimme führte das -Steuer. Die zusammengezogenen Gardinen waren nicht allzu dicht, ich konnte -vortrefflich hindurchschauen, da saß sie am Claviere und dirigirte; Burga -und Berga mit wenigstens einem Dutzend künftiger Schönheiten standen -ringsum und sangen nach Möglichkeit, Julchen Hermann, mit dem Ausdrucke -innigster Freude, daneben. - -»Fühl in des Thrones Glanz,« sie sangen mit ganzer Seele, die Mädchen, -ich mußte einstimmen, was gings mich an, wenn die Nachbarn etwa ihre -Bemerkungen darüber machten, es war ja Patriotismus -- »Die hohe Wonne -ganz, Liebling des Volks zu sein, Heil Liebling Dir!« - -Meine Einmischung hatte all die Oehrchen da drinnen gespitzt, Berga -errieth, und sang sich gerade bei der letzten Zeile aus der Hausthür -heraus. - -»König heißt es!« rief sie corrigirend, und sang, an meinem Arme -hängend, und meine Variationen noch einmal berichtigend: »Heil -König Dir!« als ich eben mit höflichem Gruße in der Versammlung der -Sängerinnen erschien. Cäcilie nickte mir freundlich zu, ließ sich aber -nicht stören, der Gesang nahm ununterbrochen seinen Fortgang. - -»Was wollen Sie denn eigentlich?« fragte mich Julchen, als wir Beide -auf dem Sopha saßen. »Mich ruhen, erholen.« -- »Glaubten Sie hier Ruhe -finden zu können?« -- »Ruhe und Frieden,« antwortete ich und sah ihr -voll in die Augen. Sie lächelte und nickte mit dem Kopfe. »Ja,« sagte -sie dann, »es ist ein großer Unterschied darin, den Lustbarkeiten -Erwachsener sich hinzugeben oder den Spielen der Kinder zuzusehen; ich bin -auch sehr gern unter Kindern.« -- - -Dieses alte Mädchen hat ein sehr feines Verständniß, aber wenn ich -einmal ein Geheimniß habe, soll sie es theilen. - -Nach dem Vortrage diverser Lieder tanzten die Kinder; Cäcilie spielte -mit einer Geduld, welche die meinige ermüdete, endlich erbot sich ein -liebenswürdiges Kind sie abzulösen, und sie setzte sich in unsere Nähe. -Nun könnte ich sie vielleicht tanzen sehn, dachte ich, oder gar selbst mit -ihr tanzen, sie wird aber ein rundes Nein bei der Hand haben, das will ich -doch nicht so schnell riskiren. Da kam Burga und bat sie, und sie tanzte, -nun versuchte ich mein Glück auch, und sie gab mir die kleine Hand ganz -willig. Sie tanzte noch lieblicher, als ich es mir vorgestellt hatte, -leise, leise, sinnig, lache nicht! -- sinnig, wiederhole ich -- sie thut -nichts als in dieser holden Weise. Da war keine Hast, kein innerer Sturm, -der sie trieb, keine Eitelkeit, die sich geltend machen wollte, sie hörte -Musik und bewegte sich harmonisch, das war es; ich, auf dessen Arm sie sich -lehnte, der ihr Führer hätte dabei sein sollen, konnte nicht anders als -sie. Nie hatte ich so getanzt! -- - -Nun tanzte sie nicht mehr, sie schlug es verschiedenen Kindern ab, ich -wagte es nicht, sie noch einmal zu bitten. Julchen lobte sie deshalb, sie -scheint sie für schwach zu halten. -- - -Nach einiger Zeit wurde Pause gemacht und Erfrischungen gereicht, Cäcilie -war die Vielbeschäftigte; ich hatte was ich wollte, und ging nach dem -Rathhaussaale zurück, fühlte mich aber nicht sehr zum Tanz mehr aufgelegt -und sah zu, bis der Cottillon kam, den Ida mir zugesagt hatte. Er dauerte -sehr lange, und es schlug bereits vier Uhr als der Pförtner mich zum -Schlosse herein ließ. -- - -Heut war hier nun eine hübsche Nachfeier, die Armen wurden in den -Laubengängen gespeist, und die Gräfin sah selbst mit ihren fröhlichen -Augen überall hin, ob auch Jeder sein Recht bekomme. Es ist rührend zu -denken, was Alles und wie so ein Frauenherz lieben kann. Spricht diese Frau -von Mann und Kind, oder ruht nur ihr Auge auf ihnen, so ist es Einem, als -füllten diese Geliebten ihre Seele ganz aus. Wer sie gestern zum ersten -Male gesehen hätte, oder überhaupt während die Anstalten zum Feste -gemacht wurden, der würde den Monarchen beneiden, dessen Namenstag mit so -inniger Freude begrüßt wurde, wie von dieser Frau. Ihr Töchterchen lehrt -sie beten für »den theuren König«, den Kindern in der Schule spricht -sie, wie man sagt, begeistert von seiner väterlichen Treue, ihren Gatten -und Sohn nennt sie mit Stolz Diener ihres königlichen Herrn. Heute flammte -wieder der heilige Liebesstrahl in ihren Augen, und für die Armen, die -ihr nichts Liebes erwiesen, die in ihrem innern und äußern Mangel so -himmelweit verschieden von ihr sind. Erbarmen habe ich auch für diese -Menschen -- wozu sage ich übrigens was du weißt und sich von selbst -versteht, -- aber solches Gefühl ist mir fremd. Ich mußte sie oft -betrachten. Ob sie es fühlte, weiß ich nicht, und wenn's der Fall war, -dann muß ich ihr doppelt dankbar sein; einmal als ich in ihrer Nähe -stand, sagte sie: »Wie glücklich bin ich heut, mehr als glücklich! Immer -muß ich an die schönen lieben Segensworte denken: »Alles was ihr gethan -habt Einem dieser Geringsten« -- ihr Auge wurde feucht, und sie brach ab, -aber ganz leise hörte ich neben ihr die Worte flüstern: »das habt ihr -mir gethan.« Es war Johanne, ihr kleines Abbild, welches den Vers so -andächtig ausbetete. Die Mutter küßte sie und sah mich mit einem -strahlenden Blicke an. Ihr Glaube macht sie selig. - -Nachmittags ging ich zu Bernwachts, mich nach ihrem Befinden zu erkundigen. -Die Alten waren im Garten, wo neue Anlagen vorbereitet wurden, Therese und -Ida hielten Nachmittagsruhe und Cäcilie saß im stillen Zimmer und brachte -Ida's Florkleid wieder in Ordnung, welches mit den Sporen des jungen -Vaterlandsvertheidigers in unangenehme Berührung gekommen war. Ich -setzte mich ein wenig zu ihr hin und fragte sie, ob sie das Märchen von -Aschenbrödel kenne. - -»Sehr gut,« antwortete sie, »es war immer mein liebstes.« -- »Das -läßt sich denken,« bemerkte ich, »wie sieht die Fee aus, sie ist wohl -wunderschön?« -- »Ich denke, wie Ida ungefähr,« sagte sie munter in -den Scherz eingehend, »ein schöneres Mädchengesicht als Ida's kann ich -mir so leicht nicht vorstellen; ich freue mich recht, daß Sie sie malen -wollen.« - -»Haben Sie Ida ganz besonders lieb?« forschte ich weiter. - -»Die Schwestern sind mir Alle gleich lieb,« entgegnete sie, »ich möchte -sie Alle gern gemalt haben, wenn's eine aber doch nur sein soll, so muß es -die Schönste sein.« - -»Sie lieben also das Schöne sehr?« - -»Sehr,« wiederholte sie, »ganz außerordentlich.« - -»Bei so viel Schönheitssinn,« behauptete ich, »muß ich Talente -voraussetzen, die Sie neidisch verstecken, gewiß malen Sie ausgezeichnet, -oder componiren oder dergleichen.« - -»Nichts von Allem,« entgegnete sie, »ich kann nur bewundern und lieben, -aber sehr wenig leisten.« -- »Bewundern, lieben und die Fehler Anderer -wieder gut machen,« sagte ich unwillkürlich, und wieder fiel mir -Aschenbrödel ein. »Sie müssen mir entschieden zu einem Bilde sitzen, ich -lasse Ihnen keine Ruhe anders,« kündigte ich ihr an; sie lächelte -aber und meinte: erst solle ich nur Ida malen, dann könne das Weitere -besprochen werden. Thut sie's, so wird diese Aschenbrödel ein süßes -Bild. Ich gebe ihr etwas mehr Farbe, die ihrige ist fast zu zart, und lasse -sie das herabflatternde Täubchen mit den erstaunten, fast erschrockenen -Wunderaugen begrüßen, die sie so manchmal auf uns richtet, wenn ihr etwas -Unerwartetes passirt, oder ich lasse sie vor der Fee stehn, und diese Augen -mit dem Ausdrucke der Bewunderung auf sie heften, den ich schon manchmal -mit einem zärtlichen Gefühle belauscht habe. Die Fee kann dann Ida sein, -weil sie es gesagt hat, sie wird mit ihrer vollendeten Gestalt und den -tadellosen Zügen prächtig werden. -- Sieh' Schwesterchen, so habe ich -schon wieder eine Freude im Voraus, ich begreife nicht, wie man das Leben -langweilig finden kann, wie z. B. Waldemar es thut, von dem ich erst -kürzlich eine lange Jeremiade über die Nüchternheit des menschlichen -Lebens aus Berlin erhalten habe. - -Nun will ich meinen langen Brief absenden und nur noch für den Deinigen -danken. Ja, Julchen ist mir auch sehr theuer geworden, und ich werde sie -öfter besuchen. Lebe wohl! - - _Dein Bruder Justus._ - - - - - Den 5. December. - -Du bist erstaunt über meine Brauchbarkeit nach so vielen Seiten hin -- -liebes Kind; Du weißt so viel wie nichts davon, Du wirst noch ganz andere -Begriffe von mir bekommen, wenn Du diesen Brief gelesen hast. Aber ich -übereile mich nicht damit, es wird ganz =en passant= kommen, ich werde den -Faden des Berichtes da wieder aufnehmen, wo er abgerissen wurde. -- Nach -dem denkwürdigen 15. October beschloß ich sehr fleißig zu arbeiten, weil -mein Bewußtsein etwas unzufrieden geworden war. So vollendete ich denn das -Bild der Gräfin zunächst und begann mit Eifer die Restauration der alten -Familienportraits im Ahnensaale. Der Graf besuchte mich oft bei meiner -Arbeit, sah mit Theilnahme zu und sprach manch gutes, anregendes Wort. Er -ist ein ausgezeichneter Mann. Seine holde Gemahlin begleitet ihn zuweilen -und das Kind kommt am oftesten, bringt mir zuweilen schönes Obst oder ein -Paar Blumen, die es auf dem Walle für mich gepflückt hat, oder fühlt den -Trieb, mir irgend eine wundersame Historie mitzutheilen, die Mama erzählt, -oder es selbst in einem bilderreichen Elberfelder Büchlein gelesen hat. -Dann thut es oft die seltsamsten Fragen, so auch einst, ob ich Joseph oder -Timotheus lieber leiden möchte. Sie ihrerseits war geneigt, dem Jünger -den Vorzug zu geben, obgleich Joseph auch sehr liebenswürdig und -großmüthig gewesen sei, aber zweierlei fand sie nicht schön von ihm, -erstens: daß er die stolzen Träume erzählt hatte, und zweitens: daß er -bei der ersten Rückkehr der Brüder aus Aegypten seinem Vater keinen -Trost gesendet hatte, »und er trug doch Leid um ihn!« sagte sie höchst -mitleidig. Dann zeigte sie mir ein kleines Bild, wo Timotheus als Knabe zu -den Füßen einer alten Frau saß und in der Bibel las. Die Mutter stand -daneben und weidete sich an dem Anblicke. »Ist er nicht sehr nett?« -fragte sie, »sieh nur, wie sie ihn lieb haben, der war schon von klein an -ein Jünger Gottes, und nachher liebte er den Heiland so sehr, und dann -war er des Apostels Paulus lieber Sohn; ich glaube, er ist noch besser als -Joseph, aber Joseph ist auch sehr gut.« - -»Joseph war aber ein Jude,« wendete ich ein. »Das schadet nichts,« -sagte sie, »er konnte ja damals nichts Besseres sein; weißt Du nicht, die -Juden waren ja auch Gottes Kinder.« - -»Aber jetzt sind sie es wohl nicht mehr?« fragte ich. - -Sie sah mich groß an und sagte: »Alle Menschen gehören ja dem lieben -Gott, die armen Heiden ja auch, und der liebe Gott will alle, alle Menschen -in seinen schönen Himmel bringen, in sein großes, großes Reich, -denk mal, wie viel Menschen da zusammenkommen werden; ob ich Dich wohl -wiederfinde?« -- - -»Der liebe Gott wird's wohl so einrichten,« gab ich ihr zur Antwort. -- -»Das ist wunderschön,« rief sie freudig, »ich mag Dich auch sehr gern -leiden.