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-The Project Gutenberg eBook of Gabrielens Spitzen, by Grethe Auer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Gabrielens Spitzen
- Zwei Novellen
-
-Author: Grethe Auer
-
-Release Date: October 11, 2021 [eBook #66515]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net (This book was produced from images made
- available by the HathiTrust Digital Library.)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GABRIELENS SPITZEN ***
-
-
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-
- Gabrielens Spitzen
-
-
- Zwei Novellen
-
- von
-
- Grethe Auer
-
- [Illustration: Emblem]
-
- Egon Fleischel & Co. / Berlin / 1919
-
-
-
-
- Alle Rechte, besonders das
- der Übersetzung, vorbehalten
- Amerikanisches Copyright 1919
- by Egon Fleischel & Co., Berlin
-
-
-
-
- Mit der ersten Auflage dieses Werkes
- wurden fünfzig Exemplare auf
- Büttenpapier gedruckt und von der
- Verfasserin numeriert und gezeichnet
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Seite
-
- Gabrielens Spitzen 1
-
- Die Tugend der Sabine Ricchiari 77
-
-
-
-
-Gabrielens Spitzen
-
-
-Die Frau, von der ich jetzt erzählen will, war eines Schreibers Tochter in
-einer rheinischen Stadt, in der die Üppigkeit eines kleinen Fürstenhofes,
-Kunstsinn einer altangesessenen und wohlhabenden Bürgerschaft und
-natürliche Leichtlebigkeit und Anmut der unteren Bevölkerungsschichten
-zusammenwirkten, um einen für jene Zeit bedeutenden Grad von Sinnenkultur
-hervorzubringen. Es haben Männer aus jener Stadt später oft führende
-Stimmen im Rat der hohen Kunst besessen; oft hat sie Feldherren gestellt in
-den Kampf eines neuen Kunstgedankens gegen einen alten. Doch das tut
-nichts zur Sache. Was uns angeht -- in jenem ersten Drittel des
-achtzehnten Jahrhunderts -- ist nur eine gewisse Feinheit und Freiheit der
-Lebensauffassung, eine gewisse Veredlung alles Trieblebens durch echtes
-Schönheitsempfinden, die durch alle Schichten der Bevölkerung zu
-bemerken waren und die es einem armen Schreiberskinde ermöglichten, eine
-Künstlerin zu sein.
-
-Im Hause des Schreibers herrschte bei einer vielköpfigen Familie und
-einfachster Lebensführung durchaus kein Mangel irgendwelcher Art. Die
-nüchterne Kost genügte stets für alle, ein bescheidener Leckerbissen
-krönte die Feiertage, und ein zufälliger Gast fand immer freundliche
-Bewirtung. Das wenige Hausgerät, obzwar schlicht und derb, war stets in
-gutem Zustande, wozu die liebevolle Behandlung, die ihm von allen Seiten
-zuteil ward, nicht wenig beitrug. Da jedes Stück selbst erworben, lang
-erstrebt und mühsam in langen Raten bezahlt war, so verkörperte es
-gleichsam ein paar Jahre Lebensgeschichte des Erwerbers, besonders, wenn
-noch eigene Kunstfertigkeit hinzutrat, die den Wert des Gerätes erhöhte.
-So war das eigengesponnene Linnen der Betten durch eigengeklöppelte
-Spitzen bereichert, in denen alle Feierabende und Sonntagnachmittage
-sämtlicher Frauen der Familie Gestalt gewonnen hatten; die Mußestunden
-der Männer hatten sich in sinnreiche Bemalung der tannenen Schränke und
-Truhen, in leichtes Schnitzwerk an Bettleisten und Stuhllehnen umgesetzt;
-und die Glorie einer frohen Erinnerung, der Wehmutsschleier einer trüben
-schwebten und webten über jedem Dinge. Noch wurden Wohnungen nicht
-gewechselt, Hauseinrichtungen nicht fertig gekauft, schnell abgenutzt,
-erneut und getauscht nach Belieben. Sie entstanden unter den Schicksalen
-der Menschen, trugen ihren Stempel und überlebten sie als Denkmäler ihres
-Wesens.
-
-Wie alle Glieder der Schreibersfamilie an dem Bau, der Erhaltung und
-Verschönerung ihres Heims tätig gewesen waren, so trugen auch alle zu dem
-bißchen Wohlstand und Wohlleben der Familie bei, indem alle nach Kräften
-erwarben. Jedes der Kinder hatte sein Talent oder seine Tüchtigkeit und,
-kaum den Kinderjahren entwachsen, seinen Broterwerb. Und diejenige unter
-den Töchtern, deren Geschichte ich erzählen will, war Spitzenklöpplerin
-und zählte die vornehmsten Frauen der Stadt zu ihren Kundinnen.
-
-Es war eine kleine Person, dunkel, mit großen, aber keineswegs
-schwärmerischen Augen, äußerst zarter, aber blühender Haut und dem
-prächtigsten, glatten, rabenschwarzen Haar, das sie in Zöpfen unter einer
-sittigen kleinen Haube verborgen trug. Ihr braunes Kleidchen sah dank ihrer
-friedlichen Beschäftigung immer wie neu aus, das Busentuch stets rein und
-weiß, und das goldene Kreuzchen, das sie an einem Sammetbändchen am Halse
-trug, hob die Zierlichkeit ihrer Erscheinung durch sein Blinken gerade
-genug, um ihrer keuschen Jugendlichkeit nichts zu nehmen. Sie hieß
-Gabriele; und wie auch der Name im Munde ihrer Umgebung verdorben wurde,
-sie selbst sprach ihn stets unverkürzt; und hätte sie schreiben können,
-sie würde ihn auch unverkürzt geschrieben haben.
-
-Gabriele hatte zwar in ihrer Kindheit bei den Klosterfrauen einiges
-gelernt; aber, dem ohnehin dürftigen Unterricht kaum entwachsen, hatte
-sie unverzüglich alles wieder vergessen bis auf das Spitzenklöppeln und
--nähen, das sie mit der Leidenschaft einer echten Künstlerin betrieb.
-Nicht nur hatte sie die gewandtesten Finger; sie hatte auch Gedanken: sie
-ersann Formen, veredelte und verbesserte die vorhandenen und liebte es,
-ihre Muster im feinsten Faden und in der mühevollsten Technik der Klöppel
-und der Nadel auszuführen; denn da sie unendlich flink arbeitete,
-so geschah es nicht leicht, daß ein angefangen Stück Arbeit ihr zum
-Überdruß wurde. Alles, was unter ihren Händen entstand, erfüllte sie
-in seiner Sauberkeit und Regelmäßigkeit mit solcher Freude, daß sie
-vergaß, wer es geschaffen und erdacht hatte, und es wie ein Geschenktes
-hinnahm. War ein Stück fertig, so trippelte sie flink und glücklich nach
-dem Hause der Bestellerin. Nie gab sie ihre Arbeit in Dienerhände: selbst
-wollte sie sie vorlegen, selbst auf ihre Schönheit aufmerksam machen,
-selbst das Lob ernten, das dem Wohlgelungenen zukam. Sie pflegte ein Stück
-schwarzen Sammets bei sich zu tragen, darauf breitete sie die Spitze, ehe
-sie sie vorzeigte.
-
-Und dann bewunderte sie ihr eigenes Werk so herzlich, unschuldig und
-ehrlich, daß es niemandem einfiel, dies als Eitelkeit oder gar als
-berechnete List zur Erzielung eines höheren Preises aufzufassen.
-
-Wie eine Mutter ihr Kind anbetet, von dem sie weiß, daß sie selbst nichts
-tun konnte, als das vom Himmel Gegebene hüten und heilig halten, so betete
-Gabriele ihre kleinen Kunstwerke an, ohne sich eigentlich ein Verdienst
-daran beizumessen. Man hörte sie auch nie sagen: »Dies habe ich so oder
-so gemacht«, sondern stets: »Dies ist gut geworden« oder »Dies ist
-recht artig herausgekommen«, wobei doch jedermann empfand, daß sie
-diese Worte nicht wählte, sondern unbewußt als die einzig angemessenen
-vorbrachte. Deshalb mochten es die großen Damen auch gerne leiden, wenn
-die kleine Klöpplerin mit ihrer Arbeit bei ihnen eintrat; sie brachte
-etwas mit, was keine von ihnen verstand oder kannte, und was sie doch
-anwehte wie ein Hauch aus dem Paradiese.
-
-Am heiligen Sonntag klöppelte Gabriele nicht. Da ging sie zur Kirche,
-wobei freilich nicht verschwiegen werden darf, daß sie es weniger um
-Gottes Wort zu hören tat, als einigen köstlichen Altarspitzen zuliebe,
-deren Zeichnung sie in ihrem Gedächtnis nur fixierte, um sie gleich
-wieder ihrer stets tätigen Phantasie zum freien Spiel zu überlassen. Den
-Nachmittag aber legte sie vollends die Hände in den Schoß -- das heißt,
-sie klöppelte und nähte nicht, zwang sich auch nach Möglichkeit, nicht
-in Gedanken an einem Entwurf weiter zu grübeln; da gab sie sich ganz dem
-Zusammensein mit Eltern und Geschwistern hin. Der Sonntag war der Tag, der
-alle, die die Wochenarbeit auseinander gerissen hatte, in einem Raum und
-an einem Tische vereinigte. Da war die kleine Wohnstube, die während der
-ganzen Woche still und sauber aufgeräumt stand und keinen Laut vernahm
-als das surrende Spinnrad der Mutter oder den leichten Elfentanzschritt von
-Gabrielens Klöppeln, plötzlich belebt, übervoll und lärmend. Jeder der
-Brüder, jede der Schwestern hatte eine Sonntagnachmittagspassion, sei
-es, daß sie für ihre Gewandung arbeiteten, die sie während der Woche
-vernachlässigen mußten, sei es, daß sie Hausgerät und Zieraten
-herstellten, die sie lange begehrt hatten und nicht durch Kauf erwerben
-konnten. Der hämmerte, jener brannte, einer schnitzte; jene klapperte
-mit der Schere, diese mit Stricknadeln, eine dritte mit dem dampfenden
-Plättsteine. Dazu rauchten die Männer, daß die Luft wie eine bläuliche
-Wand zwischen den einzelnen stand, und im Ofen zischten leise die bratenden
-Äpfel, Wohlgerüche mit Wohlgerüchen mengend. Alle redeten, alle lachten,
-und der oder jener sang auch. Gabriele und die Mutter sorgten für die
-Mahlzeiten, und die stets Emsigen nahmen diese Aufgabe für Erholung und
-sonntäglichen Müßiggang, dem sie sich mit all der Schwelgerei hingaben,
-die ihre kleinen Mittel erlaubten. Duftete dann die Mehlsuppe, ein
-gebackener Fladen oder gar ein Stück Fleisch auf dem Tische, so trat eine
-große Stille ein, und man vernahm nichts als leises Klirren der Löffel
-und behagliches, langgezogenes Schlürfen. Bald aber schwirrte es um so
-lustiger wieder durch die erhitzte Luft der Stube.
-
-Das waren Gabrielens Feste. Einmal oder zweimal im Jahr sah sie eine
-Volksbelustigung, einmal oder zweimal im Jahr genoß sie eine fröhliche
-Sommerfahrt in grünes Land. Das waren dann Erinnerungen, die leuchteten
-lange nach. Aber die Alltäglichkeit hatte auch ihren Glanz, mochte er
-auch nur geborgt sein von dem Sonnenschein in Gabrielens eigenem Wesen.
-Krankheit blieb dem Hause fern; Mangel am Nötigsten hatte die tätige
-Familie nie erfahren müssen, und Monate knappen Erwerbes machten nur
-freudiger und erfinderischer zur Arbeit. Es waren glückliche Menschen und
-Gabriele, weil die Kunstfertigste, die Glücklichste.
-
-Dann kamen Freier für die Schwestern, dann vermählten sich die Brüder.
-An den Sonntagnachmittagen wurde die Stube enger, die Luft heißer und
-dicker, der Lärm mannigfaltiger. Kinderstimmen gellten, Kinderfüße
-trappten polternd dazwischen. Vielfach klangen manchmal ein kurzer,
-lebhafter Streitlärm, ein Kreischen, auf den Tisch donnernde Fäuste dazu.
-Aber es endete immer in Eintracht, und auch das bedeutete nur vermehrte
-Freude.
-
-Gabriele war die letzte Unvermählte, vielleicht weil sie die Feinste und
-Schönste der Familie war. Einfache Männer wagen sich nicht gern an das
-Aparte, und Gabriele war apart und ein bißchen hochnäsig, insofern, als
-sie derbe Scherze nicht liebte. So fröhlich sie war, das Lachen versagte
-ihr oft da, wo die werbenden Männer am meisten erwarteten, es zu hören.
-Das machte die Freier scheu, und schon glaubte jedermann, Gabrielen sei es
-nicht bestimmt -- -- da schlug auch ihre Stunde.
-
-Es war an einem Sommerabend, als im Städtchen das Leben sich in allen
-Gassen drängte. Duft von weißem Holunder wehte aus irgendeinem Garten.
-Frauen und Greise saßen auf den Bänken vor den Häusern; Kinder, Hunde
-und Spatzen tummelten sich in den Gassen, die Männer standen unter den
-Türen der Werkstatt, der Boutique, der Kanzlei und warteten auf den
-Feierabendschlag, schon müßig, ehe er erklang. Die milde Wärme löste
-jede Spannung, jede Sorge, jeden Arbeitstrieb, weckte den Lebensgenuß, die
-Sorglosigkeit, den Leichtsinn -- als ob es nie mehr einen Winter, Not und
-Kälte geben sollte.
-
-Da kam auf Stöckelschuhen, die fast so hell und flink klapperten wie ihre
-Klöppel, Gabriele durch die Gasse getrippelt. Sie hatte etwas vollendet,
-was ihr besonders gefiel, und sie trug das fertige Stück seiner Bestimmung
-zu. Da wollte es der Zufall, daß ein vornehmer Müßiggänger, der
-ziel- und absichtslos durch die abendliche Schönheit schweifte, die
-Vorstadtgasse kreuzte und das Mädchen erblickte. Er folgte ihm bis in das
-stillere Quartier der Reichen, wo die Bestellerin der Spitze wohnte. Er sah
-die schöne Person vor einem großen steinernen Hause haltmachen, das er
-erfreut als das eines Freundes erkannte. Er trat hinter ihr ein, eilte vor
-ihr die Treppen hinauf und stand neben dem Lehnstuhl der greisen Herrin
-des Hauses, als die höflich knixende Gabriele unter der Tür des Gemaches
-erschien.
-
-Das Herz der kleinen Klöpplerin, das bei der offensichtlichen Verfolgung
-bereits etwas ängstlich zu pochen begonnen hatte, beruhigte sich sofort
-beim Anblick des Mannes an diesem Orte. Gabriele gehörte zu den seltenen
-Menschen, die jedem Ding gern die natürlichste Erklärung geben: daß
-dieser Mann denselben Weg gehabt wie sie, daß er in dies Haus gehörte und
-daß er mit Fug und Recht Leuten, die da aus und ein gingen, etwas scharf
-ins Gesicht blicken mochte, das war eine Folgerung, mit der sich Gabriele
-ohne weiteres zufriedengab. Sie knixte bescheiden und artig auch vor ihm,
-dann begann sie unbefangen, ihren Sammetfleck auszubreiten und die Spitze
-darauf zu entfalten.
-
-Es war ein feines Gebilde von Sternen und duftigen, nebelzarten
-Hintergründen, aus denen sich die kräftigeren Linien eines streng
-gehaltenen Musters hervorhoben. Ein blühender Kirschbaum; der Schaum
-eines Wasserfalls; die windgekräuselte Fläche einer Wiese voll weißer
-Sternblumen; Schneeflockentanz oder rieselnder Regen abfallender Sternchen
-der Holunderdolde -- alles das konnte dem Beschauer zu Sinn kommen, der
-dies reinliche Stückchen Menschenwerk sah. Und doch stand eine feste,
-straff geführte Zeichnung in dem Nebelbilde. Die kleine Künstlerin selbst
-faltete die Hände, wie sie drauf niederblickte, ganz versunken in die
-Vollkommenheit dessen, was sie im einzelnen durchdacht und ausgeklügelt,
-in seiner ganzen Wirkung aber nur eben geahnt hatte.
-
-Gleichfalls mit gefalteten Händen aber, und nicht weniger als sie
-versunken in den Anblick einer Vollkommenheit höherer Art, stand der
-Mann, der Gabriele verfolgt hatte. Die Klöpplerin hatte sich bedachtsam
-so gestellt, daß ihre Figur keinen Strahl des sinkenden Lichtes von ihrem
-Kunstwerke hinwegnahm; dafür traf nun sie selbst die volle Beleuchtung.
-Alles Feine, Säuberliche und Zierliche an ihr kam zu voller Würdigung:
-die seidige Haut, die Weichheit ihres Haares, die dunkle Glockenschweifung
-ihrer langen Wimpern, die durchsichtige Zartheit der kleinen Ohren nicht
-weniger als das tadellose Gefältel der Haube, die Unverbrauchtheit ihres
-Anzuges, die züchtige Ordnung des Halstuches. Und vielleicht waren es
-Bilder noch holderer Art, die dem Beschauer dieses Stückchens Gotteswerk
-zu Sinn kamen, denn ein inniges und sehr glückliches Lächeln verbreitete
-sich langsam über sein Gesicht, in dem auch nicht der Schatten eines
-niedrigen Gedankens mehr zu sehen war. Er richtete mit freundlicher Stimme
-einige übliche Fragen an Gabriele, und wenn sie bei der Antwort in seine
-Augen blickte, was sie mit der Unerschrockenheit der Unschuld tat, so
-begegnete sie dem Ausdrucke lauterster Güte.
-
-Als Gabriele heimwärts wandelte durch die Straßen und Gassen, in denen
-nun die Dämmerung wob, mußte sie recht ernsthaft an den großen vornehmen
-Mann denken, der sie so gütig angeblickt hatte. Sie verhehlte sich nicht,
-daß sie einem ähnlichen Blick nie in ihrem Leben begegnet war. Sie hatte
-oft genug Bewunderung und Begehren in Männeraugen gesehen, aber nur in
-den Augen glücklicher Mütter etwas von dem, was dieser Fremde über sie
-ausgegossen hatte. Und wie sie über das Erlebnis nachdachte, ertappte sie
-sich auf dem sonderbaren Wunsche, diesem Manne als Magd zu dienen, wenn es
-einmal mit dem Spitzennähen vorbei sein sollte. Gabriele wußte, daß die
-Augen vieler Klöpplerinnen in noch jungen Jahren den anstrengenden Dienst
-des Ausnähens versagen, und der Gedanke an diese Möglichkeit hatte sie
-oft erschreckt. Jetzt sah sie in ein Zukunftsbild, wo es sich auch ohne die
-gewohnte Arbeit recht annehmbar leben ließ: sah ein freudiges Schaffen aus
-innerm Herzenstrieb vor sich, wie sie es bisher noch nie einer Person, nur
-ihrer Kunst dargebracht hatte.
-
-Einige Tage nach diesem Vorfall trat der fremde Mann in Gabrielens Stube;
-er bestellte Spitzen, er ließ sich Muster zeigen, er sprach viel und
-fragte eingehend über die wunderlichsten Dinge. Gabriele antwortete in
-wahrer Herzensfreude, schon jetzt den künftigen Gebieter in ihm verehrend,
-und bemühte sich, ihr Bestes zu zeigen, um seine gute Meinung für
-kommende Zeiten zu gewinnen. Darüber merkte sie nicht, wie lange er blieb
-und wieviel er frug, was gar nicht zur Sache gehörte. Auf ihren stillen,
-morgenlichten Lebensweg war plötzlich in goldener, breitstrahlender Fülle
-der blendendste Sonnenschein gefallen; sie vermochte noch nicht, die Augen
-ganz aufzuschlagen.
-
-Sie hatte nun erfahren, daß der Fremde ein Ratsherr war und einer der
-reichsten Patrizierfamilien der Stadt angehörte. Er hatte ihr seinen Namen
-genannt, hatte ihr beschrieben, wo er wohnte, und ihr befohlen, die Spitzen
-dahin zu bringen. Ohne Arg sagte Gabriele zu. Schnell huschte der listige
-Vorsatz durch ihr Köpfchen, sich das Haus, in dem sie einmal dienen
-wollte, gut anzusehen: »ob etwas zu lernen wäre, was sie noch nicht
-könnte«. Sie lächelte ein wenig bei dem Gedanken, daß sie dann etwas
-anderes als Mehlsuppen würde kochen müssen. Aber was wollte sie nicht
-können, wenn es diesem Herrn galt?
-
-Sie machte sich an die Spitzen und spann dabei an den frömmsten und
-demütigsten Vorsätzen. Sie dachte an tausend kleine Verrichtungen, die
-sie für Vater und Brüder zu tun gewohnt war, und ob jener Gestrenge auch
-damit zufrieden sein würde. Und in der Sorge um sein Wohlgefallen schien
-ihr plötzlich auch ihre Kunst arm und ihr Fleiß ungenügend. Sie warf
-beiseite, was sie begonnen hatte, und fing noch einmal mit feinerem Faden
-an.
-
-Wenn Gabriele je ein Kunstwerk geschaffen hatte, so war dies Stück Spitze
-eines. Wie von leichten Winden getragen, lebte und webte das Geranke auf
-dem duftklaren Grunde; jede Blüte öffnete sich in voller Wonne, jede
-Knospe zitterte, schlanke Stäbe von leichtem Gitterwerk strebten
-kühn nach oben und stützten die flatternde Wildheit der Zweige, und
-Schmetterlinge mit ausgebreiteten Schwingen lagen ruhend auf den Wogen
-der Luft. Ein ganzer Frühling, nur im lauteren Weiß eines
-Schneeblumentraumes, erwachte unter den emsig spielenden Fingern. Die
-Klöppel klangen wie klappernde Pantöffelchen zahlloser kleiner Elfen, die
-hurtig und froh den Wunderwebstuhl bedienten; in lautloser Stille aber
-zog die Nadel ihre magischen Kreise, feierlich, langsam und preziös
-bedächtig, wie ihrer größeren Wichtigkeit bewußt.
-
-Der Ratsherr kam von Zeit zu Zeit, um den Fortschritt des Werkes zu
-betrachten. Wenn er in die Stube trat, ruhten die Klöppel, denn dann
-fühlte Gabriele ihre Finger kalt und unruhig und zu subtiler Arbeit
-untauglich werden. Sie stand vor dem Gewaltigen auch lieber auf: schon
-stehend fühlte sie sich so klein neben ihm. Und dann war er doch auch
-ihr zukünftiger Herr, und Sitzen und Weiterarbeiten vor ihm wäre eine
-Unziemlichkeit gewesen.
-
-Der Ratsherr pflegte recht ausgiebig zu loben, und Gabrielens Herz
-hüpfte vor Freude, wenn sie sah, wie gut er das wahrhaft Kunstreiche und
-Schwierige zu würdigen wußte. Das war ein Mann, dem edle Arbeit durch die
-Finger gegangen war! Sein verständiges Lob gab Gabrielen die anfänglich
-erschütterte Sicherheit zurück, sie fing wieder an, sich unverhohlen des
-Gelingens zu freuen, und je mehr sie sich freute, desto schöner und holder
-sah sie aus, so daß es fast eine zu harte Probe für des Mannes Liebe
-wurde, das ernste Spiel nicht durch einen voreiligen Ausbruch von
-Zärtlichkeit ganz zu verderben. Seine Besuche wurden immer länger, kamen
-immer häufiger. Er gab ihnen eine gewisse Begründung durch allerhand
-Belehrendes, was er Gabrielen zutragen zu müssen vorgab: denn wie alle
-Geniemenschen trieb diese kleine Fee ihre Kunst nur nach den Geboten ihrer
-eigenen Seele und ahnte nicht, daß es außerhalb dieser und dem Stückchen
-ererbter Tradition noch unermeßliche Möglichkeiten gab. Sie besaß eine
-Sammlung pergamentener Klöppelbriefe, die uralt waren. Die Jahreszahl
-1604, die irgendwo auf dem ersten Blatte neben dem Namen des Sammlers
-stand, hatte keine Bedeutung für sie; die vorhandenen Muster veränderte
-und veredelte sie mit sicherem Stilgefühle. Nun kam der Ratsherr, und
-plötzlich stieg aus den vergilbten Blättern ein lebendiges Bild von
-Menschen- und Völkerschicksalen empor. Jedes Muster in dem alten Buche
-trug den Namen eines fernen Landes, einer Stadt: von einem längst
-versunkenen Kaiserreiche Byzanz, vom wogenumspülten Venedig, von der
-fernen Königin der Meere, dem glorreichen Genua wußte der vielwissende
-Mann die gewaltigsten Dinge zu erzählen. Dann wieder beschrieb er den
-stillen Fleiß holländischer Schifferfrauen, die träumend des Liebsten
-im tosenden Weltmeere denken, die höfische Pracht Frankreichs, wo der
-größte aller Könige die schöne friedliche Kunst der Frauen geadelt und
-gelohnt habe; die Nöte wandernder Hugenotten, die die Gottesfunken des
-reinen Glaubens weitertrugen, aus Holland und Frankreich in deutsche Lande,
-und mit ihm als Bild und Schild ihrer Tugend die edle Arbeit. Auch brachte
-er neue Muster aus Gent oder Alençon, die vielleicht ein tüchtiges
-kleines Menschenwesen wie Gabriele in die Welt geschickt hatte, vielleicht
-aber auch ein großer Künstler, der eigens zu dem Zweck studiert hatte und
-viel Gold und Ehre mit seiner Erfindung gewann. Gabrielens Geist erfaßte
-bang und doch froh die Lehre von der Weltbedeutung der Industrie, von der
-Mitarbeiterschaft stiller Frauen am Wohlstande und Ruhm ganzer Völker.
-Sie versuchte auch gern die Anwendung mancher Lehre, die dem anschaulichen
-Unterrichte entfloß, ahmte die neuen Muster nach, grübelte über ihre
-Technik, wagte und probierte, und durfte bald ein Gelingen verzeichnen.
-Den Ratsherrn beglückte die Feinheit und Richtigkeit ihres Empfindens, die
-Klarheit, die sie über ihr Können und seine Grenzen besaß.
-
-So ging das Werk zu Ende. Gabriele wurde desto stiller, je mehr sie sich
-dem Abschluß näherte, sie arbeitete auch langsamer und saß oft lange
-in müßigem Träumen vor ihrem Kissen, während sie sonst wohl ein wenig
-gehastet hatte, wenn es zur Vollendung ging. Es tat ihr weh, sich von
-dieser Arbeit zu trennen.
