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- -Release Date: December 28, 2021 [eBook #67033] - -Language: German
- -Produced by: Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online Distributed - Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This file was - produced from images generously made available by The - Internet Archive. - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KRIEG IM WESTEN *** - - - - - - Der Krieg im Westen - - - Kriegsberichte - von - Bernhard Kellermann - - - 1915 - S. Fischer, Verlag - Berlin - - - Erstes bis zehntes Tausend. - Alle Rechte vorbehalten, insbesondere die der Übersetzung. - Copyright 1915 S. Fischer, Verlag. - - - - - Inhalt - - - Zur Westfront 7 - Das Feuer von Ypern 12 - Die Feldschanze 17 - Die Schlachtfelder in Flandern 24 - Nach den Schlachten 30 - Ein Flieger über Brügge 38 - Die Schlacht bei Arras 44 - Die Lorettohöhe unter Feuer 48 - Nachtkämpfe bei Arras 57 - Ein tapferes Regiment 64 - Gefangene aus der Arrasschlacht 73 - Die Gewitterstadt 80 - Die Kämpfe bei Moulin-sous-Touvent 87 - Granaten auf die Vororte von Soissons 94 - Fliegerangriff auf Fesselballone 102 - Der gefangene Sozialist 109 - Die Grabenkämpfe bei Souchez 115 - Der Kirchhof von Souchez 123 - Die Überlebenden aus dem Kirchhof von Souchez 129 - Das Schlachtfeld Arras-Souchez-Lorettohöhe vom Fesselballon aus 137 - Der Argonnerwald 142 - Die Kämpfe in den Argonnen 150 - Höhe 285 154 - Der Krieg unter der Erde 159 - La Bassée 165 - Die Gräben bei La Bassée 171 - Dicke Luft 177 - Der Herr der Haubitzen 183 - Der siegreiche Angriff in den Argonnen am 8. September 189 - - - - - Zur Westfront - - - 3. Mai 1915 - -Das besetzte Frankreich ist heute Friede und Sonne. Der Zug fliegt -dahin, sorglos und leicht, als ob er Vergnügungsreisende an Bord habe, -durch grüne Täler und blühende Landschaften. Er hat nichts Martialisches -mehr an sich. Vor Monaten keuchte und klirrte er, wie ein schwerer -Krieger, der in die Schlacht geht, er rasselte wie Panzer und tastete -sich zornig vorwärts. Heute ist er ein gutmütiger europäischer D-Zug -geworden, der unbekümmert seine Meilen abfährt. Fern ist der Krieg. Auf -den Höhen der Ardennen liegt die Sonne, die Luft schmeichelt, die junge -Saat leuchtet. Die Felder sind bestellt, säuberlich bunt wie ein -Teppich. Nur da und dort liegt ein Acker grau und welk, vergessen und -verödet, ungepflegt und stumpf, wie ein Mensch, der trauert. Man sieht -ihn meilenweit! Was an Leuten zurückgeblieben ist und nicht vor dem -Krieg entfloh, arbeitet in den Fluren. Es sind nur spärliche, dünne -Trupps, die in der Sonne zerrinnen. Viele, die diese fruchtbare Erde -gebar, sind fort, und viele kommen nicht wieder. Eine leise -Beklommenheit liegt auf dem Lande. Halbwüchsige Burschen, Frauen und -Greise streuen die Saat und verrichten heuer jene Arbeit, die sonst den -Kräftigsten, Blühendsten und Erfahrensten zusteht. Hingegeben und ganz -bei der Sache, voll heißer Wünsche, denn das Brot ist kostbar, schreiten -sie durch die Äcker und schwingen den Arm, mit jener schönen und freien -Geste, die ein Symbol des Friedens und der Wiedergeburt ist. Der Pflug -ist hinter den Kanonen hergekommen und nahm seine Arbeit wieder auf. Die -Schützengräben hier und da, wo der Krieg seine Zähne einschlug, sind -längst zugeschüttet, Narben in der gemarterten Erde, und der Pflug geht -darüber. Bald wird sich das Korn hier wiegen und das Land wird -vergessen. Verbrannte Häuser und Dörfer, im hellen Schrecken verlodert, -erwecken heute, in der Sonne, in der summenden heißen Luft, den -Eindruck, als seien sie einem Schadenfeuer zum Opfer gefallen. Nicht -anders sehen sie aus. Sie jammern und schreien nicht mehr wie im Herbst -und Winter, wo sie ihre rauchgeschwärzten, verstümmelten Mauern in den -Himmel streckten. Der Frühling deckt sie zu. Sie schweigen. Grün und -Blüten verhüllen ihren Gram. Ein blühender Kirschbaum steht jung und -schön, triumphierend inmitten der rauchgebeizten Trümmer einer Mühle, -und Gras und Blumen sind dabei, die verbrannte Erde zurückzuerobern. Das -Leben ist stärker als der Tod und der liebe Gott läßt sich nicht durch -Granaten imponieren! Im November war ich im zerschossenen Longwy, alles -war durchlöchert, zerschmettert, verbrannt – aber schon trieben die -angekohlten Platanen des Kirchplatzes wieder starke grüne Knospen. -Herden von Rindern weiden friedlich im Gras, dem Geschäft des Fressens -hingegeben, und Väterchen hütet sie, das alte nämliche französische -Väterchen, mit Holzschuhen, einem verwilderten grauen Bart, hager und -mit entzündeten Augen, die flache Mütze auf dem kahlen Schädel. Weidende -Pferde, Stuten mit ihren Füllen. Eine glückliche Schwangerschaft hat sie -vor schwerem Dienst bewahrt. - -Der Bahnhof von Sedan ist so still, daß ich ihn kaum wiedererkenne. Im -Oktober stand hier Zug an Zug, Gewühl, Lärm, Staub, Kanonen, Truppen, -Sanitäter, Schwestern, Gefangene, Verwundete, Schmutz und Blut. Er war -ein krachendes Rad am Kriegswagen. Heute ist es der Bahnhof einer -kleinen Provinzstadt mit mäßigem Verkehr. Nichts sonst. Zwei endlos -lange Lazarettzüge stehen da, aber sie sind beide unbelegt. Sie stehen -in der grellen Sonne, alle Türen und Fenster offen, und schlafen. Das -Personal sitzt und sonnt sich. Eine kleine rotbäckige Schwester gähnt -und klopft sich auf den Mund, als sie sich beobachtet sieht. Ein -Krankenwärter sitzt auf dem Trittbrett und schneidet sich sorgfältig die -Nägel; ein andrer wäscht sich, er hat eben ausgeschlafen. Im Arztwagen -ist keine Seele zu sehen. Wahrhaftig, wäre es nicht frivol, so könnte -man sagen, die Lazarettzüge sehen wie Badehotels aus, die auf Gäste -warten. Bei den Rampen stehen auf den Loren zwei nagelneue Flugzeuge, -die Flügel zusammengeklappt, wie Schmetterlinge, die eben aus der Hülle -schlüpfen und sich die Flügel von der Sonne trocknen und ausbügeln -lassen. Bald werden sie hoch oben auf der sonnigen Luft liegen. Vom -Frühling ausgebrütet, glänzend neu, liegt Material da und dort auf den -Stationen: Lastautomobile, ohne Tadel, grüngestrichene Pumpen, feldgraue -Karren; ein Trupp Infanterie, mit neuen Uniformen und frischen, roten -Gesichtern, wie Knospen, gerade vom Gärtner geschnitten. Auf einem in -der Sonne blitzenden Geleise stehen ein paar Geschütze. Neu wie das Gras -auf der Wiese. Sie haben noch kein Blut geschluckt, es sind -Kanonenjungfrauen; drall, massiv, die Haut glatt und kalt. In ihre -ehernen runden Hüften gestützt, harmlos und unschuldig wie junge -Raubtiere, glotzen sie mit ihren runden Mäulern, von dem Instinkt ihrer -Rasse getrieben, in die Richtung, in der sie den Feind wittern. - -Der Zug fliegt weiter, läßt die Jungfern hinter sich, die neugierig und -dumm noch immer in die gleiche Richtung starren, bis sie plötzlich -hinter einem Berg von Blüten verschwinden. Ja, die Geschütze werden bis -an den Hals in Blumen versinken, aber feuern werden sie doch! Eine -Feldwache liegt unten im Schatten von Kastanien und schreit nach -Zeitungen. Auch sie, die Biedern und Treuen, haben ein frühlingshaftes -und friedlicheres Aussehen bekommen. Früher, in den kalten Monaten, -eingemummt in Decken, Tücher und Mäntel, erschien jeder einzelne, der an -der Strecke stand, wie ein festmontierter Panzerturm, drohend und -unerbittlich. Heute, mitten im Grün, sehen sie lachend und friedfertig -aus, wie gutmütige, treuherzige Burschen, die sie sind. Das herrliche -Wetter hat sie aus ihren Löchern und Bauten gelockt und sie sonnen sich -und genießen. Sie haben es redlich verdient. Ich konstatiere mit -Freuden, daß der Winter ihnen nichts geschadet hat. Wohlgenährt, rosig -und blühend sehen sie aus. Sie sind guter Laune und nun ganz zu Hause. -Eine Wache hat große Wäsche und wirtschaftet schwitzend und halbnackt im -Garten. Die Herrlichkeiten bleichen auf dem Rasen. Ein Dienstfreier hat -soeben sein Bad genommen. Nur mit einer hochgekrempten Leinenhose -bekleidet, sitzt er im saftigen Gras und schmort. Er hat ein Handtuch -wie einen Turban um den rotglühenden Schädel geschlungen, da sitzt er -wie ein Sultan und glänzt vor Gesundheit und guter Laune. Neben ihm -hockt ein winziger weißer Hund, kaum acht Tage alt. Andre stehen -vergnügt in einem Kreise von Weibern und Kindern und winken dem Zuge zu. -Häufiger und häufiger aber werden die Angler! - -Ist es das französische Wasser, das zum Angeln lockt? Ist es der -französische Fisch? Jedenfalls sitzen sie genau wie Stockfranzosen -geduldig und aufmerksam mit der Rute da, wie gewiegte Sportsleute und -Kenner und ergeben sich der Hypnose des glitzernden Wassers. Es handelt -sich hier um einen Sport wie jeden andern, und der Erfolg ist nicht die -Hauptsache. Sie sitzen an Pfützen und Löchern, wo gar keine Fische sein -können, aber das ist einerlei. Auf einer Station trete ich an einen -feldgrauen Angler heran, der so angespannt arbeitet, daß er nicht einmal -nach dem Zug umblickt. Ich erlaube mir die Frage, ob er schon etwas -gefangen habe? Der Angler dreht bedächtig den roten Nacken. Ob ich nicht -sehen könne? Er ist Württemberger. Ach so! Entschuldigen Sie. In einer -Blechbüchse neben ihm schwimmen zwei winzige Sardinen. - -Aber was ist das? Eine Rudergesellschaft! Fünf Feldgraue befahren in -einem gebrechlichen Nachen einen Wassergraben, kaum zwei Schritt breit. -Sie haben so voll geladen, daß der Mann im Heck schon mehr im Wasser -sitzt als im Boot. Mit ihren primitiven Rudern legen sie einen Knoten in -der Stunde zurück. Aber Sport ist Sport. Plötzlich schreien sie laut und -wild und lachen: sie sind auf Grund gelaufen. - -So viel frohe und helle Stimmen sind in der Luft. Die Hühner gackern in -den Gärten, Vögel zwitschern, Kinder wälzen sich lärmend im Gras, die -Luft summt von Insekten. Der Himmel strahlt Zuversichten und Hoffnungen. -Man atmet auf. Viele Monate hat man an einem schweren Gedanken getragen -... - -Ich will in den Speisewagen gehen und frühstücken. Aber gerade als ich -die schlingernden Korridore entlang balanciere, beginnt es in der Ferne -zu brummen. Ich horche auf. Es rollt, murrt, grollt wie Gewitter, ein -Satz ferner Kanonenschläge. Er steht immer noch da draußen, der blutige -Trommler und schlägt seine Wirbel! Ich hatte ihn fast vergessen. - - - - - Das Feuer von Ypern - - - 8. Mai 1915 - -Während die verbündeten Armeen in Westgalizien das russische Tor aus den -Angeln brechen, sind wir hier oben im Westen dabei, die -englisch-französische Panzertür einzurennen. Der Gegner hier oben ist -zäher und intelligenter und läßt sich die Zähne aus dem Maul schießen, -bevor er weicht. Die Kämpfe sind wütend. In aufrechten Sturmkolonnen -liefen die Engländer da und dort gegen das Feuer unsrer Gräben an. Man -ist guten Muts und voller Zuversicht. Wie ich höre, haben sich unsere -Truppen in höllischen Nahkämpfen wie Rasende geschlagen. Sie gingen wie -glühende Teufel vor. Ich sah sie heiß und dampfend aus den Stellungen -zurückkehren, und der Rausch des Kampfes lag noch in ihren siedenden -Augen und über den rauchenden, marschierenden Kompanien. Einige trugen -Verbände, die meisten hatten schon wieder den Weg in die Wirklichkeit -zurückgefunden und lachten. Seit den letzten Tagen dröhnt hier Himmel -und Erde vom Donner der Geschütze. Die Kraterkette, die die deutschen -Batterien in weitem Bogen gegen Ypern vorschoben, speit täglich Hunderte -von Tonnen Eisen in den Hexenkessel von Ypern hinein. Ein Hauptmann -versicherte mir, das Feuer sei heftiger, als es vor Antwerpen war. - -Heute morgen um sechs Uhr war ich an der Front, die im Südosten an das -Operationsgebiet von Ypern stößt. Die Kanonen sind noch früher -aufgestanden. Sie pochen, atemlos, wie schwere Schmiedehämmer, die im -Akkord arbeiten, und die Luft wettert von den wütenden Schlägen. Auch -nicht eine einzige kleine Sekunde Pause gönnen sie sich. Sie sind ein -Rudel von Gewittern im Hochgebirge, die knurren und grollen, verstört -hin und her irren und nicht zur Ruhe kommen. Häufig fallen die Schläge -zusammen, und dann dröhnt und rollt es, als donnere eine Bergwand zu -Tal. Sie stampfen über und unter der Erde, sie sind ringsum, überall. -Der ganze Horizont brandet. Sie saugen die Atmosphäre ein und schnauben -sie aus. Das Gebäude der Luft wankt. Je näher das Auto jagt, desto -wütender und wilder wird das Feuer. Deutlich hört man aus dem atemlos -auf und ab wogenden Pochen und Stampfen das böse, tiefe Raubtierknurren -der schwersten Geschütze heraus, die die andern überbrüllen. - -Wir halten in einem zerschossenen Gehöft, einige hundert Meter von den -englischen Stellungen entfernt, und der Boden rollt ununterbrochen unter -meinen Füßen, wie von schweren Lastautomobilen. Die Seismographen, denke -ich, müssen die Erschütterung der Erdkruste auf Hunderte von Meilen im -Umkreis anzeigen, falls sie etwas taugen. Ich habe noch kein Erdbeben -erlebt, aber es kann kaum anders sein. Es ist richtiges wildes -Trommelfeuer (ein neues Wort für mich) und zuweilen verschlägt es mir -den Atem, obschon ich einigen Lärm vertrage. Schlag auf Schlag, bebend -von Leidenschaft, unerbittlich und rasend, Salvenhiebe eines Boxers, der -den Gegner erbarmungslos niederhämmert. Die Geschütze schütteln sich vor -Wut, sie glühen und taumeln, kochenden Schaum vor dem Maul, und speien -ihren Haß hinüber. - -Der Morgen ist göttlich. Die Welt leuchtet und die Vögel singen -unbekümmert. Aber ich sehe und höre nicht, ich ergebe mich der lauten -Brandung des Feuers, die mächtig, wie der Ozean, daherrollt. Zuweilen -wage ich es, einen kleinen scheuen Blick zum Himmel emporzuwerfen, der -in seiner Herrlichkeit blendet, zuweilen erbleiche ich im Innern, und -manchmal hätte ich Lust, mich zu bekreuzen. Ich bin, ohne mich’s zu -versehen, mitten in ein Gewitter der Urzeit geraten, da die Erde sich -spaltete und die Gebirge gebar. Oder was ist es? Führt die Erde Krieg -mit der Sonne und befeuert sie aus ihren Vulkanen rasend das Gestirn am -Himmel? Poltern Unholde im Raum, die ich nicht sehe und die rings um -mich toben? So unheimlich und mächtig ist das Toben, von solch -elementarer Wucht, daß meine Maßstäbe versagen, wie vor den Zahlen der -Astronomen, und es mir schwer wird zu glauben, daß hier Menschen kämpfen -und auf Fleisch und Knochen geschossen wird. Ja, verstehst du wohl, es -ist der Mensch, von menschlichen Müttern geboren, der hier eine Sache -unter sich ausmacht. Auf seine Art, mit seinen Maschinen und seinem -Zorn. Der Dämon der Erde, angefüllt mit urweltlichen Instinkten, die -lange schlafen und die ein Nichts wecken kann. Ich bin, wenn man will, -in ein Völkergewitter geraten, das sich wütend entlädt, bei dem es Eisen -hagelt und Blut regnet. - -Ich muß gestehen, ich möchte heute nicht in Ypern und in der Umgebung -Yperns sein. Ich möchte auch nicht, daß ein Freund und Bruder von mir -dort wäre. Selbst für englische Nerven, denke ich, muß es genügen, und -ich bin sicher, heute gehen ihnen die Pfeifen aus. Ich spreche gar nicht -von den Franzosen und Farbigen, die mit der Hälfte zufrieden wären. Sie -– die Engländer – wissen recht gut, daß es uns Ernst ist, und täuschen -sich nicht über die Lage. Unerbittlich und mitleidlos ist die Sprache -der Geschütze. In ganzen Rudeln stoßen ihre Flugzeuge aus dem Feuerloch, -aufgescheucht und unruhig, und kreuzen hartnäckig und verzweifelt über -unsern Stellungen, um die Geschütze zu finden. Wie zornige Raubvögel, -deren Horst brennt, kreisen sie hoch oben und spähen nach dem Feind. -Heute morgen, vor fünf, hat mich schon das Krachen der Abwehrkanonen aus -den Federn getrieben. Nun, da der Tag wächst, stehen bald rechts, -bald links hoch oben am blauen Himmel die Reihen der weißen -Schrapnellwölkchen. Plötzlich kracht es auch dicht neben mir, ein harter -und naher Knall, und eine Granate zischt gierig und böse knirschend über -meinen Kopf hinweg in den Himmel empor. Ein englischer Doppeldecker in -eiliger Fahrt, gut 2000 Meter hoch. Das Schrapnell explodiert hinter -ihm. Zwei, drei. Wie Raketen fauchen sie in die Höhe. Vier, fünf. Ein -Maschinengewehr rasselt und streut eine Fontäne von Spitzkugeln in den -Äther. Nun reißt ein Geschütz in einiger Entfernung links ab und der -Engländer bekommt Stirnfeuer. Prächtige Schüsse! Ein Schrapnell muß -dicht über ihn weggeflogen sein. Der Engländer hat genug, er wendet in -toller Kurve und geht mit dem Wind davon. Aber er kommt wieder. Dreimal -versucht er es, hartnäckig und kühn, unsre Stellungen zu überfliegen, -und dreimal muß er zurück. Das Maschinengewehr hämmert wie toll und kann -sich nicht mehr beruhigen. - -Das Geschützfeuer aber rollt und pocht, ohne Atem zu holen, die Salven -dröhnen. Die Schlacht geht weiter. Wie sage ich? Sie hat erst -_begonnen_. Es ist sieben Uhr. - -Am Abend sah ich die Sonne im Westen versinken, blutrot, groß und -düster, wie sie an großen historischen Schlachttagen gesunken sein soll. -Sie sah aus wie ein blutüberströmtes Antlitz, die Sonne von Ypern, naß, -zerschossen, und sterbend noch voll Majestät. - -Die Geschütze aber schlugen noch immer. - - - - - Die Feldschanze - - - Mai 1915 - -Der Adlerwagen fegt die Landstraße hinunter, als sei der böse Feind -hinter ihm her. Er springt in langen Sätzen über die frischbeschotterten -Granattrichter hinweg und sucht so rasch wie möglich in Deckung des -zerschossenen Gehöftes zu kommen, auf das die staubige Straße -schnurgerade zuführt. Die Sache ist die: gewöhnlich setzt es hier eine -Lage, und die feindlichen Geschütze sind, wie ein Blinder sehen kann, -verteufelt genau eingeschossen. Allein nichts geschieht. Der Wagen duckt -sich hinter eine Backsteinbaracke, ein ehemaliges Wirtshaus, dessen -Stirn jämmerlich zerschmettert ist wie von Keulenhieben. Hier pflegen -die Granaten gewöhnlich einzuschlagen. - -Der Begleitoffizier hegt noch immer Hoffnungen. Er lauscht hinüber, und -ich sehe ihm deutlich an, daß er enttäuscht ist. Er hatte mir die Lage -angekündigt und empfindet es als eine Störung des Programms, daß der -Feind zu faul ist zu schießen. - -„Dann bekommen wir sie sicher auf der Rückfahrt!“ Das ist ein gewisser -Trost. - -Zu Fuß geht es weiter, denn er – der Feind – würde es als eine -Achtungsverletzung betrachten, wenn man auch die allerletzte Strecke zu -den Gräben noch im Auto zurücklegte. Es gibt immerhin Grenzen. -Eigentümlich ist das Gefühl, zu Fuß zwei Kilometer in der hellen Sonne -eine Landstraße entlang zu promenieren, ohne jede Deckung, knappe -achthundert Meter an den feindlichen Gräben entlang. Sie können uns ja -deutlich sehen, mit bloßem Auge, und die roten Streifen der -Offiziersmützen leuchten weithin. Weshalb schießt er nicht? – „Sie -frühstücken, sie rasieren sich.“ – Drüben liegen Engländer. Sie trinken -jetzt wohl Tee und essen Marmelade dazu, was mögen sie tun? Immerhin, es -liegen Hunderte von Gewehren schußbereit. Vielleicht reizt sie das kecke -Rot der Offiziersmützen, vielleicht haben sie schlecht geschlafen, oder -vielleicht sind sie mit dem Frühstücken gerade fertig geworden und haben -Lust, ein wenig zu arbeiten. Es ist möglich, ja wahrscheinlich, daß uns -ein Offizier durch das Glas genau beobachtet, in unsern Mienen mit den -Blicken herumtastet, und es lediglich von seiner Laune abhängt, ob er -feuern lassen will. Nichts ereignet sich. Auf dem Rückweg allerdings, -ich will das vorausnehmen, summten ganz unvermittelt ein paar Kugeln -über uns weg – aber nur weil wir stehengeblieben waren, um einen Flieger -zu beobachten. Es gibt eben hier Sitten wie überall, gehen ist erlaubt, -stehenbleiben wird als Unhöflichkeit angesehen. - -In dem von Granaten übel zugerichteten Dorf empfängt uns der Kommandeur -des Regiments. Ein Mann wie aus Wurzelholz geschnitzt, knorrig, stark -und schlicht, ohne Pose und ohne Phrase. Das gibt es hier außen nicht. -Er hat die Augen des Frontoffiziers, _Frontaugen_, die aus Hunderten -herauszufinden ich mich jederzeit erbiete. Sie sind glänzend und rein, -bewußt, ein wenig nachdenklich und voll Anteilnahme. Der Mensch ohne -Lack und Firnis blickt aus ihnen. Es sind Augen, wie Menschen sie haben, -die der Tod anschauerte, die er zuweilen mit seinem Finger berührte und -denen er ein kleines Wort zu irgendeinem Augenblick ins Ohr flüsterte. - -Wir steigen in die Schanze ein. Hier stand früher einmal eine Brauerei. -Früher! Die Granaten sind heißhungrig darüber hergefallen und haben nur -Trümmer übriggelassen. Sie haben die Mauern zerfressen, die Kamine mit -Stumpf und Stiel verschlungen und Kessel und Röhren zu Klumpen zerkaut. -Fanden sie nichts andres, so fraßen sie tiefe Löcher aus der Erde. -Laufgänge und Schützengräben durchspinnen und umspinnen den Komplex der -Ruine. Mit Sandsäcken und erdgefüllten Bierfässern hat der Kommandeur -ein Fort aus den Trümmern gebaut, eine groteske und musterhafte Festung, -in der man vor Gewehrkugeln wenigstens ziemlich sicher ist, wenn man -nicht allzu großes Pech hat. Wieder und wieder versucht der Feind, die -Schanze durch Granaten zu zerstören, immer wieder wird geflickt, gebaut -und verrammelt. Bombensichere Mannschaftsunterstände mit winzigen -Eingängen – Villa Duck dich, Villa Frieden usw. – mit kleinen blühenden -Gärtchen davor. Hier und da ein paar blumengeschmückte Gräber. Der -„Friedhof der Leichtsinnigen“. Hier ruhen zur Warnung für die Lebenden -jene Tapferen, die aus Unvorsichtigkeit und Leichtsinn dem Tod -entgegenliefen. Sie streckten den Kopf aus dem Graben, um zu sehen, ob -etwas los wäre, sie krochen aus dem Graben heraus, obgleich es verboten -ist, nur um einmal etwas _Neues_ zu tun. Nun liegen sie da, dicht neben -den Blumenbeeten, und die Kameraden pfeifen ihr Liedchen über ihr Grab. -Das ist, ganz kurz, was es hier oben zu sehen gibt, zwischen den Wällen -sozusagen. Die eigentliche Festung aber liegt in den Kellern der -Brauerei, zweistöckig und labyrinthisch. Nasse, finstere, niedrige Gänge -wie in einer Schauerburg. Trübes Bier schwimmt in einem Graben, Treppen -und Verschläge, die in pechschwarze Stollen und Kamine hinabführen, -Mauern aus Sandsäcken und Fässern. Schießscharten dazwischen, vorsichtig -mit Ziegelsteinen verschlossen. Sehr freundlich sieht es hier nicht aus. -In den Kellerräumen, wo die Mauern am dicksten sind, schlafen die -Mannschaften beim trübseligen Schein einer verstaubten, elektrischen -Lampe. Sie liegen, dicht nebeneinander gepackt, in Uniformen und -schweren Stiefeln, so wie sie aus den Gräben kommen. Wie verwunschene -Bergleute, von einem Zauber eingeschläfert, liegen sie da. Sie wachen -nicht auf, wenn wir eintreten. Der Schweiß perlt auf ihren eckigen -Stirnen, es ist heiß hier unten. Sie genießen den Schlaf, sie klammern -sich an ihn. Heute sind sie soundsoviel, morgen sind sie einer oder zwei -weniger. Ein Platz wird leer sein oder zwei oder mehr. Daran sind sie -gewöhnt. Sie leben von heute auf morgen, und sie gehen vom Leben in den -Tod, wie man eine Tür zumacht, und niemand sieht sie wieder. Wenn sie -heute das erste Wort sprechen, so wissen sie nicht, ob es nicht ihr -letztes ist. Ein junger Schläfer schwitzt stärker als die andern, seine -Wimpern sind nahezu weiß. Auf seinen roten Backen flimmern feine -Härchen. Sein Mund steht offen und zeigt die weißen starken Zähne. Er -scheint zu lachen im Schlaf und schläft so ruhig und gesund wie in -seinem Dorf zu Hause. Neben ihm liegt ein Dunkelhaariger, mit gelber -Gesichtsfarbe und dichten Bartstoppeln. Er schläft unruhig und röchelt -gepreßt. Träumt er? Träumt er, daß der Engländer kommt und ungeniert in -den Drahtverhauen wirtschaftet, und er schießt und schießt, aber der -Engländer ist nicht zu treffen, er zieht eine Zange heraus und fängt an, -in aller Gemütsruhe die Drähte zu durchschneiden ... Plötzlich öffnet er -die Augen, sie blicken grünlich, und starrt mich an. Sobald er sich -regt, taucht hinten ein fahles Gesicht empor. Aber im nächsten -Augenblick schlafen sie wieder, und alle schlafen, dicht -aneinandergedrückt, tief und traumlos, als ob sie keine Lust hätten -aufzuwachen. - -Luft, Licht. Wir tauchen aus dem dunkeln Bergwerk empor in die grelle -Sonne. Über meinem Kopfe rasselt und trommelt plötzlich ein Kobold in -den Kupfertöpfen der Brauerei. Eine Kugel. Sahen sie uns an den -Schießscharten vorübergehen? Die Gräben sind das Letzte an -Bequemlichkeit und Umsicht. Tief eingeschnitten, so daß man sich nicht -zu bücken braucht, die Schießscharten solid verschalt wie tiefe Nischen. -Bei jeder ein Täfelchen mit dem Namen des Schützen. Der Boden ist mit -Brettern ausgelegt, und da und dort steht: Nicht ausspucken! Es spuckt -auch niemand aus. Eine Dame könnte in einem Ballkleid hier gehen. Ich -habe von französischen Gräben gehört, wo sie in ihrem eignen Dreck -herumlaufen und ihre Toten, mit einer Lage Erde darüber, als Diele -benützen. Ein Toter ist tot und spürt nichts mehr, aber trotzdem ... - -„Sehen Sie etwas?“ - -„Ja. Einer guckt immer mit dem Kopfe raus. In der Nacht haben sie eine -Puppe an einer Stange aufgehängt. Dort!“ - -Durch die kleine, rechteckige Schießscharte blickt man in das grüne Land -hinein, wie durch ein Fernrohr. Unsere Drahtverhaue, dann eine Wiese, -die leicht im Winde schwankt. Dahinter dünnes, wirres Gestrüpp. Das sind -_seine_ Drahtverhaue. Ein kleiner Wall aufgeworfener Erde. Sonst ist -nichts zu sehen, so sehr ich mich auch anstrenge. Auf diesem Streifen -Wiesenland, ein paar hundert Meter breit, bewegt sich nichts, seit -vielen Monaten nichts. Es ist ein verfluchter Streifen Land. Das Gras -wächst, weil es keine Vernunft hat, aber kein Falter, kein kleiner Vogel -lebt hier. Nur die Kugeln spinnen ihr Netz darüber. Plötzlich erschrecke -ich. Da steht, man mag es glauben oder nicht, wahrhaftig ein Mensch -aufrecht und unbekümmert auf dem Erdwall drüben! Ich erschrecke für ihn, -obwohl ich es ja nicht bin, der da drüben steht, und ich erschrecke vor -allem, weil sich auf diesem leblosen Streifen Land überhaupt etwas -zeigt. Ist er toll geworden? Aber das ist ja die Puppe! Dann und wann -knallt es da drüben, in der Ferne rumpelt Geschützdonner. Die Schanze -aber schweigt. Sie hat seit zwei Tagen keinen Schuß abgegeben. „Es ist -ein richtiger Spaß! Er soll glauben, daß wir fort sind.“ Aber er glaubt -es ja doch nicht. Gestern hat er alle Schießscharten einzeln -abgestrichen und die Schanze hatte zwei Tote. - -Sonderbar ist so ein winziges rechteckiges Fensterchen ins grüne Land. -Es ist ein Fenster ins Jenseits ... Es ist möglich, daß in dem gleichen -Augenblick, in dem der Feldgraue hinaussieht, der Tod hereinblickt, und -der Feldgraue erschrickt und fällt hintenüber ... - -Ein Gewirr sind die Gräben, auf, ab, hin und her. Maschinengewehre, sie -haben den schönsten Platz. Überall stehen Posten. Sie stehen hier Tag -und Nacht, heute, morgen und in diesem Augenblick. Seit dem Herbst, da -das Laub fiel, und jetzt ist es wieder grün. - -In den letzten Tagen hat die Festung ein neues Fort dazubekommen. Der -Feind hat einen Minengang vorgetrieben und gesprengt. Es ist ein Krater, -rund und groß wie ein Karussell, und der Rand des Kraters ist schon -wieder ausgebaut und befestigt. Ideal ist das Fort, es flankiert unsere -Gräben. Leider hat es drei von unsern tapfern Leuten gekostet. Sie -liegen tief unten in der Erde, so tief, daß man sie nicht holen kann. So -hat hier jeder Tag seine Ereignisse, und die nächste Minute kann sie -bringen. Er kann ja eine neue Mine hochfliegen lassen, Gott weiß, -worüber er jetzt, in dieser Sekunde, brütet? - -Ein Laufgang führt mitten durch das zerschossene Dorf zum Unterstand des -Kommandeurs. Hübsch und freundlich ist es hier unten, eine Schiffskabine -erster Klasse unter der Erde. Hierher kommen die Offiziere zuweilen des -Abends, sozusagen, wenn sie ausgehen wollen. Es sind nur hundert -Schritte, aber es ist immerhin eine Abwechslung. Nur eine Schattenseite -hat dieser Salon unter der Erde. Er stößt direkt an den Friedhof. Die -Granate ist ein böses Tier ohne Vernunft. So ist sie wiederholt in den -Friedhof gefahren, wo sie nichts zu suchen hatte, und hat die Gräber der -französischen Bürger aufgerissen. Sie warf die Grabsteine durcheinander, -hat die Gebeine mit in die Tiefe gerissen, und in einer Familiengruft -schwimmt ein Kindersarg. Von der Treppe des unterirdischen Salons aus -sieht man über eine Reihe frischer Gräber. Das sind die Toten der -Schanze. Der frühere Kommandeur, Offiziere, Unteroffiziere und -Mannschaften. Nebeneinander liegen sie, so wie sie auf der Schanze -nebeneinander kämpften. - -Ja, hier liegen sie, aber in Wahrheit sind sie nicht tot. In Wahrheit -leben sie, denn sie sind unvergessen. Sie leben mit den Kameraden auf -der Feldschanze, ganz wie früher. Sie wandern durch die Schlafgewölbe -und sehen nach, ob sie noch nicht aufstehen, sie sitzen auf den Gräbern -und lauschen auf die Gespräche der Kameraden. Bei den Maschinengewehren -stehen sie und lugen aus. In der Nacht wandern sie in den Gräben. Sie -warnen die Kameraden, sie richten ihnen die Gewehre, sie zeigen ihnen -den Feind: _dort, dort_ ... - - - - - Die Schlachtfelder in Flandern - - - Mai 1915 - -Durch die Luke in der Kirchturmspitze hat man einen weiten Blick über -das Land: unten liegt winzig und verwinkelt das Dorf. Ein paar Häuser -sind zerschossen. Soldaten hantieren vor den Häusern. Eine -Radfahrerabteilung – braune Marinesoldaten, das Gewehr auf dem Rücken – -schlängelt sich über den kleinen Marktplatz. Ein großes Postauto tutet -und überholt sie. Karren, trottende Pferde, die roten Gesichter der -Fuhrleute sind alle nach oben gerichtet. Zwei Flugzeuge kreuzen unter -den grauen Wolken. Rasch und klein wie eine Maus läuft das entferntere -am Himmel entlang. Hinter dem kleinen Dorf aber breitet sich das Land. -Flandern. Es ist grün von den Wiesen und gelb von den blühenden Rüben, -ganz flach; trübe und resigniert duckt es sich unter dem hängenden -Gewölk. Silhouetten von Alleen, die die Landstraßen begleiten, stehen -geisterhaft auf dem Lande, eine hinter der andern, wie Schleier, die -herabhängen, und alle scheinen sie parallel, quer durch das Land zu -laufen, bis zum Horizont, wo eine graue Regenwolke Ypern verbirgt. -Dazwischen flache graue Wolken, die auf der Erde liegen, Wälder und -Wäldchen, die niemand kannte, und die plötzlich einen Namen bekamen: -Polygonenwald, das Wäldchen von St. Julien. Hier standen die vier großen -englischen Geschütze. Hinter den geisterhaften Silhouetten der Alleen -Dörfer, Reste von Dörfern, dem Auge kaum erkennbar. _Zonnebeke_, _St. -Julien_, _Langemark_. Im Frieden werden Orte berühmt durch ihre Kultur -und ihren Geist, im Krieg durch ihr Unglück. Da liegen sie und -verstecken sich in der Erde. Still und verzweifelt liegt das Land, und -der Donner der Geschütze rollt darüber weg. - -Heute, Flandern, mit deinen geisterhaften Alleen, die stillstehen und -sich nicht bewegen, erscheinst du mir wie ein großer Friedhof. - -Eine knappe Viertelstunde von dem Kirchturm entfernt zieht sich ein -lehmiges ausgetrocknetes Flußbett in weitem Bogen durch die Landschaft. -Oft nähern sich die Ränder bis auf dreißig Meter, oft entfernen sie sich -bis auf ein paar hundert. Die Ränder sind tief ausgegraben, unterhöhlt, -gewunden und verzweigt, wie Bauten von Bibern. Das sind die verlassenen -Stellungen. - -Hier auf diesem Gürtel Landes lagen sie einander sechs lange Monate -gegenüber, Tag und Nacht, und Tag und Nacht saß der Tod dicht angelehnt -neben jedem einzelnen Mann. Hier lagen die Gewehre und hier, man sieht -es noch deutlich, standen die Maschinengewehre. Zwischen den Gräben -lagen die Leichen, wo sie gerade hinfielen, und da lagen sie und blieben -liegen, und die Kugeln durchlöcherten sie noch hundertfach, obschon sie -schon zehnfach gestorben waren. Tausendfach starb hier jeder einzelne -Mann, auch der, den der Zufall verschonte. Oft raste der Tod hier wie -ein Orkan, mit Finsternis, Feuer, Eisen und erstickenden Gasen. Die -Gräben wurden eingetrommelt, Meter für Meter. Einmal hatten sie drüben -Besuch (nicht in den Gräben, sondern weit dahinten!), zwei Könige und -einen Präsidenten. An diesem einzigen Tage warfen sie _siebzigtausend_ -Granaten herüber – und wir hatten keine dreißig Mann Verluste. Sie gaben -den hohen Herrschaften eine Vorstellung und schossen ein Vermögen in die -Luft hinein. Die Komödie auf dem Schlachtfelde! So und nicht anders ging -es hier zu. Der Soldat kroch in die Erde. Aber da kam ihm das Wasser -entgegen. Bis an die Knie wateten die Tapfern im Wasser. Jedes Haus -hinten war zerschossen und die Trümmer unausgesetzt unter Feuer. Es -entstanden ganze Städte unter der Erde, Städte in Wäldern, die -Mannschaften ruhten aus in Eisenbahnzügen, die zurück mußten, sobald das -Feuer zu stark wurde. - -Die Erde bei den Gräben ist zerrissen. Trichter an Trichter. Der Regen -spritzt heute in den kreisrunden Lehmtümpeln. Auch die Allee hat -mitgekämpft. Die hohen Bäume schlugen der Länge nach hin, wie Riesen, -von der Granate in den Wurzelbau getroffen und hochgeschleudert. Sie -wurden in der Mitte abgerissen. Ihre Kronen stürzten zersplittert in das -Feld, und so stehen sie noch. Kein Baum, der nicht seine Wunde hätte, -manche sind von oben bis unten zerfetzt. Die Allee hat sich tapfer -geschlagen, die Allee von Poel-Capelle nach St. Julien. Eine Armee von -Krüppeln steht an der Straße. - -Die verlassenen Gräben sind mit allerlei Schutt angefüllt. -Konservenbüchsen, Waffenteile, zerweichte und unleserlich gewordene -Briefe. Ein blutiger Tuchfetzen, den einer an die Wunde preßte, -erblassend und zu Tode erschrocken. Sie sprechen eine grauenhafte -Sprache und ihr Flüstern verfolgt mich. Es ist sehr still hier und es -hat den Anschein, als ob die Stille sich über den Gräben verdichtete und -über all den Dingen, die einst Menschen gehörten. Ich wünschte wohl, sie -kämen hierher, die drei hohen Herrschaften, zu deren Ehre einmal so -furchtbar laut geschossen wurde, sie kämen hierher und _hörten sich die -Stille an_. Vielleicht würden sie den süßlichen Geruch spüren, der aus -den Gräben steigt, vielleicht würde sich ihr Auge schließen vor all dem -Grauenhaften, das der Schutt in den Gräben deckt. Sie würden gehen und -nun würden sie stolpern! Bei jedem Schritt würden sie über Gräber -stolpern. Gräber hier, Gräber dort. Franzosen, Schottländer, Kanadier, -Kolumbier, Farbige und Schwarze. Sie würden die Namen auf den Kreuzen -lesen. Sie würden die verstümmelte Allee hinabgehen, und links und -rechts würden die Kreuze ihnen folgen. Sie würden bei St. Julien die -Massengräber sehen. Hier lagen die Kanadier so dicht, daß die -Fliegerphotographien aus 2000 Meter Höhe die Leichenhaufen zeigten. Nun -würden sie begreifen, daß sie in einen Friedhof geraten sind, der naß -ist von Blut und Tränen. - -Aber weiter. Die Kanonen krachen. In Erdhöhlen hocken Soldaten um die -dampfenden Kochtöpfe und sind guter Dinge, denn sie leben. - -_Langemark_, berühmt geworden durch sein Unglück, wie viele andre Orte, -ist das grinsende Skelett einer kleinen Stadt. Die wenigen Häuser, die -noch stehen, zeigen fröstelnd das nackte Gebälk. Die Ziegel sind ohne -Ausnahme herabgerasselt, als die schweren Geschosse einschlugen. Wie -Gespenster von Häusern stehen sie inmitten der Trümmerhaufen. Der -Kirchturm sieht aus wie ein verwitterter Sandsteinfelsen, rostrot und -brüchig steht er am Rande eines niedergemähten Parkes. Ein Haus ist mit -dem Schieferdach niedergebrochen, wie ein gefallener Elefant, der sich -auf die Stoßzähne stützt. Es ist deutsche Arbeit, sie ist gründlich, das -muß man sagen. Hut ab vor unsern Kanonieren! - -Aus dem Keller irgendeines zerschossenen Hauses steigt langsam und still -ein General, in den weiten Mantel gehüllt. Er scheint das einzige -lebende Wesen weit und breit zu sein. Gelassen und würdevoll, ein wenig -gelangweilt, zeigt er uns sein Heim. Das Haus ist verschüttet, es liegen -noch Leichen unter dem Schutt. „Hier lebe ich nun, im Keller,“ sagt er -mit leiser, gelangweilter Stimme. „Sie schießen oft wütend herein. Sehen -Sie die Trichter? Es sind ganz große Dinger. Na, man gewöhnt sich an -alles.“ Wir gehen und der General promeniert ruhig, in seinen Mantel -gewickelt, im Regen auf und ab. - -In dieser Gegend sieht man kein Tier und kein lebendes Wesen. Zuweilen -ein paar Soldaten, die laut und fröhlich antworten, wenn man sie anruft. -Aber die Geschütze krachen ringsum, obschon man sie nicht sieht. - -Sie sind trotz des schlechten Wetters fleißig bei der Arbeit und die -Luft dröhnt wie von Explosionen, hart und metallen. Die Geschosse toben -in die Höhe, es röhrt und wühlt in der Luft, sie _pflügen_ sich hinauf. -Die Luft zischt, genau wie das Wasser unter dem Kiel eines Rennbootes. -Es gurgelt gierig da oben, wie Gurgeln voller Blut. Unwillkürlich sucht -der Blick das Geschoß, obwohl es natürlich zu rasch ist, als daß man es -sehen könnte. Aber es scheint greifbar nahe zu sein. Ja, ich sehe es -auch, wie es in seiner Kurve dahinjagt. Es ist gelb und dreht sich -rasend um die Längsachse, eine donnernde, dröhnende Röhre von -Luftwirbeln als Schleppe, den blanken Zünder zischend in die dicke, -graue Regenluft bohrend. Die gelbe Farbe verbrennt rauchend auf seiner -Hülle. Nun ist nur noch das schleifende Zischen der Luft zu hören. Es -ist hinüber! Links und rechts schlagen die Geschütze, es kracht wie von -einschlagenden Blitzen. Alle paar Minuten dröhnt hinter mir ein hellerer -Schlag und eine Granate jagt gurgelnd und zischend über mich hinweg. Die -Luft ist voller Eisen. In den Pausen der Geschütze hört man das hastige, -heisere Kläffen der Maschinengewehre und das Knattern der Gewehre. - -So ist es hier. Es ist das Morgenkonzert, das gewöhnliche. Und so ist -das Abend- und Nachtkonzert. Man gewöhnt sich daran, und das flandrische -Land hat seit vielen Monaten nichts andres gehört. Die Front ist um -einige Kilometer vorgerückt, sonst hat sich nichts geändert. - - - - - Nach den Schlachten - - - Mai 1915 - -Die Welt des Feldsoldaten ist groß und erhaben. Der sausende Himmel, die -Sterne, die Wolken und das freie Feld: das ist seine Wohnung. Vertraute -Wege und bekannte Dörfer, die Heimat in der Ferne, Briefe, Zeitungen, -alles gehört ihm. Kameraden, bekannte Gesichter, neue, immer neue -Gesichter, neues Gelächter und neue Stimmen. Ein spukhaftes Dasein, voll -des Unbekannten, stetig Wechselnden. Die alltäglichsten Dinge, Essen, -Schlafen, abenteuerlich und absonderlich. Außergewöhnlich, groß und -unerhört, voll nie gekannten Grauens und nie gekannter Wonnen sind seine -Empfindungen. Der Feldsoldat ist kein gewöhnlicher Mensch mehr, er ist -der Erkorene, er ist das _Volk_ selbst, für das er kämpft. Wäre es -anders, nicht den zehnten Teil der Anstrengungen, die das Feld fordert, -könnte er ertragen. Wenn er sein Geschütz abreißt, so ist es nicht seine -Faust, die Millionen Fäuste seines Volkes reißen das Geschütz ab, und -sein Volk sendet den großen Fluch hinüber zum Feinde. - -Wehe aber, wenn er das Unglück hat, gefangengenommen zu werden! Seine -große und stolze Welt bricht in einer einzigen unglückseligen Stunde -zusammen. Er ist nicht mehr sein Volk, er ist ein gefangener Soldat, -nichts andres. In einer Sekunde sind seine Tressen und seine -Auszeichnungen verblaßt, die Bewunderung seiner Kameraden, die ihn -belebte, ist verstummt. Kennt hier jemand seine Geschichte, seine -Geschichte als Soldat, meine ich? Weiß hier jemand, wie er sich schlug, -welch kühne Patrouillengänge er hinter sich hat, daß seine Offiziere ihm -die Hand drückten und ihn vor versammelter Mannschaft lobten? Fremde -Gesichter, fremde Worte, eine fremde Welt. Eine Ewigkeit trennt ihn von -seinen Kameraden, seinem Pferde, seiner Batterie, seiner Heimat, seinen -Angehörigen, unwirklich scheinen schon jetzt die Bilder zu sein, an die -sein Gedächtnis sich klammert. Sein Mut, sein Ehrgeiz, sein Rausch, sie -sind dahin. Er war alles, jetzt ist er nichts. Eine Nummer in den Listen -der Gefangenenlager ist er, in dem das Herz seines ganzen Volkes schlug, -geworden. Nüchtern, klein und erbärmlich ist jetzt seine Welt. - -Sieht man Gefangene gehen, so versteht man alles. Sie trotten müde -dahin, gleichgültig, ohne Haltung, aber nichts wäre verkehrter, als von -Gefangenen auf die Truppe zu schließen, der sie angehörten. Häufig wird -der stolzeste und stärkste Soldat der gebrochenste Gefangene sein. - -Schlimmer noch, um vieles schlimmer ist es, verwundet in Gefangenschaft -zu geraten. Noch kleiner und elender ist die Welt des verwundeten -Gefangenen. Ein Bett, ein getünchter Saal, die Gesichter der Pfleger und -Pflegerinnen und der Ärzte, nichts sonst. Der Schritt der Wache vor der -Tür. Droben in Flandern habe ich verwundete Gefangene besucht, und von -ihnen will ich erzählen. - -Ich trete ein, und sofort sind alle Augen auf mich gerichtet. Ein neues -Gesicht! Seit vielen Tagen, seit Wochen das erste neue Gesicht. Was will -er, was tut er hier, was bringt er uns? All diese glänzenden Augen -forschen neugierig und aufmerksam in meinen Zügen. Einzelne haben sich -aufgerichtet, um mich besser sehen zu können. Niemand spricht ein Wort, -alle stellen die Ohren und es ist ganz einerlei, in welcher Sprache ich -rede, die Hauptsache ist, daß sie eine neue Stimme hören. - -Da ist zunächst ein Neger. Schwarz und glänzend wie ein gewichster -Stiefel, das Gebiß blendend weiß. Er ist eines der hübschesten -Exemplare, die ich je sah, das sauberste gewiß, fast noch ein Kind, und -versucht sofort, meine Milde durch ein naives, vertrauliches Lächeln zu -gewinnen. Ich rede ihn englisch an, da ich bis heute nur Englisch mit -Negern gesprochen habe, aber siehe da, er antwortet französisch. Aus dem -Senegal. Und wie alt? Zwanzig. „Wo hast du gekämpft?