« -- Ich küßte sie für diese wohlthuende Erklärung und nahm -sie auf meine Knie, um meine Mappe mit ihr zu durchblättern: viele von den -Bildern machten ihr große Freude und mir ihr Geplauder noch mehr. - -Zuweilen trat ich auch Mittwochs in den Betsaal, wo der Kaplan einen -Vortrag hält und viel gesungen und gebetet wird; diese Versammlungen -werden auch von Mehreren aus der Stadt besucht, namentlich habe ich -Julchen und Cäcilie fast jedesmal dort bemerkt, wenn ich einsah, auch Frau -Bernwacht und Therese zuweilen, Ida sehr selten. Ich blieb nicht immer die -ganze Zeit über da, gewöhnlich während der Rede, oder ich kam gegen das -Ende und wagte mich dann nicht über die Thür hinaus. Das lange Singen -ermüdet mich bald, und die Begleitung ist auch nur sehr mittelmäßig, -auf einem alten Klaviere, welches wahrscheinlich aus Rücksicht auf seine -langjährigen Dienste an dieser Stätte noch in Activität bleibt. Vorigen -Mittwoch war man nun in Verlegenheit, wer das Amt des Organisten in der -Eile übernehmen sollte, der alte Kantor aus der Stadt, ein freundlicher -Greis, der es bis dahin verwaltet, war unterwegs ausgeglitten und hatte -sich die Hand verstaucht; die Gräfin war um ihn bemüht, schickte nach -einem Arzte und bedauerte, daß ihr Mann verreist sei, er spiele so gut -Choräle, der Sekretair spiele zwar auch Klavier, aber so viel sie wisse, -nur moderne Sachen, nun es müsse auch ohne Begleitung einmal gehen, der -Rentmeister sei ein zuverlässiger Sänger, der könne den Ton angeben. -- -Nun weißt Du, was geschah. Ja, ich spielte; ein mächtiges Choralbuch war -ja da, und ich fühlte mich ganz wohl dabei; aber eigner Mensch, der -ich bin, ich genirte mich nachher den Blicken Julchens und Cäciliens zu -begegnen. -- Da der alte Mann sich noch schonen soll, werde ich noch einige -Male den Platz am Instrumente einnehmen. Die Gräfin war sehr gütig und -erlaubte mir, den Flügel im Speisesaale nach Gefallen zu benutzen, werde -es aber nicht oft thun, die Zeit fliegt ohnehin fast allzuschnell dahin. - -Das ist Mittwochs. Freitags gehe ich mit dem Bürgermeister zu einer -Parthie Schach nach dem Klubb, und Sonntags ist Leseabend bei Bernwachts, -an welchem, außer Julchen, noch ein Paar junge Damen Theil nehmen, die -mir gegenüber sehr schüchtern sind, und von denen ich kaum mehr als die -Namen, und daß sie Cousinen Theodors, des Verlobten Theresens sind, weiß. --- Die Lectüre wird durch die Mitglieder bestimmt; jede der Damen wird der -Reihe nach für ein Buch sorgen, dann nach Cäcilien, als der Jüngsten, -komme ich, und simulire öfter schon, was ich auswählen soll, um Alle zu -befriedigen, ein solches Buch wird schwer zu finden sein; Dumas wäre etwas -für Ida, Göthe für Theresen, aber ich möchte gar nicht Cäcilien den -Grafen von Monte Christo oder Faust oder die Wahlverwandtschaften vorlesen -hören. Neulich fragte ich sie nach ihren Lieblingsschriftstellern, da -nannte sie mir mehrere Lyriker, dann Andersen, die Bremer, Nathusius, -Namen, die mir zum Theil ganz unbekannt waren. Vielleicht kannst Du mir -etwas vorschlagen. - -So unter Arbeit und in angenehmer Gesellschaft verstreicht die Zeit sehr -schnell, und die Wochen entfliehen wie Tage. Als ich kam, blühten die -Rosen, jetzt wirbelt der Schnee um's Fenster und die Raben sitzen auf den -nackten Bäumen, und doch ist's mir, als hätte ich vor Kurzem erst das -liebe Nest nach so manchem Jahr der Abwesenheit wieder gesehen. Gestern -habe ich viel von Dir gesprochen und soll Dich auch von Julchen grüßen. -Ebenso wie sie, hören die Mädchen im Bernwachtschen Hause gerne von Dir; -ich habe Dich vor einigen Tagen, auf Ida's Begehr, vom Kopf bis zu den -Füßen schildern müssen. Zuweilen lese ich ihnen Stellen aus Deinen -Briefen vor, eigentlich nicht ihnen, sondern nur Theresen und Cäcilien, -die sich am meisten dafür zu interessiren scheinen. Sie wünschen Alle, -Du möchtest mal kommen. Ginge es nicht? Freilich nicht vor dem Frühlinge, -und wo bin ich dann? -- Zwar habe ich außer meiner Arbeit hier im Schlosse -noch zwei Bilder anzufertigen versprochen und ein drittes wünsche ich =in -doublo= zu malen, aber zum Frühjahr werde ich mich doch wohl reisefertig -machen müssen. Wohin? -- Das weiß ich noch nicht. Das Leben in den -großen Städten, wo ich nirgends heimisch bin, wird mir nachher schlecht -behagen, ich muß mich wohl irgendwo, auf irgend einem schönen Fleckchen -der weiten Erde häuslich niederlassen. Was meinst Du dazu, erscheine ich -Dir schon gereift genug zu einem Hausherrn, oder glaubst Du, daß ich meine -Lehr- und Wanderjahre noch ausdehnen muß, um später mit um so sicherer -Hand das Fundament zu meinem Lebensglücke zu legen? -- - -Im Kreise solcher Familien, wie die des Grafen und Bernwachts, steigen bei -dem flatterhaftesten Menschen solide Gedanken auf; ich könnte mir -mein Haus in Zukunft sehr hübsch denken, es würde im Aeußeren etwas -alterthümlich mit Schnitzwerk, Erker und schwerem Messinghammer an -der eichenen Hausthüre sein, es würde tiefe, weite Fensternischen -und behaglich eingerichtete Zimmer haben. Unten wären Empfang- und -Wirthschaftszimmer, oben die des Hausherrn und das Kabinet der Frau, das -wäre ein kleines licht- und blumenreiches Gemach, mit einem Fortepiano, -Bücherschrank und schönen Gemälden, wüßte ich doch jenen Christus -wieder aufzuspüren! -- In dem Erker würde eine Staffelei stehen können, -vielleicht wäre sie der Frau nicht zuwider, und während ich malte, -tauschten wir unsere Gedanken aus, oder sie läse oder spielte. - -Das Bild ist verlockend, ich muß es bedecken, mich davon abwenden, -vielleicht ist es ebenso unerringbar wie jener spurlos verschwundene -Christus. -- Doch genug, ich muß heute noch einen weiten Spaziergang -machen und schließe mit einem Gruße warmer, brüderlicher Liebe. - - _Justus._ - - - - - Den 13. December. - -Liebe Schwester, ich habe eine Menge Aufträge für Dich. Du schriebst im -letzten Briefe, Du würdest vor Weihnachten noch einmal nach Berlin reisen, -das paßt ganz zu meinen Wünschen. Burga hat es nämlich bei ihren Eltern -dahin gebracht, daß ich die Erlaubniß erhielt, den heiligen Abend des -Weihnachtsfestes bei ihnen zuzubringen, und nun wollte ich Dich bitten, -in Berlin passende Geschenke für die Familie auszusuchen. Ich denke, -eine hübsche Schreibmappe mit schönem Papier würde Theresen nicht -unwillkommen, eine Auswahl neuer Tänze oder irgend ein Putzgegenstand für -Ida nicht unpassend sein. Burga und Berga müssen etwas Egales haben, oder -Gemeinschaftliches, Noten zu vier Händen etwa, oder Spiele, oder eine -wohleingerichtete Kochanstalt, was Du willst, Du wirst schon das Richtige -treffen. Für Cäcilie etwas zu wählen, ist schon schwerer; ich habe an -Scrivers Werke gedacht -- ich habe in diesen Büchern gelesen, sie stehen -in der mir zugänglichen Bibliothek des Grafen -- aber wie könnte ich es -wagen, ihr ein Erbauungsbuch zu schenken! Aber wenn Du dennoch meinst, -es ginge, dann schicke sie, in recht würdigem, gediegenem Einbande. -Vielleicht machten ihr auch Märchen, mit vielen Bildern im Text, Freude, -es müßte aber schon etwas _sehr Gutes_ sein, gehaltvoll, in der Form -gelungen, und jedenfalls in einer Prachtausgabe; erkundige Dich doch, was -es Bestes in der Art giebt. Auch habe ich an Schmucksachen gedacht: ein -Perlenhalsband mit schönem, goldenem Schlosse würde ihr vortrefflich -stehn; doch Perlen bedeuten Thränen, mein Geschenk soll weiter keine -Bedeutung haben, als ein Andenken an diesen heiligen Abend, die der -Thränen gewiß nicht, und so ist es auch mit einem goldenen Kreuze, -welches sie vielleicht trüge, aber nein, Kreuz bedeutet Leid. - -Du siehst wohl, für Cäcilien weiß ich garnichts, suche Du nur etwas aus, -was für ein frommes, sinniges und schönes junges Mädchen paßt, vergiß -aber nicht, mir auch all die Sachen, welche ich angedeutet habe, mit zu -besorgen, es könnte doch sein, daß mir das Eine oder Andere davon noch -wünschenswerth für sie erschiene. Gern malte ich ihr etwas, aber was? Sie -hat so viel Schönheitssinn, so viel Kunstverstand, werde ich ihr in der -kurzen Zeit, neben den mir aufgetragenen Arbeiten, noch etwas Würdiges -schaffen können? Ich bezweifle es. Für die kleine Johanne habe ich -ein Album machen lassen, welches ich mit Zeichnungen aus der biblischen -Geschichte schmücke, ein kleines Büchlein nur. Ein Album wäre auch etwas -Passendes für Cäcilie, aber ich müßte es ihr fast leer überreichen, -und das möchte ich nicht. Höre, Kind, besorge doch auch eine Prachtmappe -von Sammet und einfachem Golddruck, es könnte sein, daß ich unter meiner -Sammlung noch so viel Gutes zusammenfände, was ich ihr, ohne lächerlich -zu erscheinen, anbieten dürfte. -- - -Lebe wohl, liebes Kind, ich habe es sehr eilig. - - _Dein Bruder Justus._ - -Um allem Irrthum vorzubeugen, füge ich diesem Briefe ein einfaches -Register derjenigen Dinge bei, welche ich für Cäcilien besorgt zu haben -wünschte: 1) Scrivers Werke, 2) Märchen, 3) ein Perlenhalsband, 4) ein -goldenes Kreuz, 5) eine Mappe, und 6) Verschiedenes, durch welches Dein -Geschmack meiner Rathlosigkeit zu Hülfe kommen könnte. - - J. - -Was meinst Du, schenke ich auch den Alten etwas? Es wäre wohl nicht gut -angebracht, aber Julchen muß etwas haben; sinne nach, was es sein kann. -Spare ja nicht, ich lege einen Wechsel von 50 Rthl. bei, und reicht das -Geld nicht, so lege nur für mich aus. - - _Dein Bruder._ - - - - - Den 20. December. - -Welche Wichtigkeit ein Bräutigam ist! Kommt so ein Mensch in's Haus, so -erschallt vom First bis in's Souterrain ein Jubel: er ist da, Heil, er ist -gekommen! Selbst Cäcilie, ja gerade Cäcilie läuft mir da heute Morgen -entgegen, daß die schwarze Sammetschleife im Haar in ungewohnten Schwung -kommt, sieht mich mit beiden Augen freudenvoll an und ruft: »Theodor ist -hier!« -- »So?« fragte ich ganz kühl; ich fühlte gar keine so große -Veranlassung zur Freude. -- »Ja, und bleibt bis acht Tage nach Neujahr, -kommen Sie, ich werde Sie vorstellen,« und hin ging's zu dem Herrn -Theodor, der doch auch Seinesgleichen in der Welt hat. Sonst ist er ganz -nett, -- er hat in der That etwas sehr Einnehmendes, und durch die Briefe -seiner Braut von meiner Einbürgerung im schwiegerväterlichen Hause -benachrichtigt, reichte er mir mit offener Herzlichkeit gleich die Hand -zur Einleitung eines freundschaftlichen Verkehres. -- Ich bin neugierig -zu wissen, ob man mit mir, wenn ich einmal Bräutigam sein werde, auch so -viele Umstände macht. -- - -Deine Sendung ist noch nicht angekommen, ich erwarte sie täglich. -- Die -Vorfreuden des Festes beginnen, Pfeffernüsse durchduften fast alle Häuser -seit längerer Zeit, und Tannenbäume schleichen in der Dämmerung durch -die Straßen, um unbemerkt in die Häuser zu schlüpfen, die Geheimnisse -mehren sich. - -Die Gräfin ist ganz Glück, so recht in ihrem Elemente, aber wann ist sie -dies nicht? -- Ohne Unterlaß gehen Boten mit Commissionszetteln nach -allen Himmelsgegenden; verschiedene alte und junge sanfte Frauengesichter -erscheinen geheimnißvoll mit großen Körben voller Sachen im Schlosse -und ziehen sich, ihrer Bürde entledigt, mit augenscheinlicher Befriedigung -wieder zurück. Sie scheinen den Frommen anzugehören, denn diese mögen -alt oder jung, hübsch oder häßlich sein, ein gemeinsames Kennzeichen -haben sie Alle, sie zeigen fast beständig ein heiteres Gesicht, -ein ruhiges Auge, die Seufzer über das menschliche Elend sind nur -vorübergehend, der liebe Herr macht alles, was uneben ist, ihnen wieder -gerade. Julchen ist mir das Ideal solcher Frommen. Man möge diese Leute -in Zukunft in meiner Gegenwart nicht wieder angreifen, ich werde sie -entschlossen, mit dem Muthe der Ueberzeugung vertheidigen. Sehr möglich, -daß es auch unter ihnen Heuchler giebt, aber wo giebt es keine? Wie viele -Freigeister, die ihre Thaten ihr Gottsein beweisen lassen wollen, verbergen -bedächtig viele ihrer schmutzigen Werke vor den Augen der Welt, verstecken -unter Phrasen über Berechtigung, Freiheit und dergl. die an sich -wohl erkannten Flecken. Hier ist es anders, und wer sich wohl fühlen, -vereinfachen will, wieder in das Paradies der Kindheit zurückversetzen -möchte, komme nach Burgwall, wo nichts von der verschrieenen Kopfhängerei -an den Gläubigen zu merken ist, wo Hoch und Niedrig das Band Einer Liebe, -Eines Glaubens verbindet. Halte mich wegen dieses Zeugnisses aber ja nicht -für einen mit ihnen in Christo Verbündeten, Du würdest sehr irren. Ich -möchte es wohl sein, weil ich sehe, wie innigst befriedigt sich diese -Menschen fühlen, welche Geduld sie beweisen, welche Todesfreudigkeit sie -haben. Auch das habe ich nicht aus Schilderungen, denn fern ist diesen -Leuten Proselytenmacherei; sie brauchen nicht klüglich zu sprechen, um -für sich und ihre Lehre zu werben, sie sind anziehend, das ist mehr -als Jenes. -- Ich hörte öfter von einem alten, sehr leidenden Manne im -Bernwachtschen Hause reden, und ging eines Abends zu ihm. Möchte ich einst -so heiter sterben, wie dieser Greis! -- Als ich ihn fragte, ob ich ihm -irgendwie dienen, ihn mit etwas erquicken könnte, deutete er auf ein -Buch und einen Gesang, den ich ihm daraus vorlesen sollte; ich that es mit -Schüchternheit, das kindliche Verlangen nach der frohen Ewigkeit, welches -in diesem Liede lebte, war mir fremd, der Alte kannte es. Und dann wie -dankbar war er. »Der Herr wird es Ihnen lohnen,« verhieß er. Einige -Tage später war er bei seinem Herrn. Ich sagte es Bernwachts, als ich -es gehört hatte, sie wußten es schon, und Cäcilie sagte mit freudigen -Augen: »Wie schön wird er Weihnachten feiern!« - -Solch ein Glaube kann da schwerlich einziehen, wo er so lange belächelt -ist; ich habe ihn nicht, aber ich muß ihn ehren. -- - -Gestern Abend nach Tisch war ich noch im Familienzimmer, wo wir -ausnahmsweise gegessen hatten, als die Gräfin ein dickes Buch hervorholte, -um ein Weihnachtslied auszuwählen. Der Graf, der sich mit mir unterhielt, -wurde zu Rath gezogen, und endlich ein Gesang zum Festliede ausersehen. -Es gefiel auch mir besonders, und als die Gräfin Anstalt machte es -abzuschreiben und viele Quartblätter schnitt, welche zeigten, daß sie es -in vielen Exemplaren haben wollte, bot ich meine Hülfe an. Ein freudiger -Blick lohnte mir. »Finden Sie das Lied schön?