-
-Mit Tränen löste sie die letzten Nadeln aus der Spitze, rollte ihren
-Klöppelbrief zusammen und legte ihn in ein Kästchen, das einige kindliche
-Reliquien barg: kein anderer sollte je dieselbe Spitze tragen. Dann machte
-sie sich, diesmal mit langsamen Schritten und ganz blaß vor Leid, auf den
-Weg nach dem glänzendsten Hause der Stadt. Sie hatte dem Ratsherrn die
-Ablieferung für den bestimmten Tag versprochen, sonst hätte sie wohl das
-geliebte Stück Arbeit noch ein Weilchen für sich behalten.
-
-Als sie nach dem Hause des Gestrengen kam, erschrak sie sehr. Sie sah
-festlich geschmückte Menschen in der Halle, auf den Treppen, in den
-Gemächern, durch die ein schweigender Diener sie führte. Einige von
-diesen Menschen blickten sie lächelnd, andere erstaunt, andere ernst und
-forschend an, aber kein einziger gleichgültig.
-
-Gabriele fühlte sich nur von dem Gedanken bedrückt, daß sie vielleicht
-in dieser letzten Stunde den geliebten Mann nicht allein sehen, daß sie
-seine Aufmerksamkeit mit vielen anderen teilen würde. Vielleicht würde
-er gar nicht Zeit haben, die fertige Arbeit in diesem Augenblicke zu
-betrachten; er würde sie beiseitelegen, vergessen, vielleicht nach vielen
-Tagen zufällig darauf stoßen -- und Gabriele hätte doch so gern noch
-einmal sein knappes, scharfes Urteil gehört. Sie empfand es bitter, daß
-so ihrer Schaffensfreude Lohn und Krone genommen sein sollte, und schon
-erwog sie, ob sie nicht umkehren und zu gelegenerer Stunde wiederkommen
-sollte, als sie den Ratsherrn, von einigen würdig aussehenden Matronen
-geleitet, auf sich zuschreiten sah.
-
-Sie erkannte schnell in den alten Damen Kundinnen und Beschützerinnen und
-fühlte sich ein klein wenig versöhnt mit dem Mißgeschick der Stunde. Wie
-sie aber, an einen Tisch geleitet und von vielen Neugierigen umringt, ihre
-Spitze, um die alle zu wissen schienen, entfalten sollte, brach ihr fast
-das Herz. Es schien ihr grausam, daß sie vor gleichgültigen Gaffern
-bloßlegen sollte, was ihr das Heiligste und Liebste im Leben war. Und
-nicht mit der gewohnten leuchtenden Freude stand Gabriele diesmal vor ihrer
-Gabe, sondern trübe, in lautloser Ergebenheit und ganz stumpf gegen den
-Beifall, der sie von allen Seiten umrauschte. Langsam verschleierten sich
-ihre Augen; sie fühlte, daß sie eilen müsse, dem Getriebe zu entkommen,
-und mit einer Verbeugung gegen den Hausherrn suchte sie die Türe zu
-gewinnen.
-
-Aber schnell faßte der Ratsherr sie an der Hand und bat sie, zu verweilen
-und als sein Gast dem Feste, in das sie nun einmal geraten sei, ein
-Weilchen beizuwohnen. Auf Gabrielens erschrockene Abwehr hin mischten
-sich auch die würdigen Damen ein, und jede hatte ein liebes Wort für das
-geängstigte Kind. Die Matrone, in deren Haus jene erste kleine Begegnung
-zwischen Gabrielen und dem Ratsherrn stattgefunden hatte, sprach besonders
-gütig zu ihr; sie berichtete der langsam Auftauenden, es wäre zwischen
-den Gästen bereits verabredet worden, Gabrielen zum Bleiben aufzufordern,
-falls sie, wie erwartet, mit ihrer Spitze erscheinen sollte; und da sei
-niemand so hochmütig, einer so braven und fleißigen kleinen Person den
-fröhlichen Abend zu mißgönnen. Sie möge nur bleiben und sich an allem
-Gebotenen gütlich tun und sich einmal recht ansehen, wie es bei den
-reichen Leuten zugehe. Wenn sie sich aber dabei auch ein bißchen freuen
-könne, so statte sie ihrem Gastgeber dadurch den allerliebsten Dank ab,
-denn ihm sei daran gelegen, ihr für die besonders tüchtige und geduldige
-Arbeit eine kleine Ehrung widerfahren zu lassen.
-
-Gabriele war sprachlos, aber der überglückliche Ausdruck ihres
-Gesichtchens antwortete deutlich genug, daß ihr der eigentümliche
-Extralohn, den der vornehme Mann ihr zugedacht, keineswegs zuwider war. Sie
-stammelte nur noch etwas Undeutliches von armseliger Gewandung -- aber der
-Ratsherr rief alsbald ein paar jüngere Frauen heran und bat sie, seinen
-kleinen Gast nach Möglichkeit zu schmücken.
-
-»Nach Möglichkeit, Bruder?« rief eine große blonde Frau von heiterem
-Wesen, »nach Möglichkeit ist mehr verlangt, als du von unseren
-Frauenherzen billig erwarten kannst! Denn sie würde uns alle ausstechen,
-wenn wir mehr als das Nötigste täten!« Gabriele wurde flammendrot und
-schlug die Augen zu Boden, weil sie dachte, man spotte ihrer. Aber als sie
-den Ratsherrn die wohlwollende Necklust der blonden Frau durch ein scharf
-verweisendes: »Laß die Torheiten!« bestrafen hörte, tat es ihr leid,
-und sie lächelte mit einer sanften Bitte um Verzeihung im Blick den
-Personen zu, die sich nun an ihr zu schaffen machten.
-
-Die Männer wurden von den munteren Frauen ins Vorgemach gewiesen, und
-alsbald sah Gabriele sich der Haube und des Busentuches beraubt. Während
-eine Hand ihr Haar löste, wieder flocht und durch funkelnde Spangen in
-ganz anderer, vornehmer Weise feststeckte, legte eine andere ihr die eben
-vollendete, köstliche Spitze um die Schultern. Es bedurfte weiter nichts,
-um die kleine Klöpplerin in eine allen anderen durchaus ebenbürtige
-Erscheinung zu verwandeln; die artige Haltung ihrer feinen Figur und das
-schöne Maß ihrer Bewegungen taten das übrige.
-
-Als Gabriele vor dem Ratsherrn stand, entschuldigte sie sich zaghaft,
-daß man gewagt habe, ihr die kostbare Spitze umzulegen; er aber erwiderte
-freundlich, dies sei durchaus in seinem Sinne geschehen; an ihrem Leib sei
-ihm die Spitze so sicher, als läge sie in einem Reliquienschreine. Sie
-versicherte eifrig und beruhigt, sie wolle die Spitze fein hüten, und
-wandte sich nun der Unterhaltung zu, die das fröhliche jüngere Volk sich
-schaffte. --
-
-Es war tatsächlich ein Zufall gewesen, was Gabrielen in die
-hochansehnliche Gesellschaft geführt hatte. Als nämlich die kleine
-Künstlerin den nahen Ablieferungstermin für ihr Werk festgesetzt hatte,
-war dem Mann die Antwort entglitten: »Wohl, ich werde dich erwarten, da
-ich weiß, daß du deine Arbeit nur dem Besteller zu übergeben pflegst.«
-Eine Minute darauf war ihm das Fest eingefallen, das am gleichen Abend in
-seinem Hause stattfinden sollte: er fühlte, daß das liebe Mädchen
-vor der geputzten Schar erschrecken würde, und daß der kleine Akt
-der Übergabe, der ihr sonst zum Ereignis zu werden pflegte, ihr durch
-Befangenheit und Scheu getrübt werden würde. Ihr -- und ihm! Er hatte
-alles auf diesen Augenblick verschoben, er erwartete alles von ihm. Aber
-gerade in tiefem Vorgefühl einer bedeutungsvollen Wendung verwirrte
-und bedrückte ihn das unerwünschte Zusammentreffen aufs heftigste. Ihn
-bedrängte die Frage, die ein Unbefangener leicht gelöst hätte: unter
-welchem Vorwande er Gabrielens Kommen verschieben solle -- bedrängte ihn
-heißer als manche schicksalsschwere Frage in Völkerhändeln. Es erschien
-ihm hart, ihr schlechtweg zu sagen: »Du kommst mir ungelegen, denn ich
-habe Gäste!« und es erschien ihm beleidigend und töricht, sie geradezu
-aufzufordern: »Komme, wenn ich allein bin!« So ging der Ratsherr an
-diesem Tage unentschlossen heim, und nachdem er eine unruhige Nacht voll
-nutzloser Grübeleien verbracht, verfiel er auf den Ausweg, seine alte
-Freundin, die auch Gabrielen wohlgesinnt war, um Rat zu fragen.
-
-Die würdige Frau fand gleich die natürlichste Lösung. Gabriele sei ein
-Wesen, dem man wohl eine seltene Auszeichnung zuteil werden lassen dürfe.
-Sie sei klug genug, um die Sache zu würdigen, wie sie gemeint sei, und
-nicht Wünsche und Begierden in sich aufkommen zu lassen, die ihrem Stande
-nicht angemessen wären. Sie selbst wolle Gabrielen die Sache erklären.
-Jedermann sei Gabrielen gut und würde ihr die Ehre und Freude dieser
-Einladung gönnen.
-
-Das Gesicht des Ratsherrn, als er diesen Vorschlag anhörte, verriet
-der weisen Freundin, wie sehr sie das Richtige getroffen habe. Mit einem
-Lächeln voll feinen Verstehens reichte sie ihm die Hand.
-
-Den Ratsherrn hatte zuerst nur die edle Billigkeit des Gedankens gewonnen,
-und ihm gefiel die Vorurteilslosigkeit, mit der die vornehme Frau die Sache
-vorbrachte. Dann aber tauchte leise eine andre Vorstellung in ihm auf, bei
-der es ihm erst klar wurde, was er in Gabrielen sah. Daß die Geliebte in
-seinem Hause umhergehen sollte, daß er ihr seinen Reichtum und sein
-ganzes Ansehen gleichsam zu Füßen legen wollte, ja, daß am Ende gar
-die ungewöhnliche Stimmung des Vorganges das Wort lösen würde, das
-seit langem in seiner Seele schlummerte -- diese Möglichkeiten stiegen in
-schönen, triumphierenden Bildern langsam in der Seele des Mannes auf. Der
-Ratsherr sah dem Tage dieses Festes als dem entscheidendsten entgegen.
-
-Schöner, als er gehofft, erfüllten sich seine Erwartungen. Mit einem
-Anstand ohnegleichen bewegte sich Gabriele in dem vornehmen Hause; ohne
-im geringsten von ihrer Natürlichkeit abzuweichen, wußte sie Sprache und
-Benehmen so sehr dem gehaltenen Tone dieser Gesellschaft anzupassen, daß
-ein Uneingeweihter sie ohne Zweifel als dazugehörig eingeschätzt haben
-würde. Dazu verhalf ihr in erster Linie ihre Bescheidenheit, die sie mit
-einer Art religiöser Dankbarkeit über dies unverhoffte Glück erfüllte.
-Nicht nur der Ratsherr selbst, sondern auch jeder Gast des Hauses
-anerkannte erstaunt diese Vollkommenheit der Form. Was vorher gönnerhafte
-Herablassung war, wurde wirkliches Wohlwollen, und es verging wenig mehr
-als eine Stunde, so ward Gabrielen gehuldigt wie einer kleinen Königin.
-
-Es erschien sonderbar, daß die so unerwartet Gefeierte sich ihres
-Erfolges nur lau zu freuen schien. Bei den artigsten Worten, die verzückte
-Bewunderer ihr zuflüsterten, sah man sie mit gespannter Aufmerksamkeit
-einem Gespräche lauschen, das zehn Schritte von ihr geführt wurde, und
-ihre Erwiderung bestand meist in einer Frage, die große Lernbegier, aber
-sehr geringes Verständnis der Situation des Augenblicks verriet. Einige
-der Schwärmer wurden von dieser augenscheinlichen Kälte abgeschreckt;
-andre um so tiefer angezogen; aber keiner verstand den Vorgang.
-
-Es verhielt sich mit Gabrielens Nachdenklichkeit etwas anders, als der
-liebende Mann sich vorstellte. Zu wiederholten Malen im Verlauf dieses
-Abends war es geschehen, daß Gabriele auf irgendeinen Gegenstand
-aufmerksam gemacht wurde, der zu besonderer Ehre und Zierde des vornehmen
-Hauses gehörte. Sie hörte auch von nichts anderem so oft und so eingehend
-sprechen, wie von dem Wert und der Schönheit eines Gemäldes, einer
-Schale, einer Figur, der Geschichte seines Erwerbes, der Art seiner
-Herstellung. Die kleine Gabriele, die sich bisher nur an dem zarten
-Kunstgedanken einer Spitze hatte berauschen können, bekam nun manches zu
-sehen, was ihr den Atem nahm: an Goldfiligran, Holzwerk, Glas und Silber,
-an Gewebtem und Gesticktem, an Leder und Pergament, an Bildnissen in Farbe
-und Marmor, mehr als nach ihrer Ansicht der prunkvollste Dom aufzuweisen
-hatte. Und sie, die alles, was sie sah, in Beziehung zum wirklichen
-Leben bringen mußte, sie empfand wie einen Alp die Vielgestaltigkeit
-der Bedürfnisse. Sie verstand, daß diese Menschen mit anderen Sinnen
-empfanden als sie; daß das, was Gabriele bisher als Mittel zum Leben
-angesehen: Kleidung, Nahrung und Hausgerät, ihnen als Zweck des Lebens
-erschien. Und es erfaßte sie etwas wie Angst vor dem Aufwand an Zeit, den
-so ein Dasein verschlang, ohne etwas anderes davonzutragen als wachsende
-Fähigkeit des Verbrauches. Sie hatte sich einen Haushalt vorgestellt, wo
-sie durch Fleiß und Ordnungssinn eine nennenswerte Dienstleistung bieten
-konnte, und sie sah mit Schrecken, daß in diesem Betriebe der einzelne
-kaum zählte. Und ihr schöner Zukunftstraum zerfiel.
-
-Während der Mahlzeit, wo funkelnde Schüsseln sie blendeten, ging es
-ihr übel. Kaum daß noch zu erkennen war, was Fisch, was Vogel war. Und
-trotzdem sah keiner von den Gästen überrascht aus, ja, wenn Gabriele
-auf ihre Unterhaltung lauschte, so schien es ihr, als wäre der oder jener
-nicht einmal sonderlich zufrieden. Gabriele war es, als müsse sie sich
-über diesen Undank kränken; wie viele Hände mochten an dem geschaffen
-haben, was da genußlos verbraucht wurde! »Sie wissen nicht, was Arbeit
-ist!« fuhr es ihr durch den Sinn, und ihr Gesichtchen ward kummervoll.
-
-Des Ratsherrn würdige Freundin versuchte auch, sobald das Mahl zu
-Ende war, mit mütterlicher List den Grund dieser unzeitigen Trauer zu
-ermitteln. Gabriele war zu schlicht für diplomatische Ränke; sobald sie
-nur erraten hatte, was ihre Beschützerin wollte, legte sie ihre ganze
-Seele vor sie hin. Sie habe oft, so erklärte sie, in ernsten Stunden
-darüber nachgedacht, was sie einmal beginnen würde, wenn ihre Augen, wie
-die so vieler Genossinnen, zum Klöppeln und Ausnähen zu schwach würden.
-Und wenn man Zukunftsgedanken spinne, so sei es natürlich, daß man das
-Erwünschteste zuerst in Betracht ziehe. Da habe sie denn geglaubt, nichts
-könne für eine arme Dirne schöner sein, denn als Magd in solch einem
-Hause zu dienen; sie habe auch den festen Glauben gehabt, sie könne
-backen, kochen, flicken und waschen so gut wie jede, und was sie noch nicht
-könne, würde sie mit Geduld und Fleiß wohl noch gelernt haben. Aber o
-Jesus! wie seien ihr heute die Schuppen von den Augen gefallen! Kaum zur
-untersten Scheuermagd lange ihr Können.
-
-»So gering schätzest du dich ein, Gabriele?« erwiderte lächelnd die
-alte Dame. »Aber mir scheint, daß du immerhin als Scheuermagd beginnen
-könntest, denn du würdest es schnell genug bis zur Schaffnerin bringen.
-Du brauchst ein Ding nicht mehr als einmal zu sehen, um es zu begreifen.«
-
-Gabriele, in ihrer Eigenliebe geschmeichelt, lächelte ein wenig vor sich
-hin. »Es freut mich, daß Ihr das denkt,« sagte sie, »aber da ist noch
-ein andrer Grund, warum ich traurig bin. Meine zwei Hände wären in diesem
-Hause nur ein Paar unter zehn anderen Paaren, und so ist Dienen keine
-Freude! Der Herr würde es nicht merken, wenn morgen ein andrer die Arbeit
-täte, die heute _ich_ getan habe, und das wäre Arbeit ohne Gotteslohn,
-nur um Geld.« Die Matrone ging, den Ratsherrn aufzusuchen, und berichtete
-ihm unter Lachen, was Gabriele ihr soeben gestanden habe. »Ich weiß ihr
-wohl eine Antwort,« sagte der Ratsherr, und sein schönes Gesicht wurde
-flammend rot. Er ging, Gabrielen aufzusuchen, die nachdenklich noch immer
-an der Stelle stand, wo die alte Dame sie verlassen hatte, und da er
-mit Recht schloß, daß ihr Sinnen auch noch nicht wesentlich von seinem
-Gegenstande verrückt sein würde, so fing er geradezu an und sprach:
-»Gabriele, es gibt in diesem Hause eine Stelle, die so ist, wie du sie dir
-eben gewünscht hast.« Sie blickte erschrocken auf, wollte etwas sagen,
-verstummte aber vor dem strahlenden und eindringlichen Blick seiner Augen.
-Er fuhr fort: »Niemandem als mir sollst du verantwortlich sein für die
-Arbeit, die du tust, und da wo du stehst, kann keiner je stehen und dich
-ersetzen. Dem Gesinde sollst du gebieten, aber dennoch wirst du die letzte
-Magd sein, denn aller Arbeit muß in deinen Gedanken sein, und du sollst
-dich nicht frei fühlen, als bis alle ihre Arbeit getan haben. Würde dir
-ein solcher Dienst gefallen, Gabriele?« Dem Mädchen brauste es vor den
-Ohren. Sie versuchte, wie gegen einen Wirbelwind kämpfend, auf dem Boden
-stehenzubleiben, wo sie sich sicher fühlte, deshalb sagte sie leise und
-mühsam: »Herr, ein solcher Dienst würde mir wohl gefallen!« »Überlege
-es wohl,« fuhr der Ratsherr fort, und seine Stimme zitterte ein wenig.
-»Es handelt sich um dein ganzes Selbst mit allen seinen Kräften. Du
-sollst geizig sein mit Weizenkörnern und freigebig mit Talern. Die Motte
-im Speicher soll dich ärgern, aber Krieg und Brand soll dich gefaßt
-und stark finden. Du sollst Magd sein unter Mägden und Edelfrau unter
-Edelfrauen. Du sollst jeden hören, für alle Rat haben, deine Zeit darf
-dir nicht zu kostbar sein, wenn es sich um eine Kunkel voll Flachs
-oder einen Korb Äpfel handelt; du mußt sechs Dinge zu gleicher Zeit
-vollbringen können, und du darfst nie so aussehen, als ob du Eile
-hättest. Ich frage noch einmal, würde ein solcher Dienst dir gefallen?«
-Gabriele vermochte nur zu nicken. Ihre Augen standen voll Tränen. »Dann
-frage ich dich also hiermit, Gabriele,« schloß der Ratsherr -- er ergriff
-die Hand der Klöpplerin und küßte sie sehr inbrünstig -- »dann frage
-ich dich also: willst du in diesem Hause als Hausfrau eintreten?« -- --
-Die Antwort auf diese Frage ließ sehr lange auf sich warten. Sie
-erfolgte überhaupt nicht mehr an diesem denkwürdigen Abend, denn
-Schicksalswendungen, wie diese, finden nur langsam Eingang in die
-Vorstellung einfacher Menschen, und Gabriele mußte erst eine lange,
-bange Nacht voll seliger und demütiger Gebete verbringen, ehe sie glauben
-konnte, daß sie recht gehört. Am andern Tage hielt der Ratsherr förmlich
-um Gabrielens Hand an und erhielt ein schluchzendes »Ja« zur Antwort.
-Dann erst begann er mit der Zartheit eines Gärtners, der eine Blume in
-fremdes Erdreich verpflanzt, die Betäubte in seiner Liebe und ihrem Glück
-heimisch werden zu lassen. Als er Gabrielen nach zwei Monaten zum Altar
-führte, war sie seiner Liebe gewiß und er der ihren.
-
-Wenn ich bisher ein guter Erzähler war: wenn es mir gelungen ist, das
-Charakterbild zweier Menschen klar zu überliefern, so müßte mein Leser
-jetzt imstande sein, nach einer einfachen logischen Gesetzmäßigkeit
-das Rechenexempel zu lösen, das sich aus dem Plus und Minus ihrer
-Eigenschaften ergibt. Das Resultat dieser Gleichung war ein Schicksal, ein
-kleines, stilles, das wenig Aufsehen machte; und doch ein Schicksal, das
-erzählt zu werden verdient, weil es vielleicht das Schicksal mancher Frau
-ist.
-
-Ich habe Gabriele geschildert als einen Menschen, der zugleich bescheiden
-und seines Wertes bewußt ist. Also wird sie nicht in den Fehler verfallen
-sein, an dem Frauen, die durch Heirat emporgekommen sind, so leicht
-kranken! Sie wird nicht abgewogen haben, was ihrem Rang an Ehrungen
-zukam, sie wird nicht eifersüchtig gewacht haben, daß ihr nicht weniger
-geschähe als der Base, der Schwägerin, der Freundin. Sie wird das
-Gefühl, das ihr unmittelbar entgegenkam, ebenso erwidert haben, und wo es
-ausblieb, keinen Versuch gemacht haben, es zu erzwingen.
-
-Ich habe auch die Sippe des Ratsherrn als eine weitherzige und redlich
-gesinnte gekennzeichnet. Die treue Gesinnung der blonden Schwester des
-Ratsherrn und die offenkundige Gunst der vornehmsten Matrone der Stadt
-unterstützten Gabriele in jedem Falle, und das Ansehen des Gatten half
-vollenden, was die Anmut der jungen Frau etwa nicht allein zu bewirken
-vermocht hätte.
-
-Es war auch nicht das Verhältnis zu ihrer eigenen Familie, das einen
-Mißklang in Gabrielens Eheharmonie hätte tragen können. Fleißig, gesund
-und glücklich, wie diese einfachen Menschen waren, fühlten sie auch
-insgesamt zu stolz, um irgendeinen unbilligen Vorteil aus der Heirat ihrer
-Schwester ziehen zu wollen. Wo der Ratsherr zu ihren Gunsten wirken
-konnte, tat er es gern, denn es war ein tüchtiges Geschlecht, das seiner
-Fürsprache Ehre machte. Sie hielten sich aber immer ein wenig abseits und
-riefen seine Hilfe nur da an, wo sie sagen konnten, daß Zusammenhalten
-im Nutzen beider Teile läge, zum Beispiel, wenn sie sich an irgendeiner
-öffentlichen Arbeit zu beteiligen wünschten, wo sie als Gegenwert die
-Wahrung der Gemeindevorteils hoch hielten, den der Handwerker sonst nicht
-gern anerkennt.
-
-Was endlich den Ratsherrn selbst betrifft, so ist er wohl als ein Mann zu
-schätzen, der sein Wort an einer Frau _ganz_ erfüllt. Wie er sich durch
-den Unterschied zwischen seiner und Gabrielens Erziehung nicht hatte
-anfechten lassen, so wird er auch zu ihr gestanden sein, wo etwa dieser
-Unterschied sich fühlbar gemacht haben mag. Er wird ihre Unwissenheit vor
-anderen gedeckt, er wird ihren hellen, empfänglichen Geist gebildet
-haben. Und die Saat, die er in ihre weiche Seele legte, wird Blumen stillen
-Glücks für ihn und sie getragen haben.
-
-Und doch hatte diese Ehe ein Schicksal.
-
-Gabrielens Leben war zunächst ein Lernen auf jedem Gebiete. Sie war eine
-redliche Frau, die das, was sie war, auch bis zur Vollkommenheit sein
-wollte, und wenn sie denken mußte, sie habe es in irgendeinem Punkte an
-Willen oder Fähigkeit fehlen lassen, so grämte sie sich schwer. Sie ward
-in allen Punkten das, was der Ratsherr von ihr erwartet hatte, das
-Herz, der Fels, das lebendige Licht des Hauses, und sie ward es nach
-verhältnismäßig kurzer Zeit. Glaube nicht, daß das ein leichtes
-für sie gewesen sei! Gabriele hatte zunächst die Abneigung einer
-alteingesessenen Gesindeschar zu überwinden. Dann hatte sie die Arbeit
-nicht mehr nach der eigenen Klugheit allein, sondern nach Zeit, Willen und
-Fähigkeiten von einem Dutzend Untergebener einzuteilen. Gabriele mußte
-das Tagewerk jeder Magd und jedes Knechtes im Kopfe haben, und, wenn sie
-nicht Mißstimmung und ewig erneuten Widerstand erregen wollte, auch
-die persönlichen Eigenheiten jedes einzelnen. Sie mußte vorsichtig und
-gerecht sein in ihren Forderungen, denn verlangte sie zu viel, so riß
-Unzufriedenheit, verlangte sie zu wenig, so riß Unordnung und Trägheit
-ein. Sie mußte ihren Leuten schlechte Laune und Krankheit ansehen, mußte
-ein scherzendes Wort gegen die eine, ein Heilmittel für die andere bereit
-halten, durfte sich nicht erst bitten lassen, sollte aber auch nicht zu
-rasch damit kommen und jedenfalls immer den Abstand wahren zwischen sich
-und jenen Übelgesinnten. Sie durfte sich von der Schaffnerin nicht mahnen
-lassen, daß die Birnen zum Mosten reif seien, vom Knecht nicht an das
-Schwefeln der Fässer, und sie mußte doch beiden den Ruhm gönnen, den
-Zeitpunkt der Arbeit selbst zu bestimmen. Sie mußte Jahreszeiten und
-Elemente verstehen lernen, wie die Launen ihres Gesindes. Bei jedem Brot,
-bei jedem Lichte, bei jeder Elle Leinwand, die sie aus Keller und Speicher
-holte, mußte sie wissen, wieviel noch vorhanden war, die Würste im
-Rauchfang und das Mus im Bottich, der Sirup, die Kienspäne und die kleinen
-Büschelchen Schachtelhalme zum Scheuern der Zinngefäße: alles mußte
-registriert sein in Gabrielens Köpfchen, und sie mußte merken lassen,
-daß es das war, und durfte doch den Anschein geizigen Nachzählens nicht
-haben.