“ – Er zeigt sein -schönes Tiergebiß und lächelt. Er weiß es nicht. „Bei Ypern?“ – „Ja, bei -Ypern. _Chemin de fer_, hin und her, immer hin und her, _chemin de fer_“ -– er radebrecht, gestikuliert, nein, er weiß gar nichts. Vergnügt legt -er sich in das weiße Kissen zurück. Nie in seinem ganzen Negerleben ging -es ihm so gut, nie so sauber, Gott, er wird sich nie mehr zu waschen -brauchen. Er hatte zwei Lungenschüsse, aber das schadete ihm -ebensowenig, wie wenn man eine Katze anschießt. - -Neben ihm liegt ein Engländer, ebenfalls Lungenschuß. Ein junger, -zarter, hellblonder Bursche, der eben aus dem Jenseits zurückkommt. Er -hat noch die großen, glänzenden Augen, die man von dort mitbringt, und -die durchsichtigen, schmalen Wangen. Er ist aus Birmingham, Kaufmann. -Aufrecht sitzt er in seinem Bett, die beiden Hände auf der Decke, und -sein Kopf sinkt schwach von einer Seite auf die andre, während er -flüsternd antwortet. Er trägt eine Kette mit einem kleinen Kreuz um den -dünnen Hals. – „Was bedeutet das Kreuz? Seid ihr Katholiken in -Birmingham?“ – „Nein, ich war protestantisch, aber nun bin ich -katholisch geworden.“ Eine Nonne steht neben dem Bett, eine belgische -Schwester, rotbäckig und gesund, und blickt auf ihr blondes Lämmchen. - -„Hier sind Kanadier!“ sagt der Arzt. - -Ja, das sind sie. Schmale, feste Schädel, klar gezeichnete Gesichter, -kräftige Augen, breite Schultern, die Arme lang gemessen, das Haar weich -und kurz. Es sind Amerikaner, ohne jeden Zweifel, wenn sie auch etwas -nördlich von den Staaten geboren wurden. Ich sehe mir sie an, und sie -betrachten mich mit der gleichen Aufmerksamkeit. Sie wissen genau, daß -sie nun an die Reihe kommen, und haben keine Angst. - -„Wer von euch war beim Sturmangriff von St. Julien dabei?“ - -„Wir alle.“ - -Nun sehe ich, daß sie geschient und verbunden sind. Trotzdem sehen sie -gesund und kräftig aus. Es sind Leute, die einen Stoß vertragen können, -ausgezeichnetes Material. Sie antworten höflich, aber sie sagen nicht -mehr als gerade nötig ist. Allmählich erst werden sie etwas -gesprächiger. Sie sind zufrieden, sie beklagen sich über nichts. Jeder -deutsche Soldat, mit dem sie es zu tun hatten, war „gut“ zu ihnen. „Nach -dem Kriege werden wir uns die Hände drücken.“ – „Aber die englischen -Zeitungen? Sie sind die gemeinsten Lügner der Welt!“ – Ihre Augen stehen -auf Abwehr. – „Wann seid ihr herübergekommen?“ – „Ich im September, die -andern später.“ – „Wieviel wart ihr? Seid ihr in England gelandet oder -in Frankreich?“ – Die schönen Augen des Clerks von Toronto sehen mich -offen an und schweigen. Er will nicht sprechen. Aber später, als wir -mehr Vertrauen zueinander gefaßt hatten, kam er ganz von selbst auf den -Transport zurück und sagte mir, daß sie 30000 waren, 21 Dampfer, drei -Wochen auf See, in Plymouth gelandet, in England noch ein paar Monate -gedrillt. Es war sehr schlechtes Wetter, immerzu Regen, einer ist am -Regen gestorben. - -„Am Regen gestorben?“ – „Ja!“ - -Der Seemann im Nachbarbett, dessen Fuß zerschossen ist, lacht. „Es war -verdammt schlechtes Wetter, Sir!“ - -Sie erzählen mir alles mögliche, und ich bemühe mich, sie gesprächig zu -halten. Die Deutschen schießen gut, sie würden es niemand raten, den -Kopf auch nur eine Sekunde aus dem Graben zu strecken. Weshalb sie aus -Kanada herüberkamen, um gegen uns zu kämpfen, das wollen sie mir auf der -Stelle sagen. „Die Neutralität Belgiens, Sir! Wir sind gekommen, um euch -aus Belgien zu vertreiben.“ – „Weshalb überlaßt ihr das nicht den -Engländern, haben sie nicht genug junge Leute? Weshalb sollt ihr -Kanadier die Arbeit der jungen Engländer tun?“ – Das Gespräch wird -lebhafter und die Franzosen auf der andern Seite recken die Hälse. - -„Und St. Julien? Wie war es da?“ - -Der hübsche Clerk mit dem geschienten Arm, drei Kugeln, richtet sich im -Bett auf, so gut es geht: Sie kamen also da in Gräben, in denen vorher -Engländer lagen. Aus welchem Grunde gewechselt wurde, wußten sie -vorläufig noch nicht. Später erst begriffen sie es. Zwei Tage lagen sie -da. Sie wußten gar nichts, weshalb, warum, nichts. Essen gab es nicht -regelmäßig. Die Straßen um Ypern herum lagen unausgesetzt unter Feuer. -Plötzlich aber hieß es vorgehen! Weshalb, warum, wohin, kein Mensch -wußte es. Nun aber bekamen sie furchtbares Feuer, schwere Granaten, auf -offenem Felde, ohne jede Deckung. „Ich lag hinter einem Haufen von -gefallenen Kameraden, den rechten Arm zerschossen. Die Kameraden -stürmten weiter, plötzlich Maschinengewehrfeuer, Flankenfeuer, -Gewehrfeuer. Die Kameraden fielen wie hingemäht. Es war zu Ende.“ - -Er sieht mich an. „Wie groß sind die Verluste, Sir?“ Seine Augen fragen, -er denkt, ich könnte mich jetzt recht wohl revanchieren für die Angaben, -die er mir über die Transporte machte. Aber ich weiß es wirklich nicht. -Sehr große Verluste! - -Der Clerk nickt und wendet den Blick ab. „Ich glaube nicht, daß viele -davongekommen sind!“ sagt er ruhig und schlicht. - -„Sie haben wohl genug vom Krieg?“ frage ich ihn, indem ich mich -verabschiede. „Werden Sie wieder gegen uns kämpfen?“ - -Er lächelt. „Nein!“ Und leiser, so daß es die Kameraden nicht hören, -fügt er hinzu: „Es war die Hölle, Sir!“ - -Nun kommen die Franzosen an die Reihe. Sie haben die ganze Zeit -aufmerksam zugehört, die Ohren gespitzt, auf jede Bewegung geachtet, -damit ihnen ja nichts entgehe; verstanden haben sie kein Wort. Sie -wußten, daß auch ihre Zeit kommen würde. Höflich und gefällig erwidern -sie den Gruß. Selbst der Landwirt aus der Gegend von Rouen nickt mit dem -dicken rechteckigen Schädel, obwohl er Schmerzen hat und fiebert. Mich -interessiert mehr als alle andern der Greis an seiner Seite, ein -schmächtiger Mann mit ausgeprägt französischen Zügen. Sein weißgraues -Haar zieht mich an und seine lebendigen, fröhlichen Augen. Er stammt aus -der Bretagne, und da ich mich dort auskenne, so haben wir gleich ein -Thema, um bekannt zu werden. - -„Wann wurden Sie verwundet?“ frage ich. „Im Herbst.“ Er hebt die Decke -in die Höhe, und nun sehe ich, daß ihm das linke Bein bis zur Hüfte -amputiert ist. - -„Wie alt sind Sie?“ - -„Siebenunddreißig Jahre, mein Herr.“ - -Um meine Überraschung zu verbergen frage ich rasch nach dem Alter des -Landwirts aus Rouen. Er ist zwei Jahre jünger. - -„Sie fühlen sich jetzt gesund?“ „Sehr wohl!“ Und der Mann aus der -Bretagne sprudelt seine Geschichte heraus, ungeheuer lebhaft, mit vielen -plastischen Gesten. „Ja, man muß Glück haben, mein Herr, das ist alles. -Es war im Herbst, hier oben in Flandern. Wir mußten zurück, die -Deutschen waren hinter uns her. O, lala, wir hatten es eilig! Da – eine -Granate zerreißt mir den Fuß. Ich verkrieche mich in ein Loch in der -Erde und warte. Die Kameraden sind fort, alle weg, niemand zu sehen. Ich -warte, immer in meinem Loch. Zweiunddreißig Stunden liege ich da, aber -nun hören Sie! Plötzlich Schritte. Ich spitze aus meinem Loch hinaus. -Ein Sergeant vom Roten Kreuz. Ich rufe, er hört. Ich strecke die Arme -hoch – so – er kommt heran und sagt: ‚Rühren Sie sich nicht!‘ Zwei -Stunden später war ich im Lazarett. Man muß Glück haben.“ - -Fröhlich und heiter ist der Mann aus der Bretagne. Er hat dem Tod ein -Bein hingeworfen wie einem Haifisch und triumphiert über den Handel. Im -Krieg wird der Mensch bescheiden. - -Unten im Garten des Klosters treffe ich einen Scheich, mit Turban, -würdigem Bart, elfenbeinernem Gesicht und elfenbeinernen Händen. Er -bittet mich um eine Zigarette. Vielleicht hat er ein Dutzend Frauen zu -Hause, vielleicht ist es Sünde, daß er etwas aus meinen Händen -entgegennimmt, vielleicht verliert er seine Kaste. Einerlei, es ist nun -doch so weit mit ihm gekommen, daß er bettelt. - - - - - Ein Flieger über Brügge - - - Im Mai - -Brügge, das tote Brügge, ist heute keineswegs tot. Es lebt. Aber noch -weiß es nicht recht, ob es wirklich erwacht ist oder ob es nur träumt. -Einen wunderlichen, wirren Traum, grotesk, unfaßbar und unterhaltend, -aus dem aber jeden Augenblick der Schrecken züngeln kann wie eine -Stichflamme roten Feuers. So liegt es, zwischen Wachen und Schlaf, ein -heiteres Lächeln auf den Zügen und einen kleinen Tropfen Angstschweiß -auf der Stirn. - -Seine stillen verwinkelten Gassen hallen wider von schweren genagelten -Stiefeln, die ungeniert auftreten wie zu Hause, und an den Klöpplerinnen -vorüber, die fleißig vor den kleinen Häuschen sitzen, rumpeln schwere -Lastautomobile, so daß der Boden erbebt. Auf dem Fischmarkt hocken -putzige Weiber und ziehen den Aalen die Haut über den Kopf, und während -sie schaben und feilschen, rasselt eine Maschinengewehrabteilung an -ihnen vorbei. Aus dem Schmuckkästchen der Rue de l’Ane Aveugle quillt -ein Bilderbuch: Weiber mit weißen Hauben, Krausen und sonderbaren -Umhängen, und plötzlich weichen sie zur Seite, und der Teufel in der -Vermummung eines Motorradfahrers prasselt und knallt mitten durch sie -hindurch und bewedelt sie mit seinem langen Schweife aus Schwefeldämpfen -und Gestank. Die herrliche Grande Place wimmelt von Leben. Wachen, -Autos, Karren, Züge brauner Marinesoldaten, heiß und staubig, das Gewehr -auf dem Rücken. Die Zeitungsjungen schreien und rennen, um die neuesten -Blätter aus Berlin, Frankfurt und Köln an den Mann zu bringen, und wenn -jemand es wagt, einen scheuen Blick auf die Wunder von Architektur -ringsum zu werfen, so ist eine Meute von Postkartenverkäufern hinter ihm -her. Die Bevölkerung Brügges ist auf den Beinen, denn es ist immer etwas -zu sehen, und die Soldaten sind auf den Beinen, um die Bevölkerung zu -sehen. Ein paar Mönche in braunen Kutten rudern durch einen Schwarm -Feldgrauer. Drei Jahrhunderte fließen auf der Grande Place zusammen, -nicht mehr und nicht weniger. Aber jede Viertelstunde singt das -Glockenspiel oben auf dem Beffroi seinen Choral, fromm und gottergeben, -während unten die Motoren prasseln und rattern. - -Der Krieg ging an Brügge vorüber, und Brügge freut sich, daß es lebt. Es -ist eine Stadt des Friedens, eine Stadt auf Urlaub. Kommt man von da -draußen, wo die Häuser keine Dächer mehr haben und mit Sandsäcken -ausgestopft sind, so wirkt Brügge wie eine Großstadt, in der man nun -ruhig Atem holen will. - -Ein Lehmfarbiger stolpert vor mir über den Platz. An seinen Stiefeln -hängt noch der Schmutz der flandrischen Gräben. Er stolpert, weil er -nicht mehr gewohnt ist, auf richtigem Pflaster zu gehen, er torkelt vor -Verwunderung und kann sich gar nicht zurechtfinden. Hier gibt es noch -Häuser ohne Granatlöcher, und hier sehen wirklich und wahrhaftig -Menschen, Zivilisten, aus den Fenstern und nicht Soldaten und Pferde! Er -dreht den gebräunten Hals hin und her und kratzt sich den golden -schimmernden Stoppelbart. Und hier gibt es – Frauen! Er betrachtet sie -aufmerksam und eingehend, als ob er sie kaufen wolle, von den Schuhen -angefangen bis hinauf zum Scheitel. Er bleibt stehen und glotzt ihnen -direkt ins Gesicht. Zeitungen? Nein, Zeitungen will er nicht. Er will -nichts wissen vom Krieg, er will nichts als dieses Leben hier, diese -Welt, in der er fast ein Fremder geworden ist, und die ihm, weiß Gott -wann, abhanden kam. Hätte er je gedacht, daß es noch eine Stadt gäbe wie -diese, unversehrt, friedlich und sonnig, eine Stadt, genau so wie Städte -früher waren? Er begreift es nicht. Aber nun kommt ein Mädchen über den -Platz, rotweiß gestreiftes Kleid, blondes Haar, hochbusig und mit -Hüften, die sich sehen lassen können. Eine Köchin. Der Lehmfarbige steht -wie angewurzelt, er beginnt zu wachsen, seine Brust wird breiter, und -sein heller Blick strahlt der Köchin entgegen. Sein braunes, mageres -Gesicht ist ernst und ohne jede Bewegung, aber sein Blick folgt jedem -Schritt des Mädchens und sein Gedanke ist so stark, daß die Köchin -instinktiv einen Bogen macht, als sie nahe kommt. Und nun betrachtet er -sie von hinten! Dann stolpert er weiter, bestaunt die Läden, die Frauen, -und immer wieder bleibt er stehen und läßt den Blick über den Platz -wandern. Die Großstadt Brügge hat ihn berauscht! Ein kleines Café, schon -ist er drinnen. Ich genieße das Behagen, mit dem er ein Glas Bier -hinuntergießt. Ein Schluck. Zahlen, gehen. Man sieht, er hat nicht eine -Minute Zeit zu verschwenden. Ein kleines Restaurant, hinein. Beim -dritten Glas verlasse ich ihn. Ich gehe nahe an ihm vorbei und sehe, daß -seine linke Backe eine Anzahl Schmisse trägt. Der Lehmfarbene ist -Student, Gott weiß, wer er ist, momentan ist er gemeiner Soldat, und das -genügt. - -In der Stunde, in der ich in dem verzauberten Brügge eintraf, hatte das -Leben auf der Grande Place gerade seinen Höhepunkt erreicht. Die -Matrosenkapelle konzertierte. Sie spielte laut und vergnügt wie in einem -Badeort an der Ostsee, Warnemünde oder Arendsee. Das Glockenspiel des -Beffroi klingelte seine fromme Weise bescheiden dazwischen. Der Platz -wimmelte von Menschen, und der Waffelbäcker in seinem weißen -Jahrmarktskarren machte glänzende Geschäfte. Plötzlich krachten die -Kanonen in nächster Nähe. Es klang wie Kirchweihschießen, lustig und -ermunternd. Unter dem grauen Gewölk, hoch oben, hing, kaum zu sehen, ein -grauer Doppeldecker, mit direktem Kurs auf den Beffroi. Alle Gesichter -wandten sich nach oben. Die Fenster füllten sich mit Köpfen. Aus den -Haustüren, den Läden strömten die Leute und standen dicht gedrängt auf -dem Platze; ganze Scharen von Kindern. Brügge bekam Besuch, und -jedermann wollte sehen, wie er herankam über den Giebeldächern. Alles -zappelte vor Neugier und Spannung. Die Neugier des Volkes ist immer -größer als seine Angst. Aber es kam noch etwas andres dazu! Mehr oder -weniger freundlich gesinnt, mehr oder weniger gleichgültig, mehr oder -weniger feindlich, die Leute von Brügge waren im Herzen alle Belgier -geblieben, und die da oben in der Luft waren Freunde von ihnen, Belgier, -Franzosen, Engländer, einerlei. Man hatte sie nicht vergessen, da -drüben, hinter dem Yserkanal, auf dem letzten Fleckchen belgischen -Landes. Sie waren Boten, die man ihnen sandte. Mochten sie nun ein paar -Leute, ein paar Bürger töten, darauf kam es nicht an. Es kam darauf an, -daß sie mit der Absicht hierherkamen, dem Feinde zu schaden. Hätten sie -es gewagt, so hätten sie dem Flieger zugejubelt, obwohl er sie töten -konnte, denn er war einer der _ihrigen_! Die graue Maschine kam rasch -näher. Die Kanonen krachten, Schlag auf Schlag. Ein Maschinengewehr -kläffte wütend in die Höhe. Die Schrapnelle platzten rings um die graue -Maschine, in einem Rahmen grauer Tupfen stand sie. Sie stieg höher, -hinein in die Wolke, aber die Schrapnelle folgten ihr in die Wolke -hinein. Es blitzte in der Wolke wie Büschel scharfer Messer, die sich -gegen die Maschine zückten. Es knisterte. In all den Lärm hinein sang -plötzlich das Glockenspiel seinen friedlichen, frommen Choral, -unbekümmert um den Lärm der Welt, und es wird seine Weise singen, sollte -einmal Brügge in Flammen aufgehen, was Gott verhüten möge. Da fiel mein -Blick auf einen Mönch, der neben mir stand. Er hatte den Kopf halb in -die Kutte gezogen und sah mit großen, warmen Augen zum Flugzeug empor. -Im Schoß hielt er ein kleines Gebetbuch. Dieser Mönch verhielt sich zu -den Leuten da oben wie der fromme Singsang des Beffroi zum Krachen der -Geschütze. An Stelle des Gebetbuchs hielten sie Bomben im Schoß, und mit -zusammengekniffenen kalten Augen fegten sie dahin. Es waren, wie gesagt, -die Jahrhunderte, die sich hier auf der Grande Place von Brügge -begegnen. - -Nun aber wurde es Ernst! Er kam heran, so wütend auch das -Maschinengewehr hämmerte. In ein paar Sekunden mußte er über dem Platze -schweben. Wie der Tod auf Flügeln kam er daher. - -Wie auf ein Signal rissen die Leute aus. Die Panik setzte ein, und die -Menge explodierte. Nach allen Seiten, _strahlenförmig_, machten sie sich -davon, die Kinder auf raschen, dünnen Beinen voran. Sie stürzten in die -Gassen, in die Haustüren, in die Kaffeehäuser. Die Erde verschluckte -sie, und die Köpfe verschwanden aus den Fenstern. So erstaunlich ihr Mut -vor einigen Sekunden war, so komisch wirkte diese überstürzte Flucht. -Mein Mönch? Er war wie weggeblasen. - -Ich zog mich unter ein solides Portal zurück, und man kann mir glauben, -wenn ich sage, daß ich das Portal vorher genau auf seine Konstruktion -untersuchte. - -Leer lag der Platz, wie reingefegt. Keine Seele weit und breit, kein -Gesicht in einer Tür, einem Fenster. Es war wie Zauberei. Nicht einmal -ein Hund war zu sehen. - -Der Kampfplatz war dem Maschinengewehr, den Geschützen und dem Flugzeug -unter den schmutzigen Wolken überlassen. Die Maschine schwebte eine -Sekunde über dem Rande des Platzes, dann, gerade im entscheidenden -Moment, bog sie scharf nach rechts aus. Es war ihr zu ungemütlich -geworden. Sie stieg höher, verschwand in der Wolke und machte den -Versuch, zurückzukehren. Aber eine Salve von Schrapnellen fuhr ihr -entgegen, eine ganze Mauer grauer Wölkchen. Sie kehrte um. - -Ein paar Minuten blieb der Platz leer, dann aber strömte das Leben -wieder auf ihn zurück. Kinder, Mädchen, Hunde, der Waffelbäcker, -Feldgraue und Lehmfarbene. Die Chauffeure, die ausgerückt waren, standen -plötzlich wieder bei ihren Wagen. - -Das Glockenspiel des Beffroi bimmelte wieder seine fromme, gottergebene -Weise. - -Nichts war geschehen. Das träumende Brügge war zusammengeschauert in -seinem Traum. Das war alles. - - - - - Die Schlacht bei Arras - - - 4. Juni - -Auf der Lorettohöhe, die gestern noch niemand kannte und die heute in -aller Munde ist, stand eine Kapelle, die berühmte Kapelle von Notre Dame -de Lorette. Nach einer französischen Legende sollte sie in diesem Kriege -eine geheimnisvolle und wunderbare Rolle spielen. Die Kapelle existiert -heute nicht mehr, sie ist ein Schutthaufen. Zusammenstürzend hat sie die -Legende unter ihren Trümmern begraben. - -Joffres zweiter, größter und wütendster Durchbruchsversuch ist -gescheitert. Diesmal sollte es geschehen! Es handelte sich nicht um ein -paar lumpige Gräben, es handelte sich um die Zerschmetterung der -feindlichen Menschenmauer. Die Fahnen des französischen Marschalls -flatterten bereits in Lille, in Valenciennes. Es ist nichts daraus -geworden. - -Sorgfältig und umsichtig, wohldurchdacht waren Joffres Vorbereitungen. -Sie reichen bis in den April zurück. Truppenverschiebungen, Heranziehen -der Reserven, das Herbeischaffen von Munition, jener Berge von Munition, -die der Marschall brauchte, um uns zuzudecken. Das alles mußte so -geheimnisvoll wie möglich geschehen, heute, wo die Augen der Heere hoch -oben in der Luft hängen. Eine bedeutende Leistung! Eine Provinz wollte -Joffre erobern, ein Riesenheer setzte er in Bewegung, ein paar Dörfer -und Schützengräben hat er gewonnen. Sie kosteten ihn eine ungeheure Zahl -von Menschenleben. - -Und heute, nach beinahe vier Wochen, ist diese ungeheure Schlacht noch -nicht zu Ende. Noch immer stampfen und pochen die Geschütze. Die ganze -letzte Nacht hindurch schlugen sie. Aber es ist nicht mehr die Wut des -Orkans, der ausbricht, es ist die hohe Dünung nach dem Sturm. - -Vier Tage vor dem 9. Mai begann der Feind unsre Stellungen unter -schweres Feuer zu nehmen. Am 9. Mai, dem Tage des Angriffs, in aller -Frühe, eröffnete er, ganz wie im Frühjahr in der Champagne, ein -beispielloses Trommelfeuer auf unsre Gräben. Er trommelte sie auf der -ganzen Front ab, von Arras angefangen bis hinauf in die Höhe von Lille, -eine Strecke von vierundzwanzig Kilometern. Es war die Hölle. Die Erde -dort ist durchsiebt von Granaten. Dann gingen seine Kolonnen in dichten -Staffeln vor. Aber das Unmögliche geschah: _unsre Truppen hielten stand_ -gegen die mehrfache Übermacht. Wir wollen sie nicht vergessen, die Leute -von Ecurie, Neuville, Ablain, Carency und wie sie heißen! Was sie taten -für uns, das wird die Geschichte später verkünden. Es war -übermenschlich, mehr als Heldentum. Ein paar Gräben gingen verloren, -Carency und Ablain mußten geräumt werden von uns, das war alles. -Unbedeutende vorgeschobene kleinere Stellungen gaben wir freiwillig auf. - -Zu gleicher Zeit, am 9. Mai, griffen die Engländer im Norden an. -Südwestlich von Neuve Chapelle, östlich von Richebourg. Im Vergleich zu -dem wütenden, heroischen und fanatischen Angriff der Franzosen war ihr -Sturm matt. Nach einem aufgefundenen Befehl stand uns hier ebenfalls -eine große Übermacht gegenüber. In drei Linien griffen die Engländer an. -Das erste Regiment ging zurück. Ein zweites englisches Regiment, das -vorgeworfen wurde, versagte gänzlich. Es streikte. Wie so häufig -überließen die Engländer die schwere Arbeit den andern. Nun stürmten die -Schotten vor, das Regiment Scotch Blackwatch. Es wurde durch unser Feuer -fast gänzlich niedergemäht. Nach Aussagen von Gefangenen zählte man an -diesem Tage achthundert Tote. Zwei Schotten, die bis an unsre Gräben -gelangt waren, ergaben sich. Sie konnten nicht hereingenommen werden und -lagen vor der Brustwehr von fünf Uhr nachmittags bis sechs Uhr früh, und -unsre Leute mußten über ihre Körper wegfeuern. - -Der wütende Ansturm kam zum Stehen. Unsre Heeresverwaltung ließ ihren -Apparat spielen und warf Reserven und Truppenmassen ins Gefecht: Joffres -Durchbruch war mißglückt. - -Zu einem einheitlichen Angriff großen Stils fehlte dem Gegner seit -dieser Zeit die Kraft. Indessen fanden Tag und Nacht größere und -kleinere Teilangriffe statt. Der Erfolg schwankt hin und her. Zuweilen -gelingt es dem Feind, in unsre Gräben einzudringen, er wird durch -Handgranaten vertrieben. Ein Angriff ohne Artillerievorbereitung, den er -am 12. unternahm, erstarb schon im Feuer unsrer Geschütze. Nahkämpfe, -bei denen Bajonett, Kolben und Handgranaten arbeiten, sind alltäglich. -Alles in allem zählte man sechsundvierzig Angriffe gegen verschiedene -Stellungen unsrer Front, seit dem 9. Mai. Unter diesen sechsundvierzig -Angriffen waren acht von größerer Bedeutung. - -Wieder und wieder, hartnäckig und verbissen, läuft der Feind gegen -Punkte unsrer Front an, die strategisch besonders wichtig sind. So gegen -unsre Stellungen an der Straße Souchez-Aix-Noulette. Bei Ablain, das -wir, wie erwähnt, geräumt haben. Gegen die Höhe nördlich Neuville. Im -Dorfe Neuville selbst wird Tag und Nacht gekämpft, und hier werden die -Kämpfe noch lange wüten. Vor einigen Tagen überrannte hier der Feind -unsre Barrikaden, aber nach halbstündigem erbitterten Kampf wurde er -wieder zurückgeworfen. Gegen den starken Riegel, den wir über die -Lorettohöhe zogen. Die Trümmerstätte der Kapelle selbst ist in den -Händen des Feindes. Gegen die Straße Ecurie-Roclincourt. Hier hatte der -Feind bei La-Maison-blanche ungeheure Verluste, und die Erde trank das -französische Blut in Strömen. Gegen unsre vorspringende Front nördlich -von Ecurie. Hier fanden wiederholt wütende Angriffe statt. Unsre -Geschütze legten einen Kranz von Geschossen vor unsre Gräben. So heftig -war das Feuer, daß ein französischer Offizier überlief, er war fertig -mit den Nerven. Das oft genannte Labyrinth bei Ecurie befindet sich noch -in unsrem Besitz. - -Die Engländer im Norden haben in der letzten Zeit größere Angriffe nicht -unternommen. - -Obwohl unsre Heeresleitung keine andre Absicht verfolgte als unsre -Stellungen zu halten, sich also rein defensiv verhielt, haben wir in den -letzten Kämpfen doch acht Offiziere und fünfzehnhundert Mann zu -Gefangenen gemacht. Joffre gewann etwas Terrain. Auf einer Front von -vier Kilometern rückte er achthundert bis fünfzehnhundert Meter vor. -Dieser geringe und unwesentliche Geländegewinn steht in einem tragischen -Mißverhältnis zu dem Aufwand an Kampfmitteln und den Verlusten. Wenn -Joffre seine Toten beerdigt, so wird er finden, daß er einen Friedhof -erobert hat. - - - - - Die Lorettohöhe unter Feuer - - - Im Juni - -Der Tag ist heiß, und die Schlacht wütet. Es ist immer dieselbe -Schlacht, eine der furchtbarsten und größten dieses Krieges, die -Schlacht bei Arras. Sie dauert schon Wochen, wird sie nie enden? In der -schwülen Nacht polterten und schlugen die Geschütze, und sie poltern und -schlagen in den heißen, glühenden Tag hinein. Die Kanoniere schlafen -nicht mehr. Je näher der Wagen kommt, desto lauter krachen die harten -Schläge der Kanonen. - -Die Landschaft ändert sich. Aus dem Grün der Wiesen und Felder heben -sich riesige, unförmige Aschenhaufen, grauschwarz und öde, die -Schlackenberge der Kohlenzechen. Plump und häßlich liegen die -Schutthalden da, unproportioniert, die Wohnstätten der Menschen, die -grünen Baumwipfel überragend, unfruchtbar inmitten der fruchtbaren Erde. -Sie sehen aus wie die Krater erloschener Vulkane. Hohe Kamine, -Fördertürme, Backsteingebäude, Beton- und Eisenfachwerk. Hier vorn, in -der Feuerzone, stehen die Zechen still. Weiter hinten rauchen Schlote. -Im Norden, im Dunst der Sonne, steht auch die feine Rauchfahne der Zeche -von Courrière, deren Unglück vor Jahren das Herz der ganzen Welt -erschütterte. Damals eilten westfälische Bergleute herbei, um ihren -französischen Kameraden Hilfe zu bringen. Es handelte sich um zwei- bis -dreihundert Bergleute, die in der harten Schlacht um das tägliche Brot -fielen, und die Welt brachte ihnen jene Summe von Mitgefühl entgegen, -die im geraden menschlichen Verhältnis zu der Katastrophe stand. Man hat -es vergessen. Viele tausend Jahre liegen zwischen der Schlacht von Arras -und jenem denkwürdigen Tage, da deutsche Männer ihren französischen -Kameraden im gleichen Landstrich zu Hilfe eilten! Heute handelt es sich -um Hunderttausende, um mehr. Die Welt schweigt! Mehr als das: die ganze -Welt arbeitet fieberhaft, um Material zu liefern, das die Legionen der -Opfer vermehrt. Die Welt will leben, damit andre sterben. Das ist die -Wahrheit. - -Auch drüben beim Feinde rauchen die Schlote! Sie fördern sogar in der -Feuerzone, sie brauchen Kohle. Selbst wenn hineingefunkt wird, stellen -sie den Betrieb nicht ein. So ist der Krieg. - -Das Auto biegt in einen Zechenhof ein. Es ist still hier und so sauber -wie in einem Tanzsaal. Die Zeche steht still, sie ist längst ersoffen. -Wo es früher rasselte und zischte, daß man sein eignes Wort nicht -verstehen konnte, herrscht jetzt Feiertagsschweigen. Stille Leute sind -hier eingezogen, Verwundete und Ärzte. Die Zeche ist ein Lazarett. - -In dem großen Zechensaal liegen sie, die Tapferen, die für uns gekämpft -haben, in langen Reihen. Der Saal ist hoch, luftig und rein und die -Betten schneeweiß. Die Fenster stehen offen. Von dem Saal aus blickt man -direkt in die Baderäume, die früher den Bergleuten dienten. Nichts -fehlt, nichts ist vergessen, für alles ist hier wohl gesorgt. Ärzte und -Pfleger bewegen sich zwischen den Betten, Schwestern gibt es hier außen -nicht. Leichter oder schwerer verwundet, je nachdem die Schlacht sie -losließ, liegen sie da und leiden heroisch, so wie sie vorher heroisch -kämpften. Viele schlafen. Sie sind erschöpft, oder das Morphium hilft -ihnen über die schlimmsten Schmerzen hinweg. Einzelne stöhnen im Schlaf. -Einer hat das Gesicht mit einem Tuch bedeckt, und seine Hände zupfen im -Schlaf leicht an der Decke. Es gibt hier blutige Verbände und viel -Schreckliches, daß einem das Herz stehenbleibt, aber ohne Blut und -Wunden gibt es keinen Krieg. Die meisten sind erst heute nacht und in -den letzten Tagen eingeliefert worden. Einer hat den Kopf vollkommen -eingewickelt, so daß er aussieht wie eine Wattekugel. Aber zwei frische -und muntere Augen blicken aus den Binden hervor. Es gibt hier Gesichter -von allen möglichen Farben. Ein gelbes Gesicht mit geweiteten Augen -verfolgt mich lange. Der Mann war am Tode, aber der Arzt versichert mir, -daß für ihn keine Gefahr mehr besteht. Die meisten Gesichter aber sind, -so erstaunlich es ist, braun und frisch, es sind robuste Burschen, die -etwas vertragen. - -Einer sitzt in seinem Bett, der geschiente linke Arm ist hoch gelagert -und an einem richtigen Strick aufgehängt. Mit der Rechten schreibt er -eine Feldpostkarte. Ja, er schreibt an seine Frau, daß es ihm gut geht, -und er hat keine Lust, sich lange stören zu lassen. Ein junger -Unteroffizier lächelt mir mit roten Wangen und hellblauen Augen -entgegen. Er ist achtzehn Jahre, blond und frisch, Zögling einer -Unteroffizierschule. Er bekam einen Schuß in den Schenkel, wuchtig wie -eine große Keule warf ihn die kleine Kugel nieder. Er hat keine -Schmerzen, nein, zuweilen ein bißchen, morgen geht es in die Heimat, und -bald kommt er wieder. - -Aber es gibt hier viele, die nicht schreiben und nicht fröhlich -plaudern, und hier gibt es manche, die ihre Heimat nicht mehr sehen -werden. - -Im Hof sind zwei Krankenautos vorgefahren. Eine Tragbahre steht auf der -Erde, und darin liegt ein Kanonier mit verbundenem rechten Arm. -Schmutzig und zerrissen, wie er aus der Schlacht getragen wurde, liegt -er da, und sein Verband rötet sich langsam vom Blute. Die Stiefel hat -man ihm ausgezogen. Sein Gesicht ist braun, fast schwarz und sein Blick -stark. Ich sehe, daß er die Zehen in den Socken verkrampft. Die Mütze, -eine runde, schirmlose, verstaubte und verknüllte Mütze, hat er noch -keck auf dem Kopfe sitzen. - -„Haben Sie Schmerzen?“ frage ich ihn und sehe, wie seine Zehen arbeiten. - -Er schüttelt den Kopf. „Ein bißchen Schmerzen muß man schon aushalten, -es schadet nichts. Ein Volltreffer kam in die Batterie, schweres -Kaliber, drei Mann tot, fünf verletzt.“ Er spricht, als stünde er mit -Granaten auf du und du. „Die andern sind im Wagen.“ - -Ich blicke hinein. Es stöhnt da drinnen. Ich gehe. - -Im Zimmer des Zechenpförtners liegt ein Franzose. Er liegt allein, nicht -weil er ein Franzose ist, sondern weil es schlecht um ihn steht. Seine -Wunde ist zu furchtbar, als daß man ihm wünschte, durchzukommen. Er ist -ein schöner junger Mann, vielleicht fünfundzwanzig. Sein schmales -Gesicht ist bleich und still, seine Augen tiefbraun und noch voller -Leben und Bewußtsein. Tagelang wird er noch unterwegs sein, bevor er -sein Ziel erreicht. - -Die beiden Krankenwagen fahren aus dem Hof, ein voller Wagen kommt -herein. Herrlich ist die Hilfsbereitschaft und Unermüdlichkeit der Ärzte -und Pfleger und Krankenträger. Es gibt viel zu tun in diesen Tagen. - -Mit der Landschaft haben sich die menschlichen Wohnstätten und die -Menschen geändert. Es sind keine anmutigen Dörfer mehr, es sind -Arbeiterviertel, aus der Großstadt in die Landschaft geworfen. Rußige -Backsteinhäuser, staubige Straßen, schmucklose Fenster mit ein paar -Fetzen schmutziger Gardinen. Die Bewohner sind keine Dörfler und Bauern, -es sind Städter aus den Kellerwohnungen, in billigen, verschlissenen -Kleidern. Bleich, schlecht genährt und schwindsüchtig stehen sie untätig -vor den Haustüren und starren dem Wagen mit stumpfen Blicken nach. -Fahle, greisenhafte Kinder, mit einer Spur von Schönheit, die in den -Geschlechtern verklingt, halbwüchsige Burschen mit kecken Mützen, die -Zigarette zwischen den schmalen Lippen. Sie greifen an die Mütze, wenn -man vorbeikommt, und strecken die Zunge heraus, sobald man vorüber ist. -Nur ganz selten kann ich jenen schönen und helläugigen Typus des -Arbeiters entdecken, den die Arbeit nicht vernichtete. - -In das Industriedorf B. wird zuweilen hineingeschossen. Ein paar Dächer -sind abgedeckt, ein paar Häuser zeigen Granatlöcher. Gestern kamen -einige Granaten herüber und töteten eine Frau und zwei Kinder. Heute -sitzen Weiber und Kinder schon wieder an der Straße, als sei nichts -geschehen. - -Gleich hinter diesem Dorf sinkt die Straße ins Tal, in die breite -Talmulde hinab. Und drüben liegt sie ausgebreitet wie ein Panorama, die -berühmte Höhe, die so viel Blut getrunken hat, die Lorettohöhe. - -Sie sieht anmutig aus. Golden und grün steigt sie aus der grünen -Talmulde empor, breit und sanft, ein flacher Höhenzug, von Hügelketten -flankiert. Oben ist sie bewaldet, Laubwald, das Bois de Bovigny. Sie -liegt in der glühenden Sonne, und Wolkenschatten ziehen darüber hin. Sie -sieht aus wie eine sonnige Höhe in Franken oder in Thüringen oder -irgendwo, es ist gar nichts Besonderes an ihr. Ein breiter, sanfter -Höhenzug in der Junisonne, der Dunst der Hitze darüber und etwas Wald -auf der Kappe, nichts sonst. Und doch ist diese anmutige, sonnige Höhe, -die so friedlich aussieht, daß man glauben könnte, Schafe würden dort -weiden und Kinder spielen in den Wiesen, heute nichts als ein großer -Grabhügel, ein Riesengrab. Tausende und aber Tausende liegen dort, -Freund wie Feind. Sie fielen im Herbst, im Winter, im Frühjahr. Viele -konnten nicht begraben werden. Sie lagen monatelang in der Sonne, im -Schnee, im Regen, und die Erde zerrte an ihnen und zerrte sie langsam in -sich hinein. Des Nachts starrten sie aus ihren offenen Augen in die -glitzernden Sterne empor, in jene Welt des Friedens und der -Herrlichkeit, wo ihre Seelen jetzt wanderten, während ihre Leiber in der -Hölle dieser Erde lagen. So furchtbar ist die Wut des Krieges, daß die -Gegner sich nicht einmal die Zeit zur Bestattung ihrer Toten gewähren -können, wie es Heiden und Wilde taten. - -Man wird nun einsehen, daß die Anmut und Lieblichkeit dieser Höhe eine -Lüge ist. Dort oben gibt es schauerliche Dinge, an die niemand gern -denkt. Es gibt dort Sumpfstreifen, in denen die Toten langsam versunken -sind, so daß heute nur noch ein Stiefel oder ein Ellbogen heraussieht. -Es gibt Gräber voller Unheimlichkeiten, halb voll Wasser und Schlamm, -und ein Schnurrbart sieht aus dem Wasser. Es gibt hier Dinge, die man -nicht erzählen kann. Wenn der Bauer einst hier wieder pflügt, so wird er -bei jedem Schritt auf Knochen stoßen, auf Stiefel und zerbrochene -Gewehre. - -Hier oben stand die oft genannte Kapelle von Notre Dame de Lorette. Sie -ist heute ein Haufen Trümmer. - -Hier oben hat jeder Quadratmeter Boden seine Kämpfe gehabt, seine Toten, -sein Entsetzen. Die Erde ist zerfetzt von Granaten. Hier oben hat jeder -Weg, hat jede Besonderheit ihren Namen, und an all diesen Namen hängt -viel Blut und Heldenmut. Diese Namen werden weiterleben, und die -Soldaten, die die Höhe freigab, werden von ihnen sprechen, wenn sie alt -sein werden. Da ist die Kanzel, der Hohlweg, der Barrikadenweg, die -Schlammulde, die Totenwiese. Diese Namen kehren wieder in den -Gefechtsbüchern der Regimenter, die hier kämpften. - -Hat jemand gewußt, welche Bedeutung diese Höhe in diesem Kriege hat? -Niemand. Zuweilen wurde sie in kurzen Telegrammen genannt. Man wird -anfangen, an sie zu denken. - -Seit Wochen ist sie unter schwerem Feuer. Auch heute. - -Sie _raucht_. - -Auf den ersten Blick sieht es aus, als würden auf dem goldgrünen sanften -Abhang der Höhe, über den still die Wolkenschatten ziehen, Feuer von -Kartoffelkräutern abgebrannt, deren rostbrauner Qualm senkrecht in die -heiße Luft steigt. Als ständen hinter der Höhe, hinter dem Bois de -Bovigny, Reihen von Fabrikschlöten, die ihren Rauch emporwirbeln lassen. -Aber diese dicken Säulen rostbraunen Qualms entstehen urplötzlich, ohne -jede Vorbereitung, drei, vier fahren nebeneinander aus der Erde. Sie -wechseln ebenso urplötzlich den Ort, bald stehen sie höher, bald tiefer, -bald ein paar Kilometer rechts, bald links. Sie sind rostbraun und -rostrot und zuweilen schwarz wie Ruß. Es sind die Einschläge der -französischen Granaten, die unsere Gräben eindecken wollen. Die Gräben -selbst kann man von hier aus nicht sehen, aber an den Einschlägen der -Granaten kann man ihre Kurve verfolgen, die sich quer über den Fuß der -breiten Höhe zieht. Auch hört man die Einschläge nicht, denn die -Geschütze donnern und rollen ohne Pause. - -Aus dem Bois de Bovigny wirbelt eine pechschwarze Rauchwolke empor, -turmhoch, und in der nächsten Sekunde eine zweite, deren Qualm sich hoch -oben mit dem Qualm des ersten Einschlages vereinigt. Deutsche Granaten. -Die schwarzen Rauchfahnen hinter dem Wald wehen hin und her, sie steigen -an verschiedenen Stellen zur gleichen Zeit in die Höhe, stehen -minutenlang und nehmen die Form von Pinien an. Sie verblassen, und ein -neuer Krater speit Schwärze und Finsternis in die Luft empor. - -In der Talmulde, die so friedlich und sonnig aussieht, hinter den -winzigen Häusern da unten, wälzt sich eine safranfarbene Wetterwolke. -Sie schwankt schwer und unheilvoll am Boden, hebt sich hoch und steigt -dick geballt in die Luft, einen Teil der Höhe verdeckend. Eine schwere -Granate, die einer unserer Batterien galt. Wütende Abschüsse. Schlag auf -Schlag, die Luft dröhnt. Hinter dem Bois de Bovigny, im Tal gegen Ablain -zu, steigt eine schwarze Wetterwand in den blauen Himmel. Wir bleiben -ihnen nichts schuldig! - -Plötzlich kommt unten in der Talmulde eine rostbraune Granatwolke ins -Laufen. Es sieht merkwürdig aus. Es ist ein spitzer Kegel, ein spitzer -Wirbel von rostbraunem Rauch, der sich rasch dahinbewegt wie der Rauch -eines Eisenbahnzuges. Es ist ein Auto, das da drunten auf dem staubigen -Straßenfaden wie toll dahinfegt. Es fährt um sein Leben. Ein weißes -Wölkchen steht urplötzlich über dem Auto im heißen Blau des Himmels. Ein -Schrapnell. Zu hoch. Ein zweites. Das Auto läuft wie eine Maus, die -Angst hat. Es ist toll, hier zu fahren! Droben im Bois de Bovigny sitzt -der Franzose mit seinen Scherenfernrohren und sieht jede Katze im Tal. -Es sind Offiziere, Befehlsüberbringer. Es muß sein. Durch! - -Die Sonne brennt. Es ist drückend heiß, und der Schweiß läuft mir über -das Gesicht. - -Die Lorettohöhe blinzelt und blinkt. Ein unsichtbares wütendes Fabeltier -stampft auf ihr hin und her und reißt den Boden mit den Hörnern auf und -schleudert die Erde in die Höhe. Heiß, heiß wie die Hölle muß es dort -drüben in den Gräben sein, wo unsere tapferen Jungen liegen. Der Himmel -sei ihnen gnädig. - - - - - Nachtkämpfe bei Arras - - - Im Juni - -Erstickend heiß, staubig und lärmend waren die Straßen am Tage, und nun -genieße ich es, in die sinkende Nacht hinauszufahren. Schon stehen die -Sterne blaß am Himmel. Die Bäume rauschen, und die Luft ist lau und -erfrischend. Die Dunkelheit erquickt die Augen, die entzündet sind von -Staub und Schweiß. Es ist die Zeit, da die Kröten aus den Löchern -kommen. - -Auf all den dunkeln Straßen der flachen Landschaft wandert und knirscht -und knarrt es. Aber es ist ein Lärm ohne Hast und Geschrei, ein Lärm wie -im Frieden, wenn die Bauern auf den Markt fahren. Die Kolonnen sind -unterwegs. An endlosen Wagenzügen fahren wir entlang, und die schweren -Pferde strecken die Schenkel, sobald sie die Hupe hören. Große, vom -Lichtschein erschreckte Pferdeaugen glotzen uns argwöhnisch von der -Seite an. Es ist das Futter für die unersättlichen Schlünde der Kanonen. -Langsam knarren die Wagen dahin. Sie haben keine Eile. Sie haben das -Futter zur bestimmten Zeit gefaßt, sie sind zur bestimmten Zeit -aufgebrochen, und sie werden auf den Punkt dort eintreffen, wo sie hin -sollen. Keine Erregung, kein lautes Wort. Die Fahrer rauchen die Pfeife, -sie haben sich behaglich und faul zurechtgesetzt, aber sobald der Wagen -vorbeikommt, werfen sie mit einem kurzen Ruck die Nase in die Luft. Die -Pfeife behalten sie dabei zwischen den Zähnen, aber niemand verlangt, -daß sie hier außen die Pfeife aus dem Mund nehmen. Hier draußen ist -vieles anders. Es geht auch so. - -Zwischen den dunkeln stummen Pappeln marschiert ohne Tritt eine -Kompanie. Auch sie traben gemächlich dahin, sie haben keine Eile. Auf -den Punkt werden sie dort sein, und auf den Punkt werden sie im Graben -stehen. Ihre grauen Helme wackeln hin und her, und die schweren Stiefel -schlagen Staub aus der Straße. Junge Gesichter fliegen vorüber, bärtige, -rasche, neugierige Blicke, ein Scherzwort. Sie sind gut ausgeruht, -frisch gewaschen und gehen gleichmütig ins Gefecht, als gingen sie zur -Arbeit. „Rechts getreten!