« fragte sie. -- »Ja,« -erwiederte ich, »es sagt mir sehr zu.« - -»O, das ist auch eine Festfreude,« sagte sie herzlich, und reichte mir -die Hand zum Drucke; ich küßte sie aber demuthsvoll. - -»Die Wahrheit ist eine siegreiche Macht,« sprach der Graf, »und eine so -selige,« fügte seine Frau hinzu. - -»Aber mein Herz und mein Verstand sind sehr trotzig,« entgegnete -ich, »sie wehren sich selbst dann noch, wenn sie schon die Größe des -Ueberwinders ahnen und ehren.« - -»Es wird Ihnen nichts helfen,« sagte der Graf, und drückte mir warm die -Hand; »die Wahrheit bedarf nur geringen Raumes, um bald siegreich das Feld -zu behaupten. Gott segne das Fest an Ihrem Herzen!« - -»Amen!« hallte die Gräfin. - -Ein Jahr zurück, nur ein halbes, und wie anders damals und jetzt! Was ich -jetzt zu sein wünsche, verlachte ich damals, Glauben nenne ich, was damals -Vorurtheil hieß, Aufklärung, was Befangenheit genannt wurde. Und dieser -Umschwung geschah in aller Stille, und was das Traurige dabei ist, ich -stehe nur draußen vor der Schwelle des Heiligthums, höre mit dem einen -Ohr die Harmonie drinnen, mit dem andern das Spotten ehemaliger Genossen. -Dennoch beschwere ich mich keineswegs, und wenn ich die ganze Wahrheit -sagen soll, so bin ich auf die Entwickelung dieses Seelenprozesses -neugierig. Wie und wann werde ich so glückselig werden wie der Graf, -oder sein Gärtner, oder Julchen, oder wird eine Reaction eintreten? Ich -wünschte, jene Leute wären wirklich in der Wahrheit, und Gott hülfe mir -auch dazu zu kommen. Gottes und Marien Sohn! -- - -Julchen sagte vor einigen Tagen zu mir: »Worin liegt denn eigentlich das -Unglück, wo steckt der Knoten?« - -»Ich möchte gern ein Christ sein, wie andere mir liebe Menschen, und bin -es nicht im Stande.« - -»Warum wollen Sie es denn sein?« - -»Weil ich das Beste nicht für zu gut für mich halte, als Gottes Kind -könnte ich ja auch wohl ein Christ sein.« -- Sie lächelte, mußte aber -wieder fragen, warum ich das Christenthum für »das Beste« hielte, -und ich sagte ihr, daß ich die Wirkungen seiner Vortrefflichkeit nun -hinlänglich wahrgenommen hätte, um zu diesem Schlusse zu kommen, und -zweitens gedächte ich zuweilen mit einem peinvollen Gefühle an meine -mögliche Verblendung, an meine Undankbarkeit, wenn Christus nämlich -wirklich der wäre, den ich nicht glauben könne. - -»Wenn es so steht, dann wenden Sie sich nur mit Ihrem Verlangen an Ihren -Schöpfer, beten Sie nur das schönste Gebet, welches wir haben, Sie beten -dann zu Ihrem Gott, und ganz im Sinne dessen, den Sie suchen, mit seinen -eigenen Worten.« -- - -»Das thue ich auch, und lasse es nun auf Ihn ankommen, lese auch fleißig -in der Bibel. Zuweilen prüfe ich, da nicht zu verkennen ist, daß ich -gewissermaßen mich der Kindheit wieder nähere, ob ich in meinem Urtheile -über andere Dinge auch anders, etwa schwächer, geworden bin, ob mein -Auswendiges gelitten hat, so fest hänge ich an Vorurtheilen! Aber lachend -muß ich mir gestehen, daß ich noch alle meine Gaben gut bei einander -habe, und mein der Freude so gern offenes Herz mit vielen schönen -Gefühlen angefüllt ist. - -Das Lied will ich Dir abschreiben, es ist von Gerhard Tersteegen und -heißt: - - Jauchzet ihr Himmel! frohlocket ihr englischen Chöre, - Singet dem Herren, dem Heiland der Menschen zu Ehre; - Sehet doch da! Gott will so freundlich und nah - Zu den Verlornen sich kehren. - - Jauchzet ihr Himmel, frohlocket ihr Enden der Erden! - Gott und der Sünder, die sollen zu Freunden nun werden; - Friede und Freud' wird uns verkündiget heut'; - Freuet euch Hirten und Heerden. - - Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget! - Sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget! - Gott wird ein Kind, träget und hebet die Sünd': - Alles anbetet und schweiget. - - Gott ist im Fleische, wer kann dies Geheimniß verstehen? - Hier ist die Pforte des Lebens nun offen zu sehen, - Gehet hinein, macht euch dem Kinde gemein, - Die ihr zum Vater wollt gehen. - - Hast du denn, Höchster, auch meiner noch wollen gedenken? - Du willst dich selber, dein Herze der Liebe, mir schenken? - Sollt' nicht mein Sinn innigst sich freuen darin - Und sich in Demuth versenken? -- - - König der Ehren, aus Liebe geworden zum Kinde, - Dem ich auch wieder mein Herze in Liebe verbinde, - Du sollst es sein, den ich erwähle allein, - Ewig entsag' ich der Sünde. - - Süßer Immanuel, werd' auch geboren inwendig, - Komm doch, mein Heiland, und laß mich nicht länger elendig, - Wohne in mir, mach mich ganz Eines mit dir, - Und mich belebe beständig. - - Menschenfreund Jesu, dich lieb' ich, dich will ich erheben, - Laß mich doch einzig nach deinem Gefallen nur leben, - Gieb mir auch bald, Jesu, die Kindesgestalt, - An dir alleine zu kleben. - -Zuweilen drückt sich der Verfasser ein bischen wunderlich aus, aber paßt -das Gedicht nicht genau auf mich und meinen gegenwärtigen Zustand? So -finde ich es auch mit vielen Bibelstellen, oft finde ich Worte des -Rathes in der Bibel, die mir fast wie ein Wunder vorkommen, denn vor fast -zweitausend Jahren geschrieben, beantworten sie genau eine nur gedachte -Frage der Gegenwart. Wenn Jesus doch noch auf Erden lebte! -- Das sieht -nun aus wie der fromme Seufzer eines Heiligen, während ich, weit davon -entfernt, durchaus ein Kind dieser Welt bin, und den Heiligen eigentlich so -ziemlich gänzlich verleugne. -- - -Gute Nacht, liebe Schwester; es ist bei meinem Schreiben spät geworden. -Wie die Sterne draußen funkeln! Der Schnee liegt hoch, weit und breit, die -Natur feiert auch auf ihre Weise. -- Ich lege diesen Brief auf ein -Bild, welches Du Dir längst gewünscht hast, und schicke es Dir mit den -wärmsten Grüßen. Lebe wohl! - - _Dein Bruder Justus._ - - - - - Am 2. Weihnachtsfeiertage. - -Es läutet eben zum Nachmittagsgottesdienst, die Sonne lacht heiter in's -Fenster und läßt die vergoldeten Aepfel an meinem Weihnachtsbaume hell -erglühen. Dein Brief, der mit all den vielen empfangenen Geschenken -darunter liegt, redet mir zu zu schreiben, und -- hier bin ich. - -Ich bin in einer wundervoll friedereichen Stimmung. Das Leben ist -kein Traum, aber ein Räthsel, ein unerschöpflicher Glückesborn, ein -sinnreicher Lehrmeister, der zugleich beschämt und beseligt. Warum es -mir so einzig im Kopf und Herzen klingt, kann ich nicht genau -auseinandersetzen, in Summa aber ist es die Liebe, die mich jubeln und -danken läßt. Liebe überall! -- »Also hat Gott die Welt geliebt« --- kennst Du das auch, daß irgend eine Strophe oder ein anderes Wort -unablässig im Ohre klingt, daß man es gar nicht los werden kann? So geht -es mir heute mit den Worten: »also hat Gott die Welt geliebt.« -- -Die Welt hat diese Liebe begriffen, wie entzückt sieht sie aus, wie -verschwenderisch ist sie im Nachahmen jener Liebe, auch ich werde damit -überschüttet, aber ich erwiedere, verlaß Dich darauf! -- - -Ich möchte, ich könnte Dir auch all die schönen Sachen zeigen, die mir -am heiligen Abend bescheert wurden, da liegen sie festlich im Sonnenglanze: -ein neues Testament von der Frau Gräfin, ein warmer, weicher Reisepelz -von dem Grafen, von Johannen der Baum -- das süße Geschöpf mit seinen -prächtigen Einfällen! -- Nun kommen die aus dem Bernwachtschen Hause: -eine Specialkarte der Provinz vom Alten, ein riesiger Pfefferkuchen -von Frau Bernwacht; Therese hat mir eine Uhrschnur gearbeitet, Ida ein -Notizbuch gestickt, Cäcilie drei Lesezeichen, Burga und Berga ein -Paar farbenreiche Morgenschuhe. Auch von Julchen liegt etwas da, etwas -Rührendes: es ist ein Brief von unserer Mutter, ich will ihn Dir -abschreiben. - -Liebes Julchen. Hier schicke ich Dir das Probehemdchen für Paulinen, die -neuen müssen aber eine handbreit länger und weiter gemacht und auch in -den Aermeln verhältnißmäßig größer werden. Gern hätte ich es Dir -selbst gebracht, Du weißt, ich wünschte schon am Sonntag bei Euch zu -sein, aber mein Justus ist unwohl, und ich mag ihn, da er so stürmisch -ist und seine Vorsätze leicht vergißt, nicht verlassen, er könnte leicht -etwas thun, was ihm schadete, das Mutterherz ist so ängstlich! -- - -Gott befohlen! - - _Deine Marie._ - -Die alte Zeit lebt auf, ich sehe der Mutter zarte Gestalt, ihr sorgsames -Auge. Das Wort, das längst ungewohnte, _mein_ Justus, weckte ein Sehnen -in mir, oder schärfte es nur -- aber ich will nicht mehr stürmisch sein, -Pauline, meine guten Vorsätze sollen erstarken. - -Wie es im Feste war? Schön. Erst allgemeine Bescheerung hier im Schlosse, -die ganze Bewahranstalt, alle Waisenkinder waren da. Ehe sie in den -Speisesaal, wo Alles arrangirt war, eingelassen wurden, war Andacht im -daranstoßenden Betsaale, ähnlich wie schon manchmal, nur viel freudiger -noch. Auch die Bernwachtschen Töchter waren sämmtlich da. »Mama baut -auf,« flüsterte Berga, »freuest Du Dich nicht schrecklich?« -- »Nein, -ich freute mich recht schön, für Niemanden zum Erschrecken, ganz sanft -wie ein gutes Kind, ähnlich vielleicht wie Cäcilie.« -- - -Die von der Gräfin für die Kinder bestimmten Geschenke waren durch -freiwillige Beiträge aus der Stadt bedeutend vermehrt; ich entdeckte auch -hübsche, braun- und rothgestreifte Schürzchen, welche ich unter Theresens -Händen entstehen gesehen, und eine Menge kleiner gestrickter Handschuhe -wollten mich an ein junges Mädchen erinnern, dessen Fleiß ich in den -Leseabenden zu bewundern Gelegenheit gefunden hatte. -- Allgemeine Freude -auf dem Schlosse und ebenso bei Bernwachts, Jeder gab, Jeder empfing und -war in bewegter Stimmung. -- - -Deine Einkäufe habe ich mit vieler Freude empfangen und ausgetheilt, -doch anders wie ich anfangs beabsichtigte. Als ich den Berg Geschenke für -Cäcilie erblickte, stieg's wie Spott über meine Zuversichtlichkeit in mir -auf: mit welchem Rechte durfte ich sie so auffallend vor ihren Schwestern -auszeichnen? Nur Amarant, welches ich Deiner Wahl verdankte, und das mich -gleich, nachdem ich hineingesehn und ein Paar Verse gelesen hatte, für -sich entschied, legte ich, nebst einem frischen Bouquet aus dem Treibhause, -auf ihren Platz unter dem Baume, das andere Buch, »die weite, weite -Welt,« will ich für die Leseabende aufheben. Therese erhielt zu ihrer -Briefmappe die Perlen, Ida zu den Noten das Kreuz, Julchen außer dem Muff -Scrivers Werke, und den Kleinen steckte ich die Mappe voll Zeichnungen. -Alle fanden sich sehr reich beschenkt; noch an demselben Abend sah ich -Cäciliens Wangen sich höher färben durch -- Amarant. Sie findet es -schön, und hat es ihrerseits zum Beitrag für die Leseabende bestimmt, -obgleich Theodor sie mit den herrlichen Briefen »Wilhelm von Humboldts an -eine Freundin,« beschenkt hat. -- Nun auch Dir Dank, Schwesterherz! -Dank für jeden Ausdruck Deiner Liebe. -- Dein Rath, mich mit meinen -Ansiedlungsplänen nicht zu übereilen, ist begründet, und soll befolgt -werden -- ich sagte es Dir ja, ich habe nicht die leiseste Hoffnung, -daß der süße Traum einst verwirklicht werden könne; ich will nichts -übereilen, sondern still abwarten, wie Gott es will. Mein herzliches -Lebewohl! - - _Justus._ - - - - - Den 15. Februar. - -Du mahnst mich an mein Versprechen, keine Lücke in unserm Briefwechsel -entstehen zu lassen, so will ich schreiben, es ist jedoch wenig zu -berichten. -- Des Tags bin ich meist sehr fleißig, und die Abende -verfließen in Dir bekannter, lieber Weise, nur lesen wir zweimal in der -Woche, statt einmal. Wir sind bei der weiten, weiten Welt, und mit Ausnahme -Ida's, die gleich durch den etwas breiten Anfang des Buches gegen dasselbe -eingenommen wurde, findet es allgemeinen Beifall, besonders bei meinem -kleinen, frommen Lieblinge, der Cäcilie. Sie schwärmt für Helene -Montgomery, für Alice und St. John, sie liebt Master Vanbrunt, und -entschuldigt -- auf Ida's Angriffe -- selbst alle vorkommenden kleinen -Teufeleien, welche die wilde kleine Person, Helenens Plagegeist, ausübt, -damit, daß das Alles nachher ihr leid genug gethan habe, und mehr -könne man nicht verlangen. -- Da fällt mir noch etwas Anderes bei, was -charakteristisch ist. Vor einiger Zeit war ich Nachmittags bei Bernwachts. -Draußen, vom wildesten Schneegestöber umstürmt, standen ein Mann und ein -junges Mädchen, er drehte die Orgel, sie sang, und sang mit einer Ruhe und -Resignation, aber dennoch melancholischer Stimme und Weise, das Lied -- ich -weiß seinen Anfang nicht -- welches zum Refrain die Worte hat: »Das Leben -ist ja nur ein Traum.