-
-Doch war dies der bei weitem leichtere Teil ihrer Aufgabe. Weit ernster und
-verantwortungsreicher erschien das Amt, das sie an ihrem Gatten zu
-üben hatte. Scherzen und kosen, wenn er zum Kosen bereit war, und
-beiseitestehen, wenn Wichtigeres ihn beschäftigte, ist nichts; das lernt
-jede Frau über Nacht. Aber der Ratsherr stand mitten im öffentlichen
-Leben, und jeder seiner Schritte hatte eine Bedeutung für viele, wurde
-getadelt oder gebilligt. Und Segen wie Fluch schlug zuerst an das Ohr
-seines Weibes. Da hatte Gabriele denn zu lernen, was sie verraten und was
-sie verschweigen mußte; was sie auf eigene Gefahr hin schlichten oder
-in rechtes Licht rücken durfte, und was sie still bei sich herumtragen
-mußte, um es im gegebenen Augenblick vorzubringen und zu befürworten. Sie
-hatte zu lernen, wo man horchen und wo man sich abwenden mußte; sie, die
-Arglose, mußte unterscheiden können zwischen Übelwollenden, Gleißnern,
-schwachen Gutwilligen und fest Erprobten; mußte wissen, wen der Ratsherr
-zu Recht oder Unrecht liebte, wen er verkannte, wen er fürchtete. Sie
-hatte auch zu lernen, wann sie selbst ein Anliegen vorbringen durfte, wann
-ein teilnahmsvolles Fragen von ihrer Seite erwartet ward, und wann sie sich
-gedulden mußte, bis des Gatten Herz und Mund sich von selber auftat zu
-seiner Erleichterung. Sie mußte Wolken auf seiner Stirn sehen, die ihr
-bange machten, und durfte nicht fragen: »bin _ich_ schuld?« und sie
-mußte Teilnahme und oft gar Rat in Dingen finden, die sie nur halb
-verstand.
-
-So war es zu jener Zeit, in welcher die Frauen das Wort »Bedeutung«
-noch nicht kannten und doch _alles bedeuteten_ für den Kreis, in dem
-sie standen: da durfte jeder Brave all diese Dinge und noch viel mehr von
-seiner Frau verlangen. Es ist damals nicht leicht einem Manne eingefallen,
-Rücksicht auf die Anlage einer Frau zu nehmen, und noch viel weniger einer
-Frau, es zu beanspruchen. Ich glaube nicht, daß die Männer sich höher
-fühlten als heute; aber sie vertraten die eiserne Notwendigkeit des
-Lebens, den Kampf, die Ehre der Gemeinde, die Sicherheit des Vaterlandes.
-Und dieser Notwendigkeit allein ordneten die Frauen sich unter, waren
-ganz Beobachtung, ganz Anpassung, ganz Entsagung. So töricht waren wenige
-Frauen, daß sie _das_ nicht begriffen hätten: des Mannes Arbeit konnte
-nur gesegnet sein, wenn die aufreibenden Nichtigkeiten des täglichen
-Lebens ihm erspart blieben. Die Frau war noch nicht zur Krone der
-Schöpfung proklamiert, ach! aber sie war die unentbehrliche Lebenskraft
-des Einzelnen wie des Ganzen.
-
-Und so war auch Gabriele in ihrem kleinen Reiche. Ihr Gatte fühlte wohl,
-was sie ihm und dem Hause war. Hatte er sie vorher geliebt, so betete er
-sie jetzt an. Er schätzte ihren Rat; die leiseste Wolke der Mißbilligung
-auf ihrer klaren Stirn war ihm wie ein schwerer Tadel; eine Träne in ihren
-Augen machte die seinen hellsehend und milde. Er wußte, daß ihm nichts
-Unnützes, Eitles, Spielerisches von ihr kam; die Frau, der einst die
-eigene Arbeit heilig war, hielt wie eine Priesterin die Arbeit ihres Gatten
-hoch.
-
-Es kamen Kinder. Sie vermehrten Gabrielens Lasten, sie kürzten ihr den
-Schlaf. Sie brachten aber auch wieder liebliche Ruhestunden, in denen
-die Gatten, Hand in Hand sitzend, sich sorglos dem Anschauen ihrer Spiele
-hingaben. Und jetzt hätte beider Glück vollkommen sein müssen -- wenn
-nicht in Gabrielen langsam, aber stetig um sich greifend, eine heimliche
-und geheimnisvolle Krankheit am Werke gewesen wäre.
-
-Es war nicht die Krankheit des Körpers. Die ersten Zeichen stellten sich
-schon etwa zwei Jahre nach ihrer Vermählung ein und waren so subtil, daß
-sie kaum Gabrielen selbst zum Bewußtsein kamen. Nur eine flackernde
-Unruhe war's, etwas wie Unlust am Schaffen, etwas wie Sehnsucht, sich einem
-bestimmten Gedanken einmal ganz und ungestört hingeben zu können. Was
-für ein Gedanke das sein mochte, darüber nachzudenken fand Gabriele nicht
-Zeit noch Muße. Unaufhaltsam drängte das geschäftige Leben mit seinen
-tausend Forderungen. Aber während sie treu und emsig ihr Linnen maß,
-ihre Brote zählte, ihren Haspel füllte, ihre nähenden, spinnenden und
-kochenden Dienerinnen beriet, glitt es schemenhaft vor ihr her wie ein
-luftiges Etwas, das sie gerne festgehalten hätte und nicht greifen konnte.
-Wie ein ferner, süßer, vertrauter Ton, der leise, leise heranschwebte,
-und den der Lärm der Gegenwart verschlang. Wenn sie sich eine
-Viertelstunde Muße erhetzt hatte, siehe, dann war alles leer und tot in
-ihr, und sie fragte sich erstaunt, wozu sie nun so geeilt hatte. Meist
-freilich kam es nicht zur ersehnten Ruhepause; meist, wenn sie mit
-dem letzten Griff ihres Tagewerkes das eiserne Gewand ewig gespannter
-Aufmerksamkeit glaubte hinwerfen zu können, kam ein Gast, ein
-Notleidender, eines ihrer Geschwister, ihr Gatte. Sagen, daß Gabriele sich
-nicht gefreut hätte, daß ihr Herz und ihre Arme sich nicht in Liebe dem
-Kommenden geöffnet hätten, wäre Wahnwitz; aber das geheimnisvolle Etwas,
-dem sie einen Schritt näher gewesen zu sein meinte, huschte wieder vor ihr
-her. Sie konnte nicht anders, als ihm nachblicken -- nachsinnen -- einen
-Augenblick wenigstens! Und ihr erster Gruß klang zerstreut.
-
-Selbstvorwürfe vollendeten, was die nagende Unruhe begonnen hatte:
-Gabrielens Äußeres zeigte die Spuren ihrer inneren Zerrissenheit. Ihr
-Auge haftete nicht mehr klar und freundlich im Auge des Gatten, es irrte
-suchend umher und senkte sich oft. Von ihrer Stirn wollte eine kleine böse
-Falte fast nie mehr weichen. Ihre Wangen verblaßten, ihr Körper magerte
-ab. Da bemerkte der Ratsherr die Veränderung, erschrak aufs tiefste und
-beschwor sie, ihm zu sagen, was ihr denn fehle.
-
-Gabrielen traten die Tränen in die Augen, als sie ihn so ergriffen sah.
-Sie legte die Arme um seinen Hals, hob ihr Antlitz zu ihm auf und sagte
-ernsthaft: »Ich schwöre dir bei Gott, daß ich nicht weiß, was es ist.
-Wüßte ich es, ich würde es dir längst gesagt haben, würde längst auf
-Abhilfe gesonnen haben. Denn es ist mir, als brenne ein Feuer unter meinen
-Füßen, das mich dahin und dorthin treibt und mich keinen Bissen Brot in
-Ruhe essen läßt. Ich möchte glauben, daß ich behext bin.«
-
-»Gabriele,« flüsterte der Mann, indem er sie fester an sich zog,
-»Gabriele, bist du nicht glücklich?«
-
-»O Liebster,« rief sie weinend, »ich liebe dich wie an dem Tage, da Gott
-unsre Hände ineinanderfügte. Ich liebe dich noch tiefer, inniger. Jede
-Stunde meines Lebens war mir eine neue Offenbarung des seligsten Wunders.
-Du bist mir alles!«
-
-»Dann verstehe ich nicht, was dich grämt,« sagte der Ratsherr. Und nach
-einer Weile fragte er wieder: »Hast du Sorgen um die Kinder?«
-
-»Sie blühen wie die Rosen im Hag,« rief Gabriele, und ihr Gesicht
-leuchtete unter ihren Tränen. »Täglich danke ich Gott, daß er mir
-solche Kinder geschenkt hat!«
-
-»Dann verstehe ich nicht, was dich anficht,« sagte der Ratsherr noch
-einmal. Er suchte hin und her in seiner Angst und verfiel auf dieses und
-jenes. »Hat dich irgendeiner meiner Sippe gekränkt? Ist von den Deinen
-jemand in Not oder krank? Sind die Knechte aufsässig oder die Mägde faul?
-Gehen Gerüchte über mich in der Stadt umher?«
-
-Da mußte Gabriele lächeln in all ihrer Bangigkeit. »Glaube mir, Lieber,
-wenn die Dinge, die du da genannt hast, imstande wären, so monatelang an
-meiner Ruhe zu nagen, dann müßte ich eine schlechte und törichte Frau
-sein. Ich wäre ehrlich zu dir gekommen, wenn ich in Sorge um die Meinen
-oder in Not mit dem Gesinde gewesen wäre. Deine Sippe ist voll Güte zu
-mir, und was die Neider im Lande betrifft, so weißt du, daß ich mir ihre
-Meinung nur zu Herzen nehme, wo ich weiß, daß du Nutzen draus ziehen
-kannst. Nein -- das alles ist nicht, was mich quält.«
-
-»Vielleicht«, sagte der Ratsherr, »liegt zu vieles auf deinen
-Schultern. Du bist so gewissenhaft, und ich sah noch nie, daß du dir Ruhe
-gönntest.«
-
-»Meine Schwestern arbeiten bis in die tiefe Nacht um ihr Brot,« rief
-Gabriele ein wenig erzürnt ob der Zumutung, »und ich soll das nicht
-leisten können, was nur Freude und Spiel für mich ist? Nie hat mich die
-Not getrieben, länger zu arbeiten, als ich es gerne tat; nie hat mir die
-Arbeit den Schlaf gekürzt. Es gibt Mütter, die mehr Kinder und weniger
-Gesinde haben. Ich würde mich schämen, das Wort Übermüdung nur zu
-nennen.«
-
-»Dann,« sagte der Ratsherr in tiefer Besorgnis, »dann sehe ich nur noch
-eines: dann bist du krank! Und das ist wohl das Schlimmste von allem. Denn
-es zwingt uns, Hilfe außer uns zu suchen.«
-
-Gabriele erschrak und wehrte sich lange, denn sie empfand, so unerfahren
-sie in ärztlichen Dingen auch sein mochte, dunkel die Gefahr
-der Irreleitung für den Arzt, dem sie keine Krankheit, nur einen
-unbeschreiblichen Seelenzustand vorführen konnte. Sie sah voraus, daß sie
-nutzlos mancherlei Qualen würde ertragen müssen, und sie fürchtete sich
-sehr. Denn in jener Zeit gingen Ärzte mit grausamen Mitteln ihren Kranken
-zu Leibe, und alles, was wie Geistesverwirrung aussehen konnte, wurde mit
-Härte ausgetrieben, als ob man die rebellische Vernunft durch strenge
-Maßregeln hätte zwingen können. Gabriele bat daher ihren Gatten
-flehentlich, noch ein Weilchen zu warten, ob das Übel nicht etwa von
-selbst weichen wolle; und er, dem das Herz blutete bei dem Gedanken, die
-liebste Frau von den Händen fühlloser Quacksalber mißhandelt zu sehen,
-willigte nur zu gerne ein.
-
-Aber das kleine graue Schemen blieb da und rollte wie ein gespenstisches
-Garnknäuel, das sich hemmend und verwirrend in tausend listigen Schlingen
-abwickelt, vor Gabrielens Füßen her. Sie machte jede Anstrengung, deren
-ihr sonst so starker Wille fähig war, die sonderbare Verstimmung ihres
-Gemütes zu vergessen. Sie log eine gesteigerte Heiterkeit, sie suchte neue
-Zerstreuung, sie berauschte sich in Festen und schmückte sich, wie sie
-es vorher nie getan. Es waren traurig gewaltsame Versuche, die nach kurzer
-Zeit traurig endeten. Die quälende Unruhe in ihrem Innern brannte weiter
-und zehrte an ihr wie ein Fieber.
-
-Aber Gabriele lebte in einer Zeit, wo dem Menschen die Fähigkeit der
-Reflexion, der Selbstbespiegelung in beschränkterem Maße verliehen
-war, als dies heute der Fall ist. Sogar die Sprache jener Zeit ist arm
-an Ausdrücken, die für solche inneren Zustände Maß und Wage geboten
-hätten. Und selbst gesetzt den Fall, es hätte ein Wissender Gabrielen die
-Augen öffnen können und ihr einen Einblick geben in das feine Uhrwerk
-der Natur, die in jedes Würzelchen den Trieb lichtsuchenden Schaffens, in
-jeden Nerv den Drang zur Tätigkeit gelegt hat, und die sich durch grimme
-Unregelmäßigkeit rächt, wenn irgendwo ein Kleinstes verkümmert --
-Gabriele würde ihm nicht geglaubt haben. Ein Dasein, das vor Not und
-Fährde geborgen war; ein Gatte, der sie liebte, und holde, blühende
-Kinder: sie würde jeden einen Frevler genannt haben, der mehr vom
-Schicksal gefordert hätte. Daß ein Organ in ihr krankte und siechte, sie
-ahnte es nicht.
-
-Eine böse und wirre Zeit begann für Gabriele. Denn endlich mußte sie
-doch in ihrer Hilflosigkeit den Rat des Arztes suchen, und, da natürlich
-der eine Rat nicht das Richtige traf, einen langen Leidensweg voll
-unnützer und schädlicher Versuche durchlaufen. Von den Blutegeln und
-spanischen Fliegen, von den Pflastern, Salben, Tränklein, Bädern, Pillen
-und Aderlassen will ich erst gar nicht anfangen zu berichten. Gabriele
-hatte bei aller Zartheit einen gesunden Körper und trug keinen dauernden
-Schaden davon. Aber was ihr schadete und ihren Zustand verschlimmerte, war
-die anhaltend auf ihr Leiden gerichtete Aufmerksamkeit. Gabriele empfand es
-als höchst lästig, über viele Dinge Auskunft geben zu müssen, auf
-die sie bisher keinen Gedanken verwandt hatte; teils empörte sich
-ihre Keuschheit, teils ihr gesunder Verstand, der ihr die künstlich
-ausgedachten Zusammenhänge zwischen dem und jenem lächerlich erscheinen
-ließ. Und es bemächtigte sich ihrer ein Gefühl hilflosen Zornes, eine
-böse Ungläubigkeit, die bei jedem neuen Ratschlag sich in heftigen Launen
-äußerte und die ihr ganzes Wesen in Reizbarkeit und Unfreundlichkeit
-wandelte.
-
-Es mochten vier Jahre vergangen sein, seit diese Veränderung ihres ganzen
-Selbst in Gabrielen am Werk war. Auch für den Ratsherrn war dieser Weg ein
-Leidensweg gewesen. Er konnte sich nicht verhehlen, daß sie ihm manches
-vorenthielt, worauf er durch süße Gewohnheit ein Recht zu haben glaubte.
-Nicht mehr in beschaulicher Betrachtung des Lebens konnten die Gatten Hand
-in Hand einherschreiten. Gabriele war auch hierin verändert, daß
-sie schwärzer sah als vorher, sich vor Aufregungen ängstigte, daß
-Mißerfolge sie schreckten, Unfreundlichkeiten sie kränkten. Auch
-mußte der Ratsherr so manches für sich behalten, was er sonst
-selbstverständlich auf ihre Schultern geladen hatte, weil er fürchtete,
-ihrer Schwäche neue Lasten aufzubürden. Freilich entging der Frau diese
-Änderung seiner Gewohnheiten nicht, und sie war klug genug, sie auf die
-richtigen Ursachen zurückzuführen. Und diese Erkenntnis ward eine Quelle
-der tiefsten Verzweiflung. Sie sah, daß _alles_ auf dem Spiele stand, daß
-sie nur um einer unbegreiflichen Verstimmung willen, über die sie nicht
-Herr werden konnte, das Beste zu verlieren im Begriffe stand. In solchen
-Augenblicken schien es ihr, als müsse sie das Fürchterlichste auf sich
-nehmen, um nur die einstige Gesundheit wiederzugewinnen; sie unterwarf sich
-jeder Vorschrift der Ärzte, sie ward eine zahme, gewissenhafte Patientin
--- bis das Stadium der Entmutigung, der Hoffnungslosigkeit, der Rebellion
-wieder eintrat.
-
-Und so wäre Gabriele mit der Zeit wohl dem Schicksal so mancher Frau
-verfallen, jener krankhaft gesteigerten Reizbarkeit und dem unfruchtbaren
-Getändel mit Heilmethoden aller Art. Und es wäre ja wohl auch ihr
-Eheglück schließlich dem unfaßbaren Verhängnis zum Opfer gefallen.
-
-Da kam Rettung in Gestalt jener treuen alten Freundin, die für Gabriele
-seit den ersten Tagen ihrer Ehe wie eine Mutter gefühlt hatte. Sie hatte
-die junge Frau in alle ihre Pflichten hineinwachsen sehen. Sie hatte,
-vielleicht wachsameren Auges als der Ratsherr selbst, die ersten Zeichen
-jener seltsamen Müdigkeit und Zerstreutheit beobachtet, die stets
-wachsende Hast und Unruhe, schließlich die unbezwingliche Übellaunigkeit.
-Auch sie gehörte zu den Menschen, die gern die nächste und einfachste
-Ursache der Dinge annehmen, und sie hatte sich ihren Vers gemacht, lange
-ehe die Ärzte mit ihren Versuchen begannen. Aber bedächtig, wie sie war,
-hielt sie mit ihrem Wissen zurück, ließ sich indessen gern von Gabrielen
-jede neue Erfahrung und jede neue Behandlung erzählen, freute sich
-ihrer Nutzlosigkeit und gewann endlich Gabrielens Vertrauen zu einer
-erschöpfenden Beichte. Und als sie die phantastische Geschichte all dieser
-gestaltlosen Leiden, das wirre Bekenntnis der Willenlosigkeit und all
-die Befürchtungen und Reuequalen des armen Weibes vernommen hatte, da
-erwiderte sie nur mit der einfachen Frage, ob denn Gabriele nicht des Guten
-zu viel tue, wenn sie so rastlos tätig sei. Wie vorher ihrem Gatten, so
-antwortete Gabriele nun auch der Freundin mit Entrüstung, sie wisse nichts
-von Ermüdung.
-
-»Man kann auch am Genuß Schaden nehmen, wenn man zu viel tut,« erwiderte
-die weise Freundin. »Und du kannst nicht leugnen, daß dein Gesicht sich
-verdunkelt, wenn Gäste oder Hilfeheischende kommen. Ich sage dir, sogar
-gegen Mann und Kinder habe ich dich oft lässig gesehen, als ob ein
-heimlicher Gedanke in dir hämmerte, daß du unausgesetzt auf ihn
-horchen mußt. Ich habe auch ein großes Haus geführt, habe viele Kinder
-großgezogen und meinem Gatten manche Sorge ferngehalten. Es ist mir nie zu
-viel geworden, aber müde war ich oft, zum Sterben müde. Und dann, dünkt
-mich, mag eine Stumpfheit, wie deine jetzt, auch mich besessen haben.«
-
-Sie redete lange auf Gabriele ein. »Wir sind ehrgeiziger, als wir scheinen
-mögen,« sagte sie unter anderem; »meinst du, ich weiß nicht, was es
-kostet, ein Haus so schmuck zu halten? Ich entsinne mich noch gut, was
-du sagtest, als du diesen Teufelskram von Weltwundern und
-Jahrmarktsseltenheiten, den die Mannsbilder so närrisch lieben, zum ersten
-Male sahst: nicht zur Scheuermagd hieltest du dich gut genug! Und jetzt
-sieh her, was du gelernt hast, was du leistest! Zähle die Schritte, die
-du vom Morgen bis zum Abend vom Brotspeicher im Dach bis zum Fischbecken
-im Keller tust! Das zehrt an deiner Kraft, mein Kind, und wenn du es
-auch nicht wahrhaben willst, dein Leiden ist nichts als Müdigkeit und
-Schwäche!«
-
-Das klang alles so einfach, daß Gabriele nicht zu widersprechen wagte; sie
-konnte nicht leugnen, daß jede neue Forderung an ihre Zeit sie mit einem
-Unlustgefühl erfüllte, das sie nur schwer bekämpfen konnte. Sie duldete
-es, daß die alte Dame den Ratsherrn und den vertrautesten Arzt des Hauses
-zur Stelle rufen ließ, und daß schließlich ein feierliches Konsilium
-abgehalten wurde, wie man der eigensinnigen Gabriele, die von Ruhe
-nichts wissen wollte, wieder zu Kräften helfen könne. Der Arzt, der der
-Vernünftigen einer war, wußte Rat: »Wann schläft Euer jüngstes Kind?«
-fragte er die Patientin. »Zwei Stunden um die Mitte des Tages? Nun wohl,
-um diese Zeit seid Ihr entbehrlich, denn die größeren Kinder werden wohl
-bei einer Schaffnerin versorgt werden können. Ihr legt Euch also still
-zu dem Kleinen und schlaft, solange er schläft! Nehmt dies als eine
-Verschreibung und handelt gewissenhaft danach!«
-
-Gabriele empörte der Gedanke, daß sie um die Mitte des Tages schlafen
-solle wie eine Greisin; sie wandte auch gleich ein, daß sie gerade
-diese zwei Stunden, wo das Kind ihrer entraten könne, für mancherlei
-Hausgeschäfte dringend brauche. Aber der Arzt wiederholte seinen Befehl in
-strengem Tone, die Freundin bestürmte sie und der Gatte bat leise, mit dem
-alten Liebesblick in ihre Augen, um seiner Ruhe willen das kleine Opfer zu
-bringen. Da mußte sie nachgeben und versprach, das sonderbare Mittel eine
-Woche lang zu versuchen.
-
-Das erstemal, als Gabriele sich hinlegte, lag sie mit weit starrenden Augen
-und dachte an alles, was jetzt im Hause vorgehen mochte ohne ihr Dabeisein.
-Sie lauschte auf jedes Geräusch, das gedämpft in ihr geschlossenes Gemach
-drang. Sie hörte die Haustüre fallen und wußte, daß jetzt die Bäuerin
-vom Gutshofe gekommen war, um Eier abzuliefern, und war ärgerlich, daß
-sie nicht dabei sein konnte, sie Stück um Stück durch die hohle Hand
-zu prüfen. Sie hörte gelle Schreie der Kinder und wußte nicht, ob sie
-Freude oder Schmerz bedeuteten. Sie wurde aufgeregter, erhob sich nach kaum
-einer Viertelstunde und eilte zu ihrem Gatten, um ihn zu bitten, sie von
-ihrem Versprechen zu entbinden. Diese Art von Ruhe sei keine Erholung,
-hundertmal wohler wäre ihr, wenn sie wüßte, was vorginge, und nachher
-nicht Fehler gutzumachen hätte, die während ihrer Abwesenheit begangen
-worden seien.
-
-Der Ratsherr sah erst etwas böse drein, indes ein Blick in das zuckende
-Gesicht seiner Frau machte ihn mitleidig. Er legte den Arm um ihre
-Schultern und führte sie sanft, aber stark in das Schlafzimmer zurück,
-indem er ihr voll Innigkeit und Liebe ins Gewissen redete.
-
-»Gabriele,« sagte er, »hast du die Zeit vergessen, wo wir die
-glücklichsten Menschen auf Erden waren? Wo du heiter und weise warst, mein
-Sonnenschein und mein Vertrauter, mein Ratgeber, mein besseres Selbst? Das
-alles ist mir verloren, seit du krank bist; ich trage meine Sorgen allein
-mit mir herum und wage nicht, sie mit dir zu teilen. Und du willst nichts
-tun, um mir das Glück zurückzugewinnen? Was kann denn in diesen zwei
-Stunden Schlimmes im Hause vor sich gehen, was nicht mit Geld gutzumachen
-wäre? Und würde ich nicht alles Geld und Gut der Erde hingeben, um dich
-wieder gesund zu sehen? Komm, tu mir's zuliebe! Leg dich hierher neben das
-Kind! Sieh, wie süß es schläft!«
-
-Er drückte die Widerstrebende, aber schon halb Beschämte in die Kissen
-nieder, legte vorsichtig das schlafende Kind neben sie, nahm ihre Hand,
-ihren Zeigefinger und drückte ihn sacht in die Fläche des kleinen rosigen
-Pfötchens, das sich im Augenblick der Lageveränderung ein wenig geöffnet
-hatte. Augenblicklich schlossen sich die Fingerchen des Kindes um den
-vertrauten Gegenstand mit jenem festen, weichen Drucke, den Mütter wohl
-kennen. Gabriele mußte lächeln, so nah ihr sonst die Tränen gewesen sein
-mochten. Sie ließ das Haupt mit einer Gebärde der Ergebung in die Kissen
-sinken, küßte ihres Gatten liebevolle Hand und schloß die Augen.
-
-Da sie aber wirklich nicht schläfrig war, öffnete sie sie bald wieder und
-lauschte weiter. Aber erstens durfte sie das schlafende Kind nicht wecken,
-das immer noch ihren Zeigefinger festhielt, und dann lagen ihr auch die
-weichen Worte ihres Gatten im Sinne, und sie dachte, daß sie es ihm
-schuldig sei, jedes Mittel der Heilung zu versuchen. Deshalb bezwang
-sie sich, lag still und betrachtete das liebliche Gesichtchen ihres
-schlummernden Kindes.