“ Der Zug an der Spitze tritt zur Seite. - -Wieder eine Munitionskolonne. Ein Zug Lazarettwagen kommt ihr entgegen. -Wir müssen halten und uns an den muskulösen Schenkeln der Lastpferde -vorbeidrücken. In den Lazarettwagen haben sie die Leinwand -zurückgeschlagen, um frische Luft zu bekommen. Still und ergeben liegen -sie in den Wagen. Einzelne, mit Binden um den Kopf oder mit -Armschlingen, sitzen auf dem Bock. Auf der einen Seite ziehen sie -hinaus, auf der andern zurück. So ist der Krieg. Neuville, die -Zuckerfabrik, Souchez und die Lorettohöhe kosten viel Opfer. Tag und -Nacht. - -Überall wandert und trappelt es in der Nacht. Am Tag ist hier nicht viel -zu sehen, ein paar Autos, ein paar Karren, fast keine Soldaten. Denn am -Tage wimmelt es hier von Fliegern wie an keiner Stelle der Front. Am -Tage ist hier Ebbe, aber in der Nacht kehrt die Flut zurück, um Gräben -und Batterien da draußen zu speisen, und sie verschlingen viel. Nacht um -Nacht ist es das gleiche, bei uns wie bei ihnen da drüben. - -Achtung! Wir müssen zur Seite. Ein paar Autos kommen wie die Hölle -angeritten. Es sind Befehlsempfänger, die von den Stäben zum -Oberkommando jagen, und sie kennen keine Gnade. Die Mützen über den -Schädel gestülpt, die Köpfe eingezogen im Luftzug, fliegen sie vorüber. - -Ein schweres Geschütz, von sechs Pferden gezogen, kraucht durch die -Nacht. Zur Front, wie alles. Es läßt den Kopf hängen und scheint auf der -Lafette zu schlafen wie ein müdes ergrautes Walroß. Aber die Kanoniere -da draußen werden es wachrütteln, und es wird seine Arbeit wieder -aufnehmen wie in der letzten Nacht. Wird seinen grauen Kopf heben und -zum Himmel emporbellen. - -Ein matterleuchtetes Fenster. Ein Dorf. Der Posten tritt vor und mustert -rasch Wagen und Insassen. Das Dorf ist stockfinster. Keine Lampe, -nichts, keine Bewohner. Ein paar Soldaten sitzen in Hemdärmeln in den -finsteren Haustüren. Wieder Chaussee. Wieder Kolonnen. Stille finstere -Dörfer. Der Wagen biegt ab, passiert eine schnurgerade Straße schwarzer -Arbeiterhäuser. Er hält bei einer Zeche. - -In wenigen Minuten sind wir oben auf dem dunkeln, öden Schlackenhaufen. -Ich hole Atem. Was ich sehe, ist ein nächtlicher Spuk. - -Ich will versuchen, es zu beschreiben, obschon es unmöglich ist. Niemals -aber werde ich imstande sein, mein Erstaunen auszudrücken, als ich es -zum erstenmal sah: nicht mehr ist es und nicht weniger als ein Feuerwerk -des Teufels. - -Zuerst sehe ich nichts. Die dunkle Halde, der Zechenhof. Ein paar -Fabrikschlöte, der Förderturm, dunkle Wände mit schwarzen hohen -Kirchenfenstern. Schuppen, Bahngeleise. Die Dächer einer -Arbeiteransiedlung, alle gleich hoch, gleich groß, wie Treibhäuser. - -„Dort unten liegen zwei französische Spione begraben,“ sagt die Stimme -des Offiziers an meiner Seite. „Dort bei den Schuppen. Vor dem kleinen -Schuppen, ein paar Schritte nach rechts.“ - -Nun entdeckte ich den Grabhügel. „Waren es wirkliche Spione?“ - -„Ja. Zwei Offiziere. Sie hielten sich lange Monate in Douai verborgen. -Dann verkleideten sie sich als Frauen, ein schmutziges Straßenmädchen -nahmen sie noch mit. Aber sie wurden gefaßt.“ - -Ich bin ungläubig. Es klingt wie ein Märchen. - -„Es ist wahr. Ich sah sie sterben. Sie leugneten gar nicht, sie -gestanden es ein. Sie starben gefaßt und mit Würde, wie Offiziere. Es -waren zwei mutige Burschen.“ - -Elend sieht dieser helle Fleck bei den Schuppen drunten aus. Mich -fröstelt. Die Frösche quaken in den Wiesen, die dunkeln Baumwipfel -bewegen sich. Die Kanonen brummen und pochen. Man gewöhnt sich daran; -Tag und Nacht hört man hier nichts anderes, selbst wenn man schläft. Man -hört nicht mehr hin, nur wenn eine schwere Batterie donnert und -trommelt, wendet man den Kopf. Hinter den Arbeiterhäusern dehnt sich das -mächtige Land, gespensterhaft durchsichtig im Licht der Sterne. Und aus -dem fahlen Lande, am Horizont, steigen dunkle Höhenzüge empor, scharf -abgegrenzt gegen den graublauen Nachthimmel. - -„Das da links ist die Höhe von Vimy. In der Mitte, der breite Rücken, -das ist die Lorettohöhe, und rechts davon, das sind die Höhen hinter -Aix-Noulette.“ - -Plötzlich steigt hinter der Lorettohöhe ein weißer, sprühender Mond -empor und bleibt minutenlang stehen. Kreidebleich ist ein Teil der Höhe. -Der Mond sieht aus wie ein Leuchtfeuer, das auf das Meer hinaussprüht. -Plötzlich aber sind es zwei, drei, sechs Monde, die über den Höhenzügen -schweben, ein Viertel des Horizontes beherrschen sie. Hinter den dunkeln -Höhen wetterleuchtet es unaufhörlich, ein Feuerstrahl, rot und flammend, -dick wie ein Balken fährt schräg aus dem Wald auf der Höhe heraus. Die -Monde sinken, ganz langsam, und verlöschen. Aber schon stehen neue über -den Höhen. Weitab links blinzelt ein rötliches Feuer am Himmel, wie ein -entzündetes Auge. Ein Blinkfeuer im Dunst. Im Norden antwortet eine -grüne Kugel, die rasch steigt und rasch verlischt. Die Geschütze -trommeln. Ein paar sanfte schöne Sterne versprühen, Schrapnelle. Aus der -Lorettohöhe schießen, dicht nebeneinander, zwei Fühlhörner empor, mit -glühenden Kugeln an den Enden. Blitze fahren über das Land und den -dunkeln Himmel. Die Sterne verblassen. In der Ebene poltert und kracht -es. Fahle Lichtgarben, stumpf wie Rasierpinsel, stehen in der Ebene: -Einschläge von Granaten. Ein Rudel roter Leuchtkugeln. Ein gelber -Halbmond, der traurig und trüb verglimmt, schauerlich wie über -hoffnungsloser See. - -Es ist wie ein toller Spuk, ein Traumgesicht. Das höllische Feuerwerk -zuckt und spielt, jede Sekunde sprüht es anders, schöner, wilder. - -Diese Lichtsignale sprechen zu den Batterien. Alles können sie lautlos -in den Himmel emporsprühen. Und die Geschütze antworten, sie verstehen -alles, sie antworten präzis und unerbittlich. - -Früher dauerten Schlachten ein paar Stunden, höchstens ein paar Tage. In -der Nacht standen sie still. Heute dauern sie wochenlang und der Tag ist -zu kurz, in der Nacht wüten sie weiter. - -Über der Lorettohöhe stehen nebeneinander, in gleicher Höhe, drei rote -Monde und glühen zu uns herüber. Grüne Raketen fahren gespenstisch in -die Höhe. Horch! Durch das Poltern und Trommeln der Geschütze hindurch, -in den sekundenlangen Pausen zwischen den dumpfen Schlägen hört man -deutlich das rollende Gewehrfeuer und das Knattern der Maschinengewehre. -Es klingt, als würde ein Wagen voll Kohlen ausgeschüttet. Angriff! - -Wieder greift Joffre an. Gestern nacht griff er an sechs verschiedenen -Stellen an und dreimal an ein und derselben. Um zehn, um ein Uhr und um -drei Uhr. Unsere Leute sind hart wie Stahl. Sie halten Unmögliches aus. -Die Maschinengewehre mähen die französischen Kolonnen dahin, ganze Züge -fliegen in die Luft, Lawinen von Leibern rollen über die Abhänge. Aber -Joffre greift an! Man hat mir gesagt, wie hoch man seine -Verluste schätzt, es sind irrsinnige Zahlen, ich wage sie nicht -niederzuschreiben. Und doch wirft er Regiment um Regiment ins Feuer. Er -erscheint mir wie ein nervös gewordener Spieler, der verloren hat und -nun sein Geld aus allen Taschen reißt, Ringe und Uhr, und alles auf den -Spieltisch schmeißt, um das Glück zu zwingen. - -„Es ist bei der Schlammulde,“ sagt mein Begleiter. - -Nichts ist mehr zu hören. Die Stimmen der Kanonen überbrummen alles, die -Dunkelheit deckt alles zu, was dort geschieht und geschehen ist. Besser, -es nicht zu sehen! Es mitzumachen ist möglich, es mitanzusehen, wäre -unmöglich. - -Feuerschein steht hinter der Höhe von Vimy. Er verblaßt. Es blitzt und -wetterleuchtet, donnert und rumort. Feuerbalken fahren aus dem dunkeln -Wald der Lorettohöhe wie ungeheure Stichflammen in die Nacht. Und -ununterbrochen steigen Monde und fremde, nie gesehene Sonnen in die -Nacht empor. Sie stehen da und dort, überall, bald sechs, acht zur -gleichen Zeit, bald zwei, bald nahe, bald fern! Ein Mond sinkt herab und -blinzelt im Fall, Scheinwerfer tasten: das Mündungsfeuer ferner -Batterien. In der dunkeln Ebene tanzen fahle Lichtgarben. Grüne, rote -Meteoriten, die hochfliegen und langsam sinken. Schwer und gewaltig -schlägt eine deutsche Batterie da unten, sie saugt den ganzen Lärm auf -und schlägt einen rasenden Wirbel. Und wieder steigt ein Schwarm -gespenstischer leuchtender Bälle in die Nacht. - -Es ist eine Gespensterküste mit hundert wechselnden und fremden Feuern, -die sprühen und blinzeln, eine höllische Küste mit unverständlichen -Signalen. Ich kann mir denken, daß ein Seemann, der ein Leben lang die -Küsten aller Kontinente ansteuerte, im Fieber, im Wahnsinn eine Küste -wie diese erblickt und verzweifelt vor diesen fremden, verwirrenden -Feuern. - -Ja, wohlverstanden, es ist die Küste eines fremden, geheimnisvollen -Landes, und viele von denen, die da drüben kämpfen, werden noch in -dieser Nacht, in dieser Stunde ihren Fuß auf das ferne, unbekannte -Gestade setzen. - - - - - Ein tapferes Regiment - - - Im Juni - -Was ist das Regiment? Das Regiment ist alles. Es ist Anfang und Ende, -Offizier und Mann sterben dafür. Offizier und Mann gehören sich nicht -mehr selbst, sie gehören dem Regiment. Ihre Ehre ist die Ehre des -Regiments. Sie haben zu seiner Fahne geschworen, seine Fahne ist heilig, -und die Eide werden besiegelt mit heißem Blut. Das Regiment will! Es -geschieht. Das Regiment befiehlt! Es ist getan. Offizier und Soldat, sie -können sterben bis zum letzten Mann, das Regiment stirbt nicht. Das -Regiment ist ein Glaube, eine Religion, es ist alles. So war es, seit es -Regimenter gab, und so muß es sein, solange es Regimenter gibt. - -Hunderte stehen heute am Feind, Hunderte von Regimentern. Alle, Offizier -und Mann, von all den Hunderten von Regimentern wissen wohl, was es -bedeutet: _das Regiment_! Und die Kommandeure all der Regimenter, sie -wissen es wohl. Sie sterben für die kleinste Faser der heiligen -Standarte. So muß es sein. - -Hier soll berichtet werden von einem tapferen badischen Regiment. Es ist -nicht tapferer als andere, es ist ebenso tapfer wie sie, aber es hatte -schwere Arbeit zu leisten in den ersten Maitagen, droben auf der -Lorettohöhe, und deshalb will ich von ihm berichten. - -Am 20. November bezog das Regiment die Stellungen auf der Höhe. Diese -Stellungen! Mit ihren Gräben, Sappen, Verbindungsgängen und Horchstollen -sehen sie auf der Karte aus wie das feine Geäder des Auges. Bei Ablain -begannen sie, stiegen hinauf zur „Kanzel“, einer Kuppe, und zogen quer -über den Ostabhang der Lorettohöhe, an der Kapelle Notre Dame de Lorette -vorüber, hinab zur Schlammulde. - -Im November lag etwas Schnee auf der kahlen Höhe, aber das Vergnügen -dauerte nicht lange. Regen setzte ein, ein ganz verfluchter dünner -grauer Regen, wie die Soldaten ihn nie erlebt hatten. Es regnete -wochenlang. Der feine Nebelregen durchdrang alles, Haut und Haare, -Kleider, Riemenzeug und Schuhe, es gab keine Rettung vor ihm. Wenn sie -aus den Gräben kamen, so sahen sie nicht mehr menschlich aus. In der -Schlammulde versank man im Morast. He, Kamerad! Zu Hilfe! Und man mußte -ziehen, mit vereinten Kräften, um den Pechvogel zu befreien. Mancher -Stiefel blieb im Dreck stecken. Na, das war natürlich nicht sehr -schlimm, dieser Regen und Schmutz, davon nur nebenbei, es war das -_Allerleichteste_. Nebenher wurde auch noch gekämpft! Es ging scharf zu, -da oben, Tag und Nacht. Man brauchte sich nur zu rühren, schon knallte -es. Alles buddelte, die Gräben rückten auf zwanzig, auf fünfzehn Meter -heran. Es regnete Handgranaten und Minen. Du hockst im Graben, den Blick -nach oben gerichtet, und lauerst. Nun kommt sie heran. Wohin wird sie -fliegen? Fällt sie in den Graben, so heißt es verschwinden. Nägel und -Schrauben und Fetzen von Eisen speit sie nach dir und spickt dich damit. -Fällt sie in deine nächste Nähe, dann bleibt dir keine Wahl mehr. Du -mußt ihr entgegengehen! Immer rasch, angefaßt und zurückgeschleudert, -bevor sie explodiert. So ging es da oben zu, es war so, daß man sich in -jeder Sekunde sagen mußte: diesmal – - -Noch schlimmer war es oben auf der Kanzel. Von dieser Kuppe aus konnte -man die Straße Souchez-Ablain einsehen. Fiel die Kanzel in die Hände des -Feindes, so sah die Sache bös aus. Keine Katze konnte sich mehr auf der -Straße zeigen, Zufuhr, Ablösung, alles in Frage gestellt. Nein, die -Kanzel durfte er nicht haben! Das Regiment sagte es und das Regiment -hielt die Kanzel! Die französischen Batterien standen bei der -Topartmühle, im Bois de Bovigny, im Bois de la Haie. Sie beschossen die -Gräben von vorn, von der Flanke und im Rücken. Täglich trommelten sie -die Gräben auf der Kanzel ein. Nachts wurde fieberhaft gebaut, -Sandsäcke, Brustwehren, Drahtverhaue, am nächsten Tag war alles wieder -zum Teufel. Oft waren die Gräben verschüttet, sie hockten in Löchern, -sie hockten in Granattrichtern, Angriff auf Angriff, aber das Regiment -hielt die Kanzel. - -So ging es also da oben zu. Wohlgemerkt und wohlverstanden: _sechs -Monate lang_! Fast ohne jede Unterbrechung und Ruhe. - -Anders ist die bewegliche, die fließende und flutende Schlacht. Sie -rauscht dahin über die Felder. Gefahr und Tod, Rausch, Wut, Entsetzen, -Schrecken und Triumph in ein paar Stunden gepreßt. Sie kann zwei, drei -Tage, eine Woche dauern, einmal ist sie doch zu Ende. Atemholen, neue -Quartiere, neue Abenteuer. Der Stellungskrieg zehrt am Mann. Immer das -gleiche, aber immer die gleiche Gefahr, tagaus, tagein. Kein sichtbarer -Erfolg, kein Abenteuer im großen Stil, keine neuen Quartiere, Gegenden -und Menschen. Hier ist der Graben, und davor liegen die Toten. -Übermenschlich muß die Energie des Mannes im Graben sein, übermenschlich -seine moralische Kraft. So gewiß es ist, daß Offizier und Mann im Westen -genau das gleiche leisten wie Offizier und Mann im Osten, so gewiß ist -es, daß sie, du brauchst sie nur zu fragen, ohne zu zögern ihren Graben -mit Polen, Karpathen und Rußland vertauschen würden. Augenblicklich, -lieber heute als morgen. Trotz den Läusen und schlechten Quartieren. -Denn Läuse gibt es auch hier und die Quartiere sind nicht viel besser, -wenigstens in der Feuerzone. - -Aber, es muß gesagt werden, unser Regiment hatte auch seine Abwechslung. -Am 17. Dezember wies es Joffres Angriffe ab. Es ging blutig zu. Mitte -Januar nahmen ihm die Franzosen ein paar Grabenstücke weg, aber das -Regiment revanchierte sich und nahm seinerseits den Franzosen zwei -ausgedehnte Gräben. Am 3. März ging es wieder vor. Das Regiment nahm die -Gräben bei Notre Dame de Lorette. Die schlichte Kapelle auf der Höhe -ging dabei in Trümmer, die Glocke, die frei in dem durchbrochenen -Türmchen hing, stürzte in den Schutt. Die Arbeit am 3. war schwer, und -schwerer noch war sie am 22. Die französischen Gräben waren angehäuft -mit Leichen, und man begrub und begrub, es wollte kein Ende nehmen. Mit -Schaudern sprechen sie davon. - -Aber all das war nur Vorbereitung, eine Art _Training_! - -Der 9. Mai kam heran! Offizier und Mann werden ihn nie mehr vergessen. -Er kam heran, und nun mußte es sich zeigen, was eigentlich in ihm -steckte, in dem badischen Regiment Nummer X! Nun mußte es sich zeigen, -ob die Höhe, die blutgierige und verfluchte Höhe, das Regiment gestählt -hatte in der halbjährigen harten Schulung oder nicht. Es mußte sich -zeigen, ob das Regiment imstande wäre, sich selbst um das Doppelte und -Dreifache, das Zehnfache zu überbieten! Darum handelte es sich, um -nichts Geringeres. Joffre wollte die Höhe! Er wollte sie um jeden Preis! -Über Souchez von unten, die Schlammulde von oben, über Ablain und die -Kanzel von hinten wollte er vor. Zwischen Souchez und Schlammulde wollte -er abdrosseln. Das war die Lage. Es ging ums Ganze, das Regiment mußte -zeigen, was in ihm steckte. - -Und das Regiment zeigte es! - -Um sieben Uhr morgens fing es an. Die französische schwere Artillerie -begann die vordersten Grabenlinien einzutrommeln. Wirbelfeuer, -schwerstes Kaliber. Dieses Höllenfeuer dauerte bis elf Uhr dreißig -Minuten. - -Der Kommandeur des Regiments: „Als ich von unserem Beobachtungsstand aus -das Feuer beobachtete, da dachte ich mir, es kann kein Mann mehr in den -Gräben am Leben sein!“ - -Der Reservist aus Bretten: „Die habe uns die Gräbe hübsch -zusammengewichst. So was war noch gar nicht da. Alles war schwarz!“ - -Die Drahtverhaue und Barrikaden waren niedergetrommelt, die vorderen -Gräben existierten nicht mehr. Sie waren Granatlöcher. Die Kompanien -lagen in den zweiten Gräben. Alles war schwarzer und gelber Qualm, -glühende Rasiermesser zischten über die Gräben hin. - -Halb elf wurde das Feuer weiter zurück, auf die zweiten Gräben gelegt. -Was ist zu tun? Frage die Soldaten, die in diesen Gräben waren. Nichts -kann man tun. Man liegt der Länge nach im Graben, den Kopf in die Erde -gedrückt. Einer schreit auf, einer stöhnt. Was man denkt? Man denkt -nichts, nichts, gar nichts! So ist es also, ohne jede Phrase. Es ist die -_Agonie_. Punkt elf Uhr dreißig schweigt plötzlich das Feuer. Was noch -kann, erhebt sich. Gewehre fertig. Ein Maschinengewehr ist noch intakt, -ein einziges. Los! Schon kommen sie! - -Sie kommen heran in dichten Kolonnen, mit unerhörter Bravur, -bewundernswürdig. Nie vorher sah man Franzosen so stürmen. Das -Maschinengewehr hämmert. Sie fallen, in Reihen. Schnellfeuer. Sie -brausen näher. Ein Offizier an der Spitze, mit gezücktem Degen! Er -überspringt den ersten Graben, will seine Leute mitreißen, allein, ganz -allein stürmt er weiter. Er fällt. Nahkampf. Angriff erledigt! Aber was -ist das? Sie sind im Rücken! Eine halbe feindliche Kompanie ist in die -Verbindungsgräben eingedrungen und kommt in den Graben. Sandsäcke!! Nun -gilt es. Der Offizier schreit, der Mann. Jeder einzelne Mann ist jetzt -Offizier, Kommandeur, er muß handeln, rasch und klar. Sandsäcke! -Handgranaten! Die Barrikade ist fertig, die Handgranaten fliegen in -Schwärmen zum Feind über die Sandsäcke hinüber. Der Feind ist -abgeschlossen. Aber neue Sturmkolonnen kommen heran, sie fliegen die -Höhe herunter. Salvenfeuer, das Maschinengewehr schnarrt. Es sind ihrer -zu viele, immer neue Kolonnen. Aber der Kommandeur hat seine Leute nicht -vergessen und den kühlen Kopf bewahrt. Artillerie! Plötzlich schlagen -Granaten in die feindlichen Sturmkolonnen. Fontänen von Leibern, -Kleidungsstücken, Köpfen und Gliedmaßen fliegen hoch. Es ist zwei Uhr, -schon nahen die Bataillone, die in Ruhestellung waren. - -Nein, allein hätten sie es nicht schaffen können, gewiß nicht. Alle -Regimenter, von Neuville bis hinauf nach Aix-Noulette, mußten mithelfen, -mit gleicher Tapferkeit, alle Batterien, Munitionskolonnen, -Telephonisten, Beobachter, Flieger, jeder einzelne Mann. Frage die -Soldaten des tapferen badischen Regiments. Sie sprechen nicht von sich -allein. Sie sagen: Souchez war unter Feuer, daß die Häuser auf die -Straße flogen. Es waren Torpedogranaten, schwere Dinger, die sich tief -einbohren und dann alles in die Luft schmeißen. Die Munitionskolonnen -fuhren mitten durch Souchez! Eine Kolonne raste auf offener Landstraße -dahin. Granaten rechts und links. Zur Batterie, abgeladen, weiter. -Zurück denselben Weg. Ohne einen Mann, ein Pferd zu verlieren. Eine -Batterie ist zusammengeschossen. Noch zwei Geschütze. Sie verfeuert noch -rasch 1300 Granaten, immer hinein in die Sturmkolonnen, Verschlußstücke -abgeschraubt und aus dem Staube gemacht ... - -Nein, allein hätten sie es nicht geschafft, aber ihre Arbeit war -mörderisch hart und schwer. Und sie hielten die Gräben, die Granatlöcher -besser gesagt. In Abständen von fünf Metern lag der Feind eingegraben, -_fünf Metern_! Fünfzehn und zwanzig Meter Abstände wurden gar nicht mehr -für schwierig empfunden. Einen Tag und eine Nacht, und noch einen Tag -und noch eine Nacht. Was sie mühsam zusammenbauten in den Sekunden, in -denen die Leuchtkugeln sie nicht abblendeten, war in einer Stunde wieder -zusammengeschossen. Angriff auf Angriff. Heroisch kämpfte der Franzose, -wie nie zuvor. - -Die Soldaten, die da oben kämpften, sprechen mit Ehrerbietung vom Feind. - -„Und der Kommandeur?“ - -„Der Kommandeur kam jeden Tag zu uns herauf in die Gräben. Es war ein -Wunder, daß es ihn nicht erwischte. Wir waren jedesmal erstaunt, wenn -wir ihn heil wiedersahen.“ - -Dann kamen Reserven, Verstärkungen. Die Krisis war überstanden. Das -Regiment war zurückgegangen auf seine zweiten und dritten Gräben, aber -es hatte die Stellung gehalten. Joffre kam nicht durch, das war es! -Frage nicht, wieviele des tapferen Regiments da oben fielen, es sind -ihrer nicht wenige, aber das Regiment stand wie eine Mauer. - -Der Kommandeur des Regiments, Major G., hat mich empfangen. Ein -schlichter, gerader und einfacher Mann. Ein Soldat der Front! Ich kam -zwei Stunden zu spät, aber das war ihm einerlei, er kümmert sich nicht -um lumpige Formalitäten. - -Major G. sagte: „Ich glaube wohl behaupten zu können, daß das Regiment -seine Pflicht getan hat.“ - -Das glaube ich auch! - -Hoch das Regiment! - - - - - Gefangene aus der Arrasschlacht - - - Im Juni - -Sie stehen in einer Reihe, wie die Orgelpfeifen, dicht neben dem -Misthaufen des Bauernhofes. Der größte rechts, seine zwei Meter hoch, -der kleinste am linken Flügel, immer noch gut einen Meter -fünfundsiebzig. Es sind prächtige Burschen, wie man sie sonst nur bei -Hagenbeck sieht. Sie stecken in graugelben Khakiuniformen, graue -Wickelgamaschen, derbe Rohlederstiefel, alles ohne Tadel. Auf den -schmalen Schädeln tragen sie Turbane, ein verblaßtes Zitronengelb, -einzelne ein verstaubtes Blaugrau. Übrigens sind es keine faltenreichen, -schwellenden Turbane, sondern Tuchstreifen, die eng um den Kopf -geschlungen sind und den Turban nur noch andeuten. Ihre Gesichter sind -scharf und fein geschnitten, von der edlen Färbung gedunkelten -Elfenbeins. Die Sonne glänzt auf ihren Stirnknochen. Ihre Augen sind -tiefbraun, glänzend und unergründlich wie Tieraugen. Die vollen Lippen -sind bläulich und grau. Ihre langen, sehnigen, braungelben Hände liegen -an den Hosennähten, Nase geradeaus. - -„Was für Leute seid ihr? Regiment?“ – „Kiff, Kiff!“ - -„Französisch, spanisch, englisch? Was versteht ihr?“ - -„Kiff, Kiff!“ - -Kiff bedeutet eins – erstes Regiment. - -„_Français?_“ - -Der blaßgelbe Turban schüttelt sich. Der Adamsapfel zuckt, ein Maul -voller Zähne, eine rollende Zunge, die Kehle kracht und schnarrt: -_marrrroc – maroc_. _Eh bien_, es sind Marokkaner. Sie verstehen keine -Silbe Französisch, und es ist nichts aus ihnen herauszubringen. Wie -Statuen stehen sie, Hände an der Hosennaht, Nase geradeaus, und es ist -unmöglich, ihre Erstarrung zu lösen. - -Sie sind Automaten. Die Zivilisation hat sie an ihre Brust genommen und -ihnen beigebracht, wie man vor dem weißen Mann stramm zu stehen habe. -Die Dressur erstreckte sich auf die Künste der Zivilisation, auf -rechtsum und linksum, das Abfeuern des Gewehrs, und damit hatte die -Zivilisation ihre Aufgabe erfüllt. Sie waren mechanische Puppen -geworden, und nichts in der Welt konnte sie wieder in Menschen -zurückverwandeln. Sie standen wie Säulen und wagten keinen Finger zu -rühren, denn bei Gott, was konnte der weiße Mann tun, wenn sie es -wagten? Er konnte sie mit einem Fußtritt auf den Misthaufen befördern, -er konnte – ja, was konnte er nicht? Man sah es ihnen an, daß sie die -Zivilisation des weißen Mannes begriffen hatten! Ihr Gott war der -Korporal. - -Dabei hatten sie Namen wie in den Märchen. Mohammed ben Abdel Kader! -Jeder Name ein Fürst! Sie stammten aus Casablanca, Sous-Maroc, Mogador. -Sie hatten keine Vorstellung, wo sie sich befanden, ihre Gehirne -träumten, aber sie wußten, daß der weiße Mann sie hinschicken konnte, -wohin er wollte, denn sie waren wilde Völker, Kiff, Kiff. - -Um die Handgelenke, sehnig und edel wie die Fesseln von Tigern, trugen -sie dünne Kettchen und daran hingen die Erkennungsmarken, Name, -Regiment, Heimat, Nummer. Es waren kokette Armreife, anmutige Geschenke -der Zivilisation, die sie, die Zivilisation, für ihre Register und -Bücher nötig hatte, wenn man die gelben Kadaver in die Massengräber -fegte. - -Mitten in der Reihe der gelben Automaten stand ein Franzose. Auch er -stand in militärischer Haltung, aber man sah auf den ersten Blick, daß -er keine Maschine, sondern ein Mensch war. Seine Haltung war locker, -frei und würdig. Sie waren Statisten auf dem Kriegsschauplatz, er war -Soldat. Sein Kopf war rund wie eine Kugel, gespickt mit blonden -Haarstoppeln, oben und unten, sein Blick blau und seine Backen rot. Er -war ein guter Bursche, der typische _bon garçon_, Spaßvogel und -pfiffiger Junge in einer Person. Noch war er ein wenig eingeschüchtert -durch das Unglück, das ihn betroffen hatte, aber das würde sich bald -wieder geben, keine Sorge. - -Wieso er hierher käme? – Oh, ja, _pardon_ – seine Hände lösen sich, denn -er brauchte sie zum Sprechen – er hatte eben Pech! Nichts andres. „_Que -voulez-vous, monsieur?_“ Er war Koch und arbeitete in der berühmten -Zuckerfabrik zwischen Souchez und Ablain. Er steigt also vom Garten aus -in seine Küche hinunter, um anzufangen. Zwei deutsche Gefangene sitzen -da unten im Keller, sonst aber ist niemand zu sehen. Das ist ein bißchen -merkwürdig, nicht wahr? Also steigt er die Treppe hinauf, und die zwei -deutschen Gefangenen begleiten ihn, da sie ja nichts zu tun haben. Kaum -aber stecken sie die Köpfe in den Korridor – na, was sagst du dazu: die -Deutschen sind da! – Man kann es nicht leugnen, das ist solides Pech! - -Der Koch zieht den Kopf zwischen die Schultern und breitet die Arme aus. -„_Eh, bien! Que voulez-vous_ ...“ - -„Können Sie sich denn mit diesen Gelben hier verständigen?“ Ein Blick, -ein Ruck, ein verächtliches Achselzucken: „Mit diesen Gelben? Kein Wort, -mein Herr!“ – - -Man weiß, daß wir in diesen Kämpfen bei Arras fünfzehnhundert Gefangene -gemacht haben. Heute sind es schon mehr. Das ist eine hübsche Anzahl, -wenn man sich daran erinnert, daß wir uns rein defensiv verhielten, und -für den Westen ist es ein großer Erfolg. Denn hier regnen die Regimenter -nicht von den Bäumen wie in Rußland, sie hocken zäh in ihren Dachsbauten -und jeder Mann muß sozusagen einzeln geholt werden. Die Fünfzehnhundert -sind längst abtransportiert, aber heute nacht sind neue eingebracht -worden, und ich besuchte sie in einem Nebenhofe der Kaserne. Im -eigentlichen Kasernenhof exerzieren ein paar Kompanien unsrer -Feldgrauen, und hier, drei Schritte davon entfernt, kauern sie, die -gestern noch kämpften, und denen man die Waffe aus der Hand nahm. - -Es sind ungefähr fünfzig. Sie sitzen und liegen in der Sonne, mit -Schmutz und Blut bespritzt, so wie die Schlacht sie auslieferte. -Einzelne starren bis hinauf zur Brust von trockenem Lehm. Der eine und -der andre hat einen Verband, eine leichte Verletzung an der Hand, am -Kopf. Einer sitzt mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, starrt zum -Himmel und friert trotz der höllischen Hitze. Die meisten aber haben -sich schon wieder zurechtgefunden, ihr Blick ist klar und ruhig. Nur -zwei, drei rote Hosen sind darunter. Alle andern stecken in taubengrauen -oder, wenn man will, taubenblauen, langen Röcken aus solidem filzartigen -Tuch, die taubengraue Mütze auf dem Kopf. Es sind Elitetruppen. - -„Die Leute über vierzig sollen vortreten!“ Sie kommen heran, sechs, -acht, zehn. Aus fünfzig! Gott weiß, ob sie alle über vierzig sind, -vielleicht denken sie, hier werden an ältere Semester Zigaretten oder -Vergünstigungen, man kann es nie wissen, verteilt. Jedenfalls aber sind -sie alle keine jungen Leute mehr, manche sind schon grau. Ich bin so -überrascht, so erschüttert, daß ich keine Worte finde. Wie fürchterlich -muß der Krieg unter Frankreichs Männern gewütet haben, daß sie hier -stehen, zehn aus fünfzig, Familienväter, Ergraute und Gealterte. Sie -sind alle gefaßt und wissen sich zu benehmen. Die meisten von ihnen sind -Bauern und Handwerker. Ja es war furchtbar! Es war das furchtbarste -Feuer, das man sich vorstellen kann. Sie wurden abgeschnitten von einem -Riegel trommelnder Granaten. Sie haben genug! „Ja, mein Herr, man -schlägt sich, man ist nicht gerade feige, man kämpft für sein Vaterland, -das man liebt, wie Sie das Ihrige lieben, man schlägt sich bis zum -letzten Atemzug – aber was zuviel ist, ist zuviel. Die menschlichen -Nerven sind nicht berechnet für Explosionen dieser Gewalt. Nein, es war -genug, genug, zuviel, zuviel. Ich war in der Champagne, im Frühjahr, -bah, nichts gegen diese Kämpfe! Nichts! Ich kann Ihnen sagen – nein, es -gibt keine Worte, um das zu schildern ...“ - -„Sie haben schwere Verluste gehabt?“ - -„Ho, ho, ho!! Schwere Verluste! Hatten wir nicht schwere Verluste? Ja, -mein Herr, wir hatten fürchterliche – aber auch Sie, auch Sie hatten -schwere Verluste, Sie können es nicht leugnen. Was für ein Krieg!“ - -Einer, ein Hagerer, Langer, mit krankem gelben Gesicht und entzündetem -rechten Auge, schüttelt unausgesetzt verstört den Kopf. Furchtbares -Feuer – er schüttelt den Kopf, schwere Verluste – er schüttelt den Kopf, -genug, genug, er schüttelt den Kopf und hustet dabei. Ja, gewiß, genug, -genug. Er ist noch ganz vernichtet. Er spricht nichts, aber er -bestätigt, er unterstreicht. Er ist ein trauriges, melancholisches Echo. - -Ein Granatsplitter fegte an seinem Gesicht vorbei, nahm ein Stückchen -der Braue mit, ein kleines Eckchen des Lides und eine Spur des -Nasenrückens. Ich beglückwünsche ihn, ein wenig tiefer und was wäre aus -Ihnen geworden? - -Aber er schüttelt den gelben Kopf und blickt mich mit seinen kranken -Augen an. Ah, wozu? Für ihn gibt es keinen Trost. - -Es ist nicht leicht, mit Gefangenen zu plaudern. Ein Wort, ein Blick, -eine Änderung der Haltung und ihr Vertrauen ist wie weggeblasen. Sie -stoßen einander an, sie starren auf den Sprecher, daß er verstummt, sie -schweigen. Dann ist es vorbei, nichts kann mehr ihre Zunge lösen. Man -muß es fühlen, wenn dieser Augenblick droht, und dem Gespräch eine neue, -harmlose Wendung geben. - -Die Geschichte mit den „schweren Verlusten“ war der kritische Moment. -Der Sprecher hatte zuviel gesagt, obwohl er ja nichts verriet, sie -fühlten es, und weil sie es fühlten, fühlte er es auch. Sie erkalteten. - -„Ihr habt euch bewunderungswürdig geschlagen!“ sage ich. Sie rekeln -sich, bescheiden, verlegen, sie schweigen. - -Ich greife mir einen Mann heraus, der einen dünnen, schäbigen -Leinwandkittel anstatt des Blaugrauen trägt. - -„_Et toi, mon ami_, wie siehst du aus?“ - -Die Kameraden, die Blaugrauen und Eleganten lachen. Wie er sich schämt, -es ist rührend. Er blickt auf sie, auf mich, er windet sich vor -Feinfühligkeit. Er stellt mit der ausgebreiteten Hand eine Grenze her -zwischen den Kameraden und mir: „Mein Herr!“ - -Ja, eine Granate hat ihn ausgezogen. Er flog in einen Granattrichter, -sein Rock verbrannte und die Lumpen fielen ihm von den Schultern. Ebenso -erging es seinen Pantalons. Es ist nur gut, daß es warm ist! Er -deklamiert und seine Kameraden lachen. - -„Sie sind ein tapfrer Soldat wie die andern. Es ist ja ganz egal, wie -Sie aussehen.“ - -„Ja, aber es ist nicht schick!“ - -Das Mißtrauen ist verschwunden. Sie fragen, wohin man sie wohl bringen -wird? Ob sie ihren Angehörigen Nachricht geben können? „Ich bin von -Roubaix, kann ich nicht an meine Frau schreiben? Ich konnte ihr seit dem -Herbst keine Nachricht geben.“ – Ich will mit dem Offizier sprechen. - -Einen Trost, einen gewichtigen und wunderbaren Trost kann man Gefangenen -immer geben: „Der Krieg ist für euch zu Ende!“ - -Ihre Blicke ruhen stumm und klar auf mir. Diese Blicke sollen sagen: -Nennen Sie es einen Trost, gefangen zu sein? Wir sind Soldaten, viel -lieber möchten wir für unser Land weiter kämpfen! Sie sind stolz, und -sie möchten nicht, daß ein Fremder ihre Freude sähe, daß die Sache ein -Ende habe für sie und daß sie – lebten. Aber sie nicken und ihre Mienen -erheitern sich. Der Verstörte schwingt den gelben Kopf und stößt einen -tiefen Seufzer aus, während er die Finger krampfhaft ineinander flicht. -Ja, ja, ja ... - -Aber der im Leinenkittel lacht über das ganze Gesicht und strahlt vor -Entzücken: „Ja, Gott sei Dank, mein Herr, der Krieg ist für uns zu -Ende!“ - - - - - Die Gewitterstadt - - - Im Juni - -Seit vielen Wochen hat Douai Gewitter. Es sind Gewitter jeden Formats, -fürchterliche, wovon die Stadt erzittert, und harmlosere, die nur leise -knurren. Sie währen Tag und Nacht. Sie ziehen in Rudeln um die Stadt, -prallen aufeinander, toben und poltern, im grauen Morgen rumoren sie -ferner, mit jeder Stunde des Tages aber kommen sie wieder näher. Am -Abend wüten sie am lautesten. Dabei ist der Himmel über den Dächern der -Stadt blau und heiß. - -Eines Nachmittags zog ein wirkliches, ein natürliches Gewitter über die -Stadt herauf, aber es konnte nicht aufkommen gegen die Konkurrenz, es -brummte ein bißchen und war wieder weg. - -Die Kanonen von Arras, Loretto und Souchez aber schlugen weiter, dumpf -und zornig, wie seit Wochen. Die Bewohner von Douai kennen es nicht -anders, sie gehen mit Kanonenschlägen zu Bett. Wie der Müller erwacht, -wenn das Rad stehen bleibt, so werden Douais Bürger einmal erschrocken -auffahren, wenn der Geschützdonner plötzlich schweigen sollte. - -Jeden Tag aber, einmal, zweimal und öfter, löst sich aus dem großen -Gewitter ein kleines Separatgewitter los und erscheint direkt über der -Stadt. Dann kracht und poltert es ganz in der Nähe, die Stadt selbst -kracht. Douai bekommt Besuch. Der fällige Flieger erscheint, klein und -golden wie eine Mistfliege, um nachzusehen, ob Douai noch steht, um -seinen Landsleuten ein paar Bomben auf die Köpfe zu schmeißen und um -nach Neuigkeiten in den Straßen und auf dem Bahnhof zu schnüffeln. Dann -sieht man die Schrapnelle oben im heißen Blau des Himmels platzen. Man -sieht die weißen Schrapnellwölkchen, während man seinen Kaffee trinkt, -und man sieht sie, wenn man zufällig einmal den Kopf zum Fenster -hinaussteckt. Der Flieger gehört hier zum täglichen Brot, wenn man so -sagen kann. Einmal kamen sie in der Nacht und warfen achtundsechzig -Bomben; sie warfen neulich fünfzig auf den Flugplatz bei der Stadt, ohne -eine Katze zu treffen, sie warfen wiederholt auf den Bahnhof; man ist -hier nie ganz sicher, ob nicht eine Bombe unterwegs ist. Vor drei Tagen -warfen sie Zeitungen herunter, eine gutgemeinte Aufforderung an unsre -Soldaten, nach Hause zu gehen, da ja nun auch Italien das Messer für sie -wetze ... - -Seit einigen Tagen kommen sie seltener, und wenn sie kommen, fliegen sie -in Rekordhöhe. Sobald sie gemeldet werden, erscheint der deutsche -Kampfflieger über der Stadt, der _Luftpolizist_. Er brummt hoch über den -Dächern dahin, zieht weite Kreise um den Beffroi, dann stellt er den -Motor ab und sticht wie ein Habicht in die Tiefe, um zu landen. Ein paar -Minuten später ist er schon wieder oben und brummt. Zwei Franzosen hat -er in den letzten Tagen ohne viele Umstände abgeschossen. Ich habe die -Luftpolizisten gesehen und auch die Maschine. Sie haben mir ihre -Schliche erklärt und den Apparat vorgeführt. Es sind reizende Leute, -aber ich möchte ihnen nicht da oben begegnen, so in 2000 Meter Höhe. - -Das große Gewitter aber grollt weiter, während die Abwehrkanonen -knallen. - -Douai ist eine mittlere Provinzstadt, mit einem rechteckigen Marktplatz, -wie ihn alle französischen kleinen Provinzstädte hier im Norden haben. -Ein paar Droschken stehen da, mit jämmerlichen Pferden, ganz wie in -Berlin. Zum Glück haben sie nie etwas zu tun. Ein paar schöne alte -Kirchen, ein hübscher Stadtpark mit ein paar modernen Denkmälern im -Geschmack der Provinz, gewundene, nicht gerade breite Straßen – schon -ist Douai zu Ende, und die Industrie, die Kohle beginnt. Es gibt noch -prächtige Sachen hier zu kaufen: feinste, allerfeinste Kuchen, Orangen, -Zitronen, Spargel, Artischocken, Konserven, Butter, Streichhölzer, -Tabak, kurz alles, was ein Europäer nötig hat. Die Leute leiden keine -Not. Unerschöpflich müssen ihre Vorräte und Reserven sein. Im November -war ich hier, und aus dem Keller eines Händlers wurde ein großes Weinfaß -gerollt und auf einen Wagen geladen. Heute sah ich aus dem gleichen -Keller riesige Fässer rollen. Es ist mir unbegreiflich! Und doch wird -hier nicht wenig getrunken, das kann niemand behaupten. In der Nähe des -Rathauses hat sich eine deutsche Bierhalle aufgetan, aber fast immer -hängt an der geschlossenen Türe ein Plakat: Ausverkauft! Nur einmal traf -ich es glücklich, die Halle war geöffnet. Die Feldgrauen spülten sich -den Staub hinunter, am nächsten Tage schon wieder: Ausverkauft. Wie -wunderbar und rätselhaft ist dagegen der Weinkeller des französischen -Händlers! Wenn ich das Faß im November nicht gesehen hätte, so würde ich -gar nichts sagen, aber nun rollen sie hier schon monatelang Fässer -heraus ... - -Im Herbst zogen in Douai fünf Feldgraue ein, besahen sich die Stadt und -verschwanden wieder. Ein paar Wochen später kamen mehr, und nun gingen -sie nicht wieder fort. Die französischen Soldaten, die geflüchtet waren, -verbargen sich in den Häusern und warfen Uniformen und Gewehre auf die -Straße. Welche Angst, welch schreckliche Angst hatten die Leute von -Douai anfangs vor den deutschen Soldaten. Aber es zeigte sich, daß alles -Schwindel war. _Les journaux!_ Nichts begeistert die Franzosen mehr, als -sich tüchtig belügen zu lassen. Die Lüge ist Phantasie, Rausch, Genie, -die Wahrheit ist allzu nüchtern. Kurz und gut, Douai setzte seine -Papiergeldpresse in Bewegung und damit war die Sache im Gange. Unsre -Verwaltung ist einsichtsvoll und der Bürgermeister ist vernünftig, also -wurden größere Reibungen vermieden. Douai hat sein Schicksal, aber man -muß gestehen, es trägt es mit Würde. Die Leute sind höflich und -taktvoll, sie haben sich an die Feldgrauen gewöhnt. Ja, eines Tages, -eines Tages werden sie ja doch wieder verschwinden. Es ist nicht für -ewig. - -„_La guerre est triste, pour nous, pour vous, pour tout le monde!_“ -Jedermann gebraucht hier diese Redensart, der Kaufmann, die Verkäuferin, -der Kellner. Sie leiern diese Phrase ohne jede Betonung und ohne zu -denken herunter, wie einen Spruch, den man hundertmal am Tage hersagt. - -Oder: „_Oh, cette guerre, quand sera-t-elle finie?_“ – Gott allein weiß -es. (Origineller drückte sich ein Kellner aus: „Dieser Krieg ist eine -internationale Schweinerei, mein Herr, ich bin Kosmopolit!“) - -Mitte Mai hatte Douai seine großen Tage. Es war in der Zeit der wütenden -französischen Vorstöße. Man buk Kuchen und band Blumensträuße. -Auffallend viele Zylinder und schwarze Gehröcke erschienen in der -Straße. Der Bürger schnupperte in der Luft. Man wartete! Joffre hatte -gesagt (so erzählt man!), er hatte gesagt, er werde am 12. in Douai -soupieren. In Lens wollte er frühstücken und am Abend des gleichen -Tages, wie gesagt, in Douai soupieren. Er sagte nicht: ich komme, -sondern er sagte ausdrücklich, er wolle am 12. in Douai soupieren, -obwohl es doch eigentlich selbstverständlich ist, daß er speisen würde, -wenn er käme. Wie, wo, wann und zu wem er es gesagt hatte, wußte -niemand. Aber daß er käme, das stand fest. - -Es ist begreiflich, daß sich in einer seit sechs Monaten besetzten Stadt -die Nervosität bis zur äußersten Spannung steigern kann. Nun, Joffre kam -nicht. Er kam nicht am 13., 14., 15. Die Zylinder verschwanden langsam, -und heute habe ich nur noch zwei gezählt. Douai sank ermattet in seine -Resignation zurück, und heute glaubt es nicht mehr, daß Joffre in der -nächsten Zeit kommen werde. Nein, ich sah es Douai deutlich an. - -Heute braust und donnert Douai vom kriegerischen Lärm eines Heeres, das -Menschen, Material und Energie im Überfluß hat. Es ist eine der -lautesten Städte Europas, und die Rue St. Jacques schlägt spielend die -großen Pariser Boulevards in der Hochsaison. Die Gewitterstadt rasselt -und bebt in einer Atmosphäre von Krieg. Lastautos poltern vorüber, -Automobile schnarren, zwitschern und trompeten. Regimentsmusik, laut und -breit. Zwei Bataillone Feldgrauer marschieren vorbei, frisch gewaschen, -ausgeruht, mit hartem, tapfrem Tritt, der weder Erschöpfung noch -Müdigkeit zeigt. Es sind jene Bataillone, die Joffre daran hinderten, in -Douai am 12. zu soupieren, sie lagen oben auf der Lorettohöhe. Frisch -und guter Laune sind sie – denn sie leben! Ein Auto schnarrt vorbei: -zwei blaugraue Offiziere sitzen darin. Französische Fliegeroffiziere, -die gestern bei Vimy abgeschossen wurden. Dann kommen Kolonnen, endlose -Kolonnen, von schweren Bierbrauerpferden gezogen, die mit den Hufen -Funken aus dem Pflaster schlagen. Sie nehmen kein Ende, und alle -Fensterscheiben der Rue St. Jacques klirren. Tag und Nacht gibt es hier -keine Ruhe. - -Im Hotel du Cerf – ein vernachlässigtes, schmutziges, ödes Hotel, das -ich hiermit verfluche! – spielen ein paar Kriegsfreiwillige, noch den -Schmutz der Gräben an den Stiefeln, einen flotten Tango, in einer -Nebenstraße marschieren Soldaten und singen ein fröhlich schallendes -Lied. Plötzlich knallt es: ein Flieger. - -In das ewige Getrappel der Pferde und Tuten der Automobile tönt -getragene Musik. Der Chopinsche Trauermarsch. Ein Major wird zur letzten -Ruhe geleitet. Wieder tuten und trompeten die Autos. Am Abend gehe ich -selbst hinter dem Sarg eines gefallenen jungen Offiziers her zum -Bahnhof. Ein Güterwagen nimmt den Sarg und die Blumen auf. Daneben steht -eine Lore mit einem neuen Geschütz. Heute mittag passierte uns, nicht -mir, eine äußerst peinliche Sache. Wir waren, ein paar Bekannte und ich, -beim Delegierten des Roten Kreuzes zum Frühstück geladen. Wir wußten, -daß ein junger Offizier gefallen war, der den Namen eines bekannten -Sportmannes trug, aber wir wußten nicht, war es der bekannte Sportmann -selbst oder sein Bruder. Ein Herr fragt bei Tisch: „Ist der bekannte -Sportmann gefallen oder sein Bruder?“ Der Wirt sieht den Fragenden an -und deutet auf einen anwesenden jungen Offizier: „Hier sitzt der Bruder -des Gefallenen. Er ist der bekannte Sportmann.“ - -Ja, man soll hier außen nie derartige Fragen stellen. - -An diesem Abend trafen wir in der Rue St. Jacques einen Dragoner, der in -hohen Stiefeln dahinstampfte und lustig pfiff. Was pfiff er? Den -Chopinschen Trauermarsch. Wir fragen: „Sagen Sie mal, was pfeifen Sie -eigentlich da?