« - -Frau Bernwacht schickte einige Münze hinaus und sagte: »Die junge Person -hätte besser gethan, in ihrem Dorfe zu bleiben, als in der Welt herum -zu reisen; was hat sie nun davon? Ich sollte denken, die schwerste Arbeit -wäre ein Vergnügen gegen diese Lebensweise.« - -»Sie mag aus der Stadt sein, Mama,« entgegnete Therese nachdenklich, -»und Du weißt, wie schwer es Vielen in den großen Städten wird, sich -ehrlich zu ernähren, sie hat vielleicht schon Mancherlei vergeblich -versucht und nothgedrungen dies Wanderleben begonnen.« - -»Vielleicht hat sie eine arme, kranke Mutter zu Haus,« sagte Cäcilie -mitleidig, und betrachtete sie ernst mit ihren warmen Blicken; »sie sieht -recht so aus, als wenn ihr das Herz weh thäte.« - -»In dem Falle hätte sie lieber die Barmherzigkeit der Menschen ansprechen -sollen, und die Mutter pflegen,« beharrte die Bürgermeisterin, »dies -Vagabondiren ist der Ruin für solche Mädchen. War es vorhin für sie -schwer, ein Unterkommen oder Unterhalt zu finden, dann wird es ihr nachher -fast unmöglich sein. Wer nimmt wohl ein Mädchen, was sich zu solchem -Leben einmal bequemt hat, in Dienst? ich gewiß nicht.« - -Ida war auch theilnehmend geworden und vertheidigte das Mädchen: sie -arbeite ja auch, das sei, nach ihrer Meinung, immer besser als betteln. So -lange man irgend Kräfte habe, müsse man Andern doch nicht lästig fallen -wollen. Wenn sie z. B. in so unglücklicher Lage wäre zwischen Betteln und -Straßensingen wählen zu müssen, so würde sie ihr Angesicht verhüllen -und singen. - -»Ich nicht,« sagte Cäcilie erregt, und reichte dem vorübergehenden -Mädchen ein winziges, weißes Päckchen aus dem Fenster, »mir würde das -Bitten gar nicht so schwer werden. Das Geben ist ja eine Freude, man -kann sich ja mit seinen Bitten an solche Leute wenden, die dadurch nicht -belästigt werden, und nun gar für Andere! -- ich habe doch mehr Muth als -Du, Ida.« - -»Demuth,« sagte die Mutter. Cäcilie erschrak fast und senkte die Augen; -sie sah gerade so aus, als dächte sie: Demuth -- ich? - -»Demuth -- ja,« wiederholte Ida kühn, »aber Muth -- nein: Du -würdest lieber vergehen, als ein Leben führen, was unter dem Banne -der öffentlichen Meinung steht, Du würdest fürchten im Bereiche des -Niedrigen und Unreinen auch bei Dir selbst zu verlieren, Du bist überhaupt -nicht sicher, trotz Allem, immer stehen zu können.« - -»Nein, das bin ich nicht,« erwiederte die Schwester sanft, »ich mache -ja alle Tage die Erfahrung, daß ich der göttlichen Hülfe und Gnade -bedarf.« -- - -Bin ich ein Thor, Pauline, daß ich der Neugierde den Zügel schießen -ließ, daß ich mich in ihre kleinen Geheimnisse eindränge? Ich habe das -singende Paar in einer Spelunke aufgesucht und mir das Zettelchen zeigen -lassen. Hergeben wollte ihn das Mädchen um keinen Preis, ich bot ihr viel, -aber sie blieb fest, und warum soll ich ihr den Talisman, den Engelgruß -nehmen, da sie ein armes, elendes Geschöpf ist, was vielleicht nichts -Heiliges weiter in der Welt hat! -- Auf dem Zettel, auf dem noch deutlich -die Spur des eingewickelten Geldstückes zu sehen war, stand: - - Habe Gott vor Augen und im Herzen, und hüte Dich, daß Du in keine - Sünde willigest, noch thuest wider Gottes Gebot. -- Wirf dein Anliegen - auf den Herrn, der wird Dich versorgen. Gott sei mit Dir, Amen. - -Ich beschenkte sie reichlich und sie trug mir auf, der jungen Dame zu sagen --- was natürlich wohl nie geschehen kann -- daß sie nie wieder so singen -würde. Sie sei einer allzu strengen Herrin entlaufen, Angehörige habe -sie nicht mehr, ein Dienst sei nicht zu finden gewesen, sie habe Schulden -machen müssen -- so sei es gekommen. Nun sollte ein anderes Leben begonnen -werden. -- Ob ich ihr nicht den Namen des Fräuleins sagen wolle, sie wolle -ihn dem lieben Gott nennen. »Glauben Sie denn an Gott?« fragte ich schon -in der Thüre. »Ach,« seufzte sie da, »Sie dachten, ich wäre ganz -verworfen!« - -Ida's Bild ist bald fertig; ich habe Dir wohl noch nicht geschrieben, daß -die Familienhäupter sich dem Aschenbrödelproject entschieden widersetzen. -Die jungen Damen fanden es ganz hübsch und hätten ihre Einwilligung -vielleicht nicht versagt. Zu Anfang der nächsten Woche gedenke ich -Cäcilien zu malen, hier im Schlosse bin ich bald fertig. Noch bin -ich unschlüssig, wohin ich von hier gehe, zuweilen denke ich an das -Morgenland, es wären interessante Studien dort zu machen, und vielleicht --- ich träume wieder! nein, ich will nur in der Nähe bleiben. -- - -Weißt Du, ich habe ein Lied gehört, das Du Dir in einer -Musikalienhandlung suchen mußt. Von wem es gedichtet und componirt ist, -weiß ich nicht, aber ich habe es singen hören, kann Dir auch den Text -schreiben. -- Ida war bei der letzten Sitzung mißgestimmt, und ich wollte, -weil ich diese Linien des Verdrusses nicht in das Portrait einfließen -lassen mochte, zu malen aufhören, als Therese Cäcilien bat, dies Lied -zu singen, sie meinte mit Recht, dann würde die Wolke wohl verfliegen. -Du magst den Text sehr einfach finden, vielleicht ganz unbedeutend, ich -versichere Dich aber, das Ganze war von ergreifender Wirkung. - - Du Tropfen Thau, seh ich dich an, - Kommt mir die Thräne süß und still, - Weil du so treu dein Blümlein liebst, - Wie ich wohl einmal lieben will. - - Und trennt dich auch an jedem Tag - Von deinem Lieb der Sonnenschein, - Du kehrst am Abend stets zurück, - So muß wohl treue Liebe sein. - - Und stirbt dein Lieb vom Sonnenbrand, - Dann stirbst auch du im letzten Kuß, - Ich seh dich an und sinne still; - Wie solch ein Tod beglücken muß! -- - -Wie ich wohl einmal lieben will! Sie weiß es nicht, das Kind, und doch -dieser hinreißende Vortrag, dieser unvergleichliche Ausdruck! Es liegt -gewiß darin, daß es ihr angeboren ist, nie Mißgriffe zu begehen, in -Allem vollendet zu sein. -- Ida wurde ganz sanft und schön, ich unruhig, -mir klopfte das Herz vor schmerzlicher Wemuth. Cäcilie und ich, welch ein -Unterschied! Kannst Du mir nichts nennen, was die Kluft ausfüllen könnte? -Doch wie spreche ich, wie solltest Du junges Kind wissen, was der Weiseste -auf Erden nicht erdenken könnte. Lebe recht, recht wohl! - - _Justus._ - - - - - Am 2. März. - -Bin bei der süßesten Arbeit, Du weißt bei welcher. Natürlich sind wir -nie allein, aber wozu auch? ich würde ihr doch nichts sagen, nicht von -fern meine schneeweiße Lilie beunruhigen. Wir plaudern herrlich unbefangen -mit einander und ich bin auch, ihr gegenüber, vollständig befriedigt. Was -könnte ich noch Schöneres wünschen, als sie ansehen, ihre freundliche -Stimme hören zu dürfen, die mir des Lieblichen so viel sagt: -- Sie ist -ganz vertrauungsvoll, und plaudert, was ihr in den Sinn kommt. »Was wird -Theodor sagen,« meinte sie gestern, »wenn er wiederkommt und mich auch -gemalt sieht; ich habe es immer für Scherz gehalten, wenn Sie davon -sprachen.« -- »Warum,« fragte ich, »sah ich so spaßhaft dabei aus?« - -»Auch wohl, und ich bleibe ja bei den Eltern.« -- - -»Ida ja auch,« wendete ich ein, als wäre das kein Grund. Sie lächelte. -»Wenn Sie wieder kommen, müssen Sie Theresen auch malen,« fuhr sie -fort, »in spätestens zwei Jahren ist ihre Hochzeit und dann verläßt sie -Burgwall.« - -»Komm ich denn wieder?« fragte ich. - -»Ich dachte,« antwortete sie ganz erstaunt. - -»Und so bald?« fuhr ich zu fragen fort. - -»Das müssen Sie am besten wissen.« -- Ich schüttelte den Kopf; es -schien mir gerade in diesem Augenblicke, als sei es doch besser, ich kehre -in Jahr und Tag nicht wieder hierher zurück. -- Zuweilen erzählt sie -etwas aus ihrer Kinderzeit, und wie frisch lacht sie dabei! Neulich wurde -das Gespräch zwischen ihr und den Schwestern sehr lebhaft, man neckte sie -mit vergangenen Zeiten, da hatte sie sich zu vertheidigen, und dann mußte -sie wieder lachen, sie wurde ganz unruhig auf ihrem Stuhle und wendete sich -bald hier und bald dorthin, ich vergaß das Malen darüber und sah sie an. -Plötzlich fiel ihr Blick auf mich, wie ich dasaß, nichts that und sie -betrachtete, sogleich setzte sie sich in Positur, neigte sich mir etwas -entgegen und flüsterte: »Sie sind eigentlich sehr gut -- nicht wahr -Mama?« - -»Was denn?« fragte diese. - -»Herr Brand ist sehr gütig, so geduldig zu warten.« -- - -Hätte sie die Sache nicht unter uns lassen können? -- aber nein, sie hat -nichts zu verheimlichen, was mich angeht. - -Julchen Hermann hatte, als sie an der Reihe war, kein Buch mitgebracht, und -appellirte an die Großmuth der Jugend, die da nichts verlangen werde, wo -nichts sei, sie habe keine belletristischen Bücher. Sie kam aber mit -ihren schönen Reden nicht durch, sondern mußte sich bequemen frei eine -Erzählung aus dem Leben vorzutragen, und wenn nicht aus ihrem eigenen -Leben, so doch aus ihrer Zeit. - -Nach einigem Weigern that sie's, und ich will sie Dir copiren. - - -Der Sohn der Wittwe. - -Nicht weit von der Försterei zu Drosehalm, liegt ein kleines Haus, welches -vor mehreren Jahren einer Wittwe gehörte, die mit ihrem einzigen Sohne, -einem lebhaften, gescheuten Knaben, in der einförmigsten Weise darin -lebte. Während Ludwig, so hieß der kleine Wildfang, der die Gedanken der -stillen Frau fast beständig beschäftigte, in der Schule war, besorgte sie -das kleine Hauswesen, führte die Ziegen auf die Weide, arbeitete in dem -Gärtchen, welches die Vorüberfahrenden, wenn sie um die Waldecke bogen -- -das Haus lag an der Landstraße -- vom Frühling bis zum Herbste, wie -ein unerwarteter, freundlicher Gruß, durch seine lachenden Blumen -überraschte, oder sie saß auch im Zimmer und spann. That sie Letzteres, -dann konnte man sicher daraus rechnen, daß irgend ein Erbauungsbuch, die -Bibel war ihr das liebste, aufgeschlagen neben ihr lag, denn durch die -jahrelange Uebung hatte sie es dahin gebracht, daß sie neben dem Spinnen -auch lesen konnte. -- Zuweilen erhielt die Wittwe auch Besuch aus der -Stadt, von Solchen, die ihr befreundet waren, und die auf der Reise nach -der Nachbarstadt, vor ihrer Thüre vorbei mußten, oder von dieser oder -jener armen Frau, die in großer Verlegenheit war, und Frau Schmidt um -Rath, Unterstützung oder Fürsprache bitten wollte, denn es war bekannt, -daß die einfache Frau im Waldhause unter den vornehmen Damen Gönnerinnen -hatte, die sie an manchem lieblichen Abende in ihrem stillen Hause -aufsuchten. Alle Besuchenden fanden dieselbe Aufnahme, sie erhielten -sämmtlich zum Gruße ein freundliches Gesicht, die Hand zum Drucke und -ein herzliches Willkommen. Alle gingen auch in der Regel befriedigt von -ihr fort, die Bittenden, nachdem sie erhalten, was sie wünschten, die -Trostesbedürftigen mit erneutem Muthe im Herzen, denn Frau Schmidt hatte -stets guten Muth, sie konnte unter allen Umständen, zu jeder Zeit davon -mittheilen. Auch die großmüthigen Damen, welche die Wittwe dann und wann -besuchten -- obgleich sie, trotz der Bitten der Kinder namentlich, nie -in ihren Häusern in der Stadt zu sehen war -- fanden sich in ihrer -Gesellschaft und der stillen Stube, welche im Sommer eine schöne Linde -beschattete, sehr behaglich. Die Kinder, welche sie mitbrachten, tummelten -sich, während die Frauen sich drinnen unterhielten, auf dem freien -Platze vor dem Hause, herum, oder näherten sich vorsichtig dem kleinen -Flüßchen, das noch sehr jung und unerfahren, mit großer Eile, über -Stock und Stein, durch den grünen Thalgrund, dem größeren, bedächtiger -fließenden Fluße zu eilte, der sich um die Stadt schlingt. In den Garten -zu gehen, wagten sie erst dann, wenn Frau Schmidt es ihnen ausdrücklich -erlaubte, oder wenn Ludwig aus der Schule kam, der dann sogleich sein -Bücherpaquet sammt Riemen in die erste, beste Ecke schleuderte, um als -galanter Wirth sich seinen Gästen zur Disposition zu stellen. Heidi, dann -gings lustig zu! kein ansehnlicher Schmetterling war seines Lebens -sicher, er mochte flattern wo er wollte, über dem Bache oder über den -Lilienkelchen, ihm wurde rücksichtslos nachgestellt. Ferner wurde den -kleinen, schlanken Fischen aufgelauert, die ganz harmlos schaarenweise, -zwischen den bemoosten Steinen, sich so wohlig dahinwanden; zuweilen war -denn auch wohl eine schöne bunte Forelle darunter, die durfte dann nie -entwischen, denn Forellen sind theure wohlschmeckende, vornehme Fische, -wohlgeeignet für die Tische reicher Leute und Ludwig schenkte gerne. Er -hatte sich dazu einen Topf mit durchlöchertem Deckel, von seinem Spargelde -gekauft, damit er, so oft das Glück ihm wohlwollte, lebendige Forellen, -auf seinem Schulwege der Frau Pastorin, oder Stadträthin, oder irgend -einer namhaften Dame, mitnehmen konnte. Von vorn herein hatte er sich so -zu stellen gewußt, daß man ihm solche Lieferungen nicht bezahlen konnte, -nein, er nahm nichts, er durfte auch nicht, er dankte sehr, höchstens -waren ihm ein Paar Aepfel aufzunöthigen, und die nahm er dann mit einer so -tiefen Verbeugung, und bedankte sich so ernst, daß es aussah, als glaubte -er, der besonders, hauptsächlich Beschenkte zu sein. - -Aber Ludwig war durchaus nicht so bescheiden, wie es im Allgemeinen von ihm -hieß, er war vielmehr stolz, und baute nicht, wie er durfte, Hoffnungen -auf seine ihm von Gott verliehenen Gaben, sondern er pochte auf sie. Er war -klug, geschickt und muthig, was lag nun daran, daß er nur eines schlichten -Bergmannes Sohn und nicht der Sprößling einer Patrizierfamilie war? Das -Blättchen kann sich wenden im Leben, dachte er, und blickte stolz dabei -umher, was niedrig ist, kann hoch, und was hoch ist, kann ganz klein -werden. - -Einmal hörte seine Mutter einen solchen laut gewordenen Gedanken, da -sagte sie: »Wenn Gott will -- aber dem Demüthigen giebt Er Gnade.