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-The Project Gutenberg eBook of Der Bürger, by Leonhard Frank
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-using this eBook.
-
-Title: Der Bürger
-
-Author: Leonhard Frank
-
-Release Date: January 14, 2022 [eBook #67161]
-
-Language: German
-
-Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team
- at https://www.pgdp.net. This book was produced from images
- made available by the HathiTrust Digital Library.
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BÜRGER ***
-
-
- LEONHARD FRANK / DER BÜRGER
-
-
- LEONHARD FRANK
-
-
-
-
- DER BÜRGER
-
-
- ROMAN
-
- 1.-44. TAUSEND
-
-
- DER MALIK-VERLAG / BERLIN
-
-
- DER BÜRGERLICHEN JUGEND GEWIDMET
-
-
-
-
- I
-
-
-Endlich beschloß der Gymnasiast Jürgen Kolbenreiher: ‚Wenn noch ein Auto
-kommt, bevor die Turmuhr fünf schlägt, geh ich hinein und kaufe die
-Broschüre ... Ehrenwort?‘
-
-„Ehrenwort!“ sagte er heftig zu sich selbst und las wieder den Titel der
-philosophischen Abhandlung. Seine Hand, die das Geld hielt, war naß. Der
-Blick zuckte fortwährend von der Broschüre zum Ziffernblatt. Der Zeiger
-stand knapp vor fünf.
-
-Da sauste das Auto um die Ecke, am Buchladen vorbei und war weg. Die Uhr
-hatte noch nicht geschlagen. Jürgen wollte eintreten.
-
-Und nahm seinen Schritt zögernd wieder zurück. ‚Was wird mein Vater
-sagen, wenn ich sie kaufe? ... Und was würde er sagen, wenn er wüßte,
-daß ich sie kaufen will und dazu den Mut nicht habe? ... Oder würde er
-verächtlich lächeln, wenn ich jetzt kurz entschlossen in den Laden
-ginge?‘
-
-Die Finger vor dem Leibe ineinander verkrampft, kämpfte er weiter, las
-den Titel, sah, wie der große Zeiger einen letzten Sprung machte. Und
-fühlte, während er sich „Feigling! Elender Feigling!“ schimpfte, daß
-sein Wille hinter der Stirn zu Nebel wurde. Das Phantom des Vaters stand
-neben ihm.
-
-Das Werk rasselte und schlug. Der Nebel verschwand. Und Jürgen dachte:
-Ich kann auch jetzt noch hinein. Aber sofort! ... Hat der Buchhändler
-eben gelächelt? Über mich?
-
-Der stand im Türrahmen und blickte gelangweilt über die gepflegte,
-sonndurchwirkte Anlage weg, in der die kreisenden Rasenspritzen
-Regenbogen schlugen.
-
-‚Solange er unter der Tür steht, kann ich ja nicht hinein.‘
-
-Der Buchhändler gähnte, trat gähnend in seinen Laden zurück.
-
-‚Jetzt! ... Wenn ich den Mut jetzt nicht aufbringe, wird das Leben auch
-in Zukunft mit mir machen, was es will. Das ist klar.‘
-
-Da erschien bei der Kirche ein Mitschüler Jürgens, Karl Lenz, Sohn eines
-Universitätsprofessors. Jetzt natürlich kann ich nicht hinein, dachte
-Jürgen und ging mit Karl Lenz in die Anlage, sah abwesend eine Bonne an.
-Die gestärkten Röcke strotzten, und der elegante Kinderwagen federte von
-selbst auf dem gewalzten Sandwege am Tulpenrondell vorüber.
-
-Knapp hinter dem Kinderwagen ritt, das frischbackige Gesicht stolz
-erhoben, in verhaltenem Trabe ein kleines Mädchen im Knieröckchen so
-feurig auf dem Steckenpferde, daß die langen, schön gewölbten, nackten
-Schenkel sichtbar wurden. Die Gruppe machte sofort Halt, als der im
-Wagen strampelnde Säugling die Hand nach dem zu hoch hängenden
-Hampelmann ausstreckte.
-
-Das Mädchen ritt, die Locken schüttelnd, in gezähmter Pferdeungeduld
-feurig an der Stelle weiter und sah, Brust vorgestreckt, über den
-abgerissenen, abgezehrten, blutleeren Proletarierjungen weg, der sich
-aus der Fabrikgegend in die Sonne verirrt hatte und, das Drama der Armut
-im Blick, offenen Mundes den Reichtum bestaunte.
-
-Jürgen konnte die Augen nicht abwenden von dem Jungen, der seine Augen
-von dem glänzenden Mädchen erst losriß, als er sich beobachtet fühlte.
-Dunkel fragend sah er empor zu Jürgen, der, plötzlich breit durchzogen
-von einem bisher nie empfundenen Gefühle, zu Karl Lenz sagte: „Man muß
-Empörer werden.“
-
-„Warum Empörer? Wegen dieses Ferkels?“
-
-Der Junge blickte seine schwarzen, skrofulösen Beine an, beschämt empor
-zu Jürgen, in dem, unter dem Grinsen des Mitschülers, das Eigene wieder
-versank. Verwirrt ging er, während Karl Lenz in den Konditorladen
-eintrat, heimwärts, geduckt die teppichbelegte Treppe hinauf.
-
-Es war drückend still im Hause. Unbeweglich saß Jürgen in seinem Zimmer
-vor dem blauen Schulheft und grübelte darüber nach, ob es einen Gott
-gäbe.
-
-Plötzlich hingen in der Dämmerung die hellen Gesichter der
-Schulkameraden, grinsten höhnisch. Und die Tante sagt: ‚Nein, so einen
-unselbständigen Jungen, wie du einer bist, gibt’s nicht mehr. Ein
-Unglück für deinen Vater!‘
-
-Preisgegeben ließ er sich von den Gespenstern der Verachtung weiter
-quälen, stellte ihnen entgegen: ‚Ich habe doch gestern zum Professor
-gesagt: Abraham, der seinen Sohn schlachten wollte, kann unmöglich ein
-guter Mensch gewesen sein. Ein furchtbarer Vater! Meiner Ansicht nach
-dürfte Gott so einen Befehl auch gar nicht geben.‘
-
-Fragt die Tante sehr erstaunt: ‚Was, das hast du gewagt?‘
-
-Und Jürgen läßt sich sofort vom Professor, der geantwortet hatte: ‚Wie
-kommen Sie zu dieser unerlaubten, sträflichen Ansicht?‘, bei der Tante
-in Schutz nehmen: ‚Ihr Neffe hat öfters solche erstaunlich selbständigen
-Ansichten.‘
-
-Sagt die Tante erfreut zum Vater: ‚Da ist er ja gar keine Schande für
-die Familie.‘
-
-Und der Vater sagt: ‚Entschuldige, daß ich dich ein ‚Schmähliches Etwas‘
-genannt habe ... Wie konnte ich dich nur so verächtlich und gleichgültig
-behandeln. Unbegreiflich!‘ Jürgen lächelte bescheiden.
-
-Die Tür des nebenan liegenden Bibliothekzimmers wurde nach dem Gange zu
-geöffnet. Und Jürgen hörte, wie der Vater, der krank im Lehnsessel saß,
-zu Herrn Philippi, einem alten Freunde des Hauses, sagte: „Ich werde ihn
-in den Staatsdienst stecken. Ein kleiner, verschrullter Amtsrichter oder
-so etwas Ähnliches! Er taugt zu nichts anderem. Tölpelhaft, unvernünftig
-und lebensuntüchtig ist er.“
-
-Jürgen drehte, als stünde er vor dem Vater, Kopf und Schultern
-gedemütigt seitwärts und hob die Brauen, daß die Stirn Falten bekam.
-
-„Niemand kennt die Möglichkeiten, die in einem so jungen Menschen
-liegen. Niemand kennt das Maß einer unfertigen Seele“, sagte Herr
-Philippi. Die Brillengläser in seinem vertrockneten Geiergesicht
-funkelten. ‚Auch die Seele deiner Frau hast du so lange mit dem Lineal
-gemessen, bis dieses leidensfähige Gemüt einging wie ein krankes
-Vögelchen‘, dachte er und sagte es nicht.
-
-Auf dem Gange fing die Tante Herrn Philippi ab. „Wie gehts ihm? Wie ist
-mein Bruder?“
-
-„Unvernünftig, meine Liebe!“ Herr Philippi wollte fortstelzen.
-
-Sie erwischte ihn noch am Ärmel. „Daß dieser bedeutende Mann so einen
-Sohn haben muß! Wir schämen uns seiner ... Heute sagte der Vater zu ihm:
-Du kommst in ein Bureau. Das ist das beste für dich ... Und das ist auch
-meine Meinung.“
-
-Zornig blickte Herr Philippi in die harten Augen des alten Mädchens,
-betrachtete, als zähle er sie, schweigend die mit der Brennschere
-sorgfältig gedrehten, an Stirn und Schläfen platt angedrückten,
-schwarzen zwölf Fragezeichen. „Dann erziehen wohl Sie ihn, falls Ihr
-Bruder sterben sollte? ... Kann ich mit Jürgen sprechen?“
-
-„Ja, ich erziehe ihn. Er schreibt gerade seinen deutschen Aufsatz: ‚Die
-Bedeutung der Tinte im Dienste des Kaufmanns‘. Sprechen können Sie ihn
-jetzt nicht. Der Stundenplan muß streng eingehalten werden.“
-
-Die Tante stellte sich zu einer langen Erzählung zurecht. „Hören Sie!
-Jürgen war schon als ganz kleiner Junge so ängstlich, daß er nicht
-einmal zu sprechen wagte. Wir alle glaubten, er sei stumm geboren. Eines
-Tages – er war vier Jahre, es war auf dem Geflügelmarkt – sagte er
-plötzlich: ‚Hühnchen‘. Das war sein erstes Wort. Nicht etwa ‚Papa‘, wie
-bei andern Kindern. Bewahre! ‚Hühnchen‘ sagte er und lockte: ‚Bi bi bi
-bi‘, so mit Zeigefinger und Daumen ... Sollte man das für möglich
-halten? Diese Unselbständigkeit! ... Er ist ganz seiner Mutter
-nachgeschlagen. Auch sie war so lebensuntüchtig. Hatte Angst vor Mäusen
-– ich habe ja auch schreckliche Angst vor Mäusen –; aber als einmal eine
-Maus gefangen worden war, weinte seine Mutter stundenlang, weil die Maus
-ertränkt wurde.“
-
-Sie sah erwartungsvoll zu ihm auf, weil er sie am gehäkelten
-Spitzenkragen gepackt hielt und noch immer nicht sprach. Da schüttelte
-er sie kräftig und sagte: „Bi bi bi bi! Adieu!“
-
-Abweisend blickte sie ihm nach, horchte dann einige Minuten strengen
-Gesichtes an Jürgens Tür. Der saß glühend am Tisch und schrieb, da er
-anderes Papier nicht gleich gefunden hatte, in das Schulheft eine lange
-Abhandlung mit vielen Beweisen, daß es einen Gott nicht geben könne.
-‚Folglich bin ich Atheist.‘ Dann erst quälte er sich den deutschen
-Aufsatz ab.
-
-Und übergab das Heft am Montag dem Professor, der die Beweise für das
-Nichtexistieren Gottes fand und sie dem Religionslehrer schickte.
-
-Das Ereignis wurde zu einer Professorenkonferenz und hatte nur deshalb
-keine schlimmen Folgen für Jürgen, weil die Tante plötzlich an der
-Stirnseite des Konferenztisches stand und die Lehrerrunde sprengte:
-„Herrn Kolbenreiher hat soeben der Schlag getroffen ... Mein Bruder war
-ein bedeutender Mann.“ Ihre Hand wanderte, wurde mitleidig geschüttelt.
-
-„Aber mit seinem Sohne müssen die Herren viel Geduld haben ... Mit viel
-Geduld und Strenge gehts vielleicht.“
-
-Daran solle es nicht fehlen. Vom Rektor wurde sie hinausgeleitet.
-„Jürgens schwankende Seele ... Seine Unsicherheit“, vernahmen die
-Zurückbleibenden.
-
-„Folglich bin ich Atheist.“ Der Religionslehrer riß die Augen auf. „Bin
-ich Atheist, schreibt der Junge. Und gestern diese Geschichte mit
-Abraham!“
-
-Der Geschichtsprofessor beruhigte ihn: „Das Leben wird dem Burschen
-diese Gedanken schon abschleifen ... Gut und schnell auffassen tut er
-ja.“
-
-„Bei mir nicht“, sagte der Mathematikprofessor und hielt die Hand
-erhoben. Sie rügten noch seine außerordentliche Faulheit und schlossen
-die Konferenz.
-
-Der Rektor schüttelte schweigend die Hand der Tante. Furchtsam und
-unbeachtet stand Jürgen daneben. Und ging dann, vor Schuldgefühl
-vornüberhängend, mit der aufrechten Tante nachhause, wo Weihrauchwolken
-standen.
-
-Gegen Abend zog sie den willenlos Folgenden ins Sterbezimmer, in dem der
-Vater, bekränzt und kerzenumstanden, schon auf der Bahre lag, schlug das
-Kreuz und benutzte den Endschwung gleich dazu, auf des Toten Gesicht zu
-deuten: „An dir hat er keine Freude gehabt. Das kannst du jetzt in
-deinem ganzen Leben nicht mehr gut machen ... Bete! Drei Vaterunser! Und
-dann komm und iß.“
-
-Das Gewicht des Hauses legte sich auf den gekrümmten Rücken. Die still
-brennenden Kerzen beleuchteten des Vaters Gesicht, das in
-Unzufriedenheit erstarrt war, als habe ihn auch der Tod enttäuscht.
-
-Lange kämpfte Jürgen mit sich; endlich versuchte er, das wächserne
-Gesicht im Blick, die gefalteten, toten Hände zu berühren. Und wich
-zurück, als er das bekannte Lächeln der Verachtung zu sehen glaubte.
-
-Ganz langsam kniete er nieder, die befohlenen drei Vaterunser zu beten.
-Kein Wort fiel ihm ein. Seine flehende Hand wollte die äußerste Spitze
-des Leintuches berühren. Und sank kraftlos zurück.
-
-Der Tote lag unberührbar, in ungeheuerer Macht.
-
-Da drehte sich ein Stachelrad brennend schmerzhaft in Jürgens Kopf und
-schleuderte die Worte ab: ‚Na, du schmähliches Etwas!‘
-
-„Na, du schmähliches Etwas!“ wiederholte Jürgen verächtlich und wandte,
-irr blickend, Kopf und Schultern gedemütigt weg, weil er glaubte, nicht
-er, sondern der Tote habe gesagt: Na, du schmähliches Etwas!
-
-Die Macht des Toten vor sich, die Macht der Tante hinter sich, kniete er
-ausgeliefert und verloren, schief und tränenlos im Zimmer.
-
-„Jetzt bist du eine Doppelwaise“, sagte die Tante, ergriff seine Hand
-und führte ihn hinaus.
-
-Jürgen versuchte gar nicht mehr, Übersicht über seine Gefühle zu
-gewinnen. In die Träume schickte die vergewaltigte Seele drohende
-Ungeheuer. Der Vater stand immer daneben.
-
-Und wenn ihn der qualenerfüllte Schlaf entließ, empfing ihn die Tante,
-schüttelte verächtlich den Kopf und gab ihm Briefe mit an die
-Professoren, in denen sie für Jürgen, der leider nicht seinem
-bedeutenden Vater nachgeschlagen sei, um Nachsicht bat.
-
-In der schon gewohnheitsmäßigen Erwartung, wieder gedemütigt zu werden,
-drehte Jürgen Kopf und Schultern weg, als im Zimmer plötzlich Herr
-Philippi stand. „... Da fällt mir ein: Sie glauben vermutlich immer
-noch, Ihr Vater habe nicht viel von Ihnen gehalten? Selbst wenn es so
-wäre, dürften Sie ihm das weiter nicht nachtragen. Er war ein alter,
-kranker Mann, der den Glauben an das Gute eingebüßt hatte. So einer ist
-leicht blind und ungerecht.“
-
-Als habe der Vater gesprochen, war der Knabenkopf immer tiefer gesunken.
-
-Der Vater ist tot ... Seine Autorität lebt, dachte Herr Philippi. Und
-log: „Ich habe Ihnen etwas von Ihrem Vater auszurichten. Kurz vor seinem
-Tode war ich bei ihm. Er saß im Sessel, Sie wissen ja, saß wie immer im
-Sessel und blickte zum Fenster hinaus auf einen vorüberfliegenden
-Vogelschwarm ... Es waren Stare“, dichtete Herr Philippi. „Plötzlich
-sagte Ihr Vater nachdenklich: ‚Meinem Jürgen habe ich zeitlebens
-furchtbar unrecht getan. Warum eigentlich? Das ist mir ein Rätsel.‘ ...
-Er wußte es nämlich tatsächlich selbst nicht ... ‚Denn ich bin mir ja in
-Wirklichkeit ganz klar darüber, daß Jürgen ein‘, wie sagte er doch, ‚ein
-ausgezeichneter und sogar sehr kluger Junge ist ... Das muß man ihm bei
-Gelegenheit einmal sagen‘.“
-
-Es gelang Herrn Philippi, wie ein Knabe zu lächeln, als er auch die
-Autorität der Tante zu erschlagen versuchte: „Und dieses alte Mädchen,
-Ihre Tante! Aus der brauchen Sie sich natürlich gar nichts zu machen. So
-eine vertrocknete Schachtel ist ja ganz ahnungslos! Das ist übrigens die
-volle Wahrheit ... Besuchen Sie mich einmal.“
-
-‚Diese Bürgeraristokratie sagt sich: Wir lassen unsere Kinder nicht
-hungern, nicht arbeiten; wir asphaltieren ihnen mit Körperpflege,
-reichlichem Essen, höherem Unterricht und Geld, mit viel Geld eine
-breite, glatte Straße ins Leben ... Die psychischen Ungeheuer, die sie
-in die Seelen stoßen, zählen nicht. Da fallen die allerhand Autoritäten
-über so einen Jungen her, nehmen ihm, auch wenn er beim Spiel mit Sand
-mehr Phantasie und Geist offenbart, als sie in ihrem ganzen Leben, seine
-Selbständigkeit und wundern sich dann über seine Unselbständigkeit‘,
-dachte der Alte auf der Straße, während Jürgen vor der Tante stand.
-
-Sie blickte beim Sprechen hinaus in den Garten, steil aufgerichtet. „Ich
-habe alles gehört. Du hast keine Zeit, Herrn Philippi zu besuchen. Deine
-Schularbeiten sind wichtiger. In meinen Händen liegt deine Erziehung.“
-
-Ein Automat sagte: „So eine vertrocknete Schachtel! Du bist ja
-vollkommen ahnungslos ... Das ist übrigens die volle Wahrheit.“
-
-Die Tante schnellte entsetzt herum. Auch Jürgens Mund blieb in
-übergroßem Schrecken geöffnet. „Was hast du gesagt? Wiederhole, was du
-eben gesagt hast!“
-
-„Das habe doch ich nicht gesagt.“ Sein Tonfall der Überzeugung riß der
-Tante die Empörung ins Gesicht. „Du leugnest, was ich mit meinen Ohren
-gehört habe?“
-
-Jürgen, überzeugt, diese Worte nicht gesprochen zu haben, bekam
-irrblickende Augen.
-
-„Das werde ich morgen dem Herrn Rektor schriftlich mitteilen. Du
-übergibst ihm den Brief. Und jetzt ... Pfui!“
-
-Erst nachdem die Tante schon draußen war, fühlte Jürgen ein paar Tropfen
-auf seinem Gesichte kalt werden und wußte, daß sie ihn angespuckt hatte.
-
-Hitze und Kälte wechselten einigemal schnell in seinem Körper. Er trat
-ans Fenster, starrte in den Garten. Die farbigen, kopfgroßen Glaskugeln
-steckten still und öde auf den grünen Stangen. Aus dem Nachbargarten
-klangen Sonntagnachmittagsgeräusche herüber. Abgerissene Worte. Jemand
-spielte Ziehharmonika.
-
-Ein wilder Schrei saß Jürgen im Halse. Er hob die linke Schulter, die
-rechte, rhythmisch die Beine. Die Bewegungen wurden zu einem gedrückten
-Tanz.
-
-Am Montagmorgen schlich er, eine Stunde früher als gewöhnlich, ohne
-Brief geduckt aus dem Hause, begann plötzlich zu laufen, rannte,
-galoppierte weit aus der Stadt hinaus, quer über Schollenäcker, hügelan
-und -ab, bis vor das schwarze Tunnelloch im Berg und glotzte blöd
-hinein, kehrte um und kam, verschwitzt und keuchend, noch rechtzeitig im
-Schulzimmer an, wo der Professor eben mit dem steilgestellten Bleistift
-auf das Katheder klopfte.
-
-Die Blicke der sechzig Augenpaare trafen beim Bleistift zusammen, der in
-dieser Stellung immer etwas Außergewöhnliches bedeutete. Der Professor
-zog die Stille hinaus. Jeder lauerte: ‚Wen trifft es?‘ Jürgen hatte das
-Gefühl, sein Herz sei so rund und so groß wie ein schwarzer Mond und
-schlage nicht mehr.
-
-„Leo Seidel! ... Sie wissen, daß Ihr Vater Sie leider aus dem Gymnasium
-herausnehmen muß. Umstände halber! ... Euer bisheriger Schulkamerad
-verläßt euch heute. Er muß verdienen ... Leo Seidel, Armut ist keine
-Schande.“
-
-Der Sohn des Briefträgers blickte beschämt ins Tintenfaß.
-
-„Auch ein Hausdiener kann sich heraufarbeiten ... In Amerika, zum
-Beispiel, soll das öfter vorkommen“, sagte der Professor und lächelte.
-„Diesen Vormittag bleiben Sie noch in unserer Mitte“, zeigte er, mit
-einer Handbewegung über die ganze Klasse weg. Und deutete mit dem Daumen
-zur Tür: „Dann treten Sie in Ihren neuen Pflichtenkreis ein.“
-
-Kreisende Rasenspritzen. Sonne. Hinter dem eleganten Kinderwagen reitet
-das Mädchen auf dem Steckenpferd in gezähmter Pferdeungeduld durch das
-Klassenzimmer. Offenen Mundes starrte Jürgen den abgezehrten
-Proletarierjungen an.
-
-„Wollen Sie etwas sagen, Kolbenreiher? ... Nun? Heraus damit!“
-
-Die übergroße Erregung fraß Jürgens ganze Kraft auf. Seine gelähmten
-Lippen stammelten: „Ich wollte nichts sagen.“
-
-„Karl Lenz! ... Sie haben vorhin mit Adolf Sinsheimer Fingerhakeln
-geübt; erklären Sie uns jetzt den Flaschenzug.“ Auf dem Katheder stand
-ein kleines Modell. „Nichts? ... Setzen Sie sich. Und lassen Sie sichs
-von Leo Seidel erklären.“
-
-Während hinten das Duell der Fingerhakelnden ausgetragen wurde und der
-Professor mit den kleinen Bleigewichten des Modells spielte, erklärte
-die einsame Stimme Leo Seidels das Gesetz des Flaschenzuges.
-
-Jürgen litt unter der Feigheit, seine Meinung nicht geäußert zu haben,
-brüllte in Gedanken: ‚Nur weil Seidels Vater arm ist? Das ist gemein.
-Gemein! ... Alles ist gemein.‘ Glotzte besinnungslos den Professor an,
-bis der ihm zurief: „Kolbenreiher, wo werden Flaschenzüge gebraucht?“
-
-„Flaschenzüge?“
-
-„Aber gewiß, Flaschenzüge! Nun? ... Leo Seidel, sagen Sie es ihm.“
-
-„Zum Beispiel am Neubau. Da kann ein einzelner Arbeiter mit einem
-Flaschenzuge ...“
-
-„Mit Hilfe!“
-
-„... mit Hilfe eines Flaschenzuges Lasten in die Höhe winden, die
-zehnmal so schwer sind wie der Arbeiter. Infolge der Übersetzung!“
-
-‚Infolge der Übersetzung‘, sollte Jürgen wiederholen, hatte aber
-‚Überrumplung‘ gesagt.
-
-Die ganze Klasse durfte lachen. Lachte noch auf dem Heimwege, wo alle
-sich von Leo Seidel, der vielleicht schon morgen einen Handwagen durch
-die Stadt schieben mußte, abgesondert hielten.
-
-Auch Jürgen, gelähmt, wagte nicht, ihn zu begleiten. Nur in Gedanken
-trat er mit kühner Ritterlichkeit zu ihm. ‚Ich fürchte die Meinung der
-andern nicht.‘ Ließ sich von Seidel verehren.
-
-Beim Mittagessen beachtete ihn die gefährlich schweigende Tante nicht.
-Schickte das Dienstmädchen, mit dem Befehl, Jürgen habe den Brief am
-nächsten Morgen dem Herrn Professor zu übergeben.
-
-Erst nachmittags konnte Jürgen so viel Entschlußkraft finden, Seidel zu
-besuchen. In der Kellerstube stand der Armeleutegeruch, der das Vorhaben
-des schwindsüchtigen Briefträgers, den Sohn studieren zu lassen, als
-schwer ausführbar erscheinen ließ. Seidel saß still am Fenster und sah
-hinaus in den stinkenden Hof. Qual und Scham drehten Seidels Kopf und
-Schultern zur Seite, so daß er plötzlich Jürgen glich, der sich im
-selben Moment zum erstenmal in seinem Leben frei fühlte.
-
-Er reichte Seidel eine in Leder gebundene Weltgeschichte, konnte
-scherzen: „In der biblischen Geschichte steht zwar: Gehe hin, verkaufe
-alles, was du hast, und ... Aber nicht deshalb gebe ich dir das Buch.
-Denn ich glaube ja gar nicht an Gott.“
-
-Die fahle Mutter lag im Bett. Der Säugling, wegen dessen unerwünschter
-Ankunft der Vater den Sohn aus dem Gymnasium hatte nehmen müssen, begann
-zu schreien. Die Bettlade knackte. Vier Kinder, in verschiedenen Größen,
-bleich und blutleer, standen reglos da, mit großen Augen.
-
-„Hast eine schöne Weltgeschichte. Zum Andenken an mich. Hast eine Freude
-... mit hundertsiebenunddreißig Illustrationen.“
-
-Ohne den Blick zu erheben, sagte Seidel, daß er voraussichtlich bald der
-Klassenfünfte geworden wäre.
-
-Und Jürgen rief: „Also deshalb, weil dein Vater kein Geld hat, mußt du
-Hausdiener werden, anstatt vielleicht ... Minister. Das ist ja! Alles
-was recht ist!“
-
-„Mein Gott, was redet ihr Buben!“ Die Wöchnerin spuckte in den Napf.
-„Was ihr redet!“
-
-Jürgen redete sich in Zorn hinein: „Absolut! Das ist maßlos ungerecht.
-Gemein ist das. Einfach hundsgemein! Wahrhaftig, das sage ich jedem,
-ders hören will.“ Auch Seidel hatte rotgefleckte Wangen bekommen.
-
-Die Mutter beruhigte den Säugling. Und zu den Knaben: „Mein Gott, das
-sind ja lauter Dummheiten.“
-
-„Nehmen wir an“, sagte Herr Philippi, „es sei schon von vornherein eine
-Dummheit gewesen von dem schwindsüchtigen Briefträger mit der großen
-Familie, seinen Sohn ins Gymnasium zu schicken.“
-
-„Wenn Leo Seidel doch gescheit ist! ... Postdirektor werden kann! Wer
-kanns wissen?“
-
-„Ganz recht, wer kanns wissen. Mancher Dummkopf wird Professor; manch
-kluger Kopf muß sich eine Kugel in den Kopf schießen. So ist das
-heutzutage. Und so wird es auch noch einige Zeit bleiben. Man muß sich
-schon überlegen, ob man Hoffnungen wecken soll, denen von vornherein die
-Armut schwer im Wege liegt ... Da eröffnen sich verschiedenerlei wüste
-Perspektiven.“
-
-„Ich würde Seidel aber doch helfen, wenn ich Sie wäre. Sie sind reich.“
-
-Alt lächelnd Herr Philippi: „Und ich, ich habe nicht den Mut dazu.“ Und
-schwankend zwischen Abweisung und Güte: „Du gehst jetzt nachhause,
-verstehst du, nachhause, und hältst alles aus. Verschwinde!“
-
-Die Tante ging selbst zum Briefträger, holte die Weltgeschichte zurück.
-Und einen Tag später stand die ganze Begebenheit auf den Gesichtern der
-Mitschüler.
-
-Die Lücke, die Seidel hinterlassen hatte, war durch Vorrücken ausgefüllt
-worden.
-
-„Jetzt trägt er Backsteine an einem Neubau.“ Karl Lenz machte das
-Backsteintragen vor, krümmte den Rücken, ächzte.
-
-„Und so las er Roßballen auf.“ Adolf Sinsheimer, Sohn eines reichen
-Knopffabrikanten, tat, als habe er einen Besen in der Hand, und log:
-„Ich sah, wie Seidel die Straße kehrte ... Die frischen Roßballen kehrte
-er zusammen.“
-
-Vorsichtig und ängstlich näherte Jürgen sich dem Gelächter, stimmte ein,
-ohne zu wissen, weshalb die andern lachten.
-
-„Braucht Seidel zum Sammeln der Roßballen eine Weltgeschichte?“ Alle
-sahen Jürgen erwartungsvoll an, hielten das Lachen noch zurück.
-
-Da erlachte Jürgen sich die Achtung seiner Mitschüler: „Zum
-Roßballensammeln braucht man, weiß Gott, keine Weltgeschichte.“
-
-Sie waren zufrieden, nahmen ihn auf. Jürgen sagte noch: „Zuhause bei ihm
-...“ Er hielt sich die Nase zu. „Und jetzt dazu noch Roßballen!“ Alle
-hielten sich die Nase zu.
-
-Plötzlich wich aller Druck von ihm, bei dem Gefühle, nicht mehr allein
-zu stehen. Und Jürgen nahm sich vor, von nun an immer und in allem so zu
-sein, wie die andern. Das würde das Leben leicht machen.
-
-Am nächsten Morgen saß Leo Seidel wieder an seinem Platze, in einem
-neuen Anzug, das Gesicht verschlossen.
-
-‚Warum, warum habe ich das getan!‘ Jürgens Körper bewegte sich
-selbsttätig nachhause, ins Wohnzimmer.
-
-„Erst lies mir aus der Zeitung vor! Dann gehst du an deine
-Schularbeiten.“ Die Tante stickte weiter am Stramintischläufer ‚An
-Gottes Segen ist alles gelegen‘. Mit dem Schnabel hielt diese von
-Rosengirlanden durchzogene Wortkette ein Papagei, der noch unfertig in
-der Mitte saß.
-
-Der Satz – im Reichstag sei wieder ein Antrag zur Einführung einer hohen
-Vermögenssteuer gestellt worden – kam automatisch aus Jürgens Mund. ‚Ich
-allein habe zu Seidel gehalten, habe mit Herrn Philippi gesprochen.
-Jetzt darf er das Gymnasium weiter besuchen. Ich! Ich habe das
-veranlaßt. Hilfe! Ich!‘
-
-‚Jawohl, Jürgen ist der Beste von euch allen. Hat zu mir gehalten. Der
-hat Mut. Hat mich gerettet. Ihr habt mich verraten.‘
-
-‚Und ich? ... Ich auch!‘ Jürgen sah die Tante irr an. „Wie schrecklich!“
-
-„Das ist ja einstweilen nur ein Antrag. Lies weiter! Zuerst die
-Todesanzeigen!“
-
-„Man muß gut sein ... So lange gut sein, bis man etwas Schlechtes gar
-nicht mehr zu tun vermag.“
-
-„Merke dir das“, sagte die Tante und zog dem Papagei einen grünen Faden
-durch das Auge. „Alle Todesanzeigen!“
-
-„Gott, dem Allmächtigen, hat es gefallen ...“ ‚Weshalb hat Herr Philippi
-mir nicht gesagt, daß er Seidel helfen werde. Dann wäre ich vielleicht
-nicht so furchtbar gemein gewesen ... Jetzt ist alles verloren.‘
-
-Jürgen bemerkte nicht, daß die Tante vom Dienstmädchen gerufen worden
-war.
-
-Er überschrie noch eine Weile seine qualvolle Ohnmacht mit den Worten:
-„Gott, dem Allmächtigen, hat es gefallen ...“, blickte die Nadel an, die
-im Papageienauge steckte, den Faden, der lang und grün herunterhing,
-umklammerte in Gedanken mit beiden Händen ein Messer und drückte es
-langsam in seine Brust.
-
-Entwurzelt taumelte er beim Unterricht mit, mußte schon nach einigen
-Wochen Leo Seidel weichen, der sich bald zum Primus in die Höhe
-arbeitete und, da er vorsichtig und schwer angreifbar strebte, von der
-ganzen Klasse gefürchtet wurde. Wer sein eigentlicher Retter war, erfuhr
-Seidel nie. Auch dann nicht, als er sich eines Tages mit der ganzen
-Klasse gegen Jürgen verband und von der Weltgeschichte sprach, die er
-bei sich zuhause absolut nicht finden könne.
-
-Jürgen flüchtete aus dem immer schwerer werdenden Drucke der Einsamkeit
-wiederholt zu seinen Mitschülern und, vor Ekel, sich angebiedert zu
-haben, immer wieder zu sich selbst zurück und wieder zu den Mitschülern.
-Schloß sich endlich enger dem Sohne des Knopffabrikanten an, zu dem ihn
-anfangs der gemeinsame Haß gegen die Mathematikstunde hingezogen hatte
-und später seine immer stärker werdende Bewunderung von Adolf
-Sinsheimers Fähigkeit, außerhalb der Schule wie ein Erwachsener ohne
-Schwierigkeit mit dem Leben fertig zu werden.
-
-„Wenn du eine Geliebte hast, ist das noch gar nichts; wenn du aber eine
-Geliebte hast und zu ihr sagen kannst: Heute nacht, meine Liebe, bin ich
-verhindert, tut mir leid, der Klub geht denn doch vor – dann erst bist
-du ein Mann, gewissermaßen. Bedauerlicherweise jedoch wird man in den
-Klub junger Kaufleute erst nach dem Abiturientenexamen aufgenommen. Ich
-werde dir das Klubhaus zeigen. Livrierte Diener natürlich!“
-
-„Wenn man aber gar nicht Kaufmann wird?“
-
-„Dann ist man ein Esel, heutzutage ... Sag mal, aber ehrlich, wie oft
-warst du schon krank?“
-
-„Dreimal: Scharlach, Masern und Halsentzündung.“
-
-„Du bist ein Säugling, gewissermaßen. Die elegante Männerkrankheit, wie
-oft du die gehabt hast!“
-
-„Vielleicht habe ich sie schon sehr oft gehabt; ich weiß nur nicht, was
-du meinst.“
-
-Sie waren vor dem Klubhause angelangt. Klaviergepauke und Refraingesang
-klangen durch das beleuchtete, offene Fenster herunter. Adolf sang
-gleich mit:
-
- „Es haben zwei ne ganze Nacht
- Zusammen in einem Bett verbracht.
- Was ham se wohl gemacht?“
-
-Das vereinzelte, noch unterdrückte Lachen, das plötzlich zum Sturm
-anwuchs, galt dem Vortragenden, der auf dem Podium stand und wortlos
-demonstrierte, was die beiden gemacht haben.
-
-„Es geht doch nichts über lustige junge Leute“, sagte zu seiner
-verschwitzten, verstaubten Frau ein ziegenbärtiger, mit Waldlaub
-geschmückter Sonntagsausflügler und schob den Kinderwagen weiter.
-
-Oben sang der junge Kaufmann mit speckiger Stimme. Das Klaviergepauke
-trug den Refrain herunter: „Was ham se wohl gemacht?“
-
-„Kalte Umschläge, meinst du, was, gegen die Halsentzündung?“
-
- „Bei Nacht und auch bei Licht ...“
-
-Mitten in das stürmische Gelächter hinein fragte Jürgen zögernd: „Drückt
-dich auch alles so? Ich meine, deinetwegen und auch wegen der andern.
-Das ganze Leben, so wie es ist?“
-
- „Gebetet, gebetet ham se nicht!“
-
-„Unsinn! Ich bitte dich, was soll denn drücken! Der Kragen, der Schuh
-drückt.“ Er streckte den Fuß vor: „Wirklich, beinahe jeder angemessene
-Schuh drückt. Aber elegant, was? Übrigens, ich spitze einmal hinauf.
-Warte du hier.“
-
-Da drehte Jürgen sich elefantenhaft langsam und ging davon, bis zu der
-Ansammlung waldlaubbehangener Sonntagsausflügler, Kleinbürgerfamilien,
-Ladenmädchen mit ihren Freunden, die, verstaubt, verschwitzt und grün,
-stillgeworden unter der zischenden Bogenlampe standen und den Anblick
-eines Mannes auf sich wirken ließen.
-
-Der lag, Augen geschlossen, schwer atmend, Schaum auf den Lippen,
-langgestreckt im Staub, vor einem Bankhause, auf dessen Schaufenster
-erhabene Goldbuchstaben verkündeten: Kapital und Goldreserven 500
-Millionen.
-
-Der Kleinbürger mit dem Ziegenbart sagte energisch: „Epileptischer
-Anfall! Man muß die Daumen herausziehen. Dann vergeht der Anfall.“
-
-Sofort streifte der Mann mit einem blitzschnellen Blick die über ihn
-gebeugten Gesichter und richtete sich, von zehn Armen unterstützt,
-sitzlings auf, ließ den Kopf hängen: „Das macht alles nur das Elend. Ich
-wollte mit der Straßenbahn fahren, hatte aber das Nötige nicht ... Alles
-nur das Elend!“
-
-Jürgen wurde von Ekel gepackt. Er simuliert, dachte er und stieß brutal
-durch den Kreis.
-
-Ein Erlebnis aus seiner frühen Jugend stieg auf. Auch damals lag auf dem
-Pflaster ein Mann: jung, mit eleganter, blutiger Wäsche,
-strenggebügelten, großkarierten Hosen, Brillantringe an den Fingern und
-Schaum auf den Lippen. Die seidene Weste ist aufgerissen, die Brust
-freigelegt.
-
-‚Bei dem war der Schaum blutrot. Die offenen Augen starrten gläsern. Das
-war echt und entsetzlich; der vorhin hat simuliert ... Aber wie
-furchtbar muß es ihm gegangen sein, bis er sich entschloß, so schamlos
-Theater zu spielen, sich dermaßen zu demütigen vor den vielen Menschen
-... Es wird ja vollkommen gleichgültig, ob seine Krankheit echt oder nur
-simuliert war; im Gegenteil, es ist unendlich viel grauenvoller, daß er
-nur simulierte. Denn wie muß es ihm gegangen sein.‘
-
-Bestürzt über seine Gedankenlosigkeit, rannte er zurück. Der Platz war
-leer, die Bogenlampe zischte nicht mehr, leuchtete ruhig und weiß.
-Jürgen lief umher, suchte vergebens, stand wieder vor dem Bankhause und
-sah die erhabenen Buchstaben an. Deutlich sah er den Bettler liegen.
-
- „Beim Sang der Nachtigallen
- Ist Urselchen gefallen.
- Wohl über große Steine?“
-
-schallte der Gesang vom Klubzimmer herunter.
-
-„Nein über, nein unter Karlchens Beine!“
-
-„Und daran geht man vorüber, hinauf in den Klub, und singt so ein Lied.
-Wie furchtbar! ... Nun, und jetzt?“ fragte Jürgen, ging weiter. „Ist
-wieder etwas dazu gekommen, zu allem andern? ... Man muß unausgesetzt
-wach sein, bis man zu etwas Schlechtem gar nicht mehr fähig ist.“ Das
-war ein Gelübde.
-
-Da hatte er einen Gedanken, der ihn so erleichterte, daß er, obwohl es
-Sonntag und zehn Uhr abends war, die Hausglocke des Lackierermeisters
-zog.
-
-„... Gewiß, Sie haben recht. Es hätte selbstverständlich auch bis morgen
-Zeit gehabt; aber ich ging gerade hier vorbei ...“
-
-„Also, was für eine Tafel soll ich denn schreiben?“
-
-‚Betteln gestattet‘, geht nicht, dachte Jürgen. ‚Betteln erwünscht‘,
-geht auch nicht. „Schreiben Sie – auf eine hübsche Tafel: ‚Hier wird
-Armen gegeben‘.“
-
-„Und die willst du wirklich aufhängen? Du wirst dich wundern, mein
-Junge.“
-
-„Nein, die andern werden sich wundern.“
-
-„Das wird wahr sein! Nun, also wie denn? ... Weiß auf schwarz? Oder
-schwarz auf weiß? Man kann auch etwas Farbiges machen. Oder
-Goldschrift?“
-
-„Vielleicht Gold auf schwarz?“
-
-„Schön. Macht sich gut ... ‚Hier wird Armen gegeben‘, nicht wahr? Mein
-Gott, so einen Unsinn hab’ ich auch noch nie geschrieben, kannst du mir
-glauben.“
-
-Mit Hilfe des Dienstmädchens nagelte Jürgen die Tafel am Gartenzaun
-fest, an der Rückseite des Hauses, wo die Tante selten hinkam, und gab
-dem Dienstmädchen Geld. „Wird das für einen Monat reichen?“
-
-Die goldenen Worte ‚Hier wird Armen gegeben‘ glänzten schön. Darunter
-hatte Jürgen einen Zettel geklebt, auf dem stand ‚Zwischen neun und elf
-Uhr vormittags‘. Das war die Zeit, während der die Tante täglich in der
-Kirche saß.
-
-In Gliedern und Gelenken unbeherrscht wie ein junger Hund, langgeworden
-und immer in so unruhvoller Eile, daß der vornüberhängende Körper einen
-schlotternden spitzen Winkel zum Boden bildete, stolperte Jürgen in die
-Jünglingstage, in seinen siebzehnten Frühling hinein, fragenden Blickes
-beständig und vergebens in sich selbst und bei der Umwelt suchend nach
-der erlösenden Antwort.
-
-Maiwind und Spiellust wehten gepflegten, langbeinigen Mädchen, die im
-öffentlichen Parke ihren Reifen nachjagten, die Röcke bis zum Kinn.
-Seidenblauer Frühlingshimmel war über Tulpen- und Hyazinthenbeete,
-billardglatte Rasenflächen und knospende Baumkronen gespannt. Alte
-Gouvernanten sahen rosig aus.
-
-Unschlüssig, ob er, wie auf dem Wege hierher, ziellos weiter eilen oder
-verweilen solle, blickte Jürgen sich um, sog den Blumenduft ein. Wind
-schüttelte die langen, störrischen Zotteln. Einige Male mußte er sie aus
-der Stirn streichen, um die fünfzehnjährige, in den Schultern noch
-eckige Katharina – Tochter des Universitätsprofessors Lenz – betrachten
-zu können, die, sichtbar vom Leben schon gezeichnet, fremden Blickes die
-jubelnden Kinder beobachtete, bis sie Jürgens unverwandten Blick fühlte.
-Da sah sie erst in den Teich, wo alte Karpfen und armlange Goldfische
-aus den Schlinggewächsen langsam zur Wasseroberfläche zogen, langsam
-wieder in die Tiefe, und las dann weiter in dem Buche.
-
-Die schenkeldicke Fontäne überholte unaufhörlich sich selbst. Die
-Himmelsbläue über ihr sprang mit.
-
-Mit gemachtem Interesse betrachtete Jürgen Bäume, Teich, Fontäne und
-umkreiste dabei in immer kleiner werdendem Abstande die Lesende, deren
-ganzer Körper, obwohl sie reglos saß, sichtbar spröder wurde, je näher
-Jürgen kam.
-
-Unvermittelt und aus noch fünf Schritt Entfernung: „Das sind Karpfen,
-richtige Karpfen. Man kann sie essen.“ Unheimlich dumm, daß ich das
-sagte, dachte er und setzte sich.
-
-Sie las weiter, das Gesicht interessiert schief gestellt zur Buchseite.
-
-Da traf sein ratlos bittender Blick zusammen mit ihrem, in dem
-frühzeitige Bewußtheit noch mit Mädchenscheu zu kämpfen hatte.
-
-Als ob diese dunkle Last der Bewußtheit, die wie das zukünftige Ich in
-ihrem Blicke stand, losgespalten von der lieblichen Kindlichkeit, mit
-der sie den Rock über die Knie hinunterzupfte, in Jürgen das Gefühl
-erschlossen hätte, ihr schicksalsverwandt zu sein, empfand er das
-erstemal in seinem Leben ganz plötzlich rückhaltloses Vertrauen. Dies
-kam mehr in Blick und Ton zum Ausdruck, als in seinen Worten.
-
-Um die beiden herum war die Umwelt. Rede und Antwort im Innersten der
-Umwelt. Frage und Antwort. Und eine Frage Katharinas, auf die er
-antworten konnte: „Vielleicht trägt man alles Erlebte in sich. Das reißt
-uns hin und her. Und täglich und stündlich kommt Neues hinzu, und alles
-ist furchtbar. Alles! Das ganze Leben, so wie es ist.“
-
-Und als brächte dies Erleichterung, bat er, sie möge mit ihm
-spazierengehen. Katharina erhob sich sofort. Er überragte sie um
-Kopfeslänge. Sie verschwanden in dem streng beschnittenen Laubgang von
-Korneliuskirschen.
-
-Er blickte hinunter auf ihren gebräunten, eigenwillig gebogenen Nacken
-und, da sie aufsah, auf ihren kleinen, festen Mund. Erbebend blieben sie
-stehen und wandten erbebend sich ab.
-
-„Ich weiß schon genug über Sie. Mein Bruder hat mir viel von Ihnen
-erzählt. Auch das von der Weltgeschichte! Er ist dumm. Er begreift gar
-nichts.“
-
-Das Vertrauen ließ ihn erzählen, daß er die Tafel ‚Hier wird Armen
-gegeben‘ an den Gartenzaun angeschlagen habe. „Aber das sprach sich so
-schnell herum, daß noch in der selben Woche an einem einzigen Vormittag
-mehr als dreihundert Bettler kamen. Jetzt weiß ich natürlich schon, daß
-all das gar nichts nützt. Und wenn meine Tante die Tafel nicht
-heruntergenommen hätte, würde ich selbst es getan haben ... Was aber
-soll man denn tun?“
-
-Erst nach zwei langen Minuten und als läse sie es von ihren Schuhspitzen
-ab: „Es gibt nur eines: man muß sich opfern, muß sich selbst ganz und
-gar aufopfern.“
-
-„Das ist, das ist kolossal, ganz kolossal, was Sie da sagen ... Aber
-wie? Wie soll man sich aufopfern?“
-
-Schon eine Weile bekam die Tante, die seit Wochen und auch heute ihren
-täglichen, vom Arzte verschriebenen Spaziergang im Öffentlichen Parke
-gemacht hatte, keinen Atem mehr. Endlich stürzte sie zu Bewußtsein und
-auf die Bank zurück, auf der sie saß, und raffte ihren Häkelbeutel
-zusammen, schoß nach in den Laubgang, packte den sie überragenden Jürgen
-bei der Hand und führte ihn entschlossen und wortlos weg von Katharina.
-
-In durchwachten, verzweiflungsvollen Nächten kam Jürgen zu dem Schlusse,
-erst nachdem er für immer aus dem Hause gelaufen sei, könne er Katharina
-wieder vor die Augen treten.
-
-Als das Nervenfieber lebensgefährlich zu werden drohte, mußte der
-Hausarzt die Behandlung dem Spezialisten überlassen. Erst nach Wochen
-war des Kranken Gefühlskathedrale wieder so weit in Ordnung, daß er
-eines Morgens, beim Erwachen, sich allen Eindrücken weich darbieten
-konnte.
-
-Die Tante schob die auf dem Nachtkästchen stehenden Medizinflaschen zur
-Seite, schlug ihr Haushaltungsbuch auf, in das sie des toten Vaters
-‚Letztwillige Verfügungen über Jürgen‘ geschrieben hatte, und begann das
-viele Seiten lange Erziehungsprogramm abzulesen.
-
-Die Worte tropften glühend in den Ausgelieferten hinein.
-
-„... Und deshalb nehme ich mir das heilige Versprechen ab, den letzten
-Sproß der alteingesessenen Patrizierfamilie Kolbenreiher, deren
-Geschichte bis in den Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts zurückverfolgt
-werden kann, nach dem Willen seines unvergessenen Vaters zu erziehen und
-ihn Beamter werden zu lassen, da er die Fähigkeit zu etwas Größerem nach
-meines seligen Bruders Meinung nicht hat ... So ists, Jürgen, siehst du.
-Nun werde mir bald wieder gesund ... Wenn du auch nicht so bist, wie du
-sein könntest, ich habe dich doch lieb.“ Sie sah ihn freundlich an,
-streichelte seine nassen Haare und rief erschrocken: „Du hast ja wieder
-Fieber.“
-
-Wangen und Augen glühten. Die rechte Gesichtshälfte lachte.
-
-Die Ärzte wurden geholt, Eisbeutel aufgelegt. Der Rückfall war kurz und
-heftig.
-
-Jürgen verließ das Bett als verschlossener Jüngling, dessen früherer
-Wille, sich durch die Wirrnisse der Jugend durchzuschlagen, unterbunden
-war. Die Tante äußerte oft ihre Zufriedenheit. Denn nur, wenn sie ihn
-fragte, antwortete er, ganz nach Wunsch ‚Ja‘ oder ‚Nein‘. Niemals
-‚Nein‘, wenn ein ‚Ja‘ erwartet wurde.
-
-Seine grenzenlose Nachgiebigkeit lieferte ihn allen, selbst viel
-jüngeren Schülern, aus. Körperlich wuchs er gleichsam über sich selbst
-hinaus, wurde lang und sehr stark. Das Lernen für das bevorstehende
-Examen verschob er von Tag zu Tag, fuhr Schlittschuh, stundenlang
-flußaufwärts.
-
-Die eisbrechenden Fischer schimpften ihm wütend nach, da hier das
-Schlittschuhlaufen äußerst lebensgefährlich war, der vielen großen,
-quadratischen Wasserlöcher wegen.
-
-In dem Gefühle, durch eine körperliche Kraftleistung, durch große
-Schnelligkeit seine seelische Gebundenheit lösen zu können, sauste
-Jürgen an den unverhofft sich auftuenden grünen Wasserlöchern vorbei,
-bis die Nacht ihn überraschte.
-
-Schnurgerade führte die Landstraße stadtwärts; der Fluß dagegen zog
-einen mächtigen Bogen, so daß Jürgen zu Fuß schneller nachhause gekommen
-wäre, als auf dem Eise.
-
-Der geheime Todeswunsch, der ihm das imaginäre Messer in die Hand
-gegeben und ihn vor das Tunnelloch getrieben hatte, veranlaßte ihn auch
-jetzt, blind in die Gefahr hineinzurennen.
-
-Die Fischer waren schon lange heimgegangen. Jürgen stand dunkel in der
-unwirklichen Helligkeit, die das Eis ausstrahlte. Zehn Schritte von ihm
-entfernt war tiefschwarze Nacht. Das Eis knackte leise. Tierische Laute
-stieß Jürgen aus, während er als schwarzer rechter Winkel stadtwärts
-sauste.
-
-War er knapp an einem Wasserloch vorbeigeglitten, dann klang sein wilder
-Schrei der Genugtuung in die Einsamkeit.
-
-Näher der Stadt mehrten sich die Wasserlöcher, links und rechts von ihm,
-manchmal unerwartet dicht vor ihm.
-
-Angespannt und stumm geworden, zog er seine Bogen um den Tod herum.
-
-
-
-
- II
-
-
-Ungeduldig hörten die Abiturienten dem Rektor zu, der die lange
-Entlassungsrede hielt. Endlich stieg sein Brustkorb hoch, der
-Zeigefinger deutete zum Fenster. Sofort fühlten alle, daß jetzt die
-Schlußworte kamen.
-
-Sie sollten denn hinaustreten ins ernste Leben, tüchtige, brave Männer
-werden. Der Zeigefinger deutete noch zum Fenster hinaus. Es war
-vollkommen still geworden. „Geachtete Männer!“ Da sanken Finger und
-Brustkorb. Und die Entlassenen brachen los von den Bänken.
-
-Der Lärm entfernte sich rollend, wurde immer dünner, drang noch einmal,
-wieder stärker geworden, von der Straße aus mit der Sonne durch das
-Fenster zu den leeren Bänken herein. Und verebbte schnell.
-
-In die Stille des leeren Schulsaales klang eine Stimme, die aus dem
-Gitter der Dampfheizung zu kommen schien: „Ich möchte mich noch bedanken
-für alles, was die Herren Professoren in den Jahren meiner Schulzeit
-Gutes an mir getan haben.“ Ah, ihr niederträchtigen Schufte, setzte Leo
-Seidel in Gedanken hinzu und trat weg von der Dampfheizung, schob seine
-Schulter unter die ausgestreckte Hand des Rektors: „Wenn der Herr Rektor
-jetzt auch noch die große Güte haben wollten, mir den weitern Lebensweg
-zu ebnen ...“
-
-„Nicht jeder Deutsche kann die Universität besuchen. Das ist doch
-einleuchtend.“
-
-‚Denn woher sollten sonst die Briefträger und Hausdiener genommen
-werden.‘
-
-„Aber die Schreiberstelle beim Stadtmagistrat bekommen Sie. Ich habe
-schon gesprochen ... Machen Sie mir Ehre. Werden auch Sie ein geachteter
-Mann.“
-
-Die Professoren ließen dem Rektor den Vortritt, verbeugten sich in
-höflicher Erregung immer weiter von der offenen Tür weg.
-
-Adolf Sinsheimers Gesicht, das aus einem Rahmen oval heraussprang, denn
-er trug seit Jahren ein schwarzes Seidenband straff über die
-wegstehenden Ohren gespannt, damit sie sich mit der Zeit anlegen
-sollten, war während der Prüfung so aufgedunsen, daß er das Band
-abnehmen mußte. Sofort wurden beide Ohren lebendig, schnellten nach
-vorne. „Jetzt, mein Lieber, geht das Leben an. Weißt du, was das
-bedeutet: das Leben? Ich bin grandios glücklich. Morgen kaufe ich mir
-einen steifen Hut und trete dem Klub junger Kaufleute bei ... Man ist
-ganz unter sich im Klub. Keine Weiber!“
-
-Jürgen setzt nach einem hartnäckigen Kampfe mit der Tante durch, daß er
-nicht Staatsbeamter werden muß, sondern Philosophie studieren darf,
-schreibt eine Abhandlung, die ungeheueres Aufsehen macht, und wird
-daraufhin zum Bürgermeister gewählt. „... Das ist Glück!“
-
-„Du kannst dich darauf verlassen, daß das Glück ist.“ Während Adolf
-Sinsheimer von den Anzügen sprach, die er sich machen lassen werde,
-wurde Jürgen Besitzer einer Fabrik, in der zwanzigtausend Arbeiter
-beschäftigt sind, und bestimmt mit einem Federzuge, daß alle
-zwanzigtausend Arbeiter, alle Beamten und er selbst von jetzt an ganz
-gleichmäßig am Gewinn beteiligt werden.
-
-Der alte Buchhalter sagt bestürzt: ‚Aber ich bitte Sie, Herr Direktor
-...‘
-
-‚Genug! Ich will das so. Das ist nur gerecht.‘ Und Jürgen schickt den
-alten Buchhalter freundlich, aber entschlossen fort.
-
-„Zuhause werde ich meinem Alten ganz kalt erklären: Du, unter uns
-gesagt, ohne Lackschuhe und Frack bringst du mich nicht auf den
-Abiturientenball ... Hör mal, Jürgen – aber Diskretion bitte –, ich sage
-dir, daß ich mich auf dem Ball nicht mit unseren Tanzstundengänschen
-abgeben werde. Kann mir nicht passieren!“
-
-‚Und wenn einem von euch in meiner Fabrik – das heißt, in unserer Fabrik
-– etwas zustößt, dann bekommt er eine Rente sein Lebenlang.‘
-
-„Ich halte mich glatt an die Schönheiten, die tadellos tanzen können.
-Oder hast du etwas gegen einen Busen einzuwenden? Ich nicht.“
-
-Als Adolf sich verabschiedet hatte – „Ich werde Gelegenheit nehmen, dir
-heute nachmittag meinen Besuch abzustatten“ –, dachte Jürgen darüber
-nach, weshalb er vor einigen Tagen zum ersten Male in seinem Leben
-ernstlich über das Dasein und die Not der andern nachgedacht hatte.
-‚Weshalb nicht schon Jahre vorher? Weshalb gerade an dem Abend, als ich
-nach dem Essen im Garten stand und im Nachbarhause die zornige
-Männerstimme und gleichzeitig vereinzelte Töne einer Ziehharmonika
-hörte?‘
-
-Bisher habe er doch immer nur, und auch dann nur veranlaßt durch ein
-qualvolles persönliches Erlebnis, über sich selbst und seine eigene Not
-nachgedacht; und in jener Minute, ohne jeden äußeren Anlaß und
-unerforschlicherweise plötzlich darüber, warum Phinchen, dieses
-gutmütige und nicht dumme Dienstmädchen, ihr Lebenlang in der Küche
-stehen, Stiegen, Schuhe und Fenster putzen, Schlafzimmer aufräumen
-müsse, häßlich gekleidet und ungebildet sei, zum Beispiel nie lese, gute
-Bücher gar nicht verstehe, während die Tante und er die sorgfältig
-zubereiteten Speisen verzehren, die von Phinchen sorgfältig geplättete
-Wäsche tragen und Shakespeare oder Goethe lesen könnten, wenn sie
-wollten; warum die siebzehnhundert Arbeiter von ihrem vierzehnten Jahre
-an bis zum Tode täglich von früh bis abends in der Papierfabrik des
-Herrn Hommes arbeiten müßten, während ungezählte tausende junger Männer
-und Mädchen, die wenig oder nichts arbeiteten, hübsch gekleidet und
-gepflegt täglich spazierengehen konnten; warum die Arbeiter so schwere,
-täglich und stündlich zu erfüllende Pflichten hatten – und die
-Wohlhabenden zum Teil recht angenehme oder gar keine; warum es überhaupt
-Reiche und Arme gab, und warum der arm und der reich war; warum die
-Armen tun mußten, was die Reichen wollten; ob all das ein Naturgesetz
-oder menschliche Willkür war.
-
-Seit jener rätselhaften Sekunde hing er in einem Gedankennetz und suchte
-vergebens den Mittelpunkt, von dem aus die Grundursache der Gemeinheit
-des ganzen Lebens, die ihn bedrückte, verstanden werden könnte.
-
-Die Tante empfing ihn freudig mit den Worten: „Alles liegt hübsch klar
-und geordnet vor dir ... Du wirst Staatsbeamter. Amtsrichter in einem
-hübschen, kleinen Städtchen. Das ist dein Lebensweg. Ich bin so
-glücklich.“
-
-Jürgens Kopf nickte. ‚Du taugst zu nichts anderem.‘ Wut wollte
-herausbrechen. Und wurde zu einem schiefen, gefährlichen Lächeln,
-während die Tante sich feierlich erhob, das Tischgebet zu sprechen.
-
-„Ich werde nicht Amtsrichter. Ich will keine Urteile fällen über
-andere.“
-
-Das Dienstmädchen war halbwegs in der Stube stehengeblieben, die Hände
-gefaltet.
-
-„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes ... Bringen
-Sie diesmal auch eine Flasche Wein, Phinchen.“
-
-Das besonders feine Damasttischtuch, das selten benutzte schwere
-Familienbesteck, die Feierlichkeit der Tante und Jürgens Bemerkung
-machten, daß das Mahl steif und schweigsam verlief.
-
-„Und wenn du nachher Amtsrichter bist“, begann bei der Süßspeise die
-Tante in gütigem Tonfall, als ob sie Jürgens Weigerung gar nicht
-vernommen hätte, „wirst du erst so recht einsehen, daß eben gerade die
-strenge Pflichterfüllung dir die Achtung deiner Mitmenschen einbringt.
-Du wirst ein geachteter Mann sein. Und das ist die Hauptsache: Ein Mann,
-der sein sicheres Auskommen hat! – Auch wenn ich einmal nicht mehr da
-sein werde. Die Pflicht vor allem!“
-
-Phinchen brachte hervor, das gnädige Fräulein sterbe gewiß noch lange
-nicht. Die Tante deutete mit dem Zeigefinger auf ihre Brosche: „Meine
-Brust harmoniert nicht.“ Und Jürgen fragte: „Aber was ist Pflicht?“
-
-„Das weiß doch jeder Mensch. Jeder Mensch muß seine Pflicht tun ...
-Bringen Sie noch etwas Kompott ... Du willst nicht Amtsrichter werden?
-Ich sage: du mußt es werden. Du willst keine Urteile fällen? Du mußt
-Urteile fällen. Denn dein Vater hat dich zum Amtsrichter bestimmt. Ich
-sage nochmals: Die Pflicht vor allem!“
-
-„Erfüllt der Papierfabrikant Hommes seine Pflicht dadurch, daß er seine
-täglich in der Equipage spazierenfahrende Gattin zu Pferde begleitet?
-Wer bestimmt, daß es die Pflicht der siebzehnhundert Arbeiter ist, in
-die Hommessche Fabrik zu gehen? Und wer sagt mir, ob es meine Pflicht
-ist, Amtsrichter zu werden und Urteile zu fällen über andere ...“
-
-„Dein seliger Vater und ich!“
-
-„... oder in der Fabrik zu arbeiten, oder täglich auszureiten und andere
-für mich arbeiten zu lassen?“
-
-„Das sind Dummheiten.“ Die Tante faltete ihre Serviette genau zusammen.
-„Räumen Sie ab!“ Und stieg voran in Jürgens Zimmerchen.
-
-Er mußte sich auf das Kanapee setzen, über dem, in ovalen Rahmen,
-symmetrisch zu einem großen Oval geordnet, die vergilbten Photographien
-der Familie Kolbenreiher hingen. In der Mitte ein Jugendbildnis des
-Vaters. Die Tante rückte das schon genau in der Tischmitte stehende
-Resedasträußchen, das sie zur Feier des Tages im Garten geschnitten
-hatte, in die Tischmitte, zupfte ihr Geschenk, das Papageiüberhandtuch,
-zurecht. „Du wirst also in eine vornehme Verbindung eintreten. Du trägst
-eine Mütze, eine grüne oder eine schöne blaue, lernst Schießen und
-Fechten, natürlich nicht zu echt, eben nur, um deinen Mut zu stählen und
-weil das dazugehört ... Jetzt nimm diesen Leuchter! Den Partner dazu
-bekommst du, wenn ich einmal unter der Erde liege. Das wird bald sein,
-und nachher kriegst du alles.“
-
-Dann schilderte sie fließend, als lese sie wieder aus ihrem
-Haushaltungsbuch vor, wie Jürgens ganzes Leben sich gestalten werde: –
-daß er in soundso viel Jahren diesen und diesen, später einen noch
-höheren und zuletzt den Beamtengrad eines Amtsrichters erreichen werde,
-mit soundso viel Gehalt, gelangte zu dem Lebensalter, in dem er einen
-Orden bekommen würde, und ging über zur Pensionierung. „So will es dein
-Vater. Wenn du deine Pflicht erfüllst, wirst du als ein Mann begraben,
-von dem deine Kollegen sagen werden: er soll uns ein schönes Vorbild
-sein und bleiben ... Mehr kann man vom Leben nicht verlangen, Jürgen.
-Mein Großvater sagte einmal zu mir: Man kann die Achtung, die ein Mensch
-im Leben genoß, an der Länge seines Leichenzuges messen.“
-
-Jürgen schoß über das Lebensziel, ein pensionierter Amtsrichter zu
-werden, weit hinaus, stieg in wenigen Sekunden zu einer weltberühmten
-Leuchte der Wissenschaft empor, nahm eine Brust voll höchster Orden, die
-er nicht einmal beachtete, entgegen, wurde nebenbei Bürgermeister, ließ
-sich in den Reichstag wählen und übernahm das Ministerpräsidium. Alle
-Bürger grüßten ihn tief. Dann sah er sich voller Freude seinen
-kolossalen Leichenzug an.
-
-„Ja, Jürgen, so ist es: seine Pflicht tun und ein geachteter Mann sein
-...“
-
-Unversehens, wie die Uhr aufhört zu ticken, starb in Jürgen die
-Begeisterung. Das grandiose Zukunftsgebäude krachte lautlos zusammen.
-
-„Das erste gibst du dem Leben und bekommst dafür vom Leben das andere
-... Und unsern Garten und mich hast du ja auch noch“, sagte die Tante
-und ging. Adolf Sinsheimer war eingetreten.
-
-Er lag im Großvaterstuhl wie der Lord im Klubsessel. „Mein Alter hat
-sich mir erklärt. Wir haben uns geeinigt über die Zukunft, die ich
-ergreife.“
-
-‚Daß gerade diejenigen, denen ich am allermeisten mißtraue, weil sie
-mich am allermeisten gequält haben, von mir fordern, ein geachteter Mann
-zu werden, sollte mir eine Warnung sein, ein solcher zu werden.
-Vielleicht ist man ganz und gar verloren, wenn man ein geachteter Mann
-geworden ist.‘ „Welche ergreifst du denn?“
-
-„Industrie, mein Lieber, Industrie! Nur der enorme Aufstieg unserer
-Industrie hat Deutschlands Weltgeltung begründet ... Mein Vater ist
-übrigens genau derselben Meinung. Ich werde dir nachher beim Spaziergang
-die Chose zeigen, in die ich eintrete ... Übrigens, rauchst du? Dieses
-Etui habe ich mir heute zugelegt. Du rauchst nicht? Aber das ist ja toll
-... Herein!“ rief Adolf schnarrend.
-
-Phinchen blieb, verlegen lächelnd, im Türrahmen stehen. Die Kaffeekanne
-dampfte. Ächzend schlug er das Bein über. „Aber ich bitte, treten Sie
-doch näher ... Trinkst du denn dieses Weibergesüff?“
-
-„Die ist verliebt, kannst dich darauf verlassen“, sagte er, als Phinchen
-gegangen war. Und auf der Treppe: „Ein Mädchen, das immer gleich lacht,
-ist verliebt ... Unser Prokurist ist übrigens genau der selben Meinung.“
-Sie gingen die Straße hinunter.
-
-„Und in wen wäre sie denn verliebt?“ Jürgen sah steif geradeaus.
-
-„In uns natürlich! In einen Mann, gewissermaßen.“ Er schnallte das
-Ohrenband ab. „Dies hier ... weg damit!“ Und schleuderte es auf den
-Asphalt. Die Ohren erholten sich. „Es fällt einem verteufelt leicht, bei
-einem so jungen Ding Eindruck zu schinden“, sagte er noch und griff an
-seinen rosaseidenen Schlips. Da rückte auch Jürgen sein fingerschmales
-Schülerkravättchen zurecht.
-
-„So, dort ists.“ Adolf deutete über den Platz auf das mächtige Eckhaus.
-
-„Knöpfe“ stand in meterhohen Buchstaben weithin sichtbar zwischen allen
-vier Stockwerken. Und auf dem Firmenschild: Simon Eberlein, Größtes
-Knopfexporthaus Europas, Alle Sorten Knöpfe.
-
-„Hier trete ich als Volontär ein. Nun? ... Halt, erst von hier aus
-ansehen! Ein ungeheuerer Betrieb, mußt du wissen! Handelsbeziehungen
-überall hin! ... Amerika! Jetzt komm!“
-
-Am Arm führte er Jürgen über den Platz, bis vor den elektrischen Aufzug,
-der an der Außenseite des Gebäudes angebracht war, und las vor: „3000 kg
-und Führer. Verstehst du, damit können 3000 kg Knöpfe befördert werden
-... Stelle dir das vor!“
-
-„Das ist allerdings kolossal“, sagte Jürgen träumerisch.
-
-„Na, einfach grandios!“ Vorsichtig zog er ihn zu den Parterrefenstern,
-die bis zur Hälfte mit grasgrünen Schutzgitterchen beschlagen waren.
-
-In gleichartig eingerichteten Bureaus arbeiteten junge Schreiber. An
-Tafeln, die siebenmal den Arbeitssaal durchquerten, etikettierten flinke
-Mädchenhände Knöpfe auf Akkord. Knopfmustertafeln bedeckten alle Wände.
-Die Schiebetür in der Rückwand war offen. Dahinter befand sich ein
-ebensolcher Saal, und durch ihn durch sahen Jürgen und Adolf in einen
-dritten Arbeitssaal hinein, in dem, durch die Perspektive verkleinert,
-die Menschen sich wie Insekten bewegten.
-
-Ein Schreiber sauste durch die Seitentür herein in den ersten Saal,
-pfeilschnell durch und hinaus. Unterm Hoftor stand der Lagerist, einen
-Pack Frachtbriefe in den Händen, und rief monoton Zeichen und Nummern.
-Der Arbeiter wiederholte singend, und die Fuhrleute karrten die
-aufgerufenen Knopfkisten zum bereitstehenden Lastwagen.
-
-„Riskieren wirs und gehen ins Café? Ich habe Geld.“
-
-„Übrigens, andernfalls hätte ich dir auch aushelfen können. Ich stehe
-dir zur Verfügung. Genügt dir das?“
-
-„Ich habe ja.“
-
-Adolfs Stirn bekam Falten. „Aber ich bitte dich, unter Freunden! Ich bin
-gerade bei Kasse.“
-
-Jürgen öffnete seinen Beutel. „Da, sieh selbst! Habe ja genug.“
-
-„Jürgen, du bist geradezu beleidigend. Nimm diese Summe ... Ich könnte
-sonst unter keinen Umständen den Verkehr länger mit dir aufrecht
-erhalten.“ Adolfs Hände und Schultern bekräftigten: „Wir sind doch heute
-nachgerade keine Gymnasiasten mehr, gewissermaßen.“ Er öffnete die Tür.
-„Bitte, nach dir!“
-
-Am Stammtisch qualmten Skatspieler, die alle Glatzen hatten; eine
-spanische Wand sonderte ein Kaffeekränzchen – neun, mit farbigen
-Kapotthüten geschmückte, papageienhafte Damen – ab von den stillen
-Zeitungslesern. Der Ober bediente geschäftsfreudig und schwungvoll,
-stand manchmal reglos auf seinem erhöhten Beobachtungsposten neben dem
-Büfett, wachsam das Lokal im Blick. Ein Fenstertisch, mit der Aussicht
-auf das Knopfexporthaus, war frei.
-
-Der Pikkolo stand, ein Bein elegant übergeschlagen, reglos in genau der
-selben Haltung wie der Ober, und wand sich auf dessen Augenwink hin
-schwungvoll und geschäftsfreudig um die Tischecken herum zu den
-Freunden; er war erst seit zehn Tagen Pikkolo.
-
-„Was befehlen die Herren?“ Die schwiegen. Und der Pikkolo rasselte
-heraus: „Bier, Wein, Kaffee, Tee, Schokolade ... Eis, Punsch, Glühwein,
-Limonade.“ Achtungsvoll betrachtete er die Schweißtropfen, die auf den
-Stirnen der Freunde hervortraten. Und fühlte seine Überlegenheit im
-selben Maße wachsen, wie die Ratlosigkeit der beiden zunahm, wiederholte
-singend sein Gedicht.
-
-Adolf bestellte zwei Glas Glühwein und zwei Glas Grenadine und sagte,
-nachdem der Pikkolo an das Büfett gestürzt war: „Ich habe Glühwein und
-Grenadine für uns bewerkstelligt. Du gestattest doch!“
-
-Der Pikkolo ließ unterwegs das Tablett, wie von einer Meereswelle
-mitgeführt, aus der Tiefe weich in die Höhe steigen, wieder abwärts
-schwimmen und knirschend auf die Marmorplatte auflaufen, ohne einen
-Tropfen zu verschütten.
-
-„Die Grenadine schmeckt wie der Buchdeckel der Biblischen Geschichte,
-weißt du, wenn man daran geleckt hat“, sagte Jürgen und verzog das
-Gesicht.
-
-Als die Freunde sich am dampfenden Glühwein die Zungen verbrannt und im
-Bad des heißen Sonnenscheins die Zigarillos angezündet hatten, erlangte
-Adolf die Fassung wieder, lehnte sich zurück, sah zum Knopfgebäude
-hinüber. „Du hattest Gelegenheit, die Parterresäle in Augenschein zu
-nehmen. Der selbe Betrieb wickelt sich in allen vier Stockwerken ab. Und
-unterm Dach sowie im Keller befinden sich ebenfalls gigantische
-Knopflager ... Das muß man sich nur vorstellen: Das ganze Riesengebäude
-vollgestopft mit lauter Knöpfen. Alle Sorten, notabene!“
-
-Von der Sonnenhitze mit Glühwein und Zigarillos war Jürgen übel
-geworden: Das Knopflager wurde lebendig, verwandelte sich in ein
-ungeheures Meer schwarzer Schwabenkäfer, die an allen Wänden auf- und
-übereinander krabbelten. In nebelhafter Ferne hörte er die begeisterte
-Stimme Adolfs.
-
-„Alle, absolut alle Arten Knöpfe! Ich werde mir eine Knopfsammlung
-anlegen. Sie wird die größte der Welt sein. Lückenlos! Denn, überlege –
-welcher Knopfsammler hätte, wie ich, diese Gelegenheit ... Und meine
-zukünftigen Kollegen da drüben, bei denen das gewissermaßen der Fall
-wäre, denken vermutlich wieder nicht daran, sich eine Knopfsammlung
-anzulegen.“
-
-Der Ober schwebte einen halben Meter über dem Fußboden durch das Lokal.
-Jürgen wagte Adolfs wegen nicht, die Zigarillos wegzuwerfen. Den Stumpen
-im Mundwinkel, das Gesicht von kaltem Schweiße beschlagen, sah er mit
-dem verzerrten Ausdruck lächelnden Wohlbehagens seinen Freund an.
-
-Der entwickelte den Plan seines Vaters, eines großen Knopffabrikanten,
-welcher sich mit der Idee trug, seiner Fabrik ein eigenes
-Knopfexporthaus anzugliedern, nachdem Adolf bei der Konkurrenz den
-Betrieb gründlich kennengelernt habe. „Da hast du meine Zukunft. Mein
-Weg läuft pfeilgrad empor ... in logischer Folgerichtigkeit,
-gewissermaßen ... Industrie und Handel, mein Lieber! Alles andere ist
-Romantik.“
-
-Sie sahen zum Fenster hinaus; die Pferde vor dem Exporthaus zogen an;
-die hochgetürmten sauberen Knopfkisten rollten fort, dem nahen
-Güterbahnhof zu.
-
-Der Knopflastwagen, das ganze Café, Skatspieler, Messinglüster,
-Sammetbänke kreisten wie eine Berg- und Talbahn um Jürgen herum. Er
-wollte beiläufig seine schon in wenigen Jahren zu erwartende Wahl zum
-Bürgermeister erwähnen und sagte krampfhaft gleichgültig: „Es wäre jetzt
-vielleicht gar nicht unangenehm, ein wenig hinaus in die schöne, frische
-Luft zu gehen.“
-
-Vor dem Café sah Jürgen, wie eine gepflegte Dame auf einen Krüppel
-zuging, dem der rechte Arm und das linke Bein fehlten. Die Frau des
-Krüppels nahm die Banknote sofort an sich und stellte der sekündlich
-aufblitzenden Wut ihres Mannes einen notgestählten Blick entgegen. Der
-skrofulöse Säugling auf ihrem Arme unterbrach den stummen Kampf durch
-Geschrei. Dann zog die Familie weiter. Langsam, böse, farblos.
-
-Nachdem der offene Wagen der Trambahn die verkehrsreichen Straßen
-durchfahren, die letzten Häuser und den mächtigen Gaskessel hinter sich
-gelassen hatte und in nun ungehinderter Fahrt durch sanfthügeliges
-Wiesenland der Endstation entgegensauste, von kühler Luft durchzogen,
-röteten sich Jürgens Wangen wieder.
-
-Ein Herr, alt, grau, steif, wie aus grauem Pappendeckel zusammengeklebt,
-wackelte steif hin und her.
-
-„Auch wenn andere Plätze frei sind, fahren alte Leute nicht mit den
-Augen zur Fahrtrichtung ... Die Jungen immer!“
-
-„Das ist eleganter Blödsinn.“ Adolf saß lässig zurückgelehnt, Bein
-übergeschlagen.
-
-„Die Alten wollen gar nichts Neues mehr sehen. Die blicken immer in die
-Vergangenheit.“
-
-„Glatter Unsinn! Direkt eleganter Blödsinn!“
-
-„Die Jungen wollen sehen, wohin die Fahrt geht.“
-
-Die Alleebäume flogen plötzlich nicht mehr nach rückwärts. Der Wagen
-hielt bei der Endstation im Knirschen der Bremsen. Stille, in die hinein
-ein Vogel zwitscherte.
-
-Der Führer blieb allein zurück, setzte sich in den Straßengraben. Der
-Wagen stand beziehungslos in der Landschaft. Der Tag war heiß und lang
-gewesen.
-
-Jürgen, schnell in Harmonie mit der Natur, wollte durch den Wald
-heimwärts gehen, während Adolf, zu abrupt ins Grün gestellt, unwillige
-Blicke den Ackerfurchen zuwarf und vorschlug, wieder mit der Straßenbahn
-zurückzufahren.
-
-Die schon versinkende Sonne ließ noch Feuer aus den Fenstern der Stadt
-schlagen. Das sanftgewellte Land lag weit hingebreitet. Die fernen
-Wälder schienen nur handhoch zu sein. Der herauftönende Pfiff der
-Papierfabrik stieß die Arbeiter zu den Toren hinaus. Schon stand ein
-grüner Stern am Himmel. Liebespaare, umschlungen, gingen vorüber, der
-heraufkommenden Sommernacht entgegen.
-
-„Kein Zweifel, die sind schwer verliebt. Du natürlich bemerkst das
-nicht.“ Adolf setzte sich mit dem Rücken gegen die Fahrtrichtung und
-forderte: „Sitze du auch so!“
-
-Da fiel Jürgen ein, daß er eigentlich gegen seinen Willen zurückfuhr.
-„Ich sitze so.“
-
-„Eleganter Blödsinn! Das gibst du doch zu?“
-
-„Nein, das gebe ich nicht zu. Das gebe ich nicht zu“, sagte er noch beim
-Betreten der Küche vor sich hin und blickte die feuchten, vollen
-Schultern Phinchens an, die, im Unterrock und Hemd, glühend am
-Bügelbrett stand.
-
-Sein Kopf blieb klar; das unbekannte Gefühl fuhr ihm nur in die Beine.
-Phinchen konnte vor Aufregung die entblößte, aufsteigende Brust nicht
-bedecken.
-
-Da kreischte die Haustür. Jürgen taumelte aus der Küche hinaus.
-
-„Du mußt von jetzt an immer hübsch vollkommen bekleidet sein. Der junge
-Herr ist kein Kind mehr.“ Die Tante demonstrierte an ihrer Brosche.
-„Dies da und auch deine Schultern, überhaupt das alles darf man nicht
-sehen. So dick und nur einen Unterrock! Das ist nicht schicklich.“ Der
-Unterrock könne gewiß einmal aufgehen. Dann stehe sie im Hemd vor dem
-jungen Herrn.
-
-Sie nahm aus dem Küchenschrank eine neue Kerze, zog mit dem Messer
-sorgfältig einen Riß herum – drei Zentimeter unter dem Docht – und stieg
-in Jürgens Zimmerchen hinauf.
-
-Wortlos steckte sie die Kerze in den silbernen Leuchter und zündete an.
-Dann deutete sie auf den Riß. „Wenn sie bis hierher abgebrannt ist, mußt
-du aufhören zu lesen ... Das Bücherlesen im Bett und überhaupt das
-Ideale, das, was du Ideale nennst, muß auf ein schickliches Maß
-zurückgeführt werden.“
-
-Jürgen beobachtete, wie das Flämmchen erstarkte, endlich senkrecht stand
-und wieder flackerte, als die Tante weitersprach. „Und morgen zeichne
-ich nur zweieinhalb Zentimeter zum Lesen an. Übermorgen wieder etwas
-weniger. Und allmählich liest du überhaupt nicht mehr im Bett, siehst du
-... Auch deine Mutter las immer im Bett. Dein Vater hat es ihr
-abgewöhnt. Wer nicht selbst streng ist gegen sich, gegen den muß es ein
-anderer sein ... Deine Mutter hat dich machen lassen, was du wolltest.
-Verzogen, verwöhnt hat sie dich. Das soll eine Mutter nicht tun.“
-
-„Das kannst du ja gar nicht wissen; du warst ja nie Mutter.“ Staunend
-beobachtete er, wie ihr ganzes Gesicht – auch die Stirn – sich dunkel
-rötete. Der Mund stand offen. In unbegreiflicher Fassungslosigkeit
-verließ sie das Zimmer.
-
-Jürgen nahm das Bild seiner Mutter von der Wand, betrachtete lange den
-angsterfüllten Mädchenblick, den schmerzlichen Mund, der zu lächeln
-versuchte, und lehnte die Photographie gegen den Leuchter.
-
-Im Bücherregal standen nur Reisebeschreibungen und Abenteuerromane in
-bilderreichen Umschlägen. Mit der ‚Schreckenvollen Reise in das
-Erdinnere‘ stieg Jürgen ins Bett, passierte zusammen mit dem kühnen
-Abenteurer auf dem Floße die zerklüftete Felsenspalte, geriet plötzlich
-in ein Loch und sauste auf gischtigen Wassermassen beinahe senkrecht in
-die Erde hinein. Es wurde nachtstill im Hause.
-
-Dicke Finsternis umgibt Jürgen und sein Fahrzeug, das mit den immer
-gewaltiger brausenden Gewässern in rasendster Geschwindigkeit in die
-Tiefe stößt – volle zwölf Tage lang –, unter der ständigen
-fürchterlichen Gefahr, zu zerschellen.
-
-Plötzlich verlangsamt sich die wilde Fahrt: Jürgen flößt aus einer
-Felsspalte heraus und, ganz wider Erwarten sanft, hinein in einen
-wunderbar stillen See im Erdinnern, an dessen Ufern menschenähnliche
-Geschöpfe mit Kuhköpfen stehen.
-
-Grüne, fremde Helligkeit liegt über dem Tale und den milden Wäldern,
-obwohl kein Himmel vorhanden ist.
-
-Der Abenteurer durchforscht vorsichtig das Tal nach gefährlichen Wilden,
-macht ungewöhnlich wichtige Entdeckungen und überlegt endlich, wie er
-mit seinem Floß auf dem senkrecht herabrasenden Gewässer aus dem
-Erdinnern wieder zur Erdoberfläche hinauffahren könne.
-
-Heißgelesen, sah auch Jürgen nachdenklich auf. Und bemerkte mit
-Schrecken, daß die Kerze still bis über die Hälfte herabgebrannt war.
-
-Während er dann im Traume papageiengroße, fliegende Edelsteine fing und
-mit kuhköpfigen Menschenwesen, die sich plötzlich in lauter geachtete
-Männer verwandelten, in bösen Kämpfen lag, streifte Adolf
-Glacéhandschuhe über, ging in den ‚Klub junger Kaufleute‘ und wurde vom
-Vorsitzenden auch den neuen Mitgliedern, Adolfs bisherigen
-Schulkameraden, mit feierlicher Korrektheit vorgestellt.
-
-Einige Wochen später lag auf Jürgens Nachtkästchen eine Geschichte der
-Philosophie, in der schon viele Zettelchen mit Anmerkungen steckten.
-
-Die Abiturienten hatten sich getrennt in zwei Gruppen, die weiterhin
-nicht mehr miteinander in Berührung kamen: Ein Teil studierte und hatte
-andere Interessen als die Fabrikantensöhne, die in die Geschäfte ihrer
-Väter eintraten.
-
-Leo Seidel arbeitete im Magistratsgebäude, im städtischen
-Wohnungsnachweisbureau, dessen trübe Fenster gegen die Nordseite des
-immer sonnelosen Lichthofes standen.
-
-Das Mißbehagen der Kollegen war von Monat zu Monat größer geworden.
-Jeden Morgen hatten sie, beim Eintritt in das Bureau, Leo Seidel schon
-heißgeschrieben am Pulte vorgefunden.