“ - -Der Dragoner geschmeichelt, verlegen: „Es ist so ne neue Sache. Das -Neueste, das man hat, von Berlin in den Theatern –“ - -Ein merkwürdiges Pflaster, dieses Douai! – Wenn die Sonne untergeht und -die Lichter des Himmels verlöschen, versinkt die Gewitterstadt in -Dunkelheit, in rabenschwarze Nacht. Die Estaminets, die kleinen -Gastwirtschaften, die kleinen Cafés schließen. Kein Licht, kein Mensch, -kein Hund. Der Beffroi, die Kirchen, Giebel, Bäume ragen schwarz und -stumm zum Himmel empor. Eine _verkohlte_ Stadt. Geht man über den -Marktplatz, so schallt es, als käme eine Kompanie daher, und man -erschrickt, solch einen furchtbaren Lärm zu machen. Man ist verloren und -auf den „Cerf“ angewiesen. Hier ist wenigstens Licht. Aber es kommt vor, -daß auch hier das Licht plötzlich ohne jede Warnung ausgeht und man eine -Stunde im Dunkeln sitzt. Ein Flieger ist irgendwo. Die Wachen klappen -auf ihren schweren Stiefeln draußen vorbei, Autos ohne Lichter -schleichen dahin. Es knarrt von Rädern, Kolonnen, Transporte von -Verwundeten. Douai ist tot. Aber horch! - -Um so lauter und härter rollt der Donner der Geschütze. Wie die Brandung -des wilden, nächtigen Meeres an einer schrecklichen, öden Küste. - - - - - Die Kämpfe bei Moulin-sous-Touvent - - - Im Juni - -Der Franzmann – so nennen die Frontsoldaten den Franzosen – der -Franzmann versucht sein Heil an verschiedenen Stellen, die ihm einige -Aussicht auf Erfolg zu bieten scheinen. Seit sechs Wochen trommelt er -oben bei Arras, und am 16. und 17. Juni sah es dort aus, als wolle er -Frankreich in Grund und Boden schießen. Er hat keine Zeit mehr zu -versäumen, das weiß er recht wohl. Vorwärts, Regiment um Regiment wirft -er gegen die Gewehre, jeder Schritt kostet ihm Tausende. Bei Arras -verbiß er sich, er kam nicht weiter, und so versuchte er es an andrer -Stelle. Bei Moulin-sous-Touvent, etwa zwanzig Kilometer nordwestlich von -Soissons. Er wollte durch, er wollte zum mindesten Truppen und Geschütze -fesseln, abziehen von da oben, und er ging mit großartiger Energie zu -Werke. Es war umsonst. Er gewann einen Graben, aber er bezahlte ihn zu -teuer, viel zu teuer. Man legt sich hundert Meter dahinter, und nun -liegt man wieder mit geschliffenen Zähnen, die Maschinengewehre stehen -an ihrem Platz, Gräben, Drahtverhaue, alles wie früher. - -Die Kämpfe aber waren furchtbarer, als die paar Zeilen in den -Wolff-Telegrammen es ahnen lassen. Sie waren ein kleines Arras, ein -Stück Arras, es ging hier zu ganz wie da oben bei Souchez und Neuville. -Aber die gleichen Leute wie bei Souchez und Neuville standen auch hier, -und sie stehen überall an der Front, wo Joffre anklopft. Je näher man -unsre Leute kennenlernt, desto mehr überraschen sie. Sie waren niemals -weich, o nein, aber der Krieg hat sie stahlhart geschweißt. Sie sind -braun und hart wie Erz. Sie waren tapfer, nun aber, nach langen Monaten, -sind sie unüberwindlich. Jeder einzelne ist ein Panzerturm für sich, ein -Graben mit Drahtverhauen ringsum, und jeden einzelnen Mann muß Joffre -einzeln mit Granaten zusammentrommeln, anders geht es nun nicht mehr. -Sieht man einen Kanonier in seinen schweren Stiefeln, so scheint er -selbst wie ein Mörser zu sein, ein Mörser, mit dem nicht zu spaßen ist. -Ein Schrapnell zerspritzt vor der Batterie, der Hauptmann schreit: „Weg -da!“ Der Kanonier rührt sich nicht: „Wegen mir, Herr Hauptmann, da muß -schon ne Lage kommen.“ Ja, Kerle sind sie, das muß man sagen! - -Wären sie anders, dann wäre es bei Arras und Moulin-sous-Touvent nicht -so gegangen! Hundert Meter zurück und alles wie früher, nein ... denn -er, der Franzmann, ist ein Gegner, vor dem man den Degen senken muß. Im -Friedhof zu Anizy-le-Château ruht ein französischer Batteriechef, der -Kapitän Lerroy Beaulieu. Seine Batterie war zerschossen, die Mannschaft -tot, ganz allein bediente er noch das letzte Geschütz, und dann feuerte -er mit dem Revolver auf unsre stürmenden Grauen. Ein Hurra unsern -Grauen, ein Hurra dem Kapitän Lerroy Beaulieu! Solche tapferen Leute -haben sie viele da drüben. Nicht wir allein besitzen sie, es wäre -falsch, das zu denken. - -Ich habe einen Oberleutnant gesprochen, der bei Moulin-sous-Touvent in -den letzten vierzehn Tagen ununterbrochen kämpfte. Er war lang und -hager, sein Gesicht scharf und kantig gemeißelt. Seine Augen stahlhart, -und immer zeigte er ein wenig die obern Zähne. Er war nicht gerade -elegant, aber er legte auch keinen Wert darauf. Sein langer, grauer -Mantel war an einzelnen Stellen abgeschliffen, voller Falten, und -schimmerte von den Farben der Erde und des Grases und einem sonderbaren -Rostrot. Die ganzen vierzehn Tage hatte er kaum ein Auge zugemacht, hier -und da zehn Minuten, das war alles. Es ging nicht anders! Sie hockten in -rasch aufgeworfenen Gräben, aber er hatte keine Zeit, an sich selbst und -die persönliche Gefahr zu denken. Es gab zu tun. Die Truppe, nichts -andres als die Truppe! Kein andrer Gedanke. Er ist der Kopf und das Herz -der Leute. Man darf nicht vergessen, daß die Flagge, die schwarzweißrote -Flagge des Reiches, unsichtbar all die vierzehn Tage und vierzehn Nächte -über seinem Kopfe und seiner schiefen, verknüllten und staubigen Mütze -knatterte, das darf man nicht vergessen – anders wäre es ihm und den -andern wohl nicht möglich gewesen, die vierzehn Tage und Nächte -auszuhalten. - -So war es also bei Moulin-sous-Touvent, und so ist es zum Teil noch -heute. - -Am 5. Juni nachmittags begann der Franzose zu trommeln, und er trommelte -volle drei Stunden lang. Am 6., am Sonntag, trommelte er weiter von -sieben Uhr bis zehn, ein halb elf. Die Drahtverhaue müssen eingetrommelt -sein, die vordersten Gräben, denn anders ist ein Sturm unmöglich, will -man nicht, daß ein ganzes Regiment in den Drähten hängen bleibt. Dazu -hielt er alle Zugänge und Verbindungswege unter Feuer, damit niemand vor -und zurück konnte. So ist es jedesmal, die Taktik steht fest. Dieses -Wirbelfeuer war das fürchterlichste, das mein Oberleutnant je erlebte. -Und dann kamen die Schwarzen angefegt! Das Plateau ist eben, Gras und -Halme, so kamen sie heran, die schwarzen Kugelfänger der Franzosen, die -den ersten Regen von Geschossen mit ihren dicken Mäulern schlucken -sollen. In einer Breite von zwölfhundert Metern, in mehreren Kolonnen, -kamen sie näher. Erst die Granaten, dann die Schwarzen, es ist immer das -gleiche Rezept. Der Franzose weiß wohl einen Unterschied zwischen -Schwarz und Weiß zu machen! O, ganz gewiß. Afrika _brütet_. Die -dunkelhäutigen Mütter sind Tiere, die Junge werfen, und die -dunkelhäutigen Mütter haben keine Augen, um Tränen zu vergießen. Nein! -Dein schönes, edles Antlitz, Frankreich, auf das du so stolz bist, und -das du so gern bewundern läßt, es ist geschändet. In deinen Salons und -Parlamenten, in denen so viel gesprochen wird von Menschenwürde, -Menschlichkeit und Gleichheit und ähnlichen Dingen, wird für ewig ein -Gestank sein, der Gestank von hunderttausend schwarzen, faulenden -Kadavern, die du in diesem Kriege zynisch geschlachtet hast. Nie, nie -wirst du diesen Gestank mit deinen Parfümen ersticken können, niemals, -du weißt es wohl! Wohlgemerkt, ich habe deinem tapfern Kapitän Lerroy -Beaulieu ein Hurra gebracht, denn ich liebe und bewundere ihn, er ist -das Frankreich von einst, aber ich verabscheue dich, wenn du, roh und -schamlos, die Peitsche des Tierbändigers schwingst. Afrika wird dir nie -vergeben, denke an mich! Es wird dir ja nicht gelingen alle Schwarzen -abzuschlachten, und einige werden wohl oder übel zurückkehren in ihre -Dörfer. Sie sprechen deine Sprache nicht, aber dort können sie sich -verständlich machen, und man wird sie verstehen. Man wird dir die -Rechnung vorlegen, und du wirst erbleichen, denke an mich! Sie werden -deine Bataillone niedermetzeln und ihre Köpfe auf Spieße stecken. Dann -wirst du schreien, sie sind Tiere, und das unwissende, belogene und -verlogene Europa wird dir glauben, daß sie Tiere sind, und vor Empörung -beben. - -Kurz und gut, die Schwarzen müssen vor! Ein gerader, nicht -mißzuverstehender Blick ins Auge, ein Griff an den Revolver – du -verstehst mich wohl! – Maschinengewehre im Rücken, der Schwarze -versteht. Er schnellt vor wie ein Tier, das um sein Leben läuft, -Maschinengewehre voraus, Maschinengewehre im Rücken, der Todesschweiß -glänzt auf den dunkelhäutigen Gesichtern. - -So kamen sie heran bei Moulin-sous-Touvent in den heißen Stunden der -Schlacht. Sie fielen wie Hammel, in die der Blitz schlägt. Dann erst -fluteten die Wellen der französischen Infanterie heran. Die Übermacht -war so groß, daß es Wahnsinn gewesen wäre, sie in zerschossenen Gräben -und Granattrichtern zu erwarten. Man ging zurück. Aber die flankierenden -Gräben standen wie Festungen und gaben Flankenfeuer. Verlängerungen -wurden vorgetrieben, um die Flankenstellungen auszudehnen. Die Schlacht -war im Gange. Reserven kamen blitzschnell heran, vorwärts, Sturm! Um -sechs Uhr abends war der Feind wieder zurückgeworfen. Was er noch hielt, -waren zwei zusammengetrommelte Gräben von etwa hundert Meter Tiefe. Die -ganze Nacht hagelten die Granaten bis acht Uhr morgens. Die Kämpfe wogen -hin und her. Die Gewehre peitschen, die Maschinengewehre hämmern, Minen, -Handgranaten. Unsre Grauen hocken in rasch aufgeworfenen Gräben, -Sandsäcke vor, es ist heiß, staubig und stickig. Sappen, Gräben, man -beißt sich langsam durch die Erde näher. So geht es fort, ohne Pause, -bis zum 14. Es ist immer das gleiche. Das heißt, es ist immer _gleich -furchtbar, gleich blutig_, es erfordert immer den gleichen Mut, die -gleiche Ausdauer, die gleiche unmenschliche Anstrengung! - -Am 14. abends setzten wir zum Gegenstoß an und nahmen den Franzosen -einen Graben weg. Unsre Geschütze trommelten nun ihrerseits. Die -feindlichen Reserven wurden zugedeckt. Ein feindliches Bataillon in -Reservestellung geriet, wie Gefangene aussagten, derart in die Zähne -unsrer Haubitzen, daß der Kommandeur das Kommando: „_Sauve qui peut!_“ -gab. So ging es hin und her. Am 16. machte der Franzose drei wütende -Vorstöße. Den Tag leitete er mit Wirbelfeuer ein wie gewöhnlich. Um elf -Uhr brach er nördlich von Moulin bei der Ferme Quennevie vor. Die -kleinen Vorteile, die er dort errang, nahmen ihm unsre Grauen am Abend -wieder ab, und somit war es wieder nichts. Ein Angriff etwas südlicher -scheiterte. Um drei Uhr nachmittags griff er zum dritten Male an diesem -Tage an. In dichten Kolonnen stürmte er vor, kühn und tapfer, aber der -Sturm brach in unsrem Infanteriefeuer zusammen. - -In den ersten Tagen des Angriffs hatte er schwere Verluste, am 16. aber -ungeheure. Ein kleines Grabenstück, das nicht den geringsten Wert hat, -war das Resultat der vierzehntägigen Schlacht, die, wie mir mein hagerer -Oberleutnant versicherte, heißer war als die Schlachten bei Soissons und -Vailly. Sie ist noch nicht ganz zu Ende, es flackert immer noch auf da -oben – aber eines ist gewiß: so wenig es Joffre gelang bei Arras -durchzubrechen, so wenig gelang ihm sein verzweifelter Versuch bei -Moulin-sous-Touvent. Und er wird ihm nicht gelingen. Er mag anklopfen, -wo er will, immer wird er auf die gleichen Leute stoßen wie bei Arras -und Moulin-sous-Touvent – ob sie nun sächsisch sprechen oder bayrisch -oder märkisch oder schwäbisch – es sind immer die gleichen. Es sind -Kerle, braun und hart wie Erz. - - - - - Granaten auf die Vororte von Soissons - - - Im Juni - -Ich frage, was hat die Granate dort links mitten im Feld zu suchen? Sie -kam heran, ohne besondern Lärm zu machen, und klang wie der Abschuß -irgendeines der Geschütze, die hier in der Umgebung stehen und zuweilen -in den heißen Morgen hineinfeuern. Unsern Ohren muß der Krach -anscheinend aber doch nicht geheuer vorgekommen sein, denn instinktiv -drehten wir alle den Kopf. Nun raucht sie in der grellen Sonne wie der -Qualm eines Kartoffelkrautfeuers. Ein Reiter trabt auf seinem Pferd -feldein. Er reitet in einer Mulde und ist vom Feind nicht einzusehen. -Plötzlich stutzt er, hält das Pferd an und betrachtet den grauweißen -Rauchklumpen im Felde, der sich langsam in die Höhe zieht. Er reitet -weiter, hält wieder an, blickt auf den Rauch, den Himmel, das Feld -ringsum und auf unser Auto. Er dreht bei, siehst du wohl, und macht sich -langsam und in aller Ruhe davon. - -Auf dem Felde ist nichts zu sehen, es ist unberührt, hier war nie etwas, -weder ein Graben noch eine Batterie. Ohne Zweifel, die Granate galt uns, -aber sie fiel zu kurz. Wir halten auf der weißen, sonnigen Landstraße, -über das Feld ragen Höhenzüge empor, und dort sitzt der Franzose mit -seinen Fernrohren. Der Hauptmann, der mich fährt, mager und geschmeidig -wie ein Panther, spitzt die Ohren, horcht auf die Abschüsse und äugt -durch das Monokel auf das öde heiße Feld, um den nächsten Einschlag zu -beobachten. Nichts mehr. Sie wollten uns nur andeuten, daß sie immerhin -noch da seien und alles sähen. - -Wir fahren weiter. Es ist das Prinzip meines Hauptmanns „lieber etwas zu -riskieren, als zuviel zu laufen“. So sagt er. Gestern schleppte er mich -bei einer Höllenhitze quer über die Abhänge bei Vailly, und hier gab es -Striche, die nackt vor den Franzosen dalagen. Mit dem bloßen Auge -konnten sie uns sehen. Da hieß es dann trab, trab, eins, zwei, drei, -hundert Schritte Abstand und hinüber. Zuletzt kamen wir auf eine -kalkweiße Landstraße auf der leeren Höhe, von der wir uns wie -Tintenflecke abhoben. Wir mußten schließlich in ein Rübenfeld hinein und -durch die hochgeschossenen Samenstauden hindurch. Gelb, wie von -Insektenpulver zugedeckt, tauchten wir wieder auf. Selbst das Monokel -des Hauptmanns war gelb. Der Schweiß lief uns übers Gesicht. Das nannte -mein Hauptmann „abschneiden“. - -„Lieber ein bißchen riskieren, aber nur keine Umwege.“ So ist er also -und nicht zu ändern. - -Diese Felder ringsum, die in der mörderischen Sonne zittern, sind das -Schlachtfeld von Soissons. Soissons? Es klingt schon, als wäre es in -einem andern Krieg gewesen. So lange ist dieser Krieg! Hier gingen sie -vor, im Januar ... Die Felder sind verlassen und öde. Die Rüben sind ins -Kraut geschossen, der Weizen ist von selbst gewachsen und steht -dazwischen in langen Halmen. Ein grellrotes Feld von Mohn. Verwildert -und verwahrlost sehen diese Felder aus, kein Mensch, kein Tier. Wie ein -verfluchtes Land, das kein Fuß mehr betritt. Die Hitze kocht darüber, -und die Halme stehen regungslos, wie tot. Die Felder haben einmal den -wilden Lärm gehört: Keuchen und Schreien, Röcheln, Kommando, Granaten -und den lauten Fall von vielen Männern. Nun aber schweigen sie. Die -Toten ruhen unter der Erde. Hier! Sie ruhen unter der Erde, ja, aber sie -sind nicht vergessen! In der Sonne kann ich sie ja stehen sehen, im -grellen, lichten Tage, die Mütter, Bräute und Schwestern, die -hierhergekommen sind auf diese heißen Felder, ohne Regung stehen sie und -weinen leise und können es noch immer nicht fassen, daß ihre Lieben -unter dieser Erde ruhen. So stehen sie, die Frauen, ich sehe sie -deutlich, und so werden sie noch viele Jahre stehen und leise weinen, -bis sie selbst in die Erde sinken. Aber noch nach fünfzig Jahren werden -einzelne hier stehen, bis es nach sechzig, siebzig nur noch eine einzige -ist, und auch sie wird in diese Erde hineinsinken. Und auch dann sind -sie noch nicht vergessen, die Toten von Soissons. Verflucht und verrucht -wäre Deutschland, vergäße es sie je! Einer, nach tausend Jahren, schlägt -ein Buch auf, und was schreit ihm entgegen? Schlacht bei Soissons, 11. -bis 15. Januar 1915, Regimenter, Bataillone, Divisionen, Kommandeure und -Generale, der Steinbruch, La Perrière, Crony, das Zuavenwäldchen – und -er, der in einer glücklicheren Zeit lebt, der Kriege so fern sind wie -uns Hexenverbrennungen, er wird der Toten von Soissons gedenken. - -Die Gräben und Sappen sind überwuchert von Kräutern und blühenden -Wicken. Sie sind heiß wie Backöfen. Hier ist der Steinbruch, Sandsäcke, -Barrikaden, alles ist noch da. Selbst die Sturmleitern, acht Meter hoch -und sechs Meter breit, stehen noch an Ort und Stelle. Hier mußten sie -hinauf und vor! Hinein in das zischende Feuer. Hier ist der Verhau des -sächsischen Scharfschützen, der vom grauenden Morgen bis in die sinkende -Nacht hier hockte und gar keine Zeit für etwas andres hatte, selbst das -Essen ließ er sich bringen. Zerschmetterte Bäume. Ein Haus, durch das -ein „großer Minenhund“ ging und es glatt zerlegte. La Perrière. -Zerschossen und ausgestorben. - -„Sehen Sie her, hier unten liegen die Schwarzen!“ - -Eine Schlucht wie ein tiefer, runder Brunnen. Ein breiter Erdhügel hebt -sich daraus, nahezu hoch bis zur Straße, Sand, Erde, Schmutz, Moder. -Darunter liegen sie. Man mußte sie aus dem Wege räumen und warf sie -hinein, die Schwarzen, es waren viele. Chlorkalk und Erde darauf, und -fertig war die Sache. Unten bei Berry-au-Bac sah ich an zweitausend -Schwarze vor unsern Stellungen liegen. Sie waren noch unbeerdigt. So ist -der Krieg. Eine Fliege kommt aus dem Brunnen und brummt mich an. Sie -wohnt da unten bei ihnen. Ich fahre zurück. Grauen und Entsetzen trägt -die schmutzige Fliege auf ihren kleinen Flügeln mit herauf. Sie ist die -Seele der Schwarzen und kommt herauf, um Protest zu erheben dagegen, daß -ich hinuntersehe. Fort mit dir! An meinem Schritt schon hat sie erkannt, -daß hier ein Weißer kommt. Sie ist zornig und hartnäckig und treibt mich -in die Flucht. Ich lasse die Schwarzen allein mit ihrer Fliege. Sie ist -alles, was sie haben. - -Gräber. Eine ganze Reihe. Es sind die Unsrigen. Die Granaten haben in -letzter Zeit die Kreuze etwas zerzaust und schief geschlagen. Das ist -den Toten einerlei. Die Höllenmaschinen dieser Erde können ihnen nichts -mehr anhaben. - -Dicht neben dem Friedhof hat sich ein Major eine Baude gezimmert. Die -Decke, der Plafond besser gesagt, besteht aus zwei gehäkelten -Bettdecken, die eine Art Baldachin bilden. Ein vergoldeter Sessel, -Empire, sehr nobel. An der Wand ein Öldruck: _Salut aux blessés_. -Französische Offiziere, hoch zu Roß, an einer Landstraße. Ein Trupp -deutscher Gefangener wird vorbeigeführt. Die Gefangenen sind große, -blonde Männer, verwundet, die Offiziere lüften das Käppi. Der Major ist -ein Mann von Welt und zieht sofort eine Flasche auf. Leider kann er uns -keine Zigarren anbieten. Sitzt er da gestern hier in seinem Sessel, sein -Wachtmeister dort, auf dem Tisch stehen die Zigarren, kommt ein -Granatsplitter angefegt und zerschlägt ausgerechnet die Zigarren. An der -Wand sind Bretter und Stäbe zersplittert. - -Mein Hauptmann entschließt sich nun doch, das Auto stehen zu lassen. Er -kann schließlich nicht bis in die Gräben fahren. Es geht bergan. -Wegweiser, Holzbrettchen mit Aufschriften: Batterie X, Geschütz Y, -Beobachtungsstand Z. Dahin wollen wir. Auf Schleichwegen gelangen wir -ans Ziel. - -Der Beobachtungsstand Z. ist keineswegs so nobel wie die Baude des -Majors unten. Er ist ein dunkles Erdloch. Eine Ruhebank, ein Stuhl, ein -Telephonapparat, das ist die ganze Einrichtung. Zwei Schatten hausen in -der dunklen Höhle. Ein Offizier und ein Soldat. Verbeugungen -gegenseitig, ein Händedruck, wir sind zu Hause. - -Hier ist es kühl und schattig. - -Durch einen Spalt, einen knappen Meter lang und eine Spanne hoch, fällt -das Licht des Tages. Vor dem Schlitz steht das Scherenfernrohr. Wie ein -eleganter Teufel auf dünnen Spinnenbeinen, mit grauen, dicken Hörnern. - -Und da unten, zum Greifen nahe, liegt _Soissons_! - -Eine Stadt! Dicht aneinandergedrängt stehen Häuser und Giebel, -schiefergrau und staubig rostgelb. Man blickt in Straßen hinein, kann an -den Krümmungen der Giebelreihen das Gewimmel von Straßen, Gassen und -Plätzen haarscharf erkennen. Aus der Stadt erheben sich Kirchen und -Türme, auffallend hoch, denn selten sieht man eine Stadt aus der Höhe. -St. Jean des Vignes, zwei spitze Türme, einer etwas niedriger als der -andre, Gotik, alles ganz genau. Rechts davon die Kathedrale. Sie scheint -einfacher gehalten zu sein. Der stumpfe Turm leuchtet in der Sonne. Oben -rechts ein weißer Fleck. Ein Loch? Durch das Glas sieht man, daß eine -Granate in den Kantenpfeiler gefahren ist. Es ist weiter nicht schlimm. -Regierungsgebäude, langgestreckt und ehrwürdig grau, Schuppendächer beim -Bahnhof, Fabriken. Mit bloßem Auge sieht man die einzelnen Fenster, mit -dem Glas die Fensterkreuze. Die Stadt aber ist tot. Kein Fenster blinkt -beim Schließen oder Öffnen, kein einziger der Kamine auf den Giebeln -raucht. Auch nicht eine Spur von Leben, und doch hausen Tausende von -Menschen in der stillen Stadt. Sie stellt sich tot, nur in der Nacht, -wenn es ganz finster ist, kann sie ein wenig Atem holen. Die Vororte -strahlen von ihr aus in das grüne Tal der Aisne. Neue Häusergruppen, -Schuppen, Fabriken. Eine leuchtend gelbe Fabrik auf dem ansteigenden -Hang hinter der Stadt, blendend in der Sonne wie ein Schloß. - -Breit und sonnig liegt das Flußtal. Ein paar Krümmungen der Aisne -blitzen in der Sonne. Erlengebüsche, Baumgruppen, Dörfer und die Hügel, -grün, zum Teil bewaldet. Hoch oben und fern ein paar Häuser. Alles -schweigt. Ein paar Geschütze feuern zuweilen, sonst regt sich nichts. -Unten, in Deckung, hantieren Leute, so groß wie Fliegen. Es sind -Feldgraue. Einer sägt Holz. Straßen, staubige Landstraßen, die sich aus -Soissons emporwinden, ohne Leben. Ich streiche mit dem Scherenfernrohr -die Hügel ab, die Landstraße, Hänge und Wäldchen, vielleicht sehe ich -einen Menschen von Baum zu Baum huschen, oder einige – eins, zwei, drei -und hinüber. Nichts. - -„Sehen Sie denn nichts?“ frage ich den Offizier. - -„Nein, gar nichts. Vor einer Viertelstunde sah ich einen Mann im Feld. -Heute morgen hoch oben ein Reiter.“ - -Wo der Fluß blinkt, im Feld, sind die Gräben. Man sieht die gelben -Striche mit dem bloßen Auge. Aber selbst mit dem ausgezeichneten Glas -kann man keine Spur von Leben in den Gräben entdecken. Bei der -Baumschule dort, an einer Telegraphenstange, hängt eine französische -Flagge. Sie wurde heute nacht angebracht. - -Plötzlich aber entdecke ich doch etwas! Aus einem grauen Dorf, gerade -gegenüber, einem Vorort, steigt eine runde Wolke wie von Wasserdampf. -Aber nichts regt sich, keine Seele. Das Dorf scheint verlassen. Die -Wolke verdichtet sich, reckt sich höher, es kommt Leben in sie, Nahrung, -die Granate hat gezündet. Fünf Minuten und sie wächst und wächst. -Plötzlich aber wird sie rasch kleiner und kleiner: es sind also doch -Menschen dort in dem toten Dorf! Französische Reserven liegen dort. - -Es kracht in der Nähe. Abschuß! Eine Granate rauscht und gurgelt über -unsre Köpfe hinweg, hinüber nach Soissons. Die Sekunden vergehen. Wo -wird sie aufschlagen? Eine weiße Wolke, dort bei den roten, neuen -Schuppen. Dann erst der scharfe Knall des Aufschlags. Die Schuppen sind -die letzten Häuser des Vororts St. Paul. Nichts regt sich, kein Mensch -erscheint, um nachzusehen, was die Granate hier bei den Schuppen will. -Die weiße Wolke zerstiebt. - -Abschuß! Mächtig schleift die Granate durch die Luft. Sie schlägt vor -den Schuppen in eine Baumgruppe ein. Die Bäume rauchen. Plötzlich röhrt -und rauscht es näher über dem Unterstand. Bekommen wir Antwort? Nein. -Der Abschuß fiel mit dem Krach der einschlagenden Granate zusammen. Eine -graue Wolke hängt über der Baumgruppe, ein gespenstischer, grauer -Oktopus, der seine Fangarme langsam nach den Bäumen ausstreckt. Ein -Schrapnell. - -Soissons aber liegt und regt sich nicht. Wie die Gazelle vor den Augen -des Tigers liegt es da. - - - - - Fliegerangriff auf Fesselballone - - - Im Juli - -Gegen sieben Uhr abends fahren wir, der Rittmeister v. B. und ich, in -das Arbeiterdorf X. Y. ein. Wir haben hier zu tun. Der Rittmeister läßt -halten, um nebenher einem Bekannten guten Tag zu sagen. Kaum ist er -fort, so gibt es einen Knall. Was ist los? Ringsum schlagen die -Geschütze, und ich beachte den Knall nicht weiter. Aber Leute und Kinder -laufen zu einer Stelle neben der Straße. Oben brummt ein Motor. Ein -Flieger hat eine Bombe geworfen! Sie fiel zweihundert Meter vor dem Auto -nieder, und es ist gut, daß wir zufällig hielten. Ein Arbeiter wird -weggeführt. Erschrocken und verstört sieht er aus. Ein Splitter hat ihn -am Arm verletzt. Er rauchte gerade seine Feierabendpfeife ganz friedlich -und dachte an nichts. Da kam die Bombe aus der Luft. „Ist die Verletzung -schwer?“ frage ich einen Arzt. „Nein, nein, eine Kleinigkeit.“ - -Ein Rudel von Kindern hockt um das Loch herum, das die Bombe schlug. Sie -graben mit ihren schwarzen Pfoten, hastig und gierig wie Hunde, ob sich -nicht irgend etwas findet. Die Splitter haben Fetzen aus den -geschwärzten Backsteinmauern geschlagen. Eine Mauer ist wie von scharfen -Krallen zerkratzt. Man kann genau den Streuungskegel feststellen. In -zwanzig Meter Entfernung schlugen die Splitter einen knappen Meter hoch -ein. - -Der Rittmeister kommt zurück. „Was ist los?“ - -„Ein Flieger hat eine Bombe geworfen.“ - -„Nicht möglich!“ Er lacht vergnügt und gleichmütig und blickt durch das -Monokel zum heißen Himmel empor, wo eine Gruppe von Schrapnellwölkchen -steht. Er hat nicht einmal den Knall gehört. Wir trennen uns. Ich will -einen Regimentskommandeur besuchen, und der Rittmeister hat Geschäfte -irgendwo in der Nähe. Die Kinder wühlen noch immer in dem Bombenloch. -Ich bin keine hundert Schritte an ihnen vorbei, als mich ein Offizier -anruft. „Nehmen Sie Deckung. Ein Flieger kommt. Er wird gleich werfen.“ -Ah, schon wieder einer! Er hält direkten Kurs auf mich zu, ganz, als -wolle er mich persönlich aufsuchen. Schon hört man seinen Motor summen, -gleichmäßig und wundervoll brummen die hundert Pferde da oben! Aber ein -Schrapnell platzt dicht vor seiner Nase, und er biegt aus. Dem -Rittmeister indessen hat er, wie ich später erfuhr, eine Bombe in den -Garten geworfen. - -Dieses X. Y. ist ein Bombennest ersten Ranges. Ich wußte es, man hatte -es mir erzählt, aber ich hatte nicht recht daran geglaubt. Weshalb -gerade dieses Arbeiterdorf? Nun, überall bilden sich Gewohnheiten aus! -Es liegt auf dem Wege Souchez-Douai, genau in der Mitte, und die -Luftstraße geht darüber hin. Es bekommt seine Bomben, früh und abends, -und die Bomben gehören zu X. Y., ganz wie der Geschützdonner und das -Schnarren und Trompeten der Automobile. Wenn die Franzosen nach Douai -fliegen, so werfen sie eine Bombe ab, und alles, was sie in Douai nicht -an den Mann bringen konnten, aus irgendeinem Grunde, bekommt X. Y. auf -dem Rückwege. Das schmutzige und schwarze Fabrikdorf hat im Grunde -genommen nur eine einzige, schnurgerade Straße, die Chaussee. Diese -Chaussee steuern die Flieger an, und wenn sie in genauem Kurs -darüberliegen, so werfen sie den Vogel über Bord. X. Y. hat seine Bombe. -Da man aber den Trick kennt, so nimmt man Reißaus, und infolgedessen -passiert verhältnismäßig wenig. Freilich, wenn man seine Feiertagspfeife -raucht und gemächlich auf der Chaussee herumstochert, so kann die Sache -schlecht ausgehen. - -Ich blieb eine halbe Stunde bei dem Regimentskommandeur, und als ich -wieder auf die Straße trat, war eine wütende Knallerei ausgebrochen. Der -ganze Himmel stand voll Schrapnellwolken. Was war geschehen? Ja, auf den -ersten Blick konnte man es sehen: Während ich bei dem Kommandeur saß und -plauderte, waren zwei Fesselballone hochgegangen und feindliche -Flugzeuge griffen sie an. Der eine der Ballone stand etwa einen -Kilometer weit entfernt, der andere aber stand nahezu über meinem Kopfe, -etwas westlich vom Dorf. Er war drei- bis vierhundert Meter hoch, -vielleicht höher, und leuchtete hell in der Abendsonne. Die Luftströmung -hatte ihn herübergetrieben, ich sah zuweilen das schrägstehende -Drahtseil aufblitzen, das ihn festhielt. Deutlich sah ich den Korb, und -daraus kam etwas Rundes hervor, das war der Kopf des Beobachters. Da saß -er nun hoch oben, beobachtete die Einschläge der Geschosse, -telephonierte, dirigierte. Ganz wie er, saß drüben der andere, und beide -lasen in den feindlichen Höhenzügen wie in einem aufgeschlagenen Buch. -Das war ihnen ein bißchen zuviel! Augenblicklich kamen ihre Flieger -herbei. Zuerst sah ich nur einen. Winzig, wie eine goldene Libelle, kam -er auf den entfernteren Ballon zugeflogen. Jeden Moment verlor ich ihn -aus den Augen, so stand er im Licht. Die platzenden Schrapnelle, hoch -oben, nicht größer als ein Kopf, zeigten seine Bahn. Es waren zwanzig, -dreißig, er sollte auf keinen Fall herankommen und den Beobachter im -Korb stören! Eine ganze Wiese von Schrapnellwölkchen stand da oben. Sie -entstehen ganz urplötzlich am blauen Himmel, haarscharf ausgeschnitten, -sind rund wie eine Kugel, aus der langsam der Rauch tropft, schimmern -und opalisieren wie feinster Zigarettenrauch. Lieblich und unschuldig -sehen sie aus, oft berauschend schön. Die goldene Libelle aber flog -näher, unbekümmert und frech, in dreitausend Meter Höhe. Plötzlich, nahe -über dem entfernteren Ballon angelangt, blitzte sie breit und golden -auf. Sie hatte eine Kurve gemacht, stach in die Tiefe und schoß nun -direkt auf unseren Ballon zu. Aber unsere Kanoniere schliefen nicht! Die -Granaten fauchten über das Dorf hoch, eine hinter der anderen her, immer -rascher und wütender, und ein Dutzend blitzender Messer und Dolche, wie -von einer Kanone hochgeschossen, zuckten um die Libelle auf. In der -nächsten Sekunde schon hatten sie sich in schöne, grünlich schimmernde -Wölkchen verwandelt. Die Libelle wich nach Norden aus, überflog in -rasender Fahrt, brummend und surrend, das Dorf und stieg in einer großen -Spirale hoch. Die Dolche folgten ihr blitzend und funkelnd, sie stieg -und stieg und nahm Reißaus. Plötzlich aber drehte sie bei und kam mit -direktem Kurs zurück! - -„_Voilà un autre!_“ - -Das ganze Dorf steht auf der Straße und sieht zu. Ein Arbeiter in -Hemdärmeln, unter der Tür einer Kneipe, deutet in die entgegengesetzte -Richtung. Seht an, ein zweiter! Ich sehe nur das Feld von -Schrapnellwölkchen, ein Rudel, zu dem immer neue kommen, aber der -Arbeiter hat die Maschine gefunden. Rechts neben dem Schlot, über den -drei kleinen Wolken, die dicht beisammen stehen! Richtig. Klein und zart -wie eine Schwalbe zieht sie näher. Sie hat es nicht auf unsern Ballon -abgesehen, sondern auf den anderen. Sie bekommt Feuer von allen Seiten, -und ein Streifen des blauen Himmels ist wie mit Lämmerwölkchen bedeckt. -Sie kann nicht heran und zieht meilenweite Kreise. Unten an der Straße -verschwinden die Leute in den Häusern: es sind Sprengstücke von den -Abwehrgeschützen heruntergekommen. - -Aber wir haben die Libelle ganz außer acht gelassen. Plötzlich steht sie -wieder über dem Dorf. Sie ist von hinten heimtückisch wieder -herangeschlichen. Unsere Kanoniere aber behielten sie wohl im Auge. Über -dem Dorf bekommt sie Feuer und muß höher gehen. Sie biegt aus, kommt in -einem kühnen Bogen zurück, und es gelingt ihr, unseren Ballon zu -überfliegen. Aber in solch enormer Höhe, daß es sinnlos von ihr wäre, -eine Bombe zu werfen. Das ist ja der Sinn der Beschießung. Trifft man -sie auch nicht, so sollen sie wenigstens hochgehalten werden. Sie macht -sich davon wie das erstemal, klein wie ein Punkt sieht sie jetzt aus, -aber sie kehrt wiederum zurück. - -Nach Süden zu, noch ferne, erscheinen ebenfalls Gruppen von -Schrapnellwölkchen. Zwei Striche, ja nichts anderes als zwei feine -Gedankenstriche untereinander, kommen heran. Ein Doppeldecker. In -unerhört rascher Fahrt zieht er näher. In den heißen Luftschichten -scheint er manchmal etwas höher und manchmal etwas tiefer zu stehen. -Durch irgendwelche höllische Künste gelingt es ihm, sich streckenweise -vollkommen unsichtbar zu machen. Unsere Geschütze legen eine Barriere -von Schrapnellen vor ihn, aber das ist ihm ganz einerlei. Er kommt -heran, unwiderstehlich und kühn, fliegt zwischen den Ballonen hindurch -und fegt in abenteuerlicher Höhe über meinem Kopf hinweg. Über dem Dorfe -macht er halt! Das heißt, er legt sich in die Kurve, daß er nahezu auf -den Flügelkanten steht, und kommt, ehe die Geschütze sich neu einstellen -können, den gleichen Weg zurück. Eine ganze Lage sitzt falsch! Er -überfliegt unsern Ballon und stürzt sich auf den anderen. Man muß es -zugeben, es sind _Leute_, die da oben in den Apparaten sitzen! - -Nunmehr ist aber auch die Libelle zurückgekommen. Grau und unscheinbar -sieht sie aus. Sie fliegt viel niedriger und scheint es nun ernst zu -meinen. - -Der Kampf geht weiter. Die Schrapnelle platzen, und die Geschütze speien -ganze Kurven von blitzenden Dolchen in den blauen Himmel. Die Flugzeuge -suchen ein Loch, um durchstoßen zu können, um ihre Bombe anbringen zu -können mit einiger Wahrscheinlichkeit auf Erfolg. Kühn und großartig -versuchen sie es wieder und wieder, man muß es ihnen lassen. - -Gleichgültig und stumpf stehen die Ballone währenddessen am Himmel, als -gehe sie die ganze Sache nichts an. Sie rühren sich nicht. Sie sind wie -fliegende Elefanten, denen es gegeben ist, an Ort und Stelle in der Luft -stehen zu bleiben. Die Beobachter sitzen und telephonieren und -dirigieren, während die Geschütze feuern. Sie würden sitzen und -beobachten, wenn der Himmel über sie herabbräche. Es muß sein, und so -tun sie es, ohne überhaupt ein Wort darüber zu reden. - -Die Libelle scheint, wie ich sagte, nunmehr ernste Absichten zu haben. -Sie steuert unseren Ballon kaltblütig und tollkühn an, in zweitausend -Meter Höhe, trotz des wütenden Feuers. Plötzlich platzt ein Schrapnell -unmittelbar rechts von ihr. Sie blitzt golden auf, wendet und zieht -schnurstracks nach Hause! Sie ist getroffen. Ja, die Libelle ist fertig. -Sie streckt die Flügel, so sehr es geht, aber es gelingt ihr doch nicht -mehr, über unsre Linien zu kommen. Sie muß landen und ist gefangen. - -Der rasche Doppeldecker und die kleine Schwalbe, die ich immer wieder -aus den Augen verlor, setzen die Angriffe fort. Nur noch wenige Minuten, -dann kommt ein neuer, sehr rascher Doppeldecker dazu. Er überfliegt in -großer Höhe das Dorf, unsern Ballon – aber er bekommt kein Feuer. Es ist -einer von uns, ein Kampfflugzeug. Die Franzosen haben ihn gesehen, er -ist rascher und stärker als sie, es wäre Unsinn, sich mit ihm -einzulassen. Zwei von den ihrigen hat er schon ohne viele Umstände -heruntergeschossen. Ehe er noch nahekommen kann, geben sie Fersengeld. -Sie entfliehen in einer Gabel, der Doppeldecker nach Westen, die -Schwalbe nach Südwesten. Der Kampfflieger jagt in der Mitte hinter ihnen -her, um einen, wenn möglich, abzuschneiden. Die Schwalbe wird zu einem -dunkeln Punkt, der Doppeldecker zu zwei goldenen, feinen Strichen. Der -Kampfflieger verblaßt. - -Nun aber bekommt er Feuer, von der Lorettohöhe herüber. Schmutziggraue -Tupfen stehen unter ihm. Es hat keinen Zweck mehr, er macht kehrt. In -toller Fahrt, brummend und summend, fliegt er über das Dorf zurück. Wie -eine Bulldogge, die ein paar Kläffer in die Flucht schlug und nun höchst -zufrieden nach Hause galoppiert. Die Schrapnellwölkchen zerfließen am -Himmel. - -Im Westen, ferne, steht ein Feld safrangelber Schrapnelltupfen. Ein -später Flieger, der Feuer bekommt. - -Über die Lorettohöhe steigt die erste bleiche Leuchtkugel empor. Die -Geschütze schlagen lauter. Die Nacht kommt. - - - - - Der gefangene Sozialist - - - Im Juli - -„Ist der Schriftsteller hier? Er soll vortreten!“ - -Der Knäuel der Gefangenen kommt in Bewegung. Ein brauner, -breitschulteriger Soldat in verstaubtem, blaugrauem Mantel tritt vor. -Sein derbes Gesicht ist heiß und schmutzig, seine Hände sind hart und -groß. Sein Blick ist fragend und fest auf mich gerichtet. Er sieht aus -wie ein Soldat, ganz wie die anderen, keineswegs wie ein Mann der Feder. - -„Sie sind Schriftsteller?“ – „Ja, mein Herr. Ich bin Journalist.“ – „Ich -bin ein Kollege von Ihnen und möchte mit Ihnen sprechen.“ – „Zu Ihrer -Verfügung.“ - -Die andern sind stumm und hingerissen vor Neugierde. Sie verlieren -vollkommen ihre militärische Haltung und verwandeln sich in Bauern und -Handwerker, die zuhören wollen und ihre Neugierde nicht verbergen. Sogar -der mit dem verbundenen Kopf ist herbeigekommen und dreht neugierig den -Hals, soweit es seine Verwundung erlaubt. - -„Gehen wir ein wenig.“ Ich winke den französischen Kollegen heran, und -wir gehen in dem heißen Hofe hin und her. - -„Wann wurden Sie gefangengenommen?“ – „Gestern abend. Im Labyrinth. Wir -waren in den deutschen Graben eingedrungen und wurden abgeschnitten. Wir -konnten weder vor noch zurück. Es war nichts mehr zu machen.“ – „Wie -haben unsre Soldaten euch aufgenommen?“ – Er sieht mich an. – „Sie haben -uns als Soldaten behandelt, ganz wie es bei uns zu sein pflegt, wenn wir -deutsche Gefangene machen.“ - -Da vorn, ganz vorn, wo Mann gegen Mann steht, lernt der Soldat den -Gegner achten. Ich sprach einen Feldgrauen, von einem badischen -Regiment, der vierundzwanzig Stunden in französischer Gefangenschaft -war. Er wurde bei einem Patrouillengang abgeknüpft. Wie es ihm drüben -erging? Es ging ihm glänzend! Die Aufnahme war die allerherzlichste. Man -brachte ihn in einen Unterstand, gab ihm Zigaretten, Kognak, Kaffee und -Suppe. Man hänselte ihn ein wenig, aber das kümmerte den Schwaben nicht, -denn er verstand keine Silbe. Es war auch nicht böse gemeint, das konnte -er sehen, alle lachten vergnügt. Ein Offizier fragte ihn, wie der -Kommandeur seines Regiments hieß? Der Schwabe weigerte sich, es zu -sagen. „Na schön,“ sagte der Offizier, „ein rechter Soldat verrät -nichts, hier, rauchen Sie!“ Dem Schwaben ging es, wie gesagt, gut. -Fußtritte und Faustschläge sind auf jeden Fall nicht die Regel. - -„Waren Sie früher Soldat, oder wurden Sie erst im Laufe des Krieges -ausgebildet?“ frage ich den Franzosen und reiche ihm meine Zigaretten -hin. - -„Danke!“ Er verbeugt sich leicht und sein warmer Blick trifft mich. -Seine Hand, hart und derb von Gewehr und Spaten, zittert heftig. Mit der -Wollust des Rauchers zieht er den Rauch in die Lunge und stößt ihn durch -Mund und Nase heraus. „Ich wurde im Januar eingezogen, ich bin -vierunddreißig Jahre alt. An der Front war ich vier Wochen. Soldat war -ich nie gewesen, nein. Ich war froh, daß man mich seinerzeit nicht -tauglich fand. Offen gestanden bin ich nie ein Freund von allem gewesen, -was Militär heißt. Ich bin Sozialist.“ - -„Sie sind Sozialist?“ - -„Ja, ich schreibe für sozialistische Zeitungen und Revuen.“ - -„Vielleicht können Sie mir dann die Stellung erklären, die Ihre -Kameraden und Parteifreunde diesem Kriege gegenüber einnehmen?“ - -„Das kann ich wohl, so in großen Umrissen natürlich nur. Es ist -selbstverständlich, daß wir im Prinzip gegen jeden Krieg waren. Heute -macht man uns Vorwürfe, ob mit Recht oder Unrecht, daß wir die Mittel -zur nationalen Verteidigung beschnitten. Heute ist alles anders -geworden, ohne Frage. Wer hielt diesen Krieg ernstlich für möglich? -Niemand. Zwei Tage vorher lachte man noch darüber. Ich war im Süden, in -Marseille, um die Sitten des Südens zu studieren. Nein, ich glaubte -nicht daran. Wir kämpften gegen die Wiedereinführung der dreijährigen -Dienstzeit. Wir taten alles, was in unserer Macht stand. Aber Sie, Sie -rüsteten immer weiter.“ - -„Glauben Sie nicht, daß wir durch Ihr Bündnis mit Rußland und England -dazu gezwungen wurden?“ - -„Unsere Bündnisse waren eine Folge – aber ich bin weit davon entfernt, -Ihnen und nur Ihnen allein Schuld an dieser Katastrophe zuzuschreiben. -Es wurden überall Fehler gemacht; bei allen beteiligten Völkern. Die -Völker müssen noch viel lernen! Nachdem es zu spät war und die -Katastrophe hereinbrach, waren wir natürlich verpflichtet, uns für unser -Land zu schlagen, genau wie Sie es waren. Es war zu spät. Jaurès wurde -ermordet. Aber auch er hätte das Unglück nicht mehr aufzuhalten -vermocht. Ich wenigstens glaube es nicht. Nur ein Wunder, aber es gibt -keine Wunder mehr in unserer Zeit! Alles ist fürchterlich.“ - -Er schweigt, und wir gehen stumm, jeder in sich versunken, über den -heißen Hof. Müde und gebückt schlürft er neben mir einher, staubig und -schmutzig, die zerknüllte Mütze unordentlich auf das schweißige Haar -gedrückt. Seine Augen sind eingesunken und verquält. Plötzlich gähnt er. -Lange und herzhaft. Und mit derselben erschöpften Miene und dem gleichen -verquälten Ausdruck in den Augen sagt er: „Ich habe eine Frau und ein -Kind. Ich werde sie wiedersehen.“ Nein, er atmet nicht auf bei diesem -Gedanken, er, der die Hölle von Arras lebendig durchschritt, hat noch -nicht die Kraft, sich zu freuen! - -„Sie sind glücklicher als viele andere!“ - -„O ja, mein Herr, gewiß. Aber –“ - -Er findet, daß es zu wenig ist, was er aus diesem Leben gerettet hat, -seine Frau, sein Kind – – - -Ich beginne von gleichgültigen Dingen zu sprechen, um ihn abzulenken, -von Marseille, von den südlichen Provinzen Frankreichs, aber in den -nächsten Minuten sind wir von selbst wieder beim Krieg und der Politik -angelangt. Es geht nicht anders. Unsere Debatte wird lebhafter. Langsam -finde ich mich in seinen Zügen zurecht. Ich taste mich zu seinem -früheren Gesicht durch, wie es aussah, bevor er mit Gewehr und Spaten -arbeiten lernte. Es ist weniger das Gesicht eines außergewöhnlich -klugen, als vielmehr eines aufrichtigen Menschen. - -„Glauben Sie,“ frage ich ihn, „daß das Verhältnis zwischen dem deutschen -und dem französischen Volk in absehbarer Zeit wieder freundschaftliche -Formen wird annehmen können?