-
-Und wie sie sich so recht vertiefte in den Anblick, an dem eine Mutter sich
-nie satt sieht, da glitt unversehens ihr Blick über das Spitzenhäubchen
-hin, das des Kindes rosiges Köpfchen umschloß. Es war einem ihrer
-älteren Kinder von irgendeiner Pate geschenkt worden und mochte bei dem
-ersten besten Krämer gekauft sein, denn es war von unedler, alltäglicher
-Arbeit. Aber etwas in der Zeichnung der Spitze bannte Gabrielens
-Aufmerksamkeit »Wie hübsch ist dieses Muster,« dachte sie, »wenn das
-Ding nur besser gearbeitet wäre!« Sie begann zu sinnen, ihre Phantasie
-heftete unvermerkt ihren silbernen Spinnwebfaden an dem kleinen Erlebnis
-an und spann und spann, bis ein schimmerndes Netz von feinen Kunstgedanken
-klar ausgearbeitet vor Gabrielens innerem Auge lag. Sie sah ein Gebilde
-von tausend geduldig geknoteten Schlingen, so zart, daß ein Blumenelf
-die Fingerchen gespitzt haben würde, um es anzufassen, so dicht, daß er
-keinen Blütenstaub damit hätte sieben können, und so fest und straff
-geädert wie ein Bienenflügel. Und als Gabrielens Auge dies sah, da fuhr
-es wie ein Feuer in ihre Hand. Es war ihr, als müsse sie aufspringen
-und sich an die Arbeit machen; Haussorgen und drängende Arbeit waren
-vergessen.
-
-Aber das Kind hielt sie fest. Das feine Händchen hatte solch eisernen
-Griff, daß Gabriele den umklammerten Zeigefinger kalt werden fühlte. So
-ergab sich denn die Mutter für dies eine Mal, arbeitete aber im stillen an
-ihrem Vorsatze weiter, in der ersten freien Minute mit der Ausführung der
-Spitze zu beginnen, und überlegte, wo sie ihre Geräte haben konnte. Und
-als endlich ein tiefer Atemzug neben ihr und das freiwillige Losspannen
-der energischen kleinen Fingerchen ihr verriet, daß ihre Gefangenschaft zu
-Ende sei -- da wunderte sich Gabriele ein wenig, wie rasch ihr diese zwei
-Stunden dahingegangen.
-
-Der Ratsherr war klug genug, nicht gleich am ersten Tage nach der Wirkung
-der Verordnung zu fragen. Er berührte mit keinem Wort Gabrielens Befinden,
-und sie war glücklich darüber, denn es wäre ihr schwer geworden, ihm zu
-sagen, daß sie nicht geschlafen habe. Einmal fiel ihr mitten in der
-Arbeit ihr Spitzenmuster ein. Sie sah es vor sich mit einer gespenstischen
-Deutlichkeit, weiß leuchtend wie Phosphor auf einem Grunde von
-schwärzester Nacht, die jeden andern Gegenstand im Zimmer verhüllte.
-»Noch habe ich es nicht vergessen,« dachte sie voll Freude. Dann seufzte
-sie leise und schüttelte sich. Das Erwachen kam, das Besinnen auf die
-tausend Notwendigkeiten des Tages, und ein mutloses Aufgeben: »Dazu komme
-ich ja doch nie!«
-
-Am andern Tage begleitete der Gatte sie wieder ins Schlafgemach, ließ aber
-auf ihre Bitte das Kind in der Wiege liegen. Ehe er das Zimmer verließ,
-flüsterte er von der Türe her noch einmal ein eindringliches »Mir
-zuliebe!« zurück. Die Frau wurde flammend rot. »Ja, Liebster!« hauchte
-sie kaum hörbar. Sie lag einige Minuten und kämpfte mit sich, hätte gern
-getan, was sie für eine Pflicht hielt, brachte es aber nicht über sich.
-Sie sprang auf, verriegelte die Türe, huschte schuldbewußt ängstlich
-und auf jeden nahenden Tritt lauschend im Zimmer umher, bis sie ihre
-Siebensachen beisammen hatte, und saß bald über ihr Pergamentstreifchen
-gebeugt, den Klöppelbrief entwerfend.
-
-Sie arbeitete, daß ihre Wangen brannten. Die Zeichnung war fast fertig,
-als das Kleine erwachte. Als der Gatte sie später erblickte, streichelte
-er ihr lächelnd das Gesicht, in dem die Röte des inneren Feuers noch
-weiterglühte, und sagte mit glücklichem Ausdrucke: »Rotgeschlafen wie
-ein Kind!« Sie hätte vor Beschämung in den Boden sinken mögen -- aber
-wie hätte sie die Wahrheit gestehen sollen?
-
-Den nächsten Tag betrat Gabriele ihr Gemach mit den Gefühlen einer
-Verbrecherin. Der Gatte verweilte einige Minuten, die ihr wie Stunden
-erschienen, lobte zärtlich ihre Fügsamkeit und Geduld und sah die
-Gebärde nicht, mit der sie sich abwandte. Kaum daß er sie verlassen,
-sprang sie vom Lager, schon war das Klöppelkissen zur Stelle, und in
-wenigen Handgriffen alles zur Arbeit bereit. Nun saß sie, füllte ihre
-Spülchen, steckte ihre Nadeln und schrak erst beim hellen Aufschrei
-des erwachenden Kindes empor, mit einem leisen Ausdruck des Bedauerns im
-erregten Antlitz; sie hatte gehofft, an diesem Tage noch mit dem Klöppeln
-beginnen zu können.
-
-Von nun an freute sie sich den ganzen Morgen, was immer sonst ihre
-Hände auch schaffen mochten, auf die stille heimliche Klöppelstunde
-am Nachmittag. Die eichenen Türen hielten das kleine Geheimnis wohl
-verborgen. Was sie an Lärm aus Haushalt und Kinderstube etwa durchließen,
-das drang nicht an Gabrielens Ohr; das leise Rollen und Klappern der
-Spülchen, jener alte, süße, vertraute Elfentanzschritt, sie übertönten
-alles. Und jeden Tag erschrak sie ein wenig, wenn des Kindes Weckruf
-ertönte.
-
-Den Rest des Tages fühlte Gabriele sich leicht und frei. Daß sie eine
-heimliche Sünderin war, bedrängte sie fürs erste gar nicht, wenn sie
-auch ihrem Gatten gegenüber sich schuldig fühlte.
-
-Als die Woche um war, an die Gabriele sich mit ihrem ersten Versprechen
-gebunden hatte, wagte der Ratsherr eine Frage: ob sie denn schon eine
-Veränderung in ihrem Befinden bemerke? Gabriele erschrak heftig und wußte
-sich nicht anders zu helfen als mit einer Gegenfrage: ob _er_ denn eine
-Veränderung in ihrem Gehaben bemerke? Der Ratsherr erwiderte: »Mich
-dünkt, du bist froher und gleichmäßiger, auch scheint mir, du hast
-wieder eine lachende Erwartung im Gesicht wie einst. Ich wage es aber noch
-nicht zu glauben!« Da antwortete die listige Frau: »So will ich noch eine
-Woche versuchen, es so zu machen, wie ich es diese letzte Woche gemacht
-habe.«
-
-Sie konnte sich indes nicht verhehlen, daß in der Tat eine
-Rückveränderung zu ihrem alten Selbst mit ihr vorging. Wenn sie sich den
-ganzen Morgen in der Tiefe ihres Herzens auf die kommende Stunde freute,
-so freute sie sich den ganzen Abend über das, was sie in dieser Stunde
-fertiggebracht hatte, und kam so einfach aus dem Freuen nicht heraus. Sie
-trug es mit sich herum wie eine liebliche Melodie, die einem auf Schritt
-und Tritt nachgeht. Ja, auch diese Empfindung mußte Gabriele sich
-eingestehen: es glitt ihr nur so unter den Händen weg, was sie sonst mit
-Unlust getan hatte; wenn ihr sonst der Tag zu kurz geschienen hatte für
-alles, was er erheischte, so war er jetzt mit einem Male um vieles länger,
-seit die bewußten zwei Stunden daran fehlten. Es war ihr Klarheit gekommen
-über das Wesen ihrer Krankheit, als sie begriff, daß die gewohnte und
-geliebte Tätigkeit ihr bisher an ihrem Glück gefehlt habe. Und wenn
-sie sich auch verwunderte, wie es hatte sein können, daß eine solche
-Albernheit, wie sie es nannte, ihr fast das Leben zerstört hätte, so
-wußte sie doch, daß dem wirklich so war. Tief dankbar empfand sie, wie
-Ruhe und Frohsinn sich täglich mehr in ihr und um sie verbreiteten, wie
-ein sanftes Licht auf ihren ganzen Lebensweg fiel.
-
-Sie hätte gern das Wundersame und Unbegreifliche des ganzen Vorganges
-verstehen mögen, und es drängte sie oft, zu ihrem Gatten zu eilen und
-ihm ihr Gefühl zu äußern, ihn zu fragen, ob er eine Erklärung oder
-ein Beispiel dafür kenne. Es tat ihr weh, dies Unverstandene mit sich
-herumzutragen, ohne es mit ihm zu teilen, der es vielleicht verstanden
-hätte. Aber sie fürchtete zu sehr das Geständnis ihres Betruges. Wenn
-sie bedachte, mit welch rührender Treue er immer dafür gesorgt hatte,
-daß in jenen ihrer Ruhe geweihten zwei Stunden kein Schritt ihrer Türe
-sich nahe, so fand sie es unmöglich, ihm zu sagen, daß diese Sorgfalt
-verschwendet, seine liebende Aufmerksamkeit mißbraucht worden war. »Wenn
-er hört, daß ich ihn monatelang betrogen habe,« so dachte Gabriele oft
-mit leisem Kummer, »so wird seine Liebe zu mir verlöschen. Er ist
-die Wahrhaftigkeit selbst!« Und sie schwur sich zu, daß er nie um das
-Geheimnis wissen sollte.
-
-Der Ratsherr küßte seiner alten Freundin die Hände und nannte sie
-gerührt die gütige Vorsehung seines Lebens. Die gute Matrone freute sich
-des Erfolges, den ihre einfache Verordnung gehabt, und Gabriele, wenn sie
-es hörte, lächelte beklommen und dachte bei sich: »Auch diese darf
-nie erfahren, daß ihr Rat unbefolgt geblieben ist. Wie würde sie sich
-kränken!« Und ebenso schwieg sie dem Arzte gegenüber, mit weiblicher
-Feinheit daran bedacht, ihm das Gefühl der Lächerlichkeit zu ersparen.
-
-Je weiter die Arbeit fortschritt, je köstlicher und reicher die zarte
-Kunstfertigkeit der neugeübten Finger sich kundtat, desto stiller und
-seliger wurde Gabriele. Alles Irdische erschien ihr klein. Denn wahre
-schöpferische Kunstliebe ist nicht anders als wahrer Gottesglaube, sie
-leiht der Seele schöne lichte Flügel, mit denen sie über die Erde
-schwebt.
-
-Zwei Stunden täglich sind eine knappe Zeit, um ein großes und
-allerfeinstes Werk zu Ende zu führen, und Gabriele arbeitete weit
-über ein Jahr an ihrer Spitze. Es kamen natürlich auch Wochen der
-Unterbrechung, sei es, daß ein Kind erkrankt war, sei es, daß unruhige
-Zeiten in Stadt und Land jede Ordnung auflösten. Dann unterwarf sich
-Gabriele ohne einen Schatten von Verstimmung der Entbehrung.
-
-Endlich war das Werk vollendet. Und wie es nun so dalag, die feste
-und zarte Gestaltung des schönen Traumbildes, da ging die Freude, die
-Gabrielens ganzes Wesen verklärt hatte, in einen Sturm neuer Empfindungen
-auf. Mit einem heftigen Erschrecken kam es Gabrielen zum Bewußtsein, daß
-es jetzt um ihr Geheimnis geschehen sei: diese Arbeit ließ sich
-nicht verbergen! Wie ein Hammer pochte die Angst vor dem schmählichen
-Geständnis einer monatelang durchgeführten Unredlichkeit in Gabrielens
-Herzen; aber Schlag um Schlag traf einen Gegenschlag. Wie Gabriele als
-Mädchen gelechzt hatte nach dem verstehenden Worte, das ihrer Arbeit
-die Krone aufsetze, so brannte sie jetzt töricht und wild auf eine
-Möglichkeit der Verwendung ihres Geschaffenen. Sie versuchte die Spitze
-zu vergessen, aber es war ihr, als habe sie ein Kind lebendig begraben. Sie
-haderte mit ihrer Natur, die sie erst zu Heimlichkeiten trieb und dann zum
-Geständnis zwang; sie begriff nicht, welche Dämonen in ihr tätig sein
-konnten, hielt sich vor, daß ihr Lebensglück auf dem Spiel stehe, und
-gewann es über sich, vierundzwanzig Stunden nicht an die Spitze zu denken.
-Dann kam der Augenblick der Mittagsruhe, des Alleinseins -- und da
-saß sie, hielt die Spitze in der Hand, saugte sich mit Blick und Geist
-ordentlich in jede Masche fest und fühlte, daß die Arbeit nicht fertig
-sei, solange sie hier in der Verborgenheit begraben liege. Und nach einigen
-Tagen aufreibenden Kampfes gab Gabriele ihn auf und sann nun nur noch auf
-die erträglichste Form, ihr Schuldgeständnis darzulegen.
-
-Sie holte aus einem Schrank, der Abgelegtes und Ungebrauchtes barg, das
-Kleid hervor, das sie in den letzten Jahren ihrer Mädchenzeit getragen,
-das Kleid, in dem sie ihre Liebe und ihr Glück gefunden, das schlichte,
-dünne, ärmliche braune Kleid mit dem zierlichen Halstuch und dem reinlich
-gefältelten Häubchen. Sie hatte es nie übers Herz gebracht, sich von
-diesem Kleide zu trennen, hatte es oft mit heimlicher Rührung betrachtet,
-es sauber gehalten und vor dem Verfall bewahrt. Jetzt probierte sie es an
-und änderte flugs mit geschickten, leichten Stichen Sitz und Weite. Sie
-lachte ein bißchen, als sie es anzog, und freute sich, daß sie ihrem
-früheren Selbst darinnen gar nicht so unähnlich sah, wie man es nach
-sechsjähriger Ehe hätte meinen sollen. Ein schwarzer Sammetfleck fand
-sich auch, den spannte sie fein über ein Kissen, nadelte ihre Spitze
-recht anschaulich und kokett darauf und betrat, so gerüstet, ihres Mannes
-Zimmer.
-
-An der Türe packte sie noch einmal die Angst, daß sie fast wieder
-umgekehrt wäre. Sie wagte kaum, einen Fuß vor den anderen zu setzen; es
-schien ihr, als müsse der Boden vor ihr nachgeben und sie hinuntergleiten
-lassen in höllische Schlünde. Und so, in ihrer Zaghaftigkeit, mit den
-gesenkten Wimpern und den von brennender Scham geröteten Wangen, glich sie
-so sehr der demütigen kleinen Arbeiterin von einst, daß dem Ratsherrn,
-der zuerst mit ungeduldigem Staunen auf die Verkleidung geblickt hatte, das
-Herz weit wurde. »Gabriele,« rief er zwischen Rührung und Lachen, »was
-soll diese Schelmerei? Willst du mir damit sagen, daß ich meine alte
-Gabriele wiederhabe, die ich mir aus dem Winkelgäßchen geholt?« Sie aber
-antwortete nicht, sondern kam langsam auf ihn zu, ohne ihn anzusehen und
-immer das Kissen mit der Spitze ein wenig vor sich herstreckend, als solle
-das Kunstwerk ihr Fürbitter sein. So mußte der Ratsherr es ins Auge
-fassen, und als er es tat, stutzte er und erkannte sofort, daß es eine
-neue und selten schöne Arbeit war; zugleich aber mußte er auch den
-verworrenen und gequälten Ausdruck im Gesichte seiner Frau bemerken, und
-es dämmerte ihm, daß da ein Geheimnis sich enthüllen sollte. »Hast du
-diese Spitze gemacht, Gabriele?« fragte er sanft. »Du große Künstlerin,
-es ist deine schönste! Aber wann und wo hast du diese Riesenarbeit
-schaffen können?«
-
-Gabriele rang eine Weile mit ihrer erstickenden Angst, dann brachte sie
-fast tonlos die Antwort hervor: »In den zwei Stunden, in denen ihr alle
-dachtet, daß ich schliefe!« Dann legte sie ihr Kissen auf den nächsten
-Tisch, bedeckte das Gesicht mit den Händen und begann zu weinen. Sie
-dachte: jetzt kommt der Wetterstrahl, der all dein Glück zerschlägt!
-
-Aber der Ratsherr stand selber da, wie vom Wetter getroffen. Ein so
-schneller, klarer Denker er auch sein mochte -- _diese_ Offenbarung nach
-allem Vorhergegangenen verwirrte ihn. Daß Gabriele an der Überlast eines
-großen Haushaltes, einer stets belebten Kinderstube und vielen neuen
-Kenntnissen, in die sie erst hineinwachsen mußte, erkrankt war, hatte
-er begriffen; daß ein täglicher, regelmäßiger Schlaf sie geheilt, war
-natürlich. Aber jetzt --? Da sie nicht geschlafen hatte und doch geheilt
-war, stand das Rätsel ihrer früheren Krankheit wieder ungelöst da,
-vermehrt um ein neues, noch verwirrenderes! Es bedurfte der ganzen
-weiblich-schönen Herzensgüte und auch der ganzen Selbstbeherrschung des
-Mannes, um hier nicht, was er für eine äußerst verworrene und dunkle
-Sache hielt, durch ein hartes Wort für immer um seine Aufklärung zu
-bringen. Er wagte fürs erste überhaupt nicht zu sprechen, sondern
-betrachtete nur immer mit neuem Staunen die wunderbare Spitze. Aber
-die Frau, als sie nach einer langen Weile es endlich wagte, zu ihm
-aufzublicken, konnte unschwer erkennen, daß er keineswegs zürnte, sondern
-bloß sehr angestrengt nachdachte. Da trat sie an ihn heran, legte leise
-die Hand auf seinen Arm und flüsterte: »Ich glaube es wohl, daß ich dir
-verrückt erscheinen muß!«
-
-Er nahm ihre Hand und sagte lächelnd: »Ich will nicht leugnen, daß
-ich dich nicht ganz begreife. Wie kamst du darauf, eine solche Arbeit zu
-beginnen, da du doch sonst genug zu tragen hattest?« Da erzählte ihm
-Gabriele, so gut sie es eben verstand, von der zwingenden Lust, die
-sie dazu getrieben, und wie sie mit schlechtem Gewissen, aber doch mit
-Seligkeit an dem Werke geschafft hätte und es nicht hätte lassen können.
-Sie beschrieb auch ein wenig, wie ihr jede Arbeit verklärt und verschönt
-erschienen sei im Freudenschimmer eines schöpferischen Siegbewußtseins,
-und auch von ihrer Angst erzählte sie und wie sie schließlich gegen ihren
-Willen, gleichsam durch die Macht ihres Geschaffenen selbst zum
-Bekenntnis gezwungen worden sei. Es war alles ein wenig verworren und
-unzusammenhängend, denn es war das erste- und wohl auch das letztemal im
-Leben, daß Gabriele über sich selbst zu sprechen hatte, und es fiel ihr
-gewaltig schwer. Aber der Ratsherr schien doch etwas davon zu verstehen,
-wenigstens ging es wie Wechselspiel von allerlei Lichtern über sein
-Gesicht. Dann fragte er sehr ernst und sehr eindringlich: »Nun sage mir
-eines, Gabriele, was mir wichtiger zu wissen ist als alles übrige: bist du
-mir nun tatsächlich genesen, oder ist das nur ein frommer Betrug vor dir
-selbst, der deinen Ungehorsam rechtfertigen sollte, und fühlst du dich am
-Ende noch kränker, als du es zeigen willst?«
-
-Da mußte Gabriele lachen in all ihrer Bangigkeit. »Siehst du mir das
-nicht an, Liebster? Mußt du nicht glauben, daß das Rot meiner Wangen echt
-ist, da es diesen Tränen widerstanden hat?«
-
-»Man sollte es meinen,« sagte er mit humorvoller Grimmigkeit. »Aber ihr
-Weiber würdet den Teufel zum Narren machen mit eurer Verschlagenheit.«
-Dann nahm er sein Weib in den Arm, liebkoste es innig und fuhr fort: »Es
-war gut, daß du dieses Kleid angezogen hast, du Dreimalkluge! Denn dieses
-Kleid hat mir die Augen geöffnet, wer du eigentlich bist, und jetzt weiß
-ich auch, woran du erkrankt warst und wodurch du genesen bist. Nun sollst
-du mir auch nicht mehr darben.« Und er küßte sie nur noch herzlicher, so
-daß sie beglückt seine Güte und sein volles Verstehen empfand. --
-
-Der Ratsherr hielt Wort. Wie er mit eiserner Strenge dafür zu sorgen
-gewußt hatte, daß inmitten all der unberechenbaren Zufälligkeiten eines
-großen Haushaltes der Schlaf seines Weibes nie ohne zwingende Not gestört
-wurde, so sorgte er jetzt dafür, daß Gabriele die einmal eingeführte
-Ruhestunde festhielt und sich ganz ihrer stillen Lust darin ergab. Gabriele
-selbst hatte sich anfangs dagegen gewehrt, aber die einmal aufgedämmerte
-Erkenntnis brach von Tag zu Tag zu neuer Klarheit durch, und bald war
-Gabriele dem Gatten dankbar. Und weder er selbst, noch der Haushalt, noch
-Kinder, noch Gäste kamen zu kurz durch diese Erweiterung von Gabrielens
-Tätigkeit. Wie ein Gebet oder ein frommes altes Lied labte und reinigte
-diese Stunde ihre Seele, stärkte sie zu neuem Lebenskampfe, machte sie
-hellsehend und gütig. Alles Schwere, was an sie herantrat -- und es wurde
-dessen mehr, wie die Kinder heranwuchsen und eigene Wege suchten -- löste
-sich in sanfte Harmonie, sobald der leise Tanzschritt der Klöppelelfen
-erklang. Die guten Gedanken tauchten aus den lichten Gebilden empor,
-die Gabrielens Hand entwarf: nicht einzeln kamen sie, sondern in langen
-freundlichen Reihen, und sie umschlossen Gabrielens ganzes Leben und ihr
-ganzes Haus.
-
-
-
-
-Die Tugend der Sabine Ricchiari
-
-
-1.
-
-Ich war, als ich Sabine Ricchiari verstehen lernte -- _gekannt_ hatte ich
-sie schon seit zehn oder zwölf Jahren! -- Seelsorger in einer kleinen
-süddeutschen Stadt, hatte die Fünfzig überschritten und war also in eine
-Lebensperiode getreten, wo man keinen mehr um seiner Sünde willen haßt,
-keinen um seiner Tugend willen preist, sondern alle liebt, weil man alle
-bedauert. Ist man einmal so weit, so fliegt einem das Vertrauen von selbst
-entgegen, man darf dann nur den scheuen Vogel nicht durch eine hastige
-Bewegung schrecken. Ich hörte manche Lebensgeschichte, dazu bedurfte ich
-keines Beichtstuhles. Über die nun folgende habe ich heißer gegrübelt
-als über sonst eine.
-
-Sabine Ricchiari brachte durch ihre Erscheinung schon Aufruhr in unsere
-kleine Stadt. Sie war die Gattin eines Arztes, dessen Familie aus dem
-Veltlin stammte, die aber, seit mehreren Generationen in Deutschland
-ansässig, jede Erbschaft ihrer stolzen Abkunft verloren hatte, bis auf
-den klingenden Namen. Dessen gegenwärtiger Träger nun war ein so
-bescheidener, schlicht und nüchtern aussehender Mann, daß auch dieses
-karge Erbe an ihm noch wie Verschwendung erschien; denn der schöne Name
-wollte zu dem unscheinbaren Wesen übel passen. Er lebte einige Jahre in
-einer größeren Stadt, lernte dort Sabine kennen und führte sie uns
-zu, als er eine neue Praxis unter uns eröffnete. Nun, da ich die Frau
-erblickte, freute ich mich, und zwar um ihretwillen, daß der Mann nicht
-Schulze hieß. Denn Sabine saß der Name wie angeschaffen; sie trug das
-trompetenhelle Wort vor sich her, wie eine kriegerische Jungfrau eine
-silberne Tuba trägt; und wenn man ihre hohe Schönheit betrachtete, so
-genoß man es doppelt, daß man dies seltsame und bedeutende Geschöpf
-nicht mit einem gewöhnlichen oder gar übellautenden Worte benennen
-mußte.
-
-Durch die engen und gewundenen Gassen unseres Städtchens, in denen damals
-noch Handwerker- und Markttreiben sich stieß und drängte wie vor hundert
-Jahren, war noch nicht zweimal Sabine Ricchiaris hohe Gestalt gewandelt,
-als schon Neugier und Tadelsucht sich an ihre Fersen hefteten. Der stille
-stolze Gang, womit sie die übelgepflasterten und bergigen Gäßchen
-beschritt, als wären es Treppen einer Königshalle und mit den weichsten
-Purpurteppichen belegt; der freie, klare Blick, den sie die Häuserreihen
-hinabgleiten ließ bis an das altersgraue Stadttor, über welches Berg
-und Himmel hold hereinlugten; die kecke Haltung des wohlgeformten Hauptes;
-nicht zuletzt auch das helle Kleid, das alles Licht der Sonne, welches die
-graue Umgebung so mürrisch hinweg wies, in sich allein gesammelt zu haben
-schien -- ja, der Klang ihrer zuversichtlichen, frischen und lauten Stimme
-selbst irritierte dies trippelnde, kichernde, hustende und knicksende
-Geschlecht bis zum Haß. Sabine wirkte verfassungstörend. Die Frau mit
-den Großstadtsitten machte die Kleinstadtgehirne toll. Alles Überkommene
-drohte zu stürzen. Frauen, die dreißig Jahre lang unangefochten und
-sorglos den Pantoffel geschwungen hatten, wurden plötzlich eifersüchtig
-und -- aus Eifersucht -- zahm; Männer, die dreißig Jahre lang geduldig
-ihr Joch getragen hatten, wurden plötzlich rebellisch. Putzmacherinnen
-wurden erfinderisch und phantasiekühn. Ladendiener und Schreiberlein
-salbten ihr Haar und trugen Nelken im Knopfloch. Offiziere a. D., die
-längst in Biertischgemütlichkeit versunken waren, hielten plötzlich
-wieder auf Taille, und Referendare wurden stumpf gegen die Reize zierlicher
-Krawattenverkäuferinnen. Und weil Sabinens Schönheit es war, die also
-demoralisierend wirkte, so wurde mit promptem Schlusse die Schönheit
-selbst für unmoralisch erklärt, so wurde, wie auch sonst wohl
-geschieht, das Unnachahmliche und Unerreichbare als nicht nachahmenswert
-beiseitegeschoben. Sabine war ein Jahr lang oder zwei höchst unpopulär.