-
-Vor allem Herr Hohmeier, ein Beamter, der sehr langsam arbeitete und
-seiner Dienstzeit nach am nächsten daran war, vorzurücken, lebte seit
-Monaten beständig in der Angst, daß der bei größtem Fleiße und
-unangreifbarer Gewissenhaftigkeit auch noch ungewöhnlich schnell
-arbeitende Leo Seidel den Buchstaben M zugeteilt bekommen werde, was der
-zahllosen zu bewältigenden Müllers und Maiers wegen eine Beförderung
-außerhalb der Reihe, ein Überspringen Hohmeiers bedeutet haben würde.
-
-Noch besorgte Seidel den ungefährlichen Buchstaben Y, wurde
-infolgedessen bei seinen Abschreibearbeiten nie gestört und benutzte,
-zusammen mit dem jüngsten Kollegen, der gleichzeitig angestellt worden
-war, ein Doppelpult, über dem nur eine Gasflamme brannte.
-
-Die Herren Neubert und Hohmeier hatten jeder ein Pult für sich – mit je
-einer Gasflamme. Über Herrn Anks Pult befand sich, entsprechend seinem
-höheren Dienstgrad, ein zweiflammiger Gasarm mit grünen Lichtblenden.
-Und vor des Herrn Bureauleiters Pult stand zudem noch ein drehbarer
-Schreibsessel, auf dem ein dienstliches Lederkissen lag. Auch war sein
-Löschblattbügel bedeutend breiter.
-
-Dieses festgefügte Dienstschema zu sprengen, die niederen Dienstgrade zu
-überspringen, war Seidels Bestreben. Das allmähliche Vorrücken bis zum
-breiteren Löschblattbügel wollte er sich ersparen.
-
-Das war seinen Kollegen nicht entgangen.
-
-Der Tag, an dem die Katastrophe sich ereignete, begann damit, daß Herr
-Hohmeier begann, sich zu schneuzen, indem er Kanzleibogen und den
-schmalen Löschblattbügel zur Seite räumte und das Taschentuch erst
-sorgsam auf die Schreibtischplatte breitete.
-
-Unterdessen trat beim Schalter ein Pelerinenkünstler von einem Fuße auf
-den andern, rastlos wie ein Mensch, der ein natürliches Bedürfnis
-besetztseinshalber meistern muß, und beobachtete, wie Herr Hohmeier das
-Taschentuch erst mit einem großen Hausschlüssel, dann mit dem
-Löschblattbügel beschwerte. Und als er endlich nach der Adresse seines
-Freundes fragen konnte, erfuhr er, daß die Polizei selbst schon lange
-nach diesem Kunstmaler Ferdinand Wiederschein fahnde.
-
-„Wir haben herausbekommen, daß dieser Maler seit vielen Wochen jede
-Nacht in einem andern Bett schläft. Indem er nämlich jeden Morgen sein
-Handtäschchen wieder mitnimmt und sich, wenn die Schlafenszeit
-herannaht, ein neues Unterkommen sucht für die Nacht ... Der meldet sich
-nicht einmal an bei uns.“
-
-Der Diener entleerte den Neun-Uhr-Kohleneimer in den alten eisernen
-Füllofen, auf dem Eva, schon rotglühend, Adam den rotglühenden Apfel
-reichte. Des Künstlers Gelächter knallte durch das Bureau.
-
-„Da gibt es aber nichts zu lachen. Das ist eine ernste Sache. Wenns alle
-so machten, welch eine Unordnung hätten wir dann hier.“ Herr Hohmeier
-redete noch vor sich hin, als er schon dabei war, das Taschentuch
-schneuzfertig über die gespreizten Finger zu hängen, wie ein
-Zauberkünstler, der fragt: ‚Wohin soll ich das Goldstück verschwinden
-lassen?‘
-
-Während der Vesperviertelstunde sammelten sich viele Leute in dem
-dunklen Wartezimmer an. Die Beamten aßen ruhig weiter, ungestört vom
-Leben, das nur bis zum Schalterfenster herankam.
-
-Die Ungeduldigen hüstelten, scharrten mit den Füßen, klopften endlich an
-das Schiebefenster. Der ganze Schalterraum stand voll Menschen.
-
-Und als die Uhr Viertel elf schlug und Herr Hohmeier zum Schalter trat,
-stellte es sich heraus, daß einige wieder gegangen waren, und die
-gebliebenen neun Auskunftsuchenden unter Buchstaben C bis G fielen und
-somit Herrn Hohmeier unterstanden.
-
-Der fragte freundlich, wer zuerst dagewesen sei. Darüber entstand
-Streit. Viele waren zuerst dagewesen. Da drückte ein schwarzer
-Kohlenhändler alle anderen in die Ecken und verlangte die Adresse einer
-Familie, die umgezogen sei, ohne vorher die Kohlenrechnung bezahlt zu
-haben.
-
-Während Herr Hohmeier mit dem Zeigefinger die Fächer des Regals nach dem
-Personalakt abtippte, den Akt nicht fand, setzte der Streit im
-Schalterraum von neuem ein. Schließlich vereinigte der Zorn alle
-Streitenden gegen die Beamten.
-
-Wieder dachte Seidel darüber nach, ob außer ihm wohl noch ein Mensch auf
-der Welt durch so eine teuflische Kleinigkeit wie die, daß es nur wenige
-Namen mit dem Anfangsbuchstaben Ypsilon gab, daran verhindert sein
-würde, sich auszuzeichnen und vorwärtszukommen.
-
-Herr Hohmeier trat noch einmal zum Kohlenhändler, fragte ihn, ob er den
-Namen denn auch richtig aufgeschrieben habe. Alle schimpften, streckten
-die Zettel durch das Schalterloch.
-
-„Sie erlauben, Herr Hohmeier, daß ich Ihnen helfe.“ Seidel sammelte die
-Zettel ein.
-
-„Nein, ich kann das nicht erlauben. Bitte sehr, Herr Seidel, ich erlaube
-das nicht ... Es sind meine Buchstaben.“
-
-Die Wartenden schrien dazwischen. Der Bureauvorsteher, der von dem
-Tumulte aus seinem Vesperzimmerchen herausgelockt worden war, verfügte,
-daß die beiden jungen Herren dies eine Mal mithelfen sollten.
-„Ausnahmsweise!“
-
-Unter unheilvollem Schweigen des bleichgewordenen Herrn Hohmeier
-wickelte sich das Geschäft jetzt glatt ab.
-
-Herr Hohmeier war nicht fähig, zu arbeiten. Ein ungeheurer innerlicher
-Aufruhr machte ihn blind. Die beinahe immer gegenwärtige Vorstellung,
-daß er sich am Tage seiner Beförderung eine goldene Brille kaufen und
-nach der übernächsten Beförderung sich mit dem neben ihm gealterten
-Mädchen einstweilen wenigstens verloben werde, schob sich auch jetzt
-hartnäckig in den Vordergrund. Immer wieder sah er sich, goldbebrillt,
-vor dem Traualtare stehen. So daß über eine Stunde vergangen war, bevor
-er gefunden hatte, was Seidel endlich einmal klar und deutlich gesagt
-werden müsse.
-
-„Der sehr bedauerliche Vorfall von vorhin bedarf dringend der
-Aufklärung. Ich, meinerseits, muß Ihnen sagen, daß in diesem Bureau ein
-Sichvordrängen – ich könnte mich auch noch schärfer ausdrücken – nichts
-nützt ...“
-
-„Und ich muß Sie bitten, mich nicht bei der Arbeit zu stören.“
-
-„... denn wenn alle Beamten hier in diesem Bureau gewissenhaft ihre
-Pflicht tun – und das kann als sicher angenommen werden –, so daß keiner
-entlassen wird, werden Sie, Herr Seidel, in acht Jahren an meinem Pulte
-sitzen und in zwölf Jahren am Pulte des Herrn Ank ... Unterdessen werde
-ich an Herrn Anks Pult gesessen haben. Herr Ank an des Herrn
-Bureauleiters Pult. Und der Herr Bureauleiter wird, seinen Dienstjahren
-entsprechend, eine höhere Stelle in einem anderen Bureau einnehmen ...
-Es gibt in diesem Gebäude sehr viele Bureaus, die wir zu durchlaufen
-haben, ehe wir pensioniert werden. Ein Durchbrechen dieser Ordnung gibt
-es nicht. Das wollte ich Ihnen gesagt haben.“ Bebenden Mundes ging er an
-sein Pult zurück.
-
-Und Leo Seidel, der schon am Anfang dieser plastischen Darstellung sich
-gesagt hatte, daß in einem Magistratsbureau das Wort ‚Freie Bahn dem
-Tüchtigen‘ ganz offenbar keine Gültigkeit habe, und daß somit ein
-schnelleres Vorrücken nahezu ausgeschlossen sei, schrieb noch am Abend
-des selben Tages peinlich sauber sein Entlassungsgesuch.
-
- * * * * *
-
-Die meterlange Tabakspfeife wie einen Offiziersdegen geschultert,
-kratzfußte der Korpsstudent Karl Lenz abgehackt und streng vor seinem
-früheren Schulkameraden Jürgen und fragte ihn, welchem Korps er
-angehöre.
-
-„Ich studiere Philosophie, wie du weißt. Seit einem Jahre!“ sagte Jürgen
-stolz. „Einer Verbindung gehöre ich nicht an ... Ich wollte Herrn
-Professor Lenz meinen Besuch machen.“
-
-Der noch immer in steifer Verbeugung stehende Korpsstudent zuckte mit
-dem Kopf nach vorn, und seinem Mund entfuhr, als er die Lippen öffnete,
-ein knallender Ton: „Gehören Sie nicht an? ... Vor allem: Ihnen zur
-Kenntnis, daß mein Vater vor einer Woche zum Geheimrat ernannt worden
-ist.“ Er machte linksum und blickte, dem Gast den Rücken zugekehrt,
-paffend zum Fenster hinaus.
-
-Die wirkliche Welt um Jürgen versank. Alles natürliche Denken und Fühlen
-verschwand. Erst nach minutenlanger Pause sagte er: „Da gratuliere ich.“
-
-Der Student antwortete mit einer weißen Dampfwolke, die an der
-Fensterscheibe hinaufstieg, rührte sich nicht. Und Jürgen saß plötzlich
-in einer glänzenden Studentengesellschaft, hatte ebenfalls eine grüne
-Mütze forsch im Nacken sitzen, das Couleurband schräg über der Brust.
-Alle trinken ihm zu. Er ist geehrt, geachtet, spielt eine Rolle. Kommt
-Karl Lenz und starrt ihn herausfordernd an. Jürgen starrt zurück. Und
-springt auf. Schweigen. Alle springen auf. Kartenwechsel. Jürgen schlägt
-sich tadellos. Phinchen ist totenbleich vor Bewunderung. Und die Tante
-läßt sich den ganzen Vorgang erzählen.
-
-‚Er also starrt mich an. Nun, du kennst mich ja, Tante, und weißt, daß
-in diesem Falle die Forderung meinerseits unvermeidlich war. Meine
-Kommilitonen und ich zechen erst noch die ganze Nacht durch, als ob gar
-nichts geschehen wäre. Dann fährt die ganze Bande per Auto mit hinaus
-ins Wäldchen; sie warten im Wirtshaus auf mich. Ich also trete an,
-frisch und munter, wie aus dem Bade gestiegen.‘
-
-‚Mein Gott, Jürgen, hattest du denn gar keine Angst?‘
-
-‚Aber Tante! ... Also, er bekommt den besseren Platz, steht im Schatten
-eines Baumes, ich mit dem Gesicht gegen die Sonne ... Na, und schon beim
-ersten Gang – schwere Abfuhr natürlich.‘ ‚Nun, und jetzt?‘ ‚Gott, jetzt
-natürlich ehrenvolle Versöhnung. Denn wenn einmal Blut geflossen ist ...
-Je, das Hallo, als ich zurück in die Kneipe kam! Ja. Nun aber genug
-davon!‘
-
-Der breitspurig und noch immer reglos am Fenster stehende Student war
-von blauem Dampfe eingehüllt. Aus dem Nebenzimmer erklang Gläserklirren.
-Er schnellte sofort herum, glotzte seinem Gast ins Gesicht.
-
-Da knallte auch Jürgen mit den Absätzen. Die ineinander verkrampften
-Hände schüttelten sich. Beide Oberkörper zuckten mehrere Male ruckartig
-und schiefseitwärts aufeinander zu, bis, durch die Handkuppelung
-hergestellt, die wagrechte Zickzacklinie der zwei Ober- und Unterarme in
-Stirnhöhe feierlich verharrte.
-
-Und während Jürgen sich auf das Kanapee zurückverbeugte, verbeugte der
-Student sich der Tür zu und ging in sein danebenliegendes Zimmer, wo auf
-dem Tisch drei Glas Bier für ihn bereitstanden.
-
-Der Student hatte die Begrüßungsmaske mit in sein Zimmer getragen. Jetzt
-erst fiel sie von seinem Gesicht herunter. Und der Ausdruck dumpfer,
-wilder Konzentration nahm Platz, während er, das Bierglas in der einen,
-die Taschenuhr in der linken Hand, wartete, bis der Sekundenzeiger die
-Zahl Eins erreichte. Schon vorher war sein Mund ein großes Loch
-geworden. Plötzlich glotzten die Augen stier und tränten: das Bier
-stürzte in den Magen. „Bierjunge!“ Und das leere Glas knallte auf den
-Tisch.
-
-Mit dem Worte ‚Bierjunge‘ spritzte ein Teil des Bieres im Bogen wieder
-heraus, während die Augen auf den Sekundenzeiger starrten. Das Gesicht
-des Studenten, der auf dem letzten Kommers von seinem Korpsbruder beim
-Bierjungen-Trinken besiegt worden war, verzog sich kläglich: er hatte
-mehr als eine Sekunde zu lange gebraucht.
-
-„Ich habe wieder geschluckt. Ich schlucke noch. Das ist mein ganzer
-Fehler.“ Energisch trainierte er weiter: Der Sekundenzeiger erreichte
-die Eins. Großes Loch. Leeres Glas. Ein furchtbarer Brüllton:
-„Bierjunge!“
-
-Wieder schnellte der im Nebenzimmer sitzende Jürgen erschrocken von der
-Kanapeelehne nach vorn und horchte gespannt. Wenige Sekunden später
-langte von oben herab die Hand des Herrn Geheimrat Lenz auf Jürgens
-Schulter. „Nun, mein Freund, welchem Korps gehören Sie an?“
-
-„Bierjunge!“
-
-„Ah, der Junge übt. Ja, schön ist die Jugend.“ Der Geheimrat Lenz trank
-gern Moselwein.
-
-Was wird geschehen, wenn ich gestehe, daß ich keiner Verbindung
-angehöre, dachte Jürgen. Und sein Mund sagte: „Ich halte das für
-überflüssig.“
-
-Die väterliche Hand rutschte von Jürgens Schulter herab und legte sich
-in die Hüfte des Geheimrats. Der Unterleib schien in die Brust
-hinaufzusteigen. Die Augen fragten: Was wollen Sie dann bei mir?
-
-Endlich sagte der Geheimrat: „Junger Mann, nur wer einem Korps angehört,
-lernt die oberste aller Pflichten, die ihn erst befähigt, später zu den
-Ersten, zu den Führern seines Volkes zu gehören: die schwere, aber
-schöne und erhabene Pflicht des Gehorsams, das freie Beugen vor der
-Autorität, ohne welche nichts in der Welt bestehen kann ... bestehen
-kann. Die Narben im Gesicht des Korpsstudenten sind die Bürgschaft
-dafür, daß der ganze Mann, der für seine und für des Korps Ehre ohne zu
-zucken dem Gegner mit blanker Waffe gegenüber gestanden hat, auch
-später, wenns einmal so weit ist und Gott es will, bis zum letzten
-Blutstropfen dem Vaterlande die Treue halten wird, wenn es gilt, die
-Ehre des Reiches zu wahren ... Aber außerdem: wie wollen Sie
-vorwärtskommen? Wie anders wollen Sie es zu einer geachteten,
-einflußreichen Stellung bringen? ... Denken Sie an Ihren Vater. Er war
-mein Freund. Wir gehörten dem selben Korps an. Er war ein Mann.“
-
-Und ist, wie ich jetzt weiß, zusammengebrochen und kaputtgegangen, weil
-er nicht erreichte, Vortragender Rat im Ministerium zu werden, dachte
-Jürgen.
-
-Und glitt, während er durch die Straßen ging, noch eine halbe Stunde
-lang weiter auf dem glatten Gleis, das der Geheimrat vor ihn hingelegt
-hatte. Bei einem kleinen Kolonialwarenladen, in dessen Schaufenster ein
-langbärtiger Zwerg aus Gips eine Zigarre rauchte, blieb er stehen.
-
-Haß und Ekel vor dem Jürgen, der in des Studenten Zimmer das imaginäre
-Duell ausgefochten hatte, packten ihn so plötzlich und so heftig, daß er
-sich auf das Mäuerchen setzen mußte, auf dem das Schaufenster ruhte.
-„Welch ein erbärmliches, widerliches, feiges Schwein bist du!“ rief er
-dem Zwerg im Schaufenster zu. Jede Bewegung, jedes Wort, das jener
-Jürgen gesprochen hatte, folterte den Jürgen, der, brennend vor Scham,
-auf dem Mäuerchen saß.
-
-Da schwenkte, Lack-, Glacé- und Hosenfalten-glatt, Adolf Sinsheimer um
-die Ecke, nahm schon in der Ferne feierlich den Zylinder ab.
-Unwillkürlich hatte auch Jürgen feierlich gegrüßt.
-
-„Große Aufregung im Hause Lenz, was?“ fragte Adolf, nachdem er erfahren
-hatte, wo Jürgen gewesen war. „Wirklich nichts bemerkt? Dann wissen die
-es einfach noch nicht ... Gestern nämlich ist Katharina von zuhause
-durchgebrannt. Schlankweg zu den Anarchisten! Die fabriziert jetzt
-Bomben. Auch eine Beschäftigung! ... Übrigens, du gestattest doch, daß
-ich mich bedecke?“
-
-„Weshalb solltest du deinen Zylinder in der Hand halten!“ Jürgen war
-wütend.
-
-„Ein ereignisvolles Jahr! Man entwickelt sich schneller, als man
-geglaubt hat. Ich sitze längst im Direktionsbureau. Rechte Hand des
-Chefs! Und was das Leben anlangt, mein Lieber, da akzeptiere ich keine
-mehr, die nicht tadellos gewachsen ist. Vor allem die Beine! Kann mir
-nicht mehr passieren.“
-
-Was ist da zu tun – er entwickelt sich, dachte Jürgen und blickte Adolf
-nach, der frisch und glatt davonschritt. ‚Was ist da zu tun.‘
-
-Plötzlich stand Adolf wieder vor ihm. „Leo Seidel war bei mir. Total
-zusammengeklappt! Mein Alter hätte ihn ja als Schreiber in unserer
-Buchhaltung angestellt. Er aber erkundigte sich nach den
-Aufstiegsmöglichkeiten. Was sagst du dazu? ... Mein Alter fragte ihn, ob
-er ihm vielleicht Prokura erteilen solle. Schwuppdich – war er draußen
-... Später erfuhr ich, daß er zu allen früheren Mitschülern läuft, deren
-alte Herren, wie er glaubt, ihm einen Posten mit – husch, die Lerche! –
-Aufstiegsmöglichkeiten verschaffen könnten.“
-
-Auch bei Jürgen war Seidel gewesen. Jürgen hatte ihm vorgeschlagen, er
-solle mit ihm zusammen einen Bund der Empörer gründen. Seidel hatte
-geantwortet, dazu sei er nicht dumm genug. Und der Rektor hatte Seidel
-geantwortet, einem derart unbescheidenen Menschen, der aus
-Unzufriedenheit leichtfertig sein Glück verscherzt habe, noch einmal
-eine Stelle zu verschaffen, müsse er prinzipiell ablehnen.
-
-Einige Monate war Seidel bei dem Bankier Wagner in der Buchhaltung
-beschäftigt gewesen. Aber auch in diesem großen Bankhause waren die Wege
-zu den zäh verteidigten einträglichen Posten zwanzig Jahre lang und
-führten, gezogen mit dem Lineal, zwischen unübersteigbar hohen Mauern
-durch.
-
-Seidel hatte bald erkannt, daß hier alle Angestellten nicht nur
-unangreifbar gewissenhaft, sondern ausnahmslos auch flink wie die
-Kreisel waren; daß es Hohmeiers hier überhaupt nicht gab; und daß
-niemand Bankangestellter werden und bleiben durfte, der Bankier werden
-wollte.
-
-Der schwindsüchtige Briefträger und seine Frau waren gestorben, die vier
-jüngeren Geschwister in das Waisenhaus gebracht worden.
-
-Die neue Mietpartei war schon eingezogen in das Hofzimmer, in dem Seidel
-sein ganzes Leben vom Tage der Geburt an in immer gleicher Armut
-verbracht hatte. Es war ihm erlaubt worden, die altersschwachen Möbel so
-lange in der Holzlage einzustellen, bis er einen Altwarenhändler fand,
-der auch den armseligsten Gegenstand nicht für ganz wertlos hielt.
-
-Den nach Begleichung der letzten Vierteljahrsmiete und der Schulden beim
-Kolonialwarenhändler und Bäcker von dem Erlöse der Wohnungseinrichtung
-übriggebliebenen winzigen Rest des Geldes in der Tasche, das Herz kalt
-vor Energie und zielbewußter Willenskraft, von Wehmut, Feigheit und
-schwächlichen Überlegungen nicht gehemmt, verließ Leo Seidel um acht Uhr
-früh für immer seiner Jugend stinkenden Hof, in dem nie etwas schön
-gewesen war, außer einem Büschel Löwenzahn, der, kümmerlich und zäh,
-jedes Jahr in der gepflasterten Ecke geblüht hatte.
-
-Seidels Herz hatte ihn niemals zu den gelben Blüten geführt; es war,
-jenseits von Gefühlsüberschwang, ein gehorsam arbeitender Muskel und
-wurde vom Gehirn regiert, das Seidel zum Träger eines zielklaren Willens
-machte.
-
-Losgeschnitten von der Vergangenheit, vor sich das Obdachlosenheim,
-stand er blank auf der Straße, völlig auf sich selbst gestellt.
-
-Herabgesunkener Morgennebel, der nur die Dächer der zwei nächsten Häuser
-links und rechts von Seidel freiließ, hatte die Straße, die wenigen
-Passanten und alle Geräusche verschlungen. Seidel stand grau in grau.
-Und erklärte sich selbst, weshalb für ihn Grund zum Jammern nicht
-vorhanden sei: Er habe Zeit, sei jung und gesund und bereit,
-rücksichtslos seinem Ziele entgegenzugehen.
-
-Um dieses Zieles Inhalt und Ausmaß einwandfrei abzustecken, sondierte er
-vorstellungskräftig die Idee eines Friseurgehilfen, der darauf
-spekuliert, in das Geschäft einer Friseurswitwe einzutreten mit dem
-Ziele, die Witwe zu heiraten und Geschäftsinhaber zu werden; einen
-jungen Handlungsgehilfen ließ er mit der reizlosen Tochter des Chefs zum
-Standesamt gehen und ihn in einem dunklen, duftgeschwängerten Laden ein
-warmes Drogistenglück bis zum Tode genießen. Unbelasteten Gemütes
-folgerte Seidel, daß auch er in irgendein Geschäft eintreten und sich im
-Laufe der Zeit ein auskömmliches Dasein in bescheidenen Grenzen
-erarbeiten könnte.
-
-Er trennte sich von dem Ziele des Friseurgehilfen, vom Drogisten, und
-wandte sich seiner Laufbahn zu, die zwar noch kleiner und unsicherer als
-die eines Drogistengehilfen beginne, aber Lücken und Spalten und Maschen
-habe, durch die er durchschlüpfen zu können hoffe, worauf die Laufbahn
-in Form einer Spirale unter zäh zu überwindenden Schwierigkeiten aller
-Art ansteigen und in der Berliner Börse enden werde. Dann breitete sich
-das Leben aus: Jedes Wort des Finanziers Leo Seidel hat Gewicht; eine
-von ihm verweigerte Unterschrift verursacht Beklemmung und Katastrophen
-in den Bankhäusern.
-
-Seidels Augen schlossen sich halb. Er flüsterte: „Aus eigener Kraft!
-Keiner meiner Mitschüler wird sich mit mir vergleichen können; sie alle
-werden hinter mir zurückbleiben, obwohl sie geebnete Wege vorfanden.“
-
-Er befand sich auf dem Wege zu dem Platz, wo die Schaubudengerüste
-aufgestellt wurden für den am folgenden Tage beginnenden großen
-Jahrmarkt. Er dachte, gegen die hier beschäftigten verkommenen
-Existenzen werde ein gewissenhafter Mensch ganz besonders scharf
-abstechen und, über sie hinweg, bei einem Schaubuden- oder
-Karussellbesitzer schnell zu einer Vertrauensstellung gelangen können.
-Außerdem sei er hier nicht, wie der Droschkengaul, zwischen zwei
-Deichseln gespannt, da allerlei Möglichkeiten, auszubrechen, sich
-ergeben würden.
-
-Seine kantige, gewaltig breite Stirn bildete zusammen mit dem sehr
-spitzen Kinn ein beinahe gleichwinkliges Dreieck. Das Dreieck war mit
-alten Sommersprossen dicht besetzt. Aber auch in bezug auf seine
-Streberei hatte er in der Schule den Spitznamen „Sprosse“ bekommen. „Von
-Sprosse zu Sprosse.“
-
-Burschen in verblichenen Sweaters, die Zigarette hinter dem Ohr, rissen
-Pflastersteine heraus, hockten, in Morgennebel gehüllt, auf den
-Gerüsten, nagelten, schrien, schraubten die Holzteile fest. Alles fügte
-sich wie immer ineinander.
-
-Hier ist durch Fleiß und vor allem durch Gewissenhaftigkeit sicher mehr
-zu erreichen als in einem Magistratsbureau, dachte Seidel und fing vor
-dem grünen Wagen den Schiffschaukelbesitzer ab, zog den Hut.
-„Verzeihung, ich möchte fragen, ob Sie noch eine Hilfskraft bei Ihrem
-Unternehmen brauchen.“
-
-Verdutzt sah der Mann den solid gekleideten jungen Herrn an, die saubere
-Wäsche. „Ich verstehe nicht recht. Ich brauche zwar noch zwei Adjunkte
-zur Bedienung von vier Schiffen ... Aber Sie? Was wollen Sie?“
-
-„Ich leiste jede Arbeit, die Sie verlangen ... Was ist das: Adjunkte?“
-
-„So heißen die Burschen bei den Schiffschaukeln ... Zwei sind vorgestern
-eingesteckt worden. Acht Wochen Gefängnis! Hatten wieder geklaut. Aber
-schon bevor sie bei mir waren“, setzte er schnell hinzu.
-
-„Demnach können Sie mich also brauchen?“
-
-Der Mann hob abwehrend beide Hände in Kopfhöhe: „Freundchen ... haben
-Sie Papiere? Waren Sie schon einmal bei so was? ... Zuerst müssen Sie
-mir einmal nachweisen, daß Sie nicht von der Polizei gesucht werden ...
-Und vor allem möchte ich wissen, weshalb Sie von der Polizei gesucht
-werden.“
-
-Da reichte Seidel dem Manne sein Abiturientenzeugnis und das
-Entlassungszeugnis vom Stadtmagistrat, das den Vermerk über Seidels
-Tüchtigkeit, Fleiß und Gewissenhaftigkeit enthielt.
-
-Der Mann wunderte sich nicht. Ihm waren während seiner vierzigjährigen
-Jahrmarktstätigkeit schon alle möglichen Existenzen untergekommen.
-
-„Auf meine Gewissenhaftigkeit beim Geldeinsammeln könnten Sie sich
-verlassen.“
-
-„Da wären Sie der erste, auf dessen Gewissenhaftigkeit beim
-Geldeinsammeln ich mich verlassen würde. Aber brauchen kann ich Sie.“ Er
-stieg, von Seidel, gefolgt, in den grünen Wagen, in dem, transportfest,
-die zwölf funkelnden Schiffe standen.
-
-Der kräftige Bursche mit Ledergurt, rotem Sweater und einem großen,
-pflaumenblauen, herzförmigen Mal auf der Backe tat, als habe er beim
-Putzen der Messingteile keine Pause gemacht. Der Besitzer schickte ihn
-hinaus. „Hier, das Handgeld.“
-
-„Handgeld brauche ich nicht ... Ihre Schiffschaukel scheint übrigens
-ganz neu zu sein ... Wenn Sie zufrieden sind mit mir, werden Sie mir
-meinen Lohn schon geben.“
-
-Das hatte der Mann noch nicht erlebt. Beinahe verlegen sagte er: „Ja,
-ich habe die modernste Schiffschaukel der Messe. Kostete mich ein
-Vermögen! Das will verdient sein. Sie ist einen Meter siebenzig höher
-als die der Konkurrenz ... Können Sie morgen früh antreten?“
-
-Schnellen Schrittes ging Seidel zu dem Altwarenhändler und holte den
-Gegenstand ab, den er nicht mitverkauft hatte.
-
-„Das einzige noch einigermaßen brauchbare Stück! Der ganze übrige
-Plunder ist vollkommen wertlos“, wiederholte der Mann, der am Tage
-vorher heftig und erfolglos um den Besitz dieses Gegenstandes gekämpft
-hatte. „Elender Plunder!“
-
-„Wie kann eine Wohnungseinrichtung, in der eine große Familie
-fünfundvierzig Jahre gelebt hat, plötzlich ganz wertlos sein!“ Seidel
-nahm den in braunes Packpapier eingewickelten Gegenstand unter den Arm.
-Stand eine Stunde später im Studierzimmer vor Jürgen, erklärte, auf
-dessen Fragen hin, mit drei Sätzen, welche Arbeit und weshalb er sie
-angenommen und welches Ziel er habe. „Ich will zu Geld kommen, reich
-werden. Sehr reich! Reicher als ihr alle seid!“
-
-„Bei einer Schiffschaukel? Du, ein mehr als gewissenhafter Mensch!“
-
-„So verkommen würdest du niemals, wie? Was würden die Leute sagen? ...
-Mir jedoch ist das einerlei. Muß mir gleich sein! Gutbürgerliche Gefühle
-und Sentimentalitäten kann ich mir nicht erlauben. Ich brauche
-Bewegungsfreiheit, um alle Möglichkeiten ausnützen zu können. Im
-Magistratsbureau und auch in irgendeiner anderen festen Stellung gibt es
-keine Möglichkeiten für mich. Bin kein Fabrikantensohn ... Ich will mein
-Ziel erreichen. Und ich werde es erreichen. Und dann werde ich erst
-recht rücksichtslos sein.“
-
-„Dein Haß ist ja recht schön ...“
-
-„Wieso ist er schön?“
-
-„Nun, ich kann deinen Haß begreifen; aber Reichtum ist doch kein
-erstrebenswertes Ziel. Was bist du, was hast du, wenn du reich bist und
-die Armen wie bisher arm bleiben und überhaupt alles so bleibt, wie es
-ist? Dann gehörst du bestenfalls zu denen, die gehaßt werden. Wem
-nützest du damit?“
-
-„Mir!“ Aller Haß, der in einem Menschenkörper Raum hat, sammelte sich in
-Seidels Blick, gerichtet auf Jürgen, der immer sorgfältig gekleidet
-gewesen war, nie gehungert, regelmäßig gebadet und die Demütigungen der
-Armut nie erfahren hatte. „Du machst Worte. Du weißt doch sehr gut, was
-Reichsein bedeutet!“
-
-„Ich war in anderer Hinsicht immer so arm wie du. In unserer Zeit sind
-die Menschen arm. Alle! Auch die Reichen, glaube ich. Furchtbar arm!“
-
-Da konnte Seidel nur die Lippen verziehen. „Und was für ein Ziel hast
-du?“
-
-„Ich weiß nichts. Gar nichts! ... Das Ganze ist unerträglich. Ich sage:
-das Ganze muß ganz und gar anders werden.“
-
-„Nun, dann wird es ja wohl anders werden.“ Dabei schälte er das
-Packpapier herunter von dem poliertem, zartgebauten Nähtischchen seiner
-Mutter und bat, Jürgen möge es für ihn aufbewahren.
-
-„Wenn du schon alle Beziehungen zu deinem bisherigen Leben abbrichst,
-was hängst du dich da an das Nähtischchen? Dieser Art Gefühle können dir
-– einem Menschen, der solche Ziele hat – doch nur hinderlich sein. Oder
-sollten Rücksichtslosigkeit und Sentimentalität einander vielleicht doch
-nicht ausschließen?“ Jürgen hätte nicht sagen können, weshalb er Seidel
-diesen Hieb versetzte.
-
-„Mit dem Ding sind meine einzigen schönen Kindheitserinnerungen
-verbunden. Wenn die Mutter flickte, saß ich am Boden, durfte mit dem
-Einsatz spielen.“ Er schob die Fächerschublade wieder hinein ... „Na,
-heb’s auf ... Zweifellos wird die ganze Bande auf die Messe kommen, um
-mich als Schiffschaukeladjunkt zu sehen. Mögen sie kommen!“ Die Lippen
-bebten. Die Sommersprossen traten stärker hervor, so weiß war das
-Gesicht geworden.
-
-‚Vielleicht wird er ein sehr reicher, geachteter Mann werden; im
-Magistratsbureau würde er ein mittelloser geachteter Mann geworden sein
-... Rein äußerliche Rangstufen: arm, wohlhabend, reich, sehr reich, sehr
-reich und gebildet, Millionär ohne, Millionär mit Geschmack und Kultur,
-Großfinanzier – die innere Linie ist bei allen die selbe. So ist heute
-das Leben ... Und ich? Wie stehts mit mir? Was soll, was will ich
-werden? Was und wie will ich sein? Wie werde ich in zwanzig Jahren
-sein?‘ Jürgen fand keine Antwort.
-
-Das jüngste Mitglied des von Jürgen gegründeten Bundes der Empörer, ein
-vor dem Abiturientenexamen stehender Gymnasiast, hatte bei der
-Gründungssitzung erklärt, einer sei zuviel auf der Welt, entweder müsse
-er sich oder den Geschichtsprofessor vergiften. Und war von seiner
-Ansicht nicht abzubringen gewesen durch Jürgens Entgegnung, daß dann ja
-immer noch einige tausend Geschichtsprofessoren am Leben bleiben würden.
-
-Als einige Tage später auch noch die zwei andern Mitglieder,
-fünfundzwanzigjährige, halb verhungerte Burschen, die behaupteten, als
-Matrosen und Goldgräber schon die ganze Welt gesehen zu haben, in der
-Villa erschienen waren, versehen mit einem Drahtreif voll Sperrhaken und
-entschlossen, die Wocheneinnahme eines Metzgermeisters, der jeden
-Freitag verreist sei, unter Führung ihres Vorsitzenden und mit Hilfe der
-Sperrhaken zu holen, war der Vorsitzende Jürgen aus dem Bunde der
-Empörer ausgetreten.
-
-Die Aussprache mit einem schon älteren Manne, der sechzehn im Zimmer
-frei umherfliegende Kanarienvögel und eine Bulldogge besaß, aus
-Liebhaberei auch vorgedruckte Postkarten täuschend kolorierte und
-behauptet hatte, er halte die Fäden der anarchistischen Bewegung der
-ganzen Welt in seiner Hand, in Mexiko dürfte, entzündet durch zwei
-seiner Chiffretelegramme, die Geschichte demnächst platzen, war von
-Jürgen nach drei Minuten abgebrochen worden.
-
-In der Jahresversammlung des Vereins für Bevölkerungspolitik und
-Säuglingsschutz, in der die Damen beschlossen hatten, uneheliche
-Wöchnerinnen und Kinder in das Heim prinzipiell nicht mehr aufzunehmen,
-war Jürgens Frage an das Leben ebenso unbeantwortet geblieben, wie durch
-die Rede des Rektors am Grabe des jüngsten Mitglieds des Bundes der
-Empörer, jenes Gymnasiasten, der sich am Tage nach dem mißglückten
-Examen erhängt hatte.
-
-Nach achtmaliger Anwesenheit in den kostbar, geschmack- und weihevoll
-eingerichteten Räumen der ‚Schule zur innerlichen Vervollkommnung‘, wo
-brillantengeschmückten alten Damen, langhaarigen Jünglingen und
-kurzhaarigen Mädchen von sehr gebildeten Menschen empfohlen wurde, das
-Beste von Laotse mit dem Besten von Buddha zu vereinen und diese höhere
-Einheit zur Richtschnur ihres Seelenlebens zu machen, war Jürgen, der
-geäußert hatte, die Weisheit dieser Richtschnur bestehe ganz offenbar
-darin, die eigene Seele zu maniküren und sich um die Not der andern
-nicht zu kümmern, sei also handfester Egoismus und von irgendwelcher
-Hingabe noch weiter entfernt als der Unsinn des Bulldoggenbesitzers mit
-den Kanarienvögeln und Chiffretelegrammen, höflich und leise ersucht
-worden, den ‚Stillen Stunden innerer Einkehr‘ von nun an fern zu
-bleiben, worauf er mit steigender Sympathie wieder an die zwei hungrigen
-Goldgräber mit den Sperrhaken gedacht hatte.
-
-Von einem Philosophiestudenten war Jürgen einem dunklen, sehr schönen
-jungen Mädchen asiatischen Gesichtsschnittes vorgestellt worden, das
-ungeniert sich sofort fast ganz entkleidet und schreitend zu tanzen
-begonnen hatte, die dünnen Finger zu Boden gespreizt und das verzückte
-Gesicht emporgerichtet. Noch genau ein Jahr werde sie, hingegeben ihrer
-Kunst, ganz abgeschlossen von der Welt leben und dann durch ihren Tanz
-die Menschheit erlösen. Sie werde in den Kirchen tanzen. In der Ecke war
-ein schwarzer junger Mann gesessen und hatte ihr geglaubt.
-
-In der Erkenntnis, daß die Weigerung, Leichenteile zu fressen,
-vielleicht erst in tausend Jahren Bestandteil einer von jeglicher
-Barbarei befreiten Lebensordnung, zur Zeit aber nur Sache des
-Geschmackes einzelner und gewiß nicht das tauglichste Mittel sein könne,
-den Kampf gegen das Ganze und das Umstürzen erfolgversprechend zu
-beginnen, war Jürgen, zur Genugtuung der Tante, schon nach einer Woche
-vom Vegetarismus wieder zurückgekehrt zum Fleische.
-
-Die Entwürfe zweier Dramen, des Inhalts, daß einem anständigen
-Zeitgenossen des zwanzigsten Jahrhunderts nur die tragische Wahl bleibe,
-Selbstmord zu begehen oder völlig bewußt selbst ein Raubtier zu werden,
-hatte er schon vor einem halben Jahre auf der bewaldeten Höhe verbrannt
-und war liegengeblieben neben der Asche, lesend in einem Buche, dessen
-weltberühmter Autor erklärte, wenn die Besitzenden ganz freiwillig nur
-all ihres Besitzes und ihrer Macht über die Nichtbesitzenden, sowie alle
-zusammen nur jeglicher Lüge entsagen würden, sei in der selben Stunde
-die Menschheit erlöst.
-
-‚Das dürfte wahr sein; fragt sich nur, welche Maus und auf welche Weise
-sie der Menschheit, dieser milliardenfüßigen Katze, die Schelle anhängen
-soll, welche bewirkt, daß wir in allem wahrhaftig sein können‘, hatte
-Jürgen damals gedacht.
-
-War auf dem Rückwege, sinnend und suchend und rat- und hoffnungslos und
-nur, um nichts unversucht zu lassen, zu den aus Nord- und Süddeutschland
-stammenden vier Jünglingen gegangen, die zusammen mit drei Mädchen nahe
-der Stadt vor kurzem eine Siedlung gegründet hatten.
-
-Staunen und Begeisterung über den kameradschaftlich freien Ton zwischen
-diesen hellblickenden Mädchen und schwerarbeitenden Jünglingen und über
-die geistig großartige Lebensauffassung, die in dem Zeichen
-unbekümmerter Jugendkraft und befreiend humorvoller Ablehnung des Ganzen
-stand, hatten Jürgen erfüllt.
-
-Ein Siedler mit großer Rundbrille in einem mageren, noch unfertigen,
-nicht ganz hautreinen Gesicht hatte den beglückt durch die
-Nacht heimwärts Marschierenden eingeholt und ihm einen Stoß
-Aufklärungsschriften mitgegeben, darunter eine von den Siedlern
-gemeinsam geschriebene und im Selbstverlage erschienene Broschüre
-‚Kapitalismus, Universität und freie Jugend‘ und ein vierseitiges
-Werbeflugblatt ‚An die Gesinnungsgenossen‘, dessen erster Satz lautete:
-„Wir haben der Universität, dieser kapitalistischen Bedürfnisanstalt,
-die Rückseite gezeigt und im Vorfrühling mit zusammengepumptem Gelde
-einen verlotterten Bauernhof gekauft, der, obgleich mit Hypotheken
-gegenwärtig noch schwer belastet ...“ Der Schlußsatz lautete: „Unsere
-Siedlung ist eine kleine Insel im großen Stunk.“
-
-Vernachlässigung des Universitätsbesuches, Verzweiflung und Drohungen
-der Tante, Ablieferung der Kollegiengelder an die Siedler, die dringend
-Saatgut gebraucht hatten, mühevolle Feld- und Gartenarbeit und an den
-Abenden stundenlange, heftig geführte Diskussionen, aufregend und
-beglückend für Jürgen und oft sehr gefährlich für den Weiterbestand der
-Siedlung, waren gefolgt.
-
-Tag und Nacht offene Fenster. In den Stuben je ein Feldbett, ein
-Handköfferchen und sonst nichts. Die Wände, hell gestrichen, leuchteten
-blau, grün, rosa.
-
-„Morgen kommt Lili mit ihrem Kinde aus dem Gebirg herunter.“
-
-Wie lebendig das klingt, hatte Jürgen gedacht. ‚... kommt Lili mit ihrem
-Kinde aus dem Gebirg herunter.‘
-
-Anfangs waren die Siedler in allen Versammlungen als Sprecher
-aufgetreten und hatten die anwesenden Bürger verblüfft und gereizt durch
-ihre respektlosen Reden gegen Staat und Kirche, Schule, Ehe, Eigentum,
-Zins- und Hypothekenräuberei.
-
-Der kirchenfeindliche Verein ‚Gedankenfreiheit und Feuertod‘, der seit
-Jahren erfolglos um die Genehmigung kämpfte, sein schon erbautes
-Krematorium in Betrieb setzen zu dürfen, hatte, nachdem in der
-öffentlichen Protestversammlung von dem Siedler mit der Rundbrille
-erklärt worden war, er persönlich habe ja gar nichts dagegen
-einzuwenden, wenn die Anwesenden sich schon morgen einäschern ließen,
-nur glaube er nicht, daß dadurch der große Stunk merklich vermindert
-werden würde, die Polizei auf Siedler und Siedlung aufmerksam gemacht.
-
-Kartoffelernte, Hypothekenzinsforderungen, Herbstbeginn, kürzer werdende
-Tage, in dem selben Maße verlängerte, immer heftiger werdende
-Diskussionen. Und eines Tages waren die Handköfferchen und Lili mit dem
-Kinde und die Siedler verschwunden gewesen, unter Zurücklassung der
-sieben Feldbetten, die, zusammengeklappt und aufeinandergeschichtet, in
-dem offenen Schuppen lagen.
-
-Der Bauer hatte seine Kommoden, wandbreiten Eichenschränke und
-Riesenfederbetten wieder eingestellt, die grünen, rosa und blauen Wände
-dunkel schabloniert und die Heiligenbilder aufgehängt.
-
-Einige Wochen später war von dem Siedler mit der Rundbrille eine
-Postkarte aus Berlin gekommen: Die Siedlung sei aufgeflogen. Die Gründe,
-eine schwere Menge, könne Jürgen sich ja denken. Lili habe sich noch
-nicht entschließen können; aber er sei Mitglied der sozialistischen
-Partei geworden. Und damit Punkt.
-
-Wenn Jürgen an diesen Herbstabenden, da es im vornehmen Villenviertel
-schon ganz still war, am Fenster saß und, zurückdenkend an sein
-ergebnisloses Fragen und Suchen, hinaushorchte in die Nacht, vernahm er
-die fernher dringenden Töne der Drehorgeln.
-
-Die fünfzig verschiedenen Melodien zusammen erregten bei manchem
-Besucher schon Schwindelgefühl, wenn er auf dem Jahrmarkt noch gar nicht
-angelangt war. Paukenschläge und Trompetenstöße drangen siegreich durch.
-
-Alles drehte sich, funkelte und flog. Die Mädchen klammerten sich an
-ihre Liebhaber an, schrien auf, wenn die Berg- und Talbahn in die Tiefe
-sauste, im rosa beleuchteten Tunnel verschwand. Und an der
-farbensprühenden Budenreihe entlang zog die schwarze Menschenmenge. Alle
-Ausrufer waren schon heiser, luden hinreißend liebenswürdig ein. Die
-Konkurrenz war groß.
-
-Trotzdem hatte sich Herr Rudolf Schmied in seinem grünen Wagen zu einem
-Schläfchen niedergelegt und Seidel die Aufsicht und das Geldeinsammeln
-anvertraut. Denn tags zuvor, in früher Morgenstunde, als noch kein
-Budenbesitzer, kein Adjunkt dagewesen war, der die Einnahme hätte
-kontrollieren können, hatte Seidel kassiert, sich vom Lehrer der
-Knabenklasse, die geschaukelt hatte, eine Empfangsbestätigung ausstellen
-lassen und Geld und Schein gewissenhaft Herrn Rudolf Schmied
-abgeliefert.
-
-Dieser Empfangsschein hatte wie tödliches Gift auf das Mißtrauen des
-Herrn Schmied gewirkt. Die Adjunkten vermuteten in Seidel einen
-Verwandten des Herrn Schmied, unterordneten sich ihm, lieferten willig
-die Einnahme ab.
-
-Die immer besetzten zwölf Schiffe der schönen, besonders hohen Schaukel
-flogen unausgesetzt. Die sieben der alten, niedrigen Schaukel daneben
-hingen fast immer reglos. Die Adjunkte luden brüllend ein; der
-Orgelspieler drehte wie besessen: alle drängten vorbei zur hohen
-Schaukel.
-
-Seidel blickte starr ins Publikum und befahl, als er Herrn Hohmeier
-entdeckte, gleichgültigen Gesichtes dem Adjunkten mit dem pflaumenblauen
-Herzen auf der Backe, der von seinen Kollegen ‚Das Herz‘ genannt wurde,
-das letzte Schiff in der Reihe anzuhalten, da die Tour zu Ende sei.
-
-Schon preßte ein anderer Adjunkt, der ein abschreckend großes,
-pferdekopfähnliches Gesicht hatte, das Anhaltbrett gegen den Kiel des
-allmählich sich totschaukelnden Schiffes. Eine neue Tour begann. Seidel
-sammelte ein. Der Magistratsbeamte ließ ihn nicht aus den Augen, die vor
-Hohn und Genuß funkelten. Auch die zukünftige Braut des Herrn Hohmeier
-machte große Augen. Sie hatte ein ganz mageres, blasses Gesichtchen.
-
-„Das Riesenweib! Wie sie ißt! Wie sie trinkt! Wie sie schläft!
-Brustumfang 154! Alles andere dementsprechend! Kolossal! Jedem Besucher
-erlaubt, nachzuprüfen! Brustumfang 154!“ schrie der Ausrufer links neben
-der Schiffschaukel.
-
-Und ein anderer: „Hopp hopp hopp hopp hopp!“ Der ritt ohne Pferd dem
-Publikum einen eleganten Trab vor zugunsten des ‚Hippodrom von Eder, wo
-reiten kann ein jeder‘.
-
-Ein kleiner, verhärmt aussehender Budenbesitzer, auf dessen Schulter ein
-abgerichteter Rabe saß, der Kopf und Beine und flügellahme Schwingen
-ruhelos bewegte, sagte zu Jürgen: „Treten Sie ein: Hier wird jedes
-Menschen Sehnsucht erfüllt.“
-
-Plötzlich stand Jürgen, der blicklos den verhärmten Alten anblickte, mit
-Katharina Lenz in dem Laubgang beschnittener Korneliuskirschen. Die
-Tante führt ihn am Arme weg von Katharina.
-
-Wüßte ich, was ich will, dachte er, dann würde ich jetzt Katharina
-aufsuchen; aber ich weiß heute nicht mehr, als ich damals wußte.
-
-Bei der kleinen Schiffsschaukel entstand Tumult; sie wurde plötzlich von
-Fahrgästen gestürmt: Der Besitzer hatte ein Plakat ausgehängt, auf dem
-stand: ‚Hier kostet die Tour den halben Preis‘. Höhnisch blickte er zu
-Seidel hinüber, dessen Schiffe jetzt reglos hingen.
-
-Seidel stürzte zum Besitzer. Der rieb sich entsetzt den Schlaf aus den
-Augen, wollte ebenfalls für den halben Preis schaukeln lassen.
-
-„Wenn Sie das tun, kommt man zwar wieder zu Ihnen, weil unsere Schaukel
-höher ist, aber die Einnahme würde fortan nur die Hälfte betragen. Ihre
-Schaukel wäre entwertet.“
-
-„Und so verdiene ich gar nichts. Schreiben Sie sofort ein Plakat. Das
-Herz soll helfen.“ Er tanzte vor Aufregung.
-
-„Ich mache Ihnen den Vorschlag ...“
-
-„Nichts! Nichts! Schnell, Freundchen! Die Zeit vergeht.“
-
-„Wollen Sie riskieren, heute abend keinen Pfennig mehr einzunehmen, wenn
-Sie dafür an den folgenden Tagen wieder die volle Einnahme haben
-würden?“
-
-Herr Rudolf Schmied warf die Arme: „Was? Wie? Was? Wie ist das?“
-
-„Lassen Sie ganz umsonst schaukeln.“
-
-Da schrie Herr Schmied mit vollen Lungen so lange nach dem
-Halben-Preis-Plakat, bis Seidel ihm auseinandersetzte, dann müsse auch
-der andere umsonst schaukeln lassen, aber es käme darauf an, wer es
-länger aushielte. „Sie sind ein wohlhabender Mann; der Konkurrent steht
-vor dem Bankerott. Sie warten ganz einfach, bis er zu Ihnen kommt und
-bittet, daß beiderseits wieder um den ganzen Preis geschaukelt werden
-soll.“
-
-Herrn Rudolf Schmieds altes Messegesicht leuchtete.
-
-Seidel rief Das Herz, das Pferdegesicht und die andern Adjunkte in den
-Wagen. Viele hundert kleine, improvisierte Billetts wurden eiligst
-geschnitten, gestempelt. Und auf dem gewaltigen Plakat stand: ‚Wer ein
-Billett hat, fährt ganz umsonst in Rudolf Schmieds modernster und
-höchster Schaukel der Welt‘.
-
-Das Herz brüllte, schleuderte die Zettelchen ins Publikum. Das nahm die
-Schaukel im Sturm. Seidel beobachtete die Konkurrenzschiffe, die sich
-entleerten und nicht mehr füllten.
-
-Ein ungeheurer Tumult erhob sich. Das Hinüber- und Zurückbrüllen der
-beiden Besitzer hatte das ganze Messepublikum angezogen. Viele
-Budenbesitzer kamen geeilt, zu erfahren, was ihnen das Publikum entzog.
-In der ersten Reihe stand Herr Hohmeier.
-
-Eine Viertelstunde später kostete die Tour wieder den ganzen Preis.
-Seidel hatte im Wagen des Herrn Schmied die Verhandlungen geleitet.
-
-Der Besitzer der Berg- und Talbahn, des größten Unternehmens der Messe,
-fing Seidel ab, legte ihm die Hand auf die Schulter: „Ich brauche eine
-Hilfe. Wollen Sie Geschäftsführer bei mir werden? ... Das haben Sie
-großartig gemacht.“
-
-„Ich bin bei Herrn Schmied angestellt.“
-
-„Ich zahle Ihnen das Dreifache.“
-
-„Ich mache voraussichtlich schon morgen eine eigne Bude auf ... Aber
-eine Idee will ich Ihnen verkaufen für Ihr Unternehmen!“
-
-„Das wäre?“
-
-„Schreiben Sie eine Erklärung, daß Sie mir Zweihundert bezahlen, wenn
-Sie meine Idee ausführen.“
-
-„Hundert!“
-
-„Zweihundert!“
-
-Seidel steckte den Zettel ein. „Bei Ihnen fahren hauptsächlich
-Liebespärchen, weil sie in den scharfen Kurven gegeneinander geworfen
-werden.“
-
-„Das stimmt. Darauf spekuliert die Konstruktion.“
-
-„Und dann noch wegen des Tunnels. In diesem Tunnel verschwinden die
-Pärchen besonders gern. Das habe ich beobachtet.“
-
-„Aber sicher!“
-
-„Der Tunnel ist mit roten Glühlämpchen erhellt ...“
-
-„Natürlich! Rosa!“ sagte der Mann mit großer Gebärde.
-
-„Lassen Sie morgen von Ihrem Maschinisten eine Vorrichtung anbringen,
-die den Kontakt unterbricht, so daß es eine Sekunde dunkel wird im
-Tunnel, dann wieder hell, dunkel ... Die Liebespärchen werden sich
-danach richten.“
-
-Strahlend trat Herr Rudolf Schmied zu den beiden.
-
-Seidel ging auf seinen Posten zurück, rief Das Herz zu sich. Der war der
-Sohn eines bankerottgewordenen Schaubudenbesitzers, dessen Tiere
-krepiert waren. Seidel hatte erfahren, daß Das Herz den schwer zu
-erlangenden Gewerbeschein besaß und jederzeit eine Bude aufmachen
-konnte. „Was für Tiere waren es denn?“
-
-Das Herz schrie in großer Erregung: „Eine Riesenschildkröte und ein
-Flußpferd. Sie tanzten zusammen Menuett.“
-
-Seidel überlegte, ob ein Mensch mit einem Pferdegesicht beim Publikum
-Erfolg haben würde. Das Herz erklärte sich bereit, den Gewerbeschein
-beizusteuern; das Pferdegesicht stellte sich selbst zur Verfügung; Leo
-Seidel die Idee und das Geld. Fehlte noch die Bude.
-
-Die stand unbenützt neben der Hauptattraktion der Messe: ‚Herrn August
-Schichtels Spezialitäten- und Zaubertheater‘, dessen Zulauf enorm war.
-Wer das Unglück hatte, seinen Platz neben Herrn Schichtel zu bekommen,
-konnte kein Geschäft machen. Deshalb hatte der Besitzer der Bude gar
-nicht eröffnet.
-
-Der verhärmte Alte, dessen von niemand beachtete Bude rechts neben dem
-Zaubertheater stand, zeigte, als Jürgen, schon heimwärtsstrebend, noch
-einmal vorbeiging, wieder einladend die Handfläche: „Hier wird jedes
-Menschen Sehnsucht erfüllt. Treten Sie ein.“
-
-Einige Tage später schritt Jürgen, der, aus Neugier, zu erfahren,
-welcher Art die Genüsse seiner früheren Mitschüler seien, Adolf
-Sinsheimer versprochen hatte, am Monatsersten mit in eine Weinkneipe zu
-gehen, auf das verwahrloste Vorstadthaus zu, vor dem Adolf, drei junge
-Kaufleute und der Magistratsbeamte Hohmeier schon wartend unter der
-roten Laterne standen.
-
-Aus fünf Brusttaschen stand je ein farbiges Tüchlein empor. Blasse und
-gerötete Gesichter. Auf allen die gleiche fiebrige Erregung und
-Spannung. Die vier waren im kaufmännischen Klub gewesen, hatten Herrn
-Hohmeier auf der Straße getroffen und mitgeschleppt.
-
-Sie wollten, zur Feier des Monatsersten, die Animierkneipe mit
-Damenbedienung besuchen.
-
-„Aber nur eine Flasche zusammen! Das habt ihr mir versprochen“, sagte
-der Magistratsbeamte, schloß den obersten Knopf des Gehrocks. Und folgte
-als letzter, während Adolf die Führung übernahm, resolut voranschritt,
-hinein in das schmale Kneipchen, das noch vor einer Woche ein
-Bäckerladen gewesen war.
-
-Jetzt waren die drei Glühbirnen mit roten Papierschirmen verhängt, die
-Brotlaibregale mit schön verkapselten Weinflaschen spärlich gefüllt, und
-der Ladentisch hatte sich in ein nickelbeschlagenes, glanzsprühendes,
-mit künstlichen Blumen und Weintrauben reich geschmücktes Büfett
-verwandelt, hinter dem der Wirt saß und zum zehnten Male die
-Abendzeitung las.
-
-Jürgen glaubte in ihm den Sklavenhalter zu erkennen, den Held einer
-Seeräubergeschichte, die er als Gymnasiast gelesen hatte. Des
-Sklavenhändlers tintenschwarzer Bart, die Riesenglatze, die Hakennase
-waren da. Nur die Peitsche fehlte; ihre Stelle nahm die Abendzeitung
-ein. Unsichtbar von ihm geleitet, gerieten seine drei von Seide und
-Schminke bunten Kellnerinnen mit den Weinkarten in Bewegung.
-
-Der einzige Gast, außer den Kaufleuten, ein schon total betrunkener
-Fabrikschreiner ohne Halskragen, schaukelte den Kopf knapp über der
-Tischplatte hin und her, riß ihn in den Nacken und schrie in die falsche
-Richtung: „Da komm her!“
-
-Die Älteste ging zu ihm, ließ ein bißchen an sich herumgreifen, so
-lange, bis er einen Geldschein auf den Tisch knallte. Strich ihm über
-das Haar, in dem noch die Holzteilchen steckten, und gab ihrer jungen
-Schwester einen Augenwink. Die brachte eine neue Flasche.
-
-Der Magistratsbeamte beugte sich auf die Tischplatte. „Eine zusammen!
-Ich denke, wir nehmen die billigste.“ Und er legte den auf ihn kommenden
-Teil der Rechnung gleich auf den Tisch.
-
-Erschrocken nahm Adolf das Geld wieder weg. „Das ist mein Teil“, sagte
-der Magistratsbeamte deutlich.
-
-Der Arbeiter glotzte auf seine neue Flasche, glotzte die Älteste an.
-„Jetzt komm aber auch her!“
-
-Kopfschüttelnd lächelte sie den Kaufleuten zu, gab den Augenwink ihrer
-jungen Schwester, die, noch ungeschickt und verlegen, zum Arbeiter ging
-und sich von ihm auf den Schoß ziehen ließ. Er griff ihr an die Brust,
-die noch nicht vorhanden war, und brüllte: „Die andere!“
-
-„Für uns auch ein Gläschen?“ fragte die Älteste mit einem Blick, der
-allen fünfen in die Augen traf. Und Adolf gewann die Fassung wieder.
-„Aber selbstverständlich!“
-
-Sie entleerte die Flasche in drei Gläser und goß noch fünf Gläser voll
-bis zum Rand, so daß plötzlich drei leere Flaschen auf dem Tische
-standen.
-
-Der Magistratsbeamte beugte sich vor und seitwärts über drei Oberkörper
-weg, holte sich ein Glas mit Wein aus der ersten Flasche und stellte es
-bedeutungsvoll vor sich hin.
-
-„Schmeckt, was?“ sagte die Älteste, da Adolf den Wein kennerisch mit der
-Zunge prüfte. Er schüttete Zigaretten in ihre Hand, und seine Kollegen
-gaben ihr Geld, damit sie das Riesenorchestrion spielen lasse.
-
-Das nahm die ganze Rückwand ein, reichte bis zur Decke. Begann zu
-rasseln, knackte: ein farbiger Husarenleutnant aus Holz, den Taktstock
-im Händchen, schob sich, ruckweise, wie das rotseidene Vorhängchen
-auseinanderging, in den Vordergrund und dirigierte das von Trommelwirbel
-umdonnerte Flötensolo.
-
-Der Wirt stand reglos und groß hinter dem Büfett. Sein Bart ging mit der
-Dunkelheit zusammen. Die Glatze hing losgelöst und weiß über dem Büfett.
-
-Der Arbeiter lallte, goß ein, goß in das überlaufende Glas, bis die
-Flasche leer war, stülpte den Flaschenhals ins Glas und schimpfte, in
-der Einsicht, mit seinem Wochenlohn gegen die vornehmen Herren nicht
-aufkommen zu können, hoffnungslos in eine leere Ecke hinein. „Noch eine
-Flasche!“ schrie er verzweifelt.
-
-Und die Älteste stand augenblicklich hinter ihm, überredete ihn, erst
-das Geld zu geben, schob es wieder zurück. „Das langt nicht zu. Geh
-heim. Hast genug getrunken.“
-
-Schwankend und drohend erhob er sich. Der Wirt stand groß vor ihm,
-hinter dem Wirt die Älteste mit der Mütze des Arbeiters.
-
-Halb geschoben, torkelte er hinaus, ausgebeutelt und betrogen von seiner
-Sehnsucht nach Glanz und nach einer Frau, die keinen verbrauchten Körper
-hatte und keine schmutzige Flanellunterwäsche trug.
-
-Die Älteste, noch bei der Tür, breitete die Arme aus. „Jetzt sagt mir,
-was hat so ein Arbeiter in einer Weinstube zu suchen.“
-
-Das selbe fragten die Kaufleute. Sie zog aus ihrem Busen pornographische
-Photographien, auf denen sie selbst in verschiedenen Stellungen nackt
-abgebildet war, zusammen mit einem Herrn im Frack. Es standen schon neun
-leere Flaschen auf dem Tisch. Die Gläser der Mädchen waren immer beinahe
-gleichzeitig voll und leer.
-
-„Aber natürlich bringen Sie noch Wein!“ rief Adolf und ließ die Bilder
-durch seine heißen Hände laufen. „Aber natürlich bringen Sie noch!“
-echoten die andern.
-
-Hinter dem Büfett hing in einem Ring ein Kübel; vom Boden des Kübels
-lief ein Schlauch weg in die jeweilig darunterstehende Flasche. Nachdem
-die Mädchen ihre vollen Gläser in den Kübel entleert hatten, besorgte
-der Wirt mit diesem Weine das Füllen der Flaschen. Und die Mädchen
-stellten den Wein wieder auf den Tisch.
-
-Das Orchestrion spielte ununterbrochen. Die vier Köpfe, eng
-aneinandergepreßt, blieben über die Photographien geneigt, bis die
-Älteste die Bilder wegnahm. Das Wort ‚Sekt‘ fiel. Jürgen legte einen
-Geldschein in Adolf Sinsheimers Hand und verließ die Weinstube. Die
-andern bemerkten es kaum.
-
-Plötzlich fühlte der Magistratsbeamte sich beim Halse gepackt. Die
-ineinander verschlungenen Weiber- und Männerkörper schaukelten hin und
-her nach der Melodie des Flötensolos. Der Sekt floß. Die Flaschen
-schwebten selbständig vom Büfett herüber auf den Tisch. Floß eine Stunde
-lang im Kreislauf: aus den Flaschen in die Gläser, von da in den Kübel,
-durch den Schlauch in die Flaschen und wieder in die Gläser, bis der
-kühl und reglos neben dem Kübel stehende Wirt den Wink zur Vorsicht gab.
-
-Da lösten sich die Mädchen allmählich los. Die junge Schwester blieb auf
-des Magistratsbeamten Schoß liegen. Sie war betrunken. Der Wirt schickte
-ihr einen Blick, der sie ernüchterte.
-
-Ein Schub Studenten trat ein, setzte sich an den Tisch, an dem der
-Arbeiter gesessen hatte.
-
-Des Magistratsbeamten geschweifter Mund schnappte auf und zu, und
-plötzlich warf er die dürren Arme hoch und behauptete: so lebe er, so
-lebe er, so lebe er alle Tage.
-
-Die Älteste stand schon bei den Studenten, lächelte kopfschüttelnd über
-die Kaufleute und nahm die Bestellung entgegen. Die Studenten blickten
-belustigt hinüber.
-
-„Pardon!“ drohte Adolf, der seinen früheren Mitschüler, Karl Lenz, nicht
-erkannte. Der Wirt kam groß aus dem Büfett heraus.
-
-„... so leben wir alle Tage“, sang der Magistratsbeamte immer noch. Und
-die Älteste präsentierte die Rechnung.
-
-Die fünf Monatsgehälter reichten nicht. Der halbe Tisch stand voll Wein-
-und Sektflaschen. Adolf warf noch eine Banknote auf den Tisch, an dessen
-Stirnseite der Wirt stand und die drei Worte sprach: „Das langt nicht.“
-
-Alle standen schwankend und ausgeliefert, wollten nach ihren Mänteln
-greifen. „Sie müssen mir Ihren Ring zum Pfande da lassen.“ Der Wirt
-stellte den Zeigefinger steil auf die Rechnung. Die Studenten
-beobachteten gespannt die Szene.
-
-Adolf zog den Brillantring vom Finger. „Darüber muß ich eine Quittung
-bekommen!“ Und blickte, trotz seines Rausches, verblüfft auf die schon
-ausgefüllte Quittung, die der Wirt sofort vor ihn hinlegte.
-
-Schritt für Schritt ging er hinter den Abziehenden nach, schloß die Tür
-leise und mit Kraft und zog sich hinter das Büfett zurück, stellte eine
-leere Flasche unter den Kübel. Diesmal war es eine Rotweinflasche.
-
-Die Älteste atmete hoch auf, ließ den Busen fallen: „Diese Kaufleutchen!
-Wollen elegante Herren spielen und können dann nicht bezahlen.“ Sie
-breitete die Arme aus: „Jetzt sagt mir, was haben solche Bürschchen in
-einer Weinstube zu suchen?“
-
-Karl Lenz stimmte ihr bei. Daraufhin auch die andern. Sie goß den
-Rotwein ein. „Auch für uns ein Gläschen?“
-
-„Aber selbstverständlich!“ Und dann ging er ernsten Gesichtes erst
-hinaus in das Klosett und nahm das Couleurband ab; die andern hatten,
-dem Koment gemäß, ihre Couleurbänder nicht an.
-
-Die Älteste goß neun Gläser voll: es waren sechs Studenten. Die junge
-Schwester richtete den Tisch der Kaufleute für neue Gäste her. Und der
-Wirt rückte den Kübel zurecht.
-
-Daß dies besonders herrliche Genüsse wären, wert, ihretwegen auch nur
-den Bruchteil selbst eines blödsinnigen Ideals aufzugeben, kann gewiß
-niemand behaupten; aber auch nicht, daß es keine begehrenswerteren
-Genüsse gäbe, dachte Jürgen auf dem Heimwege durch die schlafende Stadt.
-
-Vor dem kleinen Café in der noch belebten Hauptstraße stand wieder der
-Krüppel und neben ihm, reglos, grau und böse, die Frau, auf dem Arme den
-skrofulösen Säugling.
-
-‚Daß einer um den Preis, Liebschaften zu haben mit schönen, gepflegten
-Frauen, oder um der Macht und des Erfolges willen Verrat übt an allem,
-was ihm in der Jugend teuer war, wäre schon eher zu begreifen.‘
-
-Und plötzlich entsann er sich des Abends, da er, geladen bei einer der
-vornehmsten Familien des Landes, solchen Frauen begegnet und Zeuge
-geworden war von Gesprächen zwischen Großbankiers, die über Weltpolitik,
-Eisenbahnbauten und den wahrscheinlichen Zeitpunkt eines neuen Krieges
-in leichtem Plaudertone gesprochen, und zwischen berühmten
-Schriftstellern, die über die Schönheit eines Goethezitates und sogar
-über den Satzbau des Zitates länger als eine Stunde äußerst
-beziehungsreich und sehr klug und geistvoll diskutiert hatten. Das ist
-Macht, das ist Kultur, hatte er damals gedacht.
-
-‚Aber kann denn durch diese Macht und durch diesen Geist das Meer von
-Tränen, kann denn dadurch das würgende, würgende Menschenleid beseitigt
-werden? Ich glaube es nicht. Was aber soll man tun?‘ Bedrückten Herzens
-schloß er die rückwärtige Gartentür auf, an die er das Schild angebracht
-hatte: ‚Hier wird Armen gegeben‘.
-
-Seine Fragen an das Leben fanden keine Antworten; nur die allzu glatten
-der Schulkameraden und der Tante. Oft – wenn er sah, wie die früheren
-Mitschüler jenseits aller Zweifel lebten – hatte der Vereinsamte, wie
-einmal in der Schule, den Wunsch gehabt, auch so zu werden, wie die
-andern waren, das Fragen und das Suchen aufzugeben und sich der
-Tantenauffassung anzuschließen. Diese Stunden nannte Jürgen
-Schicksalspausen.
-
-Er saß am Fenster, hatte noch Kopfschmerzen von dem Wein, sah die
-Animierkneipe. Schweinerei! dachte er, betrachtete mit inbrünstigem
-Hasse der Tante Lebensarbeit: die unverwüstlichen gehäkelten Deckchen,
-die alle Möbelstücke drückten. Der Perpendikel tickte ruhevoll das Wort
-‚rich–tig, rich–tig‘.
-
-‚In diesem Zimmer „Schweinerei“ zu sagen, ist unmöglich. Da hört die Uhr
-auf zu ticken, die Deckchen gleiten von Sesseln, Tisch, Kommode, und die
-Heiligenbilder fallen von den Wänden.‘
-
-Eine lange halbe Stunde wurde kein Wort gesprochen. Die Tante häkelte.
-Die Älteste zeigt die Photographien.
-
-„Schweinerei!“ brüllte Jürgen, erwartete die Zimmerrevolution, sah die
-böse herausgedrückten Augen der Tante. Die Szene von früher wiederholte
-sich:
-
-„Was hast du gesagt?“
-
-„Ich habs doch nur gedacht.“
-
-„Du lügst mir wieder ins Gesicht hinein?“
-
-„Wenn doch diese verdammte Uhr endlich aufhören würde zu ticken!“
-
-Sie machte eine barsch abschließende Handbewegung und stellte die
-Häkelnadel senkrecht gegen ihn: „Wenn du erst in Amt und Würden sein
-wirst ...“
-
-Sein ganzer Körper wurde gemauerter Widerstand. „Niemals! Ich studiere
-Philosophie.“
-
-Zuerst legte sie die Häkelarbeit weg, griff nach der Stickerei und stach
-langsam die Nadel von unten in den Stickrahmen, zog sie senkrecht hoch.
-„Du weißt, dein Vater will ...“
-
-„Er ist ja tot. Tot!“
-
-„... daß du Amtsrichter wirst.“
-
-Sein Gesicht verzog sich zu einer Lachfratze. Und in die Pause hinein
-gestand er: „Ich studiere seit einem Jahre, studierte von Anfang an
-Philosophie. Überhaupt nie eine andere Vorlesung gehört!“
-
-Da saß sie aufrecht, faltete übertrieben ruhig die Hände im Schoß: „In
-diesem Falle würdest du nicht einen Pfennig mehr von mir bekommen. Von
-was also wolltest du leben? ... Philosophie? Was willst du denn werden?“
-
-Er sah das Schäfchen auf dem Heiligenbilde an. „Werden?“ Die Uhr tickte:
-‚rich–tig, rich–tig‘.
-
-„Nun, was also? Alle deine Schulkameraden wissen längst, was sie werden
-wollen.“
-
-Plötzlich schlug seine Ratlosigkeit in Wut um. Er brach in die Knie,
-preßte beide Fäuste an den Hinterkopf und brüllte wild: „Nichts weiß
-ich! Landstreicher werde ich. Ich gehe auf die Landstraße. Ein Gauner
-werde ich, wenn du mich noch länger quälst.“
-
-Der Kniende stierte auf die Krüppelfamilie, die grau, elend, schemenhaft
-vor der Dunkelheit stand. Auch den skrofulösen Säugling auf der Mutter
-Arm sah Jürgen. Kniend rutschte er auf die imaginäre Gruppe zu und zur
-Tür hinaus.
-
-Erst oben in seinem Zimmer kam die Wut voll zum Ausbruch. Zuletzt riß er
-die Waschschüssel mit beiden Händen in die Höhe und schmetterte sie auf
-den Fußboden. Die Stirn blutete. Das Zimmer war verwüstet.
-
-Allmählich wurde der vom Weinen Gestoßene still. Er saß, Arme
-verschränkt, Kopf darauf, am Tisch. Tränen und Speichel vermischten sich
-auf der Tischplatte. So blieb er hocken.
-
-Plötzlich deutete er durch den Fußboden auf das Heiligenbild im
-Wohnzimmer und verlangte ausdrücklich: „Das Lämmchen muß dem
-Heiligenbild weggenommen und der Krüppelfamilie vor die Füße gesetzt
-werden.“
-
-‚Der arme Jürgen! Sie haben ihn so lange gequält, bis er irrsinnig
-wurde‘, ließ er Katharina Lenz sagen, ahmte eine Kinderstimme nach,
-schmollte trotzig und weinerlich: „Man muß das Lämmchen zur
-Krüppelfamilie tun.“
-
-‚Wie man ihn gequält hat! Jetzt ist der Arme irrsinnig‘, klagte
-Katharina.
-
-Und er schauspielerte: „Das Lämmchen gehört zu der Krüppelfamilie ...
-Bäh, bäh, bäh!“ Müdigkeit drückte des Erschöpften Wange auf die
-Tischplatte. Noch einmal hob er das von Tränen und Blut verschmierte
-Gesicht, rief trotzig und blöd: „Bäh!“ und schlief ein.
-
-Da erschien, grün und aufgetrieben wie ein Ertrunkener, der Vater hinter
-dem Stuhle, tippte Jürgen auf die Schulter und sagte leise und
-lächelnden, weitgeöffneten Mundes, so daß alle Zähne bleckten: „Na, du
-schmähliches Etwas.“ Dabei drehte der Vater des Jahrmarktes riesige,
-vieltausendstimmige Drehorgel, deren Töne fernher drangen durch den
-warmen Herbstabend.
-
-Der Kontakt im Tunnel der Berg- und Talbahn funktionierte schon. Die
-Bude links neben dem Zaubertheater war mit Hilfe von Ölfarbe in einen
-alten Stall umgewandelt, aus dessen Luke Heu hervorquoll. Der Kopf des
-mit kosmetischen Mitteln hergerichteten ‚Pferdegesichtes‘ sah sehr
-abnorm aus.
-
-Das Herz brüllte in das Riesenhorn, das Seidel hatte machen lassen:
-„Hier ist zu sehen der Mensch mit dem Pferdekopf! Die größte Abnormität
-der Welt! Er frißt Heu wie Brot! Hafer ist ihm das liebste! ... Man höre
-ihn wiehern.“
-
-Blies mächtig ins Horn, starrte, Hand am Ohr, ins Publikum: Aus der Bude
-erklang das brünstige Wiehern des Pferdegesichtes.
-
-Auch Jürgen, der außerhalb der Stadt auf der bewaldeten Höhe stundenlang
-am selben Flecke reglos gelegen war und sich nach dreißig Schritten,
-gepeinigt von Unruhe und Ratlosigkeit, wieder in das Moos hatte fallen
-lassen, den Blick fernaus gerichtet, dem Flußlauf nach, in das weite
-Land, dem Meere zu, ganz und gar erfüllt von dem Wunsche, aller Last zu
-entlaufen, hinaus in ein Leben der Ungebundenheit, wurde auf dem
-Heimwege angezogen von den Drehorgelmelodien, die, wie in der
-Knabenzeit, in ihm das Gefühl wieder erwachen ließen, daß hier die
-Freiheit sei.
-
-Das ist das selbe Gefühl, das den sechsjährigen Sohn des Geheimrates
-sagen läßt: ‚Ich will Droschkenkutscher werden‘, dachte er und
-betrachtete den Stall. Rechts stand: Eingang; links: Ausgang. In der
-Mitte saß Leo Seidel vor der grünen Drahtgitterkasse.
-
-Ihn jedoch hat nicht dieses Gefühl vor die Schaubude gesetzt, dachte
-Jürgen, wollte schon durch die Menge durch, die drei Stufen hinauf,
-Seidel zu begrüßen, erinnerte sich in dieser Sekunde der Weltgeschichte
-und seines letzten Gespräches mit Seidel und verließ den Jahrmarkt.
-
-Seidel hatte Jürgen nicht bemerkt; er war sehr beschäftigt. Wenn die
-Leute sahen, wie das aus der Luke heraushängende Heu sich bewegte,
-siegte bei vielen die Neugierde, einen Menschen mit einem Pferdegesicht
-beim Heufressen zu beobachten, so daß die Bude immer guten Zulauf hatte.
-
-In der Hand die Rechnungen für Ölfarbanstrich, innere Ausstattung,
-Riesenhorn und Stallmeisterlivree, die Das Herz trug, und im Kopfe die
-Idee, daß nur derjenige zu Geld kommen könne, der andere für sich
-arbeiten lasse, stellte der kapitalkräftige Seidel Herz und
-Pferdegesicht am Wochenschlusse vor die Wahl, entweder Mitinhaber zu
-bleiben und während der ganzen Messedauer auf jeglichen Verdienst zu
-verzichten – denn diese Rechnungen müßten erst gewissenhaft bezahlt
-werden –, oder alle Mitinhaberrechte abzutreten und sofort
-Angestelltengehalt zu beziehen.
-
-Das Herz schrie: „Der Gewerbeschein war mein einziges Erbe.“ Das
-Pferdegesicht erklärte, nicht jeder könne seine Visage als Pferdekopf
-für Geld ausstellen, und jeden Tag bis Mitternacht Heu zu fressen, sei
-auch keine Kleinigkeit. Die grüne Drahtgitterkasse, in der die
-Wocheneinnahme lag, klappte zu.
-
-Da wählten die beiden das Geld in die Hand. Seidel war Alleininhaber.
-
-Während er einlud und kassierte, grübelte er unausgesetzt darüber nach,
-wo er eine breitere Basis für seinen spekulativen Geist finden könnte.
-
-Seine Gedanken kehrten immer wieder zu dem mächtigen Backsteinbau
-zurück: dem Zirkus, der den ganzen Winter über in der Stadt blieb und
-während der vier Wochen langen Jahresmesse schlechte Einnahmen hatte.
-
-Seidel benutzte die losen Beziehungen, die zwischen einigen
-Budenbesitzern und dem Zirkusunternehmer bestanden, und schlug diesem
-vor, Familienbilletts zu ermäßigten Preisen zu verkaufen, solange die
-Jahresmesse in der Stadt sei. Auch solle er an Stelle der herkömmlichen
-und deshalb nicht mehr wirksamen Zirkusplakate ein von einem guten
-Künstler zu entwerfendes modernes Plakat kleben lassen.
-
-Von einem modernen Plakat wollte der Mann nichts wissen. Die Billettidee
-hatte er selbst gehabt und war schon dabei, sie auszuführen. Aber es
-gelang Seidel, einige für seine Zukunft wichtige Bekanntschaften mit
-Zirkuskünstlern zu machen.
-
-Bald darauf behauptete Adolf Sinsheimer, er habe Leo Seidel, im Pelz,
-den Zylinder auf dem Kopfe, im Vorraume des Berliner Wintergartens
-gesehen, in Gesellschaft von eleganten Damen und Varietékünstlern.
-
-Und so konnten einige Jahre später seine früheren Kollegen vom
-Stadtmagistrat und die Schulkameraden, von denen die meisten zu dieser
-Zeit schon jung verheiratete Männer waren, nicht allzu sehr darüber
-verwundert sein, daß eines Tages Leo Seidel, der nicht lange Impresario
-geblieben war, als kaufmännischer Direktor des riesigen Wanderzirkus in
-die Heimatstadt zurückkehrte, im ersten Hotel abstieg und im eigenen
-Wagen fuhr.
-
-Zu jener Zeit war Herr Hohmeier eben bis zum breiteren Löschblattbügel
-vorgerückt und wollte sich verheiraten.
-
-Der Besitzer des Zirkusunternehmens kränkelte und hatte nur eine
-Tochter. Sie war siebzehn Jahre alt.
-
-Kurz vorher hatte Seidel, der längere Zeit im Weizen- und dann im
-Stabeisengroßhandel mit nicht besonderem Erfolge tätig gewesen und
-deshalb noch einmal in das ihm vertraute Fach zurückgekehrt war, an der
-Börse sehr gewinnreich mit Baumwolle spekuliert. Er war seit Jahren
-Abonnent volkswirtschaftlicher, bank- und börsentechnischer
-Zeitschriften.
-
-Er studierte die Preisschwankungen des Marktes nicht wie der
-Großindustrielle oder Börsianer, die, das Risiko zu vermindern, sich mit
-ihren Abschlüssen von Tag zu Tag nach den Markt- und Börsenberichten
-orientieren; er verglich seit Jahren die an- und abschwellenden Kurven
-der Export- und Importziffern aller Länder, verfolgte genau die hieraus
-sich ergebenden inner- und außerpolitischen Spannungen, täuschte sich
-selten über den Zeitpunkt hereinbrechender Wirtschaftskrisen – eine
-Fähigkeit, die ihn nicht nur vor Verlusten geschützt, sondern ihm seine
-bisher größten Gewinne eingebracht hatte – und wartete, in jeder
-Hinsicht gerüstet, seit langem nur auf die Situation, die es ihm
-gestatten würde, unter möglichster Ausschaltung des Risikos die Hand auf
-das ganz große Geschäft zu legen.
-
-Schon jetzt glaubte Seidel begründete Hoffnung zu haben, die
-Siebzehnjährige nicht heiraten zu müssen.
-
-
-
-
- III
-
-
-„Sie sind ja in der Brodstraße.“ Der Portier setzte sich wieder auf das
-Bänkchen.
-
-„Wo Herr Knopffabrikant Sinsheimer wohnt?“
-
-„Den hat der Schlag getroffen. Heute mittag. Punkt eins. Kommt von einem
-Geschäftsgang zurück, liest die eingelaufene Post, da trifft ihn der
-Schlag ... Auch ein Unglück für die Familie!“
-
-Jürgen überwand seine Scheu, ein Haus zu betreten, in dem ein Toter lag,
-stieg die Treppe hinauf, vorbei an dem farbigen Treppenhausfenster, auf
-dem Wilhelm Tell im Ausfall stand, bereit, den Apfel herunterzuschießen
-von den blonden Locken.
-
-Im Vorzimmer kämpfte Gulaschduft mit Medizingeruch. „Herr Adolf kommt
-gleich“, sagte das Dienstmädchen und drehte eine schwach und rot
-brennende Birne an im Salon.
-
-Eichenmöbel, reich geschnitzt, schwarz und unverrückbar schwer, füllten
-ihn. Zahllose Nippesgegenstände posierten, miauten, sangen, tanzten
-Menuett auf allen erdenklichen Plätzchen und Kanten. Jürgen wand sich
-bis zu einem Stuhle durch, dessen hohe Lehne, gebildet durch zwei
-vielfach geschwungene, schwarzgebeizte Schwanenhälse, mit einer
-Wasserrose abschloß, in der ein Frosch saß, das Krönchen auf dem Kopfe.
-
-Ohne sich zu rühren, musterte er die Gegenstände, begann schließlich zu
-zählen: vier meterhohe Petroleumlampen – Geschenke, die niemals gebrannt
-hatten –, eine große Anzahl nie benutzter Tee-, Kaffee- und
-Likörservice, entdeckte nachträglich noch zwei hohe, glänzende Gestelle,
-die er erst auch für Lampen hielt, dann aber als Tafelaufsätze erkannte:
-Nachbildungen des Eiffelturmes, auf dessen Stockwerken Birnen, Äpfel,
-Trauben, aus farbigem Tuche, lagen. An der Wand hing, zwischen dem
-Dackel, der, das weiße Zipfeltuch um den Kopf, an Zahnweh leidet, und
-dem Kätzchen, das mit dem Wollknäuel spielt, ein kleiner Elefant, der
-den Rüssel hin und her schleuderte. Das Ziffernblatt auf seiner Stirn
-stellte Afrika dar.
-
-Unvermittelt schlug der Gedanke ein, daß vielleicht im Zimmer nebenan
-der Tote liege. Um sich abzulenken, nahm Jürgen den Bronzelöwen in die
-Hand, der, schleichend zusammengekauert, Tatzen auf dem Rande, die Zunge
-dürstend in die Aschenschale streckte. Stand auf, sah umher, drehte am
-Schalter. Mit dem Verlöschen der Birne schwankten alle Möbel, wie
-betrunken, auf Jürgen zu und versanken in der Finsternis. Er fand den
-Schalter nicht wieder.