“ - -Er schüttelt den Kopf und verzerrt die Lippen. „Nein,“ sagt er, „ich -glaube es nicht, leider. Ich kenne Deutschland, ich war in Stuttgart, -München, Dresden. Aber nein. Jahre, Jahre wird es dauern.“ - -„Veröffentlicht Ihre Regierung noch immer keine Verlustlisten? Wie kommt -es, daß Frankreich sich so etwas gefallen läßt?“ - -„Man klagt viel darüber. Aber man hat sich damit abgefunden. Es ist ein -Opfer wie manches andere, aber das französische Volk ist bereit, dieses -Opfer zu bringen.“ - -„Und wie ist die Stimmung im allgemeinen? In Paris? Im Volk?“ - -Er bleibt stehen. „Die Stimmung? Paris? Ich bin seit dem Januar nicht -wieder nach Paris gekommen. Seit ich an der Front bin, seit vier Wochen -habe ich überhaupt nichts mehr gehört. Wir werden hin und her geworfen -und sind seit Wochen ohne jede Verbindung mit der Heimat. Ich weiß -nicht, was in den letzten vier Wochen vor sich ging, von rein -kriegerischen Ereignissen abgesehen. Ich weiß nur, daß unser Volk mutig -ist und unerhörte Opfer bringt, weil es sein muß. Auch bei Ihnen zu -Hause wird die Stimmung ja keineswegs rosig sein, wir haben den Feind im -Lande, wir leiden mehr unter dem Krieg, das ist nur natürlich. Dieser -Krieg hat Frankreich sehr unglücklich gemacht, ich brauche Ihnen das -nicht erst zu sagen. Die Stimmung bei uns, mein Herr, soweit ich -urteilen und beobachten kann, ist – nun, sie ist keineswegs glücklich.“ - -Eine Viertelstunde später stehe ich vor einem gefangenen französischen -Offizier. Er ist rasiert, gewaschen und gebürstet, ein schöner junger -Mann mit edel gezeichnetem Gesicht und klaren, klugen Augen. Man -erzählte mir, daß er sich hervorragend geschlagen habe. - -Klar, ohne Pose, ohne den leisesten Verdacht von Hochmut und -Provokation, im schlichtesten und natürlichsten Ton der Welt versichert -mir dieser Offizier: „Die Stimmung in Frankreich ist ausgezeichnet. Nie -war sie besser. Wir werden uns bis zum letzten Mann schlagen. Vergessen -Sie nicht, mein Herr, daß unser Heer nicht mehr jenes vom Anfang des -Krieges ist. Es ist reformiert, es wird besser mit jedem Monat!“ - - - - - Die Grabenkämpfe bei Souchez - - - Im Juni - -Ich habe sie gesehen und gesprochen, sie, die sich da draußen schlagen, -in den Gräben von Souchez. Sie sind in Ruhe. Heute nacht müssen sie -wieder hin. Die Straßen und Wege liegen nachts unter Feuer. Die Granaten -krachen und flammen wie Höllengeister. Da müssen sie hindurch. Dann sind -sie in Souchez. Was ist Souchez? Es ist ein Nest, ein Dorf, das niemand -kannte und das nun viele nie mehr vergessen können. Es ist gezeichnet -für immer, wie Gravelotte und Wörth. Wenn die Hölle Buch führt, so wird -sie auch den Namen Souchez eingetragen haben, denn er kann sich sehen -lassen neben den andern. - -Souchez ist heute zusammengeschossen. Die Häuser verließen ihren Platz -und sprangen auf die Straße. Man räumt die Trümmer zur Seite, aber es -sind immer wieder neue Trümmer da. Durch Souchez fließt ein Bach, der -Carencybach. Die Granaten haben sein Bett zerwühlt, durch das er hundert -Jahre lang und länger friedlich rieselte und gluckste, sie haben die -Ufer zerstampft, so daß er verzweifelt sein Bett verließ und sich einen -neuen Weg durch die Granattrichter suchte. Trüb und lehmig ist er -geworden. Er verbirgt seine Geheimnisse. - -Sind die Grauen durch den Schlamm gewatet, so sind sie noch lange nicht -da. Die Gräben liegen ein paar hundert Meter ab vom Dorf. Hier liegt ein -Feuerriegel. Die Erde öffnet sich und speit haushoch Feuer und Qualm. Da -müssen sie hindurch! Hier gibt es keine Annäherungsgräben, er da droben -auf der Lorettohöhe läßt es nicht zu. Übers freie Feld heißt es hier und -hinein in den Graben. Nun erst sind sie da! - -Aber vorläufig haben sie noch ein paar Stunden Zeit und machen sich -keine Gedanken. Sie sind alle sauber gewaschen und gebürstet, braun wie -Nüsse, und die Hitze schält ihnen die Haut von Nase und Ohren. Ihre -Uniformen sind eine Geschichte für sich. Sie waren alle einmal grau, nun -aber sind sie verschossen, ausgewaschen und ausgeschwefelt. Bei Gott, -man sieht es ihnen an, daß sie nicht in der Etappe saßen! Der rote -Streifen der runden Mützen ist mit grauem Tuch vernäht, die Mützen -sitzen alle tief in der Stirn, so gehört es sich. Es sind Grabenleute. -Der Feldwebel aber sieht aus, als käme er gerade vom Schneider. Kein -Flecken. Seine Hände sind gepflegt, und mit dem spitzen Nagel des -kleinen Fingers zeigt er mir auf der Karte ihre Stellung. Vielleicht war -er in seinem früheren Leben Lehrer oder Kaufmann, ich weiß es nicht. Er -ist jetzt Soldat, und er ist so sehr Soldat, daß ich ihn zu fragen -vergaß. - -„Hier also ist unsere Stellung. Dieser Graben.“ Es ist ein rechter -Winkel, und sein Fingernagel deutet auf den der Lorettohöhe zugewandten -Schenkel. „Wir bekamen schweres Artilleriefeuer, Wirbelfeuer, den ganzen -Tag über lag es auf dem Graben. Von sieben Uhr morgens bis neun Uhr -abends. Achtundzwanziger! Der Graben sah aus, als wenn ein Dampfpflug -ihn eingeebnet hätte. Wir sahen nichts mehr und wir hörten nichts mehr. -Wir hatten natürlich Verluste. Anders geht es nicht. Zurück gibt es -nicht! Eine 28er schlägt neben mir ein, jagt in die Höhe. Es ist nicht -so schlimm. Der Graben ist zugeschüttet. Auch ich bin verschüttet. (Er -war also verschüttet, aber keinem seiner Fingernägel hat es etwas -getan!) Niemand glaubt, daß noch ein menschliches Wesen im Graben -existieren kann. Um neun Uhr springt das Feuer zurück, hinter den -Graben, damit keine Reserven herankommen können. Aha! Es geht los! Unser -Leutnant, noch keine neunzehn Jahre alt, schreit. Es ist wie in einem -Ameisenhaufen. Überall krabbelt es. Sie kommen alle heraus. Die meisten -Gewehre sind unbrauchbar geworden. Also Handgranaten. Die Franzosen -kommen heran. Es fällt hier ziemlich ab, und sie kommen rasch herunter. -Die Handgranaten fliegen. Wir stehen hier, in den Granatlöchern, und der -Rauch ist so dick, daß keiner den andern mehr sieht. Eine neue Kolonne -stürmt. Sie denken, wir sind erledigt, aber wir, wir schreien Hurra! Wir -brüllen und johlen, ja wir jodeln und lachen. Da stutzen sie doch. Nun -aber sehe ich, daß sie von da her kommen, sehen Sie!“ Er deutet auf den -Scheitelpunkt des Winkels. Hier stoßen die beiden deutschen Gräben -zusammen, rechtwinklig, der Schenkel zur Lorettohöhe und der Schenkel -gegen die Zuckerfabrik. Man darf aber nicht glauben, daß es mit dem -Scheitelpunkt zu Ende ist! Dort ist eine Barriere, und dahinter setzt -sich der Graben fort. Dieser Abschnitt gehört den Franzosen. So ist es -hier! Aber, wie gesagt, aus diesem Abschnitt klettern die Franzosen -heraus. Er sieht sie, im Rauch, wie sie herausquellen ... - -‚Ein Mann vor mit Handgranaten!‘ - -Nun, ein Mann geht vor, zum Scheitelpunkt, und wirft Granate um Granate -in die herausquellenden Franzosen. - -„Wer war es doch gleich? Ist er nicht hier?“ - -„Ich war es.“ - -„Na, dann erzähle du!“ - -Es ist ein schlesischer Landwirt, ein Bauer, und seine Uniform ist -olivengrün geworden da draußen. - -„Ja, also, ich nehme den Arm voll Handgranaten und pfeffere hinein, wie -es eben trifft. Sobald sie wiederkommen, schmeiße ich. Dann bin ich -fertig mit den Handgranaten, und nun heißt es: fort! Ich laufe quer über -das Feld, ohne jede Deckung. Sie schießen hinter mir her, sie treffen -mich aber nicht. Ich springe hinten in den Graben.“ - -Gut hat er seine Sache gemacht, man muß es ihm lassen! Hoffentlich -bekommt er das Kreuz! Er erzählt schlecht, er stottert, er schämt sich, -zu berichten, was er tat, weil alle ihn ansehen und grinsen. - -„Na, nun war nichts mehr zu machen. Nun kamen sie.“ Der Feldwebel mit -den gepflegten Fingernägeln und blanken Augen blickt sich im Kreise um. -„Wer hat übrigens das Grabenstück besetzt gehabt? War das nicht die –?“ - -„Wir!“ Ein junger Bursche mit runden Augen, knapp zwanzig, die Mütze bis -zur Nasenwurzel, Flaum auf den braunen Backen, tritt vor. - -„Warum habt ihr das Grabenstück geräumt? Ihr habt ja das Loch -aufgemacht!“ Die Augen des jungen Feldwebels blicken vorwurfsvoll auf -den Bauernjungen. - -Der Bauernjunge bekommt einen roten Kopf. Er ist Soldat und hat seine -Ehre. „Wir waren zusammengeschossen, Herr Feldwebel. Der Graben war – es -war überhaupt nichts mehr da.“ - -Der Feldwebel wird spöttisch. „Aber das ist doch kein Grund -zurückzugehen?“ - -„Wir waren nur noch zwölf. Wenn wir so viel waren.“ - -„Zwölf? Ja, wieviel glaubt ihr denn, daß wir waren? Wenn ihr natürlich -gleich das Loch aufmacht –?“ - -„Wir hatten Befehl –“ - -„Na, schön. Bei uns gibt es das nicht. Also nun kamen sie, durch das -Loch, das die da (!) aufmachten – nun kamen sie also. Sie kamen ganz -langsam daher. Sie dachten, die Sache ist in Ordnung und es ist weiter -nichts zu tun. Aber unser Leutnant sagt sich, na, wartet mal, ihr Kerle! -Acht Mann mit Gewehr hinaus aus dem Graben! Hinaus aufs Feld. Sie -klettern und rutschen also raus und schwärmen aus und setzen sich in -Granatlöcher und fangen an zu feuern. Die Franzosen kommen in so dichten -Reihen daher, daß jeder Schuß treffen muß. Eine Schwarmlinie und eine -Sturmkolonne. Sie haben furchtbare Verluste, denken Gott weiß, wieviel -da feuern, und gehen zurück. Ja, so wurde das gemacht. Bei uns verliert -man nicht gleich den Kopf. Es waren also, wie gesagt, nur sechs oder -acht Mann. Dann kamen ein paar mehr aus dem Graben. Unterdessen hielten -wir aber den Angriff von vorn ab. Sie wären uns in den Rücken gekommen, -ja, sie waren schon im Rücken ... Maschinengewehre bauten sie schon -auf.“ - -„Na, also jetzt, weiter unten. Wie war es denn da weiter unten? Wer war -da weiter unten?“ - -Er meint in dem Graben gegen die Zuckerfabrik, der sich weiter entfernt -von dem durchbrochenen Grabenstück befand. - -„Ich!“ Ein Polacke, Unteroffizier, mit grünen Augen tritt auf. - -„Ihr habt den Graben gehalten?“ - -„Haben wir gehalten, Herr Feldwebel, jawohl. Haben wir bis zuletzt -gehalten. - -Haben wir Feuer gehabt, den ganzen Tag. Haben wir gesessen und gewartet. -Graben ganz kaputt. Sind die Franzosen gekommen. Haben wir sie gesehen -kommen durch den Rauch. Haben wir geschossen, bis Gewehr heiß war. Haben -wir in Flanke geschossen. Haben wir Barrikade gebaut, daß Franzose nicht -hereinkam zu uns. Haben wir Handgranaten geworfen. Hin und her. So sind -sie geflogen, immerzu, daß Stiele in der Luft tanzen, so. Alles Rauch. -Ist Morgen gekommen. Hat Franzose einen Graben gebaut, so, hier hat er -gebaut, quer.“ - -Die Franzosen, heißt das, haben einen Graben vorgetrieben, der senkrecht -stand zu dem Graben des Polacken, von dem eroberten Grabenstück aus, und -im Rücken des Grabens lief, den der junge Feldwebel mit den blanken -Augen hielt. - -Der Polacke fährt fort: „Haben wir gesagt, Franzose hat Graben gebaut. -Haben wir Handgranaten geworfen, immerfort. Wenn wir was sehen, daß Sand -aufgeschüttet wird, warfen wir gleich. Plötzlich bekommen wir Feuer von -Granaten. Ein paar Stunden lang, gleich furchtbares Feuer. Die Sandsäcke -fliegen. Ich war gar nicht mehr zu sehen! (Grinsen ringsum!) Plötzlich -bekommt auch er Feuer. Artillerie schießt in seinen Graben, wo er gebaut -hat in der Nacht. Jeder Schuß mitten im Graben! Jeder! Habe ich gesehen! -Französische Artillerie schießt auf unseren Graben, unsere Artillerie -schießt auf französischen Graben. Wie weit? Nicht hundert Meter! Der -Fähnrich wird verwundet. Sagt: Unteroffizier, übernehmen Sie den Zug! -Wie komm ich dazu, den Zug zu übernehmen? (Grinsen ringsum!) Nu, gut, -ich übernehme Zug. Ein Volltreffer nach dem anderen in französischen -Graben. Die Franzosen kommen näher her zu uns. Wollen Schutz suchen. Ich -steh ganz vorn. Jeden einzelnen seh ich. Peng! Weg! Sie flüchten vor -deutschen Granaten, kommen näher. Peng! Seh ich einen, trägt Verwundeten -auf dem Rücken. Peng! Beide fallen sie. Sandsäcke fliegen. Peng! -Handgranaten. Franzosen kriechen aus dem Graben. Wir schießen. Kommt die -Nacht. Schweres Artilleriefeuer auf uns. Seh ich in der Nacht Franzosen -schleichen. Ganz deutlich. Leuchtrakete geht hoch, sehe ich sie kommen. -Sie kommen nicht diesen Weg, diesen Weg kommen sie –“ - -Er deutet auf die Karte. - -„Welchen Weg?“ - -„Diesen Weg!“ - -„Das ist ja Blödsinn!“ Man hört sofort, daß der nüchterne Feldwebel -spricht! - -Der Polacke wird unsicher, gibt nach. „Diesen Weg, ja. Wir schießen. Ich -höre sie röcheln und schreien. Einer ruft. Ganz nahe. Ich verstehe -nicht, was er will. Was soll ich tun? Soll ich hinaus, ihn holen? Ich -denke, vielleicht macht er uns Schwierigkeiten (!) und werfe -Handgranate. Am Tag sehe ich ihn, es war ein Schwarzer. Er war tot. Am -Morgen wieder Granaten. Eine neben die andere. Wir müssen zurück –.“ - -„Was müßt ihr –?!“ Der Feldwebel, der das Zurückgehen nicht schmecken -kann! - -„Wir waren nur noch _vier_, Herr Feldwebel –.“ - -Wem gehörte nun der Graben? Den Franzosen oder den tapferen Grauen? Das -ist die Frage. Die Wahrheit aber ist die: er gehörte niemand. - -Ein anderer Grauer tritt vor, der zuweilen blinzelt und einen -eigentümlichen scharfen Blick hat. „Ich bin heute nacht draußen -gewesen,“ sagt er, „ich sollte nachsehen – Befehl. Ich kam durch den -Bach und kroch über das Feld. Es ist nichts zu sehen und nichts zu -hören. Ich steige in den zerschossenen Graben. Niemand ist hier. Tote. -Sandsäcke und zerschlagene Gewehre. Aber kein Mensch. Ich gehe bis -hinauf in die französische Sappe und hier liegt alles voller Leichen, -kein lebendes Wesen. Der Franzose hat den Graben geräumt. Daraufhin -haben wir ihn wieder besetzt.“ – - -So geht es also dort zu, in den Gräben bei Souchez, wohin sie heute -nacht wieder gehen müssen. Ich habe die tapferen Grauen selbst sprechen -lassen, denn sie erzählen zehnmal besser, als ich es je könnte. - - - - - Der Kirchhof von Souchez - - - Im Juli - -Der Oberst ist ein großer, breitschulteriger Mann mit ernsten, -nachdenklichen Zügen. Er trägt die Verantwortung für viele tausend -Männer, und das Gewicht auf seinen Schultern ist nicht leicht. Es könnte -ja sein, daß einer, einer seiner Feldgrauen des Nachts im Schlafe zu ihm -käme und fragte: Oberst, warum hast du nicht an mich gedacht? – Für -jeden einzelnen der Grauen, die aus allen Teilen des Reiches stammen, -muß er Sorge tragen wie ein Vater. Es ist fast zu viel für einen Mann, -der sich der Größe seiner Pflicht klar bewußt ist. - -Liebenswürdig begrüßt er mich in der Halle seines Quartiers, aber der -Ernst weicht nicht aus seinem starken, wetterbraunen Gesicht. Er sagt: -„Wir haben heute nacht angegriffen. Der Ausgang des Gefechts ist noch -nicht bekannt.“ - -Es ist der Angriff auf den Kirchhof von Souchez. Es ist neun Uhr. Noch -nichts bekannt? Wird noch gekämpft, wie fielen die Würfel? Nur wer weiß, -wie es dort zugeht, was es mit diesen Grabenkämpfen bei Souchez auf sich -hat, kann begreifen, daß noch keine Nachricht eingelaufen ist. Dort gibt -es keine Gräben mit elektrischem Licht und einer Telephonleitung, durch -die man ohne jede Mühe glatt mit Berlin sprechen kann. Die Drähte werden -in jeder Nacht ein paarmal entzweigeschossen. Die Gräben sind -zusammengetrommelt. Es kann sein, daß zehn Leute einen Granattrichter -halten, mit einem Maschinengewehr, oder nur mit Gewehren, oder nur mit -Handgranaten, daß sie, sage ich, dieses Erdloch halten, vierundzwanzig, -achtundvierzig Stunden, bis Verstärkung kommt oder eine Sappe zum -Trichter vorgetrieben werden konnte. So sieht es dort aus. Es ist -unmöglich, den Kopf herauszustrecken, geschweige denn den Graben zu -verlassen, um Nachricht zu geben. - -Souchez ist eine böse Ecke. Unsere Stellungen umklammern es in weitem -Bogen, und die Regimenter sind entschlossen, diesen Bogen, diesen -Riegel, zu halten. Keinen Meter Boden soll der Franzose haben! Zudem -böte der Besitz von Souchez den Franzosen noch größere Vorteile der -Beobachtung, als sie sie jetzt schon mit der Lorettohöhe besitzen. Ich -war oben im Fesselballon und habe es mit eigenen Augen gesehen: flach -wie eine Pfanne läge die Ebene dann vor ihnen. Um jede kleine Bodenwelle -wird dort gekämpft, um jedes Gebüsch, um jeden Straßengraben. Der -Franzose weiß recht wohl, was er will, und macht einen Vorstoß nach dem -andern. Es war ihm auf Tage gelungen, sich da und dort in unserm Bogen -festzusetzen. Südlich von Souchez, gegen Givenchy zu, hatte er seine -Stellungen vorgeschoben (das sogenannte große Franzosennest), im -Kirchhof hatte er sich festgebissen und westlich von Souchez, gegen die -Zuckerfabrik und Lorettohöhe, hatte er sich vorgewühlt (das kleine -Franzosennest). - -Hin und her geht der Kampf um zerstampfte Gräben und Granattrichter. -Dieser Kirchhof von Souchez, wohlverstanden, ist über seine Ufer -getreten, genau wie der Carency-Bach, seine Mauern sind gefallen und er -wächst und wächst. - -Zwischen dem 21. und 24. Juni wurde das „große Franzosennest“ -ausgehoben. Es waren wütende Nachtkämpfe! Der Angriff wurde von allen -Seiten durch Sappen vorgeführt und das tiefeinschneidende Franzosennest -abgeschnürt. Damit war das große „Franzosennest“ erledigt. Ein großer -Erfolg! Ein paar Tage später – ich spreche hier nur von größeren -Kämpfen, gekämpft wird hier Tag und Nacht! – griffen die Franzosen -wütend unsere Gräben bei der Zuckerfabrik an. Aber unsere Grauen warfen -sie zurück, so oft sie kamen. Die Kämpfe wurden rasender und rasender. -Am siebenten verschwanden unsere Grauen unter einem Hagel von Stahl. Es -half nichts, sie mußten zurück und die Franzosen besetzten 800 Meter -zusammengetrommelte Gräben. Am achten warfen unsere Grauen sie wieder -hinaus, räumten Gräben und Sappen und Trichter bis auf ein Grabenstück -von 150 Metern, das der Franzose halten konnte. Die Gräben waren Ketten -von Granattrichtern geworden, man wußte oft nicht, saßen Franzosen im -Trichter drüben oder die Unsrigen. Um die 150 Meter wird seitdem -erbittert gekämpft, hin und her, Vorstoß auf Vorstoß. Zäh und toll -schlägt sich der Gegner. Die Handgranaten fliegen hinüber, herüber ... - -In der Nacht vom 11. auf den 12. kam der Kirchhof an die Reihe. - -Ich habe im Tagebuch eines Gefangenen geblättert. Der letzte Eintrag -lautet: „Heute ist mein Geburtstag. Wir liegen im Kirchhof von Souchez, -die Granaten schlagen ein und die Kreuze und Marmorblöcke und Gerippe -fliegen nur so in der Luft herum. Diesen Geburtstag werde ich nie -vergessen, solange ich lebe.“ Ein hübscher Geburtstag, alle Wetter! Es -ist ja immerhin schon merkwürdig, seinen Geburtstag auf einem Kirchhof -zu verbringen, aber auf einem Kirchhof unter Granatfeuer, das ist eine -Sache, die nicht oft vorkommt. - -Es sind unsere Granaten, die, wie man aus dem zerweichten, verblaßten -Tagebuch des _piou-piou_ ersehen kann, den Tanz eröffnen. Sie kommen in -ganzen Schwärmen an, in Schwärmen heulender und zischender Geister, die -aus der Luft stürzen, auf die feindlichen Gräben. Sie krachen, der -Kirchhof erbebt bis hinab zu den Särgen. Schwarze und rostbraune Wolken -wälzen sich zwischen den Grabsteinen. Die Steine fliegen in die Luft, -die Blechkränze und Holzkreuze. Es wird Ernst, kein Zweifel! Bis hinab -zu den Särgen fressen sich die Granaten. Nun kommen die Bretter. Die -Toten da unten hören nichts, sie liegen in tiefem, tiefem Schlaf. Aber -dann kommen sie doch herauf, selbst die Toten erweckt dieser Lärm. Sie -kommen herauf, um nachzusehen, was es gibt. Das Jüngste Gericht, ist das -Jüngste Gericht gekommen? Konnten die Lebenden, diese Toren, die das -Geheimnis und die Weisheit da unten unter der Erde nicht ahnen, konnten -sie sich nicht einen andern Ort aussuchen, wenn sie etwas unter sich -auszumachen hatten? Schrecklich, dreimal schrecklich eine Welt, in der -man selbst im Sarge nicht zur Ruhe kommt! Die Gerippe, die sich zwischen -den Grabhügeln und Blechkränzen aufrichten, zerstieben. Weg damit! Der -Granate ist der Tote im Weg, sie sucht den Lebendigen und sie wiehert -über die anmaßende Philosophie der Skelette. Weg, fort! Sie hat nur -einen schrecklichen Willen: zu töten! - -Gespenster aus der Erde, Geister aus der Luft, es ist kein Wunder, daß -das Herz des tapferen Franzosen schlägt. - -Seine Leuchtraketen steigen. Hilfe! Seine Granaten tasten nach unsern -Gräben. Unsicher. Er kann das Feuer nicht mehr dirigieren. Es ist Nacht. -Der Sturm bläst und die Bäume rauschen, bis die Granate sie -zerschmettert. Seine Leuchtkugeln steigen verzweifelt. Hilfe, Hilfe! O, -jawohl, seine tapferen Kameraden, glaubt es mir, sie würden nicht zögern -zu kommen, wenn sie könnten. Aber sie können nicht! Der ernste und -nachdenkliche Oberst hat alles mit schrecklicher Genauigkeit -vorbereitet, denn er denkt für seine Söhne. Es liegt Sperrfeuer auf den -Verbindungswegen der Franzosen, furchtbares Feuer, nicht einmal ein -Engel, ein unverwundbarer Engel käme durch den Feuerriegel! Sie sind -verloren. Hier gibt es keine Wunder. Hier herrscht die Granate, Stahl, -Sprengstoffe, nichts sonst. Sie sind umzingelt. - -Das Feuer schweigt. Hurra! Vier Kompanien gehen vor zum Sturm. Wie -Furien kommen sie daher. Tod oder Sieg! Es gibt nichts anderes. - -Der Franzose aber ist nicht tot. Es wimmelt zwischen den Sandsäcken, es -wühlt in den Gräben. Maschinengewehre, ein Schwarm zischender -Spitzkugeln. Der schwere Fall von Männern, Handgranaten. Geschrei und -Taumeln. Pardon! Pardon! Hände strecken sich aus den Gräben und Gräbern. -Wir ergeben uns! - -Der Kirchhof ist genommen! - -Die Gefangenen werden abgeführt. Die Verwundeten schleppen sich davon. -Die Krankenträger tragen die Schwerverletzten. Der Tag graut. Nebel. Der -ernste und nachdenkliche Oberst geht in seinem Zimmer hin und her und -wartet auf Botschaft. - -Der Kirchhof hat neue Gäste bekommen. Was sind dagegen die paar Toten, -die in ihrer Ruhe gestört wurden! - -Hier liegen tausend Franzosen, hier liegen Feldgraue, alle Söhne von -Müttern – – - -„Der Kirchhof von Souchez ist erobert.“ Eine Zeile. Die Leute sagen: Nun -ist der Kirchhof von Souchez wieder genommen worden, Gott sei Dank! Sie -denken sich nicht viel dabei, sie ahnen es nicht –! - -Es ist möglich, daß die Franzosen wieder ein Regiment opfern, um den -Kirchhof zurückzugewinnen, es ist sicher, daß wir ihn dann wieder -stürmen werden. So ist es hier. - -Wir haben den Riegel um Souchez vorgeschoben, wir haben ihn fester -geschweißt, die Feldgrauen schweißten ihn fester mit ihrem roten Blut. - -Die Gefangenen marschieren durch Souchez. Die Überlebenden aus dem -Kirchhof! Auch das Geburtstagskind ist darunter, er hat Glück gehabt, -diesen Geburtstag zu überleben. Schwerverletzt liegt der französische -Kapitän auf der Bahre. Noch sind sie keineswegs in Sicherheit, denn die -französischen Granaten fegen in das Dorf. Aber sie hoffen wieder. Die -Sonne geht auf. - -Ich treffe den ernsten Oberst wieder. Die Gefangenen stehen in Reih und -Glied. Er mustert sie schweigend. Er spricht kein Wort. Wozu? Ich trete -an ihn heran, grüße und beglückwünsche ihn zu seinem Erfolg. - -Er nickt. Ein höfliches Lächeln. Aber sofort ist sein starkes Gesicht -wieder ernst und voll schwerer Gedanken. Viele seiner Söhne, für die er -sorgte wie ein Vater, sind nicht wiedergekommen, zwei seiner tapferen -Kompaniechefs sind gefallen! - - - - - Die Überlebenden aus dem Kirchhof von Souchez - - - Im Juli - -Die Tür öffnet sich und herein tritt ein französischer Unteroffizier in -blaugrauer Uniform. Er klappt die Stiefel zusammen und legt salutierend -die Hand an die Mütze. Ein junger Mann von vier-, fünfundzwanzig Jahren, -mit blondem Schnurrbärtchen und blauen, blanken, flachen Augen, schlank -und geschmeidig. Seine Haltung ist nicht preußisch stramm, nein, aber -sie ist militärisch ordentlich und drückt ebensoviel Selbstachtung wie -Respekt vor dem Offizier aus, der das Verhör leitet. Seine Kleidung ist -sauber, und niemand käme auf den Gedanken, daß er aus einem -zusammengeschossenen Graben kommt. Er gehört zu jener Klasse von -Pedanten, die immerzu bürsten und kein Stäubchen sehen können, ohne -krank zu werden. - -Hinter ihm tritt ein gewöhnlicher Soldat ins Zimmer, gut ausgepolstert -mit Wollsachen, dunkeläugig, mit schwarzen Haaren und einem dünnen -schwarzen Bart ums Kinn. Auch er grüßt, aber er nimmt es nicht so genau. -Er hat Fett angesetzt in den Gräben, blickt gutmütig und gleichgültig -umher, und ich wette, daß er zum weitverbreiteten französischen Orden -der „Jemenfoutisten“ gehört. - -„Nehmen Sie, bitte, Platz!“ sagt der Offizier und ladet die Gefangenen -höflich ein, sich zu setzen. „Sie wurden beide im Kirchhof gefangen -genommen?“ - -„Ja, mein Offizier.“ - -„Der Kampf war sehr erbittert?“ - -„Er war äußerst heftig!“ Der Dunkle nickt nur und schiebt die Unterlippe -bezeichnend vor. Ihm war der Kampf sicherlich heftig genug. - -„Erzählen Sie, wie er vor sich ging.“ Der Blonde erzählt: „Trommelfeuer, -heftige Teilangriffe, Umzingelung, zuletzt ein wütender Sturm der -Deutschen.“ - -„Sie lagen da und da in Reserve, Sie gehörten zum X. Korps?“ - -„Ich weiß nicht, zu welchem Korps wir gehörten. War es das X.?“ - -Der Dunkle: „Ja, zum X. Korps.“ Er ist viel klüger und weiß, daß der -verhörende Offizier über diesen Punkt genau orientiert ist. - -„Haben Sie am 7. Juli Joffre gesehen?“ - -„Joffre?“ - -„Ja. Er war am 7. Juli in Caucourt und hielt eine Ansprache an die -Truppen, in der er ihre Tapferkeit lobte.“ Zum Dunklen: „Haben Sie -Joffre gesehen?“ - -„Nie in meinem Leben.“ Der Dunkle legt, wie man aus seinem Ton hören -kann, darauf auch nicht den geringsten Wert. - -„Welche Meinung hat die Truppe vom Generalissimus?“ - -„Man denkt, daß er sehr gut ist.“ - -„Sie schießen in der letzten Zeit weniger. Haben Sie Artillerie -herausgezogen oder haben Sie Mangel an Munition?“ - -„Ich bin nicht im geringsten über die Artillerie unterrichtet.“ - -Auf eine Reihe von Fragen antworten sie ausweichend. Auf dem fleischigen -Gesicht des Dunkeln liegt ein pfiffiges Lächeln. - -Der verhörende Offizier dringt nicht weiter in sie. Er springt ab: -„Welchen Beruf haben Sie?“ - -Der Blonde: „Ich bin _cultivateur_ (Landwirt). Ich habe das Seminar -besucht und dann den väterlichen Besitz übernommen.“ - -Der Dunkle: „Ich arbeite im Versicherungsgeschäft.“ - -„Welche Art Versicherungen?“ - -„Lebensversicherungen, Feuer, Unfall, Diebstahl, alles, was Sie wollen. -Ich lebe in Paris.“ - -Ah, dachte ich es nicht gleich? Ich sehe ihn vor mir in dunklem Gehrock, -den Zylinder auf dem pomadisierten Scheitel, das Bärtchen gewichst, die -Mappe unterm Arm, ein bißchen verstaubt und verschwitzt, den kleinen -Pariser Beamten. Wie er würdevoll und großartig in ein bescheidenes -Restaurant tritt, an den Speisen herumkritisiert und über Zugluft klagt. -Aus diesem Grunde ist er auch jetzt, im Sommer, so mit Wollsachen -ausgepolstert. - -„Seit wann sind Sie im Felde?“ - -„Seit dem Anfang,“ erwidert er mit einem bedeutungsvollen Blick. - -„Wünschen Sie Zigarren? Wünschen Sie Tee?“ fragt der Offizier. - -Die Gefangenen stecken sich Zigarren an. Tee lehnen sie ab, da sie erst -Kaffee getrunken hätten. - -Zigarren? Tee? Ich sehe es zornrot werden, das feiste Gesicht des -biedern Bürgers hinter seinem Schoppen. Zigarren, Tee!? Man sollte –!! O -nein. Ich empfehle ihm vierundzwanzig Stunden Lorettohöhe, nicht mehr, -vierundzwanzig Stunden, und er wird den rechten Ton finden! Ich sah -einen General einen gefangenen Offizier grüßen. Er grüßte ihn mit -besonderer Aufmerksamkeit und Achtung, er grüßte den tapfern Gegner in -ihm, die französische Armee. Dieser Krieg wird mit solch unsäglicher -Erbitterung geführt, man schlägt sich die Schädel mit Spaten ein und -erlaubt einander nicht, seine Toten zu begraben, daß man diese -Ritterlichkeit dem gefangenen Gegner gegenüber nicht hoch genug schätzen -kann. Auch der Franzose wird ja nicht ganz seine Traditionen verleugnen! -Übrigens, das nebenbei, gibt es in diesem entsetzlichsten aller Kriege -selbst während des Kampfes noch Beispiele von Ritterlichkeit, bei uns -und auch bei ihnen. Nur eines: der Gegner stürmt, der Sturm ist matt, -die Hälfte ist im Graben geblieben, die andre Hälfte flutet im Feuer -zurück. Ein Offizier stürmt ganz allein weiter. Plötzlich schweigt das -Feuer. Der Offizier stutzt, sieht sich um, senkt resigniert den Degen -und geht langsam, ganz langsam zu seinem Graben zurück. Keiner unsrer -Grauen schoß, es bedurfte nicht erst eines Befehls. Also, mein Lieber, -nicht: man sollte –! Laß sie nur machen, sie wissen schon, was sie tun -müssen, denn, siehst du wohl, sie waren da oben auf der Lorettohöhe! – -Doch das gehört nicht hierher. - -Sie rauchen also und wir plaudern. Der Blonde liest „La Croix,“ eine -katholische Zeitung. Der Pariser liest alles, was er in die Hand -bekommt. Der Blonde ist der Ansicht, daß das religiöse Gefühl des -Soldaten sich vertieft habe, aber der Pariser zweifelt daran, sehr stark -sogar. Priester gibt es ja genug bei ihnen, das sei wahr, jedes Regiment -habe seinen Priester, und die Priester kommen in die Gräben, bei -stärkstem Feuer, trösten, beten und leisten Beistand, wo es nötig ist. -Die Verpflegung ist ausgezeichnet, und die Post funktioniert glänzend, -wenigstens jetzt funktioniert sie überraschend gut. Sie kommen viel in -Ruhe. Jedes Regiment stürmt meistens nur einmal, dann hat es lange -nichts Besondres zu tun. Über die Engländer wissen sie nichts. Sie tun -ihre Pflicht, wenigstens wären alle Franzosen dieser Überzeugung. Von -den Italienern hätten sie sich von Anfang an nicht viel versprochen. -Lieber Friede als Krieg, natürlich, aber man schlage sich, solange es -sein müsse. _La guerre, oui, cette guerre, oh lala!_ Es sei kein Krieg -mehr, sondern eine schreckliche Schlächterei, _une terrible boucherie_, -möchte man sagen. Aber wie gesagt, man schlage sich, sie und wir, -natürlich, solange es eben sein müsse, bis einer einmal sage: Halt! Sie -bekämen alle Nachrichten sehr rasch. „Lemberg“ haben sie einen Tag -darauf gehört. Sie glauben nicht an die monströsen Geschichten, die ihre -Zeitungen ihnen auftischen, von geschlachteten Kindern und ähnlichen -Dingen – nein, daran glauben sie nicht, denn, bei Gott! – Der Pariser -lacht und hustet – sie haben ja jetzt die intime Bekanntschaft der -deutschen Soldaten gemacht: fürchterlich im Kampf, aber sonst ein guter -Bursche. – - -Die Gefangenen löffeln im Schulhof die Abendsuppe. Der Hof ist klein, -und sie müssen in zwei Schichten essen, wie im Speisewagen, wenn der Zug -überfüllt ist. Es sind über zweihundert, die den Kirchhof lebend -verließen. Die großen Kessel dampfen. Sie schöpfen, schlürfen und -löffeln. Sie sind ganz bei der Sache und beachten uns nicht. In ihren -blaugrauen weiten Rockmänteln, die trotz der neuen Farbe immer noch -etwas an Maskerade erinnern, schlürfen sie mit den Suppennäpfen hin und -her, die stille selige Gier in den Augen, sich zu sättigen. Das Regiment -(Jäger) stammt aus einem südlichen Departement, und die Leute sehen -vorzüglich aus, stark und gesund. Nur zwei, drei haben ergraute -Schläfen, die meisten sind zwischen fünfundzwanzig und dreißig. Der -erste Hunger ist gestillt, sie plaudern und scherzen, ganz als ob sie -noch da drüben wären. Sie kamen aus Gräbern und Särgen gestiegen, aus -dem Tod, aber man merkt ihnen nichts mehr an. Die Überlebenden aus dem -Kirchhof von Souchez sind äußerst vergnügt. - -Die Posten stehen mit aufgepflanztem Bajonett. Keine Angst, sie laufen -nicht weg! Wer diesen Feuergürtel zwischen den Gräben lebendig -durchschritt, hat keine Lust mehr zurückzukehren. - -Auf dem Fenstersims seines Zimmers sitzt mit gekreuzten Armen ein -gefangener Offizier. Ein junger Mann von etwa vierundzwanzig Jahren, mit -hübschem leichtsinnigen Gesicht und graublauen vergnügten Augen. Er -strahlt vor Freude, daß die Sache ein Ende hat, und es fällt ihm gar -nicht ein, uns etwas vorzumachen. Vor fünf Tagen noch war er in Lyon, -auf Urlaub. Herrliche Tage und Nächte, er hat im Graben alles eingehend -aufgeschrieben. Und sie, wie entzückend war sie! Nun also, so ist der -Krieg, jetzt sitzt er hier auf dem Fensterbrett eines kleinen -Schulzimmers. - -Er trägt ein blaues Hemd, seine Brust ist offen, Kragen oder sonst eine -Binde hat er nicht. Auf seinen dünnen braunen Haaren sitzt kokett ein -blaugraues Barett, wie es die Pariser Studenten tragen, und vorn ist in -Silber ein kleines Waldhorn gestickt. - -„Sie hatten das Unglück, in Gefangenschaft zu geraten,“ begrüße ich ihn. - -Er zuckt lächelnd die Achsel: „Was wollen Sie? Wir waren vollkommen -abgeschnitten. Es war nichts mehr zu tun.“ - -„Sind Sie aktiver Offizier?“ - -„Ja, aktiver.“ Er spricht sogar etwas Deutsch. - -Neben ihm taucht der rothaarige Kopf eines Sergeanten auf. Er blickt mit -kalten, feindseligen Augen auf mich und erinnert mich an ein -Eichhörnchen. Ich bin überzeugt, daß er die Schauergeschichten glaubt, -die die französischen Schmutzblätter über uns schreiben. - -„Wie lange wird Joffre die Sache bei Souchez und Loretto noch -fortsetzen?“ frage ich den jungen Offizier. Ich weiß genau, was er -antworten wird, aber man plaudert. - -„Noch lange! Wir haben noch große Reserven.“ - -„Wie denkt man in Frankreich über einen zweiten Winter?“ - -„Man ist darauf gefaßt und bereitet vor.“ - -„Genau wie wir. Wir haben diesmal noch dickere Mäntel machen lassen, -damit unsre Leute nicht frieren.“ - -„Glauben Sie nicht, daß eine Möglichkeit besteht, mit Frankreich einen -Separatfrieden zu schließen?“ - -Der Offizier lächelt und schüttelt den Kopf. „Daran ist nicht zu denken. -Je länger der Krieg dauert, desto mehr wachsen unsre Chancen.“ - -„Niemals!“ mischt sich das Eichhörnchen ein. „Niemals! Sagen Sie mir, -wer hat diesen Krieg begonnen?“ - -Es ist sehr unhöflich, gleich das schwerste Geschütz aufzufahren. Der -hübsche Offizier, Europäer und Gentleman, streift den Sergeanten mit -einem nachsichtigen Lächeln. Ich sage: „Sie! Man hat Sie gefragt, Sie -hätten ja aus der Sache bleiben können!“ Ich beachte das Eichhörnchen -fortan nicht mehr. - -Beim Abschied fragt mich der Offizier, wann sie wohl in Deutschland sein -dürften. Ich erkundige mich. In vier, fünf Tagen. - -„Schon! Dann kann ich wohl schreiben?“ - -„Natürlich.“ - -Freude fliegt über sein leichtsinniges, hübsches Gesicht. Ich weiß wohl, -an wen er schreiben wird. - - - - - Das Schlachtfeld Arras-Souchez-Lorettohöhe vom Fesselballon aus. - - - Im Juli - -Der Ballon wird aus dem Stall gezerrt. Er ist tot, er schläft. Aber -sobald er nur den dicken Schädel heraussteckt und die frische Luft -schnuppert, kommt augenblicklich Leben in ihn, und seine Seele kehrt -zurück. Das Wetter ist stürmisch. Bei jedem Windstoß rollt er den dicken -Leib hin und her und schleift die Feldgrauen, die wie Trauben an seinen -dünnen Fadenbeinen hängen, über den Rasen. Wie ein gutmütiger -Betrunkener, dem es ein tolles Vergnügen macht, seine Begleitmannschaft -ins Torkeln zu bringen. - -„Langsam rechts einschwenken!“ - -Auf seinen Fadenbeinen schwankt er ins freie Feld. Er stampft auf und ab -wie ein Schleppdampfer in hoher See, er begräbt die Ameisen, die an -seinen Beinen zerren, unter sich, wälzt sich zum Spaß auf ihnen herum, -reckt sich hoch und nickt, im Winde liegend, ein paarmal befriedigt mit -dem Kopf. - -Nun steht er da! - -Ungeheuer komisch sieht er aus. Wie ein riesiger grauer Kofferfisch, -prall und glatthäutig, vollgefressen bis zum Platzen, das runde Maul -mitten im dicken Kopf. Unter dem feisten Leib hat er ein zweites, -sackartiges Freßwerkzeug, und damit kaut er gefräßig und gierig die -Luft. An den Seiten hat er kleine schmale Flossen und als Schwanz ein -paar aufgespannte Regenschirme. So kunstvoll er gebaut ist, scheint er -doch das primitivste Geschöpf zu sein, das sich an der Front -herumtreibt. Ein Freiballon ist eine Kugel, ein Zeppelin ein -Kriegsschiff in der Luft, aber er ist ein Tier, ein Fisch, von äußerster -Gutmütigkeit und ohne jeden Verstand. So sieht er wenigstens aus. - -Die Gondel wird unter seinem Leib befestigt, er erhält ein Drahtseil -durch den Nasenring gezogen. Einsteigen! Wir turnen in den engen Korb, -der Leutnant und ich. - -„Ballon langsam hoch lassen!“ Der Hauptmann schreit. - -Der Luftfisch springt mit einem Satz vom Boden hoch. Er bohrt den Kopf -in den Wind, reißt am Seil und tummelt sich vergnügt, so daß der Korb -schlingert. Dann aber gleitet er ruhig in die Höhe. Er ist in seinem -Element. - -Die Feldgrauen stieben strahlenförmig über das Feld, werden kleiner und -winziger, und die sechs Pferde, die die Kabelwinde ziehen, werden zu -einem Spielzeug. Das kleine Dorf wird zu einer Honigwabe. Wir steigen -rasch. - -Sonderbar, dieser Ballon, niemand versprach sich viel von ihm im Kriege. -Er diente im Manöver dazu, das Signal: „Das Ganze halt!“ zu geben, das -war so ziemlich seine Hauptrolle. Er war nur Statist. Die Flieger -sollten die ganze Arbeit leisten. Er war eine veraltete Sache, die man -nur, weil man sie hatte, ins Feld mitschleppte. Aber in diesem Kriege, -in diesem Stellungskriege ist er zu ungeahnten Ehren gekommen. Überall, -an der ganzen Front entlang, sieht man ihn am Himmel stehen! Wo Schneid -und Intelligenz zusammengehen wie bei der Luftschifferabteilung, bei der -ich zu Gaste bin, wird er zu einer furchtbaren Waffe. - -Man steigt mit ganzen Kanonen von photographischen Apparaten hoch und -photographiert die kleinste Falte im Antlitz des Feindes. Der Flieger -rast mit hundert und mehr Kilometern dahin und hat nicht die Muße wie -der Mann im Ballon. Der Ballon steht still. Er steht stundenlang da, -tagelang, und wenn der Beobachter auch seekrank wird, er bleibt oben. -Der Ballon ist das Auge der Artillerie, er beobachtet Kolonnen, -Bewegungen des Gegners, das Aufblitzen feindlicher Geschütze, er -dirigiert das Feuer der eignen. - -Er ist, wie gesagt, eine ganz gefährliche Sache, und aus diesem Grunde -hat er seine Feinde. Schrapnelle und Granaten tasten nach ihm. Gottlob -treffen sie selten. Der Ballon geht tiefer oder höher, oder er reißt mit -seinen sechs Pferden überhaupt aus. Sein kritischer Augenblick ist die -Landung. Aber seine erbittertsten Gegner sind die Flieger, die -Konkurrenz. Sie kommen in ganzen Schwärmen. Mein Begleiter, der -Leutnant, wurde neulich von drei Flugzeugen gleichzeitig angegriffen, -aber er riß nicht aus, fiel ihm gar nicht ein. Den Hauptmann besuchte -neulich ein ganzes Geschwader, er bekam vierundfünfzig Bomben, aber er -blieb oben in seinem Korb und beobachtete. - -Es gehören _Leute_ dazu!! - -Wir steigen und steigen, und der Wind pfeift hier oben, daß mir das -Wasser aus den Augen läuft. Die Landschaft wächst, die Welt ist -plötzlich viel größer geworden. - -Aber diese ganze Landschaft da unten, von Nordwest bis Südost, ist ein -einziges riesiges Schlachtfeld, auf dem sich zwei Völker zerfleischen, -weil das Schicksal es so will. Zwei Völker, die Kathedralen haben, -Universitäten, Museen, Konzertsäle, Hospitäler, Sprachen, die den -erhabensten Gedanken Ausdruck zu verleihen vermögen, die Männer -hervorbrachten, die wie Fackeln über der Welt leuchten, zwei Völker, die -Gedanken geboren haben, die die Welt regieren! – Nun liegen sie einander -gegenüber in Erdlöchern, den Willen gespannt zum Töten, ihre Geschütze -pochen und stampfen. Die Granatwolken wälzen sich in den Feldern, hier, -da, dort, sie steigen aus den Dörfern, wohin man blickt. Und kein -Mensch, kein Eisenbahnzug, kein Wagen ist zu sehen, keine lebende Seele -weit und breit. Der Mensch hat sich vor dem Menschen verkrochen. - -Das Licht ist kalt wie im September. Graue Wolken jagen dahin. Müde -Sonne wechselt mit dunklen Wolkenschatten. Strichweise sieht die -Landschaft aus wie durch ein gelbliches Glas gesehen, gealtert, zermürbt -und zerknittert, müde des endlosen Mordens und Krachens der Granaten. -Wie das Gesicht eines Schlaflosen. Strichweise friedlich und -unbekümmert. Schornsteine rauchen in der Ferne, die Zechen, die der -Franzose noch in Händen hat. Friedliche Weiler und Dörfer, von der -schwachen Sonne beleuchtet. Aber plötzlich tanzt eine graue Wolke auf -den Dächern, wieder eine, da, dort. Dörfer, die der Franzose befunkt, um -seine Männer und Weiber zu töten. Lievin, Angres, Givenchy. Sie kauern -geduckt neben Anhöhen in Wäldchen, aber die Granate findet sie doch. - -In der Mitte liegt breit die Lorettohöhe, die verfluchte! Das Bois de -Bovigny sitzt wie der Kamm eines Hahnes darauf. Der Wald ist dunkel, die -Höhe selbst hell, gelbgrün wie Heide und unbestellte Felder. Von der -Spitze des Waldes zieht quer über die Höhe eine breite lehmfarbene -Schleifbahn bis hinab in die Talmulde, eine klaffende Wunde in der Höhe: -das sind unsre Gräben, die der Franzose im Mai zusammenschoß. Weiter -unten zieht, entlang der Talmulde, eine schmälere, neue Schleifbahn: das -sind die heutigen Stellungen. Man erkennt sie sofort, denn graue und -rostrote Granatwolken stehen darauf und wälzen sich im Winde. - -„Sehen Sie das weiße Schloß?“ sagt der Leutnant. „In der Waldkuppe -rechts von der Lorettohöhe. Dort! Das ist Schloß Noulette. Weiter hinten -sehen Sie eine Ferme. Ferme Marqueffoes. In französischen Händen. Im -Bois Bovigny sehen Sie zuweilen einen gelben Streifen. Der französische -Annäherungsgraben. Auf dem Abhang dort neben der Baumgruppe stehen -französische Batterien.