-Dennoch war sie Gegenstand der Gespräche in Gasse und Kemenate: denn
-männiglich wartete auf den Augenblick, wo die lästerlich schöne Fremde
-zu Fall kommen würde, und sieben- bis achthundert Paar Nächstenaugen
-paßten haßgeschärft auf die Vorzeichen eines solchen Falles. Aber sie
-paßten umsonst. Klar wie ein Wiesenbach floß Sabinens schlichtes Leben
-dahin. Stets an der Seite ihres Gatten, immer im Kreise ihrer Kinder, sah
-man sie laute Vergnügungen meiden und keinen anderen Umgang pflegen, als
-den so tugendhafter Frauen, wie nur kleine Städte sie aufweisen können.
-Die Huldigungen der Männer wies sie lächelnd, aber nachdrucksvoll in
-solche Grenzen, daß auch die bitterste Eifersucht ihr keinen Vorwurf
-allzuschneller Geneigtheit machen konnte. Erregte sie Aufmerksamkeit durch
-Gewandung und Erscheinung, so schien es doch, als beabsichtige sie nur,
-diese Aufmerksamkeit, einmal gefesselt, auf ihr musterhaftes Betragen zu
-ziehen: man sollte sie sehen, um zu sehen, daß es nichts zu sehen gäbe.
-Keine kokette Gebärde, kein noch so leises Augenspiel war ihr nachzusagen.
-Dazu war ihr Haushalt tadellos geführt mit geringen Mitteln; ihre Kinder
-blühten. Gegen Arme war sie äußerst freigebig, sonst jedoch sparsam,
-wenn auch stets auf vornehmes Auftreten bedacht. Und kurz und gut: Sabine
-Ricchiari erwies sich als ein solcher Ausbund trefflicher weiblicher
-Eigenschaften, daß langsam die neidischen Gemüter ihrer Mitbürger
-und Mitbürgerinnen sich wandten, zur Duldung erst, dann zur Achtung,
-schließlich aber zu grenzenloser und unbedingter Bewunderung. Im dritten
-Jahre ihres Aufenthaltes war Sabine der Liebling unseres Städtchens, wie
-sie in ihrer Heimat der Stolz des Kreises gewesen war, in welchem sie sich
-bewegt hatte. Man sprach von ihrer Tugend als von etwas Heiligem, von ihrer
-Treue gegen den wenig bestechenden und meist mürrischen Gatten als
-von einem Wunder. Um diese Zeit geschah es nun, daß eine zufällige
-Gesprächswendung mich darauf führte, Sabinen in Gegenwart ihres Gatten
-von dieser verblüffenden Wandlung der öffentlichen Meinung zu reden und
-ein kleines und -- wie ich glaubte -- wohlverdientes Kompliment daran zu
-knüpfen. Alsobald erschrak ich jedoch über die Miene des Doktors, die
-sich noch mehr als gewöhnlich verfinsterte. Von ihm hinweg zu Sabinen mich
-wendend, erstaunte ich noch mehr über den Ausdruck höchsten Triumphes in
-ihren Zügen. Mitten im Zimmer stehend, von der Lampe über ihrem Haupte in
-einen Mantel von Licht gehüllt, strahlte ihr hochgehobenes Antlitz wie das
-einer Fürstin, der man eben eine Krone zu Füßen gelegt hätte. Arglos
-wie ich war, verwunderte ich mich nur darüber, daß eine so kluge Frau
-so hohen Wert auf das Urteil der Menge legen mochte, denn offenbar war
-sie über die Maßen geschmeichelt und erfreut. Indes mochte ich ihr diese
-Schwäche wohl verzeihen; mußte aber, sechs oder acht Jahre später, mit
-Schmerz an diese stumme Szene denken, deren Bedeutung ich im Augenblicke
-nur halb verstanden hatte.
-
-Es sei hier nun gleich betont, daß ich kein so unbedingter Bewunderer der
-tugendhaften Sabine Ricchiari war, wie der Chor der Basen und Nachbarinnen;
-wie ich denn auch anfangs kein Verdammer ihrer Anmut gewesen war. Ich hatte
-zwar -- leider hatten mich schlimme Erfahrungen dazu berechtigt -- die
-auffallende Ungleichheit zwischen Mann und Frau nicht ohne Unruhe sehen
-können. Denn war auch der Doktor tüchtig in seiner Kunst, pflichttreu,
-redlich und von beherrschtem, würdigem Wesen, so habe ich es doch nie
-erlebt, daß Frauen vor solchen Eigenschaften sonderlichen Respekt haben;
-und die, denen ein Weib gerne erliegt, besaß Ricchiari nicht. Aber ich
-hatte doch das gesetzte Wesen der Frau erkannt, das leidenschaftliche
-Verirrungen ausschloß. Dieselbe Eigenschaft der Sabine aber, die mich ihr
-zu Anfang nichts Schlechtes zutrauen ließ, hinderte mich nun daran, ihr
-nur Gutes zuzutrauen: denn ganz ohne Zweifel war Sabine eine kalte
-Natur, und ihre Vortrefflichkeit baute sich mehr auf Überlegung als auf
-irgendwelche Herzenseigenschaften. Und wenn ich nun auch um so mehr eine
-mit Ausdauer geübte Willensbeherrschung in dieser Frau bewundern mußte,
-so konnte mir doch diese ganze starr festgehaltene Unfehlbarkeit im Grunde
-nicht recht gefallen. Man wird mir zugeben, daß wir Männer in diesem
-Punkte unlogisch sind; aber ich wette, man wird mir nachfühlen: lieben
-wir es schon, daß Frauen, die wir verehren sollen, rein und stark in
-ihrer Tugend seien, so lieben wir es doch auch, sie gegebenenfalls einer
-Schwäche mindestens _fähig_ zu wissen. Und eben diese Fähigkeit schien
-Sabinen zu fehlen. Ich hatte Gelegenheit, sie ziemlich genau zu beobachten;
-war ich doch, dank meines Priesteramtes und dank der -- Korrektheit, die
-Sabinens Verkehrswahl bedingte, ein vertrauter Gast im Hause des Doktors.
-Und daß ich es nur gleich sage: nie habe ich Sabinen gereizt, nie
-eigensinnig, nie vergnügungssüchtig, nie begehrlich nach Tand oder
-Schmuck gesehen; aber auch nie in weicher Stimmung, nie in Tränen, nie in
-überschwenglicher, voller, jugendlicher Freude. Ihr ganzes Wesen stellte
-eine bis zum äußersten geglättete Fläche dar; aber, wenn ich das Bild
-vollenden darf: nicht Marmor, der unter dem Schliff das köstliche Geäder,
-sein inneres Leben, erst recht schön entfaltet, sondern irgendeinen
-Kunstguß von Metall, der nur glänzt und seine reinliche Außenseite in
-Wind und Wetter blank erhält; sonst aber nichts von eigener, in seiner
-_Struktur_ begründeter Schönheit besitzt. Um Schillers hohe Forderung
-gegen diesen seltsamen Frauencharakter auszuspielen: Sabine Ricchiari war
-eine Natur, die eben unausgesetzt nötig hatte, »_edel zu wollen_«, weil
-sie ganz und gar nicht imstande war, »_schön zu empfinden_«. Freilich
-hatte sie es in der Anwendung dieses Wollens zu unerhörter Fertigkeit
-gebracht -- das sollte mir später noch klar werden.
-
-Die Eindrücke, die dies mein Urteil über Sabine Ricchiari begründen,
-lagen zu der Zeit, von der ich spreche, natürlich gleichsam schlummernd
-in mir; ich hätte damals nicht vermocht, sie zu irgendeinem Ausdrucke
-zu gestalten, ja, ich gab mir kaum Rechenschaft darüber. Ich war mir nur
-eines leicht abweisenden Gefühles gegen die vielbewunderte Dame bewußt,
-welches sich gerade dann regte, wenn ich sie in schwieriger Lage mit
-beängstigender Sicherheit das einzig Richtige und Wohlanständige treffen
-sah, das es für sie zu tun gab. So geschah es zum Beispiel öfters, daß
-der Doktor in einer Anwandlung von Laune, wie sie auch bei trefflichen
-Männern wohl vorkommen mag, seine Frau vor Zeugen hart anließ; dann
-benahm Sabine sich mit solch einzigem Anstande, daß man ihr Bewunderung
-nicht versagen konnte. Dennoch schien mir, als täte sie es ohne
-Anstrengung, als erlitte sie die Kränkung von einem Fremden, dessen
-Meinung ihr nichts galt, oder als eifere ein Machtloser gegen sie, der sie
-in ihrer Hoheit nicht verletzen konnte. Ich, der ich den Doktor liebte,
-empfand für ihn die Geringschätzung, die in dieser Sachlichkeit lag,
-womit Sabine seinen Schwächen gegenübertrat; und wohler wäre mir um
-seinetwillen gewesen, hätte sie sich bei solchen Gelegenheiten manchmal
-kindisch, trotzig, erregbar gezeigt. Ebenso erging es mir, als Ricchiari
-einmal bedenklich erkrankte: Sabine pflegte ihn mit beispielloser
-Pflichttreue und Geduld. Aber ihr Aussehen veränderte sich bei dem
-schwierigen Krankendienste nicht, ich sah sie nicht verhärmt, als er dem
-Tode nahe schien, sah sie nicht in jubelnder Seligkeit aufblühen, als die
-Rettung gewiß war. In ähnlicher unentwegter Fassung stand sie auch ihren
-Kindern gegenüber, ihren kleinen Unarten, ihren allerdings unbedeutenden
-Krankheiten. Und ich kam mir damals oft selbst töricht und sogar böse
-vor, weil eben diese Gleichmäßigkeit ihres Wesens mir nicht recht
-zusagen wollte, während doch jedermann sonst sie darum bewunderte und
-verherrlichte. Aber ich kam nicht gegen mein Empfinden auf.
-
-Als Sabine eine mehr als zehnjährige Ehe hinter sich hatte -- sie
-stand nun in der Mitte der Dreißig, trat ein Ereignis ein, welches mir
-Gelegenheit gab, Sabinens Wesen und Entwicklung aus ihrem eigenen
-Munde kennen zu lernen, zugleich auch mein dunkles Gefühl zum klaren
-Verständnis ihrer Art auszubilden. Das Ereignis war ein solches, das die
-ganze Stadt, Beteiligte und Unbeteiligte, heftig erschütterte und selbst
-in den seichtesten Seelen eine Ahnung weckte von der Sturmgewalt der
-Elemente, die in Tiefen toben können. Einer der jungen Rechtsgelehrten,
-die dem in unserem Städtchen tagenden Gerichtshofe beigegeben waren, ein
-Sohn guter Eltern, aus begüterten Kreisen stammend, aus einer größeren
-Stadt zugezogen -- ein Jüngling von äußerst einnehmendem und
-freundlichem Wesen, der sich großer Beliebtheit unter den besten Menschen
-des Landes erfreute: wurde eines Morgens mit durchschossener Schläfe tot
-in seinem Bette gefunden. Ein hinterlassener Zettel kündigte Selbstmord
-aus verschmähter Liebe an, aber in so rührender Art, so schlicht zum
-Herzen sprechenden Ausdrücken, daß auch der böseste Skeptiker nicht zu
-lächeln gewagt hätte. Der Name des Weibes, das den armen Knaben in den
-Tod getrieben, war begreiflicherweise nicht genannt; aber der Instinkt der
-Menge, der in solchen Dingen fast immer richtig geht, bezeichnete Sabine
-Ricchiari als die Urheberin der Tat. So wie der Vorfall sich darstellte,
-schien diese Annahme allerdings glaublich: Sabine war in der Tat reizbegabt
-genug, um eine verheerende und alle Fesseln sprengende Leidenschaft
-zu entflammen; kein Mann wäre zu verdammen gewesen, der für dieses
-Götterbild das Letzte gewagt hätte; und andererseits machte Sabinens
-anerkannte Tugend jeden Wunsch von vornherein zu einem hoffnungslosen.
-Das war die Erläuterung, die die öffentliche Meinung gab: entgegen ihrer
-sonstigen Gewohnheit schienen alle Lästerzungen geneigt, die edelsten
-Beweggründe auf beiden Seiten anzunehmen. Fama drapierte sich romantisch.
-Und wenn etwas imstande war, Sabine Ricchiaris Ansehen und Beliebtheit in
-der Stadt noch zu steigern, so war es dieser Vorfall, die letzten Worte
-eines Todbereiten, die ihre ehrenfeste Unbesiegbarkeit mit solch tragischem
-Nachdruck verkündeten.
-
-Die öffentliche Meinung sieht meistens richtig, aber niemals tief;
-Tatsachen bleiben ihr selten verborgen, Beweggründe immer: das Ereignis
-war genau so vor sich gegangen, wie der Stadtklatsch annahm -- und doch,
-wie anders! wie furchtbar anders! --
-
-Man hatte die Verwandten des Jünglings von dem Selbstmorde benachrichtigt,
-doch gab es keine Möglichkeit ihres Eintreffens vor dem späten
-Nachmittage. Weil ich das verblendete Kind lieb gehabt hatte und weil mir
-das Herz blutete um sein Schicksal, so übernahm ich es, bei ihm zu bleiben
-und seinen letzten Schlummer zu hüten, bis das Gebet seiner Mutter das
-meinige ablösen würde. Ich ließ den Leichnam auf reinem Bette aufbahren,
-setzte mich neben ihn und blickte unverwandt in das sanfte, stille Gesicht,
-als könne es mir noch Antwort geben auf die bittere Frage, die mich, der
-ich weniger hurtig schloß als die Menge, unablässig quälte: »Wie hat
-es so weit kommen können?« Ich hatte den Jüngling als einen stäten und
-tüchtigen gekannt, ohne Überspanntheit und ohne Pose. Was hatte er
-leiden müssen, was erkennen, bis er diesen letzten Verzweiflungsschritt
-unternommen hatte? In mir zitterte alles vor Mitleid und Schmerz, ich
-fühlte die Tränen über meine Wangen rinnen, und mehr als einmal beugte
-ich mich über den Toten und küßte seinen kalten Mund in einer traurigen
-Hoffnung, es möchte die Seele, die diesem Leib entflohen, noch irgendwo
-in der Nähe weilen, mein Leid und meine Liebe mit ansehen und als
-Trost empfinden. Da geschah es, daß ich plötzlich, den Kopf von meiner
-schmerzlichen Liebkosung erhebend, Sabine Ricchiari im Zimmer stehen sah.
-Sie war geräuschlos eingetreten und zwischen dem Bette und dem Fenster
-stehen geblieben, so daß sich nur ihr großer schwarzer Schattenriß in
-unheimlicher Starrheit vor mir erhob. Ich fuhr auf mit einer Regung des
-Hasses gegen sie; denn mein Gefühl, das nie unbedingt zu ihren Gunsten
-gesprochen hatte, schrie in diesem Augenblicke blindlings, jede Reflexion
-niederdonnernd, ein »Schuldig!« über sie. Meine Augen mußten deutlich
-sprechen, was ich empfand, denn sie trat einen Schritt zurück und senkte
-das Haupt langsam tiefer und tiefer. Dann hörte ich, daß sie weinte;
-und weil mich das bei ihr, die ich keiner redlichen Träne für fähig
-gehalten, überraschte und ergriff, wie es mich noch bei keiner Frau
-ergriffen hat, so fühlte ich schnell meine Stimmung gegen sie sich
-erweichen und näherte mich ihr, um ihr die Hand zu reichen. Dabei sah ich
-ihr Gesicht -- und jetzt umschloß mein Mitleid sie ganz! Sie aber ergriff
-meine Hand nicht, sondern meine versöhnliche Geste für ein Zeichen der
-Verzeihung nehmend, das ihr freien Zutritt zu dem Toten gewährte, eilte
-sie an mir vorüber nach dem Bette, über welches sie sich mit dem ganzen
-Leibe warf, ihre Lippen auf die des Verblichenen pressend und mit den Armen
-seine Schultern und seinen Kopf umklammernd. Es lag eine Heftigkeit der
-Leidenschaft in dieser Bewegung, die grauenhaft gewirkt hätte einem
-Lebenden gegenüber; an dieser fühllosen Masse, die schlaff und kalt
-in ihrer Umarmung hing, stellte sich der Anblick ihrer Raserei geradezu
-haarsträubend dar. Besonders entsetzlich war die Art, wie der bleiche
-Kopf, den sie wiederholt emporriß, immer wieder über ihren Arm zurück
-und zur Seite sank, als wolle er sich den allzuspäten Liebkosungen jetzt
-verachtungsvoll abwehrend entziehen; so schien es Sabine auch zu nehmen,
-denn ihre Gesten wurden wilder, ihr Weinen lauter bei jeder derartigen
-Bewegung. Ich stand sprachlos dabei, fühlte Schauer um Schauer über
-meinen Rücken rinnen und vermochte nicht, dem Tun der Frau zu wehren. Sie
-aber, nachdem sie das Gesicht des Toten und seine Brust mit solchen
-Küssen bedeckt hatte, und unter solchen Ausrufen und Seufzern, wie die
-Verzweiflung fruchtloser Reue sie lehrt, erhob sich endlich rasch und
-wollte aus dem Zimmer huschen, wie sie hereingekommen war. Da ereilte
-ich sie an der Tür und verstellte ihr den Ausgang, denn ich dachte nicht
-anders, als daß auch sie jetzt in den Tod zu rennen beabsichtige. Sie
-kehrte um, setzte sich auf den nächsten Stuhl und suchte augenscheinlich
-in schwerem Kampfe ihre Selbstbeherrschung wiederzugewinnen. Ich erinnere
-mich nicht, ob ich ihr zugesprochen habe; mit meinem Herzen tat ich es
-gewiß, aber in mir schrien so viele Stimmen durcheinander, daß ich nicht
-weiß, ob ich wirklich zu Worte gelangt bin oder ob ich die Laute nur
-geträumt habe, die meine bebenden Lippen zu formen suchten. Immerhin
-beruhigte die entrückte Frau sich endlich und kehrte zur Wirklichkeit
-zurück; ihre Augen begegneten wieder und hafteten diesmal an den meinen,
-in denen sie wohl das heißeste Erbarmen lesen mußte. Dann setzte sie sich
-neben das Bett, das sie nun mit einem rührenden Ausdrucke mütterlicher
-Geschäftigkeit in Ordnung brachte, und schließlich begann sie in
-schauerlich ruhigem Tone den Hergang der Sache zu erzählen.
-
-
-2.
-
-Sabine war ein Kind von unvergleichlicher Anmut gewesen, und da war es
-denn nur zu begreiflich, daß sie in Aller Mienen der Wirkung ihrer eigenen
-Zauberhaftigkeit nachspürte und es zur Aufgabe ihres kleinen
-Lebens machte, diese Wirkung nach Möglichkeit zu verstärken. Dabei
-experimentierte sie förmlich mit der Tragfähigkeit dieses Magnets: denn
-sie trug Farben und Gewandformen, die an anderen Mädchen gewagt erschienen
-wären, und triumphierte innerlich, wenn ihre Schönheit das Unmöglichste
-und Heterogenste zu einem gefälligen Eindrucke verband. Auch gelang es ihr
-öfters, selbst die Mode zu beeinflussen, indem sie durch die Macht ihrer
-Erscheinung die Augen ihrer Geschlechtsgenossinnen blendete, so daß jene
-das Kleid von der Trägerin nicht mehr zu unterscheiden vermochten und
-sich für schön hielten, wenn sie trugen, was an Sabine Ricchiari schön
-erschien So sicher aber diese ihrer äußeren Vorzüge war und so viel sie
-darauf wagen konnte, so genügte ihr dies doch keineswegs; sie hätte nun
-auch gerne durch Gaben des Geistes und der Seele allen anderen Frauen den
-Rang abgelaufen und empfand es höchst schmerzlich, daß ihr hervorragende
-Talente versagt waren, die ihren Namen durch die Lande trügen. Deshalb
-aber nicht eingeschüchtert, warf sich Sabine auf das »Fach«, in welchem
-Lukretia und andere hohe Frauen der Geschichte sich mit Glück betätigt
-hatten: auf die Tugend. Und sie faßte diesen Begriff in seinem weitesten
-Sinne.
-
-Als Kind hatte Sabine Ricchiari nicht gerne gelernt. Da sie heranwuchs,
-beobachtete sie, daß jedermann einen gewissen Grad von Albernheit und
-Denkfaulheit als Vorrecht ausnehmend schöner Personen für zulässig zu
-halten schien Das erbitterte sie sofort aufs höchste als eine Beleidigung,
-die ihr mehr galt als tausend anderen, minder reizenden Frauen. Und hier
-sprang nun der gefährliche Zug ihres Wesens mit einer ganz wohltuenden
-Wirkung ein: denn, beharrlich und energisch, wo es ihrer Eitelkeit galt,
-zwang Sabine ihren flattersüchtigen jungen Geist in eine Zucht, die alle
-Welt in Erstaunen setzte. Bald erlebte sie die Freude, daß man laut und
-leise ihren Fleiß und ihr ernsthaftes Streben noch höher als ihre Anmut
-pries, und ehe sie achtzehn Jahre alt war, konnte sie schon mit vollem
-Rechte das kühne Wort sprechen: »Müssen denn alle tüchtigen Frauen
-häßlich sein und nur häßliche tüchtig? Ich denke zu beweisen, daß
-man körperliche und geistige Bildung vereinigen kann!« Dabei fiel ihr das
-Studium vieler Wissenszweige durchaus nicht leicht, und nur der maßlose
-Ehrgeiz, ein Frauenbild von nie dagewesener Vollkommenheit darzustellen,
-hielt sie in Stunden tiefer geistiger Erschöpfung aufrecht. Bei solchen
-Beschäftigungen mußte sich ihr notgedrungen die Zeit kürzen, die andre
-junge Mädchen ihres Kreises auf Tanz und Flirt verwendeten; jedoch empfand
-Sabine dies durchaus nicht als Verlust, da ihr Siege auf diesem Felde allzu
-sicher waren, und wenn sie sich unter die Spiele der Geselligen mischte, so
-war's nur, um durch verspätetes Erscheinen und frühen Abgang die Leute
-zu erinnern, daß sie Besseres zu tun hatte. So albern nun dies Tun an
-sich erscheinen mag, so trug es doch für Sabine bessere Früchte, als sie
-eigentlich verdient hätte. Denn darin ist die Wissenschaft, die Göttin,
-dem sterblichen Weibe gleich, daß sie ihre Bewerber nicht leicht auf
-die Redlichkeit ihrer Gesinnung prüft und auch den mit Segenshänden
-beschenkt, der nur mit ihr tändelt. Was Sabine Gutes, Klares,
-Großzügiges in ihrem Charakter hatte, war ihr als unverdiente und
-ungewollte Beute aus der Zeit dieser Raubzüge in das reine Land des
-Gedankens geblieben.
-
-Aber nun kam Sabine in das Alter, wo die höchsten Lebensfragen an ein
-Weib herantreten, und leider machte sich auch hier wieder die Sucht, das
-Ungewöhnlichste, das völlig Unerwartete zu tun, zu ihrem Schaden geltend.
-Sie war -- schön, gebildet und überaus sittsam, wie sie sich stets
-gezeigt hatte -- von zahlreichen Bewerbern umschwärmt und hätte unter den
-Männern ihres Kreises den Besten und Begehrtesten zu ihren Füßen sehen
-können. Aber Sabine bildete ihr Urteil über Männer nach eigener Art. Die
-naive Siegessicherheit, mit welcher heutzutage ein Mann, der seinen Wert
-kennt, ein Weib zu nehmen pflegt, erbitterte und beleidigte sie, die
-sich selbst als etwas Einziges und Unvergleichliches geschätzt zu sehen
-wünschte, nicht wenig. Sabine wollte Werber im Minnesängerstil. Dafür
-war sie auf der anderen Seite höchst anspruchslos, denn kein äußerer
-Vorzug des Mannes sollte ihre Wahl bestimmen; freie, reine Neigung beider
-Herzen allein sollte den Ausschlag geben und -- Bedingung =sine qua non!=
--- das _Publikum_ vor allem sollte von dieser reinen Neigung überzeugt
-sein. So, damit auch ja nicht der leiseste Vorwurf einer Bestechlichkeit
-erhoben werden konnte, wandte das törichte Fräulein sich sofort und
-demonstrativ von allen glänzenden, angesehenen und vielbegehrten Männern
-hinweg und solchen zu, die von Frauen übel behandelt, von Kritikern
-verkannt, von Vorgesetzten übersehen und von rassestolzen Aristokraten
-geächtet wurden. Und man konnte hinfort auf allen Festen das sonderbare
-Schauspiel genießen, das schönste Mädchen der Stadt mit einem Gefolge
-zweifelhafter Gestalten einherwandeln zu sehen, an denen sie eifrig und
-ernsthaft ein Werk der Veredlung zu betreiben suchte, das indes sehr selten
-mit einem Gelingen lohnte. Denn Männer pflegen es sehr übel aufzunehmen,
-wenn ein Weib sie »zu sich emporziehen« will -- und ich weiß nicht, ob
-ich ihnen darin nicht recht geben muß.