-
-Da sah er in einem Blitze der Angst die Leiche im Salon liegen,
-schneeweiß aufgebahrt und mit genau der selben Kopfhaltung wie die
-seines Vaters. Schnell drehte er sich einige Male um sich selbst,
-bemüht, die Leiche des Vaters nicht im Rücken zu haben, und streckte die
-Hand frierend hinter sich nach dem Türdrücker aus.
-
-Der Elefant trompetete. Die Tür knallte gegen Jürgens Kopf: Adolf hatte
-eintreten wollen. „Na, sag mal, sitzt du im Dunkeln! ... Lina!
-Donnerwetter, Lina!“ Sie kam gesprungen. Jürgen wollte aufklären.
-
-„Ist ja alles sehr schön! Aber weshalb wird denn nicht der ganze Lüster
-angeknipst, wenn Besuch da ist! ... Bringen Sie Tokaier.“
-
-Seine Hand hatte den Schalter gefunden. Zornig schritt er auch noch in
-die andern drei Ecken: Immer mehr Birnen glühten auf an Kandelabern und
-am gewaltigen Lüster. Die tausend Gegenstände standen tot im weißen
-Lichte. „So, nun mache dirs bequem.“
-
-Jürgen setzte sich wieder auf den hochlehnigen Schwanenstuhl und sprach
-das Tokaierglas prostend erhoben, verlegen sein Beileid aus über den
-entsetzlichen Unglücksfall, der Adolf betroffen habe.
-
-„Das passiert meinem alten Herrn öfter. Es geht ihm schon wieder besser.
-Er hat schon etwas Gulasch gegessen. Jetzt schläft er.“
-
-Nachdem die beiden weggegangen waren, schritt das Mädchen von Schalter
-zu Schalter und stürzte den Salon wieder in das schwarze Nichts.
-
-Auf der Straße zog Adolf mit weißen Litzen besetzte Glacéhandschuhe an
-und machte beim Sprechen abgehackte Viertelsdrehungen auf Jürgen zu, wie
-ein Leutnant, der mit einer Dame spazierengeht. Sein Vater habe diesen
-Morgen Ärger gehabt, wegen einer Zahlung an eine Londoner Bank. Es habe
-sich zwar nur um einige zehntausend Pfund gehandelt. „Eine Bagatelle,
-gewiß! Aber wenn sie momentan nicht flüssig zu machen sind? ... Geht er
-heute früh dieser Sache halber fort, kommt schon aufgeregt nachhause, da
-findet er ein Schreiben aus dem Kriegsministerium, des Inhalts, daß wir
-...“ Er blieb stehen, hob den Spazierstock wie eine Kerze: „Diskretion?“
-
-„Vielleicht sagst du mir lieber nichts.“
-
-„Aber bitte, dein Wort genügt mir ... daß wir den Auftrag erhalten
-haben, den neuen Armeeknopf zu liefern. Begreifst du, was das bedeutet?
-... Ahnungslos öffnet mein Alter das zweite amtliche Schreiben, liest,
-daß er zum Kommerzienrat ernannt worden ist: schwuppdich – Schlaganfall
-... Bitte, nach dir.“
-
-Schwungvoll ließ der schon zum Kellner emporgerückte, seinen Ober jetzt
-mit vollkommenster Sicherheit kopierende frühere Pikkolo das Tablett mit
-den Wassergläsern auf die Marmorplatte auflaufen. Das Knopfexporthaus
-stand wuchtig und still gegenüber in der Abendruhe.
-
-Ein starker Tourenwagen hielt vor dem Café. Ein blonder Herr trat ein.
-Adolf verbeugte sich steif und tief und flüsterte: „Sechzigpferdig! Ein
-Klubmitglied! Sohn des Maschinenfabrikanten Heller ... Die haben ihrem
-Werke kürzlich noch eine Abteilung angegliedert, in der ausschließlich
-Eisenbahnweichen fabriziert werden. Staatsaufträge, mußt du wissen! Auch
-die scheinen die nötigen Verbindungen zu haben. Enorm reiche Leute!“
-
-Jürgen wurde die Seele schwer bei dem Gedanken, daß seit jenem ersten
-Kaffeehausbesuch schon soviel Zeit vergangen war und er noch immer
-unklar und ziellos dahinlebe. Abwesend sah er in das glänzende Gesicht,
-von der Krawattenperle zum seidenen Tüchlein, das glatt und grün aus der
-Brusttasche wuchs.
-
-„Gestern übrigens – ich unterhalte mich nicht ungern mit dem jungen
-Heller – erzählte er mir im Klub, er habe den Ingenieur, der das
-Einrichten der Weichenfabrik überwacht und geleitet hat, husch, die
-Lerche! rausgeschmissen.“
-
-„Fort möchte ich! Weg von Europa! Weg von dem Ganzen! ... Vielleicht
-wenn ich Dolmetscher werden könnte in China!“ Und plötzlich erfüllt von
-Zorn und Hohn: „Bist du schon weit mit deiner Knopfsammlung?“
-
-„Unsinn! Das war ja Kinderei. Hast du eine Ahnung! Es gibt, rein
-menschlich genommen, nichts, das mir gleichgültiger wäre als Knöpfe ...
-Ich sammle etwas ganz anderes.“
-
-Er beugte sich zu Jürgens Ohr, flüsterte und lehnte sich wieder zurück.
-„Von jeder, die ich gehabt habe! ... Kannst dir die Sammlung einmal
-ansehen.“
-
-„Weshalb hat er ihn denn hinausgeworfen?“
-
-„Überall liegt ein Zettel bei, mit dem Vornamen der Betreffenden und dem
-Datum.“
-
-„Wenn er doch das Einrichten der Fabrik leitete!“
-
-„Ja, und gleich hinterher hat er die Arbeiter zum Streik aufgehetzt. Ein
-Blutroter nämlich, verrückter Weltverbesserer, weißt du, Bombenschmeißer
-und so ... Zeichnet, konstruiert, wählt aus, baut um, rennt und
-schwitzt, bis das Werk steht – soll übrigens ein brauchbarer Techniker
-und Organisator sein –, dann hetzt er die Leute auf ... So etwas gibts
-noch, heutzutage, trotz des enormen Aufschwungs unserer Industrie.“
-
-„Hast du denn schon einmal darüber nachgedacht, daß trotz des
-Aufschwunges unserer Industrie die große Mehrheit aller Menschen zu
-schwer arbeiten muß und dabei kaum das Nötigste zum Leben hat, vor allem
-aber jeglicher Möglichkeit, ihre geistigen Anlagen auszubilden,
-jeglicher Entwicklungsmöglichkeit vollständig beraubt ist? Im Gegensatz
-zu anderen, die essen, leben und sich bilden können – wie zum Beispiel
-wir –, selbst wenn sie wenig oder nichts arbeiten!“
-
-„Deine Sorgen! Übrigens: ich muß auch arbeiten. Und wie wir geschwitzt
-haben, mein Alter und ich, betreffs des Armeeknopfes! Du solltest nur
-ein einziges Mal eine Kalkulation für solch eine Riesenlieferung machen
-müssen, da würde dir das Nichtvorhandensein sämtlicher und noch einiger
-Dutzend mehr Entwicklungsmöglichkeiten anderer Leute schnuppe sein.“
-
-Wer weiß überhaupt, dachte Jürgen, weshalb der eine denkt und der andere
-niemals zu selbständigem Denken, nie zu einer eigenen Meinung kommt und
-deshalb auch nie zu einem Proteste gegen das Bestehende? Ist da die
-verschiedene Konstitution entscheidend? Oder das Leben, wie es ist, die
-Ordnung, die Lebensordnung? Oder alles zusammen? ... Das ist ein tiefes
-Problem. Das sind Fragen, schwer zu beantworten ... Und wer jetzt dazu
-noch überlegt, daß ganz offenbar diejenigen, die nicht selbständig
-denken, die Uneigenen, diese Ordnung bestimmen, dem Leben das Gesicht
-geben, der muß zugeben: Alles, das Ganze, ist verkehrt. Das Ganze!
-
-„Jeder Armeeknopf muß x-mal durch die Maschine laufen. Dazu die
-Berechnung des Rohmaterials, der Kapitalsverzinsung, der Arbeitslöhne.
-Wenn du zu hoch kalkulierst, bekommst du den Auftrag nicht; und wenn du
-dich bei solch einem Riesenauftrag verrechnest, bist du pleite.“
-
-Den kleinen Finger weggespreizt, zog er das grüne Tüchlein aus der
-Brusttasche und wischte sich die trockene Stirn. „Was sagtest du vorhin?
-Dolmetscher in China? Kannst du denn chinesisch? Es gibt meines Wissens
-und gewissermaßen nicht ein Dutzend Leute in Deutschland, die chinesisch
-können.“
-
-„Gerade deshalb glaube ich ja, daß ich leicht einen Dolmetscherposten in
-China bekommen könnte“, sagte Jürgen, der bis vor zehn Minuten niemals
-daran gedacht hatte, Dolmetscher in China werden zu wollen.
-
-„Ich kann ja schon ziemlich chinesisch“, begann er auf der Straße von
-neuem. „Ich lerne nämlich seit Jahren in einer alten Grammatik, die ich
-unter den Büchern meines Vaters gefunden habe ... Zum Beispiel als
-Dolmetscher bei der deutschen Gesandtschaft in China! ... Nur weg von
-Europa!“
-
-„Solltest du nicht Amtsrichter werden? ... Schön, werde du Dolmetscher!
-Nichts als Romantik, mein Lieber, sauere Romantik! ... Na, mein Ziel
-kennst du ja. In einigen Monaten ist das neue Knopfexporthaus unserer
-Knopffabrik angegliedert. Runde Sache! Konzentration, mein Junge! Aber
-davon verstehst du ja nichts ... Im übrigen – lebe ich, amüsiere mich
-und, um es glatt herauszusagen, vergrößere meine Sammlung weiblicher
-Geschlechtshaare. Später ... natürlich heiraten!“ Er war mit der
-Bankierstochter Elisabeth Wagner, einer früheren Mitschülerin
-Katharinas, verlobt.
-
-Der schwere Wagen hielt. Der Fabrikantensohn stieg aus und die
-läuferbelegte Treppe hinauf. Auch Jürgen und Adolf waren vor dem
-Klubhause angelangt.
-
-„So einfach, wie du dir das vorstellst, erhält man Staatsaufträge
-natürlich nicht. Da sind, abgesehen von der Kalkulation, noch ganz
-andere Kräfte im Spiel, Kräfte, sage ich dir ... Für tausend Knöpfe
-werden bezahlt“, rief er plötzlich mit starker Stimme und nannte die
-Summe, „und hundertachtzig Millionen sind bestellt ... Rechne aus! Mein
-verflossener Chef wird platzen vor Ärger über den Kommerzienratstitel.
-Und obendrein, schwuppdich! schnappten wir ihm noch den kolossalen
-Staatsauftrag weg. Kurzum: es geht, husch, die Lerche! schnurstracks in
-die Höhe. Merkst du das?“
-
-„Schwuppdich!“ murmelte Jürgen; er hatte gar nicht zugehört.
-
-Da klang, wie damals, Klaviergepauke und Refraingesang durch das offene
-Fenster. Und Adolf, beide Arme weit ausgebreitet, Stock in der einen,
-Glacés in der andern Hand, sang mit in übersprudelnder Lebensfreude:
-
- „Es haben zwei ne ganze Nacht
- Zusammen in einem Bett verbracht.
- Was ham se wohl gemacht?“
-
-Während Jürgen die Stadt durchquerte, verlobte auch er sich. Katharinas
-Vater, Herr Geheimrat Lenz, löste die Verlobung wieder, weil Jürgen ein
-brotloser Philosoph und nicht bei einer schlagenden Verbindung war.
-
-Am Arme ihres Gemahls – einer berühmten Persönlichkeit – geht Katharina
-vorüber an Jürgen, ihrem früheren Verlobten, der, total heruntergekommen
-und versoffen, die Straße kehrt. Bleibt stehen, ergriffen von Mitleid.
-‚Sieh mal, wie furchtbar traurig! Er war mein Jugendfreund. Schenke ihm
-doch etwas.‘
-
-Ihr Mann ist sehr edel, gibt seine ganze Brieftasche dem demütig
-Dankenden, an dessen abgezehrtem Gesicht die Tränen herunterrollen.
-
-Auch Katharina schluchzt, legt ihre Hand auf die seine, die den Besen
-hält, und sieht ihren Mann an: ‚Jürgen war nicht immer so. Denke das ja
-nicht. Wenn du wüßtest, welch wunderbarer Mensch er gewesen ist! Hätte
-ich ihn sonst geliebt? Keineswegs immer so! Zum Beispiel ernannte ihn
-die Regierung, obwohl er anfangs nur ein untergeordneter Dolmetscher
-war, seiner ganz außerordentlichen Fähigkeiten wegen zum deutschen
-Gesandten in China.‘
-
-Da verschwand Katharinas Mann. Nicht dieser, sondern Jürgen ist mit ihr
-verheiratet, empfängt die phantastisch wunderbar gekleideten
-chinesischen Würdenträger, von denen vor lauter tiefen Verbeugungen
-beständig nur die Rücken zu sehen sind. Der Saal hat keine Decke. Das
-Sternenfirmament blitzt über dem glänzenden Feste des deutschen
-Gesandten. Der Reichskanzler hat für außerordentliche diplomatische
-Dienste an Jürgen ein Danktelegramm geschickt. ‚Empfehlen Sie mich auch
-Ihrer Frau Gemahlin.‘
-
-‚Katharina, der Kanzler läßt sich dir empfehlen.‘
-
-‚Das alles habe ich nur dir zu verdanken, Jürgen.‘
-
-Der Aufschrei einer Frau und das Schimpfen und heftige Läuten des
-Trambahnführers stießen ihn zurück in die Wirklichkeit. Er befand sich
-in einem ihm gänzlich fremden Stadtteil.
-
-„Wenn diese schweinischen Träumereien jetzt nicht endlich aufhören,
-knalle ich mich nieder. Das ist ja Onanie“, schrie er plötzlich
-wutentstellten Gesichtes, in dem, ebenso plötzlich, grenzenlose
-Verwunderung sich auftat, als er bemerkte, daß er vor dem Hause stand,
-in welchem der Ingenieur wohnte.
-
-Jetzt erst erinnerte Jürgen sich wieder, daß er Adolf nach der Adresse
-gefragt und auf dem Wege durch die Stadt zweimal Straßenschilder gesucht
-hatte, in diese Seitenstraßen eingebogen und einmal sogar ein Stück
-Weges wieder zurückgegangen war, ohne sich des Grundes bewußt geworden
-zu sein.
-
-Außerdem ist Katharina ja von zuhause weggelaufen, wird sich also von
-dem Herrn Geheimrat nichts mehr dreinreden lassen, dachte er, schon
-wieder traumversunken, beim Hinaufsteigen, las auf einem weißen Kärtchen
-den handgeschriebenen Namen des Ingenieurs. ‚Was soll ich ihn denn
-fragen? Was soll ich sagen?‘
-
-Da hatte er schon geläutet. Die schweigsame Wirtin, deren Unterlippe
-mürrisch auf das Kinn herabhing, führte ihn in das große, helle Zimmer.
-Der Ingenieur saß am Schreibtisch, mit dem Rücken zur Tür. „Setze dich.“
-
-Jürgen setzte sich. Betrachtete die hellgelben, leeren Wände.
-
-„In den Sessel!“
-
-Er stand auf und setzte sich in den modernen, bequemen Ledersessel, vor
-das vollgestopfte Bücherregal, neben dem mehrere Stöße fremdsprachiger
-Zeitungen auf dem glänzenden Parkettboden standen. ‚Was soll ich sagen?
-Verflucht, das ist ja wie in der Schule ... Was will ich überhaupt?‘
-
-Lange und nachdenklich sah er den schreibgekrümmten Rücken an. ‚Wenn ich
-das wüßte, würde ich nicht hier sein.‘
-
-„Genossin, dein Artikel war in einem wichtigen Punkte schlecht. Du
-solltest den betreffenden Abschnitt noch einmal bei Marx nachlesen. ‚Die
-Klassenkämpfe in Frankreich‘. Auch bei Engels ‚Ursprung der Familie‘
-gibt es darüber eine sehr aufschlußreiche Stelle.“
-
-Jürgen nahm sich vor, diese zwei Bücher gleich zu kaufen. ‚Aber so geht
-das ja nicht weiter. Schließlich verrät er mir noch Geheimnisse.‘
-
-„Bei Marx nämlich ist die Problemstellung folgendermaßen“, sagte der
-Ingenieur und wandte sich um. „Entschuldigen Sie! Ich erwartete jemand.“
-Er hatte unveränderlich junge Augen in einem männlich fertigen Gesicht,
-das als Abschluß einen kleinen Spitzbart braucht, der auch vorhanden
-war.
-
-Jürgen stand auf. Da klingelte das Telephon. Während der Ingenieur
-horchte und sprach und horchte, verwarf Jürgen zehn verschiedene
-Gesprächsanfänge. Wünschte sich fort. Vernahm, wie der Ingenieur das
-Höhrrohr wieder auflegte. „Also, was wollen Sie?“
-
-„Fragen, was ich mit meinem Leben anfangen soll ... Ich bin doch nun
-einmal da“, antwortete er in einem Tone, als ob er gestanden hätte: Ich
-habe das Verbrechen begangen, nun machen Sie mit mir, was Sie wollen.
-
-Bleich und rot in einem vor Ärger über seine Verlegenheit, blickte er
-den Ingenieur wütend an.
-
-„Ja. Aber du solltest mich doch nicht wegen jeder Kleinigkeit anrufen,
-Genosse“, sagte der Ingenieur, der schon wieder verlangt worden war, in
-den Apparat hinein.
-
-‚Ich frage ihn, ob ich Philosophie oder meinethalben Astronomie
-studieren soll, und geh meiner Wege. Denn zu erklären, um was es sich
-eigentlich handelt – diese ganze Qual –, ist einfach unmöglich.‘
-
-„Und außerdem wurde eben mitgeteilt“, meldete der Hilfsredakteur, der
-im fünften Stocke des Druckereigebäudes in dem winzigen
-Redaktionszimmerchen saß, ein Stück Brot in der Linken, das Höhrrohr
-in der Rechten, „daß die Regierung beschlossen habe, dem
-Auslieferungsverlangen der spanischen Regierung nachzukommen.“
-
-„Das wäre der erste Fall dieser Art“, entgegnete ungläubig der
-Ingenieur. „Der Mann hat aus ganz offensichtlich politischen Motiven den
-Polizeipräsidenten erschossen.“
-
-Ich kann ihn doch nicht fragen: Was soll ich tun, um die Welt zu
-erlösen? dachte Jürgen.
-
-„Und politische Verbrecher werden bekanntlich nicht ausgeliefert.“
-
-Der Hilfsredakteur legte das Brot weg, ergriff ein Papier. „Es ist eine
-amtliche Depesche, in der das Attentat als gemeines Verbrechen
-dargestellt wird. Übermorgen wird er von hier abtransportiert zur
-Grenze.“
-
-‚Aber so ersticke ich eines Tages noch in diesem zähen Sumpf, wenn nicht
-etwas geschieht.‘
-
-„Ich werde noch vor Mitternacht eine Notiz über den Fall in die
-Redaktion schicken für die morgige Nummer.“
-
-Der ist mitten drin in der Umsturzbewegung, dachte, plötzlich entflammt,
-Jürgen und sah leuchtenden Blickes den Ingenieur an. „Vielleicht können
-Sie mir doch raten, was ich beginnen soll“, sagte er, als ob er das, was
-er nur gedacht hatte, ausgesprochen hätte. „Einen Weg zeigen! Ich tue
-alles. Ich bin nicht feige!“
-
-Der durch viele Publikationen im ganzen Lande bekanntgewordene
-sozialistische Agitator, vor dem schon öfters idealistisch gesinnte
-junge Menschen gesessen hatten, im Blick die Frage, was sie mit ihrem
-Idealismus anfangen sollten, fragte mit mehr Interesse im Ton, als er
-hatte: „Haben Sie schon Arbeiterversammlungen besucht?“ und lehnte seine
-Taschenuhr gegen das Tintenfaß.
-
-„Ich nicht. Aber mein Bekannter! ... Er hatte eine Siedlung gegründet.
-Jetzt ist er Mitglied der sozialistischen Partei, und da wird er wohl
-...“ sagte Jürgen und errötete tief, als er sah, daß der Agitator ein
-Lächeln nicht ganz unterdrücken konnte.
-
-„Die Siedlung war vollkommen kommunistisch ... Auch diese Siedler
-konnten es einfach nicht ertragen, das Leben, so wie es ist ... Alles
-zusammen, das Ganze! ist ja eine einzige ungeheuerliche
-Niederträchtigkeit.“
-
-„Wenn Sie sich dessen nur auch späterhin bewußt bleiben! Dann ist es
-ganz gleich, welchen Beruf Sie wählen. Wichtig ist dieses Bewußtsein.
-Möchten Sie das nie vergessen.“
-
-„Das Bewußtsein?“
-
-„Der Mensch kann auch sein Bewußtsein, nämlich das, was er in der
-Jugend, als noch Protestierender, schon erkannt und sogar tief empfunden
-und erlitten hatte, mit den Jahren vergessen.“
-
-Jürgen lauschte hinein in sein dunkles Gefühls-Ich. „Er kann, ich
-verstehe Sie schon, in eine gefährliche Schicksalspause
-hineinschlingern, ja? und in dieser Schicksalspause den Kampf aufgeben:
-alles verraten, was er erstrebt hatte.“
-
-Der Agitator steckte die Uhr ein. „Höchste Zeit! Sie kommt nicht mehr.
-Wahrscheinlich ist sie von der Redaktion aus direkt ins ‚Paradies‘
-gefahren ... Ungefähr das meine ich. Schicksalspause ... Wie die das
-Mädchen ausnützen! Muß die Artikel schreiben und die Zeitung dann auch
-noch verkaufen.“
-
-„Dann kommt das Geldzusammenscharren. Und wenn dann einer eine Zeitlang
-tüchtig, das heißt: brutal genug und nur auf seinen eigenen Vorteil
-bedacht war, ist er – husch, die Lerche! wie mein Schulfreund sagt – auf
-Kosten unterdrückter Elendsmenschen ein geachteter Mann.“
-
-„Aus solchen geachteten Männern besteht die herrschende Klasse.“
-
-„Ich habe nämlich erfahren, weshalb Ihnen gekündigt wurde. Sie sind
-Sozialist?“ Und ob er ihn noch ein Stück begleiten dürfe, fragte Jürgen
-auf der Straße. „Sie glauben also, daß im Sozialismus alles von Grund
-auf besser werden würde?“
-
-Der Agitator sprang auf die anfahrende Straßenbahn. „Ich glaube, daß
-jede Zeitepoche in sich ihre durch den Stand der Produktionskräfte
-bedingte Aufgabe trägt, die zu erfüllen der zeitbedingte Inhalt des
-Idealismus aller Kampf- und Opferbereiten ist, und daß die Aufgabe
-unseres Jahrhunderts in der Abschaffung des Privateigentums an den
-Produktionsmitteln besteht, in der Überführung der Produktionsmittel in
-gesellschaftliches Eigentum, in der Verwirklichung des Sozialismus auf
-dem Wege des Klassenkampfes ... Und was die idealistisch gesinnte
-bürgerliche Jugend unseres Jahrhunderts anlangt, glaube ich, daß sie den
-wahren, weil zeitbedingten, Inhalt ihres Idealismus eben auch nur in dem
-Kampfe um die Verwirklichung des Sozialismus, Seite an Seite mit der
-Arbeiterklasse, finden kann ... Das gilt auch für Sie persönlich. Alle
-anderen Befreiungs- und Erlösungsideen sind Nebel und Wolken in
-verschiedener Beleuchtung und werden von der bürgerlichen Front glatt
-verdaut, ja, von ihr selbst gestartet und als Fangangeln ausgelegt.“
-
-Erst in dieser Sekunde, da er das echte Interesse des Agitators fühlte,
-erkannte Jürgen, daß es anfangs nicht ganz echt gewesen war. Das
-erstemal in meinem Leben, dachte er, gibt ein ernstzunehmender Mensch
-mir einen ernstgemeinten Rat, und ich weiß mit diesem Rate nichts
-anzufangen. Verstehe ihn gar nicht. Überführung der Produktionsmittel in
-gesellschaftliches Eigentum? Er hätte ebensogut sagen können: Der Inhalt
-des Idealismus eines jungen Menschen unserer Zeit kann nur darin
-bestehen, daß er lernt, ohne Führer den Montblanc zu besteigen oder das
-Vaterunser von rückwärts zu beten. Jürgen war ernüchtert.
-
-„Tatsächlich aber geschieht das Gegenteil: Die idealistisch gesinnte
-bürgerliche Jugend steht und kämpft gegen die Arbeiterklasse, gegen die
-Verwirklichung des Sozialismus, und damit gegen den nächsten großen
-Schritt zur Befreiung der Menschheit, gegen des Menschen nächsten
-Schritt zu sich selbst. Diese Jugend erkennt ihre Aufgabe nicht und
-gerät deshalb in die tollsten Verirrungen.“
-
-So allmählich, wie die Trambahn den Prachtstraßen, dem Prunkviertel
-entrückt und in die Elendszeilen der verluderten, nackten Mietskasernen
-vorgerückt war, hatten die gutgekleideten Fahrgäste für
-schlechtgekleidete den Wagen geräumt, der nun, überfüllt mit Arbeitern
-und Fabrikmädchen, seine schmutzige Ladung weiterschleppte durch das
-Viertel, wo die Not stand in ihrer ganzen Größe. Hier rollten keine
-Gummiequipagen, keine Autos mehr. Der Parfümduft gepflegter Damen war
-niedergeschlagen und aufgefressen worden von dem dicken Schweißgestank
-der Armut. In dem Wagen, wo noch kurz vorher weiße und frische Gesichter
-mondgleich geschienen hatten, hingen jetzt graue Antlitze im Dunst,
-hautüberzogene Schädel mit tief in die Höhlen versunkenen Augen, die
-blickten.
-
-Zwei Menschheiten: eine Menschheit war ausgestiegen; die andere
-Menschheit war eingestiegen.
-
-Ein winziger, ganz weißer Schoßhund, von einer vergeßlichen Dame im
-Wagen zurückgelassen, bekam irrblickende Augen und bellte die fremde,
-die andere Menschheit an.
-
-Jürgen betrachtete zwei Männerhände, und als er das dazugehörige Gesicht
-suchte, sah er, daß diese rissigen, hornhäutigen, übergroßen
-Männerfäuste einem jungen Arbeitermädchen angehörten. Neben ihr wackelte
-der Oberkörper eines bärtigen alten Briefträgers, in dessen zerklüftetes
-Wachsgesicht das Ersteigen von millionenmal vier Stockwerken
-eingezeichnet war, steif und haltlos hin und her.
-
-„Nun sind wir direkt und mitten in das soziale Problem hineingefahren.
-Mit der Elektrischen! ... Nur dies allein (auch das gilt für Sie
-persönlich), nur den Übertritt zur Arbeiterklasse, nur diesen letzten
-Schritt verzeiht der Bürger uns Bürgersöhnen nicht. Denn er weiß, daß
-wir erst dann gefährlich werden können ... Geist, christliche
-Menschenliebe, Helfenwollen, Ändernwollen, erlaubt der Bürger noch. Da
-lächelt er noch. Ja, alles das nimmt er sogar für sich selbst in
-Anspruch. Denn er ist sozusagen für den Fortschritt. Aber nur ja nicht
-das! Nur ja nicht tatsächlich ändern! Da wird er wild. Da demaskiert er
-sich. Da läßt er verfolgen, einsperren und, unter Umständen, erschießen
-und erschlagen.“
-
-Die drei aneinandergekoppelten Wagen, vollgestopft mit Arbeitern, die
-bis auf die Trittbretter herausquollen, überholten lose zusammenhängende
-Arbeitertrupps, die sichtbar alle dem selben Ziele zustrebten. Immer
-wieder hörte Jürgen den Schrei: „Zum Paradies!“ Der Schaffner kassierte.
-
-Der Agitator, der schweigend vor sich hingeblickt hatte, machte eine
-Bewegung, als schüttle er etwas von sich ab. „Es ist nichts zu machen.“
-Und da Jürgen fragte, teilte er ihm den Inhalt der Depesche mit.
-
-„Und was geschieht dann mit dem Attentäter?“
-
-„Er wird hingerichtet.“
-
-„So ... Wird hingerichtet.“
-
-Vorüber an einer geschlossen und zielhaft marschierenden Gruppe
-Schutzleute. Krachend vorbei an einem Kanalloch, um das herum
-Proletarierkinder Ringelreigen tanzten.
-
-Fabrikmädchen, die halb geschlafen hatten, erwachten im Ruck: Alle
-Fahrgäste und die grau herbeiströmenden Arbeitermassen drängten hinein
-in das ‚Paradies‘, das schon überfüllt war.
-
-Galerien und Balkone, von denen die Menschenleiber, übereinandergetürmt,
-gleich Gewächsen aufstiegen, stürzten nicht hernieder. An den Tischen:
-Oberkörper neben Oberkörper, überragt von denen, die, dicke
-Menschenschnüre bildend, dichtgedrängt in den Zwischengängen standen.
-Gebärden der Erregung durchschnitten Stimmengeschwirr und Rauch, hinter
-dem die Wandmalereien verschwammen: paradiesische Wesen, die alles im
-Überflusse hatten.
-
-Plötzlich hörte und sah Jürgen, der eine Sekunde die Augen geschlossen
-hatte, gewaltige, kilometerbreite, gischtige Wassermassen aus blauer
-Höhe herabklatschen: sah zehntausend klatschende Menschenhände und in
-weiter Ferne, auf dem Podium, einen Mann.
-
-Da schwoll sein Herz, und das nie empfundene Gefühl rückhaltloser
-Hingabe erfüllte ihn ganz. Sympathie für den Mann, der das Vertrauen
-dieser fünftausend Hoffenden besaß. Hingabe an diese fünftausend
-Vertrauenden. Stürmischen Herzens streckte er die Hand dem jungen
-Zeitungsverkäufer hin, der rief: „Die Befreiung! Die Befreiung!“
-
-Arbeitsschwarze Hände griffen nach den Blättern, die er über den Kopf
-hochhalten mußte. Ein Zögernder fragte: „Was kostet die Befreiung?“
-
-„Genossinnen! Genossen! Euer gemeinsamer Kampf, der Klassenkampf, die
-Gemeinsamkeit all derer, die durch ihr Klassenschicksal die gegebenen
-und unbedingten Feinde des Kapitalismus sind, dieses Gemeinsame, Euer
-Klassenbewußtsein, ist der unerschöpfliche Quell Eurer Kraft: Kraftquell
-für jeden und für das Vertrauen jedes einzelnen auf seine Kraft“,
-erklang fernher die Stimme des Redners.
-
-Und Jürgen fragte: ‚Ist das so? ... Ich werde dahinter kommen, ob und
-weshalb das so ist.‘ Ihm entgegen drängte noch einmal der junge
-Zeitungsverkäufer, auf dem Arme den Stoß, der bis zu seinem Ohre
-reichte. „Du hast nicht bezahlt.“ Und da Jürgen, verwirrt, ihm in das
-Antlitz sah: „Zwanzig! ... Umsonst gibts nichts.“
-
-„Zwanzig?“ Der Zögernde blickte wieder den schweißtriefenden Kellner an
-und überlegte, ob er ‚Die Befreiung‘ oder ein Glas Bier kaufen solle,
-als wäre beides zusammen unmöglich.
-
-Da erkannte Jürgen an einer Kopfbewegung des Redners den Agitator, der
-von Monopolisierung, Akkumulation und Mehrwert sprach, worunter Jürgen
-sich nichts vorstellen konnte.
-
-„Dazu noch das arbeitslose Einkommen, geschluckt von Aktienbesitzern,
-die in gar keiner Weise arbeiten in dem Betriebe, von dem sie die
-Dividenden beziehen. Ich lasse mein Kapital arbeiten, sagt der
-Aktienbesitzer, der auf dem Kanapee liegt, die Kurse studiert, wie die
-Spinne im Netz in der Börse lauert, erstklassig durch das Leben
-glitscht, aber den Rasen nicht betritt, kein Holz im Walde stiehlt,
-sondern für Recht und Ordnung ist.“
-
-Die fünftausend saßen reglos, horchten und blickten, als hielten sie mit
-ihren Händen den Erdball.
-
-„In den Betrieben schuften Männer und Frauen jahraus, jahrein, von früh
-bis abends an den Maschinen, machen vom vierzehnten bis zum sechzigsten
-Lebensjahre immer die selben Handgriffe, aus denen Zahnbürsten,
-Lokomotiven, Stecknadeln, Überseedampfer, Schreibmaschinen, Schuhe,
-Leintücher entstehen; in behaglichen oder eleganten, geschmackvollen
-oder geschmacklosen Wohnungen sitzen Herren und Damen, deren
-Lebensarbeit darin besteht, das Dasein zu genießen, ins Theater zu
-fahren, über Kunst und Literatur dumm oder klug zu reden, Kulturträger
-zu sein, ihr Dienstpersonal zu schikanieren und ihre Kinder falsch zu
-erziehen und reich zu verheiraten, Leute, die einen Betrieb nie betreten
-haben, es seien denn Modegeschäfte und Sekt-, Tanz-, Bordell- oder
-sonstige Nachtbetriebe gewesen, gepflegte Zeitgenossen, die keinen Dunst
-davon haben, wie Zahnbürsten fabriziert werden, oder wie ein Webstuhl
-aussieht, und beziehen Dividenden von einer Bürstenfabrik oder einer
-Leinenweberei, während die Kinder der Bürstenmacher nicht einmal wissen,
-daß die Benutzung einer Zahnbürste zur Erhaltung der Zähne beiträgt, und
-die Leinenweber für ihre armseligen, stinkenden Betten keine Leintücher
-kaufen können.“
-
-Auch meine Tante besitzt eine Schatulle, gefüllt mit Aktien, sie, die in
-ihrem ganzen Leben nie etwas anderes gemacht hat, als diese qualvollen
-Häkeldeckchen, dachte Jürgen.
-
-„So kommt es, daß euch, wenn ihr an einem Werktag, während der
-Arbeitszeit – um elf Uhr früh, um vier Uhr nachmittags – durch die
-Geschäftsstraßen einer Großstadt geht, die vor Arbeit brüllt und dampft,
-Tausende und Tausende und Tausende hübsch und elegant gekleideter,
-gepflegter Mädchen, Frauen und junger Männer begegnen. Das sind die
-Töchter – höhere Töchter –, die Gattinnen, die Söhnchen. Sie arbeiten
-nicht; aber sie essen dennoch, und nicht Kutteln mit Sauce. Kaufen ein,
-geben viel Geld aus, damit die Arbeiter ihr Brot verdienen können,
-versteht ihr, wohnen bequem und hygienisch, hören Konzerte, können
-ausgezeichnet tanzen und zur Not Gesetzesparagraphen auswendig lernen,
-die gegen Arbeiter anzuwenden den künftigen Staatsanwälten und Richtern
-dann nicht schwer fällt. Sie sind die Angehörigen ihrer Aktien
-besitzenden Gatten und Väter, leben von dem Mehrwert, der den
-Werktätigen abgepreßt wird, und haben, im allerbesten Falle, ein
-mitleidiges, staunendes Lächeln für demonstrierende Arbeiter, von deren
-Schweiß und Not und Tod sie leben.“
-
-Aber nicht den schwächsten Reflex des Bewußtseins, daß sie von dem
-Schweiße dieser Arbeiter leben, dachte Jürgen. Das weiß ich bestimmt.
-Sind weltenweit entfernt von diesem Bewußtsein.
-
-„Und die Kirche liefert die entsprechende Religion: Du sollst nicht. Du
-sollst, sollst nicht, sollst! Kürzer: Das Eigentum ist heilig.“
-
-„Im Diesseits“, sagte heiter lächelnd ein neben Jürgen stehender
-Arbeiter. „Im Jenseits gibts nämlich keine Rittergüter, Bergwerke,
-Webereien und Möbelfabriken.“
-
-Wer da war in diesem Saale, plötzlich fühlte Jürgen sich mit jedem
-einzelnen und mit allen zugleich wie durch ein unbegreifliches Wunder
-verbunden. Der Haß dieser fünftausend war sein Haß, ihre Hoffnung, ihr
-Ziel waren seine Hoffnung, sein Ziel. Und da geschah es, daß seine
-lebenslange Unsicherheit und Hilflosigkeit der Umwelt gegenüber
-urplötzlich verschwanden und das kraftspendende Gemeinschaftsempfinden
-so mächtig in ihm entstand, daß er an sich halten mußte, nicht
-loszubrüllen vor innerem Jubel.
-
-‚Da wurde ich vierundzwanzig Jahre alt und ahnte nicht, was
-Selbstbewußtsein ist. Fühlte es nicht! Fühlte es nicht, wegen meiner
-unfruchtbaren Einsamkeit, angesichts dieses verruchten Geschehens, dem
-gegenüber der einzelne sich nimmermehr zurechtfinden kann oder, findet
-er sich zurecht, verloren ist. So oder so! Denn das Zurechtfinden
-innerhalb dieses Ganzen bedeutet, wie immer es geschieht, menschlich den
-Untergang ... Jetzt geht der Kampf an. Kampf bis zum Tode!‘
-
-„Der Klassenkampf! Neueste Nummer! Der Klassenkampf! Die Befreiung!
-Neueste Nummer: Der Klassenkampf!“
-
-Das Herz schlug nicht mehr. In den Fingerspitzen fühlte er den letzten
-Schlag, anstürmend, als wolle das Blut herausspringen. So starrte er das
-verschwitzte, kompakte Antlitz an, den gebogenen Nacken, den kleinen,
-festen Mund, der rief: „Die Befreiung! Der Klassenkampf!“
-
-Da war Katharina schon wieder verschwunden im überfüllten Zwischengang.
-Er sah nur noch den über ihrem Kopfe schwebenden ‚Klassenkampf‘. Und
-noch in diesem selben Augenblick zog ein endlos langer Zug
-arbeitsunfähig gewordener alter Männer und Frauen grau und düster durch
-Jürgens Sehnsucht, gleichberechtigt neben Katharina zu stehen.
-
-Sekunden später war das Arbeiterversorgungsheim gegründet. Alles
-funktionierte tadellos. Alle Zeitungen schrieben darüber. Jürgen
-empfängt eine Deputation des Berliner Magistrats. Die Herren tragen die
-Zylinder in der Hand. Vier Herren. Der schmalste, feinste hat einen
-Scheitel, von der Stirn bis zum Nacken, und führt das Wort.
-
-Gewiß, Jürgen sei bereit, auch in Berlin so ein Versorgungsheim zu
-organisieren. Warum nicht! Natürlich müsse er erst die besonderen
-Verhältnisse an Ort und Stelle studieren. ‚Die Konstellation
-gewissermaßen, Sie verstehen! Außerdem haben andere Stadtverwaltungen
-sich schon früher bei mir gemeldet, müssen Sie wissen. Und wer zuerst
-kommt – nicht wahr ...‘
-
-Vier Verbeugungen, die vor Befangenheit und Freude darüber, daß Jürgen
-den Herren die Ehre zuteil werden läßt, einen Witz zu machen, schief
-ausfallen. Sogar die Münder lächeln schief. Und der schmale, feine
-Wortführer sagt: ‚Natürlich, hahaha! gewiß, der mahlt zuerst!‘
-
-‚Und jetzt, meine Herren ...‘ Die vier ziehen sich sofort zurück. Auch
-die Tante, die respektvoll dabeigestanden war, verläßt leise das Zimmer,
-den mit Arbeit Überlasteten nicht länger zu stören. Katharina, am
-Schreibtisch lehnend, sieht Jürgen bewundernd an.
-
-Tausendfaches Händeklatschen. Alle schoben sich der Ausgangstür zu.
-Jürgen erreichte, halb getragen, die Straße, schwitzend und begeistert.
-Stand vor der Wirklichkeit, die vier Schutzleute vor das ‚Paradies‘
-gestellt hatte, stumm und blickend. Die Proletarierkinder tanzten noch
-immer Ringelreigen, herum um das dampfende Kanalloch.
-
-Senkrecht sauste Jürgen aus seiner Kirchturmhöhe herab auf das reale
-Pflaster, empfangen von Ekel und Selbsthaß, weil er wieder geträumt und
-sich wieder hatte achten und bewundern lassen. Mit einem innerlichen,
-einem wilden Sprunge langte er wieder an bei sich selbst. ‚Ich werde dir
-das abgewöhnen. Werde dir das abgewöhnen!‘
-
-Die Masse spülte ihn weiter. Jürgen entfaltete den ‚Klassenkampf‘.
-
-Arbeiter, die den Lesenden überholten, wandten sich um nach ihm. Einige
-legten, wenn er aufsah, den Finger an die Mütze.
-
-Offenbar ein zäher, langwieriger, trockener Kampf; aber das Ziel, das
-Ziel – es ist unerhört ... Ob ich herausfinden werde, was schlecht ist
-an ihrem Artikel? dachte Jürgen und las Katharinas Artikel noch einmal
-von Anfang an.
-
-Plötzlich vernahm er, stehend im Straßenlärm, deutlich das Summen einer
-großen Fliege, blickte erstaunt auf und bemerkte, daß er vor dem
-‚Platzwirt‘ stand, einer Zuhälter- und Verbrecherkneipe, vor der er,
-sooft er vorbeigegangen war, immer tiefes Grauen empfunden, und die zu
-betreten er nie gewagt hatte.
-
-Als er die Tür öffnete, hatte er zuerst die Empfindung, in einen
-riesigen Fabriksaal geraten zu sein, so ungeheuer war der Lärm. Auch die
-Töne des alten Klaviers konnten nur vereinzelt durchdringen.
-
-An den vor Alter bucklig gewordenen Wänden hing gar nichts. Vom
-Schanktisch bei der Tür liefen fünf lange Reihen zwischenraumlos
-nebeneinander stehender Tische nach rückwärts und verschwanden im Qualm.
-Kein einziger Stuhl. Zehn Bankreihen: dicht besetzt von Straßenmädchen,
-Zuhältern, verunglückten oder zu alt gewordenen Artisten und Arbeitern,
-obdachlosen früheren Angehörigen der bürgerlichen Klasse verschiedenster
-Berufe, durch den Konkurrenzkampf heraus- und, ohne Station zu machen
-bei der Arbeiterklasse, gleich hinuntergeschleudert ins
-Lumpenproletariat, und zum größten Teile Existenzen, die infolge langer
-Arbeitslosigkeit rettungslos in Verbrechen versunken und ertrunken
-waren.
-
-Ohne Gesprächsunterbrechung wurde für Jürgen mit selbstverständlicher
-Bereitwilligkeit Platz gemacht, noch enger zusammengerückt. Nur ein
-kurzer Blick, prüfend, ob Jürgen ein Spitzel sei.
-
-Schon stand das Bier vor ihm. Und die Hand des Kellners verlangte das
-Geld.
-
-Niemand wunderte sich über den sorgfältig gekleideten Gast; es kam
-öfters vor, daß elegante Bummler, Frackherren, oft sogar mit ihren
-Damen, nach Ball- oder Barschluß als letzte Sensation diese Kneipe
-besuchten.
-
-Aus den erregten, gespannten und gierigen Gesichtern, aus den
-Gesprächsfetzen und wilden Gesten, aus dem ganzen Gebaren stach vor
-allem anderen deutlich das eine hervor: Alles ist erlaubt, nur darf man
-sich nicht fassen lassen. Hier saßen ausschließlich Existenzen, die das
-Grundgesetz der bürgerlichen Ordnung, ‚Das Eigentum ist heilig‘,
-verletzt hatten, für immer außerhalb jeder Ordnung des Geschehens
-standen und, die drohende Katastrophe unausgesetzt vor Augen, gierig und
-eisern bestrebt waren, das Letztmögliche noch aus dem Leben
-herauszufetzen, bevor sie von der Faust der Krankheit oder des Gesetzes
-gepackt werden würden. Jeder war über jeden orientiert. Mancher konnte
-manchen ins Zuchthaus bringen. Keiner tat es.
-
-Neben manchem stand das Schafott. Es handelte sich nur darum, das
-Schafott nicht besteigen zu müssen. Polizeispitzel, auch in der
-echtesten Verkleidung von den Gästen erkannt, konnten es nicht wagen,
-sich hier sehen zu lassen, es sei denn in großer Anzahl bei einer
-Razzia. Entsicherte Revolver. Hände hoch. So wurden von Zeit zu Zeit die
-Lokalbesucher ausgekämmt. Der ‚Platzwirt‘ war Lieferant des
-Scharfrichters und der Zuchthäuser. In die Privatangelegenheiten seiner
-Gäste mischte er sich nicht hinein. Die Grenze des Erlaubten war in
-seinem Lokal sehr weit gezogen und durfte nicht um einen Millimeter
-überschritten werden. Er hielt auf Ordnung im stürmischen Aufruhr.
-Jürgen war betäubt.
-
-Der ‚Hinausschmeißer‘, ein scheinbar ganz unbeschäftigt neben dem
-Schanktisch emporragender athletischer Brustkasten, machte zwei Schritte
-auf einen eben eingetretenen alten Mann zu, packte ihn von hinten und
-wortlos beim Rockkragen und zwischen den Beinen und trug ihn schweigend
-vor sich her, bis zur Tür, stieß ihn hinaus. Und stand sofort wieder
-reglos am Schanktisch, den Tumult im Blick: Dem Hinausgeworfenen war das
-Lokal verboten. Er hatte einmal die Wurst nicht bezahlt und damit die
-Grenze des Erlaubten überschritten. Der Hinauswurf war von vielen
-gesehen, von keinem beachtet worden. Das Tosen hatte nicht ausgesetzt.
-
-Jürgen gegenüber saß neben einem Mann ein junges Straßenmädchen, den
-grünen Hühnerflügelhut schief auf dem Kopfe. Beide hatten sich noch
-nicht gerührt. Beide stützten beide Ellbogen auf die bierverschmierte
-Tischplatte, an der die Eßbestecke angekettet waren. An dem
-gleichartigen, bösen Schweigen erkannte Jürgen, daß die beiden
-zusammengehörten.
-
-Rechts neben dem Schweigenden hockte männlich breit eine Frau, deren
-ganzes Gesicht – auch die Stirn – schwarzblau war wie eine
-Gewitterwolke, und erzählte, ohne sich an jemand besonderen zu wenden,
-unaufhörlich, daß sie arbeitslos sei, und weshalb sie arbeitslos
-geworden sei. Ein arbeitsloser, schwindsüchtig aussehender junger Mensch
-verzog die Lippen, kaum bemerkbar, als habe er schon keine Lust und
-keine Kraft mehr, noch verächtlich zu lächeln, richtete langsam den
-Oberkörper auf, sah Jürgen an, der sich erst jetzt dieses fahlen
-Gesichtes und des haßerfüllten Blickes, dem er kurz vorher in der
-Arbeiterversammlung mehrere Male ausgesetzt gewesen war, wieder entsann.
-
-Ein erst vor wenigen Tagen nach langjährigem Aufenthalte in Amerika
-zurückgekehrter, heruntergekommener Aristokrat sagte über die
-blauschwarze Frau weg ohne jeden Übergang zu Jürgen: „Da gehe ich
-gestern die große Allee hinunter. Was wollen Sie, ich gehe einfach
-spazieren. Auf einmal sehe ich eine elegante Equipage stehen. Davor zwei
-Pferde. Pferde! Ich verstehe mich darauf. Für Pferde interessiere ich
-mich. Auch jetzt noch ... Und wer, denken Sie, sitzt drin? ... Meine
-Mutter. Mächtig elegant! Ich habe sie erst gar nicht erkannt. Nun, ich
-trete zu ihr an den Wagen. Das ist doch klar. Ist das nicht menschlich?
-
-‚Woher kommst du?‘ fragt sie mich. Gerade, als ob ich eben vom Waldhaus
-vor der Stadt gekommen sein könnte.
-
-‚Aus Amerika! Am Montag!‘
-
-‚Hast du denn Geld. Von mir kriegst du keines.‘
-
-‚Ich hab doch kein Geld.‘
-
-‚So‘, sagt sie und gibt dem Lakai das Zeichen. Fort ist sie ... Das ist
-doch gemein. Ist das nicht gemein? ... Fünf Jahre!“ Er wandte sich
-sofort zu einer anderen Gruppe.
-
-Der Schweigende richtete sich auf, holte wortlos und weit aus und
-knallte dem Straßenmädchen neben sich die Faust auf den. Mund. Dann
-stützte er beide Ellbogen wieder auf den Tisch.
-
-Auch das Mädchen, das beinahe rückwärts von der Bank gestürzt wäre,
-stützte wieder die Ellbogen auf den Tisch. Beide saßen genau wie vorher.
-Schwiegen genau wie vorher. Kein Wort war gefallen. Der Streit lag
-weiter zurück. Ihre Oberlippe war sekündlich zu einer schiefen
-Geschwulst geworden, daß die Zähne hervorsahen.
-
-„Da gehe ich gestern die große Allee hinunter ... Elegante Equipage
-stehen ...“
-
-„Equipage stehen“, hörte Jürgen den Aristokraten am Nebentisch erzählen.
-Krachendes Antwortgelächter übertönte für einen Moment den Tumult.
-
-Der Aristokrat lachte mit. „... Gerade, als ob ich eben vom Waldhaus
-zurückgekehrt wäre ... Aber ist das nicht gemein?“
-
-„Schlag sie tot! Hau sie nieder!“
-
-Noch leichenblaß, sah Jürgen die zwei Schweigenden an. Die Frau mit dem
-blauschwarzen Gesicht rief: „Seit zwanzig Jahren trag ich Backstein. Und
-jetzt bin ich arbeitslos. Und weshalb? Was meinst du wohl, weshalb?“ Der
-Schwindsüchtige verzog die Lippen. Sie bekam keine Antwort. Viele waren
-arbeitslos und wußten, weshalb. „Jetzt passen Sie auf, jetzt kommt unser
-Fotz-Hobel-Quartett“, rief sie Jürgen zu.
-
-Und der sah die vier Männer an, die ihre Mundharmonikas auf die
-Handfläche stauchten. Der eine Spieler, ein stark schielender, kleiner,
-ungewöhnlich breitschulteriger Mann mit kantiger Stirn, machte mit der
-linken Faust anfeuernde Bewegungen. Das Getöse im Lokal verminderte sich
-nicht. Der Schielende hetzte sich und die drei andern Spieler in das
-immer wilder werdende Tempo hinein. Die vier Oberkörper, die
-eingezogenen Köpfe spielten hingerissen mit. Die Gesichter flammten.
-
-Drei zwischen Krücken baumelnde Krüppelkörper zogen langsam vorüber an
-Jürgen und am Quartett. Das Tempo stieg unter des Schielenden Führung
-rasend an. Sie fanden nicht mehr Zeit, die Oberkörper mitzuschaukeln;
-nur die Gesichter zuckten noch knapp im Rhythmus. Der Schielende
-stampfte hetzend mit dem Absatz den Takt. Der Vortrag endete wie
-abgehauen. Der Orkan stand wie vorher im Lokal.
-
-Jürgen hörte einen dumpfen Ton: Wieder hatte die Faust des Schweigenden
-den hochaufgeschwollenen Mund des Mädchens getroffen. Dann saßen beide
-wieder reglos, die Ellbogen aufgestützt.
-
-Die Frau mit dem schwarzblauen Gesicht spuckte, über den Tisch weg,
-scharf an Jürgens Wange vorbei. Eine dünne, weiße Wursthaut flog nach
-und platschte glatt auf den schwarzen Fußboden neben den Schleim.
-
-Der Schweigende schob, als ob nichts geschehen wäre, seiner Freundin die
-abgezogene Wurst hin. Das Mädchen rührte sich nicht. Die geplatzte
-Oberlippe glich einem daumendicken, blauen Wurm.
-
-Jürgen war vor dem an seinem Munde vorbeifliegenden Schleim
-zurückgezuckt und starrte, plötzlich grau am ganzen Körper, den an
-Jahren noch jungen Mann an, der sich bückte, die mit schwarzem Sande
-verschmierte Wursthaut vom Fußboden wieder abzog und in den Mund
-steckte. Mit der ganzen Handfläche schob er nach, kaute zahnlos und
-ging, auf dem Boden nach Abfällen suchend, langsam weiter. Die Menschen
-sah er nicht an. Nur den Fußboden. Apathisch, wie ein wandelnder Toter.
-Und als ihm vom Schweigenden die verschmähte Wurst zugeworfen wurde,
-versuchte er gar nicht, sie aufzufangen; er ließ sie gegen seine Brust
-prallen und erst zu Boden fallen. Strümpfe, Weste, Rock, Hemd hatte er
-nicht an. Nur Hosen und darüber einen Mantel. Seine Augen waren
-verschleimt und tot. Die Unterlippe, nach außen gedreht, hing
-unbeweglich, schief und drei Finger breit herab.
-
-Mit Entsetzen sondergleichen fühlte Jürgen: Dieses kranke Stück Fleisch
-will nur noch Essen zugeführt bekommen, während der Wilde und sogar
-jeder Hund, auch der elendeste, mit seinem Blicke Zuneigung verlangen
-und geben kann. Das ist Kultur, dachte er. Kultur.
-
-Stunden vergingen, und immer mehr neue Gäste kamen, Hände in den
-Hosentaschen, Schultern fröstelnd hochgezogen: Obdachlose. Der
-Hinausschmeißer musterte prüfend jedes fahle Gesicht, schob im Laufe der
-Nacht zwei Burschen und ein junges Mädchen, das die Arme hoffnungslos
-hängen ließ, wieder hinaus.
-
-Der Schweigende rüttelte die Geschlagene am Arm, forderte sie so auf,
-jetzt wieder gut zu sein.
-
-Was mag sie alles gedacht haben in dieser langen Nacht? dachte Jürgen.
-Was ihr geschehen ist, als sie noch ein Kindchen war? Oder was ihr noch
-bevorsteht in diesem Leben? ... Und der Attentäter, er wird
-hingerichtet.
-
-Mit einer Schulterbewegung schüttelte die noch immer aufgestützt
-Sitzende die Hand ab, lächelte aber dabei schief und entgegenkommend.
-
-„Dann eben du die Hälfte und ich die Hälfte“, gab er halb nach. „Her mit
-dem Geld!“
-
-Aufrührerischer, mitreißender Gesang, vom Quartett begleitet, erfüllte
-unvermittelt und donnernd das Lokal. Alle brüllten mit. Die nach außen
-gedrehte Unterlippe hing unbeweglich auf das Kinn herab. Er suchte,
-bückte sich.
-
-„Das war doch nur menschlich! Ist das nicht gemein?“ fragte der
-Aristokrat den Hinausschmeißer, der, das Lokal im Blick, am Bierfaß
-lehnte und keine Antwort gab.
-
-Ich also werde mich nicht dabei beruhigen, daß ich fähig bin, die
-Schönheit eines Goetheschen Wortes zu empfinden, dachte Jürgen, als er
-gegen Osten schritt, wo schon die zarte Morgenröte stieg.
-
-Auf eine Gruppe Nachtarbeiter zu, die das Trambahngleis ausbesserten und
-eben die Azetylenlampen verlöschten, da das graue Tageslicht schon
-erstarkte. Ein Mann im Mantel beaufsichtigte die Arbeiter, die mit
-wuchtigen Rundschlägen Eisenkeile in den Asphalt trieben.
-
-Zwei Herren, die wie Oberförster aussahen und aus einer
-Abendgesellschaft zu kommen schienen, blieben stehen. „Wie brav sie
-wieder arbeiten!“ Und gingen weiter. Wenige Tage vorher war ein Streik
-mit einer Niederlage der Arbeiterschaft beendet worden.
-
-Auch Jürgen ging vorüber. „In Wirklichkeit sind es ja nur die Hetzer,
-während die Arbeiter selbst“, hörte Jürgen, „im großen ganzen ...“
-
-Ging aus der Stadt hinaus, am Flußufer hin. Auf der Quaimauer saß ein
-junger Mensch. Diesmal erkannte Jürgen sofort das leichenfahle Gesicht
-des Schwindsüchtigen, der den Abend vorher in der Arbeiterversammlung
-und später beim ‚Platzwirt‘ gewesen war: Ein Gesicht, in dem der Haß
-sich schon in Verzweiflung und die Verzweiflung sich schon in
-Gleichgültigkeit abgewandelt hatte.
-
-Der Schwindsüchtige pfiff leise, ließ die Beine über dem fließenden
-Wasser baumeln. „Guten Morgen“, sagte Jürgen und setzte sich neben ihn,
-die Beine ebenfalls wasserwärts gestreckt. Von der anderen Seite näherte
-sich ein einarmiger Invalide, saß auch nieder und begann Geld zu zählen.
-
-Der Schwindsüchtige pfiff, zwinkerte, den Kopf schief gestellt, die
-glühende Morgendämmerung an, zum Bettler hin und spuckte in großem Bogen
-aus, pfiff weiter, gleichgültig.
-
-Auch Jürgen tat gleichgültig: „Schönes Wasser. Sind Sie immer hier?“
-
-„Oder wo anders!“ Er lächelte höhnisch. Dann ließ er sich doch herbei:
-„Arbeitslos! Seit ... Ah, die Saubande! Ich scheiß auf alles.“ Blickte
-wieder gewöhnlich drein. Dann biß er in einen unreifen Apfel. Die Säure
-zog ihm das Gesicht zusammen.
-
-Vorsichtig fragte Jürgen: „Wollen Sie etwas zum Essen holen? Wurst?“
-
-Der einarmige Bettler war noch immer mit Zählen beschäftigt. Er
-kicherte, nachdem der Schwindsüchtige mit Jürgens Geldschein
-fortgegangen war. „Den haben Sie gesehen. Der kommt nimmer. Iiiii! die
-Gauner kenne ich ... Und der dort, der jetzt da kommt, den schauen Sie
-sich an, das ist Herr Knipp. Der hat ausgerechnet, daß er von seinem
-Steinbruch, wenn er immer nur soviel brechen läßt, wie er fürs tägliche
-Leben braucht, bis zu seinem achtzigsten Jahr leben kann, ohne selbst
-was tun zu müssen. Deshalb läßt er seit Jahr und Tag nur zwei Leute im
-Steinbruch arbeiten. Er selber angelt seit Jahr und Tag. Der will nur
-angeln. Nichts als angeln! Und pfeifen kann der, sag ich Ihnen! Er hat
-nämlich ein Klavier. Darauf spielt er, ganz ohne Noten, und pfeift dazu.
-Schon in aller Früh! Sie können sich nicht vorstellen, wie der pfeifen
-kann. Das klingt wie Geigen und Flöten. Die Arbeiter, wenn sie früh in
-die Fabrik gehen, bleiben stehen und horchen ... Und dann angelt er. Den
-ganzen Tag. Sogar manchmal nachts.“
-
-Herr Knipp hatte umständlich geschnupft, schäkerte freundlich und ganz
-für sich allein mit dem Wurme, der sich am Angelhaken bäumte: „Warte
-doch, warte doch ... Er kanns nicht erwarten.“ Dann beobachtete er,
-zufrieden mit der Welt, den schaukelnden Schwimmer. Herr Knipp war erst
-einundvierzig Jahre alt.
-
-„Der kommt nimmer ... Ihr Geld ist futsch.“
-
-Gleich darauf erschien der Arbeitslose, aus einer anderen als der
-erwarteten Richtung kommend, in der Ferne.
-
-„Jetzt sagt er, er hätts Geld verloren.“
-
-„Um zwanzig Brot. Die Wurst kost vierzig.“ Er packte das armlange Stück
-aus, zählte das übriggebliebene Geld auf Jürgens Handfläche.
-„Pferdewurst! Die ist billiger. Und besser ist sie auch.“
-
-Der Krüppel blickte von der Wurst weg schief wasserwärts, in der
-Erwartung, daß seine Verdächtigung dem Arbeitslosen mitgeteilt werden
-würde, und bekam, als Jürgen, anstatt zu denunzieren, ihn zum Mitessen
-aufforderte, in seine bösen, einsamen Augen einen Blick wie ein
-Findelkind, dem unvermittelt gesagt wird, seine Mutter sei gefunden und
-stehe vor der Tür. Seit Jahren nicht mehr aufgestiegene Schamröte
-veränderte das verwüstete Gesicht. Er klemmte das Taschenmesser zwischen
-die Knie, zog die Klinke hoch und schnitt sich ein Stück Wurst ab.
-
-Der schwindsüchtige Arbeitslose kaute langsam, den Blick über den Fluß
-weg ins weite, dämmerige Hügelland gerichtet. Herr Knipp, dem noch viele
-tausend Tage zur Verfügung standen, atmete zeitlos.
-
-Die Straßen waren noch menschenleer. Vor dem Gefängnis stand eine
-Droschke. Stand schwarz in der Dämmerung vor dem düsteren Gebäude.
-Kutscher und Pferd regten sich nicht.
-
-‚Sicher! Ganz sicher! Sie transportieren ihn heute schon ... Vielleicht
-um etwaige Befreiungsversuche unmöglich zu machen?‘
-
-Erst nach einer langen halben Stunde schritten zwei dunkelgekleidete
-Kriminalbeamte, zwischen sich einen bartlosen jungen Mann in hellbraunem
-Anzuge, durch das Tor zur Droschke. Der eine ging um die Droschke herum.
-Sie stiegen durch beide Türen gleichzeitig ein, als der Gefangene schon
-saß.
-
-Die einzigen Geräusche, die Jürgen vernahm in der schlafenden Stadt,
-waren das Klappern der Räder und das Klopfen seines Herzens. ‚Die
-Regierung beschließt: Auslieferung. Die Regierungsmitglieder schlafen
-jetzt. Aber in dieser Droschke fahren zwei beamtete Henker und dieser
-Mensch zum Bahnhof.‘
-
-Vorüber am Hauptportale, Gleis entlang, Richtung Rangierbahnhof, bis zu
-einem einzelnen Personenwagen, der auf dem dritten Gleis stand. Hinter
-dem Rangierbahnhof ertönten Pufferknall und die langgezogenen Rufe der
-Eisenbahnarbeiter, die den Zug erst zusammenstellten.
-
-Jürgen beobachtete, wie die drei einstiegen, wie der eine Beamte wieder
-ausstieg, zwischen dem Gleis auf das Bahnhofsgebäude zuschritt, hinein
-in das Restaurant.
-
-Alles wie im Traume: Hinweg über die Gleise. In den Wagen. Stück durch
-den Laufgang. Schiebetür zurück, auf der ‚Dienstabteil‘ stand. Sprung
-auf die Bank. Und von oben herab auf den breiten Rücken des Beamten,
-der, stehend, durch das geschlossene Fenster geblickt hatte.
-
-„Los! Renn! Renn! ... Los!“
-
-Der schmalgesichtige Attentäter blieb so reglos in der Ecke sitzen, als
-ginge ihn diese Sache gar nichts an, schüttelte verneinend den Kopf.
-
-Der Mund des Beamten zischte vor Kraftanstrengung. Er bekam einen Arm
-frei. Griff in die Tasche nach dem Revolver.
-
-Mit dem angesammelten Zorn seines ganzen Lebens schleuderte Jürgen den
-Beamten von sich, daß dessen Kopf und Oberkörper durch die zerkrachende
-Fensterscheibe schossen, stürzte aus dem Wagen, über die Gleise, durch
-die Bahnhofsanlage, Häuser entlang. Vernahm einen Trillerpfiff, schon
-fernher.
-
-Ruhigen Schrittes ging er in einen offenen Lagerplatz, in dem mehrere
-Möbelwagen und viele andere Fuhrwerke standen, und setzte sich auf einen
-Handwagen. Eine Schar Hühner eilte sofort auf ihn zu.
-
-‚Die Rechnung ist einfach: Der eine war im Bahnhofsrestaurant; der
-andere konnte mir nicht nach, weil er den Gefangenen nicht verlassen
-durfte. Außerdem war ich, bis er seinen Kopf befreit hatte, schon weg.‘
-Dabei zerbrach Jürgen das Brotstückchen, das er in seiner Tasche
-gefunden hatte, und streute die Krümel unter die übereinandersteigenden
-und -fliegenden Hühner.
-
-‚Und jetzt? ... Jetzt wird er hingerichtet.‘
-
-Erst als Jürgen, heimwärtsschreitend, schon mehrere Querstraßen hinter
-sich hatte, rannte der Beamte, der in der Restauration gewesen war, über
-den Bahnhofsplatz, in der Hand den Browning.
-
-Zierlich gekleidete Zofen eilten im gepflegten Villenviertel an Jürgen
-vorbei. Gebadete Damen in hübschen Morgenkleidern nahmen das Frühstück
-und sonnten sich im Liegestuhl auf den Balkonen. Die Gärten dufteten.
-
-Ich scheiß auf all das. Das Ganze ist gemein, dachte Jürgen und klinkte
-die Tür auf. Die Tante, erzürnt, weil er die Nacht außer Haus zugebracht
-hatte, ging grußlos an ihm vorüber. ‚Auf alles!‘ dachte er und schlief
-sofort ein.
-
-„Und ich erkläre Ihnen, das ist ausgeschlossen.“
-
-Aber der feine, schmale Frackherr, mit dem Scheitel von der Stirn bis
-zum Nacken, ein Herrchen, nur so groß wie ein Tintenfaß, ein winziges
-Frackherrchen, verbeugt sich, lächelt höflich und sicher und sagt: „Ich
-bin die Achtung. Bin das Ganze. Und ich erkläre Ihnen: Ich sitze in
-Ihrem Hinterkopfe.“
-
-„Sie stehen ja vor mir.“
-
-„Und sitze gleichzeitig verborgen in Ihnen. Bin Ich und bin die Achtung.
-Bin das Ganze und bin Sie, weil ich in Ihrem Hinterkopfe sitze.“
-
-Da erwachte er. Es war ein Uhr nachmittags. Die Tante stand vor seinem
-Bett. Ohne Einleitung und als lese sie wieder den letzten Willen des
-Vaters aus ihrem Haushaltungsbuch vor: „Auf das Haus, in dem du geboren
-wurdest, und auch auf die drei Miethäuser habe ich deinem Vater schon
-vor zwanzig Jahren die Hypotheken geliehen. Die Häuser gehörten schon zu
-Lebzeiten deines Vaters ganz und gar mir. Er hat dir nichts
-hinterlassen. Du solltest dich also nicht länger, als unbedingt nötig
-ist, von mir ernähren lassen. Das ist eine Schande. Steh auf und geh in
-dein Kolleg.“
-
-Er stützte sich auf, sah die Tante an, schwieg noch zwei Sekunden: „Ich
-verzichte auf dein Geld. Ich lebe und bin da. Das Weitere wird sich
-finden. Und jetzt geh, bitte ... Also geh schon!“
-
-Es waren nicht die Worte selbst, nicht Sinn und Inhalt der Worte, es war
-das an Jürgen bisher nie bemerkte einfache, ruhige Kraftbewußtsein, das
-hinter den Worten stand und die Macht der Tante über ihren Neffen
-verdunsten ließ.
-
-Er kleidete sich sofort an. Ging aus der Stadt hinaus, auf der
-Landstraße hin. Rückblickend auf sein Leben, ziellos weiter durch den
-heißen, weißen Staub, mit sich tragend das lastende Gefühl, daß dies die
-Stunde sei, die seines Daseins folgenschwerste Entscheidung in sich
-berge: die Möglichkeit, daß heute sein Leben in zwei Teile gespalten
-werde.
-
-Die alte Sehnsucht nach der Landstraße, die er seit Jahren in sich trug,
-die Sehnsucht nach den Hafenstädten und fernen Erdteilen, der Wunsch,
-allen Qualen, allen Pflichten zu entlaufen, schritt hinter ihm her,
-schob ihn immer weiter auf der Landstraße hin.
-
-Der Wiesenabhang links von Jürgen war von der Sonne braun gebrannt. Die
-Luft zitterte vor Hitze. Kein Bauer auf dem Felde. Kein Vogel pfiff. Die
-Mittagssonnenstrahlen sengten senkrecht herab auf die menschenleere
-Landschaft.
-
-„Und die weiße Straße geht in der Sonne vor Einsamkeit sich selbst
-entlang“, flüsterte Jürgen. Und glaubte, in dieser Sekunde den tiefsten
-Sinn des Menschendaseins erkannt zu haben und zu fühlen. Tat einen
-langen Blick noch auf die weiße Landstraße, weit hinaus.
-
-Und wandte sich, schritt schnellen Schrittes zurück und in die
-Arbeiterversammlung, deren Ankündigung er im ‚Klassenkampf‘ gelesen
-hatte.
-
-
-
-
- IV
-
-
-Jürgen kassierte den Zins ein bei den Parteien der drei Mietskasernen,
-zu deren Verwalter die Tante ihn unversehens gemacht hatte, füllte neue
-Mietsverträge aus, beaufsichtigte das Tapezieren einer Wohnung, ging
-zwischendurch ins Kolleg. An den Abenden in Arbeiterversammlungen.
-
-Eine neue Partei verlangte, daß die Küche frisch geweißt werde. Nach der
-Tante Meinung war die Küche noch weiß genug. Jürgen mußte vermitteln. Er
-sah, wie nie vorher in seinem Leben, von Angesicht zu Angesicht die Not.
-Wurde gegen seinen Willen Zeuge von Haßausbrüchen zwischen
-Proletarierehepaaren, sah machtlos zu, wie abgearbeitete, machtlose
-Väter ihren Zorn an den machtlosen Kindern ausließen; wie
-Gerichtsvollzieher letzte Stücke pfändeten; mußte Mietzins verlangen von
-Arbeiterfrauen, in deren Augen unvertreibbar Gram und Sorge hockten, und
-Mietzins für ein Zimmer – nicht vier Meter im Quadrat –, in dem Mann und
-Frau, zwei erwachsene Söhne und zwei erwachsene Töchter in drei
-stinkenden Betten die Nächte, ihr Leben verbrachten.
-
-Der Tapezierer war fertig. Jürgen blickte die Wand an. Die knallroten
-Rosen der neuen Tapete wurden lebendig, kreisten wie ein Feuerwerksrad.
-‚Tragisch – so eine Rosenwohnung! Viele tausend Rosen, und wenn dann die
-Leute darin leben ... stinkts!‘
-
-Vor dem Hause, herum um das Kanalgitter, drehten sich drei fahle
-Proletarierkinder im Ringelreigen. In der Mitte kniete eine Vierjährige
-und machte das zum Spiel gehörige Märchengesicht.
-
-‚Für diese Kinder scheint das Kanalloch der Mittelpunkt zu sein, wie das
-reich ausgestattete Spielzimmer der Mittelpunkt für die andern Kinder
-ist. Daß die Faust der Armut auch die Kinder würgt, das hat mich schon
-als Gymnasiast empört ... Und die Kinder, neben denen die Gouvernante
-geht? ‚Mademoiselle Katharina, Sie dürfen nicht mit den Armen
-schlenkern. Mademoiselle Katharina, Sie dürfen sich nicht umsehen. Beim
-Atmen müssen Sie die Lippen geschlossen halten, Mademoiselle Katharina.‘
-
-Es war die Stunde, da die proletarische Jugend, weil sie eigentlich
-schon zuhause hätte sein müssen, in der heißesten Spiellust
-zusammengetan ist. Geschrei durch Straßen. Erhitzte Gesichter. Gespannte
-Knabenkörper, in Fluchtstellung atemlos den Verfolger erwartend.
-
-‚Die dürfen mit den Armen schlenkern. Umsehen dürfen die sich auch. Und
-den Mund können sie aufreißen, so weit sie wollen.‘
-
-Abendglocken läuteten, verklangen. Arbeiter marschierten heimwärts. Der
-warme Sommerhimmel dämmerte der Nacht entgegen. Laternen funkten auf.
-Der Tag war schön gewesen.
-
-‚Es ist doch schön – man begreifts nur meistens nicht.‘
-
-Viele Geschäfte waren noch beleuchtet. Aus anderen strömten schon die
-bleichen Ladnerinnen, sahen in den Himmel und streiften dabei die
-Handschuhe über. Ein Invalide, der seinen verkrüppelten Fuß, der wie
-eine verkümmerte Hand aussah, nackt auf dem Gehweg liegen hatte, hob die
-Mütze zu Jürgen empor. „Du wirst nicht wollen, daß ich leide“, sang ein
-hemdärmeliger Tenor im vierten Stock tragischen Tones vergnügt zum
-Fenster hinaus.
-
-An dem Theater rollten Autos vor und ab. Toiletten stiegen aus. Ein
-zahnloser Menschenmund rief: „...tung mit den neuesten Kursberichten!“
-Der aus den Zugangsstraßen immer neu genährte Zug derer, die aus den
-Werkstätten, aus den Fabriken kamen, marschierte vorüber. Alle schritten
-im gleichen Tempo, nahmen Jürgen mit.
-
-Über eine eiserne Kanalbrücke, neben der ein Schiffer auf dem Deck im
-Kochtopf rührte. Vorüber an einem Bureau, in dem zwei beleuchtete,
-einander belauernde Tuchgrossistengesichter noch einen Abschluß
-ausfochten. Aus offenen Kneipentüren schlug schlechter Fettgeruch
-heraus.
-
-Die Straßen wurden enger, dunkler, die Häuser kleiner. Unbebaute
-Stellen, lange, verfaulende Bretterzäune (eine Ratte verschwand), Ziegen
-auf dem Heimtrieb, ein Schuppen, Gestank. Das kleine Fenster hing nah
-der Erde rotleuchtend in der Finsternis. Die Haustür war nur angelehnt.
-
-„... Denn überall haben in Wirklichkeit die Monopolisten die ganze
-Macht: eine Macht, so unbeschränkt, daß auch die Schule, Kanzel, Presse,
-öffentliche Meinung, Polizei, Militär, Justiz, der ganze Staat ihr Staat
-ist und die Regierungen in allen Vaterländern nur die Schatten der
-Monopolinhaber sind, Schatten, die, wie der Schatten eines beweglichen
-Gegenstandes, jede Bewegung dieser Allmächtigen mitmachen müssen. Schon
-stehen die Monopolinhaber aller Vaterländer wieder vor dem Knopf, und
-die Schatten blicken unverwandt auf die Monopolinhaber, bereit und
-gezwungen, den Krieg – Krieg um Rohstoffquellen, Eisenbahnkonzessionen,
-Absatzmärkte, um den Weltprofit – zu erklären in dem Moment, da jene auf
-den Knopf drücken“, schloß der Agitator, der unter dem dösenden Gaslicht
-auf einem Küchenhocker saß, seinen Vortrag.
-
-Katharinas Zimmer war sehr niedrig. Der Agitator erhob sich, vorsichtig,
-um mit dem Kopfe nicht anzustoßen an den Gasarm. „Nicht nur für einzelne
-Menschen, Genosse Jürgen, auch für das Proletariat gibt es, da die
-ökonomischen Voraussetzungen zur Ablösung der kapitalistischen
-Konkurrenz-Profitwirtschaft durch die proletarische Bedarfswirtschaft
-längst gegeben sind, immer wieder das, was du Schicksalspause nennst –
-weltpolitische Situationen nämlich, in denen das Proletariat sich
-entscheiden kann für die soziale Revolution oder für einen
-imperialistischen Krieg, in dem Millionen fallen. Das Weltproletariat
-steht immer wieder in dieser Schicksalspause. Wie wird es sich das
-nächste Mal entscheiden?“
-
-Und während er seine Notizen einsteckte: „Der Genosse Jürgen! ... Unsere
-Bezirksführer! Und hier: Unser Vertrauensmann.“
-
-Die neun standen an der Wand lang, hockten auf dem Fußboden und dem
-Fenstersims. Zwei rauchten aus kurzen Pfeifen den Tabak, dessen
-dunkelblauer Qualm, von dem Spaziergänger unverhofft im Freien
-eingeatmet, gut riecht und im Zimmer wie Gift beißt.
-
-Jürgens Augen folgten dem Blicke des Agitators, der lächelnd sagte: „Ihr
-beide kennt einander ja schon sehr lange, hast du mir erzählt.“
-
-Katharinas Gesicht, das außerhalb des Lichtkreises hinter der
-Schreibmaschine im Schatten hing, sah übermüdet aus. Neben ihr stand ein
-grauer Emailteller mit kaltgewordenem Kraut und kaltgewordenen
-Fettbrocken, an der Rückwand ein Gaskocher und ihr schmales Eisenbett.
-
-Fühlbar stand die Wirkung des Vortrages im Zimmer und sichtbar in den
-Blicken der neun Bezirksführer.
-
-Ein noch junger Holzarbeiter, dessen Gesicht, eingetrocknet und kleiner
-geworden, schon einer gedörrten Frucht glich, sagte, leicht werde es ihm
-nicht fallen, an die Genossen in seinem Bezirke alles das klar und
-faßlich weiterzugeben. „Aber faßlich muß es sein, sonst verstehts
-niemand.“
-
-Der Vertrauensmann, ein dunkelgesichtiger, stoppelbärtiger
-Metallarbeiter, an dessen rechter Hand zwei Finger fehlten, streckte
-diese Hand vor: „Vier Hauptpunkte mußt du festhalten“, sagte er, zählte
-an den Fingern her und mußte schon wieder beim Daumen beginnen: „Und
-viertens, daß die Arbeiterschaft gegen einen derartig gewaltigen
-Machtblock eben nur bei schärfster Disziplin und überhaupt nur durch
-eine ganz starke Organisation etwas ausrichten kann.“
-
-Unter dem Sims, mit dem Rücken gegen die Fensterwand, saß auf dem
-Fußboden ein schon bejahrter Kartonnagenarbeiter. Seine Hand rückte
-ununterbrochen und selbsttätig unsichtbare Gegenstände zehn Zentimeter
-seitwärts: Die arbeitende Hand machte den Griff, den sie ein Leben lang
-von früh bis abends in der Papier- und Kartonnagenfabrik des Herrn
-Hommes gemacht hatte.
-
-„Beruhig du dich nur. Die Genossen in deinem Bezirk werden dich schon
-verstehen. Was dir deiner Lebtag auf die Haut brennt, das begreifst du
-leicht“, sagte er und setzte sich auf die arbeitende Hand, die sich
-Sekunden später wieder befreite und weiter ihre Arbeit tat.
-
-„Wegen der Frauenlandeskonferenz! Weil sie eben in dieser Woche in vier
-Versammlungen das Referat hatte. Und auch sonst viel Arbeit, Sitzungen,
-Schreibereien und so ... Jetzt mußt du ein paar Tage ausspannen,
-Genossin Lenz.“
-
-„Ich brauche nur Schlaf. Fünf Stunden!“
-
-„Ja, ja, Schlaf“, sagte der Kartonnagenarbeiter und setzte sich wieder
-auf seine tätige Hand.
-
-Katharina wandte das Gesicht Jürgen zu. Und es schien, als habe sie den
-Blick, mit den sie ihn vor acht Jahren im öffentlichen Parke angesehen
-hatte, in ihre Augen zurückgeholt. Sie lächelte, und hinter diesem
-Lächeln stand die Antwort auf seine damalige Frage: ‚Aber wie? Wie soll
-man sich aufopfern?‘
-
-„Der ist erst fünf Tage später abtransportiert worden.“
-
-Dann hörte Jürgen, wie der Metallarbeiter zu den zwei Pfeifenrauchern
-sagte: „Weil der Kriminaler, der mit dem Kopf ins Fenster gefallen ist,
-dabei ein Aug eingebüßt hat und deshalb die Reise nicht mitmachen
-konnte.“ Und trat zu den Dreien in die Fensterecke. Auch der Agitator
-war hinzugetreten.
-
-„Wenn sie den packen – unter fünf Jahr gehts nicht ab“, sagte der
-Metallarbeiter noch.
-
-Der Holzarbeiter mit dem vertrockneten, kleiner gewordenen Gesicht
-sprach schriftdeutsch: „In der Zeitung stand: Ein gutgekleideter,
-ungefähr fünfundzwanzigjähriger Mensch, Kaufmann oder Student,
-augenscheinlich ohne Kopfbedeckung.“
-
-Und der Agitator: „Auch heute waren wieder Kriminalbeamte im
-Parteibureau ... In diese romantischen Polizeischädel geht es nicht
-hinein, daß die Aufgabe der modernen Arbeiterbewegung nicht darin
-besteht, Attentate zu organisieren und Attentäter gewaltsam zu
-befreien.“
-
-Die Mütze hatte ich in der Tasche, dachte Jürgen und fragte: „Was sagten
-Sie eben?“
-
-„Das Gefühl der Empörung übrigens, das diesen jungen Menschen zu dem
-Befreiungsversuch veranlaßte, ist dasselbe, das in allen Klassenkämpfern
-lebendig ist; aber die müssen, so schwer das ihnen auch wird, ihre
-Empörung oft in sich zurückhalten“, fuhr der Agitator fort, Blick vor
-sich hin gerichtet und in einem Tone, als dachte er, wie sehr viel
-leichter das Leben sein würde, wenn der Kampf um den Sozialismus in
-derartigen Taten bestehen könnte, anstatt in der jahrelangen,
-lebenslangen, zermürbenden, täglichen Hingabe.
-
-„Ja, aber dazu noch wöchentlich zweimal Bildungskurs in der
-Jugendorganisation!“ rief bei der Rückwand ein Bezirksführer. Zwei
-andere sprachen über den letzten Lohnkampf, der die Transportarbeiter
-sehr geschwächt habe. Im Stock erklang das in sich erstickende Geschrei
-eines Säuglings.
-
-Unter dem Brustbein empfand Jürgen einen immer schwerer werdenden Druck,
-als stecke er bis zum Kinn in dickflüssiger Moorerde.
-
-„Wollen wir anfangen?“ fragte der Agitator. Und Katharina hob den Deckel
-von der Schreibmaschine.
-
-Die zehn schritten durch die Finsternis, vor sich die fensterlosen
-Rückseiten schmaler, turmhoher, freistehender Mietskasernen: tote
-Silhouetten. Ein langer Güterzug kroch aus dem Arbeiterviertel heraus,
-ins flache Land hinein. Wasserglanz in dunkler Ferne und das gedämpfte
-Rasseln eines Schleppers, der eine Reihe Frachtschiffe stadtwärts zog.
-Der lange Pfiff der Lokomotive schlug einen Bogen durch die Nacht.
-
-Geschrei brach ihnen entgegen, stieg an: ein Knäuel Wutgebrüll. Über
-allem die Frauenstimme, die wie die Verzweiflung selber schrie. Und als
-die zehn den Lichtkegel, der aus dem Parterrefenster auf die Straße
-fiel, erreicht hatten und ihn durchschritten, war es drinnen völlig
-still. Drückende Stille. Und dann Wimmern, Weinen, gestoßen
-ausbrechendes Geheul, fessellos, als weine die Verzweifelte alle Not
-ihres Lebens und das Leben selbst aus sich heraus.
-
-Darüber entstand ein Gespräch. Ob der Mann die Frau und weshalb er sie
-wohl geschlagen habe, und warum sie gar so arg flenne. „Die Gründe kennt
-man“, sagte der Holzarbeiter.
-
-„Ja, das sind im Grunde immer die selben.“
-
-„Wie schön die Nacht ist.“
-
-„Ja, wenn man so marschiert.“
-
-Die neuen Backsteinhäuser des wachsenden Arbeiterviertels, gleichförmig,
-unverputzt, wie über Nacht hingestellt – lineare Straßen, bei den
-Feldern endend wie abgehauen –, stießen feuchten Kalkgeruch ab. Kein
-Fenster war erleuchtet. Die Arbeiter schliefen schon. Vor einer alten
-Villa, die eingeholt und überholt worden war von der wachsenden Stadt,
-stand ein Schutzmann mit einem Polizeihund.
-
-Das Weinen war verendet. Die Schritte hallten im Gleichmaß.
-
-„Aber Parteimitglied wurde ich – das sind jetzt sechsundzwanzig Jahre
-her“, erzählte der Kartonnagenarbeiter. „Seitdem hat sich viel
-geändert.“
-
-Sechsundzwanzig Jahre, dachte Jürgen. Sechsundzwanzig Jahre.