“ - -Wir sehen alles, wir lesen wie in einem aufgeschlagenen Buch. - -Die Lorettohöhe wird flacher und flacher. Souchez erscheint, Rauch und -Dunst liegt darüber, Ablain, die „Kanzel“, die unsre Grauen wie Teufel -verteidigt haben. Das Hinterland taucht empor, Waldstreifen, -Feldstreifen, ferner und ferner, bis zum Horizont. - -Links versinkt die Vimyhöhe, die wir halten, und in der beschatteten -Talmulde dahinter taucht ein Düster von Häusern auf mit einem fahlen -zweitürmigen Dom in der Mitte: _Arras_! Es sieht aus wie ein Grab. Die -Kathedrale wie der Schemen eines Domes. Sie geriet vor einigen Tagen in -Brand, und ihre Turmspitzen sind zusammengestürzt. Sie erscheint nahezu -weiß, aus welchem Grunde weiß ich nicht, wie der Geist einer Kirche -steigt sie aus der toten, düstern Stadt empor. - -Auch hinter der Vimyhöhe, bis gegen Arras stehen kleine Granatwolken, -sie tanzen wie Gespenster an der ganzen langen Front entlang. Unter uns -fährt aus der düstern Landschaft da und dort ein Feuerdolch: unsre -Geschütze, die feuern. - -Wir sind 400-500 Meter hoch und geben Flaggensignal. Langsam steigen wir -herunter. Wie ein störrisches Pferd am Halfter muß der Ballon zur Winde -gezogen werden. Über dem Boden wälzt er sich ein paarmal hin und her, -dann steht er still. - -Ich steige aus. Im nächsten Augenblick schon jagt er wieder mit dem -Beobachter in die Höhe. - - - - - Der Argonnerwald - - - Im Juli - - „_Moi, je suis tombé dans un sale - coin, je suis aux Argonnes._“ - - Aus dem Briefe eines Gefangenen. - -Es regnet in Strömen. Das Wasser wird in Fässern aus den bleigrauen -Wolken geschüttet, die niedrig über die Wälder ziehen. Die Bäume brausen -im Wind und schütteln Wasserfälle aus ihren Kronen. Die Wege sind Lehm, -Bäche stürzen über die Abhänge. In den Unterständen sind die Öfen -geheizt. - -Es ist der Argonnerwald, wie er leibt und lebt. Er verstellt sich nicht -und zeigt sein wahres Gesicht. Es ist ein Wald wie der Spessart und die -böhmischen Wälder, ein Wald für Köhler, Räuberbanden und Wildschweine. -Der Wald hat seine Gegenwart, das ist nicht zu leugnen, der Wald hatte -seine Vergangenheit, das ist sicher. Man ging hinein und verschwand, man -schlug das Kreuz und war tot. Im Dickicht lauerte der Mörder. Es gibt -hier Stellen, die sonderbare Namen tragen: _la fille morte, l’homme -mort_. Es wird wohl seine Bewandtnis damit haben! Aber diese ganze -düstere Räubervergangenheit des Waldes ist ein Idyll gegen heute, eine -Schäferszene, das sage ich gleich! Welche Zeit könnte sich in diesen -Dingen überhaupt mit der unsrigen messen? Wir haben alles glatt -geschlagen ... - -Wir steigen in einen Rollwagen, ein total zerweichtes Pferd mit einem -total zerweichten Reiter darauf wird vorgespannt und wir rollen los, -höher und tiefer in den Wald hinein. Der Regen strömt, Roß und Reiter -verschwinden zuweilen in einer Wasserblase. Ich bin durchnäßt bis auf -die Haut, dieser verfluchte Argonnenregen geht durch den Gummimantel, -und friere wie ein Hund. - -Dieser Wald ist kein Wald für Menschen! Er ist dreistöckig. Hohe Bäume, -zumeist Eichen, vereinzelt, dann das Unterholz, junge Eichen, Buchen, -Birken, Erlen, dicht beisammen, und unter ihnen Gestrüpp: Brombeeren, -Dornen, Farnkräuter, Ginster, Schlingpflanzen, ein natürlicher -Drahtverhau, wie er heimtückischer nicht angelegt werden könnte. Es ist -ein Wald für einen haarigen, gorillaartigen Waldteufel, der mit einem -Prügel in der Faust durchs Dickicht kriecht und Lehm frißt. Der Mensch -betritt ihn mit Grauen im Herzen. - -Das zerweichte Pferd streckt die glänzenden Schenkel, tastet durch Lehm -und Wasser. Zuweilen wird es abgehängt, dann rollen wir mit eigner Kraft -über wacklige Schienen hinunter. Dann geht es wieder bergan. Ist es -möglich, daß es noch stärker regnet? Ja, bei Gott, es ist möglich! Wir -fahren in einer Wasserhose. Vor uns kriecht eine Batterie von -Gulaschkanonen, von Pferden gezogen wie wir. Kommt ein Taleinschnitt, so -rollen alle vier Gulaschkanonen mit eigner Kraft hinab und wir -hinterher. Wir begegnen einem Transport von leeren Minenkörben, -meterhohen Zuckerhüten aus Ruten geflochten. Der Transport muß -rangieren, damit wir vorüber können. Auf die Feldküchen klatscht der -Regen. Die Leute haben Zeltbahnen um die Schultern gehängt, aber es -hilft nicht viel. Station. Ein durchnäßter Grauer tritt an unsern -Rollwagen und meldet: „Station Rixdorf, belegt mit zwei Telephonisten!“ -Ordnung muß sein. Ein Transport kommt zu Tal. Sie stehen aufrecht im -Wagen. Sie sind müde und erschöpft. Ihre Arme und Köpfe sind verbunden. -Es sind Verwundete aus den Gräben da oben. Der Wald frißt, der Wald -frißt, der Wald frißt täglich Menschen! Einer liegt, mit einer -Pferdedecke zugedeckt. Man unterscheidet nur die Formen des Mannes. Der -Regen fegt auf die Verwundeten herab, aber sie kümmern sich nicht darum. -Und er, der unter der Decke, der liegt und sich nicht regt, ihm kann der -Regen, alle Mächte der Hölle können ihm nichts mehr anhaben ... - -Unser Pferd streckt die Schenkel. Es geht bergan. Nasse Zweige gießen -ihr Wasser über uns aus. Der Wald poltert. Die einschlagenden Granaten -krachen wie Donnerschläge. - -Eine halbe Stunde währt die Rollwagenfahrt, eine Stunde. Wir steigen aus -und schütteln uns wie Hunde, die aus dem Wasser kommen. - -Wir gehen quer durch den Wald. Die Wege sind hier mit Knüppeln -gepflastert, ein Knüppel hübsch neben dem andern, peinlich genaue -Arbeit, anders wäre es nicht möglich, hier einen Schritt zu machen. -Granattrichter. Zerschossene Bäume. Mannsdicke Eichen, die Granate traf -sie in der Mitte, zerriß sie und warf sie aufs Gesicht. So liegen sie -nun da und sterben. Hier gibt es sonderbare Hünengräber, mitten im -Walde, Stein- und Erdhügel. Blickt man aber näher hin, so sind es -Batterien. Die grauen Kanonen stehen darin, anständige Kaliber! Sie -feuern glatt durch Laub und Zweige hindurch. Wir steuern ein Hünengrab -an und steigen in die Erde hinein. Wir klopfen und treten ein. Hier -brennt die Hängelampe, obschon es elf Uhr vormittags ist. Ein Mann in -einer Wollweste empfängt uns. Hier hausen Pionieroffiziere, Leute von -Welt. Sie haben gute Laune, Kognak und einen herrlichen heißen eisernen -Ofen, der sofort zischt, wenn man ihm nahe kommt. Sie hausen hier schon -– tuh, tuh, das Telephon tutet: ein Stollen im Graben so und so, wird -gemacht – sie hausen hier schon seit Ende September! Unter der -Balkendecke, zwei Meter Schotter darüber, ein paar Schlafkojen. Urlaub, -nein, Urlaub nahmen sie noch nicht. Sie haben keine Lust, sie sind hier -nötig. In den Gräben arbeiten sie, ganz vorn, in den Minenstollen. Was -sie tun, davon will ich später einmal berichten. Ihre Gedanken, ihre -Pläne, ihre Frauen – alles haben sie hingegeben, mag es kommen, wie es -will, sie werden auf ihrem Posten stehen. Unvergeßlich sind sie, jung -und stark und kühn. - -Es gießt noch immer. Düster und unheimlich rauscht der Wald. Es ist ein -Wald der Unterwelt, erfüllt von einem schauerlichen und nie gehörten -Lärm. Er hustet, das furchtbare Husten eines Unholds, der in den -Schluchten haust. Er lacht heiser und keuchend wie ein Teufel, dem etwas -schrecklichen Spaß macht. Riesenspechte klopfen. Es kracht wie ein -schwerer Schmiedehammer, den nicht Menschen, sondern Zyklopen bedienen. -Sie fluchen zur Arbeit, rufen und poltern. Zuweilen nehmen sie die Axt -und schlagen, eins, zwei in den eisenharten Stamm der Eiche, daß die -Berge hallen. Die Eiche schlägt krachend hin. Man hört, wie die Zyklopen -die Eiche zerknacken zwischen ihren Fäusten und ins Feuer werfen, daß es -prasselt. Das alles hört man ganz genau, aber man sieht die Einäugigen -nicht. Dann und wann streicht ein Gespenstervogel unsichtbar und klagend -über die brausenden Wälder. (Eine Granate.) Ja, Gott stehe mir bei, -dieser Wald ist keineswegs gemütlich. - -Aus dem Dickicht tritt ein Mensch. Seine Stiefel sind voller Lehm, seine -Kleider naß und schmutzig. Am Gürtel hängen Flaschen und Säcke und -Ledertaschen, auf dem Rücken das Gewehr. Sein Gesicht ist schwarzbraun, -schmutzig und verwittert. Die Augen stehen wie _Lampen_ darin. Es ist -ein Feldgrauer, der aus den Gräben da oben kommt. Die „Argonnentype“, -wie sie leibt und lebt. Die Argonnentype grüßt, so nebenher, grinst beim -Anruf und verschwindet im Regen. Sie sind es, die diesen höllischen -Spektakel machen, keine Zyklopen, sondern kleine Menschen. - -Plötzlich hört es auf zu regnen. Die Sonne bricht heiß durch die Wolken. - -Wir treffen, bei seiner Batterie, einen Oberleutnant, Jurist, auch er -lebt seit dem Herbst im Walde. Aber der Wald konnte ihm nichts anhaben, -elegant sieht er aus und seine schmalen Hände sind gepflegt. Zusammen -mit ihm klettern wir in den Wipfel einer Eiche empor. Die Eiche braust, -und wir schwanken, oben angelangt, wie Äste hin und her. Wir blicken -über den Wald! - -Drüben liegt die Kuppe von Vauquois. Bis zum Kamm gehört sie uns. Dicht -dahinter liegt der Franzose. Im Tal das Dorf Boureuilles. Mit bloßem -Auge sieht man die Drahtverhaue der Franzosen, sie liegen im Tal hinter -dem Dorf. Nach rechts aber, über dem Walde, liegt die berühmte _Höhe -285_, die unsre Tapfern vor acht Tagen stürmten. - -Die Höhe ist braun und kahl! Es ist dem Menschen hier gelungen, den Wald -weithin auszuroden, das muß man sagen. Die Bäume sind zerschmettert, -liegen durcheinander, verkohlt und zerschossen, das Unterholz ist -gänzlich verschwunden. Die Erde ist aufgewühlt. Gräben, Sappen, -Sprengtrichter. Die Kuppe ist in hundert Risse geborsten. Ein -Maschinengewehr bellt, die Gewehre husten. Ohne Pause wird da oben -gekämpft. Ein schweres Geschütz feuert. Es kracht wie ein Donnerschlag, -und das Echo poltert in den Schluchten. - -Ziehe die Luft ein, riechst du es nicht? Es riecht wie in den Gängen -eines Hospitals. Es riecht nach _Chlor_ und allen möglichen Dingen. -Diesen Geruch habe ich schon heute morgen verspürt, als wir uns dem -Argonnerwald _näherten_. Dieser ganze Wald, trächtig von Feuchtigkeit, -Erde und Wurzeln, hat diesen sonderbaren Geruch angenommen. Er stammt -von den Gasbomben der Franzosen, von den Gasen der stündlich -einschlagenden Granaten, von den Massengräbern, die mit Chlorkalk -zugeschüttet sind. - -Fürchterlich, dreimal fürchterlich muß es hier zugegangen sein! Der Wald -hat seine Geschichte, und sie ist schrecklich wie die Geschichte wilder -Meere. Heute noch findet man im Dickicht verstreut Leichen und Skelette. -Man sieht in den Gebüschen einen Soldaten, das Gewehr im Anschlag, man -ruft ihn an, er antwortet nicht. Er ist tot und in seiner letzten -Stellung von den Dornen festgehalten worden. Man mußte sich den Weg -bahnen wie in einem Urwald. Man bekam Feuer aus nächster Nähe. Man sah -keinen Feind. Der Franzose saß auf den Bäumen, mit Maschinengewehren saß -er oben. Man hörte den Gegner sprechen, die Offiziere Befehle erteilen, -aber man sah nichts, rein nichts. Man grub sich gegenüber ein, schoß das -Dickicht mit Maschinengewehren ab, um Luft zu bekommen, drang vor – der -Feind zog sich zehn Schritt zurück, und es war die alte Sache. Es war -ein Indianerkrieg und die Argonnen bilden ein Kapitel für sich in der -Geschichte dieses Feldzuges. Hier gab es keine Pausen, keine Ruhe, hier -wurde erbittert gekämpft, Tag und Nacht, viele Monate hindurch, und das -Wasser in den Gräben stand häufig bis zur Hüfte. Man lag sich und liegt -sich an manchen Stellen zehn Schritt gegenüber, ein lautes Wort bedeutet -den Tod. Handgranaten, Minenstollen und Wurfminen. - -In den letzten Wochen fanden hier wütende Gefechte und Schlachten statt, -am 2. Juli, am 14. Juli – doch davon später. – - -Ein Knüppelweg führt ins Tal hinab. An einer verborgenen Stelle wartet -unser Auto. „Hat er hergeschossen?“ Nein – na, also los! - -Wir fahren eine Strecke in Sicht des Feindes, wir jagen in eine -zerschossene und zerstörte Stadt hinein. Sie erinnert an eine zerfallene -italienische Ortschaft. Es ist Varennes. Jene Stadt, in der Ludwig XVI. -mit seiner Gemahlin auf der Flucht erkannt und festgenommen wurde. -Varennes ist ständig unter Feuer. Das Auto beginnt wie toll zu jagen. Es -fegt eine schnurgerade Chaussee hinab in einem Höllentempo. Eile tut -hier not, denn wir fahren in etwa 1000 Meter Entfernung an den -feindlichen Stellungen vorüber, und es ist eine Anfängeraufgabe, uns -hier abzuschießen. Die Höhe von Vauquois, die Kirche von Montfaucon, -oben auf einem Berge in der Abendsonne. Ein paar Granatfahnen rauchen -aus Apremont, während wir vorüberfliegen. Neben der Chaussee sind Serien -von Granattrichtern. Sie sind ganz frisch, die Erde liegt noch locker -und feucht. Der Abendsegen. – - - - - - Die Kämpfe in den Argonnen - - - Im Juli - - „_Les Argonnes, c’est l’enfer!_“ - - Aus dem Tagebuch eines - französischen Offiziers. - -Am 20. Juni begann die Sache in den Westargonnen, am 2. Juli war sie zu -Ende. 37 Offiziere gefangen, 2700 Mann! 100 Minenwerfer, 28 -Maschinengewehre, 5000 Gewehre und 30000 Handgranaten! 1600 tote Feinde -bestattet! Es ist ein Erfolg, der sich sehen lassen kann! - -Man muß im Auge behalten, daß es sich hier um Waldkämpfe handelt. Der -Franzose hat Erdwerke angelegt, Festungen unter der Erde. Er hat -Blockhäuser in die Erde gerammt, jedes ein Fort. Die Dachkante ragt aus -dem Boden, nichts sonst. Schießscharten, Maschinengewehre, Drahtverhaue -vor den Gräben, eine Schlucht mit einem Wassergraben. Wenn ich sage, wie -der Argonnenkämpfer stürmt, so wird man alles begreifen: den Stahlschild -vorgehalten, Handgranaten am Gürtel, Handgranaten in der Faust, das -Gewehr auf dem Rücken und die Gasschutzmaske vor dem Gesicht – so geht -er vor! Es ist kein Spaziergang, o nein! Es ist keineswegs wie auf jener -Photographie, die eine Berliner Zeitung kürzlich brachte und die einen -„Sturmangriff in den Argonnen“ vorstellen sollte. Mit dem aufgepflanzten -Bajonett läuft da eine Kolonne gegen einen idyllischen Waldrand an. O, -hoho! Es ist mehr als kindisch, es ist eine Schmach. Der Argonnenkämpfer -wird sich totlachen über den naiven Schwindel, wenn er das Bild zu sehen -bekommt. - -Am 20. Juni, wie gesagt, fing es an. Die Minenwerfer begannen ihre -höllische Arbeit und deckten die französischen Gräben und Verhaue zu. -Die Granaten hagelten herab. Los! Die Pioniere sind die ersten. Mit -Drahtscheren gehen sie vor, mit Brückenstegen aus Knüppelholz gezimmert. -Sie stürzen nieder, auf, die Stacheldrähte zerfetzen ihnen die Kleider, -vorwärts! Der Kampf ist im Gange. Hier kämpft Gruppe gegen Gruppe, Mann -gegen Mann, die Handgranaten krachen. Um jedes winzige Grabenstück, um -jeden Granattrichter wird verzweifelt gerungen. Unsichtbar ist der -Feind. Aus dem Dickicht schwirren die Geschosse eines Maschinengewehrs. -Ein Trupp Württemberger stürmt hinein. Leutnant Sommer klettert mit ein -paar Leuten auf das Dach eines versteckten Blockhauses, aus dem das -Maschinengewehr feuert. Revolver, Handgranaten durch die Schießscharten, -die Besatzung ist erledigt. Leutnant Sommer fällt. Er ist tot, aber er -ist unsterblich! Einem andern Offizier, Leutnant Walker, gelingt es, in -die Gräben der Labordère-Stellung einzudringen. Er ist abgeschnitten, -umzingelt, aber er hält stand in einem höllischen Feuer, mit einer -Handvoll Leuten, bis acht Uhr abends(!) Entsatz kommt. Zwei Leutnante, -Spindler und Kurz, springen in den Graben und schlagen sich nach links -und rechts, bis sie fallen. Sie sind tot, aber ihre Namen werden -weiterleben! Es geht heiß zu, es geht verzweifelt zu. - -Am Abend ist die Stellung genommen! - -Es ist nur der Anfang. Die Franzosen trommeln auf die eroberten Gräben. -Acht Tage lang machen sie einen verzweifelten Versuch nach dem andern, -die Gräben zurückzuerobern. Vom 21. bis zum 29. Sie versuchen es mit -allen Mitteln, Gasbomben und brennender Flüssigkeit. - -Am 30. Juni geht es weiter. Niemals hat der Argonnerwald solch ein Feuer -gehört! Die französischen Gräben werden zu Brei geschossen. Die Toten -liegen wie das Getreide nach einem Hagelwetter. Ein Handgranatenlager -fliegt in die Luft. Aber der Franzose kämpft wie ein Teufel. Im -vordersten Graben fällt Mann um Mann. Niemand ergibt sich! In einer -halben Stunde sind die Werke Central und Cimetière gestürmt. Unsre -Grauen sind nicht zu halten. Eine Kompanie Grenadiere jagt bis ins Tal -der Biesme vor. Auf dem östlichen Flügel der kämpfenden Linien liegen -auf der sogenannten Rheinbabenhöhe die Grauen in den Gräben. Es wird -gekämpft, sie halten es nicht mehr aus in den Gräben und greifen aus -freiem Entschluß an. Württemberger Freiwillige nehmen die Reste des -Labordère-Werkes. - -Der Franzose ist geworfen, aber kleine Verbände wehren sich noch -tollkühn in kleinen Grabenstücken und Blockhäusern. Ein Unteroffizier -pirscht sich an ein Blockhaus, das wütend feuert, heran und wirft eine -Handgranate hinein. Nun wird es drinnen still! - -Es wird Nacht. Keine Ruhe, kein Schlaf, nein, daran ist nicht zu denken. -Sie wühlen und graben die ganze Nacht durch, der Morgen muß sie bereit -finden! Auch der Feind schanzt fieberhaft. Die Leuchtkugeln steigen. Die -ganze vorgeschobene Gräbenkette der Franzosen ist in unsrer Hand: -Labordère, Central, Cimetière, Bagatelle – aber dahinter hat er im Wald -ein Verteidigungswerk, den „grünen Graben“, bezogen, die Fetzen der -französischen Kompanien haben ihn besetzt und zu einer Festung -ausgebaut. - -2. Juli Angriff auf den „grünen Graben“! - -Der 1. Juli ist kein Ruhetag, das darf man nicht glauben. Ohne eine -Minute Pause wird gearbeitet. Die Leichen werden geborgen, -schauerlichste Arbeit des Soldaten! Lebensmittel und Wasser -herbeigeschafft, Munition, Handgranaten, Minenhunde. Die Minenwerfer -schießen sich ein, die Artilleriebeobachter kriechen durch die Gräben -und lassen ein paar Granaten zur Probe kommen. Fertig, alles bereit! - -Am 2. Juli donnert der Wald und der Boden zittert. Bis fünf Uhr -nachmittags hageln die Granaten auf den grünen Graben herab. Um fünf Uhr -gehen die Grenadiere vor. Bis zur Dunkelheit wogt der Kampf hin und her. -Er ist mörderisch. Hier wird nur mit Handgranaten und Kolben gekämpft. -Wir gewinnen Boden, Schritt für Schritt. Der Feind schlägt sich -bewundernswert, alle Grauen gestehen es ohne weiteres zu. Ein Bataillon -bricht durch, in der Richtung auf das Dörfchen La Harazée. Es kommt dem -grünen Graben in den Rücken. Von der Rheinbabenhöhe her, von St. Hubert -stürmen unsre Truppen. Der grüne Graben ist nahezu umzingelt. Die Lage -des Feindes ist hoffnungslos, aber er ergibt sich nicht. Da ist ein -Major im grünen Graben, Major Remy, der wie ein Rasender ficht und seine -Leute zum Äußersten anpeitscht. Er fällt. Der grüne Graben ist genommen! - -Die Verwundeten werden fortgeschafft. Die Gefangenen abtransportiert. -Die Toten liegen, wo sie liegen. Noch gibt es keine Pause. Denn der -Graben muß sofort wieder zur Verteidigung eingerichtet werden. Er ist -stellenweise bis zur Sohle eingetrommelt. Die Sandsäcke, die die -Granaten durch den Wald schleuderten, werden zusammengeschleppt, -aufgebaut. Die Stahlschilde eingerammt, die Maschinengewehre -aufgestellt. - -Kommt der Feind, so ist man bereit. Und er kam und man war bereit! - -Es wird still. Es ist Nacht. Die erste Nacht seit Wochen, die ruhig ist, -keine Granaten, keine Minen. Der Soldat schläft, tief und traumlos, wie -die Kameraden, die da draußen liegen und alles vergessen haben. - -Die Horchposten kauern im Gebüsch, die Wachen stehen im finstern Graben. -Das Telephon ist schon wieder eingerichtet. - - - - - Höhe 285 - - - Im Juli - -Früher war sie grün. Das Unterholz war so dicht, daß man sich wie durch -einen Urwald vorwärtsarbeiten mußte. Dazwischen standen mannsdicke -Eichen und sonstige Bäume, vielleicht alle zehn Schritte ein hoher Baum. -Wir lagen ihnen auf vierzig bis fünfzig Schritt gegenüber. Zu sehen war -nichts. Sie hatten ein Labyrinth von Gräben angelegt, Blockhäuser und -große Unterstände. Aber man sah nichts! Regte man sich, so pfiffen die -Kugeln. Woher, das wußte man nicht, sie saßen irgendwo in den Bäumen. -Sie waren oben, wir unten, also sehr im Nachteil. - -Seit Ende September pfiffen hier die Kugeln. Die Bäume und die Stämme -des Unterholzes wurden hundertfach durchlöchert, bis sie abstarben. Die -Granaten knickten die Eichen, das Laub wirbelte. Es wurde allmählich, -ganz langsam, lichter. - -Man trieb Sappen vor und kam einander näher. Die Wurfminen flogen von -Graben zu Graben. Man trieb Stollen vor, unter der Erde, wir und er. Die -Sprengungen rissen die Bäume in die Luft. Es wurde immer lichter. - -Als ich die Höhe 285 sah, war sie _ganz kahl_. Sie ist so groß, daß eine -kleine Stadt darauf Platz hätte. Kein grüner Fleck. Zerschmetterte und -zerfetzte Bäume, das ist alles, was geblieben ist. Ein Schutthaufe, auf -den ein Wolkenbruch niederprasselte und Rinnen, Furchen, Gräben und -krumme Schluchten wühlte. So sah sie aus. - -Sie bot große Vorteile. Sie beherrschte einen Teil der Höhenzüge -ringsum, das Tal gegen Boureuille; er konnte unsre Straßen einsehen, -unsre Zufuhr unter Feuer nehmen. Das war keineswegs angenehm. Die Höhe -285 mit La Fille morte dahinter war, klar ausgedrückt, ein Dorn, der uns -im Fleisch saß. Der Dorn mußte weg! Der Franzose mußte hinter die Höhe -geworfen werden, weil er dann nichts mehr sehen konnte. - -Es mußte sein und wurde vollbracht! Am 13. Juli. - -Es war eine Höllenarbeit, denn er hatte sich eine vollkommene -unterirdische Festung gebaut, in der er bombensicher eingedeckt lag. Nur -bei gewissenhaftester Vorbereitung konnte der Sturm gelingen. - -Tagelang vorher schleppten die Pioniere die zentnerschweren Wurfminen -durch die engen Gräben in die Depots. Tausende von Handgranaten wurden -herangeschafft, Munition aller Art. Die unterirdischen Gänge wurden -ausgebaut, so daß man nur die Decke einzustoßen brauchte, und man war im -Freien. Jeder Mann kannte seinen Platz und wußte, wohin er den Fuß zu -setzen hatte, sobald er den Graben verließ. Im Kopfe hatte jeder Mann -den Sturm schon vollendet, bevor die erste Granate krepierte. Er wußte, -in welchen Graben er zu gehen hatte, wenn er verwundet wurde. Er wußte, -durch welchen Graben die Gefangenen geführt werden sollten. Alles war -vorher festgesetzt und besprochen. Die Reserven genau instruiert. Die -Gräben sind ein Labyrinth, und nichts ist leichter, als sich darin zu -verlaufen. - -Noch eines: die vorderste Sturmkolonne muß formiert werden. Freiwillige -vor! Da melden sich alle. Man verstehe recht: nach einem Jahr Krieg, -nach Monaten von Argonnenkrieg, Monaten von Mühen, Entbehrungen und -Gefahren! Woher schöpfen sie, die Grauen, diese Kraft? frage ich. Es -mußte _gelost_ werden. - -Nun also gut, so war es, als der 13. tagte. - -Die erste Granate kommt über den morgengrauen Wald und schlägt krachend -auf der Höhe ein. Das ist das Signal. Die Geschütze, da hinten, stehen -schon bereit, ausgerichtet, fertig zum Schuß. Hauptleute und Kanoniere -sind auf dem Posten. Los! Der Wald ist ein einziges Donnern. Die Kanonen -geben Schnellfeuer, ein Maschinengewehrfeuer von Granaten wirbelt auf -die Stellungen des Feindes nieder. Die schweren Minenhunde rauschen -durch den Morgen. Die Höhe ist eine einzige Staub- und Rauchwolke. Die -Grauen stecken die Köpfe aus den Gräben, um die rauchende Hölle drüben -zu sehen. Die Geschütze rasen. - -Der Feind bleibt nicht müßig und antwortet mit wütendem Feuer. - -Kaltblütig stehen unsre Artilleriebeobachter in den vordersten Gräben -und dirigieren das Feuer, unbekümmert um Granaten und Minen, die ringsum -krachen. Die Sturmkolonnen kauern dicht gedrängt in den Unterständen und -warten auf ihr Kommando. Sie liegen in den Sappen bereit, mit -Handgranaten am Gürtel und im Arm, soviel sie schleppen können. Sie -kauern in den unterirdischen Stollen, die unter unsren Drahtverhauen -hindurchführen. - -Plötzlich schweigt das Feuer. - -In der nächsten Minute stürzen die schlesischen Jäger vor. Aus Sappen, -Stollen, Gräben. Der Feind legt einen Feuerriegel vor unsre Gräben. -Hindurch! Ein Leutnant setzt mit einem Sprung über einen vier Meter -breiten feindlichen Drahtverhau. In sieben Minuten sind die vordersten -Gräben überrannt. - -Ungeheuer sind die französischen Verluste! Seine Gräben wimmelten von -Truppen, denn er hatte selbst einen Angriff geplant, und wir waren ihm -um einen Tag zuvorgekommen. Eine Mine war in ein Lager von Handgranaten -eingeschlagen und hatte furchtbare Verwüstungen angerichtet. In einem -einzigen Unterstand fand man einhundertundfünf Tote. Seine Verbände -waren zersprengt, aber noch keineswegs geschlagen. - -Sie kämpfen wie Rasende. - -Gräben, Sappen, Verbindungsgänge, Sprengtrichter und Granatlöcher, -überall sitzen sie wie festgeschraubt und zerren so viel Feinde mit in -den Tod, wie sie können. In einem Verbindungsgraben hat sich, mit zwei -Gewehren, ein französischer Offizier eingenistet, der unaufhörlich -feuert. Ein Soldat hockt neben ihm und ladet ihm die Gewehre. Es ist ein -Einzelgefecht im großen Kampfe, bis es gelingt, den kühnen Gegner zu -vernichten. Ein Hauptmann bedient einen verborgenen Minenwerfer, obschon -seine Leute ringsum gefallen sind. Er kämpft mit äußerster -Todesverachtung, bis ihn ein Schlesier niederschlägt. - -Schon beginnt wieder das Dickicht. Tausendfach schwirrt der Tod durch -den Wald. Ein Fort, ein eingegrabenes Blockhaus. Ein paar Pioniere -heran, Sprengladung angebracht, fort! Das Blockhaus fliegt in die Luft. -Der Feind läßt eine Mine hochgehen, Steine und Erde hagelt es aus der -Luft. Im nächsten Augenblick sitzen unsre Grauen im Sprengtrichter und -verteidigen ihn nach allen Seiten. Es sind rasche Teufel, man muß es -zugeben! - -Der Feind ist zersprengt, gefangen, geschlagen. - -Die Argonnenleute sind nicht zum Stehen zu bringen. Sie jagen weiter, -die Höhe hinunter. Sie stürmen ein französisches Lager, vernichten, was -sie vernichten können. Für all diese Fälle sind sie schon vorbereitet. -Sie haben Beile bei sich! Sie stürmen bis zu den feindlichen Geschützen -vor und ringen mit den grauen Untieren, um sie wegzuschleppen, um sie -auf die Höhe zu schaffen. Mit, alles mit, was mitgehen kann! Aber die -Geschütze sind zu schwer, zu fest eingebaut – es ist menschenunmöglich, -sie gefangenzunehmen und schon nahen französische Reserven. Kurzer -Prozeß! Sie schlagen kaputt, was sich kaputt schlagen läßt, die -Richtvorrichtungen, die Verschlüsse. Sie schieben den grauen Untieren -noch rasch ein paar Handgranaten ins Maul, um sie zu zerstören. - -Es ist höchste Zeit! Einer wirft noch rasch eine Handgranate in das -Munitionslager und es fliegt in die Luft. - -Zurück! In stehender Schützenlinie feuern sie auf die anrückenden -Reserven ... - -Der einzelne zählt hier, der einzelne Mann, er muß rasch, kühn, verwegen -handeln. - - - - - Der Krieg unter der Erde - - - Im Juli - -In die Erde sind die Gräben eingewühlt, tiefe, krumme Rinnen. Sie laufen -quer durch Felder und Wälder, Dörfer und Friedhöfe, sie nehmen keine -Rücksicht. Vor den Gräben sind die Drahtverhaue, niedrige, kriechende -Gestrüppe mit eisernen Dornen. Diese Dornengestrüppe sind Geschöpfe des -Menschen von heute. Sie tragen keine Früchte, der Mensch stirbt in ihnen -wie die Fliege in den Haarborsten der fleischfressenden Pflanze. -Zwischen den Drahtverhauen, hinüber und herüber, schwirren die -Gewehrkugeln. Aus dem wassergekühlten Lauf des Maschinengewehres stürzen -sich die zischenden Schwärme. Die Granate kommt aus weiter Ferne herüber -und tastet nach allem, was lebt. Mehr, noch mehr. Die zentnerschweren -Wurfminen stürzen aus den Gräben heraus, in die feindlichen Gräben -hinüber. Die Handgranaten fliegen. Das ist noch lange nicht alles! Wir, -die wir in der Luft, im Wasser, unter dem Wasser, auf den Schneefeldern -und in der Wüste kämpfen, wir kämpfen heute auch unter der Erde. Wo die -Gräben sich einander nähern, kommt zum Grabenkrieg noch der Minenkrieg. -Weiter geht es nicht. - -Es ist der Krieg der Pioniere! - -Erst waren sie hinten, Stege und Brücken, dann kamen sie vor, -Unterstände, Gräben und Drahtverhaue. Und schließlich begannen sie ihren -eigenen Krieg, auf ihre Weise. Heute sind sie vorn bei den Vordersten, -und wo der Mann fällt, fällt der Pionier mit ihm. - -Sie sind Teufelskerle und ohne sie geht es nicht mehr. Sie sind -unentbehrlich, geliebt und bewundert. - -Also sie kommen, Offizier und Mann, und betrachten sich die Sache. Sie -zögern nicht lange, es ist nicht ihre Art, lange zu fackeln. Sie fangen -an. Hinein in die Erde! Es ist ein Loch, ein Brunnen, ein Schacht. Ganze -Stockwerke tief. Knüppelleitern und Leitern von Stricken führen hinab. -Dann geht es vorwärts, unter den Gräben und Drahtverhauen hindurch. Von -da aus geht es nach rechts und nach links. Der Stollen wächst. Eine -Anzahl von Schächten wird in die Erde getrieben, und die Stollen -strahlen von ihnen aus. Galerien und Korridore verbinden die Stollen -unter der Erde. Da unten in der Dunkelheit sind neue Laufgräben -entstanden. Spitzhacke und Spaten und Druckluftbohrer fressen sich durch -Erde und Stein und es entsteht ein richtiges Bergwerk. - -„Wir haben da und dort eine Mine gesprengt.“ Wer denkt sich etwas dabei? -Niemand. Wer kennt die furchtbare Arbeit? - -Sie suchen hier unter der Erde nicht nach Erzen, sie suchen nach dem -Menschen, sie wollen ihn von unten fassen, da es von oben nicht genügt. - -Schwer und hart ist die Arbeit des Pioniers. Acht Stunden lang schleppt -er ununterbrochen Erde und Gestein durch die düsteren Stollen. Oben, im -Licht der Sonne, schüttet er die Erde aus, und wenn der Feind sieht, daß -neue Erdwälle entstehen, so schießt er augenblicklich mit Granaten -hinein. Aber der Pionier? Nun, der Pionier tut seine Pflicht. - -Mit Kompaß und Meßband wird hier unten gearbeitet. Es handelt sich um -geringste Winkel, Gefälle und Steigung, um Meter und halbe Meter. Züge -mit Grubenhölzern rollen heran, die Pioniere schleppen Tag und Nacht -Holz und Balken durch die Stollen, um sie auszubauen, damit sie ihnen -nicht über dem Kopf zusammenbrechen eines Tages. Das wäre eine hübsche -Geschichte! Kilometerlang sind oft Gänge und Galerien unter der Erde. -Aber niemand sieht sie, niemand kennt die Arbeit der Pioniere. - -Es ist eine Arbeit von Wochen und Monaten, eine Arbeit von Schweiß, -Überlegung und Mut. - -Wie steht es? Baut auch _er_? Der Pionier lauscht drunten in seiner -Nacht. Der Pionier lugt aus, ob nicht drüben bei ihm auffallend viel -Erde aufgeworfen wird. Es regnet in Strömen, tagelang, und der Pionier -horcht: Ja, seine Pumpen spielen! Er hat Wasser in die Stollen bekommen. - -Natürlich baut er, der Franzose. Er hat den Anfang damit gemacht und ist -Meister in diesen Dingen. - -Mit List und größter Vorsicht wird dieser Krieg unter der Erde, in der -Finsternis, geführt, viele Meter unter dem Boden. Eines Tages, in einer -Stunde der Nacht, während draußen die Gewehre peitschen und die -Leuchtkugeln alles taghell beleuchten, in einer glücklichen Minute hört -man ihn schaben und scharren, ihn, der von drüben herübergekommen ist, -in den Wochen, in den Monaten, und der, wie wir, versucht, den Feind von -unten zu packen, weil es von oben nicht genügt. Der Pionier, der ein -ganzer Kerl ist und seine Sache versteht, weiß genau, was er zu tun hat. -Mit seinen feinen Ohren horcht er und sagt sich, es sind vier Meter, es -sind sechs Meter. Ist er rechts, links, oben, unten, feine Ohren gehören -dazu. Der Offizier liegt in seinem Unterstand auf seiner Pritsche und -schläft, da tutet das Telephon: Es sind vier Meter, ich glaube, er ist -über uns. Nun schön, sagt der Offizier, ich komme morgen in aller Frühe. - -Nun heißt es handeln! Man muß arbeiten und schaben, damit er drüben -nicht merkt, daß man ihn gehört hat. Es ist ja wahrscheinlich, daß auch -er es gehört hat mit seinen feinen Ohren. Der große Augenblick ist -gekommen. Es handelt sich um Minuten. Die Sprengladung wird -herbeigeschafft. Sandsäcke, ganze Berge von Sandsäcken werden durch den -Brunnenschacht hinunter in den Stollen getragen. Die Pioniere wimmeln -wie Ratten in der Dunkelheit, aber die Leute vorn arbeiten weiter. Sie -markieren die Arbeit, aber es muß verdammt geschickt gemacht werden. Die -Art des Schlagens und Schabens, obwohl nur markiert wird, darf sich um -nichts von der wirklichen Arbeit unterscheiden, denn er drüben in den -Stollen ist listig wie ein Fuchs. Er wird sich in den Bart lachen und -sagen: Sie markieren jetzt, aber fünf Minuten früher werde _ich_ -sprengen. Dann lebt wohl, Pioniere, Offizier und Mann! - -Peinlich genau werden die Kisten mit der Sprengladung aufgebaut, mit -Sprengkapseln versehen, aber währenddessen wird ohne Pause das Wühlen -und Graben fortgesetzt, und er, der die Sache macht, muß ein Künstler -sein, soll das Werk gelingen. Rasch, rasch! - -Die Pioniere hocken im düsteren Stollen. Die Sandsäcke wandern in -fieberhafter Hast von Arm zu Arm. Die Sprengladung muß eingebaut und ein -meterdicker fester Wall davor gerammt werden. Sonst würde die Ladung -unsre Stollen zerreißen und nicht hoch gehen. Die Säcke wandern rascher -und rascher, und der Schweiß stürzt in Strömen über das Gesicht der -Pioniere. Mann für Mann gibt sein Letztes her! Der vorderste arbeitet -wie ein Besessener, stark und geschickt muß er sein, und baut die Mauer. -Rasch, immer rascher muß es gehen. Er spürt seine Arme nicht mehr, wenn -die Arbeit getan ist. Zurück! Die Leitungsdrähte werden sorgfältig -durchgezogen, die Pioniere stieben rückwärts, rasch, rasch! Und der -Offizier, der Offizier der Pioniere, sagt zu den Grauen in den Gräben: -Also jetzt geht es los, Achtung! In drei Minuten wird gesprengt. Die -Grauen verschwinden in den Unterständen und ziehen die Köpfe ein. - -Der Boden wankt, die Mine fliegt hoch! Sie zerreißt die Erde, der Boden -öffnet sich und Steine und Erde jagen Hunderte von Metern hoch. Ein -Vulkan speit. Schwarz und grau steht turmhoch die Rauch- und Staubsäule. -In dem Rauch jagen Sandsäcke und Menschenleiber in die Höhe und flattern -Kleidungsstücke, die der Luftdruck von den Körpern riß. Achtung! Nun -kommen sie herunter. Die Steine prasseln auf die Gräben herab. - -Aber noch regnet es Steine und Trümmer und der Rauch steht noch -undurchdringlich: da sind die Grauen schon aus den Gräben, schon vorn! -Und ehe der Rauch sich verzogen hat, sitzen sie schon in dem -Sprengtrichter, der groß ist wie eine Zirkusmanege. Alles war -vorbereitet, sie hatten nur gelauert. Alles war bereit, Gewehre, -Munition, Handgranaten, Maschinengewehre. Und mit den Grauen sind auch -schon die Pioniere da, mit Sandsäcken, und beginnen wie die Ameisen zu -bauen. Wälle, Schutzschilde, provisorische Unterstände: Nun mag er -kommen! Und schon sind die Pioniere _hinten_ an der Arbeit, um eine -Sappe zu der neuen Festung vorzutreiben. Wir haben zwanzig Meter, -dreißig Meter gewonnen, wir haben unsere Stellung verbessert, wir haben -seine unterirdischen Stollen zerstört. - -In den Zeitungen steht die Notiz: Da und dort haben wir eine Mine -gesprengt. Aber niemand weiß, welche Arbeit, wieviel List und Kühnheit -dazu gehört. Die Pioniere sind Leute, die nicht viel reden. - -Das ist der Krieg unter der Erde, der neueste, der furchtbarste. Tag und -Nacht wird gegraben und gewühlt. Eine Mine fliegt hoch, an dieser und -jener Stelle der Front. Man treibt die Stollen bis unter die Gräben der -Feinde, und ein Grabenstück mit allem, was da drinnen ist, geht in die -Luft, Menschen, Munition, Kochgeschirre und Waffen. - -Für den Sturm werden Stollen vorbereitet und fliegen auf in der Sekunde, -in der es sein muß. - -Wehe aber, wenn er zuerst sprengt, eine Minute früher: Offizier und -Pionier, sie gruben ihr eigenes Grab. Aber sie wissen, was sie tun, sie -wissen, wofür sie es tun. - - - - - La Bassée - - - Im August - -Um sechs Uhr nachmittags verschwinden die Leute von Lille von der -Straße. Um neun Uhr wird es Nacht und Lille ist tot. Nur vereinzelt ein -erleuchtetes Fenster und Stimmen dahinter. Die Schritte hallen. Ein -Polizeisoldat, ein Feldgrauer mit der schwarzweißroten Binde am Arm, -schlürft an den verschlossenen, finsteren Häusern entlang. Eine -Radfahrerpatrouille gleitet schweigend durch die nächtige Straße. Ein -paar verspätete Offiziere. Man kann stundenlang durch Straßen und -Boulevards wandern, keine Katze regt sich. Lille schläft. - -Von draußen, aus der Nacht, dringt der Lärm des Gewehrfeuers. Man hört -es ganz deutlich, jeden einzelnen Schuß. So nahe sind die Gräben! Es -pocht, dumpf und hart, wie eine Negertrommel. Eine Reihe von Schlägen, -dazwischen ein rollender Wirbel. Dann beginnt es zu prasseln und zu -knattern, metallen. Die Maschinengewehre hämmern. Ein Nachtgefecht, ein -paar Gräben sind lebendig geworden. Das Feuer wird lebhafter, es -prasselt minutenlang ohne jede Pause. Aber Lille schläft. Es öffnet sich -kein Fenster, kein Kopf lauscht hinaus in die Nacht. Kein Herz schlägt -rascher, erregt von einer leisen Hoffnung. Nein! Sie wissen es jetzt. -Seit Monaten, seit dem Herbst hören sie das Rollen des Gewehrfeuers in -der Nacht, sie wissen, es bedeutet – nichts. Sie schlafen, sie halten -sich die Ohren zu, um es nicht zu hören, lange genug haben sie sich -betrogen mit Hoffnungen, Ahnungen, Gerüchten, sie glauben es nicht mehr. -Morgen um fünf Uhr wird der Flieger, klein wie ein Punkt, über der Stadt -erscheinen, und die Abwehrgeschütze werden krachen, aber sie wissen, -auch das bedeutet – nichts. Das Quälendste für den Menschen ist das -Warten, es tötet alle Kraft zu hoffen. - -Nein, Lille schläft, es will nicht aufwachen! - -Niemals war eine Stadt so still und so dunkel. Punkt drei Uhr kommt das -Auto, das mich hinausbringen soll zu den Gräben, und wir machen uns auf -die Reise. - -Das Feuer hat aufgehört, die Stadt ist noch stiller geworden. Sie -schläft nicht, sie liegt in einer Art von Totenstarre. Das Auto gleitet -zwischen schwarzen Häusern dahin. Kein Schnarchen hinter den dunkeln -Fenstern, kein Kinderweinen, stumm, alles stumm. Die große Stadt ist -tot. Wir rollen durch finstere Straßen, über öde Plätze und leere -Boulevards. Eine rote Lampe schwingt am Ende der Straße hin und her. Aus -der Finsternis taucht ein massiges schwarzes Festungstor. Die Wache -tritt vor und blendet mit der Lampe über Wagen und Insassen. Weiter! - -Nun ist es plötzlich noch finsterer geworden. Die Lampe des Autos -leuchtet wie ein Scheinwerfer in die Nacht hinein. Wir jagen an fahlen -Baumstämmen vorüber, durch Grotten von bleichgrünem Laub. Alleen, -Straßen. Der Wagen nimmt Erhöhungen der Straße wie ein Segelboot die -Woge, er tanzt, in den Kurven fegt er haarscharf an den Bäumen entlang -und die Zweige peitschen unsere Gesichter. Es ist kalt und die satte -Luft der Nacht stürzt uns entgegen. Die Bäume rauschen und brausen im -Wind. Aufgescheuchte Tiere, kalkbleich, huschen über den Weg und Funken -stieben blitzschnell vorüber. Das sind Motten, vom Lichtkegel getroffen -und vom Luftdruck zur Seite geschleudert. Tote, schlafende Dörfer. Kein -Laut, kein Mensch. Der Motor donnert. Rote Backsteinhäuser flammen im -Lichtschein auf und sinken augenblicklich wieder in die Finsternis -zurück. Die erschrockenen Augen einer schneeweißen Katze. Ein Posten. -Ein paar laute Rufe wehen vorbei. Weiter! Der Wagen fliegt. Herrlich ist -die Fahrt. Über uns stehen glitzernd und klar die Sterne des -Sommerhimmels. Wir schweigen. Jeder ist in seine Gedanken versunken. - -Hier auf dieser Straße marschierten sie, die Kolonnen, Kompanien, -Regimenter, im Herbst. In die Schlacht von La Bassée. Freiwillige, -Studenten. Sie stürmten dahin, sie sangen, ihre Augen sprühten. -Vorwärts! Viele kehrten diese Straße nicht zurück! An der Straße stehen -seltsam geformte Büsche; wie Frauengestalten, die die Hände vor das -Gesicht breiten, erscheinen sie in der Nacht. Hier, dort, überall. An -der Straße stehen Steine, die aufleuchten, sich gespensterhaft neben der -Straße emporrichten, wie Geister, die uns betrachten wollen, die alles -sehen wollen, was diese Straße kommt. Kleine weiße Kreuze stehen an der -Straße, man sieht sie weithin leuchten, wenn der Lichtkegel sie trifft. -Und fliegen wir vorüber, so drehen sie sich mit einem Ruck uns zu. Der -Herbst ist nahe und immer noch marschieren hier die Kolonnen, die -Kompanien und Regimenter. In der Nacht wandern sie dahin. Sie singen -nicht mehr. Wenn sie sängen, so kämen die Granaten. Dies ist der Grund, -weshalb sie nicht mehr singen. - -Von den Gräben her hallen Schüsse. Sie klingen näher und näher, denn wir -sind rasch. Dann und wann schlägt dumpf ein Geschütz, irgendwo. Auch -nachts kann es hier außen keine Ruhe geben. Seit Monaten lärmt hier der -Mensch. Ein paar Furagewagen knarren die Straße entlang. Die Pferde -schlafen im Gehen und fahren unruhig auf, sobald der Lichtkegel sie -faßt. Die Kutscher reißen sich zusammen. Neben der Straße werden die -Granattrichter häufiger. Viele sind ganz frisch. Der Wagen humpelt über -Erde und Steine. Die Granate schlug mitten in den Weg. Vor ein paar -Stunden war es hier keineswegs gemütlich. Zweige und Äste, das Laub noch -grün und saftig, liegen auf der Chaussee. Baumkronen sind zerfetzt, -Splitter hängen von den Stämmen. Plötzlich zieht der Fahrer mit einem -Ruck die Handbremse an und hält. Ein Baum ist quer über die Straße -gestürzt. Er ist gefallen wie ein Soldat und hingeschlagen. Die Granate -schnitt ihn über der Wurzel glatt durch und warf ihn aufs Gesicht. Seine -Zweige sind noch grün und rauschen im Wind, wälzen sich hin und her und -wissen noch nichts. Der Motor brummt, die Räder springen in die Höhe, -hinüber. - -Ein Dorf. Der Posten winkt. Wir müssen die Lampe löschen. Durch die -Dunkelheit tasten wir uns weiter. Die Gewehre knallen. Ein schweres -Geschütz in der Nähe reißt laut krachend ab und die Granate rauscht in -das Dunkel hinein. Kein Zweifel, die Nacht geht zu Ende. Draußen bei den -Gräben steigt zuweilen eine Leuchtkugel empor. Bleich und sprühend, wie -ein gleißender Mond steht sie über der nächtigen Erde. Die Gewehre -lärmen aufgescheucht, dann wird es wieder still. Die Leuchtkugel sinkt -erblassend, ganz langsam, zur dunklen Erde herab. Nun aber steht rechts, -zwischen den Pappeln, ein funkelndes Leuchtfeuer, grellweiß und drohend. -Wiederum kracht das schwere Geschütz, und die Granate nimmt fauchend und -gurgelnd ihre Bahn über unsere Köpfe hinweg. - -Die Sterne erblassen, die Landschaft wird fahl. Nebel steigt aus den -Feldern. Das Auto fliegt. Wir haben Eile, denn die Straße liegt in Sicht -des Feindes. Bevor es tagt, müssen wir an Ort und Stelle sein. - -Aus dem grauenden Morgen heben sich die fahlen, verschwimmenden Umrisse -einer Stadt: _La Bassée_. Ein paar Soldaten in Hemdsärmeln, fröstelnd in -der Morgenkühle, stehen an der Straße. Leichenhaft erscheint La Bassée -im frühen Licht. Kein Mensch, kein Tier ist hier zurückgeblieben. Von -ein paar Wachen abgesehen, haust hier kein Soldat. Die letzten Einwohner -mußten schon vor Wochen den Ort verlassen, denn La Bassée liegt ständig -unter schwerem Feuer. Die Kirche ist ein Trümmerhaufen, ganze Häuser -sind in die Luft geflogen. Granateinschläge überall. Die Stadt sieht aus -wie von einem Erdbeben zerrissen. Erst schossen wir hinein, dann -übernahm es der Engländer. Hunderte, Tausende von Granaten fielen auf La -Bassée. Es gibt nur wenig Häuser, die unversehrt sind. - -Der Musikpavillon aber steht noch auf dem Marktplatz wie im Frieden. - -Das Auto biegt in eine schmale Gasse ein. Sie ist düster und voller -Qualm. Ein Haus brennt, von einer Granate in der Nacht in Brand gesetzt. -Niemand löscht, niemand kümmert sich darum. Laß es brennen! Die Flammen -lecken aus den Fenstern, sie sind ganz allein, niemand stört sie, und -sie arbeiten ruhig und langsam weiter. Qualm wirbelt durch das verkohlte -Gebälk. Im Hause drinnen klettert das Feuer über eine purpurrote Tapete -mit zarten Empiregirlanden. Die Scherben des geplatzten Spiegels -funkeln. Hier lebten einst Menschen. - -Wir tasten uns durch den ätzenden Rauch, der Chauffeur flucht. Wir -fahren weiter, hinaus zu den Gräben. - - - - - Die Gräben bei La Bassée - - - Im August - -Der Kommandeur ist frühzeitig aufgestanden. Fix und fertig angekleidet -kommt er aus seinem Unterstand geklettert. Sein Gesicht ist gerötet von -der Frische des Morgens. Ein kleiner, rührender Friedhof mit Kreuzen auf -den Gräbern und Blumen, Granattrichter und ein Haufe zusammengestürzten -Mauerwerks, das ist seine Aussicht. Das Regiment liegt hier seit -Monaten, aber der Kommandeur sieht aus, als sei er auf weitere Monate -eingestellt. Er ist in seinem Dachsbau zu Hause, und was die Aussicht -anbetrifft, so ist ihm das vollkommen gleichgültig. - -Er telephoniert seinen Offizieren, daß sie uns einen Führer durch den -Annäherungsgraben entgegenschicken sollen, damit wir uns nicht verirren, -und wir steigen in den Graben. - -„Fünf Uhr dreißig Minuten werden unsere 21er die neuen englischen Gräben -eindecken. Seien Sie bis dahin zurück, denn es ist wahrscheinlich, daß -er antwortet. Alles Gute!