« -- -»Erkundige Dich doch, was die Leute von mir sagen,« entgegnete ihr der -vierzehn Jahre alte Knabe, »Niemand wird mich hochmüthig nennen.« -- -»Du kannst wohl Menschen, aber nicht Gott betrügen,« erwiederte ihm -seine Mutter sehr ernst, und nun hütete er sich wohl, seine innersten -Gedanken wieder laut werden zu lassen. - -Ostern darauf wurde Ludwig eingesegnet und zu einem geschickten Tischler -in die Lehre gebracht, obgleich er seine Mutter fast fußfällig um die -Erlaubniß bat, einen höhern Beruf wählen zu dürfen. Auch seine Lehrer -riethen der Wittwe, dem Sohne eine umfassendere Ausbildung geben zu -lassen, als die Schule es bisher thun konnte, denn seine Gaben seien nicht -unbedeutend, und ein in ihm wohnender, nicht zu verkennender Ehrgeiz werde -ihn spornen, ihre Opfer zu vergelten. Aber die sonst so sanfte Mutter -zeigte hier eine große Festigkeit und blieb beharrlich bei ihrem -Entschlusse, den Sohn ein Handwerk erlernen zu lassen, welches -- das möge -er selbst bestimmen. Eben sein Ehrgeiz sei es, der sie in dieser Sache so -entschlossen mache, sie wolle das Ihrige dazu thun, diesen hochstrebenden -Sinn zu demüthigen, damit er einst fähig werden könne, nach wahrhaft -hohen Dingen zu trachten. - -»Mutter, ist es denn etwas Gefährliches, ein guter Lehrer oder gar -Prediger werden zu wollen?« fragte Ludwig mit Thränen in den Augen, -»kann ich nicht dem lieben Gott viel besser dienen, wenn ich den Beruf -habe von seiner Größe und Liebe den Menschen zu erzählen, als wenn ich -dastehe und schmiede, oder leime, oder so etwas?« - -»Wenn Du wirklich viel von seiner Größe wüßtest, und von heiliger -Liebe getrieben würdest, mein Sohn, dann würdest Du demüthiger sein,« -antwortete die Mutter, »etwas Sündlicheres kann ich mir kaum denken, als -einen Geistlichen, der auf die Kanzel mit dem Gedanken kommt: heute werde -ich gewiß bewundert werden, der mit seiner Predigt sich verherrlichen -will; der das Kreuz predigt und den eigenen Ruhm vor Augen hat. Nein, -Ludwig, bleib in unserm Stande, Du kannst darin sicherer selig werden.« - -Ludwig sah sehr finster dazu aus, und er seufzte tief über der Mutter -schreckliche, sein Lebensglück zerstörende, Verblendung, aber er konnte -nichts dagegen ausrichten und so wurde er ein Tischlerlehrling. - -Sein Meister nannte ihn musterhaft: er war fleißig, anständig in seiner -äußern Erscheinung, zuvorkommend, ernst, zuverlässig, sein Lob ertönte -reichlich, namentlich fand der Lehrherr es so rühmenswerth, daß er stets -pünktlich an Ort und Stelle war, sei es zur Arbeit, zu Tisch, zur Kirche, -oder sonst irgendwo, einem Versprechen oder Auftrage zu folgen; was er -versprach, hielt er mit gewissenhafter Genauigkeit. - -»Er wird einmal ein gemachter Mann,« prophezeihete er, »ich sehe schon -den künftigen Gewerksvorsteher, wenn nicht Senator der Stadt in ihm.« -- -Wohl freute sich die Mutter über das Lob ihres Lieblings, aber sie bat den -Meister inständig, es den Knaben nicht hören zu lassen. - -»Glauben Sie, es ist Wasser auf seine Mühle,« stellte sie ihm vor, »es -bewegt seinen Sinn die leidige Eitelkeit ohnehin genug.« - -»Nun was schadet die Eitelkeit?« entgegnete der Meister fast unwillig, -»wenn sie das Rad der Thätigkeit in Bewegung setzt und den Jungen alle -seine Kräfte mit Lust gebrauchen läßt? Nichts für ungut, Frau Schmidt, -aber Weibererziehung ist nicht für solchen aufstrebenden kleinen Menschen, -Ihr möchtet aus lauter Zaghaftigkeit alle frischen Sproßen seiner -kernigen Wurzel streng beschneiden, damit sie möglicher Weise nicht zu -einer Wildniß heranwachsen.« - -»Gott hat ihm doch den Vater genommen, und mich für ihn bestellt,« -erwiederte die Mutter ganz sicher, »darum muß ich ihn nach der Einsicht -erziehen, die Er mir gegeben hat.« - -Die Lehrzeit verfloß. Zwei Jahre blieb Ludwig noch am Orte, dann schnürte -er sein Bündel und ging in die Fremde. Der Abschiedstag war ein schwerer -für seine Mutter, sie hatte nichts weiter auf der Welt, daran ihr Herz -so ganz hing, wie diesen einen Sohn, und trotz seiner Fehler, als Sohn -war Ludwig musterhaft! Aber es mußte geschieden sein, und die Liebe macht -stark, besonders eine Mutter, welche freudigen Glauben zu Gott dem Herrn -hat, sie küßte und segnete ihn, begleitete ihn auch über das Weichbild -der Stadt hinaus und kehrte dann ergeben in ihr einsames Haus zurück. -- -Ihre Lebensweise blieb dieselbe wie bisher, nur daß sie nicht mehr wie -früher, Sonntags auf der Brücke, die über den kleinen Fluß führte, -stand und nach der Stadt hinsah, von welcher ihr Sohn sonst kam, und daß -sie jetzt noch mehr betete als las. - -Ein Festtag war allemal für sie, wenn der Postbote auf ihr Haus zuschritt. -O, ihr Herz fühlte dann einen wahren Freudenrausch! -- Die Nachrichten -waren anfangs meist gut, Ludwig hatte fast immer in großen Städten Arbeit -gesucht und gefunden, und schrieb gewöhnlich erfreut über das Gute, das -man auf Reisen kennen lernen und einsammeln kann. Selten klagte er, auch -vom Heimweh hatte er nicht gerade zu leiden, doch war seine innige Liebe -zur Mutter unverkennbar. Mehr als es der bescheidenen Frau lieb war, -deutete er an, wie er es ganz anders für die Zukunft mit ihr beabsichtige, -sie sollte einst bequemer, schöner wohnen, ein Haus in der Nähe der Stadt -haben, schon damit der Kirchweg ein kürzerer sei; er wollte dieses Haus -mit den schönsten Möbeln schmücken, für wen er denn sonst etwas lerne, -wenn nicht für sie? In diesem Tone schrieb er oft, wenn auch die Mutter -zu mäßigen suchte, und darauf hinwies, daß ihr Glück nicht im -Aeußerlichen bestehe, daß sie auch für ihren Stand und ihre Gewohnheit -hinreichend mit dem Nöthigen, ja Angenehmen versehen sei. - -Jahre verstrichen wieder, die Wittwe hatte ein ganzes Kistchen voller -Briefe, sie hatte auch des Sohnes Bild und freute sich sehr darüber: es -lächelte sie an und sah stattlich aus, der Jüngling war zum Manne heran -gereift, nur schien es ihr, als wisse diese breite Stirn von Trotz, als -läge in der ganzen Haltung eine Energie, die sich gegen jede zugemuthete -Unterwerfung sofort empören würde. Aber seine Briefe waren ja so -liebevoll, _ihr_ war er doch ergeben, das war gewiß, sie wollte auch nicht -zu ängstlich sorgen, sondern alle ihre Sorge auf Ihn werfen, der für uns -sorgen will. - -Dann kam aber eine Zeit, da seine Briefe das deutliche Gepräge des -Mißmuthes trugen; er klagte, es werde den Abhängigen zu schwer gemacht -sich den, ihren Fähigkeiten gemäßen, Standpunkt zu erringen, der Lohn -sei im Verhältniß zur Arbeit zu gering, die Behandlung nicht selten -unwürdig, die Besitzenden seien meistentheils herzlos -- die Mutter -wisse es nur nicht, wie es in der Welt zugehe, und er danke Gott, daß sie -dieselbe nicht gebrauche. Die Mutter hatte genug zu ermahnen und -schrieb auch, wenn es ihm draußen nicht gefalle, dann möchte er doch -wiederkommen, sie sehne sich ohnehin so sehr nach ihm. Gewiß hätte er so -viel gelernt, um die Innung mit einem Meisterstück zufrieden stellen zu -können, dann könnte er in der großen Stube seine Werkstatt aufschlagen -und sie würden Beide ein so recht seliges Leben, nach der langen Trennung -mit einander führen. Diese liebevolle Einladung hatte aber eine sehr -heftige Entgegnung zur Folge. Ob er darum so weit und lange gereist sei, um -mit leerer Hand, als ein armseliger Gesell wieder zu kehren, und der Mutter -Besitz zu seiner Etablirung zu benutzen? Nimmermehr! Er fühle hinlänglich -Kraft in sich, es mit der Feindseligkeit einer ganzen verkehrten Welt -aufzunehmen! - -Dieser harte Brief kam im Waldhause bei Winterszeit an, als der Schnee hoch -lag und die Wittwe schon wochenlang nicht aus dem Hause gekommen war. Wie -sehnte sie sich nach der Kirche! Zwar war ihr Herz selber ein dem Herrn -geweihter Tempel, und Haus und Garten und der stille Wald kannten den -Austausch ihrer Gefühle gegen den Segen himmlischen Trostes, aber dort, wo -sie die Weihe der Sakramente empfangen, sie und ihr Sohn, dort betete sie -besonders freudig für den geliebten Fernen. Nun ging es nicht, sie konnte -kaum zur Försterin kommen, um sich in ihrer Herzensbeklemmung an einigen -freundlichen Worten der Försterin zu erquicken, sie war mit ihrer Unruhe -in das Haus gebannt. »Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch -auf Erden, hilf dazu!« das waren Worte, die sich oft, vielleicht ihr -unbewußt, über die Lippen drängten, ihr Herz fühlte das Flehen -beständig. - -Und die Zeit der Finsterniß ging vorüber, der Schnee schmolz, die Sonne -lachte heiter durch die kleinen Scheiben des Fensters, wo über Rosen- und -Myrthenstöcken des Sohnes Bild hing; er schien die Mutter anzulächeln -und -- o der Freude! da kam auch der Mann mit der Briefmappe wieder, kaum -konnte die Mutter sein herzliches »Gott grüß!« erwiedern, so bewegt -war sie von der Erwartung, ob der liebe Herr, ihr treuer Helfer, des Sohnes -Herz gemildert habe, ob er, der Ferne, auch Sonnenschein um sich sehe und -in sich spüre. Und es war gut, Alles gut! Er schrieb reuig, bat wegen -seiner Heftigkeit um Verzeihung, erzählte von bessern Tagen, die ihm -angebrochen, und von der Aussicht auf Verwirklichung seiner Wünsche. -- An -diesem Tage hätte Mutter Schmidt sich recht gern arm geschenkt, vielleicht -hätte sie dies überhaupt schon längst gethan, wenn sie den Sohn nicht -gehabt hätte. Zum Glück sah sie, noch ehe die Sonne unterging, die -liebe, freundliche, theilnehmende Sonne! auf dem Wege drüben ein Paar -arme Kinder, die holte sie, fragte redselig wie nie, nach ihren geheimsten -Wünschen, und fand sich so reich, diese befriedigen zu können. Einen -so seligen Tag hatte sie lange nicht gehabt. Ja, das Herz ist tief zu -bejammern, welches so gerne opfern möchte, und keinen Altar finden kann, -auf dem es geschehen könnte. Es gehört zuweilen Muth dazu, ihn zu suchen -und viel Zeit, ihn zu finden, aber es giebt ihrer unzählige um uns herum. -Möge Gott zu allen Zeiten unsere Augen leiten, daß wir das Rechte sehen, -und unser Herz, daß wir das Rechte thun! - -Vergiß nicht, Pauline, daß ich nur wieder erzähle, ich spreche das -Gehörte nach, aber ich spreche auch mit. Ja, Gott helfe allewege! -- - -Nach wenigen Wochen kam abermals ein Brief, und diesmal von einem reichen -Geschenke von Kleidungsstücken begleitet. Das war nicht nach dem Sinne der -Mutter, sie wurde wieder nachdenklicher, aber der Frühling wollte es nicht -leiden, er lockte sie nach draußen und zeigte ihr die Verschwendung an -Prachtgewändern, welche der liebe Gott den Blumen gestattete. Tausende -blühten gestern und lagen heute welk, verblüht zu den Füßen -Neugeschmückter, das ganze Thal war im farbenreichsten zartesten Schmucke, -der Reichthum sproßte als saftige Zweige aus den Bäumen, breitete sich -als bunt gewirkte Decke über die Hügel, wogte in der Farbe der Hoffnung -über die im Herbst bestellten Aecker. Das Leben däuchte ihr wieder -wunderschön, selbst so getrennt von dem geliebtesten Kinde, sie übergab -ihn wieder beruhigt der Obhut des reichen Gottes, dessen Ehre die Himmel -erzählen, und des Vaters voller Gnade und Treue, von dessen wundervoller -Liebe die Erde, seiner Hände Werk, fröhliches Zeugniß