-
-Hohe, leuchtende Fenster, fünf lange Reihen übereinander, traten aus der
-Dunkelheit heraus. Die zehn schritten hinein in das Klipp-Klapp-Geräusch
-der Transmissionen: die Nachtschicht bei der Arbeit.
-
-„Heut ist die Partei eine Macht ... Wenns auch langsam geht ...
-Mitbestimmungsrecht ... Die straffe Organisation ... Ja, viel Arbeit
-gewesen“, vernahm Jürgen, der mit dem Holzarbeiter und dem
-Metallarbeiter einige Schritte voraus war.
-
-Schweigend über die kleine Eisenbrücke. Durch den kühlen Teergeruch. Auf
-der äußersten Spitze des zugebretteten Frachtschiffes im Kanal stand ein
-winziger Hund, der blickte. Schon durchbrach dort und hier das
-Lichtermeer die Baumkronen.
-
-Jürgen konnte nicht durchatmen, als wären seine Lungen luftgefüllt und
-hermetisch verschlossen. Konnte nur vom Halse weg atmen. ‚Lebenslang
-außerhalb des Lebens zu stehen, bedeutet es. Und nur ein winziges
-Teilchen der großen Bewegung zu sein und gewesen zu sein.‘ Der Druck in
-seiner Brust wich nicht.
-
-Sie gerieten in die Menge hinein, die das Theater verließ und dem Korso
-zustrebte. Es war erst zehn Uhr. Vor allen Cafés saßen die Gäste im
-Freien. Auch vor dem Grandhotel ruhten elegante Herren und elegante
-Damen in Korbsesseln und genossen die herrliche Sommernacht. Auf der
-funkelnden Weinterrasse, blumenüberhangen, von der Straße leicht
-abgesondert durch Lorbeerbäume, rollten die Kellner lautlos die
-Servierwagen an und ab, tranchierten Geflügel, öffneten Weinflaschen. Zu
-Verbeugungen erstarrte Fragen. Das Streichquartett spielte diskret.
-
-Die vier Bogenlampen über des Juweliers Schaufenster spritzten weißes
-Licht in die Menge – Studenten, junge Kaufleute, Fremde und Offiziere
-mit ihren Kokotten und Damen –, die straßauf, straßab bummelte, in so
-gemächlichem Tempo, daß die zehn wie ein marschierender Fremdkörper
-wirkten. Vor dem Juwelier blieben sie stehen. Alle zehn. Jürgen mit dem
-Blick zur Weinterrasse.
-
-Plötzlich bekam er einen Schlag gegen das Herz. Sagte zweimal den Satz:
-„Das ist es ja nicht. Das ist es ja nicht.“ Sah an sich hinunter,
-überzeugte sich, daß er sorgfältig gekleidet war, und drehte sich wieder
-um zum Schaufenster.
-
-„Also, auf morgen!“ rief der Holzarbeiter noch zurück und lächelte
-bekannt und dennoch fremd.
-
-Die erste Geige sprang mit einem unerwarteten, funkelnden Saltomortale
-aus der Begleitung heraus, jubelnd empor. Ein übriggebliebener Gedanke
-irrte noch in Jürgen umher, wurde immer wieder zurückgestoßen, schrie
-lautlos und gellend das Wort ‚Schicksalspause‘. „Das ist es ja nicht.
-Das ist ja unwichtig“, murmelte Jürgen und zog die Handschuhe über.
-
-Erst als er schon vor einem weißgedeckten Tischchen auf der Weinterrasse
-saß, gegenüber zwei schweigsamen, schönen Engländerinnen, bemerkte er
-Adolf Sinsheimer und noch drei Schulkameraden, die, elegant
-zurückgelehnt, ihre seidenen Strümpfe sehen ließen und, die ganzen
-Oberkörper langsam vorbeugend, Jürgen grüßten. Er setzte sich zu ihnen.
-
-Stand sechs Stunden später auf der Straße. Die Vögel pfiffen schon. Die
-Menschen schliefen noch. „Nun, und jetzt? ... Ich war betrunken.“
-
-Er dachte, von Ekel geschüttelt, an die Szene in dem orientalischen
-Salon, in dem er mit den Schulkameraden gewesen war. Sah die Amsel an,
-die auf dem Staketenzaun saß. Seine Knie wurden weich. Er mußte sich auf
-die Steintreppe setzen. „Das Ganze hat nicht mehr und nicht weniger zu
-bedeuten, als mein imaginäres Duell mit Karl Lenz.“
-
-Die Amsel sperrte weit den gelben Schnabel auf: „Das stimmt. Und stimmt
-doch nicht.“
-
-„Denn einmal, meinst du, nicht wahr ...“
-
-„Eben das meine ich!“
-
-Jürgen hatte das Empfinden, in die Tiefe zu stürzen, und fuhr aus dem
-Schlummer. „Wenn das so weiter geht, werde ich einmal nichts mehr selbst
-entscheiden können. Das Schicksal wird mir keine Pause mehr gewähren.“
-
-Am Nachmittag – sie hatten eben Kaffee getrunken – blickte Jürgen
-nachdenklich die im Sessel schlummernde Tante an, lehnte sich auch in
-den Sessel zurück, Wange auf dem gehäkelten Schutzdeckchen.
-
-Die Heiligenbilder an den Wänden hielten die segnenden Hände erhoben
-über die beiden. Auch der Vogel im Käfig ließ die Schlafhäutchen über
-die Augen herab. Die blauen und silbernen und goldenen, kopfgroßen
-Glaskugeln im Garten funkelten in der Nachmittagssonne. Eine Wolke zog
-still am Himmel hin. Der Perpendikel sagte: Rich...tig, rich...tig.
-
-Das fadendünne Drahtseil lief von Jürgens bequemem Backenstuhl weg, in
-viel tausend Meter Höhe vorbei an den in Not und Kampf Stehenden dieser
-Welt. Jeder hielt sein gepeinigtes Herz in der Hand. Da, wo das Seil
-endete – in ungeheuer weiter Ferne –, leuchtete Katharinas Stube. Auf
-Jürgen zu, in blauer, gefährlicher Höhe, bewegten sich die neun
-Proletarier und erwarteten Jürgen so gläubig, daß er nicht widerstehen
-konnte, das fadendünne, schwindelhohe Seil ebenfalls zu besteigen.
-
-Ein paar Meter vor ihm balancierte, vom Absturze bedroht, ein Mensch auf
-dem Seile. Jürgen erkannte in dem gefährlich Schwankenden sich selbst,
-rief sich an in kaltem Schrecken.
-
-Da marschiert er mit den neun Proletariern den Korso hinauf, sieht die
-promenierende Menge, die vier lichtspritzenden Bogenlampen über des
-Juweliers Schaufenster. Hört die Streichmusik, erkennt die Melodie.
-
-Die Schicksalspause tritt ein.
-
-‚Also, auf morgen!‘ sagt der Holzarbeiter.
-
-Diese photographische Genauigkeit! Ich sah im Traume sogar die gelbe
-Rose in Adolfs Knopfloch, deren tatsächliches Vorhandensein mir gestern
-nicht einmal in der Wirklichkeit bewußt geworden war, denkt Jürgen, der
-träumte, erwacht zu sein. Steckt sich die Rose ins Knopfloch.
-
-Sitzt mit Adolf Sinsheimer und den drei Schulkameraden auf der
-Weinterrasse. Plötzlich verdichten sich die vier Körper in einen Körper,
-auf dessen Hals die vier Köpfe stecken.
-
-Alle vier Gesichter haben den selben zotigen Zug um den Mund, denkt
-Jürgen. ‚Wie Männer, wenn sie eine wehrlose Frau auf der Straße ansehen.
-Den selben, das Menschenauge schändenden Blick, den kein Tier dieser
-Erde hat.‘
-
-Alle vier Münder gleichzeitig sprechen ein furchtbares Wort: Ein
-Menschenschrei, gefangen im Kellergewölbe. Dann nimmt der Vierköpfige
-ein kleines Küchenmesser mit brauner Holzschale aus der Westentasche und
-stemmt Jürgens Schädeldecke auf.
-
-Die Hauptmasse des Gehirns reißt er mit der Hand heraus. Das
-Hängengebliebene kratzt er mit dem Küchenmesser sorgfältig ab.
-
-Dabei hört der zu maßlosem Entsetzen Erstarrte die erste Geige im
-Weinrestaurant jubelnd in die Höhe steigen.
-
-Der Vierköpfige wickelt ein sorgfältig verpacktes, neues Gehirn aus, um
-das herum – wie um eine Sektflasche die Steuerbanderole – das
-Fabrikzeichen klebt, preßt es in Jürgens offenen Kopf hinein und paßt
-die Schädeldecke wieder auf.
-
-Schmerz und Entsetzen verschwinden augenblicklich.
-
-Die Schulkameraden sind jetzt wieder alle vier da. Als fünfter sitzt
-Jürgen bei ihnen, spricht wie sie, denkt, lacht wie sie, hat den selben
-zotigen Zug um den Mund, den selben Blick, weiß das alles und fühlt sich
-wohl dabei.
-
-Nur der Menschenschrei im Kellergewölbe, der wie gefangener Gesang
-klagend weiter tönt, stört ihn. Deshalb leert er die bis zum Rande mit
-Sekt gefüllte große, weiße Kaffeekanne auf einen Zug. Steht plötzlich in
-dem orientalisch ausgestatteten Salon, in dem fünf halbbekleidete
-Mädchen auf Ottomanen liegen. Schaudert zurück, weil die Brüste mit
-kurzhaarigem Pelze bewachsen sind. Und erwachte wirklich.
-
-Der Vogel und die Tante schliefen noch. Und die still am Himmel
-hinziehende Wolke hatte noch nicht einmal die Krone des Nußbaumes im
-Garten passiert. Die selbe Fliege saß noch auf der weißen Kaffeekanne
-und saugte an dem selben Tropfen, der an dem Schnabel hing.
-
-Als ob der Entschluß, der seinem ganzen weiteren Leben eine andere
-Richtung geben mußte, sekündlich in Jürgens Empfinden übergegangen wäre,
-hatte sich mit dem Entschlusse unversehens sein ganzes Körpergefühl
-verwandelt. Gang und Glieder waren schwer geworden. Alles Gewesene und
-die Umwelt hatten an Gewicht verloren.
-
-Jürgen, entschlossen, sich auf sich zu nehmen, verließ, ein schweres
-Ganzes, die Villa, um nicht mehr zurückzukehren.
-
-Sein Gefühl wußte, was er auf sich nahm. Dieses Gefühlsbewußtsein
-lastete von dem ersten Schritte an, den er außerhalb des Gartens tat, so
-schwer in ihm, als hätte es seit Jahren sein Wesen bestimmt. Das
-Bisherige war versunken. Dahin gab es kein Zurück mehr.
-
-Er möge ein bißchen warten, rief Katharina durch die verschlossene Tür,
-trat schnell vom Arbeitstisch weg in die Mitte des dunklen
-Balkenkreuzes, das den Fußboden vierteilte.
-
-Beide Hände in den Taschen des Sweaters, blickte sie prüfend rundum in
-ihrem großen Parterrezimmer, ohne sich vom Platze zu bewegen. Die
-geblümte Tapete, älter als Katharina, war mit vielen kreisrunden
-Rostflecken übersät, an vielen Stellen gesprungen und mit Markenpapier
-zusammengeklebt. Nur eine Gasflamme brannte an dem Doppelarm.
-
-Nachdenklich strich sie sich mit dem dünnen Mittelfinger über die
-braune, gebogene Braue, berührte dabei die Lippe mit der Zungenspitze,
-wie vor Jahren an dem Abend, da sie, stehend in ihrem Mädchenzimmer, den
-Entschluß, für immer das Elternhaus zu verlassen, gefaßt und sofort
-ausgeführt hatte.
-
-Auch jetzt machte sie diese Doppelgebärde, als habe sie einen Entschluß
-gefaßt, entzündete den zweiten Glühstrumpf, schloß das Fenster, von dem
-aus die fernblinkenden roten und blauen Lichter des Rangierbahnhofes und
-der Eisenbahnwerkstätte zu sehen waren, und zog den Vorhang zu. Mehr
-Verschönerungsmöglichkeiten gab es nicht.
-
-Im Zimmer, nun abgeschlossen von der Außenwelt, war es ganz still. Nur
-das Herz klopfte. Schon mittenweges zur Tür, kehrte sie noch einmal um,
-setzte sich, Hand auf dem Herzen, und staunte.
-
-Hinter der verschlossenen Tür stand Jürgen in schwerer Ruhe.
-
-Sie schob, nachdem sie die Tür geöffnet hatte, beide Hände sofort wieder
-in die Sweatertaschen, erkannte an Jürgens Blick sofort, daß der Grund
-seines Besuches ein anderer war, und nahm die Hände wieder heraus.
-
-Er hatte ihr nicht die Hand gereicht. Er saß schwer am Tisch und
-erzählte, ohne Einleitung, sachlich und ohne Scham, als schildere er das
-Erlebnis eines andern, was sich gestern mit ihm ereignet hatte. Dabei
-machte seine Hand, die schwer auflag, kleine verstärkende Bewegungen.
-Auch als er, bemüht, sich und ihr das gestern Geschehene verständlich zu
-machen, in großen Zügen sein bisheriges Leben erzählte, schilderte er
-die Leiden, die Demütigungen und die nicht durchgekämpften Kämpfe des
-Kindes und Jünglings so, als spräche er von einem beliebigen anderen.
-
-So ergab sich, während sie die Abendsuppe bereitete auf dem Gaskocher,
-der auf einem niedrigen Kistchen stand, so daß sie öfters in tiefer
-Kniebeuge sitzen mußte, ein Gespräch über Einzel-Ich und Umwelt.
-
-Einst, vor Jahren, als sie noch nicht Sozialistin gewesen sei, habe sie
-sich vorgestellt, was geschehen würde, wenn einmal eine ganze Generation
-nicht als machtlose Kinder, sondern, ungebrochen durch falsche
-Erziehung, Autorität und Umwelt, gleich als Zwanzigjährige geboren
-werden und so auf dem Kampfplatz erscheinen würde. Mit der Kraft ihres
-unverbogenen Wesens würde diese Generation ohne Schwierigkeit das Ganze
-über den Haufen werfen.
-
-„Leider aber kommt der Mensch als wehrloser Säugling auf die Welt“,
-schloß sie und lächelte froh, als sei diese Wehrlosigkeit das
-Erfreulichste, das dem Säugling geschehen könne. Das Herz klopfte nicht
-mehr.
-
-Sie gab sich Mühe, besonders gut zu kochen, fragte, ob er die Hafersuppe
-lieber dick oder dünn, süß oder weniger süß esse.
-
-„Das ist mir ganz gleich. Ich habe noch niemals Hafersuppe gegessen.“ Er
-beobachtete, wie sie herumhantierte, sich tief zu Boden beugte, wieder
-senkrecht stand. ‚Glatt und fest wie ein junges Baumstämmchen, junges
-Nußbaumstämmchen‘, fiel ihm ein.
-
-Sie stand, ein rechter Winkel, über den Gaskocher gebeugt. Von jetzt an
-wirst du vermutlich sehr oft Hafersuppe essen, dachte sie, während sie
-die zwei dampfenden, zu vollen Suppenteller vorsichtig durch das Zimmer
-trug zum Tisch, der am Fenster stand.
-
-Jürgen, tief dabei, die Summe seines bisherigen Erlebens, Erleidens,
-Erkennens zu ziehen, bereitet und gewillt, von nun an klaren Bewußtseins
-zu handeln, bedurfte in dieser Stunde, da er im Rückblick auf sein Leben
-schon und erst den Aufbruch zu sich selbst begann, noch des Verweilens
-bei den Ursachen, bestrebt, ihr Ineinandergreifen fehlerlos zu erkennen.
-
-Er dachte: Der Sozialismus muß sich auf allen Gebieten des Lebens mit
-absoluter Notwendigkeit und Ausschließlichkeit ergeben aus dem Wahnsinn
-des Bestehenden. Die Rechnung muß stimmen. Und sagte:
-
-„Es gibt nicht nur eine herrschende Klasse und unterdrückte Klassen; es
-gibt auch eine jeweils herrschende Generation, die durch alle Klassen
-durchgeht: Alle Erwachsenen nämlich, die, machtstrotzend, mit Hilfe der
-bestehenden Seelenmord-Gesellschaftsordnung, in der sie selbst tödlich
-verstrickt und untergegangen sind, die heranwachsenden Generationen
-abwürgen, entselbsten ... In diesem Sinne bilden alle Erwachsenen
-zusammen eine granitene Einheit, einen Wall, gegen den die
-Heranwachsenden vergebens anrennen, so lange anrennen, bis sie selbst
-entselbstete, lebende Leichen sind und Teile des Walles bilden gegen die
-neu heranwachsenden Generationen.“
-
-Sie stand rückwärts und rieb, betrachtete den Löffel, rieb weiter,
-hauchte ihn an. Der verzinnte Blechlöffel bekam keinen Glanz.
-
-„Denn wenn es auch eine Tatsache ist, daß jeder Mensch als ‚Reines Ich‘
-geboren wird, ist es eine ebenso unumstößliche Tatsache, daß das Reine
-Ich ganz und gar unentwickelt, ganz und gar versunken und verschüttet
-und ertötet ist im Bürger des zwanzigsten Jahrhunderts ... Aber wie
-steht es mit der Entwicklungsmöglichkeit des Ich im Proletarierkinde?
-Wie verhalten sich Umwelt und proletarische Eltern zu dem Ich im
-proletarischen Kinde und umgekehrt?“
-
-Darüber habe sie noch nicht nachgedacht. Katharina stand noch einmal
-auf, kramte lange in einer Schublade und legte dann eine Papierserviette
-vor Jürgen hin.
-
-„Das ist aber eine sehr wichtige Frage. Auch hier müßte die Rechnung
-stimmen.“
-
-Wahrscheinlich könne auch diese Frage nur von dem Standpunkte aus, daß
-es eine herrschende und eine ausgebeutete Klasse gäbe, richtig
-beantwortet werden, sagte Katharina. „Vielleicht sollte man diese Frage
-so stellen: Was erhält das bürgerliche Kind von der Umwelt dafür, daß es
-seinen Protest, sein Wesentlichstes: sein Ich und damit sein Schöpfertum
-und die Fähigkeit, das Leben auch psychisch zu erleben, aufgibt, sich
-unterordnet, sich der Umwelt anpaßt, selbst zu einem Teile der Umwelt
-wird gegen noch Protestierende? Und was tauscht das proletarische Kind
-gegen die Aufgabe seines schöpferischen Ich ein? Was widerfährt dem
-Bürgerkinde, wenn es versucht, zu kämpfen, zu protestieren? Und was
-geschieht in diesem Falle dem proletarischen Kinde? Erhalten beide und
-geschieht beiden das gleiche?“
-
-Sie hörten, wie jemand absprang, das Fahrrad gegen die Mauer lehnte.
-Eine Sekunde später trat der junge Arbeiter ein, atmend, verschwitzt und
-seelenruhig lächelnd. „Die ganze Belegschaft der Hommesschen
-Papierfabrik ist in den Streik getreten, Genossin Lenz.“ Er wischte sich
-mit dem Taschentuch rund um den Hals. „Der Genosse Ingenieur läßt dir
-sagen, du sollst morgen früh um sieben Uhr in der Redaktion sein.“ Und
-da sie nickte, war er draußen.
-
-Sie rief ihn zurück. Ob die Werkmeister und Vorarbeiter mitstreikten?
-
-„Ah, wo werden denn diese Arschkriecher mitstreiken! Er will ja auch
-auswärtige Streikbrecher heranziehen. Aber unsere Streikposten stehen
-schon. Auch am Bahnhof! Die Polizei, selbstverständlich, ist auch schon
-aufmarschiert!“
-
-„Da möchte ich gleich Streikposten stehen“, sagte Jürgen, „gegen Herrn
-Hommes.“
-
-„Das besorgen die Betriebsgenossen schon selber.“ Sie setzten sich
-wieder. Und da Jürgen mit den Augen fragte, fuhr sie fort:
-
-„So gewiß es ist, daß die Natur die Trennung der Menschen in Klassen,
-das heißt: die Verhunzung des Menschen durch die kapitalistische
-Gesellschaftsordnung, immer wieder aufhebt durch das Hervorbringen
-körperlich und geistig vollwertiger Kinder bürgerlicher und
-proletarischer Eltern, so unzweifelhaft ergibt sich aus dem, was ist,
-daß die Trennung in Klassen auf bürgerliche und proletarische Kinder
-total verschieden wirkt.“
-
-Unversehens war die Gefühlsschwere von Jürgen gewichen. Entlastet atmete
-er aus. „Was dem Bürgerkinde, das sich nicht anpassen will, geschieht,
-weiß niemand besser als du und ich“, sagte er, im Blicke tiefe Freude
-über die schwer errungene persönliche Befreiung. „Ein zeitlebens
-seelisch gefährdeter Mensch, Irrenhaus oder Selbstmord! Oder,
-bestenfalls, als Dreißigjähriger ein zuckendes Nervenbündel! ... Und für
-die anderen, für die übergroße Mehrzahl, für diejenigen Bürgerkinder
-nämlich, die den Kampf gegen die Umwelt sofort aufgeben, ist das
-Nichtmehrprotestieren, das Sichaufgeben, das Sichanpassen
-gleichbedeutend mit Bequemlichkeit, kampflosem Siegen, mit der
-uneingeschränkten Möglichkeit, sich zu bilden, mit glattem Emporkommen
-in eine bevorzugte Stellung, mit standesgemäßer Heirat, mit Reichtum,
-Macht, Geachtetwerden, kurz: mit dem vollen Genusse des Lebens ... Die
-geben ihr Ich hin, tauschen aber dafür alles ein, was das Leben bietet.“
-Er schob den nicht ganz geleerten Teller auf die Seite.
-
-Durch die rückwärtige Tür trat Katharinas Wirtin ein, stellte einen Krug
-voll Wasser neben das schmale Eisenbett. „Schläft der Genosse hier? Die
-letzte 54 ist nämlich weg ... Dann bringe ich die Decke.“
-
-„Er schläft doch nicht hier“, sagte Katharina. „Nein, nein, er schläft
-nicht hier.“
-
-Und Jürgen fuhr schnell fort: „Das Sichanpassen des Bürgerkindes wäre
-demnach gleichbedeutend mit dem vollen Lebensgenusse eines Angehörigen
-der herrschenden Klasse. Dieser Angepaßte ist dann zwar in keiner Weise
-mehr er selbst, ist eine Ich-Leiche, aber eine geachtete, mächtige,
-herrschende, die das Leben, wie es ist, mitbestimmt und dieses Leben
-genießt. Eine Leiche, die lebt und gut lebt! Von dieser Seite ist also
-gewiß nichts zu erwarten für die Befreiung.“
-
-„Wenn aber die Umwelt“, sagte Katharina, „sich Kindern gegenüber sieht,
-denen sie, im Gegensatze zu den bürgerlichen Kindern, für das
-Sichanpassen nichts zu geben hätte als Not, Qual, Prügel in jeglicher
-Form, die Verweigerung aller Bildungsmöglichkeiten und des
-Lebensgenusses, nichts als Hunger, Kälte, Schmutz, Arbeitenmüssen für
-andere und Demütigungen auf allen Wegen? ... Das Proletarierkind, das
-geneigt ist, sich der Umwelt anzupassen, wird von der Umwelt selbst,
-wird durch die herrschende Klasse und deren Staat immer wieder in den
-Protest gegen die Umwelt zurückgestoßen. Dieser brutale, unaufhörliche
-Stoß verleiht und erleichtert dem proletarischen Kinde die Möglichkeit,
-etwas mehr von seinem Ich zu bewahren. Die Proletarier kommen aus dem
-Proteste nie ganz heraus, können folglich ihr Ich nie ganz verlieren und
-sind auch mit aus diesem Grunde als Klasse schöpferisch und dazu
-bestimmt, im Gange der Geschichte über die unschöpferisch gewordene
-bürgerliche Klasse hochzusteigen ... Aber erst in der klassenlosen
-Gesellschaft tritt dein Reines Ich auf den Plan, wird es jedem Einzelnen
-verstattet sein, er selbst zu werden und zu sein.“
-
-Jürgen sah den Vierköpfigen, hob langsam den Kopf, empor aus dem
-Lauschen und seinen Vorstellungen, blickte, den Gedanken erst
-formulierend, Katharina an: „Auf der einen Seite also, in der
-kapitalistischen Gesellschaft, meinst du: ungeheuerlichste Ungleichheit
-in materieller Hinsicht und eine vielleicht noch ungeheuerlichere
-blödsinnige Gleichheit aller im Geistigen ...“
-
-„Ja, und das wird Individualismus genannt.“
-
-„... auf der anderen Seite, in der klassenlosen Gesellschaft: materielle
-Gleichheit für alle und infolgedessen, nicht wahr, infolgedessen im
-Geistigen absolute individuelle Verschiedenheit jedes Einzelnen von
-jedem Einzelnen. Jeder ein Reines Ich! Ein schöpferischer Mensch!“
-
-„Und das wird die öde Gleichmacherei der Sozialisten genannt ...
-Zwischen diesen zwei Extremen liegt allerdings zunächst die Revolution.“
-
-„Wie unsäglich wunderbar das sein wird: Die Seele, die ihr Ich durch den
-Körper gewinnt und im Gleichgewicht in sich selber ruht.“
-
-Beide schwiegen. In die Stille klang wieder das in sich erstickende
-Geschrei des Säuglings. Fernher tönten Pufferknall und die monotonen
-Rufe der Eisenbahnarbeiter, die einen Zug zusammenstellten.
-
-Dieser Befreiungsversuch war ein herrlicher Seitensprung, dachte er
-stolz, lächelte gerührt, wie über eine teure Jugenderinnerung. Und trat
-in seinem Gefühle wieder ein in die Reihen der Millionen, die sich auf
-dem langen, generationenlangen Marsche befanden.
-
-„Dein Zimmer – diese drückende Decke, das kleine Fenster – ist wie ein
-niederstirniges Gesicht“, sagte er, empfand plötzlich wieder Druck über
-dem Herzen.
-
-„Ja, wir leben vergraben, geduckt, nur von uns selbst und der Idee
-beschirmt ... Bist du nun sicher, daß die Rechnung stimmt?“
-
-„Das solltest doch du am ehesten begreifen, daß ich, da hinter mir nicht
-der materielle Druck stand, der die Massen klassenbewußt macht, zum Teil
-auch auf dem Wege über den Verstand zum Sozialismus kommen mußte. Das
-Gefühl war vorher, war ja immer da.“
-
-„Wie wir einander wiederfanden, du und ich! ... Wie schön, wie wunderbar
-ist das!“
-
-Da schlug das Glück durch ihn durch, legte Jürgens Hand um ihren Nacken.
-So stand er, Blick in ihrem Blick, nahe seine Lippen dem kleinen, festen
-Mund. Ihr Körper gab nach, antwortete frei.
-
-Dann sagte Jürgen, halb fragend: „Wo ich heute nacht schlafen werde, bei
-wem, das weiß ich freilich nicht.“
-
-
-
-
- V
-
-
-„... und auch deshalb, damit Du nicht glauben solltest, ich sei
-verunglückt, ertrunken, ermordet worden (ich habe mich, im Gegenteil,
-vor dem Ertrinken, vor dem Erstickungstode gerettet), teilte ich Dir
-meinen Eintritt in die sozialistische Partei und den Entschluß mit,
-nicht mehr zurückzukehren.
-
-Wie noch vor kurzem kein Mensch, und wäre er der klügste auf der Welt
-gewesen, mir hätte begreiflich machen können, daß ich nur durch diesen
-Schritt mein Dasein in Einklang zu bringen vermöchte mit den Tatsachen
-des Lebens, so könnte ich die Beweggründe dieses Schrittes auch Dir
-nicht begreiflich machen, so wenig wie Herrn Papierfabrikant Hommes,
-Geheimrat Lenz, Bankier Wagner, den Professoren, Studenten, Söhnen und
-Töchtern, das heißt: allen diesen klugen, gebildeten Menschen Deiner
-Kreise, für welche die sozialistischen Arbeiter Existenzen sind, die
-alles gleichmachen und verteilen, nichts arbeiten, sich täglich
-betrinken wollen, und diejenigen, die sich zu den Sozialisten gesellen,
-schwachsinnige Schwärmer, Narren oder Verbrecher, ja sogar Verräter an
-dem Ideale.
-
-Wenn ich versuchen wollte, Dir zu erklären, daß der Sozialismus, über
-alles Materielle hinaus, auch eine gewaltige Kulturbewegung ist und
-verwirklicht werden muß, soll nicht die ganze Menschheit zugrunde gehen,
-müßte ich ein dickes Buch schreiben, und auch dann würdest Du nichts
-begreifen. Denn sogar Menschen meiner Wesensart vermögen die Größe und
-geschichtliche Notwendigkeit des Sozialismus erst dann ganz zu erkennen,
-nachdem sie den kleinen, aber entscheidenden Schritt, den Sprung gemacht
-haben – hinüber zur Arbeiterklasse, in ihr leben und zusammen mit ihr
-kämpfen.
-
-Ich habe den Sprung gemacht. Gräme Dich nicht darüber. Glaube mir, liebe
-Tante, daß dies allein für mich die Rettung sein konnte vor dem
-furchtbarsten, dem geistigen Tode. Daß dies allein die Rettung sein kann
-für jeden.
-
-Und glaube mir auch, daß ich, würde ich einmal wieder zurückkehren zu
-jenen, die mit Blindheit geschlagen sind und offenbar nur noch durch
-eine Art Staroperation sehend werden können, ein Verräter an mir selbst,
-Verräter an der Idee geworden wäre: ein verlorener Mensch, gleich allen
-Angehörigen der bürgerlichen Jugend, deren Tugenden durch die Erziehung
-in Schule und Elternhaus beschnitten werden auf das schickliche Maß, das
-ein gutes Fortkommen gewährleistet, und deren solchergestalt noch übrig
-gebliebener Idealismus auf der Universität von der tätigen Hingabe an
-die fließende Wirklichkeit vollends abgelenkt, mit falschen,
-überkommenen, erstarrten Inhalten gefüllt und dem Staate dienstbar
-gemacht wird, dessen Institutionen sich mit ganzer Wucht gegen
-diejenigen richten, durch deren Hände Arbeit die Existenz dieses
-Staates, Reichtum und Zivilisation des Landes und auch die Ausbildung
-der entselbsteten bürgerlichen Jugend, sowie deren ausschließliche
-Beschäftigung in den Bezirken des, wenn auch verfälschten,
-sterilgewordenen Geistes erst ermöglicht wird.“
-
-Den letzten Satz strich Jürgen wieder weg und schickte den Brief an die
-Tante.
-
-Er wohnte sei Monaten in dem Loch, das durch eine Tür mit Katharinas
-Zimmer verbunden war. Das windschiefe Fenster ging auf einen Rattenhof
-hinaus, in dem Küchenabfälle und allerlei Unrat seit Jahren faulten und
-stanken und tagsüber zwanzig Proletarierkinder an ihrer Welt bauten.
-
-Katharina und Jürgen führten gemeinsamen Haushalt. Ein Anzug nach dem
-andern, die Uhr, die Hemden waren, auf dem Wege über das Pfandhaus, zu
-Holz und Kohle, Kartoffeln, Wurst und Brot geworden.
-
-Seit dem Tage, da die Tante zum erstenmal den Namen Jürgen Kolbenreiher
-in Verbindung mit einer öffentlichen Arbeiterversammlung, gerichtet
-gegen den Papierfabrikanten Hommes, im Abendblatt gelesen hatte,
-eingepfeilt zwischen Schimpfworte, Hohn, Verleumdungen und verbrämt mit
-Bedauern für die hochachtbare alte Patrizierfamilie, die schon im 15.
-Jahrhundert der Stadt einen Bürgermeister geschenkt habe, waren die
-Bittbriefe, des Inhaltes, Jürgen möge vernünftig werden, sich wieder
-darauf besinnen, was er sich selbst, seinem Stande und seiner Erziehung
-schuldig sei, ausgeblieben.
-
-Durch den Streik der Papierarbeiter waren eine kleine Lohnerhöhung und
-für die stillenden Kartonnagenarbeiterinnen die Erlaubnis, ohne
-Lohnabzug dreimal täglich je fünf Minuten ihre Säuglinge befriedigen zu
-dürfen, erkämpft worden. Vier Streikposten, die in eine Schlägerei mit
-Polizisten und auswärtigen Arbeitswilligen geraten waren, saßen,
-verurteilt wegen schwerer Körperverletzung, in Tateinheit mit Störung
-der öffentlichen Ordnung, noch im Gefängnis und zwei schwerverletzte
-Streikposten lagen noch im Krankenhause. Herr Papierfabrikant
-Hommes hatte eine Summe ‚Für wohltätige Zwecke oder sonstige
-Kulturbestrebungen‘ gestiftet.
-
-Die Zeit ging hin. Jürgen hatte schon in vielen Versammlungen
-gesprochen. Leitete seit einem Jahre den Bildungskurs des Bezirkes, in
-dem er wohnte. In den Nächten schrieb er an einem Schriftchen: ‚An die
-bürgerliche Jugend‘. Denn auch jetzt noch stockte sein Herz, wenn er der
-Ereignisse gedachte, die ihn zum Schreiben dieses Aufrufes an die Jugend
-veranlaßt hatten.
-
-Vor dem Staatsgebäude fünfzigtausend Proletarier, demonstrierend für die
-Forderung, daß es jedem freistehen solle, seine Kinder am
-Religionsunterricht in der Schule teilnehmen zu lassen oder nicht; vor
-den demonstrierenden Arbeitern die Polizeikette, und hinter den
-Polizisten, aufgerufen von den Professoren, die ganze studentische
-Jugend, demonstrierend für die Beibehaltung des Religionszwanges.
-
-‚Mußte der Student denn nicht zusammen mit der Arbeiterschaft eintreten
-für die Freiheit des Gedankens, wenn er nicht sich selbst aufgeben
-wollte in seinem geistigen Bestande? Und was sind die Ursachen der
-Schande, daß er es nicht tat?‘
-
-Suchend nach den Ursachen saß er an dem als Schreibtisch dienenden
-Küchentisch. Das Licht von links. Freute sich des Tages über das Licht
-von links und in den stillen Nächten an dem Gasarm, den er durch eine
-Rohrverlängerung mit Hilfe eines seiner Genossen über den Schreibtisch
-montiert hatte.
-
-Wenn alles schlief und nur das Gaslicht summte, spielten im Hofe die
-Ratten, läutete fein das Glöckchen, das ein Proletarierjunge einer Ratte
-um den Hals gehängt hatte.
-
-‚Und im Zimmer nebenan atmet Katharina, die ich liebe. Viel mehr Glück
-kann man vom Leben nicht erwarten!‘ Er berührte den Bleistift zärtlich
-mit den Lippen. Weil Katharina ihn vielleicht einmal in die Hand nehmen
-würde.
-
-In diesen nächtlichen Stunden, da das Glöckchen in die Stille klang und
-die Sätze ihm gelangen, fühlte Jürgen sich und sein Ich organisch
-eingereiht in das Geschehen.
-
-Der Staatsanwalt hatte gegen die drei jungen Genossen und Katharina,
-denen es damals gelungen war, durch die Polizeikette durchzuschlüpfen
-und, unter Hohn und Prügel seitens der Studenten, Flugblätter zu
-verteilen, Anklage erhoben, ebenfalls wegen Störung der öffentlichen
-Ruhe, in Verbindung mit Aufreizung zum Klassenhaß. Die drei hatten je
-sechs Monate Gefängnis bekommen und saßen schon. Katharina, deren
-Vernehmung und Schlußrede als Sensation von den Zeitungen abgedruckt
-worden waren, verbrämt mit Bemerkungen tiefsten Bedauerns für Herrn
-Geheimrat Lenz, sollte am nächsten Tage in das Gefängnis.
-
-Jürgen schrieb bis in den Morgen hinein. Erst als er das Klappern des
-Waschgeschirres vernahm, klopfte er. Katharina war noch nicht
-angekleidet. Und wie beide, stehend, in der Umarmung verharrten, erhob
-sich in der Ecke Katharinas schmutziggelber, langhaariger Schnauz,
-schritt langsam herbei und blieb, als gehöre er zu allem, was geschah,
-dazu, vor ihnen stehen, den Blick zu Boden gerichtet.
-
-Es war erst fünf Uhr. Schon fiel der erste Sonnenstrahl auf das
-Fenstersims, brach sich, huschte schräg an der Wand entlang und verfing
-sich in der Ecke.
-
-Um acht Uhr mußte sie im Gefängnis sein. Sie saß, im Hemd, auf ihren
-Händen auf dem Bettrand. Der Schnauz war im Hofe bei den Ratten.
-
-Später sprachen sie von anderen Dingen. Er solle sorgen, daß für die
-drei Genossen gesammelt werde. Des einen Mutter habe nichts zu essen,
-solange der Sohn im Gefängnis sei.
-
-„Nach dem Examen nehme ich sofort eine Stellung an als
-Verwaltungsbeamter in einem großen Betriebe. Dann werden auch wir eine
-bessere Wohnung haben und regelmäßige Einkünfte. Und ich werde obendrein
-noch enger bei den Arbeitern sein als jetzt. Wir werden heiraten, um
-unnötige Scherereien zu vermeiden ... Überhaupt – ein Glück haben wir,
-ein Glück! ... Es wird ein Jahr vergehen, es werden fünf Jahre, zwanzig
-Jahre vergehen, und immer werden wir zusammen sein. Was wir alles
-erleben werden! Ungeheuer viel! Wir sind Lebensgefährten. Katharina,
-welch ein Glück! ... Sofort nach dem Examen nehme ich eine Stellung an.“
-
-Katharina, die schon als Siebzehnjährige, anstatt Blumen malen zu lernen
-und für Buddha zu schwärmen, begonnen hatte, das Mehrwertgesetz und die
-Kapitalskonzentration zu studieren, sagte, wie er, der als
-linksgerichteter Sozialist bekannt sei, dessen Name schon oft in den
-Zeitungen gestanden habe, ernstlich glauben könne, in irgendeinem
-Großbetriebe angestellt zu werden.
-
-„Nun, dann eben nicht!“ Sie blickten einander an, bis das selbe Lächeln
-in beider Gesichter entstand und sie wieder gleich auf gleich waren.
-
-„Deine Augen, Katharina, ach, deine Augen!“
-
-Wie unsagbar glücklich das eine Frau machen kann, dachte Katharina.
-
-Auf dem Wege bis vor das Gefängnistor erlebten sie eine Stunde
-vollkommensten Verbundenseins, wie nur zwei Menschen es verstattet sein
-kann, deren Liebe vertieft ist durch die gemeinsame Hingabe an die selbe
-Idee. Sie schritten in ihrem Gefühle.
-
-„Über alle Begriffe schön kann das Leben sein.“ In ausbrechender Freude
-schlug sie die Arme um ihn. Wandte sich, zog die Glocke. Und wurde von
-dem schwarzen Tore geschluckt.
-
-„Wo ist die Einsamkeit? ... Ah, meine Herren, es gibt keine Einsamkeit.
-Nicht einmal eine Trennung!“ frohlockte Jürgen und ging an seine Arbeit.
-
-Ob der Herr in Reichtum oder im Elend lebt, aus einem warmen
-Teppichzimmer in eines mit feuchten Wänden und verfaulendem Fußboden
-übersiedeln muß, ob er Erfolge erringt oder vom Leben Nackenschläge
-bekommt, hohe Ehren einheimst oder in Schimpf und Schande gerät – der
-Hund hängt seinem Herrn immer gleich an. So unvernünftig ist der Hund,
-dachte Jürgen. ‚Nur eines erträgt er offenbar nicht: getrennt zu werden
-von dem, dem seine Sympathie gehört.‘
-
-Katharinas Schnauz, bisher ein ausgelassen heiteres Tier gewesen, hatte
-am zweiten Tage das unruhvolle Fragen eingestellt; er blickte Jürgen gar
-nicht mehr an, fraß nicht mehr, leckte manchmal etwas Wasser und kroch
-wieder in seine Ecke zurück. Jürgen mußte ihn gewaltsam füttern.
-
-Der ‚Aufruf an die bürgerliche Jugend‘ war erschienen. Bei dem letzten
-Besuche, den Jürgen im Gefängnis machte, versuchte er, den Schnauz, der
-einzugehen drohte, mitzunehmen.
-
-Der Gefängnisdirektor, der aussah wie ein auf der Schwanzflosse
-aufrechtstehender, schwarzer Fisch mit dickem Bauch und kleinem, rotem
-Kopfe, ein vollblütiger, fünfzigjähriger Mann, höflich und
-zurückhaltend, gab nach minutenlangem, von bedauerndem Achselzucken und
-erschrecktem Augenaufschlagen begleiteten Erklärungen und Fragen,
-zwischen die er eine Serie korrekten Lächelns gleichmäßig verteilte –
-Lächeln nicht eines harten Gefängnisdirektors, sondern eines Menschen
-mit Herz und Gewissen, der aber leider an Pflicht und Gefängnisordnung
-gebunden ist –, schließlich die Erlaubnis zur Mitnahme des Hundes.
-Beugte sich plötzlich herab und tätschelte wehmütigen Mundes das Tier.
-Und dann kam, als sei er schon zu weit gegangen und Jürgen schon zu
-lange im Direktionszimmer geblieben, unerwartet schnell die knappe
-Verbeugung und sofort ein Lächeln wehmütig in die Wangen zurückgezogener
-Mundwinkel. Und sofort wieder das erschreckte Augenaufschlagen.
-
-Jürgen war, wie er mit dem Schnauz die abgetretene Steintreppe
-hinaufstieg, der festen Überzeugung, daß der Gefängnisdirektor früher
-oder später ins Irrenhaus kommen werde.
-
-Im Stocke stank es scharf nach Abort. Die Wärterin – lippenloser,
-strichdünner Mund im festen Gesicht – schloß eine Tür auf. Sie schritten
-durch einen großen Saal, in dem zwanzig zweimeterbreite, dreimeterlange
-und zweimeterhohe, engmaschige Drahtgitterzellen nebeneinander standen.
-Dazwischen die Gänge, wie in einer Menagerie. In jeder Drahtzelle eine
-Gefangene. Frauen, junge Mädchen und, gleich bei der Eingangstür, in
-zwei nebeneinanderstehenden Käfigen je eine Siebzigjährige. Alle in
-grauen Leinensäcken. Der Raum zwischen den gleichhohen Zellen und der
-Saaldecke war leer.
-
-Einige Gefangene schritten auf das Leben zu: drückten die Gesichter
-gegen das Drahtgeflecht. Blickende Augen. Eine Siebzehnjährige mit
-verwüstetem Gesicht lockte mit Zeigefinger und Daumen und sagte zweimal:
-„Schnauzel!“ Der Schnauz wedelte mit dem Schwanzstumpf.
-
-„Den ganzen Tag macht sie sichs“, rief die Siebzigjährige der Wärterin
-nach. „Immer hat das jung Luder die Finger unterm Rock.“
-
-Sie schritten durch die entgegengesetzte Tür hinaus, in einen langen
-Gang, an dessen Ende rot ein Gaslicht brannte. Links und rechts:
-Zellentür neben Zellentür, jede mit einem Beobachtungsfenster.
-
-Schon als die Wärterin den Schlüssel suchte, stellte der Schnauz die
-Vorderpfoten gegen die Zellentür. Sein Maul öffnete sich, die Zunge
-erschien, Spitze nach oben gebogen.
-
-Wimmernd schlüpfte er, durch die Beine durch, voran. Und es wäre
-Katharina unmöglich gewesen, ihn nicht zuerst zu begrüßen. Denn seine
-Liebe war stürmischer. So stürmisch, daß er unter Katharinas
-Liebkosungen nicht lange stillhalten konnte, sondern hin- und herrasen
-mußte, von der Fensterwand zur Zellentür, beim Wenden jedesmal
-ausglitschend auf dem glatten Betonboden.
-
-Sogar der strichdünne, lippenlose Mund ließ Zähne sehen.
-
-Sie hatten einander nur die Hand gereicht. Setzen konnte Jürgen sich
-nicht. Die Pritsche blieb tagsüber an die Wand geschnallt.
-
-„Heute war bei mir, hergeschickt natürlich von meinem Vater, der
-Irrenarzt.“
-
-Die Wärterin stand bei der Tür, ohne sich anzulehnen, blickte blicklos.
-
-„Das ist so zu verstehen, daß meinem Vater eine geisteskranke Tochter
-lieber wäre als die Schande, eine Sozialistin zur Tochter zu haben ...
-Ich ging auf das Gerede gar nicht erst ein, schickte ihn gleich wieder
-fort, was ihn natürlich auch nicht von meinem Gesundsein überzeugte.“
-
-Der Schnauz hatte sich etwas beruhigt. Er lag, offenen Maules atmend,
-die Vorderpfoten vorgestreckt, blickend auf den Betonboden, überzeugt,
-daß seine Leiden nun zu Ende seien: er hierbleiben oder Katharina
-mitgehen werde. Auch sie steckte in einem grauen Leinensack, etwas
-kleidsamer gemacht dadurch, daß sie die Bluse beim Hals eingeschlagen
-hatte.
-
-Bei dem ersten Tone, den die Wärterin sprach, erhob sich der Schnauz und
-bellte. Die Versicherungen Katharinas, daß sie in einer Woche kommen
-werde, nützten nichts. Der Schnauz stemmte sich mit allen Vieren und
-mußte so von Jürgen hinausgeschleift werden.
-
-„Das ist nicht erlaubt.“ Die Wärterin deutete auf den schwachen
-Schatten, durch dessen Vorhandensein das Vorhandensein von Brüsten
-vermutet werden konnte. „Immer wenn der zu Besuch kommt – diese
-Dummheit!“
-
-Katharina nahm den Einschlag heraus, so daß der Sack wieder rund um den
-Hals anschloß.
-
-„Sie können es gar nicht erwarten, was! ... Direktor melden“, hörte
-Katharina noch. Die Tür fiel ins Schloß.
-
-Schon überquerte Jürgen den Hof, halb springend, um noch vor Ablauf der
-Besuchszeit die Männerabteilung zu erreichen. Blieb aber plötzlich
-stehen: Durch das Tor rollte, gezogen von zwei schweren Pferden, ein
-auch oben zugebretterter Kastenwagen, aus dem rückwärts ein starkes
-Gestänge ragte, gleich einem Stück Eisenbahngleis, stabilisiert durch
-ein eisernes Querstück an der Stirnseite. Der Fuhrmann pfiff. Der Wagen
-rollte durch das sich eben auftuende zweite Tor in den Hof der
-Männerabteilung und weiter durch das dritte Tor in den Zuchthaushof, in
-dem am nächsten Morgen eine Hinrichtung stattfinden sollte.
-
-Sekündlich hatten alle Empfindungen Jürgens Körper verlassen. Er wollte
-die Genossen mit seinem Zustand nicht zu belasten, umkehren, konnte aber
-nichts wollen. Selbsttätig trugen die Beine ihn weiter, der Tür zu.
-
-So schritt er, in den Knien kraftlos, zusammen mit zwei Wärtern, die
-eine Art Tragbahre, beladen mit mehr als hundert Weißblechschüsseln,
-schleppten, den Gang vor.
-
-Der Wärter, der Jürgen führte, ein großer, alter Mann, der, im Rücken
-gebogen, mit jedem knieweichen Schritt, den er tat, müden Blickes auf
-sein Leben zu treten schien, schloß wortlos die Zellentür auf und
-gleichzeitig reichte wortlos ein Essenträger die verrostete Blechschale
-Jürgens jungem Genossen, der den Inhalt, eine schwarze Brühe, wortlos in
-den Abortkübel goß. Die Brotscheibe legte er auf den Klapptisch.
-
-„Das Zeug zu saufen hat gar keinen Wert.“ Er geriet beim Erblicken
-Jürgens sofort in Erregung. „Die Brüh soll das Abendessen vorstellen.
-Mittags gibts einen Mansch, den du frißt, weil du mußt. Und morgens die
-selbe Zichorienbrüh und auch ein Stück Brot. Das ist alles.“
-
-„Sie dürfen nicht über das Essen schimpfen zu einem Besuch.“
-
-„Ein paar Monate hältst du das ja aus. Aber da sind viele ...“
-
-„Wenn Sie davon weitersprechen ...“
-
-„... die schon lang sitzen und noch viele Jahre sitzen müssen.“
-
-„... muß der Besuch sofort raus aus der Zelle.“
-
-„Die, also die müssen verhungern. Die müssen glatt verrecken. Du machst
-dir keinen Begriff, Genosse, wie die Leute aussehen.“
-
-„Sie haben zu schweigen jetzt!“
-
-„Darüber mußt du in unserer Zeitung schreiben, Genosse!“ rief er Jürgen
-nach, der die Nummern der Zellen nannte, in denen seine zwei anderen
-Genossen waren. Der Wärter schritt schon auf die Treppe zu. „Die
-Besuchszeit ist vorbei.“
-
-Der grüne Wagen, in dem die Gefangenen vom Polizei- und vom
-Untersuchungsgefängnis in das ständige Gefängnis überführt werden, war
-eben angekommen. Zehn Verurteilte, Frauen und Männer, standen in dem
-Bureauraum, wo die Personalien aufgenommen wurden. Die Gefangenen mußten
-ihre letzten Habseligkeiten abgeben, die männlichen auch ihre
-Hosenträger abknöpfen. Wärter schleuderten den Gefangenen die graue
-Anstaltskleidung in die Arme. Gesprochen wurde nichts.
-
-Die Maschine funktioniert, dachte Jürgen und schritt der Ausgangstür zu.
-Da schoß ein schon älterer, stoppelbärtiger Mann mit schwärenbesetztem
-Gesicht und verschleimten Augen aus dem Bureau heraus, zuckte suchend
-hin und her, spähenden Blickes, der blitzhell offenbarte, daß er die
-Hölle, in die er kommen sollte, schon kannte, und schoß Jürgen nach,
-bestrebt, auch die aussichtsloseste Situation nicht unversucht
-vorübergehen zu lassen, um der Freiheit willen. Denn war er erst in der
-Zelle, dann gab es keine Zufallsmöglichkeiten mehr.
-
-Die Wärter lachten. Unwirsch stieß ihn einer zurück.
-
-Mit seinem letzten Blick fing Jürgen noch das Lächeln des Sträflings
-auf, der damit den Wärtern gegenüber seinem mißglückten Fluchtversuche
-die Ernsthaftigkeit nehmen wollte. Und dieses bebende Lächeln schien
-Jürgen das Grauenvollste von allem zu sein. Die schwere Tür drückte ihn
-hinaus.
-
-Geblendet stand er im Sonnenschein. Ging langsam weiter. Neben ihm
-tappte, Hinterteil und Schwanzstumpf kläglich eingezogen, der Schnauz.
-Jürgen hob ihn auf. „Etwas muß der Mensch doch in den Armen haben.“ Der
-zitternde Hund bohrte, stürmisch drängend, seinen Kopf unter Jürgens
-Rock.
-
-‚Wieviel Städte gibt es? Und wieviel Gefängnisse in jeder Stadt? Wieviel
-Zellen in jedem Gefängnis? ... Und in jeder Zelle ein Mensch! In jeder
-Zelle das, was von einem Menschen übriggeblieben ist! Hunderttausende
-Menschenreste! Und in der einen Zelle dort hinten einer, der weiß, daß
-ihm morgen früh – um fünf? um sechs? um viertelsieben? er weiß die
-Minute nicht, weiß sie nicht – der Kopf abgeschlagen wird! ... Kultur!‘
-
-Die Machtlosigkeit zog alles Blut aus Jürgens Adern und setzte sich als
-dunkler Druck unter das Brustbein. ‚Diese Bestien! ... Aber wer ist
-schuld? Der Gefängnisdirektor? Der Richter? Der Staatsanwalt? Oder gar
-die Gefangenen? ... Sie so wenig wie der Steinbrucharbeiter, der die
-Steine bricht, und wie der Maurer, der sie zum Gefängnis fügt, und nicht
-mehr als diese der Schlosser, der vor das Zellenfenster das Eisengitter
-einzementiert, hinter welchem den Klassengenossen das Leben vergeht. Es
-gibt keinen Verantwortlichen ... Der Staat? Der Staat ist ein
-Machtinstrument gegen die menschliche Gemeinschaft. Ist keine Person. Du
-findest im bürgerlichen Staate keinen Verantwortlichen. Du greifst in
-die Luft ... Die Ordnung der Dinge, sie ist schuld.‘
-
-Auf dem Tische lag wieder ein Brief von der Tante. Er schob ihn
-ungelesen weg. Auch als Katharina schon zurückgekommen war – Jürgen
-hatte den Fußboden geschruppt, ein Buch verkauft, für das Geld ein paar
-Blumen gekauft, das kniehohe, eiserne Glühteufelchen geheizt, denn es
-war an den Abenden schon kühl –, lag der Brief noch ungeöffnet zwischen
-den Papieren.
-
-Der Schnauz war wieder heiter geworden. Den Winter über schrieb Jürgen
-Artikel für das Arbeiterblatt, hielt sozialwissenschaftliche Vorträge im
-Bildungskurs, sprach in Versammlungen. Die Kollegs besuchte Jürgen
-unregelmäßig.
-
-So lebte er in seinen sechsundzwanzigsten Frühling hinein, ohne
-irgendwelche Beziehungen zu seinem früheren Leben, auch innerlich durch
-nichts mehr gefesselt an die Erlebnisse in seiner Jugend. Denn in dieser
-Zeit überfielen ihn auch die Angstträume nicht mehr, wie früher fast
-jede Nacht, da der Vater, die Professoren, die Tante machtstrotzend ihn
-angeblickt hatten und er, der Erwachsene, als Kind bebend in der
-Zimmerecke gekauert war, ohnmächtig ausgeliefert; andere Träume, von
-Jürgen bisher nie erlebt, schoben sich ein. Kampfträume, aus denen er
-siegreich und erfrischt hervorging.
-
-Aber erst nach der Nacht, da er im Traume, anstatt in Angst zu erbeben,
-auch dem Vater ins Gesicht gelacht und des Vaters Hand mit dem drohend
-deutenden Zeigefinger furchtlos zur Seite geschleudert hatte, war dessen
-Macht ganz gebrochen gewesen. Erst nach diesem Erwachen hatte Jürgen
-ganz sicher gewußt, daß alle Ungeheuer seiner Jugend und Erziehung
-völlig überwunden waren. Nie mehr war im Traume der Vater erschienen.
-
-‚Jetzt erst entscheidet nicht mehr ein fremder Wille in mir meine
-Handlungen. Und dazu mußte ich sechsundzwanzig Jahre alt werden ...
-Jetzt keuche ich einen anderen endlosen Berg hinauf; aber ... ich
-selbst, ich selbst keuche ihn hinauf. Ich selbst habe mich dafür
-entschieden, frei entschieden, diesen Weg zu gehen; nicht das Fremde in
-mir zwingt mich.‘
-
-‚Es denken und fühlen die allermeisten Menschen bis zu ihrer Todesstunde
-Gedanken und Gefühle, die nicht sie selbst denken und fühlen: es begehen
-die allermeisten Menschen bis zu ihrer Todessekunde Handlungen, die
-nicht sie selbst tun; die Summe der Ermordungen, an ihrem Wesen verübt
-von den Autoritäten, dieser Zwingherren der Seele, denkt, fühlt,
-handelt.‘
-
-Noch nach Jahren erinnerte Jürgen sich jenes Morgens, da er zum ersten
-Male die ruhige Sicherheit empfunden hatte, durch nichts Fremdes mehr
-vergewaltigt, sondern ganz und gar Selbstherrscher seines Gefühlslebens
-zu sein. Dieser Wendepunkt seines Daseins war begleitet gewesen von der
-unbegreiflich lastlosen Empfindung, seine Vergangenheit liege nicht mehr
-hinter ihm, sondern vor ihm.
-
-Kopf in die Linke gestützt, war er seitwärts am Schreibtisch gesessen,
-mit dem Blicke zur Verbindungstür, und hatte gedacht: Von nun an gibt es
-für mich keine Abwälzung der Verantwortung mehr durch den Hinweis auf
-die in Kindheit und Jugend empfangenen Wunden. Es können neue Wunden mir
-geschlagen werden von der Umwelt; aber alte Wunden für mein künftiges
-Tun und Unterlassen verantwortlich zu machen, geht nicht mehr an. Ich
-stehe am Anfang meines Ich. Um so gewaltiger die Verantwortung! Wie
-ungeheuer wäre der Verrat erst solch eines Menschen, der sein gewonnenes
-Ich verkaufen würde um des Lebensgenusses willen, angesichts allein nur
-der einen Tatsache, daß jene hunderttausende Gefangenen nur ein einziges
-winziges Feld des millionenfeldigen Schachbrettes der Leiden füllen!
-
-Kindergeschrei im Hofe. Frühlingssonne, die den letzten Rest des
-schmutzigen Altschnees schmolz. Aus der lecken Dachrinne fielen in
-Pendelregelmäßigkeit die schweren Tropfen, blitzten vorbei an Jürgens
-Fenster und platschten in die Pfütze. Im Zimmer nebenan klapperte die
-Maschine. Katharina arbeitete. Sie arbeitete immer.
-
-Auch Jürgen trug in sich das Gefühl, daß in einer Lebensordnung, in der
-fast jeder Genuß des einen nur auf Kosten eines anderen zu gewinnen sei,
-der Sozialist alles, was er an Leben gewönne, nur auf Kosten seiner
-Hingabe an die Idee gewinnen könne.
-
-‚Aber was ist Pflicht? habe ich als Abiturient die Tante gefragt ... Wir
-stecken, zusammen mit den Entrechteten, tief unten in der Spitze, in der
-tiefsten Tiefe eines gewaltig großen Trichters. Oben ist der Trichter
-erdenbreit, oben ist das Leben. Und nur zusammen mit den Entrechteten
-dürfen wir vorwärtsschreiten, nach oben, wo das Leben ist. Das
-Bewußtsein, dieses Bewußtsein ist alles. Weh dem, der seine Pflicht
-verletzt; der die verläßt, die in schweren Leiden und Kämpfen nur in
-qualvoll langgezogener Spirale aufwärts zu gehen vermögen, im
-millionenfältigen Schritt der Massen ... Jetzt weiß ich, was Pflicht
-ist.‘
-
-Wenn Jürgen zurückdachte an den Abend, da er, Kopf in die Linke
-gestützt, diese Gedanken gedacht hatte, schien es ihm, als sei erst eine
-Woche vergangen.
-
-Im Bildungskurs immer die selben Gesichter, die selben Fragen und
-Einwände. Der Verlauf der Versammlungen immer der selbe. Ein
-halbgewonnener Streik. Einer, durch den eine winzige Lohnerhöhung
-erkämpft worden war. Und wieder ein verlorener Streik. Dazwischen eine
-Demonstration. (Der Agitator und einige Genossen waren verhaftet
-worden.) Bildungskurs. Versammlungen. Kämpfe kleiner und kleinster Art.
-Enttäuschungen. Und wieder Bildungskurs. Versammlungen.
-
-Ein Tag wie der andere, und alle grau. Die Zeit flog, entschwand seinem
-Gefühle so schnell, als ob sie stehe, gar nicht vergehe. Es gab kein
-Ereignis, von dem, erinnernd, er hätte sagen können: das erfrischte
-mich. Es war, als ob seither erst ein Tag vergangen wäre, der in
-rasender Schnelligkeit sich selbst immer wieder einhole und so
-Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fresse.
-
-So stand er in der immer gleichen Grauheit des immer gleichen Tages.
-
-Anfangs hatten sich durch seine Verbundenheit mit Katharina in dieser
-Eintönigkeit die großen Stunden aufgetan, Minuten, Blicksekunden von
-solcher Tiefe des Glücks, daß die Erfüllung der ältesten Sehnsucht des
-Menschen – die Überwindung der schicksalhaften Einsamkeit, die jedes
-Lebewesen dieser Erde trennt vom andern – ihm zuteil geworden war. Aber
-die Erinnerung daran, daß er dies Unfaßbare des Daseins einmal geschaut
-hatte, und auch das Wissen, daß dieses Entrücktsein nur solchen
-verstattet sein konnte, deren Verbundenheit vertieft ist durch ihre
-gemeinsame Hingabe an die Idee, war verblaßt.
-
-Jürgen stand am Schreibtisch. Seine Hand legte einen Bleistift hin, nahm
-ihn wieder, legte ihn hin, nahm ihn. ‚Immer das selbe zu tun, das selbe
-zu tun, selbe zu tun und nichts zu erleben, da verflackert die Flamme
-... Jahrelange Hingabe, ausschließlich durch sich selbst genährt! Ist
-sie menschenmöglich?‘
-
-Er hätte schon fort sein müssen, um rechtzeitig in die Redaktion zu
-kommen. „So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage ... Wo war
-das? Tatsächlich, ungefähr so leben die. Und wir leben so. Das ist ein
-Leben!“
-
-Wieder tropfte die lecke Dachrinne. Die Proletarierkinder tobten im
-Hofe, wo der graue Haselnußstrauch schon braunviolette Knospen trug.
-Wieder war ein Jahr vorbei.
-
-‚Innere Vertrocknung. Ja, ja, innere Vertrocknung.‘ Er horchte auf das
-Klappern der Maschine. ‚Dieses Mädchen, Menschenkind, Menschheitskind
-mit dem großen, milden, starken Herzen, lebenslänglich hingegeben der
-Idee, ganz und gar!‘
-
-Die Erschütterung ging durch den ganzen Mann durch. „Das Leben, sein
-Leben hinzugeben, auf einmal, ist ein Nichts ... Da drinnen sitzt die
-Größe. Die Größe bei der kleinen Arbeit! Das Kleine, das Tägliche, das
-Treue, täglich, durch Jahre, durch Jahre im Dienste der Idee getan, ist
-die Größe. Der Held ist tot. Der Held gehört vergangenen Jahrhunderten
-an ... Katharina sitzt, wie der Verurteilte, lebenslänglich im
-Gefängnis. Hat sich selbst verurteilt ... Verteile, wie sie, ein Leben
-lang deine Hingabe auf jährlich dreihundertfünfundsechzig Tage – erst
-dann hebe stillen Blickes die Hand in Stirnhöhe, wenn gerufen wird: Wer
-noch vermehrte die Zahl der vielen, auf deren dargebrachtem Leben ich,
-die Menschheit, in die Befreiung schritt? ... Ich weiß, daß dies, daß
-dies die wahre Größe ist“, flüsterte er bebenden Mundes.
-
-Blickte, umstanden von Grauheit, zurück auf die Grauheit der vergangenen
-Jahre, suchenden, tastenden, flehenden Blickes auf die Grauheit
-künftiger Tage. Und hatte, Minuten später, unversehens den verluderten
-Backsteinwürfel verlassen, durch die Hintertür.
-
-Schritt, von Lebensgier gestoßen, hinaus. Dem Walde zu. Hinaus über
-fette Schollenäcker. Atmete und schritt. Ihm entgegen stürzte das Leben.
-
-Birken – butterzartes Hellgrün – säumten den Wald, dessen
-billionenknospiges Geäste violett im Frühlingsdampfe stand.
-
-Der grüne Tunnelberg, strotzend von Brombeer und Schlehdorn, Brennessel,
-Felsmoos, zugeflogenen jungen Birken, wilden Obstbäumen und allerlei
-Grün – ein wild und dicht bewachsener Riesenrücken, in der Sonne
-funkelnd und glitzernd –, war schweißnaß.
-
-Jürgen stand vor dem schwarzen Tunnelloch, blickte hinein, forschend,
-wie zurück in seine Vergangenheit. „Bis hierher rannte ich, damals, als
-die Tante mich angespuckt hatte. Wollte ich mich überfahren lassen? Da
-war ich fünfzehn Jahre alt“, sagte er, ergriffen von Sympathie für den
-Knaben. „Spuckt ihm ins Gesicht, dem Jungen. So ein Mistvieh! ... Nun,
-diese Ungeheuer in mir sind tot.“
-
-Dies war nun schon seine vierte Wanderung in diesem Frühling. Immer war
-er vollgesogen, erfrischt, verdreckt und ausgehungert zurückgekehrt. Und
-Katharina hatte gesagt: „Das solltest du öfters tun.“
-
-Einmal, schon vor Wochen, waren beide zusammen gewandert. Wachstum und
-Grün, noch gebunden, erst als Verheißung über den unabsehbaren
-Buchenwäldern. Schäumende Bäche, nasse Täler, Nebeldämpfe, die wie Rauch
-und Erde rochen, hatten Kälte verbreitet, in der schon die Glut des
-Kommenden prickelnd enthalten gewesen war.
-
-Neugierig, was zu sehen sein werde, waren sie seitwärts aus einem von
-noch kahlem Gesträuche überhangenen Hohlweg emporgestiegen und auf die
-Landstraße gekommen, die, eben und linealgerade, weit, weit hinaus und
-zuletzt wie ein weißer Pfeil in den geheimnisvollen Horizont stieß.
-
-Die Vorstellung: ein Mensch geht aus der Stadt hinaus, geht auf der
-Landstraße hin, läßt alles hinter sich, alle Qualen, alle Pflichten,
-geht immer weiter, weiter auf der Landstraße hin – hatte Jürgen, der
-Jüngling, jahrelang in sich getragen.
-
-Katharina saß auf dem Kilometerstein, Jürgen neben ihr auf dem
-Baumstumpf. Durchwärmte Körper und kalte Wangen, die vor Hitze
-prickelten.
-
-Während sie Brot und Wurst aßen, hing Jürgen jener alten Sehnsucht nach.
-„Wenn wir beide jetzt einfach losgingen, da hinaus, jetzt auf der
-Stelle, und ohne jemals umzukehren, immer weiter, du und ich, fort,
-immer weiter fort!“
-
-„Ohne Zahnbürste, ohne Nachthemd, ohne Ausweispapiere“, hatte Katharina
-lächelnd geantwortet. „Ohne Wohin! Nur zusammen!“
-
-„Ja, du und ich! Ohne Geld! Ohne Rückblick! Nicht mehr dies und das,
-nicht jenes, nicht die Redaktion, der Bildungskurs, nicht Doktorexamen
-und Ausweispapiere – nur der Mensch ist die Instanz. Wir, der Mensch,
-gehen und lassen, endlich! endlich! den Menschen atmen, fühlen, tun,
-erleben. Nur ihn! ... Müde, übermüdet, klopfen wir an ein Bauernhaus und
-bitten um ein Nachtlager.
-
-‚Wer seid ihr?‘
-
-‚Der Mensch!‘
-
-Wir kommen in eine kleine Stadt, mitten hinein in das verfilzte Mein und
-Dein, und sagen: ‚Der Mensch ist da.‘
-
-Ungeheures Erstaunen! Alle geben uns, was wir brauchen. Denn in tiefster
-Heimlichkeit haben alle den Menschen erwartet, an dessen Kommen sie
-schon gar nicht mehr geglaubt hatten.“
-
-„Der Mensch ist aber noch nicht da, Jürgen. Den gibt es noch nicht, kann
-es noch nicht geben. Mensch zu sein, kann dem Einzelnen erst dann
-verstattet sein, wenn es allen verstattet sein wird ... Welch
-furchtbaren Verrat an der Idee wir begehen würden!“
-
-„Du sprichst so ernst, als ob ich wirklich alles rücksichtslos
-abschütteln und auf dieser Landstraße weiterwandern wollte, hinaus in
-das Leben ... Würdest du darunter leiden?“
-
-Wie seltsam tief ergriffen und dennoch heiter sie mich da angeblickt
-hat, erinnerte Jürgen sich und glaubte Katharinas Worte wieder zu
-vernehmen, die gesagt hatte:
-
-„Muß denn nicht gerade der Mensch, der, sein Ich um jeden Preis zu
-gewinnen, jeder Pflicht entläuft, indem er, um des Lebensgenusses
-willen, rücksichtslos sein eigenes Ich zur obersten Instanz erhebt, sein
-Ich ganz und gar verlieren? Muß nicht gerade in dem Menschen, der
-ausschließlich seinen Wünschen und Begierden folgt, der Mensch ganz und
-gar untergehen? Und wird der Mensch und das in diesem Zeitalter
-verstattete Maß an Ich nicht erhalten bleiben nur in dem, der sie
-erfüllt: die Pflicht?“
-
-Langsam hob er den Kopf, tat, wie damals, noch einen Blick in die
-wunderbare Ferne. Wandte sich wie gezogen um, starrte in das schwarze
-Tunnelloch: „Das ist die Pflicht ... Wenn ich mich nicht schon
-entschieden hätte, müßte ich mich doch wieder, doch wieder ... ich müßte
-mich doch wieder für die Pflicht entscheiden.“
-
-„Doch wieder! Doch wieder!“ Trotzig wiederholte er im Schrittakt diese
-Worte. Während der letzten Jahre war Jürgen seiner Gedanken und Gefühle
-so sicher gewesen, daß er sie auch jetzt nicht kontrollierte.
-
-Vor ihm lag sanft gewellt die Hochebene: Schollenäcker, Frühsaatflächen,
-weit hingebreitet, braun und grün. In der Nähe erklang Frauenlachen, dem
-eine baßtiefe Lachsalve folgte: Auf dem nächstgelegenen Hügel saßen die
-Fabrikantensöhne und -töchter beim Picknick. Am Fuße des Hügels standen
-sechs Kraftwagen, darunter der postgelbe des Bankiers Wagner.
-
-Hand in Hand sprangen zwei weißgekleidete Mädchen herab, die in Jürgen
-den Bräutigam der einen, der zu Fuß hatte nachkommen wollen, vermuteten.
-
-Enttäuschung, Lächeln und ein kurzer Schmerzensschrei in einem. Gestützt
-auf ihre Freundin und auf Jürgen, hinkte die Braut, die sich den Fuß
-übertreten hatte, zurück.
-
-‚Und wenn ich ganz abgerissen wäre, würde mir das auch nichts
-ausmachen.‘ Die ausgefranst gewesene letzte Hose seines letzten Anzuges
-war zu einer kurzen Hose zurechtgeschneidert und von den Abfällen war
-ein Hinterteil frisch aufgesetzt worden, in Breechesschwung.
-
-Adolf Sinsheimer kam lustig entgegen, in der vorgestreckten Hand eine
-gebratene Hühnerkeule für den Erwarteten. Sein Mund öffnete sich.
-
-„Tut schon nicht mehr weh“, sagte die Braut beruhigend.
-
-Aber die vorgestreckte Hand ließ die Hühnerkeule senkrecht fallen. „Das
-ist Jürgen Kolbenreiher; und hier: Elisabeth Wagner, meine Braut“,
-stellte er, während er den Knochen wieder aufhob, das andere Mädchen
-vor, das auf dem Herwege Jürgen in keiner Weise beachtet hatte und nun,
-zu plötzlich überrascht, in unverhohlener Spannung ihn ansah.
-
-Jürgen war für Elisabeth Wagner so lange vollkommen uninteressant
-gewesen, bis sie erfahren hatte, daß ihre Mitschülerin Katharina ihn
-liebe. Seitdem hielt sie Jürgen, da Katharina schon im Institut für ein
-unzugängliches, wählerisches Mädchen gehalten worden war, für einen ganz
-besonders interessanten, bedeutenden Menschen, dessen Bekanntschaft
-machen zu dürfen sie seitdem immer wieder Drohungen, Spott und alle
-Mittel ihres überlegenen Verstandes dem Bräutigam gegenüber angewandt
-hatte.
-
-Sofort begann sie von Katharina zu sprechen, die zwar zwei Jahre älter,
-aber im selben Institut mit ihr gewesen sei. Und auch als sie bewundernd
-ausrief, wie Katharina es nur ertragen könne, im Gefängnis zu sitzen,
-fühlte Jürgen, daß die Bewunderung ihm galt.
-
-Erst viel später gestand er sich ein, daß er, nur um Elisabeths
-Interesse noch zu steigern, versucht hatte, sich gleich wieder zu
-verabschieden.
-
-Mit leisem Schmollen, das ihrem kühlen Wesen fremd war, bat sie, er möge
-doch mit zur Gesellschaft kommen. „Adolf, bitte du ihn!“ Sie hielt
-Jürgens Hand fest.
-
-„Na, so komm doch mit ... Aber wenn du nicht willst ...“ Jetzt erst
-bemerkte Adolf, daß er den staubigen Hühnerfuß wieder aufgehoben hatte,
-und schleuderte ihn seitwärts ins Feld, blickte dabei wütend seine Braut
-an.
-
-Das angenehme Machtgefühl ließ Jürgen mitgehen. Die drei setzten sich,
-etwas abgesondert von den andern, auf die Wolldecke.
-
-„Gebratenes Huhn und Rotwein, im Freien genossen – darüber hinaus gibt
-es nichts.“ Die andere Braut sagte dem Genießer, wer der Gast sei, dann
-wurde es auch auf dieser Wolldecke stiller.
-
-Die fünfundzwanzig gepflegten, gesunden Menschen gehörten den reichsten
-Familien der Stadt, die Männer fast alle Jürgens Generation an:
-Fabrikantensöhne, die in den Geschäften der Väter arbeiteten oder sie
-schon selbständig führten, wie Adolf die Knopffabrik und das
-angegliederte Knopfexporthaus.
-
-„Tüchtige Kerle! Daß der dort sich schon einen Namen in der Wissenschaft
-gemacht hat, weißt du ja. Unser Abiturientenjahrgang kann sich sehen
-lassen. Einer ist sogar schon Reichstagsabgeordneter. Der war ja immer
-einer der besten Schüler.“
-
-Elisabeth begann von Literatur zu sprechen, lobte ein jüngst
-erschienenes Buch. Jürgen, ausgehungert, aß schweigend und viel.
-
-Streitsüchtig nannte Adolf eine Anzahl so schlechter Bücher, die er für
-weit besser halte, daß Elisabeth lachen mußte. Und zu Jürgen, mit einem
-Blick des Einverständnisses: „Davon versteht er gar nichts.“
-
-Die sechs Kraftwagen rollten langsam hügelaufwärts. Nachdem Elisabeth
-erzählt hatte, daß sie erst vor ein paar Tagen wieder Jürgens Tante
-besucht habe, die bedenklich krank sei, sprach Adolf sehr orientiert von
-der Wirtschaftslage des Landes. „Die ganze Dichterei ist mir, offen
-gestanden, natürlich recht gleichgültig, und was du treibst – Arbeiter
-verhetzen, Bomben fabrizieren, wie? – ist gar der reine Blödsinn ...
-Sieh dir an, was unsere Industrie auf dem Weltmarkte gilt, und werde
-vernünftig! Das ist der Rat eines Menschen, der kein Jüngling mehr ist,
-sondern die Verantwortung für das Wohl und Wehe von sechshundert
-Angestellten und Arbeitern ganz allein zu tragen hat. Meine Freunde
-hier, sieh dir sie an – lauter tüchtige Menschen! Der eine im Bankfach,
-andere in der Industrie oder in der Wissenschaft, in der Politik,
-Menschen, die sich und ihr Vaterland vorwärtsbringen ... Und Leo Seidel
-– erinnerst du dich noch an den Sohn des Briefträgers? Die
-Weltgeschichte, weißt du! Der ist heute, nachdem er eine Zeitlang
-Impresario und weiß der Teufel was alles gewesen war, Bankier in Berlin.
-Sitzt im Aufsichtsrat von einem Dutzend großer Aktiengesellschaften.
-Eine tolle Karriere! In ein paar Jahren kann er durch das Geben oder
-Verweigern seiner Unterschrift die Börse beeinflussen. Würde mich nicht
-wundern ... Wirklich, solltest meinen Rat befolgen und die Augen auch
-aufmachen.“
-
-Jürgen lächelte das Lächeln eines Menschen, der seiner Sache sicher ist,
-diesen Rat nicht nötig hat, und gab keine Antwort, reichte beiden die
-Hand, schlug Elisabeths Bitte, im Wagen mit zurückzufahren, ab und
-schritt, nach einer knappen Verbeugung zur Gesellschaft hin, waldwärts.
-
-‚Wie schloß Adolf seinen Hymnus auf sich und auf die Stellung unserer
-Industrie in der Welt?: Nur wer auf irgendeinem Gebiete etwas leistet,
-hat Macht. Und nur dem Mächtigen gehört das Leben.‘
-
-‚Das stimmt. Aber wer sind die Mächtigen und was für Eigenschaften
-müssen sie besitzen, um mächtig werden zu können? ... Es gibt eine
-bestimmte große Anzahl solcher, die schon oben geboren werden und sich
-eben weiter vorwärtsbringen, wie geölt; eine kleine Anzahl Leo Seidels,
-die nicht nur über Verstand, Begabung und eiserne Gesundheit, sondern
-auch über eine ganz besonders große Portion Brutalität,
-Rücksichtslosigkeit und Gemeinheit verfügen müssen, um durch die
-erdenbreite Eisenplatte, die auf den Rücken der Millionen lastet, durch-
-und hinaufkommen zu können. Außerdem gibt es noch einige Jürgens, die
-oben sein könnten, aber heruntergehen und nur auf der Leiter des Verrats
-an der Idee wieder hinaufzusteigen vermöchten ... So liegt die ganze
-Drahtleitung.‘
-
-Innerlich grau geworden, starrte er den sechs Kraftwagen nach, die,
-schon in weiter Ferne, eben um den Fuß eines bewaldeten Hügels
-herumsausten, auf der Höhe wieder erschienen und, ein sich
-schlängelnder, dünner, schwarzer Strich, im Blau verschwanden.
-
-‚Im Auto würde man aus der tiefsten Tiefe des Trichters, in dem das
-Proletariat kämpft und krepiert, sehr schnell heraus und nach oben
-kommen, wo das Leben ist ... Ja, ich brauchte sogar nur einen einzigen
-Gedanken zu denken, den Gedanken: Jeder für sich! Oder: Vervollkommnung
-der Persönlichkeit! Und schon würde ich oben sein.‘
-
-Erfüllt von Widerwillen gegen alles, gegen das Leben und gegen sein
-Leben, gegen die Ausflügler und gegen den Bildungskurs, den er heute
-abend noch abzuhalten hatte, langte er vor der Haustür an. ‚Die Jugend
-scheint bei mir vorüber zu sein. Die Jugend! Man wird älter und alt!‘ Er
-nahm dem Postboten einen Brief ab. Die ungelenke Handschrift war ihm
-nicht bekannt: Phinchen flehte, er solle kommen, die Tante sei noch
-immer sehr krank. Und weshalb er auf den letzten Brief nicht geantwortet
-habe.
-
-„Jetzt wirst du großen Hunger haben.“
-
-„Nicht einmal! Ich habe ja ... Ich habe eigentlich wenig Appetit ...
-Hier, lies den Brief!“
-
-„Fühlst du dich nicht wohl? Ich meine, weil du nicht hungrig bist.“
-
-„Doch, ich bin ganz gesund ... Aber, was meinst du, soll ich da tun?“
-
-„Weshalb solltest du sie nicht besuchen!“
-
-Während des ganzen eineinhalbstündigen Vertrages, den Jürgen im
-Bildungskurse hielt, fühlte er sich gepeinigt von dem Bewußtsein, seine
-Begegnung mit den Ausflüglern Katharina verschwiegen zu haben. Erst
-gegen Morgen, nach einer in unruhigem Halbschlafe verbrachten Nacht,
-schlief Jürgen ein.
-
-Und stand um zwölf Uhr vor der Villa, die er vier Jahre nicht mehr
-gesehen hatte. Die Tante saß, in Decken gehüllt, im Lehnstuhl. Phinchens
-Gesicht, glücklich lächelnd, war tränennaß geworden beim Erblicken
-Jürgens.
-
-Es sei, wie immer, die Brust, antwortete die Tante. Sie trug, wie immer,
-ihr schwarzseidenes Spitzenkopftuch, sah ganz unverändert aus. Bei dem
-linken Ohre beginnend, über Schläfe und Stirn, bis zum rechten Ohr,
-lagen, platt angedrückt wie immer, die mit der Brennschere sorgfältig
-gedrehten schwarzen zwölf Fragezeichen.
-
-Erst in diesem Zimmer, wo der Fußboden so rein war wie der Vorhang und
-so funkelte wie die Fensterscheiben und die polierten Möbel, fühlte
-Jürgen, sitzend an dem einladend gedeckten Tisch, wie heruntergekommen
-er in seinem letzten Anzuge aussehen müsse.
-
-Die Tante sprach nicht, fragte nicht. Und bemerkte alles. War entsetzt
-über Jürgens Aussehen. ‚Seine Manschetten sind ausgefranst, die
-Hemdbrust und der Kragen ungewaschen. Diese Stiefel! Die Absätze sind
-schiefgetreten bis zur Kappe.‘
-
-Und ohne Überleitung, als ob sie, während Jürgen aß, an nichts anderes
-gedacht hätte: „Ich würde ... wir würden noch einen zweiten Stock
-aufsetzen lassen. Ihr würdet oben wohnen. Die Grundmauern der Villa sind
-stark.“
-
-„Wer soll oben wohnen.“
-
-„Wenn du heiraten würdest.“
-
-Jürgen schüttelte den Kopf. ‚Es ist doch zu toll!‘ Antwortete nicht, aß
-weiter. Er saß mit dem Rücken zur Tante. Der Lehnstuhl stand am Fenster
-in der Sonne.
-
-„Und wenn ich sterbe, könnt ihr unten Wohnzimmer, Eßzimmer und Salon
-haben, im Stock Empfangsräume, und oben schlafen ... Phinchen würde ja
-auch bei euch sein ... Und der Garten. Der schöne Garten!“
-
-Phinchen versuchte, das Weinen zu verschlucken, heulte los und rannte
-mit der vollen Schüssel wieder hinaus. Es war still. Die Tante blickte
-Jürgens Rücken an, sah durchs Fenster auf den blühenden Magnolienbaum,
-wieder Jürgens Rücken an. „Aber wissen müßte ich, wem ich mein sauer
-erworbenes Vermögen hinterlasse. Denn so schwer es mir auch fallen würde
-...“
-
-Er legte die Gabel, mit der er ein Stück Fleisch von der Platte hatte
-nehmen wollen, wieder zurück, wandte sich langsam um. „Du müßtest mich
-enterben, was?“
-
-„So furchtbar schwer mir das auch fallen würde!“
-
-„Und du glaubst, daß ich mich ... Glaubst du denn wirklich, daß ich mich
-mit so etwas bestechen lasse?“
-
-Die Tante strich sich über die Augen, legte die Hand an das Kinn, sah
-weg. Und Jürgen drehte sich wieder um zum Tisch. So stehts denn doch
-noch nicht mit mir, dachte er. Und, plötzlich im Tiefsten betroffen:
-‚Was war das? Was war das? Was?‘
-
-„Ich sage dir nur, was mein Herz mir eingibt.“ Die Tante redete weiter.
-Er hörte nichts mehr. ‚Was war das? ... Wie also stehts denn mit mir?‘
-
-So sitzt sie immer, wenn sie einem Plane nachhängt, dachte er auf der
-Straße. Er wußte nicht, wann und wie er die Villa verlassen hatte. ‚Wie
-ging ich denn weg? ... Was war das? Wie also stehts mit mir? ...
-Streicht sich mit der Hand erst über die Augen und dann bleiben ihre
-Fingerspitzen am Kinn haften. So macht sie es immer. Da sitzt dieses
-winzige, gelbgesichtige Persönchen im Lehnsessel und macht Pläne: über
-das morgige Mittagessen, oder ob sie ihr Vermögen, ihr sauer erworbenes,
-vergrößern kann, wenn sie dieses oder jenes Wertpapier kauft oder
-verkauft, oder über den Tag der nächsten großen Wäsche, oder über mein
-zukünftiges Leben. Wenn sie Schlitzaugen hätte, würde sie ganz so
-aussehen wie eine alte Chinesin.‘
-
-Plötzlich blieb er stehen. ‚Alles das stimmt. Ist aber ganz unwichtig;
-wichtig ist, zu wissen, was eigentlich mit mir los ist ... Was will ich
-denn?‘ Die weiße, linealgerade Landstraße schoß wie ein Pfeil in den
-geheimnisvollen Horizont. ‚Das ist Unsinn. Das Fortlaufen ist Unsinn ...
-Aber das Gefühl, das hinter diesem Wunsche steht, ist kein Unsinn.