“ - -Wir trollen zwischen den Lehmwänden und Sandsäcken dahin. Eine -Viertelstunde sind wir unterwegs, Geschütze pochen, da pfeift und saust -es in der Luft, ein sonderbares und nicht zu verkennendes Pfeifen. Wir -ducken uns zusammen. Mit einem höllischen Sang, böse zischend, fährt die -Granate über unsere Köpfe weg. Kaum ist sie vorüber, kommt die zweite -angefegt, in der nächsten Sekunde die dritte und dahinter die vierte. In -einem Höllentempo jagen sie dahin, eins, zwei, als wollten sie einander -einholen. Im Bruchteil einer Sekunde sind sie vorüber, man sieht sie -nicht, aber in meiner Vorstellung haben sie die Gestalt von Schlangen -angenommen, von höllischen Vipern, die langgestreckt zischend durch die -Luft fahren. Die Einschläge klingen nahezu wie ein einziger Krach, als -würden ein paar schwere Eisentüren fast gleichzeitig ins Schloß -geschmettert. - -So! Aber wir haben uns kaum von dem Schrecken erholt, als die zweite -Lage pfeifend und fauchend angefegt kommt und uns über die Köpfe zischt. -Eins, zwei, drei, vier und Schluß. Das war die Begrüßung. - -„Es sind Flachbahngeschosse,“ sagt der Hauptmann, „sie zischen so -blödsinnig!“ - -In den Gräben ist man schon munter. Die Gewehre peitschen, und die -Spitzkugeln fahren summend und singend über uns dahin. Die Engländer -haben die Morgenarbeit aufgenommen und knallen, um vollends wach zu -werden. Sie passen verflucht auf. Sobald man die Mütze über die -Sandsäcke streckt, kommt eine Kugel herüber. Draußen ist nichts zu -sehen: Drahtverhaue, eine verwilderte Wiese, ein Erdwall, hinter dem es -sich zuweilen bewegt. Das ist alles. - -Unsere Grauen sind auf dem Posten. Die runde Mütze in die Stirn -gedrückt, stehen sie und lugen durch Schießscharten und Spiegelapparate. -Sie rücken die Gewehre, tasten hin und her, setzen ab, zielen von neuem. -Plötzlich erstarrt das Gesicht auf eine Sekunde: Schuß! Sie spaßen -nicht, o nein, sie nehmen es verdammt ernst und gewissenhaft. Sie sind -ganz bei der Sache. Alle paar Schritte steht ein Grauer und lauert. - -So stehen sie von der Nordsee angefangen bis hinunter zur Schweiz. So -stehen Hunderttausende, Tag und Nacht, seit zehn Monaten, jetzt und in -dieser Sekunde. So stehen sie, bis die tausendste Kugel kommt und sie in -den Graben wirft. Wer sie gesehen hat, die Treuen, muß immer an sie -denken: wie sie stehen, lauern, zielen, feuern, unermüdlich. - -Eine unheimliche Spannung herrscht zwischen den beiden Labyrinthen der -Gräben. Wie zwischen zwei Gewitterwolken. Sie verdichtet sich, die Kugel -blitzt hinüber, herüber. - -Die andern frühstücken. Sie trinken Kaffee aus Blechbüchsen, streichen -sich Butterbrote, schneiden Fleisch aus den Dosen. Über ihren Köpfen die -Ballen von Sandsäcken, die Maschinengewehre, das Gespinst der raschen -Kugeln. Andre liegen in ihren kleinen Nischen, die schmutzigen Stiefel -unter den Mantel gezogen, und schnarchen. Sie liegen schlafend mitten im -Graben, und man muß über sie hinwegklettern. Sind sie tot, leben sie? -Man kann es nicht sagen. - -Ein Teil der Gräben ist zusammengetrommelt und wird instand gesetzt. Die -Sandsäcke sind durcheinandergeschleudert, aufgeschlitzt und gelb von den -Schwefelgranaten, die der Engländer feuert. Ich greife rasch nach einer -Zigarette. Hier stinkt es grauenvoll! Der unsagbare Gestank wirft mich -nahezu um. Schon beim Gedanken an diesen Gestank wird mir übel. Es ist -der penetrante Geruch von Raubtieren, verhundertfacht, vermischt mit -allerlei Unsagbarem und Scheußlichem, es ist die Pest, es ist der -_verwesende Mensch_. Die Engländer faulen hier! - -Arme Schufte, für ein paar Schillinge die Woche –. French jagte sie hier -in den Tod. - -Der Engländer schont seine Regimenter. Er spart Soldaten. Gott weiß, ob -er sie nicht einmal gut gebrauchen kann, so gegen den Schluß zu, wenn -der Partner genug hat? Dann ist es immer eine herrliche Sache, ein paar -frische und nagelneue Divisionen an der Hand zu haben, die im -Hintergrund in Paradestellung verharren, während man mit dem Partner in -aller Höflichkeit über die Bedingungen verhandelt. Aber von Zeit zu Zeit -ist es unbedingt notwendig, so zu tun, als mache man ernsthaft mit. Dann -opfert French ein paar Regimenter, um den Franzosen seine Verlustlisten -unter die Nase halten zu können. In erster Linie gibt er den Kanadiern, -Irländern und Indern Gelegenheit, Beweise ihrer Loyalität zu geben. -Siehe Ypern, Neuve Chapelle. Wird es Ernst, so zieht er gern seine -englischen Regimenter aus den Gräben und wirft Überseeische und Farbige -nach vorn. Man muß zugeben, er versteht seine Sache! Aber sie allein -können ja nicht _alle_ schwere Arbeit verrichten, das ist natürlich. - -Als die Franzosen sich bei Arras und Souchez verbluteten, konnte er -nicht ganz müßig bleiben. Es galt Truppen und Artillerie abzuziehen. Er -entschloß sich, anzugreifen, und es muß gesagt werden, er meinte es -diesmal bitter ernst! Trommelfeuer, Angriff auf Angriff. Erbitterte -Grabenkämpfe. Die Toten liegen in Haufen vor unsern Drähten. Unsere -Grauen wanken und weichen nicht. - -Gegen die Gräben, durch die ich mich jetzt winde, gegen die sogenannte -Trichterstellung, warf er drei Divisionen. Er faßt Fuß, aber eine Stunde -später fliegt er wieder hinaus. Der Angriff war furchtbar, er wurde -trotz der Übermacht abgewiesen. So geht es nicht. - -Er versucht es von neuem. Er versucht es ohne Artillerievorbereitung. Er -will uns überraschen. Seine Sturmkolonnen fluten heran. Aber die Grauen -sind auf dem Posten! Innerhalb von 30 Sekunden (dreißig Sekunden) legt -unsere Artillerie einen Feuerriegel vor die Gräben, daß den Engländern -Hören und Sehen vergeht. Sie müssen zurück, ungeheuer sind ihre -Verluste. - -Es ging auch so nicht. Nicht einen Meter haben sie gewonnen. - -Sie haben genug, sie haben den Franzosen gezeigt, daß sie es ernst -meinten – aber es ging nicht. Sie geben es auf. Aber sie werden die -Gräben von Givenchy und Festubert nicht vergessen. – - -Nun liegen sie in den Massengräbern, die unsere Grauen schaufelten, und -verwesen. Hier sind einige Wassertümpel voll einer gelben dicken Jauche, -und auch diese Tümpel strömen denselben furchtbaren Gestank aus. Niemand -wagt zu denken, wie es da unten aussieht! – Unsere Grauen aber -frühstücken, schneiden Fleisch aus den Büchsen und schmieren sich dicke -Butterbrote. An alles gewöhnt sich der Mensch. - -Wir überschreiten auf einer Planke die gelbe Tümpelkette. Hier gibt es -keine Deckung, und so rasch es geht huschen wir hinüber. Einer hinter -dem andern. Aber die Schufte haben uns doch gesehen. Ein paar Minuten -sind wir in der Sappe unterwegs, da weint es in der Luft und die Granate -schlägt krachend ein. Wir machen uns aus dem Staub. Granate um Granate -segelt daher. Vorsichtig lugen wir aus dem Graben und sehen die -Einschläge rauchen. Weitab! Aber plötzlich kommen sie wieder näher und -schließlich müssen wir die Beine strecken. – - -Punkt fünf Uhr dreißig Minuten, auf die Sekunde, nehmen die 21er das -Feuer auf. Die Granate winselt hoch über uns durch die Luft. Drei -Sekunden Stille, dann ein Krachen, als stürze ein Haus aus Eisen -zusammen. Der Boden bebt unter unsern Füßen. Schon kommt die nächste -Granate angeweint. Sie braucht eine unendlich lange Zeit, bis sie ihre -Bahn durchfegt. Einschlag auf Einschlag! Es ist wie ein schweres -Gewitter mit harten Donnerschlägen. Der Engländer antwortet. Er sucht -aufgeregt und wütend unsere Haubitzen. Geradeaus, am Horizont, stehen -die Rauchfahnen seiner Granaten, schwarz und schiefergrau. - -Wir sitzen im Bataillonsunterstand und trinken Kaffee. Die Granaten -weinen über uns hin. Die schweren Geschütze erschüttern die Luft mit -ihrem Gebrumm. - -„Fragen Sie telephonisch an, wie es steht.“ - -Das Telephon tutet. Von den Gräben kommt die Antwort zurück: „Der Erfolg -ist überraschend günstig.“ - -Es ist ein Morgen wie jeder andere. Ein Duell zwischen ein paar -Batterien, nichts sonst. Die Berichte bringen nicht eine Silbe darüber. - - - - - „Dicke Luft“ - - - Im August - -In den Argonnen riecht es nach Chlor, in den Gräben nach Verwesung und -schrecklichen Dingen, aber hier außen, in der Gegend von La Bassée – ist -es nicht sonderbar? – duftet es wohlriechend wie in den Gemächern einer -verwöhnten Dame. Es riecht nach Parfüm, nach Flieder, Veilchen und -anderen schönen Dingen. Seit dem Herbst liegt dieser zarte Parfümgeruch -über dem Lande, einmal schwächer, einmal stärker, je nach dem Winde. -Dieser Duft stammt von den Parfümfabriken in Illies, die im Herbst -zerstört wurden. - -Das ist aber auch alles, was aus einer Zeit herrührt, da man noch an -eine Verschönerung des Daseins dachte. Heute handelt es sich für -Millionen darum, das Leben zu retten, das nackte Leben ohne alle -Zusätze. - -Die ganze Gegend bei La Bassée ist jammervoll. Leer, elend. Gräber, -Granattrichter, zersplitterte Bäume. Die Felder verkommen und -verwildert. Wo sind die Menschen? Sie sind längst geflohen vor den -englischen Granaten! Sie wurden zerrissen in ihren Bauernbetten, die -Granate zerschmetterte sie, während sie Futter für ihre Ziege holten. So -blieb ihnen nichts anderes übrig, den Unglücklichen, die sich -verzweifelt an ihre Scholle klammerten. Sie hielten es wochenlang, -monatelang aus. Im Herbst sah ich oben bei Illies in einem Dorf eine -alte Frau vor ihrem Häuschen sitzen und Kartoffeln schälen, während das -Dorf (ich glaube Herlies) unter schwerem Feuer lag. Es gab bleiche -Gesichter unter den Soldaten, aber die Alte schälte inmitten des -Geschützgewitters ihre Kartoffeln ruhig und gleichmütig, und zu ihren -Füßen spielte ein sechsjähriges Mädchen. Sie wollte lieber sterben, als -das Stück Erde verlassen, das sie seit sechzig Jahren bewohnte. Viele -starben so. Dorf um Dorf beschoß der Engländer; um einen Soldaten zu -töten, tötete er drei Franzosen, aber es waren ja keine Engländer, auf -die er feuerte. Die Dörfer leerten sich, eines ums andere, und heute -sind sie ausgestorben. - -Dörfer, Städtchen, Weiler und Gehöfte, wie mit einem großen Hammer -zerschlagen sehen sie aus. Sie sinken zusammen, täglich etwas mehr, die -Granate frißt sie auf. Sie sind nur noch Gespenster und Gerippe von -Wohnstätten, aber der Engländer funkt täglich in die Ruinen, bald wird -keine Mauer mehr stehen. Es ist ein billiges Vergnügen und kostet ihn -keinen Pfennig. Sind es etwa seine Dörfer und Häuser? _Oh, by Jove, no!_ -Er wird eines Tages seine Kanonen zusammenpacken und nach Hause fahren, -und der Franzose kann bezahlen. Man soll ihm nicht nachsagen können, er -habe nicht gearbeitet. Von der Nordsee bis südlich La Bassée hat er -alles kurz und klein geschossen. – - -Die Sonne blendet durch die zerfetzten, zerfallenen Häuser. Kein Mensch -weit und breit. Granatlöcher größten Formats, viele ganz frisch. Ein -zertrümmerter Wagen. Die Granate packte ihn und warf ihn ins Feld. Ein -Schild: Violaines. Das Dorf ist ein Grab, mich fröstelt trotz der heißen -Sonne. - -Wir verlassen die Straße und wandern querfeldein, um nach La Bassée -zurückzukehren. Die Geschütze brummen. - -Plötzlich weint es böse in der Luft, eine, zwei Sekunden, und mit -lautem, hartem Krach schlägt die Granate in das letzte Haus von -Violaines, das wir soeben verlassen haben. Die Dachziegel fliegen durch -die Luft wie ein aufgescheuchter Taubenschwarm, und schwarz wälzt sich -die Wolke aus dem Hause. Wir sehen einander an. Was nun? Wieder schlägt -dumpf ein Geschütz. Wir horchen. Schon kommt sie näher, sie -weint und klagt, mit hoher Stimme, krach! Panzerplatten, die -gegeneinanderschlagen. Grauschwarz, mit böse gekräuselten Rändern, wie -Hagelwolken sie haben, brodelt die Wolke empor. Es sind schwere -Schiffsgeschütze, Kaliber 28. Nun machen sie Ernst! Das Geschütz -schlägt, unser Geschütz, wir kennen nun seine Stimme. - -Wir schwingen die Beine. Aber sobald die Granate da oben weint und -winselt, bleiben wir stehen und horchen. Qualm wirbelt aus einer Scheune -in die grelle Sonne. Der nächste Einschlag ist gottlob ferner. Ein -schwefelgelber Rauchklumpen, der braungelb verweht, liegt im Felde und -reckt sich. Eine Schwefelgranate. Das Feuer zieht sich nach La Bassée -hin. Dazwischen kracht es scharf und hart: ein Schrapnell. Es streckt -seine grauweißen Fangarme gierig in die leere Luft. Wir stoßen auf eine -Batterie, die im Feld eingegraben ist. - -Die Kanoniere, sechs an der Zahl, stehen hinter den Geschützen, die Arme -verschränkt, in Hemdärmeln, lachend und vergnügt, als fingen sie 28er -Schiffsgranaten mit der bloßen Hand auf. Sie haben nur eine kleine Mauer -aus Sandsäcken aufgebaut, die ihnen den Rücken decken soll, wenn sie an -den Geschützen arbeiten. Neugierig lassen sie uns herankommen. Sie -stehen keineswegs in Deckung, sie stehen im freien Felde, wie es sich -für einen Kanonier gehört. - -Meine Begleiter sind hohe Stabsoffiziere, aber das kümmert die Kanoniere -wenig. Sie sind die Herren dieses Feldes, das ist offenbar, und es ist -schon eine große Freundlichkeit, wenn sie uns passieren lassen. - -„Guten Morgen!“ - -„Gut’ Morg’n!“ - -Sie wackeln ein bißchen mit den Beinen, rücken die Stiefel zusammen und -bringen die Hände flüchtig in die Gegend der Hosennaht. Große Umstände -machen sie nicht mit uns. Offizier und Mann, sagen sie sich, hier außen -ist das schon so ziemlich eine Sache. - -Es sind ganz prachtvolle Burschen. Kaltblütig und ruhig stehen sie hier, -während ein paar hundert Meter entfernt die schweren Granaten einhauen -und jederzeit eine Granate abschwenken kann. - -Ein langer, der größte von ihnen, blinzelt belustigt. „Dicke Luft!“ sagt -er und freut sich. Die Mütze sitzt ihm keck auf dem Ohr, die nackten -braunen Arme hat er über dem offenen Hemd verschränkt. „Dicke Luft,“ -sagen die Grauen, wenn es etwas lebhaft zugeht. - -„Kann man quer durchs Feld nach La Bassée gehen?“ - -„Das kann man schon!“ antwortet der Lange. - -„Übernehmen Sie die Garantie?“ - -„Jawohl, die übernehme ich. Aber bleiben Sie bei der Fabrik dort nicht -stehen. Da schießt er immer hin!“ Keck und forsch ist der Lange. Seine -Kameraden sollen sehen, daß er nicht gleich die Fassung verliert, wenn -ein paar Stabsoffiziere kommen. Das wäre noch schöner. - -Wir sind keine zwanzig Schritt gegangen, da ruft uns der Lange nach: -„Immer ein bißchen fix, sonst garantiere ich für nichts.“ Sie lachen. -Ich drehe mich um und sehe, daß sie die Mäuler vor Vergnügen aufreißen. -Es amüsiert sie, daß wir durch die „dicke Luft“ hindurch müssen, während -sie es so behaglich bei ihrem Dutzend Sandsäcken haben. Kleiner und -dünner werden sie im Feld, aber ihre roten Gesichter sind immer noch auf -uns gerichtet. Sie wollen sehen, wie wir hinüberkommen. - -Die Granate singt und pfeift, hoch oben, und schlägt links in die -Fabrik. Hat er es nicht gesagt, der Tausendsasa? Rechts liegt das Feuer -auf La Bassée und links auf der Fabrik. In der Mitte müssen wir -hindurch, denn wir haben unser Auto in La Bassée eingestellt. Die -englischen Granaten haben eine unserer Batterien aufgeweckt, und nun -kracht sie dazwischen. Fegt die Granate hinüber, herüber? Es ist schwer -zu sagen. - -Das ist eine hübsche Sache geworden, alle Wetter! Wir gehen -hintereinander und pflügen uns den Weg durch Kräuter und Stauden. Die -Sonne brennt, und der Schweiß steht auf unseren Gesichtern. Alle paar -Augenblicke müssen wir über Telephondraht klettern. Und wieder schlägt -unser Geschütz. Wir hören es deutlich aus dem Brummen und Pochen in der -Ferne heraus. Nun haben sie abgerissen und die zwei Zentner auf die -Reise geschickt. Die Granate fegt ihre Bahn. Es dauert viele Sekunden, -bis sie herankommt. Sie weint, sie klagt, als sei sie in der Klemme und -nicht wir. Näher, immer näher. Was in der nächsten Sekunde geschehen -wird, wissen wir nicht. Sie ist vorüber. Einschlag – dort! - -La Bassée kommt näher, ganz langsam. - -Es ist ein großer Unterschied, ob man selbst feuert und zusieht, wie -etwas beschossen wird, oder ob man persönlich dabei engagiert ist, ohne -Frage. - -Bei den ersten Häusern kommt eine Granate angewinselt, näher und näher, -aber plötzlich ist sie wie weggeblasen. Ein Blindgänger. - -Nun, da sind wir. Wir atmen auf. Die Häuser geben ein Gefühl der -Sicherheit. Gegen einen Volltreffer ist nichts zu machen, natürlich, -aber gegen Splitter ist man immerhin einigermaßen gedeckt. - -Die erste Straße ist ganz leer. In der zweiten sehen ein paar Feldgraue -gemütlich aus dem Fenster. Sie sind unbekümmert und sorglos wie die -Kanoniere draußen im Felde. Ja, sonderbare Burschen sind diese Grauen, -das muß man sagen! - -„Was macht ihr hier?“ - -„Wache!“ - -Sie rauchen und haben es sich in der Stube behaglich gemacht. Daß ein -bißchen geschossen wird, das kümmert sie nicht. Stürzt das Haus -zusammen, so ziehen sie eine Tür weiter. - -In der leeren Straße will ein Fuhrwerk umwenden. Es ist mit zwei starken -Pferden bespannt, und die Stränge sind in Unordnung gekommen. Vor, -zurück, die schweren Pferde drängen gegen die Deichsel. Ärgerlich steigt -der Fahrer vom Bock, und Mann und Kutscher fluchen. Es ist schließlich -kein Vergnügen, in einer Stadt, die unter Feuer ist, stecken zu bleiben. -– - -An den Hauswänden der toten, zerfetzten Stadt wandern wir entlang, und -sobald die Granate pfeift, nehmen wir Deckung. - -Auto. Wir fegen mit Vollgas davon. - -Lebe wohl, La Bassée! - -Es passieren aber doch die sonderbarsten Dinge! An einer Wegkreuzung -halten wir. Ein General, hoch zu Roß, kommt des Weges. Exzellenz -befinden sich auf dem Morgenritt. - -„Geht es hier nach La Bassée?“ fragt der General. - -„Jawohl, Exzellenz.“ - -Der General reitet weiter. Wir sehen einander verblüfft an. Nun, -Exzellenz werden heute wohl den Morgenritt abkürzen! - - - - - Der Herr der Haubitzen - - - Im September - -Draußen in den Gräben von La Bassée und Violaines hörte ich plötzlich -seinen Namen wieder. Von einer berühmten Batterie war die Rede. Als die -Engländer einen Überfall ohne Artillerievorbereitung ausführen wollten, -legte die Batterie innerhalb von dreißig Sekunden ein Höllenfeuer vor -unsere Drähte, der Überfall brach kläglich zusammen. Dreißig Sekunden -nach dem telephonischen Anruf krachte der erste Schuß! Ich verstehe -nichts von Artillerie, aber ich begreife, daß es etwas ganz Unerhörtes -ist. Laden, richten, Schuß! Und darauf Wirbelfeuer. Überhaupt diese -Batterie! Man brauchte nur anzuklingeln und hatte die Granaten gerade -da, wo man sie haben wollte, Tag und Nacht, es war ganz einerlei. Die -Offiziere priesen die Batterie, ein Kanonengenie, Hauptmann H. heißt er. - -Ich kenne ihn. Plötzlich erinnerte ich mich auch, daß er, der mich durch -sein ganzes Wesen bestach, so daß ich ihn nicht mehr vergessen werde, -daß er mir sagte, er stehe gegenwärtig bei Violaines. Seht an, er war es -also! - -Ich fuhr mit ihm im Zuge, und er erzählte. Er fuhr in Urlaub, seit -Kriegsbeginn zum erstenmal. Er hatte Glück, es gab viel Arbeit, und -eigentlich war es gerade jetzt unmöglich abzukommen, aber er hatte, wie -gesagt, Glück. Er hatte keine Batterie mehr, und aus diesem Grunde -konnte er nach Hause fahren. Auf ein paar Tage. - -Keine Batterie mehr? - -Ja, sie hatten ihm ein paar Geschütze kaputt geschossen in den letzten -Tagen, schweres Kaliber, englische Schiffsgeschütze, und das übrige -Zeug, das er hatte, war total ausgeschossen. Das Dreifache, Vierfache -hatte er gefeuert, was man normalerweise einem Rohr zumuten dürfe, in -Friedenszeiten, aber schließlich sei es eben doch mit den Rohren zu Ende -gegangen. Nun also müsse er neue Geschütze haben, denn es ginge einfach -nicht mehr, und diesem Umstand verdanke er seinen Urlaub. - -Er trauerte seinen Geschützen nicht nach! Er war in bester Laune. - -Mein lieber Hauptmann, denke ich mir, Sie haben Ihre Batterie verloren -und sind nicht im geringsten niedergeschlagen? Am Ende verstehen Sie -Ihre Sache doch nicht recht? - -Aber es war ihm ganz einerlei, was ich dachte. Er war seiner Sache -sicher und guter Dinge. - -Übrigens sah ich außen an der Front nie einen Offizier, der so viele -Auszeichnungen trug. Alle Knopflöcher hatte er voll und das Eiserne -Erster auf der Brust. Das machte mich immerhin stutzig. Denn er war sehr -jung, kaum fünfunddreißig. Er sah gut aus und war von jener seltenen -Männlichkeit, die es sich leisten kann, anmutig und liebenswürdig zu -sein, ohne feminin zu wirken. Er glich Theodor Körner, er war schön. -Einmal nahm er die Mütze ab, und da sah ich, daß er hellblondes Haar -hatte, das sich in Locken legte wie bei Knaben. Seine Augen waren -hellblau und heiter. - -Und doch war er (wie ich später erfuhr!) der berühmte Batteriechef H. – -Trommelfeuer in dreißig Sekunden, auf telephonischen Anruf, usw. - -Er sprach sehr laut, er schrie, wie Leute, die immer in freier Luft -leben und ein lärmendes Handwerk betreiben. - -Er erzählte hundert Dinge im Gespräch durcheinander, aber was ihn als -Batteriechef beleuchtet, das will ich hier wiedergeben. - -Er war an vielen Stellen der Front während des Krieges. Wo es besonders -heiß herging, da war er dabei. Zeitweise war er eine reisende Batterie, -die Gastspiele gab. In den schweren Tagen von Ypern wurde er hinauf in -die Gegend von Langemark geworfen. Es ging toll zu, und er mußte -augenblicklich eingreifen. Er fuhr auf und feuerte los! Ja, seine -Kanoniere, was sind das für Burschen! Ehe man sich umdreht, versinken -die Geschütze in der Erde, eins, zwei und weg sind sie! Sie werden -eingebaut, daß sie sich nach dem Schuß kaum regen, und das neue -Einstellen geht blitzschnell. Das alles machen sie, ohne daß er ein Wort -zu sagen hätte, sie verstehen es viel besser, als er es je verstehen -könnte, es ist gar nicht zu sagen, was sie im Laufe des Krieges gelernt -haben. Es sind Kerle! Richten also ist kaum mehr nötig nach dem Schuß. -Ja, Donnerwetter, was für Richtkanoniere er aber auch hat. Und dann geht -es los, wie gesagt. Granate eingeschoben, Verschlußstück zugeschraubt, -ausgerichtet und Schuß! Sie haben die Sache nun heraus. Die Granaten -wandern blitzschnell über Arme und Hände, es ist richtiges Schnellfeuer, -und niemand hielt es früher für möglich, so rasch zu feuern, dreimal -rascher als zu Anfang des Krieges; einfach unglaublich. Rasch, immer -rasch! Sie kümmern sich Tod und Teufel um die Granaten, die -herüberkommen, sie feuern. - -Ja, bei Langemark, alle Achtung, da wurden sie schon nach einer halben -Stunde zugedeckt. Es wimmelte von Fliegern in der Luft. Abrücken! Im -Feuer! Ein Geschütz geht zum Teufel, ein paar Leute bekommen etwas ab -und zwei Pferde bleiben liegen. Weiter! - -An anderer Stelle haben sie mehr Glück. Sie feuern, bis sie umfallen. -Befehl, abends: da- und dorthin. Verladen in der Nacht, am nächsten -Morgen sind sie schon wieder in Stellung. Hier steht Rad an Rad, die -guten Plätze sind besetzt, Flieger oben, schon sind sie entdeckt. -Abrücken. Strahlenförmig spritzen die Geschütze mitten im Feuer übers -Feld. Doch nichts geschieht. Haha, ja es war wirklich eine tolle -Geschichte. - -Nun haben sie es aber gut getroffen. Sie liegen ein paar Wochen -unentdeckt. Hundert Meter von der Batterie steht ein zerschossenes -Gehöft, und so oft ein Flieger erscheint, machen sie Rauch in dem -Gehöft, und die Engländer feuern wütend in die Ruine. Am Abend und in -der Nacht lassen sie einen Feuerstrahl aus dem Gehöft fahren, bei jedem -Schuß, den sie abgeben, und der Engländer schießt das Gemäuer in Grund -und Boden. Und die Kanoniere lachen, es macht ihnen heidenmäßigen Spaß. -Wochenlang denselben Scherz, sie lachen bei jeder Granate, die in das -Gehöft fährt, denn sie haben Sinn für Komik. Überhaupt, was für Leute! - -Der Hauptmann rückt begeistert die Mütze über das blonde Haar. - -Dann kamen sie zur Lorettoschlacht in eine ganz windige Ecke. Später -nach La Bassée hinauf. Im Herbst waren sie in Lothringen. Vom ersten -Tage waren sie dabei. Er, der Hauptmann, fast täglich vorn in den Gräben -zur Beobachtung. Fesselballon, Flugzeug. In Lothringen, seinerzeit, -gelang ihm eine glänzende Sache. Es kamen da plötzlich ganz schwere -Dinger auf die Gräben geflogen. Alle Welt staunte, was war das? Flieger -gingen hoch. Nichts zu finden. Der Franzose mußte ein außergewöhnlich -weittragendes Geschütz aufgestellt haben. Aus den Gräben kam die -Meldung, daß man die Granaten kurz vor dem Aufschlag ankommen sehe. -Sofort ist der Hauptmann draußen. Es gehören Nerven dazu, den Kopf -gerade in dem Augenblick aus dem Graben zu stecken, da so ein „alter -Herr“ ankommt und einschlägt. Erst zuckt der Hauptmann zurück, aber es -muß sein. Jawohl, man sieht sie kommen. Er schneidet die Kurve an, -berechnet und findet auf diese Weise ungefähr Richtung und Standort. -Flugzeug! Immer höher und weiter. Nichts regt sich, aber in der Nähe des -berechneten Standortes kommt dem Hauptmann ein Wäldchen verdächtig vor. -Dahin dirigiert er das Feuer seiner Haubitzen. Am andern Morgen fliegt -er wieder darüber: das Wäldchen ist zerschossen. Das weittragende -Geschütz ist seither verstummt. - -Und so geht es weiter. Haubitzen, Granaten, Beobachtungsstände, -Sprengstoffe, Flugzeuge, Trommelfeuer. Die helle Stimme des frischen, -jungen Hauptmanns mit den vielen Bändern klingt und schmettert. Die -Batterie, ja, er liebt seine Batterie, er liebt es, darauf loszufeuern, -er liebt seine Leute. In acht Tagen wird er ganz neue Geschütze haben, -dann kann es wieder losgehen. Zwölf Monate lang macht er die Sache schon -mit, zwölf Monate ohne Unterbrechung lacht er dem Tod ins Gesicht. Seine -Kanoniere fielen, seine Kameraden sanken in die Erde, Tausende von -Feinden hat er vernichtet, er, der Herr der Haubitzen. Ich suche in -seinem jungen Gesicht nach irgendeinem kleinen Zug von Ermüdung, -Nervosität, Leid – nicht eine Spur ist zu finden. Hut ab vor dem -Hauptmann! - -Neulich aber wäre es ihm bald übel gegangen. Er hatte sich da seinen -Beobachtungsstand in ein zerschossenes Haus aufs Dach gebaut, plötzlich -kam eine Granate und schlug ausgerechnet in das Haus. Im nächsten -Augenblick stürzten sie, sein Unteroffizier und er, mit Balken und -Brettern vom Dachfirst in das Erdgeschoß hinab. Sie fielen durch eine -rote qualmende Wolke und waren ein paar Minuten betäubt. Nichts -geschehen, ein paar Schrammen, das war alles. Der Unteroffizier aber -sagt: „Ich muß hinauf, Herr Hauptmann und den Batterieplan holen!“ – - -Der Hauptmann lacht. Ein kerniges und gewinnendes Lachen. - -„Hat er ihn geholt?“ - -„Natürlich! Das ist ja ein prachtvoller Kerl, dieser Unteroffizier, den -sollten Sie kennen – haha!“ - -Ich steige aus. Der Hauptmann fährt weiter. Morgen nachmittag um sieben -Uhr wird er in Starnberg sein, bei seiner Frau. Sie weiß nicht, daß er -kommt. Er will sie überraschen. - -Wie eine Granate kommt er aus La Bassée in das stille Haus am -Starnberger See geflogen. - - - - - Der siegreiche Angriff in den Argonnen am 8. September - - - 1 - - 10. September - -Am Vorabend des Kampfes erlebe ich den Angriff in allen seinen Phasen -auf der Karte. Ich bin Gast bei Exzellenz, dem Kommandierenden, und -seine Offiziere erklären mir die geplanten Operationen. Sie sprechen -sachlich und klar, mit der Ruhe von Leuten, die ihrer Sache sicher sind. -Weiß zieht und gewinnt, matt in drei Zügen. Auf dem Papier sieht es aus -wie eine Schachpartie, aber nur auf dem Papier. Unsere Figuren sind aus -Fleisch und Blut, und Regeln und Gesetze gibt es in dieser blutigen -Partie nur so lange, als man die Kraft hat, sie dem Gegner -vorzuschreiben. - -Aus den Argonnen dröhnt dumpf Geschützdonner, aber es ist das normale -Abendfeuer, und niemand hört es mehr, so sehr sind sie daran gewöhnt. -Die Karte liegt auf dem Tisch unter der elektrischen Lampe, und mein -Instruktor, der Jäger, treibt mit den feinen gepflegten Händen die -Regimenter vor bis zur Linie, die sie erreichen sollen. Er läßt die im -Wald und in den Bergkuppen stehenden Batterien feuern, die Minenwerfer, -er trommelt die feindlichen Gräben ein, umgeht, flankiert starke -Stellungen. Ich sehe den ganzen Sturm vor Augen. - -Das Telephon klingelt. Herr Major. „Jawohl, die und die Batterie feuert -soundsoviel Schüsse, zu der und der Zeit. Das ist das Zeichen, jawohl. -Guten Abend!“ Trotz aller Ruhe schwingt eine leise Erregung im Hause. In -den Argonnen bin ich nicht mehr fremd. Ich finde mich auf der Karte -leicht zurecht, ich kenne zum Teil das Terrain und unsere Stellungen. -Hier ist Four de Paris, nahe am Tal der Biesme. Die Gräben klettern von -hier aus über die Hubertushöhe. Dann werden sie unterbrochen von der -Schlucht des Charmesbaches, setzen sich fort über die Höhe, die den -sonderbaren Namen Eselsnase trägt, bis hinüber zur Houyettemulde. Zum -großen Teil sind dies die Stellungen, die die Argonnenleute dem Feinde -im Juni und in den ersten Tagen des Juli wegnahmen. Jene Barre aus -Stacheldraht, Maschinengewehren und Minenstollen, die sich Cimetière, -Bagatelle, Grüner Graben, nannte. - -In diese Stellung hinein ragt bogenförmig ein neues starkes -französisches Werk, eine Festung aus Stollen, spanischen Reitern, -Drahtbarren, Minengängen, Schluchten und Blockhäusern und unterirdischen -Forts, eine Festung, aus der der Tod in hunderttausendfältiger Gestalt -springt, wenn man sich ihr nähert: das Werk Marie-Thérèse. - -Morgen soll es in unserer Hand sein. Morgen Punkt acht Uhr werden die -Batterien einen Hagel von Eisen auf das Werk werfen, sie werden es in -Stücke zerreißen, morgen um elf Uhr werden wir es stürmen! - -Ob ich alles verstanden habe? Jawohl, alles. Nichts ist einfacher, -klarer. Nichts ist verwickelter und unverständlicher. Es ist ein -Schachspiel, in dem der Zufall eine mächtige Rolle spielt. So scheint es -mir. Der Jäger zu Pferd telephoniert an die verschiedenen Stellen, die -Uhren müssen genau gerichtet werden. Ein paar Minuten Differenz können -zum Verhängnis werden. Jede Kleinigkeit ist besprochen, alle -Vorbereitungen sind bis in die kleinsten Details getroffen. -Minenstollen, Munition, Handgranaten, Gasmasken, Granaten, Wasser, -Nahrungsmittel. Jede Kompanie weiß genau, was sie zu tun hat, jeder Zug, -jeder Pioniertrupp, jeder einzelne Mann. Sobald er den Fuß aus dem -Graben setzt, folgt er einer Reihe genau gegebener Befehle, – wenn er -nicht fällt. Was moderne Kriegskunst vermag, ist geschehen. Der Angriff -ist schon gelungen, Marie-Thérèse gehört in Wahrheit schon uns, – obwohl -noch kein Mann die Gräben verließ. So muß es sein. - -Wir begeben uns in den Gesellschaftsraum und sitzen in Sesseln um den -Kamin. Vom Angriff wird nicht mehr gesprochen. Die Politik und ein -schwarzgefleckter weißer Terrier treiben das Gespräch. Aber die -Unterhaltung wird nie lebhaft und laut. Das Telephon klingelt häufig. -Frühzeitig geht man zur Ruhe. - -In meiner Dachkammer habe ich Muße nachzudenken. Dann und wann schlägt -im Walde dumpf ein Geschütz. Es grollt in der Nacht und poltert irgendwo -in der Ferne. Unsere Grauen, die jetzt in den Gräben draußen im Walde -liegen, sie wissen es ganz genau. Sie wissen, daß er auf unser Feuer -antworten wird, und um elf Uhr, Punkt elf Uhr, werden sie aus dem Graben -klettern. Sie bereiten sich vor auf den Sturm, so und so. Viele Herzen -schlagen rascher, und viele schlafen heute nicht in ihrem Lehmloch. Wenn -sie den Kopf über den Graben strecken, so pfeift der Tod daher, springen -sie in die feindliche Sappe, so kann es sein, daß sie dem Tod in die -Arme springen. Offizier und Mann, sie wissen nicht, wie es morgen abend -sein wird. Sie sind Soldaten und sie kämpfen. Marie-Thérèse ist alles, -nicht ihre eigene Person! - -Aber sie, drüben in Marie-Thérèse, sie wissen nichts, sie ahnen nichts. -Nun, so schlafen sie wenigstens noch diese eine Nacht ohne Qual. -Marie-Thérèse ist vieler Grab, morgen um diese Zeit. Der Jäger zu Pferde -rechnet nicht mit dem Zufall. Wie aber, wenn der Franzose heute nacht -angriffe? Wenn er in einem Nachbarabschnitt morgen im Morgengrauen -vorginge? Aus dem Wald grollt das Rollen eines schweren Geschützes. Es -feuert fast ohne Pause. Ich horche. Beginnt es zu trommeln? Nein, es ist -ein Bursche, der nebenan in der Bodenkammer schnarcht. Übrigens soll ich -morgen um vier Uhr hinaus in die vordersten Gräben der Eselsnase, um mir -das Werk Marie-Thérèse in der Nähe zu betrachten. - - - 2 - -Um vier Uhr morgens ist es bitterkalt in den Argonnen. Wir fahren, in -unsere Mäntel eingehüllt, in die stockschwarze Nacht hinein. Die Sterne -glitzern groß und kalt wie im Winter. Ich bekomme einen bitteren -Geschmack im Mund, wenn ich die Sterne betrachte. Es ist keine Zeit für -die Sterne. Wir sind in die Erde gesunken, ohne jeden Zweifel und haben -keine Zeit mehr, die Sterne zu betrachten. Geschütze schlagen dumpf. -Auch in der Nacht muß hier gearbeitet werden. Das Feuer ist normal, mit -Befriedigung stellen wir es fest. Er hat nichts gemerkt, er bereitet -nicht an irgendeiner anderen Stelle etwas vor. Ein zerschossenes Dorf. -Im Wald wird die Straße morastig. Es hat hier seit acht Tagen nicht -geregnet, aber die Straßen sind zerweicht, und das Auto rutscht wie ein -Schlitten durch den Schmutz. Ein Fuhrwerk begegnet uns, wir biegen aus, -kommen ins Schlingern, der Chauffeur geht auf den zweiten Gang, und wir -mahlen uns aus dem Dreck. Hier gibt es Löcher und Granattrichter, so daß -wir nur langsam vorwärts kommen. - -Wir durchqueren den Wald, die schwarzen Bäume rauschen, die Sterne -blitzen durch die Wipfel, es ist schön, trotz des schlechten Weges. Ein -zerschossenes Dorf. Menschen tauchen auf. Eine Sanitätskolonne in -Marschbereitschaft. Sind sie jetzt schon auf den Beinen? Die Leute in -den Gräben da oben sind noch gesund und munter, aber hier stehen schon -die Leute, im grauen Morgen, die sie verbinden sollen. Wir löschen die -Lampen. Wieder ein zerschossenes Dorf. Wir gehen zu Fuß weiter. Es wird -langsam Tag. Nebelgestalten huschen an der Wegseite, Feldküchen, -Krankenträger, Reserven. Wir steigen bergan. Ein Weg, der gangbar -gemacht wurde dadurch, daß man Baumstamm an Baumstamm reihte. Das Holz -der Stämme ist abgeschabt und zermahlen durch die vielen Räder und -Stiefel, die hier bergan und bergab gingen. Der Wald wird plötzlich -lichter. Es wird Tag. Die Schlucht erweitert sich, und vor uns liegt -eine zerschossene kahle Bergkuppe. Wir steigen in die erste Zone ein. -Die erste Zone, das sind die Gräben, um die im Winter gerungen wurde. -Die hohen Bäume sind vernichtet, aber das Unterholz grünte wieder. Diese -Zone hat das Aussehen eines Weinberges, einer Hopfenpflanzung. Gräben, -Schutt, Granattrichter. Dann aber kommt die zweite Zone, der Berg -selbst. Wie sieht er aus? Unnatürlich, ohne jeden Vergleich! Man denke -sich einen wild erregten Ozean mit zornigen, dichtgedrängten Wellen, das -wilde Meer bei Sturm. Aber dieses Meer ist aus Lehm und plötzlich in -einer Sekunde erstarrt. Ich übertreibe nicht. So und nicht anders sieht -der Berg aus. - -Wogen, Zacken, Abgründe. Das erstarrte Meer wälzt sich gegen die Höhe. -Dazwischen stehen Stumpen toter Bäume. Von Tausenden von Gewehrkugeln -wurden sie durchlöchert, bis sie wie ein Sieb waren und ein Windstoß sie -zu Boden warf. So sieht es hier aus, es ist das Trostloseste und -Schrecklichste, was die Phantasie erdenken kann. Gräben, Sprengtrichter -an Sprengtrichter, viele Meter tief und breit. Diese erstarrten -Lehmwogen sind das Ergebnis der Kämpfe von vielen Monaten. Es riecht -hier nach Leichen und schrecklichen Dingen. Teile menschlicher Körper -ragen aus den Lehmkrusten, Tuchfetzen, zerschlagene Blechgeschirre -liegen in den Löchern. Um jeden Granattrichter wurde hier gekämpft. -Langsam, Schritt für Schritt, mußten unsere Truppen sich zur Höhe -emporkämpfen. Sie standen bis an die Hüfte im Wasser. Es gibt hier einen -Weg, der den Namen „Selbstmörderweg“ trägt. Ein Annäherungsgraben, der -nur flach ausgehoben worden war, und den die feindlichen -Maschinengewehre bestrichen. Die Leute wollten lieber das Leben -riskieren, als ewig im Wasser waten! Tausende haben diese erstarrten -Lehmwogen verschlungen, Freund wie Feind. Nun schweigen sie. - -Früher trug diese Wüstenei Namen: es sind die berühmten Werke Central, -Cimetière, Bagatelle, die im Juni und Juli genommen wurden. - -Rot und dunstig steigt die Sonne über das tote Lehmmeer empor, das in -seiner höchsten Wildheit erstarrte. Granaten winseln durch die Luft, -Einschläge krachen. Ein schweres deutsches Geschütz schießt. Dumpf und -fern klingt der Abschuß, als gehöre das Geschütz einem anderen Teil der -Kampflinie an. Aber mächtig rauscht die Granate über uns dahin, und ein -paar Sekunden später kracht der Berg. Drei Granaten feuert es herüber, -dann schweigt es. Aber andere Geschütze schlagen. Eine Granate singt -doppelstimmig durch die Luft, ein Querschläger. Das hört sich drollig -an. Vereinzelte Gewehrkugeln summen über den Lehmberg dahin, ein -Maschinengewehr bellt heiser. Plötzlich kommt eine ganze Horde -feindlicher Granaten durch die Luft getrillert, eine hinter der anderen, -in wahnsinniger Eile. Es kracht, daß die Erde zittert. Der Franzose -schleudert Wurfminen. - -Es ist die gewöhnliche Morgenarbeit, ganz „normales“ Feuer. Alles geht -gut. - -Durch den Annäherungsgraben kommen die Leute aus den Feldküchen hinter -uns her. Immer zwei tragen an einer Stange auf den Schultern einen -schweren eisernen Kessel. „Bringt ihr Kaffee?