ablegte. -- - -Ludwigs Briefe wurden zwar von nun an etwas seltener, enthielten aber -immer verständlichere Andeutungen eines innern Triumphes. Es war viel von -Manneskraft und Aufsichselbstverlassen die Rede, nur blieb es dunkel, was -eigentlich Bedeutendes erreicht war. Seit jenem freudenreichen Briefe -im Frühjahre datirten alle Briefe aus einem kleinen Orte an der Ostsee, -welcher aber in Ludwigs Atlas von dem Sohne des Försters durchaus nicht -zu entdecken war. Er hielt sich daselbst beim Gastwirth auf, der sein Haus -ausbauen ließ, und noch längere Zeit Arbeit für ihn haben würde. Wie -dieses Verhältniß Ludwigs ehrgeizige oder liebevolle Pläne fördern -konnte, war schwer zu ergründen; nach der Mutter Meinung hätte er da, -in dem armen kleinen Orte, als welchen er ihn selbst bezeichnete, nur -bescheidener in seinen Wünschen werden müssen. -- - -So verstrich ein Jahr unter Hoffen und Fürchten. Zu Weihnachten war -wieder eine bedeutende Sendung schöner Sachen angekommen: Kaffee, Zucker, -Gewürze, selbst schöner Wein, aber die Mutter ließ den Ueberfluß für -kommende Zeiten liegen und blieb bei ihrer einfachen Lebensweise. -- Als -der Frühling wieder erschien, wurde ihr sehr bang um's Herz, denn die -Briefe ihres Sohnes blieben ganz aus; vergebens hatte sie gehofft, zu -ihrem Geburtstage, den Ludwig stets als Festtag betrachtet hatte, durch -Nachricht, vielleicht gar seines baldigen Kommens erfreut zu werden, aber -die Blumensträuße, welche ihre alten und jungen Freundinnen ihr gebracht -hatten, verwelkten, ohne das Gesicht der Gefeierten im Lichtglanze der -Freude gesehen zu haben. - -Als dieser qualvolle Zustand einige Monate gedauert hatte, wurde Frau -Schmidt heiterer, sie lächelte wieder, wurde sehr thätig -- in ihrer -Herzensangst hatte sie oft, die Hände in den Schooß gelegt, dagesessen --- ging auch nach dem Gottesdienste eines Sonntags in das Pfarrhaus zum -Besuch, mit einem Worte, sie schien ganz aufzuleben. Aber man sollte noch -Ungewohnteres, als Besuche in der Stadt, an ihr erleben; zuerst kam die -Reihe des Erstaunens an die Försterin, welche gebeten wurde, die Ziegen -und Hühner der alten Frau bei ihrem Vieh aufzunehmen, und dann und wann -so gütig zu sein, einen Blick nach ihrem Heimwesen zu werfen, weil sie es -verlassen müsse. Eine innere Stimme ermahne sie beständig, ihren Ludwig -aufzusuchen, der in Noth wäre, sie sei dazu entschlossen, und schon am -nächsten Tage solle die Reise angetreten werden. -- In aller Frühe des -folgenden Morgens brach sie auf, und mancher der Vorübergehenden blieb an -diesem Tage dem Hause gegenüber stehen, und dachte darüber nach, was es -wohl mit den verschlossenen Laden für eine Bewandtniß haben könnte. Es -wurde auch von einer entschlossenen Frau daran geklopft, die Schmidt konnte -ja heftig erkrankt sein und hülflos daliegen, es antwortete aber weder ein -Wort noch ein Seufzen, und kopfschüttelnd ging die gute Frau ihrer Wege. -Dies geschah im Juni. Zwei Monate vorher hatte auch Ludwig eine Reise -angetreten, aber ehe ich sage wohin, muß ich erst von _Pranbeck_ reden, -und von der Zeit, die Ludwig darin verlebte. - -Als er vor fast anderthalb Jahren nach der, von dem Kirchdorfe Pranbeck -ungefähr fünf Meilen entfernten größeren Hafenstadt wandern wollte, und -in das Gasthaus des kleinen Ortes trat, war er so recht zerfallen mit der -Welt, die so viel des Lockenden und Reizenden für ihn hatte, es ihm, -wie er meinte, höhnisch vorhielt, und, so oft er die Hände darnach -ausstrecken wollte, schnell entzog. Selten hatte er etwas Vollkommenes -gefunden, besonders in den letzten Jahren: war der Meister gut, so taugten -die Gesellen nichts; fand er Gelegenheit viel zu verdienen, so war die -Familie seines Vorgesetzten entweder aufgeblasen oder gar zu ungebildet, -so daß er sich nicht mit ihr befassen konnte. Ging er in diesem letztern -Falle seinen eigenen Weg, so fehlte es wieder nicht an bornirten Versuchen, -sich über ihn lustig zu machen. Nein, dies Beugen und Fürliebnehmen -war zu unausstehlich, und wurde ihm immer lästiger! Hätte er es nur -verstanden Geld zusammen zu scharren wie diese Pilze, deren Herz gegen -jedes gute Gefühl durch einen Harnisch geschützt war, diese Schwämme, -die alles in ihrer Nähe Befindliche gewissenlos aussaugen, und dann -wohlgefällig auf ihre magern Nachbarn herabblicken, ja dann, dann konnte -er zeigen, wie der Hausstand eines christlichen Handwerkers eingerichtet -sein müsse, wie man sich den Lernenden, Helfenden gegenüber zu betragen -habe. -- Freilich, beschränkte Menschen, das stand fest, würde er nie in -seine Werkstatt aufnehmen, sondern nur solche, deren tüchtiger Verstand -sich gleich durch ein anständig freies Wesen bekunde, was auf den ersten -Blick von der tölpelhaften Selbstgefälligkeit einfältiger Menschen zu -unterscheiden sei. -- - -So ungefähr dachte und sprach Ludwig, der Sohn der demüthigen, -zufriedenen Wittwe im Waldhause, mit dieser Neigung die gesellschaftlichen -Zustände von ihrer trübsten Seite aufzufassen und zu verurtheilen, sah er -zum ersten Male das Meer in seiner unabsehbaren Ausdehnung. Es machte -einen tiefen Eindruck auf ihn, aber keinen guten, es half nur in seiner ihm -unverständlichen Größe seine Ansichten befestigen. Es war ein trauriger -Tag, als Ludwig zum ersten Male an einer Küste stand, der Wind stürmte -seewärts auf ihn ein und trieb die schäumenden Wogen, dunkel wie der -wolkenbedeckte Himmel, stürmisch gegen den niedern Hügel, von dessen -Rücken er in das unruhige Element schaute. »Ja,« sprach er bei sich -selbst, »Woge auf Woge, Tag auf Tag! Es ist alles einerlei, Seelen- und -Geschickeszwang und Zwang in der Natur, Niemand und Nichts kann gegen sein -Verhängniß; kann er Gefallen daran finden, der liebe Gott im Himmel, wie -die Mutter sagt?« -- - -Ein verächtliches Lächeln entstellte sein sonst hübsches Gesicht, und er -drehte dem Meere den Rücken, um ein Obdach zu suchen. - -Nun ist Pranbeck zwar nur ein kleiner Ort, und auch kein sehr wohlhabender, -aber ein stattliches Gasthaus befindet sich doch da, und ein ebenso -stattlicher Wirth, ein ganz gewandter Mann, dessen Bildung auch für ein -Hôtel ausgereicht haben würde, darin. Als Ludwig durchnäßt, denn es -hatte den ganzen Morgen geregnet, auf seiner Schwelle erschien, beging er -nicht den Mißgriff, ihn in die ordinaire Gaststube nach dem Hofe hinaus, -wo Knechte, Boten, lotterige Handwerksburschen und dergl. placirt wurden, -zu verweisen, sondern er führte ihn mit einigen freundlichen Worten des -Bedauerns ob des schlechten Reisewetters in das behagliche Zimmer, wo -Landherrschaften und die Honoratioren des Dorfes sich häufig des Abends -zu versammeln pflegten, das des Tages aber in der Regel nur ganz flüchtige -Besuche Solcher empfing, die nicht ausgehen konnten, ohne im Wirthshause -die Frage: Was giebts Neues? auszusprechen, und ein Gläschen zu trinken. -Selten kamen Reisende anderer Art, als die Genannten, nach Pranbeck, daher -mochte es kommen, daß die Erscheinung des für einen Handwerksburschen -sehr nobel gekleideten Fremden dem Wirthe sehr angenehm war. -- Bald hatte -Ludwig seine Kleider gewechselt, etwas Stärkendes genossen und war mit -dem Wirthe in der besten Unterhaltung, die damit endete, daß er versprach -vorläufig in Pranbeck zu bleiben, um dem einzigen Tischler des Ortes, dem -die Gesellen wegen seiner zänkischen Hausfrau allzuschnell davon liefen, -zu helfen und die obere Etage des noch unvollendeten Wohnhauses mit den -nothwendigen Tischlerarbeiten zu versehen. Dabei wurde gleich abgemacht, -daß Ludwig im Gasthause selbst und nicht bei dem Meister wohnen solle. -- - -So weit war Alles gut, aber das Schlimme lauerte dahinter. Nicht daß -Ludwig ein Schlemmer wurde, und wie so mancher tägliche Besucher des -Gasthauses, dem Laster des Trunkes fröhnen lernte -- er fühlte einen -Abscheu vor solcher Verirrung, er wendete sein Auge weg, wenn so ein -lallender, schwankender Mensch versuchte Witze zu reißen oder zu beweisen, -daß er wirklich nur »angetrunken sei, nur genippt habe!« -- Eine solche -Erniedrigung war für ihn nicht zu befürchten, seine Mutter dachte kaum -daran; Ludwig war ja stolz, wie konnte er sich zum Gegenstande des Ekels, -des Spottes herabwürdigen! -- - -Der Wirth war ein reicher Mann, er hatte Felder und Wiesen, Haus und Hof, -und ein reich versorgtes Waarenlager, da er das Recht hatte Handel zu -treiben. Sein Verkehr als Handelsmann war ganz großartig, doch wußten -nicht Viele genau darum, er ging meist in der Stille der Nacht vor sich, -aber dafür war er desto ergiebiger. Nach kaum einem Monate war Ludwig -Mitwisser dieses geheimnißvollen Verkehrs, und wenige Wochen später -Compagnon des Wirthes. Nun wurde der Ton zwischen beiden Männern noch -verbindlicher und das nächtliche Geschäft noch gewinnbringender, denn -Ludwig war höchst thätig, umsichtig und kühn, gerade ein solcher Mann, -wie er für den Wirth paßte, und dieser war die Freundschaft selbst gegen -ihn. - -Zum ersten Male hatte es nun Ludwig so, wie er es wünschte: einen -gescheuten, aufgeklärten Vorgesetzten, achtungsvolle Behandlung, -Anerkennung seiner Fähigkeiten und Leistungen, und reichlichen Gewinn. -Dennoch sah er nicht aus wie ein Mensch, über dem die Glückssonne -strahlt; er war viel schweigsamer geworden, sein Blick hatte an Offenheit -verloren und über sein Gesicht flog oft etwas dem Argwohn ähnliches; sein -durchdringender Blick schien dann zu fragen: wer wagt es, mein Thun und -Lassen zu beurtheilen? Ich, ich allein bin Herr meiner Entschlüsse und -Handlungen! - -Pranbeck liegt ganz nahe an der Grenzlinie, und der Wirth war durch kühn -getriebene Schmuggelei reich geworden. Aus Zuneigung zu Ludwig, wie er -sagte, hatte er ihm gezeigt, wie leicht man es dahin bringen könne, die -oft langweilige Berufsarbeit nur =pro forma= zur Hand zu nehmen, wenn man -nämlich nur genug Entschlossenheit besitze, mit einigen Vorurtheilen -zu brechen. Und dann hatte der Wirth ihm in fließender Rede auseinander -gesetzt, wie ungerecht die Besteuerung der ausländischen Produkte sei, -das arme Volk müsse sie fast ganz entbehren, mäßig Begüterte sie mit -äußerster Einschränkung genießen, während man höher hinauf damit -schwelge und sie verprasse. In solche Behauptungen stimmte nun zwar Ludwig -nicht mit ein, aber in ihre Consequenzen, er vergaß die Worte: »seid -unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat,« und »gebet dem -Kaiser, was des Kaisers ist,« -- und ward Schleichhändler wie sein -Verführer. - -Die Geschäfte gingen nach Wunsch, denn von den drei Officianten, welche in -Pranbeck stationirt waren, drückten zwei ihre Augen bei den nächtlichen -Affairen des Wirthes zu, denn dieser wußte ebenso gut zu zahlen wie -zu sprechen, und der Dritte war schon ein älterer Mann, der leicht zu -täuschen war. Bald war Ludwig so gut bei Kasse wie nie vorher, daraus -erklären sich seine Hoffnungen, Briefe und Geschenke nach Waldhaus. - -Etwas länger als ein Jahr mochte Ludwig in Pranbeck sein, als bei -furchtbaren Aequinoctialstürmen ein Schiff in der Nähe des Oertchens -strandete. Die Mannschaft rettete sich, und die reichen Waaren, die es -trug, wurden glücklich im Wachthäuschen auf einem Küstenvorsprunge -und dem daneben stehenden Wachtthurme geborgen. Das Schiff gehörte einem -Lübecker Kaufmanne und war in einer Anstalt versichert, die einen Agenten -in der Provinzialhauptstadt hatte. Dieser, schnell benachrichtigt, war -selbst bei der Bergung zugegen gewesen, hatte die Bekanntschaft des -zuvorkommenden Wirthes und auch Ludwigs gemacht, der bei dem Unglücke -sich sehr muthvoll und menschenfreundlich bewiesen hatte. Am Tage nach des -Agenten Abreise sollten die Sachen auf schon bestellte Wagen gepackt und -ihm nachgeschickt werden. - -Die nun hereinbrechende Nacht wurde verhängnißvoll für Ludwig. -- - -Der Wirth war am Nachmittage schon äußerst splendid mit Wein gewesen, -aufgeregt war man ohnehin von den Begebenheiten. Man redete viel von Muth, -Recht und lächerlicher Peinlichkeit, und endlich stand so viel fest, -daß, wer es wage die geborgenen Sachen sich zuzueignen, einen Hauptstreich -ausführe, der ersprießlichere Folgen haben werde, als die Arbeit -von wenigstens zwanzig Jahren, und der Verlust sei nur der der -Versicherungsgesellschaft, komme auf Niemanden eigentlich merklich. - -Ludwig stand auf und wollte der Versuchung entfliehen, sein Zimmer -aufsuchen, aber dort war es ihm zu eng, er hüllte sich dicht ein