-Dieses Gefühl bin ... ich, ist der Mensch in mir, so wie er ist ... Wie
-er offenbar nun einmal ist!‘
-
-Und dann geschah es, daß Jürgens Körper selbsttätig auf die Bank in der
-Anlage zuschritt, sich setzte. Und nun: Hände weg von allem! Alle
-Muskeln entspannt! Alles Denken und jede Selbstbeobachtung aufgegeben!
-Den Willen ausgeschaltet! Weg mit dem Bewußtsein! Der Mensch, er allein!
-soll sagen, was er will, dachte Jürgen noch und schloß, bereit, zur
-Kenntnis zu nehmen, was auch kommen möge, ganz entspannten Wesens die
-Lider.
-
-Anfangs kam nichts. Knapp vor den Augen farbige Pünktchen im Grau. Er
-saß in der Mitte seines Lebens, in dem nichts war. Saß so still, so
-leblos, daß ein Vogel anflog, auf der Banklehne zwitschernd hüpfte,
-wieder abflog.
-
-Menschen und Gesichtsausdrücke, Menschengruppen, eine Flußlandschaft:
-Lebensbilder, die vor langer Zeit Jürgens Gefühl getroffen hatten und
-deren Sinn ihm unerkennbar blieb, tauchten auf, schemenhaft, verblaßt,
-und versanken wieder. „Das ist nebensächlich“, flüsterte er einige Male.
-
-Ferne Stadtgeräusche, kaum hörbar von Hupentönen durchstoßen: Das Leben
-der Gegenwart, die Arbeit, die ihren Gang ging, laut und leise. Bei der
-Bank war es still.
-
-Ein schwarzgekleideter Herr dreht die Schulter halb rückwärts, grüßt,
-etwas hochmütig, nach der Seite hin. Viele Herren und dekolletierte
-Damen bewegen sich unter den lichtblitzenden Riesenkronleuchtern im
-großen Saale. Alle grüßen den Schwarzgekleideten. Blicke, achtungsvolle,
-neidische, prüfende, folgen ihm.
-
-‚Der Schulkamerad, der sich in der Wissenschaft schon einen Namen
-gemacht hat ... Mag er!‘
-
-Sie essen nicht, trinken nicht; sie gehen umher, blicken dem
-Schwarzgekleideten nach, sprechen über ihn und warten. ‚Nein, Musik ist
-keine da.‘
-
-Jürgen, in knappsitzendem Gesellschaftsanzug, beherrschte Kraft in
-Schultern und Brust, beherrschtes, natürliches, berechtigtes
-Selbstbewußtsein in Blick und Worten, tritt ein, spricht leicht und
-freundlich mit seinen Partnern, die schnell wechseln, sich unauffällig
-an ihn heranmachen. Keiner hat ein eigenes Gesicht. Der auf der
-Anlagenbank sitzende Jürgen sieht und fühlt nur sich, nur den seines
-Geistes und seiner Kraft und Macht bewußten Frackherrn-Jürgen, der
-höflich zuhört, knapp und freundlich antwortet.
-
-Der andere Schwarzgekleidete schrumpft zusammen, drückt sich unbeachtet
-an der Seite umher. Der Mittelpunkt ist Jürgen. Denjenigen, die sich an
-ihn nicht heranwagen, geht er selbst entgegen, begrüßt sie
-liebenswürdig, nicht herablassend, nicht hochmütig. ‚Wer eine Leistung
-vollbracht hat, wer etwas leistet, ist nicht hochmütig, hat es ja auch
-nicht nötig, hochmütig zu sein.‘
-
-Alle sprechen von ihm. Aller Blicke sind auf ihn gerichtet. Jürgen ist
-so sehr Mittelpunkt, daß er sich bemüht, weniger Mittelpunkt zu sein,
-das Interesse etwas auf den anderen Schwarzgekleideten abzulenken, wofür
-er verhaltenes Lächeln der Bewunderung erntet. Sein Wille, sein Geist
-wirken in allen, bestimmen Gedanken, Gefühle und Mienen aller
-Anwesenden.
-
-Jürgen lehnte nicht mehr, entspannt, Augen geschlossen, in der Bankecke;
-gleichzeitig mit dem Eintritt des Frackherrn-Jürgen in den Saal hatte er
-sich aufgerichtet, war mit seinen Gefühlen in den Eingetretenen
-hineingeschlüpft. Seine Schultern und seine Hände, sein Gesicht hatten
-alle Bewegungen und das Mienenspiel des andern mitgemacht.
-
-Er saß, alle Muskeln gespannt, vorgebeugt, starrte auf den grünen
-Bretterzaun, in den er das Bild seines Wunsches hineingesehen hatte. Und
-als er plötzlich nur noch den grünen Bretterzaun sah, strich seine Hand
-über die Augen und blieb, wie die der Tante, am Kinn haften.
-
-‚Das also wünsche ich ... wünscht er: der Mensch in mir.‘
-
-Langsam lehnte er sich wieder zurück. ‚Aber welcher Art ist denn seine
-Leistung? Was hat er ... was habe ich ... also, ich meine, was möchte
-ich denn eigentlich leisten? ... Ist ja ganz gleich, was einer leistet,
-wenn er nur überhaupt auf irgendeinem Gebiete, ganz gleich welchem,
-etwas leistet und Macht und Einfluß gewinnt.‘
-
-Eine Stunde später saß er untätig an seinem Küchentisch. Der Artikel,
-den er zu schreiben hatte, langweilte ihn. ‚Immer wieder der selbe
-Artikel!‘ Seine Hand legte den Bleistift hin, wurde zur Stütze für den
-Kopf. Der Frackherr-Jürgen tritt in den großen Saal. Das Bild verschwand
-sofort wieder.
-
-Denn im Nebenzimmer begann das Klappern der Maschine. Der Haß gegen das
-Klappern sickerte in jeden Herzschlag hinein. Im besonnten Hofe war es
-vollkommen still. Die Proletarierkinder trieben sich im Walde umher. Von
-den alten, faulenden Küchenabfällen stiegen Dämpfe auf. Das Fenster
-stand offen.
-
-Plötzlich vernahm der reglos Sitzende das feine Klingeln. Horchte.
-Blickte. Vernahm es wieder. Maßlose Wut stieg in ihm auf. Mit äußerster
-Vorsicht griff er nach dem Schotterstein, der ihm als Papierbeschwerer
-diente, schlich auf den Zehenspitzen unhörbar zum Fenster, stand, die
-Hand wurfbereit erhoben.
-
-Da hörte die Maschine auf zu klappern. Katharina trat ein. „Wollen wir
-... Was machst du denn da?“
-
-„So sei doch still!“ brüllte er ihr ins Gesicht, drehte sich wieder um
-und schleuderte voller Wut den Schotterstein in die Richtung, wo er die
-Ratte vermutete. „Das verdammte Vieh! Dieses unerträgliche Geklingel!“
-
-„Das Klingeln war dir doch immer so angenehm in den Nächten, wenn du
-schriebst, und jetzt, auf einmal ...“
-
-„Ja, jetzt, auf einmal! Siehst du, jetzt, auf einmal!“
-
-„Ich wollte dich eben fragen, ob wir heute, weil der Tag so schön ist –
-einen Spaziergang in den Park, hatte ich gedacht. Aber wenn du so bist
-... So warst du noch nie zu mir ... Dann tippe ich lieber weiter.“ Sie
-schritt zur Verbindungstür. Er, vornüberstürzend, ihr nach.
-
-Später saßen sie, versöhnt, im öffentlichen Parke, in dem sie vor elf
-Jahren das erstemal miteinander gesprochen hatten, von Duft und Farben,
-Blumen, spielenden Kindern, Himmelsbläue und Gouvernanten umgeben, wie
-heute.
-
-„Seither ist jene Generation groß geworden und schon in die Privilegien
-der damaligen Väter nachgerückt“, sagte Katharina. „Und die Last liegt
-heute wie damals auf den andern.“
-
-„Ja, wo sind die Erfolge der Arbeiterschaft! Nichts! Der Sozialismus
-schwebt nach wie vor in blauer Ferne.“
-
-„Das wollte ich damit nicht sagen“, entgegnete ruhigen Tones Katharina.
-
-Auf dem Reitwege, nur durch eine brusthohe Buchshecke von dem Parke
-getrennt, galoppierte eine Gruppe Damen und Herren vorüber. Die beiden
-saßen reglos und schwiegen. Auf der breiten Fahrstraße rollten
-Equipagen, überholt von einzelnen Reitern.
-
-„Es ist am besten, wir kriechen wieder in unser Loch zurück“, sagte
-Jürgen, dessen Wesen zweigeteilt war wie eine Schleudergabel.
-
-Die schenkeldicke Fontäne überholte unaufhörlich sich selbst. Das lange,
-postgelbe Automobil des Bankiers Wagner rollte vorüber. Die zwei Damen,
-in die Polster zurückgelehnt, machten eine Spazierfahrt durch den Duft.
-Eine dunkle Riesenfaust preßte Jürgens Herz zusammen, als er Elisabeth
-erkannte, die sich umwandte und prüfenden Blickes die beiden ansah. Sie
-war eben bei der Tante zu Besuch gewesen.
-
-„Das ist Elisabeth Wagner“, sagte Katharina. „Elisabeth war im Institut
-eines der klügsten Mädchen gewesen ... Gestern wurde erzählt, das
-Bankhaus Wagner stehe vor dem Zusammenbruch. Ich habe es von den
-Genossen in der Hommesschen Papierfabrik erfahren. Der Betrieb würde im
-Falle eines Zusammenbruches geschlossen werden müssen. Elisabeths
-Bräutigam hat die Verlobung gelöst. Ein konsequenter Herr!“
-
-Schwuppdich, dachte Jürgen.
-
-„Aber hast du das andere Mädchen gesehen. Sie ist wunderschön. Eine
-Jugendfreundin von mir. Der Garten ihrer Eltern stößt an den Garten
-meiner Eltern. Von ihr kann ich dir eine traurige Geschichte erzählen.
-Die traurigste Geschichte, die ich kenne!“
-
-„Nein, nein, nicht umkehren!“ bat Katharinas schöne Jugendfreundin und
-legte scheuen Blickes ihre Hand auf Elisabeths Hand. Aber der Chauffeur
-hatte die Schleife schon genommen. Das Auto rollte sehr langsam auf die
-beiden zu.
-
-„Kennst du sie denn? Elisabeth hat dir zugenickt.“
-
-„Wieso denn mir!“ sagte Jürgen. „Nun, und die traurige Geschichte von
-der andern?“
-
-Da wandte auch diese sich um und blickte, wie zurück in ihre Kindheit,
-gefühlsschwer Katharina an, die erzählte:
-
-„Bis zu unserem siebzehnten Jahre waren wir immer zusammen, jeden Tag
-viele Stunden. Wir haben einander das Versprechen gegeben, uns ganz
-aufzuopfern, auch nie einem Manne anzugehören. Wir wollten die Welt
-erlösen. Um jeden Preis!“
-
-„Das wollen sehr viele in ihrer Jugend.“
-
-„Ja, und später lächeln sie darüber ... Wenn sie nur über die Art, wie
-sie helfen oder die Welt ändern wollten, lächeln würden, hätten sie ja
-ganz recht; aber sie lächeln, weil sie es überhaupt tun wollten. Sie
-lächeln nicht nur über den Inhalt ihres Idealismus; sie lächeln über den
-Idealismus ihrer Jugend überhaupt.“
-
-Und dann sagte Katharina, rätselhaft tief bewegt, den Satz vor sich hin:
-„Viele Menschen tragen als Kinder in den Augen ein Ideal, das erstrebt
-zu haben sie später lächeln macht; und doch wiegt vielleicht allein die
-Tatsache, daß sie dieses Ideal einmal wenigstens erstrebt hatten,
-schwerer als alle Ziele, die sie später tatsächlich erreichten.“
-
-„Wie du das sagst! Es wird einem kalt. Wie du das sagst!“
-
-„Dieses Mädchen ... du machst dir keinen Begriff, welch leidensfähiges,
-mildes Herz sie hatte. Und jetzt – wie lebt sie! Sie ist mit dem
-Oberstaatsanwalt verlobt.“
-
-„Ist das die Geschichte? Ist sie das?“
-
-„Eigentlich ist das schon die ganze Geschichte.“ Und dann erzählte sie
-doch: Die Mutter ihrer Jugendfreundin, eine sehr gebildete, reiche Frau,
-habe ihre Tochter ganz bewußt zur Wohltätigkeit erzogen. Immer habe das
-Kind den Armen die Gaben reichen müssen.
-
-„Und da geschah es einmal – und dies ist die Geschichte –, daß das Kind
-von seiner Mutter in den Garten geschickt wurde, einer alten
-Bittgängerin ein abgetragenes Kleidungsstück zu bringen. Da bricht das
-Kind, wie es unter dem Blicke der Alten steht, vor Trauer und Scham, daß
-es geben und die Weißhaarige von ihm empfangen muß, in Schluchzen aus,
-läßt das Geschenk fallen, läuft weinend zurück, kann und kann nicht
-beruhigt werden, schluchzt sich in eine Krankheit hinein ... Von dieser
-Zeit an hat es sich nie mehr zu solchen Wohltätigkeitshandlungen
-brauchen lassen. Denk an, da war sie sechs Jahre alt. Ihr Herz wußte
-schon alles ... Und jetzt? Wie furchtbar, wie tragisch ist das Leben,
-daß selbst solch ein Wesen so erkranken, solch ein Herz so verhärten
-konnte.“
-
-Eine ungeheuere Erregung, die er mühsam zu unterdrücken versuchte, hielt
-Jürgen gepackt. Nur um etwas zu sagen, fragte er: „Und wenn ihr einander
-begegnet, grüßt ihr euch nicht?“
-
-„Wie sollten wir! Jeder lebt auf einem anderen Planeten.“
-
-Lebt auf einem anderen Planeten, flüsterte Jürgen innerlich. In weniger
-als einer Sekunde war der Saal mit dem Frackherrn-Jürgen aufgetaucht und
-wieder verschwunden gewesen.
-
-Und plötzlich glaubte Jürgen, seine Schädeldecke hebe sich ab vor
-Grauen. Denn er wußte nicht, ob er selbst oder ob ein anderer in ihm
-gedacht, gefühlt und gesagt hatte: ‚Wie entsetzlich! Dann ist er
-unüberbrückbar auch von Katharina getrennt! ... Wer hat das gedacht?‘
-fragte er. ‚Das habe nicht ich gedacht.‘
-
-„Es ist im Grunde die Geschichte aller in ihrer Jugend idealistisch
-gewesenen Menschen“, hörte er Katharina sagen. „Du folgst deinen
-Wünschen und Begierden gegen das bessere Wissen deines Herzens, betrügst
-dein Bewußtsein, dein Ich, indem du nach Besitz, Macht, Erfolg, Genuß
-und Achtung strebst, dann kann es geschehen, daß du viel erreichst oder
-auch zugrunde gehst, in bürgerlicher Schande oder in bürgerlichen hohen
-Ehren ertrinkst, oder vielleicht in der Familienbequemlichkeit und einer
-– mittleren Stellung untergehst ...“
-
-‚Das nun sollte mir nicht passieren.‘
-
-„... daß du Automobile, betreßte Diener, eine Villa, verschönt durch
-edle Kunstwerke und Bücher, die du nicht nur hast sondern auch
-verstehst, daß du Fabriken, Ruhm, Achtung, Frauen, einen Kassenschrank
-voll Aktien und Gewalt über Tausende von Menschen eroberst ...“
-
-‚Das will er, der Mensch, der Frackherr in mir.‘
-
-„... aber in jedem Falle mußt du – und dies ist die Tragik des Menschen
-unseres Zeitalters – das Bewußtsein von der Wirklichkeit, wie sie sein
-könnte und wie sie ist, mußt du dein Bewußtsein, die Leidensfähigkeit
-und Güte deines Kindheitherzens und damit dein Ich, deinen Idealismus
-verlieren, der in unserem Zeitalter nur in dem hingabebereiten Kampfe um
-den Sozialismus seinen Inhalt haben kann.“
-
-Und das weiß mein Bewußtsein, dachte Jürgen. Und hatte plötzlich gesagt:
-„Dagegen kann ich nicht einmal etwas einwenden.“
-
-Zuerst schwieg Katharina. Dann wich sie mit dem Oberkörper seitwärts,
-sah Jürgen betroffen an: „Weshalb solltest denn du dagegen etwas
-einwenden?“
-
-Zum zweitenmal empfand Jürgen in seinem Herzen Zorn gegen Katharina und
-schwieg.
-
-Erst auf dem Heimwege – die freistehende Mietskaserne kam schon in
-Sicht: „Die Tante hat gesagt, es hänge noch ein ganz guter Anzug von mir
-im Schrank.“
-
-„Den solltest du dir holen, wenn sie ihn dir gibt ... Ich habe damals,
-als ich wegging von zuhause, fast nichts mitgenommen. Aber wenn ich die
-Sachen jetzt holen wollte, die würden mir nichts geben.“
-
-„Ach nein, so ist sie nicht. Enterben, vielleicht ja; aber sonst ...“
-
-Einige Tage sprachen sie selten miteinander; Jürgen hatte in Gegenwart
-Katharinas das Gefühl, auf Luft zu gehen, und wich ihr aus, sooft er
-konnte.
-
-Eines Abends, als er diesen Zustand qualvoller Spannung nicht länger
-mehr ertragen konnte, sagte er: „Wer bis zu seinem dreißigsten Jahre
-noch nichts geleistet und erreicht hat, wird auch später nichts mehr
-erreichen.“ Er stand am Schreibtisch, Katharina neben ihm, mit dem
-Rücken gegen das Fenster. Sie antwortete nicht.
-
-„So wird man schließlich vierzig. Und was kann dann noch viel
-Erfreuliches kommen! Dann ist das Leben in der Hauptsache vorüber ...
-Natürlich, wer ganz bedingungslos glaubt an den Sozialismus ... Wer
-einfach glaubt!“
-
-„Was willst du denn erreichen, Jürgen?“
-
-„Das ist es ja eben. Ich bin kein Jüngling mehr. Man wird doch immer
-älter – und älter ... Eh man sich versieht, ist das Leben vorbei, nicht
-wahr?“
-
-Katharina antwortete nicht mehr. Sie ging langsam auf die Verbindungstür
-zu, ging durch, schloß die Tür. Sie stand in ihrem Zimmer. Sie legte die
-Hand aufs Herz. Sie wußte alles.
-
-Jürgen sah, durch die verschlossene Tür durch, Katharina stehen, so wie
-sie stand. Preßte die Hand auf das rasend klopfende Herz. Zuckte auf die
-Tür zu. Wollte nachstürzen.
-
-Zuckte zwischen der Verbindungstür und der Ausgangstür wie ein von
-Verfolgern eingekreister Flüchtling im Zickzack hin und her. Und stürzte
-mit einem innerlichen, furchtbaren Todesschrei aus dem Hause.
-
-Rannte aus der Stadt hinaus, querfeldein, über Schollenäcker zum
-Bahndamm, zwischen den Schienen weiter, bis vor das schwarze Tunnelloch.
-
-Diesmal blieb er nicht stehen und kehrte er nicht um. „Fort! Fort!
-Fort!“ befahl der Herzschlag, jagte ihn den Schienen nach, hinein in die
-Finsternis.
-
-Er stolperte. Seine Hände streiften den Boden. Er empfand darüber
-Befriedigung. Raste weiter, stieß mit dem Kopf gegen die Mauer. Und
-blieb keuchend stehen. In undurchdringliche Nacht gestellt, erblickte er
-plötzlich seine Genossen, klein und weiß. Katharina blickt verächtlich
-ihn an, deutet mit dem Finger auf ihn.
-
-„Fort! Fort!“ schrie der Herzschlag. Vor sich, weit in der Ferne, sah
-Jürgen ein rotes Tunnellämpchen. Nach zwei Sprüngen war er schon daran
-vorbei, stolperte, stürzte. Und blieb hocken, dicht neben dem Lämpchen,
-das jetzt weit hinter ihm in der Finsternis schwebte.
-
-Glotzend hob er den Kopf, sah die schneeweißen, starren Gesichter seiner
-Genossen. Duckte den Kopf zwischen die Schultern, schloß die Augen. Sah
-die schneeweiße Gruppe der Genossen. Katharina dreht sich kalt und
-gleichgültig weg.
-
-‚Wie sie mich verachtet!‘
-
-Die Schienen im Tunnel begannen zu lispeln.
-
-Gierig suchte Jürgen nach jemand, der ihn nicht verachtete. Sitzt sofort
-bei der Gesellschaft auf dem besonnten Hügel, neben Adolf und Elisabeth.
-Die Tante und der Vater treten hinter dem Busch vor, blicken ihn
-achtungsvoll an.
-
-Plötzlich steht Phinchen vor Jürgen im Tunnel, große Liebe im Gesicht.
-
-‚Phinchen, bin ich ein Verräter? Ja oder nein? Wer hat recht: Katharina
-oder ich? Sage mir nur ruhig die Wahrheit. Ich halte alles aus.‘
-
-‚Sie haben recht, lieber Herr Jürgen. Sind ein unendlich guter Mensch.
-Ich weiß, wie sehr Sie schon als Kind und Jüngling gekämpft und gelitten
-haben.‘ Phinchen kniet nieder.
-
-‚Brauchst nicht zu knien vor mir. Ach nein, vor mir braucht kein Mensch
-zu knien.‘ Und er steht im großen Saale, beherrschte Kraft in Blick und
-Miene, begrüßt seine Bewunderer ohne Herablassung und Hochmut.
-
-Katharina, schneeweiß, schreitet im Tunnel vorüber, auf die schneeweiße
-Gruppe der Genossen zu. Des Hockenden Kopf sank wieder zwischen die
-Schultern, tief auf die Brust.
-
-Das Lispeln der Schienen war vernehmlicher geworden. Die Luft im Tunnel
-zitterte leise. Jürgen schluchzte. Warme Tränen rollten.
-
-Die Schienen sangen lauter und stählern. Ganz plötzlich bebte der Tunnel
-so stark, daß Wassertropfen von der Decke fielen. Einer patschte kalt
-auf Jürgens Hand.
-
-Er horchte in sekündlichem Entsetzen auf das rapid stärker werdende
-Geräusch, sprang auf.
-
-Da knallte der Donnerschlag in den Tunnel. Der ganze Berg wankte. Die
-glänzenden Schienen wurden zu roten Fühlern eines Riesentieres, die
-Fühler wurden immer länger, strahlten sausend auf Jürgen zu.
-
-Er rannte ihnen entgegen, den Ausgang zu gewinnen. Ein ungeheurer Tumult
-erfüllte zerstörerisch den Tunnel, umtoste Jürgen und zwang ihn,
-stehenzubleiben. „... Bin ich verloren?“
-
-Die Lokomotive krachte auf ihn los.
-
-Jürgen fühlte, wie seine Haare weiß wurden, gab sich auf und starb.
-
-Unabänderlich donnerte der Zug auf seiner vorgeschriebenen Bahn weiter.
-Das Geräusch wurde mit einem Schlage hell.
-
-Noch eine Weile sangen die Schienen. Sandkörnchen fielen in die betäubte
-Stille.
-
-Ein Mensch lag im Tunnel auf dem Gesicht. Für ihn hatte sich zwischen
-Leben und Tod ein Drittes eingeschoben, das nicht Leben war und nicht
-Tod.
-
-Jürgen war bei vollem Bewußtsein und wußte dabei nicht, ob er noch
-existiere. Seine Augen starrten und erblickten nichts. Der Angstgedanke:
-‚Wenn ich jetzt schreie und höre meinen Schrei nicht, bin ich tot‘,
-verhinderte ihn, zu schreien.
-
-In dieses zeit-, raum- und vorstellungslose Nichts hinein erklang, da
-Jürgen als einziges erdhaftes Ding plötzlich das rote Tunnellämpchen
-erblickte, sein tierisch wilder Schrei nach dem Leben.
-
-Von den Flammen des Lebens emporgerissen, drehte er sich, den Ausgang zu
-gewinnen, einigemal im Kreise und begann schreiend zu rennen, in
-gieriger Sehnsucht nach dem wilden Nußbaum, der beim Tunneleingang
-stand.
-
-Galoppierte in rasendem Tempo die Dunkelheit hinter sich und hinein in
-eine fremde Gegend: Er war auf der anderen Seite des Tunnels
-herausgekommen. In der Höhe stand still die zerfallende Burgruine, Erker
-vornübergeneigt, als müsse er jeden Augenblick stürzen.
-
-Jürgen blickte in das schwarze Tunnelloch zurück, klopfte dabei
-automatisch den Kohlenstaub von seinem Anzug, strich sich über die
-Haare. ‚Sie werden weiß geworden sein ... Daran wird Katharina erkennen,
-wie ich gekämpft und gelitten habe. Möge sie nur sehen, wie sehr!‘
-
-Blickte noch einmal hinein in den Tunnel. „Entronnen!“ sagte er.
-„Entronnen!“ Und wandte sich um. Da war die Welt, fern und nah. Sonne,
-Blau, Grün und Fluß.
-
-Der Herr solle nur über das Großdorf machen. Von dort aus führe der Weg
-direkt in die Stadt, sagte die verhutzelte Häuslerin und schob den
-ächzenden Schubkarren weiter, auf dem eine hohe Ladung Fallholz lag.
-
-Jürgen wußte den Weg; er hatte nur gefragt, um eine Menschenstimme zu
-hören. ‚Nur wer dem Tode entronnen ist, der, nur der weiß, was leben
-heißt ... O, Anfang! O, Leben! O, Grashalm! O, Glück des Atmens!‘
-
-So schritt er aus. ‚Komme, was will – ich lebe!‘ Als der hohe
-Backsteinwürfel in Sicht kam, dachte er: Was sie sagen wird, daß ich mit
-dem Leben davongekommen bin?
-
-„Wunderst dich, wie ich aussehe, was? Der Anzug, das Loch im Knie!“ Und
-er erzählte.
-
-Sie aber hatte die schwerste Stunde ihres Daseins erlitten und
-durchlitten und hatte aufgegeben und hinweggehen lassen, was nicht zu
-halten war.
-
-„Kommt der Zug auf mich zugerast“, wiederholte er. „Es ist total
-finster. Zermalmt er mich?“ Gierig suchte er Liebe und Schreck in ihrem
-Gesicht.
-
-Sie war in dieser Stunde innerlich so grau und alt geworden, daß sie
-geglaubt hatte, für den Geliebten nicht einmal mehr Verachtung empfinden
-zu können. Und nun schlug sie, verletzend gleichgültigen Gesichtes, doch
-verachtungsvoll zurück: „Wenn man sich eng gegen die Mauer preßt, was
-kann da passieren!“ Auch dies noch ist ja überflüssig. Weshalb sagte ich
-es. Weshalb rede ich noch, dachte sie. Und fühlte ihr wimmerndes Herz.
-
-„Verstehst du denn nicht ...“
-
-„Ich verstehe dich schon, ich verstehe dich.“ Entschlossen, auf sich zu
-nehmen, was unabänderlich war, sah sie ihn an, und ihr Blick fragte:
-‚Was soll also jetzt geschehen? Was suchst du noch hier?‘
-
-„Wie ich nur zugerichtet bin!“ Er zeigte auf das Loch in der Hose. Und
-da sie schwieg und weiter fragte:
-
-„Jetzt wird es Zeit, daß ich mir den andern Anzug hole ... Wir könnten
-uns später in der Stadt treffen, dann in die Redaktion gehen und
-zusammen nachhause.“
-
-Und als er fort war, dachte sie doch darüber nach, ob es keine
-Möglichkeit gebe, ihn zu halten, ihn zum Ausharren zu bewegen. ‚Dadurch
-vielleicht, daß ich mit rücksichtsloser Klarheit ausspreche, was ist?‘
-
-Sie setzte sich an ihren Arbeitstisch, blickte blicklos in das Zimmer,
-in dem, mächtig wie nie vorher, unvertreibbar die Vereinsamung stand.
-‚Aber er ist sich ja klar; er kann ja nicht genommen werden wie ein
-unklarer Mensch mit phantastisch idealistischen Vorstellungen und
-Zielen, dessen Idealismus zersplittert, sobald er mit der harten
-Wirklichkeit zusammenstößt. Jürgen kennt ja die Wirklichkeit, denn er
-hatte den Inhalt seines Idealismus in dem Kampfe um den Sozialismus
-gefunden.‘
-
-„Das Bad ist fertig. Die Wäsche habe ich auf den Stuhl gelegt. Die
-Schuhe stehen darunter“, sagte, glückstrahlend, Phinchen zu Jürgen.
-„Unterdessen bügle ich den Anzug auf. Er ist noch sehr schön.“
-
-‚Immer wieder sagte er: Man wird alt ... Und etwas erreichen will er.
-Etwas werden. Einfluß gewinnen und Macht. Er will geachtet sein ... von
-denen, deren Achtung entwürdigend ist für den, der sie genießt ...
-Genießt. Er will genießen, leben ... Dies sind auch bei allen anderen
-die Motive des Abfalls, des Verrates an der Idee, ob die Verräter nun
-klar oder unklar, Sozialisten oder Phantasten waren. ‚Jeder für sich‘
-wird, uneingestanden, ihre Weltanschauung.‘
-
-Auch als Jürgen, gebadet, in frischer Wäsche und in dem gutsitzenden,
-schwarzen Anzug, die Treppe herunter auf das Wohnzimmer zuschritt, saß
-Katharina noch am Tische, reglos. ‚Auch das alles weiß Jürgen selbst.
-Deshalb muß und kann nur er selbst entscheiden ... Er hat entschieden.‘
-
-„Ja, ich erwarte Besuch. Elisabeth Wagner und ihre Freundin. Wenn ich
-gewußt hätte, daß du kommst, würde ich abgesagt haben.“
-
-Er stand vor dem gedeckten Kaffeetisch. Ich kann ja gehen ... Die
-Freundin wird wohl das schöne Mädchen sein, das in seiner Jugend ...
-dachte er und fragte.
-
-„Ja, sie ist sehr schön und mit dem Herrn Oberstaatsanwalt verlobt ...
-Auch dein Schulfreund, Karl Lenz ... Ist er älter als du?“
-
-„Zwei Jahre. Er war nämlich so blöd, daß er im Gymnasium zweimal
-sitzenbleiben mußte. Aber was ist mit ihm?“
-
-„Schon Staatsanwalt geworden! Vor vierzehn Tagen. Denk an, so jung!“
-
-‚Das sollte ja auch ich werden. Oder Amtsrichter! Dem bin ich
-entronnen.‘
-
-„Deshalb glaubte ich, Karl Lenz müsse ein besonders fähiger Schüler
-gewesen sein.“
-
-„Das nicht; aber Angehöriger der vornehmsten Verbindung.“ Jetzt
-verschwinde ich, dachte er, als die Wohnungsglocke läutete. Und fragte:
-„Geht es dir besser?“ Warf einen Blick in den Spiegel, der einen knapp,
-sorgfältig und schwarzgekleideten Herrn zeigte. „Die Wäsche, die von mir
-noch da ist, könntest du mir schon spendieren“, sagte er, schalkhaft
-lächelnd.
-
-‚Das Geld hätten wir schon aufgetrieben. Wenn ihm unser Leben zu
-ärmlich, zu leer war, wir hätten etwas besser wohnen, manchmal ausgehen,
-mehr Bücher kaufen, im ganzen etwas besser leben können. Der Ingenieur
-tut es ja auch. Gewiß ein guter Genosse! Eine Grenze nach unten, eine
-Grenze nach oben – in der Mitte genug Spielraum, nicht so erlebnisarm zu
-sein. Verkehr mit einigen sympathischen, klugen Menschen. Auch eine
-kleine Reise hin und wieder. Innere Erfrischung. Jeder braucht sie. All
-das würden keine unüberwindlichen Schwierigkeiten gewesen sein ... Aber
-das ist es ja nicht. Das ist es ja nicht. Er hat den Kampf aufgegeben.
-Er paßt sich dem Leben an ... Aber mir, mir, warum hat er mir das
-angetan. Warum hast du mir das angetan.‘
-
-Gesicht neigte sich langsam auf die verschränkten Arme. Der ganze Körper
-verzuckte im Weinen. Sie wimmerte immer den selben Ton. Ließ sich
-versinken, ganz und gar preisgegeben dem Schmerze.
-
-Nach einer Weile tappte der Schnauz zu ihr, berührte sie mit der Pfote.
-Und da sie reglos blieb, legte er sich in die Zimmermitte, Kopf auf den
-vorgestreckten Pfoten. Drehte hin und wieder, ohne den Kopf zu heben,
-die Augen zu ihr hin.
-
-„Plötzlich kommt der Zug angerast ... angerast. Zermalmt er mich? Wohin
-springe ich? Es war total finster.“
-
-„Allmächtiger!“ rief die Tante. Und Elisabeth: „Ich wäre vor Schreck
-gestorben.“ Dabei lächelte sie und horchte gespannt; ihre grauen Augen
-schienen zu sehen, wie das Eisenungetüm den Menschenkörper zermalmte.
-Unter der zarten Haut ihres Halses tickte der Herzschlag.
-
-Jürgen unterdrückte die Genugtuung und sagte leichthin, auch er habe
-geglaubt, seine Haare seien weiß geworden.
-
-„Und das erzählt er so, als ob er selbst gar nicht daran beteiligt
-gewesen wäre“, sagte Elisabeth, mit anerkennendem Wechselblick zwischen
-Jürgen und der Tante, die sich aufrichtete, einen geradeliegenden
-Kaffeelöffel geradelegte und glatt heraus sagte: „An allem ist nur
-dieses Mädchen schuld.“
-
-„Aber Tante, sprich nicht von Dingen, die du nicht verstehst.“
-
-„Und wenn du überfahren worden wärest!?“
-
-„Nun, nun, ich brauchte mich ja nur eng gegen die Mauer zu pressen, was
-konnte da viel passieren ... Natürlich“ – und er sah heiter lächelnd
-Elisabeth an – „denkt man in so einem Augenblick nicht an das
-Nächstliegende.“
-
-„Das eine weiß ich: dein ganzes Unglück ist dieses Mädchen.“
-
-Geschmacklos ist sie nicht, dachte Jürgen, da Elisabeth sich sofort auf
-Katharinas Seite stellte durch ein Lächeln des Einverständnisses mit
-ihm. „Das sollten Sie nicht sagen; Katharina ist doch immerhin ein
-ungewöhnlicher Mensch, den man nicht mit dem gewöhnlichen Maße messen
-darf.“
-
-„Davon versteht die Tante nichts“, sagte Jürgen in dem selben Tonfall,
-wie damals auf dem Hügel Elisabeth zu Jürgen gesagt hatte, von Literatur
-verstehe Adolf nichts.
-
-Warme Sympathie und Achtung für Katharina erfüllte ihn und wohltuender
-Stolz auf sie, die zusammengesunken und versunken in Schmerz und
-Vereinsamung am Tische saß und weinte und nur und immer wieder das eine
-dachte: Warum, warum hat er mir das angetan.
-
-Die Tante wurde mutig: „Daran kannst du sehen, wohin dich diese
-Beziehung noch bringen würde ... hätte bringen können. Einfach in den
-Tod! ... Ein zu verrücktes, ein ... unordentliches Mädchen, finden Sie
-nicht auch?“
-
-„Sie sollten nicht so streng sein gegen Katharina, die doch wirklich
-nicht so beurteilt werden kann wie irgendein dummes bürgerliches
-Mädchen.“
-
-Jürgen zeigte die Miene eines Menschen, der es sich erlauben kann,
-Dummheiten anzuhören, ohne zu widersprechen. Übrigens, auch Elisabeth
-scheint keine bürgerliche Gans zu sein, dachte er.
-
-„Nichts als Unruhe, ewige Unruhe kommt dabei ... würde dabei ... wäre
-dabei herausgekommen.“
-
-„Die ist zäh“, sagte Jürgen, kräftig lachend, als die Tante aus dem
-Zimmer war, sich umzuziehen für den Kirchgang. „Die gibt den Kampf nicht
-so leicht auf. Jetzt glaubt sie, schon gesiegt zu haben in dieser Sache,
-in der sie nie siegen kann. Niemals!“
-
-Mit einem Blicke nahm Elisabeth den Kampf offen auf. So daß Jürgen nach
-langem Blick- und Wortgeplänkel schließlich fragen konnte: „Und Adolf?“
-
-„Er ist mir zu dumm. Einfach zu dumm!“ sagte sie, strahlend vor
-ehrlicher Überzeugung. Und ob Jürgen sie begleiten wolle, sie müsse
-Einkäufe machen.
-
-Auch Katharina ging, in der Hand das in Papier eingewickelte belegte
-Brot, das sie abends in der Redaktion essen wollte, durch die
-Geschäftsstraße. Der Schreck schlug durch ihren ganzen Körper durch. So
-stand sie, gedeckt von der kauf- und schaulustigen Menschenmenge, die,
-ein geschecktes, langes, vielhundertfüßiges Tier, langsam an den
-Auslagen entlang kroch, und sah, wie Elisabeth Jürgen an der Schulter
-faßte, ihn vor ein Spielwarenschaufenster führte.
-
-An der Art des Nebeneinanderstehens erkannte Katharina, daß sie schon
-eine Gegnerin bekommen hatte, berührte mit der Zungenspitze nachdenklich
-ihre Lippen und ging weiter.
-
-Immerzu sah sie die zwei vor dem Schaufenster stehen, sah Elisabeths
-zartgegliederte, weiße Hand auf Jürgens schwarzem Rücken liegen und
-dachte sich den deutenden Zeigefinger dazu. ‚Was sie ihm wohl gezeigt
-haben mag? Eine Puppe? Ein Schaukelpferd?‘
-
-Die ganze Straße hinunter interessierte Katharina sich dafür, auf was
-wohl Elisabeth Jürgen aufmerksam gemacht habe, stellte sich die
-Gegenstände eines Spielwarenschaufensters vor. Erst als sie mit dem
-innern Blick plötzlich des Geliebten Gesicht sah, stellte sie sich der
-Hauptsache. Der schneidende Schmerz zwang sie, Hand auf dem Herzen,
-stehenzubleiben. ‚Und jetzt? Was ist jetzt? Soll ich ... soll ich
-kämpfen um ihn?‘
-
-Aber das Bewußtsein, daß Jürgen ja nicht ihr, sondern sich selbst und
-seiner Hingabe entlaufen sei, und daß sie, was sie durch den Kampf um
-ihn gewönne, nur auf Kosten ihrer Hingabe gewinnen könne, stieß
-Katharina hinein in die graue Hoffnungslosigkeit.
-
-Dennoch stand sie zur verabredeten Zeit an der Straßenecke, gepeinigt
-von dem Bewußtsein, daß sie, in ihrem persönlichen Leben nun so ganz und
-gar verarmt, noch die Gebende sein müsse. Denn der Fraueninstinkt sagte
-ihr, daß Jürgen nur deshalb für Elisabeth interessant und begehrenswert
-sei, weil er mit der als merkwürdig und unnahbar geltenden Katharina
-befreundet war. ‚Wenn sie seine Frau wird, hat er das mir zu verdanken.
-Wie entsetzlich!‘ Katharina fror bei diesem Gedanken.
-
-Sorgfältig gekleidet, durch Bad, reine Wäsche und durch das
-Beisammensein mit Elisabeth erfrischt, schritt er, beherrschte Kraft in
-den Gliedern, lebensfroh dem verabredeten Orte zu, sah Katharina stehen,
-sah sekündlich den unüberschreitbaren Abgrund, den seine momentanen
-Gefühle zwischen ihm und Katharina aufrissen, blieb stehen, stand an dem
-Rande des Abgrundes, der nur gleichzeitig mit diesen neuen Gefühlen
-verschwinden konnte, die schon nicht mehr verschwinden konnten, tappte
-über den Rand des Abgrundes hinaus, stand und schritt auf Luft. Wildes,
-besinnungsloses Aufsiezustürzen kam in seinen Gang und falsche
-Wiedersehensfreude und gleichzeitig Scham in sein Gesicht.
-
-Sie aber stand, ein Mensch, grau und wissend und bewußt, und nahm auf
-sich ihr Schicksal. So blickte sie ihn an.
-
-„Wie die leben, die Bürger! Die, ah, die wissen schon, was sie wollen
-... Aber was alles sie zusammenredet, die Tante, du machst dir keinen
-Begriff ... Für die ist alles höchst einfach.“
-
-„Deine Tante will, daß es dir gut gehe; sie will, daß du Elisabeth
-Wagner heiratest.“ Sie horchte auf sein falsch-herzhaftes Lachen und
-fühlte: Wie weit, wie weit ist er schon weg.
-
-„Wahrhaftig, du sagst es. Genau das will sie ... So ein Unsinn! ... Hab
-mich aber ganz gut mit ihr unterhalten. Sie ist nicht dumm, weißt du,
-und eigentlich gar nicht bürgerlich ... Ein liebenswürdiges Geschöpf.“
-
-„Ja, Jürgen, sie ist ein kluges Mädchen, ein liebenswertes Mädchen.“
-
-„Kennst du sie denn so gut, weil du sagst, sie sei ein liebenswertes
-Mädchen?“
-
-„Weshalb denn kein liebenswertes Mädchen, Jürgen, weshalb nicht
-liebenswert“, sagte Katharina in schwerem Leid und dachte: Wie wiegen
-die Worte so schwer ... fallen wie Blei.
-
-„Sie hat sogar deine Partei ergriffen, hat dich verteidigt.“
-
-‚Wie ist es möglich, daß er mich so beleidigt.‘ Die Häuser neigten sich;
-die Straße drehte sich um Katharina herum. Sie mußte sich festhalten an
-Jürgen, nicht zu versinken in dem schwarzen Nebel vor ihren Augen.
-
-„Du arbeitest zuviel; solltest dich schonen, etwas mehr schonen.“
-
-Da riß ihr Blick, in dem nicht Zorn und nicht einmal mehr Verachtung
-war, alle Masken und jede Selbstbelügung weg und traf ihn so, daß er
-plötzlich vor der Tatsache stand.
-
-Seine Stimme war rauh: „Entscheide du!“ ‚Laß mich leben oder knalle mich
-nieder; aber entscheide du!‘ schrie, völlig preisgegeben, sein Wesen.
-Die Augen glotzten.
-
-Sie schwieg, bewegte den Kopf nicht. Nichts rührte sich an ihr und in
-ihr. Ihr Blick blieb blicklos.
-
-Und Jürgen wußte, daß auf der Welt nur er allein entscheiden konnte,
-gestand zum erstenmal sich ein, daß er sich schon entschieden hatte.
-„Geh, Katharina, geh, geh du nachhause jetzt, Katharina.“ Seine Stimme
-ertrank in innerlichem Weinen. „Schlafe gut.“
-
-„Schlafe du auch gut.“
-
-Das war der Abschied.
-
-Ihr Leben öffnete sich bis in die frühen Kindheitstage. Sie sah die
-lange Kette des Leides und der Hingabe. Sah, was ihr noch verstattet und
-beschieden sein konnte. Sie nahm ihr Leben an die Brust.
-
-„Du auch, schlafe du auch gut“, flüsterte Jürgen immerzu und mußte dem
-Zwange folgen, immer in die Mitte der Steinplatten zu treten, mit denen
-der Gehweg belegt war. Um nicht auf eine Ritze zu treten, mußte er drei
-ganz kleine Schritte machen. „Schlafe du auch gut.“ Und einen Sprung, da
-eine große Platte kam. „Du auch gut.“
-
-Überquerte halb die Straße, lief zwischen den Schienen weiter. Die
-Straßenbahn kam auf ihn zugesaust. „Entscheide dich! Entscheide dich!“
-schrie er, gepackt von dem Zwange, die Schienen erst verlassen zu
-dürfen, nachdem er bis zehn gezählt hatte. „... zwei ... fünf ... acht,
-neun, zehn ...“
-
-„Noch bis fünfzehn!“ schrie er. Zählte: „... zwölf, dreizehn, vierzehn
-...“
-
-Und erwachte zwei Tage später im Schlafzimmer der Tante, Kopf und Beine
-in dicken Verbänden. Elisabeth saß bei ihm.
-
-
-
-
- VI
-
-
-Duftlose Blumen standen im Krankenzimmer. Phinchen trug ihr Glück auf
-den Zehenspitzen, auch wenn sie im Keller oder im Dachboden war. ‚Die
-Pflege muß besser sein, als im besten Sanatorium‘, stand auf
-unsichtbaren Tafeln. In der Villa wurde nur noch geflüstert. Wenn die
-Tante einen Auftrag zu erteilen hatte, schlich sie, balancierend, auf
-Phinchens rund sich öffnenden Mund zu. Jürgen war unumschränkter Herr
-und zugleich das Kind im Hause, wohlbehütet Tag und Nacht.
-
-Im Garten schaffte der Frühling. Wenn Jürgen auf dem Sonnenbalkon im
-Liegestuhl ruhte, an warmen Tagen stundenlang wachträumend vor sich
-hindöste, sah er, wie das Sein, das Leben, die Sträucher in sich leise
-zuckten, wie ein Blättchen sich aufrollte, der Sonne entgegen.
-
-Halb fühlte und halb dachte er: Mein Leben steigt noch einmal von Grund
-auf an. Eine zweite Kindheit! Mein Leben rollt sich auf, so sanft, so
-mild.
-
-Im Halbschlafe ging er über Brücken, immer wieder von neuem und immer
-weiter über Brücken. ‚In dieser Gegend gibts nur Brücken. Nichts als
-Brücken!‘
-
-Keine Schärfe war in dem Geschwächten. Kein Wunsch berührte ihn. Alle
-Kämpfe, alle Leiden lagen weit zurück. Katharina lebte ganz verblaßt in
-blauer Ferne.
-
-Seine weichen, beglückenden Seelenstimmungen, die Wohlgefühle der
-Gesundung und seine unbestrittene Macht über die Tante, die den
-Zurückgekehrten wie einen tausend Gefahren entronnenen,
-schwerverwundeten Krieger betreute, erhielten ihren Grundgehalt von dem
-Gefühle: ‚Ich habe diese Ruhe mir verdient!‘ Alles fügte sich
-widerstandslos ineinander.
-
-„Ich verabschiede mich von Katharina“, konnte Jürgen ohne
-Erinnerungsschwierigkeit erzählen, als er, frei von den Verbänden,
-heiler Haut und Elisabeth am Arme, dem weißgedeckten Kaffeetisch unter
-dem Nußbaum zuschritt, „verabschiede mich wie immer: Gute Nacht,
-Katharina, schlafen Sie gut. Wie man eben so sagt, nicht wahr. Schlafen
-Sie auch gut, antwortet sie mir. Und ich gehe die Straße hinunter,
-beschäftigt mit einem Gedanken, allerdings mit einem jener
-entscheidenden Gedanken, – ich nenne sie Mittelpunktgedanken – die uns
-das ganze Leben plötzlich von einer völlig neuen Seite sehen und
-verstehen lassen.“
-
-Auch an dem Unglücksfall ist dieses entsetzliche Mädchen mit ihren
-verrückten Ideen schuld, hatte die Tante, als Jürgen ins Haus gebracht
-worden war, zu Phinchen gesagt. Jetzt ließen Angst und Scheu vor dem
-Zurückgekehrten nicht einmal die Erinnerung daran, daß sie dies gesagt
-hatte, in ihr aufkommen.
-
-Bereit, den Satz nicht zu Ende zu sprechen, sagte sie vorsichtig:
-„So tiefsinnige Gespräche sind vielleicht nichts für einen
-Rekonvaleszenten.“
-
-„Die Tante hat ein Kind bekommen. Das päppelt sie“, spottete Jürgen, der
-in Gegenwart Elisabeths nicht als Kind behandelt und nicht bemitleidet
-sein wollte.
-
-„Du hast viel gelitten, Jürgen.“
-
-Sein Blick, in dem Zorn sich schon ankündigte, ließ die Tante sofort
-verstummen. Sie häkelte schweigend weiter an dem Sesselschoner und
-häkelte weiter an ihrem Plane. Ihr Bankier hatte sie lachend beruhigt
-über den Stand des Bankhauses Wagner; dieses Gerücht sei nur ein
-Börsenmanöver der Konkurrenz gewesen.
-
-Zwar ist die Familie Wagner sehr jung, der Vater des Bankiers noch
-Häusermakler gewesen, dachte die Tante. ‚Die Geschichte der Familie
-Kolbenreiher dagegen kann bis in die Anfänge des fünfzehnten
-Jahrhunderts zurückverfolgt werden. Aber mit der Zeit werden auch junge
-Familien alt.‘ Dabei horchte sie auf die Stimme Jürgens, der selbst das
-Gefühl hatte, selten so mühelos geistvoll gesprochen zu haben.
-
-Von den Zehenspitzen bis zur Schädeldecke voller Ruhe, blickte sie
-Jürgen und Elisabeth nach, der kein Mensch ansehen konnte, daß noch ihr
-Großvater ein kleiner, schmieriger Häusermakler gewesen war.
-
-„Und jetzt zeigen Sie mir Ihr Knabenzimmer.“
-
-„Das liegt aber sehr versteckt, oben, unter dem Dach. Dort vermutet uns
-niemand.“
-
-Sie gab ihm seinen Erobererblick zurück.
-
-„Ich selbst habe es seit vier Jahren nicht mehr betreten“, sagte Jürgen
-und betrachtete die ovalen Photographien der Familie Kolbenreiher, die,
-zu einem großen Oval geordnet, über dem schmalen Kanapee hingen.
-
-Vom Fenster aus sahen sie den Nußbaum und den Kaffeetisch, wo die Tante,
-ein winziger, schwarzer Punkt, häkelnd saß.
-
-Wortlos blickte er Elisabeth an, schritt zur Tür, schloß ab.
-
-Sie trug ein blaßblaues Seidenkleid, stand mit dem Rücken gegen das
-Fenster, die Hände auf das Sims gestützt. Der Herzschlag tickte unter
-der zarten, weißen Haut am Halse. Ihr Haar war blond, heller an den
-Stellen, die Luft und Sonne ausgesetzt blieben, und in den Tiefen
-gelblichgrün, gleich unreifem Getreide.
-
-Einen kaum bemerkbaren rosa Schimmer im ganzen Gesicht und den blendend
-klaren Blick fest auf Jürgen gerichtet, sagte sie, selbstbewußt die
-Schulter leise zuckend, ihm wortlos, daß es nur geschah, weil auch sie
-es wolle.
-
-Und als sie wieder am Fenster stand, Hände aufgestützt, genau wie
-vorher, und fragte: „Liebst du Katharina noch?“ dachte er: Daß sie das
-nicht vorher gefragt hat, ist großartig von ihr. „Unsinn! Katharina lebt
-sozusagen auf einem anderen Planeten ... Jetzt müssen wir aber
-hinuntergehen, sonst merkt die Tante, was los ist.“
-
-„Und wenn auch!“ sagte mit aufrichtiger Geringschätzung dieser
-Möglichkeit Elisabeth: ein Wesen, das, ohne viel eigenes Bemühen
-lebensklug geworden, ein glatt funktionierendes Gehirn fertig
-mitbekommen zu haben schien, Fragen an das Leben, Zweifel, Gefühls- und
-Gewissenskonflikte nie gekannt hatte und, jenseits aller Selbstbelügung,
-sich und anderen offen eingestand, daß sie für nichts anderes Interesse
-habe als für sich selbst, ihr Leben und ihre Genüsse.
-
-„Du bist großartig. Wer und was immer sich uns beiden in den Weg stellt,
-wir werden siegen.“ Sie gingen in gleicher Höhe auf der selben Fläche
-einander entgegen und standen, Körper an Körper, Mund auf Mund gepreßt,
-
-während Katharina, zusammengerollt wie ein krankes Tier, in den Kleidern
-auf dem Bette lag. Der Fensterladen war geschlossen, das Zimmer
-nachtfinster. Nur ein schneidend dünner Sonnenstrahl lag auf dem
-Fußboden und auf dem Strahle der Schnauz. Ihr Gefühls-Ich,
-auseinandergerissen, offen, zuckte bei der leisesten Berührung, bei
-jedem Gedanken an Jürgen: wenn sie irgendeinen Gegenstand sah, der ihm
-gehörte, den Bleistift, den Schotterstein, ein paar unbrauchbare Schuhe,
-die wie immer in der Ecke standen.
-
-Als gäbe der Instinkt ihr ein, daß sie nur dann nicht Schaden nehmen
-würde an ihrer Seele, wenn sie dem schweren Leid ganz rückhaltlos sich
-preisgebe, ließ sie niemand zu sich, keinen Trost; sie betäubte sich und
-ihren Schmerz nicht mit Leben, nicht mit Arbeit. Lag Tag und Nacht auf
-dem Bett, hineingewühlt in das Leid, kämpfend um die Genesung, um ihr
-Leben.
-
-Jürgen war der erste, war der einzige Mensch gewesen, dem sie
-rückhaltlos vertraut und mit dem zusammen sie der Einsamkeit den Raum
-verstellt hatte.
-
-Nach drei so durchkämpften Wochen strich Katharina, an dem Tage, da sie
-sich schwanger fühlte, zum ersten Male wieder über den Kopf des
-bettelnden Kameraden, der wegen der wochenlangen schlechten Behandlung
-sofort vorwurfsvoll zu bellen begann und, da Katharina ihn schon wieder
-nicht mehr beachtete, sich niederlegte, Schnauze auf den Vorderpfoten,
-in vergrollendem Vorwurfe.
-
-Noch ein paar Wochen – der Fensterladen war wieder offen, sie hatte
-wieder begonnen, zu arbeiten – hoffte Katharina, Jürgen werde, nachdem
-er erkannt habe, daß die Siege, die in dem anderen Lager errungen werden
-konnten, entwürdigend und wertlos seien, zurückkehren zu der Pflicht,
-die sein Bewußtsein ihm zum Schicksal mache.
-
-Mit den Monaten und den Tagen immer gleichen treuen Leidens und immer
-gleicher treuer Arbeit entstand in ihr der neue Anfang. Schon konnte es
-geschehen, daß Katharina ein Lächeln tiefempfundener Freude in den Augen
-trug, wenn sie in eine Arbeiterversammlung kam und die Sympathie ihrer
-grüßenden Genossen fühlte.
-
-Schon als er noch bettlägerig gewesen war, hatte Jürgen, einig mit der
-Tante, daß dies das zunächst Allerwichtigste sei, sich auf das
-Doktorexamen vorbereitet.
-
-Weihnachten war die kirchliche Trauung. Jürgen hatte der flehenden Tante
-endlich mit den Worten: „In des Teufels Namen!“ nachgegeben. Und
-Elisabeth hatte sich ihre Einwilligung zu einer kirchlichen Trauung von
-ihrem Vater abkaufen lassen durch ein Brillantgehänge.
-
-Lorbeerbäume bildeten eine Gasse vom Hochzeitswagen bis zum Altar, vor
-dem die Brautleute knieten, in großem Halbkreise umgeben von den
-Verwandten und Bekannten beider Familien.
-
-„Verdammte Komödie!“ flüsterte heiter der Kniende, und Elisabeth drückte
-zum Einverständnis Jürgens Arm und senkte das Haupt, das Lächeln zu
-verbergen. Das sah aus, als horche sie ergriffen den Worten des
-Geistlichen.
-
-Während der Trauung sang ein Gemischter Chor mit Orgelbegleitung:
-„Himmel erhöre, erhöre das Flehen: Liebe laß walten im Heime der
-Gatten.“
-
-Fast alle Damen und Herren, die damals auf dem Hügel Rotwein und
-Brathuhn genossen hatten, auch zwei Universitätsprofessoren, der junge
-Wissenschaftler, ein Chefredakteur und einige Künstler, mit denen
-Elisabeth Verkehr pflegte, saßen an der Festtafel, die, in Hufeisenform,
-die ganze Breite des Wagnerschen Gesellschaftssaales einnahm und mit
-zwölf, aus Treibhausveilchen nachgebildeten, riesigen Hufnägeln
-geschmückt war. Diese Idee stammte von Jürgens Schwiegermutter.
-
-Die Neuvermählten saßen, mit dem Blick in das Halbrund hinein, genau in
-der Mitte des Hufeisens, so daß ihre Beine den mittleren Haken bildeten,
-mit dem das Pferd Funken aus dem Pflaster zu schlagen vermag.
-
-Wurde am seitlichen Haken von Presse, Wissenschaft und Kunst ein Witz
-gemacht in bezug auf die Neuvermählten, dann langte er, zwinkernd
-weitergegeben, sehr schnell beim rechten Seitenhaken an, wo er in das
-Gespräch über das mögliche Fallen oder Steigen eines Börsenpapieres ein
-Loch riß, das sich nach zwei Sekunden wieder schloß.
-
-„In bezug auf das Bankfach bleibt meine Weltanschauung: Jeder Arbeiter
-ist seines Lohnes wert“, wiederholte Jürgens Schwiegervater, der ohne
-erhobenen Zeigefinger nicht sprechen konnte.
-
-Das Streichquartett spielte auf Wunsch von Jürgens Schwiegermutter zum
-zweitenmal die Träumerei von Schumann. Die servierenden Diener hatten
-weiße Handschuhe an. Das Hufeisen dampfte. Nur der reichste Mann, ein
-Hütten- und Walzwerkbesitzer, aß beinahe nichts; er war leberkrank,
-dottergelb, trank Brunnen und hatte noch kein Wort gesprochen. Seine
-knapp vor dem Sprunge in das volle Leben stehende, sehr begehrte schöne
-Tochter legte ihm die sorgfältig ausgewählten winzigen Bissen vor.
-
-Den beiden gegenüber saß der unförmig dicke Papierfabrikant Hommes. Der
-sah beständig aus, als müsse er jeden Augenblick niesen, und hörte dabei
-aufmerksam einem Gummifabrikanten zu, welcher bewies, daß und warum
-infolge der schon nicht mehr schönen Preissteigerung des Rohmaterials
-ein glattes Geschäft überhaupt nicht mehr möglich sei. Man müsse sich
-winden, nichts als winden.
-
-Herr Hommes griff langsam nach dem Westenknopf des Gummifabrikanten, als
-wolle er sich anklammern, um beim Niesen nicht vom Stuhle zu fallen, und
-sagte: „Wer etwas wirklich Großes erreichen will, der muß borniert
-sein.“
-
-An der Börsianerecke stieg das Wort ‚Montanaktien‘ und konnte, wie die
-auf dem Springbrünnchen tanzende, silberne Kugel, nicht mehr fallen, bis
-der reiche Leberkranke den Wasserstrahl abdrehte: „Mit den
-Flitzautomobilaktien könnte in nächster Zeit eine schnittige Veränderung
-eintreten.“
-
-„Schnittig“, murmelte Jürgen. Um ihn herum ging etwas vor, das das Leben
-zu sein schien. „Das Ganze ist unerträglich ekelhaft. Wir machen das
-nicht länger mit“, flüsterte er. „Ich mache das nicht bis zum Schluß
-mit.“
-
-Der Ausspruch des reichen Leberkranken wurde an der Börsianerecke auf
-Hintergründe und Fallen untersucht. „Wer andern eine Grube gräbt“,
-vernahm Jürgen. „Natürlich, erst wägen, dann wagen, das ist klar.“
-
-„No, was sag ich!“ rief der Schwiegervater. „Eine Hand wäscht die
-andere. So stehts eben auch mit diesem Papier.“
-
-Schweinezucht, das wolle er Jürgen gestehen, sei das einzige, aber auch
-das einzige, mit dem noch verdient werden könne, versicherte ein
-Landwirt, der wegen seines jugendlichen Aussehens Mühe hatte,
-respektabel zu erscheinen. Es ginge ja auch alles so weit ganz gut.
-Nicht umsonst habe er die Landwirtschaftshochschule durchgemacht. Er
-bringe System in die Sache. „Aber, sehen Sie, es fehlt einem doch etwas.
-Ich weiß selbst nicht recht, was. Man ist unbefriedigt. Die Seele,
-wissen Sie, die Seele, möchte ich sagen, kommt zu kurz.“
-
-Der Gummifabrikant versuchte vergebens, den Leberkranken über die
-Flitzautomobilaktien auszuholen. Auch an der Börsianerecke wurde noch
-gedeutet und geforscht und behauptet, doppelt genäht halte besser.
-
-„No, was sag ich!“
-
-„Das Volk will keine Freiheit; das Volk will Brot. Fressen und Saufen
-will das Volk, glauben Sie mir“, sagte Herr Hommes, hinein in Jürgens
-wutbleiches Gesicht.
-
-Der gab keine Antwort. ‚Dieser Fettwanst, dessen Leben in Fressen,
-Saufen und Huren besteht, könnte, auch wenn er seine Meinung revidieren
-müßte, ja doch keinerlei Konsequenzen ziehen.‘
-
-Herr Hommes hielt sich an der Tischplatte fest, warf, geöffneten Mundes,
-den Kopf in den Nacken, stieß ihn nach vorn, nieste aber nicht, sondern
-sagte: „Sie, ah, Sie werden sehr bald meiner Ansicht sein.“
-
-Jürgen umklammerte das Handgelenk Elisabeths, den Wutausbruch zu
-unterdrücken, während ihr ganzer Körper vor unterdrücktem Lachen zuckte.
-Und dann, hilfsbereit: „Wenn du willst, verschwinden wir jetzt
-unauffällig.“
-
-Da erhob sich Herr Wagner. Er begann seine Rede mit einer Verbeugung zu
-dem Platze hin, wo die Tante, die plötzlich wieder krank geworden und
-schon lang nachhause gefahren war, anfangs gesessen hatte.
-
-Er sei sich der hohen Ehre wohl bewußt, die darin liege, daß seine
-Tochter dem letzten Sproß der alteingesessenen Patrizierfamilie
-Kolbenreiher angetraut worden sei, sozusagen eingeheiratet habe in die
-Familie Kolbenreiher, die schon einmal im fünfzehnten Jahrhundert der
-Stadt einen Bürgermeister geschenkt habe. Seine Familie hingegen sei
-noch jung, aber zukunftsreich. Wie ein junges, gutes Papier!
-
-„Jung und alt verbindet sich miteinander.“ Dabei käme das Richtige
-heraus, was unser Vaterland nötig habe. „Solidität, in Verbindung mit
-jungfrischem Wagemut ... Die Fusion ist vollzogen.“ Der Erfolg werde
-nicht ausbleiben.
-
-„Und die Ehe? ... Es ist mit der Ehe wie mit der Spekulation an der
-Börse. Licht und Schatten! Sonne und Wolken! Die Aktien steigen und
-fallen. Das ist nun einmal so. Es kommt eben darauf an“, rief mit
-starker Stimme Herr Wagner, der schon etwas zu viel getrunken hatte, „in
-treuer Liebe auszuharren, auch wenn einmal eine Baisse den Ehehimmel
-bewölkt ... Es kommt auch wieder eine Hausse.“ Ja, es sei sogar
-besonders wichtig, gerade aus der Baisse Gewinn und Lehren zu ziehen.
-
-Er hatte sich so in den Vergleich verfilzt, daß auch das Schlußhoch auf
-die Neuvermählten zur Hälfte der Börsenspekulation galt. Alle standen.
-
-Jürgens Gesicht war leinenweiß. Lieber ein gebrochenes Rückgrat, als ein
-gebogenes, dachte er, entschlossen, nicht zu antworten auf die Rede
-seines Schwiegervaters. Und da er sich als erster setzte, Elisabeth mit
-hartem Griffe neben sich zog, setzten sich auch die andern. Die Diener
-reichten schwarzen Kaffee, Likör und lange Zigarren.
-
-Plötzlich gab Jürgen, ohne zu wissen wem, vielen Menschen die Hand.
-„Leben Sie wohl.“ Sein Körper bewegte sich automatisch von einem zum
-andern, endlich auch auf Elisabeth zu. Er reichte ihr die Hand: „Leben
-Sie wohl.“
-
-Alle brachen in Gelächter aus. Auch Elisabeth war verblüfft über ihren
-Mann, der in der Eile und Verwirrung es fertig brachte, seiner Frau vor
-der Hochzeitsreise Lebewohl zu sagen.
-
-Noch einen Augenblick blieben die beiden unter dem Türrahmen stehen. Da
-näherte sich Jürgens Ohr ein rundes Gesicht mit rundgestutztem Bart,
-goldbebrillten, zwinkernden Augen und gespitztem Munde, der flüsterte:
-„Viel Vergnügen!“ Mit den Armen balancierend, schlich der Rundkopf auf
-den Fußspitzen zum Hufeisen zurück.
-
-Sie reisten zuerst nach dem Süden, wo es im Winter Frühling ist.
-
-Einige Tage später wurde Katharina von einem Knaben entbunden.
-
-Nach zehn in Paris und Rom verbrachten Wochen kamen die Neuvermählten in
-die südliche Hafenstadt, die mit ihren Orangenbuden, Bazaren und
-Säulenkolonnaden, durchschwirrt von Matrosen, Chinesen, Negern,
-vornehmen Fremden, müden Auswanderern und dem Geschrei in zwanzig
-verschiedenen Sprachen, mit dem Salz- und Teergeruch, Sirenengebrüll und
-dem Mastgewirr der Ozeanriesen gelb in der Sonne lag, wie ein dem
-unendlichen Meere entstiegener, wahr gewordener Traum eines Knaben, der
-Eltern, Lehrern, allen Qualen der Jugend, allen Fesseln und Berufen
-entfliehen möchte, hinaus in die unbändige Herrlichkeit.
-
-Sie fuhren in der Droschke, überdacht von einem rot- und weißgestreiften
-Riesensonnenschirm, hotelwärts, vorüber an einer langen, immer neu
-genährten Reihe Arbeiter und Arbeiterinnen, die aus der Tabakfabrik
-kamen. Blusen und Umschlagtücher waren farbig, die Gesichter schlaff und
-fahl.
-
-Jürgen sah weg. Und konnte dennoch nicht verhindern, daß er, als sie
-schon im Zimmer waren, plötzlich dachte: Da besitzt irgendein Herr
-Hommes eine Fabrik.
-
-„In sechsundfünfzig Stunden könnten wir in Afrika sein.“ Jürgen bekam
-keine Antwort. Elisabeth war auf der Ottomane eingeschlafen.
-
-‚Durch dieses Wesen gehen Welt und Dasein in immer gleich unendlich
-breitem Strome durch, von ihr genossen in jeglicher Sekunde, ohne Vor-
-und Rückblick, ohne Rücksicht und Bedenken.‘
-
-Elisabeth atmete tief und ruhig und war schön und jung und gesund. Die
-Sonne, gebrochen durch die herabgelassene Jalousie, zeichnete ein
-leuchtendes, gestreiftes Fell auf das Morgenkleid der Schlafenden. Es
-war warm. Fernher brüllte die Sirene. Die Mimosen dufteten.
-
-‚Wie sie atmet! ... Gut, fahren wir nach Afrika! Nach New York! Nach
-Indien! Telegramme um Geld! Einstweilen überhaupt nicht zurückkehren!
-Komme, was kommt! Elisabeth würde zu allem Ja sagen, ohne Besinnen. Ein
-herrliches, wunderbares, einfach organisiertes Tier, das lebt, einfach
-lebt. Bedenkenlos, glatt und kühl wie ein Fisch. Durch und durch kühl!‘
-„... Nur in der Nacht, in der Nacht, wenn die Liebe erwacht“, summte
-Jürgen. ‚Nur in der Nacht wird sie heiß. Da kennt sie keine Grenzen ...
-Sie ist ein vorgeschobener Posten der Lebenskraft.‘
-
-„Es haben zwei ne ganze Nacht zusammen in einem Bett verbracht – was ham
-se wohl gemacht?“
-
-Da sah Jürgen einen Herrn in der Vorhalle eines großen Pariser Hotels
-stehen. Der Herr stürzt auf Elisabeth zu, sitzt mit ihr, beständig
-schwebend in einer Wolke von Lebenslust, im Theater, in Restaurants,
-Boulevard-Cafés, Kabaretts. Tritt in Elisabeths Schlafzimmer.
-
-Abneigung erfaßt plötzlich den im Sessel lehnenden Jürgen gegen den
-Jürgen, der durch Paris und Rom schwirrt, sich um nichts kümmert, als
-nur um sich und seine Genüsse, im Schlafanzug in das Schlafzimmer
-Elisabeths tritt, heiter in der Hafenstadt ankommt.
-
-„Er betäubt sich ... Widerlich! ... Wo kommt der hin, was wird aus dem,
-wenn er so weiter macht ... Das bin nicht ich. Das ist ein ganz
-anderer“, flüsterte der im Sessel Sitzende. „Sonderbar. Sonderbar.“
-
-Bewußt wechselte Jürgen die Blickrichtung, sah durchs Fenster auf das
-glitzernde Meer hinaus, um den andern nicht mehr zu sehen. ‚Auch er ein
-vorgeschobener Posten! Das ist die Natur, das Tier, die Lebenskraft, die
-den treibt, die ... mich treibt, sie, die um der Fortpflanzung, der
-Arterhaltung willen, die Geschlechter zueinander treibt und, ihr Ziel zu
-erreichen, bereit ist, uns Menschen zu ausnahmslos jeder Schufterei zu
-veranlassen.‘
-
-Elisabeth bewegte sich: ihre Hand fand im Schlafe durch das Morgenkleid
-durch zu der sich entblößenden Brust.
-
-‚Und sie hat Erfolg, die Lebenskraft. Denn sie zahlt als letzten Preis
-dieses einzigartige Gefühl. Zahlt es Tieren und Menschen, Frauen und
-Männern, Katzen und Katern, Elisabeth und mir. Mögen die andern, die
-vielen, verrecken, sie kümmert sich um nichts. Der Mensch ist noch nicht
-da. Sie kann nicht warten, bis der Mensch da ist. Das ist die ganze
-Erklärung. Eine naturwissenschaftlich einwandfreie Erklärung!‘
-
-Die Hotelglocke rief zum Mittagessen. Auf den Zehenspitzen schlich er
-über den Teppich, berührte sanft Elisabeths Schulter. Sie erwachte ohne
-jeden Schreck, schlug die Augen auf, so einfach, so klar. ‚Sie hat gar
-keine Untiefen in sich. Sie ist so, wie sie ist. Im Schlafen, wie im
-Erwachen und im Wachen.‘
-
-Aber das ist noch viel sonderbarer. Wie seltsam! Das ist unheimlich,
-dachte der an der Tafel sitzende Jürgen, weil er jetzt auch den an der
-Tafel sitzenden, sich unterhaltenden, lachenden Jürgen beobachtete,
-scharf und genau beobachtete.
-
-‚Wir sind also zwei. Ich sehe mir zu. Mir selbst! ... Aber das bin ja
-gar nicht ich. Ich sehe ja ... ihm zu. Bin ich, der zusieht, ich? Oder
-ist er ich?‘
-
-„Gut, machen wir!“ Elisabeth hatte gewünscht, am Abend auf die Höhe zu
-steigen und zuzusehen, wie die Sonne ins Meer sinkt.
-
-‚Auf die Dauer natürlich halte ich das nicht aus. Wir müssen uns
-vereinigen, eins werden. Wenn wir uns nicht einigen können, dann muß
-einer weichen: der andere oder ich.‘
-
-‚Du standest schon am Anfang deines Ich.‘
-
-Wer hat das gedacht? dachte erschauernd Jürgen und goß dabei Wein ins
-Glas. „Dir auch?“ ‚Das habe eben nicht ich gedacht. Hat das der andere
-gedacht? Oder ein Dritter?‘
-
-Er fror im Rückenmark. Gierig leerte er pausenlos hintereinander zwei
-Glas Wein.
-
-‚Ich befinde mich offenbar in einem Übergangsstadium. In einem
-Entwicklungsstadium. Ich entwickle mich. Das soll in meinem Alter noch
-vorkommen. Ich muß trachten, in ein erträgliches Verhältnis zu mir zu
-kommen. Denn ich muß ja leben mit mir.‘ Auch die Stirn hatte sich
-gerötet.
-
-Nach Sonnenuntergang saßen sie auf der Terrasse des Hafenrestaurants.
-Zwei Männer schleppten einen wassertriefenden Bastkorb voll Austern
-zwischen den Tischen durch in die Küche. Straßenhändler boten den Gästen
-Kämme, Stickereien, Elfenbeinschnitzereien an. Der Himmel, die Luft, das
-Meer, das Leben des Hafens und der Straße fluteten durch das vornehme
-Restaurant durch. Alle Grenzen waren verwischt. Musik spielte. An der
-Hausmauer gegenüber wechselten die kinematographischen Bilder, genossen
-von der dicken Menschenmenge.
-
-Sie aßen Austern. Die kosteten nicht viel mehr als Brot. Tranken eine
-Flasche Champagner dazu. Ein kleines, dickes Mädchen, achtjährig,
-Kastagnetten in den Händchen, schmale Papierschleifen – blau, rot, grün
-– im Haar und auf dem Röckchen, das die nackten, dicken Schenkelchen
-freiließ, trat an den Tisch und begann zu tanzen, sang ein Bordellied
-dazu, hob das Röckchen hinten hob das Röckchen vorne, spreizte im
-Tanztakt die Beinchen auseinander, mit obszöner Gebärde.
-
-Ein nach dieser Seite vorgeschobener Posten der Lebenskraft, dachte
-Jürgen. ‚Ihr sind alle Mittel recht, wenn sie nur zum Ziele führen.‘ Er
-fühlte in den Gelenken eine Lähmung, die nicht unangenehm war. Elisabeth
-strich zärtlich über den Kopf der Kleinen.
-
-Eine Stunde später saß sie, den Rücken Jürgen zugekehrt, schon
-entkleidet vor ihren Kämmen und Bürsten. Das offene Haar leuchtete gelb.
-Durch den Spiegel nickte sie Jürgen zu, gab ihrer Schulter einen Kuß,
-der ihm galt.
-
-‚Ich habe eine schöne Frau.‘ Er streckte sich. ‚In das Leben soll man
-Grübeleien über Entwicklung und Dasein nicht hineintragen. Das Leben
-entwickelt sich ganz von selbst.‘
-
-Der Hafen schlief. Das Meer sang gleichtönig, ruhevoll und groß. Die
-Mimosen dufteten stärker in die warme Nacht. Wie in allen Nächten sang
-auch in dieser Nacht in der Ferne ein Mädchen.
-
-Eine Fabrikstraße, nebelgrau und doch trostlos deutlich. Gestalten,
-einzeln, in Gruppen, in endlosen Reihen, schritten im Morgengrauen in
-unabänderlich vorbestimmter Richtung auf das riesenhafte, graue
-Fabriktor zu. Immer neue Millionen marschierten heran, grau,
-gespenstisch-lautlos, und verschwanden im Fabriktor der Welt.
-
-‚Und du standest schon am Anfang deines Ich.‘
-
-Elisabeth wandte sich um nach Jürgen, der schwer atmete. Seine
-Gesichtshaut zuckte und war gespannt, als habe sie, wie eine
-Ballonhülle, einen ungeheuren Atmosphärendruck auszuhalten. Ein Mensch
-schlief.
-
-Elisabeth berührte den Stöhnenden. Wie ein vom Tode Erweckter richtete
-er sich auf. Eine ewige Sekunde lang war letzte Bereitschaft in seinem
-Antlitz.
-
-„Dein Gesicht sah gar nicht aus wie ein Gesicht. Sah aus wie ein
-Gefängnis, wie eine Faust.“ Sie schlüpfte zu ihm unter die Decke. „Was
-träumtest du?“
-
-„Weiß nicht. Weiß nicht.“ Er wußte es nicht. „Wie du duftest!“ Er riß,
-aus der Tiefe seines Wesens zurückgekehrt, wild das Leben an sich.
-
-Erst viele Monate nach der Rückkehr – in seinen Tagen tat sich schon die
-leere, tote Einsamkeit auf, die weder durch Genüsse, noch durch Arbeit
-zu überwinden war – wurde Jürgen in einer großen Gesellschaft an
-Katharina erinnert. Adolf Sinsheimer zog ihn in eine Nische. „Warst du
-wieder einmal da? ... Nun, in dem orientalischen Salon! Ich sage dir, da
-sind jetzt vier Mädchen! Die sind mit 99½ Salben gerieben. Die eine
-sieht übrigens Katharina Lenz verblüffend ähnlich. Also verblüffend! ...
-Sie hat ein Kind bekommen.“
-
-„Wer hat ein Kind bekommen?“
-
-„Katharina. Einen Sohn! Die Familie tut, als ob sie das gar nichts
-anginge. Frau Geheimrat Lenz soll vor Gram gestorben sein ... Wann gehen
-wir in den Salon?“
-
-Eine endlos lange Sekunde hatte Jürgen das Empfinden, in seinem Kopfe
-kreise mit vertausendfachter Schnelligkeit Schläfen-sprengend ein kalter
-Blitz. Das ganze neue Leben lag in Scherben. Jürgen stieg heraus aus den
-Trümmern, die Freitreppe hinunter, schritt, gestoßen von etwas, das in
-gleichem Schritt und Tritt hinter ihm her ging, durch die Stadt.
-
-Die Straßen wurden enger, dunkler, die Häuser kleiner. Unbebaute
-Stellen. Der verfaulende Bretterzaun. Das kleine Fenster hing nah der
-Erde rot leuchtend in der Finsternis.
-
-Die Nacht war warm, das Fenster geöffnet. Er hörte Stimmen, mehrere
-Männerstimmen, eine Antwort Katharinas, sah, wie sie, in der Hand einen
-weißen Teller, vom Gaskocher zum Waschkorb ging, in dem der Sohn lag.
-
-Jürgen glaubte den Agitator zu erkennen, der, die Hand vorgestreckt,
-etwas zu dem Metallarbeiter sagte. Vernahm Katharinas Lachen. Das klang
-so geheimnisvoll mild in die Sommernacht.
-
-Die Schreibmaschine begann zu klappern. Der Agitator diktierte.
-
-‚Das ist eine Welt für sich ... Welch ungeheuere innere Veränderung in
-mir wäre nötig, einzutreten ... Die Haustür ist nur angelehnt.‘
-
-Drei Arbeiter traten aus der Tür. Jürgen war verschwunden.
-
-Erst nach Tagen gelang es ihm, sich zu beruhigen mit dem Gedanken, daß
-es Katharina vielleicht besser gehe als ihm. ‚Sie hat nicht diese
-Scherereien wie ich. Muß sich nicht mit diesem Gesindel herumbalgen. Sie
-hat ihre Genossen. Sie lebt ihrer Idee.‘ In dieser Zeit faßte er den
-Plan, ein großes Werk zu schreiben, betitelt: ‚Volkswirtschaft und
-Einzelseele‘.
-
-Jürgen hatte den ganzen Vormittag in dem gut durchwärmten
-Direktionsbureau gearbeitet. Als er hinaustrat in den schneidend kalten,
-schneidend hellen Wintertag, tränten seine Augen, so daß er einen
-Laternenpfahl und den Oberkörper und den Kopf eines Spaziergängers
-doppelt und dreifach sah.
-
-In dieser Sekunde hatte Jürgen das erstemal den Gedanken, daß nicht nur
-er selbst sondern jeder Mensch aus mehreren, innerlich tatsächlich
-vorhandenen Menschen bestehe, die, wie der mit tränenden Augen gesehene
-verdreifachte Spaziergänger, hintereinander und ineinander geschalt, in
-den Menschen steckten, dachten, wahrnahmen, fühlten und gegeneinander
-kämpften.
-
-Während er der Trambahnhaltestelle zuschritt, sah er auf die zwanzig
-Monate seines neuen Lebens und seiner neuen Tätigkeit zurück. War von
-Jürgen, dem Teilhaber des Bankhauses Wagner und Kolbenreiher, in
-Erfüllung seiner Pflicht und Aufgabe, die Interessen des Hauses und der
-Kunden zu schützen, die Weisung erteilt worden, an der Börse Papiere zu
-kaufen oder zu verkaufen, dann hatte ein anderer Jürgen klaren
-Bewußtseins gesagt: Es bleibt eine in alle Ewigkeit unverrückbare
-Tatsache, daß dieser Gewinn ein Teil des Mehrwertes ist, abgepreßt dem
-Proletariat, zugunsten des Rentiers Hummel und des Bankhauses Wagner und
-Kolbenreiher.
-
-‚Also auch zu meinen Gunsten. Ich also lebe von dem Mehrwert, bereichere
-mich an dem Mehrwert, den andere hervorbringen. Und ich bin mir dessen
-voll bewußt.‘
-
-‚Nicht du bist dir dessen bewußt, sondern ich.‘
-
-‚Wer ich? Wer ist sich dessen bewußt?‘
-
-‚Ich! Ich bin schon nicht mehr du.‘
-
-Es hatte sich anfangs sehr oft ereignet, daß der bewußte Jürgen ganz
-über den Teilhaber-Jürgen vorgetreten war, ihn hinter sich gedrückt, die
-Schreibfeder auf das Tintenfaß zurückgelegt und glatt herausgesagt
-hatte: „Aber das ist ja Raub, lieber Schwiegervater. Ich mache das nicht
-mit, Herr Hummel.“
-
-‚Und jetzt machte der leberkranke Hütten- und Walzwerkbesitzer das
-Geschäft.‘ Auf diesen Worten schiebt der Teilhaber sich wieder in den
-Vordergrund, stemmt die Faust auf den Schreibtisch, gibt seine
-Direktiven und denkt: Das Leben ist Kampf. Wer die Waffen fallen läßt,
-über den geht es hinweg. So ist das Leben. Und dem Proletariat, das
-sowieso der Leidtragende ist, kann es gleichgültig sein, wer den Gewinn
-hat.
-
-‚Aber dir kann es nicht gleichgültig sein.‘
-
-‚Es ist sogar immer noch besser, ich habe den Vorteil als der
-Leberkranke, der nicht einmal weiß, was er tut, keine Ahnung davon hat,
-daß er sich bereichert an dem Schweiße und an dem Blute der
-Arbeitenden.‘
-
-‚Was der Hüttenbesitzer tut, ist kein Freibrief für dich. Außerdem wäre
-es auf jeden Fall für dich, für dein Selbst, für dein Menschentum immer
-noch besser, der andere, der gar nicht weiß, daß er ein Schuft ist, zöge
-den Gewinn, als du, der du auf diese Weise rettungslos erst zum bewußten
-Schuft und schließlich auch zu einem ahnungslosen, selbstgerechten
-Schuft werden, endlich nur noch Teilhaber, nichts anderes mehr als ein
-Teilhaber sein würdest.‘
-
-Das soll mir nicht passieren. Aber es könnte allerdings passieren,
-dachte Jürgen. Und ich müßte auch dies auf mich nehmen. Das Leben ist
-hart.
-
-Und plötzlich vernahm er deutlich den Satz: „Die Massen, eingespannt in
-das graue Joch, müssen noch die Lerche hassen, die emporsteigt ins Blau
-... Und dich kümmert es nicht. Das ist es, verstehst du, daß es dich
-nicht kümmert.“
-
-„Hinter dem steckt etwas“, wurde in bezug auf Jürgen gesagt, wenn er, in
-knappsitzendem Frack, beherrschte Kraft in Schultern und Gliedern,
-beherrschten Geist in Wort und Blick, in großer Gesellschaft war, aller
-Augen auf sich ziehend, genau so, wie er sich damals in den grünen
-Bretterzaun hineingesehen hatte.
-
-Nachdem er im Parteiblatt gelesen hatte, daß nur durch freiwillige Gaben
-die Zeitung noch gehalten werden könne, spendete er eine große Summe und
-bekam einen Dankbrief von der Bezirksleitung.
-
-Den Dankbrief in der Hand, wendet er sich um zu seinem Bewußtsein, das
-keine Antwort gab. Es war in dieser Zeit schon etwas getrübt gewesen.
-
-‚Ich werde der Arbeiterbewegung auf andere Weise als früher nützen.
-Zweifellos kann ich, mit meinem Einfluß und meinen Verbindungen, der
-Bewegung weitaus mehr nützen, als es der Student konnte, der nichts
-hatte, nichts war und nichts bedeutete.‘ Und er legte den Dankbrief in
-die Schublade.