“ – „Nein, Suppe, es muß -heute früher gegessen werden.“ – Heute! Ja, heute ist ein besonderer -Tag. - -Die Sonne scheint, zum erstenmal treffe ich im Argonnenwald schönes -Wetter, aber die Grabenwände strömen eisige Kälte aus. - -In den Gräben auf der Eselsnase ist schon alles munter. Zuerst kommen -wir zu den Württembergern, dann zu den Reichsländern und Preußen. -Draußen, fünfzig Meter, dreißig Meter entfernt liegt hinter einer Barre -von Stacheldrähten das Werk Marie-Thérèse. Eine blaue Rauchmauer steht -darüber, der Rauch von den Granaten und Minen der „Morgenarbeit“. -Granaten winseln und schlagen ein. Die schweren feindlichen Wurfminen -krachen wie Donnerschläge. Die Posten stehen am Gewehr, die -Maschinengewehre lauern. Handgranaten, Minenwerfer mit Munition, alles -ist bereit. Kupferdrähte führen hinaus in eine Sappe: um elf Uhr soll -die Mine hochfliegen! Überall ist man geschäftig, in aller Ruhe, denn -man hat Zeit. Ausfallstufen werden gegraben. Ernst und still sind die -Leute, etwas stiller als sonst, denn sie wissen, was der Tag für sie -bedeutet. Spricht man sie an, so reißen sie sich zusammen, entschlossen -und kühn blicken ihre Augen. - -„Macht eure Sache gut, heute!“ – „An uns soll’s nicht fehlen! Heute -hau’n wir sie wieder zusammen.“ - -Sie machen auch Witze. - -Die Offiziere kriechen aus ihren Unterständen und begrüßen uns. -Hauptleute, Leutnants. Sie sind zuversichtlich und frisch. Sie erteilen -uns Ratschläge, Warnungen, _sie_! Ein paar böse Ecken, wo sie -Handgranaten schmeißen, Minen. Ach, und ein paar Stunden später waren -einige der prächtigen Leute schon tot! - -Wir gehen weiter. Minen krachen wie einstürzende Häuser. Ein Grauer -schaufelt; eine Mine hat ihm Erde in den Graben geworfen. Plötzlich ist -der Graben zugeschüttet. Ein paar Leute graben. „Was gibt es?“ – „Unsere -Offiziere sind eben verschüttet worden!“ – Mit Schaudern sah ich es, mit -Schaudern spreche ich davon, aber es ist Krieg, das darf man nicht -vergessen. Die Mine hatte den Graben vollkommen eingedeckt. Ein -Armstumpen ohne Hand ragte aus der Erde. Um die Ecke – – nein! Neben mir -kauerte mit angezogenen Knien ein Toter, sein Kopf hing auf die Brust -herab. Er sah nicht aus wie ein toter Mensch. Über und über mit grauer -Erde eingestäubt, Kopf, Gesicht und Kleider, erschien er wie die Statue -eines Schläfers mit angezogenen Knien, die man ausgegraben hatte. Sie -alle, zwei Offiziere und vier oder fünf Mann, waren gefallen vor dem -Sturm beim alltäglichen Morgenkampf. Ehre euch und Ehre dir, kleiner -grauer stiller Schläfer! - -„Achtung!“ Eine Mine kam durch die Luft und schlug hinter uns krachend -ein. Der Jäger zu Pferd, dessen Augen so grün sind wie seine Uniform, -prüfte, ob wir über den verschütteten Graben wegrutschen könnten. Aber -es war unmöglich. Dreißig Meter querab lauerten die französischen -Gewehre. - -Wir mußten zurück. Aber nun kamen die Minen, eine nach der anderen. Bald -mußten wir rechts, bald links ausweichen. Eine schlug vor uns ein, das -heißt nicht in den Graben, sondern draußen, ganz nahe, aber sie -explodierte nicht. In solchen Momenten ist man ganz ruhig. Man zittert -nicht, und das Herz schlägt nicht rascher. Man ist längst über die Zone -der Angst hinaus. Man weiß, daß man vollkommen in der Hand des -Schicksals ist, und damit fertig. - -Hoch oben durch das Blau des Himmels zieht die Wurfmine. Sie erscheint -nicht größer als ein Habicht. Deutlich sind ihre Flügel, ihre Schwingen -zu erkennen, die ihr den ruhigen Flug verleihen. Sie rast eilig dahin, -in herrlicher Kurve, und sieht wundervoll aus. Wir stehen und folgen ihr -mit den Blicken. Plötzlich sticht sie wie ein Habicht herab, wird mit -jeder Sekunde größer, häßlicher und – gefährlicher. Achtung! - -Der Teufel hat diese Minen erfunden. - -Auf dem Heimweg in der Sappe begegnen wir wieder den Suppenträgern und -zwängen uns an den Kesseln vorbei. Sobald sie den dumpfen, unscheinbaren -Abschuß des Minenwerfers hören, lugen sie aus. Züge von Feldgrauen -schieben sich an uns vorüber, Gewehre, Handgranaten, Gasmasken. Einzelne -schleppen große Stahlschilde. Einer trägt auf dem Gewehr ein paar -Feldpostpakete. Die Gräben werden aufgefüllt. Immer näher kommt die -Stunde – - -Wir überqueren das erstarrte Meer aus Lehmwogen. Das Morgenfeuer wird -ruhiger. - -Der Jäger zu Pferde zieht die Uhr. - -„Noch fünf Minuten!“ - -In fünf Minuten ist es acht. Da soll es losgehen. - - - 3 - -Punkt acht Uhr ging es los. - -Mit der Sekunde feuerte ein Geschütz schweren Kalibers, und die Argonnen -krachten. Die Wälder horchten auf. Das schwere Geschütz gab eine Salve -krachender Schüsse ab. Pause. Dann begann es von allen Seiten. Ja! Die -Kanoniere standen schon überall bereit, glühend vor Kampfbegierde. Die -Granaten steckten schon in den Rohren, die Geschütze waren gerichtet und -nun rissen sie ab! Die Hölle tobte, krachte, lachte, rasselte. Es -fauchte, zischte, heulte in der Luft, es pochte, stampfte, rumpelte und -knurrte. Zuweilen klang es, als ob ein Riese, groß wie ein Berg, mit -einem Hammer auf eine Stahlwand losschlage, wütend und betrunken. Die -Kanoniere, ja diese Kanoniere mußten arbeiten wie verrückte Teufel! Die -Granaten mußten von selbst in die heißen Rohre springen, eine hinter der -andern, Schuß, laden, Schuß, laden. Der Schweiß läuft ihnen übers -Gesicht, aber so lieben sie es. Immer hinaus, was die Rohre hergeben -können. - -Links oben von mir, an meinem linken Ohr, feuert mit harten, zornigen -Schlägen eine schwere Batterie, daß der Boden zittert. Die Geschosse -rauschen und klirren durch die Luft wie ein Eisenbahnzug, der über eine -Eisenbahnbrücke hämmert. Rechts oben, an meinem rechten Ohr, knallt eine -Batterie, und die Granaten gehen mit einem Zischen hinaus, wie wenn eine -Lokomotive mit Überdampf die Ventile löst. Dazu das Krachen und Knattern -der Einschläge, das wir deutlich hören, denn wir sind ja nicht weit -davon entfernt. Es ist ein Rauschen in der Luft, wie wenn ein Zug ein -Tal, eine Schlucht passiert. Zuweilen kommen Schreie und Winseln von -oben, wie wenn Menschen von Dämonen entführt würden und verzweifelt -klagten. - -Das ist der Anfang. Drei Stunden, drei volle Stunden, bis elf Uhr, soll -dieses Feuer dauern! - -Es ist nur die Eröffnung. Das Schachspiel, das mir der Jäger zu Pferde -gestern abend auf dem Papier erklärte, es setzt sich in die Wirklichkeit -um. Mudra spielt! Es ist die Eröffnung Mudras, und bei Gott, ich möchte -nicht mit ihm diese Partie spielen! - -Ich sehe auf die Uhr. Es ist acht Uhr zwölf Minuten! - -Alles ist auf die Straße gelaufen, wenn man so sagen kann. Die Straße -ist ein erbärmlicher Knüppelweg im Walde. Nebenan liegt der -Verbandplatz. Ärzte, Krankenträger, Ordonnanzen, Feldbäcker und -Chauffeure, alles steht auf der Straße, um sich das Feuer anzuhören und -anzusehen, obschon es nichts zu sehen gibt. Es rauscht und schleift in -der Luft, das ist alles. Alle sind in erregter und begeisterter -Stimmung. (Niemand denkt an Marie-Thérèse!!) Ich weiß recht gut, daß -eine Beethovensche Symphonie etwas anderes ist, aber das Feuer hat etwas -Berauschendes an sich! Es ist die Musik feuerspeiender Berge und -Urgewitter. - -Wie sieht es droben in den Gräben aus, von denen ich eben komme? Sie -ducken sich hinter die Erdwälle, so furchtbar zischen die Granaten. Wie -sieht es in Marie-Thérèse aus, das ich eben sah? Die blaue Rauchmauer -ist ein dicker, gelbgrauer Wall geworden, und nichts Lebendiges ist zu -sehen. Fontänen von Erde jagen in die Höhe. - -Es ist acht Uhr dreißig Minuten. - -Der Franzose antwortet. Er kommt nur langsam in Gang. Er feuert -verwirrt. Es sind Granaten, die er gerade bei der Hand hat, es sind -Batterien, die noch nicht – nach der Morgenarbeit – frühstücken gingen. -Telephondrähte sind zerschossen. Die Batterien warten auf Befehl. Das -ist eine elende Situation. Mudras Eröffnung war zu unregelmäßig. Erst -acht Uhr dreißig Minuten kommt System in das französische Feuer. Nun -rauschen seine Lagen herüber – - -Ein deutscher Flieger brummt über dem Wald. - -Neben dem Verbandplatz treffe ich den Divisionär, Exzellenz Graf v. Pf. -Der Divisionär steht unter dem Schleifen und Rauschen der Granaten, -gleichmütig und ruhig, als ob er zu Hause wäre. Und doch kann jeden -Augenblick eine Granate hereinfegen, daß die Späne fliegen. Die Granate -ist blind und hat keinen Respekt vor gestickten Kragen. - -„Es ist das Inferno!“ sagt der Divisionär gelassen, mit einem leisen -Unterton von Verwunderung und Bedauern. - -Ja, in der Tat, trüge ich nicht ganz klare und festgefügte Vorstellungen -aus einer Zeit des Friedens und einer Welt ohne Kanonen in mir, -Vorstellungen, die die schwersten Kaliber nicht erschüttern können und -die dieses grausige Völkergewitter meinem Bewußtsein als ein blutiges, -aber vorübergehendes Kapitel einreihen, wäre es nicht so, sage ich, so -würde ich jetzt kapitulieren und bekennen, daß diese Erde, auf der wir -leben, schon die Hölle ist, von der die Pfarrer immer sprechen. - -Das Geschützgewitter kracht in den Bergen. - -„Nun wird er lebhaft,“ sagt der Divisionär in aller Ruhe, „es wird nicht -lange dauern, da schießt er hierher.“ - -Eine Granate saust über unsere Köpfe dahin wie eine blitzschnelle -bösartige Riesenbremse, und auf der Waldhöhe, dicht gegenüber, steigt -urplötzlich eine schwarze Riesenpinie aus Dreck und Rauch empor, höher -als die höchsten Eichen. Eigentümlich, die schwarze Einschlagsäule stand -schon im Wald, während das Ohr noch das Zischen des Geschosses aufnahm. -Ein grauer Rauchklumpen zerstäubt zwischen den Bäumen. Dann kommen ein -paar Granaten mit Brennzünder. Er tastet nach unseren Batterien. - -„Na, was sagte ich!“ sagt der Divisionär und lacht. „Da kann er lange -hinschießen.“ - -Und unsere Haubitzen krachen, daß der Boden bebt. - -Zwischen den Eichen, wo eben die Granaten einschlugen, klettert ein -Soldat den Wald herunter. Zum Teufel, was hat er da zu suchen? - -Der Divisionär erzählt aus seinen Feldzugserlebnissen, von den Argonnen, -von seinen prachtvollen Truppen. (Ja, das sind sie!) Er erzählt, daß er -einen Fonds für die Hinterbliebenen seiner Division gegründet habe, der -schon die Höhe von über dreißigtausend Mark erreicht habe. Wir plaudern, -als säßen wir irgendwo behaglich bei einer Zigarre. - -Nebenan, im Verbandplatz, ist schon alles bis aufs letzte vorbereitet. -Hier führt ein freundlicher Arzt den Oberbefehl. Er sprüht von Leben und -Arbeitseifer und steht sicherlich auf dem rechten Platze. Welch eine -Wohltat muß es sein, verwundet aus dem Gefecht unter diese Hände und -Augen zu kommen! Operationstisch, Verbandzeug, Instrumente, alles ist -bereit, blitzblank sind die kleinen Kammern. Die Ärzte warten. - -Der Jäger zu Pferde führt mich durch den Wald hinauf zu einer kleinen -Baude. Hier haust während des Kampfes der Brigadegeneral v. K. mit -seinem Stabe. Der General heißt mich willkommen und erlaubt mir, zu -bleiben, solange ich will. Freundlicher wurde ich selten aufgenommen wie -bei den Leuten im Argonner Wald. - -Hier in dieser Baude wird fieberhaft (und doch mit welcher Ruhe!) -gearbeitet. Der Adjutant, Hauptmann B., sitzt dauernd am Telephon. -„Geben Sie mir diese und jene Stelle, rufen Sie Herrn Soundso! Wie? Das -Feuer liegt vorzüglich. – Bei den Franzosen hat man eine Explosion -beobachtet. Es wird ein Munitionslager in die Luft gegangen sein. – -Teilen Sie Herrn X. Y. mit, daß die Batterie Z. glänzende Resultate hat. -Ein Flieger hat es gemeldet. Erster Schuß saß sofort in Harazée (ein -kleines Dorf), ebenso erster Schuß in Vienne-le-Château. Jawohl, danke -schön. – Ich werde jetzt auf diesen und jenen Punkt feuern lassen. Es -liegt Meldung vor, daß der Franzose versucht, da und dort Verstärkungen -vorzuschieben.“ - -Das Telephon tutet. Ohne Pause geht es so fort. - -Das kleine Fenster der Baude rasselt bei jedem Geschützschlag. Draußen -scheint die Sonne. Die Granaten rauschen mächtig dahin. Zuweilen summt -es in der Luft oder es klingt klirrend, wie wenn eine Stahlseite -zerspringt, es pfeift: Sprengstücke, verirrte Kugeln, die durch den Wald -fliegen. - -Das Feuer hat um etwas nachgelassen, aber es ist noch immer ein -infernalisches Dröhnen und Krachen. - -Das Telephon tutet. „Jawohl?“ Das Regiment X. meldet, daß unser Feuer zu -kurz liegt und die eigenen Gräben gefährdet. – „Das ist unmöglich,“ -antwortet der Adjutant. „Es werden feindliche Einschläge sein.“ Er bekam -recht. Ein paar Minuten später geht die Meldung ein, daß zwei feindliche -Flieger in der Luft sind und das Feuer der Artillerie auf den -betreffenden Graben lenken. „Ich werde einen Flieger hochschicken!“ -antwortet der Adjutant. Eine andere Stelle muß schon Meldung gemacht -haben, denn fünf Minuten später brummt ein deutscher Doppeldecker hoch -oben über den Wäldern. - -Wir essen zu Mittag: „Denn essen muß der Mensch, trotz allem.“ Der -Adjutant sitzt in der engen Stube mit dem Rücken gegen das Telephon, um -nur die Hand nach dem Hörer ausstrecken zu müssen. Dutzendmal wird er -unterbrochen, aber doch findet er noch Zeit, mir zuzureden und -nachzusehen, ob mir auch ja nichts fehlt. - -Gegen elf Uhr schwillt das Feuer wieder zur früheren Raserei an. Die -Geschütze taumeln vor Grimm. Immer hinaus, was die Rohre hergeben -können! Dann kracht der Wald von furchtbaren Explosionen: die Minen -wurden gesprengt. Die Erde zittert. - -Und nun ist es elf Uhr. Jetzt müssen sie aus den Gräben! Es sind Minuten -der größten Spannung. - - - 4 - -Ja, nun steigen sie aus den Gräben! Auf der ganzen Linie von zwei -Kilometern. - -Über die Ausfallstaffeln klettern sie empor, durch die Sappen stürzen -sie sich gegen den Feind. Handgranaten am Gürtel, Rauchmasken, -Schutzschilde, eine Handgranate in der Rechten, fertig zum Abreißen, das -Gewehr über der Schulter, bereit zum Schuß, bereit zum Zuschlagen. Die -Kugeln schwirren. - -Ein Mann fällt, während er sich aus dem Graben schwingt, ein Mann fällt -auf den Grabenwall, ein Mann fällt nach drei Schritten – aber die -Kameraden stürmen weiter, mit Hurra und Geschrei, hinein in Dunst und -Rauch. - -Der Gegner ist zusammengetrommelt, aber keineswegs erledigt. Aus -Grabenlöchern feuert er, aus Granattrichtern, mitten in Schutt und Erde -richtet er das Maschinengewehr, das noch intakt ist. In einer Sappe hat -er sich zusammengedrängt, die Handgranaten krachen, weiter! Es fällt der -Mann im Dunst, im Rauch. Ein paar Grenadiere bringen ein feindliches -Maschinengewehr in Stellung. Sie fallen. Weitab sind schon die -Kameraden. Vorwärts! Es fällt der Offizier. - -Auf einer Linie von zwei Kilometern branden sie so vor. Heiß ist der -Nahkampf. – – - -Unsere Gedanken sind oben bei ihnen, unsere Wünsche, unsere Hoffnungen -und unsere Angst. Die Spannung schmerzt, im Herzen, im Gehirn. Wird es -gelingen? Im ganzen Umfang? Und wird es mit geringen Opfern gelingen? - -Es ist ganz still in unserer Baude. - -„Wollen wir hören, ob viel Infanteriefeuer hörbar ist. Denn das bedeutet -nichts Gutes,“ sagt der General, und wir treten hinaus. - -Es ist fast gar kein Infanteriefeuer vernehmbar. Es steht gut! Die -Geschütze krachen und wettern ohne Pause. Sie schießen nun natürlich -nicht mehr auf Marie-Thérèse, sie feuern auf die feindlichen Batterien -und Zugangswege. Die feindlichen Einschläge krachen in den Wäldern. Aber -durch die kurzen Pausen des Krachens hindurch lauschen wir gespannt nach -oben. Nur vereinzelte Schüsse. Da beginnt ein Maschinengewehr hohl zu -klopfen. - -„Ein französisches Maschinengewehr! Das ist schrecklich!“ sagt ein -Offizier leise vor sich hin. - -Aller Herzen sind oben bei ihnen, die jetzt kämpfen für die deutsche -Sache. - -Es kommt die Meldung, daß alles gut stände. Wir atmen auf. - -Elf Uhr dreißig Minuten trifft die erste bestimmte Meldung ein. Das -Regiment X. hat zwei Gräben genommen, gegen hundert Gefangene. Es geht -gut vorwärts. - -Der Adjutant sitzt am Telephon, und sobald er eine Meldung -entgegengenommen hat, teilt er sie uns mit. - -Elf Uhr vierzig Minuten. Das Regiment Y. hat ein paar Gräben überrannt, -eine Anzahl Gefangene, Maschinengewehre, Minenwerfer. Es sind die Leute -von der Eselsnase, bei denen ich heute morgen war. Das Regiment ist -berühmt und gefürchtet beim Gegner. - -Ein anderes Regiment meldet, daß es infolge starken Artilleriefeuers nur -mühsam aus dem Graben kam, jetzt aber rasche Fortschritte mache. Leider -einige Offiziere gefallen. Kompanieführer X., Leutnant Z. – Vor ein paar -Stunden sprach ich noch mit ihnen. - -Der General blickt vor sich hin und holt tief Atem. - -Es ist Krieg, Krieg, man darf es nicht eine Minute vergessen. - -Meldung um Meldung. Das Regiment Z. meldet, daß es einhundertundfünfzig -Gefangene gemacht habe. Punkt erreicht. Anschluß an Nachbarregiment. - -Die Meldungen lauten alle gleich günstig. Hundert Gefangene, -zweihundert, dreihundertfünfzig – kein Zweifel: der Angriff ist -geglückt. Wir haben gewonnen! - -Um zwölf Uhr meldet der Bursche: „Herr General, die ersten Gefangenen!“ - -Wir sehen einander erstaunt an. „Schon,“ sagt der General, und wir gehen -durch den Wald, hinüber zum Knüppelweg. - -Da stehen sie. Drei Stück. Verschwitzt und bestaubt kommen sie aus den -Gräben. Sie machen einen jämmerlichen Eindruck. Einer trägt ein Käppi. -Er ist ganz grau, Bretone, einundvierzig Jahre alt. Seine schmutzigen -groben Hände zittern vor Erregung. Die beiden anderen sind junge -Burschen, gegen zwanzig, klein, schwarzhaarig, mit runden schwarzen -Glotzaugen. Sie tragen blaugraue Stahlhelme auf den runden Köpfen, -Helme, die den alten Sturmhauben des Mittelalters ähneln und ganz neu -sind. Die Burschen gefallen mir nicht. Und als ich anfange, sie -auszufragen, bekommen sie auch sofort Streit. Einer wirft dem andern -vor, sich im Unterstand versteckt zu haben. Sie hatten es eilig, in -Gefangenschaft zu geraten, das kann ich sehen. Es sind Leute aus -Toulouse. - -„Was wird man mit uns tun?“ fragt einer der Tapferen mit dem Stahlhelm -mit einem ängstlichen Blick. - -„Man wird euch in ein Lager nach Deutschland schicken,“ antworte ich. Er -ist befriedigt. Was dachte er denn –?? - -Nun aber wimmelt es auf dem Waldweg. Eine Feldbahn führt in der Nähe -vorüber. Darauf laufen Karren, von vier Krankenträgern geschoben, und -auf den Karren sitzen und liegen die Verwundeten. Auf einer Karre hockt -oben ein junger Franzose und jammert und stöhnt in gleichen -Zwischenräumen. Sonst hört man nur selten einen Schmerzenslaut. - -Eine Bahre wird vorübergetragen. Ein Feldgrauer liegt ausgestreckt -darin. - -„Wo fehlt’s?“ fragt der General. - -„Beinschuß!“ - -„Nun, immer rasch zum Verbandplatz.“ - -Eine zweite Bahre wippt auf den Schultern der Träger vorüber. Bleich und -still liegt darin ein Franzose. - -Leichtverwundete kommen allein an. Der General hat für jeden ein -ermunterndes Wort, einen freundlichen Zuruf. „Was ist mit Ihnen?“ fragt -er einen Grauen, dessen rechte Hand in blutigem Verbandzeug steckt. -„Granatsplitter.“ – „Na, es wird nicht so schlimm sein. Wissen Sie den -Verbandplatz? Gleich da drüben.“ Wie ein Vater spricht der General -seinen Leuten zu. „Wie steht es oben?“ – „Wir haben drei Gräben -genommen, Herr General!“ – „Na, das ist prachtvoll. Immer rasch zum -Verbandplatz.“ - -Bahren, Karren. - -Ein Grenadier mit verbundenem Arm, gestützt von einem Krankenträger, -kommt festen Schrittes, stolz und aufgerichtet des Weges, obschon ihm -Schmerz und Schrecken im Gesicht sitzen. Ein Lob des Generals läßt seine -Miene aufleuchten. - -Auf einer Karre sitzt ein Verwundeter. Sein Kopf ist nichts als ein -weißes Knäuel mit blutigen Flecken. Aber er sitzt mit verschränkten -Armen, ganz behaglich. - -So strömt es unaufhörlich vorüber, und die Granaten rauschen und zischen -ohne Pause über den Wald. - -Ein Grauer, mit blutigem Kopfverband, tritt an den General heran und -schlägt die Absätze zusammen. - -„Wo kann ich Herrn Major Soundso sprechen? Ich habe eine Meldung zu -machen.“ Das Blut tropft dem Tapferen übers Gesicht. - -„Was soll es sein?“ - -„Das Regiment hat drei Gräben genommen und über zweihundert Gefangene.“ - -„Ich werde es bestellen lassen. Aber nun schauen Sie, daß Sie sich mal -erst ordentlich verbinden lassen.“ - -Der Graue klappt mit den Stiefeln. Ab. Ja, was für Leute das sind! - -Ein anderer kommt vorbei, den Kopf verbunden. Er war schon vor dem Sturm -verwundet worden, machte aber noch den ganzen Angriff mit. - -Die Gefangenen fluten in dichten Zügen heran. Sie werden aufgestellt und -gezählt. Fast alle tragen diese blaugrau angestrichenen Stahlhelme. -Vereinzelte nur tragen Käppis oder haben sich ein Schnupftuch um den -Kopf gebunden. Sie sind schmutzig, verwildert, zerfetzt und verstaubt, -stumpf, bleich und erschöpft und kleinlaut, wie alle Soldaten, die aus -der Schlacht kommen und in Gefangenschaft gerieten. Aber sie machen -einen weitaus besseren Eindruck als die ersten drei. Es sind Leute teils -aus den nördlichen Departements, Bretagne, teils aus dem Süden, -Toulouse, Nîmes, Marseille. Manche rauchen schon wieder ihre Pfeife oder -den Zigarettenstummel. Einer trägt einen halben Laib Brot, einer eine -Decke. Sie zeigen die Photographien ihrer Frauen und Kinder und fragen, -ob sie sie behalten dürfen. Natürlich dürfen sie das! Zuweilen schütteln -sich ein paar die Hand, die sich hier wiederfinden. Es ist ein langes, -bedeutsames Händeschütteln! - -Manche sind verwundet und tragen Verbände. Einem ist die Hand -zerschmettert, dem anderen hat eine Kugel den Arm durchschlagen. - -Der General steht und läßt die Augen über die Kolonnen schweifen. Sobald -er einen Verwundeten sieht, läßt er ihn herankommen, fragt, forscht: -„Ulan, bringen Sie den Mann zum Verbandplatz.“ Aus jeder Kolonne -scheidet ein Trüppchen Verwundeter aus und hinkt, humpelt und taumelt -hinter den Führern her. - -Aber der General hat seine Augen überall. Er sieht auch, was hinter den -Kolonnen vorbeikommt, ruft, ermuntert, lobt. - -Da kommt auch mein Grenadier mit den zwei Postpaketen am Gewehr zurück. -Heute morgen sah ich ihn in die Gräben hinaufgehen. Da ist er wieder. -Eine Handgranate hat ihn leicht am Gesicht verletzt. Er hatte gar nicht -Zeit, seine Paketchen zu öffnen. - -Es werden immer mehr Gefangene. Es sind ganze Züge und Kompanien – und -auf der anderen Seite des Berges soll es auch in die Hunderte gehen! - -Der General kann unmöglich alle übersehen, und so gehe ich die Kolonnen -entlang und suche die Verwundeten heraus. – „Herr General, hier ist ein -Mann mit einem Armschuß.“ – „Ulan, zum Verbandplatz.“ – Väterlich sorgt -der General für den Feind. Sein Ton ihnen gegenüber ist freundlich und -schlicht. - -Ein Gefangener fragt mich, ob er nicht ebenfalls verbunden werden -könnte. Ich sehe ihn an, er sieht etwas erschrocken aus, aber ich sehe -keine Verwundung. Er hat Schüsse da unten, sagt er. Augenblicklich läßt -er die Hose herunter, und ich sehe, daß er einen Schuß im rechten -Oberschenkel und einen über dem Gesäß hat. - -Ich führe ihn zum General. Auch hier will er sofort die Hose -herunterlassen, aber der General glaubt ihm so. - -„Nehmen Sie den Mann da noch mit, Ulan. Stützen Sie ihn, so, immer -vorwärts.“ - -Kolonnen um Kolonnen ziehen vorbei. Jetzt, um ein Uhr, sind schon -eintausendvierhundert Gefangene gemeldet. Im ganzen wurden es -zweitausend. Immer neue strömen aus dem Wald. Karren, Bahren, -Verwundete. Nie werde ich diesen Weg im Argonnerwald vergessen. - -Vor dem Verbandplatz liegen und stehen die Verwundeten herum. Sie sind -ruhig und fühlen sich geborgen. Die Ärzte sind drinnen an der Arbeit. -Ich sehe, wie der freundliche, lebenslustige Chefarzt ernst und -hingegeben einen blutigen Lappen mit der Schere abtrennt. - -Das ist die Kehrseite von Hurra und Siegesjubel. Es ist Krieg, man darf -es nicht vergessen. - -Die Geschütze dröhnen, die Einschläge krachen, die Granaten gurgeln und -pflügen durch die Luft. Verirrte Kugeln und Sprengstücke surren und -klirren. Zwischen den Bäumen wandern wie eine blaugraue Schlange die -Gefangenen. - -Droben in den Gräben aber geht es weiter, heiß und blutig. Die eroberten -Gräben müssen instand gesetzt, Schutzschilde und Sandsäcke auf die -andere Seite gebracht werden. Die Gewehre peitschen, Maschinengewehre -hämmern, der Kampf geht weiter. Bis die Nacht kommt, und auch in der -Nacht wird es keine Ruhe geben. - -Wir fahren los und jagen quer durch die Argonnen, um zu hören, wie es -auf der anderen Seite des Berges ging. - - - 5 - -Auch auf der anderen Seite des Argonnerwaldes war alles nach Wunsch -gegangen. Wie auf der Eselsnase waren die Tapferen auf der Hubertushöhe -aus den Gräben geschnellt und hatten den Feind geworfen. Bis jetzt, -nachmittags, hatten sie über achthundert Gefangene gemacht. Das ist eine -hübsche Anzahl im Grabenkrieg! - -Die krumme bucklige Straße des armseligen Argonnendorfes ist -überschwemmt von blaugrauen Franzosen. Und oben erscheint schon eine -neue Kolonne. Ein ganzes Bataillon ist hier versammelt. Die Bewohner des -Dorfes stehen vor den Haustüren und begaffen ihre Landsleute. Zuweilen -habe ich in dem und jenem Orte gesehen, daß Frauen weinten, wenn -Gefangene vorübergeführt wurden. Hier nehmen sie es gelassen. Hunderte -und Tausende sind schon aus den Wäldern herunter in ihr Dorf gekommen. - -Fast alle tragen den blaugrau gestrichenen Stahlhelm, der tief über den -Kopf gestülpt ist, so daß sie gerade noch geradeaus blicken können. -Einzelne haben ihn verloren oder fortgeworfen und sich Sacktücher über -den Kopf gebunden. Einer trägt nur das Lederfutter des Helmes. Der Helm -gibt ihnen allen ein ungewohntes und leise komisches Aussehen. Ich bin -sicher, daß es drüben bei ihnen großes Gelächter und Scherzen gab, als -die ersten mit diesem Möbel anrückten. Viel Wert kann der Helm nicht -haben. Dafür ist er zu dünn. Gegen Splitter, Steinschlag höchstens, aber -das würde auch der Schädel aushalten. Immerhin ist er schwer genug, um -dem Mann das Schwitzen beizubringen. Sie schwitzen alle jämmerlich, die -armen Burschen. - -Sie sind zumeist erschöpft und abgestumpft vom Kampf. Groß, klein, -Grauhaarige, halbe Knaben, ernste Männer und unreife Bengel, -schwarzäugig, blauäugig, hager und rund, Bärte, Milchgesichter, alle -verschieden groß. Die blaugrauen Rockärmel voller Lehm und Schmutz, die -Schuhe zerweicht, die Wickelgamaschen zerrissen. Sie kommen aus der -Schlacht, das muß man festhalten, die Ausrüstung ist jedenfalls gut. -Einzelne tragen rote Wollschärpen um den Leib, andere Wollwesten, einer -steckt in einem blauen Arbeiteranzug. Die Verwundeten sind schon alle -ausgeschieden. Einzelne nur haben Verbände an Hand oder Kopf, leichte -Schrammen. Sie kauen, rauchen, kramen die paar Habseligkeiten aus der -Tasche, die sie aus der Katastrophe retteten. Manche lachen schon -wieder. Sie sind eine etwas zusammengewürfelte Gesellschaft, ohne jeden -Zweifel. Zumeist vom Süden. Sie sollen sich indessen wacker geschlagen -haben. - -Abseits stehet ihr Bezwinger: der Kronprinz und der Kommandierende, und -betrachten sie und tauschen Beobachtungen aus. - -Der Kronprinz tritt an zwei junge Burschen heran, die sich aus den -Tabakresten ihrer Hosentaschen Zigaretten drehten und kein Feuer haben. -Er reicht ihnen seine Streichholzschachtel und spricht sie an. Nun, -besonders gute Manieren haben die zwei jungen Bengel nicht, es sind -Hafenarbeiter aus Toulouse. Sie plaudern lebhaft, paffen und lachen. Sie -sind froh, aus der Sache heraus zu sein, sie machen kein Hehl daraus. -Aber der Kronprinz spricht mit ihnen, freundlich und schlicht, wie er -mit seinen eigenen Soldaten redet. Sie haben sich geschlagen für ihr -Land, der Tod ging da oben hundertfach dicht an ihnen vorüber, es kommt -also hier nicht so sehr auf die Manieren an. - -Links, ein paar Schritte abseits von den dichtgedrängten Reihen der -schwitzenden, schmutzigen Gefangenen, steht eine Gruppe gefangener -Offiziere. Ihre Haltung ist würdig. Die Uniform ist einfach, weit und -bequem geschnitten, es ist nahezu die Uniform des gemeinen Mannes. Keine -Dekorationen, keine Abzeichen. Am Ärmelaufschlag zwei schmale, drei -Zentimeter lange wagrechte verblaßte goldene Borten, das ist alles. Für -die Eitelkeit ist diese Uniform nicht geschaffen, das kann niemand -behaupten. Sie tragen blaugraue Käppis. Wohin ist die prunkvolle -Maskerade des französischen Heeres gekommen? - -Ernst und nachdenklich sehen sie vor sich hin. Qualvoll und demütigend -ist ihre Situation, obschon jedermann bestrebt ist, ihre Gefühle zu -respektieren. Ein Offizier, der äußerste, ist blaß wie eine Wand und -vollkommen erschöpft. Sein Blick geht ins Leere. Neben ihm steht ein -junger Leutnant, keine vierundzwanzig, mit vornehm geformten energischen -Zügen. Die Muskeln seines Gesichtes zucken, er blickt zum Himmel empor, -zur Erde herab, er nagt an der Lippe, er kämpft mit den Tränen. - -Sie alle leiden. Aber ihre Leute fangen an, sich mehr und mehr mit der -Lage abzufinden. Sie schwatzen und lachen. Sie sind allzu eifrig, mir zu -erklären, daß „sie sich beglückwünschen“, aus der Sache heraus zu sein. -Jeder beglückwünscht sich. _Je me félicite –!_ „Ja, da oben ging es -schlimm zu, große Verluste. Ich wurde verschüttet, grub mich aus, mit -Hilfe eines Kameraden. Da waren die Deutschen schon da, überall, wir -sehen einen Trupp Gefangener und laufen hin. Ihr Angriff war gut -gemacht, chic! Ich beglückwünsche mich, offen gestanden.“ - -Ich nehme einen jungen, intelligent aussehenden Burschen zur Seite, gebe -ihm eine Zigarette und plaudere mit ihm. Er stammt ebenfalls aus dem -Süden. Er war in einer Sappe, die zugeschüttet war, die Deutschen warfen -Handgranaten hinein, sie selbst schossen heraus, Geschrei, Rauch, schon -war er gefangen. Er breitet die Arme aus und deutet auf die Landschaft: -„Ich sehe mein Land, ich sehe alles in bester Ordnung. Ich sehe hier das -Dorf und die Leute, es ist alles sauber, die Felder sind bestellt, Vieh -gibt es hier. Und man hat uns gesagt, daß die Deutschen alles plündern -und niederbrennen. Ich traue meinen Augen nicht.“ Gleich darauf -beglückwünschte auch er sich. - -Ich gebe ja jedem Soldaten das Recht, sich zu freuen, daß er lebendig -aus der Schlacht kam, denn selbst der Tod fürs Vaterland ist schwer, so -leicht er auch vielen Leuten erscheint, die nie eine Granate sausen -hörten – allein, es ist schließlich nicht nötig, daß er die -Gefangenschaft als die beste Lösung preist. Es ist auch nicht nötig, daß -sie mir erzählen, ihre höheren Offiziere hätten Reißaus genommen, denn -es ist nicht wahr, das weiß ich von anderen. - -Ich habe schon bessere französische Regimenter gesehen. - -Immer neue Gefangene strömen ins Dorf. Über den Wäldern wird ein -feindlicher Flieger beschossen. Die Geschütze krachen und pochen noch -immer wütend. Gegen Abend steigert sich das Feuer mehr und mehr, und in -der Nacht rollt es pausenlos und zornig. Trommelfeuer. - -Am Morgen sehe ich die Gefangenen abmarschieren. Ein langes blaues Band -schlängelt sich ins Tal. Der junge Offizier hat sich gefaßt und -schreitet still und ergeben wie ein Leidtragender in einem Trauerzug -hinter den blauen Stahlhelmen her. - -Eine Stahlhaube ist neben einem Baum liegen geblieben. - -Da eilt ein französischer Hauptmann aus dem Dorf hervor. Er hat sich -verspätet. Sein Kopf ist verbunden, ich habe ihn gestern nicht gesehen. -Er geht eilig auf den Jäger zu Pferde zu und schüttelt ihm die Hand, -erschüttert, gebrochen, verzweifelt, wie man in schwerem Leid einem -Freund die Hand schüttelt, sicher seines Verstehens, Vertrauens, -Glaubens. Es gibt Beziehungen zwischen den Völkern, die alle Diplomatie, -mangelhafte und perfide, nicht zerstören kann. - -„Trösten Sie sich,“ sagt der Jäger zu Pferde, „es ist der Krieg!“ - -Der Hauptmann antwortet nichts, er schüttelt gebrochen den verbundenen -Kopf, und mit verzweifelten großen Schritten stürzt er seiner Truppe -nach. – - -Die Schlacht ist zu Ende, die Schlacht ist gewonnen. Zweitausend -Gefangene, große Beute, auf einer Front von zwei Kilometern der Feind -zurückgeworfen. Es ist ein großer Erfolg. Nehmt den Hut ab vor den -Argonnenkämpfern! - -Aber wie erstaunt war ich, im französischen Bericht zu lesen, daß es -wieder einmal nichts war. Die Armee des Kronprinzen hatte überhaupt -keinen Erfolg errungen. Zwei mißglückte Angriffe – unser Bericht -enthalte phantastische Zahlen, es sei klug, diese Zahlen in derartigen -Fällen immer durch zehn zu dividieren. – – - -Großes Frankreich, dein Erbe ist in bedenkliche Hände geraten. Dein -Geist ist bei deinen Erben zur Phrase geworden und die Phrase zur Lüge. - - - Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig - - - - - Anzeigen - - - - - Werke von Bernhard Kellermann - - - Yester und Li - - Die Geschichte einer Sehnsucht. (Fischers Romanbibliothek.) - - Gebunden 1 Mark, in Leinen 1 Mark 25 Pfennig. - - Die Geschichte einer Sehnsucht ist es, die der Verfasser erzählt – - einer zarten, zitternden, tastenden Sehnsucht. Einer so - verzehrenden, wahnwitzigen, ungeheuerlichen Liebessehnsucht, wie sie - nur ein Dichter, ein Auserwählter unter den Menschen, zu einem - auserwählten, seltenen, wundervollen Weibe empfinden kann. – - Wunderbar ergreifend ist der Schluß. Ein Dichter hat dies Buch - geschrieben. Ein wirklicher Dichter. Mit sanfter, zagender Hand sind - die letzten Hüllen von menschlichen Seelen gezogen. Und doch - erscheint alles wie durch zarte Schleier, von einem seltsamen matten - Glanz umsponnen. Letzte Menschlichkeiten werden aufgedeckt. Feines, - Leises wird gegeben, wie mit dem Silberstift gezeichnet. - - (Königsberger Allgemeine Zeitung) - - - Ingeborg - - Roman. 30. Auflage. Geheftet 4 Mark, gebunden 5 Mark. - - Ganz trunken von Schönheit und Schmerz ist das Buch. Es schlägt Töne - an, die man schwer vergißt ... Selten ist etwas Glühenderes und - Sanfteres geschrieben worden wie die Schilderung dieser Liebe. Eine - erhobene Sprache geht durch die Blätter des Buches, ohne doch uns - der Erde zu entrücken ... Wenig und einfach ist, was geschieht, aber - die Feinheit und Intensität der Schilderung macht es zu einem - Äußersten als Seelenerlebnis sowohl wie als Kunst. - - (Der Tag, Berlin) - - Frauen und Jünglinge, leset dies neue Buch – Ingeborg – diesen - zweiten Roman von Bernhard Kellermann. Die Liebe lebt darin und die - Romantik. Und der Wald lebt darin und alle Jahreszeiten. Jung ist - es, ganz jung-jung, und das Blut macht es unruhig, es fiebert von - Liebe. Mit einer kindlich zarten und zugleich unerhört verfeinerten - Gabe wird hier von den heiligsten und besten Dingen gesprochen. Von - Gott, von der Liebe, vom Wald ... Ich will mich mit diesem Buche - nicht allein freuen. Jedem möchte ich es in die Hände drücken, der - überhaupt noch einen Roman lesen kann. - - (Die Zeit, Wien) - - - Der Tor - - Roman. 14. Auflage. Geheftet 5 Mark, gebunden 6 Mark. - - Die Leser von „Ingeborg“ werden ihren Dichter in diesem Buche - wiederfinden, aber er wird ihnen als ein Größerer begegnen, reifer - und reicher geworden in den wenigen Jahren, die zwischen den beiden - Werken liegen. Sein Blick hat sich von den wolkengleich umrissenen - Gestalten der Liebeslegende tiefer erdenwärts gewandt und schaut - jetzt den Kreaturen des täglichen Lebens zu, wie sie, gehämmert, - zerstoßen und verkrümmt von der Unerbittlichkeit der Verhältnisse, - ihr Dasein zu Ende führen. Der Tor ist ein junger, reiner Mensch, - der in einem Städtchen auftaucht, um das Unrecht zu sühnen, das - Menschen an einer Verstorbenen geübt haben. Bald sieht er ein, wie - vieles es im kleinsten Kreise gutzumachen gibt, woran die Menschen - keine Schuld haben, und sein Drang weist ihm den Weg zu den Hütten - der Elendesten, Bejammernswertesten. So ist auch dies Buch ein Buch - der Liebe geworden, aber der Liebe des einen zu allen. - - (Hannoverscher Kurier) - - - Das Meer - - Roman. 18 Auflage. Geheftet 4 Mark, gebunden 5 Mark. - - Es ist ein Werk, das man mit Ehrfurcht und Freude aus der Hand legt, - im sicheren Bewußtsein, einen Schatz gefunden zu haben, von dem man - immer wieder gern genießen wird. Ein kulturmüder Mann lebt einen - Sommer hindurch auf einer bretonischen Fischerinsel. Er versinkt - ganz in dem kräftigen, urwüchsigen Dasein dieser einsamen Welt. - Trinkt, flucht, liebt und haßt wie die Bewohner der Insel, die - gleich abgeschlossen ist von den Moralbegriffen wie dem - Rechtsempfinden der Welt da draußen ... Manchem wird die wilde - Schönheit unverständlich bleiben, manchen wird auch die feinste - Sprachkunst nicht darüber hinwegsetzen, daß es immer wieder nur das - Meer ist – und nur das Meer, von dem er lesen muß. Wer sich aber in - dies Werk ernstlich vertieft, dem wird es seine Mannigfaltigkeit - wohl erschließen. Und er wird meine Freude darüber teilen, daß auch - einem Deutschen der Entdeckerflug in die unbekannten Reiche der - Natur gelungen ist, der bisher Männern wie Kipling oder Loti - vorbehalten schien. Nur daß Kellermanns Empfindung wärmer, seine - Anschauungskraft stärker, seine Sehnsucht tiefer ist. - - (B. Z. am Mittag, Berlin) - - - Der Tunnel - - Roman. 120. Tausend. Geheftet 3 Mark 50 Pfennig, in Leinen - gebunden 4 Mark 50 Pfennig, Geschenkband 6 Mark. - - In diesem Buch rollt der Donner ungeheuerer moderner Maschinen. - Weite und Welthorizonte sind in ihm. Aber alles wirbelt und tanzt - und dreht sich, und man sieht nur große Konturen, sieht nur Massen, - zusammengeballt und mit fortgerissen in der rasenden Bewegung dieser - Zeit. Man spürt das unerhörte Tempo der Gegenwart, der heutigen - Epoche, während man dieses Buch liest. Man spürt gleichsam die Erde - ringsum vibrieren, als erbebe sie bis in ihren Grund unter der - zugreifenden Gewalt des Menschen. Man spürt das Fiebern, Keuchen, - Wüten und geniale Delirieren der unermeßlichen Arbeit, die rund um - uns her verrichtet wird. Und das ist zuerst ein beklemmendes Gefühl, - dann aber ein befreiendes Glücksbewußtsein. Man wird niedergedrückt - und gleich darauf angefeuert, hoch emporgehoben und wie berauscht - von Mut, von Entschlußfreude und Zuversicht und von Seligkeit, - dieses schäumende Leben von heute mitleben zu dürfen. - - (Neue Freie Presse, Wien) - - - - - Im gleichen Verlag ist erschienen: - - - Aage Madelung: Mein Kriegstagebuch - - 7. Tausend. Geheftet 2 Mark, in Leinen 3 Mark. - - Die Schilderungen Madelungs zeichnen sich durch schmucklose, - anschauliche Schlichtheit aus. Nicht immer ist der Krieg eine - unerbittliche Trennung; hier ereignet es sich, daß ein germanischer - Nordländer begeisterte, glühende Liebe zu einer ihm fernstehenden - Nation faßt. Madelung wird enthusiastisch, sowie er von Ungarn und - den Ungarn spricht. - - (Wiener Zeitung) - - - Aage Madelung: - Jagd auf Tiere und Menschen - - 5. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 5 Mark. - - Ein Urwaldmensch und ein Raffinierter. Welch seltsamer Widerspruch! - Und ebenso widersprechend: in Sumpf und Moor ein wilder, - weidlüsterner Jäger, und dann, am einsamen Reisigfeuer, ein vor sich - hingrübelnder kosmischer Philosoph. Diesen Menschen muß man näher - kennen lernen. Man findet seinesgleichen nicht alle Tage. - - (Neue Freie Presse, Wien) - - - London und Paris im Krieg - - Reiseerlebnisse in Kriegszeit von Norbert Jacques - - 17. Tausend. Geheftet 1 Mark 50 Pfennig, gebunden 2 Mark. - - Das Buch ist Impressionismus in bestem Sinn; das gibt ihm einen - hohen dokumentarischen Wert in alle Zukunft für den - franko-englischen Gemütszustand im allgemeinen und für das - französische Delirium im speziellen. - - (B. Z. am Mittag, Berlin) - - - - - Sammlung von Schriften zur Zeitgeschichte - - Jeder Band gebunden 1 Mark - - 1. Band: Aus den Kämpfen um Lüttich. Von einem Sanitätssoldaten. - 2. Band: Weltwirtschaft und Nationalwirtschaft. Von Franz - Oppenheimer. - 3. Band: Der englische Charakter, heute wie gestern. Von Theodor - Fontane. - 4. Band: Preußische Prägung. Von Lucia Dora Frost. - 5. Band: Friedrich und die große Koalition. Von Thomas Mann. - 6. Band: Die Fahrten der Emden und der Ayesha. Von Emil Ludwig. - Mit 20 Abbildungen. - 7. Band: In England – Ostpreußen – Südösterreich. Von Arthur - Holitscher. - 8. Band: Der deutsche Mensch. Von Leopold Ziegler. - 9. Band: Russischer Volksimperialismus. Von Karl Leuthner. - 10. Band: Die Flüchtlinge. Von einer Reise durch Holland hinter die - belgische Front. Von Norbert Jacques. - 11. Band: Zwischen Lindau und Memel während des Kriegs. Von Paul - Schlenther. - 12. Band: Deutsche Kunst. Von Karl Scheffler. - - - - - S. Fischer · Verlag · Berlin - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - -Offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere -Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 114]: - ... „Und wie ist die Stimmung im allgemeinen. In ... - ... „Und wie ist die Stimmung im allgemeinen? In ... - - [S. 156]: - ... Man verstehe recht: nach einem Jahr Krieg, noch Monaten ... - ... Man verstehe recht: nach einem Jahr Krieg, nach Monaten ... - - [S. 175]: - ... und Festhubert nicht vergessen. – ... - ... und Festubert nicht vergessen. – ... - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KRIEG IM WESTEN *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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