und -ging zum Dorfe hinaus, wo das Rauschen des Meeres -- ein wunderlicher -Sirenengesang! -- ihn zog und lockte, bis er am Strande stand. - -Weithin ringsum hörte man nichts anderes als Wind und Wasser, und wäre -auch ein leises Geräusch entstanden, es wäre ungehört erstorben in -diesem unnachahmlichen Zwiegespräch. Da kam der Wirth mit seinem Knechte -in der Dunkelheit daher, auch die beiden ungetreuen, eidbrüchigen -Grenzbeamten folgten. Sie schritten so eilig dem alten Wachtthurme zu, als -beflügle der Pflichteifer ihre Schritte, als seien sie so ganz sicher, auf -richtigen Wegen zu gehen. Ludwigs Blut pulsirte heftig, er sollte Mitwisser -dieses Unternehmens werden, halber Theilnehmer, und keiner Gewinn davon -haben, wo so großer Gewinn zu hoffen war? Es kostete dem Wirth nur wenige -Worte und Ludwig ging mit ihm. Es war freilich eine That, die er nie, -selbst nicht in Zukunft seinem Weibe vertrauen durfte, aber für seine -Ueberwindung zahlte sie auch mit dem eigenen Herde! - -Nur eine Schwierigkeit war bei der Geschichte zu fürchten, und das war die -mögliche Widersetzlichkeit des Wächters. Zwar war er ein bequemer Mann -und hatte bei der Schmuggelei oft seine Hand zur Hülfe geliehen, aber hier -war's gefährlich für ihn, und wenn er sich weigerte, gemeinschaftliche -Sache mit ihnen zu machen, dann mußte man auf den Fang verzichten. Es war, -wie man gefürchtet hatte, der Wächter war unbestechlich. Vergebens -waren all die glatten Worte des Wirthes, der Plan schien dem Alten zu -handgreiflich: ohne Zuchthaus, meinte er, könnte das unmöglich enden. - -Der Knecht erhielt von seinem Herrn einen Wink und begab sich wieder nach -Pranbeck zurück, die Uebrigen schienen ihre verbrecherischen Wünsche -aufgegeben zu haben, der Wirth schmollte zwar etwas, nahm aber die -Einladung zu einer Parthie Landsknecht an, und setzte sich zum Spiele an -den Tisch. - -»Halt!« rief er plötzlich nach einer Weile, »ich habe einen -unbezahlbaren Einfall. Wir wollen unsern Aerger hinunterspülen. Einen -Bohrer her!« - -»Wozu?« fragte der Strandwächter. - -»Sollt schon sehen, altes Hasenherz. Wo ist der Schlüssel zur Remise?« - -»Gut verwahrt,« erhielt er lachend zur Antwort. - -»Keine Dummheiten!« schalt Jener, »glaubt Ihr denn, wir werden Euch -wider Willen die Sachen wegnehmen, die Ihr nicht theilen wollt? Nein, das -führte höchstens zu einem Jahre Wolle spinnen in Gesellschaft, aber wir -wollen die hübschen Fäßchen ein Bischen erleichtern, und Eure Gesundheit -in gekapertem Weine trinken.« - -»Geht doch nicht an,« wehrte der Alte, »'s ist gleich zu merken, sie -brauchen bloß das Faß anzurühren, so --« - -»Giebts denn kein Wasser in der Welt mehr?« unterbrach ihn der Wirth -lachend, »nur einen Bohrer her, für das Uebrige werde ich sorgen.« - -Der Wächter, nach dem verführerischen Getränke lüstern, war's -zufrieden; bald war Wein in Fülle da, und von Neuem begann ein -lästerliches Trinken und Durcheinandergerede schlechter Dinge. Ludwig war -nur Zuschauer dieser Scene geblieben; das, was er hörte, war ihm ekelhaft, -er hätte dies gern gesagt, oder durch sein Entfernen angedeutet, aber er -merkte, daß der Wirth noch etwas im Schilde führte, sah deutlich seinen -Triumph, als der Wächter, von dem reichlich genossenen Weine betäubt und -verwirrt, allmählig ein albernes Gewäsch zu reden anfing, in welches der -feine Wirth lustig mit einstimmte, dann mit übersichtigen Augen, wie -im Traume, bald hier, bald dorthin starrte, und endlich sich in die Ecke -lehnte und einschlief. Jedenfalls wollte er abwarten, wie die Geschichte -sich noch entwickeln würde. - -»Das hat Mühe genug gekostet,« flüsterte der Wirth und deutete auf den -Trunkenen, der von seinen Sinnen nicht wußte, »aber nun schnell, Johann -wird längst mit dem großen Wagen draußen halten; ich wußte, wie -es kommen würde, und habe meine Vorkehrungen getroffen. Hier ist der -Schlüssel, ich stecke die Laterne an und komme nach.« - -Ludwig stand noch da, ohne sich zu regen. Ein Rest der alten Gesinnungen -war noch vorhanden, eine Scheu warnte ihn, nicht ein so großes Uebel zu -thun und wider den Herrn seinen Gott zu sündigen. -- - -»Alle Mann heran!« scherzte frohlockend der Wirth, und rieb sich die -Hände, »das giebt einen köstlichen Spaß!« - -»Aber,« wendete Ludwig ein, »Kraaß wird natürlich Alles erzählen.« - -»Bewahre!« entgegnete der Andere, »wir rühren hier im Thurme nicht das -Mindeste an. Wenn er morgen aufwacht, wird's sein, daß man ihn, -entsetzt über den leeren Speicher, herausdonnert. Jeder Mensch wird dem -verschlafenen, alten Säufer die Unschuld gleich an der Nase ansehen, und -er wird sich hüten, die auf Verdacht anzuklagen, die als Freunde sehr -vortheilhaft, als Feinde aber sehr gefährlich sein würden.« -- - -Ludwig betheiligte sich an dem Diebstahle. Es wurde gleich abgemacht, daß -bei der Theilung keine Gewinnstufen stattfinden sollten, nur der Knecht -mußte sich mit einem Antheile von 50 Rthl. zufrieden erklären. - -Gegen 2 Uhr Nachts fuhr die erste Ladung in die ungepflasterte Auffahrt des -Wirthshauses. Ludwig begleitete sie, um die Waaren nach Weisung des -Wirthes unterzubringen. Während dieser Zeit belud man den schon harrenden -Einspänner und berechnete, wann Alles abgemacht sein könnte, als der -Wächter laut scheltend und fluchend vor dem Thurme erschien, und mit -vielen Schwüren betheuerte, er werde diesen Diebstahl verhindern. Den -Dieben trat der Angstschweiß auf die Stirn, zum Glück tobte freilich das -Meer, aber der Mann hatte eine gellende Stimme. - -»Schweigt, Unsinniger,« sprach der Wirth drohend auf ihn ein, »es ist zu -spät, legt Euch und schlaft, Ihr wißt von Nichts!« - -»Oho!« schrie der Andere, »ich weiß von Nichts? -- wir wollen doch -einmal sehen!« und damit ging er trotzig in den Thurm. Wie der Wind war -der Wirth hinter ihm her. Aber da klang es schon durch die Nacht hin -- -Glockenschlag -- der Alte hatte die Nothglocke angeschlagen, einmal aber -nur, dann mußte er sich beruhigt haben, vielleicht war er in seiner -Trunkenheit umgefallen. Es wurde ganz still im Thurme. -- - -Am andern Morgen verbreitete sich mit reißender Schnelligkeit das -Gerücht: der Strandwächter Kraaß sei erdrosselt, und ein großer Theil -der Ladung des gestrandeten Schiffes Hieroglyph gestohlen. - -Einer von denen, die durchaus dieses Gerücht nicht glauben konnten, war -der Wirth in Pranbeck, und als sich die Thatsache dennoch herausstellte, -war er eifrig damit beschäftigt zu beweisen, daß Seeleute dies Verbrechen -verübt haben müßten. Trotz seines Unglaubens und seiner Gründe wendete -sich aber der Verdacht sehr bald gegen ihn selbst, und acht Tage nach jener -schrecklichen Nacht ward er, die beiden jüngern Grenzbeamten, sein Knecht -und Ludwig Schmidt, der bei ihm arbeitende Tischlergesell, auf einem Wagen -nach der nächsten Kreisstadt eskortirt. Die Gefangenen waren gefesselt und -zwei Gensdarmen begleiteten sie. - -In dieser Zeit war es, als die alte Mutter im Waldhause so vergeblich und -unruhig auf einen Brief von ihrem Sohne wartete. In dieser Zeit beugte sich -auch ein Mensch, der lange Zeit mit seinem Gotte unzufrieden gewesen war, -und ihn gemeistert hatte, mit durchgreifender Zerknirschung tief, tief in -den Staub. Gleich in dem ersten Verhöre hatte er seine Schuld gestanden; -vom Morde wußte er nichts. Das mußte aber erst erwiesen werden; zwei -der andern Gefangenen gingen gerade so weit wie Ludwig, des Diebstahls -bekannten sie sich schuldig, des Mordes nicht, und der Wirth und sein -Knecht wollten anfangs sogar von gar keiner Schuld wissen, die gefundenen -Sachen waren rechtmäßig erworbene Lagervorräthe, alle erschwerenden -Umstände des Verdachtes beklagenswerther Zufall. -- - -In seiner einsamen Zelle erschienen Ludwig am Tage und in den langen -schlaflosen Nächten liebliche und doch so schmerzenbringende Bilder. Seine -Jugendzeit, das stille, heimische, so oft verachtete Haus, besonders -aber die Mutter mit ihrer reichen Liebe, ihren Thränen und ihren tausend -Opfern. Auch seine stolzen Gedanken von früher und alle seine hohen -Versprechungen kamen zurück und sahen ihn höhnend an. Dann hätte er laut -aufschreien mögen, zu qualvoll war's, zu schrecklich! - -»O Mutter, Mutter!« rief er laut. -- Der Schlüssel klirrte im Schlosse, -die Thür ging auf, Ludwig raffte sich auf vom Boden, er hatte auf den -Knien gelegen, aber er stieß einen furchtbaren Schrei aus, verhüllte sein -Antlitz und beugte es ganz hinab, daß es nichts mehr sehen konnte, auch -all sein Elend nicht zeigte. Seine Mutter stand ja vor ihm, wirklich vor -ihm, bleich und liebevoll, weinend ihm entgegen lächelnd. Sie streckte -auch die Arme aus, aber wie hätte er es wagen dürfen, dahinein zu sinken, -er, der Verbrecher im Kerker, in die Arme dieser Mutter! - -Aber hatte der Anblick die Mutter denn getödtet? Er hörte ja nichts von -ihr, kein Wort, keine Bewegung. Er mußte es wagen, seine Augen zu ihr zu -erheben. Da lag sie auf ihren Knien, und ihre Hände und Blicke und ihr -ganzes Herz waren nach oben gerichtet, und ihre Lippen bewegten sich ganz -leise. Da das der Sohn sahe, wand er sich kniend zu ihr hin und reichte ihr -die heilige Schrift, wie sie da aufgeschlagen gelegen hatte, und deutete -mit dem Blicke auf eine Stelle, die er täglich wohl hundert Mal gelesen -und immer wiederholt hatte. Und die Mutter warf nur einen Blick hinein, -und dann sprach sie laut und klangvoll, daß das Herz des Sohnes erbebte: -»Herr Gott, Dich lobe ich; dieser mein Sohn war todt und ist wieder -lebendig geworden, er war verloren und ist wieder gefunden worden!« - -Ludwigs Abwesenheit vom Schauplatze des Verbrechens zur Zeit des Absterbens -des Alten, stellte sich im Laufe der Untersuchung sicher heraus; er ward -von der Anklage auf muthmaßlichen Mord freigesprochen. Anders war's mit -dem Diebstahle, den er selbst eingestanden, dafür wurde er zu zwei Jahren -Zuchthaus verurtheilt, die er, begleitet von seiner Mutter, die sich -nie wieder von ihm trennen wollte, abbüßte. Die alte Frau, -vom Untersuchungsrichter empfohlen, fand in der Familie eines -Strafanstaltsbeamten ein Unterkommen als Kinderwärterin und durfte -täglich ihren Sohn sehen, auch mit ihm Morgens und Abends in dem großen -Betsaale des Zuchthauses ihr Gebet mit dem seinigen vereinigen. - -Als die Strafzeit zu Ende war, kehrten Mutter und Sohn in die Heimath -zurück. Ludwig konnte nach den Gesetzen der Innung nicht Meister seines -Gewerkes werden, aber er fand dennoch allerlei Beschäftigung und viel -weniger hartes Urtheil, als man gewöhnlich über Gefallene hört. Sein -stilles Wesen, sein Fleiß, seine Kindesliebe, und vor Allem seine Demuth -und Anspruchslosigkeit söhnten die Menschen mit ihm aus, und seine Mutter -fühlte sich so glücklich in seiner Gesellschaft wie nimmer zuvor. -- - -»Lebt sie noch?« fragte Cäcilie. - -»Nein,« antwortete Julchen, »aber Du kennst den Sohn ganz gut, es ist -der Missionsbote für unsern Kreis.« -- - -»Schmidt?« fragten die Mädchen verwundert. - -»Ich habe ihn ja immer bei seinem Namen genannt,« erwiederte Julchen -lächelnd. - -»Es giebt viele dieses Namens, aber nun weiß ich, wovon er es versteht, -so wunderschöne ausgelegte Kästchen zu verfertigen,« meinte Ida. - -»Und warum er, der geschickte Mann, diese Beschäftigung erwählt hat,« -setzte Cäcilie hinzu. »Ja, wie viele Menschen würden wir mit ganz andern -Augen ansehen, wenn wir ihre Geschichte so genau kennten.« - -»Und ihr Herz,« sprach ich leise. - -»Das gehört ja zusammen,« erwiederte sie nachdenklich, »ich glaube -wenigstens.