-
-Der Schwiegervater war eingetreten. Erhobenen Zeigefingers. „Sowohl der
-Rentier Hummel als auch wir haben einen großen Verlust erlitten. Dabei
-lag dieses Geschäft doch vollkommen klar. Und wir hatten unsere
-Informationen früher als die andern.“
-
-„Mir war dieses Geschäft zu unsauber.“
-
-„Die Bank besteht seit fünfunddreißig Jahren. Von Unsauberkeit keine
-Spur!“
-
-Der Teilhaber lehnte sich zurück in den Sessel und ließ ganz bewußt das
-Bewußtsein vortreten. Das war schon trüb wie eine Wasserfläche, auf der
-ölige Flüssigkeit irisiert, rückt über den Teilhaber vor und spricht von
-Recht, Moral und Gerechtigkeit. „Das Geschäft war mir zu unmoralisch.
-Viele kleine Leute würden durch unsere Schuld ihr Geld verloren haben.
-Ich stehe auf dem Boden der Gerechtigkeit.“
-
-Erst nach einigen Sekunden konnte der staunende Herr Wagner den
-Zeigefinger heben: „Der gute Ruf unseres Hauses wurzelt in der
-Gerechtigkeit. Aber sichere Geschäfte einfach nicht zu machen, geht
-nicht an. Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert. Du kennst meine
-Weltanschauung. Wir haben eine beträchtliche Summe und obendrein Herrn
-Hummel, der seit zwanzig Jahren mit uns arbeitet, als Kunden verloren,
-weil du diese scheinbar entwerteten Papiere nicht gekauft hast. Die
-‚Leber‘ natürlich hat sie sofort und samt und sonders aufgekauft. Der
-lacht.“
-
-„Das allerdings stimmt“, sagte der Teilhaber, „daß die kleinen Leute nun
-trotzdem um ihr Geld gekommen sind.“
-
-„No, was sag ich!“
-
-Es war aber auch schon vorgekommen, daß Herr Wagner erhobenen
-Zeigefingers zu seiner Frau hatte sagen können: „Der Schwiegersohn hat
-eine Nase, eine Nase ... Wir Alten können uns zur Ruhe setzen. Kein
-Mensch hätte aus der Presse und aus den Reden im Reichstag herauszulesen
-vermocht, daß an ein Gesetz über neue Schutzzölle auch nur gedacht
-werde. Hast du etwas von einem Gesetz gelesen, von Schutzzoll? Nicht die
-leiseste Andeutung. Aber er, der Junge, dieser Junge, mit seiner
-Vergangenheit und seinem Interesse für Politik, seinen Beziehungen zur
-Arbeiterbewegung, die unsereins überhaupt nicht beachtet, hat
-zugegriffen zu einem Zeitpunkt, als die geriebensten Füchse sich noch in
-Baisse festlegten ... No, was sag ich.“
-
-Am ersten Mai des vergangenen Jahres war Jürgen im Auto in den
-Demonstrationszug hineingeraten und steckengeblieben, beschossen von
-Blicken noch gefesselten Hohnes und Hasses.
-
-‚In der Straßenbahn kann ich mich ebenso mit meinen Gedanken
-beschäftigen. Brauche nicht im Wagen zu fahren.‘
-
-Das schon weit nach rückwärts gedrückte Bewußtsein fand die Sekunde
-Zeit, zu sagen: Das ist es ja nicht. Das ist es ja nicht.
-
-Eine Grenze nach oben muß eingehalten werden, dachte er, stieg aus, ging
-die zweihundert Schritte bis zur Villa. Und teilte der Tante, während er
-die eingelaufene Post durchsah, nebenbei mit, daß in den zwei Jahren,
-seitdem er ihr Bankier sei, ihr gesamtes Vermögen sich schon fast
-verdoppelt habe.
-
-‚Da irrt er sich. Das gesamte nicht.‘ Sie hatte ihm nur die schwer zu
-verheimlichenden Papiere anvertraut und den größeren Teil ihrer Aktien
-bei ihrem alten Bankier gelassen. „Du hast dein Erbe verdoppelt“, sagte
-die gelb, zerfallen und schweratmend im Lehnsessel Versunkene.
-
-Und er erlebte wieder, wie immer, wenn die Tante das Wort ‚erben‘
-aussprach, in Gedanken diese merkwürdige Viertelstunde in dem roten
-Plüschsalon der Konditorei, sah deutlich die drei erregt durcheinander
-sprechenden Damen, den kleinen Hut der Jungen, der nur aus Veilchen
-bestanden hatte.
-
-„Glaubt, sie sterbe, beichtet nach heftigem Widerstreben endlich doch
-dem Geistlichen, daß sie als zwanzigjähriges Mädchen einen einzigen
-Fehltritt ...“
-
-„Wer kann das heute noch kontrollieren, ob es der einzige war.“
-
-„... begangen und heimlich einen Sohn geboren hat. Fragt auch ihren
-Rechtsanwalt, ob das Kind Erbanspruch habe.“
-
-„Wie das Geheimnis dann unter die Leute gekommen ist ...“
-
-„Die Pflegerin im Nebenzimmer soll die Beichte mitangehört haben.“
-
-„... weiß man nicht genau. Die Menschen können ja kein Geheimnis für
-sich behalten.“
-
-„Sonst würde man diese Geschichte vielleicht überhaupt nie erfahren
-haben, wenn die Pflegerin ...“
-
-„Ganz genau kenne ich die Einzelheiten auch heute noch nicht“, hatte die
-Junge gesagt.
-
-„Denken Sie an, siebzig Jahre ist sie jetzt. Und nie hat ein Mensch auch
-nur den leisesten Verdacht gehabt, müssen Sie wissen. Das Kind wird ins
-Ausland in heimliche Pflege gegeben, müssen Sie wissen ...“
-
-„Eines Tages entläuft das Kind, geht durch.“
-
-„Wahrscheinlich, weil es schlecht behandelt wurde, Sie verstehen.“
-
-„Die Pflegemutter stirbt.“
-
-„Auf diese Weise hat man ... Ist verschollen ... nie etwas ... Kein
-Lebenszeichen mehr! ... von dem Fehltritt erfahren ... Als ob sie
-Jungfrau wäre! ... Ja, was sagen Sie dazu ... Wo mag das arme Kind jetzt
-sein.“
-
-Ein fünfzigjähriger Mann torkelt betrunken, verdreckt, heruntergekommen
-auf einer amerikanischen Landstraße, wirft die Arme, schimpft auf die
-Welt. Wird erstochen. Erleidet als Matrose Schiffbruch, ertrinkt.
-Krepiert im Berliner Obdachlosenheim. Schuftet nach dem Taylorsystem
-in Chicago. Ist Gelegenheitsarbeiter im Newyorker Hafen.
-Magistratsschreiber in einer kleinen deutschen Stadt. Während diesen
-drei Damen das Kind gegenwärtig ist wie ein Schweißausbruch, hatte
-Jürgen heiter gedacht.
-
-„Das arme Kind muß doch ... Diese Schande für die bisher so
-hochgeachtete ... gefunden werden ... alteingesessene Familie
-Kolbenreiher.“
-
-Und war, getroffen von diesem unverhofften Stoß, beinahe vom Stuhl
-gefallen.
-
-Nie in ihrem ganzen Dasein hatte die Tante, die nach der Beichte völlig
-unerwarteterweise wieder gesund geworden war, etwas so tief und
-schmerzlich bereut wie diese Beichte. Nicht einmal das Jugenderlebnis
-selbst. Nie in seinem Leben war Jürgen vor einem Menschen gestanden, der
-so bis in die tiefsten Tiefen erschüttert, so fassungslos gelacht hätte
-wie Elisabeth. Und nie in seinem Leben hätte Jürgen es für möglich
-gehalten, dieses Gefühl der Rührung und Sympathie für die Tante
-empfinden zu können.
-
-Auch sie wollte leben. Und wurde nur ein einziges Mal vom Leben
-gestreift, dachte er auch jetzt, wie er die Tante ansah, die einer
-uralten, zähen, endlich zerfallenden Eichbaumwurzel glich. ‚Wie hat sie
-mich gepeinigt! Wie ganz und gar ist das Geschöpf, ist der Mensch, der
-sich damals von dem Geliebten umfangen ließ, versunken und ertrunken.
-Welch Dasein!‘
-
-Seit dem Schlage, den sie selbst der Familienehre zugefügt hatte, war
-die Kraft der Tante gebrochen gewesen. Ihre zwölf Fragezeichen waren
-weiß geworden. „Bald erbst du alles“, sagte sie, flackernden Blickes,
-richtete den gelben Totenschädel auf.
-
-Und Jürgen dachte: Wenn nicht das Kind eines Tages doch noch erscheint
-und sagt: Da bin ich. Der Erbe bin ich.
-
-Er stieg in den Lift, der eingebaut, fuhr in den zweiten Stock hinauf,
-der aufgesetzt worden war, und dachte dabei an sein Kind.
-
-Immer, wenn er an den Sohn der Tante erinnert wurde – und dies geschah
-häufig, denn Elisabeth brach auch jetzt noch oft in Lachen unvermittelt
-aus –, dachte er an den Sohn Katharinas, der Geld zu schicken er nicht
-wagte.
-
-‚Zu dem Sohn der Tante, der wahrscheinlich gar nicht mehr lebt, und,
-lebte er noch, nicht die leiseste Ahnung hätte, wessen Sohn er ist, eine
-Verbindung herzustellen, wäre leichter als zu meinem Sohne, der eine
-Gehstunde von hier entfernt im Waschkorb liegt ... Oder kann er schon
-laufen? ... Sie lebt ja tatsächlich auf einem anderen Planeten.‘
-„Merkwürdiges Mädchen“, murmelte Jürgen und trat, da er Elisabeths helle
-Stimme vernahm, in den Salon, dessen Tapete farbig schmetterte.
-
-Zwischen ornamental geschwungenen, riesigen Schwertlilien und
-Wasserrosen – blau, rot, violett – und giftgrünem Schilf auf Goldgrund,
-der den See darstellte, versuchte alle Quadratmeter der selbe Faun die
-selbe Nymphe zu fangen und konnte sie nie erwischen. Dreiunddreißig
-Nymphen hatte Jürgen gezählt.
-
-Der Salon erinnerte ihn an den der Frau Knopffabrikant Sinsheimer, wo
-ihn die Furcht vor der Leiche des Vaters angesprungen hatte. Denn außer
-den reichgeschnitzten schwarzen, unverrückbar schweren Eichenholzmöbeln
-– zum Platzen dicke schwarzgebeizte Putten schleppten, himmlisch
-lachend, ohne jede Anstrengung riesige Füllhörner von links nach rechts,
-oben um die Prachtstücke herum, und die in der Mitte obenauf sitzenden
-Putten spielten dazu die Flöte – standen und lagen auch hier viele
-singende, musizierende, miauende, tanzende Hochzeitsgeschenke und
-Gebrauchsgegenstände, die nicht benutzbar waren, darunter ein
-Riesenkäfig, in dem ein ausgestopfter Papagei saß, der alles hatte, was
-er zum Leben brauchte: Wassernapf, Futternapf, gefüllt mit Wicken aus
-Holz, und – beladen mit nagelneuen Birnen, Trauben, Äpfeln und
-Pfirsichen aus farbigem Tuch – die zwei silbernen Tafelaufsätze in
-Eiffelturmform, von Frau Sinsheimer als Hochzeitsgeschenk geschickt,
-genau so gut erhalten, wie sie sich bei ihrem eigenen Hochzeitstag
-eingestellt hatten. Zwei große künstliche Palmen, auf Ständern mit
-gelben Storchenbeinen, verdunkelten das Fenster.
-
-„Ich wiederhole: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“,
-erklärte gekränkt Frau Wagner, die, während die Neuvermählten auf der
-Hochzeitsreise gewesen und die Tante, wegen der unaufhaltsamen
-Verbreitung des Klatsches sterbenskrank geworden, im Bett gelegen war,
-ganz allein das Einrichten der Wohnung besorgt hatte.
-
-„In dieser Wohnung gibt es vielerlei Tiere und eine große Anzahl
-Fabelwesen, aber keinen Gaul“, versicherte launisch Elisabeth und sah
-umher: Vom nie benutzten Kohlenkasten, schwarz lackiert, auf dem die
-heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten gemalt war, bis zu dem zwei
-Meter hohen seidenen Wandschirm, auf dem ein gestickter, lebensgroßer
-Storch das Wickelkissen mit den drei Säuglingsköpfen aus dem Teiche zog,
-schwang der Elefant den Rüssel feierlich-langsam hin und her. Das
-Ziffernblatt in seiner Stirn stellte Afrika dar. Diese Uhr hatte Frau
-Wagner, nachdem sie bei Frau Sinsheimer zu Besuch gewesen war,
-telegraphisch in der Fabrik bestellt.
-
-Arm in Arm verließ das Ehepaar den Salon. Und das Bewußtsein, das hinter
-Jürgen herschritt, in gleichem Schritt und Tritt, sah Katharina, die, in
-der Hand einen weißen Teller voll Brei, vom Gaskocher zum Waschkorb
-ging, in dem der Sohn lag.
-
-Katharina befand sich in weiter Ferne, aber überaus deutlich sichtbar;
-nicht so verblaßt wie damals, als Jürgen gesundend im Liegestuhl gelegen
-hatte. „Das wechselt.“
-
-„Was wechselt?“ fragte Elisabeth.
-
-„Die Stimmungen wechseln. Einmal ist man ernst, dann wieder heiter. Ein
-andermal, ich möchte sagen: in gespaltener Stimmung.“
-
-„Das Leben würde ja auch zu langweilig sein, wäre dies anders.“
-
-Frau Wagner durchblätterte noch das in gepreßtes Schweinsleder gebundene
-und mit einem winzigen goldenen Hängeschlößchen versehene Album, das die
-repräsentablen Ahnen der Familie Wagner enthielt. Herren ließen den
-Schnurrbart, Bräute das Hochzeitskleid bewundern. Die Photographieaugen
-blickten. Wünsche waren erfüllt. Männer standen aufrecht im Leben, die
-Faust auf der Kante des zerbrechlich zarten Tischchens. Damen, die
-Frisuren schulterwärts geneigt, Augen halb geschlossen, zeigten, daß sie
-ohne Ideale nicht leben konnten. Kinder standen noch im Kampf mit der
-Natürlichkeit.
-
-Frau Wagner schloß das Album: Das zerhackte Gesicht eines
-degenüberquerten Studenten in Wichs kam auf das Gesicht einer alten Frau
-im Totenbett zu liegen. ‚So viel Geld und so viel Mühe, und jetzt sind
-sie nicht zufrieden mit der Einrichtung.‘ Frau Wagner sah umher, den
-Kopf aufgestützt.
-
-Eine halbe Stunde später, als Jürgen vorbeiging, sah er Frau Wagner noch
-immer sitzen im Salon, den Kopf gestützt wie vorher, reglos und traurig.
-Der kostbare Reiherhut hatte sich etwas verschoben.
-
-‚Das würde ein zu schwerer Schlag für sie sein. Wir werden uns eben an
-die tausend Zentner schwere Einrichtung und an die Menagerie gewöhnen
-müssen; haben uns ja schon daran gewöhnt. Das ist ja auch unwichtig. Das
-Leben stellt andere Aufgaben.‘
-
-Ganz andere Aufgaben! dachte er. Und fand sie nicht. Fand nichts, das
-wert gewesen wäre, sich dafür einzusetzen. Auch heute hatte die tote
-Einsamkeit, die um und in ihm stand und das ganze Haus durchdrang, ihn
-eine Stunde früher als nötig fortgetrieben.
-
-Die Tante war ins Bett gebracht worden. Sinnend blickte sie in die
-Richtung der Mutter Gottes; die gelben, dünnknochigen Finger hielten die
-geöffnete Schatulle, in der sie das Verzeichnis ihrer Wertpapiere
-aufhob.
-
-Jürgen liebte es, in die Schreinerwerkstatt neben der Haltestelle
-einzutreten und, plaudernd mit dem alten Meister, den Gesellen bei der
-Arbeit zuzusehen, bis der Trambahnwagen kam. Eine Schreinerwerkstätte,
-die Hobelspäne, der Holz- und Leimgeruch waren für Jürgen der riechbare
-und sichtbare Ausdruck eines einfachen, lebenswarmen Daseins, wie er es,
-seitdem er Teilhaber war, für sich gewünscht hätte.
-
-„Ihre Mutter war noch gar nicht auf der Welt und von Ihnen selbst, mein
-Gott, keine Spur, damals, als mein Vater die Möbel für Ihre Großeltern
-gemacht hat. Ich war seinerzeit Lehrjunge, und Ihre Tante war so ein
-huschiges Springerchen von zehn Jahren.“
-
-„Wie war denn meine Tante als Kind?“ fragte Jürgen, plötzlich wieder von
-Sympathie ergriffen.
-
-„Da, sehen Sie ihn an: der Sägbock war ihr Reitpferd. Auf dem selbigen
-Sägbock ist sie geritten jeden Tag. Und so manches Mal war sie einfach
-verschwunden. Nicht zu finden! Da haben wir sie gar oft aus den
-Hobelspänen rausgezogen. Hat sich hineinvergraben, ganz und gar
-zugedeckt und ist dann plötzlich wie ein kleiner Teufel rausgefahren.
-Wollt nie nachhaus. Hat gestrampft und geheult ... Wild war sie. Ein
-Wildes Kind! Schwer zu erziehen.“
-
-„Was Sie sagen!“
-
-„Das Leben hat nachher das seine getan ... Da kommt Ihr Wagen.“
-
-Jürgen zeigte die Abonnementkarte dem Schaffner, der lächelnd abwinkte:
-„Gilt schon! Wir kennen ja einander.“
-
-‚Nie hätte ich das gedacht. Ich hätte das überhaupt nicht für möglich
-gehalten.‘
-
-„Mir wenigstens brauchen Sie die Abonnementskarte nicht mehr zu zeigen.
-Jetzt fahren Sie seit zwei Jahren täglich viermal.“
-
-‚Wenn ein wildes, unbändiges, eigenwilliges Kind so werden kann, wie die
-Tante geworden ist, vom Leben so ruiniert werden konnte, da kann man von
-Verantwortung des einzelnen ja überhaupt nicht mehr reden. Die
-Verhältnisse sind schuld. Sicher auch bei Katharinas schöner
-Jugendfreundin mit dem leidensfähigen, milden Herzen, daß sie so lala
-eine Gesellschaftsdame und die Frau des Oberstaatsanwaltes wurde ...
-Oder doch nicht die Verhältnisse? ... Wer könnte entscheiden, ob ein
-Mensch die Kraft gehabt hätte, weiter zu kämpfen und zu leiden, oder ob
-stärker als seine Kraft die Verhältnisse und die in ihm lebenden
-Begierden waren? Es gehört heutzutage schon sehr viel Kraft dazu, sich
-selbst im Leben vorwärts zu bringen. Wieviel mehr erst, die Sache der
-Allgemeinheit auf sich zu nehmen und vorwärts zu bringen! ... Man setze
-erst sich selbst durch und stelle dann sich und seinen Einfluß und seine
-Macht in den Dienst der Allgemeinheit.‘
-
-‚Und was wird unterdessen, während du dich durchsetzt, so lala mit dir,
-mit dem Bankier Kolbenreiher, geschehen?‘ fragte mit schon kaum mehr
-vernehmbarer Stimme das weit zurückgedrückte Bewußtsein. Und stieß
-plötzlich eine grauenvolle Drohung aus, die aber, von Jürgen nur dunkel
-vernommen und empfunden, nicht gleich vordrang bis an den Bezirk des
-neuen Bewußtseins, das in diesen Jahren immer häufiger Sieger geblieben
-war.
-
-Noch einmal entwand sich die Drohung der tiefsten Tiefe seines Wesens,
-stieg empor als Hinweis auf eine unentrinnbare Todesgefahr, und Jürgen
-wurde sekundenlang innerlich gelähmt, so ganz und gar wie in der
-vergangenen Nacht, da eine fremde Macht im Albtraum ihn gelähmt und
-unwiderstehlich gezwungen hatte, den Sarg zuzunageln, in dem, noch
-lebend, er selber gelegen war.
-
-„Wie lange fahren Sie schon auf dieser Strecke?“
-
-Und während der Schaffner sinnend „Zehn, nein, schon elf Jahre!“ sagte,
-wiederholte in verzweifeltem Ansturme das zurückgedrückte Bewußtsein zum
-dritten Male seine grauenvolle Drohung. Jürgen fröstelte im Rückenmark,
-wie damals in der Hafenstadt.
-
-„Bastgeflecht ist sehr praktisch, hält lange, was?“
-
-„Ja, das gibt aus.“ Auch der Schaffner prüfte mit seiner starken Hand
-anerkennend das Bastgeflecht der Sitzlehne und schritt dabei hinaus auf
-die hintere Plattform, legte den Zeigefinger an die Mütze, und das junge
-Bureaumädchen schob ihre Abonnementkarte wieder in das Handtäschchen,
-sah ernsten Blickes ihr Leben an. Die Alleebäume flogen nach rückwärts.
-
-Das sind nur die Nerven, dachte Jürgen, mit bezug auf die Drohung ...
-Zwei Jahre! Muß endlich auf ein paar Wochen ausspannen. Mich erfrischen.
-Eine Reise! Das habe ich mir verdient ... Diese warmen wunderbaren
-Herbsttage! Das wird schön sein.
-
-Als die Allee endete, die Straßen enger, der Wagenverkehr und der Lärm
-stärker, die Luft schlechter geworden waren, setzte das Bureaumädchen
-sich in den Wagen, dankte mit ernstem Nicken für den Gruß ihres Chefs
-und begann in einem Buche zu lesen. Sie war die Tochter eines in der
-Papierfabrik des Herrn Hommes beschäftigten Hilfsarbeiters und seit
-ihrem sechzehnten Jahre in der Buchhaltung des Bankhauses Wagner und
-Kolbenreiher angestellt.
-
-Am Vormittag hatte er persönlich die Jahresabrechnung über das Vermögen
-der Tante in der Buchhaltung geholt und dabei das Mädchen zum erstenmal
-gesehen. ‚Jetzt sitzt sie genau so in sich verschlossen da und liest,
-wie die fünfzehnjährige Katharina im öffentlichen Parke gesessen hatte.
-Der selbe stillbewußte, ernste Blick, wie Katharina ihn heute noch hat.
-Nur jünger ist sie. Selbstverständlich viel jünger! Äußerlich überhaupt
-ganz anders. Die Gestalt ist etwas voller. Aber dieser Blick! ... Neue
-Jugend wächst heran und nimmt den Kampf auf‘, hatte er plötzlich
-gedacht.
-
-‚Hübsch ist sie. Sehr hübsch! ... Nur eine Geldfrage ... Allerdings ein
-ernstes Geschöpf ... Gerade deshalb ungewöhnlich anziehend ... Ihrem
-Chef würde sie nicht widerstehen können.‘ Er entkleidete sie.
-
-Eine zwei Zentner schwere, weißhaarige Frau mit gewaltigem Busen stieg
-ein, setzte sich Jürgen gegenüber.
-
-‚Der Hilfsarbeiter hat nichts als diese Tochter, die ihrem Chef
-gegenüber wehrlos ist.‘
-
-‚Dafür – für die Verhältnisse – bin nicht ich verantwortlich ... Das
-Leben brennt, ist wild und schön und da, gelebt zu werden.‘ Und er
-überlegte, wo und wie er seine hübsche junge Angestellte verführen
-könne. „Weshalb lachen Sie?“ fragte er freundlich die dicke Frau.
-
-„Das ist jetzt einunddreißig Jahre her“, sagte die Alte und streckte
-lächelnd beide Hände vor. „Herr Kolbenreiher, ich war die erste, die Sie
-in den Händen gehabt hat. So groß waren Sie.“
-
-Alle Fahrgäste lächelten über die alte Hebamme. Das Mädchen wandte ein
-Blatt um, sah auf und Jürgen an, lächelte auch.
-
-„Was tat ich denn? Wie war ich?“ ‚Es geht doch nicht. Das könnte einen
-öffentlichen Skandal geben. Und auch die Autorität ginge flöten.‘
-
-„Gebrüllt haben Sie. Gebrüllt, sag ich Ihnen, nicht anders, als ob Sie
-am Kreuz hingen. Sie wollten nicht. O, Sie wollten absolut nicht.“
-
-Auch der Schaffner grinste. „Endstation! ... Genossin, heut abend ist
-Bezirksversammlung. Erinnere auch deinen Vater“, sagte er zu dem
-Bureaumädchen.
-
-„Es ist aber doch ganz gut gegangen. Sind ein schöner, großer Herr
-geworden. Ein prachtvoller Herr!“
-
-Leider muß ich auf meine Stellung Rücksicht nehmen. Ich bin der Chef.
-Die Autorität muß gewahrt bleiben, dachte er, während er hinter dem
-Mädchen auf die Bank zuschritt. Der livrierte Portier riß die Tür auf.
-
-„Niemand kann alle seine Wünsche und Begierden erfüllen. Außerdem ist
-die Sache die“, sagte, blätternd im Telephonbuch, Jürgen und bat um die
-Nummer Adolf Sinsheimers, „daß ich das selbe ungefährlicher haben kann
-und sogar ganz bedeutend reizvoller, falls dieses Mädchen in dem
-orientalischen Salon tatsächlich Katharina ähnlich sieht.“
-
-Heute abend könne er nicht zum Essen nachhause kommen, teilte er
-telephonisch Elisabeth mit, die daraufhin ihrem gegenwärtigen Geliebten,
-einem Maler, sofort telephonisch mitteilte, daß sie heute abend wieder
-auf eine Stunde zu ihm ins Atelier kommen werde.
-
-Wie damals vor der Animierkneipe, standen die vier Schulkameraden schon
-wartend vor dem Portal, das auf den Nacken zweier marmorierter
-Gipsherkulesse ruhte. Adolf hob den Spazierstock wie eine Kerze. „Ich
-habe uns schon angemeldet ... Noch die selbe Wirtin, eine alte Hure! Du
-erinnerst dich, Jürgen, wir sind damals vom Korsorestaurant aus
-hingegangen. Aber andere Damen! In jedem Zimmer zwei Waschschüsseln!
-Dabei doch dezente Aufmachung! Schon wie in Berlin!“
-
-Jürgen erkannte das von Säulen getragene, mit Gipsmarmorplatten
-ausgeschlagene Stiegenhaus wieder. Eine flackernde Kerze, eine hohe
-Frisur, zwei schwarze Riesenaugen und ein violetter Schlafrock kamen
-lautlos die Treppe herunter. Die geschminkte Wirtin legte sofort den
-Zeigefinger an den Mund, stieg voran.
-
-„Hols der Teufel, diese Leisetreterei! Warum knipsen wir denn die
-Nachtbeleuchtung nicht an!“ rief in dem Poltertone seines alten
-Batteriechefs, der ihm Vorbild war, der Artillerieoffizier.
-
-Die Wirtin legte den Zeigefinger an den Mund. Der Referendar versteckte
-seine Brieftasche in der Geheimtasche des Westenfutters und lächelte.
-
-„Weil eben ein Menschengesicht zu lächeln vermag“, sagte Jürgen vor sich
-hin und gedachte mit Erinnerungszärtlichkeit des Jürgen, der damals, um
-über seine knabenhafte Unsicherheit wegzutäuschen, die Mädchen wie ein
-erfahrener Lebemann begrüßt hatte. Heute trat er so gelassen in den
-orientalischen Salon, wie er als Chef in das Direktionsbureau der Bank
-trat.
-
-Alles spielte sich nahe den Teppichen ab. Niedrige Tischchen. Die
-Mädchen saßen und lagen auf Ottomanen und auf Polstern am Boden.
-
-„Na, ihr Racker! Brust heraus!“ rief der Artillerieoffizier in dem Tone
-seines Batteriechefs und schnallte gewichtig den Säbel ab, mit den
-Gebärden eines Mannes, der nur mit Pferden und Rekruten zu tun haben
-will.
-
-„Sagen Sie mal, wie gehts denn! Sind ja ne richtiggehende Schönheit.“
-Adolf hatte sich, seitdem er Alleininhaber des Knopfexporthauses war,
-angewöhnt, schnoddrig wie ein Berliner zu sprechen und sich ganz so zu
-benehmen wie seine Vorbilder: die Berliner Großexporteure, mit denen er
-in Geschäftsverbindung stand.
-
-Das auf der Ottomane liegende Mädchen streckte ihm die Patschhand hin.
-Auch sie – schwarzhaarig und bernsteingelb – sah orientalisch aus,
-kokettierte lässig mit ihrer weichen Hüfte, die sich aus dem
-orangefeurigen, geschlitzten Schlafrock langsam herauswölbte.
-
-„Sind ne süße Krabbe!“
-
-Jürgen schüttelte den Kopf: ‚Nicht Adolf Sinsheimer, sondern der
-Berliner Exporteur spricht.‘
-
-Der Artillerieoffizier stand, batteriecheffest, auf gespreizten Beinen,
-nahm die Mütze ab und wischte sich ächzend die Stirn, die ganz
-schweißfrei war und zweigeteilt: unten tiefbraun, wie das Gesicht, oben
-knabenweiß.
-
-Sieht aus wie ein alter Kinderschänder, dachte Jürgen, als der livrierte
-Diener – stilles, glattes Fuchsgesicht – den Champagner brachte. Der
-Diener hatte zusammen mit der Wirtin die Pension gegründet und
-finanziert und bezog die Hälfte des Reingewinnes.
-
-Sie saßen in der gepolsterten Ecke. „Ich komme dir“, sagte, Schultern
-zurückgezogen, Kopf vorgestreckt, das Sektglas unter der Achselhöhle,
-der Referendar zu Adolf, dessen Orientalin, Hüfte hochgewölbt,
-zusammengerollt in der Ecke lag und mit den mächtigen, weichen Schenkeln
-lockte.
-
-„Ein Dutzend Flaschen Rotspon wäre mir lieber als dieses Weibergesüff.“
-Der Batteriechef trank ex, hieb das zarte Glas auf die Tischplatte, hob
-mit rauhbeinig-väterlicher Gebärde die erst siebzehnjährige Blondine auf
-seinen Schoß und drückte das Köpfchen an seine breite Brust.
-
-Der Referendar wählte die Älteste und Schönste, ein
-vierundzwanzigjähriges kühles Wesen, das ein Bankkonto besaß und erst
-vor zehn Minuten zu einem Mann, der gerne noch eine Stunde geblieben
-wäre, gesagt hatte: „Ich muß tüchtig sein.“ Beide saßen zurückgelehnt,
-Arm in Arm.
-
-Der Referendar sprach von Staatsanwalt Karl Lenz. „... Und nächste Woche
-hat er einen Mordprozeß. Wenn es ihm gelingt, ein Todesurteil zu
-erzielen, ist seine Karriere gesichert. Dann gehts aufwärts.“ Er zuckte
-nach vorne, Sektglas unter der Achselhöhle: „Ich komme dir.“
-
-‚Solch ein Staatsschafskopf zu werden wie der, hat auch mir geblüht.‘
-Jürgen mußte lächeln über das Gebaren seiner Schulkameraden. ‚Nicht der
-Referendar A., sondern der Referendar überhaupt, nicht der
-Knopfexporteur S., sondern der Exporteur und der Artillerieoffizier
-überhaupt sitzen hier und haben Gefühle‘, dachte er. ‚Und später werden
-nicht einmal Referendar, Exporteur und der rauhe Artillerieoffizier
-überhaupt die Mädchen umarmen, sondern sie allein, die Lebenskraft, sie
-ganz allein wird die Umarmende sein.‘
-
-Die Flügeltür tat sich auf. Und Jürgen, der sich soigniert und dabei
-freimütig benommen hatte wie einer, der das Leben kennt und ihm seinen
-Lauf läßt, wich zurück.
-
-Herein schritt Katharina, reichte spitzig die Hand und setzte sich neben
-Jürgen.
-
-Verblüfft betrachtete er den gebogenen Nacken, den kleinen, festen Mund.
-Fürchtete sofort, daß er, wenn sie zu sprechen begänne, diese
-vollkommene Illusion verlieren würde.
-
-„Hab ich zu viel versprochen?!“ rief Adolf Sinsheimer, dessen Hand auf
-der gewölbten Hüfte der Bernsteingelben lag. „Na, was hab ich gesagt!“
-
-Gedankenschnell, plötzlich, ganz plötzlich verwandelte sich seine Furcht
-in die atembeklemmende Furcht, sie könnte auch im Ton der Stimme
-Katharina sein. Dann müßte ich diese Schweine niederschlagen, dachte er
-erbebend, stellte sich in seinem Gefühle schützend vor Katharina. Und
-gleichzeitig brach in die Gefühlsleere und tote Einsamkeit der letzten
-Jahre die Sehnsucht ein mit solcher Gewalt, daß sein ganzer Körper
-sekundenlang von Lähmung befallen war.
-
-Die Augen waren nicht mehr in dem orientalischen Salon; sahen Katharinas
-Mädchengestalt.
-
-Sie steht unter dem Gasarm. Sie bewegt sich. Wendet ihm voll das Gesicht
-zu. Ihre Lippen bewegen sich. Auch Jürgens bebende Lippen bewegten sich.
-Es war, als hätte er in dieser Sekunde wieder das Unfaßbare des Daseins
-geschaut.
-
-Die Bernsteingelbe schnellte empor, wiederholte lachend und so laut, daß
-alle es hörten, was Adolf Sinsheimer von ihr verlangt habe für seine
-Sammlung.
-
-Nicht der bewußte Gedanke, daß er dann Teilhaberschaft, Stellung und
-Macht, alles, was er seither erreicht hatte, aufgeben müsse, führte
-Jürgens Hand; die Hand griff ganz selbsttätig zum Champagnerglas. Er
-leerte und füllte, leerte und glotzte, leerte.
-
-Auch die andern tranken viel und schnell. Hände griffen. Mädchen
-schrien. Wehrten sich und gaben sich.
-
-Jürgen, total betrunken, empfand nichts mehr. Füllte. Leerte. Glotzte
-die Doppelgängerin an, deren Mund beständig in kaum bemerkbarer Ironie
-verzogen blieb. Sie trug die Haare kurz.
-
-Plötzlich schoß ein spitzes Etwas in ihm empor. Die beiden Wesen
-verdichteten sich in eines. Schwankend stand er auf.
-
-Die Paare verschwanden in die nur durch dünne Kunststeinwände
-voneinander getrennten Zimmer der Mädchen.
-
-„Katharina, Wunderbare!“ lallte, plötzlich tränennaß, der Betrunkene und
-griff nach der Doppelgängerin, in deren Gesicht die Ironie unverhohlenem
-Widerwillen gewichen war.
-
-Gleichgültigen Blickes ließ sie das Hemd fallen.
-
-„Deine Augen, ach, deine Augen!“
-
-Körper stürzte sich auf Körper. Vergewaltigtes Gefühl brach durch und
-brüllte: „Katharina!“
-
-Der Artillerieoffizier im Zimmer nebenan polterte auch jetzt: „Na, du
-kleiner Racker!“ Als ob nicht er und nicht sein Batteriechef, der ihm
-Vorbild war, sondern der schon seit Hunderten von Jahren verweste
-Urbatteriechef bei der siebzehnjährigen Blondine liege.
-
-Das Fuchsgesicht trat in den verlassenen orientalischen Salon, horchte
-unbewegten Antlitzes auf die Geräusche in den vier Zimmern, öffnete das
-Fenster und betrachtete die in weiter Ferne im Sternenhimmel hängenden
-großen, leuchtenden Glasquadrate der Malerateliers, die alle im selben
-Stadtviertel waren.
-
-Hinter einem dieser leuchtenden Quadrate lag, blond und schon
-entkleidet, Elisabeth auf dem breiten Renaissancebett ihres Geliebten,
-eines kleinen, geschmeidigen Südländers, blauschwarz behaart.
-
-Als das Fuchsgesicht die Mokkatassen in den Salon trug, stand der
-Referendar im Zimmer schon vor dem Spiegel und zog sich ihn wieder,
-genau in der Mitte, von der Stirn bis zum Nacken. Das Mädchen
-betrachtete ihre polierten Nägel, interesselos und eiskalt den
-Referendar. Und er, durch den Spiegel, interesselos und eiskalt sie.
-
-Eine halbe Stunde später schloß das Fuchsgesicht, Zeigefinger am Munde,
-leise die Haustür auf und ließ die Schulkameraden hinaus. Adolf griff an
-seine Krawatte, die tadellos gebunden war. Ohne eine Flasche Rotspon
-intus zu haben, lege er sich nicht in die Falle, sagte der
-Artillerieoffizier. Und Jürgen, wieder nüchtern, in soignierter Haltung,
-verbarg ein Lächeln über das Gehaben des Artilleristen.
-
-Elisabeth lag im weißseidenen Schlafrock lesend auf der Ottomane,
-reichte ihm frei und liebenswürdig die Hand, offenen Blickes. Wo er denn
-herkomme. Sie war so einfach und frisch wie die große Birne, die, von
-Phinchen am Nachmittag im Garten gepflückt, in Reichweite auf dem Tische
-lag. Das spitzige Messer lag daneben.
-
-Diese reine Atmosphäre in meinem Hause, dachte Jürgen.
-
-„Ich war auch weg heute abend. Eine Stunde bei den Eltern“, sagte
-Elisabeth frei und ungezwungen, so ganz erfüllt von sich und ihrem
-Selbstrecht auf Genuß, daß auch diese Lüge wie die reine Wahrheit ihr
-von den Lippen ging. Prüfte dabei mit den Fingern ihre Brustspitzen, die
-noch rosig waren. Und fragte wieder: „Weshalb bekomme ich kein Kind?“
-Sie wünschte, viele Kinder zu bekommen. „Und jetzt habe ich gebadet.“
-
-„Gut unterhalten? Wie wars bei den Eltern?“, ‚Das übrigens soll mir
-nicht wieder passieren, daß ich zusammen mit solchen an Fäden gezogenen
-Hampelmännern so wohin gehe ... Alle Menschen werden an Fäden gezogen.
-Wer oder was ist es, das im Mittelpunkt des Lebens hockt und die Fäden
-zieht?‘ „Nun?“
-
-„Immer das selbe! Der Vater sprach von Geld und von der Börse, von Geld,
-von der Börse ... Weißt du, es ist keine Luft mehr dort in der großen
-Wohnung. Er kann nichts greifen. Alle Gegenstände weichen zurück. Er
-langweilt sich fürchterlich, seitdem er sich vom Geschäft zurückgezogen
-hat. Sein Leben hat keinen Inhalt mehr.“
-
-„Wie wir das letztemal zusammen dort waren, äußerte er doch, er möchte
-ein kleines Gut kaufen und es selbst bewirtschaften. ‚Natur, Natur,
-Gras, Rüben‘, sagte er. Weshalb tut er das nicht?“
-
-„Papa würde auf dem Lande in acht Tagen vor Langeweile schwermütig
-werden. Und auch so wird er schwermütig. Für Bücher, Kunst, Musik, was
-unsereinem oft über leere Stunden hinweghilft, interessiert er sich
-nicht; davon trennt ihn sein ganzes Leben, das er auf der Börse
-zugebracht hat. Für Frauen ist er zu alt. Bleiben noch die Mahlzeiten.
-Aber er darf nur das wenigste essen. Bleibt die Langeweile. Ich sage
-dir, bald wird er wieder ins Geschäft kommen. Er hälts nicht aus.“
-
-„Altgewordene amerikanische Kapitalisten, die sich in dieser Lage
-befinden, verstehen es, sich einen Lebensinhalt zu verschaffen: Sie
-werden moralisch. Was sie jedoch nicht hindert, ihr Vermögen auch
-weiterhin sehr geschickt und ertragreich zu verwalten!“ sagte ironisch
-lächelnd Jürgen.
-
-Mit einem elastischen Ruck setzte Elisabeth sich aufrecht. „Vor ein paar
-Jahren war ich mit den Eltern in einem Sanatorium. Da war ein großer
-Arbeitshof. Die alten Herren Exporteure, Bankiers und Geheimräte, in
-Badekostüm, scheußlich fett oder abschreckend mager und behaart, solche
-Hängebäuche! mußten Holz sägen, Sand in Schubkarren schaufeln. Sie
-karrten ihn über den Hof in die andere Ecke, leerten ihn aus,
-schaufelten den selben Sand wieder ein, schafften ihn zurück. Aus, ein,
-hin, her! Immer den selben Sand! ... Schrecklich! Bei dieser Arbeit
-würde ich verrückt werden.“
-
-„In China wurden Schwerverbrecher damit bestraft, daß sie derartige
-sinnlose Arbeiten verrichten mußten ... Viele, scheinbar ganz normal
-gewesene Bürger werden ja auch verrückt. Schwermütig und so! Wissen
-nichts mit sich anzufangen, treiben sich in Sanatorien und
-Nervenheilanstalten herum oder kehren, wie du sagst, ins Geschäft zurück
-und treten weiter die Geldmühle, bis sie an Arterienverkalkung sterben.
-Diese alten Verdiener! ... Das soll uns nicht passieren, wie?“
-
-Er ließ sich vor der Ottomane auf ein Knie nieder. „Glaubst du“, fragte
-er, Blick in ihrem Blicke, langsam und lächelnd, „daß ich jetzt noch
-baden kann?“
-
-Im Schlafzimmer hing über dem Doppelbett eine rote Ampel, auf der ein
-gläserner Amor kniete. Den Bogen hielt er noch in den Händchen. Den
-Glaspfeil – Richtung Liebespaar –, der bei brennender roter Ampel
-blauleuchtend geworden war, hatte Jürgen schon vor Jahren, gleich nach
-der Rückkehr von der Hochzeitsreise, in der ersten Nacht abgebrochen. Es
-gäbe Grenzen.
-
-Elisabeth lag schon im Bett, Hände unterm Kopf, als Jürgen aus dem Bade
-kam. Lächelnd so im Spiel des Lebens drehte sie die helleuchtende
-Nachttischlampe ab, lächelnd er die andere. Die Ampel glühte rot auf.
-
-Was ist ein Jahr, wenn jeder Tag dem andern gleicht und das Leben ohne
-Härten ist ... Ein Tag nur! Ein unbewußter Atemzug! dachte Jürgen nach
-einem Jahre, das, ausgefüllt mit Arbeit im Bureau, mit Theaterbesuchen,
-Bilderkäufen, Mahlzeiten, roter Ampel, Bureau, im Fluge vergangen war.
-Die Zeit stand, so schnell verging sie. Das Vermögen wuchs. Jürgens
-Ansehen stieg.
-
-„Du sitzt im Lehnstuhl oder liegst im Bett, und über Nacht bist du um
-soundso viel reicher geworden“, sagte Jürgen scherzend zur Tante, die
-antwortete: „Du erbst alles.“
-
-Herr Wagner erschien wieder jeden Tag pünktlich im Bureau. Grund zum
-Klagen gab ihm sein Teilhaber schon lange nicht mehr. „Unser Schwieger
-ist ein braver, tüchtiger Mensch. Die Interessen des Hauses und der
-Kunden gehen ihm über alles“, konnte er oft zu seiner Frau sagen, die
-immer wieder erwähnte: „Aber, daß sie mit der Wohnungseinrichtung nicht
-zufrieden sind, das ist ... also das versteh ich nicht. Nun, wenn er nur
-wenigstens im Geschäft tüchtig ist.“
-
-Und dies hatte sich wie von selbst gemacht. Allmählich und unversehens
-war das Leben zum Gleis geworden, auf dem Jürgen durch die Jahre rollte.
-
-Er war bekannt als großzügiger Philantrop und Mäcen, hatte mit
-unfehlbarem Stilverstande schon eine ganze Anzahl Antiquitäten und
-Bilder gesammelt und sie einstweilen in einem unbewohnten Raum der Villa
-verwahrt, denn er wollte das alte Palais, das auf dem stillen, größten
-Platze der Stadt stand, erwerben und nach seinem Geschmacke einrichten.
-
-„Einer sammelt, sein leeres Dasein auszufüllen, Pfennige, die älter
-sind, als er selbst, oder kostbare Werke alter oder hervorragende neuer
-Kunst, oder macht Bastelarbeiten, die im Laufe von Jahren ein
-faustgroßes Schweizerhäuschen mit Alm, Sennerinnen, Kühen und
-fensterlnden Burschen werden“, sagte er zu einem befreundeten
-Fabrikanten, der eine Riesenvilla voll alter, gotischer Holzplastiken
-besaß.
-
-„Ja, mein Lieber, etwas muß der Mensch doch haben. Außerdem: ich kaufe
-billig“, rief der Fabrikant. „Dann machts Freude. Wer nicht aufs Geld
-sieht, der natürlich bekommt heutzutage eine tadellose Sammlung, ganz
-gleich welcher Art, auch fix und fertig ins Haus geliefert.“
-
-„Einer macht Buddhas Wort ‚Geh an der Welt vorüber, es ist nichts‘, zu
-seiner Weltanschauung, und bleibt in seiner Prachtwohnung mit Bad,
-Warmwasser, Dampfheizung und allem Komfort. Ein anderer gibt, vielleicht
-gar um das Stimmchen zu beruhigen, Summen für Wohltätigkeitszwecke oder
-unterstützt begabte junge Künstler. Ich tue beides und sammle
-obendrein“, schloß er in Selbstironie.
-
-Und wenige Monate später sagte er zu dem selben Fabrikanten: „Die
-Lebensauffassung des Bürgers ist folgende: Jeder tue seine Pflicht.
-Dadurch arbeitet jeder für jeden. Das greift ineinander. So entstehen
-Reichtum und Kultur des Landes, numerierte Häuser, in denen die Menschen
-leben, Küchen, Geschirr, Schränke voll Wäsche, asphaltierte Straßen,
-Schulen, Ruhe und Ordnung. Weil jeder seine Pflicht tut. Und
-Obdachlosenheime, Polizei, Gerichtshöfe und Zuchthäuser sind da für
-diejenigen, die ihre Pflicht nicht tun ... Schön. Mag sein, daß er recht
-hat. Unsereiner aber unterscheidet sich von denen, die geradezu platzen
-vor Selbstgerechtigkeit. Denn Wissen und Geist und Besitz verpflichten
-zu mehr.“
-
-Und er legte die Hand auf die Krokodilledermappe, in der die Notizen zu
-seinem geplanten Werke ‚Volkswirtschaft und Einzelseele‘ lagen. Nach dem
-Essen las er die Abendzeitung.
-
-Seine Tage rückten auch weiterhin, gesichert und getragen von Gewohnheit
-und Achtung, ohne schmerzliche Ereignisse durch ihn durch und hinter
-ihn, wie eine verkehrsreiche Straße vorbeirollt und zurückbleibt.
-
-Nur noch in den Träumen stand manchmal das vergewaltigte Ich auf, schrie
-seine grauenvolle Drohung, die nicht mehr bis in das neue Bewußtsein
-vordringen konnte. Die Entfernung war schon zu groß, und zwischen dem
-drohenden Ich und dem inneren Ohre Jürgens stand das Erleben vieler
-Jahre, das, zusammen mit der Millionenfältigkeit des unausgesetzten
-Strebens nach Erfolg, Genuß und Achtung, das neue Bewußtsein gebildet
-hatte. Ein fugenloser Schutzwall.
-
-Das Ich drohte. Der Träumende stöhnte. Sah die graue Straße, auf der die
-Millionen dem Fabriktore der Welt zuschritten, grau und
-gespenstisch-lautlos. Sah den Gaskocher, neben dem Katharina steht, kaum
-bemerkbare Ironie im Blick. Und fleht sie an: „Laß deine Haare wieder
-wachsen. Was ist dir denn geschehen, sag, mir, was ist dir geschehen.“
-
-Elisabeth blickte kopfschüttelnd das wildverzerrte Gesicht an, hinter
-dem das vergewaltigte Ich erfolglos um sein Dasein rang und Tränen durch
-die geschlossenen Lider schickte, weckte den Stöhnenden, der nicht mehr
-wußte, was er geträumt hatte.
-
-Erleichtert aufatmend, lächelte er das Leben an, das neben ihm lag. Im
-Garten schrien die Vögel. Auch die tausend Tapetenvögelchen des sonnigen
-Schlafzimmers zwitscherten.
-
-„Was bist du für ein Mensch, du lächelst mit Tränen in den Augen.“
-
-Und Jürgen, wie er ihren duftenden Kopf sanft zu sich zog: „So ist das
-Leben: zum Lachen und zum Weinen in einem.“ Der Druck war ganz gewichen.
-
-Nach dem Frühstück und dem Bade ging er in den Garten, sog genießend die
-warme, aromatische Luft ein, betrachtete über den Zaun weg des Nachbars
-frisch gegossene Salatbeete, die funkelnd unter der Sonne lagen, blieb
-vor jedem Rosenstämmchen stehen, freute sich über die kopfgroßen,
-farbigen Glaskugeln, die, von der Sonne getroffen, sein Gesicht
-daumengroß widerspiegelten, und bekam Lust, an der Wasserleitung
-weiterzuarbeiten, die anzulegen er vor einiger Zeit begonnen hatte, um
-seinen Garten mit einer Wasserkunst zu schmücken. Der Arzt hatte Jürgen
-körperliche Arbeit anempfohlen.
-
-Das Graben und Schaufeln tat ihm wohl. Die zwölf auf Stangen steckenden
-Glaskugeln bildeten einen Kreis, in dessen Mitte die Wasserkunst steigen
-sollte. Die Brunnenfigur, ein lebensgroßer Jüngling in Bronze, erworben
-von einem jungen, unterstützungsbedürftigen Bildhauer, kniete schon,
-Kopf geneigt, Hände im Rücken, als wäre er gefesselt, unter dem
-Schneeballenbusch.
-
-Im Garten nebenan sang der Nachbar die Nationalhymne. Elisabeth, in
-leichtem Sommerkleide, sah vom Liegestuhl aus ihrem gesunden, starken
-Manne zu. Phinchen servierte Butterbrote auf dem Tisch unter dem
-Nußbaum, unter dem die Tante häkelnd gesessen hatte. Sie lag im Bett und
-konnte nicht sterben.
-
-Hemdärmel bis zu den Schultern aufgekrempelt, die Zigarre im Munde,
-betrachtete Jürgen zufrieden seine Arbeit. „Nächstes Jahr werden auch
-wir ein Stück Nutzgarten anlegen: Gemüse- und Salatbeete, etwas
-Beerenobst. Körperliche Arbeit erhält gesund. Man muß vorbeugen, weißt
-du.“
-
-Vögel huschten von Busch zu Busch. Die Amsel schnappte einen Wurm aus
-der frisch aufgeworfenen Erde, überquerte, nah dem Boden, den ganzen
-Garten und verschwand unter dem Schneeballenbusch.
-
-Das Zwölfuhrläuten zahlreicher Kirchenglocken vereinigte sich über der
-Stadt, strahlte auseinander, hinaus zu den Gärten. Jürgen legte – wie im
-Bureau den Federhalter – pünktlich den Spaten aus der Hand. Nach dem
-Mittagessen schlief er. Die Zeitung war seiner Hand entfallen.
-
-Saß dann am Schreibtisch vor der geöffneten Krokodilledermappe. Rechts
-stand eine Miniatur-Schillerbüste, geschmückt mit einem winzigen
-Lorbeerkranz, links der Tintenwischer – ein farbiges Tuchhähnchen mit
-Glasaugen – und in der Mitte das Tintenfaß: ein sich hochaufbäumender
-Bronzehirsch, auf dessen Geweih sieben Federhalter lagen. „Nun aber an
-die Arbeit!“ rief er und rieb die Hände.
-
-In der Ferne ertönte eine Kindertrompete. Vorsichtig nahm er den
-eheringgroßen Lorbeerkranz vom Haupte Schillers herunter, betrachtete
-ihn genau, schob ihn auf seinen Finger, streckte sich, daß der Körper
-knackte und der Mund ein eigroßes Loch wurde, ergriff wieder den
-Federhalter und sah hinaus, wo der Sonntagnachmittag stand, der,
-zerteilt in Billionen Teilchen, durch das Fenster und durch alle Ritzen
-und Wände hereindrang.
-
-„Sogar die Sonne scheint anders als an Werktagen, und alle Geräusche
-haben einen anderen Klang. Einen ekelhaften Klang! Unerträglich! Man ist
-wehrlos ... Da stehe ich also sozusagen auf der Höhe des Lebens, habe
-keine Sorgen, keine Schmerzen, und weiß nichts anzufangen mit dieser
-Höhe ... Sogar die Spatzen zwitschern Sonntags anders als in der Woche“,
-sagte, dunklen Druck in der Brust, Jürgen und öffnete ein Buch, legte es
-wieder weg, ergriff den Federhalter. Plötzlich glaubte er, deutlich
-gesehen zu haben, daß das Tintenfaß höhnisch gelächelt hatte. „Unsinn!“
-rief er zornig sich selbst zu.
-
-Der Wunsch nach dem Montag, nach der gewohnten Bureauarbeit und dem
-gewohnten Aufenthalt in der Börse huschte durch ihn durch. Jürgen hätte
-nicht sagen können, weshalb und wann er an das Fenster getreten war. Die
-Fichtengruppe im Garten stand reglos. Ein hängender Ast störte die
-Symmetrie. ‚Auch morgen wird dieser Ast genau so wegstehen und
-übermorgen auch und auch noch in zehn Jahren. Dieser stupide Sonntag
-bringt einen um jeden Gedanken. Ah! und diese mörderische
-Zimmereinrichtung!‘
-
-Der Himmel war gleichmäßig blau und sah aus, als ob er nie mehr
-nachtdunkel werden würde. In fernen Geräuschen schwammen die Töne der
-Kindertrompete. Im Garten sang der Nachbar. Jürgen hob die linke
-Schulter, hob die rechte Schulter, das linke Bein, das rechte. Die
-Bewegungen wurden zu einem gedrückten Tanz. Die Glaskugeln standen
-reglos.
-
-Der hin- und herschwingende Elefantenrüssel im Salon zog weiße Fäden und
-blieb schief hängen. Jürgen sah deutlich den schiefhängenden
-Perpendikel. Gähnend und die Hände über dem Kopfe erhoben, wie ein
-Gefangener, der unter entsichertem Revolver abgeführt wird, ging er in
-den Salon, sah blöd auf den funktionierenden Perpendikel.
-
-Die Sonntagsgeräusche drangen auch durch das offene Fenster in das
-Wohnzimmer, wo Elisabeth sich langweilte. „Nun, also was? Zu den Alten?
-Oder im Park spazierengehen? ... Daß du aber auch diese unverständliche
-Abneigung gegen das Autofahren hast!“
-
-„Eine Grenze nach oben muß eingehalten werden, Herzchen“, sagte er
-gähnend. „Übrigens, wenn du willst, können wir auch fahren. Laß euer
-Auto kommen ... Auch langweilig!“
-
-„Die rosa Studie und mein Porträt hängen schon seit Donnerstag. Außerdem
-noch zwanzig seiner besten Arbeiten.“ Und sie sprach von den großen
-Fortschritten, die ihr Geliebter gemacht habe. „Gehen wir in die
-Ausstellung!“
-
-„Warum nicht gleich zum Zahnarzt!“
-
-„Oder sonst jemand besuchen?“
-
-Der Schlund der grauen Leere verschlang alle Vorschläge.
-
-„Wen denn besuchen! Die sitzen sicher auch alle zuhause und wissen
-nicht, was sie mit sich anfangen sollen. Ein Glück, daß nicht alle Tage
-Sonntag ist ... Gehen wir in den Zirkus! Da tritt heute zum erstenmal
-eine Akrobatin auf, die, Kopf voran, weißt du, aus sechsundzwanzig Meter
-Höhe herunterspringt in ein Bassin, das nur vier Meter lang und
-hundertfünfzig Zentimeter breit ist. Denk an: dieses winzige Loch in der
-Manege und dabei diese riesige Höhe! Unbegreiflich! Das sollte gar nicht
-erlaubt werden. Das Bassin ist mit scharfkantigem Winkeleisen eingefaßt.
-Wenn das Mädchen nur um fünf Zentimeter fehl springt, schlägt es sich
-Schulter und Arm vom Körper weg. Aber aufregend wird die Sache sein.
-Jedenfalls besser, als hier zu sitzen.“
-
-Die Zauntür drückte die beiden hinaus. Jürgen sah zurück in den
-gepflegten Garten, betrachtete das glänzende Messingschild, auf dem nur
-‚Kolbenreiher‘ stand, und zog den Hut vor der Tante, die, starr
-blickend, wie ein altes Bild im Fensterrahmen schwebte.
-
-Nachdem die Akrobatin von dem zehn Meter und von dem fünfzehn Meter
-hohen Standplatze aus gesprungen und wieder am Seil emporgezogen worden
-war zu dem sechsundzwanzig Meter hohen Standplatz dicht unter der
-Zirkuskuppel, von der aus gesehen die Manege einem am Boden liegenden
-Kinderreifen und das Bassin einem schwarzen Bleistiftstrich glichen,
-erklärte Jürgen ausführlich, jetzt liege die Gefahr sogar noch weniger
-darin, das schmale Bassin zu verfehlen, als vielmehr darin, daß das
-Mädchen sich durch die gewaltige Wucht des Sturzes den Kopf auf dem
-Grunde des Bassins zerschellen müsse, wenn sie nicht, im Wasser
-angelangt, im entscheidenden Bruchteil der Sekunde blitzschnell die
-Drehung zurück zur Wasseroberfläche ausführe.
-
-Die Musik schwieg. Das Publikum verstummte. Die Akrobatin blickte
-hinunter auf den Bleistiftstrich, in den hinein sie sich stürzen mußte,
-breitete die Arme aus. Frauen sahen weg. Auch Elisabeth sah weg.
-
-„Langweilig ist das nicht. Du siehst, sogar ein Sonntagnachmittag kann
-ausgefüllt werden“, sagte Jürgen,
-
-während die Tante mit einer ihr ganz fremden Bangigkeit die Bibel
-aufschlug und Sätze las, die, vor grauen Zeiten ersonnen, oft von ihr
-gelesen, gehört, ausgesprochen und gesungen, ihr auch jetzt nichts
-sagten. Sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe, litt unter der
-Angstbeklemmung, daß dann alle sie betrachten würden und sie vielleicht
-ein ganz anderes Gesicht haben werde als sie habe.
-
-Und während der Mädchenkörper in der Luft eine weiche Drehung machte
-und, Kopf voran, Hände wie betend zusammengelegt, gleich einem bleiernen
-Fische an der obersten Galerie und an der erhöht sitzenden Musikkapelle
-vorbei senkrecht in die Tiefe stürzte, dem schwarzen Strich und dem
-rapid größer werdenden Sägmehlkreis in verzehnfachter Schnelligkeit
-entgegen, blickte die Tante noch einmal auf das breit vor ihr liegende
-Land hinaus, das in der Ferne schon von der rötlichen Dämmerung genommen
-wurde, und schaukelte plötzlich in sich zusammen.
-
-„Die hocken immer zuhause, die Alten. Sicher würden auch sie sich hier
-unterhalten und zerstreuen“, sagte Jürgen in den Beifallssturm hinein,
-während die Tante, unveränderten Gesichtes, bewußtlos auf dem Boden lag.
-
-Der Arzt wurde geholt, machte einen Aderlaß. Die Tante erholte sich. Um
-zehn Uhr lagen alle drei im Bett. Elisabeth stand noch einmal auf, ein
-frisches Nachthemd anzuziehen. Und als sie aus dem alten herausgestiegen
-und in das frische noch nicht hineingeschlüpft war, ließ Jürgen, an die
-Gewohnheit gespannt wie ein Pferd an die Droschke, die rote Ampel
-aufleuchten.
-
-Am andern Tage, einige Stunden vor ihrem Ableben, bekam die Tante noch
-Besuch. Auf dem Tablett lagen schon siebenundzwanzig Orangen.
-Atembenommen, schon schwarz beschattet vom Tode, hatte die Tante
-hocherfreut für die Früchte gedankt.
-
-Auf fünf Uhr war der Geistliche mit den Ministranten bestellt, die
-letzte Ölung zu erteilen. Die Sterbende überwand ihre tödliche Schwäche
-und richtete sich noch einmal auf im Bett. „Vielleicht spreche ich jetzt
-das letztemal mit dir, Jürgen.“
-
-„Du stirbst nicht, Tante, Unsinn!“
-
-„... letztemal mit dir. Ich habe immer meine Pflicht getan. An dir,
-Jürgen, und überhaupt. Vor allem an dir! Du bist ein geachteter Mann
-geworden. Das hast du zum Teil auch mir zu verdanken. Weißt du noch, wie
-das kam? ... Ein sehr geachteter Mann!“
-
-Alles Blut verließ Jürgens Gesicht. Sie bemerkte seine Blässe und
-Verwirrung nicht, schilderte, mühsam stammelnd, wo er hingekommen wäre,
-wenn er das, was er Opferbereitschaft und Hingabe genannt habe, weiter
-verfolgt hätte. „So aber kann ich ruhig sterben.“
-
-Jürgen hörte nichts mehr. Sie zog seinen Kopf neben sich auf das Kissen,
-nahm ihm das Wort ab, daß er auf dem eingeschlagenen Wege weitergehen
-werde. „Merke dir: was man einem Sterbenden in die Hand verspricht, muß
-man halten.“
-
-Jürgen wußte nicht, was er versprochen hatte. Vergangenheit und
-Gegenwart stürzten ineinander. Er hörte auch nicht, daß die Tante von
-ihren bisher verheimlichten Aktien sprach.
-
-„Diese Wertpapiere darfst du nur dann verkaufen, wenn mein Bankier dazu
-rät. Vor allem: Lasse die Hypotheken auf den großen Häusern stehen! Und
-lasse nicht so viel herrichten! Reparaturen und Handwerker kosten Geld.“
-
-„Da muß ich ja Hypothekenzinsen bezahlen“, sagte Jürgens Mund vom Kissen
-weg.
-
-Ihre Hand blieb auf seinem Kopfe. „Aber die Grundbesitzsteuer ist viel
-höher als die Zinsen, die man für Hypotheken bezahlen muß. Deshalb
-belastet man ein Haus so hoch wie möglich mit Hypotheken“, erklärte sie,
-unterbrochen von Atemnot, „legt das Geld in Wertpapieren an und bezahlt
-mit den Zinsen die Hypothekenzinsen. Dafür hat man keine
-Grundbesitzsteuer zu zahlen, weil einem die Häuser gar nicht gehören.“
-
-„Unsere Häuser gehören mir nicht?“
-
-„Nur scheinbar nicht! Man besitzt sie nur scheinbar nicht.“ Sie konnte
-vor Schwäche nicht mehr sprechen.
-
-Die Flurglocke hatte geläutet. Weihrauchduft drang ins Zimmer. Jürgen
-wollte die Tante beruhigen, war aber so verwirrt, daß er sagte: „Also
-mit den Zinsen von den Wertpapieren bezahle ich die Grundbesitzsteuer.“
-
-„Nein, die Hypothekenzinsen!“
-
-„Aber es gibt doch viel bessere Kapitalsanlagen. Weshalb soll ich denn
-...“
-
-„Laß dirs von meinem Rechtsanwalt erklären.“
-
-„... soll ich denn unbedingt Hypotheken aufnehmen, wenn ich Geld und
-Wertpapiere besitze, die viel besser ...“
-
-„Rechtsanwalt“, flüsterte die Tante.
-
-Der Geistliche und die Ministranten traten ein. Das Weihrauchfaß
-überquerte dreimal das Bett. „Vor der Pforte der Hölle bewahre ihre
-Seele. Dominus vobiscum. Et cum spiritu tuo.“
-
-Die ganze Villa roch noch nach Weihrauch, als Jürgen, im Gehrock und
-schwarz behandschuht, von der Beerdigung zurückkam. Das weiße
-Taschentuch in der einen, den Zylinder in der rechten Hand, so am Rande
-gefaßt, daß er einen Gummiball hätte auffangen können, stand er im
-Sterbezimmer.
-
-Auch eine Woche später, nachdem ihm vom Rechtsanwalt schon eröffnet
-worden war, daß die Tante das dreifache an erwartetem Barvermögen
-hinterlassen hatte, stand noch ein schwacher Weihrauchduft in den
-Zimmern und erinnerte Jürgen an des Vaters Todestag, an die Seelennot,
-Unsicherheit, an die Kämpfe der Jugend, auf die er, stehend nun auf dem
-festen, breiten, gefahrlosen Boden der Gegenwart, lächelnd
-zurückblickte.
-
-Da unten taumelt ein empfindsamer Jüngling umher, getroffen von einem
-Worte, in Verzweiflung und Leid versetzt durch einen Blick. In
-ununterbrochene Qualen gestellt durch das Leben, wie es ist. Durch eine
-jugendliche Sehnsucht nach unerfüllbaren Idealen und nach der Wahrheit,
-die es nicht gibt, streift den Jüngling sogar öfters der Tod ... Hier
-sitzt der Mann im Sessel. In Sicherheit. Unverwundbar. Und nicht eine
-Sekunde der Gegenwart wird ihm, wie früher, vergällt und gestohlen von
-der Sehnsucht nach dem Unerreichbaren.
-
-‚Und sogar aus dem Sozialismus, aus dieser grauen Sackgasse, in der ich
-vier Jahre steckte, habe ich wieder herausgefunden ... Jetzt wenn der
-Vater mich sehen könnte, er würde nicht mehr sagen: Na, du schmähliches
-Etwas!‘
-
-An dem großen Gesellschaftsabend des Herrn Papierfabrikanten Hommes, der
-ersten Festlichkeit, die Jürgen nach dem ereignislos vergangenen
-Trauerjahr besuchte, ließ ein früherer Mitschüler, der als
-naturalisierter Engländer zwanzig Jahre ununterbrochen in den englischen
-Kolonien gelebt und eine große Baumwollexportfirma gegründet hatte, sich
-dem Bankier Jürgen Kolbenreiher vorstellen, der auch auf diesem Feste
-für viele der Mittelpunkt war.
-
-„Wie erging es Ihrem Herrn Bruder? Ich habe nämlich zusammen mit Ihrem
-Herrn Bruder das hiesige Gymnasium besucht ... Verzeihung, ich weiß ja
-nichts. Bin ja ohne jeden Kontakt gewesen“, setzte der Engländer sofort
-hinzu, als er Jürgens betroffen fragenden Blick bemerkte, und
-entschuldigte sich, da er durch seine Frage offenbar eine schmerzliche
-Erinnerung wachgerufen habe.
-
-Jürgen hob die Schulter. Seine Augen suchten. „Ich habe keinen Bruder.“
-
-Aber solch einen Streich könne sein Gedächtnis ihm doch nicht spielen;
-er sei ja jahrelang mit einem Mitschüler Kolbenreiher in dem selben
-Klassenzimmer gesessen. „Ich sehe ihn heute noch leibhaftig vor mir. Ein
-schwärmerischer Jüngling, höchst eigenartig! Ein liebenswerter, ein sehr
-gefährdeter Mensch, dachte ich noch oft in späteren Jahren ... Er war
-also nicht Ihr Bruder? Offenbar eine Namensgleichheit!“
-
-Die glänzenden Toiletten, der Kronleuchter, Streichquartett,
-Champagnertischchen schwankten. Jürgens Gesicht fiel ein, war grau
-geworden. „Habe ich mich denn so verändert, so furchtbar verändert, daß
-Sie in mir ... in mir jenen gar nicht mehr zu erkennen vermögen?“
-
-„Also Sie selbst!“ rief, freudig erstaunt, der Engländer. „Das hätte
-ich, das allerdings hätte ich nie vermutet. Ich gratuliere, gratuliere
-wirklich von Herzen ... Wie man sich irren kann! Ich habe nämlich
-gedacht – in den Kolonien ist unsereiner ja recht einsam und denkt viel
-an die Jugendzeit zurück – habe oft gedacht, dieser Mensch wird entweder
-ein ganz abseitiges Leben führen, vielleicht auch irgendeine große Tat
-vollbringen, wenn die Situation das zuläßt – im Krieg und so – oder er
-wird zugrunde gehen. Und nun – wie ich mich freue! ... Übrigens nur ein
-Beweis mehr dafür, wie sehr die Menschen, alle Menschen, sich mit den
-Jahren verändern, sich innerlich sozusagen festigen!“
-
-An diesem Abend betrank Jürgen sich so, daß er in das Fremdenzimmer des
-Herrn Hommes gebracht werden und Elisabeth allein nachhause fahren
-mußte. Nach einer mehrwöchigen Reise, ziellos in Europa umher, saß er
-wieder im Direktionsbureau. Im Nebenraum unterhielten sich zwei
-Bankbeamte.
-
-Vor einem Jahre sei er an den Alimenten noch unverhofft vorbeigekommen.
-Das Kind sei gestorben. Aber kürzlich sei sein Mädchen wieder Mutter
-geworden.
-
-Auch Elisabeth war schwanger. Jürgen freute sich auf das Kind, stellte
-sich vor, wie es aussehen, ob es ihm oder ihr gleichen werde. Blauäugig?
-Oder braun? dachte er. Und horchte auf die Worte des Beamten, der seinem
-Kollegen genau vorrechnete, wie wenig ihm von seinem Gehalte bleiben
-werde, nach Abzug der Alimente. „Das halte ich nicht aus.“
-
-Gewandt schlüpfte der Beamte in sein elegantes Mäntelchen. „Heute feiere
-ich Abschied von der Jugend. Ich heirate. Sie hat nichts, ich habe
-nichts. Sechs versilberte Kaffeelöffel sind der Grundstein unseres
-Glückes.“
-
-Er steckte ein Veilchensträußchen ins Knopfloch. „Extra für heute
-gekauft. Leichtsinnig, was? ... Vor diesem Glück habe ich jetzt schon
-Angst. Du schläfst Nacht für Nacht neben und mit deiner Frau. Immer mit
-der selben! Du siehst sie halb angezogen, unfrisiert, im Schlafrock –
-wenn sie einen hat –, ißt mit ihr, sprichst mit ihr. Und nicht nur von
-Veilchen und Tanz, mein Lieber! Das Prickelnde ist bald dahin. In jeder
-Ehe! Man gewöhnt sich. Dann liebt man eben außerhalb herum, wie? ...
-Aber kann denn ich mir das leisten, bei meinem Gehalt? Du mußt Blumen
-kaufen, die Zeche bezahlen. Am Ende bestellt sie sich auch noch etwas zu
-essen. Das kostet dann ein Heidengeld ... Unserem Chef natürlich, dem
-jungen Chef mit der gespickten Brieftasche und dem Scheckbuch, dem kann
-die Gewohnheit nichts anhaben. Der kann sich jede kaufen. Unsereiner
-aber muß, wenn er heiratet, glatt Abschied nehmen von der Jugend.“
-
-Mir also, meint er, kann die Gewohnheit nichts anhaben, dachte Jürgen
-noch in der Straßenbahn, suchte zuhause Elisabeth in allen Räumen und
-fand sie endlich im Schlafzimmer, wo sie erblaßt auf dem Bettrand saß.
-Ihr Leib stand stark vor.
-
-Tagelang schrie Elisabeth in Schmerzen, schrie die lange Nacht durch, in
-den trüben Morgen hinein, bis der Arzt sie von einer toten Frühgeburt
-entbunden hatte.
-
-Die blutigen Messer und Geburtszangen lagen noch auf dem Tisch. Der
-schweißtriefende. Arzt wollte ein letztes Mittel anwenden, die
-Entbundene zu retten, da stieß sie ihn weg von ihrem zerrissenen Leib.
-Ein neuer Blutstrom schoß ins Bett. Der Arzt breitete ein Tuch über die
-verwüstete Tote und ließ die Arme sinken, ging hinaus in den
-herbstlichen Garten zu Jürgen. Der Himmel hing voll Regen. Der Garten
-war naß, die Luft kalt.
-
-Einige Tage später – Elisabeth war schon begraben, Jürgen umwickelte
-Rosenstämmchen mit Stroh – sagte er leise vor sich hin: „Das Geld ist
-mir doch sicher ganz gleichgültig. Wie kam ich nur auf diesen
-abscheulichen Gedanken?“
-
-Der Gedanke war, flüchtiger als ein Vogel, der den Blick schneidet,
-gleichzeitig mit anderen Gedanken aufgetaucht und wieder verschwunden.
-‚Da das Kind tot ist, fällt die Mitgift mir zu.‘
-
-‚Ein böser Gedanke. Enthält aber eine juristisch einwandfreie Tatsache
-... Kein Mensch hat die Macht, das Entstehen eines Gedankens zu
-erzwingen oder zu verhindern.‘ Er sah empor zur beschädigten Dachrinne,
-von der dicke Tropfen schnell hintereinander herunterfielen, immer auf
-die selbe Stelle, wie damals im Rattenhof. Hing die Bastfäden über einen
-Ast und rief Phinchen zu, sie müsse den Spengler holen. „Die Dachrinne
-ist leck. Siehst du, dort oben.“
-
-Jahrelang trug Jürgen sich mit dem Gedanken, wieder zu heiraten. Auch
-der Schwiegervater redete ihm zu, nannte sogar einige Töchter vornehmer
-Familien. Er solle endlich das Palais kaufen, hübsch einrichten.
-Repräsentieren.
-
-„Ich finde aber“, sagte Jürgen lachend zu Phinchen, „faktisch nicht die
-Zeit, eine Frau zu lieben.“ Kundenkreis und Finanzaktionen des
-Bankhauses Wagner und Kolbenreiher vermehrten und vergrößerten sich in
-immer schneller werdendem Tempo.
-
-Jürgen verkehrte in Familien, wo nur von Geld gesprochen wurde. Und in
-Familien, die so reich geworden waren, daß es schon wieder für unvornehm
-galt, von Geld zu sprechen, anstatt von Humanität und Wohltätigkeit,
-Kunst, Mystik, Kultur und Goethe. Hohe Räume, stilvoll, von erlesenstem
-Geschmacke. Wertvolle Gemälde, märchenhafte Bedienung. Junge Künstler,
-die unterstützt wurden. Geistvolle Gespräche. Und Beklemmung für die
-Gäste, die noch nicht so reich waren.
-
-Zu diesen gehörte der Berliner Bankier Leo Seidel nicht; seine Worte
-wurden an dem Herrenabend, den Jürgen zu Ehren seines für wenige Tage in
-die Heimatstadt zurückgekehrten früheren Mitschülers gab, von den
-Börsianern ebenso vorsichtig gewogen und auf Fallen untersucht, wie die
-des reichen, leberkranken Hütten- und Walzwerkbesitzers auf Jürgens
-Hochzeit gewendet und gewogen worden waren.
-
-Der noch nicht vierzigjährige Seidel, tadellos unauffällig gekleidet,
-sah viel älter aus, und als könne er von nun an nicht mehr älter werden.
-Es schien, als sei das winzige sommersprossige Dreieck mit dem
-erreichten Ziele von nun an stationär.
-
-Seidel, im Ziele sitzend, sichtlich uninteressiert an den Meinungen
-dieser von ihm weit überholten Fabrikanten und Bankleute, die einzuholen
-vor zwanzig Jahren sein größter Ehrgeiz gewesen war, zeigte nicht, daß
-diese Stunden für ihn nur ein Opfer an Zeit bedeuteten, und sprach
-dennoch nicht einen Satz mehr, als die Höflichkeit gebot.
-
-Er entsann sich, daß er vor zehn Jahren, erst auf dem Wege zum Ziel,
-erfüllt von altem Hasse gegen diese vornehmen Bürgerfamilien, noch
-Befriedigung gefunden hatte in der Vorstellung, daß er, der gedemütigte
-Briefträgerssohn, sich eine dieser Töchter seiner Heimatstadt zur Frau
-wählen werde.
-
-Mit dem Erreichen des Zieles war dieser Haß vergangen und
-Interesselosigkeit entstanden. Außerdem hatte er, wie Jürgen, längst die
-Erfahrung gemacht, daß jede verheiratete Frau dieser Kreise zu gewinnen
-war, wenn auch nicht zu jedem beliebigen Zeitpunkt.
-
-In Pensionen ging auch Jürgen, obwohl er seit Jahren verwitwet war,
-nicht mehr. „Diese Mädchen sind entweder arme Tierchen, nur auf Geld
-aus, also erotisch an uns völlig uninteressiert, folglich langweilig;
-oder sentimentale Unschuldslämmer, verglichen mit unseren Damen der
-Gesellschaft, die voller Nervenraffinements und zu allem imstande sind“,
-hatte er auf Adolf Sinsheimers wiederholte Bitte, wieder einmal mit in
-den orientalischen Salon zu gehen, geantwortet.
-
-Nach dem Mahle standen Jürgen und Seidel, in der Hand die Mokkatassen,
-abseits, zwischen sich die hohe Standuhr, deren Ticken das Gespräch für
-die noch an der langen Tafel sitzenden Börsianer unverständlich machte,
-und Seidel nannte kurz den Grund seines Hierseins. Er sei gezwungen, den
-schon eingeleiteten Zusammenschluß einiger großer Bankinstitute zu
-paralysieren: seinerseits einen großen Finanzkonzern zu organisieren.
-
-Jürgen hatte einige Male genickt. „Ich selbst erwäge schon seit geraumer
-Zeit diesen Plan, habe auch schon vorgearbeitet. Ein nicht
-unbeträchtlicher Teil der betreffenden Werte ist schon in meinen
-Händen.“ Er sah seine Gäste an, sah Leo Seidel an. „Man wird reicher und
-reicher ... Wozu?“
-
-„Man muß die Urprodukte, die Erdschätze, in die Hand bekommen. Die
-Kohle! Wer sie hat, kontrolliert schließlich die ganze Produktion.“
-
-„Sag mal“, begann nach einer Pause Jürgen entschlossenen Tones, zuckend
-mit der Schulter, als habe er sich selbst versichert, daß es ihm gleich
-sei, was Seidel über ihn wegen des folgenden denken werde, „weshalb
-eigentlich ist es nun dein Ziel, die Urprodukte, die Kontrolle über die
-ganze Wirtschaft in die Hand zu bekommen, oder, mit andern Worten, der
-mächtigste Mann des Landes zu werden? Welche Idee – hinaus über den
-Wunsch, persönliche Begierden jeglicher Art stillen zu können, was zu
-tun du ja schon längst imstande bist – verfolgest du dabei?“
-
-Seidel blickte nachdenklich vor sich hin.
-
-„Macht um der Macht selbst willen? Oder die Erkenntnis, daß geschluckt
-wird, wer nicht selbst schluckt? Oder um deiner Kinder willen, wenn du
-welche hast? Das alles hat doch mit einer positiven Idee nichts zu tun.“
-
-„Aber auch zur Erlangung der Kontrolle über Kohle, Brennstoffe, Erze
-wäre der geplante Zusammenschluß eine wesentliche Voraussetzung.“
-
-„Und das Sichabfinden damit, daß infolge der Konkurrenzjagd von Zeit zu
-Zeit ein Krieg und der Tod einiger Hunderttausend oder Millionen eben
-naturnotwendig, die Schattenseite sei, der aber die moderne Zivilisation
-als Plus gegenüberstehe, ist doch ebenfalls keine tragfähige Grundlage
-für eine Idee, für eine Lebensordnung, mit der auf die Dauer der Mensch
-sich abfinden könnte, sondern, scheint mir, nicht mehr als eine
-peinliche Mischung von Fatalismus und Zynismus.“
-
-Seidel, der gar nicht mehr zugehört hatte, zeigte ein flüchtiges
-Höflichkeitslächeln und schrieb etwas in sein Notizbuch.
-
-„Willst du mir nicht antworten? Oder weißt du keine Antwort auf meine
-Frage?“
-
-Rückwärts an der langen Tafel war es plötzlich still geworden. „Ein
-Straßenmädchen ging mit einem Juden ...“
-
-„Das Nähtischchen deiner Mutter steht noch in meinem Bodenraum.
-Erinnerst du dich? Das sind jetzt zwanzig Jahre her.“
-
-„Ich erwarte dich also morgen im Hotel oder bringe dir die Unterlagen in
-die Bank.“
-
-Das Lachen des Herrn Hommes platzte wie das dunkle Brüllen einer
-Autohupe in die Stille. „Kenn ihn schon! Aber erzählen Sie nur weiter.“
-
-„Auch einen großen Teil der Produktion chemischer Artikel würden wir
-kontrollieren, falls die Fusion zustande käme.“ Seidel nannte die
-Fabrik, Gesamtzahl und Kursstand der Aktien, von denen die in Frage
-stehenden Banken nach der Fusion die Mehrheit haben würden.
-
-Jürgen blickte nach rückwärts auf die acht grauweißen Hinterköpfe, denen
-gegenüber acht weinrote Gesichter im Zigarrenqualm hingen. „Ja, wir
-könnten für viele chemische Artikel, Farben und vor allem für die
-wichtigsten Arzneimittel die Preise bestimmen ... Gewiß keine
-Kleinigkeit!“
-
-Herr Wagner ergriff den Arm des Herrn Hommes, deutete mit dem Daumen
-über die Schulter zurück auf Seidel: „Er hat verdient.“
-
-„Ich weiß eine andere Fassung: Der selbe Jude kommt in ein Bordell ...“
-
-„Kenn ich!“ rief Herr Hommes und brüllte los.
-
-Seidel erwähnte die Krankheit, von der die Arbeiter dieser chemischen
-Fabrik befallen wurden. Es sei sehr schwer, Leute zu bekommen. Nur durch
-hohe Gefahrprämien seien sie an die Siedkessel heranzubringen. Diese
-Geschichte habe sogar schon auf den Kurs gedrückt.
-
-„Ich hörte davon. Die Leute werden gelb. Es ist aber keine Gelbsucht.
-Auch alle Schleimhäute entzünden sich. Schwere Augenkrankheiten! Die
-Arbeiterinnen bekommen keine Kinder mehr, werden vollkommen steril.“
-
-„Und eines Tages war die Pleite da“, schloß der Fabrikant, der die Villa
-voll gotischer Holzplastiken besaß. „Eben eine zu gewagte Spekulation!“
-
-„No, was sag ich!“
-
-„Es sind ja Erfindungen gemacht worden“, sagte Seidel und schrieb und
-las dabei weiter in seinem Notizbuch. „Die Fabrikleitung hat diese
-Erfindungen auch erworben. Aber die Konstruktion und Erhaltung dieser
-Schutzapparatur würde riesige Summen verschlingen. Auch wertvolle
-Nebenprodukte und Abgase würden durch die Einschaltung dieser
-Schutzapparate verlorengehen.“
-
-„Nein, nein, uns fehlt nichts“, antwortete Herr Wagner beruhigend auf
-Jürgens Frage. Und zu Herrn Hommes: „Womit? Das mußt du dir von ihm
-selber verraten lassen. Ich sag nur: er hat verdient.“
-
-„Daß die Leute diese unheimliche Krankheit bekommen, weil Schutzapparate
-nicht in Betrieb gesetzt werden, ist ein bißchen drückend für
-denjenigen, der die Aktien besitzt und die Dividenden bezieht.“
-
-Seidel zeigte sein flüchtiges Lächeln. „Möchtest du zusammen mit mir
-wieder einen Bund der Empörer gründen? ... Noch eine Sekunde!“ bat er
-und zog Jürgen wieder neben die Standuhr. „Weshalb ich außerdem
-hierhergekommen bin. Kannst mir vielleicht einen Rat geben. Ich möchte –
-es leben ja auch noch viele Leute hier, die meine Eltern gekannt haben;
-aber auch sonst! – ich möchte eine Stiftung machen. Säuglingsheim,
-Krankenhaus oder ein Kunstmuseum. Meiner Heimatstadt, weißt du!“
-
-Jürgen griff sofort mit beiden Händen rückwärts nach dem Rauchtischchen;
-dennoch fiel er, beinschwach geworden vor eruptivem Lachen, in den
-Sessel. Er hielt die Hand hoch, Zeigefinger und Daumen zusammengepreßt,
-als ob er ein Ungeziefer gefangen hätte. „Ein Krankenhaus für ... für
-die Heimatstadt!“
-
-Hände an die Seitenlehnen angeklammert, Oberkörper zurückgeworfen,
-starrte er, durchschüttert von Lachen, atembenommen Leo Seidel an,
-dessen Gesicht so weiß geworden war, daß die alten Sommersprossen
-stärker hervortraten, wie damals, da er Jürgen das Nähtischchen seiner
-Mutter zum Aufbewahren übergeben und gesagt hatte: „Zweifellos wird die
-ganze Bande auf den Jahrmarkt kommen, um mich als Schiffschaukeladjunkt
-zu sehen.“
-
-„Und obendrein ist das auch die Antwort. Das ganze Systemchen ist steril
-geworden. Wie die Arbeiterinnen, die nicht mehr gebären können ... Für
-die Heimatstadt!“ Des Lachenden zuckende Schulter stieß an die Standuhr,
-die metallisch tönte.