-
-Es konnte nicht fehlen, daß Sabine in diesem Umgange ein paar schlimme
-Erfahrungen machte, die ihr indes glücklicherweise nicht so zum Verderben
-ausfielen, wie es wohl hätte sein können. So befand sich unter den
-Unbegehrten, die sie zu beschenken glaubte, ein junger Naturforscher von
-beträchtlicher Häßlichkeit, deren Wirkung noch verstärkt wurde durch
-den Hochmut, mit welchem der Mann alle gefälligen Formen in Rede, Kleidung
-und Auftreten verschmähte. Er war aus Arbeiterkreisen hervorgegangen,
-recht im vollsten Sinne des Wortes ein geistiger Selfmademan, und
-allerdings sehr bedeutend in seinem Fache. Aber er setzte einen törichten
-Stolz darein, das Plebejertum, dem er angehört hatte, auf drastische Weise
-darzulegen, und scheuchte feinfühlige Frauen von sich durch die Derbheit
-seiner Ausdrucksweise sowohl wie durch die Gehässigkeit, die er denen
-gegenüber zur Schau trug, die sich feinerer Sitten befleißigten. Auf
-ihn konnte mit Recht das drollige Wort angewendet werden, er habe »zwei
-Rücken«; denn bei Gastmählern, zu denen er freilich selten genug gebeten
-wurde, brachte er es fertig, seinen _beiden_ Nachbarinnen _zugleich_ den
-Rücken zu kehren -- und das schlimmste war: sie zogen sein unartiges
-Schweigen seiner Konversation vor. Das war ein Objekt für Sabine! Mit dem
-raschen Schlußvermögen, das sie auszeichnete, stellte sie fest, daß
-eben diese Gehässigkeit gegen alles Glatte und Vornehme einem tiefen
-Bewußtsein eigener gesellschaftlicher Unzulänglichkeit entsprungen sei,
-und daß der rauhe Mann nur deshalb nicht manierlich sein _wollte_, weil
-er klar empfand, daß er es nicht sein _konnte_. Sie sagte sich, daß er
-wußte -- und wahrlich nicht zu seinem Behagen wußte --, an ihm müsse
-Kultur zur Karikatur werden. Deshalb hegte sie Mitleid für ihn und
-beschloß, die erste zu sein, die seinem hervorragenden Verstande und
-seiner wissenschaftlichen Tüchtigkeit volle Ehre antat, ohne sich durch
-seine ungeschlachte Art und böse Sitten beirren zu lassen. Und sie
-erwählte ihn förmlich und feierlich zu ihrem Höflinge und war
-holdseliger zu ihm, als ihr dabei eigentlich ums Herz war; denn sie mußte
-sich alle mögliche Gewalt antun, um den Widerwillen zu überwinden, den
-seine physische Erscheinung, seine zynische Rede und häufige lästerliche
-Flüche ihr einflößten.
-
-Aber Sabine kam übel an mit ihren Beglückungsversuchen. Denn sie mußte
-einsehen, daß der erwählte Mann selbst nicht nur keine sonderliche
-Dankbarkeit gegen sie empfand, sondern daß er die Bevorzugung, die
-ihm widerfuhr, auf eine sehr kränkende Weise deutete. Daß seine
-Häßlichkeit, über welche er sich keiner Täuschung hingab, ein so holdes
-und vielbegehrtes Wesen wie Sabine anzog, erschien ihm durchaus nicht als
-ein Wunder der Liebe, die ihren Gegenstand nach seinem seelischen Gehalte
-schätzt -- denn so hätte Sabine es gerne gedeutet wissen wollen; vielmehr
-erklärte er sich in seiner materialistischen Weltanschauung dies Wunder
-einfach aus einem perversen Reiz, den Scheusale von Männern auf
-Frauen auszuüben verstehen, und er schämte sich nicht, dies in wenig
-verschleierten Worten anzudeuten, wobei er mit Vorliebe das Beispiel des
-großen Sinnenbetörers Mirabeau zitierte. Daß Sabine seine durchaus nicht
-gewählte Unterhaltung ertrug, schrieb er demselben krankhaften Gefallen am
-Allzunatürlichen zu, denn er gab sich nie Mühe, in den Mienen anderer
-zu lesen, und übersah deshalb den Kampf, mit welchem das wunderliche
-Fräulein diese härteste Probe ihrer Gesinnungstreue zu bestehen
-suchte. Daß sie endlich vor aller Welt seine Partei hielt, schien ihm
-selbstverständlich, denn er wußte, daß er für eine wissenschaftliche
-Größe galt und daß eine Frau an seiner Seite einer großen Zukunft
-entgegenging. Und er sprach auch dies aus und verfehlte nicht, Sabine
-aufmerksam zu machen, daß sie trotz ihrer Schönheit und höheren Geburt
-bei einer Verbindung mit ihm der _gewinnende_ Teil wäre. Es dauerte eine
-ganze Weile, bis Sabine diese seine Auffassung von der Sache ganz begriffen
-hatte, denn sie hatte sich in der Rolle der Gebenden und Herablassenden zu
-wohl gefallen, um leicht einer so demütigenden Erkenntnis zugänglich zu
-sein. Aber der merkwürdige Galan, der seinerseits durchaus nicht geneigt
-war, den Empfangenden, den Beschenkten zu spielen, versuchte endlich, ihre
-Liebe, die er für höchst leidenschaftlich hielt, durch bewußte Bosheiten
-auf die Probe zu stellen, bald ohne Anlaß fernbleibend, bald auch vor
-Zeugen ein hämisches und tyrannisches Wesen gegen sie zur Schau tragend.
-Ihre Ratlosigkeit und Verblüfftheit solchen Roheiten gegenüber hielt er
-für Schmerz, und die wirklich bewunderungswürdige Geduld, mit welcher
-sie verzieh, was sie einem Mangel an Besserwissen zuschrieb, deutete er als
-Verliebtheit, die, selbst getreten, nicht von ihm lassen konnte.
-Endlich kam aber doch der Tag der Abrechnung, und es erfolgte nun die
-allerwunderlichste Auseinandersetzung, die je zwischen Liebesleuten
-stattgefunden. Jeder der beiden Toren war sehr verdutzt, sich von dem
-anderen nicht heißer geliebt zu sehen, jeder rechnete dem anderen sein
-Gewinnen oder Verlieren mit allerliebster Offenheit vor. Bei dieser
-Abschiedsszene zeigte sich schließlich der Mann noch als der
-Charaktervollere von beiden, denn er war der erste, welcher der Frau mit
-ihrem unerbetenen Mitleiden den Laufpaß gab, indem er erklärte, daß ihm
-ein Schankmädchen, das zu ihm aufsähe, liebenswerter erscheine als eine
-Königin, die sich »herablasse«. Sabine zog sich gekränkt zurück und
-gewann aus der bösen Erfahrung wenigstens die Lehre, daß Mitleid vom
-Weibe zum Manne vorsichtig in leisen Schuhen wandeln muß, soll nicht sein
-Tritt die jungen Liebespflänzlein zermalmen. Eine Weile war sie traurig
-und enttäuscht. Bald aber löste eine neue, noch sonderbarere Wahl die
-Mißstimmung jenes ersten Erlebnisses. Auch dieser zweite Mann war das
-Gegenteil von einem Adonis und nichts weniger als ein Gesellschaftslöwe.
-Wäre er beides gewesen, so hätte er ja für Sabine keinen Reiz gehabt,
-denn dann wäre es keine Kunst gewesen, ihn zu lieben; und Sabine wollte,
-wie gesagt, auch hierin etwas völlig Neues leisten. Was ihre Neigung in
-diesem besonderen Falle bestimmte, war hauptsächlich die bittere Armut,
-in welcher der Betreffende lebte, der seines Zeichens ein unbedeutender
-Musikus am Theaterorchester der Stadt war, in welcher das seltsam
-wählerische Fräulein damals lebte. Sabine hatte durch Hausgenossen des
-Fiedlers von seinem Elende vernommen, hatte ihn unterstützen lassen und
-suchte nun seine persönliche Bekanntschaft zu machen. Sie verhalf ihm zu
-Unterrichtsstunden in besseren Häusern und eröffnete damit zugleich
-ihm und sich selbst einen Weg, auf welchem sie sich häufig genug ohne
-Anstände begegnen konnten. Dabei geschah nun, was geschehen mußte. Hatte
-der Mann schon vorher gewußt, daß er ihrem Mitleid viel verdankte, so
-warfen ihre strahlende Erscheinung, ihr berückendes Lächeln und die
-freundlichen Worte, die sie an ihn richtete, ihn nun ohne weiteres in eine
-maßlose Leidenschaft, die er auch durchaus nicht zu verbergen strebte.
-Dabei war er klug genug, weder seinen persönlichen Vorzügen noch seiner
-musikalischen Begabung das Verdienst dieser Eroberung beizulegen, denn
-er wußte genau, daß er von letzterer nicht viel mehr besaß als von
-ersteren. Aber er empfand doch künstlerisch-naiv gerade soviel als es
-brauchte, um an eine ideale Liebe zu glauben, die wahllos trifft und sich
-mit gleich selbstloser Erwiderung reichlich gelohnt fühlt. Eine solche
-Liebe legte er in Sabine hinein; und er selbst stattete seinen Dank für
-das unverdiente Gnadengeschenk in einer Anbetung ab, an der sich Diana
-hätte genügen lassen können, und die unsere kühle Heldin selbst
-höchlichst befriedigte, weil sie endlich zur Erfüllung brachte, was lang
-geträumt und gewünscht war. Denn nun genoß Sabine die Genugtuung, daß
-die Romantik dieses Verhältnisses von alt und jung gebührend geschätzt
-wurde, und wandelte einher, von Mondschein und blauen Blumen gleichsam auf
-Schritt und Tritt umsponnen, wie ein mittelalterliches Burgfräulein, das
-sich einem fahrenden Sänger neigt. Sie redete viel, um zu beweisen, daß
-echtes Gefühl auch in unseren nüchternen und bösen Zeiten noch nicht
-ganz vom Erdenrund geflohen sei, und glaubte ganz ernsthaft, die schöne
-Neigung, die sie darstellte, wirklich selbst zu empfinden. Allerdings
-glaubte das auch jedermann sonst; und selbst die losesten Zungen fanden
-keinen schlimmeren Anlaß zu sticheln als den, daß man Sabine hinfort auch
-im Getöse einer Wagneroper in der ersten Reihe des Parkettes sitzen
-sah, wo sie dem Bombardement wahnsinniger Pauken- und Trompetenstöße
-heldenhaft standhielt, nur um Aug' in Auge mit ihrem Geigerlein und in
-seiner möglichsten Nähe den Abend zu verbringen. Dem Widerstand ihrer
-Verwandten gegen diese sehr unerwünschte Verbindung setzte sie eine
-siegreiche Beredsamkeit entgegen, die alle Bedenken entwaffnete und die
-Zweifler beschämte. Die Entdeckung, daß ihr neuer Liebhaber einige Male
-ziemlich betrunken im Orchester erschien und daß er Ring und Kette, die
-sie ihm gegeben, gelegentlich versetzte, ernüchterte sie zwar ein wenig,
-entmutigte sie aber keineswegs. Sie löste geduldig ihre Liebespfänder
-selbst wieder aus und gab sie ihm ohne ein Wort des Vorwurfes zurück. Die
-Beschämung und Reue, die der arme Kerl bei solchen Anlässen an den Tag
-legte, war echt; aber die sittliche Festigkeit, die er neuen Versuchungen
-gegenüber bewies, war die eines Kindes; und Sabine machte hier die
-schmerzliche Schule durch, die Künstlerliebchen und -frauen selten erspart
-bleibt: sie mußte sehen, daß ein Mann alles Göttliche und Hohe in seinem
-Busen bewegen und doch vor einem Glase Wein zum Tiere werden kann. Aber
-Sabine hatte ihre Rolle zu hoch gegriffen, um ihr selbst vor derlei
-Schrecknissen untreu zu werden. Auch als ihr Bräutigam wegen der
-eingetretenen Unordentlichkeit seines Lebenswandels aus dem Orchester
-entlassen wurde, hielt sie noch fest zu ihm. Bereits aber war sie so
-weit zur Vernunft gekommen, daß sie den Argumenten ihrer Verwandten ein
-willigeres Ohr lieh als zuvor; und als man ihr geschickt vorstellte, wie
-gerade die Gunst, die sie dem Musikus erwies, die unerwartete Veränderung
-seiner Lage verderbenbringend geworden sei für den Mann, der bisher in
-seinen dürftigen Verhältnissen arbeitsam und brav gewesen war -- da
-entsagte sie, obgleich schweren Herzens und nach langem Kampfe, auch diesem
-Traume. Von ihrem Anbeter kaufte sie sich los, indem sie mit Einwilligung
-ihrer Angehörigen ein bescheidenes Kapitälchen für ihn anlegte, das
-ihn vor äußerster Not bewahren, ihm aber keinerlei Ausschreitungen
-ermöglichen sollte. Es muß zur Ehre des Mannes gesagt werden, daß er
-diese Abfindung erst nach langer und rasender Gegenwehr hinnahm; denn
-er liebte das schöne Mädchen, wie nur ein Musikerherz lieben kann, und
-drohte sie und sich selbst zu ermorden, ehe er sie aufgäbe. Erst die
-Vorstellungen desselben klugen Verwandten, der Sabine herumgebracht,
-vermochten ihn zu erschüttern; denn sie brachten ihn zur Einsicht, daß er
-die Heißgeliebte in ein trauriges Los herunterzöge, wenn er sie an sich
-fesselte, ohne durch seinen Charakter eine Gewähr für seines Zukunft
-zu geben. Er trat zurück und zeigte sich beim Abschiede so ehrenhaft
-und stolz, daß Sabine fast wieder ihren Sinn zu seinen Gunsten geändert
-hätte; denn es war ihr bitter, daß er sie an Entsagungsmut übertraf,
-und sie konnte sich nicht verhehlen, daß er ungleich mehr opferte als sie,
-weil er ungleich leidenschaftlicher geliebt hatte. Seine Pension griff er
-erst viele Jahre später an, als er, wieder zur Ordnung zurückgekehrt,
-eine passende Lebensgefährtin gefunden hatte, mit welcher er dann auch
-leidlich glücklich wurde. --
-
-Sabinens dritte Wahl fiel gleichfalls auf einen Musiker, aber weit höheren
-Ranges. Dieser Mann war städtischer Domorganist, war ein wirklicher
-Künstler, war weder häßlich noch arm, dafür aber blind. Sabine
-hätschelte ihr eigenes törichtes Heldentum mehr denn je, als sie diesem
-Manne nahetrat, mit welchem sie aber glücklicherweise kein Verlöbnis
-einging. Denn -- um es kurz zu machen -- sie mußte bereits nach einiger
-Zeit zur Überzeugung kommen, daß andere Frauen an derselben Wut
-der Selbstaufopferung krankten wie sie, und daß der blinde Mann die
-Äußerungen dieser edlen Regungen, denen er sich übrigens kaum hätte
-entziehen können, rückhaltlos und recht dankbar annahm. Es gab keinen
-tolleren Don Juan im Lande als ihn, und er prahlte, sein eigener Leporello,
-vergnügt mit seinem Sündenregister. Das widerte die im Grunde keusche
-Sabine an, und sie zog sich zurück, ehe ein bindendes Wort gesprochen
-war. So war sie noch einmal mit heiler Haut davongekommen, als sie dem
-Mann begegnete, der ihr Verhängnis werden sollte, ihre Strafe und -- nach
-schweren Irrungen -- ihre Rettung. Dieser Mann war Ricchiari.
-
-
-3.
-
-Sabine war damals vierundzwanzig Jahre alt, und ihre Schönheit hatte
-den Gipfelpunkt der Entfaltung erreicht. Sie war eine so hervorragende
-Erscheinung, daß die Schar ihrer Bewerber und Bewunderer sich trotz all
-ihrer Torheiten nicht wesentlich vermindert hatte, und sie hätte immer
-noch eine Ehe eingehen können, wie sie ihrer höchst verfeinerten und
-verwöhnten Natur angemessen war. Aber _einer_ war abgefallen, von dem
-sie wußte, daß er sie früher gern gesehen hatte, und dieser eine
-beschäftigte nun die widerspruchsvolle Dame mehr als der ganze übrige
-Hofstaat. Auch Ricchiari war kein glänzender Mann. Er war, wie bereits
-erwähnt, von unansehnlicher, wiewohl durchaus nicht unangenehmer
-Erscheinung, dabei trocken und knapp in seiner Rede, schlicht in seinem
-Auftreten und nicht immer liebenswürdig in Frauengesellschaft. Als Arzt
-war er mäßig beliebt und gerade genug beschäftigt, um eine kleine
-Familie ohne Sorgen ernähren zu können, aber was man so eine Zukunft
-nennt, das traute ihm niemand zu. Auch war es diesem Manne, der die Welt
-kannte und wußte, nach welchen Werten ein Mensch geschätzt wird, nie zu
-Sinn gekommen, um die vielbegehrte Schöne zu werben; doch war auch er
-am Ende ein Wesen von Fleisch und Blut, und kein solches konnte Sabinens
-unvergleichliche Anmut sehen, ohne sich an ihr zu entflammen. So ging es
-auch dem armen Doktor, obgleich er sich redlich Mühe gab, seine Gefühle
-zu verbergen. Sabine, deren Augen auf dergleichen Vorgänge geübt
-waren, bemerkte nun wohl seine Leidenschaft; aber sie bemerkte auch seine
-Zurückhaltung, und sie schätzte ihn darob; möglicherweise würde sie ihn
-auch ermutigt haben, wenn der Beginn ihrer Bekanntschaft nicht gerade in
-eine Zeit gefallen wäre, wo eines der früher erwähnten Opfer Sabinens
-ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
-
-Nun war aber auch der Doktor ein Mann von äußerst scharfen Blicken,
-und er beobachtete mit innerlicher Empörung Sabinens Verhalten. Das
-komplizierte und etwas krankhafte Spiel ihrer Seelenregungen lag ihm
-längst offen, und was von guten Gefühlen in diesem wunderlichen Gemüte
-vorhanden war, unterschätzte er keineswegs. Daß Sabine im Verhältnis zum
-Manne die Gebende sein wollte, lieber als die Empfangende, das gefiel ihm
-sogar; und die Beharrlichkeit, mit welcher sie alle Folgen dieses Anspruchs
-auf sich nahm und ertrug, setzte ihn in Bewunderung. Aber daß sie im
-allerletzten Grunde dabei um den Beifall der Menge buhlte, daß sie etwas
-sein wollte, nur um es auch zu scheinen, das verdroß den Doktor, der in
-allen Dingen gerade nach der entgegengesetzten Seite hinstrebte und sich
-unbeachtet am wohlsten fühlte. Schmerzlich geteilt zwischen stiller,
-heißer Leidenschaft und einer gewissen Verachtung lebte der Mann kein
-vergnügtes Leben unter den Sonnenaugen der begehrten Frau, und kein
-Wunder, daß er die Verachtung etwas schroffer zur Schau trug, als er
-eigentlich wollte, da er sie wie einen schützenden Mantel um sein Herz und
-seine Liebe ziehen mußte.
-
-Sabine bemerkte alsobald die Veränderung in Ricchiaris Betragen, und da
-sie nicht ahnen konnte, wie klar der Mann sie durchschaute, und daß er
-mehr von den Vorgängen in ihrer Seele wußte, als sie selbst, so störte
-seine plötzliche Kälte sie und gab ihr zu denken. Sie nahm sich vor, ihn
-zu erobern; und da er auch sonst ihren -- negativen Anforderungen genügte
-und sie die _Illusion_, zu ihm herabgestiegen zu sein, vor sich und
-anderen aufrechterhalten konnte, so gab sie ihm Zeichen ihrer Huld, die er
-verstehen mußte, und bot alles auf, um ihn in ihren Bannkreis zu ziehen.
-Aber mit dem Doktor ging das nicht so leicht, wie es mit den anderen
-gegangen war. Je liebenswürdiger Sabine ihm entgegenkam, desto unnahbarer
-zeigte er sich und ließ sie endlich in unzweideutiger und fast unartiger
-Weise fühlen, daß er nichts von ihr wollte. Hätte Sabine in sein Herz
-blicken können, so hätte sie erkennen müssen, daß er unter dem
-Zustand der Dinge fast schwerer litt als sie, denn er konnte dem schönen
-Frauenbild lange nicht so ernstlich gram sein, wie er es zu sein wünschte.
-Da sie das nicht wußte, so war sie von seinem Verhalten nur aufs tiefste
-gekränkt und so unglücklich, wie ein Weltkind überhaupt sein kann. So
-heftig war sie von Zorn und verletzter Eitelkeit beherrscht, daß sie
-aller Weiblichkeit vergaß und den Doktor bei erster Gelegenheit zur Rede
-stellte. Es geschah dies auf einem einsamen Wege vor der Stadt, der
-durch Gärten und Gemüsepflanzungen weiter hinaus nach einer kleinen
-Privatheilanstalt führte, die Ricchiari regelmäßig besuchte. Sabine
-hatte ihm aufgelauert wie ein Schulmädchen, und sein spöttisches und
-abweisendes Gesicht, als er sie erblickte, brachte schnell genug zur
-Entladung, was sich an Lava, Schwefel und Pech in ihrem Gemüte gesammelt
-hatte. Es knallte ganz artig, als die erbitterte Heldin den Mund auftat.
-In dieser Stunde redete Sabine nicht eben klug und auch nicht ganz sittsam;
-aber sie redete zum ersten Male, seit er sie kannte, _nicht_ mit der
-Absicht, ihrem Publikum zu imponieren. Deshalb empfand er ihren Ärger fast
-als etwas Wohltuendes und vernahm ihre wirren Vorwürfe lieber, als er je
-zuvor ihre wohlberechneten Sentenzen gehört hatte. Endlich versagte
-ihr die Stimme, und sie lehnte sich halb weinend, ratlos und atemlos
-vor Erregung an den Gartenzaun, an welchem sie gerade entlang wandelten.
-Ricchiari blieb vor ihr stehen und betrachtete sie nachdenklich. Sie stand,
-schön wie immer, vor der hohen grünen Sträucherhecke, in deren Zweige
-sie, mit rückwärts emporgreifenden Armen, die Hände verschlungen hatte,
-als wolle sie sich daran aufrechterhalten. Sonnenlicht und Schatten der
-windbewegten Blätter spielten rieselnd auf ihrem Antlitz und auf ihrem
-weißen Kleide, so daß ein Schleier goldener Wellchen die Erregung ihrer
-Mienen und das Zittern ihrer Glieder verhüllte und ihre ganze Gestalt so
-in wogendes Funkeln auflöste, daß sie, aus geringer Entfernung gesehen,
-fast wie etwas Überirdisches erscheinen mußte, etwa wie eine Dryade, die
-sich schemenhaft leuchtend aus dem frühlingshellen Geäste erhob.
-Solch ein Naturwesen, mehr oder weniger als Mensch, tückisch, süß und
-verführerisch zugleich, mußte der geblendete Doktor in diesem Augenblicke
-doch zu sehen glauben, denn er erlag dem Zauber, und seine Wehrhaftigkeit
-splitterte um ihn wie ein Panzer von Glas. Mag nun sein, daß die Stimmung
-des blütenübersponnenen Sträßleins, das weit hinaus in freundliches
-grünes Land zu führen schien, der weiche Maiduft des Himmels und
-Frühlingsstimmen junger Vögel nah und fern die Wirkung des holden Bildes
-verstärken halfen -- kurz, der Mann fühlte sich innig gerührt und zu
-jedem Verzeihen geneigt, so daß er nähertrat und bereitwillig Rede
-stand. Dabei konnte er es sich dennoch nicht versagen, ihr seine Meinung
-ordentlich klarzulegen, und so kam ein gar wunderlicher Sermon zustande,
-den ich aus mancher Andeutung Sabinens und aus später selbst miterlebten
-Wiederholungen ähnlicher Szenen wohl zu rekonstruieren vermag.
-
-»Haben Sie denn«, so etwa mochte der Doktor schmälen, »je ein edles
-Gefühl um seiner selbst willen gehegt? Haben Sie nicht alles, was Sie
-taten, um der Leute willen getan? Haben Sie nicht früh schon durch
-Kleidung und Auftreten bewiesen, daß Sie Aufmerksamkeit zu erregen
-wünschten? Haben Sie nicht ein braves und anerkennenswertes Streben der
-modernen Frau, das Streben nach Bildung und Wissen, dadurch erniedrigt,
-daß Sie lauen Herzens und nur deshalb an den Altar der Athene getreten
-sind, weil es heute noch für ungewöhnlich gilt? Dies alles wäre noch zu
-verzeihen. Auch daß Sie Almosen geben, weil es zum guten Ton gehört, will
-ich Ihnen nicht zu hoch anrechnen, denn ihr kurzdenkenden Frauen könnt
-das Unheil nicht übersehen, das eure Wohltätigkeit =en décolleté=
-anrichtet. Aber Sie haben mit dem Dinge gespielt, das jede echte Frau als
-eine Offenbarung von oben in demütigen Händen empfängt. Sie haben mit
-Ihrer Liebe Parade geritten vor klatschlustigen Basen, Sie haben Männer
-angezogen und abgestoßen, um von sich reden zu machen, und Sie haben den,
-der mit gläubigem Herzen Ihnen entgegenkam, nicht minder geäfft als die
-Menge Ihrer Zuschauer, um deren Beifall es Ihnen so sehr zu tun scheint.
-Denn Sie gaben ihm ein Recht, an Liebe zu glauben, und Liebe haben Sie
-nie gefühlt, nur eitle Selbstüberhebung und Hochmut, die beide Tugenden
-galten, von denen Sie nur den Schein besitzen. Wie dürfen Sie nun noch
-Anspruch erheben auf eines ehrlichen Mannes Gefühl? Ich für mein Teil
-mag keine Schauspielerin zur Frau, und so innig lieb ich Ihr schönes Bild
-leider im Herzen halten muß, so wenig werde ich mich dazu hergeben, Ihren
-Partner zu spielen. Denn die Rolle, die Sie mir in Ihrer Komödie eines
-romantischen Ehestandes zudenken, gefällt mir nicht -- und übrigens ist
-die Sache bei mir, Gott sei's geklagt! etwas mehr als Komödie!«
-
-So gestand der Doktor seine Liebe und verschwor sie im selben Atem, und
-Sabine hing wie ein windbewegtes Blatt zwischen Himmel und Erde,
-zwischen Freude und Scham, zwischen höchstem Triumphgefühl und tiefster
-Erniedrigung. Tränen, halb des Zornes und halb der Rührung, traten ihr in
-die Augen, und sie empfand in dieser Stunde, was auch die seichteste Frau
-nicht ohne Seligkeit empfinden kann, die Herrschaft und Überlegenheit
-eines starken und geradsinnigen Mannes. Wie nun auf jedes Weib diese
-Erkenntnis des Untergeordnetseins viel eher beglückend als verletzend
-wirkt, so ward auch für Sabine die Beschämung selbst zu einer Quelle der
-Lust, und sie wünschte nichts sehnlicher, als daß der Doktor bis in alle
-Ewigkeit fortfahren möchte, sie zu schelten. Er fügte auch noch ein gut
-Teil bei; und sooft er aufhören wollte, sah Sabine ihn mit zwar feuchten,
-aber so strahlend glücklichen Blicken an, daß er schnell wieder
-einsetzte, weil ihm schien, sie sei noch lange nicht so zerknirscht und
-schuldbewußt, wie sie von Rechtes wegen hätte sein müssen. Bald wurde
-er dann wieder härter, als er beabsichtigt hatte, und nun faßte er ihre
-Hand, um durch einen sanften Druck und etwa ein Streicheln da versöhnend
-entgegenzuwirken, wo seine bitter wahren Worte zu tief verwunden mußten.