« -- - -Ein unerhört langer Brief. Ich habe mehrere Abende daran geschrieben, that -es aber recht gern. Schade daß Du die Augen nicht dazu siehst, die mir -dabei oft vorschwebten. In diesen Augen spiegeln sich treu alle Gefühle: -Besorgniß, Trauer, Hoffnung, Beifall, Andacht, nur eins sah ich noch nicht -darin, werde es auch wohl nie sehen. Zuweilen senken sich auch diese Augen -beharrlich, dann möchte ich erst recht wissen, was sie zu verbergen sich -bemühen. -- Lebe wohl. - - _Dein Justus._ - - - - - Am 6. März. - -Dank für Deinen lieben Brief, besonders für die Stelle, welche meine -Frage so schön beantwortet. Gemeinsames Streben also, Ein Zier, Ein -Glaube, Eine Liebe, Eine Hoffnung verwischen alle sonstige Verschiedenheit -und bedecken der Flecken Menge. Ein Streben -- ja das ist vorhanden, zur -höchsten Klarheit, aber Glaube, Liebe, Hoffnung, darin erscheint sie mir -vollendet, und ich bin nur ein schüchterner Anfänger darin; es ist nicht -unmännlich, die Wahrheit zu gestehen, sie mag heißen, wie sie will. -- - -Ich werde jetzt stark in Versuchung geführt, etwas zu wagen: unser -elterliches Haus soll verkauft werden, aber es ist nur eine Versuchung -Unruhe und Schmerzen hervorzurufen, ich will mich davon losreißen. -- -Dienstag über acht Tage werde ich abreisen, dann fährt der Graf nach -Berlin und ich mit ihm. Vielleicht ist dies also der letzte Brief aus -Burgwall, er soll Dir innige, treue Grüße bringen. -- - - - Den 15. März. - -Der Brief liegt noch, die letzte Zeit war voller Unruhe, nun will ich -aber unsere Burgwaller Correspondenz schließen. Auf morgen früh ist die -Abreise festgesetzt, der Koffer ist gepackt und die leidigen Visiten sind -überstanden, nur Bernwachts und Julchen habe ich noch aufgespart, die sind -für sich. -- Cäcilie ist seit einiger Zeit leidend, möglich, daß ich -sie nur noch auf Augenblicke sehe. Ich liebe das junge Mädchen, Pauline, -es ist keine Phantasie, keine Passion, es ist ein unwiderstehlicher Zug des -Herzens, der mich an sie fesselt, ich fühle das jetzt mit einer Klarheit, -die mir den Abschied sehr schwer, aber ganz unumgänglich nothwendig macht. --- Das Kind ist so zart, wenn sie stürbe! Ich zittere bei dem Gedanken. -Wüßte sie, daß ich leide, dann würde sie traurig werden, trauriger muß -ich sagen, denn in ihrem leidenden Zustande sieht sie matt und angegriffen -aus, auch seelenmatt, sie lächelt viel seltener als sonst, aber ihr -würde auch unheimlich dabei, denn sie kennt ja keine Liebe, die Schmerzen -bereitet. Sie sei Gott empfohlen, Seine Engel werden sie beschirmen. -- - -Ich werde nun in die Stadt gehen, auch auf den Friedhof, und will für Dich -ein Epheublatt mitbringen vom Grabe der Mutter. -- - -Sobald ich kann, werde ich Dich aufsuchen. Die Zukunft sieht mich -allzuschaal und nüchtern an, kaum mag ich an sie denken. Lebe wohl! - - _Justus._ - - - - - Berlin, den 20. März. - -Du wirst es gleich diesen Schriftzügen ansehen, daß etwas Großes mit mir -geschehen ist, nicht wahr, Schwesterherz? Falte Deine Hände und bete für -Deinen Bruder, mein Herz ist nicht im Stande, allein dem Herrn die heiligen -Opfer darzubringen, die ihm gebühren, Du mußt helfen dabei! Sei -auch nicht unwillig, wenn ich ungewöhnlich spreche, es ist ja nur Dir -gegenüber, wo das Herz und der Mund klingen dürfen, wie sie wollen, die -Welt hört nichts davon und ich kann ja nicht anders. - -Ich schrieb Dir traurig zuletzt, -- da auf den vorigen Seiten steht es noch --- und beklemmten Herzens ging ich zu Bernwachts hinab. - -»Cäcilie ist krank,« flüsterte mir Burga zu, als ich mich dem Hause -näherte, »Du mußt ja leise gehen, und die Thür nicht so hastig -aufmachen, sie ist so schreckhaft.« - -»Sie hat das Fieber,« setzte Berga hinzu, »Mama meint, sie fiebere.« -- -»Nein,« widersprach die Andere, »sie hat ein Herzleiden. Vorhin war ich -oben bei ihr, und wir sprachen ganz ruhig, ich sagte, das Wetter wäre so -schön zu Deiner Reise, da sah ich, daß sie die Hand auf die Brust -legte. Thut's da weh? fragte ich, da sagte sie: nein, aber es klopft viel -heftiger, als es soll und, darf. Nach einer ganzen Weile sagte sie erst: -so, nun ist es gut.« - -Mit Schrecken gedachte ich ihrer stets sehr zarten Farbe und in letzter -Zeit war sie wirklich auffallend blaß gewesen. Die Mutter begegnete mir -auf dem Flur, ich fragte gleich nach Cäcilien und erhielt tröstliche -Nachricht. Es sei durchaus nichts von Bedeutung, sie sei auch unten im -Wohnzimmer. So war es auch. Ich fühlte mich nicht behaglich, der Abschied -lag mir wie eine Bürde auf dem Herzen, daher brach ich früh auf. Alle -sprachen liebe Worte, auch Cäcilie reichte mir ihre liebe Hand und sah -mich lange sanft und freundlich an. »Sie wollen ja nicht wieder kommen,« -sagte sie, »nun will ich mir schon Ihre Züge recht einprägen. Sie sind -stets gütig gegen mich gewesen.« - -Ich küßte ihr schweigend die Hand und ging dann zu Julchen und nahm -Abschied von den Gräbern. - -Als ich zurückkehrte, sah ich in Cäciliens Zimmer helles Licht, ich -wußte ganz bestimmt, daß diese Stube im obern Stock die ihrige war. Gern -hätte ich noch einen Schimmer ihrer Gestalt gesehn; ich harrte, da kam sie -an das Fenster und sah zum Himmel hinan, droben aber funkelten die Sterne -in wundervoller Pracht! Ich faßte gar keinen Entschluß, ich überlegte -nichts, aber ich ging zu ihr, ich konnte nicht anders. - -Niemand begegnete mir, im Dunkeln fand ich mich hin, bald stand ich vor der -Thür und klopfte an: ich durfte eintreten. Sie stand noch am Fenster, nun -wendete sie sich mir zu, ihre Hand legte sie leise aufs Herz, dann setzte -sie sich wie erschöpft, fast wankend auf den Sopha und beugte einen Moment -ihre Stirn in die Kissen nieder. »Sie sind sehr krank,« sagte ich heftig -ergriffen. »Nein,« erwiederte sie, »nur sehr schwach, und ich verdiene -diese Strafe vollkommen.« - -»Welche?« fragte ich. »Daß Sie mich so sehen.« Ich verstand sie nicht. -»Ich bin sehr heftig,« fuhr sie fort, »die erste große Versuchung, die -der Herr mir schickt, zeigt mir meine gänzliche Hülflosigkeit, aber im -Bekennen wächst die Kraft, so, nun wird es besser!« - -Sie richtete bei diesen Worten ihren Blick mit Begeisterung auf ein Bild -ihr gegenüber, ich folgte und war versucht an Wunder zu glauben; das -Christusbild aus meiner Mutter Kabinet war Cäciliens Eigenthum! - -»Ich kenne den Grund Ihrer Selbstanklagen nicht,« sprach ich mit tiefer -Erregung, »ich kann nicht ahnen, was Sie so tief bewegt, aber Sie sollen -wissen, mit welchem Schmerze ich von hier scheide; ich wollte schweigen, -aber ich kann es nicht.« - -Und nun erzählte ich ihr all die schönen Träume, die mich in Burgwall -umschwebt, von dem Erkerstübchen, von all den wonnigen Phantasien, die -mit ihm zusammenhingen, daß ich ihnen entsagen müßte, weil ich mich der -vollen Huld eines geliebten Wesens, welches für mich der Inbegriff aller -menschlichen Liebenswürdigkeit sei, unwürdig fühlte, daß ihr ganzes -Benehmen mir auch zeige, wie wenig sie meine Liebe verstanden habe und -erwiedere. Jetzt sei sie leidend, eine dunkle Unruhe hätte mich getrieben, -sie noch einmal aufzusuchen, sie möge verzeihen, um der Liebe willen, die -ihr geweiht sei. Und ich verstummte vor seligem Entzücken, entzündet an -ihrem, an Cäciliens, die mich, mich liebt. Du glaubst es nicht, Du fragst, -ob dies möglich ist; es ist durch Gottes reiche Huld volle köstliche -Wahrheit! - -Viel hätte ich zu erzählen von ihrer Demuth, die von Glück sprach, -von ihrer himmlischen Offenheit, die mir gestand, wie sie bei meiner -herannahenden Abreise Blicke in ihr Herz gethan und gefunden habe, daß -es zagte, eine Oede zu werden, wenn sie fern von mir sein würde, wie sie -befürchtet, Gott müsse zürnen, daß sie sein Geschöpf so sehr, zu sehr -liebe. Und sie hat recht: bin ich dessen würdig? -- Aber nun strahlte ihr -kleines blasses, süßes Gesicht im Glanze der Verklärung: Gott war ihren -Gefühlen gnädig, er segnete sie! - -Wir gingen Hand in Hand hinab. Nichts von dem allgemeinen Staunen, Du -kannst Dir's denken. Die Alten waren anfangs vor Ueberraschung stumm, -Cäcilie hing aber an ihrem Halse und Burga und Berga umarmten mich, -Therese und Ida kamen auch, da bekamen sie die Sprache wieder und Thränen -dazu, und ich erhielt ihr Engelskind mit dem vollsten wärmsten Segen. - -Nur wenige Stunden war ich noch in ihrem Kreise, hatte auch -Geistesgegenwart genug an den Kauf unsers Vaterhauses zu denken, mein -_Schwiegervater_, -- wie klingt das, Pauline? ich sage Dir wie ein Segen! --- also mein Schwiegervater wird diese Angelegenheit besorgen. - -Zum letzten Male erstieg ich den Schloßberg. Ich blieb oft stehen und sah -gen Himmel. Gott, welcher Reichthum droben und hier, ich staune, ich bete -an, ich bitte um Verzeihung! Mein Glück wird endelos sein, Gott hat es mir -gegeben; es ist auch ein solches, welches noch wachsen wird, denn Er wird -es pflegen und behüten, ich fühle es. - -Am nächsten Morgen verkündigte ich dieses Glück der gräflichen Familie -und empfing ihre freudigen Glückwünsche, dann nahm ich Abschied von der -verehrten Frau, und bald lag Burgwall hinter mir, aber trotz Abschied und -Ferne, damals und jetzt, erhebe ich meine Hände und mein Herz hinan zum -Himmel, Ihm Dank und Preis darzubringen, der so Großes an mir gethan -hat; der meiner Seele half, als sie rang nach dem neuen Leben, der alle -Dunkelheit und alles Bangen vernichtete, und in seinem Liebesrath mir den -Engel beigesellte, dessen lichte Klarheit mir in Zukunft jeden Schatten von -meinem Pfade verscheuchen wird! - -Aber Du mußt sehen, Pauline, Du sollst und mußt Deine Schwester bald -kennen lernen. Zu Pfingsten erwarten wir Dich bestimmt in Burgwall. - -Schreibe bald, grüße auch Deine edlen, alten Freundinnen, und sei so -glücklich wie - - _Dein Bruder Justus_. - - - - -=Empfehlenswerthe Bücher= - -=aus dem= - -=Verlage der Agentur des Rauhen Hauses=, - -=durch alle Buchhandlungen zu beziehen=. - - -Für Frauen und Jungfrauen: - - -Die Pflegerin. - - Von _Rosalie Sandvoß_. 90 S. br. 7½ Sgr. - -Grüße an die christl. Mädchenwelt. - - Gesammelt für kindliche Jungfrauen von einer Freundin der Jugend. - 108 S. cart. 4½ Sgr. - -Lucile. - - Ein Buch für Leser der heiligen Schrift. Von _Adolph Monod_. 332 S. - br. 22½ Sgr. - -Madelaine. - - Eine Dorfgeschichte, wahren Ereignissen nacherzählt. Von _Julie - Kavanagh_. 370 S. br. 22½ Sgr. - -Hanna More, - - auch ein Schriftstellerleben, von der Verfasserin des »Lebens der Frau - Elisabeth Fry.« 388 S. br. 27 Sgr. - -Sara Martin, die Schneiderin. - - Eine Lebensgeschichte erzählt von _Friedrich Eckart_. 2. Aufl. 131 S. - cart. 7½ Sgr. - -Vier kleine Festgeschichten - - auf Weihnachten, Charfreitag, Ostern und Pfingsten. 3. Aufl. 84 S. br. - 5 Sgr. - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. - -Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=. - -Auf den Seiten 72 und 118 wurde das Währungssymbol für "Reichsthaler" -ersetzt durch die Abkürzung "Rthl." - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen, - - (Seite 21) - im Original "»Mache einmal deine Augen zu, Felicitas," - geändert in "»Mache einmal deine Augen zu, Felicitas,«" - - (Seite 22) - im Original "um schön zu sei, etwas zu klein" - geändert in "um schön zu sein, etwas zu klein" - - (Seite 22) - im Original "dreizehn und elf Jahren Burga und Berga genannt" - geändert in "dreizehn und elf Jahren, Burga und Berga genannt" - - (Seite 40) - im Original "Gott nahm ihn mir früh" - geändert in "»Gott nahm ihn mir früh" - - (Seite 41) - im Original "fuhr die Erzählerin fort,« ich will es Ihnen sagen" - geändert in "fuhr die Erzählerin fort, »ich will es Ihnen sagen" - - (Seite 44) - im Original "»Sie war dabei so erwartungsfroh wie ein Kind" - geändert in "Sie war dabei so erwartungsfroh wie ein Kind" - - (Seite 47) - im Original "und betheuerthe ich würde nur sehr ungern" - geändert in "und betheuerte ich würde nur sehr ungern" - - (Seite 48) - im Original "die dem Schloße zunächst liegenden Wege" - geändert in "die dem Schlosse zunächst liegenden Wege" - - (Seite 49) - im Original "»Ja,« antwortete ich,« gestatten Sie nur" - geändert in "»Ja,« antwortete ich, »gestatten Sie nur" - - (Seite 60) - im Original "»es war immer mein liebstes." - geändert in "»es war immer mein liebstes.«" - - (Seite 78) - im Original "»Das thue ich auch, und lasse es nun" - geändert in "Das thue ich auch, und lasse es nun" - - (Seite 89) - im Original "hier im Schloße bin ich bald fertig" - geändert in "hier im Schlosse bin ich bald fertig" - - (Seite 96) - im Original "»Wenn, Gott will -- aber dem Demüthigen" - geändert in "»Wenn Gott will -- aber dem Demüthigen" - - (Seite 98) - im Original "Du kannst darin sicherer selig werden." - geändert in "Du kannst darin sicherer selig werden.«" - - (Seite 124) - im Original "alle sonstige Verschiedenheit und bedecken" - geändert in "alle sonstige Verschie-schiedenheit und bedecken" - - (Seite 126) - im Original "»Cäcilie ist krank, flüsterte mir Burga zu" - geändert in "»Cäcilie ist krank,« flüsterte mir Burga zu" - - (Seite 127) - im Original "sagte sie »nun will ich mir schon" - geändert in "sagte sie, »nun will ich mir schon" ] - - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE EINES MALERS AN SEINE -SCHWESTER *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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