-
-An der Tafel erklang vielstimmiges, speckiges Gemecker. Sechzehn rote
-Gesichter drehten sich den beiden zu. Sechzehn Paar Augen fragten. Und
-Herr Hommes rief: „Wir wollen ihn auch hören.“
-
-„Gut, du stiftest ein Säuglingsheim für die Kinder, die von den
-Arbeiterinnen nicht geboren werden können, ich ein Krankenhaus für
-diejenigen, die gestorben sind, weil sie die teueren Arzneimittel nicht
-bezahlen konnten, und zusammen stiften wir ein Kunstmuseum, von wegen
-der Kultur.“
-
-Seine linke Gesichtshälfte lachte noch. Er hakte ein, zog ihn zur Tafel.
-Dort legte er die Hand auf Seidels Schulter. „Soeben sagte mir Herr Leo
-Seidel, der bekanntlich ein Kind unserer Stadt ist, daß er seiner
-Heimatgemeinde ein mit allen hygienischen Errungenschaften
-eingerichtetes Säuglingsheim in beliebiger Größe stiften wird ... Aus
-... aus Anhänglichkeit.“
-
-Er leerte sein Glas. Füllte und leerte. Begann wieder zu lachen. Trank.
-‚Dieser harte, mächtige Mann – ein kleines Schuftchen, ein winziges
-Ungeziefer, das in seiner Heimatstadt noch ganz besonders geachtet
-werden will ... als Wohltäter!‘
-
-Herr Hommes bedeckte Mund und Nase mit der Hand, warf den Kopf in den
-Nacken und dann tief zur Tischplatte, als müsse er niesen, nieste nicht;
-er sagte zu Herrn Wagner: „Da muß er aber groß verdient haben.“
-
-„No, was sag ich!“
-
-‚Entzündete Augen, entzündete Schleimhäute, Eierstöcke, Knochen, Lungen,
-entzündete Maschinengewehre und Schwergeschütze, entzündete Seelen,
-eiternde Seelen – und ein Krankenhaus für alle, finanziert mit Kapital,
-das entstanden ist durch das Systemchen, welches diese planetare
-Entzündung verursachte. Das ist die Antwort. Hoppla, das ist sie ... Und
-die Fusion wird zustande kommen. Und die Kontrolle über die wichtigsten
-Arzneimittel. Und ich werde noch mächtiger werden. Und das ist nicht zu
-ändern. Es gibt keinen Ausweg. Mir kann nichts passieren – denn ich bin
-schwerlich zu entlausen, denkt mit Recht die Laus.‘
-
-Er saß abseits rittlings auf dem Stuhle und glotzte vergnügt. Stellte
-das geleerte Glas auf den Fußboden. ‚Eiternde Seelen‘, begann er wieder,
-diesmal von rückwärts, und zählte an den Fingern her, wie der
-Metallarbeiter mit der verstümmelten Hand. Sah plötzlich eine
-Riesenebene, auf der Millionen Menschen reglos blickten. Die Gesichter
-derer, die am allerweitesten, die kilometerweit zurückstanden, waren
-größer als die der Nächststehenden. Alle Gesichter waren gelb.
-
-„Gelb! Gelb! Gelb! ... Bin ich denn in China? ... Wollte ja Dolmetscher
-in China werden.“
-
-Er stürzte vom Stuhle. In seinem Hinterkopfe klopfte dunkel ein Hammer
-aus Gummi.
-
-
-
-
- VII
-
-
-Phinchen mußte sich strecken, um mit der Bürste den Rockkragen erreichen
-zu können. Wie jeden Morgen trat Jürgen, als probiere er eine neue Hose
-an, einigemal am Platze, sich richtig in den Anzug hineinzudrücken, nahm
-den Spazierstock aus Phinchens Hand und verließ pünktlich die Villa. Der
-Schaffner, im Laufe der vierzehn Jahre auf dieser Strecke ergraut, half
-dem schwer gewordenen täglichen Fahrgast in den Wagen.
-
-Unwillkürlich rückte Jürgen etwas ab von einem dürftig gekleideten
-Manne, dem die Nase fehlte. Außer diesem Arbeiter saß im Wagen ein
-kleines Mädchen, das, die Augen angstvoll vergrößert, seine Hausaufgabe
-im Katechismus repetierte und immer wieder begann: „Aber Jesus sprach:
-Lasset die Kindlein zu mir kommen ...“
-
-Der Schaffner kassierte. Der Nasenlose hatte kein Geld.
-
-„Aber Jesus sprach ...“
-
-„Dann müssen Sie aussteigen.“
-
-Der Nasenlose, entschlossen, sitzen zu bleiben, geriet in Erregung. Er
-sei monatelang arbeitslos gewesen. Wenn er nicht mitfahren dürfe, komme
-er zu spät und erhalte die Aushilfsstelle nicht. Alle Qualen seines
-Lebens sammelten und verwandelten sich in Widerstand und Zorn gegen den
-Schaffner.
-
-Auch der war wütend geworden, gab das Haltesignal. „Wie kann einer
-einsteigen, wenn er das Fahrgeld nicht hat! So etwas gibts nicht.“ Der
-Wagen hielt. „Wenn ich Sie ohne Schein mitfahren lasse, verliere ja ich
-meine Stelle.“
-
-„Wenn einer arbeiten will!“ schrie verzweifelt der Mann und schimpfte
-los auf die reichen Nichtstuer, die nicht nötig hätten, zu arbeiten.
-
-„Auf! Sie müssen aussteigen.“ Er mußte den sich Wehrenden am Arme packen
-und aus dem Wagen hinausdrücken.
-
-„Aber Jesus sprach ...“ lernte das Mädchen in so großer Angst, die
-Hausaufgabe in der Schule nicht hersagen zu können, daß es von der
-ganzen Szene nichts bemerkte.
-
-Auch Jürgen, der die Kursberichte gelesen und dabei, tief beunruhigt, an
-den Traum der letzten Nacht gedacht hatte, wußte nicht, weshalb des
-Schaffners Lippen und die Hand, die die Zange hielt, bebten. Automatisch
-zog er die Abonnementskarte, in die seine Jugendphotographie eingeklebt
-war. ‚Welch ein fürchterlicher, fürchterlicher Traum!‘
-
-Der Schaffner war noch zornig. „Sie sollten auch einmal ein neues Bild
-einkleben. Das sind ja gar nicht mehr Sie.“ Er hielt die Photographie
-prüfend von sich weg. „Das ist ja ein ganz anderer, könnte man glauben.“
-
-Jürgen blickte auf die Augen des Jünglingsbildes, die aus ungeheurer
-Ferne groß und ernst zurückblickten. Das Gesicht des Nasenlosen tauchte
-neben dem Fenster mit Sprungregelmäßigkeit auf und nieder.
-
-‚Träume seien nun einmal nichts als Schäume, sagt der Hausarzt ... Ist
-aber auch dieser entsetzliche Traum nur flaumleichter Abfall des Lebens
-und ohne tiefere Bedeutung?‘ Selbst jetzt noch, während der Fahrt durch
-den sonnigen Tag, stockte Jürgens Herz:
-
-Er steht, befrackt, weiß behandschuht und im Halbkreise umgeben von den
-zwölf schwarzgekleideten Zeugen, in der Mitte des festlich erleuchteten
-Gesellschaftssaales vor dem Hinrichtungsblock, tritt zurück, hebt das
-Beil - und läßt es hineinsausen in den Nacken. Der Kopf geht nicht
-herunter. Und jetzt erst sieht er, daß er selbst, als Student, am Blocke
-kniet und von sich selbst hingerichtet werden muß, im Namen des Lebens,
-wie es ist. Gezwungen von den Blicken der zwölf stummen Zeugen, muß
-Jürgen noch einige Male in die furchtbare Nackenwunde hineinschlagen,
-bis der Kopf Jürgens, des Studenten, herunterfällt. Die Streichmusik
-endet.
-
-Tirolerinnen, die schiefe Münder haben, reichen lebendes Fruchteis. Um
-nicht essen zu müssen von diesem schauerlichen, lebenden Eise, wühlt
-Jürgen sich durch die empört nachblickenden Damen und Herren durch,
-flüchtet die Treppe hinunter und stürzt in fliegender Eile durch die
-menschenleeren Mondstraßen heimwärts, durch den schimmernden Garten.
-
-Da kniet, an Stelle der Brunnenfigur, der Rumpf in der Mitte des
-Bassins, Hände im Rücken gefesselt, symmetrisch umstanden von den zwölf
-auf Stangen steckenden, farbigen, kopfgroßen Glaskugeln, die jetzt die
-zwölf Hinrichtungszeugen sind, und aus dem Halsstumpfe steigt das Blut
-als Springbrünnchen empor. Die Symmetrie wird gestört durch Jürgens
-Jünglingskopf, der anstelle der gelben Glaskugel auf der Stange steckt
-und die grauenvolle Drohung ausspricht.
-
-„In Vollmondnächten sollten Sie nicht bei unverhängten Fenstern
-schlafen. Auch abends keine schweren Speisen essen. Die verursachen
-gleichfalls Albträume“, hatte der Hausarzt gesagt.
-
-Das Schulmädchen stieg aus, schlug auf der Straße den Katechismus wieder
-auf und lernte weiter. Jürgen saß allein im Wagen. Er überlegte, welche
-Weisungen er heute dem Prokuristen zu geben habe für die Börse.
-Plötzlich fletschte er, Mundwinkel in die Wangen zurückgezogen, die
-zusammengebissenen Zähne, drehte den Kopf seitwärts und bewegte die
-Lippen, als verhandle er mit einem hinter ihm Stehenden, der Befehle
-erteile, die Jürgen nicht befolgen könne.
-
-Erst als er hinaus auf die rückwärtige Plattform trat und mit dem
-Schaffner eine Unterhaltung begann, entspannte sich sein Gesicht wieder.
-
-Angefangen hatten diese Zustände vor einem Jahre. Er geht spazieren und
-muß plötzlich stehenbleiben, hat Atembeschwerden, ist nicht imstande, an
-einem Ecksteine oder an einem Baume oder an einem Laternenpfahle, der
-sich durch nichts von anderen Laternenpfählen unterscheidet,
-vorüberzugehen. Kopf seitwärts gedreht, Zähne gefletscht, kämpft er
-gegen das Unsichtbare, das unausführbare Befehle erteilt.
-
-Schnell tritt er in den nächsten Laden, setzt sich, studiert die
-Gesichter der Kunden, unterhält sich mit der Verkäuferin und bittet sie,
-ihm sechs besonders hartborstige Zahnbürsten in die Villa zu schicken.
-In dem unbewohnten Raume der Villa, wo auch die Antiquitäten und Gemälde
-für das Palais aufbewahrt waren, hatte sich im Laufe des letzten Jahres
-auf diese Weise ein großes Lager verschiedenster Artikel angesammelt.
-
-Gleich vielen Menschen, kann auch Jürgen es nicht ertragen, daß auf der
-Straße jemand hinter ihm geht. Auch am hellen Tage muß er stehenbleiben,
-interessiert eine Fassade betrachten oder schnell in einen Laden
-eintreten.
-
-Außerhalb der Stadt, wo keine Leute sind, spazierenzugehen, wagte Jürgen
-schon lange nicht mehr. Jemand geht hinter ihm her. Jürgen dreht sich um
-und wieder um und ganz um sich selbst. Immer steht in seinem Rücken der
-Andere. Und da Jürgen nicht in einen Laden flüchten kann, wirft er sich
-zu Boden.
-
-Einmal hatte er sich durch Adolf Sinsheimer retten können vor dem
-Verfolger. Er steht, Zähne gefletscht, in menschenleerer Landschaft
-unter den unausführbaren Befehlen des Unsichtbaren. Da erblickt er den
-Jugendfreund, der, in der Hand ein Notizbuch voll Rechnungen, an einem
-Baume lehnt und gedankenversunken die ferne Hügelkette betrachtet, als
-dichte oder zeichne er. Damals war das Unternehmen des Knopffabrikanten
-dem Konkurse nahe gewesen.
-
-Jürgen macht einige Fluchtsprünge auf den Jugendfreund zu und bittet
-flehend den Erschreckenden: „Verkaufe mir deinen Bleistift.“
-
-„Weshalb verkaufen? ... Hier, nimm ihn!“ Und er will ihm den goldenen
-Patentbleistift in die Hand drücken.
-
-„Unmöglich! Das ist ganz unmöglich!“ Jürgen zwingt den Schulfreund, die
-Banknote zu nehmen, und steckt, befreit aufatmend, den Bleistift ein.
-
-Die Straßenbahn hielt. Der Wagenführer drehte die Kurbel heraus.
-„Endstation“, sagte der Schaffner zweimal zu Jürgen, der verzerrten
-Gesichtes über die Schulter zurücksprach und nicht aussteigen konnte.
-
-Junge Beamte eilten durch die Gänge, grüßten den Chef. Er ahmte die
-Stimme des Hausarztes nach: „Abends nur ein paar weichgekochte Eier
-essen. Wachsweich! Auch schadet es nicht, wenn Sie täglich dreimal etwas
-Brom nehmen.“
-
-Das Bromsalzglas stand auf dem Schreibtisch. Sooft Jürgen die Feder in
-die Tinte stach, sah er das Salzglas, das herauszuwachsen schien aus dem
-Nacken des verheirateten Beamten, der, reglos wie ein Eingeschlafener
-auf das Pult gebeugt, vor seinem Chef saß, schon Vater dreier Kinder
-war, Sorgenfalten im grauen Gesicht hatte und keine Veilchen mehr im
-Knopfloch trug.
-
-Auf das Bankgebäude wurde ohne Betriebsunterbrechung ein Stockwerk
-aufgesetzt. Während des Vergrößerungsumbaues mußte Jürgen mit drei
-Angestellten zusammen in einem Raume arbeiten. Ringsum, fern und nah,
-auf dem Dache und in allen Stockwerken wurde gehämmert, geschrien,
-gekratzt, gesägt, gehobelt.
-
-In dem Bureau selbst stand katastrophenferne Ruhe.
-
-Jürgen tauchte die Feder ein. Und wie er schreiben will, steht auf dem
-Pulte anstelle des Tintenfasses ein winziges, lebendiges Herrchen, das
-sich höflich verbeugt und lächelnd auf das Bromsalzglas deutet, mit
-einem feingegliederten Zeigefingerchen.
-
-Jürgen kann nicht atmen, fletscht die Zähne, taucht die Feder noch
-einmal ein. Sticht sie auf den Kopf des Herrchens, das zum Tintenfaß
-zusammenschrumpft. Und wie Jürgen schreiben will, steht es wieder
-lebendig da, höflich vorgebeugt. Das Zeigefingerchen deutet, das
-Mündchen lächelt und sagt:
-
-„Mit Bromsalz kann eine Menschenseele nicht zum Schweigen gebracht
-werden. Ich versichere Ihnen, so wahr es ist, daß sehr viel mehr als
-neunundneunzig Prozent aller Zeitgenossen, die so viel von Seele reden,
-durch ihre Seele in gar keiner Weise mehr gestört werden, weil sie sie
-schon längst eingetauscht haben gegen Dinge, die ihren Marktwert haben
-...“
-
-Das ist wahr, dachte Jürgen. Das ist wahr.
-
-„... so wahr ist es, daß bei gewissen Individuen die Seele spielend
-leicht durch den allerstärksten Schutzwall durchschlüpfen und ihr
-vorbestimmtes Recht verlangen kann.“
-
-Das Herrchen legte das Händchen an den Mund, als habe es ein tiefes
-Geheimnis zu offenbaren: „Die Seele will fließen. Und fließt unter
-Umständen bei gewissen Individuen selbst auf die Gefahr hin,
-überzufließen und alles in Verwirrung zu bringen. Denken Sie nur an die
-vielen, vielen Irrenhäuser, die es gibt auf dieser Erde. Voll!
-Überfüllt! Wer bezahlen kann, kommt in die erste Klasse und kann seine
-Seele preisentsprechend behandeln lassen ... Nun, das ist ja Nebensache,
-der Preis nämlich, wenn er auch in unserem Zeitalter bei allem die
-Hauptsache ist. Aber verzeihen Sie die Abschweifung.“
-
-Jürgen strich sich über die Augen, blickte zum Fenster hinaus. „Was
-heißt Abschweifung! Das ist eine Halluzination. Nein, es ist nur eine
-Sinnestäuschung. Und das nicht einmal, ich habe nur, wie der Arzt sagte,
-zu viel gegessen. Oder ich bin übermüdet. Es sind nur die Nerven. Dieser
-Umbau macht einen ja ganz verrückt.“
-
-Er schielte auf das Tintenfaß. Das stand leblos, schwarz, breit und
-niedrig an seinem Platze. Dennoch ertönte eine Stimme: „Wenn die Seele
-überfließt und spricht, nennen das die Ärzte eine Halluzination.“
-
-„Ich werde mich aber jetzt doch einmal von einem Nervenarzt untersuchen
-lassen!“
-
-„Das hilft Ihnen nicht“, behauptete, schülterchenzuckend, das Herrchen.
-Es saß auf dem Löschblattbügel, ein Beinchen übergeschlagen, und sah
-nicht aus, als ob es bald weggehen würde.
-
-Der verheiratete Beamte wechselte die Schutzärmel, damit sie sich im
-Laufe der Jahre gleichmäßig abnützen sollten. Er war aus Erfahrung klug
-geworden. Ihm konnte es nicht mehr passieren, jahrelang einen schwarzen
-und einen grünen Schutzärmel tragen zu müssen, wie einmal in seiner
-Jugend, da er es unterlassen hatte, den schneller sich abnutzenden
-rechten Schutzärmel Öfters mit dem linken zu wechseln.
-
-Die beiden noch farbig schillernden, eleganten jungen Beamten, die vor
-Jürgen an einem Doppelpulte saßen, machten einander mit den Beinen
-aufmerksam auf die Pedanterie ihres älteren Kollegen.
-
-Jürgen übergab seine Weisungen für die Börse dem Prokuristen, einem
-runden Manne, dessen Lippen immer aussahen, als habe er eben eine fette
-Speise gegessen.
-
-„Sagte es denn eben wirklich: Sie standen schon am Anfang Ihres Ich.
-Oder sagte ich selbst das?“ Jürgen konnte nicht ermitteln, ob er selbst
-sprach.
-
-„Ich, natürlich, ich bins, der spricht! Niemand anderer als ich sagte:
-Sie standen schon am Anfang Ihres Ich.“
-
-„Dieses Wort ist doch von mir. Ich selbst habe diesen Gedanken in genau
-der selben Formulierung vor Jahren einmal ausgesprochen.“
-
-„Wie meinen?“ fragte der Prokurist.
-
-Drei schreibgekrümmte Rücken und zwei starr blickende Augen, die einmal
-des Verheirateten Nacken, das Salzglas, dann wieder das Tintenfaß
-doppelt sahen. „In meinem Hinterkopf geht etwas vor sich; nicht in der
-Stirn.“
-
-„Ich bins, der vor sich geht.“
-
-„Und was wird mit mir geschehen?“
-
-„Sie sind nicht mehr vorhanden.“
-
-Die Stirn knallte auf die Schreibtischplatte. Die Bureauwände neigten
-sich lautlos auf ihn zu. Er sah die ineinander verschwimmenden
-Gegenstände vervielfacht und hatte das mit Übelkeit verbundene
-Empfinden, alles Blut vergehe in seinem Körper.
-
-Der Prokurist sprang herbei, das Wasserglas in der dicken Hand, richtete
-den Haltlosen auf.
-
-„Kaufen Sie! Kaufen Sie!“
-
-„Selbstverständlich! Wird geschehen! Seien Sie ohne Sorge ... Hier, ein
-Schluck Wasser.“
-
-„Nein, irgend etwas! Für mich! Kaufen Sie ... Vielleicht Orangen. Was
-Sie wollen!“
-
-Der Prokurist eilte zur Tür. Jürgens Lippen waren weiß. In seinem
-Hinterkopfe klopfte dunkel der Hammer aus Gummi. „Möglichst schnell“,
-schrie er, Zähne gebleckt, dem Prokuristen nach.
-
-„Das hilft Ihnen nicht mehr.“
-
-„Die Stimme klingt, als spräche jemand mit mir aus weiter, weiter Ferne
-und doch aus nächster Nähe. Sie klingt wie ein telephonisches
-Ferngespräch. Mir ist, als spräche ich mit einem Wesen, das ich in
-Qualen liebte ... Bitte“, sagte Jürgen, bebend in Angst vor der
-Erfüllung seiner Bitte und so laut, daß die Beamten aufblickten, „legen
-Sie jede Verkleidung ab.“
-
-Da sah er nichts Gegenständliches mehr, keine Augen; er sah einen Blick,
-nicht von Augen entsandt. Nur den Blick selbst, der unversehens zu dem
-ernsten Blicke des Jünglingsbildes in der Abonnementskarte wurde und,
-vergehend, weit zurückwich.
-
-Heiß durchzogen und atembenommen starrte er dem vergehenden, ergreifend
-ernsten Blicke nach, beobachtete, Zähne gefletscht und Kopf seitwärts
-gedreht, wie der Blick sich in das Herrchen verwandelte, das sich so
-schnell erhob, daß der Löschblattbügel schaukelte.
-
-„Das war mein erster offizieller Besuch.“ Es blickte auf die Bureauuhr.
-„Fünf Minuten vor zwölf.“ (Der Verheiratete nahm schon die Schutzärmel
-ab). „Existenzen Ihresgleichen gibt es in dieser Sekunde auf der Erde
-...“ Das Herrchen nannte eine Zahl, die riesengroß und winzig klein in
-einem war und wie ein anklagendes Wort klang, gesprochen in der
-Nachtstille.
-
-„Sie sind in allen Schichten und Lagern zu finden. Ich besuche sie alle.
-Jeden zu seiner Zeit. Es sind Universitätsprofessoren darunter, die als
-Studenten noch die Bereitschaft zur Hingabe in den Augen trugen.
-Industrielle, die als Jünglinge Gedichte gemacht haben. Hohe Geistliche,
-die in das falsche Christentum reisten. Dichter, die um des Erfolges und
-des Ruhmes willen von dem Protest und der Gesinnung weg in den Erfolg
-und Ruhm und immer tiefer in das Publikum hineinreisten. Männer, die
-sich der Wissenschaft hingegeben hatten und aus ihr später ein Geschäft
-machten, ein Namensschild mit Titel, angeschlagen an der Haustür. Und
-Existenzen Ihresgleichen, die Sozialisten waren und Bürger wurden.
-Verruchte Existenzen! Denn sie konnten, kraft naturverliehener Kraft,
-sich durch das heucheleidurchwirkte, blutnasse, dicke, dichte Dickicht
-dieses Jahrhunderts durchschlagen zu dem Bewußtsein, daß die im Zeichen
-befreiter Arbeit stehende menschliche Gemeinschaft, in der die Seele ihr
-Ich durch den Körper gewinnen und im Gleichgewicht in sich selber ruhen
-kann, erkämpft werden muß, sollen die lebenden und kommenden
-Generationen bewahrt bleiben vor Krieg und Hungerbarbarei, dem Wahnsinn,
-vor dem großen Tode!“
-
-‚Ich muß mir das Ganze notieren, so kann ich es nicht behalten‘. „...
-Unmöglich! Unmöglich!“ rief er, ohne den Blick vom Stenogrammblock zu
-erheben, die Linke abwehrend ausgestreckt, dem Prokuristen zu, der einen
-Stoß Papiere in den Händen hielt, erstaunt sich die Lippen leckte und,
-auf den Zehenspitzen rückwärtsgehend, wieder verschwand.
-
-„Jeden zu seiner Zeit. Einmal bin ich ein Herbsttag, ein welkes Blatt,
-das vom Baume fällt und bei einem ruhmverkalkten Dichter plötzlich die
-Frage auslöst: Habe ich alles verraten, was in der Jugend mir teuer war?
-Die Frage, die zugleich die Antwort und der Beweis ist. Manchmal
-schreite ich in ein Buch hinein, werde zu einem Satze, der in dem
-Lesenden blitzhaft die Gewissensfrage auslöst. Manchmal bin ich ein
-Traum. (Wie bei Ihnen zum Beispiel. Auch kann ich der Umbau eines
-Bankgebäudes sein).“
-
-Oder ein Engländer, der fragt: Wie geht es Ihrem Herrn Bruder? dachte
-Jürgen und stenographierte auch diese Erinnerung.
-
-„Ich bin ein zwanzigjähriges Mädchen, das im Kampfe gegen die Umwelt
-steht und durch ihre Verachtung in dem Abtrünnigen die Sekunde aufreißt,
-in der er den tragischen Rückblick tun muß. Manchmal werde ich durch
-einen Ton in grauer, leerer Stunde zur Gewissensfrage. Durch den Ton
-einer Kindertrompete! Ich bin ein regnerischer Tag, verhindere einen
-Ausflug in den Genuß und werde so zum Tage des Versinkens in den Ekel
-vor sich selbst. Oft bin ich ein Sonntagnachmittag. Ich werde als Bild
-an der Wand zur Gewissensfrage und als Spaziergang in menschenleerer
-Landschaft, wo es keine Läden gibt. Ich steige als Weinrausch in das
-Herz eines Satten, und er sinkt in die Selbsterkenntnis hinein. Es kann
-einer seinen Teppich ansehen und plötzlich aus dem Muster, das ich bin,
-die Gewissensfrage herauslesen, grauenvoll deutlich. Manchem wird der
-Rückblick zum Konflikt, der ihn ins Irrenhaus bringt.“
-
-Das Herrchen deutete: „Das ist Ihr Fall.“
-
-Jürgen schauerte im Rückenmark.
-
-„Andere glauben, sich in Selbstgerechtigkeit hineinretten zu können.
-Viele ertrinken völlig in ihr und erleiden die Strafe erst in spätem
-Alter, wenn sie eines Tages, veranlaßt durch mich, die Nichtigkeit ihres
-Lebens einsehen müssen und, entsetzt über ihr verdrecktes, mit Achtung,
-Gemeinheit, Lüge, Erfolg, Ruhm und Selbstgerechtigkeit poliertes Dasein,
-an einer Kugel, an einem Stricke oder an Ekel vor sich selbst sterben.
-Auch die feinste Selbstbelügung schützt den Verräter nicht. Keiner kann
-in Selbstgerechtigkeit sein Leben beschließen. Dies vermögen nur
-diejenigen, die schon als wehrlose Kinder ganz entselbstet, enticht,
-entseelt werden konnten, sich der Umwelt anpaßten und dafür das Leben,
-wie es ist, eintauschten, im Gegensatz zu Ihnen, der Sie die Kraft
-hatten, sich das Kostbarste und Leidvollste auf Erden zu erkämpfen: das
-Bewußtsein.“
-
-„Wer vermöchte zu entscheiden, ob stärker als die Verhältnisse und
-größer als meine Begierden die Kraft in mir war, weiter zu kämpfen! Was
-ist der Beweis meines Verrates?“
-
-„Wer fragen muß: Bin ich ein Verräter, der ist es; Ihrem Schwiegervater
-fällt dies gar nicht ein. Die Frage enthält schon die Antwort und den
-Beweis des Verrates.“
-
-Diese Worte trafen ihn mit solcher Beweiskraft, daß er minutenlang die
-Fähigkeit, zu denken, vollkommen verlor. Auch das Klopfen im Hinterkopfe
-hatte geendet.
-
-Die Bureauuhr schlug zwölf. Die drei Beamtenoberkörper richteten sich
-auf. Drei Federhalter wurden weggelegt.
-
-Auch Jürgen legte den Federhalter weg, richtete sich auf. Vor seinen
-Augen schwebten rundum und durcheinander blitzweiße, goldumränderte
-Sternchen, als ob er mit dem Kopfe nach unten aufgehängt gewesen wäre.
-Eine Fliege glitt auf weißem Papier schnell vom Tintenfaß zum
-Löschblattbügel.
-
-„Wieviel Beine hat eigentlich eine Fliege? Vier oder sechs? ... Da wurde
-ich zweiundvierzig Jahre alt und weiß nicht, wieviel Beine eine Fliege
-hat. Was bin ich doch für ein Dummkopf! Sitze da und grüble seit Stunden
-über diesen Unsinn nach. Kann mir doch vollkommen gleichgültig sein“,
-sagte er und horchte befreit auf den stärker gewordenen Straßenlärm, den
-die dem Suppenteller Zueilenden verursachten. Die Glocken der Trambahnen
-läuteten stärker.
-
-„Es muß ja nicht gleich morgen sein, aber bei Gelegenheit sollten Sie
-sich einmal neu photographieren lassen. Sie sind zu verändert“, sagte
-freundlich der Schaffner und gab die Abonnementkarte zurück. „Das hier
-ist ein junger Mensch, während Sie doch schon in die besten Mannesjahre
-kommen.“
-
-Der grauhaarige Bürger, der neben Jürgen saß, schob den
-zusammengerollten Fahrschein unter den Ehering.
-
-Ja, die liegen Gott sei Dank noch vor mir ... Kann mich ja
-photographieren lassen, bei Gelegenheit, dachte er, stieg aus. Und ging,
-im selben Tempo wie jeden Tag, die zweihundert Schritte bis zur Villa.
-Summend durch den Garten, auf die farbigen Glaskugeln zu.
-
-Den Bruchteil einer Sekunde stutzte er vor den Glaskugeln. Es war ein
-grauer Tag. Die Glaskugeln standen öd in ihren eigenen Farben. Im Garten
-regte sich nichts.
-
-Der Mantel hing sich von selbst an den Haken. Die bereitstehenden
-Hausschuhe schlüpften über Jürgens Füße. Gewohnheitsmäßig zupfte er das
-Tischtuch zurecht. Die Schüsseln entleerten sich.
-
-Das Kanapee gab mit den vertrauten Tönen dem Körper nach. Die Augen
-lasen die Mittagszeitung.
-
-Bis sechs Uhr im Bureau. Dann im Garten. Wachsweiche Eier zum
-Abendessen. Von neun bis zehn Uhr die Abendzeitung. Auf den Rat des
-Arztes hin punkt zehn Uhr ins Bett. Am langen Sonntagnachmittag die
-gewohnte Billardpartie mit dem befreundeten Fabrikanten, der die
-Sammlung gotischer Plastiken besaß. Montag ins Bureau.
-
-So verging noch eine kurze Zeit, bis eines Tages die Abendzeitung
-ausblieb.
-
-Punkt neun erklang das Stöhnen des Kanapees, zusammen mit Jürgens
-wohligem A-Seufzer. Seine Hand griff automatisch nach der Abendzeitung,
-die seit Jahren immer an der selben Stelle auf dem Tische bereit gelegen
-war, und griff in die Leere.
-
-Die Zeit bekam ein Loch, das sich durch das Rufen nach Phinchen vorerst
-noch einmal schloß. „Wo ist das Abendblatt?“
-
-„Die Zeitungsfrau ist heute nicht gekommen.“
-
-„So, die Zeitungsfrau ist heute nicht gekommen. Das Blatt wurde nicht
-eingeworfen, wie? Du hast nichts gehört?“
-
-„Nein, es wurde nicht eingeworfen. Die Zeitungsfrau ist wahrscheinlich
-am Hause vorübergegangen.“
-
-„Du meinst also, die Zeitungsfrau sei vorübergegangen.“
-
-„Sie hat zweifellos vergessen, die Zeitung einzuwerfen. Ging am Hause
-vorüber.“ Als er das Wort ‚vorüber‘ aussprach, schlug er sich, das
-Gähnen zu verdecken, einige Male leicht auf den Mund, so daß das Wort in
-mehrere Laute getrennt wurde. Dieses Geräusch erinnerte ihn an das
-Geräusch, das der leerlaufende Motor verursacht, wenn die Trambahn hält.
-(Der Schaffner gibt ihm die Abonnementkarte zurück.)
-
-‚Gut, kann ja ein neues Bild machen lassen, bei Gelegenheit ... Den
-Fahrschein zusammengerollt unter den Ehering zu schieben, ist übrigens
-ganz praktisch. Man hat ihn gleich, wenn der Kontrolleur kommt.‘ Seine
-Hand griff nach dem Abendblatt. „... Ah so!“
-
-Er versuchte, das Loch, das die Zeit bekommen hatte, auszufüllen, indem
-er das linke Bein über das rechte schlug und heiter zu summen begann.
-Sobald er still lag, war das Loch wieder da. Groß, schwarz, endlos.
-
-Der grüne Hügel, wo vor vierzehn Jahren die Fabrikantensöhne und
--töchter Huhn und Rotwein genossen hatten, schob sich in das Loch,
-verschwand wieder. Er dachte: Was jetzt, zwischen neun und zehn Uhr, in
-der Welt alles vor sich geht ... Gewiß sehr viel.
-
-Warf das rechte über das linke, legte den Kopf auf die harte Sofalehne,
-dann auf das weiche Kissen. Betrachtete die Tapetenblumen. (‚Einer sieht
-seinen Teppich an, und das Muster, das ich bin ...‘) Er warf sich herum.
-Das Kanapee ächzte. Er begann zu pfeifen.
-
-Plötzlich wurde er, bei dem Gedanken, hier zu liegen und eine Stunde zu
-pfeifen, von solchem Grauen gepackt, daß er, mit noch pfiffgespitztem
-Munde, versteinert die Decke anstarrte.
-
-„Sie hätte nur die Zeitung einwerfen brauchen, dann könnte ich mich
-zerstreuen. Zerstreuen ... Früher konnte ich in Gesellschaft gehen oder
-ins Varieté, in den Zirkus, ins Theater, in die Oper. Andere gehen in
-ihr Stammlokal, in die Gesangvereinsprobe, zum Kegeln, spielen Karten
-... Das ist eine Zerstreuerei! Ganz Europa zerstreut sich.“ Er pfiff
-wieder.
-
-„Aber die andern, die schon als wehrlose Kinder – Sie wissen schon: die
-leben, wenn sie kegeln.“
-
-Da öffnete sich der pfiffgespitzte Mund; Jürgen glaubte zu fühlen und zu
-sehen, wie hinter seiner Stirn die schwarzen Buchstaben zu der Frage
-entstanden: „Wer hat das gesagt?“
-
-Er schnellte in Sitzstellung empor und brüllte ins totenstille Zimmer
-hinein: „Wer hat das gesagt? Wer?“
-
-Die Amsel verließ, heftig flatternd, auf einem scharfen Pfiff den
-Mauerefeu beim Fenster. „Wer? Die Amsel? Wer hat das gesagt?“
-
-Von den an der Decke kreisenden Fliegen fiel eine auf die Tischplatte.
-Und Jürgen, Oberkörper lauernd vorgebeugt, Hand fangbereit gekrümmt,
-flüsterte: „Muß doch einmal ...“ Die Gefangene drückte gegen das
-Faustinnere.
-
-Schneller als eine Fliege vorbeizuckt, wich das Interesse, zu erfahren,
-wieviel Beine sie hat, der Frage, was ihn noch retten könne.
-
-„Für Sie gibt es keine Rettung mehr. Sie werden wahnsinnig werden.“
-
-Langsam ließ er sich auf das Kanapee zurücksinken. „Wahnsinnig?
-Weshalb?“ Fuhr sofort wieder in Sitzstellung auf. „Was? Wer hat gesagt,
-ich würde wahnsinnig werden? Wer? Das habe nicht ich gesagt. Wer hat das
-gesagt? Wer! Wer!“ Plötzlich brüllte er wild: „Die Abendzeitung! Ich
-will die Abendzeitung. Alle haben ihre Abendzeitung. Die Abendzeitung!
-Die Abendzeitung!“ Wut entstellte sein Gesicht.
-
-„Auch die Zeitung würde Ihnen nichts mehr nützen.“
-
-Pünktlich auf die Minute trat, wie jeden Abend, Phinchen ein und zog die
-Wanduhr auf: Die zwei Bleigewichte berührten den Rand des
-Ziffernblattes.
-
-„Dann ist es jetzt genau halb zehn“, sagte Jürgen, als Phinchen wieder
-draußen war. „Ich brauche gar nicht hinzusehen. Genau halb zehn ... Und
-morgen abend um halb zehn ist die Uhr abgelaufen und die Gewichte hängen
-unten. Dann ist ein Tag vorbei. Die Uhr wird aufgezogen. Und übermorgen
-um halb zehn hängen die Gewichte wieder unten. Dann ist wieder ein Tag
-vorbei. Sie wird aufgezogen ... Aufgezogen ...“
-
-„Und dann ist das Leben vorbei.“
-
-„Ja, dann ist das Leben vorbei ... Und doch fahre ich morgen ins Bureau
-und übermorgen. Und dann kommt der Sonntag. Und dann der Montag. Der
-Samstag. Ich arbeite, mache Pläne. Fusion. Werde reicher und reicher.
-Die Jahre vergehen ...“
-
-Und dann kam die Frage nach dem Sinn und nach dem Ziele, die Frage nach
-der Idee, nach dem Zwecke, für den zu arbeiten und zu kämpfen sein
-Lebensinhalt sei.
-
-Sein Inneres und die Umwelt – alles war grau und leer. Er wartete.
-Lange.
-
-„Aber ich bin ein geachteter Mann.“
-
-„Einmal sagten Sie, dies sei die größte menschliche Katastrophe.“
-
-„Kann sein! Kinderei! Lassen wir das einstweilen. Jetzt will ich erst
-einmal Bilanz machen. Dann werde ich überlegen, was zu tun ist. Ich will
-methodisch vorgehen. Reich, sehr reich und geachtet, gebildeter und
-wissender, kultivierter als die meisten und imstande, mir jeden Genuß,
-den das Leben bietet, zu verschaffen.“
-
-„Sie haben also alles schon erreicht, was den andern von Jugend an als
-Ziel vorschwebt und zum Sarg wird für diejenigen, die das Ziel erreicht
-haben. Was also ist der Zweck? Was Ihr Ziel?“
-
-„Auch bin ich nicht schmutzig, nicht geizig. Im Gegenteil; ein Zehntel
-der Summe, die ich für Wohltätigkeitszwecke gegeben habe, würde genügen,
-daß ein halbes Dutzend Männer mit Frauen und Kindern ein vollkommen
-sorgenloses Leben in eigenem Hause führen und selbst in kleinerem
-Ausmaße wohltätig sein könnten.“
-
-„Das stimmt. Zum Teil wahrscheinlich auch daher die große Achtung, die
-Sie genießen und vor sich selbst haben.“
-
-„Auch möglich! Aber das ist, wie gesagt, jetzt Nebensache, die Achtung.“
-
-„Nee, die ist mit die Hauptsache.“
-
-Jürgen machte eine ärgerliche Abwehrbewegung mit der Hand. „Nun, wenn
-Sie wollen, ich pfeife auf die Achtung. Ich könnte, wenn ich auf der
-selben Linie weiterschreiten würde, noch mächtiger, einflußreicher und
-in noch weiteren Kreisen geachtet werden.“
-
-„Das können nur die Bewußtseinslosen, deren Weltanschauung in den drei
-Worten besteht: Jeder für sich; Sie aber können das nicht. Denn Ihr
-Bewußtsein sagt Ihnen, daß Sie nicht das geringste zur Verwirklichung
-des unverrückbaren Menschheitszieles beizutragen vermöchten, auch wenn
-Sie, weiterschreitend auf dem Jeder-für-sich-Wege, der mächtigste Mann
-des Landes werden würden.“
-
-„Ich will ja auch gar nicht fortschreiten auf diesem ziellosen Wege.“
-
-„Nicht Sie wollen nicht, sondern ich will nicht. Ich! Ich lasse nicht
-zu, daß Sie in dem bisherigen Trott weitermachen. Sie selbst können gar
-nicht mehr wollen oder nicht wollen. Sie sind nur noch eine
-Willensmaske.“
-
-Jürgen preßte beide Fäuste an den Kopf. „Seit einiger Zeit führe ich
-fortwährend Selbstgespräche. Nun, und wenn auch! Viele Menschen führen
-Selbstgespräche.“
-
-„Sie aber führen Gespräche mit Ihrem Selbst.“
-
-Jürgen sah auf. „Wie dem auch sei, Tatsache ist, daß ich ohne Ziel, ohne
-Idee, ohne Zweck nicht weiterleben kann. Das halte ich nicht aus. Ich
-halte diesen Zustand einfach nicht mehr aus.“
-
-„Dies ist es, was Sie von dem Vollbürger unterscheidet. Der hält diesen
-Zustand sehr gut aus. Denn sein Ziel ist: Haben, haben, haben und immer
-noch mehr haben. Und er bleibt in der Regel gesund dabei. Fragt sich
-nur, ob diese seine Gesundheit nicht die Krankheit ist, an der die
-Menschheit zugrunde geht.“
-
-„Daß an dieser Gesundheit die Menschheit zugrunde geht, scheint mir gar
-keine Frage mehr zu sein. Ich habe da“, flüsterte Jürgen, „zweifellos
-einen richtigen Gedanken ausgesprochen ... Wie steht es aber damit, daß
-trotz dieser tödlichen Gesundheit es offenbar keinen Menschen gibt, der
-ohne Ideal zu leben vermöchte. Ausnahmslos jeder, den ich kenne, und sei
-er der übelste, habgierigste, härteste Schuft, hat sein Ideal, und wenn
-es auch nur Selbstbelügung ist. Mittel zur Beruhigung des Gewissens.“
-
-Zuerst blickte Jürgen mit zugekniffenen Augen mißtrauisch seitwärts, wie
-einer, der sich vergewissern will, ob er nicht beobachtet wird. Langsam
-richtete er sich auf. Die Hand wurde auf der Tischplatte zur Faust. Auf
-der Stirn entstand die Energiefalte. So saß er, reglos, alle Muskeln
-gespannt, plötzlich ganz erfüllt von dem Entschlusse, mit der
-Niederschrift seines seit langem geplanten Lebenswerkes ‚Volkswirtschaft
-und Einzelseele‘ zu beginnen. „Das ist meine Rettung.“ Freude rötete
-sein Gesicht.
-
-Und wie er den Kopf hob, sah er auf der gegenüberstehenden Wand ein
-winziges, höhnisches Lächeln.
-
-Senkte sofort den Kopf. Durch dieses Werk werde ich zu meinem kleinen
-Teile dem Fortschritt und der Erkenntnis der Menschheit dienen können,
-dachte er, schielte zur Wand, wo wie ein Bild das höhnische Lächeln
-hing.
-
-„Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich Ihr tönendes, tiefes Gefasel
-über Moral, Gerechtigkeit, Humanität, Ideal und Seele in bezug auf die
-Volkswirtschaft nicht zulassen, sondern während der Niederschrift mit
-einer Hartnäckigkeit ohnegleichen immer wieder darauf hinweisen werde,
-daß es sich um die Moral und die Gerechtigkeit der herrschenden Klasse,
-der Nutznießer des bestehenden Produktions- und Verteilungssystemes
-handelt, welches den entscheidenden mörderischen Einfluß hat auf das
-Wesen und das Sein, das Kranksein und das Nichtsein auch der
-Einzelseele.“
-
-Jürgens hervortretende Augen starrten rettungsuchend umher. Schlaff
-geworden, sank er in die Kanapeecke. „Keine Möglichkeit der Hingabe? Ich
-sehne mich so sehr danach.“
-
-„Diese Sehnsucht entspringt schon dem Konflikt, der Sie ins Irrenhaus
-bringen wird.“
-
-„Ich will, ich will zurück zu mir ... Ich fühle, ich fühle ...“
-
-„Sie ... denken Gefühle. Sie können weder vor- noch rückwärts.“
-
-„Eine tote Mitte? Das halte ich nicht aus. Ich werde wahnsinnig.“
-
-„Wahnsinnig! Sie sind gestellt.“
-
-„Eingekreist?“
-
-„Eingekreist! Das, was Sie während der letzten vierzehn Jahre waren,
-können Sie nicht länger mehr sein; so, wie Sie als Kämpfender waren,
-nicht mehr werden. Sie sind nicht mehr vorhanden. Sie sind nicht mehr
-Sie.“
-
-„Das hat auch der Trambahnschaffner gesagt.“
-
-„Aus dem heraus habe ich gesprochen.“
-
-„Sind Sie auch die Abendzeitung, die nicht gekommen ist?“
-
-„Ich bin das Nichtgekommensein der Abendzeitung und habe auch aus dem
-Trambahnschaffner herausgesprochen. Der sogenannte normale Bürgersmann
-hört aus des Schaffners Worten ‚Das sind ja gar nicht mehr Sie‘ nur
-heraus, daß sein Bart länger oder grauer geworden ist.“
-
-„Wenn Sie ich sind und aus dem Trambahnschaffner herausgesprochen haben,
-dann habe ja ich selbst aus dem Trambahnschaffner herausgesprochen und
-zugleich als Fahrgast seine Worte vernommen. Seine? Ihre? Oder meine?
-Ich weiß nicht. Bin ganz verwirrt.“
-
-„Sie haben Ihre eigenen Worte vernommen, die der Trambahnschaffner, aus
-dem ich sprach, gesprochen hat.“
-
-Angsterregung riß Jürgen vom Kanapee auf. „Wer denkt das alles? Ich Will
-wissen, wer da denkt.“
-
-„Ihr Bewußtsein.“
-
-„Wer spricht die ganze Zeit mit mir? Ich höre Stimmen.“
-
-„Wahnsinnige hören Stimmen.“
-
-„Und ich bin nicht wahnsinnig. Bin nicht wahnsinnig! Ich bin der Bankier
-Jürgen Kolbenreiher. Und ich brauche nur nicht mehr in das Bureau zu
-gehen, brauche nur da wieder anzuknüpfen, wo ich vor vierzehn Jahren
-abgebrochen habe, dann werde ich wieder ein Ziel haben, werde
-hingebungsvoll kämpfen, und alles wird gut sein.“
-
-„Auch dieser Wunsch entspringt dem Konflikt, der Sie ins Irrenhaus
-bringen wird.“
-
-„Suchet, so werdet Ihr finden, heißt es in der Schrift.“ Jürgen
-lauschte, das Gesicht seitwärts gedreht. Im Nachbargarten ertönte eine
-Lachsalve.
-
-„Ich muß Schluß machen, Schluß! und sofort neu anfangen. Auf der Stelle!
-Vor allem: ich gehe nicht mehr in die Bank. Schluß!“
-
-Er war aufgesprungen, lauschte nach innen, was der Strom der Gefühle ihm
-zuerst bringen werde:
-
-Schreibmaschinen klapperten. Der Mahagoniaufzug stieg lautlos empor.
-Angestellte eilten durch die Gänge des Bankgebäudes. Der Prokurist
-verbeugte sich, reichte Jürgen die wichtigen Telegramme.
-
-Angewidert von dem eigentümlichen Geruch des Bankgebäudes, schob er das
-ganze Geschäft von sich weg, wartete auf den Strom der Gefühle. Die Frau
-des befreundeten Fabrikanten, eine junge, schöne Blondine, die zu Jürgen
-in die Villa gekommen und von ihm verführt worden war, tritt ein, nimmt,
-wie damals, den Schleier ab. Das sah, wie damals, aus, als ob sie sich
-entkleidete. Jürgen schüttelte abwehrend den Kopf.
-
-Das Billardbrett tauchte grün auf. Jürgen hatte nur noch einen
-schwierigen Stoß zu machen. Der gelang ihm. Er hatte die Partie
-gewonnen. Der Freund mußte bezahlen.
-
-Jürgen lächelte zu Boden. „Das war eine interessante Partie“, flüsterte
-er erfreut und machte seinem Freunde noch eine Serie schwierigster Stöße
-vor.
-
-Die Billardbälle wurden immer größer, kopfgroß, wurden zu den farbigen
-Glaskugeln. Erst als er im roten Ball seinen abgeschlagenen
-Studentenkopf erkannte, der lächelte, so daß nicht ein Billardball,
-sondern ein gefährliches Lächeln kopfgroß über das grüne Tuch hopste,
-ließ er das Queue sinken.
-
-In tiefster Bestürzung flehte er um ein Gefühl aus der Vergangenheit. Er
-empfand nichts, ließ sich, gebrochen und ergeben, in den Sessel sinken.
-‚Ich gehe eben morgen wieder ins Bureau und übermorgen und in zwanzig
-Jahren auch noch.‘ „Unmöglich!“ rief er. „Unmöglich!“
-
-Da stieg die Wut hoch in ihm. Um die innere Leere zu füllen, stieß er
-starke Worte aus: „Blutig ans Kreuz geschlagen! Proletarier aller Länder
-...! Sturm! Untergang!“ Er empfand nichts dabei. Brüllte wahllos:
-„Kinderbewahranstalt! Apfelknecht! Reifeisen!“
-
-„Was, Apfelknecht? Nun, weshalb nicht auch Apfelknecht! Jetzt erst
-recht: Apfelknecht! Apfelknecht! Apfelknecht!“
-
-Entstellt vor Wut, raste er durch alle Zimmer durch in den Salon.
-Zwischen dem schwarzlackierten, nie benutzten Kohlenkasten, auf den die
-heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten gemalt war, und dem
-gestickten Wandschirmstorch, der das Wickelkissen mit den drei
-Säuglingsköpfen aus dem Teiche zog, schwang der Perpendikel hin und her.
-
-Vor übergroßer Wut ganz ruhig geworden, schritt er zur Uhr und riß mit
-einem Ruck den Perpendikel heraus, schleuderte ihn durchs Fenster in das
-Springbrunnenbassin. Die Amsel zuckte aus dem Garten hinaus. „Das wäre
-das“, frohlockte er, hob die meterhohe Vase über den Kopf empor und
-schmetterte sie zu Boden. Die Nippsachen flogen an die Wand. Die Fenster
-klirrten. Er demolierte die ganze Einrichtung. Rückte den schweren
-Eichenholzschrank von der Wand, betrachtete die Zerstörung. „Nun, nun“,
-sagte er ratlos und schob den Schrank wieder zurück.
-
-Schluchzen stieß ihn. Da fühlte er sich innerlich berührt und ließ sich
-führen, hinauf in das Zimmerchen, das er als Kind und Jüngling bewohnt
-hatte. In der Hand den silbernen Leuchter, den nach bestandenem
-Abiturientenexamen die Tante ihm mit den Worten geschenkt hatte: ‚Wenn
-ich tot bin, bekommst du alles‘, betrat er scheu die Kammer, in der seit
-vielen Jahren kein Mensch mehr gewesen war.
-
-Über dem versessenen Lederkanapee hingen noch, oval gerahmt und
-symmetrisch zu einem großen Oval geordnet, die vergilbten Photographien
-der Familie Kolbenreiher. Und auf dem Bücherbrett standen verstaubt die
-Reisebeschreibungen in bilderreichen Umschlägen. Die Luft war stockig
-wie in einer Totenkammer.
-
-Der große, schwer gewordene Mann blickte, tief erschüttert von dem
-Besuche bei seiner Jugend, atembenommen die verblaßten Wände an und
-seinen riesenhaften Schatten. Und begann, traumwandlerisch, sich wie ein
-Jüngling zu benehmen, räumte, durchbebt von innerlichem Weinen, die
-Bücher heraus, ordnete sie wieder hinein und schlich, den Zeigefinger am
-gespitzten Munde, mit der ‚Schreckensvollen Reise ins Erdinnere‘ zum
-Kanapee. Ein irr-schlaues Lächeln im Gesicht, erhob er sich noch einmal,
-zog mit seinem Taschenmesser einen Riß um die Kerze herum, zwei
-Zentimeter unter dem Docht, und begann zu lesen.
-
-„Nein, nein, ach, nein, das hilft Ihnen nicht.“
-
-Jürgen blickte auf. Die Stimme hatte so traurig und mitleidig geklungen.
-„Das hilft mir nicht“, flüsterte er weinend. „Das hilft mir nicht.“
-
-Vor ihm lag, weit hingebreitet, ein fremdes Stück Land, entzweigespalten
-durch einen gewaltigen Abgrund. Rechts war eine blanke Asphaltfläche. In
-deren Mitte stand ein gelbes Streichholzschächtelchen. Alle
-Schulkameraden, Geschäftsfreunde und Bekannten Jürgens schritten auf das
-gelbe Schächtelchen zu, in dem eine Banknote lag. Auf dem Schächtelchen
-stand das Wort ‚Achtung‘. Von allen Seiten kamen sie herbei und
-verbeugten sich vor dem Streichholzschächtelchen, stießen einander weg,
-verbeugten sich.
-
-Auf der andern Seite des Abgrundes: eine milde Wiese. Darauf weidet
-ruhig ein altes Pferd. Weiter rückwärts ist die Wiese wild, und da, wo
-sie mit dem Himmel zusammengeht, sind Jugend, Begeisterung, Ziele,
-feurig beleuchtete Gesichter: Jünglinge, die unter Hingabe ihres Lebens
-sich bemühen, das Pferd, das die Liebe ist, über den gewaltigen Abgrund
-weg zu den Bürgern zu schaffen.
-
-„Die bemerken es ja gar nicht. Und aus diesem unheimlichen Grunde ist es
-den Jünglingen ganz unmöglich, das Pferd über den Abgrund
-herüberzuschaffen“, sagte Jürgen.
-
-Da wurde seine Hand gezwungen, ein Streichholzschächtelchen zu entleeren
-und eine Banknote hineinzulegen. Er stellte das Schächtelchen auf den
-Fußboden, verbeugte sich. Die Fäuste zur Brust hochgehoben, sprang er in
-gleichmäßigem Trabe um das Schächtelchen herum. Die Villa zitterte.
-Jürgen keuchte und schwitzte, verbeugte sich, rannte weiter im Kreise.
-
-Die Uhr schlug zehn. Die Macht der Gewohnheit beendete sofort den Tanz.
-„Schlafen“, sagte er, verzerrten Gesichtes gähnend und keuchend in
-einem. Griff nach dem Leuchter.
-
-Stand bei der Tür, als ob er eben eingetreten wäre. Sein Kopf war frei.
-„Ich muß die Kammer einmal gründlich durchlüften lassen“, sagte er und
-ging in das Schlafzimmer.
-
-Punkt acht Uhr betrat er am andern Morgen das Bureau.
-
-Erst nachdem er einen halben Kanzleibogen vollgeschrieben hatte, hörte
-er mitten im Worte auf. „Ich wollte ja nicht mehr ins Bureau gehen ...
-Aber ist denn das möglich? Halte ich das aus? Oder halte ich das nicht
-aus?“
-
-„Weder – noch!“
-
-Da wurden die drei Beamten von einem Knall in die Höhe gerissen: Jürgen
-hatte das Tintenfaß durch das zerbrechende Fenster hinunter in den
-Lichthof geschleudert. Ein Tintentropfen rollte langsam an der Stirn
-herunter, am tobsüchtig glotzenden Auge vorbei, über die dicke Backe.
-
-„Wenn Sie solche Sachen machen, zieht man Ihnen ja die Zwangsjacke an.
-Nun sind Sie selbst aber schon eine Zwangsjacke von Ihrem Selbst. Sie
-würden also über die Zwangsjacke eine Zwangsjacke angezogen bekommen.
-Bedenken Sie, welch entsetzliche Hilflosigkeit.“ Die Stimme hatte
-vorwurfsvoll und dabei sehr milde geklungen.
-
-„Jawohl, da ist es schon besser, ich gehe wieder“, sagte Jürgen und
-griff nach seinem Hute. Die zwei jungen Beamten machten unabgewandten
-Blickes mit den Beinen einander aufmerksam.
-
-Von einer fremden, hinter seinem Rücken stehenden Macht wurde Jürgen
-durch die Straßen geschoben zum Nervenarzt.
-
-Bein übergeschlagen, beide Ellbogen so auf die Sessellehnen gestützt,
-daß die gefalteten Hände und das Kinn vor der Brust zusammentrafen,
-hörte der schweigende Neurologe dem Patienten zu. Und Jürgen empfand
-Dankbarkeit diesem Manne gegenüber, der offenbar alles schon zu wissen
-schien und sich dennoch alles erzählen ließ.
-
-„Na“, unterbrach der Professor und schnellte, ein abschließendes,
-vertrauenerweckendes Lächeln im Gesicht, vor, griff nach Jürgens Puls.
-Der Sprungdeckel des goldenen Chronometers gab mit einem beruhigenden
-Knacken das Ziffernblatt frei. Die Arztaugen blickten zur Decke.
-
-Das Herrchen saß schwarz auf dem Tintenfaß aus schwarzem Marmor und
-schüttelte verneinend und mitleidig das Köpfchen.
-
-„Und jetzt die Zunge!“ Jürgen streckte die Zunge heraus.
-
-„Sie sind vollblütig und haben leider trotzdem, ich sage es Ihnen auf
-den Kopf zu, täglich Suppe gegessen, Fleisch, auch Eier! Stimmt das?“
-
-„Wachsweiche Eier zu essen, hat mein Hausarzt mir geraten.“
-
-Das überhörte der Professor. „So viel über Ihren körperlichen Zustand.
-Und was Ihren seelischen Zustand betrifft, über den, wie Sie sich
-ausdrückten, Sie keine Kontrolle mehr zu haben glauben, so ist dazu zu
-sagen, daß es, streng naturwissenschaftlich gesprochen, einen seelischen
-Zustand in Ihrem Sinne gar nicht gibt, aus dem einfachen Grunde, weil
-es, streng naturwissenschaftlich gesprochen, verstehen Sie, eine Seele,
-in dem Sinne, wie Sie sie auffassen, nicht gibt.“
-
-Er blickte Jürgen ermunternd an, als wolle er sagen: Sehen Sie, so
-einfach ist diese Sache, wenn man sie wissenschaftlich betrachtet.
-
-„Es gibt nur Körper, Herr Kolbenreiher, Körper, angefangen bei dem mit
-Vernunft und Bewußtsein bedachten, höchst entwickelten Tier, nämlich dem
-Menschen, zurück über den Affen, das Pferd, den Esel, den Hund, den
-Wurm, die Schnake, die Laus (wenn Sie gestatten), die Pflanze und den
-leblosen Dingen, die, ebenso wie die Pflanzen, die Tiere und wir, aus
-Atomen bestehen. Das ist, von der Naturwissenschaft aufgebaut und bis in
-die letzten Winkel durchleuchtet, der für uns glasklar gewordene Kosmos,
-in dem die mittelalterliche Hypothese ‚Seele‘, wie Sie sie auffassen,
-keinen Raum mehr hat.“
-
-Jürgen warf schnell einen Blick Richtung Tintenfaß, das schwarz und
-glänzend auf seinem Platze stand.
-
-„Sie, Herr Kolbenreiher, sind ein intelligenter Patient; anderen
-gegenüber würde ich mich zu solchen Erklärungen nicht herbeilassen.
-Repetieren wir: Es gibt also erstens vernunftlose Atomverdichtungen und
-zweitens vernunftbegabte Atomverdichtungen, von denen die
-höchstentwickelte Verdichtung der Mensch ist. Wir haben es demnach nicht
-mit der Zweiteilung ‚Seele und Körper‘ zu tun, wie Ihr Herrchen
-behauptet ...“
-
-„In dieser Form habe ich das nie behauptet“, sagte das Herrchen.
-
-„... sondern mit der Einheit ‚Körper‘, der von Vernunft bewegt wird, und
-zwar von der Zentralstation aus, dem Gehirn. Sie, Herr Kolbenreiher,
-sind eine vernunftbegabte Atomverdichtung, merken Sie sich das, und eine
-Einheit. Das heißt, Ihre Vernunft, Ihr Bewußtsein, Ihr Ich kann nicht,
-wie Sie mir da erzählen, für sich allein sprechen, auf der Straße
-spazierengehen, einen Separatspaziergang machen oder Sie besuchen und,
-sagen wir: ein Bankkonto besitzen; sondern Sie besitzen infolge Ihrer
-Vernunft ein Bankkonto.“
-
-„Aber ich habe die Kontrolle über mein Bewußtsein verloren.“
-
-Der Arzt erhob sich. „Das werden wir schon wieder deichseln. Sie sind
-Bankier. Sie machen sich nützlich. Dienen durch Ihre Leistung der
-Allgemeinheit. Das sollte Ihr Selbstbewußtsein stärken. Sind allerdings
-vollblütig. Also vorerst: keine Fleischsuppen, keine Eierspeisen. Vor
-dem Schlafengehen kalte Waschungen und, wie Ihr Hausarzt sagt, etwas
-Brom ... Ordnung. Arbeit. Hin und wieder etwas Zerstreuung, eine hübsche
-Frau. Sie verstehen. Das ist das Leben. Freuen Sie sich, daß es diese
-dunkle Kalamität ‚Seele‘ in Ihrem Sinne nicht gibt.“
-
-Auch das Frackherrchen erhob sich.
-
-„Dort, sehen Sie, dort steht es.“ Zurückweichend deutete Jürgen auf das
-Tintenfaß.
-
-Der Professor nahm es in die Hand. „Was ist das?“
-
-„Ach, nichts von Bedeutung. Das bin nur ich. Eine Kleinigkeit! Nur zwei
-Buchstaben: I–ch. Nicht der Rede wert“, sagte, bescheiden lächelnd, das
-Herrchen.
-
-Und der Arzt: „Nun, was ist das?“
-
-„Das ist ein Tintenfaß.“
-
-„Na, sehen Sie, jetzt müssen Sie selbst lachen.“
-
-Jürgen trug die Lachfratze durch die Straßen.
-
-„Glauben Sie mir, Ihnen kann auch der nicht helfen.“
-
-Dennoch ging Jürgen unverzüglich zu einem Psychiater, erzählte ihm
-alles, auch alles, was der Professor gesagt hatte. „Aber diese ganze
-Auffassung ...“
-
-„Sie haben Recht. Verglichen mit der modernen Seelenforschung, ist die
-Auffassung des Herrn Kollegen etwas primitiv ... Ja, Herr Kolbenreiher,
-die Behandlung dürfte wahrscheinlich Jahre in Anspruch nehmen. Wir
-müssen Ihre ganze Kindheit durchforschen. Erst, nachdem die schweren,
-von Ihnen total vergessenen Kindheitserlebnisse ...“
-
-Das Frackherrchen winkte ab: „Ach, hören Sie auf, Herr Doktor.“
-
-„Wie meinen?“
-
-„Ich habe nichts gesagt.“
-
-„... welche zweifellos die Ursache Ihrer Krankheit sind, Ihnen
-vollkommen bewußt geworden sein werden und Sie sie mit der
-Kritikfähigkeit des Verstandes eines Zweiundvierzigjährigen ...“
-
-„Aber Doktor! Ein Mensch, der, um nur das eine zu nennen, im Traume dem
-Vater ins Gesicht gelacht hat, ein Mensch also, der die fremden Mächte
-in seiner Seele besiegen, sich das Bewußtsein erkämpfen und an den
-Anfang seines Ich gelangen konnte, kann nicht mehr die in Kindheit und
-Jugend empfangenen Wunden verantwortlich machen.“
-
-„Ja“, sagte fein lächelnd der Psychiater, „sagen Sie das nicht.“
-
-„Was?“ fragte Jürgen.
-
-„Was Sie eben sagten.“
-
-„Ich habe nichts gesagt.“
-
-Das Frackherrchen lächelte.
-
-Auch Jürgen lächelte verschmitzt. „Also, in bezug auf die
-Kindheitserlebnisse wenigstens sind wir einer Meinung.“
-
-„Dann ists ja gut. Kommen Sie morgen zu mir.“
-
-„Nein. Denn mir können auch Sie nicht helfen.“
-
-„Das sollten Sie, wie gesagt, nicht so ohne weiteres sagen.“
-
-„Was?“
-
-„Daß auch ich ... Denn diese Kindheitser...“
-
-„Steckenpferd!“
-
-Der Psychiater hob die Augenbrauen und notierte das Wort ‚Steckenpferd‘.
-„...erlebnisse, vor allem natürlich die sexuellen ...“
-
-„Gehn wir!“ sagte brüderlichen Tones das Frackherrchen aus Jürgens
-Munde. „Guten Tag, Herr Doktor.“
-
-Aus dem Gymnasium, in dem auch er neun Jahre gesessen hatte, platzten
-mit Geschrei die Jünglinge. Fragende, junge Augen. Feurige Gesichter.
-Biegsame, junge Körper, Bücher unterm Arm, dem Leben schräg
-entgegengestreckt.
-
-„Deshalb muß ich jetzt gleich zum Photographen gehen.“ Weshalb das
-Erblicken der Gymnasiasten ihn veranlaßte, zum Photographen zu gehen,
-hätte Jürgen nicht sagen können. Plötzlich sah er eine tiefe Verbeugung
-und folgte der einladenden Photographenhand.
-
-Während er vor der Linse saß, betrachtete er die lebensgroßen
-Brustbilder, deren tote Augen auf ihn zurückblickten. „Ob man diese
-Jugendphotographie wohl auch vergrößern kann?“
-
-Der Photograph prüfte das verblichene Jugendbildnis, das Jürgen
-darstellte, wie er im Garten am Nußbaum lehnte, unter dem die Tante
-gehäkelt hatte. „Aber mit Vergnügen! Geht großartig!“
-
-„Nicht nur Brustbild? Ganz in Lebensgröße? Auch mit den Beinen?“
-
-„Das allerdings hat bis jetzt noch niemand gewünscht. Aber es ist zu
-machen ... O, das kommt vielfach vor, daß die Herrschaften sich
-vergrößern lassen. Gerade die Jugendphotographien immer will man
-vergrößert haben. Erst vor einigen Wochen kam Herr Geheimrat Lenz – sehr
-berühmter Mann, wie Sie wissen – und bestellte eine Vergrößerung nach
-seinem Jugendbildnis. Zwanzig Jahre! Nicht mehr zu erkennen! Kein Mensch
-würde glauben, daß Herr Geheimrat Lenz einmal so ausgesehen hat. Und
-dies ist der Sohn: Herr Oberstaatsanwalt Karl Lenz. Er ist, gemessen am
-griechischen Schönheitsideal, zu dick geworden ... Zu sehen, wie man
-früher war, macht Spaß, nicht? ... Nur etwas verblaßt, verwischt,
-sozusagen vergangen sehen die Vergrößerungen von Jugendbildern aus. Aber
-sie haben gewissermaßen etwas Traumschönes. Traumschön! Das ist das
-richtige Wort ... Etwas höher den Kopf ...“
-
-Vor dem Schlafengehen nahm Jürgen Brom, wusch sich kalt ab, schlief
-fest, träumte schwer, wußte am Morgen nicht mehr, was er geträumt hatte,
-erschien pünktlich im Bureau. Die Beamten beobachteten ihn unausgesetzt.
-
-Auf dem Rückwege zur Haltestelle blieb Jürgen stehen, berührte mit
-seinem Spazierstockgriff die Brust des Partners, der nicht da war, und
-erklärte: „Die Sache verhält sich anders. Hören Sie gut zu“, ging
-weiter, nach der Seite hin sprechend. Seine Hände gestikulierten. Er
-blieb stehen. Lachte. „Das war ein Witz.“ „Aber ein recht guter Witz“,
-sagte der Partner. „Nun, es geht“, gab Jürgen zu, schritt aus. „Sehen
-Sie, da sprach ich letzthin mit Katharina ...“
-
-„Was sagte ich eben?“ fragte er entsetzt sich selbst und zog den Kopf
-ein, schwieg.
-
-Und schon nach zehn Schritten begann er ein neues Gespräch. Der Partner
-konnte ein fremder Mensch sein, den Jürgen kurz vorher in der Bank
-gesprochen, ein Kind, das ihm nachgesehen hatte, die schon längst
-verweste Tante. Jürgen, der Student, war anfangs nur sekundenlang der
-Partner des zweiundvierzigjährigen Jürgen. Denn Jürgen versah den
-Studenten sofort mit einem Vollbart, setzte ihm eine Brille auf, zog ihm
-einen Pelzmantel an, so daß er an einen fremden Herrn seine Worte
-richten konnte. Aber späterhin wehrte sich der Jüngling erfolgreich
-gegen die Verkleidung, ließ Mantel, Brille und Bart fallen, wurde
-gedankenschnell zum Studenten und erklärte mit ruhiger Stimme dem
-Zweiundvierzigjährigen: „Sie sind ein ganz niederträchtiges,
-verräterisches Nichts.“
-
-„Warum bin ich ein Nichts? Erlauben Sie mir!“
-
-Der Student, der die abgeschnittene Hose trug, auf die das Hinterteil
-aufgenäht war in Breechesschwung, wies genau nach, weshalb Jürgen ein
-Nichts sei, hielt eine feurige Rede, geriet in Begeisterung. Jürgen
-hörte verzückt zu und versuchte, selbst in dieser Tonart
-weiterzusprechen: von Hingabe, Kampf und Zielen.
-
-„Halt, das sage ich. Ich sage das. Sie haben nicht das Recht, so zu
-sprechen. Sie haben dieses Recht verwirkt.“
-
-Da ließ Jürgen dem Studenten sofort wieder einen Vollbart wachsen. Aber
-als er ins Wohnzimmer trat, erblickte er den Studenten, der lebensgroß
-an der Wand lehnte. Etwas verschwommen, fern, vergangen. Und ungeheuer
-gegenwärtig.
-
-„Das ist ja großartig“, rief Jürgen frisch, stellte den Spazierstock in
-die Ecke und sich selbst vor das Bild. „Du gefällst mir ... Je, je,
-weshalb denn gar so ernst! Schlechte Geschäfte?“
-
-Die Photographie antwortete nicht.
-
-„Nein, nein, entschuldige. Ein Scherz! Soll nicht mehr vorkommen.“ Er
-schritt zur Tür, wollte Phinchen rufen und ihr das Bild zeigen.
-
-„Sind nicht vorhanden.“
-
-„Wer ist nicht vorhanden?“ Jürgen war herumgeschnellt; ganz deutlich
-hatte er die drei Worte gehört, die laut und tonlos gesprochen worden
-waren. Er starrte hinaus in den Garten. Da war niemand. Auf den
-Zehenspitzen schlich er zum Bilde zurück, wiederholte gedankenverloren:
-„Wer? Wer ist nicht vorhanden?“ Ging zur Tür, Phinchen zu rufen.
-
-„Sie sind nicht vorhanden.“
-
-Er ließ die Türklinke los und trat, beide Hände in den Hüften, wieder
-knapp vor das Bild hin. „Nein, Sie, mein Lieber, Sie sind nicht
-vorhanden. Sie sind ganz gewöhnliches Bromsilberpapier. Verstanden!“
-
-„Ich bin da. Ich bin.“ Die Photographie deutete mit dem Zeigefinger auf
-Jürgens Brust: „Sie dagegen nicht. Was von Ihnen da ist, bin ich. Aber
-ich habe mit Ihnen nichts mehr gemein. Also sind Sie gar nicht mehr
-vorhanden.“
-
-Da packte Jürgen die schmal gerahmte Photographie und stellte sie mit
-der Bildseite gegen die Wand. „Und was sind Sie jetzt, he? Nichts als
-Pappe! Ganz gemeine graue Pappe!“ Er trat zurück.
-
-Und sah, von unermeßlichem Entsetzen geschüttelt, zu, wie das Bild auf
-der Papprückwand erschien, und hörte die bekannten Worte: „Ich
-versichere Ihnen, so wahr es ist, daß sehr viel mehr als neunundneunzig
-Prozent aller Zeitgenossen, die so viel von Seele schmusen, in gar
-keiner Weise mehr von ihrer Seele gestört werden, so wahr ist es, daß
-bei gewissen Individuen in gewissen Momenten die Seele spielend leicht
-durch den Schutzwall durchschlüpfen und ihr vorbestimmtes Recht
-verlangen kann.“ Die Photographielippen hatten sichtbar die Worte
-geformt.
-
-„Du Lump bist nichts als Pappe“, brüllte Jürgen, stürzte hinaus, zerrte
-Phinchen vor das Bild. „Dreh es um! ... Wer ist das?“
-
-„Das ist der gnädige Herr, wie er jung war.“ Phinchen bekam vor Rührung
-nasse Augen.
-
-„Also ich bin das, nicht wahr, ich?“
-
-„Wie Sie jung waren.“
-
-„Das heißt doch aber: ich bin es. Ich!“
-
-„Ja, wie Sie früher waren.“
-
-„Jetzt sage mir: wen hast du lieber, den da oder mich?“
-
-„Sie natürlich, gnädiger Herr! Das ist ja nur eine Photographie.“
-
-„Das ist ein Irrtum. Ich bin er. Und er ist ein Nichts.“
-
-Jürgen führte Phinchen schnell in die Küche. „Sag mir, Phinchen, hast du
-ihn sprechen hören, den da drinnen? ... Nein, schweige! Ich will nichts
-wissen.“
-
-Schnelle Schritte stellten ihn wieder vor das Bild hin. „Hör mal, du
-bist nichts als eine Photographie und kostest mich soundso viel. Mit
-Rahmen ... Hier ist die Rechnung.“
-
-„Sie irren sich. Ich bin alles, was Sie verraten haben, und koste Ihnen
-den Verstand.“
-
-„Das wollen wir sehen.“ Er stieg sofort ins Bad, duschte sich
-minutenlang kalt ab, schluckte Brom und legte sich ins Bett.
-
-Die Photographie stand im dunklen Wohnzimmer. Lebensgroß. Jürgen saß
-aufrecht im Bett und glotzte durch sechs Wände durch auf die
-Photographie.
-
-„Sie hat Augen. Sie blickt ... Kann man einen Blick photographieren? Ob
-wohl mein Blick von damals auch mitphotographiert, ganz genau, wie er
-war, mitphotographiert worden ist? ... Und das, was hinter dem Blicke
-ist? Was hinter einem Jünglingsblicke ist?: Sehnsucht, Bereitschaft zur
-Hingabe, die großen Gefühle – die Seele? Wurde damals auch meine Seele
-mitphotographiert?“
-
-Jürgen sah deutlich den Jünglingsblick, der als große Frage an das Leben
-in den Augen stand.
-
-Ohne die photographierte Frage an das Leben aus den Augen zu lassen,
-legte er den Kopf langsam und sanft auf das Kissen, schlief ein. Und im
-Schlafe war nichts auf der Welt, als seine Augen und die zwei
-photographierten Augen. Die Blicke der zwei Augenpaare trafen sich
-stundenlang, bis dieses lautlose Sichtreffen der Blicke Jürgen aus dem
-Schlafe hob.
-
-Die brennende Kerze in der Hand, schlich er ins Wohnzimmer, vor das Bild
-hin. „Und wenn ich nun“, sagte er und nahm das Bild aus dem Rahmen,
-„mich in den Rahmen stelle?“
-
-Das Nachthemd reichte bis zu den behaarten Waden. Eine Weile blieb er
-vollkommen reglos im Rahmen stehen und starrte wild auf den
-gegenüberstehenden Jüngling.
-
-Dessen ernster, vergangenheitsferner Blick zwang Jürgen, wieder aus dem
-Rahmen herauszutreten. Überwältigt von der Unerbittlichkeit des
-Jünglingsblickes, brach er vor dem Bilde in die Knie. „In dir lebt das
-ewig unverrückbare Ziel.“
-
-Die Kerze in der einen, die Photographie in der andern Hand, stieg er
-hinauf in das Zimmerchen, das er als Jüngling bewohnt hatte, lehnte das
-Bild an die Wand. Und als er den Türdrücker gefaßt hatte und fortgehen
-wollte, stieg aus den seit Jahren verschütteten Gefühlen ein Strom von
-Hilfsbereitschaft auf. „Kannst nicht immer stehen. Kannst nicht dein
-Lebenlang stehen.“
-
-Er knickte das lebensgroße Bild in der Rumpfmitte ab, nach vorne, daß es
-einen rechten Winkel bildete, dann bei den Knien nach rückwärts und
-setzte die Photographie auf das Kanapee.
-
-Tränennaß und fassungslos schluchzend kam er im Schlafzimmer an. Und
-hatte, wie er stöhnend und wimmernd in das Kopfkissen hineinklagte, das
-von Hoffnungslosigkeit durchbebte Gefühl, lebenslänglich getrennt zu
-sein von sich, von seiner Jugend, die im modrigen Studentenzimmer auf
-dem Kanapee saß.
-
-Andern Tages wollte er auf der Straße schon den Hut ziehen vor Herrn
-Fabrikbesitzer Hommes, der grußlos vorüberschritt. Jürgen blieb stehen,
-Hand auf dem tobenden Herzen. „Sieht er – sieht man mich nicht? Bin ich
-unsichtbar? ... Ich bin doch aus Fleisch und Knochen, habe Augen, Stirn,
-Hände.“ Er umfaßte sein Handgelenk, wollte sich überzeugen, preßte das
-Gelenk.
-
-Da öffnete sich sein Mund in grenzenlosem Entsetzen: die umfassende Hand
-war zur Faust geworden: kein Handgelenk war in ihr. Noch einmal umfaßte
-er das Handgelenk. Wieder wurde die Hand zur Faust.
-
-„Nicht mehr vorhanden?“ fragte er, hob die Augenbrauen. „Überhaupt nicht
-mehr?“ Er pfiff bedeutsam. „Jürgen Kolbenreiher ist also überhaupt nicht
-mehr da. Ist einfach weg? Ist Luft? Und das nicht einmal? Ein glattes
-Nichts?“
-
-Hastig öffnete er das Taschenmesser, stach die Spitze hinein in seinen
-Schenkel, wollte vor Freude über den Schmerz schon einen Triumphschrei
-ausstoßen. Und fühlte nichts.
-
-Er bohrte tiefer, drehte die Messerspitze in der Wunde herum, fühlte
-nichts.
-
-Da marschierte sein in das Grauen hineingeduckter Körper nachhause und
-legte sich auf das Kanapee.
-
-„Was ist, wenn ich jetzt aufstehe, hinausgehe in die Küche und Phinchen
-sieht mich nicht?“
-
-Plötzlich stand, von Phinchen hereingeführt, der Bankdiener im Zimmer.
-Der Herr Prokurist lasse fragen, ob Herr Kolbenreiher auch heute nicht
-ins Bureau komme.
-
-„Wo? Wo ist er? Sehen Sie ihn denn, da Sie ihn fragen? Wissen Sie denn,
-wo Herr Kolbenreiher sich momentan aufhält?“
-
-Und da der Diener den Mund aufsperrte: „Ich bin nicht vorhanden, nicht
-anwesend, ich bin nicht da, kann also auch nicht in die Bank kommen.“
-
-„Ich werde also ausrichten, Herr Kolbenreiher seien verreist.“
-
-„Ah!“ rief Jürgen, als der Diener fort war. „Vielleicht bin ich nur
-verreist. Einfach verreist! Nach Italien! Paris! So wirds sein.“
-
-Jürgens Gesicht wurde flach; die Augen sprangen vor. Er stürzte in die
-Küche. „Hilf mir, Phinchen, rate mir, wie erfahre ich, wo er ist. Die
-Welt ist groß. Was soll ich tun, ihn zu finden ... Rufe schnell den
-Diener zurück.“
-
-Und als das entsetzte Mädchen den Diener wieder in das Zimmer führte:
-„Besorgen Sie mir einen Reisepaß. Aber auf den Namen Jürgen
-Kolbenreiher!“ Er zwinkerte schlau. „Wenn Sie sich geschickt anstellen,
-merkts vielleicht niemand, daß nicht ich selbst es bin.“
-
-„Das ist gar nicht schwer“, sagte der Diener und ging. Phinchen weinte.
-
-„Im Gegenteil! Sehr schwer! Man kann es ertragen, sein Vermögen zu
-verlieren, aber sich selbst zu verlieren erträgt kein Mensch.“
-
-„Das ertragen die andern großartig; aber, zum Beispiel, das Vermögen zu
-verlieren, ertragen sie nicht. Und aus diesem einfachen und unheimlichen
-Grunde ertragen sie es so leicht, sich selbst zu verlieren. Die sind
-nicht vorhanden und haben davon nicht die leiseste Ahnung.“
-
-Ganz langsam legte Jürgen beide Handflächen an die Schläfen, noch einmal
-zu kontrollieren, ob sein Kopf da sei. Die Handflächen trafen zusammen.
-Kein Kopf war dazwischen. Jürgen stieß einen kurzen Schrei aus. Und lag
-leichenstill bis in die Nacht hinein. Der Reisepaß war schon gebracht
-worden.
-
-Die Stadt schlief. In Haus und Garten rührte sich nichts. Der volle Mond
-hing am Himmel. Jürgen schlich ins Arbeitszimmer, einige Minuten später
-durch den Garten, heftete einen Kanzleibogen an den Türpfosten, an den
-er die Tafel ‚Hier wird Armen gegeben‘ angebracht hatte, und las:
-
-„Wer den Aufenthaltsort Jürgen Kolbenreihers anzugeben vermag, erhält
-jede gewünschte Summe. Hier werden Begeisterung, unverbrauchte Wahrheit,
-Bewußtsein und Hingabe gekauft.“
-
-Befriedigt stieg er die Treppe hinauf und packte seinen Reisekoffer,
-wusch sich, kleidete sich um.
-
-Noch einmal schlich er in das dunkle Schlafzimmer, vor den mannshohen
-Ankleidespiegel. Die Hand am Schalter, wartete er erst einige Sekunden,
-bevor er das Licht andrehte.
-
-Lebensgroß erschien das Spiegelbild. Jürgen schrie vor Freude, hob dabei
-den linken Arm.
-
-Das Spiegelbild hob den Arm nicht.
-
-Jetzt erst bemerkte er, daß im Spiegel der Jürgen stand, der, in knapp
-sitzendem Gesellschaftsanzug, beherrschte Kraft in Schultern, Brust und
-Blick, die Blicke aller im Saale Anwesenden auf sich zog: der Jürgen,
-den er, sitzend auf der Anlagenbank, als zu erstrebendes Ziel in den
-grünen Bretterzaun hineingesehen hatte.
-
-Jürgen hob die Augenbrauen, pfiff, tanzte, schnitt Grimassen, ballte die
-Fäuste. Das Frackherrspiegelbild rührte sich nicht. Das Entsetzen war
-ungeheuer.
-
-Er drehte das Licht aus, verbrachte atemlos einige Sekunden, drehte an,
-stierte in den Spiegel.
-
-Im Spiegel war nichts. Jürgens Finger drückte den Knopf.
-
-Phinchen, die weinend vor der Schlafzimmertür gekniet hatte, trat sofort
-ein, wurde vor den Spiegel gezerrt. Ob sie ihn sehe?
-
-Händeringend beteuerte sie, daß er neben ihr im Spiegel stehe. Sein
-wütendes Fragen und ihr jammervolles Deuten dauerten so lange, bis
-Jürgen, durchblitzt von einem letzten Rettungsgedanken, langsam sagte:
-„Wenn ich mich jetzt mit dir zusammen ins Bett lege, dann muß ich doch
-fühlen, daß ich bin. Denn dies, es ist das starke Gefühl.“
-
-Phinchen ließ die Arme sinken, war bereit.
-
-„Aber mit wem denn? Ich bin ja nicht. Hab ja keine Arme zum Umarmen ...
-Weißt du, Phinchen, die Hauptsache ist, daß ich wieder ein Fetzchen
-Gefühl bekomme. Gefühl! Dann suche ich ihn. Dann finde ich ihn auch.
-Geh, Phinchen, geh!“
-
-Bis zum Morgen lag er mit offenen Augen im dunklen Schlafzimmer.
-
-Der Kolonialwarenhändler von nebenan und der Antiquitätenhändler, der in
-der Hauptstraße des Villenviertels eine Filiale hatte, sahen Jürgens
-Zettel zuerst. Arbeiter und Weiber, Kinder, auf dem Wege in die Schule,
-Milch- und Semmelausträger sammelten sich an. Der Antiquitätenhändler
-machte einen Witz über die neue Konkurrenz. Das Gelächter drang bis zu
-Jürgen hinauf.
-
-Der stritt sich mit einem Fremden herum, der seine Gefühle nicht
-verkaufen, sondern sie nur gegen andere Gefühle eintauschen wollte.