-Und so zwischen Grausamkeit und Liebe schwankend, nahm er Sabinen endlich
-an sein Herz und bedeckte sie mit Küssen, dazwischen hoch und teuer
-schwörend, daß er sie nun und nimmer zur Frau haben wolle. Sie aber, von
-einem neuen Gefühle ganz verwirrt und betäubt, ließ alles über sich
-ergehen und fragte in diesem Augenblicke sogar nicht einmal, was die Leute
-dazu sagen würden, die ab und zu durch das grüne Sträßlein spazierten
-und mit Lachen dem wunderlichen Paare nachblickten.
-
-Es versteht sich von selbst, daß Ricchiari trotz all seiner grimmen
-Vorsätze um Sabinens Hand warb und daß er sie erhielt. Der brave Mann
-stellte sich entschieden und tapfer auf die Seite der Liebe, besiegte das
-Widerstreitende in seiner Brust und verzieh dem holden Frauenbilde nicht
-nur alle früheren Torheiten, er bemühte sich sogar, in noch bestehende
-und fortwirkende sich zu finden oder sie wenigstens mit Anstand zu
-ertragen. Ricchiari sah seine Frau hundertmal des Tages an und fühlte,
-daß er sie bei jedem Blicke heißer liebte als zuvor. Er führte sie bald
-darauf hinweg nach der kleineren Stadt und hoffte sie dort in der Stille
-und Zurückgezogenheit in kurzer Zeit zu größerer Sinnesschlichtheit
-umzubilden und das Lautere ihres Wesens, woran er nun einmal glaubte, von
-anhaftendem Flitter zu reinigen.
-
-Leider mußte er nur zu bald erkennen, daß er sich hierin vergriffen
-hatte. Die in der großen Stadt eine Rolle gespielt hatte, glaubte sich in
-der kleinen noch viel mehr berechtigt, alle Augen auf sich zu ziehen. Die
-Feindseligkeit und das Mißtrauen, die ihr allenthalben entgegentraten,
-reizten sie nur zu neuen Künsten. Und da sie bald herausgefunden hatte,
-daß dem beschränkten Geiste ihrer Mitbürger nur durch eine einzige
-Eigenschaft zu imponieren war, nämlich durch Tugendhaftigkeit, so warf sie
-sich mit ihrem ganzen virtuosen Anpassungsvermögen nach jener Seite hin
-und stellte alle Penelopen und Kornelien der Welt durch ihre Leistungen in
-Schatten. Zugleich aber begann jetzt für Sabine wie für ihren Gatten ein
-Martyrium schlimmster Art; es fing damit an, daß Sabinens Gefühl für den
-Doktor mit seiner Neuheit dahinging. Wohl hatte die Macht von Ricchiaris
-ehrlicher Gesinnung, seine Offenheit, sein Zorn, kurz, die Äußerung
-seiner Männlichkeit so überwältigend auf das Wesen mit den verschrobenen
-Neigungen gewirkt, wie eben das Wahre und Gewaltige dem Gekünstelten
-gegenüber wirken muß. Einer wirklichen Liebe war Sabine Ricchiari nicht
-fähig, und von der angenehmen Verwirrung ihrer Sinne war nichts geblieben
-als eine Empfindung höchsten Unbehagens dem Manne gegenüber, der so
-scharf in jeden Winkel ihrer Seele zu leuchten wußte; denn Sabine ahnte
-wohl, daß es keine wertvollen Funde in diesem Inneren aufzudecken gab. Das
-Unbehagen steigerte sich nicht selten zur Angst. Und diese Angst war es,
-die sie verhinderte, ihre Schauspielkunst, die sie gegen Fernerstehende
-so glänzend behauptete, auch da zu versuchen, wo es am meisten gelohnt
-hätte: Sabine konnte ihren Gatten nicht glauben machen, daß sie ihn
-liebte.
-
-Den ganzen Tag wandelte sie in stumpfer Gleichgültigkeit umher. Daß
-sie die Großstadt und ihren Vasallenkreis vermißte, daß Haushalt und
-Kinderstube sie langweilten, daß sie hungerte nach rauschenden Festen,
-wo ihre Schönheit Siege gefeiert hätte, daß der schlichte, stäte und
-zuverlässige Gatte ihrem phantasievollen Köpfchen nichts zu denken gab
--- Ricchiari mußte es täglich aus kalten Mienen und lässigem Gebaren
-erkennen. Da er die Frau liebte, tat das ihm weh. Aber man vergegenwärtige
-sich das Leiden, das für ihn anhub, sobald ein fremder Fuß das Gemach
-betrat: wie durch Zauberschlag verwandelt, huschte die plötzlich
-erblühende Frau als rühriges Hausmütterchen durch alle Räume;
-Heiterkeit strahlte ihr von rosigen Wangen, Liebe aus leuchtenden
-Augen; sie herzte ihre Kinder, sie nickte dem Gatten zu; sie redete
-wirtschaftlich, prahlte mit kleinen häuslichen Kenntnissen, pries
-die pastoralen Freuden ihres bescheidenen Lebens, scherzte anmutig und
-überlegen über leicht verschmerzte Entbehrungen -- kurz: zeigte sich
-so ganz als das, was sie nicht war und doch hätte sein sollen, daß die
-Klügsten betrogen hinweggingen. Laut und leise pries alle Welt Ricchiari
-als den glücklichsten Gatten; und der Doktor hörte es mit finsterem
-Gesichte und verbiß seine Martern: wußte er doch aus wiederholter
-Erfahrung, daß Licht und Lächeln in den Augen seiner Frau erlöschen
-würden mit den letzten Lampen des Mahles, bei dem sie durch horazische
-Tugenden eine Anzahl leichtgläubiger Gäste berückt hatte.
-
-Diese sichere und stets eintreffende Voraussicht machte, daß Ricchiari
-in Gesellschaft nicht eben leidenschaftlich auf die Liebenswürdigkeiten
-seiner Frau einging; dazu war er eine zu gerade Natur. Ja, er begegnete in
-der Regel ihren holden Koketterien mit abweisenden Blicken und erreichte
-dadurch, was er eben hatte vermeiden wollen, daß alle Leute die herrliche
-Frau, die an solch einen Bären gebunden war, erst recht bewunderten und
-bedauerten. Dieses Bedauern, das der unglückliche Mann in allen Mienen
-lesen mußte, war seine schärfste Qual. Es war ihm unmöglich, auf die
-unedle Pose einzugehen, die Sabine vor der Welt aufrechterhielt und mit
-welcher sie ihm seine tiefe und wahrhafte Liebe so übel vergalt.
-Jeder Versuch aber, die Komödie zu durchbrechen, prallte an Sabinens
-unerschöpflicher Sanftmut und Holdheit ab, und immer blieb das gewandte
-Weib im Vorteil, immer mehr vergab sich der von Leidenschaft gepeinigte
-Mann in den Augen der Kurzsichtigen, die nach dem Schein urteilten. Bald
-war Sabine nah und fern als eine neue Griseldis gerühmt, der Doktor als
-ein Tyrann verschrien; und das ruchlose Geschöpf war wirklich erbärmlich
-genug, sich an dieser Rolle zu ergötzen. Die Art und Weise, wie sie
-Mitleid von sich wies und ihren Gatten zu entschuldigen suchte, war mit
-Feinheit so berechnet, daß auch wieder niemand als sie selbst dabei
-gewann: denn nun prunkte sie noch mit einem Edelmute, der ihr sehr ferne
-lag, da sie genau wußte, daß in Wirklichkeit ihr Gatte der still Duldende
-und Vergebende war. Daß ich selbst von diesem Spiele fast gefangen worden
-wäre, habe ich wohl schon angedeutet. Sabinens Geständnisse am Bette
-des Selbstmörders ließen mich klar in dies fürchterliche Verhältnis
-blicken. Die Unselige erzählte mir selbst, daß ihr Mann sie einmal mit
-Tränen in den Augen gebeten habe, ihm in Gegenwart von Leuten nicht mehr
-so zärtlich zuzunicken, da sie es doch in Stunden des Alleinseins mit ihm
-nicht wolle oder nicht könne. Dies habe ihr ins Herz geschnitten, und
-sie habe eine Zeitlang wieder ein wärmeres Gefühl für ihn zu empfinden
-geglaubt, ein solches auch mit ängstlicher Deutlichkeit an den Tag gelegt.
-Ricchiaris trauriges Lächeln habe sie wohl belehrt, daß sie ihn nicht
-täuschen könne, und diese Erkenntnis habe sie selbst mit Bitterkeit
-erfüllt. Nach kaum einer Woche sei ihr machtloser Wille wieder erlahmt,
-Leben und Umgebung hätte sie gelangweilt, das tägliche Einerlei von
-Kleinem und Kleinstem die alte Verstimmung wieder wachgerufen. Vor Zeugen
-aber habe sie nach wie vor ihr äußeres Scheinleben weiterführen
-müssen und sich dabei selbst wie behext gefühlt; denn sie sei sich
-ihrer Falschheit wohl bewußt gewesen, ohne sich ihrer jedoch erwehren zu
-können.
-
-Ich fragte Sabinen, ob sie sich über die Empfindungen Rechenschaft geben
-könne, die sie beherrschten, während sie dies verräterische und für
-ihren Gatten so grausame Spiel trieb. Sie gestand mir nach einigem Sinnen,
-daß sie sich immer durch das Verhalten der Leute selbst gleichsam dazu
-gereizt gefühlt habe. Denn wie ein offenes Buch habe jedes Herz vor ihr
-sich aufgetan, und was sie da zu lesen geglaubt, war eben die Erwartung
-dessen, was mittlerweile wirklich schon eingetreten war. Jeder Blick schien
-sie zu fragen: hast du die übereilte Verbindung noch nicht bereut? hält
-die Romantik dem wirklichen Leben stand? sehnst du dich nicht zurück nach
-dem Kreise, für den du geboren bist? Bereits glaubte sie zu hören, wie
-triumphierend Nachbarin zu Nachbarin flüsterte: wir haben es vorausgesagt!
-Bereits war ihr, als spitze sich jeder Beau, der huldigend ihre Hand
-küßte, schon im stillen darauf, der Hausfreund der schönen Doktorsfrau
-zu werden. Daß aller Augen auf ihren Fall warteten, hatte sie richtig
-erraten, und sie hätte sich, wie sie sagte, lieber in Stücke reißen
-lassen, als dem Volke die Freude des Rechthabens zu gönnen.
-
-Die Spannung zwischen den Gatten kam endlich so weit, daß Ricchiari die
-Scheidung vorschlug. Ihm schien es leichter, sich der begehrten Frau
-ganz und gar zu entwöhnen, als fürder unter ihren Lieblosigkeiten zu
-schmachten. Dennoch mußte ihn der Vorschlag schwere Überwindung gekostet
-haben, und Sabine, die es verstand, war von seinem Leiden einigermaßen
-erschüttert. Aber als sie dies Anerbieten zurückwies, tat sie es dennoch
-erst in _zweiter_ Linie aus Mitleid mit dem Manne; ihr erster Gedanke
-war auch hier wieder: »wie würden die Leute sich freuen!« und deshalb
-willigte sie nicht in die Scheidung.
-
-Ricchiari, der mit weißen Lippen seinen Antrag gestellt hatte, errötete
-ein wenig, als sie rasch und heftig »Nein!« sprach. »Darf ich hoffen,«
-fragte er mit unsicherer Stimme, »daß es dir doch ein wenig leid tun
-würde, mich zu entbehren?« Sie schaute ihn an und hätte Welten darum
-gegeben, hätte sie jetzt ihr Verstellungstalent zur Hand gehabt, das ihr
-vor Fremden doch nie versagte. Aber vor den ehrlichen Augen dieses Mannes
-war sie gelähmt, sie fand das falsche Lächeln nicht, oder vielmehr, sie
-wußte, daß es ihn nicht würde betrügen können. Sie sah zur Seite,
-zitterte und stammelte endlich: »Um der Kinder willen laß uns beisammen
-bleiben!« und das war das einzige, was sie antworten konnte ohne direkte
-Unwahrheit. Wirklich war das ein Grund, dem Ricchiari sich beugen mußte;
-und wenn es für ihn irgendeinen Trost gab, so mußte es der Gedanke
-sein, daß Sabine in diesem einen Punkte wenigstens durch ein braves und
-natürliches Gefühl geleitet worden sei.
-
-So also standen die Dinge in Ricchiaris anscheinend so tadelloser
-Häuslichkeit. Eine Frau von unfehlbarer Lebensführung und wertvollen
-Eigenschaften verstand die bescheidene Kunst nicht, einen schlichten Mann
-glücklich zu machen; und ein Mann, der jede andere Frau durch die Fülle
-und Tiefe seines Empfindens hoch beglückt hätte, mußte seine köstliche
-Flamme vor einem Götzenbilde von Erz verlodern sehen, und kein Zeichen
-belehrte ihn, ob sein Opfer Gnade gefunden.
-
-
-4.
-
-Sylva stammte aus guter, alter Familie. Er war wohlhabend und hatte
-Ansehen. Aber er war auch brav, tüchtig, ernsthaft und seelenrein, wie
-wenige Menschen in dieser verderbten Zeit und in den Kreisen, aus denen er
-stammte. Er war dreiundzwanzig Jahre alt.
-
-Sabine Ricchiari war eine zu blendende Erscheinung, um von dem neuen
-Ankömmling nicht alsbald bemerkt zu werden, und entzückt erkundigte er
-sich sofort nach Namen und Geschichte der schönen Frau. Der Bescheid, den
-er erhielt, entsprang der falschen Meinung, die Sabinens ruchloses Spiel
-in den Köpfen der Leute gezeitigt hatte. Die Frau, so hieß es, sei ein
-vornehmes und mit allen holden Gaben geschmücktes Wesen, an einen Mann
-gekettet, der nicht wert sei, ihr die Schuhriemen zu lösen, und der das
-Gotteswunder nicht zu schätzen wisse, das mit solch einem Weibe über sein
-Haus gekommen. Vielmehr behandle er sie höchst lieblos, sie aber ertrage
-mit engelgleicher Geduld all seine Launen, und nie habe jemand sie ein
-Wort der Klage äußern hören. Ja, selbst den Mangel all des Glanzes,
-zu welchem ihre Geburt sie berechtigte, habe sie mit solcher Anmut und
-Heiterkeit auf sich genommen, daß alt und jung vor einem so seltenen
-Frauencharakter in Bewunderung vergehe. Niemand könne an dem herrlichen
-Bilde die leiseste Trübung nachweisen, und allgemein werde nur bedauert,
-daß nicht ein würdiges Eheglück ihr beschieden sei.
-
-Solche Kunde war natürlich dazu angetan, ein Jünglingsherz zu rühren.
-Sie aber ahnte nicht, welchen Quellen die scheue Verehrung entsprang, die
-sie alsobald in den Augen des jungen Mannes zu lesen begann; seicht wie sie
-selbst war, schloß sie nur auf seichte Leidenschaft, wie ein blühender
-Frauenleib sie wohl zu wecken vermag, und wandte sich mit einem spröden
-Gesichte zur Seite, so oft sie dem stillen Minnewerber begegnete. Sie
-selbst gestand, daß sie damals nichts als Groll empfand, jenen alten Groll
-gegen angenehme und sogenannte unwiderstehliche Männer, die jede Frau als
-leichte Beute behandeln.
-
-Es hatte nämlich bereits die öffentliche Aufmerksamkeit sich auf Blicke
-und Mienen des schmachtenden Jünglings gerichtet, und eine Schar von
-solchen Geistern, die nie das Unheil zu bemessen verstehen, das sie
-anrichten, ergriff sofort diese wahrlich ernste Sache als ein neues und
-willkommenes Spielzeug. Keine der Freundinnen und Nachbarinnen konnte sich
-das Vergnügen versagen, Sabinen die Beobachtungen zu hinterbringen, die
-sie an Sylva gemacht hatten, und jene bekannten neckenden Bemerkungen daran
-zu knüpfen, die bei solch kurz denkenden Wesen besseren Gesprächstoff
-ersetzen. Und diese Gefühllosigkeit gab leider der gefühllosesten unter
-den törichten Frauen den Anstoß, um aufs neue und tiefer als jemals in
-ihr altes Laster des Posierens zu verfallen.
-
-Sabine wies die Neckereien der Freundinnen anscheinend mit Ernst und Würde
-zurück, dabei aber verfehlte sie nicht, mit feiner Wahl des Ausdruckes
-soviel Teilnahme für den stillen Anbeter zu verraten, als eine anständige
-Frau ohne Furcht vor Mißdeutungen an den Tag legen darf. Noch eine Nuance
-mehr Interesse, so gab sie, dessen war sie sich wohl bewußt, falschen
-Vermutungen Raum. Und dennoch -- so unglaublich es scheint! -- überschritt
-sie diese Linie, überschritt sie, während ihr selbst die Erkenntnis
-dessen, was sie tat, kalte Schauer über den Rücken jagte. Warum sie
-es tat -- Gott weiß es! Sie wollte eben wieder einmal ihre Tugend zu
-allgemeiner Betrachtung aushängen. Sie arbeitete ihre Komödie mit
-gewohntem Raffinement aus, und die Freundinnen gingen mit der Gewißheit
-hinweg: »Sabine Ricchiari liebt den jungen Sylva. Aber mit eiserner Hand
-wird sie ihre Wünsche ersticken. Ihre Tugend ist über jede Versuchung
-erhaben.«
-
-Alles dieses wäre noch kein Verhängnis gewesen. Aber nun gingen die
-schwatzenden Elstern hin und bearbeiteten den Jüngling. Sylva hatte
-das Unglück, jene sanfte und weiche Schönheit zu besitzen, auf welche
-ältliche Weiber besonders toll sind. Jede einzelne der müßigen
-Redespinnerinnen suchte aus der eben gemachten Entdeckung einen Vorwand
-zu konstruieren, um sich dem jungen Manne zu nähern, sein Vertrauen zu
-gewinnen, als sympathetische Seele seinen Schmerz zu teilen und -- aber
-dieser Gedanke lauerte nur ganz verborgen im Hintergrunde! -- womöglich zu
-heilen. Sylva, jung und nicht übermäßig erfahren, war schnell umgarnt.
-Bald hatte er drei oder vier »mütterliche Freundinnen«, die sich darin
-überboten, ihm zu sagen, was er zu hören brannte. Und bald war auch er
-von der Überzeugung durchdrungen, daß Sabine ihn im stillen liebe. Jetzt
-erst stiegen seine Hoffnungen zu äußerster Kühnheit empor, und jetzt
-erst lag sein Herz zu tiefst im Staube vor dieser Frau, die er unglücklich
-glaubte und doch von siegreicher Reinheit in ihrem Unglücke. Hatte er sie
-vorher schon mit heißester Glut begehrt, so betete er jetzt geradezu
-die Spur ihrer Füße im Sande an, überwältigt von ihrer unantastbaren
-Tugend.
-
-Und seine Trösterinnen sorgten dafür, daß ihm der Mut nicht sank. Jedes
-Wort Sabinens wurde ihm hinterbracht; und da es die Frau in entsetzlicher
-Verblendung nicht lassen konnte, ihre Rolle weiter und weiter zu verfeinern
-und auszugestalten, so gab es bald ordentlich was zu hinterbringen. Die
-Phantasie der Zwischenträgerinnen tat das ihre.
-
-Sylva schien zu glauben, daß dieser Frau gegenüber, die es verschmähte,
-sich um ihr Glück zu wehren, gewaltsamere Schritte erlaubt wären. Er
-suchte eine Zusammenkunft mit ihr, und die Trösterinnen rangen um den
-Vorzug, sie ihm zu verschaffen. Diejenige, der in dieser edlen Konkurrenz
-der Sieg zufiel, besaß einen schattigen und abgelegenen Garten, dahin lud
-sie Sabinen zu einem Plauderstündchen, und Sylva erschien wie zufällig.
-Nun verschwand die hilfsbereite Freundin, und das Paar stand sich
-gegenüber.
-
-Sabinens Augen funkelten. Sie begriff sofort das Beabsichtigte der
-Situation, und neben einem kleinen Ärger über die niedrige Kuppelsucht
-ihrer Vertrauten, die ihr jetzt klar zum Bewußtsein kam, regte sich sofort
-und übermächtig auch die Freude darüber, daß endlich für sie der
-Augenblick gekommen sei, ihre sittliche Größe ganz zu zeigen. Sie
-bedauerte nur die Abwesenheit der Freundin, die ihr eine willkommene Zeugin
-gewesen wäre. Daß diese Freundin in sicherem Verstecke die ganze Szene
-belauschte, konnte sie freilich nicht ahnen.
-
-Der Jüngling, ehrlich und geradeaus in seiner Liebe, ergriff alsbald das
-Wort und erklärte freimütig, daß er keineswegs zufällig gekommen sei,
-sondern in der bestimmten Hoffnung, Sabine allein zu sehen und zu sprechen.
-Sie habe ihm diese Möglichkeit bisher versagt, obgleich sie wissen müsse,
-was er für sie empfinde; doch sei er sich seines Unwertes vor ihr bewußt,
-wie seiner Vermessenheit, vor sie zu treten. Dies habe er nun gewagt, weil
-er den Zustand der Dinge unmöglich länger ertragen könne und lieber
-ein verdammendes Urteil für alle Zeit auf sich nehmen wolle, als fürder
-zwischen Hoffen und Verzweiflung zu schweben. »Und warum Hoffen?«
-unterbrach ihn Sabine voll Hochmut. »Habe ich Ihnen je ein Recht dazu
-gegeben?« -- »Nicht Sie,« antwortete Sylva in einiger Verwirrung, »aber
-die schlimmen Verhältnisse, in denen Sie leben, und die, verzeihen Sie
-mir! leider genugsam bekannt sind.« Sabinens Antlitz flammte auf, und
-jetzt stand sie im Begriffe, das Lügengespinst zu zerreißen. »Was sagen
-Sie?« rief sie in echter Entrüstung. »Welche Verhältnisse? Ich bitte,
-sich deutlicher zu erklären!« Sie rang, von Scham eine Sekunde lang
-überwältigt, nach Worten, den verhängnisvollen Irrtum zu heben, wußte
-nicht, wo beginnen, wurde aufgeregt und ängstlich. Unterdessen sprach
-Sylva, der ihren Zorn nach seiner Art deutete, auf sie ein, schilderte mit
-Farben, die er aus der Tiefe seines gläubigen Herzens holte, ihr Bild, wie
-es ihm erschien, in all der Heiligkeit entsagungsvoller Treue, in all der
-Größe, Reinheit und süßen Trauer, die er ihr andichtete, und bemerkte
-beglückt, daß sie ruhiger wurde und endlich in augenscheinlicher
-Ergriffenheit ihm zuhörte. Wirklich dämmerte ihr etwas von dem bitteren
-Ernste der Lage. War bei ihrer plötzlichen Besänftigung auch vielleicht
-in erster Linie wieder das kindische Wohlgefallen an sich selbst im Spiele
-gewesen, das Sylvas Worte so angenehm streichelten, so möchte ich doch
-annehmen, daß der Anblick der unschuldigen, heiß flehenden Augen, die
-köstlich reine Verehrung des armen Jungen etwas von ihren weiblichen
-Empfindungen wachriefen und vibrieren machten. Denn von hier an kann ich
-Sabinens Verhalten nicht mehr ganz als Pose auffassen.
-
-»Der Anblick Ihres Jammers«, so sprach Sabine, »zerreißt mir das Herz.
-Wollte Gott, ich dürfte milder sein, denn Strenge wird mir schwer, wo ich
-an ein echtes Gefühl glauben muß. Nicht oft im Leben ist mir ein solches
-begegnet, und ich wünschte, ich müßte nicht zurückweisen, was manche
-andere Frau mit Stolz und Freude annehmen würde. Aber bedenken Sie, daß
-diese Liebe, die Sie mir entgegenbringen und die in ihrer hohen und edlen
-Natur das Wertvollste ist, was eine Frau auf ihrem Lebenspfade finden kann,
-zugleich eine erniedrigende Zumutung an mich enthält. Nein, erschrecken
-Sie nicht -- ich zürne nicht, denn ich weiß, was Sie leiden! Dennoch
-haben Sie es sich allzu leicht vorgestellt, das Pflichtbewußtsein
-einer Frau zu überwinden. Vergaßen Sie, daß ich Kinder habe? Wenn ich
-unterliege, so trifft mich kein Verlust, den eine Liebe wie die Ihre mir
-nicht ersetzen könnte; aber die ganze Härte der Konsequenzen fällt auf
-die unschuldigsten Häupter, die somit mein und Ihr Vergehen zu büßen
-haben werden. Welches Glück könnte auf solchem Grunde aufgebaut
-werden? Lassen Sie mich, um Ihrer selbst willen, an Ihr besseres Selbst
-appellieren! Sie werden überwinden, Sie können es! Es gibt unfehlbare
-Tröster: die Arbeit, die Kunst -- zu diesen flüchten Sie! Erhalten Sie
-Ihr Leben rein, bessere Menschen als ich bin haben noch Rechte an Ihre
-Zukunft. Diese erhalten Sie unbefleckt, diese opfern Sie nicht einer
-vielleicht flüchtigen Leidenschaft! Seien Sie stark -- Sie sind ein Mann:
-muß ich es doch sein, die ich nur ein schwaches Weib bin!«
-
-Sylva hatte von Sabinens Rede nichts gehört, als daß sie an seine Liebe
-glaubte, und das war mehr, als er geträumt hatte. Zitternd vor Seligkeit
-warf er sich vor ihr nieder, mächtig hinströmend ergoß sich sein
-Gefühl, so daß es der erschrockenen Frau wohl scheinen mochte, als wankte
-der Boden und die alten Stämme gewaltiger Bäume rings um sie vor
-dem Anprall einer Flut, die sich rauschend und klingend durch das All
-verbreitete. Wieder, wie schon einmal im Leben, stand sie dem Elemente
-gegenüber und hatte die Kraft nicht, sich darüber zu erheben. Wieder
-ließ sie sich hinreißen. Über solche Wellen hatte der flache Kiel
-ihres Seelenschiffleins keine Gewalt. Es trieb, es schwankte und wäre
-zerschellt, wenn nicht Sylva selbst in seiner Redlichkeit den Sturm
-gemeistert hätte. Mehr auf die Geliebte als auf sich selbst bedacht, kam
-es ihm durchaus nicht zu Sinn, ihre Verwirrung zu nützen, und bereits
-hatte seine fromme Phantasie Mittel und Wege einer rechtlichen Verbindung
-zwischen ihm und der angebeteten Frau gefunden. »Kein Unrecht!« so rief
-er aus, »keine Schmach auf dir, du einzig Geliebte! Ich trete vor deinen
-Gatten, ich stelle ihm deine Entsagung, deinen Opfermut vor, ich zeige ihm,
-wie du um deiner Pflicht willen dein Herz ersticken wolltest! Ist etwas
-Menschliches in ihm, so muß er dich freigeben!«
-
-Ernüchtert und entsetzt riß Sabine sich los. Ihr Verstand, der einige
-Minuten lang geschwärmt hatte, stand plötzlich wieder auf festen Füßen,
-und sie überblickte nun mit ziemlichem Schrecken den Schaden, den
-sie angerichtet. Nichts konnte dieser Frau, deren Abgott das »=Qu'en
-dira-t-on?=« war, unwillkommener sein, als die Aussicht, daß Sylva in
-seinem Eifer bis zur ernsthaften Forderung einer Scheidung gehen könnte.