-
-„Aber ich besitze ja keine ... Hören Sie“, er faßte den Fremden bei der
-Schulter, „ich gebe Ihnen mein gesamtes Vermögen gegen etwas Gefühl,
-gegen ein Bruchstückchen Begeisterung, gegen den leisesten Hinweis auf
-ein Ziel. Nur ein bißchen Bewußtsein! Ich bitte Sie.“
-
-„Geht nicht! Gefühl hin – Gefühl her! Hingabe gegen Hingabe!“
-
-Jürgen warf die Hände vor: „Meine Villa, die drei Mietskasernen, meinen
-ganzen Aktienbesitz, meine Stellung und Macht, mein Geachtetsein, alles
-will ich Ihnen geben und will dafür nur mich.“
-
-Vor dem Hause ertönte stürmisches Gelächter. Das klang wie fernes
-Möwengeschrei. Der Antiquitätenhändler witzelte: „Ankauf gut erhaltener
-Ideale. Stil Louis XVI.“
-
-Auch der Nachbar war hinzugetreten, las den Zettel. „Da ist etwas nicht
-in Ordnung“, sagte er und klinkte die Gartentür auf.
-
-Jürgen horchte auf das vielfüßige Getrappel, nahm seinen Koffer, stürzte
-die Vordertreppe hinunter und davon.
-
-Im Auto fuhr er – Oberkörper vorgebeugt, als gelte es, ein Rennen zu
-gewinnen – zum Bahnhof. „Was kostet die Fahrkarte nach Paris?“
-
-Der Schalterbeamte nannte die Summe, griff in das Billettregal.
-
-„Und nach Rom? ... Nach Odessa?“
-
-„Wohin also?“
-
-„Zu mir! ... Verzeihung – es könnte ja sein –, wissen Sie vielleicht
-zufällig, ob Jürgen Kolbenreiher momentan in Berlin oder in Wien ist?“
-
-„Wie meinen?“
-
-„In London oder Madrid?“
-
-„Was? Wer? Was wollen Sie?“
-
-„Um Himmels willen – in New York?“
-
-Der Schalterbeamte starrte wütend.
-
-Und Jürgen sagte: „Sie wundern sich? Tun Sie das nicht! Auch Sie können
-nicht wissen, wo und was Sie sind, in Rom oder in Chikago, Matrose in
-der südlichen Hafenstadt oder Schreiber in einer Beamtenstube
-Norddeutschlands, die Sie nie betreten haben. Oder sitzen Sie in
-hunderttausend Schalterkästen gleichzeitig? Keine Ahnung haben Sie.
-Kommen Sie mit! Denn hier in diesem Schalterkasten werden Sie sich nie
-finden. Oder glauben Sie gar, Sie seien Sie? ... Bruder, verwandt mit
-mir durch dein Schicksal, steige heraus aus deinem Kasten. Denn hier
-kannst du dich bis an das Ende deines Lebens niemals finden. Suche dich
-... Suchet, so werdet Ihr finden ... Aber dir, ich weiß es, dir Armen
-ist nicht einmal das Suchen verstattet.“
-
-Eilige Reisende drängten Jürgen vom Schalter weg. Die Abfahrt eines
-Zuges wurde ausgerufen. Jürgen sprang in ein Abteil dritter Klasse.
-
-Zu der alten, verhärmten Arbeiterfrau, die ihm gegenübersaß, sagte er
-noch, er suche, was jeder Mensch auf dieser Erde lebenslang suche. Und
-schlief ein. Seine Gesichtsmuskeln zuckten, als streite er heftig mit
-jemand.
-
-Die Frau glaubte, Jürgen friere, betrachtete erst eine Weile mitleidig
-und unschlüssig das zerklüftete Gesicht. Dann wagte sie es doch, ihre
-Wolldecke vorsichtig über seine Knie zu breiten.
-
-
-
-
- VIII
-
-
-Wochenlang wußte niemand, wo er war. Phinchen, von neugierigen Nachbarn
-befragt über das scheue Verhalten Jürgens in der letzten Zeit,
-verweigerte jede Auskunft. Und Herr Wagner, bestrebt, unliebsame
-Gerüchte, die das Ansehen der Bank schädigen könnten, nicht aufkommen zu
-lassen, sprach von einer wichtigen Geschäftsreise so vorsichtig und
-wortkarg, als würde schon ein einziges schlechtgewähltes Wort
-Riesenverluste für die Bank bedeuten.
-
-Endlich erzählte ein Kunde, er habe Jürgen in Rom gesehen – nannte Tag
-und Stunde – und zwei Tage später noch einmal in der Halle des selben
-Hotels, leider nur sehr flüchtig, da Jürgen, offenbar in besonders
-dringenden Geschäften, in größter Eile auf das wartende Auto
-zugeschritten sei.
-
-Herr Wagner machte ein wissendes Gesicht. Und schwieg auch dann noch,
-leise zwinkernd, als ein Pariser Geschäftsfreund ruhig lächelnd
-behauptete, das sei nicht gut möglich, denn an dem dazwischenliegenden
-Tage habe er selbst in Paris im Direktionsbureau sich mit Jürgen
-unterhalten und persönlich ihm eine große Summe gegen einen Scheck des
-Hauses Wagner und Kolbenreiher ausbezahlt. „Das war am ...“
-
-„Stimmt!“ unterbrach Herr Wagner. „Beides stimmt. Es gibt Fälle, meine
-Herren, wo die Geschäftskonstellation unsereinen zwingt, schneller als
-eine Schwalbe zu sein.“
-
-Der Zeigefinger sank. Was aber, wenn jetzt noch einer kommt und
-behauptet, er habe ihn um die selbe Zeit in London gesehen? dachte Herr
-Wagner,
-
-während Jürgen, in der Droschke ungeduldig vorgebeugt, überdacht von
-einem rot- und weißgestreiften Riesensonnenschirm, vom Bahnhof der
-südlichen Hafenstadt in das Hotel fuhr, in dem er vor vierzehn Jahren
-als Neuvermählter mit Elisabeth gewohnt hatte.
-
-Ein Servierkellner verscheuchte mit der Serviette Fliegen von den
-blumengeschmückten, weißgedeckten Tischchen. Gegenüber schliefen zwei
-braungebrannte Männer auf den breiten Steinstufen im Schatten des
-Palastes.
-
-„Sagen Sie mir, aber aufrichtig: ist Herr Jürgen Kolbenreiher im Hause?“
-
-Zurückweichend drehte der Kellner sich um sich selbst und schlug dabei
-mit der Serviette heftig in die Luft nach einer großen Bremse. „Ich
-werde sofort nachsehen.“
-
-Der dicke, befrackte Oberkellner blieb, den Zahnstocher noch im Munde,
-im kühlen Hausflur stehen, zeigte Jürgen, der draußen im Sonnenbrande
-stand, fragend und verneinend beide Handflächen und deutete plötzlich
-und schwungvoll mit beiden Händen einladend flurwärts.
-
-„Nicht dagewesen? ... Ist das Zimmer Nummero 7, mit Aussicht auf den
-Hafen, frei? ... Dieses Zimmer nämlich hätte er genommen“, sagte er beim
-Hinaufgehen. Und erkannte sofort den geblumten Überzug der Ottomane
-wieder.
-
-Setzte sich in den Sessel. Plötzlich sah er, wie damals, Jürgen mit
-Elisabeth in der Halle eines Pariser Hotels stehen. ‚Das bin ja gar
-nicht ich. Das ist ein ganz anderer. Nicht der, den ich suche ... Wenn
-ich wenigstens nur den finden würde, der hier in diesem Zimmer gesessen
-hatte. Denn auch der wußte, daß der in Paris herumlebende Schuft nicht
-Jürgen war. Aber wo, wo ist er, der dies wußte? Wo?‘
-
-„Hier ist er also nicht? In diesem Zimmer wohnt er nicht?“
-
-„Dieses Zimmer ist frei, Herr.“
-
-„Aber es war doch nicht immer frei! Sagen Sie mir – aber denken Sie
-scharf nach –: ist Herr Jürgen Kolbenreiher nicht doch hier gewesen in
-der letzten Zeit? Dieser selbe Herr Kolbenreiher nämlich, der vor
-vierzehn Jahren einige Tage in diesem Zimmer gewohnt hat mit seiner
-Frau! Mit einem Fisch! Sie erinnern sich! Unveränderlich in ihrem Wesen.
-Kühl! Kühl! Nur in der Nacht, in der Nacht, wenn die Liebe erwacht ...
-Er bezahlte damals – ich erinnere mich genau –, da er anderes Geld nicht
-hatte, Ihnen persönlich die Rechnung in Mark.“
-
-„Eine blonde Dame? Mark! Ah, Mark! ... Der Herr ist damals gleich
-abgereist und seither nicht mehr hier gewesen.“
-
-„Abgereist?“ Jürgen fuhr sofort zum Bahnhof und reiste ab. Mit dem
-ersten Zuge, der ausgerufen wurde. Endstation Berlin.
-
-Wurde achtzehn Stunden später von den hastig und zielbewußt
-Auseinanderstrebenden mitgerissen durch die Berliner Bahnhofshalle und
-hinausgestellt auf den Platz, zwischen brüllende Zeitungsverkäufer,
-schnelle Radler, brüllende Autos, hetzende Fußgänger, und verharrte
-reglos: eine Achse, um die herum das Leben der flachen Stadt sauste.
-
-Auf dem Potsdamer Platz, dem Mittelstück verkehrreichster Straßen, stand
-der Schutzmann, das Blasinstrument am Munde, die Hand dirigierend
-erhoben.
-
-„Die Richtung! Bitte! Ich bitte. Die Richtung! Welche Richtung führt zu
-mir?“ fragte er den Schutzmann.
-
-Der antwortete: „Nicht stehen bleiben! Vorwärts!“
-
-„Im Gegenteil! Das Ganze Halt! Ich sage Ihnen, auf diese Weise nähern
-die Menschen sich, auch wenn sie ihr ganzes Leben lang so weiter rasen,
-nicht um einen Millimeter dem Ziele, während vielleicht ich, ah, glauben
-Sie mir ...“
-
-Der Schutzmann hielt, als schwöre er zu Jürgens Worten, die Hand
-erhoben, senkte sie: Zeitbesessene Menschengruppen, Straßenbahnen,
-überfüllte, dunkelbrüllende Riesenautobusse, springende Häuser, nahmen
-das Rennen wieder auf, die Leipziger Straße hinauf, schwemmten Jürgen
-mit, der, ein Lächeln unbegreiflicher Zuversicht im Antlitz, mitten auf
-dem Fahrdamm schritt.
-
-Autos, von rückwärts und von vorne kommend, sausten auf ihn zu und,
-sekündlich ausweichend, in unvermindertem Tempo vorbei, knapp, daß nicht
-handbreit Zwischenraum geblieben war. Chauffeure glotzten wütend,
-schimpften, waren weg. Passanten staunten.
-
-Das Lächeln der Zuversicht verschwand. „Unverwundbar? Luft? Nicht
-vorhanden? Autos fahren durch mich durch!“ Beide Handflächen schnellten
-zu den Schläfen, fanden keinen Kopf. Das graue Entsetzen stieß ihn
-weiter.
-
-Menschen, einer flüchtenden, schwarzen Tierherde gleich, rannten, von
-der Straße weg, eine Treppe hinunter, rissen Jürgen mit, hinab in das
-mit Reklamebildern austapezierte Erdmaul, hinein in die verhalten
-bebende Maschine.
-
-Eingeklemmt zwischen Passagiere, die, vorausblickend, in Gedanken schon
-bei ihrer Zielstation angelangt waren, sauste Jürgen unter der Stadt
-durch, flüsterte, die Hand am Munde, in ein Menschenohr: „Alles rennt
-und hetzt, hin und her, kreuz und quer, Tag und Jahr. Komisch und
-bedeutsam! Denn – denn die Banken schießen auf. Neue Stockwerke werden
-aufgesetzt, Kutscherkneipen umgebaut zu Wechselstuben. Dies, ich sage
-Ihnen, dies ist das Zeichen.“ Er hob, wie vorhin der Schutzmann, die
-Hand, warnend, als wolle er aufmerksam machen auf eine heranrollende
-ungeheure Katastrophe.
-
-Die Bahn sauste empor, über eine gespreizte Eisenbrücke. Jürgen wurde
-auf den Asphalt gestellt, blickte umher. Trambahnen, Hoch- und
-Stadtbahnzüge kreuzten einander, spien Menschenmassen aus, nahmen andere
-auf.
-
-Zum beschäftigten Hotelportier sagte er in falscher Gleichgültigkeit, er
-sei und heiße Jürgen Kolbenreiher. „Hier, mein Paß! Überzeugen Sie
-sich!“ „Gilt schon!“ Füllte den Meldezettel aus.
-
-Und hüpfte in seinem Zimmer vor Vergnügen, den Portier getäuscht zu
-haben. „Was die andern können, kann auch ich. Auch ich kann ein
-Vorhandensein vortäuschen, das keines ist. Muß mich nur auch
-selbstbewußt benehmen, darf niemand merken lassen, daß ich nicht bin.
-Denn jemandem, der nicht ist, gibt niemand Auskunft. Und ich werde viele
-nach mir fragen, werde lange nach mir suchen müssen, eh ich mich finde.“
-
-Er horchte auf das Brausen der Stadt. Das klang wie das Bellen von
-Millionen vor Hunger irrsinnig gewordener Hunde.
-
-Plötzlich sah er deutlich, wie Jürgen langsam durch eine Straße ging,
-vorbei an einem Hutgeschäft, und im Gewühle verschwand. Konnte nicht
-ermitteln, ob er diese Straße und dieses Hutgeschäft in Paris, Berlin
-oder Rom gesehen hatte.
-
-„Es gibt so viele, ach, so viele Straßen und so viele Hutgeschäfte auf
-der Welt.“ Mutlos ließ er sich in den Sessel sinken.
-
-„Was mag er jetzt denken? Was fühlte er in dieser Sekunde?“ Jürgen zog
-die Uhr. „Wenn ich ihn gefunden habe, frage ich ihn, was er in diesem
-Augenblick, um dreiviertel sechs, gedacht hat. Ach, wie wunderbar wäre
-es, zu wissen, was ich gegenwärtig denke ... Der Mensch denkt. Welch
-unbegreifliches Wunder ist das Denken! ... Daß er aber auch gleich
-wieder verschwunden ist! Wird schwer zu finden sein. Ich muß mir ein
-System ausdenken. Ein Schema. Ich muß systematisch vorgehen.“
-
-Mit Bedacht setzte er die Maske der Gleichgültigkeit und Sicherheit auf,
-schritt zur Klingel. Und kramte dann doch, das Gesicht abgewendet, im
-Koffer, als er zum Kellner sagte: „Bitte, bringen Sie mir einen
-Stadtplan ... Sie können mir auch ein Schinkenbrot mitbringen, wenn Sie
-wollen.“
-
-„Ausgezeichnet! Das habe ich ausgezeichnet gemacht. Denn ein Mensch, der
-ein Schinkenbrot verzehren kann, ist vorhanden. Das ist klar. ‚Sie
-können mir auch ein Schinkenbrot mitbringen, wenn Sie wollen.‘
-Großartig! Dieses ‚Wenn Sie wollen‘ war sehr gut.“
-
-Und als der Kellner den Stadtplan brachte und ein Brot mit Wurst, da
-Schinken nicht im Hause sei, tat Jürgen verdrießlich. „Ich hätte lieber
-Schinken gegessen. Nun, es kann auch Wurst sein.“ Der Kellner wollte
-gehen.
-
-„Einen Augenblick!“ Er schnitt ein Stück ab, steckte es vor des Kellners
-Augen in den Mund. „Wieviel Einwohner hat Berlin? Ich suche nämlich
-jemand“, sagte er und kaute eifrig für des Kellners Augen. „Deshalb habe
-ich mir den Stadtplan bringen lassen. Die Wurst ist übrigens sehr gut.
-Sehr gut! ... Und morgen bringen Sie mir zum Frühstück warme Milch und
-eine Semmel. Nur etwas warme Milch! Ich habe nämlich einen schwachen
-Magen.“
-
-„Sehr gut gemacht! Bewundernswert! Nur etwas warme Milch. Ich habe
-nämlich einen schwachen Magen.“ Er hüpfte. „Es wird. Es wird.“
-
-Eifrig studierte er den Stadtplan, zog Blaustiftstriche von
-Schmargendorf nach Wilmersdorf, über Charlottenburg weg nach Rixdorf,
-bohrte auf das e von Steglitz ein i und kicherte: „Stieglitz“. Trillerte
-wie ein Stieglitz. Trillerte noch, als er schon im Bett lag. Und
-trillerte sich lustig und hoffnungsvoll in den Schlaf hinein.
-
-Erwachte morgens mit dem Rufe: „Hahaha, einen schwachen Magen! O, hätte
-ich nur einen schwachen Magen, ein Magengeschwür, qualvoll und
-lebensgefährlich. Wäre doch immerhin ein Magen.“
-
-Trank hastig die warme Milch und stellte, die staunenden Augen
-vergrößert, die leere Tasse auf den Tisch. „Aber ich trank ja eben
-Milch. Ich! Ich trank. Ein Mensch trank Milch. Also muß dieser Mensch
-doch einen Magen haben und muß ein Mensch, muß vorhanden sein.“
-
-Da lächelte er ein schlaues, anerkennendes Lächeln, als habe er einen
-besonders fein angelegten Betrug durchschaut. „Ist es mir also
-tatsächlich gelungen, sogar mir selbst vorzutäuschen, ich hätte einen
-Magen. Wunderbar! Kein Mensch wird merken, daß ich nicht vorhanden bin.“
-
-Langsam und vorsichtig, um nichts zu verschütten, trug er die leere
-Tasse zum Kübel, leerte die nicht vorhandene Milch aus, hörte das
-Plätschern. Und riß sich zusammen. „Jetzt aber los!“
-
-Es war erst sieben Uhr. Die starke Luft stand noch unverbraucht in den
-Straßen. Jürgen hatte große Eile, sprang in Stadtbahnzüge, die schon
-angefahren waren, wurde von der Untergrundbahn im Westen abgesetzt, von
-der Straßenbahn quer durch die ganze Stadt nach Berlin N getragen, auf
-dem Dache eines Autobusses nach Wilmersdorf zurück.
-
-Sein Schema benutzte er nicht. Denn immer, wenn er planvoll vorgehen
-wollte, fürchtete er, Jürgen werde zu der Zeit, da er ihn in Berlin O
-suche, in Berlin W sein. Er fragte viele Vorübereilende, ob sie wüßten,
-wo Jürgen Kolbenreiher sich momentan aufhalte.
-
-„Der Vortragskünstler? Ah, das Weinrestaurant mit der Bar?“
-
-„Nein, ein sehr entfernt Bekannter von mir.“
-
-„Und ich soll wissen, wo der ist?! Sind Sie wahnsinnig!“
-
-„Ja.“
-
-„Frechheit!“ Der Wütende sauste weiter.
-
-Nach vielen verständnislosen Rückfragen des dicken Dienstmannes, der auf
-seinem Bänkchen saß, sagte Jürgen: „Vielleicht ist er in Odessa.“
-
-„Na, denn fahren Sie man nach Odessa.“
-
-„Können vielleicht Sie mir sagen ...“
-
-„Keine Zeit!“
-
-„Er hat ... keine ... Zeit.“ Traurig blickte er den Händen nach, die den
-Weg hinter sich schaufelten.
-
-Wurde von den Hetzenden da- und dorthin gewiesen, angeschrien,
-stehengelassen, von Bummlern ausgelacht. Durchstreifte Restaurants,
-Kaffeehäuser, Kirchen, Warenhäuser, Kutscherkneipen, wurde in das
-Reichstagsgebäude nicht hineingelassen und aus einem Automatenrestaurant
-herausgeworfen, weil er, anstatt in den Schlitz, die Metallmarke dem
-verblüfften Kellner in den Mund geschoben hatte.
-
-Als er nach langer Fahrt vor dem Meldeamt ankam, war es schon
-geschlossen. Als erster stand er um zwei Uhr wieder vor dem
-Schalterfenster, bekam einen Zettel zum Ausfüllen. Sog den Staub- und
-Papiergeruch ein. Riecht wie in unserer Buchhaltung, dachte er. Und
-reichte, bebend vor Erwartung, den Zettel dem Beamten.
-
-Der unterhielt sich mit seinem Kollegen, schimpfte über die schlechte
-Beleuchtung, stand plötzlich reglos und sah aus, als denke er.
-
-‚Alle Menschen denken in jeder Sekunde ihres ganzen Lebens irgend etwas.
-Nur ich ...‘ „Was denken Sie momentan?“
-
-„Nichts“, bekannte mechanisch der Beamte. Dann erst staunte er und
-begann zu suchen.
-
-„Ist er hier gemeldet?“ fragte Jürgen gierig. „Kolbenreiher mit H!“
-
-Der Beamte gab keine Antwort; er unterhielt sich weiter mit seinem
-Kollegen über die Tatsache, daß ein Teppichgeschäft in Berlin N den
-Mitgliedern der Beamtenorganisation zehn Prozent Rabatt gewähre, fragte,
-ob er diesen Rabatt wohl auch bekäme, wenn er nur zwei ganz einfache
-Bettvorleger kaufe. „Wenn nicht, würde ich lieber Strohmatten nehmen.
-Kosten kaum die Hälfte.“
-
-„Und halten auch vierzehn Tage!“
-
-„Haben Sie den Personalakt gefunden?“ Jürgen streckte den Oberkörper
-durch das Schalterquadrat.
-
-„Man darf eben nicht mit den Schuhen darauftreten ... Nun, wenn man früh
-aufsteht ...“
-
-„Ist er hier gemeldet?“
-
-„... hat man ja in Berlin keine Schuhe an ... Nein, ein Jürgen
-Kolbenreiher ist bei uns nicht gemeldet.“ Das Schalterfenster klatschte
-knapp vor Jürgens Stirn herunter.
-
-‚Vielleicht lebt er einfach unangemeldet. Ich natürlich weiß am
-allerwenigsten, ob er dazu fähig ist.‘
-
-Vollkommen gefühl- und empfindungslos geworden, stand er in der
-verkehrreichen Straße, gleich einem zu Eis erstarrten Gegenstand, der in
-der lebendigen, sengenden Sonne steht und nicht schmilzt.
-
-In allen Menschengesichtern, die an ihm vorbei auf Körpern straßauf,
-straßab getragen wurden, stand, ob sie sprachen oder schwiegen, lachten
-oder dachten, die selbe eisesstarre Einsamkeit.
-
-So unabänderlich einsam, wie die Fliege, die, mit dem dicken Kopf voran,
-im Zickzack durch die Luft zuckt, dachte Jürgen und beugte sich,
-durchschüttert plötzlich von wunderbarem Wehgefühl, hinab zu zwei
-kleinen Kindern, die im Erdrund eines Baumes hockten und, in den Augen
-noch das volle Leben, hingegeben mit Steinchen spielten.
-
-‚Und in zehn Jahren wird die große, lebendige, schmerzliche Sehnsucht
-kommen, in weiteren zehn Jahren auch für sie die unlebendige graue
-Einsamkeit, da auch sie gleich allen dann die Sehnsucht nicht mehr haben
-werden.‘
-
-Ihn trieb die Sehnsucht, wiedererstanden in ihm durch das Erblicken der
-zwei noch im Fluß des Lebens spielverbundenen Kinder, weiter straßauf,
-straßab.
-
-„Ja, der wohnt dort in dem gelben Haus.“
-
-Das Herz blieb stehen. Klopfte noch immer nicht wieder. Begann in
-rasendem Tempo zu hämmern. Die Schläfen, graukalt geworden, stiegen über
-den Kopf empor. Todesangst packte und erfüllte ihn bei der Vorstellung,
-ihm, den er verraten und verkauft hatte, in die Augen zu blicken.
-
-Der am ganzen Körper Zitternde wußte, daß er auf der Stelle tot
-zusammenbrechen werde, angesichts des Andern; dennoch trug letzte
-Bereitschaft, die Glieder lösend selig ihn durchströmte, Jürgen auf das
-gelbe Haus zu, bis vor das Porzellanschild.
-
-Er sank, sank, sank. Stand endlich, Beine und Füße aus Blei, auf dem
-Asphalt und las wieder und wieder den nur ähnlich klingenden Namen.
-
-Alles Leben, das ganze Gewicht seines Körpers schien in den Beinen zu
-sein, so schwer waren sie geworden, als er sich weiterschleppte, toten
-Blickes.
-
-Die Detektei erreichte Jürgen noch knapp vor Bureauschluß. Mit dem
-ersten Blick schätzte der Inhaber den gut gekleideten Kunden auf die
-Vermögensverhältnisse hin ein, bemerkte schon nach zehn Sekunden, daß
-der vor ihm stand, den er suchen sollte, ließ sich eine Anzahlung geben.
-Am Morgen hatte Jürgen zu seiner Verwunderung gegen einen Scheck,
-unterschrieben mit dem Namen Jürgen Kolbenreiher, anstandslos eine große
-Summe ausbezahlt bekommen. „Haben Sie Hoffnung?“
-
-„Aber gewiß doch! Von der Hoffnung lebt man heutzutage ... Wie wärs mit
-einer Extraprämie, Herr ... Pardon, wie ist Ihr Name?“
-
-Und da Jürgen den Kopf schüttelte: „Ich habe keinen.“
-
-„Den wollen Sie nicht sagen, verstehe schon. Das kommt bei uns öfters
-vor ... Mit einer besonderen Prämie, die Sie demjenigen meiner Leute
-auszubezahlen hätten, der den Aufenthaltsort dieses Schuftes nachweist.“
-
-„Er ist kein Schuft. Im Gegenteil: wir sind Schufte!“
-
-„Erlauben Sie! Gewöhnlich sind meine Auftraggeber sehr achtbare Leute,
-die irgendeinen Schuft suchen lassen.“
-
-„Glauben Sie mir, es ist genau umgekehrt.“
-
-„Wie also sieht dieser Herr Jürgen Kolbenreiher denn nun eigentlich aus,
-im großen ganzen? ... Sie wohnen doch im Hotel, nicht wahr?“
-
-„Ich habe im Hotel einen falschen Namen angegeben. Den Namen desjenigen,
-den ich suche. Sie verstehen?“
-
-„Verstehe schon!“
-
-„Ich bin nämlich ... Ach nein, ich bin nicht. Das heißt, ich wollte
-sagen: ich bin inkognito hier, ganz und gar inkognito ... Wie Jürgen
-Kolbenreiher jetzt aussieht, das weiß kein Mensch auf der Welt. Denn es
-ist ganz unmöglich, zu wissen, wie ich aussehen würde, wenn ich so
-geworden wäre, wie ich bin. Das ist ja das Hoffnungslose.“
-
-„Nichts ist hoffnungslos. Ich habe schon schwerere Fälle mit gutem
-Erfolge zu Ende geführt. Beruhigen Sie sich. Nur Ruhe! Ich selbst werde
-den Fall bearbeiten. Und was die Extraprämie anlangt, so ist sie fällig,
-nachdem Sie selbst zugegeben haben werden, daß dieser von Ihnen gesuchte
-Jürgen Kolbenreiher gefunden ist. Welche Summe also ...?“
-
-„Jede Summe! Meine Villa, drei Mietkasernen, ein Riesenvermögen in
-Wertpapieren. Nehmen Sie alles, was ich habe, und geben Sie mir dafür
-Ihn!“
-
-Hinausbegleitet, verließ Jürgen das Bureau, nicht weniger Hoffnung im
-Herzen als der Detektiv, der, tief in Grübelei versunken, einen
-Bratensaucetropfen von seinem seidenen Rockaufschlag abkratzte, an die
-Villa, die Mietkasernen, an das Riesenvermögen dachte und keine Lust
-mehr hatte, des Dienstmädchens Alimentationsfall zu bearbeiten.
-
-Jürgen stand schon vor einer Plakatsäule, an der ein roter Zettel
-klebte, mit der Aufschrift: ‚Es geschieht alles, was du willst, nur
-kehre zurück.‘ Im Auto fuhr er in das Plakatinstitut.
-
-„Mit jedem Tausend mehr, das Sie drucken lassen, steigt die
-Wahrscheinlichkeit, daß Sie diesen Herrn Kolbenreiher finden.“ Der
-Unternehmer ließ die Augenbrauen fallen. „Das ist doch klar, nich?“
-
-„Fünftausend? ... Zwanzigtausend?“
-
-„Sind besser als zehntausend! Jetzt die genaue Beschreibung.“
-
-„Die gibts nicht.“ Er zog die Jugendphotographie aus der Tasche. „Hier
-ist das Bild dieses Menschen. Mein Jugendbild! Aber jetzt kann Jürgen
-Kolbenreiher unmöglich so aussehen. Und auch nicht so.“ Er deutete auf
-sein Gesicht.
-
-„Sagten Sie vorhin nicht, Sie selbst seien Jürgen Kolbenreiher?“
-
-„War ich! Bin ich wieder, wenn ich ihn gefunden habe.“
-
-„Hören Sie mal, einem Schwachsinnigen nehme ich kein Geld ab. Nee, ich
-bin doch keen Schnapphahn. Hab ich nich nötig ... Greifen Sie sich an
-den Kopf und sagen Sie sich: Da hab ich mich.“
-
-„Wenn das so einfach wäre! Wenn ich einen Kopf hätte!“
-
-„Na, denn rin in die Gummizelle!“
-
-Die Konkurrenz machte das Geschäft. Und schon am folgenden Tage war an
-allen Plakatsäulen zu lesen, welche Summe demjenigen ausbezahlt werde,
-der den Aufenthaltsort Jürgen Kolbenreihers angeben könne. Auf den
-knallroten Zetteln klebte Jürgens Photographie, die eigens zu diesem
-Zwecke aufgenommen worden war. Ein gewisser Anhaltspunkt sei die
-Photographie ja doch, hatte der Plakatmann gesagt.
-
-Den ganzen Tag durchquerte Jürgen suchend die Stadt. Niemand erkannte
-ihn. Der Detektiv machte den Versuch, das Geld zu verdienen. Einen
-Irrenarzt brachte er gleich mit ins Hotel.
-
-Jürgen zeigte den beiden seine Jugendphotographie. „Nehmen Sie an,
-dieser Mensch wäre auf dem Wege, den zu gehen er als seine Pflicht
-erkannt hatte, weitergeschritten, vierzehn Jahre älter geworden: wie
-würde er dann jetzt aussehen? Sicher nicht so wie ich ... Schaffen Sie
-mir den richtigen Mann bei, dann bezahle ich.“
-
-„Ich habe den richtigen Mann für Sie mitgebracht. Der wird Ihnen fix
-klarmachen, daß Sie selbst der Gesuchte sind“, sagte resolut der
-Detektiv. „Nicht wahr, Herr Doktor?“
-
-Der grinste. „So einfach wird das nicht sein.“
-
-Der Detektiv wurde energisch: „Sie müssen sich untersuchen lassen.“ Und
-der Doktor zog die Uhr. „Also, erst mal Ihren Puls, bitte.“
-
-„Was Puls! Meinen Puls? Sind Sie nicht bei Sinnen! Puls? Wenn ich einen
-Puls hätte!“
-
-„Nur los!“ rief der Detektiv, ging zu auf Jürgen, der zurückwich, die
-Bronzefigur vom Schreibtisch nahm.
-
-Als der Psychiater eine halbe Stunde später mit zwei Wärtern und einem
-Schutzmann zurückkam, war Jürgen schon in ein anderes Hotel
-übergesiedelt.
-
-Auf das Protokoll des Arztes hin wurde eine Anzahl Schutzleute
-ausgeschickt auf einen Streifzug durch die Hotels, Pensionen,
-Absteigquartiere, den Irren zu suchen, während dieser hoffnungsfroh die
-Stadt durchquerte, sich selbst zu suchen.
-
-„Kennen Sie einen Herrn Jürgen Kolbenreiher? Möglicherweise trägt er –
-ich, selbstverständlich, weiß das nicht – einen Schnurrbart.“
-
-Der Angeredete fragte zurück: „Verzeihung, sind Sie Schutzmann? In
-meinem Hotel waren nämlich heute Schutzleute, die einen entsprungenen
-Irren namens Kolbenreiher suchten. Viele Schutzleute durchsuchen ganz
-Berlin nach diesem Verrückten.“
-
-„Viele? ... Wunderbar! Sie werden mich sicher finden.“
-
-Getragen von Zuversicht, schritt er federnd und pfeifend auf das kleine
-Hotel zu, in dem er die letzte Nacht geschlafen hatte. Die
-Vorüberhetzenden, die Schutzleute, Chauffeure, alle blickenden
-Menschenaugen, alle Menschen auf der Erde suchten ihn.
-
-Da sah er wieder diese von einer unsichtbaren Last erdrückte Frau, der
-er schon am Morgen und noch einmal gegen Abend des selben Tages beinahe
-an der selben Stelle begegnet war, und die anzusprechen und nach sich zu
-fragen er nicht gewagt hatte, wegen der erstarrten Hoffnungslosigkeit in
-ihrem Antlitz.
-
-Die Frau, deren Lebensgefährte vor zwei Tagen gestorben war, trug, in
-Blick und Gang schon wie körperlos geworden, seit zwei Tagen die Last
-der hoffnungslosen Vereinsamung ziellos im Kreise immer um den selben
-Häuserblock herum.
-
-Das bange Gefühl, diese Frau sei in ihrem armen Herzen so ertötet, daß
-sie nicht mehr geben und nicht mehr empfangen könne, verhinderte ihn
-auch jetzt wieder daran, einmal bei der Hoffnungslosigkeit anzufragen,
-nachdem alle von Hoffnungen und Zielen noch Erfüllten ihm nicht hatten
-helfen können.
-
-Nur den Bruchteil einer Sekunde sah sie Jürgens bangen Blick auf sich
-gerichtet. Ein stöhnendes Schluchzen brach aus. Drei Töne. Dann trug
-sie, wieder starren Gesichtes, weiter langsam durch die Straße ihre
-hoffnungslose Vereinsamung.
-
-Vor dem Hotel sprach der Portier mit einem Schutzmann. Zurückweichend
-blieb Jürgen stehen, bewegte den Zeigefinger vor der Brust verneinend
-hin und her, pfiff, die Brauen hochgezogen, einen Ton und kehrte um.
-
-„Die suchen ja mich, den Falschen, den Scheinjürgen, den Scheckfälscher,
-den, der im Hotel den Namen Kolbenreiher auf den Meldezettel schrieb.
-Sie suchen das Nichts, das sich anmaßte, zu sein.“
-
-Die Angst, festgenommen und eingesperrt zu werden und sich dann nicht
-mehr suchen zu können, jagte ihn fort. In ein anderes Hotel zu gehen
-wagte er nicht. Er wagte nicht mehr, sich sehen zu lassen. Ganz
-plötzlich sah er keine Möglichkeit mehr, sich zu finden.
-
-„Eingekreist! ... Im Freien schlafen! Eingekreist!“
-
-Ein letzter Rest von Hoffnung, Hilfe zu finden bei der Hoffnungslosen,
-trieb ihn ihr nach, die Straße hinunter, die in den Tiergarten mündete.
-Sein Gesicht war in Abwehr verzerrt. Die Zähne bleckten.
-
-Sein Körper fiel auf die erste Bank, die am Spreekanal stand. Die
-Vereinsamte neben ihm hatte sich nicht gerührt. Sie ängstigte sich
-nicht. Sie blickte blicklosstarr auf das Leben, das weiter ging, hinweg
-über ihr Leben: Zwei Stadtbahnzüge, leuchtende Lineale, schoben sich
-aneinander vorbei, durch die Nacht.
-
-Sah das Sterbezimmer, wo der, mit dem zusammen sie in Kampf und Leid des
-Lebens ein Leben gelebt hatte, noch auf dem Bette lag, weiß zugedeckt,
-bis zum Kinn.
-
-Am Tone schon des ersten Wortes, das sie sprach, fühlte Jürgen, daß
-neben ihm das Schicksal saß.
-
-Zu Füßen der beiden regte sich leise das Leben: streifte das Wasser die
-Mauer.
-
-Sie hob die kraftlose Hand. Sie sagte, verzuckenden, tränenrauhen,
-warnenden Tones, als warne sie jeden einzelnen dieser Erde: „Kein hartes
-Wort kann mehr zurückgenommen werden.“
-
-Erschlossen plötzlich und schmerzlich berührt von der erhabenen Größe
-dieses schicksalhaften Leids der Hoffnungslosigkeit, berührte er die
-Schulter der Vereinsamten.
-
-Sofort brach sie in stöhnendes Weinen aus. „So früh gestorben, weil er
-für diese Zeit zu gütig war. Zu gütig war.“ Stand schwer auf. „Zu viel,
-zu viel ist mir geschehen.“ Und ging. Das Dunkel nahm sie.
-
-Vor dem reglos Sitzenden, der schmerzlich bewegt den verklingenden
-Schritten lauschte, ankerte neben der kleinen Eisenbrücke im Kanal ein
-Frachtschiff, auf dessen äußerster Spitze unter dem roten Signallicht
-ein junger Hund stand, der aufmerksam blickte. Und wie damals, da er,
-kommend aus Katharinas Zimmer, zusammen mit den neun Bezirksführern
-stadtwärts marschiert war, wehte auch jetzt kühler Teergeruch, und durch
-die Baumkronen schimmerten die Lichter der Stadt.
-
-Entbunden durch seine tiefempfundene Hilfsbereitschaft, die ihm
-verstattet hatte, das eigene Leid zurückzustellen, und verstärkt noch
-durch das erinnerungsträchtige Landschaftsbild, war in Jürgen plötzlich
-Sehnsucht nach Katharina und zugleich mit dieser brennenden Sehnsucht
-das Gefühl, körperlich vorhanden zu sein, mit solch blitzhafter
-Schnelligkeit entstanden, als ob es ihm nie entschwunden gewesen wäre.
-
-So gewaltig war die Freude, daß ihm nicht Kraft blieb, den Freudeschrei
-auszustoßen. Weichheit tat sich milde in ihm auf. Tränen drangen durch
-die Lider. Machtvoll zog die Hoffnung in ihn ein.
-
-„Schnauzl“, flüsterte er zärtlich und lockte mit Daumen und Zeigefinger.
-
-Der Hund erhob sich, wedelte mit dem Schwanzstumpf, lief, zutraulich
-wimmernd, auf dem Bordrand hin und her, stand, blickte, bellte
-verlangend einen Ton. Stille ringsum.
-
-„Ein Hund und am Himmel die Sterne. Das ist zu viel und zu wenig für den
-Menschen. Zu wenig und zu viel. Der Mensch leidet ... Er erkenne im
-Leide und kämpfe!“ sagte Jürgen. Das war wie ein Gelübde.
-
-Ohne Eile, ohne Weile schritt er stadtwärts, zum Bahnhofe. Und fuhr mit
-dem nächsten Zuge zurück in die Heimatstadt. Seine Haare waren ergraut,
-Gesicht und Körper ganz vom Fleische gefallen.
-
-Einige Tage nach seiner Rückkehr – Herr Wagner und drei Ärzte waren bei
-Jürgen gewesen – stand in der Zeitung, Herr Kolbenreiher, Teilhaber der
-bekannten Bankfirma (deren Stammhaus übrigens schon in den nächsten
-Tagen in neuer, verschönerter und bedeutend vergrößerter Gestalt dem
-Parteienverkehre übergeben werden würde), habe sich durch seine
-unermüdliche und hingebungsvolle Arbeit eine Nervenentzündung zugezogen,
-die zwar sehr schmerzhaft, aber bei der kräftigen Konstitution des
-Patienten nach Ansicht der Ärzte allein schon durch Ruhe und den
-Aufenthalt in frischer Luft rasch zu beheben sei, so daß Herr
-Kolbenreiher seine bewährte Arbeitskraft bald wieder in den Dienst der
-Firma werde stellen können.
-
-Auch Jürgen las diese Notiz. Ihn interessierte nur das Wort
-‚Konstitution‘. Er fragte Phinchen, ob sie glaube, daß er ein
-konstitutioneller Schuft oder ein Schuft aus freier Entscheidung, also
-ein für seinen Verrat verantwortlicher Schuft sei, der die Kraft gehabt
-hätte, keiner zu werden. Er stand unter dem Türrahmen der Küche und
-blickte gespannt in das fassungslos zurückfragende Gesicht. „Was meinst
-du, Phinchen?“
-
-Unabgewendeten Blickes ließ Phinchen den Spüllappen fallen, trocknete,
-wie immer, wenn Jürgen die Küche betrat, gewohnheitsmäßig die violetten
-Hände an der Schürze ab. Der Jammer um ihren abgezehrten Herrn gab ihr
-die Worte, Jürgen sei immer der beste Mensch von der Welt gewesen;
-sicher habe er niemals absichtlich Böses getan.
-
-Da geriet er in Erregung. „Dann wäre ja alles hoffnungslos. Denn wie
-könnte ich aus diesem Wuste menschlicher Niedertracht herausfinden, wenn
-ich ohne Schuld, ganz ohne eigenes Zutun hineingeraten wäre ... Aber du
-kannst das ja nicht wissen. Sechzehn – und jetzt bist du vierzig. Hast
-dein Leben in dieser Küche verbracht.“
-
-Wochenlang verließ Jürgen das Haus nicht. Er kleidete sich gar nicht
-mehr an, aß und schlief außer jeder Regel. Manchmal wandte er sich mit
-einer Frage an Phinchen, deren Herz die Antwort gab.
-
-Sehnsucht und Grübelei kreisten immer um den selben Punkt. Auf der Welt
-war nichts als er und der Panzerplattenturm, vor dem er grübelnd saß und
-stand und lag und kniete, dieses Panzerplattengewölbe in ihm selbst,
-zudem er Einlaß suchte und nicht fand.
-
-Zäh, gequält und unverdrossen machte er sich jeden Tag und jede Nacht
-von neuem an die Aufgabe. Jeden Gedanken dachte, jeden Schritt machte
-der Wahnsinn mit. Und auf dem Tisch lag der Revolver.
-
-Schon hatte er die Fähigkeit erworben, sich im Wachtraum und auch im
-tiefsten Schlaftraum zu beobachten. In der Finsternis unterirdischer
-Gewölbe, durch die er traumsicher schritt, traf er den Andern, den er
-suchte, führte mit ihm traurig geflüsterte Wechselreden. Im Blick des
-Andern stand sehnsuchtslose Bereitschaft. „Geh und miß!“
-
-„Ja, messen! Ich werde messen. Dies ist das Mittel.“ Da saß er aufrecht
-im Bett: blickte die Schranktür an. „Messen?“
-
-So ausschließlich lebte er seiner Aufgabe, daß es ihm trotz
-Unterbrechung des Traumes auch diesmal gelang, die Fortsetzung des
-Traumes zu träumen, in das Gewölbe, das tief unter dem Leben lag,
-zurückzugelangen, vor die Augen des Andern, die sehnsuchtslos und
-unerbittlich ihn anblickten.
-
-Jürgen wußte, daß er nicht fragen dürfe, was er messen solle. Und als er
-flüsternd dennoch fragte, verschwand das Gesicht. Logikferne Gebilde
-zuckten auf, verzuckten in Finsternis. Lichtbündel verzischten in
-Finsternis, aus der sekündlich wieder Licht aufspritzte.
-
-Da schoß eine dicke, schmerzhaft weiße Lichtfontäne auf, in deren Mitte
-unirdisch weiß das Wesentliche lebte, das, im Tiefsten ihn
-durchschauernd, plötzlich sein eigen wurde.
-
-Inbrünstig bemühte er sich, das Wissen vom Wesentlichen aus dem
-Halbschlafe heraus in das Wachsein herüberzuretten, öffnete mit großer
-Vorsicht wiederholt die Lider, nur einen Millimeter: Immer war das
-Wesentliche weg und nur die Schranktür da.
-
-Und als er ganz erwacht aufrecht im Bette saß, wußte er nicht mehr, wann
-und wie und durch wen ihm der Rat zuteil geworden war, noch einmal, wie
-in der Jugend, eine Wanderung durch die Menschheit zu machen,
-unverstellten Blickes.
-
-„Dann werde ich wieder dorthin gelangen, wo ich schon war. O,
-Bewußtsein!“ Sein sehnsuchtsvoller Freudeschrei riß ihn aus dem Bett.
-
-Bereit, jedes Leid und selbst den Tod zu erleiden, verließ er das Haus,
-in der Tasche den entsicherten Revolver.
-
-Der Sonntagmorgen tat sich vor ihm auf. Glocken läuteten. Ein roter
-Sonnenschirm überquerte die Straße. An Jürgen vorbei marschierte eine
-Knabenklasse, in Viererreihen streng geordnet und geführt vom Lehrer,
-der kommandierte: „Links! Rechts! Links! Rechts!“
-
-„Wenn die Schwerter blitzen und die Kugeln fliegen ...“ „Links! Rechts!“
-
-An dem Lehrer sah Jürgen das erstemal dieses Gebilde, das im Rücken
-hing, verkümmert, eingeschrumpft, vertrocknet. „Das ist, mitgeboren,
-aber ganz verödet, das Eigene, das in gar keiner Wechselwirkung mehr zu
-seinem Träger steht“, flüsterte er und ließ sich auf den Lehrer zugehen.
-„Auch Sie machen sich mitschuldig an einem furchtbaren Verbrechen, und
-ich kann Ihnen sagen, weshalb.“
-
-Erst als er den Lehrer schüttelte und in das empörte Gesicht sagte: „An
-einem entsetzlichen Verbrechen! Denn Sie lassen sich als Seelenmörder
-gebrauchen“, stutzte der Lehrer, riß sich los, eilte der Klasse nach und
-richtete die in Unordnung geratenen Viererreihen wieder aus mit dem
-Kommando: „Links! Rechts!“
-
-Von einem visionären Blitz erleuchtet, sah Jürgen sämtliche
-Knabenklassen Europas, die, kommandiert von den Lehrern, auf einer
-Riesenebene in linearer Ordnung kreuz und quer umhermarschierten und
-unter Geschützesbrüllen unversehens Infanterieregimenter wurden.
-Ununterbrochen stiegen die erstickten Seelen aus den strenggeschlossenen
-Schülerquadraten in die Höhe und verschwanden mit klagendem Gesange.
-
-„Wohin?“ fragte Jürgen. „Wohin sind sie verschwunden?“ Er stand, noch
-durchzogen von der Vision, reglos und entrückt, bis drei alte Herren ihm
-in das Blickfeld hineinspazierten. Der eine erzählte etwas, verteidigte
-sein ablehnendes Verhalten. „Da kam es darauf an, ein Charakter zu
-sein.“
-
-„Sie aber haben keinen Charakter. Denn was würde geschehen, wenn Sie Ihr
-Vermögen, Ihre Stellung, Ihre Privilegien und die Achtung der geachteten
-Männer verlören? Wo bliebe dann Ihr Charakter? Sie, meine Herren, sind
-Charaktermasken.“ Und er deutete auf die eingetrockneten Gebilde, die
-sich mit den dreien fortbewegten.
-
-Als habe eine Hand ihn durch die vielen Straßen hin geführt, stand
-plötzlich, die düsteren Fensterlöcher quadratiert mit dicken
-Eisenstäben, vor ihm das Gefängnis, ein steingewordener Schrei.
-
-Dunklen Druck in der Brust, blickte Jürgen die zufriedenen
-Sonntagsspaziergänger an. „Sie gehen vorüber, unberührten Gemütes.“ In
-seiner Brust stand das ganze wuchtende Gebäude.
-
-Und er schritt, stehend vor der Mauer, wieder durch die Gänge, Gänge,
-die in seinem Herzen waren, durch den Saal, in dem die engmaschigen
-Drahtgitterkäfige standen, jeder ein menschliches Wesen trennend von den
-menschlichen Wesen.
-
-‚Schnauzl!‘ lockt mit Zeigefinger und Daumen die verwüstete
-Siebzehnjährige. Katharinas Schnauz wedelt kläglich mit dem
-Schwanzstumpf.
-
-Qualvolle Machtlosigkeit, wie damals, preßte Jürgens Herz zusammen.
-
-Die Zellentür tut sich auf. Vor ihm steht Katharina im grauen
-Gefängniskleid, das verschönt ist durch den ordnungswidrigen Einschlag
-beim Halse. Der kleine, feste Mund lächelt froh.
-
-Stürmische Liebe, wie damals, brach in Jürgen los. Da blickt Katharina
-gleichgültig und kalt ihn an. (‚Auch kann ich ein Mädchen sein, das im
-Kampfe gegen die Umwelt steht und durch ihr verächtliches Abweisen ...‘)
-
-Mit beiden Händen griff Jürgen in die Luft und taumelte gegen die
-Gefängnismauer, blickte flehend Katharinas Blick an, der lautlos sprach:
-‚Nimm erst von neuem auf dich alle Qualen!‘
-
-Zwei paar Arme, an denen Spazierstöcke baumelten, breiteten sich aus,
-fielen schenkelwärts. Schultern zuckten. Jürgen betrachtete die
-eingeschrumpften Gebilde. „Auch ganz und gar entselbstet!“ Und folgte,
-berührt von dem Interesse des Leidensgenossen für die Leidensgenossen,
-den zwei Männern.
-
-„Da bin ich ganz deiner Meinung, Vorstand“, wiederholte der zweite
-Vorstand und ließ den ersten Vorstand vorangehen, hinein in das
-Gesangvereinslokal, in dem die Tenor- und Baßtische schon voll besetzt
-waren.
-
-Unbemerkt stand Jürgen hinter dem großen Kachelofen. Aus dem Gastzimmer
-klangen, durch die geschlossene Tür durch, die Klüpfelschläge des
-Wirtes, der den Hahn in das Bierfaß schlug.
-
-Er habe die außerordentliche Singprobe einberufen, weil das
-hochverehrliche Gründungsmitglied, Herr Simon Ott, im Sterben liege. „Er
-liegt in den letzten Zügen.“
-
-In diesem Moment wurde Jürgen von einer Möwe besucht. Lautlos. Sie stand
-vor ihm, glich einer nordischen Frau – groß, hellblond – und hatte ein
-gefühlsentferntes, vollkommen seelenloses Gesicht.
-
-Jenseits aller Verwunderung sagte Jürgen zu ihr: „Nur wußte ich bis
-jetzt nicht, daß Möwen schöne, kühle Frauen sind.“
-
-Die Möwe antwortete nicht, blickte auf das weite, kalte Meer hinaus.
-Auch Jürgen blickte auf das Meer hinaus.
-
-„Deshalb müssen wir rechtzeitig das Trauerlied einstudieren, das am
-Grabe gesungen werden soll, damit wir uns nicht wieder blamieren.“
-
-„Er ist ja noch gar nicht tot!“
-
-Ein kleiner, dürrer, bebrillter Schuhmachermeister schoß vom Stuhle
-empor und forderte etwas mehr Pietät. Er war der Schriftführer.
-
-„Wenn er doch noch lebt!“
-
-„Aber es kann nicht mehr lange dauern. Ich bitte also den Herrn
-Dirigenten, das Trauerlied vorzunehmen.“ Der Vorstand breitete die Arme
-aus: „Oder sollen wir uns wieder blamieren?“
-
-Der zweite Vorstand erhob sich, klopfte ans Bierglas: „Ich bin ganz der
-Meinung unseres ersten Herrn Vorstandes ... Wenn ein altes Mitglied, ein
-Veteran des Männergesanges, stirbt, kann er verlangen, daß das Lied, das
-wir an seinem Grabe singen, vorher ordentlich geprobt wird. Und die Ehre
-unseres Vereins steht auch nicht so bombenfest, daß wir uns wieder
-blamieren dürften, wie das letztemal.“
-
-Die Möwenfrau trug in den reglosen Augen einen Blick, als schaue sie das
-unabänderliche Schicksal.
-
-Der Brillenschuster verteilte schon die Gesangbücher. Die zehn Bässe
-gruppierten sich um das Klavier herum. „Dort unten ist Friede“,
-intonierte der Dirigent. Und die Bässe setzten ein: „Im kühlen Haus.“
-
-„Nur die Bässe singen, bitte ich mir aus. Warten Sie, bis Sie daran
-kommen.“ Der Brillenschuster hatte mitgesummt. Er sang den ersten Tenor.
-
-„Es ruhet der Schläfer vom Leben aus.“
-
-Gabelförmige Schwingen kamen fühlergleich und steif vorne aus der
-Körpermitte der Möwenfrau heraus, verschwanden wieder. Sie bewegte sich
-wie ein Vogel, der zum Fluge anhebt, sah mit inhaltslosen, blauen Augen
-Jürgen an, der dachte: Will sie fort?
-
-„Und über dem Hügel: sum, sum, sum, sum.“
-
-„Mehr piano! Nicht: sum, sum, sum, sum; sondern: sum, sum, sum, sum ...
-Sie, meine Herren, sind doch keine Schmeißfliegen; Bienen summen viel
-zarter.“
-
-Plötzlich sah Jürgen vierzig zur Decke gerichtete Augenpaare, vierzig
-eirund geöffnete Münder und an den Rücken der Sänger, die jetzt im
-Halbkreise alle um das Klavier herumstanden, die vierzig eingetrockneten
-Gebilde.
-
-Die Schwingen kamen gabelförmig vorne aus der Leibesmitte der Möwenfrau
-heraus; Jürgen setzte sich darauf und schwebte, den Kopf an die
-nebelumflorte, schöne Brust der Frau gelehnt, über das kalte, weite
-Meer, ruhend in der Überzeugung, daß er zu dem unbekannten Orte gelangen
-werde, wo sein Bewußtsein auf ihn warte.
-
-Die Möwenfrau selbst darf, da sie erstickte Seelen fortträgt, natürlich
-keine Seele haben, dachte Jürgen während des lautlosen Fluges. Und sagte
-zu ihr: „Wenn ich nun dem Arzte erklären würde, daß auch diese Sänger
-ganz und gar entselbstet sind, und daß ihre Seelen, von dir und deinen
-Schwestern hingebracht, irgendwo im Weltenraume schmerzlich warten, in
-ungeheuerer Einsamkeit, würde er mir nicht glauben, sondern behaupten,
-mein Zustand habe sich verschlimmert ... Die Psychiater sind doch zu
-dumm. Glauben Sie das nicht auch?“
-
-Die Möwenfrau antwortete nicht, flog weiter, leicht vorgebeugt. Ihre
-Augen hatten sich während der ganzen Zeit nicht bewegt. Ihr
-Gesichtsausdruck hatte sich nicht verändert.
-
-Weil sie eben keinen Gesichtsausdruck hat, dachte Jürgen und drehte das
-Gesicht nach oben, blickte ihr in die Augen.
-
-Ringsum war nur noch Wasser und Nebel.
-
-Jürgen wußte nicht und dachte auch nicht darüber nach, wie er
-hierhergelangt war. Er saß auf der Bank in der Anlage, gegenüber dem
-grünen Bretterzaune, in den er vor vierzehn Jahren als erstrebenswertes
-Ziel den Frackherrnjürgen hineingesehen hatte.
-
-Ein Lächeln tiefinnerster Sicherheit erhellte sein Antlitz, als er,
-jeden Willen ausschaltend, alle Muskeln entspannte, in dem Bestreben,
-wie damals wieder nur die Begierden, nur den Menschen in sich sprechen
-zu lassen, um zu erfahren, was der Mensch in ihm ersehne.
-
-Der Bretterzaun blieb Bretterzaun und leer. „Dieses nicht! Dieses
-wenigstens begehrt er nicht mehr“, flüsterte Jürgen. „Was aber ersehnt
-es, mein Herz?“
-
-Er schloß die Augen und lauschte und wartete und fühlte nichts. Die
-Lider der inneren Augen blieben geschlossen. Da saß er, reglos, leid-
-und freudlos, leblos.
-
-Leiser Wind bewegte die Baumkronen. Schläfriges Zwitschern eines Vogels
-im Sonnenbrand. In der Ferne brauste die Stadt.
-
-„Das ist die weiße Sekunde“, flüsterte Jürgen in plötzlicher Erregung.
-Denn er sah sich schreiten. Und die Straßen wurden enger, dunkler, die
-Häuser kleiner. Unbebaute Stellen. Der verfaulende Bretterzaun. Das
-kleine Fenster hing nah der Erde rotleuchtend in der Finsternis.
-
-„Die Haustür, sie ist nur angelehnt. O, einzutreten, heimzufinden,
-zurück zu mir!“
-
-Ein Knall riß ihn empor. Zwei Soldaten warfen die Köpfe nach links und
-grüßten, Hand an der Mütze, die starr glotzenden Augen herausgedrückt,
-den Offizier.
-
-„Geh mit!“ Er ging mit. Folgte dem Offizier in den Stadtpark, wo die
-Militärkapelle spielte und die geputzte Menschenmenge promenierte in dem
-sonndurchwirkten Laubgang alter Bäume.
-
-Jürgen wurde oft und achtungsvoll gegrüßt und dankte nie. Lange
-beobachtete er einen Jüngling, der, im Blick noch die große Frage an das
-Leben, die eleganten Kaufleute, Studenten, Offiziere und Beamten
-betrachtete, schüchtern und ganz erfüllt von der Sehnsucht, ebenso
-elegant, fertig und sicher, Blume im Knopfloch, hier spazieren zu
-können.
-
-„Spucken Sie auf dieses Ziel“, sagte er lächelnd und deutete auf die
-Promenierenden. „Vielleicht werden Sie dann nicht in der Leere ersterben
-sondern in Qualen leben.“
-
-Vorbei promenierte eine Gruppe Studenten, welche, Armmuskeln gespannt,
-Ellbogen weggestreckt, ihre roten Mützen knapp an der Brust langsam
-herunter bis zum Knie und ebenso krampfhaft-feierlich wieder kopfwärts
-führten, während die Gegrüßten das selbe mit ihren grünen Mützen taten,
-die zerhauenen Biergesichter starr ins Profil zu den Rotmützen gestellt.
-
-„Kampf und Vernichtung dieser Ordnung, die solche Söhne hervorbringt!
-Wehe, sie sind die Söhne ihrer Väter! Wehe, sie werden zu Staatsanwälten
-und zu Richtern werden! Ihrem Kopf und Herz sind Kultur und Fortschritt
-der Menschheit anheimgegeben? Nie! Nie! Niemals! Sie alle werden Jürgens
-werden. Bestenfalls!“ Er lachte in Hohn und Ekel vor sich selbst.
-
-Da schritten, in dem Tempo von Menschen, die woher kommen und einem
-Ziele zustreben, Katharina, der Agitator, der Metallarbeiter mit der
-verstümmelten Hand und der Holzarbeiter, dessen verhutzeltes Gesicht
-nicht mehr viel größer war als eine Faust, wie ein Fremdkörper durch die
-gespreizt promenierende Menge.
-
-Ein riesengroßes, sammetschwarzes Tuch verhing den ganzen Himmel. Und
-als es wieder dämmerhell wurde und Laubgang, Blumenrondells,
-Musikkapelle und Spaziergänger sich drehend ineinander türmten, wußte
-Jürgen nicht mehr, wen er gesehen hatte.
-
-Knapp vor ihm begegneten sich wieder die Studenten, die erst kurz vorher
-einander gegrüßt hatten, und führten, da vielleicht ein noch nicht
-gegrüßter Student zu der einen oder der andern Gruppe gekommen sein
-konnte, wieder die Mützen hart an der Brust herunter, die Gesichter ins
-Profil gestellt.
-
-Mit einem jähen Satz sprang Jürgen dazwischen, faßte mit großer
-Handbewegung die ganze Menge zusammen in Eine Person und begann zu
-brüllen, in maßloser Wut.
-
-Erst viel später – er stand schon, ohne zu wissen, wie er dorthin
-gelangt war, vor der Kirche, brausende Orgeltöne drückten die
-Kirchgänger aus dem Portal heraus und um ihn herum – erinnerte er sich
-der Einzelheiten des Tumultes, den er verursacht hatte durch seine
-Ansprache.
-
-Seine Zähne bleckten in Haß und Abwehr beim Erblicken der Kirchgänger.
-„Ein- und das selbe Gesicht, dort wie hier, weltenweit entfernt von dem
-Bewußtsein, das zum Schwanz verkümmert ist.“
-
-Die Mitglieder sämtlicher Gesangvereine Europas standen und sangen
-in seinem Gehirn; die Verwandlung aller Knabenklassen in
-geschützdurchdonnerte Infanterieregimenter vollzog sich schmerzhaft
-hinter seiner Stirn; Studenten soffen und fochten und zogen die Mützen
-in seinem Hinterkopf; Millionen Bürger zuckten, begleitet von
-Militärmusik und Orgelspiel, ablehnend die Schultern, breiteten
-bedauernd die Arme aus, daß Jürgens Schläfen zu platzen drohten.
-
-Er wühlte sich durch die Menge, sprang durch ein Durchhaus und stand,
-zuckend in allen Nerven, in einer menschenleeren, immer sonnelosen, vor
-Feuchtigkeit grünen Gasse.
-
-„Nieder!“ zischte er, beide Fäuste an die Schläfen gepreßt. „Nieder!
-Nieder mit dem Ganzen!“
-
-In der feuchten Gasse war es still wie in einem Abgrund. „Aber wie?
-Durch welche Macht? Durch welches Mittel?“
-
-Plötzlich glaubte er, starrend auf den Streifen irisierenden Schaumes,
-der aus der feuchten Mauer quoll, das einzige Mittel werde ihm in der
-nächsten Sekunde einfallen. Beide Arme ausgebreitet, Hände gegen die
-Mauer gepreßt, stand er wie ein Gekreuzigter, lauschend und wartend. Der
-menschengefüllte Stadtpark tat sich auf. Sofort war das ganze Bild
-wieder mit dem sammetschwarzen Tuch verhangen. Erinnerungsqual versank
-in Schwindelgefühl, aus dem, so unentrinnbar wie damals, als er bei der
-Straßenkreuzung Abschied genommen hatte von Katharina, der Zwang
-emporwuchs, genau gezählte zehnmal durch die feuchte Gasse zu gehen.
-Hin, her, hin.
-
-„Achtmal“, zählte er, blickte hinaus, wo die Sonne schien, ballte die
-Fäuste, in dem Bemühen, die Gasse vorher verlassen zu können. Da riß es
-ihn herum. Geduckt marschierte er weiter.
-
-In der Kellerwohnung schlug ein Mann seine Frau. Wildes Geschrei. Das
-fahle Gesicht des weinenden Söhnchens erschien am eisenvergitterten
-Fensterquadrat knapp über dem Pflaster.
-
-„Und in zwanzig Jahren schlägt das Söhnchen seine Frau, und deren
-Söhnchen weint“, flüsterte Jürgen und durchwanderte zum zehnten Male die
-schimmelgrüne Gasse. „Welche Macht könnte das verhindern?“
-
-„Wissen Sie es? ... Alles hat seine Ursache. Glauben Sie nicht auch, daß
-alles seine Ursache hat?“ fragte er auf dem sonnigen Kirchplatz einen
-schnurrbärtigen Rentier, in dessen Mund eine sorgfältig angerauchte,
-dicke Meerschaumspitze steckte.
-
-„Man muß die Ursachen erkennen, dann findet man auch das Mittel. Glauben
-Sie nicht auch?“ Und als der Rentier den Kopf schüttelte:
-
-„Sie sind ein Raucher, nicht wahr? Nichts als ein Raucher! Sie kann man
-mit der Bezeichnung ‚Raucher‘ benennen. Sie sind harmlos. Tun niemandem
-etwas.“
-
-Der Rentier ging weiter. Ein Dampfwölkchen stieg empor, zerflatterte.
-Noch ein Dampfwölkchen stieg empor.
-
-„Oder sind er und die Millionen seinesgleichen vielleicht doch
-Raubtierchen? Selbstgerechte, zufriedene, ihres Raubes sichere
-Raubtierchen?“
-
-Ein uraltes Männchen, das auf dem speckigen Rockaufschlag am speckigen
-Bändchen einen Kriegsorden trug, überquerte trippelnd die Straße. Das
-vertrocknete Gebilde machte jedes Schrittchen des Alten mit.
-
-„Wie konnten Sie es ertragen, achtzig Jahre nicht eine Sekunde Sie zu
-sein, nicht einen Atemzug lang Ihr eigenes Leben zu leben? ... Nur in
-der Kindheit, in der Kindheit! Erinnern Sie sich noch?“
-
-Das Männchen hob mühsam den schweren Kopf: „Oj, oj, ein schlimmes
-Leben!“ und trippelte weiter.
-
-Täglich, vom frühen Morgen, bis in die späte Nacht hinein, beobachtete
-und erlitt Jürgen das Leben, suchte er – begleitet von Wahnsinn und
-Revolver und immer bereit zum Schusse in das Herz – Bewußtsein und Weg.
-Wurde in seinem Kampfe, der in zweifachem Sinn ein Kampf um Sein oder
-Nichtsein war, noch wochenlang beständig hin und her geschleudert
-zwischen Hoffnung und Verzweiflung.
-
-„Wo ist das Herz?“ hatte er einen Arzt gefragt.
-
-„Zwischen der vierten und fünften Rippe, von oben gezählt.“
-
-Und hatte, zuhause angelangt, an seinem abgezehrten Brustkorb die
-Einschußstelle abgetastet, entschlossen, nicht eine Sekunde länger zu
-leben, wenn keine Hoffnung mehr sei.
-
-Beobachtend lauschte er dem Leben und dabei immer in sich selbst hinein,
-folgte, ein zum Tode und zum Leben Entschlossener, jedem Fingerzeig, den
-die Umwelt gab, sprach mit Kindern und mit Greisen, mit Soldaten und mit
-Pferden. Das Erblicken eines Hundes, der, von einer Frau fortgezerrt,
-auf Jürgen zugestrebt war, veranlaßte ihn, sofort zum Hundehändler zu
-gehen.
-
-„Haben Sie einen Schnauz, der alles erträgt, nur nicht die Trennung von
-dem, dem seine Sympathie gehört?“
-
-Im sonnigen Hofe stand reglos ein junger, schwarzer Dackel, der, mit
-allen Vieren gleichzeitig, plötzlich hochflog, in der Luft herum, und
-wieder reglos stand, die verdrehten Augen auf Jürgen gerichtet.
-
-„Einen Schnauz nicht. Aber das Mistvieh können Sie billig haben, mitsamt
-der Leine.“
-
-„Er hat gute Augen. Wird er mit mir gehen?“ Der reglose Dackel starrte
-auf eine Fliege, hüpfte auf sie zu, starrte in den Himmel.
-
-„Der geht mit jedem.“
-
-Freudig bellend zerrte der Dackel, die Schnauze am Boden, Jürgen hinter
-sich her, aus dem Hofe hinaus.
-
-Von dieser Stunde an unternahm Jürgen täglich weite Fußtouren. Er
-beachtete nicht Sonnenbrand, nicht Regen und hatte keine örtlichen
-Ziele. Für ihn gab es Tag und Nacht, ob er wanderte und sann oder
-schlief und träumte, nur das eine Ziel. Alles und nichts war ihm
-Wegweiser. Er existierte zwischen dem Ziele, das, ein farbloses,
-winziges Pünktchen in immer gleicher Entfernung am Horizont: seine große
-Hoffnung, und dem Schuß ins Herz, der die Erlösung von dem Wahnsinn:
-seine letzte Freiheit war.
-
-Der alte Landarbeiter, krummgebogen von der Lebensarbeit, rückte die
-Mütze und deutete: „Ihr Hund jagt. Wenn ihn der Forstaufseher vor den
-Lauf bekommt, schießt er ihn.“
-
-Aus dem hochstehenden Kleefeld tauchten, wie bei einem flüchtenden
-Känguruh, abwechselnd Kopf und Hinterteil des Dackels empor, der die
-Kleespitzen übersprang und bei jedem Satze mit den Vorderpfoten tief
-einfiel. Jürgen horchte auf das scharfe, verzweifelte Bellen.
-
-Und da geschah es, daß Jürgen, dem jede Sekunde Zeit unschätzbar teuer
-war, der um keinen Preis, den dieses Leben zu bieten hatte, eine Sekunde
-lang das Suchen nach sich selbst unterbrochen hätte, dieses große Suchen
-auf Leben und Tod unterbrach, um erst den gefährdeten Hund zu suchen.
-
-„Was ist der Mensch und was der Sinn, der ihn bewegt? Wer vermöchte zu
-sagen, weshalb im Opfer der tiefste Sinn des Menschendaseins ruht?“
-flüsterte Jürgen, als er wieder auf dem Wege war, und begann zu weinen,
-laut und schrankenlos, in plötzlicher, wunderbarer Befreiung.
-
-Der Hund dackelte neben dem Schluchzenden her, hügelan, zum Waldrand.
-Vor Jürgen lag die Tiefebene, unübersehbar weit und breit.
-
-Zahllose junge Menschen, Mädchen, gebunden fragenden Blickes,
-Gymnasiasten, Studenten aller Nationen, standen dichtgedrängt, wartend
-auf das Wort. Immer neue Züge, endlos, traten aus den Wäldern heraus,
-tauchten hinter den fernen und fernsten Hügelketten auf. Millionen
-füllten die Tiefebene. Auf der Schulter eines jeden Einzelnen kauerte
-ein unheimlich und böse blickendes Tier. Aller Augen waren auf Jürgen
-gerichtet.
-
-„Folgt euren Vätern nicht, den alten Verdienern!“
-
-Da bäumten sich die Tiere, bleckten die Zähne, sträubten die
-Rückenhaare, schlugen ihre Krallen in die Schultern der stöhnenden
-Jugend, stießen grauenvolle Töne aus, die Schreck und Machtlosigkeit
-verursachten im Blick und im Gesichte der Jugend.
-
-„Stoßt sie herunter von euren Schultern! Reißt sie heraus aus eurem
-Gefühle! ... Macht euren guten Müttern Sorge! Erkennt eure Aufgabe, und
-dann erfüllet sie! Tut ihr das nicht, dann geht ihr zugrunde, so oder
-so“, begann Jürgen die große Rede an die Jugend, die zu einer
-Darstellung seines Lebens wurde und immer wieder von neuem in der
-Warnung gipfelte, nicht so zu tun, wie er getan habe.
-
-Stunden später blickte Jürgen, sitzend am Fensterplatz des kleinen Cafés
-und vor sich schon das Glas voll dampfenden Glühweines, dunkel fragend
-hinüber auf das Knopfexporthaus und wußte nicht, wie und wann und
-weshalb er hierher gekommen war.
-
-Nach seiner Rückkehr in die Heimatstadt war das immer wieder geschehen,
-daß Jürgen bei den Wanderungen in und außerhalb der Stadt unversehens
-sich an Stellen befunden hatte, die durch Erlebnisse in der
-Vergangenheit für ihn bedeutsam geworden waren.
-
-Da steht ein Mensch plötzlich vor einem schwarzen Tunnelloch, ganz
-erfüllt von dem Gefühle, vor diesem Tunnelloch schon einmal gestanden zu
-haben in einem früheren Dasein. Er sitzt auf einem Kilometerstein,
-sinnend und tief im Leben, und Strauch und Baum, der stille Waldsaum und
-die schnurgerade Landstraße, die wie ein weißer Pfeil sich in den fernen
-Horizont verliert, sind rätselhaft vertraut dem unruhvollen Herzen.
-
-Die Wand, die Jürgens Blick in das Gewesene verstellte, rückt lautlos
-weg, und auf ihn brechen die Erinnerungen ein, so plötzlich und mit so
-lebendiger Gewalt, daß Jürgen in Abwehr schreit und bebt, gepackt von
-Angst, erdrückt zu werden von dieser Fülle, von des Bewußtseins
-blitzesschneller Wiederkehr.
-
-Um nicht Schaden zu nehmen an der Seele, bemüht sich der von Glück und
-Sein Durchblitzte und Durchstürmte, das wiederkehrende Bewußtsein bewußt
-nur stückweise in sich einzulassen, lenkt sich ab, zählt, entlang dem
-Waldsaum, genau dreihundert Tannenstämme. Zählt und zählt, bebt und
-schluchzt und zählt, bedrängt von dem anstürmenden, von Stamm zu Stamm
-nachdrängenden Bewußtsein, das eine Sturmflut schmerzhaft lebendiger
-Erinnerungen mitführt, die ihm zum großen Rückblick werden, tief zurück
-in das Gewesene.
-
-Viele Tage und in Maß und Abwehr durchwachte Nächte waren vergangen, ehe
-Jürgen sich bereitet und stark genug gefühlt hatte, bewußt
-Erinnerungsorte aufzusuchen. Wieder sitzt er eine ganze Nacht in der
-Verbrecherkneipe und liest von den verwüsteten Gesichtern das schon
-Gewußte und das Bewußtsein des Verrates, den er begangen hat, sich von
-neuem in die Seele und weiß, schweren Herzens, wieder: ‚Wer in diesem
-Leben nicht tief im Leide und im Kampfe steht, steht tief in Schuld.‘
-
-Die Straßenkreuzung, wo er Abschied genommen hatte von Katharina, glüht
-und brennt. Lange steht er, zögert er. Und plötzlich überquert er sie
-doch, in fliegender Eile, Schauer im Rückenmark.
-
-In dem Maße, wie er das Bewußtsein wiedergewinnt, bricht auch das Leben
-in seiner Milliardenfältigkeit, die zu empfangen und zu begreifen der
-Mensch ein Menschenalter zur Verfügung hat, wieder in ihn ein, stoßweise
-und mit solcher Wucht, daß er, bebend wie der Auferstandene, vor Sonne,
-Blau und Lärm steht, vor dem kleinen Leben der Straße, den schweren
-Pferden, die arbeitstreu das Backsteinfuhrwerk bauwärts ziehen, vor dem
-Sperling, der auf dem Pflaster hüpft und in die Ritzen pickt.
-
-Den Dackel an der Leine, schritt Jürgen aus der Stadt hinaus, auf der
-Quaimauer flußentlang, vorüber an einer Reihe Proletarierfrauen, die,
-kniend am Ufer, farbige Wäsche wuschen, an durchnäßten Kindern vorbei,
-die Hafenanlagen bauten aus Sand und Dreck.
-
-Die letzten Häuser blieben zurück. Der Fluß glitt blau und grün entlang
-der sanften Hügelkette. Am Ende der Quaimauer stand ein Angler. Jürgen
-schritt wie im Traume auf ihn zu. Er wunderte sich nicht. „Sind Sie Herr
-Knipp?“
-
-„Das ist mein Name.“ Hinter Herrn Knipp lag auf dem Damm ein besonders
-langer Reserveangelstock modernster Konstruktion. Auch einen neuen
-Rucksack aus braunem Segeltuch mit Lederbesatz hatte er sich angeschafft
-und einen Feldstuhl. Der Angler war erst achtundfünfzig Jahre alt und
-sah, wie er so dastand, zufrieden mit sich und der Welt, ganz
-unverändert aus, als ob seither kein Tag vergangen wäre.
-
-Wie damals saß Jürgen auf der Quaimauer, Beine flußwärts gestreckt.
-Millionen kleiner Mücken standen in der drückenden Schwüle knapp über
-der Wasserfläche. In der Nähe pochte die Stadt. Die Zeit stand still und
-glitt zurück.
-
-„Erinnern Sie sich noch des arbeitslosen Schwindsüchtigen, mit dem ich
-hier gesessen hatte?“
-
-Ruhevoll hob Herr Knipp die Angelschnur heraus und senkte sie in schönem
-Schwunge wieder in das glucksende Wasser. „Heute beißen sie gut an, weil
-ein Wetter im Anzuge ist ... Der Bursch lebt schon lange nicht mehr. Der
-war ein Unzufriedener. Den hat die Unruhe aufgezehrt, die
-Unzufriedenheit mit dem Gang der Welt. Schließlich hat er noch geklaut,
-kam ins Gefängnis und ist auch drin gestorben.“
-
-Ein Mensch, überschlafen, träge, nimmt sich ein dutzendmal vor, endlich
-aus dem Bett zu steigen, und bleibt immer wieder liegen. Unversehens
-sind seine Beine außerhalb des Bettes. Wie in diesem Trägen vielerlei
-zusammen das plötzliche Aufstehen bewirkt hat, ohne daß das treibende
-Vielerlei ihm ganz bewußt geworden wäre, tauchten auch in Jürgen die
-Fahrt mit dem Agitator zur Arbeiterversammlung im ‚Paradies‘, die
-fünftausend Arbeitergesichter, das fahle Gesicht des Schwindsüchtigen,
-Katharinas Rufe: ‚Die Befreiung!‘ und seine Empfindungen und Gedanken an
-jenem Abend nur schemenhaft und unkontrolliert auf; dennoch verursachte
-all dies zusammen, in Verbindung mit des Anglers Worten, in Jürgen, der
-sich sofort erhob, plötzlich das feste Gefühl, er habe sich nun lange
-genug ausschließlich mit sich beschäftigt.
-
-Und aus einer ganz andersartigen Unruhe als der, die ihn veranlaßt
-hatte, den erinnerungsträchtigen Angelplatz aufzusuchen, löste sich
-sofort der Gedanke, Bewußtsein und Erkenntnis dürften nicht um ihrer
-selbst willen erstrebt und gepflegt werden.
-
-„Es ist erfüllt. Nun ist es Zeit“, sagte Jürgen, freudigen und schweren
-Herzens zugleich, als er zielbewußt weiter schritt.
-
-Der wolken- und sonnenlose Himmel sah krank aus. Die Landschaft glich
-einem schlechten, leblosen Riesengemälde. Der Dackel zögerte, blieb
-stehen, legte sich in die Straßenmitte. Die Vögel waren verschwunden.
-Kein Ton. Jürgen betrachtete das meterhohe Getreidefeld. Die völlige
-Reglosigkeit der Halme und Ähren machte auf ihn den Eindruck der
-Unnatürlichkeit und Schaurigkeit. Erst als Jürgen schon weit voraus war,
-erhob sich der Hund.
-
-Vereinzelte Tropfen fielen schwer in die Wind- und Luftlosigkeit. Als
-wäre der Himmel zu spannungslos und matt, den Sturm zu entfesseln,
-endete der Regen wieder. In der Nähe schrie ein Tier angstvoll dreimal.
-Und eine Sekunde später durchzuckte der trockene Blitz das ganze Tal.
-
-Wie auf ein Zeichen mit dem Taktstock bewegten sich alle Ähren
-gleichzeitig. Das Tal begann zu singen. Blitze aus weiter Ferne zogen
-schwachen Donner nach. Der Apfelbaum fröstelte. Ein alter Lappen machte
-einen Sprung quer über die Straße, blieb einen Windstoß lang
-ausgebreitet in halber Höhe gegen das Getreidefeld gepreßt und fegte,
-knapp über den Ähren, davon.
-
-Jürgen hatte die Feldhütte noch nicht erreicht, da krachte der erste
-Donnerschlag, begleitet von schräg herabplatzenden Wassermassen. Der
-Dackel saß zu Füßen Jürgens und bellte hinaus in den Wolkenbruch.
-
-Als Felder, Wald und Fluß, das ganze Tal, im Wetter verschwunden
-gewesen, wie aus dem Nichts wieder entstanden, ging Jürgen auf eine
-weiße, unübersteigbar hohe Mauer zu, schnellen Schrittes, im Antlitz das
-Lächeln der Befreiung.
-
-Das schwere Bohlentor öffnete sich, eine Droschke fuhr heraus. Jürgen
-lief ein paar Schritte, sprang durch das Tor, hinein in die
-Irrenanstalt. Das Tor schlug zu. „Führen Sie mich zum Arzt.“
-
-Der stand noch in der Freihalle, kam schon geeilt.
-
-„Sie warten wohl schon lange auf mich?“
-
-„Aber nein! Das heißt, ich freue mich natürlich sehr, Sie zu sehen, Herr
-Kolbenreiher ... Beruhigen Sie sich! Bleiben Sie hier! Nur Ruhe!“ rief
-er beschwörend Jürgen zu, der ruhig lächelnd zurückblickte.
-
-Der patschnasse Dackel kam, die Leine hinter sich herschleifend,
-angerast, bellte vorwurfsvoll an dem geschlossenen Tor hinauf und
-drückte sich, auf der Hinterbacke sitzend, Vorderpfoten aufgestellt,
-gegen die Mauer, blinzelte unzufrieden in den noch mit schwarzblauen
-Wolken verhängten Himmel. Rasch hintereinander krachten zwei
-Donnerschläge.
-
-„Was kostet jetzt der Aufenthalt in Ihrem Hause, mit voller
-Verpflegung?“
-
-„Das richtet sich nach der Lage und Einrichtung des Zimmers. Sozusagen
-nach der Klasse. Dreierlei Preise!“
-
-„Wie bei der Eisenbahn!“
-
-„Wir berechnen Ihnen den Aufenthalt und selbstverständlich auch die
-Behandlung so kulant wie möglich. Sie wollen und werden ja auch wieder
-gesund werden.“ Der Arzt nannte die Summen.
-
-„Und lebenslänglich?“
-
-„Das verbilligt die Sache allerdings noch erheblich.“
-
-„Dann am besten lebenslänglich, was?“
-
-„Sehr vernünftig!“
-
-„Nicht wahr! ... Sind viele Kranke hier?“
-
-„O, ganz besetzt! Sehr interessante Patienten!“
-
-„Und alle nicht bei sich?“
-
-„Dies allerdings dürfte für alle so ziemlich zutreffen, im großen ganzen
-... So kommen Sie doch schon her!“ rief er dem Oberwärter zu.
-
-„Ich wollte, Herr Doktor, ich wollte diese Mauer, diese hohe Mauer, mir
-nur einmal von innen ansehen. Ich danke schön. Guten Tag, Herr Doktor“,
-sagte Jürgen, kehrte um und schritt zum Tore hinaus.
-
-„Entronnen!“ Auf der Brücke zog er den Revolver und ließ ihn senkrecht
-hinunterfallen in das Wasser. „Entronnen!“ In den Schultern fühlte er
-das Leben und die Kraft zu neuem Anfang.
-
-Jürgen fuhr mit der Straßenbahn bis zur Endstation, erreichte Minuten
-später die Haustür. Sie war nur angelehnt.
-
-„Ja, was denken Sie! Die ist nie zuhaus“, sagte Katharinas Wirtin.
-„Jetzt ist das nicht mehr so wie früher. Jeden Tag Versammlungen! Und
-dann noch in die Redaktion. Jetzt erscheint die Zeitung ja täglich. Und
-wenn sie ja einmal da ist, sitzt sie gleich die halbe Nacht an der
-Schreibmaschine. Jetzt gibts viel Arbeit. Ein Buch schreibt sie auch. So
-dick! Das soll gedruckt werden.“
-
-Ein volles Bücherregal nahm die ganze Längswand ein. Auch ein Teppich
-verschönte das Zimmer. Auf dem Tische lag ein gedruckter Handzettel: Die
-Aufforderung zum Besuche der heutigen Massenversammlung im ‚Paradies‘.
-
-Gegenüber dem ‚Paradies‘ standen zwei Schutzleute, unter dem Eingangstor
-drei Arbeiter, die sich lebhaft unterhielten, und neben einem Stoße
-Broschüren ein vierzehnjähriger Knabe, der sicheren Blickes auf Jürgen
-zuschritt: „Der Kampf um den Sozialismus!“
-
-Jürgen kaufte die Broschüre. „Wer spricht heute Abend?“
-
-„Meine Mutter: die Genossin Lenz.“
-
-‚Halt! Halt! Das ist zu viel, zu viel Glück, zu viel Glück.‘ Bebend
-blickte er auf Katharinas Sohn, der äußerlich ganz und gar so aussah,
-wie der Gymnasiast Jürgen, der vor dem Buchladen gestanden und nicht den
-Mut gehabt hatte, einzutreten und die Broschüre zu kaufen.
-
-Mit den drei Arbeitern trat Jürgen in den Saal, schloß leise die Tür.
-Fernher klang in die Stille die Stimme Katharinas.
-
-
-
-
- Werke von Leonhard Frank
-
-
- DIE RÄUBERBANDE
-
- Roman 20. Tausend
-
- Im Insel-Verlag, Leipzig
-
-
- DIE URSACHE
-
- Roman 20. Tausend
-
- Im Insel-Verlag, Leipzig
-
-
- DER MENSCH IST GUT
-
- Gebunden. 25. Tausend
-
- Rascher-Verlag, Zürich
-
- Volksausgabe: 80. Tausend
-
- Kiepenheuer Verlag, Potsdam
-
-
- Copyright by DER MALIK-VERLAG, Berlin 1924
- Alle Rechte, insbesondere die des Nachdrucks und
- der Übersetzung, vorbehalten. Druck der Spamerschen
- Buchdruckerei in Leipzig
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Der Verfasser hat offenbar Absatzumbrüche mitten in Sätzen, meist vor
-dem Wort _während_, absichtlich eingefügt, zum Beispiel auf Seite 204,
-Seite 250 oder Seite 310. Dies wurde belassen wie in der Druckvorlage.
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BÜRGER ***
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