-Hunderte von Fällen ähnlicher Art, an denen ja heutzutage Wirklichkeit
-und Dichtung so Artiges liefern, fielen ihr ein: immer und unter allen
-Umständen haftete der Frau, die einen gesicherten und geachteten Hausstand
-preisgab, um sich der abenteuerlichen Liebe eines weit jüngeren Mannes
-anzuvertrauen, mindestens Lächerlichkeit an. Und was fürchtete Sabine
-mehr als Lächerlichkeit? Und allen Grund hatte sie, diese zu fürchten,
-denn gerade _sie_ fiel furchtbar, wenn sie fiel. »_Das_ war die Tugend
-Sabinens?« schallte ihr's im Ohr, hundert lachende Stimmen, hämisch,
-triumphierend, fröhlich und harmlos spottend, aber _alle lachend_ schienen
-aus allen Ecken des Gartens den lustig erstaunten Ruf zurückzugeben.
-Flammen der Scham loderten ihr im Antlitz. Sie stieß den Jüngling von
-sich, stammelte in höchster Ratlosigkeit ein paar Worte von Überlegung
-und Zeit zum Sammeln und enteilte.
-
-Sylva, trunken und träumerisch, mag ihr nachgeblickt haben, wie ihr helles
-und in seiner Flucht anmutig bewegtes Bild in der violetten Tiefe des
-abenddämmrigen Gartens unterging. Dann mag es in jedem Laubengange vor
-ihm hingewandelt sein, in tausend holden Erscheinungen wechselnd, bald mit
-kummervollen Augen ihn abwehrend, dann wieder lockend und verheißend mit
-solchem Lächeln, wie er nun bald in Wahrheit von Sabinen zu verdienen
-hoffte. Der junge Mann verweilte bis tief in die Nacht im dunklen Garten,
-und ich sehe ihn heute noch in Gedanken, wie er mit Sternen und Blumen
-sprach, die Zweige küßte, die das Haar der fliehenden Göttin gestreift
-hatten, und aufgelöst in demütiger Seligkeit vor der Rasenbank kniete,
-auf der sie gesessen. Wer von uns, der jung war, sieht ihn nicht so?
-
-Am Tage darauf erhielt Sabine ein Briefchen, worin Sylva um eine neue
-Zusammenkunft bat. Hätte die leiseste Spur von Selbstbewußtsein sich
-in dem Schreiben verraten, so hätte die leichtverletzliche Schöne ohne
-Zweifel eine schroffe Antwort gefunden, die alles abgeschnitten hätte.
-Aber der liebende Jüngling ehrte so sehr den Kampf, den, wie er glauben
-mußte, eine edle Frau zwischen Pflicht und Liebe führte, daß er kaum in
-bescheidenster Weise anzudeuten wagte, zu welchen Hoffnungen ihn Sabinens
-Verhalten berechtigte. Die Fassung des Briefchens rührte Sabinen, und die
-Verantwortung, die diesem jungen Herzen gegenüber auf ihr lag, stellte
-sich ihr drohend vor. Sie beschloß, dem Bittenden das verlangte
-Wiedersehen zu gewähren, und glaubte in lauterer Absicht zu handeln:
-wollte sie ihm doch nur zur Vernunft reden! Und sie antwortete in
-freundlich gewährendem Sinne. --
-
-In der Stunde freilich, wo Sabine in grausiger Selbstanklage gerade diesen
-Teil ihrer Geschichte über das Haupt ihres toten Richters hinschrie, in
-der Beichte am Bette des Geopferten, gab sie anderen Motiven schuld an
-diesem letzten törichten Schritte. In Selbstzerfleischung und Reue so
-maßlos, wie sonst in Selbstüberhebung und Eitelkeit, suchte sie hervor,
-was sie verdammen konnte, und verschmähte, was irgend zu ihren Gunsten
-sprechen mochte. »Nichts wollte ich,« so rief sie in ihrer Verzweiflung,
-»als den Weihrauch atmen, den er mir streute! Nichts, als ihn wiederholen
-hören, was, wie ich wußte, die Fama ihm zugeflüstert, wie groß und gut
-ich sei. Um das zu hören, habe ich in der zitternden Seele vor mir alle
-Stadien der Glut zu erregen gesucht und mich, ohne eigenes Verlangen, am
-Gefühle der Meisterschaft berauscht, mit welcher ich das Element dämpfte
-und wieder schürte: denn jedes neue Emporlodern der Flamme stellte eine
-neue Verherrlichung meines Selbst dar, und immer schöner und erhabener
-schien er mich zu sehen, je mehr ich ihn quälte. Sein armes, von
-sehnsuchtsvoll durchwachten Nächten blasser und blasser werdendes Gesicht
-war das Reklamebild meiner Tugend, und im letzten Grunde, wenn ich's recht
-bedenke, habe ich ihn auch in den Tod getrieben, damit nur einmal meine
-Unbesiegbarkeit durch einen öffentlichen Akt dargelegt werden
-möchte.« Es liegt mir fern, der unglücklichen Frau in dieser traurigen
-Übertreibung zu folgen. Vielmehr glaube ich, daß, ihr selber unbewußt,
-ein neuer Trieb sie beherrscht habe, der zwar nicht minder sträflich, aber
-weitaus natürlicher und menschlicher war; und diesem möchte ich gern alle
-weiteren Torheiten der Armen zuschreiben. Freilich denke ich nicht an ein
-solches Gefühl, das dem Sylvas auch nur im entferntesten die Wage halten
-konnte: dessen war Sabine nicht fähig. Aber ein leiser Widerhall davon
-muß doch vorhanden gewesen sein. Keine Frau kann eine solche Liebe sehen,
-dieses Himmelsfeuer von Gottes eigenstem Altare, ohne einen Schimmer davon
-mit sich herumzutragen, wie Marienkind, als es die innerste Himmelskammer
-geöffnet und die heilige Dreieinigkeit im Goldglanze erblickt hatte. Und
-dieser Abglanz, wenn schon nicht mehr, mußte in Sabinens Seele gefallen
-sein, ein erstes, wahrscheinlich unverstandenes Regen zarter Neigung, das
-sich nur noch nicht zum Erscheinen durchgekämpft hatte. Diesen Schluß zu
-ziehen, berechtigt mich Sabinens Gebaren an der Leiche Sylvas, das sonst
-unbegreiflich gewesen wäre. --
-
-Und so geschah alles, wie es geschehen mußte. Wieder lag dämmriger
-Abendschein über Lauben und Büschen des stillen Gartens. Die Allee schien
-ein goldenes Gewölbe, wie schimmernde Schätze lag rötliches Laub über
-den Boden gestreut. Ein scharfes gelbes Licht, von Westen her geworfen,
-prallte an den Stämmen der schönen alten Bäume ab und zeichnete ihre
-Schatten quer über den flimmernden Grund, daß es aussah, als hemmten
-schwarze Balken das Wandeln über die kostbaren Fliesen. Mit jeder Elle,
-die Sabine im frühherbstlichen Blätterfall vorwärtseilte, überschritt
-sie eine dieser dunklen Schicksalsschwellen, mit jedem solchen
-Überschreiten stand sie tiefer in ihrem Verhängnisse. Am Ende des Ganges
-lag die Laube, wo Sylva sie erwartete.
-
-Als die Nacht sank und die Frau durch die Allee zurückhuschte, waren die
-finsteren Schattenschwellen verschwunden. Auf den Weg zur Sünde hin hatte
-das Schicksal ihr die warnenden Zeichen gelegt; jetzt war alles bleiches
-Grau; den Weg zurück wies keine Hand von oben. --
-
-Sabine glaubte einen Teil ihres Selbst zu retten, als sie in ihre wilde
-Beichte die scheue Bemerkung einschob, Ehebruch im landläufigen Sinne des
-Wortes habe sie immerhin nicht begangen. Mein Gott, das glaubte ich ihr nur
-zu sehr! Wollte ich doch, um des armen Jungen willen, diese Armseligkeit
-wäre weniger glaubhaft gewesen! Wie mag sie ihn hingehalten haben, wie
-seine Sehnsucht gefoppt! Das sehe ich, ohne daß sie es zu schildern
-brauchte, das sehe ich, wie sie spärliche Liebkosungen sich mühsam
-abringen ließ, als wäre es königliche Gunst, ihre kalten Fingerspitzen
-zu berühren; wie sie den äußersten Rand ihres Kleidersaumes erst nach
-tausend Bitten preisgab, eine welke Blume für hundert treue und gute
-Worte, und einen lauen Kuß auf die Stirne erst dann, wenn sie fürchten
-mußte, den allzu Geduldigen für immer zu entmutigen. Ich sehe sie! Und
-ich hätte nicht selbst einmal ein armer junger Narr sein müssen, hätte
-es mich wundern sollen, daß diese Kargheit, die den Schein der Ehre für
-sich hatte, den gläubigen Knaben nur fester an seine Göttin band.
-
-Sabinens Kunst, diese Sprödigkeit, die zum Teile in ihrem hochfahrenden
-Charakter begründet lag, für das Ergebnis schwerer Seelenkämpfe, für
-einen Sieg ihres Entsagungsmutes auszugeben, muß indes bis zur höchsten
-Vollendung gewaltet haben. Denn nicht nur das gute fromme Kind war betrogen
--- auch der Klatsch, der alles zu entstellen geneigt ist, der Klatsch im
-Kaffeekranz und der weitaus schlimmere am Biertisch -- der Klatsch,
-der natürlich in den treulichen Berichten der emsig lauschenden
-Gartenbesitzerin seine Quelle hatte -- auch der nahm die Sache ohne
-weiteres von derselben Seite. Alle Sympathien galten der Frau, den
-Jüngling bedauerte man kaum, Ricchiari hätte mancher vielleicht eine
-Schlappe vergönnt. Ich glaube fest, daß es Wetten gab um den Ausgang der
-Sache; war dem so, so setzte die Mehrheit auf Sabine Ricchiaris Tugend.
-
-Der einzige Mensch, der nicht betrogen war, war Ricchiari selbst. Ihm,
-dem Menschenkundigen, mußte vor allen Dingen die sonderbare Erregung
-auffallen, in welcher er seine Frau jetzt öfters sah, ihre heimlichen
-Gänge, ein häufiges Kommen und Gehen von Freundinnen, die stets
-über Gebühr zärtlich Abschied zu nehmen pflegten -- und dergleichen
-wohlbekannte Anzeichen mehr. Und da er ein Mann am Platze war, so
-beherrschte er die eigene Unruhe, forschte gewandt umher, spähte,
-folgerte, kombinierte -- und erriet endlich, was zu erraten war. Noch immer
-freilich kannte er die ganze Hohlheit des Wesens nicht, auf das er einst
-so viel gebaut; doch überraschte ihn an Sabinen, daß sie heimlicher
-Leidenschaft sollte fähig sein. Er grübelte unter heftigen Schmerzen
-über diese neue Wendung der Dinge nach, versuchte seine Frau bald durch
-Laune, bald durch Zärtlichkeit, fand sie aber in ihrem Verhalten gegen ihn
-unverändert; er wurde irrer und wirrer an ihr, als er je gewesen, und
-das Rätselhafte der Erscheinung quälte ihn fast mehr, als seine
-immerhin nicht geringe Eifersucht. Endlich verfiel er auf eine List von
-so lächerlicher Art, daß er sich fast schämte, sie anzuwenden, eine
-Niedrigkeit, die nur seinem äußerst gereizten Zustande zugute gehalten
-werden muß: und siehe, da fing er die Törin! Er brachte nämlich mehrfach
-das Gespräch, und zwar in Gegenwart möglichst zahlreicher Zeugen, auf das
-Recht freier Liebe und auf einzelne Beispiele hypermoderner Ansichten über
-diesen Punkt, wie jede Gesellschaft sie liefert; und zwar vertrat er listig
-herausfordernd die Sache der frevelhaftesten Ungebundenheit. Wie er es
-erwartet, so nahm Sabine höchst eifrig die Partei der strengsten Ehemoral
-und rasselte förmlich mit Tugendsprüchen. Ricchiari redete von Tag zu Tag
-ketzerhafter, schien sich in die Sache zu verbeißen, nannte die Ehe ein
-Kulturübel und wollte jeden vernunftbegabten Menschen sich über die
-erniedrigende Fessel erheben sehen; seine Zuhörer saßen ordentlich
-entgeistert, denn in diesem Tone hatte man im Städtchen bislang noch nicht
-reden hören, wenigstens keinen Familienvater; das aber schien den Doktor
-nicht anzufechten, oder auch: er mochte wissen, daß er in der Achtung
-seiner Mitbürger ohnedies als Mensch nicht mehr viel zu verlieren hatte.
-Sabine dagegen nahm in der sonderbaren Sache wieder nur die Gelegenheit
-wahr, sich in Szene zu setzen, und genoß das unheimliche Geplänkel
-ordentlich, ohne auch nur zu ahnen, daß eine Absicht dahinterstecken
-konnte. Sie sagte Dinge, die so rührend und schön waren, daß man einen
-Ehestandskatechismus davon zusammenstellen konnte, und deren schlagende
-Wirkung sie wahrscheinlich vorher an dem armen Sylva erprobt hatte. So
-setzte sie zum Beispiel auseinander, daß die wahre Liebe -- im edelsten
-Sinne Liebe! -- zwischen Mann und Weib erst dann beginnen könne, wenn die
-Leidenschaft dahingegangen; denn im Jugendrausch das Geliebte anzubeten,
-sei keine Kunst und kein Verdienst; wohl aber sei es edler Naturen
-würdig, Schwächen und Torheiten des Gefährten geduldig und verstehend zu
-ertragen, und erst, wo dieses göttliche Allesverzeihen eingetreten sei,
-da könne sie, Sabine Ricchiari, von Liebe reden. Sie blickte dabei ihren
-Gatten in hinreißender Weise an, und das gute Publikum war natürlich
-überzeugt, daß Sabine dieses schöne Dulden nach eigener täglicher
-Übung geschildert habe. Wer hätte ahnen sollen, daß sich die Sache
-gerade umgekehrt verhielt? Ricchiari knirschte mit den Zähnen, aber nicht
-nur ob der nun zu lang gewohnten Falschheit seiner Frau. Sein feines Ohr
-unterschied in ihrer Beredsamkeit etwas mehr als den gewöhnlichen Eifer
-für das Wohlanständige, aber auch etwas mehr als gewöhnliche Erfahrung.
-Was für Situationen wußte Sabine plötzlich zu schildern, und wie
-wußte sie in die Seelenregungen einer schwer angefochtenen und tapfer
-widerstehenden Frau einzugehen! »Wirklich?« fragte sich Ricchiari
-erschrocken, »hat sie solche Kämpfe durchlebt?« Es schien ihm, daß hier
-nicht mehr _alles_ Phrase sein konnte; und, wie ich bereits gesagt, ich
-für mein Teil möchte das am liebsten glauben und bin dankbar, daß auch
-der kluge Doktor etwas von der neuen Unterströmung in dem Gemüte seiner
-Frau bemerkte. Immerhin, als Ricchiari so weit gekommen war, dachte er,
-nun sei es genug. Und nun begann er, die Auseinandersetzung mit seiner
-Frau unter vier Augen zu führen. Die ganze Behandlung bis hierher hatte
-ungefähr drei Wochen gedauert, und Sabine war in eine Leidenschaftlichkeit
-der Parteinahme hineingesteigert worden, die sie alle Vorsicht vergessen
-ließ. Nun brauchte der Doktor nur noch eine Frage zu tun: »Willst du mich
-wirklich glauben machen, daß du unter so und so gegebenen Umständen nach
-deinen Worten handeln würdest?« Sabine rief entrüstet: »Zweifelst du an
-meiner Festigkeit? Liebe ich dich schon nicht, so sollst du mir doch
-nichts vorzuwerfen haben!« und sprudelte in höchster Erregung die ganze
-Geschichte ihrer Versuchung und musterhaften Abwehr hervor. Nach dieser
-Erleichterung wandelte sie mit höchst zufriedener Miene im Zimmer auf und
-ab, den schönen Kopf hoch auf steifem Nacken tragend, als wolle sie jede
-beliebige Kritik gegen ihr Tun herausfordern und entwaffnen. Ich glaube
-wahrhaftig, sie kam sich in dieser Stunde sehr verdienstreich vor.
-
-Ricchiari, ob er schon alle erdenkliche Herrschaft über sich besaß,
-mußte während dieses Vorganges die Hände in den nächsten Vorhang
-krallen, um nicht in Gefahr zu kommen, seine Frau zu schlagen. Ekel und
-Verachtung stiegen ihm bis zum Halse, sprechen hätte er nicht können, und
-er dankte Gott, daß er's nicht konnte -- denn was hätte er dieser Frau
-sagen sollen? Daß er einen Fehltritt, in spontaner Leidenschaft begangen,
-leichter verziehen hätte, als _diese_ Tugend? Des unglücklichen Mannes
-Gehirn, von einem Wirbel häßlicher Vorstellungen ergriffen und betäubt,
-vermochte in dieser Verwirrung die Anklage nicht zu formen, die sein ganzes
-Selbst in rasender Empörung gegen das armselige Weib zu schreien schien.
-Er fühlte nur dunkel und peinigend, daß er sie verdammen müsse, weil sie
-_nicht_ schuldig geworden sei, und der Wahnwitz dieses Gedankens erfüllte
-ihn mit Schrecken vor sich selbst. Er glaubte verrückt geworden zu sein,
-und es dauerte mehrere Stunden, bis er soweit mit sich zurechtgekommen war,
-um mit seiner Frau über den Fall zu sprechen. Er stellte ihr eindringlich
-und mit wahrer Himmelsmilde die Schändlichkeit, aber auch die Gefahr eines
-solchen Verhaltens vor, wie sie Sylva gegenüber an den Tag gelegt, und gab
-ihr zugleich noch einmal in großmütiger Weise Freiheit, dem jungen Manne
-zu folgen, wenn sie etwa Neigung für ihn empfände. »Verzeihe mir, wenn
-ich dir zu nahe trete,« sagte er sanft, »aber es dünkt mich doch, der
-Mann könne dir nicht ganz gleichgültig sein. Hättest du ihn solange
-hingehalten und gefesselt, wenn seine Gegenwart dir nicht einen gewissen
-Reiz böte? Täuscht man sich doch selbst über solche Empfindungen,
-und vielleicht entspringt auch dein gedankenloses Spiel einer solchen
-Selbsttäuschung, die wiederum auf deinen maßlosen Stolz gebaut ist. Ich
-würde es als Segen empfangen, wenn es so wäre, wenn ich schon dabei der
-Verlierende bin. Besser, es sei einer unglücklich, als drei!« Sabine
-rief: »Wer sagt, daß ich unglücklich bin?« und ihr Gesicht überzog
-sich mit Purpur. Ricchiari antwortete: »Mich liebst du nicht, aber ihn
-liebst du vielleicht!« -- »Und wenn schon,« rief sie mit geballten
-Fäusten, »so will ich doch nicht zum Kinderspott werden! Leidenschaften
-treten wie Krankheiten an uns alle heran, aber ich möchte mich lieber aus
-dem Fenster werfen, als so läppisch erliegen wie andere Frauen. Ich werde
-mich durchkämpfen.« -- »Du bist zu klug,« sagte der Mann traurig.
-»Ich weiß nicht, soll ich dich bewundern oder verachten.« Sie erwiderte
-finster: »Ich dächte doch, das letztere hätte ich nicht verdient,«
-worauf er voll Schmerz zurückgab: »Das ist es ja gerade, was mich
-wirbelsinnig macht, daß ich das nicht weiß. Du mußt Geduld mit mir
-haben.« Sie gingen auseinander, ohne daß Ricchiari um vieles klüger
-geworden wäre.
-
-Aber für Sabine war die Sache nun doch nicht so glatt abgetan. Daß sie
-sich durch ihr ruhmrediges Geständnis die Möglichkeit abgeschnitten habe,
-sich ferner zu den absonderlichen Stelldicheins zu begeben, das leuchtete
-ihr natürlich sofort ein. Doch fiel ihr diese gezwungene Entsagung
-durchaus nicht leicht, und sie bereute heftig ihre unzeitige Offenheit, die
-sie nun unerbittlich vor eine endgültige Entschließung stellte: entweder
-mußte sie Sylva aufgeben, oder sich vor Gott und der ganzen Welt die Seine
-nennen. Und eines kostete sie soviel wie das andere. Immerhin war der
-Kampf in ihr verhältnismäßig rasch entschieden. Sie setzte sich hin und
-verfaßte ein Schreiben an Sylva, worin sie ihm endgültig absagte. Den
-Brief hat niemand gesehen; Sylva muß ihn sofort vernichtet haben. Er ging
-alsbald hin und erschoß sich.
-
-Ricchiari war es, der zuerst an das Lager des Toten gerufen wurde und der
-zuerst auch den rührenden kleinen Zettel las, den jener hinterlassen.
-Diesen zu eskamotieren, dazu fühlte sich der Arzt indes zu sehr
-beobachtet, bereits lief das verräterische Dokument durch die Hände
-hilfeleistender Frauen. In begreiflicher Erregung kehrte Ricchiari heim,
-und schonungslos, kopflos, zitternd und hastig teilte er Sabinen das
-Grauenhafte mit. Sie blickte ihn anfangs geringschätzig an, mit einem
-Schürzen der Oberlippe, als spräche er von dem Fremdesten der Fremden.
-Nach drei Sekunden etwa wurde ihr Gesicht weiß und ihr Auge starr. Sie
-fragte heiser: »Was sagtest du?« und als er schreiend wiederholte:
-»Sylva hat sich erschossen!« schritt sie langsam, wie geistesabwesend,
-durch das Gemach und begann mit nervösen Fingern ein Wollknäuel
-abzurollen. Nach einer weiteren Minute drehte sie sich rasch um, faßte
-nach der Lehne eines Stuhles, setzte sich hin und legte das Gesicht auf die
-Arme. Der Mann sah ihren Körper schauern, vernahm jedoch kein Schluchzen.
-Er wagte, da er nun sah, daß sie äußerst erschüttert war, kein Wort
-weiter zu sagen, und nach einer Weile zog er sich still zurück. Eine
-Stunde später trat Sabine, sehr blaß, aber anscheinend wieder ruhig, in
-sein Zimmer und fragte kurz und hart: »Weiß man, warum er es tat?« Der
-Doktor, da er sie gefaßt sah, erwiderte ebenso kurz: »Er hat einen Brief
-hinterlassen.« -- »So? und was steht darin?« -- Ricchiari, von ihrem
-Blicke, der wie Feuer brannte, gemeistert, sagte mechanisch die ersten zwei
-Zeilen des Zettels her, die er im Gedächtnis behalten hatte. Sie zog dabei
-die Schultern hoch, als ob Schläge darauffielen, und bewegte sich mit
-gesenktem Haupte gegen die Türe, durch welche sie verschwand, ohne
-das Ende des Berichtes abzuwarten. Gleich darauf stand sie in Sylvas
-Totenzimmer. --
-
-Es wurde nun dem Doktor an Sabinens Seite besser denn je. Wenn ein
-Menschenkind allen Halt und allen Glauben an sich selbst verloren hat,
-so streckt es naturgemäß die Hände dem entgegen, der sich in Güte
-und Verzeihung seiner annimmt. Dazu war nun kein Mann so geschaffen, wie
-Ricchiari, der jeden Winkel im Herzen der Frau mit seinem stillen Erbarmen
-durchleuchtete und nichts als Friedensworte für sie hatte, selbst da, wo
-er zu strafen berechtigt war. Sein Mitleid für sie war grenzenlos, und
-nicht geringer war allerdings das meine. Weit entfernt, die unglückliche
-Frau noch tiefer zu beugen, tat Ricchiari, und ich mit ihm, das Äußerste,
-um ihr wieder einen Teil ihres Lebensmutes zurückzugeben. Sie nahm, wie
-ein krankes Kind, was der unermüdliche Gatte für sie tat; dabei war sie
-klug genug, das Unverdiente seiner Großmut ganz zu empfinden, und eine
-innige Dankbarkeit ihrerseits mußte naturgemäß dieser Erkenntnis folgen.
-Bald stellte sich zwischen den Gatten ein ganz erträgliches Verhältnis
-her, und Sabine lernte ihre unerhörte Meisterschaft über sich selbst nun
-in einer würdigeren Sache anwenden. Daß sie eine Natur war, die alles
-konnte, was sie ernstlich erstrebte, hatte sie bewiesen, und jetzt ging
-ihr Wollen dahin, ihren Gatten für manche erlittene Kränkung, die sie
-reuevoll einsah, zu entschädigen. In gewissem Maße gelang ihr auch das;
-wenigstens erfuhr Ricchiari nichts mehr als Liebes und Gutes von ihr, und
-war schlau genug, nicht ergründen zu wollen, ob dieses Liebe und Gute
-einem spontanen Herzenstriebe entsprang oder ob eiserne Willenskraft es aus
-dem Bewußtsein einer nie gutzumachenden Schuld erzeugt hatte. Er begnügte
-sich mit der Wirkung, und daran tat er wohl. Denn wer nach Ursachen
-forscht, wird irre an Gott und Welt. Die _Menschenseele_ ist das
-verschleierte Bild von Sais -- und vielleicht ist uns wohler, solange
-keiner kommt, den geheimnisvollen Flor zu heben.
-
-
-
-
-Druck von F. E. Haag, Melle i. H.
-
-
-
-
-[Illustration: Emblem]
-
-
-
-
-Curt Hamel'sche Druckerei u. Verlagsanstalt, Charlottenburg,
-Spreestr. 43/44
-
-
-
-
- [ Hinweise zur Transkription
-
-
- Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.
-
- Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.
-
- Der Schmutztitel wurde entfernt. Ein Verlagshinweis zu Sonderexemplaren
- auf Büttenpapier wurde von der Versoseite des Schmutztitels an das
- Ende der Titelei verschoben. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des
- Buchtextes an den Beginn des Buchtextes verschoben.
-
- Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten. ]
-
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